6 1— S— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, b Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. M Leih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Buͤcher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelden entſprechende Summe hinterlegen, welche vei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 1 wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 5 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 5 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ Das Hintergebände. Erzählung von Fr. Gerſtäcker. — d; Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1873. Erſtes Kapitel. Im Reſtaurationsgarten. Danneburg war eine alterthümlich gebaute Stadt von etwa zwanzig bis zweiundzwanzigtauſend Ein⸗ wohnern, mit vielen Reſten früherer Feſtungswerke und einem Regierungsſitz, lag aber ziemlich abſeits von dem Hauptverkehr des Landes, da ſich die Eiſenbahn etwa anderthalb Meilen ſeitwärts durch das niedere fruchtbare Thal zog und dem Ort nur eine Poſtſtation ließ, um mit der übrigen Welt in Verkehr zu bleiben. 8 Den Namen hatte die Stadt von der alten Burg bekommen, deren pittoreske Trümmer noch jetzt an der Nordſeite emporragten und den unten dahin fließenden kleinen Strom hoch überragten. Die Feſtungswerke mußten früher auch einen nicht unbedeutenden Flächen⸗ raum eingenommen haben und ſchon deshalb zogen Gerſtäcker, Das Hintergebäude. 1 den Schutz der Mauern zurück, um gegen das Land ſich wohl friedliche Städter in größerer Zahl unter durchſtreifendes Raubgeſindel oder die Schwärme kleiner Barone(Beides ſehr häufig gleichbedeutend) geſchützt zu ſein. Damals ſuchte man auch vorzugsweiſe die Höhen, denn die Verkehrswege führten überall hin; jetzt dagegen war Danneburg durch die Eiſenbahn um⸗ gangen und die natürliche Folge davon blieb, daß die Stadt nicht allein nicht wuchs, ſondern eher noch in ihrer Einwohnerzahl zurückging. Einen eigenthümlichen ſowohl als auch einen wohlthuenden Eindruck machte Danneburg aber auf den Beſucher, beſonders wenn er direct aus einer der Metropolen kam, nicht allein durch das Maleriſche ſeiner ganzen Lage und Umgebung, nein, auch durch das Wohnliche und Behagliche, was ſich überall und unverkennbar kund gab. Die Bauart der kleinen Stadt war allerdings unregelmäßig genug und bunt durch⸗ einander gewürfelt. Es gab wohl eine große Zahl maſſiver grauer Steinhäuſer, mit rieſigen eiſernen Dach⸗ rinnen, mit breiten ſteinernen Treppen vor den Haus⸗ thüren und zahlreicher oft grotesker Steinhauerarbeit zwiſchen den Fenſtern, dann aber fand man auch ganze Straßen wieder aus Fachwerk errichtet, mit vorragen⸗ den oberen Etagen, ſo daß es bei manchen genau ſo 3 ſchien, als ob ſie nur auf eine günſtige Gelegenheit warteten, um kopfüber in die Straße zu ſtürzen. Dieſe zeigten denn auch noch meiſtens kleine niedere Fenſter, manche ſogar noch mit bleieingefaßten runden Schei⸗ ben und alle trugen durch die Jahre faſt geſchwärzte Ziegeldächer. Aber wie eine Erinnerung aus der Ju⸗ gendzeit heimelte uns der alte Thorwächter mit dem Stelzfuß und ein paar Polizeidiener in einer Art von Stadtſoldatenuniform an, die aber mehr patriarchali⸗ ſchen als andern Werth beſaßen und mit der ganzen Welt im größten Frieden zu leben ſchienen. Der Herr Bürgermeiſter war die geachtetſte Perſönlichkeit, die Frau Bürgermeiſterin die erſte Frau der Stadt. Die Beamten grüßten ſich untereinander genau nach ihrem Rang; die Vorgeſetzten ihren Vorgeſetzten, daß der Hut über den Boden wegfegte, bis er an der andern Seite wieder heraufkam, Gleichgeſtellte achtungsvoll, Untergebene hochnaſig; kurz, die Herren in Danneburg lebten noch ſo unſchuldig in die Welt hinein, als ob es keine Eiſenbahnen und Telegraphen und keine Dampf⸗ kraft auf der Welt gäbe.. Gemüthlich aber wurde das Leben, wenn ſich an 3 ſchönen Abenden die Sonne ihrem Untergang neigte und die Frauen der Mittelklaſſen, in ſchneeweißen Mützen und Schürzen, mit ihrem Strickſtrumpf oder 4¾ ſonſtiger Arbeit auf die Straße kamen, ſich auf die ſteinernen Bänke vor den Häuſern ſetzten und zuſam⸗ men plauderten oder gemeinſchaftlich die vor ihnen herumtollenden Kinder überwachten. Gefahr, durch übermäßiges Fahren heißblütiger Droſchkenpferde ge⸗ ſchädigt zu werden, gab es dabei auch nicht einmal, denn Danneburg beſaß— und ſelbſt dieſe als ſtaunens⸗ werthe Neuerung— nur erſt vier oder fünf Droſchken, die ſich aber ſtrengem Befehle nach nur in einem„ſanften Trab“ durch die Straßen der Stadt bewegen durften. Fremde kamen ſelten nach Danneburg, einzelue Handlungsreiſende ausgenommen, die für das oder das Haus in den oder den Artikeln„machten“. Dieſe aber reiſten auch noch in der alten ehrwürdigen Art, in der ihre Urväter das gleiche Geſchäft betrieben: nämlich in einem Einſpänner, mit dem ſie in der „Krone“ oder im„Goldenen Löwen“, den beiden einzigen anſtändigen Wirthshäuſern, abſtiegen und die eingeborenen Stammgäſte des alten Orts durch überraſchende Kartenkunſtſtücke und unanſtändige Anek⸗ doten in Erſtaunen ſetzten. Das Gaſthaus„Zum goldenen Löwen“, das am Marktplatz lag, war eigentlich das eleganteſte und durch einen nothwendig gewordenen Neubau auch mehr in dem neuern Styl angelegt, aber die„Krone“ wurde 5 trotzdem mehr beſucht, da ſich ein, wenn auch rings von Häuſern eingeſchloſſener, aber ziemlich geräumiger Garten dabei befand, der beſonders im Sommer mit ſeinem vorzüglichen eingeführten bayriſchen Bier die Gäſte anlockte. Trat man aus der Hinterthür des Gaſthofs in den Garten, ſo zog ſich links eine mit regendichten Dächern verſehene Laubenreihe hin, den Gäſten auch bei naſſem Wetter das Sitzen im Freien geſtattend. Nach rückwärts lag ein anderer Garten mit ſehr hohen ſchattigen Bäumen, nach rechts zu der ſchmale, zum Hotel gehörende Hof, der dann auf der andern Seite durch ein altes, breites und wunderlich genug aus⸗ ſehendes Hintergebäude abgeſchloſſen wurde. Auf architektoniſche Schönheit machte dieſes, aus drei Stockwerken beſtehende, aber ſehr ausgedehnte Hintergebäude wohl kaum einen Anſpruch. Es hatte allerdings ſechszehn oder achtzehn Fenſter, aber nicht etwa in Reihen geordnet, oder auch nur von einer Größe, ſondern nur wie wild und bunt über die Wand⸗ fläche hingeſtreut und von allen Formen und Dimen⸗ ſionen. Da gab es kleine viereckige, langgezogene, größer wie für einen Salon beſtimmt, und dann wie⸗ der breitgedrückte, wie man ſie vielleicht oben in einem Keller oder Pferdeſtall anbringt. Die meiſten derſelben waren auch durch Staub und Spinneweben förmlich undurchſichtig geworden und ſchienen in den morſchen Rahmen nur zu hängen; hinter anderen bemerkte man aber wieder Rouleaux, die aber nie aufgezogen oder zurückgeſchlagen wurden. Ueberhaupt hatte noch Nie⸗ mand dort ein Fenſter öffnen ſehen, wenn ja irgend Jemand darauf geachtet. Wer bekümmerte ſich um das alte Hintergebäude? Die Bewohner von Danne⸗ burg ſicher nicht und lange Jahre ſchon ſtand es in der nämlichen Verfaſſung, in der es ſich gegenwärtig befand. Lag aber dem Eigenthümer nichts daran, es wohnlich und praktiſch herzurichten, wem ſonſt gingen die alten Räumlichkeiten etwas an. Es war ein prachtvoller Herbſttag, klar und ſon⸗ nig und eben friſch genug, um den Körper nach einem faſt überheißen Sommer wieder zu ſtählen und zu kräftigen. Die Blätter der einzelnen im Garten ſtehen⸗ den großen Kaſtanien fingen ſchon an abzufallen; der Rauch der benachbarten Schornſteine ſtieg kerzengrad in die blaue Luft hinauf, durch die in milchweißen Flocken der ſogenannte„alte Weiber⸗Sommer“ ſeine Fäden zog, und über den Häuſern. der Stadt ſtrichen die Schwalben in maſſenhafen Schwärmen hin und wieder, und bereiteten ſich augenſcheinlich zu ihrer nächſten großen Reiſe vor. 7 Es mochte zehn Uhr Morgens ſein und der,‚Kro⸗ nengarten“ war noch nicht beſucht, einmal ſchon der etwas friſchen Witterung wegen, was die gewöhnlichen Frühſtücksgäſte veranlaßte, die wärmere Reſtauration aufzuſuchen, und dann auch wohl der noch etwas ſehr frühen Stunde wegen. Nur ein einzelner junger Frem⸗ der, in einen grauen loſen Ueberrock eingeknöpft, einen ebenſolchen breitrandigen Filzhut etwas ſeitwärts auf dem Kopfe, die Cigarre im Munde und ein Glas Bier neben ſich auf dem nächſten Tiſch, ſaß verkehrt und rittlings auf einem der hölzernen Gartenſtühle, hatte beide Arme auf die Rücklehne geſtützt und ſchien voll⸗ ſtändig mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt. Er ſtarrte wenigſtens, ohne ſich weiter um etwas Anderes zu bekümmern, nur immer unverwandt nach dem alten Hintergebäude hinüber und drehte den Kopf dabei we⸗ der rechts noch links. Noch ein anderer Gaſt betrat jetzt den mit Bäu⸗ men beſtandenen Gartenraum, ſchien aber nicht die Abſicht zu haben, ſich zu ſetzen. Er ließ ſich ſein Bier, das ihm der Kellner nachbrachte, auf irgend einen der dortigen Tiſche ſtellen und ſchritt dann, beide Hände in den Taſchen, auf dem breiten Kieswege langſam hin und her. Den anderen Gaſt beachtete er gar nicht, ebenſowenig wie dieſer von ihm Notiz genommen hatte, und nur, wenn ihn der Rückweg auf ſeinem Spazier⸗ gange ſo führte, daß er ihn vor ſich bekam, flog ſein Blick ein paar Mal über ihn hin. Zuerſt geſchah das auch vollkommen gleichgültig, jetzt aber haftete er auf⸗ merkſam auf dem Fremden. Er mußte in der wenn auch von ihm abgewandten Geſtalt deſſelben doch etwas entdeckt haben, was ihm bekannt vorkam, und um ſich zu überzeugen, änderte er jetzt ſeine frühere Richtung, ging ſeitwärts an ihm vorbei, und bekam ihn kaum im Profil, als er auch ſchon im nächſten Augenblick ausrief: „Thiodolf! Iſt es denn möglich? Wie um des Himmels Willen kommſt Du hierher nach Danneburg und in dieſe abgelegene Gegend?“ Der junge Fremde ſchaute überraſcht empor.„Karl Bomeier“, rief er aufſpringend und dem Freund die Hand hinüberreichend,„Dich hätte ich hier nicht zu finden erwartet!“ „Mich nicht hier?“ lachte Bomeier,„und doch wäre es der einzige Platz, wo Du mich finden konn⸗ teſt, wenn Du mich geſucht, denn ich wohne nicht allein hier, ſondern bin hier ſogar verhelrathet.“ „Was?“ rief der junge Mann, den Bomeier mit Thiodolf angeredet,„Du verheirathet? Und hier in Danneburg, wo ſich die Füchſe gute Nacht ſagen, das muß ja eine ganz romantiſche Geſchichte ſein. Karl, Karl, Du hatteſt immer ein wenig Anlage zur Schwär⸗ merei.“ Es ſchien faſt, als ob Bomeier ein wenig verlegen und ſogar roth würde, aber ausweichend antwortete er: „Nun, ſo abgeſchieden liegt Danneburg nun auch nicht von der Welt und ich gebe Dir mein Wort, es iſt ein ganz freundlicher Ort. Wir bilden uns hier unſere eigene kleine Welt und ich wenigſtens befinde mich wohl. Außerdem habe ich aber auch hier mein Geſchäft.“ „Du, ein Geſchäft?“ lachte Thiodolf laut auf, „und welches, wenn man fragen darf?“ „Ich bin Photograph geworden“, erzählte Jener, „mit der Malerei wollte es nicht ſo recht gehen; ich verdarb eine Menge Leinwand und machte, da ich mich, wie Du weißt, mehr der Idylle zugewandt, wirklich idylliſche, aber keine reellen Geſchäfte. Die Leute fan⸗ den meine Gemälde recht hübſch und beſonders— ein ganz verzweifelter Ausdruck—„zart gedacht“, kauften aber nichts, und mit Ausnahme von einzelnen, die ich mit in eine Verlooſung brachte, behielt ich den Vor⸗ rath auf Lager. Da lernte ich hier in Danneburg, wohin ich auf einer Streiftour nach Studien kam, meine jetzige Frau, die Tochter eines Pbotographen kennen. Der Vater war alt und kränklich und brauchte eine Hilfe; die Tochter gewann mich lieb und da ſitze ich jetzt, habe mich in die außerdem nicht ſehr ſchwere Sache tüchtig hineingearbeitet und mit nicht zu großer Concurrenz faſt mehr oder doch ebenſoviel Arbeit als ich liefern kann.“ „Alſo ſtatt idylliſchen Gemälden eine idylliſche Häuslichkeit?“ „Beſter Freund“, ſagte Bomeier und wieder war es, als ob ſich ſeine Schläfe etwas färbten,„was wir jungen Leute in ſchwärmeriſcher Jugendzeit unter Idyll der Che verſtehen, oder wie wir es uns denken, ſchwächt ſich doch etwas ab, wenn man erſt Frau und Kinder und die Pflicht überkommen hat, auch das täg⸗ liche Brod herbeizuſchaffen. Die Wirklichkeit entſpricht da nicht immer unſerer Phantaſie und das iſt auch recht gut, denn mit dem Schäferſtab in der Hand ſind wir in unſerer hausbackenen und anſpruchsvollen Zeit doch nicht mehr im Stande, das Leben zu ver⸗ träumen.“ „Ich hoffe doch nicht, daß Du ein richtiger Phi⸗ liſter geworden biſt, Karl?“ „Gewiſſermaßen doch ein wenig; wir werden es Alle mit einander, mehr oder weniger natürlich, wenn wir erſt einmal in das bürgerliche Leben treten, 1 11 und unſeren früheren Neigungen nicht mehr ſo folgen können. Ich rechne mich gerade nicht mehr zu den Künſtlern, aber ich habe doch noch ein warmes Herz für die Kunſt behalten; außerdem lebe ich ſorgenfrei, ja befinde mich ſogar in leidlich guten Verhältniſſen, ſo daß ich den Schritt, den ich gethan, nicht zu bereuen brauche— und das will ſchon manchmal viel ſagen. Nun aber, Thiodolf“, brach er ab,„genug von mir, was treibſt Du? Welcher Wind hat Dich in dieſe, wie ich gern zugeben will, etwas abgelegene Gegend geweht? War es ein Zufall oder ein beſtimmtes Ziel; willſt Du Dich, ſelber ein Architekt, an den archi⸗ tektoniſchen Schönheiten oder Wunderlichkeiten unſerer Stadt erfreuen?— und dazu fändeſt Du hier aller⸗ dings reichliche Gelegenheit, oder führt Dich eben⸗ falls ein praktiſcher Zweck, vielleicht ein Auftrag hier⸗ her zu uns?“ Thiodolf ſchüttelte den Kopf;„das Letztere nicht“, ſagte er lächelnd,„ſo weit bin ich noch nicht, um irgend wohin berufen zu werden. Aber es lebt mir hier ein alter Onkel, der ſchon ſeit Jahren an meine Mutter, ſeine Schweſter ſchrieb, daß er mich einmal zu ſehen wünſche.“ „Und wie heißt er?“ „Vielleicht kennſt Du ihn. Es iſt der penſionirte Stadtſchreiber Sachte, der in der Burgſtraße ein klei⸗ nes, aber recht freundliches Häuschen hat.“ „Der Stadtſchreiber?“ rief Bomeier raſch,„gewiß kenne ich ihn; es iſt noch ein Ueberbleibſel aus der alten Zeit. Uebrigens ſoll er nicht unbemittelt ſein, wenn er ſich auch äußerlich gerade nichts merken läßt. Wohnſt Du bei ihm?— doch natürlich.“ „Ja, ſchon ſeit vier Tagen und ich komme nur jeden Morgen hierher, theils um ein Glas Bier zu trinken, theils um— Du wirſt mich auslachen— mir das alte wunderlich und ſcheinbar zuſammengewürfelte Hintergebäude da drüben zu betrachten, das mit ſeiner verwickelten Bauart einen ganz eigenen Reiz auf mich ausübt.“ „Das alte Gemäuer da drüben?“ lachte Bomeier, —„na, verwittert genug ſieht es aus, und ein neuer Anputz könnte ihm ſchwerlich ſchaden, aber ich begreife nicht recht, wie ſich ein Menſch dafür intereſſiren kann.“ „Und weshalb nicht?“ warf Thiodolf ein.„Die erſten Tage beſchäftigte ich mich damit, und betrachtete es dabei wie eine Art von Rebus, um herauszube⸗ kommen, wie es im Inneren gebaut ſein könne, und alle dieſe kreuz und quer geworfenen Fenſter zu ver⸗ werthen, oder nur zu erreichen, und wenn ich aufrich⸗ tig ſein will, ſo bin ich ſelbſt jetzt noch nicht mit mir 13 darüber im Reinen, aber dabei doch dahinter gekom⸗ men, daß einzelne Theile deſſelben ſogar bewohnt ſind.“ „Es ſieht nicht darnach aus“, ſagte Bomeier mit dem Kopf ſchüttelnd. „Doch“, entgegnete der junge Are chitekt,„ſiehſt Du da drüben in dem zweiten Stockwerk, wenig⸗ ſtens in der Höhe, in der dieſes liegen müßte, denn von Stockwerken iſt an der ganzen Wand überhaupt keine Rede,— das lange, ſchmale Fenſter, vor dem die alte verſchoſſene und durchlöcherte Gardine hängt, gleich unter der Fenſteröffnung, die ſo ausſieht, als ob ſie in einen Keller führte?“ „Ja, ganz Recht. Nun?“ „Geſtern Morgen um die nämliche Zeit etwa, als ich hier an derſelben Stelle ſaß, bewegte ſich die Gardine an dem Fenſter dicht daneben ganz deutlich.“ „Vielleicht der Zug einer zerbrochenen Scheibe.“ „Nein, das untere Ende wurde langſam von einer Hand zurückgeſchoben und gehalten und gleich darauf ſah ich etwas Bleiches, was ein menſchliches Geſicht geweſen ſein muß, wenn auch die trübe Scheibe ver⸗ hinderte, Weiteres zu erkennen. Es war faſt, als ob Jemand, der eingeſchloſſen wurde, auch einmal in's Freie ſchauen wollte und ſich dann langſam und wie ungern wieder zurückzog. Nach Verlauf einer kleinen hallben Stunde wiederholte ſich das dann noch einmal, doch hob ſich diesmal der Vorhang nur ſehr wenig, als ob der dahinter Stehende nicht geſehen werden wolle.“ Bomeier zuckte die Achſeln.„Mit einiger Phan⸗ taſie“, ſagte er,„iſt nichts leichter, als ſich allerhand hübſche Geſchichten auszumalen, das Wahrſcheinliche aber bleibt, daß irgend wer da drüben, von irgend welcher Treppe aus, die alte Gardine im Hinterhaus einmal gelüftet hat, daß aber Jemand dort wohnt, glaub' ich im Leben nicht.“ „Da bewegt ſich die Gardine ſchon wieder!“ rief Thiodolf, der indeß kein Auge von dem alten Gebäude verwandt hatte, indem er mit dem Arme hinüberdeu⸗ tete.„Jene Räume ſind wahrhaftig bewohnt!“ „Und wenn es wirklich ſo wäre“, ſagte Bomeier, „was kann uns das kümmern? Wir kennen die Leute doch nicht.“ „Du haſt Recht“, ſagte Thiodolf,„und trotzdem weiß ich nicht, wie es kommt, aber ich fühle ein merk⸗ würdiges, mir ſelber unerklärliches Intereſſe für das Geheimniß, das jene Räume birgt. Ja ſelbſt Nachts träum' ich davon und durchwandere im Geiſt jene, wirr von Treppen und ſchmalen Gängen durchzogenen Baulichkeiten.“ 45 „Aber, beſter Freund“, lachte Bomeier in ſeiner viel mehr praktiſchen Natur, wenn er gleich für das Idylliſche in der Malerei ſchwärmte,„woher weißt Du überhaupt, daß jene Räume irgend ein Geheimniß bergen? Hier in Danneburg iſt gar nichts geheim; es giebt hier nicht einmal einen geheimen Hofrath. Daß Dich das Gebäude intereſſirt, iſt mir jetzt erklärlich, wenn Du mir ſagſt, daß Du ein paar Mal davon geträumt haſt, denn wir vermiſchen dann im Geiſt Traum und Wahrheit mit einander und unſere Ge⸗ danken fliegen ſchon unwillkürlich dahin zurück. Wenn wir übrigens wiſſen wollen, wer da drüben in dem alten Neſte wohnt, ſo brauchen wir ja nur hinüber zu gehen und zu fragen oder uns die Zimmer ſelber an⸗ zuſehen.“ „Und glaubſt Du wirklich, daß das möglich wäre?“ frug Thiodolf raſch. „Gewiß— und warum nicht? Sobald wir nur die Abſicht vorſchieben, vielleicht das Haus kaufen oder miethen zu wollen, ſo wird man uns bereitwilligſt überall herumführen. Danneburg iſt, wie geſagt, nichts weniger als ein geheimnißvoller Ort, ſondern im Ge⸗ gentheil das größte Klatſchneſt, das es vielleicht auf der Welt gibt, und wenn dort Jemand irgend etwas Verborgenes halten wollte, ſo hätten es die älteren VWort, ſchon längſt ausgefunden.“ Damen von Danneburg, darauf gebe ich Dir mein Thiodolf antwortete nicht gleich; ſein Blick haftete noch immer gedankenvoll an dem alten Hauſe. „Es iſt eine zu tolle Bauart“, ſagte er endlich, durch die Bereitwilligkeit ſeines Freundes, ihn dort hinüber zu führen und ihm die Räume zu zeigen, doch etwas ernüchtert,„und ich werde mir morgen meine Zeichnenmappe mit herbringen und es zur Erinnerung aufnehmen.“ „Aber, beſter Freund“, rief Bomeier,„das kann ich Dir bequemer machen! Ich wohne nur eine kurze Strecke von hier entfernt, dort hinaus in der Klo⸗ ſterſtraße und hole einfach meinen Apparat herüber. Er iſt gerade für ſolche Aufnahmen in beſter Ordnung, da ich morgen daran gehen wollte, eine Sammlung einzelner, hieſiger Bauwerke zuſammenzuſtellen. Da paßt das mir ebenfalls, und Du haſt mich eigentlich erſt darauf aufmerkſam gemacht. Das alte verrückte Hintergebäude nehme ich, als Gegenſatz, einfach mit in die Sammlung auf, denn je mehr ich es jetzt betrachte, deſto eigenthümlicher kommt es mir ſelber vor Es iſt jedenfalls der Typus verdorbenen Geſchmacks oder bo⸗ denloſer Liederlichkeit in der Ausführung, und verdient ſchon deshalb einen Platz in der Sammlung.“ 17 „Und wann willſt Du daran gehen?“ „Gleich nach Tiſch oder morgen früh. Ich habe nur noch einige Kleinigkeiten zu beſorgen. Uebrigens können wir uns vorher noch einmal umſchauen, zu welchen Fronthäuſern dieſe Hintergebäude, und wem ſie gehören. Kommſt Du Nachmittags wieder hier⸗ her?“ „Ich hole Dich am beſten ab, wenn Dir das recht iſt.“ „Hm, ja“, ſagte Bomeier, aber wie es ſchien etwas verlegen.„Ich würde Dich auch bitten, heute Mittag bei mir vorlieb zu nehmen, nur weiß ich nicht—“. „Herzlichen Dank, beſter Freund!“ rief Thiodolf raſch,„das nehme ich mit Freuden an, denn allein treibe ich mich nicht gern zur Tiſchzeit in einem Wirths⸗ haus herum, und bei uns zu Hauſe iſt heute gerade große Wäſche. Das ganze Haus riecht wie warme Seifenlauge, und mein verehrter Onkel, der Herr Stadt⸗ ſchreiber, dem ein alter Drache von Haushälterin die Wirthſchaft führt, hat mir ſchon angedeutet, daß ich heute, wenn ich mich nicht ſelber unterbrächte, ſchwerlich etwas Anderes als Kartoffeln und Hering zu Hauſe finden würde.“ „Hahaha“, lächelte Bomeier, aber doch nicht ganz ungezwungen,„ich fürchte faſt, wir haben heute auch Gerſtäcker, Das Hintergebäude 2 18 nicht viel mehr. Da kämſt Du gerade aus dem Re⸗ gen in die Trau e.“ „Aber doch keine Wäſche!“ „Verbürgen kann ich es nicht, es roch mir heute Morgen ſelbſt verdächtig.“ „Na“, lachte Thiodolf,„dann kann ich meinem Geſchick eben nicht entgehen. Zu anderer Zeit hätte es der Onkel vielleicht nicht gern, wenn ich mich los⸗ machte, und wir plaudern dann wenigſtens ein Stünd⸗ chen zuſammen von alten Zeiten.“ Thiodolf hatte dabei, in dem eigenthümlichen In⸗ tereſſe, das er an dem alten Hintergebäude nahm, den Blick wieder unwillkürlich dorthin gerichtet, und es entging ihm dadurch vollkommen, daß Bomeier nichts weniger als entzückt von der Ausſicht einer gemüth⸗ lichen Plauderſtunde ſchien; aber er war auch zu ſchüch⸗ tern, das Ganze kam ihm überhaupt zu raſch und un⸗ vorbereitet, um einen ernſtlichen Einwand dagegen zu erheben. Er war, mit einem Wort„hineingefallen“ und fand in dem Augenblick keine mögliche Entſchul⸗ digung, um ſich wieder in anſtändiger, und beſonders freundſchaftlicher Weiſe herauszuziehen. War er ſelber doch früher ſo oft in Thiodolfs väterlichem Haus, und ſtets als gerngeſehener Gaſt aus⸗ und eingegangen. Line direkte Abweiſung brachte er deshalb nicht über 19 die Lippen, aber düſtere Vorahnungen eines idylliſchen Gewitters in ſeiner Häuslichkeit lagerten ihm auf der Seele. „Haſt Du jetzt noch etwas vor, Karl?“ ſagte Thiodolf, immer aber nur mit ſeinem alten Ziel vor Augen,„oder können wir vielleicht jetzt gleich einmal dahingehen und uns erkundigen, wem das Haus ge⸗ hört?“ „Ja, beſter Freund, von Herzen gern“, ſagte Bo⸗ meier, dem indeſſen eine Fülle von Gedanken durch den Kopf ſchoß,„ich möchte nur vorher einen Sprung nach Hauſe gehen, um dort einige kleine Anordnun⸗ gen zu treffen.“ „Doch nicht etwa des Diners wegen?“ lachte Thio⸗ dolf,„wenn ich eine Ahnung„hätte, daß ich Dich nur im Geringſten genirte—“. „Aber, beſter Freund“, wehrte Bomeier mit einem verzweifelten Verſuch zu lächeln, ab,„wie kannſt Du nur ſo etwas glauben. Du wirſt freilich ſehr vorlieb nehmen müſſen.“ „Ach was, red' mir nicht davon“, ſagte Thiodolf, „ich komme doch nicht des Eſſens wegen zu Dir, ſon⸗ dern nur, um mit Dir zu plaudern und Deine junge Frau kennen zu lernen.“ 9 △ 2 ———ͤ— g—— „Hm“, ſchmunzelte Bomeier, aber wieder aufs Aeußerſte verlegen,„ſo ſehr jung iſt ſie eigentlich nicht.“ Thiodolf warf ihm einen flüchtigen Blick zu und es war faſt als ob er einen Scherz auf den Lippen hätte, aber das dauerte kaum einen Moment, denn ſchon im nächſten ſagte er, den Kopf ganz voll von anderen Dingen: „Gut, dann geh' nach Hauſe, Alterchen, beſorg', was Du dort zu beſorgen haſt und triff mich dann an der andern Seite dieſes Gebäudes, wo ich indeſſen Nachforſchungen anſtellen und mich jedenfalls ſo lange aufhalten werde, bis Du mich abrufſt. Biſt Du da⸗ mit einverſtanden?“ „Gewiß, von Herzen gern!“ rief Bomeier, jetzt gar nicht im Stande, einen ſelbſtſtändigen Plan zu faſſen,„alſo ich hole Dich da drüben ab.“ „Wie heißt die dort liegende Straße?“ „Das muß die Dammſtraße ſein, ich glaube es wenigſtens der Richtung nach.“ „Gut, alſo auf Wiederſehen“, und beide Freunde, die während des letzten Geſprächs den Kellner bezahlt und den Garten langſam verlaſſen hatten, trennten ſich draußen an der Hausthür, um ihre verſchiedenen Ziele aufzuſuchen. —OO——— Zweites Kapitel. Kunigunde Voneier. Karl Bomeier trat ſeinen Heimweg in einer etwas gedrückten Stimmung an, denn er war vollkommen unſicher, wie ſeine Gattin die ihr zugedachte Ueber⸗ raſchung eines Mittagsgaſtes, den er nur erſt ein einziges Mal gewagt hatte bei ſich einzuführen, auf⸗ nehmen würde. Die Möglichkeit war allerdings da, daß er ſie in guter Laune traf, fand aber das Gegen⸗ theil ſtatt, dann durfte er ſicher auf keinen idylliſchen Empfang rechnen, und was nachher? Sein Muth ſank bedeutend, als er das Haus betrat. Waͤſche, wie er Thiodolf dunkel angedeutet, hat⸗ ten ſie allerdings nicht, aber ſobald er nur ſeine Saalthür öffnete und raſch eintreten wollte, rannte er ſchon gegen ein Scheuerfaß an und die Rieke, wie 22 ihr Mädchen hieß, kniete ſelber madennaß auf der Diele und ging mit außergewöhnlicher Energie gegen jeden noch übrigen trockenen Fleck im Hauſe vor.— Und dort? Einen Beſen hochgeſchwungen in der Hand, den Rock aufgeſchürzt und die Aermel in die Höhe geſtreift, ſtand Kunigunde, Bomeiers eheliche Gattin, und lächelte, denn nur in ſolchen Momenten, wo ſie wußte, daß ſich ihr Gatte vollkommen unbehaglich und elend fühlen mußte, ſchwelgte ſie. Uebrigens trug ſie nicht das geringſte Idylliſche an ſich, was man nach dem eigentlichen Geſchmack Bomeiers doch hätte vermuthen ſollen. Es war eine wohl noch jugendliche, aber corpulente Geſtalt, wenig— ſtens vier Zoll größer als ihr Gatte. Toilette ſchien ſie heute auch noch nicht gemacht zu haben, oder hatte die rauhe Arbeit dieſe wieder zerſtört? Das Haar ſchien jedenfalls etwas ſehr in Unordnung gerathen, das alte Kattunkleid, das ſie trug, war naß und un⸗ ſauber, und der Blick, mit dem ſie ihren Gatten em⸗ pfing, ſprach Bände. Wie ſie aber jetzt daſtand, die Haube zurückgeſchoben und ſich auf den langen Beſen⸗ ſtiel mit dem vollen Bewußtſein ſtützte:„Ich bin Herr im Haus“, hätte ſie ebenſogut für eine losgebrochene Megäre der Revolution mit blutrother Fahne und der Brandfackel gelten können. — 4 11 3 23 4 „Hollah, Scharle!“ redete ſie dabei ihren in tödt⸗ lichſter Verlegenheit vor ihr ſtehenden Gatten an, denn daß Karl Bomeier hier keinen Gaſt einführen durfte, ſah er auf den erſten Blick;„Du ſtehſt ja da wie Butter an der Sonne, komm' mir nur nicht mit Deinen ſchmutzigen Stiefeln durch den Saal.— Na?“ fuhr ſie dann aber, ihn ſcharf anſehend, fort: „Was haſt Du denn? Du machſt ja ein gar ſo ver⸗ dutztes Geſicht, willt Du was? Du kommſt mir beinahe ſo vor.“ „Ich, mein Herz?“ ſagte Scharle wie in höchſter Verwunderung,„nein, gewiß nicht, wie kommſt Du darauf?“ „Na, ich kenne Dich—“. „Ach nein, mein Herz, ich wollte mir nur einen Apparat zurecht machen, um heute ein Haus in der Stadt aufzunehmen. Du weißt ja, daß ich jetzt über⸗ haupt damit beſchäftigt bin.— Zufällig traf ich auch gerade einen alten, lieben Jugendfreund von mir.“ „Einen Jugendfreund?“ ſagte ſeine Gattin miß⸗ trauiſch. „Ja, einen prächtigen Menſchen, einen ſehr geſchickten Architekten, der ſich beſonders für unſere alten Bauwerke intereſſirt und wahrſcheinlich eine grö⸗ 24 ßere Beſtellung auf photographiſche wie ſtereoſkopiſche Aufnahmen machen wird.“ „Und was geht das mich an?“ frug ſeine Gat⸗ tin kurz. „Dich?— o mein Schatz“, ſagte Bomeier ver⸗ 5 legen,„ich— glaubte nur, daß Du Dich dafür in⸗ tereſſiren würdeſt— aber ich ſehe, Du biſt beſchäftigt und will Dich deshalb nicht ſtören.“— Damit ſchritt er auf den äußerſten Fußſpitzen quer über die Ecke des Vorſaals hinüber, um in ſein Atelier zu gelangen, denn daß er unter dieſen Umſtänden nicht daran den⸗ ken durfte, ſeinen Freund als Tiſchgaſt zu empfehlen, wußte er gut genug. Wie fatal ihm aber dabei die 2 Erinnerung an dieſen war, iſt begreiflich. Thiodolf wartete jetzt jedenfalls auf ihn, aber konnte er es ändern? Da war es viel beſſer, er entſchuldigte ſich ſpäter bei ihm, als daß er jetzt muthwillig ein furcht⸗ bares Ungewitter am häuslichen Heerd heraufbeſchwor. Thiodolf wußte ja glücklicher Weiſe ſeine Wohnung nicht und das Einzige, was er ſelber thun konnte, war, ſich ruhig mit ſeiner Arbeit zu beſchäftigen und das Andere eben gehen zu laſſen, wie es ging. Eine Stunde mochte er ſo in ſeinem Atelier ge⸗ ſchafft haben, es war Eſſenszeit und er ſelber hungrig v= — 4 25 geworden, aber er wußte aus Erfahrung, daß an ſolchen Scheuertagen die eigentliche Tiſchzeit nie ein⸗ gehalten und nur immer in einer etwa eintretenden Pauſe haſtig„gegeſſen“ wurde. Die wirkliche Häus⸗ lichkeit beſtand in ſolchen Perioden nicht mehr, oder war wenigſtens, wie man in der politiſchen Aus⸗ drucksweiſe ſagt,„ſuspendirt.“ Das Haus befand ſich in der Zeit unter Oberhoheit ſeiner regierenden Gat⸗ tin im„Belagerungszuſtand“ und ſtand unnachſichtlich unter den Kriegsgeſetzen, denen er ſich dann ſelbſtver⸗ ſtändlich vor allen Anderen fügen mußte. Eine halbe Stunde verging auch noch ſo; er wurde nicht gerufen und da er einen nicht unbedeuten⸗ den Hunger verſpürte, kämpfte er wirklich ſchon mit ſich ſelber, ob er nicht doch einmal nachſehen ſollte, wie die Küchenverhältniſſe ſtanden und ob er über⸗ haupt etwas bekam. Da ſteckte plötzlich Kunigunde die Haube in die Thür und ſagte: „Na, iſt es Dir endlich gefällig, zum Eſſen zu kommen? Du glaubſt wohl, wenn Du den ganzen Tag verträumſt, wir Anderen hier im Haus hätten weiter nichts zu thun, als auf Dich zu warten?“ „Aber, beſtes Herz“, rief Bomeier wirklich erſchreckt;„ich hatte keine Ahnung, daß Du 26 ſchon ſo weit wäreſt! Ich bin jeden Augenblick bereit.“ Draußen an der Vorſaalthür that es in dem Moment an der überhaupt ſehr leicht gehenden Klingel einen ſolchen Riß, daß es durch das ganze Haus dröhnte, und Bomeier einen ordentlichen Ruck durch die Seele gab. Wenn das Thiodolf— aber es war ja doch rein undenkbar, denn er hatte ihm ſeine Haus⸗ nummer gar nicht genannt, und die Firma drau⸗ ßen trug noch den Namen ſeines Schwieger⸗ vaters ſelig, und den eigenen nur ganz klein da⸗ runter „Jeſesz, meine Güte!“ rief Frau Bomeier zuſam⸗ menfahrend,„da reißt Jemand die Klingel ab. Wer kommt denn jetzt, zur Eſſenszeit?“ „Es wird der Briefträger ſein, Schatz“, beruhigte ſich und ſie ihr Gatte,„wir haben jetzt einen neuen, der unſere Klingel noch nicht kennt.“ Die Scheuerfrau hatte indeſſen aufgeſchloſſen und eben als die beiden Gatten den Vorſaal betraten, öff⸗ nete ſich die Thür und Thiodolf, ſeinen grauen Filz⸗ hut auf dem Kopfe, die Arme gegen Bomeier aus⸗ ſtreckend, ſtand auf der Schwelle. „Aber Du läßt mich ſchön warten, Karl!“ rief er ihm entgegen, denn er hielt im erſten Augenblick —— 27 ſeine Frau nur für eine der Arbeiterinnen im Hauſe und nahm gar keine Notiz von ihr; das erhitzte Ge⸗ ſicht, die verſchobene Haube, das alte beſchmutzte Kleid rechtfertigten ihn auch darin vollkommen.„Nur ganz zufällig habe ich Deine Wohnung endlich gefunden, und kann Dir verſichern, daß ich ſchmählich hungrig bin.“ Madame Bomeier, die ſich ſchon durch die Nicht⸗ beachtung gekränkt fühlte, wurde puterroth. Beide Arme ſtemmte ſie in die Seiten und ihrem Gatten einen Dolchblick zuſchleudernd, ſagte ſie: „Wer iſt der fremde Menſch, Scharle, und was will er hier?“ Scharle war in der tödtlichſten Verlegenheit, denn dem Freunde ſeine„Auserwählte“ in ihrem jetzigen Zuſtande und ſelbſt unter den freundlichſten Verhält⸗ niſſen vorzuſtellen, wäre ihm peinlich geweſen, wie viel mehr denn jetzt, wo ein häusliches Donnerwetter nicht allein am Himmel ſtand, ſondern ſchon grollen⸗ der Donner den unmittelbaren Ausbruch ankündete. Und ſollte, konnte er dulden, daß Thiodolf, von deſſen Familie er ſo freundlich aufgenommen worden, hier in der ſeinigen beleidigt wurde? Das ging unmöglich an. So viel Takt mußte ſeine Frau beſitzen, daß ſie ſich wenigſtens in ſeiner Gegenwart mäßigte und mit, wenn auch gewaltſam erkämpfter Ruhe ſagte er: „Liebe Kunigunde, ich ſtelle Dir hier Herrn Thio⸗ dolf Pleſſen, einen lieben Jugendfreund vor, in deſſen Familie ich früher wie ein eigenes Kind gehalten wurde. Lieber Thiodolf“, fuhr er dann gegen dieſen gewandt fort,„Du triffſt es heute unglücklich, wir ſind gerade beim Reinemachen und Kunigunde, eine Wirthſchafterin, wie es wohl keine zweite in Danne⸗ burg gibt, läßt es ſich dabei unter keiner Bedingung nehmen, ſelber mit Hand anzulegen.“ Thiodolf hatte im Nu herausgefunden, wie das Verhältniß hier im Hauſe ſtand; das war nicht ſchwer, er brauchte nur Kunigunden anzuſehen, und die Verlegenheit, in der ſich Bomeier bei ſeinem Eintritt befand, war ihm ebenſowenig entgangen. Da gab es nur eine Rettung: überwältigende Höflichkeit, und mit der liebenswürdigſten Verbeugung gegen die Dame gewandt, ſagte er, ehe Frau Bomeier nur Worte für ihre Entrüſtung finden konnte: „Gnädige Frau, ich bin unendlich glücklich, Sie perſönlich begrüßen zu können. Karl hat uns immer ſo viel Liebes und Gutes über Sie geſchrieben, daß es ſtets mein ſehnlichſter Wunſch war, Sie einmal aufzuſuchen. Jetzt aber ſehe ich, bin ich zu ungelege⸗ „ 29 ner Zeit gekommen und muß tauſend Mal um Ent⸗ ſchuldigung bitten, Sie geſtört zu haben. Da ich aber mit meinem Freunde eine wichtige Geſchäftsſache zu bereden habe, erlauben Sie mir wohl, daß ich ihn mit fortnehme, wir eſſen dann gemeinſchaftlich drüben im Hotel und können dabei Alles beſprechen, was wir mitſammen zu ordnen haben.“ „Gnädige Frau!“ Thiodolf hatte mit einem glück⸗ lichen Griff den beſten Blitzableiter gefunden, ja viel⸗ leicht den einzigen, der den drohenden Wetterſtrahl harmlos ab⸗ und in den Sand hineinführte.„Gnädige Frau!“ es klang gar ſo gut und kam ſo natürlich und ungezwungen heraus, daß man dabei an keine Abſicht denken konnte. Vo ſich bis jetzt nur dunkeldräuende Wolken gezeigt, zerriß der Schleier und der blaue Himmel kam zum Vorſchein; Kunigunde lächelte. Der junge, bildhübſche Menſch war zu artig, als daß ſie ihn hätte, wohin die erſten Anzeichen aller⸗ dings mit ziemlicher Gewißheit deuteten, forſch an⸗ fahren können und wenn ſich auch Karl Bomeier bei dem kecken Vorſchlag des Freundes, ihn ins Wirths⸗ haus zu entführen, etwas unbehaglich fühlte und faſt darüber erſchrak, ſo zeigte ſich doch ſeine Furcht diesmal unbegründet. .—— 30 „err Pleſſen“, ſagte ſie, doch dabei einen Blick auf ihren äußeren eben nicht empfehlenden Menſchen werfend,„ich bedaure ſehr, daß Sie mich gerade ſo bei der Arbeit finden. Hätte mir Scharle nur ein Wort geſagt(und Gnade ihm Gott, wenn er es gethan hätte), aber ich hatte ja keine Ahnung und, lieber Gott, in einer Wirthſchaft iſt immer ſo viel zu thun, daß man vom Montag bis Sonnabend daran zu arbeiten hat; man wird eben nicht fertig.“ Karl Bomeier traute ſeinen eigenen Ohren kaum, ſeine Frau entſchuldigte ſich; das war ihm in ſeiner Praxis noch nicht vorgekommen. Thiodolf aber, ob er ſelber dem Frieden nicht recht traute, wie lange dieſe liebenswürdige Laune dauern würde, oder ob er ſich da drinnen in der Seifenlauge und zwiſchen den naſſen Schürzen nicht recht wohl fühlte, ſagte raſch und verbindlich: „Sie ſind gerade wie meine eigene Mutter, immer thätig und unverdroſſen bei der Arbeit, aber auf Ihre eigne Geſundheit ſollten Sie dabei trotzdem Rückſicht nehmen, Ihr Körper ſcheint zart und hier in dieſem Zug und der feuchten Luft; doch wir dürfen Ihre Zeit nicht länger in Anſpruch nehmen. Komm, Karl, ſetz; Deinen Hut auf, es wird ſonſt zu ſpät, denn wir müſſen jene Gebäude noch vor Dunkelwerden ——— —— 31 beſichtigen. Ich liefere ihn richtig wieder ab, gnä⸗ dige Frau, vertrauen Sie ihn mir nur für kurze Zeit an.“ „Ihr Körper ſcheint zart“, lauteten ſeine Worte, und hatte ſie es Scharle nicht immer geſagt, daß er ſie noch unter die Erde brächte, aber ſie konnte dem jungen, artigen Manne jetzt nichts abſchlagen. „Na, Scharle“, ſagte ſie,„dann muß ich allein eſſen, komm' mir aber nur nicht ſo ſpät nach Hauſe, denn Du weißt, daß ich mich ängſtige.“ So verabſchiedete ſich Thiodolf denn ſehr höflich und unterwegs fragte er den etwas verlegenen Freund: „Gehen wir in die Krone oder den Goldenen Löwen? Ich denke im letztern iſt das Eſſen beſſer und in der Krone wird die table d'hôte ſchon vor⸗ über ſein, ich bin verteufelt hungrig geworden.“ Bomeier hatte eine andere Anrede erwartet. Er athmete deshalb hoch auf und ſagte raſch: „Ich glaube ſelber, wir fahren im Goldenen Löwen beſſer und ſind auch hier dicht dabei, zu Hauſe bei mir“, fügte er zögernd hinzu,„hätten wir heute doch nichts weiter als kalten Hammelbraten bekom⸗ men und zu dem mochte ich Dich natürlich nicht ein⸗ laden.“ — — „Beſter Freund“, lachte Thiodolf,„es giebt im Familienleben Augenblicke, wo man ſich vom Schickſal nicht weit genug entfernen kann. Wenn bei uns zu Hauſe reine gemacht wird, betrachte ich mich ebenfalls als vogelfrei und komme der elterlichen Wohnung nicht eher wieder nahe, als bis der Sturm vorüber⸗ gebrauſt iſt.“ 5 Die table d'höte, die im Goldenen Löwen andert⸗ halb Stunde ſpäter als in der Krone begann, hatte gerade ſeinen Anfang genommen, und ſie kamen noch zur rechten Zeit, um ſich einzufügen. Der Tiſch war auch nicht übermäßig ſtark beſetzt. Der Goldene Löwe hatte allerdings eine Anzahl von Stammgäſten; einen„Regierungsrath Zellner“ mit einer blonden Perrücke und einem ſehr alten Geſicht, der am liebſten ſeine Erlebniſſe bei Hofe erzählte, wenn er einmal in der Reſidenz geweſen und zur Tafel befohlen war, von gnädigen Aeußerungen, die Se. königl. Hoheit gemacht und von treffenden, aber unterthänigen Be⸗ merkungen, die er darauf erwidert, dann ferner einen penſionirten Forſtmeiſter vom Adel, der immer mit ſich ſelber ſprach, weil er taub war und ſonſt keinen Antheil an der Unterhaltung nehmen konnte, und einen preußiſchen Hauptmann, ein paar untere Beam⸗ te, die ſtets in Verzweiflung geriethen, wenn der M 33 Kellner ihnen die Schüſſeln zuerſt brachte und nicht vorher den Herrn Regierungsrath bedienten, obgleich ſie genau den nämlichen Preis dafür bezahlten, und ein paar andere gleichgültige Menſchen, einen Commer⸗ zienrath und verſchiedene Reiſende. Still, mit Niemanden weiter verkehrend, ſaß nur noch eine ehrwürdige Geſtalt am Tiſche, ein ſehr an⸗ ſtändig gekleideter Herr in ſchwarzem Frack und wei⸗ ßer Halsbinde, mit dem einfachen Schmuck einer Brillantnadel im Tuch und die langen ſchneeweißen Haare mitten vom Scheitel ſchlicht nieder gekämmt. Er trug einen weißen Schnurrbart, ſonſt war ſein Geſicht glatt raſirt und eine tiefe und lange Narbe an der rechten Backe, auch ein paar ziemlich hohe Ordens⸗ bänder im Knopfloch und an der Bruſt, was ihm jedes Mal eine ehrfurchtsvolle Verbeugung des Ge⸗ heimen Regierungsraths zuzog. Sonſt ſchien er nur ſpärlich mit den übrigen Gäſten zu verkehren und hatte die Ehre, die ihm der Geheime Regierungsrath perſönlich angeboten, an der Spitze der Tafel zu präſidiren, rundweg, wenn auch ſehr höflich, ab⸗ gelehlt „Van Beeker“, wie er ſich kurzweg nannte, war überhaupt eine etwas räthſelhafte Perſönlichkeit in Danneburg und etwa erſt ſeit ſechs Jahren, wo Gerſtäcker, Das Hintergebäude. 3 er ſich ein Haus gekauft, hier anſäſſig. Der Magiſt⸗ rat hatte ihm damals natürlich, wie man ſich wenig⸗ ſtens in der Stadt erzählte, wie allen übrigen Men⸗ ſchen, einen Heimathſchein abverlangt, ehe er ihm die Bewilligung geben wollte, ſich hier niederzulaſſen, van Beeker aber einfach erklärt, er habe keinen. Er be⸗ abſichtige ſein Geld in Danneburg zu verzehren, inſo⸗ fern man ihn nicht mit doch unnöthigen Formalitäten quäle; lege man ihm aber Hinderniſſe in den Weg, ſo zöge er ohne Weiteres an irgend einen andern Ort. Er ſei reich; er verlange von der Stadt nichts und werde derſelben nur Vortheil und nie Nachtheil bringen, wünſche aber dafür auch nicht be⸗ läſtigt zu werden und nähme nur unter der Vorausſicht hier ſeinen zeitweiligen Wohnſitz. Ein armer Teufel würde von dem Magiſtrat nun ſchwerlich geduldet worden ſein, mit einem rei⸗ chen Manne aber war es etwas Anderes. Der Bürgermeiſter drückte ein Auge zu, die Stadtverord⸗ netenverſammlung das andere; van Beeker wurde dadurch Inſaſſe und als Hauseigenthümer auch Bür⸗ ger der Stadt, unterzog ſich auch willig allen ihm dadurch auferlegten Pflichten, ohne von ſeinen Rechten beſondern Gebrauch zu machen. Still und zurückge⸗ zogen lebte er mit ſeiner Familie, ſeiner Frau und 35 Dienerſchaft in einem ziemlich weitläufigen Gebäude der Stadt und dinirte nur jede Woche einmal im Goldenen Löwen, und zwar dann, wenn bei ihm zu Hauſe reingemacht wurde. Uebrigens hatte er ſich weder in den Club als Mitglied aufnehmen laſſen, noch beſuchte er Concerte oder das Sommertheater, das hier in den warmen Monaten ſeine Bude auf⸗ ſchlug. Er war artig und höflich mit Jedermann, aber dabei auch außerordentlich zurückhaltend, ſo daß ein intimer Verkehr mit ihm unmöglich wurde. Er nahm keine Einladung an, wie er aüch keine erließ und nur alljährlich einmal logirte ein ältlicher, ſehr vornehm ausſehender Herr regelmäßig drei Tage bei ihm und fuhr dann mit ſeinem Koffer und Reiſeſack ebenſo wie er gekommen, wieder ab. Bei der Polizei wurde dieſer Fremde indeſſen nie angemeldet und es war das auch wohl nicht nöthig, denn er trug fünf oder ſechs große Orden und wenn er um ein Uhr und vor dem Eſſen, wie er das ſtets während ſeiner Anweſenheit in Danneburg that, eine Promenade um den Wall machte, ſo grüßten ihn die begegnenden unteren Beamten ſtets auf das Ehrfurchtvollſte. Das Gerücht in der Stadt ging allerdings, daß es ein Obermedicinalrath aus der Reſidenz ſei, aber Beſtimmtes wußte man nicht darüber und Einige —— 36 wollten außerdem in Erfahrung gebracht haben, daß es der Miniſter ſelber wäre, der hier mit dem alten Herrn van Beeker wichtige politiſche Berathungen halte und deshalb gerade ſo geheimnißvoll thue. Der Aufenthalt des fremden Herrn dauerte aber immer nur ſo kurze Zeit, daß man nie recht eigentlich dahinter kommen konnte, nnd war er wieder abge⸗ reiſt, ſo kam er auch bald nachher aufs Neue in Ver⸗ geſſenheit. Bomeier war als der beſte Photograph von Danneburg mit allen den Herren, wenn auch nur oberflächlich, bekannt. Die Meiſten hatte er ſchon ſelber, oder doch wenigſtens Familienglieder von ihnen aufgenommen und er grüßte deshalb achtungsvoll mit einer allgemeinen Verbeugung um den Tiſch herum. Thiodolf kannte Niemanden, kümmerte ſich deshalb auch um Keinen der Herren, hing ſeinen weichen Filzhut an den nächſten Haken und ließ ſich dann von dem Kellner die beiden Plätze anweiſen. Thiodolf muſterte die Umgebung. Der Regie⸗ rungsrath an der Spitze der Tafel fiel ihm als ko⸗ miſche Erſcheinung beſonders auf. Bomeier wußte aber über den Herrn nur ſehr wenig zu ſagen. Es war ein Regierungsrath wie tauſend Andere, von dem böſe Zungen in der Stadt aber behaupteten, daß er einſt 4 3/7 bei Hoftrauer, um ſeinen tiefen Schmerz auszudrücken, ſtatt der rothen eine ſchwarze Perrücke getragen habe. Sonſt verſicherte er Thiodolf aber, daß er ihm ängſt⸗ lich aus dem Wege ginge, weil er ſo furchtbar nach Moſchus ſtank und Anfangs auch Niemand hätte neben ihm am Tiſch ſitzen wollen. „Und wer iſt der alte, ehrwürdige Herr uns da ſchräg gegenüber, ſieh jetzt nicht hinüber, er hat den Kopf gerade hier herüber gewandt.“ „Der mit den weißen, geſcheitelten Haaren?“ „Ja.“ „Ach, das iſt ein Herr van Beeker, der hier in der Stadt wohnt und—“. „Und ein Haus in der Dammſtraße hat?“ fiel ihm Thiodolf haſtig, aber leiſe ins Wort. „Ganz Recht? Woher weißt Du das aber?“ „Das iſt ja das Haus, zu dem das lange Hinter⸗ gebäude gehört“, erwiderte der Freund,„wie Du von mir fortgingſt, habe ich mich genau darnach erkundigt und der Name dieſes Herrn wurde mir da⸗ bei genannt.“ „In der That“, ſagte Bomeier,„das iſt alſo das Haus? Dann wird es freilich einige Schwierig⸗ keiten haben, jene Räume zu betreten, da van Beeker, ſo viel ich weiß, keinen Verkauf beabſichtigt und auch ſchon verſchiedene Male abgelehnt hat, einen Theil ſeiner überflüſſigen Räumlichkeiten zu vermiethen.“ „Alſo das iſt der Eigenthümer jener geheimniß⸗ vollen Räume“, ſagte Thiodolf, der in dieſem Moment nur Augen für den alten, ſehr vornehm ausſehenden Herrn hatte, indem er ihn, ſo weit das eben anſtän⸗ diger Weiſe geſchehen konnte, aufmerkſam betrachtete, und für jetzt nicht weiter an die Verfolgung ſeines eigentlichen Zwecks dachte;„und wie groß iſt ſeine Familie? Weißt Du das?“ „Ich muß Dir aufrichtig geſtehen“, ſagte Bomeier, „daß ich mich bis jetzt noch wenig oder gar nicht um den Betreffenden gekümmert habe. Er ſoll drei oder vier Dienſtleute in ſeinem Hauſe halten, ſehr zurück⸗ gezogen leben, aber ſehr reich ſein. Weiter weiß ich gar nichts von ihm.“ „Alſo glaubſt Du nicht, daß wir Zutritt zu ſei⸗ nem Hauſe erhalten werden?“ Bomeier ſchüttelte mit dem Kopfe;„wenn ich aufrichtig ſein ſoll, nein“, ſagte er,„denn er hält alle Menſchen daraus fern und wenn das Gerücht die Wahrheit ſpricht, aber Du weißt, was in ſolch' einer kleinen Stadt geſchwatzt wird, ſo darf ſogar ein Theil ſeiner Dienſtboten nicht einmal alle Zimmer des Hauſes betreten.“ 39 „Wenn wir nur hier mit ihm bekannt werden könnten“, ſagte Thiodolf nach einer längern Pauſe des Nachdenkens.„Kennt er Dich?“ „Dem Anſehen nach, weiter nicht“, erwiderte der Freund;„ich habe auch einmal ein paar Worte mit ihm geſprochen und er erwidert ſeit der Zeit meinen Gruß ſehr artig; das iſt aber auch Alles, er hat eine ungeheure Uebung darin, einen Menſchen einfach durch Höflichkeit todt zu machen. Man kommt nicht an ihn heran, man mag anfangen was man wlll. Welche Ausrede wollteſt Du außerdem jetzt machen? Laß uns das alte Hintergebäude photographiren, das kann uns kein Menſch verwehren und dann haſt Du ja doch Alles, was Du willſt und kannſt Deiner Phantaſie ſpäter immer freien Lauf laſſen, und Dir die inneren Räume mit den geheimnißvollſten Weſen bevölkern. Kämſt Du jetzt hinein in die Zimmer und fändeſt Du nichts als Rumpelkammern mit leeren Kiſten, Torf, ſchmutziger Wäſche und dergleichen, ſo wäre die Illuſion doch beim Teufel.“ Ob der alte Herr gehört hatte, daß die beiden jungen Leute über ihn ſprachen, oder ob er nur einen Verdacht dahin ſchöpfte, aber ſeine Zlicke glitten mehrmals über ſie hin, ohne jedoch auf ihnen zu ruhen. Langſam trank er dabei ſeine halbe Flaſche — 40 Champagner, die er ſich hatte geben laſſen, zündete ſich dann, als er ſeinen Teller zurückgeſchoben, ſeine Cigarre an, und verließ mit einem leichten Gruß ge⸗ gen den obern Theil der Tafel, den einige der Herren aber ſogar durch halbes Aufſtehen erwiderten, den Speiſeſaal. Uebrigens drehte ſich das Geſpräch, ſobald er nur die Thür hinter ſich zugedrückt, einzig und allein um ſeine Perſönlichkeit. Denn Danneburg war viel zu klein, als daß ein ſolch abgeſchloſſener Charakter hätte unbeachtet darin leben können. Der Regierungsrath hatte ſehr ehrfurchtsvoll, aber doch ſich ſeiner eigenen Würde bewußt, gegrüßt, als Herr van Beeker das Zimmer verließ; jetzt lächelte er, wie mit einem eigenen Gedanken beſchäftigt, ſtill vor ſich auf ſeinen Teller nieder, ſchien aber keine weitere Bemerkung machen zu wollen, bis ſein Nachbar, ein preußiſcher Hauptmann, ſagte: „Es wird wohl bei dem Herrn heute wieder rein gemacht, ſonſt läßt er ſich doch hier bei uns nicht blicken.“ „Ein merkwürdiger Herr; kein Bewohner in Danneburg hat ſeit dem Tag, wo die Meubles hinein⸗ geſchafft und die Zimmer hergerichtet waren, noch ge⸗ ſehen, wie er eigentlich wohnt“, bemerkte der Regie⸗ — — 41 rungsrath. Ich ſelber habe mir ſchon ein paar Mal erlaubt, ihn zu mir einzuladen, um nur Gelegenheit zu bekommen, ihm den Gegenbeſuch zu machen, aber er geht in keine derartige Falle, und nicht einmal im Theater oder in Concerten läßt er ſich blicken, obgleich er, wenn Vorſtellungen zum Beſten von Nothleidenden gegeben werden, immer eine Anzahl von Billets nimmt.“ „Seine Frau ſoll ſehr hübſch ſein“, bemerkte der Hauptmann. „Geweſen ſein“, ergänzte der Regierungsrath, noder ſie würde ſich ein ſo eingezogenes Leben nicht ge⸗ fallen laſſen.“ 3 „Aber haben ſie denn, wie ſie herkamen“, frug der Hauptmann, der erſt kürzlich nach Danneburg verſetzt war,„gar keine Beſuche gemacht?“ „Bei keinem Menſchen“, ſagte der Regierungsrath achſelzuckend,„und das ſchnitt natürlich ſchon je⸗ den weitern Verkehr mit der gebildeten Geſell⸗ ſchaft ab.“ Der Commerzienrath lächelte, denn der Regie⸗ rungsrath hatte ſelber vorher geäußert, daß er ſie zweimal, aber vergebens eingeladen habe, machte jedoch keine Bemerkung, als ein ſchräg gegenüberſitzender unterer Beamter einzuſchalten wagte: 42 „Und doch ſollen ſie einmal im Jahre große Geſellſchaft geben, zu der aber kein Menſch eingeladen wird.“ „Das muß ſehr intereſſant und ſehr lebhaft dabei zugehen“, bemerkte der Hauptmann trocken,„woher aber vermuthen Sie das?“ „Weil dann Abends und jedes Mal am 2. Decbr. die ganze Etage hell erleuchtet iſt“, ſagte der Beamte. „Die Leute ſammeln ſich dann gewöhnlich vor dem Hauſe und flüſtern mit einander, weil ſie das Alle für einen Spuk halten, aber zu ſehen iſt nichts; die Rouleaux ſind niedergelaſſen und nicht ein einziger Schatten wird daran bemerkt.“ „Aber leidet denn das die Polizei?“ frug ein Weinreiſender, den ſein Geſchick hier nach Danneburg verſchlagen,„der Herr muß doch dort Rechenſchft von ſich geben.“ Der ganze Tiſch ſchwieg und nur der Regierungs⸗ rath zuckte bedauernd mit den Achſeln, hielt ſich aber nicht für befugt, die Frage zu beantworten. Der Fremde war ihm überhaupt gar nicht vorgeſtellt worden, exiſtirte deshalb nicht für ihn, und ſeinen Teller zurückſchiebend, ſtand er mit einem„geſegnete Mahlzeit meine Herren“ von ſeinem Stuhl auf, nahm ſeinen Hut vom Nagel, ſtrich ihn mit dem Ell⸗ ————— 43 bogen kunſtgerecht ab und verließ dann den Spei⸗ ſeſaal. Das war das gewöhnliche Signal für die Stamm⸗ gäſte, ſeinem Beiſpiel zu folgen, an das ſich aber natürlich die„wilden“ Gäſte, zu denen auch der Weinreiſende gehörte, nicht kehrten. Dieſer, der ſich eben die zweite Taſſe Kaffee beſtellte, und dabei den Rauch ſeiner Cigarre in lichten Wolken ausblies, ſchien über die ſtumme Abfertigung, die er von dem Herrn mit dem Orden und der rothen Perrücke erfahren, etwas verblüfft und wollte jetzt ein Geſpräch mit dem ihm ſchräg gegenüber ſitzenden Thiodolf begin⸗ nen, war aber mit dieſem ebenfalls nicht glück⸗ licher. Thiodolf hatte jetzt andere Dinge im Kopf, als ein Geſpräch mit dem fad ausſehenden Menſchen anzuknüpfen und dem Freund ein paar Worte zu⸗ flüſternd, ſtand er ebenfalls auf, bezahlte den Kellner und verließ dann mit Bomeier das Lokal. Das er kein Wort von der vorherigen Unter⸗ haltung über das ihn nun einmal in ſeltſamer Weiſe intereſſirende Haus verloren, läßt ſich denken, aber Alles das hatte auch natürlich ſeine Neugierde, Nähe⸗ res darüber zu erfahren, ſo viel reger angefacht. In einer großen lebendigen Stadt, wo ihn noch dazu 3 ſeine Kunſt beſchäftigte, würde er es vielleicht zwi⸗ ſchen anderen wichtigeren Dingen vergeſſen haben, hier dagegen, mit gar nichts weiter zu thun, als ſei⸗ nem alten Onkel ein paar Wochen Geſellſchaft zu leiſten, nahm es ſeine volle Aufmerkſamkeit in An⸗ ſpruch, und wie er es ſich nun erſt einmal in den Kopf geſetzt, daß das alte Hintergebäude ein Geheim⸗ niß bergen müſſe, war er auch feſt entſchloſſen, dahin⸗ ter zu kommen. Bomeier hatte auf die Unterhaltung wenig oder gar nicht geachtet. Einmal intereſſirte ihn weder die Familie des Herrn van Beeker, noch deſſen Haus, und dann ging ihm auch noch die letzte durchlebte Scene mit Kunigunden im Kopf herum. Wie nämlich würde ſie ihn empfangen, wenn er wieder nach Hauſe käme, und war es nicht gerathen, ſie ſobald als möglich aufzuſuchen, um ihr nicht noch größern, oder überhaupt einen Grund zur Klage zu geben? Thiodolf ließ ihn aber nicht. „Komm“, ſagte er, indem er ſeinen Arm ergriff, „wir wollen unſern Kaffee jetzt in der Krone trinken und dann einmal überlegen, wie wir einen Angriff auf das alte Haus machen. Von dem Garten aus können wir das Terrain gehörig beobachten und Zwei ſehen dabei immer mehr als Einer.“ „Du haſt aber gehört“, ſagte Bomeier,„daß der 45 Beſitzer keinen Verkehr mit ſeinen Nachbarn hält, alſo Dir auch nie geſtatten wird, ſeine Räumlichkeiten zu betreten.“ „Komm nur“, drängte aber Thiodolf,„es macht ſich Manches, was man Anfangs für unmöglich hält, wie von ſelber, ſobald man ihm nur feſt auf den Leib rückt und ich bin nun einmal ſo ein komiſcher Kauz, daß ich die feſte Ueberzeugung habe, ich führe Alles durch, was ich beginne. Vor der Hand läßt es mir aber keine Ruhe; ich muß mir Gewißheit ver⸗ ſchaffen, und wenn Du mir nur ein klein wenig bei⸗ ſtehſt, kommen wir auch zum Ziel.“ „Was Du dabei erreichen willſt, weiß ich nicht“, ſagte Bomeier gutmüthig,„wenn Dir aber damit ein Gefallen geſchieht, ſo magſt Du vollkommen über mich verfügen; alſo gehen wir nach der Krone, und morgen früh werde ich Dir das alte Hintergebäude photogra⸗ phiren. Drittes Kapitel. Stadtgeſpräche. Die beiden Freunde wanderten zuſammen der be⸗ zeichneten Reſtauration zu und fanden den Garten bei dem ſchönen Wetter ſchon ſo ziemlich beſetzt, aber doch noch immer einen kleinen Tiſch frei, an dem ſie Platz nehmen konnten und dabei einen vollen Ueberblick nach dem alten Hintergebäude, um das ſich wohl keiner der übrigen Gäſte bekümmerte, freibehielten. Es war auch eben kein tröſtlicher Anblick, denn die alte vernach⸗ läſſigte Wand, mit den unregelmäßigen, verwitterten Fenſtern und dem abgefallenen Kalk bot nicht das ge⸗ ringſte Anziehende; es war eben ein vernachläſſigter Platz, weiter nichts, und der Wirth der„Krone“ hatte auch in der That ſchon eine Reihe von jungen Pappeln 47 dort hinüber angepflanzt, damit dieſe die ganze Ausſicht auf das unappetitliche Gebäude deckten. Thiodolf ſchaute eine ganze Weile ſchweigend dort hinüber; endlich ſagte er: „Es iſt rein zum Verzweifeln. Ich bin doch nun ſelber Architekt, aber was ſie mit den zwei Fenſtern da gewollt, und wie ſie eine Verbindung damit im Haus hergeſtellt haben, iſt mir ein blankes Räthſel, wenn nicht ganz außergewöhnliche Verkehrswege in der alten Ba⸗ racke angewandt ſind, und das kann man doch nicht gut annehmen.“ „Mein lieber Thiodolf“, bemerkte da Bomeier mit der größten Ruhe, nich begreife, daß Du Intereſſe an einem ſolchen alten Kaſten nehmen kannſt, werde aber auch nicht langweilig, denn Du haſt ſchon weiter nichts im Kopfe als das alte Gemäuer. Laß doch die In⸗ ſaſſen damit fertig werden, und ſich darin zurecht fin⸗ den, ſo gut ſie können, aber verlange von mir keine Sympathie für dieſe Ueberreſte einer altadeligen Woh⸗ nung, was ſie jedenfalls ſind. Früher wurde dort ohne Zweifel die Dienerſchaft untergebracht, und möglicher Weiſe haben dieſe Räume in Kriegszeiten und wenn Danneburg von irgend einem alten Raubritter belagert wurde, zu Vorrathskammern und Speichern gedient, oben die holzvergitterten Fenſter ſehen wenigſtens genau 48 ſo aus, als ob dort der Hafer für die ritterlichen Gäule gelegen hätte. Zu was ſie jetzt dienen, kann uns gleich ſein; ſie ſehen pittoresk oder verwildert, was zuweilen gleichbedeutend iſt, genug aus, das geb' ich zu, und ich verſpreche Dir auch morgen früh eine Aufnahme davon zu machen, aber damit begnüge Dich auch und zerbrich Dir weiter nicht den Kopf darüber.“ „Und hatte ich damals nicht Recht, als ich Dir ſagte, daß jene Räume etwas Geheimnißvolles bergen müſſen? Wir erfahren jetzt, daß ſich der Beſitzer aller⸗ dings geheimnißvoll von jedem Verkehr mit Fremden abſchließt, und irgend welchen Grund muß er dafür haben.“ Bomeier ſchüttelte mit dem Kopf.„Du biſt ein ganz verzweifelter Menſch“, ſagte er,„denn wenn ich nicht mit fremden Leuten verkehren will, brauche ich deshalb noch immer kein Geheimniß zu haben— ſiehſt Du, da bewegt ſich Deine Gardine wieder. Jedenfalls ſchmachtet ein gefangenes Burgfräulein dahinter und in alten Zeiten hätten wir die Feſtung ſtürmen müſſen, um ſie zu befreien, heute brauchten wir nur auf die Polizei zu gehen und Anzeige zu machen, und erſparten dadurch nicht allein viel Mühe, ſondern ſetzen uns auch weiter keiner Gefahr dabei aus als der— ausgelacht zu werden.“ — 49 Thiodolf antwortete ihm gar nicht; ſein Blick hing unverwandt und in faſt peinlicher Spannung an jenem Punkt des alten Hintergebäudes, vor welchem die weiße geſtickte Gardine hing. Es unterlag auch keinem Zweifel, daß dieſe ſich jetzt wieder, wie langſam von einer Hand emporgehoben, bewegte, und deutlich glaubte er dahinter eine weibliche Geſtalt zu erkennen. Aber lange Zeit zur Beobachtung blieb ihm nicht, der Vor⸗ hang ſank wieder und das alte Mauerwerk lag ſo ſtill und öde als vorher. Uebrigens wurden ſie in dieſem Augenblick geſtört, denn eine Menge von Menſchen, aber keine der gewöhn⸗ lichen Gäſte, ſondern Arbeiter, drängten mit Lärmen und Schreien in den Garten, beſtellten Bier und Brannt⸗ wein und ſchienen in unnatürlicher Aufregung. Ein paar der Ruhigeren wollten Ordnung halten, was ihnen aber nicht gelang; Jeder ſuchte den Andern zu überſchreien und da ſich Bomeier wie Thiodolf unbe⸗ haglich in dem Lärm fühlten, verließen ſie das Lokal, um es dem tobenden Schwarm zu überlaſſen. „Was iſt denn das für ein Aufruhr?“ frug Bo⸗ meier den Wirth, als ſie durch das Haus ſchritten, um die Straße wieder zu erreichen. Dieſer zuckte mit den Achſeln. „Der Teufel iſt los“, ſagte er, und die gute alte Gerſtäcker, Das Hintergebäude. 4 4 50 Zeit hat ein Ende. Alle Welt wird unzufrieden; arbeits⸗ ſcheue Schreier hetzen das Volk auf, in den großen Städten fangen ſie damit an und die kleinen machens natürlich geſchwind nach. Ehe man einen Handwerker dazu bringt, eine gute und praktiſche Neuerung anzu⸗ nehmen oder von ſeinem alten Zunftzopf abzugehen, kann man ſich zu Tode reden, aber Nichtsnutzigkeiten nachzuahmen und mitzumachen, dazu ſind ſie jeden Augenblick bereit.“ „Was haben ſie denn?— was ſind das für Leute?“ frug Thiodolf,„ſie ſehen wie Maurer aus.“ „Und ſinds auch“, beſtätigte der Wirth.„In den verdammten Vereinen hecken ſie's aus, und jetzt wollen ſie ſämmtlich die Arbeit einſtellen, wenn ſie nicht 25% mehr Lohn bekommen. Es iſt rein zum toll werden: 25% — wundert mich nur, daß ſie nicht gleich hundert ver⸗ langen.“ „Aber den Wirthen thut das keinen Schaden“, lachte Bomeier,„für die verlangen ſie ja doch nur die fünf⸗ undzwanzig Procent.“ „Wär ſchon recht“, meinte der Wirth, aber immer noch verdrießlich,„wenn ich nur nicht gerade bei mir da oben hätte einreißen laſſen, um einen Tanzſaal an⸗ zubauen. Heute Morgen läßt mir aber der Baumeiſter ſagen, er könne ſeinen Contrakt nicht einhalten, weil 8 541 die Leute nicht arbeiten wollten, und da haben wir ſie jetzt, den ganzen Schwarm und meine Bude liegt offen.“ Die beiden Freunde ſchritten wieder in die Straße hinaus, wo ſie aber noch verſchiedenen Trupps feiern⸗ der Arbeiter begegneten, die, in Zügen aufmarſchirt, ein Halstuch als Fahne vorangetragen, Arm in Arm heranmarſchirten, und viele von ihnen ſchon angetrunken, mit heiſeren Stimmen ihre Lieder abſchrieen.— Die alten Häuſer in Danneburg hatten wohl noch nichts dem Aehnliches geſehen, und es war eben eine der vielen Neuerungen, die da unten dieſes flache rege Land bewegten und ſo abgelegen die kleine Stadt auch auf jener Höhe bis dahin geſchlummert, die Wogen des Zeitgeiſtes ſchlugen doch bis zu ihr hinauf, und warfen ſie in die allgemeine Strömung. Bomeier lag übrigens die Sache zu fern, um ſich ſelber beſonders dafür zu intereſſirenz die Maurermeiſter mochten ſehen, wie ſie mit ihren Geſellen ſelber fertig wurden, ihm machte ſeine eigene Gattin daheim zu ſchaffen genug, um ſich auch noch um anderer Leute Angelegenheiten zu bekümmern; er verabſchiedete ſich daher von dem Freunde. Thiodolf ſchlenderte nun langſam die Straße hinab, bog aber faſt unwillkürlich der Richtung zu, in welcher 4* 52 die Vorderfront des van Beeker'ſchen Hauſes lag, um dieſe noch einmal genauer zu betrachten. Das alte Gebäude war früher jedenfalls ein Pa⸗ trizierhaus geweſen, denn die Wohnungen des Bürger⸗ ſtandes zeigten überall in Danneburg vorgebaute Giebel, mit einer Winde in dem oberſten, um da hinauf die eingebrachten Waaren zu winden. Dieſes hatte nichts dergleichen, außer dem treppenartigen Giebel wie die übrigen, aber die einzelnen Abſtufungen, mit ſteinernen Statuen aus der Heidenzeit verziert, deren obere flache Front in der Mitte Jupiter den Donnerer und rechts und links Juno und Bellona zeigten. Das Haus war wenigſtens bis zur erſten Etage maſſiv gebaut, oben dagegen aus feſten braunen Balken aufgerichtet und dazwiſchen mit rothen Ziegeln eingelegt. An der Haus⸗ thür aber und zwiſchen den Fenſtern der erſten Etage zeigten ſich noch dieſe grotesken, meiſt etwas dickköpfig gemeißelten Figuren, die bald Pfauen und Rieſen, bald kleine chriſtliche Engel mit Pausbacken und Poſaunen darſtellten. In der zweiten Etage waren ſämmtliche Rouleaux niedergelaſſen und es ließ ſich dort oben gar nichts er⸗ kennen, die erſte aber ſchien vollſtändig bewohnt, und ſchon die Gardinen und koſtbaren tropiſchen Pflanzen auf den Simſen zeigten einen, für Danneburg wenigſtens ——— — 53 ungewohnten Luxus. Die Hausthür blieb jedoch ver⸗ ſchloſſen, und als Thiodolf ſich dort einige Zeit in der Nachbarſchaft aufhielt, bemerkte er, wie ſelbſt ein Bote, der ein Packet brachte, nicht eingelaſſen wurde. Ein alter Diener öffnete, als Jener klingelte, wohl die Thür, nahm es ihm aber draußen ab, ſchloß ſie wie⸗ der und brachte ihm erſt nach einiger Zeit ſein Trink⸗ geld oder ſeinen Botenlohn heraus. Daß er ſelber alſo abgewieſen wurde, wenn er unter irgend einem Vor⸗ wande Einlaß begehrte, verſtand ſich von ſelbſt, und er wagte auch deshalb gar nicht den Verſuch. LLangſam ſchlenderte er jetzt nach Hauſe; denn ſeinen Freund Bomeier wieder aufzuſuchen, dazu hatte er die Luſt verloren, verfolgte aber dabei, ſo mit ſeinen eige⸗ nen Gedanken beſchäftigt, ſeinen Weg, daß er plötzlich mit einem ſehr robuſten ältlichen Herrn faſt zuſammen⸗ rannte. „Bitte tauſend Mal um Entſchuldigung“, ſagte Thiodolf,„es— war mir gerade etwas in's Auge ge⸗ kommen.“ „Donnerwetter, Herr“, ſagte der Andere,„ich wich Ihnen doch halb aus, Sie haben mir aber beinahe die Schulter ausgerenkt.“ „Es war wirklich nicht gern geſchehen“, entſchul⸗ digte ſich Thiodolf noch einmal, und bog dann, da ſich 54 an der Sache doch nichts weiter thun ließ, rechts ab, um ſeines Onkels Haus zu erreichen. Es dämmerte auch ſchon, und er wußte, daß es der alte Mann dann gern hatte, wenn er ſich eine Weile zu ihm ſetzte. „Nun, Thiodolf“, redete ihn dieſer auch freund⸗ lich an, als er zu ihm in die Stube trat,„biſt Du heute Mittag auf die Straße geſetzt geweſen? Ja, die Suſanna führt bei mir im Hauſe ein ſtrenges Regi⸗ ment und ich kann ſelber nicht dagegen aufkommen. Aber da ich weiß, daß ſie es nur gut mit mir meint, laß ich ihr eben ihren Willen. Wo haſt Du heute gegeſſen?“ „Im Goldenen Löwen, Onkel“, ſagte Thiodolf, indem er ſeinen Hut auf einen Stuhl legte, und ſich dann ſeinem Onkel gegenüberſetzte. „Im Goldenen Löwen, ſo?“ ſagte dieſer,„war der Tiſch im Hotel ſehr beſucht?“ „Es geht, Onkel, viele Fremde kommen wohl nicht nach Danneburg, aber der Wirth ſcheint eine Anzahl von Stammgäſten hier aus der Stadt zu haben, die dort im Abonnement eſſen.“ „Der Herr Regierungsrath Zellner ſpeiſen dort regelmäßig“, ſagte der alte Stadtſchreiber ehrfurchts⸗ voll,„auch der Herr Forſtmeiſter von Kolb ſind ein 55 täglicher Gaſt. Es verkehrt da überhaupt eine ſehr anſtändige und ehrenwerthe Geſellſchaft.“ „Mir war eine Perſon ſehr intereſſant, Onkel“, ſagte Thiodolf,„und um die übrigen langweiligen Geſichter habe ich mich wenig oder gar nicht be⸗ kümmert—“. „Langweilige Geſichter, Thiodolf? Aber wen meinſt Du?“ „Einen alten Herrn, der, wie mir geſagt wurde, nur heute ausnahmsweiſe dort ſpeiſte, aber mit keinem der übrigen Herren irgend welchen Verkehr hielt, ein Herr van Beeker.“ „War Herr van Beeker heute im Löwen?“ fragte der alte Stadtſchreiber raſch und wie es ſchien nicht ohne Intereſſe—„hm, hm, hm, hm—“. „Kennen Sie Herrn van Beeker, Onkel?“ „Ich?“ ſagte der Stadtſchreiber, anſcheinend nicht gleich mit ſich im Reinen, wie er die Frage beant⸗ worten ſolle,„woher ſollte ich Herrn van Beeker kennen?“ „Es kam mir faſt ſo vor.“ „Von Anſehen, ja, natürlich, jedes Kind in der Stadt kennt Herrn van Beeker und— auf dem Amt hatte ich damals ebenfalls zu thun, als ex hier nach Danneburg zog— ſo aber bin ich— nur ſehr wenig mit ihm in Berührung gekommen.“ 1 56 „Aber doch ein wenig, wie, Onkel?“ „Ich hatte die verſchiedenen Papiere auszufer⸗ tigen“, ſagte der kleine Stadtſchreiber„und— mußte ihm auch vorher die Wohnung beſorgen.“ „In der That.“ „Hm— ja, was einige Schwierigkeiten hatte, da er ſehr viel Wohnräume brauchte. Reiche Leute ſind in der Art verwöhnt und finden in ſolch' einer kleinen Stadt nicht immer gleich Alles, was ſie wünſchen.“ „In dem Hauſe hat er wohl viel Platz?“ ſagte Thiodolf. „oO gewiß“, bemerkte der Stadtſchreiber,„es könn⸗ ten zwei Familien darin wohnen.“ „Herr van Beeker iſt verheirathet, nicht wahr?“ „„Jd.⸗ „Hat er Kinder?“ „Hm— ſo viel ich weiß, nein—“. „Aber viele Dienſtleute—“. „Es müſſen eine ganze Menge im Hauſe ſein“, ſagte der Stadtſchreiber,„wenigſtens mehr als Unſer⸗ einer für ſo wenig Perſonen gebrauchen würde.“ „Und was mag den alten Herrn wohl bewogen haben, hier in den kleinen ſtillen Ort zu ziehen“, ſagte Thiodolf nach einer längeren Pauſe. Der Stadtſchreiber zuckte mit den Achſeln. 57 „Er wird ſeine Gründe dafür gehabt haben“, meinte er,„vielleicht iſt ihm das zu rege Treiben der . Reſidenz zuwider, vielleicht politiſche Urſachen. In jetziger Zeit, wo die Achtung vor der Oberhoheit der Krone mehr und mehr ſchwindet, und alle nur möglichen revolutionären Vereine ſelbſt polizeilich geduldet wer⸗ den, iſt Alles denkbar.“. „In der Stadt“, ſagte Thiodolf, der gern einmal hören wollte, was der Onkel dazu meinte,„erzählt man ſich eine Menge wunderbarer Geſchichten über jenes alte Haus.“. „So?“ ſagte der Stadtſchreiber, den Kopf herüber und hinüber werfend,„das läßt ſich denken, das müßige Volk hat ja doch weiter nichts zu thun, und wenn ſich Jemand von ihnen abſchließt, muß immer gleich ein Geheimniß dahinter ſtecken. Glaub' nur um Gotteswillen nicht, was die albernen Menſchen ſagen— aber— über was ſprechen ſie eigentlich— was wollen ſie wiſſen?“ „O—“, erwiderte Thiodolf, der eigentlich ſelber nichts wußte und nur einmal hatte„auf den Buſch klopfen“ wollen,„ich habe nicht darauf geachtet und mich wenigſtens nicht darum bekümmert, von einer ge⸗ heimnißvollen Dame, die in dem alten Hintergebäude hauſen ſoll, von nächtlichen Erſcheinungen und Geſell⸗ —O.—p· — ſchaften und allerlei anderem Unſinn mehr. Natürlich ſind ja das Alles nur Vermuthungen oder Erfindungen, und man darf nichts darauf geben.“ „Da haſt Du recht“, ſagte der Onkel, befriedigt mit dem Kopf nickend,„geben darf man allerdings nichts darauf und noch viel weniger ſolchen Unſinn weiter erzählen. Herr van Beeker iſt ein ſehr achtbarer Mann, der vom Hofe die beſten Empfehlungen mit hergebracht hat, wie ich gehört habe. Außerdem thut er ſehr viel Gutes und die Stadt kann ſich gratuliren, daß er ſich hier niedergelaſſen hat. Aber was iſt das heute für ein ungewöhnlicher Lärm in der Straße, ich ſah ſchon zwei Mal ganze Züge von Arbeitern mit kleinen Fahnen hier durchziehen. Etwa ein Stiftungsfeſt irgend einer Gilde?“ „Ich glaube nicht, Onkel; wie ich gehört, ſollen die Maurer ihre Arbeit eingeſtellt haben, weil ſie höhern Lohn und weniger Arbeitszeit verlangen.“ „O, du mein Gott“, ſeufzte der Stadtſchreiber, „geht das jetzt hier in Danneburg nun auch los? Aber das kommt von den Neuerungen“, ſetzte er, heftig mit dem Kopf nickend, hinzu„das kommt von den Neue⸗ rungen, von Eiſenbahnen und Telegraphen, von ſoge⸗ nannten populären Schriften und Vorträgen, wo der arbeitenden Claſſe eine Menge Dinge in den Kopf ge⸗ 59 ſetzt werden, die ſie nicht verſtehen und nicht gebrauchen können, und die unglücklichen Folgen bleiben dann nicht aus. Gott ſei Dank, daß ich mit dem Allen nichts mehr zu thun habe, denn das wäre genug, mich in die Grube zu bringen; Vereinsrecht, Gewerbefreiheit, Preßfreiheit und wie die unglückſeligen Errungenſchaften alle heißen, und wohin führt das zuletzt? Zur Republik und damit Anarchie, zu weiter nichts, zur Auflöſung alles Beſtehenden, zum Untergang der Geſellſchaft, wie zur Miß⸗ achtung Deſſen, was früher für heilig gehalten wurde.“ „Aber, beſter Onkel—4. „Sei Du ruhig“, ſagte der alte Mann, wohl freund⸗ lich, aber doch auch ſehr beſtimmt,„Du biſt ſchon ebenſo von dem neuen Schwindel angeſteckt, der ſich zuerſt in anſcheinenden Kleinigkeiten emancipirt, und damit voll das Seinige dazu beiträgt, um alles Beſtehende zu untergraben.“ 8. „Aber ich verſtehe Dich nicht“, ſagte Thiodolf er⸗ ſtaunt. „Sieh nur Deine Kleidung an“, beharrte aber der Alte,„den weichen Filzhut ſchief und zerdrückt auf dem Kopf, das Hemd vorn offen und das ſeidene Hals⸗ tuch, wie es Schauſpieler und ſolche Künſtler tragen, locker um den Hals, und denk nur an die Adreſſe Deiner Briefe. Althergebrachte Schicklichkeit verlangt 60 es, auf der Adreſſe über den Namen„Sr. Wohlgeboren“ zu ſetzen, ich bin ſelber gegen das„Hochwohlgeboren“, wenn man nicht an einen adeligen oder hochgeſtellten Beamten ſchreibt, wie aber titulirſt Du Deinen alten Onkel?„Herrn Tobias Sachte, Stadtſchreiber a. D.,“ daß ich mich vor dem Briefträger ſchämen muß, wenn er mir ein ſolches Couvert ins Haus bringt.“ „Aber, beſter Onkel!“ rief Thiodolf wirklich beſtürzt, „Du wirſt mir das doch gewiß nicht als Mißachtung ausgelegt haben; hätte ich eine Ahnung davon gehabt, daß es Dich kränkt, aber es iſt jetzt allgemeine Sitte.“ „Ich weiß es“, ſeufzte der alte Mann,„und habe es Dir deshalb auch nicht ſo übel genommen, wie es ſonſt gewiß der Fall geweſen wäre, ich erwähne es auch nur als ein Zeichen der Zeit, in der Alles, was ſonſt gut und löblich war, untergraben und blos leicht⸗ ſinnigem Volk Vorſchub geleiſtet wird. Wie hat allein der aufgehobene Paßzwang das Land mit vagabundiren⸗ dem Geſindel überſchwemmt und ſelbſt der Polizei iſt es nicht mehr möglich, einen ehrlichen Mann von einem Gauner zu unterſcheiden.“ Thiodolf lächelte;„aber die größten Lumpe, Onkel“, ſagte er,„wußten ſich früher immer die beſten Päſſe zu verſchaffen und nur die ehrlichen Leute, beſonders Geſchäftsreiſende, wurden damit chikanirt.“ 61 „Das ſind eben Deine Anſichten, Thiodolf“, nickte der Onkel,„die Polizei und das Geſetz chikaniren Niemanden. Sie ſehen nur auf Das, was recht iſt, und einer Verordnung, die für die Sicherheit Aller ge⸗ geben wurde, mußte ſich dann auch natürlich jeder Ein⸗ zelne fügen. Das ſoll aber jetzt Alles mit Dampf gehen, es thäte ſelber noth, daß die Beamten mit Dampf ſchrieben, und die Stenographie hat ſelbſt dahin einen Anfang gemacht. Ich aber fühle mich, wie geſagt, glücklich, daß ich dazwiſchen heraus bin, denn ich paſſe nicht mehr für die neue Zeit, aber— die neue Zeit paßt auch vielleicht für mich nicht.“ Thiodolf, der ein Thema zu vermeiden wünſchte, von dem er wußte, daß ihre beiden Anſichten ſo weit auseinander gingen, ſuchte das Geſpräch wieder auf den ihn weit mehr intereſſirenden Herrn van Beeker zu bringen; der alte Stadtſchreiber ging aber nicht dar⸗ auf ein. Es kam Thiodolf ein paar Mal dabei faſt ſo vor, als ob ſein Onkel wirklich mehr von dem geheim⸗ nißvollen Herrn wiſſe, als er ſelber eingeſtehen mochte, wenn er aber da nicht reden wollte, ſo halfen ihm auch alle Verſuche nichts, ihn zum Reden zu bringen, und er gab es endlich in Verzweiflung auf. ——— —— 8 Töhiodolf mit Bomeier dahin verabredet, daß der Letz⸗ tere ſeinen Apparat im Garten der Krone aufſtellen aber auch ſehr pünktlich geweſen, denn mit dem Schlage Viertes Kapitel. Doctor Gieſelbrecht. Für den nächſten Morgen zehn Uhr hatte ſich wollte, um das alte Hintergebäude zu photographiren, und ſich den ganzen Tag dabei vorbehalten, um noch zehn oder zwölf andere Aufnahmen in der Stadt zu machen. Der Morgen war wieder ziemlich friſch, Bomeier Zehn betrat er, von zwei Leuten gefolgt, die den Ap⸗ parat wie Alles ſonſt Nöthige trugen, den Garten, begrüßte den Freund, der ihn ſchon erwartete, und traf dann ſeine nöthigen Vorbereitungen. Gäſte ſaßen nur ſehr vereinzelt im Garten und 63 Thiodolf, der keinen von ihnen kannte, hatte ſich gar nicht um ſie bekümmert. Jetzt trat der Eine von ihnen, ein noch junger, aber etwas auffallend gekleideter Herr mit einer rothen Sammtweſte und ſchwarzer Sammt⸗ pekeſche, auf Bomeier zu, begrüßte ihn und frug ihn, wie es ſchien, etwas erſtaunt, was er da machen wolle? „Was ich machen will?“ lachte dieſer,„was ich gewöhnlich mache, eine Aufnahme, das alte, wunderlich zuſammengewürfelte Hintergebäude will ich photographi⸗ ren, als charakteriſtiſche Gruppe von Danneburg. Die Burg ſelber und den Reſt der Feſtungswerke habe ich ſchon und nun ſoll noch das Rathhaus daran, die alte Waage, der Kettenthurm und einige andere alte Patricierhäuſer, aber Sie erlauben vielleicht, lieber Doctor, daß ich die Herren einander vorſtelle— Herr Thiodolf Pleſſen, Architekt, ein alter, lieber Freund von mir— Herr Doctor Robert Gieſelbrecht, ſehr be⸗ kannter und beliebter Schriftſteller und zugleich Re⸗ dacteur unſeres Danneburger Journals, das eine ſehr hübſche Verbreitung in der Umgegend hat.“ Die Empfehlung klang allerdings genau ſo, als ob Bomeier ſagen wollte:„In Danneburg ſelber lieſt es kein Menſch“, aber er dachte an nichts Derartiges; er war vollkommen harmloſer Natur und glaubte da⸗ 64 mit dem„Doctor“ das größte Compliment geſagt zu haben. „Sehr erfreut, Herr Pleſſen“, ſagte auch der Doc⸗ tor, indem er Thiodolfs Hand nahm und derb ſchüt⸗ telte.„Sehr erfreut, Sie perſönlich kennen zu lernen, habe ſchon von Ihnen gehört.“ „Von mir?“ ſagte Thiodolf wirklich erſtaunt, denn er war hier nur erſt mit ſehr wenig Menſchen in Berührung gekommen,„das iſt wohl kaum möglich, denn ich bin in der kurzen Zeit meines hieſigen Auf⸗ enthalts mit nur ſehr wenig Menſchen in Berührung gekommen.“ „Und trotzdem“, lächelte Doctor Gieſelbrecht,„aber Sie wiſſen wohl, verehrter Herr, wir Vertreter der Preſſe erfahren nicht allein Alles, ſondern müſſen uns auch nach Allem erkundigen, oder es wäre unmöglich, die Spalten eines täglich erſcheinenden Blattes— mit Ausnahme der Sonntage— zu füllen. Aber nun ſagen Sie mir, beſter Bomeier, wie kommen Sie auf den nicht allein merkwürdigen, ſondern in der That glück⸗ lichen Gedanken, dieſe Mißgeburt eines Architektengehirns aufzunehmen, und ich frage nicht allein aus Neugierde, ſondern intereſſire mich ſelber ſo dafür, daß ich Sie ſchon jetzt bitte, mir einen Abzug deſſelben zu reſer⸗ viren. Aber nun ſagen Sie mir auch, wie Sie gerade 65 auf dies beſtimmte Haus und noch dazu von dieſer Seite aus, gefallen ſind?“ frug der Doctor weiter, der überhaupt, wenn er einmal etwas wiſſen wollte, nicht ſo leicht abzuſchütteln war. „J nun“, meinte Bomeier ausweichend,„in un⸗ ſerm Geſchäft ſucht man gewöhnlich Das vor, was eigenthümlich oder pittoresk ausſieht, und Sie werden mir zugeſtehen, daß das hier der Fall iſt.“ „Ja, gewiß“, rief der Doctor,„aber das Eigen⸗ thümliche zu finden und aufzufaſſen, das iſt das Schwie⸗ rige, und, nehmen Sie es mir nicht übel, Bomeier, aber Sie müſſen dabei noch einen andern Grund ge⸗ habt haben. Iſt Ihnen vielleicht einmal— wenn ich auch nicht begriffe wie— eine Erzählung, eine kleine Novelle zu Geſicht gekommen, die ſich gerade auf dies Hintergebäude bezieht?“ „Eine Novelle?“ miſchte ſich jetzt Thiodolf in das Geſpräch,„iſt über dies Haus etwas Derartiges er⸗ ſchienen?“ „Erſchienen?“ erwiderte der Doctor, und es ſchien faſt, als ob ihn die Frage in Verlegenheit brächte, „erſchienen nicht gerade, wenigſtens noch nicht, aber geſchrieben und auch gewiſſermaßen ſchon gedruckt.“ „Schon gedruckt und nicht erſchienen?“ frug Bo⸗ meier,„das verſtehe ich nicht.“ Gerſtäcker, Das Hintergebäude ₰ 66 „Es ſind das eigene Verhältniſſe“, wich der Doc⸗ tor aus,„die ich Ihnen vielleicht ein ander Mal er⸗ zähle; alſo Sie haben ſie nicht geleſen?“ „Kein Wort davon“, ſagte Bomeier treuherzig, „und hier in Danneburg kann auch nichts davon be⸗ kannt geworden ſein, ſonſt wäre gewiß genug darüber geſprochen.“ „Da haben Sie Recht“, nickte ihm der Doctor bedeutungsvoll zu,„aber wie ſonſt kamen Sie auf den Gedanken?“ „Wenn ich aufrichtig ſein will“, ſagte da Bomeier, der indeſſen eifrig mit der Aufſtellung ſeines Apparats beſchäftigt geweſen war und nicht den geringſten Grund dafür ſah, ein Geheimniß aus der Sache zu machen, „ſo trägt da eigentlich Freund Pleſſen die Schuld. Der hat es ſich nämlich in den Kopf geſetzt, daß jene verrückten Fenſter da drüben auch irgend etwas Räth⸗ ſelhaftes bergen müßten, und da er keine Möglichkeit ſah, den innern Raum zu betreten, ſo wollte er we⸗ nigſtens einen Abdruck der Außenſeite haben.“ „In der That?“ ſagte der Doctor und ſah dabei den jungen Architekten ſo erſtaunt als forſchend an, „und haben Sie irgend einen beſtimmten Grund für Ihre Vermuthung, oder— wenn ich ſo ſagen ſoll— Ihren Verdacht?“ „Den allerdings nicht“, ſagte Thiodolf, indem er dabei lächelnd mit den Achſeln zuckte,„es iſt vielleicht nur eine fixe Idee von mir, oder ein Zuſammentreffen von Umſtänden.“ „Ein Zuſammentreffen von Umſtänden?“ frug der Doctor raſch. „Ich darf es wohl nicht einmal ſelbſt ſo nennen“, ſagte Pleſſen;„mit nur weniger Beſchäftigung hier in Danneburg, und da ich ſelber Architekt bin, hat mich die wunderliche Bauart jenes Hauſes zuerſt angezogen; ich gab mir Anfangs Mühe, den innern Grundriß deſſelben nach den Fenſtern herzuſtellen, ſtieß dabei aber auf ganz unerwartete Schwierigkeiten und dadurch mehr intereſſirt, gönnte ich dem alten Gebäude größere Beachtung, als es ſonſt gewiß der Fall geweſen wäre.“ „Nur in architektoniſcher Hinſicht?“ „Anfangs allerdings, ſpäter aber feſſelte auch das zeitweiſe Bewegen der Gardinen an einer beſtimmten Stelle meine Aufmerkſamkeit. „Ha!“ ſagte Doctor Gieſelbrecht und ſah den Sprechenden ſcharf an,„und was bemerkten Sie dort?“ „Wenn ich aufrichtig ſein will, gar nichts“, erwi⸗ derte Thiodolf,„und nur einmal war es mir, als ob ich eine zarte weiße Hand bemerkt hätte, die—“. Der Doctor legte warnend den Finger ſeiner rechten 5*¾ 68 Hand an die Lippen und warf dabei einen vorſichtigen Blick nach Bomeier hinüber, als ob er Thiodolf auf deſſen Anweſenheit aufmerkſam machen und die Sache geheim halten wolle. Bomeier, mit ſeiner Arbeit be⸗ ſchäftigt, hatte aber wirklich gar nicht auf die Er⸗ zählung geachtet; er ſelber, mehr realiſtiſcher Natur, beſaß nur ſehr wenig Phantaſie, weshalb er auch in der Malerei nichts Hervorragendes ſchaffen konnte. Er war gerade mit der Aufſtellung ſeines Apparats fertig geworden; die Dunkelkammer befand ſich dicht daran in einem kleinen Gemach, das ihm der Wirth angewieſen, und da ſich die Beleuchtung günſtig zeigte, begann er auch ohne Weiteres ſeine Aufnahme. Thiodolf ſah den Doctor allerdings etwas erſtaunt an, denn die geheimnißvolle Bewegung, die er machte, konnte er ſich nicht gleich erklären; aber ſie ſchien ſich jedenfalls auf jenes alte Haus zu beziehen; wußte er darüber etwas Beſtimmtes und wollte er es Bomeier etwa nicht merken laſſen? Ehe er aber darüber ins Klare kommen konnte, flüſterte ihm der Redacteur des Danneburger Journals leiſe zu: „Warten Sie hier auf mich, bis ich zurückkomme; ich habe Ihnen etwas Wichtiges mitzutheilen, ich muß es aber erſt von zu Hauſe holen“, und verließ dann mit ziemlich eiligen Schritten den Garten. · Bomeier machte indeſſen in aller Ruhe zwei Auf⸗ nahmen, falls die eine etwa mißglücken ſollte und packte dann ſeine Gerähſchaften wieder zuſammen, wobei er ſeine Leute beorderte, gleich damit nach dem ſogenann⸗ ten Kettenthurm zu fahren, um dort, doch einmal un⸗ terwegs, ſeine Arbeit fortzuſetzen. „Ich hoffe die Bilder ſind gut geworden“, ſagte er, als er ſich zum Gehen rüſtete,„begleiteſt Du mich, ſo können wir unterwegs mitſammen plaudern, und ich bin dann im Stande, Dir zu manchem der hieſigen, nicht unintereſſanten Bauwerke eine kleine hiſtoriſche Erklärung zu geben.“ „Wohin gehſt Du jetzt zuerſt?“ „Zum Kettenthurm, weißt Du, wo der ſteht?“ „Ja, ich war dort, dann geh' Du nur voran, ich folge Dir gleich nach, ich wollte hier nur noch eine Zeitung durchblättern; wie mir von Hauſe gemeldet wurde, ſoll eine Concurrenz für einen Bau ausgeſchrie⸗ ben ſein, und ich möchte das nicht überſehen.“ „Gut, dann komme nach, ich werde dort ziemlich eine Stunde zu thun haben.“ Thiodolf blieb allein zurück; er nahm eine dort liegende Zeitung auf und flog mit den Augen darüber hin, aber er las nicht, denn es ging ihm im Kopf herum, was das räthſelhafte Betragen dieſes„Doctors“ 70 wohl könne zu bedeuten haben. Daß es mit dem Haus da drüben in Verbindung ſtand, litt dabei keinen Zwei⸗ fel; konnte er etwas Näheres darüber wiſſen? Er ſollte wenigſtens nicht lange in Ungewißheit bleiben, denn Doctor Gieſelbrecht kehrte bald zurück, und ſein umherſchweifender Blick zeigte, daß er befrie⸗ digt war, den Photographen nicht mehr hier zu finden. Er ging auch ohne Weiteres auf Thiodolf zu, und ſich bei dem Kellner Bier beſtellend, ſagte er: „Sie intereſſiren ſich für das alte Gebäude da drüben oder wenigſtens für die Inſaſſen deſſelben; habe ich Recht?“ „Ich kann es nicht leugnen“, lächelte Thiodolf etwas verlegen,„aber ich weiß nicht einmal, ob es nicht mehr Neugierde als wirkliches Intereſſe iſt. Das räthſelhafte Durcheinander der Bauart erregte zuerſt meine Aufmerkſamkeit, und mit eigentlich keiner wirk⸗ lichen Beſchäftigung hier, fiel ich auf allerlei aben⸗ teuerliche Gedanken.“ „Abenteuerliche?— ſo?“ ſagte der Doctor, in⸗ dem er in die Bruſttaſche griff und daraus ein halb Dutzend bedruckte Papierſtreifen nahm,„und welcher Art waren die?“ „Ja“, lachte Thiodolf,„eine beſtimmte Form ha⸗ ben ſie noch nicht erhalten und werden es auch wohl 0 — 11 nicht, denn wie ich höre, empfängt der Eigenthümer jenes Hauſes keine Beſuche und hält ſich auch ziemlich abgeſchloſſen von der Welt; aufdrängen kann man ſich aber nicht, ohne ſich einer Zurebtideiſung auszuſetzen, und das möchte ich nicht.“ „Sie wollten ihn beſuchen?“ rief der Doctor raſch. „Wenn es ein ſchlichter Bürger geweſen wäre“, ſagte der junge Architekt, ſo würde ich ihn einfach um die Erlaubniß gebeten haben, nur im Intereſſe mei⸗ nes Berufs das alte Bauwerk einmal zu durchwan⸗ dern, da er aber ſo zurückgezogen und faſt geheimniß⸗ voll hier lebt, würde dieſer Herr van Beeker meiner Neugierde einen ganz andern Grund unterſchieben und ſeine Antwort wäre vorauszuſehen.“ Der Kellner brachte gerade das verlangte Bier und Doctor Gieſelbrecht ſchwieg, bis er ſich wieder zurückgezogen; dann ſagte er, das Packet Druckſtreifen noch immer in der Hand haltend: „Mein lieber Herr, wie war doch gleich Ihr Name?“ „Thiodolf Pleſſen.“ „Mein lieber Herr Pleſſen, ehe Sie vollſtändig begreifen können, was ich Ihnen jetzt mittheilen will, muß ich etwas weiter ausholen, will mich aber ſo kurz als möglich dabei faſſen. Ich bin, wie Sie vorher ——— 2 durch Freund Bomeier erfahren haben, Schriftſteller und Redacteur, wie Eigenthümer des hieſigen Danne⸗ burger Journals, das ſchon eine recht hübſche Verbrei⸗ tung hat, nur allein in dieſem Jahre iſt die Abonnen⸗ tenzahl um einhundertzweiunddreißig gewachſen. Sie begreifen aber dabei, daß ich mich, wenn ich auch ge⸗ wiſſermaßen unſere politiſchen Verhältniſſe und Zu⸗ ſtände verfolge und dabei auf der Höhe der Zeit blei⸗ ben, daß ich, als Redacteur eines Localblatts, auch den localen Zuſtänden Rechnung tragen, und das Pu⸗ blikum mit dem au courant halten muß, was hier in Danneburg ſelber geſchieht. Allein kann ich das na⸗ türlich nicht ausführen, ich habe alſo dazu meine Be⸗ richterſtatter, die mich wenigſtens aufmerkſam machen. Nun geſchieht aber in Danneburg, wie Sie wohl be⸗ greifen werden, nicht viel. Es geht wohl einmal ein Pferd durch, oder es wird irgend etwas geſtohlen— zu einem Einbruche bringen wir es hier ſehr ſelten— neulich kam auch ſogar einmal ein Kind unter einen Wagen, aber mit einer leichten Quetſchung davon und der Kutſcher erhielt auf der Polizei einen Verweis.“ „Aber Sie wollten mir ja über das alte Gebäude da drüben—“. „Ich bin ſchon dabei“, ſagte der Doctor, deſſen Steckenpferd ſeine eigene Zeitung war.„Wie ich Ihnen — 73 nur erläutern wollte, ſo geſchieht in Danneburg nicht viel Außergewöhnliches und als vor jetzt drei Jahren Herr van Beeker hierher zog, das große alte Haus kaufte und bezog, und dann bei keinem Menſchen Vi⸗ ſite machte, da können Sie ſich wohl denken, daß in der ganzen Stadt von weiter nichts als dem neuen Mitbürger geſprochen wurde und die verſchiedenſten Vermuthungen dabei auftauchten. Meine Berichter ſtatter lagen dabei Tag und Nacht auf der Lauer und brachten auch heraus, daß, außer dem zahlreichen Mo⸗ biliar, Herr van Beeker mit feiner Gemahlin und zahl⸗ reicher Dienerſchaft eingetroffen ſei; aver das Wunder⸗ liche dabei blieb, daß zwei von ihnen behaupteten, eine verſchleierte Dame geſehen zu haben, die, wie ſie feſt verſichern, das Haus betrat, aber von der Zeit an nicht mehr geſehen iſt.“ „Eine verſchleierte Dame?“ ſagte Thiodolf auf⸗ merkſam werdend. „Allerdings“, nickte der Doctor bedeutungsvoll, „und auf meine Leute kann ich mich feſt verlaſſen, die Thatſache ſtand feſt; jetzt galt es aber weiter darnach zu forſchen und daß ich alle Minen ſpringen ließ, um Das zu erreichen, das— dürfen Sie mir glauben.“ „Und waren Sie glücklich?“ „Hören Sie. Einer von meinen Berichterſtattern 74 iſt ein junger unternehmender Mann, mit Geiſt dabei, den ich oft ſogar, wenn es die Noth erheiſcht, zum Theaterreferenten benutze, und der ſich immer mit großem Geſchick, ſelbſt in den ſchwierigſten Fällen durch⸗ zuwinden weiß. In dem neu bezogenen Hauſe des alten Herrn waren noch manche Reparaturen oder we⸗ nigſtens Veränderungen nöthig, und in der erſten Zeit wurden bald Tapezierer, bald Tiſchler, bald Ofenſetzer herbeigezogen, um dieſe auszuführen. Meinem Referen⸗ ten aber, dem ich ein anſtändiges Honorar verſprochen hatte, gelang es, ſich als Tapezierergehülfen dort einzu⸗ führen. Er gelangte ſolcher Art in das Haus und ein glücklicher Zufall wollte es, daß er dazu verwandt wurde, in einem der wie durcheinander geworfenen Zimmer, von denen man, um von einem ins andere zu gelangen, immer Treppen auf⸗ oder abſteigen muß, eine Mauer zu durchbrechen und eine Tapetenthür dort anzubringen. Er hatte allerdings einen wirklichen Ta⸗ pezierer als Gehülfen bei ſich, aber die Arbeit ging ihm natürlich nicht ſo von der Hand und es wurde Abend, ehe er ſie beenden konnte. Es herrſchte, ſeiner mündlichen Ausſage nach, ſchon beginnende Dämmerung in den überhaupt etwas düſteren Räumen des Hinter⸗ gebäudes; der Geſelle war in dem Nebenzimmer, um die Tapeten zu ſchneiden und zu kleiſtern, und mein 75 Berichterſtatter eben damit beſchäftigt, die Reſte mit dem Werkzeug zuſammenzulegen, als ſich plötzlich die nächſte Thür faſt geräuſchlos öffnete und eine, vollkom⸗ men in weiße, wallende Gewänder gekleidete Geſtalt, ohne ihn gleich zu bemerken, das Zimmer betrat.“ „Iſt es möglich?“ rief Thiodolf, der der Erzählung jetzt mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit folgte. „Mein Berichterſtatter“, fuhr der Doctor fort, „blieb eingewurzelt an ſeiner Stelle wie vor einer Er⸗ ſcheinung; unwillkürlich mochte er doch wohl eine Bewegung gemacht haben, die das Auge der Jungfrau auf ſich zog, raſch wandte ſie das lockige Haupt auf ihn zu und ſtarrte ihn einen Moment wohl ſelber erſchreckt an!“ „Und war ſie jung?“ „Eine hebeähnliche Geſtalt, eine aufknospende Roſe“, brach der Doctor in Begeiſterung aus.„Das Antlitz allerdings bleich, aber von Engelsſchöne, mit rabenſchwarzen Locken und dunklen Augen, mit Lippen wie zum Kuß geſchaffen und, durch das weiße wallende Gewand vielleicht, wie von überirdiſchem Duft um⸗ floſſen.“ „Und was that ſie?“ rief Thiodolf, deſſen Blick dabei unwillkürlich nach dem alten Gebäude hinüber⸗ ſchweifte. „Was ſie that?“ ſagte der Doctor.„Kaum erkannte ſie in der halben Dämmerung die fremde Geſtalt, als ſie einen leiſen, aber nur eben hörbaren Schrei aus⸗ ſtieß und ſich zur Flucht wandte. Mein Berichterſtatter, ſonſt ein ſehr energiſcher junger Mann, wollte ihr auch im erſten Augenblick folgen und ſie zurückhalten, aber er verſicherte mir nachher, die Glieder ſeien ihm vor Erſtaunen und Bewunderung wie gelähmt geweſen; wie eine unſichtbare Gewalt habe es ihn gehalten, und als er endlich den Zauber, der ihn befangen hielt, ab⸗ ſchüttelte, war die Erſcheinung, denn als ſolche wollte er es betrachten— verſchwunden.“ „Verſchwunden?“ „Wenigſtens durch die Thür, die ſich wieder hin⸗ ter ihr ſchloß, entflohen.“ „Und hat Herr van Beeker niemals über dieſen Inſaſſen ſeines Hauſes Aufſchluß gegeben? Haben Sie ſelber keine Anzeige bei der Polizei gemacht?“ „Mein lieber, verehrter Herr“, ſagte Doctor Gie⸗ ſelbrecht,„das klein wenig Poeſie und Romantik, was wir gegenwärtig noch in unſerm durchaus materiellen Leben und Treiben finden, iſt ſo außerordentlich ſpär⸗ lich hinein geſtreut, daß wir Schriftſteller, die wir es ſo nothwendig wie das liebe Brod zu unſerer eigenen — ———„ ——— m————yö— 77 Exiſtenz brauchen, auch die Letzten ſein müſſen, die es ſich ſelber muthwillig zerſtören, ja wir ſind ſogar gezwungen, ſo haushälteriſch als möglich damit umzu⸗ gehen. Ueberdies ſchien mir die Sache ein kitzlicher Punkt; gewiſſermaßen ein Familiengeheimniß und ſelbſt bei einem einfachen Bericht hätte ich keinen Na⸗ men nennen dürfen, wenn ich mich vorher nicht ſicher ſtellte, daß mir nicht das Gegentheil bewieſen werden konnte. Aber ich hatte jetzt wenigſtens einen Anhalt, auf dem ich weiter bauen durfte. Mein Berichterſtatter, der ſich, wie geſagt, eines anſtändigen Honorars ver⸗ ſichert wußte, entwickelte ſeine ganze Thätigkeit, knüpfte ſogar unter den ſchwierigſten Verhältniſſen, und na⸗ türlich nur zum Scheine, ein Liebesverhältniß mit einem der Hausmädchen an, und bald entwickelte ſich aus dieſer erſten Figur ein förmlicher Romanſtoff, an den ich denn auch mit Luſt und Liebe ging, um ihn für meine Zeitung zu bearbeiten. Ich zweifle auch keinen Augenblick, daß er Senſation gemacht haben würde; aber er wurde unterdrückt.“ „Unterdrückt? Von wem?“ „Natürlich von dem Polizeidirector, vem ich den erſten Abdruck einreichte.“ „Und mußten Sie den erſt bei der Polizei ab⸗ —— liefern? So viel ich weiß, haben wir doch jetzt in ganz Deutſchland Preßfreiheit!“ „Allerdings“, ſagte Doctor Gieſelbrecht, aber doch etwas verlegen,„es kann mir ja Niemand verwehren irgend etwas zu drucken, das nicht gegen die beſtehen⸗ den Geſetze verſtößt oder zu Haß und Verachtung ge⸗ gen geſetzliche Einrichtungen oder königliche Beamte anreizt, aber wiſſen Sie, wenn man ſelbſt Eigenthümer eines Blattes iſt, ſo bleibt es doch immer fatal, wenn Einem nur einzelne Nummern confiscirt werden, und man geräth dabei nicht allein mit den Gerichten in Unannehmlichkeit, ſondern ſetzt ſich auch noch pecuniären Verluſten aus. Ich zog es deshalb, und beſonders beim erſten Beginn meiner Zeitung vor, in zweifelhaften Fällen vorher bei der betreffenden Behörde anzufragen, was mir oft bedeutende Unbequemlichkeiten erſpart. Es geſchieht das überhaupt ſehr häufig.“ Thiodolf lächelte; es ſchien ihm eine eigenthüm⸗ liche Art und Weiſe, von der Preßfreiheit Gebrauch zu machen, aber er erwiderte nichts und der Doctor fuhr fort:„Unſer Polizeidirector— man ſoll von Ab⸗ weſenden nichts Böſes reden— und von Anweſenden thut man es überhaupt nicht— aber unſer Polizei⸗ director iſt, unter uns geſagt, ein— hm— na, Sie —— —— — zP— 79 verſtehen ſchon, was ich meine. Wenn ſie einen armen Teufel einbringen, fährt er ihn an, daß kein Hund mehr ein Stück Brod von ihm nehmen möchte, und mit den reichen Leuten in der Stadt mag er es nicht verderben. Da können Sie ſich wohl denken, daß ihm die Geſchichte nicht recht war, denn wenn ich auch keine Namen genannt, oder doch nur verändert angegeben hatte, ſo konnte ein Blinder ſehen, wer in der kleinen Novelle gemeint war. Er erklärte mir alſo ganz ein⸗ fach, es thäte ihm leid, aber ſobald Das in meiner Zeitung abgedruckt würde, müßte er die Nummer con⸗ fisciren und außerdem könne es mir noch die ſchönſte Jujurienklage auf den Hals ziehen. Natürlich unter⸗ blieb der Druck vor der Hand, aber ich ließ den Satz ſtehen und beſchloß dabei, mich womöglich noch genauer zu informiren und wenn ich Gewißheit erreicht hätte, dann mit voller Entſchiedenheit vorzugehen, und nur der rohen Gewalt zu weichen. Ich will und muß dieſem Miniaturdespoten in Danneburg zeigen, daß die Wahrheit doch zuletzt ſiegt. Jenes Haus da drüben, birgt allerdings ein Geheimniß, aber auch ein Verbre⸗ chen; ein junges, bildſchönes Mädchen wird dort ein⸗ geſchloſſen und wie eine Gefangene gehalten, dunkle Familienverhältniſſe liegen zu Grunde, die ich hier auch in ſcharfen Umriſſen in meiner Skizze angedeutet habe; — ——— 80 eine bedeutende Erbſchaft bildet jedenfalls das Motiv und das unglückliche Opfer verſchmachtet in einem Ker⸗ ker, und wenn er ſelbſt mit Glanz und Reichthum aus⸗ geſtattet wäre, ſein junges Leben.“ „Glauben Sie wirklich?“ ſagte Thiodolf und ſein Antlitz glühte dabei, ſein Herz klopfte ihm, nur bei dem Gedanken, vielleicht rettend da eingreifen zu kön⸗ nen, faſt hörbar in der Bruſt. „Leſen Sie das, was ich hier aufgeſetzt habe, ruhig durch“, verſicherte der Doctor, indem er ihm die bedruckten Streifen gab.„Das Netz um den Verbre⸗ cher zieht ſich feſter und feſter zuſammen, und wie der Herr jetzt mit der ganzen Bruſt voll Orden herum⸗ läuft, ſoll er gedemüthigt werden, bis in den Staub hinab.“ „Noch Eins. Können wir uns vielleicht heute Abend hier wiederfinden?“ „Die Abende bin ich allerdings meiſt durch mei⸗ nen alten Onkel, bei dem ich wohne, in Anſpruch ge⸗ nommen“, ſagte Thiodolf,„paßt es Ihnen nicht mor⸗ gen früh, ſo früh Sie wollen?“ „Alſo morgen früh um acht Uhr vielleicht, um neun Uhr muß ich in meiner Redaction ſein.“ „Sie dürfen ſich feſt darauf verlaſſen. Ich werde 81 Sie von halb acht Uhr an erwarten, denn in den Morgenſtunden bin ich vollkommen frei.“ „Das iſt abgemacht“, ſagte der Doctor, ſchüttelte ihm die Hand und verließ dann mit raſchen Schritten den Garten. Gerſtäcker, Das Hintergebäude. 6 —— Fünftes Kapitel. Enthüllungen. Thiodolf war ungemein geſpannt darauf, den In⸗ halt der bedruckten Papierſtreifen zu leſen, ſetzte ſich deshalb gleich in den Garten hin und überflog die Skizze, zuerſt nur einmal raſch und flüchtig, dann aber aufmerkſamer und mit dem größten Intereſſe. Der Verfaſſer hatte darin allerdings nicht Danneburg und Herrn van Beeker direct mit Namen genannt, aber ſo⸗ fort erkannte er darin die betreffende Perſönlichkeit und war beſonders überraſcht, daß auch ein Stadtſchrei⸗ ber, der allerdings hier Domeier genannt wurde, eine Rolle ſpielte; konnte das ſein eigner Onkel ſein? Der Eindruck aber, den der ganze Artikel auf ihn machte, war entſchieden der einer Anklage, weniger gegen den betreffenden Hausbeſitzer, als gegen den Magiſtrat ge⸗ 83 richtet, welcher duldete, daß in ſeinen Mauern irgend ein zufällig ſehr reicher Fremder ſeine Tochter in Kerkerhaft und ſo geheim halte, daß ſelbſt ihr Name ſchon jetzt aus der„Liſte der Lebenden“ geſtrichen ſei und ihre Exiſtenz nicht einmal feſtgeſtellt werden konnte. Auf der Polizei war nämlich in der Liſte der Haus⸗ bewohner nur Herr und Frau van Beeker und dann das Dienſtperſonal angegeben worden, einer Tochter oder Verwandten aber keine Erwähnung gethan. So⸗ bald deren Anweſenheit aber bewieſen werden konnte, lag allerdings eine Fälſchung, wenn auch nur der ſta⸗ tiſtiſchen Berichte vor, dem Gerichte aber auch ob, zu unterſuchen, wie ſich der eigentliche Thatbeſtand ſtelle. Kein menſchliches Weſen durfte von einer Privatperſon, in welcher Verwandtſchaft auch immer, wider ſeinen Willen eingeſchloſſen gehalten werden und geſchah das trotzdem, ſo konnte gegen den Thäter die ganze Strenge des Geſetzes angerufen werden. Das war der ungefähre und allgemeine Inhalt; als Einzelheit hob aber der Verfaffer unverblümt hervor, daß allerdings ein junges zartes, weibliches Weſen dort in dem Hauſe exiſtire, von dem Niemand in der Stadt, ſelbſt die Polizei nicht, etwas wiſſe; er verlangte deshalb eine genaue Unterſuchung der betreffenden Räumlichkeiten, widrigenfalls er ziemlich deutlich damit 6* 84 drohte, weitere Enthüllungen zu geben, um den Schul⸗ digen endlich zu zwingen, entweder ſich zu vertheidigen oder die Stadt nicht länger durch ein ſolches Ver⸗ brechen zu entweihen und ſie zu verlaſſen. Thiodolf wunderte ſich allerdings keinen Augen⸗ blick darüber, daß der Polizeidirector, wenn einmal erſt befragt, ſeine Erlaubniß zu dem Abdruck dieſer, wenn auch halb novelliſtiſch gehaltenen Skizze ver⸗ weigert hatte; auch die Polizei will ihre Ruhe haben und ſetzt ſich nicht gern muthwillig ſelber unange⸗ nehmen Erörterungen aus. Daß aber der Doctor vor⸗ her dort angefragt hatte, das ärgerte ihn, denn wäre dieſe Anklage erſt einmal gedruckt erſchienen geweſen, ſo mußte der Magiſtrat, alſo mit der Nafe darauf ge⸗ ſtoßen, einſchreiten und konnte es nicht mehr um⸗ gehen. Geſpannt war er übrigens jetzt darauf, Doctor Gieſelbrechts neue Auseinanderſetzungen zu hören, denn dieſer wollte ja noch neuere Entdeckungen gemacht haben. Und hatte ſein Onkel wirklich mit der Sache etwas zu thun gehabt? Er beſchloß, ihn jedenfalls einmal dar⸗ über auszuhorchen, was keinenfalls ſchwer ſein konnte; jetzt mußte er nur vor allen Dingen ſeinen Freund Bomeier wieder aufſuchen, dem er ja verſprochen hatte, mit zum ſogenannten Kettenthurm zu kommen. 8⁵ Dieſer hatte ihn ſchon ſehnſüchtig erwartet und theilte dem Freunde mit, daß er ihn gleich mit einem Paar ſeiner Verwandten bekannt machen wolle. Als er ihn in Kunigundens Zimmer führte, die ihn huld⸗ voll lächelnd empfing, fand Thiodolf dort zwei Her⸗ ren. Der Eine derſelben war eine recht fade, nichts⸗ ſagende Geſtalt, ein Vetter von Kunigunde Bomeier und hier beim Gericht angeſtellt; er hatte falſches Haar, falſche Zähne, falſche Vatermörder und eine falſche goldene Uhrkette und trug im linken Ohr ſo⸗ gar einen kleinen Ohrring; er hieß Mutzelbring und ſah auch ſo aus, ſprach entſetzlich durch die Naſe und ſtotterte dabei etwas; der andere Herr zeigte dagegen eine breite, behäbige Geſtalt, mit einem gutmüthigen, faſt zu vollem Geſicht, aus dem aber die hellen grauen Augen lebhaft hervorblitzten. Als er Thiodolf als Kunigundens Onkel,„Maurer⸗ meiſter Behrens und Staͤdtverordneter“ vorgeſtellt wurde, ſah er den jungen Architekten aber ſcharf an, ſtreckte ihm endlich die Hand entgegen und ſagte halb lachend:„Alle Wetter, Herr Pleſſen, ich dächte wir Beide wären ſchon mit einander bekannt geworden und zwar näher, als mir für den Augenblick lieb war. Sind wir nicht Beide neulich tüchtig zuſammengerannt?“ Q—x—— ————, 86 Thiodolf ſah ihn einen Moment wie erſtaunt an, aber raſch erinnerte er ſich auch wieder und während ein leiſes Roth ſeine Wangen färbte, erwiderte er: „Ich habe mir nachher noch über meine Ungeſchicklich⸗ keit Vorwürfe gemacht und hoffe nur, daß ich Ihnen nicht ſehr weh gethan.“ Der Maurermeiſter ſchüttelte lächelnd mit dem Kopf,„ſo leicht nicht“, ſagte er dabei,„dazu gehört ſchon eine kleine Locomotive, aber einen tüchtigen Stoß gabs im Anfang doch.“ V Plötzlich tönten von der Straße herauf laute ju⸗ belnde und jauchzende Stimmen und Meiſter Behrens ſprang ans Fenſter, kehrte aber ſchon im nächſten Au⸗ genblicke mit einem verdrießlichen Geſicht zurück und nahm ſeinen Platz wieder ein. „Was giebts, Onkel?“ frug Bomeier, der gerade eine Flaſche Wein öffnete. „Ach,“ ſagte Behrens ärgerlich,„unſere Herren Ge⸗ ſellen feiern den Beginn ihres goldenen Zeitalters und beten das Fell an, das ſie uns über die Ohren gezo⸗ gen haben. Hol' ſie der Teufel! Ich will mir heute den Tag nicht dadurch verderben laſſen. Eine Schande iſt's aber, daß die Polizei das duldet und nicht dagegen einſchreitet, denn das Geſindel ſchreibt jetzt der ganzen Stadt ſeine Befehle vor und ſelbſt accordirte Arbeit 2* reſpectiren ſie nicht mehr. Aber wir geben nicht nach und wenn ich nicht gerade an zwei Stellen feſt zuge⸗ ſagte und ſchon begonnene Arbeit hätte, könnte meinet⸗ wegen die ganze Bande Danneburg verlaſſen, ich nähme keinen von ihnen wieder in Arbeit.“ „Ja“, ſagte der Vetter achſelzuckend,„wa— was kann die Polizei thun, wir haben das neue Coa— a— a— a— litions⸗Geſetz.“ „Ja wohl“, nickte Behrens finſter„und was da⸗ mit für Unheil angeſtiftet wird, kann noch gar kein Menſch abſehen.“ „Wo haſt Du denn jetzt ſo nothwendig Arbeit, Onkel?“ frug Kunigunde. „O, zum Henker“, ſagte dieſer,„das neue Haus für den Banquier Levy und dann ein Umbau bei dem alten Herrn van Beeker, dem ich vorgeſtern erſt die eine Wand geſtützt und eingeriſſen habe und der nun bis über die Ohren in Schutt und Mauerſteinen ſitzt.“ „Bei Herrn van Beeker?“ rief Thiodolf raſch, „dem alten Sonderling?“ „Kennen Sie ihn?— O das iſt ein alter, ſehr achtbarer Herr, wenn er auch vielleicht ein paar Schrul⸗ len hat, die aber natürlich Niemanden etwas angehen. Was ſoll ich jetzt machen? Ein paar Lehrjungen habe — 88 ich noch zu Hauſe, auf die ich mich aber natürlich nicht verlaſſen kann und wenn ich auch⸗ ſelber mit arbeiten wollte, ſo reicht das doch nicht aus.“ Die übrige Geſellſchaft intereſſirte ſich nicht für den Maurerſtrike und das Geſpräch wandte ſich bald wieder anderer Richtung zu. Nur Thiodolf war merk⸗ würdig ſchweigſam geworden und gab ſogar ein paar Mal, wenn er angeredet, ganz verkehrte Antworten. Er verabſchiedete ſich bald und ſuchte noch gegen Abend ſelber den Doctor Gieſelbrecht auf, um Weiteres von ihm zu erfragen, fand ihn aber nicht mehr auf der Redaction, wie auch nachher nicht in ſeinem Hauſe. Er hatte, wie ihm das kleine Mädchen dort ſagte, eine Einladung erhalten und würde wohl vor zehn Uhr Abends nicht zurückkehren; es blieb ihm alſo nichts übrig, als den andern Morgen abzuwarten. Als er ziemlich ſpät zu ſeinem Onkel zurückkehrte, fand er den alten Herrn ihn ſchon ſehnſüchtig erwar⸗ tend. „Ei, ei, ei, ei, Thiodolf,“ ſagte dieſer,„Du fängſt mir ja an liederlich zu werden; es iſt ſchon ſieben Uhr und ſo lange biſt Du doch nicht bei Deinem Diner geweſen.“ „Ach, beſter Onkel, ich hatte—“ „Na laß nur gut ſein“, unterbrach ihn der Alte — 1 4 89 gutmüthig,„wir trinken jetzt unſeren Thee mitſammen. Heute Abend gehſt Du doch nicht mehr aus?“ „Nein, gewiß nicht, Onkel.“ „Schön, dann bleiben wir hübſch beieinander und nun ſetz' Dich dahin und zünde Dir eine Cigarre an.“ Thiodolf ſollte jetzt erzählen, wie er den heutigen Tag verbracht und was er getrieben habe und es wurde dem jungen Mann dabei entſetzlich ſchwer, dem Onkel nicht merken zu laſſen, daß er ſich— in Ge⸗ danken wenigſtens— faſt mit weiter nichts beſchäftigt habe, als den geheimnißvollen Verhältniſſen der Fa⸗ milie Beeker. Da er aber einmal den Verdacht ge⸗ faßt, daß ſein Onkel früher mit derſelben in Verbindung geſtanden, ja vielleicht noch ſtehe, ſo mußte er dabei außerordentlich vorſichtig zu Werke gehen und nur von ungefähr ſuchte er nach und nach das Geſpräch auf den alten, ſo wenig mit der Außenwelt verkeh⸗ renden Herrn zu bringen. Aber ſein Onkel wich ſelbſt dann aus und ſuchte die Unterhaltung nach anderer Seite abzuleiten; das verhinderte Thiodolf indeß. „Es iſt merkwürdig, Onkel“, fing er nach einer kleinen Pauſe wieder an,„was für wunderliche Ge⸗ rüchte hier überall in Danneburg über dieſe eine, doch ganz abgeſchloſſen lebende Familie courſiren und etwas 90 Wahres, wie man im gewöhnlichen Leben ſagt, ſoll doch faſt ſtets an ſolchem Stadtklatſch ſein—“ „Da haſt Du das rechte Wort gebraucht“, ſagte der alte Mann raſch und eifrig,„Stadtklatſch“ und weiter nichts. Laß Dir keinen Unſinn in den Kopf ſetzen, Thiodolf, und glaube nicht, was das neugierige Volk ſchwatzt, das nur wüthend darüber iſt, daß es nicht überall in des Mannes Hauſe herumſchnüffeln darf. Ja wohl, Anfangs, wie er eben hergekommen war, da wollten ihm Alle die Viſite machen, um nachher na⸗ türlich eingeladen und abgefüttert zu werden; wie er ſich aber mit der Geſellſchaft nicht einließ, den Herrn Regierungsrath und Herrn Commerzienrath und wie die Titel alle lauten, gewiſſermaßen vor den Kopf ſtieß, keinen Beſuch annahm und keinen erwiderte, da blieben ſie ihm wohl ins Geſicht hinein höflich, denn er war reich und man wußte nicht, wie man ihn vielleicht noch einmal brauchen könnte, aber hinter ſeinem Rücken räſonnirten ſie deſto mehr, ſagten ihm alle möglichen Schlechtigkeiten nach und hätten es am allerliebſten ge⸗ ſehen, wenn er von der Polizei verhaftet und ins Zucht⸗ haus geſteckt wäre.“ „Beſchuldigt man ihn denn eines Verbrechens?“ frug Thiodolf ſo unbefangen als möglich. „Hm“, ſagte der Stadtſchreiber, der augenſcheinlich — 91 die Frage nicht direct zu beantworten wünſchte,„was weiß ich, was ſie Alles in ihren Grützköpfen ausheckten: Spuckgeſchichten, Geiſter, die dort umgingen, Burgver⸗ ließe und laute Schreie, die man um Mitternacht ge⸗ hört haben wollte. Es gab Anfangs gar nichts Tolles, was ſie nicht ausbrüteten, bis endlich Jahre darüber vergingen, der alte Herr hier ruhig und harmlos fort⸗ lebte und das Geſchwätz nicht ſo viel achtete, ja viel⸗ leicht nicht einmal erfuhr. Da bekamen ſie es endlich auch ſatt. Es war mit der Geſchichte nichts anzufangen und all das alberne Geſchwätz ſchlief faſt ſo raſch ein, wie es entſtanden war. Nur wenn noch manchmal ein Fremder hier eintrifft, ſo lügt ihm vielleicht ein ſchlauer Lohndiener den Buckel voll und wärmt die alten Sagen wieder auf, ſonſt hört man nichts mehr davon. Du ſcheinſt Dich übrigens ſehr für den alten Herrn zu intereſſiren?“ „Wenn ich aufrichtig ſein ſoll, ja, Onkel und ich muß Dir anch geſtehen, daß ich feſt überzeugt bin, etwas Wahres iſt an den Gerüchten und das alte Haus birgt etwas, das das Licht zu ſcheuen hat.“ „Wenn Du den alten Weibern in der Stadt alſo mehr glaubſt, als Deinem Onkel, ſo werde ichs nicht ändern“, ſagte der alte Mann,„ſoviel aber kann ich Dir ſagen, Herr van Beeker iſt ein durchaus ehren⸗ 7 werther und braver Herr und wenn er die albernen Gerüchte, die wider ihn im Umlauf ſind, nicht wieder⸗ legt, oder ſich eigentlich gar nicht um ſie kümmert, ſondern ruhig ſeinen geraden Weg geht, ſo beſchämt er damit in den Augen der Vernünftigen wenigſtens, das ungebildete Volk. Nun aber ſei ſo gut und ſprich von etwas Anderem; Dir vielleicht iſt die Sache noch neu und deshalb intereſſant, ich aber habe ſie Jahre lang durchhecheln hören und kann Dir verſichern, daß ich ihrer herzlich überdrüſſig bin.“ Das Geſpräch war damit abgebrochen und Thio⸗ dolf fühlte recht gut, daß er darauf nicht zurückkommen dürfe, wenn er ſeinen Onkel nicht böſe machen wolle, ſich aber auch dabei feſt überzeugt, daß er mehr da⸗ von wiſſe, als er eingeſtehen mochte, denn in anderen Fällen zeigte ſich der alte, ſich ſehr gern unterhaltende Herr keineswegs ſo abgeneigt, ſelber mit ein wenig auf ſogenannten„Stadtklatſch“ einzugehen. Ja, er hatte ihm ſogar vor einigen Tagen eine ſehr hübſche Geſchichte von der Frau Bürgermeiſterin erzählt, für die er aber, für die Geſchichte nämlich, ſelber erklärte, nicht einſtehen zu können. Deſto geſpannter war Thiodolf darauf am andern Morgen den Doctor Gieſelbrecht zu ſprechen und fand ſich auch pünktlich zu der angegebenen Zeit auf ſeinem 93 Platz ein, wo ihn der Doctor kaum zehn Minuten warten ließ.. „Nun?“ meinte dieſer, als er ihn freundſchaſtlich begrüßt hatte,„was ſagen Sie zu dem Manuſcript? Haben Sie es geleſen?“ „Gewiß, wieder und wieder“, verſicherte Thiodolf, indem er es dem Eigenthümer zurückgab,„aber Man⸗ ches iſt mir trotzdem unklar geblieben.“ „Und darf ich fragen was?“ „Sie ſprechen darin die faſt zur Gewißheit ge⸗ ſteigerte Vermuthung aus, daß ein weibliches Wefen hinter jenen Fenſtern, die auch ſchon meine Aufmerk⸗ ſamkeit an mich gezogen, gefangen gehalten werde. Wie iſt das aber in einer ſolchen belebten Stadt und noch dazu unmittelbar an einen Reſtaurationsgarten ſtoßend, möglich und denkbar, denn die Unglückliche brauchte ja doch nur eine der Scheiben zu zerbrechen und um Hülfe zu rufen und daß dann die Volks⸗ ſtimme ſchon, wenn ſich der Magiſtrat nicht ſelbſt da⸗ durch veranlaßt ſehen ſollte, eine Hausſuchung zu hal⸗ ten, ihn dazu zwingen würde, unterliegt doch keinem Zweifel.“ Doctor Gieſelbrecht nickte düſter mit dem Kopf. „Sie haben Recht“, ſagte er,„es ſcheint ſo, es ſcheint aber auch nur ſo, denn wir wiſſen“, flüſterte er dem 94 jungen Manne zu,„daß ſolche Fluchtverſuche früher mit der größten Strenge beſtraft wurden und das Winſeln, und Schreien der Unglücklichen iſt von meinem Berichterſtatter, wie auch von anderen Leuten mehr⸗ mals gehört worden. Die Leute erboten ſich ſogar, ihre Ausſage vor Gericht eidlich zu erhärten, wurden aber abgewieſen und der Magiſtrat erklärte damals, daß er nicht gegen den Fremden einſchreiten könne und werde, bis nicht eine beſtimmte Klage gegen ihn von irgend einer beſtimmten Perſon eingereicht würde. Dann allerdings wolle er die Sache unterſuchen, mache aber Jeden darauf aufmerkſam, daß ſie die Folgen einer falſchen Anklage und Verdächtigung nach⸗ her auch ſelber zu tragen hätten. Auf einen gewöhn⸗ lichen Stadtklatſch hin, könne er nicht einen ſonſt fried⸗ lichen und braven Bürger beläſtigen. „Was ich Sie fragen wollte“, ſagte Thiodolf, dem bei dem Worte„Stadtklatſch“ ſein Onkel einfiel. „Iſt der Stadtſchreiber, den Sie in Ihrer Skizze er⸗ wähnen, eine hier lebende Perſönlichkeit?“ „Gewiß? alle darin angeführten Perſonen?“ „Der penſionirte Stadtſchreiber Sachte?“ „Allerdings. Aber wie kommen Sie auf Den?“ „Es iſt mein Onkel, bei dem ich wohne—“ „Alle Wetter!“ rief Doctor Gieſelbrecht, doch —— — — 95 etwas beſtürzt,„der könnte Ihnen allerdings, wie ich feſt glaube, ziemlich genaue Auskunft geben, wenn ihn nicht das Amtsgeheimniß bände.“ „Aber, mein beſter Herr Doctor“, bemerkte Thio⸗ dolf,„mein alter Onkel iſt ein höchſt ehrenwerther Mann und als ſolcher bekannt; er würde, davon bin ich feſt überzeugt, zu nichts die Hand geboten haben, das auch nur im Entfernteſten den Schein eines Un⸗ rechts an ſich trüge.“ „Kein Menſch ſpricht davon, kein Menſch ver⸗ muthet etwas dem Aehnliches“, rief der Doctor eifrig „Was er mit ihm zu thun hatte, war nur allein ge⸗ ſchäftlicher Natur, und daß der Stadtſchreiber dabei keine entſcheidende Stimme haben darf, wiſſen Sie gut genug. Ich klage auch unſeren Magiſtrat nicht etwa an, bei einer unrechten Sache etwa die Hand mit im Spiele zu haben, weit entfernt davon. Nein, in was ich ihm die Schuld gebe, iſt allein, dem vornehmen und reichen Manne gegenüber die Augen zugedrückt zu haben, wonach dann der Fremde in ſeinem Haus wirth⸗ ſchaften konnte wie er wollte. Der Magiſtrat weiß, wie ich feſt überzeugt bin, nichts von einem wirklichen Verbrechen, aber daß er das eben nicht weiß, iſt die Schuld, die er ſich aufgeladen.“ ———— ͦ—— 96 „Und Sie glauben alſo wirklich, daß ein ſolches vorliegt?“ „Ich glaube gar nichts, verehrter Herr“, ſagte Doctor Gieſelbrecht,„ich weiß es beſtimmt, und die näheren Daten, die ich Ihnen noch angeben will, ſind überzeugend. Mein Berichterſtatter, der eine Zeit lang jeden Morgen dieſen Garten beſuchte und von hier aus jene Fenſter beobachtete, hat nicht allein ein paarmal eine feine weiße Hand an dieſem Fenſter, nein, einmal ſogar das bleiche, thränenüberſtrömte, aber engelſchöne Geſicht des jungen Weſens erkannt. Angegeben iſt die junge Dame aber in der Liſte der hieſigen Einwohner nicht, wovon ich mich auf der Polizei genau ſelber überzeugt habe. Eingetragen ſteht nur Herr van Beeker, Frau und Dienerſchaft, und jetzt frage ich Sie, ob Sie noch mehr Beweiſe wollen?“ Thiodolf ſah eine Weile ſtill und kopfſchüttelnd vor ſich nieder.„Die Sache iſt“, ſagte er endlich, „jedenfalls dunkel und räthſelhaft und ein Geheimniß muß da zu Grunde liegen. Wenn ich nur wüßte, was ich thun könnte, um es aufzuhellen.“ „Die Schwierigkeit verhehle ich mir ſelber nicht“, erwiderte der Doctor,„und ich ſehe ein, daß man nichts dagegen ausrichten kann, bis man nicht etwas Entſchiedenes weiß. Das aber wäre nur zu erfahren, 97 wenn es einer erreichte, in das Haus ſelber zu ge⸗ langen und dort zu verkehren. Dazu ſehe ich aber keine Möglichkeit, denn Herr van Beeker hält ſich vor⸗ ſichtigerweiſe Jedem fern, auf den er den geringſten Verdacht haben könnte, ſein Spiel zu durchſchauen. Nur Marktleute oder gewöhnliche Arbeiter werden ein⸗ gelaſſen, ſonſt bleibt Jedem ſeine Thür verſchloſſen.“ „Und wenn man nun einen ſolchen Arbeiter ge⸗ winnen könnte?“ „Das iſt erſtlich ſehr ſchwierig“, ſagte der Doctor, „denn den Verſuch habe ich ſchon gemacht, und dann ſehen die Leute auch nichts. Sie kümmern ſich eben um ihre Arbeit und verfahren damit einzig und allein im alten Schlendrian. Denken Sie nur, der Eine, den ich beſonders beauftragt hatte, hob einmal dort ein Papier auf, das aus einem Scllüſſelloch herausge⸗ ſchoben wurde, ſteckte es auch in die Taſche und wollte es mir, da er ſelber nicht leſen konnte, bringen; der Eſel verliert es aber unterwegs und meine Wuth können Sie ſich denken. „In der That?“ ſagte Thiodolf, aber halb zer⸗ ſtreut, denn ſeine Gedanken flogen indeſſen weit ab und ſchienen auf einem andern Punkte zu weilen.„Alſo glauben Sie wirklich, daß man, wenn man Zutritt in das Haus fände, auch dort auf eine Spur kommen könnte.“ Gerſtäcker, Das Hintergebäude. 7 ———— 98 „Als Gaſt ſchwerlich“, ſagte der Doctor,„denn dann ginge Ihnen Ihr Wirth nicht von den Ferſen, aber um die Arbeiter kümmert ſich natürlich Niemand im Hauſe, und wer von denen offene Augen hätte, könnte vielleicht Manches ſehen; was aber hilft ihm das, wenn er nicht zu combiniren verſteht und das können derartige Leute nun einmal nicht.“ „Herr Doctor“, ſagte Thiodolf nach einer kleinen Weile, in der er, mit feſt zuſammengezogenen Brauen vor ihm geſtanden hatte,„laſſen Sie mir Zeit, die Sache zu überdenken. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich ſelber Feuer und Flamme für eine ſolche Ent⸗ hüllung bin, das Ganze iſt von einem eigenthümlich romantiſchen Schimmer überhaucht, ſchon die Art und Weiſe wie ich, ein vollkommen Fremder, dazu kam, Intereſſe an den Bewohnern eines Hauſes zu nehmen, über die ich früher keine Silbe gehört, reizt mich dazu an, ſie auch weiter zu verfolgen und es iſt möglich, daß ich vielleicht mehr erfahre.“ „Wenn ich Sie unterſtützen kann“, rief der Doctor, „darin zählen Sie ganz auf mich, ich bin hier ſo ſchmäh⸗ lich von unſern Bürgerariſtokraten behandelt worden, daß ich ſchon deshalb Alles aufbieten würde, den Be⸗ weis der Wahrheit zu führen. Ihr Herr Onkel hat ja auch mit der ganzen Sache nichts weiter zu thun.“ 99 „Nein“, ſagte Thiodolf,„davon bin ich ſelber feſt überzeugt, oder ich würde gar nicht daran denken, ihn irgend welcher Unannehmlichkeiten auszuſetzen.“ „Aber was wollen Sie thun?“ „Laſſen Sie mir Zeit“, ſagte Thiodolf,„um mir ſelber erſt darüber klar zu werden. Es gehen mir jetzt eine Menge von Plänen durch den Kopf, die ich erſt einzeln ſichten und prüfen, ja die ich erſt ſelber begrei⸗ fen muß. Iſt aber dort drüben ein unglückliches jun⸗ ges Geſchöpf eingeſchloſſen und vom Leben abgeſchnitten, dann— doch das findet ſich Alles ſpäter. Wollen Sie mir Ihre Adreſſe geben?“ „Hier iſt meine Karte—“ „Schön, meine Adreſſe wiſſen Sie, wenn Sie in⸗ deſſen zufällig etwas Genaueres erfahren ſollten, ſo bitte, laſſen Sie es mich umgehend wiſſen. Vorſicht brauche ich Ihnen dabei nicht zu empfehlen.“ „Gewiß nicht, gewiß nicht“, rief der Doctor, „aber warten Sie, ich begleite Sie, ich muß doch jetzt auf die Redaction und wenn Sie eine kurze Strecke mit mir gehen, kann ich Ihnen das Lokal gleich zeigen.“ 7* 8 — Sechstes Kapitel. Arbeit angenommen. Thiodolf, der von allem Anfang nur Intereſſe an der, wie er es nannte,„architektoniſchen Ungezogen⸗ heit des alten Gebäudes genommen, und deſſen über⸗ haupt rege Phantaſie ihn dann weiter führte, indem er ſich auch lebende Weſen in dieſe auseinandergeriſſenen Gemächer dachte, fand jetzt noch eine ſtärkere Trieb⸗ feder für ſein weiteres Forſchen nicht allein in dem romantiſchen Schimmer, der ſich über das Ganze brei⸗ tete, ſondern auch in dem Mitleiden für ein unglück⸗ liches, junges und ſogar ſchönes Weſen, deſſen Jugend hier mit anſcheinend kaltem Blute gemordet wurde. Daß ſich in dem kleinſtädtiſchen Leben von Danne⸗ burg Niemand dazu aufgerafft hatte, den düſteren Schleier, der über dem Ganzen lag, mit kecker, ent⸗ ———————=hööͤͤͤͤͤſſſ 101 ſchloſſener Hand zu lüften, war erklärlich und Herr van Beeker auch umſichtig genug geweſen, einen ſolchen Platz zu ſeinem Aufenthaltsorte zu wählen. Anders gedachte er aber die Sache anzufangen, und jetzt ſchon halb im Reinen, mußte er nun noch einen Mann auf⸗ ſuchen, der allein ihm förderlich ſein konnte, und das war allerdings nicht ſein Onkel, der penſionirte Stadt⸗ ſchreiber. Dieſer würde, wenn er eine Ahnung davon gehabt, ſicher alles in ſeinen Kräften Stehende aufge⸗ boten haben, um ihn davon abzubringen, oder ſein Unternehmen ſelbſt zu hindern; er durfte alſo auch gar nichts davon erfahren. Der aber, der ihm bei ſeinem Unternehmen be⸗ hülflich ſein ſollte, war Niemand anders, als der Maurermeiſter Behrens, den er auch ohne Weiteres auf⸗ ſuchte und glücklicher Weiſe zu Hauſe traf. Er fand den alten Mann bei nicht beſonders guter Laune; er ging, ſeine lange Pfeife rauchend, in ſeiner Stube auf und ab, und die verſchobene, kleine rothe Hausmütze zeigte, daß er ſich oft genug den Kopf darunter gekratzt. Er ſah auch mürriſch und verdrieß⸗ lich aus, denn wie es nur an die Thür klopfte, ver⸗ muthete er natürlich nichts Anderes, als nur wieder eine neue Mahnung begonnener Arbeit und was konnte 102 er dabei mit ſeinen paar Lehrlingen thun? Wahrlich kein Haus bauen. Wie er den jungen Freund Bomeiers erkannte, klärte ſich ſein Geſicht ein wenig auf, aber auch nur ein wenig, und er ſagte, Thiodolf die Hand hinüber⸗ reichend,„ah, Herr Pleſſen, wie geht es Ihnen und was führt Sie zu mir her?“ Die Anrede klang nicht beſonders tröſtlich; Thio⸗ dolf aber achtete gar nicht darauf. Mit einem be⸗ ſtimmten Ziel im Auge ſteuerte er darauf los und mißachtete aller kleinen Hinderniſſe. „Ich ging gerade vorbei, Herr Behrens“, ſagte er, indem er ohne Weiteres ſeinen Hut ablegte,„und wollte doch einmal ſehen, wie es geht, beſonders aber, da mich das als zum Fach gehörig auch intereſſirt, hören, wie es mit dem Maurerſtrike ſteht. Er begann ja neulich und dauert, wie ich bemerke, noch immer an, denn ſchon heute Morgen früh traf ich betrunkene Maurergeſellen auf der Straße. „Ja wohl“, ſagte Behrens und ſein Geſicht zog ſich dabei wieder in die früheren düſteren Falten, „und ſollte mich gar nicht wundern, wenn ſie ſich hier ganz ordentlich in der Stadt organiſirten und Freiheit, Gleichheit und Gütergemeinſchaft auf ihre Fahnen ſchmierten. Heißt denn das eine Polizei, die ſo etwas ——— ,· 103 duldet und ſich auf der Naſe herumſpielen läßt, wo ſie feſt einſchreiten und die Bürger in ihrem Recht ſchützen ſollte?“ „Die Polizei wird nichts dagegen machen können!“ „Ach was“, ſagte der nun einmal ärgerlich ge⸗ machte Maurermeiſter,„wo ſie ſo einen Kerl als ein⸗ zelnen Handwerksburſchen, wenn er Skandal macht, abfaſſen kann, da fährt ſie ihn an, als ob ſie ihn auf der Straße gefunden hätte; wo ſie ſich aber zuſammen⸗ rotten und eine Schaar bilden, da wird ſie zahm und geht ihnen vorſichtig aus dem Wege. Gewalt oder Geld regiert jetzt überall in den Reſidenzen wie in den kleinen Neſtern, und die kleinen Tyrannen ſind gewöhn⸗ lich noch viel ſchlimmer als die großen.“ „Geld möchte nun aber doch wohl keinen Einfluß auf die Herren haben“, ſagte Thiodolf, der den Maurer⸗ meiſter auf einen gewiſſen Punkt zu bringen wünſchte, „ich glaube nicht, daß ſie ſich durch wen beſtechen ließen.“ „Das möchte ich auch nicht behaupten“, meinte Behrens, verdrießlich mit dem Kopfe ſchüttelnd,„dafür habe ich wenigſtens noch keine Beweiſe, aber es bleibt immer die alte Geſchichte, der Vornehme wird prote⸗ girt und wo dann ein einfacher Bürger kommt und verlangt nur ſein Recht, dann wird er, manchmal höflich, manchmal auch grob abgewieſen.“ ———— 104 „Sollten die Vornehmen hier in der Stadt wirklich von den Behörden protegirt werden?“ ſagte Thiodolf leicht hin,„ich kann es mir nicht denken.“ „Sie können es ſich nicht denken?“ rief Behrens ſpöttiſch,„was war denn das vor zwei Jahren für eine Geſchichte mit dem Grafen, der hier ſo großbrodig auftrat, Alles zuſammenkaufte, was er kriegen konnte, Geld aller Orten borgte und Wechſel ausſtellte und dann auf einmal, wie der erſte proteſtirt zurückkam, in den Boden hinein verſchwand? Hat der auch nur einen Paß gehabt, oder ſich die Polizei erkundigt, wo er her ſei oder was er treibe? Gott bewahre, der Herr Graf, ein lumpiger Schneidergeſelle aus Berlin, wie ſich ſpäter herausſtellte, durfte doch nicht beläſtigt werden, oder er hätte es können übel vermerken und nachher einmal am Hofe davon ſprechen. Als die Gläubiger den Herren vom Magiſtrat auf die Stube rückten, wußte keiner ein Wort von ihm; er hatte ſich nicht einmal angemeldet und die Leute konnten jetzt ſelber zuſehen, wie ſie zu ihrem Gelde kamen. Und iſt es etwa anders mit dieſem Herrn van Beeker?“ fuhr der in dem Thema warm gewordene Meiſter fort,„ob Alles das wahr iſt, was von ihm erzählt wird, weiß ich nicht, glaube es wenigſtens nicht, einen Haken hat aber eine Sache, von der ſeiner Zeit ſo viel geſprochen 105 werden konnte, jedenfalls, und iſt die Polizei je zu be⸗ wegen geweſen, die näheren Nachforſchungen zu halten? Nie!“ „Sie glauben nicht daran, daß jenes Haus ein Geheimniß birgt?“ ſagte Thiodolf. Der Maurermeiſter zuckte mit den Achſeln.„Etwas muß daran ſein“, ſagte er,„denn die Familie hält ſich zu abgeſchloſſen und der alte Herr ſchreibt faſt gar keine Briefe und bekommt im ganzen Jahr kaum drei oder höchſtens vier. Ihr Onkel, der als er hierherzog, wie ich glaube, mit der Sache zu thun hatte, verſicherte allerdings, daß Herr van Beeker ein ſehr achtbarer Mann ſei, geſteht aber ein, daß Unglück in der Fa⸗ milie ihn bewogen hätte, ſich aus der Welt zurückzuziehen, und einige dunkle Andeutungen, die er gegen mich machte, laſſen mich faſt vermuthen, daß er Grund hat, abgeſchloſſen zu leben.“ „Sind Sie einmal in ſeinem Hauſe geweſen?“ „Oefter, gleich im Anfang beſonders, wo ich ihm Manches ändern mußte.“ „Auch in dem alten Hintergebäude?“ „Ja, das iſt ein verrückter alter Kaſten und ich habe ihm auch ſchon mehrmals gerathen, er ſolle es einreißen und ein neues bauen laſſen, aber er will nicht, und doch ſind da alle Augenblicke Reparaturen nöthig.“ 106 „Ich gäbe etwas darum, wenn ich einen Riß von dem Hinterbau bekommen könnte“, lachte Thiodolf, „den Außenfenſtern nach muß da Alles kreuz und quer durcheinander liegen.“ „Das thut es auch“, nickte der Maurermeiſter, „das hat ein wahrer Künſtler gebaut, und man kann da wirklich lernen, wie man eine Sache nicht machen muß. Uebrigens bin ich noch gar nicht in alle Zimmer hinein gekommen, denn in einigen von ihnen hat Herr van Beeker ſeine Vorräthe aufgeſpeichert und hält ſie verſchloſſen.“ „Sie haben dort jetzt wieder, wie Sie neulich ſagten, eine Reparatur vor?“ „Ja, und das iſt gerade ein Nagel zu meinem Sarge, denn ich habe dem alten Herrn meinen Hand⸗ ſchlag darauf gegeben, daß ich ſie bis nächſten Sonn⸗ abend beenden will, mit keiner Ahnung natürlich, daß mir die Arbeitsverweigerung der Geſellen in die Quere kommen könnte und jetzt ſitz' ich da.“ „Iſt denn ſo viel da zu thun?“ „Nein, und mit ein oder zwei Geſellen und mei⸗ nen Lehrlingen könnte ich noch immer bequem fertig werden. Wir Meiſter haben uns aber— und ich konnte und wollte mich nicht ausſchließen— feſt ver⸗ bindlich gemacht, keinen der alten Geſellen zu dem von 107 ihnen feſtgeſetzten Preis in Arbeit zu nehmen, und zum erſten Mal in meinem Leben muß ich einem Arbeit⸗ beſteller mein Wort brechen. Daß mir das nicht an⸗ genehm und erfreulich iſt, können Sie ſich denken.“ „Und haben Sie keinen Verſuch gemacht, von auswärts Geſellen herzuziehen?“ „Das allerdings, aber erſtens geht das nicht ſo raſch und kämen für dieſen beſonderen Fall immer zu ſpät, und dann verhehle ich mir auch die Schwierig⸗ keiten nicht, die fremde Geſellen hier finden würden, um gegen den Strike in Arbeit zu treten. Wir haben in Danneburg ein rohes, wüſtes Volk unter den Ar⸗ beitern; unſer Bier iſt ſchlecht, der Arbeiterſtand des⸗ halb meiſt auf den Branntwein angewieſen, und Sie wiſſen ſelber, wie das die unteren Claſſen demoraliſirt. Dieſe verlangen auch bei uns hier keine Aufbeſſerung ihrer Lage, keine geachtete Stufe in der menſchlichen Geſellſchaft, ſondern und allein mehr Geld und mehr Zeit, um ihre Saufgelage ausdehnen zu können, und bei ſolchen Menſchen iſt mit Vernunftsgründen nichts auszurichten.“ Thiodolf war von dem Stuhl, auf dem er ſich niedergelaſſen, aufgeſtanden und während der Zeit, in der der Meiſter ſprach, ein paarmal mit verſchränkten Armen im Zimmer auf⸗ und abgegangen. Jetzt wandte 108 er ſich gegen ihn, blieb ſtehen und ſagte, während er ihn lächelnd anſah:„Und was geben Sie mir, wenn ich Ihnen für dieſe Arbeit, beſonders um Ihren Ver⸗ pflichtungen im Hauſe des Herrn van Beeker nachzu⸗ kommen, einen tüchtigen Geſellen ſtelle, der ſogar nicht einmal Tagelohn verlangt?“ Behrens ſchüttelte mit dem Kopf.„Wunder ge⸗ ſchehen nicht mehr in der Welt“, ſagte er,„ſeit Elias in einem feurigen Wagen gen Himmel fuhr oder Jonas im Walfiſch wohnte. Einen Geſellen, der jetzt keinen Lohn forderte? Giebts gar nicht.“ „Und wenn ich es ſelber wäre?“ ſagte Thiodolf lächelnd, ſah aber dabei den alten Maurermeiſter feſt und forſchend an. „Sie ſelber?“ rief dieſer erſtaunt,„und wie kämen Sie dazu?“ „Das will ich Ihnen ſagen“, erwiderte Thiodolf ruhig.„Erſtlich bin ich ſelber, wie Sie ſich wohl denken können, ein abgeſagter Feind dieſer rohen Selbſt⸗ hülfe der Geſellen, wenn ich auch nicht verhehle, daß ich ihnen in vielen Stücken Recht geben und ſelbſt das Mittel nicht ganz verwerfen kann, wenn es wenigſtens in vernünftiger Art betrieben wurde, und nicht faſt ſtets durch das größte Geſindel der Erde, die Führer oder vielmehr Verführer der Socialdemokraten hervor⸗ 109 gerufen wäre. Was ich alſo perſönlich dabei thun kann, um einem ſolchen Gewaltſchritt die Spitze abzu⸗ brechen, werde ich ſtets von Herzen gern thun. Dann aber bekenne ich Ihnen aufrichtig, daß ich auch ein ſpecielles Intereſſe an dem Haus dieſes etwas geheim⸗ nißvollen Herrn van Beeker nehme und Ihnen meine Hülfe, aller Wahrſcheinlichkeit nach nicht angeboten hätte, wenn Sie die Arbeit in dem Hauſe irgend eines Bäckers oder Brauers gehabt.“ „Hm“, ſagte Behrens, immer noch halb erſtaunt über den Antrag, der ihm aber aus einer Verlegenheit half,„und was würde der Sindtſhrbiber, Ihr Onkel, dazu ſagen?“ „Er wird ſehr damit einverſtanden ſein, wenn wir ihm den einen Grund angeben, dem Strike der Geſellen entgegen zu arbeiten, denn wenn er irgend auf der Welt etwas haßt und verabſcheut, ſo ſind es es dieſe Gewaltmaßregeln des Volkes, die er nur allein und ſelbſtverſtändlich von ſeinem büreaukratiſchen Stand⸗ punkt aus beurtheilt und als ungeſetzlich, ja vollkom⸗ men revolutionär verdammt.“ „Sie könnten Recht haben“, nickte Behrens ſtill vor ſich hin,„aber die Arbeit iſt nicht in einem Tage abgemacht. Mit den ſchwachen Kräften, über die ich verfügen kann, brauchen wir wenigſtens drei und 110 Sie würden es bis dahin über und über ſatt kriegen.“ „Und glauben Sie nicht, daß ich als Lehrling und Geſelle in Arbeit geſtanden? Ich weiß, zu was ich mich erbiete, und was ich unternehme, führe ich auch durch.“ Der Maurermeiſter ſah ihn eine Weile ſtarr an. „Und Sie wollen für die Arbeit als Geſelle bei mir eintreten?“ „Ich habe es geſagt und halte mein Wort.“ „Topp!“ rief Behrens, ihm die Hand entgegen⸗ ſtreckend, in die Thiodolf kräftig einſchlug,„und mor⸗ gen früh gehen wir daran?“ „Von Herzen gern; aber wäre es nicht beſſer, wenn Sie heute Abend einmal zu unſerm verehrten Herrn Stadtſchreiber herüberkämen, um ihm noch et⸗ waige Bedenken zu nehmen? Es wäre doch möglich, daß er—“. „Gewiß“, rief Behrens raſch,„ich ſpreche heute Abend vor, ich kenne den alten Mann genau und weiß vollkommen, wie ich ihn nehmen muß. Der Platz, an welchem wir zu arbeiten haben, iſt außerdem für die jetzige unruhige Zeit außerordentlich günſtig gelegen, denn die ſtrikenden Geſellen können ihn nicht erreichen, ja uns nicht einmal bei der Arbeit ſehen, und das 114 Material liegt außerdem ſchon Alles an Ort und Stelle. Wie iſt es aber mit Ihrem Arbeiteranzug, den Sie wohl ſchwerlich bei ſich führen?“ „Der iſt bald geſchafft; ein paar ordinäre Schuhe und ein wollenes Hemd, weiter brauche ich nichts, das Uebrige habe ich wenigſtens ſelber. Alſo ich finde mich morgen früh bei Ihnen ein, wie?“ „Aber nicht zu ſpät.“ „Mit dem Schlag ſechs Uhr bin ich bei Ihnen. Sie ſollen wahrhaftig nicht auf mich warten.“ „Aber zu ſehen werden Sie dort nichts bekommen, das kann ich Ihnen von vorn herein verſichern.“ „Was ich ſehen will“, ſagte der junge Mann, „bekomme ich jedenfalls zu ſehen; die innere Einrichtung jenes wunderlichen Baues, und da ich mir das nun einmal in den Kopf geſetzt habe, ſo iſt mir der Erfolg auch mit ein paar Arbeitstagen nicht zu theuer erkauft. Ueberdies freue ich mich ſogar darauf, mit Hammer und Kelle wieder einmal ordentlich wirthſchaften zu können, denn das müßige Leben habe ich recht von Herzen ſatt!“ „Na denn man zu“, lachte Behrens,„dann wollen wir einmal ſehen, was Sie können.“ „Nur noch Eins“, ſagte Thiodolf, indem er ſeinen Hut wieder aufgriff,„wenn Sie zu meinem Onkel 112 kommen, ſo nennen Sie den Platz nicht, an dem wir arbeiten wollen; überhaupt den Namen des Herrn van Beeker gar nicht, er könnte Verdacht ſchöpfen, denn er wurde neulich ſchon faſt wie mißtrauiſch, als ich nur einige gleichgültige Fragen an ihn richtete.“ „Nun“, meinte Behrens,„ein Geheimniß brauchen wir aus der Geſchichte nicht zu machen, denn zu ſchä⸗ men hat ſich Keiner darüber, wenn Sies aber wün⸗ ſchen, habe ich auch nichts dagegen. Nur, daß Sie bei mir arbeiten wollen, muß er indeß erfahren.“ „Gewiß, das ſchadet nichts; er ſoll überhaupt ſpäter auch wiſſen, wo es war, nur jetzt vor der Hand noch nicht, und nun, mein lieber Herr Behrens, auf Wiederſehen bis heute Abend“, und dem Mann derb die Hand drückend, verließ er das Haus. Siebentes Kapitel. An Ort und Stelle. Thiodolf befand ſich allerdings ſchon mehrere Tage in Danneburg, hatte aber doch in der Zeit mit ſehr wenig Menſchen einen engern Verkehr gehabt und war deshalb auch nur von Wenigen genau gekannt. Aber was kümmerte es ihn auch, wenn ihm ein Be⸗ kannter begegnet wäre? Er ſtand frei und unabhängig in der Welt und brauchte Niemandem Rechenſchaft über ſeine Handlungen abzulegen, und trotzdem war es ihm ein ganz eigenes Gefühl, als er an dem Morgen, ein paar alte Hoſen an, mit groben Schuhen, einem wol⸗ lenen Hemd und einem für wenige Groſchen gekauften ordinären Strohhut auf, zu Meiſter Behrens hinüber⸗ ſchritt. Er hatte ſeine Lehrzeit als Maurer wacker durch⸗ Gerſtäcker, Das Hintergebäude 8 114 gemacht, ſpäter noch ſogar eine kurze Zeit als Geſelle gearbeitet, war aber dann in die gewohnten Kreiſe zurückgetreten und, wenn er es ſich auch nicht ſelber geſtehen mochte, klebte ihm doch noch ein Theil der alten europäiſchen Vorurtheile an, nach denen ſich grobe Arbeit nicht mit dem Leben eines Gentleman verträgt. „Arbeit ſchändet nicht!“ Das iſt der Wahlſpruch, der die Vereinigten Staaten von Nordamerika ſo groß gemacht, und gewiſſermaßen haben wir uns auch, mit Gleichſtellung der verſchiedenen Claſſen, ſchon in einer Hinſicht in Deutſchland dieſem Grundſatz genähert: mit der allgemeinen Wehrpflicht, wo alle Stände feſt und einig bei einander ſtehen. Sonſt aber ſind wir noch himmelweit von dem ſo richtigen Gefühl entfernt und es giebt zum Beiſpiel Tauſende von Menſchen, die ſich ſchon etwas zu vergeben und ihre Würde zu ſchä⸗ digen glauben, wenn ſie nur ein Packet über die Straße tragen ſollten. Thiodolf gehörte nun allerdings nicht zu dieſen Letzteren; ein klein wenig unbehaglich fühlte er ſich aber trotzdem in ſeiner neuen Tracht und war froh, als er endlich Meiſter Behrens Haus erreichte. Dort ſtand ihm aber noch eine Ueberraſchung bevor. So wie er nur die Hausthür öffnete und den untern Vor⸗ dõôqäͤäͤäͤäͤͤ 115 ſaal betrat, kam aus der nächſten Thür Elſe Behrens, das wunderhübſche Töchterchen des Meiſters und be⸗ trachtete ſich den jungen Mann, der doch nicht recht wie ein gewöhnlicher Geſell ausſah, etwas erſtaunt. Thiodolf war blutroth geworden, denn er ſtand ihr, ſeiner Meinung nach, in dieſem Augenblick gerade nicht vortheilhaft gegenüber, aber es konnte eben nichts mehr helfen. „Herr Behrens zu Hauſe, mein Fräulein?“ „Mein Vater? Allerdings; bitte, warten Sie einen Augenblick, ich werde ihn gleich herausrufen“, und ſie ließ Thiodolf, der mit einem halben Lächeln ſeine Unterlippe zwiſchen die Zähne nahm, auf dem Vorplatz ſtehen. Behrens ließ aber nicht lange auf ſich warten; ſeine Tochter brauchte außerdem nicht zu wiſſen, wer mit ihm auf die Arbeit ging. Die Lehrlinge waren mit dem nöthigen Werkzeug ſchon voraus und kaum zehn Minuten ſpäter erreichten ſie das Haus des Herrn van Beeker, wo ſie, auf ein beſtimmtes Zeichen, das Beh⸗ rens gab, raſch Eintritt fanden. Thiodolf war es ein merkwürdiges Gefühl, als er das ziemlich elegant eingerichtete Haus betrat und die Thür wieder hinter ſich ins Schloß fallen hörte; das Bewußtſein, daß er ſich hier doch nur eigentlich eingeſchlichen hatte, um ein Familiengeheimniß zu er⸗ g⸗ —— 116 forſchen, lag drückend auf ihm, und wenn er ſich auch keiner unredlichen Abſicht bewußt war, konnte er ſich doch nicht verhehlen, daß er nicht auf geraden Wegen wandle, und das eben entſprach ſeinem ſonſt ſo offenen und ehrlichen Charakter nicht. Aber er konnte jetzt auch nicht mehr zurück, denn durch was hätte er ſich bei Meiſter Behrens entſchuldigen wollen? Nur heim⸗ lich nahm er ſich vor, ſich um nichts zu kümmern, was er auch im Hauſe ſah, Das ausgenommen, was ihm von vornherein das eigentliche Intereſſe eingeflößt: die Bauart des alten Hintergebäudes. Herr van Beeker ſtieg, als er den Meiſter kommen hörte, da ihm die Lehrlinge ſchon gemeldet, daß er ihnen auf dem Fuße folge, die Treppe herunter und begrüßte Behrens mit ein paar freundlichen Worten. Thiodolf fürchtete dabei, daß er ihn erkennen würde, denn ſie hatten ja neulich im Goldenen Löwen an einem Tiſch dinirt, Beeker ihn aber dort wohl kaum beachtet; wenigſtens glitt ſein Blick jetzt gleichgiltig über ihn hin. Es war ein Gehülfe, mit dem er ja nicht zu verkehren brauchte, und ſich nur mit dem Meiſter beſprechend, ſchritt er mit dieſem aus der Hinterthür heraus, quer über den kleinen engen Hof, um an Ort und Stelle noch einmal die Angabe zu machen und jedes Mißverſtändniß zu vermeiden. 117 Der Hof— und Thiodolfs Blick ſchweifte raſch darin umher— mochte kaum zwanzig Schritt im Quadrat halten, und war von allen Seiten durch zu dem Hauſe ſelber gehörigem Anbau ſo unſchloſſen, daß kein Nachbar einen Blick hinein werfen konnte. Das Hintergebäude blieb ſolcher Art nur in der Mitte durch den Hof von dem Vorderhaus getrennt, ſonſt aber an beiden Seiten durch einen Gang oder durch Stuben mit ihm verbunden; es ließ ſich das von hier aus nicht genau erkennen. Er behielt auch keine lange Zeit ſich umzuſehen, denn ſie traten ſchon durch eine Thür in das Hinterhaus ein, das hier aber ſehr ver⸗ nachläſſigt ſchien und wohl nur zu Hauszwecken be⸗ nutzt wurde. Rechts, ſobald ſie eintraten, befand ſich ein großes geräumiges Waſchhaus, links ſchien eine Kohlen⸗ kammer zu liegen, und dieſe Räumlichkeit überhaupt nur von der Dienerſchaft betreten zu werden. Ein ſchmaler Gang führte hier hindurch, aber nur auf eine geſchloſſene Thür zu, die wahrſcheinlich nie ge⸗ öffnet wurde, denn es lag ein Balken ſchräg davor, der in eiſernen Klammern ruhte und mit Staub dicht bedeckt war. Rechts führte eine ſchmale, ja ſogar ziem⸗ lich enge Treppe hinan, auf der kaum zwei Perſonen neben einander Platz fanden, während ſie nur ein —— 118 dürftiges, kaum genügendes Licht von oben erhielt. Erſt als ſie den erſten Stock erreichten, wurde der Gang durch ein ſchmales, aber hohes Fenſter beleuchtet, vor dem eine alte ſtaubige Gardine hing, während rechts und links wieder zwei ungleiche Treppen oder Stiegen, die eine mit ſechs Stufen, die andere mit zehn oder elf, nach verſchiedenen Seiten in die Höhe führten. Das war die Räumlichkeit, nach der er ſich ge⸗ ſehnt; jenes Fenſter lag jedenfalls nach dem Reſtau⸗ rationsgarten der„Krone“, hinaus, aber ſo hoch über den Dielen, daß es nur mit einer kleinen Leiter zu erreichen geweſen wäre, und wie verwickelt ſchien über⸗ haupt der ganze Bau. Im Dunklen wäre es voll— ſtändig unmöglich geweſen, ſich zurecht zu finden, ſelbſt wenn man die Localitäten genau kannte.. Auch Meiſter Behrens ſchüttelte, als er da oben ankam, den Kopf und ſagte, mehr zu ſich ſelber, als zu Herrn van Beeker redend: „Das iſt das verrückteſte Gebäude, das ich in meinem ganzen Leben geſehen habe, und ſieht genau ſo aus, als ob ſämmtliche Etagen durch ein plötzliches Erdbeben zuſammengeſchüttelt wären.“ „Das Grundſtück“, ſagte Herr van Beeker,„hat früher drei Eigenthümey gehabt, und war von ihnen hhööhhöhöhöhöſſſſſſſſſſſſſſ +—— 119 5 verſchieden aufgebaut worden. Der letzte vor mir kaufte die drei zuſammen und ließ eine gemeinſchaft⸗ liche Fronte aufführen, die drei Hintergebäude aber, ſo gut es eben gehen wollte, verbinden, und daher mag dieſe Verwirrung entſtanden ſein, die ich jetzt wenigſtens in einem kleinen Maßſtab wieder haben ſollte, denn um das Ganze zu ordnen, müßte man auch alles niederreißen laſſen, was mir aber nicht paßt.“ Er war, während er ſprach, vorangegangen, ſo daß Thiodolf die Worte nur undeutlich verſtehen konnte; und erreichte jetzt, wieder eine jener Stufen hinabſteigend, eine andere Gruppe von Zimmern, wo ſchon eine Zwiſchenmauer eingeriſſen war, und die Lehrlinge ſie erwarteten. Hier hatte man, wie Thiodolf raſch überſah, durch den Ueberbau einer andern kleinen Treppe, die Gott weiß wohin, aber wieder nach unten führte, eine Art von Boden für eine größere Stube gewonnen, oben rechts war eine andere kleine Kammer, die faſt in der Luft gehangen haben mußte, ſo weit abge⸗ riſſen worden, als die einſpringende Ecke hier gebraucht wurde. Das ſollte jetzt durch eine feſte Mauer ge⸗ ſtützt und ausgefüllt werden, wodurch wieder ein kleiner offener Raum, als unmöglich ihn zu benutzen, verſetzt werden mußte; aber was ſchadete das auch, —— —--— 120 Raum gab es hier im Ueberfluß, und es ſchien dem jungen Architekten auffallend, daß nicht einmal der zehnte Theil davon benutzt wurde. Weshalb alſo die Arbeit jetzt mit dieſem Gemach, das dabei ebenſo wenig, ſo weit er bis jetzt wenigſtens bemerken konnte, mit dem übrigen Haus in irgend welcher Verbindung ſtand. Er war aber nicht hergerufen worden, um bei einer beabſichtigten Bauänderung ſeinen Rath zu geben, ſondern einfach, das ſchon Berathene und Angeordnete auszuführen. Behrens ſchien auch genau Beſcheid zu wiſſen, und ſelbſt was Herr van Beeker hier noch be⸗ ſtimmte, mußte ſchon vorher beſprochen ſein. Er nickte dabei nur mit dem Kopfe und befahl dann ſeinen Lehrlingen, den Lehm unten wieder anzufeuchten und heraufzubringen. Van Beeker zog ſich auch bald dar— auf, dem Meiſter die Ausführung des Ganzen allein überlaſſend, zurück und Thiodolf ging, ſeinem Vorſatz getreu, ſcharf an die Arbeit, ohne ſich um weiter etwas zu kümmern. Er verſtand ſein Geſchäft aus dem Grunde und die Arbeit förderte, daß Behrens ſeine Freude daran hatte. So verging der erſte Tag in ruhiger Thätigkeit und als Thiodolf Abends zu ſeinem Onkel kam und erzählen ſollte, wie es ihm ergangen, wurde er ordent⸗ ———— 121 lich ein wenig roth, denn er mochte doch nicht bekennen, und ſein Onkel durfte ja auch nichts davon wiſſen, daß er ſich in ein wenig ſehr vorſchneller Weiſe und höchſt unnöthig eine Arbeit aufgeladen, die ihn ſelber nur Geld und Zeit koſtete, ohne daß er einen weitern Vortheil als den dabei hatte, ſich wieder einmal in ſeinem alten Geſchäft zu üben. Er ſah allerdings da⸗ bei einen Theil der innern Einrichtung des alten Hintergebäudes, fand aber, wie das im Leben ſo häufig geſchieht, daß Alles Das, was er ſich von Außen ſehr poetiſch-phantaſtiſch gedacht, in Wirklichkeit nichts weiter war, als ein altes ſehr proſaiſches Gemäuer, das wohl der Mühe gelohnt hätte, es einmal zu be⸗ trachten, aber wahrlich nicht drei Tage ſchwer dafür zu arbeiten. Wie die Sache indeß ſtand, mußte die einmal begonnene Arbeit nun auch durchgeführt werden, denn er durfte unter keiner Bedingung dem alten Maurer⸗ meiſter ſein gegebenes Wort brechen. Am anderen Morgen fand er ſich denn auch wieder pünktlich ein und wieder empfing ihn, wie ge⸗ ſtern, Elſe, des alten Behrens liebliches Töchterlein, aber heute viel freundlicher als geſtern, denn der Vater mußte ihr jedenfalls erzählt haben, wer der junge Mann eigentlich ſei. Anſtatt ihn alſo wie geſtern auf ——,— 122 dem Vorſaal ſtehen zu laſſen, lud ſie ihn artig ein, doch ſo lange in das Zimmer zu treten, bis der Vater, der noch eine Abrechnung gehabt hatte und dadurch aufgehalten war, fertig ſei. Elſe war wirklich ein liebliches Kind, von etwa achtzehn oder neunzehn Jahren, und ein leiſes Er⸗ röthen, wie ſie mit ſich kämpfte, ob ſie ſich wegen geſtern bei dem fremden jungen Mann entſchuldigen müſſe oder nicht, machte ſie noch viel hübſcher. Sie brachte es aber doch nicht über ihre Lippen, ſie wußte nicht, wie ſie es anfangen ſollte, und als ſie Thiodolf bat, Platz zu nehmen, und dieſer jetzt lachend ſagte, daß das in ſeinen Arbeitskleidern doch nicht gut anging, wurde ſie nur noch verlegener. Thiodolf warf indeſſen den Blick im Zimmer um⸗ her und mußte ſich geſtehen, lange keine ſo behäbige, gemüthliche Stube geſehen zu haben, wie die Wohn⸗ ſtube des Meiſter Behrens, in der ſogar ein gewiſſer Luxus nicht fehlte, aber nur da auftrat, wo er zugleich zur Bequemlichkeit der Bewohner diente. An den Wänden hingen, allerdings eingerahmt, verſchiedene Riſſe von Gebäuden, aber auch einige recht gute Oelgemälde und Stahlſtiche, wie auch einzelne Photographien der Familie. Und wie ſauber Alles dabei, und zwar zu noch ſo früher Stunde, ausſah, — —— ——— 123 wie nett und adrett und das junge Mädchen ſelber dabei in ihrem einfachen ſaubern Hauskleid und mit der ſchneeweißen Schürze war, man hätte es kokett nennen können, wäre nicht Alles an ihr gerade ſo natürlich geweſen. Junge Damen ſind aber trotzdem nur in ſeltenen Fällen von dem irrigen Gedanken abzubringen, daß ſie in voller Toilette, mit allem oft ſo albernen Firlefanz der neueſten Mode überhangen, hübſcher ausſehen, als im einfachen Hauskleid. Ein vernünftiger Mann wird ſich durch die erſtere nie täuſchen laſſen, da er außer⸗ dem nicht einmal weiß, was an derſelben falſch oder echt iſt. Anders ſtellt ſich das aber im Hauskleid, und je einfacher ſich deshalb unſere Mode geſtaltet, deſto hübſcher werden unſere Frauen und Mädchen werden. Meiſter Behrens ließ indeß dem jungen Manne keine lange Zeit zu ſolchen Betrachungen, und wenige Minuten ſpäter ſchon ſchritt er mit ſeinem jungen Freund dem Arbeitsplatz von geſtern wieder zu, wo ſie denn auch ohne Weiteres von Neuem begannen. Die Arbeit ſelber erforderte inſofern viel Genauig⸗ keit, da zwei kleine Gemächer, von denen das eine wohl ein halbes Jahrhundert unbewohnt geweſen, zu einem größern verbunden werden ſollten, und die bis⸗ —————õqÿgy· 124 herige Zwiſchenmauer, um das Haus nicht zu gefährden, durch einen weiten Bogen erſetzt werden mußte. Des⸗ halb war auch die ganze Arbeit ſo drängend geweſen. Die Ermittelung der Hauptſtelle zeigte ſich dabei eben⸗ falls nicht leicht, da man der verrückten Bauart wegen nicht einmal von einer Etage auf die andere ſchließen konnte. Die früheren Baumeiſter hatten Alles kreuz und quer geſtellt. Das eine kleine Zimmer, das jetzt die vordere Hälfte des größern bilden ſollte, war bewohnt geweſen, und allem Anſchein nach noch ganz kürzlich; die Tapete hatte man allerdings ſchon vorher abgeriſſen, aber einzelne kleine, noch umherliegende Fetzen zeigten, daß ſie ſehr elegant und auch verhältnißmäßig neu geweſen, und eine mit grober Leinwand benagelte Fläche konnte recht gut eine dahinter liegende Thür verbergen. Thiodolf bemerkte das wohl, achtete aber nicht beſonders darauf, und machte ſich nur mit ſeiner Arbeit, die ihn vollſtändig beſchäftigte, zu thun, griff ſie auch heute viel fröhlicher an als geſtern, wo ihm das Ganze doch noch etwas ungewohnt geweſen, und als Meiſter Behrens gegen Mittag nach Hauſe ging, denn er ſelber hatte ſich ſein Mittagseſſen mitgenommen, um nicht ſo oft über die Straße zu müſſen, und die beiden Jungen bekamen es geſchickt, trillerte er ganz ——— 125 fröhlich ein kleines Lied nach dem andern vor ſich hin. Unwillkürlich kam ihm dabei der Gedanke an die eigen⸗ thümliche Situation, in der er ſich hier befand. In einem unbekannten Hauſe, von dem das wunderliche Gerücht ging, daß ein ſchönes Mädchen darin gefangen gehalten würde, ſtand er hier als Maurer, und wenn er auch nicht dazu verwandt wurde, ſie vom Leben abzuſchließen und lebendig zu begraben, ja ſogar eine Stube, vielleicht für ſie, erweiterte, fiel ihm unwillkürlich ein überhaupt zu dem Hämmern paſſendes Lied ein:„Nicht verzaget, nicht verzaget, treue Freunde ſind Dir nah!“ ſang er aus„Maurer und Schloſſer“ mit lachender Stimme vor ſich hin, und ſonderbarer Weiſe dachte er ſich dabei Elſe, des Maurer⸗ meiſter Behrens reizendes Töchterlein hinter der Mauer als die Gefangene, die zu befreien er gekommen wäre. Die beiden Lehrjungen waren eben nach unten ge⸗ gangen, um friſchen Lehm heraufzuholen, und Thio⸗ dolf ganz allein in dem öden Raum emſig mit ſeiner Arbeit beſchäftigt, als er plötzlich erſtaunt den Kopf wandte, denn es war ihm genau ſo, als ob Jemand, wenn auch mit unterdrückter Stimme, ſeinen eigenen Namen gerufen hätte—„Thiodolf.“ Er horchte einen Moment, aber Alles war todten⸗ ſtill; von den Lehrjungen konnte es Keiner geweſen — 126 ſein, und der Meiſter, den er gebeten hatte, ihn vor den Jungen ſo zu nennen und nicht mit Herr Pleſſen anzureden, war ja nach Hauſe zum Eſſen gegangen. Er mußte ſich jedenfalls getäuſcht haben, ſchüttelte nur langſam den Kopf und begann ſeine Arbeit und ſein Lied aufs Neue. „Thiodolf“, flüſterte da die Stimme wieder, aber deutlicher als vorher, und jetzt warf er ſeinen Hammer fort und ſprang überraſcht, ja faſt erſchreckt empor, denn diesmal wußte er beſtimmt, daß es keine Täu⸗ ſchung ſein konnte; aber woher drang die Stimme und wie kannte ſie ſeinen Namen? Er ſah ſich erſtaunt in dem ganzen, nicht über⸗ mäßig großen Raum um; der Klang war von der dem Ausgang entgegengeſetzten Seite gekommen, aber dort auch nicht das Geringſte zu erkennen, und bis jetzt hatte er auch noch keinen Ausgang dahinzu ent⸗ deckt. „Bſt“, flüſterte es jetzt wieder, und er fühlte ordentlich, wie in dem Moment ſein Herzſchlag ſtockte. Dorthin aber, wohin ſich jetzt, dem letzten Klang folgend, ſein Auge wandte, befand ſich jener, mit grober Leinwand vernagelte Platz, und wie er einen Augenblick gehorcht, ob die Jungen nicht etwa jetzt 127 zurückkämen, glitt er auf den Fußſpitzen jener Stelle zu. „Iſt Jemand hier?“ „Sind Sie allein?“ frug eine zarte weibliche Stimme zurück. „Ja, aber wer ſind Sie? was kann ich thun?“ „Retten Sie mich.“ Draußen polterte es wieder die Stiegen herauf; die Jungen kamen mit dem Lehm und mit einem warnenden Zuruf, ſich bis nachher ſtill zu verhalten, ſchritt Thiodolf zu ſeiner Arbeit zurück. Aber der Kopf wirbelte ihm von all' den Gedanken, die darin umherzuckten zer ſtand an der Schwelle eines düſtern Geheimniſſes, vielleicht eines Verbrechens, und was konnte er jetzt thun, um jene Unglückliche zu retten, während er ſie vielleicht durch unvorſichtiges oder über⸗ eiltes Handeln einer noch größern Gefahr ausſetzte, ja möglicher Weiſe ſelbſt ihr Leben bedrohte? Vor allen Dingen mußten die Jungen wieder entfernt werden, um hier oben für eine Weile freien Raum zu behalten, und das war leicht geſchehen, denn es fand ſich bald ein Auftrag, der ſie wieder in den Hof ſandte und dort eine zeitlang beſchäftigte. Kaum hatten ſie aber den obern Theil der Wohnung aufs Neue verlaſſen, als Thiodolf auch wieder zu der — ¹ alten Leinwand zurückkehrte und dort mit leiſe pochendem Finger das Zeichen gab. Die Antwort ließ auch nicht lange auf ſich warten. „Sind ſie fort?“ „Ja, aber was verlangen Sie von mir?“ „Retten Sie mich aus dieſem Haus, wenn Sie ein Herz in der Bruſt haben.“ „Aber wie iſt das möglich?“ „Ich weiß es nicht“, ſeufzte die Stimme zurück, „ich kann nicht mehr denken, ich bin verloren, wenn mir Niemand hilft.“ Thiodolf war eine viel zu praktiſche Natur, um ſich unnützer Weiſe bei langen Erklärungen aufzuhalten. „Iſt hier ein Eingang?“ „Ja, eine Thür, aber jetzt verſchloſſen; früher hatte ich das andere Zimmer noch zu meinem Gebrauch.“ „Es wird jetzt vergrößert.“ „So wurde mir geſagt, nur ein größerer Kerker.“ „Haben Sie Fenſter nach außen?“ „Ja, aber von innen vergittert.“ „Iſt dieſe Thür zu öffnen?“ „Sie hat keinen Riegel von innen, nur ein Schloß.“ „Es kommt Jemand“, flüſterte Thiodolf zurück, „haben Sie guten Muth Morgen früh ſage ich Ihnen Antwort.“ 129 Die Jungen kamen wieder herauf und ihnen folgte auch bald Meiſter Behrens ſelber, dem wohl daran lag, dieſe Arbeit hier ſo raſch als möglich zu fördern. Thiodolf befand ſich aber in peinlichſter Ver⸗ legenheit, denn er wußte nicht, ob er Behrens von dem Erlebten Mittheilung machen ſolle oder nicht, aber ein geſprochenes Wort iſt nicht mehr zurückzu⸗ nehmen, und er beſchloß deshalb, vor der Hand noch zu warten und jetzt erſt einmal, ſo weit ihm das möglich war, das Terrain hier herum zu unterſuchen. Da die Jungen heute Morgen eine Leiter mitge⸗ bracht, ſo war es ihm möglich geworden, einen Blick aus dem Fenſter zu werfen, wo er ſich dann bald überzeugte, daß dieſe Front genau nach der„Krone“ auslief. Er war auch noch geſtern Abend dort ge⸗ weſen, und hatte das lange Fenſter, alſo den genauen Punkt, wo er jetzt arbeitete, gefunden, aber doch noch nicht heraus bekommen können, wo die Thür mündete. Aber er wußte ſich auf der Spur und das Uebrige mußte ſich ſchon herausſtellen. Heute wurde ihm indeß keine Gelegenheit mehr geboten, mit der Gefangenen ein Wort zu wechſeln. Meiſter Behrens verließ ihn nicht wieder und in der That förderte die Arbeit auch nicht ſo raſch, als Behrens im Anfang geglaubt hatte. Thiodolf war Gerſtäcker, Das Hintergebäude. 9 ——— ↄ— aber gar nicht ſo unzufrieden damit; das Geheimniß⸗ volle der ganzen Situation feſſelte ihn; er fühlte, daß er die Arbeit nicht umſonſt unternommen hatte und dafür belohnt werden ſollte, und er beſchloß nun, heute Abend jedenfalls den Doctor aufzuſuchen, um dieſem vor allen Dingen ſeine Entdeckung mitzutheilen und mit ihm das Nähere zu beſprechen. Er wußte, daß er an Gieſelbrecht eine treue Hülfe fand und daß dieſer Feuer und Flamme dafür ſein würde, verſtand ſich von ſelbſt. Als ſie ihre Arbeit beendet und das Haus verließen, begleitete ſie Herr van Beeker, wie er das auch geſtern gethan, wieder bis an die Thür, was ſicher nicht aus Höflichkeit geſchah. Er wollte jedenfalls aufpaſſen, wie ſich Thiodoif jetzt wenigſtens dachte, daß Niemand zurückblieb, und hinter ihnen wurden dann die ſchweren Riegel vorgeſchoben. In Doctor Gieſelbrecht hatte ſich Thiodolf übrigens nicht geirrt. Der Mann war ganz außer ſich, als er von der gemachten Entdeckung hörte, die ſeine Ver⸗ muthung beſtätigte und den Stadtrath völlig blosſtellte und konnte nur mit Mühe davon zurückgehalten werden, ſchon in ſeiner nächſten Nummer einen vorläufigen Triumphſchrei auszuſtoßen. Dadurch hätte aber Alles verdorben werden können und ſelbſt die leiſeſte An⸗ 131 deutung mußte vermieden werden, bis ſie nicht feſte und ſichere Beweiſe in Händen hatten, aber die hofften ſie jetzt zu erlangen. Gewiſſes konnte Thiodolf dem Redacteur des f Danneburger Journals allerdings nicht bieten, denn 3 er hatte ſich mit den örtlichen Verhältniſſen noch nicht vollkommen genau bekannt gemacht, und das mußte jedenfalls vorher geſchehen. Aber ihr Verdacht war in jeder Hinſicht beſtätigt worden und das Andere dann doch nur Kleinigkeit. Gieſelbrecht erklärte ſich dabei augenblicklich bereit, die junge Unglückliche, wenn es ihnen gelang, ſie zu befreien, zu einer kleinen benach⸗ 5 barten Stadt zu begleiten, wo er einen intimen Freund hatte, der Förſter war und die nun Befreite mit Freuden in ſeinen Schutz nehmen würde. Nachher aber ſollte es ſeine Sorge ſein, hier die Sache zur Sprache zu bringen und zu vertreten. Durch den vortrefflichen Abſatz ſeines Blattes war er überhaupt ſchon ſo ziemlich unabhängig geſtellt und die Rückſicht, die er in früheren Jahren zu nehmen gehabt, dadurch 5 weggefallen. Jetzt fühlte er ſich ein freier Mann, und daß ſein Blatt durch dieſe Senſationsgeſchichte noch einen vollen und neuen Aufſchwung nahm, verſtand ſich von ſelbſt, ohne das Romantiſche der ganzen Sache. 3„ Achtes Kapitel. Vorbereitungen. Doctor Gieſelbrecht war aber nicht allein eine poe⸗ tiſche, er war auch eine praktiſche Natur und ſchlug Thiodolf jetzt vor, ſofort noch einmal den Garten der „Krone“ zu beſuchen, um ſich über das Terrain zu ver⸗ ſtändigen, damit er ſelber ein wenig Beſcheid wiſſe. Da nun Thiodolf ebenfalls daran lag, beſonders jene Thür, die er von innen bemerkt, auch von außen zu unter⸗ ſuchen, ſagte er gern zu, konnte aber nicht gleich mit⸗ gehen, ſondern mußte erſt noch nach Hauſe zu ſeinem Onkel, um ſeine Arbeitskleider abzulegen und zu Abend zu eſſen; verſprach aber punkt halb zehn Uhr, wo der alte Stadtſchreiber ſtets zu Bette ging, mit dem Doctor in der„Krone“ zuſammenzutreffen und da dann der — 133 Mond ſchon auf war, konnten ſie nachher leicht eine Recognoscirungstour unternehmen. Etwas nach halb zehn traf Thiodolf an dem be⸗ zeichneten Orte ein und die beiden Herren gingen jetzt in den nur noch ſpärlich beſetzten Garten; die Abende wurden doch ſchon recht kühl und die meiſten der Gäſte zogen es vor, ſie in dem warmen, wenn auch von faſt unerträglichem Tabaksqualm angefüllten Reſtaurations⸗ zimmer zu verbringen. Im Garten ließen ſie ſich an einem der abſeits gelegenen Tiſche nieder, von wo aus ſie aber das alte Hintergebäude, auf das der Mond ſein volles Licht warf, unmittelbar vor ſich hatten und es genau überſehen konnten. Hier fand Thiodolf ohne weitere Schwierigkeit das eine hohe und ſchmale Fenſter, es war kein an⸗ deres derartiges am ganzen Haus, und darunter ließ ſich dann auch, allerdings durch einen Hollunderbaum halb verdeckt, die hölzerne Thür entdecken, die, wie es ſchien, von hier aus den einzigen Eingang ermöglichte, jetzt aber ja von innen verrammelt war. Rechts von dem hohen Fenſter und ſo viel tiefer, als genau von dort, wo Thiodolf die Stimme gehört, lagen zwei ziem⸗ lich gleiche Fenſter neben einander, und das äußerſte von dieſen war, wie er ſich recht gut erinnerte, das A₰ ͤ=q 134 nämliche, an dem er früher die Bewegung der Gardine 3 bemerkt; es blieb alſo gar keinem Zweifel unterworfen, daß dort auch das unglückliche Opfer gefangen gehalten ’ wurde. In einer dunkeln Nacht hätte man nun recht gut eine Leiter an dieſe gar nicht etwa ſehr hohen Fenſter bringen können, aber die Fenſter ſollten ja, wie die Unglückliche geſagt, von innen vergittert ſein. Da blieb ihnen denn keine weitere Hoffnung als die untere Thür, und dieſe mußten ſie jetzt vor allen Dingen unterſuchen. Das hatte auch nur geringe Schwierigkeit, denn eine ſchmale Gatterthür führte auf den Hof hinaus. Durch dieſe verließen ſie langſam und mitſammen plaudernd 5 6 den Garten und ſchritten ein paar Mal dort, wie den 3 ſchönen Abend genießend, auf und ab, bis ſie ſich un⸗ bemerkt glaubten, und es hatte wohl überhaupt kaum irgend wer auf ſie geachtet, und nun unter den Schutz des Hollunderbaumes glitten, wo ſie vollkommen gedeckt ſtanden und ihre Unterſuchung in aller Ruhe beenden konnten.. Die Thür ging nach innen auf; das alte Schloß* ſchien aber verwittert genug und ſogar von hier aus ließ ſich mit dem Finger fühlen, daß es nur eines ſchmalen Meiſels bedürfe, um es ſelbſt von außen zu öffnen. Allerdings würde ihnen dann noch der innen —— quer vorliegende Balken den Eintritt verwehrt haben, denn viel⸗Spectakel durften ſie überhaupt nicht machen; aber den glaubte Thiodolf entfernen zu können, und gelang das, dann ſtand ihrem Eintritt in das Haus wenig oder gar nichts mehr im Wege. Hier unten kam Abends wohl keiner der Dienerſchaft mehr her, und daß jene Stube, welche die Unglückliche bewohnte, einen Zugang von der vordern erſten Etage hatte, verſtand ſich von ſelbſt.. Heute Abend war natürlich gar nichts mehr an der Sache zu thun. Vor allen Dingen mußte Thio⸗ dolf noch einmal Gelegenheit ſuchen, um die Gefangene zu ſprechen und Näheres von ihr ſelber zu hören; viel⸗ leicht nannte ſie einen Platz, wohin ſie geführt zu wer⸗ den wünſche oder war im Stande, einen Freund zu nennen, den man herbeirufen könne; ja Thio⸗ dolf warf ſogar, als ſie das Haus wieder verließen und in die belebte Straße einbogen, die Frage auf, ob man ſich überhaupt mit der ganzen Sache weiter befaſſen ſollte, oder einfach die Anzeige auf der Polizei zu machen und dann beſtimmt auf eine Hausſuchung zu dringen. Davon wollte aber Doctor Gieſelbrecht durchaus nichts wiſſen. „Mein beſter Herr“, ſagte er leidenſchaftlich, aber trotzdem mit unterdrückter Stimme,„ich weiß aus ———— ꝗö— 8 136 zuverläſſiger Quelle, daß der alte Herr van Beeker viele und faſt geheime Unterredungen mit dem Polizeidirec⸗ tor gehabt hat. Nun ſind nur zwei Fälle möglich: der Polizeidirector weiß von der ganzen Sache und will es nicht wiſſen und dann dürfen Sie ſich darauf ver⸗ laſſen, daß gerade der Betreffende der Erſte wäre, der einen Wink bekäme, und wir bei zehnmaligem Unter⸗ ſuchen nicht das Geringſte fänden, oder er weiß wirk⸗ lich nichts davon, dann läge es aber in ſeinem höchſten Intereſſe, daß die Sache nicht an die Oeffentlichkeit käme, denn es wäre ihm dabei bewieſen, daß er nicht allein ſein Amt ſchlecht verwaltet, ja ſogar die öffent⸗ liche Stimme, die das Verbrechen bloslegen wollte, vorſätzlich unterdrückt hätte und ſeine Stellung wäre ſelbſtverſtändlich unhaltbar.“ „Und Sie glauben, daß ſie bei Ihrem Freunde gut aufgehoben wäre?“ „Wie im Vaterhaus, dafür ſtehe ich ein und an ein Durchſtecken meines Förſters oder ſeiner kleinen Frau mit dem hieſigen Polizeidirector iſt kein Gedanke.“ „Den Förſter müßten Sie aber doch vorher in Kenntniß ſetzen.“ „Dem werde ich allerdings gleich morgen früh ſchreiben, und ihn wenigſtens vorbereiten; dann aber iſt es deſto dringender geboten, kein Wort von der 137 ganzen Sache gegen irgend einen Andern zu äußern, bis wir nicht unſeres Erfolgs vollkommen ſicher ſind, oder, wir blamiren uns am Ende, und das wäre das Schlimmſte, was uns paſſiren könnte.“ Thiodolf war eine ganze Weile ſchweigend und nachdenkend neben dem Doctor hingeſchritten, jetzt ſagte er endlich: „Lieber Doctor, daß mich Das gerade bis jetzt ausſchließlich beſchäftigt hat, wiſſen Sie ſo gut wie ich, und ebenſo, daß ich nur der Unglücklichen wegen dieſe Arbeit unternommen. Es wäre aber dann morgen Abend der letzte Termin, denn wenn nicht ſchon morgen Abend, beenden wir doch ſpäteſtens bis über morgen früh un⸗ ſere Arbeit, und von da an bleibt uns natürlich das Haus wieder verſchloſſen.“ „Aber Sie verlaſſen es ſchon immer mit der Däm⸗ merung und dann iſt es noch zu früh.“ „Ich will ſehen, ob ich Gelegenheit bekomme, von innen den Querbalken an jener Thür zu entfernen. Geſchieht das unbemerkt, ſo können wir das Hinter⸗ gebäude nachher zu jeder Stunde der Nacht betreten.“ 4 „Und glauben Sie nicht, daß Herr van Beeker ſeinen Kerker jeden Abend revidirt?“ Aller Wahrſcheinlichkeit nach thut er das, aber doch gewiß nicht mehr nach zehn Uhr, und dort hinunter 138 kommt er überhaupt wohl nur in Ausnahmefällen. Un⸗ mittelbar nach zehn Uhr gehen wir aber an die Arbeit; willigt die junge Dame, die ich morgen noch werde zu ſprechen ſuchen, in die Flucht, um die ſie mich heute eigentlich ſchon angefleht, und woran ich keinen Augenblick zweifle, dann gehe ich hinauf, um ſie abzuholen, denn mit dem Terrain bin ich genau bekannt, bringe ſie hier an die Thür, Sie müſſen Ihren Wagen bereit haben und unſer Plan iſt geglückt.“. „Wenn wir aber vor der Hand entdeckt werden,“ ſagte der Doctor.. „Das wäre allerdings ein verwünſchter Streich,“ nickte Thiodolf langſam vor ſich hin,„und nichts weniger als ein Einbruch in ein fremdes Haus, aber doch im⸗ mer nicht ſo gefährlich, wie es vielleicht ausſieht. Herr van Beeker mit den aufgedeckten Thatſachen, würde ſich wohl hüten, großen Lärm zu ſchlagen und der Magiſtrat ſelber, nach dem, was Sie mir darüber erzählt haben, hätte keine beſondere Veranlaſſung, die Sache beſonders zu verfolgen. Ich glaube, wir dürfen uns deshalb beruhigen; keinenfalls ſoll mich das zurückhalten, den Verſuch zu wagen. Sind Sie alſo bereit dazu?“ „Mit Herz und Hand!“ rief der Doctor begeiſtert aus,„denn wenn irgend Jemand außer dem unglück⸗ ——— 139 lichen Opfer dabei intereſſirt iſt, die Sache gut und glücklich durchzuführen, ſo bin Wich es.“ Am andern Morgen und es hatte noch nicht ſechs Uhr geſchlagen, klingelte Thiodolf wieder an Meiſter Behrens Thür, um ihn abzuholen, und ſo raſch wurde ihm diesmal geöffnet, als ob Jemand ſchon auf ihn ge⸗ wartet hätte. Es war Elſe, und wieder ſtand ſie ihm erröthend gegenüber, ſo daß ſelbſt der junge Mann, der ſich in ſeinen Arbeitskleidern doch nicht recht behag⸗ lich fühlte, in Verlegenheit gerieth. „Iſt Ihr Herr Papa ſchon auf, Fräulein Elſe“, ſagte er nach kurzer Pauſe,„wir haben noch viel zu thun und ich bin deshalb heute ein wenig früher als gewöhnlich gekommen.“ 4 „O ja, Herr Pleſſen“, ſagte Elſe, und ihr ganzes Geſicht glühte dabei,„Papa iſt ſogar ſchon ausgegangen, um mit ein paar Geſellen zu reden, die vielleicht wie⸗ der Arbeit nehmen wollen. Wollen Sie nicht eintreten. Papa läßt Ihnen ſagen, Sie möchten ſo gut ſein und einen Augenblick warten.“ Thiodolf vergaß faſt zu antworten, ſo verſunken war er im Anſchauen des holden Kindes, das, wie vom Roſenduft überhaucht, und doch halbverlegen vor ihm ſtand. „Ich wollte Sie, mein liebes Fräulein, eigentlich nicht ſo früh ſtören,“ ſagte er endlich,„aber wie ich jetzt ſehe, ſo ſind Sie ſchon völlig angekleidet und haben den übrigen, ſogenannten Stadtdamen etwa drei Stun⸗ den Tageszeit abgewonnen. In meinem Arbeitszeug paſſe ich freilich nicht in Ihr hübſches Zimmer.“ „Mein Vater iſt ſelber ein Handwerker“, erwiderte Elſe, aber mit einem gar ſo lieben Lächeln,„und ich — weiß recht gut, daß Sie— kein gewöhnlicher Ar⸗ beiter ſind und Papa nur aus einer Verlegenheit helfen wollen.“ „Hat er aus der Schule geſchwatzt?“ lachte Thio⸗ dolf, während er aber doch jetzt der freundlich einla⸗ denden Handbewegung Elſe's folgte und in das Zimmer trat;„eigentlich ſollte das eine Art von Geheimniß unter uns bleiben, nicht etwa, daß ich mich der Ar⸗ beit ſchämte“, ſetzte der junge Mann aber raſch hinzu, als er ſah, daß ihn Elſe wie fragend dabei anſchaute, „wahrhaftig nicht, ich bin ſtolz auf mein Gewerk, es war auch vielleicht nur der Reiz, der in jedem Geheimniß⸗ vollen liegt, und dem wir oft gar nicht widerſtehen können.“ Elſe hatte noch während er ſprach von dem ſchon fertigen Kaffee eine Taſſe eingeſchenkt und ſetzte ſie ihm jetzt mit Zucker und Sahne vor und es geſchah das mit 141 einer ſolchen Natürlichkeit, als ob es ſich von ſelbſt verſtände, daß Thiodolf die Annahme gar nicht ver⸗ weigern könnte. Und wie ſauber das zu ſo früher Stunde ſchon in dem kleinen Gemach ausſah, und wie ſich Elſe jetzt auf ihrem Stuhl ans Fenſter ſetzte und das Licht der Morgenſonne auf ihr goldenes, volles Haar fiel, daß es faſt wie ein Heiligenſchein um ihre Stirn leuchtete, da konnte ſich der junge Mann nicht erinnern, je ein ſchöneres und dabei lieberes Weſen geſehen zu haben. Unverwandt hatte dabei ſein Blick auf ihr geruht, was Elſen freilich nicht entgehen konnte. Das aber brachte ſie nur noch mehr in Verlegenheit; das Geſpräch wollte nicht ſo raſch in Gang kommen, und ſie war froh, als der Vater bald darauf zurückkehrte, und dann nach kur⸗ zer Begrüßung mit ſeinem jungen Freund das Haus verließ. Herr van Beeker empfing ſie heute wieder an der Hausthür, geleitete ſie diesmal aber nur bis an den Hof, und ſtieg dann ſeine vordere Treppe wieder hin⸗ auf. Die Leute kannten ja nun ſchon ihren Weg, und über Tag beſuchte er ſie doch verſchiedene Male. Der Meiſter ſtieg mit den Lehrlingen ohne Wei⸗ teres die ſchmale Stiege hinauf, Thiodolf aber blieb noch wenige Minuten zurück und unterſuchte, jetzt wie⸗ ——— 142 der ganz mit ſeinem Plane beſchäftigt, raſch die Has⸗ pen, welche den vor die Thür gelegten Querbalken hiel⸗ ten. Es war, wie er ſofort ſah, nur nöthig, einen von ihnen zu löſen, da ſich der Balken dann leicht zurück⸗ biegen und ausheben ließ. Zum Durchziehen zeigte ſich der Gang zu ſchmal, aber das Eiſen konnte auch allem Anſchein nach nicht ſo tief ſitzen, und mit einem lan⸗ gen Brecheiſen, das er ſich ſelber mitgebracht, überzeugte er ſich bald, daß es in wenigen Minuten herauszuheben wäre. Gleich hier lag auch noch eine Schütte Stroh, von dem ſie gebraucht, um es als Häckſel unter den Lehm zu miſchen; dieſe ſtellte er auf, lehnte ſie nachläſſig gegen den untern Haspen, und folgte dann den Ubrigen an die Arbeit. Dieſe förderte heute raſch und Herr van Beeker, der etwa um elf Uhr herüber kam, um zu ſehen, wie weit ſie wären, ſprach gegen Meiſter Behrens ſeine volle Befriedigung aus, daß er ſo wacker Wort gehal⸗ ten, und frug, ob er mit Allem heute fertig werden würde? Meiſter Behrens zuckte mit den Achſeln.„Wir wol⸗ len ſehen“, ſagte er,„jedenfalls morgen früh bei guter Zeit, und vielleicht brauchen wir dann nicht einmal Alle herzukommen.“ —— 143 Herr van Beeker hatte ſich ſchon wieder, nachdem er ſich vorher in dem Zimmer überall umgeſehen, ent⸗ fernt, und bis zum Mittageſſen wurde wacker fortge⸗ ſchafft. Kaum aber verließ der Meiſter das Haus, als Thiodolf die Jungen unter ſchon bereitem Vorwande nach unten ſchickte, denn jetzt mußte es ſich entſcheiden, wie ſich Alles geſtalten ſollte. Verſäumte er dieſen Moment, ſo durfte er die ganze Sache als geſcheitert betrachten, denn die Gelegenheit kam eben nicht wieder. Raſch glitt er zu der durch die Leinwand verdeck⸗ ten Thür und ſang dort leiſe als Zeichen ſein geſtriges Lied:„Nicht verzaget, nicht verzaget, treue Freunde ſind Dir nah.“ 5 Er ſollte auch nicht lange warten; kaum hatte er nur die erſte Strophe beendet, da klopfte Jemand da drinnen mit vorſichtigem Finger an die Holzthür und die Stimme von innen flüſterte: „Biſt Du da, Thiodolf, mein Retter?“ „Ich bin hier“, flüſterte Thiodolf zurück, indem er die Leinwand, ſo gut das gehen wollte, zur Seite bog, um die Worte beſſer zu verſtehen.„Beantworten Sie mir eins; werden Sie hier gewaltſam gefangen ge⸗ halten?“ „Ja“ „Und wollen Sie ſich mir anvertrauen?“ 144 „Ja, oh ſo gern.“ „Gut, dann ſeien Sie heute Abennd um zehn Uhr zur Flucht bereit, ich hole Sie ab—.“ „Aber im andern Zimmer vorn ſglaß meine Wär⸗ terin.“ „Können Sie dieſe Thür öffnen?“ „Nein.“ „Iſt ſie verſchloſſen?“ „Ich weiß es nicht, aber jedenfalls von außen ver⸗ riegelt. Ich habe gehört, wie die Riegel vorgeſchoben wurden.“ Thiodolf verſuchte jetzt ſeine Hand hinter die Lein⸗ wand zu zwängen, was ihm auch gelang, und er über⸗ zeugte ſich dadurch wenigſtens, daß die Thür dahinter völlig frei war. Bedenklich blieb allerdings, daß eine Wär⸗ terin auf der andern Seite ſchlafen ſollte, denn konnte er die Thür nicht leiſe öffnen und hörte dieſe das Ge⸗ räuſch, ſo machte ſie jedenfalls Lärm. Aber ſelbſt die⸗ ſen ſchlimmſten Fall angenommen, konnte ſie, wenn er Alles früher vorbereitet hatte, doch lange nicht raſch genug Hülfe herbeirufen, um ihre Flucht zu verhindern. Einmal aber erſt die Befreite im Wagen, und das ganze Unternehmen war geglückt. „Warten Sie auf mich heute Abend um zehn Uhr“, flüſterte er noch einmal,„ich werde Ihnen ein Zeichen 145 geben, und wenn Alles ſicher iſt, antworten Sie. Ha⸗ ben Sie guten Muth, und jetzt ſtille, die Burſchen kom⸗ men wieder die Treppe herauf.“ Die Jungen kamen allerdings, aber Thiodolf wußte ſie nochmals zu entfernen, denn nachher blieb keine Zeit mehr, die eigentliche Thür zu unterſuchen und das war jetzt bald geſchehen. Die Nägel, welche die Leinwand hielten, ſtaken nicht etwa im Holz, ſondern, an der rechten Seite wenigſtens, nur in der Kalkwand, wo ſie mit leichter Mühe herausgezogen werden konnten. Die Leinwand war jedenfalls nur hier herübergenagelt, um die Thür den Augen der Arbeitenden zu verbergen und ſollte nachher wieder geöffnet werden, damit jenes Zimmer mit dieſem verbunden werden konnte. Vorſichtig hob er die mittleren Nägel heraus, oder lüftete ſie wenigſtens und überzeugte ſich jetzt, wo di⸗ Riegel ſaßen, die nur zurückgeſchoben zu werden brauch⸗ ten. Die Thür zeigte ſich ebenfalls verſchloſſen, wie er von hier aus deutlich erkennen konnte, denn das Schloß griff nach alter Art in eine von hier aus eingeſchla⸗ gene Haspe, welche aber leicht mit dem Brecheiſen zu he⸗ ben war, und ſeiner Sache gewiß, befeſtigte er die Lein⸗ wand wieder, daß man von außen keine Veränderung daran bemerken konnte. Jetzt kehrte Meiſter Behrens zurück und die Arbeit Gerſtäcker, Das Hintergebäude. 19 eeeee—-— 146 begaun. Erſt gegen Abend ober, und nachdem van Bee⸗ ker noch einmal den Platz beſucht hatte ging Thiodolf hinnter auf den Hof, angeblich um ein Stück yer⸗ mißtes Werkzeug zu ſuchen, und benutzte die Gelegen⸗ heit, die Krampe auszuheben, die den untern Theil des Balkens hielt. Das war allerdings nicht ſo leicht, denn das alte Eiſen ſchien eingeroſtet; endlich aber gelang es ihm doch, ſie zu lüften und den Balken herauszuziehen, dann drückte er mit ſeinem Meiſel das Schloß zurück, ſtellte vor dieſes den Balken und daran die Stroh⸗ ſchütte, und wußte die Bahn jetzt offen für die Nacht. So zufrieden war er dabei mit dem Vollbrachten, daß er, als er wieder an ſeine Arbeit ging, faſt un⸗ willkürlich das alte Lied vor ſich hinſummte und da⸗ bei gar nicht auf den Meiſter achtete, der herüber und hinüber ſchritt und das Ganze überwachte. „Hallo“, ſagte dieſer plötzlich,„das iſt doch merk⸗ würdtg, jetzt hätte ich darauf geſchworeu, Herr Pleſſen, daß irgend wer hier im Zimmer eben Ihren Vornameu Thiodolf gerufen. Haben Sie nichts gehört?“ „Ich? Gar nichts,“ ſagte der junge Mann, aber mit abſichtlich lauter Stimme,„oder“, ſetzte er lächelnd hinzu,„bin ich es vielleicht ſelber geweſen? Ich habe die etwas wunderliche Angewohnheit, manchmal, ohne 147 daß ich es weiß, mit mir ſelber zu ſprechen; unmög⸗ lich iſt es nicht.“ „Es war mir, als ob es von dieſer Seite käme.“ „Das kann doch nicht gut ſein.“ „Wenn ich abergläubiſch wäre, ſo glaubte ich ſel⸗ ber an die alten Märchen, die ſie in der Stadt von dem Haus erzählen, und daß es hier nicht ganz rich⸗ tig wäre in den Räumen. Hol' mich Dieſer und Jener, aber unheimlich ſieht es aus, und unheimlich wirds bleiben, ſelbſt wenn die Stube hier hergerichtet iſt, die nur da vorn die beiden kleinen Fenſter hat. Wozu der alte Herr die überhaupt gebrauchen will, möchte ich wahrhaftig wiſſen. Aber was geht es uns an, wenn er die Arbeit eben bezahlt; möglich ja, daß er ſie zu einem luftigen Kartoffelkeller oder einem ſonſtigen Ge⸗ laß gebraucht, um Wintervorräthe darin einzulegen.“ Behrens horchte in der That noch ein paar Mal der Richtung zu, von der er, wie es ihm vorkam, den Ruf gehört, da aber Alles ruhig blieb, achtete er ſelber nicht weiter darauf, und erſt mit ſtark einbrechender Dämmerung verließen die Leute das Haus und ihre faſt beendete Arbeit. Es blieb wenig mehr auf morgen zu thun, als aufzuräumen und das Geſchirr mit fortzu⸗ nehmen und Behrens dankte auch unterwegs Thiodolf für ſeine Hülfe und ſagte ihm, daß er ſich morgen 10 ——ę—ÿ—/——Y————Y—’ꝛ— 148 früh nicht wieder zu beläſtigen brauchte, denn was jetzt noch zu thun ſei, könne er ſelber recht gut mit den Lehrlingen fertig bringen. Dieſer aber erklärte beſtimmt, bis zum Letzten ausharren zu wollen; er habe einmal ſein Wort gegeben und gedenke das auch zu halten. In Wahrheit lag ihm aber ſelber daran, ſich morgen früh wieder in dem Haus zu zeigen, damit kein Verdacht auf ihn fallen und ſeinem Onkel Unannehmlichkeiten bereiten konnte. Außerdem war er auch ſelber neu⸗ gierig, wie ſich Herr van Beeker benehmen würde, falls er die Flucht ſeiner Gefangenen ſchon bemerkt; war das aber nicht der Fall, dann gelang es ihm vielleicht auch, in früher Morgenſtunde die Thür unten wieder von innen zu ſchließen und die hinterlaſſenen Spuren vollſtändig zu verwiſchen. Herr van Beeker hatte ſie, wie jeden Abend vor⸗ her, wieder vorn im Haus empfangen, an die Thür begleitet und dieſe hinter ihnen geſchloſſen. Thiodolf verbrachte indeß einen peinlichen Abend bei ſeinem Onkel, denn ein unruhiges Gefühl erfaßte ihn, daß Beeker noch ſpät die untern Räume viſitirt haben könnte, wo er dann unfehlbar das Oeffnen der Hinterthür entdecken müſſe. Dadurch aber wäre ihm jede Ausſicht, in das Haus zu gelangen, genommen wor⸗ den, und es blieb ihnen dann nichts weiter übrig, als 149 den ſehr proſaiſchen Weg einzuſchlagen, die Hülfe der Polizei in Anſpruch zu nehmen, denn ſein Entſchluß ſtand jetzt felſenfeſt, die unglückliche Gefangene unter jeder Bedingung zu erlöſen. Der Onkel fand ihn entſetzlich einſilbig, aber er ſchützte Kopfſchmerzen vor, und behauptete, die dumpfe Luft heute über Tag in den geſchloſſenen Räumen, wo er gearbeitet, habe ihn ganz beklommen gemacht und nur noch ein Spaziergang im Freien werde ihm gut thun. Dazu war das Wetter nun allerdings nicht ein⸗ ladend. Der Himmel hatte ſich mit dichten Wolken umzogen, ein recht häßlicher Nordweſt heulte um die Dächer und wirbelte das ſchon ſtark fallende Laub der Bäume die Straße hinab und der alte Stadtſchreiber meinte, Thiodolf könne etwas Vernünftigeres thun, als bei dem Sturm im Freien herumlaufen. Der junge Mann ließ ſich aber nicht abhalten und ſuchte jetzt, Das, was er zu ſeinem Abenteuer brauchte, ſchon bei ſich verſteckt, den Doctor auf, um dieſem Bericht zu erſtatten und das Weitere mit ihm zu bereden. Der Doctor hatte indeſſen auch ſeine Schuldigkeit gethan. Der Wagen war punkt zehn Uhr nicht an ſein Haus, ſondern, um keinen Verdacht zu erregen, an eine 150 beſtimmte Ecke in der Nähe der„Krone“ beſtellt, und da die Zeit auch jetzt heranrückte, beſchloſſen Beide, noch ein Mal in den„Goldenen Löwen“ zu gehen, um dort ein Glas Grog zu trinken und dann ihr Unternehmen auszuführen. 1 — * 4 — Neuntes Kapitel. Die Flucht. Vom alten Stadthausthurm hatte es vor etwa * fünfzehn Minuten zehn Uhr geſchlagen, als die beiden jungen Leute die Reſtauration verließen und in die ſtürmiſche Nacht hinausſchritten. Das Wetter war nichts weniger als freundlich, aber ihrem Unternehmen deſto günſtiger, denn jetzt durften ſie ſicher darauf rechnen, daß ſich in dem Gartender„Krone“ keine Seele mehr aufhielt und ſonſt ſich auch Niemand mehr auf der Straße zeigte, der nicht, ſo ſehr er konnte, eilte, — um raſch nach Hauſe zu kommen. Der Wagen hielt auch pünktlich an dem beſtimm⸗ ten Platz, ſobald ſie aber in Sicht deſſelben kamen, trennte ſich Thiodolf von dem Doctor; der Kutſcher brauchte ſie nicht zuſammen zu ſehen, und da Thiodolf 152 genau wußte, wo er ihn zu erwarten hatte, machte er ſich an ſeine immerhin gefährliche Aufgabe, das fremde düſtere Haus zu betreten, um ſein Befreiungswerk zu verſuchen. Die Angſt, die ihn auf dem Wege dahin beſchlich, daß er die früher geöffnete Thür vielleicht wieder ver⸗ rammelt fände, zeigte ſich aber bald als unnütz. Wie er in den dunklen Schatten des Hollunderbaumes glitt und dabei ſchon die ſchweren Tropfen eines beginnen⸗ den kalten Regenſchauers fühlte, gab die nur ange⸗ lehnte Thür ſeinem Druck nach, und mit dem Arm hineingreifend, daß er den Balken faſſen und geräuſch⸗ los bei Seite lehnen konnte, gelang ihm auch das. Nur die umfallende Schütte Stroh raſchelte, aber das Geräuſch war vorn im Haus natürlich nicht zu hören. Jetzt ſah er ſich im innern Raum und wie ihm das Herz pochte, als er den engen Gang entlang ſchaute und alle ſeine Sinne anſtrengte, um zu hören, ob irgend ein Lauſcher in der Nähe ſei und eine Ge⸗ fahr ihm drohe! Aber Alles war todtenſtill, die Dienſt⸗ leute lagen ſchon ſicher in feſtem Schlaf, und keinen⸗ falls wäre noch Eines von ihnen in den Hof gekommen, auf deſſen Pflaſter jetzt der niederpeitſchende Regen tönend aufſchlug. Aber er dankte Gott für dieſes Unwetter, daß ihn —— 153 vollkommen ſicher ſtellte, taſtete ſich nach der Stelle hinüber, wo er die ſchmale Treppe wußte und ſtieg ſo geräuſchlos als möglich deren doch etwas knarrende Stufen empor. Nur erſt oben in dem hier wahrhaft ſtockdunklen Gang, wo er keine Hand vor Augen ſehen konnte, hielt er, zündete die mitgebrachte kleine Blendlaterne an und ſchritt jetzt, die Hand ſo vorhaltend, daß ihr Strahl nicht auf die Fenſter fiel, raſch zu der Leinwand, welche die Thür verdeckte. Hier wollte er nun ein Zeichen geben, aber die Gefangene hatte ihn jedenfalls ſchon mit klopfendem Herzen erwartet und ſelbſt das leiſe Geräuſch da drau⸗ ßen gehört. „Thiodolf“, flüſterte ihre weiche Stimme, und es war dem jungen Mann ein gar ſo wunderliches Ge⸗ fühl, ſeinen eigenen Namen gerade von dieſem Weſen, von dem er wohl manche Nacht geträumt, das er aber noch nie mit eigenen Augen geſehen, rufen zu hören; aber er verlor keine Zeit mit unnützen Ideen. „Iſt Alles ſicher?“ flüſterte er zurück. „Ja.“ „Sind Sie bereit?“ „Ja.“¹. Es war nichts weiter nöthig, raſch hatte er die — —jyy— uern 154 Nägel ausgehoben, welche die Leinwand hielten; die Thür lag, wenigſtens zur Hälfte und genügend weit, offen vor ihm. Mit der Laterne fand er raſch die beiden Riegel, die er zurückſchob, und ſelbſt das Schloß bot, obgleich es abgeſchnappt war, keine beſondere Schwierigkeit. So geräuſchlos als möglich zwängte er die eigentliche Zunge zurück, die Gefangene konnte ſchon die Zeit nicht erwarten und öffnete ſelber die Thür, und der Strahl der Laterne ſiel auf eine ſchlanke, aber ganz verhüllte Geſtalt, während ihm nur aus dem um den Kopf nach Art der Peruanerinnen geſchlagenen Tuch ein einziges dunkles Auge anblitzte. Aber jetzt war keine Zeit zu weiteren Betrachtungen oder Fragen. „Kommen Sie“, flüſterte er ihr zu, und reichte ihr die Hand, um ihr über die noch unten zugenagelte Leinwand herüberzuhelfen, ſagte aber im nächſten Augenblick mahnend,„Sie haben Ihr Gepäck vergeſſen.“ „Wozu Gepäck?“ ſagte die Befreite,„oh, nur fort von hier.“ „Und wollen Sie nicht wenigſtens einen Mantel mitnehmen? Die Nacht iſt kalt und unfreundlich.“ „Fort! fort! oder er kommt!“ flüſterte aber die Unglückliche in ihrer Todesangſt, jetzt noch in der halb gelungenen Flucht geſtört zu werden,„lieber im käl⸗ *. teſten Winterſturm, als hier noch eine Nacht in dieſem Kerker liegen, oh fort.“ Thiodolf ſelber befand ſich in viel zu großer Auf⸗ regung, um in dieſen Moment ruhig zu denken. Nur die Thür zog er wieder an und ſchob die Riegel vor, ſteckte dann die Leinwand ſo gut das in aller Eile ging, wieder vor, um von außen kein wenigſtens raſch ſichtbares Zeichen zu laſſen, und den Arm der Befrei⸗ ten ergreifend, indem er das Licht der Blendlaterne auf den Ausgang richtete, führte er ſie zur Treppe und dieſe herab, löſchte dort das Licht, um ſich nicht zu verrathen, fand die nur angelehnte Thür, die er allerdings nicht von außen mehr ſchließen konnte und fühlte im nächſten Moment ſchon den kalt peitſchenden Regen in ſeinem Geſicht. Aber die Gefahr, entdeckt zu werden, lag auch jetzt hinter ihnen; draußen, un⸗ mittelbar vor der Thür, empfing ſie ſchon mit klopfendem Herzen Gieſelbrecht, der Wagen ſtand, ſie erwartend, kaum dreißig Schritt davon entfernt und während der Doctor jetzt mit der Befreiten dieſem zueilte und ſie hinein hob, wandte ſich Thiodolf, ein triumphirendes Lächeln in den Zügen, die Straße hinab, um von dort noch einmal, aber nicht durch den Garten, in die „Krone“ einzutreten und ein heißes Glas Grog zu trin⸗ ken. Er bedurfte erſtlich einmal einer Stärkung nach ——— ͤ—rÿ—— 156 der Aufregung, die bis jetzt neben der Kälte ſeine Glieder geſchüttelt und dann war es bielleicht auch gut, ſich gerade jetzt in dem Local zu zeigen, um ſpä⸗ ter jeden möglichen Verdacht, daß er bei der Ent⸗ führung betheiligt geweſen ſei, von ſich abzulenken. Sonderbar! Noch vor wenigen Tagen war es ſein höchſtes Streben geweſen, die jugendliche Gefan⸗ gene ſelber hinaus in die Freiheit zu fahren und er hatte ſich das in ſeiner Phantaſie mit glühenden Far⸗ ben ausgemalt, heute aber, und wo der entſcheidende Augenblick gekommen, überließ er die Ausführung ſeines keck entworfenen Planes ruhig einem Andern und empfand nicht das geringſte Gefühl von Eifer⸗ ſucht dabei. Nur mit einem halb trotzigen Selbſtbe⸗ wußtſein ſagte er ſich, daß er durchgeführt, was er begonnen und ein Lächeln glitt dabei über ſeine Züge. Doctor Gieſelbrecht hatte in der erſten Auf⸗ regung wirklich an gar nichts weiter gedacht, als nur ſeine koſtbare Beute zu bergen und als der Wagen jetzt die ſtille Straße hinabrollte, athmete er tief auf, als ob eine Centnerlaſt von ſeiner Seele genommen — —„———* „—, 157 wäre. So lange ſie ſich innerhalb der Stadt befan⸗ den— und der Kutſcher wußte genau, wohin er fah⸗ ren ſollte— konnte er ſich aber trotzdem eines ängſt⸗ lichen Gefühls noch nicht entſchlagen; es war ihm immer, als ob noch etwas dazwiſchen kommen müſſe und bald rechts, bald links ſah er aus den trüben Scheiben, gegen die der Regen jetzt anpeitſchte, nach den vorüber fliegenden Gaslat ernen hinaus. Aber dieſe wurden ſeltener, jetzt raſſelte der Wagen durch das Thor, über die Promenade und nun befanden ſie ſich auf der offenen Chauſſee, im Freien, gerettet. Mit dem Gefühl der Sicherheit, das ihn jetzt er⸗ faßt, wandte er ſeine Gedanken wieder der Gegen⸗ wart zu. Seine Begleiterin konnte er allerdings wegen der im Wagen lagernden Dunkelheit ſelbſt nicht ein⸗ wal in ihren Umriſſen erkennen, aber es fiel ihm plötzlich ein, was er bis dahin in ſeiner Aufregung gar nicht beachtet, daß er nicht das kleinſte Gepäck ge⸗ ſehen. Er erinnerte ſich wenigſtens nicht, auch nur das Geringſte ſelber in den Wagen gelegt zu haben und über den Rückſitz taſtend, konnte er ebenfalls dort nichts fühlen. „Mein liebes Fräulein“, ſagte er deshalb— es war das erſte Wort, das er zu ihr ſprach—„ent⸗ ſchuldigen Sie die Frage, aber wo haben Sie Ihr 158 Gepäck? Wollen wir es nicht hier herüberlegen, daß es Sie nicht genirt?“ Die junge Dame licherte leiſe vor ſich hin.„Ich habe kein Gepäck“, ſagte ſie,„und nichts mitgenommen, als nur mein dünnes Tuch; das Frauenzimmer ſollte nicht auch noch ſagen können, daß ich ſie beſtohlen hätte.“ „Hm“, murmelte der Doctor etwas verlegen vor ſich hin,„war das aber nicht die Discretion ein we⸗ nig zu weit getrieben?“ Wieder entſtand eine längere Pauſe, denn die Dame antwortete nicht, als er aber ſo ſtill neben ihr ſaß, kam es ihm faſt ſo vor, als ob er ihre Zähne vor Froſt zuſammenſchlagen hörte und er erſchrak dar⸗ über. Es war in der That kalt geworden, er ſelber hatte das aber, in ſeinen warmen Mantel einge⸗ gewickelt, kaum gefühlt. „Mein liebes Fräulein“, wiederholte er deshalb beſorgt,„frieren Sie? und haben Sie ſich etwa nicht gut verwahrt?“ ſetzte aber ſchon im nächſten Augenblick, als er ihre Schulter berührte und dort nichts als ein halb⸗ naſſes dünnes Tuch fühlte, erſchreckt hinzu,„um Gottes Willen, Sie können ſich ja in der kalten Nacht auf den Tod erkälten, denn wir haben faſt noch eine Stunde zu fahren. Führen Sie denn weiter gar nichts bei ſich?“ — —— 159 „Nein“, fagte die Unglückliche und brachte vor Zähneklappern die Worte kaum über die Lippen,„ich glaubte nicht, daß es ſo kalt wäre.“ „Dann erlauben Sie nur, daß ich Ihnen meinen Mantel umhängen darf“, rief Gieſelbrecht gutmüthig aus, indem er raſch aufſtand, denſelben aus⸗ und dann ſo gut es gehen wollte um ihre Schultern zog. Und wie ihm die Hand dabei zitterte, als er die zarte, faſt zu zarte Geſtalt berührte und dann feſt in die wärmenden Falten ſeines Wintermantels einhüllte. „Fühlen Sie ſich ſo beſſer, mein liebes Fräu⸗ lein.“ „Ja, viel beſſer“, lautete die Antwort und das Ge⸗ ſpräch war wieder für lange Zeit abgebrochen; aber es wurde ſchauerlich kalt. Gieſelbrecht drückte ſich feſt in ſeine gepolſterte Ecke und knöpfte ſich den dünnen Rock, den er trug, bis oben hin zu, aber er konnte ſich nicht erwärmen. Er fühlte ordentlich, wie ihm die Kälte langſam durch alle Glieder zog und ihm ſelber die Zähne anfingen zuſammenzuſchlagen. End⸗ lich hielt er es nicht mehr länger aus; er war über⸗ haupt mit Rheumatismus geplagt und ſeine Galan⸗ terie konnte ſein Tod ſein; aber es gab auch vielleicht noch einen Ausweg. Er ſtand auf, klopfte an die Scheibe vorn und frug den Kutſcher, ob er nicht viel⸗ 160 leicht eine Pferdedecke habe, die er ihm borgen könne; weshalb hatte er auch nicht ſchon lange daran gedacht? Er ließ vorn die Scheibe herunter, durch welche die eiſigen Tropfen herein ſchlugen, hatte aber auch dafür die Genugthuung, das Verlangte hereingereicht zu be⸗ kommen, zog die Scheibe wieder in die Höhe und wickelte ſich feſt in die alte Decke, die ganz entſetzlich nach Pferden roch, ein. Gott ſei Dank! Das Schlimmſte war wenigſtens abgewendet und der Wagen klapperte indeſſen die alte ausgefahrene Chauſſee entlang; der Kutſcher mochte ſelber wünſchen, aus dem Wetter ſo raſch als möglich wieder herauszukommen. Das Klima eignete ſich nicht beſonders zur Unter⸗ haltung. Gieſelbrecht hatte ſich das früher ſo hübſch ausgedacht, unterwegs die Geſchichte der Unglücklichen zu erfahren, um dann gleich in Danneburg energiſch auftreten zu können. Der heutige Abend erwies ſich aber ſo rauh und unfreundlich, daß er alle Mühe fand, ſich nur nothdürftig zu erwärmen und die ganze Ro⸗ mantik der Entführung ging dabei verloren. Die Entfernung zwiſchen Danneburg und dem kleinen Städchen, dem ſie entgegenfuhren, Boxhauſen mit Namen, mochte vielleicht eine Meile betragen und konnte recht gut in einer Stunde zurückgelegt werden. 1641 Die Stunde dehnte ſich ihm aber zu einer Ewigkeit aus. Die Romantik hatte all' ihre glänzenden Farben verloren und er fing an, weniger an ſeinen Schütz⸗ ling, als an eine warme Stube und ein heißes Glas Grog zu denken. Erſt nach und nach half ihm die alte, außerdem feuchte Pferdedecke über den erſten Froſt weg, der aber ſeine Füße noch lange nicht verlaſſen hatte. Regungslos lehnte indeſſen ſeine Schutzbefohlene in ihrer Ecke und ſchien in dem warmen Mantel das Wetter, das immer ärger gegen die Scheiben tobte, gar nicht zu beachten Schlief ſie? Es war das nicht gut denkbar, denn nach jahrelanger Gefangenſchaft ſich plötzlich in Freiheit zu fühlen und mit einem vollkom⸗ men fremden Menſchen? Jetzt rührte ſie ſſich; Gie⸗ ſelbrecht horchte hoch auf. Weinte ſie? Nein, das klang vielmehr wie ein verſtecktes Kichern und zurückgehaltene Fröhlichkeit; ſie ſummte jetzt ſogar ein leiſes Lied vor ſich hin. Lieber Gott, ſie fühlte ſich gerettet und das junge Herz hatte die überſtandenen Leiden raſch ver⸗ geſſen. Jetzt paſſirten ſie einzelne Häuſer an der Straße; in einigen derſelben war ſogar noch trotz der ſpäten Stunde Licht. Das mußten die erſten Wohnungen von Boxhauſen ſein und ihre kalte Nachtfahrt war bald überſtanden. Gerſtäcker, Das Hintergebäude. 11 —— 162 Merkwürdig kam es ihm vor, daß das junge Weſen ihn gar nicht frug, wohin er ſie führe. Er war ihr doch ein vollkommen Fremder und trotzdem mußte ſie das vollſte Vertrauen in ihn ſetzen. In Nacht und Dunkelheit war ſie fortgeführt und ging einer ungewiſſen Zukunft entgegen, aber ſie äußerte keine Silbe darüber. Nur das Gefühl ihrer Freiheit ſchien ſie zu erfüllen; ſie kannte noch kein Mißtrauen gegen Fremde und Gieſelbrecht ſehnte jetzt den Augen⸗ blick herbei, wo er das mißhandelte junge Weſen einem weiblichen Schutz übergeben und das holde An⸗ geſicht ſchauen konnte. 1 Jetzt hatten ſie das allerdings ſehr mittelmäßige Pflaſter der kleinen Stadt erreicht. Dem Kutſcher lag nun daran, ſelber ſo raſch als möglich unter Dach und Fach zu kommen, denn der Sturm ſchien noch lange nicht ausgetobt zu haben und heulte, ſelbſt hier in der geſchloſſenen Straße, mit unverminderter Hef⸗ tigkeit ſein melancholiſches Lied. Aber der Kutſcher wußte Beſcheid. Jetzt bog er rechts in eine Seiten⸗ ſtraße ein, fuhr darin eine Strecke hin, jetzt wieder links und hielt dann plötzlich vor einem der anſtän⸗ digeren ziemlich breiten Häuſer, wo oben noch mehrere Stuben erleuchtet waren. Drinnen im Hauſe mußten ſie auch ſchon auf den Wagen gewartet haben, da Gieſelbrecht ſeine Ankunft ja gemeldet hatte. Wie das Geſchirr nun vor der . Thür hielt, öffnete ſich oben ein Fenſter, irgend wer ſah heraus, ſchloß es raſch wieder und in dem Hauſe 3 wurden dann ſchlurrende Schritte laut, denen bald das Einſetzen des Schlüſſels folgte. Die Thür öffnete ſich und ein heller Lichtſtrahl fiel heraus. „Mein liebes Fräulein“, wandte Gieſelbrecht ſich an ſeine, feſt in den Mantel gehüllte Nachbarin, die 4 anſcheinend in tiefen Schlaf verſunken ſein mußte, „wir ſind an Ort und Stelle.“ Keine Antwort; die ſchweren Athmenzüge verrie⸗ then, daß die junge Dame gar nicht hörte, was ihr Beſchützer zu ihr ſagte. „Mein liebes Fräulein!“ rief der Doctor, diesmal bedeutend lauter; es half nichts, er mußte ihre Schul⸗ ter ergreifen und ſie ein wenig, wenn auch ganz leiſe, ſcchütteln. „Ja, ich bin gleich fertig“, erwiderte die Aufge⸗ weckte, wie aus einem Traum erwachend, raſch, indem ſie ſich halb emporrichtete,„ich muß nur noch erſt den Spiegel dort hinüber hängen.“ „Wir ſind an Ort und Stelle“, wiederholte aber Gieſelbrecht,„und Sie werden jetzt aus Ihrer unange⸗ nehmen Lage erlöſt und kommen unter weiblichen 11* 164 Schutz. Bitte, ſteigen Sie aus. Sie finden da oben jede Bequemlichkeit, die Sie ſich wünſchen können.“ Die Fremde antwortete ihm nicht gleich. Sie war jedenfalls munter geworden, konnte ſich aber augenſcheinlich nicht beſinnen, wo ſie ſich befand; war ihr doch auch das Alles noch zu neu, vielleicht ſelbſt zu unerwartet gekommen und ſie bedurfte Minuten, um ſich zu ſammeln. Indeſſen war aber auch Jemand mit einer Laterne an den Wagen getreten. „Biſt Du das, Robert?“ „Gewiß, mein alter Junge.“ „Alles in Ordnung? Ich habe Deinen Brief be⸗ kommn.“ „Alles!“ „Schön, dann macht, daß Ihr heraus und in's warme Zimmer kommt, das iſt ja heute ein Hunde⸗ wetter und es ſcheint eben wieder von Friſchem anzu⸗ fangen. Wo iſt Deine Dame?“ Gieſelbrecht war raſch aus dem geöffneten Schlag geſprungen, drückte dem Freund die Hand, warf ſeine Pferdedecke dem Kutſcher zu und ſagte dann in den Wagen hinein: „Dürfte ich Sie erſuchen, mein liebes Fräulein, auszuſteigen?“ „Sehr ſchön“, erwiderte ſeine Gefährtin,„aber — 165 ich muß Sie bitten, mich erſt in ein Garderobezim⸗ mer zu führen, meine Toilette wird etwas derangirt ⸗ ſein.“ „Ich bringe Sie zu meiner Frau“, ſagte der junge Mann, der ſie hier empfangen hatte, herzlich, „machen Sie ſich keine Sorge; es iſt überhaupt ſchon ſpät und Sie kommen hier, wenn auch herzlich will⸗ kommen, zu ganz einfachen Leuten.“ Die Dame ſtieg aus; ſie hatte den Mantel noch immer um ſich geſchlagen ſund brauchte ihn auch in dem wahrhaft verzweifelten Guſſe, der jetzt auf die Erde niederſtrömte; raſch aber glitt ſie, wie ſie nur die offene und erleuchtete Thür bemerkte, in das Haus, während der Kutſcher vom Bock herunter rief:„Wo ſoll ich einſtellen, denn in dem Wetter kann ich heute Abend nicht mehr nach Danneburg zurückfahren. Die Glieder ſind mir jetzt ſchon alle wie erfroren.“ „Im Poſthorn!“ rief ihm der Freund zu,„gleich hier das dritte Haus rechts— wiſſen Sie Beſcheid?“ „Gewiß!“ rief der Kutſcher und trieb die Pferde raſch der bezeichneten Stelle zu. Die Dame war indeſſen, von Gieſelbrecht gefolgt, in das Haus gehuſcht, wo ihr dieſer den ſchweren Man⸗ tel abnahm; ſie ließ das auch geſchehen, wickelte ſich aber wieder feſter in das über den Kopf geſchlagene 166 Tuch und nahm auch den Arm nicht an, den ihr der Doctor bot. Wie ein Reh flog ſie die Treppe hinauf, ſo daß ihr dieſer kaum folgen konnte, und ſchien erſt dort unſchlüſſig, wohin ſie ſich wenden ſolle. Aber da öffnete ſich die Thür; ein junges, reizendes Frauchen er⸗ ſchien auf der Schwelle, und die Fremde entdeckend, eilte ſie mit raſchen Schritten auf ſie zu, ſtreckte ihr die Hand entgegen und ſagte mit ihrer gar ſo guten und milden Stimme: „Seien Sie uns herzlich willkommen, mein liebes Fräulein, und nun hinein in die warme Stube, daß Sie ſich erſt wieder einmal durchwärmen und von Ihrer häßlichen kalten Fahrt erholen können.“ Die Fremde reichte ihr die verlangte Hand, ſchien die Worte aber kaum zu hören, ſondern ſchaute nur neugierig in das geöffnete und hell erleuchtete, durchwärmte Zim⸗ mer hinein. Dann ſchüttelte ſie, wie über irgend etwas er⸗ ſtaunt, den Kopf, und heftete dabei faſt erſchreckt das eine aus dem Tuch hervorblitzende Auge auf ihren bisheri⸗ gen Begleiter. Die junge Frau Förſter Selling, wie Gie⸗ ſelbrechts Freund hieß, ſchrieb dieſes Zögern aber nur ihrer Schüchternheit zu, ſchlang ihren Arm um ſie, zog ſie freundlich aus dem zugigen Vorplatz fort in das heller⸗ leuchtete Gemach und rief nun ihrem Gatten noch zu, das Gepäck ihres Schützlings in das für ſie beſtimmte und 7 ö 167 ebenfalls durchwärmte Zimmer zu ſchaffen. Nur eine Taſſe recht heißen Thee ſollte ſie vor allen Dingen trin⸗ ken und dann augenblicklich in ihr ſchon mit einer Wärmflaſche verſehenes Bett, um ſich von ihrer Angſt und Anſtrengung, wie der kalten Fahrt auszuruhen. Förſter Selling erfuhr dabei zu ſeinem Erſtaunen, was ihm Gieſelbrecht raſch zuflüſterte daß ihr Gaſt gar keine Zeit gehabt habe, auch nur das Geringſte an Kleidern oder Wäſche mitzunehmen, als was ſie eben auf dem Körper trug.— Aber was ſchadete das, die Gaſt⸗ lichkeit der beiden jungen Leute kannte keine Grenzen und ſeine kleine Frau konnte da ſchon aushelfen, bis man dieſen Herrn van Beeker zwang, ihr perſönliches Eigenthum herauszugeben. Freund Gieſelbrecht hatte ihnen ja, natürlich un⸗ ter dem Siegel ſtrengſter Verſchwiegenheit, in einem ausführlichen Brief die ganze Geſchichte geſchrieben, das junge, hülfloſe Mädchen geſchildert und den Ver⸗ dacht angedeutet, der hier, ein Verbrechen betreffend, vorlag. Möglich, daß er dabei auch noch einige romantiſche Ausſchmückungen angebracht, kurz, die ein⸗ fache Förſterfamilie war auf das Lebhafteſte intereſſirt und die Gerettete hätte in keinem andern Hauſe beſſer untergebracht werden oder willkommener aufgenommen ſein können, als hier. 168 Die junge Frau Selling führte ihre Schutzbefohlene raſch und geſchäftig in das warme Zimmer und bis dahin ließ ſich dieſe auch noch faſt wie willenlos leiten; kaum aber hatte ſie den Raum betreten, als ſie den Blick raſch darin umherwarf und laut lachend ausrief: „Aber um Gottes Willen, wie haben Sie denn nur Ihre Meubles geſtellt? Das Sopha gehört ja da hinüber und der Lehnſtuhl dort an das Fenſter— und was iſt denn das für ein großer häßlicher Hund? Pfui! willſt du hinaus— und Sie haben ja nicht einmal einen Kronleuchter!“ Selling und Gieſelbrecht waren unmittelbar nach ihr eingetreten und hatten eben die Thür hinter ſich ge⸗ ſchloſſen, als die Flüchtige das mantillenartige Tuch, das bis jetzt ihr Antlitz verſteckt gehalten, zurückwarf und jene, für die Situation jedenfalls ſehr wunderlichen Bemerkungen äußerte; aber Beide verſtanden keine Silbe von Dem, was ſie ſagte, oder hörten ſelbſt nur die Worte, denn der Anblick, der ſich ihnen bot, machte ſie Beide auf ihren Schützling wie auf eine Erſcheinung ſtarren. War das das junge, bildſchöne„ſylphenduftige“ (wie ſie Gieſelbrecht in ſeinem Brief genannt) Weſen, das da vor ihnen ſtand? Die Dame mochte etwa in den Vierzigen ſein, —— — 169 war ſehr mager, ſchielte etwas anf dem einen Auge und hatte außerdem auf der linken Seite einen faſt einen halben Zoll vorſtehenden Unterzahn, der ſich über die Oberlippe legte. Dabei ging ſie außerordentlich decolettirt gekleidet und der obere Rand ihres Kleides war mit kleinen, jetzt freilich durch den ſchweren Man⸗ tel ſehr zerdrückten Roſen beſetzt. Sie trug überhaupt ein merkwürdig kurzes Kleid, wie man es eigentlich ſonſt nur an kleinen Mädchen bis höchſtens in ihr vier⸗ zehntes Jahr ſieht, auch in den Haaren zerknitterte Blumen und bunte Glasperlen, und Selling ſah un⸗ willkürlich Gieſelbrecht verwundert an. Wenn übrigens Jemand verblüfft drein ſchaute, ſo war es der Doctor, der ſeine Dame anſtarrte, als ob es eine Erſcheinung, ein Spuk geweſen wäre. Das alſo waren dieſe Gazellenaugen, das die Roſenlippen— der Zahn ſtörte entſchieden— das war dieſe üppige Geſtalt mit dem bleichen Madonnengeſicht, wie ſie ihm ſein Berichterſtatter beſchrieben und wie er ſie ſich nach⸗ her noch in ſeiner Phantaſie mit glühenden Farben ausgemalt. Heiland der Welt! Und dieſe Madonna hatte er entführt. Aber das Erſtaunen der beiden Herren ſollte noch wachſen, denn dieſes unglückliche, in Knechtſchaft gehaltene Weſen fuhr, während die junge Frau Förſterin vor Staunen und vielleicht auch Schreck — 247 —;—xxxxxxꝛ:o-ↄõꝗ— 170 keines Wortes mächtig war, mit vieler Zungengeläu⸗ figkeit fort: „Nein, mein Kind, das müſſen Sie Alles ganz anders einrichten. Laſſen Sie einmal meine beiden Diener hereinkommen, daß die meine Befehle ausführen, und dann arrangiren wir das raſch. Auch die Gar⸗ dinen ſind geſchmacklos; ſie hängen überdies zu weit herunter und werden das Zimmer über Tag unnöthiger⸗ weiſe verdunkeln. Was haben Sie denn um des Him⸗ mels Willen dort an der Wand für ſchreckliche Hörner aufgehangen? Erſtlich ſieht das abſcheulich aus, und dann kann ſo ein Ding auch einmal herunterfallen und ein Kind todtſchlagen.“ Die Geweihe und Rehbocksgehörne, die dem Zim⸗ mer als Schmuck dienten, waren des jungen Förſters größter Stolz, denn viele davon hatte er mit eigener Hand erbeutet, und der Gedanke, ſie hinauszuwerfen, weil ſie„abſcheulich“ ausſähen, ging ihm doch über den Spaß, aber ſein Gaſt nahm ſeine Aufmerkſamkeit ſo entſchieden in Anſpruch, daß er ſelbſt darüber nicht lange nachdachte. Gieſelbrecht hatte ihm von einem „elfenartigen, jugendlichen“ Weſen geſchrieben und ſeine Theilnahme dafür erweckt, und jetzt ſtand ein altes, toll aufgeputztes Frauenzimmer vor ihm, das lauter 401 Unſinn ſchwatzte und eher in eine Meßbud, als in ſeine Häuslichkeit zu paſſen ſchien. Merkwürdig taktvoll benahm ſich dabei die junge Frau Förſterin, der es natürlich kein Geheimniß bleiben konnte, daß hier nicht Alles in Ordnung ſei, die aber trotzdem die eigene, ſie beſchleichende Angſt bezwang und das ſonderbare Benehmen der Fremden gar nicht zu beachten ſchien. Einen Moment ja, hingen ihre Blicke angſtvoll an dem erſchreckten Geſicht Gieſelbrechts, das allerdings Bände ſprach, aber raſch auch wandte ſie ſich wieder ab, der Unglücklichen zu und ſagte freundlich: „Kommen Sie, mein liebes Fräulein, das Alles ordnen wir nachher und nun, bitte, trinken Sie erſt eine Taſſe heißen Thee, die Ihnen gewiß gut thun wird. Nicht wahr, Sie ſind noch recht kalt und durch⸗ froren?“ „Ja“, ſagte die Fremde, zuſammenſchauernd und ſich wieder in ihr Tuch hüllend,„aber— ich glaube, es wird ſpät und ich muß nach Hauſe.“ „Nach Hauſe?“ „Ja— zu meinem Schwager.“ „Aber jetzt ſteht der Thee hier“, ſagte Frau Sel⸗ ling herzlich, indem ſie ihren Arm ergriff und ſie in die warme Sophaecke führte,„ſetzen Sie ſich nur 172 dahin und wärmen Sie ſich erſt tüchtig durch; nach⸗ her legen Sie ſich dann ſchlafen und ruhen ſich ordentlich aus und morgen überlegen wir uns nach⸗ her, wie wir uns Alles einrichten und was wir thun wollen.“ Zehntes Kapitel. Die Rückkehr. Förſter Selling hatte ſchon in den letzten Minuten Gieſelbrechts Arm ergriffen und ihn langſam der Thür zugezogen, denn erſtlich ſah er, daß ſeine kleine Frau mit der Fremden am beſten allein fertig werden würde und dann drängte es ihn auch, ſich mit dem Freund, der aber ebenfalls froh war, das Freie zu erreichen, auszuſprechen. „Hör' einmal, Selling“, ſagte er zu dieſem, als er mit ihm die Treppe hinunterſtieg,„haſt Du Rum oder Arac im Hauſe und recht heißes Waſſer?“ „Ja, mein Junge, das ſollſt Du gleich haben, komm' nur hier mit in meine Stube und warte da einen Augenblick. Ich will gleich Ordre geben, da Alles gebracht wird.“ 174 Als er zurückkam, fand er Gieſelbrecht, der ſich indeſſen eine Cigarre angezündet hatte, mit raſchen Schritten und verſchränkten Armen in dem kleinen, echt waidmänniſch eingerichteten Gemach auf⸗ und ab⸗ gehen. Er ſchien in tiefen Gedanken und eben nicht beſonderer Laune. „Es wird Alles gleich kommen“, ſagte Selling. „Hör' einmal, Kuno“, erwiderte aber der Freund, ſeinen eigenen Gedanken folgend,„das iſt eine ganz verzweifelte Geſchichte.“ „Die mit der jungen, ſchönen und elfenähnlichen Dame?“ ſagte der Förſter. „Das Frauenzimmer iſt übergeſchnappt!“ rief Gie⸗ ſelbrecht, vor ihm ſtehen bleibend,„der verdammte alte Burſche in Danneburg hält vielleicht eine geheime Pri⸗ vatirrenanſtalt und wir haben eine von ſeinen Zög⸗ lingen entführt.“) „Aber Du hätteſt Dich auch vorher genau erkun⸗ digen ſollen.“ „Und habe ich nicht meinen Berichterſtatter Mo⸗ nate lang auf die Lauer gelegt?“ rief Gieſelbrecht hef⸗ tig,„und hat er mir nicht wahre Wunderdinge von der Schönheit des Mädchens erzählt?“ Selling ſchüttelte mit dem Kopf.„Ich glaube“, ſagte er,„Dein Berichterſtatter bekommt ſeine Berichte zeilenweiſe bezahlt; Du erwähnteſt einmal früher ſo etwas, und hat ſich da eine Anzahl Groſchen zuſam⸗ mengeſchrieben, in der Hoffnung, daß die eigentliche Wahrheit nie an den Tag käme. Ebenſo wie ein Doc⸗ tor nie ſeine eigenen Medicinen nimmt, ſollte ein Zei⸗ tungsredacteur auch nie das ſelber glauben, was in ſeinem Blatte ſteht.“ „Aber ſie iſt doch eingekerkert gehalten!“ rief Gie⸗ ſelbrecht heftig aus,„das unterliegt gar keinem Zwei⸗ fel, denn jenen jungen Mann hat ſie um Hilfe ange⸗ rufen, und dieſer ſie in der Dunkelheit der Nacht und mit eigener Gefahr befreit.“ „Ich begreife das Ganze noch nicht“, ſagte der Förſter mit dem Kopfe ſchüttelnd,„aber ich fange faſt an zu glauben, daß irgend wer einen dummen Streich gemacht hat, wenn ich auch noch nicht ſagen kann wer.“ „Und ſtehſt Du einer Bedrängten, die Dich um Hilfe anſpricht, nicht bei?“ rief Gieſelbrecht. Der Förſter zuckte mit den Achſeln.„Man ſollte ſich eigentlich immer erſt nach den näheren Umſtänden erkundigen“, ſagte er,„denn der Teufel kann manch⸗ mal ſein Spiel haben. Aber da kommt der Grog und nun vor allen Dingen ein tüchtiges Glas, damit 176 Du erſt wieder einmal warm wirſt; mein Käthchen mag ſich indeſſen mit unſerer Schutzbefohlenen ein wenig unterhalten und ſie zu Bett bringen. Nachher erfahren wir vielleicht etwas Näheres. Da drinnen können wir doch jetzt nichts mehr nützen.“ Eine halbe Stunde verging übrigens noch, ohne daß ſie oben die Thür gehört hätten, und ſo lebendig ſich der Doctor eigentlich dieſen Abend nach gelunge⸗ ner Flucht ausgemalt hatte, ſo ſchweigſam war er jetzt geworden, und trank ein Glas Grog nach dem andern. Allerdings fühlte er ſich davon noch feſt überzeugt, daß Herr van Beeker ſchmählich an dem unglücklichen Weſen gehandelt, und ſie ein gutes Werk in dieſer Nacht gethan, aber— anders hatte er ſich die Sache doch ebenfalls gedacht, viel anders— viel hübſcher, während ein unbeſtimmter und doch recht unangeneh⸗ mer Verdacht ihn dabei beſchlich, daß die Gerettete außerdem eine etwas ſehr excentriſche Perſon, und ſei⸗ nem Freund Selling mit dieſem Beſuch nicht einmal ein großer Gefallen geſchehen ſei. Jetzt wurden oben Schritte laut; die Frau För⸗ ſterin brachte ihren Gaſt in das für ſie beſtimmte Schlafzimmer, blieb dort noch kurze Zeit bei ihr und kehrte dann in die Wohnſtube zurück, wohin ihr aber ihr Mann und der Doctor raſch folgten, denn Beide drängte es, Näheres über die Dame, die ſich eigentlich etwas wunderlich eingeführt, zu erfahren. In der Stube fanden ſie die kleine Frau Selling emſig damit beſchäftigt, das Geſchirr wieder zuſammen⸗ zuſtellen, denn Mitternacht war längſt vorüber und es Zeit geworden, zu Bett zu gehen, als aber ihr Mann eintrat, drehte ſie ſich nach ihm um und ſagte: „Geht nur nachher leiſe über den Vorſaal, daß Ihr ſie mir nicht ſtört. Ich bin froh, daß ich ſie zur Ruhe habe.“ „War ſie noch ſo unruhig?“ frug der Förſter. „Mein lieber Herr Doctor“, ſagte die kleine Frau, ſich an dieſen wendend,„ich fürchte, Sie haben uns da, natürlich ohne es ſelber zu wollen, eine rechte Laſt aufgeladen, denn ob noch ein anderer Grund vorlag, die fremde Dame etwas eingeſperrt zu halten, weiß ich nicht, aber daß ſie einfach verrückt iſt, darauf gebe ich Ihnen mein Wort und ich möchte mit ihr keinen Augenblick allein im Hauſe bleiben—“. „Aber, beſte Frau!“ „Wenn ſie ſich morgen den nämlichen Aufputz wie⸗ der aufſteckt“, fuhr die kleine Frau fort,„und damit ans Fenſter tritt, dann läuft mir der ganze Ort zu⸗ ſammen, und denke Dir nur, vorhin hat ſie hier mitten in der Stube getanzt und die Kleider dabei gehalten Gerſtäcker, Das Hintergebäude.. 12 178 wie ein kleines Kind. Ich hätte gern gelacht, wenn ich mich nicht zugleich ſo dabei gefürchtet hätte. Das thut kein gut, Kuno, denn ohne Aufſicht können wir das unglückliche Geſchöpf gar nicht laſſen.“ „Sie muß in der langen Gefangenſchaft wahn⸗ ſinnig geworden ſein“, ſagte Gieſelbrecht, der ſich bei dieſen Entdeckungen doch nicht ganz behaglich fühlte, „es iſt auch kaum anders denkbar.“ „Ich weiß es doch nicht“, ſagte die junge Juan. bedenklich mit dem Kopfe ſchüttelnd.„Sie ſpricht fort⸗ während davon, daß ſie wieder nach Hauſe müſſe, bei ihr ſei es viel hübſcher und eleganter und ſie hätte auch dort zwei große Spiegel, in denen ſie ihren An⸗ zug betrachten könnte.“— Der Förſter fuhr mit dem Kopf in die Höhe und ſprang dann raſch nach der Thür, um hinauszuhorchen. Der Hund, der neben dem Ofen lag, hob ebenfalls knurrend den Kopf und ſicherte, denn draußen über dem Vorſaal, in der Stube der Fremden, entſtand ein ganz merkwürdiges Gepolter, etwa als ob Jemand mit dem Sopha in dem Zimmer umhergerutſcht wäre. Gleich darauf klirrte etwas und die Frau Förſterin, um ihr Eigenthum beſorgt, ſprang, während ihr der Gatte folgte, raſch hinüber. Gieſelbrecht aber ging, die Hände feſt und ſaſt krampfhaft zuſammenreibend, die Lippen gegeneinander gepreßt, indeſſen in dem Zim⸗ mer auf und ab. Was hatte das unſelige Frauen⸗ zimmer nur jetzt ſchon wieder angefangen? Daß er ſich auch die Finger an der Geſchichte verbrennen mußte; es war zu albern. Als indeſſen die junge Frau drüben das Gaſt⸗ zimmer öffnete, bot ſich ihr ein ſo peinlicher wie ko⸗ miſcher Anblick, und der Förſter, der nur einen Mo⸗ ment über ſeine Frau hin hineinſchaute, mußte die Lippen aufeinanderbeißen, daß er nicht laut auflachte, und drehte ſich dann raſch wieder ab, um in die Wohn⸗ ſtube zurückzukehren. Sein Frauchen aber blieb erſchreckt auf der Schwelle ſtehen und die Hände in blankem Erſtaunen zuſammen⸗ ſchlagend, blickte ſie mit dem Ausruf:„Aber, beſtes Fräulein, was um Gottes Willen machen Sie da?“ auf das allerdings wunderliche Schauſpiel. Mitten im Zimmer, im größten Negligée, das Geſicht vor Anſtrengung erglühend, war die Fremde eben bemüht, das ziemlich ſchwere Bett mitten in die Stube zu ziehen, während ſchon von den übrigen Meubles faſt keines mehr an ſeiner Stelle ſtand; Tiſch, Stühle, Waſchtiſch, Alles ſchien rebelliſch geworden zu ſein, und mit der Bettdecke hatte ſie dann eben wohl die Waſſercaraffe heruntergeſtoßen, deren Inhalt ſich 12* ———y— 180 über die Stube ergoß und deren Splitter die bloßen Füße der Unglücklichen ernſtlich bedrohten. „Aber, mein liebes, beſtes Fräulein“, rief die junge erſchreckte Frau noch einmal aus,„was haben Sie nur vor?“ „Das Zimmer hier iſt ganz unpraktiſch arrangirt“, ſagte aber die Dame, die in dem Anzug, die falſchen Blumen und den unechten Schmuck noch immer in den jetzt wirren Haaren, wahrhaft unheimlich ausſah,„ich bringe eben ein wenig Ordnung hinein, ich bin zu ſehr an Ordnung gewöhnt, es iſt mein Lebensberuf, und dann warte ich auch noch auf die Kammerjungfer, denn ich bin müde und möchte zu Bette gehen.“ Dabei rückte ſie noch immer an dem Bett und betrachtete es dann prüfend, ob es endlich ſo recht ſtände. „Aber es muß gleich ein Uhr ſein“, rief Frau Selling, der wirklich die Thränen in den Augen ſtan⸗ den, als ſie die Verwirrung ſah.„Bitte, laſſen Sie mich Ihnen helfen; heute iſt doch nichts mehr an der Sache zu ändern, und nehmen Sie ſich nur in Acht, daß Sie in keine der Glasſcherben treten, ich kehre ſie dann alle zuſammen. Bitte, legen Sie ſich ins Bett. Morgen ſtellen wir Alles, wie Sie es wünſchen.“ „Das verſtehen Sie nicht, liebes Kind“, ſagte die Fremde ermahnend,„ich kann nicht eher ſchlafen, bis ich nicht Alles geordnet habe, und hier iſt noch viel zu thun.“ Die junge Förſtersfrau ſeufzte tief auf, aber ſie fühlte auch recht gut, daß hier Vernunftgründe nichts. halfen und ſie die Aermſte eben mußte gewähren laſſen Nur den Beſen und Wiſchtücher holte ſie herein, fegte die Glasſcherben ſorgfältig zuſammen, wiſchte die Stube ſo gut es gehen wollte wieder auf und eilte dann, während die Fremde gar keine Notiz von ihr nahm und noch immer den Stand der Meubles veränderte, zu ihrem Manne hinüber. Der Förſter war, als er vorher zu Gieſelbrecht zurückkam, vor dieſem ſtehen geblieben und zwar noch immer über die eben geſehene Scene lachend, aber doch mit recht bedenklichem Kopfſchütteln ſagte er: ,Junge, Junge, Du haſt uns da ein hübſches Vergnügen gemacht. Welcher Teufel hat Dich nur ge⸗ plagt, das verrückte alte Frauenzimmer in Wind und Sturm heimlich ſu entführen und uns hier! in das Neſt zu ſetzen, und was ſollen wir jetzt mit ihr an⸗ fangen, denn hier bei uns behalten kann ich ſie doch wahrhaftig nicht. Sie ſtellte mir das ganze Haus auf den Kopf. Laß nur morgen in aller Frühe gleich an⸗ ſpannen, packe ſie wieder ein und ſchaffe ſie dahin zu⸗ rück, wo Du ſie hergeholt haſt.“ „Aber, das iſt ja gar nicht möglich!“ rief Gieſel⸗ brecht verzweifelt aus,„denke nur, wenn ich mit der unſeligen aufgeputzten alten Schachtel in dem kurzen Kleidchen vor dem Hauſe hielte und dort eine zeitlang warten müßte, ganz Danneburg liefe ja zuſammen, und ich dürfte mich nachher ſelber nicht mehr auf der Straße blicken laſſen. Außerdem exiſtiren da noch ganz andere eigenthümliche Verhältniſſe, die ich Dir vielleicht ſpäter einmal auseinanderſetze.“ „Aber hier kann ich ſie doch bei Gott nicht be⸗ halten; meine arme Frau wird ſchon allein dieſe Nacht Noth genug mit ihr haben.“ „Nur bis morgen Mittag hab' Geduld, Kuno, mir zu Liebe“, bat Gieſelbrecht,„bis dahin verſpreche ich Dir feſt, kommt Jemand heraus, um ſie abzuholen, denn ich ſelber möchte mit der Geſchichte doch, wie Du Dir wohl denken kannſt, gern ſo wenig als möglich mehr zu thun haben.“ „Die iſt rein verrückt!“ rief in dieſem Augenblick die junge Frau, die raſch wieder ins Zimmer trat, „denke Dir nur, Kuno, ihr Bett hat ſie mitten in die Stube gezogen, die Kommode ſteht vor dem Fenſter, die Stühle alle um den Ofen herum, als ob dort Ge⸗ ſellſchaft gebeten wäre, und ſie will ſich auch nicht nie⸗ derlegen, und hat mir in Ausſicht geſtellt, mit dem „Ordnen“ des Zimmers noch in den nächſten paar Stunden nicht fertig zu werden.“ Gieſelbrecht warf ihr einen verzweifelten Blick zu „Aber liebſte, beſte Frau!“ rief er mit kläglicher Stimme aus,„ich konnte ja doch keine Ahnung haben, daß dieſe unglückſelige—“. „Laß es gut ſein, Robert“, ſagte der Förſter, „das Unglück iſt einmal geſchehen und muß nun, ſo lange es dauert, ertragen werden. Geh' jetzt zu Bett, Du kennſt Deinen alten Schlafplatz, denn heute Abend iſt doch weiter nichts an der Sache zu thun. Geh Du auch zu Bett, Schatz—“.. „Und wenn ſie da drinnen die Lampe umwirft und das Haus in Brand ſetzt?“ ſagte die Frau. „Sorge Dich nicht“, meinte aber Selling,„ich bleibe munter und werde ſchon aufpaſſen und außer⸗ dem habe ich meine beiden Forſtgehülfen dicht bei, alſo Unterſtützung zur Hand, wenn ich ſie ja gebrauchen ſollte.“ „Du willſt aufbleiben, Kuno?“ „Gewiß, mit einem ſolchen Gaſt im Haus dürfen wir keine Vorſichtsmaßregel verſäumen; aber ſorge Dich deshalb nicht, habe ſo manche lange Nacht draußen in Froſt und Schnee auf dem Anſtand geſeſſen, und kann es alſo auch hier in der warmen Stube und bei einem Glas Grog, denke ich, aushalten.“ „Ich leiſte Dir Geſellſchaft, Kuno“, ſagte Gieſel⸗ brecht; aber der Förſter lachte. „Mach Du nur, daß Du zu Bett kommſt; Du kannſt die Augen ſo ſchon nicht mehr ordentlich auf⸗ halten. Ich lege mich morgen früh ein paar Stunden hin und bekomme dann immer noch meinen Schlaf.“ Die Nacht verging ohne weitere Zufälle; die fremde Dame rumorte allerdings wohl noch eine volle Stunde in ihrem Zimmer herum, dann endlich wurde Alles ruhig. Selling ſchlich nach einer Weile an die Thür; das Licht brannte noch. Er ging wieder zurück ins Zimmer und wartete wohl eine Stunde, es mußte drei Uhr Morgens ſein, das Licht brannte noch immer. Da öffnete er leiſe die Thür, die Fremde lag feſt in ihre Decke eingehüllt und ſchlief; vorſichtig löſchte er das Licht, glitt wieder hinaus und ſtreckte ſich jetzt, ziemlich feſt überzeugt, daß er nicht weiter geſtört würde, auf dem Sopha aus. Gieſelbrecht ſelber verbrachte die Nacht ſehr un⸗ ruhig. Er war wohl müde, aber er konnte trotzdem nicht ſchlafen, denn die Gedanken peinigten ihn, und mit dem erſten Morgengrauen, wie er nur unten Leben im Haus hörte, war er ſchon auf und in ſeinen Klei⸗ dern, um ſo raſch als möglich nach Danneburg zurück⸗ zufahren. Ihm lag jetzt nur daran, zu verhüten, daß ſeine Thätigkeit bei der Entführung bekannt wurde, und er quälte ſich umſonſt, zu überdenken, wie das möglich ſei, da ihn der Kutſcher ja kannte, und etwas Derartiges in einem ſo kleinen Neſt eben kein Geheim⸗ niß bleiben konnte. Im Hauſe waren bis jetzt nur die Forſtgehülfen munter, aber er dachte auch gar nicht daran, das Er⸗ wachen ſeines Freundes abzuwarten, ſondern ging ohne Weiteres zu dem Gaſthaus hinüber, wo ſein Kutſcher die Pferde eingeſtellt hatte, ließ wieder anſpannen und fuhr eine halbe Stunde ſpäter, in die Wagenecke zu⸗ rückgedrängt, was die Pferde laufen konnten gen Danne⸗ burg. Gott ſei Dank wenigſtens, daß er ſeinen ſchon geſchriebenen Artikel noch nicht in die Druckerei gegeben hatte. Weiter hätte jetzt nichts gefehlt, und er ſelber ſich dabei auf das Schmählichſte blamirt. Wie er vor ſeinem Hauſe hielt, und das Wetter war dabei noch genau ſo ſchlecht wie geſtern, drückte er dem Kutſcher zwei Thaler Trinkgeld in die Hand. „Aber Du weißt jetzt Beſcheid“, ſagte er ihm da⸗ bei,„Du ſchweigſt über die ganze Fahrt, wie?“ 186 „Nur keine Sorge, Herr Doctor“, ſagte der Mann mit einem ſein Verſtändniß kündenden Blinzeln der Augen,„ſtumm wie ein Fiſch. Junge Dame doch wohl?“ und er lächelte dabei verſchmitzt. „Danke— ja“, ſagte Gieſelbrecht zerſtreut und fuhr ſo raſch er konnte in ſein Zimmer hinauf. Dort holte er einen Briefbogen vor und ſchrieb, aber mit möglichſt verſtellter Handſchrift: „Verehrter Herr. „Die Dame, welche Sie ſuchen, befindet ſich in Boxleben bei Herrn Förſter Selling. Ein Freund.“ ſteckte dann das Blatt in ein Couvert, adreſſirte es „Herrn van Beeker hier“— ebenfalls mit auseinan⸗ dergezogenen Buchſtaben, und trug es dann ſelber in den Briefkaſten an der Poſt. Elftes Kapitel. Unwillkommene Erklärung. Als Thiodolf des Morgens nach der Arbeit nach Hauſe kam, konnte es ihm nicht entgehen, daß ihn ſein Onkel heute ganz ſonderbar, nicht gerade kalt, aber doch feierlich empfing und jedenfalls ſeine beſondere Urſache dazu haben mußte. 1 „Guten Morgen, Thiodolf“, ſagte er, während ſein Blick dabei ſcharf und forſchend auf ihm haftete, „dürfte ich Dich bitten, mit in mein Zimmer zu kom⸗ men?“ „Guten Morgen, lieber Onkel, aber darf ich nicht erſt meine Arbeitskleider ablegen?— Wir ſind jetzt fertig und ich brauche ſie nicht mehr.“ „Ich weiß es“, nickte der alte Mann mit dem Kopfe und Thiodolf ſah ihn verwundert an,„aber 188 tritt doch nur einen Augenblick herein, ich möchte eine Frage an Dich richten oder Dir vielmehr etwas mittheilen. Nicht wahr, Du haſt mit dem Maurermeiſter Behrens bis jetzt im Hauſe des Herrn van Beeker gearbeitet?“ „Ja, Onkel“, ſagte Thiodolf, denn was hätte hier Leugnen geholfen, aber er fühlte doch, wie er ein wenig roth dabei wurde. „Und haſt Du Herrn van Beeker geſehen?“ „Gewiß, er ließ uns ſelber jeden Morgen ein.“ „Und hat er mit Dir geſprochen?“ „Noch kein Wort, die ganzen Tage über.“ „Hm“, hüſtelte der Stadtſchreiber, fuhr aber dann nach einer kleinen Pauſe fort,„Du weißt, was früher und vielleicht auch noch bis in die neuere Zeit über das Haus für alberne Gerüchte im Umlauf waren?“ „Alberne Gerüchte, Onkel, bis jetzt iſt wenig⸗ ſtens das Gegentheil derſelben noch nicht bewieſen worden.“ 3 „Höre mir zu, Thiodolf, und ich hoffe es Dir wenigſtens zu' beweiſen, wenn ich Dich auch dringend bitte, ja Dir ſogar das Verſprechen abnehme, mit Nie⸗ mandem hier in Danneburg darüber zu reden.“ „Aber, Onkel, Sie ſpannen meine Neugierde auf das Höchſte.“ „Es iſt eine mehr traurige als wunderbare Ge⸗ 189 ſchichte“, ſagte der Onkel ernſt,„und ich hatte mir eigentlich vorgenommen, mit Niemandem je darüber zu ſprechen; nach den Vorgängen dieſer Nacht aber, und nachdem Dein Name damit in Verbindung ge⸗ kommen.“ „Mein Name, Onkel?“ „Laß es gut ſein“, wehrte der alte Herr ab,„es war nur ein falſcher Verdacht, den ich mit gutem Gewiſ⸗ ſen widerlegen konnte. Du kennſt Herrn van Beeker. Vor einer Reihe von Jahren zog er hierher, kaufte ſich das Dir bekannte Haus und lebte ſtill und zurückge⸗ zogen, eigentlich mit keinem Bewohner von Danneburg freundſchaftlich verkehrend. Damals ſchon gingen die Gerüchte, daß er ein reicher Mann ſei, der aber dem Magiſtrat gegenüber jede Auskunft über ſich oder ſeine Familie verweigert und gedroht hätte, in dem Fall, daß man ihn mit unnöthigen Fragen quäle, ſeinen Wohnſitz wo anders aufzuſchlagen und ſein Geld dort zu verzehren.“ „Und war das nicht der Fall?“ „Gott bewahre. Er hat unſerm Magiſtrat ſeine Papiere ſämmtlich vorgelegt. Er ſtammt aus Holland; ſchweres Unglück in ſeiner Famile veranlaßte ihn, ſpä⸗ ter ſein Vaterland zu verlaſſen und ſich nach Deutſch⸗ land zu wenden. Der Grund aber, weshalb er abge⸗ 190 ſchloſſen von der übrigen Welt leben und nicht belä⸗ ſtigt werden wollte, war das Unglück einer Schweſter ſeiner Frau, die wahnſinnig geworden, während er ſich nicht entſchließen konnte, ſie in eine für ſolche Kranke geeignete Auſtalt zu thun. Ich glaube faſt, daß ihr die Familie aus früherer Zeit zu großem Dank verpflichtet iſt, oder wie die Verhältniſſe ſonſt ſtehen, kurz, er gab dem Magiſtrat genügende Beweiſe, daß er ſeine geiſtes⸗ kranke und ſchon ziemlich bejahrte Schwägerin in ei⸗ gener Pflege behalten wolle, und erbat ſich dafür nur die Vergünſtigung, ſie in der hieſigen Einwohnerliſte nicht aufführen zu müſſen, theils wohl, um läſtigen Fragen zu entgehen, theils auch vielleicht wieder aus Rückſicht für die ſehr angeſehene Familie ſelber. Der Mutter der betreffenden Unglücklichen hatte man näm⸗ lich den traurigen Zuſtand derſelben verheimlicht, und ſie beweinte ſie als eine Todte.“ „In der Stadt“, ſagte Thiodolf doch etwas be⸗ ſtürzt,„wurde aber immer von einer jungen und wun⸗ derſchönen Dame geſprochen.“ „Ganz geheim konnte das Alles ja nicht gehalten werden“, ſagte der Stadtſchreiber, mit den Achſeln zu⸗ ckend,„in das Publikum drang natürlich etwas davon und wurde dann von verrückten Menſchen phantaſtiſch aufgeputzt. Von Folterkammern und anderm Unſinn, 191 von Jammertönen und dergleichen, die in der Nacht gehört ſein ſollten, ſchwatzten ſie eine Weile, und der verrückte Doctor Gieſelbrecht ſchrieb ſogar eine haar⸗ ſträubende Novelle über das Haus, die er in ſeinem Klatſchblatt abdrucken wollte, was ihm aber noch zur rech⸗ ten Zeit gelegt wurde. Die Unglückliche lebte indeſſen in beſter Pflege, aber ſorgfälig überwacht, denn wenn auch nur zu Zeiten, ſo kam doch manchmal der tolle Geiſt wieder über ſie und man durfte ſie dann nicht aus den Augen laſſen. Worin ihr Wahnſinn eigentlich be⸗ ſtand, kann ich ſelber nicht genau ſagen, aber man brauchte ſie nur anzuſehen und es ſtand unverkennbar in ihren Zügen geſchrieben.“ „Sie haben ſie geſehen?“ rief Thiodolf raſch und erſtaunt aus. „Gewiß“, ſagte der alte Herr,„aber ich kann nicht ſagen, daß ich eine beſondere Freude daran gehabt hätte, denn es war wahrlich kein tröſtlicher Anblick. Doch das Alles wollte ich Dir nur ſagen, um Dich, da Du doch nun einmal in Danneburg Deinen bleibenden Aufenthalt nicht haſt, über das Alles auf⸗ zuklären.“ „Aber in wie fern konnte mein Name mit dem Allen in Verbindung gebracht werden?“ ſagte Thiodolf nach einer kurzen Pauſe. 192 „Dieſe Unglückliche“, erwiderte der Stadtſchreiber, „iſt geſtern Nacht entflohen. Ueber Tag waren nur, als Fremde, die Arbeiter im Haus geweſen: Meiſter Behrens, ſeine zwei Lehrlinge und ein fremder Geſelle und heute Morgen kam der Herr Polizeidirector von Boſſe zu mir, um mir zu ſagen—.“ „Was? Der Polizeidirector war bei Dir, Onkel?“ „Um mir zu ſagen“, fuhr der alte Stadtſchreiber fort,„daß Du, Thiodolf, mit in jenem Hauſe gearbei⸗ tet habeſt und daß Herr van Beeker Dich beſonders im Verdacht habe, bei dieſem Fluchtverſuch betheiligt ge⸗ weſen zu ſein, da die Flucht ſelber nur von innen her⸗ aus, nie von außen, bewerkſtelligt ſein konnte.“ „Ich, Onkel?“ rief Thiodolf jetzt wirklich beſtürzt, denn das Gehörte paßte nicht im Entfernteſten zu dem Bilde, das er ſich bis dahin von der ganzen Sache ge⸗ macht. „Beruhige Dich“, ſagte der Onkel freundlich,„ich konnte dem Herrn Polizeidirector die beſtimmte Ver⸗ ſicherung geben, daß Du unmöglich dabei betheiligt ge⸗ weſen ſein könnteſt, da Du geſtern Abend, wie ich ganz beſtimmt wüßte, ſchon um dreiviertel elf Uhr in Deinem Bett gelegen hätteſt, gerade in der Zeit aber, wie er meinte, in welcher die Flucht bewerkſtelligt ſein müſſe.“ „Das iſt eine ſonderbare Geſchichte, Onkel“, ſagte Thiodolf, während es ihm im Kopfe wirbelte. Wie es ſchien, hatte ihn ſein alter Onkel auf die unſchuldigſte Weiſe von der Welt von jedem Verdachte rein gewa⸗ ſchen, weil er eben ſeine Betheiligung dabei für un⸗ möglich hielt; aber jetzt war er dafür auch aufs Aeußerſte geſpannt, den Doctor Gieſelbrecht zu ſprechen. Was ihm der Onkel erzählt hatte, kam ihm noch im⸗ mer zu unwahrſcheinlich vor. Der Herr Polizeidirector wünſchte nur vielleicht das in der Stadt auszuſpren⸗ gen, damit ſich das Publikum, wenn es etwas von der Flucht der Unglücklichen erfuhr, raſch darüber be⸗ ruhigte und nicht etwa den Herrn van Beeker ſelbſt beläſtigte. Doctor Gieſelbrecht konnte ihm aber darüber die beſte und ſicherſte Auskunft geben, und wie er nur ſeine Toilette, heute aber etwas ſorgfältiger als ſonſt gewöhnlich beendet hatte, eilte er ſo raſch er konnte in die Redaction des Danneburger Journals. Dort fand er Gieſelbrecht allerdings vor, aber nicht wie ſonſt wohl eifrig mit Arbeiten beſchäftigt, ſondern unruhig im Zimmer auf- und abgehend und ſeine Locken ſahen dabei aus, als ob er mit beiden Händen eine Zeitlang darin herumgefahren wäre. „Guten Morgen, Doctor“, rief er ihn fröhlich an. „Nun?— wie iſt Alles abgelaufen?“ Gerſtäcker, Das Hintergebäude. 13 194 „Na, Sie haben mir eine ſchöne Suppe eingebrockt!“ rief ihn aber Gieſelbrecht ſtatt jeden andern Grußes doch mit etwas unterdrückter Stimme an, und ſchloß auch dabei die Thür, denn die Leute gingen dort ab und zu,„an die Nacht will ich denken und wenn ich Methuſalems Alter erreichte.“ „Hatten Sie Unglück unterwegs?“ frug Thiodolf beſorgt;„es war ſehr ſchlechtes Wetter und der Sturm heulte hier in der Stadt, als ob er die Ziegel von den Dächern reißen wollte.“ „So? Haben Sie das auch bemerkt?“ ſagte der Doctor gereizt,„ich bin bald erfroren, denn ich mußte dem unglücklichen Geſchöpf ja meinen Mantel borgen, da ſie nichts auf der Welt trug, als ein etwas zu kurzes Ballkleid.“. „Ein Ballkleid?“ rief Thiodolf verwundert,„bei dem Wetter?“ „Und ſie hätten ſie ſehen ſollen, Pleſſen, als ſie den Mantel endlich in der warmen Stube abwarf und in allem Glanz holder Weiblichkeit vor uns ſtand—.“ „So ſchön war ſie?“ rief Thiodolf. „Ein altes Scheuſal!“ platzte jetzt der Doctor heraus,„mit einem Eberzahn vorn, mit ſchielenden Augen und aufgetakelt mit Blumen und Flittertand 195 um das alte Geſicht herum, das man Zahnſchmerzen bekam, wenn man ſie nur anſah.“ „Altes Geſicht?“ „Nun, in den Vierzigen hat ſie nicht mehr viel zu ſuchen.“ „Aber, Doctor, was um Gottes Willen haben Sie mir ſelber nicht Alles von ihrer Jugend und Schönheit erzählt, es ſollte ja eine wahre Sylphe—.“ „Der verfluchte Bläßchen“, ſagte der Doctor mit zuſammengebiſſenen Zähnen,„aber ich habe ihn auf den Trab gebracht.“ „Bläßchen? Wer iſt das?“ „Mein Berichterſtatter, der Eſel!“ ſagte Doctor Gieſelbrecht.„Weil ich ihn anſtändig honorirte, wenn er mir etwas Intereſſantes brachte, hat ſich der Lump ganze Geſchichten erfunden.“ „Aber, was ſagte die Dame? War ſie dankbar für ihre Befreiung?“ „Was ſie war, weiß ich nicht“, knurrte der Doctor, „aber deſto genauer was ſie iſt— rein verrückt näm⸗ lich, toll wie ein Märzhaſe, gekleidet geht ſie wie ein Backfiſch, und bei meinem Freund, dem Förſter, hat ſie geſtern noch das ganze Haus umgedreht, das Bett in der Stube herumgezogen und, mit Ausnahme des Ofens, Alles von der Stelle gerückt, um angeblich die Meubels 13* 196 geſchmackvoll zu ordnen. Die muß auch eingeſperrt gehalten werden und befände ſich am ſicherſten in einer Zwangsjacke.“ „Iſt das Ihr Ernſt, Doctor?“ „Meine volle und feſte Ueberzeugung.“ „Alle Wetter, dann haben wir am Ende einen dummen Streich gemacht?“ „Das haben wir“, beſtätigte Gieſelbrecht feierlich. „Und was jetzt? Was fangen wir mit dem un⸗ glücklichen Weſen an?“ „Gar nicht«“, entgegnete Gieſelbrecht ruhig.„Das Einzige, was geſchehen konnte, iſt geſchehen. Sobald ich heute Morgen zurückkam, habe ich an Herrn van Beeker mit verſtellter Handſchrift geſchrieben, wo er die Dame finden könne und eine halbe Stunde ſpäter iſt er denn auch ſchon, wie mir mein ausgeſchickter Bote verſichert, in ſeinem Wagen dahin abgegangen.“ „Herr van Beeker?“ rief Thiodolf erſtaunt aus, „aber der wird denn dort auch erfahren, wer ſie dahin gebracht hat?“ Gieſelbrecht ſchüttelte mit dem Kopf.„Dagegen iſt jede Fürſorge getroffen“, ſagte er,„der Förſter Selling nennt keine Namen, wie er mir feſt verſprochen hat, und wird ihm ſchon eine Geſchichte aufbinden— dafür iſt er ein Jäger.“ —— — 197 „Doctor“, ſagte Thiodolf, ſich mit der Hand durch die Haare fahrend.„Das iſt eigentlich eine ganz ver⸗ zweifelte Geſchichte. Heute Morgen war der Polizei⸗ director ſchon bei meinem Onkel.“ „Alle Teufel!“ rief der Doctor raſch. „Diesmal hat mein alter Oukel noch, in ſeiner Un⸗ ſchuld, ein Alibi für mich eingebracht; wenn aber die Sache weiter getrieben wird?“ „Bah“, ſagte aber Gieſelbrecht mit dem Kopf ſchüt⸗ telnd,„wenn der Polizeidirector ſelber kommt, iſt die Sache nicht gefährlich, ſondern das iſt eben ein Be⸗ weis, daß er Alles unter der Hand abmachen will, ſonſt hätte er Sie ganz einfach vorgeladen. Nein, ſie wollen es augenſcheinlich nicht an die große Glocke ſchlagen und wenn ſie jetzt nur den Mund halten, ſo hören wir gar nichts weiter davon.“ „Ich dachte, Sie hätten ſchon einen Artikel ge⸗ ſchrieben und wollten ihn in Ihr Blatt aufnehmen?“ „Ich werde mich hüten“, ſagte der Doctor, nein⸗ mal die Finger verbrannt und nicht wieder, und wenn ich von dieſer Nachtfahrt nicht auch noch den Rheumatismus in alle Glieder bekomme, ſo kann ich Gott auf meinen Knieen danken. Nun aber müſſen Sie mir wenigſtens erzählen, wie es geſtern Abend bei der Entführung zuging, das iſt wenigſtens intereſſanter, 198 als meine Nachtfahrt mit der alten Schachtel, an die ich mein ganzes Leben denken werde.“ „Ein ander Mal, Doctor“, ſagte aber Thiodolf, während er nach ſeiner Uhr ſah,„es iſt ſchon halb ein Uhr; um ein Uhr habe ich aber zu einem Diner zugeſagt und darf die Zeit nicht verſäumen. Alſo es bleibt dabei— wir Beide wiſſen von Nichts.“ „Keine Silbe— ſebſtverſtändlich—“, und dem Doctor zunickend, verließ der junge Architekt das Haus. ——— ͤͤ „ —— Zwölftes Kapitel. Schluß. Thiodolf wollte eigentlich bei ſeinem Freund Bo⸗ meier vorgehen, um dieſen abzuholen, aber ſchon vor dem Hauſe beſann er ſich noch anders. Einmal war es ſehr zweifelhaft, in welcher Laune er gerade„Kunigun⸗ den“ antraf und er hielt es daher für beſſer, ihm ſo lange als möglich auszuweichen, und dann konnte er ja auch immer ein paar Minuten zu Meiſter Beh⸗ rens gehen und brauchte die Zeit nicht ſo genau ein⸗ zuhalten. So ddrehte er ſich denn auf den Hacken herum, und verfolgte nach der andern Richtung ſeine Bahn. Unterwegs mußte er die Wohnung des Herrn van Beeker paſſiren und unwillkürlich faſt flog ſein Blick dort hinüber, als plötzlich ein Wagen bie Straße her⸗ 200 abraſſelte und vor dem Hauſe hielt. Die Fenſter deſ⸗ ſelben waren aber mit ſeidenen Gardinen verhangen, ſo daß ſich nicht erkennen ließ, wer darin ſaß. Der Kutſcher hatte jedoch kaum einmal mit ſeiner Peitſche geknallt, als ſich auch ſchon unten das große Thor mit beiden Flügeln öffnete, der Wagen fuhr hinein, das Thor ſchloß ſich wieder und ſtill und ruhig lag aufs Neue die ganze Fronte. Thiodolf nickte ſtill vor ſich hin mit dem Kopfe; da war Herr van Beeker mit der Entführten zurückge⸗ kehrt, und wie die Pferde gelaufen ſein mußten, zeigte der Schaum, der auf ihnen lag. Alſo alle ſeine Be⸗ mühungen, ſeine Tage lange Arbeit, die Gefahr, der er ſich ausgeſetzt, umſonſt— und doch lächelte er bei dem Gedanken und ſchritt leichten Herzens die Straße entlang g, die ihn dem Hauſe des Maurermeiſters Behrens zuführte. Dieſer hatte ſeinen„neuen Geſellen“ zu Mittag eingeladen, da er, wie er ſagte, nach getha⸗ ner Arbeit auch einmal ein Stündchen mit ihm eſſen, trinken und plaudern wollte. Von dem, was ihn bis dahin beſchäftigt, war der romantiſche Schimmer ab⸗ geſtreift; deshalb hatte es all' ſein Intereſſe verloren und andere Gedanken erfüllten ſein Herz, als er jetzt des Meiſters Hausthür öffnete. Er war noch etwas vor ſeiner Zeit gekommen 201 und fand Elſe allein in der unteren Stube, eben da⸗ mit beſchäftigt, den Tiſch zu decken und dabei zu ord⸗ nen; aber wie freundlich begrüßte ſie ihn und wie gut ſtand ihr dabei das leiſe Erröthen, das ſich wie ein lichter Schein über ihre Züge legte. „Das iſt hübſch von Ihnen, Herr Pleſſen“, ſagte ſie,„daß Sie die Eſſenszeit nicht ſo pünktlich einhal⸗ ten, oder gar noch zehn Minuten ſpäter kommen, wie es in der großen Welt Sitte iſt, was mir aber nie gefallen hat. Baſe Bomeier kommt auch immer ſo be⸗ ſtimmt fünfzehn Minuten nach der beſtimmten Zeit, daß wir uns, wenn ſie einmal bei uns zu Mittag iſt, ſchon immer mit dem Anrichten darnach vorſehen; aber“, ſetzte ſie dann verſtohten lächelnd hinzu,„ich hätte Sie bei⸗ nahe gar nicht wieder erkannt. Sie ſehen heute ganz anders aus wie neulich.“ „Sie haben Recht, Fräulein Elſe“, lachte Thiodolf, „und ich muß Ihnen geſtehen, ſo ungewohnt ich auch früher in der Arbeitstracht war, ſo kam ich mir jetzt doch, wenigſtens den erſten Tag, wie halb auf einer Maskerade vor, aber man gewöhnt ſich ja raſch an Alles, und heute Morgen that es mir faſt leid, meinen Arbeitsanzug ablegen zu müſſen. Ich habe ihn aber ſorgfältig in meinen Koffer gepackt, um ihn als An⸗ denken mitzunehmen.“ „Wollen Sie Danneburg wieder verlaſſen?“ frug Elſe und ſah mit ihrem lieben Geſicht beſtürtzt zu dem jungen Mann auf. „Ich muß, liebes Fräulein“, ſagte dieſer wehmü⸗ thig,„denn meine Arbeit beginnt jetzt. Ich habe geſtern in der hieſigen Zeitung geleſen, daß eine Concurrenz für einen hieſigen Bau, ein neues Gymnaſium, ausge⸗ ſchrieben iſt, und ich fühle die Kraft in mir, da mit einzutreten. Wir müſſen ja Alle arbeiten, um im Le⸗ ben fortzukommen und ich ſelber bin mit Leib und Seele bei meinem Beruf.“ Elſe war recht ſtill geworden; ſie ſah ſchweigend eine Weile vor ſich nieder, endlich ſagte ſie: „Und wenn Sie nun den Bau bekämen, dann würden Sie zu uns zurückkehren, nicht wahr, und mit dem Vater zuſammen arbeiten?“ Ein leichtes Lächeln flog über Thiodolfs Züge. „Wenn ich einen Wunſch in der Welt habe“, rief er bewegt aus,„ſo iſt es der.“ Jetzt war es an Elſe, zu erröthen, aber glücklicher Weiſe kam jetzt der Vater herein, der ſeinen jungen Gaſt herzlich begrüßte, und genau fünfzehn Minuten nach Eins, wie es Elſe vorhergeſagt, trafen auch Bo⸗ meiers ein und Elſe hatte indeß noch ſo viel zu thun, um Alles zu ordnen, daß ſie kaum fertig werden konnte. —— Auch Kunigunde war heute gnädig; ſie trug ihr ſchwarzſeidenes Kleid und dunkelrothe Blumen im Haar und rauſchte herüber und hinüber, während Bomeier ſelber ſeine Zeit abpaßte, des Freundes Arm ergriff und ihn in eine entfernte Zimmerecke führte. „Ich habe Dir heute Mittag Deine Photographie des alten Hintergebäudes zu Deinem Onkel geſchickt“, flüſterte er ihm zu,„aber, weißt Du ſchon, daß heute Nacht der Teufel da drüben los geweſen iſt?“ „Wo? 24 „In dem alten Haus.“ „In der That?“ „Ein Gehülfe von mir war noch ſpät in der Reſtau⸗ ration der„Krone“, als plötzlich ein Kellner herein kam und erzählte, da drüben zeige ſich an allen Orten Licht, und ſie hätten ſchon geglaubt, es ſei dort Feuer ausgebrochen.“ „So?“ ſagte Thiodolf mit der größten Ruhe, „aber wer weiß, was die Familie hat, vielleicht iſt Jemand krank geworden. Uebrigens, was ich Dir ſagen wollte, ich reiſe morgen ſelber wieder ab, denn ich habe einige Arbeiten auszuführen, die i nicht länger aufſchieben darf.“ „So raſch?— Ich glaubte, Du wollteſt den gan⸗ zen Monat hier bleiben und jetzt ſo auf einmal willſt Du uns wieder verlaſſen?“ 204 „Ich komme wahrſcheinlich in kurzer Zeit wieder, doch hängt das von Umſtänden ab, die— ich noch nicht vorherbeſtimmen kann. Ich ſage Dir, Bomeier, es giebt Ahnungen und ich glaube faſt, das alte Hin⸗ tergebäude, das von Anfang an mein Intereſſe ſo ſehr in Anſpruch nahm, iſt doch zuletzt für mich bedeutungs⸗ voll geworden.“ „Aber in wiefern?“ „Das erzähle ich Dir ſpäter, jetzt wird zu Tiſch gerufen und ich werde mir meine Dame holen.“ „Meine Frau?“ ſagte Bomeier. „Die fordert eben Behrens auf, ich werde mich heute an Fräulein Elſe halten.“ Bei Tiſch, herrſchte ein heiterer ungezwungener Ton und nur Kunigunde war Anfangs noch ein wenig ſteif und förmlich und warf ihrem Gatten manchmal ernſte Blicke zu, wenn er ſich, ihrer Meinung nach, von ſeiner Laune zu ſehr hinreißen ließ, aber auch ſie wurde endlich geſprächiger und thaute auf. Nach Tiſche blieben die Gäſte auch noch bis ſechs Uhr zuſammen und als ſich Bomeiers endlich zum Gehen rüſteten, reichte Thiodolf Elſen die Hand und ſagte herzlich: „Mein liebes Fräulein, ich muß dieſe Gelegenheit leider auch zugleich benutzen, um von Ihnen und von — 205⁵ Ihrem lieben Vater Abſchied zu nehmen. Ich reiſe morgen wieder ab nach meinem Heimathsort.“ „Sie wollen wirklich fort?“ ſagte das junge Mäd⸗ chen und es lag etwas in dem Ton, das Thiodolf bis ins Herz zuckte. „Hoffentlich auf nicht lange“, flüſterte er ihr zu. „Bewahren Sie mir ein freundliches Andenken bis dahin.“ „Halloh, Pleſſen“, ſagte der Maurermeiſter, als auch ihm der junge Mann die Hand zum Abſchied reichte, „das iſt ja verwünſcht ſchnell gegangen, denn geſtern wußten Sie doch noch nichts davon, haben wenigſtens keine Silbe erwähnt und ich bin noch immer in Ihrer Schuld, der Hülfe wegen.“ „Vielleicht hol' ich mir meinen Lohn ein anderes Mal“, lachte Thiodolf, drückte dem Alten herzlich die Hand und ſchritt dann mit Bomeiers eine Strecke zu⸗ ſammen die Straße hinab, um ohne Weiteres zu ſeinem Onkel zurückzukehren. Drei Monate mochten ſeit dem Tage vergangen ſein; der Winter hatte ſeine weiße Decke über Stadt und Land geworfen, das neue Jahr war eingeläutet worden und das unruhige Menſchenvolk hoffte ſchon wieder auf den freilich noch immer fernen Frühling, wo es die 206 dumpfigen Zimmer verlaſſen und unter Blumen und Blüthen wandeln konnte. In Danneburg hatte ſich indeſſen nur wenig ver⸗ ändert; die Welt ging eben ihren regelmäßigen Gang und das kleine Städtchen ſchloß ſich davon am wenigſten aus. Thiodolf war nur in ſtetem Briefwechſel mit dem Ort geblieben, mit ſeinem Onkel ſowohl als auch mit dem Maurermeiſter Behrens, und zwar zu keinem ge⸗ ringern Zweck, als jener Concurrenzarbeit, der ſich der junge Architekt indeß mit Luſt und Liebe hinge⸗ geben. Danneburg fing überhaupt an ſich zu heben; es war der Plan im Werk, daß eine Zweigbahn von dort aus nach der nächſten Eiſenbahnſtation gebaut werden ſollte, das Terrain in der That auch ſchon vermeſſen worden, und es wurde davon geſprochen, verſchiedene neue Bauten aufzuführen. Thiodolf hatte denn auch ſeinen Plan für das Gymnaſium eingereicht und die⸗ ſer war, wie ihm Behrens geſchrieben, als der beſte er⸗ kannt und angenommen worden. Es würde ihm alſo jedenfalls die Ausführung übertragen werden, und er thäte am Geſcheidteſten, wenn er im Lauf des nächſten Monats einmal herüber käme, da ſich ſo etwas viel beſſer mündlich als ſchriftlich abmache.“ —— 1— —— 207 Maurermeiſter Behrens wollte ſich eben mit ſeiner Familie zu Tiſch ſetzen, als es draußen anklopfte. „Na, wer kommt denn jetzt gerade?— Herein Auf der Schwelle ſtand Thiodolf und ſtreckte dem Meiſter lächelnd die Hand entgegen. „Pleſſen? wahrhaftig! Das iſt geſcheidt!“ rief der Alte.„Elſe, noch einen Teller, und nun ſetzen Sie ſich gleich mit her, denn ich habe Hunger.“ Elſe war blutroth geworden, als ſie den jungen Gaſt begrüßte, aber ihre Augen glänzten dabei, und 1“ ligkeit, denn der Blick verrieth ihm, daß er nicht ganz vergeſſen ſei. Aber die Einladung, an dem einfachen Mahl Theil zu nehmen, wurde wiederholt, und im Nu ſaß er mitten zwiſchen der Familie und lachte und plauderte mit ihnen, als ob er dazu gehöre und gar nicht fort geweſen ſei. „Haben Sie Ihren Freund Bomeier ſchon beſucht?“ frug Behrens. „Ich komme eben erſt an“, ſagte Thiodolf. „Sie ſind wieder bei Ihrem Onkel abgeſtiegen, wie?“ „Ich ſage, ich komme eben erſt an und mein Ge⸗ päck liegt noch beim Kutſcher im„Goldenen Löwen.“ Ich habe noch kein anderes Haus betreten, als das Ihre.“ Er warf den Blick verſtohlen nach Elſe hinüber 208 und ſah, wie ein leichtes glückliches Lächeln über ihre Züge glitt. „Bravo!“ ſagte Meiſter Behrens,„das iſt freund⸗ lich von Ihnen, aber darüber wird der alte Stadt⸗ ſchreiber am Ende böſe werden.“ „Ich überraſche ihn nachher“, lächelte Thiodolf,„und nun, lieber Herr Behrens, wenn Sie jetzt nach Tiſch einen Augenblick übrig haben, möchte ich ein paar Worte mit Ihnen auf Ihrem Zimmer reden.“ „Gern— aber unſer Geſchäft drängt nicht ſo; erſt wollen wir doch den Kaffee abwarten.“ „Ich möchte Sie gern noch vor dem Kaffee ſprechen, es nimmt uns nur wenige Minuten—.“ „Wenn Sie wollen, gewiß— kommen Sie nur mit herüber.“ Meiſter Behrens dachte natürlich nicht anders, als daß Pleſſen über den zu beginnenden Bau mit ihm ſprechen wolle, ſah aber zu ſeinem Erſtaunen, daß ſich der junge Mann in einer ganz merkwürdigen Aufregung befand und Anfangs gar nicht zu wiſſen ſchien, wie er beginnen ſolle. „Na?“ ſagte er verwundert,„was haben Sie denn. Sie ſehen ja auf einmal ſo roth aus. Iſt etwas vor⸗ gefallen?“ „Meiſter Behrens“, ſagte da Thiodolf mit einem, 209 freilich etwas erzwungenen Lächeln,„Sie— wiſſen, daß Sie noch in meiner Schuld ſind.“ 3 „Oho“, lachte Behrens,„brauchen Sie Geld?“ „Das nicht“, ſagte Thiodolf,„aber— eine Frau.“ „Eine Frau?“ rief der Meiſter verwundert,„alle Wetter, Sie meinen doch nicht—.“ „Ich liebe Elſe“, fuhr aber Thiodolf bewegt fort, „und ich glaube und hoffe, daß mir das liebe Mäd⸗ chen auch ein wenig gut iſt.“ „Haben Sie ſchon mit ihr geſprochen?“ frug Beh⸗ rens und ſah ihn ſcharf an. „Noch keine Silbe; ich wollte erſt die Gewiß⸗ heit haben, ob Sie mich zum Schwiegerſohn mögen. Ueber meine Vermögensumſtände wird Ihnen mein Onkel genaue Auskunft geben. Ich kann eine Frau er⸗ nähren und ihre Zukunft ſichern; außerdem fange ich jetzt eigentlich erſt ordentlich zu arbeiten an und habe ſelber eine Zukunft vor mir.“ Der Meiſter Behrens ſah den jungen bildhübſchen Mann, wie er mit gerötheten Wangen und blitzenden Augen vor ihm ſtand, eine Weile feſt und ruhig an, dann legte ſich ein wehmüthiger Ausdruck über ſein ehrlich Geſicht und er ſagte leiſe: „Und ſoll ich das Mädel hergeben? Mein ſanzes Leben hängt an ihr.“ Gerſtäcker, Das Hintergebäude 14 210 „Nein, Vater!“ rief da Pleſſen mit freudeſtrahlen⸗ dem Geſicht,„ich ziehe nach Danneburg. Der hieſige Magiſtrat ſelber hat mir eine ehrenvolle Stellung an⸗ geboten, und ich bin hergekommen, nicht des Baues wegen, ſondern vorher nur um Ihr, um Elſe's Wort zu hören; dann ſchlage ich ein und wir leben und ar⸗ beiten mitſammen.“ „Dann komm' an mein Herz, Junge!“ rief der alte Mann, während ſich ſeine Augen mit Thränen füllten,„denn daß Dir das Mädel gut iſt, weiß ich. Ich habs ihr, wie Du fort warſt, oft und oft ange⸗ merkt. Nun geh' aber zu ihr und frag ſie ſelber— ich will indeſſen mit der Mutter ſprechen.“ An dem Abend des nämlichen Tages aber, ſtrah⸗ lend in Glück und Seligkeit, ſaßen die Liebenden im Kreis der Familie beiſammen, um die Verlobung ſtill aber herzlich zu feiern. Der alte Stadtſchreiber war na⸗ türlichmit dazu eingeladen, Bomeier und ſeine Kunigunde gleich dageblieben, und glücklichere Menſchen gab es wohl an dem Abend nicht in ganz Danneburg als Pleſſen und Elſe. Da wurden Luftſchlöſſer für die Zu⸗ kunft aufgebaut, wie ſie ſich einrichten wollten, und in die Nähe der Schwiegereltern ziehen und tauſend an⸗ dere Dinge mehr, und der alte Stadtſchreiber ermahnte 5 211 dann, nur ja noch nicht zu raſch an die Verbindung zu denken, da noch manche andere vorbereitende Schritte dazu verlangt wurden. Vor allen Dingen mußten die nöthigen Papiere beigebracht werden, dann war es auch nöthig, eine Wohnung zu finden und einzurichten, und wie viele andere Dinge mehr. „Apropos, Wohnung“, ſagte der Maurermeiſter, das van Beeker'ſche Haus, wo wir damals zuſam⸗ men gearbeitet haben, ſteht jetzt zum Verkauf ange⸗ zeigt.“ „Zieht Herr van Beeker fort von hier?“ rief Thio⸗ dolf raſch. 3 „Ja, in den nächſten Tagen. Neulich war eein Todesfall in der Familie; in der Stadt hieß es, ſeine Schwägerin ſei geſtorben, eine kranke, ältliche Dame, die ſchon lange leidend geweſen, und die Nie⸗ mand bis jetzt geſehen hat. Das Begräbniß fand auch in aller Stille ſtatt; nur jener alte Herr, ein Oberme⸗ dieinalrath Vondern, der früher öfter hier geweſen war, kam nach Danneburg, und begleitete die Todte mit zu ihrer letzten Ruheſtätte. Die Leute wollten auch wiſſen, daß dem Ganzen ein ſehr romantiſcher Stoff zum Grunde läge, aber, Du lieber Gott, was wird nicht Alles geſchwatzt, und man darf nie die Hälfte davon glauben. Merkwürdig iſt nur, daß Dr. Gieſelbrecht in 14* 212 ſeinem Klatſchblatt kein Wort von der ganzen Sache erwähnt hat.“ Thiodolf hatte ſtill und aufmerkſam der kurzen Er⸗ zählung gelauſcht, ohne ſie auch nur mit einem einzigen Wort zu unterbrechen. Jetzt ſagte er leiſe und lang⸗ ſam mit dem Kopf ſchüttelnd: „Sonderbar, wie das ſo manchmal in der Welt geht, und wie wir unſer Schickſal in der Hand zu haben glauben, während wir in der That nur Maſchi⸗ nen ſind, die von einer außer unſerm Bereich ſtehen⸗ den Kraft geleitet werden. Ich glaubte zum Beiſpiel damals durch Dich, mein guter Schwiegerpapa, in das alte Hintergebäude zu gelangen und wie ſich die Sache jetzt herausſtellt, bin ich durch das alte Hintergebäude in Deine Familie gekommen, und dadurch einer der glücklichſten Menſchen geworden, den die Erde trägt.“ „Du wollteſt in das alte Hintergebäude gelangen?“ ſagte Behrens erſtaunt. „Das iſt eine lange Geſchichte“, lächelte Thiodolf, „die ich Dir ein andermal ausführlich erzähle; heute, mein lieber Schwieg erpapa, bin ich viel zu glücklich, um an irgend etwas Anderes zu denken, als an mein liebes Bräutchen. Ob ich deſſen Beſitz nun dem alten Hintergebäude verdanke oder nicht, bleibt ſich gleich, aber eine frohe Zeit liegt vor uns“, fuhr er fort,„und 213 wenn die alte wunderbare ſchöne Sage Wahrheit iſt, daß uns Allen in der Kindheit von einem gütigen Gott ein Schutzengel beigegeben ward, der uns führt, und erſt, wenn wir ſeiner Hülfe nicht mehr bedürfen, Ge⸗ ſtalt annimmt, ſo habe ich den hier gefunden. Es iſt Elſe, und geſegnet ſei die Stunde, die mich zuerſt in ihre lieben Augen ſchauen ließ.“ Ende. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Neue Romane aus dem Verlage von Eruſt Julius Günther in Leipzig. Bariſer Todtentanz. Roman in 2 Abtheilungen von Mar von Schlägel. 1. Abth.: Nach uns die Sündflut! 2. Abth.: Der rothe Faſching. 6 Bände. Preis 4 Thlr. 15 Ngr. Der Lebensretter. Humoriſtiſcher Roman von— Graf iltrich Jandiſſin. 3 Bände. 8⁰. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. Frauenherzen. Zwei Novellen von Touiſe Mühlbach. 2 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 3 Thlr.