“ ““ ——2. Leihbiblio deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 von Eduard Oklmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Se 3 6 Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 1 3— 6 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗] den angenommen. 2. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe interlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zuxückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und— peträgt: 6 für wöchentlich 2 ⁄Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 5—————— auf 1 Monat: 4 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 en 4 7+—— 11 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Köſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der — Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt Erzählung von Fritdrich Gerstächer. 4 Der Verfaſſer behält ſich die Ueberſetzung dieſes Werkes vor. Zweiter Band. e6KS Trinzig, Hermann Coſtenoble. 1861. 13. Es waren nicht ganz drei Monate ſeit dem Einzuge der neuen Pachtersleute auf Schildheim vergangen, und dieſer Zeit hatte es auch bedurft, die volle Einrichtung der Ueberſiedelten, das volle Eingewöhnen in ihr neues, ihnen vollkommen frem⸗ des Leben zu regeln und feſtzuſtellen— und Vieles hatte ſich in der Zeit geändert. Georg arbeitete in der Zeit mit dem alten Verwalter aus allen Kräften, ſich die für ihn un⸗ umgänglich nöthigen Kenntniſſe zu erwerben, und da ſich der Platz als vollkommen geeignet dazu erwies, legte er ſogar den Grund zu einer Racen⸗ verbeſſerung der Pferde und Stuterei— und beſſer verſtand Niemand mit Pferden umzugehen, als er. Für Karl waren zu gleicher Zeit die nöthigen Einrichtungen getroffen, daß er die Schule in Schildheim regelmäßig beſuchte und zugleich Pri⸗ vatſtunden bekam; denn der große Burſche war in Allem, was Lernen botnaf noch hinter den kleinſten Knaben weit zurück! Ein junger Mann wurde dazu, trotzdem, daß ſich Georgine im Anfange da⸗ gegen ſträubte, in's Haus genommen und ihm die Aufſicht über den Knaben beſonders übergeben. Die Erzieherin, die Wolf von Geyerſtein für Jo⸗ ſephine beſorgte, erwies ſich ebenfalls vortrefflich, und in einigen Jahren hoffte Georg die Kinder ſo weit gebracht zu haben, daß ſie ſich, ihren Altersge⸗ noſſen gegenüber, nicht mehr zu ſchämen brauchten. Selbſt Georgine ſchien ſich in das neue Leben zu finden, und beſonders waren es in der erſten Zeit die neuen Bekanntſchaften, die ſie feſſelten. Auf zwei Nachbargütern in der Nähe lebten näm⸗ lich zwei ſehr liebe Familien, ein ganz jung ver⸗ heirathetes Paar aus dem Preußiſchen, und ein alter mecklenburgiſcher Major, der hier ſehr bedeutende Beſitzungen mit beſonders herrlichen Waldungen liegen hatte. Dieſer brachte den größten Theil des Jahres auf ſeinem Gute zu, ſah ſehr viel Beſuch bei ſich und machte ein großes Haus, in dem die landesübliche Gaſtfreundſchaft im reichſten Maße herrſchte— daß ihm die lebendige, bildſchöne neue Nachbarin dabei nur willkommen war, läßt ſich denken. 7 Natürlich wurde ſie dort bald von einer Schaar müßiger junger Herren umſchwärmt, und ſo gleich⸗ gültig Georg in früherer Zeit und unter anderen Verhältniſſen Aehnliches geſehen und, als eben in den Verhältniſſen liegend, geduldet hatte, ſo überkam ihn jetzt dabei ein unbehagliches, demü⸗ thigendes Gefühl— ein Mittelding zwiſchen er⸗ wachendem Stolz und Eiferſucht, das er nicht wieder zu bekämpfen vermochte. Er machte Georginen deßhalb freundliche, indeß leere Vorſtellungen, denn ſie lachte ihn aus, und fragte ihn, ob er glaube, daß ſie hier zwiſchen den Bauern ebenfalls verbauern ſolle. Daß ſie ſich amüſire, wo ihr die Gelegenheit dazu über⸗ haupt nur ſo ſpärlich geboten werde, dürfe er ihr nicht verdenken, und außerdem ſei ſ ſie es ſich ſel⸗ ber und„ihrem Rang“ ſchuldig, den Ton, der nun einmal in der vornehmen Welt herrſche, anzunehmen. Eine andere Sorge machte dem Manne der Alte, der, jetzt mit gar keiner Beſchäftigung, da er ſich durchaus nicht zu einer geregelten Arbeit entſchließen wollte, der Flaſche zuſprach, wo er dazu gelangen konnte— und leider fand er da⸗ für nur zu häufig Gelegenheit. Allerdings hielt er ſich dabei ſtets auf ſeinem Zimmer, aber Georg fürchtete mit Recht, daß er ſich einmal wirk⸗ lich betrinken und dann den Dienſtleuten nicht allein ein Aergerniß geben, ſondern auch verra⸗ then könne, zu welcher Claſſe des Volkes er eigent⸗ lich gehöre. War es ihm doch nicht entgangen, daß der alte Verwalter, wenn er ſich unbemerkt glaubte, ſchon manchmal heimlich den Kopf über das etwas wunderliche und rohe Benehmen des Mannes geſchüttelt hatte, und welches Licht mußte eine ſolche Entdeckung dann auf ſeine Frau, auf ihn ſelber zurückwerfen! Die einzige Beſchäftigung, zu der ſich Mühler dabei verſtehen wollte, war die, daß er ſich einen aus dem Dorfe geholten Spitz abrichtete, und ſtundenlang ſaß er mit dieſem zuſammen einge⸗ ſchloſſen, ihm allerlei tolle Kunſtſtücke beizubringen. Den Hund nannte er Hanswurſt, und er kam nicht mehr von ſeiner Seite. Georg ſah das Alles, ohne irgend eine Aen⸗ derung herbeiführen zu können, und fühlte jetzt erſt in ſeiner ganzen Schwere den Fluch ſeines⸗ frühern tollen Lebens, das ihn, den Edelmann, unter die Hefe des Volks geworfen hatte. Jetzt verdammte es ihn dazu, nicht allein mit ſolch' rohem Menſchen, wie dieſer Mühler, zuſammen⸗ zuleben und auszuhalten, nein, es zwang ihn ſo⸗ — 3¼.— 9 gar, ihn als Verwandten anzuerkennen und in ſeiner eigenen Familie zu halten. Das war frei⸗ lich nicht mehr zu ändern— es mußte ertragen werden, und erforderte nur all' ſeine Klugheit und Wachſamkeit, den fatalen Folgen, die es möglicher Weiſe für ſeine und der Seinigen Zukunft haben könne, vorzubeugen. Allerdings ſprach er offen mit ſeiner Frau darüber, und machte ihr einmal ſogar den Vor⸗ ſchlag, dem Alten irgend eine Heimath entfernt von uhne zu gründen, und ihm— wenn auch mit großen Opfern— daſſel bbe, was er früher als Gehalt bezogen, als Penſion zu ſichern. Aber Georgine wollte nichts davon hören— fürchtete ſie vielleicht, daß ſie durch ein Fortſchicken des Vaters die Partei ſchwächen könne, mit der ſie noch immer dem Gatten gegenüberſtand? Der alte Mühler unterſtützte ſie allerdings nicht in ihren noch immer ſchlummernden Plänen: dem müßigen Leben wieder zu entſagen, und zu ihrer „Kunſt“ zurückzukehren; denn er ſelber hatte von dieſer„Kunſt“ nur eine ſehr geringe Meinung und fühlte ſich keineswegs geneigt, das ruhige Schla⸗ raffenleben, das er jetzt führte, mit der alten un⸗ bequemen Narrenjacke ſo bald wieder zu vertau⸗ ſchen. Aber er war doch da— und bildete da⸗ 10 durch den Anknüpfungspunkt, durch den ſie an ihre frühere fröhliche Zeit zurückdenken, ſich wie⸗ der hinein verſetzen konnte, und ſie mochte ſich deßhalb nicht von ihm trennen. Nicht kindliche Liebe feſſelte ſie an den alten Man Erinnerung ihrer Triumphe, wollte ſie nicht vergeſſen. Und wenn ſie dann ſo manchmal allein in ihrer Stube ſaß, wenn die gefährliche Dämmer⸗ ſtunde kam und ſie im Geiſte nun wieder an den mit Menſchen gefüllten Circus dachte, der in Un⸗ geduld ſie, ihr Erſcheinen erwartete— wenn ſie ſich dann wieder und i galt das Zeichen dir in, ſondern die und die konnte und vieder ſagte,— jetzt— jetzt „da draußen im Lichter⸗ glanz, von Tauſenden umjubelt, auf flüchtigem Roſſe dahinzufliegen— wenn ſie den Beifall, das Jauchzen der Menge hörte, und dann plötzlich, zu düſterer Wirklichkeit erwachend, die trübe Lampe neben ſich brennen, die kalten, engen Räume um ſich ſah, da ballte ſich die kleine, weiße Fauſt oft 5 ungeduldig zuſammen, der zarte Fuß ſtampfte den, Boden, und ihr trotziger Sinn grübelte und ſann, wie er ſich dem unwillig getragenen Zwange ent⸗ ziehen ſollte. 3 Und was machten ſie hier aus ihrem Kinde— ſephine? eine Modedame vielleicht, aus ihrer Joſ 11 mit leerem Titel, ohne Vermögen— eine Pach⸗— terstochter auf dem Lande, die ſich in Sieg und Jubel ihre Bahn im Leben ſelbſt erkämpfen konnte. Und ſie mußte es dulden, mußte zuſehen, wie hier Tag für Tag in thatenloſer Ruhe lang⸗ ſam, zäh verſtrich— es war zum Verzweifeln— aber Niemand kümmerte ſich mehr um ihren Schmerz, um ihre Ungeduld. Wo ſie vergöttert war, wurde ſie jetzt ſchon vergeſſen, und wenige Jahre nur vielleicht, und die Leute draußen, das ſchwankende, Veränderung liebende Publicum kannte ſie nicht einmal mehr, und doch nur dieſes ſchwan⸗ kenden, nach Veränderung haſchenden Publicums wegen ſehnte ſie ſich fort aus ihrer ſtillen Häuslichkeit, die Millionen anderer Frauen geſegnet und gehegt haben würden als ihr theuerſtes Kleinod. Georg hatte in dieſer Zeit viel auf dem Felde und im Walde zu thun, und fand dabei auch in der Jagd eine angenehme und ſeinem Körper zu⸗ ſagende, ſeinem Geiſt entſprechende Erholung— Georgine dagegen war viel allein und deßhalb launiſcher als je, ſo daß ihr ſelbſt ihr Vater aus dem Wege ging. Da ſich übrigens im Schloſſe Niemand um ihn kümmerte, und Karl, ſeh ge⸗ gen ſeine Wünſche, den ganzen Tag mit Lernen beſchäftigt gehalten wurde, ſchlenderte der alte 12 Mühler einmal in ſolcher Zeit zur Abwechslung nach Schildheim hinaus, weniger freilich, um die Gegend kennen zu lernen, als im Stern einzu⸗ kehren und ein Glas zu trinken. Hier fand er den unvermeidlichen Stammgaſt, den„faulen Tobias,“ der behaglich hinter den Ofen kauerte, an einem alten, entſetzlich ſchmutzi⸗ gen und verbrannten Maſerkopf ſog, und ſeinen Krug Bier neben ſich auf der Bank ſtehen hatte. „Holla!“ ſagte Tobias, als der Alte zur Thür hereinkam und ſich unfern von ihm, nach kurzem Gruß, an einen der um dieſe Zeit leeren Tiſche ſetzte,„ich dächte gar, das wäre der Schwiegervater vom Preußiſchen Gute oben, ſchön willkommen, das iſt geſcheidt, daß Ihr auch einmal zu unſer Einem herunterſteigt“— und er hielt ihm ſein Glas zum Anſtoßen hin. „Iſt ein verdammt langweiliges Leben da oben,“ brummte der Alte, indem er mit ihm anſtieß, „muß doch auch einmal heraus und friſche Luft ſchöpfen.“ „Geſcheidt,“ lachte Tobias ſtillvergnügt, Ge⸗ ſellſchaft gefunden zu haben,„und das kann man meiner Meinung nach am Allerbeſten im Wirths⸗ hauſe. Nirgends iſt man ſo ungeſtört und da⸗ heim, wie an ſo einem Orte, und wenn ich mein Glas Bier bezahle, gehört die ganze Beſcheerung mein.“ „Hört einmal, Kamerad,“ ſagte der Alte zu⸗ traulich,„Ihr ſeid der erſte vernünftige Menſch, den ich hier im ganzen Neſte finde, und ich denke, ich werde öfter hier herunterkommen. Hol' die da oben der Henker! denn mein Bier will ich in Frieden trinken und mich nicht damit verſtecken.“ „Verſtecken? ohol halten ſie Euch ſo knapp?“ lachte Tobias. „Knapp?— verdamm' es,“ murrte der Alte, nich bin alt genug, mich ſelber zu halten, wie ich es gerade für nöthig finde.“ „Na, nichts für ungut— meinte nur ſo,“ ent⸗ ſchuldigte ſich Tobias, der mit dem„Schwieger⸗ vater,“ wie der Alte, ohne daß er es wußte, in der Nachbarſchaft hieß, keinen Wortwechſel haben wollte. „Ihr ſeid ein Müller, wie?“ fragte Mühler nach einer kleinen Pauſe, in der er ſein Bier ausgetrun⸗ ken und jetzt mit dem Deckel klappte, ſich den Krug wieder füllen zu laſſen. Er ſah dabei den faulen Tobias von oben bis unten an. „Geweſen,“ meinte Tobias—„habe das Ge⸗ ſchäft aber aufgegeben und es den Kindern über⸗ 14 laſſen— lebe ſo behaglicher. Was iſt Euer Ge⸗ ſchäft, wenn man fragen darf?“ „Meines?“ wiederholte der Alte, durch die Frage doch in Verlegenheit gebracht,„hm, ich— revidire die Rechnungen und— und beſorge die Schreibereien.“ „Aber Ihr ſeht mir nicht aus wie ein Oeko⸗ nom.“ „Nicht?“ lachte Jener verſchmitzt vor ſich hin, „bin auch mein ganzes Leben nichts weniger als das geweſen. Habe ſtudirt, in meinen jungen Jahren verſteht ſich— ſage Euch, habe ein ver⸗ teufeltes Studium durchgemacht, und könnte man⸗ chem Profeſſor was zu rathen aufgeben, aber— wenn man alt wird, verſteht Ihr, macht man eben nicht mehr viel Gebrauch davon.“ „So?— ſtudirt?“ ſagte Tobias, nur mit einem unbeſtimmten Begriff von der Bedeutung des Wortes;„des Schulmeiſters Fritze hat auch ſtudirt, iſt aber nie was Rechtes aus ihm geworden.— Konnte das Sitzen nicht vertragen, wie er meinte.— Muß nicht hübſch ſein, das Studiren!“ „Und was treibt Ihr nun ſo hier das ganze Leben durch?“ „Wir? verteufelt wenig.— So lange man jung iſt und das Leben genießen könnte, hat man 15 Plackerei und Schinderei genug— und wird man alt— ja, dann iſt's eben vorbei, und man kann weiter nichts thun, als ſich ausruhen— und das gönnen ſie Einem nicht einmal.“ „Guten Tag mitſammen,“ ſagte in dem Augen⸗ blick eine tiefe Stimme, und der alte Forſtwart Barthold trat in die Stube. „Guten Tag, alter Waldläufer,“ lachte Tobias, während ſich Mühler nach dem neu Eintretenden umſchaute;„na, wo haſt Du wieder geſteckt?“ „Ich habe ein paar Eiſen für Fiſchottern ge⸗ legt, ſagte der Forſtwart,„nimm Dich in Acht, Tobias, wenn Du unter dem Wehr etwa herum⸗ kriechen ſollteſt— in der Mühle hab' ich es auch ſchon geſagt— Du könnteſt ſonſt einmal einen von Deinen alten Hinterläufen unverſehens in einen Schwanenhals hinein bekommen, und die Dinger ſpaßen eben nicht.“ „Ich habe nichts unten am Wehr zu ſuchen,“ ſagte Tobias,„die Fiſcherei iſt vorbei, und bei dem Wetter gehe ich außerdem nicht'naus. Du wirſt aber auch was Rechts fangen. Daß Du's nur nicht ſatt kriegſt, die Eiſen aufzuſtellen und in dem kalten Waſſer herumzupanſchen, es geht Dir doch keine Otter hinein.“ „Kann man nicht wiſſen,“ meinte der Fof⸗ wart,„und gearbeitet muß doch ſein. So bequem wie Du können wir's nicht Alle haben.— Herr Wirth, einen Bittern!“ „Hol's der Teufel, mir auch einen!“ ſagte Mühler,„mit dem kalten Bier verſchwemmt man ſich nur den Magen.“ „Ich habe auch nichts dagegen,“ ſtimmte To⸗ bias ein,„bei der Kälte draußen kann man ſchon was Warmes im Leibe vertragen. Ich begreife nur nicht, wie Du Winter und Sommer Freude daran finden kannſt, draußen im Walde herum⸗ zukriechen. Aus den Waſſerſtiefeln kommſt Du im Leben nicht heraus— ich glaube, Du ſchläfſt drin.“ 6 „Manchmal Nachmittags, ja,“ lächelte der alte Mann,„aber ich will Dir etwas ſagen, Tobias: wem's nicht gegeben iſt, der kann auch im Walde keine Freude finden, ſo wie Du und Dei⸗ nesgleichen, die eben nur Büſche und Bäume drin ſehen.“ 3 „Na, ſiehſt Du was Anderes drin?“ lachte Tobias. 3 „Allerdings thu' ich das,“ erwiderte der alte Mann und wurde auf einmal dabei ganz ernſt, ja, faſt feierlich;„und wenn ich Dir auch das jetzt ſage, Tobias, wirſt Du mich doch nicht ver⸗ ſtehen. Aber das ſchadet auch nichts— gute 17 Lehren und Wahrheiten werden oft weggeworfen, aber manchmal bleibt doch ein Korn davon hän⸗ gen, und fällt auf guten Boden, wie der Baum auch ſeinen Samen über das dürrſte Land hin⸗ ſtreut.— Irgend ein Körnchen wurzelt doch viel⸗ leicht und treibt dann wieder einen jungen Baum.“ „Wirth, mir noch einen Schnapps,“ ſagte To⸗ bias,„der Waldläufer holt mir zu weit und mo⸗ raliſch aus.“ „Mir auch noch einen!“ rief Mühler, den der Burſche mit ſeinem Ernſt zu amüſiren anfing. Barthold nahm keine Notiz von der Unterbrechung. „Siehſt Du,“ fuhr er fort,„wenn Du einen einzelnen Baum da draußen ſtehen ſiehſt, ſo denkſt Du wohl— wenn Du überhaupt je etwas däch⸗ teſt— das ſei ein leblos todtes Ding, was da ſteht, und allerdings kann ſich's nicht von der Stelle bewegen; es muß am Boden haften, wo unſer Herrgott es hingepflanzt hat. Aber in ihm lebt's und wirkt und ſchafft und treibt, und wächſt, reckt die Arme nach dem Himmel empor, von dort⸗ her Licht und Leben zu ſaugen, und hält ſich mit den Wurzeln derb im Boden feſt, vom Winde nur gerüttelt, nicht aber geworfen zu werden. Mehr im Leben thut auch nicht einmal der Menſch, nur auf ein wenig andere, ſogar nicht immer ſo er⸗ Gerſtäcker, Der Kunſtreiter. II. 2 15. folgreiche Art. Der Baum iſt aber nicht todt, er lebt— er lebt und athmet, wie ein jedes Thier, wenn ſich ihm auch die Bruſt dabei nicht heben kann; aber durch ſeine Poren zieht der Le⸗ bensſaft, zieht Luft und Feuchtigkeit, was er zum Leben braucht, und wird ihm das genommen, muß er ſterben. Nimm nur die Axt und hau' in einen Stamm hinein, und ſieh, ob er nicht blu⸗ tet, wenn auch ſein Blut nicht roth ausſieht, wie das unſere. Langſam tropft es zu Boden, und wenn die Wunde ausgeblutet hat, vernarbt ſie wieder, wie bei dem Menſchen.— Sieh nur einen gefällten Baum Dir an, aber nicht, wie es die meiſten Menſchen thun, die bei einem ſolchen Baume immer leich berechnen, wie viel Klaftern Scheite oder wie viel Ellen Nutzholz er geben kann. Wieh ihn an, wie er als Leiche daliegt, denn es giebt eben ſo gut Baum⸗ wie Menſchenleichen— ſieh, wie die Rinde abſtirbt, ihre geſunde, fri ſche Farbe verliert, und fahl und erdfarben wird, und die Blätter welken und dorren, die Zweige eintrock⸗ nen— und langſam geht er zur Erde zurück, von der er kam, wie der Menſch, anderen, ſeines Glei⸗ chen, Raum zu geben.— Und das iſt nur der einzelne Baum, nun aber ſeht die Maſſe, ſeht den Wald, wo einer dem andern die Hand hinüber⸗ 19 reicht; ſeht ihn, wenn er ſich Abends die Ster⸗ nendecke über den Kopf zieht und duftet und träumt, und leiſe rauſchend der Athem des Herrn durch ſeine Wipfel fährt; ſeht ihn, wenn er Mor⸗ gens erwacht, mit roſig verklärtem Geſicht der Sonne entgegenlächelt, und all' die tauſend Sänger hegt und pflegt, die mit der Morgenſonne dem Aller⸗ halter ihre Danklieder entgegenwirbeln— ſeht ihn am Tage, wie er die Arme ſchützend über die Erde breitet, den heißen Sonnenſtrahlen zu weh⸗ ren, ſeine Quellen und liebſten Kinder, die Blu⸗ men, zu erreichen und auszutrocknen; ſeht ihn, wie ihm am Abend ſpät der helle Schweiß von der vielen Anſtrengung an der Stirn ſteht und in Millionen Tropfen von den Blättern funkelt. — Seht ihn im Sommer in ſeiner Kleiderpracht, im Winter, wenn er ſich feſt eingehüllt hat in ſeine warmen Schneetücher— ſeht ihn, wenn Ihr wollt, aber er bleibt immer ſchön und groß und hehr, ein Tempel des Herrn, den er ſich ſelber auferbaut.“ Barthold hätte ſich für ſeine ſchwärmeriſchen Gedanken keine unglückſeligeren und unpaſſende⸗ ren Zuhörer wählen können, und wenn er ein Jahr danach geſucht hätte, als eben die beiden alten Burſchen mit dem Wirth zu Kauf, der mit 2* offenem Munde hinter ihm ſtand. Auf Tobias' Geſicht lag, ſo lange der alte Mann ſprach, ein breites Grinſen, und die rothgeränderten feuchten Augen zwinkerten nur manchmal mit einem ver⸗ ſchmitzt ſein ſollenden Lächeln nach dem„Schwie⸗ gervater“ hinüber. Mühler ſeinerſeits ſaß mit faſt bis in die Haare hinaufgezogenen Augenbrauen, die Stuhllehne zwi⸗ ſchen den Knieen und beide Ellbogen darauf gelehnt, dicht vor dem alten Forſtwart, und über ſein Geſicht zuckte und zerrte es dabei ſo wunder⸗ bar, daß Tobias zuletzt gar nicht mehr auf die Worte hörte, ſondern nur ganz erſtaunt in die wunderbar veränderliche Phyſiognomie des„Schwie⸗ gervaters“ ſchaute. „Bravo!“ ſagte dieſer mit ſeiner heiſern Stimme, als Barthold jetzt geendet und wie verklärt durch das Fenſter nach ſeinem lieben Walde hinüber⸗ ſchaute—„bravo, alter Junge, vortrefflich— der Paſtor hätt's nicht beſſer machen können!— Wirth, noch mehr Kümmel, für uns Alle, und nicht in ſo kleinen ſpitzen Gläſern, ſondern die ganze Flaſche — wir ſchenken uns ſelber ein und machen Krei⸗ deſtriche.“ 1 „Ich danke Ihnen,“ ſagte der Forſtwart ruhig; „ich trinke höchſtens Morgens ein einziges Glas.“ 21 „Auf einem Beine kann kein Menſch ſtehen!“ rief Tobias. „Gott ſei Dank, daß ich den Branntwein noch nicht brauche, um darauf zu ſtehen,“ meinte der alte Forſtwart;„ein nüchterner Kopf und ein volles Herz iſt mein Wahlſpruch, und— andere Leute führen vielleicht beſſer, wenn es auch der ihrige wäre. Das aber iſt anderer Leute Sache und geht mich nichts an— und nun guten Morgen mitſammen. Ich denke, Tobias, meine Rede hat mir bei Dir nicht viel geholfen, und Du wirſt nach wie vor doch lieber in das Wirthshaus als in den Wald gehen. Du haſt aber auch recht, Du paßt nicht hinein, und ein Baum ſähe gewiß nicht beſſer aus, wenn Du darunter in ſeinem Schatten lägſt. Gott zum Gruß— ich muß wie⸗ der hinaus!“ Mit den Worten zahlte er dem Wirth ſein Glas Branntwein und verließ, ſtill wie er gekommen, die Stube. „Bei dem rappelt's wohl?“ lachte Mühler, als Barthold die Thüs hinter ſich zugezogen hatte. „Ein Bißchen, ja,“ beſtätigte der Wirth,„aber er iſt ganz harmlos und thut keinem Menſchen was. Nur im Walde darf man ihm nicht begeg⸗ nen, und Abends möchte ich da drin nicht um Alles in der Welt mit ihm zuſammenſtoßen.“ — „Beißt er?“ meinte Mühler trocken. „Nun, er beißt wohl gerade nicht,“ erwie⸗ derte der Wirth,„aber daß er allerlei faule Kunſt⸗ ſtücke kann, iſt gewiß. Hier ſpricht er immer vom lieben Gott, aber draußen da ſchwatzt er mit den Bäumen und Vögeln, ruft die wilden Thiere, ſucht geheimnißvolle Wurzeln und treibt allerlei heidni⸗ ſchen Unſinn, wie es hier früher ſoll Sitte geweſen ſein. Im Walde drin ſteht auch noch eine alte Eiche— kein Menſch weiß, wie alt ſie iſt— mit einem ſteinernen Altar darunter, auf dem in alten Zeiten die Heiden ihren Abgöttern Menſchen geſchlachtet haben. Dort iſt er am Liebſten, und da treibt er auch nicht ſelten um Mitternacht ſei⸗ nen Spuk mit böſen Geiſtern, was eigentlich gar nicht geduldet werden ſollte.“ „Ach was!“ ſagte Tobias, der indeſſen mit Mühler wacker der Flaſche zugeſprochen hatte,„er ſchadet doch keinem Menſchen damit, und wenn man ihn zufrieden läßt, iſt er gut genug; unn manchmal ein Bißchen grob.“ „Wie viel Uhr ſchlägt das?“ ſagte Mühler aufhorchend. „Eben elf— Zeit genug zum NMittageſſen.“ „Ja, aber ich muß fort,“ meinte der Alte, „will meinen Jungen gleich aus der Schule mit 23 5 nach Hauſe nehmen.— Hier, Wirth, meine Zeche zwei Glas Bier und ein, zwei, drei, vier, fünf, ſechs, ſieben Schnäppſe— gerade ſieben— ſeht Ihr, hier ſind die Striche— famoſes Zeug, der Kümmel— hahahaha, den alten Forſtwart müſſen wir uns einmal wieder hieher einladen; das iſt ein kreuzcurioſer Kerl.— Guten Morgen, Tobias, guten Morgen, Sternenwirth— der Kümmel ſoll leben!“ Und ſeinen Hut gegen die Decke werfend, daß er ihm zurück gerade wieder auf den Kopf fiel, nickte er den beiden, darüber nicht wenig er⸗ ſtaunten Männern huldreich zu, und verließ mit ſteifen Schritten die Wirthsſtube. 14. Die Schule war gerade aus, und die Knaben und Mädchen, froh, der engen Stube entronnen zu ſein, tummelten ſich luſtig draußen herum.— In der Thür des Schulhauſes aber ſtand der Lehrer und zog mit voller Bruſt, nach drei Stunden dunſtiger, erdrückender Schulſtuben⸗Atmoſphäre, die kalte, friſche Luft ein, die von dem See her⸗ überſtrich. Die Kleinen, die ſich noch etwas im Zimmer aufgehalten hatten, drückten ſich ſcheu und grüßend an ihm vorüber, bogen dann um die Ecke, warfen noch einen Zlick zurück, ob er ſie nicht mehr ſehen könne, und ſprangen dann jauch⸗ zend den Gefährten nach.— Es war Samstag und heute Nachmittag keine Schule weiter, und die kleinen Kerle wußten das zu würdigen und zu genießen. 8 1 Es iſt aber doch die Frage, wer ſich mehr dar⸗ über freute— der Lehrer oder die Schüler— wenn der erſtere auch keine Luftſprünge machte, ſondern ernſt, mit dem bleichen, abgemagerten Geſichte nach den leichten Wolken hinaufſchaute, die oben am Himmel ihre freie, luftige Bahn zogen. Auge und Athemzug drängte dem Wei⸗ ten entgegen, und wie gern, wie froh wäre der Köxrper ihnen gefolgt! Der aber war gebannt, gefeſſelt an den engen Raum, an ſeine Claſſe, an der Schüler Schaar, und wenn er auch nur we⸗ nig, erſtaunlich wenig Lohn dafür bekam, die we⸗ nigen Thaler brauchte er eben zum Leben und konnte ſie nicht entbehren: denn leben wollen wir ja Alle, obgleich viele Leute das auch noch leben nennen, was eigentlich nur exiſtiren heißt. Heute war Samstag⸗Mittag, und anderthalb Tage— wenn auch nur kurze Wintertage— freie Zeit lag vor ihm, in denen er ſeine kranke Bruſt ausruhen konnte— am nächſten Montag wieder einen neuen Anlauf zu nehmen, ſie voll⸗ ſtändig zu ruiniren.— Und doch lächelte er, als ſein Blick auf die ſich von ihm forttummelnde kleine luſtige Schaar fiel, die, mit den Büchern unter dem Arm, oder im Ränzel auf dem Rücken, keine Sorgen, keinen Kummer ahnten, wie viel das Schickſal auch vielleicht ſchon für ſie bereit hielt. Er dachte der eigenen Jugendzeit, dachte der frohen Jahre, die auch er durchlebt, und ſeufzte nur eigentlich darüber, daß er an frohe Jahre ſtets ſo weit zurück denken mußte, wenn er ſich ihrer freuen wollte. Auch die Knechte kehrten von ihrer Arbeit heim, denn die Pferde mußten zwei Stunden Ruhe haben. Vom Gute waren drei Geſchirre unten am See beſchäftigt geweſen, bei dem jetzigen Froſt⸗ wetter Schlamm herauszuſchaffen und auf die Wieſen zu fahren. Die Geſchirre hatten ſie unten ſtehen laſſen und ritten nun auf den Sattelpfer⸗ den, die Handpferde führend, in den Hof zurück, quer über die gefrorene Wieſe hinüber, den nächſten Weg einſchlagend. Auf der Straße kam die Erzieherin mit Jo⸗ ſephine herunter; ſie hatten einen kleinen Spa⸗ ziergang gemacht, dem aus der Schule kommen⸗ den Karl entgegenzugehen, und der Hauslehrer begleitete ſie, ſeinen Schüler gleich in Empfang zu nehmen. Karl hatte ſich in der letzten Zeit beſonders wild und ausgelaſſen gezeigt, und der Hauslehrer, ein junger Candidat der Theologie, wußte aus eigener Erfahrung, wie es die jungen Burſchen gerade an einem Samstag⸗Mittag ge⸗ wöhnlich ausgelaſſen treiben; es war deßhalb beſſer, ihm bei Zeiten einen Zügel anzulegen. —2 Der alte Mühler hatte ſeinen Neffen ſchon im Dorfe ſelber unter dem Schwarm der Uebrigen herausgeleſen, ſich aber keineswegs Mühe gegeben, den Uebermuth der kleinen fröhlichen Bande zu zähmen. Selber äußerſt guter Laune, ſtieß er, wie er mitten unter die Knaben kam, einen eigen⸗ thümlich ſchrillen Schrei aus, und ſammelte da⸗ durch im Nu den ganzen Schwarm um ſich. „Hallo, ihr Kerle!“ rief er jetzt,„gebt Frieden, macht nicht ſolch' einen Heidenſpectakel, daß man ſeine eigenen Worte nicht hören kann! Heda, was ſeid Ihr für ungeſchickte Jungen!“ wandte er ſich plötzlich an zwei, die übereinander wegzuſpringen ſuchten—„kommt einmal her— ſo müßt Ihr's machen!“ „Hurrah, der Schwiegervater will ſpringen!“ riefen einige der größeren Jungen und drängten ſich raſch herbei, und der alte Mühler machte in der That, von dem Branntwein aufgeregt, Anſtalt, ihnen eine ſeiner Künſte zum Beſten zu geben als etwas Anderes ihre Aufmerkſamkeit plötzlich ablenkte. „Dort! dort! da geht ein Pferd durch!“ ſchrie der eine der Knaben, und als Alle nach der an⸗ gedeuteten Richtung blickten, ſahen ſie, wie eines der herrſchaftlichen Pferde, das ſich losgeriſſen 28 hatte, in voller Flucht über die Wieſe nach der Straße zu kam und quer darüber hin wollte. „Nimm meinen Ranzen, Onkel!“ ſchrie da Karl, der, ohne ein Wort weiter zu ſagen, ſeinen Ran⸗ zen und ſeine Mütze zu Boden warf und, ehe nur Jemand eine Ahnung hatte, was er wollte, dem durchgehenden Pferde entgegenflog. „Karl! Teufelsjunge!“ ſchrie der Alte hinter ihm drein, aber Karl hörte ihn ſchon nicht mehr. Mit einer Schnelle, die ſeine Mitſchüler beſonders in Erſtaunen ſetzte, flog er mehr, als er lief, über die hartgefrorene Straße hin, und traf gerade dort mit dem, wenig ſeiner achtenden Pferde zu⸗ ſammen, als dieſes über den Chauſſeegraben ſetzte. Im Nu aber war er an ſeiner Seite— die linke Hand krallte in ſeine Mähne, die rechte ſtemmte er gegen die Schulter des Thieres, und halb im Sprunge, halb von dem bäumenden Pferde em⸗ porgeriſſen, ſaß er ſchon auf deſſen Rücken, wie es eben an der andern Seite wieder hinaus über die Wieſe ſetzte, dem Walde zuzuſtürmen. Derr kleine wilde Reiter machte ihm aber bald begreiflich, daß es nicht länger ſein eigener Herr ſei, ſondern folgen müſſe, wohin er es lenkte. Kaum auf ſeinem Rücken, auf dem er ſich voll⸗ kommen zu Hauſe fühlte, griff er, mit dem rechten 29 Beine ſich einklammernd, nach dem herunterge⸗ fallenen Zügel, brachte ihn dem Pferde über den Kopf und hatte es, ehe es kaum zweihundert Schritte weiter geflogen war, völlig wieder im Zaum und in ſeiner Gewalt. Zu gleicher Zeit ſpielte unter der Schuljugend ein anderes Intermezzo, das die kleine Schaar kaum weniger beluſtigte und in Erſtaunen ſetzte, als der tollkühne Reiterſprung ihres Kameraden. Der alte Mühler nämlich hatte, ſtatt Ranzen und Mütze ſeines Neffen aufzuheben, mit halb zuſammengeducktem Körper, beide Hände auf die Kniee geſtützt, den Kopf etwas zurückgebogen, die Augenbrauen bis in die Haare hineingezerrt, Mund und Augen weit geöffnet, ihm nachgeſchaut. Kaum aber ſah er, daß der Sprung gelungen war, ſah, daß ſein Karl ſich„nicht blamirt hatte“— wie er ihm ſpäter geſtand, daß er gefürchtet—, ſah ihn auf dem Rücken des Thieres, als er plötzlich ein lautes Huſſal ausſtieß. Zu gleicher Zeit warf er ſeinen Hut in die Luft, ſprang ſelber hoch in die Höhe, überſchlug ſich, zum unſagbaren Ergötzen der Umſtehenden, in freier Luft, kam wie⸗ der auf die Füße, fing in demſelben Moment den zurückfallenden Hut, ohne ihn mit den Händen zu berühren, auf der Stirn und ſtieß dabei ein wahr⸗ haft diaboliſches Gelächter aus. Der Jubel der Schuljugend bei dem Luftſprunge des„Schwiegervaters“ läßt ſich eher denken als beſchreiben. Ueberhaupt wurden ihnen hier zu viel der Genüſſe auf einmal geboten, um nicht dabei über die Stränge zu ſchlagen. Samstag⸗ Mittag, ein durchgehendes Pferd, das Kunſtſtück des Kameraden und nun hier gar der Luftſprung eines Mannes, der bis jetzt, als zum Gute gehö⸗ rig, nur mit ſcheuen Blicken von ihnen betrachtet worden und in der That auch nur finſter und grämlich zwiſchen ihnen aufgetreten war— das Alles zuſammen ſchien, wie geſagt, zu viel für ſie. Ein ähnliches Geſchrei oder Geheul, wie es die Wilden in Amerika bei plötzlichen Ueberfällen ausſtoßen, machte für einen Augenblick die Luft erzittern, und dann brach ſich der Jubel der ju⸗ gendlichen Bevölkerung in einer Unzahl von Pur⸗ zelbäumen, wie anderen ländlich⸗gymnaſtiſchen Uebungen Bahn. 131 Aber auch der Erzieherin Joſephinens war eine kleine, wenn auch nicht in Thätlichkeiten aus⸗ artende Ueberraſchung vorbehalten. Wie nämlich das durchgehende Pferd, kaum zehn Schritte von ihnen entfernt, über die Straße ſetzte, und Karl vor ihren Augen auf deſſen Rücken ſprang, da faßte die Erzieherin erſchreckt Joſephi⸗ nens Arm, ſie zurück und einer möglichen Gefahr aus dem Wege zu ziehen. Joſephine, ſich raſch und erregt von ihr losmachend— denn die Scene hatte ebenfalls in ihrem kleinen Herzen all' die früheren luſtigen Ritte, das freie, herrliche Leben im Circus zurückgerufen— ſagte lachend:„Ich fürchte mich nicht, Mademoiſelle, wenn ich die langen unbequemen Kleider nicht anhätte, könnte ich das auch!“ „Du?“ rief Mademoiſelle Adele erſchreckt aus. „Ich? gewiß. Ich reite ſo gut wie Charles, und das iſt gar nichts, was er da macht. Er ſitzt ja auf dem Pferde.“ Zum Glück für die Ordnung in Schildheim— denn wer weiß, wie weit der einmal losgelaſſene Uebermuth der Knaben ſowohl, wie des Alten gegangen wäre!— erſchien in dieſem Augenblick eine Perſon auf dem Schauplatze, die den Lärmen plötzlich verſtummen machte.— Auf ſeinem Rap⸗ pen ſprengte Baron von Geyfeln, der am See heruntergeritten war, zu ſehen, wie weit die Knechte mit ihrer Arbeit gekommen wären, unten in den Schwarm hinein, und ſein Anruf erſchreckte und bändigte zugleich die Schuljugend, die den Baron, 32 als oberſte Herrſchaft im Orte, mit ganz beſon⸗ derem Reſpect betrachtete.. Aber auch der alte Mühler gerieth, wie er nur den Kopf nach dem Geräuſche des herangaloppi⸗ renden Pferdes gedreht hatte, faſt unwillkürlich wieder in ſeine gewöhnlich ernſthafte Verbiſſenheit hinein, hielt ſich ſteif und aufrecht, rückte ſich raſch den verkehrt ſitzenden Hut zurecht, und gab dem ihm nächſten Jungen, der von dem Gutsherrn noch nichts geſehen hatte, und eben zu einem friſchen Purzelbaume ausholte, eine ſo gut gemeinte Ohr⸗ feige, daß er ihn ſtolpernd bis über den Weg hinüberſchickte. Georg ſprach kein Wort, weder zu den Kindern, noch zu ſeinem Schwiegervater. Nur einen ein⸗ zigen finſtern Blick warf er dem Alten zu, dann aber, wie er ſich aus dem Menſchengedränge frei ſah, fühlte ſein Pferd Sporn und Peitſche, und in geſtreckter Carrière flog es die Straße hin, dem ahnungslos vor ihm hergaloppirenden Karl nach. Deſſen Pferd, wie es die raſchen Hufſchläge hinter ſich hörte, wollte allerdings jetzt ebenfalls in ein raſcheres Tempo fallen, aber ſein junger Reiter, der den Nachfolgenden erkannte, griff ihm erſchreckt in die Zügel. Dem Rappen hätte er auch nicht entfliehen können. In kaum zwei Minuten hatte er ihn eingeholt, und während Geveg, der das Kunſtſtück des Knaben von dem Ufer des Sees aus mit angeſehen, jetzt dunkelroth vor Zorn im Antlitz, dicht neben ihm ſein Thier parirte, hieb er dem zuſammenzuckenden Knaben mit voller Wucht die Peitſche über die Schultern, daß dieſer mit einem Angſt⸗ und Schmerzensſchrei ſeitwärts von ſeinem Pferde hinunterflog und, was er laufen konnte, quer hin über die Wieſe floh. Georg aber ſah ſich nicht weiter nach ihm um. Das davon ſprengende Pferd raſch einholend und am Zügel faſſend, führte er es langſam dem jetzt nicht mehr fernen Gute zu und überließ den an⸗ deren, ihm zu folgen. Zu Hauſe angelangt, nahm indeſſen ein wirth⸗ ſchaftliches und noch dazu unangenehmes Geſchäft Georg's Aufmerkſamkeit gleich ſo in Anſpruch, daß er eine Zeit lang im Hofe aufgehalten wurde. Ein Knecht hatte nämlich Hafer veruntreut, denſelben den Pferden entzogen und verkauft, der Verwalter ihn aber auf der That ertappt, und der Schuldige mußte verhört und beſtraft werden. Georg war auch heute nicht in der Stimmung, ihm das Vergehen nachzuſehen. Der Burſche wollte allerdings ſeine That erſt noch ableugnen und Ger ſt äcker, Der Kunſtreiter. II. 3 34 dann wenigſtens beſchönigen, aber es half ihm nichts. Sein Lohn wurde ihm ausgezahlt und er in derſelben Stunde mit ſeiner Kiſte, die er auf dem Rücken nach Schildheim hinuntertragen mußte, vom Hofe fortgejagt. Zum Mittageſſen, das bald nachher aufgetra⸗ gen wurde, kam die ganze Familie zuſammen. Selbſt Karl hatte ſich wieder eingefunden, denn er wußte, daß er nicht fehlen durfte. Der alte Mlühler war aber vollkommen nüchtern geworden und blieb ſehr kleinlaut, und kein Wort wurde über dem Eſſen von den Vorgängen des heutigen Tages erwähnt. 1 Georginen konnte übrigens nicht entgehen, daß irgend etwas Außergewöhnliches vorgefallen ſein müſſe. Als ſie ihren Gatten deßhalb fragte, ſchützte dieſer allerdings die Angelegenheit mit dem Knechte vor, aber ſie ließ ſich nicht durch ſolche Ausrede täuſchen; denn wenn das ihn auch ver⸗ ſtimmen konnte, hatte es den nämlichen Einfluß doch nicht auch zu gleicher Zeit auf ihren Vater, wie alle Uebrigen, die gar nicht damit in Verbin⸗ dung ſtanden, ausgeübt. Da Georg indeſſen ſel⸗ ber nichts weiter darüber äußerte, ſo vermuthete ſie, daß er mit ihr allein darüber reden wolle, 35 und ſchwieg ebenfalls, und die Mahlzeit verlief düſter und lautlos. Nach Tiſche verließ Georg die Tafel, ohne ihr das Geringſte zu ſagen. Er ging mit dem Ver⸗ walter in ſein Zimmer, das im andern Flügel lag, ihm das Geld für die heutige Ablohnung der Tagelöhner zu überliefern, und der Hauslehrer zog ſich ebenfalls zurück, nach Tiſche ungeſtört ſeine Cigarre zu rauchen. Nur die Gouvernante blieb noch zurück, und dieſe entfernte Georgine bald mit einem Auftrage. Als ſie das Zimmer verlaſſen hatte, ſah die Frau erſt den Vater, dann Karl, der an den Nä⸗ geln kauend am Fenſter ſtand, dann Joſephinen an, und ſagte endlich mit ernſter, ſtrenger Stim⸗ me, ſich ihrer Herrſchaft ſelbſt über den Vater be⸗ wußt: Was iſt heute vorgefallen?—„Ihr habt etwas, das Ihr mir verbergt, und ich will es wiſſen. Was war es, Vater?“ „Nichts— Alfanzerei!“ brummte dieſer, indem er ebenfalls zum Fenſter trat und an den Schei⸗ ben trommelte.„Der Junge da, der Karl, iſt hinter einem durchgegangenen Pferde drein ge⸗ ſprungen, hat es eingefangen und iſt damit fort⸗ geritten, und er kam dazu und wurde böſe darü⸗ ber— das iſt Alles.“ 3* 36 „Und ich laſſe mich nicht mehr mißhandeln!“ knirſchte jetzt Karl, der nur mit Mühe und Noth die vorquellenden Thränen zurückhielt, in verbiſſe⸗ ner Wuth.„Ich bin alt genug, mir mein Brod ſelber zu verdienen, und brauche mich nicht hier füttern und— peitſchen zu laſſen, wie einen Hund!“ „Er hat Dich geſchlagen?“ fragte Georgine düſter. „Gepeitſcht,“ knirſchte der Knabe zwiſchen den Zähnen—„gepeitſcht vor der ganzen Schule! Ich bleibe nicht länger hier, denn ich weiß, wenn er es mir noch einmal thäte, würde ich ihm mein Meſſer zwiſchen die Rippen rennen— dem...“ „Du bleibſt,“ ſagte Georgine mit feſter, ent⸗ ſchiedener Stimme, nich ſelber werde mit Georg reden.“ „Ich begreife gar nicht, warum Vater ſo böſe darüber geworden iſt,“ meinte Joſephine. „Höre, Georgine,“ ſagte nach einigem Zögern der alte Mühler, der ſich nicht ganz ſicher wußte, ob Georg ſeinen eigenen Luftſprung geſehen hatte oder nicht—„laß das— laß das lieber bleiben.“ „Weßhalb?“ „Du weißt, Georg iſt heftig und..“ 6 „Er hat kein Recht, den Knaben zu ſchlagen, weil er ein wild gewordenes Pferd einfängt.“ „Nun ja, die Sache war aber auch eigentlich ein Bißchen anders. Karl iſt auf das Pferd hin⸗ auf voltigirt, was ihm Georg ſtreng verboten hatte. Dafür hat er ihm Eins mit der Reitpeitſche aufgezählt, das war Alles.“ „Alles?— aber ich bin kein Kind mehr und — kein Pferd,“ rief Karl, nur noch mehr in ſei⸗ nem Trotze beharrend, da er Georginen auf ſei⸗ ner Seite fand. „Aber Du hatteſt unrecht,“ ſagte der Alte,„Du weißt, Du ſollſt keine Kunſtſtücke mehr machen.“ „Und wer will es mir wehren?“ rief der Knabe; „wenn mich der Mann als Kind Kunſtſtücke ma⸗ chen ließ und mich beſonders dazu anlernte, hat er kein Recht, es mir jetzt, da es ihm nicht mehr paßt, zu verwehren. Ich brauche ihn gar nicht, ich kann ohne ihn leben, und das verdammte Ler⸗ nen habe ich ohnedies ſatt. Ich bringe nichts in den Kopf, und in der Schule lachen mich die klei⸗ nen Jungen aus, weil ich noch zwiſchen ihnen ſitzen muß. Das thue ich auch nicht länger; ich laufe fort.“ „Du biſt ein Eſel!“ ſagte der Alte trocken; „wo willſt Du hin, he?“ 38 „Ueberall hin, ich komme durch,“ trotzte aber der Burſche.—„Hol's der Böſe, ſo ein Leben hier fortzuführen, halte ich doch nicht aus, und da war's in der freien Reitbahn zehntauſend millio⸗ nenmal beſſer. Ich komme durch.“ „Warte, bis ich mitlaufe,“ brummte der Alte, „dann kannſt Du mit; jetzt aber geh zu Deinem Herrn Doktor und lerne Deine Geſchichten, was Du zu lernen haſt; das iſt geſcheidter. Marſch auf mein Zimmer, ich komme ſelbſt gleich nach— da kommt auch ſchon die Franzöſin wieder.— Nun haltet das Maul, wenn Ihr geſcheidt ſeid, und macht keinen Scandal aus der Sache, daß er nicht noch einmal böſe darüber wird. Komm, Karl, heute Abend laſſen wir den Hanswurſt wieder tanzen, wenn Du brav biſt.“ 1 Und mit dieſen Worten den Knaben bei der Hand ergreifend, zog er ihn mit ſich aus der Thür. 3 15. Mühler ging mit dem Knaben den Gang hin⸗ unter, ſeiner eigenen Stube zu, als ihnen Georg begegnete. Der Alte wäre ihm gern ausgewichen, aber es war nicht mehr möglich. „Mühler,“ ſagte Georg ruhig,„ich habe ein paar Worte mit Euch zu ſprechen. Karl, geh auf Dein Zimmer— ich hoffe, die heutige Lection wird Dir in's Gedächtniß zurückgerufen haben, meinen Be⸗ fehlen künftig genauer nachzukommen. Geh nur jetzt— wir brauchen Dich hier nicht“— und er winkte dabei dem Knaben ſo gebieteriſch zu, daß dieſer, wenn auch verdroſſen, doch ſcheu dem Be⸗ fehle Folge leiſtete. Er wußte recht gut, daß er gehorchen mußte. Georg ſah ihm nach, bis er um die Ecke des Ganges verſchwunden war, dann ſagte er mit wohl gedämpfter, aber finſterer Stimme zu dem Alten, der ſich ihm höchſt unbehaglich gegenüber 40 fühlte:„Mühler, Ihr ſolltet Euch in Eure Seele hinein ſchämen, ſolche Streiche zu treiben, wie Ihr heute gethan!“ „Ich? ich weiß gar nicht...“ „Schweigt!“ befahl ihm aber Georg.„Ihr wißt recht gut, was ich meine, denn ich habe Euch geſehen. Verſteht Ihr denn nicht beſſer, als ich es Euch je erklären könnte, die eigenthümliche Lage, in der ich mich hier der Welt gegenüber befinde, und ſollte Euch nicht gerade beſonders daran liegen, das Verhältniß nicht muthwillig zu ſtören, ja, zu zerſtören, das Euch ſowohl wie uns hier Frieden und eine anſtändige, geachtete Exiſtenz ſichert?“ „Ich vergaß mich einmal...“ „Das weiß ich, aber,“ und er hob dabei drohend den Finger,„es darf nicht wieder geſchehen. Ihr werdet jetzt, wie es ſteht, Mühe genug haben, Euch die Achtung im Orte wieder zu ſichern, die Ihr durch Euer heutiges Betragen vielleicht auf immer verſcherzt habt. Erfahren die Leute erſt einmal, was Ihr geweſen ſeid, dann haltet Euch auch verſichert, daß kein anſtändiger Bauer, von den Gutsherren gar nicht zu reden, mehr Gemein⸗ ſchaft mit Euch wird haben wollen, denn ſo viel habt Ihr im Leben draußen doch gewiß gelernt, daß man über einen Hanswurſt wohl lacht, aber nicht mit ihm verkehrt. Noch könnt Ihr es aber vielleicht wieder gut machen; haltet Euch die Leute fern, ſo viel es geht, und beſonders trinkt nicht mit ihnen. Euer Kopf verträgt die ſtarken Ge⸗ tränke nicht, und einmal halb im Rauſch, und Ihr ſeid Eurer Zunge, Eurer Handlungen nicht mehr mächtig. Aber ich denke, ich habe Euch ge⸗ nug darüber geſagt— nur das noch als Warnung: fällt etwas Aehnliches noch einmal vor, ſo müßt Ihr den Platz verlaſſen— darauf gebe ich Euch mein Wort, und wie Georg Bertrand ſein Wort niemals brach, ſo breche auch ich es nicht. Ich dächte, Ihr kenntet mich darin.“ Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, ließ er den Alten im Gange ſtehen und ſchritt nach Georginens Stube. Mühler aber drückte ſich raſch um die Gangecke, ſeinem eigenen Zimmer zu; wie er ſich jedoch aus dem Bereiche Georg's wußte, blieb er ſtehen, ſchüttelte ſich, wie ein Pu⸗ del eine Tracht Schläge abſchüttelt, und zwar auf eine ihm eigenthümliche Weiſe, die ſchon oft die Gallerien zu kreiſchendem Gelächter gezwungen hatte, daß nämlich alle ſeine Glieder wie locker am Leibe hingen und hin⸗ und herflogen.— Dann, einen ſcheuen Blick über die Schulter werfend, ob 42 die Luft noch rein ſei, rieb er ſich vergnügt die Hände und lachte ſtill vor ſich hin, während er den Gang hinabtrollte. „Das iſt noch gut gegangen— Teufel auch! heute, glaubt' ich, kriegt' ich's dick. Er ſieht aber auch Alles, der Cujon— na, warte, Du ſollſt mich nicht wieder erwiſchen, mein Schatz, denn fort möcht' ich mich doch auch nicht aus dem bequemen Platz hier jagen laſſen.“ Georg ging in das Zimmer ſeiner Frau und fand dieſe mit gerötheten Wangen und raſchen Schritten, die Arme feſt verſchränkt, auf⸗ und ab⸗ gehen. Bei ſeinem Eintritte blieb ſie ſtehen und ſah ihren Gatten finſter an. „Was haſt Du?“ ſagte dieſer ruhig, die Be⸗ wegung der Frau konnte ihm nicht entgehen. „Was ich habe, Georg,“ rief Georgine, die dieſen Augenblick erſehnt hatte, indem ſie nach dem Herzen griff,„einen Schmerz hier, einen bittern, nagenden Schmerz, der mir nicht Naſt noch Ruhe läßt.“ „Das alte Leiden?“ ſagte Georg düſter, indem er ſeinen Hut auf den Tiſch warf. „Ja und nein,“ lautete die Antwort,„Du ſelber haſt es heute heraufgezwungen!“ „Ich?— wie ſo?“ „Daß Du den Knaben gemißhandelt, weil er in fröhlicher Jugendlaune einen Augenblick vergaß, welche freie ſchöne Kunſt er einſt ausgeübt hatte und jetzt nicht mehr ausüben ſollte. Glaubſt Du nicht, daß wir den Zwang doppelt fühlen, wenn er auf ſo rohe Weiſe in Kraft gehalten wird? Glaubſt Du nicht, daß der Stab, der ſich bis jetzt nur gebo⸗ gen, wenn er zu ſtraff angeſpannt wird, auch brechen könnte?“ „Wenn er das Biegen nicht vertragen kann, mag er brechen,“ erwiederte mit tiefer, feſter Stimme der Mann. „Georg!“ „Höre mich,“ fuhr ihr Gatte fort,„denn ich zweifle ſehr, daß Du den ganzen Umfang des heu⸗ tigen Vergehens weißt. Karl hat nicht allein ge⸗ fehlt, das hätte ich vielleicht verziehen, da er ſich bis jetzt gut gehalten, aber Dein Vater ſelbéer, wahrſcheinlich wieder vom ſtarken Trunke erregt, vergaß ſich ſo weit, daß er mitten im Dorfe, von der ganzen Schule umgeben, ſeine alten Künſte ausübte und ſich in der Luft überſchlug. Den Jubel, den das von dem alten, bisher ſo geſetzten Manne erregte, kannſt Du Dir denken. Ich kam zum Glücke zufälliger Weiſe dazu und verhinderte weitern Unfug. Soll ich mein Anſehen, mein ganzes künftiges Lebensglück, wie das meines Kin⸗ des, auf ſolche ekelhafte Art gefährdet und unter⸗ graben ſehen? Georgine, Du weißt, wie lieb ich Dich und Euch Alle habe, aber Du kennſt mich auch; Du weißt, daß ich Begonnenes auch durch⸗ führe, daß, wo ich einmal meinen Willen ein⸗ geſetzt, ich auch die Kraft beſitze, da zu handeln; deßhalb warne Deine Angehörigen. Noch e in ſolches Vergehen, und die Bande, die mich bis jetzt an ſie feſſeln, ſind unerbittlich, unwiderruflich gelöſ 4 „Meine Angehörigen? und ſind es nicht die Deinen auch?“ fragte Georgine ſcharf. „Sie ſollen es bleiben, ſo lange ſie meinen Anordnungen folgen— nicht einen Augenblick länger.“ „Anordnungen? ſage lieber Befehlen.“ „So nenne es denn Befehle, wenn Du willſt.“ „Ich weiß es wohl,“ zürnte die Frau,„Du haſt kein Herz für uns. So lange wir Dir Nutzen brachten, waren wir Dir gut, doch jetzt, wo...“ „ Halt ein, Georgine,“ unterbrach ſie ernſt der Mann,„das iſt ein harter, böſer Vorwurf, der nicht aus Deinem Herzen kam. Du biſt aber jetzt, wenn auch völlig grundlos, gereizt, und wir wollen nicht weiter darüber rechten. Ich habe Deinen Vater freundlich ermahnt, an uns ſowohl, . 45 wie an ſich ſelbſt zu denken; ich hoffe, das wird für ihn genügen. Karl hat gleich an Ort und Stelle ſeine Strafe bekommen, und die Sache iſt alſo abgemacht. Willſt Du ſelber noch einmal mit ihnen darüber ſprechen, ſo gehe erſt mit Deiner Vernunft zu Rathe, die wird Dich den richti⸗ gen Weg ſchon leiten.“ Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, verließ er das Zimmer, beſtieg unten im Hofe ſein ſchon bereit gehaltenes Pferd und ſprengte. in den Wald hinaus. Georgine blieb, wie er ſie verlaſſen, im Zim⸗ mer ſtehen und ſah ihm düſter nach. Der unge⸗ beugte Charakter des bisher ſo ſelbſtſtändigen, ver⸗ wöhnten Weibes konnte ſich dem Zwange noch nicht fügen, der es hier von allen Seiten hemmend umgab. Wohl tauchten wieder jene Gedanken, ihn abzuſchütteln, in ihr auf, aber wieder und wieder hielt ſie der Gedanke an Joſephine zurück, die das verhaßte Geſetz ihren Händen entzog, das Schickſal des Kindes in die Hände des Vaters legend. Allerdings hatte ſie ſchon in*ss, ehe ſie dem Willen des Gatten nachgab, Alles verſucht, ſich Recht in ihrem Sinne zu verſchaffen. Sie ſel⸗ ber war zu den beſten Advocaten der Stadt ge⸗ gangen, ihren Beiſtand in dieſer Sache zu erfra⸗ 46 gen und für ſich zu ſichern. Sie alle aber hatten ihr einfach das in dieſem Falle wirklich einmal nicht anders zu deutende Geſetz vorgelegt, das keinen Ausweg offen ließ: Bis zum ſiebenten Jahre blieb, bei einer Scheidung der Gatten, das Kind der Mutter, damit dieſe über das zarte Alter deſſelben wachen konnte; nach dem ſiebenten Jahre aber wurde es dem Vater, als ſeinem eigentlichen Erhalter und Ernährer, anvertraut, und es hätte der Beweiſe bedurft, daß dieſer deſſen Erziehung nicht leiten und beſtreiten konnte, um es zu Gunſten der Mutter umzuändern— Beweiſe, die ſie in dieſem Falle unmöglich bringen konnte. Sie ſah ſich deßhalb gezwungen, nachzugeben— nach⸗ zugeben, vielleicht zum erſten Male in ihrem gan⸗ zen Leben, und das vergaß ſie deßhalb ſchon dem Gatten nie. Georg ſprengte indeſſen in den Wald, das Herz voll von trüben, drückenden Gedanken; denn nie mehr, als gerade in dieſem Augenblicke, fühlte er die Laſt, die mit den Ueberreſten ſeines frühern Lebens hereinragte in ſein jetziges edleres Sein. Wie war es möglich, daß er den alten Mann, den er verachtete, von ſich abſchütteln konnte, ohne Georginen im tiefſten Herzen zu verwu⸗ und that er es nicht, wer bürgte ihm 44 nicht bei nächſter Gelegenheit der Menſch, der nun 2 einmal zur Hefe des Volkes gehörte, ſeine eigene Stellung im neuen bürgerlichen Leben durch irgend einen tollen Streich untergraben, ja, rettungslos zerſtören könne?— Und was dann? Hatte er nicht die Pein ſeiner frühern Exiſtenz kennen ge⸗ lernt? War nicht der Schleier von ſeinen Augen gefallen, durch den geblendet er jenen wilden, zü⸗ gelloſen Stand nur ſtets im roſigſten und ſchönſten Lichte geſehen? Dahin konnte er nicht zurück⸗ kehren, ohne, wie er recht gut fühlte, geiſtig und moraliſch zu Grunde zu gehen, und machte es ihm hier die Verbindung mit jenen alten Ketten, in der er durch den frühern Poſſenreißer ſeiner Bande gehalten wurde, nicht doch am Ende auch noch unmöglich, ſeinem Ziele feſt und unverzagt ent⸗ gegenzuſtreben? Er fühlte ſelber nicht, wie der Rappe, von Schenkeldruck und Sporn getrieben, in ſauſendem Ritt mit ihm die Straße entlangflog. Der Wind aber kühlte ſeine heißen Schläfe, die raſche, kräf⸗ tige Bewegung that ihm wohl, und ſeinem feurigen Thier den Zügel laſſend, ſprengte er mit ihm dem nächſten breiten Holzwege folgend, gerade in den Wald hinein. Hier aber mäßigte der Rappe felber ſeinen Schritt; der Weg war rauh und hart 45 gefroren, und die zarten Hufe des edlen Thieres nicht an ſolche Bahn gewöhnt. Und als auch hierin der Reiter ihm volle Freiheit ließ, blieb es endlich ſchnaubend und mit dem ſchönen Kopfe auf⸗ und niederfahrend auf einer Waldblöße ſte⸗ hen, wo ein Jäger, die Flinte vor ſich auf den Knieen, auf einem gefällten Baume ſaß und jetzt erſt, als er den Nahenden erkannte, aufſtand, ihn achtungsvoll zu begrüßen. Es war der alte Forſtwart Barthold, und Georg's Blick haftete unwillkürlich lange und mit einem eigenen Intereſſe auf den gefurchten eiſer⸗ nen Zügen des Greiſes, um deſſen Schläfe der kalte Nordwind die von den Jahren zu Schnee gebleichten Locken jagte. „Setzt auf, Alter, ſetzt auf,“ ſagte er endlich haſtig, als ſein Geiſt zu den Gegenſtänden um ihn her zurückkehrte,„das iſt kein Wetter, mit ent⸗ blößtem Kopfe zu ſtehen, und noch dazn in Euren Jahren!“ 1 Der Alte neigte ſich leiſe und schorchte dem Befehl. „Und was macht Ihr hier?“ fuhr Georg fort, indem er abſtieg, den Nacken ſeines Thieres klopfte und ihm dann den Zügel auf den Sattel legte; mkommt, geht mit mir ein Stück durch den Waldze mein Pferd iſt etwas warm geworden, und ich möchte es nicht ſtillſtehen laſſen.“ „Ich hab' hier in der Gegend ein Eiſen für eine wilde Katze geſtellt,“ erwiderte der Forſtwart, indem er ſich an der Seite Georg's hielt, aber nicht ohne einiges Erſtaunen ſah, daß dieſem der feurige Rappe lammfromm und wie ein Hund folgte. „Giebt es deren hier?“ „Selten einmal eine, aber ſie kommen doch zu Zeiten vor und thun dann gar erſchrecklichen Schaden unter den lieben Waldthieren. Es iſt blutdürſtiges, unerſättliches Zeug, das Katzenge⸗ ſchlecht, und Wolf und Fuchs reichen ihm nicht das Waſſer.— Nur der Menſchtreibt es manch⸗ mal noch ſchlimmer als ſie.“ „Und ſo haltet Ihr den Wolf für beſſer als den Menſchen,“ lächelte Georg, der ſchon von den Eigenheiten des Alten gehört hatte, und der ſich jetzt freute, einmal ſo allein mit ihm zuſammen⸗ getroffen zu ſein— vertrieb es ihm doch auch die böſen Gedanken, die ſein Hirn peinigten und ſeine Seele quälten. 3 „Gewiß thu' ich das,“ erwiderte leiſe der Mann.„Der Wolf iſt ein wildes Thier, ohne weitern Verſtand, als den, den ihm der liebe Gott gegeben hat, ſeine Beute zu beſchleichen.“ 4 Gerſtäcker, Der Kunſtreiter. II. 50 „Ihr meint den Inſtinct.“ „Den mein' ich nicht, ich meine Verſtand,“ be⸗ harrte der Alte;„Inſtinct iſt ein Wort, das prächtig für die Art von Leuten paßt, die in den Städten die dicken Bücher ſchreiben, und deren eigener Verſtand ſtill ſteht, wenn ſie einmal zu uns in den Wald kommen und das Leben und Treiben der Thiere zu ſehen kriegen. Wir aber, die wir eben dieſe Thiere näher kennen, wiſſen das wohl beſſer. Glauben Sie z. B., gnädiger Herr, daß Ihnen das kluge Pferd da etwa nur aus In⸗ ſtinct folgt?“ „Ein Pferd? nein, das hat gewiß Verſtand.“ „Schön, das ſagen Sie, weil Sie näher mit ihm bekannt geworden ſind; würden Sie meine lieben Waldthiere ſo gut kennen lernen, ſo fänden Sie gar bald, daß wir es denen noch diel weni⸗ ger abſprechen dürfen.— Der Menſch aber, was ich vorhin ſagen wollte, hat ſeinen vollen Verſtand und Geiſt und Vernunft und Seele, und wie er es ſonſt noch nennt, vom lieben Gott erhalten, und wie gebraucht er das Alles nur zu oft!“ „Und nur die wilde Katze ſetzt Ihr noch an bösartigen Eigenſchaften über den Menſchen?“ lächelte Georg. „Vielleicht hab' ich unrecht,„ ſagte der Alte, — 341 aber ich kann mir einmal nicht helfen, wenn ich die Katzen mehr als anderes wildes Gethier haſſe und verabſcheue. Aber gerade ſie, mehr als Schuhu und Raubvögel, zerſtören mir im Frühjahr die junge Brut meiner lieben kleinen Singvögel, und wenn ich dann ſo ein armes Thierchen neben ſei⸗ nem zerriſſenen Neſtchen ſitzen und trauern und die zerbrochenen Eierſchalen unter dem Baume liegen ſehe, dann überläuft's mich immer, ich weiß eigentlich ſelber nicht, wie, und ich ſchwör's den Katzen, Mardern und Iltiſſen zu, daß ſie mir's büßen ſollen für alle Zeit— wo ich ſie nämlich verwiſchen kann.“ „Und Ihr habt die Singvögel ſo gern, Forſt⸗ wart?“ „Ja, gnädiger Herr, und mit Recht,“ ſagte der alte Mann, und es war faſt, als ob ſeine Stimme bei den Worten zitterte.—„Die kleinen Wald⸗ ſänger ſind mir die liebſten Thiere in der Welt; vielleicht, weil es die einzigen Freunde ſind, die ich in der Welt habe,“ ſetzte er langſamer hinzu, „und bei denen wäre es denn ſchon nichts mehr als Schuldigkeit, daß man ihnen wieder Anhäng⸗ lichkeit bewieſe. Haben ſie doch auch Niemanden hier weiter wie mich, der ihren Feinden nachſtellt und ſie ſchützt und beſchirmt, wo es noth thut.“ 4* 52 „Und weiter habt Ihr keine Freunde, Bart⸗ hold?“ „Keine weiter,“ ſagte der alte Mann und ſchüttelte dazu langſam den greiſen Kopf.“ „Aber der Graf hat mir ſehr freundlich von Euch geſprochen und Euch mir warm empfohlen.“ „Der Herr Graf iſt ein wackerer, braver Herr,“ meinte der Forſtwart,„und ich werde ihm ewig danken, was er an mir gethan— mehr, als Sie und jemand Anderes wiſſen können;— aber— den Herrn kann ich doch nicht zu meinen Freun⸗ den zählen.“ „Nicht?— und weßhalb?“ 1„Lieber Gott, weßhalb? Der Herr Graf iſt mir ein lieber und gnädiger Herr— aber er iſt eben ein Herr, und noch dazu ein recht vorneh⸗ mer, wenn auch wohlwollend und herablaſſend, und da kann mit unſer einem von Freundſchaft nicht die Rede ſein. Unter Freunden, mein gnädiger Herr, verſtehe ich zwei Theile, die vor einander kein Geheimniß haben, die einander mit⸗ theilen, was ſie freut, was ſie drückt, die einan⸗ der helfen, wo ſie können— nicht nur der eine Theil dem andern, ſondern auch umgekehrt, und die beiſammen ausharten in Freud' und Leid— ſo lange eben dieſes morſche Leben noch zuſam⸗ 53 menhält, und das Herz nicht aufgehört hat zu ſchlagen.“ „Aber unter der Bedingung, Forſtwart, dürft Ihr die Vögel des Waldes, und wenn ſie noch ſo lieb und freundlich ſingen, doch nicht zu Euren Freunden zählen, denn Ihr mögt ihnen ſo viel klagen und geſtehen, wie Ihr wollt, ihr Mund bleibt ſtumm für Euch, und mit der Hülffe und dem Beiſtande, die ſie Euch leiſten könnten, ſieht es auch nur windig aus.“ „Meinen Sie, gnädiger Herr?“ ſagte der alte Mann und lächelte dabei gar ſtill und heim⸗ lich vor ſich hin;„aber da hätten Sie ſich doch vielleicht geirrt, denn nicht allein verſtehen die Vögel mich, wenn ich bei ihnen einmal hier drau⸗ ßen dem gedrückten Herzen Luft mache, nein, ich verſtehe ſie eben ſo gut, ob die paar Zurückge⸗ bliebenen mir nun im kalten Winter ihr Leid, oder im Sommer den Verluſt eines lieben Ange⸗ hörigen klagen, oder mir im Frühling die heim⸗ kehrenden Wanderer ihren Jubel, ihre Seligkeit entgegenzwitſchern.— Sie, gnädiger Herr, ſind eigentlich ſeit langer, langer Zeit der Erſte, mit dem ich wieder darüber rede, weil— weil mich etwas zu Ihnen zieht, dem ich keine Worte geben kann, für das ich eigentlich keine Urſache habe. 54 Früher, ja, ſprach ich mich offen darüber gegen Jeden aus, aber mein Lohn war, daß ich von dem unwiſſenden Volke verlacht und ausgeſpottet wurde. Da behielt ich, was ich wußte, lieber für mich, und zog mich mehr und mehr nur auf mich ſelbſt zurück.“ „Und Ihr glaubt wirklich, daß Ihr die Sprache der Thiere verſtehen könnt— daß ſie Euch wie⸗ der verſtehen, wenn Ihr mit ihnen ſprecht?“ „Ich glaube es nicht nur,“ ſagte zuverſicht⸗ lich der alte Mann,„ich weiß es ganz gewiß. Stunden lang hab' ich ſchon draußen auf der Wieſe bei den Störchen geſeſſen und mir von ihren Reiſen erzählen laſſen— Stunden lang dem muntern, manchmal ein Bißchen leichtfertigen Stieglitz zugehört, und was meine alte treue Amſel betrifft, die mir eigentlich die Liebſte iſt von Allen zuſammen, ſo verſtehen wir Beide wohl jede Sylbe, die wir mit einander reden.“ „Die Amſel iſt Euch die Liebſte?“ fragte Georg, der unwillkürlich Intereſſe an den Phantaſien des alten Mannes nahm. „Gewiß,“ erwiderte dieſer.„Die Amſel iſt eines von den beſcheidenen, anſpruchsloſen Weſen in der Welt, die trotz ihres eigenen Verdienſtes, eben ihrer Zurückhaltung wegen, es doch nirgends 55 zu was Ordentlichem bringen und ſtets zurück⸗ geſetzt und überſehen werden. Und wie treu hält ſie bei uns in Froſt und Kälte aus; wie beſchei⸗ den hüpft ſie in ihrem anſpruchsloſen ſchwarzen Kleidchen einher, und was für eine lieblich grüne Stimme hat ſie dabei!“ „Eine grüne Stimme?“ fragte Georg, dem dieſer Ausdruck neu war. „Allerdings,“ verſicherte der alte Mann,„und zwar das ganz beſtimmte junge Waldesgrün, wenn ihm der Frühling ſeinen erſten Saft gegeben— nicht ein Miſchmaſch von Farben, wie der Finke mit ſeinem Violet, oder der Zeiſig gar mit ſeinem ſchmutzig gelben Ton— ein reines, ſchönes, helles Grün, das mit ſeinem lieben Klange meine alten Ohren auch noch erfreut, wenn der Winter ſchon lange das wirkliche Grün von den Zweigen ge⸗ fegt und ſeine weiße Schneedecke über den Wald gebreitet hat.“ „So beurtheilt Ihr den Geſang der Vögel nach den Farben?“ „Gewiß thue ich das,“ verſicherte der Greis, „und nirgends zeigen ſich mir die Farben deut⸗ licher, als eben im Geſange. Die Grasmücke ſingt roth, aber kein brennend ſchmerzendes Roth wie der Canarienvogel, ſondern ſanft und doch leuch⸗ 56 tend, wie ich nur einmal in meinem Leben am nördlichen geſtirnten Himmel habe Strahlen ſchie⸗ ßen ſehen. Die Nachtigall ſingt dunkelblau— dunkelblau wie der Nachthimmel ſelber, daß man die Beiden kaum von einander unterſcheiden kann. Die Lerche ſingt jenes wundervolle Korngelb der reifen Aehren, das Rothſchwänzchen ein allerlieb⸗ ſtes bläuliches Grau, die Schwalbe weiß, der Nuß⸗ heher, der ſpöttiſche Geſell, ein tiefes Schwarz, ich⸗ mag den geſchwätzigen hirnloſen Burſchen auch deß⸗ halb nicht beſonders leiden; die Droſſel ſingt dun⸗ kelgrün, und faſt alle Farben finden ſich unter den Sängern des Waldes, alle, mit ihren leiſeſten Schattirungen— nur nicht hellblau. Kein Vo⸗ gel, und das iſt etwas, worüber ich ſchon oſt und lange nachgedacht, ſingt hellblau, und nur ein ein⸗ ziges Mal, und zwar eine einzige Nacht, habe ich— eine Nachtigall⸗ gehört, die hellblau ſang, und das war das ſchönſte Himmelblau, das man ſich nur denken kann.“ „Und nie wieder hat ſie gerade ſo geſungen?“ fragte Georg, den, er wußte ſelber nicht weßhalb, ein eigenes Gefühl der Theilnahme für den Greis beſchlich. „Nie wieder,“ ſagte der alte Mann leiſe,„es war ihr Sterbelied geweſen, denn am nächſten Morgen fand ich ſie todt in demſelben Buſche— todt und unverletzt, und habe ſie auch dort, wo ich ſie fand, nachher begraben.— Ich werde den Tag nie vergeſſen; es war derſelbe Morgen, an dem die Kinder wieder von hier abreiſten, und wie ich da drüben unter dem Buſche bei dem todten Vogel ſaß, liefen mir die hellen Thränen die Backen herunter. Ich weiß aber wahrhaftig nicht, ob ich über den Vogel oder über die Kin⸗ der geweint habe, die ich— wenigſtens beide zu⸗ ſammen— nicht wiederſehen ſollte.“ Der alte Mann ſchwieg und ſah ſtill und trau⸗ rig vor ſich nieder, und auch Georg wagte im erſten Augenblicke nicht die Stille zu unterbre⸗ chen. Von welchen Kindern ſprach der Greis, und war es nicht etwa gar die eigene Jugend, die an das Herz dieſes alten, ſtarren Waldbewohners ge⸗ klopft und die Erinnerung darin zurückgelaſſen hatte?— Er mußte darüber Gewißheit haben. „Was für Kinder, Forſtwart?“ fragte er mit ſo viel Gleichgültigkeit als möglich im Tone. „Das eine köunen Sie, gnädiger Herr,“ ſagte da der alte Mann,„es iſt unſer gnädigſter Herr Graf, den Gott uns noch recht lange erhalten möge.— Wie hübſch und ſchlank und kräftig der emporgeſchoſſen iſt, und wie viel Freude er ſchon — 58— ſeiner braven Frau Mutter gemacht hat, daß ſie wohl ſtolz auf ihn ſein darf!“ „Und das andere ꝛ0 fragte Georg nach ſicht⸗ lichem Widerſtreben, als der alte Mann hart⸗ näckig ſchwieg—„was iſt aus dem andern ge⸗ worden?“ „Da fragen Sie den lieben Herrgott!“ ſeufzte der alte Mann,„der andere Knabe war ſein Bruder.— Auf ein Haar faſt glichen ſich die beiden jungen Herren, und ſo wild und lebens⸗ luſtig waren ſie, und ſo gut, ſo engelgut dabei! Der jüngſte beſonders war ein herzig Kind— ich ſehe ihn noch vor mir mit den langen dun⸗ keln Locken und den großen ſterngleichen Augen — und ich durfte mit ihnen durch den Wald gehen und ihnen das Wild zeigen, und die Stellen, wo die ſaftigſten Erdbeeren wuchſen, und der kleinſte faßte mich dann an der Hand und fragte mich, wie hoch der Himmel noch über den hohen Beäumen ſei, und ob es wahr wäre, daß die Sterne dort droben die Augen von lieben Engelchen wä⸗ ren, die herabſchauten auf die Kinder, ob ſie auch brav und gut wären und ihren Eltern Freude machten?— Und dann erzählte er mir von ſeinem Vater, daß er geſtorben und zum lieben Gott ge⸗ gangen ſei und ſie, die beiden Knaben, mit der 59 Mutter hier allein zurückgelaſſen habe, und— Gottes Zorn!“ murmelte der alte Mann vor ſich hin, und wandte ſich ab von Georg, denn ſchämte ſich vor dem Fremden, daß ihm, ſelbſt in der Erinnerung an jene Zeit, die ſein Herz mit einer eigenen Wehmuth erfüllte, die Thränen in's Auge gekommen waren. Georg aber, der ihn mit ſchmerzlicher Span⸗ nung beobachtete, war das nicht entgangen, wenn er auch that, als ob er es nicht bemerke; hatte er doch Mühe genug, die eigene Rührung niederzu⸗ kämpfen. Endlich, ſich gewaltſam zwingend, ſagte er leiſe:„Und von dem andern Knaben habt Ihr nie wieder— den andern Knaben habt Ihr nie wieder geſehen?“ „Nein,“ erwiderte der Alte;„damals blieben ſie acht Wochen bei uns, und kein Tag verging, wo wir uns nicht zuſammen hier draußen herum⸗ getummelt hätten. Ein paar wilde Burſchen wa⸗ ren es alle Beide, und tolle Streiche haben wir mitſammen ausgeführt. Der jüngſte beſonders — der kleine Tollkopf konnte mit mir machen, was er wollte— ſchien ſein Herz an mich ge⸗ hängt zu haben. Auf mir geritten iſt er ſogar, oft und oft, und hat mir dann verſprochen, wenn er einmal groß wäre, wollte er mich zu ſeinem 60 Stallmeiſter, und Gott weiß was ſonſt noch machen.— Dann gingen ſie fort, und ich blieb hieg zurück— als Forſtwart, Waldläufer oder was Sie wollen.— Ein paar Mal noch ließen mich die Knaben, beſonders der kleine Georg— er hieß wie Sie, gnädiger Herr, Georg— grü⸗ ßen, dann war auch das vorbei. Ich ſelber ver⸗ gaß die Kinder wohl nicht, denn wenn man ſo ganz allein ſteht auf der Welt, vergißt man nicht ſo leicht etwas, an dem das Herz einmal ſo ge⸗ hangen, wie ich an den Kindern, beſonders an dem jungen Herrn. Während aus den Knaben aber Männer wurden, hörte ich endlich, daß der eine— mein armer kleiner Georg— Deutſch⸗ land ganz verlaſſen habe und— in der Fremde geſtorben ſei, und da konnte ich denn natürlich nichts weiter thun, als— um ihn trauern.“ „Und habt Ihr ſeinen Bruder nie nach ihm gefragt⸗ ꝛ0 ſagte endlich nach langer Pauſe, wäh⸗ rend die beiden Männer ſchweigend neben einan⸗ der hingeſchritten waren, Georg. 1 Der Alte ſchüttelte mit dem Kopfe.„Das ging nicht gut,“ meinte er; ‚ſollte ich die Wunde im Bruderherzen wieder aufreißen? Und ich war froh und glücklich, daß ich wenigſtens den Einen wieder hatte und mir in deſſen heiteren, männ⸗ lich ſchönen, Zügen das Bild des Andern herauf⸗ rufen und feſthalten konnte. Die Jahre ſind auch drüber hingegangen, und wie der Hügel auf dem Grabe des längſt Entſchlafenen eingeſunken ſein wird, ſind meine Wangen eingefallen, iſt mein Haar gebleicht, und ich dachte kaum, daß ich noch einmal ſo lebhaft wieder an ihn denken würde, bis— bis Sie neulich, gnädiger Herr, mit un⸗ ſerem gnädigen Grafen in den Hof einritten.“ „Ich?“ rief Georg, und ſuchte die Bewegung zu verbergen, die ſeine Stimme zittern machte. „Ja,“ ſagte der Greis, und unwillkürlich ſuchte ſein Blick dabei den des Begleiters,„wie ich Sie Beide da zuſammen und neben einander, in all' der Kraft männlicher Schönheit, Beide einander ſo ähnlich, und doch auch wieder ſo verſchieden, auf einmal vor mir ſah, war es plötzlich, als ob eine Stimme in meinem alten Innern ſpräche: da ſind ſie— die Zeit iſt wiedergekommen, die du ſo heiß erſehnt; er iſt nicht todt, der kleine Georg, ſondern zurückgekehrt, wie er es mir als Kind, ſeine kleine Hand in der meinen, feſt ver⸗ ſprochen.— Ich hatte mich doch geirrt; und nur daß Sie Georg heißen, iſt ein merkwürdiger Zu⸗ fall. Zwanzig Jahre ſind freilich eine lange, lange Zeit; aber, lieber Gott! mein altes Herz hat ſich 85 45* — 62— doch geirrt, denn was man eben wünſcht, arzuft man ja auch gern.“ „Und Ihr habt den Knaben alſo noch ni h er geſſen, Barthold?“ 1 „Ich?— das Kind? nein, mein gnädiger Herr. Ich weiß nicht, weßhalb— es war nicht mein Kind, und ging mich auch weiter nichts an, als daß es eben der Herrſchaft gehörte und viel⸗ leicht einmal ſpäter ſelber mein Herr geworden wäre; denn uns alten Dienſtboten geht es wie dem Inventar auf den Gütern, zu dem wir auch mit gehören— wir wechſeln die Beſitzer. Aber ich glaube, der kleine Burſch hatte es mir da⸗ mals mit ſeinen klugen, treuen Augen angethan, — vielleicht mit einer Kleinigkeit, die aber bei uns Menſchen oft wunderbaren Einfluß ausübt.“ „Und die war?“ „Ich hatte die Kinder gebeten, mich— ich weiß eigentlich ſelber nicht, weßhalb, bei meinem Vornamen Franz zu nennen, der Aelteſte aber, unſer gnädiger Herr Graf jetzt, der auch ſchon ein Bißchen beſſer mit den Leuten umzugehen wußte, konnte oder wollte es ſich nicht merken und nannte mich nicht anders als Barthold oder Forſtwart.— Der kleine Georg aber— Sie dür⸗ fen es mir nicht übel deuten, daß ich ihn noch ſo nenne, denn für mich iſt er der„kleine Georg“ geblieben, alle Zeit— that mir den Wil⸗ len und nannte mich Franz, und einmal, wie er Abſchied von mir nahm, hat er mich ſogar ge⸗ küßt, und von der Zeit an, wo ich die Kinder in die große Kutſche ſteigen und mir noch einmal mit den Tüchern winken ſah, war es mir, als ob Alles, was ich noch auf der Welt mein nenne, mit dem Kinde auf Nimmerwiederſehen geſchieden ſei.— Aber, lieber Gott! ich ſchwatze und ſchwatze da von Dingen, die Ew. Gnaden unmöglich in⸗ tereſſiren können. Halten Sie es einem alten Manne zu Gute, dem es überdies ſelten genug geſtattet iſt, ſein Herz einmal einem Nebenmen⸗ ſchen auszuſchütten. Ich fühle, daß ich Sie ge⸗ langweilt habe.“ „Das habt Ihr nicht, Barthold,“ ſagte Georg, der gewaltſam die in ihm aufſteigende Rührung niederkämpfen mußte, um ſich nicht zu verrathen. „Ihr habt mir überdies vorhergeſagt, daß Ihr Euer Herz nur Euren Freunden gegenüber öffnen möchtet, zählt mich dazu von jetzt an, ich meine es gut mit Euch. Nehmt meine Hand, ſie iſt Euch gern geboten, wenn ich auch— Euer 64 kleiner Georg nicht bin— für den Ihr mich ge⸗ halten.“ „Gnädiger Herr,“ ſagte der alte Forſtwart ver⸗ legen, indem er ſchüchtern ſeine Hand in die ihm dargebotene Rechte ſeines Begleiters legte—„Sie ſind ſo gütig...“ „Wohin führt dieſer Weg?“ unterbrach ihn jetzt Georg, der das Geſpräch abzubrechen wünſchte, denn er vermochte nicht länger, dem Alten gegen⸗ über, kalt und gleichgültig zu ſcheinen. „Mitten in den Wald,“ lautete die Antwort; „ich muß tauſend Mal um Verzeihung bitten, wenn ich Sie einen falſchen geführt habe. Wir ſind hier gleich an der Grenze, und ich wollte eigentlich nur nach einem Fuchsbau ſehen; ich habe gar nicht daran gedacht, daß Sie...“ „Es ſchadet nichts; ich habe nur einen Spa⸗ zierritt gemacht, und jede Richtung bleibt ſich da gleich. Aber ich will jetzt umkehren. Adieu, Barthold, ſorgt nur hübſch für Eure kleinen ge⸗ fiederten Freunde, die Singvögel, denn ich habe ſie ebenfalls gern, und— wenn Ihr einmal et⸗ was habt, das Euch auf dem Herzen liegt und das andere Hülfe verlangt, als ſie Euch gewähren es irgend in meinen Kräften ſteht, helfe ich Euch. Lebt wohl.“ Mit den Worten wandte er ſich zu ſeinem Pferde, das auf ſein Zeichen raſch herbeigetrabt kam, ſchwang ſich in den Sattel und ritt langſam den Weg wieder zurück, den er mit dem Alten heraufgekommen. Barthold blieb noch lange, wie ihn Georg ver⸗ laſſen hatte, im Wege ſtehen und ſchaute ihm ſchweigend nach, dann ſetzte er ſeine Pelzmütze, die er beim Abſchied abgenommen, wieder auf und murmelte leiſe, während er ſich jetzt in den Wald wandte: Gerade ſo würde mein kleiner Georg wohl auch zu ſeinem alten Freunde geſprochen haben; gerade ſo ſähe er vielleicht auch aus, aber — du lieber Gott! alter Franz, was hilft es dir? er iſt es ja doch nicht, und wenn er wie⸗ dergekommen wäre?— wer weiß, ob er dann noch ſo freundlich mit dem alten Forſtwart, der eben doch nichts weiter als ein Forſtwart iſt, geſprochen hätte, und dann— dann hätt' es mir freilich noch viel, viel weher gethan, als ſo, wo er gar nicht wiedergekommen iſt.— Und leiſe noch viel mehr vor ſich hinſprechend, und langſam dazu mit dem Kopfe nickend, verfolgte er ſeinen Weg. Gerſtäcker, Der Kunſtreiter. II. 5 16. Georg ritt langſam den Weg, den er gekom⸗ men, zurück, das Herz aber mit anderen Gedan⸗ ken erfüllt als denen, die er ſo toll und wild auf ſchnaubendem Roſſe in den Wald hinausgetragen. Es war die Jugendzeit, die liebe, holde Jugend⸗ zeit, die wieder vor ſeinem innern Blicke empor⸗ tauchte, und doch auch brachte ſie kein Lächeln auf die zuſammengepreßten Lippen, doch drängte ſie keine Freudenthräne in das feſt und ſtarr auf dem Wege haftende Auge. Erſt als ſich der Wald lichtete, ſah der Reiter wieder auf, und durch ſeine Umgebung zur Gegen⸗ wart zurückgeführt, lenkte er ſein Pferd hinter dem Dorfe weg, unten am See nach ſeinen Arbeitern zu ſchauen. Er fühlte ſich noch nicht ruhig ge⸗ nug, nach Hauſe zurückzukehren. Die Straße ſelber, als er ſie endlich erreichte, war heute außerordentlich belebt, und er erinnerte ſich jetzt gehört zu haben, daß an dieſem Abende — 67 im Stern zu Schildheim eine Hochzeit gefeiert wer⸗ den ſollte. Die einzige Tochter des Wirthes heira⸗ thete hinüber nach Oledorf, und der Vater hatte beſchloſſen, die Feierlichkeit mit einem ſolennen Schmauſe und Tanze zu beſchließen, zu dem eine Menge Verwandte und Gäſte aus Oledorf ſowohl, wie aus Schildheim ſelber geladen waren. Eine Strecke hinter dem Dorfe ſah der Reiter einen Knäuel Menſchen auf der Straße ſtehen, die um ein umgeworfenes Fuhrwerk verſammelt waren. Faſt unwillkürlich lenkte er ſein Pferd dorthin und entdeckte bald einen vornehm aus⸗ ſehenden Herrn, der in Reiſekleidern neben einem zerbrochenen Wagen ſtand. Das linke Hinterrad war in Stücken, augenſcheinlich an einem der Wegſteine zerſchellt, und lag im Straßengraben, während ein Kutſcher mit Hülfe des Bedienten und einiger gefälligen Bauern bemüht war, das Riemenzeug der Pferde wieder in Ordnung zu bringen. Der Reiſende ſelber bekümmerte ſich je⸗ doch weder um Pferde noch Wagen, ſondern ſchien nur damit beſchäftigt, ſeinen etwas beſchmutzten und ſogar beſchädigten Rock wieder zu reinigen, wie die Stöße, die ſein Hut, wahrſcheinlich beim Herausfallen aus dem Wagen, erhalten hatte, un⸗ geſchehen zu machen. 5* 68 Durch die Umſtehenden, die Georg kannten, wurde er jedoch auf den Nahenden aufmerkſam gemacht, und wandte ſich jetzt höflich gegen dieſen. „Herr von Geyfeln, wie ich höre iſt das Ihr Name, ich bedaure ſehr, mich Ihnen in dieſer Si⸗ tuation und dieſem Zuſtande vorſtellen zu müſſen; mein Name iſt Baron von Zühbig, und ich bin hier auf abominable Art mit meinem Geſchirr erſt feſt und dann auseinander gefahren. Könnten Sie uns nicht helfen laſſen, daß wir wenigſtens mit dem Wagen das dort liegende Dorf er⸗ reichten?“ „Das kann ich allerdings, Herr Baron,“ er⸗ widerte Georg,„und es thut mir leid, daß Sie der Unfall hier betroffen hat. Ich begreife frei⸗ lich nicht, wie es auf der breiten trockenen Straße möglich war.“ „Ein Leiterwagen voll junger Bauern kam in geſtreckter Carrière hinter uns drein,“ erzählte der Baron.„Die jungen übermüthigen Burſchen, die wahrſcheinlich zu irgend einem Feſte zogen, jauchz⸗ ten und ſchrieen und ſchwenkten die Hüte, meine Pferde ſcheuten dadurch etwas zur Seite, das Vorderrad vermied jenen Stein, aber das Hin⸗ terrad wurde dagegen geriſſen, brach wie Glas ,— 69 und warf mich in dieſem Zuſtande, wie Sie mich hier erblicken, in den Graben hinein.“ „Ich bedaure Sie innig; die Leute haben heute, im Dorfe eine Hochzeit und ſind dabei gern ein wenig laut; aber ich darf Sie nicht länger als nöthig hier auf der Straße laſſen. Dort drüben arbeiten meine Leute— die Hinterräder Ihres Wagens ſind ziemlich hoch, ich denke, eines von meinen Schlammwägen kann Ihr Geſchirr wenig⸗ ſtens bis zum Dorfe bringen, und dort werde ich Sorge tragen, daß Ihr Schade, trotz der Hochzeit heute, augenblicklich wieder verbeſſert wird. Ent⸗ ſchuldigen Sie mich nur auf wenige Minuten, ich bin gleich wieder bei Ihnen.“ ud damit wandte er ſein Pferd und ritt in ſcharfem Trabe über die Wieſe hinüber der Stelle zu, wo ſeine Leute arbeiteten, dieſe zur Hülfe des beſchädigten Wagens herbeizuholen. Er kehrte auch bald mit ihnen zurück. Das Fuhrwerk wurde wieder ſo weit in Stand geſetzt, die kurze Strecke bis zum Dorfe wenigſtens zuſammenzuhalten, und Georg, der ſein Pferd jetzt am Zügel führte, ſchritt neben dem Fremden auf der Straße hin. Er ſelber kam aber dabei nicht viel zu Wort; der Fremde, der außerordentlich wißbegierig ſchien, richtete hundert Fragen an ihn, ohne ihm jedoch 1 ——— — 70 Zeit zu laſſen, auch nur eine genügend zu beant⸗ worten, und intereſſirte ſich beſonders dafür, zu erfahren, ob es hier in nächſter Nähe nicht irgend eine Stadt oder ein Städtchen gäbe, das er heute Abend noch erreichen könnte und in denen Theater geſpielt würde. Das war allerdings nicht der Fall, und der Fremde, der, wie es ſchien, um den Preis ſeinen zerbrochenen Wagen ſehr gern für heute im Stiche gelaſſen haben würde, ſah ſich jetzt genöthigt, die⸗ ſem wieder ſeine Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Sie hatten nämlich das Dorf erreicht, und der Schmied erklärte ſich mit dem Wagen⸗ oder Stellmacher, wenn auch im Anfange nach entſchie⸗ denem Weigern, endlich bereit, die nöthige Re⸗ paratur ſofort vorzunehmen, und daß die Leute raſch arbeiten würden, dafür bürgte Georg die Hochzeit, zu der ſie Beide eingeladen waren. Jetzt galt es, dem Fremden Unterkommen im Gaſthauſe zu verſchaffen; das war aber entſchie⸗ den unmöglich und jedes Winkelchen im Hauſe, bis in die Ställe hinein, beſetzt. Nicht einmal Kutſcher und Pferde konnten dort untergebracht werden. So ungern es Georg gerade bei einem Frem⸗ 1 den that, ſah er ſich doch endlich genöthigt, ihm . 5 44 ——— 71 für die Nacht— denn an ein Weiterreiſen ließ ſich nicht denken— ſeine Gaſtfreundſchaft anzu⸗ bieten, die indeſſen von dem Fremden, wenn auch erſt nach ſcheinbarem Sträuben und tauſend nichts⸗ ſagenden, meiſt franzöſiſchen Phraſen von„Stören“ und„zur Laſt Fallen,“ angenommen wurde. Den Wagen hatte man indeſſen den betreffenden Hand⸗ werkern übergeben, der Kutſcher führte die Pferde in das Gut voran, der Bediente folgte mit dem Nöthigſten, was ſein Herr für die Nacht brauchte — und das war mehr, als er allein tragen konnte — das übrige Gepäck hatte der Wirth in ſein eigenes Zimmer geſtellt, und die beiden Herren ſchritten jetzt ebenfalls plaudernd zum Gute hin⸗ auf, wo Georg die Wirthſchafterin rufen ließ und ihr auftrug, augenblicklich eines der Fremdenzim⸗ mer für den Gaſt herzurichten.. Das war bald geſchehen, und Baron von Züh⸗ big wurde in Stand geſetzt, ſeine Toilette mit ängſtlichſter Sorgfalt, wie er es ſtets gewohnt war, zu vollenden. Bis dahin konnte auch das Abend⸗ brod bereitet ſein, und zwar heute nur für die beiden Gatten und den Fremden. Der alte Mühler hatte gebeten, auf ſeinem Zimmer eſſen zu dürfen, und die Erzieherin trank überdies jeden Abend mit Joſephine den Thee auf ihrem Zimmer. 72 Georgine war von dem unerwarteten Beſuch rechtzeitig in Kenntniß geſetzt worden und eben mit ihren Anordnungen in Küche und Keller, wie mit ihrer eigenen Toilette fertig geworden, als Herr von Zühbig, von Georg geführt, ihr Zim⸗ mer betrat und ſich ihr mit ſeiner zierlichſten Ver⸗ beugung nahte. „Gnädige Frau, ich muß unendlich bedauern, wenn auch die unſchuldige, doch die Urſache zu ſein, d ie Sie heute Abend Ihrer gewohnten Be⸗ quemlichkeit und ungeſtörten Häuslichkeit entreißt, einem Fremden Gaſtfreundſchaft zu erweiſen, aber Ihr Herr Gemahl war..“ Er blieb plötzlich mit⸗ ten in ſeiner Rede ſtecfen und ſah die Dame er⸗ ſtaunt und forſchend an, die aber ruhig lächelnd erwiderte: „Laſſen Sie ſich das nicht ſtören, Herr Ba⸗ ron. Wir auf dem Lande ſind einmal darauf ein⸗ gerichtet, Nachbarn und Freunde, die uns beſu⸗ chen, auch bei uns zu beherbergen. Freilich müſſen Sie Nachſicht mit uns haben, denn die Zeit war ein wenig kurz.“ „Gnädige Frau— ich,“ ſtammelte Herr von Zühbig,„ich weiß wirklich nicht— ob ich— ob ich uiit ſchon früher das— das Vergnügen hatte.. „Der Baron wird fürlieb nehmen,“ unterbrach hn Georg,„ein Reiſender iſt darauf eingerichtet, oft in irgend dem erſten, beſten Wirthshauſe zu campiren, und die Bequemlichkeiten ſind dort auch nicht immer ausgeſuchter Art. Im Stern unten hätten Sie es keinesfalls beſſer gefunden, und wahrſcheinlich noch außerdem die ganze Nacht vor tobender Muſik kein Auge ſchließen können.“ „Gewiß— gewiß,“ ſtammelte der Baron,„aber — Sie verzeihen wohl meine Zudringlichkeit— doch nein, es iſt nicht möglich— und doch— Herr von Geyfeln— Sie müſſen mich wahrhaf⸗ tig entſchuldigen— dieſe— dieſe...“ „Was iſt Ihnen? Sie ſcheinen ganz außer ſich zu ſein!“ ſagte Georg. „Das bin ich auch,“ rief von Zühbig, indem er abwechſelnd jetzt bald Georginen, bald Georg ſtaunend und immer noch ungewiß anſtarrte,„wahr⸗ haftig, gnädige Frau— ich weiß in dieſem Augen⸗ blicke nicht, ob ich auf dem Kopfe oder auf den Füßen ſtehe. Ich würde das Ganze auch nur für einen charmanten, feenhaften Traum halten, wenn Ihre beiden Perſönlichkeiten, Ihre klang⸗ volle Stimme mich nicht eines Beſſern belehrten; — aber ich muß Sie ſchon früher einmal geſe⸗ hen haben— wenn auch unter anderem, wahr⸗ 44 ſcheinlich angenommenem Namen. Wenn nicht, haben Sie Beide entweder Doppelgänger, oder es beſteht eine Aehnlichkeit zwiſchen vier verſchiedenen Perſonen in der Welt, die ich bis zu dieſem Augenblicke nicht für möglich gehalten hätte.“ Georgine erröthete leicht und ſah ihren Gatten an. Georg's Brauen aber zogen ſich finſter zu⸗ ſammen, und kaum fähig, ſeine Faſſung zu be⸗ halten, ſagte er:„Es finden ſich oft Aehnlichkei⸗ ten auf der Welt, Herr Baron, die uns im An⸗ fange ſtutzig machen— es giebt deren auch, die ſchmeichelhaft— andere, die es nicht ſind. Das Beſte iſt, man läßt ſich nicht von ihnen beirren, und nimmt das Leben, wie es ſich eben bietet, ohne darüber nachzugrübeln.“ Irgend ein anderer Mann, in des Barons Stelle, hätte ſich vielleicht den ziemlich deutlichen Wink genügen laſſen, Herr von Zühbig aber, mit dem entzückenden Gefühl, für die Salons und deren Klatſch eine neue ſuperbe Entdeckung ge⸗ macht zu haben, und von der Identität der vor ihm Stehenden dabei feſt überzeugt, hörte, ſah und verſtand nichts weiter. „Wenn ich Ihnen nur geſtehen dürfte, wie glücklich ich mich fühle, Ihnen hier in Ihrer rei⸗ zenden Einſamkeit begegnet zu ſein!“ fuhr er fort, 3 . 75 als er ſah, daß Georgine verlegen ſchwieg;„ich ſegne jetzt den Unfall mit meinem Wagen, der mich auf keiner paſſendern Stelle hätte auf'8 Trockene ſetzen können.“ „Und mit wem haben wir Aehnlichkeit, Herr Baron?“ ſagte in dieſem Augenblicke Georg's tiefe Stimme an ſeiner Seite. „Mit wem?“ fuhr Herr von Zühbig raſch und beinahe etwas erſchreckt herum und ſtarrte ſeinen Wirth verblüfft an. Deſſen Ruhe machte ihn näm⸗ lich in ſeiner Entdeckung wieder ſchwankend, und wenn er auch auf Georginens Geſicht mit gutem Gewiſſen hätte ſchwören mögen, ſo war ihm das ihres Gatten doch keineswegs ſo ſicher im Ge⸗ dächtniß geblieben, darin jeden Irrthum außer Zweifel zu laſſen.—„Mit wem, Verehrteſter? oh, mit— aber, hahahaha— Sie wollen doch nicht etwa— Ihr Name...“ „Georg von Geyfeln.“ „Von Geyfeln?— Georg?— oh gewiß— außer allem Zweifel. Ich bitte, mich um Gottes⸗ willen nicht mißverſtehen zu wollen. Der frühere Name war jedenfalls angenommen— ein Kun ſt⸗ name. Wir haben das ja bei der Bühne alle Tage und ich— darf wohl mit Recht von mir ſagen, daß ich ſelber mit zur Kunſt gehöre.“ 476— „Sie ſelber? wie verſtehe ich das?“ fragte Georg, dem der Fremde eben nicht wie ein Künſt⸗ ler vorkommen mochte. „Ich bin,“ ſtellte ſich Herr von Zühbig vor, „General⸗Intendant des*sſchen Hoftheaters, wo ich— wenn ich nicht jetzt an ein Wunder glau⸗ ben ſoll— das Glück hatte, durch Sie Beide in reine Ekſtaſe verſetzt zu werden. Sie— aber, beſter Baron, machen Sie kein ſolch' ernſthaftes Geſicht— Sie bringen mich wirklich in— in Ungewißheit und Gewißheit— ich fange ſchon an, ganz confus zu reden— zur Verzweiflung.“ „Am esſchen Hoftheater?“ ſagte Georg, immer noch in der, wenn auch vergeblichen Hoffnung,. den Fremden von ſeiner Beute für Thee⸗ und Abend⸗Unterhaltung abzulenken. „Bitte um Verzeihung— nicht im Hoftheater, ſondern im— aber Sie wahrhaftig brauchen ſich Ihrer Erfolge nicht zu ſchämen— gnädige Frau, was Sie auch immer bewogen haben konnte, auf eine Zeit Ihr enormes Talent dem Publicum zu widmen, in dieſem Augenblicke...“ „Habe ich das Vergnügen, Ihnen in ihr meine Frau, Baronin von Geyfeln, vorzuſtellen,“ unterbrach ihn Georg kalt. „Ungemein erfreut,“ ſtotterte Herr von Zühbig, 77 der dabei nicht einmal wußte, was er ſprach, „ungemein in der That— gnädige Frau, erlau⸗ ben Sie mir, daß ich...“ er nahm ihre Hand und führte ſie ehrfurchtsvoll an die Lippen. „Und jetzt, denke ich, wird ein Imbiß wohl bereit ſein,“ rief Georg wieder mit lebendigerem Tone, denn er wünſchte, dieſer fatalen Auseinan⸗ derſetzung ein Ende zu machen.„Der Baron wird nach ſeiner langen Fahrt und ſeinem Unfalle hungrig geworden ſein. Haſt Du beſtellt, mein Kind, daß wir hier oben in Deinem Zimmer eſſen?“ „Ja, es iſt Alles angeordnet und wird gleich gebracht werden,“ ſagte die Frau, die ſich an der Verwirrung des Fremden ergötzte, ohne im Ge⸗ ringſten das Peinliche zu fühlen, das ihres Gat⸗ ten Herz beengte;„aber bitte, Herr Baron, neh⸗ men Sie doch Platz. Sie müſſen Sich ja nach der heutigen Anſtrengung ermüdet fühlen.“ „Ja wohl— ich?— bitte um Verzeihung— mit dem größten Vergnügen,“ ſagte von Zühbig vollkommen außer Faſſung gebracht. Daß er ſich den beiden Kunſtreitern Monſieur Bertrand und Georginen gegenüberbefand, darauf hätte er in dem einen Augenblicke den höchſten körperlichen Eid ablegen mögen, während er im andern durch “ bei einer im Innern des Landes lebenden Schweſter, 78 Georg's ernſtes, abgemeſſenes Weſen faſt wieder ſchwankend gemacht worden wäre. Dazu kam die ver⸗ änderte Kleidung der Beiden, die andere, fremde Umgebung, und dann der Name— von Geyfeln. Es gab ein Geſchlecht von Geyfeln— Herr von Zühbig war viel zu ſehr Edelmann, nicht den ganzen deutſchen Adels⸗Katalog im Kopfe zu ha⸗ ben, und war wirklich der Edelmann ein Kunſt⸗ reiter oder der Kunſtreiter ein Edelmann geworden, oder beſtand zwiſchen vier ſich einander gar nichts angehenden Perſonen eine ſolche frappante Aehn⸗ lichkeit— daß ſelber er— der General⸗Intendant des*eſchen Hoftheaters getäuſcht werden konnte? Herr von Zühbig ließ ſich auf das Sopha neben Georginen nieder, und ſaß dort wie auf Nadeln, bis ihn die Fragen der ſchönen Frau nach ſeiner Reiſe und dem heutigen Unfalle wie⸗ der zu ſich ſelber brachten. Er erzählte jetzt, wie er Urlaub in*»s genommen, trotzdem, daß ſeine Anweſenheit dort dringend nöthig ſei, denn er fürchte, daß am dortigen Theater, ſelbſt während ſeiner kurzen Abweſenheit, die größten Mißgriffe geſchehen würden. Nothwendige Familien⸗Geſchäfte hatten ihn aber nach Norden gerufen, und er ſelber war nur der angenehmen Pflicht gefolgt, * der Gräfin Hoſtenbruk, Gevatter zu ſtehen. Von da kehrte er eben zurück— Herr von Geyfeln kannte gewiß die in Mecklenburg ziemlich ausge⸗ breitete Familie Hoſtenbruk— und während er im Anfange geglaubt habe, daß ihm ſein böſer Stern heute einen fatalen Aufenthalt zugezogen, finde er jetzt— und er ſetzte das mit ſeinem ſüßeſten Lächeln hinzu—, daß es ſein guter ge⸗ weſen ſei, dem er nicht genug danken könne. Einmal im Zuge, war auch keine Gefahr, daß Herr von Zühbig ein anderes Thema berühren würde, als ſich ſelber, und als er das erſchöpft zu haben ſchien, brachte ein einziges hingeworfenes Wort Georg's, das Theater berührend, ihn in eine neue Bahn, aus deren Geleiſen er nicht mehr wich, bis das Eſſen hereingebracht wurde. Auf eine einladende Bewegung Georg's hatte Herr von Zühbig eben der Dame des Hauſes den Arm geboten, ſie zu ihrem Stuhl zu führen, als Joſephine in das Zimmer kam und ſich gegen den Fremden verneigend ſagte:„Mama, ich habe mein Muſikheft hier liegen laſſen!“ „Mademoiſelle Joſephine, bei Zeus!“ rief Herr von Zühbig erſtaunt aus. Joſephine ſah ſtaunend von ihm zu ihren Eltern, der finſtere Blick des Vaters aber ließ ſie 80 die Scene raſch durchſchauen, und wieder ſich graciös verbeugend, gewiſſermaßen wie um für Nennung ihres Namens zu danken, ergriff ſie das vergeſſene Heft und verſchwand im nächſten Mugen⸗ blicke aus dem Zimmer. „Bitte, dieſen Platz einzunehmen, Herr Ba⸗ ron,“ ſagte indeſſen Georgine, während der Ge⸗ neral⸗Intendant noch immer auf derſelben Stelle ſtand und hinter dem jungen Mädchen wie hinter einer Erſcheinung drein ſah. „Entſchuldigen Sie,“ erwiderte verlegen Herr von Zühbig, und ſein Blick ſtreifte über die bei⸗ den Gatten. Wenn aber auch Georgine ihre volle Unbefangenheit gewahrt hatte— denn ihr ſelber machte es ſogar Freude, die Erinnerung an ſich und ihre Tochter ſo bewahrt zu ſehen—, konnte ſich der Baron doch nicht gut über den finſtern Ernſt täuſchen, der auf„Monſieur Bertrand's“ Zügen lag. Zu viel Weltmann dabei, einen o argen Mißgriff zu begehen, als jetzt noch einmal das Thema zu berühren, das, wie er fühlen mußte, ſeinem Wirthe wenigſtens kein angenehmes war, erwähnte er der neuen Beſtätigung, die er in ſeinem erſten Erkennen durch Joſephinens Erſchei⸗ nen gewonnen hatte, mit keinem Worte, und warf ſich jetzt, vielleicht mit etwas nur zu großem Eifer, ——-— 831 auf ein Geſpräch über Ackerbau und Viehzucht, das ihm vollkommen fern lag und von dem er kein Wort verſtand. Georg aber war ihm den⸗ noch dafür dankbar und ging raſch darauf ein. Trotzdem herrſchte ein Mißton in der Unterhaltung, die unter dieſen Umſtänden nicht natürlich flie⸗ ßen konnte. Der eine Theil verſchwieg et⸗ was, von dem der andere ſchon zu viel Kenntniß erlangt hatte, es ungeſchehen zu machen, und wenn auch das Geſpräch bald auf die Jagd, dann auf die Nachbarſchaft und die Unterhaltung im Win⸗ ter hinüberwechſelte, ließ ſich der heitere Ton darin nicht wiederfinden. 1 Herr von Zühbig ſehnte deßhalb die Zeit her⸗ bei, in der er ſich auf ſein eigenes Zimmer zurück⸗ ziehen konnte, und Georg kam ihm darin unter dem Vorwande zuvor, den reiſemüden Gaſt nicht zu lange die nöthige Ruhe und Bequemlichkeit entbehren zu laſſen. Am nächſten Morgen beim Frühſtück wollte man ſich wieder treffen, und bis dahin war auch der Wagen, wie ſich Georg in⸗ deſſen ſchon hatte erkundigen laſſen, wiederherge⸗ ſtellt, damit die Reiſe ungeſäumt fortſetzen zu können. So früh indeſſen Herr von Zühbig an dieſem Abend zu Bett gegangen war, ſo früh war er am Gerſt äcker, Der Kunſtreiter. II. 6 nächſten Morgen wieder auf und— unten im Dorfe. Nicht aber um nur nach ſeinem Geſchirr zu ſehen— das würde er unter anderen Umſtän⸗ den allein ſeinem Kutſcher oder Bedienten über⸗ laſſen haben,— ſondern in einer Sache, die für ihn weit größere Wichtigkeit hatte: über die Geyfeln'ſche Familie nämlich ſo viel Nachrichten als möalich einzuziehen. Schon beim Schmied erfuhr er denn auch zu ſeinem unbegrenzten Erſtaunen, daß das Gut Schildheim der Familie Geyerſtein gehöre und Herr von Geyfeln nur der neue Pächter ſei, der mit dem Grafen von Geyerſtein vor noch nicht ſehr langer Zeit hier eingetroffen wäre. Weiter vermochte ihm aber der Schmied keine Auskunft zu geben, und eben ſo wenig der Wagenmacher, das ausgenommen, daß der„gnädige Herr“ noch außer ſeiner Tochter den Vater ſeiner Frau und einen Knaben, einen Neffen oder Vetter, bei ſich habe. So viel einmal erkundſchaftet, gelüſtete es Herrn von Zühbig jetzt außerordentlich, noch mehr zu erfahren, denn daß die Reſidenz bei ſolcher Neuig⸗ keit auch die kleinſten Details von ihm verlangen würde, verſtand ſich wohl von ſelbſt; aber es ge⸗ lang ihm nicht. Selbſt der Wirth, der, als er ——’’— 83 den Stern betrat, nach durchſchwärmter Nacht eben ſein Bett verlaſſen hatte und ihn gähnend in Pan⸗ toffeln und Schlafpelz mitten im Hausflur be⸗ grüßte, wußte keine nähere Auskunft, und Herr von Zühbig hätte noch mit Vergnügen— trotz ſeiner dringenden Geſchäfte zu Hauſe— einen Tag in Schildheim zugegeben, ſeine Chronique scandaleuse zu vervollſtändigen, wenn ihm nur, dem Baron von Geyfeln gegenüber, der geringſte haltbare Grund dafür eingefallen wäre. Das ging jedoch nicht an; der Wagen war leider fir und fertig; ſein Diener hatte das Gepäck ſchon vom Gute heruntergebracht und eben begonnen, es wieder aufzuladen, und er mußte ſogar eilen, daß er zu der beſtimmten Zeit oben beim Frühſtück eintraf. Hatte er übrigens gehofft, hier noch einmal mit Georginen zuſammenzutreffen, ſo ſollte er ſich darin getäuſcht ſehen. Georg empfing ihn allein und benachrichtigte ihn, daß ſich ſeine Frau, eines leichten Unwohlſeins wegen, entſchuldigen ließe, zu ſo früher Stunde an ihrem Mahl Theil zu nehmen. Das Frühſtück wurde dann faſt ſchweigend eingenommen, und Georg begleitete danach ſeinen Gaſt in das Dorf hinunter, ihn ſicher und ſchnell unterwegs zu ſehen. „Herr von Geyfeln,“ ſagte hier, als ſie das 6* 84 Dorf faſt erreicht hatten, der Baron, indem er ſich zu ſeinem Begleiter wandte,„ich weiß wirklich nicht, wie ich Ihnen genug für die mir ſo herzlich erwieſene Hülfe und Gaſtfreundſchaft danken ſoll. Ich wollte nur, das Sie ſelher mir einmal Ge⸗ legenheit gäben.. „Sie haben ein Mittel, Herr Baron,“ unter⸗ brach ihn freundlich Georg,„und noch dazu eins, das den Dank ganz und gar auf meine Schul⸗ tern werfen würde.“ „Oh, bitte, nennen Sie es!“ rief von Zühbig raſch.„Sie glauben gar nicht, wie Sie ich de⸗ durch verpflichten würden.“ 4 „Es iſt ſehr einfach,“ lächelte Georg, abgr er fühlte ſelber, wie er ſich Zwang anthun mußte, unbefangen zu ſcheinen.„Wir ſind uns, wie Sie geſtern ganz richtig bemerkten, nicht zum erſten Male in dieſem Leben begegnet.“ „Nicht wahr?“ rief von Zühbig raſch und entzückt über dieſe Beſtätigung. „Es wäre thöricht, das verläugnen zu wollen,“ fuhr Georg ruhig fort.„Was mich dabei bewogen haben mag, eine Zeit lang die frühere Laufbahn zu verfolgen, kann dem Fremden, der kein weiteres Intereſſe als das einer flüchtigen Bekanntſchaft an mir nimmt, vollkommen gleichgültig ſein. Jetzt 35 aber bin ich in das geſellſchaftliche Leben, mit dem frühern abſchließend, zurückgetreten, und wie ich hier ſtill und abgeſchieden von der Welt, faſt mit Niemandem verkehrend, lebe, möchte ich die frühere Eriſtenz auch als abgeſchloſſen betrachten. Sie werden mich alſo außerordentlich verbinden, Herr Baron, wenn Sie, der Zeit gedenkend, die Sie mit uns verlebt, ſich nur erinnern wollten, daß ich von Geyfeln heiße. Ich brauche Ihnen kaum zu ſagen, daß weder ich noch meine Gattin ſtolz auf unſere früheren Triumphe ſind. Einen Monſieur Bertrand, den ich früher kannte, habe ich vollſtändig vergeſſen,— wollen Sie das Näm⸗ liche verſuchen?“ „Mit dem größten, innigſten Vergnügen, beſter Freund!“ rief Herr von Zühbig raſch und herz⸗ lich.„Ich ſelber muß nur noch tauſendmal um Pardon bitten, daß ich vielleicht durch irgend eine indiscrete Frage...“ 3 „Die Sache iſt abgemacht,“ lächelte Georg, die dargebotene Hand ergreifend;„unter Männern iſt nichts weiter nöthig, und ich kann Ihnen jetzt mit gutem Gewiſſen ſagen, daß ich mich von Herzen freue, im Stande geweſen zu ſein, Ihnen den kleinen, unbedeutenden Dienſt zu leiſten.— Aber hier ſind wir bei Ihrem Wagen; etwas plump iſt — würde ich mir erlauben, Sie aufzuſuchen. 47 86 das Rad gemacht, doch müſſen Sie mit unſeren Dorfarbeitern ſchon fürlieb nehmen. Jedenfalls hält es, und Sie können Ihre Reiſe ungehindert fortſetzen.“ „Alſo nochmals meinen wärmſten Dank, und üeif ich Ihnen in**s vielleicht irgend etwas.. „Ich danke freundlichſt,“ wehrte Georg ab. „Sie kennen unſern Vertrag, und nun glüclliche Reiſe.“ „Bitte, empfehlen Sie mich noch Ihrer Frau Gemahlin auf das Unterthänigſte, und wenn Sie je wieder nach en kommen ſollten.. 4 „Es wird nicht geſchehen; wäre es aber, ſo „Sie würden mich außerordentlich glücklich machen— Alles in Ordnung, Jean?“ „Alles, gnädiger Herr!“ 3 „Schön— zufahren— alſo adieu, lieber Baron, adieu!“ Georg neigte ſich leicht, als der Wagen, von einem Theile der Dorfjugend umſtanden, vorüber⸗ raſſelte, und Herr von Zühbig unterließ nicht, noch mehrmals freundlichſt aus dem Wagen nach dem Zurückbleibenden hinauszuwinken. 87 Georg blieb auf der Straße ſtehen und ſah ihm nach, bis das leichte Fuhrwerk um die nächſte Ecke verſchwunden war. Dann ſchritt er langſam, ſeinen eigenen Gedanken nachhangend, auf das Gut zurück. 17. Der letzte Abend war nicht allein oben im Gute, ſondern auch in Schildheim ein ſehr ereigniß⸗ reicher geweſen, denn die Verheirathung von des Sternenwirthes einziger Tochter, der hübſchen Kathrine, bildete ſchon an und für ſich eine Aera in dem ſonſtigen Stillleben des kleinen, abge⸗ ſchiedenen Ortes. Der Sternenwirth hatte ſich aber auch noch außerdem an dem Abende ſehr ſplendid gezeigt, und der Tanz, neben anderen theils vorbereiteten, theils zufälligen Genüſſen, bis nahe zum Morgengrauen gedauert; mit ihm natürlich das Zechen und Jubiliren. Der alte Mühler wäre mit Karl gern eben⸗ falls an dem geſtrigen Abende in's Dorf hinun⸗ tergegangen, nur der Vorfall des Morgens hielt ihn ab, denn er wußte recht gut, daß Georg nicht damit einverſtanden war, und wollte ihn nicht nooch böſer machen. Auch Karl durfte nicht fort, 9 und wenn etwas, ſo erbitterte das den jungen bis dahin keines Zwanges gewohnten Burſchen nur noch mehr. So ſaß er um eilf Uhr Mittags etwa— Georg war ſchon lange wieder auf das Gut zurückge⸗ kehrt— und arbeitete auf ſeiner Stube, dem alten Onkel gegenüber, an dem auf den Hof hin⸗ ausführenden Fenſter, kaute an den Nägeln und baute und verwarf Plan nach Plan, ſich dieſem, ihm unerträglich werdenden Leben zu entziehen. Da ertönte plötzlich unten auf dem Hofe luſtige Muſik— die Kirche war aus, und die Muſik⸗ bande, die geſtern Abend im Stern aufgeſpielt, war hinauf auf's Gut gezogen, ſich dort ein Trink⸗ geld zu verdienen.— Mit ihnen aber— und Karl fuhr mit einem Freudenſchrei von ſeinem Sitz empor— waren wunderlich und phantaſtiſch gekleidete Gaukler gekommen, die in kurzen Jacken und eng anliegenden Tricots zum Takte der Muſik auf dem Hofe und vor den Fenſtern Georg's ihre Künſte begannen. Einer hatte Stelzen an die Füße geſchnallt, womit er zur Muſik einen Walzer tanzte und andere Capriolen ausführte; ein Anderer überſchlug ſich und kugelte ſich, Bruſt und Bauch nach außen, wie ein Ring zuſammen, und der Dritte lief an 90 einer freiſtehenden kurzen Leiter hinauf, auf deren oberſter Sproſſe er dann mit großer Geſchicklich⸗ keit ſeine Künſte ausführte. „Bei Gott, Onkel!“ rief Karl jubelnd aus, „da unten iſt Müllheimer, Hentz und Bentling — komm raſch— Hentz macht ſein Leiterkunſt⸗ ſtück— ſiehſt Du dort?“ „Alle Teufel!“ murmelte der Alte in den Bart, „was wollen die denn hier, und wo kommen ſie her? Ob ſie wiſſen, daß Georg das Gut bewohnt?“ „Schwerlich,“ lachte Karl,„ſonſt hätten ſie wohl kaum ihre Kunſtſtücke im Hofe gemacht, ſon⸗ dern wären gleich von vorn herein heraufgekom⸗ men. Die werden Augen machen!“ „Was willſt Du thun?“ rief der alte Mühler erſchreckt, als Karl eben im Begriff war, das Fenſter zu öffnen. „Ich?“ ſagte der junge Burſche erſtaunt,„ſie anrufen, natürlich; ich ſoll doch wohl meine alten Freunde und Kameraden bei Euch hier nicht auch noch verläugnen und nicht mehr kennen dürfen?“ „Du biſt rein verrückt!“ rief der Alte, beſtürzt dazwiſchenſpringend.„Na, das Donnerwetter und das Halloh von dem da drüben möcht' ich ſehen, wenn der dazu käme. Wenn Du nicht ab⸗ ſolut willſt, daß er uns Beide noch heute am Tage 91 zum Tempel hinausjagt, ſo geh' vom Fenſter und thu' gar nicht, als ob Du die da unten ſiehſt.“ Karl war leichenblaß vor verhaltenem Grimme geworden, aber er ließ es geſchehen, daß ihn der Alte beim Handgelenk vom Fenſter zog und das Rouleau herunterließ, jedes weitere Hinausſehen zu verhindern. Er ſelber blinzte nur eben einmal hinter der Gardine vor, und ſah gerade, wie der alte Verwalter auf die Leute zuging, ihnen ein Geldſtück gab und ſie vom Hofe ſchickte. Das Geſchenk mußte auch ein ziemlich reich⸗ liches geweſen ſein, denn die Gaukler ſchienen ſehr erfreut. Deſto weniger zufrieden waren aber die Leute vom Hofe damit„die ſich ſchon um ſie hergedrängt hatten und ihnen jetzt, als ſie den Hof verließen, meiſt in das Dorf hinab folgten, dont vielleicht noch mehr von den fabelhaften Kün⸗ ſten zu ſehen zu bekommen. Noch ſtand er am Fenſter und ſah ihnen nach, als die Thür aufging und Georg eintrat. „Das iſt recht, Mühler,“ ſagte er, als er die niedergelaſſene Gardine bemerkte.„Ich weiß nicht, durch welchen Zufall, aber einige unſerer alten Bekannten haben, wahrſcheinlich auf der Durchreiſe, ihren Weg bis zu uns hieher gefunden. Ihr ſeid, wie ich ſehe, vernünftig genug, Euch fern von ihnen 92 zu halten, überdies werden die Burſchen Schild⸗ heim jedenfalls heute wieder verlaſſen. Ich brauche Euch alſo nicht weiter zu ermahnen, Euch heute lieber zu Hauſe zu halten, damit Ihr ihnen nicht etwa zufällig in den Weg liefet.“ „Denke gar nicht dran, auszugehen,“ brummte Mühler,„und will ſelber mit ihnen gar nichts zu thun haben.“ „Ich habe es von Euch nicht anders erwartet, 4 ſagte Georg,„und auf den jungen Burſchen da werdet Ihr mir auch ein wachſames Auge haben. Ich hoffe, Karl, daß Du verſtanden haſt, was ich eben ſagte?“ „Ja,“ erwiderte der junge Burſche, ſich gleich⸗ gültig abdrehend,—„wenn ich's nicht wieder vergeſſe.“ 3 „Nicht wieder vergeſſe?“ fragte Georg ſcharf, „ich erſuche Dich, Geſelle, Dein Gedächtniß an⸗ zuſtrengen, oder Du möchteſt das nächſte Mal nicht wieder ſo leicht dvon kommen. Ich will, daß Du es nicht vergiſſeſt, und das merke Dir, Patron, ſonſt ſprechen wir ein anderes Wort zu⸗ ſammen. Ich werde überhaupt— doch genug,“ brach er kurz ab,„es wird keine weitere Warnung nöthig ſein, denn Du weißt ſelber am Beſten, Karl, was Dir gut iſt und was Du von mir zu hof⸗ fen— oder zu fürchten haſt.“ Mit dieſen Wor⸗ ten verließ er raſch das Zimmer. „Verdammt, ob ich das nicht weiß,“ fluchte der junge Burſche, als die Thür kaum hinter dem Forteilenden zugefallen war,—„beſſer als Du es vielleicht denkſt, mein Herz, und daß ich es thun werde, darauf kannſt Du Dich verlaſſen.“ „Karl,“ warnte ihn der Alte,„ſei vernünftig und mach' keine dummen Streiche. Georg läßt nicht mit ſich ſpaßen.“ „Ob er's thut oder nicht, was kümmert's mich!“ trotzte der Knabe.„Wenn Du Luſt haſt, Onkel, ſeinen Knecht und gehorſamen Diener zu machen und dafür das Gnadenbrod zu nehmen, gut— Du biſt alt genug, zu wiſſen, was Dir zuſagt, ich aber vertrage es nicht. Er hat ge⸗ ſagt, ich wiſſe, was mir gut ſei, und ich will ihm dieſes Mal wenigſtens beweiſen, daß er ſich nicht geirrt.“ „Was haſt Du vor?“ ſagte der alte Mann beſorgt, als Karl ſeine Mitze aufgriff,„Du darfſt jetzt nicht fort.“ „Darf ich nicht?“ lachte der junge Burſche, der ihm unter den Händen fort und zur Thür glitt,„und wer will mich hindern?“ und mit den Wöorten ſchon verſchwand er im Gange draußen. * 94 „Karl 1“ rief ihm der alte Mühler beſorgt nach; Karl aber war nicht mehr zurückzurufen, und mit dem Gute und deſſen Ausgängen genau bekannt, lief er in die untere Etage hinab, ſprang von da in den Garten, Georg in dieſem Augenblicke nicht zu begegnen, und gelangte ungeſehen, wenigſtens ungehindert, in das Dorf hinab. Dort brauchte er auch nicht lange nach ſeinen früheren Kameraden zu ſuchen. Ein Volkshaufe, der ſich vor dem Wirthshauſe ſchreiend und lachend umherdrängte, verrieth ihm augenblicklich die Stelle, wo die drei„Künſtler“ eine rohe Schaar von Zu⸗ ſchauern entzückten und unterhielten, hätte ſelbſt nicht Hentz ſchon wieder auf der Spitze der Lei⸗ ter, den Kopf nach unten, die Beine in die Luft geſtreckt, hoch über die ihn umgebenden Dörfler hinausgeragt. Karl hatte auch vom Fenſter aus ganz recht geſehen. Es waren in der That jene drei jungen Burſchen, die früher zu ihrer Geſellſchaft gehörten und bei der Auflöſung derſelben brodlos in die Welt geworfen wurden. Wie ſie indeſſen ihr Le⸗ ben gefriſtet, zeigte ſich deutlich in dem gegenwär⸗ tigen Poſſenſpiel auf offener Straße, und Karl ſchämte ſich faſt, ſie hier vor allen Leuten anzu⸗ reden. Aber ſprechen wollte und mußte er mit ““ ihnen— er wußte überdies, daß die Mittagszeit ſie zwingen würde, ihre Künſte einzuſtellen, denn hier und da entfernten ſich ſchon einzelne der bis⸗ herigen Zuſchauer, ihren eigenen Wohnungen und gedeckten Tiſchen zuzueilen. Karl hatte ſich darin auch nicht geirrt. Die Glocke des kleinen Kirchthurmes hob kaum aus, ihre zwölf Male anzuſchlagen, als die Zuſchauer, die bis jetzt einen feſten Ring um das Künſtler⸗ Trifolium geſchloſſen, nach allen Richtungen hin auseinander ſtoben, und ohne daß Einer von ihnen daran gedacht hätte, die doch jedenfalls eben ſo hungrigen Aequilibriſten einzuladen, ja, ohne ſelbſt das Geringſte für den gehabten Genuß zu zahlen, waren ſie im nächſten Augenblicke ſpurlos verſchwunden. „Alle Teufel!“ rief der Eine von ihnen, Hentz, der dieſen plötzlichen Rückzug aus der verkehrten Vogelperſpective von der Leiter aus mit angeſehen, indem er mit einem geſchickten Satz herunter und auf die Füße kam,—„wie die Canaillen laufen, und Du, Müllheimer, läßt ſie auch fort, ohne ein⸗ zuſammeln!“ „Da ſammle Du einmal“ brummte der An⸗ geredete,„wenn bei derartigem Geſindel, noch dazu an einem Sonntage, die Freßglocke ſchlägt! — 96 Aber nach Tiſche will ich ſie ſchon wieder zuſam⸗ menkriegen, und dann ſollen ſie doppelt dafür bluten.— Wetter— wer iſt denn das, der da drüben ſteht?— das Geſicht kommt mir ſo be⸗ kannt vor.“ „He, Rother, wie geht's?“ „Charles! bei allen ſieben Todſünden!“ vief der bei ſeinem Spottnamen Angeredete erſtaunt aus;„alle Hagel, Junge, wo kommſt Du auf einmal wie aus den Wolken hergeſchneit?“ „Davon nachher,“ ſagte Karl, dem nicht daran lag, hier auf der Straße ein langes Geſpräch mit ihnen anzuknüpfen.„Kommt in’s Wirthshaus nach— ich werde dort etwas für Euch zu eſſen beſtellen“— und ohne eine Antwort abzuwarten, bog er in die nach dem Stern führende Gaſſe ein und überließ es ſeinen früheren Gefährten, ihm, der willkommenen Einladung nach, ſo raſch mit ihren verſchiedenen Utenſilien zu folgen, wie ſie eben konnten. 97 Es war drei Viertel auf ein Uhr— pünktlich um ein Uhr wurde Sonntags auf dem Gute ge⸗ geſſen— als Karl, eben ſo heimlich, wie er ſich entfernt, durch das in den Garten führende Saal⸗ fenſter mit Hülfe einer in der Nähe lehnenden Stange zurückſtieg und ſeines Onkels Zimmer betrat. „Na, da iſt er— Gottlob!“ ſagte dieſer.„Ich fürchtete wahrhaftig, er hätte dumme Streiche ge⸗ macht.— Es iſt gleich Eins, Junge.“ Karl's Blick haftete auf Georginen, die in der Mitte der Stube, die rechte Hand auf den Tiſch geſtützt, ſtand und ſtarr vor ſich niederſah, ohne von dem Eintretenden die geringſte Notiz zu nehmen. „Ja Onkel,“ erwiderte Karl ruhig, ohne den Blick von der Frau zu wenden,„und wahrſchein⸗ lich auch das letzte Mal, daß ich es hier werde Eins ſchlagen hören.“ „Biſt Du toll?“ rief Mühler erſchreckt. Georgine ſah raſch und forſchend zu ihm auf, Karl aber, ohne ſich im Geringſten irre machen zu laſſen, entgegnete:„Nichts weniger als das, Onkel; ich habe im Gegentheil heute, wie ich glaube, meinen Verſtand erſt wieder gefunden, und bin nicht geſonnen, mich hier länger knechten und mißhandeln zu laſſen, um zu leben, wie es Gerſtäcker, Der Kunſtreiter. II. 7 98 einem Dritten gefällt, während ich draußen mein eigener, freier Herr ſein kann. Die Kameraden gehen nach Altona, wo ſich ein neuer Circus un⸗ ter dem berühmten Royazet etablirt hat. Roya⸗ zet zahlt brillante Gagen, und wenn Georgine mit Joſephine bei dem einträte, könnte ſie...“ „Royazet?“ unterbrach ihn Georgine empor⸗ fahrend, und tiefes Roth färbte in dem Augen⸗ blicke ihre Wangen,„weißt Du das gewiß?“ „Gewiß,“ erwiderte Karl beſtimmt,„Müll⸗ heimer, Hentz und Bentling ſind eben dorthin un⸗ terwegs. Royazet hat ſich mit dem größten Theile ſeiner frühern Geſellſchaft veruneinigt, oder ſonnt Schwierigkeiten mit ihnen gehabt, denn ſie ſind ihm faſt alle von London aus nach Auſtralien durchgegangen. Hier allerdings bekommen wir nichts zu hören noch zu ſehen, draußen aber hat's in allen Zeitungen geſtanden, daß er eine neue Geſellſchaft gründen will, um mit ihr nach Ruß⸗ land zu gehen, und deßhalb alle namhaften Künſt⸗ ler auffordert, ſich an ihn zu wenden.“ „Aber ich habe keine einzige ſolche Aufforde⸗ rung in den Zeitungen geleſen,“ ſagte Georgine. „Das glaube ich,“ lachte Karl erbittert,„w lieſt ſie zuerſt? Georg, und was wir nicht wiſſen ſollen, das weiß er gut genug zu unterſchlagen. 99 Erſt vorgeſtern kam ich gerade dazu, wie er die neue Zeitung in den Ofen ſteckte, und meinen. Kopf ſetze ich zum Pfande, daß in der die näm⸗ liche Aufforderung ſtand.“ „Von Royazet will er überhaupt nichts wiſ⸗ ſen,“ meinte Mühler nachdenklich,„und Du kennſt den Grund gut genug, Georgine, denn er iſt eifer⸗ ſüchtig, wie der Teufel auf ihn. Aber wenn er wirklich die Zeitung verbrannt hätte, hat er doch nur recht damit gehabt. Was nützt es uns hier, zu wiſſen, daß ſie da draußen in der Welt noch .. luſtige Streiche treiben! Wir haben nichts mehr damit zu thun.“. „Meinſt Du, Onkel?“ rief Karl,„wenn Du wirklich eine ſolche Schlafmütze geworden biſt, Dich ruhig unter dem Daumen halten zu laſſen...“ eS„Junge,“ lachte der Alte, ich bitte mir mehr Reſpekt aus...“ „So magſt Du es thun,“ fuhr jedoch Karl unbekümmert fort. „Er hat recht,“ fuhr Georgine dazwiſchen, „wenn ich ſo wenig hätte, was mich hier bindet, wie er, nicht drei Tage hätte ich den Zwang er⸗ tragen.“ „Den Henker auch,“ ſagte knurrend der Alte, 17 7* 100 „er hat ſeine ganze Familie hier, und wenn ihn die nicht bindet, was ſonſt?“ „Wenn die von der Familie, an denen mir etwas liegt, geſcheidt ſind,“ entgegnete Karl,„ſo machen ſie es gerade ſo wie ich, und laſſen den alten Brummbär ſeine Felder hier allein düngen. Zum Henker, wenn Georgine zu Royazet käme, der ſtellte ſich auf den Kopf vor lauter Freude, und auf den Händen würde ſie dort getragen, von den Leuten, wie vom Publicum.“ „Na ja, ſetz' Du ihr nur auch noch ſolche Dinge in den Kopf,“ ſchalt der Alte,„weiter hat gar nichts mehr gefehlt! Das braucht's auch eben noch, ſie über die Stränge ſchlagen zu ma⸗ chen— und ſie weiß, daß ſie nicht darf.) „Ich kann nicht fort,“ erwiderte auch Geor⸗ gine düſter vor ſich niederblickend,„er giebt mir mein Kind nicht, und ohne Joſephine geh' ich kei⸗ nen Schritt.“. „So nimm Dir's,“ trotzte der junge Vurſche „Was will er machen, wenn wir heute Abend unſere Sachen heimlich zuſammenpacken und am nächſten Morgen über alle Berge ſind?“ „Bah, Du ſprichſt, wie Du's verſtehſt,“ ſagte der Alte;„Du könnteſt vielleicht weglaufen, und ich glaube nicht einmal, daß es Georg's Herz 101 brechen würde, aber die Frau und das Kind— in zwei Stunden hätt' er ſie wieder, und nachher...“ Die Augen der Frau leuchteten von einem unheimlichen Glanze, aber ſie ſagte kein Wort. Karl dagegen lachte:„Aber mein armer Can⸗ * didat,— dem breche ich das Herz gewiß. Wen hat er nun morgen, den er quälen und drangſa⸗ liren kann? Und die lateiniſche Grammatik nehme ich zum Andenken mit.“ „Red' nicht ſo tolles Zeug, Karl!“ ermahnte der Alte;„Du ſprichſt wahrhaftig, als ob Du ganz im Ernſt an ſolche Thorheit dächteſt.“ .„Thu' ich wirklich?“ ſpottete ihm Karl nach, „gut, dann komm doch morgen früh an mein Bett, Onkel, und weck' mich— willſt Du?“. „Da ſchlägt's Eins,“ rief Mühler, der froh ſchien dieſes Geſpräch abbrechen zu können.„Wir müſſen hinüber. Georg iſt Sonntags immer auf die Minute bei Tiſche.“ „Dann dürfen wir natürlich als gehorſame Diener unſeres Herrn nicht ſäumen,“ ſpottete Karl. „Höre, mein Burſche,“ ſagte der Alte ernſt⸗ haft, indem er ſich zum Gehen rüſtete,„ſei nicht übermüthig! Wenn ich die Beine unter eines An-⸗ dern Tiſch ſtecke, muß ich auch thun, wie der An⸗ 102 dere mich heißt— ſo lange ich nämlich keinen eigenen habe.“ „Und ſiehſt Du, das iſt der Haken!“ rief Karl, „denn ich habe von nächſter Woche an einen eigenen, und will dann nur abwarten, wie lange Du Dich hier wirſt füttern laſſen. Royazet hat gar keinen ordentlichen Bajazzo mehr. Sie ſind ihm alle davon gelaufen, und wenn er ſchon in Frankreich enorme Gagen zahlte, kannſt Du Dir denken, daß er in Rußland nicht weniger geben wird. Jetzt weißt Du, was Dir zu wiſſen noth thut, und nun mache, was du willſt; ich rede kein Wort weiter drum.“ Mühler, der den trotzköpfigen, unbändigen Charakter des Knaben nur zu gut kannte und ſchon oft darunter gelitten hatte, ſchritt mürriſch den Gang entlang, dem Eßzimmer zu. Georgine aber, Karl's Arm ergreifend, hielt ihn noch einige Secunden zurück, bis ihr Vater ſo weit voran war, ſie nicht mehr hören zu können, dann flüſterte ſie raſch:„Schreib' mir von dort, Karl, willſt Du?“ 3 „Gewiß will ich, und ausführlich.“ „Gut,— ich werde Dir nach Tiſche einen Zettel geben, auf dem eine Anzahl Fragen ſtehen. Schrei mir die Antwort darauf— aber vergiß kein und— laß mich nicht lange warten.“ 103 „Und Du willſt kommen?“ fragte der junge Burſche mit glänzenden Augen.„Du weißt am Beſten, wie ſich Royazet darüber freuen würde.“ „Ich kann noch nichts Beſtimmtes ſagen.— Wir müſſen auch fort. Georg darf nicht ahnen, daß ich mit Dir darüber geſprochen.“ „Hab' keine Furcht,“ lachte Karl,„wir Beide ſtehen auf keinem ſolchen Fuße mit einander, daß wir uns unſere Geheimniſſe anvertrauen, und ich beſorge es Dir— darauf kannſt Du Dich verlaſſen.“ „Ich danke Dir,— ich werde nachher wieder herüberkommen und Dir Reiſegeld bringen— Du mußt wenigſtens einen Zehrpfennig haben, daß Du nicht als Bettler dort ankommſt.“ „Deſto beſſer,“ lachte der Knabe ſtill vor ſich hin,„aber auch ohne einen Schilling in der Taſche hätte ich meinen Plan durchgeführt.“ Georgine antwortete ihm nichts darauf, ſon⸗ dern eilte dem Vater nach, die ſtreng gehaltene Eſſensſtunde nicht zu verſäumen. Karl folgte ihr langſamer. Was lag ihm daran, wenn er guch zu ſpät kam und Georg böſe darüber wurde— es war das letzte Mal heute, und wenn er ſich über ihn ärgerte, deſto beſſer!— 18. Der alte Mühler ſuchte an dem Nachmittage noch durch alle ſeine Ueberredungskünſte dem Knaben den Entſchluß des Fortlaufens auszureden, aber vergeblich, Karl, mit dem neuen, freien Leben vor ſich, und des Zwanges, dem er ſich hier hatte fügen müſſen, lange müde, beharrte nicht allein feſt auf ſeinem einmal gefaßten Vorſatze, ſondern überredete ſogar den Alten, daß er ihn bis nach Schildheim hinunter begleitete, um dort ſelber ſeine neugefundenen Freunde zu treffen. Das mußte natürlich heimlich geſchehen; der Präceptor ſtörte ſie dabei nicht, da dieſer die Sonntag⸗Nachmittage gern zu ſeinen Studien be⸗ nutzte, und Karl dann immer auf ſeines Onkels Stube war. Ueberdies konnte die Zuſammenkunft nur eine kurze ſein, denn mit der Dämmerung machten ſich die„Künſtler“ ſchon wieder auf den Weg, um im nächſten Dorfe zu übernachten und 105 den andern Morgen rechtzeitig die nächſte Eiſen⸗ bahn⸗Station zu erreichen. Georg erfuhr Karl's Flucht auch erſt am an⸗ dern Morgen, und zwar durch den Hauslehrer, der ſeinen Zögling vergebens zur Stundenzeit er⸗ wartete und ihn dann ebenfalls ohne Erfolg bei ſeinem Onkel ſuchte. Der alte Mühler war nun allerdings darauf gefaßt geweſen, eine heftige Scene mit ſeinem Schwiegerſohne durchmachen zu müſſen, denn daß er um Karl's Flucht gewußt, lag auf der Hand. Sehr erſtaunt, und nicht unangenehm überraſcht war er aber ſowohl wie Georgine, daß Georg keine Sylbe davon erwähnte. Dieſer ritt allerdings, gleich nachdem er die Nachricht erhal⸗ ten, fort und kehrte erſt gegen Abend zurück— war er ihm gefolgt, in der Abſicht, ihn wieder einzufangen? Wenn das der Fall geweſen, ſprach er mit Niemandem darüber, und ſelbſt beim Abend⸗ eſſen erwähnte er des Flüchtlings mit keiner Sylbe. Georgine glaubte nicht mit Unrecht, daß er ſelber froh war, den läſtig werdenden Knaben, ohne eigenes Zuthun, aus ſeiner Nähe entfernt zu wiſſen. So vergingen die nächſten Wochen. Der Can⸗ didat, deſſen Zögling auf ſo ſeltſame Weiſe ab⸗ handen gekommen, war entlaſſen worden, und das 106 Leben auf dem Gute ging wieder im alten, ſtillen Geleiſe. Allerdings ſuchte jetzt Georg ſeine Frau in mancher Weiſe zu zerſtreuen und führte ſie wieder mehr als im letzten Monate auf die benachbarten Güter, deren Inſaſſen auch Schildheim manchmal aufſuchten— aber Georgine fand keine Freude mehr daran. Die alte Sehnſucht war in ihr er⸗ wacht; es drängte ſie jetzt mehr, allein und un⸗ geſtört zu ſein, ihre eigenen Pläne und Träume zu überdenken, als ſich durch fremde, gleichgültige und ihr oft langweilige Menſchen zerſtreuen zu laſſen, und während Georg dieſes Zurückziehen von der Geſellſchaft mit Freuden ſah und zu ſeinen Gunſten deutete, brütete der Geiſt der Frau über Trennung— Flucht von ihm. Nicht ſo bald hatte der alte Mühler den Knaben vergeſſen, an den er ſich einmal gewöhnt— an dem ſein Herz hing. Er fehlte ihm auf Schritt und Tritt— Tag und Nacht mußte er an ihn denken, und um die Zeit zu tödten, mit der er jetzt weniger anzufangen wußte, als je, ging er nun häufiger in den„Stern“ hinunter, in des alten Tobias Geſellſchaft, ſeine eigenen mürriſchen Gedanken zu vergeſſen. Georg mußte das endlich bemerken, und um 107 ihn davon abzuziehen, ſuchte er den Alten im 3 Gute ſelber zu beſchäftigen. Er wollte ihn nach und nach an eine geregelte Thätigkeit gewöhnen— aber das ging nicht mehr. Mühler hatte ſich in ſei⸗ nem ganzen Leben noch nie nützlich beſchäftigt, und dachte gar nicht daran, auf ſeine alten Tage etwas Derartiges zu beginnen. War er dem nun früher ſo viel als möglich ausgewichen, ſo kam es ihm jetzt, mit den Gedanken an den entlaufe⸗ nen Neffen und das luſtige Leben, in dem dieſer ſchwelgte, doppelt zuwider vor. Alles ihm Auf⸗ getragene führte er deßhalb nachläſſig oder gar nicht aus, und der Heftigkeit Georg's begegnete er mit einer ſtörriſchen Gleichgültigkeit, die eben Alles über ſich ergehen ließ. Nach vierzehn Tagen aber hielt er ſelbſt das 1 nicht mehr aus. Es war ein Brief von Karl gekommen, und Georgine hatte ihm den Inhalt deſſelben mitgetheilt. Die Verſprechungen von dort lauteten dabei ſo verlockend, daß er ihnen, mit der Sehnſucht nach dem Jungen, nicht länger widerſtehen konnte, und er beſchloß einen ent⸗ ſcheidenden Schritt zu thun. Das bequeme, bis dahin geführte Leben hatte aber doch auch zu viel Anziehendes für ihn gehabt, es ſo ohne Weiteres, beſonders ohne Sicherheit, 108 was er dafür eintauſche, von der Hand zu wei⸗ ſen— eine Hinterthür beſchloß er ſich jedenfalls offen zu halten, noch dazu, da ihm das zugleich Gelegenheit bot, ſich auf friedlichere Weiſe von Georg zu trennen. Schnell deßhalb mit ſeinem Plane im Reinen, ging er noch an dem nämlichen Abend zu ſeinem Schwiegerſohne und erklärte ihm, daß ihn die Angſt um den Neffen nicht ruhen noch raſten laſſe und er ihn um die Erlaubniß bitte, einen Verſuch zu machen, ihn wieder aufzufin⸗ den. Er verlangte nur vierzehn Tage Zeit dazu, und habe er ihn bis dahin nicht gefunden, ſo⸗ wolle er ohne ihn zurückkehren. Georg war klug genug, den Alten zu durch⸗ ſchauen, denn daß dieſer den Aufenthalt des Burſchen oder doch wenigſtens wußte, wohin er ſich damals gewandt, blieb gewiß. Wollte er ganz fort von ihm?— hatte er nicht im Sinne zurück⸗ zukehren?— Vielleicht— er ſelber aber hätte Gott gedankt, den läſtigen, fatalen Menſchen auf ſolche Weiſe loszuwerden; durfte er dann doch weit eher auf ein friedlich häusliches Leben rech⸗ nen, und wurde noch dazu der ſteten Angſt und Gefahr enthoben, durch ihn ſeine eigene Exiſtenz gefährdet zu ſehen. Nur daß Georgine bei der Flucht des Vetters ſowohl, wie bei der jetzt er⸗ 109 klärten Abreiſe des Vaters ſo ruhig und theil⸗ nahmlos blieb, war ihm räthſelhaft. Trieb den alten Mann wirklich nur die Sehn⸗ ſucht nach dem Knaben, an dem er, wie Georg recht gut wußte, mit ganzem Herzen hing— und wollte er ihn in der That zurückholen? Oder fühlte Georgine jetzt ſelber, daß ihr Vater den alten Poſſenreißer nicht vergeſſen, ſich nun einmal in ſeinen Jahren nicht mehr ändern konnte? Fühlte ſie, daß es zu ihrem und ihres Gatten Wohl und Frieden ſei, wenn er ſie verlaſſe? Oh, dann hätte er dieſes endliche Erkennen ihrer Pflichten, zu ihres und ihres Kindes Beſtem, von ganzem Herzen ſegnen wollen. Dem alten Manne gab er natürlich mit Freu⸗ „e den die Erlaubniß zur Reiſe, wie Geld, ſie zu be— ſtreiten, aber vergebens ſuchte er Georginen, als Mühler ſie verlaſſen hatte, zu einem offenen Ge⸗ ſtändniß ihrer Gefühle zu bringen. Georgine gab ihm nur ausweichende, ja, faſt leichtfertige Ant⸗ worten, und hatte es ihn gedrängt, ſein übervolles Herz einmal gegen ſie offen ausſchütten zu dür⸗ fen, ſo ſtieß ſie ihn jetzt mehr zurück, als daß ſie ihn ermuthigt hätte. Er konnte freilich nicht ah⸗ nen, daß der alte böſe Geiſt auf's Neue Beſitz von der ehrgeizigen Seele der Frau genommen ““ 110 hatte und ſie in ihm, dem Gatten, nur noch den Tyrannen ſah, der ihrem, wie ihres Kindes Glück aus elendem Stolz im Wege ſtand. Georg war, das ſah ſie klar, ſeit jener Zu⸗ ſammenkunft mit dem Grafen ein durchaus An⸗ derer geworden. Wo war der todesverachtende Muth geblieben, mit dem er ſich früher den ver⸗ wegenſten Künſten entgegenwarf? wo die friſche, fröhliche Lebensluſt, die ihn den Augenblick ge⸗ nießen ließ, eben des Augenblickes wegen, und nicht der nächſten Stunden gedachte, viel weniger der nächſten Jahre? So hatte ſie ihn kennen ge⸗ lernt, ſo geliebt, und jetzt?— Sie haßte die Bü⸗ cher, über denen er halbe Tage grübelte, ſie haßte die friedliche Beſchäftigung, in der er ſeinen Frieden fand, und mit keinem ſolchen Ziele vor ſich, wie er, in dieſem Leben ein verlorenes Glück wie⸗ der zu gewinnen, zürnte ihr Herz im Gegentheil über das, was er ihr geraubt, und ſann und ſann darauf, es mit Gewalt oder Liſt ſich wieder zu erobern. Aber ſie war klug genug, den Gatten ge⸗ rade das, was jetzt ihre ganze Seele erfüllte, nicht ahnen zu laſſen. Sie kannte den unbeugſamen, ſtarren Geiſt des Mannes; hier aber erſt hatte ſie deſſen Einfluß fühlen gelernt; denn ſo lange ihre Bahnen draußen in Licht und Jubel nebeg 111 einander hinflogen, war er ihr nimmer ſtörend in den Weg getreten. Jetzt dagegen, wo ſie ihm gehorchen ſollte, ſie, die bis dahin nur gewohnt geweſen, zu befehlen, empörte ſich ihr ganzes Selbſt gegen einen ſolchen Zwang, und kein Wun⸗ der, daß ſie den Augenblick herbeiſehnte, in dem ſie ſich und ihr Kind demſelben entziehen konnte. Der alte Mühler war indeſſen, nachdem er Abſchied von Georginen genommen und von ihr heimlich mehrere Briefe erhalten hatte, mit ſeinem treuen Begleiter, dem Spitz, nach Schildheim hinuntergegangen. Georg erbot ſich zwar, ihn bis zur nächſten Eiſenbahn⸗Station fahren zu laſſen, aber er lehnte es ab, und zwar unter dem Vorwande, daß er noch gar nicht genau wiſſe, nach welcher Richtung er ſich wenden ſolle. In der That aber wollte er Georg keine Controle geben, wohin er gefahren ſei; der Kutſcher konnte ihn, wie er recht gut wußte, nicht leiden, und würde jedenfalls an der Station aufgepaßt haben, wohin er ſein Billet genommen. Gepäck führte er übrigens faſt gar keines bei ſich, ſondern hatte das Nöthige deßhalb ſchon mit Georginen beſprochen. Georg war oft auf halbe Tage abweſend, und es fand ſich dann leicht eine 112 Gelegenheit, ſeine ſämmtlichen Sachen nachzu⸗ ſchicken. Mühler nun, ſeit langer Zeit zum erſten Male wieder mit einer Summe Geldes in der Taſche, und mit voller Freiheit, jeden beliebigen Gebrauch davon zu machen, konnte ſich nicht entſchließen, trockenen Mundes am„Stern“ vorüberzugehen. Fand er Niemanden weiter dort, ſo war er doch ſicher,„den faulen Tobias“ anzutreffen, und ſei⸗ nen Abſchiedstrunk nahm er dann mit dem. Der faule Tobias ſaß auch wirklich, nach alter Gewohnheit, dicht neben dem Ofen hinter einem der kleinen ſchweren Tiſche, ein Glas Brannt⸗ wein vor ſich, und zwar nicht das erſte. Das ſpirituöſe Getränk ſchien aber keineswegs heute den ſonſt ſo belebenden Eindruck auf ihn gemacht zu haben, und während ſich früher ſein faltiges und etwas ſchmutziges Geſicht immer aufhellte, wenn er ſeinen„Freund“ Mühler entdeckte, und nun ſicher war, ein paar Stunden angenehm mit erzählten Schnurren und Anekdoten zu verbringen, zogen ſich heute ſeine Augenbrauen womöglich noch finſterer zuſammen. Nur die geballte Fauſt, die er auf dem Tiſche liegen hatte, nahm er her⸗ unter und ſteckte ſie, geballt wie ſie war, in die Taſche, als ob ſein Grimm und Aerger Nieman⸗ 113 dem weiter gehöre als ihm ſelber, und er auch wiſſe, wo er ihn hinthun könne. Mühler merkte auf den erſten Blick, daß mit dem alten Burſchen etwas nicht richtig ſei, und da ihm, beſonders heute, gar nichts daran lag, einen mürriſchen, verdroſſenen Trinkgenoſſen M. haben, ſetzte er ſich hinüber zu ihm auf die Bank, warf ſeinen Hut und das kleine Bündel, das er in der Hand trug, neben ſich und ſagte, während ſein Spitz auf einem Stuhle neben ihm ganz ernſt⸗ haft Platz nahm:„Wirth, eine Flaſche Wein, aber von Eurem Beſten— nicht etwa den Rachen⸗ reißer wieder, den Ihr mir das letzte Mal ge⸗ geben.“ . Tobias warf ihm einen etwas erſtaunten Sei⸗ tenblick zu und rückte ein wenig bei, ihm mehr Raum zu geben, ſchien aber trotzdem entſchloſſen, in ſeinem Schweigen zu verharren, und erwiderte nicht einmal den guten Tag, den ihm Jener bot. „Na zum Teufel,“ ſagte Mühler,„was ſteckt Dir denn in der Krone, he? Haſt Du die ver⸗ kehrte Maulſperre, Kamerad, oder kennſt Du mich nicht mehr? Du ſchneideſt ein Geſicht heut', als ob Dir das Waſſer ausgeblieben wäre und Du jetzt mit Schnapps mahlen müßteſt, das alte Rä⸗ derwerk im Gange zu halten.“ Gerſtäcker, Der Kunſtreiter. II. 8 114 „Iſt ihm auch was Aehnliches paſſirt, Herr Mühler,“ nahm da, für Tobias, ein alter Bauer, der unfern von ihrem Tiſche hinter einem Kruge Bier ſaß, die Antwort auf,„das Waſſer zum Mahlen iſt ihm freilich ausgeblieben— nur mit dem Schnapps wird's etwas dünn ausſehen. Es bleibt ihm ſchon nichts Anderes übrig, wie eine Windmühle anzulegen.“ „Auch kein ſchlechtes Geſchäft, Kamerad,“ lachte Mühler, von dem gebrachten Wein den Stöpſel ziehend—„he, noch ein Glas, Herr Wirth!— Sind famoſe Dinger, dieſe Windmühlen, in de⸗ nen Einem früh die Morgenſonne und Nachmit⸗ tags die Abendſonne in daſſelbe Fenſter ſcheint.“ „Du weißt den Henker davon,“ fuhr Tobias mit einem tückiſchen Blick den alten Bauer an. „Wenn ich Schnapps brauche, werde ich ihn auch bekommen. Du Hungerleider giebſt mir doch keinen.“ „Nein, Tobias, da haſt Du recht,“ lachte der Alte gutmüthig,„das wäre auch dreimal wegge⸗ worfenes Geld, und hätteſt Du nicht ſo viel von dem böſen Stoff getrunken, ſähe es jetzt auch beſ⸗ ſer mit Dir aus, Tobias.“ „Aber was iſt denn vorgefallen?“ dief Müh⸗ ler erſtaunt. 115 „Nichts, als was wir Alle lange vorhergeſehen haben,“ ſagte der Bauer.„Sein Geld, das ihm gehörte, hat der Tobias durchgebracht, und wenn der Müller drunten auch genöthigt iſt, ihn bis an ſeinen Tod zu füttern, ſo hat er ſich doch gewei⸗ gert, ihm von heute ab einen Pfennig weiter zu geben, ſein liederliches Leben zu unterſtützen.“ „Der Müller iſt ein Lump!“ fiel hier Tobias wüthend ein, indem er die geballte Fauſt wieder aus der Taſche zog und damit auf den Tiſch ſchlug, ich habe mich für ihn aufgeopfert, und jetzt kommt er...“ „Der Müller iſt ein Ehrenmann,“ unterbrach ihn ruhig der Bauer, indem er von ſeiner Bank aufſtand, ſein Bier austrank und ſeinen Hut vom Nagel nahm,„er hat bis jetzt mehr für Dich ge⸗ than, wie Einer von uns gethan haben würde, und Noth, Aerger und Schande außerdem dafür genug gehabt. Da er jetzt ſieht, daß Du kein anderer Menſch werden willſt, ſo mag er Dich wenigſtens auch nicht länger in dem liederlichen Leben unterſtützen, und da hat er, ſollt' ich denken, recht. Daß Du anders denkſt, iſt Deine Sache — Gott befohlen!“ Und ſeinen Hut aufſtülpend, verließ der alte Mann mit raſchen Schritten das Zimmer. 8* A 4 116 Tobias ſchleuderte ihm mit einem boshaften Blick den bitterſten Fluch nach, auf den er ſich beſinnen konnte; Mühler aber lachte und ſagte: „Laß den Brummbär laufen, Kamerad; gut, daß er fort iſt; der ſoll uns den ſchönen Tag noch lange nicht verderben. Da trink, das iſt der Sorgenbrecher, beſſer als das verwünſchte Vitriolöl, das ſie hier für Schnapps verkaufen. Der hier brennt nicht und wärmt doch, und je mehr man davon trinkt, deſto leichter wird's Einem im Kopfe.“ Tobias ſchien noch immer keine rechte Luſt zu haben, geſelliger zu werden, wenn er auch das dargebotene Glas nicht verſchmähte; mit jedem Glaſe aber thaute er mehr auf, und während ſich Mühler, in einer eigenen Art von rauher Herz⸗ lichkeit, bemühte, den alten niedergebrochenen Säu⸗ fer aufzurichten, fing ihm ſelber der Wein an zu ſchmecken. „Hol' der Henker die Koſten!“ lachte er, als er die dritte Flaſche beſtellte,„wo das herkommt, iſt mehr, und ſo jung treffen wir doch nicht wie⸗ der zuſammen.“ „Wo das herkommt, iſt mehr?“ ſagte Tobias, aufmerkſam werdend,„der da droben“— und er deutete mit dem Daumen nach der Richtung des Gutes hinüber—„iſt wohl ſchmählich reich?“ —— — 117 „Puh, reich!“ rief Mühler, das große Glas bis zum Rande füllend und auf einen Zug leerend, „was heißt reich? Was man hat, kann Einem die nächſte Stunde geſtohlen werden, oder ſonſt abhanden kommen, aber was man kann, Kamerad, darauf kommt's an, und das, was man kann, das macht den Mann.“ „Nun, Kamerad,“ lachte Tobias, der bis jetzt noch viel nüchterner als Mühler war, trotzdem, daß er ſchon ungezählte Gläſer Branntwein vorher hinab⸗ gegoſſen,„bis jetzt haſt Du uns aber noch nicht gezeigt, was Du kannſt...“ „Vielleicht habe ich nicht g ewollt,“ ſchmun⸗ zelte Mühler. „Und willſt Du jetzt?“ „Nein,“ ſchüttelte Mühler mit dem Kopfe, in⸗ dem er einen Blick nach der am Fenſter ſpinnen⸗ den Wirthin hinüberwarf. Der Wirth war hin⸗ ausgegangen, nach ſeinen Getränken zu ſehen, und weitere Gäſte nicht im Zimmer—„Andere brauchen auch nichts davon zu wiſſen.“ „Na, vor der darfſt Du Dich nicht geniren,“ meinte Tobias,„wenn Du ſonſt ein Geheimniß daraus machſt, denn die iſt ſtocktaub. Aber weißt Du— wenn's— was wäre, das man zum Le⸗ ben und beſonders zum Trinken gebrauchen 118 könnte, verſtehſt Du, wär mir's recht, wenn ich auch etwas davon erführe. Wer weiß, wie man's. einmal gebrauchen kann.“ „Du?“ lachte der Alte, dem der Gedanke un⸗ gemeinen Spaß machte, ſich den„faulen Tobias“ als„Künſtler“ vorzuſtellen;„hahahaha, das iſt koſtbar— Du, mit den lahmen Knochen, Du wärſt ein Capital⸗Exemplar für irgend eine Ge⸗ ſellſchaft!“ „Hoho!“ rief Tobias, leicht gereizt,„ich weiß mich noch in jeder Geſellſchaft zu benehmen, und Du haſt noch gar keine Urſache gehabt, mir das unter die Naſe zu reiben.“ „Puh, Tobi, ſchwatz' von nichts, wovon Du nichts verſtehſt,“ ſagte Mühler, der keineswegs trunken, aber durch den Wein geſprächig gewor⸗ den war.„Was ich unter Geſellſchaft verſtehe, iſt etwas ganz Anderes— nicht das, was Du meinſt, wo zehn oder zwanzig oder dreißig Perſonen zu⸗ ſammenkommen und ſich um die Tiſche herumſetzen und ihr Bier trinken. Kannſt Du aber— Don⸗ nerwetter, die Flaſche iſt ſchon wieder leer— he, VWirthſchaft!— kannſt Du auf dem Kopfe ſtehen?“ „Ich?“ ſagte Tobias, ihn mit einem entſetzlich verblüfften Geſichte anſtarrend,„ich weiß nicht— ich habe es noch nicht verſucht.“ 119 „Iſt auch gar nicht nöthig, Kamerad, denn Du kannſt's doch nicht,“ ſagte Mühler,„und das iſt noch das Leichteſte dabei.— Haſt Du neulich geſehen, was für Kunſtſtücke die drei Burſchen machten, die hier im Dorfe waren?“ „Von denen der Eine die Leiter hinauflief, ohne daß ſie Jemand hielt?“ „Ganz recht, und das ſind noch Spielereien, denn ſie riskiren nichts dabei, als vielleicht ein⸗ mal, wenn es mißglückt, auf den Hintern zu fallen.“ „Aber was hat das mit Dir und— mit dem Baron da oben zu ſchaffen?“ ſagte Tobias, der aus den Worten ſeines Nachbars nicht recht klug wurde. „Kannſt Du das Maul halten?“ fragte Mühler leiſe. „Das kann ich,“ verſicherte Tobias, wirklich froh, endlich einmal etwas zu finden, was er wirk⸗ lich konnte. „Gut,“ ſagte Mühler,„das iſt manchmal ſchon viel werth— da kommt aber der Wirth wieder — der braucht nichts zu wiſſen.“ „Na, Herr Mühler,“ ſagte dieſer, der mit einer friſchen Flaſche zum Tiſche trat,„ſind ja heute recht ſidel. Hab's mir gleich gedacht, daß Sie mehr 120 wollten, und die alte Sorte mitgebracht. Nicht wahr, der ſchmeckt?“ „Es geht— da nehmt die leeren Flaſchen mit. Tobias hier iſt heute etwas niedergeſchlagen, und den müſſen wir wieder fidel machen— trinkt Ihr ein Glas mit, Sternenwirth?“ „Gleich ſteh' ich zu Befehl, Herr Mühler— muß nur einmal hinunter in die Schmiede, etwas zu beſorgen— ich bin bald wieder da. Sollten Sie in der Zeit etwas wollen, ſo ſteht es drüben in der Stube, und meine Alte da kann es hnen geben.“ „Der kann abkommen,“ ſagte brummend To⸗ bias, als der Wirth das Zimmer verlaſſen hatte —„Lump, nichtsnutziger.— Wer Geld hat, dem macht er den Buckel krumm, und ſo wie er merkt, daß es dünn wird, kennt er Einen nicht mehr und fängt an ſchwer zu hören. Dir knöpfe ich die Ohren noch einmal auf, Halunke— aber— über was ſollt' ich's Maul halten, Mühler?— Was kann der Baron, und was kannſt Du?“ „Baron,“ ſagte Mühler, die Achſel zuckend und ſich und Tobias auf's Neue einſchenkend,„d er da drüben iſt ſo wenig Baron wie Du und ich.“ „Den Teufel auch!“ murmelte Tobias leiſe und Erſanntt vor ſich hin. 121 „Das ſchadet aber auch nichts, Kamerad,“ lachte der Alte in übermüthiger Laune weiter,—„bah, ſo viel für einen lumpigen Baron, wenn er nichts weiter kann, als Samstags dem Verwalter ſein Geld auszahlen, und für das Uebrige den lieben Gott ſorgen läßt— unſer Monſieur Bertrand kann mehr.“ „Mosje Bertrand?“ fragte Tobias erſtaunt. „Sagte ich Bertrand?“ fragte Mühler, dem das Wort nur ſo entfahren war. „Ich dächte...“. „Na, bleibt ſich gleich— den ſollteſt Du ein⸗ mal auf drei Pferden zugleich reiten ſehen.“ „Auf dreien, na, ſo lüg' Du und der Teufel! wie will er denn auf dreien zugleich ſitzen?“ „Sitzen?— er ſitzt auch nicht, er ſteht, mit jedem Fuß auf einem und das dritte zwiſchen den Füßen, und vier dabei vorn im Zügel, daß die Haare ſauſen.“ „Aber das machen ja die Kunſtreiter,“ ſagte Tobias, jetzt völlig verblüfft über Alles, was er hörte. „Thun ſie auch, Kamerad,“ lachte Mühler, nund ſeine Frau, meine Tochter, ſollteſt Du erſt ſehen— der Jubel von den Leuten, wenn die auf ihrem Schimmel geflogen kam und durch Reifen 122 ſprang und über Tücher wegſetzte und ſich ſo und ſo drehte— und die Kleine— die Joſephine, das iſt ein wahrer Teufel von einem Kinde auf dem Sattel— ſie könnte nicht leichter auf dem feſten Boden tanzen.“ „Ja, zum Donnerwetter, Kamerad,“ ſagte To⸗ bias, erſtaunt Front gegen ihn machend, der Bäron da drüben iſt doch nicht etwa...“ 4 „Der beſte Kunſtreiter, der je ein Pferd dreſ⸗ ſirt hat,“ ergänzte Mühler,„das muß man ihm laſſen, wenn er auch noch ein ſchlechter Oekonom ſein mag.“ „Und die ganze Familie— und Du?“ „Lauter Kunſtreiter,“ lachte der Alte triumphi⸗ rend, ohne ſich jedoch ſelber als Bajazzo zu ent⸗ decken.„Das iſt ein luſtiges Leben, Kamerad, und dabei ſollteſt Du einmal ſein, wenn es ſo recht mitten im Glanz und Gang iſt. Hier— der Teufel ſoll's holen, ein Hund hat's beſſer, als den ganzen Tag da drinnen hinter den ſteinernen Mauern zu ſitzen und Maulaffen feil zu halten, und ich hab' es auch ſatt bekommen und gehe meiner Wege.“ „Was?“ rief Tobias, jetzt noch mehr erſtaunt als vorher.„Du willſt fort, Kamerad, willſt mich hier allein laſſen?“ ſetzte er mit einer eigenen Art von Rührung hinzu. „Kann's nicht ändern,“ beſtätigte Mühler,„das Leben hier führ' ein Anderer— mein Junge iſt ſchon voraus.“ „Und die da drüben auf dem Gute?“ „Mögen's halten, wie ſie wollen,“ ſagte Mühler gleichgültig,„ich kann mir mein Brod verdienen, ohne die da, und luſtigeres Brod, wie ſie mir bieten können. Wenn mit Dir nur etwas anzu⸗ fangen wäre, nähm' ich Dich mit, Tobi, aber— es geht nicht, Du biſt zu ſteif in den Knochen— meine müſſen freilich auch erſt wieder gelenk wer⸗ den, denn das lange Stillhocken iſt ihnen ſchwer⸗ lich dienlich geweſen.“ Tobias antwortete ihm nicht, andere Gedanken gingen ihm im Kopfe herum, und Mühler that einen langen Zug aus ſeinem Glaſe. Dabei aber fiel ſein Blick auf die Wanduhr, und ſich aufraf⸗ fend, ſagte er:„Donnerwetter, es wird ſpät! ich muß fort.“ 38 „Heute noch?“ „Gleich.“ „So warte wenigſtens, bis der Wirth wieder⸗ kommt.“ „Wozu?“ lachte Mühler,„die paar Flaſchen 124 kann er mir zum Andenken aufſchreiben, bis ich zurückkehre. Wirthe vergeſſen Einen ſo ſo leicht, wenn man ihnen nicht ein kleines Andenken daläßt.“ „Das geſchieht dem Lump recht,“ lachte To⸗ bias,„ſonſt aber,“ ſetzte er, von einem plötzlichen Gedanken ergriffen, hinzu,„hätt'ſt Du mir es vielleicht dalaſſen können, und ich hätt's ihm ge⸗ geben, wenn er wiederkam.“ „Wollteſt Du wirklich?“ fragte Mühler, und ein eigener, drolliger Zug zuckte ihm um die Mund⸗ winkel. Wie ſein Blick aber auf die Jammerge⸗ ſtalt des vor ihm ſtehenden, zuſammengebrochenen alten Säufers fiel, regte ſich auch etwas wie Mit⸗ leiden in ſeinem Herzen. Leichtſinnige Menſchen ſind gewöhnlich gutmüthig, und in einem eigenen Anfall von Großmuth ſagte er:„Na, meinetwegen, Tobias— ich will Dir das Geld dalaſſen, gieb es dem Wirth, wenn er kommt. Drei, vier Flaſchen hatten wir ja wohl, die Flaſche koſtete 18 Schil⸗ ling, macht zuſammen 1 Thlr. 24 Schilling, da — da haſt Du's und— vergiß es nicht etwa...“ „J bewahre!“ ſagte Tobias, das Geld, ohne es zu überzählen, in die Weſtentaſche ſchiebend, „und Du kommſt wirklich nicht wieder?“ „Wenigſtens ſo bald nicht. Heute Abend denk⸗ ich noch bis Kerkhofen zu marſchiren.“ 125 „Dann darfſt Du Dich auch nicht länger auf⸗ halten,“ ſagte Tobias, der ſeine eigenen Gründe hatte, den Kameraden unterwegs zu wünſchen, ehe der Wirth wiederkam. „Darf ich nicht?“ lachte Mühler,„aber ich glaube, Du haſt recht; es wird ſpät. So behüt' Dich Gott, Alter, und trink' mir nicht zu viel; es wär' ſchade, wenn wir Dich verlieren ſollten, denn eine ſolche natürlich rothe Naſe kommt nicht gleich wieder vor.“ „Iſt mir auch ſauer genug geworden,“ meinte Tobias,„ſie dahin zu bringen.“ „Kann ich mir denken— alſo nochmals adieu! komm Hanswurſt!“ Und mit den Worten ſchüt⸗ telte er ihm die Hand, griff dann ſeinen Hut und ſein Bündel auf, und verließ, von ſeinem Spitz gefolgt, das Haus und das Dorf. Tobias begleitete ihn nicht. Es war noch ein Reſt in der Flaſche, den er erſt vertilgen mußte, und dann gingen ihm auch eine Menge Dinge im Kopfe herum, die er vorher in aller Ruhe ordnen und ſichten mußte; das Denken fing ihm doch an ſchwer zu werden. Wie er noch ſo da ſaß, kam der Wirth zurück. „Nun?“ ſagte der,„wohin geht denn der Schwiegervater? Ich ſah ihn von Weitem, mit 126 einem Bündel in der Hand, aus dem Dorfe mar⸗ ſchiren— weißt Du's, Tobias?“ „Was geht mich der Mühler an?“ murrte dieſer,„ich bin ſein Aufpaſſer nicht.“ Der Wirth ging zu ſeiner Frau an's Fenſter, faßte ſie an der Schulter und ſchrie ihr in's Ohr: „Hat der Mühler bezahlt?“ Die Frau ſchüttelte mit dem Kopfe, und der Wirth warf einen Blick nach Tobias und der jetzt leeren Flaſche hinüber. Der aber regte ſich nicht oder that, als ob er nur ein Wort von dem Ge⸗ ſprochenen gehört. Was ging ihm Mühler an? — Endlich ſtand er auf, nahm ſeinen alten Filz⸗ hut und ſagte:„Was bin ich ſchuldig?“ „Schuldig?“ fragte der Wirth,„wenn Du Alles zahlen wollteſt, was Du hier ſchuldig biſt, ſo hätteſt Du eine lange Rechnung und ich einen guten Tag. Heute habe ich Dir von vorn herein geſagt, daß ich Dir die paar Glas Schnapps ſchenke, damit hört's aber jetzt auf, und von nun an wird Dir hier im Stern nicht eher wieder ein Glas Branntwein hingeſtellt, als bis Du das Geld auf den Tiſch legſt.“ „Ich will von Euch nichts geſchenkt,“ grollte finſter der Alte,„und brauche nichts— vier Glas Branntwein habe ich gehabt, etwa ſo viel wenig⸗ 127 ſtens. Da ſind Eure paar lumpigen Schillinge“ — und damit warf er die Münze auf den Tiſch. „Haha, haſt Du doch noch etwas in einer Taſchenecke aufgehoben?“ lachte der Wirth,„na, mir kann's recht ſein; mit dem aber, was ich geſagt habe, dabei bleibt's.“ „Will ſchon Geld wieder kriegen,“ lachte der Alte tückiſch vor ſich hin.„Ich weiß, was ich weiß, und der Baron muß zahlen.“ „Der wird Dich vom Hofe jagen, wenn Du da'nauf betteln gehſt.“ „Betteln? habe noch in meinen Leben nicht gebettelt, und werd's auf meine alten Tage nicht anfangen. Was ich weiß, kauft er mir gern ab.“ „Was Du weißt?“ lachte der Wirth,„na, höre, Tobias, Du machſt Deinem Schulmeiſter zu viel Complimente. Ja, wenn der verantwortlich wäre für Alles, was Du nicht wüßteſt!“ „Mein Schulmeiſter hat nichts damit zu thun,“ murrte der alte Mann verdrießlich. „Und wer ſonſt?“ „So fragt man die Narren aus,“ erwiderte Tobias trocken, ſchlug ſich ſeinen Hut noch einmal feſt und verließ das Haus, die Straße nach dem Gute zu einſchlagend. 19. Tobias hatte ſich einen tollen Plan ausge⸗ dacht, der ihm aber ganz in ſeine verzweifelte Lage paßte, und mit einer Quantität Spirituoſen im Kopfe war er auch gerade in der Stimmung ihn auszuführen. Ob er ſonſt den Muth gehabt haben würde, dem, ſeines ernſten Weſens wegen eher gefürchteten Gutsherrn auf die eigene Stube zu rücken, muß dahingeſtellt bleiben. Noch nicht recht mit ſich im Klaren, wie er das Wirthshaus verließ, verbiß er ſich aber mehr und mehr in den einmal gefaßten Gedanken, und ohne daß er es ſelber merkte, verringerte er die Entfernung zwiſchen ſich und dem Gute mit jedem Schritte. Wäre er dem Verwalter oben begegnet, ſo würde ihn dieſer, in dem Zuſtande, in dem er ſich befand und der deutlich genug die in reichem Maße genoſſenen Getränke verrieth, wohl kaum vorgelaſſen, ſondern rundweg abgefertigt haben; 129 denn Tobias war ein Menſch, mit dem man ſo⸗ wohl im Dorfe wie auf dem Gute gar wenig Um⸗ ſtände machte. So aber traf er nur einen der Knechte im Hofe, der ihn, da er nach dem Guts⸗ herrn fragte und vorgab, er habe etwas Wichtiges mit ihm zu beſprechen, zu der Treppe brachte, die zu Georg's Zimmer führte. Dort ließ er ihn allein, und Tobias balancirte ſich die breite ſteinerne Stiege— jetzt aber gar nicht mehr ſo behaglich und zuverſichtlich wie unten in friſcher Luft— hinauf. Er war jedoch einmal da, wie er ſich wieder und wieder vorerzählte— umkehren half nichts mehr, und deßhalb die Zähne feſt auf einander beißend, kletterte er die wenigen Stufen noch vollends hinan, hielt einen Augenblick an der Thür, Athem zu ſchöpfen, und klopfte dann an. „Herein!“ tönte Georg's tiefe und ruhige Stimme, und Tobias wäre vielleicht in dieſem Augenblicke doch noch wieder umgekehrt, aber es war zu ſpät; ſeine Hand lag auf dem Drücker, und im nächſten Augenblicke ſah er ſich dem Herrn ſelber gegenüber. „Was wollt Ihr?“ fragte ihn mit eben nicht freundlicher Stimme Georg, denn er ſah mit Gerſtäcker, Der Kunſtreiter. II. 9 130 Einem Blicke, in welchem Zuſtande ſich der alte Trunkenbold befand. „Guten Abend,“ erwiderte Tobias vor allen Dingen auf die Anrede, nahm ſeinen Hut ab und drehte ihn zwiſchen den Händen. „Guten Abend— was ſoll's?“ „Ich wollte nur... „Nun?“ „Ich wollte Sie nur bitten, Herr Baron,“ ſtotterte der Alte. 4 „Tobias,“ fertigte ihn da Georg ab, der ihn vom Dorfe her kannte,„Ihr ſeid heute wieder in einem Zuſtande, bei dem Ihr Euch viel lieber hättet zu Bette legen ſollen, als zu mir herauf⸗ kommen. Ueberdies haſſe ich jede Bettelei, noch dazu von einem Burſchen wie Ihr, an den jeder Schilling rettungslos weggeworfen wäre.— Marſch! packt Euch, und macht, daß Ihr nach Hauſe kommt. — Ihr riecht bis hieher nach Spirituoſen.— Wird's bald, oder ſoll ich Euch fortſchaffen laſſen?“ Wäre Georg freundlich oder auch nur ernſt⸗ höflich mit ihm geweſen, Tobias hätte nie den Muth gehabt, ein Wort über die Lippen zu bringen. Die doppelten Vorwürfe des Trinkens und Bet⸗ telns aber ſtachelten ihm die verworrenen Geiſtes⸗ kräfte zum Widerſtande auf, und ſeinen alten Hut 131 in den Händen zuſammenrollend, ſagte er mit einem höhniſchen Blicke auf den Gutsherrn:„Hal⸗ ten zu Gnaden, Herr von Geyfeln— oder wie Sie ſonſt heißen mögen, was— ich trinke, be⸗ zahle ich, und das geht Niemanden etwas an,— und zum Betteln— bin ich ebenfalls— nicht hiehergekommen, daß Sie es nur wiſſen!— Im Gegentheil wollte ich Ihnen einen Gefallen thun — daß Sie wüßten, woran Sie— woran Sie wären, und nicht etwa dächten, wir wären Alle ſo dumm und glaubten die Geſchichte mit dem— Baron...“ Georg horchte hoch auf, denn die Worte des Trunkenen, mit wie ſchwerer Zunge er ſie auch herausbrachte, verriethen mehr, als ſie jetzt noch eingeſtehen mochten.„Was iſt das, was aus Dir ſpricht? mein Burſche,“ ſagte er deßhalb ruhig, aber mit wirklich mühſamer Faſſung, indem er. auf ihn zuging,„was willſt Du von mir?“ „Aha!“ lachte der Alte ſtill vor ſich hin,„wer⸗ den wir zahm?— Ja, ich hab' es mir⸗wohl ge⸗ dacht, mein Täubchen. Der alte Tobias iſt auch nicht ſo auf den Kopf gefallen, wie manche Leute ihn wohl gern wollten glauben machen— der Sternenwirth zum Beiſpiel— und dieſes Mal iſt er an die richtige Schmiede gegangen.“ 9* 13²2 „Was willſt Du von mir, und weßhalb biſt Du heute hieher gekommen?“ wiederholte Georg noch einmal ſeine Frage; denn ein dunkler Ver⸗ dacht ſtieg über die Abſicht des Trunkenen in ihm auf. „Na?“ ſagte Tobias, der noch immer nicht trunken genug war, die veränderte Anrede unbe⸗ merkt zu laſſen—„geduzt haben wir einander nun freilich noch nicht, ſo viel ich weiß, aber das ſcha⸗ det nichts— was nicht iſt, kann noch werden, und der Mühler, der Schwiegervater, war auch ein ſauberer Menſch, und wir nannten uns doch Du mit einander. Alſo, lieber Bruder, hahaha — lieber Bruder, ich wollte Dir nur ſagen, daß wir— ne, nicht wir— die im Dorfe drunten ſind zu dumm— die wiſſen noch nichts— aber daß ich, der alte Tobias, herausgekriegt habe, wer „Du eigentlich biſt— weißt Du wohl?“— Er verſuchte dabei eine Art von Pantomime zu machen, wie er ſie vielleicht einmal von Kunſtreitern ge⸗ ſehen haben mochte, indem er ſich auf das eine Bein balancirte und das andere aushob, den Kopf etwas auf die Seite neigte und ſeine beiden Arme, mit dem zerknitterten Hute in der einen, ausſtreckte. Dieſer gewagten Poſition war er aber doch in ſolchem Augenblicke nicht gewachſen.— Er verlor — 133 did Balance und wäre auf den Boden geſchlagen, wenn er nicht noch glücklich die Tiſchdecke erwiſcht hätte, ſich daran zu halten. In Georg's Armen zuckte es, den frechen, widerlichen Burſchen aus der Thür zu werfen, aber er bezwang ſich trotzdem. Er wollte jetzt erſt wiſſen, was er eigentlich im Schilde führe, und die Arme feſt in einander ſchlagend, wie um ſie zu ſichern, daß ſie ihm nicht unwillkürlich vor⸗ griffen, haftete nur ſein düſterer Blick feſt und verächtlich auf der vor ihm ſchwankenden, ſchmutzi⸗ gen Geſtalt— dem Spottbild eines Menſchen. „Hah— halloh,“ ſagte Tobias dabei, indem er ſich gewaltſam im Gleichgewichte zu halten ſuchte „— hoppah— beinahe wären wir gefallen— Boden iſt hier verdammt uneben.— Ja— was ich gleich ſagen wollte.— Sehen Sie, Herr— Herr Baron oder Herr Berthold, oder wie Sie ſonſt heißen— ja, ſo— das wollte ich Dir nur ſagen— ich weiß die Geſchichte; ich bin dahin⸗ tergekommen, hinter den blauen— hinter den blauen Dunſt.— Mir macht Keiner ein X für ein U— aber ich kann auch's Maul halten— wie Bruder Mühler, der Schwiegervater ganz richtig geſagt hat— ich kann, wenn ich eben 134 will, und— wenn's gut bezahlt wird. Verſtehſt Du, Bruderherz?“ Georg brauchte nicht mehr zu wiſſen. Der alte Trunkenbold hatte ihm in den wenigen Wor⸗ ten klar und deutlich gezeigt, daß Mühler ihm ſein Geheimniß verrathen und er jetzt in den Händen dieſes liederlichen Menſchen ſei, der aus ſeiner Entdeckung den größten Nutzen zu ziehen ſuchte. Daß er ſich aber mit einer ſolchen Creatur nicht weiter einlaſſen konnte, mochten ſich nun die Folgen ſtellen, wie ſie wollten, fühlte er in dem Augenblicke mehr, als daß er zu einem klaren Bewußtſein deſſelben gekommen wäre. Ohne deß⸗ halb ein weiteres Wort an ihn zu richten, öffnete er das Fenſter und rief im Hofe zwei gerade dort beſchäftigte Knechte. „He, Hans— Gottlieb! kommt einmal herauf — raſch!“ „Hans?— Gottlieb?“ wiederholte Tobias etwas erſtaunt.„Hans— Gottlieb?— Wozu brauchen wir Hans und Gottlieh— he?— Wie iſt es, Herr Baron, oder Herr Bruder, oder Herr Berthold, oder— hahaha, über die Namen alle wird man ordentlich confus!— Ich kann das Maul halten, und will das Maul halten, aber“— und hier machte er mit freundlichem 135 Grinſen eine Geberde des Geldzählens—„hier müſſen wir zuſammenkommen, wenn ich nicht...“ Georg hörte die Leute auf der Treppe, riß die Thür auf und ſagte:„Den Burſchen da werft mir einmal aus dem Hofe hinaus, und das jedes Mal, ſo oft er ſich hier ſollte betreten laſſen. Schickt mir dann den Verwalter und den Voigt herauf.“ „Na komm, Tobias,“ ſagte der eine der Knechte, den Alten ohne weitere Umſtände beim Kragen nehmend,„es hilft Dir nichts, weder Strampeln noch Wehren. Der Herr Baron hat's einmal geſagt.“: „So,“ ſchrie Tobias, aus allen ſeinen Him⸗ meln geträumter Schätze etwas unſanft geweckt, und über dieſes keineswegs erwartete Reſultat i üanhi— hſo 2Aſt das 8 he⸗dinde — ſo donn ich... A 4 Ak Keae eden oder⸗ Drohungen wurden d ianheiden handfeſten Burſchen un⸗ 11 1. aeka der eine, als ſie ſahen, daß X nicht dutw Mig gehen wollte, ihn unter den Ar⸗ men packte. Der andere hob ihm zu gleicher Zeit die Beine aus, und Tobias wurde, trotz ſei⸗ nem Grimme, der ſich jetzt gegen die Knechte kehrte, 136 ohne Weiteres die Treppe hinunter, durch den Hof und bis vor das Thor getragen, wo ihn die Leute ruhig abſetzten und laufen ließen. Zwar ſprudelte er hier noch eine Menge Dinge von Baronen und Lumpen, Kunſtreitern und„Geheim⸗ niſſen“ heraus, die Knechte verſtanden aber kein Wort davon, ließen ihn ſtehen und gingen an ihre Arbeit zurück. Tobias wüthete, als er aber Miene machte, noch einmal in den Hof zurückzukehren, drohten ihm die beiden Burſchen mit den Fäuſten, und das Herz voll Ingrimm, aber doch zu feige, ſich einer weitern Handgreiflichkeit auszuſetzen, drehte er ſich endlich um und taumelte, rückſichtslos um Weg und Steg, gerade über Wieſe und Felder Geyfeln entweder eine Summe Geldes, oder noch lieber eine fortlaufende Unterſtützung zu erpreſſen, 4.32- und ſelbſt oft mit den beſcheidenſten Mitteln im ſaß Joſephine mit ihrer Erzieherin, fleißig mit Leſen und Arbeiten beſchäftigt, in ihrem Stübchen. Joſephine war jetzt etwa acht Jahre alt und hier auf dem Gute, da ſich die Mutter faſt gar nicht, oder doch nur ſehr ſelten und oberflächlich um ſie bekümmerte, einzig auf den Umgang mit der Erzieherin angewieſen. In dieſer aber hatte Georg einen glücklichen Fund gethan, denn die junge Dame beſaß nicht allein ſehr wackere Kennt⸗ niſſe, ſondern auch ein gutes, für alles Schöne und Edle empfängliches Herz. Praktiſch dabei in Allem, was ſie anfaßte, und beſcheiden und an⸗ ſpruchslos in ihrem ganzen Weſen, ſicherte ſie ſich in ihrer ſchwierigen Stellung bald die Liebe des einen, ſo wie die Achtung des andern Theiles, und ging dazwiſchen ruhig ihre Bahn. Bald hatte Mademoiſelle Adele auch den Cha⸗ rakter der Frau und Mutter durchſchaut, mit der ſie zuſammenlebte, und Georgine beſaß in der That keine Eigenſchaften, die das ſtille, einfache Mädchen an ſie hätten feſſeln und zwiſchen Beiden eir wirklich freundſchaftliches Verhältniß entſtehen laſſen können. Vergnügungsſüchtig und nur an ſich ſelber denkend, fehlte Georginen jene ruhige Weiblichkeit, die da im Stillen wirkt und ſchafft, Stande iſt, den Familienkreis zu einem Paradieſe umzuſchaffen. Wo aber hätte ſie auch dieſe Eigen⸗ ſchaften ſich erwerben, wo in ihrer ganzen frühe⸗ ren Lebensweiſe einen Sinn für Häuslichkeit ge⸗ winnen ſollen? Ihre ganze Erziehung lag dem Begriffe zu fern, und wenn ihr auch in der erſten Zeit ihres Aufenthalts zu Schildheim manchmal dieſes ſtille, zurückgezogene Leben nicht mehr in ſo dunkeln Farben erſchien und ſie die Möglichkeit dachte, ſich einſt hineinzufinden, verdrängten die letzten Wochen doch jeden derartigen Gedanken wieder aus ihrem Herzen. Noch zu keiner Zeit hatte ſie ſich dabei, ſo ſehr ſie Joſephinen liebte, mit deren Erziehung beſchäftigen können und mögen. Sie wußte gar nicht, wie ſie es anfangen müſſe, und konnte und wollte ſich keine Mühe in dieſer Hinſicht geben. Im Circus, ja, dort hätte Joſephine keine beſſere Lehr⸗ meiſterin haben können, als eben ihre Mutter, aber hier, zwiſchen den Büchern und weiblichen Arbeiten, von denen allen ſie wenig oder nichts verſtand, fühlte ſie ſich fremd und überließ das bereitwillig und allein der Fremden.* Georg fand dieſes Weſen der Gattin durch ihr früheres Leben, wenn auch nicht vollſtändig gerechtfertigt, doch wenigſtens entſchuldigt, und ertrug es eben um der Tochter willen; Made⸗ moiſelle Adele aber fühlte ihr Herz dadurch ver⸗ letzt und wandte ſich mit um ſo größerer Liebe dem jungen Mädchen zu, dem ſie, wie ſie recht gut einſah, die Mutter erſetzen mußte. Und das Kind ſelber kam ihr dabei mit vollem Herzen und inniger Liebe entgegen. Von früh an, ja, ſo lange ſie eigentlich denken konnte, an ein wildes, unſtetes Leben gewöhnt, in dem ſich das junge Herz nicht wohl fühlen, von rauhen Menſchen umgeben, an die es ſich nicht anſchließen konnte, hatte es hier zum erſten Male eine Hei⸗ math und in ſeiner Erzieherin ein Weſen gefun⸗ den, das wirklich Theil an ihm nahm und ihm mit mütterlicher Liebe ergeben war. Wohl hatte es der kleinen Eitelkeit geſchmei⸗ chelt, mit den mühſam erlernten Künſten im Cir⸗ cus draußen rauſchenden Applaus einzuernten, aber mit heimlichem Neid ſah Joſephine dabei zu⸗ gleich unter den geputzten Zuſchauern die vielen anderen kleinen Mädchen ihres Alters, die von den Ihrigen gehegt und gepflegt, und— nicht gezankt wurden, wenn ſie eine Ungeſchicklichkeit auf dem Pferde begangen. Das Kind auch fühlte, wenn es ſich deſſen ſelbſt nicht klar bewußt wurde, ein Bedürfniß nach Pflege. Jene heilige Sym⸗ 140 pathie, die Mutter und Kind gegenſeitig an ein⸗ ander zieht, wenn ſie auch in Georginens Herzen anderen, unheiligeren Empfindungen Raum geben mußte— war in Joſephinens Bruſt eben ſo gut gepflanzt geweſen und nur die Zeit über ver⸗ kümmert und niedergehalten worden. Jetzt aber, durch ihrer Erzieherin treue Pflege geweckt, ent⸗ faltete ſie ſich raſch und gewaltig, und bald hing das kleine Weſen mit unendlicher Liebe an der Pflegerin. Georgine würde ſelber erſchrocken ſein, hätte ſie einen Blick in dieſes aufknospende Kinderherz thun können, in dem ihr Bild nicht mehr wie früher den vollen Raum erfüllte— aber ſie hatte andere Dinge im Kopfe, als ſich um die Einzel⸗ heiten, um die kleinlichen Anhängſel der Erzie⸗ hung und Pflege ihrer Tochter zu kümmern. Daß ſich dieſe täglich mehr heranbildete, ſah ſie wohl, und es erfüllte ſie mit Freude; nur aber mit dem Einen Ziel im Auge, Joſephinen einſt als einen Stern erſter Größe an dem Himmel prangen zu ſehen, der allein ihre eigene Welt bildete, dachte ſie nicht daran, ob gerade die Nahrung, die das Kind jetzt für Herz und Geiſt empfing, ihm ſpä⸗ ter dazu dienlich werden könnte. Sie ſah nur für ſich und die Tochter die Lichtſeite des 6½ 141 Lebens, dem ſie entgegenſtrebte, und ſo blendete dieſe ihre Augen, daß ſie für alles Andere gleich⸗ gültig— blind wurde. Mademoiſelle Adelen hatte indeſſen im ſteten Umgange mit Joſephinen die Vergangenheit des Kindes kein Geheimniß bleiben können. Die un⸗ bewachte Aeußerung der Kleinen, als das Pferd durchging, entdeckte ihr auch nichts Neues, ſondern beſtätigte nur den ſchon früher gefaßten Verdacht. Aber nur noch inniger, wenn das überhaupt mög⸗ lich geweſen wäre, fühlte ſie ſich dadurch zu dem Kinde hingezogen, dem ſie ſolcher Art ein neues Leben verſchaffen half; noch mehr aber wachte ſie über all' ſeine kleinen Unarten und Fehler, deren Quelle ihr ja kein Geheimniß mehr war, und die ſie jetzt deſto leichter beſeitigen oder heben konnte, und dabei durften weder Joſephine noch ihre El⸗ tern ahnen, welchen tiefen Blick ſie in ihre frü⸗ heren Verhältniſſe gethan. Es war ihr genug, daß ſie es wußte, dem Kinde zum Nutzen, und das Geheimniß ruhte ſicher in ihrer Bruſt. Joſephine hatte zum Weihnachtsfeſte unter anderen Sachen auch mehrere Jugendbücher be⸗ kommen, in denen kleine Erzählungen mit hüb⸗ ſchen Bildern ſtanden. Das junge Mädchen, das eigentlich hier erſt ordentlich leſen gelernt,— 442 denn wo wäre ihm früher die Zeit dazu gewor⸗ den?— verſchlang gierig die friſche Nahrung, die ihrem Geiſte geboten wurde. Eine neue Welt erſchloß ſich ihr dadurch, und ihrer Erzieherin liebe? volle Geduld gehörte dazu, ihr all' die tauſend und tauſend an ſie gerichteten Fragen zu beantworten. Eine kleine Erzählung ſtand aber in dem Buche, die Joſephine wieder und wieder durchgeleſen, und doch noch keine Frage deßhalb an ihre Erzieherin gerichtet hatte. Dieſelbe war überſchrieben:„Das geſtohlene Kind.“ Joſephine hatte das Buch vor ſich auf den Knieen und las darin, und zwar wieder und wieder die eine Seite, und Mademoi⸗ ſelle Adele, die lange ſchon, wenn auch von ihm unbemerkt, die Augen auf dem Kinde haften ließ, wußte, was es las, und was ſeinem kleinen Kopfe nicht recht erklärlich werden wollte. Und dennoch fürchtete ſich Joſephine zu fragen, denn die Erzählung berührte für ſie verbotenen Grund — ihr eigenes früheres Leben, und von dem ge⸗ gen andere Leute zu ſprechen, hatte ihr die Mut⸗ ter verboten, und der Vater ſie gebeten, es nicht zu thun, und des Vaters Bitte wog in ihrem kleinen Herzen viel mehr noch ſelbſt, als das Verbot. Ueber die Worte aber, die ſie hier oft und immer wieder durchgeleſen, ſchüttelte ſie auch eben f 143 ſo oft den Kopf.— Es war ihr etwas darin nicht klar, aber Mademoiſelle Adele— ſo lieb ſie die— ſelbe hatte, konnte ſie nicht darüber fragen— wenn ſie einmal wieder mit dem Vater ſpazieren ginge, ſollte der ihr Aufſchluß darüber geben. Endlich riß ſie ſich von der ſie feſſelnden Seite los und ſchlug eine andere Erzählung auf. „Nun, Joſephine?“ fragte die Erzieherin, die ſich die Gelegenheit nicht wollte entgehen laſſen. „Was hatteſt Du da, worüber Du nicht recht einig warſt? Kann ich Dir helfen? Haſt Du viel⸗ leicht irgend ein ſchweres Wort nicht dideutlich verſtanden?“ „O nein,“ ſagte die Kleine,„ich verſtehe alle die Worte, die hier im Buche ſtehen, aber da— da war eine Erzählung...“ „Was für eine Erzählung, mein Herz?“ „Eine Geſchichte, wo von einem Kinde erzählt wird, das böſe Menſchen ſeinen Eltern geſtohlen haben, und zuletzt— finden es die Eltern wieder und freuen ſich ſo darüber.“ „Nun, das iſt doch eine ſehr erfreuliche Sache, daß die Eltern ihr Kind wiedergefunden haben.“ „Ja— gewiß— aber...“ „Wer waren denn die Leute, die es geſtohlen hatten?“ 144 „Kunſtreiter,“ ſagte zögernd das Kind,„und das ſind doch keine böſen Menſchen.“ „Nein, gewiß nicht,“ erwiderte Mademoiſelle Adele.„Es giebt wohl auch böſe Leute unter ihnen, wie in allen Ständen, aber im Ganzen ein ſolches Urtheil über ſie zu fällen, wäre höchſt ungerecht und ſogar ſchlecht. Das iſt doch wohl auch nicht in dem Buche geſagt?“ „Nein— nein, ſicherlich nicht—es war auch gewiß ein großes Glück, daß die armen Eltern ihr Kind wiedergefunden haben, aber..“ „Aber? mein Herz?— was iſt Dir noch darin aufgefallen?“ „Eigentlich wollte ich den Papa darum fragen.“ „Und kann ich es Dir nicht auch ſagen?“ „Doch nicht ſo gut wie Papa— der weiß es viel beſſer.“. „Aber vielleicht kann ich es Dir auch erklä⸗ ren, und Du magſt dann den Papa noch immer darum fragen.“ „Ja,“ ſagte Joſephine, der das einleuchtete. „So lies mir einmal die Stelle vor, die Dir ſo viel Kopfzerbrechens machte.“ Joſephine blätterte einige Seiten zurück. „Soll ich das Ganze leſen?“ 445 „Nein, ich kenne die Erzählung ſchon, nur das, was Du nicht genau verſtehſt.“ „Ja— hier ſteht: Wie dankbar waren die Eltern gegen Gott, daß ſie nicht allein ihr Kind, ihre liebe Marie wiedererhalten hatten, ſondern daß die arme Kleine auch dem traurigen Leben unter ſolchen Leuten entriſſen war! Und wie glücklich fühlte ſich Marie, als ſie ſich endlich nicht mehr genöthigt ſah, unter den rohen Menſchen zu leben, indem ſie die Schule ordentlich und regel⸗ mäßig beſuchen und fleißig lernen konnte, und jetzt doch hoffen durfte, zu einem für ſie paſſenden Leben erzogen zu werden; zu einem Leben, das ſie zu einem braven Mädchen und einer tüchtigen wackern Frau heranbilden konnte.“ Das Kind ſchwieg, als es dieſe Zeilen geleſen hatte. „Nun?“ fragte Adele,„was iſt Dir dabei auf⸗ gefallen, mein Herz?“ „Das Letzte, Mademoiſelle,“ antwortete die Kleine zaghaft:—„„und jetzt doch hoffen durfte, zu einem für ſie paſſenden Leben erzogen zu wer⸗ den, das ſie zu einem braven Mädchen und einer tüchtigen wackern Frau heranbilden konnte.““— „Konnte ſie denn das unter den— Kunſtreitern nicht auch werden?“ Gerſtäcker, Der Kunſtreiter. II. 10 — ÿõÿõmõu᷑ ————— 446. 3 „Mein liebes Herz,“ ſagte die Erzieherin mit weicher Stimme, und ſie mußte ſich Gewalt an⸗ thun, die Rührung zu verbergen, die jene einfachen, ſchüchternen Worte hervorgerufen—„das Leben ſolcher Leute mag an ſich manches Schöne und Angenehme haben, und beſonders die Männer, die da ihre Geſchicklichkeit und Kraft zeigen kön⸗ nen, fühlen ſich vielleicht oft wohl darin. Ein junges Mädchen gehört aber nicht in einen ſolchen Kreis— Du biſt noch nicht alt genug zu begrei⸗ fen, weßhalb nicht, aber Du wirſt es ſelber fühlen, wenn Du nur einige Jahre älter ſein wirſt. Der Tanz und die Kunſtſtücke auf einem Pferde mögen vielleicht— ich verſtehe das nicht— für einen Mann paſſend und hübſch ſein, aber die Frau, das junge Mädchen, die Gott geſchaffen hat, in ſtiller Häuslichkeit zu wirken, ſind nicht dazu ge⸗ macht, ſich in ſolcher Weiſe öffentlich zu zeigen. Das Publicum, das dann dabei ſitzt, applau⸗ dirt allerdings und freut ſich an den künſtlichen Sprüngen, aber im Herzen denken Alle eben ſo, und von Tauſenden, die in die Hände ſchlagen und Bravo rufen, möchte gewiß nicht ein Einziger ſein eigenes Kind zu ſolchem Leben hergeben.“ „Nicht?“ „Nein, meine Joſephine, denn Kinder vor 147 Allen gehören in den Schutz des Hauſes— Kin⸗ der müſſen lernen, denn ihre Jugend iſt die ein⸗ zige Zeit, in der ſie noch lernen können, und nicht etwa blos Leſen und Schreiben, was in jetziger Zeit jeder Tagelöhner kann, ſondern Alles, was ſie ſpäter einmal im Leben brauchen können, und was ſie, wenn ſie ſelber einmal Kinder vom lieben Gott bekommen, dieſe wieder lehren ſollen. Bei einem ſolchen Leben aber können ſie das nicht; ſie verfehlen alſo den Zweck, zu dem ſie hier auf Erden beſtimmt ſind, und wenn ſie dann einmal älter werden, fühlen ſie es und ſind unglücklich. Darum ſollen alle Kinder, die nicht nöthig haben, ſchon in ſo zartem Alter ihr Brod in ſolcher Weiſe zu verdienen, dem lieben Gott recht von Herzen danken, daß er ſie in Verhältniſſe gebracht hat, in denen ſie mit anderen guten Menſchen leben und ſich heranbilden können, und ſollen die Zeit, die ihnen alſo zu ihrer Pflege und Erziehung ge⸗ boten wird, recht fleißig benutzen— das, mein Kind, meint der Satz, den Du nicht verſtanden haſt.“ Joſephine ſchwieg eine lange, lange Weile; endlich ſtand ſie langſam auf, legte das Buch hin, ging zu ihrer Erzieherin, und das Köpſchen an deren Schulter ſchmiegend, ſagte ſie leiſe: 10* ————— 148 „Und glauben Sie, daß auch ich dem lieben Gott dafür dankbar ſein müſſe?“ „Wenn Du fühlſt, mein liebes Kind,“ erwi⸗ derte gerührt Adele,„daß Du gute Menſchen um Dich haſt, die Dich lieben und bemüht ſind, Dein Beſtes zu wollen und Dein einſtiges Glück zu gründen, gewiß.“ Joſephine ſchmiegte ſich feſter an ſie an, legte den Arm um ihre Schulter, und während ſie das Antlitz daran barg, quollen ihr ungeſehen die großen, hellen Thränen aus den Augen. 20. In der Reſidenz*ss hatte die ſo plötzliche Auflöſung des Circus Bertrand— beſonders nach ſo glänzenden Erfolgen— im Anfange nicht ge⸗ ringe Senſation erregt, und die Tagesblätter füllten ihre Spalten faſt eine Woche lang mit den verſchiedenſten Vermuthungen und Gerüchten. Dann kam Anderes, was ihre Aufm erkſamkeit in Anſpruch nahm, und der Circus mit all' ſeinen Angehöri⸗ gen war vergeſſen— und doch ließ er in zwei Herzen eine tiefe und böſe Narbe zurück. Graf Geyerſtein hatte in derſelben Zeit, in welcher ſich der Circus damals trennte, einen mehr⸗ wöchentlichen Urlaub erbeten und angetreten, über das Wohin ſeiner Reiſe aber ſtrenges Stillſchwei⸗ gen beobachtet. Er war indeſſen ſtets in ſeinem ganzen Weſen ernſt und zurückhaltend, und ſein Schweigen fiel deßhalb nicht beſonders auf. Trotz⸗ dem gaben ſich aber doch verſchiedene Perſonen 150 nicht unbedeutende, wenn auch vergebliche Mühe, den Zweck ſeines Urlaubs und beſonders das Ziel ſeiner Reiſe herauszubekommen, und unter dieſen ganz beſonders Fräulein von Zahbern— aus Grün⸗ den, die ihr ſelber am beſten bekannt waren. Graf Geyerſtein nahm aber nicht einmal ſeinen Burſchen mit unterwegs, und ehe man eigentlich recht wußte, wann er reiſen wolle, war er plötzlich ſpurlos verſchwunden, und eben ſo unerwartet, drei Tage noch vor abgelaufenem Urlaub, zurückgekehrt. In der Zwiſchenzeit hatte beim Kriegs⸗Miniſter von Ralphen ein großer Ball ſein ſollen, wenigſtens ſprach man ſchon in der Stadt davon und unter⸗ hielt ſich über die wahrſcheinlichen Einladungen. Die älteſte Tochter Melanie war aber ſehr leidend geweſen, und da die Feier eigentlich ihrem Ge⸗ burtstag galt, konnte ſie natürlich nicht ſtatt⸗ finden, wenigſtens nicht zusder beſtimmten Zeit. Es hieß, daß ſie aufgeſchoben wäre.— Die„höheren Schichten der Geſellſchaft“ be⸗ ſchäftigten ſich in dieſer Zeit überhaupt viel— vielleicht mehr als nöthig— mit der Ralphen'⸗ ſchen Familie, bei der jedenfalls eine auffallende Veränderung in einer Hinſicht ſtattgefunden hatte, wenn auch die Ralphen'ſche Familie ſelber das nicht zu bemerken oder zu beachten ſchien. 4151 Jenen Kreiſen hatte es nämlich kein Geheim⸗ niß bleiben können— war auch nicht als ſolches betrieben worden—, daß Graf Geyerſtein ſehr häufig das Ralphen'ſche Haus beſuche, von dem alten Kriegs⸗Miniſter ſowohl, wie ſeiner Tochter Melanie ſehr gern geſehen ſei, und in Folge da⸗ von natürlich die letztere heirathen würde. Man hatte ſich in der That ſchon daran gewöhnt, die beiden jungen Leute als ein Paar zu betrachten, ſo wenig ſie ſich ſelber vielleicht darüber klar ge⸗ worden. Da plötzlich, nach dem Urlaub des jungen Grafen, änderte ſich die ganze Sache, und zwar ſo auffallend, daß Geyerſtein das Ralphen'ſche Haus faſt gar nicht mehr, oder doch nur ſehr ſel⸗ ten betrat. Ein deſto häufigerer Gaſt dagegen wurde der junge Graf Selikoff, und wenn dieſer ſelber auch recht gut fühlen mochte, daß er dem Herzen Melanie's noch ſehr fern ſtand— ob⸗ gleich ſich ſeine Bemühungen dahin nicht verken⸗ nen ließen,— übernahm die überhaupt zu allen Zeiten ſehr raſch mit ihrem Urtheil ferti Ge⸗ ſellſchaft“ den Ausſpruch und erklärte ſich die Alliance mit Graf Geyerſtein habe ſich dr irgend welchen nicht bekannten Gründen zerſchla⸗ gen, und Graf Selikoff ſei an deſſen Stelle gerückt. 152 Der alte Herr von Ralphen mochte etwas Aehnliches fühlen, ja, fürchten; denn er liebte den jungen Geyerſtein wie einen Sohn und kannte den, der an ſeine Stelle rücken ſollte, noch zu wenig, um ſchon mit einem Urtheil über ihn fer⸗ tig zu ſein. Aber er hatte ſich auch feſt vorge⸗ nommen, ſeiner Tochter in einer Herzens⸗Angele⸗ genheit keinen Zwang anzuthun, noch ihr ſein Urtheil aufzudringen. Erſt wenn ſie ſelber ihn um Rath fragen würde, war die Zeit zu ſprechen für ihn gekommen. Uebrigens durfte er ſeiner Melanie, wie er glaubte, ſchon vertrauen, daß ſie keinen raſchen, unüberlegten Schritt ohne ſeinen Rath thun würde, und er ſah deßhalb der näch⸗ ſten Zukunft noch mit vieler Ruhe entgegen. Nicht ganz ſo gleichgültig nahm Excellenz die Frau Kriegs⸗Miniſter die Sache, und zwar von einem, dem jungen Grafen Geygrſtein weniger günſtigen Geſichtspunkte aus. Sie hatte ihn eben ſo gern wie ihr Gatte, aber— im Vergleich mit deem außerordentlich reichen ruſſiſchen Grafen, deſ⸗ ſen Huünfsquellen wirklich unerſchöpflich ſchienen, war G ein doch eine minder gute Partie für ihre Melanie, und den Rückſichten— der Sorge der Mutter für ihrer Tochter Wohl— mußten alle anderen nachſtehen. Nicht ſo zartfühlend, wie 153 der alte Herr dabei, hatte ſie allerdings verſucht von Melanie ſelber die Urſache in dem Wechſel ihres Betragens, wenn nicht ihrer Neigung, zu erfahren, doch ohne Erfolg. Melanie konnte und wollte nicht die wahre Urſache eingeſtehen, und mit den ausweichenden Antworten, die ſie gab, mußte ſich, wohl oder übel, die Excellenz begnügen. Wer aber ſeit einiger Zeit zu den fleißigſten Beſuchern des Hauſes gehörte, ohne jedes Mal erſt eine Einladung abzuwarten, war Fräulein von Jaßber, und ſelbſt ein minder herzliches Entgegenkommen, als ſie mitbrachte, konnte ſie nicht davon zurückſchrecken. War Offenheit dabei eine hervorragende Eigenſchaft ihres Charakters, ſo empfand ſie für Melanie eine tief innige Freund⸗ ſchaft. Sie geſtand ihr, daß ſie den Augenblick ordentlich arhe in dem ſie wieder in ihre Arme flie ſen künne, und Melanie müſſe ihr es ordentlich angethan haben, denn ſie wäre nicht im Stande, vor ihr auch nur das Geringſte, 9 auf ihrem Herzen läge, geheim zu halten. Melanie ſelber, viel zu gutmüthig art⸗ fühlend, Jemanden, der ihr ſo herzlich ⸗ kam, von ſich abzuſtoßen, duldete dieſe Freund⸗ ſchaftsbezeigungen mehr, als daß ſie dieſelben er⸗ widerte. Ihr Geheimniß behielt ſie aber trotz⸗ 154 dem, und trotz der jungen Dame directen und indirecten Anſpielungen darauf, für ſich, und Francisca von Zahbern fand es bei ſpäteren Be⸗ ſuchen im Zühbig'ſchen Hauſe eben noch ſo uner⸗ klärlich, weßhalb Melanie total mit dem Grafen Geyerſtein gebrochen habe, wie früher. Daß dem aber wirklich ſo ſei, ließ ſich nicht verkennen, und ſo oft Fräulein von Zahbern den Grafen Selikoff bei Ralphens traf, eben ſo oft kehrte ſie auch mit vermehrter Verachtung gegen das Menſchengeſchlecht im Allgemeinen und einzelne Individuen insbe⸗ ſondere in ihre eigene ſtille und einſame Woh⸗ nung zurück. In dieſe Zeit fiel es, daß Herr von Zühbig ſeinen Ausflug nach dem Norden machen mußte, wohin ihn ſeine Frau begleiten ſollte. Frau von Zühbig hatte dazu allerdings nicht die geringſte Luſt, würde ihrem Manne aber doch dieſes Opfer gebracht haben, wenn nicht gerade ein heftiges Nervenleiden einen Tag vor ſeiner Abreiſe ſie an ihr Lager gefeſſelt hätte. Herr von Zühbig mußte d allein fort; aber auch hierüber ſchien er tröſten, da ihm noch dazu von anderer Seite die höchſte Aufmunterung zu Theil ward. Se. Königliche Hoheit hatten nämlich geruht, ihm noch einige ſpecielle Aufträge— allerdings höchſt 155 unbedeutender Art, aber doch Aufträge— zu ertheilen, und er verließ ſeine Heimath genau mit einem ſolchen Geſicht und ſolchen Gefühlen, mit denen ein Anderer an ſeine Stelle zurückgekehrt wäre. Herr von Zühbig war aber nicht allein Menſch, er war auch Cavalier, und es iſt einmal nicht cavaliermäßig, irgend ein Gefühl des Schmer⸗ zes oder der Niedergeſchlagenheit— ausgenommen bei Hoftrauer— dem Publicum zu verrathen.“ Frau von Zühbig erholte ſich glücklicher Weiſe gleich nach ihres Gatten Abreiſe ſo vollkommen wieder, ihre gewöhnlichen Whiſtpartien mit Herrn von Silberglanz und Fräulein von Zahbern ohne Zögern aufnehmen zu können, und da kein Rück⸗ fall erfolgte, befand ſie ſich auch während ihres Gatten Abweſenheit vollkommen wohl, ja, wie ſie erklärte, wohler als je. Die Heilung ſelber ver⸗ dankte ſie aber Niemandem weiter, als dem Baron von Silberglanz, der: nicht unbedeutende magne⸗ tiſche Kraft beſaß und dieſelbe in einzelnen ſpe⸗ ciellen Fällen zum Beſten ſeiner Mitmenſchen an⸗ wandte. Er that es aber, wie er verſicherte, nur ausnahmsweiſe und ſelbſt dann höchſt ungern, da es ihn außerordenklich angriff und ſeine eigene Geſundheit darunter litt. Jedenfalls war der Erfolg hier ein eortrffcherſ — 156 geweſen, und unſere kleine Partie ſaß eines Abends auch wieder fröhlich beiſammen, als draußen die Klingel etwas ſtark gezogen wurde, und Frau von Zühbig, mit dem freudigen Ausruf:„Mein Mann!“ die Karten fallen ließ und die neben ihr ſtehende Theetaſſe vom Tiſche warf. Der herbeiſpringende Bediente hatte noch nicht die Hälfte der Scherben wieder aufgeleſen, als Herr von Zühbig, in Pelz und Mütze,„geſtiefelt und geſpornt“ in das Zimmer ſeiner Frau trat, — und wie glücklich war dieſe, daß ſie den Gat⸗ ten endlich wieder hatte— wie flog ſie an ſeinen Hals, unbekümmert um die fremden Menſchen, um die Dienerſchaft! wie half ſie ihm ſelber, ſo viel er ſich auch dagegen ſträuben mochte, Pelz und Shawl ablegen, und ruhte nicht eher, als bis er behaglich hinter einer heißen Taſſe Thee in der Sopha⸗Ecke ſaß! Der„RNubber“ mußte natürlich erſt ausgeſpielt werden, Herr von Zühbig drang, als Whiſtſpieler von Fach, ſelber darauf. Dann aber wurde der Spieltiſch bei Seite gerückt, und der„Reiſende“ ſollte erzählen— viel erzählen, und zwar Alles, was er geſehen und erlebt, und— wenn irgend moöglich— ein kleines wenig mehr. Herr von Zühbig befand ſich, nach allen aus⸗ geſtandenen„Beſchwerden und Fährlichkeiten“ aus⸗ nehmend wohl in der weichen Sopha⸗Ecke, und ebenfalls gerade in der Stimmung, ſich mitzu⸗ theilen. So offen und ausführlich er aber über Alles ſprach, was ihn betroffen und was er„durch⸗ gemacht“, ſo waren ſeine Zuhörer keinen Augen⸗ blick in Zweifel darüber, daß er noch etwas— und wahrſcheinlich gerade die Hauptſache— ver⸗ hehle, und konnten den Moment kaum erwarten, wo er ihnen auch dieſes enthüllen würde. Bis jetzt aber waren die Dienſtboten noch ab⸗ und zu⸗ gegangen; die Gouvernante hatte die Kinder herein⸗ gebracht, dem Papa die Hand zu küſſen und ihm „bonne nuit“ zu ſagen— es war noch keine or⸗ dentliche Ruhe geweſen. Jetzt ſchien das beſei⸗ tigt; die Thür ſchloß ſich hinter den letzten Frie⸗ densſtörern, und Fräulein von Zahbern, die in⸗ deſſen wie auf Kohlen geſeſſen hatte, rief:„Und⸗ jetzt heraus, mein Herr Intendant! wir wiſſen, Sie haben noch etwas auf dem Herzen, und es drückt Sie ausnehmend, es loszuwälzen. Be⸗ freien Sie ſich davon— bitte, bitte, erzählen Sie!“ Ddie junge Dame ſchlug dabei die Hände zuſam⸗ men, wie es die lieben Kindlein machen, wenn ſie die Eltern um etwas erſuchen wollen— übrigens —155 gehörte ſie ſchon ſeit längerer Zeit nicht mehr zu den Kindern. Der General-⸗Intendant ſah den kleinen Kreis ihn erwartend umgebender Menſchen innig ver⸗ gnügt an— der Moment war gekommen, auf den er ſich ſchon die ganze Heimfahrt über gefreut, und er erntete jetzt in vollen Zügen die Belohnung dafür ein, daß er es ſich verſagt hatte, ſein Ge⸗ heimniß leichtſinnig— vielleicht gar durch einen Brief— zu verſchleudern. „Alſo ein Geheimniß glaubt Ihr, das ich habe?“ fragte er ſchmunzelnd. „Es iſt grauſam, wie er uns martert,“ rief ſeine Frau. „Er ſpannt uns abſichtlich auf die Folter,“ ſagte Baron von Silberglanz,„und vielleicht iſt es nicht einmal der Mühe werth, daß wir uns ſo darüber den Kopf zerbrechen.“ Dieſe Liſt, es herauszubekommen, war etwas plump, aber auf Herrn von Zühbig von vortrefflicher Wirkung. „Meinen Sie wirklich?“ rief der genannte Herr, ſich im Sopha raſch emporrichtend,„aber Sie ſollen mir Abbitte thun, Silberglanz,— Sie vor allen Anderen, denn gerade Sie wird es mehr als alle Anderen intereſſiren.“ — 159 „Mich?“ rief der Baron erſtaunt. „Thun Sie nicht ſo unſchuldig— als ob wir nicht wüßten, wie Sie für die ſchöne Bertrand geſchwärmt hätten.“ „Die Kunſtreiterin?“ riefen Fräulein von Zahbern und Frau von Zühbig wie aus Einem Munde. „Georgine Bertrand,“ beſtätigte der General⸗ Intendant, ſich an dem Genuſſe ihres Erſtaunens weidend,„aber“— ſetzte er plötzlich mit gehobe⸗ ner Hand hinzu—„Discretion, meine Herrſchaf⸗ ten! Was ich Ihnen jetzt mittheile, geſchieht wie unter dem Siegel der Beichte. Ich ſelber habe verſprochen, das Geheimniß zu bewahren, und werde es thun— hier natürlich, unter Freunden, darf man ſich ausſprechen.“ „Werſteht ſich, verſteht ſich,“ rief Fräulein von Zahbern raſch und ungeduldig,„aber wo, beſter Intendant, wo haben Sie Madame Bertrand ge⸗ funden?“ „Madame?“ fragte von Zühbig lächelnd,„Ma⸗ dame nicht allein, Monſieur Bertrand, Fräulein Joſephine, das ganze Neſt, und darin wäre nichts beſonders Außerordentliches, aber eben das Wo? Das errathen Sie nicht, und wenn ich Ihnen ein Jahr Zeit dazu gäbe.“ 9 160 „Nun?— oh, quälen Sie uns nicht länger.“ „Du biſt mehr als grauſam, Guillaume.“ „Nun gut, ſo hören Sie denn— aber noch einmal, ſtumm wie das Grab!“ „Wie das Grab,“ ſagten alle Drei feierlich. „Auf dem Gute des Grafen von Geyerſtein.“ „Es iſt nicht möglich,“ platzte Fräulein von Zahbern heraus, während Herr von Silberglanz ebenfalls einen Ausruf des Staunens nicht unter⸗ drücken konnte. „Nicht möglich, meine Gnädige?“ lächelte von Zühbig.„Ich gebe Ihnen mein Wort, und es iſt das Wort eines Mannes, der Erfahrung in der Welt geſammelt hat, es exiſtirt außeror⸗ dentlich viel Unmögliches in eben dieſer Welt.“ „Und ich ſehe darin eben gar nichts Außer⸗ ordentliches,“ bemerkte ſeine Frau.„Geyerſtein hat ſich in die Bertrand vergafft— das wußten wir ſchon damals, nur daß er den Mann mit auf das Gut nimmt, iſt etwas außergewöhnlich — und ſelbſt das vielleicht nicht einmal,“ ſetzte ſie achſelzuckend hinzu. „hedlrands auf dem Gute des Grafen Geyer⸗ ſtein,“ wiederholte noch einmal Fräulein von Zah⸗ bern, als ob ſie die Worte in einer Verzückung ſpräche— was Frau von Zühbig geſagt, hatte 161 ſie gar nicht gehört—„und wiſſen Sie das ganz, ganz gewiß?“ „Ich weiß nicht, ob Sie das„gewiß wiſſen“ nennen können, meine Gnädige,“ erwiderte lächelnd Herr von Zühbig,„aber ich habe mit ihnen zu Abend geſpeiſt, habe dort übernachtet und gefrüh⸗ ſtückt, und bin von Monſieur Bertrand oder viel⸗ mehr Baron von Geyfeln noch ein Stück begleitet worden.“. „Baron von Geyfeln?“ fragte Frau von Züh⸗ big,„wer iſt das nun wieder? Den Namen kenne ich ja gar nicht.“ „Nun, ma chore, die Sache iſt ſehr klar. Den Namen Bertrand braucht die Familie nicht mehr und nennt ſich einfach jetzt„von Geyfeln.“ „Monſieur Bertrand?“ rief die gnädige Frau entrüſtet,„aber das darf er ja gar nicht. Wie kann ſich der Menſch Baron nennen!“ „Liebes Herz,“ beſchwichtigte ſie ihr Gatte,„wer fragt dort danach, wen kümmert oder genirt es? und es nennen ſich ſo viele Menſchen Baron, die — hm, noch eine Taſſe Thee, mein Schatz. Ich bin wirklich ganz ausgetrocknet angekommen.— Nun, Silberglanz, Sie ſitzen ja ganz verſteinert da!— An was denken Sie?“ „Ich? ſonderbare Frage! an dieſe unerwartete Gerſtäcker, Der Kunſtreiter. II. 11 162 Nachricht— dieſer ſtille Duckmäuſer dieſer Graf Geyerſtein!“ „Ja, ſtille Waſſer ſind tief, lieber Freund,“ bemerkte Frau von Zühbig,„mir haben Sie immer nicht glauben wollen.“ 4 „Aber, gnädige Frau!“ rief von Silberglanz, kein Menſch hat doch eine Ahnung haben können, daß Geyerſtein...“ „Kein Menſch?“ unterbrach ihn die Dame lächelnd,„wir ſind nicht Alle ſo kurzſichtig wie Sie. Fragen Sie die Zahbern, was wir ſchon vor langen Wochen mit einander beſprochen haben.“ „Ich kann noch gar nicht wieder zu mir ſelber kommen,“ ſtöhnte die Genannte,„es iſt zu un⸗ glaublich. Und deßhalb der lange Urlaub!“ „Er übt noch Entſagung genug,“ lächelte Frau von Zühbig,„und wird ſelber über die Dauer ſeines Urlaubes ganz das Gegentheil gedacht ha⸗ haben, liebe Francisca.“ „Aber wie geht es den— Leuten?“ fragte von Silberglanz,„fühlt ſich denn die Dame in ſolchem Doppelverhältniß wohl?“ „Was kann das uns intereſſiren!“ bemerkte die gnädige Frau. 163 „Es iſt doch immer intereſſant in pſychiſcher Hinſicht,“ ſagte von Silberglanz. „Da hat der Baron recht,“ beſtätigte von Züh⸗ big,„und nur aus dieſem Grunde war auch mir das Begegnen dieſer Leute— ich wurde genöthigt, dort zu übernachten, weil ich ein Rad zerbrochen hatte— höchſt intereſſant.“ „Gott, wie romantiſch!“ rief Silberglanz. „Wenn man mit ſo vielen Menſchen zu thun hat, wie unſer einer, fuhr der Intendant fort, ſo gewinnt man einen raſchen Ueberblick über Cha⸗ raktere und Seelenzuſtände, und ich glaube, ohne mir zu ſchmeicheln, daß ich mich darin als Auto⸗ rität betrachten darf. Ich weiß wenigſtens ſeit langen Jahren kein Beiſpiel, daß ich mich nach ſolchem gefaßten Urtheil geirrt hätte. Dem zu⸗ folge ſchien ſich Monſieur Bertrand, oder beſſer geſagt: Baron von Geyfeln, außerordentlich be⸗ haglich in ſeiner neuen Würde zu fühlen.“ „Und ſeine Frau?“ „Aber was für Intereſſe nehmen Sie an dem Seelenzuſtand der Frau?“ 4 „Nur ein allgemeines, meine Gnädigſte, auf Parole; nur ein allgemeines. Herr von Zühbig wird mir darin recht geben.“ „Vollkommen, lieber Silberglanz,“ lächelte Herr 11* von Zühbig, und der Blick, den er dabei heimlich dem Baron zuwarf, hatte etwas von einem Faun; „die Frau ſchien ſich übrigens, wie ich feſt über⸗ zeugt bin, nicht glücklich in dieſen Verhältniſſen zu fühlen. Sie ſprach mit Entzücken von ihren früher gefeierten Triumphen, ſobald der Herr Ge⸗ mahl nur einmal den Rücken wandte— was, beiläufig geſagt, ſehr ſelten geſchah.“ „Gemahl,“ ſagte Frau von Zühbig verächt⸗ lich,„ich glaube gar nicht, daß die Beiden mit einander getraut ſind.“ „Iſt auch gar nicht nothwendig, mein Schatz,“ lächelte ihr Gatte,„und wie Du ganz richtig be⸗ merkſt, unter den ſtattfindenden Verhältniſſen in der That unwahrſcheinlich. Deſto mehr ge⸗ rechtfertigt bleibt aber dann meine Behauptung, daß ſie ſich nicht behaglich unter ſolcher Auf⸗ ſicht fühlen könnte— wenn nicht Bertrand doch immer ein ſehr hübſcher, ſtattlicher Mann wäre.“ „Ich begreife aber nicht, daß Graf Geyerſtein ſie zuſammenläßt.“ „Wird es nicht hindern können; es gäbe auch ſonſt zu viel Aufſehen. So verläuft die Sache ganz ruhig und gleichmäßig, denn Herr von Gey⸗ feln iſt dem Namen nach der Pachter ſeines dor⸗ tigen Gutes, und daß der Eigenthümer ſeine Pacht⸗ 165 leute dann und wann beſucht und nach der Wirth⸗ ſchaft ſieht, nicht mehr wie in der Ordnung; kann wenigſtens keiner Seele auffallen.“ „Eine ſchöne Wirthſchaft, die ſie dort mitſam⸗ men führen werden!“ „Allerdings,“ lächelte Herr von Zühbig,„Ma⸗ dame Georgine bleibt immer eine ſchöne Frau.“ „Es war ſehr rückſichtslos von ihrem Gatten, Euch ſo wenig allein zu laſſen,“ bemerkte etwas boshaft Madame. „Mein beſter Engel, Du glaubſt doch nicht etwa, daß...“ „Daß Monſieur Bertrand eiferſüchtig wäre? — nein. Die Leidenſchaft ſcheint er wenigſtens nicht zu kennen. Aber weßhalb ſollte ſich die Donna da unbehaglich fühlen?“ „Aus Langerweile, ma chère, jedenfalls aus Langerweile; denke nur, wie lange Graf Geyer⸗ ſtein ſchon wieder in der Stadt iſt, und für eine Frau, die an ein ſolches Leben, wie das frühere, gewohnt war, mag es wahrhaftig kein Spaß ſein, auf einem Fleck in einer quaſi Wildniß zu hocken.“ „Warum iſt ſie nicht bei ihrer Kunſt geblieben?“ „Das iſt mir auch unetklätlic ,“ verſicherte Silberglanz. „Aber bildſchön iſt ſie, das muß man ihr 1466 laſſen,“ verſicherte von Zühbig, vielleicht nur, um ſeine Frau damit zu necken.„Ich gebe Ihnen mein Wort, Baron, in dem kleinen Morgenhäub⸗ chen ſah ſie rein zum Anbeißen aus“— und er küßte dabei auf das Zarteſte die Spitzen des drit⸗ ten Fingers und Daumens ſeiner linken Hand. „Du biſt immer ſehr leicht entzündet, mon cher,“ ſagte ſeine Frau,„ſie hat ein ganz alltäg⸗= liches Geſicht, und nur hübſche Augen.“ „Was?“ fuhr ihr Gatte erſtaunt nach ihr her⸗ um,„Silberglanz, ich bitte Sie um Gotteswillen, nehmen Sie meine Partei— Georgine nicht ſchön? Ich gebe Dir mein Wort, Amelie, ſie iſt das ver⸗ führeriſchſte Weib, das ich in meinem Leben ge⸗ ſehen habe— present company, verſteht ſich, always excepted.“ „Sie hat auch Anbeter genug gehabt,“ ſeufzte von Silberglanz, während Frau von Zühbig mit den Achſeln zuckte. „Und über die neuen die alten doch nicht ver⸗ geſſen,“ lächelte mit einem bezeichnenden Blicke Herr von Zühbig. „Wie ſo?“ fragte leicht erröthend der Baron. „Ein ander Mal,“ beſchwichtigte ihn der In⸗ tendant, und ſeine Frau ſagte:„Du biſt unaus⸗ ſtehlich heute— aber liebe Francisca, Sie ſpre⸗ chen ja kein einziges Wort mehr und ſitzen da ſtumm wie ein Fiſch; doch natürlich, ſolches Intereſſe können wir nicht an der Dame neh⸗ men, wie die beiden Herren da, die nur in der Erinnerung an ſie in einer wahren Verzückung ſchwimmen.“ „Sie thun mir Unrecht, gnädige Frau,“ ſagte von Silberglanz,„aber das Intereſſe, das wir an einer bekannten Perſönlichkeit nehmen, noch dazu, wenn ſie uns in ſolcher Art in's Gedächt⸗ niß zurückgerufen wird, iſt wohl erklärlich. Fräu⸗ lein von Zahbern wird ganz meiner Meinung ſein.“ Fräulein von Zahbern war es in der That, ja, ſo überraſcht durch die Nachricht geworden, daß ſie im erſten Augenblick wirklich nur daran dachte, auf welche Weiſe ſie dieſelbe am Beſten verwerthen könne. Durch Frau von Zühbig's Anrede kam ſie auch erſt wieder zu ſich ſelbſt und erwiderte darauf:„Nein, natürlich nicht— in⸗ tereſſant bleibt es allerdings immer, aber was gehen uns eigentlich die Leute weiter an. Lieber Gott, man hat ſo viel mit ſich ſelber zu thun, daß man ſich wahrhaftig nicht auch noch um an⸗ dere Menſchen zu bekümmern braucht.“ „So laßt denn Monſieur Bertrand und ſeine 465 Donna ruhen, wenn ich bitten darf,“ ſagte Frau von Zühbig, der das Geſpräch unangenehm wurde. „Ich hätte dem Grafen Geyerſtein einen beſſern Geſchmack zugetraut, aber über Geſchmack läßt ſich nicht ſtreiten. Apropos Geyerſtein— die Alliance mit Melanie und Selikoff iſt alſo ſo ge⸗ wiß wie arrangirt.“ „Natürlich,“ ſagte von Zühbig,„das war vorauszuſehen.“ „Ich bitte um Verzeihung!“ rief Fräulein von Zaßhbern raſch, ſo ganz beſtimmt und ausgemacht iſt die Sache doch noch nicht. Ich bin faſt täg⸗ lich im Ralphen'ſchen Hauſe und müßte da auch etwas davon erfahren haben.“ „Liebe Francisca,“ ſagte Frau von Zühbig gutmüthig,„ereifern Sie ſich nicht; die Sache iſt in der That ſo gut wie geſchehen. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf, und ich habe ſehr ſichere Quellen. Die Verlobung wird in drei⸗ Wochen bei Gelegenheit des Hochzeitstages der Excellenzen bekannt gemacht werden, und der große Ball iſt auch bis auf jenen Tag verſchoben wor⸗ den. Sie ſehen, daß ich ganz genau unterrich⸗ tet bin. „Und Sie glauben wirklich?“ 169 „Von glauben iſt da gar keine Rede mehr, liebe Francisca, die Sache iſt geſchehen, und ich denke, Melanie macht an dem Ruſſen eine beſſere Partie, als an dem armen Grafen Geyer⸗ ſtein.“ „Nun, mein Kind, Geyerſtein iſt doch nicht ſo arm.“ „Er braucht dann ſehr viel, mein liebes Herz, denn hier in der Stadt wiſſen wir genau, daß er ſich, in der letzten Zeit beſonders, außer⸗ ordentlich eingeſchränkt und nur das Allernöthigſte ausgegeben hat. Lieber Gott, ſo etwas kann ja in den Verhältniſſen, in denen wir nun einmal leben, kein Geheimniß bleiben und ſpricht ſich aus. — Aber was iſt das, Sie wollen ſchon fort?“ „Mama erwartet mich,“ ſagte Fräulein von Zahbern, die aufgeſtanden war und ihren Shawl feſtigte,„es iſt auch ſchon ſpät, und nach ſo lan⸗ ger Abweſenheit werden Sie mit Ihrem Herrn Gemahl noch Manches zu beſprechen haben.“ „Aber Sie können doch nicht allein gehen.“ „Wenn mir das gnädige Fräulein erlauben, werde ich Sie begleiten,“ ſagte Baron Silberglanz, ebenfalls aufſtehend,„Fräulein von Zahbern hat recht, es iſt Zeit, daß wir gehen.“ „Aber ich bitte Sie, Baron.“ 140 „Auf ein ander Mal, mein lieber Zühbig. Wenn Jemand von einer größern Reiſe zurück⸗ kommt, thut ihm Ruhe wohl. Gnädige Frau, ich habe die Ehre.“ „Wenn Sie alſo nicht anders wollen, bon soir, Baron,“ ſagte Herr von Zühbig,„hoffentlich ha⸗ ben wir bald wieder das Vergnügen, Sie bei uns zu ſehen. Mein gnädiges Fräulein, kommen Sie gut nach Hauſe, Sie haben ja nicht ſo weit.— Aber noch einmal bitte ich in der bewußten An⸗ gelegenheit um Ihre Discretion. Herr von Geyfeln hat mich ſelber gebeten, hier in**“ nichts von dem Zuſammentreffen zu erwähnen, und ich werde auch darüber ſchweigen, wie das Grab.— En famille iſt es natürlich eine andere Sache.“ „Nicht eine Sylbe!“ rief Baron Silberglanz betheuernd. „Gute Nacht, meine liebe Francisca,“ ſagte Frau von Zühbig, die aufgeſtanden war und Fräu⸗ lein von Zahbern zärtlich umarmte und küßte, „gute Nacht, mein liebes Herz. Verwahren Sie ſich nur ja recht gut, daß Sie ſich nicht erkälten; es iſt entſetzlich rauh draußen und Ihre Geſund⸗ heit überdies ſo zart.“ „Gute Nacht, meine liebe Amelie,“ erwiderte 171 die junge Dame,„haben Sie keine Angſt um mich; ich bin vortrefflich eingepackt, und die paar Schritte lauf' ich ſchnell hinüber.— Gute Nacht, Herr Intendant. Morgen müſſen Sie uns noch mehr von Ihren Reiſen erzählen.“ Frau von Zühbig begleitete die Freundin bis zur Thür, und hier umarmten ſich die beiden Damen nochmals auf das Herzlichſte; der Baron empfahl ſich ebenfalls, und die beiden Gatten blieben allein. „Die arme Zahbern dauert mich,“ ſagte Frau von Zühbig, indem ſie zu ihrem Platze auf dem Sopha zurückkehrte,„ſie hatte ſich ſo feſte Rech⸗ nung auf den jungen Ruſſen gemacht.“ „Auf den Selikoff?“ „Gewiß. Einmal glaubte ſie ihn auch ſchon ganz ſicher im Netze zu haben; er war ihr aber zu klug. Haſt Du nicht geſehen, wie ſie ordent⸗ lich gelb vor heimlichem Aerger wurde, als ich, ihr erzählte, daß die Verbindung feſt beſchloſ⸗ ſen ſei?“ „Das glaub' ich, daß ihr die Partie recht geweſen wäre,“ lachte ihr Gatte,„ein ſolcher Goldfiſch!“ „Irgend eine, beſter Freund,“ verſicherte Frau -172 von Zühbig nachläſſig.„Lieber Gott, Francisca iſt nun einmal in den Jahren, in denen ſie einen Mann bekommen muß— wenn ſie ſich nicht ihr übriges Leben ohne einen ſolchen behelfen ſoll, und ich glaube kaum, daß ſie ſehr wähleriſch darin ſein würde. Natürlich iſt ihr der Beſte der Liebſte.— Aber was war denn das, worüber Du dich noch mit Silberglanz be⸗ ſprechen wollteſt?“ „Ich?— mit Silberglanz?“ „Wegen der Donna.“ .„Ah ſo,“ lachte der Intendant,„weiter nichts als ein Scherz, liebes Kind. Der arme Silber⸗ glanz war bis über die Ohren in jene Kunſtrei⸗ terin verliebt, und rein toll vor Eitelkeit, wie er einmal iſt, glaubt er Alles, was dem Nahrung giebt. Ich werde mir einen Scherz mit ihm ma⸗ chen und ihm erzählen, daß ſich Georgine ange⸗ legentlich nach ihm erkundigt und mir unter der Hand zu verſtehen gegeben habe, daß ich ihn wiſſen laſſen möchte, wo ſie ſchmachte.“ „Du irrſt Dich darin doch vielleicht in dem Baron.“ 4 „Gott bewahre, liebes Herz— ich irre mich nie. Aber ich bin müde, mein Schatz, und werde heute früh zu Bette gehen. Bitte, laß mir noch 1743 die indeſſen eingegangenen Briefe und Zeitungen bringen.“ 1 Frau von Zühbig läutete, und ihr Gatte ſaß bald, behaglich im Sopha zurückgelehnt, hinter“ einem Haufen aufgeriſſener Papiere. 21. Frau von Zühbig kannte ihre Freundin Fran⸗ cisca ſo genau, wie Herr von Zühbig den Baron, und Beide verließen an dem Abend das Züh⸗ big'ſche Haus trotz aller Freundſchaftsbezeigungen mit einem Stachel im Herzen, der aber nur die junge Dame wirklich ſchmerzte. Unterwegs blieb ſie auch außerordentlich einſylbig, trotz aller Be⸗ mühungen des Barons, der es für ſeine Pflicht hielt, ſich liebenswürdig zu machen. Zu Hauſe angekommen, ſagte ſie ihrer Mutter kaum guten Abend, ſchloß ſich dann in ihr Zimmer ein, warf ſich in ihr Sopha, und ihr Geſicht in die Hand ſtützend, ſtarrte ſie finſter brütend vor ſich nieder. Fräulein von Zahbern hatte Augenblicke, in denen ſie hübſcher ausſah, als in dieſem. „Alſo doch,“ murmelte ſie leiſe vor ſich hin, mit dem Fuße dabei den Teppich ſchlagend,„alſo doch!— Dieſe coquette Ralphen, dieſes unreife, 175 eingebildete Ding, voll Capricen und Launen! Und wie ſcheinheilig und unſchuldig die— Perſon gegen mich that! ob ihr je ein Wort davon über die Lippen gegangen wäre! Das iſt Freundſchaft, das iſt Vertrauen— die kleine giftige Schlange, die! Und was für eine Urſache nur ſie und Geyer⸗ ſtein auseinandergebracht haben mag?— Sie hat ihn geliebt, ich weiß es beſtimmt, ja, meinen Kopf möcht' ich zum Pfande ſetzen, daß ſie ihn noch liebt; ſie kann ſich einmal nicht verſtellen, ſo viel Mühe ſie ſich giebt, und wie ich ihr neulich nur den Namen nannte, wurde ſie bald blaß und bald roth. Hätte ich damals meinen Vortheil verfolgt, ich glaube, ich hätte ſie zu einem Geſtändniß bringen können, aber meine alberne Gutmüthigkeit ließ es nicht zu. Gutmüthigkeit für ſolches Entgegen⸗ kommen— doch warte— ſetzte ſie entſchloſſen hinzu, als ſie aufſprang und mit raſchen Schritten in ihrem Zimmer auf und ab lief—„jetzt hab' ich Dich! Liebt ſie den Geyerſtein wirklich noch, ſo iſt er auch zurückgetreten und nicht ſie, und das zu erfahren, hab' ich jetzt ein prachtvolles Mittel. Die Zühbig'ſche Nachricht iſt Gold werth, und daß ich ihr das Gift tropfenweiſe beibringe, darauf kann ſie ſich verlaſſen. Hat ſie Selikoff wirklich ſo feſt umgarnt— iſt die Verbindung big behauptet, ſo kann ich darin ſo nichts mehr verderben— nur meine Rache will ich noch haben. Der Wurm krümmt ſich, wenn er getreten wird, aber die Schlange ſticht, und ich will ſelber jetzt einmal eine Zeit lang die Schlange ſpielen. Wie ſie die Neuigkeit wohl aufnehmen wird?— Ich bin neugierig, ob ſie ſich ſo weit verſtellen kann! — Aber nein, dazu fehlt ihr Charakterſtärke, denn ſie iſt ja doch weiter nichts als eine arme, hülf⸗ loſe Coquette.“ Fräulein von Zahbern hatte ſich ſelber in eine recht fatale, unangenehme Laune hineingedacht und geſprochen, und würde, um dem Reſultate zu entgehen, wenn andere Perſonen gegenwärtig ge⸗ weſen wären, jedenfalls zu Thränen und Krämpfen ihre Zuflucht genommen haben. Eingeſchloſſen aber in ihr Zimmer, dachte ſie an nichts Derar⸗ tiges, ſondern kleidete ſich aus, ging zu Bett und grübelte unter der warmen Decke über ihre Rache⸗ pläne weiter. 3 177 Melanie ſaß am nächſten Tage allein mit Louiſe in ihrem Zimmer, und arbeitete an einer Stickerei. Graf Selikoff hatte ſie gerade verlaſſen, und ein prachtvolles Blumen⸗Bouquet lag vor ihr auf ih⸗ rem Arbeitstiſche— aber ihr eigenes Antlitz paßte nicht zu den blühenden Roſen und Camellien, mit denen es prangte. Sie ſah bleich und angegriffen aus, und ein ſchmerzlicher Zug umzuckte den fein⸗ geſchnittenen Mund. 3 „Ich will ein Glas Waſſer holen,“ ſagte Louiſe aufſtehend,„die Blumen welken ſonſt ſo ſchnell.“ „Ich danke Ihnen,“ erwiderte Melanie,„aber bitte, ſetzen Sie die Blumen in das andere Zim⸗ mer hinüber, ich habe Kopfſchmerzen, und die Roſen duften mir zu ſtark.“ „Sie ſehen heute leidend aus, Melanie,“ ſagte Louiſe, zu ihr gehend und leiſe ihre Stirn küſſend, „ffehlt Ihnen etwas?“ „Nein, nicht das Geringſte weiter,“ lächelte das junge Mädchen, ein rheumatiſcher Kopfſchmerz jedenfalls; ich fürchte faſt, daß ich mich geſtern beim Nachhauſekommen erkältet habe.““ „Sie waren auch ſo leicht angezo gen.“ „Es wird vorübergehen, da kommt Jemand.“ „Es. iſt Roſalie— ſie wird mich zum Spa⸗ Gerſtäcker, Der Kunſtreiter. II. 12 178 zierengehen abholen wollen. Begleiten Sie uns vielleicht ein wenig?“ „Heute nicht— Ruhe wird mir beſſer ſein. Was haſt Du, Roſalie? Du ſiehſt ja ſo verdrieß⸗ lich aus! Iſt Dir etwas geſchehen?“ „Mir?“ ſagte das junge Mädchen, indem ſie zu der Schweſter in's Zimmer trat und an's Fenſter ging,„was ſoll mir geſchehen ſein? Ich ärgere mich nur über Jemanden.“ „Ueber wen?— wer hat Dir Urſache dazu gegeben?“ „Ueber wen?— über den Grafen Geyerſtein — es iſt recht häßlich von ihm!“ „Was, mein Herz?“ ſagte Melanie und fühlte dabei, wie ihr das Blut zum Herzen zurückſchoß. „Und haſt Du es denn auch vergeſſen?“ rief Roſalie erſtaunt,„iſt denn nicht heute mein Ge⸗ burtstag, an dem er jedesmal Morgens bei mir geweſen, und den er mit uns gefeiert hat, und habe ich ihn auch heute nur mit einem Auge zu ſehen bekommen? Ja— vorbeigeritten iſt er vorhin— vor einer Viertelſtunde, gerade wie des Grafen Selikoff Wagen vorgefahren war, aber ob er auch nur heraufgeſehen und gegrüßt hätte — Gott bewahre! Ich bin ſo ernſtlich böſe auf ihn, daß ich ihn recht tüchtig auszanken werde, wenn er das nächſte Mal wieder zu uns kommt Da iſt Graf Selikoff viel freundlicher— wenn er nur das Zeichnen verſtände!“ „Er wird heute Dienſt gehabt haben, Roſalie,“ ſagte Melanie leiſe,„und da, weißt Du wohl, kann er nicht abkommen, wenn er auch gern möchte.“ „Ach was, rief das junge Mädchen, die ganze Woche, und die ganzen letzten vier Wochen hat er nicht in Einem fort Dienſt gehabt, und wenn er kommen wollte, hätte er gewiß ſchon ein⸗ mal Zeit dazu gefunden— und heute hatte ich mich ſo darauf gefreut, denn meine große Schwei⸗ zer⸗Landſchaft hat er noch nicht einmal geſehen. Was macht denn Graf Selikoff ſo lange bei der Mama drüben? Ich wollte eben hinüber und wurde nicht hineingelaſſen.“ „Ich weiß es nicht; er hat doch wohl etwas mit ihr zu beſprechen.“ „Kommen Sie, Comteſſe,“ ſagte Louiſe, die recht gut fühlte, wie das Geſpräch der Schweſter peinlich wurde, es wird ſonſt zu ſpät zu unſerem Spaziergang heute.“ 4 „Ich kann heute nicht gehen,“ rief Roſalie raſch,„Mama hat mir Beſuch geladen— da fährt er fort,“ unterbrach ſie ſich ſelber.„Gott ſei Dankl 12* 8 180 jetzt kann ich hinüber und Mama fragen, welches Kleid ich anziehen ſoll.“ Und mit den Worten huſchte ſie leicht und fröhlich aus der Thür hinaus, allen Aerger in dem einen Gedanken ihres An⸗ zuges vergeſſend. „Fräulein von Zahbern läßt fragen, ob es der gnädigen Comteſſe genehm wäre,“ meldete in dem Augenblicke die Kammerjungfer durch die halb geöffnete Thür. „Lieber Himmel,“ ſagte Melanie erſchreckt, „gerade heute!“ aber es blieb ihr nicht einmal Zeit, den Satz zu vollenden, denn Fräulein von Zah⸗ bern hüpfte auf Melanie zu, und ſie umarmend und küſſend, ſagte ſie lachend: „Ich konnte mir die Freude nicht verſagen, unſerer kleinen Roſalie zu ihrem Geburtstage zu gratuliren— wo ſteckt denn der kleine, liebe, wilde Engel?“ „Roſalie, liebe Francisca, iſt eben zu ihrer Mutter gegangen; ſie wird aber jedenfalls bald zurückkehren. Bitte, nimm ſo lange Platz.“ „Du ſiehſt auch heute wieder angegriffen aus,“ ſagte Fräulein von Zahbern, indem ſie der Gou⸗ vernante, ohne dieſe ſelbſt nur eines Grußes zu würdigen, Mantel und Muff überließ, den Hut dann auf einen nahen Stuhl legte, und ſich die 181 Locken vor dem Spiegel ordnete,„fehlt Dir etwas, mein Herz?“ „Etwas Migräne, mein altes Leiden, vielleicht auch nur eine Erkältung, die ich mir geſtern Abend beim Nachhauſegehen zugezogen.“ „Ach ja. Ihr hattet ja Euer Kränzchen bei Schoden's geſtern. Nun, was macht unſere über⸗ ſchwängliche Euphroſyne? ſchmachtet ſie noch?— Ich begreife wahrhaftig nicht, wie ſie bei dem Vater auf dieſe Weiſe hat ausarten können. Sie webt und lebt und ſchwebt immer in einer höhern Welt, und kommt mit uns anderen armen Sterblichen eigentlich nur bei Kaffee⸗Geſellſchaften zuſammen — hahahaha!“ „Euphroſyne,“ ſagte Melanie gutmüthig,„iſt ein ſehr liebes, braves Mädchen, und wenn ſie kleine Eigenheiten hat, dürfen wir die recht gern, ihrer anderen vortrefflichen Eigenſchaften wegen, überſehen oder müſſen ſie doch wenigſtens milde beurtheilen. Sie ſpricht z. B. nie ein böſes oder gehäſſiges Wort über einen Andern hinter deſſen Rücken, und das iſt doch gewiß ſchon viel werth.“ „Weil ſie unſere Schwächen nicht ſieht,“ lachte Fräulein von Zahbern,„ihr Auge hängt ja immer an den Wolken und ihren Idealen. Bei Zühbig's hat ſie neulich geſchwärmt, daß mir Amelie ver⸗ ſicherte, es ſei gar nicht mehr zum Aushalten ge⸗ weſen.— Apropos, Zühbig, der Intendant, iſt geſtern von ſeiner nordiſchen Reiſe, wie er es nennt, zurückgekehrt und hat eine ganze Taſche voll Neuigkeiten mitgebracht.“ „Das läßt ſich denken,“ lächelte Melanie,„und er iſt jetzt gewiß recht in ſeinem Element.“ „Er hat auch eine Entdeckung gemacht.“ „Wirklich?— einen neuen Stern am Theater⸗ himmel entdeckt? Der wird nach ihm benannt werden müſſen. Doch hoffentlich einen Planeten, den wir in dem Falle auch auf ſeiner Wanderung einmal bewundern dürfen.“ „Nein, einen alten Stern,“ ſagte Fräulein von Zahbern,„einen Stern, der nur eine Zeit lang vom Horizont verſchwunden war— einen Stern erſter Größe noch dazu. Die Frau des Georg Bertrand.“ „In der That?“ ſagte Melanie ruhig;„aber ich glaube, die Entdeckung wird im öffentlichen Circus und mit Hülfe des Programms nicht ſo außerordentlich ſchwer geweſen ſein.“ „Sie reitet ja nicht mehr, ſchon ſeit ſie von hier fort iſt,“ rief Fräulein von Zahbern raſch —„hat ſich auch in ihren Verhältniſſen, ja, ſelbſt 183 in ihrem Namen ſehr gebeſſert, und heißt jetzt „Frau von Geyfeln.“ „Von Geyfeln?“ „Und ſelbſt das iſt noch nicht das Merkwür⸗ digſte,“ ſetzte das gnädige Fräulein ſtill vor ſich hin lachend hinzu.„Du räthſt gewiß nicht, Me⸗ lanie, auf weſſen Gut ſie ſich befindet.“ „Wie ſoll ich das rathen?“ ſagte Melanie, die ſich alle Gewalt anthun mußte, ihre Faſſung zu bewahren; ſie ſchöpfte dabei tief Athem, denn es war, als ob eine eiſerne Hand ihr die Bruſt zu⸗ ſammenſchnüre;„Land und Leute dort ſind mir vollkommen fremd.“ 3 „Wer hätte das dem ſtillen Grafen zugetraut!“ ſuhr Fräulein von Zahbern fort, und ihr Blick hing lauernd an den Zügen der Gepeinigten; „Amelie hat aber ganz recht: Stille Waſſer ſind tief, und die Ruhigen haben es oft fauſtdick hinter den Ohren.“ „Von welchem Grafen ſprichſt Du?“ fragte Melanie. Sie wußte, welcher Name folgen würde und mußte, aber ſie hatte einen von der Freun⸗ din unbewachten Blick aufgefangen; ſie fühlte, daß ſie beobachtet wurde, welchen Eindruck die Nachricht auf ſie mache, ſie wußte, daß Francisca im Innern triumphiren würde, wenn ſie ſich ſchwach 184 zeigte, und ihre ganze Kraft zuſammenraffend, dem zu begegnen, ſah ſie ruhig in der Redenden Auge. „Von welchem Grafen?“ lächelte Fräulein von Zahbern, ihres Sieges jetzt gewiß,„von welchem könnt' ich reden, als von unſerm unvergleichlichen Ritter Bayard ohne Furcht und ohne Tadel, dem Grafen Geyerſtein!“ „In der That?“ erwiderte Melanie, aber ſo ruhig, als ob Fräulein von Zahbern ihr eben erzählt hätte, daß irgend eine Modehandlung in*s einen neuen Kleiderſchnitt erhalten hätte.„Hat ſich Madame Bertrand von ihrem Gatten ſcheiden laſſen? dann dürfen wir bald einer Verlobungs⸗ Anzeige in den Zeitungen entgegenſehen.“ „Aber Du biſt gar nicht erſtaunt darüber?“ rief Fräulein von Zahbern, die eine ſtärkere Wir⸗ kung erwartet hatte. „Und warum erſtaunt? Graf Geyerſtein iſt ſein eigener Herr und hat Niemandem von uns Rechenſchaft über ſeine Handlungen abzulegen. Wenn er mit ſeiner Familie wegen einer ſolchen Mesalliance übereinkommt, wen ſonſt dürfte und würde es kümmern?“ „Von einer Heirath iſt vor der Hand wohl noch keine Rede,“ rief die junge Dame, die ihr, wie ſie beabſichtigt, das Gift tropfenweiſe zumaß, „denn der Graf hat den Herrn Bertrand eben⸗ falls mit dort hingenommen, und er wie ſeine Schöne ſind angeblich die Pachtersleute auf dem Gute. Eigentlich iſt es ein wund erliches Ver⸗ hältniß, in dem ſich die beiden Herren da einander gegenüberſtehen; aber dort in der Wildniß kann man ſich über Manches hinwegſetzen, und Mon⸗ ſieur Bertrand wird wohl ſchon ſeinen Nutzen dabei finden.“ 4 „Herr von Zühbig hat ſich wohl ſehr auf ſeiner Reiſe amüſirt?“ „Außerordentlich, und eine Menge Fährlich⸗ keiten dabei erlebt. Einmal brach ihm ein Rad, gerade in der Nähe des„Baron Geyfeln,“ wie Monſieur Bertrand ja jetzt, ich weiß nicht, von wem geadelt, heißt, und er übernachtete dort. Uebrigens hat er mich gebeten, keinen Gebrauch davon zu machen; Baron Geyfeln hat ihn ſelber darum erſucht, hier in*s⸗ nichts davon zu erwähnen, daß er ihn gefunden hätte.— Doch Roſalie bleibt lange. Iſt ſie noch immer bei der Mama drüben?“. „Wahrſcheinlich— ſie wird ſpäter herüber⸗ kommen, um ſich ankleiden zu laſſen.“ „Dann werde ich doch lieber einmal zur Ma⸗ 186 ma hinüberſpringen und auch gleich der lieben Excellenz meinen Glückwunſch zu dem heutigen Tage bringen. Sie iſt doch wohl?“ „Ganz wohl.“ „Und was ſtickſt Du da Schönes?— das iſt ja ganz prachtvoll— ein reizendes Muſter. Was wird denn das?“ „Eine Cigarrentaſche.“ „Alſo nicht für den Papa, denn der raucht nicht.“ „Nein.“ „Aha— ein Geheimniß— nun auf Wieder⸗ ſehen, mein ſüßes Herz— auf Wiederſehen, ich habe Dich lange genug geſtört.“ Und ihre vor⸗ 1 hin abgelegten Garderobeſtücke mit Hülfe Louiſens, die ein ſtummer, aber erregter Zuhörer des gan⸗ zen Geſpräches geweſen war, wieder anlegend, rauſchte Fräulein Francisca aus dem Zimmer, in dem ſie bitteres Weh, weit ärger, als ſie wohl je geahnt, ausgeſäet hatte. Melanie war ſchweigend aufgeſtanden, ſie bis zur Thür zu begleiten— ihr Kuß brannte noch auf ihren Lippen, und eben ſo ſtill wollte ſie wie⸗ der zurück zu ihrem Stuhle gehen, als ihr Blick auf das mitleidsvolle, theilnehmende und für ſie ängſtlich beſorgte Antlitz Louiſens fiel. 187 „Meine liebe, liebe Melanie,“ flüſterte die Gouvernante,„glauben Sie um Gotteswillen nicht, was das Fräulein Ihnen erzählt hat. Fräulein von Zahbern iſt nicht wähleriſch in ihren Neuig⸗ keiten, und der Stadtklatſch zieht Alles in den Stäub, was er erreichen kann.“ Melanie ſtreckte die Hand aus, als ob ſie ihr etwas erwidern wollte— aber ſie vermochte es nicht. Bis hieher hatte ihre Kraft gereicht, und die Arme um den Nacken des treuen Mädchens ſchlingend, barg ſie das Antlitz an ihrer Schulter und weinte ſtill. Louiſe ſtörte ſie auch nicht darin; ſie wußte aus Erfahrung, daß Thränen den wildeſten Schmerz lindern, löſen können, und ließ ſie ſich ruhig aus⸗ weinen. Dann aber, als Melanie ihren Platz am Stickrahmen wieder eingenommen hatte und nur noch den Kopf in die Hand geſtützt nach den ziehenden Wolken am Himmel hinaufſchaute, ſagte ſie freundlich:„Es iſt nicht wahr. Ich habe die feſte, innige Ueberzeugung: es iſt nicht wahr. Was Herr von Zühbig— ſollte die Kunde wirklich von ihm ausgehen— veranlaßt haben kann, ein ſol⸗ ches Gerücht auszuſprengen ,weiß ich nicht, daß aber Graf Geyerſtein ſich mit dieſer Frau ſo weit einlaſſen ſollte, in ein ſolches, ihrem Manne gegen⸗ 188 über entwürdigendes Verhältniß zu treten, das glaube ich nicht, und wenn“— Louiſe mochte ſelber über das Feuer erſchrecken, mit dem ſie den Grafen vertheidigte, denn ruhiger ſetzte ſie plötzlich hinzu—„wenn ſelbſt ein anderer Mund es beſtätigte, als der des Fräuleins von Zahbern.“ „Doch, Louiſe— doch— es iſt wahr,“ flü⸗ ſterte leiſe Melanie,„jedes Wort, das ſie geſagt, iſt wahr, ſo oft ſie ſonſt auch übertreiben mag. Eine einzelne Lüge läßt ſich erfinden und verbreiten, nicht ein ſolches Gewebe von Thatſachen, und daß— Graf Geyerſtein jene Frau liebt— deß bin ich ſelber Zeuge.“ „Sie ſelber?“ „Ja— fragen Sie mich nicht weiter, Louiſe, aber— ich habe die Beweiſe, und was mich am meiſten ſchmerzt, iſt nur, daß ich noch ſchwach ge⸗ nug geweſen bin, das ſo zu fühlen und— wie ich faſt fürchte— der Zahbern verrathen zu ha⸗ ben. Jetzt iſt das vorbei; ich habe mich ſelber wieder, und wenn mein Herz noch thörichter Weiſe an jenem Manne hing, dem es ſich in erſter Nei⸗ gung zugewandt, ſo iſt das jetzt vorbei— vorbei für immer. Ihnen, Louiſe, konnte ich das ſagen; ich weiß, wie lieb Sie mich haben, wie gut und 189 treu Sie ſind, und daß ich Ihnen vertrauen darf, wie einer Schweſter. Ihnen war ja auch meine unglückſelige Neigung kein Geheimniß, aber jetzt laſſen Sie es abgethan— geſchloſſen ſein zwiſchen uns.— Eine flüchtige Leidenſchaft für jene ſchöne, verlockende Frau hätte ich ihm vielleicht verzeihen können— ein Verhältniß aber ihrem Gatten ge⸗ genüber, in das kein Ehrenmann treten würde, mag ihm Gott vergeben, ich kann es nicht. Wenn von jetzt an der Name des Grafen von Geyer⸗ ſtein noch zwiſchen uns genannt wird, ſo ſei es als der eines fremden— gleichgültigen Menſchen.“ „Und wollen Sie Geyerſtein nicht geſtatten, ſich zu vertheidigen?“ „Wie kann er es?“ fragte Melanie ſchnell, und hat er ſelbſt nur den Verſuch gemacht? Er weiß, daß ich das Verhältniß kenne, wenn er auch vielleicht nicht ahnt, daß ich jetzt von ſeinem ganzen Umfange unterrichtet bin. Von da an mied er ſelber unſer Haus, meine Nähe, und ich bedurfte faſt keines ſtärkern Beweiſes, als dieſes ſtille Eingeſtehen ſeiner Schuld. Laſſen Sie es deßhalb abgethan ſein, es iſt das viel beſſer ſo, als wenn wir ihn noch vielleicht nöthigten, Un⸗ wahrheiten und Beſchönigungen mir gegenüber zu 190 verſuchen. Ich kann ihn nicht mehr achten— ich möchte ihn nicht auch noch verachten lernen.“ „Der arme Graf!“ ſeufzte Louiſe,„und wenn er nun doch unſchuldig wäre, wenn irgend ein unglückſeliges Mißverſtändniß....“ „Beruhigen Sie ſich, Louiſe; das iſt es nicht. Hätte ich mich nicht ſelber überzeugt— wüßte ich nicht drei, vier verſchiedene Fälle, in denen er mit jener Frau in Verbindung ſtand, ja, ich würde es auch glauben. Madame Bertrand hat ihn aber ſogar verkleidet auf ſeinem Zimmer beſucht— verlangen Sie einen ſtärkern Beweis?“ „Das wäre allerdings ſtark genug, wenn es erwieſen...“ „Es iſt erwieſen und die Sache erledigt. Gott ſei Dank, ich habe mich ſelbſt wiedergefunden, und keine ſolche Schwäche ſoll mich je mehr überwäl⸗ tigen. Aber ſtill; ich glaube, Roſalie kommt zu⸗ rück und wird ihren Puß in Drdnung bringen wollen.“ „Es iſt die Excellenz,“ ſagte Louiſe, ſich höre ihre Stimme.“ „Meine Mutter?“ In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thür, und Ihre Excellenz die Frau Kriegs⸗Miniſter von Ralphen betrat mit Roſalie das Zimmer. 191 „Fräulein, haben Sie die Güte, Roſalien an⸗ kleiden zu laſſen,“ ſagte ſie, zu der Gouver nante gewandt,„ich wünſche mit meiner Tochter etwas zu beſprechen. Geh, mein Kind, und komme nach⸗ her wieder hinüber zu mir— ich erwarte Dich in einer halben Stunde.“ Die Gouvernante verließ, dem Winke gehor⸗ ſam, mit ihrem Zögling das Gemach, und Frau von Ralphen, langſam zu Melanie tretend, neben deren Stuhl ſie ſich auf denſelben Fauteuil nie⸗ derließ, in dem vorhin Fräulein von Zahbern geſeſſen, ſagte freundlich:„Mein liebes Kind— aber ich dächte faſt, Du hätteſt geweint; Deine Augen ſehen ſo verſchwollen aus. Fehlt Dir etwas?? „Nichts, liebſte Mutter, nur ein wenig Kopf⸗ ſchmerz hatte ich, und ſelbſt den kaum mehr, denn ſeit der letzten Viertelſtunde fühle ich mich um Vieles leichter.“ „Deſto beſſer, denn iich habe ein paar ernſte Worte mit Dir zu reden.“ „Liebe Mutter!“ „Graf Selikoff war“ vorhin bei mir, um Ab⸗ ſchied zu nehmen. Er war auch vorher bei Dir, und Du weißt, daß er in Familien⸗Angelegenhei⸗ ten nach Petersburg muß. Wie lange er ſich dort aufhalten wird, hängt allerdings von Umſtänden ab; er hofft aber doch in ſechs bis acht Wochen ſpäteſtens wieder zurück zu ſein, und hat mich in⸗ deſſen feierlich um mein Fürwort bei Dir ge⸗ beten.“ Melanie ließ die Hand mit der Nadel, die ſie gehoben hatte, in ihrer Arbeit fortzufahren, wieder ſinken und ſah ſtill vor ſich nieder, und die Mut⸗ ter, die ſie kurze Zeit beobachtete, fuhr mit lang⸗ ſamer, aber eindringlicher Stimme fort:„Ich brauche Dir die Vortheile nicht auseinander zu ſetzen, die für Dich wie für uns Alle aus einer Verbindung mit einem ſo edlen und angeſehenen Hauſe entſtehen würden; Vortheile ſollen auch keinen Einfluß bei meiner Tochter auf die Wahl eines Gatten haben, denn, Gott ſei Dank, wir können und dürfen die höchſten Anſprüche machen und ſtehen Keinem nach. Aber Selikoff iſt auch ein liebenswürdiger und braver Menſch, mit dem eine Frau ſchon hoffen darf, glücklich und ange⸗ nehm zu leben, und ich möchte Dir die Sache hiermit warm und dringend an's Herz gelegt ha⸗ ben. Eine Zeit lang glaubte ich einmal— und ich meine ſogar,ſich hätte Urſache dazu gehabt—, daß Graf Geyerſtein ſich um Dich bewerbe, und daß Du ſelber ihm nicht abgeneigt wäreſt. Ich hätte allerdings nicht das Geringſte gegen Geyer⸗ ſtein einzuwenden; er iſt aus edlem Geſchlecht, ein braver und wackerer Mann, und der Vater hat ihn beſonders gern und hält große Stücke auf ihn, aber— Selikoff iſt denn doch eine beſſere und ſchicklichere Partie für Dich, und ich habe mit Genugthuung geſehen, daß Du ſelber ſo zu denken ſcheinſt. Graf Geyerſtein mag das auch wohl fühlen, denn er hat ſich in letzter Zeit faſt auf⸗ fallend zurückgezogen.“ Die Mutter ſchwieg eine kleine Weile, die Wir⸗ kung zu beobachten, die ihre Worte auf die Toch⸗ ter machen würden. Melanie aber erwiderte kein Wort, regte ſich nicht, und die alte Excellens fuhr fort: „Graf Selikoff hofft, daß er Dir nicht ganz gleichgültig ſei. Er hat— ſchüchtern, wie er iſt — freilich noch nicht gewagt, Dich ſelber darum zu fragen, er iſt aber bei mir geweſen, und mich ohne Umſchweife offen und ehrlich gebeten, ein Fürwort für ihn bei Dir einzulegen, alſo förmlich und in aller Ordnung bei mir, der Mutter, um Deine Hand geworben. Eben ſo einfach und ohne alle Umſchweife frage ich alſo Di ch jetzt, Melanie: willſt Du die Gattin des Grafen Selikoff werden?“ „Liebſte, beſte Mutter...“ Gerſtäcker, Der Kunſtreiter. II. 13 194 „Laß miich eine einfache Antwort haben, Ja oder Nein; Selikoff ſelber hat Dir noch Zeit mit der Antwort gelaſſen, bis er zurückkommt; nur für mich verlange ich ſie, um darüber beruhigt zu ſein; denn dieſe Ungewißheit reibt mich auf, und das vertragen meine Nerven nicht. Haſt Du etwas gegen ihn einzuwenden?“ „Nein!“ „Alſo darf er hoffen, daß Du ihm Deine Hand reichſt, Dich wenigſtens mit ihm verlobſt, ſobald er zurückkehrt, denn die Vorbereitungen zu Deiner Vermählung ſind nicht ſo im Nu beendet, wie die jungen Leute gar nicht ſelten glauben.— Alſo: Ja oder Nein?“ „Ja!“ hauchte Melanie. „Ich danke Dir, mein liebes Kind,“ ſagte die Mutter mit einiger Rührung, denn ſie freute ſich, daß ein Lieblingsplan von ihr zur Wahrheit ge⸗ worden war, und fühlte doch auch dabei, daß Me⸗ lanie noch irgend etwas auf dem Herzen hatte, das nicht ſo ganz mit dieſem Ja übereinſtimmte, ihr alſo dadurch vielleicht ein Opfer brachte. Sie hütete ſich aber wohl danach zu fragen, denn ſie fürchtete und haßte jede Aufregung. Die Haupt⸗ ſache war überdies erledigt, und alles Andere konnte nicht weiter in Betracht kommen. „Meinſt Du da nicht vielleicht,“ ſetzte ſie nach einer kleinen Pauſe hinzu,„daß wir dem armen Grafen ein paar Zeilen ſchreiben ſollen, ihn aus ſeiner Ungewißheit zu reißen?“ „Nein, ja nicht!“ bat Melanie raſch. „Ich meine nicht eine beſtimmte Zuſage; nur ein paar freundliche Worte, die ihm Hoffnung machen und ſeine Rückkehr zu uns vielleicht be⸗ ſchleunigen— wenn er ſich überdies nicht ſchon genug beeilt, ſeine Geſchäfte zu beenden.“ „Nein, Mama— bitte, nein! Ich kann ihm nicht ſchreiben, ehe er ſelber bei mir um meine Hand geworben hat, und— ich möchte auch weiter keine Vermittelung in einer ſo wichtigen Sache ha⸗ ben. Er hat ſich ſelber dieſe Friſt geſtellt, wir dür⸗ fen ſie auf keinen Fall kürzen.“ „Du haſt recht,“ ſagte die Excellenz,„das ſähe am Ende gar aus, als ob wir es nicht er⸗ warten könnten. Uebrigens ſcheint er faſt einen Brief zu erhoffen, denn er hat mir ſeine Adreſſe in Petersburg dagelaſſen.“ „Kehrt er zurück,“ ſagte Melanie,„ſo iſt es früh genug, und ich ſelber brauche die Zeit, mich zu ſammeln und— darauf vorzubereiten. Es iſt ein wichtiger Schritt, den ich zu thun gedenke— ein Schritt, von dem es keinen Rückweg giebt. . 13* 196. Laß mir, liebe Mutter, die mir dazu gegönnte Zeit ungeſchmälert, damit ich mich nicht vorher ſchon als gebunden zu betrachten brauche— ver⸗ ſprich mir das.“ „Von Herzen gern, liebes Kind; guter Gott, die kurze Zeit wird überdies ſo raſch verlaufen, daß man am Ende gar nicht weiß, wo ſie geblie⸗ ben iſt, und ich habe noch ſo erſtaunlich viel zu thun! Jetzt mach' mir aber auch kein ſo trauri⸗ ges Geſicht mehr; das iſt kein Geſicht, wie es ſich für ein glückliches Bräutchen ſchickt. Apropos, ich habe der Roſalie zu ihrem Geburtstage heute Geſellſchaft gebeten— ihre gewöhnlichen Spiel⸗ kameraden und Freundinnen aus der Tanzſtunde. Komm ſpäter ein wenig zu uns herüber, das wird Dich zerſtreuen.“ „Weiß Papa darum?“ fragte Melanie, ihre Augen zu der Mutter hebend. „Um die Kindergeſellſchaft?— Ja ſo, Du meinſt Selikoff's Antrag?— Nein, er war nicht zu Hauſe. Es wird ihm nicht ſo ganz recht ſein; ich weiß, er hat ſich zu Deinem Gatten einen An⸗ dern ausgedacht, aber er ſchätzt den jungen Ruſ⸗ ſen doch auch ſehr, er weiß, wie gern ihn der Fürſt hat, und iſt außerdem ein viel zu guter Vater, als daß er Deinem Willen Zwang anthun 197 ſollte. Alſo beruhige Dich darüber nur vollkom⸗ men; ein Einſpruch von ſeiner Seite iſt nicht zu fürchten.— Aber ich ſitze hier und ſchwatze und ſchwatze, und drüben warten eine Menge Geſchäfte auf mich. Alſo adieu, meine liebe Melanie, adieu. Sei wieder freundlich— nicht ſo ernſt, mein lie⸗ bes— glückliches Bräutchen!“ Und die Tochter umarmend und küſſend, nickte ſie ihr noch einmal zu und verließ dann raſch das Zimmer. ⅓ 22. Herr von Zühbig hatte an dieſem Morgen außerordentlich lange geſchlafen, um ſich von den gehabten Strapazen gehörig auszuruhen, war dann in ſein Bureau gegangen, die nöthigen und lau⸗ fenden Geſchäfte zu ordnen, und ſchlenderte da⸗ nach langſam einem Frühſtückskeller zu, eine Er⸗ friſchung einzunehmen. Es war das ein Platz, der ausſchließlich von der haute volée beſucht wurde— Herr von Züh⸗ big wäre auch ſonſt nicht hingegangen. Beſon⸗ ders fanden ſich die Cavallerie⸗Officiere gern hier des Morgens zuſammen, und der Intendant hatte viele Freunde unter dem Militair, dem einſt ſel⸗ ber angehört zu haben ſein Stolz war. Das höchſt elegant eingerichtete Lokal wurde ſelbſt den Tag über von Gasflammen erhellt, da Ta⸗ geslicht nie hineindringen konnte, und weiche Plüſchſopha's zogen ſich an den Seiten hin, und 8 199 kleine, durch ſchwere Gardinen abgeſchiedene Räum⸗ lichkeiten bildeten traulich gemüthliche Plätzchen, in denen ſich ein paar Zecher hübſch abgeſon⸗ dert von den Uebrigen halten konnten. Von Zühbig war aber geſellſchaftlicher Natur; er gehörte zu den Perſönlichkeiten, die ein ſtilles, zurückgezogenes Familienleben nur dem Namen nach kennen— wenigſtens davon gehört hatten, wenn ſie auch nicht daran glaubten, und eigent⸗ lich nur, wie der Jäger ſagt,„in Rudeln“ ge⸗ funden werden. Morgens war er in ſeinem Bu⸗ reau oder auf der Promenade, bei ſchlechtem Wetter im Café oder Delicateſſenkeller— Nachmittags hier oder da mit Freunden zuſammen, und Abends im Theater oder beim Whiſt. Aus dieſem Grunde verſchmähte er auch die kleinen abgeſchiedenen Lo⸗ kale, nannte ſie„Gefangenzellen“ und protegirte den langen Geſellſchaftstiſch, an dem er hoffen durfte, mit Gleichgeſinnten zuſammenzutreffen. Heute hatte er übrigens dazu eine ungünſtige Zeit gewählt. Es war noch zu früh oder ſchon zu ſpät für die gewöhnlichen Gäſte, und von Züh⸗ big befand ſich hinter einem Glas altem Madeira und einem Teller mit Caviar ganz allein in dem Lokal und keineswegs ſo gemüthlich, wie er es erwartet haben mochte. Vergebens hatte er auch, 200 in einer Art von Inſtinkt, dann und wann nach den Fenſtern geſchaut, ob nicht etwa neue An⸗ kömmlinge ſein Loos erleichtern wollten. Die Fenſter waren nämlich blos Imitationen von wirk⸗ lichen, thatſächlichen Lichtverbreitern; ſie beſtanden aus Spiegelglas und warfen ihm ſtets nur ſein eigenes unzufriedenes Bild zurück. „Garçon!“ rief Herr von Zühbig. „Zu Befehl, Ew. Gnaden.“ „Der Madeira iſt heute abominabel— der muß auf einem Häringsfaß gelegen haben.“ „Bitte tauſendmal um Verzeihung, Ew. Gna⸗ den— er hat in Flaſchen dreimal die Linie paſſirt.“ „So?— in der That? dann iſt er oder ich jetzt an der andern Seite vom Aequator— aber Sie ſprechen wahrſcheinlich von dem Caviar. Der ſchmeckt wirklich ſo, als ob er dreimal die Linie paſſirt haben könnte. Er iſt ganz ranzig.“ „Der beſte ruſſiſche, der nur zu bekommen war.“ „Ein hartes Brödchen haben Sie mir auch dazugegeben, und die Citrone hier hat wahrſchein⸗ lich eine ägyptiſche Mumie einige Tauſend Jahre zur Verzierung in der Hand gehalten. Mit ſol⸗ chen Waaren iſt es kein Wunder, daß die Gäſte ausbleiben, und ich ſcheine hier als Letzter der 201 Mohikaner die Reſte zu verzehren. Fürchten Sie ſich nicht, den Keller hier ſo allein zu bewohnen?“ Derr Kellner lächelte verlegen, und Herr von Zühbig trank ſeinen Madeira aus und ſchob das Glas von ſich.“ „Geben Sie mir noch einen Schnitt, aber aus einer andern Flaſche; ich fürchte, dieſe iſt aus Verſehen irgendwo zurückgeblieben, als ihre Ka⸗ meraden auf Reiſen gingen.“ „Herr von Zühbig— richtig wie ich gehofft,“ ſagte in dieſem Augenblicke eine feine Stimme, und durch die halbgeöffnete Thür ſchaute das ver⸗ gnügte Geſicht des Baron Silberglanz, während er jetzt in's Zimmer glitt und, von dem Kellner unterſtützt, Hut und Paletot ablegte. „Wirklich noch ein Menſch!“ rief der Inten⸗ dant.„Mein guter Baron, Sie ſind wohl auf einer Entdeckungsreiſe begriffen, mich, als einen Verſchollenen, irgendwo an den unwirthlichen Ufern des Eismeeres aufzuſuchen. Sie kommen zur rech⸗ ten Zeit— eine Hundekälte herrſcht überhaupt hier, und ich habe mich in Ermangelung eines Beſſern die letzte Zeit über ſchon mit Fiſcheiern und Thran, welchen jener junge ſcherzhafte Menſch Madeira nennt, ernähren müſſen.“ „Ich habe Sie in der That geſucht, beſter In⸗ —— 202 tendant,“ ſagte der Baron, indem er ſich neben Herrn von Zühbig niederließ.—„Garcon, mir auch von dieſen Fiſcheiern und Thran— und war ſchon auf Ihrem Bureau, Sie dort zu finden.“ „Aus reiner Anhänglichkeit oder aus einem andern Grunde?“ „Beides— zuerſt wollte ich mich erkundigen, wie Ihnen die Fahrt bekommen iſt.“ „Vortrefflich, wie Sie ſehen; ich habe ſogar eine ſo robuſte Conſtitution mitgebracht, daß ich im Stande bin, die Koſt hier zu vertragen. Dar⸗ über alſo beruhigt, mit was kann ich Ihnen wei⸗ ter dienen?“ „Ja, mein beſter Herr von Zühbig— Sie — Sie wiſſen doch, daß ich Sie ſchon früher ge⸗ beten hatte, mir ſicher für die neue Oper eine Loge reſerviren zu laſſen?“ „Allerdings.“ „Das wollte ich Ihnen gern noch einmal an's Herz legen, daß Sie es ja nicht vergäßen. Ich habe es einer befreundeten Familie feſt verſprochen und möchte nicht wortbrüchig werden.“ „Das iſt allerdings viel Aufopferung,“ ver⸗ ſicherte Herr von Zühbig,„daß Sie ſich, nur um ein Verſprechen zu halten, dem hieſigen Madeira und Caviar ausſetzen. Weiter war es nichts?“ 203. „Weiter?— nein— nicht daß ich wüßte— Ihre Geſellſchaft allerdings ausgenommen“— von Zühbig verbeugte ſich leicht und lächelnd.„Allein ſchmeckt mir der Wein auch nicht,“ fuhr der Baron fort,„und es plaudert ſich am Beſten zu Zweien. Apropos, haben Sie auf Ihrer letzten Reiſe einige Jagden mitgemacht?“ „Nein, Sie wiſſen ja, ich hatte keine Zeit dazu?“ „Sonſt— haben Sie keine Bekannten unter⸗ wegs getroffen.“ „Sonſt?— ah ſo, Sie meinen außer dem Monſieur Bertrand und ſeiner ſchönen Frau,“ er⸗ widerte Herr von Zühbig, und ein eigenes Lä⸗ cheln zuckte um ſeine Lippen. Er wußte jetzt, wo⸗ hinaus ſein theilnehmender Freund wollte, und mit einigem trocknen Humor, den er beſaß, fühlte er ſich gerade in der Stimmung, ein halb Stünd⸗ chen Zeit damit zu tödten, Herrn von Silberglanz ein wenig zu dupiren.— Er konnte ihn außer⸗ dem nicht leiden— vielleicht nur weil ihn Frau von Zühbig protegirte— vielleicht, weil er im Stillen den neugebackenen Adel mit Geringſchätz⸗ ung betrachtete. Viele, ſehr Viele der haute volée, Herr von Zühbig nicht ausgenommen, würden ſich auch wenig um den, jungen Baron mit ſeinem unangenehm eitlen Weſen gekümmert und ihn 204 vollſtändig links liegen gelaſſen haben, wenn— ſie ihn eben hätten entbehren können. Herr von Silberglanz war aber ſehr reich und gegen den hohen Adel— zu dem zu gehören er den größten Stolz fühlte— ſehr liberal, und die Conſequenz daraus iſt leicht zu ziehen. Herr von Zühbig brauchte ebenfalls ſehr häufig Geld, und je nachdem dieſes Bedürfniß ſtieg oder ſank, ſtieg und ſank auch zugleich ſein Freund⸗ ſchafts⸗Thermometer für den Baron. Ganz fallen laſſen konnte er ihn aber nie, und unter vier Augen oder im kleinen Familienkreiſe war er die Herz⸗ lichkeit ſelber; öffentlich jedoch machte er keinen Staat mit ihm und vermied ihn, wo es nur irgend ſchicklicher Weiſe geſchehen konnte. „Nein, lieber Freund,“ ſetzte von Zühbig deß⸗ halb, wie ſich beſinnend, hinzu,„nicht daß ich wüßte. Keinenfalls irgend eine vorragende Per⸗ ſönlichkeit, für die Sie ſich beſonders intereſſiren würden.“ „Eigene Sache ds, mit jenem Monſieur Ber⸗ trand und ſeiner Frau!“ ſagte Silberglanz nach einer kleinen Pauſe, in der er an ſeinem Madeira langſam geſogen.. „Höchſt eigen, in der That!“ erwiderte von Zühbig, ſeinem Beiſpiele folgend. 205 „Daß ſich der Mann zu einer ſolchen Rolle hergiebt!“ „Er wird es bald ſatt bekommen.“ „Und die Frau?“ „Hat es ſchon lange ſatt.“ „Glauben Sie wirklich?“ „Lieber Silberglanz, von glauben kann keine Rede mehr ſein, wenn es Einem mit dürren Worten geſagt wird.“ „Aber das erwähnten Sie doch nicht?“ „Weil ich vor meiner Frau von jener Georgine ſo wenig wie möglich ſprechen wollte, denn das arme Kind iſt fabelhaft eiferſüchtig, und oft ohne den geringſten Grund; wahrhaftig, Baron, ohne den geringſten Grund. Apropos, Silberglanz, Sie Schelm Sie! ich habe ja gar nicht gewußt, daß Sie in ſo genauer Verbindung mit der Bertrand geſtanden haben.“ „Ich, lieber Zühbig? Bitte, ſprechen Sie nicht ſo laut, der Kellner da drüben ſpitzt ſeine Ohren ſchon, das— war auch gar nicht der Fall.“ „Bſt, bſt, Männchen, keine Flauſen!“ drohte ihm von Zühbig lächelnd mit dem Finger;„wenn eine Frau einmal das eingeſteht, was mir die ſchöne Georgine eingeſtanden hat, da iſt's nachher nicht mehr richtig, und mir machen Sie in der 2⁰⁶ Hinſicht nichts mehr weiß.— Aber was geht's mich an! das iſt eine Sache, die Jeder mit ſich ſelber auszumachen hat, und ich wäre der Letzte, der Sie deßhalb tadelte.“ „Aber washat ſie Ihnen nur geſagt?“ flüſterte der Baron, dem jetzt ſelber daran lag, etwas zu erfahren, von dem er faſt überzeugt war, daß es ein Mißverſtändniß ſein müſſe, hätte ihn von Zühbig's Ruhe und Sicherheit nicht wieder irre gemacht.—„Was kann ſie Ihnen um Gottes⸗ willen geſtanden haben?“ „Daß ſie ſich unglücklich in dem Verhältniß fühle, und daß ihr ein Freund fehle!“ flüſterte von Zühbig. „Ein Freund?“ „Ja— noch Einer,“ ſagte der Intendant. „Zwei hat ſie, die ſcheinen ihr aber noch nicht genug zu ſein— ſie ſagte, ſie müßte Jemanden haben, der es ehrlich mit ihr meinte.“ „Ehrlich?“ „Nun, das ſind ſo Redensarten.“ „Aber was habe ich damit zu thun?“ „Sie ſagte mir ferner,“ fuhr von Zühbig fort, „daß ſie hier in der Reſidenz eine Bekanntſchaft gemacht habe— aber Verhältniſſe wären damals ſtörend dazwiſchengetreten— ſie nannte keinen Namen, aber ſie verſicherte mir, das ſei ein Ehren⸗ mann geweſen.“ „Da war ja aber doch von mir noch immer keine Rede.“ „So? aber kurz vorher hatte ſie mich gefragt, ob ich einen gewiſſen Baron Hugo von Silber⸗ glanz in der Reſidenz kenne, und als ich es be⸗ jahte und ihr verſicherte, daß er zu meinen ſpe⸗ ciellen Freunden gehöre, wurde ſie ſo roth, wie Blut nur machen kann.“ „In der That?“ „Und als ich fortging und uns ihr— Mann einen Augenblick verlaſſen hatte, trug ſie mir wohl keinen Gruß an Sie auf, he? und hat mir wohl nicht dabei freundlich geſagt, ich möchte den Na⸗ men ihres ſtillen Aufenthaltes Schildheim nicht vergeſſen?“ 1 „Hat ſie das in der That?“ ſagte von Silber⸗ glanz, und wie in Gedanken leerte er ſein Glas Madeira und ſchlug mit dem Meſſer daran, es von dem herbeiſchnellenden Garcon wieder füllen zu laſſen.. „Ich denke doch,“ ſagte von Zühbig, als der Kellner mit dem Glaſe durch eines der Fenſter verſchwunden war,„daß eine Dame eigentlich nicht gut mehr zu verſtehen geben könnte.“ 208 Baron von Silberglanz ſchüttelte lächelnd mit dem Kopfe.„Und doch haben Sie die Donna falſch verſtanden,“ ſagte er,„ſie hat mich auf keinen Fall damit gemeint— wahrſcheinlich den Grafen ſelber. Sie weiß, daß Sie mit ihm be⸗ freundet ſind, und wünſcht, allem Vermuthen nach, ihn auf eine feine Weiſe wiſſen zu laſſen, daß ſie — eben Langeweile hat.“ „Lieber Freund!“ „Ich gebe Ihnen mein Wort, nicht anders. Und wenn es wirklich anders wäre, was hälfe es mir. Jener Ort— Schildheim nannten Sie ihn?“ „Ja wohl.“ „Nun ja, jener Ort liegt Gott weiß wie weit von hier entfernt— im Mecklenburgiſchen, nicht wahr?“ „Allerdings.“ „Nun ſehen Sie, und vielleicht weit von einer Eiſenbahn.“ „Etwa ſechs Stunden zu fahren.“ „Entſetzlich— aber das iſt ja kaum möglich. Da irren Sie ſich, lieber Zühbig. In letzter Zeit ſind mehrere Eiſenbahnen dort gebaut, daß man wohl kaum ſechs Stunden von einem Geleis zum andern hat. Sechs Stunden vielleicht zu gehen.“ „Bitte um Verzeihung; zu fahren.“ „Wie heißt denn die nächſte Station?“ „Kolbendorf,“ erwiderte von Zühbig, und mußte ſich Mühe geben, das Lächeln zu verbergen, das ihm wider Willen um die Lippen zuckte. Er durfte natürlich nicht merken, daß von Silberglanz alle nöthigen geographiſchen Kenntniſſe unter der Hand zu ſammeln wünſche. „Lauter fremde Namen,“ ſagte der Baron gleichgültig.„Ja, wenn der Ort auf meinem Wege nach Paris läge, machte ich vielleicht des Spaßes halber auf der Hin⸗ oder Rückreiſe einen Abſtecher da hinüber.“ „Wollen Sie nach Paris, Baron?“ „Ich muß dahin— in Geſchäften für meinen Papa, den alten Baron. Die Zeit iſt aber noch nicht beſtimmt und hängt eben von Umſtänden ab. Wahrſcheinlich werde ich den Reſt des Winters dort zubringen.“ „Ach, da beneide ich Sie; wer da mitkönnte!“ ſeufzte von Zühbig, indem er von ſeinem Sitze aufſtand und an ſein Glas ſchlug.“ „ Sie wollen ſchon fort?“ „Ja, ich werde nervös, wenn ich noch länger hier in dem einſamen Keller ſitzen bleibe. Ich habe ſchon jetzt ein Gefühl, als ob wir durch irgend einen tückiſchen Zufall verſchüttet wären Gerſtäcker, Der Kunſtreiter. II. 14 210 und nun erſt, nach einigen Tauſend Jahren, bei gelegentlicher Bohrung eines Brunnens, als ge⸗ trocknete Ueberreſte eines vorſündfluthlichen Men⸗ ſchengeſchlechts wieder an die freie Luft gebracht würden. Hier, Garcon, für Ihren friſchen Ma⸗ deira und alten Caviar der Sündenlohn— das für Sie, für ſchlechte Bedienung— à revoir.“ „Danke unterthänigſt,“ lächelte der Kellner. „Aber ſo warten Sie doch nur einen Moment 144 rief von Silberglanz, ſeinen Wein raſch austrinkend, „ich begleite Sie.“ „Sehr wohl,“ ſagte von Zühbig, dem daran nicht einmal beſonders viel lag; der Baron war aber bald an ſeiner Seite, und die beiden Män⸗ ner ſtiegen zuſammen die Kellertreppe hinauf, die ſie wieder in Licht und Sonnenſchein und an die friſche, wenn auch kalte, Luft führte. Wie ſie das Trottoir betraten, ritt ein Cui⸗ raſſier⸗Officier im Schritt vorüber, ohne ſie jedoch zu ſehen. Er hielt den Zügel locker in der Hand und ſah ernſt und ſchweigend, den Kopf weder rechts noch links drehend, vor ſich nieder. „Graf Geyerſtein,“ flüſterte der Baron ſeinem Begleiter zu, und als ob der Graf ſeinen aus⸗ geſprochenen Namen gefühlt habe, denn die Klänge des gelispelten Wortes konnten ſein Ohr 211 nicht erreichen, drehte er langſam den Kopf nach ihnen um. Die beiden Herren lüfteten die Hüte; der Graf erwiderte den Gruß, indem er ſeinen Arm nur etwas hob, und ritt vorbei. „Wetter auch,“ ſagte von Zühbig,„wie blaß und elend Geyerſtein geworden iſt, ſeit ich ihn nicht geſehen habe! Ich hätte ihn faſt gar nicht wieder erkannt.“ „Sehnſucht nach Urlaub vielleicht,“ ſchmunzelte Silberglanz.„Es geht doch nichts über eine freie, ungebundene Exiſtenz.“ Und ſeinen Arm vertrau⸗ lich in den von Zühbig's legend, wollte er mit ihm die breite Hauptſtraße hinaufſchlendern. Dar⸗ an lag aber dieſem nichts. „Sie wollen dort hinauf?“ ſagte er. „Wohin Sie gehen; die Richtung iſt mir voll⸗ kommen gleichgültig. Bis zum Diner habe ich weiter gar nichts vor.“ „Aber ich deſto mehr, beſter Freund,“ erwiderte der Intendant.„Sie haben recht; es geht nichts über eine freie, ungebundene Exiſtenz, ich aber gehöre mit zu jenen armen, geknechteten Menſchen⸗ kindern, die nicht einmal eine eigene Zeit beſitzen. Ich muß noch einmal auf mein Bureau, einige Briefe zu beantworten.“ A „Schön, dan bedleüe ich Sie wenigſtens bis * 14* 212 zur Thür,“ ſagte der nicht ſo leicht abzuſchüttelnde Silberglanz, und dagegen konnte Herr von Züh⸗ big nichts einwenden. Das Theater lag aber nur eine ſehr kurze Strecke von dort entfernt, und hier verabſchiedete ſich denn wirklich der Baron, irgend wo auf der Promenade einen andern Be⸗ kannten aufzutreiben, dem er ſich in Ermangelung Zühbig's anhängen könnte. 23. Wir haben Georg verlaſſen, als damals der alte Tobias auf ſeinen Befehl aus dem Hofe ge⸗ jagt wurde. Damit war er allerdings für den Augenblick den Burſchen los; daß dieſer aber, über die Behandlung wüthend und von Brannt⸗ wein und Aerger aufgeregt, in's Dorf hinabgehen und dort ſein Geheimniß ausſchreien würde, ließ ſich vorausſehen— und was dann? Wie unan⸗ genehm mußte ſelbſt hier auf dem Gute Georg's Stellung werden, wenn die Bauern von Schild⸗ heim, ja, ſeine eigenen Knechte erfuhren, daß er unter einem angenommenen Namen hieher ge⸗ kommen wäre! und wie erſt ſollte ſich ſein Ver⸗ hältniß zu den benachbarten Gutsbeſitzern ſtellen, wenn aus dem Baron von Geyfeln der frühere Kunſtreiter Monſieur Bertrand wurde? Er ſelber hätte ſich vielleicht darüber hinweggeſetzt, aber würde Georgine dieſes einſame Leben ertragen, wenn ſie * 214 von da an nur auf ihre eigene Nandlie ange⸗ wieſen blieb? Selbſt der frühere Beſuch von Zühbig's— wenn auch ſeit der Zeit Wochen vergangen waren— kam ihm wieder in's Gedächtniß und zeigte ihm mehr und mehr, daß ſein Geheimniß bald kein Geheimniß mehr bleiben würde. Die Bosheit des alten Poſſenreißers und der Zufall hatten ſich in die Hände gearbeitet, und er ſah mit recht bitte⸗ ren, ſorgenden Gefühlen der Zukunft entgegen. Vor Allem mußte er aber jetzt erfahren, was unten im Dorfe vorgefallen ſei, oder noch geſchehe, und er ſchickte deßhalb den Verwalter mit einem gleichgültigen Auftrage zum Sternenwirth hinunter. Dort ſollte er nebenbei erfragen, ob Mühler im Krug noch eingekehrt oder ſeinen Weg gleich weiter ge⸗ zogen ſei. Das abgemacht, ſetzte er ſich hin und ſchrieb einen ausführlichen Brief über die Erlebniſſe der letzten Wochen, beſonders über ſein Begegnen mit Herrn von Zühbig, an Wolf und ſprach darin die Befürchtung aus, daß ſeine Stellung hier nicht lange mehr haltbar ſein würde; denn zogen ſich die benachbarten Gutsbeſitzer von ihm zurück, ſo ſah er voraus, wie unglücklich ſich Georgine füh⸗ len und ihm das Leben dann auf jede Art ver⸗ 8 bittern würde. In dem Briefe theilte er aber auch dem Bruder mit, daß ihn Karl, der Neffe des Alten, heimlich verlaſſen habe und er jetzt feſt entſchloſſen ſei, nach dem Vorhergegangenen, möge ſich Georgine darüber geberden, wie ſie wolle, den alten Mühler ſelbſt nicht wieder bei ſich auf⸗ zunehmen. Den Brief ſandte er durch einen beſondern Boten auf die nächſte Poſt⸗Expedition, ſagte aber Georginen noch nichts von dem Vorfalle mit ih⸗ rem Vater. Da der Alte, wie es nicht anders ſein konnte, das Geheimniß Georg's ausgeplau⸗ dert hatte, ſo war es mehr als wahrſcheinlich, daß er ſelber gar nicht beabſichtigte zurückzukeh⸗ ren, und in dem Falle vermied Georg eine fatale Erörterung mit der überhaupt leicht reizbaren Frau. So lange das umgangen werden konnte, ſollte es geſchehen. Ungelegen kam ihm in dieſer Zeit gerade eine kleine Reiſe, die er in Geſchäften machen mußte. Dieſe betraf aber ſeinen Getreideverkauf und ließ ſich nicht länger aufſchieben, und die Abreiſe war ſchon auf den nächſten Morgen angeſetzt. Die Vorbereitungen dazu nahmen auch jetzt ſeine Zeit in Anſpruch, und damit beſchäftigt, ſuchte er das unangenehme Gefühl zu bewältigen, das ihn im⸗ 6 216 mer und immer wieder beſchleichen wollte, wenn er an den letzten Auftritt mit dem alten Trunken⸗ bolde zurückdachte. Der Verwalter war indeſſen in das Dorf hinabgegangen und erfuhr dort bald Mühler's letzte Erlebniſſe in Schildheim. Ohne daß er eine Frage darnach that, erzählte ihm der Wirth, wie der„Schwiegervater vom Gute“ heute Nachmittag bei ihm vier Flaſchen Wein mit dem faulen To⸗ bias getrunken und— nicht bezahlt habe und dann mit einem Bündel in der Hand den Weg am See entlang marſchirt ſei. Er wollte dabei vom Verwalter wiſſen, ob der Schwiegervater wie⸗ derkomme oder nicht; der Verwalter beruhigte ihn indeß darüber, denn ſeines Wiſſens hatte Mühler allerdings nur eine kleine Reiſe vor, von der er vielleicht ſchon in zwei oder drei Tagen zurück⸗ wäre. Vom Krug aus ging der Verwalter, ehe er nach dem Gute zurückkehrte, am Bache hinauf. Er hatte dort in der letzten Woche Weiden ſchneiden laſſen und wollte ſehen, was da noch zu thun wäre. Der Bach war durch die letzte milde Wit⸗ terung ziemlich angeſchwollen. Das Wetter än⸗ derte ſich aber; ſeit Mittag wurde die Luft auf⸗ 217 fällig kälter, und einzelne Flocken aus dem grauen Himmel verkündeten einen Schneefall für die Nacht. Der Verwalter ſchritt raſch am Bache entlang, ohne ſich länger als irgend nöthig an den ein⸗ zelnen Stellen aufzuhalten, und dort angelangt, wo das ſchmale Waſſer eine ſcharfe Biegung nach Norden machte, wollte er ſich eben wenden und in gerader Richtung wieder nach dem Gute hin⸗ aufſchneiden, als ſeine Aufmerkſamkeit auf einen in ſeinem Wege liegenden Gegenſtand gelenkt wurde. Es war ein alter Hut, der dort, unter einem Weidenbaume auf der Wieſe, etwa drei oder vier Schritte vom Waſſer entfernt, lag. Er blieb einen Augenblick dabei ſtehen und drehte ihn mit dem Fuße um; die fragliche Kopfbedeckung ſah aber ſo ſchäbig und abgenutzt aus, daß er ſich nicht zu wundern brauchte, wenn den der Eigen⸗ thümer in Ekel fortgeworfen hatte— eher war es ein Räthſel, daß er ihn noch ſo lange getragen. Die Schneeflocken wurden auch ſchärfer, der Wind ſetzte mit größerer Härte ein, und ſeine Hände in die Taſchen ſchiebend, eilte er, ſo raſch er konnte, den ſchützenden Gebäuden des Gutes wie⸗ der zu. In der Nacht fiel ein tüchtiger Schnee. Der Förſter ſchickte allerdings einen Boten auf's Gut, 218 daß er zwei Füchſe ſtecken habe, und ob der Herr Baron nicht herauskommen wolle, dieſe zu ſchießen; Georg aber hatte ſeine Abreiſe auf neun Uhr feſtgeſtellt, und der Schlitten hielt zur beſtimmten Zeit vor der Thür. Georg hatte mit ſeiner Frau ſchon am vori⸗ gen Abend ſeine Reiſe und die Zeit ſeiner Ab⸗ weſenheit beſprochen. Als er an dieſem Morgen von ihr Abſchied nehmen wollte, war ſie gerade mit Ankleiden beſchäftigt und ließ ſich nicht darin ſtören. Georg ging zu Joſephinen hinüber, ihr Adieu zu ſagen. Die Kleine ſaß bei ihrer Erzieherin am Schreib⸗ tiſch und arbeitete fleißig. Der Vater nickte ihr freundlich zu und trat dann, während Mademoi⸗ ſelle Adele aufſtand, näher zum Tiſche. „Es thut mir leid, daß ich Sie ſtöre, Made⸗ moiſelle! bitte, behalten Sie Ihren Platz— aber ich werde drei oder vier Tage in Geſchäften ab⸗ weſend ſein und wollte nur Joſephinen Adieu ſa⸗ gen. Leider bin ich gerade in der letzten Zeit gar zu ſehr beſchäftigt geweſen, mich viel mit ihr abzugeben. Sind Sie noch zufrieden mit ihr?“ „Recht ſehr zufrieden,“ antwortete das junge Mädchen aus vollem Herzen.„Joſephine iſt ein 219 braves Kind und macht mir viele, viele Freude; ich darf das wohl in ihrem Beiſein ſagen.“ „Sie glauben nicht, Mademoiſelle, wie große Freude Sie mir mit dieſer Nachricht machen, und Dir, Joſephine, danke ich beſonders dafür. Leid hat es mir bis jetzt auch immer gethan, daß Du ſo allein, ohne Spielgefährtin, beſonders den lan⸗ gen Winter hier verbringen mußteſt, und ich will Dir jetzt zeigen, daß ich auch dankbar für Dein gutes Betragen ſein kann. Sie werden bald noch einen Zögling bekommen, Mademoiſelle. Der Geiſtliche in Soſtheim iſt geſtorben. Sie wiſſen, er war ſchon ein Jahr Witwer und hat ein Töch⸗ terchen in Joſephinens Alter hinterlaſſen. Das arme kleine Weſen iſt dort von der Gemeinde einer Familie zugetheilt worden, in der es ſich nicht wohl fühlt, ſich nicht wohl fühlen kann. Ich habe deßhalb beſchloſſen, es zu mir zu nehmen und mit meinem Kinde zu erziehen. Meine Frau i*ſt allerdings noch nicht damit einverſtanden und glaubt vielleicht, daß wir dadurch zu große Ver⸗ antwörtlichkeit auf uns nehmen. Sie wird ſich aber leicht darein finden, wenn ſie die liebe kleine Marie erſt kennen lernt.“ „Marie heißt ſie?“ rief Joſephine raſch und erröthend. „Ja, mein Kind.“ „Und ich will ihr gern,“ ſagte Adele herzlich, „die Mutter zu erſetzen ſuchen, ſo weit das in meinen Kräften ſteht. Ich glaube auch mit Ih⸗ nen, Herr Baron, daß ſolche Geſellſchaft einen glücklichen und ſegensreichen Einfluß auf Ihre Tochter ausüben wird— nicht gerechnet das gute Werk, das Sie an der verlaſſenen Waiſe üben.“ „Ich komme jetzt dort in die Nähe,“ fuhr Georg fort,„und werde das Kind wahrſcheinlich gleich mitbringen. Haben Sie die Güte, Alles vorzu⸗ bereiten, daß es hier eine freundliche Heimath findet. Und Du wirſt gut mit Deiner neuen Schweſter ſein, Joſephine?“ „Oh gewiß, Papa, gewiß,“ rief die Kleine, die Hände zuſammenſchlagend,„ich freue mich ſo ſehr— ſo ſehr auf die— Marie!“ „So bleibe denn hübſch brav, bis ich wieder⸗ komme, und folge der Mademoiſelle in allen Din⸗- gen. Sie meint es gut mit Dir. Ich ſelber,“ wandte er ſich dann an die Erzieherin,„werde in drei, ſpäteſtens vier Tagen zurück ſein— le⸗ ben Sie wohl bis dahin.“ Und ſeiner Tochter freundlich zunickend, verließ er das Zimmer. „Wird der Schlitten gehen?“ „Gewiß,“ ſagte der Kutſcher, trotz dem Thau⸗ wetter iſt doch noch alter Schnee genug liegen geblieben, und heute Nacht hat es eine tüchtige Partie friſchen darauf geworfen. Jedenfalls geht er beſſer als der Wagen.“ Georg ſtieg ein und warf noch einen Blick nach den Fenſtern hinauf. Die Georginens wa⸗ ren verhängt, und Fräulein Adele's Zimmer lag nach dem Garten hinaus, aber ſie war mit der Kleinen in die dem Hofe zunächſt liegende Stube gekommen, den Vater abfahren zu ſehen. Das Fenſter wurde geöffnet, und Joſephine bog ſich heraus und winkte fröhlich herab. Der Vater grüßte hinauf, und der Schlitten klingelte luſtig zum Thor hinaus der breiten, weiß gedeckten Straße folgend, und zwar in der entgegengeſetzten Richtung von Schildheim fort. Etwa eine Stunde vom Gute entfernt, begeg⸗ nete der Schlitten einem leichten Reiſewagen. Ein einzelner Herr ſaß darin, aber ſo bis unter die Augen in Pelz eingehüllt, daß man ſeine Züge nicht erkennen konnte. Georg achtete auch nicht auf ihn, denn andere Dinge gingen ihm im Kopfe herum, als ſich um gleichgültige Reiſende zu be⸗ kümmern. Der Fremde aber bog ſich, als er an ihm vorüber war, raſch aus dem Wagen hinaus und ſah ihm nach, ſo lange er den Schlitten noch erkennen konnte, dann, ſich zu ſeinem Kutſcher wendend, ſagte er:„Kannteſt Du den Herrn, der da eben an uns vorüberfuhr?“ „Das war der Baron vom nächſten Gute Schildheim,“ erwiderte der Mann.„Vom Dorfe Schildheim, wohin ich Sie fahren ſoll, liegt es kaum zehn Minuten oder ein Viertelſtündchen ent⸗ fernt. Sie wollten wohl den Herrn Baron be⸗ ſuchen?“ 1 „Nein,“ ſagte der Fremde,„überdies bleibe ich einen Tag in Schildheim, und wenn ich ja noch hinübergehen wollte, iſt er bis dahin jeden⸗ falls zurück. Er wird wohl nur auf die Jagd gefahren ſein.“ Die Sache intereſſirte den Kutſcher zu wenig, und er antwortete nichts darauf, hieb dagegen auf ſeine Thiere ein, ſo bald wie möglich aus dem, ihm immer ſchärfer entgegenwehenden Nord⸗ winde und in die warme Stube zu kommen, wo er die Gewißheit eines Raſttages hatte.— Die Pferde griffen tüchtig aus, und bald konnten ſie von Weitem die rothen Dächer des kleinen freund⸗ lichen Ortes und die weite Fläche des See's durch die Bäume herüberſchimmern ſehen. Der Wagen rollte jetzt in dem flachen Thale hin, und der Kutſcher, nach links hinauf deutend, ſagte:„Da —223 . ³ drüben liegt das Gut, das der Herr Baron ge⸗ pachtet hat.“ „So?— das iſt Schildheim?“ ſagte der Fremde mit großem Intereſſe,„alſo ſind wir jetzt auch gleich im Dorfe?“ „Wird nicht mehr lange dauern— da vorn liegt's ſchon,“ ſagte der Kutſcher, und während er mit leiſem Schnalzen die Peitſche ſchwang, leg⸗ ten ſich die Pferde von ſelber mehr in den Zug, als ob ſie den ihrer wartenden Hafer und den warmen Stall ſchon witterten. Es dauerte auch nicht lange, ſo erreichten ſie die erſten Außenge⸗ bäude, und bald darauf hielt das leichte Fuhr⸗ werk vor dem Stern, an dem ſie der Wirth mit abgezogenem Käppchen bewillkommte und Gaſt wie Pferden vortreffliches Unterkommen verſprach. Zu gleicher Zeit kam von der andern Seite die Briefpoſt durch das Dorf, hielt am Wirths⸗ hauſe, die Briefe für Dorf und Gut abzugeben, und raſſelte dann weiter. Ein Knecht aber, der um dieſe Zeit immer vom Gute herabgeſchickt wurde, etwa eingetroffene Briefe und Zeitungen in Empfang zu nehmen, that die erhaltenen. Pa⸗ piere in einen hierzu beſtimmten ledernen Beutel und wollte damit ungeſäumt nach Hauſe zurück⸗ kehren, als er von Jemandem angerufen wurde. Er drehte ſich nach der Stimme um und ſah den Schulzen mit dem Müller und noch zwei anderen Bauern, die ihm winkten und dann zu ihm heran⸗ kamen. „Hör' einmal, Gottlieb,“ ſagte der Erſtere, als ſie nahe genug waren, ſich verſtändlich zu machen, „was habt Ihr denn geſtern auf dem Gute mit dem Tobias angefangen?“ „Wir?“ lachte der Knecht,„an die Luft haben wir ihn geſetzt, wie es uns der gnädige Herr ge⸗ heißen?“ „Wie ſo, an die Luft geſetzt?“ „Nun, vor's Thor gebracht und laufen laſſen. Er war ſo betrunken, daß er kaum ſtehen konnte. Hat er uns verklagt?“ „Nein, das nicht,“ ſagte der Schulze,„habt Ihr ihm weiter nichts zu Leide gethan?“ „Nicht das Geringſte,“ erwiderte der Knecht. „Er ſchimpfte wohl und raiſonnirte in Einem fort; aber was iſt mit einem beſoffenen Menſchen an⸗ zufangen?? „Und was machte er, als Ihr ihn vor das Thor ſetztet?“ „Erſt ſchimpfte er und wollte wieder zurück, dann aber, als wir ihm drohten, drehte er ſich 225 um und torkelte ſeiner Wege. Wir haben uns nicht weiter um ihn bekümmert.“ „Und der Baron auch nicht?“ „Der Baron?“ „Hat ſich der auch nicht weiter um ihn be⸗ kümmert?“ „Wird ſich der mit dem betrunkenen Menſchen einlaſſen!“ lachte der Knecht.„Was iſt denn aber los, daß ihr Alle mit einander ſo lange Geſichter ſchneidet?“. „Weiter nichts,“ ſagte der Müller,„als daß mein Schwiegervater, ſeit Ihr ihn oben aus dem Gute gejagt habt, nicht wieder, weder hier im Dorfe, noch irgend wo anders geſehen worden iſt.“ „Und er wäre die Nacht nicht nach Hauſe ge⸗ kommen?“ 3 „Mit keinem Schritt.“ „Und im Wirthshauſe iſt er auch nicht ge⸗ weſen?“ „Nein.“ „Dann iſt er ſicher unter irgend einem Baume umgefallen und eingeſchlafen,“ meinte der Knecht, „aber jedenfalls hätte ihn doch heute Morgen die Kälte wecken müſſen.“. „Wenn ihn die Kälte die Nacht über nicht Gerſtäcker, Der Kunſtreiter. II. 15 226 umgebracht hat,“ ſagte der Schulze.„Weßhalb habt Ihr ihn denn vom Hofe gejagt?“ 3„Ich weiß es nicht,“ erwiderte Gottlieb,„er iſt wohl unverſchämt gegen den gnädigen Herrn geweſen, denn er war oben bei ihm im Zimmer und hatte ein ſchrecklich großes Maul, wie uns der Baron hinaufrief; der war aber ganz ruhig und befahl uns nur, wir ſollten den Beſoffenen vor's Thor bringen und nicht wieder in's Gut hineinlaſſen.“ „Na, Müller,“ ſagte der Schulze,„wenn ihm wirklich was Menſchliches begegnet wäre, könntet Ihr Euch tröſten— und das Dorf auch. Freude hätten wir an dem Tobias nicht mehr erlebt.“ „Das iſt wohl wahr,“ ſagte der Müller,„und die Haare würde ich mir deßhalb nicht ausraufen. Es bleibt aber doch immer meiner Frau Vater, und daß mir die Leute ſpäter nachſagten— wenn's auch nicht wahr wäre— daß ich ihn draußen auf der Straße hätte liegen und umkommen laſſen, das könnt Ihr ebenfalls glauben.“ „Dann beruft Euch nur auf uns hier im Dorfe, Müller,“ beruhigte ihn der Schulze,„Ihr habt an den faulen Strick gethan, was kein An⸗ derer gethan hätte, und braucht Euch wahrhaftig keine Gewiſſensbiſſe darüber zu machen. Jetzt 227 wollen wir indeſſen einmal die Gemeinde aufbie⸗ ten und ſehen, ob wir nicht herausbekommen kön⸗ nen, was aus ihm geworden iſt. Weit kann er auf keinen Fall geſtern mehr gelaufen ſein, und iſt ihm ein Unglück paſſirt, ſo müſſen wir ihn ganz in der Nähe finden.“ Die Gemeinde wurde zuſammengerufen; als Sammelplatz gab es aber natürlich keinen andern und paſſendern Ort, als den Krug, und hier füllte ſich indeſſen auch die Gaſtſtube mehr und mehr mit eintreffenden und eifrig debattirenden Bauern. Sobald die Gemeinde vollzählig war, wollte man ausrücken. Der hatte aber noch Dies, Jener Das zu Hauſe zu thun; Andere waren auf dem Felde draußen und mußten erſt hereingeholt werden, und die Leute im Wirthshauſe konnten indeſſen ihre Zeit nicht beſſer verwerthen, als daß ſie Bier tranken und ihre Pfeifen in Brand hielten. Das Geſpräch drehte ſich dabei natürlich aus⸗ ſchließlich um den„faulen Tobias“, ſein früheres und ſein jetziges Leben, ſeine guten und böſen Seiten, und man kam, tootz allen ſeinen Fehlern, doch zu dem Reſultate, daß man wünſchte, es möchte ihm kein Unglück geſchehen ſein.— Im Stillen hoffte freilich doch ein Jeder, daß er nicht 15* 228 wieder zum Vorſchein käme, denn er war in der letzten Zeit dem Dorfe eine Laſt geworden. Eine volle Stunde war mit ſolchen Vorberei⸗ tungen vergangen, und noch immer fehlten Einige. Der Schulze aber erklärte, daß ſie jetzt nicht län⸗ ger warten könnten, rief die Leute in der Stube zuſammen und wollte ſie eben eintheilen, wie ſie nach verſchiedenen Richtungen hin ausgehen und ihnen angewieſene Diſtricte abſuchen ſollten, als der Verwalter in die Stube trat. „Hört einmal, Ihr Leute,“ redete dieſer die Bauern an,„wie mir eben der Gottlieb ſagt, vermißt Ihr den Müllers⸗Tobias ſeit geſtern. Iſt dem ſo?“ „Ja, Herr Verwalter,“ ſagte der Schulze, „wir wollen eben fort und ihn ſuchen.“ „Dann geht vor allen Dingen einmal am Bache hinauf,“ ſagte der Verwalter,„Ihr wißt, dort, wo das Waſſer die ſcharfe Biegung macht und die beiden Steine ſtehen, auf denen früher einmal eine hölzerne Bank lag.“ „Iſt er dort?“ riefen Einige durch einander. „Das weiß ich nicht,“ ſagte der Verwalter, naber wie ich geſtern Abends dort hinaufging, nach den Kopfweiden zu ſehen, fand ich nicht weit vom Ufer einen alten Hut, der recht gut dem 4 Tobias gehört haben kann. Ich habe allerdings weiter nichts von ihm geſehen und mich geſtern Abend, an keinen Unfall denkend, auch nicht länger dort aufgehalten, denn das Wetter war mir zu ſchlecht; aber ich fürchte faſt, wenn ihm irgend etwas zugeſtoßen iſt, war's an der Stelle. Iſt's Euch recht, gehe ich mit, und finden wir dort nichts, ſo könnt Ihr Euch ja nachher noch immer ein⸗ theilen und die Nachbarſchaft ordentlich abſuchen.“ Gegen den Vorſchlag ließ ſich nichts einwen⸗ den; gab er ihnen ja doch auch ein beſtimmtes Ziel, und die ganze Schaar brach lärmend auf, den bezeichneten und nicht ſehr entfernten Platz, den ſie Alle recht gut kannten, ſo bald als möglich zu erreichen. Wie ſie vor das Wirthshaus kamen, ſahen ſie einen fremden Herrn, der allein den Weg zum Gute einſchlug. „Wer iſt das, Verwalter?“ fragte dieſen der Schulze. „Ich weiß es nicht,“ lautete die Antwort. „Jedenfalls ein Fremder, der den Baron zu ſprechen wünſcht— da kommt er aber zu ſpät, denn der iſt heute Morgen verreiſt.“ „Wielleicht ein Bekannter von der Herrſchaft?“ „Möglich.“ 230 „Er iſt vor etwa einer Stunde aus dem Lande unten heraufgekommen,“ ſagte einer der Bauern, „muß auch wohl etwas hier im Orte zu thun haben, denn ſein Kutſcher ſagt, daß er einen Tag hier bleiben wolle.“ „Dann müßte er ja aber unſerm Herrn be⸗ gegnet ſein.“ „Vielleicht ein Getreidehändler— die reiſen jetzt im ganzen Lande herum, das liebe Gut auf⸗ zukaufen, und wenn ſie's uns um einen Spott⸗ preis abgeſchwatzt haben, machen ſie nachher ihre eigenen Preiſe und treiben's in die Million'nauf.“ Aber die Leute hatten jetzt andere Dinge im Kopfe, als ſich dieſen über den Fremden zu zer⸗ brechen. Rechtsab bogen ſie von der Straße, em Waſſercurs aufwärts folgend, und während einige der jüngeren Burſchen lange Stangen mit Haken trugen, den Bach damit auszufühlen, liefen andere 3 voraus, den Hut wiederzufinden und ſich damit der genauen Stelle zu verſichern, in deren Nach⸗ barſchaft ſie den armen Teufel vielleicht doch noch auf trockenem Boden antreffen konnten. Mit dem Hute hatte es indeſſen einige Schwierig⸗ keit. Der in der letzten Nacht ziemlich dicht ge⸗ fallene Schnee deckte Alles mit ſeiner weichen, ausgleichenden Maſſe, und ſo genau konnte der b 2316 alte Verwalter die Stelle ebenfells nicht angehen, denn er erinnerte ſich nur ungefähr des Platzes. Während aber Einigk am Ufer auf⸗ und abliefen und jeden Baum untggſuchten, klopften Andere auf jede kleine Erhöhung im Schnee und ſtocherten ſie auf, bis ſie endlich wirklich den alten Hut fanden. Er wurde von dem e Ruler augenblicklich als Tobias' Eigenthum erkannt, und die Arbeiter be⸗ gannen jetzt den Bach abwärts von dort mit den Stangen nachzuſuchen. Leider bewährte ſich hier, was der Müller gleich von Anfang an gefürchtet. Gleich wo ſie begannen, und der Stelle genau gegenüber, an welcher der Hut gelegen, trafen die eingeworfenen Stangen auf die Leiche, die von einem Gegenſtande unter Waſſer feſtgehalten wurde. Man mußte ſie mit einiger Gewalt an's Ufer ziehen, und dabei hob ſich ein alter Weidenaſt mit aus dem Waſſer, der ſich feſt in den Rock des Unglück⸗ lichen verwickelt hatte. Die Urſache ſeines Todes war deßhalb auch Allen klar; er mußte, jedenfalls im Trunke, hier den Weg verfehlt haben und in das Waſſer hineingetaumelt ſein, deſſen Ufer er doch wohl wieder erreicht hätte, wenn ihn eben nicht der zähe, elaſtiſche Zweig daran verhinderte. Ueber⸗ dies ſeiner Sinne nicht mächtig und mit dem ge⸗ F ſchwächten Körpegp ließ es ſich leicht erklären er ſelbſt in dem ſchmalen und eben nicht Bache ertrinken konnte. 6 Die Männer hoben das Leiche ſchweigend aufs Trockene, und einige der mitgebrachten Seile quer zwiſchen die Miden Staugen bindend, machten ſie eine Art von Bahre Haraus, auf der ſie den alten Tobias in's Dorf und in die Mühle hinabtrugen. Ende des zweiten Bandes. Druck von G. Pätz in Naumburg. 6 5 4 8 3 ffffffſſſſiffffffne 15 16 17 18 19