* ihbibl deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leißj und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens V 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:— für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. ersatz. Jur beſchmutzte, zerriſſene, ſt hreſ und Ladenpreis erſetzt werden.— J das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 3. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ 2 56 5 2 *2 8 = 3 S SS 555 5* SS 58= 3 8 2 8 :S S ‿ 2. ₰ — 5 5 — .5 8 8 2 2 8 — — 8 —₰ n ½ 5 8 ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben, * 1 7 4— 4 1 4 f —*₰ 1 1 1 † 1 4 4 . — 4 1 1 8 1 1 Gold! Ein Californiſches Lebensbild. Dritter Band. 3 4 Ein Californiſches Lebensbild ans dem Jahre 1849 Friedrich Gerſtäcker. 8 Der Verfaſſer behält ſich die Ueberſetzung dieſes Werkes vor. Dritter Band. ——n Leipzig, Hermann Coſtenoble. 1858. Inhaltsverzeichniß des dritten ZBandes. Capitel 1. Die Mexikaniſche Flagge.... Seite 1 „ 2. Der Angriff........„ 40 3 3. Mr. Smith.....„ 67 7 4. Alte Belannte........„ 99 5. Der Gefangene.......„ 139 6. Die Begegnung......„ 167 7 7. Der Abend im Lager.....„ 196 S. Die Jury.......„ 238 9. Der Abſchied......„ 273 „„ 10. Schluß.........„ 299 —* — 4— —— Capitel J. Die Mexikaniſche Flagge. Charles Golway das Herz zum Zerſpringen voll, war, wie er die Frauen verlaſſen hatte, raſch ſeinem Pferde zugeeilt. Das arme Thier lahmte aber ſtärker als je, und er durfte nicht daran den⸗ ken es wieder zu beſteigen. So lange es noch im Gange geblieben, hatte ſich auch das verletzte Glied gelenk erhalten, jetzt aber war ihm die Wunde, wie es ihm der Amerikaner vorhergeſagt, durch die kurze Raſt angeſchwollen, und es konnte das kranke Bein kaum vom Boden heben. „Mein armer Burſch,“ ſagte da der Mann, ihm mitleidig den ſchönen Hals klopfend,„Du wirſt mich wol das letzte Mal getragen haben, denn ich darf Gerſtäcker, Gold. III. 1 2 hier nicht warten, bis Du hergeſtellt biſt. Komm wenigſtens mit in die Ebene auf weicheren Boden hinunter, und dort magſt Du dann ruhig weiden und Dich erholen.“ Er legte ihm jetzt den Zügel wieder an, und führte es ſorgſam die bequemſten Stege nieder, ſchräg am Hang hinab. Er vermied dabei abſicht⸗ lich den Pfad, den beiden Frauen dort nicht wieder zu begegnen, und erreichte endlich weiter weſtlich den oberen Theil der Flat, wo ein kleiner, von den Goldwäſchern erſt ganz kürzlich in Angriff genomme⸗ ner Bergbach vorrieſelte, und im Schatten der mäch⸗ tigen Cedern und Kiefern, wie wilder Kirſch⸗ und Haſelbüſche reichliche Weide bot. Von hier aus konnte man das Zeltſtädtchen ſelber nicht mehr ſehen, im Niederſteigen war ihm aber nicht entgangen, daß eine außergewöhnliche Bewegung dort ſtattfand, auch konnte er ſich nicht gut erklären, weshalb der Mexikanertrupp in ſei⸗ nem Lager eine Flagge aufgezogen hatte. Zu ſehr mit ſeinem eigenen Schmerz beſchäftigt, gönnte er jedoch den fremden Scenen kaum mehr als einen flüchtigen Gedanken. Was kümmerte es ihn, ob ſich die Leute hier friedlich vertrugen, ob ſie in Haß und Feindſchaft mit einander lebten. Sein Ziel auf’s Neue war die See, die offene See, und mit 3 heißer Sehnſucht trieb es ihn jetzt dem Meeres⸗ ſtrand entgegen, im Stürmen der bäumenden Wogen den Gram, der ihm die Bruſt bedrückte, wenn auch nicht zu vergeſſen, doch zu betäuben. Unten, gleich am Eingang der Flat, durch nie⸗ deres Buſchwerk aber von dem offenen Theil der⸗ ſelben noch getrennt, arbeiteten einige Goldwäſcher. Es war ein kleiner Trupp Neger, die hier den Boden aufgewühlt hatten, und eine kleine Strecke entfernt von ihnen ſah er einen einzelnen Ameri⸗ kaner eben beſchäftigt, die Büſche an einer anderen Stelle umzuhauen, dort wahrſcheinlich ebenfalls ein⸗ zugraben. Als dieſer Letztere den Fremden mit dem lahmen Pferd vorbeikommen ſah, hielt er in ſeiner Arbeit inne, ſich aufmerkſam das Pferd ſelber zu betrachten. — Es war ein alter Bekannter von uns, Boyles, der den geringeren, aber doch ſicheren Erfolg des Grabens lieber dem unſicheren, wenn auch ver⸗ lockenden Ertrag des Spieles vorgezogen hatte, und mit abgeworfener Jacke und aufgeſtreiften Aermeln rüſtig dem Boden ſeine verborgenen Schätze zu ent⸗ reißen ſuchte. Der Amerikaner wie der Engländer intereſſirt ſich indeſſen gern für Pferde, und beſonders haben die richtigen Backwoodsmen ein erſtaunliches Ge⸗ . 1* 4 dächtniß für ſolche Thiere, die ſie an kleinen unbe⸗ deutenden Merkmalen, wenn auch nur einmal flüch⸗ tig geſehen, leicht wieder erkennen. Uebung genug erlangen ſie allerdings zu Haus, wo ſie ihre Pferde und Rinder frei im Walde mit denen der Nachbarn zuſammen laufen laſſen, und ſogar nicht ſelten eben nur auf ſolche Zeichen angewieſen ſind, ihr Eigen⸗ thum herauszufinden. Nicht weit von Boyles, an einer Stelle, wo das kranke Pferd Gras und Waſſer in der Nähe finden konnte, und noch im Schatten der Büſche den Sonnenſtrahlen nicht zu ſehr ausgeſetzt blieb, hatte der junge Engländer gehalten, und nahm ſei⸗ nem armen Thiere Sattel und Zaum wieder ab, es frei weiden zu laſſen. „Hallo, Fremder,“ ſagte der Amerikaner, indem er ſeine Art auf die Schulter warf, und langſam auf ihn zuſchlenderte,„was habt Ihr mit Euerem Pferd angefangen? Wetter noch einmal, das iſt ja Jim Roylick's Brauner; habt Ihr das Thier ſchon lange?“ „Etwa vier Wochen.“ „Na ja, ſo lange iſt es etwa, daß er es ver⸗ kauft hat— ſoll einen guten Preis dafür be⸗ kommen haben.“ „Ich gab ihm zehn Unzen.“ 44 5 „Alle Wetter, das iſt viel Geld, und was habt * Ihr jetzt damit angefangen?“ „Nichts von Bedeutung— es hat ſich nur an einem dürren Aſt im Wald die Haut aufgeriſſen, und durch Hitze und Staub ſcheint ſich das ent⸗ zündet zu haben.“ Der Amerikaner hatte ſeine Art hingelegt, und war zu dem Pferd getreten, deſſen Wunde er genau unterſuchte, und dann das Pferd ſelber mit Kenner⸗ blicken muſterte. „Und was wollt Ihr jetzt damit anfangen?“ frug er dann. „Ich weiß es ſelber nicht. Ich möchte gern ſo raſch als möglich nach San Francisco, und ehe dieſes Pferd wieder im Stande ſein wird mich zu zu tragen, können immer acht oder vierzehn Tage vergehen.“ 4„Das allerdings,“ ſagte Boyles—„wenn es je wieder wird.“ „Es iſt nur ein Fleiſchriß, der raſch wieder „— heilt.“ „Ja, aber mit den Inſekten und der Hitze kann auch leicht eine ſchlimmere Entzündung dazu kom⸗ 5 men, wenn die Wunde nicht reingehalten wird. Ihr ſolltet es lieber verkaufen.“ „Es wird mir allerdings Nichts weiter übrig bleiben. Vielleicht finde ich hier Jemanden, der mir, gegen ein Aufgeld natürlich, ein anderes Pferd oder Maulthier dafür überläßt.“ „Wenn Ihr nur nach San Francisco wollt,“ ſagte da Boyles,„ſo braucht Ihr Euch nicht ein⸗ mal ein eigenes Thier zu kaufen, denn Rückgelegen⸗ heit dorthin, mit einem leeren Wagen oder Maul⸗ thiertrupp trefft Ihr faſt alle Tage.“ „Ich möchte raſcher dorthin kommen.“ „Gut; Leute, die Euch ihre Thiere verkaufen, findet Ihr überall; weit eher als ſolche, die Euch ein lahmes Pferd abnehmen.— Aber— wenn Ihr einen mäßigen Preis verlangtet, wäre ich ſelber nicht abgeneigt, mit Euch einen Handel über den Braunen da abzuſchließen— nur weil ich das Thier von früher her kenne.“ „Gebt mir drei Unzen und er ſoll Euer ſein,“ ſagte der Fremde. „Drei Unzen, hm, das iſt verdammt viel Geld für ein lahmes Pferd, an das ich vielleicht in acht Tagen gar noch einen Schuß Pulver verwenden müßte,“ ſagte der Amerikaner, innerlich aber ſchon feſt entſchloſſen, ſich den guten Handel nicht ent⸗ ſchlüpfen zu laſſen.„Wenn Ihr zwei geſagt hättet.“ „Dann ließ ich es lieber frei, und ſich ſein Futter ſelber im Walde ſuchen.“ 4 4 4 1— „Und wie lange glaubt Ihr, daß es da ohne Aufſicht auch frei herumlaufen würde? Das ſollte nicht lange dauern, ſo hätte es einer der gelbhäu⸗ tigen Seüores am Wickel und machte ein Packpferd daraus, bis es zuſammenbräche— oder die rothen Halunken ſchnitten ſich gar Beefſteaks daraus. Sagt zwei und eine halbe Unze und gebt den Sat⸗ tel ein.“ „Nein, Freund, den brauch' ich ſelber, um wei⸗ ter darauf zu kommen, und handeln kann ich eben⸗ falls nicht. Ich verliere an dem Thier genug, und wollt Ihr drei Unzen geben, ſoll es Euer eigen ſein. Was das Pferd werth iſt, brauche ich Euch nicht zu ſagen.“ „Ja, aber zum Henker auch; fordern und bie⸗ ten macht doch Kaufleute. Wer giebt denn Je⸗ mandem je das, was er fordert? Da ſolltet Ihr einmal unſere Yankee⸗Krämer hören.“ „Ich bin auch kein Yankee⸗Krämer, lieber Freund,“ lächelte der Engländer,„wollt Ihr aber unter jeder Bedingung etwas abhandeln, ſo denkt Euch denn, ich hätte fünf Unzen gefordert, und Ihr mir zwei herunter geboten. Kommt mit zum näch⸗ ſten Zelt und zahlt mir die drei Unzen, und das Thier iſt Euer, oder laßt es mir, und ich will ſehen, daß ich einen anderen Herrn dafür finde.“ 6 3 4 8 Boyles konnte ſich noch nich den, daß der Fremde gar Nichts von dem geforderten Preis nachlaſſen wollte. Er kannte übrigens das Pferd, wußte, daß der Fleiſchriß nicht viel zu be⸗ deuten hatte und bald wieder heilen würde, und ſagte deshalb nach einer Weile: „Meinetwegen denn, Fremder; wenn Ihr ſo hartnäckig auf Eueren Preis haltet, ſoll mir's auf die paar Dollar auch nicht ankommen. In ein Zelt brauchen wir aber deshalb nicht zu gehen, denn wir Beide haben doch wohl Jeder unſere Wage bei uns, und können die Geſchichte gleich hier in's Reine bringen.“ t recht darein fin⸗ Dabei hatte er ſeinen Goldbeutel und die Wage aus der Taſche ſeiner Jacke herausgenommen, und wog die drei Unzen in Goldkörnern ab, die der Engländer, ohne ſie nachzuwiegen, in ſeinen eigenen Beutel ſchüttete. Mit nur einiger Uebung lernt d das ſtete Verkehrs mittel bildet, ſchon bald mit einem Blick die etwaige Quantität Körner tariren, und nur hier und da macht feineres oder grobkörnigeres Gold einen geringen Unterſchied. Das Pferd war indeß zum nächſten Waſſer ge⸗ hinkt, dort ſeinen Durſt zu ſtillen, und während ihm Golway den Sattel abnahm und zuſammen⸗ —— — — —— 9 ſchnürte, wuſch Boyles ſorgfältig die Wunde aus, und band ſein Taſchentuch darum. „Leb wohl, mein alter braver Burſch,“ ſagte da der junge Mann, des Pferdes Nacken klopfend, „und halte Dich tapfer. Hoffentlich wird Dich Dein neuer Herr ſo gut behandeln, wie ich es gethan.“ „Habt keine Sorge,“ ſagte Boyles,„ich weiß mit Pferden umzugehen. Ihr wollt jetzt nach dem Paradies hinein?“ „Ja, aber ich werde mich ſchwerlich dort länger aufhalten, als nöthig iſt ein neues Reitthier für mich anzuſchaffen. Es ſcheint auch unruhig dort zuzugehen.“ „Ach was,“ lachte der Amerikaner,„die Seno⸗ res da drüben am Hügel haben ſich ein Bischen zuſammengerottet, aber das Ende vom Liede wird ſein, daß ſie aufſatteln und ſich einen anderen Platz ſuchen.“ 8 „Sie haben ihre Flagge aufgehißt,“ ſagte Golway. „Was?“— ſchrie der Amerikaner, überraſcht emporſpringend,—„die Mexikaniſche Flagge uns in die Zähne?“ G „Ich ſah es, als ich den Berg herunterſtieg.“ „Den Teufel auch! Nun weiß ich erſt, wes⸗ halb mein Kamerad, mit dem ich hier das Loch graben wollte, nicht zur Arbeit herausgekommen iſt. 10 Wetter noch einmal, den Schuften wollen wir die Flagge bald wieder heruntergeholt haben— Und ich ſitze indeſſen hier und hacke die alten Büſche um.“ Eine Anzahl der wildeſten Flüche dabei in den Bart murmelnd, ſprang der Mann zu ſeinem Arbeitsplatz zurück, zog ſeine Jacke an, griff ſein Werkzeug auf und lief jetzt, ſo raſch er laufen konnte, mitten durch die Büſche hindurch dem nahen Städtchen zu. Golway hing ſich indeſſen den Zaum um, nahm den zuſammengeſchnürten Sattel auf den Rücken und folgte ihm langſamer, den ſchmalen Pfad dabei einhaltend, der von hier in die Anſiede⸗ lung hinein führte. Im Paradies herrſchte indeſſen, wie Voyles allerdings richtig vermuthet hatte, nicht geringe Auf⸗ regung. Schon am frühen Morgen zeigten die Mexi⸗ kaner nämlich, daß ſie das bisherige fügſame Weſen gegen die Amerikaner aufgegeben hatten. Was ſich für Gerüchte zwiſchen ihnen verbreitet, wußte man natürlich nicht, als aber Hale, der noch immer hoffte die Sache in Güte beizulegen, ſie aufforderte, ruhig auseinander und an ihre Arbeit zu gehen, ja ihnen ſogar das Verſprechen gab, daß ſie nicht weiter geſtört oder beunruhigt werden ſollten, ſobald . 4—— 8 1 4 ſie nur die geſetzlich gewordene Taxe zahlten, wieſen ſie ihn barſch und kurz ab. Möglich, daß gerade noch die gut gemeinte und freundliche Anrede ſie mehr in ihrer Widerſetzlichkeit beſtimmte, da ſie die⸗ ſelbe der Furcht vor ihrer Ueberzahl zuſchrieben. Darin hatten ſie ſich freilich geirrt. Hale übrigens, der mit Spott und Schimpfreden eheimgeſchickt wurde, kehrte wüthend in das Lager zurück, und rief, ohne erſt den Alkalden darum zu fragen, augenblicklich alle die noch dort befindlichen Amerikaner zuſammen. Die Meiſten von dieſen arbeiteten aber in der Flat, und als er zu ihnen ſchickte in die Stadt zu kommen, gehorchten nur Wenige dem Aufruf. Die Meiſten ließen ihm ſagen, ſie hätten jetzt mehr zu thun, als ſich um die lumpi⸗ gen Merxikaner zu kümmern; zu Mittag wollten ſie kommen. Hale war außer ſich, und in dieſer Stimmung, eben im Begriff den Alkalden aufzuſuchen, mit dieſem die weiteren und nöthigen Schritte zu berathen, begegnete er Hetſon, der bleich und verſtört aus ſeinem Zelte kam. „Habt Ihr meine Frau nicht irgendwo geſehen?“ rief er auch dem Sheriff ſchon von weitem zu— „ſie iſt nicht hier im Lager.“ Ihre Frau?“ brummte der Sheriff ungeduldig, .— 12 „ja ich hätte jetzt Zeit mich um di kümmern. Wo ſoll ſie denn ſein?“ „Gott weiß es— auf einem Spaziergang möglicher Weiſe; vielleicht gar hinauf in die Berge.“ „Da hätte ſie ſich eine prächtige Zeit dazu ge⸗ wählt,“ ſagte Hale—„die Berge ſchwärmen jetzt ordentlich von Indianern; Gott weiß, wo die rothen Halunken auf einmal alle herkommen. Mr. Het⸗ ſon, die Sache wird ernſt, und ſo leicht wir ſie bis jetzt genommen haben, müſſen wir nun etwas thun, den Burſchen Reſpect einzuflößen. Warten wir, bis ſie den Angriff machen, ſo ſind wir ver⸗ loren, denn wir können ihnen kaum einen Mann gegen zwanzig entgegenſtellen.“ „Sie haben recht, Hale, vollkommen recht,“ ſagte Mr. Hetſon, der vor innerer Aufregung todtenbleich war,„ſchaffen Sie mir nur— ſchaffen Sie mir nur um Gotteswillen erſt meine Frau, denn wenn wir hier einen Kampf beginnen, und die Burſchen über die Ebene ſtreuen.“ „Das iſt nicht übel,“ ſagte Hale ärgerlich, „gehört das auch mit in mein Amt? Was zum Henker hat auch die Frau gerade heute draußen herumzulaufen, wo der Teufel an allen Ecken und Enden los iſt. Ganz allein i*ſt ſte fort?“ „Manuela muß bei ihr ſein.“ e Frauen zu ——— .„ Und in der Stadt iſt ſie nicht?“ .„Ich habe alle Kaußzelte abgeſucht.“ „Na ja— Frauen gehören aber auch nicht in die Minen. Wetter noch einmal, hier hat ein Mann zu thun, ſich oben zu halten. Wir müſſen jetzt unſere Landsleute auf die eine oder die andere Art zuſammenbringen, denn wenn wir bis Mittag warten, kann mehr verdorben ſein, als wir in einer Woche wieder im Stande ſind gut zu machen. Die Peſt über die Burſchen, daß ſie nicht einen halben Tagelohn verlieren wollen, während alle anderen Nationen wie Kletten zuſammenhängen. Von den 1 Franzoſen arbeitet kein Einziger— ſie ſind Alle drüben in dem einen Zelt verſammelt, und wenn uns die auch noch auf den Hals kommen, bleibt uns nichts Anderes übrig als Ferſengeld zu geben.“ „Wir werden nicht fliehen, Sheriff,“ rief Het⸗ ſon, aber er ſprach die Worte zerſtreut, und ſeine Blicke ſchweiften dabei raſtlos die Straße auf und ab. „Sammelt nur indeſſen unſere Landsleute— ich— ich bin gleich wieder bei Euch—“ und ohne ſich weiter um den ihm erſtaunt Nachſehenden zu 1 bekümmern, eilte er raſch die Straße hinauf und * verſchwand bald hinter den Zelten. Hale blieb noch eine ganze Weile auf derſelben Stelle ſtehen, auf der ihr Jener verlaſſen hatte, als —14 ob er ſelber nicht recht wiſſe, was er jetzt thun ſolle. Endlich brach ſich aber ſein Grimm in ein paar Kernflüchen Bahn, und den Boden ſtampfend rief er hinter ſeinem Alkalden drein: „Wir werden nicht fliehen?— ich bin gleich wieder da? ſo? Verdammt will ich ſein, wenn ich das glaube, und das iſt das Kurze und Lange von der Geſchichte. Gleich wieder da?— ja wohl; jetzt hat er die beſte Ausrede hinter ſeiner Frau herzu⸗ laufen, und Hale kann indeſſen ganz gemüthlich die Kaſtanien aus dem Feuer holen. Aber meinetwegen; ſchlagen ſie euch todt, ſo iſt das weiter auch eben kein Unglück, und weder hier noch in den Staaten wird ein Menſch eine Thräne d'rum vergießen; aber lebendig gebraten will ich werden, wenn es nicht ein Skandal iſt, daß man keinen richtigen Alkalden finden kann. Hab' ich denn nicht recht, wenn ich behaupte, daß die Burſchen, die ordent⸗ lich ſchreiben und leſen können, ihr Herz in den Federkielen ſitzen haben?— es iſt kein Mann unter ihnen.“ Noch während er ſprach, hatte er ſein kleines Fernrohr aus der Taſche genommen, und ſcharf nach den Bergen hinüber geſchaut, an denen ſich jetzt ſchon mit bloßen Augen die dunklen Schwärme der Eingeborenen erkennen ließen. Wo nur eine — der zahlreichen kleinen Waldblößen es erlaubte einen Blick über das Thal zu gewinnen, hielt ein Trupp, und ſelbſt bis in die Flat waren ſie ſchon herab⸗ geſtiegen und lagerten dort, jetzt natürlich noch ohne das geringſte Zeichen feindſeliger Geſinnung. Hale wußte aber recht gut, wie raſch ſich das ändern konnte, ſobald ſich eine Veranlaſſung dazu fand, und dieſe Burſchen, einmal erſt losgebrochen, hätten auch ohne Weiteres das ganze Lager in Brand geſteckt. Langſam ſchweifte er mit dem Glas die Flat entlang, der Stelle zu, wo die Mexikaner hielten, als er plötzlich mit einem Schrei des Erſtaunens emporſprang. Er traute dem Glas nicht einmal mehr, und wollte das mit eigenen, bloßen Augen ſehen, was ſich dort ihm bot: die Merikaniſche Flagge. „Da haben wirs!“ ſchrie er dabei, ſein Glas zuſammen und in die Taſche ſchiebend—„offener Aufruhr im Lager und die Amerikaner draußen bei ihrer Arbeit ſo ruhig das vermaledeite Gold aus dem Boden hackend, als ob ſie im Leben kein wei⸗ teres Intereſſe an der Sache hätten— und kein Alkalde da— kein Pech heiß und den Teufel zu zahlen. Verdammt will ich aber ſein, wenn ich mir das gefallen laſſe, und wenn ich allein hinaus⸗ gehen ſoll die Flagge herunter zu holen;“ und in 16 vollem Grimm über die Frechheit der Fremden ſprang er in ſein Zelt die eigene Büchſe heraus⸗ zuholen. Was er vor der Hand damit wollte, wußte er ſelber noch nicht. Hetſon war indeſſen wirklich in Todesangſt die Straße hinaufgeeilt, zu ſehen, ob er die beiden Frauen finden könne, und ſchwer bereute er jetzt, ſie nicht vor dem gewarnt zu haben, was ihnen drohe. Aber er hatte ſie auch nicht— vielleicht unnöthiger Weiſe— ängſtigen wollen, und nicht daran gedacht, daß ſie Morgens das Lager ver⸗ laſſen könnten, in den Wald, und mitten zwiſchen die Feinde hinein zu gehn. An den letzten Zelten angekommen frug er ver⸗ gebens einige ihm dort Begegnende nach den Vermißten. Ein Deutſcher nur wollte ſie vor etwa einer Stunde geſehen haben, wie ſie durch die Flat den nächſten Bergen zugeſchritten ſeien. Dort aber ſtreiften gerade die meiſten Indianer umher, und Hetſon war eben im Begriff ſie ſelber aufzuſuchen, als ihm die beiden Frauen flüchtigen Laufes ent⸗ gegenkamen. „Gott ſei Dank“ war Alles, was Hetſon ſprechen konnte, aber eine Laſt ſchien von ſeiner Seele ge⸗ wälzt, und welche dunkle Wolken auch Furcht und ——— 4 17 Mißtrauen darüber gelegt haben mochte, der An⸗ blick ſeiner Frau verſcheuchte ſie im Nu. „Oh ſei nicht böſe, Frank, daß wir Dir heut' Morgen davon gelaufen ſind,“ bat dieſe, auf ihn zueilend und ſeine Hand ergreifend,„wir hatten keine Ahnung, daß uns irgend eine Gefahr hier in der Nähe der Zelte drohen könne.“ „Du haſt mir große— große Sorge gemacht, Jenny,“ rief aber ihr Gatte, ohne auch nur einen Augenblick ſtehen zu bleiben, indem er mit ihnen den Rückweg antrat.„Ich wußte nicht einmal, wohin Ihr Euch gewendet haben konntet, und die Fremden um das Lager her zeigen ſich mit jedem Augenblick drohender.“ „Die Mexikaner haben eine Flagge aufgehißt,“ ſagte ängſtlich die Frau—„das wird doch nicht ein ſchlimmes Zeichen ſein?“ „Ihre Flagge?“ rief Hetſon, und wie verwan⸗ delt war der Mann in dem einen Augenblick— „dann komm mein Herz— komm raſcher, wenn Du irgend kannſt, ich habe keinen Moment mehr zu verlieren. Aber biſt Du deſſen auch gewiß?“ „Von weiter oben konnte man es deutlich er— kennen,“ beſtätigte auch Manuela—„und ſelbſt von hier— wenn Sie hier hertreten, Senlor, können Sie das wehende bunte Tuch da draußen erkennen.“ Gerſtäcker, Gold. III. 2 18 Hetſon folgte der Richtung ihres ausgeſtreckten Armes mit den Augen, ein einziger Blick dorthin genügte aber die erhaltene Nachricht zu beſtätigen. „Kinder,“ ſagte er freundlich zu den beiden Frauen—„Ihr habt den weiten Weg von den Bergen hierherunter allein gefunden; ſo werde ich Euch auch dieſe kurze Strecke noch Euch ſelber über⸗ laſſen müſſen. Wir ſind ja auch hier dicht an den Zelten und Ihr habt Nichts mehr zu fürchten.“ „Hetſon— ich möchte Dir etwas ſagen, ehe Du uns wieder verläßt,“ bat da die Frau. „Betrifft es das Lager dort, oder die Indianer?“ ſagte der Mann— „ Nein— uns ſelber— mich.“ „Dann laß es, mein Herz, bis nachher. Haltet Euch nur nicht auf, und eilt ſo raſch Ihr irgend könnt zu unſerem Zelt zurück— dort ſehen wir uns wieder—“ und ohne weiter eine Antwort abzu⸗ warten, floh er mit raſchen Schritten den Weg zurück, den er gekommen, um den Sheriff aufzu⸗ ſuchen, und die jetzt nöthigen Maßregeln zu ergreifen. Hale, der in aller Haſt ſein Gewehr in Stand geſetzt und geladen hatte, kam eben mit ein paar aus den Zelten zuſammengetriebenen Amerikanern die Straße herauf und ihm entgegen. „Nun Alkalde, haben Sie Ihre Frau gefunden?“ 19 rief er dem Mann aber mehr höhniſch als freund⸗ lich zu—„ich hatte mir kaum gedacht, daß Sie ſobald zurückſein würden.“ „Ja, Sheriff, ich habe ſie allerdings gefunden,“ erwiderte Hetſon ruhig, und trat dabei zu ſeinem Zelte, vor dem an einer hohen abgeſchälten Kiefer die Amerikaniſche Fahne luſtig im Winde faatterte. —„Die Frauen ſind in Sicherheit, und nun wollen wir Männer uns ebenfalls zu ſichern ſuchen.“ Mit dieſen Worten löſte er das Flaggenfall, und war im Begriff die Amerikaniſche Flagge niederzu⸗ ziehen, als Hale, die Büchſe in Anſchlag, mit einem Schrei auf ihn zuſprang. „Seid Ihr des Teufels? wollt Ihr die Sterne und Streifen vor den Mexikaniſchen Hunden ſtreichen? Verdamm mich, und wenn Ihr ſelbſt Alkalde ſeid, aber zieht die Flagge noch einen Zoll von ihrem Maſt nieder und ich ſende Euch eine Kugel durch das verrätheriſche Hirn.“ „Sheriff,“ ſagte Hetſon, indem er mit der Linken das Flaggenfall hielt, während er mit der Rechten einen Revolver aus der Taſche zog—„für das Wort könnte ich Euch jetzt auf der Stelle, auf der Ihr ſteht, todtſchießen wie einen tollen Hund, und ich würde es thun, wenn ich Euch nicht als einen ehrlichen und braven Mann kennte. Aber wir haben 2* Streit nach außen zu genug, nicht auch noch im Lager damit zu beginnen. Wißt Ihr ein beſſeres Mittel, unſere Landsleute herbei zu rufen, als durch das Niederholen der Flagge?“ Der Sheriff ſchwieg und ſah ihn noch immer zweifelnd an, Hetſon aber ſchob den Revolver in ſeine Taſche zurück, und ohne weiter auf den noch immer hinter ihm im Anſchlag Stehenden zu achten, zog er das wehende Banner entſchloſſen nieder. „Und was wollt Ihr jetzt thun?“ frug da Hale, durch das plötzlich ſo entſchiedene Weſen des Alkal⸗ den, den er bis dahin nur für einen ſchwankenden, ja zaghaften Mann gehalten, ganz ſtutzig gemacht. „Allein können wir Nichts thun,“ ſagte da Hetſon, indem er die Flagge im Herunterkommen und ehe ſie den Boden berührte fing, und von dem Fall löſte,„aber wenn die gehißte Merxikaniſche und die geſenkte Amerikaniſche Fahne die Burſchen nicht hier in's Lager treibt, dann verdienen ſie nicht Ameri⸗ kaniſche Bürger zu heißen— verdienen nicht, daß die Sterne und Streifen je wieder über ihrem Haupte wehen.“ „Und dann?— wenn ſie kommen?“ ſagte Hale und ſchien mit ſeinem Blick die innerſten Ge⸗ danken des vor ihm Stehenden leſen zu wollen. „Ei,“ lachte da Hetſon,„dann holen wir uns einfach die Mexikaniſche Flagge hier herein und ziehen ſie verkehrt unter der Amerikaniſchen auf; ich denke das wird die Burſchen ſchon zur Vernunft bringen.“ „Und das wollen Sie wirklich thun?“ frug Hale, noch immer ungläubig. „Wenn Sie mir dabei helfen, Hale, gewiß!— aber da kommt meine Frau— ſie braucht gerade nicht zu wiſſen, was wir vorhaben, denn ſie würde ſich nur unnöthiger Weiſe ängſtigen— und dort ſeh' ich auch ſchon Einige von unſeren Burſchen über die Flat ſpringen. Das Mittel hat geholfen, Sheriff. Iſt kein Fahnenſtock da?“ Mrs. Hetſon war in dieſem Augenblick mit Mannela herangekommen, und ſtehn geblieben, als ob ſie mit ihrem Manne reden wolle. Dieſer aber winkte ihr nur freundlich zu in das Zelt zu gehen, und wandte ſich dann wieder zu ſeinen Landsleuten, während Hale fortgeſprungen war einen paſſenden Stock für die Fahne zu ſuchen. In wenigen Minuten kam er aber ſchon mit einer Stange zurück, die er aus dem eigenen Zelte geriſſen hatte, und von ver⸗ ſchiedenen Seiten ſtürmten jetzt die durch das Zeichen herbeigerufenen Amerikaner an. „Hallo, was iſt da los?“ ſchrieen die Burſchen, während ſie, glühend vom Laufen, in langen Sätzen —. EEEEE 22 angeflogen kamen.„Wer hat die Amerikaniſche Flagge geſtrichen?“ „Ich, Ihr Leute,“ erwiderte ihnen da der Al⸗ kalde vollkommen ruhig.„Wenn Euch die aufge⸗ richtete Mexikaniſche nicht an Euere Pflicht mahnte, hat es beſſer die niedergeholte Amerikaniſche gethan.“ „Zum Henker auch,“ rief ein langer Kentuckier dazwiſchen—„von uns hat keiner auf die Spaniolen geachtet, und eben jetzt erſt haben wir den bunten Lappen da drüben geſehen. Ich ſelber bin aber hierhergelaufen, daß mir die Luft ausgegangen iſt. — Hoho da kommt Boyles und da Briars. Hier⸗ her, Jungens, hierher!“ Mehr und mehr Amerikaner ſammelten ſich auf dem Platze, bis endlich ziemlich Alle, die ſich dort aufhielten, vor dem Zelte des Alkalden geſchaart ſtanden. Hier aber machten ſie in zorniger Rede und oft von wilden Flüchen unterbrochen ihrem Grimm Luft und ſtießen Drohungen gegen die Mexikaner aus. Ein Jubelruf, der von dem Merikaniſchen Lager herübergellte, und aus Hunderten von Kehlen zu kommen ſchien, unterbrach plötzlich die Tobenden und der Sheriff ſchrie: „Bei Gott, ſie verhöhnen uns, daß wir unſere Flagge niedergezogen haben!“ — „Und was wollt Ihr thun, Ihr Männer?“ ſagte da Hetſon, deſſen Antlitz vollkommen weiß geworden war, während keine Muskel ſeines Ge⸗ ſichts verriethh, was in ihm vorgehe.—„Der Mexikaner ſind etwa zweihundert dort verſammelt, und mehr als die doppelte Anzahl von Indianern lagert an den Bergen, jeden Augenblick bereit ſich mit Jenen zu vereinigen!“ „Schickt Boten nach den verſchiedenen Minen⸗ plätzen in der Nachbarſchaft!“ rief da Briars— „wenn wir nur noch zwanzig, dreißig entſchloſſene Burſchen zuſammenbringen, brauchen wir die ganze Bande nicht zu fürchten.“ „Und unter der Zeit haben wir ihnen die Ame⸗ rikaniſche Flagge zu Füßen gelegt,“ knirſchte der Sheriff zwiſchen den zuſammengebiſſenen Zähnen durch. „Ich will nach Golden bottom hinüberreiten,“ ſagte da Mr. Smith, der entſetzlich bleich und un⸗ ruhig ausſah—„ich habe ein ſehr gutes Pferd, und kann leicht morgen früh mit Verſtärkung hier ſein.“ „Zum Wetter auch,“ rief da Boyles—„ſollen wir uns indeſſen von den Spaniolen verhöhnen und von unſeren Landsleuten nachher auslachen laſſen, daß wir nicht einmal im eigenen Lager Ordnung halten können?“ „Aber was wollt Ihr thun?“ rief Smith da⸗ gegen—„wenn der ganze Schwarm von Mexika⸗ nern und Indianern über uns her bricht, drücken ſie uns zuſammen todt und plündern das ganze Neſt — nachher ſind wir gebeſſert.“ „Dann hätten wir auch die Flagge nicht nieder⸗ nehmen ſollen,“ rief ein Anderer—„zum Teufel, Alkalde, bindet das Ding nicht gar hier unten feſt, und laßt es wenigſtens wieder oben von ſeinem alten Platz aus wehen, daß die Schufte ſehen, wir fürchten uns nicht vor ihnen.“ Hetſon, ohne nur ein Wort auf die verſchiedenen Vorſchläge zu äußern, hatte indeſſen die Amerika⸗ niſche Flagge an die ihm gebrachte Stange befeſtigt, und dieſe ergreifend hob er ſie empor und ſtieß das untere Ende auf die Erde, daß ſie luſtig im Winde auswehte. „Landsleute,“ rief er dabei mit ſeiner hellen kräftigen Stimme über die Schaar hinüber.„Ich habe geſchworen— daß, während ich hier Alkalde bei Euch bin, die Rechte unſeres gemeinſamen Vaterlandes zu vertreten und zu ſchützen— keine andere Flagge der unſeren auch nur eine Stunde lang ungeſtraft entgegenwehen ſoll. Wollt Ihr in die Nachbar⸗ minen ſchicken, dort unſere Kameraden mit dem bekannt zu machen, was uns hier droht, gut, ich habe Nichts dagegen, ich aber fordere Euch jetzt auf, Alle, die eine Büchſe führen oder ein Meſſer ſchwingen können, mir zu folgen, und mit Gottes Hülfe werfen wir die feindliche Flagge zu Boden, wie ſie unſere Landsleute vor wenigen Monaten erſt ſo oft und glorreich unter die Füße getreten haben. Wer geht mit mir?“ „Ei zum Wetter noch einmal,“ rief Boyles, „ich denke wir Alle; fragt lieber, wer bleibt hier?“ „Und wenn nun die Indianer von den Bergen nieder den Merikanern zu Hülfe kommen?“ ſagte der Sheriff—„wir müſſen wenigſtens darauf ge⸗ faßt ſein.“ „Ich glaube es nicht,“ rief Hetſon.„Unſere einzige Hoffnung dieſer Uebermacht gegenüber bleibt, daß wir die Hauptpartei keck und ohne Weiteres angreifen. Unterliegen wir, ſo werden uns unſere Landsleute rächen, aber ich baue auf die Macht unſerer Schießwaffen, und mehr noch auf die Ueber⸗ raſchung unſeres Angriffs die ohnedies feigen Bur⸗ ſchen einzuſchüchtern. So auf denn und holt Eure Büchſen; in fünf Minuten brechen wir auf!“ „Hurrah!“ ſchrieen die kecken Burſchen, die dem Tod ſchon oft in's Auge geſchaut hatten, wild durch⸗ einander,„hurrah für unſeren Alkalden— und nun die Büchſen her. Huh— pihl gegen die Mexikaner!“ ——— nur Blei und kein Gold zu holen war; die konnten 26 und fort ſtürmten ſie nach allen Richtungen hin, aus den verſchiedenen Zelten die Waffen herbeizuholen. Den Meiſten war auch der tollkühne Angriff vollkommen recht, und wie aus der Seele geſprochen, und die Wenigen, die mit ruhigerem Blut und weniger keckem Muth vielleicht gern zurückgeblieben wären, wagten es ſchon nicht den Kameraden gegen⸗ über. Nur Smith, der keineswegs gewillt war ſein erbeutetes Gold ſowohl, wie ſein Leben ſolcher Art an eine Sache zu wagen, die ihm gar nicht am Herzen lag: die Ehre ſeines Vaterlandes, hatte ſchon, wie er die Merkkaniſche Flagge aufgehißt ſah, ſein Gold zuſammengepackt und ſein Pferd herbeigeholt, und beſchloß jetzt, unter dem Vorwand raſch Hülfe herbeizuholen, ſeine eigene Haut vor allen Dingen in Sicherheit zu bringen. War dann die Sache vorüber, die, wie er recht gut wußte, nur wenige Tage dauern konnte, ſo ſtand es ihm ja immer frei hierher zurückzufehren, wo dann die von den Fremden geſäuberten Minen ein reiches Feld für ſeine Thätigkeit verſprachen. Mit Siftly hatte er deshalb auch ſchon Abrede genommen, und dieſer war zu dem Zweck ſo früh am Morgen ausgegangen ſein Pferd zu ſuchen. Was lag dem Spieler an einem Kampf, bei dem ſich ſchlagen, die kein erworbenes Gold zu hüten hatten; er ſelber ging dem Streit indeſſen aus dem Wege. Hetſon war bei der Fahne zurück⸗, und nur Hale der Sheriff bei ihm geblieben. Kaum hatten ſich aber die Uebrigen zerſtreut, als er auf ſeinen Vor⸗ geſetzten zuging, deſſen Hand ergriff und herzlich ſchüttelte und dabei ſagte: „Mr. Hetſon— ſtraf' mich Gott, wenn es mir nicht ſchmählich leid iſt, Ihnen Unrecht gethan zu haben—“ „Mein lieber Hale—“ „Nein wahrhaftig, Sir— ich— ich habe Sie für eine Memme gehalten, und— und möchte mich jetzt ſelbſt dafür prügeln.“ Hetſon lachte, aber ein wehmüthiger Zug um⸗ zuckte doch dabei ſeine Lippen und er ſagte endlich: „Es giebt Manches, lieber Hale, was mich ernſt und vielleicht auch weich geſtimmt hat— weicher vielleicht, als ſich mit Ihren Anſichten von männ⸗ licher Feſtigkeit vertragen mochte. Daß ich nicht wirklich feige bin, werde ich Ihnen heute beweiſen.“ „Aber Ihre Frau, Sir— wenn uns nun doch — etwas Menſchliches begegnen ſollte.“ „Wir ſtehen Alle in Gottes Hand, Hale,“ lächelte 9f 28 der junge Mann,„und ich bin in dieſer Hinſicht Fataliſt.“ „Fata— was?“ ſagte der Sheriff, dem ein Gedanke durch's Hirn ſchoß, als ob das vielleicht eine neue Art von Lebensverſicherung ſein könne. „Fataliſt,“ lächelte aber Hetſon wieder,„das heißt: ich glaube, daß, wenn ich heute ſterben ſoll, der Tod mich ebenſo gut hier in meinem Zelt erreichen könnte.“ „Mit den Frauen iſt es aber immer eine böſe Sache.“ „Mit der meinigen nicht, Hale; ſie iſt charakter⸗ feſt und ſelbſtſtändig und würde ſelbſt in dieſem— dem ſchlimmſten Falle— ihren Weg nach San Francisco ſchon finden. Dort kennt ſie mein Banquier⸗ haus, und die Rückkehr in die Heimath ſtände ihr immer offen.“ Ein eigenes bitteres Gefühl überkam ihn— er dachte eben daran, ob es ſeine Frau überhaupt als ein Unglück anſehen würde— ob ſie nicht vielleicht — er mochte den Gedanken nicht ausdenken, und unwillkürlich faſt fuhr er ſich mit der Hand nach der Stirn. „Es wird ja nicht gleich ſo arg werden, Mr. Hetſon,“ flüſterte da der Sheriff, der dieſe plötzliche Bewegung einer ganz andern Urſache zuſchrieb. 29 „Wenn alle Kugeln träfen, gäb' es längſt keine Soldaten mehr. Wollen Sie aber nicht hineingehn und ihr— und ihr ſagen, daß wir— na zum Teufel, daß wir den Mexikanern die Jacke aus⸗ klopfen werden?“ „Nein, Hale,“ erwiderte aber Hetſon,„ich bin jetzt gerade in der rechten Stimmung, und möchte mich nicht unnöthiger Weiſe weich machen. Da kommen auch unſere Freunde ſchon wieder; die Zeit verfliegt, und die freche Flagge dort drüben hat ſchon viel zu lange geweht. Aber was bringen die Leute dort angeſchleppt?— Können Sie erkennen, Hale, was die da vorn tragen?“ Der Sheriff lachte. „Tolles Volk iſt es und bleibt es,“ rief er aus, „und dieſe weſtlichen Burſchen laufen zu einem richtigen Kampf gerade ſo muthwillig, als ob ſte eben nur zum Tanze gingen.“ „Aber was bringen ſie dort?“ „Ein paar Kindertrommeln und einen Gang oder Tam⸗Tam, wie die Kochzelte ſie hier benutzen, ihre Gäſte Mittags zu Tiſch zu rufen. Es ſcheint, daß ſie entſchloſſen waren, ſich auf die eine oder die andere Weiſe Muſik zu verſchaffen.“ 8 „Vortrefflich!“ rief Hetſon freudig aus,„und einen glücklicheren Gedanken hätten ſie nicht haben können.“ 4 „Hurrah Squire;,“ ſchrie da Boyles, der mit einer kleinen Kindertrommel, ſeine lange Büchſe⸗ Kolben nach hinten auf der Schulter, angeſprungen kam—„hier bringen wir den rechten Stoff, die Ratten auszutreiben— Hurrah für old America, aber ohne Yankee-doodle können wir doch un⸗ möglich in's Feld rücken.“ „Hu— pih!“ gellte zugleich ein langer Ar⸗ kanſas⸗Mann ſeinen Jagdſchrei, und ſetzte dann eine kleine Kindertrompete an die Lippen, aus der er die wunderlichſten Töne herausſtieß.—„Jam⸗ merſchade, daß wir über die verdammten Löcher da draußen nicht mit unſeren Pferden hinüber können. Wenn's aber einmal zu Fuß ſein muß, wollen wir's ſie aber auch„sojer fashion“ heben laſſen.“ „Bang, bang!“ ſchmetterte dabei der dröhnende Schlag des Tam⸗Tam dazwiſchen, und die kleinen Trommeln wirbelten, die Trompeten quietſchten, und Einer der Schaar hatte ſogar eine blecherne Kaffeekanne mitgebracht, in der er mit einem hölzernen Kochlöffel umherklapperte. Die Leute waren über⸗ haupt ſo ausgelaſſen, wie Kinder, die ſich aus allen Ecken das Material zuſammengeſucht haben, einmal nach Herzensluſt Soldaten zu ſpielen, und doch trugen 1 ſie auf den Schultern die ſcharfgeladenen Büchſen, und wußten, daß ſie zu wahrem tollkühnen Kampf einer Uebermacht entgegengingen, die ſie im erſten Anſturm ſchon erdrücken konnte. Hetſon aber muſterte die tolle Schaar mit einem freudigen und zugleich trotzigen Lächeln. Doch alle Unruhe, aller Schmerz war aus ſeinen Zügen ge⸗ wichen, in denen feſte Entſchloſſenheit allein jetzt thronte. Das Banner hoch emporhebend ordnete er dann den wilden Trupp zu geſchloſſenem Zug, als Boyles, der Ausgelaſſenſte von Allen, jauch⸗ zend ſchrie: „Hallo Jungens, die Muſik gehört voran— hierher, meine Herzblätter!— wo iſt der Pfeifer, wo iſt unſer Baby?“ „Hier Sir,“ antwortete eine feine Stimme, und ein kleiner Burſch von höchſtens dreizehn Jahren ſprang vor. Er trug blos Hemd und Hoſen und einen breiträndigen Wachstuchhut, aber jedes Stück verrieth, daß er einem Kriegsſchiff davon gelaufen, und die blauen Wogen mit den grünen Bergen vertauſcht habe. Der breite zurückgeſchlagene Hemd⸗ kragen mit dem blauen Streif darum wäre nicht einmal nöthig geweſen, ihn als ein Kind der See zu zeichnen, und nur das breite Hutband hatte er abgelegt, das früher den Namen ſeines Schiffes ——— — — —— getragen. Mochte er doch den Leuten nicht einen zu genauen Anhalt geben, ihn wieder einzufangen. „Das Kind dürfen wir nicht mitnehmen,“ wandte da Hetſon ein.„Leute, glaubt um Gotteswillen nicht, daß wir einer Spielerei entgegengehn. Wir wollen einen Feind angreifen, der uns an Stärke zehnfach, ja, wenn ſich die Indianer dazuſchlagen, dreißigfach überlegen iſt.“ „So Sir?“ rief da der kleine Burſche, keck zu dem Alkalden aufſchauend,„ich bin dreizehn Jahr alt, wenn Sie's nicht übel nehmen, und habe ſchon im vorigen Jahre die Mexikaner prügeln helfen, und das iſt das Lange und Kurze von der Sache. Wenn Sie das Recht haben, hier unſere alten Sterne und Streifen ihnen in die Zähne hinein zu tragen, ſo darf ich ihnen auch den Yankee⸗Doodle in die Ohren blaſen, und verdammt will ich ſein, wenn ich zurückbleibe.“ „Hurrah für Jim!“ ſchrieen die Männer jubelnd um ihn her, und Hetſon mußte ſich ihnen, die Achſeln zuckend, fügen. „Wie ſie ſich aber eben ordneten, kamen zwei Männer, augenſcheinlich Franzoſen, auf ſie zu, während aus einem der franzöſiſchen Zelte vierzig oder funfzig andere hervordrängten, und am Eingang 33 ſtehen blieben, den wunderlichen Trupp der Ameri⸗ kaner zu beobachten. „Aha, da ſchicken uns die Franzoſen ein paar Geſandte,“ flüſterte da Hale dem Alkalden zu. „Wenn wir die in den Rücken bekämen, könnte die Geſchichte unbequem werden.“ Hetſon erwiderte ihm Nichts; mit der Flagge in der Hand trat er aber den beiden Leuten, die ihn freundlich grüßten, entgegen und ſchien ihre Anrede zu erwarten. Hale hatte ſich auch nicht geirrt, denn der Eine von ihnen, der vollkommen fertig Engliſch ſprach, wenn auch mit einem etwas fremdartigen Accent, ſagte: „Sir, wollen Sie uns offen und frei eine Frage beantworten, die vielleicht dazu dienen kann, weiteren Störungen, weiterer Unzufriedenheit vor⸗ zubeugen?“. „Von Herzen gern, wenn ich es im Stande bin,“ ſagte Hetſon ruhig. „Es geht das Gerücht hier in den Minen,“ fuhr der Franzoſe fort,„daß die Amerikaner, wie es ſchon Einige an Chineſen und Mexikanern ver⸗ ſucht haben, alle Fremde aus ihren Claims und von ihren Arbeitsplätzen vertreiben wollen, trotz⸗ dem daß ihnen die Regierung der Vereinigten Staaten ſchon dadurch das Recht eingeräumt hier Gerſtäcker, Gold. III. 3 —— 34 zu graben, indem ſie nur eine enorme Taxe von ihnen verlangt. Iſt das der Fall?“ „Monſieur,“ erwiderte Hetſon ruhig, während ſich die Amerikaner um ihn her drängten,„das Gerücht iſt falſch. Daß ſich Einige von meinen Landsleuten ſtrafbare Uebergriffe erlaubt haben, iſt mir zu Ohren gekommen, ſeien Sie aber verſichert, daß wir die ruhigen Fremden nicht beläſtigen werden, und wo ein ſolcher ſich über einen Amerikaner zu beklagen hat, mag er ſich getroſt an mich wenden, und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ihm ſein Recht werden ſoll.“ „Wer hat die Fremden überhaupt hierher ge⸗ rufen,“ ſchrie da Briars dazwiſchen;„wir brauchen ſie hier nicht und können—“ „Ihr ſchweigt, Sir!“ donnerte ihn da Hetſon an—„was ich geſagt, das will ich aufrecht halten, ſo lange ich hier wenigſtens Alkalde bin, und ſollte es nichtswürdiges Geſindel unter meinen Landsleuten geben, die über den Schwachen her⸗ fallen, ſich durch Raub zu bereichern, ſo ſchwör' ich es bei Gott, daß ſie dafür büßen werden, ob ſie amerikaniſchen oder fremden Boden durch ihre Geburt entehrt haben.“ Die ſchlanke ſchmächtige Geſtalt des Mannes hob ſich dabei unwillkürlich und ſein helles Auge 35 blitzte den ſonſt ſo frechen und übermüthigen Bur⸗ ſchen ſo zornig an, daß er ſcheu zurückwich. „Bravo, bravo!“ klang es aber von anderer Seite dem Alkalden zu—„es iſt eine Schande für uns, den Fremden gegenüber, wenn wir das leiden.“ „Es freut mich das zu hören, Gentlemen,“ ſagte da der Franzoſe, ſeinen Hut vor ihnen ab⸗ nehmend— und nun die Taxe, Sir?“ „Die Taxe iſt ganz einfach, mein Herr,“ ant⸗ wortete Hetſon wieder mit ſeiner früheren Ruhe. „Was wir ſelber hier in den Minen auch über die Tare denken mögen, ob ſie zu hoch oder gar viel⸗ leicht ungerecht auf den Fremden drücken möge, es bleibt ſich gleich. Das Geſetz iſt einmal von der Regierung unſerer Staaten gegeben und muß auf⸗ recht erhalten werden, unter jeder Bedingung. Wer ſich als Fremder weigert die Taxe zu be⸗ zahlen, muß die Minen verlaſſen, und wie ich Ihnen mein Wort gegeben habe, daß ich die Fremden gegen jede Unbill ſchützen will, ſo gebe ich es Ihnen wieder, daß ich das Geſetz aufrecht erhalten werde, und müßte das mit meinem eigenen Blute geſchehen.“ Der Franzoſe ſah ihm einen Augenblick ernſt . 3* — und feſt in's Auge, dann aber reichte er ihm plötz⸗ lich die Hand und ſagte: „Sie ſind ein Ehrenmann, Sir, und was in meinen Kräften ſteht, werde ich thun, Sie bei meinen Landsleuten zu unterſtützen. Fürchten Sie auch nicht, daß Einer von dieſen etwas Feindſeliges gegen Sie unternehmen wird. Hüten Sie ſich aber mit Ihrer ſchwachen Zahl von Leuten in die Flat hinauszuziehen. Die Mexikaner ſind zum Aeußerſten entſchloſſen.“ 4 „Wir wollen ihnen Nichts zu Leide thun, und uns nur ihre Flagge hier hereinholen,“ lächelte Hetſon—„übrigens,“ ſetzte er ernſter hinzu, „ſtehen wir in Gottes Hand, und nun vorwärts, meine Burſchen.“ 8 „Hurrah,“ jubelte die Schaar—„Jankee⸗ Doodle voran; ſpiel' uns den Nankee⸗Doodle, Jim!“ Die Straße herauf galoppirt kam ein Pferd, und als ſich die Leute danach umſahen, ſprengte ein alter Mann, ſeine lange Büchſe auf der Schulter, mitten zwiſchen ſie hinein. „Heda, Jungens, wo wollt Ihr hin?“ „Hoh, Nolten— hurrah alter Burſch. Ihr kommt gerade zur rechten Zeit!“ jubelten ihm die Leute entgegen,„herunter von der alten Kracke— wir wollen uns die Fahne da draußen holen.“ ———————— 37 „Da geh' ich mit, Kinder,“ ſagte der Alte, indem er mit einem Sprung aus dem Sattel war. „Ich habe freilich nur eine Stunde Zeit, denn meine Leute warten drüben auf mich, die aber kann ich auch nicht beſſer anwenden.“ „Stellt Euer Pferd irgendwo ein,“ rief ihm Boyles zu,„und legt den Sattel in mein Zelt.“ „Iſt nicht nöthig, mein Junge,“ lachte der Alte, indem er Sattel und Zaum abwarf und frei auf die Straße legte, das Pferd aber laufen ließ. „Mein Schimmel geht nicht fort, und mein Reit⸗ zeug liegt da ebenſo ſicher wie in einem Zelt. Aber macht nur, daß wir bis Mittag wieder hier ſind, denn ich bin noch nüchtern.“ Noch während er ſprach, hatte ſich der Zug, immer vier Mann neben einander, geordnet, und Hetſon, der die kleine Schaar mit einem Blick überflog, zählte jetzt fünfundzwanzig Mann.* „Und nun vorwärts, Kinder,“ rief er mit leuchtendem Blick;„daß aber, bei Euerem Leben, Keiner von Euch einen Schuß thut, bis die Feinde ſelber den Angriff machen. Der erſte Schuß, der erſte Schlag, der von ihrer Seite fällt und drauf und dran. Daß Ihr nicht in's Blaue abdrückt, brauch' ich Euch kaum zu ſagen. Seid Ihr bereit?“ 38 „Hurrah!“ jubelte die kleine Schaar in die Luft hinein und ſchwenkte die Hüte. „Hetſon!“ flüſterte da eine Stimme an ſeiner Seite, und als er ſich umſchaute, ſtand Jenny neben ihm. Aber nicht Angſt oder Furcht drückte ihr Blick aus, nein, mit leuchtendem Auge hatte ſie das männliche, kräftige Auftreten ihres Gatten beobachtet, und jetzt nur, als er zum Aufbruch rufen wollte, trat ſie an ihn hinan. „Liebes Kind,“ bat da der Mann verlegen— „dies iſt kein Platz für Dich.“ „Und du böſer Mann willſt ohne Abſchied von mir gehen?“ „Wir kommen bald zurück— es iſt ja nur“ „Leb wohl— ich halte Dich beim Wort— komm bald zurück,“ ſagte da die Frau, indem ſie ihm ihre Hand reichte und dann raſch bei Seite ztrat—„Gott ſei mit Euch!“. „Hurrah!“ jubelten die Burſchen wieder. Jim ſtimmte in dieſem Augenblick auf einer kleinen Pickelflöte in raſchen ſchrillen Tönen den Yankee⸗ Doodle an, und mit ſchmetternden Schlägen, in und außer dem Takt, fielen Kindertrompeten, Trom⸗ meln, Blechkannen und Tam⸗Tam ein. Nur Boyles hatte ſein Inſtrument noch nicht 39 wirkſam bearbeiten können, denn ſeine lange Büchſe war ihm dabei im Wege. Aber er wußte ſich zu helfen. „Hier, Tom, trag' meine Büchſe ein Bischen,“ rief er ſeinem Hintermann zu, während er ſie ihm in die Hand drückte—„nur ſo lange, bis ich hier das alte Trommelfell eingeſchlagen habe. Bleib' aber dicht bei mir, daß ich ſie gleich faſſen kann, wenn's losgeht“— und nun, mit beiden Armen frei, raſſelte er in den allgemeinen Lärm hinein, der nur in ſofern Takt hielt, den ſcharf und grell daraus hervortönenden Yankee⸗Doodle nicht zu ſtören. 4 * Canitel 2. Der Angriff. Ein wunderlicherer Zug hatte noch nie einen ſo ernſten Marſch unternommen, und trotzdem, daß die Leute ganz genau wußten, welcher Gefahr ſie entgegengingen, ſchien ſich eine förmlich wilde Ausgelaſſenheit ihrer bemächtigt zu haben. Selbſt bewaffnet waren ſie nicht übermäßig. Nur zwei Drittheile etwa führten lange Büchſen, die Anderen Revolver, aber faſt Alle jene langen ſchweren Jagd⸗ oder Bowie⸗Meſſer, in einem Kampfe Fuß an Fuß die furchtbarſte Waffe. Und ſo, die wehende Flagge, das heilige Banner ihres Vaterlandes voran, zog der kleine Trupp im Sturm⸗ marſch mit dem wilden Concert an der Spitze 41 lachend, ſchreiend, jubelnd, die Straße hinauf, und bog rechts durch die Zelte ab, quer durch die Flat hin, gerade auf das Lager der Mexikaner zu. Und was gab ihnen dieſe Zuverſicht, dieſen fröhlichen Muth? was machte ihre Herzen, wenn auch raſcher, doch wahrlich nicht zaghafter ſchlagen, als ſich jetzt vor ihnen der weite Schwarm der Mexikaner ausbreitete und die Indianer in dunklen Schaaren näher von den Bergen in die Flat hinunterrückten, während die in der Stadt zurück⸗ gebliebenen Fremden erſtaunt dem kleinen kecken Häuflein nachſchauten? Es war das Gefühl dieſer Flagge— das Bewußtſein, daß ſie einer Nation angehörten— einer Nation, die, wenn ſie auch in dem Kampfe jetzt unterlagen, ihren Tod doch rächen und dieſe Flagge feſter als je in den Boden ſtoßen würde. Oh, es muß ein hohes, ein herrliches Gefühl ſein, einer ſolchen großen Nation anzugehören, ein Vaterland zu haben, das feſt und einig im Innern, auch feſt und einig nach Außen ſeine Rechte wahrt; das nicht nur mit Documenten und höflichen Redensarten um ſich wirft, ſondern auch den Willen und die Kraft hat ein Schwert zu ſchwingen und den Feind zu züchtigen, der ihm frech entgegentritt. Oh, im Geiſte ſeh' ich die — ͦ-——— beiden Menſchen vor mir— den Amerikaner in ſeinem ſchlichten Rocke, das gehobene Banner ſeines Vaterlandes in der Linken, nur den Verſuch zu züchtigen, ſeine Flagge zu beleidigen, und müßte er ihn mit dem eigenen Leben zahlen— und da⸗ gegen den geſchmeidigen Diplomaten mit geſticktem Frack, dreieckigem Hut und ſeidenen Strümpfen, die Bruſt mit Orden bedeckt, die er bei Geburts⸗ anzeigen nnd Hoffeſten bekommen, höflich und rückſichtsvoll gegen die ganze Welt, nur das RPeigene Volk, die eigene Flagge unter die Füße tretend, die daheim in Winkeln und auf Böden modert. Fort mit dem Bild— unter dem blauen Himmel flattert das Sternenbanner, und die grellen Töne der Pfeife ſpielen das Nationallied, das ſein Volk ſchon zu hundert Schlachten geführt. Nicht allein die wilden Laute der Kindertrommeln und Trompeten, der Blechkannen und Tam⸗Tams, ſchlagen dabei den Takt zu demſelben Liede, nein, auch die Herzen der Männer, die ihm entgegenjauchzen und die Waffen gehoben, in wildem luſtigen Muth ſpringen ſie über den rauhen Boden hin, über⸗ fliegen die gegrabenen Löcher, klettern über die aufgeworfenen Erdhaufen, nur vorwärts, vorwärts, ihrem kecken Ziel entgegen. Die in der Flat arbeitenden Fremden ſahen erſtaunt den tollen Zug an ſich vorüberſtürmen, und hoch auf ſchauten die Mexikaner, als ſie den Lärmen näher und näher kommen hörten. Wenn ſte aber auch im Anfange geglaubt haben mochten, die Franzoſen kämen von dort herüber, ſich ihnen anzuſchließen, belehrte ſie der Sternenbanner, be⸗ lehrten ſie die grellen Töne des nur zu gut ge⸗ kannten Schlachtenlieds bald eines Beſſeren. Einzelne warfen ſich auf ihre Pferde, und flogen in geſtrecktem Carrisre den Bergen zu, an denen die Indianer hielten, während die Maſſe in breiter Reihe ſich ordnete, den erſten ebenen Platz be⸗ ſetzend, der gleich hinter dem aufgewühlten Boden der Flat begann. Selber unſchlüſſig aber drängten die Führer der Schaar zwiſchen ihnen hin, nur die Leute ermuthigend und ſie auffordernd Stand zu halten— was konnte auch die Hand voll Ameri— kaner gegen ſie ausrichten. 3 Aber näher und näher ſchallten die ſchrillen Töne des YNankee⸗Doodle, ſchon konnten ſie die wilden, bärtigen, ſonngebräunten Geſichter erkennen, die trotzigen Augen ſie anblitzen ſehen, und gerade auf die Mexikaniſche Fahne zu flog der Zug, je näher er kam, ſeine Eile nur noch verdoppelnd.— Dem kleinen Burſchen, der die Pfeife blies, war — — — der Athem ſchon faſt ausgegangen, aber trotzdem hielt er den Takt noch ein vom Liede, und wich nicht von der Seite Hetſon's, der voran, die Fahne in der Linken, in der rechten aber den geſpannten Revolver, jetzt das letzte Hinderniß überſprang, das ihn noch von den Gegnern trennte. „Guarda!“ ſchallte es ihnen hier wohl aus hundert Kehlen zugleich entgegen. „Hütet Euch ſelbſt!“ ſchrie ſie aber Hetſon mit donnernder Stimme in ihrer eigenen Sprache an.„Wer eine Waffe hebt, iſt ein Kind des Todes, und ſein Fleiſch ſoll die Cayotas in den Wäldern füttern. Nieder mit Euerer Flagge, Ihr Hunde, die Ihr es wagt, den Boden hier mit ihren Lügenfarben zu ſchänden!“ Eine Anzahl der Merikaner ſprang mit ge⸗ zogenen Säbeln herbei, die Fahne zu vertheidigen, aber Hetſon ſtand ſchon mit gehobenem Revolver vor der Stange, und die eigene Fahne dem kleinen Matroſen Jim in die Hand drückend, der ſie jubelnd emporhob, faßte er den Schaft der feind⸗ lichen mit der linken Hand und riß ſie aus der Erde. „Nieder mit ihm— ſchlagt ihn zu Boden,“ brüllten die Mexikaner um ihn her, aber der geſpannte Revolver mit ſeinem ſechsfachen Tod 45 ſchreckte die Nächſten zurück, während die Ent⸗ fernteren vergebens anzudrängen ſuchten. Im näch⸗ ſten Moment hob ſich der Schaft aus der Erde, einen Augenblick wehte die Merikaniſche Flagge noch hoch hinaus, ſelbſt über der Amerikaniſchen hin, aber nur, um im folgenden gefaßt und mit Jubelgeſchrei der Amerikaner unter die Füße der Nachſtürmenden getreten zu werden. Noch war kein Schuß gefallen, aber Jeder fühlte, daß der nächſte Moment der entſcheidende ſein müſſe. Die Amerikaner, ſo klein ihr Häuflein ſein mochte, bildeten eine compacte Maſſe, die mit Revolvern und Büchſen feſt im Anſchlag lag. Die Mexikaner wußten, daß der Tod in den Rohren lauere, und die Nähe, in der ſich die Feinde gegenüberſtanden, machte die Gefahr noch furchtbarer. Da, während Hetſon die eigene Flagge wieder aufgegriffen hatte, und ſelbſt den tollkühnen Hinterwäldlern das Herz in der Bruſt lauter klopfte, ſtimmte auf einmal der kecke Burſche Jim, den Mexikanern gerade in die Zähne hinein, mit ſeinen ſchrillen Pfeifentönen wieder den Nankee⸗ Doodle an, und wie ein Zauber wirkte das Lied nach beiden Seiten. 7 In ein wildes Hurrah! brachen die Amerikaner 46 aus, während die Mexikaner ſcheu die Waffen ſenk⸗ ten und in finſterem Trotz nur auf die Feinde blickten. „Jetzt iſt es Zeit,“ flüſterte da Hale Hetſon leiſe zu—„einen beſſeren Moment für unſeren Rückzug finden wir nicht, und die Fahne iſtein unſerer Gewalt.“ „Noch nicht, Sheriff,“ ſagte aber Hetſon mit feſter Stimme, indem ein eigenes wildes Feuer aus ſeinen Augen blitzte—„dieſe Burſchen haben noch ihre Waffen, und beim ewigen Gott, ich verlaſſe den Platz nicht, bis ſie abgelegt ſind.“ „Nehmt Euch in Acht,“ warnte Hale—„die Indianer da drüben haben ſich ſchon in kaum fünf⸗ hundert Schritt Entfernung herangezogen, und wer⸗ den wir in die Löcher zurückgedrängt, ſo ſind wir verloren.“ „Dann müſſen wir eben vorwärts,“ lachte der junge Mann trotzig, und ſich wieder in der Spa⸗ niſchen Sprache, deren er vollkommen mächtig war, an die Gegner wendend, rief er ihnen mit donnern⸗ der Stimme die Worte entgegen: „Ihr habt gegen die Autorität unſeres Landes die Fahne, Ihr habt Euere Waffen erhoben und ſeid dem Geſetz verfallen. Todtſchießen könnten wir Euch hier wie die Hunde, oder in die Berge jagen, 47 aber unſere Regierung geſtattet dem Fremden, der friedlich ſeine Arbeit hier verfolgen will, unge⸗ ſchmälerten Aufenthalt— nur der Bewaffnete iſt ihr Feind und wird beſtraft. So nieder mit Eueren Waffen, die Ihr mißbraucht habt, und wer ſich widerſetzt, ſtirbt von meiner Hand!“ „Verdamm es,“ brummte Briars leiſe ſeinem Nachbar zu,„das iſt going the whole hog with a vengeance.“ Die Mexikaner ſchwiegen, wirklich ſtumm vor dieſer Kühnheit, Hetſon aber die eigene Flagge in daſſelbe Loch ſtoßend, in der noch vor wenigen Minuten die Mexikaniſche geweht hatte, ſchritt mit dem gehobenen Revolver auf den ihm Nächſten, einen rieſigen faſt braunen Burſchen zu, und ihm die ſechsläufige Piſtole vor die Stirn haltend, griff er nach dem Säbel, den jener noch feſt in der Fauſt hielt. „Ihr habt kein Recht, uns unſere Waffen ab⸗ zufordern,“ ziſchte dabei der Burſche, und der Blick, den er dem Amerikaner zuwarf, ſprühte Gift. „Bei Gottes Tod, Burſche,“ rief aber Hetſon, nes zuckt mir ſchon im Finger— ich zähle drei, und wenn Du nicht losläßt, biſt Du eine Leiche. — Eins— zwei— er fühlte, wie ſich der Griff des Mannes löſte, und den Säbel ihm entreißend, 48 warf er ihn neben der Flagge nieder. Schon aber hatte er einen zweiten gefaßt, und Hale, ſelber zu jeder kecken That leicht bereit, war an ſeiner Seite, ihn zu unterſtützen. Die Merxikaner wichen jetzt unſchlüſſig einige Schritte zurück, aber die Amerikaner ließen ihnen keine Zeit ſich zu beſinnen. Dienmit Büchſen Be⸗ waffneten blieben im Anſchlag, während die Anderen mit vorgehaltenen Piſtolen an Waffen fortnahmen, was ſie erreichen konnten— und nicht ein Schuß fiel. Wie aber die feigen Burſchen nicht den Muth hatten, ſich ſelbſt dieſem kleinen Trupp entſchloſſener Männer zu widerſetzen, ſo ſtahlen ſich von den entfernter Stehenden nach und nach ſchon Einige fort, gingen zu ihren Thieren, ſprangen in die Sättel und galoppirten den Bergen zu. Säbel, Piſtolen und Flinten nahmen indeſſen die Amerikaner an ſich, ſoviel ſie deren erreichen konnten, und drohend flatterte darüber das Sternen⸗ banner, höhniſch ſchrillten die neckiſchen Töne des unharmoniſchſten aller Nationallieder, des Yankee⸗ Doodle, und zeigten den näher gekommenen India⸗ nern deutlich genug, wer hier geſiegt, wer das Feld behauptet habe. Für den kleinen Trupp der Amerikaner war aber nur der Beginn des Unternehmens, den Geg⸗ 49: nern die Waffen abzufordern, gefährlich geweſen. Ein Ausbruch da, und wenn ſie auch eine Anzahl niedergeſchoſſen, hätten ſie dann doch rettungslos der Uebermacht erliegen müſſen. Nur erſt aber dieſen erſten Schritt überſtanden, die Erſten und Rädelsführer des Trupps durch ihren moraliſchen Muth mehr als durch wirkliche Gewalt eingeſchüch⸗ tert, und ſchon wagten die Uebrigen nicht mehr auch nur an Widerſtand zu denken. Allein alle die, die ſich noch mit guter Manier zurückziehen konnten, wichen den Gegnern aus, und Hetſon war zu klug, dadurch ſeinen gewonnenen Vortheil wieder auf's Spiel zu ſetzen, daß er ſeine Leute und Kräfte zerſplitterte. Was ſich zurückzog, blieb unbeläſtigt, und ſelbſt davon, daß ſich wieder, eine Strecke am Hügel⸗ hang hinauf, ein Trupp ſammelte und ſtellte, nahm er keine Notiz. Mit der Abnahme der Waffen, und wenn ſich dem auch nur ein Theil gefügt, waren ſie ſo gedemüthigt worden, daß er von ihnen Nichts mehr zu fürchten hatte, und Hetſon wußte recht gut, daß die Leute, die ſich unter ſolchen für ſie mehr als günſtigen Verhältniſſen ihre Flagge nehmen und vor ihren Augen in den Staub treten ließen, nie ſelber einen Angriff wagen würden— aber eine Gerſtäcker, Gold. III. 4 50 ſchlimmere Demüthigung war noch für ſie auf⸗ geſpart. „Das iſt jetzt ſchon recht,“ ſagte Hale, der mit innigem Vergnügen ihr Reſultat, die aufgeſchichte⸗ ten Waffen, betrachtete,„wenn wir nur mit der Bagage auch ſchon im Lager wären. Werfen wir aber die ganze Beſcheerung hier in eine der Gruben und ſchütten ſie zu, ſo graben es die Burſchen über Nacht wieder heraus, und ſchleppen iſt auch unbe⸗ quem, beſonders über den aufgeriſſenen Boden hinüber.“ „Wenn wir ein Maulthier bekommen könnten, Hale,“ ſagte da Hetſon. „Wißt Ihr was, Jungens,“ rief da der alte Nolten, ich ſpringe hinüber in's Lager und hole mein Pferd. Wenn ich auch den Umweg oben herum nehmen muß; die Indianer laſſen mich ſchon ungeſchoren, und thun ſie's nicht, ſo iſt es ihr eigener Schade.“ „Denen wollen wir noch ſelber einen Beſuch abſtatten, Mr. Nolten,“ ſagte da Hetſon lächelnd, „wenn Sie mich nämlich Alle begleiten wollen.“ „Begleiten?“ rief Nolten und griff des jungen Mannes Hand, die er wie in einem Schraubſtock zuſammendrückte.„Squire, mit Euch ginge ich durch die Hölle, und ſoviel kann ich Euch ſagen, Ihr 51 habt meinem alten Herzen heute eine große Freude bereitet. Wir Amerikaner hier dürfen ſtolz auf Euch ſein, und ich werde Euch das im Leben nicht ver⸗ geſſen.“ „Ich habe nicht mehr gethan, wie Sie Alle mit⸗ einander,“ erwiderte Hetſon,„und das, daß Keiner von uns das Maß überſchritten, Keiner, trotzdem daß wir die Büchſen im Anſchlag hielten, einen Schuß feuerte, ſicherte uns mehr den Sieg, als wenn wir uns wild in einen verzweifelten Kampf geſtürzt hätten. Und doch gehörte mehr Muth dazu hier zurückzuhalten als anzugreifen.“ „Ich weiß doch nicht,“ lachte Nolten,—„wir ſtanden an einer kitzlichen Stelle, und einmal die Büchſe abgeſchoſſen, iſt es ſehr die Frage, ob uns die Seſores wieder Zeit zum Laden gelaſſen hätten. Mit der Ausſicht bleibt es dann gerade keine große Kunſt, ſeinen Schuß zurückzuhalten. So eine Kugel fährt verwünſcht ſchnell aus dem Rohre hinaus, iſt aber verwünſcht langſam wieder hinunter ge⸗ ſchoben. Wo will denn der Junge hin?“ Die Frage galt dem kleinen Pfeifenbläſer Jim, der ſein Inſtrument in die Taſche geſchoben hatte, und blitzesſchnell von den Amerikanern fort, gerade auf die Merikaner zuſprang. „He, Jim!“ riefen ihm wol ein paar der 4* 5² Leute nach,„ſei kein Narr und bleib' hier,“ der kleine Burſche hörte aber nicht, und ſprang keck auf ein paar dort noch angebundene Maulthiere zu, deren eines er ohne Weiteres von ſeinem Laſſo frei⸗ machte. Der Eigenthümer des Thieres, der nicht weit davon ſtand, lief allerdings hinzu und wollte Ein⸗ ſpruch thun, Jim aber, mit ein paar aufgefange⸗ nen Worten Spaniſch und außerdem durch lebhafte Geſticulationen machte dem Mann begreiflich, daß er das Thier nur borgen, und hierher zurück⸗ bringen würde, ließ ſich dabei aber keineswegs zurückhalten, das Maulthier wirklich mit fortzu⸗ nehmen, und da Boyles und zwei andere Ameri⸗ kaner, die für den kecken Burſchen fürchteten, auf ihn zugingen, fügte ſich der Mexikaner. Wenige Minuten ſpäter war Jim auch mit dem alſo er⸗ beuteten Maulthier richtig bei der Flagge angelangt, und begann nun, ohne erſt weiter einen Befehl abzuwarten, die verſchiedenen Waffen zuſammenzu⸗ legen und in ein feſtes Bündel zu ſchnüren. Lachend ſahen ihm Hetſon, Hale und Nolten zu, während ihn Andere dabei unterſtützten, und bald war der ganze Vorrath auf dem Packſattel des Maulthieres ſo befeſtigt, daß ſie transportirt werden konnten. Nur die wenigen geladenen Ge⸗ 53 wehre hatte man unten gelaſſen; theils um eine Selbſtentladung zu verhüten, theils auch, weil die von den Amerikanern, die noch keine Büchſe trugen, ſich ſelber damit bewaffnen wollten. „Und wohin jetzt?“ ſagte Hale—„durch die aufgeriſſene Flat können wir mit dem bepackten Maulthier nicht fort, und unten herum iſt es ein weiter Weg, ſähe auch beinahe aus wie ein Rückzug.“ „ Und der liegt nicht in unſerem Plane,“ er⸗ widerte Hetſon.—„Gentlemen, wir haben unſer Tagewerk noch nicht vollbracht, denn es bleibt uns noch übrig, die Probe zu machen, wie es wirken ſoll. Wir müſſen den Indianern da, drüben zeigen, was ſie von ihren beabſichtigten Bundesgenoſſen, den Merikanern, zu erwarten haben; alſo her mit deren Flagge.“ „Was wollt Ihr thun, Hetſon?“ „Sie verkehrt unter der unſern befeſtigen und damit gerade gegen die Indianer marſchiren. Geht Ihr mit?“ „Hurrah für Hetſon!“ ſchrieen die Leute jubelnd auf, und im Nu war die entehrte Flagge von ihrem Fahnenſtock geriſſen und unter die Amerikaniſche gebunden.“ „Und nun Euere Muſik wieder voran,“ lächelte 54 der Alkalde,„und ordnet Euch wieder zu feſtem Zug; doch keinen Schuß gegen die Indianerz ſie werden uns überdies ſchwerlich beläſtigen. Sollten ſie aber wahnſinnig genug ſein, wirklich einen An⸗ griff zu verſuchen, ſo iſt es dann immer noch Zeit genug ſie zurückzuweiſen— ich will kein Indiani⸗ ſches Blut vergoſſen haben.“ Raſch ordnete ſich jetzt der Zug mit Jim voran, der ganz ausgelaſſen einherſprang. Die wegge⸗ worfenen Inſtrumente wurden wieder vorgeſucht, und wis ſich die Amerikaniſche Flagge auf's Neue hob, fiel der tolle Lärmen, den nur die Töne der Pfeife einigermaßen im Takt hielten, ärger ein als vorher. 3 Die Indianer hatten ſich in ihren einzelnen Trupps— wahrſcheinlich die jedesmal zuſammen⸗ gehörigen Stämme, wie ſchon vorerwähnt, mehr gegen die Flat zu hinabgezogen, als die Amerikaner gegen die Merxikaner vorrückten, und es war keinem Zweifel unterworfen, daß ſie thätigen Antheil an einem etwa ausgebrochenen Kampfe genommen hätten. Da ſich aber die Merikaner ſo ganz un⸗ thätig verhielten, da ihre Flagge verſchwand und kein Schuß fiel, ja ein Theil von ihnen ſich bald darauf zurückzog und in die Berge ritt, wußten ſie auch nicht, ob ſie unter ſolchen Umſtänden die, die ſie bisher für ihre Bundesgenoſſen gehalten, unter⸗ ſtützen ſollten. Noch ſtutziger aber wurden ſie, als ſich die verhaßten Fremden ſogar wieder ſammelten und auf ſie zu marſchirten. Erſt waren ſie unſchlüſſig, ob ſie Stand halten oder fliehen ſollten. Der kleine Trupp mit ſeinem wilden jubelnden Lärm kam aber näher und näher, und ſo gerade auf ſie zu, daß ſie endlich langſam, wenn auch immer noch zögernd, zurückwichen. Mög⸗ lich, daß ihnen dazu der Befehl von ihrem Häupt⸗ ling gegeben war, aber mehr und mehr zogen ſie ſich vor der nahenden Schaar gegen die bewaldeten Hügel, ihre eigene und eigentliche Heimath, zu, und hier erſt hielten ſie, hinter Büſchen und Bäu⸗ men Stand, und ſchienen erwarten zu wollen, ob man beabſichtige ſie anzugreifen oder nicht. Eine offene Feindſeligkeit gegen ſie lag aber gar nicht in Hetſon's Plane. Der junge Mann wußte recht gut, wie dieſe braunen Söhne der Wildniß von ſeinen Landsleuten gereizt und unterdrückt waren, und konnte ihren Haß gegen ſie wohl rechtfertigen. Nur zeigen wollte er ihnen, wie gerüſtet die Ame⸗ rikaner gegen jeden Angriff, wie bereit ſie wären, jeden Eingriff in ihre nun einmal eroberten und gehaltenen Rechte zu beſtrafen, und das erreichte er mit dieſem Zug vollkommen. Die Merikaner 56 wagten nicht ihnen zu folgen, die Indianer zogen ſich in die Berge zurück, und um die Flat herum, dicht, ſelbſt in Pfeilſchußnähe an dem Gebüſch vorüber, das die rothen Horden barg, zogen ſie, bis ſie den breiten, nach dem Paradies einbiegenden Weg wieder erreichten, und jetzt luſtig in die kleine Zeltſtadt hineinmarſchirten. Indeſſen hatten ſich faſt alle fremde Goldwäſcher, wenigſtens alle die, welche in unmittelbarer Nähe der Zelte arbeiteten und Zeugen des Angriffs geweſen waren, in das Paradies hineingezogen, den rück⸗ kehrenden Trupp zu ſehen. Die Franzoſen be⸗ ſonders waren zahlreich vertreten, und wenn ſie ſich auch über die Feigheit der Mexikaner ärgerten, konnten ſie doch dem kleinen Häuflein der Ameri⸗ kaner, das ſich ſo wacker benommen, ihre Bewun⸗ derung nicht verſagen. Wußten ſie doch am Beſten den Werth eines ſolchen kühnen Angriffs zu wür⸗ digen.. Mit lautem Hurrahruf kamen den Rückkehrenden jetzt auch die Amerikaniſchen Händler, die ſich ruhig in ihren Zelten gehalten hatten, entgegen, und faſt unwillkürlich ſtimmten ſelbſt die Fremden mit in den Ruf ein, als die Amerikaniſche Flagge wieder, raſch von ihrem Fahnenſtocke befreit, mit der Me⸗ xikaniſchen verkehrt darunter, an ihrer alten Stelle emporſtieg, und noch einmal ſo ſtolz und fröhlich da oben auszuflattern ſchien. In demſelben Augenblick trat auch Jenny aus ihrem Zelt, und ein liebliches, freundliches Lächeln ſtahl ſich über die bleichen Züge der jungen Frau, als ſte ihren Gatten geſund und unverletzt von dem gefährlichen Zuge zurückkehren ſah. „Gott ſei Dank, daß Du da biſt,“ flüſterte ſie nur leiſe, und ſtreckte ihm, nicht im Stande mehr zu ſagen, die Hand entgegen. „Du haſt Dich doch nicht meinethalben ge⸗ ängſtigt, Herz?“ frug da lächelnd ihr Gatte,—„es war keine Gefahr dabei, und kein Schuß iſt ge⸗ fallen, kein Schlag geführt worden.“ Jenny erwiderte Nichts, und ſah nur fragend zu ihm auf; der alte Nolten aber, der neben ihm ſtand, rief: „Glauben Sie es ihm nicht, Madame; ein Schuß iſt allerdings nicht gefallen und Niemand verwundet worden, aber einen keckeren Zug hat noch Niemand unternommen, und ihn wackerer durchgeführt und mehr Muth und kaltes Blut dabei gezeigt, wie Hetſon da draußen heut' Morgen in der Flat.“ „Mein lieber Mr. Nolten—“ „Papperlapapp, junger Freund,“ fuhr aber der 58 Alte fort,„ich bin auch nicht von geſtern, und habe meine Naſe ſchon in mancher Sache gehabt, aus der ich ſie viel beſſer draußen gelaſſen hätte. Ich weiß deshalb aber auch ungefähr, was ein einzel⸗ ner Mann im Stande iſt zu leiſten, und das, Het⸗ ſon, habt Ihr heut' Morgen in reichem Maße gethan. Ihr habt Euch brav und tapfer, wie ein ächter Amerikaner benommen, und ich ſehe deshalb nicht ein, weshalb Ihr das Euerer Frau verheimlichen wollt.“ Hetſon erröthete leicht über das, doch ſo wacker verdiente Lob, das ihm der alte Mann gab, aber lächelnd nahm er die Hand ſeiner Frau und ſagte: „Er will mich eitel machen, Jenny; glaub' ihm nicht die Hälfte von dem, was er da ſagt. Wir ſind nur den Mexikanern zu Leibe gerückt, und haben ihnen die Fahne abgenommen. Das war Alles.“ Die Augen der Frau leuchteten, als ſie auf den edlen, von der raſchen Bewegung erhitzten und lebensfriſchen Zügen des Gatten hafteten, und ſie ſagte mit leiſer, aber herzlicher Stimme: „Du haſt Dich gewiß, ſchon meinetwegen, in keine Gefahr geſtürzt, Frank, die Dir Deine Pflicht nicht gebot, daß Du das aber ſo wacker durchgeführt, freut mich recht aus tiefſter Seele.— Vielleicht 1 kannſt Du nun auch mir bald eine halbe Stunde ſchenken, denn ich habe Dir Manches zu ſagen, was ich nicht länger aufſchieben möchte.“ „Jetzt noch nicht, mein liebes Kind,“ bat ſie aber der Mann,„Du ſiehſt, wie ich jetzt in Anſpruch genommen bin. Sobald ich kann, komm' ich zu Dir. — Verlaß aber das Zelt nicht, denn die Berge ſchwärmen von Indianern, und ſie möchten nach dem, wie wir heute vor ihnen vorbeigezogen ſind, gerade in keiner beſonders guten Laune ſein.— Ha, Siftly,“ unterbrach er ſich da plötzlich ſelbſt, als der Spieler auf ſeinem Pferde die Straße herabgeritten und auf ihn zu kam— die Frau zog ſich, als ſie ihn erblickte, in ihr Zelt zurück—„Du biſt heute Morgen anderweitig beſchäftigt geweſen und konn⸗ teeſſ Dich uns nicht anſchließen?“ „Wie ich ſehe, ſo habt Ihr Euch die Merika⸗ niſche Flagge hereingeholt,“ ſagte der Spieler gleich⸗ gültig,„das war recht— was thun die Burſchen da draußen mit der Spielerei.“ „Betrachtet Ihr die Flagge als ſolche, Sir?“ ſagte der alte Nolten, der den Burſchen mit einem eben nicht freundlichen Blicke maß. „Allerdings,“ lachte Siftly, aber vollkommen unbekümmert,„für was denn ſonſt?“ „Meiner Meinung nach hättet Ihr heute unter — 4——— 60 die Eurige gehört,“ entgegnete der alte Mann finſter—„wenn Ihr Euch überhaupt für einen Amerikaner ausgebt.“ „Der bin ich nur der Geburt nach,“ ſagte Siftly, indem er nachläſſig von ſeinem Pferd herunter⸗ ſtieg, und es am Zügel nahm—„ſonſt aber im Ganzen Kosmopolit. Wer mir Abends ſein Gold zu meinem Tiſche bringt, iſt mein Freund— ſo lange er eben Gold hat.“ Der alte Amerikaner wandte ihm verächtlich den Rücken und ſagte laut genug, daß Jener es verſtehen konnte: „Wenn alle ehrlichen Amerikaner dächten wie ich, ſo ſollte Euer Gelichter bald den Platz hier räumen.“ Siftly hatte jedenfalls die Worte verſtanden; er warf aber dem Alten nur einen höhniſchen Blick nach und ſagte dann, ſich zu Hetſon wendend: „Apropos, ich habe Dir auch Etwas zu ſagen, was Dich intereſſiren wird, wenn die Bande da nur erſt einmal mit ihrem verwünſchten Yankee⸗ Doodle und ihren Tamtams und Trommeln auf⸗ hört. Es iſt ja ein Lärm, Einem die Ohren zu zerſprengen.“ „Da Du an unſerer Sache ſo wenig Intereſſe nimmſt, Freund,“ erwiderte ihm da Hetſon kalt, 61 „iſt es vielleicht beſſer, Du gehſt dem Yankee⸗Doodle aus dem Wege.“ „Ich danke Dir,“ lachte Siftly,„noch bin ich aber mit dem Paradies nicht fertig. Uebrigens, Kamerad,“ ſetzte er mit leiſerer Stimme hinzu, indem er ſich zu Hetſon's Ohr bog,„ſollteſt du gerade der Letzte ſein, der mir Mangel an Theil⸗ nahme vorwürfe, denn wenn ich heute Morgen im Lager fehlte, geſchah es nur in Deinem Intereſſe.“ „In meinem Intereſſe?“ wiederholte Hetſon ungläubig,„und wie haſt Du in dem gewirkt?“ „Er iſt da— iſt hier!“ flüſterte ihm Siftly zu, und Hetſon's Geſicht wurde todtenbleich— er fühlte wie ſeine Knie, wie ſein ganzer Körper zitterte. „Woher weißt Du—“ ſtammelte er, des Mannes Arm ergreifend. „Ich habe ihn geſehen und geſprochen,“ ſagte Siftly gleichgültig, indem er der Bewegung des Alkalden folgte, der ihn einige Schritte von ſeinem Zelte fortführte. „Hier im Ort?“ „Nein, etwa eine halbe Stunde von hier an einem ſchattigen Waldfleck,“ lachte der Spieler,„wo er ſich mit einer alten Bekannten und ihrer Freun⸗ din ein Rendez⸗vous gegeben.“ — 62 „Das lügſt Du, Siftly,“ ſtöhnte Hetſon, der die Worte kaum über die bebenden Lippen brachte. „Hör' einmal, Hetſon,“ ſagte da der Spieler ruhig,„ich bin gern bereit Deinem aufgeregten Zu⸗ ſtand viel zu Gute zu halten, aber ſei doch auch nicht zu ungenirt in Deinen Aeußerungen. Ich ſpreche Nichts, was ich nicht beweiſen kann.“ „Beweiſen?— womit?“ „Mit Deiner Frau ſelber. Sage es ihr auf den Kopf zu, und wenn ſie— was ich nicht glaube — ihre Farbe nicht verändert und wirklich leugnen ſollte, dann laß mich meine Worte in ihrer Gegen⸗ wart wiederholen.“ Hetſon erwiderte Nichts, aber ſeine Hände ballten ſich krampfhaft zuſammen, und der Schweiß ſtand ihm in großen Tropfen auf der Stirn. „Und ſie war dort?“ ſtöhnte er endlich. „Mit der ſpaniſchen Dirne, der Tochter Don Alonſo's, die ihr wahrſcheinlich dazu geholfen. Das ſpaniſche Blut kann derlei nicht verleugnen. Apro⸗ pos, Hetſon, ich habe mit ihrem Vater einen Accord abgeſchloſſen, daß ſie mir allabendlich ein paar Stunden in meinem Zelte ſpielt. Das unverſchämte Ding weigert ſich allerdings, aber ich weiß darin die Geſetze auf meiner Seite und werde ſie ſchon 63 zwingen. Uebrigens kann ein entſchiedenes Wort von Dir die ganze Sache leicht und raſch erledigen.“ Hetſon hörte gar nicht, was er ſprach, und als er völlig bewußtlos an des Spielers Seite die Straße hinabſchritt, haftete ſein Blick ſtier und doch unſtät an der Erde, oder ſtreifte über die ihm Be⸗ gegnenden hin, ohne daß er ſie geſehen hätte. „Nimm Dir das übrigens nicht zu ſehr zu Herzen,“ fuhr da endlich Siftly fort.„Die Sache hat im Grunde genommen gar Nichts zu bedeuten, ja, es iſt eigentlich recht gut, daß wir den Burſchen endlich Auge zu Auge und Fuß an Fuß haben. Ver⸗ laß Dich auch dabei auf meine Unterſtützung.— Es iſt wahrhaftig ein Glück, daß ich gerade jetzt in das Paradies gekommen bin, und beſſer hätte ſich die Sache gar nicht treffen können.“. „Und er iſt noch hier?“ „Jedenfalls. Glaubſt Du, daß der den Platz hier ſo raſch und— allein wieder freiwillig ver⸗ laſſen würde. Ich denke aber, ich finde ein Mittel, ihm auf die Füße zu helfen— wenn wir ihm die Füße nicht lieber unter dem Leibe fortziehen.“ Hetſon hatte indeſſen, faſt wie in einem Traum, an Siftly's Seite ſeinen Weg verfolgt, bis ſie die letzten Zelte ſchon hinter ſich gelaſſen. Wie der Spieler aber innerlich frohlockte, das Mittel jetzt * — ᷣ—— —.— —— 64 in Händen zu haben, den Mann ganz ſeinem Willen fügſam zu machen und in ſeiner Gewalt wenigſtens ſo lange zu behalten, bis er alle ſeine Zwecke ausgebeutet, ging in Hetſon's Seele eine eigene Veränderung vor. Charles Golway war ihm die letzten Monate nur immer ein Phantom, ein furchtbares Schreck⸗ gebild geweſen, das blos von fern gedroht, ihm keinen Halt daran erlaubt und ſeinen Geiſt dadurch faſt bis zum Wahnſinn getrieben hatte. Während er ſich Tag und Nacht mit dem Gedanken peinigte, wo und wie der Mann einmal ſeine Bahn kreuzen und ſein liebſtes Glück zerſtören würde, rieb er ſich ſelber in muthwillig ausgemalten Schreckgebilden auf, und fühlte dabei, wie dieſe Furcht an ſeinem inneren Mark zehrte, und ſeine beſten Kräfte lang⸗ ſam, aber deſto ſicherer verſiegen machte.— Jetzt war er da— plötzlich erſchienen, und hatte ſchon, ehe er ſeine Nähe nur ahnte, die Hand ausgeſtreckt, den ſtillen Tempel ſeines Glückes zu zerſtören— aber er war doch da.— Das Phantom war zu Fleiſch und Blut geworden; die Gefahr, die ihn bis jetzt unſichtbar in der Luft bedrohte, war herunter auf die Erde geſtiegen, ſich ihm Auge in Auge zu ſtellen, und mit dem Bewußtſein kam eine eigene Ruhe, 65 eine Zuverſicht über ihn, die er bis dahin ſelber nicht für möglich gehalten. „Er iſt da!“ flüſterte er nur leiſe vor ſich hin, wie um ſich ſelber die Gewißheit zu geben, daß er ihm jetzt nicht mehr ausweichen könne,„er iſt da!“ „Und was ſchadet's, Kamerad?“ lachte Siftly, der den Worten eine ganz andere Bedeutung gab, indem er die Hand auf ſeine Schulter legte.„Daß ich Dein Freund bin, werd' ich Dir jetzt beweiſen; ſo ſchlag' Dir nur alle Sorgen aus dem Kopf und verlaß Dich ganz auf mich. Der Burſche ſoll bald wünſchen, das Schiff, mit dem er Dir gefelgt, wäre lieber an irgend einem freundlichen Felſen ge⸗ ſtrandet, als daß ſein Fuß hier je Californiſchen Boden betreten hätte. Nun?— was haſt Du?“ „Laß mich einen Augenblick allein,“ bat ihn da Hetſon—„die— Nachricht hat mich doch über— raſcht, und ich möchte mich ſammeln, ehe ich in mein Zelt zurückginge— möchte mir die Sache überlegen.“ „Schön,“ ſagte Siftly, ihm die Hand reichend, — ſei aber nicht zu hart mit Deiner Frau; mei⸗ ner Meinung nach iſt die Spaniſche Dirne an der eſchichte mehr ſchuld wie ſie.— Alſo dabei bleibt , was ich Dir vorhin ſagte?“ „Bitte, laß mich jetzt— der Kopf wirbelt mir, Gerſtäcker, Gold. III. 5 66 und ich weiß nicht, wo mir in dieſem Augenblick die Gedanken bleiben.“ Hetſon hatte ſich von ihm abgewandt; Siftly aber, indem er ſpöttiſch vor ſich hinlächelte, ſagte: „good bye— wir ſehen uns nachher im Lager wieder,“ und ſchritt raſch die Straße zurück, die er mit ihm gekommen war. Capitel 3. Mr. Smith. Das kleine Minenſtädtchen„golden bottom“, in welchem die County court dieſes Diſtricts ge⸗ halten wurde, und in deſſen Nähe ſich eine große Zahl von Amerikanern niedergelaſſen hatte, lag nicht ſehr entfernt vom Paradies, und eigentlich nur durch einen breiten Bergrücken, der zugleich die Waſſer des Calaveres und Stanislaus ſchied, von ihm getrennt. Trotzdem führte kein wirklicher Fahr⸗ weg hinüber, und die Laſtwagen, die, von Stieren gezogen, von einem Ort zum anderen hinüber wollten, mußten ſich, wie das eben am Beſten ging, ihre Bahn ſelber durch den Wald ſuchen, und dabei häufig mit der Art erſt Bahn durch Buſch und —. 5* —68 Strauchwerk hauen. Ein Reitpfad lief aber in ziemlich gerader Richtung an einem der Tributarien des Teufelswaſſers hinauf, und überſchritt den ſchei⸗ denden Bergrücken in einem ſogenannten low gap, oder an einer niederen Stelle des Sattels, von wo aus dann ein graſiger, wenig bewaldeter Hang in das andere Thal hinabführt. An dieſem Tributar des Teufelswaſſers, an dem ſich noch nicht ein einziger Goldwäſcher niedergelaſſen hatte, arbeiteten ſeit einigen Tagen erſt zwei Deutſche, und zwar Bekannte von uns: jener junge Graf Beckdorf und ſein Compagnon Fiſcher, die Ufer des kleinen freundlichen Baches dort einmal ordentlich zu durchſuchen, ob ſie nicht vielleicht ebenſo gold⸗ haltig wären, wie manche der anderen benachbarten Gewäſſer. Der Platz lag übrigens ein wenig entfernt vom Lager ſelber, und um nicht zu viel Zeit mit Hin⸗ und Hergehen zu verlieren, hatten ſie ſich ihr Früh⸗ ſtück gleich mit hinausgenommen, es draußen im freien Walde zu verzehren. Ob ſie nun Gold genug hier fanden, die daran gewandte Müh' und Arbeit zu bezahlen, blieb noch ungewiß, und heute Morgen wollten ſie das erſt in dem ſchon niedergegrabenen Loch erproben. Ein reizenderes, heimlicheres Plätzchen hätten ſie ſich aber nicht auf der weiten Welt zu ihrer Arbeit aus⸗ ſuchen können. Rings um ſie her ſtreckten jene herrlichen Cedern und Kiefern die rieſigen, voll⸗ kommen glatten Schäfte himmelhoch empor, weit oben einen grünen Dom von feſtverſchlungenen Zweigen bildend, der nur hier und da einem einzel⸗ nen Sonnenſtrahl geſtattete, ſich in dem unten vor⸗ übermurmelnden Bache zu ſpiegeln, und tauſend Blumen und Blüthen deckten trotzdem das ganze Uferbett und ſchimmerten und glühten in den leben⸗ digſten herrlichſten Farben. Des Baches Ufer ſelber war von einer ordent⸗ lichen Guirlande grellrothen Löwenmauls dicht ein⸗ gefaßt, aus dem nur hier und da ein kleines Bouquet hellblauer Vergißmeinnicht ähnlicher Blumen hervor⸗ ſchimmerte, während zwiſchen dem Carmoiſinroth und Blau und Violett der verſchiedenartigſten Blüthen überall die zierlichſten hochgelben Sternblumen ihre Köpfchen vorſtreckten. Ueber das Waſſer aber wölbten ſich ſchlank ſtangige Haſelſtauden, die für den Herbſt eine reiche Ernte verſprachen; wilde Kirſchbäume und dunkle Taxusbüſche mit ihren roſenrothen ſüßen Beeren, und ein feines, außerordentlich zartes Schilfgras ſtreckte dazwiſchen die langen zierlichen Halme hoch empor. ———— 70 Dem Goldwäſcher iſt freilich, in Verfolgung ſeines Zieles, Nichts heilig, und wenn es die Natur mit ihren höchſten Reizen übergoſſen hätte. Der Buſch, der ihm im Wege ſteht, und wenn er die duftigſten Blüthen, die ſüßeſten Früchte trüge, muß fallen; die prachtvollſte Ceder, unter deren Wurzel er eingeſchwemmte Körner vermuthet, trifft ſeine Art, und Blumen und Blüthen ſchlägt die erbar⸗ mungsloſe Spitzhacke in den Boden hinein, oder deckt der Spaten mit der ausgeworfenen Erde.— Was ſind auch Blumen und Blüthen! Ja, ſie haben Farbe und Duft— aber kein Gewicht— ſie laſſen ſich nicht verwerthen, deshalb mögen ſie eben duften und blühen, wo ſie gerade nicht im Wege ſind. Auch unſere beiden Freunde hatten ſchon arge Verwüſtung unter dem Blumenflor des Thales angerichtet, und einen häßlichen Streifen braunrother Erde in den rothen Blüthenſtreif geriſſen, der das freundliche Ufer an beiden Seiten begrenzte. Aber trotzdem daß der früher ſo klare murmelnde Bach, jetzt die gelbrothe hineingeworfene Erde mit ſich führend, trübe und ſchlammig zu Thal lief, ſaßen ſie eben ſehr vergnügt mit ihrer Arbeit, die ſie an dem Morgen ſchon fertig gebracht, zwiſchen den von ihren Händen ausgeſäeten Trümmern, und verzehrten ihr mitgebrachtes Frühſtück, nach dieſem 71 die ſchon am Bach aufgeſtellte Waſchmaſchine zu verſuchen, und dabei zu ſehen, ob ſich die bisher gethane Arbeit lohnen würde. Von den Vorgängen iu der Flat wußten ſie kein Wort, hätten auch hier, ſo weit in den Hügeln drin, kaum einen Schuß von dortherüber hören können. Daß ſich die Mexikaner geſtern Abend zuſammengerottet, konnte ihnen allerdings nicht ent⸗ gangen ſein; ſie glaubten aber, es ſei nur geſchehen, um die Minen gemeinſchaftlich zu verlaſſen, und andere Plätze aufzuſuchen, wo ſie von den Ameri⸗ kanern nicht ſo ſehr beläſtigt würden, und der Taxe beſſer aus dem Wege gehen konnten. Zu ihrem Erſtaunen ſahen ſie indeß die Indianer heut' Morgen in ganz ungewohnter Bewegung, und mehrere Trupps derſelben hatten ſchon das Thal gekreuzt, ohne ſie jedoch auch nur im Geringſten zu beläſtigen. Eben jetzt, wie ſie behaglich in dem weichen Gras, mit ihren Lebensmitteln zwiſchen ſich, aus⸗ geſtreckt lagen, praſſelte es da plötzlich dicht unter ihnen in den Büſchen, daß Beide erſchreckt empor⸗ fuhren. In demſelben Moment brach aber auch ein einzelner Indianer, den Köcher, der aus einem abgeſtreiften Fuchsbalg beſtand und den Bogen in einer Hand haltend, daraus hervor, und ſprang nicht zwei Schritte von ihnen entfernt, an der Stelle, wo ſie lagen, vorbei. So überraſchend mochte ihm dabei ſelber die Nähe der hier nicht vermutheten Weißen ſein, daß er, als er ſie bemerkte, erſchreckt einen weiten Satz zur Seite machte. Mit einem Blick hatte er aber auch erkannt, daß er von den beiden Leuten Nichts zu fürchten habe. So, ihnen nur ein flüchtiges„Walle Walle“ zurufend, ſprang er den dort ziemlich ſteilen Hang in vollem Laufen empor, wo er, ohne nur ein einziges Mal inne zu halten und Athem zu ſchöpfen, kaum drei Minuten ſpäter in dem dichten Holz der Waldung verſchwand. „Was dieſe Burſchen für eine Lunge haben müſſen,“ ſagte lachend Graf Beckdorf, indem er die in der erſten Ueberraſchung aufgegriffene Brechſtange wieder neben ſich niederwarf.—„Ich glaubte übrigens Wunder wer da angebrochen kam.“ „Hol's der Henker, ich dachte es wäre ein Grizzly⸗ Bär, der uns einen Beſuch abſtatten wollte,“ lachte Fiſcher—„es iſt mir ordentlich ganz eiskalt über den Rücken heruntergelaufen.— Mit derartigen Beſtien iſt gerade nicht zu ſpaßen.“ „Was die Rothhaut nur ſo zu laufen hatte? Er iſt übrigens ſoviel vor uns erſchrocken, wie wir vor ihm— hahaha, wenn er noch einen Schritt weiter rechts ſprang, wäre er in das ausgeworfene Loch hinuntergepoltert.“ „Ich weiß überhaupt nicht,“ ſagte Fiſcher,„was die braunen Burſchen heute Morgen im Wind haben. Irgend Etwas iſt aber los, und ich wollte doch, wir hätten unſere Gewehre, oder wenigſtens Ihre Piſtolen mitgenommen, ſie uns im Fall der Noth vom Leibe zu halten.“ „Bah,“ lachte Beckdorf,„wir haben von ihnen Nichts zu fürchten, und ich bin oft und oft, ganz allein und unbewaffnet in ihren Lagern geweſen.“ „Nun, mit den Amerikanern wollen ſie doch nicht viel zu thun haben?“ „Nein, aber ſie wiſſen auch recht gut einen Unterſchied zwiſchen Amerikanern und Fremden zu machen, und mit den„Alemanes“ gehen ſie am Liebſten um, weil ihnen von denen am Seltenſten ein Unrecht geſchieht. Ich glaube nicht, daß es einen gutmüthigeren wilden Volksſtamm in der Welt giebt wie dieſe Burſchen.“ „Und doch ſollen ſie alle Augenblick Amerikaner überfallen haben.“ „Und wenn ſie's thäten, wer in der Welt könnte es ihnen verdenken. Plötzlicher und mit weniger Grund iſt noch nie eine Indianiſche Nation ver⸗ trieben, mißhandelt und vernichtet worden, ſeit Cortez' und Pizarro's Zeiten wenigſtens. In allen anderen Ländern der Welt wurde doch wenigſtens eine Form ——— beachtet, und das Land ihnen, wenn auch um Spielereien, doch abgekauft, hier aber treibt man ſie gerade ſo rückſichtslos von Allem, was bisher ihr rechtliches Eigenthum war, fort, wie man bei uns die Sperlinge aus einem Felde ſcheuchen würde.“ „Ja, und wir helfen mit,“ lachte Fiſcher,„denn auf dieſer Stelle hätte eben jener Indianer, wenn wir hier nicht ſeit zwei Tagen gehackt und ſpektakelt hätten, vielleicht einen Hirſch ſchießen, und einen Sonntagsbraten für ſeine ganze Familie haben können.“ „Wenn er ſo fortrennt, fängt er ſich vielleicht einen im Laufen,“ lachte Beckdorf.—„Was können wir aber thun? wären wir nicht hergekommen, ſäßen heute oder morgen jedenfalls Andere hier, und das Reſultat bleibt doch immer daſſelbe. Dieſe Goldgruben freſſen ſich tiefer und tiefer in das Land hinein, und die Indianer werden mit jedem Tage, mit jeder Stunde höher in die Schneeberge hinauf⸗ getrieben. Ob ſie ſich dort oben am Leben erhalten können oder nicht, iſt den Amerikanern gleichgültig — ſie ſollen ſterben, wenn ſie nichts Beſſeres zu thun wiſſen.“ „Wenn ſie das Land bebauen wollten, könnten ſte aber in Frieden leben,“ meinte Fiſcher,„und Niemand würde ſie beläſtigen; ja ich bin überzeugt, 75 daß die Vereinigten Staaten ihnen darin jede nur mögliche Unterſtützung angedeihen ließen.“ „Der alte Unſinn,“ ſagte Beckdorf,„den ſich die Profeſſoren in den Städten ausbrüten. Es iſt gerade ſo, als ob ich dem Fuchs Vorwürfe mache, daß er ein Fuchs iſt, und von ihm verlange, er ſolle ſich bei einem Schäfer als Schäferhund ver⸗ miethen. Gott hat die Leute ſo erſchaffen wie ſie ſind, und ihnen das Land zum Aufenthalt gegeben, und wir können unſer Verfahren, ſie daraus zu vertreiben, nicht einmal mit der Entſchuldigung be⸗ ſchönigen, daß wir ihnen das Land nur nehmen, um ſie zu civiliſiren, denn es hat kein Menſch Zeit oder Luſt dazu, ſich damit abzugeben.— Aber das iſt eine alte, ſchon hundert Mal beſprochene— und ſehr nutzloſe, für die Indianer freilich auch ſehr traurige Geſchichte. Den einzigen Troſt haben ſie in Californien, daß ihnen das Blut nicht, wie in anderen Ländern, tropfenweis abgezapft wird, ſondern daß ihnen hier kaum ſoviel Jahre, wie ihren Leidens⸗ gefährten Jahrzehende gegeben werden, ſich einander zu begraben. Fiſcher hatte eine Weile nachdenkend vor ſich niedergeſehen, ſeine nächſte Frage aber bewies, wie wenig er ſich das Schickſal der eben beſprochenen Indianer zu Herzen nahm. ————— — —————, — ——— 6 „Ich bin merkwürdig neugierig,“ ſagte er,„ob wir was Geſcheidtes finden werden— der Boden ſieht gut aus, und daß ſchon in dem oberen Thon ein paar Körner ſtaken, iſt ein vortreffliches Zeichen.“ Beckdorf lächelte ſtill vor ſich hin. „Es iſt doch ein wunderliches Leben, was wir hier führen,“ rief er endlich,„und ich gäbe was darum, wenn ſie uns daheim einmal könnten ſo zuſammen ſitzen ſehen; oder zuſchauen, wie wir im Schweiße unſeres Angeſichts den Boden aufwühlen, ein paar Körner des gelben Metalls herauszuwaſchen. Manchmal kommt es mir bei Gott ſo vor, als ob ich nur im Traum ſo arbeite.“ „Ich danke ſchön,“ ſagte Fiſcher—„wenn ich auch noch im Traum ſo hacken und graben ſollte, und Erde ſchleppen und alte wacklige Maſchinen ſchütteln, da könnte der Böſe dies Leben holen, ſo⸗ bald er Luſt hätte. Daß es uns übrigens ziemlich ſonderbar vorkommt, iſt eben kein Wunder, denn wir ſind es wol Beide früher anders gewohnt geweſen.“ „Aber hübſch iſt's doch,“ rief da Beckdorf aus, „hol's der Böſe, nicht um Alles in der Welt möchte ich die Zeit ungeſchehen machen, die ich hier ſchon, wenn auch oft nutzlos, in dem harten Boden herum⸗ gehackt und gewühlt, wie ein wahnſinniger Maulwurf. 7 Der wunderſchöne Wald, die freie herrliche Luft, die Arbeit ſelber mit ihrer tüchtigen Bewegung.“ „Arm ausrenken,“ ſagte Fiſcher. „Was thut's— wo ſich der Körper ſo kräftigt, bleibt auch der Geiſt friſch, und für mich ſelber hätte ich keine beſſere Lehrzeit wünſchen können.“ „Na, wenn Sie dies als Lehrzeit betrachten,“ lachte Fiſcher,„dann wünſch' ich, daß Sie dieſen Morgen da in dem Loche drin Ihr Geſellenſtück machen, und einen tüchtigen fauſtdicken Klumpen herauspuddeln— gebrauchen könnten wir ihn jedenfalls, denn wenn wir nicht bald etwas Ordent⸗ liches finden, ſteht es mit unſerem Caſſenbeſtand erbärmlich dünn aus.“ „Bah, was thut's,“ lachte Beckdorf,„unſeren Lebensunterhalt gewinnen wir immer.“ „So? danke Ihnen, damit bin ich aber wenig⸗ ſtens nicht zufrieden,“ rief ſein Compagnon,„denn meine Abſicht iſt, mir hier ein kleines Capital zuſammenzuſchlagen, Etwas damit beginnen zu können.“ „Dann rathe ich Ihnen, lieber gleich Etwas zu beginnen„ohne Capital,“ und die ſchöne Zeit nicht durch ſenkrechte Lochgrabereien zu vergeuden. Glauben Sie ernſtlich, daß wir je etwas Geſcheides an Goldwerth finden unſere Mühe zu bezahlen?“ —— 78 „Und glauben Sie das nicht?“ „Nein,“ lachte der junge Mann. „Ja, weshalb um Gotteswillen graben Sie denn da?“ frug ihn Fiſcher erſtaunt—„weshalb ſind Sie überhaupt nach Californien gekommen?“ „Allerdings in der Hoffnung,“ ſagte der junge Graf,„ja, eigentlich mit der feſten Ueberzeugung, mir hier in kurzer Zeit ein bedeutendes Vermögen zuſammenzuſchlagen— und Tauſende ſind in derſelben Abſicht herübergekommen. Ich wollte unabhängig von meiner Familie in Deutſchland werden. Dieſe ſchönen Phantaſien haben ſich aber ſchon nach den erſten vier Wochen gründlich ver⸗ loren, und ich bin jetzt ſo gebeſſert worden, daß ich gar Nichts mehr erwarte. Finde ich dann wirklich Etwas— denn daß wir unſeren Tagelohn herausſchlagen, iſt eben kein Kunſtſtück, und des⸗ halb möchte ich keine Spitzhacke auch nur auf⸗ heben— deſto beſſer— dann betrachte ich es als wirklich gefunden und kann mich darüber freuen.“ „Mit dieſen Grundſätzen müſſen Sie ein äußerſt glückliches Leben in Californien führen,“ lachte Fiſcher—„aber genau genommen, befind' ich mich auch ſo wohl genug. Wir müſſen zwar unſeren Zwieback und Käſe vom Boden eſſen— Kleider haben wir ebhenfalls nur nothdürftig, und Nachts 79 ſchlafen wir auf einer höchſt mittelmäßigen Ma⸗ tratze, von einer Legion Flöhe gequält. Aber weiß in dieſen Bergen auch wohl ein Menſch, was Sorgen ſind?— kümmert man ſich auch nur ſo viel um den nächſten Tag, ausgenommen, daß man hofft einen Schatz zu finden? Nein, ſo lange ein Goldwäſcher geſund bleibt— und wie ein Menſch in der Luft krank werden könnte, weiß ich gar nicht— ſo lange befindet er ſich auch glücklich, und wenn ich wohl glaube, daß ich dies Leben einmal ſatt bekommen könnte, ſo wird mir die Erinnerung daran doch immer eine ganz liebe bleiben. Jetzt aber wieder an die Arbeit. Donner⸗ wetter, wir liegen hier, als ob wir vornehme Herren wären und uns nur eben überlegten, wo⸗ mit wir die Zeit am beſten todtſchlagen könnten.“ „Und ſind wir das nicht?“ lachte Beckdorf. „Wer hat uns etwas zu befehlen? wer uns vor⸗ zuſchreiben? Wir ſind freie Menſchen, und bei Gott, lieber Fiſcher, die ſogenannten„vornehmen Herren“ können das gewöhnlich gerade am wenig⸗ ſten von ſich ſagen. Je weniger der Menſch ab⸗ hängig von ſeinen Mitmenſchen iſt, deſto freier, deſto vornehmer— oder aus der Maſſe hervor⸗ genommen, iſt er, und das als Norm aufge⸗ ſtellt, ſind wir Beide ſouveraine Fürſten. Aber — 80 jetzt wieder an die Arbeit— Sie haben recht mich drängt es ſelber, zu ſehen was wir in der Grube finden werden.“ Die beiden Leute ſtiegen wieder an ihren Arbeitsplatz hinunter, und Fiſcher ſetzte ſich an die Maſchine, während Beckdorf von der, ſchon auf den Rand der Grube geworfenen Erde ein paar Eimer füllte und ſie hinüber zum Bach trug. „Was lachen Sie, Fiſcher?“ frug er hier, als er ſeinen Kameraden, ſcheinbar in äußerſt guter Laune bei der Maſchine ſitzen fand. „Hm,“ ſagte dieſer,„ich dachte eben an die beiden komiſchen Käuze drin im Paradies, den Juſtizrath und den Aſſeſſor, dieſe zwei Auswüchſe unſerer deutſchen Jurisprudenz, die das launige 2 Schickſal zuſammen an dieſe Küſte geworfen hat.“ „Sie haben recht,“ lächelte Beckdorf,„es ſind ein paar wunderliche Exemplare, und der Tenoriſt paßt vortrefflich dazu das Kleeblatt vollzumachen.“ „Schade, daß ihnen der Komet durchgebrannt iſt,“ ſagte Fiſcher,„der Komet hatte aber immer noch weit mehr Lebensfähigkeit, denn er verſtand zu borgen. Wie dieſe drei Biedermänner aber hier in den Minen exiſtiren wollen— vorausge⸗ ſetzt ſie können ſich das Eſſen nicht abgewöhnen— iſt mir ein Räthſel.“ — — „Der Juſtizrath ſoll Geld haben,“ meinte Beckdorf,„und damit hält er ſich und ſeinen Compagnon wohl noch eine Weile über,“— er ſah raſch in die Höhe, und aufmerkſam nach dem Hang hinüber. „War Etwas da?“ „Ich hörte ein Geräuſch, und wie ich aufſah, war es mir auch, als ob ich einen Schatten an jenem umgefallenen Baum da drüben dicht an dem Pfad geſehen hätte.“ „Vielleicht der Schatten eines Raubvogels, der über das Holz geſtrichen.“ „Vielleicht“— ſagte Beckdorf, ohne den Blick von jener Stelle zu nehmen—„und doch ſah es auch wieder anders aus.— Wenn uns die India⸗ ner am Ende gar einen Beſuch zugedacht hätten“— „Bah— ſo viel für die Indianer— ſchütten Sie nur die Erde herein— ſo, der eine Eimer iſt genügend; jetzt fahren wir mit dem Wechſelwagen. Während Sie einen anderen holen, bin ich mit dieſem fertig und die Maſchine bleibt im Gang.“ „Da kommt ein Reiter den Pfad herauf,“ ſagte Beckdorf, der noch ſcharf nach allen Seiten umher⸗ geſpäht hatte. „Hm, das iſt ein Amerikaner,“ ſagte Fiſcher, der bezeichneten Richtung mit den Augen folgend— Gerſtäcker, Gold. III. 6 —— — 5 3 82 „vielleicht gar der neue Collector, der die Bäche hier abſucht, von uns armen Teufeln die 20 Dollar Taxe einzukaſſiren. Bei mir kommt er aber ſchlecht an; ich gebe mich für einen Bürger der Vereinigten Staaten aus, und ſchicke ihn nach San Francisco, meine Papiere zu unterſuchen.“ „Das iſt kein Fremder,“ ſagte aber Beckdorf, der den Nahenden im Auge behalten hatte.„Die Geſtalt habe ich wenigſtens jedenfalls ſchon geſehen.“ „Alle Wetter, das iſt ja der Spieler, jener Mr. Smith— wie er, glaub' ich, heißt“— rief Fiſcher, „der damals die Geſchichte mit den Indianern hatte. Das wär' auch kein Verluſt für das Paradies, wenn er ſich wo anders eine Reſidenz ſuchte. Der Kerl iſt ein Lump durch und durch.“ „Er biegt hierherzu ab.“ „Laſſen Sie ſich nicht mit ihm ein“— meinte Fiſcher—„er mag zum Teufel gehn, und ſich dort eine Unterhaltung ſuchen.“ Fiſcher fing an ſeine Maſchine zu ſchaukeln, und Beckdorf ging mit dem geleerten Eimer nach der Grube zurück, friſche Erde einzufüllen. Als er dieſe zur Maſchine brachte, kam der Reiter eben am Bache herauf und hielt neben den Beiden an. Mr. Smith hatte es nämlich für weit gerathe⸗ ner gehalten, den Botenweg nach dem„golden — 83 bottom“ zu reiten, als ſein koſtbares Leben, wie ſein erbeutetes Gold den Zufällen eines, wie er recht gut wußte, tollkühnen Angriffs auszuſetzen. Allerdings war ihm nicht entgangen, daß eine ziem⸗ lich große Anzahl von Indianern in den Bergen umherſtreifte. Dieſe hatten ſich aber an dem Morgen alle weit mehr öſtlich, der Stelle zugezogen, an der die Mexikaner hielten, und außerdem brauchte er ſie, gut beritten und mit einem vortrefflichen Revolver bewaffnet, auch nicht zu fürchten. Sowie er dann nur den Hügelrücken erreichte, befand er ſich auch ſchon faſt in dem Bereich von„golden bottom“, in deſſen Nähe viele Amerikaner arbeiteten. Mr. Smith ſaß auch ſehr ungenirt auf ſeinem Pferde, das rechte Bein über den Sattelknopf hin⸗ pf h übergeſchlagen, nach Damen⸗Art, und pfiff ſich ſehr vergnügt und ſehr falſch den Yankee⸗Doodle— oder vielleicht„Waſhingtons Marſch“— es konnte recht gut Beides ſein. So bog er vom Pfad ab, den gerade dort ein umgebrochener Baumſtamm verlegte, und kam dicht an den beiden Deutſchen vorbei, neben deren Maſchine er ſein Pferd einen Augen⸗ blick einzügelte. Er ſchien gar keine beſondere Eile zu haben, ſeine Landsleute zur Hülfe herbeizuholen. „Nun, Gentlemen,“ ſagte er hier, mit äußerſt 6* 84 artiger und gewinnender Stimme,„finden Sie Ihre Arbeit nach Gebühr belohnt?“ Beckdorf ſah ihn von der Seite an, nahm dann den leeren Eimer in die Hand, und ging langſam wieder der Grube zu, Fiſcher aber fing an zu ſchaukeln und antwortete ebenfalls nicht. Mr. Smith klemmte ſeine überdies dünnen Lippen noch etwas feſter zuſammen und rief dann: „Meiner Meinung nach, Sir, gehört unter Gentlemen, auf eine höfliche Frage auch eine höfliche Antwort.“ „Unter Gentlemen, ja,“ ſagte Fiſcher trocken, „mein Kamerad und ich haben aber, ſoviel ich weiß, nicht mit einander geſprochen.“ „Und erklären Sie mich für keinen Gentleman, Sir?“ rief der Amerikaner, und die kleinen bos⸗ haften Augen verſchwanden faſt unter den zuſam⸗ mengezogenen Brauen. „Ich will Ihnen etwas ſagen, Mr. Smith,“ erwiderte aber der Deutſche.„Hier arbeiten wir, und haben keinem Menſchen Rede zu ſtehn oder Rechenſchaft zu geben; es ſei denn vielleicht ein Beamter der Vereinigten Staaten. Zu denen zähle ich aber nicht das Spielergeſindel, das ſich in den Minen herumtreibt, und ſollte Einer von denen zu uns kommen und unverſchämt werden, ſo gebe ich —— 85 Ihnen mein Wort, daß wir ihm alle Knochen im Leibe entzwei ſchlügen.“ Der Amerikaner griff langſam mit der Hand in ſeine Bruſttaſche, wo er jedenfalls ſeinen Revol⸗ ver verborgen hatte. Schon kam aber der andere Deutſche ebenfalls wieder heran, und da Mr. Smith es gar nicht für möglich hielt, daß Jemand hier im Lande herumgehen könne, ohne eine Schußwaffe bei ſich zu tragen, und doch nicht ſo ganz ſicher war, in wie weit er die Leute einſchüchtern könne, zog er die Hand zurück, griff den Zügel ſeines Pferdes auf, murmelte etwas in den Bart, das beinahe wie „damned dutchmen“ klang, und bog langſam wieder in den vorher verlaſſenen Pfad ein. Die beiden Deutſchen lachten hinter ihm drein, und es war faſt, als ob er bei dem Laut ſein Thier noch einmal einzügeln wolle; aber er beſann ſich doch eines Beſſern, und verfolgte den einmal ein⸗ geſchlagenen Weg. „Das ſind die Peſtbeulen der menſchlichen Ge⸗ ſellſchaft,“ ſagte da Fiſcher, als ſein Kamerad wieder neben ihm ſtand und dem Reiter nachſah, „und wer die Amerikaner nach dieſem Geſindel beurtheilen wollte, würde ein trauriges Urtheil über ſie fällen müſſen. Gluͤcklicher Weiſe denkt der recht⸗ ſchaffene Amerikaner aber gerade ſo wie wir über ſie, und nur hier in Californien, und in den weſtlichen und wildeſten Staaten der Union dürfen ſie ihr Weſen treiben.“ „Was wollte denn der Burſche?“ „Ganz herablaſſend ein Geſpräch mit uns an⸗ knüpfen,“ lachte Fiſcher,„vielleicht ſogar eine kleine Spielpartie aus freier Hand arrangiren. Es wäre das erſte Mal nicht, daß ſie den Goldwäſcher um ſeinen Ertrag gleich aus der Maſchine heraus beſtohlen hätten— ich ließ ihn aber ablaufen. Doch er mag zum Teufel gehn, und wird uns hoffent⸗ lich nicht wieder in die Nähe kommen.“ Mr. Smith hatte indeſſen, wahrſcheinlich nicht in beſonders guter Laune, denſelben Baumſtamm erreicht, über den hin der junge Graf Beckdorf vor⸗ her den Schatten bemerkt haben wollte. So, wie er jetzt wieder mit dem geleerten Eimer zu der Grube zurückging, blickte er faſt unwillkürlich den Hang hinauf, dem der Reiter folgte. In demſelben Mo⸗ ment ſcheute deſſen Pferd jäh zur Seite, und Beck⸗ vorf ſah, wie eine dunkle Geſtalt gerade vor ihm in die Höhe ſprang. Mr. Smith aber, auf ſeinem wahrſcheinlich höchſt bequemen, indeß jedenfalls ſehr unſicheren Sitz, verlor das Gleichgewicht und rollte an der rechten Seite des Pferdes aus dem Sattel. Wol hatte er dabei deſſen Zügel nicht losge⸗ 872 laſſen, ehe er aber nur im Stande war wieder auf die Füße zu kommen, ja wahrſcheinlich ehe er nur ſeine Lage recht begriff, tauchten aus allen benach⸗ barten Büſchen, wie aus dem Boden wachſend, Indianer auf, und der Weiße lag macht⸗ und wehr⸗ los in ihrer Gewalt, ehe er eine Waffe ergreifen, oder ſich zur Wehr ſetzen konnte. Fiſcher, durch den plötzlichen Lärm aufmerkſam gemacht, war ebenfalls in die Höhe geſprungen, als der gellende Hülfeſchrei des Ueberraſchten zu ihnen niederſchallte. „Den Teufel auch,“ rief da Beckdorf, indem er faſt unwillkürlich die dort am Boden liegende Brech⸗ ſtange aufgriff,„und wenn das ein Spieler iſt, ſo können wir doch nicht geduldig mit zuſehen, wie ihn die Rothfälle da oben abſchlachten.“ „Schade wär's gerade nicht um ihn,“ meinte Fiſcher,„aber— Sie haben recht. Wenn wir ihm helfen können, dürfen wir nicht müßig bleiben. Wollen ſie ihn aber umbringen, ſo ſchneiden ſie ihm ſechsmal da oben den Hals ab, ehe wir hinauf⸗ kommen.“ Und mit den Worten den neben ihm liegenden ſcharfen Spaten aufgreifend, ſprangen die beiden Männer ſo raſch ſie konnten den ziemlich ſteilen 88 Hang hinan, bis ſie den Reitweg erreichten, und dann raſcher vorwärts konnten. Indeſſen aber, und während das wilde Geſchrei des Amerikaners noch immer durch die Berge drang, hatten ſich etwa funfzig Indianer um ihn geſam⸗ melt, und ſeine Arme und Hände ſo mit Baſt auf dem Rücken zuſammengeſchnürt, daß er nicht im Stande war nur die geringſte Bewegung mit ihnen zu machen. Aber die zu ſeiner Rettung anſpringen⸗ den Deutſchen hatte er entdeckt, und in den flehendſten Tönen bat er ſie, ihn aus den Händen dieſer Mörder zu befreien. Beckdorf, als der Flüchtigere der Beiden, war Fiſcher um etwa zwanzig Schritt voraus, und mit der gehobenen Brechſtange wollte er auch ohne Weiteres, nur dieſer erſten Regung ſeiner Menſch⸗ lichkeit folgend, mitten in die Schaar der Wilden hineinſpringen, als ſich die ganze Maſſe derſelben ihm entgegenwarf, und funfzig Pfeile, auf der an⸗ geſpannten Senne ruhend, ſeine Bruſt bedrohten. „Herbei, Fiſcher,“ rief er, dadurch aber nicht im Mindeſten eingeſchüchtert, ſeinem Kameraden zu —„hol' die Fitſche⸗Pfeile der Henker, wenn wir einem halben Dutzend der Burſchen unſer Eiſen zu ſchmecken gegeben haben, werden ſie ſchon Ver⸗ nunft annehmen.“ 89 Fiſcher hatte übrigens von dieſen Pfeilen eine ganz andere Meinung, denn in ſo großer Nähe wären ſie auch ohnedies tödtlich geweſen, während die nur ſchlecht befeſtigten Steinſpitzen mit Wider⸗ haken faſt jedesmal in der Wunde ſitzen blieben. „Halt, Beckdorf!“ rief er ihm deshalb erſchrocken zu,„ſetzen Sie ſich keiner größeren Gefahr aus, als unumgänglich nöthig iſt, denn erſt wollen wir verſuchen, was ſich mit Ueberredung bei den Braun⸗ fellen ausrichten läßt.“ „Hülfe! Rettung! um Gottes Jeſu Willen helft mir!“ ſchrie da wieder, als er ſah, daß die Weißen zögerten, der Gefangene, indem er umſonſt verſuchte ſich von ſeinen Banden zu befreien. Schießt die Hunde nieder wie die Wölfe— oh, daß ich meine Arme frei hätte.“ „Heda, Ihr Leute,“ redete da Fiſcher, der jetzt keuchend herankam, die Indianer in Spaniſch an, denn einige von ihnen verſtanden faſt immer dieſe Sprache, die ſie früher in den Niederungen durch den Verkehr mit den Miſſionären gelernt hatten. „Ihr dürft den Mann nicht umbringen.“ Ein wildes Geſchrei von Stimmen, aber kein verſtändlicher Laut dazwiſchen, antwortete ihm, und wieder gellte der Angſtſchrei des Gebundenen durch 90 die Luft. Eine Anzahl der Indianer hatte ihn gefaßt, um ihn den Berg hinaußzuſchleifen. „Das iſt eine verfluchte Geſchichte,“ ſagte Fiſcher,„wir Zwei können Nichts mit der Bande anfangen, noch dazu ganz ohne Waffen wie wir ſind; und wenn auch Einer von uns fortſpringen und Hülfe holen wollte, kämen wir doch zu ſpät.“ „Was können ſie nur gegen den Amerikaner haben, während ſie uns ganz unbeläſtigt laſſen? — Wir dürfen den Mord nicht zugeben.“ „Das iſt derſelbe Lump, der neulich einen ihres Stammes erſtochen hat,“ ſagte Fiſcher,„und wahr⸗ ſcheinlich wollen ſie ſich jetzt an ihm rächen. Recht haben ſie, ſoviel iſt ſicher, aber wir müſſen doch ſehen, ob wir ihn frei bringen. Mich kennen auch die Meiſten von ihnen, und ich will einmal zwi— ſchen ſie gehen; bleiben Sie übrigens mit Ihrem Stück Eiſen in der Nähe, denn ſo gereizt, möchte ich ihnen nicht zu viel trauen.“ Seinen Spaten ſchulternd, ſtieg Fiſcher jetzt raſch den Hügel hinan, und ſuchte zu dem Ge⸗ fangenen durchzukommen. Einzelne wollten ihn allerdings daran verhindern, Andere aber wehrten dieſen wieder, und ſo überholte er bald die Burſchen, die den Unglücklichen bergan ſchleppten. Die Be⸗ waffneten waren ihm aber ebenfalls nicht von der V * 91 Seite gewichen, und wenn auch Keiner von ihnen Miene machte, ihm ſelber ein Leid zuzufügen, drängten ſie ſich doch zwiſchen ihn und den Ge⸗ fangenen, und ließen ihn nicht nahe. Beckdorf in⸗ deſſen, der fürchtete, daß ſein Kamerad mitten zwi⸗ ſchen den Indianern leicht zu Schaden kommen könne, ohne daß er dann im Stande geweſen wäre ihm beizuſpringen, flog in raſchen Sätzen den Hang hinauf, und blieb hier, den ankommenden Indianern den Weg abſchneidend, ſtehen, ſie zu erwarten. Fiſcher, als er das ſah, folgte ſeinem Beiſpiele, und die beiden Männer, jetzt feſt entſchloſſen die Eingeborenen unter keiner Bedingung ungehindert weiter zu laſſen, hielten Stand. „Ich will Euch etwas ſagen,“ rief ihnen Fiſcher dabei zu, als ſie dicht an ihn herangekommen waren, „und daß Ihr mich verſteht, weiß ich. Wenn Ihr den Burſchen da jetzt nicht frei und laufen laßt, ſo ſchlage ich dem Erſten, der mir nahe kommt, den Schädel von einander.“ Oben in den Büſchen raſchelte und brach's, und als ſich die beiden Deutſchen dorthin umſahen, erkannten ſie einen neuen Trupp Indianer, die an der Wand niederſprangen. „Alle Wetter,“ ſagte Beckdorf leiſe,„jetzt wird die Geſchichte fatal. Ich denke, wir ſpringen ohne 92² Weiteres ein und ſchneiden die Banden des Ge⸗ bundenen durch, nachher ſind wir unſerer Drei.“ „Keſos!“ rief aber Fiſcher ſtatt aller Antwort aus—„Gott ſei Dank, da kommt der Häuptling gerade zur rechten Zeit. Das iſt der vernünftigſte Indianer im ganzen Diſtrict, und wird nicht zu⸗ geben, daß ſie den Burſchen da ermorden; weiß er doch recht gut, wie ihm die Amerikaner nachher dafür auf den Hacken ſitzen würden.“ Es war wirklich der Häuptling, der, von viel⸗ leicht zwanzig anderen Indianern gefolgt, mit langen Sätzen den ſteilen Hang niedergeſprungen kam, und erſt anhielt, als er die Weißen dort erblickte. Fiſcher aber eilte ihm gleich entgegen, und bat ihn um Gotteswillen ſeine Leute abzuhalten, daß ſie den Mann nicht ermordeten. Auch Mr. Smith hatte den Häuptling, aber nur zu ſeinem Entſetzen, erkannt, denn wohl wußte er, was er von deſſen Hand verdient und wahr⸗ ſcheinlich jetzt auch zu erwarten hatte. Von dem Augenblick an ſchrie er nicht mehr um Hülfe, aber die Kraft, mit der er, wenn auch vergebens, an ſeinen Banden riß, verrieth nur zu deutlich die Todesangſt, die ihn erfaßt hatte.— Wenn ihm Recht geſchah, das fühlte er, ſo war er verloren. Die Indianer hatten übrigens, wie ſie ihren 3 4 93 Häuptling nahen ſahen, augenblicklich gehalten, und dieſer, der zu dem Gefangenen trat, blieb neben— ihm ſtehen und betrachtete ihn, ohne für jetzt Fiſcher's Bitten zu beachten, mit finſter drohenden Blicken. Er war heute auch ganz wieder Indianer, nur in den ledernen, mit Muſcheln und Kernſchalen ver⸗ zierten Schurz, die Tracht ſeines Stammes, geklei⸗ det, während ein buntes Tuch um ſein langes Haar gewunden war, und die Adlerfedern, das Zeichen ſeiner Würde, in dieſem prangten. Nur auf der Schulter trug er die lange einläufige Flinte, und . Pulverhorn und Kugeltaſche hing ihm über der rechten Achſel an dem nackten bemalten Oberkörper. Endlich langſam, und wie mit ſich ſelber redend, hob er den rechten nackten Fuß empor, und ſetzte ihn leicht auf die Bruſt des vor ihm Liegenden, der mit ſtieren Blicken, die Augen faſt aus ihren Höhlen drängend, zu ihm aufſchaute. „Wer könnte mich jetzt hindern,“ ſagte er dabei in Spaniſcher Sprache,„wenn ich den Buben hier zerträte wie einen Wurm.“ d„Du wirſt ſein Blut nicht vergießen, Keſos,“ unterbrach ihn da Fiſcher in halb warnendem, halb bittendem Tone. 94 „Und woher weißt Du das?“ rief der India⸗ ner finſter,„hat er es etwa nicht verdient?“ „Aber Du kannſt und darfſt den Mann nicht mit kaltem Blute morden,“ rief der Deutſche wieder. „Kann ich und darf ich nicht?“ lächelte der Wilde höhniſch zurück,„wollteſt Du mich daran verhindern?“ „Keſos,“ ſagte da Fiſcher ernſt,„Du weißt, wie freundlich ich Dir ſtets geſinnt geweſen, weißt auch, wie ich in der Sache ſelber, die dieſen Bur⸗ ſchen betraf, Deine Partei genommen, aber um Euerer ſelbſt willen vergießt nicht das Blut dieſes Mannes, wenn er ſich auch jetzt in Euerer Gewalt befindet.— Denke, wie viel Unſchuldige von Dei⸗ nem Stamme ſonſt wieder dafür büßen müſſen.“ „Ich weiß es,“ ſagte der Häuptling finſter, „daß die verhaßten Amerikanos keinen Unterſchied zwiſchen Schuldigen und Unſchuldigen machen, und wären die Mexikaner heute Morgen, ſtatt ſich wie ſcheue Haſen zu verkriechen, wie die Wölfe über ihre Feinde hergebrochen, manche alte Rechnung könnte heute ausgeglichen ſein. Doch allein können wir nicht gegen die Feuerwaffen der Weißen an⸗ kämpfen— wenigſtens jetzt noch nicht, bis ich erſt unſere Stämme den Gebrauch ſolcher Wehr ge⸗ lehrt habe.“ 95 „Und der Amerikaner?“ „Ungeſtraft verläßt er dieſe Berge nicht wieder,“ ſagte der Häuptling finſter—„er ſoll wenigſtens, ſo lange er noch lebt, uns im Gedächtniß behalten.“ „Aber was willſt Du mit ihm thun?“ Der Häuptling antwortete nicht, aber er zog den Fuß zurück, öffnete dann den Rock des vor ihm Liegenden und hatte bald den Revolver ge⸗ funden, den jener verborgen bei ſich trug. Dieſen nahm er, zog dann ſein Meſſer heraus, ſchraubte damit den Hahn ab, und ſchleuderte dieſen, ſo weit er konnte, in ein dichtes Dornengeſtrüpp hinein, den Hang hinab. Dann ſchob er die jetzt werth⸗ loſe Waffe wieder an ihre alte Stelle zurück, und rief einen alten Indianer herbei, dem er etwas in ſeiner eigenen Sprache ſagte. Der alte Burſche ſah wild und finſter genug aus, und ſeine Blicke hingen mit unvertilgbarem Haß an dem Gebundenen. Es war der Bruder deſſen, den Jener damals ermordet hatte.— Trotz⸗ dem aber, daß er zum Rächer erſehen worden, ſchien er mit dem erhaltenen Auftrag nicht zufrieden, und antwortete heftig; aber der Häuptling beſtand auf dem gegebenen Befehle, und der Alte warf jetzt die Schnur herum, an der er auf dem Rücken 96 hängend, das bloße Meſſer getragen hatte, knüpfte es los und ſprang auf den Gebundenen zu. Mr. Smith hatte mit Zittern und Zagen dieſe Vorbereitungen beobachtet, und wenn er auch genug Spaniſch verſtand, aus dem Geſpräch des Häupt⸗ lings und des Deutſchen Hoffnung zu ſchöpfen, ſchien doch das Alles jetzt wieder mit dem einen Schlage über ihm zuſammenzubrechen. „Laſſen Sie uns den Häuptling faſſen und halten,“ rief da Beckdorf auf Deutſch ſeinem Ka⸗ meraden zu,„wir haben dann eine Geißel in Hän⸗ den, und ſie müſſen den armen Teufel freigeben.“ Ehe Fiſcher aber etwas darauf erwidern konnte, war Keſos, der vielleicht ſelber etwas Aehnliches fürchten mochte, einen Schritt zurückgetreten, und hielt die geladene und geſpannte Flinte vor ſich im Anſchlag.— Ein Ueberfall war hier nicht möglich, und hätte auch nicht einmal mehr die verhängte Strafe des Schuldigen verhindern können. „Hülfe! Hülfe! Rettung! Erbarmen!“ ſchrie der Gebundene mit Tönen, die gar nicht mehr aus einer menſchlichen Bruſt zu kommen ſchienen. Mit Blitzesſchnelle aber warf ſich der alte Indianer, indeß die Uebrigen ihre Bogen gegen die Weißen ſpannten, über ihn, und mit zwei Schnitten hatte er ihm beide Ohren glatt und kahl vom Kopfe 96 abgetrennt; dann ſpie er dem ſich am Boden Krümmenden in's Antlitz, und warf die abgeſchnitte⸗ nen einem Trupp kleiner knochendürrer Hunde vor, die ſich ſtets im Gefolge der Indianer herumtreiben, und gierig über die ekeln Biſſen herfielen. Auf den nächſten Befehl des Häuptlings löſten die Eingeborenen aber die Bande des Gefangenen, über deſſen Schultern jetzt das Blut in Strömen niederlief, und Keſos, ſich an den Deutſchen wen⸗ dend, bat ihn dem Mann zu ſagen, daß er frei ſei und in ſein Lager zurückkehren könne. Er möge ſich aber hüten ſeinem Stamm zum zweiten Mal in die Hände zu fallen; die Eingeborenen„hätten jetzt ſein Blut geſehen“ und er ſelber möchte dann nicht wieder in der Nähe ſein, ſein Leben zu retten. 3 Mr. Smith war, ſo wie er ſich frei fühlte, in die Höhe geſprungen— er ſah leichenbleich aus, und das an ſeinem weißen Geſicht niederſtrömende Blut machte ihn zu einem wahren Schreckbild. Im erſten Augenblick ſchien er auch gar nicht zu glau⸗ ben, daß er den Händen der Rothhäute lebendig entgehen ſolle, und die ſtieren Blicke hafteten ängſt⸗ lich an den noch immer bereit gehaltenen Bogen und drohenden Pfeilen der Feinde. Erſt nur als ihm Fiſcher verſicherte, er habe für jetzt allerdings Nichts mehr zu fürchten, wenn er ihm aber rathen Gerſtäcker, Gold. III. 7 98 ſolle, ſo möchte er machen, daß er ſo raſch als möglich in die Anſiedelung zurückkäme, war es, als ob er neue Hoffnung ſchöpfe. Sein Pferd graſte noch an derſelben Stelle faſt, an der es ihn abgeworfen hatte, und dort hinunter lief er jetzt mit brechenden Knieen und hier und da über eine Wurzel ſtürzend, oder gegen einen Baum taumelnd. Aber er achtete das höhniſche hinter ihm dreinſchallende Lachen der Indianer nicht— achtete nicht das Blut, das an ihm niederſtrömte. In der Satteltaſche, die ſein Pferd trug, hing ſein Gold, und das und ſein eigenes Leben in Sicherheit zu bringen, flog er, ſo raſch ihn ſeine Glieder trugen, den Hang hinab, griff dort den Zügel auf, ſchwang ſich in den Sattel, an deſſen Knopf er ſich feſt⸗ hielt, nicht zum zweiten Mal zu ſtürzen, und ſprengte nun, ſo ſchnell ihn ſein ſchnaubendes Thier tragen konnte, zurück in das eben verlaſſene Lager— zu Schutz und— Rache. Capitel. Alte Bekannte. Einen alten Schiffsbekannten von uns haben wir lange aus den Augen gelaſſen: den Doctor NRaſcher, der ſchon vor Hetſon's in die Berge ab⸗ gegangen war, ſeinen botaniſchen Forſchungen ob⸗ zuliegen. Später dann, wenn er in dem blumen⸗ reichen Lande„geerntet, wo er nicht geſäet“— wie er meinte, gedachte er mit der ihm befreundeten Familie in jenem Minenſtädtchen, nach dem ihr Ziel lag, wieder zuſammenzutreffen. An ein mäßiges, einfaches Leben von Jugend auf gewöhnt, hatte der alte Mann auch nicht viel Bedürfniſſe, und mit der wundervollen, ihm ganz neuen Flora um ſich her, ließ er ſich gern gefallen 7 100 mit einbrechender Nacht entweder in dem einzelnen Zelte eines zufällig aufgefundenen Goldwäſchers zu übernachten, oder auch wenn es eben nicht anders ging, unter einem Baum mitten im Walde aus⸗ zulagern. Das Maulthier, das er für ſeine Samm⸗ lungen, für ſeine Decken und ſein Kochgeſchirr mit ſich führte, weidete dann das Gras in ſeiner Nähe ab, und am nächſten Morgen, wenn der Thau abgetrocknet war, zog er fröhlich weiter. Die Goldwäſcher, denen er hier und da begegnete, oder zu denen er ſelber kam, wunderten ſich freilich einen Mann dort in den Bergen umherſtreifen zu ſehen, der weder Spitzhacke, noch Schaufel, noch Pfanne mit ſich führte, und eben nur Pflanzen mit der Wurzel ausrupfte und in ſeine Blechbüchſe oder dazu gehaltene Papiere legte. Der alte Mann hatte aber etwas ſo Anſtändiges und Freundliches in ſeinem ganzen Weſen, daß ihm Niemand ein ſpöttiſches Wort darüber zu ſagen wagte; im Gegen⸗ theil gaben ihm ſelbſt die Amerikaner häufig Stellen an, wo ſie ihnen aufgefallene Blumen und Pflan⸗ zen gefunden hatten. So war er etwa fünf bis ſechs Tage in den Hügeln herumgeſtiegen, und mit der gemachten Aus⸗ beute ſo zufrieden, daß er beſchloß ſeinen Cours nach dem Paradieſe zu halten. Dort gedachte er * 101 eine Zeit lang bei Hetſon's zu bleiben, die Flora in der Nachbarſchaft zu unterſuchen, und dann ſeinen Stab weiter zu ſetzen. Wohin? blieb ſich ziemlich gleich, ſo er nur Neues fand für ſeinen Zweck. 3 So wenig ſchien er ſich aber bis jetzt um irgend eine Richtung, der er folgte, bekümmert zu haben, daß er gar keine Ahnung hatte, ob er ſich öſtlich, weſt⸗ lich, nördlich oder ſüdlich vom ſogenannten„Para⸗ dies“ befand.— Er mußte deshalb alſo erſt ſehen, daß er irgend Jemanden im Walde traf, der ihm die Richtung dorthin angeben konnte. An einer ziemlich offenen Bergwand mit ſeinem Thier am Zügel langſam hinſchreitend, entdeckte er da unten im Thal einen einzelnen Goldwäſcher. Das fiel ihm jedoch nicht beſonders auf, denn ſoviel hatte er ſchon vom Californiſchen Minenleben kennen gelernt, daß ſehr häufig Einzelne, mit der Stelle, an der ſie bis dahin gearbeitet, nicht recht zufrieden, ihr Handwerkszeug und einige Proviſionen auf die Achſel nahmen, und auf's Gerathewohl in die Berge hineinzogen, an anderen Stellen zu graben und ſich einen neuen Arbeitsplatz zu ſuchen. Den gefunden, gingen ſie dann zurück, holten ihr Zelt und anderes Geſchirr nach, und ſiedelten ſich zeitweilig an der neuen Stelle an. Solches Umherſtreifen, einen . 102 anderen Arbeitsplatz zu finden, nannten die Leute dann: proſpectiren. Der Art Männer wußten aber auch gewöhnlich vortrefflich in der Nachbarſchaft Beſcheid, die ſie vielleicht ſchon wochenlang durchzogen hatten, und Doctor Raſcher beſchloß deshalb hier zu Thal zu ſteigen, und ſich bei dem Manne nach ſeinem„ver⸗. lorenen Paradies“, wie er lachend vor ſich hin⸗ murmelte, zu erkundigen. Unterwegs, an dem ſchattigen Berghang, fand er freilich wieder manche Pflanze, die ihn aufhielt und feſſelte, und ſo war es denn ziemlich Mittag geworden, ehe er das eigentliche Thal ſelber, und damit auch den einzelnen Goldwäſcher erreichte, der ganz ſtill und heimlich das kleine Bergwaſſer nach ſeinen Schätzen unterſuchte. Doctor Raſcher malte ſich auch in ſeiner gemüthlichen Weiſe ſchon ein Bild von dem Manne aus— ein akbgehärteter Amerikaner, der hier zufällig den reichſten Boden gefunden hatte, und das koſtbare Metall in Maſſe aus der Erde wuſch. Vielleicht war er ſchon jetzt in Verzweiflung, wie er, unbemerkt von böſen Menſchen, das werthvolle Gewicht nach San Fran⸗ cisco ſchaffen ſolle, und brütete dort unten über ſeinem Schatz, den er wie ein Argus bewachte, ohne zu wagen ihn zu verlaſſen. Möglich, daß der Unglückliche ſolcher Art in der Wildniß ver⸗ ſchmachten mußte. Der Mann arbeitete, ihm den Rücken zugedreht, und auf dem weichen Boden und bei dem Raſcheln und Schütteln ſeiner eigenen Maſchine konnte er die Schritte des Nahenden nicht gut hören. Doctor Raſcher war denn auch ganz geräuſchlos an ihn hinangekommen, und fürchtete jetzt nicht mit Unrecht, ihn durch einen plötzlichen Anruf zu erſchrecken, wo⸗ nach er dann vielleicht eine jedenfalls neben ihm liegende geſpannte Büchſe oder einen Revolver auf⸗ greifen und in die Höhe ſpringen würde. Mit einem leiſen Anflug gutmüthiger Neckerei freute er 5 ſich aber auch wieder auf dieſen Moment, und da das Maulthier ebenfalls ganz ſtill, dicht hinter ſei⸗ nem Herrn hergegangen war, ſo hatten die Beiden den Goldwäſcher auf kaum fünf Schritt erreicht, und ihn alſo förmlich überrumpelt, ohne daß er auch nur eine Ahnung von ihrer Nähe haben konnte. Nun hatte er ihn, wie er ihn haben wollte, und rief mit ziemlich lauter Stimme: „Guten Morgen!“ Anſtatt aber in einem paniſchen Schreck jäh empor zu fahren, wie es ſich der Doctor gedacht, blieb der Mann, ohne auch nur einmal den Kopf umzudrehen, ruhig ſitzen, und antwortete blos, als 104 ob er irgend einem Bekannten auf der Straße be⸗ gegnet wäre, ebenfalls in deutſcher Sprache: „Guten Morgen.“ „Nun, das nenn' ich kaltblütig,“ lächelte Doctor Raſcher ſtill in ſich hinein und ſchritt jetzt an dem, vollkommen dagegen gleichgültigen Burſchen dicht vorbei, das Geſicht eines ſo merkwürdigen Philo⸗ ſophen zu betrachten. Der Goldwäſcher ſah auch dabei kaum von ſeiner Arbeit auf, und nur als das Maulthier eben ſo dicht an ihm vorüberkam, drehte er den Kopf etwas zur Seite und ſagte: „Schlägt der Racker?“ „Nein,“ lächelte der Doctor—„es iſt ein ganz gutes Thier.“ „So?— die Beſtien ſind ſonſt verwünſcht flink mit den Hinterbeinen, und neulich hat mich einmal eins hierher getroffen, daß ich acht Tage nicht ſitzen konnte.“ Er machte dabei, ohne auch nur eine Miene zu verziehen, eine höchſt bezeichnende Bewegung, und der Doctor konnte ſich nicht helfen, er mußte gerade hinaus lachen. „Ja— Sie haben gut lachen,“ ſagte der Gold⸗ wäſcher, und arbeitete ruhig weiter. Wie ihn Doctor Raſcher aber betrachtete, kam ihm das Geſicht bekannt vor, obgleich es ſchwer war 105 in ſeinem jetzigen Zuſtand beſtimmte Züge heraus⸗ zufinden. Der Burſche hatte ſich keinenfalls in den letzten fünf oder ſechs Wochen raſirt, und wahr⸗ ſcheinlich auch in derſelben Zeit nicht gewaſchen. Ebenſo lange trug er allem Anſchein nach das Hemd, in dem er arbeitete, und unter dem alten zerknitterten Strohhute, der ihm möglicher Weiſe Nachts zum Kopfkiſſen diente, ſchauten die langen ſtruppigen blonden Haare ſehnſüchtig nach einem Kamm hervor, und ſpreizten ſich auch hier und da aus einzelnen Oeffnungen der Kopfbedeckung heraus. Es war das ächte, aber traurige Bild eines verwahrloſten Menſchen, dem die Einwirkung von Außen fehlte, ſein eigenes Selbſt in Ordnung zu halten, wie auch die Kraft, das ſelber aus ſich heraus zu thun, wozu ihn Andere vielleicht ge⸗ zwungen hätten. Ein Europäer, zu all' den ſchlech⸗ ten und eklen Eigenſchaften eines Indianers herab⸗ geſunken, ohne eine einzige ſeiner beſſeren dabei anzunehmen. Ein verlorenes Subfect, nicht allein Californien, ſondern manchen anderen wilden Län⸗ dern— der Amerikaniſchen Wildniß ſowohl, wie dem Auſtraliſchen Buſch— eigen, das ſich nur eben in einer ſchmutzigen Vegetation am Leben hielt — und doch dabei nach Gold grub. „Sagen Sie einmal, lieber Freund,“ nahm der 1 d 4— 2 Doctor Raſcher endlich das Wort—„ſind wir Beiden nicht einmal irgendwo zuſammengetroffen?“ „Nicht daß ich wüßte, Herr Doctor,“ antwor⸗ tete der Miner. „Ja, aber Ihr kennt mich doch?“ „Nu ja,“ erwiderte der Mann—„warum ſoll ich Sie denn nicht kennen; wir haben ja die ganze lange Seereiſe mitſammen gemacht.“ „Ja ſo,“ lächelte Raſcher—„Ihr waret im Zwiſchendeck?“ „Ich war ſo dumm,“ erwiderte Jener mit merkwürdiger Freimüthigkeit—„und bin in dem Marterkaſten nach dieſem verdammten Califonium herübergeliefert worden— Paſſage bezahlt und Alles, und frei Speck und Erbſenbrüh.“ „Aber hier ſeid Ihr doch hoffentlich für jene Entbehrungen und Beſchwerden reichlich entſchädigt worden.“ „Wer?— ich?— ich möchte wiſſen wo?“ brummte der Burſche verdrießlich in den Bart— „nur ſoviel wollt' ich, daß ich mir den neuen Hof in Heſſelbach kaufen könnte, und jetzt rackere ich hier ſchon fünf Wochen in den Bergen herum, lebe wie ein Hund, arbeite wie ein Pferd, und habe noch nicht einmal genug zuſammen, blos um die 1⸗56 Grenzſteine zu bezahlen. Wenn ich nur die Zeitungs⸗ ſchreiber hier hätte, die ihre verfluchten Lügen in Deutſchland ausgebreitet haben— Herr Gott von Meinungen—“ Und in dem verbiſſenen Grimm über ſeine verfehlte Beſtimmung ſchüttelte er die Maſchine mit ſolcher Kraft und Gewalt, als ob er eben eines jener unglücklichen herbeigewünſchten Individuen am Kragen hätte, und ſeine Wuth jetzt an ihm auslaſſen wolle. Der Doctor lächelte und doch that ihm der Mann leid, der hier mit einem ganzen Berge zer⸗ trümmerter Hoffnungen in der Wildniß ſaß, und mit ſich, Gott und der Welt grollte. Die Geſellſchaft war aber auch nicht übermäßig angenehm, ſich zu lange mit ihm einzulaſſen, und er ſuchte deshalb das von ihm zu erfragen, was er zu wiſſen wünſchte, um ſeinen Weg dann fortzuſetzen. „Seid Ihr hier in der Gegend bekannt, Freund?“ ſagte er deshalb nach kurzer Pauſe. „Ich?— ich ſollt's denken,“ erwiderte der Mann—„ich kenne hier herum jeden Fleck, bo Nichts liegt.— Sehn Sie da— dort— da drüben — da oben— alle die Löcher habe ich ganz allein gegraben, und Platz genug iſt da, daß eine Million hätte drin ſtecken können.“. „Nein, ich meine in den benachbarten Minen?“ „Was gehn mich die benachbarten Minen an,“ knurrte aber der Deutſche—„ich habe von Cali⸗ fonium ſchon mehr geſehen, als mir lieb iſt.“ „So könnt Ihr mir alſo nicht ſagen, wo das ſogenannte Paradies liegt?“ „Sogenannte„Paradies“?“ wiederholte aber der Mann, und ſah den Frager erſtaunt an, denn er mochte vielleicht denken, er wolle ihn zum Beſten haben.—„Na, wenn Sie hier in dem vermale⸗ deiten Califonium ein Paradies ſuchen, da wünſche ich Ihnen viel Glück. Sollten Sie's aber wirklich finden, da bitte laſſen Sie mich's wiſſen, Doctor. Sie brauchen ja nur der Botenfrau ein paar Zeilen mitzugeben.— Paradies— ja, ſchönes Paradies, Eldoradjo und wie ſie's noch ſonſt in den Büchern nannten. Daß es der Teufel hole, ſobald ich nur erſt einmal wieder draußen bin.“ Der Doctor ſah bald, daß von dem Mann, der hartnäckig wie ein Maulwurf das ganze Thal unter⸗ minirt hatte, Nichts zu erfragen war. Es intereſſirte ihn aber doch zu ſehn, wie und auf welche Weiſe dieſer griesgrämige Geſell hier eigentlich erxiſtire. Eine Wohnung: Zelt oder Hütte, konnte er nirgend entdecken, und doch befand ſich dicht neben ſeinem Arbeitsplatz eine Feuerſtelle, bei der ein paar Blechtöpfe und ein kleiner eiſerner Keſſel hingen. 1⁰9 „Wo wohnt Ihr denn eigentlich?“ ſagte er end⸗ lich,„verlaßt Ihr den Bach gar nicht, und bleibt Ihr Tag und Nacht hier?“ „Mein Schlafzimmer iſt gleich hinter dem Baum,“ antwortete der Deutſche aber, ohne von ſeinem Sitz aufzuſtehn—„wenn Sie es ſich einmal anſehen wollen, es iſt wirklich der Mühe werth; nur noch nicht ordentlich eingerichtet.“ Dr. Raſcher ging über den Bach auf einem ſchmalen, rechts und links abgegrabenen Damm, ſah ſich aber auch dort vergebens nach einem Zelte um und ſchaute ungewiß nach dem Mann zurück. „Gleich hinter dem Baum, ſag' ich Ihnen ja,“ rief aber dieſer, und der Doctor, der noch ein paar Schhritte nach vorn machte, fand ſich im nächſten Augenblick der Höhle dieſes wild gewordenen deut⸗ ſchen Staatsbürgers gegenüber. Der Platz ſelber wäre ſeiner Aufmerkſamkeit aber ſogar jetzt noch vielleicht entgangen, denn der Ein⸗ gang zu dieſem eigenthümlichen und jedenfalls ſehr primitiven Schlafplatz beſtand nur in einem roh in den Berg gehackten etwa drei Fuß hohen und ebenſo breiten Loch, über das ſogar von oben nieder noch einige, vielleicht abſichtlich dort nicht fortge⸗ nommene Büſche hingen. Rechts und links davon waren aber zwei geſpaltene helle Bretchen aufge⸗ 110 ſteckt, die das Auge raſch anzogen, und auf einem von dieſen ſtand mit Kohle— aber höchſt unortho⸗ graphiſch geſchrieben: „Hier liegen Selbſtſchüſſe!“ und auf dem anderen: „Verbotener Eingang!“ Links davon war der Kleiderſchrank: in die nämliche Kiefer wenigſtens, deren Stamm den Ein⸗ gang verdeckte, hatte der Mann einen Pflock ein⸗ geſchlagen, und an dieſem hing ein früher einmal wol erbsgelb geweſener Mantel mit unzähligen Kragen, während darunter ein arg verſchoſſener, grünbaumwollener Regenſchirm lebensmüde mit dem abgebrochenen Griff an der rauhen Rinde lehnte. „Und da wohnt Ihr wirklich, Freund?“ rief der Doctor, von ſolcher Einfachheit in der That überraſcht. „Allerdings,“ ſagte der Deutſche, indem er einen Augenblick mit Schaukeln inne hielt, wieder friſche Erde auf die Maſchine zu ſchütten—„wenn Sie einmal näher treten wollen, ſo ſcheniren Sie ſich nicht. Das mit den Selbſtſchüſſen iſt nur ſo daran geſchrieben, wenn ich einmal weg wäre und ſo ein verwünſchter Indianer wollte hier herumſpijoniren.“ „Ich danke Euch,“ ſagte aber der Doctor, der nach dem, was er von dem Eigenthümer ſelber da draußen geſehen hatte, gar keine beſondere Luſt ull verſpürte in dieſes Loch hineinzukriechen—„wenn Ihr aber nun hier, ſo ganz allein, einmal krank werdet.“ „Ach was,“ ſagte der Mann,„ich bin in meinem Leben nicht krank geweſen— nicht einmal ſeekrank.“ Doctor Raſcher konnte ſich noch immer nicht über den Burſchen und ſein Leben zufrieden geben, und betrachtete ſich bald dieſen, bald ſeine„Schlaf⸗ ſtelle“, indem er bedenklich dazu mit dem Kopfe ſchüttelte. Da der Deutſche aber weiter nicht die geringſte Notiz von ihm nahm, hielt er es auch für beſſer, ſich nicht länger aufzuhalten, ſondern ſobald als möglich andere Menſchen aufzuſuchen, die ihm über das Verlangte beſſere Auskunft geben konnten. „Könnt Ihr mir nicht wenigſtens ſagen,“ wandte er ſich deshalb noch einmal an ihn,„wo ich am nächſten zu anderen Goldwäſchern oder zu irgend einem Handelszelt komme?“ „Den Bach hinunter,“ war die ganze Antwort, die er erhielt. „Na dann lebt wohl, mein Burſche, und ich will Euch wünſchen, daß Ihr fortan in Euerem Graben glücklicher ſeid, als bisher.“ „Könnt' es gebrauchen,“ antwortete der Mann, 4 5 ——-é— 112 und begann wieder an ſeiner, jetzt auf's Neue ge⸗ füllten Maſchine zu ſchaukeln. Dem Lauf des Baches folgend, wie ihm der Deutſche gerathen, richtete der Doctor jetzt ſeinen Weg, denn er vermuthete nicht mit Unrecht, daß Jener ſeine ihm doch nöthigen Proviſionen von dorther beziehen werde. Nach zwei Stunden eben nicht übereilten Marſches, und einem ziemlich be⸗ gangenen Pfad dabei folgend, erreichte er auch end⸗ lich ein kleines, von einem unternehmenden Yankee errichtetes Handelszelt. Dort erfuhr er denn, daß das Paradies noch etwa fünf Miles entfernt läge, und von dem nächſten Bergrücken ein befahrener Weg hinüberführe. Für heute war es ihm indeß zu ſpät geworden noch dahin aufzubrechen, da er ſich überhaupt etwas müde fühlte. Er blieb alſo die Nacht bei dem Yankee, wo er ein reinliches Bett und ziemlich gutes Abendbrod fand, und brach am anderen Morgen früh wieder nach der bezeichneten Rich⸗ tung auf. Leute traf er ſehr wenig unterwegs, ein paar Karren ausgenommen, die von dem Paradieſe Lebensmittel in die benachbarten Berge führten, und einzelne Goldwäſcher, die eben überall herum⸗ ſtreifen. Erſt als er ſich, wie er glaubte, ganz nab — 113 ſeinem Ziel befinden mußte, kamen ihm einzelne Merikaner zu Pferd, dann andere in kleinen Trupps, Alle bewaffnet, entgegen, und ſchienen in großer Eile zu ſein. Ein paar von ihnen ſprach er an, aber ſie ſtanden ihm nicht Rede, und ritten weiter in den Wald, Einige die Straße verfolgend, Andere geradezu in das Dickicht, einer nur ihnen bekannten Richtung zuſtrebend. Er war die letzte halbe Stunde ziemlich ſcharf bergan geſtiegen; der hier ſehr offene, mit faſt keinem Unterholz bedeckte Wald geſtattete ihm aber eine ziemliche Strecke vorauszuſehen, und an der vor ihm liegenden Lichtung erkannte er jetzt zu ſeiner Genugthuung, daß er ſich dem Thalkeſſel nähere, in welchem, der Beſchreibung nach, das„Paradies“ liegen ſollte. Wie er den Kamm des Bergrückens erreichte, öffnete ſich denn auch weit vor ihm das reizende Thal, da der Berg, der es an dieſer Seite ein⸗ ſchloß, an ſeinem Nordhang faſt ganz kahl und nur hier und da auf ſeiner wellenförmigen Ober⸗ fläche mit einzelnen niederen Büſchen beſetzt war. Früher hatte hier allerdings wol auch ein geringer Baumwuchs geſtanden, theils aber war das Holz durch einen Waldbrand zerſtört oder umgeworfen worden, theils hatten die Goldwäſcher die noch ge⸗ Gerſtäcker, Gold. III. 8 8 3 6 114 ſunden ſchlanken Stämme in's Thal zu ihrem Hüttenbau geholt, und dann das übrige, friſches wie trockenes, nachgeſchleppt und verfeuert, ſo daß man jetzt den ganzen Hang hätte abſuchen können, ohne noch einen einzigen Arm voll Reiſig zu finden. Für die Ausſicht nach dem Paradies hinab, war das aber natürlich nur zum Vortheil, und von dieſer Stelle aus beſſer wie an irgend einer anderen konnte man das ganze Thal bis in ſeine kleinſten Einzelheiten, mit allen zerſtreuten Zelten, Büſchen und Bäumen, und dem ganzen regen Leben in der Flat überſchauen. Ganz entzückt von dem Anblick blieb der alte Mann ſtehen, und bemerkte gar nicht, daß noch ein anderer Wanderer kaum zwanzig Schritt von ihm entfernt auf einem Steine ſaß und, eine Doppelflinte auf den Knieen, ſtill und ſchweigend das vor ihm ausgebreitete, unbeſchreiblich ſchöne Panorama eben⸗ falls betrachtete. Erſt als deſſen, hinter ihm gra⸗ ſendes Pferd beim Nahen des Maulthiers aufwie⸗ herte, ſah er ihn ſitzen, ohne daß jedoch der Fremde die geringſte Notiz von ihm genommen hätte. „Das iſt etwas,“ dachte da der Doctor bei ſich ſelber,„was ich noch nicht über mich gewinnen kann, mir aber jedenfalls in Californien gleichfalls angewöhnen muß, denn es ſcheint mir eine höchſt 2 — —¹5 vortreffliche Eigenſchaft: mich nämlich um Nieman⸗ den, der mir begegnet oder den ich treffe, zu be⸗ kümmern. Rede ich Jemanden an, der nicht hofft irgend einen Nutzen aus mir zu ziehen, ſo iſt Zehn gegen Eins zu wetten, daß ich gar keine, oder doch eine grobe Antwort bekomme, und betrachte ich mir ſo andere Leute, die nur ganz allein mit ſich ſelbſt beſchäftigt durch die Welt ziehen, ſo muß ich ge⸗ ſtehen, daß ſie— in dieſem Lande wenigſtens— die Vernunft auf ihrer Seite haben. Ich werde alſo gleich einmal den Anfang machen, dieſe neue Lebensregel durchzuführen.“ Damit nahm er ohne Weiteres auf einem an⸗ deren Steine, von dem Fremden etwas entfernt, Platz, und ſo ſchwer es ihm auch wurde nicht wieder mit einem treuherzigen„Guten Morgen“ herauszuplatzen, gewann er es doch über ſich, gerade ſo zu thun, als ob ſein Nachbar gar nicht da wäre, und in das Thal vor ſich hinabzuſchauen. Der Anblick feſſelte ihn übrigens bald ſo ſehr, daß er den Anderen darüber wirklich vergaß, und ſich gar nicht ſatt ſehen konnte an dem reizenden Bild. Wol eine gute halbe Stunde mochte er ſo ge⸗ ſeſſen haben, als plötzlich eine lachende Stimme ausrief: „Doctor!“ . 8* 116 Raſch drehte er ſich danach um, ſprang aber auch im nächſten Augenblick mit einem Ausruf des Erſtaunens empor und ſagte: „Emil— Baron— zum Wetter, wo kommen Sie her?“ „Von San Francisco, Doctor,“ lachte der junge Mann, ihm freundlich die Hand entgegenſtreckend, „und ungemein erfreut, Sie dürfen mir es glauben, daß Sie gerade der erſte Bekannte ſind, den ich hier treffe— aber— Sie wollen abreiſen?“ ſetzte er faſt beſtürzt hinzu. „Abreiſen?“ fragte der Doctor,„ich komme eben erſt an.— Das iſt aber nicht übel; gerade habe ich mir vorgenommen, mit keinem Menſchen an der Straße mehr ein Wort zu reden, und Sie waren der Erſte, an dem ich das probiren wollte. Ich kannte Sie aber gar nicht, wie Sie in dem blauwollenen Miners⸗Hemd da auf dem Steine ſaßen, und hielt Sie für einen Franzoſen.“ „Und Sie ſind noch gar nicht im Paradies ge⸗ weſen?— wiſſen gar Nichts von dort?“ frug aber der junge Mann, ohne den Einwurf weiter zu be⸗ achten. „Ich weiß,“ lächelte der Doctor,„daß dieſer vor uns liegende Ort Paradies heißt, ob er aber 117 ein ſolches für uns werden wird, haben wir Beide erſt noch zu erproben.“ —Er blickte, während er ſprach, ſeinen jungen Freund ſcharf an, und es konnte ihm nicht ent⸗ gehen, daß derſelbe leicht erröthete. Vielleicht fühlte er das auch ſelber, denn er brach das Geſpräch kurz ab, und ſagte leichtherzig wieder wie vorher: „Nun ſehen Sie einmal, beſter Doctor, was dies für ein wahrhaft himmliſches Land iſt, und das haben ſich nun, mit all' den unermeßlichen Schätzen, die gleich baar in ſeinen Schiebladen liegen, dieſe glücklichen Amerikaner weggeangelt.“ „Es iſt ein freundlicher Anblick, das läßt ſich nicht leugnen, Baron,“ erwiderte der Doktor;„ſo wohl ich mich aber drin im Walde unter dieſer reizenden Flora fühle, ein ſo unbehagliches Gefühl überkömmt mich jedesmal, wenn ich mich einer ſolchen Niederlaſſung nähere. Gold— Gold und immer nur Gold— man hört kein anderes Wort; die Menſchen denken an Nichts weiter, und reden deshalb alſo auch von nichts Anderem. Die Qua⸗ lität jeder ausgearbeiteten oder begonnenen Grube wird beſprochen, die gefundenen Stücken oder Stück⸗ chen werden beſchrieben; was Der oder Jener er⸗ beutet, wieviel in einem Tage, wieviel in einer Woche zuſammengehackt und gewaſchen hat, und kurz und gut die Geſchichte wird Einem, der nicht eben⸗ falls mit bis an die Ohren darin ſitzt, ſo zum Ekel, daß man nur immer lieber gleich wieder auf⸗ packen und davon laufen möͤchte.“ „Ja lieber Gott, beſter Doctor,“ ſagte der junge Mann,„dafür ſind wir nun einmal in Californien. Das iſt etwa gerade, als ob ich in ein Fiſcherdorf zöge, und wollte nicht von Fiſchen reden hören. Später wird das vielleicht einmal anders; jetzt aber müſſen wir die Sachen nehmen, wie ſie wirklich ſind, und was mich ſelber betrifft, ſo muß ich Ihnen geſtehen, daß ich meine herzinnige Freude an dem thatkräftigen Lande habe, ja— und was noch mehr ſagen will— auch vor der Nation ſelber Reſpect bekomme. Nach Manchem, was ich ſo früher über die Amerikaner geleſen, dachte ich ſie mir nur als ein rohes tabakkauendes, immer blos ſpeculirendes, krämerhaftes Volk, und bin eigentlich, wenn ich aufrichtig ſein will, mit dem Entſchluß herüber⸗ gekommen, ſie ebenſo zu finden, wie ich ſie mir gedacht— aber allen Reſpect vor den Leuten. Geſindel genug giebt es unter ihnen, das iſt wahr — und vielleicht auch nicht mehr wie bei uns in Deutſchland, nur daß es hier nicht in ſo feinen Röcken und mit Glanzſtiefeln umherläuft; aber ein Unternehmungsgeiſt ſteckt dafür in den Burſchen, 119 eine Kraft und Ausdauer, eine Zähigkeit in ein⸗ mal Begonnenem, und ein Muth, das Tollköpfigſte, Riscanteſte zu unternehmen, vor dem man wirklich Reſpect haben muß. Ich verlange nicht, daß wir ihnen ihr ekles Tabakkauen nachmachen ſollten, aber wenn wir uns ein Beiſpiel an ihrem natio⸗ nalen Gefühl, an ihrem Nationalſtolz nehmen, und das nur erſt einmal bei uns pflanzen woll⸗ ten, dann könnte das ein großer Segen für uns werden, und wir gewönnen vielleicht auch einen Platz dabei, auf dem es wachſen möchte.“ „Aber es giebt doch auch entſetzlich viel und höchſt bösartiges Geſindel unter ihnen,“ ſagte der Doctor,„was wir kaum in dieſer Ausdehnung in Deutſchland finden würden.— Nehmen Sie jene Spieler.“ „Nicht ſo öffentlich und frech dort, da haben Sie recht; aber ebenſo ſchlecht, und da ſie im Ge⸗ heimen wirken müſſen, um ſo viel gefährlicher,“ ſagte der junge Mann.„Dieſe Spieler ſind frei⸗ lich der Auswurf der ganzen Nation, ja man könnte faſt ſagen: der Auswurf der Welt, Indiſche Thugs und Italieniſche Banditen nicht ausgenommen — apropos, von jenem Siftly habe ich doch ſeit dem Tage Nichts wieder geſehen. Er war und blieb ſpurlos verſchwunden, und ich hörte nur einmal, daß man behauptete, er ſei ſeinem ihm durchge⸗ gangenen Compagnon nachgefahren.“ „Möglich— ich ſehne mich nicht nach ſeiner Bekanntſchaft,“ ſagte der Doctor,„und will des⸗ halb auch wünſchen, daß wir uns nicht weiter be⸗ gegnen mögen. Aber können Sie mir vielleicht ſagen, mein junger Freund, weshalb da drüben zwei Flaggen an der hohen Stange auswehen?“ „Ja, darüber habe ich mir auch ſchon den Kopf zerbrochen,“ ſagte Baron Lanzot.„Die obere ſcheint, ſo viel ſich von hier erkennen läßt, denn ſie weht gerade abwärts, die Amerikaniſche zu ſein, aber die untere bin ich nicht im Stande auszumachen.“ „Auch eine eigene Unruhe herrſcht in der Stadt ſelber, wenn man dieſe einzige Zeltſtraße wirklich mit dem Namen einer Stadt belegen darf. Ein ſehr ruhiges Leben ſcheinen die Bewohner des Paradieſes eben nicht zu führen.“ „Wer weiß was ſie haben,“ ſagte Baron Lan⸗ zot—„wie wär's wenn wir hinunterſtiegen?“ „Von Herzen gern. Aber was in aller Welt hat Sie jetzt, beſter Baron, in die Minen geführt — denn den Titel Emil haben Sie doch hoffent⸗ lich in San Francisco zurückgelaſſen.“ „Der liegt bei den Servietten,“ lachte Jener— „aber noch früher, und zwar ſchon bei der Abfahrt 121 aus der alten Heimath habe ich den Barontitel bei Seite gelegt; deshalb, mein lieber Doctor, er⸗ ſuche ich Sie recht freundlich, mich hier nur einfach Lanzot zu nennen. Nur wenn Sie hartnäckig höflich ſein wollen, ſo ſetzen Sie den Miſter vor.“ „Sie haben da recht, mein lieber Mr. Lanzot, oder Lanzot, wenn Sie das lieber hören,“ ſagte da der alte Mann.„Den Rang ſelber mußten Sie zurücklaſſen, als Sie dieſes wunderliche Land betraten, denn Rang iſt ein höchſt merkwürdiges Ding, das nur in der Maſſe, und in der gehörigen Umgebung wirkt. Ein einzelner Soldat zwiſchen lauter Bür⸗ gern ſieht auch ſonderbar aus, und die grell ab⸗ ſtechenden Farben von Kragen und Jacke wollen dem Auge nicht paſſen; in Reihe und Glied macht er ſich aber dafür deſto beſſer. So laſſen Sie den Namen fallen, bis Sie daheim wieder einmal in Reihe und Glied einrücken.— Die Spitzhacke und die Schaufel wird dann auch weniger auffällig.“ „Ach was,“ lachte Lanzot,„die würde weniger gegen den Barontitel abſtechen, wie Serviette und Teller.“ „Das iſt allerdings wahr,“ ſagte der Doctor, „und was Sie um Gotteswillen dazu bewogen haben kann, den Broderwerb, und wenn auch nur für kurze Zeit zu ergreifen, wird mir ſtets ein — —————y—————————————— 8—. ,——————— ——. 3— — — — — 122 Räthſel bleiben. Sie haben es ſelber jetzt ſatt be⸗ kommen, nicht wahr?“ Wieder war es faſt, als ob der junge Mann leicht erröthete, aber er ſagte lachend: „Satt allerdings, ich habe meinem„Capitaine“, Sie kennen ja den kleinen ausgetrockneten Fran⸗ zoſen, neulich einen Satz Teller vor die Füße und ihn ſelber über den Tiſch hinüber geworfen, und bin dann in aller Freundſchaft von ihm geſchieden. Ich glaube auch überzeugt zu ſein, daß wir Beide gleich froh waren einander los zu werden. Dann d ich auf's Gerathewohl— mein Glück einmal in den Bergen zu verſuchen— von San Francisco fortgegangen, und da ich wußte, daß Sie hier herum ſteckten, und der Name:„das Paradies“ mir ſo verlockend in die Ohren klang, lenkte ich meinen Cours hierher.“ „Alſo meinethalben,“ lächelte der Doctor vergnügt vor ſich hin, dann aber, als ob ihm etwas Anderes durch den Sinn fahre, ſetzte er ernſter, wenn auch immer freundlich hinzu: „Nehmen Sie ſich aber in Acht, lieber Lanzot, und laſſen Sie ſich die Verbindung mit Monſieur Rigault, oder wie der Burſche hieß, eine Warnung ſein. Derlei Verhältniſſe paſſen nicht für Sie, wenigſtens nicht für die Zukunft, die Ihrer noch —— — 123. im alten Vaterlande wartet. Denken Sie immer an die, und halten Sie ſich ſtets den Rücken ſo frei, daß Sie Ihren Compagnon— mit gutem Gewiſſen über einen Tiſch werfen können. Ich brauche Ihnen wol nicht mehr zu ſagen.“ „Nein, lieber Doctor,“ lächelte der junge Mann, „ich werde Ihres Rathes eingedenk ſein. Aber jetzt wollen wir machen, daß wir zu Thal kommen, denn ich bin heute Morgen noch nüchtern, und möchte mich vor allen Dingen in etwas reſtauriren. Komm, Grauſchimmel, mein braver alter Burſch, hier magſt Du Dich ein paar Tage ausruhen, wenn wir nicht — vielleicht morgen ſchon wieder weiter ziehen. Alſo vorwärts, wenn es Ihnen gefällig iſt.“ Der Doctor hatte Nichts dagegen, und beide Männer nahmen ihre Thiere am Zügel, mit ihnen in das Thal hinabzuſteigen. Ordentliche Wege nach den verſchiedenen Minen von hier ab— die einzige Hauptſtraße ausgenommen — erxiſtirten, wie ſchon erwähnt, nicht, und die Karren mußten ſich gewöhnlich ihre Bahn durch den Wald ſuchen, ſo gut oder ſo ſchlecht das eben gehen wollte. Gar nicht ſelten geſchah es aber, daß ſie dabei auf eine oder die andere Art zu Schaden kamen, und ſo fanden unſere Wanderer auch die Trümmer eines kleinen Karrens, der da erſt ganz kürzlich 124 niedergebrochen ſein mußte. Das Meiſte davon war auch wol ſchon zu Thal geſchafft; der Vor⸗ dertheil deſſelben mit einem Rad lag aber noch dort, gerade hinter dem Stumpf eines abgehauenen Baumes. Lanzot, in fröhlicher, faſt muthwilliger Laune, griff das Rad auf, und ſich zu ſeinem Begleiter wendend, ſagte er: „Was meinen Sie, Doctor, ſollen wir das Ding einmal in Gang bringen?“ „Rollen Sie es nicht fort,“ warnte aber Doctor Raſcher,„denn der Eigenthümer wird jedenfalls wieder hierher zurückkehren es abzuholen.“ „Dann kommt es ihm vielleicht entgegen,“ lachte da Lanzot.„Ueberdies war es von jeher eine meiner Hauptleidenſchaften, Steine einen ſteilen Hang hinabzurollen. Es ſieht zu prachtvoll aus, wenn ſie zu Thal ſpringen“— und damit gab er dem kleinen Rad einen Schwung und ließ es bergab laufen. Im Anfang rollte es auch ganz prächtig den nicht zu ſteilen Hang hinab; durch das Wellen⸗ förmige deſſelben kam es aber mehr und mehr in Schwung, und ſtatt rechts oder links abzubiegen und ſich dann zu überſchlagen und liegen zu blei⸗ ben, ſauſte es plötzlich in langen und hohen Sätzen von ſtehen ſpringend zu ihnen n und gleich ihr Ohr. Mann beſtürz Teufel heftig „Gewiß ich eine Th büßen. Ein handlungen em eben Inn hörten, ſchwärme, an dieſem Sleiben, und che erledigen ſchadete es ſelbſt einen drehte auch aid am Zelte ſeine Pfeife, am Feuer, in eine junge Juſtizrath auch nur ein Glied gerührt hätte, ihm zu helfen—„ein ganz vortrefflicher Gedanke, und wenn wir uns heute ordentlich ausruhen, können wir morgen dafür ſo viel ſchärfer arbeiten. Verluſt iſt doch nicht bei der Sache.“ „Bewahre,“ ſagte der Juſtizrath, rauchte dann noch eine Weile, und ſchlief endlich, an den Baum gelehnt, ſanft ein, während der Aſſeſſor mit uner⸗ müdlichem Fleiß die Vorbereitungen zu ihrem Mit⸗ tagseſſen betrieb. Die übrigen Deutſchen, Lamberg, Binderhof und Hufner waren heute ebenfalls von ihrer Arbeit zurückgeblieben, weil ihnen die Bewegung der In⸗ dianer gerade ſo wenig gefallen hatte, wie dem Juſtizrath. Trotzdem aber nahmen die beiden Er⸗ ſteren doch wenigſtens Theil an den Vorgängen im Paradies, und intereſſirten ſich für den Erfolg der Amerikaner, dieſer Maſſe von Merikanern gegen⸗ über. Nur an dem Juſtizrath und Aſſeſſor gingen jene regen lebendigen Scenen ſpurlos und vollkommen unbeachtet vorüber. Der Juſtizrath ſchlief voll⸗ kommen, und hörte nur manchmal im halben Traum den Lärm der Gongs und Trommeln und die gellenden Töne des Yankee⸗Doodle, ohne auch nur den Kopf danach umzudrehen. Ebenſo wenig be⸗ ——— 12 achtete der Aſſeſſor dieſe Bewegung, die ihn, ſeiner Meinung nach, nicht das Geringſte anging. Das war Sache der Beamten. Ja, wäre er ſelber hier Aſſeſſor geweſen, ſo würde er augenblicklich den ganzen Fall haben unterſuchen und protokolliren laſſen, und die ſchuldigen Ruheſtörer hätten dann ſchon gehörig brummen ſollen.— Aber heute Mit⸗ tag hatte er Klöße zu kochen, mit einem delicaten Stück Rindfleiſch dazu, das der Sheriff, Mr. Hale, ſelber geſtern ausgeſchlachtet, und es lag ihm be⸗ ſonders daran, den Juſtizrath mit ſeiner Kochweiſe zufrieden zu ſtellen. Wer ſich auch außerordentlich wenig um Ame⸗ rikaner und Mexikaner bekümmerte, war Herr Huf⸗ ner, denn weit wichtigere Dinge gingen ihm heute im Kopfe herum. Heute konnte die Schwiegermutter vielleicht ſchon den Brief bekommen, und was, um Gotteswillen, was würde ſie ſagen? Schon den Poſtmann, der allmonatlich einmal nach San Francisco ging, Briefe dort abzuliefern, und mit dem Poſtdampfer ge⸗ kommene wieder heraufzubringen, hatte er heimlich, aber himmelhoch gebeten, wenn ihn eine Dame fragen würde, wie es ihm hier oben ginge, nur zu ſagen:„ganz entſetzlich ſchlecht“, und jetzt ſaß er, überdies heute unbeſchäftigt, vor ſeinem Zelt, und —— 129 wußte gar nicht, was er beginnen, wie er ſich der trüben Gedanken erwehren ſolle. — Und was die Amerikaner heute für einen entſetzlichen Spectakel machten— was nur los war?— Binderhof und Lamberg waren hinunter⸗ gegangen, ſich die Sache mit anzuſehen; er hatte andere Dinge im Kopfe. Endlich ſprang er auf. — er hielt es nicht länger aus— und beſchloß einmal hinüber zu dem Juſtizrath zu gehen, dieſen und den Aſſeſſor um ihre Meinung zu fragen, was er in der Sache thun könne, falls die Schwieger⸗ mutter etwa gar hier herauf käme. In ihr Zelt konnte er ſie doch nicht nehmen— Binderhof ließ ihm überdies ſchon den ganzen Tag keine Ruh— und was ſollte dann geſchehen?— wie war ſte zu beſchwichtigen? Der Juſtizrath ſchlief noch, und der Aſſeſſor getraute ſich auch nicht ihn zu wecken; im Begriff aber, recht leiſe an ihm vorüberzugehen, blieb er mit dem Fuß in einem dort liegenden Stück Holz hängen, und ſtolperte dermaßen, daß der Juſtizrath erſchrocken in die Höhe fuhr. „Bitte tauſendmal um Entſchuldigung,“ ſagte der Aſſeſſor. Der Juſtizrath murmelte etwas zwiſchen den Zähnen durch, was ſein rückſichtsvoller Compagnon Gerſtäcker, Gold. III. 9 130 glücklicher Weiſe nicht verſtand, und zog dann an der Pfeife. Dieſe war aber ſchon vor anderthalb Stunden ausgegangen und kalt, und mußte deshalb erſt wieder friſch angezündet werden. Jetzt machte ſich auch Herr Hufner bemerkbar, und kam nach kurzer Einleitung auf den Zweck ſeines Beſuches und den Grund ſeiner Befürchtungen: die Schwie⸗ germutter, die wie ein rächendes Phantom vor ſeiner Seele ſtand— und doch war er ſich ja kei⸗ ner Schuld bewußt. „Unſinn,“ ſagte aber der Juſtizrath—„Schwie⸗ germutter— Pappendeckel— ſelber herkommen und graben verſuchen— Kunſt Gold zu finden. — Schwiegermutter iſt willkommen— hat vielleicht mehr Glück.“ „Ja, aber denken Sie ſich, Herr Juſtizrath, wenn ſte nun wirklich käme.“ „Ja, Herr Juſtizrath,“ ſtimmte ihm da der Aſſeſſor bei, der in dieſem Augenblicke unwillkürlich an die Frau Siebert dachte—„das wäre wirklich erſchrecklich.“ „Alte Weiber,“ brummte jedoch der Mann des Gerichts zwiſchen einzelnen Dampfwolken durch— „will Nichts wiſſen davon— Klöße fertig?“ „Ja wohl, Herr Juſtizrath, im Augenblick,“ ſagte der Aſſeſſor, der die größte Mühe mit ſeiner Brille —,— hatte, die jedesmal anlief, ſowie er ſich über den dampfenden Keſſel bog, den darin befindlichen In⸗ halt zu prüfen. Endlich fiſchte er einen der be⸗ treffenden Klöße mit einem ſelbſtgefertigten hölzernen Löffel heraus, prüfte ihn, indem er ein Stückchen mit ſeinem Meſſer abſchnitt, und fand ihn vor⸗ trefflich.— „Miteſſen?“ ſagte der Juſtizrath zu Herrn Hufner, indem er die eben ausgerauchte Pfeife bei Seite ſetzte. 8 „Ich danke Ihnen herzlich, Herr Juſtizrath,“ erwiderte mit einer halben Verbeugung der Mann. „Mir iſt der Appetit vergangen, und ich habe ſeit jener Nachricht kaum einen Biſſen über die Lippen gebracht.“ „Narrenspoſſen,“ erwiderte Jener lakoniſch— 4„anfangen, Aſſeſſor,“ nahm den blechernen Teller, den ihm ſein Compagnon gab, mit der Gabel auf die Knie, und ſah erwartungsvoll nach dem dam⸗ pfenden Topf hinüber. Der Aſſeſſor wollte dieſen jetzt mit der bloßen Hand vom Feuer nehmen, aber der dünne Drahthenkel war entſetzlich heiß gewor⸗ den, und er mußte erſt in's Zelt, einen Lappen dazu zu holen.— Der Juſtizrath würde ſein Taſchen⸗ tuch genommen haben. „Das da unten iſt der neue Alkalde,“ ſagte in 9* ———— dieſem Augenblick Herr Hufner zu dem Juſtizrath. „Es ſcheint, als ob er hier vorbei wollte, dann werden Sie ihn deutlich ſehen können. Es iſt ein Amerikaner, und ſoll ein außerordentlich tüchtiger Mann ſein.“ „Hm— meinetwegen“— lautete die Antwort des Hungrigen,„Aſſeſſor.— Donnerwetter, wo bleiben Sie denn?“ „Den Augenblick, Herr Juſtizrath,“ rief der Aſſeſſor, der geſchäftig mit einem, unter ſeinen Sachen erſt vorgeſuchten, und ſorgfältig von San Francisco mitgebrachten Wiſchlappen herbeige⸗ ſprungen kam.—„Jetzt werden wir gleich ſehen, wie ſie ſich machen— wenn ſie nur gar genug ſind.“ Er bog ſich eben über den Topf hinüber, ihn gut und ſicher anfaſſen zu können, als dicht über ihnen an dem Berghang ein wunderbares poltern⸗ des Geräuſch laut wurde. Alle Drei ſahen un⸗ willkürlich hinauf; Herr Hufner ſowol wie der Aſſeſſor behielten aber kaum Zeit aus dem Wege zu ſpringen, als das von der Höhe niederſetzende Rad, von einem kleinen Stein ab in die Höhe prallend, einen kurzen Bogen beſchrieb, und ordent⸗ lich pfeifend in Kraft und Schnelle mitten auf den ſeinem Geſchick verfallenen Keſſel ſchlug. 7 ————— 133 Einen Augenblick war Alles Verwirrung— der Aſſeſſor ſchrie laut auf, der Juſtizrath ſprang in die Höhe und ließ Meſſer und Teller fallen, und im Feuer ziſchte die heiße Brühe und warf Funken, Rauch und Aſche hoch in die Luft hinein; das Rad aber, das jetzt eine andere Richtung bekommen hatte, ſchnellte noch einmal nach vorn, drehte ſich jedoch, überſchlug ſich ſeitwärts ein paar Mal, und ſchob dann langſamer, noch durch ſeine frühere Kraft getrieben, an dem Alkalden dicht vorüber, bis es von einem kleinen ſtrüppigen Buſch aufgehalten wurde und liegen blieb. Hetſon, vor deſſen Augen dies Alles vorging, befand ſich allerdings nicht in der Stimmung ge⸗ rade über irgend Etwas zu lachen. Trotzdem war die ganze Scene, mit dem wie aus den Wolken gefallenen Rad, ſo äußerſt komiſch, daß er ein Lä⸗ cheln kaum unterdrücken konnte, und jetzt die paar Schritte noch bergan ſtieg, zu ſehen, ob irgend Je⸗ mand von den Leuten zu Schaden gekommen wäre. Hatte er doch auch den Juſtizrath wie Hrn. Hufner, Beides Cajütspaſſagiere der Leontine, erkannt, von denen der Letztere wenigſtens, wie er wußte, etwas Engliſch ſprach. Hier aber fand er, während Hufner wie der Aſſeſſor ſprachlos vor Schreck und Beſtürzung neben 134 den Trümmern ihres Mittagseſſens und Keſſels ſtanden, den Juſtizrath in dem höchſt möglichſten Grade der Entrüſtung, in dem er eine Menge von abgebrochenen, ſelbſt ſeinen Landsleuten unverſtänd⸗ lichen Verwünſchungen und Zornausdrücken her⸗ vorſprudelte. Hetſon übrigens, deſſen ſcharfes Auge nirgend am ganzen Hang einen Menſchen erkennen konnte, ſchloß ziemlich richtig, daß der ganze Scha⸗ den mehr durch einen muthwilligen Zufall, als wirklich durch die bösartige Abſicht eines Einzelnen entſtanden ſei, und ſuchte jetzt dies dem Juſtizrath begreiflich zu machen— aber lieber Gott, er hätte eben ſo gut zum Rad ſelber reden können. Der Mann hörte und ſah nicht; er ſtampfte mit den Füßen, er warf mit den Händen um ſich, und nur einzelne Worte wie:„Criminalproceß’“—„Klöße— „Halunken“—„Californien“ und„aufhängen“ ließen ſich daraus unterſcheiden. Hetſon wollte es auch eben aufgeben, ſich ver⸗ ſtändlich zu machen, und ihn vor allen Dingen aus⸗ toben laſſen, als er zwei Männer den ſchrägen Hang niederkommen ſah, die ihre Laſtthiere am Zaume führten. In dieſen mußte er jedenfalls die Thäter vermuthen, und da er eine heftige Scene zwiſchen den verſchiedenen Parteien zu verhindern wünſchte, blieb er ſtehen ſie zu erwarten. Kaum — 135 aber waren ſie etwas näher gekommen, als er in dem einen ſeinen alten Freund den Doctor Raſcher erkannte, und mit einem ordentlichen Jubelruf ihm entgegeneilte. „Doctor!“ rief er dabei, die Hand nach ihm ausſtreckend.„Sie ſendet mir in dieſem Augen⸗ blick der Himmel, und ich weiß nicht, weſſen Ge⸗ ſicht ich auf der weiten Gotteswelt gerade jetzt lieber ſehen möchte, als das Ihre.“ „Mein lieber Mr. Hetſon,“ rief der alte Mann ebenſo freudig aus;„es thut meinen alten Augen wohl, Sie ſo geſund und lebensfriſch mir entgegenkommen zu ſehen. Nur ſehr blaß ſind Sie noch— entſetzlich blaß; die Bergluft hat noch nicht lange genug auf Sie einwirken können, aber bald werde ich ja wohl die Freude haben, Sie vollkommen wieder hergeſtellt zu ſehen.“ „Doctor, ich habe Ihnen etwas Wichtiges mit⸗ zutheilen.“ „Den Augenblick, mein lieber Herr, ſtehe ich Ihnen zu Dienſten, Ihre Frau iſt doch wohl und munter?“ „Vollkommen.“ „Gott ſei Dank, ſo erlauben Sie mir denn Ihnen hier vor allen Dingen einen lieben Freund von mir, den Baron von— ja ſo— den Mr. 136 Lanzot vorzuſtellen, der ſich allerdings nicht gleich auf die beſte Weiſe bei Ihnen einführt, denn ich ſehe, das von ihm in tollem Muthwillen bergabge⸗ rollte Rad hat da unten einige Verwirrung an⸗ gerichtet. Hoffentlich nicht in Ihrem Zelt.“ „Nein,“ lächelte Mr. Hetſon,„aber es ſind Schiffsgefährten von uns, denen Sie das Mittags⸗ eſſen verdorben haben. Unter Anderen jener komiſche Kauz mit der ewigen langen Pfeife, den Sie den Jus— wie war der Name gleich justice?“ „Oh, der Juſtizrath?“ lachte der Doctor,„nun wir werden ſuchen müſſen ihn zu beſänftigen, was ja doch wol nicht ſo ſchwer halten wird. Lieber Lanzot, ich habe das Vergnügen Ihnen hier den wackern Mr. Hetſon vorzuſtellen. Sie erinnern ſich wohl, daß wir über ihn und ſeine liebenswürdige Gattin ſprachen, als ich ihr damals die junge Spanie⸗ rin als Begleiterin empfahl.“. „Mr. Hetſon,“ ſagte der junge Mann, ſich leicht vor dem Amerikaner verbeugend, während ein tie⸗ fes Roth ſeine Wangen färbte,„ich bin erfreut Sie kennen zu lernen, und bedauere nur, daß es mit ſolcher Einführung geſchieht.“ „Sie werden ſich mit Ihren Landsleuten wohl darüber verſtändigen können,“ ſagte freundlich der * Amerikaner—„darf ich Sie jetzt bitten, lieber Doctor.“ „Sie ſcheinen in Eile, Freund, aber erſt müſſen wir doch hier die Sache reguliren, denn mir, als altem Schiffskameraden, und ſonſt euhigem, ge⸗ ſetztem Mann, werden ſie wohl leichter glauben, daß dem angerichteten Unglück kein bösartiger Muth⸗ wille zu Grunde gelegen, noch dazu da wir gern bereit ſind, jeden etwa erlittenen Schaden zu erſetzen.“ Hetſon mußte ſich dem ſchon fügen, und die Männer ſtiegen jetzt gemeinſchaftlich zu dem em— pörten Juſtizrath hinunter, der im Anfang aber nicht einmal den ruhigen Vorſtellungen des alten Doctors und Schiffskameraden Gehör geben, ſon⸗ dern die Sache abſolut zu einem„Criminalproceß“ treiben wollte. Das Anerbieten, ihm den erlitte⸗ nen Schaden zu erſetzen, machte ihn dabei noch böſer, und erſt, als er ſich in allem Grimm eine friſche Pfeife geſtopft hatte, ſchien ſich ſein Aerger in etwas zu legen. Das Mittagseſſen war freilich total in die Aſche gefallen, und keine Möglichkeit, auch nur einen Theil deſſelben zu retten. Der Aſſeſſor aber ver⸗ ſprach, in ſeiner unverwüſtlichen Gutmüthigkeit, augenblicklich für anderes zu ſorgen; Herr Hufner lief fort, indeſſen einen Keſſel herbeizuholen, und — — ——— — —————— — ————— ——— 138 der Juſtizrath wurde endlich wirklich dahin gebracht, dem jungen Lanzot die Hand zu geben. „Schön— Dummheiten— Rad bergunter rollen“, ſprach er dabei„beinah Pfeife zerbrochen — verdammte Californien—“ und als die Drei ſie verlaſſen hatten, ſetzte er hinzu—„Maulaffe— Keſſel zerbrochen— Hand ſchütteln— Thür hinaus⸗ werfen“ und qualmte ärger als je.⸗ Capitel 5. Der Gefangene. Baron Lanzot merkte bald, daß der Amerikaner mit ſeinem alten Freunde etwas zu bereden hatte, zu dem ſie gerade keine Zeugen wünſchten. Er nahm deshalb, als ſie den Lagerplatz der Deutſchen und den zornigen Juſtizrath verlaſſen hatten, ſein Maulthier wieder am Zügel, und ſchritt voran in das Paradies hinab, die Beiden im eifrigen Ge⸗ ſpräch zurücklaſſend.— Und wohl hatte der alte Mann Urſache, daß er dann und wann bedenklich mit dem Kopfe ſchüttelte, oder beſchwichtigende Worte dazwiſchen ſprach, denn Hetſon ſchüttete ſein ganzes Herz vor ihm aus, und erzählte ihm, mit kurz gedämpften, aber ſcharf bezeichnenden Worten ————————————— ———— 8 —— —y 1 —— ꝗ— 8————.———— —— 140 Alles, was in den letzten, ſo verhängnißreichen Tagen vorgefallen war. Trotzdem aber freute ſich der alte Arzt auch wieder herzinnig über die wohlthätige Veränderung, die in dem ganzen Weſen ſeines frü⸗ heren Patienten vorgegangen zu ſein ſchien. Das war nicht mehr der ſchwankende, zaghaft verzweifelnde Mann, wie er ihn an Bord des Schiffes, wie er ihn noch in San Francisco ge⸗ kannt. Sein ganzes Benehmen, ſeine Ausdrucks⸗ weiſe, ſeine Anſichten ſelbſt hatten ſich gefeſtigt. Sogar während er um Rath frug, ſchien er ſchon zum Handeln entſchloſſen, und nur noch wie ein dünner Flor lag die Erinnerung der Vergangen⸗ heit auf ſeiner Seele. Nur Eins noch machte ihn wankend, und magte an ſeinem inneren Leben: der Gedanke— ja nach Siftly's Worten die Gewißheit— daß ſeine Frau vor ihm von der Anweſenheit des früheren Geliebten gewußt, daß ſie— zu welchem Zwecke blieb ſich faſt gleich— eine heimliche Zuſammenkunft mit ihm gehabt— und das leugnete der alte Doctor Raſcher. Sie konnte, ſeiner feſten Ueberzeugung nach, mit ihm zuſammengetroffen ſein, aber nie würde ſie ſelber dieſes Begegnen aufgeſucht haben. Die Schilderung, die er dem jungen Amerikaner dabei von jenem Siftly gab, machte, was er ſagte, 141 noch wahrſcheinlicher, und da ſich Hetſon jetzt er— innerte, daß ſeine Frau ſelber ihn um eine Unter⸗ redung gebeten, wollte er jeden Entſchluß über die Sache hinausſchieben, bis er ſie geſprochen. Darüber waren übrigens die beiden Männer einig, daß jener Engländer im Guten oder Böſen dieſen Platz verlaſſen müſſe. Sei er ein Ehren⸗ mann, wie Raſcher feſt glaubte, ſo würde er das von ſelber thun, ſei er das nicht und weigere er ſich, ſo mußten entweder Mittel gefunden werden ihn zu entfernen, oder Hetſon ſelber mit ſeiner Fa⸗ milie ein anderes Aſyl ſuchen. In ihr Geſpräch vertieft, hatten ſie den Mittel⸗ punkt der Stadt ſchon wieder erreicht, ohne es ſelbſt zu bemerken, als ihre Aufmerkſamkeit auf einen wilden, die Straße herabkommenden Lärm und ein Gedräng von Menſchen gelenkt wurde. Hetſon, noch immer nicht ganz ſicher, ob nicht doch am Ende die gereizten Mexikaner mit den In⸗ dianern vereint einen Angriff wagen würden, bat Raſcher dort auf ihn zu warten, und eilte, ſo raſch er konnte, dem Mittelpunkte des Aufruhrs zu. Dieſen bildete aber niemand Anderes, als unſer alter Bekannter, der arg mißhandelte und entſtellte Mr. Smith, der, das geronnene Blut auf ſeinen Schul⸗ tern, das Antlitz ſelber blutig und todtenbleich, die 142 Haare wirr um ſeine Schläfe ſchlagend, auf ſeinem Pferd mehr hing als ſaß, und mit gellender, faſt kreiſchender Stimme die Amerikaner zur Rache gegen die Indianer rief. Die leicht erregbaren wilden Burſchen, ihre Waffen noch bei der Hand, waren auch raſch bereit 4 dem Rufe Folge zu leiſten, und Alles ſchrie nach Hetſon, vor dem ſie, nach den Vorgängen des heutigen Tages, einen gewaltigen Reſpect bekommen hatten, ſie anzuführen. 6 Der Einzige, der in dem ganzen Lärmen und Toben vollkommen ruhig und gleichgültig blieb, war der alte Nolten. Schon wieder gerüſtet, nach ſeinem Arbeitsplatz und zu ſeinen übrigen Gefährten zurückzukehren, hielt er auf ſeinem grobknochigen. Schimmel mitten zwiſchen den Leuten, und als Mr. Smith eben ſeinen kreiſchenden Aufruf beendet hatte, und nun erſchöpft inne hielt Athem zu holen und dann auf's Neue zu beginnen, ſagte er: „Verdammt der Finger, den ich für den Bur⸗ ſchen aufhebe, und alle ehrliche Amerikaner werden ſich hoffentlich eben ſo beſinnen. Hättet Ihr neulich nicht den armen Teufel von Rothhaut muthwillig erſchlagen, ſo würdet Ihr jetzt ſo ſicher zwiſchen den Indianern durchreiten können, wie ich es in der nächſten Viertelſtunde thue. So aber geſchieht es — 143 Euch recht. Mißhandeln und treten wollt Ihr das arme Volk, und wenn ſie die Hand aufheben ſich zu ſchützen, ſchreit Ihr Euere Freunde zuſammen und fordert Rache. Daß ſie Euch das Leben ge⸗ laſſen, begreif' ich nicht einmal recht; mit dem Ab⸗ ſchneiden der Ohren iſt Euch aber nur Euer Recht geſchehen, und das iſt meine, des alten Nolten, Meinung, und paßt Euch das nicht, ſo dürft Ihr mir's ſagen.“ Damit lenkte er ſein Pferd langſam durch die ihn umringenden Amerikaner und Fremden hin, aus deren Mitte manches ihm zuſtimmende„Ja wohl— iſt ihm auch recht geſchehen“ heraustönte und ritt im Schritt die Straße wieder hinauf den Bergen zu. Hetſon wollte ſich jetzt in die Menge miſchen, als ihm Hale entgegenkam, ihn unter den Arm nahm und zurückführte, während er ihm mit kurzen Worten die Vorgänge jenes Tages unter dem vorigen Alkalden erzählte. Der Spieler hatte je⸗ denfalls höchſt unnöthiger Weiſe Blut vergoſſen, und die Indianer auf eine Art gereizt, die dieſe Rache vollkommen entſchuldigte. Hale ſelber ſprach ſich auch ganz entſchieden dahin aus:„daß er, was ſeine Perſon beträfe, feſt entſchloſſen ſei keinen Schritt gegen die Indianer zu thun, denn hätten 22 4 —— —— — 5* 144 ſie ſich früher nicht deren Sache angenommen, ſo dürften ſie auch jetzt dem Spieler nicht beiſtehen. Daß dieſer ein Bürger der Vereinigten Staaten wäre, ſei ohnedem ein Unglück. Wollten einige der tollköpfigen Burſchen hinaus, an den Roth⸗ häuten Rache zu nehmen, ſo könne er ſie allerdings nicht halten, ſeine Meinung aber ſei, der Alkalde möge ihnen ein gerichtliches Einſchreiten rundweg abſchlagen. Wenn ſie ſich in ihrem Rechte von den Eingeborenen gekränkt glaubten, ſollten ſie die⸗ ſelben verklagen, und eine Jury würde dann ent⸗ ſcheiden.“ „Hallo Hetſon“, rief den Richter da eine rauhe Stimme an, und als er ſich danach umdrehte, kam ihm Siftly mit dem bleichen, blutenden Smith an ſeiner Seite und von einem Schwarm lärmender Burſchen gefolgt, entgegen—„und da ſteht Ihr auch noch und ſchwatzt und berathet“, fuhr der Spie⸗ ler fort.„Sollen wir etwa ruhig zuſehen, wie die verdammten Rothfelle uns überfallen und verſtüm⸗ meln? Den Teufel auch! eher die ganzen Fremden mit dieſen dunkelhäutigen Halunken von der Erde vertilgt, ehe wir einen einzigen Tropfen Ameri⸗ kaniſches Blut ungerächt dieſen Boden färben laſſen.“ Hetſon betrachtete mit Ekel und Mitleiden die 145 traurige Geſtalt des Verſtümmelten und frug jetzt nach den Einzelnheiten des ganzen Ueberfalls, die Mr. Smith auf ſeine Weiſe vortrug und aus⸗ ſchmückte. Als er aber dem Alkalden— nur von den entrüſteten Ausrufungen der Umſtehenden dabei unterbrochen, auch erzählte, daß ihn der Häuptling Keſos geplündert und ihm achthundert Dollar ab⸗ genommen habe, da rief auf einmal eine laute kräf⸗ tige Stimme durch den Lärm: „Das iſt eine Lüge!“ Alles drehte ſich raſch und erſtaunt nach dem kecken Rufer um; mitten unter die Männer hinein aber, dem Alkalden gerade gegenüber, trat Graf Beckdorf, wie er ſeinen Arbeitsplatz eben verlaſſen, das roth⸗ wollene Hemde an und den Strohhut auf, und rief: „Wenn dieſer Mann da irgend Jemandem Urſache hat dankbar zu ſein, daß ihm wenigſtens das Leben geſchenkt wurde, ſo iſt es jener Häupt⸗ ling, den er hier verläumdet. Ich ſelber war Zeuge der ganzen Scene, wenn ich und mein Kamerad auch nicht im Stande waren, den armen Teufel vor dem, was ihn betroffen hat, zu ſchützen. Daß wir uns Mühe dahin gegeben haben, muß er uns bezeugen. Keiner der Indianer aber hat ſein Geld angerührt, und unbeläſtigt durfte er ſein Pferd be⸗ ſteigen, auf dem die Satteltaſche hing.“ Gerſtäcker, Gold. III. 10 ———— 5.———— ——————— —— 146 Wie ſie mich den Berg hinaufſchleppten, habe ich es verloren,“ ſtammelte der Spieler, in ſtillem Grimme die Zähne zuſammenbeißend.„Was wißt Ihr davon?— redet den rothen Halunken auch noch das Wort!“ „Ich rede nur dem Häuptling das Wort, der ſich wie ein Ehrenmann benommen,“ ſagte aber Beckdorf ruhig.„Daß ſie Euch geſtraft haben, iſt Euere und ihre Sache, und ich will kein Ur⸗ theil darüber fällen. Ein Raub iſt aber nicht ver⸗ übt worden, und wenn das Geld nur einfach ver⸗ loren wäre, müßte es ſich wiederfinden. Achthundert Dollar in Gold oder Silber trägt man aber nicht in der Bruſttaſche bei ſich, und Banknoten haben wir hier nicht. Ich dachte mir übrigens, daß der Herr da die Sache hier im Lager nicht ſo erzählen würde, wie ſie wirklich war, und bin deshalb her⸗ eingekommen, eine etwaige falſche Anklage zu ent⸗ kräften.“ „Und was zum Henker geht Euch die ganze Geſchichte an, daß Ihr Euch ſo merkwürdig darum bemüht?“ rief Siftly, mit ausbrechendem Zorn über den kecken Fremden. „Halt da, Siftly!“ ſagte aber der Richter, in⸗ dem er ſeinen Arm ergriff,„dem Manne da bin ich dankbar für die Mittheilung; denn er verhin⸗ — 147 dert, daß wir einen ungerechten Zug unternehmen, der ſich kaum vermeiden ließe, wenn jener Mr. Smith auch von den Indianern geplündert worden wäre. Daß ſie Rache an ihm für einen verübten Mord oder Todtſchlag genommen haben, iſt eine andere Sache, und gehört vor eine Jury, wenn Dein Freund gewillt ſein ſollte, klagbar gegen die In⸗ dianer aufzutreten. Natürlich werde ich bereit ſein ihm darin zu willfahren.“ „Wirklich?“ rief Siftly, ihn höhniſch dabei vom. Kopf bis zu den Füßen meſſend—„Schade nur, daß wir nicht Luſt haben darauf zu warten. Wer geht mit, Jungens, ſich ein halb Dutzend Scalpe da drautzen von den rothen Canaillen zu holen?“ „Eine ganze Menge denk' ich,“ ſchrie Briars, ſtets bereit, wo es eine Rauferei galt—„ich— wir Alle gehen mit.“ „Nein, wir Allegehen nicht mit,“ ſagte aber ruhig ein anderer Amerikaner.„Wer ſich in den Bergen unnütz macht, mag auch die Folgen davon tragen, und überdies hat der Burſche da, der ſo gottsjämmerlich ohne Ohren ausſteht, auch faulen Kram, ſonſt hätte er nicht gelogen und uns mit den achthundert Dollarn locken wollen. Dieſelbe Geſchichte haben ſte ſchon einmal in Murphys drüben 10* m 4 )”“ſö8—8“8“ſ —— — V — — — —— “ ebenſo angezettelt. Verdammt die Hand, die ich gegen einen Indianer aufhebe.“ „Es hat Euch noch Niemand dazu verlangt, Mr. Cook,“ trotzte ihm Siftly—„und wenn wir ein halb Dutzend richtige Meſſer zuſammenbringen, hauen wir die ganze Sippſchaft in die Pfanne. Vorwärts, meine Burſchen, wir wollen den Ca⸗ naillen zeigen, was es heißt, ſich an einem Weißen zu vergreifen!“ Während ſich ein Theil der Amerikaner um ihn ſammelte, zog er mit dieſen die Straße hinauf; die Meiſten blieben aber doch zurück und Viele trennten ſich noch ſpäter von dem Zuge, die entweder kein weiteres Intereſſe dabei hatten, oder doch ihre Sache nicht für ſo ganz gerecht hielten. Daß die In⸗ dianer dem Amerikaner die Ohren abgeſchnitten hatten, war freilich eine ſchmähliche Frechheit— aber— die Burſchen waren auch gereizt worden. Der Häuptling ſelber hatte ſich ihnen ſtets freund⸗ lich gezeigt und dann— ſchwärmten auch heute die Berge ordentlich von dem rothen Geſindel, und man wußte eigentlich nie recht, wie man mit ihm daran war. 1 Graf Beckdorf ſtand mit untergeſchlagenen Armen neben dem Skheriff, und ſchaute deu fort⸗ ziehenden Schwarm mit finſterem Blicke nach, als —— 149 er eine Hand auf ſeiner Achſel fühlte und, ſich danach umdrehend, in ein paar braune lachende Augen ſah. Erſtaunt hielt er aber den Blick eine ganze Weile auf das ihm zugedrehte Antlitz geheftet, und es war augenſcheinlich, daß er den ihm hier ſo plötzlich be⸗ gegnenden Fremden kannte, aber in all den wilden Geſtalten umher, aus all den tauſend und tauſend fremden Geſichtern, die uns in einem ſolchen Lande nach und nach begegnen, fand er nicht gleich den Anknüpfungspunkt an dieſe Züge. „Herr Graf, Sie entſchuldigen vielleicht,“ ſagte lachend der Fremde,„wenn ich Ihnen—“ „Emil!“ rief Beckdorf, aber jetzt kaum ſeinen Sinnen trauend, unter ſolchen Umſtänden hier, mit einem alten Freunde zuſammenzutreffen,„biſt Du es denn wirklich?“ „Wie Du ſiehſt lebendig und friſch und geſund“ lachte der junge Mann,„aber zum Teufel, Georg, gräbſt Du denn auch nach Gold? Du ſiehſt we⸗ nigſtens wie ein richtiger Miner aus, im rothen Hemde, den alten Strohhut auf, und mit dem rechten, ſchief getretenen Schuh.“ Beckdorf hatte aber ſeine Hand ergriffen, und ſie aus Leibeskräften ſchüttelnd, rief er aus: „Tauſend Mal willkommen in den Bergen, 1—— — 3 5 1 D f 11 3 — was Dich nun auch hergeführt, und ſolche Freude hätt' ich mir heute bei Gott nicht träumen laſſen — und Du bleibſt hier?“ „Vor der Hand, ja. Ich bin gerade auf einem Streifzug begriffen, der mich an keinen Platz natür⸗ lich bindet— wie dies ja auch in Californien Sitte iſt. Wer bindet ſich hier?“ „Und biſt Du ſchon lange im Lande?“ Etwa ſechs Monate und in der Zeit Holzhauer, Commis, Bootsmann, Maulthiertreiber und Kell⸗ ner geweſen. Aber alle die Fragen könnte ich auch an Dich thun. Welcher Wind hat Dich aus den deutſchen Salons in dieſe Wildniß geweht?“ „Derſelbe wahrſcheinlich,“ lachte Beckdorf,„der Dich herüberfegte; der Aequinoctialſturm, der im Jahre 48 in Paris ausbrach, und wie ein ächter Thauwind vom Weſten kommend, das alte morſche Eis im Vaterlande brach. Beſſer konnt' ich die Zeit da nicht anwenden, als daß ich eben auf Reiſen ging.“ „Und jetzt arbeiteſt Du hier?“ „Mit einem andern Deutſchen zuſammen. In den Minen haſt Du Dich noch nicht verſucht?“ „Noch nicht.“ „Oh vortrefflich, dann weih' ich Dich gleich heute in die Geheimniſſe des edlen Goldwaſchens ein. Du haſt doch Zeit?“ 151 „Ich— hm— ja— allerdings. Welche Beſchäf⸗ tigung ſollte ich ſchon haben?“ „Gut, dann begleiteſt Du mich hinaus zu meinem Arbeitsplatze— mein Kamerad wird überdies ſchon mit Schmerzen auf mich warten, und unterwegs und draußen plaudern wir nach Herzensluſt.“ „Und wann kommen wir wieder zurück?“ „Mit Feierabend,“ lachte Beckdorf,„die Bedeu⸗ tung des Wortes wirſt Du in dieſem Lande ſchon kennen gelernt haben, wenn wir daheim auch nicht viel davon wußten,“— und ohne eine weitere Ant⸗ wort abzuwarten, legte er ſeinen Arm in den des Freundes, und wandelte mit ihm die Zeltſtraße hin⸗ auf, der ſtillen Thalſchlucht zu. Cook, ein alter Anſiedler aus den weſtlichen Staaten, der dem Spieler vorher ſeine Meinung geſagt, und manchen Anderen dadurch abgehalten hatte ſich dem tollen Zuge anzuſchließen, ſtand in⸗ deß noch immer, wie ihn jene verlaſſen hatten, auf ſeine Büchſe gelehnt, und ſchaute finſter vor ſich nieder. Nur ſein Pferd, das er am Zaume hielt, war ungeduldig geworden und ſcharrte mit den Hufen den Staub auf, was aber ſein Herr gar nicht bemerkte, oder wenigſtens nicht beachtete. ——· — — 2. F 8 —132 Hale, der den Alkalden eine Strecke nach ſeinem Zelt zu begleitet hatte, kam wieder die Straße herauf „Na Cook, was giebt's, Mann?— Ihr ſteht ja da, als ob Ihr die Sandkörner auf dem Boden zähltet,“ redete er ihn an,„was habt Ihr?“ „Ich?— verdammt wenig,“ lautete die mür⸗ riſche Antwort,„ich ärgere mich nur, daß ſich ſolch nichtsnutziges Pack wie ſie bei uns herumlaufen, Amerikaniſche Bürger nennen darf. Hol' mich der Teufel, wenn wir uns nicht mit denen vor den Auſtraliſchen Sträflingen ſchämen müſſen.“ „Ihr meint dieſen Siftly?“ „Ich meine die ganze verbrannte Spielerbande,“ ſagte unwirſch der Mann.„Sind die Schufte nicht— wie die Aasgeier und Raben bei einem erlegten Stück Wild— augenblicklich da, wo ein paar Pfund Gold aus der Erde gegraben werden, und rühren ſie die Hand je zu einem ehrlichen Erwerb? Nur auf die armen Teufel lauern ſie, die albern oder eingebildet genug ſind, das, was ſie ihr Glück nennen, mit ihnen zu verſuchen, bis ſie vollſtändig gerupft wieder zu Hacke und Spaten greifen müſſen.“ „Aber iſt es nicht die eigene Schuld der dum⸗ men Teufel?“ „Gewiß iſt es,“ rief Cook,„und ich gönne es 153 ihnen von Herzen, aber darum haſſ' ich das Ge⸗ ſindel, das ſich zu ſolch faulem entehrenden Erwerb herg iebt, nicht einen Gran weniger. Warum können wir's hier nicht ſo machen, wie es die Goldwäſcher im Rich Gulch gemacht haben, und ſie zum Ort hinausjagen mit Schimpf und Schande? Was habt Ihr an ihnen hier, daß Ihr ſie duldet, und hat ein einziger von der ganzen Bande etwa heut' Morgen eine Büchſe mit aufgegriffen?“ „Was ich von ihnen habe?“ lachte Hale— „wenn es nach mir ginge, würden ſie lieber heute wie morgen zum Tempel hinausgeworfen. Ich weiß nur nicht, wie unſer Alkalde darauf zu ſprechen iſt, denn jener Siftly gerade iſt ein alter Freund von ihm.“ „Gerade keine Empfehlung für den Alkalden,“ brummte Cook,„aber was brauchen wir den Al⸗ kalden dazu? Mit den Geſetzen können wir ihnen doch Nichts anhaben; das wiſſen die Halun⸗ ken auch recht gut, und das Einzige, was wir können, iſt, daß wir einmal kurzen Proceß mit ihnen mach⸗ ten. Nun ſeht allein das Unheil, das ſie heute wieder anrichten werden, wenn ſie ja mit den In⸗ dianern zuſammentreffen ſollten. Kann man es denn da den armen, von allen Seiten gemißhan⸗ delten Rothhäuten verdenken, wenn ſie Rache nehmen, wo ſich ihnen nur irgend die Gelegenheit ——————— —— —— 14 dazu bietet? Was würden wir an ihrer Stelle thun, Hale? hol's der Teufel ich glaube, ich ſchöſſe jeden Weißen nieder, den ich fände, nur das ver⸗ goſſene Blut der Meinen zu ſühnen. Californien wird einmal ein großes und mächtiges Land wer⸗ den, das unterliegt keinem Zweifel, aber wir werden mehr Arbeit bekommen, die ſchlechte Bevolkerung, die ſchon da iſt, auszurotten, als eine gute, acker⸗ bautreibende herüberzuziehen.“ „Kein Wunder,“ ſagte Hale,„denn die ganze Erdkugel ſchickt uns ja in dieſem Augenblicke ihre Abenteurer und nichtsnutzigen Subjecte, vielleicht ſogar ihre Verbrecher herüber, und man kann wahr⸗ haftig keinem einzigen Fremden mehr trauen, denn wer kennt ſeine Vergangenheit? Von San Fran⸗ cisco habe ich auch geſtern Briefe bekommen, daß ſie einer Bande von Engländern oder Irländern auf der Spur ſind, die, wahrſcheinlich von Auſtra⸗ lien herübergeflüchtet, dort ihr Weſen treiben. Die Gerichte in San Francisco ſind nur zu ſchwach, dagegen einzuſchreiten, die Advokaten faſt alle käuflich — die Richter ebenfalls.“ „Natürlich— ſie ſind Alle herübergekommen, Gold zu graben, jeder in ſeiner Weiſe,“ ſagte Cook, „und die, die es nicht mit Spaten und Hacke kön⸗ nen, verſuchen es mit der Feder. Hol' die Dinten⸗ kleckſer der Teufel, wir müſſen einmal reine Bahn mit ihnen machen.“ „Unſeren Alkalden aber nehmt Ihr hoffentlich aus,“ lachte Hale,„Wetter noch einmal, allen Re⸗ ſpect vor dem, denn wie er ſich heute gegen die Mexikaner benommen hat, thut es ihm kein Hinter⸗ wäldler vor. Aber wo wollt Ihr mit Euerem Pferd hin?— fort?“ „Nein,“ ſagte Cook,„ich habe es nur vorhin eingefangen, und muß ſehen, wo ich es hier eine Zeit lang unterbringe, bis ſich die Indianer in etwas beruhigt haben, oder wieder fortgezogen ſind. Sie machen ſich ſonſt ein Vergnügen daraus und ſchießen ihm ein halb Dutzend Pfeile auf den Pelz, oder verzehren es gar bei einer ihrer Nationalfeſtlichkei⸗ ten, wenn es auch einen verdammt zähen Braten geben würde.— Wer iſt denn der Burſche, der da drüben ſteht, und uns hier ſchon eine ganze Weile ſo aufmerkſam betrachtet?“ Hale drehte den Kopf langſam der bezeichneten Stelle zu. „Ich kenne ihn nicht,“ ſagte er,„jedenfalls ein Fremder— er ſieht aber nicht wie ein Amerikaner aus— eher wie ein Engländer. Ich denke er will etwas von uns, denn er kommt auf uns zu.“ Der Sheriff hatte recht. Der Fremde, der — 156 eigentlich nicht die beiden Männer, ſondern nur das Pferd eine Weile betrachtet hatte, kam wirklich heran, grüßte die Beiden und ſagte dann, ſich an Cook wendend: „Iſt Euch das Pferd feil, Sir?“ „Feil?“ antwortete Cook,„hier in den Minen i*ſt ziemlich Alles feil, vorausgeſetzt, daß man einen ordentlichen Preis bekommt, warum nicht auch das Pferd?“ „Und was wollt Ihr dafür haben?“ Cook beſann ſich eine Weile, und ſo erfreut er gerade jetzt über das Anerbieten war, überlegte er ſich die Antwort doch erſt, daß er nicht etwa weni⸗ ger forderte, als der Käufer bewogen werden konnte zu geben. Endlich ſagte er: „Ich denke, wenn Ihr acht Unzen gebt, macht Ihr einen brillanten Handel— ohne Sattel und Zaum natürlich.“ „Acht Unzen iſt viel Geld für ein altes Pferd, und ich brauche es nur, um nach San Francisco zu reiten.“ „Unter dem möchte ich es nicht hergeben,“ meinte Cook.„Ich hätte wol noch eins, das ich Euch'was billiger laſſen könnte; der Racker graſt aber irgendwo in den Hügeln, und wo die In⸗ dianer jetzt da oben herumſtreifen, iſt bös nach ihm 157 ſuchen. Wenn Ihr einige Tage warten wollt, kann ich Euch das vielleicht ſuchen.“ „Ich möchte heute fort, wenn ich ein paſſendes Thier finden kann,“ erwiderte der Fremde.„Würdet Ihr nicht ſieben dafür nehmen?“ „Ich will Euch'was ſagen, Fremder, wenn Ihr ein Thier braucht, iſt Euch das hier um acht Unzen ſpottbillig, und wenn Ihr keins braucht, um zwei zu theuer. Fordern und bieten macht aber Kaufleute und wollt Ihr ſieben eine halbe geben, ſoll es Euer ſein. Ihr bekommt dafür ein geſundes munteres Pferd, das Euch, trotz ſeiner neun Jahre, in einem Tage nach Stockton trägt.“ „Glaubt Ihr wirklich?“ „Ihr ſollt ſagen, William Cook hat gelogen, wenn es nicht wahr iſt.“ „Gut, dann kommt mit in das nächſte Zelt, daß ich das Gold dort für Euch abwiegen kann.“ „Iſt wol kaum nöthig,“ meinte der Amerika⸗ ner—„habt Ihr Eure Wage nicht bei Euch?“— „Allerdings.“ „Nun gut, ich auch— wiegt es mir vor und ich wieg' es Euch nach, und wenn wir Beiden da⸗ mit zufrieden ſind, geht es die Händler nichts an. Deren Gewichte ſoll überhaupt der Teufel holen, denn wenn Ihr ihnen ſieben Unzen darauf legt, —yy— könnt Ihr ſicher ſein, daß ſie acht herunternehmen, und ich mag Euch nicht betrügen.“ Der Fremde betrachtete ſich noch einmal das Pferd, mit deſſen Aeußerem er zufrieden ſchien, und ging dann zu einem ziemlich großen Stein, der hier zur Seite gewälzt war, die Zeltreihe nicht zu un⸗ terbrechen, die verlangte Summe abzuwiegen.“ „Das iſt jedenfalls ein Engländer, dem es zu warm bei uns wird,“ flüſterte Hale dem Andern zu, während ſie ihm langſam folgten. „Kann ſein,“ ſagte dieſer—„er hat ſo'was in der Ausſprache, ſieht mir aber faſt aus, als ob er mehr auf der See wie auf feſtem Lande zu Hauſe ſei. Nun, an dem alten hier, bekommt er ein ſicheres Thier, das ihn weder abwirft noch mit ihm durchgeht— wenn er ihm die Hacken nicht gar zu feſt in die Seiten ſetzt.“ Der Fremde hatte indeſſen das Gold auf ſeiner kleinen Wage abgewogen und auf ein Papier ge⸗ ſchüttet, als Cook mit Hale zu dem Stein trat es zu übernehmen. Cook fand es richtig. „Hübſches grobes Geld,“ ſagte er dabei.„Wo habt Ihr das gegraben?“ „Am Macalome drüben,“ lautete die Antwort, „theilweiſe wenigſtens, denn einzelnes davon habe ich auch für verkaufte Werkzeuge, Zelt und andere — 159 Sachen bekommen. Ihr ſeid wol ſo gut und wartet hier einen Augenblick mit Euerem Pferd, bis ich meinen eigenen Sattel und Zaum herzu⸗ holen kann. Ich habe die Sachen dort drüben in dem Zelte liegen.“ „Ja wohl, Fremder,“ ſagte Cook, der das Gold jetzt in ſeinen eigenen Beutel ſchüttete, ein einzelnes Stück davon aber unbemerkt in der Hand behielt. Er ſah dabei den Engländer einen Augenblick ſtarr und forſchend an und ſchien noch etwas ſagen zu wollen— aber er ſchwieg und jener ſchritt mit einem leichten Kopfnicken dem bezeichneten Zelt zu. „Nun good bye, Cook,“ ſagte Hale, indem er dieſem die Hand hinhielt,„jetzt ſeid Ihr der Sorge um Euer Pferd gleich überhoben.“ „Ich weiß es noch nicht,“ flüſterte dieſer, und der Sheriff ſah ihn erſtaunt an, rief aber auch im nächſten Augenblick: „Was zum Teufel iſt Euch denn, Mann?— Ihr ſeht auf einmal käſeweiß im Geſicht aus. Seid Ihr krank?“ „Hale,“ flüſterte Cook dabei, indem er ihm das in der Hand behaltene Stück Gold entgegenhielt— nich— ich weiß, wer das Gold hier ausgegraben — wem es gehört und— und wer es nur— nur mit ſeinem Leben hergegeben hat.“ „Ihr wißt das?— und wer?“ „Johns,“ flüſterte Cook, als ob er fürchte, daß der verrätheriſche Luftzug den Namen ſeinem Mör⸗ der zuführen könne. „Johns?“— rief Hale raſch,„den wir oben im Walde verſcharrt fanden?“ „Bſt— ſchreit den Namen nicht ſo laut, daß der Burſche Nichts merkt. Derſelbe. Ihr wißt, daß wir Beiden zuſammen arbeiteten. Ich ſaß an der Maſchine— er ſtand im Loche drin und hackte auf, und dort fand er dieſes Stück— den kleinen Quarzſtein von den vier Goldblumen umgeben, wie es ein Goldſchmied nicht hätte ſchöner arbeiten können.— Ich wollte es auf mein Theil nehmen, aber er bat mich es ihm zu laſſen, da er es ſeiner Mutter nach den Staaten ſenden wolle, und ich bin überzeugt, nicht um den doppelten Werth des Goldes hätte er es ſpäter hergegeben.“ „Und Ihr glaubt—“ „Daß das ſein Mörder iſt, den Gott alſo ſicht⸗ bar in unſere Hand gegeben. Wenn nicht— mag er uns die feſten Beweiſe bringen, woher er dieſes Stück hat.“ „Und Ihr kennt es genau, Cook?— Bedenkt, daß das Leben eines Menſchen an einer Aehnlich⸗ keit von zwei Stücken hängen kann.“ 461 „Ich will nicht ſelig werden, Hale, wenn das nicht daſſelbe Stück iſt,“ verſicherte aber Cook— „es iſt nicht möglich, daß die Natur in einer Spie⸗ lerei zwei einander ſo ähnliche Stücke ſchaffen ſollte. Und dann noch mehr— ſeht hier an dem Rück— theil iſt eine Einhöhlung— in der ſaß Erde, und Johns kratzte die mit dem Meſſer heraus— hier aber rutſchte es ihm aus und ließ die Lücke da zu⸗ rück, die er nachher wieder mit dem Rücktheil der Klinge etwas zuklopfte. Noch zwei andere Stuüͤcken hatte Johns, die ich ebenſo leicht und ſicher wieder⸗ erkennen wollte, wie dieſes hier.“ „Das iſt Beweis genug“— ſagte der Sheriff ruhig— dort kommt er zurück.“ „Was wollt Ihr thun?“ frug Cook. „Natürlich ihn verhaften— eine Jury mag dann über ihn urtheilen, ob er ſchuldig iſt oder nicht. Seid Ihr bereit als ſein Ankläger aufzu⸗ treten.“ „Jeden Augenblick.“ „Gut— „Gentlemen, ich habe Sie etwas lange warten laſſen,“ ſagte der Fremde, der mit der Reiſetaſche und Sattel und Zaum jetzt zu ihnen trat,„aber ich hatte noch eine kleine Rechnung dort zu zahlen. Gerſtäcker, Gold. III. 11 ———ſſſſſſſ— Wollt Ihr ſo gut ſein, Sir, und Eueren Sattel jetzt herunternehmen?“ „Erſt erlaubt mir eine Frage?“ ſagte da der Sheriff, indem er dem Fremden das von Cook er⸗ haltene Gold vorhielt,„wie kommt Ihr zu dem Stück da?“ „Das iſt eine wunderliche Frage,“ lächelte dieſer, —„beſonders in den Minen, wo ein ſolches Stück ſeinen Beſitzer vielleicht ſechs Mal in eben ſo vielen Tagen wechſelt. Ich weiß nicht einmal, ob das wirklich mein Stück war.“ „Ich habe es eben aus Euerer Hand erhalten,“ ſagte Cook finſter.. „Und iſt es kein Gold?“ „Allerdings iſt es Gold,“ erwiderte Hale,„aber ich wünſche zu wiſſen, wie Ihr zu dem Stück ge⸗ kommen ſeid: ob Ihr es ausgegraben, oder von irgend Jemandem hier erhalten habt.“ „Und wer giebt Euch ein Recht mich darnach zu fragen?“ ſagte der junge Mann finſter. „Ich bin der Sheriff dieſes Ortes,“ erwiderte Hale. „Ach, das iſt etwas Anderes— dann gehört Euerer Frage allerdings eine Antwort. Leider werde ich kaum im Stande ſein Euch eine befriedigende zu geben.“ — 163 „Das wäre ſchlimm für Euch,“ erwiderte Hale ruhig. „Schlimm für mich?“ wiederholte raſch der Engländer—„wie ſo? Ich habe allerdings Gold ge⸗ graben; in der letzten Zeit aber, wo ich der Minen müde war und nach San Francisco zurückwollte, mein Zelt und mein Handwerkszeug, ja heute Morgen ſogar mein lahm gewordenes Pferd ver⸗ kauft. Das letzte Gold, was ich erhielt, war für dieſes, aber ich bin nicht im Stande zu ſagen, ob gerade dieſes Stück dabei war— könnte es wenig⸗ ſtens nicht beſchwören, da ich es untereinander ausgeſchüttet habe. Was für eine Bewandtniß hat es übrigens mit dem Stück Gold, daß Ihr ſo dringend nach dem früheren Eigenthümer fragt? Wer war er?“ 3„Ein armer Teufel,“ ſagte Hale, den Fremden dabei mit ſcharfem Blick betrachtend,„der hier in unſerer Gegend neulich Morgens— ermordet und eingeſcharrt gefunden wurde.“ „Ermordet,“ rief der Fremde erſchreckt—„das iſt ja furchtbar!“ „Ich will Euch'was ſagen, Freund,“ meinte da der Sheriff, indem er langſam auf ihn zuging, und ſeine Schulter leiſe mit der Hand berührte, „Ihr ſeid mein Gefangener, und ich rathe Euch in 11* 164 Gutem, Euch nicht zu widerſetzen— es hälfe Euch Nichts, und Ihr könntet die Sache nur verſchlim⸗ mern.“ „Gefangener?— auf eine Anklage auf Mord? — hier?“ „Seid Ihr unſchuldig, ſo werdet Ihr im Stande ſein, Euere Beweiſe zu bringen— ſeid Ihr aber ſchuldig, dann müßt Ihr auch von vorn herein gewußt haben, was Euch droht, im Fall Ihr entdeckt würdet. Ihr ſcheint ein geborener Eng⸗ länder?“ „Das bin ich.“ „Ich dacht' es mir— und von Auſtralien herübergekommen?“ „Nein, von Valparaiſo.“ „Aber vorher von Auſtralien?“ „Nein— von England ſelber.“ „Nun gut, das wird ſich Alles finden.— Jetzt ſeid ſo gut und kommt mit mir.— Cook, Ihr habt wol die Freundlichkeit und begleitet uns— das Uebrige mag dann der Alkalde beſtimmen.“ „Sir,“ ſagte der Engländer— ein unglück⸗ ſeliges Mißverſtändniß waltet hier ob, das ſich allerdings aufklären muß. Ich kann Euch aber nicht ſagen, wie fatal mir der Aufenthalt iſt, der mich gerade hier—“ 465 „Ja, kann ich mir etwa denken,“ unterbrach ihn Hale ruhig,„hilft nun aber einmal Nichts. Mr. Hetſon wird indeß die Sache ſchon bald in Ordnung bringen.“ „Wer ſagtet Ihr?“ rief wirklich erſchreckt der Gefangene. „Hoho?“ rief Cook, dem die Bewegung nicht entgangen war.„Das ſieht gerade nicht aus wie ein gut Gewiſſen, Sir. Kennt Ihr den Mann?“ „Ich habe ihn nie geſehen,“ erwiderte der Ge⸗ fangene, jetzt vollkommen gefaßt.„Iſt er Euer Alkalde?“ „Ja— habt übrigens keine Angſt um das Pferd,“ ſagte Cook, als er ſah, daß der Gefangene einen Blick nach dem Thier hinüber warf.„Seid Ihr unſchuldig, ſo ſteht es zu Euerer Verfügung, ſobald Ihr von der Jury freigeſprochen werdet— ich werde indeſſen gut Acht darauf haben— und ſeid Ihr ſchuldig, ſo— braucht Ihr es überdies nicht mehr, denn den kurzen Weg könnt Ihr dann 3. zu Fuße machen.“ 8 „Hetſon,“ murmelte der Gefangene leiſe vor ſich hin, und der Blick, den er nach dem Pferd ge⸗ worfen, hatte nicht der Sorge um das Thier— er hatte der eigenen Freiheit gegolten.— Wenn er in den Sattel ſprang und floh— ehe ſie ihn über⸗ 166 holen konnten, war er im Walde, und wer hätte ihn in dieſen Bergen wieder auffinden ſollen, denn ſollte er ſo dem Manne vor die Augen treten, der ihm das ganze Glück ſeines Lebens geraubt?— aber Flucht war auch unmöglich, denn Cook, der etwas Aehnliches vielleicht fürchten mochte, hatte den Sattel ſeines Pferdes locker geſchnallt, und ſeine Büchſe feſt im Griff im linken Arme ruhend.— Es war vergebens— er konnte ſeinem Schickſal nicht mehr entgehen. „Habt Ihr Waffen bei Euch?“ frug der Sheriff, „weigert Euch nicht ſie abzugeben; ich thue nur meine Pflicht, thue die aber, darauf könnt Ihr Euch verlaſſen.“ „Hier,“ ſagte der Gefangene nach kurzem Zögern, indem er einen Revolver aus der Taſche nahm—„es iſt Alles, was ich führe— dieſes Taſchenmeſſer ausgenommen.“ „Ihr habt kein anderes, breiteres Meſſer bei Euch?“— „Nein— unterſucht mich.“ „Es iſt gut,“ ſagte Hale, die Waffen ruhig an ſich nehmend—„das Weitere werdet Ihr vom Al⸗ kalden ſelber hören— und nun kommt.“ Capitel 6. Die Begegnung. Doctor Raſcher hatte ſich dem Tumult nicht weiter genähert, denn dieſes wilde Toben und Wüthen der Burſchen war ihm fatal, und ſtimmte nicht im Geringſten zu ſeinem eigenen ruhigen und friedlichen Weſen. Er wunderte ſich nur, daß die Leute in einem ſo gewaltig großen und faſt noch ganz wil⸗ den Lande nicht einmal freundſchaftlich nebeneinander wohnen konnten, denn Platz genug gab es ja für Jeden, ſich nach Belieben auszubreiten, und dem obzuliegen, was ihn gerade freute. Wollten ſie das aber nicht, ſo mochten ſie es auch mit einander ſelber ausmachen, und er dachte gar nicht daran, ſich da hineinzumiſchen— hatte er doch der ——— —— 168 Aufregung ſchon mehr, als ihm ſelber lieb war, gefunden. Hetſon kam aber bald zurück, und mit dieſem ſchritt er jetzt dem Zelte des Alkalden zu— nicht allein die ihm lieb gewordenen Menſchen zu be— grüßen, ſondern auch mehr noch faſt als Arzt der Seele wie des Körpers, den durch ihn begründeten und von Außen wieder bedrohten Frieden, diesmal hoffentlich für alle Zeiten zu ſichern. Wie ſie das Zelt betraten, das Hetſon mit einem Blicke überflog, fanden ſie Mrs. Hetſon, wie tröſtend über Manuela gebeugt, die mit thränenden Augen und bleichen Wangen neben ihr am Boden kniete. In der entfernteſten Ecke aber ſaß Don Alonſo, den Kopf geſenkt, die Hände auf den Knieen gefaltet— ein Bild des wilden Ingrimms und der Scham, und nur erſchreckt fuhr er empor, als er die Männer erkannte, die ihn ſo geſehen. Auch Manuela richtete ſich raſch empor, und wollte wie es ſchien den Raum verlaſſen, als ihr Auge auf Doctor Raſcher fiel. Aber auch Mrs. Hetſon hatte ihn erkannt, und während das liebe bleiche Antlitz der jungen Frau vor Freude ſtrahlte, eilte ſie auf ihn zu, ſtreckte ihm die Hand entgegen und rief: ,„fß‧ „Sie ſendet uns Gott, oh ſeien Sie mir tauſend, tauſend Mal willkommen.“ „Was iſt geſchehen?“ rief aber Hetſon, dem die Aufregung ſeiner Frau wie Manuelens und ihres Vaters nicht entgehen konnte, während Doctor Raſcher beide Hände der Frau in die ſeinen nahm und herzlich ſchüttelte. „Laß das noch jetzt,“ wehrte aber Jenny, die den auf Manuelen gehefteten fragenden Blick ſah —„nachher— Du ſollſt und muß Alles erfahren. Vorher aber, Frank, laß mich Dir in Gegenwart dieſes Mannes eine Mittheilung machen, für die Du nicht unvorberetet ſein kannſt; die aber—“ „Ich weiß ſchon Alles,“ ſagte ruhig ihr Gatte; der forſchende, und doch ſo ſtrenge Blick jedoch, den er dabei auf die Gattin heftete, trieb ihr das Blut mit einem Schlag in Wangen und Schläfe hinauf. „Du weißt?“ rief ſie, raſch und erſtaunt— aber ein Gedanke tauchte in ihr auf, und faſt er⸗ ſchreckt ſetzte ſie hinzu—„durch jenen Siftly.“ Hetſon nahm den Blick nicht von ihr, und nur ſchweigend nickte er mit dem Kopfe. Die Frau bedurfte einiger Momente ſich zu ſammeln, denn in dem wilden und unheimlichen Feuer, das in den Augen ihres Gatten glühte, glaubte ſte zu ihrem Entſetzen ganz die alte Leidenſchaft, 170 den alten Schmerz und Zorn zu leſen, der ſchon früher ſein Leben zu untergraben drohte, und ſie ſelber, oh ſo unſagbar elend gemacht. Aber bald fand ſie die nöthige Ruhe wieder und mit leiſer, aber faſt vorwurfsvoller Stimme fuhr ſie fort: „Und wenn er Dir Alles mitgetheilt, hat er Dir da auch geſagt, daß Charles Golway an dieſer Küſte, die er ſonſt im Leben nicht betreten hätte, nur durch Deine eigene Schuld gelandet iſt?“ „Durch meine Schuld?“ rief Hetſon, durch dieſe Anklage überraſcht. „Durch Deine Schuld,“ wiederholte aber die Frau.„Wie bat ich Dich damals in Chile den Ort wohin wir reiſten nicht zu verheimlichen? Dein unglückſeliger Argwohn— oh leugne es nicht, Deine Fieberträume haben mir Alles verrathen— Dein unglückſeliger Argwohn ſah einen andern Grund darin. Du fürchteteſt nur, abſichtlich ver⸗ lange ich dem früher Geliebten die Spur zu hinter⸗ laſſen, damit er uns ſicherer folgen könne. Nur Dein Mißtrauen alſo lenkte ſeine Schritte hierher, denn er, der uns nach den Berichten, die er in Val⸗ paraiſo erhielt, auf dem Wege nach einem der Auſtraliſchen Häfen glauben mußte, folgte, voll⸗ kommen ſicher nicht in Californien mit uns zu⸗ 171 ſammenzutreffen, dem allgemeinen Menſchenſtrom, der ſich nach dieſen Küſten zog.“ „Sie hören da die Beſtätigung deſſen, mein lieber Mr. Hetſon,“ fiel hier der alte Doctor Raſcher ein,„was ich Ihnen ſchon lange vorher geſagt. Der Gefahr waren Sie ausgeſetzt, wenn Sie es mit einem ehrlichen und rechtlichen Manne zu thun hatten, und einen Schurken brauchten Sie nicht zu fürchten— der mußte ein braver Mann ſein, dem Mrs. Hetſon früher ihr ganzes Leben anheim geben wollte.“ „Und was ſoll jetzt geſchehen?“ flüſterte Hetſon, von den widerſtreitendſten Gefühlen bewegt:— „was iſt zu thun das Unheil abzuwehren, mit dem uns ſeine Nähe hier bedrohen kann?“ „Zu thun?“ ſagte aber die Frau mit einem wehmüthigen Lächeln um die ſchmerzhaft zuſammen⸗ gezogenen Lippen.„Uns bleibt da Nichts zu thun weiter, Frank. Was überhaupt geſchehen konnte, hat er ſelber ſchon gethan. Er will fort von hier, und wahrſcheinlich ſchon in dieſem Augenblick trägt ihn ſein Pferd weit, weit hinweg von uns, unſeren Pfad nie mehr zu kreuzen.“ „Das gebe Gott!“ flüſterte Hetſon leiſe vor ſich hin,„das gebe Gott!“ „Ich habe das nicht anderes erwartet,“ ſagte ——— Raſcher ruhig,„und deshalb, mein guter Mr. Het⸗ ſon, waren auch alle Ihre bisherigen Befürchtungen, die zuletzt ſogar die Form einer gefährlichen Krankheit annahmen, ſo grundlos wie— ich möchte faſt ſagen ſelbſtmörderiſch, denn ſie vernichteten thörichter Weiſe Ihr eigenes Glück, Ihren eigenen Frieden.“ „Und wo trafſt Du ihn?“ flüſterte der Mann jetzt mehr, als er ſprach, indem ſein Blick wieder das Auge der Frau ſuchte. „Auf jenem Berge droben,“ antwortete Jenny ruhig,„wohin ich mit Manuela ging, den wunder⸗ vollen Morgen zu genießen.“ „Aber Du haſt früher nie unſer Zelt ſo weit verlaſſen.“ „Allerdings— aber gerade deshalb lockte uns die reine friſche Luft auf jene Höhen, die Ausſicht in das Thal hinab zu genießen. Keines von uns hatte eine Ahnung, daß die Gegend ſo unruhig ſei, und daß beſonders ſo viele Indianer dort umher⸗ ſtreiften?“ Wieder ſchwieg der Mann, doch war es augen⸗ ſcheinlich, daß noch eine andere Frage auf ſeinem Herzen laſtete, der er nur fürchtete Worte zu geben. Aber er konnte ſie auch nicht zurückhalten; er mußte klar in dieſer Sache ſehen, wenn er hoffen wollte die alten Träume und Befürchtungen wirklich mit 173 einem Schlage zu bannen, und mit entſchloffener aber doch ſcheuer Stimme ſagte er endlich: „Und— hatteſt Du— hatteſt Du vorher keine Ahnung, Jenny, daß Du— daß Du jenen Mann dort oben finden würdeſt?“ „Frank, um Gotteswillen,“ rief da die Frau erſchreckt aus,—„aber die Frage kam nicht aus deinem eigenen Herzen— den Argwohn hat ein anderer, uns Beiden feindſeliger Mund hineingeſäet. Bin ich denn ein einziges— oh nur ein einziges Mal falſch oder unwahr gegen Dich geweſen?— hat meine Bruſt ein einziges Geheimniß für die Deine, auch nur für eine kurze Viertelſtunde je gehabt?“. „Auch Manuela wußte Nichts von ihm?“ fuhr aber Hetſon fort, den trüben Becher bis auf die Hefen auszuleeren. „Manuela?“ ſagte Jenny, und ein eigenes bitteres Gefühl überſchlich zum erſten Mal ihr Herz —„Du biſt ein Meiſter in der Kunſt zu peinigen, aber ich will auch dieſe Frage einfach beantworten. Nein— bei meinem Wort— ſie wußte Nichts. Biſt Du jetzt zufrieden?“ Hetſon ſchwieg, und faſt unwillkürlich ſuchte ſein Auge Manuelen, die zitternd neben der Freun⸗ din ſtand. 44 „Aber was iſt hier vorgegangen?“ rief er jetzt, indem ſein Blick von dem Mädchen nach ihrem Vater hinüber flog.„Was iſt geſchehen?— Ma⸗ nuela hatte geweint, als ich das Zelt betrat.“ „Der Mann,“ ſagte die Frau mit feſter ent⸗ ſchloſſener Stimme,„den Du Deinen Freund nennſt, iſt ein Bube.“ „Siftly?“ „Das iſt ſein Name,“ lautete die feſt und be⸗ ſtimmt gegebene Antwort.„Mit ſchlauer teufliſcher Liſt hat er jenen alten Mann wieder in ſein Garn zu locken gewußt, und als er ihm die wenigen Dollar abgenommen, die Jener ſich mit ſaurem Fleiß über Tag draußen erarbeitet, wußte er ihn dahin zu bringen, daß er, von der furchtbaren Leidenſchaft des Spiels verblendet, die Tochter einſetzte.“ „Manuelen?“ rief Hetſon erſchreckt. „Mannelen,“ beſtätigte die Frau, während der Zorn ihre feinen Lippen feſter zuſammenzog.„Du weißt, wie ihr die Entwürdigung auf der Seele ge⸗ Jlegen, in jenen Räumen des Laſters, die das Volk ſo bezeichnend mit dem Namen Spielhöllen brand⸗ markt, als Lockvogel für die wüſte Schaar mit ihrem ſeelenvollen Spiel zu dienen. Dem zu ent⸗ gehen zog ſie mit uns hierher, und fühlte ſich 15 glücklich in dem ſtillen Leben, und jetzt— jetzt hat ihr eigener Vater das einzige Kind verſpielt, jenem Teufel in der Geſtalt eines Menſchen auf's Neue unterthan zu ſein.“ „Ich begreife Dich nicht—“ rief Hetſon erſtaunt. „Sie ſoll ihm, einen Monat lang, an jedem Abend zwei Stunden in ſeinem Zelte ſpielen— das iſt, was er verlangt— wozu er glaubt ein Recht zu haben es zu fordern. „Und Manuela?“ „Will eher ſterben, ehe ſie ihm willfährt.“ Don Alonſo war, während die Frau ſprach, langſam von ſeinem Sitze aufgeſtanden, und wenn er auch das Engliſche nur gebrochen ſprach, ver⸗ ſtand er doch gut genug, um was es ſich hier handele. Jetzt war er an des Amerikaners Seite getreten, der ihn mit finſterem Blicke maß, und ſeinen Arm ergreifend ſagte er mit leiſer bewegter Stimme in ſeiner eigenen Sprache: „Seſior— Euere Frau hat Euch die Wahrheit geſagt— aber glaubt mir bei Allem, was Ihr auf und über der Erde für heilig haltet— jener Mann hat falſch geſpielt.“ „Und entſchuldigt das Euch, Senor?“ frug der Amerikaner;„macht das die That, mit der Ihr Euere Tochter leichtſinnig zurück in das alte Elend ſtoßen wolltet, weniger verächtlich?“ „Nicht daran dacht' ich,“ ſtöhnte der alte Mann, verzweifelnd die Hände zuſammenſchlagend,„nur dem furchtbaren Lande hier wollte ich entfliehen, und mit den dreihundert Dollarn, die Jener dagegen ſetzte, hätte ich die eigene Heimath wieder mit mei⸗ nem Kinde erreichen können.“ „Und jetzt?“ frug Hetſon kalt. „Gott allein weiß es,“ ſtöhnte der Unglückliche, und bedeckte das fahle Antlitz mit den Händen. „Und ſpricht das Geſetz dem Spieler das Mädchen zu?“ frug beſorgt der Doctor Raſcher, während Manuelens Blicke an den Lippen des Richters hingen, als ob ſie von dort ihr Todes⸗ urtheil erwarte. „Wie alt iſt Manuela?“ frug er jetzt leiſe— „Achtzehn Jahr.“ Wieder ſchwieg der Alkalde, und eine peinliche Stille herrſchte in dem Raum. Da richtete ſich Don Alonſo noch einmal auf; wieder faßte er den Arm des Amerikaners und ſagte mit heiſerer, von innerer Bewegung faſt er⸗ ſtickter Stimme: „Seüor— was ich in dieſer Nacht gelitten, könnte ich Ihnen nicht ſchildern— wenn ich es 177 auch verſuchen wollte. So, wie ich den dämmern⸗ den Morgen erwartet habe, muß dem Verdammten zu Muthe ſein, auf den der Henkersknecht mit Sonnenaufgang wartet. Ich habe geweint und gebetet— aber das nicht allein— ich habe auch den ernſten feſten Vorſatz gefaßt, von dieſem Tage an keine Karte je mehr zu berühren. Bitten Sie Ihren Landsmann für mich, daß er mir dieſes Mal den Satz erläßt, und vom dämmernden Mor⸗ gen bis in die ſpäte Nacht will ich arbeiten, ihm jene dreihundert Dollar zu bezahlen, die er— wenn auch nur zum Schein— gegen mich gewagt. Ich weiß er hat mich betrogen, aber vor den Augen der Welt bin ich ſein Schuldner.“ „Vater!“ rief die Tochter, flog in ſeine Arme und barg krampfhaft ſchluchzend ihr Antlitz an ſeiner Bruſt—„Vater— mein lieber, lieber Vater.“ Wilder Lärm dicht vor dem Zelte ſtörte ſie empor, und als ſich Alle erſchreckt dorthin wendeten, warf Hale plötzlich und ohne weitere Umſtände die Leinwand zurück. „Thut mir leid, wenn ich ſtöre, Ladies,“ ſagte er dabei,„aber die Sache läßt ſich nun einmal nicht ändern. Squire— wir bringen einen Bur⸗ ſchen, den wir in dringendem Verdacht haben, daß er den armen Teufel Johns erſchlagen und be⸗ Gerſtäcker, Gold. III. 12 * 178 raubt hat.— Hier Sir, tretet einmal vor, und wenn—“ „Charles!“ ſtieß da die Frau in faſt gellendem Schrei hervor, und mußte ſich an der Lehne des nächſten Stuhles halten, nicht in die Knie zu ſinken. Hetſon zuckte bei dem Namen zuſammen, als ob ihn eine Kugel getroffen hätte, aber in den, jetzt faſt marmorbleichen Zügen zeigte ſich nicht die ge⸗ ringſte Veränderung. Nur ſein kaltes dunkles Auge glitt forſchend von der Frau hinüber auf den Angeklagten und haftete auf dieſem, als ob er das Bild deſſelben auf nimmer wieder Laſſen in ſeine Seele ſaugen wolle. Auch der Gefangene war bleich, aber er begeg⸗ nete feſt und ernſt, ja faſt traurig, dem Blick des Richters, und beide Männer ſtanden ſich ſo eine Zeit lang gegenüber. Eine Anzahl Miner hatte in das Zelt, mit ihrer gewöhnlichen Nonchalance nachdringen wollen. Hale wies ſie allerdings zurück, konnte aber doch nicht verhindern, daß Einer oder der Andere den Zelteingang emporhob, einen, wenn auch nur flüch⸗ tigen Blick in das Junere zu gewinnen. Da endlich wandte ſich Hetſon zu ſeiner Frau und ſagte ernſt, aber nicht unfreundlich: „Mein Kind, Du wirſt einſehen, daß hier in * 179 dieſem Augenblick kein Platz für Frauen iſt. Sei ſo gut, und zieh' Dich mit Manuelen zurück. „Und hältſt Du Charles Golway für einen Mörder, Frank?— kannſt Du nur glauben, daß er deſſen fähig wäre?“ frug aber die Frau, wenn auch mit unterdrückter doch dringend mahnen⸗ der Stimme. „Ihm ſoll Gerechtigkeit werden,“ ſagte aber der Richter kalt;„iſt er wirklich ſchuldlos, ſo hat er ſo wenig von uns zu fürchten, als ob er vor einem Gericht ſeines eigenen Landes ſtände. Wäre er aber ſchuldig, ſo müßte er Strafe leiden, und hätte ich in ihm meinen eigenen Bruder wieder⸗ gefunden.“ Die Frau zögerte noch— es war, als ob ſie ſich von der Stelle, auf der ſie ſtand, nicht los⸗ reißen könne. Aber ſie fühlte auch ſelber, daß ihre Gegenwart nicht allein überflüſſig ſei, ja wol gar ſtörend wirken könne, und Manuelens Hand er⸗ greifend, ohne den Blick noch einmal zurückzuwen⸗ den, verließen die beiden Frauen raſch die vordere Zeltabtheilung. „Mr. Hetſon,“ ſagte jetzt der Gefangene, der ihnen mit dem Blicke folgte, bis die Leinwand hinter ihnen niederfiel—„ich brauche Ihnen wohl nicht erſt zu ſagen, daß unſer Begegnen ein unfreiwilliges 12*. 1 180 iſt.— Ihr eigener Sheriff wäre mein beſter Zeuge dafür. Seien Sie aber verſichert, daß es mir un— endlich leid thut, Ihren Frieden hier, wenn auch nur ganz zufällig, geſtört zu haben, und ohne die⸗ ſen unglückſeligen Zufall— ein Zuſammentreffen von Umſtänden— trüge mich jetzt mein Pferd in raſcher Flucht dem nächſten Hafen zu. „Das iſt wenigſtens verdammt aufrichtig ge⸗ ſprochen,“ ſagte der mithereingetretene Cook,„und wird die ganze Geſchichte nur vereinfachen. Daß er gern ausgekniffen wäre, kann ich beſchwören.“ „Mr. Golway— denn ich glaube dies iſt Ihr Name?“ ſagte ruhig der Richter, deſſen ganzes Weſen eine eiſerne Ruhe zeigte. Der Engländer verneigte ſich leicht. „Charles Golway,“ ſagte er feſt. „Charles,“ flüſterte Hetſon leiſe vor ſich hin. Aber nur für einen Moment war der Name im Stande geweſen, ihn von ſeinem Ziele abzuziehen, und mit vollkommen feſter, ruhiger Stimme ſetzte er gleich darauf hinzu: „Mr. Golway, ich brauche Ihnen nicht zu ver⸗ hehlen, daß mir nach alle dem, ohne unſere Schuld Vorgegangenen, ein ſolches Zuſammentreffen mit Ihnen ſchmerzhaft iſt. Nichtsdeſtoweniger bin ich, als Alkalde dieſes Diſtricts, gezwungen meine 181 Pflicht zu thun, und Sie werden erlauben, daß ich darin dem Geſchäftsgang folge.“ Der Gefangene verbeugte ſich ruhig und der Alkalde fuhr, gegen Hale gewandt, fort: „Was veranlaßte Sie einen ſo ſchweren Verdacht gegen dieſen Fremden zu ſchöpfen, Sheriff, und wer iſt ſein Ankläger?“ Hale hatte indeſſen mit einiger Verwunderung die zwiſchen den Beiden gewechſelten Worte mit an⸗ gehört, wenn er auch natürlich ihren Sinn nicht begriff. Jedenfalls mußten ſie aber einander von früher ſchon kennen, und es konnte ihm nicht ent⸗ gehen, daß ſich Keiner von ihnen beſonders freute den Andern hier zu ſehen. Was aber ging das ihn an. Die Frage des Alkalden dagegen war deutlich genug, und der antwortete er denn auch jetzt ebenſo bündig: „Sein Ankläger iſt hier James Cook— ein braver und rechtlicher Farmer aus den Staaten, für deſſen Achtharkeit ich ſelber Bürgſchaft leiſte.“ „Und was haben Sie gegen den Mann zu ſagen, Mr. Cook?“ „Einfach das, Sgire,“ antwortete der Gefragte, „daß ich in ſeinem Beſitz dieſes Stück Gold gefun⸗ den, das ich mit dem kürzlich hier in der Nähe ermordet gefundenen Johns in Carltons Flat zu⸗ 132 ſammen ausgegraben, und von dem ich weiß, daß es Johns, der arme Teufel, nie im Leben aus ſeinen Händen gegeben hätte ſelbſt nicht um den doppelten oder dreifachen Werth, denn er wollte es für ſeine Mutter aufheben oder ihr ſchicken.“ „Und wie ſind Sie in den Beſitz dieſes Goldes gekommen, Mr. Golway?“ „Die Frage ſcheint außerordentlich einfach,“ ant⸗ wortete der Gefangene,„und möchte mir doch ſchwer werden zu beantworten. Gehen Sie hier in das Zelt eines Händlers, nehmen Sie ſeinen Geldbeu⸗ tel, aus dieſem irgend ein beliebiges Stück her⸗ auszuwählen, und fragen den Mann dann um Rechenſchaft, von wem er gerade dieſes Stück be⸗ kommen. Mit vollem Rechte wird er ſagen: das weiß ich nicht; ich kann nicht jedes einzelne Stück betrachten, das ich auf die Wage lege.“ „Sie ſind kein Händler.“ „Nein; aber ich habe in den letzten Tagen, ehe ich meinen früheren Arbeitsplatz verließ, an ver⸗ ſchiedene Leute meine Maſchine, mein Handwerks⸗ zeug, mein Zelt und Bett, ja ſelbſt verſchiedene andere Kleinigkeiten verkauft, und das verſchieden⸗ artigſte Geld dafür bekommen. Der Tod jenes Un⸗ glücklichen thut mir herzlich leid, ich ſelber aber bin unſchuldig an ſeinem Blut, und nur ein Mißver⸗ 183 ſtändniß konnte dieſen Verdacht gegen mich erregen. Allerdings verdenk' ich den Leuten nicht mich des⸗ halb zu Rede geſtellt zu haben, aber laſſen Sie die Sache jetzt auch damit abgethan ſein. Ich bin weder Räuber noch Mörder, und wünſche keine Vergünſtigung weiter, als eben nur ſo raſch als möglich meinen Weg zur nächſten Hafenſtadt, nach San Francisco, fortſetzen zu können, mich dort un⸗ verzüglich wieder einzuſchiffen.“ „Daran zweifle ich gar nicht im Geringſten,“ nahm Hale hier das Wort,„damit das aber eben nicht geſchieht, haben wir Euch einſtweilen feſtgehal⸗ ten, guter Freund. Cook iſt jeden Augenblick bereit zu beſchwören, daß dieſes Stück Gold dem Ermorde⸗ ten gehörte, und noch vor wenigen Tagen in ſeinem Beſitz war, und bis Ihr uns nicht den Mann geſtellt habt, von dem Ihr es bekommen, müſſen wir Euch— eben für den halten, der es ihm abge⸗ nommen.“ „Es iſt auch gerade genug Amerikaniſch Blut in Californien vergoſſen worden,“ fiel da Cook ein, „Euch Ihr Herren Fremden etwas ſchärfer auf die Finger zu ſehen, als das bis jetzt geſchehen, und ſelbſt die ehrlichen Leute unter Euch dürfen uns das nicht verdenken. Wo England und ganz Eu⸗ ropa ſeine Zuchthäuſer nach Amerka ausleert, haben 184 wir Amerikaner, ſollt' ich meinen, das Recht, in jedem, der von dort kommt, etwas Aehnliches zu vermuthen. An der Naſe kann man es Nieman⸗ dem anſehen, wie es mit ſeinem Herzen ſteht, und ſinden ſich dann gar noch ſolche Beweiſe, dann— dächte ich wenigſtens— bedürfte es eines anderen Zeugniſſes als des bloßen Wortes, einen ſolchen Vogel wieder fliegen zu laſſen.“ „Halten Sie mich einer ſolchen That für fähig, Mr. Hetſon?“ frug da der Gefangene, ſich faſt unwillig an den Alkalden wendend. „Meine eigene Meinung, Sir,“ erwiderte aber dieſer,„kommt hier nicht in Frage, ob ſie zu Ihren Gunſten oder zum Gegentheil ausfiele. Wir ſtehen hier auf Californiſchem Boden, und unter Cali⸗ forniſchen Geſetzen, und denen müſſen wir uns Beide fügen. Alles aber, was in meinen Kräften ſteht, Sie in den zu führenden Beweiſen für Ihre Unſchuld zu unterſtützen, will ich thun, wie das ja auch ſchon meine Pflicht erheiſcht. Sagen Sie mir alſo aufrichtig, was Sie von jenem Stück Gold wiſſen, und wen h Si zu Ihren Gunſten als Zeugen nennen können.* „Alle, die für mich zeugen könnten,“ antwortete Golway,„ſind am Macalomez ſie aber zu nennen wär' ich nicht im Stande, denn von den Wenig⸗ * ſten kenn' ich ſelbſt nur den Vornamen. Einen, allerdings, traf ich heut' morgen in der Nähe des Paradieſes oben in den Hügeln, aber er wollte ſich hier nur ganz kurze Zeit aufhalten und iſt jeden⸗ falls zu ſeinem alten Minenplatz zurückgekehrt.“ „Und wie hieß der?“ „Seinen Namen habe ich nie gehört. Ich weiß nur, daß er ein geborener Amerikaner iſt.“ „Und Sie ſind auch nicht im Stande, die Leute genauer zu bezeichnen, von denen Sie Gold für Werkzeug oder andere Sachen bekommen?“ „Wenn ich ſie ſähe— ja. Einer davon be⸗ findet ſich ſogar hier im Ort, und ich habe mein lahmgewordenes Pferd an ihn verkauft. Von dieſem glaub' ich auch feſt, daß ich das Stück erhalten, ich weiß wenigſtens, daß er mir grobkörniges Gold gab, wenn ich auch gerade nicht in der Stimmung war beſonders darauf zu achten. Ich konnte nicht denken, daß es ſolche Folgen haben würde?“ „Und wiſſen Sie auch deſſen Namen nicht?“ „Nein— wer fragt hier einen Anderen nach dem Namen, wenn man einen Handel abſchließt? Hätte der Burſche überdies das Gold auf unred⸗ liche Weiſe gewonnen, ſo würde er jedenfalls leugnen, und ich ſelber wäre nicht im Stande meine Aus⸗ ſage zu beſchwören.“ — 186 „Aber Ihr wißt doch ungefähr, wie er ausſah, und wo er arbeitet?“ frug Hale, der nach dieſen ſo unbeſtimmt gehaltenen Antworten gar nicht mehr daran zweifelte, den wirklichen Mörder vor ſich zu haben. Nur die Leute wünſchte er jetzt aufzufin⸗ den, die Jener angab, um mit deren Ausſagen ihn dann deſto ſicherer zu überführen. „Er ſah aus wie alle derartige Leute, die hier in den Minen herumhacken,“ ſagte Golway finſter, „und arbeitete drüben gleich an dem Berghang, wo die Büſche noch eine Strecke in das Thal hinab⸗ laufen. Ein ſchmaler Reitpfad führt von dort in dieſes Camp, und ganz in der Nähe arbeiten auch mehrere Neger.“ „Oh ich weiß jetzt ſchon— und Euer Pferd war lahm, ſagt Ihr?“ „Ja, es hatte ſich an einem trockenen Aſte die Haut und das Fleiſch des rechten Vorderbeins auf⸗ geriſſen. Ein braunes Pferd, das linke Hinterbein über den Feſſeln weiß, und mit einem ebenſolchen Stern auf der Stirn.“ 3 1 „Nun, der iſt aufzufinden,“ ſagte Hale,„So viel lahme Pferde wird es im Paradies nicht geben. Aber wie bekommen wir die Zeugen vom Macalome herüber, wenn Ihr ſelber nicht im Stande ſeid nur die Namen zu nennen?“ 187 „Geben Sie mir Jemanden mit hinüber und ich will ſelber—“ „Ja, kann ich mir denken,“ rief der Sheriff— „jetzt wo der ganze Buſch voll von Indianern ſteckt. Ich weiß nicht einmal, ob wir einen Boten finden würden, der hinüberreiten möchte.“ „Und was könnten die auch helfen,“ ſagte Cook, „höchſtens bezeugen, daß Ihr drüben gearbeitet habt, denn daß Ihr den Platz nicht einmal auf einen halben Tag oder in der Nacht verlaſſen, wird Keiner im Stande ſein zu beſchwören.“ 3 „Und wie bewachen wir den Burſchen jetzt?“ frug Hale—„lange können wir ihn nicht halten und Gefängniſſe haben wir auch nicht.“ „Wir können Nichts weiter thun, Mr. Hale,“ ſagte aber der Alkalde,„als an Ort und Stelle erſt den Thatbeſtand zu conſtatiren und die Zeugen zu vernehmen. Halten wir ihn dann für ſchuldig, ſo müſſen wir ihn an die Diſtricts⸗Court abliefern, die ſein Urtheil ſprechen wird. Mir ſteht kein Recht zu über Leben oder Tod.“ „Aber der Jury ſteht es zu,“ rief Cook wild dazwiſchen.„Glaubt Ihr, wir werden den Mörder eines ſo ehrlichen braven Burſchen wie je Einer ſeine Büchſe in den Amerikaniſchen Wäldern ge⸗ führt, den Advokaten nach Golden gate oder gar nach San Francisco hinüberſchicken, daß ſie ihn dort nach Gutdünken wieder laufen laſſen 2“ „Ihr werdet thun, Sir,“ ſagte der Richter ernſt, „was Euch die Geſetze gebieten.“ „Wenn Ihr das glaubt,“ lachte Cook,„dann kennt Ihr die Californier nach nicht. Aber ver⸗ dammt will ich ſein—“ „Ruhig Cook,“ unterbrach ihn aber Hale— „die Sache geht jetzt ihren Gang und daran könnt Ihr Nichts ändern, ob Ihr den lieben Herr Gott oder den Teufel zu Hülfe ruft. Die Hauptſache i*ſt jetzt, den Burſchen ſo zu bewachen, daß er nicht auskneifen kann.“ „Ich werde Euch nicht entfliehen,“ ſagte der Gefangene ruhig. „Ja, das iſt Alles ſehr ſchön,“ meinte der Sheriff;„auf die bloße Verſicherung hin möchte ich aber gerade nicht bauen. Noch etwas zu ſagen, Mr. Hetſon?—“ „Nein— Ihr ſorgt mir dafür, daß dem Ge⸗ fangenen Nichts abgeht—“ „Zu eſſen und zu trinken ſoll er haben.“ „Und daß er nicht beleidigt wird—“ „Er iſt unter meiner Obhut,“ ſagte Hale fin ſter, und bis wir nicht beſtimmt wiſſen, ob er ſchuldig 189 iſt, werd' ich ihm die Burſchen ſchon vom Leibe halten.“ „Und wo wollt Ihr ihn bewachen?“ „In meinem eigenen Zelte— freiwillige Wachen werden ſich ſchon dazu finden.“ „Es iſt gut. Noch einmal, Mr. Golway, es thut mir leid, Sie in ſolcher Lage zu ſehen, aber—“ „Thun Sie Ihre Pflicht, Sir,“ ſagte Golway, mehr verlang' ich von Ihnen nicht.“ „Sonſt noch Etwas, Squire?“ frug der Sheriff. Mr. Hetſon ſchüttelte mit dem Kopfe, und die beiden Männer führten den Gefangenen im nächſten Augen⸗ blick weg, ihn in des Sheriffs Zelt unter ſicherem Gewahrſam zu bringen, bis die Jury zuſammen⸗ gerufen ſein würde. Dooctor Raſcher hatte dem ganzen Verhör ſchwei⸗ gend, aber als aufmerkſamer Zuſchauer beigewohnt. Jetzt erſt, als die Männer das Zelt verlaſſen hat⸗ ten, wandte er ſich an Hetſon, und zu ihm gehend und ſeine Hand ergreifend, ſagte er: „Mr. Hetſon, meine feſte Ueberzeugung nennt den Mann unſchuldig.“ „Und das Gold?“ „Wie leicht kann das bei ſolchen Verkäufen durch den wirklichen Verbrecher, möglich ja auch ſchon wieder durch die zweite oder dritte Hand in 190 ſeinen Beſitz gekommen ſein— und halten Sie den Mann, dem Ihre Gattin einſt die Hand reichen wollte, für ſolcher That nur fähig?“ „Die Frage hat er ſelber ſchon an mich ge⸗ richtet,“ ſagte Hetſon mit finſterem Blick—„wer aber will ein Menſchenherz ergründen?“ „Sie haben das ſeine ergründet,“ ſagte aber der alte Mann mit feſter Stimme—„Sie ſo gut wie ich. Sie ſind überzeugt, daß er das Ver⸗ brechen nicht begangen hat— nicht begehen konnte, und Sie müſſen Alles das, was in Ihren Kräften ſteht, thun, ihm die Beweiſe zu verſchaffen, die er dazu braucht— wenn nicht Ihr ganzes ſpäteres Leben ein einziger langer Vorwurf— ein Leben bitterer Reue werden ſoll.“ „Er ſteht unter dem Geſetz,“ ſagte Hetſon finſter.“ „Das thun wir Alle,“ erwiderte der Doctor— „Ihnen aber brauche ich wol kaum zu ſagen, wie es mit den Geſetzen hier in Californien ſteht, und wie die aufgeregte Menge, wo ſie glaubt, daß ihr die Geſetze ſtörend in ihrem Wege liegen könnten, in wildem Aufruhr Geſetz und Ordnung unter die Füße tritt, der eigenen Neigung nur im Augenblick zu folgen. Ich hätte nicht die langen Jahre in 191 den Staaten leben, nicht dort Zeuge ihrer willkür⸗ lichen Lynchgeſetze ſein müſſen.“ Hetſon hatte ſich in einen Stuhl geworfen, und ſtützte den linken Ellbogen, düſter dabei vor ſich niederſehend, auf den Tiſch. Er hörte nicht, wie ſeine Frau leiſe wieder in das innere Zelt getreten war— wie ſie auf ihn zu ſchritt. Erſt als ſie ihre Hand leicht auf ſeine Achſel legte und ſeinen Na⸗ men flüſterte, hob er langſam ſeine Hand empor, die ſite faßte, aber den Kopf drehte er nicht nach ihr um. „Frank,“ ſagte da die Frau mit flüſternder, angſtbebender Stimme—„ich habe Alles gehört; die dünne Zeltleinwand iſt nur ein ſchwacher Schutz gegen das laute zornige Wort der Männer.— Sie haben Böſes mit dem Unglücklichen im Sinn und Du— Du wirſt— ihn nicht ſchützen können.“ „Und wenn er den Mord wirklich verübt hätte?“ ſagte Hetſon, ohne zu ihr aufzuſchauen. „Frank— um Gotteswillen,“ bat aber in Todesangſt die Frau—„die Frage kam nicht aus Deiner eigenen Seele.“ „Ein Stück des Goldes, das dem Todten ge⸗ hörte, iſt bei ihm gefunden worden.“ „Und wenn ein Engel vom Himmel niederſtiege,“ rief da Jenny in wilder Leidenſchaft,„und ſagte, 192 er iſt ſchuldig, ich ſagte nein, nein, und tauſendmal nein.“ „Jenny?“ rief Hetſon, erſtaunt von ſeinem Stuhle aufſtehend und ſie anſehend— Du biſt außer Dir.“ „Mrs. Hetſon,“ bat auch Doctor Raſcher— „bitte faſſen— mäßigen Sie ſich.“ „Und weshalb?“ rief aber die Frau in furcht⸗ barer, faſt krampfhafter Aufregung.„Hab' ich meinem Herzen nicht genug Gewalt angethan dieſe langen Jahre?— hab' ich einen anderen Gedanken gekannt wie dieſes Mannes Frieden— einen anderen See⸗ lenwunſch als ihn glücklich zu ſehen, und von dem unglückſeligen Wahn zu heilen, der ihn befangen hielt und ſeine Kräfte lähmte? In dieſe Wildniß ſelbſt, zwiſchen eine Horde von Menſchen, vor deren Rohheit ſogar die Indianer zurückweichen, bin ich ihm gefolgt— mein ganzes Leben hab' ich ihm, nur ihm allein geweiht, wahr und ehrlich.— Aber auch das Leben ſelbſt hat eine Grenze. Es giebt einen Punkt, der mich zum Wahnſinn treiben— es giebt eine Stelle in meinem Herzen, die Ihr zu Tode treffen könnt. Wahrt Euch davor, denn ich ſelber— ſtehe nicht für die Folgen.“ „So liebſt Du Deinen früheren Verlobten noch?“ 2. ————— 5———Q—— 193 frug der Mann, und ſeine Stimme klang hohl, faſt geiſterhaft. „Lieben,“ wiederholte einfach und matt die Frau, und der ausgeſtreckte Arm ſank an ihrer Seite nieder.„Lieben?— ja, wie man einen Todten liebt.— Aber nicht noch einmal will ich ihn vor meinen Augen morden ſehen,“ ſetzte ſie raſcher und heftiger hinzu.„Spiel' nicht mit den Gefühlen, Frank, die Gott uns ſelber in das Herz gelegt, und die wir nicht vertilgen können, ohne das Gefäß zu brechen. Dieſer Mann war meine erſte heiße Liebe, und wenn ich auch das Gefuͤhl ſelbſt mit der Wurzel aus der eigenen Bruſt geriſſen habe, die feinen Faſern, die es früher hielten und nährten, blieben darin zurück. Ich habe ihm entſagt, und Deiner Liebe froh, Frank, ſoll nicht der Schatten ſeines Bildes mehr zwiſchen uns treten— aber Du kannſt nicht verlangen, daß ich ihn vergeſſen ſoll— Du kannſt nicht glauben, daß ich ſeinem Mörder—“ „Jenny!“ ſchrie Hetſon, erſchreckt die Hand ge⸗ gen ſie ausſtreckend.. „Es iſt gut—“ ſagte die Frau kurz abbrechend —„Sott wird uns nicht mehr auferlegen, als wir tragen können, und thut er es doch— dann liegt ja gerade in der Krankheit ſelbſt die Heilung auch für alles Leid.“ Gerſtäcker, Gold. III. 13 194 „Beruhigen Sie ſich, beſte Mrs. Hetſon,“ bat da Doctor Raſcher, der auf ſie zugegangen war und ihre Hand ergriffen hatte.„Iſt Mr. Golway wirklich unſchuldig, woran ich ſelber keinen Augen— blick zweifle, ſo hat er für ſein Leben, für ſeine Frei⸗ heit Nichts zu fürchten. Zufällige Umſtände aber ſprechen gegen ihn, und von denen muß er erſt, auch den Augen der Welt gegenüber, gereinigt wer⸗ den. Ruhig können Sie indeſſen dem Ende der Unterſuchung entgegenſehen, und daß Alles ge⸗ ſchehen ſoll dem Fremden hier gerecht zu werden, dafür laſſen Sie mich— dafür laſſen Sie Ihren eigenen Gatten ſorgen.“ Hetſon war, wie Jenny aufgehört hatte zu ſprechen, wieder in ſeine alte Stellung auf den Stuhl zurückgeſunken, und Jenny wollte ſich noch einmal an ihn wenden. Raſcher bat ſie aber, mehr durch Zeichen als durch Worte, ihn jetzt allein, ihn ungeſtört zu laſſen, und ſich der Bitte fügend drückte ſie mit einem tiefen Seufzer ſeine Hand, und verließ langſam den vorderen Theil des Zel⸗ tes, ſich in ihr eigenes kleines Gemach zurück⸗ zuziehen. „Mein lieber Hetſon,“ ſagte Doctor Raſcher, als die Frau hinter der Leinwand verſchwunden war— indem er auf den Mann zuging; Hetſon 195 unterbrach ihn aber und ihm, doch nicht unfreund⸗ lich die Hand entgegenſtreckend, ſagte er leiſe: „Bitte laſſen Sie mich jetzt einen Augenblick allein, lieber Doctor. Ich habe ſo Manches in mir ſelber zu ſuchen und zu ordnen, daß ich damit erſt in's Reine kommen möchte, ehe ich mich an⸗ deren, von außen auf mich wirkenden Eindrücken hingeben möchte. Sie nehmen mir das nicht übel, nicht wahr?“ „Ich kann Sie in keiner beſſeren Geſellſchaft laſſen,“ ſagte der alte Mann herzlich.„Das Edle und Gute, das in ſo reichem Maße in Ihrem Her⸗ zen liegt, wird bei einer ſolchen Selbſtſchau über all Ihre ſchon früher überwundenen böſen Träume und Gedanken, dann leicht die Ueberhand gewin⸗ nen. Wenn ich wiederkehre, hoffe ich, daß Sie mir mit offener und froher Stirn entgegentreten werden.“ Hetſon erwiderte Nichts darauf, und als der Doctor das Zelt ſchon lange verlaſſen hatte, ja als ſchon der Abend ſeine Dämmerſchatten über das Thal warf, ſaß der Mann noch immer, den Kopf in die Hand, den Ellbogen auf den Tiſch geſtützt, und ſtarrte ſtill und ſchweigend vor ſich nieder. Capitel 7. Der Abend im Lager. Wie ein Lauffeuer hatte ſich indeſſen das Ge⸗ rücht in dem kleinen Orte verbreitet, daß man den Mörder jenes unglücklichen Johns entdeckt und ein⸗ gefangen. Alle Welt wußte dabei im Augenblick, daß er ein Engländer, und zwar ein von Auſtra⸗ lien entſprungener oder gar von der Engliſchen Regierung hier herübergeſchaffter Deportirter ſei. Daß er nun ohne Weiteres an den nächſten Baum aufgehangen werden müſſe, verſtand ſich von ſelbſt. Außerdem hatten die Leute an dem heutigen unruhigen Tage gar Nichts gearbeitet, ſondern nur in den verſchiedenen Zelten, wie ſie gerade in der Nähe waren, ihren Durſt in Spirituoſen gelöſcht, 197 dadurch aber ſich natürlich nur noch immer mehr aufgeregt. H Die Rückkehr des gegen die Indianer ausge⸗ zogenen Trupps vermehrte nur dieſe Stimmung, und die dabei betheiligt Geweſenen waren um ſo mehr gereizt, da ſie keinen einzigen Indianer— wie ſie ſich ausdrückten—„zum Schuß bekommen konnten.“ Bald hier bald da aber aus den ſchwer zugänglichen Felsſchichten, oder aus den Büſchen heraus waren Pfeile auf ſie geflogen, deren Spitzen ſte hier und da leicht verwundeten, ohne daß ſie im Stande geweſen wären, die wie in den Boden hinein verſchwundenen Schützen zu entdecken. Siftly war beſonders wüthend, denn ſie hatten ihm ſein Pferd an drei oder vier Stellen getroffen, und doch mußten ſie die Verfolgung zuletzt, ohne das geringſte Reſultat, aufgeben. Die Indianer zogen ſich in die Berge zurück, und es wäre gefährlich für ſie geweſen, ihnen in den ſteilen Schluchten noch länger zu folgen. Niederbröckelnde Steine und Felsblöcke bedrohten ſie überdies von allen Seiten, zeigten ihnen, daß der wachſame Feind alle Ho⸗ hen beſetzt hatte und doch, auf ſolchem Terrain ihnen unerreichbar blieb. Siftly hatte ſich in den letzen Tagen, in der Abſicht dort ein eigenes, nur mit Smith getheiltes Spiellokal zu gründen, am äußerſten Ende des Paradieſes ein beſonderes Zelt errichtet, das von den letzten Wohnungen blos durch ein paar aus⸗ geworfene aber jetzt nicht mehr bearbeitete Gruben getrennt war. Dadurch enthob er ſich der Concur⸗ renz benachbarter Spieltiſche, und kannte ſeine Leute gut genug, zu wiſſen, daß ihm dort Alles zu⸗ ſtrömen würde, ſobald Manuela nur in ſeinem Zelte ſpiele. Wenn die Burſchen auch keinen Sinn dafür hatten, hörten ſie doch gern Muſik, und ſchon das Neue der Sache hätte ſie unwiderſtehlich an⸗ gezogen. Dort beſchäftigte er ſich jetzt mit ſeinem Pferde, von deſſen naſſem Rücken er den Sattel geworfen hatte, und wuſch ihm, läſterliche Flüche dabei in den Bart murmelnd, die von den Pfeilen verwundeten Stellen mit Branntwein aus, als die Straße herauf Boyles auf ihn zukam und neben ihm ſtehen blieb. Im Anfang nahm der Spieler wenig Notiz von ihm, denn er war ärgerlich, daß gerade Boyles ſich ihrem Zug nicht angeſchloſſen hatte— ärgerlich über den ganzen mißglückten Zug ſelber— ärger⸗ lich über die ganze Welt. Boyles aber ging trotz⸗ dem nicht von der Stelle, ſah ihm eine Weile zu und ſagte dann: „Siftly, ich bin hergekommen, Euch mit meinem 199 beſten Dank das neulich geborgte Gold zurück⸗ zuzahlen.“ „Den Dank könnt Ihr ſparen,“ brummte der Spieler,„gebt mir nur das Gold— Ihr ſcheint doch lieber draußen zu hacken und zu graben, als Euch auf leichtere Art das Glück zu zwingen. Nun Jeder nach ſeiner Neigung oder— ſeinen Fähig⸗ keiten.“ „Ihr habt recht,“ ſagte Boyles ruhig—„ich paſſe nicht zum Spieler, das hat mich Smith neulich gelehrt, und überlaſſe das Geſchäft deshalb lieber — geſchickteren Leuten. Hier ſind die vier Unzen in dem Beutel; Ihr mögt es nachwiegen, es wird gerade treffen.“ „Schon gut,“ ſagte Siftly, das dargereichte Gold gleichgültig in ſeine Taſche ſchiebend—„geht aber da hinten vom Pferde weg. Der Branntwein brennt ihm die Wunden und es ſchlägt.“ „Ihr ſcheint alſo doch mit den Indianern zu⸗ ſammengetroffen zu ſein.“ „Gott verdamme die Hunde— aber was ſchiert das Euch! Euere Haut hattet ihr wenigſtens in Sicherheit.“ 4 Boyles antwortete Nichts darauf und ſah eine Weile ſchweigend dem Manne zu, endlich nahm er das Geſpräch wieder auf. —— —— — 200 „Hier im Camp,“ ſagte er,„iſt indeſſen Allerlei vorgefallen.“ „Ich weiß,“ brummte Jener.„Sie haben Johns' Mörder erwiſcht. Bin nur neugierig, wer die feine Naſe gehabt hat.“ „Jener Cook,“ ſagte Boyles.—„Er hatte mit Johns eine Weile gearbeitet und kannte einen Theil des Goldes, das der Ermordete bei ſich ge⸗ führt. Beſonders ein kenntliches Stück war dar⸗ unter, das er im Beſitz des Fremden fand, und darauf hin iſt der Mann verhaftet worden.“ Siftly hatte mit ſeiner Arbeit aufgehört, und ſeinen rechten Ellbogen auf das Pferd ſtützend, blickte er den Erzähler überraſcht und aufmerkſam an. „Ein beſonderes Stück?“ lachte er endlich,„das müßte wirklich beſonders ſein, wenn er da eins vom anderen unterſcheiden wollte.“ „Er will darauf ſchwören.“ „Dann werden ſie ihn hängen,“ lachte der Spieler gleichgültig,„was kümmert's mich! Ver⸗ damm die Fremden— ſo iſt einer weniger da.“ „Wißt Ihr, Siftly,“ ſagte aber Boyles, während er ſich umſah, ob Niemand in der Nähe wäre— „wißt Ihr, was das— iſt Jemand in Euerem Zelt drin?“— „Nein— was ſoll's?“ 201 „Wißt Ihr, was das für ein Stück Gold war, auf das ſie ihn verhaftet haben?“ „Ob ich das weiß? Seid ihr verrückt oder be⸗ trunken?— wie ſoll ich das wiſſen?“ höhnte der Spieler. „Eines von denen,“ fuhr Boyles, ohne ſich jedoch außer Faſſung bringen zu laſſen, fort,„das Ihr mir neulich Morgens geborgt habt.“ „Ich?“ rief aber Siftly in wildem Grimm emporfahrend—„habt Ihr etwa Luſt mich in die Geſchichte mit hineinzubringen, irgend einer tollen Idee zu Liebe, die Ihr Euch in den Kopf geſetzt? Verdamm es, Boyles, Euch wäre in dem Falle wohler, Ihr hättet Californien in Euerem Leben nicht betreten.“ Der Blick, den er dabei dem jungen Manne zuſchleuderte, war ſo drohend und wilder Leiden⸗ ſchaft voll, daß dieſer faſt unwillkürlich davor zurückſchrak. Das aber, was ihm ſeit einer Stunde etwa mit ſchwerer Sorge auf dem Herzen lag, mußte er davon abſchütteln— er mußte für ſich ſelber wenigſtens Gewißheit in der Sache haben, und fuhr mit ruhiger aber doch zitternder Simme fort: „Mißverſteht mich nicht, Siftly. Ihr habt Euch ſtets freundlich gegen mich gezeigt, und ich wäre der Letzte, der Euch in irgend eine unangenehme 2⁰02 Geſchichte verwickeln möchte— aber— eine Frage müßt Ihr mir beantworten— mir allein, keinem weiteren Menſchen; alles Uebrige überlaßt dann mir.“ 1 „Erſt ſagt mir,“ frug ihn da Siftly zurück, wer Euch eine ſolche tolle Idee in den Kopf ge⸗ ſetzt hat.“ „Welche?“ „Daß Ihr das Gold von mir bekommen habt — und wie kam es ſpäter in des Fremden Hand?“ „Ich kaufte ihm ſein lahm gewordenes Pferd ab.“ „Lahm geworden?“ frug Sifly aufmerkſam wer⸗ dend—„der vermeintliche Mörder iſt ein Eng⸗ länder, wie?“ „Ja— ein noch junger Mann.“ „Das Pferd war ein Brauner, mit weißem Stern, und wenn ich nicht irre einem weißen Hinterbein.“ „Allerdings— Habt Ihr es früher ſchon ge⸗ ſehen?“ Ein boshaft höhniſches Lächeln zuckte um Mund und Augen des Mannes, als er, ohne die letzte Frage zu beantworten, vor ſich hin brummte: „Alſo der Burſche iſt's— dem hätt' ich ein ähn⸗ liches Ende etwa prophezeiht.— Aber es geſchieht ihm recht, warum kommt er hierher!“ 203 „Alſo Ihr kennt ihn?“ „Vom Anſehn, und der hat geſchworen, daß er das Gold von Euch bekommen habe?“ „Nein, das hat er nicht— er hat ſogar geſagt, er könne es nicht beſchwören, da er in der letzten Zeit mehrere Sachen verkauft, und die einzelnen Stücken nicht ſo genau betrachtet habe. Aber er glaubte, daß es unter dem Gold geweſen, das er von mir er⸗ halten hätte, und der Sheriff ſtellte mich deshalb zur Rede.“ „Hale?— ſo?— und Ihr?“ „Siftly,“ ſagte der junge Mann, und drehte ſich halb ab von dem Spieler, denn er ſchämte ſich ſeines Rothwerdens—„ich— gab ausweichende Antworten— ich— ſagte dem Sheriff, daß ich das Stück Gold nicht kenne.“ „Nun?“— dann iſt ja Alles in Ordnung,“ lachte Siftly,„was wollt Ihr mehr?“ „Was ich mehr will?“ frug Boyles erſtaunt— „Ihr vergeßt, daß ſie auf den Beweis des gefun⸗ denen Stückes hin den Unglücklichen hängen können.“ „Das iſt ihre und ſeine Sache,“ brummte der Spieler, indem er ſeinem Thier den Zaum abnahm und bei Seite trat, es frei laufen zu laſſen.“ „Aber der Mann iſt unſchuldig,“ flüſterte Boyles. „Und woher wißt Ihr das?“ frug Siftly kalt. ——— „Siftly— beim ewigen Gott, das Stück Gold habe ich von Euch bekommen,“ verſicherte aber Boyles feſt, wenn auch mit unterdrückter Stimme— „Ich kenne es zu genau, denn es gefiel mir ſo, daß ich es behalten und ſpäter für eine Tuchnadel beſtimmen wollte.— Hätte ich es gethan!— heut' Morgen aber vergaß ich drauf— ich dachte nur an das Pferd, mit dem ich einen vortrefflichen Handel gemacht.“ „Und was wollt Ihr jetzt von mir?“ unterbrach ihn Siftly, und wieder haftete auf jenem der dunkel drohende Blick des Mannes. „Euch fragen, woher Ihr das Stück Gold be⸗ kommen.“ „um mich nachher ebenfalls mit vor Euere langweilige Jury zu bringen, heh?“ „Hab' ich Euch nicht geſagt, daß ich ſelber den früheren Beſitz des Goldes ſchon geleugnet?“ „Ah, ich vergaß,“ lachte der Spieler.„Alſo nur zu Euerer eigenen Beruhigung verlangt Ihr die Prage beantwortet?“ „Jc. „Nun, den Gefällen will ich Euch thun, wenn Euch das beruhigen kann, denn ich glaube doch nicht, daß Ihr wahnſinnig genug geweſen ſeid mich etwa für den Mörder zu halten. Das 205 ich Euch an dem Morgen geborgt, habe ich den Abend vorher einem Mexikaner drüben im Cedar valley abgewonnen.“ „Und kennt Ihr den Burſchen?“ „Kennen?— woher ſoll ich ihn kennen? Ich habe auf ſein Gold und ſeine Karten und Finger geſehen, nicht auf ſein Geſicht— und überdies weiß es der Henker, dieſe Seüores ſehen ſich einander Alle gleich.“ „Aber dann,“ rief Boyles, dem ſich mit der Antwort eine Centnerlaſt von der Seele wälzte, „kann man ja auch dem armen Teufel helfen, dem der Strick ſchon verdammt nahe am Halſe ſttzt. Wenn ich Hale—“ „Ihr ſeid wol toll?“ rief aber Siftly finſter, „mich wollt Ihr in all die Unannehmlichkeiten ver⸗ wickeln, einem der verwünſchten Fremden herauszu⸗ helfen? das wäre nicht übel. Wo glaubt Ihr wol, daß ich im Stande wäre den Mexikaner wieder aufzufinden, von dem ich das Gold erhalten, heh? und ſoll ich mich ſo lange Zeit in Unterſuchung herumſchleppen laſſen? Verdammt wenn ich's thue.“ „Aber Ihr könnt doch nicht wollen, daß der Fremde unſchuldig gehangen wird, Siftly?“ „Unſchuldig?— wißt Ihr, ob es unſchuldig ge⸗ ſchieht? Er iſt jedenfalls Einer jener Engliſchen ——— 206 Verbrecher, Räuber und Mörder, mit denen die Staaten überſchwemmt werden, und ob er hier ge⸗ hangen wird oder in San Francisco, bleibt ſich gleich. Ich aber, das kann ich Euch verſichern, bin nicht geſonnen für ihn einzutreten, und wagt Ihr dem Sheriff meinen Namen zu nennen, ſo mögt Ihr auch die Folgen ſelber tragen.“ „Ich ³ „Wie wollt Ihr mir beweiſen, daß Ihr das Gold von mir bekommen habt, heh?— oder habt Ihr etwa den Miſſiſſippi⸗Sumpf ſchon ganz ver⸗ geſſen?“ „Siftly, an dem Tode jenes Mannes war ich unſchuldig,“ rief aber Boyles, und ſein Geſicht wurde aſchenfahl—„Ihr wißt das auch, Ihr müßt es wiſſen, und hätte ich eine Minute früher von jenes Buben Abſicht eine Ahnung gehabt, es wäre nicht geſchehn— wenigſtens nicht in meiner Ge⸗ genwart.“ „Ihr habt alſo den Tag doch noch nicht ganz vergeſſen,“ lachte Siftly. „Und wenn ich tauſend Jahre alt würde,“ ſtöhnte zuſammenſchaudernd der junge Mann,„ich könnte ihn nicht vergeſſen.“. „Deſto beſſer für Euch dann,“ ſagte Siftly trocken—,„jener Burſche war ein Verräther, 2 und wenn Ihr wißt, was Euch gut iſt, haltet Ihr den Mund und laßt die Welt ihren Gang gehen, — den Ihr nun doch einmal nicht ändern könnt. Soviel aber ſeid verſichert; tretet Ihr gegen mich mit dieſer wahnſinnigen Klage auf, ja gebt Ihr einem Andern nur den Wink dazu, dann fühl' ich mich ebenfalls nicht länger verbunden zu ſchweigen, und mit ſolchem Beweis gegen Euch, wollen wir dann einmal ſehn, für was die Jury ſich entſcheiden würde.“ „Aber Siftly, um Gotteswillen.“ „Geht zum Teufel,“ rief aber der Spieler— „das ſind Freunde, ha ha ha. Das Sprüch⸗ wort hat bei Gott recht, mit ſeinen Feinden kann Einer weit eher fertig werden. Macht übrigens jetzt was Ihr wollt. Dem Sheriff habt Ihr ſchon geſagt, daß Ihr das Gold nicht kennt, und daß es der Fremde nicht von Euch erhalten hat. Jetzt geht wieder zu ihm und erzählt ihm, es wäre Euch ge⸗ rade eingefallen, daß ich der frühere Beſitzer ſein könne, da ich— vor ein paar Tagen dumm ge⸗ nug geweſen wäre Euch Geld zu borgen. Laßt mich nachher gegen Euch auftreten, und wir wollen dann doch einmal ſehen, für wen ſich die Jury am meiſten intereſſiren wird. Unſere eigene Rechnung machen wir dann ſpäter miteinander ab,“— und 1 8 — ohne auf eine Antwort des Mannes zu warten, griff er Sattel und Zaum auf, und trug das Reit⸗ zeug in ſein Zelt hinein. Boyles wartete noch eine Weile, aber der Spieler kam nicht zurück. So mochte er jedoch von dem Mann, den er weit mehr fürchtete als liebte nicht ſcheiden, und zögernd wie unſchlüſſig— ein Bild ſeines ganzen Charakters, der ihn zum Spielball in den Händen eines ſolchen Menſchen wie Siftly machte — betrat er endlich nach ihm das Zelt. Eine Viertelſtunde blieb er etwa da drinnen, dann kamen die Beiden, Siftly ſeinen linken Arm vertraut auf Boyles' Schulter lehnend, wieder heraus, und ſchritten langſam die Straße hinab, in die Stadt. Ueberall ſtanden hier einzelne Gruppen von Männern beiſammen, die mit dem dämmernden Abend die Vorgänge des heutigen ereignißreichen Tages beſprachen. Im Anfang hatte man ſich noch für die Meri⸗ kaner intereſſirt; aber dieſe mochten vielleicht ge⸗ fürchtet haben, daß die Amerikaner ſie mit ein⸗ brechender Nacht noch einmal angreifen würden— oder hatten ſie ſich auch geſchämt, nach ihrer heu⸗ tigen Niederlage noch länger hier zu bleiben, kurz bald nach Mittag waren die Letzten die Flat hinab, in die Berge hinein gezogen, und keiner von ihnen mehr auf dem weiten Plan zu ſehen. Seit dieſe übrigens verſchwunden, nahm der entdeckte und aufgegriffene Mörder des Amerikaners— denn daß er es wirklich ſei, daran zweifelte Niemand— die Aufmerkſamkeit der Leute völlig in Anſpruch, und Siftly, von dem ſich Boyles in der Stadt trennte, verweilte hier und da bei den einzelnen Gruppen, zu hören was darüber geſprochen würde. Die Männer ſchienen übrigens ziemlich allge⸗ mein der Anſicht, daß die Jury am nächſten Mor⸗ gen zuſammenberufen würde, und gegen Abend konnte man ihn dann hängen. Was nämlich ſeine Auslieferung an die Diſtricts⸗Court betraf, ſo ſchwor Briars und deſſen Genoſſen, daß ſie verdammt ſein wollten, wenn das geſchehen ſollte. Sie wären hier Manns genug, mit ſolch einem Auſtraliſchen Sträfling fertig zu werden, und wenn die Advo⸗ katen in der Diſtricts⸗Court Futter haben wollten, ſollten ſie es ſich ſelber verſchaffen. Mit dem gehörten Reſultat ziemlich zufrieden, und jetzt wieder ſogar in weit beſſerer Laune als vorher, dachte Siftly nun auch an ſeine eigenen Pläne, und zu denen brauchte er vor allen Dingen Hetſon, den er auch ohne Weiteres aufſuchte. Die Sonne war ſchon hinter den waldigen Gerſtäcker, Gold. III. 14 210 Bergen verſchwunden, und wie das letzte roſige Licht die höchſten Wipfel der Cedern und Kiefern und den Wald mit Grau färbte, legte ſich auch die Nacht mit dunklem Schleier ſchon in's Thal. Als Siftly deshalb des Alkalden Zelt betrat, war es in dem inneren Raume deſſelben ſchon faſt dunkel und nur beim Zurückwerfen der Leinwand erkannte er die noch immer an dem Tiſch ſitzende Geſtalt des Freundes. „Hetſon— ſchläfſt Du?“ „Nein— biſt Du das, Siftly?“ „Allerdings, aber was zum Wetter ſitzeſt Du denn hier im Dunklen und träumſt. Zünde ein Licht an— oder noch beſſer mach' einmal mit mir einen Spaziergang durch die Stadt, denn ich möchte etwas mit Dir reden, das die Nachbar⸗Zelte ge⸗ rade nicht zu wiſſen brauchen.“ Hetſon, ohne ihm ein Wort darauf zu erwidern, ohne ſich zu bewegen, blieb noch eine ganze Weile in ſeiner Stellung. Endlich ſtand er auf, ergriff ſeinen Hut und folgte dem vorangehenden Spieler in das Freie. Hier ſchob Siftly ziemlich ungenirt ſeinen Arm in den des Richters, und mit ihm die Straße hinab⸗ ſchlendernd ſagte er: „Ich habe ſchon heute Morgen mit Dir von 211 dem Accord geſprochen, den ich mit Deinem alten Spanier über Manuelens Spiel abgeſchloſſen, und möchte Dich jetzt bitten, dem Mädchen anzubefehlen, daß ſie ſich in etwa einer Stunde bereit hält. Sie wird hoffentlich keine Umſtände machen.“ „Du haſt ſchon mit mir darüber geſprochen?“ ſagte Hetſon, ihn erſtaunt anſehend. „Allerdings,“ lachte Siftly,„aber Du hatteſt gerade andere Dinge im Kopfe, und magſt es viel⸗ leicht überhört haben. Die Sache iſt übrigens außerordentlich einfach, denn Señor Ronez—“ „Ich kenne die Einzelheiten,“ unterbrach ihn Hetſon,„und zwar von Don Alonſo ſelber. Uebrigens iſt es mir lieb, daß Du das Geſpräch darauf bringſt, da auch ich darin eine Bitte an Dich habe.“ „Und die wäre?“ ſagte Siftly, die Brauen finſter zuſammenziehend. „ infach dieſe. Don Alonſo hat mit Dir ge⸗ ſpielt— obgleich ich Dich dringend gebeten hatte den unglückſeligen Menſchen dazu nicht mehr zu verleiten.“ „Verleiten?— was kümmert mich der Spanier? Wenn er Thor genug iſt, mir ſein Gold zu bringen, ſoll ich's zurückweiſen?— und hat er nicht dieſelbe Chance wie ich, mir das meine abzugewinnen?“ „Wir wollen darüber jetzt nicht richten,“ ent⸗ 14* 212 gegnete Hetſon ruhig. Don Alonſo konnte auch ſein Gold verſpielen ſoviel er wollte, aber er hat etwas auf eine Karte geſetzt, worüber ihm kein Recht zuſteht: die Freiheit ſeiner Tochter.“ „Bah, Freiheit,“ lachte Siftly,„es will ſie ihm Niemand abkaufen, und die ganze Sache han⸗ delt ſich nur um ein paar Stunden, die ſie Abends in meinem Zelte ſpielen ſoll. Uebrigens iſt Ma⸗ nuela noch nicht mündig, und deshalb ſteht ihm allerdings ein Recht über ſie zu.“ „Auch das wollen wir hier nicht erörtern,“ ſagte Hetſon—„meine Bitte nur geht an Dich dem Spanier ſeinen Einſatz nachzuſehen, und dafür das an baarem Geld zu nehmen, was Du gegen ihn gewagt.“ „Verdammt wenn ich's thue,“ rief Siftly, Het⸗ ſon's Arm loslaſſend,„wir ſind Beide keine Kinder mehr, die um Bohnen oder Zahlpfennige ſpielen. Wir Beide wußten genau, was der Satz bedeute, ehe die Karte fiel, und daß es ihn jetzt gereut, iſt ſeine Sache, nicht meine.“ „Manuela weigert ſich zu ſpielen.“ „Das hab' ich mir etwa gedacht,“ lachte Sift⸗ ly—„die alte Geſchichte, die ihr aber hier ſo wenig helfen wird, wie in San Francisco. Dafür haben wir die Geſetze, daß ſie für uns Ameri⸗ kaner das Recht, den Fremden gegenüber aufrecht halten.“ „Du könnteſt Dich in dieſem Falle irren,“ er⸗ widerte Hetſon.„Unſere Californiſchen Geſetze ſind nicht mit denen der Vereinigten Staaten überall gleichlautend, und zu Gunſten der Spaniſchen Race, als den früheren Eigenthümern des Bodens, Man⸗ ches geändert oder nachſichtig behandelt, was in ihre Sitten und Gewohnheiten eingreift. Nimm allein das Hazardſpiel ſelber, das in den Staaten drüben bei ſchwerer Strafe verboten wird, während es hier der Geſetzgebung nicht einfällt es zu ver⸗ hindern.“ „Sie wiſſen auch warum,“ lachte der Spieler, „ſie ſollten es verſuchen. Aber was ſtreiten wir uns hier um Spreu. Die Sache iſt abgemacht— unter volljährigen vernünftigen Männern abge⸗ macht, zehn oder zwölf Zeugen außerdem dabei, und es iſt unnöthig ein weiteres Wort darüber zu verlieren. Thu' mir alſo den Gefallen und ſetze der Dirne gleich den Kopf ein wenig zurecht, daß ſie ihr albernes Sträuben aufgiebt; ändern kann ſie doch Nichts an der Sache.“ „Wenn ich Dich aber nun bitte, mir zu Liebe von Deinem vermeintlichen Rechte abzuſtehn, und die Sache in Güte beizulegen. Wir haben jetzt 214 Unruhe genug im Lager, ſie noch unnöthiger Weiſe zu vergrößern.“ „Dann thut es mir leid Dir die Bitte ab⸗ ſchlagen zu müſſen,„ſagte Siftly trocken.„Ich bin in meinem Recht und wenn es nicht anders geht, will ich die ſtolze Dirne zwingen, ſich dem zu fügen.“ „Und Du verweigerſt alſo den Einſatz, den ich Dir voll und gleich auszahlen würde?“ „Ich verweigere den Einſatz, allerdings,“ er⸗ widerte Siftly,„und verlange, daß das Mädchen heute Abend in meinem Zelte ſpielt.“ „Dann thut es mir leid, Dir mittheilen zu müſſen,“ ſagte Hetſon ruhig,„daß das nicht ge⸗ ſchehen wird, wenigſtens nicht ſo lange ich hier Alkalde im Paradieſe bin.“ „Und Du vergißt dabei, durch wen Du es ge⸗ worden,“ rief Siftly in raſch auflnherndem Zorn. „Durch wen? durch die Wahl der Bürger,“ lautete die kalte Antwort. „Die aber im Leben nicht auf Dich gefallen wäre,“ ziſchte Siftly,„wenn ich ſie nicht dahin ge⸗ lenkt. Bedenke, daß ich das, was ich aufgerichtet, auch wieder zerſtören kann.“ „Ich glaube, Du miſſeſt Dir da mehr Kräfte zu, als Du wirklich beſitzeſt,“ lächelte der junge Mann. 215 „Wenn dem aber auch wirklich ſo wäre, was thät es? So lange ich hier dieſe Ehrenſtelle bekleide, werde ich auch ihre Rechte wahren.“ „Damit etwa, daß Du die Rechte der Ameri⸗ kaner unter die Füße treten willſt?— eine ver⸗ dammt pfiffige Auslegung Deiner Stelle, und außer⸗ dem fürchte ich faſt, daß Du dabei ein klein wenig zu viel auf Deine Macht und Deine eigenen Kräfte vertrauſt. Sollte Dein heutiger, ſo unerwarteter Erfolg Dich ſo übermüthig gemacht haben? Be⸗ denke, daß Du damit noch nicht am Ziele biſt.“ „Die Merxikaner ſind zerſtreut,“ ſagte Hetſon gleichgültig,„und werden es wohl unterlaſſen, wenigſtens mit uns einen zweiten Verſuch zu machen.“ „Ich rede nicht von dem feigen Geſindel,“ ſagte finſter der Spieler.„Wenn Ihr nur eine Büchſe zwiſchen den Zelten abgefeuert hättet, würde es denſelben Erfolg gehabt haben.“ „Und von was ſonſt?“ ſagte Hetſon, aufmerk⸗ ſam werdend. „Von Deinem glücklichen Fang,“ erwiderte Siftly,„zu dem ich Dir unter anderen Umſtänden von Herzen gratulirt haben würde.“ „Ich weiß nicht,“ ſagte Hetſon finſter, ob ich das, was Du einen Fang nennſt, gerade für ein Glück betrachten ſoll. Ich ſelber habe aber Nichts 216 damit zu thun; der Mann ſteht unter dem Geſetz und wird frei oder beſtraft, je nachdem ihn das für ſchuldig findet.“ „Ja, wir kennen das,“ lachte der Spieler— „aber wenn er nun frei ausgeht? Wenn er durch dieſe„unſchuldige“ Gefangenſchaft und Lebensge⸗ fahr— denn bei den Weibern ſpielt nun einmal das Mitleid eine faſt noch größere Rolle als die Liebe— Deine Frau nur ſo viel intereſſanter, ſo⸗ viel theuerer geworden wäre?— „Siftly!“ „Denke Dir, ich träte am Ende ſelber auf, und bezeugte, daß der Burſche das Stück Gold von mir bekommen hätte— habe ich doch in der letzten Zeit in den verſchiedenen benachbarten Minen eine ganze Anzahl ziemlich wunderlich geformter Stücke den Merkkanern abgewonnen, und kann das nicht darunter geweſen ſein? Glaubſt Du, es würde Einer die Frechheit haben, mich des Mordes zu beſchuldigen?— Denke Dir, daß ich das— wenn nicht Dir oder dem Burſchen— doch Deiner Frau vielleicht zu Liebe thäte.“ „Siftly,“ ſagte da Hetſon, indem er ſtehen blieb und des Spielers Arm ergriff.„Ich weiß nicht, in wie weit Du fähig wäreſt ein falſches Zeugniß abzugeben; ich glaube, Du machſt Dich da in tol⸗ 216 lem Uebermuth ſchlechter, als Du biſt. Wäreſt Du aber im Stande, mir den wahren und ächten Be⸗ weis zu bringen, daß jener unglückliche Mann un⸗ ſchuldig iſt, ſo wollte ich Dir mit vollem Herzen danken und Dich ſegnen.“ Siftly ſah den Mann erſtaunt an, als ob er hinter den Worten eine Liſt vermuthe, plötzlich aber kurz abbrechend, rief er aus: „Wahnſinnig genug wäreſt Du am Ende dazu, und der Teufel mag aus Dir klug werden— doch jetzt zum letzten Mal: Willſt Du mir zu meinem Rechte, kraft Deines Amts und Deiner Autorität mit der Dirne verhelfen?“ „Nein— Du haſt mein letztes Wort.“ „Alſo ſoll ich mir ſelber helfen?“ „Verſuch's, aber beim ewigen Gott, der, der mein Zelt ohne meine Erlaubniß oder in gewalt⸗ thätiger Abſicht betritt, ſtirbt von meiner Hand.“ „Bah,“ lachte der Spieler verächtlich,„ſo viel für Deine Drohung. Da Du aber den Frieden mit mir verweigerſt, ſo nimm denn, was Du haben willſt, Krieg; aber daß wir noch Männer im Lager haben, will ich Dir beweiſen.“— Und ſeine Serape um die Schulter ſchlagend, ließ er den Richter allein im Wege ſtehen und — 218 ſchritt raſch die dunkle Straße hinauf, Kenton's Zelte zu. v Graf Beckdorf führte indeſſen ſeinen neugefun⸗ denen Freund in jenes Thal hinauf, wo Fiſcher, trotz den Indianiſchen Unruhen, und dem ganzen wilden und wüſten Treiben um ihn her, ruhig an ſeiner Maſchine ſitzen geblieben war und fortge⸗ arbeitet hatte. Allerdings intereſſirte ihn der Streit, den die Indianer mit den Amerikanern hatten, aber doch nicht genug ſeine Arbeit deshalb zu verſäumen. Seine Dienſte als Dolmetſcher wurden überdies im Paradies nicht mehr in Anſpruch genommen, denn der jetzige Alkalde ſprach ſo gut und beſſer Spaniſch und Franzöſiſch wie er ſelber, ſo konnte er es getroſt die beiden Parteien ausmachen laſſen, ohne ſich ſelber weiter zu bemühen. Mit einiger Ungeduld hatte er aber die Rück⸗ kehr Beckdorf's erwartet und ließ ſich jetzt, ohne je⸗ doch ſein Schaukeln zu unterbrechen, die Vorgänge im Paradies bis in die kleinſten Details hinein er⸗ zählen. Nur als ihm Beckdorf von dem Zug gegen die Indianer ſagte, lachte er und meinte:„ſie könnten ebenſo gut ihren eigenen Schatten fangen wollen. Daß ſie dem falſchen Spieler aber die Ohren 5 219 abgeſchnitten, dafür hätte er ſie jetzt noch einmal ſo lieb wie vorher. Die beiden jungen Leute plauderten jetzt mit⸗ ſammen, und Lanzot half dabei ſeinem Freunde die Erde ausgraben und zu der Maſchine tragen, ſein erſter Anfang in der edlen Kunſt des Gold⸗ grabens, in deſſen Geheimniſſe er zugleich eingeweiht werden ſollte. Da ſie übrigens, nach alle dem Vorgegangenen, heute Abend ein reges und intereſſantes Leben im Lager erwarten durften, beſchloſſen Fiſcher ſowol wie Beckdorf heute keinen neuen Platz mehr anzu⸗ fangen, ſondern Feierabend zu machen, ſowie ſie dieſen, der ſich ziemlich ergiebig zeigte, ausge⸗ waſchen hätten. Die Verabredung war dabei, daß ſie ſich Abends wieder in des Elſaſſers Zelt finden wollten, und Fiſcher ging dann geradeswegs nach Hauſe, während Beckdorf mit Lanzot's Arm in dem ſeinen, noch einen Spaziergang längs dem oberen Theile der Flat machte, um erſt an der anderen Seite des„rothen Bodens“ wieder das Paradies zu betreten. Lanzot hatte indeſſen Alles erzählen müſſen, was ihm begegnet war, und was ihn nach Californien getrieben, und Beckdorf gab ihm jetzt humoriſtiſche 220 Skizzen ihres Minenlebens, und der wunderlichen Charaktere, mit denen ſie hier Umgang hatten. „Ein wunderliches Land bleibt es immer,“ ſagte da Lanzot,„und ich werde im Leben nicht bereuen, es gerade in dieſer ſeiner erſten Zeit geſehen zu haben. Später muß ſich das natürlich Alles aus⸗ gleichen, und die jetzigen ſcharfen Umriſſe ſeiner Charaktere, ſeiner ganzen Charakteriſtik werden ſich jedenfalls in dem von anderen Staaten herüber⸗ gebrachten Allgewöhnlichen verwiſchen. Jetzt aber haben wir noch das urthümliche Californien da, wie es ein glücklicher Fund gewiſſermaßen aus der Erde heraufbeſchworen hat.— Nimm z. B. ein⸗ mal ein ganzes Land von Männern— wer hätte das früher für möglich gehalten, und doch exiſtirt es hier vor unſeren Augen.“ „Halt, da nehm' ich unſer Paradies in Schutz,“ rief aber Beckdorf,„denn darin zeichnet es ſich, ſehr zu ſeinem Vortheil, vor faſt allen den übrigen Minenſtädten aus. Außer ein paar gewöhnlichen, aber höchſt anſtändigen Backwoodsfrauen, die mit ihren Männern über die Felſengebirge gekommen ſind, haben wir auch noch ein paar wirkliche Da⸗ men hier, und zwar nicht etwa blos aufgeputzte Griſetten.“ In der That?“ ſagte Lanzot, und hätte ihn 221 Beckdorf in dem Augenblick angeſehen, würde er ſich vielleicht die Mühe der Erklärung haben er⸗ ſparen können—„ah ja, jetzt erinnere ich mich, Mr. Hetſon, ein Amerikaner, hat ſeine junge Frau mit in die Minen gebracht.“ „Und eine ganz allerliebſte Spanierin iſt in ihrer Begleitung,“ ſagte Beckdorf. Auch dieſe ge⸗ hört keinesfalls den Exemplaren der Spaniſchen Race, denen wir hier nur zu häufig begegnen, ſondern den beſſeren Ständen an, und ſoll außerdem wunderbar ſchön die Violine ſpielen. Vor ein paar Minuten ging ſie dort drüben mit ihrem Vater in das Zelt jenes alten Amerikaners, deſſen Frau krank darniederliegt.“ „Wo?“ rief Lanzot raſch,„ich habe Niemanden geſehen.“ „Weil Du immer nach der Stadt hinüber guckteſt. Wenn wir uns übrigens hier ein wenig aufhalten, können wir ſie zurückkommen ſehen. Soviel ich weiß, bringt ſie der alten kranken Frau da drüben manchmal irgend eine Stärkung.“ „Du ſagſt, ſie ſpielt Violine?“ „Sie ſoll Violine ſpielen— gehört habe ich ſte noch nicht.“ „Dann iſt es vielleicht dieſelbe, die ich in San ————— —.— ———— 222 Francisco gekannt habe, und ihr Vater heißt Senor Ronez.“ „Ganz recht,“ verſicherte Beckdorf, in ſeiner ahnungsloſen Gutmüthigkeit die Beſtätigung einer Sache gebend, die Lanzot viel beſſer wußte als er ſelber—„aber wahrhaftig, da kommen ſie. Bieg hier links ab, Emil; der Fußpfad bringt uns ihnen gerade in den Weg.“ Manuela hatte, wie Beckdorf ganz richtig ge⸗ ſagt, nur der dort ganz in der Nähe wohnenden kranken Frau eines Amerikaners einige Erfriſchun⸗ gen gebracht. In der Furcht vor dem Spieler aber mußte ſie ihr Vater begleiten, während ſie ſich dort nur eben ſo lange aufhielt, als unumgänglich noth⸗ wendig war die Sachen zu überliefern, und ihren Auftrag auszurichten. Auf dem Heimweg nun nach den etwa zwei⸗ hundert Schritt entfernten Zelten der Stadt, ſchaute ſie nicht von ihrem Wege auf, und ſchritt raſch und ängſtlich an des Vaters Seite hin. Die beiden nahenden Männer hatte ſie dabei jedenfalls gehört, aber ſie wagte nicht zu ihnen aufzuſchauen, und auch Don Alonſo achtete ihrer nicht, bis ein freundliches „Hallo Senor,“ ihn raſch emporſehen machte. Kaum hatte er jedoch den alten Freund erkannt, 223 als er auch ſtehen blieb, und ihm die Hand ent⸗ gegenſtreckend rief: „Don Emilio— welcher guter Stern führt Sie wieder in unſere Nähe?“ „Don Emilio?“ flüſterte Manuela leiſe vor ſich hin, und hohes Roth färbte ihre Wangen, aber unfreundlich durfte ſie mit dem Mann, der ſich ihrer in San Francisco ſo theilnehmend und uneigennützig angenommen hatte, nicht ſein, nnd lächelnd ihm die Hand entgegenſtreckend, bot ſie ihm ebenfalls ein herzliches Willkommen. Und wie viel hatten ſich die Leute jetzt zu ſagen, von denen Lanzot vorher nur wie von einer flüch⸗ tigen Bekanntſchaft geſprochen; und wie roth waren die Beiden geworden, und was für ein ſeelenvolles Auge hatte das Mädchen, als ſie zu ihm aufſchaute. Das einzige Böſe für Beckdorf blieb, daß er, einige alltägliche Worte abgerechnet, kein Spaniſch ver⸗ ſtand, und bei der ganzen Verhandlung dadurch eine eben nicht beſonders geiſtreiche Rolle ſpielte. Aber Lanzot hatte ganz vergeſſen, daß er exiſtire, denn ſeine Augen hingen an den Lippen Manu⸗ elens, die ihm von der Gefangenſchaft des Eng⸗ länders, von dem unwürdigen Verdacht, unter dem er leide, und von dem Intereſſe erzählte, das Mrs. Hetſon an dem alten Freund ihrer Familie nahm. 2²²24. Aber was konnte er, als vollkommen Fremder hier, darin thun? „— Alles,“ ſagte Manuela,„wenn er ſich ſelber mit dem Gefangenen beſprach, der keinen Freund ſonſt in dem ganzen Städtchen hatte. So⸗ viel ſie gehört, brauchte er Zeugen, und Niemand wollte ſie herbeiſchaffen, während morgen ſchon die furchtbare Jury zuſammentreten ſollte. Er konnte da helfen— hatte er ihnen doch ſo oft geholfen,“ ſetzte ſie mit ihrem gar ſo lieben Lächeln hinzu, und Lanzot war in dem Augenblick entſchloſſen, für ſie zu reiten, wohin ſie ihn eben ſchicken wolle.— Aber ihre nächſten Worte bannten ihn auch wieder an die Stelle, denn ſie ſprach von Siftly, wie er hierher gekommen, ihren Vater wieder im Spiel betrogen habe, und jetzt gewaltſam ſie zum Spielen zwingen wolle. Sie hoffte jetzt nur noch auf des Alkalden Schutz— wenn der ſie ſchutzlos ließ, war ſie verloren. „Doch nicht ſo ganz, Manuela,“ ſagte da Lan⸗ zot mit herzlichem Ton.„Zuerſt wollen wir jetzt einmal den Gefangenen beſuchen, und ſehen, was ſich für den armen Teufel thun läßt, und dann—“ „Rettet ihn, und ich will Euch ewig dankbar ſein,“ bat da die Jungfrau und ihres Vaters 2 25 Arm ergreifend, eilte ſie mit ihm der eigenen Woh⸗ nung zu. So ſüß und lieb die letzten Worte aber auch klangen, hatten ſie in Lanzot's Bruſt doch einen böſen Stachel zurückgelaſſen. Was war der Fremde ihr, daß ſie ſo wichtigen Antheil an ihm nahm, ſelbſt ihre ganze frühere Schüchternheit zu vergeſ⸗ ſen, und ihn zu bitten, daß er für jenen handele. Nur Einer konnte ihm hierüber Auskunft geben: Doctor Raſcher, und den zu finden blieb deshalb das Nöthigſte. Beckdorf, der noch keine Ahnung von der Ge⸗ fangennahme des Engländers hatte, wollte eben Lanzot mit ſeiner genauen Bekanntſchaft der jungen Dame necken, über die er vorher ſo kalt und fremd gethan. Mit wenigen Worten erzählte ihm dieſer aber jetzt von den Vorgängen des Nachmittags, wie von dem Intereſſe, das die Hetſon'ſche Familie — von Manuela ſagte er Nichts— an dem Ge⸗ fangenen nahm, und fand den Freund augenblick⸗ lich bereit ihn zu unterſtützen. Uebrigens dunkelte es ſchon, und wenn ſie heute Abend noch Schritte in der Sache thun wollten, wurde es die höchſte Zeit. Doctor Raſcher hatte ſich, in der Nähe des Platzes, an dem die Deutſchen lagerten, in ein Zelt Gerſtäcker, Gold. III. 15 226 eingemiethet, da bei Hetſons kein Raum für ihn war. Dorthin gingen ſie jetzt, ihn aufzuſuchen, fanden ihn aber nicht und kehrten in die Stadt zurück, in den verſchiedenen Zelten nachzuforſchen. Möglich, daß er ebenfalls von irgend einem der Deutſchen zu dem Elſaſſer beſchieden war, bei dem ſie ſich gewöhnlich Abends verſammelten. Als ſie die Straße hinaufgingen, begegnete ihnen ein Mann in eine Serape gehüllt, der raſch und ohne ſie zu beachten an ihnen vorüberſchritt. Es war ſchon zu dunkel geworden, ſein Geſicht deutlich erkennen zu können, die ganze Geſtalt aber wie ihr Gang fielen Lanzot auf und er ſagte zu Beckdorf: „Den Burſchen ſollte ich kennen— weißt Du wer es war?“ „Der ärgſte Lump, den je Amerikaniſcher Boden groß gezogen,“ antwortete aber dieſer,„ein Spieler, Namens Siftly.“ „Ich dachte es mir,“ ſagte Lanzot,„aber der Teufel auch— was war das?“ Eine dunkle Figur kam die jetzt faſt leere Straße raſch herunter, rannte faſt an ſie an und glitt, als ſie die beiden Männer bemerkte, wie eine Schlange zwiſchen die nächſten Zelte hinein. „Hm“ murmelte Beckdorf vor ſich hin, während er dem Flüchtigen erſtaunt nachſah.„Das ſollte Einem faſt ſo vorkommen, als ob der Burſche kein ganz reines Gewiſſen hätte, und beinahe ſah er mir noch dazu wie ein Chineſe aus. Die aber haben unſere Flat ſchon ſeit einigen Tagen verlaſſen, und kommen überhaupt nie nach Dunkelwerden in die Stadt. Wir wollen jedoch einmal ſehn, wo der Burſche geblieben iſt, ob er noch zwiſchen den beiden Zelten ſteckt, oder hinten die rothe Flat angenommen hat. Bleib Du hier ſtehen, Lanzot, während ich drüben herumgehe und ihn zurücktreibe.“ Lanzot that wie ihm geheißen, und der, mit der Oertlichkeit genau bekannte Beckdorf glitt um das Zelt hinum, dem Flüchtigen womöglich den Weg abzuſchneiden.— Wer es aber auch geweſen, er hatte ſich ſchon vorher davon gemacht; der Raum zwiſchen den beiden Zelten war leer. „Ei ſo laß ihn laufen,“ lachte der junge Mann, als er zu dem Freund zurückkam. Iſt er auf böſe Streiche aus, ſo werden ſie ihn ſchon erwiſchen, und ging er uns blos aus dem Wege keine neuen Bekanntſchaften anzuknüpfen, ſo brauchen wir uns darüber nicht zu härmen.“ „Und wo iſt hier das Zelt des Elſaſſers?“ „Gleich dort drüben.“ „So laß uns hin, zu ſehn ob wir den Doctor da finden.“ 15* 228 „Baron!“ rief ſie in dieſem Augenblick eine Stimme an, ſind Sie das?“ 5 „Der Doctor, bei Allem was lebt,“ rief der junge Mann freudig.„Dottor, wir haben Sie ſchon wie eine Stecknadel geſucht— Sie ſollen uns Aus⸗ kunft geben.“ „Uns?“ „Mir und einem alten Freund, den ich hier zu⸗ fällig in den Minen getroffen, Graf Beckdorf— wenn wir zu Lichte kommen, ſtell' ich die Herren einander vor— Ich habe mit Manuelen geſprochen. Wo wird der Gefangene gehalten?“ „In des Sheriffs Zelt.“ „Und glauben Sie, daß wir Zutritt zu ihm be⸗ kommen können?“ „Es kommt auf einen Verſuch an. Aber was wollen Sie ihm helfen, beſter Lanzot; das Einzige, was ihn retten oder wenigſtens aus dieſer fatalen Lage bringen würde— denn ich kann mir nicht denken, daß die Leute hier auf ſo ſchwaches Zeug⸗ niß hin Hand an ihn legen dürften— iſt, ein paar Männer von Macolomes herüber zu ſchaffen, die ein alibi für ihn beweiſen.“ ¹ „Wenn er nur ihre Namen weiß,“ fiel der Graf Beckdorf ein,„ſo will ich mich verbindlich machen = — 229 ſte herüber zu ſchaffen. Selbſt in der Nacht kann ich den Weg dort hinüber finden.“ 4 „Aber die weiß er eben leider nicht,“ ſagte der alte Doctor,„er iſt nur im Stande ſie zu be⸗ ſchreiben.“ „Dann müſſen wir ihn ſprechen,“ rief Beckdorf raſch,„der Sheriff kennt mich und ich führe Sie dort ein,“ und ohne weiter eine Antwort abzu⸗ warten, ſchritt er mit den beiden Männern Hale's ganz nahebei gelegenem Zelte zu. = —— Hale hatte indeſſen den Gefangenen unter ſeine Obhut genommen, in einer ſolchen Zeltſtadt immer ein höchſt mißlich Ding. Ein Gefängniß beſaß das Paradies natürlich nicht— ja nicht einmal ein ordentliches Blockhaus, das einen Menſchen hätte halten können, und es blieb deshalb nichts Anderes übrig, als ihn fortwährend zu bewachen, bis man ihn eben freigab, oder an ſeine Richter ablieferte. Freiwillige Wachen fanden ſich allerdings genug, aber es war doch immer eine unbequeme Sache, die man ſich nur in dringender Nothwendigkeit auf kurze Zeit gefallen ließ. Brach der Gefangene nämlich aus, und kam nur zwanzig Schritte in die dahinter liegende dunkle Flat hinein, ſo hätten ihn 230 ſämmtliche Bewohner des kleinen Zeltſtädtchens nicht wieder eingefangen. Das wußte übrigens Hale ſo gut wie irgend ein Anderer, und hatte darnach ſeine Vorſichtsmaßregeln getroffen. Wenn er ſeinen Gefangenen auch gern ſo mild als möglich behandelt hätte, mußte er ihm doch die Hände auf den Rücken binden. Er wurde dabei ſo geſetzt, daß er nach Dunkelwerden ein Licht hinter ſich und eins vor ſich ſtehen hatte, wodurch be⸗ ſonders ſeine Hände, wie auch ſeine ganze Geſtalt hell beleuchtet blieben. Neben dem Licht ſaßen dann zwei Poſten, die geladenen Gewehre auf den Knieen, den Reyolver im Gürtel, und eine Flucht war ſolcher Art unmöglich. Außerdem ſtand aber auch eine dritte Schildwache vor dem Zelt, unberufene Neugierige zurückzuweiſen. Der Sheriff wollte nicht, daß der Angeklagte beläſtigt wurde, und der müßigen Burſchen gab es genug im Orte, die ſich Stunden lang zu ihm hingeſetzt und ihn angeſtarrt hätten. Dieſe Schildwache wies allerdings auch unſere drei Freunde ohne Weiteres ab. Beckdorf aber drang darauf, wenigſtens den Sheriff zu ſprechen, und dieſer, der endlich vor dem Zelt erſchien, ge⸗ ſtattete den Fremden einzutreten— mit der Be⸗ dingung jedoch, dem Gefangenen nicht auf Armes⸗ länge nahzukommen. 231 In dem Zelte ſelber ſah es wild und maleriſch genug aus, und die beiden Hinterwäldler mit ihren langen Büchſen, die es für nöthig hielten ihre Wachſamkeit zu verdoppeln, als die Fremden ein⸗ traten, bildeten mit dem flackernden Stearinlicht, das jeder neben ſich ſtehen hatte, ein eigenthümliches Bild. Der Gefangene ſelber ſaß in düſterem brütenden Schweigen auf der ihm angewieſenen Holzbank, und ſtarrte vor ſich nieder. Eine Matratze lag neben ihm auf dem Boden, ihm zur Schlafſtätte zu dienen, wenn er ſich niederlegen wollte, aber er dachte noch nicht an Schlaf. Ein zertretenes Leben lag hinter ihm und mit dem bitteren Gefühl durch Nichts in weiter, weiter Welt die Schickſalsſchläge verdient zu haben, die über ihn hereingebrochen waren, ſog er den finſteren Groll nur feſter, nur tiefer in ſich ein, und fand ſogar eine grimme, ſelbſt⸗ mörderiſche Freude daran, ſich all die letzten trüben Scenen wieder und wieder auszumalen. Die drei Deutſchen näherten ſich ihm nun zwar freundlich; es bedurfte aber einiger Zeit, ehe der Unglückliche das Mißtrauen beſeitigte, das er gegen alle Fremde hegte, und erſt als ſich Doctor Raſcher als einen treuen Freund der Mrs. Hetſon erklärte, in deren Auftrag er ihn bäte ihm die Mittel anzu⸗ geben, die er zu ſeiner Rechtfertigung nöthig habe, 232 wurde er aufmerkſam, und entſchloß ſich ihm zu willfahren. Die Angaben freilich, die er machen konnte, waren ſo dürftiger Art, daß Doctor Raſcher nur traurig dazu mit dem Kopfe ſchüttelte, und der Sheriff, der ſich daneben wieder auf ſein Bett ge⸗ worfen hatte, ſagte: „Wenn Ihr morgen nichts Beſſeres zu Euerer Vertheidigung zu ſagen wißt, alter Burſche, als daß Ihr eben nicht hier, ſondern wo anders ge⸗ weſen ſeid, ohne das weiter beweiſen zu können, ſo ſteht die Geſchichte ſchief, und ich möchte nicht in Euerer Haut ſtecken.“ Nur Beckdorf hatte aufgefaßt, was er von jenem alten Manne ſprach, den er dort oben auf dem Berge getroffen haben wollte, und der ebenfalls in das Paradies geritten ſei hier irgend etwas, was? konnte er nicht mehr ſagen, zu beſorgen. So gut er ſich erinnerte, mußte er ſein Aeußeres beſchreiben, das freilich auch auf manchen Anderen paßte, und wie und was er geſprochen, und Hale ſelber hörte aufmerkſam dabei zu. Bis jetzt war nun der Sheriff ziemlich feſt da⸗ von überzeugt geweſen, daß der Engländer wirk⸗ lich den Mord begangen habe. Der ungebildete Amerikaner, ein ſo ehrenwerther und vortrefflicher Mann er ſonſt auch ſein mag, hegt doch noch meiſt immer— ich möchte faſt ſagen den Aberglauben— daß England über Amerika dominiren möchte, und haßt deshalb alle Engländer, ja würde einen Krieg mit England als den größten Segen für das Land betrachteu. Das niedergeſchlagene Benehmen des Gefangenen, das freilich eine ganz andere Urſache hatte, trug denn ebenfalls noch dazu bei dieſen Ver⸗ dacht zu beſtärken. Jetzt aber, da ſich der junge Beckdorf, den er als einen höchſt braven und recht⸗ ſchaffenen und wo es galt auch entſchloſſenen Mann kannte, ſo ſehr für den Engländer inter⸗ eſſirte, wurde der Verdacht wieder wankend, und die Möglichkeit tauchte vor ihm auf, daß der Ge⸗ fangene doch am Ende unſchuldig ſein könne.— Weshalb hatte er nur ſolch entſetzliche Eile gehabt von hier fortzukommen?— Für ſich ſelber über⸗ legte er ſich dabei, wen er wol mit dem alten Amerikaner meinen könne. Freilich hatte der heutige wilde Tag in ſeinen Geſammt⸗Scenen ſeine Auf⸗ merkſamkeit viel zu ſehr in Anſpruch genommen, ſich auf den Einzelnen beſinnen zu können. „Wenn ich nicht irre,“ ſagte da Golway end⸗ lich,„ſo ſprach er davon, daß er ſeine beiden Söhne im letzten Merikaniſchen Kriege verloren habe.“ 234 „Aber Du lieber Gott“, ſagte Beckdorf,„wenn Ihr nur wenigſtens ſeinen Vornamen, als einen Anhaltspunkt, wüßtet.“ „Den Teufel auch,“ rief Hale, von ſeinem Bett aufſpringend,„das wäre Anhaltspunkt genug, und jetzt weiß ich auch, wen der Burſche meint— den alten Nolten.“ „Habt Ihr den Namen nie gehört“? frug Beckdorf raſch den Engländer. „Nie“— ſagte dieſer—„nur erinnere ich mich jetzt, daß er mir das erzählte.“ „Und der iſt in Macalomes drüben?“ frug der Sheriff;„denn fort iſt er wieder geritten?“ „Dorthin wollte er zurückkehren.“ „Dann hol' ich ihn“, rief Beckdorf entſchloſſen —„in ſechs Stnuden reite ich hinüber, und bis morgen Mittag kann ich mit ihm zurück ſein.“ „Bah,“ ſagte Hale. Ihr könnt jetzt bei Nacht und Nebel nicht über die Berge, wo unſere tollen Burſchen die Indianer heute zum Aeußerſten ge⸗ trieben haben.“ „Die brauch' ich nicht zu fürchten; ſie kennen mich, und wiſſen, wie freundlich ich ihnen geſinnt bin.“ „Bei Nacht ſind alle Katzen grau und ſie ſpicken —e ——— 235 Euch und das Pferd mit ihren Pfeilen, ehe Ihr Walle Walle ſagen könnt,“ rief Hale. „Glaubt Ihr, daß Nolten's Zeugniß ihm nützen würde“? „Na ich denk's“, ſagte Hale,„Nolten iſt ein Ehrenmann durch und durch, und wenn der hier vor Gericht beſchwört, daß er den Engländer hier die letzten acht Tage in Macalome jeden Tag ge⸗ ſehen hat, wird das einen großen Unterſchied in der Sache machen.— Ich glaub' es nur noch nicht recht.“ „Und wann ſollte die Jury zuſammenberufen werden?“ „Morgen früh. Macht Ihr Euch aber ver⸗ bindlich einen Entlaſtungszeugen herbeizubringen, ſo will ich es auf mich nehmen, das Verhör bis morgen Abend hinauszuſchieben. Mit wem habt Ihr denn dort zuſammen gearbeitet?“ „Im Anfang mit einem Landsmann von mir—“ „Der kann uns Nichts helfen,“ ſagte Hale kopfſchüttelnd.— „Er iſt auch fort von Macalomes— ſpäter arbeitete ich aber mit einem Amerikaner Namens Robins zuſammen. Wäre der noch in Macalomes, ſo bedürfte ich keines andern Zeugen, denn er war eine Zeit lang krank und wir ſchliefen in einem 236 Zelte zuſammen.— Der hat aber leider vor ein paar Tagen, woer ſich wieder wohl fühlte, und zu derſelben Zeit mit mir, die dortigen Minen verlaſſen, und wohin er ſich gewendet, weiß nur Gott. Jener alte Amerikaner, den Ihr Nolten nennt— und möglich daß er ſo heißt— bleibt deshalb meine einzige Hoffnung. Er iſt mir auch, wie ich glaube, freundlich geſinnt, und wäre ich ſeinem Rathe ge⸗ folgt, hätte ich dieſen Unglücksplatz nie betreten. Vielleicht bringt er noch einen ſeiner Bekannten mit, die mich dort geſehen haben.“ „Ja, Ihr glaubt wol die Goldwäſcher haben weiter Nichts zu thun, als in der Welt herumzu⸗ reiten,“ lachte Hale—„der alte Nolten thut's aber doch vielleicht, wenn er Jemandem damit helfen kann. Und Ihr wollt wirklich heut' Abend fort, Beckdorf?“ „Gleich auf der Stelle— wenn ich nur wüßte, wo ich jetzt im Dunklen mein Pferd fände.“ „Ich würde Dir ſagen, Du ſollteſt das meine nehmen,“ rief Lanzot,„wenn ich Dich nicht ſelber begleiten wollte.“ „Dann gieb es mir ja!“ rief der junge Mann, „denn Dich kann ich dabei nicht gebräüchen, Du hielteſt mich nur auf, und zu fürchten hab' ich Nichts. Alſo auf Wiederſehen, Sir, und haben — ————— Sie guten Muth— bis morgen Mittag bring' ich hoffentlich Hülfe.“ Golway nickte ihm mit einem wehmüthigen Lächeln zu, und die drei Deutſchen verließen jetzt, keine weitere Zeit zu verſäumen, raſch das Zelt. „Die Fremden hängen zuſammen wie ein Sack voll Nägel,“ ſagte der eine der Amerikaner, der dem Geſpräch kopfſchüttelnd zugehört hatte. Der Sheriff erwiderte Nichts, aber er ging zu dem Gefangenen und band ihm die Hände los. „So,“ meinte er dabei—„fort kann er doch nicht, die Füße ſind ihm ja noch gebunden, und er ſitzt doch ein Bischen bequemer. Paßt mir nur gut auf, Bill, daß er ſich nicht nach denen hin⸗ unterbückt.“ Als ihm Golway danken wollte, drehte er ſich von ihm ab und legte ſich auf ſein Bett. Capitel 8. Die Jury. Am nächſten Morgen lag ein dichter Nebel auf der Flat, der das ganze Thal in ſeine undurch⸗ dringlichen Schleier hüllte, und eben nicht dazu beitrug, die von geſtern aufgeregten Gemüther zu beruhigen. Dumpfe Gerüchte durchliefen das Lager, daß ſich die Indianer und Mexikaner wieder in den Bergen geſammelt hätten, um einen gemeinſamen Angriff auf die Stadt zu machen, und dabei den Engländer, den man ſonderbarer Weiſe mit dieſen in Verbindung brachte, zu befreien. Keiner der Amerikaner ging auch an ſeine Arbeit. Mit ihren Büchſen auf der Schulter ſchritten die Männer im Lager umher oder ſtanden in einzelnen finſteren Gruppen beiſammen, die vielleicht nöthigen Maß⸗ regeln zu beſprechen. Durch den Nebel dabei verhindert, da man kaum zehn Schritte weit vor ſich ſehen konnte, ließ ſich nicht ermitteln, in wie weit die Berichte wahr oder übertrieben ſeien, und ein paar, in den Bergen abgefeuerte Schüſſe dienten nur dazu die Leute noch unruhiger zu ſtimmen. Man hiellt dieſe nämlich für den Amerikanern feindliche, abgeredete Signale. Ein paar der keckſten gingen allerdings auf Kundſchaft aus, und ſelbſt Hetſon hatte allein und nur mit Büchſe und Revolver bewaffnet, eine Runde um die ganze Flat gemacht. Daß er aber dort Nichts gefunden, konnte die Uebrigen nicht über⸗ zeugen, und ſie verlangten jetzt von dem Alkalden das Zuſammenberufen der Jury, über den Gefan⸗ genen abzuurtheilen. Die Stimmung gegen dieſen war überhaupt eine durchaus feindliche unter faſt allen Amerikanern, denn ſelbſt die ruhigſten unter dieſen konnten oder wollten ſich nicht von dem Gedanken trennen, daß ihnen England ſeine Verbrecher herüberſchicke, und es war deshalb nöthig jenen zu zeigen, was ſie hier zu erwarten hätten. Hale ſuchte ihnen dabei umſonſt begreiflich zu ———— 1 240 machen, daß ihnen hier im Orte keineswegs ein Urtheil über Leben und Tod irgend eines Menſchen zuſtände, und wenn ſie den Verbrecher auf der That ertappt hätten. Die Leute waren heute nicht in der Stimmung das einzuſehen, oder wenn ſie es einſahen, ſich dem zu fügen, und der Sheriff theilte jetzt dem Alkalden ſeine Beſorgniß mit, daß die Burſchen, im Fall die Jury wirklich ihr ſchuldig über ihn ſpräche, wahrſcheinlich„einen dummen Streich machen würden.“ Unter dieſen Umſtänden hielt es Hetſon für beſſer, ihn gleich ohne Weiteres unter ſicherer Be⸗ deckung nach golden bottom an die Diſtricts⸗Court zu ſchicken, aber ſchon die Andeutung dieſer Abſicht brachte die Leute, die ſich dadurch ihr Opfer ent⸗ zogen glaubten, außer ſich und ſie erklärten dem Alkalden rund heraus, der„Engländer habe Einen von ihnen hier ermordet, und hier ſolle er auch deshalb dafür büßen, und wenn ſich die Diſtricts⸗ Court in golden bottom darüber auf den Kopf ſtellte. Wolle er ihn hier keiner Jury zum Urtheil überlaſſen, gut, ſo würden ſie ihn fortführen, aber nur bis zum nächſten Baume, und dort ſelber Ge⸗ richt über ihn halten, und das ſei auch eigentlich, die Sache bei Lichte beſehen, das Allerbeſte und Kürzeſte.“ 221 Hetſon ſuchte ſeiner Frau die gereizte Stimmung der Leute hinſichtlich des Gefangenen allerdings zu verbergen, aber die dünne Zeltleinwand konnte die außen geführten zornigen Reden nicht abhalten zu ihr zu dringen. Doctor Raſcher kam in dieſer Zeit faſt nicht von ihrer Seite, und Emil Lanzot, der vorher eine lange Beſprechung mit dem Doctor gehabt, ſondirte indeſſen die Stimmung ſeiner Lands⸗ leute, ob ſie im Falle eines Gewaltverfahrens der Amerikaner geſonnen wären dem Richter beizu⸗ ſtehen und den Gefangenen zu ſchützen— aber lieber Gott, wie ſah er ſich da getäuſcht! Fiſcher aller⸗ dings erklärte ſich augenblicklich bereit; die Uebrigen aber verweigerten jede auch nur ſelbſt einer Demon⸗ ſtration ähnliche Bewegung, und nur der Juſtizrath ſicherte ſeine Gegenwart zu— natürlich ohne Waffen. Möglich vielleicht, daß er die Idee hatte, er könne die Amerikaner durch ſein gewönliches barſches An⸗ fahren zur Vernunft bringen. Der junge Lanzot, ſo ſehr ihm der alte wunderliche Kauz zu jeder an⸗ dern Zeit Spaß gemacht hätte, nahm aber ſein Anerbieten nicht an und verſuchte jetzt ſein Glück bei den Franzoſen— mit nicht beſſerem Erfolg. Wäre es Einer von ihren Landsleuten geweſen, dann allerdings; ſo aber mochten ſie ſich nicht in Amerikaniſche und Engliſche Streitigkeiten miſchen, Gerſtäcker, Gold. III. 16 242 die die Leute lieber unter ſich ſelber ausmachten. Sie waren entſchloſſen ihre eigenen Rechte in den Minen zu wahren, und wollten deshalb den Ame⸗ rikanern keinen vielleicht willkommenen Grund geben mit ihnen anzubinden. Hale hatte übrigens dem Alkalden mitgetheilt, daß ein Deutſcher noch in der Nacht nach Maca⸗ lomes hinübergeritten ſei, den alten Nolten als Zeugen für den Gefangenen herüberzuſchaffen, und Hetſon war hiernach feſt entſchloſſen, die Jury keinesfalls vor ſpätem Nachmittag zuſammenzube⸗ rufen. Außerdem hatte er aber auch noch einen Boten nach Golden gate hinübergeſchickt, und zwar den kleinen Schiffsjungen, der ſich bei dem Angriff auf die Mexikaner ſo wacker benommen. Der kleine Burſche ſchwor, er wolle ſich die In⸗ dianer und Senores ſchon vom Leibe halten, und da ihm Fiſcher ſein Pferd dazu borgte, ritt er keck in den Nebel hinein, den Brief dort an den Judge der Diſtricts⸗Court abzugeben, und dieſen von dem gegenwärtigen Fall in Kenntniß zu ſetzen. Mehr war Hetſon nicht im Stande zu thun, damit aber auch eine Laſt von ſeiner Seele genom⸗ men. Was jetzt auch geſchah, er brauchte ſich ſelber wenigſtens keine Vorwürfe mehr zu machen. So verging der Vormittag im Camp, und V V 243 ſchwül und bleiern, wie die Luft auf dem Thale lag, war die ganze Stimmung der Gemüther. Das kochte und gährte in den unruhigen Köpfen, und die noch von geſtern faſt übermäßig Aufgereizten verlangten irgend einen Gegenſtand, an dem ſie ſich Luft verſchaffen konnten. Wehe dem Unglück⸗ lichen, der zu ſolcher Zeit einem Pöbelhaufen preis⸗ gegeben wird! Mit wahrhaft peinlicher Ungeduld hatte indeſſen Doctor Raſcher die Stunden ſchwinden ſehen, und immer noch kam der junge Deutſche mit dem ver⸗ ſprochenen Zeugen nicht zurück. Es war zwölf, ein, zwei Uhr geworden, und noch ließ er ſich nicht blicken. Hatte er ſich vielleicht— ein keineswegs unmöglich Ding— in dem Nebel verirrt?— la⸗ gen doch dieſe düſteren Schwaden heute wie faſt noch nie mit feſter Zähigkeit über Berg und Thal, und wankten und wichen nicht. Aber auch die Amerikaner fingen an zu murren, als der Tag ſich mehr und mehr ſeinem Ende neigte, ohne daß Anſtalt gemacht wurde das Verhör zu be⸗ ginnen. Mit Cook an der Spitze erklärten ſte endlich dem Alkalden, daß ſie die Jury unter keiner Be⸗ dingung länger als vier Uhr hinausgeſchoben haben wollten. Die Jury ſelbſt war indeſſen ſchon ge⸗ wählt, und es lag dann ſpäter nur noch an dem 16* 1 244 Gefangenen einen Theil derſelben, für den dann Andere eintreten mußten, zu verweigern— Aber wie konnte der Fremde unter ihnen wählen, kannte er doch keinen von ihnen!— Vier Uhr kam und die Jury wollte ſich, wie das ſonſt gewöhnlich der Fall geweſen war, in des Alkalden Zelt ſammeln. Hetſon hatte aber den Sheriff gebeten, ihnen ſein eigenes Zelt dieſes Mal einzuräumen, und Hale ging gern darauf ein, die Frauen von dem Toben der rauhen Menge fern zu halten. Siftly hatte ſich indeſſen nicht wieder bei ihm blicken laſſen, aber thätig für ſeine Zwecke war er die Zeit über genug geweſen, und dem zu Folge die Stimmung gegen den Alkalden, trotz ſeinem geſtrigen wackeren Benehmen, bei einem Theil der Amerikaner eine keineswegs günſtige. Die Beſſeren übrigens hielten ſich doch von dem Spieler fern, und nur daß der Alkalde ihnen den Engländer nicht preisgeben wollte, erbitterte ſie, und ließ ſie wenigſtens ſchweigend dulden, daß jene wilden Burſchen, mit dem ewig raufluſtigen Briars an der Spitze, damit drohten Gewalt zu brauchen, wenn ihnen nicht im Guten gewillfahrt würde. Wie Hetſon jetzt dazu kam die Befreiung ſeines Todfeindes zu wünſchen, in der Angſt vor dem er ſich bisher verzehrt hatte, begriff Siftly freilich nicht, aber er ſah, daß dem in der That ſo war, und ihm genügte es ſeine Pläne zu kreuzen. Hatte der ſonſt ſo ſchwankende charakterloſe Mann nicht ge⸗ wagt ihm zu trotzen? ihm, der ihm nur zu dieſem Amte verholfen, damit er ein willenloſes Werkzeug in der Hand habe, Recht und Geſetz dahin zu drehen, wohin er es eben brauchte? Fort mit ihm denn, der ſich nicht mehr gebrauchen ließ, und dazu konnte kein günſtigerer Zeitpunkt gefunden werden als der jetzige. Daß er die ihm verſpielte Spa⸗ nierin dann nicht mit fortführen durfte, ehe ſie ihren Contract erfüllt, dafür wollte er ſchon ſorgen, und dieſe erſt einmal von Hetſon getrennt und in ſeiner Gewalt— und ſie wie ihr Vater waren ihm ganz verfallen. Der Bube knirſchte, als er ſich ſo die Zukunft in lockenden Bildern ausmalte, voll grimmer Freude wild die Zähne zuſammen, und erſt der Ruf der Jury, mit der ſich die Amerikaner jetzt des Sheriffs Zelte zudrängten, weckte ihn aus ſeinen Träumen. Im Lager waren indeſſen noch andere Ameri⸗ kaner aus den benachbarten Minen eingetroffen, die von der geſtrigen Schilderhebung der Merikaner gehört hatten, und jetzt herbeieilten, ihren Lands⸗ leuten beizuſtehen. Sie Alle trugen Büchſen und manche wilde ſonngebrannte Geſtalt war unter ihnen, in Jagd⸗ und Indianerkämpfen noch von der Heimath her abgehärtet. Hale kannte auch mehrere von dieſen, und hoffte, daß ſie eher dem Geſetz, als jenen raufluſtigen Geſellen beiſtehen würden, falls es mit dieſen zum Aeußerſten kom⸗ men ſollte. Hale's kleines Zelt hielt aber die Menge nicht, und man beſchloß zuletzt in offener Flat— wozu der„rothe Boden“ hinter den Zelten treffliche Ge⸗ legenheit bot— die Jury zu verſammeln. Zwan⸗ zig geſchäftige Hände waren auch gleich beſchäftigt ein paar der dortigen Gruben zuzuwerfen, und einen genügenden Platz dazu zu ebnen. Auf einem der Erdhaufen wurde dann, etwas erhöht, ein Stuhl für den Alkalden hingeſetzt, und raſch Pfoſten eingeſchlagen und Brete darüber gelegt, Bänke für die gewählte Jury herzuſtellen. Trotzdem nun daß Siftly ſein Aeußerſtes ver⸗ ſucht hatte mit zu dieſer Jury zu kommen, hatte man keinen der bekannten Spieler darin haben wollen. Die Amerikaner gaben ſich wol dem Spiel hin und verſchleuderten ihr Gold darin, aber ſie kannten auch die Burſchen, die ein Geſchäft daraus machten, und hielten ſie einer ſolchen Ehrenſtelle 247 unwürdig. Es ſprach ſich allerdings Niemand darüber aus, die Spieler erhielten jedoch nur we⸗ nige Stimmen, und ſelbſt dieſe nur von Gelichters ihrer Art, und Siflly ſtand jetzt, die Serape feſt um ſich hergeſchlagen, den breiträndigen Hut in die Augen gedrückt, nicht weit von Hetſon's Stuhl, den Gang der Verhandlung von dorten zu beob⸗ achten. Es war halb fünf geworden, und während der Angeklagte von ſeinen Wächtern herbeigeführt wurde, erſchien auch Hetſon zwiſchen den Männern— aber es wäre ſchwer geweſen, den Schuldigen unter den Beiden herauszuſuchen, ſo ernſt, ſo todtenbleich ſahen Beide aus. Den Richter begrüßten Manche der rauhen, eben eingetroffenen Schaar, die indeſſen von Hale gehört, wie tüchtig er ſich geſtern benommen; wehte doch auch ſeine Siegstrophäe, die Mexikaniſche Flagge, noch immer unter der Amerikaniſchen, allen Feinden zum Trotz. Sie ſchüttelten ihm die Hand und bedauerten nur—„daß ſie den Spaß nicht hätten mitmachen können.“ Der Himmel hatte ſich wol etwas aufgeklärt, und noch während die Leute ihre Plätze einnahmen, brach ſich in den oberen Luftſchichten die Sonne Bahn, gerad über Kopf den lichten blauen Aether zeigend. Dadurch aber drückte ſie freilich den zähen Nebel nur noch feſter auf den Boden nieder. Der für die Jury beſtimmte Platz war jetzt hergeſtellt, und Alles dazu verſammelt, und nur Hetſon zögerte noch immer zu beginnen, weil er hoffte, daß der Deutſche doch am Ende noch mit dem Entlaſtungszeugen eintreffen könne. Aber die Jury ſelber wurde ungeduldig, und die Amerikaner wollten ſolche„Ausflüchte“, wie ſie es nannten, nicht länger gelten laſſen. Die feſtgeſetzte Zeit war verſtrichen, der Abend vor der Thür und das ver⸗ goſſene Amerikaniſche Blut ſchrie um Rache. Het⸗ ſon konnte es auch nicht entgehen, daß ſich die meiſten ſeiner Landsleute in wilder gährender Auf⸗ regung befanden, und das Reſultat der ganzen Verhandlung durfte kaum mehr zweifelhaft ſein. Golway war verloren, wenn dieſe Leute ſein Ur⸗ theil ſprechen durften. Lauter und dringender verlangten ſie auch jetzt den Beginn der Verhandlung; ſie wollten nicht länger hinausgehalten ſein und die nächſte Stunde mußte das Schickſal des Gefangenen entſcheiden. Hetſon gab endlich das Zeichen zur Eröffnung der Court. 249 Von den Geſchworenen hatte Golway, auf Hale's Rath nur Briars zurückgewieſen, obgleich er im Anfang die Jury gar nicht anerkennen und gegen das ganze Verfahren proteſtiren wollte. Hale aber bewog ihn zuletzt das nicht zu thun, da es an der Sache auch nicht das Geringſte ändern, und die ſchon überdies gegen ihn herrſchende Stim— mung nur verſchlimmern könne. Cook trat jetzt als Ankläger hervor, und erzählte ſo einfach als möglich den ganzen Thatbeſtand. Wie Johns, mit dem er zuſammen gearbeitet, im Walde ermordet und verſcharrt gefunden worden wäre,— wie er ſein Pferd an den Mann da verkauft habe, und von ihm ein Stück Gold bekommen hätte, das er beſchwören könne, es ſei Johns' Eigenthum geweſen, von dem ſich Jener gutwillig auf keinen Fall getrennt. Er beſchrieb dann, wie ſie dieſes und noch zwei andere auffallende Stücken zuſam⸗ men ausgegraben hätten, von denen ſich freilich nur das eine bei dem Gefangenen gefunden. Johns aber habe ſich damals ausnehmend darüber gefreut und ſie ſeiner Mutter ſchicken oder bringen wollen — und jetzt läge er in ſeinem blutigen Grabe, während die arme Frau daheim auf Nachricht von ihrem Sohne umſonſt und immer wieder umſonſt warte. Könne der Fremde beweiſen, von wem er das Stück habe, ſo ſei damit auch ſeine Unſchuld ausgeſprochen— könne er das nicht, ſo meine er wenigſtens, man müſſe ihn darüber zur Rechen⸗ ſchaft ziehen. Wildes Gemurmel drohender Stimmen durch⸗ lief die Verſammlung, als Cook geendigt. Das Bild, das er, wenn auch ganz unabſichtlich, vor ihnen heraufbeſchworen, hatte ſeine Wirkung nicht verfehlt, und Mitleid mit der armen Mutter, Ab⸗ ſcheu gegen den feigen Mörder des Sohnes, füllten ihre Herzen. In dieſer, gegen ihn arbeitenden Stimmung erhob ſich jetzt der Angeklagte, und wenn ſein Antlitz auch noch bleich war und ſeine Stimme im Anfang zitterte, ſammelte er ſich bald. Sein Auge belebte ſich, und der Gefahr in die Zähne, die ihn hier bedrohte, wies er die Anklage entrüſtet von ſich ab. Mit kurzen Worten erzählte er dabei, wie er am Macalome gearbeitet, das Leben aber bald über⸗ drüſſig geworden wäre. Er ſei ein Seemann, auf der See daheim, und habe eben dorthin zurückge⸗ wollt, als ein unglückſelig Mißverſtändniß ihn hier aufgehalten. Das Gold, das er aus dem Erlös ſeines Zeltes und Werkzeuges gelöſt, habe er aller⸗ dings nicht ſo genau betrachtet die einzelnen Stücken zu kennen, je mehr er aber darüber nach⸗ 251 denke, je mehr ſei er überzeugt, daß er das frag⸗ liche Stück von dem Manne erhalten habe, dem er ſein lahm gewordenes Pferd verkauft habe, wenn dieſer auch, wie ihm der Sheriff mitgetheilt, die Sache leugne. Uebrigens könne er den Mord nicht verübt haben, da er erſt vorgeſtern Abend ſpät vom Macalome aufgebrochen wäre, und das würde er beweiſen, wenn man ihm Zeit und Gelegenheit gäbe, die Zeugen dafür zu bringen. Ein junger Deutſcher habe das unternommen, ſich jedoch wahr⸗ ſcheinlich im Nebel verirrt. Sie dürften aber über keinen Mann richten, dem ſie nicht erſt volle Ge⸗ legenheit geboten hätten ſich zu rechtfertigen, und deshalb verlange er nach Macalome geführt zu werden, ſeine Unſchuld darzuthun. „Das glaub' Dir der Teufel!“ ſchrie da Briars auf,„daß Du uns unterwegs in Dickicht und Nebel durch die Lappen gingſt, nicht wahr? Warum nicht lieber die Zeugen in Alt⸗England holen?“ „Ruhe in Court!“ rief da der Sheriff—„Bri⸗ ars, Ihr habt kein Wort hier einzureden.“ „Hab' ich nicht?“ höhnte ihn aber dieſer,„ſo wollen wir ſehen, wer das letzte Wort hier hat— wir oder die Dintenkleckſer.— Er ſoll beweiſen, von wem er das Stück Gold hat, und da er das nicht kann, ſoll er hängen.“ 3 4 4 5 1* 4 „Ich will verdammt ſein!“ rief Hale, und wollte auf den frechen Burſchen eindringen, die Würde ſeines Sheriff⸗Amtes hier zu wahren. „Halt Hale!“ rief ihm da der Alkalde zu,„laßt für jetzt den Burſchen mit ſeiner Drohung zufrieden, und ruft uns Boyles hierher, ſich gegen die An⸗ klage zu vertheidigen.“ „Boyles— oh Boyles!“ rief es jetzt von mehreren Stimmen durch die Verſammlung,— „wo zum Henker ſteckt er denn, er war doch vorher da?— oh Boyles?“ Einzelne gingen in die Zeltſtraße, nach dem Verlangten zu ſuchen, und Andere wurden nach ſeinem und Kenton's Zelt geſchickt, ihn dort aufzu⸗ treiben,— er war aber nirgends zu finden, und nach etwa einer Viertelſtunde kehrten Alle unver⸗ richteter Sache wieder zurück. „Was zum Henker braucht es denn auch Boyles?“ rief da der ſich wieder vordrängende Briars— „ſchwört mich als Zeugen ein an ſeiner Statt, denn ich war dabei, wie ihn Hale nach dem Stück fragte. Er weiß Nichts davon und hat es im Leben nicht geſehen. Das ſind ja auch Alles nur Flauſen, die der Burſche machen will.“ „Ich dank' Euch, Sir,“ antwortete aber Hetſon ruhig dem der Aufenthalt erwünſcht kam,„Euch —253 können wir für einen Andern nicht zum Zeugen gebrauchen, und bis Boyles nicht geſchafft wird, müſſen wir die Verhandlung ausſetzen.“ „Ich ſollte doch denken,“ ſagte da Siftly,„der Sheriff, der mit dem Mann ſchon geſprochen, würde da am beſten für ihn eintreten können. Wir Amerikaner ſind einmal feſt entſchloſſen, daß die Sache vorwärts geht, und von uns Allen iſt wol nicht Einer hier, der Voyles eines Mordes fähig hielte.“ „Ich werde nicht für Boyles eintreten,“ ſagte da Hale.„Ich habe ihn allerdings gefragt und ihm das Stück gezeigt, und er hat mir geſagt, daß er Nichts davon wiſſe.“ „Nun was wollen wir denn mehr?“ rief Briars. „Sein ganzes Benehmen dabei gefiel mir aber nicht,“ fuhr Hale ruhig fort,„er— ſchien mir ſelber nicht ſo ganz ſicher zu ſein und jedenfalls mag er ſeine Antwort auch hier ſelber abgeben. Ueberdies habe ich ihm angezeigt, daß er in der Court erſcheinen möge.“ „Gentlemen of the jury,“ ſagte da Hetſon, „die ganze Anklage dieſes Mannes, gegen den ſonſt nicht das geringſte Verdächtige vorliegt, beruht auf dieſem einen Stück Gold, und gerade der Mann, von dem er glaubt, daß er es erhalten habe, iſt — —— 254 trotz erhaltener Vorladung hier nicht anweſend. Ich bin deshalb der Meinung, daß es in der Ord⸗ nung ſei, die Jury ſo lange zu verſchieben, bis er wenigſtens aufgefunden iſt.“ „Und wenn nun Boyles nicht erſcheint?“ frug da Siftly,„wenn er vielleicht, an Eurer lang⸗ weiliges Gericht gar nicht denkend, irgendwo in die Berge gegangen iſt zu proſpektiren.“ „Dann werd' ich den Gefangenen, mangelnder Beweiſe wegen, entlaſſen,“ ſagte ruhig der Richter. „Und iſt das auch Euere Meinung, Ihr Männer von Californien?“ ſchrie da Briars,„ſollen wir dieſe Auſtraliſchen Verbrecher hier mit Piſtole und Dolch unter uns herumwirthſchaften, und ſie unſer Amerikaniſches Blut vergießen laſſen, um nachher zuzuſehen, wie ſte von einem ſchwachköpfigen Richter freigegeben werden und uns auslachen?“ „Der Burſche iſt überführt,“ rief jetzt auch Siftly und mehrere Andere—„was ſchiert uns Boyles; mit dem haben wir Nichts zu thun.“ „Und dann wollen wir auch keine Umſtände weiter machen,“ ſetzte Briars vorſpringend hinzu— „wer ächtes Amerikaniſches Blut in den Adern hat, folge mir!“ und mit den Worten eilte er auf den Gefangenen zu, während Siftly und acht oder zehn Andere ſeines Gelichters um ihn herdrängten. „Briars, ich warne Euch!“ ſchrie da Hale— „Ihr greift mir hier in's Amt, und verdammt will ich ſein, wenn Ihr dem Mann ein Haar krümmt, ohne meinen Willen.“ „So ſei es, mein Burſche,“ lachte Siftly, der den Gefangenen an der Schulter faßte, ihn empor zu reißen. Eine rauhe Hand packte ihn aber an der Bruſt und warf ihn dermaßen von dort zurück, daß er ſich kaum auf den Füßen halten konnte. „Hölle und Teufel!“ ſchrie da der Spieler in voller Wuth—„tritt mir das Breigeſicht dort wieder in den Weg? Du kommſt gerade recht, mein Burſche,“ und mit den Worten riß er den Revolver auch aus der Taſche. Ehe er ihn aber nur ſpannen oder richten konnte, hatte ihn Lanzot unterlaufen und faßte ihn an der Kehle, während Einer der Geſchworenen zugeſprungen war, die in ſolcher Menge zu gefährliche Schußwaffe unſchädlich zu machen. Nicht ſo harmlos lief der ebenſo raſch geführte Kampf zwiſchen Hale und Briars ab, denn als der Sheriff neben Lanzot vor den Gefangenen ſprang, ſtieß der faſt raſende Burſche mit dem ſcharfen, ausgezackten und mit Meſſing beſchlagenen Kolben ſeiner Büchſe gerade nach des Sheriffs Ge⸗ ſicht, und traf er es ordentlich, hätte er es zer⸗ 25⁵6 ſchmettert. Hale behielt auch kaum Zeit, den Kopf zu drehen, und ſelbſt da noch riß ihm die untere Kante den Backen auf. Hale war aber mit ſeinem Revolver ſchneller als Siftly, und ehe Briars den Stoß wiederholen konnte, warf ihn der gerade in ſein Antlitz gefeuerte Schuß, in ſeinen Fährten todt zu Boden. Merkwürdig ruhig hatten ſich bei dieſem ganzen Kampfe, deſſen Dauer kaum nach Secunden zählte, die friſch eingetroffenen Amerikaner benommen. Keiner von ihnen redete auch nur ein Wort hinein und hob eine Hand, ſo lange der Wortſtreit dauerte. Kaum hatte aber der wilde Briars ſeinen Angriff gemacht und Siftly die Waffe gezogen, als ſie faſt ſämmtlich ihre Büchſen in die Höhe warfen und über Briars' Leiche weg, vor den Gefangenen und den verwundeten Sheriff traten. Ein alter Mann von kleinem aber zähem Kör⸗ perbau, mit ſchneeweißen langen flatternden Haaren, in ledernes Jagdhemd, Leggins und Moccaſins ge⸗ kleidet, ſchien der Anführer von Dieſen zu ſein, wenigſtens die meiſte Autorität zu beſitzen, und war unter dem Namen des„kleinen Teufels“ auch rings in den Minen gut genug bekannt. „Seid Ihr Amerikaner?“ ſchrie der aber jetzt die Raufbolde wüthend an, indem er ſeine lange 257. Büchſe in Anſchlag hob, und die Mündung gerade gegen die Burſchen gerichtet hielt.„Pfui über Euch Geſindel, und Gott ſoll mich ſtrafen, wenn ich nicht dem Erſten der wieder eine Hand aufhebt, die Sonne ſo richtig durch ſein Hirn ſcheinen laſſe, wie ich das alte Schießeiſen hier in der Hand halte.“ „Laßt mich los!“ ſchrie aber Siftly, die Drohung nicht hörend oder nicht beachtend,—„ſein Herzblut muß ich haben.“ „Hinter ihm weg da!“ rief aber jetzt der Sheriff, der ebenfalls gereizt, mit geſpanntem Revolver vor, und Siftly gegenüber ſprang.—„Einen Schritt vorwärts, mein Junge, und Du kannſt Dich mit dem da zuſammen begraben laſſen.“ „Feige Hunde!“ tobte da der Spieler, ganz außer ſich—„Alle über Einen, und eine Bande von Fremden zu ſchützen. Iſt denn kein Mann unter Euch, der es wagt ſich mir zu ſtellen?“ „Hier nicht— verdammt will ich ſein, wenn hier in Court noch Einer eine Hand aufhebt!“ „Wenn Ihr einen Wunſch habt, Sir,“ ſagte da Lanzot kalt,„ſo ſtehe ich Euch morgen früh mit Vergnügen zu Dienſten.— Ich habe ſchon einmal vergebens auf Euch gewartet.“ „Gut! beim Teufel, ich nehme Dich beim Wort, Gerſtäcker, Gold. III. 17 258 mein Burſche,“ jubelte aber Siftly—„dort drüben am Hügel morgen früh ſieben Uhr—“ Lanzot neigte ſich kalt gegen ihn, als klappernde Hufſchläge die Straße niedertönten. „Nolten, bei Gott!“ rief der Sheriff, als aus dem Nebel die Geſtalten dreier Männer auftauchten, die quer durch die Zelte herüberſprengten—„Nol⸗ ten und Beckdorf.“ „Zu ſpät?“ ſchrie aber der alte Mann er⸗ ſchreckt, als er die Leiche vor ſich auf dem Boden liegen ſah. 6„Wenn Ihr dem Lump da helfen wolltet, Nol⸗ ten, allerdings,“ lachte der greiſe Jäger,„aber für den Gefangenen nicht. Kommt Ihr als Zeuge für oder gegen ihn.“ „Für ihn, Mac Kinney, für ihn!“ rief da der alte Nolten, indem er von ſeinem Pferde ſprang und es frei laufen ließ—„und wie ich ſehe, Gott ſei Dank zur rechten Zeit.“ „Robins!“ rief aber auch Golway jetzt jubelnd aus, als er den Mann erkannte, der den alten Nolten begleitete—„das iſt freundlich von Euch, daß Ihr mich nicht im Stiche gelaſſen habt.“ „Im Stiche gelaſſen?“ rief aber der junge 4 Amerikaner, indem er aus dem Sattel und auf den Gefangenen zu ſprang, ihm die Hand zu ſchütteln. 259 Da ſah er die Bande, die ihn gefeſſelt hielten, und ohne Weiteres ſein Meſſer aus der Scheide reißend ſchnitt er ſie durch. „Landsleute!“ rief er dabei, ſich gegen die ihn jetzt ordnungslos umdrängenden Amerikaner wen⸗ dend—„den Mann hier habt Ihr eines Mordes beſchuldigt und einen wackerern Burſchen trägt die Erde nicht.— Mich hat er gepflegt, wie ich krank wurde, wie einen Bruder, und daß er Macalomes nicht, auch keine Viertelſtunde verlaſſen hat, bis vorgeſtern Abend, wo wir Beide uns trennten, kann ich mit heiligem Eide beſchwören.“ „Wenn Ihr noch einen anderen Zeugen haben wollt, ſo ſteh' ich hier,“ ſagte der alte Nolten, „und daß ich nicht lüge— ich dächte dafür wär' ich hier bekannt genug, Hat er Gold bei ſich ge⸗ habt, das dem Ermordeten gehörte, ſo klebt deſſen Blut doch wahrlich nicht an ſeinen Händen.“ „So?“ rief Hale,„dann bleibt uns jetzt Nichts weiter übrig, als dieſen Mr. Boyles irgendwo aufzuſpüren, denn ich habe eine Ahnung, daß wir durch den auf eine andere Fährte kommen. Hurrah Jungens, hat noch Einer von Euch etwas dawider, daß wir den Engländer unbeläſtigt ziehen laſſen? Na?— wo zum Teufel iſt denn die Jury.“ „Oh, eben beim Teufel, Hale,“ lachte Einer der 17* 260 Leute,„iſt denn in die Burſchen eine Ordnung hin⸗ einzubringen?“ Hetſon war vielleicht der Einzige von allen Anweſenden, der an dem vorhergegangenen Aufruhr keinen Theil genommen, ja ſich nicht gerührt hatte. Nur ſeine Hand faßte die Schußwaffe, den gefähr⸗ lichen Revolver, den er ſo gut wie alle Andern trug; aber er ſchien erſt den Moment zu erwarten, in dem er ſelber einſchreiten wollte, und als die fremden Amerikaner dazwiſchen ſprangen und den Gefangenen ſchützten, ließ auch ſeine Hand die Waffe wieder los. Jetzt kam er langſam von ſeinem Sitze nieder und zu Golway tretend, deſſen Arm er faßte, ſagte er mit feſter, aber bewegter Stimme: „Sir— Sie ſind frei, und ſo leid es mir thut, daß Sie ſolch ein Unfall hier betroffen, ſo freue ich mich doch jetzt, Ihnen volle Sicherheit verſprechen zu können— ſo lange Sie hier bei uns bleiben wollen.“ „Mr. Hetſon—“ „Kommen Sie mit mir,“ erwiderte aber der Mann, während er dem Nebenbuhler feſt in's Auge ſah—„Jenny hat ſich ſehr um Sie geängſtigt.“ Golway ſchwieg und begegnete dem Blick— dann aber ſagte er leiſe: 261 „Ich glaube, es iſt beſſer, Sie laſſen mich ziehen, Sir. Hätten mich die Leute hier nicht ge⸗ waltſam zurückgehalten, ich wäre jetzt weit— weit von hier.“ „War es in der That Ihre Abſicht, die Minen zu verlaſſen?“ frug Hetſon, und wieder zuckte, wie vor alter Zeit, ein banges, unheimliches Gefühl durch ſein Herz. „Zweifeln Sie daran?“ ſagte Golway, ihm ruhig in’s Auge ſchauend.. Hetſon erwiderte Nichts, aber er ergriff ſeine Hand und drckte ſie feſt, feſt in der ſeinen. Robins hatte indeſſen den Landsleuten, unter denen er mehrere Bekannte traf, erzählt, wie er mit dem Engländer zuſammengearbeitet habe und krank geworden wäre, und wie wacker ſich Jener ſeiner angenommen, ja ſogar ſeinen Verdienſt die Zeit mit ihm, trotz allem Sträuben getheilt habe. Jetzt hatte er Macalomes verlaſſen wollen, und war nur durch einen Zufall noch in der Nachbarſchaft auf⸗ gehalten worden, wo er heute Nolten und dem jungen Deutſchen begegnete. Nolten kannte ihn aber, und wußte, daß er des Engländers Com⸗ pagnon geweſen ſei, und wie er die Anklage gegen dieſen hörte, hatte er ſich ohne Weiteres auf ſein Pferd geworfen, als Zeuge für ihn aufzutreten. 262 Cook hörte das Alles mit an, und es war ihm dabei ein unbehagliches Gefühl, daß er eigentlich die alleinige Urſache geweſen ſein ſollte, die den Unſchuldigen in ſo gefährliche und fatale Lage ge⸗ bracht. Derb und gerad' aus aber wie er war, ging er jedoch auch jetzt ohne Weiteres auf den Engländer zu, ſchüttelte ihm die Hand und ſagte: Fremder, es thut mir verdammt leid, daß ich Euch ſolcher Art hier, und wie es ſcheint unſchuldig, in die Patſche gebracht. Aber Nolten und Robins ſind Ehrenmänner, und nach denen ſeid Ihr auch ein ehrlicher Kerl. Alſo Nichts für ungut— aber meinen kleinen Finger gäb' ich drum, wenn wir den richtigen Mörder fänden. Wollt Ihr übrigens einen guten Rath von mir annehmen?“ „Und der wäre?“ Cook ſchwieg einen Augenblick, und ſah finſter hinter den Spielern und ihren Freunden drein, die Briars' Leichnam g'rad bei Seite ſchafften— dann murmelte er: „So hütet Euch vor den Burſchen da, wie ſte gehen. Menſchenleben ſtehen bei ihnen merk⸗ würdig billig im Preiſe, denn ſie tariren Alle nur nach dem Werth ihrer eigenen. „Ich glaube nicht, daß ich ihren Weg ſobald wieder kreuzen werde,“ erwiderte aber Golway „ 263 mit einem trüben Lächeln—„ich werde Californien verlaſſen.“ „Ihr habt genug davon geſehn?“ lachte Cook— nja, es iſt ein ſchlechter Platz für Engländer,“ ſetzte er dann treuherzig hinzu,„weil man eigentlich nie weiß, woran man mit ihnen iſt, und doch ſollte man da ein Bischen vorſichtiger ſein. Es fehlte bei Gott verdammt wenig und wir hätten Euch richtig auf⸗ gehangen.“ Hetſon nahm den Arm des Engländers und führte ihn, ohne weiter ein Wort zu ſagen, den Zelten zu. „Hallo Sir,“ rief ihm Cook noch nach,„Euer Pferd könnt Ihr bekommen, wann Ihr es wollt; es iſt ſicher aufgehoben.“ Golway nickte ihm zu, und folgte dann dem Alkalden kurze Strecke gegen deſſen eigenes Zelt, unſchlüſſig noch was er thun, wie er handeln ſolle. Endlich aber, als ſie die übrigen Männer ſo weit hinter ſich gelaſſen hatten nicht mehr von ihnen gehört zu werden, blieb er ſtehn und ſagte freundlich, doch mit feſter und ruhiger Stimme: „Mr. Hetſon, ich erkenne ganz Ihre freundliche und ehrenhafte Abſicht, mich, den Sie noch immer für Ihren Nebenbuhler halten müſſen, trotzdem in den Frieden Ihrer Häuslichkeit einzuführen, aber— 3 8 1 — — 1 68 8 1 1 1 4 1 6 4 täuſchen wir uns Beide nicht über unſere Gefühle. — Reißen Sie die alten Wunden nicht muthwillig auf, die kaum zu bluten uachgelaſſen haben. Was geſchehen, iſt geſchehn, und Gott hat es ſo gefügt, wir Menſchen können Nichts mehr daran ändern — heiß und brünſtig habe ich auch gebetet, daß Jenny— verzeihen Sie den Namen— daß Mrs. Hetſon das Glück an Ihrer Seite finden möge, das mir nicht beſchieden war ihr zu gewähren. Sie werden ihr die Nachricht meiner Rettung bringen— ich bin überzeugt es wird ſie freuen— laſſen Sie es damit genug ſein. Wider meinen Willen hat uns das Schickſal hier zuſammengeführt, vielleicht iſt es aber auch gut ſo— es kann und wird ein Abſchluß der Gefühle ſein, die uns Beiden noch bis jetzt das Herz bedrückten— ein längeres Bei⸗ ſammenleben würde uns nur unnütz Weh bereiten.“ „Aber Sie dürfen nicht ſo von uns ſcheiden,“ drängte Hetſon. „Nein,“ ſagte Golway—„die Sonne iſt ihrem Untergang nah, und ich bin nicht ſicher, daß ich den Weg im Dunklen nach Stockton fände; ich werde bis morgen früh hier bleiben. Wenn Sie es mir dann erlauben, komme ich morgen früh hinüber in Ihr Zelt, Abſchied von Ihnen— von ihr zu nehmen.“ 265 Hetſon ſchwieg, und ſah ſinnend eine Weile vor ſich nieder; endlich ſchlug er in die ihm dar⸗ gebotene Hand des Mannes und ſagte mit freund⸗ licher, ja herzlicher Stimme: „Golway, Sie ſind ein Ehrenmann, und ſo glücklich mich der Beſitz Jenny's macht, um ſo mehr fühle ich Ihren Verluſt— theile Ihren Schmerz. Auch hierhin haben Sie recht; handeln Sie wie es Ihnen gut dünkt— thun Sie was Sie für das Beſte halten. Der Gefahr aber darf ich Sie nicht ausſetzen hier in unſerem Orte, wo wir leider der böſen Geſellen viele haben, noch beleidigt oder ge⸗ ſtört zu werden, und Sie vollkommen ſicher zu ſtellen, kann ich Sie keinem beſſeren und redlicheren Mann für die Nacht empfehlen, als unſerem Sheriff.“ „Ich habe ſeine Gaſtfreundſchaft ſchon in An⸗ ſpruch genommen,“ lächelte Golway. „Leider,“ ſeufzte Hetſon,„aber jetzt geſchieht das unter anderen Umſtänden. Wollen Sie aber nicht zu mir herüberkommen, ſo folgen Sie wenigſtens meinem Rath, und verlaſſen Sie ſein Zelt heute Abend nicht, obgleich wir das„Geſindel“ ſchon nicht aus den Augen verlieren werden. Immer iſt es beſſer ihnen nicht in den Weg zu treten, denn daß ihnen heute Einer ihrer Schaar erſchoſſen wurde, hat ſie jedenfalls noch mehr erbittert. Da 266 kommt Hale; es wird nur weniger Worte bedürfen und ich weiß Sie gut und ſicher aufgehoben. Die Sonne war untergegangen, und in Ken⸗ ton's Zelt eine Verſammlung„Amerikaniſcher Bür⸗ ger“ von Briars' Freunden zuſammenberufen worden, die mit Toben und Trinken ihre Orgie begannen. Wilde flammende Reden wurden dabei gehalten, als ob die Wüthenden Alles mit Blei und Meſſer ausrotten wollten, was ſich ihnen in den Weg ſtellte. Während ſie aber dort noch tobten und raſten, dröhnte das kleine Zeltſtädtchen von den donnernden Hufen einer Reiterſchaar, und von dem kleinen Matroſen angeführt, galoppirten die Männer von Golden bottom, die meiſten in Jagd⸗ hemden, die langen Büchſen auf der Schulter, die Straße nieder und hielten vor des Alkalden Zelt. Wohl ſuchten die Trinker und Spieler, durch den Schlag der Hufe aus ihrem Wüthen aufgeſtört, 1 willkommene Bundesgenoſſen ſo raſch als möglich unter den Neuangekommenen zu werben. Die Schaar beſtand aber nicht aus einem ungeregelten, zuſammen⸗ gelaufenen Trupp, ſondern war von dem Richter des Golden bottom ſelber angeführt, der ſie zu dieſem Streifzug raſch organiſirt und vereidigt hatte: die Geſetze aufrecht zu halten. Die Leute deshalb, mißtrauiſch ſchon gegen die Halbtrunkenen, wieſen ſelbſt die ihnen zugebrachten und angefüllten Gläſer zurück, und hielten ſich, ihre Thiere am Zügel, feſt in ihren Reihen, bis ihr Anführer Rückſprache mit Richter und Sheriff genommen, und von ihnen die Vorgänge des heutigen und geſtrigen Tages erfahren hatte. Hale beſorgte ihnen dann Leute, die ihre Thiere zu einem ſicheren und guten Weide⸗ platz führten, während die Männer ſelber in einem der Amerikaniſchen Trinkzelte, deſſen Beſitzer das Spiel nicht duldete, untergebracht wurden. Die Raufbolde fühlten ſich aber gerade durch dieſes abgeſchloſſene zurückhaltende Weſen der Neugekommenen eingeſchüchtert. Zwar traten noch ein paar Redner auf, aber ſie fanden nicht mehr die Tod ſchleudernden Worte— nicht mehr die begeiſterten Zuhörer wie vorher, und noch vor zehn Uhr gingen die meiſten— die ausgenommen, die ſich wie gewöhnlich um die Spieltiſche ſammelten — in ihre Betten, ohne vorher, wie das ſelbſt in Vorſchlag gekommen, einen Angriff auf das Zelt des Alkalden und Sheriffs gemacht, oder die Wohn⸗ plätze der Fremden niedergebrannt zu haben. Es mochte zwölf Uhr ſein, als Smith, der ſeinen erſten Ausgang verſucht hatte, mit Siftly 28s die Straße hinauf dem Zelte zuging, das ſie Beide jetzt gemeinſchaftlich bewohnten. Die beiden Männer 1 waren ſchweigend nebeneinander hingeſchritten, Jeder nur mit ſeinen eigenen finſteren Gedanken beſchäftigt und Keiner geneigt ein Geſpräch anzuknüpfen. Etwa die Hälfte zwiſchen ihrem und Kenton's Zelt hatten ſie ſo zurückgelegt, als plötzlich ein ſchriller, nicht ſehr lauter Schrei dicht neben ihnen vom Boden zu kommen ſchien. „Ha— was war das?“ rief Siftly, indem er ſtehen blieb und ſich umſchaute. „Eine Nachteule,“ ſagte Smith gleichgültig. „Es kam dort von der Erde her.“ „Das Zeug fängt Mäuſe— jetzt iſt ſie vor uns— hört Ihr?“ Derſelbe Ruf klang in dem Augenblick etwa hundert Schritt voraus, und Siftly horchte noch einmal der Richtung zu, wo er den erſten Laut vernommen— doch Alles blieb todtenſtill. Nur das Laub einzelner, ihres Schattens wegen ſtehen gelaſſenen Bäume rauſchte über ihnen, und die Grillen zirpten. Sehen ließ ſich freilich nicht viel, denn die Nacht war dunkel, und der Nebel lag ſeit Sonnenuntergang noch weit dichter und feſter auf der feuchten Erde. Die beiden Männer ſchritten weiter, aber kaum 269 vier Schritt von dort, wo ſie ſtehen geblieben waren, hob ſich vorſichtig eine dunkle Geſtalt vom Boden auf und glitt zwiſchen die Zelte hinein. „Und wie wird es mit dem grünen Burſchen morgen, mit dem Ihr Euch ſchießen ſolltet?“ ſagte Smith nach einer Weile.„Der Plan, den Ihr hattet, mochte ganz gut ſein, ſo lange die Hülfs⸗ truppen nicht eingerückt waren; jetzt möchte ich meinen Hals aber nicht dazu hergeben.“ „Der iſt allerdings mehr gefährdet dabei als Eure Ohren,“ lachte Siftly höhniſch vor ſich hin. „Ihr habt gut reden, Siftly,“ antwortete mür⸗ riſch der verſtümmelte Spieler,„das ſag' ich Euch aber, der Platz hier wird mir zu warm, wenn wir die Einquartierung behalten, und ich ſehe mich lieber nach einem anderen Lokal um, das näher zu der Hauptſtadt liegt.“ „Ihr fürchtet die Burſchen doch nicht?“ rief Siftly,„zum Teufel noch einmal, ich betrachte ſie nur als neue Kunden, die uns morgen Abend ſchon ihr Gold in's Zelt tragen werden. Was können ſie weiter ſchaden?“ Vor ihnen über den Weg glitt langſam ein dunkler Körper ſchlangengleich über den Boden hin, zog ſich zuſammen, als die beiden ſpäten Wanderer ihm plötzlich nahe kamen, und blieb regungslos liegen. Smith ging gerade darauf zu, als er aber ſchon den Fuß dagegen hob, fuhr er raſch zurück und bog zur Seite. „Was giebt's?“ frug ihn ſein Begleiter. „Oh Nichts als einer dieſer nichtswürdigen Baumſtümpfe mitten im Wege, über die man bei Nacht Hals und Beine brechen kann,“ ſagte Smith. „Ich wäre beinahe darüber geſtürzt.“ Als die Beiden vorüber waren, hob ſich das, was Smith für einen Baumſtumpf gehalten, vom Boden empor. Es war die nicht große aber ge⸗ drängte und kräftige Geſtalt eines Mannes, die jetzt, ohne weitere Zeit zu verlieren, hinter ihnen drein ſchlich, und gleichen Schritt mit ihnen hielt.— Eine andere ſchloß ſich ihm an, und ein leiſer ziſchender Laut, den der eine der heimlichen Burſchen ausſtieß, wurde unfern davon beantwortet. „Das weiß der Teufel, was das für Beſtien ſein mögen, die heute Nacht hier umherſchwärmen,“ brummte Smith—„ob es wirklich Eulen ſind?“ „Und ich bin doch entſchloſſen die Sache mit der Dirne zum Aeußerſten zu treiben, Smith,“ ſagte da Siftly, der ſchon nicht mehr auf die Töne achtete und die Bemerkung gar nicht gehört hatte.„Spiel⸗ ſchulden müſſen bezahlt werden; das Mädchen iſt noch nicht mündig, und kein Gerichtshof Californiens — kann ſie davon retten.— Der Diſtrictsrichter wird deshalb auch— beſonders nach den Vorfällen mit den Mexikanern— dieſen charakterloſen Hetſon ſchon zurechtweiſen. Zum Henker, ich will ſie haben, und es wäre das erſte Mal in meinem Leben, daß ich etwas nicht durchgeſetzt, was ich wollte.“ „Nehmt Euch in Acht, Siftly,“ warnte ihn aber Smith—„die Schufte hier im Camp ſind überdies nicht beſonders auf uns Spieler zu ſprechen, und munkeln Allerlei.“ „Bah, was können ſie thun?“ lachte Siftly, „wenn ſie ihr Geld verloren haben, ſind ſie wüthend; aber nur ſo lange, bis ſie wieder Neues geſchafft, es dann ebenſo ſicher an unſere Tiſche zu bringen. Sie können uns eben nicht entbehren, und ſtürben vor Langerweile, wenn wir fort wären. Die Beiden hatten indeſſen ihr Zelt erreicht, aber nicht ſo ruhig würden ſie es betreten haben, hätten ſie die dunklen Geſtalten geſehen, die es kurz vorher belebten und an dem Eingang horchten— Jetzt war Alles ruhig.— Gleich am Eingang ſtand ein Feuerzeug, an dem Siftly Licht machte. In dem Zelte ſelber waren zwei rohe Bettſtellen aufgeſchlagen, aber nur aus, auf eingerammten Pfählen genagelten Bretern her⸗ geſtellt. Eine ziemlich harte Matratze, und eine ————— ———— —— ——— 272 darüber geworfene wollene Decke dienten als Bett⸗ zeug— die Serape, die jetzt Beide um die Schul⸗ tern trugen, als Decke, und vor den Betten war noch bei jedem ein niederes Tiſchchen befeſtigt, auf das die Spieler, als ſie eintraten, ihre Revolver und Meſſer legten. Sein Geld nahm Jeder mit in das Bett, es immer gleich zur Hand zu haben. Smith, den ſeine Wunden ſchmerzten, wickelte ſich feſt in ſeine wollene Decke ein, Siftly dagegen, auf deſſen kleinem Tiſche das Licht brannte, lag noch eine ganze Weile, den Kopf in die Hand geſtützt, wachend auf ſeinem Lager, und ſchaute finſter, die Zähne feſt zuſammengebiſſen, vor ſich nieder. Die wollene Decke, die über ſeiner Matratze lag und faſt bis auf den Boden niederhing, bewegte ſich einmal— der untere Rand hob ſich langſam und vorſichtig empor, und ein dunkles Auge wurde dar⸗ unter ſichtbar— aber das Licht brannte noch. „Smith,“ ſagte Siftly nach einer langen Weile, in der kein Laut die Todtenſtille unterbrochen hatte —„oh Smith!“ Der Mann antwortete nicht, und ſein regel⸗ mäßiges Athmen verrieth, daß er eingeſchlafen war. Siftly murmelte einen Fluch zwiſchen den Zähnen durch, löſchte dann das Licht aus, wickelte ſich in ſeine Serape, und warf ſich auf die Seite. Capitel 9. Der Abſchied. Das Wetter hatte ſich am anderen Morgen nicht verändert; derſelbe Nebel lag noch auf dem Thal, und die Luft war feucht und kalt. Mühſam nur rang ſich auch der Tag Bahn durch die zähen Schwaden, während der Himmel in trübes Grau gekleidet blieb. Eben nur ließen ſich aber die erſten Anzeigen des nahenden Tages erkennen, als Hale's Zeltlein⸗ wand zurückgeſchoben wurde und ein Mann mit einem gedämpft geſprochenen„Hallo Hale!“ den inneren Raum betrat. „Hallo— wer iſt da?“ rief der Sheriff, der wohl die Geſtalt ſah, aber noch weiter Nichts er⸗ Gerſtäcker, Gold. III. 18 kennen konnte. Unwillkürlich griff er dabei nach ſeinem zur Hand liegenden Revolver und richtete ſich halb im Bett empor. „Ich muß Euch ſprechen,“ lautete die halblaut gegebene Antwort. „Ihr habt's da hölliſch eilig, daß Ihr nicht einmal den Morgen abwarten könnt,“ brummte Hale verdrießlich—„Wer ſeid Ihr?“ „Boyles!“ 3 „Alle Teufel!“ rief Hale, und ſprang mit bei⸗ den Füßen zugleich aus ſeinem Bett.„Was treibt Euch hierher?— doch am Ende nicht Euer Ge⸗ wiſſen?“ „Ja,“ hauchte der Mann mehr, als er ſprach, „ich wollte fort von hier, aber— ich— ich konnte nicht.“ „Ihr habt Johns erſchlagen?“ frug Hale faſt erſchreckt, denn er hatte den Burſchen bis jetzt wohl fur leichtſinnig, aber nie für wirklich ſchlecht gehalten. „Da behüte mich Gott vor,“ rief aber Boyles, zuſammenſchaudernd,„nein, Menſchenblut klebt Gott ſei Dank nicht an meinen Händen— ſeit der arme Teufel von Engländer geſtern glücklich dem Strang entgangen iſt.“ „Aber Ihr kennt den Mörder?“ „Ich vermuthe ihn— ja!“ flüſterte Boyles. „Und er heißt?“ „Siftly,“ hauchte Boyles, und wandte den Blick ſcheu über die Schulter, als ob er Angſt hätte, daß der Gefürchtete hinter ihm ſtände. „Habt Ihr das gehört, Sir?“ ſagte jetzt der Sheriff, nach der anderen Seite des Zeltes hin⸗ über. „Ja,“ lautete die Antwort von dort. „Um Gotteswillen, wen habt Ihr hier noch bei Euch?“ frug Boyles, faſt in die Kniee ſinkend. „Denſelben Mann, den die Geſchworenen oder die würdigen Bürger des Paradieſes geſtern faſt gerade jenes Mordes wegen gehangen hätten,“ ſagte der Sheriff finſter.„So hat er auch das Gold von Euch erhalten?“ „Ja,“ ſtöhnte der junge Burſche,„weil ich aber fürchtete, daß mich Siftly über den Haufen ſchöſſe, wenn ich es geſtände, leugnete ich es, aber— jetzt leidet es mich nicht länger. Jener Mann iſt un⸗ ſchuldig. Am Tage vorher, ehe der Leichnam ge⸗ funden wurde, kam Siftly in das Lager, und als ich ihm, da ich ihn von früher her kannte, im Ge⸗ ſpräch ſagte, daß jener Smith hier ſei, mit dem er jetzt wieder ſo eng befreundet iſt, borgte er mir in aller Freude darüber einige Unzen Gold—“ 18* 276 „Und er ſchien auf jenen Mr. Smith nicht be⸗ ſonders gut zu ſprechen.“ „Wie es mir vorkam, war er gegen ihn auf⸗ gebracht, und ich wunderte mich ſehr, als ſie am anderen Morgen wieder Compagnie machten.“ „Und bemerktet Ihr damals nicht ſonſt noch etwas Außergewöhnliches an Siftly?“ „— Ja,“ ſagte Boyles leiſe—„was mir aber erſt ſpäter auffiel. Als er mir das Gold gab, ſah ich Blut an ſeiner Hand— er wollte ſich in den Dornen geriſſen haben.“ „Und habt Ihr mit ihm darüber ſchon ge⸗ ſprochen?“ „Ja— über das Blut nicht, aber über das Stück Gold— er ſagte, er habe es von einem Mexikaner im Spiel gewonnen, wollte aber nicht mit in die Geſchichte verwickelt werden, und drohte mir, wenn ich ein Wort darüber ſagte, mit dem Leben.— Jetzt iſt es heraus— jetzt wißt Ihr Alles— ich habe mein Gewiſſen frei gemacht, und nun laßt mich fort. Wenn mich Siſtly wieder findet, ſchießt er mich ſo gewiß nieder, wie Ihr hier vor mir ſteht. Ihr kennt ihn nicht und ich— wäre der Erſte nicht.“ „Nein, mein Burſche,“ ſagte aber Hale, der ſich indeſſen bei der Erzählung vollkommen ange⸗ — 8 b 2 zogen hatte,„fortlaſſen kann ich Cuch jetzt nicht, denn ohne Euch fiele unſere ganze Anklage zuſam⸗ men. Aber darauf könnt Ihr Euch verlaſſen, daß Euch der Schuft nichts mehr ſchaden ſoll; für Euere Sicherheit bürg' ich Euch. Zu Euerer eigenen Rechtfertigung müßt Ihr aber auch jetzt hier bleiben, denn nach Euerem Geſtändniſſe, daß der Englän⸗ der das Gold wirklich von Euch erhalten hat, würde man Euch den Augenblick für den Mörder halten, ſobald Ihr Euch aus dem Staube machtet, und Siftly wäre der Erſte, der es auf Euch zurückwälzte. Daß er übrigens unſchädlich gemacht werden ſoll, ehe Ihr mit ihm zuſammentrefft, dafür laßt mich ſorgen. Nachher habt Ihr immer noch Zeit Euerer Wege zu gehen. Jetzt bleibt einen Augenblick hier bei Golway, ich bin in fünf Minuten wieder da. Ihr geht nicht fort?— Ihr verſprecht mir das?“ „Ich will hier bleiben,“ ſagte der junge Burſche, und ſank zitternd auf den nächſten Stuhl nieder, während Hale, der vorher dem Engländer etwas zugeflüſtert hatte, raſch das Zelt verließ. Boyles mochte er aber trotzdem nicht trauen, denn nach kaum zwei Minuten war er ſchon wieder da, und ging jetzt ungeduldig in ſeinem Zelte auf und ab. Er hatte nur den in dem Nachbarzelt ſchlafenden Cook geweckt und dieſen bedeutet den Alkalden augenblicklich herüber zu holen. Zehn Minuten ſpäter traten beide Männer in des Sheriffs Zelt, und raſch mit dem Vorge⸗ fallenen bekannt gemacht, ging Hetſon fort den Diſtrites⸗Judge von Golden bottom und deſſen Leute zu wecken. Mit dieſen wollten ſie Siftly's Zelt umſtellen und den Mörder verhaften. Es dauerte nur ſehr kurze Zeit, bis die Männer von Golden bottom mit ihren Büchſen auf den Schultern, gerüſtet vor des Sheriffs Zelt erſchienen. Zwei von ihnen wurden übrigens bei Boyles zu⸗ rückgelaſſen, eine mögliche Flucht deſſelben zu ver⸗ hindern, und die Uebrigen ſchritten raſch und ge⸗ räuſchlos die Straße hinauf, bis ſie das von dem Sheriff bezeichnete Zelt erreichten. Es war indeſſen eben Tag geworden, und die Flat lag todtenſtill vor ihnen. Hier und da hatte wohl ein oder der andere Händler neugierig und überraſcht aus ſeinem Zelt herausgeſchaut, als er den gleichmäßigen Schritt der Schaar draußen hörte— aber keiner derſelben ſtand ihnen Rede, und Siftly's Zelt wurde von den Bewaffneten umzingelt, ehe die Bewohner deſſelben nur eine Ahnung davon haben konnten. Unterwegs war übrigens ſchon verabredet wor⸗ 279 den, wie ſie handeln wollten, denn man erwartete von dem Spieler einen verzweifelten Widerſtand— im Fall er ſich nämlich wirklich ſchuldig fühlte. Entkommen konnte er jedoch trotzdem nicht, denn der Platz war vollſtändig umzingelt und an der einen Seite außerdem von einer breiten und tiefen Grube begrenzt. Hale ſchritt jetzt, von zwei jungen kräftigen Burſchen begleitet, auf den Eingang zu. Alle Drei hatten ihre Revolver ſchußfertig in der Hand— kein Laut war aber im Inneren zu hören, ein leiſes krampfhaftes Stöhnen ausgenommen.— Sie horchten— jetzt war Alles wieder ruhig, und der Sheriff, die Waffe mit der rechten Hand vor⸗ haltend, warf mit der Linken die Leinwand zurück, die den Eingang verhing.. „Siftly— im Namen des—“ er kam nicht weiter und ſtarr vor Entſetzen blieb er bei dem furchtbaren Schauſpiel ſtehen, das ſich ſeinen Augen bot. Nicht einmal im Stande war er, einen Laut auszuſtoßen, und nur mit der Hand winkte er zu⸗ rück— ein Zeichen, daß die Uebrigen herbeikommen möchten. Ueber den Spieler aber hatten ſie die Macht verloren, und deſſen Seele ſtand in dieſem Augen⸗ blick vor einem anderen Richter; doch deſſen Körper 280 war auf eine Weiſe entſtellt, ſelbſt die ſonſt wahr⸗ lich nicht zartfühlenden und gegen manchen Schrecken abgehärteten Amerikaner mit Entſetzen zu erfüllen. Halbaufgerichtet hing der zerfetzte Leichnam über ſeinem Bett, auf dem ihn die Mörder überraſcht hatten, und jede einzelne der Hunderte von Wunden wäre tödtlich geweſen.— Mit einem langen Haar⸗ zopf war ihm aber die Kehle zugeſchnürt, und nur von dieſem auch wurde er jetzt noch an einem dort in den Pfoſten ſteckenden Nagel aufrecht ge⸗ halten. Auf dem anderen Bett aber lag ſein Compagnon, Smith, mit zuſammengeſchnürten Händen und Füßen, feſt dabei geknebelt, und dermaßen an die in den Boden gerammten Bettpfoſten angebunden, daß er weder im Stande war ein Glied zu rühren, noch. einen Laut auszuſtoßen. Sonſt aber ſchien er voll⸗ kommen unbeſchädigt, und wie ſich die herbeidrängen⸗ den Männer nur von dem erſten Entſetzen erholt hatten, befreiten ſie den armen Teufel von ſeinen Banden. Trotzdem aber, daß er ein unmittelbarer Zeuge des Ganzen geweſen, war er nicht im Stande auch nur das Geringſte über die Thäter anzugeben. Mitten in der Nacht etwa— wie er glaubte— hatten ihn rauhe Fäuſte gepackt, und wie er nur ——— eee e den Mund öffnete, Siftly zu Hülfe zu rufen, ihm einen Knebel zwiſchen die Zähne geſchoben, der jeden Aufſchrei hinderte. Wie er meinte, habe das ganze Zelt von dunklen Geſtalten geſchwärmt, und er möchte faſt darauf ſchwören, daß es Chineſen geweſen. Ein über ſein Geſicht geworfenes Tuch hatte ihn aber verhindert weiter etwas zu ſehen, als daß ſie Licht angeſteckt. Dann habe er das Stöhnen und Aechzen Siftly's gehört— und dann war plötzlich Alles ruhig geworden— das Licht verlöſchte wieder, und die Feinde verſchwanden ge⸗ räuſchlos, wie ſie gekommen. 1 Die Amerikaner ſollten übrigens nicht lange darüber in Zweifel bleiben, wer die That verübt, und weshalb ſie verübt worden. Hale kannte ge⸗ nau die Vorgänge jenes Tages, an dem dieſe bei⸗ den Burſchen, die jetzt raſch hintereinander ihr Schickſal erreicht, jene armen Teufel von Chi⸗ neſen überfallen, mißhandelt und vertrieben hat⸗ ten. Es ſchien auch gar nicht in ihrer Abſicht ge⸗ legen zu haben ihre That zu verheimlichen, denn mit dem von ihm ſelber abgeſchnittenen Zopf des einen war Siftly erwürgt und dann daran halb aufgehangen worden. Ein Theil der Amerikaner wollte jetzt allerdings gleich den Mördern nach, Hale hielt ſie aber noch 282 zurück, erſt die Unterſuchung im Zelte vorzunehmen, und erzählte ihnen dabei, wie die Chineſen gerade ganz unverantwortlicher Weiſe von Siftly und Briars überfallen und beraubt worden wären. Daß ſie hier weiter Nichts gewollt, als Rache für den erlittenen Schimpf zu üben, bewies auch das zurückgelaſſene Gold der beiden Spieler, das ſte nicht angerührt, und nach dem ſie ſich wahr⸗ ſcheinlich gar nicht umgeſehen hatten. Als Hale aber von Hetſon und Cook dabei unterſtützt, das Siftly zugehörende jetzt unterſuchten, fanden ſie in der That Boyles' Verdacht beſtätigt und noch zwei Stücke darunter, die Cook angenblicklich als früher Johns gehörig erkannte. Ein kleines kreuzförmiges Stück war dabei, und ein anderes mit drei Quarz⸗ ſtücken, die ein regelmäßiges Dreieck bildeten. Smith war allerdings losgebunden, aber noch nicht freigelaſſen, um vielleicht von ihm noch mehr über ſeinen früheren Compagnon zu erfahren. Es bedurfte übrigens kaum einer Aufforderung an den armen Teufel, dem hier in der letzten Zeit gar ſo übel mitgeſpielt worden, denn er war körperlich und geiſtig ganz gebrochen. Bleich, und nicht ein⸗ mal mehr im Stande aufrecht zu ſtehen, ſaß er zuſammengeknickt auf ſeinem Bette, und wenn er auch von dem durch Siftly verübten Mord keine A b 23³ Ahnung hatte, geſtand er doch jetzt freiwillig, daß dieſer das frühere Feuer in San Francisco ange⸗ legt habe, um dabei, und in der Verwirrung des Augenblicks, das im Parker⸗Haus aufbewahrte Gold ſeiner Mitſpieler bei Seite zu ſchaffen.— Welchen Antheil er ſelber dabei gehabt, verſchwieg er allerdings, bat aber jetzt flehentlich die Männer ihn ziehen zu laſſen— er wolle die Minen ver⸗ laſſen, und heilig verſprechen, nie hierher zurückzu⸗ zukehren. Gegen Smith lag allerdings kein weiterer Ver⸗ dacht vor, end den übrigen Amerikanern gegenüber vermied man es auch am Liebſten gegen Landsleute — wo es nicht eben dringend nothwendig wurde — zu feindlich aufzutreten. Nach kurzer Berathung nahm man ihn deshalb beim Wort. Sein Pferd wurde ihm gebracht, und es bedurfte für ihn keiner weiteren Andeutung, daß es vielleicht das Beſte ſein könne, was er thue, ſich hier nicht länger auf⸗ zuhalten. Eine Viertelſtunde ſpäter, ohne Früh⸗ ſtück, ohne von Jemandem Abſchied zu nehmen, ſaß er im Sattel, und trabte, ſo raſch ihn ſein Thier fortbringen konnte, Stockton und San Fran⸗ cisco wieder zu. Das bei Siftly gefundene Gold, eine keineswegs unbedeutende Summe, beſchloß man übrigens ein⸗ * 234 ſtimmig der Mutter des ermordeten Johns nach Miſſouri zu ſenden, und Hetſon wurde die Aus⸗ führung dieſes Auftrags überwieſen. Durch den grauſamen Mord empört brachen allerdings einige der weee iahnaen auf, die Chineſen irgendwo zu überholen, obgleich ihnen Hale verſicherte, er ſei ihnen außerordentlich dankbar das Richteramt übernommen zu haben. In dem Nebel war aber an eine ordentliche Verfolgung nicht zu denken, und mit dem Vorſprung, den ſie hatten, kam man ihnen nicht wieder auf die Spur. Die Ver⸗ folger kehrten nach drei Tagen unverrichteter Sache wieder zurück. 4 Niemand war den Chineſen aber wohl dankbarer für die genommene Rache, als Boyles, der ſich dadurch aller Sorge hinſichtlich Siftly's enthoben fühlte. Mit deſſen Tod erledigte ſich auch die ganze Klage; aber die beſſeren Amerikaner ſahen doch jetzt auch ein, was ſie von dieſem Spielergeſindel, wenn ſte es zwiſchen ſich duldeten, zu erwarten hätten. Smith's raſche Flucht, die allerdings kein beſonde⸗ res reines Gewiſſen verrieth, beſtärkte ſte noch mehr darin, und an dem nämlichen Morgen beſchloß man in einer ruhig gehaltenen Verſammlung, ſämmt⸗ liche Spieler aus dem Paradies und Golden bot- tom auszuweiſen, und den Trinkzelten zu verbieten, ——— Smcurae Se 285 fernerhin in ihren Räumen dieſe betrügeriſchen Hazardſpiele zu geſtatten. Die meiſten der Burſchen warteten übrigens gar keine an ſie ergehende Aufforderung ab. Briars' und Siftly's Tod, wie Smith's raſches Verſchwin⸗ den hatte ſie dermaßen eingeſchüchtert, daß ſie, als ſie kaum das Reſultat der Verſammlung erfuhren, auch ſchleunig ihre paar Habſeligkeiten auf ihr Pferd warfen und damit, gleichviel wohin, den nächſten Weg entlang ritten.— Minenplätze, wo ſte ihr Geſchäft noch ungeſtraft und unbeläſtigt fortſetzen vurſten fanden ſie überall. Baron Lanzot und ſein Secundant Graf Beckdorf hatten indeſſen, ohne Ahnung des Vorgegangenen, ihre nöthigen Anſtalten zu dem beabſichtigten Zwei⸗ kampf getroffen, und eben wollten ſie hinaus zu dem bezeichneten Platz gehen, als ſie die Kunde von Siftly's Ermordung hörten. „Gott ſei Dank,“ rief da Beckdorf,„ſo brauchſt Du mit dem Schuft keine Kugeln zu wechſeln.— Es iſt mir ein widerlich Gefühl geweſen Dich jenem Buben da ſo gleich zu ſtellen.“ „Und doch hätte ich es nicht vermeiden kön⸗ nen,“ ſagte Lanzot. „Unſere Anſichten über ein ehrliches Duell würden wohl ſchwerlich hier in den Minen Geltung 7 286 finden, und man hätte das für Feigheit gehalten, was nur Ekel an dem Menſchen geweſen wäre. V Jetzt iſt er todt, und unſchädlich, und ich glaube faſt, die Chineſen haben mich einer ſchwierigen und dabei ſehr ſchmutzigen Arbeit enthoben— die verſchiedenen Pläne dieſes Buben zu vereiteln. Aber da kommt Doctor Raſcher;— was?— ſchon wieder reiſefertig? Doctor, wo wollen Sie hin?“ „Haben Sie ſchon die Vorfälle der letzten Nacht gehört.?“ „Alles, ſoweit es die beiden Amerikaniſchen Spieler betrift. Aber das treibt Sie doch nicht etwa fort von hier?“ 1 „Ja und nein,“ ſagte der alte Mann—„ich bin nicht mehr in den Jahren, mich an einem ſolchen wilden abenteuerlichen Treiben zu erfreuen, ſondern eher an einer Periode angelangt, wo ich mich nach einem mehr ruhigen Leben ſehne, ſoweit ſich das nämlich mit meinen Forſchungen vereinigen läßt. Wie das jetzt aber hier in der Nachbarſchaft mit herumſchweifenden Mexikanern, Indianern und aus⸗ getriebenen Spielern— die Letzten vielleicht die Schlimmſten von allen— ausſieht, würde ich mich in den Bergen nicht vollkommen wohl fühlen, und will lieber wieder eine Zeit lang an ven unteren 2* 287 Calaveres zurück, wo ein reizender, noch lange nicht I ausgebeuteter Blumenflor ſteht.“ „Und heute ſchon wollen Sie in der That fort?“ „Da ich einen ſo vortrefflichen Reiſegeſellſchafter gefunden habe, ja. Ich werde mit Mr. Golway reiten, und wir erwarten nur Mr. Hetſon's Rück⸗ kehr, der in jenes Siftly Zelt noch einige An⸗ ordnungen zu treffen hat. Wie wär' es, lieber Baron, wenn Sie uns begleiteten?“ „Ich?“ rief Lanzot, ordentlich erſchreckt. „Nun?— ſagten Sie mir nicht geſtern Abend, daß Sie die Minen verlaſſen würden, ſobald Sie jenen Burſchen abgefertigt hätten, den heute ſein Geſchick auf eine allerdings unerwartete und furcht⸗ bare Weiſe ereilt hat?“ „Ja— allerdings,“ ſtotterte Lanzot—„ich— hatte die Abſicht, aber— ich bin doch erſt ſo kurze Zeit hier oben, und möchte mich lieber länger um⸗ ſehen.“ „Wollen Sie mir die Bemerkung erlauben, daß ich glaube, Sie— ſind ſchon zu lange hier ge⸗ blieben?“ ſagte der Doctor. Lanzot erröthete, aber er erwiderte kein Wort, ſondern ſah ſtill und ſchweigend vor ſich nieder. „Haben Sie auch bedacht, lieber Lanzot,“ fuhr da der alte Mann freundlich, ja herzlich fort,„daß 288 Sie nach dieſem Minenleben auch einmal wieder in die Heimath— zu Ihrer Familie zurückzukeh⸗ ren gedenken?— Sie werden nie etwas thun— das bin ich überzeugt— weshalb Sie ſich ſelber je einen Vorwurf zu machen hätten; Sie kennen aber auch— beſſer als ich im Stande wäre es Ihnen zu ſagen— die Vorurtheile der alten Welt, und ihre hergebrachten Sitten, in denen Sie doch einmal Ihr Leben beſchließen wollen. Haben Sie ſich auch Alles das reiflich und wohl überlegt?“ „Noch nicht, beſter Doctor,“ erwiderte da Lan⸗ zot, indem er ihm die Hand entgegenſtreckte,„aber ich— werde es thun.“ „Schön— dann glauben Sie mir aber auch, daß dazu in dem gegenwärtigen Augenblicke kein Platz unpaſſender wäre, als eben das Paradies. Kommen Sie mit mir nach San Francisco zurück. Sollte es Ihnen an Reiſegeld fehlen, meine Kaſſe ſteht Ihnen vollſtändig zu Gebote; Sie haben nur darüber zu verfügen.“ Aus einem der nächſten Zelte tönte in dieſem Augenblick der leiſe zitternde Ton einer Violine— ſo leiſe, daß er von den kaum berührten Saiten nur eben wie ein Hauch zu ihnen herüber drang, und doch fühlte der Doctor, wie ſchon bei dem erſten Klange der Melodie die Finger des jungen 289 Mannes ſeine Hand krampfhaft umſpannten, wäh⸗ rend er ihr mit angehaltenem Athem lauſchte.— Höher und voller aber ſchwollen die Töne an, und goſſen endlich in einem zauberiſch ſüßen Liede den ganzen Schmelz von Leidenſchaft und Schmerz über die Hörer aus. Keiner der Männer wagte einen Läut, ſelbſt der alte Mann ſtand regungslos, bis das Ganze endlich, wie es begonnen, in einen leiſen Hauch verſchwamm.— „Wer war das?“ ſagte da endlich Beckdorf, der in ſtaunender Bewunderung dem Inſtrument gelauſcht—„etwas Aehnliches habe ich in meinem Leben nicht gehört.“ „Manuela,“ flüſterte Lanzot.„Wollen Sie no ch, Doctor, daß ich das Paradies verlaſſen ſoll?“ Der Doctor ſeufzte tief auf: „Ich ſehe ſchon, da iſt nicht mehr zu rathen noch zu helfen.— Und wenn Sie nun nach Hauſe kommen, und Don Alonſo in Ihrer Begleitung iſt?“ „Ich gebe Ihnen mein Wort, Doctor, daß ich nicht leichtſinnig handeln werde,“ ſagte da der junge Mann ernſt.„Ich weiß, Sie nehmen Antheil an meinem Schickſal; Sie wiſſen aber vielleicht nicht, daß ich vollkommen unabhängig in der Welt ſtehe, und Rechenſchaft von meinen Handlungen Keinem Gerſtäcker, Gold. III. 19 — — — — —— 290 zu geben habe. Laſſen Sie mir alſo Zeit, nur mit mir ſelber einig zu werden— laſſen Sie mir Zeit, erſt das Mädchen noch näher kennen zu lernen. Don Alonſo ſtammt außerdem von einem, wenn auch heruntergekommenen, doch edlen Geſchlecht ab, ſelbſt unſeren alten Vorurtheilen zu genügen, und derartige Einwände zu beſeitigen, und— dann, zum Henker, weiß ich ja auch noch nicht einmal, ob mich das Mädchen will.“ „Da hab' ich meine Zeit ſchön verſchwendet,“ lächelte der Doctor gutmüthig.—„Ja, mein lieber Baron, wenn Sie erſt einmal ſo weit mit ſich ſind, dann iſt auch Hopfen und Malz an Ihnen ver⸗ loren, und ich kann weiter Nichts thun, als Ihnen Heil und Segen zu dem Unabänderlichen wünſchen. 44 „Aber beſter Doctor—“ „Wir wollen uns wieder ſprechen,“ ſagte der alte Mann. „Das iſt nicht übel,“ lachte da Beckdorf,„und geſtern Abend hätte nicht viel gefehlt, daß er ſich die junge Dame durch mich hätte vorſtellen laſſen.“ Draußen und im Nachbarzelt wurden Stimmen laut. Hetſon war zurückgekehrt und Dr. Raſcher rüſtete ſich zum Fortgehen. „Wir ſehen uns doch noch?“ ſagte er freundlich. „Vor dem Zelte ſage ich Ihnen noch Lebe⸗ 4 —j 291 b wohl, und hoffentlich ſuche ich Sie bald ſelber in San Francisco auf.“ 4 Der Doctor winkte den beiden jungen Leuten noch freundlich zu, und verließ dann raſch das Zelt, ſein eigenes Maulthier herbei zu holen. „Ich habe Sie lange warten laſſen, Sir,“ ſagte Hetſon, als er des Sheriffs Wohnung betrat, und Golway die Hand entgegenſtreckte,„das aber, was mich abhielt, wird auch Ihnen als Beruhigung dienen, denn es zerſtreut den letzten Verdacht gegen Sie, den doch noch Einer oder der Andere der Leute hätte hegen können.“ „Sie haben, wie ich höre, den wirklichen Mörder entdeckt. „Ja— und in einem Zuſtande,“ ſagte Hetſon ſchaudernd,„der eine Beſtrafung von unſerer Seite nutzlos macht. Der Elende ſteht jetzt vor Gottes Richterſtuhl, ſeinem Urtheile entgegenharrend. Nach den heutigen Vorfällen würde auch Ihrem längern Hierbleiben nicht das Mindeſte im Wege ſtehen. Ich garantire Ihnen, daß—“ 6 „Mein Pferd iſt geſattelt, Sir,“ unterbrach ihn Golway,„und die nächſte Stunde ſchon findet mich weit von hier. Glauben Sie mir, Sir, es iſt für 19* 292 uns Beide beſſer, und Ruhe und Frieden wird in unſere Herzen wiederkehren.“ „Das gebe Gott,“ ſagte Hetſon leiſe—„und iſt es begründet, daß Dr. Raſcher Sie begleiten will?“. „Ich freue mich ſeiner Geſellſchaft. Er ſucht eine ruhigere Nachbarſchaft, als ſie das Paradies ihm bieten kann, ſeinen Studien und Forſchungen obzuliegen. Aber iſt es Ihnen recht, Sir, ſo be⸗ gleite ich Sie jetztin Ihre Wohnung— Ihrer Gattin das letzte Lebewohl zu ſagen.“ Hetſon erwiderte kein Wort, aber er nahm des Mannes Arm, und Beide ſchritten ſchweigend des Alkalden Zelte zu. Als ſie den innern Raum betraten, ſaß Jenny an dem einen Tiſch allein. Wußte ſie, daß Golway kam, auf immer von ihr Abſchied zu nehmen?— Sie ſah bleich und angegriffen aus und ſchritt den Männern entgegen. 8 „Jenny,“ ſagte da Hetſon, und ein eigenes, wehmüthiges Lächeln ſpielte um ſeine Lippen,„hier bringe ich Dir den Mann, der mir Monate lang den Schlaf geraubt, und mein Hirn faſt zum Wahnſinn getrieben, wenn ich mir je dachte, daß er Dir noch einmal in dieſem Leben ſo gegenüber ſtehen ſollte. Wir ſchwer ich mich dabei nicht allein —223 an mir ſelber, nein auch an Dir, an ihm ver⸗ fündigt, ſeh' ich jetzt ein— ſpät— doch vielleicht noch nicht zu ſpät für uns Beide.“ „Mr. Golway—“ N „Er kommt Dir Lebewohl zu ſagen,“ fuhr aber Hetſon fort—„ſag' ihm ein freundlich Wort auch mit für mich, daß er unſerer nicht in Groll gedenkt; ich muß ja doch ſein Schuldner 3 bleiben all' mein Leben lang“— und ehe Einer von ihnen ein Wort erwidern konnte, wandte er ſich und verließ das Zelt. 4 Jenny ſah ihm ängſtlich nach, aber ſie vermochte keine Sylbe über ihre Lippen zu bringen, oder nur den Arm nach ihm auszuſtrecken, und ſchweigend ſtanden ſich die Beiden wol eine Minute lang gegenüber. Golway ſammelte ſich zuerſt, und mit leiſer Stimme ſagte er: „Mrs. Hetſon— ich bin Ihrem Gatten un⸗ 1 endlich dankbar, daß er mir geſtattete Sie noch einmal zu ſehen, ehe ich anf meine Heimath— 3 das Meer— zurückkehre. Ich hatte mich vor einem Zuſammentreffen mit ihm— mit Ihnen gefürchtet, 1 und doch ſegne ich jetzt den Zufall— wenn wir überhaupt auf dieſer wunderbaren Welt einen Zufall wollen gelten laſſen— der mich Ihnen zugeführt. —— ———— 294 Ich ſcheide beruhigter— ich ſcheide ruhig von hier, denn ich ſehe Sie an der Seite eines wackeren, braven Mannes; eines Mannes, der das Glück zu ſchätzen weiß, das er in Ihrem Beſitz empfinden muß.— Unſere Bahnen liegen von jetzt getrennt, wer weiß, ob ſie im Leben ſich wieder kreuzen; nehmen Sie aber die Verſicherung, daß ich das Bewußtſein dieſer Stunde ſegnen und— Sie nie vergeſſen werde— leben Sie wohl!“ Er nahm ihre Hand, die ſie ihm willenlos über⸗ ließ, und zog ſie an ſeine Lippen. „Leben Sie wohl, Charles,“ flüſterte da die Frau,„Gott ſegne Sie für Ihre treue Liebe, die Sie mir bewahrt, und nehmen Sie auch von mir die Ueberzeugung mit, daß ich Ihrer ſtets mit Liebe denken werde. Gott ſchütze und führe Sie, und gebe Ihrer Seele Frieden! Die Zeit lindert ja jeden Schmerz, ſie wird auch den Ihren lindern, und wie ich Sie kenne, werden Sie ſchon darin Beruhigung finden, daß ich mich an Hetſon's Seite glücklich fühle. Er wußte ſich erſt meine Achtung zu gewinnen— ſpäter lernte ich ſein treues, ehr⸗ liches Herz auch lieben, und da gerade mit Ihrem Erſcheinen der Schatten von ſeiner Seele gewichen iſt, der, durch die Furcht vor Ihrem Begegnen ge⸗ nährt, auch mir manche trübe Stunde bereitete, 3 4— 4 — 295 hoffe ich für uns Alle noch von der Zukunft Heil und Frieden. Ihnen danke ich das, wie ſo manches Liebe und Gute aus früherer Zeit— ich werde es nie vergeſſen— leben Sie wohl!“ Vor dem Zelte ſcharrte das Pferd, das Cook ſelber dem Fremden geholt und geſattelt hatte.— Noch einmal berührten ſeine Lippen ihre Hand, und der nächſte Augenblick fand ihn draußen vor dem Zelt im Sattel. Hetſon ſtand dort und reichte ihm noch einmal die Hand zum Abſchied, der feſte Druck derſelben war aber ihre einzige Sprache; kein Wort wurde mehr zwiſchen ihnen gewechſelt. Auch Doctor Raſcher ſaß ſchon im Sattel und nahm Abſchied von ſeinem Freund, als Lanzot,— von Beckdorf hatte Golway ſchon Abſchied genommen und ihm für ſeine treue Hülfe geſtern gedankt— eine Spitzhacke und Schaufel auf der Schulter mit Don Alonſo und Beckdorf aus ſeinem Zelte trat. Der Doctor ſchüttelte lächelnd mit dem Kopfe, als er ihn ſah. „Alſo Sie bleiben wirklich hier?“ „Als wackerer Goldwäſcher, ja,“ lachte der junge Mann, ſeine Hand dabei auf des Spaniers Achſel legend—„Don Alonſo und ich wollen es mit⸗ einander verſuchen, und wenn wir unſer Reiſegeld — — — ———— zuſammen haben, packen wir auf und ziehen nach Deutſchland, an den ſchönen Rhein.“ „Aber Reiſegeld, beſter Baron,“ rief der alte Mann—„Sie wiſſen doch, was ich Ihnen geſtern angeboten, und es ſollte mir unendlich leid thun—“ „Es muß ſelbſt verdient werden, Doctor,“ lachte aber der junge Mann,„ſonſt habe ich keine Freude daran. Selbſtverdientes Brod ſchmeckt am beſten, und erſt ſeit ich in Californien bin, habe ich das gelernt.— Laſſen Sie mir alſo die Freude!— Aber wo finde ich Sie, wenn ich nach San Francisco komme?“ „Im United States Hotel— ſo, Gott befohlen, und laſſen Sie bald etwas— Gutes von ſich hören.“ Noch einmal winkten ſich die Männer grüßend zu, und fort trabten die munteren Thiere, die kleine Zeltſtraße entlang, nach den Bergen hinüber. Als Hetſon in ſein Zelt zurückkehrte, fand er Jenny noch allein, und langſam wandte ſie den Kopf, die verrätheriſche Thräne zu verbergen, die ihr im Auge glänzte. Da ging ihr Gatte auf ſie zu, und legte ſeinen Arm um ſie, und als ſie ſich jetzt an ſeine Bruſt warf und ihn umſchlang, da ſagte der Mann, ihre Stirn küſſend und ihr Haupt feſter 297 an ſich drückend, daß ſeine Lippen auf ihren Locken ruhten: „Weine Dich aus, mein armes Kind— ich fühle wohl— und in dieſem Augenblicke ſtärker als je— wie unrecht ich gehandelt, wie weh ich Dir gethan, und daß ich, ſtatt Dir zu erleichtern, was Dich niederdrückte, die Laſt Dir noch muthwillig faſt erſchwerte. Das iſt vorbei, von jetzt an ſoll kein ſolcher Schatten mehr zwiſchen uns treten. Weine Dich aus und trauere um den Mann, an dem einſt Dein Herz hing, ſchütte auch in meine Bruſt Deinen Schmerz aus, ich will ihn mit Dir tragen; aber dann laß mich auch wieder Deine lieben Augen klar und heiter dem Leben entgegen⸗ lachen ſehen. Ich will verſuchen Dir den Ver⸗ lorenen zu erſetzen— hilf mir darin!“ „Frank— mein lieber— lieber Frank,“ rief da die Frau—„was ich auch verloren, reichlich giebſt Du es mir ja wieder mit dieſen Worten.“ „Und mehr noch will ich Dir geben, mein ſüßes Herz,“ ſagte der Mann.„Ich ſehe, wie ich ſchon an Dir gefündigt, Dich in dieſes rauhe wilde Land zu führen, das wol in ſpäteren Jahren einmal die ruhige Stätte häuslichen Glückes werden kann, das aber jetzt für zarte Frauen eine Hölle ſein muß, mag es die Natur noch ſo verſchwenderiſch mit 298 ihren reichſten Gaben ausgeſtattet haben. Nur noch kurze Zeit harre hier bei mir aus; wenige Wochen nur, bis ich den Leuten, die mich zu ihrem Alkalden gewählt, gerecht geworden und meine Pflicht erfüllt. Dann kehren wir zurück in mein ſchönes Vaterland, an das Ufer des Ohio— in den Kreis meiner Lieben, die Dich, mein Herz, mit offenen Armen empfangen werden, und vergeſſen ſollſt Du dort dann allen Gram, allen Kummer, und wie ein ſchwerer Traum mag für uns Beide ſpäter die ganze letzte böſe Reiſe ſein.“ „Es war ein Traum, Frank,“ ſagte da leiſe die Frau—„es war ein böſer, böſer Traum, und Gott ſei Dank, der Dich erwachen ließ; ich fürchte jetzt Nichts mehr. Genüge hier Deiner Pflicht, wenn Du fühlſt, daß es eben eine Pflicht gewor⸗ den; dann zieh' ich mit Dir in Deine Heimath, Frank. Meine Eltern haben verſprochen uns dahin zu folgen, und ich ſehe von jetzt auf unſeren Pfad die Sonne ſcheinen.“ Capitel 10. Schluß. Vier Wochen waren nach den letztbeſchriebenen Vorfällen etwa verfloſſen, und die bunte Färbung des Waldes, die fallenden Blätter kündeten ſchon den nahenden Herbſt. Auch der Himmel zeigte ſich nicht mehr ſo rein und blau, wie er den ganzen heißen Sommer faſt geweſen. Dichte Wolken⸗ ſchichten zogen ſich ſchon hier und da zuſammen, und alle Anzeigen verriethen, daß die„Regenzeit“ hier bald beginnen werde. Im Paradies war indeſſen die Ruhe und Sicher⸗ heit vollkommen hergeſtellt worden. Hetſon, von Hale und den beſſer geſinnten Amerikanern und Fremden unterſtützt, hatte, trotz manchem verſuchten 300 — —— Widerſtande, es durchgeſetzt, daß kein Spieltiſch mehr in dem„Camp“ geduldet wurde, und dadurch verloren ſich die Spieler von ſelbſt, die ihre, ihnen ſo koſtbare Zeit nicht an einem ſo unnützen Platze vergeuden wollten. Auch von den Indianern waren ſie nicht wieder beläſtigt worden. Einzelne Trupps hatten ſich aller⸗ dings dann und wann in der Nähe gezeigt, ohne jedoch nur mit irgend einem der Weißen zu ver⸗ kehren, denen ſie überall aus dem Wege gingen. Die Frauen ſuchten Eicheln, Haſelnüſſe und andere wilde Waldfrüchte, ihre Wintervorräthe davon ein⸗ zulegen, und die Männer bildeten nur kleine Escorten zu ihrem Schutz, denn das Wild dort in den Bergen war ſchon lange getödtet oder vertrieben. Auch von den Mexikanern hatten ſich Einzelne wieder eingefunden, doch mieden ſie den Platz auf's Neue, als ihnen die, jetzt ſtreng aufrecht erhaltene monatliche Taxe abgefordert wurde. Sie dach⸗ ten allerdings nicht mehr daran Widerſtand zu leiſten, ſondern zogen ſich nur in, noch von den Amerikanern gar nicht oder ſelten beſuchte Thäler zurück, der unbequemen Steuer wenigſtens ſo lange 44 als möglich zu entgehen. Nur eine Veränderung war in Hetſon's Zelt vorgegangen, und zwar eine, die Manuelens Herz 301 mit tiefer Trauer füllte. Ihr Vater, an die harte Minenarbeit nicht gewöhnt, der er ſich mit wahrhaft eiſernem und hartnäckigem Fleiße hingegeben, bekam ein heftiges Fieber, das ohne ärztliche Hülfe bald gefährlich wurde. Die Tochter wich wol nicht von ſeiner Seite, und pflegte ihn mit aufopfernder Liebe Tag und Nacht— aber den ebbenden Lebensſtrom konnte ſte nicht aufhalten, und neun Tage nachdem er ſich gelegt, gruben ihm die Freunde ſein ſtilles Grab unter einem der ſchattigen Waldesbäume, am Fuße der Hügel. 3 Der alte Mann hatte ſein Wort gehalten, und keine Karte wieder angerührt, aber der Gram über das frühere, ſeinem armen Kinde zugefügte Leid mochte wol auch viel mit dazu beigetragen haben, ſeine Kräfte zu lähmen, ſein Herz zu brechen. Selbſt ſchon im Sterben hatte er jedoch noch die Freude, ſein Kind— ſeine Manuela— verſorgt, geſchützt zu ſehen von einer treuen Hand. Lanzot nämlich, feſt entſchloſſen ſein Geſchick nicht mehr von dem der Jungfrau zu trennen, hielt noch am Todesbett des Vaters um ſie an, und mit der letzten Kraft, die ihm geblieben, legte der alte Spanier ihre Hände in einander und ſegnete ſie. Damit war aber auch ausgeſprochen, daß Manuela an Lanzot's Seite Californien verlaſſen — — — 30² würde, und dies, wie manches Andere, trieb nun auch Hetſons, ihrem Beiſpiele zu folgen— ließ ſich ja doch ein ſtilles häusliches Familienglück hier noch nicht denken. Gold— Gold war die Loſung, und das hier zur äußerſten Blüthe getriebene go ahead Syſtem der Amerikaner, warf alles Andere rückſichtslos bei Seite. Gold! kein anderes Ge⸗ ſpräch, kein anderer Gedanke war möglich, und wenn ſich die Männer auch wol im Anfange durch das Neue und Abenteuerliche dieſes Lebens ange⸗ zogen und eine Zeit lang gefeſſelt gefühlt hatten, machten ſich doch jetzt wichtigere Pflichten geltend. Hetſon wie Lanzot beſchloſſen deshalb die Minen in den erſten Tagen zu verlaſſen und nach San Francisco zurückzukehren, dort mit der nächſten Schiffsgelegenheit Californien für immer Valet zu ſagen. Hale vor allen Anderen ſchien damit allerdings nicht einverſtanden, denn er hatte ſeinen Alkalden nicht allein achten gelernt, ſondern auch vom Herzen lieb gewonnen. Aber er ſah doch auch ein, daß für die Frauen hier kein Aufenthalt war, mochte immerhin ihre perſönliche Sicherheit nicht mehr ge⸗ fährdet ſein. Dieſe konnten ſich hier nicht wohl fühlen, und er redete ihm deshalb auch nicht ab. Die nöthigen Vorbereitungen wurden jetzt ge⸗ 303 troffen und auf den nächſten Sonntag Morgen, wo einer der gewöhnlichen Güterwagen leer nach San Francisco zurückging, die Reiſe dorthin beſtimut. Auch unter unſeren deutſchen Bekannten waren manche Veränderungen in der Zeit vorgegangen, und die ſogenannte„Deutſche Compagnie: Lamberg, Binderhof und Hufner“ hatte ſich ſogar vollſtändig aufgelöſt. Hufner ſchien es nämlich ſatt bekommen zu haben, für die beiden faulen Burſchen zu arbei⸗ ten, und da er austrat, ſahen Binderhof wie Lam⸗ berg ein, daß ſie ohne einen derartigen Compagnon wie Hufner geweſen, auch nicht mehr zuſammen beſtehen konnten. Einer hätte da arbeiten müſſen, ſchon allein die Küche zu beſorgen, und nachdem ſie Beide Hufner einen„undankbaren Menſchen“ genannt, und ihm noch einmal ein böſes Schickſal in Californien prophezeiht, trennten ſie ſich eben⸗ falls, jeder ſein Glück auf eigene Hand zu ver⸗ ſuchen. Daß ſie Beide dabei Californien für das nichtswürdigſte Land erklärten, was überhaupt von Gottes Sonne beſchienen werde, verſtand ſich von ſelbſt. Auch die Firma, Juſtizrath und Compagnie“ hatte ſich gelöſt. Der alte Aſſeſſor, der die ſchwere Erd⸗ arbeit, und die Plackerei im Zelte— denn der Juſtiz⸗ rath rührte weiter zu Haus Nichts an wie ſeine 304 Pfeife und den Tabaksbeutel— nicht länger er⸗ tragen konnte, und ernſtlich krank zu werden fürch⸗ tete, wandte ſich einem anderen Geſchäft zu und waͤr in eines der Händler Zelte als Verkäufer ein⸗ getreten, während er ſich zugleich mit ſeinem kleinen Capital an dem Geſchäft ſelber betheiligte. Der Händler ſelber war ein deutſcher Jude, ein braver, ordentlicher Mann, der allerdings auf ſeinen Nutzen ſah, dabei aber auch den ſeines wackeren und un⸗ ermüdlich thätigen Gehülfen wahrte. Der Aſſeſſor befand ſich deshalb verhältnißmäßig ganz wohl in dieſer neuen Beſchäftigung, die ihm weit beſſer zu⸗ ſagte als das vollkommen erfolgloſe Goldgraben mit ſeinem früheren Compagnon, dem Juſtizrath. Der Juſtizrath fand allerdings das Benehmen des Aſſeſſors unverantwortlich, und ſchien große Luſt zu haben ſeine„Bergarbeiten“ wieder zu be⸗ ginnen, da aber ein Verſuch, Herrn Hufner zu einer Compagnonſchaft zu verlocken, mißlang— denn Hufner hatte in der Art ſchon zu bittere Er⸗ fahrungen gemacht und kannte den Burſchen— und da auch noch außerdem ſein Tabak verraucht war, den er ſich hier oben gar nicht wieder erſetzen konnte, ſo hörte er kaum, daß Hetſons, mit Beck⸗ dorf und Lanzot beabſichtigten nach San Francisco zurückzukehren, als er auch den Entſchluß faßte ſie 305 zu begleiten— allein fürchtete er ſich nämlich, die Reiſe zu machen. Beckdorf, dem er ſeinen Willen mittheilte, beſtärkte ihn auch noch darin, nur war kein Platz mehr auf dem Wagen, auf dem er höch⸗ ſtens noch ſeinen Koffer unterbringen konnte, und es blieb dem Juſtizrath zuletzt nichts weiter übrig, als ſich dem Rücken eines zu dieſem Zweck gekauf⸗ ten Maulthieres anzuvertrauen. Beckdorf und Lan⸗ zot waren ebenfalls beritten, und die Drei wollten ſolcher Art eine Escorte zum Schutz der Damen bilden. Um zehn Uhr Morgens ſollte aufgebrochen werden, und mit Tagesanbruch hatte der Juſtizrath ſich ſchon den Aſſeſſor beſtellt, ihm beim Packen be⸗ hülflich zu ſein, was der überaus gefällige Mann auch würde unter keinen Umſtänden abgeſchlagen haben. Unter„Packenhelfen“ verſtand nun der Juſtiz⸗ rath natürlich, daß der Aſſeſſor packte, während er dabei ſaß und aus ſeiner langen Pfeife rauchte. Zelt und Geräthſchaften hatte er ſchon vorher an Herrn Hufner verkauft, der ſich ebenfalls einge⸗ funden, die Sachen nach der Abreiſe des Mannes aufzuladen und in die Nähe ſeines jetzigen Minen⸗ platzes zu ſchaffen. Der Aſſeſſor arbeitete, daß ihm die Brille an⸗ Gerſtäcker, Gold. III. 20 306 lief, und Herr Hufner kochte indeſſen den Kaffee und bereitete das Frühſtück: eine Anzahl Pfann⸗ kuchen, die von den letzten Reſten Mehl und Zucker hergeſtellt werden ſollten— während verſchiedene Beefſteaks auf dem Roſte ſchmorten. Auch ſeine letzte Flaſche Brandy hatte der Juſtizrath preis⸗ gegeben, die Abſchiedsſtunde ſo würdig als möglich zu feiern. „Ich muß Ihnen geſtehen, Herr Juſtizrath,“ brach da endlich der Aſſeſſor das Schweigen, indem er ſich in die Höhe richtete und ſeine Brille ab⸗ wiſchte,„daß ich hei dem Packen ſelber Luſt be⸗ komme mit nach San Francisco aufzubrechen.“ „Na— brechen Sie,“ ſagte der Juſtizrath— „Hundeleben hier.“ „Es kann allerdings nicht geleugnet werden,“ beſtätigte der Aſſeſſor,„daß dies Leben Manches zu wünſchen übrig läßt, und meiner, an geſchloſſene Räume gewöhnten Conſtitution ſagt beſonders die viele freie Luft, und auchachts die Zeltluft nicht beſonders zu. Aber ich weiß nicht— San Fran⸗ cisco.— 1. „Frau Siebert unmenſchlich freuen,“ meinte der Juſtizrath. Der Aſſeſſor ſeufzte, erwiderte aber kein Wort; der Juſtizrath hatte ihm aus der Seele geſprochen, —— — ——— und damit waren alle ſeine Einwendungen gegen eine mögliche Rückkehr nach der Hauptſtadt des Landes erſchöpft— ja der Aſſeſſor hatte ſich ſogar ſchon die Zeit ausgemalt, wo er im Stande ſein werde nach Europa zurückzukehren, und doch dann wie ein Verbrecher durch San Francisco ſchleichen mußte, von dieſer entſetzlichen Frau nicht entdeckt und wieder eingefangen zu werden. Während er aber noch daſtand und ſich die Sache überlegte, hatte die Erinnerung an San Francisco auch in Herrn Hufner's Seele miß⸗ tönende und ſchmerzliche Saiten angeſchlagen, und 3 mit leiſer, ängſtlicher Stimme ſagte er: „Herr Juſtizrath, ich habe dieſe Nacht einen furchtbaren Traum gehabt.“ „Indianer?— Hals abſchneiden? heh?“ rieth der Juſtizrath auf gut Glück. „Nein,“ ſagte Herr Hufner—„mir träumte, die Madame Schneidmüller wäre hier heraufge⸗ kommen, und—“ „Schneidmüller?— Schwiegermutter?“ „Ja— und hätte ſich hier aus Verzweiflung 6 in's Waſſer geſtürzt.“ „Unſtnn,“ brummte aber der Juſtizrath—„ſchon einmal gehört, irgend eine Schwiegermutter in's 20* 308 Waſſer geſtürzt? Praris noch nicht vorgekommen. Apropos!— noch Nichts gefunden?“ „Nein,“ ſtöhnte Herr Hufner, und goß dabei etwas kaltes Waſſer in die raſch vom Feuer ge⸗ nommene Kaffeekanne, den Satz dadurch zu Boden ſinken zu machen.„Wenigſtens noch keine Idee, daß ich an Heirathen denken könnte.— Ich bin der unglücklichſte Menſch auf Erden, und doch auch wieder unſchuldig.— Lieber Gott, ich arbeite ja wie ein Pferd, aber kann ich etwas dafür, daß ich Nichts finde?“. „Hallo, kommt Jemand,“ ſagte der Juſtizrath, der eben bemerkte, wie ein Fremder unten von der Straße durch einen der Leute aus dem Städtchen hier herauf beſchieden wurde, und jetzt geraden Weges über den kahlen und offenen Hang auf ſie zukam. Der Aſſeſſor und Herr Hufner ſahen hin⸗ über, und bemerkten jetzt auch einen Reiſenden, der, mit einem Maulthier am Zügel, langſam auf ſie zuſchritt, und erſt bei dem vor dem Zelte ange⸗ ſchürten Feuer ſtehen blieb, ſehr artig den Hut ab⸗ zog und in deutſcher Sprache ſagte: „ Könnten Sie mir vielleicht ſagen, ob der Herr Juſtizrath zu Hauſe ſind?“ Herr Hufner hatte ſich den Fremden, der ihm 309 ſo bekannt vorkam, aufmerkſam betrachtet, wußte aber nicht gleich, wo er das Geſicht hinthun ſollte, und der Juſtizrath ſagte: „Ja wohl— hier— bin ich ſelber.“ „Sehr angenehm, Ihre werthe Bekanntſchaft zu machen,“ erwiderte da der Fremde—„wie ich ſehe, iſt auch der Kaffee gerade fertig. Bitte, Herr Huf⸗ ner, ſagen Sie doch dem Mädchen, daß es noch eine Taſſe hereinbringt.“ „Herr Ohlers, bei Allem, was lebt!“ rief da Hufner erſtaunt aus, der jetzt den früheren Reiſe⸗ und Schiffsgefährten an der Stimme erkannte. „Ohlers?— wahrhaftig,“ ſagte auch der Juſtiz⸗ rath erſtaunt—„hm, großen Bart jetzt— nicht wieder erkannt.“ „Herr Ohlers, in der That!“ rief nun auch der Aſſeſſor, der den alten Bekannten eine ganze Weile verdutzt betrachtete—„das freut mich wirk⸗ lich herzlich Sie einmal wieder begrüßen zu können. Sie kommen gerade recht zu unſerer— hi hi hi— zu unſerer Henkersmahlzeit, wie man ſo zu ſagen pflegt, denn der Herr Juſtizrath will eben heut' Morgen die Minen verlaſſen.“ „Aha,“ ſagte Ohlers, nachdem er den Männern die Hand geſchüttelt, ſeinem Thier den Zügel ließ, und ſich dann ohne Weiteres mit zum Feuer nieder⸗ ——— —— ſetzte—„der Herr Juſtizrath haben ihren Haufen Gold wahrſcheinlich ſauber gewaſchen im Beutel, und werden jetzt nach Deutſchland zurückgehen, um dort an irgend einem der Höfe Miniſter der aus⸗ wärtigen Angelegenheiten zu werden— wie?— Empfehle mich nur in dieſem Falle zu Gnaden als Obervergifter bei einer der mediciniſchen Facul⸗ täten; bin auch zugleich dazu bereit gegen ein ent⸗ ſprechendes Honorar als irgend ein Ehrenmitglied bei den verſchiedenſten gelehrten Geſellſchaften zu fungiren.“ „Haufen Gold,“ brummte der Juſtizrath, und blies den blauen Dampf in ſtarken Puffen von ſich —„bald was geſagt— Hundeleben— gar Nichts finden— nirgends.“ „Gar Nichts finden?“ ſagte Ohlers erſtaunt —„eigentlich wäre das auch nicht ſo wunderbar, denn der Herr Juſtizrath haben hier auch Nichts verloren. Im Ganzen herrſcht aber doch die viel⸗ leicht irrige Meinung, daß in Californien Gold liege.“ „Selber graben, verſuchen,“ knurrte der Mann des Gerichts an der, feſt zwiſchen die Zähne ge⸗ biſſenen Pfeifenſpitze vorüber. „Ich danke Ihnen,“ ſagte aber Ohlers,„ich bin keineswegs in der Abſicht hier in die Minen 7 —— gekommen den Erdboden zu beläſtigen, ſondern ich ſuche vielmehr kranke Menſchen, denen ich mit meinen ſchlechten Medicinen ihr gutes Geld abzulocken ge⸗ denke. Wie mir nur ſcheint ſind hier dazu keine beſonderen Ausſichten, denn alle Welt erfreut ſich einer höchſt zweckwidrigen Geſundheit. Etwas gelbes Fieber, Cholera oder Blattern wäre da weit beſſer am Platze.“ „Ja das fehlte uns noch,“ ſagte da der Aſſeſſor, „daß man hier in Californien auch noch krank würde. Nur allein der Gedanke iſt ſchon furchtbar. Was ſollte man da anfangen?“ 4 „Ach beſter Herr Aſſeſſor, ich habe Ihnen auch tauſend herzliche Grüße von der werthen Frau Siebert zu ſagen,“ unterbrach ihn da plötzlich Ohlers. „Ich— ich danke Ihnen ſehr,“ ſtotterte der Aſſeſſor—„ſie— befindet ſich doch hoffentlich wohl mit ihren Kindern? Sollte mich freuen zu — hören.“ 1 „Vortrefflich— in der That vortrefflich— ver⸗ dient ſich auch hübſches Geld mit Waſchen und Plätten— ſehr hübſches Geld in der That, und ſcheint ihren Mann nicht beſonders zu vermiſſen. Sie hat mir aber noch ganz vorzüglich aufgetragen ihr ja gleich Ihre Adreſſe zu ſchreiben, ſollte ich . Ihnen zufällig einmal in den Minen begegnen. 1 Ich hatte nämlich keine Ahnung, daß ich Sie hier finden würde, und habe nur eigentlich den Abſtecher gemacht, Herrn Hufner aufzuſuchen, und ihm einige wichtige Familiennachrichten zu bringen.“ „Mir?“ rief Herr Hufner erſchreckt und wurde leichenblaß; aber auch dem Aſſeſſor hatten die Worte des kleinen boshaften Apothekers einen ordentlichen Stich in's Herz gegeben, denn wenn die Frau Siebert erfuhr, daß er hier, ſelbſt auch nur für die nächſte Zeit, ſeinen bleibenden Wohnſitz aufgeſchlagen — die Frau war zu Allem fähig— und daſſelbe glaubte Herr Hufner von der Schwiegermutter. Ohlers, der ſeine Leute kannte, hatte ſolcher Art zwei Fliegen mit einer Klappe geſchlagen, und während er ſich innerlich hätte ausſchütten mögen vor Lachen, ſaß er äußerlich vollkommen kalt und ruhig, nahm einen der dort ſtehenden Blechbecher auf, und hielt ihn dem Aſſeſſor zum Einſchenken hin. „Beſter Herr Ohlers,“ ſagte der Aſſeſſor dabei, während er mit zitternder Hand dem Verlangen willfahrte—„ich— ich möchte Sie doch— ich möchte Ihnen nur bemerken, daß ich mich heute Morgen feſt entſchloſſen habe dieſen Platz wieder zu verlaſſen, und daß es— daß es noch ſehr un⸗ beſtimmt iſt, wohin ich mich von hier aus wende. Sie wiſſen auch wahrſcheinlich wol ſelber, welche 313 unſichere Sache das dann iſt, Jemanden in den Bergen aufzufinden. Selbſt Briefe gehen ja ſo häufig verloren.“ „Aber einige Zeit bleiben Sie doch gewiß noch hier?“ ſagte Ohlers theilnehmend, indem er ſich Zucker in ſeinen Becher warf,„und die Frau Siebert würde ſich gewiß unendlich freuen—“ „Es iſt möglich, daß ich den Platz ſelbſt in den erſten Tagen der nächſten Woche verlaſſe,“ unter⸗ brach ihn der Aſſeſſor ſchnell,„aber ich werde dann ſelber der Frau Siebert meinen Aufenthalt angeben. Bitte, bemühen Sie ſich alſo deshalb nicht.“ „Oh, beſter Aſſeſſor, gar keine Mühe,“ ſagte Ohlers—„aber thun Sie das; ja Sie werden der armen Frau dadurch eine große Freude machen, und die braucht ſie nöthig, denn mit den Kindern hat ſie doch in der letzten Zeit viel Sorge und Aerger gehabt.“ „Sie hatten mir etwas mitzutheilen, mein guter Herr Ohlers?“ ſagte aber jetzt Herr Hufner, der die Zeit über wie auf Kohlen geſeſſen—„Sie ſprachen von— von Familienangelegenheiten, wenn ich nicht irre.“ „Ich?— ja ſo— Sie wiſſen wol noch gar nicht,“ rief Ohlers mit freudigem Ton,„daß Ihre Fräulein Braut glücklich in San Francisco gelandet 1 314 iſt, und die Zeit kaum erwarten konnte in die Arme ihres liebenden Bräutigams zu eilen.“ „Doch— doch Herr Ohlers. Ich hatte ſchon früher Nachricht von dem— dem glücklichen Ereig⸗ niß— aber ich war nicht im Stande—“ „Sie glauben gar nicht, wie ſie ſich nach Ihnen geſehnt hat,“ ſagte der Apotheker—„und es iſt gar ſo ein liebes Mädchen, ſo ſanft, ſo unſchuldig — und die Mutter— Wetter noch einmal, das iſt eine prächtige Frau— ſo reſolut.“ „Schwiegermutter,“ ſagte der Juſtizrath—„re⸗ ſolut?— hm?— ſo?“ „Ja, die zukünftige, Herr Juſtizrath,“ ver⸗ ſicherte Ohlers.—„Sie glauben es gar nicht; ein wahres Prachtexemplar von einer Schwiegermutter, die ich ſelber heirathete— wenn ſie mich wollte heißt das— und ich überhaupt beabſichtigte den Stand eines ledigen Apothekers mit dem eines verheiratheten Mannes zu vertauſchen.“ „Hübſches Mädchen?“ frug der Juſtizrath. „Wer?— Fräulein Schneidmüller?— prächtig — ſo zart, ſo ſanft, ſo züchtig. Ich ſage Ihnen, ſie hat Aufſehen in San Francisco gemacht. Zu zart nur faſt für irgend eine Arbeit.“ „ Ach mein Gott ja,“ ſeufzte der arme Hufner aus vollem Herzen, während es ihm bei den Worten 315 wie ein zweiſchneidiges Schwert durch die Seele ging—„zu zart, viel zu zart— aber was kann ich unglückſeliges Menſchenkind denn dafür, daß ich kein Glück habe, und— und daß ſie ſo entſetzlich früh nach Californien gekommen iſt. Ich will ar⸗ beiten, arbeiten wie ein Pferd; ich halte es für meine übernommene Pflicht, aber um Gotteswillen, was ſoll aus ihr werden?“ „Aus der Schwiegermutter?“ ſagte Ohlers. „Nein, aus Leonoren?“ „Wenn ihr weiter Nichts übrig bliebe,“ meinte achſelzuckend der Apotheker,„ſo würde ſie wahrſchein⸗ lich auch„um's Morgenroth“ fahren müſſen. Für ein jung Mädchen iſt es aber freilich ein mißliches Land dies„Colofonium“, wie es Ballenſtedt immer nannte— apropos, weiß Niemand von Ihnen, was aus dem geworden iſt?— nicht? hm, komi⸗ ſcher Kauz war es. Ja, was ich gleich ſagen wollte, für ein jung Mädchen iſt es ein mißliches Land, aber eine verheirathete Frau hat Nichts mehr zu fürchten, und darin muß ich der Schwiegermutter ganz recht geben.“ „Aber ich kann mich ſelber nur mit größter Noth hier ernähren,“ ſtöhnte Herr Hufner.“ „Das geb' ich zu,“ ſagte Ohlers, indem er dem Aſſeſſor ſeinen Becher zum zweiten Mal hinhielt— 316 „darum hat auch wahrſcheinlich Fräulein Schneid⸗ 7 müller einen Anderen geheirathet.“ Der Aſſeſſor ſchenkte nicht ein— der Juſtizrath rauchte nicht mehr, und Herr Hufner ſprang von ſeinem Sitz in die Höh', als ob er auf heißem Blei geſeſſen hätte. „Einen Anderen geheirathet?“ rief er dabei und traute ſeinen eigenen Ohren kaum— „Ja,“ ſagte Ohlers ſo ruhig, als ob er die allergewöhnlichſte Geſchichte erzählte—„bitte noch einen Becher, Herr Aſſeſſor, Ihr Kaffee iſt ganz ausgezeichnet;— einen jungen ſehr hübſchen Ame⸗ rikaner, der ſich in ſie vergafft hat— noch dazu ohne die Schwiegermutter kennen zu lernen, denn die lag im Bett und war krank.“ „Aber das iſt ja gar nicht möglich, Herr Ohlers,“ rief auch jetzt der Aſſeſſor aus—„die junge Dame iſt, ſoviel ich weiß, höchſtens fünf Wochen in San Francisco, Ihren Bräutigam aus den Minen zu erwarten.“ „Ihre Berechnung trifft vollkommen zu, Herr Aſſeſſor,“ ſagte Ohlers.„Nach eingezogenen Er⸗ kundigungen konnte ihr Bräutigam aber— bitte, geben Sie mir einmal den Zucker herüber— in ſpäteſtens ſechs Tagen in San Francisco bei ihr ſein. Sie hat dagegen das Außerordentliche geleiſtet — und volle vierzehn Tage auf ihn gewartet. Nach dieſer Zeit hielt ſie ſich an Nichts mehr gebunden, und gab, da ſich der Amerikaner ſehr gefällig gegen ſie zeigte, und ſie eben nichts Anderes zu vergeben hatte, dem jungen Manne ihre Hand.“ Hufner war auf ſeinen Sitz zurückgeſunken, faltete die Hände auf den Knieen und ſah ſtill und ſchweigend eine ganze Weile vor ſich nieder. „Ach, mein guter Herr Hufner,“ ſagte da der Aſſeſſor theilnehmend,„ich fühle wohl, daß das ein harter Schlag für Sie iſt; aber— geſchehene Dinge ſind nun einmal nicht zu ändern, und am Ende iſt es doch auch ein Glück für das arme Mädchen — wie für Sie ſelber.“ Herr Hufner erwiderte kein Wort, aber er ſtand langſam auf und ging hinauf in das Zelt, deſſen Leinwand er hinter ſich zufallen ließ. „Sie haben doch nicht etwa Dolche oder Piſtolen da oben liegen?“ frug Ohlers beſorgt. „Um Gotteswillen!“ rief der Aſſeſſor—„der unglückliche jfunge Mann.“— „Bſt“ ſagte Ohlers, indem er den Beiden winkte ruhig zu ſein, und auf den Zehen ſchlich er dabei zu dem Zelte hin, den„Unglücklichen“ im Innern deſſelben zu beobachten— und er fand ſich reichlich dort belohnt. Ohne einen Laut auszuſtoßen, aber mit ordentlich Freude leuchtendem Angeſicht ſuchte Herr Hufner keineswegs nach irgend einer verſteckten Waffe, ſich das junge Leben zu nehmen, ſondern tanzte— zu ſeiner Schande muß ich es geſtehn— tanzte auf einem Beine, rieb ſich die Hände, ſchnalzte mit den Fingern und machte eine Menge anderer Capriolen ſeiner inner⸗ lichen Freude ſo heimlich wie nur irgend möglich Luft zu gönnen. Ohlers, vollſtändig beruhigt, daß ſich der Mann da drinn kein Leides anthun würde, hätte ſich un⸗ bemerkt zurückziehen können. Daran aber lag ihm Nichts; im Gegentheil ſchob er die Leinwand noch etwas weiter auseinander und den Kopf hinein und ſagte: „Aber mein beſter Herr Hufner, Sie müſſen ſich die Sache nicht ſo entſetzlich zu Herzen nehmen. Es iſt nun einmal nicht mehr zu ändern, und auch am Ende am Beſten für—“ „Bſt, um Gotteswillen,“ rief aber Herr Hufner, der wie mit einem Zauberſchlage wieder ſteif und ernſt vor ihm ſtand, und ein möglichſt trauriges Geſicht ſchnitt,—„mein guter Herr Ohlers, ich bitte Sie um Alles in der Welt—“ „Thut mir leid,“ ſagte Ohlers,„das können Sie nicht bekommen.“ „Verrathen Sie mich nicht,“ bat aber Hufner, —„bitte kommen Sie herein— Sehn Sie— Sie werden es gerechtfertigt finden, wenn ich—“ „Froh bin—“ fuhr Ohlers fort. „Leonoren,“ ſagte Hufner. „Los zu ſein,“ ſagte Ohlers. „Verſorgt zu wiſſen,“ rief aber der frühere Bräutigam.„Ich habe hier keine Ausſicht ſie und die—“ „Schwiegermutter,“ half ihm der Apotheker ein. „Ja,“ ſeufzte Hufner—„ſie und die Schwie⸗ germutter zu ernähren, und bis jetzt habe ich mir die bitterſten Vorwürfe gemacht, das arme Mädchen in dieſes unſelige Land gelockt zu haben. Ich glaubte aber, daß ſie ſo an mir hing, um ſich unglücklich und elend zu fühlen, wenn ſie ohne mich leben ſollte — aber ich ſehe ich habe mich darin geirrt. Oh die Weiber, die Weiber.“ „Na, thun Sie mir den einzigen Gefallen, mein guter Herr Hufner,“ ſagte Ohlers,„und werden Sie nicht ſentimental. Das wäre gegen die Abrede. Die Sache iſt abgemacht und der Kaffee wird kalt.“ „Aber Sie verrathen nicht, daß—“ „Keine Sterbensſylbe— auf Parole,“ ſagte Ohlers, und ohne ihm weitere Zeit zu laſſen, ſchob 320 5 er ſeinen Arm in den des unglücklichen jungen Bräutigams und führte ihn zu dem Feuer zurück. „So meine Herren,“ ſagte er, als er hier an⸗ kam—„er hat ſich jetzt geſammelt; der erſte Schmerz iſt vorüber. Geben Sie ihm eine Taſſe Kaffee, Herr Aſſeſſor, und das wird den letzten Reſt von Verzweiflung hinunterſpühlen.“ Der Juſtizrath, der indeſſen die Zeit benutzt hatte ſein Frühſtück zu verzehren, wollte eben etwas erwidern, denn er hob den Becher, den er noch in der Hand hielt, in die Höhe, als ein Reiter den Hang heraufſprengte, und gleich darauf Graf Beck⸗ dorf neben ihrem Lagerplatz hielt. „Hallo Juſtizrath,“ rief er dieſem zu,„in den Sattel— die Cavalcade wird gleich vorüberkommen, und Ihr Gepäck muß dort unten an die Straße geſchafft werden.“. „Alle Wetter,“ rief der Juſtizrath, in die Höh' ſpringend und nach ſeiner Pfeife greifend— nſo früh?— gar nicht gedacht.“ „Wo iſt Ihr Maulthier?“ lachte Beckdorf über die Eilfertigkeit des Mannes, der dabei nicht von der Stelle kam. „Maulthier?— weiß nicht,“ ſagte der Juſtiz⸗ rath—„im Buſch.“ „Das iſt eine ſchöne Geſchichte; Sie werden 321 heilig zurückgelaſſen, oder die Damen müſſen eine Stunde auf Sie warten— Eines ſo ſchlimm wie das Andere. Nach welcher Richtung iſt es un⸗ gefähr?“ Der Juſtizrath beſchrieb mit ſeiner Pfeifenſpitze einen Bogen, der etwa den vierten Theil der Erd⸗ kugel umfaßte, und Beckdorf lachte laut auf. „Iſt es ein Maulthier, dem das halbe linke Ohr fehlt?“ miſchte ſich da Ohlers in das Geſpräch. „Ja wohl,“ rief der Juſtizrath. „Sehr ſchön— das lehnt gleich da drüben am Wege, etwa fünfhundert Schritt von hier an einer Eiche und ſchläft,“ verſicherte der Apotheker,„ich glaubte erſt es wäre ein ausgeſtopftes, das da hingeſtellt und halb umgefallen wäre.“ Beckdorf ſchüttelte den Kopf und rief: „Nun gut, Juſtizrath, dann raffen Sie nur Ihre Habſeligkeiten zuſammen und ſchaffen Sie die Effecten an den Weg hinunter; die Herren helfen Ihnen vielleicht dabei. Ich will indeſſen hinreiten und Ihr Thier holen.“ Und mit den Worten warf er ſein Pferd herum und ſprengte an dem Abhang hin, weiter oben den Pfad wieder zu treffen und das alſo bezeichnete und leicht kenntliche Maulthier aufzufinden. Das Geſpräch d Gerſtäcker, Gold. Deutſchen war aber dadurch 21 „ ———— — 2 —— 322 natürlich total abgebrochen. Der Juſtizrath ſuchte nach den verſchiedenſten Gegenſtänden herum, die er alle nicht finden konnte: ſeinen Tabaksbeutel, ſein Feuerzeug, ſeinen Hut, ſein Halstuch, ſeinen Zaum, ſein Taſchentuch, ſeine Brieftaſche, kurz Alles, was niet- und nagellos an ihm war, und während der Aſſeſſor und Hufner in einer wahren Verzweiflung ihm ſuchen halfen, blieb Ohlers ruhig am Feuer ſitzen und verzehrte den Pfannkuchen. Endlich war Alles glücklich gefunden und in die Satteltaſche gepackt worden, und nur die Pfeife fehlte jetzt auf einmal, die der Juſtizrath beim Suchen ganz in Gedanken hinten an das Zelt gelehnt und dort vergeſſen hatte. Zuletzt wurde aber auch dieſe wieder beigetrieben, und Hufner wie der Aſſeſſor— Beide jedenfalls froh ihren Freund endlich einmal los zu werden— trugen nun kauchend ſeinen Koffer unten an den Weg hinunter, ihn dort zu laſſen, bis der Wagen kam. Der Juſtizrath, als Graf Beckdorf mit dem glücklich gefundenen Maulthier eintraf, ſtellte jetzt wirklich ſeine Pfeife einen Augenblick aus der Hand, den Sattel aufzulegen, aber er brachte es nicht zu Stande. Nach allen Seiten probirte er das Stück, doch wollte es nirgend paſſen, und Graf Beckdorf mußte ihn endlich ſelbe Ordnung bringen. 323 Ohlers, der recht gut damit umzugehen wußte, rührte keine Hand an, ſondern ſaß dabei und amüſirte ſich vortrefflich. Der Aſſeſſor und Hufner waren indeſſen wieder zum Feuer zurückgekommen, und der Erſtere fühlte ſich ſogar in einer ungewöhnlich weichen Stimmung, da er von einem Manne Abſchied nehmen ſollte, mit dem er doch eine Zeit lang zuſammen gelebt. Der Juſtizrath wollte nach Deutſchland zurückkehren, und wer wußte ob ihre Wege je in dieſem Leben wieder zuſammentrafen. Der Juſtizrath rauchte indeſſen ruhig fort; ob er etwas Aehnliches fühlte ließ ſich durch die diaen Dampfwolken nicht erkennen. Jetzt rollte der Wagen herbei: ein gewöhnlicher Leiterwagen zwar nur, von zwei ſtarken Pferden gezogen, aber durch Matratzen und Betten— während im hinteren Theile deſſelben das Gepäck aufgeſchichtet lag— ſo bequem wie nur möglich für die Damen hergerichtet. Hetſon ſelber hatte mit auf dem Wagen Platz genommen, da er ſich für dieſe kurze Strecke kein Pferd kaufen wollte, und Lanzot ritt an der Seite, auf welcher Manuela ſaß, nebenher. Das arme Kind hatte ſich ſchwer von ihres Vaters Grab getrennt, und an dem Morgen, wo 21* ſie es an des Geliebten Seite noch einmal beſucht, gar viel geweint,— ſie wußte, daß ſie es nie wieder ſehen würde. Jetzt war ſie jedoch gefaßter. Der heitere, wunderherrliche Herbſtmorgen trug auch viel dazu bei ihr Gemüth zu beruhigen und ſie dem Gefühl empfänglicher zu machen, daß ſie ja doch endlich dieſes ihr ſtets entſetzlich geweſene Land ver⸗ laſſen und einem neuen ſorgenfreien Leben, einem Leben an der Seite des geliebten Mannes ent⸗ gegengehen ſolle. Noch einige Schwierigkeiten hatte es, den Juſtiz⸗ rath in den Sattel zu bringen, wonach er den rechten Steigbügel wieder nicht finden konnte. Aber auch das wurde zuletzt bewerkſtelligt, und es war endlich Nichts weiter übrig als den Koffer auf den Wagen zu heben, was natürlich wieder auf dem Aſſeſſor und Hufner hängen blieb. Jetzt war Alles fertig— die Pferde zogen an, und der Wagen rollte die Straße entlang. „Nun mein lieber Herr Juſtizrath,“ be⸗ gann der Aſſeſſor mit vollem Herzen von dem Manne Abſchied zu nehmen. Ob ſich der Juſtiz⸗ rath aber das Herz nicht ſchwer machen wollte, oder auch etwas Derartiges für überflüſſig hielt, kurz er gab ſeinem Maulthier die Hacken, ſagte einfach„guten Morgen,“ und hielt ſich dann ge⸗ — 323 ſchwind mit der rechten Hand— in der Linken trug er ſtatt der Reitpeitſche die Pfeife— an dem Sattelknopfe an. Das Maulthier ſetzte ſich nämlich in Bewegung, und ſeine beiden Freunde blieben allerdings etwas verdutzt über den ſehr kaltblütigen Abſchied mitten auf der Straße ſtehen, ihm noch eine ganze Weile ſchweigend nachzuſehn. So ſchied der Juſtizrath aus den Minen und von ſeinen Freunden, die ihm mit wirklich auf⸗ opfernder Gefälligkeit und mit der größten Uneigen⸗ nützigkeit, und weshalb gedient hatten?— weil er eben einen etwas hochtrabenden Titel beſaß, und ſie als biedere Deutſche den alten Unſinn des Vaterlandes noch nicht hatten ſo weit abſchütteln können, ſich von dem Einfluß deſſelben frei zu machen. Es iſt das ein nur in Deutſchland be⸗ kanntes Kunſtſtück, derartige„gemalte Lichter“ zu machen, die, ohne das geringſte innere Feuer, dem flüchtigen Beſchauer gerade ſo ausſehen, als ob ſie wirklich leuchteten. Nur wenn man etwas an ihnen anzünden— wenn man ſie einmal ge⸗ brauchen will, findet man die Täuſchung und ſieht, daß ſie blos zu einem etwas wunderlichen Staat da ſind. Sie ſelber halten ſich natürlich für Sonnen — die eben auch Nichts weiter können wie ſtrahlen. Nur erſt im Sattel wurde der Juſtizrath in 326 dieſem feſten Bewußtſein ſeines inneren Werthes, der ihn bis dahin noch keinen Augenblick verlaſſen, ſchwankend, denn er fühlte ſich dort oben nichts weniger als behaglich. Schon das genirte ihn, daß er ſelber den Zügel halten mußte— er war noch nie gewohnt geweſen, etwas ſelber zu thun— und dann hielt das Maulthier auch einen keinesweg gleich⸗ mäßigen Schritt, ſondern richtete ſich vollkommen nach ſeinen Begleitern, ob dieſe eben langſam oder ſchärfer ritten. Hier kümmerte ſich auch Niemand weiter um ihn; er mußte ſich eben ſo gut feſthalten und mit⸗ zukommen ſuchen, als das anging— und wie hart der Racker dabei trabte. Der Juſtizrath verfluchte im Stillen den Aſſeſſor, der ihm zu dieſem kühnen Ritt gerathen, und doch hatte es dieſer würdige Mann nur mit voller Ueberzeugung und aus dem einen Grunde gethan, daß er feſt glaubte, der Juſtiz⸗ rath könne Alles, alſo natürlich auch reiten. Das Wetter war herrlich; ein wunderbar friſcher duftiger Herbſtmorgen lag auf dem grünen Wald, und mit dem murmelnden Bergſtrom zu ihren Füßen, von dem das Klappern der dort arbeiten⸗ den Maſchinen zu ihnen herauftönte, mit dem Rauſchen der mächtigen Wipfel über ſich, zogen die Wanderer fröhlich und leicht ihre Straße entlang. 222 Ein paar Stunden Wegs hatten ſie zurückge⸗ legt, als ſie einen einzelnen Wanderer überholten, der dicht vor ihnen einen Seitenpfad aus den Bergen herabgekommen war, und jetzt mit ihnen ein Ziel zu haben ſchien. Einzelne Fußgänger gab es nun allerdings genug auf dem Wege, und zwar theils ſolche, die in die Minen ſchwerbepackt hinaufzogen, theils andere, die der Stadt wieder zu marſchirten, und den im Wagen Sitzenden fiel der Mann des⸗ halb auch nicht auf. Graf Beckdorf aber kam es vor, als ob er dieſen ſchlenkernden Gang ſchon einmal geſehen haben müſſe, und die ganze Geſtalt ihm bekannt ſchien. Außerdem trug der Burſche nicht das geringſte Gepäck auf dem Rücken, nicht einmal eine wollene Decke, ſelbſt keinen Rock, und die Mütze auf einem Ohr, beide Hände in den Hoſen⸗ taſchen, ſchlenderte er behaglich und vollkommen un⸗ bekümmert auf der Straße hin. Endlich hatten ſie ihn überholt und Beckdorf, der jetzt ſein Pferd herumwarf, rief lachend aus: „Herr Erbe! wo zum Henker haben Sie die ganze Zeit geſteckt?“ Der Wagen fuhr allerdings vorüber und weiter, und Lanzot ſah ſich ebenfalls nicht nach dem ihm völlig unbekannten und ſchmutzig genug drein⸗ ſchauenden Burſchen um. Des Juſtizraths Maul⸗ 328 thier glaubte hier aber genügenden Grund zu finden einen Augenblick auszuruhen, und hielt ſo plötzlich neben Beckdorf's Pferd an, daß der darauf nicht vorbereitete Reiter beinahe nach vorn übergefallen wäre. „Holla, Herr Graf,“ ſagte indeß der Fuß⸗ wanderer, ohne die Hände aus den Taſchen zu nehmen, in denen ſie jedenfalls feſtgeklebt waren, indem er nur einfach mit dem dicken rothen Kopfe nickte,„how do you do?— in den Hills oben bin ich geſteckt und habe gediggt und gewaſchen.“ „Und ſind Sie glücklich geweſen?“ „Bah,“ zuckte der Mann mit den Achſeln.— „Was die Leute Glück kahlen(to call), das ſoll der Teufel hier in den mines holen. Erſt hab' ich einen böſen Kalt gekätſcht und bin ſick geweſen, und dann war's ordentlich, als ob ich on Purpoß Nichts finden ſollte. Jetzt hab' ich nun meinen Meind aufgemacht*) und will nach San Francisco trawweln.“ „Sträfliches Deutſch,“ murmelte der Juſtizrath vor ſich hin—„verſtehe kein Wort.“ „Und was wollen Sie dort, Herr Erbe?“ frug Beckdorf, der ſich über den Burſchen amüſirte. *) to make up one's mind— ſich entſchließen. 329 „Ich thu's noch nicht wiſſen— wahrſcheinlich einen Barberſchop*) aufraiſen, und die Leute ſchäven, (raſtren).“ „Ihr altes Geſchäft?“ „Ves.“ „Nun dann wünſche ich Ihnen viel Glück,“ ſagte Beckdorf, indem er ſeinen Zügel wieder auf⸗ nahm— kommen Sie bald nach.“ „O, ich habe plenty Zeit,“ meinte Erbe ver⸗ gnügt—„man muß hier nie ein Ding in einer Hürry thun. Und wo wollen Sie hin?“ „Auch nach San Francisco.“ „Hm,“— meinte Erbe—„da könnten wir ja—“ es fiel ihm eben ein, ob er mit dem Deut⸗ ſchen, der jedenfalls Geld hatte, nicht am Ende einen Barbierladen in Compagnie errichten könne — aber der verſtand keinesfalls etwas von dem Geſchäft; er hätte deshalb die Arbeit allein über⸗ nehmen müſſen, und davon war er kein Freund.— Er brach alſo ſeine Bemerkung nur kurz ab. „Aber wo haben Sie Ihr Gepäck, Herr Erbe?“ „Die Bäggätſch?“ ſagte der Unverbeſſerliche, indem er einen Blick über ſeine Schulter warf, als ob er ſich ſelber überzeugen wolle, daß er gar *) Barbierſtand. ——— 330 Nichts trage—„hm, ich habe ausgeſohld*)— In San Francisco giebt's mehr.“ „Allerdings,“ lachte Beckdorf,„und Sie gehen ſo angenehmer. Alſo guten Morgen, Herr Erbe.“ „Morning,“ nickte der Mann zurück, und Beck⸗ dorf ſprengte jetzt, von des Juſtizraths Maulthier eben ſo raſch und plötzlich gefolgt, die Straße hinab, den Wagen wieder einzuholen. „Brrr— Donnerwetter!“ ſchrie der Juſtizrath— „fluchtes Thier,“ und mit gänzlicher Mißachtung der Pfeife packten beide Hände den Sattelknopf; aber das Maulthier dachte gar nicht daran eher langſamer zu gehen, bis es das Pferd erreicht hatte. Es hielt auch erſt wieder, eben ſo plötzlich als vorher, an, als es mit ſeinem durchſchüttelten Reiter den Wagen überholte. Erbe lächelte, als er ihn fortſprengen ſah. Die kleine Cavalcade ſetzte indeſſen ihren Weg bis Mittag fort, ohne daß ihnen irgend ein Bekann⸗ ter weiter oder ſonſt etwas Außergewöhnliches be⸗ gegnet wäre. Gefahr hatten ſie auch nicht die ge⸗ ringſte zu fürchten, da gerade in dieſer Zeit die Straße außerordentlich von Fuhrwerken und Maul⸗ thierzügen belebt war, die ſich alle noch beeilten * 1 have sold out— verkauft. 331 vor Eintritt der Regenzeit Proviſionen in die Minen hinaufzuſchaffen. Zu Mittag mußten ſie natürlich die Thiere etwas raſten und in der Nähe weiden laſſen, und lagerten zu dem Zwecke dicht am Ufer des hier zu einem kleinen Fluß angewachſenen Calaveres, in deſſen Nähe und unter dem kühlen Schatten der Uferbäume noch ganz vortreffliches Gras wuchs. Die Paſſagiere verzehrten dort ebenfalls ihre mit⸗ gebrachten Proviſionen, und brachen etwa gegen zwei Uhr wieder auf. Sie wollten Stockton noch an dem Abend, wenn auch erſt ſpät erreichen, um das am nächſten Morgen früh nach San Francisco abfahrende Dampfboot zu benutzen. Noch nicht lange hatten ſie ihren Weg wieder verfolgt, als ein Streit auf der Straße ihre Auf⸗ merkſamkeit auf ſich zog, der zwiſchen einem Reiter und einem Fußgänger geführt wurde. Eine Biegung der Straße und ein dichtes Buſchwerk, das ſie umritten, brachte ſie auch dicht vor die Streitenden, ehe dieſe ſie bemerkten, und zwar ſchien es, als ob der Fußgänger den Reiter angegriffen hätte und ihn vom Pferde ziehen wollte. Beckdorf und Lanzot, die gerade nebeneinander ritten, glaubten ſchon ſie ſeien hier eben zur rechten Zeit gekommen einen Raubanfall zu vereiteln, griffen 2 nach ihren Waffen und den Pferden die Sporen eindrückend ſprengten ſie, von dem unglücklichen Juſtizrath wider Willen gefolgt, auf die Kämpfen⸗ den ein. Trotz dem Nahen der Reiter ſchien aber der Angreifer von ſeiner Beute nicht ablaſſen zu wollen, und da er den im Sattel Sitzenden feſt bei einem Beine gefaßt hatte und nicht losließ, während das Maulthier einen Sprung nach vorn machte, mußte der arme Teufel wohl oder übel herunter und auf die Erde. Der deutſche Fluch„Heiliges Kreuzdonnerwetter!“ den er dabei ausſtieß, überzeugte die beiden jungen Leute aber bald, daß ſie es hier weniger mit einem Raubanfall als mit einer gewöhnlichen Prügelei zu thun hätten, und Beckdorf erkannte auch jetzt zu ſeinem Erſtaunen in dem Angreifer einen der ſonſt friedfertigſten und höflichſten Menſchen, denen er in ſeinem ganzen Leben begegnet war— den Tenoriſten Bublioni. „Was zum Teufel treiben Sie denn hier für Geſchichten, beſter Freund,“ rief er ihm lachend zu, als er an ihn hinanſprengte,„was hat Ihnen der unglückliche Mann da zu Leide gethan?“ „Der?“ rief aber Bublioni, indem er, ohne auch nur einen Augenblick Zeit zu verſäumen, das Maul⸗ thier am Zügel ergriff und ſelber in den Sattel 333 ſprang—„das iſt der nichtswürdigſte Betrüger unter der Sonne— der ſogenannte Actuar Korbel, der mich um Alles gebracht hat, was ich mein nannte, und jetzt ſtolz an mir vorbeireiten wollte, während ich laufen mußte.“ „Geben Sie mir mein Maulthier heraus, Herr Bublioni,“ ſchrie aber auch jetzt der Actuar, der ſich wieder aufgerafft hatte—„meine Herren, lei⸗ den Sie nicht, daß ich hier auf offener Straße be⸗ ſtohlen werde.“ „Beſtohlen? Sie Böſewicht!“ rief aber der Tenoriſt—„Alles was ich hatte— elf Unzen Gold hat er mir fortgeſchleppt, angeblich Proviſionen dafür zu kaufen—“ „Aber ich war ja eben unterwegs—“ „Gut,“ dann geben Sie mir mein Geld wieder heraus, und Sie ſollen das Maulthier augenblick⸗ lich zurück haben.“ „Das Geld iſt ſchon in San Francisco,“ ſagte aber der Actuar. „Ja, das glaub' ich,“ rief der Tenoriſt—„aber in weſſen Beutel?— und ich habe mir indeß meine Stimme total ruinirt.— Was hab' ich jetzt von meiner Goldgräberei?— Schulden und einen ewigen Stockſchnupfen.“ „Aber wo wollen Sie jetzt hin?“ frug Beckdorf. ———·uy 334 „Nach San Francisco“— lautete die Antwort —„wie ich höre iſt dort ein Theater errichtet worden, und ich will ſehen, ob ich da ein Engagement be⸗ kommen kann.“ „Aber nicht auf meinem Maulthier,“ ſchrie da der Actuar, der in dieſem Augenblick einen ver⸗ zweifelten Satz auf den Mann zu machte, ſein Eigenthum wieder zu gewinnen. Herr Bublioni aber, der vortrefflich zu reiten verſtand, warf das Maulthier raſch herum, ſetzte ihm dann beide Hacken in die Seite, und ſprengte mit dem erbeuteten Thier in voller Flucht die Straße hinunter. „Sollen wir denn das leiden?“ ſagte Lanzot, der kopfſchüttelnd dem Streit zugeſchaut hatte. „Gewiß,“ lachte Beckdorf,„denn dem Burſchen da geſchieht's vollkommen recht. Er iſt uns Allen, die er nur möglicher Weiſe anborgen konnte, Geld ſchuldig, und hat damit getrunken und geſpielt, während jener arme Teufel fleißig arbeitete. Aber komm, da iſt der Wagen und wir wollen uns mit dem Lump nicht länger aufhalten.“ Der Wagen fuhr indeſſen vorüber, ohne anzu⸗ halten, und der Juſtizrath war die ganze Zeit von ſeinem Maulthier auf das Unbarmherzigſte umher⸗ geworfen worden. Dieſes nämlich wollte dem vorbei rollenden nach, und ſein Reiter wäre auch 335 nicht im Stande geweſen es allein zu halten, hätten ihm nicht Beckdorf und Lanzot mit ihren Pferden den Weg verlegt. Mit großer Mühe nur be⸗ ruhigte es ſich wieder, und der Juſtizrath, der bis dahin übrig mit ihm zu thun gehabt, erkannte zu ſeinem Erſtaunen in dieſem Augenblick ſeinen alten Freund den Kometen. Korbel ſtand nämlich noch mit einem dicken rothen Kopf dicht am Wege, und ſchien vollkommen unſchlüſſig, nach welcher Richtung er ſich wenden ſolle. Beckdorf und Lanzott ritten vorüber, der Juſtiz⸗ rath aber, ſein Maulthier noch einmal mit Gewalt einzügelnd, rief: „He— Actuar— ſehr gut— treffe Sie hier — gehn fort aus Minen— meine halbe Unze.“ Der Actuar ſah den Mann verächtlich über die Schulter an, und brummte nur das eine höchſt unhöfliche Wort: „Holzkopf.“ „Donnerwetter,“ rief der Juſtizrath, aber ſein Maulthier ſchnitt die ſo intereſſant begonnene Unter⸗ haltung ab. Die Pferde waren voraus und denen folgte es jetzt, ſein Reiter mochte in den Zügel hineinreißen ſoviel er wollte, während der diesmal geprellte Komet in düſterem Schweigen und mit untergeſchlagenen Armen auf der Straße zurückblieb. 336 Der Juſtizrath wäre jetzt gern wüthend geworden, wenn ihm ſein Thier nur Zeit dazu gelaſſen hätte; von hier ab ging aber der Weg eine ganze Strecke bergab, und der Wagen fuhr ſo ſchnell, daß die Reiter ihm in ſcharfem Trabe folgen mußten. Da blieb ihm dann allerdings weiter Nichts übrig als die halbe Unze im Stich und den„Holzkopf“ auf ſich ſitzen zu laſſen, denn einzügeln konnte er nicht mehr. Mehr und mehr belebt wurde indeß die Straße, und hier und da fanden ſie auch ſchon Stellen, wo einzelne Amerikaner anfingen ihre kleinen improvements— Blockhütten mit einem kleinen Stück eingefenzten Feld— zu bauen. Mit Sonnen⸗ untergang trafen ſie auf mehrere Trupps lagernder Maulthiere, bis ſie endlich die weißen Zeltdächer Stocktons erkennen konnten. Wie ſich Lanzot aber beſonders der armen Frauen wegen freuete, das Ziel ihrer mühſeligen und eben nicht bequemen Fahrt erreicht zu haben, ſo ſah er ſich auch jetzt nach ihrem Begleiter dem Juſtizrath um, der mit den merkwürdigſten Capriolen auf ſeinem Thiere ſaß, und gar nicht ſo recht fort⸗ zukommen ſchien. „Er wendete ſein Pferd, ritt zu ihm und rief: „Was iſt denn, Herr Juſtizrath, will Ihr Klepper Landung. Der Juſtizrath ging ebenfalls mit, da er auf der Gottes Welt weiter Nichts zu thun hatte. Und durch das Lärmen und Treiben der neu ent⸗ ſtandenen Weltſtadt, durch das Drängen nach Gold, durch ein Gewühl lebendiger Preiscourante und verkörperter Speculationen ſchritten die glücklichen Menſchen, die hier in Californien das ſchönſte Gold — den Frieden ihrer Seele— gefunden hatten, dem Landungsplatze zu, von dem aus ſie Boote nach dem Dampfer hinüberſchaffen ſollten. Dem langen Werft, das in die Bai hinausge⸗ baut war, bei hoher Fluth die directe Landverbin⸗ dung mit den Schiffen zu erhalten, folgten ſie, und dort rannte der Juſtizrath, der ſtets die Augen wo anders hatte, gegen eine rieſige Menſchengeſtalt an, die auf die wunderlichſte Art mit Feuerzangen, Schaufeln, Dreifüßen, Waffen und Handwerkszeug behangen, ein wanderndes lebendiges Eiſenlager hier mitten im Wege ſtand und ſeine Waaren feil bot. „Donnerwetter,“ ſagte der Mann und ſah im nächſten Augenblicke erſt erſtaunt, dann beſtürzt zu dem dicken gemüthlichen Geſicht des Giganten em⸗ por, den man, einmal geſehen, nie im Leben wie⸗ der vergeſſen konnte,—„hm— alte Bekannte.“— . 22* 340 Es war derſelbe Mann, der ihn damals ſpät Abends hatte an ſeiner Verſchanzung nahe dem Paradies arretiren laſſen. Keinesfalls erinnerte ſich aber der Rieſe noch auf den unbedeutenden Juſtizrath. „Kaufen Sie Nichts von Eiſenwaaren, mein lieber Herr?“ ſagte er freundlich,„keinen Revolver, Hirſchfänger, Bayonnette, Feuerſchaufeln, Zangen, Meſſer, Gabeln, Löffel, Briefbeſchwerer?“ „Hm— ſonderbar!“ murmelte der Juſtizrath zwiſchen den Zähnen durch, antwortete aber nicht und ſchritt langſam an dem Verkäufer vorüber, dem Ende des Werftes zu. Er kam dort eben zur rechten Zeit an, zu ſehn, wie die Boote mit den Paſſagieren von der Lan⸗ dung abſtießen und dem Dampfer zueilten, von dem ſchon die dritte Glocke läutete. „Hallo— mitfahren!“ ſchrie er allerdings hin⸗ terher; aber die Bootsleute hatten keine Zeit mehr umzukehren. Hetſons erkannten ihn aber, und ſie und Lanzot winkten ihm noch ein Lebewohl zu, das er jedoch nicht erwiderte. „Können zum Teufel gehn,“ brummte er vor ſich hin, drehte ſich um und kehrte in die Stadt zurück. Doctor Raſcher und Graf Beckdorf waren mit im Boot und nach herzlichem Abſchied, und dem 2 Verſprechen, ſie dermaleinſt in ihren verſchiedenen Wohnſitzen aufzuſuchen, trennten ſie ſich von ihnen. Die Damen ſtiegen die breite, außen angebrachte Schiffstreppe, von Hetſon und Lanzot dabei unter⸗ ſtützt, hinauf— das Gepäck wurde durch eine Menge geſchäftiger Hände nachgereicht— die Treppe ſelber hob ſich— die Räder fingen an zu arbeiten, die Boote wichen dem keuchenden Koloß aus— der Anker kam unter dem Singen und Jubeln der Ma⸗ troſen nach oben. Wenige Minuten ſpäter ſchäumte die klare Fluth des Baiwaſſers unter dem ſcharfen Bug das Mohican, und auf den zurückgeworfenen Radwellen ſchaukelten die Boote. Vom Heck des Dampfers, gerade unter dem luſtig in der friſchen Brieſe auswehenden Sternenbanner winkten aber ein paar weiße Taſchentücher grüßend herüber. „Lebt wohl! Gott ſegne Euch!“ rief der alte Doctor Raſcher zurück, dem die klaren Thränen in den Augen ſtanden, und über die Bai, dem„goldenen Thor“ entgegen ſchäumte das wackere Fahrzeug dem Ocean— der Heimath zu. Leipzig. Druck von A. Th. Engelhardt. Im Verlage von Hermann Coſtenoble in Leipzig ſind ferner erſchienen: Livingſtone, Dr. David, Miſſionsreiſen und For- ſchungen in Süd-Afrika. Mit 23 Anſichten in Tondruck und zahlreichen Holzſchnitten. Autoriſirte vollſtändige Ausgabe für Deutſchland. 2 Bände Lex.⸗S. 5 Thlr. Hamilton, Anthony Graf,(Supplement zu Tho⸗ mas Babington Macaulay's Geſchichte von England.) Memoiren des Grafen Gram⸗ mont. Der engliſche Hof unter Karl dem Zweiten. In deutſcher Uebertragung nebſt geſchichtl. Erläut. nach engliſchen Quellen. Octav⸗Ausgabe. br. *1 Thlr. Sedez⸗Ausgabe. br.*1 Thlr. Hinrichs, Dr. H. F. W., ordentlicher Profeſſor an der Königl. Univerſität zu Halle. Die Könige. Entwickelungsgeſchichte des Königthums v. den älteſten Zeiten bis auf die Gegenwart. Zweite Auflage.(Unveränderter Abdruck.) gr. 8. broch. 2 ½ Thlr. Mökern, Philipp van, Oſtindien, ſeine Geſchichte, Cultur und ſeine Bewohner. Reſultate eigener Forſchungen und Beobachtungen an Ort u. Stelle. Deutſche Original⸗Ausgabe. gr. 8. Zwei Bde. broch. 4 ½¼ Thlr. Neigebaur, J. F., die Südſlaven und deren Län- der in Beziehung auf Geſchichte, Cultur und Verfaſſung. gr. 8. broch.(Wichtig in Bezug auf die Montenegro⸗Fragel) 212 ½ Thlr. Noßmäßler, E. A., Prof., Flora im Winterkleide. Mit 150 Abbildungen in Holzſchnitt und einem Titelbilde in Toudruck gezeichnet von C. Merkel. Zweite Aufl. 8. In Umſchlag cartonnirt*1 ½¼ Thlr. ——— ——— Noßmäßler, E. A., Reifeerinnerungen aus Spa- nien. Mit Landſchaften in Tondruck und Abbil⸗ dungen in Holzſchnitt, nebſt einer Karte. Zweite unveränderte Aufl. 8. Zwei Bde. broch. 2 ⅜ Thlr. Roßmäßler, E. A., Mikroskopiſche Blicke in den inneren Bau und das Leben der Gewächſe. Mit 15 lithographirten, größtentheils colorirten Tafeln und eingedruckten Holzſchnitten. Populäre Vorleſungen aus dem Gebiete der Natur. Erſter Band. 8. broch.*27 Ngr. Roßmäßler, E. A., Die Verſteinerungen, deren Beſchaffenheit, Entſtehungsweiſe und Bedeutung für die Entwickelungsgeſchichte des Erdkörpers, mit Hervorhebung von Repräſentanten der geologiſchen Epochen. Mit 7 lith. Tafeln und eingedruckten Holzſchnitten. Populäre Vorleſungen aus dem Gebiete der Natur. Zweiter Band. 8. broch.*1 ¼ Thlr. Bucher, Ludwig Ferdinand, Oberſtlieutenant der kgl. ſächſ. Artillerie ꝛc. Der Feldzug des dritten deutſchen Armeecorps in Flandern, im Be⸗ freiungskriege des Jahres 1814. Mit Benutzung⸗ amtlicher Quellen des Kriegsarchivs bearbeitet. Nebſt 2 Karten, 2 Plänen, 4 Tabellen und einem alphabetiſchen Namensverzeichniß aller hervorragen⸗ den Theilnehmer am Feldzuge. gr. 8. broch. *3 Thlr. Gerſtäcker, Friedrich, Die egulatoren in Arkan⸗ ſas.(Aus dem Waldleben Amerika's. 1. Ab⸗ theilung.) Neue wohlfeile Stereotyp⸗Aus⸗ gabe. Claſſiker⸗Format. 3 Bde. eleg. br. 1½ Thlr. Gerſtäcker, Friedrich, Die Flußpiraten des Miſſiſ⸗ ſippi.(Aus dem Waldleben Amerika's. 2. Ab⸗ ö