8 ³ JI ͤ e e ee Leihbibliothetr 3„ 1 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur* 4 von. 8 1 Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 3 Leih- und Leſebedingungen. 1. Ofensein der Hibliothek. Die Vibliothet ſteht hr Gm. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 8 Il 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 3 4 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ —* den angenommen. 1 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 8 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträg 1. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: . auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Nk.— Pf. —r 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt* der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Nuslunnezcit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Album. Bibliothek deutſcher Originalromane der beliebteſten Schriftſteller. Dreizehnter Jahrgang. Erſler Band. 3 Der Flatbootmann. —=—— Prag und Neipzig, Verlag von J. L. Kober. 1858. Der Flatbootmann. Amerikaniärhe Erzählung von Friedrich Gerſtäcker. Prag und Leipzig, Verlag von J. L. Kober. 1858. — Erſtes Kapitel. Die Landung. Den breiten mächtigen Miſſiſſippi belebte im Monat Juni des Jahres 185— eine außergewöhnlich große An⸗ zahl von Booten, die alle die Produkte des Nordens den füdlicher gelegenen Städten wie der Hauptſtadt Louiſia⸗ na's: New Orleans, entgegenführten. Der Sommer rückte weiter und weiter vor, und die unbehülflichen„Flatboote“, breite lang viereckige Kaſten die ganz von der Strömung abhängen, beeilten ſich ſoviel als möglich den Fluß hinabzukommen, die ſüdlichen Plätze noch vor dem Eintreten der ungeſunden Jahreszeit zu erreichen und wieder verlaſſen zu können. Hie und da kamen ſie einzeln herunter, die Bootsleute faul auf dem 5 leicht gerundeten Deck ausgeſtreckt und die Stunden in läſſiger Ruhe verträumend. Dann und wann ih man entgegenſchwimmen. 6 aber auch ganze Trupps, von weitem einer Anzahl Schach⸗ teln nicht unähnlich, die von eines muthwilligen Knaben Hand dem Waſſer preis gegeben worden. Und doch bergen dieſe, von ungehobelten Planken roh genug hergeſtellten Fahrzeuge oft die werthvollſten La⸗ dungen, von ihren Eigenthümern leichtſinnig dem tückiſchen Strom anvertraut. Verſichert war wenigſtens keines der⸗ ſelben, und kamen ſie glücklich an den Ort ihrer Beſtim⸗ mung, ſo blieb ihnen ein reicher Verdienſt ziemlich ge⸗ wiß. Hatten ſie aber unterwegs ein Unglück— ei nun, ſo war das eben ein Fall den Niemand ändern konnte. Der frühere Eigenthümer kehrte in ſeine Heimath zurück und begann dort mit ſeiner Arbeit von Neuem,— bis er ein anderes Boot unter den nämlichen Verhältniſſen be⸗ laden konnte. Die Eigenthümer dieſer Boote ſind theils Händler aus dem Norden, die von Farmern oder Kaufleuten die Waaren und Produkte erſt aufkaufen und dann eins oder mehrere dieſer Boote zuſammen den Strom viel hundert, Meilen hinabführen; theils ſind es aber auch die Farmer ſelber, die in ihrer Nachbarſchaft nicht hohen Preis genug für ihr Getreide, oder was ſie ſonſt gewonnen, löſen konnten, ſich dann gewöhnlich ſelber ein ſolches Fahrzeug zuſammenzimmern, und nun vertrauungsvoll dem Süden 7 Sind es wirklich die Farmer, ſo laden ſie gewöhnlich nur was ſie ſelber auf ihren Farmen erbaut oder producirt: Mais, Tabak, Kartoffeln, Aepfel, Pökelfleiſch, Whiskey (aus Mais gebrannter Schnaps), getrocknetes Obſt, Zwie⸗ beln ꝛc. ꝛc., oft ſogar lebendiges Vieh, wie Rinder, Schweine und Schaafe. Die Händler dagegen begnügen ſich nicht mit dieſen Gegenſtänden. Außer ſolchen Produkten die ſie von den Farmern kaufen, und bei dem der Whiskey nicht ſelten eine Hauptrolle ſpielt, nehmen ſie gewöhnlich noch Kattune, buntfarbige, wollene und ſeidene Tücher, wollene Decken, Strohhüte, Pulver und Blei, ja nicht ſelten auch heimlicher Weiſe Waffen mit, um ſie im Süden an die Neger zu verkaufen. Allerdings iſt es ſtreng unterſagt, den Sclaven Waffen und Munition, wie auch Whiskey zu überlaſſen, aber verbotener Handel bleibt auch faſt ſtets der ein⸗ träglichſte, und das wiſſen die Yankee⸗Händler denn recht gut.. Was die Neger nicht kaufen dürfen, dafür ſchlep⸗ pen ſie herbei was ſie ihr eigen nennen: Ferkel, Hühner, Truthühner, Eier ꝛc. ꝛc. und was ſie nicht eigen haben, ſtehlen ſie eben in der Geſchwindigkeit. Um einen Aus⸗ weg ſind ſie nur ſelten verlegen. Solch ein Händlerboot, das zum Abzeichen von den Uebrigen eine kleine roth und grüne Fahne vorn an der 8 Spitze führte, war denn auch gegen Abend in Sicht einer größeren Pflanzung am Miſſiſſippi gekommen, und der Ruf des Steuernden weckte die Schläfer an Deck. So lange dieſe Art Fahrzeuge der Strömung ruhig folgen und nichts Außergewöhnliches in ihrem Weg liegt, haben die Leute an Bord im breiten Strome wenig zu thun. Manchmal nur müſſen ſie wohl einer vorſpringenden Landſpitze oder einer Inſel ausweichen, dann und wann vielleicht einmal aus dem Fahrwaſſer eines Dampfers zu kommen ſuchen, oder im Strome ſelber angeſchwemmte und gefährliche Stämme vermeiden. Sonſt bietet die Schifffahrt auf dem unteren Miſſiſſippi ihnen aber nicht viel Hinderniſſe, und nur Abends, wenn ſie anlegen wollen, bedarf es einiger Arbeit, das ſchwer⸗ fällige Boot mit ſeinem breiten Bug gegen das Land zu und an einen ſicheren, geſchützten Platz zu rudern. Das geſchah denn auch jetzt. Am rechten Ufer wurde eine große weit ausgedehnte. Plantage ſichtbar, die mit ihrem weißen wohnlichen Herren⸗Haus und einer Anzahl kleiner Negerhütten im Schatten fruchtſchwerer Orangen⸗ und Nutßbäume lag, und der Nankee hatte ſich bald einen Platz auserſehen, der ihm für ſeine verſchiedenen Zwecke ent⸗ ſprechend ſchien. Auf dieſen Booten ſind lange ſchwere Ruder ange⸗ bracht, die nur aus einer Stange mit einem daran befeſtig⸗ ten Bret beſtehn, und an Bord ſelber feſtgemacht werden. —- 9 In dieſe legten ſich die Bootsleute jetzt und ziemlich willig dazu, denn hier wußten ſie recht gut, kamen ſie in den erſten zwei oder drei Tagen nicht wieder fort, und konnten ſich am Land von der monotonen Waſſerfahrt erholen. „Wetter noch einmal, Bill,“ ſagte da ein baumlanger, kräftig gebauter Burſch aus Illinois, mit blonden Haaren und gutmüthigen blauen Augen,„wie verdammt hübſch das da drüben am Laldde ausſchaut. Sieh nur die Apfel⸗ ſinen dadrüben— ein ordentlicher Wald; mir läuft das Waſſer ſchon dabei im Maul zuſammen.“ „Bah,“ brummte Bill, ſein Kamerad, der mit ihm an einem Ruder lehnte,„nicht ſo viel geb' ich für das ſauerfüße Zeug, da iſt mir ein Becher Whiskey und ein alter, ehrlicher Ohio⸗Apfel lieber, wie alle Apfelſinen von ganz Louiſiana. Fühle mich überhaupt nicht wohl hier unten, zwiſchen den Wollköpfen, und wollte daß wir ſchon wieder auf dem Heimweg wären. Hol der Teufel das Bootfahren wann er Luſt hat.“ „Munter, munter, Ihr Leute— greiſt da beſſer ein — Ihr da Beide, Bill und Jack!“ rief in dieſem Augen⸗ blick der Eigenthümer des Bootes, der ſich an ſeinem eige⸗ nen Bord gern„ tain“ nennen hörte—„wir miſſen wahrhaftig die Landung, und wenn Ihr das Boot nachher ſtromauf ziehen müßt, wißt Ihr was das heißt.“ 3 Poleridge, wie der Eigenthümer hieß, war eine wettere 10 braune Geſtalt, mit eiſenharten Zügen und kleinen, grauen aber nicht ungemüthlichen Augen. Ein YNankee von Ge⸗ burt, hatte er ſich faſt ein Lebensalter in den verſchiedenen Staaten der Union herumgetrieben und endlich in Ohio vorläufig das Land zu finden geglaubt, in dem er ſich bleibend niederlaſſen könne— bleibend heißt das, was der Art Leute eben unter dem Namen verſtehen, und wie verſchieden iſt darin der amerikaniſche Charakter von dem deutſchen. Wo ſich der Deutſche einmal niederläßt, wo er ſich ſein Haus baut und das Land urbar macht, da gedenkt er für ſeine Lebenszeit auszuhalten. Da düngt und da ſchafft er, und beſſert und richtet ſich mit jedem Jahre wohnlicher ein; baut Scheunen und Ställe, und gewinnt zuletzt den Platz ſo lieb, daß er von einem Verlaſſen deſſel⸗ ben nichts mehr hören mag. Der Amerikaner dagegen kauft nur immer, um wieder zu verkaufen— ihm iſt Alles feil. Sein Pferd— ſein Hund, ſein Gewehr, der Rock, das Hemd das er auf dem Leibe trägt; wenn ihm Jemand einen annehmbaren Preis dafür bietet, zieht er's, wo er ſich heimiſch gemacht, ob er ihn nun e bewohnt. Anhänglichkeit an die S oder zehn Jahre le kennt er nicht; ſſteht, herunter. Ebendaſſelbe mit e auf dem er der Boden iſt ihm ebenſogut Waare wie irgend etwas Anderes, und bietet ihm heute Jemand einen guten Preis, 8* — 9. — ſo packt er morgen, was ihm geblieben wieder auf, und ſucht ſich eben einen neuen Ort. So war der Alte auch ſchon ein tüchtiges Stück durch die Staaten gezogen; erſt mit dem Packen auf dem Rücken, ſeine Waaren durch das Land zu hanſiren, dann, als er ſich etwas verdient, mit einem Wägelchen; zuletzt mit zwei⸗ ſpännigem Geſchirr bald hier bald da, auf Alles rückſichts⸗ los, nur nicht auf den eigenen Bortheil. Ein Vermögen hatte er auch ſchon in ſeinem 24. Jahre gewonnen, und im nächſten mußte er wieder mit dem Hauſiren beginnen, weil er zuviel auf eine einzige Speculation gewagt und Alles verloren— aber was that's?— Er fing eben wie⸗ der von vorne an, verdiente noch einmal, verlor wieder und begann zum dritten Mal, um wieder Alles auf ein einziges Flatboot und den tückiſchen Strom zu ſetzen. Glückte ihm die Fahrt, ſo hatte er ſein Vermögen ver⸗ doppelt, vielleicht verdreifacht— glückte ſie ihm nicht— ei Amerika war groß, und tauſend Hülfsquellen und Wege gab es nach allen Richtungen hin, für einen unternehmen⸗ den Kopf. Unzählige ſolche Menſchen wohnen dort drüben in dem wunderlichen Lande, für Tauſende in unſerer Heimath das Ziel ihrer Sehnſucht, ihres Hoffens; zähe Naturen Alle, die wohl zu biegen, aber nicht zu brechen ſind, und wie der Hickory ihrer Wälder ſich dem Sturm beugen und ihn über ſich dahin brauſen laſſen— im nächſten Augen⸗ blick wieder ſo feſt und ſicher ſtehn, wie je. Das Terrain hier, in das der alte Poleridge jetzt ſein Boot gebracht, kannte er ebenfalls genau. Wie oft ſchon war er hier geweſen, und hatte hier mit Allem ge⸗ handelt was eben feil ſein mochte— vom Neger hinab bis zum Frucht⸗ und Eier⸗Markt. Auch die Plantagen kannte er, mit wenigen Ausnahmen, wie ſie am Miſſiſſippi lagen, und wenn er dabei auch nicht mit den Pflanzern ſelber ver⸗ kehrte, ſtand er ſich deſto beſſer mit den„Aufſehern“ und — den Negern. Welcher Gefahr er ſich dabei ausſetzte wußte er recht gut, aber eben weil er es wußte, fürchtete er ſie nicht, und ging dem geſetzlichen wie ungeſetzlichen Verkehr hier gerade ſo ruhig entgegen, als ob er daheim auf ſeiner Farm eine Ladung Mais an einen Nachbar ver⸗ kauft hätte. Auf dieſer Plantage, der ſich das Boot jetzt lang⸗ ſam näherte, war er allerdings ſeit langen Jahren nicht geweſen, aber mit kundigem Blick hatte er ſich, ſchon vom Strom aus, die ihm am Beſten ſcheinende Stelle zum Landen ausgeſucht, und wenn das jetzt auch ſeinen Leuten nicht gerade die bequemſte ſchien, wußte er ſelber doch recht u was er that und— was er wollte. Bill— ein ächter Flatbootmann der den Miſſiſſippi ſchon ſeit funfzehn Huhre befahren, und trotzdem, daß er jedesmal ſchwur, dies ſolle ſeine letzte Reiſe ſein, doch immer nicht von dem Leben laſſen konnte, hatte ſelber einen vortrefflichen Blick für einen ſicheren Landungsplatz und ſchon eine Weile den Kopf geſchüttelt, daß ihr„Alter“ ſo hoch anſteuerte. Weiter unten wäre der Landungsplatz für ſie jedenfalls paſſender geweſen. Er mochte aber Nichts ſagen, bis das Steuer, das ihr„Capitain“ in Händen hielt, den Bug des Bootes faſt ſtromauf drehte und ſie der Gefahr ausſetzte, durch die Stömung auf ein paar weiter unten aus dem Waſſer ragende Stämme getrieben zu werden. „Hol's der Teufel, Capitain,“ rief er da,„fallt doch ein wenig ab, und gebt dem verdammten Holz da unten Raum. Da drüben in der Gegenſtrömung liegen wir doch beim Teufel beſſer, wie hier, unter der hohen Bank.“ „Du könnteſt recht haben, mein Burſche,“ lachte aber der Alte ſtörriſch vor ſich hin—„wennich eben nicht gerade dort hinauf wollte. Feſt, Jungen, feſt— legt Euch in die Ruder, wir treiben ſonſt wahrhaftig auf, und Ihr habt nachher die halbe Nacht zu arbeiten, um wieder loszu⸗ kommen!“ Es war auch wirklich nicht viel Zeit mit Reden zu verlieren, denn wie der Bug des Bootes nun einmal ge⸗ khalten wurde, brauchten ſie alle ihre Kräfte, die gefährliche Stelle zu vermeiden. Bill ſelber ſah das am aller Beſten ein, und legte ſich mit vortrefflichem Willen in ſein Ruder. Das verhinderte ihn indeſſen nicht, die gottesläſterlichſten Flüche dabei auszuſtoßen, und alle ungeſchickten Menſchen, von dem Erzvater Adam an bis herab zu Jonathan Pole⸗ ridge zu verdammen. Der Alte am Steuer hörte das wohl, kümmerte ſich aber entſetzlich wenig darum. So lange die Leute auf ſeinem Boot nur ihre Schuldigkeit thaten, mochten ſie reden was ſie wollten— daß ſie aber thaten, was ihnen oblag, dafür wußte er ſchon zu ſorgen. Nach harter Arbeit gelang es ihnen auch wirklich, den Platz zu erreichen, den der Alte zu ihrer Landung beſtimmt hatte. Mit den Rudern würden ſie es aber trotzdem nicht erzwungen haben, denn die Strömung ſetzte gerade hier ziemlich ſtark ein, wäre nicht Bill, keck und tollkühn wie dieſe Leute immer ſind, mit dem vorn aufgerollten und an Bord befeſtigten Tau, ganz rückſichtslos um ſeine eige⸗ nen Gliedmaßen und gerade im entſcheidenden Augenblick, auf einen dort in den Strom geſtürzten Baum geſprungen. Allerdings konnte er auf dem ſein Gleichgewicht nicht be⸗ wahren, und ſtürzte auf der andern Seite in's Waſſer; unter dem Baume aber durch tauchend gelang es ihm, das Tau darum hinzuſchlagen.— Im nächſten Moment hing das Boot feſt, und mit einer zum Ufer gebrachten Leine wurde es ihnen jetzt nicht ſchwer, den unbehülflichen Kaſten 15 ſicher und feſt dorthin zu bringen, wohin ihn ihr„Alter“ haben wollte. Dieſer hatte den tollkühnen Sprung ſeines Bill, ohne eine Sylbe dabei zu äußern, ohne eine Miene zu verziehen, mit angeſehn. Er half dabei mit dem Steuer ſoviel als möglich nach und gab mit lauter Stimme die jetzt nöthi⸗ gen Befehle. Die Ruder wurden dann aus⸗ und an Bord gehoben und Bill kam triefend von Waſſer und Schlamm wieder auf Deck zurück. „Das habt Ihr einmal geſcheut gemacht,“ rief er dabei, mit einem Kernfluch zwiſchen den zuſammengebiſſenen Zähnen durch,„und wenn das nicht der ungeſchickteſte Platz am ganzen Miſſiſſippi für eine Landung iſt, will ich mein Leben lang Waſſer ſaufen, wie eine Kuh!“ Der Alte lächelte ſtill vor ſich hin und ſagte dann: „In Deiner Art magſt Du recht haben, Bill, und wärſt Du nicht, wie ein tüchtiger Flatbooter, der Du biſt, da ſo zur rechten Zeit über Bord geſprungen, hätte die Sache auch am Ende ſchief gehn können. Ich glaubte ſelber nicht, daß die Strömung hier ſo ſcharf nieder käme. Daß ich trotzdem auf dem rechten Platz angelaufen bin, wirſt Du vielleicht ſpäter einſehn. Jetzt aber, da ich weiß daß Du gerade nicht gern Waſſer trinkſt, ſo zieh' Dir erſt einmal trockne Kleider an, und dann geh' hinunter an die Steinkruke und„hilf Dir ſelber“— der Zucker ſteht auch 3 16 daneben, und Du wirſt Dir die Miſchung wohl ſelber anmachen können. Die Kruke bring' nachher mit herauf, wenn Du fertig biſt, denn den Andern wird ein Schluck ebenfalls keinen Schaden thun.“ „Denke auch nicht,“ brummte Bill, jetzt ſchon wieder in etwas beſſerer Laune, vor ſich hin, und ſagte dann, während er mit Jack nach vorn ging, wo ſie unten im Boot ihr Lager hatten:„Manchmal hat der alte Starr⸗ kopf ordentlich lichte Augenblicke, und weiß auch ſonſt mit einem Boot ziemlich vernünftig umzugehn. Diesmal bin ich aber doch neugierig, weshalb er uns hier in das Holz hineingejagt, wo wir dem Teufel ſeine Arbeit haben werden, wieder ganzbeinig hinauszukommen. Nun — mir kann's recht ſein, aber über Bord ſpring' ich ihm nicht wieder, darauf kann er ſich verlaſſen und wie der alte Kaſten ausgeräumt iſt, ſetze ich mich auf ein Dampf⸗ boot und fahre heim. Der Böſe ſoll den Miſſiſſippi holen.“ „Na, laß Du nur den Alten gehn,“ lachte Jack, indem er ſich ein friſches Priemchen abſchnitt und in den Mund ſchob,„der weiß gewöhnlich verdammt gut was er zu thun hat, und macht keinen derartigen dummen Streich umſonſt. Das iſt freilich erſt die zweite Reiſe die ich mit ihm zuſammen bin, und auf der erſten kamen wir nicht weiter wie Nandolph, aber ſoviel hab' ich doch bis jetzt —— 17 herausbekommen, offenen Landungspl betrachtete. 1858. I. Gerſtäcker, der Flatbootmann. * 18— Es war der Aufſeher der Plantage; ein Burſche von vielleicht drei oder vier und dreißig Jahren, aber mit ſcharf markirten häßlichen und tief gefurchten Zügen, die ihn wenig⸗ ſtens um zehn Jahre älter ſcheinen ließen. Auch die kleinen farbloſen Augen, das linke noch dazu mit einem ſogenannten „falſchen Blick,“ ſchweiften unſtet herüber und hinüber, und hafteten eigentlich nie auf dem, mit dem ſie ſprachen. Er ging in die gewöhnliche Tracht derartiger Leute gekleidet: Weite Hoſen und leichtem Rock von hellkarrir⸗ tem Zeug, am linken Stiefel einen Sporn, keine Weſte, und das bunt kattune Hemd von einem blauſeidenen Tuch locker zuſammen gehalten. Den Kopf deckte ein breit⸗ rändiger Strohhut ohne Band, und am rechten Handge⸗ lenk hing ihm eine ſchwere, feſt aus Rindsleder gedrehte, ſogenannte Negerpeitſche. Eine lange Bronze⸗Uhrkette und ein paar große Ringe an den Fingern vollendeten mit der nie fehlenden Cigarre den Mann der, ſo gute Eigen⸗ ſchaften er auch ſonſt vielleicht haben mochte, durch ſein Aeußeres keineswegs dahin empfohlen wurde. Der alte Poleridge hatte indeſſen unten ſeine„Ufer⸗ toilette,“ wie er's nannte, beendet, d. h. ein reines Hemd und Schuhe und Strümpfe angezogen, denn an Bord gingen die Männer in dem warmen Klima meiſt barfuß Langſam, die Hände in den Taſchen, kam er oben auf Deck, als der Overſeer vom Damm aus ſein Boot betrach tete, und ſchien, ganz mit ſeinem eigenen Fahrzeug beſchäf⸗ tigt, keine Notiz von dem Manne am Land zu nehmen. Geſehen hatte er ihn aber nichtsdeſtoweniger ſchon von dem Augenblick an, wo er ſich zuerſt gezeigt. Noch ein neuer Inſaſſe des Bootes kam zugleich zum Vorſchein, und zwar Niemand Geringeres als Mrs. Po⸗ leridge ſelbſt, die Frau des Capitains, die mit einem ziem⸗ lich rothen Geſicht, das Bonnet etwas zurückgeſchoben, einen Blick nach dem vor ihr liegenden Ufer hinaufwarf. Dort unten aber wo ſie ſtand, konnte ſie von dem Lande weiter Nichts erkennen, als den grasbewachſenen hoch aufgewor⸗ fenen Damm. Mit der Ausſicht alſo eben nicht beſonders zufrieden, drehte ſie ſich um, hob einen kleinen braunen Teckel, der neben ihr winſelte, auf das höhere Deck hinauf, das er allein nicht erreichen konnte, und verſchwand gleich wieder, wie ſie gekommen, in dem inneren Raum. Der„Alte“ hatte ſich nicht einmal nach ihr umge⸗ dreht; er ſchaute nach den Tauen, ob die auch gehörig be⸗ feſtigt waren, ſtieß mit dem Fuße eine, ihm im Weg lie⸗ gende Rolle Leine bei Seite, und blickte dann über Bord hinunter in's Waſſer. 1 „Hallo das Boot!“ rief da der Mann vom lfer aus den Alten an;„habt Ihr gar keinen ſchlechteren Fleck⸗ am Land hier finden können?— Wer ſoll denn da zu Euch hinnnter klettern?“— 20 „Hallo?“ ſagte der Yankee, ſich langſam nach der Stimme umdrehend—„wer hat Euch denn ſchon geſagt, daß Jemand hier zu uns herunterklettern ſoll?“ „Hm,“ brummte der Mann oben, über die barſche Antwort etwas erſtaunt—„ſeid Ihr kein Handels⸗ boot?“ „Handelsboot allerdings,“ ſagte der Yankee, ſeinen Tabaksſaft weithin über Bord ſpritzend,„aber mit wenig zu verkaufen was Ihr hier wahrſcheinlich brauchen könnt, und mit Einzukaufen wird's hier bei Euch wohl auch dünn ausſehen.“ „Habt Ihr Whiskey an Bord?“ frug der Aufſeher. „Whiskey, nein,“ ſagte der Händler ruhig,„iſt welcher hier in der Nähe zu bekommen? Der Meinige iſt alle, und ich möchte gern für die Leute etwas haben.“ Der Aufſeher ſah ihn zum erſten Mal mit ſeinem rechten Auge ſcharf an, während das andere die übrige Mannſchaft zu muſtern ſchien. Er mochte dem Mann die trockene Verſicherung nicht gleich glauben. Poleridge blieb aber ſo vollkommen ruhig und gleichmüthig dabei, daß er auch wieder anfing, ſeinen Verdacht fallen zu laſſen. Doch das bekam er ſchon außer dem heraus. 4„Kommt Ihr an Land?“ frug er endlich nach längerer Pauſe. „Werde wohl müſſen,“ ſagte der Händler—„ 5 21 haben kein Kochholz mehr an Bord. Giebt's dort oben trockenes Holz?“ „Wenig genug hier herum,“ lautete die Antwort, „wenn Ihr nicht ein Stück zurück, nach dem Sumpf zu geht. Aber Ihr ſteckt ja da zwiſchen Holz. Haut Euch doch von dem ab.“ „Sieht ſo naß aus,“ meinte der Yankee, die unter⸗ halb im Strom liegenden Bäume betrachtend—„kann nicht Einer von Euren Negern hier, nach Feierabend die paar Cents verdienen?“ „Hm— das ginge vielleicht— wie lange wollt Ihr da liegen bleiben?“ „Wenn's hier Nichts für mich zu thun giebt, nur bis morgen früh.— Aber ich komme ein wenig hinauf— ein paar Dutzend Orangen wird man doch hier wohl kaufen können.“. Ich will Euch von einem der Leute einige abſchlagen laſſen,“ ſagte der Overſeer, während der Nankee eine aus dem Damm vorſtehende Wurzel exgriff, und ſich mit deren Hülfe auf feſtes Land hinüber ſchwang.. „Habt Ihr guten Tabak an Bord?“ frug da der Aufſeher, als der Händler neben ihm ſtand und ſeine beiden Hände wieder ſorgfältig in die Taſchen ſchob. „Sollt' es denken,“ brummte diefer—„ächten ſüßen Kentucky— aber nicht viel.— Hatte nur ein paar K 6 22 davon, die ich in Vicksburg abſetzte. Die Leute riſſen ſich ordentlich darum, und was ich zurückbehielt, wollte ich eigentlich ſelber verbrauchen—“ „Hm— ausgenommen Ihr bekämt einen guten Preis dafür—“ „Das immer ausgenommen,“ ſagte der Händler ruhig.—„Vom Ein⸗ und Verkaufen leb' ich, und wer mir etwas zu verdienen giebt, iſt mein Mann.“ „Und kauft Ihr auch für baar Geld?“ ſagte der Auf⸗ ſeher, als er ſein Pferd am Zügel nahm, und langſam mit dem Alten an dem Damme der ſogenannten Levée) hinaufſchritt. Der Händler wußte ganz genau was die Frage be⸗ deuten ſollte. Er kannte den Overſeer ſchon von früher her, wenn ſich dieſer auch keinen Falls mehr auf ſein Ge⸗ ſicht beſinnen konnte. Dem Nankee war es aber gar nicht darum zu thun, alle ſeine Geſchäfte hier im Flug abzu⸗ machen. Er wollte vor allen Dingen Zeit gewinnen, drei oder vier Tage an der Stelle liegen zu bleiben, und des⸗ *) Die Levée iſt ein, am Ufer des Miſſiſſippi viele hundert Miles lang aufgeführter Damm, den, oftſeine Ufer überfluthenden gewaltigen Strom in Banden zu halten. In Louiſiana beſonders läuft ſie ziem⸗ lich dicht am Ufer hin und ein breiter bequemer Fahrweg trennt dann gewöhnlich die eingefenzten Baumwollen⸗ oder Zuckerfelder von ihr. halb lag es in ſeinem Vortheil den Aufſeher hinzu⸗ halten. Sein Hauptplan beſtand nämlich darin, mit den Negern heimlichen Branntweinhandel zu treiben, und der konnte nur dann für ihn erfolgreich ſein, wenn die Schwar⸗ zen Zeit behielten. Sie ſelber haben ſelten oder nie baar Geld, ſtehlen aber dafür Alles was ſie in der Nach⸗ barſchaft bekommen können. Die eigene und nächſte Plan⸗ tage ſchonen ſie allerdings ſoviel wie möglich— gerade wie es der Fuchs und Marder auf ihren Raubzügen machen— ſonſt aber iſt ihnen auch kein Platz zu entlegen, wo ſie Hühner, Ferkel, oder was ſonſt gerade zu bekommen iſt, finden können. Unverdroſſen laufen ſie die gauze Nacht hindurch, ja hetzen nicht ſelten ihrer Herren Pferde zu Schanden, und ſind am nächſten Morgen wieder ſo rüſtig und zeitig bei der Arbeit wie nur je. Wenn der Lohn der ſo ſtreng verbotene Branntwein iſt, dünkt ihnen keine Mühe zu groß, kein Weg zu weit. In ein oder zwei Tagen ließ ſich aber kein ordent⸗ liches Geſchäft mit ihnen machen. Sie brauchten länger, in der ganzen Nachbarſchaft herumzukommen. Nur wenn er vier bis fünf Tage liegen blieb, durfte der Nankee hoffen, ſeine Zeit bezahlt zu bekommen. Dann freilich war es aber auch gerathen, ſein Boot wieder loszuwerfen und den 4 freien Strom zu erreichen, denn kam ein oder der andere 24 von den Diebſtählen wirklich heraus, hätte es doch unan⸗ genehme Erörterungen und Unterſuchungen geben können. Denen entging er vollſtändig, ſowie er ſich nur wieder einmal im Strom befand. Wer wollte ſein Boot dann von den anderen unterſcheiden, hätten ſie ihm ſelbſt folgen mögen. „Für baar Geld?“ wiederholte er deshalb die Frage, als ob er ſich die Sache erſt ein wenig überlegen müſſe,— „für baar Geld nicht gerade gern— es müßte denn ein entſprechender Gewinn dafür in Ausſicht ſtehn. Am Lieb⸗ ſten treib' ich Tauſchhandel, denn Güter oder Produkte, die ich im Norden wieder gut verwerthen kann, ſind mir eigentlich faſt lieber wie baar Geld—“ „Ich frug Euch ob Ihr auch baar Geld für— Produkte gebt,“ ſagte der Aufſeher—„Ihr verſteht doch Engliſch?“ „Hm ja, ein wenig;— ja ſo in der Art— oh ge⸗ wiß, wenn ich einen vortheilhaften Handel machen kann.“ „Und kauft Ihr auch Baumwolle?“ „Nicht gern. Unſer Einer kann da nicht mit den Dampfbooten concurriren, nnd ſo billig bekommt man ſie ſelten, daß das Riſico zugleich gedeckt wäre.“ „ Und wenn Ihr ſie nun ſo billig bekämt?“ „Das wär' freilich etwas Anderes,“ ſchmunzelte der Händler.—„Habt Ihr welche?— Na, ich will Euch 0 'was ſagen—“ ſchnitt aber die Antwort ſelber ab, als er ſah, daß der Aufſeher damit zögerte.„Wenn Ihr glaubt, daß ſich hier ein mögliches Geſchäft machen läßt, bleib' ich auch morgen hier lee Ich möchte überdieß etwas„Holz dinnehine“ wie die Dampfboote ſagen, das heißt ſo⸗ man⸗ cherlei Friſches vom Lande holen, und wenn ich das hier vkornmem könnte, wär' mir's recht. Bauen Euere Neger keine Waſſermelonen, Feigen oder ſonſtige Sachen?“ „Mehr wie genug,“ brummte der Aufſeher.—„An⸗ ſtatt ſich nach Feierabend auf's Ohr zu legen und für den morgenden Tag auszuruhn, kriechen ſie oft noch ſo lange in ihren kleinen Gärten herum und hacken und graben, bis ich ſie mit der Peitſche in's Bettj jage. Die haben ſchon derle aber— keinen Whiskey d afür, Kamerad— Ihr kennt wahr ſſcheinlich die Strafe, die darauf ſteht?“ „Whiskey?— Unſinn,“ lachte der Händler—„ich wollte, ich hätte ſelber welchen; das Einzige Spirituoſe, was ich an Bord führe, iſt Apfelwein. Wenn Ihr ein Freund von dem ſeid, damit kann ich Euch dienen—“ „Nein ich dank' Euch,“ ſagte der Aufſeher kopfſchüt⸗ telnd— aber— noch Eins möcht' ich Euch ſagen, wenn Ihr denn doch morgen hier liegen bleibt. Laßt Euch nicht mit den Niggern. die Ihr hier oder da trefft, in lange Geſpräche in. Der„Alte“ h hat's nicht gern und auch 26 nicht. Die Schufte ſind ſo ſchon zu übermüthig und müſ⸗ ſen tüch dig im Zaum gehalten werden.“ „Habt Ihr Noth mit Eueren Schwarzen?“ frug der Händler, den das von früheren Zeiten her noch intereſſirte. „Noth" lachte der Aufſeher mit einem finſteren Blick, indem er langſam und wie in Gedanken die Peitſche hob. „Noth?— wenn Jemand Noth hat, ſo ſind die’s. In Ordnung wiſſen wir ſie ſchon zu halten und muckſen darf mir keiner, ſonſt gnade ihm Gott. Seit einiger Zeit aber ſtreicht hier ſo ein ſogenanntes frommes Geſindel im 4 Süden herum und hat den Niggern Ideen in den Kopf ge⸗ ſetzt, die wir die größte Mühe haben ihnen aus den Rip⸗ pen wieder hinauszupeitſchen. Es hieß allerdings einmal, daß eine Verſchwörung unter ihnen im Werke ſei und daß ſie im Sumpf drinnen Waffen verſteckt hätten. Das iſt aber Larifari und wie wir erſt einmal ein paar von den Dickköpfigſten gegriffen, abgepeitſcht und zum guten Bei⸗ ſpiel für die Anderen aufgehangen hatten, ſind ſie vernünftig genug geweſen, ihre Dummheit einzuſehn.“ „Hm,“ ſagte der Händler und ſtrich ſich mit der Rech⸗ ten das glatt raſirte Kinn. Es war ihm eben nicht beſon⸗ ders lieb das zu hören, denn wo derartige Sachen vorfie⸗ len, wurde gewöhnlich auf die Schwarzen zu ſcharf aufge⸗ paßt, ihnen viel freie Hand zu laſſen. Je ſtärker der Druck 4 freilich, deſto ſtärker auch der Widerſtand, und Poleridge war überhaupt nicht der Mann, ſich von einem einmal ge⸗ faßten Plan abſchrecken zu laſſen, noch dazu, wenn ſein ei⸗ gener Nutzen im Hintergrunde lag. „Aber was habt Ihr eigentlich zu verkaufen?“ frug da der Aufſeher wieder, der überhaupt gewohnt war, in dann und wann anlegenden Booten die Monotonie ſeines Pflanzerlebens unterbrochen zu ſehn.„Man wird ſich die Sachen doch wohl einmal anſchauen können?“ „Oh gewiß d iſt's nur zu ſpät,“ ſagte der Händler,„kommt aber morgen früh einmal an Bord, und wir finden doch am Ende etwas, mit dem wir ein Ge⸗ ſchäft mitſammen machen können. Ich habe beinahe ein „Bischen von Allem,“ wie wir Yankees gewöhnlich un⸗ ſere Fracht einnehmen.“ „Nur keinen Whiskey?—“ „Aus Grundſatz—“ erwiederte ruhig Poleridge— „Ich ſelber gehöre zum Mäßigkeitsvereine und halte es für Sünde, das Gift zu verbreiten. Das veranlaßt mich aber nicht, ihn meinen Leuten zu misgönnen, die auch über⸗ dieß weit beſſer und williger arbeiten, wenn ſie einen Schluck von dem nichtswürdigen Stoff im Leibe haben. Die Verantwortung dafür mögen ſie auf ſich ſelber neh⸗ men; das geht mich Nichts an.“ „Sehr chriſtlich gedacht,“ lachte der Aufſeher—„man 28 giebt auch einem Pferd Branntwein auf Brod, damit es beſſer laufen ſoll.“ „Und warum nicht?“ brummte der Händler—„aber wenn’'s Euch recht iſt, ſchickt mir nachher was von Eueren Früchten herunter. Wie viel Tabak wolltet Ihr haben?“ „Ich komme morgen früh an Bord und werde mir ihn anſehn,“ lautete die Antwort des Aufſehers, der raſch wieder in den Sattel ſtieg und ſein Pferd wandte, einen Einſchnitt in die Fenzen hinein zu reiten. Die Straße herauf von dem weiter unten liegenden Herrenhaus kamen vier Reiter, zwei Herren und zwei Damen, angalloppirt und die flüchtigen Ponies berührten kaum den Boden, über den ſie dahin brauſten. Der Aufſeher behielt eben nur Zeit, auf die Seite zu reiten, wobei er ehrerbietig den Hut abnahm. Der Händ⸗ ler blieb auf dem Damm, die Hände in den Taſchen, ſtehn. Die Herrſchaften nickten kaum nach dem Aufſeher hin⸗ über— nach dem Fremden drehten ſie nicht einmal den Kopf.. „War das der Baas?“ ſagte der Nankee, als ſie vor⸗ über und in einer hinter ihnen aufwirbelnden Staubwolke verſchwunden waren, indem er nur eben mit dem Kopf nach der Richtung nickte. „Der vorn, ja;— Mr. Beauchamps mit ſeinen den Töchtern und einem Beſuch aus New⸗Orleans.“ bei 29 „Ahem— furchtbar aufgeſchwollen aber—“ „Hat's auch Urſache— wenn wir Beiden das nur im Jahr zu verzehren hätten, was der in jedem Monat allein durchbringt.“ „Phew“ pfiff der Alte zwiſchen ſeinen Zähnen durch, drehte ſich ab und ſchlenderte langſam am Ufer hinauf, ſich die Gegend— und Gelegenheit ein wenig zu betrachten. Eine halbe Stunde ſpäter kam ein alter Neger und brachte einen Korb voll Apfelſinen und Feigen. Der alte Poleridge nahm ihm die Früchte ſelber ab und drückte ihm dabei ein Geldſtück in die Hand, aber er ſprach keine drei Worte mit ihm. Drüben auf dem Damm hielt der Auf⸗ ſeher wieder, der aus dem Feld zurückgekommen war, und ſah nach dem Boot hinab. 3 Ein kleiner Burſche kam etwas ſpäter und brachte ei⸗ nen Arm voll Feuerholz, den er, ohne an Bord zu klettern, von der Uferbank hinunterwarf. Als ihm der Alte etwas dafür geben wollte, war er ſchon wieder hinter dem Damm verſchwunden. Drin in der Pflanzung läutete die Negerglocke, die den Sclaven ihren heutigen Feierabend kündete. Hinter dem niederen Waldſtreifen, der die nächſten Felder begrenzte und den Sumpf bezeichnete, ſank eben die Sonne. Die Dämmerung iſt in Amerika nur kurz, und bald darauf ſtri⸗ chen lange Züge von Wildenten ſchwirrend über die mit ei⸗ nem leichten Nebel bedeckte Stromfläche. Weit draußen auf der breiten, raſch vorübergurgelnden Fluth rief der Loon) ſein monotones Lied und in den Büſchen des be⸗ nachbarten Orangendickichts flötete der Spottvogel, die amerikaniſche Nachtigall, ihre leiſe klagende, liebliche Weiſe. Zweites Kapitel. Der nächtliche Beſuch. Es war finſtere Nacht geworden. Nur die Sterne blitzten von dem dunkeln Firmament herab, aber ſie konn⸗ ten ſich nicht einmal im trüben Strome wiederſpiegeln, auf dem ſich der Nebel nach der Sonne Untergang nur noch mehr und mehr verdichtet hatte. Unſer Flatboot ſelbſt lag ſo dicht unter der, etwa ſechs Fuß höheren Uferbank, daß man es ſelbſt vom Damm aus kaum erkennen konnte, während dieſer es allen denen, die *) Loon eine Art Taucher, der beſonders Abends und Nachts nen einförmigen Schrei ertönen läßt.* 31 auf der Straße ab⸗ oder aufwärts gingen, vollſtändig ver⸗ deckte. Die Leute waren etwa eine Stunde am Ufer geweſen, hatten ſich dort, unbekümmert ob es erlaubt oder verboten ſein könne, Orangen, Feigen und Granatäpfel gepflückt und kehrten erſt mit einbrechender Nacht an Bord zurück. Der „Alte“ hatte ſein Boot aber, ſeit er von dem kurzen Spa⸗ ziergang zurückgekehrt, nicht wieder verlaſſen. So verging die Zeit. Drüben aus dem Negerdorf herüber war dann und wann die ſchwermüthige Melodie irgend eines kleinen Liedes zu ihnen gedrungen, dem ſich, allerdings vereinzelt, auch eine geiſtliche Hymne miſchte. Die Flatbootleute hatten ſich indeſſen ſchon in ihre Coyen und unter ihre Mosquito⸗Netze zurückgezogen. Die Inſekten wurden nach Dunkelwerden und bei der faſt gänz⸗ lichen Windſtille ſo arg am Deck, daß man es kaum dort oben aushalten konnte. Der alte Poleridge ſaß nichtsdeſto⸗ weniger unverdroſſen mit dem Teckel neben ſich vorn im Bug des Boots, qualmte mit ſeinem kurzen Pfeifenſtum⸗ mel vor ſich hin und nahm dieſen nur zeitweilig aus dem Mund, nach einem geglaubten Geräuſch am Ufer hinzu⸗ horchen. Es war faſt, als ob er Jemanden erwarte. Eine reichliche Stunde mochte er ſo allein geſeſſen haben, und eben ſtopfte er ſich zum vierten Mal die kurze Thonpfeife mit dem feingeſchnittenen ſchweren Tabak, als 32 von der gerade über ihm befindlichen Uferbank Erde herun⸗ terbröckelte; Teckel knurrte leiſe. Der Händler drehte allerdings raſch den Kopf nach dem Geräuſch, rührte aber ſonſt kein Glied und blieb, wie er bisher geſeſſen, vorn auf Deck, bis er hörte, daß eine ziemlich ſchwere Geſtalt die Uferbank herunterglitt und auf die Planke trat, die von dem Boot aus an Land ge⸗ ſchoben war. „Hallo,“ rief da der Alte—„wer kommt da—“ „BPſt!“ unterbrach ihn aber der warnende Ton von dem Kommenden, wer das auch immer war, undder Händ⸗ ler lächelte leiſe vor ſich hin, ſchwieg aber doch und wartete geduldig, bis ſein ſpäter Beſuch in der Dunkelheit das Deck glücklich erreicht hatte. 3„Und wer iſt das?“ ſagte Poleridge jetzt, aber mit unterdrückter Stimme, während er ſeinen ſtärker knurren⸗ den Hund beſchwichtigte und vergebens in der Dunkelheit das ſchwarze Geſicht zu erkennen ſuchte. Der Neger ließ ſich aber hier oben auf keine Erörterungen ein. Selbſt in der Nacht hielt er ſich auf dem offenen Deck und ſo dicht am Ufer nicht ſicher. Hinter dem etwa neun Fuß hohen Damm und auf dem Raſen konnte auch leicht ein Horcher vollkommen geräuſchlos und gedeckt anſchleichen und dem mochte ſich der Burſche wahrſcheinlich nicht ausſetzen. „Kommt hinunter,“ flüſterte er und glitt dann, mit 5* — einem ſcheuen Blick nach dem Land zurück, und mit der Con⸗ ſtruktion dieſer Art Boote vollkommen gut vertraut, ohne weiteres die paar Stufen nieder, die in die kleine„Cajüte“ führten. Der Händler blieb noch eine Weile an Deck, ohne ſeine Stellung zu verändern und wie er ſo ziemlich tief auf ſeinem Boot ſaß, bildete der hohe Damm für ihn den Ho⸗ rizont, auf dem hin er jede Erhöhung gegen den helleren Himmel leicht erkennen konnte.— Erſt als ſich nichts weiter dort erkennen ließ, ſtand er langſam auf, ſah ſich noch einmal um und ſagte dann zu dem aufmerkſam neben ihm ſitzenden kleinen Hund: „Paß auf, mein kleiner Burſch— hübſch paß auf,“— und folgte dann dem Neger in das Innere des Bootes. Unten angekommen bekümmerte er ſich aber gar nicht um ſeinen ſpäten Gaſt, nahm vor allen Dingen aus einem kleinen Seitengefach Schwefelhölzer, entzündete eine Lampe, die auf dem Tiſch ſtand und ſah ſich dann erſt nach dem Neger um, der mit dem Strohhut zwiſchen beiden breiten Fäuſten an der Thür lehnte.„Noch immer konnte er ihn aber nicht erkennen, bis er das ziemlich hellſtrahlende Licht mit der Hand ſo weit deckte, daß es ihm nicht mehr die Angen blendete, während der Schein voll auf den Schwar⸗ zen fiel. „Aha, Salomo,“ nickte er da grüßend zu dem Selaven 1858. I. Gerſtäcker, der Flatbootmann. 34 hinüber—„noch ſo ſpät, mein Burſche?— nun wie iſt's die Zeit gegangen?“ „Danke, Maſſa, danke,“ ſagte der Mann—„ſchlecht genug, wie man's ſo nimmt— konnte nicht früher kom⸗ men; Maſſa Hoof überall zwiſchen den Hütten umherge⸗ ſchlichen.“ „Maſſa Hoof?— wer iſt Maſſa Hoof?“ „Der Overſeer— wahrer Teufel von einem Men⸗ ſchen. Paßt jedesmal ſo auf, wenn hier ein Boot anlegt, daß armer Nigger ja nie ein Vergnügen haben ſoll. Es giebt doch recht ſchlechte Buckra's*) auf der Welt, Maſſa Poleridge.“ „Hm, ja, mein Burſche— könnteſt recht haben,“ ſagte der Alte,„und Euer Mr. Hoof, wie Du ihn nannteſt, ſieht mir gerade nicht ſo aus, als ob er zu den beſſeren gehörte. Aber was bringſt Du?“ „Heut Abend Nichts,“ flüſterte der Neger vorſich⸗ tig—„doch— kann Niemand von der Uferbank herun⸗ ter kommen?“ „Hab' keine Angſt,“ ſagte der Händler;„mein kleiner Hund liegt oben an Deck und ſo wie ſich nur etwas Frem⸗ des regt, macht er Lärm.“ „Gut— heut Abend bring' ich Nichts,“ wiederholte *) Weiße. 3⁵ der Schwarze, jetzt vollkommen beruhigt—„aber gegen Morgen kommen meine beiden Jungen und noch drei oder vier andere mit Vorrath— Maſſa Poleridge hat doch den verſprochenen Whiskey mitgebracht?“ „Mehr als Ihr verbrauchen könnt, Salomo,“ lachte der Händler,„da drinnen liegen einige dreißig Fäſſer äch⸗ ten Monongahelas; habt Ihr da genug?“ Der Schwarze zeigte ein paar Reihen Zähne, weißer wie polirtes Elfenbein.— „Sehr gut, Maſſa,“ nickte er vergnügt vor ſich hin „ſehr viel gut— Salomo und Sambo werden Krüge und, Fäßchen bringen.“ „Fäßchen?— halloh mein Schatz, Du glaubſt wohl, daß ich Euch den Whiskey nur ſo einlaufen laſſe?— Er iſt wenigſtens um 50 Cents die Gallone theurer im Norden geworden und wenn Ihr nicht'was Ordentliches dafür ge⸗ ben könnt, behalt' ich ihn lieber an Bord. „Ordentliches?“ wiederholte Saloms erſtaunt— „Maſſa weiß, wir bringen Hühner, Eier, Peeun⸗Nüfſe ſüße Kartoffeln.“ „Ja ich weiß, ich weiß— aber ich will beſonders Fer⸗ kel haben,“ ſagte der Händler—„Futter für die hab' ich genug an Bord und kann ſie am Beſten wieder weiter un⸗ terhalb verkaufen.“ „Ferkel quietſchen ſo,“ ſagte Salomo ängſtlich. 3 36 8 „Quietſchen, den Henker auch,“ lachte der Händler, „Ihr werdet ſchon mit ihnen umzugehen wiſſen, daß ſie nicht mehr Spektakel machen, wie nöthig iſt.“ „Ja, da hat ſich's wohl— mit ihnen umgehn,“ brummte Salomo—„Ferkel iſt ein ſchrecklich unabhängig Thier und quietſcht wenn Luſt hat, ob man's beim Ohr oder beim Schwanz nimmt, und Maſſa Hoof wie der Böſe bei der Hand, wenn er Ferkel quietſchen hört.“ „Aber wo ſchläft Maſſa Hoof?“ „Gut Stück von hier, gerade vor den Niggerhütten in kleinem Häuschen mit Verandah,“ ſchmunzelte Salomo. „Nun ſiehſt Du, mein Burſche,“ ſagte der Händler, „das habe ich mir etwa gedacht und bin deshalb ſo weit hier oben angelaufen, wo Ihr mit Allem, was Ihr mir bringen wollt, durch das Orangendickicht kommen könnt— Alſo vergiß die Ferkel nicht. Vor Tag werde ich munter ſein und Euch geben, was Ihr haben wollt— Habt Ihr kein baar Geld?“ „Baar Geld?— ja Maſſa, aber nicht viel; Sip hat baar Geld und Lucy— Lucy viel— ſchlaues Mädchen die Lucy aber bös— viel bös— kommt einmal nicht in Himmel, wenn ſie ſtirbt.“ „Das kann uns einerlei ſein, mein Junge,“ ſagte der Händler,„aber ſchick' mir die Dirnen, die Geld haben, mor⸗ gen Mittag herunter und ſag' ihnen, ich hätte prachtvolle 4 37 Tücher und Bänder und eine Menge anderer hübſcher Sa⸗ chen mitgebracht.— Vielleicht können ſie auch morgen Abend nach Feierabend kommen.“ „Nach Feierabend geht nicht,“ ſagte Salomo, bedenk⸗ lich mit dem Kopf ſchüttelnd.„Maſ a Hoof läßt Niemand nach Feierabend heraus, beſonders keines der Mädchen— Mittag geht eher, müſſen aber geſchwind machen; iſt nur eine Stunde Raſtez zeit. Jetzt muß ich aber auch wieder fort— hm— iſt de Whiskey dießmal recht gut, Maſſa?“ „Sollſt ihn koſten, alter Burſche,“ lachte der Händ⸗ ler,„und wirſt mir das Andere dann wohl ordentlich be⸗ ſorgen?“ „Gewiß, Maſſa, gewiß,“ rief der Neger mit einem vergnügten Grinſen, während der Nankee eine neben ihm ſtehende Kruke aufgriff, einen Blechbecher von dem Geſims nahm und ihn halb mit gelbem Branntwein füllte. Der Reger machte, ſchon im Vorgefühl des erwarte⸗ ten und ſo lang entbehrten Genuſſes, eine etwas unge⸗ ſchickte aber nicht weniger gut gemeinte Verbeugung mit einem halben Kratzfuß, ergriff dann das Blechmaß, das ihm der Händler hinſchob, und wollte es eben an die Lip⸗ pen heben, als oben der Hund anſchlug. Erſchreckt ſetzte er es wieder hin und ſah den Weißen an, der vbenfalls aufmerkſam nach oben horchte. Der Hund war in dieſem Augenblick ſtill und Poleridge ſagte: 38 „Trink' nur erſt einmal Deinen Whiskey aus, nach⸗ her wollen wir ſehen, was mein Teckel hat.“ „Wenn das Maſſa Hoof wäre,“ flüſterte der Neger beſtürzt,„er brächte armen Nigger um, wenn er ihn hier Nachts auf fremdem Boot träfe—“ Wieder horchte er nach oben, dann aber, wenigſtens das Gebotene erſt einmal in Sicherheit zu bringen, nahm er den Becher auf, koſtete den Inhalt erſt und ſchüttete ihn dann in einem langen Zug die durſtige Kehle hinab. Dem Händler lag indeſſen ſelber daran, daß nicht ſchon jetzt ein Neger heimlich an ſeinem Bord geſehen wurde. Hatte er erſt ſeinen Handel mit den Burſchen gemacht und aus ihnen herausbekommen, was eben zu bekommen war, ei dann mochte auch ſeinetwegen der Aufſeher erfahren, daß er ihnen verbotenen Branntwein verkauft. Wenn man ihn nicht dabei ertappte, konnte ihm Niemand etwas anhaben und ehe die Sache gerichtlich gemacht wurde, warf er eben ſeine Taue los und ſchwamm wieder den Strom hinunter. Mit ein paar Worten ermahnte er deshalb Salomo, ſich hier unten nur ganz ruhig zu verhalten, bis er oben ſelber ein⸗ mal nachgeſehen hätte, und trat dann vorn in ſein Boot hinein, wo er, wenn er ſich aufrichtete, mit dem halben Leib über das Verdeck hinausſchaute. Ganz an Deck mochte er nicht gehn, denn unten ſtand Salomo neben der Whiskeykruke, 39 und allein wollte er die beiden doch nicht mit einander laſſen. Der Hund hatte ſich indeſſen keineswegs beruhigt, und wenn er auch nicht mehr bellte, knurrte er doch noch leiſe und verdrießlich vor ſich hin. Es war jedenfalls am Ufer nicht Alles, wie es ſein ſollte. Poleridge rieth auch dem Neger, als er dem Hund ein paar ermunternde Worte geſagt und wieder in ſeine Cajüte zurückgekehrt war, lieber noch ein wenig zu warten, ehe er an Land ging. Dieſer behauptete aber zurück zu müſſen, daß die Sachen noch vor Tag an Bord kämen, denn dann könne man ſich feſt darauf verlaſſen, daß„Maſſa Hoof“ ihnen nicht im Wege wäre. „Wenn er jetzt auch draußen ſteckt,“ lachte der Neger dabei vor ſich hin—„ſchadet Nichts. Salomo ebenſo klug wie Buckra. Kann da oben lange ſtehn bis er Nigger findet.“ „Was willſt Du thun, Salomo?“ frug der Händler erſtaunt, als der Neger ohne Weiteres zu dem Tiſch ging und die Lampe ausblies,—„was zum Henker iſt jetzt los?“ „Will an Land, Maſſa,“ kicherte aber der Neger, „good bye.— Vor Tag iſt Salomo wieder unten—“ Und damit glitt er wie eine Schlange aus der Ca⸗ jüte, hob ſich, ohne ſeinen Oberkörper über dem Verdeck zu zeigen, vorſichtig auf den vorderen und niederen Rand des 40 Bootes, das dort, wie alle dieſe Fahrzeuge, eine Art von Ausbau bildete, und war im nächſten Augenblick im Waſſer. So geräuſchlos verſchwand er aber darin, das ſelbſt der neben ihm ſtehende Yankee nicht das geringſte plätſchernde Geräuſch hören konnte, und ob er ſich auch überbog, und ihm nachſchaute, es ließ ſich nichts weiter von dem Schwarzen erkennen.— Unter Waſſer war er den Strom hinab geſchwommen. War übrigens wirklich Jemand an der Uferbank ge⸗ weſen, ſo ließ er ſich an dem Abend nicht wieder ſehn, und Poleridge ſuchte jetzt ſelber ſein Lager, zur rechten Zeit am nächſten Morgen bei der Hand zu ſein. Dieſe Art von Handel kannte er ſchon, und hatte deshalb auch ſein Boot ſo gelegt, daß er— nicht zu weit von dem Negerdorf— durch das benachbarte Dickicht den Schwarzen die beſte Gelegenheit gab, unbemerkt zu ihm an Bord zu kommen und die wurde denn auch von ihnen ge⸗ hörig benutzt. Alles Mögliche brachten ſie gegen Morgen angeſchleppt, was ſie entweder für ſolch einen Fall aufge⸗ ſpart, oder in der Eile und Nachbarſchaft hatten ſtehlen können. Entdeckung brauchten ſie dabei, wenn ſie nicht auf friſcher That ertappt wurden, auch gar nicht zu fürchten, denn Alles was hätte gegen ſie zeugen können, nahm der Weiße ja in ſeinem Boot mit fort. Um drei Uhr Morgens war dafür die beſte Zeit. 41 Um vier Uhr weckte ſchon wieder die erſte Negerglocke, und wenn ſich dann der Aufſeher auch noch nicht gleich um ſie bekümmerte, war doch ſtets die Gefahr, daß ſie von einem der ſogenannten„Negertreiber“ oder Unteraufſeher— faſt immer ebenfalls Neger— entdeckt und verrathen würden. Nachſicht hatten ſie aber von einem ſolchen nicht zu hoffen, und ſo erbarmungslos jener„Maſſa Hoof“ auch ſein mochte, an kalter Grauſamkeit wurde er faſt noch von ſeinen Helfershelfern überboten. Den Verkauf beſorgte übrigens Poleridge mit ſeiner Frau ganz allein, denn zwei Augen waren jedenfalls nöthig auf die ſonſt faſt zu geſchickten Hände der Neger zu paſſen. Mrs. Betſy Poleridge ſchien aber gerade die rechte Per⸗ ſönlichkeit für ein derartiges Geſchäft, und ich hätte es keinem der ſchwarzen Burſchen rathen mögen, auch nur eine unrechte Bewegung nach einem etwa dortliegenden Gegenſtand zu machen. Dabei mußte ſie in dem Dämmer⸗ licht, das in dem niederen Raum herrſchte, wahre Eulen⸗ augen haben, denn füllte ſie ſelber irgend ein Gefäß, ſo verſchüttete ſie nie auch nur einen Tropfen, und hatte doch die Augen dabei ganz wo anders. Auch magere Hühner oder Enten durfte ihr keiner bringen, wenn er nicht den Preis auf die Hälfte heruntergedrückt haben wollte, und trotzdem ſprach ſie nie ein lautes Wort. Der ganze Handel wurde in einem halben Flüſtern abgemacht, und »* die Leute, die im anderen Theile des Bootes ſchliefen, hätten wohl die Stimmen hören, aber doch nicht verſtehen können, was dort vorging. Uebrigens bekümmerten ſie ſich auch gar nicht darum. Daß der Alte heimlichen Handel mit den Negern trieb und ſich vortrefflich dabei ſtand, wußten ſie. Sie ſelber hatten aber ebenfalls, ſo lange das Boot an irgend einer Plantage liegen blieb, Feiertage, und das Beſte dabei, der Alte war nicht geizig mit dem Whiskey. Weshalb ſollten ſie ſich alſo in Sachen miſchen, die ſie gar Nichts an⸗ gingen? Ddie Neger hatten ſich dießmal aber vor einer Ueber⸗ raſchung gewahrt, und nicht etwa Poſten um das Boot her, ſondern gleich vor die Wohnung ihres Aufſehers ge⸗ ſtellt, bei dem ſeine beiden Negertreiber ſchliefen. So wie ſich Jemand dort regte, warnte ſie das verabredete Zeichen, und ſie konnten dann immer das Orangedickicht erreichen, ehe Einer ihrer Wächter im Stande geweſen wäre, ſelbſt mit dem ſchnellſten Pferd hier herauf zu galoppiren. Wie mistrauiſch der Overſeer aber auch das Boot betrachtet, und wie gegründeten Verdacht er haben mochte daß es, trotz der Verſicherung vom Gegentheil des Capi⸗ tains, doch Whiskey enthalte, ſo viel trotzte er auf die Furcht, die ſeine ihm untergebenen Sclaven vor ihm hatten. Geſtern Abend war ihnen noch einmal bei ſtrenger Strafe — — 43 verboten worden, an Bord zu gehn, wenn ſie nicht dahin geſchickt würden, und er glaubte zu wiſſen, daß keiner der Burſchen es wage ſeinem Befehl zu trotzen— Morgens ſchliefen ſie überdieß wie die Dachſe. Darin hatte er ſich jedoch geirrt, denn wenn die Burſchen aufſtehen wollten, konnten ſie es recht gut. Jetzt galt es überdieß, ſich für längere Zeit einen Vorrath von Whiskey und Tabak einzulegen, denn es kam nicht häufig vor, daß ihretwegen Boote hier landeten und ſich der Gefahr ausſetzten, geſtraft zu werden. Alle möglichen Gefäße ſchleppten ſie dazu herbei: Krüge und Fäßchen, Kalebaſſen, Blechtöpfe und was ſie nur eben in der Eile hatten auftreiben können, und wie die Bienen ſchwärmten ſie von dem Boote ab und zu, bis Salomo, Einer der Thätigſten unter ihnen, das Zeichen zum Aufbruch gab. Eben tauchte der Morgenſtern drüben aus dem Walde auf, und es blieb ihnen jetzt noch eben Zeit, ihre Hütten wieder zu erreichen und was ſie einge⸗ handelt, in Sicherheit zu bringen, ehe Einer der Neger⸗ treiber aufſtand und die verhaßte Morgenglocke läutete.— Eine Stunde dann ſpäter, mußten Alle zur Arbeit aus⸗ rücken. Mr. Poleridge und ſeine Frau hatten in der Zeit aber ebenfalls alle Hände voll zu thun, die eingehandelte lebendige Fracht in Sicherheit und ſo unterzubringen, daß 44 ſie nicht im Weg war. Wieder einmal im Strom nahm der Yankee das Geflügel allerdings an Deck; jetzt aber durfte er das noch nicht thun, den Overſeer nicht unnöthiger Weiſe aufmerkſam zu machen, und unten im Raum, wo überdieß ſchon Fäſſer, Säcke und Kiſten genug ſtanden, mußte eine Stelle für ſie hergerichtet werden.— Als die Leute übrigens Morgens aufſtanden, war ſchon Alles in Ordnung und ſogar das Frühſtück ſchon für ſie hergerichtet. Nach dieſem hatten ſie aber, wie ihnen der Alte ſagte,„freie Hand, am Ufer herumzulaufen ſoviel ſie wollten, da er den heutigen Tag noch hier liegen bleiben wolle.“ 5 Das ließen ſich die Leute denn auch nicht zweimnal ſagen und ſchlenderten bald, des langen Bootlebens müde, erſt am Ufer hin und dann die erſte Quergaſſe hinauf, die durch die Fenzen in einem rechten Winkel abführte, den dahinter liegenden Wald oder eigentlich Sumpf zu betreten. Dort wollten ſie ein paar Kugeln nach Alli⸗ gatoren verf ſchießen, denn ihre Büchſen haben derartige Burſchen faſt immer mit an Bord, und Jäger ſind doch die meiſten von ihnen. Nur Jack, 3 Illinois⸗Mann, war noch zurückgeb 3 ben, ſeine Garderobe etwas in Stand zu ſeden Dazu wählte er ſich vorn im Vorbau ſeinen Platz, den ſchon recht warm niederfallenden Sonnenſtrahlen nicht zu 45 ausgeſetzt zu ſein. Allerdings hatte ſich dieſe Stelle eigent⸗ lich der Händler ſelber oder vielmehr Madame vorbehalten. Jack aber, ein guter ehrlicher und gefälliger Burſch, war gerade deren Liebling und durfte Manches thun, was ſie den Andern eben nicht geſtattet hätte. Er vor Allen hackte ihr das Holz zur Feuerung klar, beſſerte den Heerd aus wenn irgend etwas daran beſchädigt worden, und hatte außerdem das meiſte Glück auf der Jagd. Selten ging er, wo ſie irgendwo am Ufer anlegten, in den Wald ohne nicht einen wilden Truthahn, oder gar einen Hirſch, wenigſtens doch ein ſettes Opoſſum mit an Bord zu bringen, und außerdem widerſprach er ihr und ihrem Manne nie— eine Eigenſchaft, die ſie ganz beſonders an ihm zu ſchätzen wußte. Jack ſaß deshalb ganz behaglich unten im Boot, während der Händler oben auf Deck mit einem„Beſuch“ auf- und abging. Der Aufſeher der Plantage war näm⸗ lich an Bord gekommen, mit dem Eigenthümer eine„Ge⸗ ſchäftsſache“ zu beſprechen, und einen Handel über Baum wollenballen abzuſchließen, von denen gerade Niemand etwas zu wiſſen brauchte, als eben die Beiden. Im Verlauf der Unterredung ſtellte ſich denn auch heraus, daß der würdige Overſeer in einem kleinen Block⸗ haus, etwa zwei Miles weiter unterhalb, einen ganz hüb⸗ ſchen Vorrath von„eigenen Erzeugniſſen“, wie er es nannte, 46 in Wirklichkeit aber nichts weiter als ſeinem Principal ge⸗ ſtohlenes Gut, aufgehäuft hatte, und dafür jetzt von dem Händ⸗ ler den größtmöglichſten Preis herauszubekommen ſuchte. Beide wußten allerdings nicht, daß der eine Flat⸗ bootmann an Bord ſei, würden ſich aber auch kaum vor ihm genirt haben. Derartige Bootsleute kümmern ſich nie um das, was ihr Capitain an Land treibt und was den Handel des Bootes ſelber betrifft. Macht daſſelbe gute Geſchäfte, deſto beſſer für ſie, denn deſto freigebiger iſt nachher ihr„Alter“ mit dem„Stoff“, wie ſie den Whiskey gewöhnlich nennen. Außerdem bekommen ſie ihre Fahrt Monatweis bezahlt; die müßigen Tage, die ſie ſich arbeitslos an Land herumtreiben und ihrem Vergnügen nachgehen können, zählen daher ebenſogut wie die anderen und ſind für ſie reiner Gewinn. 3 Jack war nun allerdings eifrig mit ſeiner Arbeit be⸗ ſcchäftigt und kümmerte ſich auch nicht beſonders viel um das über ihm geführte Geſpräch. Er konnte aber auch nicht vermeiden, den größten Theil deſſelben mit anzuhören, unnd ſchüttelte nur manchmal ſtill vor ſich hin den Kopf, daß eine ſolche Maſſe betrügeriſches Geſindel auf der Welt herumlief. 8 „Hier möcht' ich auch Pflanzer ſein,“ murmelte er leiſe vor ſich hin,„das Kleine ſtehlen die Neger und das Große die Aufſeher ſelber, und was überbleibt mag der 47 Herr durchbringen.— Hol' der Henker die diebiſchen Schufte mit ihrem Menſchenfleiſchhandel. Da lob' ich mir die nördlichen Staaten unſeres wirklich freien glück⸗ lichen Landes. Hier in dem blutigen Süden muß man entweder ein Hund oder ein Seelenverkäufer ſein, und zu Beiden hätt' ich keine beſondere Luſt.“ „Zu was hättet Ihr keine Luſt, Jack,“ ſagte Mrs. Poleridge, die die letzten Worte überhört hatte und jetzt zu ihm trat. „Die Jacke hier wieder zu flicken, wenn ſie jetzt noch einmal reißen ſollte,“ meinte Jack trocken, indem er auf⸗ ſtand und das gerade beendete Kleidungsſtück wieder ein wenig in Facon ſchüttelte. Die„Alte“ brauchte gerade nicht zu wiſſen, was er von dem Handel dachte und daß er überhaupt darauf geachtet hatte. „Und wollt Ihr nicht an Land gehn, Jack?“ „Ei gewiß, Ma'm,*)“ lachte der junge Burſch, „konnte mich nur nicht in der zerlumpten Takellage vor den Leuten da drüben ſehn laſſen. Hätte mich ja wahr⸗ haftig vor den Niggern ſchämen müſſen, die doch alle wenigſtens ganze Jacken auf ihren Rücken tragen. Nicht wahr, ſie müſſen die Kittel immer erſt ausziehn, wenn ſi gepeitſcht werden?“ *) Ma'm die gewöhnliche amerikaniſche Abkürzung für Madame. 48 „Bſt, Jack,“ ſagte die Frau und hob warnend den Finger,„ſeid an Land entſetzlich vorſichtig mit ſolchen Bemerkungen, denn hier in den ſclavenhaltenden Staaten darf ein Nordländer nur den Mund über ſo etwas auf⸗ thun, und ſie fallen gleich mit dem Geſchrei„Abolitioniſt“ über ihn her. Ich habe das einmal in New⸗Orleans mit angeſehn, und möchte lieber einen Schwarm hungriger Wölfe hinter mir haben, als die Weißen in Louiſiana wenn ſie auf einen Abolitioniſten Jagd machen..— „Hm, kann ich mir etwa denken. Aber wir ſind doch noch in Amerika und ein Weißer und Bürger der Ver⸗ eeinigten Staaten wird doch da hoffentlich reden dürfen, wie ihm der Schnabel gewachſen iſt.⸗ 4 „Ueber Alles was Ihr wollt,“ ſagte die Frau raſch, „nur um Gotteswillen über Nichts was die Sclaverei be⸗ 4 trifft. In den letzten Jahren iſt die Erbitterung hier gegen den Norden nur immer mehr und mehr geſtiegen, und die Leute hier unten fürchten auch wohl nicht mit Un⸗ recht, daß die Schwarzen durch das viele Reden am Ende gar gegen ſie aufgehetzt werden könnten. Hie und da will man ſogar ſchon Verſchwörungen unter den Negern ent⸗ deckt haben, und wie wir im vorigen Jahr hier unten waren, hingen ſie drüben am anderen Ufer einmal einem Nachmittag ſieben Stück auf. Auch einen Weißen .. faßten ſie dabei, der nur in einem Wirthshaus ganz bei⸗ — 49 läufig geäußert hatte, es ſei das eine ſchändliche Grauſam⸗ keit, und die Schwarzen wären ſo gut Menſchen wie wir; aber lieber Himmel wie ſetzten ſie dem armen Teufel zu. Erſt ſchleppten ſie ihn hinaus und ſchlugen ihn, daß er aus keinem Auge mehr ſehen konnte, und dann zogen ſie ihn ganz aus, ſtrichen ihn über und über voll Theer und roll⸗ ten ihn dann in einem Federbett herum. In dem Zuſtand mußte der arme Menſch in den Wald flüchten, denn nachher wollten ſie ihn ſogar noch aufhängen.“ „Aber das war kein Amerikaner,“ ſagte Jack, dem das Blut ſchon in Zorn und Unmuth in die Schläfe ſtieg. „Kein Amerikaner?“ ſagte die Frau—„gewiß; ſo gut auf Onkel Sams Grund und Boden geboren wie Ihr und ich noch dazu, wenn ich nicht irre aus demſelben Staate aus dem Ihr ſeid, aus Illinois.— Ja, ja Jack, Ihr kennt die Südländer noch nicht, denn ſoviel ich weiß kommt Ihr zum erſten Mal hier nach Süd⸗Amerika*) herunter. Da nehmt Euch denn in der Hinſicht beſonders in Acht. Kümmert Euch um Nichts, was Ihr ſeht, Ihr könnt's doch nicht ändern, und redet beſonders mit keinem Nigger über Sclaverei— Ich mein' es gut mit Euch, ..„ *») Die Bootsleute des Nordens nennen die ſüdlichen Staaten, beſonders Louiſiana, ſehr häufig„Süd⸗Amerikal. 3 1858. I. Gerſtäcker, der Flatbootmann. 50 Ihr dürft es mir glauben— nur eine gleichgültige Frage darüber an einen der Burſchen kann Euch, wenn es zu den Ohren eines Weißen käme, in die ſchlimmſten Händel verwickeln.“ „Wunderliches Land das,“ brummte Jack verdrießlich vor ſich hin.—„Soviel weiß ich aber, ich möchte nicht drin leben, und will froh ſein, wenn ich erſt wieder kalten Boden unter mir habe. Doch mein twegen, wenn ſich die Schwarzen hier geduldig prügeln laſſen, und ſind ſieben zu einem, ſo geſchieht ihnen eben recht und ſie verdienen’s nicht beſſer. Mit der Zeit, denk' ich, werden ſie aber ſchon klüger werden und in der Zeit möchte ich dann hier ver⸗ dammt viel lieber in einer ſchwarzen, wie in einer weißen Haut ſtecken.“ Mit den Worten ſchob er die Arme in den ausge⸗ beſſerten Rock hinein, drückte ſich den alten etwas arg mit⸗ genommenen Strohhut in die Stirn, hing die Kugeltaſche um, nahm ſeine Büchſe auf die Schulter und ſchlenderte langſam an Land, den heutigen Tag in aller Ruhe und beſter Bequemlichkeit, wie es eben gehen wollte, zu verbringen. Teckel, der Jack beſonders in's Herz ge⸗ ſchloſſen hatte, wackelte, in Ermangelung beſſerer 0 er anderer Beſchäftigung, hinter ihm drein. Brittes Kapitel. Die Alligatoren. Es war ein wundervoller Morgen. Die Sonne brannte allerdings ein wenig heiß, doch bot das kleine Orangendickicht, das bis zum Fahrweg niederlief, erfri⸗ ſchenden Schatten und der wunderbare Duft der Blüthen erfüllte die Luft, während daneben die reifen Früchte in dem dunkel glänzenden Laub ordentlich funkelten und zum Genuß einluden. Jack pflückte ſich hier vor allen Dingen ein halb Dutzend, legte ſich damit unter einen der Bäume, und ſog mit außergewöhnlichem Behagen den Saft derſelben ein. Oben in den Städten am Ohio hatte er allerdings ſchon Apfelſinen zu hunderten gegeſſen, es kam ihm aber ſo vor, als ob ihm noch nie eine ſo gut geſchmeckt als die, die er ſich hier ſelber von den prachtvollen Bäumen ab⸗ ſchlagen konnte. Das wurde er aber bald müde und ſehnte ſich jetzt danach, auch den Wald dieſer Gegend kennen zu lernen. Für dn wirklichen Jäger bat nämüich Nichts einen 52² ſo wunderbaren Reiz, als zum erſten Mal einen fremden Wald zu betreten, in dem man noch dazu erwarten darf, fremdes Wild zu finden. Freilich hatte er ſchon weiter oben am Strome gehört, daß es mit den Hirſchen da unten ſehr ſpärlich beſtellt ſei und es der Mühe nicht ver⸗ lohne, im Sumpf hach ihnen zu jagen. Dafür aber gab es hier genug Alligatoren und doch wohl auch manches andere Gethier, das zu ſehn ihn freute. Jedenfalls wollte er ſich den Sumpf einmal in der Nähe betrachten, denn Zeit hatte er genug. Ein ſchmaler, an beiden Seiten durch Fenzen be⸗ grenzter Fahrweg führte unfern davon gerade darauf zu und Jack, der den Teckel erſt über die Fenz heben mußte, ſchlenderte mit dem kleinen Hund an ſeiner Seite, lang⸗ ſam darauf hin. Mrs. Poleridge hatte ganz recht gehabt; Jack war wirklich zum erſten Mal in„Süd⸗Amerika“ und Alles hier eigentlich eine andere Welt für ihn. Das wunder⸗ liche von den Bäumen in langen Feſtons niederhängende graue Moos, den ſogenannten„Spaniſchen Bart“ hatte er allerdings ſchon weiter oben am Strom geſehn; ebenſo die ſonderbar geſtalteten ſchlanken Cypreſſen, mit ihren 8 pyramidenähnlichen Wurzeln. Aber ſchon die weiten ſchattenloſen Baumwollenfelder, in denen hie und da kleine Negertrupps verſchiedenartig beſchäftigt arbeiteten, 53 5 waren ihm in dieſer Ausdehnung neu, und die unge⸗ heueren von allen Baumſtümpfen freien und trefflich urbar gemachten Felder intereſſirten ihn ſehr. „Das iſt freilich keine Kunſt,“ brummte er dabei vor ſich hin, indem er den Blick nach rechtsnund links hinüber⸗ ſchweifen ließ—„wenn wir ein paar hundert arme ſchwarze Teufel bei uns ſo wollten arbeiten laſſen, ohne ihnen einen Cent Lohn zu zahlen, könnten wir auch ſolche Maisfelder haben. Ich wollte aber einmal ſehn, wie das Land hier ausſchauen ſollte, wenn die weißen Faullenzer es ſelber bearbeiten müßten. Verdammt will ich ſein, wenn 8 ich glaube, daß ſie einen einzigen Ballen Baumwolle auf den Markt brächten. Und was für Boden haben ſie hier— 6 lauter Prachtland, wo der Pflug nur ſo durchläuft— und düngen dazu mit Schweiß und Blut— da ſoll's wohl wach⸗ ſen! Kann miraber nicht denken, daß ein Menſch Freude daran haben ſoll, ſolch ein Feld aufkeimen und reifen zu ſehen— ich wenigſtens möchte meine Hände nicht damit beſudeln.“ Die Sonne brannte auf den ſchattenloſen Pfad faſt ſengend nieder, und der junge Burſch ſchritt ſchärfer aus, den ſchützenden Waldesſchatten bald zu erreichen. So 5 gering er die Entfernung aber im Anfang gehalten, ſoweit dehnte ſie ſich aus, da er ſie nach Schritten meſſen mußte, und er war eine reichliche halbe Stunde marſchirt,zehe er ¹ die letzte Fenzecke gewann. 8*4 3 8 4 1 Hier hatte er erſt noch einen nicht mehr breiten 5 Wieſenplan mit kleinen einzeln zerſtreuten Büſchen vor ſich, dem ſich rechts ein teichähnlicher, Waſſer gefüllter Sumpf anſchloß, während den Hintergrund der düſtere, dicht verwachſene Wald bildete. Die Büſche lebten von kleinen Singvögeln, beſonders von den ſogenannten Mocking⸗ birds, die Nachts ihren lieblichen Geſang hören laſſen, und die hier überall ihre Neſter hatten. Er hielt ſich aber dooch nicht lange zwiſchen ihnen auf, ſondern ging, ſo raſch er konnte, auf die nächſte Waldecke zu, deren äußerſte Bäume bis dicht an das Waſſer liefen, ſich dort erſt einmal vor allen Dingen auszuruhen und wieder abzukühlen. War doch ſelbſt ſein Büchſenlauf in der brennenden Sonne ſo heiß geworden, daß er nicht einmal mehr die Hand darauf leiden konnte. Auch Teckel ſchien entſetzlich müde und heiß geworden zu ſein, und lechzte nach Waſſer. Der kleine Hund mit ſeinen kurzen Beinchen war an Bord allerdings ein ruhigeres Leben gewöhnt, und mochte jetzt auch wohl ſchon bereuen, mit ſeinem langbeinigen Freund eine ſolche entſetzlich lange Tour unternommen zu haben. Er blieb wenigſtens in der letzten Zeit ſehr häufig ſtehn und ſah zurück, als wenn er es ſich eben nur überlege, ob er nicht ſelbſt jetzt noch wieder umkehren ſolle. Der Weg zurück, und noch dazu allein,“ mochte ihm aber auch langweilig vorkommen; überdieß ſar —— 5⁵ er vor ſich den Wald, witterte auch vielleicht das Waſſer dort, und folgte zuletzt immer wieder ſeinem ſelbſt gewähl⸗ ten Herrn und Begleiter. Jack hatte ſich am Fuß einer rieſigen Cypreſſe lang ausgeſtreckt, und Teckel nahm indeſſen dicht neben ihm ein Bad, das ihm außerordentlich zu behagen ſchien. Dabei zog er aber fortwährend die Luft ein, die von dem Sumpf herüberwehte, und als er wieder an Land gekommen war, lief er noch immer am Ufer auf und ab, und windete nach dem Waſſer hinüber, von wo aus ihm jedenfalls irgend ein Stück Wild in der Naſe ſtak. Der Hund war ganz vortrefflich auf der Jagd, be⸗ ſonders auf einer Fährte, und zeigte etwas derartiges nicht umſonſt an. Jack blickte auch aufmerkſam rings⸗ umher, beſonders aber gegen den ſchwachen Luftzug an, ob er dort in der Gegend irgend etwas Lebendiges erkennen könne,— es war aber Nichts zu ſehn, ſelbſt nicht einmal ein Alligator, von denen es doch Maſſen in dieſen Sümpfen geben ſollte. Nur etwa zwei oder drei hundert Schritt ent⸗ fernt, bemerkte er auf dem Waſſer an mehren Stellen einen hohen kegelförmigen Gegenſtand, von faſt roſen⸗ rother Farbe, aus dem er nicht recht klug werden konnte. Waren es die Blätter irgend einer Waſſerpflanze, die da ſo wunderlich breit emporſtanden?— Wieder ſah er ſich dabei nach Alligatoren um, konnte aber keinen einzigen. erkennen, als es plötzlich einen lauten Schlag auf's Waſſer that. Jack fuhr raſch danach um und Teckel, der die Augen gerade auf jene Stelle geheftet, bellte laut. Faſt in dem⸗ ſelben Augenblick ſprang aber auch der junge Bootsmann von ſeinem Lager auf, dann wie mit einem Zauberſchlag wimmelte der ganze Sumpf von Alligatoren. Die roſen⸗ rothen Kegel, die er für Blätter gehalten, kamen klappend auf's Waſſer nieder, und hunderte von dunklen ſchmalen Stellen, von denen er im Anfang geglaubt, daß es auf⸗ ragendes Erdreich oder faules angebranntes Holz ſei, ge⸗ wannen plötzlich Leben und Bewegung und glitten ge⸗ räuſchlos aber raſch herbei. Dem Teckel war dieſe Veränderung auf dem Waſſer aber ebenfalls nicht entgangen. Kaum ſah er wie ſich da⸗ drinnen Alles regte und bewegte, als er laut kläffend dagegen anſchlug, und Jack konnte im Augenblick bemerken, daß die braunen langen Ungethüme dem Bellen des Hundes um ſoviel raſcher entgegen hielten. „Da kommt Ihr mir gerade recht, meine braven Burſchen,“ lachte er leiſe vor ſich hin, indem er vorſichtig ſeine Büchſe aufgriff und ſpannte,„und was für eine Geſellſchaft. Wohin man ſieht, kommen die Beſtien ja angezogen, na wartet, Euch will ich empfangen, daß Euch die Jacke jucken ſoll.“ —— 57 Der Sumpf dehnte ſich hier, wie ſchon geſagt, am Rücken ſämmtlicher Felder hin, die ſich in ihrer vollen Breite auf dem, zunächſt dem Strom liegenden Land be⸗ fanden. Weiter hinein in den Wald ſchien ſich das Waſſer aber noch mehr auszudehnen, und um die Verbindung mit dem dahinter liegenden Lande herzuſtellen, war ein flacher und ziemlich ſchmaler Damm hindurch gebaut. An dieſem herunter kamen jetzt beſonders drei oder vier alte lange Burſchen geſchwommen, hielten aber, als ſie den Hund 4 nicht mehr hörten, und ruderten dann langſam querüber, einigen einzeln im Sumpf ſtehenden Cypreſſen zu. Andere kreuzten aber auch wieder von drüben herüber, und Einer von ihnen ſtieg ſogar auf den Damm hinauf und blieb dort in der Sonne, den Oberkörper auf dem Trockenen, den langen gezähnten Schwanz noch im Waſſer hängend, liegen. Ein paar dicht am Damm wachſende Büſche ge⸗ ſtatteten Jack, ſich hinter ihnen zu decken und vielleicht bis in bequeme Schußnähe an den Alligator anzukommen. So entſetzlich viel hatte er dabei im Norden von der Panzer⸗ haut der Thiere gehört, durch die eine Kugel gar nicht ſchlagen könnte, daß er nahe genug zu kommen wünſchte, einen der Burſchen mit der Kugel in's Auge zu treffen, und auf dreißig bis vierzig Schritt wußte er daß er ſeines Ziels gewiß war. Leiſe winkte er deshalb dem Hund, A 58 hinter ihm zu bleiben; Teckel wußte auch recht gut, was das 5 zu bedeuten hatte, und ſchlich dann raſch und vorſichtig der im Auge behaltenen Stelle zu. Der Alligator, ſoweit er ihn jetzt hinter den Büſchen ſehen konnte, blieb dabei vollkommen ruhig liegen und ſchien die Gefahr, in der er ſich befand, entweder nicht zu ahnen, oder auch vielleicht nicht zu achten. Gar nicht weit vom Damm ab hatten dabei andere gelegen, die jetzt, als ſie den Mann darauf hingehen ſahen, von ihm fort⸗ ſchwammen. Ein paar hatten ihn ſogar auf kaum zwanzig Schritt hinan gelaſſen, und er hätte ſie recht gut auf die von ihm abgedrehten Köpfe ſchießen können. Da er aber fürchtete, daß die Kugeln dort abprallen möchten, ließ er ſie ruhig fort, ſein Glück an dem auf trokenen Land liegen⸗ den zu verſuchen, und war auch an dieſen ſchon in recht be⸗ queme Schußnähe gekommen.— So geſpannt hielt er indeſſen ſeine ganze Aufmerk⸗ ſamkeit auf die erhoffte Beute, daß er auf gar nichts Anderes um ſich her geachtet hatte. Jetzt aber, wie er die Büchſe hob, ſein Ziel zu treffen, ſah er in der Richtung über den Lauf hin ſich etwas Helles bewegen, und erkannte in demſelben Augenblick auch ein junges Mädchen in einem weißen Kleid, die den ſchmalen Gang entlang und gerade auf den Alligator zukam. Sie konnte überhaupt kaum noch vierzig Schritt von ihm entfernt ſein und ihn gar 2. 59 nicht bemerkt haben— ſahen doch die Beſtien auch wirk⸗ lich nur aus, wie ein Stück altes trockenes Holz, wenn ſie ſo ſtill und regungslos in der Sonne lagen. Jack wollte jetzt ſchießen, aber er fürchtete, die Kugel könne auf der panzerartigen Haut abprallen und das Mäd⸗ chen treffen, und ein eigenes Gefühl der Angſt überſchlich ihn, als er ſah, wie dieſes, vertrauensvoll näher kommend, einer furchtbaren Gefahr mit raſchen Schritten entgegen⸗ ging. Unſchlüſſig zögerte er, aber es war keine Zeit mehr zu verlieren. Das junge Mädchen hatte ein kleines langhaarig braunes Hundchen auf dem Arm, das ſie liebkoſend ſtrei⸗ chelte, und ſah dabei eben nicht weiter auf ihren Pfad, als eben nöthig war, den Damm zu halten. Kaum noch zehn Schritt konnte ſie dabei von der Beſtie entfernt ſein und ſprang er jetzt vor und rief ſie an, und floh ſie, ſo war ja Nichts wahrſcheinlicher, als daß der heimtückiſch lauernde Alligator ſie verfolgen würde. Dann aber war es nicht mehr möglich, ihr Hülfe zu bringen, und ſich deshalb auf ſeine gute Büchſe verlaſſend, hob er den Lauf, zielte die Kugel womöglich unter das Ohr und von hinten in das Hirn zu bringen und drückte ab. Mit dem Schuß ſchnellte ſich das koloſſale Thier über den Damm weg in das Waſſer; das junge Mädchen aber, das dicht vor ihren Füßen in dieſem Augenblick zum erſten 60 Mal das Ungeheuer entdeckte und durch dieſes wie den Schuß erſchreckt, ließ den kleinen Hund fallen und ſprang eben noch in Zeit zurück, dem nach ihr hinüberſchlagenden Schwanz der Beſtie zu entgehen— ein Schritt nur weiter vor und ſie wäre davon erreicht worden. So traf ſie al⸗ lerdings der Schlag nicht, aber der arme kleine Hund wurde davon mit in das Waſſer geriſſen, und während er laut aufſchrie, drehte ſich der zum Tod verwundete Alligator noch einmal nach ihm um, packte ihn in ſeinem rieſigen Rachen und verſchwand damit in der über ihm zuſammen⸗ ſchlagenden Fluth. Jack aber, der ſich verwünſcht wenig um den Hund kümmerte, ſtieß einen lauten Freudenſchrei aus und ſprang auf die Fremde zu, die an allen Gliedern zitternd und kei⸗ ner Bewegung fähig auf dem Damm ſtand. Es war ein junges, bildſchönes Mädchen von kaum ſiebzehn Jahren, mit vollen dunklen Haaren, aber blauen Augen, mit zartem, jetzt faſt marmorbleichem Teint. So einfach aber auch ihre Kleidung ſein mochte, ſo zart und edel war die ganze Geſtalt, die nur leiſe erbebte, als der Arm des jungen Mannes ſie umfaßte nnd ſtützte. „Haben Sie keine Furcht weiter, Miß,“ rief dabei Jack, ſein gutmüthig ehrliches Geſicht mit voller Röthe übergoſſen—„ich denke, die Beſtie hat genug und der Appetit wird ihr wohl vergangen ſein. Meine Kugel iſt 61 hineingefahren; ſehen Sie nur wie der Blutſtreifen, den ſie in der Flucht gezogen, dort ſchillernd auf dem Waſſer liegt. Sie müſſen das Unthier gar nicht vor ſich geſehen haben; die verwünſchten Dinger gleichen auch wahrhaftig einem alten Baumſtamm auf ein Haar.“ „Ich— ich danke Ihnen,“ flüſterte das junge Mäd⸗ chen, während das Blut, das vorher ihre Wangen verlaſ⸗ ſen, in einer wahren Fluth zurückſchoß und ihr Antlitz und Nacken faſt dunkel färbte—„ich hatte es wirklich nicht geſehn— aber— guter Gott, mein Joly, mein armer Joly iſt verloren— oh ich armes unglückliches Mädchen, wie wird es mir jetzt gehn!“ „Das arme kleine Ding hat der Satan allerdings mit über Bord genommen,“ ſagte der Bootsmann etwas verlegen, denn es kam ihm ſonderbar vor, daß die junge Dame, wo ſie eben erſt kaum ſelber dem Tod entgangen, ſo über den Verluſt eines Hundes klagen konnte—„das läßt ſich aber nicht ändern und ich danke Gott, daß das Ganze noch ſo abgelaufen iſt— Sie haben ſich recht er⸗ ſchreckt, nicht wahr?“ 1 „Oh, mein Gott, ja— ich hätte ja ſonſt den Hund nicht fallen laſſen,“ ſeufzte das Mädchen und machte ſich dabei leiſe von dem ſie noch immer ſtützenden Arm des jungen Mannes frei—„ſollte es— ſollte es denn gar nicht möglich ſein, das arme kleine Thier noch zu retten?“ 62 „Retten?— ſchwerlich,“ ſagte Jack, dem dieſe Sorge, die ſich nur mit dem todten Hund beſchäftigte, eben nicht beſonders gefiel.„Wenn ihn der Braunbuckel nicht noch als letzten Biſſen verſchluckt hat, ſind ihm doch wenigſtens alle Knochen im Leib zerbrochen und er liegt jetzt irgendwo da unten auf dem Grund vom Sumpf als Biſſen für einen von der Verwandtſchaft.“ Die junge Fremde barg das Antlitz einen Augenblick in beiden Händen und als ſie ſich wieder aufrichtete, ſah an daß ihr die hellen Thränen an den Wangen nieder⸗ liefen. „ Herr Du mein Gott,“ ſagte da der junge Burſch gutmüthig,„ich habe gar nicht geglaubt, daß Sie ſich den Verluſt des kleinen Thieres ſo zu Herzen nehmen würden. Wenn Teckel da mein gehörte, wollt' ich ihn gern Ihnen dafür laſſen und wär' es auch nur, daß Sie wieder ein fröhliches Geſicht machten. Der aber gehört dem Baas und der gäbe ihn nicht um vieles Geld her. „Verloren— verloren,“ ſtöhnte die junge Fremde vor ſich hin, ſenkte den Kopf und wollte langſam den Damm hin an Jack vorübergehn. „Und darf ich Sie nicht begleiten,“ ſagte dieſer— „hier ſchwimmen noch eine ganze Menge von den Beſtien herum und ich weiß nicht—“ „Ich danke Ihnen,“ ſagte aber das Mädchen abweh 63 rend—„ich danke Ihnen recht von Herzen— auch— auch für die Güte, die Sie mir bewieſen, aber— ich muß allein gehn— ich darf wirklich nicht,“ ſetzte ſie raſch und wie bittend hinzu, als Jack eine Bewegung machte, als ob er ſein Geſuch erneuen wolle—„leben Sie wohl!“ und mit flüchtigen Schritten eilte ſie jetzt, als ob ſie fürchte, daß ihr der Fremde dennoch folgen würde, den ſchmalen Damm entlang, floh über den kleinen Wieſenplan und ent⸗ ſchwand bald hinter den einzelnen Büſchen den Blicken des Nachſchauenden. Jack verwandte wirklich kein Auge von der ſchlanken Geſtalt, ſo lange er einen Schimmer des hellen Kleides durch die Büſche erkennen konnte; dann aber ſtieß er kopf⸗ ſchüttelnd den Kolben ſeiner langen Büchſe auf den Boden und murmelte dabei leiſe vor ſich hin: „Das iſt ein wunderliches Ding; jammert um den kleinen braunen Köter, als ob ihr ein Kind in's Waſſer gefallen wäre und ſcheint die Gefahr, in der ſie ſelbſt ge⸗ ſchwebt, auch nicht ſo viel zu achten. Entweder müſſen hier überall ſolch vertrackte Alligatoren im Weg herumlie⸗ gen und die Leute in einem fort darüber fallen, oder— die Hunde ſind verdammt theuer. Na, meinetwegen; ich habe Nichts dagegen, aber— bildhübſch war das Mäd⸗ chen. In meinem Leben habe ich ſolche tief dunkelblauen Augen nicht geſehn, und ſo ſchlank gewachſen, wie eine 64 nur von den Cypreſſen hier— aber wer mag ſie ſein?— eine Tochter vom Pflanzer?— ſollte die aber allein und zu Fuß hier im Sumpf herumlaufen?— dazu ging ſie mir auch nicht vornehm genug gekleidet, denn die Fräuleins hier zu Land ſtecken ja einen Staat auf, daß einem armen Teufel ganz angſt und bang dabei zu Muthe wird. Hm, vielleicht ſo eine Art von Geſellſchafterin aus New⸗Or⸗ leans— ſprach das Engliſche auch ſo ein Bischen kurz ab⸗ gekniffen, als ob ſie's nicht alle Tage brauchte und es ein wenig ſchwer in den Angeln ginge— Nun, mir kann's recht ſein und jetzt— na ja, da hab ich über das Blitz⸗ Ding richtig vergeſſen, meine Büchſe wieder zu laden— hm, hm, hm— war aber doch das ſchönſte Mädchen, das ich in meinem ganzen Leben geſehen habe und ſelbſt Rol⸗ ley's Betſy in Greentown könnte ſich nicht neben der ſehen laſſen.“ Immer noch langſam dabei mit dem Kopfe ſchüttelnd, zog er den Ladſtock aus ſeiner Büchſe, nahm dann den Krätzer aus der Kugeltaſche, ſchraubte ihn an den Stock und wiſchte das Gewehr erſt ſorgfältig aus. Der amerika⸗ niſche Jäger thut das faſt nach jedem Schuß, beſonders wenn er nicht gleich wieder auf den Brand geladen hat. Dann ſchüttete er Pulver ein, ſetzte die Kugel auf, ſah nach der Pfanne und ſchaute ſich nun erſt wieder, als er ſein Gewehr ordentlich in Stand wußte, nach dem vorher an⸗ — rend ſich der angeſchoſſene Alligator aber die g 65 geſchoſſenen Alligator um.— War es ihm doch ſchon ein paar Mal ſo geweſen, als ob er ſein Schnauben irgendwo auf dem Waſſer gehört hätte. Die übrigen Alligatoren hatten ſich allerdings nach dem Schuß, und wie ſie die Menſchen auf dem Damm er⸗ kannten, in etwas größere Entfernung zurückgezogen, denn ſie ſind feige und werden nur in ſehr ſeltenen Fällen ſelber einen Angriff wagen. Gar nicht weit entfernt aber und gerade an einer Stelle, wo drei Cypreſſen von Moos über⸗ hangen eine prachtvolle Gruppe bildeten, während der ab⸗ gebrochene Stamm einer vierten zwiſchen ſie hineingeſchla⸗ gen war und zum großen Theil aus dem Waſſer heraus⸗ ragte, konnte er den dunklen Körper eines der Thiere er⸗ kennen, der ſich dort an der Oberfläche herüber und hin⸗ über wand. „Aha mein alter Burſche,“ lachte der junge Mann ſtillvergnügk vor ſich hin,„hab' ich Dich erwiſcht?— haſt Kopfſchmerzen bekommen, hoh? oder macht Dir der kleine Hund vielleicht Magendrücken?— Na warte; Dich kann ich hoffentlich kuriren. Möchte Dich überdieß gern einmal in der Nähe ſehn.“ Er ſuchte jetzt auf dem Damm hin etwas beſſer an den Verwundeten hinanzukommen, der indeſſen gerade jetzt den Kopf hinter den umgeſtürzten Stamm gebracht. eit. 1858. I. Gerſtäcker, der Flatbootmann. —— 66 gab, aus der etwas unbequemen Lage wieder herauszukom⸗ men, blieb Jack mit der Büchſe im Anſchlag ſtehn, einen günſtigen Moment für einen zweiten Schuß abzuwarten. Das Waſſer ſchien hier allerdings nicht ſehr tief, er ſcheute ſich aber doch auch hineinzuwaten, wo er vorher ſo viele der tückiſchen Beſtien hatte umherſchwimmen und untertau⸗ chen ſehn und hoffte ſeine Beute noch bequemer zu be⸗ kommen. Durch die Ruhe draußen waren die übrigen Alliga⸗ toren aber auch indeſſen wieder ſicher geworden und hie und da ſah er auf's Neue die roſenrothen Kegel emporſtei⸗ gen, die er jetzt ganz erſtaunt als die rieſigen Oberkiefer der unbehülflichen Beſtien erkannte— und was für Zähne die Burſchen in dem weit aufgeriſſenen Rachen führten. Sein Alligator lag aber jetzt ganz ſtill und regungs⸗ los, und zwar mit dem Leib zum Theil auf den Baum⸗ ſtamm hinaufgeſchoben. Krank geſchoſſen war er jeden⸗ falls, vielleicht gar ſchon verendet, und ſollte er ihn jetzt da drüben im Stich laſſen? Das ging unmöglich an. Er wäre ja kein Jäger geweſen. Da wo er ſtand, konnte er vom Damm aus recht gut den Grund unter dem klaren Waſſer erkennen. Es mochte vort etwa drittehalb oder drei Fuß ſein, und wenn er auch i elleicht etwas tiefere Stellen fand, war e teſſen ja doch auch kaum hundert Sch wr wr Mauk nicht auf!“ 67 weit, und dort hob ſich das Land ſchon wieder zu einer kleinen Inſel empor. Raſch entſchloſſen hieb er ſich des⸗ halb mit ſeinem breiten Jagdmeſſer eine etwa ſechs oder ſieben Fuß lange Stange ab, an deren unteren Ende er einen vorragenden Aſt als Haken ſtehen ließ und ſtieg dann, die Büchſe ſchußfertig auf der rechten Schulter, den Stock in der Linken, in das lauwarme Sumpfwaſſer hinein. Im Anfang ſchritt er allerdings außerordentlich vor⸗ ſichtig darin hin und blickte mistrauiſch bald nach rechts, bald links hinunter, ob er nicht einen der trägen Geſellen neben ſich erkennen könne. Da aber das Waſſer nicht tiefer wurde und nur höchſtens von drei bis vier Fuß wechſelte, verlor ſich dieſe Aengſtlichkeit auch bald. So hatte er etwa den halben Weg zwiſchen Damm und Baum zurückgelegt, als er plötzlich etwas hinter ſich im Waſſer plätſchern hörte. Erſchreckt fuhr er herum, ſah aber gleich, daß es Nie⸗ mand weiter als Teckel war, der nicht hatte allein am Land zurückbleiben wollen und jetzt hinter ihm drein geſchwom⸗ men kam. „Na ja, Du haſt gerade noch gefehlt,“ brummte Jack zwiſchen den Zähnen durch,„und wenn Dich auch ein Al⸗ ligator fräße, dürfte ich unſerer Alten gar nicht wieder an zurück, Kleiner— mach', daß Du wieder an Land kommſt, und wenn Du klug biſt, nhuſ Du das 68 Er ſtreckte dabei den Arm, in dem er die Stange hielt, nach dem Land zu aus. Ob aber Teckel glaubte, daß er ihn mit dem Stock ſchlagen wolle, oder ob er keine Luſt hatte, allein auf dem Damm ſitzen zu bleiben, kurz er ſchwamm in einem Bogen um den jungen Bootsmann hin und kam ihm nicht zu nahe. Jack ſuchte ihn jetzt an ſich zu locken, um ihn wenigſtens auf den Arm zu nehmen; aber auch das litt er nicht, oder fürchtete auch vielleicht, daß er zurückgebracht werden ſollte, und als Jack jetzt verſuchte, ihn mit dem Haken zu erreichen, drehte er ſich ſogar um und ſchwamm gerade in den Sumpf hinaus. „Du biſt ein Racker,“ brummte Jack mit einem der⸗ ben Fluch,„aber meinetwegen; wenn du dir ein Vergnü⸗ gen daraus machſt, habe ich auch Nichts dagegen. So viel ſage ich dir aber gleich, ich weine nicht, wenn dir etwas Menſchliches begegnet, darauf kannſt du dich verlaſſen.“ Und damit wandte er ſich von dem Hund ab und ſchritt wieder, ſo raſch er konnte, den drei Cypreſſen zu. Teckel hatte aber nur darauf gewartet. So wie er ſah, daß ſich der Mann nicht weiter um ihn bekümmerte, machte er wieder kehrt und ſchwamm jetzt ruhig hinter ihm drein, bis Jack an den Bäumen wieder ſeichteres Waſſer erreicht und gleich darauf das trockne Stück Land unter den Bäumen betrat. Da ſich Teckel übrigens doch noch nicht ganz in ſeine Nähe getraute, ſchwamm er erſt einmal 69 auf den ſchräg aus dem Waſſer ragenden Baumſtamm zu und ſuchte an dem hinaufzuklettern. Dort lag ihm freilich der angeſchoſſene Alligator im Weg und wie er ihn nur be⸗ geſch g g rührte, ſchlug der wieder mit dem rieſigen Schwanz aus und glitt ein paar Schritt nach vorn. Teckel bekam dadurch natürlich einen Heidenſchreck und ſchrie laut auf, erwiſchte aber noch glücklich den Stamm, von dem er heruntergerutſcht war, lief dort ſo hoch hinauf, wie er kommen konnte, und bellte nun aus Leibeskräften nach dem ſich unter ihm in den letzten Todeszuckungen win⸗ den den Alligator nieder. 1. Jack lachte laut auf, als er die wunderlichen Kaprio⸗ len ſah, die der Hund machte. Kaum ſchallte aber das ſcharfe Bellen über die Bai hinüber, als die Beſtien von allen Seiten wieder wie vorher raſch herbeigeſchwommen kamen und als Teckel nichtsdeſtoweniger ſeine freche Her⸗ ausforderung fortſetzte, ſah er ſich kaum fünf Minuten ſpäter von wenigſtens zwanzig Alligatoren umgeben, die alle mit den kleinen tückiſchen Augen gierig nach ihm hinauf⸗ blinzten und um den Stamm herumſchwammen, mit dem ſie für jetzt noch Nichts anzufangen wußten. „Das iſt recht,“ ſagte Jack, dem es bei der Maſſe dieſer gewaltigen Thiere doch anſing, unbehaglich zu wer⸗ den, während er ſich ſchon die Cypreſſen anſah, ob er nicht im Fall der Noth an einem oder dem anderen der glatten “ Stämme hinaufklettern könne.„ZJetzt lädt ſich Teckel auch noch Geſellſchaft ein und wird die Herren wohl mit ſeinem eigenen dürren Leichnam traktiren wollen.— Und ich ſitze jetzt hier im Belagerungszuſtand, auf zehn Fuß bei zwölf feſtem Boden und kann da am Ende die ganze Nacht ſitzen, ehe es den verdammten Beſtien einfällt, wieder fortzugehn. Hunde haben heute Glück, das muß wahr ſein, und ich denke, Teckel da oben fängt an einzuſehen, daß er eine Dummheit gemacht hat.“ Es ſchien wirklich faſt ſo. Ob Teckel nun bemerkt hatte, daß, je mehr er bellte, deſto mehr Alligatoren her⸗ beigeſchwommen kamen, deren nähere Bekanntſchaft er doch wahrſcheinlich nicht machen wollte, aber er ſchwieg plötzlich ſtill, ſah ſich vorſichtig nach rechts und links unten um und legte ſich endlich oben auf dem Stamm ganz ruhig auf den Bauch, den Kopf dabei feſt an das Holz gedrückt und ſo wenig Raum als möglich einnehmend. Die Vorſicht kam aber zu ſpät, denn die Geſellſchaft da unten wußte einmal, daß Teckel oben ſei und wünſchte nun auch ihn herunter zu haben. Da ſie übrigens bald fanden, daß ſie das durch Umherſchwimmen nicht erreichen konnten, fielen ſie auf einen anderen Plan, der auch erfolg⸗ reich zu werden verſprach.— Der eine Alligator und wie es ſchien einer der ſtärk⸗ ſten, ein Burſche von wenigſtens 13— 14 Fuß Länge, hol — — 71 ſich mit den ſcharfbeklauten Vorderbeinen an dem Stamm empor, und während er ſich unten mit dem Schwanz gegen den Grund ſtemmte, ſchob er den langen beſchuppten Leib mehr und mehr außer Waſſer und nach oben. Er rückte dabei dem Hund auch bedenklich näher, der ängſtlich knur⸗ rend und die Zähne fletſchend nach ihm hinüberſchaute; einer der anderen kam ihm aber dießmal noch zu Hülfe. Neidiſch, daß ihm der Kamerad den Biſſen vor der Naſe wegſchnappen ſollte, und ziemlich eben ſo ſtark wie dieſer, warf er ſich gegen ihn an und ſtieß ihn dadurch von dem Stamm herunter— eine Hülfe, die dem armen Teckel bald verderblich geworden wäre. Der Stamm fing nämlich durch das plötzlich abgeſchüttelte Gewicht an zu ſchwanken und Teckel mußte, erſchreckt, alle vier Beinchen ausſpreizen, um ſeinen etwas ſehr unſicheren Sitz auf dem runden glat⸗ ten Holz da oben zu wahren. Er hielt ſich aber oben noch und hatte Zeit genug, zu ſehn, wie der, der ihm eben zu Hülfe gekommen war, von dem anderen abgeſtraft wurde. Der große Alligator hatte den Angriff nämlich ent⸗ ſetzlich übel genommen und fuhr in wilder Wuth über den Angreifer her. Der wollte ſich ſeinerſeits auch nicht wer⸗ fen laſſen und die beiden mächtigen Thiere peitſchten im nächſten Augenblick das Waſſer dermaßen mit den Schwãn⸗ ß der zen und klappten die gierigen Rachen zuſammen, d 72 Schaum hoch in die Luft und ſelbſt bis zu der Stelle hin ſpritzte, auf der Jack noch immer unſchlüſſig ſtand. Ein ſchwächerer Alligator wollte indeſſen die Zeit ganz ſchlau benutzen, in der ſich die ſtärkeren Kameraden um die Beute ſchlugen, griff, wie es der erſte gethan, den Stamm an und ſchnellte ſich daran hinauf. Er mußte aber eben ſo raſch machen, daß er wieder hinunterkam, ohne ſeinen Zweck erreicht zu haben, denn der alte Burſche war nicht ſo leichtſinnig geweſen, während dem Kampf die Beute außer Augen zu laſſen. Wie ein Ungewitter, den Schaum hinter ſich ausſchlagend, fuhr er wieder herbei, richtete ſich zum zweitenmal halb außer Waſſer und ſchien ordentlich herausfordernd zurück und nach unten zu ſehn, ob noch einmal Jemand es wagen wolle, das, was er für ſich in Beſchlag genommen, ihm zu beſtreiten. Jack ſtand indeß kaum zwanzig Schritt von dem Al⸗ len entfernt zwiſchen den drei Bäumen und wußte noch im⸗ mer nicht recht, was er thun ſolle, dem Hund zu Hülfe kommen oder ihn ſeinem Schickſal überlaſſen. Im letzten Fall hatte er die ſtarke Hoffnung, daß die Beſtien ihm wieder Raum geben würden, ſobald ſie den Teckel abgefer⸗ tigt, und der war doch eigentlich an der ganzen albernen Geſchichte ſelber Schuld. Das arme kleine Thier danerte ihn aber auch wieder. Außerdem zeigte der alte Burſche —äy von Alligator ſein Schulterblatt auch gar ſo verführeriſch ——;ʒy.·-—·-—::/::— in dieſem Augenblick her. Daß die Kugeln einſchlugen, hatte er an dem erſten Schuß ebenfalls geſehn, und ohne ſich lange zu beſinnen, zielte er dem aufgerichteten Alliga⸗ tor gerade hinter die Schulter auf's Blatt und drückte ab. Wollten ſie ihm nachher zu Leibe, ſo wollte er ſich ſeiner Haut ſchon auch noch wehren. Der Alligator blieb allerdings nach dem Schuß noch unbeweglich ſtehn, augenblicklich aber konnte Jack ſein Kugelloch, gerade an der rechten Stelle erkennen, aus dem das helle Blut vorſtrömte. Plötzlich ließ der Getroffene die linke Tatze los, ſenkte den Kopf ein wenig zu Seite und ſchlug dann mit ſchwerem Fall auf's Waſſer nieder. Wieder mußte Teckel balanciren und hatte die Freude, faſt unmittelbar darauf einen anderen aufklettern zu ſehn, der ſich wenig oder gar Nichts aus dem Schuß gemacht hatte. In haſtiger Eile trieb aber auch Jack eine friſche Ladung in den Büchſenlauf hinunter und ehe der neue Feind den armen kleinen Hund erreichen konnte, knallte auch das treue Rohr ſchon wieder und machte ihn un⸗ ſchädlich. Das war den übrigen Alligatoren doch ein wenig zu viel Lärm in unmittelbarer Nähe. Sie ließen ihre Todten auf dem Schlachtfeld zurück und zogen ſich in etwas größere Entfernung, aber immer noch nicht außer Schußweite zurück. 74 Teckel hätte jetzt allerdings prächtige Gelegenheit ge⸗ habt, von dem gefährlichen Stamm hinunter und zu ſeinem Herrn zu flüchten, aber er traute da unten dem Frieden noch nicht recht. Die Alligatoren, wenn auch tödtlich ge⸗ troffen, wanden ſich doch noch im Waſſer umher, das ſie mit ihrem Blute färbten; Jack lockte ihn ein paar Mal, aber er kam nicht und der junge Mann rief lachend: „Oh ja; erſt hat er da oben das große Maul ge⸗ habt und raiſonnirt, als ob er ſie alle freſſen wolle, und jetzt iſt er auf einmal nicht zu Haus. Pfui, Teckel, ſchäme Dich!— Aber die anderen Geſſellen, denk ich, jagen wir doch erſt noch ein wenig weiter in den Sumpf hinein und dann will ich ſehn, ob ich Dich ſelber da herunter holen kann, mein Burſch.“* Damit hatte er ſein Gewehr wieder geladen und ſchoß noch ein paar Kugeln hinter einander nach den, jetzt kaum an der Oberfläche ſichtbaren Köpfen der Thiere. Das Waſſer blendete ihn aber, er konnte nicht ordentlich darauf abkommen, der Theil, nach dem er zielen konnte, 85 cagte auch kaum anderthalb Zoll aus dem Waſſer und er überſchoß ſie alle. Nichtsdeſtoweniger erreichte er damit ſeinen Zweck, denn die Alligatoren zogen ſich weiter und weiter aus ſeiner Nähe fort und Jack ging jetzt ernſtlich daran, den eben nicht ſo ganz ſicheren Fleck zu verlaſſen. Wenn ſie ihm der Hund noch einmal herbeilockte, hätte es 4 75 ihnen auch eben ſo guteinfallen können, ihn ſelberanzugreifen, und die Bäume waren viel zu glatt und dick, als daß er im Stande geweſen wäre, daran hinauf zu klettern. Nachdem er alſo ſeine Büchſe wieder geladen, ſchul⸗ terte er ſie und ſuchte dann vor allen Dingen Teckel von dem Baum herunter zu bekommen. Der ließ ſich aber dieß⸗ mal gar nicht lange bitten, und wie der Mann nur an den Stamm trat, kam das arme kleine geängſtigte Thier leiſe winſelnd niedergekrochen und ließ ſich willig und geduldig von ihm auf den Arm nehmen. „Aha?“ lachte Jack,„haben wir was gemerkt? Na ich denke, mein Burſche, Du wirſt künftig wohl das Maul halten, wenn Du nicht unter Deines Gleichen biſt. Und jetzt wollen wir alle Beide machen, daß wir wieder aus dieſem verdammten Sumpfe kommen, aus dem ich mir nur das Andenken da mitnehmen werde.“ Damit nahm er den Teckel in den linken Arm, mit dem er die Büchſe hielt, griff mit dem Haken hinter dem ihm nächſten der erlegten Alligatoren ein und zog den ſchwe⸗ ren, aber vom Waſſer halb getragenen Körper mit ſich fort, dem Lande zu. Von den übrigen Alligatoren hatte er da⸗ bei Nichts mehr zu fürchten. Von den Schüſſen erſchreckt, kamen ſie nicht mehr näher und er landete bald darauf ſeine Beute am gegenüber liegenden Damm, von wo aus 76 er etwas mehr Mühe hatte, den tüchtigen Burſchen bis un⸗ ter die nächſten Bänme in den Schatten zu ziehn. Viertes Kapitel. Die Execution. Daß die Alligatoren eßbar ſeien, hatte Jack ſchon an Bord von dem alten Poleridge gehört, der ihm verſicherte, es gäbe nichts Delikateres auf der Welt. Als er die große Beſtie mit ihrem warmen Moſchusgeruch aber vor ſich lie⸗ gen ſah, verging ihm der Appetit danach, und er beſchloß, ſich nur ein Stück von der Rückenhaut zu einer Satteldecke mit an Bord zu nehmen. Auf der gegerbten Haut, von der die Schuppen natürlich abgeſtoßen werden müſſen, ſich bei Sattelüberzügen ganz hübſch ausnimmt. zum Trocknen gelegt, zog ſich dann wieder an, rollte das bleibt doch die Zeichnung derſelben in Narben zurück, was Während er übrigens damit beſchäftigt war, hatte er 4 ſeine Kleider abgeſtreift, ausgerungen und in die Sonne Stück Haut zuſammen, hing es ſich mit einer kurzen —— 77 Schnur um, ſchulterte ſeine Büchſe und trat mit Teckel den Rückweg an. Im Anfang ſchien er allerdings noch unſchlüſſig, wo⸗ hin er ſich wenden ſolle; der Wunſch aber, das junge Mäd⸗ chen vielleicht doch noch zufällig einmal wieder zu ſehn und zu erfahren, wer ſie eigentlich ſei, bewog ihn endlich, die⸗ ſelbe Richtung einzuſchlagen, der ſie gefolgt war. Er that das, konnte aber dorthin keinen gebahnten Weg erkennen, und an der Fenz hingehend, kam er bald zu einem ſchmalen Sumpfſtreifen, den ſie nicht im Stande geweſen wäre, zu paſſiren. In dem weichen Boden ringsum ließen ſich auch ihre Fußtapfen nirgends erkennen. „Die muß, hol's der Teufel, über die Fenz geklettert ſein,“ brummte er leiſe vor ſich hin und ſah dabei die ziemlich hohe Einfaſſung des weiten Baumwollenfeldes kopfſchüttelnd an. Das aber ließ ſich bald herausbekom⸗ men und Jack war Jäger genug, einer Spur zu folgen. Er ging alſo wieder zu der Stelle zurück, wo ſie von dem Damm aus ſchräg über die Wieſe gegangen war und hatte dort bald die kleinen zierlichen Fußtapfen im Gras aufge⸗ funden. Dieſen jetzt vorſichtig und langſam folgend, brach⸗ ten ſie ihn richtig bis zur Fenz und im Feld drin, auf dem weichen Boden, ließen ſich die Spuren des Mädchens ganz deutlich erkennen. „Alle Wetter,“ lachte Jack leiſe vor ſich hin,„wenn die jungen Damen hier in Louiſiana ſo vortrefflich zu Fuß ſind, möchte ich ſie einmal im Sattel ſehn— Peſt!“ rief er plötzlich und blieb ſtehn—„da war das doch am Ende eine von den Reiterinnen geſtern Abend— aber was die hier allein im Sumpf zu ſuchen hat, möcht' ich wirklich wiſſen. Nun das muß ich wenigſtens herausbekommen, und wenn ich den kleinen niedlichen Fährten nachgehe, find’ ich ſie auch vielleicht da drüben wieder.“ Raſch war er dabei über die Fenz hinüber, wobei er den Teckel wieder auf den Arm nehmen mußte, und ſchritt dann leicht den hier im weichen Boden deutlich erkennbaren Fährten nach, bis ihn dieſe zu einem anderen, quer durch 5 die Felder laufenden Wege führten. Hier mußte er noch 2 einmal über die Fenz, ſah dann aber auch, daß ihn der Weg gerade auf die Plantage zu führte, deren Außenge⸗ 1 bäude er nach etwa einer Viertelſtunde erreichte. 3 Zuerſt kam er an eine große Baumwollenreinigungs⸗ Maſchine, auf der die Baumwolle von den Kernen geſäu⸗ bert wurde. Haushohe Berge von Kernen lagen hier zu⸗ ſammen aufgeſchichtet und kündeten den reichen Ertrag der Felder. Dann ſtanden eine Menge kleiner niederer Hüt⸗ ten ziemlich unordentlich dort herum, deren Zweck Jack nicht kannte, und zuletzt kam er— an einigen Ställen vorüber, neben dem eine Anzahl von Negerhütten ſtand— zu dem eigentlichen Negerdorf, das in regelmäßigen Straßen und — 2 ——— —ꝑæ 79 mit vollkommen gleichgebauten, numerirten Hütten ausge⸗ legt war. Die kleinen weiß und ſauber angeſtrichenen Wohnun⸗ gen ſahen nett und reinlich aus und außen herum verrie⸗ then eine Anzahl abgetheilter Gärtchen, daß ſich die Neger dort auch für ſich ſelber beſchäftigen durften. Vor mehre⸗ ren Hütten ſaßen alte oder kranke Männer und Frauen und um ſie her ſpielten kleine nackte Kinder in der Sonne, haſchten ſich und lachten und jubelten dabei. „Hm,“ brummte Jack, der ſehr gern mit ſich ſelber ſprach, leiſe vor ſich hin—„das hier ſieht eigentlich gar nicht ſo übel aus und— wenn ich auch eben nicht mit ihnen tauſchen möchte— habe ich mir dieſe Negerdörfer doch eigent⸗ lich viel ſchlimmer gedacht.— Guten Tag, Alter!“ nickte er dabei freundlich einem der alten Leute zu, der mit ſchnee⸗ weißen Haaren nicht etwa im Schatten des Hauſes, nein an der brennenden Sonnenſeite kauerte und dabei einen Haufen lärmender kleiner Burſchen zu überwachen ſchien— „wie geht's?— Haſt Dir einen warmen Platz da aus⸗ geſucht.“ Der Alte ſah ihn etwas erſtaunt an, erwiederte aber kein Wort, machte eine demüthige Verbeugung mit dem Oberkörper und ſchaute dann wieder ſtill vor ſich hin, wäh⸗ ind die Kleinen, bei dem plötzlichen Erſcheinen des frem⸗ —j———— den weißen Mannes, erſchreckt auseinanderſtoben und hinter oder in die verſchiedenen Häuſer fuhren. „Hallo,“ lachte der Bootsmann, erſtaunt den kleinen Burſchen nachſchauend,„gebiſſen hätt; ich Euch nun gerade nicht. Wie die Kerle ſpringen können. Der Alte iſt aber zu faul, das Maul aufzuthun und brät ſich hier in der Sonne noch den letzten Tropfen Fett aus, den er auf den mageren Rippen ſitzen hat.“ Hie und da blieb er noch ein paar Mal ſtehn, wo er ſolche einzelne Gruppen verſammelt ſah. Sein Erſchei⸗ nen hatte aber überall denſelben Erfolg und er gab es zu⸗ letzt auf und ſchritt, ohne ſich weiter um die Schwärme von kleinen ſchwarzen Geſtalten zu bekümmern, langſam zwi⸗ ſchen ihnen hin. Da er ſich jetzt dem Herrenhauſe näherte, wurde ſeine Aufmerkſamkeit auch mehr dorthin gelenkt, denn unwillkür⸗ lich ſuchten ſeine Augen wieder die ſchlanke weißgekleidete Geſtalt des jungen Mädchens, die er jedenfalls irgendwo auf der Verandah zu erblicken hoffte. Er war auch dabei ziemlich feſt entſchloſſen, den Platz nicht eher wieder zu ver⸗ laſſen, bis er ſie wirklich noch einmal geſehen hätte und mit weiter keiner beſtimmten Beſchäftigung für den heuti⸗ gen Tag, blieb ihm Zeit genug dazu. Einmal mußte ſie ja hier wieder irgendwo zum Vorſchein kommen. In der Nähe des Hauſes glitten ein paar Neger ſche 1 81 und raſch an ihm vorüber, aber er achtete nicht beſonders auf ſie. Andere ſah er in einer niedrigen Einfriedigung, die den Garten zu umſchließen ſchien, verſammelt und hier mußte jedenfalls irgend etwas Außergewöhnliches vorgehen, denn er hörte auch ein paar ärgerliche Stimmen und bit⸗ tende Laute einer Frauenſtimme dazwiſchen. Jack kannte dabei die Gebräuche des Südens nicht: daß es Pflanzer dort nicht gern ſehn, wenn ſich Fremde in ihren eingefaßten Grundſtücken herumtreiben und daß es ſogar ſtreng verboten iſt, mit den Negern zu verkehren. Im Norden geht Jeder, wohin es ihm gerade gefällt, und ſo ſchlenderte denn auch Jack, ziemlich unbekümmert darum, ob das Jemandem recht war oder nicht, langſam dorthin zu, wo er die lauten Stimmen hörte und wo ihn bald Stau⸗ nen und Ueberraſchung an die Stelle feſſelten. Er hatte ſich jetzt dem eigentlichen Hauptgebäude der Plantage, dem Herrenhaus, genähert, das mit ſeiner luf⸗ tigen, blumengeſchmückten Verandah unendlich freundlich aus dem dunklen Laub der Orangen⸗Granaten und den tauſend Blüthen der Tulpen⸗ und China⸗Bäume hervor⸗ ſchaute. Oben auf der Verandah erkannte ſein raſch und forſchend dort hinaufgeworfener Blick auch gleich zwei hell⸗ gekleidete Frauengeſtalten, die eine ein junges blühendes Maädchen von kaum ſechzehn Jahren, die andere, augen⸗ ſcheinlich ihre Schweſter, aber vielleicht ſechs Zahr ilten 1858. I. Gerſtäcker, der Flatbootmann. als ſie— aber das junge Mädchen aus dem Sumpf war nicht zwiſchen ihnen, noch konnte er ſie irgendwo oben an einem der Fenſter entdecken. „Oh ſchlagt mich nicht,“ bat da eine leiſe klagende Stimme, gar nicht weit von ihm entfernt aus der Gruppe, die im Garten ſtand, heraus, und die er bis jetzt noch gar nicht beachtet hatte, und ein erſchrecktes„Alle Teufel“ ent⸗ fuht faſt unwillkürlich den Lippen des Bootsmanns, als er das ſchöne Mädchen aus dem Sumpf dort, mit thrä⸗ nenden Augen und gebundenen Händen, unter den rohen Fäuſten von ein paar Negern ſah. Die ſcheu in der Nähe ſtehenden Schwarzen ſchauten ſich allerdings raſch und erſtaunt nach ihm um, aber er ſah und hörte in dieſem Augenblick nichts weiter, als die zit⸗ ternde Geſtalt der Maid, und das Blut ſchoß ihm der⸗ maßen aus dem Herzen hinauf in's Angeſicht, daß es ihm vor den Augen flimmerte, während die Rechte faſt krampf⸗ haft die auf der Schulter liegende Büchſe umklammerte. „Schlagt mich nicht, ich bin ja unſchuldig,“ bat da das Mädchen noch einmal,„der Alligator lag dicht vor mir— ich hatte ihn nicht geſehn und wie er, von der Ku⸗ gel eines fremden Mannes getroffen, nach mir hieb, ließ ich in Augſt und Schreck den armen kleinen Hund los.“ „So will ich Dich künftig lehren, die Augen offen halten,“ rief die ältere der beiden Damen von der Ver 83 dah nieder.„Macht die Sache ab, Mr. Hoof, wenn ich bitten darf, die Sonne fängt an mich zu geniren.“ „Oh, Miß Eugenie, bitten Sie für mich,“ flehte die Unglückliche, die gebundenen Hände zu dem jüngſten der beiden Mädchen aufhebend. „Nein, Du häßliche Sally,“ rief aber dieſes mit faſt noch kindiſchem Trotz nieder,„weil Du ſo ſchlecht auf mei⸗ nen armen kleinen Joly Acht gegeben, verdienſt Du auch Strafe.— Ich möchte mir die Augen aus dem Kopf wei⸗ nen, daß den einer von den garſtigen Alligatoren gefreſſen hat— das arme, arme kleine Thier.“ Mr. Hoof, der Aufſeher, ſtand, wie Jack jetzt ſah,— und das Ganze kam ihm immer noch wie ein toller, wahn⸗ ſinniger Traum vor— dicht neben dem Mädchen und hielt ſeine Negerpeitſche in der rechten Hand. Mit der linken faßte er jetzt die Schulter der Unglücklichen und wollte zu einem Schlag ausholen. „Halt!“ ſchrie da der junge Bootsmann und ſprang in Angſt und Wuth mit einem Satz über das Geländer, das ihn von dem Garten trennte—„halt! Wollt Ihr ein weißes Mädchen hier eines verdammten Hundes wegen peitſchen?“ Der Aufſeher hielt allerdings ein, aber nur, um ſich erſtaunt und ärgerlich nach dem umzuſehn, der es hier wagte, ſich in ſeine Autorität zu miſchen. 84 „Was will der fremde Mann hier in unſerem Gar⸗ ten?“ rief da die ältere Dame von der Verandah zornig nieder.„Mr. Hoof, erſuchen Sie ihn, daß er augenblick⸗ lich den Platz verläßt.“ „Soll auch geſchehn, Miß,“ rief der Bootsmann trotzig zurück,„ſobald ich nur erſt einmal erfahren habe, wer Euch ein Recht in Loniſiana giebt, ein weißes Mäd⸗ cchen zu peitſchen. Verdammt will ich ſein, wenn ich—“ „Seid ſo gut und ſpart Eure Redensarten, mein Burſche,“ unterbrach ihn aber mit einem verächtlichen Blick der Aufſeher.—„Es fällt hier Niemandem ein, ein weißes Mädchen zu peitſchen,— die Dirne hier ſtammt aber von Niggerblut, und jetzt ſeid ſo gut und macht, daß Ihr fort kommt, denn zu Euerem eigenen Beſten will ich hoffen, daß Ihr nicht mit zu den Abolitioniſten gehört.“ „Von Negerblut?“ rief Jack, jetzt wirklich halb be⸗ täubt von der neuen Nachricht,„und eine Haut wie friſch⸗ gefallener Schnee?“ „Wünſcht Ihr ſonſt noch'was?“ ſagte der Auf⸗ ſeher mit ſpöttiſcher Höflichkeit.. „Warum geht er nicht,“ rief von oben die ältere „ Dame nieder, während das junge unglückliche Mädchen mit todtbleichen Wangen unter dem Griff des rohen Aufſehers zitterte. 71 Und wenn auch— zum Teufel noch einmal,“ ref 1 3 8⁵ da der junge Mann, als er den angſtvoll bittenden Blick der Unglücklichen auf ſich geheftet ſah—„allerdings will ich noch etwas, Du verdammtes Schielauge Du, und wären die Damen nicht hier, wollt' ich Dir Fauſt zu Fauſt beweiſen, daß Du ein nichtsnütziger diebiſcher Hal⸗ lunke biſt. Jetzt aber habe ich keine Zeit dazu, kann aber bezeugen, daß das arme Mädchen da unſchuldig iſt.“ „Wir brauchen Euere Beweiſe nicht, Sir,“ ſagte aber hochmüthig die Schöne oben auf der Verandah. „Seid ſo gut und verlaßt den Garten und miſcht Euch nicht in Sachen, die Eueres Amts nicht ſind. Hat ſie den Hund nicht etwa verloren?“ „Allerdings,“ rief der Bootsmann,„aber ich war dabei, wie es geſchah. Der Alligator lag in ihrem Weg — ſie trat faſt auf ihn, und meine Kugel traf ihn hinten auf den Kopf. Wie er aber mit dem Schwanz zurück⸗ ſchlug, fehlte kein Zoll daran, daß er ſie mit ſich hinab in's Waſſer nahm— er muß ſie faſt geſtreift haben, und daß ſie den kleinen Köter da fallen ließ, iſt natürlich— Sie hätten ein Kind fallen laſſen, wenn Sie es dort im Arm gehalten.“ „Welche Rohheit,“ rief die Dame empört,„fort mit Euch, oder meine Leute ſollen Euch lehren, was hier Sitte in Louiſiana iſt. Wenn er nicht gutwillig geht, Mr. Hoof, ſchicken Sie augenblicklich nach dem Sheriff.“ 86 Jack ſtand wie vor den Kopf geſchlagen— das Mädchen von Negern abſtammend, und jetzt, nicht einmal eines Vergehens wegen, um einen Unglücksfall, an dem er ſelber vielleicht die Schuld mit trug, in der Gewalt ihrer Henker.— Wie mit eiſernen Fingern hielt er den Lauf ſeiner Büchſe umſpannt. Was aber konnte er hier, nicht allein gegen die Menge, da hätte er vielleicht getrotzt, nein, auch gegen das Geſetz ausrichten. Dem Herren ſtand das volle Recht, die volle Gewalt über ſeine Sclavinnen zu, und Erbarmen?— war von den Henkern Erbarmen zu hoffen? Die Negertreiber, von einer Anzahl Sclaven unter⸗ ſtützt, kamen jetzt ebenfalls auf den Wink des Aufſehers herbei, und Jack gedachte der Warnung der Mrs. Pole⸗ ridge: ſich um Gottes Willen in Nichts zu miſchen, was die Geſetze und Einrichtungen der Seclaverei betraf. Er war auch klug genug einzuſehen, daß er hier weder mit Gewalt nooch Ueberredung etwas ausrichten könne, warf deshalb noch einen verächtlichen Blick über die ganze Scene, und ſtieg dann langſam wieder über die Fenz zurück, an der auswendig ein ſchmaler Weg vorbei lief. Dort aber blieb er ſtehn, feſt entſchloſſen, das Ende dieſes Treibens abzuwarten. „Bitte, Sir; Ihr habt da Nichts weiter zu ſuchen,“ rief ihm aber auch hier der Aufſeher zu,„verlaßt die Pflanzung oder man wird Euch Beine machen.“ — 87 „Du wohl, Du gelbhäutiger Schuft,“ knirſchte aber der junge Mann zwiſchen den zuſammengebiſſenen Zähnen durch,—„hier ſteh' ich auf einem Fahrweg, außer Deiner Fenz und komm jetzt heraus zu mir, und wag' es, mir in's Geſicht zu ſagen, daß ich von hier fortgehn muß. Wenn Ihr Euch ſchämt, vor einem weißen Mann das Mädchen zu peitſchen, gut dann geht wo anders hin, womöglich in ein dunkles Zimmer, oder wartet die Nacht ab; von dieſer Stelle aber weich' ich und wank ich nicht.“ Der Aufſeher warf ihm einen boshaft tückiſchen Blick zu, die Dame vom Balkon aber rief gereizt. „Laßt den Hooſier**) da ſtehn, wenn ihm das Freude macht und geht an Euere Arbeit. Soll ich es Euch zum vierten Mal befehlen?“ Jack ſah zu ihr auf— das ſonſt wirklich ſchöne regelmäßige Geſicht war von böſer Leiden⸗ ſchaft entſtellt, und ihm kam es vor, als ob ſie eher einem Teufel, als einem Weibe gleiche. Der junge Fremde, der geſtern Abend mit den beiden Damen ausgeritten war, trat jetzt hinaus auf die Verandah — er hatte bis dahin in der offenen Thür geſtanden. Er neigte ſich auch zu den beiden Schweſtern, und ſchien ange⸗ *) Hoosier ein Spottname der Pflanzer für die nördlichen Be⸗ wohner der Union, beſonders für die Landleute; im Norden dagegen nur von den Bewohnern des Staates Indiana gebraucht. h g 88 legentlich mit ihnen zu flüſtern; Beide aber machten ab⸗ wehrende Bewegungen, und die ältere winkte gebieteriſch mit der Hand. Der Aufſeher hatte ſein Opfer wieder gefaßt, und Jack ſah, wie er dem unglücklichen Mädchen etwas in's Ohr flüſterte; aber mit Abſcheu wandte ſich dieſes von ihm ab und rief:„Thue Dein Schlimmſtes!“ „Gut, mein Täubchen,“ lachte der Bube,„das kann Dir werden,“ und im nächſten Augenblick traf ſeine Peitſche die zitternde zarte Geſtalt, daß ein blutiger Streifen in dem weißen dünnen Stoff die Spur der ſchweren Peitſche gleich darauf verrieth. Jack fühlte wie ihm das Herzblut zu Eis erſtarrte, und es zuckte ihm in den Gliedern, die Büchſe in die Höhe zu reißen und den Henker, wie vorhin den Alligator nieder⸗ zuſchießen.— Er fühlte, daß dieß die größere Beſtie ſei. Aber nicht allein, daß er dann den Geſetzen des Landes verfallen geweſen wäre, in dem er ſich nun einmal befand, er hätte auch dem armen Mädchen doch nicht helfen können. Ei Anderer hätte deſſen Stelle eingenommen— es war ja nur ein Neger, den man peitſchte.— Aber die Blicke 3 wandte er von dem furchtbaren Schauſpiele ab, und ſah jetzt, wie die beiden jungen Damen dort oben, denen kleine Negermädchen mit großen Pfauenfederfächern Kühlung zuwehten, lächelnd auf der Brüſtung lehnten und der Be ſtrafung der„Schuldigen“ zuſchauten. Der Aelteren Auge ſchweifte dabei einmal zufällig nach dem Bootsmann hinunter, als ſie aber deſſen Blick voll Haß und Verach⸗ tung traf, wandte ſie ſich ſtolz wieder ab und ihrem Be⸗ ſuch von New⸗Orleans zu, an den ſie einige Worte richtete. Aber auch dieſer ſchien mit ſeinen Gedanken abweſend; er gab ihr keine Antwort, und als ſie ſich erſtaunt und belei⸗ digt nach ihm umdrehte, machte er den Damen eine ſtumme höfliche Verbeugung und verließ die Verandah. Das Mädchen klemmte die feine Unterlippe zwiſchen die Perlenzähne, während unten Schlag nach Schlag auf den Rücken der Unglücklichen fiel. Da plötzlich, wie mit einem raſchen Entſchluß, hob ſie den Arm und rief: 8 „Genug— bindet ſie los, Mr. Hoof, ich hoffe, ſie wird ſich die Lektion merken und künftig aufmerkſamer ſein,)“ und ohne den Blick wieder hinunter zu werfen, trat ſie, von ihrer Schweſter gefolgt, ebenfalls in das Haus zurück. Das Mädchen hatte die Schläge wie ein Held ertra⸗ gen. Ihr Körper zitterte, es iſt wahr, aber ihr leichen⸗ bleiches Antlitz verrieth mit keinen Zucken den Schmerz, der ihre Glieder durchwühlte. Nur erſt, als der Aufſeher die Hand von ihrer Schulter nahm und auf den Befehl der Herrin die Peitſche ſinken ließ, ſchwankte ſie, that ein paar Schritte vorwärts, und brach dann ohnmächtig zu⸗ ſammen. Mr. Hoof winkte ein paar Frauen, die bis jetzt in dem Garten gearbeitet hatten, ſie auf ihr Bett zu tragen, riß eine Hand voll Blätter von dem nächſten Buſch, mit denen er ſeine Peitſche abtrocknete und ſchritt gleichgültig, als ob er irgend die gewöhnlichſte Arbeit verrichtet, ſeiner eigenen kleinen Wohnung zu. Jack ſchwindelte der Kopf, daß er ſich an der Fenz halten mußte; Niemand bekümmerte ſich aber weiter um ihn, und wie in einem Traum ſchwankte er den ſchmalen Pfad hinab, an dem Haus vorüber und dem offenen Strom wieder zu. Hinter ihm läutete die Mittagsglocke, die Arbeiter von dem Feld zu ihrer kurzen Raſt hereinrufend, ihm aber klang der Ton wie das Grabgeläute eines ſchönen Traums und er kam auch erſt wieder in etwas zu ſich, als ihm die kühle über den Miſſiſſippi ziehende Luft entgegen wehte. Nur mechaniſch wanderte er aber am Ufer fort, bis er ſein Boot erreichte. Stumm und ohne ein Wort zu ſagen, legte er dort ſeine Büchſe auf ihren alten Platz, auf zwei, über ſeiner Schlafſtelle eingeſchlagene Pflöcke, hing die Kugeltaſche daneben, warf ſein Meſſer auf das Bett— die Alligator⸗ haut hatte er an dem Gartenzaun vergeſſen— und legte ſich dann lautlos an Deck, in den Strom hinauszuſtarren. Die Leute waren alle an Land, nur„der Alte“ ſaß 8 — „9— 91 vorn im Boot und hatte ſein Gewehr auseinanderge⸗ ſchraubt, es ordentlich zu reinigen; war auch ſo mit der Arbeit beſchäftigt, gar nicht anf den Mann weiter zu achten. Mrs. Poleridge dagegen fiel das ſtille Weſen des jungen, ſonſt ſo lebensfrohen Burſchen auf. Sie hob erſt den Kopf über Deck und als ſie ihn dort ſo ſtill vor ſich hin brütend liegen ſah, ſtieg ſie ebenfalls hinauf und trat zu ihm— aber er hörte ſie gar nicht, und regte und rührte kein Glied.— „Jack?“ ſagte die Frau da endlich, die neben ihm ſtehen geblieben war.„Jack?— was iſt denn vorge⸗ fallen?“ Jack hob langſam den Kopf und ſah ſie an und er⸗ ſchreckt rief ſie aus: „Herr Du mein Gott, was fehlt Euch? Ihr habt ja ein ganz kreideweißes Geſicht. Seid Ihr krank, oder habt Ihr den Gott ſei bei uns irgendwo geſehn?“ „Ja,“ ſagte Jack leiſe,„den hab' ich allerdings ge⸗ ſehn— wenn nicht gar noch etwas Schlimmeres.“ „Was habt Ihr nur?— was iſt denn geſchehen?“ rief die Frau, wirklich beſorgt. „Nichts— gar Nichts,“ ſagte aber Jack leiſe, und ſank wieder in ſeine frihere Stellung zurück—„ich bin nur an Land geweſen und habe mir ein Stück von unſerem eber Gott, d as dürft Ihr Euch freien, ſchönen Amerika betrachtet— weiter gar Nichts— ich gebe Euch mein Wort.“ „Aber es muß Euch da etwas ganz abſonderliches begegnet ſein,“ ſagte die Frau, die ſich nicht ſo leicht wollte abfertigen laſſen.„Ihr ſeid ſo ſonderbar— ich weiß gar nicht— darf ich's nicht wiſſen?“ „Und was hülf's?“ ſagte der junge Mann—„wir Beide können's doch eben nicht ändern— wie es nun einmal iſt.. Alſo iſt doch etwas vorgefallen? Ich habe es Euch den Augenblick angeſehn.“ „Nichts Beſonderes wahrſcheinlich, hier in Louiſiana,“ ſagte Jack,„ich habe nur zugeſehn, wie ſie ein weißes Mädchen peitſchten, daß ihr das Blut den zarten Rücken hinunter lief, weil ihr ein Alligator einen jungen Hund gefreſſen hatte.“ „Ein weißes Mädchen?“ rief die Frau erſchreckt und ungläubig aus. „Sie war wenigſtens ſo weiß wie Ihr, oder irgend eine andere Frau in Illinois, die Leute aber ſagten, daß ſie Niggerblut in den Adern hätte.“ „Das wird ein Quadroon geweſen ſein,“ nickte die Frau,„die ſehen manchmal allerdings ganz weiß aus, ge⸗ hören aber doch noch immer mit zu den Negern. Ja hiernicht zu Herzen nehmen. 1 3 93 Ich bin nur froh, daß Ihr nicht hineingeredet habt. Das können ſie gar nicht leiden, und man macht die Sache ge⸗ wöhnlich nur noch ſch limmer.“ .„Schlimmer?“ ſagte Jack eintönig, und ſah dann wieder ſtill vor ſich hin in den raſch vorbeifließenden Strom. Die Frau ſchüttelte langſam den Kopf. Sie hätte gern noch mehr von Jack erfahren; der ſchien aber nicht beſonders aufgelegt, ſich auf ein weiteres Geſpräch einzu⸗ laſſen, und da auch jetzt von der Plantage herunter eine Anzahl Neger herbeikamen, den in dieſer Zeit erlaubten Handel an Bord zu beginnen, mußte ſie wieder hinunter in ihr Boot, dem Mann im Verkauf beizuſtehen und das Geld einzukaſſiren. Am Tag wurde faſt nur für Geld oder ſolche Sachen gehandelt, die ſich die Neger in ihren kleinen Gärtchen ſelber gezogen hatten. Jack hörte ſie kommen, rührte ſich aber nicht, bis ihn das Lachen und Schwatzen unten im Boot aus ſeinen Träumen weckte. Waren das die Neger, aus deren Mitte vor wenigen Minuten erſt eine die Peitſche des Treibers gefühlt?— waren das die Sclaven, deren Nacken das Joch beugte und wund ſcheuerte?— Das war ein Singen, Lachen, Schreien und Jubeln, wie er es nie ge⸗ hört, und kopfſchüttelnd, auf den Ellbogen gelehnt, horchte er eine Weile dem wilden, ausgelaſſenen Lärm. 94 Einzelne kamen noch immer herbei, während Andere, ſchon mit gekauftem Gut an Deck ſtiegen und dort in toller Fröhlichkeit umherſprangen. Hier probirte ein junges hübſches rabenſchwarzes Mädchen ein neues Tuch; dort hängte ſich eine andere ein paar buntſchillernde, aber werth⸗ loſe Ohrringe ein, während ihr ein junger Neger einen kleinen, mit rothem und vergoldetem Papier beklebten Nürnberger Spiegel vorhielt. Einer der Schwarzen hatte ſich Tabak gekauft und ließ einen der Kameraden zur Probe ein Stück abbeißen, ſchrie aber laut auf, als dieſer mit dem prachtvollen Gebiß eine zu große Ecke erwiſcht hatte und nun, trotz allem Reißen und Zerren des Eigen⸗ thümers nicht wieder loslaſſen wollte. Bunter, grellroth und gelber Kattun kam ebenfalls zum Vorſchein, und ſeidene Bänder ſelbſt, und wohlriechende Waſſer und Seifen wurden vorgeholt; lauter Dinge, um wenigſtens am Sonn⸗ tag in dieſen fremden Genüſſen zu ſchwelgen. Selbſt die Negerburſchen verſchmähten den Staat nicht, am freien Tag durch irgend einen Tand den Nebenbuhler in den Augen der Geliebten auszuſtechen. Der ſchlaue Yankee kannte dabei ihren Geſchmach vortrefflich, und bunte Weſten und Hemden, bronzene Uhr⸗ ketten und unächte Ringe vergaß er nie auf ſolchen Reiſen mitzunehmen. Der alte Salomo war ebenfalls zwiſchen der Scjarr, 9⁵5 hütete ſich aber wohl, ein einziges Wort, was nicht eben ihren jetzigen Kauf betraf, mit dem Händler zu wechſeln. Einer der Negertreiber überwachte den ganzen Verkehr, und deſſen Verdacht durfte er um Gottes Willen nicht er⸗ wecken. Er kaufte ſich deshalb ein Stück Tabak und ein kleines Taſchenmeſſer und ging wieder langſam an Land zurück. Einer der jungen Burſchen hatte ſich ebenfalls ein Meſſer gekauft, aber mit einem Korkzieher daran, und oben an Deck betrachteten es ſeine Kameraden. Der Negertreiber, ein feiſter Mulatte mit einem Gebiß, deſſen ſich ein Hai nicht hätte zu ſchämen gebraucht, ſtand nicht weit davon und ſah es. „Zeig mir einmal Dein Meſſer, mein Burſche,“ ſagte er, und trat zu der Gruppe. „Hier, Maſſa,“ erwiederte der Käufer und reichte es ihm. Taſchenmeſſer zu tragen war ihnen nicht verboten. „Hm, ſehr hübſch, aber wozu haſt Du den Korkzieher daran— wozu brauchſt Du den, mein Herzblatt?“ „Brauch' ich den?“ lachte der Burſch etwas verlegen —„oh, zu gar Nichts— war einmal dran und kann ihn nicht abmachen.“ „So?— kannſt ihn nicht abmachen?— nun vielleicht kann ich’s,“ ſagte der Mann, öffnete den Kortzieher, hielt ihn auf das Deck, trat mit dem Fuß da⸗ —ſſ⁄⁄— een 96 gegen, daß er abbrach und gab dem etwas verdutzten Jungen das Meſſer wieder. „So mein Herz,“ ſagte er dabei,„ich hab' es Dir ein Bischen bequemer gemacht. Jetzt haſt Du nicht ſo ſchwer daran zu ſchleppen.“ Die Anderen lachten laut auf und der arme Teufel ſchob ſein verſtümmeltes Meſſer etwas beſchämt in die Taſche zurück. „Jetzt iſt's aber genug!“ rief da der Treiber, nach einer rieſigen ſilbernen Taſchenuhr ſehend, die eine Kette trug, an der man einen Alligator hätte halten können— „die Zeit iſt um— An Land Ihr da unten, an Land. Wenn die Glocke drüben läutet und ich erwiſche noch einen Einzigen an Bord hier, ſo kann er ſich freuen. Habt Ihr's gehört?“ „Ja, Maſſa, ja,“ ſchrieen die Neger und eilten mit flüchtigen Sätzen, dem Befehl Folge zu leiſten. Sie wuß⸗ ten, der Burſche ſpaßte nicht, und es zuckte ihn ordentlich in der Hand, wenn er die lange ſchwere Peitſche eine Weile müſſig getragen hatte. Der Handel war dadurch kurz abgebrochen, und Mrs. Poleridge hatte ſogar nicht geringe Mühe, ein paar der vergeßlichſten Burſchen daran zu verhindern, daß ſie ſelbſt ohne Bezahlung das Boot verlaſſen wollten. Ein armer Teufel wurde ſolcher Art länger als die übrigen aufge halten, denn er hatte ſich ein rothſeiden Halstuch gekauft und bekam das Geld darauf, was er zuviel bezahlt, nicht ſchnell genug von dem„Alten“ wieder heraus. Mit Zittern und Zagen ſtand er, die Hand ausgeſtreckt, vor ihm; Jonathan Polerid e aber, den der Burſche vorher hm;) 9 durch ſein langes Feilſchen und Spektakeln geärgert, dachte ihm eine kleine Lection zu, und ſuchte und ſuchte ſo lange in ſeinem Geldherum, bis richtigdie Arbeitsglocke wieder läutete. „Oh Gelly, Gelly!“ ſchrie der arme Teufel, und ſprang in peinlichſter Ungeduld von einem Bein auf's andere,„arme Nigger geht's ſchlecht, geht's ſchlecht, oh Maſſa Poleridge ſchnell, Maſſa Poleridge ſchnell.“ „Na Du biſt ja jetzt auf einmal in ſchrecklicher Eile,“ ſagte der Händler, ohne eine Miene dabei zu verziehn, „und vorher hatteſt Du das größte Maul von 2 na hier, Schneeball, iſt Dein Geld, und nun mach' daß Du an Land lroamanſ, und— glückliche Reiſe.“ „Oh Gelly, Gelly,“ ſchrie der Schwarze, war mit einem Satz an Deck, und flog mehr als er lief an dem, neben der Planke ſtehenden Negertreiber vorbei. Dieſer aber hatte die willkommene Beute unten ſchon gewittert, und war fertig, und wie der Burſch an ihm vorbei ſetzte, zog er ihm mit aller Kraft einen Hieb über die Lenden. Mit beiden Händen fuhr der Getroffene zurück nach dem leidenden Theil, ſah ſich aber gar nicht um, ih und ſetzte 1858. I. Gerſt äcker, der Flatbootmann. 3 98 unter dem lauten Lachen der Kameraden die Flucht nach der Plantage fort. Der Treiber war heute in guter Laune und der Hieb, wenn er auch eine dicke Schwiele zog, doch eigentlich mehr ein freundlicher Scherz geweſen— er hätte den Burſchen ſonſt nicht mit dem einen Schlag davon ge⸗ laſſen. Am Land war es indeſſen wieder ruhig geworden. Die Neger benutzten die kurze Zeit, die ihnen bis zur zwei⸗ ten Glocke blieb, haſtig ein paar Biſſen zu eſſen, um dann wieder zu ihrer Arbeit bereit zu ſein, und Weiße ließen ſich in der Mittagsſonne nicht gern im Freien blicken. Mr. Poleridge war indeſſen unten in ſeinem Boot beſchäftigt, die durcheinander geworfenen verſchiedenen Ge⸗ genſtände wieder aufzuräumen, und Jack lag noch immer auf ſeinem alten Platz an Deck, nicht einmal die heißen Sonnenſtrahlen achtend, die auf ihn niederbrannten. An der Levee herauf kam langſam ein Reiter, hielt, als er das L Orangenwäldchen erreichte, ſein Pferd an, ſtieg ab, warf den Zügel über einen, durch die Fenz ragenden . Zweig und kam über den Damm herüber an Bord des Bootes. Als Jack die Schritte auf den Bretern hörte, drehte er den Kopf darnach um, ſprang aber, wie von einer Natter geſtochen, in die Höhe, als er den Aufſeher, Mr. Hoof, in dem Kommenden erkannte. „Iſt der Captain unten?“ frug der Aufſeher, 99 Erſtaunen des Bootsmanns nicht weiter beachtend. Die⸗ ſer antwortete ihm aber nicht, ſondern ſah ihn nur mit glühenden Blicken bitteren Haſſes ſtarr und ſtumm an und der Negerpeitſcher, dem das unbehaglich wurde, ſagte lächelnd: „Ah— unſer alter Bekannter vom Land drüben— Lieber Freund, Ihr ſcheint mir hier noch fremd zu Land und unſere Sitten und Geſetze nicht genau zu kennen. Wenn Ihr von Jemand, der es gut mit Euch meint, einen Rath annehmen wollt, ſo miſcht Euch nicht wieder in ſolche Niggerhändel. Es kommt für einen Fremden Nichts da⸗ bei heraus, als Unannehmlichkeit und Ihr verſteht auch nicht und könnt nicht verſtehn, wie man hier mit dem Nig⸗ gergeſindel umgehen muß, daß es uns nicht über den Kopf wächſt und die Sicherheit Aller gefährdet.“ „Und Ihr habt wirklich die Unverſchämtheit,“ ſagte da Jack, der ſich von ſeinem Erſtaunen noch immer nicht erholen konnte,„einem ehrlichen weißen Mann in's Auge zu ſehn und ihm von Sitten und Geſetzen zu ſprechen?“ „Unverſchämtheit?— lieber Freund, ich verbitte—“ „Freund?— der Teufel iſt Euer Freund,“ ſchrie aber Jack, bei dem der Zorn die Oberhand gewann, aund wenn es mir je in den Knochen gezuckt, einen feigen, nichtswürdigen Hallunken zu Boden zu ſchlagen, ſo iſt es in dieſem Augenblick.“ 7* „Ich möchte Euch doch rathen, Euren Uebermuth ein wenig zu zügeln,“ ſagte der Aufſeher, der allerdings todten⸗ bleich geworden war, aber trotzdem ſeine volle Ruhe be⸗ wahrte. Nur die rechte Hand, an der die Negerpeitſche hing, fuhr langſam unter die Weſte, dort ein jedenfalls verborgenes Piſtol zu faſſen und zu halten. Er dachte gar nicht daran, ſich mit dem rauhen Burſchen in einen Fauſt⸗ kampf einzulaſſen. „Wohl weil Ihr den Puffer in der Taſche tragt?“ entgegnete ihm da mit verächtlichem Lächeln der Boots⸗ Ihr, das Ding würde mich ſchrecken? Da Ihr aber ſo auch den meinigen nicht verſagen und der iſt: daß Ihr Euch mir aus der Nähe haltet, oder beim ewigen Gott, ehe ich dieſen Boden verlaſſe, vergeß ich mich und beſudle meine Hände mit Eurem elenden, nichtswürdigen Blut.“ 5„Hallo?“ ſagte Poleridge, der in dieſem Augenblick den Kopf aus ſeiner Cajüte ſtreckte und, als er ſich aufrich⸗ tete, auch mit der Hälfte ſeines langen Leibes über Deck emporragte,„was iſt nun los und wer iſt todt?“ der ſeine Wuth kaum noch zu bändigen wußte und 4 mann, der die Bewegung vollkommen gut verſtand;„glaubt raſch mit gutem Rath bei der Hand ſeid, ſo will ich Euch „Sir—S Sie ſind mein Zeuge,“ rief da der Aufſeher, jetzt von der Furcht vor ſeinem Gegner im Zaum gehal⸗ 101 ten wurde,„Ihr ſeid mein Zeuge, daß ich hier von Einem Eurer Leute auf das Schändlichſte behandelt werde. Meine Stellung erlaubt mir nicht, 8 anders darauf zu antwor⸗ ten, aber das Gericht mag entſcheiden, ob ein Bürger von Louiſiana, hier in unſerem eigenen Staat, von einem Abolitioniſten ſolches zu ertragen braucht. 3 „Zack, biſt Du denn ganz des Teufels?“ rief Pole⸗ ridge erſtaunt aus. „Das Gericht?“ rief aber dieſer, den Einwurf des Bootsherrn gar nicht beachtend, mit höhniſchem Lachen, „und Du, Bube, wagſt mit dem Gericht zu drohen? Die⸗ biſcher Hallunke, der ſeinen Herrn maſſenhaft beſtiehlt— nach oben kriecht und ſchwänzelt und an den unglücklichen Schwarzen dann ſeine beſtialiſche Wuth ausläßt? Geh, Canaille, aber Dein Blockhaus wollen wir Dir dann auch durchſtöbern und ſehen, ob die Ballen Vuuurwoll alle ein⸗ getragen ſind, die Du dort verſteckt haſt. aber nicht jetzt den Augenblick dieß Deck verläßt, 4 ſchwör' ich Dir zu, daß ich nicht länger für mich einſtehe.“ Die Fänuſte geballt, die Augen Feuer ſprühend, trat er dem beſtürzt Zurückweichenden ein paar Schritte näher. Poleridge hielt es jetzt aber ebenfalls für Zeit, dazwiſchen zu treten, denn ihm lag wenig daran, die Behörden auf ſein Boot aufmerkſam zu machen, oder gar Händel mit den Leuten an n Land zu bekommen. 102² „Jack,“ rief er drohend,„laß mir den Mann zufrie⸗ den.— Zum Henker noch einmal, ich möchte nur wiſſen, was in den Burſchen auf einmal gefahren iſt. Kannſt Du nicht Frieden halten?“ Der Aufſeher ſuchte aber auch ſeinerſeits, dem Ge⸗ reizten ſo raſch als möglich aus dem Weg zu kommen. Daß der Burſche von ſeinem Handel mit dem Bootführer wußte, war ihm auch nicht recht und beunruhigte ihn mehr, als alles Andere. So den Augenblick benutzend, wo Po⸗ leridge zwiſchen ihn und ſeinen Angreifer trat, verließ er raſch das Boot und hielt noch einmal auf dem Damm, als ob er irgend etwas zurückrufen wolle. Aber auch das gab er auf, trat zu ſeinem Pferd, warf den Zügel ab und über den Nacken des Thieres, ſprang in den Sattel und galop⸗ pirte im nächſten Augenblick die Straße hinab, der Plan⸗ tage zu. „Na ja, jetzt haben wir die Geſchichte,“ ſagte Pole⸗ ridge, dem davon Sprengenden kopfſchüttelnd nachſchauend— „da geht er hin, und— was haſt Du Dich denn eigent⸗ lich in unſeren Handel gemiſcht, he?“— drehte er ſich dann plötzlich wieder gegen ſeinen Bootsmann um—„was geht Dich das an, wenn ich ein vortheilhaftes Geſchäft mit derartigen Herren machen kann?— Glaubt Ihr, ich kann Euch Euere theueren Löhne von dem zahlen, was ich an Mais und Whiskey in New⸗Orleans verdiene? Jetzt 3 3 103 werd' ich alle Hände voll zu thun haben, das wieder gut zu machen, was der Hitzkopf da mit ſeinem großen Maul verdorben. Was haſt Du eigentlich mit dem Burſchen gehabt?“ „Ich?“ ſagte Jack finſter,„gar Nichts— aber wenn er mir noch einmal in den Weg läuft, ſo will ich verdammt ſein, wenn ich ihm nicht den tückiſchen Schädel zerſchlage und den rechten Arm aus dem Gelenk drehe.“ „Wenn Du das Erſte thuſt, kannſt Du Dir das Zweite erſparen,“ ſagte der Alte trocken.„Haſt Du übri⸗ gens ſo große Luſt, des Sheriffs Bekanntſchaft hier zu machen, ſo wär' es mir ſehr lieb, Du warteteſt damit, bis Du von meinem Boot biſt, nachher, weißt Du, kannſt Du eben thun, was Dich gerade freut.“ Jack ſchwieg und ſah ſinſter vor ſich nieder; der Alte aber ſchob die Hände in die Taſchen und ging, leiſe vor ſich hin pfeifend, eine Weile an Deck auf und nieder. Nur manchmal warf er einen flüchtigen wie unſchlüſſigen Blick nach der Plantage hinunter, drehte ſich dann plötzlich ſcharf auf dem Abſatz herum und verließ das Boot, die Richtung nach der Pflanzung einſchlagend. So verging der Tag; Mrs. Poleridge wollte noch ein paar Mal ein Geſpräch mit Jack anknüpfen. So freundlich und gefällig der junge Burſch aber auch ſonſt immer geweſen war, ſo düſter und ſchweigſam und doch 104 auch wieder ganz ineinander gebrochen ſchien er heute. Die Frau ſah, daß ihm etwas am Herzen nage, und um's Le⸗ ben gern hätte ſie gewußt, was das ſei, aber es war eben Nichts aus ihm heraus zu bekommen. Gegen Abend kam der Alte wieder zurück, er ſah aber verdrießlich aus. Die übrigen Leute hatten ſich größten⸗ theils ebenfalls eingefunden und lachten und erzählten von dem, was ſie heute erlebt und geſehen. Jack ſchützte Kopf⸗ weh vor, ging hinunter in ſeine Coye und legte ſich zu Bette. Das Abendbrod war verzehrt und die Leute krochen theils unter ihre Mosquitonetze, theils ſchlenderten ſie noch in der Nähe des Bootes am Ufer auf und ab. Der Alte lag ebenfalls in ſeiner Coye und ſchlief, aber nur, um ſpä⸗ ter wieder munter zu ſein, wenn ſeine nächtlichen Kunden an Bord kommen würden. Da ſchüttelte ihn plötzlich Je⸗ mand an der Schulter und als er erſtaunt die Augen auf⸗ ſchlug, ſtand Salomo neben ihm. So leiſe und geräuſch⸗ los war der Schwarze an Bord gekommen, daß ihn weder die am Ufer Stehenden geſehen, noch der kleine, übri⸗ gens von dem heutigen Marſch ſehr ermüdete Hund ge⸗ wittert hatte. 4 „Hallo, Salomo?“ ſagte der Händler, ſich raſch von ſeinem Lager aufrichtend—„ſchon ſo ſpät?— Ich muß ziſährrtlich lange geſchlafen haben.“ 10⁵ „Nein, Maſſa,“ flüſterte aber der Neger ängſtlich— „noch nicht ſpät. Können aber heute nicht kommen— und morgen auch nicht!“ „Ha?“ ſagte der Yankee, jetzt erſt völlig munter ge⸗ worden—„was iſt nun wieder im Wind. Haben ſie was gemerkt?“ „Ja, Maſſa,“ nickte der Schwarze traurig mit dem Kopf—„Maſſa Hoof hat überall'rum geſpürt und große Kruke mit Whiskey gefunden— Unglück iſt los auf Plan⸗ tage und ſchwarze Mann bekommt viel Schläge, aber kei⸗ nen Whiskey mehr.“ „Hm— verwünſcht,“ brummte der Alte zwiſchen den Zähnen durch und ſeine eiſernen Züge zogen ſich drohend zuſammen,„da iſt Niemand daran ſchuld, wie der toll⸗ köpfige Jack. Was dem Burſchen nur heute kann in die Krone gefahren ſein.“ „Und an Bord wollen ſie auch kommen,“ ſagte Sa⸗ lomo. „An Bord?“ rief der Händler und drehte ſich raſch nach ihm um—„wer will an Bord kommen?“ „Der Coſtabel,“ ſagte der Neger, einen ſcheuen Blick über die Schulter werfend,„ſie konnten ihn nur nicht gleich finden. Es hieß, daß er an den Atchafalaya geritten wäre, aber jeden Augenblick zurückkommen müßte, und da— da bin ich ſo raſch ich konnte hergekommen, Maſſa Poleridge 4 davor zu warnen. Wenn ſie die Schweine und Gänſe an Bord finden—“ „Möcht es Euch ſchlecht gehn, hoh?“ ſagte der Händ⸗ ler und eine Art von Lächeln zuckte ihm über das harte Geſicht— „Maſſa Hoof kennt alle Zeichen von Schweinen im ganzen Pariſh,“ ſagte der Schwarze ſchüchtern. „Du haſt recht, mein Burſche,“ rief da der Händler, mit beiden Füßen zugleich aus ſeiner Coye ſpringend, „das wollen wir doch lieber nicht abwarten. Betſy— oh Betſy— ſchläfſt Du?“ „Nein, was giebt's,“ ſagte die Frau. „Füll' dem Burſchen da einmal eine Flaſche mit Whiskey— oder neben dem Faß müſſen noch ein paar volle liegen, und dann mach', daß Du wieder an Land kommſt, Salomo, denn ich denke, wir wollen in einer Vier⸗ telſtunde flott ſein. Nachher kann ſich Dein Conſtabel und Maſſa Hoof den Platz beſehn, wo wir gelegen haben.“ „Das iſt das Beſte,“ ſagte der alte Neger vergnügt, dem ſich damit ein Stein von der Bruſt wälzte, denn was ihnen bevorſtand, wenn das Boot unterſucht und Manches dann gefunden wurde, was nur durch die Hände der Neger ſeinen Weg dorthin gefunden haben konnte, wußte er recht gut.“ Der alte Poleridge hielt ſich aber nicht mnit weiteren 107 Worten auf. Mit ein paar Schritten war er an Deck, ſchob die beiden Zeigefinger zwiſchen die Lippen und ſtieß damit einen ſcharfen gellenden Pfiff aus, der weit hinaus⸗ ſchallte. Salomo glitt indeſſen mit ſeiner Flaſche raſch an Land zurück. Fünftes Kapitel. Die Abfahrt. „Hallo,“ rief Bill, der oben mit einem der Kamera⸗ den etwa hundert Schritt vom Boot entfernt auf der Levee ſaß—„was war das? Klang das nicht wie das Zei⸗ chen des Alten?“ „Der Teufel wird ihn doch nicht plagen, daß er den alten Kaſten noch heut Abend in den Strom hinausſchie⸗ ben will,“ ſagte ein Anderer. „Dem iſt Alles zuzutrauen,“ meinte Bill,„aber dann— wahrhaftig, da iſt der zweite Pfiff,“ unterbrach er ſich, raſch emporſpringend,„Jungen, da muß was vor⸗ gefallen ſein und wir wollen machen, daß wir an Bord kommen.“ 5 —— ——— —y 108 Die Bootsleute zögerten auch nicht lange und hatten kaum den Fuß an Deck geſetzt, als der Alte mit ſeiner ge⸗ wöhnlichen Ruhe ſagte: „Seid Ihr Alle da?“ „Ich denke ja,“ meinte Bill. „Wo iſt Jack?“ .„Hier, Sir.“ „Gut— Planke ein—“ „Wollen wir fort?“ „Ja wohl, mein Herz.“ „Jetzt wird's aber ſchon dunkel,“ meinte Tom, Einer der Leute,„und bei Nacht und Nebel werden wir wahrſchein⸗ lich auf das Holz da unten rennen.“ „Bill, kannſt Du die Leine an dem Stamm da oben feſtbringen?“ ſagte der Alte—„nimm das Canoe— hier wirſt Du wohl gegen die Strömung aufkommen. Du thuſt mir aber einen Gefallen, wenn Du Dich ein wenig eilſt.“ „Kann ich?— gewiß kann ich,“ ſagte Bill, dem es ordentlich unheimlich vorkam, daß ihn der Alte um etwas bat. Im Nu griff er auch die Leine auf, warf ſie in das Canoe hinein, deſſen Seil der Alte löſte, und ruderte im nächſten Augenblick ſchon dem ihm bezeichneten Stamm zu, der etwas weiter im Strom draußen und höher, als ſie ſich befanden, feſtgeſchwemmt ſaß. Es koſtete allerdings 6 109 einige Mühe, das ſchwanke Canve gegen die ſtarke Strö⸗ mung zu ſtemmen. Bill war aber ein kräftiger Burſche und gewandter Ruderer und erreichte nach kurzer Arbeit einen der Aeſte, an dem er ſich jetzt leicht hinauf ziehen konnte. So wie er den Stamm erreichte, ſchlug er das mitgebrachte Tau darum und das andere Ende an ſeinem Canoe befeſtigend, war er mit wenigen Ruderſchlägen wie⸗ der an Bord zurück. Die ganze Mannſchaft hing ſich jetzt an das Tau, das vom Ufer freie Boot wurde gegen die Strömung an und mehr hinausgezogen, bis es außer aller Gefahr von dem unterhalb liegenden Holz war, dann ſtell⸗ ten ſich die Leute alle wieder an ihre Plätze und während ſich Bill mit dem Canoe raſch wieder an dem Tau hinauf⸗ zog, bis wo es befeſtigt war, löſte es der Alte von Bord ab. „Jetzt alle zuſammen!“ Die ausgehobenen Ruder fielen zuſammen ein, das Steuer knarrte, als es den breiten Bug herum warf, und während Bill ſchon wieder mit der eingeholten Leine zurück⸗ kam und raſch an Bord kletterte, nahm die Strömung das ſchwere Boot mit ſich hinaus in das offene Fahrwaſſer, in dem ſie jetzt ſchnell und gefahrlos dahinglitten. Zu gleicher Zeit ſah übrigens der Alte, der mit ſei⸗ nen Augen das Ufer überflog, wie ein Reiter die Levee hinab der Plantage zuſprengte. Der Aufſeher war es nicht, der 8 konnte möglicher Weiſe der Conſtabel ſein, und er wandte 110 ſich langſam pfeifend und mit einem ſpöttiſchen Lächeln auf den ſchmalen Lippen dem Strom wieder zu. Die Nacht brach allerdings jetzt ein und von den Häuſern der Pflanzerwohnung, an der ſie vorüberglitten, ſchimmerten ihnen ſchon einzelne Lichter entgegen. Der Mond goß aber dafür ſein helles Licht auf ſie herab und wenn ſie ſich nur aus der Nähe des Ufers hielten und kei⸗ nen Nebel bekamen, konnten ſie recht gut hier unten die Nacht durch unterwegs bleiben.— Hier durften ſie übri⸗ gens die langen ſchweren Ruder noch nicht ruhen laſſen, da die Strömung nach dem eben verlaſſenen rechten Ufer hin⸗ überſetzte und einige hundert Schritt weit, unterhalb der Plantage, eine ſcharfe niedere Landſpitze vorſprang. Die aber einmal paſſirt, hatten ſie auch nicht das Geringſte mehr zu fürchten und breit und offen lag ihre Bahn dann mitten im mächtigen Miſſiſſippi hin. Die Leute wußten das auch recht gut ſchon ſelber, denn ſie waren alle lange genug auf dem Strom gefahren, den ſich ziemlich gleichbleibenden Charakter deſſelben zu kennen. Mit beſtem Willen legten ſie ſich deshalb in die ſchweren Ruder, während der Steuernde den Bug faſt ganz vom Lande abhalten mußte. 8 Jack war mit den Uebrigen auf des Alten erſtes gut gekanntes Zeichen an Deck gekommen und hatte dort, was ihm oblag, mit beſtem Willen verrichtet. Während ſi 111 die Kameraden aber bei ihrer Arbeit lebhaft mit einander unterhielten, ſprach er kein Wort und blickte. nur ſtumm und traurig nach den Gebäuden hinüber, an denen ihr Boot jetzt vorbei glitt.— Dort konnte er den Garten wie⸗ der erkennen, die düſtere Baumgruppe bezeichnete den Platz, an dem die Unglückliche heute gepeitſcht worden— in ei⸗ ner jener kleinen niederen Hütten, die ſelbſt jetzt mit ihren hellen Mauern durch die Dunkelheit zu ihnen herüber ſchimmerten, lag ſie von Schmach und Qual das Herz ge⸗ brochen— eine Sclavin, der Willkür der Tyrannen preis⸗ gegeben—— Aber Sclavinnen werden von ihren Herren auch verkauft— wie nun, wenn er ſelber ſein kleines Be⸗ ſitzthum daheim veräußerte, zu Gelde machte, was ihm ge⸗ hörte und ſie befreite?— Wie ein Meſſer ſtach ihm der Gedanke plötzlich durch das Herz und die Glieder zitterten ihm ordentlich in dieſer ſo gäh auftauchenden, neu gezeig⸗ ten Hoffnung— Wenn er vor ſie treten und ſie, als ſein Eigenthum— nein frei in die Welt hinauf führen und das arme mishandelte Kind zum erſten Mal in ihrem Le⸗ ben glücklich ſein durfte— „Paß auf, Jack, paß auf!“ rief ihm der Alte da vom Steuer aus mahnend zu und weckte ihn aus ſeinen ſüßen Träumen—„Du vergißt ja das Rudern, Mann.— Wenn wir erſt an der Spitze dort vorüber ſind, könnt Ihr Euch ausruhen, ſo viel Ihr wollt.“ 112 Jack erſchrack ordentlich und legte ſich wieder mit aller Kraft in das Ruder, daß ſich das elaſtiſche Holz ſei⸗ nem Gewichte bog. Der Alte aber ſah ſchon nicht mehr nach ihm hin; ſein Auge heftete an einem hellen Gegen⸗ ſtand, der ſich vom dunklen Ufer loszulöſen ſchien. „Da kommt ein Canoe oder Boot auf uns zu,“ ſagte da Bill, der zunächſt dem Alten ſein Ruder mit der Schul⸗ ter vorwärts drückte—„dort gleich über der Spitze, Cap⸗ tain.“ „Ich hab' es ſchon geſehn, Bill,“ erwiederte dieſer— „möchte nur wiſſen, was ſie wollen. Etwa zu uns hier herüber?“ Vom Ufer ab ſchoß jetzt ein kleines ſchmales Canve gerade auf ſie zu und Bill ſagte halb laut: „Verdammt will ich ſein, wenn da nicht ein einzelnes Weibſen drin ſitzt.“ Auch die übrigen Leute waren jetzt aufmerkſam dar⸗ auf geworden, durften aber nicht mit Rudern aufhören, da ſie ſich faſt dicht an der Landſpitze befanden— nur noch ein Büchſenſchuß und ſie waren vorüber, während die hier gerade ſehr ſtarke Strömung ſie reißend ſchnell daran hin⸗ führte. Das Canoe war indeſſen dicht vor ihrem Bug vorbei gefahren; vergebens ſchauten ſie ſich aber auf der andern Seite danach um— es kam dort nicht wieder zum Vorſchein und der Alte durfte ſein nach rechts hinübergee —— —— 113 drücktes Steuerruder nicht verlaſſen, zu ſehn, was daraus geworden wäre. Jetzt paſſirten ſie glücklich die Landſpitze, die kaum funfzig Schritt an ihrer Rechten liegen blieb. Ein Reiter hielt dort— ſie konnten die Geſtalt des Pferdes und Man⸗ nes drauf, auf dem hohen Damm gegen den helleren Him⸗ mel deutlich erkennen. Er winkte mit dem Arm und rief ihnen etwas herüber, aber die Worte verſtanden ſie nicht. „Was ſagt er?“ frug Bill, zum erſten Mal jetzt das Ruder ruhen laſſend, indem er ſich nach dem Alten um⸗ drehte und den Schweiß von Stirn und Nacken trocknete. „Weiß nicht,“ brummte dieſer, mit dem Kopf ſchüt⸗ telnd—„iſt auch gleichgültig. Wenn er uns hätte et⸗ was ſagen wollen, konnte er früher kommen, wie wir noch am Lande waren. Jetzt iſt's zu ſpät und in einer Vier⸗ telſtunde ſind wir mehr drüben an der andern Seite und in einem andern Staat. Da drüben iſt doch noch Miſſiſ⸗ ſippi,*) nicht wahr, Bill?“ „Gewiß,“ ſagte der Bootsmann—„noch wenigſtens für dreißig oder vierzig Miles. Aber was zum Henker iſt aus dem Canoe vorhin geworden?“ 4 *) Der Staat Miſſiſſippi, der eine lange Strecke am Strom gleiches Namens dem weiter oben beginnenden Louiſiana gegenüber gt. 1858. I. Gerſtäcker, der Flatbootmann. 8 theil des Canoe's erreichen konnte, ergriff ein in dieſern 114 Der Alte hatte das Canoe faſt ganz vergeſſen; jetzt aber, da er ſein Steuerruder über den anderen Bug drückte, kam er auch damit mehr an die linke Seite ſeines Bootes und ſah über Bord. „Alle Wetter,“ brummte er dabei—„da liegt es— dicht unter dem vorderen Ruder langſeit. Was iſt nun wieder im Wind und wer ſitzt drinnen?“ Er hatte allerdings recht. Das Boot lag dicht an der Seite des Flatboots an und eine helle Geſtalt kauerte darin, rührte ſich aber nicht und hatte mit der Hand nur den vorderen niederen Ausbau oder Bug des Bootes er⸗ faßt, an dem ſie ſich feſt hielt. „ Hm,“ ſagte Bill, der ebenfalls hinüber ſah,„das iſt am Ende Jemand, der au's andere Ufer oder ein Stück ſtromab will und hier bequeme Paſſage nimmt. Ich will aber gehangen werden, wenn's nicht wie ein Frauenzimmer ausſieht.“ 4 Die Uebrigen waren jetzt ebenfalls an den Rand des Bootes getreten und Jack, der gerade über dem Canoe ſtand, zuckte, wie vom Blitz getroffen, zuſammen. Die Ge⸗ ſtalt im Boot war allerdings eine weibliche, aber der helle ihm zugedrehte Rücken zeigte dunkle Flecken— heiliger Gott, wenn jenes Mädchen— Kaum ſeiner Sinne mäch⸗ tig ſprang er vorn in den Bug hinab, wo er den Mädchen— aber war ſie denn nicht weiß? hatte er 115 gendes kurzes Tau, das zum Anhängen deſſelben benutzt wurde und befeſtigte es ſicher an Bord. Jetzt, da keine Gefahr mehr war, daß es abgleiten konnte, frug er laut: „Wer iſt da drinnen? wollt Ihr zu uns an Bord? Da hob das Mädchen das bleiche, vom Mond jetzt hell beſchienene Angeſicht empor und flüſterte mit bittender zitternder Stimme: „Oh verrathet mich nicht— rettet mich, rettet mich um des Heilands Willen 3 „Was iſt da los?“ ſagte in dieſem Augenblick der Alte, der ſein Steuer an Bill gegeben hatte und nach vorn kam. Auch Mrs. Poleridge hatte die klagende Mädchen⸗ ſtimme gehört und kam mit zurückgeſchobenem Bonnet, den eben gebrauchten Kochlöffel noch in der Hand, auf den Vor⸗ bau hinaus, zu ſehn, wer da geſprochen. „Jeſus!“ hauchte der junge Burſch und konnte den Blick nicht von dem bleichen, zu ihm aufgehobenen Ge⸗ ſicht abwenden. „Ein weißes Mädchen,“ rief da Mrs. Poleridge er⸗ ſtaunt,„und allein hier bei Nacht und Nebel Canoe— Aber ſo helft ihr doch in's Boot, Jack der Mann nicht da, als ob er den Gebrauch 3 der verloren und nicht drei zählen könnte?“ Jack ſah die Frau ſeines Capitains an ei⸗ 24 ſie nicht ſelber dafür gehalten?— Und dadurch war viel⸗ leicht Rettung für die Unglückliche möglich;— hatte er erſt einmal der alten Dame Theilnahme für ſie geweckt, konnte vielleicht noch Alles gut werden. Ihm ſelber freilich ſchwin⸗ delte der Kopf, wenn er an Alles das dachte, was die Un⸗ glückliche hier hinausgetrieben und zur Flucht gezwungen haben Larude aber derlei Gedanken trieb er zurück— die ſollten ihm jetzt das Herz nicht ſchwer machen.— Raſch ſtreckte er dem Mädchen die Hand entgegen, die ſie zitternd erfaßte, hob die Arme zu ſich herauf, bis ſie aufrecht im Canoe ſtand und half ihr dann herein in's feſte Boot. „Aber nun um Gottes Willen, Kind, ſagen Sie mir, was Sie hier mitten in der Nacht allein auf den Strom getrieben hat?“ frug die würdige alte Dame, indem ſie den Arm der Fremden ergriff und ſie in den inneren Raum führte—„mein diig⸗ Sie ſind ja ganz naß von der feuch⸗ ten Nachtluft,“ rief ſie beſtürzt, indem ſie die Hand, mit der ſie das Mädchen geh alten, an ihrer Schürze abtrock⸗ nete,„und können ſich ja auf den Tod erkälten— ſolch ein zartes Figürchen— Ja wenn ſich unſereins die Nacht rch auf dem Waſſer herumtreibt, ſo hat das eben nicht ſchwatze da und ſchwatze in einem fort un ſtehn hier im Freien und zittern am ganzen Leibe.— 2 bitte, ſetzen Sie ſich und warten Sie— erſt will ic zu ſagen, aber ſolch ein Kind noch, wie Sie ſind— b Mädchens. Daß ſie mit dem Canoe vom Ufer ab gekom 117 Ihnen einmal eine heiße Taſſe Thee machen; die thut gut und wird Sie bald wieder ein Bischen durchwärmen.“ Das junge Mädchen hatte der alten würdigen Dame mit bebenden Gliedern gegenüber geſtanden. Sie fühlte, daß ſie hier fälſchlicher Weiſe für etwas gehalten wurde, was ſie nicht war und ſie zitterte vor dem Augenblick, wo ihre wahre Abſtammung entdeckt werden mußte, aber ſie wagte nicht ein Wort dahin zu ſagen— ja ſie vermochte es nicht einmal. Die Zunge klebte ihr vor Angſt am Gaumen und halb ohnmächtig ſank ſie auf den für ſie hin⸗ geſchobenen Stuhl. Der alte Poleridge hatte im Anfang allerdings Luſt gehabt, ebenfalls in ſeine kleine Cajüte— ein einfacher Bretverſchlag im Vordertheil des Bootes hergerichtet— zu treten; war er doch ſelber neugierig geworden, zu hören, was es für eine Bewandniß mit der Fremden habe. Da er aber ſah, daß ſich ſeine Alte derſelben ſo annahm und ſeine Gegenwart überhaupt für jetzt noch an Deck noth⸗ wendig blieb, kehrte er, ſchon am Eingang, wieder um und ſtieg nach oben, vor allen Dingen erſt einmal zu ſehn, ob der am Steuer ſtehende Bill auch das richtige Fahrwaſſer halte. Die Leute ſtanden indeß an Deck zuſammen und un⸗ terhielten ſich über das räthſelhafte Erſcheinen des jungen men war, hatten ſie alle da oben geſehn; was in aller Welt konnte ſie aber zu einer ſolchen Fahrt bewogen ha⸗ ben? War ſie ihren Eltern davon gelaufen?— und wo gehörte ſie überhaupt zu Haus?— Der Alte ſchüttelte ſel⸗ ber dazu mit dem Kopf, meinte aber, als ſie ihn darnach fragten, ſeine Alte würde das ſchon Alles in Ordnung bringen und ſie ſollten für jetzt nur noch eine Weile in der Nähe von ihren Rudern bleiben, wenn ſie vielleicht noch einmal gebraucht würden. Jack, der hier allein hätte Auskunft geben können, ſaß ſtill und regungslos, den Kopf in beide Hände geſtützt, gleich über dem Eingang der Cajüte— Was ſollte er thun?— Der Frau Alles entdecken, oder die Entwickel⸗ ung dem Schickſal anheim geben?— und hätte der Alte die Unglückliche an Bord behalten, wenn er erfuhr, daß ſie eine Sclavin ſei?— hatte ihn nicht die Frau ſelber erſt heute noch gewarnt, ſich um Gottes Willen nicht in ſolche Sachen zu mengen, die, wenn entdeckt, die ſchlimmſten Fol⸗ gen haben könnten— und würde ſie ſich jetzt einer ſol⸗ chen Gefahr eines Niggers wegen ausgeſetzt haben? Er horchte nach unten— dort war Alles ruhig. Er konnte hören, wie die Frau die Töpfe rückte und mit den Taſſen klirrte— aber kein Wort wurde mehr geſprochen. Dieſe Stille und Ungewißheit war ihm peinlicher, als die 119 furchtbarſte Gewißheit und er ſprang endlich auf, ſeine fie⸗ berheiße Stirn dem kalten Nachtwind entgegen zu halten. Plötzlich horchte er erſchreckt empor.— Ueber dem ſtillen Strom konute er deutlich die regelmäßigen Ruder⸗ ſchläge eines hinter ihnen drein rudernden Bootes hören. Waren das ſchon die Verfolger? Todesangſt faßte ihn, als ob er ſelber ein Verbrechen begangen hätte, und er ſprang an den hinteren Theil des Fahrzeugs, dort beſſer ausmachen zu können, wohin ſich das fremde Boot wende und welchen Cours es nehme. „Na, Jack,“ ſagte Bill, der dort noch am Steuer ſtand—„haſt Du unſeren Beſuch geſehn?— wer iſt es denn eigentlich?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete, die Worte kaum hö⸗ rend, der junge Mann—„wo hinaus iſt das Boot, das hinter uns war?“ „Es wird über den Strom wollen, die Ruderſchläge klangen wenigſtens ſo. Jetzt hör' ich aber auf einmal gar Nichts mehr davon, ſie müſſen ſtill liegen— ha, da ſind ſie wieder.“ Die Leute in dem Boot hatten jedenfalls kurze Zeit mit Rudern aufgehört; jetzt fingen ſie wieder an und das regelmäßige Knarren der Riemen, die ſich in den hölzer⸗ nen Dollen bewegten, klang deutlich zu ihnen herüber. „Sollte mich gar nicht wundern,“ ſagte da der Alte, der zu ihnen getreten war,„wenn die Leute da drüben hin⸗ ter der Mamſell unten her wären. Muß doch jedenfalls erſt einmal hören, was damit los iſt, damit man weiß, was man ſagen ſoll, wenn ſie kommen.“ Der Alte drehte ſich langſam um, nach vorn zu gehn und Bill brummte: „Weiß, was man ſagen ſoll?— da wird nicht viel zu ſagen bleiben. Das Canoe da vorn ſehn ſie doch den Augenblick und wiſſen dann gleich, daß wir Beſuch haben.“ „Saſt recht, Bill,“ rief Jack, der daran gar nicht ge⸗ dacht—„das werde ich aus dem Weg bringen— Um Gottes Willen verrathet das Mädchen nicht. Es iſt eine Unglückliche, die wir verbergen müſſen.“ „Hallo,“ lachte Bill, als Jack nach vorn ſprang, ſei⸗ nen Plan auszuführen.„Jack hat den ganzen Tag das Maul nicht aufgethan und jetzt iſt er auf einmal Feuer und Flamme. Nun ich verrathe ſie ſchon nicht. Iſt auch eine Sache, die mich Nichts angeht— das mögen die da unten abmachen.“ Jack war indeſſen zu dem vorn angehangenen Canoe geſprungen, nahm das kleine leichte Ruder an Bord und trat dann nur auf den einen Rand des ſchwanken Fahr⸗ zeugs, daß es ſich von dortherein füllen konnte. Im Nu war das geſchehn; das Waſſer lief hinein und das Canoe ſank bis an den Rand unter. Im Schatten des großen 121 Bootes ließ es ſich ſolcher Art nur erkennen, wenn man dicht daneben war und den Platz wußte, auf dem es lag. Poleridge war indeſſen in ſeine kleine Cajüte unter⸗ getaucht. Wenn er aber auch erſt die Abſicht gehabt hatte, ſeinen Schützling etwas näher in's Auge zu faſſen, ſah er bald die Unmöglichkeit ein. Mrs. Poleridge wirthſchaftete nämlich gar geſchäftig auf dem kleinen Kochofen, den ver⸗ ſprochenen Thee für die Fremde herzuſtellen, und dieſe ſaß hinter ihr auf dem niederen Stuhl, den Kopf geſenkt, die Hände im Schooß gefaltet. Die kleine Lampe, die in dem engen Raum hing, fiel aber voll auf die bleichen, wunder⸗ lieblichen Züge der Fremden und der Nankee, ſonſt eben nicht gerade zarter Natur, fühlte ſich doch ganz eigenthüm⸗ lich von dem leidenden Engelsgeſicht bewegt. „Hören Sie einmal, Miß,“ ſagte er da endlich und erſchrack ordentlich, als ſie die großen Augen fragend zu ihm aufſchlug,„ich— ich wollte Sie nicht gern ſtören, aber da draußen fährt ein Boot im Strom herum, das nur gerade etwa ſolche Bewegungen macht, als ob es Ihr Canoe ſuchte. Möglich, daß die Leute auch hier an Bord kommen, ja ſogar ſehr wahrſcheinlich, und da wollte ich Sie denn nur einfach fragen, ob es Ihnen vielleicht recht⸗ ſſt, wenn ſie erfahren, daß Sie hier ſind. In dem Fall könnte man ſie auch vielleicht anrufen.“ 3 122 —,— Das Mädchen hob die Häude bittend zu ihm empor und ſagte mit ihrer ſanften klagenden Stimme leiſe nur die Worte:..„ 2 4„Wenn Sie mich verrathen, bin ich verloren.“ 1 m,“ brummte der⸗Händler kopfſchüttelnd vor ſich hin, nalſo ſo ſtehn die Sachen— aber wie um Gottes Willen—“ „Na, laß das arme Kind nur jetzt zufrieden,“ ſagte die Frau,„Nachts läßt Du ja doch kein fremdes Boot an Bord heran, wer weiß denn auch, was für Geſindel drin⸗ nen ſitzt und daß die Raubbande doch noch hie und da am Miſſiſſippi beſteht, dächt' ich, hätteſt Du weiter oben zur Genüge gehört.— Wenn ſie was wollen, ſollen ſie am hellen Tag kommen, und bis dahin ſind wir ſchon ein tüch⸗ tig Stück ſtromab. Du ſiehſt doch, wie ſich das arme Ding da ängſtigt und abquält.“ „Nu nu,“ lächelte der Mann, ſie beruhigend,„das gehört gerade nicht mit zu meinem Geſchäft, daß ich bei Nacht und Nebel junge Mädchen entführen helfe, wenn Du's aber abſolut ſo haben willſt, kann's mir auch recht An Bord ſollen uns die Burſchen ſchon nicht kom⸗ 4 men, dafür werd ich ſorgen, und bin nur neugierig, was ſie vorgeben werden. Uebrigens kommen ſie näher, wen ich nicht irre. Na, fürchten Sie ſich nicht,“ ſagte er dann, weit freundlicher, als es ſonſt gerade ſeine Sitte * ſein. 123 war, zu ſeinem Schützling, als er ſah, wie die Fremde ängſtlich zuſammenzuckte.—„Wen der alte Poleridge nicht gutwillig herausgeben will, den können ſie mit einem Boot voll Niggers nicht holen, ſo viel iſt ſicher“— und ziemlich entſchloſſen, die Hände in die Taſchen ſchiebend, ſtieg er langſam wieder an Deck. Kaum hatte er übrigens die Cajüte verlaſſen und ſein ſchwerer Schritt drückte noch über den Frauen auf das rund gebogene Breterdeck des Bootes, als ſehr zu Mrs. Poleridge Erſtaunen Jack in den Raum glitt und wie un⸗ ſchlüſſig vor ihr ſtehen blieb. Von den Leuten kam nie Jemand um dieſe Zeit noch zu ihnen herein, ausgenommen, wenn ſie zu Coye gingen und dann durchpaſſiren mußten, oder vielleicht bei heftigem Regen, um vorn unter zu treten. Die alte Dame drehte ſich denn auch etwas erſtaunt gegen den jungen Mann um und ſagte: „Nun Jack, was bringt Ihr? iſt das Boot da?“ „Mrs. Poleridge,“ ſagte da Jack, und ordentlich mit Gewalt mußte er die Worte aus der Kehle preſſen— „ich— ich habe Ihnen etwas Wichtiges mitzutheilen— hören Sie mich ruhig an.“ „Jeſus meine Güte, was iſt Euch, Jack,“ ſagte die Frau, ihn erſtaunt über ihre Brille hin betrachtend— „was fehlt Euch denn, und Ihr ſeht aus—“ ſie drehte ſich 124 nach der Lampe um, dieſe etwas höher hinaufzuſchrauben. Als ſie aber die rechte Hand zu dem Licht aufhob, ſah ſie erſtaunt, daß ſie ganz blutig war;„na?“ unterbrach ſie ſich beſtürzt—„was iſt denn das? blut' ich denn, oder— um Gottes Willen, liebes Kind, ſind Sie— 2„ Jack ließ ſie nicht ausreden. Einen Schritt vortre⸗ tend ergriff er ihre Hand und flüſterte bittend: „Hören Sie mich, beſte Frau, und helfen Sie einer Unglücklichen, die ohne Sie verloren iſt.“ „Aber Jack— ich begreife Euch nicht—“ rief die alte Dame auf's Aeußerſte erſtaunt.„Mein Mann hat ihr ja ſchon ſeinen Schutz verſprochen, und das arme Mädchen—“ „— Iſt eine Sclavin,“ ſagte Jack und Mrs. Poleridge hätte bald einen Schrei ausgeſtoßen. Ihr Blick flog da⸗ bei nach der Unglücklichen hinüber, als er aber auf dem bleichen Antlitz der Armen heftete, ſagte ſie raſch: „Unſinn, Mann, die iſt ſo weiß, wie Ihr und ich—“ „Und doch Sclavin,“ ſtöhnte Jack,„aber hören Sie Alles und urtheilen Sie dann ſelbſt—“ und mit haſtigen aber klaren einfachen Worten erzählte er jetzt der, die Hände in Angſt und Beſtürzung faltenden Frau die gan⸗ zen Erlehniſſe des heutigen Tages, von denen er Zeuge ge⸗ weſen war und die ſie wahrſcheinlich zu verzweifelter Flucht getrieben hatten. 125 Sechstes Kapitel. Die Verfolger. 3 Indeſſen hatte das fremde Boot draußen einen wei⸗ ten Bogen um das Flatboot beſchrieben und augenſchein⸗ lich den Strom nach irgend etwas abgeſucht. Jetzt kehr⸗ ten ſie zurück und hielten gerade auf ſie zu. Deutlich konn⸗ ten ſie ſchon von Bord aus die im Mondlicht blitzenden Ruder, wenn ſie aus dem Waſſer gehoben wurden, erken⸗ nen und bald war das kleine ſchlanke Fahrzeug ihnen ſo nah, daß ſie im Stande waren, die darin Sitzenden zu zählen. Es waren vier Mann an den Rudern und Einer am Steuer; die erſteren jedenfalls Neger, der Steuernde dage⸗ gen ein Weißer. „Hallo, das Boot,“ rief da eine rauhe Stimme das Flatboot an. „Hallo, das Boot,“ wiederholte faſt mechamfſch der alte Poleridge, der neben Bill am Steuerruder ſtand. „Habt Ihr ein Canoe geſehn, das an Euch oben an jener Landſpitze vorbei gerudert iſt?“ frug es wieder. „Die Stimme kommt mir bekannt vor,“ brummte der Alte leiſe vor ſich hin und rief dann laut:„Was für ein Canoe?“ „Was für ein Canoe?“ wiederholte ärgerlich der im Boot,„nun zum Teufel denn ein Canoe, mit einem ein⸗ zelnen Mädchen drin.“ „Hm, ſo?— nein,“ ſagte der Alte ruhig. „Nein?— Ihr müßt es geſehn haben,“ rief aber die Stimme wieder.„Es kann in höchſtens zwanzig Schritt an Euch vorbei gefahren ſein.“ „Möglich,“ erwiederte ruhig der Alte,„wir haben aber mehr zu thun, als auf das zu achten, was im Strom herumſchwimmt.“. „Ich will verdammt ſein,“ brummte da Bill,„wenn das nicht der einäugige Hallunke von der Plantage da oben iſt, der ſeinen Niggern heute Abend noch eine kleine extrae Bewegung macht.“ „Ja wohl iſt er's, der— Lump,“ nickte der Alte ver⸗ drießlich vor ſich hin—„kommt mir aber gerade recht. Erſt verdirbt er uns den Handel an Land und dann will er auch hier noch auf dem Waſſer das große Wort führen. Was der aber nur mit dem w eißen Mädchen zu ſchaffen haben kann?“ 127 Das Boot war indeſſen ganz nah und zwar zum Hintertheil des nur mit der Strömung niedertreibenden Flatboots gekommen, um mit den an Bord Stehenden bequemer reden zu können. „Mr. Poleridge,“ ſagte da der Weiße, der am Steuer ſaß,—„ich habe etwas mit Ihnen zu ſprechen— werfen Sie uns einmal ein Tau herunter, daß ich an Bord kom⸗ men kann.“ 3 „Thut mir leid,“ ſagte der Händler aber ruhig— „ich bin heut Abend nicht mehr zu Haus.— Wenn Sie 'was von mir wollen, ſein Sie ſo gut und kommen Sie am Tag wieder.“ „Unſinn,“ rief der Andere ärgerlich,„Sie ſind in der Zeit zwanzig Miles den Strom hinab.“ „Mit Gottes Hülfe, ja,“ erwiederte der Händler, „aber bei Nacht und Nebel läßt man nicht gern fremde Menſchen an Bord.“ „Aber ich bin kein Fremder,“ rief der Mann wieder, —„mein Name iſt Hoof— ich bin der Aufſeher der Plantage, an der Sie bis heute Abend gelegen haben.“ „So?—“ ſagte der Yankee trocken,„wäre mir dann ſehr angenehm, Ihnen noch Adieu ſagen zu können, den heut Abend hatt' ich das wirklich ſchmählich vergeſſen.“ Der Aufſeher biß die Zähne zuſammen; ſeine Leute 128 hatten die Ruder eingenommen und trieben, dicht hinter dem Boote, langſam mit ihm ſtromab. „Mr. Poleridge,“ ſagte der Aufſeher da mit ernſter Stimme,„ich fürchte, Sie ſpielen ein gefährliches Spiel. Sie haben eine entſprungene Sclavin an Bord und wollen ſie verheimlichen. Wiſſen Sie, daß nach unſeren Geſetzen Zuchthausſtrafe darauf ſteht?“ „Entſprungene Sclavin?“ wiederholte der Händler, doch etwas verdutzt—„Unſinn, Mann— fahrt zu Haus und legt Euch zu Bett, und kommt mir hier nicht mit Euren Flauſen. Ich habe Niemand an Bord und ſteh' Euch auch keine Rede mehr.“ „Das wollen wir ſehen,“ rief da der Aufſeher, bei dem der Zorn die Oberhand gewann.„Sie müſſen mich an Bord laſſen, mich ſelber zu überzeugen, Sie dürfen mir das nicht weigern.“ „Darf ich nicht, oh?“ lachte der Nankee.„Da könnte jedes Boot angefahren kommen und in finſterer Nacht an Bord wollen, nach entlaufenen Niggern zun ſehn. So ſicher iſt der Miſſiſſippi nicht, das zu riskiren, und von müſſen iſt nun hier gar keine Rede.“ 4 Der Aufſeher ſchwieg; plötzlich aber rief er ſeinen Leuten zu, die Ruder wieder aufzugreifen. Mit ein paar Ruderſchlägen war das Boot an der Seite des Flat⸗ 129 bootes und der Aufſeher erhob ſich, den Rand deſſelben zu faſſen. 4 „Tom— reich' mir einmal meine Büchſe herauf!“ rief da der alte Mann mit donnernder Stimme über Deck, „und der erſte der ſeinen Kopf bei mir, gegen meinen Befehl, an Bord zeigt, kann ſich auch darauf verlaſſen, daß ich ihm das Mondlicht hindurch ſcheinen laſſe. Wetter noch einmal, ich will doch ſehen, wer Herr auf der alten Suſy iſt, Ihr oder ich.“ In wenigen Augenblicken kam Einer der Leute mit der Büchſe angeſprungen und Mr. Hoof wagte nicht dem Verbot zu trotzen, der alte Mann hätte auch ſeine Droh⸗ ung erfüllt, und kein Gerichtshof der ganzen Welt ihn des⸗ halb ſchuldig befunden. Mitt einem gottesläſterlichen Fluch ſtieß der Auf⸗ ſeher ſein eigenes Boot wieder ab, und die Leute ſetzten ihre Ruder ein. Das des einen Negers traf aber dabei auf das verſenkte Canoe, und im Augenblick wurde die Aufmerkſamkeit des Negertreibers dorthin gelenkt. „Beim Teufel, ſie i*ſt an Bord!“ ſchrie er, laut auf⸗ jubelnd.„ZJetzt wollen wir ſehen, ob Ihr ein Recht habt, mit Eueren nordiſchen Abolitioniſtenbooten hier an den 4 Plantagen zu landen und Neger zu ſtehlen. Weigert Ir Euch noch, die Sclavin herauszugeben?“ „Neger ſtehlen, Du faulmäuliger Hallunte“ rief 8 1388. I. Gerſtäcker, der Flatbootmann. aber jetzt der alte Yankee, dem es ſchon in den Fingern zuckte,—„nun mach' aber, daß Du fort kömmſt, ſoviel rathe ich Dir, oder ich ſelber thue etwas, das mich am Ende ſpäter gereuen könnte.“ Der alte Mann hob drohend die Büchſe und der Auf⸗ ſeher, feige überhaupt, wo er irgend Widerſtand fand und nicht die Mehrzahl auf ſeiner Seite hatte, warf den Bug des Bootes herum: die Ruder fielen wieder ein, und das kleine Fahrzeug lag bald außer Schußweite von dem Deck des Flatboots oder der Arche, wie ſolche Kaſten ebenfalls nicht ſelten genannt werden. Dem Alten ging aber das Wort„Sclavin“ im Kopf herum. War es nur eine Liſt des Aufſehers, einen Vor⸗ wand zu haben, um an Bord zu kommen und dieſes nach. der flüchtigen Weißen zu durchſtöbern, oder— es gab allerdings Sclaven, die faſt ſo weiß waren und oft weißer als ihre Herren, und doch Niggerblut in den Adern hatten. Der Zweifel wurde ihm unbehaglich und er mußte ihm aſch ein Ende machen. „ Bill,“ ſagte er, ſich zu dem Steuernden wendend, Apbhab' mir ein Auge auf das Boot, und wenn ſie wieder beruntonmen⸗ ruf' mich. An Bord darf mir der Hallunte bei Nacht und Nebel auf keinen Fall, und wenn ich zehn 1 Nigger hier hätte, die ſeinem Selavenzüchter gehören. 5 Wenn er was von uns will, ſoll er morgen kommen, odert 131 — an uns ſchreiben“— und mit den Worten verließ er, ſeine Büchſe mit hinunternehmend, das Deck. „Hallo Jack?“ ſagte er übrigens erſtaunt, als er in ſeine Cajüte trat und dort den jungen Bootsmann neben der Fremden ſtehen ſah, deren Hand er gefaßt hielt— „weißt Du was der Lump, der Mr. Hoof, der draußen in ſeinem Boot bei uns war, geſagt hat?“. „Die Wahrheit, Mann,“ flüſterte da die Frau— „Alle Wetter!“ rief der Yankee erſchrocken, und das Mädchen barg ſchaudernd ihr Antlitz in den Händen. Jack hatte aber vorgearbeitet, und auf die Gutmüthigkeit der alten Dame bauend, dieſe wenigſtens für ſich ge⸗ wonnen. Was kümmerten ihn die Geſetze der Sclaven⸗ halter— hier vor ſich hatte er ein armes mishandeltes Geſchöpf, ein Opfer von den Tauſenden, die jährlich unter der Peitſche ihrer Henker verbluten, ihrem Schutz hatte ſich die Unglückliche anvertraut, und er ſelber war feſt ent⸗ ſchloſſen, ſein Leben für ſie einzuſetzen. Viel kaltblütiger nahm aber der Yankee die Sache, der zu oft ſchon hier in Louiſiana und überhaupt in den Seclavenſtaaten geweſen war, nicht ganz genau die Gefahr zu kennen, der er ſich ausgeſetzt, und keineswegs daran dachte, ſein Eigenthum und ſeine eigene Freiheit zu wagen, einer entlaufenen Sclavin zu ihrer Flucht behülflich zu ſein. Ruhig legte er deshalb die lange Büchſe wieder auf ihren 9 132 Platz, warf einen langen forſchenden Blick auf das in ſich zuſammengebrochene Mädchen und ſagte, indem er ſich wieder wandte die Cajüte zu verlaſſen: „Ja, dann brauche ich freilich die Büchſe nicht mehr — das hätte ich früher wiſſen ſollen.“ 4 „Was willſt Du thun, Mann?“ rief die Frau, die raſch ſeinen Arm ergriff. „Was ich thun will?“ wiederholte der Nankee, ſie erſtaunt anſehend—„nun, das Boot wieder herbei rufen und ſie ihren Leuten übergeben. Glaubſt Du, daß ich Luſt habe, meine Ladung in der nächſten Stadt vom Sheriff verauctioniren zu ſehn und ſelber mit den Louiſiana Zucht⸗ häuſern Bekanntſchaft zu machen?— ich müßte geradezu wahnſinnig ſein.“ .„Aber ſieh Dir das Mädchen nur erſt an, Mann,“ bat die Frau, der das Herz bei dem Gedanken weh that, die Unglückliche ihren Peinigern wieder überliefert zu ſehn, —„Sieh,“ ſagte ſie, die Hände der Armen von dem bleichen thränennaſſen Antlitz niederdrückend,„ſieh das Kind, weiß wie eine Kirſchblüthe und mit dem lieben Ge⸗ ſicht meiner Schweſter Lucy ſo ähnlich wie ein Ei dem andern, und ſieh hier,“ fuhr ſie fort, das Mädchen mit ihrer räftigen Hand emporhebend, daß ihr Mann den blutge⸗ ſtreiften Rücken erkennen konnte,„ſieh das— ſo haben ſie das arme Kind mishandelt und gepeitſcht, eines erbärm⸗ Sind das Menſchen?“ „Hm,“ ſagte der Händler,„das iſt allerdings ſchlimm — ſehr ſchlimm, und Aehnliches traue ich dem Hallunken auch wohl zu, der da draußen in ſeinem Boote ſchwimmt, aber— er hat die Geſetze einmal auf ſeiner Seite, und gegen den Stachel können wir nicht lecken. Hätt' ich die Dirne auf meiner Farm in Indiana, ließe ſich ein Wort darüber reden und wir fänden vielleicht Mittel und Wege, ſie nach Canada hinaufzuſchaffen. Hier aber, mit meinem ganzen Vermögen beinah im Bereich ihrer Geſetze, kann ich gar Nichts machen, wenn ich auch wirklich wollte. Der Lump da draußen braucht weiter Nichts zu ſhun, als hinter uns herzuſchwimmen, und morgen, wenn es Tag wird, am nächſten Städtchen zu landen und uns anzuzeigen. Nach⸗ 1 her haben wir Cherif und Conſtabler warm vom Bäcker weg an Bord, und daß ich mich dem nicht ausſetze, ich dächte dazu kennteſt Du mich.“ „Und das Kind wollteſt Du wirklich ausliefern?“ ſagte die Frau. „Wenn ich's vorher gewußt hätte, wie die Sachen ſtanden, hätt' ich ſie gar nicht an Bord gelaſſen. Jetzt iſt aber noch Nichts verdorben.— Der Overſeer wird froh ſein, wenn er ſein Eigenthum zurück hat und wir ſchwim⸗ men ruhig weiter. Alle Sclaven kann ich doch nicht frei lichen Hundes wegen, den ein Alligator gefreſſen hat. 134 machen, und um mit der einen anzufangen, riskir' ich nicht mein Hab' und Gut und meinen Hals— rede nicht weiter, denn Du weißt, es hilft Dir Nichts.“ „Dann laß ſie wenigſtens ihr Boot nehmen und irgendwo an Land gehen,“ bat die Frau. „Damit werden wir aber die Schufte nicht los,“ brummte der Mann.„Entweder entdecken ſie das Canve mit dem hellen Kleid darin, und dann kann ſie ihnen nicht entgehen, oder ſie fahren hinter mir drein, und machen mir dann Gott weiß was für Umſtände im nächſten Orte.“ „Liefert mich aus,“ ſagte da plötzlich das Mädchen ſelber mit leiſer aber entſchloſſener Stimme.—„Ich fühle, daß ich kein Recht habe, Euch ſolcher Gefahr auszu⸗ ſetzen und— ich bin doch verloren. Entkäme ich auch hier in den Wald, was hülfe es mir— ich müßte in der Wildniß verderben oder— an bewohnte Stellen gehn, und überall gelten dieſe furchtbaren Geſetze, die mich ver⸗ dammen. Liefert mich aus— mir bleibt doch keine andere Wahl, als zu ſterben.“ „Vielleicht doch noch,“ ſagte da eine ernſte und ruhige Stimme, und als ſich Alle erſtaunt danach umſahen, trat Jack aus dem Dunkel des Raumes vor, wohin er ſich bei des Händlers Ankunft zurückgezogen hatte—„ willſt Du Dich mir vertrauen, Mädchen?“ „Dir, Jack?“ ſagte der Jankee—„was fällt Dir im Boot?— der eine weiße Hallunke mit vier 135 ein, Burſche. Das Boot iſt für die Handlungen der Leute darauf verantwortlich, und ob ich ſie hier verſteckt hielte oder ein Anderer, bliebe ſich gleich.“ „Das weiß ich,“ ſagte der Bootsmann ruhig.— „Ich weiß auch, daß Ihr ſie nicht retten könntet, ſelbſt wenn Ihr wolltet, und in der erſten Angſt um das arme Kind hatte es mir nur ſo den Kopf verwirrt, daß ich ſelber gar nicht daran dachte. Auch mit dem Canoe allein kann die Arme nicht entfliehen. So gut ſie mit dem Ruder umzugehen weiß, ſo ſind ihr die Glieder durch die Mis⸗ handlung gelähmt, und ſie würde bald ermüden. Ich habe mir die Sache aber überlegt, und— werde ſie begleiten.“ „Unſinn,“ brummte der Yankee,„und glaubſt Du, daß Du mit dem Canoe dem von vier Riemen hhen Boot entgehen könnteſt? In einer halben Stunde hätten ſie Dich eingeholt, und was dann? Fang' Du hier mit den Sclavenholtern etwas an. Durch unſer Arbeiten im Norden gegen die Sclaverei, ſind ſie überdieß gereizt und wüthend gemacht, und fieleſt Du der richtigen Bande in die Hände, hingen ſie Dich an den nächſten Baum, allen Gerichten und Sheriffs der Welt zum Trotz. 9 „Wenn ſie mich lebendig fangen, ja,“ lachte der junge Bootsmann i ingrimmig vor ſich hin—„aber wer 8 denn kegern — was iſt das?“ 136 „Mehr als Du denkſt, mein Burſche,“ ſagte der Alte, „der Aufſeher hat ſich wahrlich Niemanden zum Rudern mitgenommen, auf den er ſich nicht feſt verlaſſen kann.— Und wohin willſt Du hier?— Rechts liegt Louiſiana, links Miſſiſſippi— eines ein Sclavenſtaat ſo gut wie der andere; eines die Geſetze deſſelben mit peinlicher Aengſt⸗ lichkeit und Schärfe aufrecht haltend wie der andere. Erreichteſt Du aber ſelber glücklich einen freien Staat, ſo wäreſt Du ſelbſt dort nicht geſchützt, denn unſere freien Staaten liefern ebenfalls entſprungene Neger aus.“ „Ich weiß das Alles,“ ſagte Jack ruhig,—„ich habe mir auch Alles überlegt und mein Plan ſteht feſt. Euch ſelber kann keine Strafe mehr treffen, wenn man das. Mädchen nicht bei Euch findet.— Ob ſie an Bord ge⸗ weſen oder nicht, kann Euch Niemand beweiſen, und nur einer Unbequemlichkeit zu entgehen, wollt Ihr doch 4 Unglückliche nicht wieder dem fürchterlichen Elend a geben?— Aber wolltet Ihr es auch,“— ſetzte der j Thnhe Mann in wilder Liidenſchaftlichkeit raſch und heftig hinzu, „verweigertet Ihr mir ſelber Euere Einwilligung, ſo ſchwöre ich Euch, daß ich Euch und Allen zum Trotz das Mädchen denn von hier mit fortnehme oder— mit ihr untergehe. ein Blut aber komme dann über Euch, und Ihr mögt ſehn, wie Ihr meinem Vater, der Euer 4 Jugendfreund iſt, wieder unter die Augen tretet.“ 137 „Führt der Junge ein Maulwerk am Kopf,“ ſagte 3 der Alte, wirklich erſtaunt zu ſeinem Bootsmann aufſehend, „und ſonſt hat er den Tag keine zehn Worte an Bord ge⸗ ſprochen— und mir willſt Du deſertiren?“ „Ihr braucht mich jetzt nicht mehr,“ ſagte Jack, dem ſich bei der Frage eine Centnerlaſt von der Seele wälzte— er wußte, Poleridge hatte eingewilligt.„Der Strom iſt hier breit und tief und die Gefahren liegen hinter uns. Gebt mir den Lohn, den ich bei Euch verdient— ich ver⸗ lange nicht mehr— und für das Uebrige laßt mich ſorgen.“ „Und das Mädchen?“ ſagte der Alte mit einem for⸗ ſchenden Blick auf ſie. In athemloſer Spannung hatte die Unglückliche der neu für ſie auftauchenden Hoffnung, ſo ſchwach die immer ſein mochte, gelauſcht— Kannte ſie doch alle die Gefah⸗ ren, die noch in ihrem Weg lagen, viel beſſer, als der junge Mann, deſſen edles Herz, deſſen kecker Jugendmuth ihnen trotzig entgegen ſah. „Willſt Du mir Dein Schickſal anvertrauen,“ ſagte da Jack, ging auf ſie zu und ſtreckte ihr die Hand entge⸗ gen—„willſt Du mir folgen, Mädchen, und glauben, daß ich es treu und ehrlich mit Dir meinen’? Tiefes Roth färbte bei dieſen Worten die eben noch ſo bleichen Züge der Jungfrau— zitterad erhs ſie ſich, —.y ——— 138 legte ihre Hand in die des jungen Mannes und ſagte mit lautem, tiefbewegtem Ton: „Ich will Euch folgen, wie ich meinem Bruder fol⸗ gen würde und möge Gott Euch lohnen, was Ihr einem armen, verlaſſenen Weſen thut.“ „Dann auch mit Gott!“ jubelte Jack,„und wenn da oben noch ein ſolches Weſen thront, dann wird, dann muß er uns ſchützen, daß wir nicht untergehn— Und nun fort— die Nacht iſt noch lang und mir iſt jetzt ſo froh und leicht um's Herz, daß ich meine Luſt hinaus in die Welt ſchreien möchte.“ „Das wäre ſehr zweckmäßig,“ ſagte der Alte trocken, „Mr. Hoof würde ſich wenigſtens gleich erkundigen, was wir wünſchen. Aber meinetwegen, wenn Du denn ein⸗ mal blind und toll in Dein Unglück hineinrennen willſt, habe ich kein Recht und keine Macht, Dich zu halten. Wir ſind freie Bürger und Jeder von uns kann thun und laſ⸗ ſen, was er will. Allerdings würden ſie mir auf die Jacke kommen, wenn Du hier unbemerkt entkommen ſollteſt, das fürcht' ich aber kaum, denn das Boot wird uns nicht ſo weit aus den Augen laſſen, daß ihnen ein Canoe entgehen könnte. Trotzdem will ich Alles thun, was in meinen Kräften ſteht, Dir fortzuhelfen und wär' es auch nur des⸗ halb, dieſen Mr. Hoof mit langer Naſe abziehen zu ſehn. Mach Sic den ſoweit zurecht— ich werde indeſſen ein⸗ ——:— 139 mal an Deck gehn und zuſchaun, wie es da oben ausſieht. Du brauchſt Dich auch nicht zu übereilen, denn Du haſt noch ziemlich die ganze Nacht vor Dir.“ Poleridge drehte ſich um und wollte die Cajüte ver⸗ laſſen, als ihm ſeine Frau in den Weg trat und ſeine Hand faßte. Die großen Thränen liefen ihr dabei an den Wan⸗ gen nieder. „Schon gut, Alte,“ ſagte der Mann, ſie langſam, aber freundlich bei Seite ſchiebend—„ich weiß, daß ich einen dummen Streich mache. Wenn es der Tollkopf da aber nun einmal gar nicht anders haben will, mag er auch dafür die Folgen tragen. Leid' ich durch ſeine Schuld Schaden an meinem Boot, ſo muß es mir ſein Vater da⸗ heim erſetzen; ſo viel iſt ſicher.“ Er verließ im nächſten Augenblick die Cajüte und Jack ſtand im erſten Moment unſchlüſſig da und wußte nicht, wo er beginnen ſollte. Mrs. Poleridge aber, das Muſter einer praktiſchen Frau, ſchob ihn dem Eingang zu und ſagte raſch: 1 „Jetzt fort mit Euch, Jack. Bringt das Canoe in Ordnung und macht Euch zum Auslaufen fertig, ſobald mein Alter die Zeit für paſſend hält; ich will indeſſen das arme junge Ding hier verbinden und gegen die kalte Nacht⸗ luft ſchützen. Auch Proviſionen werd' ich Euch ei packen, 4 140 wenn Ihr ja unterwegs etwas brauchen ſolltet— und wenn ich dabei eine Sünde thue und gegen die Geſetze handle, ſo mag es mir Gott verzeihen.— Gott kann aber auch ſolche Geſetze nicht gegeben haben, und böſe Menſchen mishandeln unter deren Schutz nur andere Geſchöpfe deſſel⸗ ben Gottes— denen beizuſtehn kann keine Sünde ſein— Und nun hab' guten Muth, mein Kind,“ wandte ſie ſich dem Mädchen zu, als der junge Mann die kleine Cajüte verlaſſen hatte.„Jack iſt ein ſo braves ehrliches Herz, wie nur Einer im weiten Land— keiner von Deinem rauhen nichtsnutzigen Bootsgeſindel, ſondern der Sohn wackerer Eltern, den wir Alle lieb gewonnen haben. Das Herz hat er aber auch dabei auf dem rechten Fleck, und wenn Einer in allen Staaten, ſo iſt er im Stande, das, was er hier begonnen, auch durchzuführen.“ Noch während ſie ſprach, hatte ſie die Schultern des Mädchens entblößt und die Thränen liefen der Frau wie⸗ der raſch über die Wangen nieder, als ſie die furchtbaren Zeichen ſah, die des Henkers Peitſche dieſer zarten Haut eingegraben. Aber ſie blieb nicht blos bei den Worten ſtehn, ſondern reinigte mit ſorgender und doch geſchäftiger Hand die Wunden, legte einen friſchen Verband auf und ſorgte dann auch dafür, daß die Arme etwas über zu ziehen hatte, die friſchen Wunden nicht zu erkälten. Wieder und ſchüttelte ſie aber dabei den Kopf und konnte nicht 8 4 4* 141 aufhören, ſich zu wundern, daß ein ſo weißes Mädchen den Niggern zugezählt und ſo mishandelt werden könne. Jack war aber indeſſen auch nicht müßig geweſen und hatte ſo geräuſchlos als möglich mit einem ſeiner Kamera⸗ den das vorhin verſenkte Canoe erſt an der Seite aufge⸗ hoben und dadurch halb auslaufen laſſen und dann vom Waſſer frei geſchöpft. Ohne Geräuſch war das freilich nicht möglich geweſen, das Boot jedoch, das ſich jetzt vor ihnen hielt, zu weit voraus, ihr Treiben hier gewahren zu können, und bald lag das kleine Fahrzeug wieder leicht und ſicher auf dem Waſſer. 4 Das Flatboot näherte ſich jetzt einer der im Miſſiſe ſippi häufig liegenden Inſeln, und da es ſich bei dem hohen Waſſerſtand ziemlich gleich blieb, an welcher Seite ſie hin⸗ fuhren, beſchloß der alte Poleridge, die Schattenſeite zu wählen. Der Mond ſtand ſchon ziemlich tief und unter dem Schutz der Bäume konnte es dem Canoe doch am Ende gelingen, glücklich zu entkommen. Seine Leute hatte er in⸗ deſſen mit der beabſichtigten Flucht des Kameraden bekannt gemacht und Bill ſchwur, daß ihm Nichts auf der Welt größeres Vergnügen machen würde, als mit zu gehn. Das Canoe war aber dazu zu klein und der Alte frug ihn auch, ob er glaube, daß er ſein Flatboot allein den Strom hinab bringen könne? „Es iſt genug,“ brummte er,„daß ich den Tollkopf 142 von einem Burſchen laufen laſſe und Ihr Andern könnt Gott auf Euren Knieen danken, daß Ihr nicht mit von der Parthie zu ſein braucht. Sollte mich gar nicht wundern, wenn wir nächſter Tage in New⸗Orleans leſen, daß ſie einen Abolitioniſten mit einer entſprungenen Niggerin ge⸗ fangen und zum abſchreckenden Beiſpiel für Andere aufge⸗ hangen haben.— Und nun fort, Jack, oder ſteh' wenigſtens bei Deinem Boot und ſieh' zu, daß Dein Paſſagier fertig iſt, und Ihr Andern— haltet reinen Mund— Von Euch at Niemand etwas geſehn, verſtanden?“ 1„Müßt uns für verdammte Holzköpfe halten, daß Ihr doas auch nur erwähnt,“ brummte Bill—„good luck, alter Junge, und halt' Dich tapfer— Einer gegen fünf iſt noch gar nicht ſo ſchrecklich arg und Du biſt gerade der rechte, ihnen dein zu leuchten.“ 4 Jack reichte allen ſeinen Kameraden der Reihe nach die Hand und ſe Alle hatten, wenn auch mit den furchtbar⸗ ſten Flüchen oft untermiſcht, ein derbes aber herzliches Wort für ihn. Die ganze Sache entſprach auch viel zu ſehr ihrem wilden, abenteuerlichen Leben, nicht alle ihrer Sympathieen gewiß zu ſein. Der Alte war indeſſen in die Cajüte gegangen, konnte aber hier einen lauten Ausruf des Staunens nicht unter⸗ drücken, als ihm ſeine Frau das indeß angezogene. Mäd⸗ chen entgegenführte. Mit einem von ihren dunklen Klei⸗ 4 143 dern angethan, eines der amerikaniſchen Bonnets auf, die das Geſicht wenn auch nicht verdeckte, doch beſchattete, kannte er die entlaufene Sclavin kaum wieder.* „Na, das muß wahr ſein,“ ſagte er ganz verblüfft, „wer Dich in dem Aufzug ſieht, mein Kind, und mit dem Geſicht und dann auch nur eine Ahnung hat, daß Du Re⸗ gerblut in den Adern trägſt— und verwünſcht wenig muß es außerdem ſein— kann mehr, als Brod eſſen und hat ein ſchärferes Auge, wie der alte Poleridge. Wenn Dich der Junge erſt einmal glücklich aus der Nachbarſchaft hier bringt, nachher kann wahrhaftig noch Alles gut gehn— Aber wo iſt Jack— Blitzbengel der, wenn ich in ſeinen Jahren wäre, ich weiß nicht, was ich ſelber thäte, aber der⸗ lei Geſindel, mit Nichts im Vermögen, als was ſie in der Weſtentaſche mit fort tragen können, ſitzt auch immer locker, wie ein geladenes und geſtochenes Gewehr: der geringſte Druck und ſie gehn los— Na, Junge, da haſt Du Deine f Madame—“ wandte er ſich dann zu dem eben eintreten⸗ den Jack,„eine etwas jüngere Ausgabe der Mrs. Betſy Poleridge, und nun mach', daß Du fort kommſt. Da vor uns liegt die Inſel— haſt Du Deine Decke?“ „Alles in Ordnung, Sir.“ „So— und hier iſt auch Dein Geld, das Du bei 8 mir zu gut haſt— es ſind ein paar Dollar mehr, den ich habe den Monat für voll gerechnet— werd' es von 144 Deinem Alten ſchon wieder bekommen, wenn ſie Dich hängen ſollten— ſchon gut— Deine Büchſe iſt doch in Stand?“ „ Im Beſten, und Kugeln hab' ich auch genug, auch noch ein Stück Blei in der Taſche, friſche zu gießen, wenn ſie nicht ausreichen ſollten.“ „Und Dein Pulverhorn?“ „Gefüllt—“ „Na, dann mit Gott, und nun leb' wohl und halte Dich tapfer— ich muß hinauf an Deck.“ Er drückte dem jungen Burſchen derb die Hand und wollte dann die Cajüte verlaſſen, blieb wieder ſtehn, be⸗ ſann ſich einen Augenblick, drehte ſich wieder um und reichte aauch dem Mädchen die Hand. Es war nur ein Nigger, und das Vorurtheil konnte er nicht ſo leicht beſiegen, das elbſt in den Herzen der nördlichen Amerikaner v Aber ſie ſah ſo ganz genau wie eine Weiße aus und der blutige Rücken der Armen fiel ihm auch wieder ein, daß er die Hand des Mädchens nahm und faſt herzlich ſchüttelte. „Leb' wohl,“ ſagte er dabei,„ob Du recht gethan, weiß ich nicht— ich ſelber mache einen dummen Streich— ſtieg er langſam nach oben. 8 umzuſe aber Fahnß nuen das Ende abwarten,“ und ohne ſich wieder . 4 145 Siebentes Kapitel. Im Canoe. Bill, der einem der Anderen das Steuer überlaſſen, hatte indeſſen vorn vom Boot aus einen ſcharfen Ausguck gehalten. Der Mond ſtand allerdings ſchon ziemlich tief am Himmel, aber es war noch hell genug, eine weite Strecke auszuſehn. Der Alte überlegte ſich dabei, ob die beiden Leute nicht doch am Beſten thäten, den Untergang des Mondes abzuwarten, dann aber waren ſie auch der Geſahr ausgeſetzt, daß ſich ihre Verfolger ganz dicht zum Flatboot hielten und ſie, ſowie ſie ihre Flucht bemerkten, unfehlbar augenblicklich eingeholt hätten. Jetzt blieben dieſe doch ein Stück davon entfernt und wenn ſie, einmal unter der Inſel, zurück hinter das Flatboot ruderten, hatten ſie noch die Hoffnung, ihnen zu entgehen. Wenigſtens 4 mochten ſie ſo viel Vorſprung gewinnen, daß ſie das Ufer des Miſſiſſippiſtaates erreichen konnten. Im Wald war Jack daheim und der Aufſeher hätte dort außerdem vorher 1858. I. Gerſtäcker, der Flatbootmann. 10 △ * 146 einen Warrant bei einem dortigen Sheriff ausnehmen müſ⸗ ſen, die entlaufene Sclavin gerichklich verfolgen zu können und ausgeliefert zu bekommen. Das Boot hatte, wie Bill nicht entgangen war, aller⸗ dings an der Spitze der Inſel auf ſie gewartet, vor allen Dingen erſt zu ſehn, welches Fahrwaſſer die Flatbooter annehmen würden, das rechte oder linke. Die Inſel war zwar nicht groß, aber mit hohen Baumwollenholzbäumen und Weiden dicht bewachſen und die durften ſie nicht zwi⸗ ſchen ſich und das verfolgte Boot laſſen. Mr. Hoof übri⸗ gens, mit Wuth und Haß im Herzen ſeine Beute über⸗ wachend, wußte recht gut, daß hier eine günſtige Stelle zur Flucht ſei. Trotz aller Vorſicht Jacks hatte er, oder viel⸗ nommenen Negertreiber, das Aus⸗ 147 ter unterhalb wieder freies Waſſer erreichten, hatte er kaum 4 zu fürchten, daß ihm das Canoe ungeſehn entkommen könne. An Bord des Bootes war ihnen das aber ebenfalls nicht entgangen und Jack baute darauf ſeinen Plan. Mr. Hoof hatte nicht bedacht, daß die Flüchtige gar nicht wagen durfte, an einer Inſel zu landen, wo ſie, wenn entdeckt, ihren Verfolgern gar nicht mehr entgehn konnte. Die In⸗ ſel lag nun ziemlich in der Mitte des Stromes, aber faſt noch mehr nach der Miſſiſſippiſeite, wie gegen Louiſiana zu, ſo daß die Entfernung nach jenem Staat auch nicht ſo groß war. Das Canoe ſchien außerdem vortrefflich ge⸗ baut und lag leicht auf dem Waſſer, und mit zwei Ruder— konnten ſie, wenn ſelbſt verfolgt, ihre Entfernung ſchon eine Weile halten. Das Mädchen mußte deshalb den Platz vorn im Canoe einnehmen, das Geſicht dem Bug zuge⸗ kehrt, um im ſchlimmſten Fall ihr Ruder ebenfalls zu ge⸗ brauchen. Jack dagegen mit einem anderen ſogenannten. Paddle, das er vom Bord des Flatbootes mitgenommen, ſtand daneben noch auf dem niederen Vorbau und wartete auf das Zeichen, das ihm der Alte geben ſollte. Dieſer hatte die Stelle nicht außer Acht gelaſſen, wo 4 er das verfolgende Boot wußte— jetzt trieben ſie in etwa hundert Schritt daran vorüber und„jetzt!“ flüſterte er dem ungeduldig darauf harrenden Jack hinab alte 148 nur das Flatboot genau zwiſchen Dir und der Inſel, und mach' ſo wenig Geräuſch wie möglich.“ Die Warnung war unnöthig. Jack wußte ſchon ſelber ganz genau was er zu thun hatte, und ſeine Büchſe in der einen, das Ruder in der andern Hand ſprang er in das Canoe— die Frau warf vorn das dünne Tau los und in den Bug hinein, und mit einem leiſe geflüſterten „Lebt wohl“ drehte der ſcharfe Bug vom Boot ab und in den Strom hinaus. Vollkommen geräuſchlos ſetzte dabei der junge Bootsmann ſein kurzes leichtes Ruder ein, nur dann und wann den Kopf über die rechte Schulter wen⸗ dend, die rechte Höhe mit dem Boot zu halten. Kein Wort wurde zwiſchen den beiden gewechſelt. Jetzt mußten ſie vor allen Dingen die Verfolger von ihrer Fährte bringen, und Gott würde dann ſchon weiter helfen. Das ging auch vortrefflich. Mr. Hoof hielt ſein Boot ſoviel als möglich zwiſchen der Inſel und dem Flat⸗ boot und konnte dabei den ganzen Strom recht gut über⸗ ſehen, die Stelle allein ausgenommen, die hinter dem letz⸗ teren lag. Dicht zur Inſel hatte das letzte hohe Waſſer aber eine Menge Holz, ganze Stämme und an dieſe wieder einzelne Aeſte angeſchwemmt, und um nicht mit den langen Riemen darin hängen zu bleiben, oder gar aufzulaufen, mußte er gerade vom Lande abhalten. Dadurch aber kam das Flatboot ein Stück voraus und der eine Negertreiber, — ——— 149 der ſchon lange gedrängt hatte, daß ſie nicht ſo weit von dem Boot abbleiben, ſondern ſich dicht dahinter halten ſoll⸗ ten, was ihnen die Bootsleute gar nicht verwehren konnten, entdeckte plötzlich, ſchon eine tüchtige Strecke entfernt, das flüchtige Canoe. Wenige Worte genügten, den Steuernden darauf auf⸗ merkſam zu machen und„Ruder ſcharf ein, meine Burſche!“ ſchrie Mr. Hoof, als er den Bug ſeines Bootes herum⸗ warf, die Verfolgung aufzunehmen. Der Alte an Bord hatte die Bewegung natürlich gleich geſehn und die Urſache vermuthet. Dem Canoe durfte er dabei auch kein Zeichen geben, daß es entdeckt ſei, ſpäteren Folgen vorzubeugen, aber mit dem Boot konnte er ſich unterhalten, darin lag nichts Sträfliches. „Hallo Sir!“ rief er deshalb nach dieſem hinüber, und zwar viel lauter als nöthig geweſen wäre, ein noch einmal ſo weit entferntes anzuſchreien,„wohin ſoll denn jetzt die Reiſe ſo eilig gehn?— ich dachte, Sie wollten uns begleiten.“ „Beſtie!“ murmelte der Aufſeher zwiſchen den Zäh⸗ naen durch, lachte dann aber ingrimmig vor ſich hin— „und es hilft Dir doch Nichts, mein Burſche— die Dirne iſt mein, ehe ſie nur in Rufs Nähe vom Ufer kommt. Wacker, Jungen, wacker, legt Euch in die Riemen, * und ich gebe Jedem von Euch fünf Dollars aus meiner 150 Taſche, wenn wir das Mädchen ſicher wieder an Bord haben.“ Die Leute bedurften keiner weiteren Ermahnung; mit beſten Kräften legten ſie ſich in die Ruder und das leichte, trefflich gebaute Boot ſchoß ſchäumend über die Fluth. Aber auch Jack hatte das laute Reden an Bord ge⸗ hört, und wenn er das, was dort im Schatten der Inſel vorging, auch noch nicht ſehen konnte, errieth er doch leicht die Urſache. „Jetzt nimm das Ruder, Kind,“ rief er dem ſtill im Boot kauernden Mädchen zu,„und wenn Du noch im Stande biſt, Deine Arme zu gebrauchen, ſo hilf ſoviel Du kannſt, den Schuften zu entgehn. Hab' aber keine Angſt, Herz,“ ſetzte er fröhlichen Muthes hinzu—„wenn ſie uns auch wirklich einholen ſollten, haben ſie uns des⸗ halb noch immer nicht. Ich bin nun einmal mit Dir ausgelaufen und will Dich retten oder— wir gehen eben zuſammen, wenn's ſein muß. Nur den Burſchen da drüben überlaß ich Dich nicht, darauf darfſt Du rechnen.“ Das Mädchen erwiederte kein Wort,— wenn ihre Arme auch ſchmerzten, griff ſie das Ruder, dem Befehl gehorſam, auf, und daß ſie es zu gebrauchen wußte, hatte ſie ſchon vorher bewieſen. Das Canoe tanzte auch nur ſo über das Waſſer hin, und näher und näher kamen ſie 151 dem dunkeln Waldſtreifen, der ſich vor ihnen, am gar nicht mehr ſo fernen Ufer hin dehnte.— Aber näher kam auch das Boot, und Jack, als er den Kopf mit einem leiſe ge⸗ murmelten Fluch zurückdrehte, konnte ſich nicht verhehlen, daß ein Zuſammenſtoß mit den Feinden, ehe ſie das Land erreichten, faſt unvermeidlich ſei. Allerdings hatte er ſeine Büchſe neben ſich und war feſt entſchloſſen, ſie im äußerſten Nothfall auch zu ge⸗ brauchen, aber einmal abgeſchoſſen, konnte er ſie in dem ſchwanken Canoe gar nicht wieder laden— und was dann?— Soviel hatte er dabei gemerkt, daß ihr Canoe das Waſſer weit raſcher durchſchnitt, wenn er nicht zu viel gegen die Strömung anhielt, ſondern ihr mehr folgte. Dadurch verlängerte er aber auch die Entfernung zwiſchen ſich und dem Land, und dabei konnten die Verfolger nur gewinnen. Es blieb ihm deshalb ſchon nichts Anderes übrig, als dem nächſten Land in ſo gerader Richtung als möglich zuzuhalten, wer konnte wiſſen, welche Vortheile. ihm die Nähe des Landes ſelber bot, und daß er ſolche dann nach Kräften benutzen würde, dazu war er feſt ent⸗ ſchloſſen. Das Mädchen ruderte indeſſen ſtill und ſchweigend fort. Nur einmal, als die Ruderſchläge der Verfolger zum erſten Mal ihr ſcheues Ohr trafen, wandte ſie den Kopf dorthin, dann arbeitete ſie geduldig weiter. Hinter ihr lag der Tod, vor ihr das Leben, und an das klammerte ſich ja das arme junge Mädchen noch mit allen Faſern ihres Herzens feſt. Jack ruderte ebenfalls aus Leibeskräften, aber je mehr er ſah, daß die Verfolger an ihm gewannen, deſto feſter und ingrimmiger biß er die Zähne zuſammen. Furcht kannte er dabei gar nicht; ſein Leben hatte er ſchon oft, ſelbſt eines gleichgültigen Erfolges wegen gewagt, aber das ärgerte ihn, daß er vor dem feigen Burſchen von Auf⸗ ſeher fliehen mußte. „Schuft von einem Kerl,“ murmelte er dabei vor ſich hin,„hätt' ich nur ein Boot unter mir wie Du, in dem ich mich aufrichten vürfte, ohne die Gewißheit zu haben, im nächſten Augenblick damit umzuſchlagen, wie in der Nuß⸗ ſchale von einem Ding hier, ich wollte Dich lehren, arme Mädchen blutig peitſchen.“ Weiter— immer weiter ruderte er. Der Schweiß ſtand ihm in großen Tropfen auf der Stirn, und trotzdem ſchallten die Ruderſchläge immer lauter und deutlicher zu ihnen herüber. Dabei war es als ob das Land, das ihm im Anfang ſo nah geſchienen, gar nicht näher rücken wolle. Noch immer lag eine weite Waſſerfläche zwiſchen ihm und dort, und das verfolgende Boot hätte er ſchon mit der Büch⸗ ſenkugel erreichen können. Aber kein Wort ſagte er; was half jetzt alles Reden, wo ſie handeln mußten, und über⸗ 153 dieß entſchied die nächſte Viertelſtunde ja auch ihr Schick⸗ ſal— zum Guten oder Böſen— aber immer näher kam das Boot. Während des Mädchens Arme, von der Ent⸗ zündung des Rückens angegriffen, mehr und mehr ermat⸗ teten, legten ſich die Verfolger nur mit friſcherer Luſt in die Ruder, je deutlicher ſie ſahen, wie ſie an dem Canoe gewannen. Auf der einen Seite winkte ihnen für ſie reich⸗ licher Gewinn, auf der andern drohte ihnen die Peitſche, kein Wunder, daß ſie da ihr Beſtes thaten, den ausgeſetzten Preis zu verdienen. Zehn Minuten waren ſolcher Art noch vergangen. Das Boot konnte kaum noch hundert Schritt von ihnen entfernt ſein, und das laute Lachen des Aufſehers, der über den geglückten Fang jubelte, tönte ſchon zu ihnen herüber. — Jack knirrſchte vor Wuth die Zähne zuſammen, und ein toller Entſchluß reifte auf einmal in ihm. „Und ſie ſollen Dich, doch nicht fangen, Sally,“ flüſterte er dem Mädchen zu.„Wenn wir auch nicht zuſammen fliehen können, will ich den Hunden da drüben doch wenigſtens den Spaß vereiteln.“ „Es iſt vergebens,“ ſtöhnte das Mädchen, indem ſe das Ruder ſinken ließ—„ich danke Euch für alle Güte, — die Ihr mir erwieſen, und möchte weinen, daß Ihr Euch maeinetwegen in ſolche Noth geſtürzt— hätt' ich noch 154 Thränen. Aber es iſt vorbei— in wenigen Minuten ſind wir in ihrer Gewalt.“ „Noch nicht,“ ſagte aber Jack, das Ruder mit ver⸗ doppelter Kraft gebrauchend—„Teufel, das Land iſt kaum zweihundert Schritte mehr entfernt, und ſo nahe vor dem Hafen noch zu ſcheitern— aber noch giebt es ein Mittel. Die kurze Strecke kannſt Du auch allein noch rudern und daß Dir die Andern nicht folgen, dafür laß mich ſorgen. Ich rudere Dich jetzt noch ſo weit als irgend möglich, die Entfernnng zu verringern, und laufen ſie dann an uns hinan, dann ſitz nur feſt, denn dann ſpring' ich hinüber in ihr Boot und will ſie ſchon am Rudern ver⸗ hindern, bis Du in Sicherheit biſt.“ „Und Ihr?— was wird aus Euch?“ „Bah!“ ſagte der junge Burſch—„was können ſie machen?— Sie ſollen mir nachher einmal beweiſen, daß Du gerade hier in dem Canoe geweſen— wenn ſie über⸗ haupt im Stande ſind, mich zu halten. Ich kann ſchwim⸗ men wie ein Fiſch und will ihnen ſchon entgehn.“ „Es iſt umſonſt,“ ſagte kopfſchüttelnd das Mädchen. —„Was hülfe es mir auch, wenn ich allein, mit dem Boot doch hinter mir, das Ufer erreichte. Sie würden mein Canoe finden und zerſtören, und morgen hätte ich die Aufſeher der nächſten Plantagen mit ihren Bluthunden auf meiner Fährte. Meine ganze Flucht war Wahnſinn, 155 und hat nur dazu gedient, Euch noch mit in mein Verder⸗ ben zu reißen.“ „Unſinn,“ brummte Jack zwiſchen den Zähnen durch, —„ſoweit ſind wir aber noch nicht, und Du kannſt doch wenigſtens den Verſuch machen, zu entkommen. Doch immer beſſer, das Letzte verſucht, als ſich feige in ſein Schickſal zu ergeben.“ Das Mädchen ſchwieg einen Augenblick und ſenkte den Kopf; endlich ſagte ſie mit leiſer, kaum zu dem Ohr des jungen Mannes dringender Stimme: „Ihr habt geſagt, daß wir zuſammen fliehen wollen. — Sie werden Euch tödten, während ich das Ufer erreiche — ich gehe nicht— ich will mit Euch ſterben.“ Ein eigenes, wunderlich wildes und ſchmerzliches und doch auch wieder ſo ſüßes Gefühl zuckte durch des jungen Burſchen Herz bei dieſen Worten. „Mit mir ſterben, Sally?— nun gut dann, Kind — es iſt möglich, aber— ſo weit ſind wir noch nicht. Wenn uns der Burſche da drüben zum Aeußerſten treibt, mag er ſich die Folgen dann auch ſelber zuſchreiben, Gnade giebt er nicht, und hat ſie deshalb auch nicht zu erwarten, und wenn Du ſo geſonnen biſt, dann—“ er brach kurz ab, aber ein wildes Feuer glühte in ſeinen Augen, und doch war in dieſem Augenblick auch aller Schmerz, jede Angſt von ihm gewichen. Er warf den Kopf zurück, ſah 156 das Boot kaum eines Steinwurfs Weite hinter ſich, und drohend klang zugleich des Negertreibers Stimme zu ihnen herüber. „Willſt Du es aufgeben, mein Schatz, und haſt Du eingeſehn, daß Du uns nicht mehr entgehen kannſt?“ Jack hatte das gar nicht mehr ſo ferne Land mit den Blicken überflogen, und eine Stelle dort ſchien ihm die Möglichkeit einer Landung zu geſtatten. Faſt überall war die Uferbank ſteil und ſchroff abgebrochen, nur eine kleine Sctrecke unterhalb begann eine Sandbank, an deren oberen Tgvheil er hoffen durfte anzulaufen. Zu gleicher Zeit wandte er den Bug ſeines Canoes ein klein wenig mehr ſtromab, und der Aufſeher, der am Steuer mit dem Ge⸗ ſicht nach vorn in ſeinem Boote ſaß, erkannte zum erſten Mal, daß die flüchtige Selavin nicht allein in dem Canoe ſei.— „Alle Teufel!“ rief er aus,„was iſt das?— ſind wir einem falſchen Canoe gefolgt, oder hat die Dirne noch einen Begleiter bei ſich? Darum konnte ſie ſo ſcharf rudern, aber warte, mein Herz, Dir ſoll die Luſt vergehn, zum zweiten Mal davon zu laufen— jetzt bin ich nur be⸗ gierig, Deinen Compagnon kennen zu lernen.“ „ Deſſen Bekanntſchaft kannſt Du bald machen, mein Burſche!“ rief da Jack, den Bu ſeines Canoes herum⸗ 18 herlm die Strömung anhielt, die werfend, daß es gerade gegen 157 Büchſe hatte er zugleich auf ſeine Knie geworfen, die Mün⸗ dung dem kaum noch zwanzig Schritt entfernten Boote zugekehrt— in dieſer Stellung konnte er die Waffe mit Sicherheit führen. „Verdammniß!“ ſchrie der Aufſeher,„das iſt nicht die Stimme eines Niggers— das iſt—“ „Ein guter Freund und alter Bekannter von Dir, Kamerad,“ rief da der junge Mann, ſeine Ruder vor ſich in's Boot werfend und die Büchſe im Anſchlag heraufneh⸗ mend—„halte das Canoe einen Augenblick in der Rich⸗ tung, Sally, bis ich den Burſchen da drüben abgefertigt habe— und nun herum mit Enrem Bug, Ihr Schufte, oder ſo wahr ein Gott da oben über uns lebt, ich ſchieße Dir eine Kugel durch das Hirn!“ „Das iſt der Bootsmann von dem Flatboot drüben!“ ſchrie der Aufſeher, von ſeinem Sitz emporſpringend— „hundert Dollars, Jungen, wenn Ihr den Burſchen lebendig fangt, daß ich ihn hängen ſehe.“ Die Neger ſetzten ihre Ruder mit aller Kraft ein; das Boot ſprang bei jedem Schlag, den ſie in's Waſſer thaten, ordentlich nach vorn. Dabei hielt der Steuernde den Bug voll gegen die Seite des Canoes und Jack durch⸗ ſſchaute im Nu die Abſicht des Aufſehers. Sobald es ihm ggelang, das ſchwanke Canoe mit dem weit ſtärkeren, in voller Flucht herankommenden Boot zu treffen, ſo mußte —õ— ——— öö——— 158 es füllen und ſinken, ſeine Schußwaffe war dann unbrauch⸗ bar, und ſie ſelber, im Waſſer, den Verfolgern rettungs⸗ los preisgegeben. Das Mädchen hatte den Kopf ſchaudernd abgewandt; die Stimme ihres Henkers füllte ihr Herz mit Todesfurcht, und nur mechaniſch folgte ſie dem Befehl ihres Begleiters, den Bug des Canoes noch gegen die Strömung zu halten. Jack dagegen wußte, daß der entſcheidende Moment gekommen ſei. Das Canoe lag vollkommen ſtill, mit der Strömung langſam niedertreibend, während das Boot ſchäumend heran ſchoß. Die Büchſe hob ſich langſam— der untergehende Mond ſchien hell auf das blitzende Korn — Jack wußte, daß von dem ſicheren Schuß ſein Leben abhing, und als er den Kopf des Aufſehers mit Korn und Viſier auf kaum zehn Schritt mehr in einer Linie hatte, drückte er ab. 4 6 Ein gellender Aufſchrei dröhnte mit dem Schuß zu⸗ ſammen, Jack aber die Büchſe in's Canve werfend, hatte im Nu das Ruder aufgegriffen, ihr Bug flog herum, ſcharf ab von den verfolgenden Boot, und wich, als dieſes einmal im Gang heranflog, mit Blitzesſchnelle zur Seite ab. Aber auch das Boot änderte ſeine Richtung, denn der zum Tod getroffene Aufſeher war auf das Steuerruder zurückgeſtürzt, dieſes zu Starbord hinüberdrückend. Dadurch wandte ſich jetzt deſſen Bug ſtromauf. Die Neger aber, “ „ 159 die keine Ahnung gehabt, daß der weiße Mann ſeine Droh⸗ ung ſo furchtbar raſch erfüllen würde, ja die vielleicht nicht einmal geglaubt, daß er ein Gewehr bei ſich führe, ließen erſchreckt die Ruder fallen, und ſprangen auf, ihrem ge⸗ ſtrengen Herren beizuſtehn. Mr. Hoofs Regiment hatte aber ein Ende. Die ſichere Kugel des jungen Bootsmanns war, nur etwas zu tief, durch ſeine Stirn gefahren.— Er lebte allerdings noch, aber nur, um wilde, unartikulirte Schreie auszuſtoßen, und mit den Armen jählings um ſich her zu werfen. Nach dem Schuß war er im Boot emporgeſprungen, und wäre über Bord gefallen, hätte ihn nicht einer ſeiner Leute ge⸗ faßt und gehalten. Dadurch aber, und während er mit ſeinem zuckenden Körper das Steuer zur Seite drückte, kam auch die ganze Bootsmannſchaft in Unordnung, und Jack war nicht der Mann, die ihm ſolcher Art gegönnte Zeit unbenutzt verſtreichen zu laſſen. Keinen Jubelſchrei ſtieß er aus über den geglückten Schuß, keinen Blick warf er weiter zurück auf das jetzt von ihm abgewandte Boot. Mit neuer Hoffnung, aber frei⸗ lich auch dem unbehaglichen Gefühl: ein abgeſchoſſenes Gewehr im Canoe zu haben, legte er ſich mit aller Macht in ſeine Ruder und arbeitete dem Land entgegen. Im Boot entdeckten ſie jetzt allerdings die Flucht des ſchon ſo ſicher geglaubten Canoes, aber ehe ſie ihre Ruder 160 wieder aufgreifen konnten, hatte das ſchon einen tüchtigen Vorſprung gewonnen, und dicht am Lande mit der Strö⸗ mung hin, glitten die Geretteten. Gerettet?— lieber Gott, noch lagen vielleicht ſchlim⸗ mere Gefahren für ſie im Hintergrund, als ſelbſt der jähe Tod im Strom geweſen wäre; aber dieſem erſten Angriff waren ſie doch entgangen. Der ſchlimmſte Feind, den ſie im Lande hatten, war unſchädlich gemacht, und allem Andern ſah der junge Burſche mit leichtem fröhlichem Her⸗ zen keck entgegen. Wohl folgte jetzt das Boot; die Neger hatten den Körper des Sterbenden, den ſie doch keine Hülfe bringen konnten, in den Boden des Bootes gelegt, und nahmen die Verfolgung wieder auf— aber es war kein rechter Ernſt mehr darin. Was konnten ſie auch, Sclaven mit einander, gegen den Weißen machen?— Durften ſie ſich an ihm vergreifen, und ſtand nicht Todesſtrafe für irgend einen von ihnen darauf, wer Hand an einen der bevorzugten, der freien Kaſte legte? Allerdings hatte der Mann eine Selavin geſtohlen, und vielleicht hätten ſie die Gerichte freigeſprochen— aber nur vielleicht. Sie wußten es nicht genau, und dann auch war der erſte Schuß mit ſolcher Sicherheit gefallen, und hatte ſich ſein Opfer ſo furchtbar ſchnell aus ihrer Mitte herausgeholt— ſollten ſie der Waffe noch einmal trotzen?— und weshalb 161* Die beiden Negertreiber, während ſie nichtsfeſto⸗ weniger ſo raſch ſie konnten hinter dem Canoe drein ru⸗ derten, überlegten ſich das Alles leiſe mit einander— aber in freiem Waſſer konnten ſie die Flüchtigen nicht mehr überholen. Um den Wipfel eines in den Strom geſtürz⸗ ten Baumes biegend, war es plötzlich ihren Blicken ent⸗ ſchwunden, und als ſie dicht davor das Waſſer mit ihren Rudern zurückdrängten und vorragende Aeſte faßten, ſich dort feſtzuhalten, hatte ein überhängender Baum die Bei⸗ den ſchon in ſeinen Schutz genommen. In dem Boot befanden ſich noch, außer dem erſchoſ⸗ ſenen Aufſeher, vier Neger— die beiden Negertreiber, Mulatten, und zwei der zuverläſſigſten Sclaven, die Mr. Hoof für dieſen Dienſt ausgewählt. Ohne weißen Be⸗ fehlshaber durften ſie aber ſelber Nichts eigenmächtig un⸗ ternehmen, ja wenn ſie ſelbſt auf der nächſten Plantage angelaufen wären, waren ſie der Gefahr ausgeſetzt, als entflohene Sclaven aufgegriffen und zurückgehalten zu werden. Nichtsdeſtoweniger hielten es die beiden Neger⸗ treiber für ihre Pflicht, den Flüchtigen wenigſtens den Waſ⸗ ſerweg abzuſchneiden, indem ſie das dort eingelaufene und wahrſcheinlich jetzt verlaſſene Canoe herausholten und trei⸗ ben ließen oder zerſtörten. Es war dann immer eher mög⸗ lich, die Beiden hier im Walde wieder aufzufinden und zu fangen. Nach kurzer Berathung entſchloſſen ſie ſich denn 1858. I. Gerſtäcker, der Flatbootmann, 11 162 auch, ihr Boot in das Gewirr von Aeſten, durch die das ſchmale Canoe viel leichter hindurch geſchlüpft war, hinein zu ſchieben. Gar nicht weit den Strom hinauf hatten ſie eine Plantage liegen ſehn, dort konnten ſie dann die An⸗ zeige machen, und hielt man ſie feſt, ſo ließ ſich ihre Un⸗ ſchuld leicht beweiſen. Vorſichtig machten ſie ſich deshalb an die Arbeit und die Ruder auf die Bänke legend, während ſie ſich an den Aeſten langſam vorwärts zogen, brachten ſie das Boot auch bald dort ein, wohin ihnen das Canoe vorangegangen. Ehe ſie aber nur in dem dunklen Schatten der Bäume er⸗ kennen konnten, wo es lag, donnerte ihnen des Bootsmanns Stimme entgegen: „Zurück, meine Burſchenl! ſchiebt ſich Euer Boot noch eine Elle weiter hier ein, ſo ſchieß ich dem erſten Wollkopf, der ſich darin zeigt, eine Kugel durch's Hirn— habt Ihr mich verſtanden?“ Die Neger antworteten nicht, daß der Mann aber nicht ſpaße, davon hatten ſie den blutigen Beweis in ihrem eigenen Fahrzeug liegen, und raſcher, als ſie in das Ge⸗ wirr hineingekommen, arbeiteten ſie ſich wieder zurück Mit Gewalt war da Nichts auszurichten und ſie ſelber mußten auf einen anderen Plan denken, dem Canoe we nigſtens die weitere Flucht abzuſchneiden. 3 Jack hatte indeſſen ſeinen eigenen Plan gefaßt. * 163 wie das Canoe mit der Spitze die dort nicht zu ſteile Ufer⸗ bank berührte, ſprang Sally hinaus und ſtand jetzt zitternd am Ufer, ihren Beſchützer zu erwarten. Der junge Boots⸗ mann ſäumte denn auch nicht, ihr zu folgen, und einmal erſt auf ſicherem Boden, wurde ihm leichter, fröhlicher um's Herz. Seine erſte Sorge war aber, die abgeſchoſſene Büchſe wieder zu laden, und mit der Waffe jetzt wieder ſchußfertig in der Hand wußte er, daß er ſich die unbewaff⸗ neten Neger leicht in nöthiger Entfernung halten könne. Ihren erſten Verſuch, ſein kleines Fahrzeug zu neh⸗ men, machte er auch raſch nur durch ſeine Drohung zu nichte, war aber dadurch auch nicht um viel gebeſſert. Vor⸗ ſichtig horchte er allerdings erſt eine Weile nach den Zu⸗ rückweichenden hinüber, ſo lange er ihre Stimmen hören konnte und kletterte dann leiſe wieder in das Canve hinab. „Wo wollt Ihr hin?“ flüſterte Sally, erſchreckt die Hände faltend.„Nur ruhig, mein Herz,“ warnte aber der Mann mit eben ſo leiſer Stimme.„Erſt muß ich wiſſen, was die Burſchen da draußen vorhaben— bleib' nur ruhig hier und fürchte Nichts— ich komme gleich zurück.“ Seine Büchſe im Canoe, ohne jedoch das Ruder zu gebrauchen, ſchob er jetzt den Bug deſſelben langſam weiter und weiter vor, bis er der ihm ängſtlich nach Schauenden im Schatten des dunklen Baumwollenholzwipfels ver⸗ 118 164 ſchwunden war— und lange Minuten vergingen und er 4 kehrte nicht zurück— War er geflohen?— hatte er ſie allein hier ihrem Schickſal überlaſſen? Sie ſchauderte bei dem Gedanken, 3 und noch einmal ſo unheimlich rauſchten die düſtern Wipfel über ihr und tönte klagend der Ruf der Eule durch den ſtillen Wald. Eine volle halbe Stunde verging ihr ſo in peinlichem qualvollem Warten und keine Nacht war ihr ſo lang noch vorgekommen. Endlich glaubte ſie das Geräuſch zurück⸗ 3 gedrängter Büſche zu hören, ihr Herz klopfte ſtürmiſch in der Bruſt und jetzt— er kehrte zurück— Dort ſchob ſich 5 das lange ſchmale Canoe langſam dem Land wieder entge⸗ gen und als ſie ſich vorbeugte, den Bug deſſelben zu faſſen und zu halten, trat Jack, die Büchſe in der Hand, zu ihr hinaus.. † Kein Wort ſprach er dabei, nur Alles, was noch im AKoot lag, hob er heraus, zog das Canoe dann weiter auf den weichen Boden, höher und höher hinauf— Seine ganze Kraft mußte er dabei anwenden und bald an dem, bald an jenem Ende heben, denn das Mädchen konnte ihm wenig⸗ dabei helfen. Endlich aber gelang es ihm doch, es, wenig⸗ ſtens vom Waſſer aus, außer Sicht hinter einen Buſch zu bringen und ging nun daran, die hinterlaſſenen Spu . im weichen Boden ſo viel als möglich wieder unkenntlie ————— Burſchen von unſerem Canoe zurückſcheuchte, ſind ſie na⸗ 165 zu machen. Sally hatte ihn dabei ſo viel ſie konnte un⸗ terſtützt und das beendet, faßte er jetzt des Mädchens Hand und half ihr wieder die Uferbank hinauf, weiter, immer weiter in den Wald hinein. Noch immer ſprach er kein Wort und ſuchte nur ſorgfältig die offenſten Stellen für ſeinen Schützling aus, den rauhen Weg ihr ſo viel als möglich zu erleichtern, bis ſie das Ufer weit, weit hinter ſich gelaſſen. 5 Sally war ihm, ohne eine Frage zu thun, ohne eine Klage auszuſtoßen, durch Schilf und Sumpf und über um⸗ gebrochenes Holz gefolgt. Da plötzlich blieb er ſtehn, warf ſeine Decke zu Boden, lehnte die Büchſe an einen umge⸗ ſtürzten Stamm, neben dem ſie ſtanden und ſagte freundlich: „Nun, mein Kind, ſind wir Deinen unmittelbaren Verfolgern wenigſtens entrückt und wie's nun weiter kom⸗ men mag, müſſen wir verſuchen.— Aber haſt Du Kraft, mir noch ein paar Stunden lang durch dies Gewirr von Schilf und Unterholz zu folgen?“ „Ja,“ ſagte das arme Mädchen leiſe—„wohin Ihr mich führt; ich will nicht fragen, was und wie Ihr's thut.“ „Oh nein, mein Herz, ſo war es nicht gemeint,“ ſagte der junge Mann lachend,„Du ſollſt allerdings ge⸗ nau wiſſen, was ich zu thun gedenke; ob es uns glückt, ſteht freilich in Gottes Hand. Nun höre: Dadurch, daß ich die 166 türlich der Meinung, daß wir ihnen mit dem und zu Waſ⸗ ſer noch entgehen wollen. Sie wiſſen auch ziemlich genau, 6 wie wild dieſe Wälder ſind und können ſich nicht den⸗ ken, daß ein Fremder ſeinen Weg hindurch finden würde. Der Wald iſt aber meine eigentliche Heimath und ein alter Freund, und einen beſſeren Führer könnteſt Du Dir nicht wünſchen.“.. „Aber die Verfolger werden nach der nächſten Plan⸗ tage rudern und dort die Leute auf unſere Fährten ſetzen.“ „Wenn ſie das dieſe Nacht beabſichtigten, wären wir jetzt ſchon wieder im Canoe unterwegs,“ ſagte Jack,„und hätten's dann gewiß ein gutes Theil bequemer. Wie die 4 Sache aber jetzt ſteht, haben ſie ihr Boot draußen an den Büſchen feſt gemacht und wollen dort jedenfalls, während ſie den Tag abwarten, uns verhindern, wieder auszulau⸗ fen. Das war auch das Geſcheuteſte, was ſie thun konn⸗ ten, denn bei Nacht dürfen ſie nirgend anlaufen, wie Nie⸗ mand daran denken könnte, uns hier im Wald im Dunklen zu verfolgen. Was ſie für morgen früh beabſichtigen, weiß ich nicht, bis dahin aber, hoff' ich, ſind wir aus ihrem Be⸗ reich. Weiter unterhalb im Strom und kaum eine halbe Stunde Wegs von hier entfernt, ſah ich nämlich, gerade. als ich mir einen Platz zum Landen ſuchte, ein ſchwachees Licht aus dem Wald ſchimmern. Dort liegt jedenfalls die Hütte irgend eines Holzfällers, die ſich hier überall 2 167 Ufer niedergelaſſen, Holz für vorbeikommende Dampfer aufzuklaftern. Alle dieſe Leute haben aber ein Boot oder Canoe an ihrem Haus und wenn wir das erreichen, ehe die Sonne aufgeht, dann nögen ſie hier oben ſitzen und Wache halten nach zensluſt, dann führ' ich Dich vor Tag einem freien und s Sott, glücklichen Leben entgegen.“ 5 Glücklich, ¹ ſagt ſeufzend das arme Mädchen, „darf ich auf Glück nock e gen?“ „Ja, mein Kind, 6 gle da mit weicher Stimme der ſonſt ſo rauhe, wetterfeſte uuſch indem er des Mädchens Hand ergriff und hielt.„Ja, Sally, wenn wir allen den Gefahren, die uns hier noch udrehen, glücklich entgehn, dann darfſt Du das und haſt es mehr vielleicht verdient, als tauſend Andere, die von ihrer Geburt an darin ſchwel⸗ gen. Jetzt aber faſſe nur guten friſchen Meuth/ mein ar⸗ mes Kind! Du haſt mir nun einmal Dein Leben anver⸗ traut, und daß es Dich nie gereuen ſoll, laß meine Sorge ſein— Aber nun fort— wir verſäumen hier mit Schwaz⸗ zen die ſchöne koſtbare Zeit und haben das Schlimmſte noch vor uns— einen weiten Weg durch Dornen und Geſtrüpp. Ich fürchte faſt, es wird zu viel für Dich.“ „Oh ſorgt Euch nicht um mich,“ rief da das Mäd⸗. chen und ihre Stimme klang i in dem Augenhlick zum erſten Mal froh und ſorgenfrei—„Ihr ſollt ſehn, wie rüſtig ich Euch folgen werde, und jetzt, in dieſem Augenblick, iſt es mir auch faſt, als ob ein ſchwerer Gram von meiner Seele genommen wäre. Guter Gott, ich habe noch nie in meinem Leben gewußt, wie einem Weſen zu Muthe iſt, um das ein anderes ſich ſorgt. Ihr ſelande Erſte, der freund⸗ lich mir entgegen tritt, von deſſen Lippen ich keine harten zürnenden Worte höre und wenn ich jetzt auch meinen Pei⸗ nigern wieder in die Hände fiele, wenn ich ein ganzes langes Leben durch für dieſen einen glücklichen Augenblick büßen müßte— ich will nicht murren— hab' ich doch gelebt.“ „Du armes, armes Kind,“ ſagte Jack—„daß es ſolche Teufel mit menſchlichen Fratzen giebt, die ſich Got⸗ tes Ebenbild nennen und eine Hölle um ſich ſchaffen. Aber die Zeit kommt vielleicht auch, wo dieſe Sclaverei als Fluch und Schande gebrandmarkt wird, wo nicht ein ſolch Ge⸗ ſindel die Peitſche mehr über ein unglückliches Volk ſchwin⸗ gen darf— Doch fort mit den Gedanken— bleibe dicht hinter mir, mein wackeres Mädchen, und halten Deine Kräfte nur noch ein paar kurze Stunden aus, ſo denk'ich haben wir das Schlimmſte überſtanden.“ Raſch griff er wieder ſeine zuſammengeſchnürte Decke, in die er ihre Proviſionen gewickelt hatte, vom Boden auf, nahm ſeine Büchſe und ſchritt durch den dunklen, jetzt nicht eeinmal mehr vom Mond erhellten Wald. Vorſichtig wählte her dabei jede nur einigermaßen lichte Stelle und wo es 169 ihm die bichten Wipfel erlaubten, blieb er ſtehn, um nach den Sternen ſeine Bahn zu finden. Sorglich half er da⸗ bei dem Mädchen über jeden in ihrer Richtung liegenden umgeſtürzten Stamm, führte ſie durch hie und da einge⸗ riſſene Gräben und rückte, wenn auch langſam, doch weiter und weiter mit ihr vor. So mochten ſie zwei volle Stun⸗ den gewandert ſein und Jack hatte ſich jetzt an dem Rand eines Schilfbruchs gehalten, wo das Unterholz nicht ſo dicht ſtand. Da erreichte er plötzlich einen kleinen freien Platz und wo er ihn betrat, verkündete ein durch Menſchen⸗ hand gefällter Baum die Nähe einer Wohnung. Raſch bog er ſich nieder, mit der Hand den Boden fühlend und mit dem Jubelſchrei„ein Weg! ein Weg!“ ſprang er wieder empor. „Iſt hier ein Weg?“ frug das Mädchen, die ſchon an ſeiner Seite ſtand. „Ja, mein Herz, ein Fahrweg noch dazu, auf dem die Leute jedenfalls ihr Holz zum Strom geſchafft haben, und hier ſind wir vom Ufer auch gar nicht mehr ſo weit entfernt. Hörſt Du den Dampfer, der dort drüben den Miſſiſſippi hinunter brauſt? Wenn wir die Richtung jetzt genau wüßten, in der das Haus liegt, könnten wir es viel⸗ leicht in kurzer Zeit erreichen.“ b „Dort bellte ein Hund,“ rief plötzlich Sally, des jungen Mannes Arm ergreifend und nach dort hinüber deutend, wo ſie geglaubt, daß ſie den Laut gehört. „Dort läutet die Glocke!“ ſchrie aber jubelnd Jack— „das Dampfboot legt an, Holz einzunehmen und in fünf Minuten wiſſen wir, woran wir ſind—“ „Aber es geht den Strom hinab,“ ſagte ſchüchtern das Mädchen. „Und was thut's?“ lachte Jack, die Bruſt von neuer Zuverſicht gefüllt.„Ich bin gern im Walde, Herz, und nie glücklicher, als wenn ich die grünen Wipfel über mir rauſchen höre. Der letzte Marſch hat mir den Wald aber auf ein paar Tage verleidet und mit den tiefen Spuren, die wir dort im weichen Boden hinterlaſſen, iſt es am Ende auch beſſer, wir machen, daß wir hier fortkommen. Gebe der Himmel, daß wir's zur rechten Zeit auch noch erreichen.“ Wieder ſchlug die Glocke draußen an. Deutlich konn⸗ ten ſie die ſcharfen Töne herüberſchallen hören und Jack wußte recht gut, daß dieſes Zeichen in der Nacht nur dann gegeben wird, wenn entweder Paſſagiere zu landen ſind, dder das Boot Holz einnehmen will. Das erſtere war hier nicht wahrſcheinlich, denn der dichte Wald verkündete keine Plantage, und nahm das Boot wirklich Holz, ſo behielten ſie auch Zeit genug, den Platz zu erreichen. Vor allen Dingen mußten ſie jetzt die Richtung genau wiſſen, in wel⸗ cher der Dampfer anlegen würde, und ob ſie dem gefun⸗ 171 denen Weg hier folgen könnten. Darüber ſollten ſie auch nicht lange in Zweifel gelaſſen werden. Wieder gab die Glocke ein paar kurze Schläge und kaum fünf Minuten ſpäter hörten ſie das ſcharfe Ziſchen des ausgelaſſenen Dampfes. „Hurrah, jetzt haben wir's,“ lachte Jack in wilder Fröhlichkeit,„und nun vorwärts, Kind— noch eine kurze Strecke und wir ſind am Ziel. 42 Rüſtig ſch ritt er auf dem Weg hin, und ſchon ſahen ſie eine weite Lichtung vor ſich, in der ſie die dort vielleicht begonnene Farm zu erreichen hofften. Da ſah Jack plötz⸗ lich die Sterne vor ſich im Weg von einem Waſſerſpiegel wiederflimmern und erkannte zu ſeinem Schreck, daß ſie an einem breiten Sumpfe ſtanden, der zwiſchen ihnen und dem Ufer lag. „Alle Teufel,“ murmelte er leiſe vor ſich hin,„das 8 iſt eine ſchöne Geſchichte, ſo dicht am Ziel und der ver⸗ dammte Sumpf.“. „Solche Stellen wimmeln von Alligatoren,“ ſtöhnte entſetzt das Mädchen, während Jack, der eben denſelben Gedanken gehabt, ſich beſtürzt hinter dem Ohre kratzte. „Ja, ich weiß, mein Herz,“ brummte er leiſe zwiſchen den Zähnen durch—„deren Bekanntſchaft haben wir heute ſer einmal gemacht— Wieder ziſchte der Dampf aus dem Boot, und dber 172 die offene Waldſtelle herüber klang es, als ob es kaum fünfhundert Schritte entfernt liegen könnte. „Und wenn wir nun verſuchten, den Sumpf zu um⸗ gehn?“ ſagte ſchüchtern das Mädchen. „Das geht nicht,“ rief Jack—„die ganze Nacht könnten wir dazu gebrauchen, und brächen überdieß noch Hals und Beine in den verwünſchten Cypreſſenwurzeln. Nein, Sally, hier ſind wir einmal und müſſen auch hin⸗ durch, und was ich heute Morgen von den Alligatoren ge⸗ ſehen, läßt mich glauben, daß ſie eben feige Beſtien ſind. Drum friſchen Muth— hier, Mädchen, nimm meine Büchſe — hab' Acht, daß Du den Hahn nicht ſpannſt, und jetzt trag' ich Dich hindurch.“ „Hin, durch den Sumpf?“ „Hab' keine Angſt— das Waſſer iſt an ſolchen Stellen ſelten tief— Bäume ſtehen ja überall darin, und durch die Pfütze wollen wir uns nicht zurückſchrecken laſſen. Fürchteſt Du Dich?“ „Ich fürchte für Euch,“ fagte leiſe das Mädchen, indem ſie zögernd die dargereichte Waffe nahm—„ich will lieber den Alligatoren zur Beute fallen, als den Ver⸗ folgern.“ „Beides nicht angenehm,“ lachte Jack,„aber ich hoffe, wir entgehen den Einen wie den Andern, und nun vor⸗ wärtsl“ * ——————— —,— — — — — ——— 173 Sorgſam hob er die ſchlanke Geſtalt in ſeine Arme und mit feſtem trotzigen Schritt betrat er den weiten öden Sumpf. Aber der Boden war hart, das Waſſer reichte ihm wenig über die Knie, waren ja doch auch ſchon die Holzwägen hier hindurch gefahren, und weiter und weiter ſchritt er darin hin. Rechts und links hörte er hie und da ein Plätſchern, und der ſcheu umher geworfene Blick ließ ihn manchen dunklen Punkt erkennen, den er mis⸗ trauiſch für einen der braunen weitrachigen Burſchen hielt. Aber dem Geräuſch, das er im Waſſer machte, wichen ſie aus, und nach kaum einer Viertelſtunde fühlte er wieder trocknen Boden unter den Füßen. Und dort lag auch das Boot. Durch die Büſche konnte er ſchon die Feuer erkennen, die von der Mann⸗ ſchaft am Ufer entzündet waren und wie ſie jetzt raſch darauf zu ſchritten, ſahen ſie, von ihrem Schein erhellt, das kleine Blockhaus an der ſchmalen Lichtung liegen. Während der Dampfer, mit ausgeſchobenen Planken dicht am Ufer lag, arbeitete die Maſchine und geſchäftige Menſchen liefen, große Laſten Holz auf den Schultern, an Bord und wieder leer von Bord zurück an Land. „Aber werden ſie uns aufnehmen?“ flüſterte das bange Mädchen, dem in der Nähe der vielen Weißen die alte Jurcht das Herz beſchlich. „Wir werden ſie nicht ſragen, 4 lachte Jack.„Jetzt 174 halt' den Kopf oben, Kind, und zeig' um Gottes Willen keine Scheu. Wir gehen gerad' an Bord— fragen wird uns kein Menſch, bis wir erſt einmal unterwegs ſind, denn dazu haben die Leute jetzt nicht Zeit, und für das andere laß Du mich dann ſorgen.“ Sally's Hand ergreifend ſchritt er jetzt langſam in den Menſchenknäul hinein, der, wenig ſeiner achtend, ge⸗ ſchäftig herüber und hinüber wogte. Ein paar der Leute ſahen wohl verwundert nach der weiblichen Geſtalt, aber vielleicht waren es Paſſagiere aus dem Boot, vielleicht ge⸗ hörten ſie hier in das Haus— was kümmerte es ſie. Dicht hinter einigen der Holzträger ſchritten ſie über die ſchmale Planke hin an Bord, und dort ohne weiteres in das düſtere Zwiſchendeck hinein, zwiſchen Gruppen von Schlafenden und Spielern hin. Niemand kümmerte ſich um ſie und Jack hatte bald eine für den Augenblick unbe⸗ ſetzte Coye gefunden, in die er ſeine Decke warf. Dann bließ er das Pulver von der Pfaune ſeiner Büchſe, ſtellte das Gewehr in die Ecke und ſchien ſich jetzt vollkommen zu Haus zu fühlen. Draußen läutete in dieſem Augenblick wieder die Glocke, die Leute waren fertig; das Boot ſchob in den Strom hinaus, und die von den Paſſagieren, die mit Holz getragen, kehrten in das Zwiſchendeck zurück. „allo Kamerad,“ ſagte da ein langer Kentuckier, 175 der in ſeiner verlaſſenen Schlafſtelle wieder einkehren wollte, und ſie indeſſen ganz unerwarteter Weiſe in Beſitz genommen fand. In der Coye ſchlaf' ich, nimm Deine Decke nur wieder heraus.“ „Iſt das Euer Platz?“ frug Jack. „Ja— haſt Du was dagegen?“ ſagte trotzig der Mann. „Nein, Kamerad,“ lautete die ruhige Antwort,„aber ich bin eben hier mit meiner Frau an Bord gekommen, und ſehe keinen anderen Platz für ſie. Wenn Du da drinnen ſchlafen willſt, muß ſie die Nacht auf einer Kiſte ſitzen, wenn Du ihr aber den Platz überläßt, zahl' ich ihn Dir.“. „So war's nicht gemeint,“ brummte der Burſche gutmüthig, als er einen Blick in das freundliche zu ihm aufgedrehte, jetzt von Purpurröthe übergoſſene Geſicht des Mädchens geworfen—„legen Sie ſich ruhig hinein, May'm, und wenn Sie die Decke, die da drinnen liegt, zum Kopfkiſſen benutzen wollen, ſoll's mich freuen— Sie werden ſo noch hart genug liegen.“ „Dank Euch, Freund,“ ſagte Jack, des Mannes Hand ergreifend und ſchüttelnd. „Unſinn,“ brummte dieſer—„'s iſt gern geſchehn.“ Dabei drehte er ſich ab, ſtreckte ſich auf einer der nächſten 176 Kiſten aus und war bald, trotz der unbequemen Lage, ſanft und ſüß eingeſchlafen. Jack bereitete indeſſen ſeinem Schützling das Lager in dem ihr überlaſſenen Schlafplatz, hüllte die müden Glie⸗ der des armen Mädchens in die wollene Decke ein, und ging dann ſelber vorn zu den Heizern, ſich an deren Feuer die naßgewordenen Kleider wieder zu trocknen. Achtes Kapitel. Salomo. Für jetzt hatten ſie allerdings gar Nichts für ihre Sicherheit zu fürchten. Sally war weiß genug in Keinem, der ſie nicht ſelbſt perſönlich kannte, auch nur den Verdacht urgimmn zu laſſen, daß Negerblut in ihren Adern fließe. Nur an den Fingernägeln bleibt gewöhnlich bei den Qua⸗ droonen noch ein matter dunkler Schein, verrätheriſch die Abſtammung zu künden. Aber ſelbſt das war ſo unbedeu-⸗ tend, daß es nur dem genauen Beobachter aufgefallen wäre, während Sally das ſelber wußte und ſich wohl davor hüten konnte. 4 177 Jack aber, trotz der furchtbaren Anſtrengung der letzten Nacht, trotz der Aufregung, in der er ſich fortwäh⸗ rend befunden, konnte ſelbſt nicht ſchlafen. Zum erſten Mal, zwiſchen all' den fremden Menſchen, in deren Ge⸗ walt er ſich rettungslos befand, ſo wie ſie nur das an dem letzten Tag Geſchehene geahnt, wurde ihm die Gefahr klar, der er ſich ausgeſetzt. So lange die Aufregung ſelber dauerte, hatte dieſe kein anderes Gefühl in ihm aufkom⸗ men laſſen, als das, ſeinen Verfolgern zu entgehn. Jetzt aber in dem Zuſtand von Ruhe, den er jetzt genoß, mit keiner unmittelbaren Gefahr mehr die ihn bedrohte, kühlte ſich ſein Blut auch ab, und er begann zum erſten Mal zu überlegen. Mitten in den Sclavenſtaaten, in dieſem Augenblick ſogar noch weiter und weiter auf dem flüchtigen Boot gen Süden ſchnaubend, war er auch jede Stunde der Gefahr ausgeſetzt, daß irgend Jemand das Mädchen erkenne oder Verdacht über ihre Abkunft ſchöpfe. Entweder mußte er ſich dann von ihr losſagen oder— Rechenſchaft von ihr geben, das eine aber wollte, das andere konnte er nicht und einmal erſt den Verdacht auf ſich gelenkt, war er ver⸗ loren. Der morgende Tag mußte ebenfalls die glückliche Flucht wie den Mord des Aufſehers entdecken, und wenn er ſich über den letzteren auch nicht die geringſten Gewiſſens⸗ biſſe machte, wußte er doch recht gut, daß ein entſetzlicher 1858. I. Gerſtäcker, der Flatbootmann. 12 Lärm darüber entſtehen werde, und die Zeitungen ſo raſch als irgend möglich die Thatſache, mit der genauen Be⸗ ſchreibung des flüchtigen Mädchens, verbreiten würden. Zu keiner Zeit war dabei in den ſüdlichen Staaten die Aufregung gegen den Norden größer geweſen, als ge⸗ rade jetzt; zu keiner Zeit hatten die Selavenhalter ihre ver⸗ meintlichen Rechte unnachſichtlicher überwacht, als in den letzten Monden. Mit furchtbarer Strenge waren alle Neger, gegen die nur der geringſte Verdacht vorlag, meu⸗ teriſche Abſichten zu hegen, beſtraft worden, mit dem größ⸗ ten Eifer hatte man Alles verfolgt, was nur mit dem Abo⸗ litioniſtentreiben im Norden in der geringſten Verbindung ſtehen konnte und Verſammlungen waren faſt in allen größeren Städten des Südens gehalten worden, einander in dieſer Hinſicht mit allen nur zu Gebote ſtehenden Kräf⸗ ten zu unterſtützen. Das Alles hatte er ſchon vor ihrer Abreiſe im Norden gehört und die Warnung des Alten, ſich nur um Gottes Willen in Acht zu nehmen, daß er nicht gehangen würde, fiel ihm in dieſem Augenblick mit aller Schärfe wieder ein. Keinenfalls gedachte er weiter den Strom hinabzu⸗ gehn, als irgend nöthig und ſchon mit Tagesanbruch bot ſich ihm eine paſſende Gelegenheit, einen Landungsplatz zu finden. Der einzige Schutz den er vor der Hand erwar⸗ ten konnte war, wie er recht gut wußte, nur in einer gro⸗ & 179 ßen Stadt, und als er von Einem der Bootsleute hörte, daß ſie etwa mit Sonnenaufgang Natchez, die bedeutendſte Stadt in Miſſiſſippi erreichen würden, beſchloß er, dort mit ſeinem Schützling an Land zu gehn. Noch konnte die Nachricht der entflohenen Sclavin nicht hierher gelangt ſein, und jeden Tag, ja oft drei, vier Mal des Tags hatte er in einer ſolchen Stadt Gelegenheit, ein ſtromauf gehen⸗ des Boot zu benutzen. Mit Tagesanbruch kam der Buchführer aus ſeiner Cajüte herunter, die in Natchez ausgehende Fracht wie etwa das Boot verlaſſende Paſſagiere zu revidiren. Dieſem meldete er ſich vor allen Dingen, ſeine Paſſage zu zahlen und ſein Billet zu löſen, um keine Unannehmlichkeit zu haben. „Hallo,“ ſagte dieſer erſtaunt, als er ihm ſein An⸗ liegen vortrug,„wo ſeid Ihr an Bord gekommen?“ „An der letzten Landung, da wo Ihr Holz einge⸗ nommen habt,“ erwiederte Jack aber, der recht gut wußte, daß nicht die mindeſte Gefahr für ihn in der Wahrheit lag,„ich war mit meiner Frau oben bei meinem Bruder zu Beſuch und will jetzt wieder nach Haus zurück. Ich wohne in Natchez.“ „Ahem—“ brummte der Buchhalter, der darin nichts Außerordentliches ſah, denn Aehnliches geſchah alle Tage —„alſo Paſſage für Euch und Euere Frau?“”“ „ Für uns Beide.“ * „Na, zahlt zwei Dollar zuſammen,“ lautete die Ant⸗ wort,„von Vicksburg hättet Ihr drei zu zahlen gehabt.“ Das Geld wurde gezahlt, Jack bekam ſeinen Zettel und weckte jetzt Sally, die Landung nicht zu verſäumen. Unbehindert erreichten ſie auch das Land, wo Jack gleich unten am Hügel ein deutſches Koſthaus aufſuchte, jeder Möglichkeit zu begegnen, irgend einen Bekannten dort zu treffen. Das war bald gefunden, denn vier oder fünf ſolche lagen dicht beiſammen. Die einzige Schwierigkeit blieb, ein kleines Stübchen allein zu bekommen, aber auch das gelang endlich und die Entflohene ſolcher Art in Sicherheit gebracht, erwartete er mit peinlicher Ungeduld das nächſte, ſtromauf gehende Boot— und es kam keins. Den ganzen Tag ſtieg er den Natchez Hügel auf und ab, den Strom hinabzuſehen— ſo viele Boote ſonſt den Strom befahren, und ſo vielen ſie ſelbſt unterwegs begegnet waren, heute ſchien der Fluß wie ausgeſtorben, und wenn ja der puffende Dampf eines derſelben laut wurde, kam es auch ſicher ſtets den Strom herab. Die ganze Nacht blieb er ſolcher Art auf der Lauer, nur dann und wann das arme Mädchen beruhigend, das in tödtlicher Angſt jetzt faſt verging. Die Zeit verfloß, und mit der Schnelle, mit der ſich in Amerika ſolche Nachh richten verbreiten, war jeden Augenblick zu fürchten, das ihnen nachgeforſcht würde. V V 181 In ſolcher furchtbaren Aufregung befand er ſich zu⸗ letzt, daß er, wo er nur zwei zuſammen heimlich ſprechen ſah, wo nur ein fragender oder ſelbſt gleichgültiger Blick ihn traf, ſein Herz raſcher an zu klopfen fing, und er ſich oft faſt ſelbſt verrathen hätte. Endlich— endlich, wie die aufſteigende Sonne, die auf dem höchſten Gipfel gelegenen Häuſer vergoldete, und aus den blanken Fenſterſcheiben ihr Licht wiederſpiegelte, kam einer der breiten mächtigen Dampfer, die beſonders zwiſchen New⸗Orleans und Saint⸗Louis ihre regelmäßigen Fahrten haben, ſtromauf. Alle dieſe legen dabei in Nat⸗ chez an, Paſſagiere zu wechſeln und auch Fracht auszuladen, vielleicht auch für den Norden zu nehmen. War übrigens Kunde von dem Geſchehenen nach Nat⸗ chez gekommen und ſpürte man hier den Flüchtigen nach, ſo wußte Jack recht gut, daß an der Bootlandung Conſtabler poſtirt ſein würden, die aus⸗ oder eingehenden Paſſagiere zu muſtern. So keck und muthig er dabei jeder wirklich gekannten Gefahr entgegen ging, ſo lähmend wirkte dieſe unbeſtimmte auf ihn ein.— Die Ungewißheit, in der er ſchwebte, hatte ihn ganz entmannt, und als er zu Sally in's Zimmer trat, ſie abzuholen, ſank das Mädchen zitternd in die Knie, denn ſein todtenbleiches Geſicht ließ ſie das Schrecklichſte ahnen. „Wir ſind entdeckt?“ rief ſie und barg das Antlitz in— den Händen—„oh verheimlicht es mir nicht— die Ver⸗ folger ſind auf unſerer Spur.“ „Aber Kind, wie Du mich erſchreckt haſt,“ ſagte der Mann, und fühlte wie ihm ſelber die Knie zitterten— „und ſprich auch nicht ſo laut— die Wände hier ſind dünn, und ein ſolches Wort, dem falſchen Ohr zugetragen, könnte uns allein ſchon verderblich werden. Nein, komm; noch iſt Nichts geſchehn, das mich etwas derartiges könnte ahnen laſſen; aber— wir ſelber müſſen auch den Kopf oben tragen. Es darf uns Niemand anſehn, daß wir uns ſel⸗ ber nicht ſicher fühlen und dann, hoffe ich, kann noch Alles gut gehen. Den Kopf alſo in die Höh', mein Mädchen; daß Du einen entſchloſſenen Charakter haſt, beweiſt ſchon Deine Flucht und führe das jetzt durch was Du begonnen. Nur wenige Tage noch und wir ſind in Sicherheit.“ „So kommt,“ ſagte das Mädchen, ſich gewaltſam zuſammennehmend—„Ihr habt recht und— Ihr ſollt mit mir zufrieden ſein.“ Jack ſah das liebe, von einer Thräne ſchwimmende Auge lächelnd zu ſich aufgeſchlagen, und es war als ob mit dieſem Blick der alte friſche Muth in ſein Herz zurückge⸗ kehrt ſei. Die eigene Gefahr hatte er vergeſſen, und mit Ker Sorge um das holde Weſen, das ſeinem Schutz ſich billenlos überlaſſen, fühlte er auch die Kraft in ſich, das Begonnene durchzuführen. Den Schwachherzigſten ſelbſt 183 überkommt ein eigenes, ſonſt vielleicht nicht einmal ge⸗ kanntes Bewußtſein von Stärke, eine feſtere Zuverſicht, wenn er noch einen Schwächeren ſeiner Hülfe vertrauen, zu ihm aufblicken ſieht. Wie viel mehr denn mußte ein ſolches Gefühl den jungen thatkräftigen Mann erheben, der an Gefahren von Jugend auf gewöhnt, nur in der zögernden Gefahr einen Augenblick gewankt. Seine Hand umſpannte feſter die treue Waffe, die er wieder auf der Schulter trug, und als das Mädchen jetzt an ſeiner Seite zum Boot hinabſchritt, ſchaute er feſt,— doch trotzdem heimlich forſchend— rings umher. Aber nur fremde gleichgültige Geſichter waren es, die ihm begegneten, und durch das wilde Drängen einer Menge von Müßiggängern hin, die ſtets ein anlandendes Boot belaufen; durch Kofferträger und das Boot verlaſſende Paſſagiere wand er ſich, mit dem Mädchen an der Hand, mühſelig den Weg an Deck. Uebrigens hatte er keine Vorſicht verſäumt und die Zeit, die ihm in Natchez geblieben war, vortrefflich benutzt, ſeinen Schützling durch Nichts auffällig zu machen. Das etwas zu weite Kleid der alten würdigen Mrs. Poleridge war mit einem paſſenden vertauſcht worden, ein neues Bonnet ſchützte ihr Geſicht gegen die Sonnenſtrahlen ſo⸗ . wohl, wie den neugierigen Blick der Menge und leichte Handſchuhe verhüllten die verrätheriſche Farbe der Nägel. War es den beiden dann auch im Anfang noch ein unbehagliches Gefühl an Bord, ehe ſie ihre ſämmtlichen Mitpaſſagiere gemuſtert und ſich überzeugt hatten, daß nur Fremde ſie umgaben, ſo wich das doch bald einer größeren Sicherheit. Nur jetzt erſt einmal die Plantage hinter ſich und aus der unmittelbaren Nähe ihrer gefähr⸗ lichſten Feinde, und alles Schwere war dann überſtanden. Allerdings hatte Jack gehofft, ſchon am vorigen Abend ein ſtromauf gehendes Boot zu finden, wo ſie dann in der „Nacht jene ihnen gefährliche Gegend paſſirt und mit Tagesanbruch weit hinter ſich gelaſſen hätten. Derartige große Boote wie das war, auf dem ſie ſich jetzt befanden, legen aber nur ſelten unterwegs an einzelnen Plantagen an. Dadurch verringerte ſich ihre Gefahr; was ihnen aber auch drohte, ſie mußten den Weg hier zurücklegen, raſch in ein freies Land zu kommen. Die„Queen of the West wie der Dampfer hieß, arbeitete indeſſen mit voller Kraft gegen die ſtarke Strömung des Miſſiſſippi an, und während ſich Sally ein dunkles Eckchen im Zwiſchendeck geſucht, ging Jack hinaus auf das Vorderdeck, die dortigen Leute zu muſtern. Vom Boilerdeck) nieder ſtieg jetzt ein ältlicher Herr, ») Das vordere offene Cajütsdeck der erſten Etage, von dem die Treppen auf das untere Deck niederführen. 185⁵ der auf der nächſten Plantage an Land geſetzt ſein wollte. Die Cajütswärter trugen ſein Gepäck hinter ihm her; die „Deckhands“ oder Matroſen hatten indeſſen das Boot lang⸗ ſeit geholt, das er beſtieg und an Land gerudert wurde. Indeſſen arbeitete die Maſchine nur langſam gegen den Strom an, eben genug, nicht zurückgetrieben zu werden und das gewaltige Boot lag ziemlich ſtill auf dem Waſſer. Eine kleine Flotte von Flatbooten kam indeſſen mit der Fluth herab und die Leute an Bord arbeiteten aus Lei⸗ beskräften, dem Dampfer auszuweichen, der nicht gut wei⸗ ter nach dem Land zu hinüberhalten konnte. Die Queen of the West ging wenigſtens ſiebzehn Fuß im Waſſer und das Ufer ſchien nach dortzu ziemlich ſeicht. Jack hatte mit dem eigenen Intereſſe, das er für dieſe Boote fühlte, ſie raſch gemuſtert. Freilich war es ſchwer, ſie unter einander zu kennen, da ſie alle gleichmäßig von ungehobelten Planken, nach einer Form zuſammengena⸗ gelt, ſich nur hier und da in der Größe etwas von einan⸗ der unterſcheiden. Auch die Mannſchaft derſelben geht ziemlich gleich, an Bord nur einfach in Hoſe und Hemd ge⸗ kleidet und wenn nicht manchmal eins oder das andere ab⸗ ſichtlich einen weißen oder rothen Streifen um das Boot herum malt, oder eine kleine Flagge führt, ſind ſie ſchwer aus einander heraus zu kennen. Auf dem vorderſten, das jetzt raſch heran lan ſtand allerdings eine Figur am Steuer, die von weitem dem al⸗ ten Poleridge glich. Das Boot ſelber trug aber einen weißen breiten Streifen und keine Fahne; es war alſo nicht das ſeine. Sein Blick flog auch ſchon nach den anderen hinüber, als ein kleiner Hund auf dem erſten ſichtbar wurde, der gegen das ſchnaubende Dampfboot anbellte. „Teckel!“ rief Jack faſt unwillkürlich laut aus und im Nu hatte er die alten Kameraden, hatte er ſeinen alten Capitain erkannt. „Hallo das Boot,“ rief er vom Vorderdeck jubelnd aus und Poleridge, der das Hintertheil ſeines Fahrzeugs eben mit aller Kraft herumgeſchoben und ſich die Paſſage an dem Dampfer vorüber frei gemacht hatte, drehte ſich raſch nach dem Rufe um. „Hallo, wie geht's an Bord?“ rief ihnen da Jack, auf die niedere Brüſtung ſpringend, hinüber—„Alle wohl?“ „Jack!— ſoll mich der Teufel holen!“ ſchrie Bill— „Jack!“ jubelte aber auch der Alte, der ihn ebenfalls er⸗ kannt, ſeine Mütze nach ihm hinüberſchwenkend—„hurrah, Junge, Alles in Ordnung?“ „Alles in Ordnung!“ ſchrie Jack zurück, während das Boot raſch vorübertrieb— Das iſt brav— das iſt brav,“ nickte der alte Mann und es war faſt, als ob Bill in ein„Hurrah“ ausbrechen 187 wolle. Wenn das aber wirklich der Fall geweſen, beſann er ſich noch zur rechten Zeit und Alle ſchwenkten die Hüte dem Kameraden zu. Der Alte hatte aber indeſſen etwas unter Deck hinein gerufen und plötzlich erſchien auch die würdige Mrs. Poleridge mit dem halben Körper über Deck. Zum Rufen waren ſie ſchon zu weit, aber zum Grüßen ſchwenkte ſie ein altes, in der Eile aufgegriffenes baumwol⸗ lenes Tuch und ruhte nicht und wedelte damit, bis der Dampfer, ſowie ſein Boot gekommen, wieder gegen die Strömung anbrauſte— In wenigen Minuten waren die Boote außer Sicht. Ein paar der Bootsleute hatten zugeſehn, wie die Mannſchaft des Flatboots den Paſſagier ſo jubelnd grüßte. Das aber kam alle Tage vor. Alle dieſe Burſchen ſchwim⸗ men auf ſolchen Fahrzeugen den Fluß mit der Strömung nieder und kehren dann mit dem nächſten Dampfer ſtrom⸗ auf in ihre Heimath zurück. Daß ſich da alte Bekannte, die ſich zufällig ſolcher Art wieder finden, begrüßen, iſt na⸗ türlich. Jack aber war in mehr als einer Hinſicht über das Begegnen froh. Einmal freute es ihn, den alten Kamera⸗ den noch ein letztes Lebewohl zurufen zu können; dann aber gab ihm die Sicherheit des Bootes auch die Gewißheit, daß es nicht weiter verfolgt, oder wenn verfolgt, nicht entdeckt war. So konnte es alſo auch nicht über den Schutz zu — 188 Rechenſchaft gezogen ſein, den es der flüchtigen Sclavin an jenem Abend, wenn auch nur für kurze Zeit, gewährt. Um ganz ſicher zu gehen, hatte der alte Poleridge übrigens ſeine Flagge eingezogen und um ſein ganzes Boot den weißen Streifen gemalt. Ein Wiederkennen unter den hundert ähnlichen, die überall den Fluß befuhren, war alſo faſt unmöglich, wenigſtens entſetzlich ſchwierig. Er ſchien ſich übrigens trotzdem dort oben nicht lange aufgehalten zu haben und machte jedenfalls, daß er aus dem Bereich der dortigen Pflanzung kam. Weiter unten hatte er für ſich Nichts mehr zu fürchten; wußten doch die Verfolger, daß die Negerin das Boot wieder verlaſſen. Raſch kehrte Jack jetzt in's Zwiſchendeck zurück, dem Mädchen dort die Kunde mitzutheilen, daß er das ihnen ſo wohlbekannte Boot geſehn und ſorgte dann auf das Freund⸗ lichſte für ſeinen Schützling, es ihm ſo bequem als irgend möglich zu machen. Mit dem Leben an Bord eines ſolchen Bootes ſchon ſeit langer Zeit vertraut, da er auf dem Ohio und oberen Miſſiſſippi manche Dampfbootfahrt gemacht, hatte er auch in Natchez an Geſchirr und Proviſionen Alles eingekauft, was ſie in einer Woche etwa wohl gebrauchten. Friſche Proviſionen waren übrigens auch weiter oben in den klei⸗ nen und größeren Städten, die ſie gelegentlich anliefen, überall wieder zu bekommen. —— — 189 Jack hatte es dabei übernommen, das Mittagsmahl zu kochen, etwas, was in Amerika, beſonders an Bord der Boote, ſehr häufig geſchieht und deshalb nicht auffällt, und Sally konnte dabei ſo viel unbeachteter in ihrer Ecke blei⸗ ben. Uebrigens beſtand das nur in Kaffee und kalter Küche, war alſo auch leicht hergeſtellt und Jack behielt Zeit genug dabei, dann und wann hinaus zu gehn, um ſich im Strom etwas zu recht zu finden. Näherten ſie ſich doch jetzt der Stelle wieder, an der ſie geſtern durch den Sumpf die Blockhütte erreicht und Schutz an Bord des Dampfers gefunden hatten. Das Boot hielt indeſſen wieder an einer der Plan⸗ tagen, irgend einen Paſſagier an Land zu ſetzen oder auf⸗ zunehmen; aber Jack zeigte ſich hier abſichtlich nicht drau⸗ ßen, keinem bekannten Geſicht mehr in dieſer gefährlichen Gegend in den Weg zu treten. Der Aufenthalt dauerte übrigens auch gar nicht lange und die Queen of the West hielt jetzt ziemlich dicht an der linken Seite des Stromes hinauf— dieſelbe, an der die Holzfällerhütte lag, von welcher ſie in jener Nacht geflüchtet waren. Allerdings hatte der junge Mann den Platz nur in der wilden Beleuchtung der hohen flackernden Feuer ge⸗ ſehn, trotzdem erkannte er aber die Gegend wieder und das Herz pochte ihm ſtärker, als er die bekannte Stelle auf's Neue und nur in ganz geringer Entfernung vor ſich auftauchen ſäh. Gern hätte er auch Sally herausgerufen, ihr den Platz zu zeigen, der für ſie Beide an Erinnerung ſo reich war, aber ein großer Theil der Zwiſ chendeckspaſſagiere hatte ſich an dem heißen Tag, wo im Deck drin noch dazu der Kochofen in Gluth gehalten wurde, hier draußen im Schat⸗ ten des überragenden Decks einen kühlen Platz geſucht und er wünſchte Alles zu vermeiden, was ſie unnöthiger Weiſe und dabei den Augen der Menge zeigen konnte. Dießmal fuhren ſie jedoch vorbei; das Boot hatte noch Holz genug an Bord, bis gegen Abend auszureichen und legten jetzt in kurzer Zeit die Strecke zurück, die es den Flüchtigen geſtern ſo entſetzliche Mühe gekoſtet, zu durch⸗ brechen. Deutlich konnte Jack dabei von Bord aus den ziemlich offenen Sumpf erkennen, den er, Sally in den Ar⸗ men, in jener Nacht durchwatet— und ſuchten nicht viel⸗ leicht in dieſem Augenblick ſogar die Verfolger dort drüben nach ſeinen Fährten? 8 Er lachte bei dem Gedanken trotzig vor ſich hin, bis das Ufer ſelber ſeine Aufmerkſamkeit wieder mehr in Ar ſpruch nahm. 8 3 Sie liefen jetzt ziemlich dicht am Waldesrand hin⸗ und über ihnen ließ ſich ſchon die Inſel erkennen, von der ab ſie ihre Flucht in dem Canoe begonnen. Das war der Schilfbruch ſchon, durch den hier ſie ſich mühſelig die ſchwere Bahn geſuch 1 — t— hier begann die Sandbank und — ——-— auf 191 gleich darüber, wo vom ſteileren Uferrand das Waſſer ein⸗ zelne Wurzeln unterwühlt und in den Strom hinabgewor⸗ fen, dort hatten ſie Schutz gefunden. Der vorragende Baum dort mit ſeinem breiten, von der gelben Fluth durch⸗ wühlten Wipfel, mußte die Stelle ſein, wo das Boot da⸗ mals, ihrer harrend, auf der Wacht gelegen und— „Da war es, Maſſa,“ flüſterte plötzlich eine leiſe Stimme an ſeiner Seite und als er ſich erſchreckt darnach umſchaute, ſah er einen alten Neger neben ſich, der ihm nur mit den Augen winkte, ihm zu folgen. Jack war es, als ob all ſein Blut zu Eis geworden wäre und wie ein lähmender Schlag zuckte es ihm durch alle Glieder. Der alte Neger aber, ohne ihn weiter zu be⸗ achten, ſchritt langſam von ihm hinweg, der anderen Seite des Bootes zu, deſſen heißer Gang jetzt in der glühenden Mittagsſonne von den Paſſagieren gemieden ſchien. Nie⸗ mand befand ſich dort draußen und als Jack dem Schwar⸗ zen nur mechaniſch und kaum eines Gedankens fähig folgte, wandte ſich dieſer wieder gegen ihn. „Ihr ſeid von Maſſa Poleridge Boot, nicht wahr?— bſt,“ warnte er aber, als Jack, keines Wortes mächtig, ſchwieg—„ich weiß Alles— ich war in dem Boot, in dem Ihr Maſſa Hoof ſo hübſch die Kugel in die Stirn ſchoſſet, daß er nur noch ein Bischen mit Armen und Bei⸗ 5 nen ſtrampelte. Schlechterer Buckra hat nie gelebt und arme Schwarze danken Gott auf ihren Knieen, daß ihn Teu⸗ fel geholt hat— Salomo verräth Euch nicht—“ „Aber wo kommſt Du her?“ hauchte Jack, noch im⸗ mer keines weiteren Gedankens fähig. „Sollte Euch eher fragen,“ lachte der Neger ſtill vor ſich hin,„wo Ihr her kommt— müßt es unmenſchlich ſchlau angefangen haben, daß Ihr ſchon wieder hier vor⸗ beifahrt, als ob Ihr von New⸗Orleans heraufkämt— Ich bin hier mit unſerem Boot und beide Niggertreiber und Scipio ſitzen vorn am Bug und ſchlafen in der Sonne— ſind müde wie die Hunde, alle mit einander, und das Beſte— Maſter iſt ebenfalls an Bord.“ „Dein Herr?“ Salomo nickte mit einem breiten Grinſen, das alle beiden Reihen Zähne ſichtbar werden ließ—„würde ſich erſchrecklich freuen, wenn er wüßte, wie nah er“— Salomo ſah ſich erſt vorſichtig um, ob Niemand hinter ihn getreten ſei und flüſterte dann leiſe—„Sally hat.“ „Du haſt ſie geſehn?“ frug Jack erſchreckt. Der Neger blinzte lachend mit den Augen: „Salomo iſt nicht dumm— wenn ſie auch ein feines Kleid und Bonnet trägt, und Handſchuh an den Fingern hat, wie eine feine Lady. Aber Gott ſegne das Kind— ſie haben ſie behandelt, daß es einen Stein hätte erbar⸗ V ———— 193 men mögen— Maſſa Hoof und die beiden Miſſuſſes“), und Salomo will eher bei lebendigem Leibe verderben, ehe er ſie verrieth.“ „Aber wenn Einer der Anderen, Einer der Neger⸗ treiber das Mädchen ſähe—“ „Bſt,“ ſchüttelte Salomo lachend mit dem Kopf— „hat Salomo ſchon geſehn und weiß, daß alte Mann ſie nicht verräth. Hat Salomo letztes Jahr, wie er krank war, gepflegt wie eigen Kind und ihm gute Sachen gebracht und Schläge dafür von Maſſa Hoof bekommen— Gut— liegt da drüben eingeſcharrt unter Baumwollenholzbaum— ſchlechteren Aufſeher kriegen wir doch nicht wieder—“ „Aber ich muß Sally warnen.“ „Iſt nicht nöthig,“ hielt ihn der Neger zurück—„hat Salomo geſehn— Salomo hat ihr leiſe zugenickt und iſt geſchwind in Coye gekrochen und ſchläft mit Geſicht nach Wand hin.“ „Und wenn Dein Maſter nun das Boot durchſuchen läßt?“ „Bah, Unſinn,“ lachte der alte Neger—„hat keine Ahnung, daß Ihr ſo tief unten könnt geweſen ſein und jetzt ſchon wieder hier herauf gekommen. Geſtern, wie wir *) Miſſuß das verdorbene Neger⸗Engliſch für Miſtreß(Herrin, Frau) wie Maſſa für Maſter— Herr. 1858. I. Gerſtäcker, der Flatbootmann. 13 194 Canoe nicht mehr fanden— Salomo ſagte Nichts, als er die Spur ſah, wo es Jemand die Uferbank hinaufgehoben — ruderten wir nach Plantage hinauf, ſchickten gleich Bo⸗ ten an Maſter und ließen die Leiche dort an Land zurück und während weiße Conſtabel mit Hunden in Wald gingen, Jagd auf Sally und Buckra zu machen, ging unſer Boot mit anderem Conſtabel den Miſſiſſippi ein Stück hinunter — weit, weit und haben Nachricht auf allen Plantagen ge⸗ laſſen und Weiße in den Wald gehetzt und Wachen zu den Booten an Land geſtellt. Maſter aber kam mit dem erſten Dampfer herunter und traf uns, und weil er keinen Auf⸗ ſeher und Negertreiber mehr zu Hauſe hat, muß er ſelber ſo ſchnell wie möglich heim— will aber morgen wieder herunter kommen— kann ſich ſelber einmal ein Vergnü⸗ gen machen.“ „Aber wenn mich nun Einer Eurer Leute kennt?“ „Bah,“ ſagte Salomo mit dem Kopfe ſchüttelnd— „hätte Euch auch nicht erkannt, wäre Sally nicht geweſen. Ein Buckra ſieht aus wie der andere— aber geht hinein — ſetzt Euch in Ecke, zieht den Hut über's Geſicht und ſchlaft— guckt Niemand nach Euch und in halbe Stunde ſind wir oben.“ „Leb' wohl, Salomo,“ ſagte Jack, ihm die Hand hin⸗ überreichend—„Du biſt ein braver, redlicher Burſch.“ Der Neger ſah ſich vorher ſcheu um, ehe er die dar⸗ A A 195 gebotene Hand nahm, dann ſchlug er ein, drückte ſie herz⸗ lich und flüſterte, während er ſie raſch zurückzog: „Dank Euch, Maſſa, aber wenn Jemand ſähe, daß Ihr armen ſchwarzen Nigger die Hand gebt— o Gelly, Gelly, was für Lärm ſie machen würden— und— grüßt Sally— Salomo darf nicht zu ihr gehn— ſagt ihr, ſchwarze Männer beten für ſie und— behandelt ſie gut, nicht wahr, Maſſa—“ 3 „Wie meine Schweſter, Salomo,“ ſagte der junge Mann herzlich. „Gott ſegne Euch, Maſſa— Gott ſegne Euch,“ flüſterte der alte Neger, noch einmal flüchtig des Weißen Hand faſſend—„aber nun macht fort— beſſer ſicher— beſſer ſicher.“ Und ohne weiter ein Wort zu ſagen, drehte er ſich ab und wollte den inneren Raum des Zwiſchendecks wieder betreten. „He, Salomo— wo ſteckt der Schlingel?“ rief in dieſem Augenblick die Stimme eines Weißen, der aus dem Zwiſchendeck herauskam. Es war eine große, kräftige Ge⸗ ſtalt, ſehr elegant, aber in leichte Sommertracht gekleidet, einen breiträndigen äußerſt feinen Panamahut auf und ein ſpaniſches Rohr in der Hand. „Hier, Maſſa,“ rief Salomo—„wollte eben zurück — habe nur nach dem Boot geſehn, ob es noch feſt hing.“ „Ah ſo,“ ſagte der Pflanzer, ſich von ihm ab⸗ und 13 5 196 dem Strom zuwendend—„hierher Ben— wo iſt Scipio — her mit Euch, zum Henker, wie oft ſoll man Euch rufen. Steht bei Eurem Boot— ich will an der nächſten Plan⸗ tage landen— werdet Ihr gegen die Strömung nachher ankommen?“ „Geht ſehr ſchwer, Maſſa,“ ſagte Scipio, der andere Neger, den Hut ehrerbietig abnehmend—„iſt erſchrecklich ſtark, gerade da'runter.“ 5 „Geht ganz gut, Maſſa— Six weiß viel von Strö⸗ mung,“ verſicherte aber Salomo, dem nur daran lag, ſei⸗ nen Herrn mit den Kameraden ſo raſch als möglich von Bord zu bekommen—„nur zwei Stellen ein Bischen ſtark—“— „Gut— dann ſteht bei, ſo wie ſie das Boot an⸗ halten—“ „Ja— zwei Stellen Bischen ſtark,“ murmelte Sir verdrießlich, wenn auch ganz leiſe vor ſich—„wird's ſchon merken— Nur eine Stelle Bischen ſtark, aber den gan⸗ zen Weg.“ Der Pflanzer ſtand, den Fuß auf die Queerleiſte des Geländers, den Ellenbogen auf ſein Knie geſtützt, an dem hinteren Theil des Decks und um ihn her ſeine Neger, das Anhalten des Bootes zu erwarten. Jack wußte, daß er Sally's Herrn gegenüber ſtand, und wenn auch keine Gefahr war, daß dieſer ihn kennen e . 8 197 konnte, mußte er doch Nichts mehr fürchten, als einem der anderen Neger zu begegnen. Dicht am überbauten Rad des Dampfers war allerdings noch eine andere Thür, die hinein in das Zwiſchendeck führte, aber dort konnte ihm eben ſo gut Einer der gerufenen Neger begegnen— Und Sally— aber ſie hatte ja Salomo geſehn und kannte die Gefahr, die ihnen drohte, und für den Augenblick blieb ihm Nichts zu thun übrig, als ſich ſelber ſo viel als mög⸗ lich gedeckt zu halten. 5 Mit der ſo plötzlich über ihn hereingebrochenen Ge⸗ fahr wuchs ihm auch wieder der kecke Muth. Wie des⸗ halb der Pflanzer den ſchmalen Außengang betrat, ſah er ihn ruhig an, drehte ſich dann langſam um und lehnte ſich, in das Waſſer hinausſchauend, auf das Geländer. Er hörte die Neger hinter und neben ſich ſprechen, konnte füh⸗ len, wie ſie an ihm vorüberſtreiften, aber er wandte den Kopf weder rechts noch links und pfiff dabei laut und un⸗ verdroſſen den Yankeedoodle, die Amerikaniſche National⸗ melodie, vor ſich hin. Da hörten plötzlich die Räder auf zu ſchlagen— die aufgewühlten Wellen, zu denen er niedergeſchaut, ließen nach und nur durch ſein eigenes Gewicht getrieben, durch⸗ ſchnitt der ſchwere Dampfer noch die Fluth. „Hier ſteh' bei, Six—“ rief Salomo, geſchäftig das eine Tau löſend, mit dem ihre ſchlanke Jolle neben dem 198 breiten Schiffsboot des Dampfers angehangen war— „ſpring' hinunter, Boy, und hilf Maſſa einſteigen!“ Die Neger zogen das Boot raſch ſo dicht als möglich unter den ausgebauten Stern des Dampfers und während die beiden Negertreiber ihrem Maſter von oben hinunter halfen, ſtützten ihn unten die beiden anderen Schwarzen, daß ſein Fuß ja nicht zu hart die Bank berühre. Ruhig, ohne eine Miene zu verziehen, ohne ein Wort des Dankes nur zu ſagen, nahm der Pflanzer die ſich von ſelbſt verſtehende Dienſtleiſtung hin und Salomo feſt an der Schulter packend, ſich ſelbſt dabei zu ſtützen, ſchritt er über die Bänke weg, dem weich gepolſterten Sitz am Steuer zu. Die anderen beiden Neger folgten raſch ihm nach, das Tau wurde von Bord aus losgeworfen und„go ahead“ rief die Stimme des oberen Offiziers dem Lootſen wieder zu.— Das Zeichen wurde gegeben, die Räder fingen wie⸗ der an zu arbeiten, der Dampfer ſtemmte auf's Neue die Strömung, während ſich das Boot dem Lande zu wandte. Salomo, der das hintere Ruder führte, warf einen Blick nach dem Zwiſchendeck des Dampfers hinauf, aber der junge Bootsmann war von der Gallerie verſchwunden. 199 Neuntes Capitel. Die freie Fahrt. 2 Sally hatte indeſſen eine Stunde in wahrer Todes⸗ . qual zugebracht und alle Angſt und Pein der letzten Tage, 3 nur mit doppelter Schärfe noch einmal in der kurzen Zeit durchlebt. Das Herz voll goldiger Hoffnung eines freien Lebens, ſaß ſie halb träumend, halb wachend vor ihrer Coye; an Gefahr faſt gar nicht mehr denkend, hatte ſie ihre Umgebung ſchon faſt vergeſſen, und empfand nur das ſelige Gefühl, daß ſie das Boot raſſelnd und ſchnaubend weiter, immer weiter, dem Norden entgegen führte. Da blieb Jemand der im Zwiſchendeck umher Streifenden vor ihr ſtehn, und in der Meinung Jack ſei es, ſchlug ſie die Augen zu ihm auf, fühlte aber auch in dem Moment ihr Herzblut ſtocken, denn vor ihr ſtand Salomo, der Neger ihres Herrn. Sie war nicht einmal im Stande, das Auge wieder von ihm abzunehmen— ſie ſah nur, wie der alte Schwarze erſt einen vorſichtigen Blick um ſich herwarf, ihr dann 200 freundlich zublinzte und nach der Coye deutete; dann ſchaute er ſich um, als ob er noch hinter ſich Jemanden erwartete, und verließ langſam das Deck wieder. Erſt als der Blick des Negers von ihr genommen, als ſie die Geſtalt deſſelben durch die ſchmale Thür ver⸗ ſchwinden ſah, kam ſie wieder zu ſich ſelber. Sie wußte, daß Salomo nie allein das Boot betreten haben würde und in dem unbeſtimmten Gefühl, daß er ſie nicht ver⸗ rathen würde, ſtand ſie auf, drehte ihr Antlitz langſam der Wand zu und legte ſich dann, mit ihrem Bonnet den Kopf bedeckend, in die niedere Coye vom Deck abgewandt.— Als Salomo gleich darauf wieder einen flüchtigen Blick in den inneren Raum warf, ſah er ſie, ſehr zu ſeiner Zufrie⸗ denheit ſolcher Art untergebracht, und ſuchte nun, wie wir ſchon wiſſen, ihren Begleiter ebenfalls zu finden. Regungslos blieb das Mädchen indeſſen in ihrer Stellung, und wenn auch ihr Körper ruhte, arbeitete die Seele doch in wilder peinigender Angſt in ihr.— Da hörte ſie die Stimme ihres Herrn— wußte ihren Be⸗ ſchützer der Gefahr, die ihm ſo gut wie ihr drohte, ahnungs⸗ los ausgeſetzt und durfte ihn nicht warnen. Auch die Stimmen der Negertreiber— ihrer Feinde— hörte ſie und endlich hielt das Boot. War ſie entdeckt? hatten ſie die Plantage ſchon erreicht und würde nicht plötzlich eine rauhe Hand ſie faſſen und von der Schwelle des ſchon be⸗ 201 tretenen Glücks, der ſchon geſchauten Freiheit gewaltſam zurückreißen in das fürchterliche Leben?— Alles war ruhig— wieder arbeitete das Boot und klapperte die Maſchine, ziſchte der Dampf, rauſchten die ſchweren Räder und ſchlugen die Wellen plätſchernd hinter drein.— Sie wagte kaum zu athmen— ſie wollte beten, aber ſie ver⸗ mochte es nicht. Die Gedanken verwirrten ſich und all die alten Schreckgebilde des verfloſſenen Lebens jagten ſich in wilder Haſt an ihrem innern Geiſt vorbei. Da plötzlich berührte eine Hand ihre Achſel— galt es der entlaufenen Negerdirne?— ihre Glieder flogen wie in Fieberfroſt— „Sally,“ flüſterte da Jack's freundliche tröſtende Stimme leiſe an ihrem Ohr—„beruhige Dich, mein Herz, und ſtehe auf— die Gefahr iſt vorüber— das letzte was uns drohte. Wir ſind gerettet.“ Noch immer regte ſich das Mädchen nicht. Zu raſch folgte dieſer neue Wechſel von Glück und Sicherheit der kaum erſt überſtandenen Angſt und Pein, bis ſich die müh⸗ ſam zurückgedämmten Gefühle endlich in einem lindernden Thränenſtrom die Bahn in's Freie brachen. Jack zog ſeine Hand zurück— machten doch die Thränen dem gepreßten Herzen Luft, und mit einem Zart⸗ gefühl, wie es ſelbſt der rohſte Hinterwäldler gar nicht 8 bleiben wird— ich kann es nicht mehr ſehen,“ brach ſie d ſelten, beſonders den Frauen gegenüber beweiſt, ſetzte er ſich ſtill und ſchweigend vor der Coye nieder. Aber das arme Mädchen war in Leiden gekräftigt und geſtählt, und überwand gar bald das augenblickliche Gefühl von Schwäche, das ſie entnerven wollte. Noch in der Coye nahm ſie das Bonnet ab, ſtrich ſich die vollen Haare aus der Stirn, und hob ſich dann langſam von ihrem Lager. Als Jack ſah, daß ſie aufſtehen wollte, verließ er leiſe ſeinen Platz und ging wieder auf den Larbord⸗Gang hinaus, bis das Boot endlich ſich mehr und mehr der Stelle näherte, auf der die Plantage jenes Pflanzers lag. Schon konnte er die Landſpitze darunter erkennen, über der der Strom einen weiten Bogen gegen Weſten machte— ſchon ſah er die Dächer der Häuſer aus dem dunklen Grün der Gartenbäume herausragen, und zögerte noch immer, ob er Sally dazu herausrufen ſolle oder nicht. Aber das Mädchen hatte ihn ſchon ſelbſt gefunden und an ſeine Seite tretend ſchaute ſie ſtill und gedankenvoll nach dem, oh, ſo wohlbekannten Platz hinüber. „Dort liegen die furchtbaren Hütten,“ ſagte ſie end⸗ lich, faſt wie mit ſich ſelber redend und zuſammenſchau⸗ dernd;„vort liegt das Haus, das mir eine Hölle war das es vielen armen unglücklichen Weſen noch iſt und 203 plötzlich ab,„es iſt als ob ich noch immer die gehobene Peitſche über mir wüßte, und die ſcharfen Schläge meine Glieder zerfleiſchen fühlte.“ „Ich habe Dich gerächt, mein armes Kind,“ ſagte da düſter der junge Mann an ihrer Seite.„Der Bube, der Dich dort mishandelt, liegt mit zerſchmettertem Hirn jetzt eingeſcharrt. Er wird keine Peitſche mehr ſchwingen, keine Geißel mehr den Unglücklichen ſein.“ „Und meinethalben vergoßt Ihr Menſchenblut,“ ſagte da Sally ihm gerührt in's Auge ſehend—„meinet⸗ halben habt Ihr Euer eigenes Leben gewagt, einer armen verachteten Sclavin wegen.“ „Sally,“ bat da Jack—„und weißt Du ſo gewiß, daß ich es Deinetwegen nur gethan?— Doch jetzt be⸗ ruhige Dich erſt, mein Herz; ſcheuche die trüben Gedanken von Dir, denn mit der Stelle dort laſſen wir jede Gefahr hinter uns— ſo wirf auch alle Angſt und Sorge von Dir. Die Leute an Bord hier dürfen nicht ahnen, was Dir das Herz wohl immer noch bedrückt. Zeig' ihnen ein heiteres, ein ſorgenfreies Auge und bedenke, daß nur wenige Tage uns auf immer den Sclavenſtaaten ja entführen. Hoch oben an dieſem Strom liegt noch ein freies ſchönes Land — mein Vaterland und künftig hoffentlich auch das Deine. Willſt Du die trüben Sorgen da vergeſſen?“ Sally ſchaute ihn mit einem Blick an; in dem ihre 204 ganze Seele lag, dann nickte ſie ihm freundlich lächelnd zu und ſagte bittend: „Nur eine einzige Stunde gebt mir noch— dann iſt Alles vorüber und— vergeſſen,“ und ehe er nur ein Wort erwiedern konnte, war ſie ihm wieder in das innere Deck entwichen. Jack aber hätte laut aufjubeln mögen in Luſt und Seligkeit, und ſprang hinauf jetzt auf das Hur⸗ ricane Decke⸗). Mußte er doch allein ſein, den Gefühlen Luft zu geben, die in ihm tobten und hier unten hätte er ſich kaum mäßigen können, den erſten beſten Fremden um den Hals zu fallen und ihm zu ſagen wie froh, wie glück⸗ lich er ſei. Als er aber nach einer Stunde wieder herunter kam, trat ihm das Mädchen mit heiterem Lächeln froh entgegen. Aller Gram, aller Kummer war aus den lieben holden Zügen der Jungfrau gewichen und ſelbſt die Spur der letzten Thräne verwiſcht und aufgetrocknet. Und ſo verging ihnen jetzt im raſchen Flug die Zeit. Die Tage verplauderten ſie zuſammen, und Jack mußte dem Mädchen von dem Leben erzählen, das ſie oben im Norden führen, von den Feldern die ſie bebauen, und die *) Das oberſte Deck und Dach der Miſſiſſippidampfer, auf dem nur oben das rings offene Häuschen des Lootſen ſteht. 205 nicht mit Negerblut und Schweiß gedüngt waren; von dem freundlichen Familienleben dort, von ſeinen Eltern und Geſchwiſtern und dem wunderſchönen Land mit ſeinen weiten herrlichen Prairieen und waldbewachſenen Hügeln. Und Nachts lag Jack, in ſeine Decke eingehüllt, vor ihrer Coye und hielt treue Wacht und ſorgte für das Mädchen, wie er es dem alten Neger verſprochen, als ob ſie ſeine eigne Schweſter ſei. Fünf Tage waren ſolcher Art verſtrichen, und wenn ſich Jack im Anfang auch noch immer ein unbehagliches Ge⸗ fühl überkommen ſpürte, ſobald ſie an irgend einer größeren Stadt landeten, oder irgend ein Boot vom Ufer abkam, neue Paſſagiere an Bord zu ſetzen, ſo verlor ſich das doch bald. Sie näherten ſich dem Norden; hinter ihnen lag ſchon Arkanſas und der Miſſiſſippiſtaat, zur linken dehnte ſich Miſſouri aus, und ihnen zur rechten zogen ſich die bewaldeten Berge Kentuckys hin.— Weiter und weiter brauſte das wackere Boot ſtromauf, und wie die Sonne wieder unterging, da nahm Jack freundlich Sally's Hand und führte ſie zum erſten Mal mit ſich zum Hurricane Deck hinauf, von wo ſie die weiten Ufer überſchauen konnten. Er war aber ſo ſonderbar aufgeregt dabei, wie ihn das Mädchen noch nie geſehn, und Sally blickte ſtaunend zu ihm auf. Da endlich ſtreckte er den Arm aus und 206 ſagte, nach dem rechten Ufer deutend, mit zitternder beweg⸗ ter Stimme: „Siehſt Du dort?— mein Herz?— ſiehſt Du den breiten ſchönen Strom der dort, von Oſten niederkommend, ſich in den Miſſiſſippi wälzt? An ſeiner Mündung liegt die kleine Stadt da vorn.“ „Gewiß,“ lautete die ſchüchterne Antwort des Mäd⸗ chens, das ſich die Bewegung des Mannes nicht erklären konnte. „Das iſt der Ohio,“ rief da Jack—„und jenes Land dort drüben, das unſer Bug in keiner halben Stunde Zeit berühren wird, iſt Illinois, der erſte freie Staat, und künftig unſere Heimath.— Dort drüben landen wir und noch heut' Abend führt uns eines der kleineren Ohio⸗ boote, die Du dort liegen ſiehſt, den wunderſchönen Strom hinauf und in die Arme meiner Eltern— meines Vaters — meiner Mutter.“ „Vater— Mutter,“ flüſterte das Mädchen leiſe und traurig vor ſich hin—„wie ſüß, wie lieb die Namen dem Ohre klingen— und ich habe nie Vater— nie Mutter ſagen dürfen.“ „ Du ſollſt es lernen, Mädchen,“ ſagte da der junge Mann, in tiefſter Seele von den rührenden Tönen bewegt —„mein Vaterhaus, Du armes Kind, ſei auch von jetzt. das Deine, und jetzt, wo Du frank und frei biſt, wo Dich⸗ kein Sclavenhalter ſuchen und finden wird, und wenn ſie Dich fänden, Dich nie wieder mir entreißen ſollten, frag' ich Dich, Mädchen, willſt Du die Meine— willſt Du mein Weib ſein, mein braves liebes Weib in Freud und Leid, was für uns kommen möge?“ Sally erblaßte, und das große blaue Auge ſchüchtern und ſtaunend zu ihm erhebend ſagte ſie: „Die Selavin wolltet Ihr zu Euerem Weib erheben?“ „Oh nenne das Wort nicht mehr,“ bat ſie da Jack, ihre Hand ergreifend und in der ſeinen haltend—„wie ich Dich Deinen Henkersknechten entführt, will ich Dir auch und werd' ich Dir die Freiheit ſichern und müßte ich ſelber mit Dir nach Canada hinüberziehn. Aber ſeit ich Dich zum erſten Mal geſehn, bin ich Dir gut, von Herzen gut, mein Mädchen. Der Eltern Segen aber iſt mit uns, ſie kennen mich und werden meine Wahl billigen, haßt doch mein Vater Nichts ſo ſehr auf der Welt— nicht einmal einen Wolf— wie den Sclavenhaltenden Süden. So denn ſchlag' ein, Sally— willſt Du die Meine ſein?“ Er hatte zum erſten Mal den Arm liebend um ſie gelegt und fühlte wie der ſchlanke Körper in der Berührung zitterte und bebte. Sally ſprach auch kein Wort; kein Hauch entſloh den lieben Lippen, aber ſie lehnte den Kopf aan des Mannes treue Bruſt, und feſt umſchloſſen hielt der Glückl liche das dellebie Mhidthen —————e— 208 Zehntes Capitel. Schluß. Drei Jahre waren nach den oben beſchriebenen Vor⸗ fällen verfloſſen, und die Pflanzer in Louiſiana gerade emſig beſchäftigt die, dieſes Jahr vortreffliche Baumwollen⸗ erndte zu beenden. Unter der heißen Mittagsſonne ſtanden die Neger draußen in den ſchattenloſen Feldern, die weißen Flocken in leichte Schilfkörbe zu pflücken, und das ihnen aufgegebene Gewicht noch vor Feierabend zu⸗ ſammen zu bringen. Es war gerade nicht mehr, als ſie arbeiten konnten, aber ſäumen und raſten durften ſie auch nicht viel dabei, und fehlte ihnen nur ein kleiner Theil an der beſtimmten Quantität, ſo blieb die Strafe dafür ſelten aus. Draußen im Feld arbeiteten die Neger, und ritt der Aufſeher umher, die verſchiedenen Trupps zu überwachen, aber um das Herrenhaus her herrſchte tiefe und durch Nichts geſtörte Stille. Die Herrſchaft hielt Sieſta, und 209 ich hätte keinem der Neger rathen mögen, auch nur durch einen Laut, in der Nähe der Wohnung, die heilige Ruhe zu unterbrechen. Der breite Miſſiſſippi, durch die gerade in dieſer Jahreszeit herunterkommenden Waſſer der Felſengebirge genährt, war ungewöhnlich hoch, aber auch außerordentlich belebt, und keine Viertelſtunde verging faſt, in der nicht entweder ein Dampfer vorübergekeucht oder Flat⸗ oder Segelboote den Strom herabgekommen wären. Aber Nie⸗ mand in der Plantage kümmerte ſich um das, was ihnen auch überhaupt ſchon lange alltäglich und gleichgültig ge⸗ worden war. Die Fenſter waren dicht verhangen, die Jalouſieen geſchloſſen, und nur durch die offenen auf die Verandahs führenden Thüren wurde der vom Strom her⸗ überwehenden Luft der Zugang geſtattet. Selbſt die am Miſſiſſippi hinaufführende Straße war vollkommen menſchenleer, eine einzige alte Frau aus⸗ genommen, die in dem Schatten eines hochſtämmigen Pecan⸗Baumes ſaß, und eine kleine Heerde an der Levée weidender Schaafe überwachte. Es war ein trauriger Anblick, die alte, zur Mumie zuſammengetrocknete Frau da ſtumpfſinnig kauern zu ſehn. In ihrer Jugend vielleicht der Liebling des Auf⸗ ſehers und von ſchwerer Arbeit verſchont, im reiferen Alter dann in das Baumwollenfeld geſchickt, bis auch die letzten, 1858. I. Gerſtäcker, der Flatbootmann. 14 ——— 210 allenfalls noch zu verwerthenden Kräfte aufgebraucht, hatte ſie ſelbſt jetzt noch keine Ruhe. Wie alt ſie war wußte ſie ſelbſt nicht mehr, blieb ſich auch gleich, denn Niemand kümmerte ſich darum. Aber hier draußen mußte ſie ſitzen, den lieben langen Tag und auf die Schaafe aufpaſſen, die an der Levée hier ihr Futter ſuchten— wehe wenn ihr eines verloren gegangen wäre. Aber die Schaafe liefen auch nicht fort, und wär' es nur aus Mitleid mit der armen Frau geweſen, die dann hätte hinter ihnen drein keuchen müſſen. Ruhig pflückten ſie das ſüße Cocogras von dem hohen Damm und die Alte ſaß neben ihnen, haſchte nach den Fliegen, die in ihre Nähe kamen, und drehte dann den gefangenen langſam die Köpfe ab. Ueber den Strom herüber kam ein ſchlankes, ſcharf gebautes Boot gerudert.— Es trieb das Waſſer nicht ſchäumend vor ſich her, ſondern warf es an beiden Seiten wie abgeſchnitten fort. Einem Pfeil gleich ſchoß es durch die Fluth, und die beiden Männer darinnen, die die Ruder fhrten, ſchienen trotz der Hitze ihre Luſt daran zu haben, deen kleinen Klipper ſpringen zu laſſen.. Ein dritter älterer Mann ſaß am Steuer, und hielt ſich in der ſtärkſten Strömung, bis er der Landung gerade gegenüber war. Dann aber hielt er faſt mitten hindurch, kaum einen halben Strich den Bug ſtromauf gekehrt, und nicht einen Fußbreit vermochte die Strömung ihn wohl eine junge Mann.„Lange Jahre ſind verfloſſen, ſeit wir hier Strecke von hundert Fuß hindurch aus ſeiner Bahn zu rücken, ſo wacker lief das Boot. Ein alter Neger, der ein Stück weiter oben dicht am Ufer ſtand, vorbeitreibendes Holz mit einem Haken zu fangen und an Land zu holen, ſah nicht mehr nach den Stämmen hin, ſondern ſchaute bewundernd auf das ſchlanke, treffliche kleine Fahrzeug, bis dieſes den ſcharfen Bug gegen die Strömung herumwarf, und im nächſten Augen⸗ blick auch ſchon unter dem ſteilen Ufer langſeit und an einer vorragenden Wurzel angebunden lag. Drei Männer ſtiegen hier aus, alle ihre langen amerikaniſchen Büchſen auf der Schulter, und ſchritten langſam die Levée hinauf. Nur der eine war ihnen raſch voraus, und es ſchien faſt, als ob er ungeduldig wäre, den vor ihnen liegenden Platz recht bald zu überſchauen. Oben jedoch erwartete er die beiden Anderen, die eine Zeit lang ſchweigend neben ihm ſtehn blieben. Endlich ſagte der Aeltere, der auch im Boot das Steuer geführt: „Höre, Jack, nimm Dich aber in Acht und mach’ keine Dummheiten, oder halte Dich wenigſtens im ſchlimm⸗ ſten Fall immer hier in der Nähe von Boot. So wie Du das unter Dir haſt, biſt Du ſicher, denn die kleine Sally holt kein anderes ein.“ „Habt keine Angſt um mich, Sir,“ lachte aber der 14* 213 Der junge Mann nickte den Beiden freundlich zu, und ſchritt dann langſam über den Fahrweg hin zur Gar⸗ tenthür, die beiden Andern aber ſtiegen wieder zum Fluß⸗ rand zurück, wo ſie, durch die Levée gedeckt, vom Land aus nicht geſehen werden konnten. Hier ſtand ein kleines Dickicht von Pecan- und Stechpalmbäumen, in deren Schatten ſie ſich behaglich lagerten, und daß Weitere ſehr geduldig abzuwarten ſchienen. Das Boot lag dicht unter ihnen, von dem abſchüſſigen, aber jetzt nicht hohen Uferrand vollkommen gedeckt. Der junge Mann hatte indeß die Gartenthür erreicht, die er jedoch von innen verriegelt fand, Unberufene daraus fern zu halten, und er mußte in den ſchmalen Weg hinein, der an dem Garten hin dem hinter dem Hauſe liegenden Negerdorf zuführte. Alles war hier wie ausgeſtorben; ſelbſt die Alten und Kinder ſchienen ſich vor den brennenden Sonnenſtrah⸗ len in den Schatten der Gebäude zurückgezogen zu haben. Nur ein paar Hunde und Schweine trieben ſich dort faul und ſchläfrig herum. Der Fremde blieb ſtehn und ſchien ſich nach Jemand umzuſchauen, von dem er irgend eine Auskunft erhalten könne, als er einen Reiter den in die Felder führenden Weg herabſprengen ſah. Es dauerte auch gar nicht lange bis dieſer, ein langer hagerer Mann, mit einem zwar finſteren, aber ſonſt eben nicht bösartigen Geſicht, heran⸗ kam und ihn artig frug, ob er irgend Jemand ſuche. „Allerdings,“ ſagte der Fremde,„ich wünſchte mit Mr. Beauchamps zu ſprechen, wenn er gegenwärtig gerade auf der Plantage iſt. Es betrifft eine Geſchäftsſache.“ „Dann werde ich Sie bitten müſſen, ein wenig zu warten,“ erwiederte der Reiter.„Mr. Beauchamps hält jetzt gerade ſeine Sieſta und läßt ſich unter keiner Be⸗ dingung in derſelben ſtören.“ „Und wann wäre die beſte Zeit, ihn zu ſprechen?“ „Am Beſten etwa in anderthalb Stunden, bei oder nach dem Kaffee. Wenn Sie ſich indeſſen in meiner kleinen Wohnung aufhalten wollen, ſteht Ihnen dieſelbe mit Ver⸗ gnügen zu Dienſten.“ „Ich danke Ihnen für Ihr freundliches Anerbieten,“ ſagte der Fremde,„aber ich habe mir ſchon lange ge⸗ wünſcht, einmal einen Alligator zu ſchießen und könnte die Zwiſchenzeit indeſſen wohl dazu benutzen. Sie haben doch deren hier in der Nähe?“ „Du guter Gott,“ lachte der Reiter,„die könnten wir Ihnen beim Schock ablaſſen, und ich wollte nur, daß wir ſo viele Ballen Baumwolle jährlich zögen, wie Alli⸗ gatoren hier auf unſerem Grund und Boden innerhalb des Waldſtreifens liegen, den Sie dort drüben ſehen.“ „Sie ſind der Aufſeher der Pflanzung?“ 215 „Zu dienen.“ „Und kann ich die Erlaubniß bekommen dort hinaus zu gehn?“ „Die bedürfen Sie gar nicht,“ ſagte der Aufſeher, „unſere Alligatoren ſtehen Ihnen mit Vergnügen zu Dien⸗ ſten. Wenn Sie übrigens einen Augenblick hier warten, oder nur langſam jenen Weg, den ich eben gekommen, vor⸗ angehn wollen, ſo werde ich Sie ſelber begleiten. Ich habe nur einige Aufträge zu beſorgen und werde Sie bald wieder überholen.— Ich muß doch dorthin zurück und wenn Sie einen oder ein paar Alligatoren ſchießen, iſt es mir ſogar ſehr recht, denn wir können das Fett derſelben jetzt vortrefflich zum Einölen unſerer Baumwollenreini⸗ gungsmaſchinen gebrauchen.“ Der Fremde war gern damit einverſtanden und ſchritt langſam den bezeichneten Weg entlang. Rechts und links davon arbeiteten die Neger, und vor ihm aus dehnte ſich der weite, waſſergefüllte Sumpf, von einem Cypreſſen⸗ und Sumpfeichenwald begrenzt. Ehe er übrigens das Ende der Felder erreichte, hörte er ſchon wieder die Hufſchläge eines galopsirenden Pferdes hinter ſich und ſah den Aufſeher herankommen, der einen kleinen Negerjungen hinter ſich auf dem Pferd hatte, und 3 eine lange dreizinkige Harpune in der Hand trug. „So rief er lachend, als er den Fremden überpoln, 216 während der kleine Burſch wie eine Schlange vom Pferd herunterglitt und hinter ihnen drein lief,„nun können wir unſere Jagd beginnen. Hier iſt eine Harpune, was etwa geſchoſſen wird, aus dem Waſſer zu holen, und der kleine Burſch da ſoll uns die Geſellſchaft herbeilocken, daß ſie ordentlich zum Schuß kommt.“ „Kann er bellen?“ frug der Fremde. „Ah, Sie ſind auch nicht zum erſten Mal dabei,“ meinte der Aufſeher,„das merk' ich wohl. Nein, Bellen kann er nicht, aber täuſchend wie ein Ferkel quietſchen, und Sie ſollen einmal ſehn wie toll die Beſtien darauf ſind. Aber was wollten Sie mit den Alligatoren anfangen; ihn eſſen?“ „Nein, das nicht, obgleich mir geſagt iſt, daß die Schwänze derſelben leidlich ſchmeckten.— Ich wünſchte nur Haut genug zu ein paar Satteldecken zu bekommen.“ „Aha; ja dazu ſind ſie vortrefflich und ſehen aller⸗ liebſt aus. Waren Sie ſchon früher in dieſer Gegend?“ „Ich?— nein— ich bin zum erſten Mal in Loui⸗ ſiana,“ ſagte der Fremde, während er ſich abwandte, nach einem über ihnen hinſtreichenden blauen Falken zu ſehen. — Nur oben am Redriver habe ich einmal einen Alliga⸗ toor geſchoſſen.“ 3„Dort giebt es Maſſen,“ beſtätigte der Aufſeher, „ich war ſelber vier Jahre im„rothen Land“ Overſeer auf ———————— 217 einer Plantage und wir konnten uns dort vor ihnen manch⸗ mal kaum retten. Hier giebt es aber ebenſoviele, wenn nicht noch mehr!“ „Sind Sie ſchon lange auf dieſer Plantage?“ „Beinah drei Jahr— ſeit der letzte Aufſeher von einem Negerdieb erſchoſſen wurde.“ „Ah, ich habe von der Geſchichte gehört,“ ſagte der Fremde gleichgültig,„wurde nicht eine Frau damals ge⸗ raubt?“ „Eine Frau nicht, ein junges Quadroon⸗Mädchen, die mordmäßig hübſch geweſen ſoll.— Ich bin übrigens aus der Geſchichte ſelber nicht ſo recht klug geworden, denn die Neger mochte ich nicht fragen, und die Herrſchaft mag nicht gern an die Geſchichte erinnert werden. Soviel nur hab' ich gehört, daß ſie das Mädchen über jenen Damm, der da vor uns liegt, nach einer Lichtung geſchickt hatten, die dort ein Amerikaner angelegt. Den jungen Damen war ein kleiner Hund verloren gegangen, der ſich dorthin verlaufen, und das Mädchen ſollte ihn abholen. Ob ſie ihn nun boshafter Weiſe einem Alligator vorgeworfen, was ich aber kaum glaube, oder ob ſie Unglück damit hatte, kurz die kleine Kröte wurde unterwegs gefreſſen, und. die Dirne bekam eine tüchtige Portion Schläge dafür. Dieſelbe Nacht lief ſie davon, wie es hieß auf Veranlaſſung eines Flatbootmanns, die ſich ja fortwährend hier an den 218 Ufern herumtreiben und als Mr. Hoof, der frühere Auf⸗ ſeher, ihnen mit einigen Leuten nachſetzte, wurde er dabei von dem Negerdieb erſchoſſen.“ „Und haben Sie das Mädchen wieder bekommen?“ frug der Fremde. 4 „Oh Gott bewahre,“ brummte der Aufſeher—„ja den Teufel auch, der Miſſiſſippi iſt breit und der Wald dicht, und ſo ſchwer es einem Schwarzen allein werden ſollte, hier hinaus zu kommen, ſo leicht läßt ſich die Sache machen, wenn ein Weißer dabei iſt, der als der Herr deſſel⸗ ben gelten kann. Neger werden hier deshalb auch fort⸗ während geſtohlen und nur dadurch, daß wir eben außer⸗ ordentlich kurze Umſtände mit erwiſchten Dieben machen, können wir die Burſchen ein klein wenig im Zaum halten.“ „Aber was thun Sie mit ihnen?“ frug der Frende —„ſo viel ich weiß, ſteht Zuchthausſtrafe darauf.“. 4 „ZJa,“ lachte der Aufſeher,„wenn wir ſie dem Sheriff ausliefern. Gewöhnlich aber machen wir kurzen Proceß mit ihnen und hängen ſie an den nächſten Baum. In den letzten Jahren ſind drei ſo abgefertigt worden.— Aber hier iſt, der Platz,“ unterbrach er ſich raſch—„da ſehn Sie— dort geht der Damm hinüber und hier in dem Waſſer ſchwimmen wenigſtens ein paar Tonnen Alligator⸗ fett umher. Jetzt machen Sie ſich fertig und Ned da, der Junge, mag ein paar für uns zu Gaſte laden.“ —— 219 Ned, ein kleiner außerordentlich ſchmutziger Neger⸗ junge, ſchien aber keine beſondere Luſt zu haben, der Auf⸗ forderung Folge zu leiſten. Er ſah ſich mit den großen ſtieren Augen rings um und blickte ängſtlich nach dem Waſ⸗ ſer hinüber. „Aha,“ lachte der Aufſeher,„er hat ſein neuliches Abenteuer noch nicht vergeſſen. Vor ein paar Tagen ging der Dummkopf hier allein auf den Damm, ſetzte ſich in der Mitte hin und fing an zu quietſchen und wäre beinahe voon einem großen Alligator von dem Damm herunter ge⸗ holt. Seit der Zeit mag er Nichts mehr davon wiſſen. Na komm, mein Burſche— häng' erſt mein Pferd dort drüben an und dann klettere auf die kleine Eiche dort hin⸗ auf. Da geſchieht Dir Nichts und Du kannſt locken nach Herzensluſt.“ Der Bube gehorchte raſch dem Befehl und der Fremde ſtand indeß wie träumend an dem ſchmalen langen Damm. Alte Zeiten und Scenen zogen im Geiſt vor ſeiner inneren Seele vorüber und er hörte nicht einmal, wie der kleine Burſche jetzt auf das Täuſchendſte das Quietſchen eines kleinen Ferkels, aus den Aeſten des niederen Baumes heraus, nachahmte. „Da kommen ſie ſchon,“ flüſterte der Aufſeher da plötzlich, den Arm des neben ihm ſtehenden Fremden er⸗ greifend. 220 „Wer?“ rief dieſer, erſchreckt emporfahrend. „Wer?— nun ein halb Dutzend bärenmäßig großer Alligatoren,“ lachte der Aufſeher.„Sehn Sie nicht die dunklen Flecke, die wie Stücken ſchwarzgebrannten Holzes auf dem Waſſer ſchwimmen? das ſind ſie.“ „Ach ja— wahrhaftig,“ ſagte der Fremde, raſch ge⸗ ſammelt und die Büchſe ſchußfertig aufnehmend—„und tüchtige Kerle dazu.“ 4 „Schießen Sie— da vorn iſt ſchon einer auf kaum zehn Schritte.“ „Halt, noch nicht.— Wir wollen erſt warten, bis er ſich ein wenig dreht; die Kugel könnte ſonſt abprallen.“ „Jetzt— jetzt iſt die Zeit.“ Die Büchſe hob ſich und wie der ſcharfe Strahl dem Rohr entziſchte, zeigte der Alligator auch ſchon den aufge⸗ drehten weißen Bauch. Der Aufſeher ſtand indeſſen mit der gehobenen Harpune wurffertig am äußerſten Rand des Dammes und wie der lange Burſche mit dem Schwanz im Todeskampf das Waſſer peitſchend näher zum Lande kam, warf er ihm das mit Widerhaken verſehene Eiſen kräf⸗ tig in den Wanſt. Gleich varauf hatte er auch, von ſei⸗ nem Begleiter dabei unterſtützt, die wüthend um ſich ſchla⸗ gende Beſtie herangezogen und der Fremde trennte ihr hier mit ſeinem breiten ſchweren Meſſer den Kopf vom Rumpf. Die übrigen waren indeſſen, durch den Schuß er⸗ —— 221 ſchreckt, ein Stück zurückgeſchvommen. Sobald aber der Negerburſch ſein Locken wieder begann und der Fremde ſeine Büchſe kaum wieder geladen hatte, kehrten ſie auch wieder um und kamen gierig näher. Als ſich auch der zweite nach dem Schuß überſchlug, rief der Aufſeher erſtaunt aus: „Sie ſchießen wie der helle Teufel und ich glaube, treffen auch, wohin Sie ſehn. Wäre mir nicht lieb, wenn Sie einmal auf mich zielen ſollten.“ 3 „Würde auch wohl ſchwerlich vorkommen,“ lachte der Fremde,„auf einen Alligator ſchießt ſich's überhaupt beſſer, wie auf einen Menſchen.“ „Haben Sie's ſchon einmal verſucht?“ „Wüßte nicht wo,“ ſagte der Fremde—„Im Krieg bin ich noch nicht geweſen und bei uns im Norden giebt es keine Menſchenjagden.“ „Sie leben im Norden?“ rief der Aufſeher raſch und erſtaunt.— Der elegante leichte Sommer⸗Anzug des Fremden, wie der Panama⸗Hut, hatten ihn glauben machen, daß er es mit irgend einem Pflanzer zu thun hätte und war vielleicht auch Urſache ſeiner außerordentlichen Ge⸗ fälligkeit geweſen. Als er hörte, daß der Fremde aber im Norden daheim ſei, fiel ihm auf einmal ein, wie es nöthig wäre, daß er nach ſeinen Leuten ſähe. Er verſprach übri⸗ 4 gens, augenblicklich einen der daringeſchickten jungen Burſchen 222 herüberzuſchicken, die Alligatoren abzuſtreifen— das konnte er keinem Weißen überlaſſen— wie zugleich das Fett für ſich heraus zu nehmen. „Wenn Sie jetzt langſam dem Haus zu gehn,“ ſagte er dabei,„denk' ich, daß Sie den Herrn wohl munter tref⸗ fen— Da, Ned, nimm die Harpune und geh zu Haus— Auf Wiederſehn,“ nickte er noch grüßend dem Fremden zu und in den Sattel ſpringend trabte er raſch zu ſeinen im Felde arbeitenden Negern zurück. Der Fremde blieb noch lange auf der Stelle und un⸗ ter der kleinen Gruppe von Bäumen hingeworfen, über⸗ ſchaute er ſinnend und ganz in ſeine Gedanken verſunken den Platz. Aber die Gedanken konnten keine trüben ſein, denn oft lächelte er ſtill und leiſe vor ſich hin und als die Sonne endlich tiefer und tiefer ſank und ihn zum Aufbruch mahnte, ſchritt er mit fröhlichen leichten Schritten den ſchmalen Weg entlang, der Pflanzung wieder zu. Ohne ſich weiter bei einem der Neger zu erkundigen, klopfte er auch bald darauf an dem Hauptgebäude an und frug, als ihm ein junges Mulattenmädchen die Thür öff⸗ nete, nach„Maſter Beauchamps.“ „Maſſa iſt oben,“ ſagte die Dirne—„will's ihm gleich ſagen, daß ihn Gentleman zu ſprechen wünſcht.“ „Gut, Kind,“ nickte ihr der Fremde zu,„ſag ihm nur, ich hätte eine Geſchäftsſache mit ihm abzumachen und würde ſeine Zeit keine Viertelſtunde in Anſpruch nehmen.“ Das Mädchen ſprang die Treppe hinauf und der junge Mann lehnte indeſſen ſeine Büchſe in die Ecke und ſchritt langſam in dem mit Blumen faſt gefüllten Vor⸗ ſaal auf und ab. Lange brauchte er hier aber nicht zu warten, denn kaum fünf Minuten ſpäter kam das Mädchen zurück und bat ihn, ihr zu folgen.„Maſſa ſei munter und habe ihr aufgetragen, ihn hinauf zu führen.“ Jack— denn der Leſer wird lange ſchon gemerkt ha⸗ ben, daß der Fremde niemand Anderes, als unſer alter Freund Jack, der Flatbootmann, war, folgte ihr die breite gebohnte Treppe hinauf durch ein paar luftige Zimmer in das freundliche kleine Gemach, in dem die noch hin⸗ und herſchwingende Hängematte verrieth, daß der Herr der Wohnung ſie erſt vor wenigen Minuten verlaſſen. Mr. Beauchamps lag jetzt in einem der bequemen chineſiſchen Rohrſtühle lang und behaglich ausgeſtreckt und erhob ſich bei dem eintretenden Beſuch nur weit enug aus ſeiner Stellung, dem Gaſt einen ähnlichen Sis ſich gegen⸗ über anzuweiſen. „Bitte, Sir, dort ſtehen Cigarren,“ war ſein erſtes Wort—„bedienen Sie ſich ſelbſt— Sie haben das Feuer dicht daneben.“ 224 Jack grüßte ihn, nahm eine Regalia aus der offenen Kiſte, entzündete ſie und ließ ſich dann ohne Weiteres in den ihm durch eine Handbewegung angebotenen Sitz nieder. „Sie wünſchten mich zu ſprechen?“ „Ja, mein Herr.“ „Mit wem habe ich das Vergnügen?“ „— Henry Dodge, aus dem Staat Kentucky,“ ſagte der junge Mann ohne Zögern. „Und mit was kann ich Ihnen dienen?“ „Ich komme nur im Auftrag eines Freundes,“ ſagte der Fremde,„der da hörte, daß ich nach dem Süden ging. Sie erlauben, daß ich ohne Weiteres zur Sache komme?“ „Ich bitte darum,“ erwiederte der Pflanzer, durch die Frage etwas erſtaunt. 1 „Deſto beſſer; das wird das Ganze außerordentlich erleichtern. Nicht wahr, Sie hatten früher eine Sclavin, Namens Sally, die Ihnen, glaub' ich, davon gelaufen iſt, oder geſtohlen wurde— ich weiß es nicht ganz genau.“ „Allerdings,“ rief der Pflanzer, ſich überraſcht und erwartungsvoll in ſeinem Stuhl emporrichtend—„Wiſſen Sie etwas von ihr?“ „Allerdings,“ ſagte der Fremde ruhig,„ich bin ihrete 4 wegen hier gelandet.“. „Und Sie haben ſie in Kentucky erwiſcht?“ rief der 225 Pflanzer raſch und freudig aus, indem er die Lehnen ſeines Stuhles feſter packte. „Leider nicht,“ erwiederte, ohne eine Miene zu ver⸗ ziehen und mit Achſelzucken der Fremde.„Sie lebt in Canada.“ „Teufel!“ rief der Pflanzer, mit dem Fuße ſtampfend, „iſt es nicht eine Schmach und Schande für uns, daß wir das Canada den Briten noch an unſerer Grenze laſſen?— daß wir dulden, wie ſie, unſeren Geſetzen zum Trotz, den flüchtigen Selaven ſchützen und uns gewiſſermaßen in die Zähne lachen? Aber das muß anders werden— Ca⸗ nada muß unſer ſein und wenn wir nur wollten, was könnten denn die Engländer machen?“ „Es iſt allerdings fatal,“ ſagte der Fremde,„aber für den Augenblick läßt ſich doch Nichts dagegen thun. Wir in Kentucky ſind dabei noch viel ſchlimmer daran, wie Sie hier unten. Was war das Mädchen etwa werth?“ „Sie wäre mir nicht unter acht hundert Dollar feil geweſen,“ ſagte Mr. Beauchamps finſter,„und ich bin feſt überzeugt, ich hätte auf dem New⸗Orleans⸗Markt tauſend für ſie bekommen.“ „Hm, dafür kauft man tei uns zwei ſolche Mädchen,“ meinte der Fremde,„Ihre Preiſe müſſen hier enorm hin⸗ aufgetrieben ſein.“ 4* „Gar nicht,“ rief der Pflanzer,„die Dirne war faſt 15 1 1858. I. Gerſtäcker, der Flatbootmann. 226 weiß, was ihr auch jedenfalls die Flucht erleichtert hat und New⸗Orleans iſt dafür ein vortrefflicher Markt. Sie wiſſen, es iſt das eigentlich mehr Liebhaberei, gehört aber in manchen Gegenden mit zum guten Ton, Quadroon⸗ Mädchen zur Aufwartung zu haben.“ „Und würden Sie jetzt noch das Mädchen verkaufen woellen?“ ſagte der Fremde, indem er ſein rechtes Bein über das linke ſchlug und die Cigarrenaſche der Thür zu ſchnellte. „Verkaufen?“ frug der Pflanzer erſtaunt—„wer ſoll mir eine weggelaufene Sclavin abkaufen?“ „In den meiſten Fällen allerdings ein ſchlechtes Ge⸗ ſchäft,“ lachte der Fremde,„und doch bin ich mit dem Auf⸗ trag hier, Ihnen ein Gebot darauf zu thun?“ „Sie haben ſie in Kentucky eingefangen und wollen jetzt einen billigen Kauf machen?“ ſagte der Pflanzer raſch und mistrauiſch. „Lieber Herr,“ erwiederte kaltblütig der Fremde, „wenn das der Fall wäre und ich wollte Sie gewiſſer⸗ maßen um einen Theil des Werthes betrügen, ſo können Sie ſich wohl etwa denken, daß ich mir auch den anderen ſichern würde. Ich brauchte das Mädchen dann nur ein⸗ fach nach Teneſſee, Karolina oder Alabama zu ſchicken und könnte ſie dort zu vollem Werth verkaufen. Nein, ſie iſt wirklich in Sicherheit und brauchte ſich verwünſcht wenig 4 227 mehr um Kaufbriefe zu kümmern, wenn ihr Mann nicht vernünftiger Weiſe Gewiſſensbiſſe ſpürte.“ „Ihr Mann?— iſt ſie verheirathet?“ „Allerdings, und noch dazu an einen wohlhabenden weißen Farmer. Dieſen lernte ich zufällig auf einer kürzlich beendeten Reiſe durch Canada kennen, wo er kaum erfuhr, daß ich in einem Sclavenſtaat wohne, als er mich in dieſer Sache um meine Meinung frug. Er behauptete, ſich nicht wohl zu fühlen, ſo lange er nicht des Mädchens Kaufbrief erlangt habe, und da ich ihm darin natürlich nur beipflichtete und er hörte, daß ich in der Kürze eine Reiſe nach New⸗Orleans mache, bewog ich ihn, mir das Geſchäft zu überlaſſen nnd ſeine Frau für ihn zu kaufen.“ „Und wie viel hat er Ihnen aufgetragen, dafür zu zahlen?“ „Ei nun, ich taxirte ſie flüchtig,“ ſagte der Fremde, „und hielt ſie, nach unſeren Preiſen, etwa ſechshundert Dollar werth— die Liebhaberei dabei noch eingerechnet. Ich ſelber würde höchſtens fünf für ein ſo ſchwaches Ding zahlen. Wären Sie geſonnen, das dafür zu nehmen?“ „In welcher Gegend von Canada lebt ſie?“ „In Quebeck— wenigſtens in der Nähe von Que⸗ beck— nein, es iſt Nichts bei der Sache zu thun, ſie wie⸗ der zu bekommen,“ ſagte lächelnd der Fremde, den Grund der Frage vermuthend,„und meiner Meinung nach machen 15*. Sie, unter den beſtehenden Verhältniſſen, immer noch ein brillantes Geſchäft.“ Der Pflanzer war aufgeſtanden und ging mit auf den Rücken gelegten Händen und raſchen Schritten im Zimmer auf und ab. Plötzlich blieb er vor dem Fremden ſtehn und ſagte, ihn ſcharf anſehend: „Wiſſen Sie, Mr.—“ „Dodge—“ ergänzte Jack vollkommen ruhig, wieder die Aſche abwerfend— „Mr. Dodge— wiſſen Sie, daß mir die Sache ganz bedenklich vorkommt.“ „Das iſt daſſelbe mit mir geweſen,“ lachte der Fremde, „und wenn ich auch gerade Nichts geſagt habe, hab' ich mir doch gedacht, daß jener Farmer einfach verrückt ſein müſſe, das Geld von Canada aus noch zu zahlen.“ „Und wenn ich Ihnen den Kaufbrief nun nicht aus⸗ ſtellen will.“ 4„Nicht ausſtellen?“ ſagte Jack—„das iſt aller⸗ dings Ihre Sache. Wenn Sie Jemanden wiſſen, der Ihnen mehr für das Mädchen, oder die jetzige Frau, giebt, thun Sie allerdings recht.“ Der Pflanzer biß ſich auf die Lippen und ſchwieg— endlich frug er:— „Haben Sie das Geld bei ſich?“— „Ich bin beauftragt,“ lautete die Antwort,„Ihnen „ 229 ſechshundert Dollar für den Kaufbrief zu zahlen, mit einer Proviſion von hundert Dollar für meine Mühe und für Zeitverluſt, die ich bei Einſendung des Kaufbriefs von dem Farmer ſelbſt bekomme.“ „Und wie heißt jener— Farmer?“ „Ich habe mein Ehrenwort geben müſſen, ſeinen Na⸗ men nicht zu nennen— Sie mögen denſelben im Kaufcon⸗ trakte offen laſſen. Nach Allem, was ich davon gehört, iſt der Mann wohl ein wenig bei der Sache compromit⸗ tirt—“. „Mein Aufſeher wurde dabei erſchoſſen,“ ſagte der Pflanzer. „Sie meinen, daß er vielleicht der Thäter?—“ er⸗ wiederte Jack—„hm, das wäre am Ende nicht unmöglich — aber ich muß Sie bitten, ſich raſch zu entſchließen. Ich erwarte das nächſte ſtromabgehende Dampfboot und habe ſchon den ganzen Nachmittag verſäumt, Sie nicht in Ihrer Sieſta zu ſtören.“ „Der Kaufbrief muß aber vom Richter unterzeichnet werden.“ 3 „Natürlich— wohnt der weit von hier?“ „Allerdings nicht— auf der nächſten Plantage.“ „Sehr ſchön, dann können Sie die Sache raſch in Ordnung bringen. Wenn ich nicht irre, kommt Ihr Auf⸗ ſeher da eben zum Haus geritten— ah, und dort iſt auch 230 der Burſche, der meine Alligator⸗Haut trägt.— Ich bin ſo frei geweſen, Ihnen einige der Burſchen todt zu ſchießen.“ Der Pflanzer ſchien noch immer unſchlüſſig. Er trat an's Fenſter und ſah hinaus. Endlich ſagte er: „Jch will ſelber zum Richter hinüber reiten.“ „Sehr ſchön— ich werde indeſſen unten am Strom eine Promenade machen.“ „Und möchten Sie nicht vielleicht ſelbeg mit kommen? — Es würde das die Sache bedeutend vereinfachen.“ „Ich danke Ihnen,“ ſagte Jack,„ich habe Mühe und Aufenthalt genug damit gehabt und möchte mich nicht gern weiter bemühen, als unumgänglich nöthig iſt. Wenn es Ihnen recht iſt und Sie überhaupt Luſt haben, den Kauf abzuſchließen, ſo ſein Sie ſo gut und bringen Sie die Pa⸗ piere dazu in Ordnung. Ich biete Ihnen 600 Dollar für das Mädchen und halte mein Gebot bis heute Abend acht Uhr. Von da an betrachte ich mich an Nichts mehr ge⸗ öpnnden.“ Der Pflanzer ſchien über die ſo kurz angebundene Rede etwas erſtaunt. Jack hatte aber, mehr nach einer Art Inſtinkt, als Ueberlegung, den rechten Ton getroffen, mit dem er, dem Mann gegenüber, auftreten mußte. Er mußte ihm imponiren, oder er ſetzte ſich der Gefahr aus, ſchon erweckten Verdacht noch weiter zu befeſtigen. Ohne weiteres ſtand er jetzt auch auf, nahm ſeinen vorher abge⸗ 34 3 231 legten Hut und wollte ſich kurz empfehlen. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thür und eine junge Dame ſteckte den Kopf herein. „Oh Papa— entſchuldige,“ ſagte ſie, mit einer flüchtigen Verbeugung gegen den Fremden,„ich glaubte Du wärſt allein.“ „Bitte komm herein,“ rief Mr. Beauchamps— „Mr. Dodge von Kentucky— meine älteſte Tochter Louiſe— wo iſt Eugenie, mein Herz?“. „Draußen auf der Verandah, Papa, wir wollten Dich eben zu unſerem gewöhnlichen Spaziergang abholen.“ „Dann werde ich Mr. Dodge erſuchen, heute meine Stelle zu übernehmen. Ich habe ein kleines Geſchäft mit dem Richter, das mich etwa auf eine halbe Stunde entfernt halten wird.“ Jack verbeugte ſich und Miß Louiſe rief: „Oh, das iſt prächtig!— Von Kentucky müſſen Sie uns viel erzählen. Dort haben Sie noch ſolch' erſchreck⸗ liche Wälder, wie mir geſagt iſt, voll Bären und Panther. — Nicht wahr, Kentucky liegt hoch oben im Norden, in Schnee und Eis.“. „Doch nicht ſo ganz weit im Norden, mein Fräulein,“ lächelte Jack—„aber wenn Sie mir erlauben begleite ich Sie, damit wir Ihr Fräulein Schweſter nicht ſo lange warten laſſen.“ 232 Mit kurzer Verbeugung verabſchiedete er ſich von dem Pflanzer, der einen der kleinen zur Aufwartung be⸗ ſtimmten Neger nach ſeinem Pferd ſchickte, und erſuchte die junge Dame, nur einen Augenblick zu warten, bis er ſeine heutige Jagdbeute, die Alligatorhäute dem unten ſeiner harrenden Negerknaben abgenommen hätte. Er würde ſich dann das Vergnügen machen, ſie im Garten unten zu er⸗ warten.— Das war übrigens bald geſchehen. Während Mr. Beauchamps auf dem raſch herbeigebrachten Pony an der Levée hinaufſprengte, nahm er dem Jungen die Alligator⸗ haut ab und trug ſie ſelber über die Levée hinüber zu der kleinen Baumgruppe, wo ſeine beiden Freunde noch immer lagerten. Mit dieſen wechſelte er ein paar flüchtige Worte, ließ ihnen ſeine Büchſe und ging dann in den Garten zurück, wo ihn die beiden jungen Damen ſchon erwarteten. Jack war übrigens ganz der Mann ſie zu unterhalten, denn von Jugend auf an ein thätiges, abenteuerliches Leben gewöhnt, hatte er die nördlichen Staaten ſchon nach allen Richtungen hin durchzogen, und wußte vortrefflich davon zu erzählen. Er ſprach nicht allein gut, ſondern verſtand auch die Sitten und Gebräuche des Nordens mit ſolch' lebendigen Farben zu ſchildern, daß er ſeine beiden Begleiterinnen vollkommen feſſelte, und eine Stunde ihnen in wirklich kaum geahnter Schnelle verſtrich.* Unbemerkt faſt wußte er ihren Spaziergang dabei aus dem Garten auf die Levée, oder wenigſtens die daran hinführende Straße zu lenken. Von dem noch dort liegen⸗ den Boot, das ſie überdieß von der Straße aus gar nicht ſehen konnten, nahm er jedoch nicht die mindeſte Notiz, 6 und hielt ſich nur immer in der Nähe der kleinen Baum⸗ gruppe, die er über den Damm hin erkennen konnte, und an denen er ſeine Freunde wußte. Die Sonne ſank dabei immer tiefer; die Luft hatte ſich ſchon abgekühlt und leichtgekräußter Nebel fing an ſich auf der Oberfläche des Miſſiſſippi zu ſammeln. Hie und da deckte er denſelben erſt wie ein weißes Geſpinſt, durch⸗ das man noch deutlich die darunter hinkochende Fluth er⸗ kennen konnte. An anderen Stellen aber begann er ſchon ſich in kleinen milchigen Wolken zu ſammeln, die ſich dann ſpäter zu ſtarken Schwaden verdichten und gar nicht ſelten zu zwanzig, dreißig Fuß Höhe in feſter Nebelmaſſe den Strom bedecken. Da ſprengten zwei Reiter von einem Neger gefolgt den Weg herab, der an der Levée niederlief, und da ſie ihnen gerade entgegen gingen, dauerte es nicht lange, daß die Spaziergänger mit ihnen zuſammentrafen.— „Ah, da kommt Papa,“ rief da Miß Engenie freu⸗ ddig aus. *„Und wer iſt der Herr, der bei ihm iſt?“ * 234 „ ‚Der Nichter,“ erwiederte Miß Louiſe.„Monſieur Lacoſte, ein Hausfreund von uns.“ Jack lächelte leiſe vor ſich hin und begrüßte die beiden heranſprengenden Männer, die dem ihnen folgenden Neger die Zügel ihrer Pferde zu warfen. „Nun, haben Sie den Kaufbrief, Mr. Beauchamps,“ ſagte Jack nach kurzer Begrüßung der Beiden. „Allerdings,“ erwiederte der Pflanzer—„ich— werde Sie aber vorher noch bitten, mir einige nähere Auf⸗ klärung über das Ganze zu geben.“ 4„So weit ich das im Stande bin, mit dem größten Vergnügen, darf ich das Papier einmal ſehn?“ Der Pflanzer zögerte, nahm es aber doch endlich heraus und übergab es dem jungen Mann zur Anſicht. *„Er iſt rechtsgültig ausgeſtellt,“ ſagte er dabei,„ich — muß Sie aber doch erſuchen, mein Gaſt zu bleiben, bis Sie mir die Beweiſe bringen, daß Sally wirklich nicht erreichen iſt.“ „Sally?“ rief Miß Louiſe raſch und erſtaunt aus, —„was iſt mit Der, Vater— weiß der Herr von ihr?“ Allerdings, mein Fräulein,“ lächelte der junge ohne weiteres in die eigene Taſche ſchob—„erlauben 5 „ 77 mehr in der Jurisdiction der Vereinigten Staaten zu Mann, indem er den flüchtig durchgeſehenen Kaufbrief — a und wer ſind die?“ frug Mr. Beauchamps. 23⁵ mir, daß ich Ihnen hier vor allen Dingen die Kaufſumme einhändige!“ Er überreichte dabei dem Pflanzer ein kleines Paket zuſammengewickelter Banknoten, die dieſer aber noch nicht anſah, ſondern in der Hand behielt und rief: „Erſt bitte ich um Ihre Beweiſe— unſer Handel iſt noch nicht gültig bis Sie mir die gebracht haben.“ „Genügen Ihnen zwei Bürgen, die ich Ihnen ſtellen kann?“ frug Jack. 3 „Das kommt darauf an, wer ſie ſind,“ ſagte der Richter.„Ich muß Ihnen aufrichtig geſtehn, die e Sache kommt mir etwas verdächtig vor, und Sie Mden keinenfalls dieſen Pariſh wieder verlaſſen, bis Sie uns nicht dargethan haben, daß Sie ſelber mit dem damaligen Raub, und beſonders dem Mord des Aufſehers in keiner Verbindung ſtanden.“ „Ich ſelber?“ lächelte Jack, indem er ſtehen blieb und den Richter anſah. Sie befanden ſich gerade der kleinen Gruppe Bäume gegenüber, unter denen ſeine beiden Freunde lagerten und deren Wipfel über die hier wohl zehn Fuß hohe Levée herüberſahen—„Sie ſind unendlich freundlich, mir ſo etwas zuzutrauen, verehrter Herr; meine Bürgen werden Sie aber wohl eines Beſſe⸗ ren belehren.“ / 236 „Männer!“ ſagte Jack ernſt,„die Ihnen augen⸗ blicklich hier zu Dienſten ſtehn— Hallo!“ rief er dann, ſich gegen die Levée wendend—„ſeid Ihr da?“ Mr. Beauchamps und der Richter wandten ſich raſch und erſtaunt dorthin, und die Mädchen ſtießen einen leiſen Schrei aus, als in dieſem Augenblick die kräftigen Ge⸗ ſtalten der beiden Bootsleute, ihre Büchſen in der Hand, auf der Levée erſchienen. „Alles in Ordnung, Jack?“ rief dabei der Alte herunter. Alles,“ ſagte Jack ihm freundlich zunickend,„ge⸗ nügt Ihnen deren Bürgſchaft, meine Herrn!? „Halt!“ ſagte der Richter, während er ſeinen Hut abnahm und um den Kopf ſchwenkte,„das iſt eine Droh⸗ ung, den Geſetzen gegenüber, die Sie büßen ſollen, Sir— Sie ſind mein Gefangener.“ Jack lachte laut auf, ein Blick aber, den er die Straße hinauf warf, belehrte ihn, daß von dort noch einige Reiter niederſprengten. —„Ich bedauere,“ rief er,„Ihnen die Gefälligkeit ver⸗ ſagen zu müſſen— Sally kann unmöglich ſo lange auf mich warten.“) „Sally?“ rief Miß Louiſe, die mit wachſendem Er⸗ ſtaunen den Allem zugeſehen, während Eugenie ſcheu vor . —— Sie die Herren dort umſonſt bemüht haben. Auf nimmer den neuen Fremden zurückwich,„wo iſt die Dirne jetzt, und was mit ihr?“ „Sally, mein Fräulein,“ rief da der junge Mann, „iſt ſeit drei Jahren mein liebes Weib, und läßt ſich 5 Ihnen Allen herzlich empfehlen.“ „Maria und Joſeph!“ ſchrie da die junge Dame auf —„das iſt beim Himmel derſelbe Menſch, der uns da⸗ mals verhindern wollte, ſie zu peitſchen.“ „Sie haben ein vortreffliches Gedächtniß, mein Fräulein,“ lachte Jack,„aber jetzt muß ich wirklich fort—“ 1 „Halt da!“ rief der Richter, indem er ihm den Weg abzuſchneiden ſuchte—„Sie ſind der Mörder des Auf⸗ ſehers.“ „Halt ihn, Salomo!“ ſchrie auch der Pflanzer, den Schwarzen anrufend, der den Nachmittag am Fluſſe Holz gefangen, und ſich jetzt unbemerkt immer näher und näher hier herangezogen hatte. Jack aber war nicht der Mann, ſich ſo leicht fangen zu laſſen. Den jetzigen Augenblick hatte er lange vorhergeſehn, und den nach ihm ausgeſtreck⸗ ten Arm des Richters zurückwerfend, war er mit zwei flüchtigen Sätzen oben auf der Levée. „Es thut mir leid,“ rief er lachend zurück, indem er auf die jetzt raſch herbei galoppirenden Leute deutete,„daß 238 Wiederſehn!“ und mit den Worten war er auch ſchon hinter der Levée verſchwunden. Die beiden Bootsleute hatten bei dem vermutheten Auariß auf ihren Kameraden, faſt unwillkürlich und gleich⸗ zeitig die Büchſen im Anſchlag emporgeriſſen, und der Rich⸗ ter ſelber wich ſcheu vor der drohenden Bewegung zurück. Wie ſie Jack aber neben ſich auf der Levée ſahen, verſchwanden ſie eben ſo raſch mit ihm hinter dem hohen Damme. Wohl hörten ſie die donnernden Hufſchläge auf der harten Straße herankommen, aber mit wenigen Sprüngen waren ſie auch im Boot— ein Meſſerſchnitt trennte die dünne Schnur, die es am Land befeſtigt hielt und hinaus in den Strom ſchoß der ſcharfe Kiel. In dieſem Augenblick erſchienen die Verfolger auf der Levée— aber zu ſpät. Der Bug des trefflich gebau⸗ ten Bootes war dem Strom ſchon zugekehrt, und pfeil⸗ ſchnell flog es auf ſeiner Bahn dahin. Einer der letzt⸗ gekommenen Reiter, der Conſtabel, hatte ein doppelläu⸗ figes Schrothgewehr mitgebracht, und feuerte es hinter dem Boote her. Ehe er aber vom Pferd hinunter und auf die Levée hinaufkommen konnte, ſchlugen die Schrothe ſchon zu kurz auf dem Waſſer ein und als das niedere Fahrzeug dem kleinen Fahrzeug ſtand, eben verſchwand, ſahen die in dem auf dem Strom lagernden Nebel, der aufrecht in — E — 4 im Norden und Madam, o Gelly— Gelly 239 Leute am Ufer noch, wie Einer der Bootsleute im ſpötti⸗ ſchen Hohn den Hut nach ihnen ſchwenkte. Allerdings ſprangen die Weißen augenblicklich nach dem, nicht fern von dort an einem kleinen ausgebauten Werft befeſtigten Boot, die Flüchtigen jedenfalls zu ver⸗ folgen. Die beiden Fremden, die dort ſo lange am Damm gelagert, hatten ihre Zeit aber vortrefflich genutzt und dds kleine Fahrzeug, für den Augenblick wenigſtens, durch ein⸗ gebohrte Löcher unbrauchbar gemacht. Bis das wieder hergeſtellt werden konnte, waren die Flüchtigen lange aus jedem Bereich irgend einer Gefahr, und mit bitteren Flüchen auf den Lippen kehrte der Pflanzer, von ſeinen Gäſten begleitet, in das Haus zurück. Hinter ihnen drein aber, den Damm hinauf, kroch die Geſtalt des alten Negers, und ſchaute ihnen, nur den Kopf über die Levée hebend, vorſichtig nach, bis ſie im Garten verſchwunden waren, und die Thür wieder hinter ihnen in das Schloß fiel. Dann aber glitt der Alte blitzesſchnell zum Ufer zurück, riß den Hut vom Kopf, und ihn in der Luft herum⸗ ſchwenkend, und dabei auf einem Beine tanzend, lachte er mit nichtsdeſtoweniger vorſichtig gedämpfter Stimme jubelnd vor ſich hin:. —„Maſſa Poleridge, Maſſa Poleridge und Sally junge Farmers Frau— weiße Manns Frau, Buckras Frau Gelly!“ * 240 „Was zum Teufel haſt Du da unten zu tanzen und zu ſpringen, he?“ rief da plötzlich eine rauhe Stimme oben von der Levée den Alten an, und als dieſer beſtürzt hinauf⸗ ſah, ſchaute der Aufſeher eben über den Rand des Dammes herüber. „Oh Gelly, Maſſa,“ rief der Schwarze raſch gefaßt, „habe mir eben groß Stück Holz auf den Fuß geworfen, oh Gelly— Gelly!“ „Du biſt doch immer Maſter Ungeſchickt,“ ſagte der Weiße—„mach' daß Du zum Haus kommſt. Was haſt Du hier überhaupt noch allein herumzukriechen?“ „Gleich, Maſſa, gleich,“ ſagte der Alte, hob ſich ein neben ihm liegendes ſchweres Stück Holz keuchend auf die Schulter, und hinkte damit, hinter dem Aufſeher drein, dem Negerdorfe zu. 8 Leipzig, Druck von Gieſecke& Devrient. 8 — 8———— t 8 D/ 2 2 1t!! 4