— Se Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ð =a wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für ichentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— ꝓAP auf 1 Monat: 1 Mr. Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Bux auf der Flucht Seite 143 164 Achtes Kapitel. Gefunden Neuntes Kapitel. Herr von Pulteleben Zehntes Kapitel. Graf Rottack's weitere Beſchäftigung Elftes Kapitel. Abſchiednehmen Zwölftes Kapitel. Schluß 194 214 236 253 1. Die Kbendgeſellſchaft. In der Wohnung der Frau Gräfin ſollte heute Abend große Geſellſchaft ſein, und die Zimmer waren deshalb alle feſtlich mit Blumen geſchmückt, die Cigarrentiſche ängſtlich bei Seite geſchafft und einige Dutzend Stearinlichte in den verſchiedenen Räumen angezündet, ja, ſelbſt Helenens Inſtru⸗ ment in das Empfangszimmer gebracht worden. Auf acht Uhr lautete die Einladung, und es fehl⸗ ten noch etwa fünf Minuten daran, als die Frau Gräfin, in einem ſchweren Seidenkleid, das ihr Herr von Pulteleben extra aus Rio verſchrieben und das ſehr viel Geld gekoſtet hatte, in den Empfangsſaal rauſchte, um vor dem Spiegel dort ihre Toilette noch einmal zu muſtern. Helene ſaß am Fenſter, hatte den Kopf in die Hand geſtützt und ſchaute nach dem letzten Streifen fahlen Lichtes, der noch den weſtlichen Horizont begränzte, und die Conturen des maleriſch einge⸗ ſchnittenen Gebirgszuges ſcharf und deutlich in der klaren Luft abzeichnete. „Wenn nur der Jeremias heute Alles richtig beſorgt hat,“ ſagte die Mutter endlich und ſuchte vergebens in dem Spiegel eine Frontanſicht von ihrem Rückgrat zu bekommen—„ich traue ihm nicht recht; er iſt ein ganz entſetzlicher Menſch mit ſeinen Verkehrtheiten.“ „Ein Irrthum war dieſes Mal in den Ein⸗ ladungen nicht möglich,“ ſagte Helene,„denn er hatte ja alle Namen deutlich aufgeſchrieben.“ „Aufrichtig geſagt,“ fuhr die Mutter fort,„iſt es mir nicht recht angenehm, daß wir bei der heutigen Gelegenheit gerade wildfremde Menſchen haben, von denen ein paar ſogar mit dem frü⸗ heren Director eng liirt waren. Der Baron wird wieder ſchön über die„bürgerliche Verſamm⸗ lung“ die Naſe rümpfen.“ „Es ſollte mir leid thun,“ ſagte Helene gleich⸗ gültig,„wenn der alte Adel des Barons ſich dadurch unangenehm berührt fände; wenn er aber unter ſeines Gleichen leben wollte, hätte er nicht nach Braſilien auswandern, wenigſtens hier keine deutſche Colonie zum Aufenthalt wählen ſollen. Der Eine der Herren iſt übrigens, um Dich und den Herrn Baron zu beruhigen, von Adel, und zwar ein früherer Artillerieofficier, ein Herr von Schwartzau.“ „Und wie heißt Dein kühner Pferdebändiger?“ „In der Colonie wird er kurzweg Herr Ran⸗ dolph genannt; ich weiß aber nicht einmal, ob das ſein Vor⸗ oder Zuname iſt— wen intereſſirt das auch, wenn wir nur einen Namen haben, mit dem wir ihn anreden können.“ „Und Du nimmſt weiter kein Intereſſe an ihm?“ fragte die Frau und ſah ihre Tochter for⸗ ſchend dabei an. „Zu welchem Zweck kommen wir heute Abend hier zuſammen?“ fragte Helene kalt und ſtolz. „Es iſt gut,“ ſagte die Mutter und ſah nach der Uhr, die ſie am Gürtel trug—„ah, ſchon acht Uhr, und da hör' ich auch Jemanden auf der Treppe.“ Die Thür des Zimmers wurde in dieſem Augen⸗ blicke raſch geöffnet; Oskar trat herein und warf, wie gewöhnlich, ſeine Mütze in die Ecke. „Er iſt's richtig,“ lachte er dabei, zu Helenen an's Fenſter gehend; ahau ich Dir's nicht gleich geſagt?“ „Wer iſt's? Was habt Ihr nur wieder?“ fragte die Mutter.„Du könnteſt Dich doch we⸗ nigſtens heute Abend ein Bißchen zuſammenneh⸗ men, Oskar, und Dein wildes, ungeſtümes Weſen laſſen. Iſt das nun eine Manier, die Mütze auf's Sopha zu werfen, wo wir jeden Augenblick unſere Geſellſchaft erwarten! Wer iſt wer?“ „Jener Menſch,“ rief Oskar,„den wir neulich Morgens überholten, als uns die Pferde durch⸗ gegangen waren, und der Deinem Schimmel, glaub' ich, in die Zügel geſprungen, iſt richtig unſer heim⸗ licher Violinſpieler von früher her, hinter dem ich, wer weiß wie oft, mit einem Eimer Waſſer her⸗ gekrochen bin und ihn nie habe erwiſchen können — aber abgewöhnt hab' ich's ihm wenigſtens, daß er das Gekratze hat ſein laſſen.“ Helene antwortete Nichts darauf und wandte ſich wieder dem Fenſter zu, und Oskar, mit einer Quantität anderer Neuigkeiten im Kopfe, fuhr, ohne auf die Schweſter weiter zu achten, fort: „Und mit des Meier Frau iſt es auch rich⸗ tig— die iſt in den Fluß geſprungen, weil ſie der alte Einſiedler da drüben ſo furchtbar geprügelt hat, daß ſie's zuletzt nicht mehr aushalten konnte.“ 11 „Gemeines Volk!“ ſagte die Frau Gräfin wegwerfend;„aber ich glaubte, Du wollteſt zu der Auction hinausreiten?“ „Da bin ich auch geweſen; die langweilige Geſchichte hat eben ſo lange gedauert, da war gar kein Fertigwerden mit all' den tauſend und tau⸗ ſend Kleinigkeiten.“ „Und hat Herr von Pulteleben viel gekauft?“ „Verwünſcht wenig,“ ſagte Oskar;„ein Herr Könnern— Du mußt ihn ſchon in Santa Clara geſehen haben, und er wohnte ja bei Sarno im Hauſe— ſchien ordentlich verſeſſen auf Alles, was ſich noch irgend brauchbar erwies, und es war gar nicht möglich gegen ihn anzubieten.“ „Herr von Pulteleben iſt zurück?“ „Hörſt Du ihn nicht oben herumpoltern? Er kann wieder ſeine/ Stiefeln nicht ankriegen.“ „Du biſt ein ſchrecklicher Menſch, Oskar!“ ſagte die Mutter und ſah nach ihrer Uhr—„aber wo unſere Gäſte bleiben, iſt mir unbegreiflich.“) „Die Meiſten ſind erſt jetzt von der Auction zurück,“ ſagte Oskar;„der Director war auch oben und wollte gern einige der guten Möbel haben, aber Gott bewahre, Herr Könnern brauchte ſie ſelber— der muß ſchmählich reich ſein.“ „Herr Könnern iſt ja wohl auch mit einge⸗ laden?“ fragte die Frau Gräfin ihre Tochter. „Ja,“ ſagte Helene;„er hat ſich aber ent⸗ ſchuldigen laſſen.“ „So— entſchuldigen? Wir ſind dem Herrn wahrſcheinlich nicht vornehm genug. Was ſich, um Gottes willen, ſolche Menſchen nur einbilden?“ „Da unten hör' ich Jemanden,“ rief Oskar— „Jeremias unterhält ſich— der Burſche iſt heute göttlich— haſt Du ihn ſchon in ſeiner Gala⸗ tracht geſehen?“ Die Frau Gräfin hatte aber keine Zeit mehr zu antworten, denn in dieſem Augenblick wurde die Thür weit aufgeriſſen, und Jeremias, der wirklich heute im Glanz ſeines gewöhnlichen Ball⸗ ornats erſchien, meldete: „Se. Ehrwürden der Herr Paſtor Beckſtein mit Ihro Ehrwürden der Frau Gemahlin.“ 1 Oskar drehte ſich auf dem Abſatz herum und drückte ſein Taſchentuch in den Mund, und ſeine Mutter konnte ihm nur noch einen wüthenden Blick zuſchleudern, denn im nächſten Moment mußte ſie ſchon mit lächelndem Geſicht den Herrn Paſtor begrüßen, der in ſchwarzem Frack, weißer Weſte, geſticktem Vorhemdchen und eben ſolchem weißen Halstuch, darunter aber, etwas unpaſſend, mit Nanking⸗Beinkleidern in der Thür erſchien und ſeine Frau hinter ſich herſchleppte. Die Frau war eine hagere, ausgetrocknete Ge⸗ ſtalt mit etwas ſpitzer Naſe und eben ſolchen Backen⸗ knochen, kleinen, grauen Augen und dünnen Lippen — außerdem allbekannt in Santa Clara als Schrecken der Dienſtboten und— wenn das Ge⸗ rücht nicht log— auch ihres eigenen Mannes. Jetzt aber ſchien das ganze Geſicht nur Licht und Sonnenſchein, ſo freute ſie ſich, die Frau Gräfin wohl und munter zu ſehen, ſo glücklich war ſie über das vortreffliche Ausſehen der gnädigen Com⸗ teſſe— von Oskar nahm ſie keine Notiz, denn ſie hatte noch zwiſchen ihrem Manne und der Thür durch ſein Lachen geſehen und ſtrafte ihn jetzt mit. ſtiller, aber furchtbarer Verachtung. Paſtor Beckſtein ſelber, eine grobe, vierſchrötige Geſtalt, ſchien ſich noch nicht recht wohl in ſeiner Umgebung zu fühlen, und ſo behaglich er drüben in der Schenke hinter einer Flaſche Bier oder einer Partie Solo ſaß, ſo beengt fühlte er ſich von jeder anſtändigen Umgebung. Paſtor Beckſtein war auch in der That nicht in ähnlichen Verhältniſſen auf⸗ gewachſen, ſondern daheim ein gar ärmliches Dorf⸗ ſchulmeiſterlein geweſen. Aus einem oder dem andern Grunde mußte er aber ſeinen Dienſt quit⸗ 14 tiren, war dann eine Zeit lang Unterſchaffner an einer Eiſenbahn und wanderte zuletzt nach Bra⸗ ſilien aus. Hier, da er eben keine andere Stellung bekommen konnte, wurde er Geiſtlicher und kan⸗ zelte jetzt ſeine Zuhörer jeden Sonntag Morgen ab. Er hatte wenigſtens, wie der Amerikaner ſagt, the gift of the gab, und mit einer Unzahl citirter Bibelſtellen, die natürlich Niemand nach⸗ ſchlug, gelang es ihm, ſich ziemlich geſchickt in ſeiner Stellung zu behaupten— konnten die Co⸗ loniſten doch auch keinen andern und beſſeren auftreiben. Uebrigens war er, und beſonders außerhalb der Kirche, tolerant genug, viel toleranter wenig⸗ ſtens, als die Frau Paſtorin, die eine ſtrenge Controle über ſämmtliche Kirchgänger in der Co⸗ lonie hielt. Aber auch ſie ſchien das Umgehen der Kirche weniger für eine Sünde gegen Gott ſelber, als für eine perſönliche Beleidigung ihres Mannes zu halten, und vergab es deshalb nie. — Sie ging natürlich in ein ziemlich abgetragenes ſchwarzes Seidenkleid wie eingeſchnürt und ohne Crinoline, mit einer großen, weißen Haube auf, die weiter nichts Merkwürdiges als zwei furcht⸗ bar große, reich geſtickte— leider auch ſchon ein⸗ 15 mal ausgebeſſerte— Zipfellappen und eine ſehr große, orangenfarbige Roſe trug. Glücklicherweiſe blieben dieſe Beiden nicht lange die einzigen Gäſte, denn die Unterhaltung wäre unter ſo verſchiedenen Elementen ſehr bald in's Stocken gerathen. Bald danach meldete Jeremias: „Herr Balthaſar Rohrland nebſt Frau Gemahlin, Madame Rohrland.“ Madame Rohrland war ganz das Gegentheil der Frau Paſtorin: ein kleines, rundes, munteres Frauchen, ſehr einfach, aber gar nicht geſchmack⸗ los gekleidet, mit weiter keinem Schmuck, als ihrem Trauring und einer einzelnen Achatſchnur um den Hals. Rohrland ſelber war ein ſchlichter, praktiſcher Mann mit geſundem Mutterwitze, und er wie ſeine Frau bewegten ſich vollkommen ungenirt in der bis jetzt noch immer etwas ſteifen Umgebung. Mit dem Schlage halb Neun erſchien Baron Jeorgy, und zwar grundſätzlich ſtets genau eine halbe Stunde ſpäter, als die an ihn ergangene Einladung lautete. Er war natürlich à quatre 8 épingles gekleidet; ſeine Toilette ließ Nichts zu woiünſchen übrig, und er hätte eben ſo gut damit bei dem Lever irgend eines europäiſchen Fürſten erſcheinen können. Paſtor Beckſtein ſchrak auch wirklich ordentlich in ſich zuſammen, als er zu⸗ fällig einmal einen Blick auf ſeine Nankings warf. Die Frau Paſtorin haßte den Baron aber ſeit dieſem Augenblicke noch viel mehr, als ſie ihn je gehaßt hatte— es verſteht ſich von ſelber, nur ſeines Stolzes und Hochmuths wegen, der ihn ſogar nicht ein einziges Mal in ihre Kirche ließ. Jetzt erſchien auch endlich— als Hausgenoſſe jedoch eben ſo gewiſſenhaft und laut von Jeremias angemeldet— Herr von Pulteleben, gleichfalls ſehr elegant gekleidet, ſogar mit einem noch neue⸗ ren Frackſchnitt als der Baron, was ſeinerſeits dieſen wieder ärgerte. Herr von Pulteleben ging übrigens vor allen Dingen auf die Damen zu, dieſe zu begrüßen, machte dem Baron dann die gehörige Verbeugung und grüßte den Herrn Paſtor mit ſeiner Gattin, die anfingen, ſich in eine Ecke zu drücken und dort feſtzuſetzen, in etwas ſummariſcher Weiſe— was wieder einen Stachel in der Bruſt der Frau Paſtorin zurückließ. Die Frau Paſtorin ſammelte überhaupt heute Abend Stacheln— wären es thatſächliche geweſen, ihr Herz hätte beim Nachhauſegehen wie ein blutiges Nadelkiſſen ausfehen müſſen. Dann näherte ſich Herr von Pulteleben der Frau Gräfin, um ihr nur vorläufigen, übrigens nicht befriedigenden 17 Bericht über die Auction abzuſtatten. Die Frau Gräfin hatte nämlich gehofft, daß er eine ganze Menge ſehr hübſcher, wenn auch vielleicht ſehr unnöthiger Dinge mitbringen würde, und ſah ſich darin eben nicht angenehm getäuſcht. Jetzt meldete Jeremias wieder einen neuen Gaſt, den Herrn Director von Reitſchen, dem er aber vorher noch einmal, aus Ungeſchicklichkeit oder Malice, die Thür vor der Naſe zumachte, und dann tauſendmal um Entſchuldigung bat. Günther und Felix waren die Letzten, die er⸗ ſchienen, und Felix in der That noch bis zum letzten Augenblick unſchlüſſig geweſen, ob er gehen oder bleiben ſolle. Ja, noch vor der Thür hatte er des Freundes Arm gefaßt und geſagt: „Laß mich lieber unten, Günther— es iſt wahrhaftig beſſer, und die Frau da oben mag ihre Nolle weiter ſpielen nach Herzensluſt. Wir ſind ja alle mit einander Komödianten auf dieſer wunderlichen Weltbühne, und die Geſellſchaft be⸗ trügt entweder ſelber oder verlangt dringend, be⸗ trogen zu werden— warum ihr alſo den Spaß verderben?”“. „Ich würde Dir trotzdem zureden, mit hinauf zu kommen,“ ſagte Günther,„wenn ich nicht heute zufällig gehört hätte, daß dieſe Abendgejollichaf Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. III. 18 wirklich zu einer Art Verlobungsfeier benutzt wer⸗ den ſoll, und ich kann mir denken, daß Dir das nicht angenehm wäre. Haſt Du alſo nicht ganz beſondere Luſt mit hinaufzugehen, ſo kehre ruhig nach Haus zurück; ich will Dich dann ſchon oben entſchuldigen. Es findet ſich ſpäter wohl einmal eine andere und beſſere Gelegenheit, die Frau Gräfin wenigſtens wiſſen zu laſſen, daß man ihre wahre Abkunft kennt.“ „Glaubſt Du, daß mich die Verlobung ſtören würde?“ lachte der junge Graf bitter—„wahr⸗ haftig nicht! Im Gegentheil gönne ich der nach⸗ gemachten Comteſſe von Herzen dieſen Herrn von Pulteleben, und ihm eben ſo gern die Kammer⸗ frau als Schwiegermutter— ich würde mich ſo⸗ gar hüten, die Verbindung zu ſtören, und wenn mir das auch nur ein Wort koſtete. Aber in einer Art haſt Du Recht— wenn auch in einem andern Sinn, wie Du es gemeint— Helene ſelber könnte nämlich glauben, ich ſei der Ver⸗ lobung ausgewichen, und deshalb— gehen wir hinauf. Ich freue mich jetzt ſelber darauf, einmal einer echt ariſtokratiſchen Geſellſchaft in einer bra⸗ ſilianiſchen Colonie beizuwohnen.“ „Du willſt mitgehen?“ „Gewiß,“ lachte Felix, des Freundes Arm wieder ergreifend und ihn mit fortziehend;„es muß überhaupt ſchon faſt dreiviertel ſein, und wir werden jedenfalls mit Schmerzen erwartet. Wie ſich die Frau Gräfin freuen wird, meine Be⸗ kanntſchaft zu erneuern! Aber ich bitte Dich, Günther, nie ſelber über meine Entdeckung zu reden. Das Geheimniß iſt mein eigen.“ „Gewiß— aber glaubſt Du, daß ſie Dich wiedererkennt?“ „Ich glaube kaum— zu viele Jahre ſind ver⸗ floſſen, ſeit wir uns nicht geſehen, und ich ſelber — bin alt dabei geworden; vielleicht kann ich je⸗ doch ihrem Gedächtniſſe nachhelfen.“ „Da ſind wir.“ „Allerdings; es weht ordentlich ein feierlicher Duft durch dieſe erleuchteten Hallen— wenn nur das Ganze nicht ſo nach dem Tiſchler röche— und Jeremias in Gala— Ich fürchte faſt, Günther, daß wir nicht in ſtandesgemäßer Toilette er⸗ ſcheinen.“ „Immer'rein, meine Hörrſchaften,“ rief ihnen Jeremias unten im Hausflur entgegen—„immer krein— hür iſt der Platz, wo Sie Staunens⸗ werthes ſehen und erleben werden— immer hereun! Erwachſene Herrſchaften zahlen gar Nichts und Säuglinge unter zwölf Jahren die Hälfte!“ 2* 2 „So recht, Jeremias,“ lachte Günther—„iſt die Geſellſchaft verſammelt?“ „Alle da, meine Hörrſchaften,“ erwiederte Je⸗ remias mit größtem Ernſte—„fehlten nur noch, wie der Dichter ſagt, zwei lumpige Perſonen”“— und damit ſtieg er die Treppe vor ihnen hinauf, riß die Thür auf und meldete: „Herr Baron, Günther von Schwartzau mit — Donnerwetter, ich weiß ja Ihren Namen nicht!“ Oskar lachte g'rad' hinaus, und auch der Di⸗ rector konnte ein Lächeln nicht unterdrücken; nur die Frau Gräfin ſchoß einen zürnenden Blick auf den tactloſen Diener, und Baron Jeorgy ſchien ebenfalls bis in die Fingerſpitzen hinein empört, über dieſe Mißhandlung jedes Anſtandes, jeder Sitte. Günther übrigens, ohne ſich im Geringſten außer Faſſung bringen zu laſſen, nahm Felix bei der Hand, ging mit ihm auf die Gräfin zu und ſagte mit einer leichten Verbeugung: „Gnädige Frau, Sie waren ſo gütig, mich und Freund Randolph auf heute Abend einzuladen, und ich erlaube mir deshalb, uns Beide hier vor⸗ zuſtellen.“ Die Frau Gräfin machte eine ſtumme Ver⸗ beugung gegen Herrn von Schwartzau, die nur 21 an der äußerſten Kante den neben ihm ſtehenden Freund einſchloß; Helene aber, die hinter ihrer Mutter geſtanden, trat jetzt vor, und von Schwar⸗ tzau die Hand reichend, ſagte ſie herzlich: „Sie haben mir beſonders eine große Freude gemacht, daß Sie der Einladung gefolgt ſind, denn draußen im Walde wurde mir ja gar keine Zeit gegeben, Ihnen ſo herzlich für die Hülfe zu danken, die Sie mir geboten, wie ich es wohl gemocht.“ „Comteſſe,“ ſagte Günther, wirklich überraſcht von der faſt wunderbaren Schönheit des Mäd⸗ chens—„ſo ſehr wir den Unfall Ihretwegen bedauert haben, ſo glücklich hat uns der kleine Dienſt gemacht, den wir Ihnen leiſten durften. Uebrigens muß ich die Haupthandlung vollkommen von mir abwenden, denn Freund Randolph hier war der eigentliche Held des Morgens, indem er ſich Ihrem Pferd entgegenwarf.“ Helene hatte ſich mit ihrem Danke gegen beide Männer gewandt gehabt, aber während ſie ſprach doch immer nur Günther angeſehen, und höchſtens einmal ihren Blick wie ſcheu zu ſeinem Begleiter, aber nie bis zu deſſen Antlitz erhoben. Jetzt konnte ſie es nicht länger vermeiden, und auch ihm die Hand reichend und tief dabei erröthend, ſagte ſie, aber nicht mehr ſo zuverſichtlich, als vorher: 22 „Entſchuldigen Sie, mein Herr, aber ich war an jenem Morgen ſo mit meinem wild gewor⸗ denen Thier beſchäftigt, daß ich wirklich kaum mehr hörte oder ſah, was um mich her vorging— viel weniger denn hätte Perſonen unterſcheiden können. Nehmen auch Sie meinen herzlichſten Dank.“ „Bitte, mein gnädiges Fräulein,“ ſagte Felix ruhig, indem er die gebotene Hand nahm, leicht an ſeine Lippen hob und dann wieder los ließ— „machen Sie keine Umſtände. ch muß zu meiner Schande geſtehen, daß ich dem Pferd nur aus einer Art von alter Angewehnheit entgegen ſprang. Ich kann nämlich keine durchgehenden Pferde leiden, und fahre ihnen ſtets in den Weg, wo ich ſie eben treffe.“ „Sie wollen alſo damit ſagen,“ lächelte der Director,„daß Sie dem Pferde mehr des Pferdes als der Reiterin wegen in den Zügel fielen.“ „Genau daſſelbe,“ ſagte Felix, ſich hoch auf⸗ richtend und den Director anſehend—„mit wem habe ich das Vergnügen?“ „Herr Director von Reitſchen,“ ſagte Günther, ihn vorſtellend, und die beiden Männer verbeugten ſich vornehm gegen einander. „Der Herr Randolph hat etwas ſehr Anſtän⸗ 23 diges in ſeinem Benehmen,“ flüſterte Baron Jeorgy leiſe der Frau Gräfin zu, neben der er ſtand. „Finden Sie?“ ſagte die Gräfin und muſterte den Fremden mit einem gleichgültigen Blick; ſie hatte ihr Auge auch ſchon wieder von ihm abge⸗ wandt, als es noch einmal dahin zurückkehrte und ihn aufmerkſamer betrachtete. Wo hatte ſie denn das Geſicht ſchon einmal in ihrem Leben geſehen? Helene erröthete noch tiefer, als der junge Fremde ihren Dank auf ſo faſt leichtfertige Art zurückwies; ſein ganzes Benehmen dabei war aber ſo achtungsvoll und gewandt, daß ſie ihm auch wieder nicht böſe ſein konnte. Jeremias ſtörte die Unterhaltung auf ſehr directe Weiſe, indem er ein ſehr großes Theebrett mit einer Anzahl Taſſen und Rahmgießer, Zucker⸗ doſe und Rumflaſche mitten zwiſchen die Gruppe hineinſchob und auf das Verbindlichſte fragte: „Irgend Etwas gefällig? Bitte, langen Sie zu. Herr von Schwartzau— hurrjeh, jetzt hätten Sie gleich die Rumflaſche mit dem Ellbogen herun⸗ tergefegt!“ Bald war der Thee allgemein und eben ſo das Geſpräch, denn der Thee verſchwemmt eigentlich jede Geſellſchaft, und eine ernſthafte oder geiſt⸗ reiche Unterhaltung iſt bei häufigem Genuß von 24 Thee kaum möglich. Er ſchläfert viel mehr ein, als daß er aufweckt, und daher ſehr häufig die entſetzlichen Folgen, wenn bei Vorleſungen auch noch Thee umhergereicht wird. Sehr natürlicher Weiſe drehte ſich aber das Geſpräch anfänglich faſt ausſchließlich um die Tagesbegebenheit— die Auction des Meier'ſchen Gutes und Eigenthums, den Selbſtmord der Frau und den raſchen, geheimnißvollen Abzug von Vater und Tochter, der mehr einer Flucht als einer wirklichen Abreiſe glich. Günther dankte auch Gott im Stillen, daß Könnern die Einladung aus⸗ geſchlagen, denn jedes Wort hier wäre ein Meſſer⸗ ſtich für ihn geweſen. „Apropos, Herr von Schwartzau,“ wandte ſich endlich der Director an dieſen—„will ſich denn Ihr Freund Könnern bleibend bei uns nieder⸗ laſſen? Wie ich erſt verſtand, war er blos auf einer Durch⸗ oder vielmehr Kunſtreiſe hier. Nach den bedeutenden Einkäufen aber, die er heute, beſonders an Möbeln und anderen, ſchwer zu transportirenden Gegenſtänden gemacht, ſieht es doch viel eher aus, als ob er ſich hier eine Wirth⸗ ſchaft und einen eigenen Heerd gründen wolle.“ „Ich muß ſehr bedauern, Ihnen darüber keine genaue Auskunft geben zu können, Herr Baron,“ 25 ſagte Günther,„denn ich ſelber habe hier das Erſte von dieſen Einkäufen gehört. Möglich, daß er dazu den Auftrag von Herrn Meier ſelber be⸗ kommen, denn ſo viel ich weiß, gedenkt jener Herr hierher zurückzukehren. Er hat wahrſcheinlich nur das Ueberflüſſige verkaufen laſſen.“ „In der That? Und waren Sie näher mit der Familie befreundet?“ „Ganz und gar nicht— ich habe das Haus kurz vor ihrer Abreiſe zum erſten Male betreten.“ „Sonderbar,“ ſagte der Director;„es ſcheint eigentlich Niemand im ganzen Ort zu ſein, der ſie kennt.“ „Ich weiß Niemanden. Sie haben wenig oder gar keinen Umgang mit Fremden gehabt.“ „Und weshalb die Frau den Tod könnte ge⸗ ſucht haben?“. „Das Geheimniß ruht wohl mit ihr im Grabe,“ ſagte Günther ausweichend,„denn ich glaube nicht, daß die Familie ſelber darüber Auskunft geben würde. Sie ſoll übrigens immer tiefſinnig geweſen ſein, und es iſt möglich, daß die voll⸗ kommen abgeſchiedene Lebensweiſe nicht wenig dazu beigetragen hat, eine ſolche krankhafte Idee zum Ausbruch zu bringen.“ „Sehr wahrſcheinlich,“ ſagte der Director— 26 er ſah, daß er aus Günther Nichts weiter heraus⸗ bringen würde, ſelbſt wenn dieſer wirklich um Eins oder das Andere gewußt hätte. Das Geſpräch drehte ſich endlich wieder anderen Gegenſtänden zu, und Jeremias reichte zum zweiten Mal den Thee zwiſchen die Frau Paſtorin und Madame Rohrland hinein, die eben tief in wirth⸗ ſchaftliche Dinge verwickelt waren. „Ja,“ entgegnete die Frau Paſtorin auf eine Aeußerung der andern Dame bezüglich des Stri⸗ ckens, indem ſie Jeremias die wieder gefüllte Taſſe abnahm und ſich Zucker und Milch nahm— „das iſt gar Nichts— denken Sie nur, was ich für Füße zu verſorgen habe, die Strümpfe ver⸗ langen. Ich muß für meinen Mann und mich, für meine fünf Kinder und auch noch für den Schwager von meinem Mann, alſo für acht Per⸗ ſonen, ſtricken.“. „Alle Wetter!“ ſagte Jeremias erſtaunt— „für zweiunddreißig Beine!“ Die Frau Paſtorin warf ihm einen wüthenden Blick zu und Jeremias ging weiter, wo Herr von Pulteleben neben Helenen und dem Director ſtand „Trotzdem, daß wir ſelber bei den eſenren intereſſirt ſind,“ lachte Helene, ſo halte ich es doch 2 für eine entſetzliche und fatale Gewohnheit, die aher eben nicht abzuſchaffen iſt und deshalb er⸗ tragen werden muß.“ „Und doch ſtände es in der Gewalt der Damen, das zu thun,“ ſagte der Director galant;„die jungen Damen ſollten ſich nur alle verſchwören, keinen Mann zu küſſen der raucht.“ „Das hälfe gar Nichts,“ meinte Jeremias trocken, indem er das Theebret vorſchob—„bitte, langen Sie zu, mir ſchläft der Arm ſchon ein— „die jungen Damen ſollten ſich lieber verſchwören, Jeden zu küſſen der nicht raucht— was nach⸗ her für ein Gereiße um den Herrn Director wäre!“ Helene und Herr von Pulteleben lachten dieſes Mal und der Director ſah Jeremias über die Schulter verächtlich an, was aber an dieſem ruhig abprallte. Oskar, welchen die Geſellſchaft langweilte, hatte ſich an's Inſtrument geſetzt und ſpielte einen Walzer, aber ſo falſch und außer allem Tact, daß ihn ſelbſt ſeine Mutter bat, aufzuhören. „Bitte, Comteſſe,“ fragte der Director,„wollten Sie nicht die Freundlichkeit haben und uns Etwas zu eſten geben? Ich habe ſchon ſo viel von Ihrem Spiel gehört, aber noch nie die Freude gehabt, ſelber Ohrenzeuge zu ſein.“ das immer und immer wieder die ſüßen und weh⸗ müthigen Klänge zuckten. Felix lehnte mit in einander geſchlagenen Armen an dem Fenſter nächſt dem Clavier. Er hatte kalt und gleichgültig bleiben wollen, aber die Töne ſprachen zu mächtig zu ihm. Es war die nämliche Melodie, mit der ihm Helene, als er den letzten Abend unter ihrem Fenſter geſpielt, geantwortet hatte, und jetzt— er deckte ſeine Augen mit der Hand, und Alles, was ihn umgab, ſchwamm in einem wilden, wirren Chaos zuſam⸗ men, aus dem nur die Töne wie Sphärenmuſik zu ihm herüber drangen. Jetzt ſchwiegen ſie—„Bravo, Bravo, vor⸗ trefflich— wirklich meiſterhaft!“ tönte es von allen Seiten— nur Felix wandte ſich ab und ſchaute ſtumm und ſtill in die dunkle Nacht hin⸗ aus, deren friſcher Luftzug ſeine Schläfe kühlte— die leeren Beifallsphraſen thaten ihm weh. Ein anderer Spieler hatte den Platz am Pianoforte eingenommen— die junge Frau Rohr⸗ land, die eine ſehr hübſche Polka ganz allerliebſt und mit großer Fertigkeit abſpielte. Felix hörte es gar nicht, als eine leiſe Stimme an ſeiner Seite ſagte: „Sind Sie nicht auch muſikaliſch?“ Helene verneigte ſich leicht, zog ihre Hand⸗ ſchuhe aus und ging auf das Clavier zu. Jere⸗ mias blieb mit dem Theegeſchirr vor Herrn von Pulteleben ſtehen. „Und ſind Sie nicht muſikaliſch, würdiger Greis?“ ſagte der junge Mann, indem er zulangte und ſich eine Taſſe bereitete. „Ich leider nicht,“ meinte Jeremias, indem er zuſah, wie ſich Jener ein Stück Zucker nach dem andern in die Taſſe warf—„aber ich ſtamme aus einer ganz muſikaliſchen Familie.“ „So?“ „Ja,“ ſagte Jeremias—„ich habe drei Schweſtern, die ſind alle muſikaliſch, die eine ſchlägt das Clavier, die andere ſpielt das Piano⸗ forte und die dritte iſt Witwe— nehmen Sie nicht noch ein Stückchen Zucker?“ „Ruhig da,“ ſagte Günther, als Helene gerade zu präludiren begann, und Jeremias drückte ſich mit dem jetzt überall herumgereichten Bret zur Thür hinaus. Helene, die einen vortrefflichen Lehrer gehabt, ſpielte wirklich wunderſchön, und das Beſte dabei, mit tiefem Gefühl— und wie ſeelenvoll tr ſie jetzt das Adagio von Mozart vor, wie kräftig und friſch ſprang ſie zu dem Allegro über, durch 30 Der junge Mann ſchrak empor, als ob er einen Stich in's Herz bekommen hätte, und als er ſich wandte, ſtand neben ihm Helene, das liebe Antlitz fragend zu ihm aufgehoben, während der Glanz der Lichter ihr goldblondes Haar wie mit einem Heiligenſcheine zu umgießen ſchien. „Sind Sie nicht auch muſikaliſch?“ wieder⸗ holte Helene die Frage, als ſie ſah, daß ſie der Fremde faſt verwirrt anſtarrte, als ob er die Worte überhört hätte. „Ich?— Nein,“ ſtammelte Felix und biß die Zähne auf einander, daß er ſich, gerade dem Mädchen gegenüber, ſo ſchwach und unbeholfen gezeigt—„nein, Comteſſe,“ wiederholte er feſt, und faſt rauh—„mir träumte einmal, daß ich ſpielen könnte— aber die Zeit liegt dahinten und — ich ſehne ſie auch nicht zurück.“ „und hören Sie gern Muſik?“ fragte Helene weich. „Nein,“ erwiederte der junge Graf nach einigem Zögern—„Muſik ſollte ein Genuß, eine Erholung für uns ſein, und mir— reißt ſie nur immer wieder alte Erinnerungen und Bilder wach, die beſſer abgethan im Dunkeln ſchlafen. Ich haſſe Muſik!“ „Oder fürchten ſie,“ ſagte Helene ernſt. „Fürchten? Es giebt wenig, was ich auf der Welt fürchte, Comteſſe— und doch könnten Sie Recht haben— ich fürchte ſie vielleicht.“ „Und bietet uns nicht auch gerade die Muſik ſo manchen ſüßen Troſt in Schmerz und Leid!“ „Sie reden, Comteſſe,“ ſagte Felix, faſt ſpöt⸗ tiſch lächelnd,„als ob Sie ſchon ein Leben voll bitterer Erfahrungen hinter ſich und nicht— einen Blumengarten knospender Erwartungen vor ſich hätten.“ „Lieber Gott,“ ſagte das junge Mädchen un⸗ befangen—„Jeder von uns trägt ſeine Laſt an Sorgen und Schmerz, die ſich oft hinter der glat⸗ teſten Stirn verſtecken— wer will ſagen, daß er die ſchwereren trüge.— Aber wir werden zu ernſt,“ brach ſie freundlich ab—„wiſſen Sie, Herr Randolph, daß wir Beide eine merkwürdige Uebereinſtimmung in unſeren Träumen haben?“ „Wir Beide?“ „Ja— auch mir träumte neulich einmal, daß Sie— ſpielen könnten, und doch hatte ich Sie ſelber kaum mehr als einmal und nur flüchtig auf der Straße geſehen. Finden Sie das nicht wunderbar?“ „Allerdings— ſehr wunderbar!“ rief Felix und ſchaute überraſcht zu ihr auf, Helene ſah 32 ihn aber ſo ruhig und unbefangen an, daß er den Kopf wieder abwandte und ſagte:„Aber wer kann für ſeine Träume? Sie kommen eben und gehen, und drücken dabei trotzdem ihre Fährten in unſere Erinnerung, daß wir in ſpäteren Jahren die wirklichen von den geträumten kaum noch unterſcheiden können. Laſſen Sie uns Beide unſere Träume vergeſſen.“ Dunkles Roth ſchoß in Helenens Züge und ihre Lippen öffneten ſich wie zu einer Erwiederung, aber kein Wort verließ ſie, und der laute Applaus der eben beendeten Polka, bei dem beſonders Paſtor Beckſtein mit ſeinen breiten Händen wacker arbeitete, brachte die Geſellſchaft wieder unter einander, die ſich jetzt um Frau Rohrland drängte und ihren Dank für den Genuß ausſprach. Helene wurde dadurch ebenfalls von Felix getrennt, und Oskar's laute Ankündigung, daß der Tiſch gedeckt ſei und der Gäſte harre, machte überhaupt jede weitere Unterhaltung unmöglich. — 2. Fortſetzung. Herr von Pulteleben hatte ſich raſch zu Hele⸗ nen durchgearbeitet, um ihr ſeinen Arm anzu⸗ bieten, Baron Jeorgy bot den ſeinen der Frau Rohrland, da der Director ſchon die Frau Gräfin um die Ehre gebeten, und Herr Rohrland führte, zur augenſcheinlichen Erleichterung ihres Gatten, die Frau Paſtorin zu Tiſche; die übrigen Gäſte folgten mit Oskar der kleinen Escorte in das Speiſezimmer, wo ſich Oskar indeſſen den Spaß gemacht hatte, die von ſeiner Mutter vorher ſorg⸗ fältig geprüfte und durch kleine Namenszettel be⸗ zeichnete Rangliſte der Sitzenden, gründlich durch einander zu werfen und zu verwirren. Die Frau Paſtorin kam dadurch oben an die Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. III. 3 —— — 34 Tafel, mit Herrn Nandolph an der einen und dem Director an der andern Seite; neben dieſen die Frau Gräfin, Pulteleben zwiſchen den Paſtor und Herrn Rohrland, Oskar ſelber zwiſchen deſſen Frau, mit der er ſich ſehr gern unterhielt, und den Baron, der ihn nicht leiden konnte, Günther auf die andere Seite zwiſchen Frau Rohrland und Helenen, die wiederum rechts von Felix zu ſitzen kam. Ehe die Verwirrung auch nur bemerkt wurde, hatten die Frau Paſtorin und mehrere Andere, die ihre Zettel aufgelegt fanden, ſchon Platz ge⸗ nommen. Unter ihnen, das Gefühl gekränkter Eitelkeit in Fracturbuchſtaben an der Stirn, der Baron, der dabei der Gräfin einen Bände ſpre⸗ chenden Blick zuwarf. ¹ Die Gräfin, in dem Gefühl vollſtändiger Sicherheit, Alles nach beſten Kräften angeordnet zu haben, trat nur eben noch einmal in die Thür, um Jeremias ein paar Befehle hinauszurufen, und als ſie ſich wieder umdrehte, war das Un⸗ glück geſchehen. „Aber, meine Herrſchaften,“ rief ſie entſetzt— „wie— wie haben Sie ſich denn geſetzt?“ „Wie unſere Zettel lagen, meine Gnädigſte,“ 25 antwortete der Baron ſcharf— es war die ein⸗ zige Rache, die er nicht unter ſeiner Würde hielt. „Aber das iſt ja ganz falſch— eine Ver⸗ wechſelung!“ „Ach, wir ſitzen ja recht hübſch hier,“ ſagte die Frau Paſtorin, die ſich an der Seite des Herrn Directors wohl fühlte—„wir bleiben ſo, nicht wahr?“ „Ja, wir bleiben ſo,“ lachte auch die kleine, muntere Frau Rohrland, der Oskar ſchon mit ein paar Worten ſeinen Streich erzählt hatte—„ſo ein Durcheinander iſt ganz hübſch und gemüthlich.“ Die Gräfin warf ihrem Sohn einen Dolch⸗ blick zu, dem ſich aber Oskar wohl zu begegnen hütete, und von Pulteleben, der noch immer ſeinen Platz nicht eingenommen hatte und hinter ſeinem Stuhl in Erwartung einer Aenderung ſtehen ge⸗ blieben war, ſetzte ſich endlich auch ſeufzend und mit einem kläglichen Blick zwiſchen den Herrn Paſtor und Herrn Rohrland hinein. Dann kam Jeremias mit der Suppe, und unter den alſo Zuſammengewürfelten begann bald, mit dem Klap⸗ pern der Teller und Löffel, eine lebhafte Unter⸗ haltung. Herr von Pulteleben allein fand ſich auf ſeinem Platz vollkommen an die Luft geſetzt. Wie hatte 3⸗ 36 er ſich Alles ausgedacht, die Rede, welche er zu halten ſich vorgenommen„mit der jungen Dame an meiner Seite“— rechts ſaß der Paſtor, links der trockene Kaufmann Rohrland, und ſeine Schwiegermutter in spe konnte er nicht einmal anſehen, um den geeigneten Moment aufzufangen; er hätte dann um den dicken Beckſtein herum⸗ gucken müſſen. Helene, die ebenfalls augenblicklich ihren Bruder in Verdacht hatte, die Verwirrung bewirkt zu haben, fühlte ſich am Unbehaglichſten zwiſchen den beiden Fremden, noch dazu, da Felix mit der größten Unbefangenheit ein vollkommen gleich⸗ gültiges Geſpräch mit ihr anknüpfte und ſogar mit dem Wetter begann. Sie gab ihm auch nur kurze und einſilbige Antworten— und doch war ihr das Herz dabei ſo weh— ſo ſonderbar be⸗ drückt— ſie wußte ſich ſelber nicht ordentlich Rechenſchaft zu geben, weshalb— und ihr Nach⸗ bar an der andern Seite, Herr von Schwartzau, beſchäftigte ſich ausſchließlich mit ſeiner Nach⸗ barin zur Rechten. Am Beſten nahm die Frau Paſtorin die Ge⸗ legenheit wahr, die ſich ihr vielleicht nicht ſo bald wieder bot, ihren Nachbar, den Herrn Director, gründlich mit ihren Anſichten über Gemüſebau 37 und Schweinezucht bekannt zu machen, die, wenn er ſie befolgen wollte, die ſegensreichſten Folgen für die Colonie tragen mußten. Der Director verſuchte, um dieſer Plage zu entgehen, verſchiedene Male, ſich ausſchließlich der Frau Gräfin zuzuwenden— aber umſonſt. Die Frau Paſtorin hielt, was ſie einmal hatte— welches Zeugniß ihr auch ihr Mann zu Zeiten ausſtellte— und er mußte ſich endlich in ſein Schickſal ergeben und ruhig und geduldig aus⸗ harren. Die Gräfin hatte indeſſen über den Tiſch hin⸗ über, ſo oft das nur unbemerkt geſchehen konnte, die Züge des jungen Grafen gemuſtert, der ſich unter dem beſcheidenen Namen Randolph bei ihr eingeführt. Wo nur hatte ſie das Geſicht ſchon geſehen— wo dieſe Züge, die ihr ſo merkwürdig bekannt waren, und durch eine zufällige Aehnlich⸗ keit mit einem jungen Braſilianer in Santa Ca⸗ tharina ihr Gedächtniß immer wieder auf eine falſche Fährte brachten?— Felix konnte es eben ſo wenig entgehen, daß ihn die Dame oft und ſtark fixirte, wenn er auch dann nie nach ihr hinüberſah— aber ein paar Mal zuckte es wie ein leichtes, faſt ſpöttiſches Lacheln um ſeine Lippen und beunruhigte ſein vis-à-vis zuletzt ſo, daß ſie 38 ſich feſt vornahm, ihn gleich nach Tiſch ſelber zu fragen, wo ſie ſich ſchon einmal im Leben getrof⸗ fen hätten, ob in Rio oder wirklich auf Santa Catharina. Sie war dadurch ſo in ihre Gedanken vertieft geblieben, daß ſie ganz überhörte, wie Herr von Pulteleben in einem geringen Grade von Verzweiflung ſchon ein paar Mal hinter ſeinem dicken Nachbar weggerufen hatte:„Beſte Frau Gräfin, beſte Frau Gräfin!“— und der Paſtor, durch den Schall getäuſcht, ſich dann jedesmal nach der verkehrten Seite umſah. Jetzt endlich konnte er ſeine Ungeduld nicht länger bezähmen, ſtand auf, trat hinter den Stuhl der Gräfin und flüſterte: „Beſte Frau Gräfin, glauben Sie nicht, daß es— daß es jetzt etwa Zeit ſein dürfte, der Ge⸗ ſellſchaft— der Geſellſchaft den wichtigen Schritt mitzutheilen?— Wir ſind ſchon beim Deſſert.“ „Sie haben Recht,“ erwiederte die Gräfin, raſch aufſtehend und einen flüchtigen Blick über die Gäſte werfend—„es wird in der That Zeit; bitten Sie den Baron darum, er wollte den Toaſt übernehmen.“ Herr von Pulteleben verneigte ſich— es war ihm in der That nicht recht, jetzt erſt noch einmal den Baron darum zu bitten, aber es ließ —,— —4,.,— 39 ſich Nichts mehr an der Sache thun. Er warf einen Blick nach Helenen hinüber, die das Flüſtern bemerkt und deſſen Bedeutung errathen haben mochte, denn ſie erbleichte ſichtbar. Herr von Pulteleben war aber in dieſem Augen⸗ blick viel zu ſehr mit ſich ſelber beſchäftigt, um das zu bemerken oder zu beachten. Er trat zum Baron und flüſterte dieſem einige Worte leiſe zu. „Mein lieber junger Freund,“ ſagte der Ba⸗ ron achſelzuckend,„hier unten von der Tafel? Wünſchen Sie das wirklich?“ „Ich bitte Sie dringend darum im Namen der Frau Gräfin.“ „Bitte, lieber Baron,“ winkte ihm auch die Dame von ihrem Platze zu. „Hm,“ ſagte der Baron und wiſchte ſich mit der Serviette den Mund—„hm— es iſt— eigentlich gegen meine Grundſätze, aber— wenn Ihnen damit ein Gefallen geſchieht, junger Freund“ — und er ſtand dabei langſam von ſeinem Stuhl auf und legte ſeine Finger auf den Fuß des vor ihm ſtehenden, erſt gefüllten Glaſes, während er mit der andern Hand leicht ſeinen Meſſerrücken dagegen ſchlug. „Meine Herrſchaften!“ „Wollen Sie Käſe?“ fragte Jeremias, der das Anſchlagen des Glaſes gehört hatte und mit dem Käſeteller auf den Baron zufuhr. „Meine Herrſchaften!“ wiederholte der Baron, indem er Jeremias mit ſeinem Teller verächtlich den Rücken zukehrte und alle Gäſte ihn erwar⸗ tungsvoll anſahen.„Es iſt mir die ſehr angenehme und ehrenvolle Pflicht geworden, die Namen zweier junger Leute neben einander zu nennen, die ge⸗ ſonnen ſind, hinfüro eben ſo neben einander durch dieſes Leben zu wandern. Ich weiß, daß Sie alle von Herzen in meine Wünſche einſtimmen werden, daß ihnen nämlich eben dieſes Leben nur Roſen und keine Dornen, nur Sonne und keinen Schatten.“ „Hübſch in Braſilien,“ ſagte Jeremias halblaut. „Nur Freuden und keine Leiden bieten möge,“ fuhr der Baron fort,„und ich bitte Sie deshalb, mit mir anzuſtoßen auf das Wohl von Comteſſe Helene und Herrn Arno von Pulteleben— Sie leben hoch!“ „Hoch! Hoch!“ rief Alles, von den Stühlen aufſtehend und die Gläſer erhebend und gegen einander ſtoßend. „Jetzt iſt die Bombe geplatzt,“ ſagte Jeremias, und ſprang an einen Nebentiſch, wo er ſich eben⸗ falls ein Glas bis zum Rande mit Rheinwein füllte. 5 4 — 41 Neben Helenen war Felix von Rottack auf⸗ geſtanden, und ihr ſein Glas entgegenhaltend, ſagte er artig, aber kalt: „Erlauben Sie, Comteſſe, daß ich der Erſte ſei, der Ihnen ſeinen aufrichtigen Glückwunſch zu Ihrer Verlobung mit Herrn von Pulteleben bringt — es iſt ja auch das Einzige, was wir anderen armen Teufel bringen können, die außerdem nur noch den Glücklichen beneiden mögen, daß er die — ſchönſte Blume Santa Clara's pflücken darf.“ Helene, als ſie ihr Glas mit dem ſeinigen be⸗ rührte, ſah ſcheu zu ihm auf, denn ſie fühlte das Bittere im Tone. Jeder Blutstropfen hatte dabei ihr Angeſicht verlaſſen, und ein ſo tiefer Schmerz lag in dieſem Moment in ihren Zügen, daß Felix unwillkürlich davor erſchrak und mit leiſer, herz⸗ licher Stimme hinzuſetzte:„Sein Sie glücklich!“ Herr von Pulteleben mußte um den ganzen Tiſch herum, um zu ſeiner Braut zu gelangen. Er hatte erſt auf des Barons Toaſt noch Etwas erwiedern wollen, aber es ging nicht; der Spectakel war zu groß geworden, und er drängte ſich jetzt nur zwiſchen die Uebrigen hinein, um nicht ganz aus dem Weg geſetzt zu ſein.“ „Das iſt ja in der That eine große Ueber⸗ raſchung,“ ſagte die Frau Paſtorin, die das Ge⸗ 42 heimniß ſchon einige Tage früher als die betref⸗ fenden Perſonen ſelbſt gewußt hatte—„ei, da gratulir' ich ja recht von Herzen und von ganzer Seele und mit ganzem Gemüth, und der Herr gebe ſeinen reichſten Segen dazu— und was man Ihnen ſonſt noch alles Gute wünſchen kann!“ Helene ſtieß mit Allen an— ſie wußte gar nicht mit wem— ſie bemerkte auch kaum, daß ihr Bräutigam ſich ihr nahte und verlegen ſein Glas mit dem ihrigen berührte; ſie hörte nur, wie er flüſterte: „Meine liebe, liebe Helene— o, daß ich Sie jetzt ſo nennen darf!“= Der Herr Director Reitſchen, der eben ſein Glas erhoben hatte, fühlte ſich leiſe am Ellbogen berührt und wandte ſich danach. Er ſah auch Jeremias mit dem gefüllten Pokal vor ſich; ehe er es aber verhindern konnte, ſtieß der kleine Burſche, ihm freundlich und vertraulich zunickend, mit ihm an und leerte ſeinen Wein dann auf einen Zug. Der Baron war ein entſetzter Zeuge dieſer Zwiſchenſcene geweſen. Die Gläſer wurden wieder gefüllt, und viel⸗ leicht zum Beweis, wie unvorbereitet ihnen Allen dieſe Nachricht kam, las der Herr Paſtor jetzt ein 4 4 ——— 8 — langes Gedicht ab, das er zur Feier dieſer„un⸗ erwarteten“ Gelegenheit verfaßt hatte. Während ſie übrigens ſtanden, zog ihnen Jere⸗ mias, der ſeine beſonderen Gründe haben mochte, den Nachtiſch nicht zu lange auszudehnen, vor⸗ ſichtig die Stühle weg, ſtellte ſie in die Ecke und meldete zugleich, daß der Kaffee im andern Zim⸗ mer ſervirt ſei. Die Uebrigen ſahen es auch alle, nur Beckſtein, mit ſeinem etwas unleſerlich ge⸗ ſchriebenen Gedichte beſchäftigt, hatte nicht darauf geachtet, wollte ſich nach Beendigung deſſelben wieder niederſetzen und wäre mitten in die Stube geſchlagen, wenn ihn der dicht hinter ihm ſtehende Rohrland nicht noch gefaßt und gehalten hätte. Der Kaffee wurde im andern Zimmer ſervirt, und dort hatte ſich Felix wieder von den Uebrigen zurückgezogen. Günther, der es bemerkte, trat zu ihm und ſagte freundlich: „Ziehe doch nicht ein ſo furchtbar grämliches Geſicht, Felix. Siehſt ja, bei Gott, aus, als ob wir nicht zu einer Verlobung, ſondern viel eher zu einem Begräbniß geladen wären!“ „Es hat auch ſo etwas Aehnliches,“ ſagte der junge Mann düſter;„aber wahrhaftig, Günther, ich— wollte, ich wäre gar nicht hierher gekom⸗ men. Ich fühle, daß ich anfange bitter und 4 vielleicht ungerecht zu werden, und— Andere entgelten laſſe, was— möglicher Weiſe Andere gar nicht verſchuldet haben.“ „Du biſt und bleibſt ein Träumer,“ ſagte Günther;„aber warte nur; wenn ich Dich erſt im Walde draußen habe, will ich Dich ſchon curiren. Morgen früh um acht Uhr geht's an die Arbeit. „Ich wollte, ich wäre ſchon draußen. Glaubſt Du nicht, daß wir uns jetzt empfehlen könnten?“ „Nur noch einen Augenblick; ich muß Etwas mit dem Director beſprechen, was mir morgen einen Weg erſpart, und habe ihm bis jetzt nicht beikom⸗ men können.“ „So eile Dich, mir brennt der Boden unter den Füßen.“ 4 Günther miſchte ſich wieder unter die Geſell⸗ ſchaft, um des Directors habhaft zu werden, der gerade mit dem Paſtor in einer ſehr eifrigen De⸗ batte über die Einführung von Futterkräutern in die Colonie verhandelte. Die Frau Gräfin ging mit Herrn von Pulte⸗ leben Arm in Arm im Saale auf und ab, wäh⸗ rend Jeremias gerade mit dem Kaffee herein⸗ getreten war, und der Baron ſtand nicht weit von Felix an der Seite mit ſeiner Taſſe und be⸗ * — — —x —— 45 obachtete Helene, die neben der jungen Frau Rohrland auf dem Sopha ſaß.. Die Gräfin ſchwelgte in dem Gefühl, ihren Zweck erreicht zu haben— die nächſte Zeit war ihr wieder geſichert, und auf weiter dachte ſie ja überhaupt nie hinaus. 3 „Ach, Jeremias,“ rief Oskar, der ſich bis jetzt damit beſchäftigt hatte, einen defecten Stuhl als „Falle“ irgendwo am Tiſche aufzuſtellen, mit der ſtillen Hoffnung, daß ſich Jemand darauf ſetzen würde—„thun Sie mir den Gefallen und holen Sie mir ein Glas Waſſer— ich werde Sie kö⸗ niglich belohnen!“— „So? Sie wollen mir wohl einen Orden geben?“ ſagte der kleine Burſche, ohne weiter Notiz von ihm zu nehmen— da hinten ſteht die Caraffe mit Gläſern— bitte, langen Sie zu— oder wollen Sie lieber den Kaffee haben? Der iſt dünn genug.“ Die Frau Gräfin ging an Felix vorüber und warf ihm einen flüchtigen, ſehr vornehmen Blick zu, vor welchem der junge Mann die Zähne feſt zuſammenbiß. Als ſie ſich wandte, verließ ſie Herr von Pulteleben, um nach Helenen hinüber zu gehen. Wie die Dame wieder an Felix vorüber⸗ rauſchte und mit dem Fächer dabei wedelte und 46 Herrn Rohrland gnädig zuwinkte, der ihr das heruntergefallene Taſchentuch aufgehoben, wandte ſie ſich plötzlich gegen den jungen Grafen, und in einer impoſanten Stellung vor ihm haltend, und ihn vom Kopfe bis zu den Füßen muſternd, ſagte ſie ſcharf: „Apropos, mein Herr, wie war doch gleich Ihr Name— ah, ja, Randolph— wo habe ich Sie eigentlich ſchon geſehen, denn Ihr Geſicht kommt mir merkwürdig bekannt vor. Waren Sie nicht einmal Commis auf Santa Catharina?“ „Es wundert mich kaum, daß Sie mich nicht mehr kennen, Madame Baulen,“ ſagte Felix und ſah ſie feſt an,„denn als ſie den Dienſt meiner Mutter verließen, trug ich noch keinen Bart. Mein Name iſt Felix Randolph, Graf von Rottack.“ Er ſprach das Erſte mit nur halblauter Stimme, ſeinen Namen jedoch klar und deutlich, wie für die ganze Geſellſchaft beſtimmt. Hätte aber ein Erdbebeſ das Haus in ſeinen Grundfeſten er⸗ zittern machen, und Wände und Decke durch ein⸗ ander geworfen, die Frau Gräfin Baulen würde nicht mehr und furchtbarer erbebt ſein, wie ſie jetzt, an allen Gliedern gelähmt, vor ihm ſtand, und ihn mit ſtieren, entſetzten Blicken anſtarrte. „Um Gottes willen, was iſt Dir, Mamg?“ 47 rief Helene, welche in dieſem Augenblicke auf ſie zuflog und ſie mit ihren Armen ſtützte. „Nichts als ein leichtes Unwohlſein,“ ſagte Graf Rottack kalt, verbeugte ſich flüchtig und ſchritt auf Günther zu, der eben mit dem Director ge⸗ ſprochen hatte. Er nahm auch ohne Weiteres deſſen Arm und führte ihn vor die Thür hinaus. „Willſt Du fort?“ fragte dieſer. „Ich ſagte Dir vorhin, daß ich ſchon zu lange geblieben bin,“ erwiederte Felix, und ihre Hüte von den Haken nehmend, ſchritten die beiden Freunde in die Nacht hinaus. Die Gräfin hatte ſich indeſſen gewaltſam ge⸗ ſammelt, und ihr Auge ſcheu umher werfend, traf ihr Blick den des Barons, welcher ein ſehr er— ſtaunter Zeuge der ganzen Scene geweſen, aber leider etwas ſchwerhörig war, um Alles genau zu verſtehen. Nur den letzten Namen hatte er ver⸗ nommen. Er trat indeſſen raſch auf ſie zu und fragte artig: „Iſt Ihnen nicht wohl, meine Gnädige? Wenn die Comteſſe vielleicht ein wenig engliſches Salz in der Nähe hätte.“ „Ich danke Ihnen, Baron,“ wies aber die Gräfin die Hülfe zurück—„ich danke Dir, mein 48 Kind—„es iſt ſchon vorüber. Meine albernen Nerven ſpielen mir manchmal einen ſolchen Streich.“ Herr von Pulteleben, welcher von der ganzen Scene gar Nichts geſehen und gehört hatte, da er ſich gerade auf den von Oskar hingeſtellten Stuhl geſetzt und beinahe damit umgefallen wäre, ſchlug jetzt einen Spaziergang im Garten vor. Es war eine wundervolle Nacht, und er hoffte jedenfalls auf eine Promenade Arm in Arm mit ſeiner Braut. Die meiſten Gäſte waren aber müde, da ſie heute den ganzen Tag auf der Auction zugebracht, der Director ſchien ebenfalls erſchöpft, da er noch außerdem dem Wein ſehr tüchtig zu⸗ geſprochen, und es dauerte nicht lange, ſo rüſtete ſich Alles zum Aufbruche. Eine kleine Verwirrung entſtand jetzt, da durch irgend ein Verſehen— Oskar war außer. ſich über Jeremias' Tölpelhaftigkeit— alle Tücher und Hüte an falſche Plätze und in die größte Unordnung gerathen waren. Aber auch das regu⸗ lirte ſich endlich, und während Oskar noch ein Wenig in den Garten ging, um dort unten in aller Bequemlichkeit und in der friſchen Nachtluft ſeine Cigarre rauchen zu können, trat Herr von Pul⸗ teleben noch einmal in das Zimmer der Damen. — hatte er doch jetzt ein Recht gewonnen, ſich 49 ihnen vertraulich zu nähern— und bat Helenen, daß ſie ihm erlauben möchte, ihr noch einmal zu ſagen, wie glücklich ſie ihn heute gemacht habe. „Bleiben Sie noch hier, lieber Arno,“ ſagte aber auch die Gräfin, denn ſie nannte ihn von heute an vertraulich bei ſeinem Vornamen—„ich habe ſelber noch mit Ihnen zu reden, und zum zu Bette gehen iſt es doch eigentlich noch zu früh.“ „Aber was hatteſt Du nur vorher mit dem jungen Fremden, Mama?“ fragte Helene;„er verließ uns auch nachher ſo plötzlich.“ „Er hatte ſich ſchon vorher bei mir empfohlen,“ ſagte die Mutter, die ihre ganze Faſſung ſchon lange wieder gewonnen und ihren weiteren Plan entworfen hatte—„wir ſind wirklich alte Be⸗ kannte von Deutſchland her— er iſt der Sohn einer Jugendfreundin von mir, der Gräfin Rottack.“ „Ein Graf Rottack?“ rief Herr von Pulte⸗ leben erſtaunt, und Helene ſah ihre Mutter über⸗ raſcht und fragend an. „Ja— iſt das etwas ſo Außerordentliches?“ fuhr aber dieſe fort—„Randolph war nur ſein Vorname, und er theilte mir eine erſchütternde Nachricht mit— den Tod einer Verwandten von ihm, was mich etwas angegriffen hat. Uebrigens will er hier nicht gekannt ſein, lieber Arno, und Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. III. 4 mit mir herumgetragen,“ fuhr die Gräfin fort, 50 ich bitte Sie darum, ſich nicht merken zu laſſen, daß ich ſein Geheimniß verrathen habe— aber Sie gehören ja doch jetzt natürlich mit zur Familie. Was ich Euch Beiden nur noch ſagen wollte— ich habe mir die Sache heute hin und her über⸗ legt, und— da Ihr doch jetzt mit einander ver⸗ lobt ſeid, ſo— thut es eigentlich kein Gut, die Sache zu lange hinaus zu ſchieben, und ich wünſche deshalb, daß die Hochzeit recht bald— ſo bald als irgend möglich gefeiert werde.“ „Beſte Mutter, Sie machen mich ſo unendlich glücklich!“ rief Herr von Pulteleben entzückt aus. „Aber, Mama, das iſt ganz gegen unſere Ab⸗ rede,“ ſagte Helene, und ein eigenes eiſiges Ge⸗ fühl erfaßte ihr Herz. „Liebes Kind,“ ſagte die Mutter,„die Ver⸗ hältniſſe reißen uns zu Zeiten mit fort, ohne daß wir ſie nach unſeren Wünſchen regeln oder be⸗ herrſchen können, und eben dieſe Verhältniſſe zwingen uns, von hier fort und nach Santa Ca⸗ tharina zu ziehen.“ „Nach Santa Catharina?“ rief Herr von Pul⸗ teleben erſtaunt—„woraus ſchließen Sie das?“ „Ich habe den Gedanken ſchon einige Zeit „da beſonders für unſer Geſchäft Santa Clara ein Nichts weniger als paſſender Platz iſt.“ „Aber wird die Inſel beſſer ſein, Frau Gräfin?“ „Entſchieden— aber Du darfſt nicht glauben, Helene, daß ich einen ſolchen Schritt leichtſinnig und auf das Gerathewohl thun würde, und ich habe mi Mrher ſorgfältig nach allen Verhält⸗ niſſen der wir dort Arbeiter billiger, dann haben wir die Auswahl unter den beſten Tabaksſorten, die gerade von dort aus in Maſſen nach dem Süden ver⸗ ſchickt werden und viel billiger ſind als hier, und dann— die Hauptſache— finden wir ſelber einen viel beſſeren Markt für unſer Product, da wir von dort aus in directer Verbindung mit dem Süden, ja, ſelbſt mit Montevideo und Buenos⸗ Ayres ſtehen.“ „Aber, Mama, wenn Du Dich darin nur nicht irrſt, und auf bloße Vermuthung hin eine ſolche Neiſe... „Bloße Vermuthung— das Kind glaubt Nichts, Pulteleben, was ſie nicht ſieht— Sie werden noch Ihre rechte Noth mit ihr bekommen. So laß Dir denn ſagen, daß ich, um ganz ſicher zu gehen, ſchon vor mehreren Wochen an die Präſidentin geſchrieben und mit dem letzten 4* —— —— inſel erkundigt. Erſtens bekommen 52²— Dampfer Nachricht bekommen habe, wie die Sachen dort ſtehen— und zwar ſehr günſtige Nachricht.“ „Aber der Brief, welchen Du erhielteſt, war ja von Deutſchland, mit dem kleinen Wechſel darin.“ „Das Kind bringt Einen noch zur Verzweif⸗ lung, Pulteleben,“ lächelte die Mu—„ich habe zwei bekommen, einen von Deutſchland und einen von Santa Catharina, den mir der Director ſelber mitgebracht; wenn Du dem aber, was ich ſage, nicht glauben willſt, ſo ſollſt Du Dich wenigſtens ſelber überzeugen— hole mir einmal den Brief herüber; er liegt auf meiner Toilette; der in dem gelben Couvert— es iſt nur der eine da.“ Helene erhob ſich, um den Auftrag auszufüh⸗ ren, als ſie die Gräfin wieder zurückrief. „Ach nein, bleib' da,“ ſagte ſie,„ich habe ihn weggeſchloſſen.“ „Wenn Du mir den Schlüſſel giebſt, Mama, hol' ich ihn.“ —,„Nein, ich gehe ſelber, Du reißt mir ſonſt meine Papiere durch einander,“— und von dem Sopha aufſtehend, ging ſie in ihre Kammer, aus der ſie gleich wieder mit dem gelb couvertirten Briefe zurückkam. 53 „Da,“ ſagte ſie, indem ſie der Tochter den Bxief in den Schooß warf,„nun lies ſelber, was die Präſidentin ſchreibt. Danach werden Sie ſich ebenfalls überzeugen, lieber Arno, daß wir wirk⸗ lich gar nicht beſſer thun können, als nach der Inſel überzuſiedeln. Die Koſten ſind unbedeutend, und wir bringen in zwei Monaten reichlich die möglichen Mehr⸗Ausgaben wieder ein. Ehe wir aber dieſe Reiſe zuſammen machen, werden Sie ſelber einſehen, daß es nöthig iſt die Trauung vorher zu halten— ſchon des Geredes der Leute wegen. Nun, lies nur laut, Helene, Arno ſoll ebenfalls wiſſen, wie die Präſidentin über unſeren Umzug denkt. Sie iſt unendlich liebenswürdig, und bietet uns ſogar an in ihrem Hauſe zu wohnen, bis wir uns eine eigene Wohnung her⸗ gerichtet haben.“ Helene hatte den Brief überflogen, und ſah jetzt darüber hinaus ihre Mutter groß und ſtarr an. „Nun, was haſt Du denn? So lies doch! Die Präſidentin ſchreibt doch eine ganz leſerliche Hand. Aber ich vergaß— der Brief iſt ja por⸗ tugieſiſch, und Sie verſtehen ihn nicht, Arno— gieb ihn mir, ich werde ihn überſetzen.“ „Der Brief hier,“ ſagte Helene mit faſt ton⸗ loſer Stimme, ohne ihn aus der Hand zu geben, oder ein Auge von ihrer Mutter zu verwenden, „iſt nicht von Santa Catharina.“ „Nicht von Santa Catharina?“ rief die Grä⸗ fin, ſich erſchreckt halb vom Sopha hebend— „dann— dann habe ich die Couverts verwechſelt — gieb ihn mir— gieb ihn mir!“— und in einer Aufregung, die beſonders Herrn von Pulte⸗ leben ſtaunen machte, ſtreckte ſie die Hand nach dem Briefe aus. „Laß ihn mir noch eine Weile, Mutter,“ er⸗ wiederte aber Helene aufſtehend— per iſt ſo intereſſant, daß ich ihn gern noch einmal leſen möchte— gute Nacht!“— und ehe ſie die Mut⸗ ter daran verhindern, oder der verblüffte Bräu⸗ tigam ein Wort dagegen einwenden konnte, ſchritt ſie durch die Stube in ihr dicht daran ſtoßendes Zimmer und riegelte die Thür hinter ſich ab. „Aber ich begreife gar nicht,“ ſagte Herr von Pulteleben, ebenfalls aufſtehend und ſeine Schwie⸗ germutter in spe etwas verdutzt anſehend— „was hat nur Helene? Sie war ja auf einmal ſo furchtbar ernſt geworden?“ Die Gräfin wollte Etwas darauf erwiedern — wollte Herrn von Pulteleben eine ausweichende Antwort geben, aber ſie vermochte es in dieſem Augenblick nicht. „Ich bitte— lieber Arno— laſſen Sie— laſſen Sie mich jetzt allein,“ ſagte ſie verſtört— „ich habe mit dem Mädchen zu reden— Sie— Sie wiſſen, welche wunderlichen Launen ſie hat.“ „Ich möchte um Gottes willen nicht ſtören,“ ſagte der junge Mann, indem er ſeinen Hut er⸗ griff—„es ſollte mir unendlich leid thun, wenn ich vielleicht...“ „Es iſt Nichts— Helene iſt— ein verzoge⸗ nes Kind.“ „Aber liebenswürdig verzogen,“ lächelte Herr von Pulteleben in einem vollſtändig mißglückten Verſuch, d n Geſpräch eine freundlichere Richtung zu geben. Er fühlte ſelber, daß er in dieſem Augenblick hier unten total überflüſſig ſei— wenn er auch noch lange nicht begriff weshalb, und in tiefen Gedanken ſtieg er die Treppe zu ſeinem eigenen Zimmer empor und legte ſich zu Bett. Kaum hatte er das Zimmer verlaſſen, und die Gräfin hörte ihn auf den knarrenden Stufen, als ſie an Helenen's Thür ging, und dort— faſt wie ſchüchtern— anklopfte. „Helene!“ Keine Antwort von innen. Sie pochte ſtärker. „Helene!— Mach' auf— laß uns vernünf⸗ tig mit einander reden.“ 56 Keine Antwort. Im Zimmer war Alles todtenſtill, und doch konnte ſie durch das Schlüſ⸗ ſelloch erkennen, daß das Licht noch drinnen brannte. „Helene! Sprich wenigſtens mit mir!“ Kein Laut tönte von innen heraus, und ſeuf⸗ zend wandte ſich die Frau Gräfin endlich ab und ſuchte ihr eigenes Lager. 8“ — ſſͤſͤͤͤſͤſͤſͤſ 3. Auf Köhler's Chagra. Es war noch früh am Morgen des nächſten Tages, als ſchon in Bohlos' Hotel die Pferde für Herrn von Schwartzau und ſeinen Begleiter, ſo wie die nöthigen Packthiere geſattelt und vorge⸗ führt wurden, denn Günther ſchien jetzt ernſtlich gewillt, ſeine noch nöthigen Arbeiten aus allen Kräften vorzunehmen und zu beenden, um damit ſeine ſechsjährige Thätigkeit in Braſilien abzu⸗ ſchließen. Baron Jeorgy, welcher dem Hotel ſchräg gegenüber wohnte, hatte dieſe Zurüſtungen ge⸗ ſehen, ſich angezogen— er machte überhaupt jeden Morgen zu einer genau beſtimmten Zeit einen genau beſtimmten Spaziergang— und war 58 hinuntergegangen, zögerte aber heute, ſeine ge⸗ wöhnliche Bahn einzuſchlagen, und hielt ſich noch in der Nähe des Hotels auf, als ob er Jemänden erwarte. Indem er in der Straße auf und ab ging und hier und da vor einer Thür oder einem Fenſter ſtehen blieb, um mit den dort wohnenden Hand⸗ werkern ein paar huldvolle Worte zu wechſeln— er zeigte ſich gern herablaſſend, wo er genau wußte, daß er ſeiner Stellung Nichts vergab— kam er auch zu Pilger's Fenſter, der dahinter ſtill und allein bei ſeiner Arbeit ſaß, und den hineingerufenen Gruß freundlich aber nur kurz erwiederte. „Nun, Pilger, wie geht's?“ ſagte der Baron, indem er ſeine Hand auf das Fenſterbret legte— „immer ſo fleißig?“ „Muß wohl, Herr Baron,“ ſagte der Mann, ohne von ſeiner Arbeit aufzuſehen,„um das Biß⸗ chen Brod zu verdienen und— die Zeit todt zu ſchlagen. Was ſoll man anders thun?“ „Hm,“ ſagte der Baron, der mit dieſer Anſicht vom„Zeit todt ſchlagen“ nicht ſo ganz einver⸗ ſtanden ſchien—„ja— iſt eigentlich ein einſa⸗ mes Leben in der Colonie.“ „Das weiß Gott!“ ſeufzte der Mann aus voller 59 Bruſt vor ſich hin, und ſtach nur ſo viel eifriger in das Leder. „Apropos,“ fuhr der Baron fort, der durch den Seufzer an die Familienverhältniſſe des Schuh⸗ machers erinnert wurde—„Nichts wieder gehört von Eurem Proceß?“ „Mit der Geiſtlichkeit?“ „Ja.“ „Nicht das Geringſte und— werde auch wohl Nichts wieder darüber hören, als daß Alles beim Alten bleibt. Der neue Director will ſo Nichts 4 damit zu thun haben, weil er meint, gegen die Geſetze des Landes ließe ſich nicht ankämpfen— der alte hätte mir vielleicht beſſer beigeſtanden. Der Herr Paſtor zuckt ebenfalls mit den Schultern, da— hab' ich denn natürlich Unrecht, und kann meine Schuhe ruhig weiter flicken.“ „Böſe Geſchichte,“ ſagte der Baron, welchem das Geſpräch unangenehm wurde—„ſehr böſe Geſchichte! Na, guten Morgen, Pilger!“ „Guten Morgen, Herr Baron,“ ſagte der Mann, an ſein Miützchen greifend, ohne jedoch wei⸗ ter von dem Herrn Notiz zu nehmen. Die Straße herunter kam ein anderer Colo⸗ niſt, der Schneider Berthold, der für den Baron arbeitete. 2 60 „Guten Morgen, Herr Baron! Wiſſen Sie's ſchon?“ ſagte der Mann, indem er vor dem Baron ſtehen blieb und ſeine Mütze abzog. „Guten Morgen, Meiſter Berthold— ob ich was weiß?“ „Der Juſtus iſt fort— der Kernbeutel, mein' ich, der andere Schneider— den verrückten Kerl haben Sie ja doch gekannt?“ „Fort? Wohin? Durchgegangen?“ „Niemand weiß es,“ ſagte der Mann.„E war neulich Abends von Haus fortgegangen, um Zuhbel auf ſeiner Chagra zu beſuchen, dort hat aber Niemand Etwas von ihm geſehen, und er iſt aauch ſeit der Zeit— es ſind nun ſchon ein paar Tage her— nicht wieder nach Haus gekommen. Die Frau jammert nun und wehklagt, daß er ſie ohne einen Groſchen Geld habe ſitzen laſſen, und die Soldaten ſind heute Morgen in der Nachbar⸗ ſchaft herumgeſchickt, um nach ihm zu ſuchen, denn er iſt Gott und der Welt ſchuldig, der Lump!“ „Hm, hm, hm, was man nicht Alles hört— guten Morgen, Meiſter!“ ſagte der Baron, und brach das Geſpräch kurz ab, denn in Bohlos' Ho⸗ telthür erſchien eben der junge Fremde, der ſich hier in der Colonie unter dem Namen Randolph eingeführt, und trat zu ſeinem Pferd, um deſſen . 1 61 Gurt noch einmal nachzuziehen. Der Baron kam an der nämlichen Seite der Straße herauf, als ob er nur zufällig dort vorbeiging, und als er dem jungen Mann gegenüber war, blieb er ſtehen wandte ſich gegen ihn und ſagte lächelnd: „Ei, guten Morgen, mein junger Freund. Der geſtrige Abend ſcheint Ihnen gut bekommen zu ſein, daß Sie ſo früh ſchon wieder zur Reiſe ge⸗ rüſtet ſind.“ „Ah, guten Morgen, Herr Baron— auch ſchon auf?“ „In meinem Alter muß man ſich an ein regel⸗ mäßiges Leben gewöhnen, wenn man geſund blei⸗ ben will,“ ſagte achſelzuckend der Baron. Sie jungen Leute können freilich noch mit Ihrem Kör⸗ per machen was Sie wollen, ohne augenblicklich dafür geſtraft zu werden. Aber wo ſoll die Reiſe hingehen, wenn man fragen darf?“ „In den Wald,“ ſagte fröhlich der junge Graf, indem er den Baron leicht auf die Schulter ſchlug —„in den Wald, mein lieber Herr, daß ich ein⸗ mal eine Zeit lang keine Schornſteine und Glas⸗ ſcheiben mehr zu ſehen brauche.— Ich gebe Ihnen mein Wort, ich habe einen wahren Ekel vor der Civiliſation.“ „Dann wollen Sie wohl unter die Indianer 62 gehen?“ lächelte der Baron etwas verlegen, denn dieſe Anſichten waren ihm zu barock, als daß er ihnen hätte folgen können. „Vielleicht,“ lachte Felir—„und ich glaube bei Gott, ich paſſe beſſer zu ihnen, als in dieſe erlogenen und künſtlichen Verhältniſſe, die wir im gewöhnlichen Leben die Geſellſchaft nennen.“ „Das ſind ja wahrhaft haarſträubende An⸗ ſichten,“ ſagte der Baron ſchmunzelnd,„aber— ehe wir Sie denn für immer verlieren, um da draußen im Walde mit Federſchmuck und Blas⸗ rohr umher zu laufen— und wenn Sie zurück⸗ kommen, müſſen Sie mir das einmal vormachen, wie ſich die Indianer auf den Rücken legen und den Bogen mit den Füßen ſpannen, um einen Vogel aus der Luft zu ſchießen— möchte ich noch eine Frage an Sie richten, lieber Graf.“ „Graf?“ ſagte Felix und drehte ſich ihm raſch zu. 3 „Bſt, bſt,“ lächelte der Baron—„ich weiß recht gut daß Sie ein Schelm ſind— hier mein kleiner Finger hat es mir geſagt— aber ganz unter uns, verſteht ſich, wenn Sie nicht ſelber mit dem Ihnen gebührenden Rechte hier auftreten wollen — doch— eine Frage müſſen Sie mir beant⸗ worten, ehe Sie gehen“— und er ſchob dabei 63 ſeinen Arm in den des jungen Grafen und führte ihn etwas die Straße hinauf, denn er wollte ſicher ſein, daß ſie nicht gleich geſtört würden. „Und die iſt? Ich bin doch begierig.“ „Glauben Sie auch um Gottes willen nicht,“ wehrte der Baron im Voraus jeden falſchen Ver⸗ dacht ab,„daß ich aus bloßer ungerechtfertigter Neugierde frage, denn ich bin ein intimer Freund der Frau Gräfin Baulen und der liebenswürdigen Comteſſe, und nehme deshalb den innigſten Antheil an ihrem Wohlergehen.“ „Das iſt eine lange Vorbereitung, Herr Baron.“ „Ich komme gleich zur Sache— Sie— machten geſtern Abend der Frau Gräfin eine Entdeckung.“ „Sie ſtanden in der Nähe?“ ſagte Graf Rottack und ſah ihn ſcharf an. „Hm— nicht unmittelbar— zufällig— die Frau Gräfin ſchien ſehr beſtürzt darüber— auf⸗ fallend beſtürzt— ich habe ſie in der That ſo noch nie geſehen, denn ſie iſt eine ſehr reſolute und charakterfeſte Dame.“ „Es ſchien ſo,“ erwiederte der junge Mann, der feſt entſchloſſen war, dem Baron nicht auf halbem Wege entgegen zu kommen. „Hm ja,“ fuhr der Baron augenſcheinlich ver⸗ legen fort, denn er wußte nicht, wie er auf die —y——— —— dacht gefaßt hatte, daß...“ „Daß?“ „Daß die Frau Gräfin— daß der Rang der Frau Gräfin, wollte ich ſagen— verſtehen Sie mich vielleicht?“ „Noch hab' ich keine Ahnung,“ lächelte Felix, den die Verlegenheit des Barons amüſirte. „Es iſt eine kitzliche Sache, darüber zu reden — ich gebe es zu,“ fuhr der Baron alſo gedrängt fort, indem er langſam ſeine Hände in einander rieb, als ob er ſie bildlich in Unſchuld waſchen wollte—„und unter anderen Verhältniſſen möchte ein Eingehen darauf vielleicht nicht einmal gerecht⸗ fertigt erſcheinen.“ „Stehen Sie in einem Verhältniſſe, Herr Baron?“ „Mißverſtehen Sie mich um Gottes willen nicht!“ rief dieſer raſch und ordentlich erſchreckt. „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, es iſt kein perſönliches Intereſſe, ſondern nur das, was ich ——— ——— 65 an der Aufrechterhaltung des Standes im All⸗ gemeinen nehme. Jetzt haben Sie mich doch verſtanden?“ 5 „Nicht um ein Jota mehr, als früher,“ er⸗ wiederte der junge Graf mit einem boshaften Lächeln. „Gut,“ ſagte der Baron entſchloſſen,„dann zwingen Sie mich, deutlich zu reden, denn die Sache iſt in der That zu wichtig. Laſſen Sie mich alſo ganz aufrichtig ſein und ich erwarte nachher das Nämliche von Ihnen, denn wir Beide ſind es unſerem Stande ſchuldig.“ „Sie ſpannen mich wirklich auf die Folter.“ Der Baron erfaßte des Grafen Arm, blieb vor ihm ſtehen, ſah ihm feſt in's Auge und ſagte: „Hat die Frau Gräfin von Baulen wirklich den Grafenrang?“ „Aber, lieber Baron,“ bat jetzt ſeinerſeits der junge Mann,„ich bin heute Morgen wirklich in Eile, denn Schwartzau wird den Augenblick herunter kommen. Die Pferde ſind, wie ich ſehe, ſchon ge⸗ packt, und Sie thun mir einen weſentlichen Gefallen, wenn Sie alle Kleinigkeiten bei Seite laſſen und mir gerade heraus ſagen, um welchen wichtigen Gegenſtand Sie mich fragen wollten.“ Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. III. 5 Der Baron ſtand, ein Bild ſprachloſen Er⸗ ſtaunens, vor Felix.. „Und iſt Ihnen der Gegenſtand noch nicht wichtig genug?“ brachte er endlich mühſam heraus. „Und das war wirklich Alles, was Sie von mir wiſſen wollten?“ lachte der junge Mann jetzt gerade heraus. „Alles,“ ſagte der Baron, völlig vernichtet. „Dann thut es mir in der That leid, Ihnen keine beſtimmte Antwort darüber geben zu können, und ich muß Sie— wieder auf Ihren kleinen Finger verweiſen.— Da kommt auch ſchon Schwartzau mit Könnern— wir müſſen fort— alſo auf Wiederſehen, lieber Baron!“ und mit den Worten ließ er den über ſolche Gefühlloſig⸗ keit völlig empörten Mann mitten auf dem Wege ſtehen, ſchwang ſich in den Sattel und ſprengte gleich darauf mit Günther und von den Pack⸗ thieren und ihren Treibern gefolgt, die Straße hinauf.— Könnern, der ſeine Bekanntſchaft mit Felix von jenem Morgen im Walde erneuert hatte, war nur mit herunter gekommen, die Freunde abreiten zu ſehen. Ihn ſelber drängte es, allein zu ſein, wenigſtens nur mit fremden, gleichgültigen Men⸗ ſchen zu verkehren, mit denen er über alltägliche 64 Dinge ſprechen konnte. Das Herz war ihm noch ſo ſchwer— ſo ſchwer und der Gedanke dabei peinlich, ſelbſt von dem beſten Freund bemitlefdet zu werden. Sein Pferd hatte er ſich indeſſen auch vor⸗ führen laſſen, ſtieg auf und ritt langſam und im Schritt dieſelbe Straße hinab, die er mit Gün⸗ ther gekommen war, als ſie zum erſten Mal die Colonie betraten. Er war damals ſo leichten Herzens— ſo glücklich geweſen— er wollte die Stunden noch einmal durchleben in der Erinne⸗ rung; war ihm doch Nichts weiter geblieben auf der Welt, als an gehofftes Glück zurückzu⸗ denken. So ritt er langſam aus der Colonie hinaus bis zu dem Fuß des Gebirgszuges, der in ein⸗ zelnen Abläufern ſeine Hänge in's niedere Land dehnte, dann den ſchmalen Pfad hinauf, der die noch immer nicht ausgebeſſerte und geborſtene Brücke umging, und hielt erſt wieder, als er den freien Kopf erreichte, von dem man eine Ausſicht über die ganze Colonie Santa Clara und die be⸗ nachbarten Hügelgruppen gewann. Und mit anderen Augen ſchaute er jetzt hinab, als damals, wo er ſich zuerſt dem fremden Platze näherte; wie ſuchte der umherſchweifende Blick ſo 5* raſch den kleinen, von hier aus kaum erkennbaren Punkt, in dem er Alles gefunden was das Men⸗ ſchenherz zu faſſen vermag, Glück und Liebe— und Alles wiederum verloren hatte— Glück und Liebe. Da drüben lag der ſonſt ſo freundliche Platz ſtumm und öde— da unten in dem Strom, deſſen Lauf das dunkle, ſaftige Laub der Bäume zeigte, ruhte die Mutter, die Reue und Verzweif⸗ lung in die Fluth gejagt, und da drüben zwiſchen jenen lichten Höhenzügen irrte vielleicht jetzt das arme ſüße Kind umher, das ſeinem ganzen Leben Glück und Frieden bringen ſollte und jetzt— wenn auch mit zitternder Hand— den Wanderer wieder allein und freundlos hinausgeſtoßen hatte in die⸗ ſes Leben. Und was wollte er ſelber jetzt noch hier? Warum ſpornte er ſein Pferd nicht einer andern Gegend zu, nur um ſich hier in nutzloſem Gram und Kummer zu verzehren? Er wußte recht gut wie wenig Hoffnung ihm geblieben war, ſie je wiederzuſehen, aber er hatte auch den Muth nicht ſich jetzt ſchon freiwillig aus ihrer Nähe zu ver⸗ bannen. So lange er ſich noch in dem Bereich des Platzes wußte, in dem er ihr ſtilles, häus- liches Wirken geſehen, ihre liebe Stimme gehört, in ihre treuen Augen geſchaut hatte, ſo lange war es ihm, als ob er noch nicht ganz verlaſſen ſei, als ob ſie wiederkehren müſſe, um ihr Haupt 1 an ſeine Schulter zu legen und mit leiſer, zittern⸗ der Stimme ſeinen Namen zu nennen. Fort, fort mit den Gedanken!— Das bittere Gefühl der Verlaſſenheit ſtach ihn wie ein Dolch in’s Herz, und ſein Pferd herumwerfend, als ob er auch ſeiner Erinnerung entfliehen könne, wenn er den theuren Platz ſelber nicht mehr vor ſich ſah, ſprengte er den Weg entlang und ſah ſich plötz⸗ lich ſeinem alten Bekannten, dem jungen Bauer Köhler gegenüber, in deſſen Haus er an jenem Tage ebenfalls eingekehrt war und dem er ſogar verſprochen hatte, ihn zu beſuchen. Lieber Gott, was hatte er nicht Alles vergeſſen und vergeſſen müſſen in der Zeit! Deſto beſſer ſchien es aber der junge Bauer im Gedächtniß behalten zu haben, denn er er⸗ kannte kaum den Reiter, als er ihm auch freund⸗ lich entgegenrief: „Na, das iſt recht daß Sie Wort halten, wenn es auch ein Bißchen lang gedauert hat. Meine 3 Alte wird ſich auch freuen, Sie einmal wiederzu⸗ ſehen, denn wir haben noch oft und viel von Ihnen geſprochen. Und wie iſt's gegangen in der Co⸗ 70 lonie?“ fuhr er fort, als er zum Pferd trat und Könnern herzlich die Hand ſchüttelte.„Gut, nicht wahr? Und der Graue ſieht auch prächtig aus. Dem iſt da unten Nichts abgegangen, wie es ſcheint.— Aber ſo ſteigen Sie doch nur ab; Sie wollen doch wahrhaftig nicht im Sattel ſitzen bleiben?“ Eine Weigerung hätte Nichts geholfen, das ſah Könnern recht gut ein. Die Einladung war auch ſo treuherzig geboten— er hätte dem guten Men⸗ ſchen ſchon nicht weh' thun mögen, ſelbſt wenn es ihm auch nicht recht geweſen wäre, einmal eine halbe Stunde hier zu plaudern, und ſeinen eige⸗ nen Trübſinn zu vergeſſen. Und wie freundlich wurde Könnern von der lieben jungen Frau empfangen! „Das iſt geſcheidt,“ ſagte dieſe, als er das Zim⸗ mer betrat und ihr die Hand entgegenreichte— „das iſt grundgeſcheidt von Euch, daß Ihr Euch auch wieder einmal bei uns ſehen laßt, und da unten bei den Grafen und Baronen nicht gar ſo ſtolz geworden ſeid. Aber Ihr ſeht ſchlecht aus,“ ſetzte ſie raſch hinzu und ſah ihn forſchend an— „gar ſchlecht ſeht Ihr aus, blaß und eingefallen, und lange nicht mehr ſo friſch und munter wie damals, als Ihr zum erſten Mal bei uns war't. 71 Seid Ihr krank geweſen? Der Platz iſt doch eigent⸗ lich ſonſt geſund genug?“ „Krank wohl nicht,“ antwortete Könnern aus⸗ weichend—„vielleicht der Klimawechſel. Aber was macht Euer kleiner Burſche? Geht's ihm gut?“ „Da liegt der Schlingel in dem Bettchen drin,“ ſagte die Frau, mit einem glücklichen Lächeln auf den Liebling zeigend— ſie hatte im Nu alles Andere darüber vergeſſen.„Da liegt er und thut als ob's gar keine Arbeit auf der Welt gäbe, und die Mutter nur zu ihm ſpringen müſſe, ſobald er die großen Guckaugen und das kleine Mäulchen aufthut.—„Aber ſetzt Euch,“ fuhr ſie raſch fort, und ſah ſich dabei im Zimmer um—„Ihr wer⸗ det hungrig ſein nach dem Ritt, und es ſieht auch heute Morgen noch ſo wild bei uns aus— frei⸗ lich, Beſuch hatten wir ſo früh noch nicht erwar⸗ tet, und es giebt gar ſo viel im Hauſe zu thun, und noch dazu, wenn man ſo eine kleine Plage dabei hat, die einen geradezu von Allem abhält, was man thun möchte.“ „Aber Ihr möchtet ſie doch nicht miſſen?“ „Den Jungen da?“ rief die Frau ordentlich erſchreckt aus—„da ſei Gott vor, daß ich den Buben je wieder miſſen müßte— ich glaube, ich 72 — aber ich will's auch nicht einmal denken. Was Ihr nur auch für Reden führt!“ „Na, da ſetzt Euch her und frühſtückt ein Biß⸗ chen,“ ſagte der Mann,„und ich gehe derweil in's Feld hinaus, wo ich'was zu beſorgen habe. Nach⸗ her komme ich wieder herein, und dann ſchwatzen wir noch Eins zuſammen.“ „Dann gehe ich lieber jetzt mit Euch in's Feld,“ ſagte Könnern,„denn Kaffee habe ich ſchon getrunken, ehe ich unten wegritt.“ „Deſto beſſer,“ rief der junge Bauer, den das angenſcheinlich zu freuen ſchien,„dann zeig' ich Euch vorher einmal meine Felder draußen— wir haben tüchtig geſchafft die Zeit, in der ich da oben bin, und nachher frühſtücken wir mit einan⸗ der. Es ſchmeckt auch gleich beſſer, wenn man ſich erſt ein Bißchen Bewegung gemacht hat.“ „Jetzt lauft Ihr wieder Alle fort,“ ſagte die junge Frau,„und ich kann allein bleiben— iſt das auch ein Beſuch? Aber der kleine Bengel da wird doch bald kommen, dann hab' ich alle Hände voll zu thun, bis dem erſt der Schreihals gefüllt iſt.— So macht nur daß Ihr wiederkommt. Grüß' Gott, Fremder!“ Könnern ging ſchweigend neben dem jungen Mann in den Hof hinaus, ſah, wie dieſer dort 73 ſein Pferd abſattelte und in den kleinen Weide⸗ grund jagte, und folgte ihm dann in das Feld. „Ihr ſeid ſo ſtill heute,“ ſagte der Mann— „fehlt Euch wirklich Etwas?“ „Nein,“ erwiederte Könnern mit einem weh⸗ müthigen Lächeln—„das Einzige ausgenommen, was Ihr habt und mir kein Arzt der Welt geben kann— eine glückliche Häuslichkeit.“ „Ei,“ lachte der junge Bauer,„dazu hab' ich auch keinen Arzt gebraucht; die macht man ſich eben ſelber.“ „Wie man's trifft,“ ſeufzte Könnern—„Ihr aber habt das große Loos gezogen mit der Frau.“ „Sollt's denken,“ ſchmunzelte der junge Bauer vergnügt vor ſich hin,„'s iſt ein Prachtweibel, und immer bei der Hand, immer guter Laune— ich kann eigentlich gar nicht ſagen, wie glücklich ich mit ihr bin.— Und der Junge— iſt das nicht ein Prachtkerl— habt Ihr ſchon einmal einen ſolchen Jungen geſehen?— Aber der Alten darf ich's nicht merken laſſen, daß ich ſo ſtolz auf ihn bin, ſonſt neckte ſie mich bis auf's Blut— und das kann ſie— das verſteht ſie aus dem Grunde.“ Der junge Mann ſchwatzte noch immer ſo fort von ſeinem Familienglück, bis ſie ſchon weit drau⸗ ßen im Feld waren, und Könnern ſchritt ſchwei⸗ 44 gend an ſeiner Seite dahin und ſah im Geiſt, wie Eliſe mit dem Vater hinaus in den dunkeln Wald zog— freudlos und allein— ſah ſie mit wunden Füßen und krank in einer Hütte liegen— ſah den Vater über ſie gebeugt, der ihr nicht helfen konnte und ihren Kummer, ihre Sorge nur ver⸗ mehrte, und hielt dabei krampfhaft ſein eigenes Herz mit der rechten Hand gefaßt, daß es ihm in Jammer und Weh die arme Bruſt nicht von ein⸗ ander ſprengte. Draußen im Feld nahmen ſeines Führers Gedanken aber eine andere Richtung, denn er hatte auch Freude an ſeiner Arbeit, die ſich ihm trefflich auf dem guten Land belohnte. „ Da, ſehen Sie her,“ ſagte er, als ſie eine dichte Hecke von wildverwachſenen Quittenbäumen durch ein kleines Thor paſſirt waren—„da habe ich einen Verſuch gemacht, und Sorgho*) zu Vieh⸗ futter geſteckt— und wie iſt das aufgegangen, und wie giebt's aus! Das iſt ein famoſes Ge⸗ wächs, das jeder braſilianiſche Bauer ziehen ſollte — und wie leicht iſt's zu behandeln! Wie den Mais legen wir ihn in den Boden, drei Spannen im Quadrat etwa, halten das Unkraut weg und *) Eine Art Zuckerrohr. den Boden locker, und nach acht Wochen ſchon ſchneid' ich ihn zum erſten Mal. Aber er giebt nicht nach. Als ob er ſagen wollte:„Nu erſt recht!“ treibt er noch viel mehr Stengel als vor⸗ her, die nach vier oder fünf Wochen ſchon wieder geſchnitten werden können, und dann kommt er in einem ordentlichen Buſch aus dem Boden heraus. Mein Vater hat mir verſichert, daß er ſeinen Sorgho ſchon in Einem Jahr fünfmal geſchnit⸗ ten hätte.“ „Und verlangt er guten Boden?“ fragte Kön⸗ nern, dem es wohl that, daß der Mann nicht mehr von ſeiner Familie erzählte. „Nicht beſonders— leichter Boden thut's, und ſelbſt Hitze und Trockenheit hat dem Zeug Nichts an. Gott weiß, wo es den Saft alle herbekommt. — Und ſehen Sie'mal, was daneben für ein Wälſchkorn geſtanden hat— was für Stengel— ja, das muß wahr ſein, der Boden hier iſt eine wahre Pracht, und ich habe ihn merkwürdigerweiſe da oben viel beſſer als die im Thal unten; aber Arbeit koſtet's auch, und das Unkraut herauszu⸗ halten iſt ſchwere Müh', und ordentlich als ob's hinter einem wieder herauswüchſe, wenn man's eben erſt ausgeriſſen hat.“ 6. „Zuhbel drüben klagte, daß ſich das Land nicht zum Bau von Futterkräutern eignete.“ „Zuhbel,“ lachte der junge Mann,„der klagt über Manches, und lobt Nichts als ſeinen eigenen Wein— gerade aus Widerſpruch, weil's eben kein Anderer thut. Nein, wir können hier bauen was wir wollen, es geräth Alles— wenn's nur or⸗ dentlich behandelt wird, natürlich.— Nur mit dem Weizen hat's uns Allen nicht ſo recht glücken wollen. Im Anfang, ja, da ging's gut, und wir glaubten ſchon, wir hätten gewonnen, aber nachher gab's auf einmal aus, und was man auch thun mag, es will nicht mehr vorwärts damit. Aber was ſchadt's, deſto beſſere ſchwarze Bohnen ziehen wir, Karkoffeln, beſonders ſüße, nach Herzensluſt, Ma⸗ niok, Erdnüſſe und recht guten Reis; da kann man's zur Noth auch ſchon ohne den Weizen aus⸗ halten, mit dem ſie weiter unten im Süden doch mehr ausrichten als wir hier.“ „Und wie ſteht's mit dem Tabak?“ „Gut— von der Art wenigſtens wie er hier wächſt. Ich hab' ganz hübſchen Tabak gebaut, und auch gut in die Stadt hinein verkauft, aber — ob wir hier nicht recht mit den Blättern um⸗ zugehen wiſſen, oder an was es ſonſt vielleicht liegt— der ganze Tabak taugt eigentlich nicht —— ———— —— —— viel, und die Cigarren, die wir manchmal mit einem Schiff von anderen Ländern herüber bekom⸗ men, ſind doch ein ander Ding; ſelbſt viel beſſer als die von Bahia.“ „Und wie hübſch und ſauber die Chagra ein⸗ gerichtet iſt,“ ſagte Könnern, der den Blick mit Vergnügen über die reinlichen Felder und die guten Umzäunungen gleiten ließ—„man ſieht doch gleich, wo eine deutſche Hand gearbeitet hat.“ „Nun,“ lächelte Köhler,„ich bin zwar ein Braſilianer, das heißt im Lande geboren, aber das deutſche Blut ſteckt freilich drin, und wie wir's daheim geſehen und gelernt haben, ſo machen wir's eben nach, wenn wir ſelber ſelbſtſtändig werden.“ „Euer Vater hat Vermögen mit nach Braſilien gebracht?“ „Nicht eine rothe Kupfermünze, aber Schulden dafür genug,“ lautete die Antwort.„Nein, er kam damals mit einer ganzen Ladung Bauern, alle vom Hundsrück in Deutſchland und arm ge⸗ nug, herüber, nur mit einer Frau und zwei Kin⸗ dern— meiner Mutter und den beiden älteſten Brüdern. Die Regierung gab ihm ein Stück Land, was ſie hier eine„Colonie“ nennen, und auch noch Subſidiengelder, daß er ſich die erſte 78 Zeit über Waſſer halten konnte. Ackergeräthe bekamen ſie ebenfalls von der Regierung, und nun ging's her über die Bäume, und Land wurde klar gemacht, daß es eine Luſt und Freude war. Die Arbeit lohnte auch. Alle die armen Teufel, die daheim nicht das Brod zum Brechen und Sorgen und Kummer genug gehabt, wie mir mein Vater oft erzählt, bauten ſich zuerſt eine noth⸗ dürftige Hütte und dann ein ordentliches Haus, vergrößerten ihre Felder, ſahen ihre Heerden ſich vermehren— und ihre Kinder auch, und fanden plötzlich, daß ſie gar nicht mehr alle zuſammen Platz auf der alten Chagra hätten. Mein Alter — und viele andere Alte machten es eben ſo— ſchickte aber nicht etwa ſeine älteſten Söhne hin⸗ aus, um ſich einen neuen Platz zu gründen, nein, er kaufte von der Regierung eine andere Colonie für ſich ſelber, auf der er wieder friſch an zu wirthſchaften fing, weil er ſich nicht überreden konnte, daß es die Jungen eben ſo gut verſtän⸗ den, wie er. Jetzt iſt er freilich zu alt geworden, um noch einmal von vorn anzufangen, und wie ich flügge wurde, ließ er mich hinaus, um mein eigen Neſt zu bauen. „So haben wir uns denn vermehrt und aus⸗ gebreitet, und wenn Ihr hier in der Gegend und — 79 in vielen anderen Gegenden Süd⸗Braſiliens herumfragt, werdet Ihr überall Leute finden, die ſich wohl befinden in der Welt, und deren Eltern * doch daheim nicht genug hatten, daß ſie ſich in der Woche ein halbes Pfund Fleiſch gönnen konnten.“ 3 Der junge Mann plauderte noch eine ganze Weile ſo munter fort und hatte beſondere Freude ddaran, ſeinem Beſuch zu erzählen, wie Der oder IAener vor fünf, ſechs oder acht Jahren herüber 3 gekommen ſei und Nichts mitgebracht habe als ſein Elend, und eine verkümmerte Familie, und wie gut es ihnen ginge. Dabei blieb er bald hier, bald da einmal ſtehen und zeigte dem Fremden die neue Anlage von Pfirſichbäumen, die das nächſte Jahr ſchon wahrſcheinlich tragen würden; dann den Flachs, den er für ſeine Frau gebaut, der aber nicht recht fortkommen wollte— und dann, nachdem er nach ſeinen Arbeitern geſehen, die wieder friſches Land urbar machten, führte er ihn zu dem Hauſe ſelber zurück, um ihm auch noch den Gemüſegarten und die Ställe zu zeigen — Ställe nämlich nur für die Maſtſchweine, die er mit dem Sorgho fütterte, denn das andere Vieh lief luſtig draußen im Freien auf einem großen, eingezäunten Platz umher. Der Garten ſelber ſtieß an ein kleines Dickicht alter Pfirſichbäume, an denen der frühere Beſitzer Weinreben gepflanzt, die ſich jetzt ganz erſtaunlich ausgebreitet hatten. Köhler nannte den Platz „des Barons Laube“. Der Gemüſegarten ſelber lag dicht und unmittelbar hinter dem Hauſe, und nur die Fenſter der Küche und Schlafkammer führten darauf hinaus. Die beiden jungen Männer hatten übrigens kaum den Rand des Gemüſegartens erreicht, als ein eigenthümlich lautes Sprechen, faſt wie ein Ruf aus dem Hauſe drang. Köhler zeigte gerade Könnern den trefflichen Blumenkohl, den er hier gezogen— er ſchwieg plötzlich und horchte nach dem Hauſe hinüber; es war Alles wieder ſtill, nur das Kind ſchrie. „Was das für ein klinger Schlingel iſt!“ ſagte er lachend;„die Frau hat den ganzen Tag mit ihm zu zanken, und er macht ſich nicht ſo viel daraus.— Ja, was ich gleich ſagen wollte, der Blumenkohl hier iſt meiner Frau größter Stolz, denn den hat“— wieder hielt er inne, denn nochmals kam aus dem Hauſe ein merk⸗ würdiger Laut, der weit mehr einem ärgerlichen Schrei als einem Zanken glich. „Jetzt wollt' ich doch drauf ſchwören, daß ich — — 81 meinen Namen gehört hätte,“ ſagte Köhler, ſchritt aber dabei ſchon raſch dem Hauſe zu, wohin ihm Könnern folgte. „Hans! Hans!“ ſchrie es in dem Augenblick klar und deutlich, und mit zwei Sätzen waren beide Männer im Hauſe, denn etwas Ungewöhn⸗ liches mußte dort geſchehen ſein. Köhler ſprang voran in die Stube, deren Thür nur angelehnt war, und blieb erſtaunt mit einem lauten Hallohe auf der Schwelle ſtehen, denn in dem Zimmer ſtand ein ſehr anſtändig ge⸗ kleideter ältlicher Herr, hatte ſeine Frau um⸗ faßt, die ſich aus allen Kräften gegen ihn wehrte, und ſuchte ſie mit, dem einen Arme an ſich zu ziehen, während er mit dem andern ein paar gut gemeinte Stöße parirte, welche ſie nach ſeinem Ge⸗ ſicht führte. Bei dem Ausruf des Mannes ließ er freilich die Frau augenblicklich los, die, aufge⸗ regt und erhitzt, mit funkelnden Augen und zit⸗ ternden Gliedern ihrem Mann entgegen rief: „Gut, daß Du da biſt— ſchmeiß' mir einmal den Kerl hinaus!“ „Sie verſtehen aber auch gar keinen Spaß,“ lachte der fremde Herr verlegen, der jetzt ſein Taſchentuch heraus nahm und ſich etwas Blut 6 Fr. Gerſtäcke r, Die Colonie. III. 82 aus dem Geſicht wiſchte, denn die„Trine“ ſchien nicht immer fehl getroffen zu haben. Der Herr ſelber ſah außerordentlich echauffirt und nichts weniger als erfreut aus, die beiden Männer in der Thür zu finden. Köhler ſelber war aber wirklich im erſten Augenblick ſo verblüfft, daß er gar nicht wußte was er thun oder ſagen ſollte, und kam eigentlich erſt wieder zur Beſin⸗ nung, als Könnern mit einem ironiſchen Lächeln bemerkte: „Der Herr Director machen wohl eine In⸗ ſpectionsreiſe durch die verſchiedenen Colonien?“ „Alſo das iſt der neue Director?“ rief Köh⸗ ler jetzt, der vor innerem Zorne gar noch nicht recht wußte, wo er zuerſt anfaſſen ſollte—„das iſt der Lump, der den ehrlichen Sarno aus ſeiner Stelle gebiſſen hat und jetzt in den Colonien herum⸗ kriechen und Stänkereien anrichten will! Ei, da ſoll doch gleich ein heiliges Kreuzdonnerwetter... „Herr Köhler, ich warne Sie wohlmeinend,“ rief Herr von Reitſchen, vor der auf ihn ein⸗ ſchreitenden Geſtalt aber doch zurückweichend— „ich ſage Ihnen, ich habe nur einen Scherz...“ „Ich mache auch nur Spaß,“ ſagte der junge Bauer, den Arm nach ihm ausſtreckend und ſeinen Kragen erfaſſend—„nur zum Spaß will ich Sie ——— ———= 83 einmal ein Bißchen vor die Thür ſetzen, daß Sie ſich doch für das nächſte Mal merken, wie man ſich bei den Coloniſten zu benehmen hat.“ „Herr Köhler— ich werde jeden gewaltſamen Angriff“— ſchrie der Director unter dem eiſernen Griff des jungen Bauers— aber er kam nicht weiter; Könnern trat lächelnd zur Seite, als er vorbeigeſchleppt wurde, als ob ihn irgend ein Maſchinenwerk beim Kragen hätte, und im näch⸗ ſten Moment flog er auch ſchon über die Schwelle mit unwiderſtehlicher Gewalt hinaus, ſtolperte über ein paar dort liegende Stücke Feuerholz und fiel mit ſolcher Gewalt gegen einen jungen Oran⸗ genſtamm, daß dieſer eine ganze Menge ſeiner Früchte auf ihn herabſchüttelte. „Bitte, bedienen Sie ſich,“ lachte Köhler, der bei der ganzen Scene auch noch nicht einen Moment ſeine Ruhe verloren und ſelbſt den Fluch vorher gerade ſo ausgeſprochen hatte, als ob er„geſeg⸗ nete Mahlzeit“ ſagte—„es iſt doch wohl das letzte Mal, daß ich die Ehre hatte Sie hier oben bei mir zu ſehen?“ Herr von Reitſchen mußte fühlen welche trau⸗ rige Rolle er hier oben ſpielte, und beſonders peinlich war ihm natürlich dabei Könnern's Ge⸗ genwart, da er ſich über das Andere würde viel 6* leichter hinweggeſetzt haben. Er ſprang auch raſch in die Höhe, und ohne ſich ſelber ſo lange aufzuhalten, ſeinen ſehr beſchmutzten Rock nur oberflächlich zu reinigen, ging er zu ſeinem Pferd, löſte den Zügel, warf ihn über, ſtieg in den Sattel und ſprengte, ſo raſch ihn das Thier trug, der Colonie wieder zu. „Das iſt doch ein Hauptlump,“ ſagte Köhler, als er ſich nach Könnern umdrehte, der ein voll⸗ kommen ruhiger lächelnder Zeuge der ganzen Scene geweſen war—„hat er Dir weh gethan, Trine?“ „Ich hab' ihm weh gethan,“ ſagte die junge, prächtige Frau lachend,„und das blaue Auge und die blutige Naſe wird er wohl eine Woche unten im Ort zu meiner Erinnerung tragen.“ „Das wird eine ſchöne Wirthſchaft hier geben, wenn der das ſo forttreibt,“ ſagte Köhler kopf⸗ ſchüttelnd—„eigentlich hätt' ich ihm vorher die Jacke tüchtig aushauen ſollen— es iſt mir nur zu ſpät eingefallen— des guten Beiſpiels wegen, mein' ich.“ „Es iſt ſo beſſer,“ lachte Könnern,„und ich gebe Ihnen mein Wort, die härteſte Strafe für ihn war, daß gerade ich daneben ſtand und Zeuge ſeiner Demüthigung ſein konnte.“ „Nun, ich weiß nicht,“ meinte Köhler,„ſo eine recht geſunde Tracht Schläge iſt auch nicht ſo übel, und verdient hatte er ſie.“ „Und aus dem FF,“ beſtätigte die Frau— „'s iſt aber ſo auch vielleicht beſſer, denn nachher hätteſt Du am Ende mit den Gerichten zu thun gekriegt, und wenn's weiter Nichts geweſen wäre, hätt's Geld gekoſtet und Laufereien gemacht. Jetzt wird er ſchon das Maul halten und Dich unge⸗ ſchoren laſſen.“ „Das glaub' ich ſelber,“ lachte der Mann. „Und wie der Junge ſchrie, wie er mich an⸗ faßte, ſchmunzelte die Frau—„das iſt ein Mord⸗ kerl— der wollte ſeiner Mutter Nichts zu Leide thun laſſen. Wo war't Ihr denn draußen?“ „Gerade kamen wir durch des Barons Laube und wollten Deinen Blumenkohl beſehen, wie ich den Lärm drinnen hörte; aber wer denkt denn an ſo'was?“ „Aber jetzt frühſtückt,“ ſagte die Frau, denn ſie waren indeſſen wieder in die Stube gegangen, und ſie ſetzte den Jungen mitten in dieſelbe auf die Erde—„ich hol' Euch gleich Alles herein— es ſtänd' ſchon auf dem Tiſch, wenn der Lump nicht gekommen wäre— und wie er mich zuge⸗ richtet hat!“ ſagte ſie, als ſie an dem kleinen 86 Spiegel vorbeiging, einen Blick hinein warf und ſich dann die Haare wieder flüchtig in Ordnung brachte.. „ Aber was wollt' er denn eigentlich?“ fragte Köhler, der ſich an den Tiſch ſetzte und Könnern ebenfalls einen Stuhl hinrückte. „Was weiß ich's,“ ſagte die Frau im Hinaus⸗ gehen—„er fragte nach Dir, und wie ich ihm ſagte, daß Du im Felde wärſt, glaubte er wahr⸗ ſcheinlich, er hätt's Preh! Der alte Eſel!“ und lachend warf ſie die Thür hinter ſich zu. 4. Helene. Am nächſten Morgen nach dem Verlobungs⸗ abend war⸗Herr von Pulteleben ſehr früh auf⸗ geſtanden, um angezogen zu ſein und keinen Augenblick zu verſäumen, ſeine liebenswürdige Braut begrüßen zu können. Was hatte ſie nur geſtern Abend mit ihrer Mutter gehabt? Er hielt unwillürklich mitten im Binden ſeiner Crapatten⸗ ſchleife ein, als er wieder an ſeinen geſtrigen Ab⸗ ſchied dachte— aber die alte Dame war ja oft ſo wunderlich und eigenwillig. Nur geſtern Abend ſchien der Anlaß von Helenen ſelber ausgegangen zu ſein, und wie ſonderbar ernſt dieſelbe ausge⸗ ſehen, als ſie vom Tiſche aufſtand und in ihr Zimmer ging. 88 Was nur in dem Briefe geſtanden hatte? Der war jedenfalls ſchuld daran geweſen— aber wenn er Helene heute darum fragte, ihm ſagte ſie es gewiß, denn ſie waren ja jetzt mit einander verlobt, ſchon beinahe ſo gut wie Eheleute, und Cheleute ſollen ja nie Etwas vor einander geheim halten. Eheleute— wie ſonderbar dem jungen Mann das Wort, auf ſich ſelber angewandt, vorkam— er wurde mit ſeiner Cravatte heute gar nicht fertig — Eheleute— wie ehrbar das klang und wie— wie ſolid und dauernd— und wie ſchnell ſich das eigentlich Alles gemacht hatte— und wie wunderlich. Wenn er's recht überlegte, war Nie⸗ mand daran ſchuld wie der Jeremias, der ihn hier gewiſſermaßen in das Stübchen eingeſchmug⸗ gelt hatte. Herr von Pulteleben vergaß ganz ſeine Cravatte, ließ die beiden Zipfel rechts und links niederhangen und blieb mit geſenkten Händen nachdenkend auf ſeinem Stuhl ſitzen. Ob die— Schwiegermutter nicht darum ge⸗ wußt haben ſollte, daß er hier als Miethsmann hergebracht wurde? Wie eigenthümlich, daß ihm das jetzt gerade einfiel— aber eine Menge be⸗ zahlter Rechnungen, ſeidene Kleider— Putzſachen und tauſend andere Dinge zuckten ihm hin und her ¹ durch den Kopf wie in einem geſchüttelten Kalei⸗ doſkop, und wenn er es einmal einen Augenblick ſtill hielt, formte ſich aus all' den bunten durch einander zerſtreuten Dingen doch immer nur wie⸗ der das eine Bild: die Schwiegermutter. Es war eine außerordentliche Frau, ſo viel ließ ſich in der That nicht läugnen, und Herr von Pulteleben dachte gar nicht daran es ihr ab⸗ zuſtreiten— eine ganz außerordentliche Frau, und er konnte ſich gratuliren, daß er eine ſo praktiſche Schwiegermutter bekam. Das ſagte er ſich ſelber nämlich, um ſich zu überzeugen, und anderen Ge⸗ danken nicht Raum zu geben, die ihm trotzdem immer und immer wieder aufſteigen wollten. Es war überhaupt eine ihm ſelber noch nicht einmal recht klar gewordene Thatſache, daß er nie an die Schwiegermutter allein, ſondern immer in Verbindung mit ihr auch an Geld denken mußte. So fiel ihm denn auch jetzt, in ganz natürlicher Reihenfolge, ſein gegenwärtiger Caſſenbeſtand ein und was die Hochzeit davon etwa wohl verſchlingen würde.— Aber er hatte an ſeine Mutter geſchrieben und der Brief war vorgeſtern mit einem Schooner nach Rio direct abgegangen. Die Mutter drückte ſchon noch ein kleines Capital aus dem Vater heraus, wenn ſie 90 erfuhr, daß ihr Arno unterdeſſen eine Comteſſe geheirathet habe, die noch außerdem die einzige Erbin eines verkauften Rittergutes war. Und wie ſchön— wie bildſchön war Helene, und wie ſtolz würden die Eltern auf ſie ſein, wenn er ſie ein⸗ mal mit hinüber nach Deutſchland brachte! Da klopfte Jemand— es war die Dorothea mit dem Kaffee; er mußte wahrhaftig ſeine Toi⸗ lette beenden, und Helene war gewiß ſchon munter und unten im Garten, und lachte den Langſchläfer nachher aus. „Iſt Comteſſe Helene ſchon ſichtbar?“ fragte er die Magd, die mit dem einen Arme ein wahres Chaos auf dem Tiſch zuſammenfegte und mit der andern Hand das Kaffeebret darauf ſchob. Die Alt. ſah ihn aber nur verwundert an und ſagte: „Sichtbar?“ „Iſt ſie ſchon angezogen und auf?“ „Weiß ich nicht.“ „Im Garten war ſie noch nicht?“ „Nee.“ „Hm,“ ſagte Herr von Püteleben, ſich ver⸗ gnügt die Hände reibend, während die Alte wieder hinunter ging,„dann kann ich meinen Kaffee erſt noch in aller Ruhe trinken— iſt doch eigentlich —— 91 der ſchönſte Moment vom ganzen Tage.“ Und damit ſetzte er ſich an ſeinen Tiſch nieder, um ſein Frühſtück einzunehmen. Glücklicher Weiſe hatte ſeine Braut dieſe letzte Bemerkung nicht gehört. Nach dem Kaffee beendete er raſch ſeine Toi⸗ lette und ging dann, als Geſchäftsmann, vor allen Dingen in das Arbeitszimmer hinunter, wo heute übrigens nur drei Cigarrenmacher ſaßen. Die anderen hatten ſich mit der Frau Gräfin gezankt und waren nicht allein weggeblieben, ſondern der Eine von ihnen, gerade der beſte Arbeiter, begann an dem nämlichen Morgen ein Concurrenzlocal aufzuſtellen, was der Frau Gräfin ernſtliche Schwierigkeiten zu bereiten drohte. Herr von Pulteleben dachte aber jetzt nicht an derlei proſaiſche Dinge; er war nur in das Ar⸗ beitszimmer gegangen, um nachher, wenn er die Schwiegermutter ſprach, mit gutem Gewiſſen ver⸗ ſichern zu können, er„ſei ſchon unten geweſen,“ und ſtieg dann die Treppe wieder hinauf, um bei Helenen anzukloßſen und zu fragen, ob ſie nicht einen kleinen Spaziergang mit ihm machen wolle. Es war indeſſen ſchon neun Uhr geworden und Helene um dieſe Zeit faſt jeden Tag auf und im Hauſe; heute dagegen fand er ihr Zimmer —4———— * 92 noch verſchloſſen und bekam ſogar nicht einmal eine Antwort. 1 Er ließ dann durch die Dorothea bei der Frau Gräfin anfragen, wie ſie geſchlafen hätte, alles Weitere der Frau Gräfin ſelber überlaſſend, und die Dorothea kam wieder heraus und ſagte blos das eine Wort„gut“— weiter Nichts. Herr von Pulteleben ſetzte dann ſeinen Hut wieder auf und ging ſehr nachdenkend in den Garten hinunter, wo er wenigſtens die Gewißheit erhielt, daß bei der Frau Gräfin wie bei Helenen die Fenſter geöffnet ſeien— beide Damen waren alſo ſchon auf— an beiden Fenſtern waren aber auch die Rouleaux noch herunter— alſo nach allen menſchlichen Berechnungen die Inſaſſen noch nicht zu ſprechen. Herr von Pulteleben fühlte ſich dadurch be⸗ unruhigt— er wußte eigentlich ſelber nicht recht warum, es müßte denn eine Art von Ahnungs⸗ vermögen geweſen ſein, was wir bei den Thieren Inſtinct nennen. Von dieſem Inſtinct getrieben, ging er alſo einmal zum Baron hinüber, der ſei⸗ nen Spaziergang ſchon beendet hatte und eben ſeinen Kaffee trank, und hätte bei dieſem zu keiner ungünſtigeren Zeit vorſprechen können, denn der Baron war heute Morgen ganz ausnahmsweiſe —— —— 4 —— 93 ſehr ſchlechter Laune. Der junge Mann hielt ſich deshalb hier gar nicht auf, machte eine kleine Promenade um die Stadt herum und ſprach dann einmal bei dem Director vor, den er eben von einem Spazierritt hatte zurückkommen ſehen. Er ließ ſich auch hier gar nicht melden, ſondern folgte dem Herrn gleich hinauf und klopfte an, fand aber, daß er ſchon wieder einmal zur falſchen Zeit gekommen ſei. Der Director, der wahrſcheinlich mit dem Pferde geſtürzt war, denn er hatte ein blau unterlaufenes Auge und eine geſchundene Naſe, mußte Herrn von Pulteleben's Verlobung von geſtern Abend total vergeſſen haben, denn er ließ ihn nicht ein⸗ mal hinein. Er öffnete nur halb, fragte ihn ziem⸗ lich barſch was er wolle, und drückte ihm dann die Thür wieder vor der Naſe zu. „Hol's der Henker!“ dachte Herr von Pulte⸗ leben— denn dem ſonſt ſo gutmüthigen Menſchen lief endlich die Galle über,„da geh' ich doch lieber auf mein Zimmer und laſſe die Leute zu mir kommen. Die behandeln Einen ja wie einen— als ob ſie Einen auf der Straße aufgeleſen hät⸗ ten!“ Und dem Entſchluß die That folgen laſ⸗ ſend, ging er raſch in ſeine eigene Wohnung zu⸗ rück, zog ſeinen Rock aus, nahm ſein Schreibzeug 94 her und entwarf die Idee zu einem Epos, in dem er die Erbärmlichkeit des Menſchengeſchlechts ſchil⸗ dern wollte. Indeſſen bereitete ſich unter ihm eine andere Scene vor. Oskar war vor etwa einer halben Stunde allein fortgeritten, und Helene, ſchon voll⸗ ſtändig angezogen, aber in einem ganz einfachen Mouſſelinkleide, öffnete ihr Zimmer, ging zu dem ihrer Mutter hinüber und klopfte an. „Wer iſt da?“ „Ich bin's. „Gleich!“ ſagte die Stimme inwendig—„einen Augenblick nur,“ und Helene hörte, wie drinnen ein paar Schiebladen haſtig auf⸗ und zugemacht wurden. Jetzt drehte ſich der Schüſſel im Schloſſe und die Comteſſe trat ein. „Guten Morgen,“ ſagte Helene ruhig und kalt, und trat zum Fenſter, um das eine Rouleau hinauf zu ziehen, und den Sonnenſchein herein zu laſſen. „Guten Morgen, mein Kind,“ ſagte die Gräfin, die ſich aber heute, der Tochter gegenüber, merk⸗ würdig verändert benahm, denn ſie ſchien ganz das hochfahrende, nachläſſige Benehmen, das ſie ſonſt ſelbſt Helenen gegenüber beibehielt, abgelegt -95. zu haben. Sie ſtand im Zimmer, ſie zu begrüßen, rückte ihr ſogar einen Stuhl und ſagte: „Du ſiehſt heute Morgen bleich aus, Helene; haſt Du ſchlecht geſchlafen, mein Kind?“ „Ich glaube ich habe gar nicht geſchlafen,“ ſagte Helene ruhig, ohne die Mutter anzuſehen— „ ooch— das hat mit dem Nichts zu thun, über das ich mit Ihnen ſprechen möchte.“ „Mit Ihnen?“¹ rief die Gräfin erſchreckt— „Helene!“ „Bitte, ſetzen Sie ſich,“ ſagte das junge Mäd⸗ 4 chen kalt—„wir haben Manches mit einander zu beſprechen, und es iſt nöthig, daß dies in aller Ruhe geſchieht.“ „Aber um Gottes willen, Helene, was haſt Du nur— wie biſt Du?“ rief die Frau und wollte Helenens Hand ergreifen. „Was ich habe?“ ſagte das junge Mädchen ſtaunend und ſah ihr zum erſten Mal voll und ernſt in's Auge—„und das fragen Sie noch? Aber, bitte, ſetzen Sie ſich, und erlauben Sie vor allen Dingen, daß ich Ihnen einen Brief vorleſe, der geſtern zufällig in meine Hände kam.“ „Der unglückſelige Brief!“ jammerte die Frau und ſetzte ſich mit gefalteten Händen und wie ge⸗ brochen auf das Sopha nieder. 96 „Derſelbe,“ ſagte Helene mit eiſerner Ruhe, faltete den Brief Nnn aus einander, den ſie die Nacht über ſchon unzählige Male geleſen und über den ſie heiße, bittere Thränen geweint, und las jetzt mit feſter, ruhiger, auch nicht die geringſte Bewegung verrathender Stimme: „Liebe Conſtance! Anbei ſende ich Ihnen— dieſes Mal di⸗ rect— den zweiten Semeſter⸗Wechſel für die Erziehung meiner Tochter Helene. Sie ſehen, ich habe auch Ihren Wunſch erfüllt und die Adreſſe an die Gräfin Baulen gerichtet, ob: gleich ich mit einer ſolchen Täuſchung nicht ein⸗ verſtanden und vollkommen dagegen bin. Ich kenne aber die braſilianiſchen Verhältniſſe nicht, und es mag vielleicht dort nöthig ſein. So geſchehe es denn Helenens wegen. Es freut mich, ſo Günſtiges über die Fort⸗ ſchritte des Kindes zu hören, und ich hoffe, daß Sie Ihr Wort halten und wie eine Mutter für ſie ſorgen.“ G „Und hab' ich das nicht gethan, Helene? Hab' ich das nicht immer und immer gethan und Dir jetzt wieder bewieſen, indem ich einen braven Mann für Dich geſucht?“ rief die Frau und hob die Hände zu der Jungfrau empor. ———— — Helene las ruhig weiter: „Es grüßt Sie freundlich Ihre Ottilie von... „Der Name wie Ort und Datum fehlen.“ „Hab' ich das nicht immer gethan? Sag' wahr und aufrichtig, ob ich das nicht gethan habe?“ „Nein,“ ſagte Helene, und das Wort hatte eigentlich keinen Klang, aber es traf doch deutlich und furchtbar an das Ohr der Frau, die ihr Taſchentuch herausnahm und es gegen die Augen hielt. „Wie heißt meine Mutter?“ fragte Helene endlich mit derſelben tonloſen Stimme wie vorher —„wie heißt ſie und wo wohnt ſie, und welches Geheimniß liegt auf meiner Abſtammung, daß ich hinausgeſchickt wurde unter fremde Menſchen?“ „Liebe Helene,“ ſagte da die Frau, das Tuch vom Geſicht nehmend und ihre Augen trocknend —„ich habe einen furchtbaren Eid ſchwören müſſen das Geheimniß zu bewahren, wenigſtens ſo lange zu bewahren, bis ich den Auftrag dazu von Deiner Mutter ſelber bekomme, es Dir mitzutheilen. Ich darf und kann den Eid nicht brechen— fordere es nicht!“ Helene ſchwieg; ihr Auge haftete noch immer Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. III. 986.* feſt auf der Frau und ein ſchwerer Seufzer hob ihre Bruſt. 4½ „Ich bin mündig,“ ſagte ſie endlich—„ich bin einundzwanzig Jahr. Darf mir der Name meiner Mutter— meiner Eltern länger vorenthalten werden?“. „Ich will augenblicklich nach Deutſchland ſchrei⸗ ben,“ ſagte die Frau—„gewiß, Helene, mit dem nächſten Schiff, und will Deine Mutter bitten mich meines Eides zu entbinden; aber ehe das geſchehen iſt, und wenn ſie nicht darein willigt, kann und darf ich es ja doch nicht thun. Du ſelber wirſt doch nicht wollen, daß ich einen Meineid auf meine Seele lade.“ 4 Helene hatte ihr Herz wie krampfhaft mit der Hand gefaßt und ſah die Frau noch immer mit ihrem kalten, durchdringenden Blick an, endlich ſagte ſie leiſe: „Alſo Sie wollen mir den Namen meiner Mutter nicht nennen?“ „Ich kann, ich darf nicht, Kind— wenig⸗ ſtens jetzt noch nicht. Laß Dir Zeit— in wenig Monaten kann ein Brief hinüber⸗ und zurück⸗ gehen, und ich zweifle keinen Augenblick, daß Deine Mutter mich mrines Eides entbinden wird. Dann von Herzen gern. Aber— was nutzt es 90 Dir, Helene?“ fragte ſie wie ſchüchtern nach kurzer Pauſe,„denn— Du würdeſt ihr doch nicht nahen dürfen.“. „Nicht nahen dürfen?“ rief Helene erſchreckt; „wer will das Kind dem Herzen der Mutter fern halten?“ „Frage mich nicht weiter— dringe nicht in mich, Deiner eigenen Ruhe wegen.“ „Alſo das dürfen Sie mir doch ſagen,“ rief Helene raſch,„und aus Schonung für mich glaube ich nicht, daß Sie es zurückzuhalten brauchen. Ich verlange von Ihnen zu wiſſen, weshalb mir die Mutter vorenthalten werden ſoll. Ich mache Sie für Alles verantwortlich was daraus entſtehen kann, wenn ich es nicht erfahre, und beim ewigen Gott! ich halte was ich verſpreche, wenn ich Ihnen zuſchwöre, daß Sie bei einer Weigerung keine ſchlimmere Feindin in der Co⸗ lonie haben ſollen, wie mich. Ich denke, Sie trauen mir zu daß ich mein Wort halte.“ Helene war von ihrem Stuhl aufgeſprungen und ſtand der Frau mit zürnendem, drohendem Blick gegenüber. „Thörichtes Kind,“ ſagte Frau Baulen, ohne ſich jedoch dieſes Mal aus ihrer Ruhe bringen zu laſſen, denn ſie kannte die Waffe, über die ſie 7 — 100 verfügte—„Du verlangſt Etwas, was Dich un⸗ glücklich für Dein ganzes Leben machen wird.“ „Noch unglücklicher als ich jetzt ſchon bin?“ lachte Helene bitter—„Sie ſcherzen, Frau Gräfin.“ „Und wem zu Liebe nahm ich den Titel an, der mir nicht gebührt?“ rief die Frau, jetzt ſelber gereizt—„wem zu Liebe ſtürzte ich mich in Aus⸗ gaben, die über meine Mittel gingen— wem zu Liebe hab' ich ſelbſt die Heimath verlaſſen, in der ich glücklich und zufrieden mit meinem Sohn hätte leben können?“ „Mir zu Liebe, nicht wahr?“ ſagte Helene kalt und bitter,„nur Alles mir zu Liebe, nicht dem Jahrgehalte! Doch genug, übergenug der Reden! Täuſchen Sie ſich nicht, daß ich nach dem, was ich jetzt weiß, auch nur noch einen Augen⸗ blick an Ihren wahren Geſinnungen zweifeln könnte. Wir Beide haben fortan Nichts mehr mit einander gemein, und das nur verlange ich jetzt von Ihnen zu wiſſen, welche Schuld auf mir oder meiner Mutter laſtet, daß ich ihr nie im Leben angehören ſoll?“ „Gut— Du ſollſt es wiſſen, Undankbare!“ ſagte die Frau jetzt nach kurzem Zögern mit ent⸗ ſchloſſenem Blick—„Du ſollſt es wiſſen, um zu 4 fühlen, wie allein Du auf der Welt ſtehſt, und wie es mich Ein Wort koſtet, Herrn von Pulte⸗ leben, auf deſſen Hülfe Du jetzt pochſt, von Dir zurücktreten zu laſſen. Ich hoffe, Du wirſt dann vernünftig werden und einſehen, wie ich nur ſtets und immer Dein Beſtes gewollt, wie ich es noch will, und wie kein Menſch hier ſo für Dich ſorgen kann und wird, als gerade ich. Vielleicht iſt es auch gut ſo, daß der Brief in Deine Hände kam, eine wirkliche und wahre Mutter für Dich ge⸗ weſen iſt. Pulteleben ſelber wird es mir ſpäter danken— wenn er auch Nichts davon zu wiſſen braucht.“ „Herr von Pulteleben,“ ſagte Helene mit all der alten Bitterkeit im Ton—„doch davon ſpäter— nun Ihr Geheimniß, Madame, wenn es Ihnen gefällig iſt.“ Die Frau war ſelber zum Aeußerſten gereizt; ſie ſtand raſch vom Sopha auf, ging nach der Thür, öffnete ſie und ſah hinaus. Dann kam ſie zurück auf Helenen zu, bog ſich zu ihr nieder und flüſterte ihr einige Worte in's Ohr. . 55 5 —— —— — Helene wurde todtenbleich; ſie ſchloß die Augen und ſtand wohl eine Minute lang regungslos wie aus Stein gehauen. Dann hob ſie die Hände, deckte ihr Antlitz, und heiße, heiße Thränen quollen ihr zwiſchen den Fingern durch. Endlich ſah ſie wieder auf. Ihr Geſicht war marmorbleich, aber ohne einen Zug von Schmerz oder Leid, und ſie wandte ſich, als ob ſie das Zimmer verlaſſen wollte. „Geh' jetzt nicht, Kind,“ ſagte aber die ihre Hand ergreifend und ſie zurückhaltend „die Leute draußen brauchen nicht zu erfahren, daß zwiſchen uns irgend ein Mißverſtändniß vor⸗ gefallen. Bleibe hier in meinem Zimmer, bis Du Dich vollſtändig erholt haſt, und denke ruhig über das Gehörte nach; Dein eigener geſunder Ver⸗ ſtand wird Dir dann ſchon ſagen, was Du zu thun und zu laſſen haſt.“ „Und glauben Sie, daß ich darüber auch nur noch einen Augenblick in Zweifel bin?“ fragte das Mädchen, und der Blick, den ſie auf die Frau heftete, ſchien ſich in deren Inneres zu bohren. „Was das Kind für einen Trotzkopf hat,“ ſagte die Frau, den Kopf herüber und hinüber werfend—„es iſt nur ein Glück, daß Andere noch für Dich denken und handeln, Du richteteſt Dich von vorn herein zu Grunde. Der arme Pulteleben wird ſeine bittere Noth mit Dir be⸗ kommen.“ „Ich glaube nicht, daß ich Herrn von Pulte⸗ leben je beläſtigen werde,“ erwiederte Helene.„Ich hatte mich dem Furchtbaren gefügt, einen Mann zu heirathen, den ich nicht liebe— ja, nicht ein⸗ mal achten konnte, nur der Mutter wegen. Ich glaubte damit eine Schuld loszukaufen, die ſchwer auf meiner Seele laſtete. Gott ſei Dank, daß der Himmel wenigſtens das Opfer nicht von mir angenommen hat— ich wäre unglücklich und elend geweſen mein ganzes Leben lang.“ „Helene, ſei vernünftig!“ rief Madame Baulen erſchreckt;„Du wirſt doch nicht..“ „Ich werde Herrn von Pulteleben ſein Wort zurückgeben.“ „Das darfſt Du nicht...“ „Und wenn Sie mich drängen, ihm auch ſagen, weshalb.“ „Du handelſt wie eine Wahnſinnige. Und wo⸗ von willſt Du leben?“ „Was mein Eigenthum hier im Hauſe iſt, mein Inſtrument, meinen Schreibtiſch, meine Bücher und mein Pferd werde ich zum Theil verkaufen, und mit dem Erlös mein Leben friſten, bis ich 104 mir ſelber in ehrlicher Weiſe mein Brod verdienen kann.“ „Aber das Geſchäft, das wir begonnen haben — Herr von Pulteleben wird den Augenblick zurücktreten, wenn Du ihn ſo auf das Tödtlichſte beleidigſt.“ 3 „Und was kümmert das mich?“ Die Frau erſchrak, denn erſt jetzt fühlte ſie, daß ſie ihr Spiel mit Helenen vollſtändig ver⸗ loren hatte. Das Mädchen, welches ſie die langen Jahre benutzt, mit allen nur erdenkbaren Intri⸗ guen ein bequemes Wohlleben für ſich und ihren vollkommen nutzloſen Sohn zu ſchaffen, glitt ihr unter den Händen fort, und zum erſten Mal trat ihr die furchtbare Möglichkeit vor Augen, daß ſie aauf ſich ſelber angewieſen werden könne. Helene aber, die wohl ahnen mochte welche Gedanken ſie jetzt bewegten, wandte ſich verächtlich von ihr ab, und ſchritt der Thür zu, die ſie aufſchloß. Dort blieb ſie noch einmal ſtehen und ſagte, ohne ſich aber umzuſehen: „Was ich heute oder morgen über meinen künftigen Aufenthaltsort beſchließen werde, weiß ich noch nicht— aber ich weiß, daß ich ein Recht habe, hier in dieſem Hauſe zu wohnen, ſo lange ich es für paſſend finde. Ich werde Sie ſpäter das 1 105 Nöthige wiſſen laſſen“— und ehe Madame Baulen ein Wort darauf erwiedern konnte, war ſie durch die Thür verſchwunden.—— Arno von Pulteleben, ahnungslos über alles Das, was in der nämlichen Zeit unter ihm vor⸗ ging, ſaß indeſſen oben in ſeinem Zimmer, kaute an ſeiner Feder und verdarb ein paar Bogen ſehr gutes Velinpapier mit ſeinen poetiſchen Ergießun⸗ gen über die Erbärmlichkeit des Menſchengeſchlechts, die endlich darauf hinausliefen, daß er Helenen als einen Engel ſchilderte, der eigentlich gar nicht hieher gehöre, und einzig und allein aus Ver⸗ ſehen auf die Welt gekommen ſei. Von dem nämlichen Engel— er war gerade aufgeſtanden, hatte ſeinen Rock wieder angezogen, ſeine Friſur in Ordnung gebracht, und wollte eben hinunter gehen, um ſeine Verlobte aufzuſuchen— erhielt er da einen Brief, den die alte Dorothea heraufbrachte und den er mit einem ſelbſtzufrie⸗ denen Lächeln öffnete. Was konnte ihm ſeine Braut anders ſchreiben als einen freundlichen Morgengruß! Der Brief lautete: „Herrn Arno von Pulteleben. „Mein Herr! Wir ſind Beide das Opfer einer Täuſchung geworden. Der einzige Troſt nur bleibt mir, daß es noch nicht zu ſpät iſt, —— ———————— 106 3 den Schritt zurück zu thun, der uns für dieſes Leben an einander ketten ſollte. Ich weiß, daß Sie von Herzen ein guter Menſch ſind, aber— wir paſſen nicht für einander— ich habe Sie nie geliebt, und wir wären auch nie glücklich zuſammen geworden. „Die einzige Bitte, die ich noch an Sie habe, iſt: meinen feſten und unumſtößlichen Entſchluß zu achten, und keinen Verſuch zu machen ihn zu ändern— es wäre doch vergeblich. „Indem ich Ihnen noch hiermit für die freundliche Geſinnung danke, die Sie mir ſtets bewieſen, und in dem Bewußtſein, ſelbſt mit dieſem Schritt Nichts gethan zu haben, was 1 mich könnte in Ihrer Achtung ſinken laſſen, zeichnet ſich— V Helene.“ Herr von Pulteleben las den Brief drei⸗ oder viermal durch, und drehte ihn dann immer noch in der Hand herum und beſah ihn als ob er in einer vollkommen fremden, ja unbekannten Sprache geſchrieben wäre. Endlich bekam ſein Erſtaunen Worte, ohne ſich aber anfänglich auch nur in mehr als gebrochenen Sätzen und Ausrufungen zu äußern.. „Opfer einer Täuſchung?— einziger Troſt? 40 — guter Menſch?— unumſtößlicher Entſchluß?— Achtung ſinken laſſen?— Bin ich denn verrückt, oder iſt irgendwo im Weltgebäude eine Schraube losgegangen?— Freundliche Geſinnung?— Be⸗ wußtſein?— Wenn ich auch nur Ein Wort von dem ganzen Brief verſtehe, will ich mir den Hals mit einem Falzbein abſchneiden laſſen!— Hab' ich denn nur, um Gottes Chriſti willen, irgend Etwas in der weiten Welt gethan, womit ich ſie hätte beleidigen können?— Hab' ich denn je, auch nur einen Augenblick, die ſchuldige Ehr⸗ erbietung aus den Augen geſetzt?— Hat denn nicht die Schwiegermutter ſelber— holla, da ſitzt der Haken— in dem Kuchen hat die Schwiegermut⸗ ter wieder einen Finger— meinen Kopf wollte ich drauf verwetten! Das iſt wirklich eine ganz erſchreckliche Frau, und es wird wieder viel, ſehr viel Geld koſten, um ſie vollkommen zufrieden zu ſtellen. Jetzt bin ich nur neugierig, was ſie nun haben will, denn bis jetzt hat ſie mir auch nicht die geringſte Andeutung gegeben. Na, es wird ſchon herauskommen,“ tröſtete er ſich ſelber,„denn damit hält ſie gewöhnlich nicht lange hinter dem Berge.“ Mit dieſer Schlußfolgerung hatte ſich von Pulteleben vollkommen beruhigt, denn er war jetzt ——— 108 ſo feſt überzeugt, daß der ganze Brief auf Nichts weiter als eine pecuniäre Laune der Schwieger⸗ mutter hinauslief, daß er ſich weiter gar keine Sorgen mehr machte. Helene konnte ja doch die Zeilen nicht im Ernſt geſchrieben haben. Uebrigens bildeten ſich bei ihm ſchon ganz in der Stille dunkle Pläne von Widerſetzlichkeit gegen das drückende Regiment der Schwiegermutter— „wenn er nur erſt einmal verheirathet war“— denen er aber vorerſt noch keine beſtimmte Form gab. Somit nahm er allerdings die ganze Sache auf die leichte Achſel. Aber es war ihm doch trotzdem ein unbehagliches Gefühl, ſich den Mor⸗ gen nach ſeiner Verlobung, den er ſich ſo wun⸗ derhübſch gedacht und ausgemalt, auf eine ſolche Weiſe verbittern zu laſſen, und er beſchloß, ohne Weiteres hinunterzugehen, und der Sache auf den Grund zu kommen; nachher— daran zweifelte er keinen Augenblick— war dann Alles raſch in's Reine gebracht. Dieſem Vorſatz ließ er die That auf dem Fuße folgen, und um die Sache gleich beim richtigen Ende anzufaſſen, gedachte er ſich vor allen Dingen der Schwiegermutter zu verſichern, erſtaunte aber nicht wenig, als er deren Thür noch immer ver⸗ ſchloſſen fand, und auf ſein Anklopfen von innen 109 die Antwort erhielt, ſie ſei nicht recht wohl, und könne ihn jetzt unmöglich ſehen. Auch Helenens Thür blieb für ihn verſchloſſen, und ſelbſt zum Mittageſſen ließ ſich keine der bei⸗ den Damen ſehen; Pulteleben mußte mit Oskar, dem er aber natürlich kein Wort von dem Vor⸗ gang ſagte, ſeine Mahlzeit allein verzehren. In dem kleinen, ſonſt ſo ruhigen Städtchen war es indeſſen merkwürdig lebhaft und bewegt geworden. Die Leute liefen auf der Straße, oder ſtanden in kleinen Gruppen zuſammen, irgend Etwas eifrig zu beſprechen. Es mußte augen⸗ ſcheinlich etwas ganz Außergewöhnliches vorge⸗ gangen ſein, das ſie derart bewegen konnte. Selbſt Herr von Pulteleben merkte das, und als er aus reiner Verzweiflung noch einmal unten in den Arbeitsſaal getreten, und dann vor die Thür ging, um friſche Luft zu ſchöpfen— die ganze Atmo⸗ ſphäre kam ihm heute ſo dumpf und ſchwül vor— fiel ihm eben dieſes rege Leben auf. „Na, was iſt denn— was habt Ihr denn heute?“ fragte er einen vorbeigehenden Arbeits⸗ mann, der ebenfalls in großer Eile zu ſein ſchien. „Sie haben ihn gefunden!“ ſagte dieſer, und zog ſeine Mütze ab. „Gefunden— wen?“ ——ÿÿ ——⅛, ———— 110 „Nu, den Juſtus!“ ſagte der Mann. „Den Juſtus?— Wer iſt denn der Juſtus?“ „Na, der verrückte Schneider, von dem man geglaubt hatte, daß er durchgebrannt wäre. Todt⸗ geſchlagen haben ſie ihn im Wald, den armen Teufel, und jetzt läuft Alles hinaus, um ihn an⸗ zuſehen, denn er ſoll ſo ſchrecklich zugerichtet ſein, daß er ſich gar nicht mehr transportiren läßt— bei die Hitze auch!“ Und der Mann machte ebenfalls daß er hin⸗ auskam, um ſich den ſchauerlichen Anblick eines Ermordeten zu gönnen, und dann Nächte lang in dem Gedanken daran nicht ſchlafen zu können. Herr von Pulteleben, froh nur Etwas zu haben, das ihn in dieſem Augenblick von ſeinen Gedanken abzog, ſchlenderte langſam mit hinaus, um ſich das Nähere ſelbſt anzuſehen. Vor Buttlich's Wirthshaus hielt eine Familie, die eben, wie es ſchien, ausziehen wollte. Es war Bux mit Frau und Kindern, und der Mann be⸗ ſchäftigt, das wenige Gepäck das er bei ſich führte, auf einen Eſel zu laden. Die Frau und der älteſte Junge halfen ihm dabei, und das Kleinſte lag vor dem Haus auf ſeinem Bettchen, damit es die Mutter gleich nehmen konnte, wenn es ſchrie. Bux hatte den größten Theil ſeiner Sachen — ⁰ͦ——— theils verſetzt, theils verkauft— um nicht zu ver⸗ hungern, wie er ſagte— und wollte nun Santa Clara verlaſſen, um in einer andern Colonie ſein „Glück“ zu verſuchen. Schon ſeit ein paar Tagen hatte er das bewerkſtelligt, und heute Morgen brach er mit ſeiner Familie auf. Gerade als von Pulteleben vorüberging, ſchnürte er das Gepäck auf dem Eſel feſt, und der Junge ſollte ihm von der andern Seite das Seil herübergeben. Er reichte ihm aber aus Verſehen das falſche, und als er ſeinen Fehler auf An⸗ ſchreien des Vaters, der ihn dadurch nur noch ver⸗ wirrter machte, nicht gleich verbeſſerte, ſprang der rohe Menſch um den Eſel herum, und trat den armen Jungen mit einem gottesläſterlichen Fluch gegen den Schenkel, daß er heulend mitten in die Straße flog. „Aber Ihr ſeid doch wahrhaftig ſchlimmer als ein Vieh,“ rief von Pulteleben, der Zeuge dieſer Scene geweſen war, entrüſtet aus—„das nehme mir denn doch kein Menſch übel!“ 8 „Geht's Euch was an?“ knurrte der Mann, indem er, ohne ſich um ſeinen mißhandelten Jungen weiter zu bekümmern, das Seil ſelber herumwarf und feſtſchnürte, und zwar ſo feſt, daß das arme Thier kaum noch athmen konnte—„einen Quark 112 habt Ihr drein zu reden, und ich kann mit mei⸗ nem Jungen machen was ich will!“ „Gefühlloſer Menſch,“ murmelte der junge Mann vor ſich hin und ging vorbei, denn er dachte gar nicht daran, ſich mit einem ſo rohen Burſchen auf offener Straße in einen Streit ein⸗ zulaſſen. Er hätte auch jedenfalls den Kürzeren ziehen müſſen. Die Leute zogen ſich die Straße hinauf, in welcher der Schneider Juſtus gelebt hatte. Vor der Thür ſeiner Wohnung ſtand die alte Frau und erzählte heulend und ſchreiend drei oder vier anderen alten Damen Scenen aus dem Leben des Verſtorbenen, die als höchſt brauchbarer Stoff zu weiterer Verwendung begierig aufgefangen wurden. Herr von Pulteleben ging die Straße hinauf, weiter und weiter. Er bedauerte ſchon ſein Pferd nicht mitgenommen zu haben, denn er war kein Freund von langen Spaziergängen, aber es ließ ſich jetzt nicht mehr ändern— der Weg zog ſich ſchmählich in die Länge und die Sonne brannte unausſtehlich. Jetzt bogen die Leute rechts ab und kletterten in die heißen Felſen hinauf, in denen ein, gegenwärtig freilich ſehr unbedeutender Bergbach in der Regenzeit mächtiges Geſtein mit. heruntergewaſchen und durch einander geworfen ————ö— 113 hatte. Oben zog ſich ein kleiner Damm quer durch die Schlucht, der einen dünnen Waſſerfall bildete, und rechts davon, vielleicht zweihundert Schritt entfernt, in einem Dickicht von Lorber und Cactus, lag die furchtbar entſtellte Leiche des Ermordeten, der man ſich unter dem Winde gar nicht nähern durfte. 3 Herr von Pulteleben ſchauderte übrigens zu⸗ rück, wie er nur einen Blick darauf geworfen; er konnte etwas Derartiges nicht ſehen und begriff jetzt ſelber nicht, weshalb er hier eigentlich herauf⸗ geſtiegen ſei. Von den Umſtehenden erfuhr er aber bald die Einzelheiten des Thatbeſtandes. Der Juſtus war, wie ſich ganz zweifellos ergab, einfach todtgeſchlagen worden, und zwar mit einem etwa vierpfündigen Steine, den man circa vierzig Schritt von der Stelle, wo die Leiche lag, ganz mit Blut bedeckt gefunden hatte. Der Ermordete konnte ihn dort nicht hingeworfen haben, denn der ganze Schädel war ihm zerſchmettert, und er todt da niedergeſunken, wo er lag. Der Mörder mußte den Stein alſo weggeworfen haben. Daß der Unglückliche bei einem zufälligen Sturz um's Leben gekommen ſei, zeigte ſich als unmög⸗ lich, denn wenn auch ein kleiner Felshang gerade Fr. Gerſtäcker, Die/ Colonie. III. 8 114 dort emporragte, ſo hätte er doch von da oben herunter nie an die Stelle ſtürzen können, wo er ſich befand und wo ſich die einzigen Blutſpuren zeigten, und dann war auch der Abhang nicht hoch genug, eine ſolche Beſchädigung glaubbar zu machen— ſelbſt ohne den entfernt davon gefun⸗ denen blutigen Stein. Geld trug der Ermordete nicht bei ſich, ein paar Kupfermünzen ausgenommen, eben ſo wenig eine Uhr, obgleich er nie ohne eine ſolche aus⸗ ging. Er lag— als man ihn, durch eine Un⸗ maſſe darüber kreiſender Aasgeier aufmerkſam ge⸗ macht, gefunden hatte— auf dem Geſicht, beide Arme von ſich geſtreckt, und war jetzt nur noch halb bekleidet, denn die Beinkleider hatten ihm ſchon die Soldaten ausgezogen und bei Seite ge⸗ bracht. Die Stiefel mochten ſie wohl nicht abbe⸗ kommen haben. Jeremias ſtand auch oben, die Hände in beiden Hoſentaſchen, und betrachtete ſich nachdenklich, ohne jedoch den geringſten Ekel zu verrathen, den Ermordeten; aber er machte keine Bemerkung, that keine Frage und ging, nachdem er ſich Alles genau angeſehen, wieder ruhig in die Stadt zurück. Als er die Straße hinunter kam, hatte Bux mit ſeiner Familie und ſeinem Eſel ſchon Santa —COꝭ—L—CꝭQꝭ—᷑—CQ—OCQC—OQO—OQ—CQCQCQCQO—ꝑCQ—ꝑ—ꝑ—— 115 Clara verlaſſen und den Weg eingeſchlagen, der an der früheren Meierei— den Namen hatte die Chagra noch immer behalten— vorüber führte. Herr von Pulteleben kehrte etwas echauffirt in das Haus zurück und betrat es mit dem un⸗ behaglichen Gefühl, daß er darin nicht Alles in der gehörigen Ordnung wußte. Sollte er jetzt noch einmal bei der Frau Gräfin anklopfen? Er ſtand noch unſchlüſſig an der Treppe, da ging plötzlich die Thür auf und die Dame trat ſelber heraus. Sie ſchien allerdings Herrn von Pulte⸗ leben nicht erwartet oder beſonders geſucht zu haben, und ihr erſtes Gefühl das zu ſein, wieder in ihr Zimmer zurückzutreten. Das aber war jetzt nicht mehr möglich; der junge Mann näherte ſich ihr auch ſchon und ſagte mit ſehr beſtürztem Geſicht: „Aber ich bitte Sie um Gottes willen, Frau Gräfin, was iſt denn nur eigentlich vorgefallen? Helene hat mir einen ſo ſchrecklichen Brief ge⸗ ſchrieben, daß ich...“ „Hat ſie in der That?“ ſagte die Dame ruhig —„das Mädchen iſt voller Launen, aber ängſtigen Sie ſich nicht deshalb, mein junger Freund, ich werde das Alles ſchon wieder in Ordnung bringen.“ 8* 116 „Sie glauben wirklich?“ „Laſſen Sie mich nur machen“— und die Thür ſchloß ſich wieder hinter der Schwieger⸗ mutter. ÿõ',,— 5. Gerichtspflege in der Colonie. In Santa Clara, wo Alles ſonſt im gewohn⸗ ten Geleiſe ſeinen ſtillen und ruhigen Gang ging, ſchien die ganze beſtehende Ordnung auf den Kopf geſtellt zu ſein, als gegen Abend der junge Köhler, und zwar als Mörder des Juſtus Kernbeutel an⸗ geklagt, von ſeiner Chagra herunter, gefangen ein⸗ gebracht wurde. In Todesangſt folgte ihm dabei ſeine junge, hübſche Frau mit dem Kind auf dem Arme und erzählte unter Thränen, wie die Sol⸗ daten oben bei der Verhaftung gewirthſchaftet, ihr Geſchirr und Fenſter zerſchlagen und ſie ſelber auf die boshafteſte und rohſte Art gekränkt und beleidigt hätten. Köhler ſelber, als er durch die Colonie geführt 118 wurde, ſah wohl todtenblaß vor innerlich kochen⸗ der Wuth aus, ließ aber ſonſt nicht durch ein Wort, nicht durch eine Miene merken was in ihm vorging; mußte er ſich ja doch auch dem Unab⸗ änderlichen fügen, denn die Hände hatten ihm die Burſchen auf dem Rücken zuſammengeſchnürt, und als er ſich unterwegs nur ein einziges Mal an ſeine ihm folgende Frau wenden wollte, war er mit Kolbenſtößen bedeutet worden, daß er ſich mit Niemandem zu unterhalten hätte, bis er von ſeinem Richter verhört und vielleicht auch gleich ab⸗ geurtheilt ſei. „Ehe er gehängt würde,“ tröſtete ihn einer der rohen Geſellen,„dürfe er ſeiner Frau noch einmal einen Kuß geben.— Wenn er ſelber einen dafür von ihr bekomme, wolle er ihm das erlauben.“ Köhler knirſchte mit den Zähnen und vertröſtete ſich nur darauf, daß ſich ſeine Unſchuld ja gleich bei dem erſten Verhör herausſtellen müſſe und er dann ſchon Rechenſchaft von Allem fordern wolle, was ihm jetzt geſchehen.— Darin hatte er ſich aber geirrt und ganz vergeſſen, daß kein neuer braſilianiſcher Delegado in der Colonie angeſtellt und dem Director gegenwärtig von dem Präſi⸗ denten auch die oberſte Polizeigewalt übergeben 119 ſei.*) Er hatte hier alſo keine Behörde über ſich als den Director ſelber, von dem er, wie er recht gut wußte, nach den letzten Vorgängen keine beſondere Freundlichkeit erwarten durfte. Er wurde auch ohne Weiteres in das gegen⸗ wärtige Stadtgefängniß— ein kleines, heißes, aus rohen Balken erbautes Loch mit ſchweren Gittern vor dem niedern Fenſter— abgeführt und dort trotz ſeiner Berufung, daß er verhört werden wolle, mit Spott und rohem Gelächter eingeſchloſſen und allein gelaſſen. Könnern, der kurz vorher in die Stadt zurück⸗ geritten war, hörte kaum von der Verhaftung Köhler's und dem Verdacht der auf ihm ruhte, als er augenblicklich zu ihm eilte. Er wurde aber zurückgewieſen. Es war ſtrenger Befehl des Di⸗ rectors, keinen Menſchen zu ihm zu laſſen, bis die Unterſuchung geſchloſſen ſei, und daß eine Bitte von ihm bei dem Director Nichts fruchten würde, wußte er vorher. Köhler's Frau war indeſſen zu Kaufmann Rohrland gegangen, um deſſen Hülfe in Anſpruch zu nehmen und vor allen Dingen gleich nach ihrem nicht weit von Santa Clara wohnenden Bruder zu ſchicken, daß der ſo lange *) Ein Mißbrauch, der in faſt allen deutſchen Colonien gegenwärtig herrſcht. 8 120 oben auf der Chagra bei ihr wohne, bis ihr Mann ſeine Unſchuld bewieſen haben konnte; denn ſie getraute ſich jetzt nicht, bei all' dem in der Nach⸗ barſchaft herumſtreifenden Soldatenvolk, allein dort oben zu bleiben, und konnte doch auch ihr mühſam erarbeitetes Eigenthum nicht im Stich laſſen. Eine Vorunterſuchung, ohne indeſſen den An⸗ geſchuldigten ſelber dazu zu ziehen, hatte unter der Zeit im Directionsgebäude ſtattgefunden, die der Director ſelber abhielt, obgleich er ſich eigentlich heute nicht wohl fühlte. Er war, wie er aus⸗ geſagt hatte, mit dem Pferde geſtürzt, als er den ſteilen Hang herunterritt, und hätte ſich eigentlich recht beſchädigen können. Glücklicher Weiſe lief es noch gut ab. Die beiden Hauptzeugen gegen Köhler waren Juſtus' alte Haushälterin und der Wirth Buttlich. Die Frau erzählte, daß der„arme, unglückliche Mann“ an dem Tage mit dem Angeſchuldigten einen Wortwechſel gehabt und dann mit ihm fort in den Wald gegangen wäre. Der Angeſchuldigte ſei dann erſt am nächſten Abend mit der Däm⸗ merung wiedergekommen und der Juſtus gar nicht, weil er da ſchon, von Mörderhand erſchlagen, im Walde gelegen hätte. —CQCQC—C—C—C—Q—Q—QOCO—OC·3—Q—ę—˖—:—-’x;V Eine Uhr habe der Ermordete bei ſich gehabt, als er von Hauſe fortgegangen ſei, denn er wäre nie ohne ſeine Uhr ausgegangen. Die Frau er⸗ innerte ſich genau auf die Uhr, die ſie oft in Händen gehabt. Es war eine ſilbervergoldete Uhr mit weißem Zifferblatt, und in den innern Deckel hatte Juſtus ſelber die Anfangsbuchſtaben ſeines Namens, J. K., eingravirt oder vielmehr eingekratzt gehabt, darunter ein von einem Pfeile durchſtochenes Herz— wovon aber die Frau nicht wußte, auf was es ſich beziehen ſollte. Geld habe Juſtus ebenfalls ſtets etwas bei ſich gehabt. Sie konnte allerdings nicht angeben wie viel und was für Münzen, aber ohne Geld wäre er nie im Leben über Land gegangen, und wenn er hätte'was dafür verſetzen müſſen. Ein paar Milreis ſeien es gewiß geweſen, wenn nicht vielleicht noch mehr. Der Wirth, Buttlich, ſagte aus, daß er an Juſtus' Haus vorbeigekommen wäre, als Köhler davor geſtanden und ſich mit dem Schneider heftig gezankt hätte. Es ſei ihm ſo auffallend geweſen, daß er noch gerufen hätte: ſie möchten doch nicht einen ſolchen Skandal machen und ſich ein wenig vor den Leuten und der Nachbarſchaft ſchämen— er erinnere ſich aber nicht mehr genau der Worte, 122 die er gebraucht hätte, oder was die Zankenden ſich einander vorgeworfen. So viel wiſſe er außer⸗ dem, daß der Köhler den Schneider nie hätte lei⸗ den können— wenigſtens ſo lange er jetzt in der Colonie ſei— und ihm ſtets alles nur erdenk⸗ liche Böſe nachgeſagt habe. Er ſelber könne ein ſolches Urtheil aber nicht beſtätigen. Der Juſtus ſei oft zu ihm gekommen, habe ſich aber immer als ein nüchterner, anſtändiger Menſch gezeigt, der nur manchmal gegen die Ungeſetzlichkeiten des vorigen Regiments proteſtirt haben mochte. Des⸗ halb wollten auch alle die Anhänger des früheren Directors, zu denen Köhler ebenfalls gehöre, Nichts von ihm wiſſen. An jenem Abend beſonders ſei Juſtus' Abſicht geweſen, nach Zuhbel's Chagra hinauszugehen, um dort den Antritt des neuen Herrn Directors durch einen fröhlichen Abend zu feiern. Er ſei dazu in ſeinem Sonntagsſtaat ge⸗ weſen. Köhler war nicht dort eingeladen, aber doch mit ihm denſelben Weg in den Wald ge⸗ gangen. Es wäre auch möglich, daß ſich die beiden Männer gerade über dieſen nämlichen Gegenſtand vorher gezankt hätten, denn die eine Partei hätte über dieſe ſogenannten„Director⸗Feſte“ immer ihren Spott gehabt und die andere verhöhnt. So weit Buttlich, der außerdem noch zwei an⸗ 123 dere Zeugen brachte, die Juſtus und Köhler zu⸗ ſammen auf der Straße etwas vor Sonnenunter⸗ gang und ganz allein im Walde begegnet waren, aber nicht beſtätigen konnten, daß ſie irgend Etwas von einem unfreundlichen Benehmen zwiſchen den Beiden bemerkt hätten. Sie ſeien freilich auch zu raſch vorbeigeritten, um darauf zu achten. Das waren die letzten Menſchen, die den Juſtus Kernbeutel lebend geſehen hatten, und zwar in Begleitung Köhler's und gar nicht ſo weit von der Stelle entfernt, auf der man den Leichnam des Ermordeten gefunden, ja, noch dazu der Rich⸗ tung entgegengehend. Was dann weiter geſchehen, darüber lag das Dunkel der Nacht und konnte nur vielleicht durch die weitere Unterſuchung auf⸗ gehellt werden. Der Verhaftete ſelber wurde an dieſem Tage nicht verhört; es ſollten vorher noch mehr Beweiſe gegen ihn geſammelt werden, und mit Mühe und Noth erlangte Rohrland perſönlich die Erlaubniß vom Director, ihm ein Bett und gute Speiſen in das Gefängniß ſchicken zu dürfen. Vor dieſem ſtanden außerdem ſechs Mann Wache mit gela⸗ denem Gewehr, um irgend einen etwaigen Be⸗ freiungsverſuch der Coloniſten zurückzuweiſen. Nie⸗ mand dachte aber an einen ſolchen, denn Köhler —ꝭ—CO—ꝑ—QCꝑ—Q—VQ—Q—ꝑCꝑCQCQC— 124 hatte ein viel zu reines Gewiſſen, um ſich durch die Flucht einer Haft zu entziehen, die ja doch nur höchſtens bis zum nächſten Morgen dauern konnte. Da er ſeine Frau und ſein Kind jetzt gut aufge⸗ hoben wußte, kümmerte er ſich um das Andere wenig genug. Deſto mehr aber empörte es den beſſeren Theil der Coloniſten, einen aus ihrer Mitte, einen Mann, den Alle als einen braven und ehrlichen Men⸗ ſchen ſeit Jahren gekannt hatten, nur auf ſolch“ oberflächlichen Verdacht hin wie einen Miſſethäter und gemeinen Verbrecher behandelt zu ſehen, und ſelbſt Rohrland, Pilger, der Bäckermeiſter Spenker und mehrere andere anſäſſige Handwerker und auch Coloniſten ließen ſich noch an dem nämlichen Abend beim Director melden und erboten ſich, für Köhler irgend eine verlangte Bürgſchaft zu ſtellen, daß er keiner Unterſuchung ausweichen würde. Der Baron von Reitſchen nahm etwas Derartiges nicht an. Der Verhaftete, gegen den, ſeiner Meinung nach, ein dringender Verdacht vorlag, mußte ſorg⸗ fältig von jeder Verbindung abgeſchnitten werden, bis die Unterſuchung beendet ſei, damit er nicht von Außen auf irgend eine Weiſe beeinflußt wer⸗ den könne Nach geſchloſſener Unterſuchung könne ihn beſuchen wer da wolle, oder er auch viel⸗ leicht gegen Bürgſchaft entlaſſen werden. Es war indeſſen Abend geworden, und die Leute, die heute alle keine Ruhe zur Arbeit ge⸗ habt, ſammelten ſich bei Bohlos, um dort noch das Weitere zu beſprechen und ihrer Entrüſtung in gemäßigter Weiſe bei einem Glas Bier den natürlichen Ausfluß geben zu können. Urſache zu klagen hatten ſie außerdem genug, denn ſchon in der kurzen Regierungszeit ihres neuen„Herrn“ waren eine Menge von Mißbräuchen zu Tage ge⸗ treten, von denen die Coloniſten unter Sarno gar keine Ahnung gehabt. „Das wird ja wahrhaftig alle Tage beſſer!“ rief der Schneidermeiſter Berthold, indem er mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlug.„ZJetzt ſtecken ſie einen ehrlichen Mann ein, weil ein Lump zu Schaden gekommen iſt, und wollen nicht einmal eine Caution annehmen! Iſt ſo Etwas ſchon da geweſen?“ „Das wäre das Wenigſte,“ meinte der Bäcker⸗ meiſter Spenker,„denn den Köhler können ſie nicht lange im Loch behalten, aber der Herr Director fängt ſeine Wirthſchaft hier auch in anderer Weiſe ſchon gut an. Wißt Ihr, daß er jetzt den neu angekommenen Coloniſten nicht einmal mehr baar 126 Geld als ihre Subſidien, ſondern kleine Anwei⸗ ſungen auf Buttlich giebt, für die ihnen dieſer nur Waaren aus ſeinem eigenen Laden verabfolgt? Das will denn doch bei Gott die Regierung nicht, daß die armen Leute auf ſolche Ant geſchunden werden, blos um 33 dem Lump, dem Buttlich, in den Hals zu jagen.“ „Lieber Meiſter, zu Buttlich Is Nutzen ge⸗ ſchieht das auch nicht,“ lachte Rohrland, der mit am Tiſche ſaß;„ich weiß aus ganz ſicherer Quelle, daß unſer ſehr verehrter Director ein ſtiller Com⸗ pagnon des Buttlich'ſchen Geſchäfts iſt, da er als Director offen keinen Laden halten darf. Auf ſolche Weiſe ſichert er ſich dann, eben durch die Subſidiengelder, einen ganz beſtimmten Abſatz von wenigſtens fünfhundert Milreis monatlich.“ „Und iſt das etwa recht und billig?“ rief Berthold. „Davon ſage ich kein Wort,“ meinte Rohr⸗ land,„aber ich erzähle Nichts, was ich nicht be⸗ weiſen kann.“ „Aber da ſollte man ihn darauf verklagen!“ rief Spenker. Wo?“ ſagte Rohrland ruhig—„bei der Regierung in Rio iſt Keiner von uns bekannt, und beim Herrn Präſidenten in Santa Catharina? Das wäre ſchade um das Papier, das man damit verſchriebe!“ „Und hat ein Director das Recht,“ ſagte ein anderer Mann, der Tiſchler Nithal,„daß er mir einen Platz verweigert, wo ich mich niederlaſſen kann? Ich hab' allerdings noch nicht das baare Geld, aber ich weiß auch, daß ſich die Regierung ſelber die größte Mühe giebt, ordentliche und tüch⸗ tige Handwerker in's Land zu bekommen, und der — Herr da treibt mich wieder hinaus, weil ich nicht zu ſeiner Partei gehöre und in ſein krummes Horn ſtoße.“ „Deshalb braucht Ihr nicht zu gehen, Nithal,“ ſagte Spenker—„ich geb' Euch einen Platz auf Credit, auf fünf Jahre, wie's die Regierung thut, und kein Teufel ſoll Euch von dem herunter bringen.“ „Vergelt's Euch Gott, Meiſter, und Ihr ſollt wahrlich nicht dabei zu Schaden kommen!“ „Das weiß ich und bin nicht bange drum.“ „Und weshalb hat er die Soldaten mitge⸗ bracht?“ fuhr Rohrland fort—„der Indianer wegen? Unſinn! So lange wir hier ſind, und wenigſtens ſeit den letzten zehn Jahren, hat kein Menſch was von einer Rothhaut gehört und ge⸗ ſehen. Wenn ſie aber an den Gränzen herum⸗ 128 ſchlichen, wohin gehörten die Soldaten denn da anders, als eben an die Gränze, um uns wirklich zu ſchützen? So aber lagern ſie unten am Fluſſe, mit der ganzen Colonie zwiſchen ſich und den ein⸗ gebildeten Wilden, die, wenn ſie wirklich da wären, alle die Gränz⸗Colonien abſchneiden und ſelbſt die Stadt anzünden könnten, ehe das Militär auch nur ein Wort davon erführe, viel weniger denn zu Hülfe kommen könnte.“ „Ja, das iſt, Gott ſtraf mich! wahr,“ ſagte Berthold—„da unten am Fluß nutzen ſie doch wahrhaftig Nichts, als daß ſie wie die Raben ſtehlen, denn ſeit ſie da ſind, kann man kein Ru⸗ der mehr fünf Minuten lang unbewacht in einem Canoe liegen laſſen, oder fort iſt's, und da klage nachher einmal Jemand— was wär's dann? Die Halunken verrathen einander ſchon lange nicht.“— „Guten Abend mit einander,“ ſagte da ein Fremder, der zu ihnen in die Wirthsſtube trat, ſeine Mütze abnahm und ſich an einen andern kleinen Tiſch allein ſetzte. Der Mann war ſehr ärmlich gekleidet und ſah vollkommen aſchfarben und krank im Geſicht aus. Er ſchien auch ſchwach auf den Füßen, und bat den Wirth um ein Glas Bier und ein Stück Schwarzbrod. 129 Bohlos brachte es ihm und blieb dann neben ſeinem Tiſche ſtehen. „Wohl bekomm's!“ ſagte er—„und wo kommt Ihr denn her? Ihr ſeid wohl krank ge⸗ weſen.“ „Danke ſchön,“ antwortete der Mann—„nein, krank gerade nicht, aber das Klima hat mich ein Bißchen heruntergebracht. Wir kommen aus dem Norden.“ „Aus dem Norden? Von Rio?“ „Nein, noch weiter herunter, aus der Provinz Minas Gerages.“ „Alle Teufel— und habt Ihr lange da oben geſteckt?“ „Zehn Jahre,“ ſagte der Mann, und ein ſchwerer Seufzer hob ſeine Bruſt. „Da ſeid Ihr wohl Einer von den Parcerie⸗ leuten?“ fragte Berthold vom andern Tiſche her⸗ über—„kommt, ſetzt Euch mit zu uns herüber; was hockt Ihr da allein an einem Tiſch?“ „Wenn's erlaubt iſt,“ ſagte der Mann demüthig, und nahm ſein Bier und Brod und ging hinüber; „jah, Landsmann, wir ſind unſerer Sieben, die jetzt aus dem Parcerievertrag zurückgekommen, meine Frau und ich und zwei Kinder— drei Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. III. 9 130 ſind mir geſtorben— und mein Schwager mit ſeiner Familie.“ „Und iſt's Euch ſchlecht da oben gegangen?“ „Recht ſchlecht,“ erwiederte der Mann, noch einmal tief aufſeufzend—„und wie wir's Alle ausgehalten, begreife ich eigentlich ſelber noch nicht. Wir waren aber freilich lauter kerngeſunde Men⸗ ſchen, wenn ich auch jetzt ein Bißchen abgemagert ausſehe.“ Abgemagert ausſehe— Du lieber Gott, der Mann glich eher einem Skelett als einem leben⸗ digen Menſchen, und ſchien ſich doch geduldig in ſein Schickſal zu ergeben! Freilich waren auch durch die lange, ſchwere Zeit Geiſt und Körper bei ihm gebrochen. „Und haben ſie Euch ſchlecht behandelt dort?“ fragte Rohrland. „Ih nu, ſchlecht behandelt nun gerade nicht,“ ſagte der Deutſche,„aber arbeiten mußten wir noch viel mehr wie die Sclaven, denn es war Alles Accord⸗Arbeit, nur konnten wir immer keine Ab⸗ rechnung kriegen, und unſer Herr machte uns manchmal Vorwürfe, daß wir ſo viel brauchten und immer mehr in Schulden kämen. Ja, lieber Gott, leben mußten wir doch, und weiter wie das Bißchen ſchlechtes Eſſen und die nothwendigſten —Vʒ—— ͤ— 131— Kleider bekamen wir ſo Nichts. Wenn ſie uns nur gehalten hätten, was uns der Agent in Deutſch⸗ land damals verſprach und was wir auch unter⸗ ſchrieben haben, daß wir nämlich ein Stück Land ſollten angewieſen bekommen, was wir uns ſelber hätten bebauen können— dann wär's gut ge⸗ weſen.“ „Aber das mußten ſie Euch ja doch geben, wenn's einmal ausgemacht war!“ rief der Tiſchler. „Ja, lieber Herr, ſie gaben's auch,“ lächelte der Mann verlegen,„aber nur freilich anders, wie wir's gemeint und verſtanden hatten, und wie's uns auch der Agent erklärte— daß das eigenes Land ſein ſollte. Aber hier war's anders. Ein Stück Land bekamen wir richtig angewieſen— Waldland mit großen dicken Bäu⸗ men darauf, und das mußten wir uns urbar machen und wir thaten's auch gern. Alle Sonntage arbeiteten wir darauf bis in die ſpäte Nacht, bis wir's glatt wie meine Hand hatten, und dann bauten wir zwei Jahre drauf was wir brauchten. Wie aber die zwei Jahre um waren, nahm's uns der Eigenthümer weg, pflanzte Kaffeebäume drauf und wies uns ein anderes Stück Land an, wieder mit dicken Bäumen, und wenn wir uns nur ein paar Säcke Bohnen, ein Bißchen Reis und der⸗ 132 gleichen ziehen und nicht gar hungern wollten, ſo mußten wir richtig wieder an die ſchwere Arbeit gehen, und das iſt für Jemanden, der eigentlich an ein kaltes Klima gewöhnt war, bei der Hitze da oben wahrhaftig keine Kleinigkeit!“ „Das war ja aber ſchändlich— und litt denn das die Regierung?“ „Ja, lieber Gott,“ ſagte der Mann,„es war einmal ſo ein vornehmer deutſcher Herr, ſo ein Conſul, glaub' ich, war's, oben, und der wohnte bei unſerm Herrn und ritt immer mit ihm ſpa⸗ zieren, und das war ein Tractiren und eine Feſt⸗ lichkeit! Dem klagten wir unſer Leid und fragten ihn, ob er uns nicht helfen könnte, denn es ginge uns doch gar zu ſchlecht und wir wären lauter ehrliche, brave Menſchen, die ja nichts Unrechtes wollten, blos ihr Recht. Aber der Herr zuckte die Achſeln und meinte, wir ſollten nur noch eine Weile geduldig ausharren, bis wir das abgear⸗ beitet hätten, was der Herr für uns ausgelegt habe, und dann wären wir ja wieder frei und könnten thun und laſſen, was wir wollten.“ „Und habt Ihr das gethan?“ fragte Rohrland. „Ach nein, lieber Herr,“ ſagte der Mann weh⸗ müthig—„wie ſich's nachher herausſtellte, wären wir damit im ganzen Leben nicht fertig geworden. Aber es kam wieder einmal vor ganz kurzer Zeit ein anderer Herr hin und erkundigte ſich nach Allem, und dann reiſte er wieder fort und kam nachher zurück und ſagte uns, wir brauchten nicht mehr dort zu arbeiten, denn unſer Herr hätte nicht ordentlich in ſeine Bücher eingeſchrieben, was der Kaffee gekoſtet und was er verdient habe an uns, und es wäre ſehr leicht möglich, daß wir unſere Schuld ſchon zehn Mal bei ihm abgearbeitet hätten. Aber es ließe ſich Nichts weiter dagegen machen, denn er ſei ein ſehr vornehmer Herr, und hätte eine Menge Verwandte in Rio— und der Bra⸗ ſilianer wollte uns auch noch nicht fort laſſen, aber da wurden wir böſe, und wie er ſah daß er Nichts mehr ausrichten konnte, da ließ er uns eben ziehen.“ „ Und habt Ihr Euch in der ganzen langen Zeit gar Nichts verdienen können?“ fragte Spenker kopfſchüttelnd—„zehn Jahre waret Ihr dort oben, nicht wahr?“ „Zehn Jahre und zwei Monate,“ beſtätigte der Mann—„aber verdienen? Du lieber Gott! Nichts als was wir auf dem Leibe tragen, und vielleicht Jeder noch ein Hemd zum Wechſeln. Ja, in dem Braſilien geht das nicht ſo raſch.“ „Nicht ſo raſch?“ rief Rohrland erſchüttert 134 von der einfachen, rührenden Schilderung des Mannes,„der Zuhbel, der Benkhof, der Binder, der Metweiher, der Wurzer, die ſind alle nur erſt zehn Jahre hier, der Bellheim erſt acht, der Baſtel drüben gar erſt ſieben, und mit Nichts herüber⸗ gekommen, mit Nichts in der Gotteswelt als einer kleinen Lade voll Wäſche und einige achtzig Mil⸗ reis Schulden obendrein, und kommt zu denen hinaus, ſeht, was ſie für eine hübſche Chagra, Vieh, Ackergeräth, Häuſer und geſunde Familien haben, und abgehen ließen ſie ſich in der Zeit doch auch wahrlich Nichts.“ „Ja, Manchem glückt's,“ ſeufzte der Mann— „aber die Gegend ſoll ja auch gut ſein, und der Herr, der uns frei gemacht und uns auch freie Fahrt auf dem kleinen Schiff hieher geſchafft hat, gab uns die Verſicherung, daß wir hier ein Unter⸗ kommen finden und von dem Director Unter⸗ ſtützung bekommen würden.— Aber's iſt wieder Nichts, und was wir jetzt mit uns anfangen ſol⸗ len, weiß nur Gott— ich nicht!“ „Wart ihr ſchon bei dem Director?“ fragte Spenker raſch. „Ja— unſerer Drei. Wir baten ihn um ein Stückchen Land und ein paar Milreis Subſidien⸗ gelder, daß wir nur anfangen könnten— lieber 135 Gott, ſchaffen wollen wir ja ſchon und können's auch. Aber er ſchlug es uns rund ab und meinte, wer ſchon zehn Jahre in Braſilien ſei und noch keinen ordentlichen Rock auf dem Leibe hätte, mit dem wolle er auch Nichts zu thun haben, und je eher wir machten, daß wir wieder aus ſeiner Co⸗ lonie kämen, deſto beſſer.“ „Aus ſeiner Colonie?“ rief Berthold in voller Entrüſtung—„na, Gott ſtraf' mich,'s wird doch alle Tage beſſer! Aus ſeiner Colonie! Aber heute geht Ihr noch nicht, Ihr Leute, und morgen auch nicht und übermorgen auch nicht, und dann wollen wir doch einmal ſehen, ob die Coloniſten hier in der Nachbarſchaft nicht ſo viel zuſammen auftreiben können, um ein paar arme Landsleute, die zehn Jahre in der Sclaverei ge⸗ weſen, wieder auf die Beine zu bringen. He, Landsleute!“ wandte er ſich, plötzlich aufſtehend, an die übrigen Gäſte, von denen ſich nach und nach eine ziemliche Zahl im Zimmer geſammelt und an den verſchiedenen Tiſchen vertheilt hatte —„hier ſind zwei arme deutſche Familien eben aus ſo einem ſchurkiſchen Parcerievertrag von Minas Gergaes herunter gekommen— krank dabei und elend, denen der Director Subſidien verweigert, und die er wieder aus der Colonie jagen will, weil „† ſie kein Geld mitbringen. Sollten wir denn nicht hier unter uns ſo viel zuſammenbringen können, um den armen Leuten einen vergnügten Abend zu machen und ihnen zu beweiſen, daß ſie wieder unter Landsleuten und nicht unter Sclavenhaltern ſind? Hier iſt von mir ein Milreis— wer hat noch ein Bißchen klein Geld bei ſich?“ „Hier iſt auch einer— hier auch einer!“ rief es von allen Seiten—„hier ſind fünf,“ ſagte der Bäckermeiſter,„und hier auch,“ erwiederte Rohrland, und es dauerte keine zehn Minuten, ſo war die Mütze des Schneiders mit Silbermünzen faſt halb angefüllt. „Da, nun gebt einmal Eure Mitze her,“ lachte Berthold den armen Teufel an, der ganz verdutzt und ſeinen Sinnen kaum trauend daneben ſtand, indem er ihm das Geld klirrend hinein⸗ ſchüttelte—„ſo, nun lauft heim und zeigt's Eurer Frau und Eurem Schwager— denn für den iſt's auch mit, und morgen reden wir weiter, wo wir ein paar Colonien für Euch herbekommen. Nur nicht ängſtlich; es geht Alles in der Welt, wenn man's nur auf der rechten Seite anfaßt.“ „Ja, aber du lieber Gott...“ ſtotterte der Mann. „Fort mit Euch!“ rief aber der Schneider, der 5 f ihm die Verlegenheit erſparen wollte, und ſchob ihn lachend zur Thür hinaus—„wenn Ihr wollt, könnt Ihr nachher wieder herkommen, aber jetzt liefert erſt Eure Capitalien ab.“ „O, ſo vergelt's Ihnen Gott tauſend und tau⸗ ſendmal!“ rief der Ueberglückliche, aber Berthold hatte die Thür ſchon hinter ihm zugemacht. Immer mehr Gäſte kamen herein, ſo daß ſich das große Zimmer ziemlich gefüllt hatte, und das Geſpräch wurde immer lebhafter, gab es doch heute auch genügenden Stoff, um bei einem Glas Bier oder Wein die Tagesfragen gehörig durchzunehmen! Das junge Volk aber, das ſich darüber bald aus⸗ geſprochen hatte— denn Keiner von Allen glaubte, daß Köhler länger als bis morgen früh zu ſitzen haben würde— fing an zu ſingen. An dem einen Ecktiſch bildete ſich ein Quartett, und„Aennchen von Tharau“,„Wir ſitzen ſo fröhlich beiſammen“ und eine Menge andere deutſche Lieder wurden vorgenommen. Bohlos' Hotel war nämlich das beliebteſte in Santa Clara, denn man wußte jetzt, daß Buttlich nur eine Creatur des neuen Directors war, und wollte Nichts mit ihm zu thun haben. Indeſſen war es neun Uhr geworden, als die Thür plötzlich aufging, einer der braunen braſi⸗ 138 lianiſchen Soldaten den Kopf hereinſteckte und in portugieſiſcher Sprache nach dem Wirth fragte. Bohlos, der gerade, eine Partie Bierkrüge in der Hand, an der Thür vorbeigehen wollte, blieb ſtehen, ſah den Burſchen an und fragte: „Na? Was iſt nu wieder los?“ „Es iſt neun Uhr,“ erwiederte der Soldat, der jetzt voll in's Zimmer trat. „So?“ ſagte Bohlos,„biſt Du Nachtwächter hier im Orte geworden?“ „Es iſt neun Uhr,“ wiederholte jedoch der Burſche,“ und der Director hat befohlen, daß um neun Uhr alle Leute nach Hauſe gehen und daß nicht mehr geſungen wird.“ „Nanu?“ rief Bohlos, beinahe ſtumm vor Staunen. „Was iſt los? Was giebt's da?“ riefen eine Menge Gäſte durch einander, welche den Soldaten bemerkt hatten und Bohlos' Erſtaunen ſahen. „Was will er, Bodenlos? Iſt er durſtig?“ „Polizeiſtunde, bei Gott!“ rief jetzt der Wirth, „und das Singen ſtört den Herrn Director.“ „Da ſoll er ſich doch Baumwolle in die Ohren ſtecken,“ lachte Berthold—„VPolizeiſtunde, na, weiter fehlte Nichts in Brumſilien!“ „Alle ſollen nach Hauſe gehen und Singen — 139 aufhören!“ ſchrie der Soldat über den ganzen Lärm hinaus, und ſtieß dabei ſeinen Gewehrkolben heftig auf den Boden nieder, und wie er das ge⸗ than hatte, antwortete es draußen dem Signal. Die Gewehrkolben ziemlich der ganzen Mannſchaft ſtießen draußen auf, die Thür wurde aufgeriſſen, und die Gäſte ſahen zu ihrem Staunen, daß hier wirklich Ernſt gemacht wurde. „Ei, da ſchlag' denn doch ein Himmeldonner⸗ wetter drein!“ ſchrien aber ein paar von den jungen Leuten, die ſich einer ſolchen boshaften Willkür nicht gutwillig fügen mochten, und ſprangen von ihren Sitzen auf. Die Soldaten wollten jetzt in's Zimmer dringen, aber die deutſchen Burſchen faßten ein paar von den braunen, verlebten Ge⸗ ſtalten, daß dieſe eben nicht ſanft und pfeilſchnell auf ihre Kameraden zurückflogen, und es wäre jeden⸗ falls zu einer ganz ordentlichen Schlägerei ge⸗ kommen, wenn nicht Bohlos dazwiſchen geſprungen wäre. „Meine Herren,“ rief er auf die Gäſte ein, „ich bitte Sie um Gottes willen, widerſetzen Sie ſich nicht den, wenigſtens angeblich geſetzlich gegebenen Anordnungen des Directors, der auch zugleich Delegado iſt. Sie wiſſen nicht, in was für Sche⸗ rerei wir deshalb kommen können. Thun Sie mir 140 den Gefallen und gehen Sie heute Abend ruhig nach Haus— morgen wollen wir dann ſchon ſehen, was ſich in der Sache thun läßt.“ Es gelang ihm auch wirklich, die Ruhe wieder herzuſtellen, und die Gäſte folgten ſeinen Bitten und verließen— aber alle mit bitteren Flüchen auf den Director in portugieſiſcher Sprache, da⸗ mit es die Soldaten verſtehen ſollten— das Ho⸗ tel. Draußen aber formirten ſie ſich zwei Mann hoch und zogen jetzt Arm in Arm und laut ſingend und jubelnd vor des Directors Haus. Natürlich ſchloſſen ſich ihnen noch gleich eine Menge ande⸗ rer Coloniſten an, und das Reſultat war dann eine ganz richtige deutſche Katzenmuſik, die ihrem weltlichen Oberhaupt in der Stille der Nacht ge⸗ bracht wurde; dann zerſtreuten ſie ſich lachend durch den Ort, um ihre eigenen Wohnungen auf⸗ zuſuchen. Etwa drei Viertelſtunden ſpäter traten drei Soldaten in Bohlos' Hotel, gingen in die nur von einem Talglicht erhellte und ſonſt vollkommen leere Gaſtſtube, und verlangten eine Flaſche Brannt⸗ wein zu kaufen. „Thut mir leid, meine Herren,“ ſagte Bohlos ruhig—„Sie haben mir im Namen des Herrn Directors ſelber verboten, nach neun Uhr noch Etwas auszuſchenken; von mir können Sie alſo Nichts bekommen. Ich habe übrigens geſehen, daß ſich das Verbot nicht auf den andern Wirth Buttlich auszudehnen ſcheint. Bei dem ſitzen die Gäſte noch feſt; wenn Sie alſo Branntwein haben wollen, bemühen Sie ſich dort hinüber.“ Indeſſen waren noch drei oder vier andere Soldaten nachgekommen, und ſprachen leiſe mit den übrigen. Endlich drehten ſie ſich, um hinaus⸗ zugehen.. „Hier iſt's verdammt dunkel!“ rief der Eine, und da er draußen ein Gepolter hörte, nahm Bohlos das Licht vom Tiſch und trat hinaus auf den Hausflur. In dem Augenblick ſah er, daß einer der Soldaten mit einem großen Zaunpfahl, den er von draußen mit hereingebracht hatte, gegen ihn ausholte. Er behielt eben noch Zeit, ſeinen rechten Arm empor zu werfen, um ſich vor dem Schlag zu ſchützen, als dieſer mit voller Wucht auf ihn niedertraf. Unwillkürlich ſtieß er einen Schmerzens⸗ und Hülfeſchrei aus, als die Soldaten lachend und fluchend aus der Thür ſprangen, und im nächſten Augenblick im Dunkel draußen verſchwunden waren. Bohlos' Frau kam jetzt aus ihrem Zimmer geſtürzt, und die Dienſtleute eilten herbei. Bohlos 142 — aber, der noch mit dem Licht in der Hand, doch todtenbleich vor ihnen ſtand, ſagte ruhig: „Lauf' doch einmal Einer von Euch zum Bader. Die Halunken haben mir den Arm zerbrochen“— und ſank dann ohnmächtig zuſammen. 6. Vorbereitungen. So lange die Colonie Santa Clara ſtand, hatte noch keine ſolche Aufregung geherrſcht, wie in dieſen Tagen, und es fehlte wahrlich nicht viel, ſo wäre eine wirkliche Revolution ausge⸗ brochen. Nur die älteren Leute hielten das junge Volk noch zurück, daß ſie nicht das Directions⸗ Haus ſtürmten und Herrn von Reitſchen ſelber „zu allen Teufeln“ jagten. Herr von Reitſchen mochte auch etwas Aehn⸗ liches fürchten, denn die Stimmung gegen ihn konnte ihm nicht verborgen bleiben, und er hatte zwölf Mann ſeines ſogenannten Indianer⸗ ſchutzes unten in ſein eigenes Haus gelegt, wo ſie mit geladenen Gewehren Wache halten mußten. 144 Die Uebrigen waren theils vor das Gefängniß, theils in das„Auswanderer⸗Haus“ poſtirt worden, und die armen Parcerie⸗Arbeiter hätten am Fluß⸗ Ufer lagern müſſen, wäre ihnen nicht durch Bohlos eines ſeiner Hintergebäude angewieſen worden. Bohlos' Arm war übrigens durch den Schlag dicht über dem Handgelenke wirklich gebrochen, und auf eine Klage ſeiner Frau bei dem Director erwiederte dieſer: Bohlos ſei ein widerſpänſtiger Geſell und in ſeinem Hauſe geſtern ſogar offene Widerſetzlichkeit gegen die Militärgewalt vorgefallen, was übrigens noch weiter geahndet werden würde. Dieſen Fall nun betreffend, der unwahrſcheinlich genug klinge, daß der Wirth nämlich von einem Polizeiſoldaten ſolle ohne weitere Veranlaſſung überfallen und ihm der Arm zerſchlagen ſein, ſo möge er den betreffenden Soldaten bringen und die Sache werde dann weiter unterſucht werden.*) Natürlich war das unmöglich, denn auf dem dunklen Hausflur, zwiſchen den braunen, ſchmutzi⸗ gen Geſichtern, alle in ähnlicher Uniform, die ſich ſelbſt am Tag auffallend glichen, wäre es ganz *) Authentiſch. 145 unmöglich für Bohlos geweſen, den Thäter mit Beſtimmtheit bezeichnen zu können— und viel⸗ leicht wußte das auch der Director, denn es ge⸗ ſchah weiter Nichts in der Sache. Wohl aber wurde Bohlos drei Tage ſpäter davon in Kennt⸗ niß geſetzt, daß er„wegen Widerſetzlichkeit gegen die Behörden“ fünfzig Milreis Strafe zu zahlen habe, und ihm, bei einem Wiederholungsfalle, die Schankgerechtigkeit entzogen werde. Und Köhler kam nicht frei. Erſt am fünften Tage, als das Geſicht des Directors nicht mehr ſo deutlich die Spuren der erlittenen Mißhandlung zeigte, wurde er zum erſten Mal zu ſeinem Ver⸗ hör geführt und— als er nicht bekennen wollte — wieder in ſeine Zelle zurückgebracht. Könnern war indeſſen abweſend und nach irgend einer andern Colonie geritten, Niemand wußte wohin. Als er aber nach acht Tagen zu⸗ rückkehrte, ſaß Köhler noch immer, und er be⸗ ſchloß jetzt den Director ſelber aufzuſuchen. Der Erfolg war indeſſen, wie er ſich hätte voraus denken können, kein günſtiger, denn daß ihm der Director nicht freundlich geſinnt ſei, da dieſer ihn als Sarno's Freund kannte, läßt ſich denken. Außerdem war er Zeuge oben auf Köhler's Chagra geweſen, wie er jene Mißhandlung erlit⸗ Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. III. 10 146 ten, und mit aller Höflichkeit und einigen nichts⸗ ſagenden Redensaxten wurde der junge Mann abgeſpeiſt, daß er das Directionsgebäude empört verließ. Was jetzt thun? Er war feſt entſchloſſen, die Sache zum Aeußerſten zu treiben, und beſchloß nun Günther aufzuſuchen und deſſen Rath einzu⸗ holen. Günther ſtak aber irgendwo im Walde bei ſeinen Vermeſſungen, Niemand konnte ihm genau die Stelle angeben, wo er ihn möglicher Weiſe treffen würde, und es dauerte drei Tage, bis er ihn endlich in ſeinem aufgeſchlagenen Lager fand. Hier erzählte er Günther mit kurzen Worten die Vorgänge in Santa Clara, und dieſer ſaß dabei, nickte mit dem Kopfe und lächelte nur ſtill vor ſich hin. „Ich hab' mir's gedacht, daß es etwa ſo kom⸗ men würde,“ ſagte er endlich,„und der Herr Baron ſcheint ſeiner Protectorin alle Ehre zu machen; aber ich denke, ſein Spiel ſoll nicht ewig dauern. Haben Sie guten Muth, Könnern, dem armen Teufel, dem Köhler, können ſie doch Nichts anhaben, denn das darf er nicht wagen, und er läßt es auch nicht zum Aeußerſten kom⸗ men, und wenn es jetzt für unſeren jungen Freund auch ſchlimm genug iſt, von dem allerliebſten Frauchen ſo lange getrennt zu ſein, kann er ſich doch darauf verlaſſen, daß er glänzende Genug⸗ thuung erhält. Alſo Ihr habt den Herrn Director droben auf verbotenen Wegen erwiſcht? Was gäb' ich nicht drum, wenn ich dabei geweſen wäre und das ſpäter einmal der Frau Präſidentin hätte recht ausführlich erzählen können! Aber die alte Geſchichte— wenn's Brei regnet, fehlt mir jedes Mal der Löffel— ſo'was Gutes kommt an mich nicht!“— „Und können Sie mit hinunter?“ „Ja,“ ſagte Günther nach einigem Zögern— „das heißt heute nicht mehr, aber morgen Abend oder ſpäteſtens übermorgen früh habe ich meine Arbeiten hier oben ſo weit beendet, daß ich das Uebrige an jeder andern Stelle fertig machen kann— mein neuer Hülfsarbeiter hat mich aber auch wacker dabei unterſtützt.“ „Und haben Sie ſich leicht in die Arbeit ge⸗ funden, lieber Graf?“ „Vortrefflich!“ lachte der junge Mann— „und außerdem hatte ich nie im Leben wirklich geglaubt, daß ich noch je einmal zu Etwas nütz⸗ lich ſein könnte, während ich ſogar jetzt das volle 10* —— ——— 148 Vertrauen des von der Regierung angeſtellten Be⸗ amten beſitze.“ „Du findeſt gewiß noch ſolche Freude an dieſer Beſchäftigung,“ ſagte Günther,„daß Du wacker f dabei aushältſt, und gar noch ebenfalls braſiliani⸗ ſcher Beamter wirſt.“— „Möglich, aber nicht wahrſcheinlich,“ ſagte Felix achſelzuckend;„jedenfalls hat es mir hier geholfen eine Quantität Zeit todtzuſchlagen, und das iſt ſchon immer ein unberechenbarer Gewinn, den ich ſelber gar nicht hoch genug anzuſchlagen weiß.“ „Du biſt unverbeſſerlich!“ lachte Günther— „und nun wieder an die Arbeit, denn wenn ich bis morgen fertig werden will, haben wir Beide noch genug zu thun.“ Die Arbeit wurde in der That in der ange⸗ gebenen Zeit beendet, aber doch zu ſpät, um noch an dem nämlichen Abend an den Abmarſch den⸗ ken zu können, den ſie auf den andern Morgen mit Tagesanbruch feſtſetzten. „Und haben Sie Nichts wieder von jenem alten Mann und ſeiner Tochter gehört?“ fragte Günther den Freund, als er mit ihm zuſammen einen Waldweg nach Santa Clara hinüber ritt — Felix war gerade ein Stück zurückgeblieben. „Nichts— gar Nichts,“ ſagte Könnern leiſe 149 —„ich habe ſie ſogar geſucht— ich bin fünf Tage nach ihnen in der ganzen Nachbarſchaft um⸗ her geritten, und die erſten zwei ihrer Spur ge⸗ folgt. Dann war dieſe urplötzlich verſchwunden. Kein Menſch konnte mir weitere Nachricht von den Verſchollenen geben, und der Gedanke iſt mir. jetzt furchtbar, daß ihnen, allein und hülflos wie ſie waren, ein Unglück zugeſtoßen ſein könne. Meine arme, arme Eliſe!“ „Spurlos verſchwunden?“ ſagte Günther, un⸗ gläubig mit dem Kopf ſchüttelnd—„wie wäre das hier in der Colonie möglich?“ „Und warum nicht? Sobald ſie die Haupt⸗ ſtraße verlaſſen und ſich nach rechts oder links in den Wald ziehen, wo überall noch einzeln zer⸗ ſtreute Hütten liegen, wer ſoll ihnen da folgen? Und ehe ich ſie aufzufinden vermöchte, können ſie verdorben ſein.“ 4 „Und von dem Mörder des neiders hat man ebenfalls keine Spur? Gar keinen Verdacht?“ „Keinen— der liederliche Geſell hatte zu wenig Geld bei ſich, als daß das könnte einen Menſchen zum Morde gereizt haben, und, kleine Häkeleien ausgenommen, hat er ſich auch Niemanden in der Colonie ſo zum Feinde gemacht, daß man glauben 130 könne, der Mord ſei irgendwie aus Rache verübt. Es bleibt räthſelhaft.“ „Der Director kann doch unmöglich Köhler für ſchuldig halten?“ „Sicher nicht,“ ſagte Könnern,„aber eine beſſere Gelegenheit fände er im Leben nicht, ſich an dem zu rächen, der ihn einmal mißhandelt hat, und daß er ſie eben benutzt, liegt in ſeiner Natur.“ „Gut, dann wollen wir einmal ſehen, was wir gegen ihn ausrichten können. Die erſte Warnung vor dem Mann, der hierher als Director geſetzt iſt, hat der Miniſter des Innern ſchon von mir aus Santa Catharina bekommen; jetzt iſt Nichts weiter nöthig, als in Santa Clara die genauen Daten der letzten Vorfälle zu ſammeln, und dann gehe ich ſelber mit der nächſten Gelegenheit nach Rio ab, um das Weitere zu betreiben.“ „Sie weltsn wirklich fort— und dann nach Deutſchland?“ „Dann nach Deutſchland, nach meinem Thü⸗ ringen!“ rief Günther, und ſpornte faſt unwill⸗ kürlich ſein Pferd zu ſchärferem Trab, als ob ihn ſchon der Gedanke ſeinem Ziele raſcher ent⸗ gegenführe. „Und Sie kommen vorher nicht noch einmal hieher zurück?“ 151 „Hieher? Gewiß nicht! Ich habe das wilde, unſtäte Leben recht von Herzen ſatt bekommen und muß doch jetzt auch wieder einmal fühlen lernen, wie einem wirklichen Menſchen zu Muth iſt. Sechs Jahre, Könnern— ſechs Jahre lebe ich jetzt hier, mit dem Bewußtſein, daß Alles, was mir lieb und theuer auf der Welt iſt, da drüben treu und geduldig, aber mit immer wachſender Sehnſucht meiner harrt. Jetzt iſt's genug! Der Brief, der mich drüben anmeldet, iſt ſchon damals von Santa Catharina abgegangen; jetzt habe ich weiter Nichts in Rio zu thun, als meine Berechnungen vorzulegen und mein Geld einzucaſſiren— wobei ich aber dafür ſorgen werde, daß Sarno Gerechtigkeit wider⸗ fährt, und dann mit dem nächſten Dampfer heim — heim— es giebt ja gar kein ſchöneres Wort in unſerer reichen, deutſchen Sprache— heim!“ Könnern war ſchweigend neben ihm hingeritten, denn die heiße Sehnſucht, welche den Freund zu⸗ rück in die Heimath trieb, fand in ſeinem Herzen keinen Wiederklang. Für ihn war die Heimath todt und leer, denn all' ſein Hoffen, all' ſein Lieben deckten die düſteren Schatten des braſilia⸗ niſchen Urwaldes— vielleicht ſchon mit Todes⸗ nacht— arme Eliſe! Noch an demſelben Nachmittag erreichten ſie 152 die Colonie, in der ſich in den Tagen Nichts ver⸗ ändert hatte, das ausgenommen, daß die Erbit⸗ terung gegen den Director faſt noch mit jedem Tage geſtiegen war. Herr von Reitſchen verkehrte jetzt auch nur noch mit dem Baron und der Gräfin; die gewöhnlichen Coloniſten durften ſeine Stube gar nicht mehr betreten und wurden ſtets auf dem Vorſaal abgefertigt, wo ſie mit abgezogenem Hut warten mußten, bis der Herr Director ein⸗ mal einen Augenblick zu ihnen heraustrat. Günther von Schwartzau ließ ſich übrigens, als er Alles das erfuhr, gar nicht bei ihm melden und ſandte ihm nur ein paar Zeilen, worin er ihm anzeigte, daß er ſeine Arbeiten in der Colonie beendet habe und mit der erſten Gelegenheit nach Rio Janeiro gehen würde. Wünſche der Herr Baron ihn zu ſprechen, ſo ſei er Morgens bis zehn Uhr in Bohlos“ Hotel zu finden. Natürlich kam Herr von Reitſchen, über eine ſolche Zumuthung empört, nicht, arbeitete aber dafür ſehr fleißig an verſchiedenen Depeſchen, die allen möglichen ungünſtigen Berichten in Rio ent⸗ gegenwirken ſollten. Wußte er doch recht gut, daß er an Herrn von Schwartzau keinen Fürſprecher finden würde. Könnern hatte den Mittag wieder einen ver⸗ -—— 153 geblichen Verſuch gemacht, bei dem Gefangenen vorgelaſſen zu werden, und ſaß eben in ſeiner Stube mit einiger Correſpondenz beſchäftigt, die Günther mit nach Rio nehmen ſollte, als es an die Thür klopfte. Er rief:„Herein!“ und im nächſten Augenblicke ſteckte Jeremias ſein dickes, gutmüthiges Geſicht, aber mit einem beſondern Grad von Vorſicht, in die Thür. „Heda, Jeremias!“ rief Könnern, der den kleinen, komiſchen Burſchen gern leiden mochte, noch dazu da er wußte, wie treu er früher an Sarno gehangen—„läßt Du Dich denn auch einmal wieder ſehen?“ „Wieder ſehen?“ ſagte Jeremias, nachdem er ſich überzeugt hatte, daß Könnern allein im Zim⸗ mer ſei—„Sie haben mich wohl erwartet, und ich laufe mir ſeit beinahe einer Woche im ganzen Neſte die Beine ab und ſuche den Herrn Könnern in allen Winkeln und Ecken.“ „Mich— und weshalb?— Ich war im Walde draußen.“ „Na ja, das hab' ich mir etwa gedacht, aber — wollen Sie mir einen Gefallen thun?“ „Wenn ich kann, recht gern, doch jetzt bin ich beſchäftigt.“ „Wie lange?“ 154 „Iſt es ſo wichtig?“ „Ja.“ „Nun denn, heraus damit!“ „Hier nicht. Sie müſſen einen Spaziergang mit mir machen.“ „Was haſt Du denn nur, Du thuſt ja ſo ge⸗ heimnißvoll? 2* „Es iſt auch ein Geheimniß,“ ſagte Jeremias, ſich keiſ ſe und ſcheu umſehend,„das ich zwiſchen den papiernen Wänden hier nicht auskramen möchte, denn man weiß nicht wer dahinter ſteckt.“ „Und wie lange wird es mich aufhalten?“ „Eine gute Stunde— vielleicht zwei— viel⸗ leicht eine Woche.“ „Alle Teufel,“ lachte Könnern,„Dein Geheim⸗ niß ſcheint dehnbar zu ſein; doch dann laß mich erſt dieſen Brief ſchließen und ſiegeln, nachher habe ich eine Stunde Zeit für Dich— voraus⸗ geſetzt aber, daß es wirklich wichtig iſt.“ Jeremias antwortete gar nicht; er ſetzte ſich ruhig auf einen Stuhl, ſeinen Hut zwiſchen den Knieen, und wartete dort geduldig, bis Könnern ſeine Correſpondenz völlig beendet und ſeine Schreibmaterialien weggeſchloſſen hatte. Dann erſt, als er ſeinen eigenen Hut nahm und nun ſagte:„So komm!“ ſtand er auf, öffnete dem — 4 jungen Mann die Thür und folgte ihm die Treppe hinunter. „Und wohin wollen wir?“ fragte Könnern, unten angelangt, und ſah zu ſeinem Erſtaunen, daß ihm Jeremias ſchon ſein Pferd geſattelt und angebunden hatte—„iſt es ſo weit?“ „Nein,“ meinte Jeremias;„aber Sie können's ſich eben ſo gut bequem machen. Nur den Berg hinauf ſteigen Sie ab und ich erzähle Ihnen dann die ganze Geſchichte.“ Könnern wurde wirklich neugierig; Jeremias hielt ſich aber hinter ſeinem Pferde, bis ſie den Fuß des Hügelrückens erreichten, über den der Weg nach Zuhbel's Chagra führte. Dort ſprang er vor, hielt Zügel und Steigbügel, bis der Reiter abgeſtiegen war, nahm dann das Pferd am Zügel und begann nun, ohne die geringſte Vorbereitung, Könnern, zu dem er ein großes Vertrauen hegte, ſeine ganzen Geldverhältniſſe zu erzählen und ihm den Platz zu beſchreiben, wo er den Sack verſteckt gehalten. Dann kam er auf den Abend, an dem er das vom Director Sarno erhaltene Geld dort einheimſen wollte, und zuletzt zu ſeinem Abenteuer, wie ihm der Dieb ſeines eigenen Geldes, den ge⸗ ſtohlenen Sack, freilich unfreiwillig, vor die Füße geworfen habe, und dann in wilder Flucht in den 3 Wald geſprungen ſei.— Sie hatten indeß dieſelbe Stelle erreicht und Jeremias konnte dem jungen Mann genau den Fleck zeigen, wo der Verbrecher geſtürzt und in den Buſch hineingebrochen war. „Ja, mein guter Jeremias,“ ſagte Könnern endlich,„das iſt eine ganz intereſſante und höchſt wunderbare Geſchichte, aber— nimm mir's nicht übel— was geht mich das eigentlich an?“ „Das will ich Ihnen gleich ſagen,“ erwiederte der kleine Burſche, nicht im Mindeſten dadurch ge⸗ kränkt.„Sie wiſſen doch, daß ſie den Köhler, als des Mordes verdächtig, eingeſperrt haben?— ich weiß aber jetzt wer der wirkliche Mörder iſt.“ „Du— Du kennſt ihn?“ rief Könnern raſch und erſtaunt. „Ahem!“ nickte Jeremias enkſchieden mit dem Kopfe—„Bux.“ „Bux?— Wer iſt Bux?“ „Sie kennen Buxen nicht?— den Bauchred⸗ ner, den Lump?“ „Und wo iſt er jetzt?“ „Pfutſch!“ ſagte Jeremias mit einer entſprechen⸗ den Handbewegung. 3 „Und woher glaubſt Du das?“ Jeremias holte, ohne zu antworten, aus ſeiner Taſche ein altes Klappmeſſer und zeigte es Könnern. — 13⁵6 „Sehen Sie,“ ſagte er,„das hat der Lump bei der Arbeit verloren und im Stich gelaſſen. Es war mir auch gleich ſo, wie er an mir vorüber⸗ ſprang, als ob ich die Canaille kennte. In der Stadt hab' ich mich indeſſen vorſichtig erkundigt, wem das Meſſer gehört, und der Buttlich kannt' es und wollt' es mir abnehmen.— So, und jetzt ſteigen wir zu meinem Verſteck hinauf, in dem das Meſſer eingeklemmt war, und dort zeig' ich Ihnen die ganze Beſcheerung, auch den Platz, wo der Mann erſchlagen iſt.“ „Und weshalb ſollte der den Schneider er⸗ mordet haben?“ „Die Sache iſt einfach genug,“ ſagte Jeremias, der mit ziemlich richtiger Combination der That folgte.„Die beiden Lumpen, denn der Juſtus war nicht um ein Haar beſſer, haben mir, Gott weiß wie, nachgeſpürt, oder auch vielleicht hier oben irgendwo gerade Etwas ausgeheckt, als ich vorbei kam. Nachher ſind ſie mir nachgekrochen und haben mein Verſteck gefunden; dann hat der Bux den Schneider auf den Kopf geklopft, um den ganzen Sack für ſich allein behalten zu können. Mit dem böſen Gewiſſen aber und dem Mord auf der Seele bekam er die Angſt, ſah nicht auf den Weg, ſtürzte und glaubte nun im erſten Schrecken, — — — ⁰— —— als er eine Stimme neben ſich hörte, er ſolle des Mordes wegen abgefaßt werden, weshalb er, wie vom Teufel gehetzt, in die Büſche fuhr.“ „Bux?— Bux?— Ich kann mich auf den Menſchen gar nicht beſinnen.“ 3 „Aber ich bitte Sie,“ ſagte Jeremias—„der Liedrian, der immer einen Treſſenſtreifen um die Mütze trug.“ „Der?“ rief Könnern, raſch auffahrend— „den hab' ich neulich auf meinem Ritt in die Co⸗ lonien getroffen.— Es war ihm Etwas geſchehen, ich glaube, ſein Laſtthier, ein Eſel oder Maulthier, war ihm geſtürzt, und er mußte dort bei einem Bauer liegen bleiben.“ „Dann kriegen wir ihn auch,“ ſagte Jeremias beſtimmt. „Aber weshalb, um Gottes willen, haſt Du den Verdacht, der faſt an Gewißheit gränzt, nicht ſchon lange ausgeſprochen?“ rief Könnern vor⸗ wurfsvoll—„und der arme Köhler ſitzt die ganze Zeit!“ „So?“ ſagte Jeremias,„und wenn ich Etwas gegen den Buttlich oder einen von den Conſorten hätte merken laſſen, dann wär' der Bux wohl nicht unter Hand gewarnt worden, nur um den Köhler noch ein Bißchen länger unter dem Dau⸗ men zu halten? Und dann, ſollt ich's denen wohl auch auf die Naſe binden, daß ich ſo viel Geld hätte, um es verſtecken zu müſſen?— Ueber jeden Milreis würden ſie mir Rechenſchaft abver⸗ langt haben, und meines eigenen Lebens wäre ich von da an keinen Augenblick mehr ſicher geweſen. Nein, lieber nicht, und ich hätt's auch jetzt noch nicht, und ſelbſt Ihnen nicht geſagt, wenn nicht— der Köhler heute krank geworden wäre. Der arme Teufel hält die Hitze in dem Loche aber nicht mehr lange aus, und wenn dem'was paſſirte— das möcht' ich nicht auf dem Gewiſſen haben— da noch lieber die Angſt, beſtohlen zu werden. Faſſen ſie den Bux, ſo kommt's nachher mit meinem Gelde auch heraus, das iſt ſicher, denn geſtehen muß er und wird er, weshalb er den Juſtus todtgeſchlagen. Nachher freue ich mich aber nur auf das dumme Geſicht von ihm, wenn er erfährt, wo er ſein Geld die Nacht hingeworfen hat, und daß ich beinahe eben ſo erſchreckt geweſen wäre, als er ſelber.“ „Dann wollen wir augenblicklich hinunter und die Anzeige machen,“ rief Könnern raſch. „Nein,“ ſagte Jeremias ruhig,„wir wollen gerade das Gegentheil thun und augenblicklich hinaufſteigen und meinen Verſteck betrachten, da⸗ 160. mit Sie ſich erſt von Allem überzeugen, und nachher noch lange keine Anzeige machen, bis wir den Bup feſt haben. Wiſſen Sie ungefähr. wo er ſteckt, ſo wird das auch nicht ſo ſchwer 3 halten, und wenn wir dem Herrn Director dann die Beweiſe unter die Naſe reiben, muß er den Gefangenen herausgeben, oder— wir ſtecken ihm das Haus über dem Kopf an und räuchern ihn zum Tempel hinaus. Gott ſtraf' mich, es wird überhaupt Zeit, daß die Wirthſchaft einmal ein Ende nimmt!“ Könnern mußte ſich, er mochte wollen oder nicht, dem kleinen Burſchen fügen, der ſein Pferd in das Dickicht führte und dort anband und dann mit ihm in die Schlucht hinaufſtieg, damit er mit dem Terrain genau bekannt würde. Dabei erzählte er ihm eine Menge Einzelheiten aus Bux. Leben, wie er ſeine Familie mißhandelte und ſich 4 überhaupt die kurze Zeit in der Colonie benom⸗ men habe, und kehrte dann Nachmittags mit dem jungen Mann nach Santa Clara zurück, wo dieſer ohne Säumen die beiden Freunde auf⸗ ſuchte, um mit ihnen das Nöthige zu berathen. RAewnurm Herr von Schwartzau billigte auch ganz Jere⸗ mias' Vorſchlag: vor allen Dingen ſich der Per⸗ ſon des wahrſcheinlichen Mörders zu verſichern, 161 ehe man gegen den Director ein Wort von dem Verdacht äußerte. Es ſchien allerdings kaum möglich, daß dieſer, nur um einem Gefühl der Rache zu folgen, dem wirklichen Verbrecher Gele⸗ genheit zur Flucht verſchaffen würde, aber— ſicher blieb ſicher, und er hatte nachher keine Aus⸗ rede mehr. Graf Rottack erbot ſich augenblicklich, Könnern zu begleiten, brachte das doch einmal eine Ab⸗ wechslung in ſein monotones Leben, wie er meinte, und die jungen Leute beſchloſſen, keinem Menſchen ein Wort von ihrer Expedition zu ſagen. Daß Jeremias ſchwieg wußten ſie außerdem, und je geheimer das Ganze betrieben wurde, auf deſto ſicherern Erfolg konnten ſie rechnen. An dem nämlichen Tage hatten faſt ſämmt⸗ liche Einwohner Santa Clara's auf Günther's Veranlaſſung eine Adreſſe an die Regierung in Le Rio aufgeſetzt und unterzeichnet, in der ſie mitzs“ einfachen aber klaren Worten die gegenwärtigen Verhältniſſe und deren Rechtszuſtand ſchilderten und um Abhülfe baten. Sie ſagten außerdem darin,„ſie wollten die Regierung nicht drängen, ihren jetzigen Director wieder abzurufen, obgleich es keinen verhaßteren Menſchen in der Colonie gäbe, aber das könnten ſie verlangen, daß wenig⸗ Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. III. 11 ſtens ein ehrlicher Mann als Delegado ihnen zugetheilt würde und die Polizeigewalt, nicht län⸗ ger in Einer Hand mit der bürgerlichen Obrigkeit ſei. Die Coloniſten wären ſonſt verrathen und verkauft und hätten keinen Platz in der Welt, wo ſie Recht und Gerechtigkeit bekommen könnten, als das abgelegene und ſchwer zu erreichende Rio de Janeiro.“ Der eigentliche Poſtdampfer, der zwiſchen den Colonien und Rio, angeblich regelmäßig, lief, wäre allerdings ſchon wieder ſeit zwei Tagen fällig ge⸗ weſen, aber es herrſcht unter den Dampfern aller jener Linien an der braſilianiſchen Küſte eine ſolche conſequente Unregelmäßigkeit, daß man nie mit Sicherheit darauf rechnen konnte; ja, es war ſchon vorgekommen, daß der eine vierzehn Tage über ſeine Zeit ausblieb und der andere dann dicht hinter ihm her oder mit ihm gar zu einer Zeit eintraf. Günther wollte ſich alſo dem nicht ausſetzen und nahm Paſſage auf einem nach Rio beſtimmten Schooner, demſelben, der die Parcerie⸗Coloniſten hieher gebracht und indeſſen eine Ladung Bohnen, Maniokmehl und etwas geräuchertes Fleiſch ein⸗ genommen. Er hatte die ganze Nacht gearbeitet und ſeine Karte über die Vermeſſung der Colonie 163 beendet und copirt, da er die Copie dem Director zurücklaſſen mußte, ſchickte ihm dieſelbe am nächſten Morgen in's Haus und nahm dann von den Freunden Abſchied, die ihn bis zur Landung hin⸗ unter begleiteten. Beide junge Leute verſprachen ihm auch feſt, ihn in der Heimath aufzuſuchen, ſobald ſie ſelber wieder Fuß auf deutſchen Boden ſetzen würden, und eine halbe Stunde ſpäter ſprengten Graf Rottack und Könnern auf der Straße hinaus, die an der Meierei vorüber in den Wald führte. 6 Bus auf der Flucht. „Was wir doch eigentlich für ein wunderliches, abenteuerliches Leben führen,“ brach Felix end⸗ lich das Schweigen, denn Könnern’'s Herz war heute, wo er ſich dem Platze wieder näherte, an dem er Eliſen zum erſten Mal geſehen, ſchwer und gedrückt, und wie die Ahnung eines großen Unglücks lag es auf ſeiner Seele.—„Heute hier, morgen da, heute philiſterhaft ſich mühend, um das tägliche Brod zu verdienen, nur des täglichen Brodes wegen, und morgen wieder im Sattel— wie wir Beide heute— als Rächer und Ver⸗ folger: ein paar richtige Romanhelden, wie man ſie nicht brauchbarer erfinden könnte.“ „Mein lieber Graf,“ ſagte Könnern,„wie oft auch gleicht unſer Leben einem künſtlich erdachten und ſelbſt unnatürlich combinirten Romane, mit all' den Zufälligkeiten, die hineingreifen und alle Pläne über den Haufen werfen. Und wir brauchen dazu nicht einmal nach Braſilien auszuwandern; Tauſende und Tauſende ſolcher Beiſpiele finden wir eben ſo gut daheim, eben ſo in den anſchei⸗ nend hausbackenſten Verhältniſſen, die nach außen die glatte, nichtsſagende Oberfläche zeigen. Könn⸗ ten wir oft den Schleier heben, der darauf liegt, was für wunderbare und intereſſante Dinge wür⸗ den wir zu ſehn bekommen!“ Graf Rottack lächelte ſtill vor ſich hin, denn er dachte in dieſem Augenblick an ſeine Scene mit der Madame Baulen. „Apropos,“ ſagte er, haben Sie kürzlich Nichts von unſerer Gräfin gehört? Ich vergaß in der kurzen Zeit, die ich in Santa Clara war, ganz nach ihr zu fragen— oder kennen Sie die Dame gar nicht?“ „Ich habe ſie wohl ein paar Mal auf der Straße geſehen,“ ſagte Könnern,„aber nie das Vergnügen ihrer perſönlichen Bekanntſchaft ge⸗ habt. Ja, ich muß ſogar zu meiner Schande ge⸗ ſtehen, daß ich ſelbſt meine Schuldigkeit verſäumt habe: ihr nämlich meine Aufwartung nach der un⸗ — — 166 † benutzten Einladung zu machen. Wie ich aber neulich von Jeremias zufällig gehört, ſo ſcheinen Mißhelligkeiten in der Familie ausgebrochen zu ſein.“ „In der gräflichen?“ lachte Felix. „Allerdings; da ich mich jedoch für die Leute nicht intereſſire, ſind mir auch die Einzelheiten wieder entfallen— ich hatte überhaupt damals den Kopf voll genug. Nur ſo viel erinnere ich mich, daß die Verbindung zwiſchen der Comteſſe und Herrn von Pulteleben abgebrochen iſt“... „Ha!“ rief Felix, ſich erſtaunt im Sattel auf⸗ richtend. „Und daß ſich die Comteſſe ſogar von ihrer Mutter getrennt hat,“ fuhr Könnern fort,„was vielleicht Aufſehen in der Colonie erregt hätte, wenn die Leute nicht in der Zeit gerade mit wichtigeren Dingen beſchäftigt geweſen wären. Geſprochen wurde aber doch viel darüber.“ „Helene fort?“ ſagte Felix nachdenkend;„was 4 mag da vorgefallen ſein?— Und wo wohnt ſie jetzt?— Wo konnte ſie hin?“ 5 „Das habe ich zufällig bei Rohrlands gehört, 4 ohne der jungen Dame ſelber aber dort zu be⸗ 4 gegnen. Sie hat ſich in Rohrland's Hauſe ein Zimmer gemiethet und einen Theil ihrer Möbel 167 wie ebenfalls ihr Pferd an Director von Reitſchen verkauft.“ „Wunderbar, wunderbar!“ murmelte der junge Mann kopfſchüttelnd vor ſich hin.„Von der Mutter getrennt, und die Verbindung mit dem Bräutigam abgebrochen, da muß etwas ganz Ab⸗ ſonderliches geſchehen ſein. Sehen Sie, Könnern, da haben Sie gleich wieder einen kleinen Fami⸗ lienroman mit den intereſſanteſten Perſönlichkeiten: einem ſchönen Mädchen, einer intriguanten Mutter und— einem überflüſſigen Bräutigam. Schade nur, daß der wirkliche Geliebte fehlt, der zu einem wünſchenswerthen Schluß gehört, denn die Damen, die in einem Buche immer zuerſt die letzten Seiten leſen, betrachten das als eine ſtill⸗ ſchweigende Bedingung.— Und da drüben auch,“ fuhr er fort und deutete mit der linken Hand nach der Stelle hinüber, wo des alten Meier Haus lag—„dort hat ſich ebenfalls eine anſcheinend glückliche Familie plötzlich ohne bekannt gewordene Veranlaſſung zerſtreut— die Mutter iſt in's Waſſer geſprungen, Vater und Tochter ſind ver⸗ ſchwunden— verdorben vielleicht, und Alle hatten die Berechtigung an dieſes Leben, wie wir— ge⸗ rade ſo gut als wir, und jetzt Alles— Alles zerſtoben wie ein Traum! Sonderbare Geſchichte —“ —— das, höchſt ſonderbare Geſchichte, und man weiß zuletzt wirklich nicht einmal ganz gewiß, wer von uns Allen denn auch ſicher wacht.“ Könnern, dem die Worte des Grafen den alten Schmerz auf's Neue wach riefen, ohne daß Felix eine Ahnung davon haben konnte wie erbarmungs⸗ los er in die friſche Wunde eingeſchnitten, ritt ſchweigend an ſeiner Seite, und da auch durch Rottack's Seele eine Menge von alten Erinner⸗ ungen und Bildern zuckte, trabten die Beide eine lange Strecke ſtill und ſchweigend neben einan⸗ der hin. „Hol' der Teufel die Grillen,“ ſagte Felix plötzlich mit ſeinem frühern wilden Humor,„man iſt bei Gott ein Thor, ſich ihnen hinzugeben, wenn man ſelbſt überflüſſige Zeit hat, und das— haben wir hier nicht einmal! Wir wollen an unſere Jagd denken, Könnern, Diebsfänger, die wir doch jetzt nun einmal ſind, an den mörderiſchen Schuft und an das glückliche Geſicht der jungen allerliebſten Frau— um die ich den Gefangenen, aufrichtig geſagt, beneide. Sie mögen mich auslachen wie Sie wollen, aber ich tauſchte den Augenblick mit ihm, ſelbſt mit ſeinem jetzigen Aufenthalt in dem ungeſunden Loch, wenn ich nur wüßte, daß mich beim Herauskommen ein Paar ſolcher Arme in -—— 169 Glück und Seligkeit umſchlingen würden.— Aber was haben wir Beiden, wenn wir zurückkommen? — Quartier bei Bodenlos für unſer gutes Geld und ein einſchläfiges Gaſtbett, zweiſchläfig mit Flöhen verſehen— es iſt zum Todtſchießen!“ „Ich denke Sie wollen nicht mehr ſentimental werden?“ lächelte Könnern. „Wollt' ich auch nicht,“ ſagte der junge Graf; „aber unwillkürlich ſteckt die ſentimentale Fratze den Kopf durch jedes Geſpräch, ſelbſt wenn man ſich von Mördern und Dieben unterhält. Wo haben Sie denn jenen Bux— ſo heißt der Kerl ja wohl— zum letzten Mal geſehen?“ „Wir biegen an der nächſten Chagra links in den Wald,“ ſagte Könnern,„und können den Ort dann etwa mit Dunkelwerden erreichen.“ „In den Wald? Wie, zum Henker, ſind Sie denn da hineingekommen— auf der Jagd?“ V b war Könnern's ausweichende Antwort—„noch dazu, wenn er ſein Gewehr auf dem Rücken hat!“ 6„Von dem ſind Sie unzertrennlich?“ „Bei unſerm jetzigen Ritte war es nöthig, denn wir wiſſen nicht, wie wir es gebrauchen können. Es iſt wenigſtens unwahrſcheinlich, daß „Wo ſtreift ein Maler nicht überall umher,“ 8¾ ſich jener verwegene Burſche ſo gutwillig wird gefangen geben. Sind Sie kein Jäger?“ „Nein, und nie geweſen,“ ſagte der junge Mann;„zu Hauſe hätte ich dazu Gelegenheit ge⸗ nug gehabt, aber ich konnte nie Freude daran finden, mich irgendwo in den Hinterhalt zu legen und ein armes, ahnungslos daherkommendes Stück Wild wie ein Meuchelmörder niederzuſchießen. Die Jäger nennen das freilich„auf dem Anſtand“, ich hielt es aber für unanſtändig— wie ich denn überhaupt mein ganzes Leben lang mit den ver⸗ ſchiedenen Menſchenklaſſen verſchiedener Meinung geweſen bin. Ich habe auch nur ſelten ein Ge⸗ wehr in die Hand genommen; deſto häufiger hetzte ich aber dafür Füchſe und Haſen im freien Felde. Das iſt Liſt gegen Liſt, Muskel gegen Muskel, und ein viel gleicherer Kampf als mit Pulver und Blei, dem das arme Wild keine ähnliche Waffe entgegenzuſetzen vermag.“ „Aber eine Tigerjagd mit der Büchſe hier in Braſilien würden Sie doch nicht für ſo ungleichen Kampf halten?“ „Nein,“ meinte Felix;„wenn die Tiger nur nicht anderer Meinung wären. Aber Wochen lang hier im Geſtein und Dorngeſtrüpp umherkriechen, von Durſt und Hitze halb aufgerieben werden * und dann nicht einmal einen Tiger zu Geſicht zu bekommen, nur höchſtens einmal ſeine Fährte zu finden, wo er ſeinen Durſt löſchte, während ich auf irgend einem unwirthbaren Bergrücken ſaß und ſchmachtete, dafür danke ich ebenfalls. Dazu gehört eben eine Paſſion die mir fehlt, und ich überlaſſe es denen, die wirklich Freude daran finden.“ Die Reiter hatten indeſſen die nächſte Chagra, die ebenfalls einem Deutſchen gehörte, erreicht, und Könnern hielt hier, ohne das Haus zu be⸗ rühren, gleich ſchräg in den Wald hinein, umritt die Umzäunung und traf auf der andern Seite derſelben wieder einen ſchmalen Weg, der faſt direct nach Weſten hinüberlief. Dieſem folgten ſie mehrere Stunden lang und mußten ſogar Einer hinter dem Andern reiten, ſo ſchmal war die Bahn an vielen Stellen und ſo viel hineingebro⸗ chenes Holz lag darin. Hier und da führte auch manchmal ein ſchmaler Pfad rechts und links ab; Könnern ſchien aber völlig vertraut mit ſeiner Bahn und zögerte nur immer lange genug, ehe er die als richtig erkannte verfolgte, bis er die Abwege genau und ſorgfältig unterſucht hatte. Endlich erreichten ſie einen Fleck, wo Reiſende eine Nacht zugebracht hatten. Halbdurchgebrannte 172 Stücke zuſammengetragenen Holzes lagen dort, und abgebrochene, nicht mit Meſſer oder Beil ab: gehauene Zweige waren mit unkundiger Hand verwandt worden, eine Art von Schutzdach gegen den Nachtthau herzuſtellen. Könnern erfaßte ein herbes, bitteres Weh, als er den Platz wieder ſah, denn hier hatte— dem Berichte der Leute nach, die in der nächſten Colonie wohnten— ſeine arme Eliſe mit dem Vater eine Nacht im Walde zugebracht und mit ihren zarten, ſolcher Arbeit ungewohnten Händen Holz herbeigetragen, ſein Lager weich mit trockenem Laube bereitet, und verſucht eine Hütte für ihn zu ſpannen.— Und an der nächſten Chagra eben verlor ſich vollſtändig ihre Spur. Der Pfad war von da an ſteinig, da er in das Gebirge hinein⸗ lief, aber ſelbſt in der nächſten menſchlichen Woh⸗ nung wollte Niemand Etwas von ihnen geſehen haben. Weit noch war er damals umhergeſtreift, rechts und links vom Wege ab, durch Dornen und Dickicht brechend, immer das Eine, theure Ziel im Auge— umſonſt, wie in den Boden hinein ſchien das hülfloſe Paar verſchwunden, und es blieb keine andere Möglichkeit, als daß ſie vom Wege abgekommen ſeien und ſich verirrt hätten, * 173 wo ſie dann rettungslos in der furchtbaren Wild⸗ niß verderben mußten. Wieder durchlebte Könnern, als er ſich dieſer Gegend auf's Neue näherte, alle jene furchtbaren Stunden, die damals ſo ſchwer auf ſeinem Herzen gelegen; aber er ſcheute ſich, dem Begleiter ſein nagendes Leid mitzutheilen— was konnte er ihm auch helfen, wo durfte er ſelbſt hoffen, daß er ihn verſtehen würde? „Hier haben Reiſende campirt,“ ſagte Rottack, als Könnern unwillkürlich ſein Pferd neben dem alten Lagerplatze anhielt und darauf niederſtarrte, —„ob das unſere Familie geweſen iſt?“ „Nein— Andere,“ ſagte Könnern leiſe— „Bux hat mit ſeiner Familie an dem nächſten Hauſe gelagert und ſich Eſſen auf der Chagra geben laſſen.— Aber vorwärts, oder wir ver⸗ ſäumen hier die ſchöne Zeit!“ Weiter und weiter ritten ſie durch den wilden Wald, bis ſie plötzlich wieder eine kleine Hochebene erreichten, in der ſich ebenfalls Deutſche nieder⸗ gelaſſen hatten, und zwar, unbeſorgt vor India⸗ nern, welche der Director zur Entſchuldigung brauchte, ſich eine Polizei⸗ und Militärmacht in die Colonie zu legen. Die Sonne neigte ſich indeſſen dem Horizont zu, und die Reiſenden beſchloſſen, hier zu über⸗ nachten. Eſſen und Trinken fanden ſie auch ge⸗ nug. Die deutſchen Coloniſten brachten willig was ſie hatten, und waren außerdem froh, wieder einmal ein menſchliches Weſen in ihrer Einſamkeit zu ſehen. Felix fragte ſie auch, was um Gottes willen ſie nur bewogen haben könnte, ſich in dieſer Einöde niederzulaſſen, wo ſie ihre Producte nicht einmal verwerthen konnten. Die Sache war einfach genug: die Regierung hatte früher die Abſicht gehabt, an dieſer Stelle eine neue deutſche Colonie anzulegen, die mit Santa Clara ſollte in Verbindung ge⸗ bracht werden.— Aehnliche Projecte haben an vielen Stellen ſtattgefunden, und anſtatt einen Centralpunkt anzunehmen und von dem aus weiter in das Land hinein zu bauen, verſuchte man es auf andere Art, wählte im Walde zerſtreute Punkte und wollte von dieſen aus gleichzeitig nach dem Centralpunkt zu arbeiten— aber es ging nicht. Dieſe in den Wald mitten hinein gezwungenen Colonien konnten mit den beſſer gelegenen nicht concurriren, weil ihnen der Transport ihrer Pro⸗ ducte zu viel Geld koſtete. In der Regenzeit wurden außerdem noch die, nie von einem Sonnen⸗ ſtrahl getrockneten, engen Waldpfade zu bahn⸗ 175 loſen Moräſten, und die darauf geſetzten Colo⸗ niſten verließen meiſt alle ihr Land wieder, um ſich an einer Stelle anzubauen, wo ſie mit der Welt noch in Verbindung ſtanden. Einzelne blieben aber trotzdem zurück; es ge⸗ währte ihnen einen eigenen Reiz, ſo mitten im Walde zu ſitzen und mit keinen Nachbarn Etwas zu ſchaffen zu haben. Land konnten ſie hier eben⸗ falls in Beſitz nehmen ſo viel ſie wollten, kein Menſch hatte Etwas dawider; die Jagd bot ihnen auch hier und da Unterhaltung, und im Stillen hofften ſie immer noch, daß die für jetzt aufgegebene Colonie doch wieder erneuert werden könnte. Dann aber ſtieg nachher ihr Land natürlich bedeutend im Werth, und ihre Producte fanden ſchon unter den friſchen Einwanderern raſchen und günſtigen Abſatz. Hier erhielten die Verfolger Nachricht von Bux, denn dies war der Platz, an dem ihm ſein Eſel damals zuſammenbrach und mit der zu großen Laſt nicht weiter konnte. Der alte Deutſche hier hatte aber kaum Worte dafür, wie roh und nieder⸗ trächtig er die arme Frau ſowohl wie auch ſein überladenes Laſtthier behandelt habe. Seiner Ausſage nach wollte er nach einer andern Colonie hinüberſchneiden, nach der zu ein Weg von der 1 nächſten Chagra aus abging. Er hatte angegeben, daß er das Schmiedehandwerk verſtehe— was recht gut ſein konnte— und als er hier erfuhr, daß ſie dort einen Schmied nothwendig brauchten, ſchien er den Entſchluß gefaßt zu haben. Was ſein eigentliches Ziel geweſen, und weshalb er hieher in den Wald gekommen ſei, darüber ſollte er kein Wort geäußert haben, und die Coloniſten waren auch froh geweſen, als ſich ſein Eſel wieder ſo weit erholt hatte, daß er weiter konnte. Die beiden jungen Leute erwähnten kein Wort davon, weshalb ſie hinter dem Burſchen her ſeien und daß ſie ihn überhaupt ſuchten, machten ſich die Nacht ihr eigenes Lager mit ihren Sätteln und Satteldecken zurecht und brachen am nächſten Morgen mit Tagesgrauen wieder auf. Die nächſte Chagra lag etwa zwei Legoas entfernt, und dort konnten ſie recht gut frühſtücken. Jene Chagra erreichten ſie etwa um neun Uhr Morgens und hörten hier zu ihrem Erſtaunen, daß Bux bis geſtern dort gehalten habe und in der That noch länger geblieben ſein würde, wenn die Deutſchen nicht ſeiner überdrüſſig geworden wären. Ein Theil ſeiner Ladung lag aber noch hier, denn der ermattete Eſel, der ſich in den erſten Tagen nothdürftig wieder erholt, war nicht im Stande r 177 geweſen, ſeine frühere Laſt noch einmal aufzu⸗ nehmen. Der Meinung des Bauers nach konnte der Burſche indeſſen kaum zwei oder drei Legoas entfernt ſein, denn die Frau war ebenfalls krank geworden und ſo ſchwach, daß ſie ſich mit dem Kinde kaum vorwärts ſchleppte. 3 Nachdem Könnern und Rottack gefrühſtückt und ihre Pferde gefüttert hatten, folgten ſie in ſcharfem Trab dem Flüchtigen, der ihnen jetzt nicht mehr entgehen konnte. Ueberall an weichen Stellen im Wege ſahen ſie die kleinen, zierlichen Spuren des Eſels und die der nägelbeſchlagenen Schuhe des Mannes; nur gegen Mittag etwa waren die Spuren plötzlich verſchwunden und der Weg hier augenſcheinlich wohl von Pferden, aber von keinem kleinen Eſelshuf und keinem nägel⸗ beſchlagenen Mannesſchuh berührt worden. Sie fanden ein paar Stellen, wo ſich in dem weichen Boden jede Fährte hätte abdrücken müſſen, und die Wanderer, des Gebüſches wegen, auch weder rechts noch links ausweichen konnten, und trotzdem keine Spur der Verfolgten irgendwo hinein. „Nun, durch die Luft ſind ſie nicht,“ tröſtete ſich aber Könnern,„und jedenfalls hat ſich der. Burſche rechts oder links irgendwo abgewandt, um etwaige Verfolger irre zu führen; daß ſie ihm Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. III. 12 . 1G ſo dicht auf den Ferſen wären, dachte er wohl nicht. Wir müſſen alſo ein Stück zurück, Graf Rottack, und jetzt aufgepaßt, wo wir den ſchmalen Eſelshuf zuerſt wieder in Sicht bekommen.“ Sie wandten ihre Pferde, hatten aber kaum zweihundert Schritt zurückgelegt, als ſie wieder auf die Spur kamen, und jetzt entdeckte Könnern's ſcharfes und an den Wald gewöhntes Auge auch einen ganz ſchmalen Fußweg, der, von Gras über⸗ wachſen, links in den Wald führte und kaum zu paſſiren war. Und doch wurde der Eſelshuf und der nägelbeſchlagene Schuh hier wieder ſichtbar. „Wohin, im Namen jedes geſunden Menſchen⸗ verſtandes,“ rief Felix,„hat ſich der unglückſelige Menſch gewandt? Er wird doch nicht mitten in den Wald hinein gelaufen ſein, denn in dieſem braſilianiſchen Urwald einer Fährte zu folgen, davor habe ich allen möglichen Reſpect!“ „Ich habe mich nur gewundert,“ ſagte Kön⸗ nern,„daß er nicht ſchon lange vorher einen ſolchen Abſtecher gemacht hat, denn die Möglichkeit einer Verfolgung war doch da, und der konnte er auf ſolche Weiſe am Allerleichteſten entgehen. Jetzt möchte ich aber die größte Wette eingehen, daß wir ihn am nächſten Waſſer finden.“ „Ja,“ ſagte Felix leiſe,„und ſeine Frau und Kinder auch. Hören Sie, Könnern, wir haben uns die Geſchichte eigentlich doch nicht ordentlich überlegt, und hätten es am Ende lieber der Po⸗ lizei überlaſſen ſollen, den entflohenen Verbrecher einzufangen. Das wird jedenfalls eine Scene geben, an die wir ſpäter einmal mit Schaudern und Entſetzen zurückdenken. Den Schuft ſelber, ja mit Wonne wollt' ich ihn einfangen und vor Gericht ſchleppen, aber wenn nachher eine jam⸗ mernde Frau dazu kommt— und krank ſoll ſie ohnedies ſein— und kleine Kinder— verfluchte Geſchichte, und daß mir das gerade erſt jetzt ein⸗ fällt, wo es natürlich ſchon ein paar Poſttage zu ſpät iſt!“ „Ein angenehmes Amt iſt's gerade nicht,“ ſagte Könnern ernſt,„aber ich habe die feſte Ueber⸗ zeugung, daß der Frau gar kein größerer Segen widerfahren kann, als von dieſem nichtsnutzigen Galgenſtrick befreit zu werden, und wer weiß, ob ſie uns nicht unendlich dankbar dafür iſt. Keines⸗ falls können wir's jetzt ändern, und denken Sie nur immer an Köhler's junges Weibchen, das ſich jetzt die Augen roth weint, weil ihr nicht einmal verſtattet wird, den erkrankten Mann zu pflegen. Der müſſen wir ihren Frieden wiederbringen, und ich denke, nachher werden wir auch wohl im 12* 180 Stande ſein, für das arme Weib mit ihren Kin⸗ dern zu ſorgen. Meinen Sie nicht?“ „Sie haben Recht!“ rief Felix jetzt entſchloſſen aus—„der armen Frau ſoll es an Nichts fehlen, damit ſie nicht an dem unverſchuldeten Leid zu tragen hat, und eine Beſchäftigung für ſie wird ſich auch ſchon finden. So denn jetzt mit allem Eifer hinter dem Mörder her. Ich freue mich wie ein Kind auf den Augenblick, wo wir ihn gebunden dem Herrn Director überliefern können. Aber ſind wir denn noch auf der Fährte? Ich ſehe hier gar Nichts mehr.“ „Hier laufen die Spuren hin, gerade nach jenem Thal hinab,“ erwiederte Könnern, der kein Auge vom Boden verwandt hatte. „Und dort unten liegt auch eine Anſiedlung,“ rief Felix plötzlich, denn Könnern hatte gar nicht voraus und nur auf die Spuren geſehen—„das da unten muß doch eine Chagra ſein.“ „Wahrhaftig, dort liegt eine Hütte,“ ſagte Könnern, der Richtung mit den Augen folgend— „wie hat ſich denn nur ein Coloniſt dort hinunter in das enge Thal verloren? Aber hier biegen die Fährten wieder links ab, als ob er die Stelle hätte umgehen wollen.“ „Er wird nicht gerade aus gekonnt haben,“ — 13 ſagte Rottack,„denn wir verdanken den Blick auf das Haus wahrſcheinlich einem ſteilen, dazwiſchen liegenden Hange, den er umgehen mußte.“ Dieſes erwies ſich in der That ſo. Die Lehm⸗ wand, mit röthlichen Porphyrblöcken untermiſcht, ſiel ein kleines Stück weiter vor ſo ſchräg ab, daß die Paſſage mit Laſtthieren, wenn nicht gefährlich, doch ſehr beſchwerlich geweſen wäre, und die bei⸗ den Reiter ſuchten ſich eben einen Platz aus, an dem ſie bequemer und ſicherer zu Thal kommen konnten, als Könnern plötzlich leiſe rieft „Halt! Ich höre Stimmen!“ Beide hielten ihre Pferde an und horchten, und deutlich ließ ſich jetzt, unmittelbar vor ihnen, aber noch durch das Dickicht verdeckt, die rauhe Stimme eines Mannes hören, der wilde Flüche ausſtieß. Dazwiſchen klagte die Stimme einer Frau. „Das iſt er!“ flüſterte Rottack—„gleich dort hinter der Palmengruppe muß er ſtecken.“ Könnern winkte ihm, zu folgen, lenkte ſein Pferd einer etwas offeneren Stelle zu und ſpornte es dann, ſo raſch es ihm der hier ſehr rauhe Weg erlaubte, vorwärts. Kaum hatte er auch eine Diſtanz von etwa hundert Schritten in dieſer Richtung zurückgelegt, als er die kleine Carawane —ÿ—— 182 vor ſich ſah und nun ſein Thier anhielt, um nicht zu raſch über ſie zu kommen. Er wußte, daß ihm der Burſche nun nicht mehr entgehen konnte. Rottack hielt ſich dicht an ſeiner Seite. Es war in der That der würdige Bux mit ſeiner Familie, dem— wie Könnern ganz richtig vermuthet hatte— der unbehagliche Gedanke ge⸗ kommen war, daß er doch am Ende verfolgt wer⸗ den könne. Wie der Verdacht auf ihn fallen ſollte, wußte er freilich nicht, denn hatte er auch ſein Meſſer in der Zeit vermißt, ſo war es ſehr die Frage, wann das je einmal gefunden, und o es überhaupt Jemand kennen würde, und bi dahin war er weit von hier. Wer ihm damal in der⸗Nacht konnte aufgelauert haben, darüber zerbrach er ſich freilich den Kopf, aber erkannt hatten ſie ihn in der Dunkelheit nicht, ſo viel blieb ſicher, ſonſt wäre er ſchon lange vorgefor⸗ dert worden, und wer das Geld jetzt hatte?— er knirſchte mit den Zähnen, wenn er daran dachte — ſagte ohnehin Nichts weiter von der Geſchichte. Die Vorſicht wollte er nur gebrauchen, den Weg für kurze Zeit zu verlaſſen und lieber ein paar Wochen im Walde, in irgend einer einſamen Hütte ſitzen und ſeine Zeit abwarten, als ſich, wie er 183 bei ſich dachte,„ewig den Kopf abzudrehen, ob Jemand hinter ihm her käme.“ So verſtockt der Bube auch ſein mochte, das Gewiſſen hatte ihn doch nicht ruhen laſſen. Als Könnern zuerſt die kleine Carawane ent⸗ deckte, hielt ſie ſtil. Die Frau war am Weg niedergeſunken und der Mann ſtand vor ihr und fluchte. „Aber ich kann ja nicht mehr, Bux,“ ſagte die Unglückliche—„laß mich nur eine kleine halbe Stunde hier ausruhen, nachher wird's ſchon wieder gehen.“ „Aber das Haus muß dicht vor uns ſein,“ rief der Mann mit einem abſcheulichen Fluch— „wir haben die Hähne von da oben ganz deutlich krähen hören— es kann nicht mehr weit ſein.“ „Ich bin's nicht im Stande,“ ſtöhnte die Frau und ſank mit dem Kinde, das ſie den ganzen Weg geſchleppt hatte, unter einen Baum—„mach' mit mir was Du willſſt, ſchlag' mich todt oder laß mich liegen und hier umkommen, aber ich kann nicht weiter.“ „Dann komm allein nach,“ fluchte der Burſche, „warten thu' ich, Gott ſtraf' mich! nicht mehr auf Dich, Du Gottverdammte“— er fuhr erſchreckt empor, denn dicht dabei hörte er den Schritt der 484 Pferde im Laub, und erſtaunt ſtarrte er die beiden Reiter an. Nottack ritt dicht an ihn hinan und ſagte finſter: 1 „Seid Ihr denn auch ein Menſch, daß Ihr die arme Frau zu Tode hetzt? Ihr geht leer, Euren Stock auf der Schulter, und das ſchwache, kranke Weib muß auch noch das ſchwere Kind ſchleppen— s iſt doch wahrlich eine Schande!“ Und ohne weiter auf ihn zu achten, ſtieg er ab, nahm ſeine Feldflaſche, und zu der Frau tretend, fuhr er fort:„Da, trinkt einmal einen Schluck Wein, das wird Euch gut thun— Ihr ſeht aus, als ob Ihr's nöthig hättet.“ „Das weiß der Allerbarmer!“ ſtöhnte die Frau —„und der mag's vergelten— Ihr ſeid doch auch Menſchen, Ihr werdet mich nicht hier im Walde allein liegen und mit dem Kinde ver⸗ hungern laſſen.“ „Hier in Braſilien kann Jeder thun was ihn freut,“ ſagte der Mann finſter, aber doch ſcheu zu Könnern emporſehend, der, ſein Gewehr vor ſich auf dem Sattelknopfe, ſchweigend neben der Gruppe gehalten und den Mörder finſter und ernſt be⸗ trachtet hatte. Daß er dabei den Rechten vor ſich hatte, daran zweifelte er keinen Augenblick mehr. 185 Die ſcheue, ekle Geſtalt paßte vollkommen zu der Beſchreibung, und der unechte Treſſenſtreifen um die blaue ſchirmloſe Müitze lieferte noch den letzten Beweis, wenn es deſſen bedurft hätte. „Na,“ ſagte Bux endlich, dem der Zlick des Fremden unbehaglich wurde—„was ſtiert Ihr mich ſo an, als ob Ihr noch in Eurem Leben keinen Menſchen mit einem kaputen Eſel und einer miſerablen Frau geſehen hättet? Das glaub' ich! Ihr könnt's aushalten auf Euren Pferden oben, aber ſo ein armer Teufel, der muß ſich wie ein Hund durch's Leben ſchinden— na, was habt Ihr denn an mir zu gucken?“ Könnern hatte kein Wort erwiedert und nur den Blick feſt auf dem Mörder gehalten, den dieſer nicht ertragen konnte. Jetzt ſagte er langſam: „Ihr heißt Bux, nicht wahr?“ „Wie ich heiße, darum hat Niemand'was zu fragen,“ knurrte der Geſell—„ich bin ein Coloniſt und ſuche einen Fleck Erde, wo ich mich nieder⸗ laſſen und mein Brod ehrlich verdienen kann.“ Er hatte dabei einen ſcheuen Seitenblick auf Rot⸗ tack geworfen, der, ſeine Flaſche in den Händen der Frau laſſend, von der Seite gegen ihn heran⸗ trat, und machte jetzt einen Schritt zurück, um Beide beſſer im Auge behalten zu können. 186 „Es iſt eine verwünſchte Geſchichte!“ rief der junge Graf Könnern in franzöſiſcher Sprache zu —„die Frau und die Kinder werden ein Jam⸗ mergeſchrei erheben, wenn wir ihn faſſen. Sollen wir nicht lieber warten, bis wir ihn allein haben?“ Ehe aber Könnern Etwas darauf erwiedern konnte, überhob ſie Bux ſelber jeder weiteren Be⸗ denklichkeit. Der Burſche war, wie ſich ſpäter herausſtellte, aus dem Elſaß und verſtand recht gut die franzöſiſch geſprochenen Worte. Hatte er aber vorher ſchon Mißtrauen gegen die beiden Reiter gefaßt, von denen er ſich recht gut erinnerte, den Einen in Santa Clara geſehen zu haben, ſo wurde das jetzt zur Gewißheit. Sie waren gekommen ihn zu verhaften, und ſein einziger Gedanke war jetzt Rettung— Flucht!. „Aha, darauf läuft's hinaus!“ ſchrie er, und ehe Rottack eine Ahnung von dem Vorhaben des Verzweifelten hatte, riß dieſer ein gewöhnliches langes Küchenmeſſer aus der Weſte, wo er es ver⸗ ſteckt gehalten, führte einen Stoß nach dem ihm im Wege Stehenden, und flog dann mit einem Satz in Dorn und Gebüſch hinein, den ſteilen Hang mehr hinab ſtürzend, wie laufend. Rottack brauchte in der That ſeine ganze Ge⸗ wandtheit, um dem Stoß auszuweichen, der ihn noch leicht am Arm ſtreifte, ſeinen Rock zerſchnitt und ihm die Haut ritzte, kam aber dadurch in's Straucheln und fiel auf den rauhen Boden, ſo daß der Flüchtling, ehe er ſich wieder aufraffen konnte, wenigſtens zehn bis zwölf Schritt Vor⸗ ſprung vor ihm hatte. 3 Könnern ſpornte allerdings in dem Moment, wo er die erſte drohende Bewegung ſah, ſein Pferd gerade auf ihn ein. Das Terrain war aber hier dem Reiter Nichts weniger als günſtig, und wäh⸗ rend ſein junger Begleiter mit einem Wuthſchrei wieder auf die Füße ſchnellte und rückſichtslos um ſeine eigene Sicherheit hinter dem Flüchtling herſprang, bäumte Könnern's Pferd vor den Dornen und ſchwankenden Schlingpflanzen zurück und wollte nicht vorwärts. G „Um Gottes Barmherzigkeit willen, was habt Ihr mit dem Mann?“ gellte die Frau in Todes⸗ angſt und fuhr, ihre Mattigkeit bezwingend, em⸗ por, und auch die Kinder ſtießen ein Wehegeſchrei aus. Könnern aber riß das Pferd zurück, warf fich aus dem Sattel, und ihr nur raſch zurufend, daß ſie Nichts zu befürchten hätte, griff er ſein Gewehr auf und folgte der Jagd. Den Mörder jagte die Verzweiflung, aber er war von dem heutigen Tagesmarſch und der 188 ungewöhnlichen Hitze nicht allein ermattet, ſondern hatte auch, um ſeinen Durſt zu löſchen, mehr Branntwein heute Morgen getrunken, als ihm gut war. Rottack dagegen, jung, gewandt und unermüdet, mit kaltem Blut und friſchen Kräften, mit denen er jede Oeffnung in den Büſchen benutzte, während der Fliehende rückſichtslos mitten hin⸗ durch brach und damit ſeine Kraft ſchwächte, ſah bald, daß er dem Flüchtigen an Schnelligkeit überlegen war, und ſuchte ihm deshalb den Weg abzuſchneiden. Bux dagegen hatte gar kein beſtimmtes Ziel! er wollte nur fort— weiter— aus dem Bereich ſeiner Verfolger, und in demſelben Augenblick, wo ſich Rottack nach links wandte, brach er ſelber nach rechts hinüber— vergrößerte er dadurch doch wieder den Vorſprung. Aber ſein zweiter Verfolger gewann an ihm, denn dieſer konnte, den nämlichen Hang jetzt hinunterſpringend, ihm nach rechts zu beſſer den Weg abſchneiden, und erſt als Bux auch dieſen zu Fuß bemerkte— denn daß ihm hier ein Pferd nicht folgen konnte, wußte er—, ſah er, daß er verloren war. Aber er ließ deshalb in ſeiner Flucht nicht nach, nur weder rechts noch links ſchaute er mehr, vor⸗ wärts brach er über Alles, was ihm im Wege ſtand 189 5 und lag— vorwärts! Dort war Freiheit und Leben, hinter ihm folgten die Rächer!— E ſtürzte, aber er raffte ſich wieder empor; er blieb mit ſeinem Rock in einem Dornbuſch hangen; mit raſender Gewalt riß er ſich los, daß ihm die Fetzen am Leibe hingen— ſeine Mütze hatte er verloren, das lange, ſtruppige Haar flatterte ihm um die blutig gekratzte Stirn— vorwärts— vorwärts— bis ſeine Kräfte ermatteten und er mit einem Wuthgeheul zuſammenbrach. Mit dem nächſten Satze war Könnern an ſeiner Seite und ſtand, mit der Flinte im Anſchlag, neben ihm, während Rottack jetzt ebenfalls mit einem Jubelruf herbeiſprang. Er be etwas Blinkendes in der Hand empor und zeigte es dem Freunde. „Haben Sie ihn?“ ſchrie er ſchon von Weitem. „Hier liegt er— er iſt ſicher— aber was haben Sie dort?“ „Des Schneiders Uhr, die der Schuft auf der Flucht von ſich warf. Ich ſah, wie er etwas Blankes in die Büſche ſchleuderte, und ſprang danach, da ich Sie dicht hinter ihm wußte. Die Uhr hebt den letzten Zweifel. Da liegt die Ca⸗ naille— iſt er todt? Den Teufel auch, wie wir ausſehen, der hat uns noch eine hübſche Hetze gemacht!— Wenn ich nur meine Hunde hier ge⸗ habt hätte!“ Bux lag auf dem Geſicht und rührte ſich nicht — nur ſein ſchweres, haſtiges Athmen verrieth, daß er noch lebe. Könnern ſah ſchaudernd auf die vor ihm ausgeſtreckte, regungsloſe Geſtalt. „Wir haben's übernommen, Graf,“ ſagte er ernſt,„und jetzt auch durchzuführen, denn den Cadaver hier müſſen wir in die Colonie ſchaffen, und wenn er ſich zu gehen weigert, bleibt uns nichts Anderes übrig als ihn auf ein Pferd zu binden.“ „Wir wollen ihm ſchon Beine machen,“ ſagte Rottack finſter,„denn Mitleid verdient die Canaille nicht.— Aber dort drüben iſt ein Weg, Könnern, bei Gott— und da hinten liegt das Haus— wir ſind dicht an der Chagra.“ „Deſto beſſer,“ ſagte Könnern,„dann können wir vielleicht von dort Hülfe bekommen. Vor allen Dingen müſſen wir den Burſchen erſt einmal binden. Hat er Sie verwundet? Sie bluten?“ „Es iſt gar Nichts,“ lachte der junge Mann —„eben nur geritzt, nicht einmal ſo ſchlimm wie einer von den⸗ verdammten Dornen— das iſt wirklich niederträchtiges Zeug! Aber der Geſell kann nicht hier liegen bleiben— holla, Freund — ſteh' auf, Deine Zeit iſt um und Du mußt wieder wandern.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, Rottack,“ ſagte Könnern—„trauen Sie ihm nicht!“ „Er iſt fertig,“ rief aber der junge Graf, Bux an der Schulter nehmend und heftig ſchüttelnd. —„Sei jetzt vernünftig; Widerſtand kann Deine Sache nur noch verſchlimmern, denn in die Co⸗ lonie mußt Du mit zurück, und wenn ich Dich auf meinem Rücken hineintragen ſollte.“ Bux regte ſich nicht. „Willſt Du nicht gehorchen?— gut, dann darfſt Du Dich auch nicht beklagen!“— und mit den Worten hatte er ein dünnes aber ſtarkes Seil aus der Taſche genommen, legte die obere Schlinge deſſelben leicht um die ausgeſtreckte Hand des Regungsloſen und wollte eben den andern Arm ergreifen, um beide zuſammenzuziehen. Wie aber Bux die Feſſel an der Hand fühlte, ſchnellte er ſich in letzter Verzweiflung vom Boden empor— doch zu ſpät. Könnern, der ihn ſcharf beobachtet hatte, ließ in demfelben Moment ſein Gewehr fallen und faßte ſeinen andern Arm. Bux wollte ſich losreißen, aber ſeine Kraft reichte nicht aus, und zwei Minuten ſpäter, während er mehr wie ein wildes Thier als wie ein Menſch um Hülfe . 192 brüllte, war er gebunden und in den Händen ſeiner Verfolger. „ So,“ ſagte Könnern, indem er das Ende der Leine um den nächſten jungen Stamm ſchlug,„jetzt ſein Sie ſo gut, nehmen Sie mein Gewehr und halten Sie bei dem Burſchen eine kurze Wacht, während ich hinunter in das Haus ſpringe und nachſehe, was dort für Leute wohnen und ob ſie uns Etwas nützen können.“ „Thäten wir nicht beſſer, wir ſchafften ihn gleich zum Hauſe hinunter und holten dann ſeine Familie und unſere Pferde nach?“ „Vielleicht kann ich Jemanden aus dem Hauſe nach den Thieren ſchicken, daß wir den Hang nicht wieder hinaufbrauchen. Es iſt jedenfalls beſſer, wir wiſſen erſt wer hier unten wohnt.“ „Gut, dann bleiben Sie nur nicht zu lange; daß er mir indeſſen nicht entwiſcht, dafür will ich ſchon ſorgen.“ Könnern kletterte zu dem Weg hinunter, von dem ſie hier nur noch durch einen kleinen, terraſ⸗ ſenartigen Felskamm getrennt wurden, und ſchritt raſch darauf hin dem Hauſe zu, als er von dort⸗ her einen Mann ſich entgegenkommen ſah. „Habt Ihr um Hülfe geſchrieen?“ fragte ihn 3 193 dieſer ſchon von Weitem in portugieſiſcher Sprache. „Was iſt denn geſchehen? Seid Ihr angefallen?“ „Gerade das Gegentheil, Senhor,“ erwiederte Könnern—„wir haben einen Verbrecher verfolgt und eingeholt, der von Santa Clara entflohen war und, wie es ſcheint, die Richtung nach Eurer Chagra genommen hatte. Könnt Ihr uns helfen, ihn zu transportiren?“ „Jetzt nicht,“ ſagte der Mann, der ſtehen ge⸗ blieben war und Könnern erwartete, indem er traurig mit dem Kopf ſchüttelte—„ich habe einen Sterbenden oder Todten da drin in der Hütte und kann den nicht verlaſſen.“ 1„Das thut mir recht leid, daß wir Euch zu ſo ungelegener Zeit geſtört haben,“ ſagte der junge Mann theilnehmend,„Ihr habt Krankheit in Eurer Familie gehabt?“ „Wir, Gott ſei Dank, nicht,“ erwiederte der Braſilianer;„aber ein Fremder, der vor kurzer— Zeit mit ſeiner Tochter zu uns kam, legte ſich und wird nicht wieder aufſtehen. Er war aber ſchon krank, als er mein Haus betrat.“ „Ein Fremder?— mit ſeiner Tochter?“ rief Könnern und fühlte, wie ihm dabei das Blut in den Adern ſtockte. „Ja, Senhor.“ Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. III. 194 „Ein Mann mit weißen Haaren?“ „Kennt Ihr ihn?“ „Großer, allmächtiger Gott!“ rief Könnern erſchüttert aus—„hier alſo— hier— aber da komm' ich doch noch vielleicht zur rechten Zeit! — Laßt mich zum Hauſe gehen, Senhor, und wenn Ihr mir eine Liebe erzeigen wollt, ſo haltet Euch indeſſen nur etwa hundert Schritt die Straße hinauf. Ruft nur dort, mein Freund wird Euch antworten, und gebt ihm einen guten Rath, was er mit ſeinem Gefangenen machen ſoll.“ „Seid Ihr ein Verwandter von dem Alten?“ „Sein nächſter und einziger, der ihm in Bra⸗ ſilien lebt.“ „Dann hat Euch der Himmel ſelber hierher geführt— und nun macht nur, daß Ihr hinein⸗ kommt, wenn Ihr ihn noch am Leben finden wollt. Das Andere will ich ſchon mit Eurem Freund beſorgen.“ 8. Gefunden. — Tief im Urwald drin lag die einſame Chagra des Braſilianers, der hier ein kleines, in die Hügel gedrücktes, aber äußerſt fruchtbares Thal gefunden und in Beſitz genommen hatte. Waren doch ſo viel Deutſche in dieſe Nachbarſchaft gekommen, daß er ziemlich ſicher darauf rechnen konnte, in einiger Zeit die Gränzen ihrer Niederlaſſungen zu ſich herausgerückt zu ſehen, und geſchah das, ſo beſaß er ſelber genug Land, ihnen gute Colonien zu verkaufen, und konnte nachher in kurzer Zeit ein reicher Mann ſein. Daß er vorher und um das zu erreichen, Jahre lang allein und einſam in der Wildniß ſitzen mußte, rechnete er nicht. Natürlich hatte er für ſich und ſeine Familie, 3 13* 196 wie für ein paar Sclaven, die er hielt, nur eine kleine, ziemlich dürftige Hütte gebaut, denn der Landbau nahm in den erſten Jahren alle ſeine Arbeitskräfte in Anſpruch. So beſchränkt aber der Raum war, den er bewohnte, ſo willig theilte er ihn, wie faſt alle Braſilianer, mit dem Fremden — war es nun ein einzelner Jäger, der den Wald durchſtreifte, oder eine wandernde Colo⸗ niſtenfamilie, obgleich er die letzteren ſelten genug zu ſehen bekam. Für die Frau— denn der Mann konnte doch wenigſtens manchmal fort und unter Leute, während ſie das ganze Jahr allein in ihrer Wildniß ſaß— war ein Beſuch aber zugleich immer ein Feſt, und was die Küche wie Chagra und Wald boten, wurde willig herbei⸗ gebracht und aufgetiſcht. Dieſen Ort hatte, verirrt und zum Tod er⸗ mattet, der alte Mann mit ſeinem Kinde erreicht, und die Frau in den erſten Tagen unter keiner Bedingung zugegeben, daß ſie ihre Reiſe fortſetzten, ehe ſich der abgemattete Alte wieder vollſtändig erholt hätte. Aber er erholte ſich nicht mehr. Die Gewiſſensbiſſe der vergangenen langen Jahre hatten an ſeinem ſonſt geſunden Körper gearbeitet und gezehrt— die furchtbare Zeit der Entdeckung kam dazu, und jetzt, von Angſt und Sorge, wie 197 der ungewohnten Anſtrengung niedergebrochen, war die Kraft erſchöpft, die ihn bis dahin noch faſt gewaltſam aufrecht gehalten. Eine furchtbare Zeit verlebte indeſſen die Jung⸗ frau mit ihm, denn zu der körperlichen Erſchöpfung bei ihmageſellte ſich ein geiſtiger Stumpfſinn, der nur manchmal in krankhafter Flamme wild und erſchreckend aufloderte. Die Stunden, in denen der Furchtbare, der in — ſein Leben getreten war und ſeinen Aufenthalt ent⸗ deckt hatte, vermittelnd für ihn eingeſtanden war, . ſo daß ſeine perſönliche Sicherheit von da an un⸗ gefährdet blieb, waren aus ſeinem Gedächtniß verſchwunden. Im Geiſt ſah er nur noch den gräßlichen Moment, wo er entdeckt worden, und hielt ſich von da an für flüchtig vor dem Geſetz und von Häſchern verfolgt. Umſonſt ſuchte ihn Eliſe zu beruhigen, umſonſt trug ſie mit einer wahren Engelsgeduld ſowohl das eigene Leid wie die Klagen und Beſchwörungen des unglücklichen Vaters, wenn er ſie bat, ihn nicht zu verlaſſen und der Polizei auszuliefern. Was ſie körperlich dabei dulden mußte, ſchwand zu einem Nichts zu⸗ ſammen, und ihre Lage wurde erſt dann wirklich gefährlich, als die wilden Phantaſien dem Un⸗ glücklichen auf keinem gebahnten Weg mehr Ruhe 198 ließen, ſondern ihn in den Wald trieben, um den Verfolgern zu entgehen, die er fortwährend auf ſeiner Fährte glaubte. Als ſie ihn gewaltſam zurückhalten wollte, brach er von ihr fort, daß ſie ihn kaum wieder ein⸗ holen konnte, und in Todesangſt indeſſen zu ver⸗ gehen drohte. So lagerte ſie mit ihm die eine Nacht verirrt, ohne einen Trunk Waſſer, ohne einen Biſſen Brod im wilden Walde, und erſt gegen Morgen zeigte ihr der frühe Hahnenſchrei von des Braſilianers Chagra, der auch dem Verbrecher Bux die abgelegene Hütte verrathen hatte, Hülfe in der ſchrecklichſten Noth. Jetzt war Alles vorbei— Alles überſtanden. Wie ſich der Körper des unglücklichen alten Man⸗ nes ſeiner Auflöſung näherte, klärte ſich auch wieder der bis dahin auf irren Bahnen ſchwei⸗ fende Geiſt. Er war ſo ſchwach geworden, daß er kaum noch den müden Arm heben konnte; aber heute zum erſten Mal, wie die Sonne ihren lichten Schein durch das Fenſter warf, und ſich Eliſe über ſein Lager beugte und ihn fragte, ob ſie ihm irgend eine Hülfe leiſten könne, ſtrich er ihr mit der fleiſchloſen, bleichen Hand das Haar von der Stirn und ſagte leiſe: „Meine arme, arme Cliſe!“ 199 „Vater, mein lieber, guter Vater!“ rief das Mädchen in ausbrechenden Thränen—„kennſt Du mich denn?“ „Soll ich Dich nicht kennen, meine treue Ge⸗ fährtin in Jammer und in Leid, die wacker und brav ausgehalten hat bei dem alten, verlaſſenen Manne?“ „Mein guter Vater!“ „Gottes Segen über Dich— Gottes reichſten Segen, und daß er die Schuld nicht an Dir heimſuchen möge, die auf Deines Vaters Seele liegt!“ „Vater— Vater!“ „Stille, mein Kind— ſtille— weine nicht; es iſt jetzt Alles gut, und es wird mir ſo ruhig und leicht im Herzen, wie mir ſeit langen, langen Jahren nicht geweſen iſt. Nur eine— eine Sorge liegt mir noch darauf, und das biſt Du, mein Kind, das ich allein und hülflos in dem weiten, fremden Lande zurücklaſſe.“ „Vater, ſprich nicht ſo— Du wirſt noch viele, viele Jahre bei mir bleiben, und wir werden ein neues, frohes Leben beginnen, mit friſchen Kräften.“ „Armes Lieschen,“ ſagte aber der Kranke, der nur ſeinen eigenen Gedanken folgte—„und auch daran trage ich die Schuld— auch daran, daß ich Dich fern gehalten von Allen, nur den eige⸗ nen, ſelbſtſüchtigen, ſündhaften Plänen folgend— auch daran, und das Gewicht muß ich jetzt mit mir hinab nehmen— hinab in's Grab!“ Eliſe hatte ihr Haupt auf ſeine Schulter ge⸗ legt und weinte ſtill, und der alte Mann ſuchte mit ſeiner linken Hand ihr Lockenhaar, und zog die dünnen, faſt durchſichtigen Finger langſam hindurch.. „Weine nicht, Eliſe,“ ſagte er leiſe—„weine nicht— wir ſehen uns wieder— wenn nicht Gott ſein Angeſicht ganz von mir abwendet. Hat er ſeine Hand aber in dieſer letzten ſchweren Zeit über Dir gehalten, ſo wird er Dich auch jetzt nicht verlaſſen in dem fremden Lande— nicht ſo verlaſſen, wie Dich Dein alter Vater verlaſſen muß, wo Du doch Hülfe gerade ſo nöthig brauchſt. Komm, ſei gefaßt, mein Kind— ſei ſtark, Lies⸗ chen, wie Du ja immer ſtark geweſen biſt.“ „Du wirſt nicht ſterben, Vater!“ ſchluchzte das arme Kind und preßte ihre Stirn nur feſter an ſeine Schulter—„Du wirſt leben, mir— mir zum Troſte, daß ich Dich pflegen und hegen kann bis in Dein ſpätes, ſpätes Alter hinein!“ „Du willſt mir den Abſchied, recht ſchwer —— 201 machen,“ ſeufzte der alte Mann,„und ich habe doch keine Thränen mehr, die mir die Bruſt er⸗ leichtern könnten!— Sieh, wie der Sonnenſchein ſo warm durch's Fenſter dringt,“ fuhr er nach einer kleinen Pauſe fort, die nur durch Eliſens Schluchzen unterbrochen wurde—„und draußen liegt in Licht und Glanz die Welt, der ſchöne Wald.— Grüß' mir den Wald, mein Lieschen, wenn Du ihn wiederſiehſt— die ſchattigen Bäume und den murmelnden Bach, und— wenn Du an den Vater manchmal denkſt, mag der Gedanke Dich verſöhnen, daß er im friſchen, grünen Walde ſchläft und das Rauſchen der ewigen Wipfel wie ein frommes Gebet zum Höchſten ſteigt für den reuigen Sünder!“ „Vater!“ „Faſſe Dich, mein Lieschen— es muß ſein — und nun noch Eins— rufe mir unſeren freundlichen Wirth herein, daß ich ihm danken kann für alles Liebe und Gute, das er uns er⸗ zeigt. Habe ich doch Nichts weiter auf der Welt, was ich ihm bieten könnte, wie meinen Dank!— Er wird Dich auch nicht gleich verſtoßen; ſeine Frau iſt gut und freundlich— war ſie doch gut und freundlich gegen mich— o, wenn ich den ·⅓ — ͦ⸗— — Troſt mit mir hinübernehmen könnte, daß mein armes Kind nicht ganz verlaſſen wäre!“ Eliſe richtete ſich gewaltſam empor— ſie durfte jetzt nicht zurückdenken— nur jetzt nicht — oder das Herz hätte ihr brechen mögen in Jammer und Weh. „Ich gehe, Vater, und rufe ihn,“ ſagte ſie leiſe—„nur einen Augenblick, ich bin gleich wieder zurück.“ Der alte Mann hielt noch immer ihre Hand. „Mein armes Lieschen!“ ſagte er traurig. „Ich bin gleich— gleich wieder bei Dir, Va⸗ ter.— Er iſt jedenfalls draußen— ich höre ſchon ſeinen Schritt.“ Der Kranke winkte ihr nur mit den Augen, und Eliſe flog nach der Thür, als ſich dieſe öff⸗ nete und Könnern auf der Schwelle ſtand. Das Mädchen ſah und erkannte ihn, aber jede weitere Willenskraft ſchien in dem Augenblick ihren Körper verlaſſen zu haben. Sie ſtand wie eingewachſen in den Boden; ihre Arme hoben ſich langſam, aber mehr wie abwehrend gegen das, was ſie für eine Erſcheinung ihrer erregten Sinne hielt, und mit leiſe flehendem Ton murmelte ſie: „Bernard!“ „Eliſe— Eliſe!“ rief Könnern, auf ſie zu⸗ — 2 eilend und ſie in ſeine Arme ſchließend— iſt Alles gut— Alles, uns wieder trennen!“ „Und biſt Du's wirklich, Bernard?— Iſt es nicht Dein Geiſt, der nur gekommen, um mich in meinem größten, furchtbarſten Schmerz zu trö⸗ ſten?“ hauchte Eliſe und drückte ihn wie ſcheu . und furchtſam von ſich. G—„Wer iſt der Fremde, Lieschen?“ fragte der alte Mann und wandte beſtürzt den Kopf der Thür zu. „Ein Freund,“ ſagte Könnern, die Geliebte mit dem linken Arm umſchlingend, indem er ſie mit der rechten ſtützte—„ein Freund, der nicht mehr von Eliſens Seite weichen wird, ſo lange ſie ihn ſelbſt nicht von ſich ſtößt!“ „Lieschen!“ „Vater!“ rief das Mädchen, wand ſich aus Könnern's Arm, flog an ſeine Seite und barg ihr Haupt wieder an ſeiner Schulter. Der alte Mann lag ſtill und regungslos; er hatte die Augen geſchloſſen, und nur das leiſe Athmen ſeiner Bruſt verrieth, daß er noch lebe. Endlich ſchlug er die Augen wieder auf. Sein Blick fiel auf das zu ihm niedergebeugte, ſchmerz⸗ bewegte Geſicht des jungen Mannes. „o, nun und Nichts im Leben ſoll 8 — 3 294 „Herr Gott, ich danke Dir,“ ſagte er leiſe— „Lies—chen, leb'— wohl— ſei glücklich— Gott ſegne Dich“— und wie er noch einmal ſeine Hand auf ihr Haupt legen wollte, ſank ſie ihm herunter— er war todt.—— Draußen im Walde hielt Rottack neben dem gebundenen Verbrecher Wache, der jetzt ſtill und verſtockt am Boden lag und mit den Zähnen knirſchte. Wohl hatte er ſchon vorſichtig verſucht, die Bande von ſeinen Armen zu ſtreifen, aber die Schleife, welche Könnern gezogen, ſaß zu feſt, und als ſein Wächter es merkte, drohend den Gewehr⸗ kolben hob und ihm verſicherte, er würde ihn bei dem geringſten Fluchtverſuche zu Boden ſchlagen, lag er ſtill. Er trotzte noch darauf, daß die bei⸗ den Fremden hier im Wald nicht im Stande ſein würden, ihn gebunden zu transportiren, und baute für die Nacht ſeine Pläne zur Flucht. Da rief unten vom Weg eine Stimme ihr „Hallo“, und als Rottack darauf geantwortet, brachen und rauſchten die Büſche, und der Bra⸗ ſilianer ſtand im nächſten Augenblick vor der Gruppe. „Ei ſieh' da,“ ſagte er, einen Blick auf den am Boden Liegenden werfend,„das ſcheint ja ein ſauberer Patron, der hier im Sprenkel hängt!— 205 Wie geht's, Fremder? Wollt Ihr Euch den mit in die Colonie nehmen?“ „Er hat einen Mord verübt,“ ſagte Rottack, nachdem er den Gruß des Alten erwiedert— „und da ſind wir hinter ihm drein und haben ihn da oben im Wald, wo er wahrſcheinlich vom Wege abſchnitt, um nicht verfolgt zu werden, erwiſcht. Aber wo iſt mein Kamerad?“ „Im Hauſe— ich hab' einen Deutſchen mit ſeiner Tochter dort, und der Mann liegt im Sterben.“ „Im Sterben?“ „Ja— aber jetzt kommt, daß wir den Patron da hinunterſchaffen. Wo ſind Eure Pferde?“ „Oben am Hang ſtehen ſie und die unglück⸗ liche Familie dieſes Schuftes ſitzt dort ebenfalls.“ „Und hat der Lump auch Familie?“ ſagte der alte Braſilianer entrüſtet;„das iſt recht, nur im⸗ mer gleich Frau und Kinder mit unglücklich ge⸗ macht! Und was wird nun aus denen?“ „Sie müſſen mit in die Colonie zurück; es ſind Deutſche genug dort, die für ſie ſorgen werden — beſſer als der da es gethan. Soll ich hinauf und die Pferde lieber holen?“ „Laßt’s nur ſein, Fremder,“ ſagte der Braſi⸗ lianer,„die Familie könntet Ihr doch nicht gleich mitbringen; ich ſchicke dann vom Hauſe aus ein paar von meinen Negerjungen hinauf, die das viel eſſer und raſcher beſorgen. Aber Ihr blutet jal“ „Nur ein Ritz; der Schuft ſtieß mit dem Meſſer nach mir, als wir ihn faſſen wollten.“ „Natürlich— wenn's einmal an den Kragen geht, kommt's nachher auf die Kleinigkeit mehr oder weniger auch nicht an. Alſo vorwärts, mein Burſche, ſteh' einmal auf und gebrauch' Deine Spazierhölzer— oder ſollen wir Dir Beine machen?“ „Er verſteht kein Portugieſiſch.“ „Oho— noch ein Friſcher? Alſo importirt ihr derartige Sorte auch nach Braſilien? Für die iſt's aber kaum der Mühe werth, daß der Staat Paſſage bezahlt, denn es koſtet ihm nach⸗ her immer noch außerdem einen Strick.— So ſagt Ihr ihm einmal auf gut Deutſch, daß er gutwillig mitgeht, ſonſt kann ich es ihm doch viel⸗ leicht auf Braſilianiſch begreiflich machen.“ Er nahm dabei ſein ſchweres Buſchmeſſer aus dem Gürtel, hieb einen jungen Stamm ab und hackte, noch während er ſprach, die Aeſte davon herunter. Bux hatte dem Geſpräch der Männer in der ihm unverſtändlichen Sprache mit ſcheuem Blick — 2⁰97. gelauſcht. So lange er ſich noch allein in den Händen der Deutſchen befand, ſchien ihm ſeine Lage immer nicht zum Aeußerſten gefährlich. Jetzt 4½ zum erſten Mal überkam ihn der Gedanke an d Strafe, der er entgegenging, überkam ihn zugleich die Angſt davor. „Steh' auf,“ ſagte Rottack zu ihm;„Du wirſt einſehen, daß Dir weiteres Sträuben Nichts hilft, und Du kannſt höchſtens Deine Lage noch ver⸗ ſchlimmern.“ „Landsmann,“ ſagte Bux mit heiſerer, angſt⸗ gepreßter Stimme,„Ihr werdet mich nicht den Fremden übergeben— ich— ich will ja Alles geſtehen— ich bin ein armer Teufel— der Böſe plagte mich— der Juſtus war auch ein ſchlechter Kerl— er hat mich verführt— er reizte mich. — Landsmann,“ bat er dringender, als ſich Rottack mit Ekel von ihm abwandte, indem er ſich auf die Kniee warf und die gebundenen Hände zu ihm aufhob.—„laßt mich laufen— ich will ein ordentlicher, braver Kerl werden— ich will meine Frau nicht mehr prügeln und die Kinder — ich will arbeiten, daß mir das Blut unter den Nägeln vorſpritzt— Landsmann, habt Barmher⸗ zigkeit— Barmherzigkeit!“— und er ſchrie die letzten Worte in Todesangſt gellend heraus. 208 „Die ſuche Dir bei Gott,“ ſagte Rottack er⸗ ſchüttert—„Deinetwegen ſitzt ſchon ein unſchul⸗ diger, braver Mann die ganze Zeit, und der muß frei werden. Komm, wir haben keine Zeit mehr zu verſäumen.“ Unten auf dem ſchmalen Waldwege knarrten Räder, und der Braſilianer, der einen Blick hinab⸗ geworfen, pfiff auf ſeinem Finger. Bei dem Karren gingen vier Neger, die Bauholz zu einer neuen Scheune im Walde geſchlagen. Drei von ihnen kamen den kleinen Abhang heraufgeſprungen. „Werft einmal Euer Holz ab,“ ſagte der Bra⸗ ſilianer,„und ladet den Burſchen hier auf; fahrt ihn aber nicht zum Hauſe, ſondern in den kleinen Schuppen drüben bei den Kaffeebäumen, daß ihn meine Frau und die Kinder nicht zu ſehn bekom⸗ men. Du, Joao, ſpringſt hinauf— wo ungefähr ſind Ihre Pferde mit der Familie des Burſchen da?“ „Etwa in dieſer Richtung,“ ſagte Rottack, mit dem Arm aufwärts deutend—„aber die Frau verſteht kein Portugieſiſch, ich will lieber mit den Leuten gehen; wenn Sie nur ſo lange die Be⸗ wachung des Verbrechers übernehmen wollen.“ „Für den ſteh' ich gut. Alſo Du gehſt mit dem Senhor dort hinauf, und thuſt was er Dir ſagt; und Ihr Beiden packt einmal den Geſellen da auf, wenn er nicht gutwillig gehen will, und werft ihn auf den Karren.“ Die Neger ſprangen lachend auf den Gebun⸗ denen zu, der in Angſt und Entſetzen auffuhr und ſich den Hang hinabwerfen wollte; aber die Leine, mit der er an den jungen Stamm befeſtigt war, warf ihn zu Boden, und wenige Minuten ſpäter fand er ſich machtlos in der Gewalt der beiden rieſigen Schwarzen, die ihn wie ein Kind zwiſchen ſich nahmen und hinabſchleppten.— Eine Stunde ſpäter etwa kam Rottack mit der armen, in Thränen aufgelöſten Frau und den Kindern, die vor Angſt und Bangen ſprachlos ſchienen, hinunter zur Chagra. Es war ein ſchweres Amt für ihn geweſen, den Jammer der Frau mit anzuſehen und ſich dabei ſagen zu müſſen, daß er eigentlich die Mitſchuld daran trage; aber es konnte auch nicht umgangen werden, denn die ſo ſchon unglückliche Frau durften ſie hier nicht allein und hülflos mitten in dem fremden Walde zurücklaſſen; ſie wäre mit den Kindern verdorben. Was aber in ſeinen Kräften ſtand, ſie zu tröſten, that er. Er gab ihr vor allen Dingen alles Geld das er bei ſich führte, und ver⸗ ſprach, für ſie in Santa Clara zu ſorgen, auch Fr. Gerſtä cker, Die Colonie. III. 14 A 4 4 =— ʒʒ —— äyää — ——— —ä * 1 210 ihre Kinder unterzubringen— ſie ginge jetzt einem beſſern Leben entgegen, als ſie an der Seite des Verbrechers geführt— die Coloniſten in Santa Clara würden ſich ihrer annehmen, und ſie ſolle außer Sorgen für die Zukunft ſein. Er nahm ihr auch das kleinſte Kind ab und trug es ſelber, 1 daß ſie leichter vorwärts kam, und that alles Mögliche, nur erſt einmal ihre Thränen zu ſtillen. Es war ihm furchtbar, wenn er einen erwachſenen Menſchen weinen ſah. So erreichten ſie endlich die Chagra, der junge Graf noch immer das ſchreiende Kind auf dem Arm, als ihm Könnern entgegenſprang. „Graf Rottack, Sie als Kinderwärter?“ ſagte er lächelnd, indem er vor ihm ſtehen blieb,„und doch ſteht es Ihnen gut— Sie haben ein ſchwe⸗ res, ſchweres Amt gehabt!“ „Allerdings,“ ſeufzte der junge Mann, indem er einer auf ihn zukommenden Negerin das Kind übergab—„da, mein Schatz, ſei Du ſo gut und ſieh einmal zu, ob Du den Schreihals ſtopfen kannſt, der Außerordentliches auf dem Weg hier⸗ her geleiſtet— und daß die arme Frau da Etwas zu eſſen bekommt. Ich fürchte faſt, daß ihre Hauptkrankheit der Hunger iſt.— Aber was iſt 211 denn mit Ihnen vorgegangen, Könnern?— Ihr Geſicht ſtrahlt ja ordentlich vor Seligkeit!“ „Rottack— Rottack,“ rief Könnern, ſeine Hand ergreifend—„ich habe ſie gefunden!“ „Sie— ſo?“ ſagte der junge Graf in komi⸗ ſchem Erſtaunen;„ſo viel ich weiß, hatte ich ſie geſucht, und Sie hatten es nur mit einem ihn zu thun.“ 3 „Eliſe mein' ich.“ „Eliſe?— des alten Meier Tochter?“/ „Sie iſt hier— hierher geflüchtet; ihr Vater,— wurde krank, und iſt eben in ihren Armen ver⸗ ſchieden.“ „Nun,“ ſagte Rottack trocken,„für einen der⸗ artigen Sterbefall ſehen Sie leidlich vergnügt aus. Wollen Sie aber ſo freundlich ſein und mir ſagen, weshalb Sie darüber ſo entzückt ſind?“ „Aber wiſſen Sie denn nicht, daß ich Eliſe ſchon wie ein Verzweifelter im ganzen Walde ge⸗ ſucht hatte?“ „So?— nicht übel; alſo deshalb dieſer Eifer, dem armen Köhler wieder zu ſeiner Freiheit zu verhelfen und dem Mörder auf die Spur zu kom⸗ men, und ich wurde eigentlich blos mitgenommen, um zuerſt den Diebsfänger, nachher den Braut⸗ führer zu machen, und nebenbei ſchreiende Kinder 14* 212 durch den Wald zu ſchleppen, wie verzweifelte Mütter zu tröſten!“ „Lieber, beſter Graf!“ „Laſſen Sie es gut ſein; ich ſehe ſchon wie es iſt, immer die alte Geſchichte— Günther geht heim zu ſeiner Braut, Köhler wartet nur darauf bis wir zurückkommen, und ſitzt dann wieder mit ſeiner jungen Frau da oben in dem Miniatur⸗ paradies— Sie haben ebenfalls jetzt gefun⸗ den, was Sie geſucht, und ich bin wie gewöhn⸗ lich der, welcher leer ausgeht. Mein einzig ſicht⸗ barer Vortheil iſt auch wohl nur der, daß ich mich jetzt von Kopf bis zu Füßen neu kleiden kann und außerdem noch eine Apotheker⸗Rechnung für Pflaſter zahlen, und für Herrn Bux' Familie ſor⸗ gen darf! Hol' der Teufel Braſilien!“ „Armer Rottack!“ lachte Könnern gutmüthig. „Ja wohl, armer Rottack,“ ſagte der junge Mann,„und das iſt noch nicht einmal Alles! Sie können natürlich die junge Dame jetzt nicht mit dem todten Vater allein laſſen, um alles das zu beſorgen, was irgend nöthig iſt. Alſo darf ich mit ein paar ſehr unangenehm ausdünſtenden Negern wahrſcheinlich den Transport allein über⸗ nehmen— wieder ein Vortheil!“. „Von Herzen gern will ich das thun,“ rief 213 Könnern raſch,„wenn Sie nur dann meine Stelle hier vertreten wollen.“ „Hm, ſo?— damit Sie mir dann auch noch in Santa Clara den Dank der jungen Frau weg⸗ ſchnappen? Nein, damit iſt's denn doch Nichts; das will ich wenigſtens haben, und wenn ich's 1 mir ſtehlen müßte. Aber wie weit iſt's von hier nach Santa Clara— haben Sie eine Idee?“ „Dieſer Weg,“ erwiederte Könnern,„führt nach der Colonie Santa Martha hinüber und ſoll bequem im Thal hinlaufen. Von dort haben Sie breite, trockene Fahrſtraße bis Santa Clara, etwa ſieben Legoas im Ganzen.“ „Nun, das geht an; dann brech' ich aber in einer Stunde auf.— Und wann kommen Sie nach?“ „Morgen früh wird die Leiche des alten Mannes beerdigt, dann hält mich hier Nichts weiter, und wenn es irgend möglich iſt, bringe ich die Fa⸗ milie des Verbrechers gleich mit. Wir müſſen jedenfalls ſehen, daß wir für die arme Frau ein Unterkommen in der Colonie finden.“ „Das giebt wieder eine paſſende Beſchäftigung für mich,“ ſagte Rottack, indem er zu ſeinem Pferde ging und es abſattelte. Es mußte erſt ein Wenig gefüttert werden, ehe er den Heimritt dar⸗ auf antreten konnte. 9. Herr von Bulteleben. Nur verhältnißmäßig kurze Zeit war doch ver⸗ gangen, ſeit Sarno die Colonie Santa Clara ver⸗ laſſen und Baron von Reitſchen ſein Regiment dort begonnen hatte, und welche traurige Verän⸗ derung brachte dieſer kurze Wechſel in dem ſonſt ſo gemüthlichen, ſelbſt freundlichen Orte hervor! Jede Beſchäftigung ſchien darnieder zu liegen; die Coloniſten zeigten zu keiner Arbeit mehr Luſt; die Handwerker ſaßen den Tag über in der Schenke, um ihrem Ingrimm bei einem Glas oder meh⸗ reren Gläſern Bier Luft zu machen, und Herr von Reitſchen— regierte indeſſen ruhig weiter und verübte unter dem Schutz ſeiner, ſtets bis an die Zähne bewaffneten Soldaten jede Willkür, die ihm irgend beliebte. 215 Die wenigen Menſchen, die noch zu ihm hiel⸗ ten— und das waren in der That wenige genug — wurden in jeder Weiſe begünſtigt und konnten thun und laſſen was ſie wollten; die Uebrigen durften nicht einmal ihr Recht fordern, wo es ge⸗ kränkt worden, und die Soldaten beſonders verüb⸗ ten in rohem Uebermuth ſo viel nutzloſe Streiche, daß wirklich der urgeduldige deutſche Charakter dazu gehörte, das Alles zu ertragen, ohne ge⸗ waltſam dagegen aufzuſtehen. Herr von Reitſchen kümmerte ſich um das Alles nicht; er machte mit dem Baron, von dem er jetzt unzertrennlich ſchien, ſeine regelmäßigen Spaziergänge— bei denen er aber ſtets einen Revolver bei ſich führte— und hatte dem Baron ſogar, was er den armen Parcerie⸗Arbeitern rund abgeſchlagen, eine der beſtgelegenen Colonien gra⸗ tis überlaſſen, der Regierung gegenüber unter dem Vorwande natürlich daß der Baron eine „Muſterwirthſchaft“ darauf anlegen und dadurch den Ackerbau in der Colonie„wiſſenſchaftlich“ heben wolle. Der gute Baron, der nicht einmal ſeine eigene kleine Chagra hatte lebensfähig verwalten können! Natürlich machte das Alles nur immer mehr böſes Blut, aber es half eben Nichts— es blieb Alles beim Alten, und nur der Polizeizwang wuchs von Tage zu Tage. Beſonders litt darunter der arme Köhler, der immer noch in ſeinem Gefäng⸗ niß ſtak und trotz ſeiner ſonſt geſunden Natur ein Fieber davongetragen hatte. So wenig weitere Beweiſe aber gegen ihn vorlagen, ſchien der Di⸗ rector feſt entſchloſſen, ſich an dem jungen Bauer für die erlittene Behandlung zu rächen, wo er die Gewalt dazu ſo trefflich in Händen hatte, und was etwaige Klagen oder Beſchwerden der Colo⸗ niſten ſelber in Rio de Janeiro betraf, ſo ver⸗ traute er dabei mit ziemlicher Sicherheit dem Schlendrian der braſilianiſchen Obergerichte, deren Gefahr ſich auf Null reducirte, wenn er ſeine eigenen dort lebenden Freunde mit in Rechnung brachte. Er wußte auch beſſer als mancher An⸗ dere, daß ſich alle dieſe Beamten, theils ſo oder ſo, compromittirt hatten, und nur dadurch, daß ſie Einer den Andern hielten, konnten ſie ſelber hoffen, keine Unterſuchungen gegen ſich und ihr eigenes Gebahren aufgebracht zu ſehen. Ganz Südamerika leidet ja an dem nämlichen Uebel.. Aeußerſt wenig um die politiſchen, aber deſto mehr um ſeine eigenen Verhältniſſe kümmerte ſich indeſſen Herr von Pulteleben, der bis dahin des 217 feſten und ſüßen Glaubens gelebt hatte, daß er mit ſchwellenden Segeln in einen reizenden und vollkommen ſichern Hafen eingelaufen ſei, und mit der erſten Morgendämmerung zu ſeiner Be⸗ ſtürzung fand, er ſei gar nicht mehr flott, ſondern ſitze wie feſt genagelt auf dem Trockenen in Schlamm und Sand, mit keiner Ausſicht wieder loszukommen. Von dem Augenblick an, wo er Helenens Brief erhielt, war er ſolcher Art von dem Gipfel ſeiner Hoffnungen herunter gerutſcht— im An⸗ fange zwar noch langſam und widerſtrebend, je mehr er aber in Schuß kam, deſto raſcher, und jetzt fuhr er mit einer Schnelle in die Tiefe der proſaiſchen Wirklichkeit hinab, daß ihm ordentlich ſelber die Sinne darüber vergingen. Umſonſt hatte er ſich dabei mit einer wahrhaft rührenden Ausdauer bemüht, von der einſt ge⸗ hofften Schwiegermutter genügende Auskunft über Helenens räthſelhaftes Betragen zu erhalten. Das Einzige was er von ihr erhielt, war die Erlaub⸗ niß, die einlaufenden Rechnungen zu bezahlen, und daß er unter ſolchen Umſtänden darin bald ermüdete, läßt ſich denken. Das erſte Reſultat war, daß die Arbeiter ihre Beſchäftigung einſtellten, was ihn aber nicht im 218 Geringſten mehr intereſſirte, denn er hatte den Arbeitsplatz ſchon lange nicht mehr betreten, und er ſchloß nur daraus, das noch genügender Ab⸗ ſatz vorhanden ſei, weil die aufgeſtapelten Kiſten mit friſchen Cigarren zuſehends abnahmen— ohne daß er ſelber freilich das Geld für eine einzige derſelben eincaſſirt hätte. In der Colonie konnten dieſe Vorgänge na⸗ türlich auch nicht unbeachtet bleiben, denn daß die Comteſſe ihrer Mutter Wohnung verließ und zu fremden Leuten zog, war ein zu ſehr in die Augen ſpringendes Factum. Aber mit anderen, wichtigeren Dingen beſchäftigt, bildete man ſich raſch eine eigene Motivirung dieſes Schrittes, die auch manches Wahrſcheinliche für ſich hatte. Dieſe lautete: die alte Frau Gräfin wolle der Comteſſe den Herrn von Pulteleben zum Mann aufdringen, die Comteſſe wolle aber den Herrn von Pulteleben nicht haben, und da ſie allbekannt ſtets ſehr ſelbſtſtändig aufgetreten, ſo war ſie ein⸗ fach aus dem Hauſe gezogen, bis es der ihr nicht zuſagende Bräutigam verlaſſen habe. Sobald der fort war, würde ſie natürlich zu ihrer Mutter zurückkehren. 4 Das klang freilich nicht ſehr ſchmeichelhaft für Herrn von Pulteleben, aber der arme Teufel ſah, 219 wenn er recht darüber nachdachte, ſelber keinen andern Grund für das merkwürdige Betragen ſeiner früheren Braut, und begriff dann nur nicht, wes⸗ halb ſie früher ſo freundlich mit ihm geweſen war und ſelbſt die Verlobung ſtillſchweigend geduldet hatte.— Er ärgerte ſich jetzt noch, wenn er daran zurückdachte, daß er ſich nicht wenigſtens an jenem Abend den Verlobungskuß hatte geben laſſen, und daran war Niemand weiter ſchuld, wie der nichts⸗ nutzige Junge, der Oskar, mit ſeinen albernen Streichen. Ueber die Tafel hinüber ging das freilich nicht. Und was ſollte jetzt werden? Sein Geld ging auf die Neige, neuen Zuſchuß von Hauſe konnte er kaum unter drei Monaten erwarten— und was würden ſie zu Hauſe ſagen, wenn ſie von der rückgängig gewordenen Verbindung mit der Comteſſe hörten?— Er wollte— er mußte fort— aber die Schwiegermutter— er hatte eine Heidenangſt vor der Frau Gräfin, und ſaß heute wieder in ſeinem Zimmer, wo er ſchon ſo oft geſeſſen, und überlegte und grübelte, wie er ſich am Beſten und Anſtändigſten aus⸗der Affaire ziehen könne. Draußen wurden Schritte laut, und gleich darauf ging die Thür auf, durch die Oskar, eben 220 von einem Ritt zurückkehrend, trat und ſich mit einem„Donnerwetter, ich bin müde!“ auf das Sopha warf. Herr von Pulteleben rührte ſich nicht, und Oskar, der ihn eine Weile von der Seite betrachtete, lachte; endlich ſagte er: „Na, Pulteleben, Sie ſchneiden ja ein Geſicht, als ob Ihnen die Peterſilie verhagelt wäre. Was iſt nun wieder los?“ „Nichts Beſonderes, daß ich wüßte,“ erwie⸗ derte der junge Mann, gerade nicht in der Stim⸗ mung, eine Unterhaltung mit ſeinem Beſuche an⸗ zuknüpfen. „Was der Lene in den Kopf gefahren iſt,“ nahm Oskar das Geſpräch auf, der die Nieder⸗ geſchlagenheit ſeines Geſellſchafters natürlich auf dieſe Quelle zurückführte—„das weiß der Henker! Das Mädel muß übergeſchnappt ſein, denn ſie nimmt meinen Beſuch nicht einmal mehr an. Was ſagen Sie dazu?“ Herr von Pulteleben antwortete nicht, er war entſchloſſen den jungen Grafen todtzuſchweigen. „Die Alte ſteckt dahinter,“ fuhr Oskar aber trotzdem, und etwas unehrerbietig dieſe„Alte“ auf die Frau Gräfin beziehend fort—„ſo viel iſt ſicher, und Sie müſſen durch irgend Etwas bei ihr in's Fettnäpfchen getreten haben. Machen Sie 21 nur um Gottes willen wieder Frieden mit ihr, denn das iſt ja hier im Hauſe jetzt gar nicht mehr auszuhalten. Ihr ſeid Alle unausſtehlich, und das Schlimmſte dabei, daß man Euch noch dazu Alle einzeln aufſuchen muß, um ſich einzeln über Euch zu ärgern.“ 4 Herr von Pulteleben ſchwieg. Er hatte auch andere Anſichten über die„Alte“, denn von ſeiner Seite war in der That Alles geſchehen, ein mög⸗ liches Mißverſtändniß— wenn er auch nicht wußte, durch was es entſtanden ſein konnte— aufzuklären. Helene war verändert, ſeit ſie den Brief geleſen hatte, ſo viel blieb ſicher, aber was in dem Briefe geſtanden und wie weit er damit in Beziehung ſtehen konnte, begriff er nicht, wenn nicht— er ſprang mit einem Mal von ſeinem Stuhl auf und lief in der Stube auf und ab, ohne Oskar's Gegenwart weiter zu berückſichtigen. — Hatten ſie— es lief ihm mit einem unbehag⸗ lichen Gefühl über die Seele— hatten ſie viel⸗ leicht nach Deutſchland geſchrieben und von dort aus Nachricht erhalten, daß ſeine Verhältniſſe nicht ſo glänzend waren, wie er hier zuweilen an⸗ gedeutet? „Na, wo brennt's nun wieder?“ ſagte Oskar, der dem Hausgenoſſen erſtaunt zugeſehen hatte. 222 Herr von Pulteleben war aber ſchon mit ſich einig— er hatte noch nie ſo ſchnell gedacht.— Um aus dieſer Ungewißheit geriſſen zu werden, mußte er, und zwar gleich, mit der Gräfin ſprechen. Es war überhaupt nothwendig, daß er ſie auf⸗ ſuchte, denn ſo konnte ihr Verhältniß nicht mehr fortbeſtehen, und ein entſcheidender Schritt mußte nach der einen oder andern Seite hin geſchehen. „Lieber Oskar,“ ſagte er plötzlich zu dem jungen Manne— Sie erlauben wohl, daß ich mich anziehen kann, ich— muß Ihre Frau Mutter ſprechen.“ „Ja, ich habe Nichts dagegen,“ lachte Oskar —„aber Sie ſind ja angezogen.“ „Ich— habe ſchon einen Spaziergang gemacht und— möchte meine Wäſche wechſeln.“ „So— aha, und da ſoll ich derweil gehen?“ ſagte Oskar, ſich langſam erhebend—„nun, meinetwegen. Aber, Pulteleben, noch Eins, wes⸗ halb ich eigentlich heraufgekommen war. Bitte, borgen Sie mir doch bis morgen früh zwanzig Milreis; ich brauche ſie nothwendig.“ Herr von Pulteleben, der ſchon angefangen hatte ſeine Cravatte abzubinden, hörte mit ſeiner Beſchäftigung auf und ſah ſich nach dem jungen Mann um. 223 „Lieber Oskar,“ ſagte er endlich,„es thut mir wirklich leid, keine zwanzig Milreis mehr über zu haben, denn Ihre Frau Mutter hat in der letzten Zeit ſo bedeutend auf mich gezogen, daß ich— daß ich wirklich das wenige mir noch Ge⸗ bliebene zuſammenhalten muß.“ „S— o?“ ſagte Oskar gedehnt und ſah von Pulteleben an. „Ueberhaupt,“ fuhr dieſer fort,„müſſen Sie in den letzten Tagen mehrere recht hübſche Ein⸗ nahmen gehabt haben, denn ich ſehe, daß ſich die Cigarrenkiſten da unten auffallend vermin⸗ dern.“ „Da fragen Sie meine Mutter,“ rief der junge Burſche, die beſorgt das; ich habe mit Müh' und Noth tauſend Stück für mich gerettet.“ „Gerettet?— hm!“ „Alſo Sie haben Nichts?“ „Im Augenblick wirklich nicht. Zu was brau⸗ chen Sie's denn?“ „Na, wiſſen Sie,“ ſagte Oskar,„wenn Sie Nichts haben, kann Ihnen das auch einerlei ſein. — Guten Morgen!“ Und damit verließ er das Zimmer und warf die Thür hinter ſich in's Schloß. „Weiter fehlte mir gar Nichts,“ brummte von Pulteleben, riegelte hinter ihm zu und be⸗ 224 gann dann mit äußerſter Sorgfalt ſeine Toilette zu machen. Selbſt den ſchwarzen Frack bürſtete er ſehr ſorgfältig aus, ſeufzte über einige Motten⸗ löcher, die ihm hineingefreſſen waren, klingelte dann, und als Dorothea heraufkam, ließ er ſich bei der Frau Gräfin melden,„da er etwas Wich⸗ — tiges mit ihr zu ſprechen habe.“ Das Mädchen kam nach einiger Zeit zurück und berichtete, es würde der Frau Gräfin ſehr angenehm ſein, und von Pulteleben ſtieg jetzt ge⸗ nau mit dem nämlichen Gefühl die Treppe hinab, als ob in der erſten Etage ein Zahnarzt wohne, unter deſſen Händen er ſich einer ſehr gefürchteten Operation unterwerfen wolle. Die„Frau Gräfin“— wir müſſen ſie doch jetzt ſchon ſo fort nennen, da ja von Pulteleben auch keine Ahnung vom Gegentheil hatte— ſaß in voller Toilette auf ihrem Sopha, denn auch ſie war eben im Begriff geweſen auszugehen und einen Beſuch bei Rohrlands zu machen. Immer wiederholte ſie dieſe Beſuche, in der ſteten Hoff⸗ nung Helenen dort einmal allein treffen und ſprechen zu können, und immer wich ihr Helene aus, ja, ſchloß ſich ſogar ein, wenn ſie es er⸗ zwingen wollte. 5 — „Sie haben gewünſcht mich zu ſprechen, Herr von Pulteleben?“ „Ja— Frau Gräfin,“ ſagte der junge Mann, mit dem Hut in der Hand und ſich verlegen nach einem Stuhl umſehend—„ich— und ich bin Ihnen ſehr dankbar dafür, daß Sie....“ „Und mit was kann ich Ihnen dienen? Bitte, nehmen Sie Platz,“ ſagte die Gräfin. „Sie erlauben— ja, Frau Gräfin— Sie können ſich doch wohl denken,“ ſprang von Pulte⸗ leben verzweifelt gleich mitten in die Frage hinein, „daß mir der jetzige Zuſtand— die Vernachläſ⸗ ſigung meiner— Ihrer Fräulein Tochter, der Comteſſe, unerträglich werden muß, und ich habe mir Tag und Nacht den Kopf darüber zerquält, was die Veranlaſſung dazu geweſen ſein könnte. Wenn— wenn Sie mich nur über Eines be⸗ ruhigen möchten.“ „Und das wäre?“ „Der Brief,“ ſagte von Pulteleben entſchloſſen. „Welcher Brief!“ fuhr die Frau Gräfin auf und ſchoß einen mißtrauiſchen Blick nach ihrem vis-à-vis. Hatte Helene etwa ihr Geheimniß ver⸗ rathen? Aber von Pulteleben verſcheuchte bald dieſe Befürchtung. 8 „Der Brief, den die junge Dame an jenem Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. III. 15 226 Abend aus Ihrem Zimmer brachte,“ ſagte er entſchloſſen,„denn von jenem Augenblick an datirt ſich die mir ſo ungünſtige Veränderung, und ich kann in der That jetzt nicht anders glauben, als daß irgend eine mir böswillig geſinnte Hand darin Nachrichten über mich gegeben hat, die zu wider⸗ legen mir wahrſcheinlich ein Leichtes ſein würde, wenn ich— nur eben wüßte worauf ſie baſirten.“ „Beruhigen Sie ſich darüber,“ erwiederte die Gräfin, der damit ein Stein vom Herzen fiel;„der Brief hatte nicht das Geringſte mit Ihnen zu thun und betraf in der That auch nur gleichgültige Gegenſtände. Meine Tochter benutzte das nur als Vorwand. Sein Sie verſichert, daß von Ihnen nie auf ungünſtige Weiſe die Rede geweſen iſt, und ich hoffe ſelbſt jetzt noch Helene zu beſtim⸗ men, ihre Meinung zu ändern. Laſſen Sie uns die Sache nur ruhig abwarten und Nichts über⸗ eilen. Wir müſſen im Gegentheil unſer in der letzten Zeit ſehr vernachläſſigtes Geſchäft wieder mit friſchen Kräften in die Hand nehmen und ich bin dann überzeugt....“ „Entſchuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche,“ ſagte von Pultelehen, den ſchon bei Erwähnung des„Geſchäfts“ ein eigenes Grauen beſchlich; wußte er doch jetzt, daß ſich das Ganze allein dar⸗ 227 auf beſchränkte, zu einem ihm vollkommen räth⸗ ſelhaften Betrieb nur fortwährend friſche Summen aus ihm herauszudrücken. Selbſt die Ausſicht auf die für das Rittergut zu erwartenden Gelder hatte bei ihm den Zauber eingebüßt, der ſie ſon ver⸗ klärte.—„Ich für meine Perſon ſetze nicht mehr die geringſte Hoffnung auf die Comteſſe, denn— wie groß auch meine Liebe für ſie war und iſt, darf ich doch nicht daran denken, mich ihr aufzu⸗ dringen, und jedem weiteren Schritt von meiner Seite ließe ſich kein anderer Name geben.“ „Aber, lieber Pulteleben!“ „Deshalb,“ fuhr aber der junge Mann un⸗ beirrt fort,„bin ich auch feſt entſchloſſen, mich— von dem Geſchäft zurückzuziehen, da ich— doch auch nachgerade anfange einzuſehen, daß ich einer ſolchen Arbeit nicht gewachſen bin, und Oskar— ſich entſchieden weigert, mir darin beizuſtehen.“ „Aber das wird ſich Alles reguliren,“ ſuchte ihn die Gräfin zu beſchwichtigen;„wir müſſen nur nicht verlangen, daß wir mit einem Mal Schätze ſammeln wollen. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß wir mit dem neuen Tabak....“ „Ich bin feſt entſchloſſen, für meine Rechnung keinen Tabak mehr zu kaufen,“ ſagte der zur Verzweiflung Getriebene.„Wollen Sie es auf 15 228 eigene Rechnung fortführen, ſo wünſche ich Ihnen alles Glück und allen Segen dabei, Frau Gräfin, aber ich bitte Sie ernſtlich, mich von dieſem Au⸗ genblick an von jedem Betrieb deſſelben zu dis⸗ penſiren.“ „So?“ ſagte jetzt die Frau Gräfin, die wohl fühlte, daß die Bande gelockert, ja, vielleicht ſchon gelöſt waren, die den jungen, ſchüchternen Men⸗ ſchen bis dahin an ſie gefeſſelt gehalten, indem ſie zu ihrer letzten Waffe griff, denn ſagte ſich He⸗ lene jetzt vollſtändig von ihr los, von was ſollte ſie dann mit ihrem Sohn leben?—„und das ſind Sie im Stande mir in's Geſicht zu ſagen? Das halten Sie jetzt für gut und nützlich, nachdem Sie mich erſt, eine arme Frau, die von Geſchäften gar Nichts verſtehen kann, verleitet haben, meine ganzen Exiſtenzmittel in ein ſolches Unternehmen zu ſtecken?“ „Aber, Frau Gräfin!“ rief von Pulteleben wirklich entſetzt, denn auf dieſe Anſchuldigung war er nicht gefaßt geweſen. „Iſt das männlich, iſt das ſelbſt nur ehrlich gehandelt?“ fuhr die Frau fort, die wieder Boden zu fühlen glaubte.—„Ich habe mein ganzes Vertrauen auf Sie geſtellt gehabt, junger Mann, ich ſah, daß ich es mit einem braven, rechtlichen — Menſchen zu thun hatte, und überließ Ihnen ohne Rückhalt Alles, und jetzt wollen Sie, wo einmal eine flüchtige Wolke vor die Sonne tritt, muthlos und feig die Flinte in's Korn werfen und mich im Stich, mich allein mit allen übernommenen Verbindlichkeiten laſſen? Können Sie das über's Herz bringen, dürfen Sie das? Nein, ich ſehe, daß Sie den unüberlegten Schritt ſchon bitter be⸗ reuen; ich trage Ihnen auch keinen Groll deshalb nach, Arno— ich will ſogar dieſen Augenblick, der recht, recht bitter für mich war, das ſage ich Ihnen aufrichtig, vergeſſen— es ſoll nicht ein⸗ mal der Schatten deſſelben mehr zwiſchen uns liegen!“ „Frau Gräfin!“ „Keine Entſchuldigung, lieber Arno,“ ſagte die Dame, die ihre beſonderen Gründe hatte ſich auf keine Einzelnheiten einzulaſſen.„Ich gehe jetzt zu meiner Tochter Helene— in wenigen Tagen kommt außerdem der ſchon längſt erwartete Dampfer, der mir ſicher meine Briefe bringt, und — Sie werden mir noch fußfällig abbitten, daß Sie je an mir gezweifelt haben.— Werd' ich Ihnen doch beweiſen können, daß ich wirklich wie eine Mutter für Sie geſorgt!“ „Beſte Frau Gräfin!“ 230 „Es iſt ſchon gut,“ lächelte ſeine Gönnerin— „wir ſprechen heute Abend weiter darüber.— Guten Morgen, lieber Arno— guten Morgen!“ Die Frau Gräfin ſtand auf, grüßte noch ein⸗ mal freundlich mit der Hand und rauſchte dann durch die Thür die Treppe hinunter— hätte ſie aber ſehen können, was in Arno von Pulteleben's Buſen vorging, ſie hätte ihn nicht ſo raſch ver⸗ laſſen— wenigſtens jetzt noch nicht. Gerade als die Gräfin um die Ecke bog, kam Jeremias in das Haus herein und ſtieg langſam die Treppe hinauf. Herr von Pulteleben hatte ihn kommen ſehen und erwartete ihn oben. Leiſe murmelte er dabei: Ja, ich weiß ſchon: mit Hele⸗ nen ſprechen, Briefe von Deutſchland erwarten, mit den Wechſeln, die nie eintreffen!— Nein, Frau Gräfin, das zieht nicht mehr, und wenn ich da nicht Gewalt brauche, bin ich wieder ange⸗ führt!—„He— Jeremias— Jeremias! Kom⸗ mmen Sie einmal raſch herauf!“ „Nun?“ ſagte Jeremias, indem er dem Rufe Folge leiſtete,„was haben Sie denn heute ſo . Eiliges? Die Poſt geht noch nicht!“ 3„Jeremias,“ ſagte von Pulteleben, der ſich in ſichtbarer Aufregung befand,„wollen Sie— wollen Sie zwei Milreis verdienen?“ 231 „Sind Sie ein komiſcher Menſch!“ ſchmunzelte Jeremias;„können Sie mir einen vernünftigen Grund ſagen, warum nicht?“ „Wo iſt Oskar?“ „Sitzt drüben bei Buttlichs und trinkt eine Flaſche Bier.“ „Gut, dann ſchaffen Sie mir dieſes Gepäck in Bohlos' Hotel hinüber. Wenn Sie binnen jetzt und fünfzehn Minuten drüben ſind, bekommen Sie zwei Milreis; für jede Minute, die Sie es früher abmachen, lege ich Ihnen hundert Reis auf, für jede, die Sie ſpäter dorthin kommen, ziehe ich Ihnen hundert ab. Sind Sie das zu⸗ frieden?“ „Aber die Koffer ſind ja noch nicht einmal gepackt!“ „Das iſt in zwei Minuten geſchehen und zählt nicht.“ 4 „Hurrjeh!“ ſagte Jeremias, indem er aufgriff was auf den Stühlen lag, und rückſichtslos in die offenen Koffer hineinſtopfte—„mein Karren ſteht gerade unten an der Thür, in ſieben und einer halben Minute bin ich drüben.“ „Um Gottes willen, Sie zerdrücken mir ja Alles!“ rief Herr von Pulteleben, über den Eifer 232 jetzt ordentlich erſchreckt, den der kleine Burſche entwickelte. „Schad' Nichts, bügeln wir Alles wieder aus!“ „Hier die Stiefel.“ „Nehmen wir in die Hand.“ „Den Plaid.“ „Können wir oben aufſchnallen.“ „Die Hutſchachtel.“ „Schmeißen wir auf den Karren— und die Cigarrenkiſte auch.“ „Die bleibt hier.“ „Deſto beſſer— geben Sie einmal den Schlaf⸗ rock her.“ „Da klingelt noch Etwas darin.“ „Macht Nichts— werden ein paar Louisd'or ſein— können Sie drüben herauspuddeln— Einer wär' fertig!“ „Da hängt noch eine Weſte— halt, das Hand⸗ tuch bleibt auch hier.“ „Sollten Sie ſich eigentlich zum Andenken mit⸗ nehmen,“ meinte Jeremias;„Jemine, iſt das ein Vergnügen!— Sonſt noch'was?— Haarlocken vielleicht oder getrocknete Blumen?“ „Hinunter mit dem, ich mache indeſſen den andern fertig!“ Jeremias packte den einen Koffer auf, und die Dorothea ſtürzte erſchreckt aus der Küche heraus, als er damit auf der oberen Treppe ausrutſchte und ſechs oder acht Stufen mit furchtbarem Spec⸗ takel hinabpolterte. Jeremias war aber nicht der Mann, ſich bei Kleinigkeiten aufzuhalten, und ſtand im Nu wieder auf den Füßen. „Herr du meine Güte!“ rief aber Dorothea beſtürzt—„iſt denn Feuer oben?“ „Noch nicht, aber's riecht ſchon nach Rauch,“ ſagte Jeremias und war im Handumdrehen die zweite Treppe hinunter. Zehn Schritt vom Hauſe ſtand ſein Karren, den er raſch vor die Thür zog; der Koffer lag darauf und mit immer drei Stufen auf einmal lief er nach dem zweiten, den ihm Herr von Pulte⸗ leben ſchon durch die Thür entgegenzog. Wie er mit einer Maſſe kleinen Handgepäcks beladen auf die erſte Etage kam, ſtand die Dorothea da, ſchlug die Hände zuſammen und ſagte: „Aber. Herr von Pulteleben, wollen Sie denn auch fort?“ 3 „Ich— werde eine kleine Reiſe machen, Do⸗ rothea,“ ſagte der junge Mann, der ſich ſelber vor der alten Magd genirte, ſeine Flucht einzuge⸗ ſtehen;„hier— iſt Etwas für Ihre Bemühungen 234 für mich,“ und er drückte ihr dabei fünf Milreis in die Hand. „Ach, ich danke auch ſchön— das war ja gar nicht nöthig— na, da wird's aber jetzt recht ein⸗ ſam bei uns werden.“ „Guten Morgen, Dorothea!“ „Guten Morgen, Herr von Pulteleben!“ Unten an der Treppe begegnete er dem Bäckermeiſter Spenker, der eben hinauf wollte. „Ach, Sie wollen wohl verreiſen, Herr von Pulteleben, da iſt mir's ſehr lieb, daß ich Sie noch treffe.— Ich wollte meine Miethe holen. Die Frau Gräfin hat mich wieder ſo lange damit hinausgezogen.“ „Die Frau Gräfin wird den Augenblick wieder zurück ſein,“ ſagte Herr von Pulteleben—„ich habe die Caſſe nicht mehr— guten Morgen, Herr Spenker!“ „Sie haben die Caſſe nicht mehr?“ brummte der Bäckermeiſter leiſe vor ſich hin, als Herr von Pulteleben ſchon aus dem Hauſe war—„na, da bin ich wirklich neugierig, wer ſie jetzt hat. Das iſt eine Staatswirthſchaft!“ „Wollen Sie nicht lieber warten, bis die Frau Gräfin zurückkommt?“ ſchmunzelte Jeremias, als er ſein Tragband draußen umhing und ſich vor⸗ 235 ſpannte, und ſah dabei Herrn von Pulteleben mit einem höchſt komiſchen Blick von der Seite an; „würde ihr doch unendlich leid thun—“ „Sieben Minuten ſind ſchon um,“ ſagte Herr von Pulteleben, nach ſeiner Uhr ſehend. „Und in dreien bin ich drüben!“ rief Jere⸗ mias und raſſelte auch im nächſten Augenblick mit ſeinem Karren die Straße hinab, als ob er vor eine Feuerſpritze geſpannt wäre und zur Ret⸗ tung eilte. Herr von Pulteleben konnte gar nicht mit ihm Schritt halten.— ——— 10.. Graf Rottack's weitere Beſchäftigung. Durch die kleine Coloniſtenſtadt wälzte ſich ein Menſchenſchwarm, der von Minute zu Minute wuchs und gerade auf das Directionsgebäude zu hielt. Heerr von Reitſchen ſpielte eben mit dem Ba⸗ ron eine Partie Schach, als das Geſchrei und Jubeln an ſein Ohr ſchlug, und er ſprang er⸗ ſchreckt in die Höhe, denn er kannte recht gut die gegen ihn herrſchende Stimmung der Coloniſten, und hielt den Ausbruch einiger Tollköpfe gar nicht für unmöglich. Freilich wußte er aber auch, daß ſie keinen Führer hatten, und was die Maſſe auch, vielleicht gethan hätte, wenn richtig zuſammen⸗ gehalten, die Einzelnen wieder waren viel zu in⸗ 237 dolent, aus eigenem Antrieb etwas Derartiges zu beginnen. Uebrigens hatte er die bewaffnete Mannſchaft größtentheils unten in ſeinem Wohngebäude liegen, die Uebrigen waren ſeines Rufes gewärtig im Auswanderungshaus, und dieſe Macht hielt er für vollkommen genügend, ein paar unzufriedene deutſche Bauern im Zaum zu halten. Nichts deſto weniger ſprang er an's Fenſter, um zu ſehen was es gäbe, und mit dem Baron neben ſich beobachtete er die Schaar, die wunderlich geführt war, aber allem Anſchein nach doch nichts Feindſeliges gegen ihn bezweckte. „Was zum Teufel haben die Holzköpfe nur wieder, Jeorgy, daß ſie da am hellen Tag durch die Straßen brüllen? So wie man ihnen die Zügel nicht immer ſtraffer und ſtraffer zieht, wer⸗ den ſie den Augenblick wieder übermüthig. Wen, um Gottes willen! bringen ſie denn da auf einem Maulthier? Iſt der Mann nicht gebunden?“ „Wahrhaftig!“ ſagte der Baron Jeorgy, der ſein Opernglas aufgeſchraubt hatte und damit hinaus auf den Zug ſah—„das iſt der Menſch, der ſich hier eine Zeit lang herumgetrieben und dann mit ſeiner Familie die Colonie verlaſſen hat. Bux heißt er, glaub' ich, und wollte hier Vorſtel⸗ 238 lungen im Bauchreden und dergleichen geben, was ihm aber nicht glückte.“ „Und wer iſt der Reiter neben ihm?“ „Der junge Graf Rottack; wie aber die Beiden auf ſolche Art zuſammenkommen, iſt mir ein Räthſel.“ „Nun, wir werden ja gleich hören, denn augen⸗ ſcheinlich kommen ſie hierher.— Daß Ihr mir Keinen von dem Volk in's Haus laßt!“ rief er dann auf Portugieſiſch den beiden Soldaten zu, die vor ſeinem Haus ſtanden—„nur der Herr, der zu Pferd ſitzt, kommt herauf.“ Vor dem Hauſe hielt der Schwarm, der noch ununterbrochen von Hinzuſtrömenden anwuchs. Und in der That war es auch ein wunderliches Schauſpiel, denn auf dem Maulthier, das von zwei fremden Negern geführt wurde, feſtgeſchnürt, die Ellbogen außerdem noch auf dem Rücken zu⸗ ſammengebunden, ſaß bleich und blutig der ge⸗ fangene Mörder, während der junge Graf, in ſei⸗ nen zerfetzten Kleidern, Könnern's Gewehr über der Schulter, auf ſeinem Rappen daneben ſaß und zn den Umſtehenden ſprach. Endlich ſtieg der Reiter ab, gab ſein Pferd einem der Leute, der es augenblicklich in das Ho⸗ tel hinüberführte, um nur recht bald wieder zurück zu 239 ſein, und ſchritt dann langſam in das Haus. Die beiden Soldaten ließen ihn, dem Befehl gehorſam, hinein und verſtellten dann wieder die Thür— aber es wollte ihm außerdem Niemand folgen, denn er hatte ſie gebeten, ſeine Rückkunft hier draußen abzuwarten. Unten im Hauſe trieben ſich noch einige Sol⸗ daten herum, die ihn neugierig betrachteten— ſonſt war Alles leer und öde. Der junge Mann ſtieg langſam die Holztreppe hinauf, die zu dem Zimmer des Directors führte, welchem er wenige Minuten ſpäter gegenüberſtand. „Guten Abend, meine Herren!“ „Ah, guten Abend lieber Graf,“ ſagte der Baron mit etwas verlegener Freundlichkeit, wäh⸗ rend der Director nur eine ſtumme Verbeugung machte—„Parbleu! Sie ſind gut zugerichtet; wo, um Gottes willen! haben Sie nur geſteckt?“ „Draußen im Walde, Baron.— Herr Director, ich weiß nicht ob es nöthig iſt, daß ich mich Ihnen noch einmal vorſtelle?“ 1„Graf Rottack?“ ſagte der Director—„ich hatte das Vergnügen bei der Frau Gräfin.“ „Ja,“ ſagte der junge Mann, während ein ſpöttiſches Lächeln um ſeine Lippen zuckte—„bei der Frau Gräfin— doch zur Sache. Ich bringe 240 Ihnen den Mörder des Schneiders, jenen Bux, an deſſen Statt Sie den armen Köhler ſo lange unſchuldig eingeſperrt gehalten haben.“ „Und ſind Sie deſſen gewiß?“ fragte der Di⸗ rector, eben nicht angenehm überraſcht. „Hier,“ ſagte Rottack vollkommen ruhig, indem er eine Uhr und ein rothſeidenes Tuch aus der Bruſttaſche nahm,„ſind zwei Gegenſtände, welche dem Ermordeten gehört, und die wir bei ſeinem Mörder gefunden haben. Die Uhr warf er auf der Flucht von ſich und ich hob ſie ſelber auf das Tuch hatte er unter ſeinem Hemd um den Leib gebunden. Außerdem geſtand er ſchon den Mord, welchen er nur auf allerlei ausweichende Art zu entſchuldigen ſucht.“ „Hm,“ ſagte der Director, ohne die auf den Tiſch gelegten Sachen anzufaſſen—„und ſind Sie feſt überzeugt, daß Uhr wie Tuch dem Er⸗ mordeten— wie hieß er gleich, Baron?“ „Juſtus Kernbeutel.“ „Dem Juſtus Kernbeutel gehört haben?“ Rottack ſah etwas überraſcht Herrn von Reitſchen an, dann antwortete er wieder ruhig: „„Ich habe Ihnen ſchon geſagt, Herr Director, daß der Mann den Mord geſtanden hat. Außer⸗ dem haben wir beide Gegenſtände der alten Haus⸗ 241 14* hälterin des Ermordeten gezeigt, und ſie iſt er⸗ bötig, jeden Augenblick zu beſchwören, daß ſie nicht allein ſein Eigenthum waren, ſondern daß er ſie auch am Tage der That getragen hat.“ „Hm— das ſind allerdings ſehr ſtarke Be⸗ weiſe, und demnach ſcheint es,“ ſagte der Director, „als ob der Köhler nicht den Mord begangen hat— keinesfalls wenigſtens allein.“ „Außerdem,“ fuhr Rottack fort,„iſt, wie ich eben da unten höre, der Coloniſt jetzt mit vor der Thür und hat ſeinen Schwager und ſeine beiden Brüder mitgebracht, in deſſen Hauſe ſich Köhler gerade die Nacht, in welcher der Mord verübt wurde, aufgehalten. Der Mann war ſchon ein⸗ mal da, um ſeine Ausſage zu beſchwören, wurde aber nicht vorgelaſſen, und mußte wieder nach Hauſe, weil ſeine Frau ſchwer krank lag.“ „Hm— gut— ich will wünſchen daß er unſchuldig iſt,“ ſagte der Director, nach ſeiner Uhr ſehend—„doch das werden wir ja Alles bei dem Verhör herausbekommen. Ich werde gleich Auftrag geben, den gefangenen Verbrecher in Gewahrſam zu nehmen— heute iſt es doch zu ſpät noch daran zu gehen, und morgen früh um zehn Uhr erſuche ich Sie dann, ſic wieder Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. III. 242 hierher zu verfügen, um das Weitere zu er⸗ warten.“ „Herr Director,“ ſagte Rottack ſtaunend,„der arme Mann, der Köhler, hat Wochen lang un⸗ ſchuldig geſeſſen, und iſt in ſeinem Gefängniß ſo⸗ gar erkrankt; wir haben jetzt den beſtimmten Be⸗ weis, daß er unſchuldig war— wollen Sie ihn noch eine Nacht länger ohne Noth in dem Zu⸗ ſtande laſſen?“ 1 „Sie haben den Beweis, mein lieber Herr Graf,“ lächelte der Director,„aber ich habe ihn nicht eher, als bis das Verhör geſchloſſen iſt. Sie nehmen ſich überhaupt der Sache mit einem ſol⸗ chen Feuereifer an, daß Sie ſogar ganz in Ge⸗ danken bewaffnet in mein Zimmer gekommen ſind.“. „Herr Director,“ ſagte der junge Graf finſter, „der Ort wimmelt hier ſo von Bewaffneten, daß man ſich ordentlich in einem Belagerungszuſtand „glaubt, und da kann Einem etwas Derartiges wohl paſſiren. Doch das ſind Nebendinge, und im Auftrag der ſämmtlichen Coloniſten von Santa Clara erſuche ich Sie recht freundlich, das Verhör des Gefangenen jetzt gleich vorzunehmen und den Unſchuldigen ſeiner Familie wieder zu geben.“ Der Baron bog ſich zu dem Director über 243 und flüſterte ihm ein paar Worte in's Ohr. Es lag Etwas in Rottack's Auge, das ihm nicht ge⸗ fiel, und er war von je ein Mann des Friedens geweſen. „Mein lieber Baron,“ ſagte aber der Director, „es thut wir wirklich leid, aber ich kann und werde von meinen beſtimmten Geſchäftsſtunden nicht abgehen. Es iſt vier Uhr vorüber“— er ſah wieder nach der Uhr—„ja, ſogar ſchon ein Viertel auf Fünf vorbei, und es bleibt uns heute keine Zeit mehr, die Sache vorzunehmen. Wie ich Ihnen alſo geſagt habe, Herr Graf, morgen früh um zehn Uhr.“ Graf Rottack ſtand Herrn von Reitſchen gerade gegenüber— nur der Tiſch war zwiſchen ihnen— und man ſah es ihm an, wie er ſich gewaltſam zwang, ruhig zu bleiben. „Herr Director, im Namen der Menſcllichkeit bitte ich Sie, von Ihrem Grundſatz heute einmal abzugehen. Köhler muß ſeiner Familie heute wiedergegeben werden.“ „Von einem Muß, Herr Graf, kann hier gar keine Rede ſein,“ erwiederte ihm Herr von Reitſchen kalt und faſt höhniſch—„ich bitte Sie, Ihre Worte ein Wenig auf die Wage zu legen; mein letztes Wort haben Sie.“. 16* „Nun denn, beim ewigen Gott!“ rief Rottack, der ſeinen ausbrechenden Zorn nicht mehr mäßigen konnte—„dann hören Sie auch meines! Glau⸗ ben Sie denn, Sie erbärmlicher Miniatur⸗Tyrann, daß Sie hier wirthſchaften können wie Sie wol⸗ len, und mit Sclaven, anſtatt mit freien Colo⸗ niſten zu thun haben? Ich gebe Ihnen zwanzig Minuten Zeit, und hat bis dahin das Verhör nicht begonnen, dann verderbe meine Seele, wenn ich nicht an der Spitze der Schaar da unten dieſes Gaunerneſt ſtürme und Sie höchſteigenhändig aus dem Fenſter werfe!“ „Herr Graf!“ rief der Director erſchreckt und trat an's Fenſter. „Lieber, beſter Graf!“ bat der Baron. „Zum Teufel mit Ihrem Grafen!“ rief der junge Mann außer ſich.„Soll Einem die Galle nicht überlaufen, wenn man da eine ſolche bleiche Canaille alle Menſchenrechte mit Füßen treten ſieht! Ha, ſehen Sie ſich nach Ihren Soldaten um— glauben Sie, der Schwarm hohläugiger, in Mark und Saft verdorbener Braſilianer könnte einem einzigen Anprall unſerer deutſchen Bauern widerſtehen? Iſt das der ganze Schutz den Sie haben, und mit dem hatten Sie die Frechheit, hier aufzutreten wie Sie aufgetreten ſind? Hier, meine 245 Uhr zeigt auf fünf Minuten vor halb— hat um drei Viertel das Verhör nicht begonnen, dann ſind Sie jetzt gewarnt. Das Blockhaus, in dem Köhler ſitzt, wird mit dem Schlag drei Viertel über den Haufen geworfen, und fällt ein einziger Schuß von Ihrer Schaar, ſo ſtürmen wir das Neſt hier, und daß Sie ſchneller hinausfliegen als Sie hereingekommen ſind, dafür bürgt Ihnen mein Ehrenwort— alſo auf Wiederſehen!“ und mit den Worten ſtürmte er hinaus, die Treppe hinunter und unbeläſtigt von den Wachtpoſten, die mit Staunen den Lärm da oben gehört hatten, unter die vor dem Hauſe verſammelten Co⸗ loniſten. Die Erbitterung gegen den Director hatte aber in der ganzen Colonie ſchon einen ſolchen Grad erreicht, daß es wirklich nur noch des zün⸗ denden Funkens bedurfte, den jetzt der junge, wüthende Graf unter ſie brachte, um zu explo⸗ diren. Kaum hatte er ihnen unten zugerufen, was der Director beabſichtige und was er ihm zugeſchworen, als die jungen Burſchen nach allen Richtungen auseinander ſtoben, und kaum zehn Minuten ſpäter mit Gewehren, Heugabeln, Senſen, Dreſchflegeln und allen möglichen anderen, zu Waffen zu verwendenden Dingen angeſprungen kamen. Der Director war indeſſen faſt ſprachlos vor ohnmächtiger Wuth in ſeinem Zimmer auf und ab gelaufen, und ſein eigenes Gewehr von der Wand reißend, ſchwor er, daß er die Bande wolle zuſammenſchießen laſſen, und wenn er ſelber dabei zu Grunde ginge. Der Baron aber ſah weiter: Brach hier im Ort eine Revolution aus, ſo warfen ſich die„Demokraten“ allerdings zuerſt auf das Directionsgebäude— und er ſelber hatte nur ge⸗ ringes Vertrauen zu den braſilianiſchen Soldaten. Dann aber mußte ſich die Wuth, ihr erſtes Ziel erreicht, im natürlichen Lauf der Dinge gegen die übrige Ariſtokratie wenden, und daß er ſelber nicht übermäßig im Ort beliebt war, wußte er eben ſo gut. Aus innerſtem Herzen heraus bat er des⸗ halb den Director— nur um Blutvergießen zu vermeiden—, der Gewalt nachzugeben eine ſpä⸗ tere Unterſuchung ſollte dann ſchon die Schuldigen beſtrafen und beſonders den Rädelsführer treffen. Er war Zeuge, und der Director konnte in allen Fällen auf ihn rechnen— wozu jetzt Alles auf Eine Karte ſetzen, während noch dazu die Chancen des Spieles gegen ihn waren. Der Director ſah aus dem Fenſter— unten 247 wogte und tobte es— mehr als dreihundert Männer im Hemdsärmeln, ihre Gewehre und andere Waffen im Arm, ſammelten ſich dort um * den Grafen Rottack, der mit der Uhr in der Hand zwiſchen ihnen ſtand. Der Director ſah nach ſeiner eigenen Uhr— es fehlten noch fünf Mi⸗ nuten an drei Viertel.— Die Soldaten im Hauſe hatten ſich vor der drohenden Bewegung geſam⸗ melt, und der Unterofficier ſteckte jetzt ganz ver⸗ blüfft den Kopf in die Thür und fragte, welche Befehle der Herr Director gäbe. Es war den Blaujacken da unten auch nicht wohl geworden, denn einem einzelnen hülfloſen Coloniſten gegen⸗ über hatten ſie Muth genug gezeigt, heute aber ſah es beinahe aus, als ob ſich das Spiel um⸗ drehen ſolle, und die kleine Schaar hatte eigent⸗ lich ſchon unter ſich einen Plan gemacht, wenn die Sache bös abliefe, in geſchloſſenem Trupp nach den Booten zu fliehen und den Fluß hinab⸗ zugehen. Der Director lief noch immer im Zimmer auf und ab. „Sie weichen ja nur der Uebermacht— der rohen Gewalt,“ ſagte der Baron—„kein Menſch in der Welt kann Ihnen darüber einen Vorwurf machen, und die Regierung wird Ihre Mäßigung 2458 lobend anerkennen.— Nachher kommen wir wie⸗ der oben auf, und wenn Sie dann Ihren Vor⸗ heil benutzen, kann Sie ebenfalls kein Menſch deshalb tadeln.“ „Gut— ſo will ich Ihrem Rathe folgen,“ ſagte der Director endlich— es fehlten nur noch zwei Minuten an drei Viertel.—„Nehmt zwei Mann, Unterofficier, geht augenblicklich in's Gefängniß und holt den dort ſitzenden Deutſchen her.“ „Aber die Leute draußen,“ ſagte der Soldat mit eben nicht ſehr großer Zuverſicht—„ſie ſchreien und toben und ſind Alle gut bewaffnet.“ „Ihr habt Nichts zu fürchten,“ ſagte der Di⸗ rector mit finſterem Blick—„geht direct auf den Schwarm zu und bittet den Herrn, der eben oben bei mir war, augenblicklich ſeine Zeugen zu⸗ ſammenzurufen und mit ihnen heraufzukommen. Nun, was ſteht Ihr noch da und ſperrt das Maul auf?— Raſch, die Zeit vergeht!“ „Zu Befehl, Herr Director,“ ſagte der Soldat, drehte ſich auf dem Abſatz herum und ſtieg hin⸗ unter, den Befehl auszuführen. Gerade als er mit den zwei Mann das Haus verließ, wies der Zeiger auf drei Viertel; aber Graf Rottack hatte die Boten ſchon bemerkt und erwartete ſie. Es 249 bedurfte jetzt aber auch ſeiner Autorität, die Co⸗ loniſten abzuhalten, daß ſie den Soldaten nicht ihren Auftrag abnahmen und den Gefangenen ſelber befreiten. Sie waren einmal warm ge⸗ worden und hätten nun auch gern eine kleine Be⸗ ſchäftigung gehabt. Rottack rief alle nöthigen Zeugen zuſammen; Bux wurde vom Maulthier gehoben und der Obhut einiger Coloniſten übergeben— man traute den Soldaten noch nicht, bis Köhler wirklich frei⸗ geſprochen war. Juſtus' Wirthſchafterin mußte dann ebenfalls herbei, und um das Directions⸗ haus gruppirte ſich jetzt die wilde, maleriſche Schaar, um den Erfolg, den ſie Alle vorher wußten, abzuwarten. Rottack hatte indeſſen ſtrengen Befehl gegeben, daß Niemand die Soldaten beläſtige, die Köhler aus ſeinem Gefängniß brachten, Niemand ſogar mit ihm ſprechen ſolle, um jede Unregelmäßig⸗ keit zu vermeiden. Das aber konnte er nicht verhindern, daß ein allgemeines Hurrah! aus⸗ brach, als die Schaar zum erſten Mal wieder ihres Kameraden anſichtig wurde— und wie bleich und elend war er in der kurzen Zeit geworden, die man ihn hier feſtgehalten! 250 Wunderbar ſchnell ging aber Alles von Stat⸗ ten. Köhler behielt kaum Zeit, ſeinen Freunden zuzunicken und zu winken, ſo fand er ſich ſchon im Directionsgebäude dem wirklichen Mörder gegenüber, und hier zeigte ſich ein Verhör nicht einmal nöthig. Es war weiter Nichts als die Abnahme eines Geſtändniſſes von Bux' Seite, der, durch den Aufruhr um ſich her vollkommen ein⸗ geſchüchtert, bei der erſten Frage an ihn auf die Kniee fiel, Alles bis zu den kleinſten Einzelheiten geſtand und nur um Gnade und Barmherzigkeit — nur um ſein Leben flehte. Jeremias mußte auch noch her— er ſtand ſchon vor der Thür— und die einzelnen Data beſtätigen, was er mit klaren, einfachen Worten that. Dabei fragte ihn der Director, woher er das viele Geld habe, worauf Jeremias aber trocken erwiederte: „Das geht Niemanden'was an.— Wenn ich einmal vor Gericht ſtehe, können Sie wieder da⸗ nach fragen,“ und damit ſchob er ſeine Hände in die Taſchen und ging hinaus. Bux wurde in das Gefängniß abgeführt, das Köhler bis dahin inne gehabt, und letzterer war frei. Nur als ſich die Zeugen mit dem Freige⸗ 251 ſprochenen wandten, um das Haus zu verlaſſen, ſagte der Director: „Dieſe Sache iſt jetzt beendet, Herr Graf, aber für Ihr Betragen, dem Geſetz gegenüber, werde ich Sie Noch beſonders verantwortlich machen.“ „Ich ſtehe Ihnen in jeder Hinſicht zu Dienſten, Herr von Reitſchen,“ ſagte der junge Mann, warf dem Herrn einen letzten Blick zu und verließ mit Köhler das Haus. Und der Jubel, der jetzt da unten losbrach! Durch die Menge drängte ſich eine Frau, ein Kind auf dem Arm. „Hans! Hans!“ ſchrie ſie—„wo biſt Du?“ „Hier!— Trine— Trine!“ und die beiden Gatten lagen ſich in den Armen und die Frau ſchluchzte, als ob ihr das Herz brechen müſſe vor Freude und Seligkeit. „Und der hat mich frei gemacht,“ ſagte da Hans, als ſie ſich nur ein klein Wenig geſammelt, und zeigte auf Rottack. „Und dafür bekomme ich auch einen Kuß,“ lachte dieſer. „Zehn— zehn!“ rief die Frau unter Thränen jubelnd, flog an Rottack's Hals und küßte den jungen Mann herzhaft ab. 252 Der Baron von Reitſchen ſtand oben am Fenſter— Rottack ſah ihn, nahm ſeinen Hut ab, grüßte hinauf und ging dann lachand die Straße hinunter. 11. Abſchiednehmen. Das war ein Jubel in der Colonie, wie er ſeit langer Zeit nicht ſtattgefunden, und heute Abend dazu von keiner Polizeiſtunde die Rede, denn die Soldaten hüteten ſich wohl, ſich auf der Straße blicken zu laſſen. Das Volk hatte die Waffen in der Hand und trug Rottack faſt auf Händen, daß er ihnen endlich den Weg gezeigt, das läſtig ge⸗ wordene und unerträgliche Joch abzuwerfen. Aber keine Unordnung fiel vor, auch ſelber nicht die nächſten Tage. Jeder ging am andern Morgen ſeinen gewohnten Geſchäften nach. Es war or⸗ deentlich, als ob ſie ſich das Wort gegeben hätten, dem Director zu beweiſen, daß ſie eben nicht durch 254 Militär in Banden brauchten gehalten zu werden, um doch zu wiſſen, was Recht oder Unrecht ſei. Zwei Tage ſpäter traf Könnern mit Eliſen ein, ddie er in der Familie des Bäckermeiſters Spenker, † den er früher kennen gelernt hatte, unterbrachte. Aber Eliſe ſollte nicht mehr allein ſtehen auf der Welt. Das Hinderniß, welches zwiſchen ihrer Liebe ſtand— die Pflicht, für den Vater zu ſorgen, war von ihr genommen, und die nächſte Zeit dazu beſtimmt, ſie mit dem Geliebten zu verbinden. Selbſt die Trauer durfte die Zeit nicht hinaus⸗ ſchieben, denn ſie ſtand allein und freundlos in der Welt und konnte ja nur als ſeine Gattin dem geliebten Manne folgen. Etwas über eine Woche verging aber doch noch mit den Vorbereitungen, während ſich in der Co⸗ lonie nicht das Geringſte veränderte. Der Di⸗ rector brütete Rache, und ſein Grimm wuchs von Tag zu Tag, je deutlicher er ſah, wie vollkommen machtlos er jetzt den Coloniſten, trotz ſeiner Waf⸗ fenmacht, entgegen ſtand. Die Coloniſten ſelber aber kümmerten ſich gar nicht um ihn, gingen ihren Geſchäften nach und ließen ihn ruhig mit dem Baron über ſeinen finſteren Vergeltungsplänen 3 grübeln und berathen. 4 Da wurde, an demſelben Morgen, an welchem 255 die Trauung der jungen Leute feſtgeſetzt worden, zuerſt ein Dampfer vom Norden und dann ein anderer vom Süden ſignaliſirt, und Herr von Reitſchen jubelte. Jetzt wurde ihm Hülfe, jetzt konnte er die erlittene Schmach faſt auf friſcher That rächen, und augenblicklich ſetzte er ſich in ein Boot und ruderte mit vier. Soldaten den Strom hinab.** Den Coloniſten flößte er aber trotzdem keine Beſorgniß ein, denn ein anderer Geiſt war in ſie gefahren. Außerdem hatte die Mehrzahl der an⸗ geſeſſenen Bürger eine Beſchwerdeſchrift nach Rio aufgeſetzt, die jetzt an die Regierung abgehen ſollte. Sie durften doch erwarten, daß ſie gegen die Willkür eines einzelnen Mannes geſchützt wurden, und ſich ihr Recht nicht ſelber zu holen brauch⸗ ten; erſtaunten aber doch, als ihr Herr Director ſchon gegen drei Uhr, und zwar allein, zurückkehrte, raſch in das Directionsgebäude ging und ſich dort einſchloß. Was war da vorgefallen? In der That hörten ſie bald darauf, daß er unterwegs einem andern Boote des nördlichen Dampfer begegnet ſei, der Depeſchen für ihn über⸗ brachte. Dieſe hatte er ſogleich erbrochen und war dann auf der Stelle umgekehrt. Freilich ſagte er Niemandem, welche unerwar⸗ 8 256 tete Nachricht er da unten bekommen, aber wie ein Lauffeuer zuckte das Gerücht durch die ganze Colonie: Sarno kehrt zurück und der„neue Di⸗ rector“ iſt abberufen. Niemand wollte es trotzdem im Anfang glauben, denn die Nachricht klang zu gut, als daß ſie wahr ſein konnte. Immer wieder aber kam neue Beſtätigung. Ein Coloniſt, der von unten mit ſeiner Jölle eintraf, behauptete ſogar: Sarno ſei dicht hinter ihm in des Dam⸗ pfers Boot. Dem Baron war das Nämliche zu Ohren ge⸗ kommen, und er lief beſtürzt zu Herrn von Reitſchen hinüber. Der Director war aber für Niemanden zu ſprechen, und die Soldaten, die ihm ebenfalls keine Rede ſtanden, packten ſtumm und ſchweigend ihre Torniſter. Dem Baron war genau ſo zu Muthe, als ob er ebenfalls packen müſſe. Die Trauung war vorüber— ein recht weh⸗ müthiger Act, da ſich für die arme Braut ſo viele ſchmerzende Erinnerungen daran knüpften, und doch auch wieder, wie dankbar war ſie Gott, daß er ihr gerade in der Stunde ihrer größten Noth den lieben Beſchützer, und ihrem ſterbenden Vater den letzten Troſt gegeben hatte! Rohrlands, die Tochter des Meiſters Spenker und Rottack waren Trauungszeugen geweſen; Je⸗ remias ſtolzirte ebenfalls mit einem rieſigen Blu⸗ menbouquet vorn im Knopfloche einher, und eigent⸗ lich hatte das junge Paar ſchon am nächſten Morgen die Colonie auf einem Segelſchiff verlaſſen wollen. Da ſich jetzt aber weit bequemere Gelegenheit mit einem der Dampfer nach Santa Catharina oder Rio bot, ſollte dieſe benutzt werden, und Rottack, der ſie begleiten wollte, hatte es übernommen, die Paſſage unten für ſie auszumachen. Da begegnete ihnen, gerade als ſie aus der Kirche kamen, ein Coloniſt und erzählte ihnen mit freudeſtrahlendem Geſicht, daß Sarno eben ge⸗ landet ſei und Herr von Reitſchen ſeinen unmittel⸗ baren Abſchied erhalten hätte. Es war in der That ſo. Als Könnern mit ſeiner jungen Frau zum Fluß hinab eilte, um den Freund zu begrüßen, kam ihnen ſchon ein fröhlich wogender Menſchenſchwarm entgegen, und wenige Minuten ſpäter lagen ſich die Freunde in den Armen. „Sarno, mein lieber, guter Sarno, Sie zu⸗ rück?“ „Ja, lieber Freund,“ lächelte der Mann etwas verlegen.„Ich wollte eigentlich nicht, denn ich hatte das Dirigiren recht von Herzen ſatt be⸗ kommen, aber wie mir ſo von allen Seiten zu⸗ Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. III. 17 258 geredet wurde, ich mir zuletzt ſagen mußte, daß ich mit gutem Willen doch hier vielleicht noch Gutes wirken könne, und der Miniſter auch in der That nicht gleich eine andere paſſende Per⸗ ſönlichkeit hatte, ſo— entſchloß ich mich zuletzt, bis auf Widerruf wenigſtens. Eigentlich iſt aber hauptſächlich der Herr da an meiner Sinnes⸗ änderung ſchuld.“ Er deutete dabei mit dem Arm nach rechts hinüber, und als Könnern der Richtung mit dem Blick folgte, kief er erſtaunt, faſt erſchreckt aus: „Günther! Sie wieder in der Colonie 2* „Großer Gott!“ ſeufzte Eliſe und deckte das Antlitz mit den Händen. Günther ſtand ſchweigend vor ihnen; er ſah bleich und ernſt und angegriffen aus, und ſein Blick ruhte mitleidig auf der jungen Frau. Endlich trat er zu ihr, und ihr Haupt zwiſchen ſeine Hände nehmend, küßte er ſie leiſe auf die Stirn und ſagte freundlich: „Gott ſegne Sie, liebes Kind, und gebe Ihnen an Ihres braven Gatten Seite den Frieden, den Sie ſo lange entbehren mußten.“ „Wo iſt er?“ rief Rottack, der noch zurück⸗ geblieben war, hinter der Gruppe—„Günther ⸗— Menſch, wo kommſt Du her?“ und im nächſten 259 Augenblick lag er in ſeinen Armen— aber raſch richtete er ſich wieder empor. Ein einziger Blick auf den Freund hatte ihm verrathen, daß nicht Alles ſo mit ihm ſei wie es ſolle—„was iſt ge⸗ ſchehen, Günther?“ rief er, ihn auf Armes Länge von ſich drückend—„Du ſiehſt blaß und elend aus— warſt Du krank?“ „Ja,“ ſagte Günther leiſe—„recht krank— aber es geht wieder beſſer und ich— will mich hier in der Colonie noch ein Wenig erholen, ehe ich die Heimreiſe antrete.“ Rottack ſah ihn forſchend an, aber Günther drückte ihm die Hand, die er noch gefaßt hielt, und ſagte lächelnd: 3 „Aber jetzt, glaub' ich, iſt es Zeit, daß wir zu Tiſch gehen; Jeremias hat mir wenigſtens ſchon gemeldet, daß Alles bereit bei Bohlos ſei, und ſelbſt die vermehrten Gäſte keinen weſent⸗ lichen Unterſchied machen würden. Darf ich die junge Frau zur Tafel führen, Könnern?“ „Mein lieber— lieber Günther!“ „Schon gut, ich werde meinem Amte Ehre machen— und nun vorwärts!“ Mit dem Vorwärts ging es aber nicht ſo raſch, denn der Ruf, daß Sarno wieder zurück ſei und wieder bei ihnen bleiben würde, hatte die Colo⸗ 17* 260 niſten in Maſſe aus den Häuſern gejagt. Manche waren wohl früher nicht mit Allem einverſtanden geweſen, was er gethan, denn ein ſolche Schaar deutſcher Coloniſten gleichmäßig zufrieden zu ſtellen, wäre überhaupt ein Kunſtſtück. Das neue Directorium hatte ihnen aber erſt gezeigt, was ſie eigentlich an Sarno verloren, der ſtets rechtlich und gerecht an ihnen gehandelt, und die Freude ihn wieder zu haben, war deſto größer. Man drängte um ihn her, Jeder wollte ihm die Hand ſchütteln und ihm ſagen, wie ſehr es ihn freue, daß er wieder da ſei, und mit allen den Begrüßungen kam der Mann faſt gar nicht zu Tiſch. Endlich machte er ſich aber doch los, und jetzt gingen die Coloniſten daran, auch äußer⸗ lich ihre Freude auszudrücken. Alle möglichen und unmöglichen Fahnen, be⸗ ſonders deutſche und braſilianiſche, wurden vor⸗ geſucht, und wo keine da waren, raſch ein Bett⸗ tuch genommen und irgend ein rother, blauer oder grüner Streifen aufgeſetzt. In kaum einer Stunde wehte die ganze kleine Coloniſtenſtadt voller Flaggen, waren faſt alle Fenſter mit Blumen und Guir⸗ landen geſchmückt, alle Menſchen in ihrem Sonn⸗ tagsſtaat— und Jeremias ſchien der Nerv dieſer ganzen Bewegung. — — 261 Nach und nach kam denn auch die Urſache dieſer Wirkung zu Tage, welche die Colonie faſt ausſchließlich Günther zu verdanken hatte. Von Santa Catharina aus hatte dieſer ſchon an den Miniſter des Innern ſeinen Bericht über das Treiben der Frau Präſidentin gemacht, wie der Präſident fortwährend leidend ſei und die Frau einen Schwarm von Geſindel anſtelle, der nicht allein die Entrüſtung jedes braven Mannes, Deutſchen wie Braſilianers, errege, ſondern auch den Beſtand der Colonien zu gefährden drohe. Er hatte dabei nicht unterlaſſen, Sarno's Wirk⸗ ſamkeit in Santa Clara und die Art und Weiſe zu ſchildern, mit der jetzt auf das Willkürlichſte über ihn verfügt werden ſollte. Das war vorausgegangen, und als er nun ſelber nach Rio kam und dem Miniſter eine Menge neuerer Daten geben konnte, während dieſer in⸗ deſſen Zeit gehabt, ſeine eigenen Erkundigungen einzuziehen, war ein Beſchluß zum Beſſern bald gefaßt. Es ſtellte ſich jetzt heraus, daß die Ab⸗ berufung Sarno's in vollkommen ungerechtfertigter Weiſe geſchehen ſei. Außerdem hatte der Miniſter noch viel mehr über die Wirkſamkeit der Frau Präſidentin erfahren, als Günther ſelber wußte. Der ſehr leidende Zuſtand des ſonſt tüchtigen Prä⸗ 262 ſidenten machte da eine Verbeſſerung des Geſche⸗ henen möglich. Der Präſident ſelber wurde pen⸗ ſionirt, Herr von Reitſchen aber, der Director von Santa Clara, einfach ſeines Dienſtes entlaſſen und die Maßregel noch durch eine Rüge, ſeines willkürlichen Verfahrens wegen, verſchärft. Eben ſo rief dieſe Ordre auch die Soldaten wieder aus der Colonie, in der ſie der Regierung nicht nöthig ſchienen, und der Dampfer, der dieſe Nachricht und zugleich Sarno und Günther wieder mit nach Santa Clara brachte, hatte Befehl, den Di⸗ rector von Reitſchen mit dem Militär nach Santa Catharina zu führen, von wo es dem Erſteren frei ſtand, einen andern ihm paſſenden Weg zu nehmen. Der andere Dampfer brachte die Poſt von Rio Grande, und ging von hier nach Rio de Janeiro hinauf. Herrn von Reitſchen lag jetzt die höchſt un⸗ angenehme Pflicht ob, dem Manne, den er vorher verdrängt hatte, ſeine Papiere wieder zu über⸗ geben und überhaupt die ganze Macht in ſeine Hände zu legen. Er entzog ſich dem aber. Er hatte vollkommen genug gehabt an den Ovationen, die man ſeinem Nachfolger unter ſeinen Augen brachte; er mußte ſogar noch die ganze Nacht die Ständchen, Jubelrufe und Hurrahs hören, die 263 nie verſäumten in der Nähe des Directionsgebäu⸗ des mit friſcher Kraft auszubrechen. Das war ihm doch ein wenig zu ſtark. Ohne ſelbſt von ſeinem alten Freund, dem Baron, Abſchied zu nehmen, der durch dieſe Vernachläſſigung der Form nur noch mehr niedergedrückt wurde— übergab er das ganze Directionsweſen ſeinem Schreiber, der ihm nach erfolgter Uebergabe folgen konnte, und ſchiffte ſich, etwa eine Stunde vor Tag, auf dem ſchon zu dem Zweck heraufbeorderten Boote des Dampfers ein. Die Soldaten mußten ihn ebenfalls begleiten, denn trotz der frühen Stunde fürchtete er immer noch eine feindliche Demon⸗ ſtration von Seiten der Coloniſten. Man achtete aber gar nicht auf ihn; Herr von Reitſchen ver⸗ ſchwand ſpurlos aus der Colonie, und als die Sonne aufging, war der Platz geräumt. Auf dieſen Tag war auch die Abreiſe der von hier nach dem Norden gehenden Paſſagiere feſt⸗ geſetzt, denn der Dampfer wollte den Nachmittag die Mündung verlaſſen. Es waren Könnern mit ſeiner jungen Frau und Graf Rottack, der ſich entſchloſſen hatte nach Rio, ja, vielleicht mit Kön⸗ nerns nach Deutſchland zurückzukehren. Eigentlich hatten die Paſſagiere ſchon zu Mittag an Bord gehen wollen, es war aber noch Etwas 264 an der Maſchine zu repariren und der Dampfer der unterwegs ſchlechtes Wetter gehabt, gründlich zu reinigen. Die Abreiſe verzögerte ſich deshalb um einige Stunden. Die kleine Geſellſchaft ſaß noch in Bohlos' Hotel, während das Gepäck ſchon unter Jeremias' Obhut an die Landung geſchafft war. Rottack ſtand in der Thür, hatte eben zugeſehen wie Bux vorbeigeführt wurde, um nach Santa Catharina transportirt zu werden, und ſprach mit dem Bruder von Köhler's Frau, der eben von der Chagra herunterkam und nicht genug erzählen konnte, wie glücklich die jungen Leute ſeien, als Günther an ihm vorbeikam, ſeinen Arm ergriff und ihn langſam mit ſich die Straße hinunter führte. „Aber ſage mir nur, was haſt Du, Günther 24* fragte der junge Mann, indem er den Arm, den er in dem ſeinen hielt, herzlich drückte.„Eine traurige Veränderung iſt mit Dir vorgegangen, ſeit wir uns nicht geſehen; Du ſiehſt bleich und elend aus und— das Schlimmſte— es hat ſich ein Ausdruck von recht tiefem Schmerz in Dein ſonſt ſo freundliches Antlitz eingeniſtet. Weshalb biſt Du nicht nach Deutſchland— nach Thüringen 285 zurück? Du warſt ſo glücklich in dem Gedanken an die Heimath!“ Sie waren an Rohrland's Haus vorbeigegan⸗ gen und betraten hier ein Terrain, auf dem Büſche und junge Palmen luſtig aufgewuchert waren; nur die frei gehaltene Straße zog ſich hindurch. „Felix,“ ſagte Günther leiſe, ohne den Freund anzuſehen,„erinnerſt Du Dich jenes Morgens, als ich Dich am Strand bei jener Chagra traf?“ „Als ob es geſtern geweſen wäre.“ „Erinnerſt Du Dich, als wir nachher zuſam⸗ men in die Berge ritten, daß ich Dir erzählte, wie ich im Nebel und zwiſchen den brandenden Wogen an demſelben Morgen zwei Schwäne ge⸗ ſehen, die ſo geiſterhaft vor mir hergeſtrichen und zuletzt weit— weit hinaus in das düſtere Meer verſchwunden ſeien, und wie mir dann ſo weh, ſo unſagbar weh geworden— wie mir ein Gefühl das Herz gedrückt, dem ich nicht Namen geben konnte— ſo einſam— ſo öde ſchien mir in dem Augenblick die Welt?“ „Ich erinnere mich,“ ſagte Felix leiſe. „Felix,“ fuhr Günther fort, indem er ſtehen blieb und dem Freund in's Auge ſah—„in jener Nacht ſtarb meine Anna— an jenem Mor⸗ gen lag ſie kalt und bleich auf ihrem Lager dort 266 — dort, wohin die Schwäne in den Nebel zogen!“ — Und was der ſtarke Mann bis dahin ſtand⸗ haft ertragen, das brach jetzt aus in ungezügeltem Schmerz, als er das Haupt an die Bruſt des Freundes lehnte. Rottack hielt ihn ſchweigend umfaßt; er ſprach kein Wort— kein Wort des Troſtes, denn er wußte ſelber recht gut, daß gerade in den fließen⸗ den Thränen der einzig mögliche Troſt liegen konnte für ſolchen Schmerz. „Armer Freund!“ flüſterte er endlich leiſe, und Günther richtete ſich in ſeinen Armen empor. „So— jetzt iſt mir wohl,“ ſagte er, indem ein ſchwerer Seufzer ſeine Bruſt hob—„ſjetzt iſt mir leicht, denn fortwährend von Fremden um⸗ geben, fortwährend gezwungen, den Schmerz in die eigene Bruſt zurückzubannen, das thut doppelt weh!“ „Armer, armer Freund!— Und wo erhielteſt Du die Nachricht?“ Vor wenigen Tagen in Rio— der Dampfer, der mich in die Heimath führen ſollte, brachte den Brief von dort. Mein Entſchluß war bald ge⸗ faßt— jetzt kann ich nicht zurück, und ich be⸗ gleitete Sarno, um hier noch manche Arbeit zu 4 1 4 267 beenden, die ich— gehofft hatte von Anderen beendet zu ſehen.— Aber nun leb' wohl, Freund — wie ich höre, willſt Du Könnern begleiten— ich bin nicht im Stande, zu den glücklichen Men⸗ ſchen zurückzukehren! Könnern und Eliſe dürfen auch nie erfahren, was ich Dir eben vertraut— es würde ihr Glück trüben. Bringe ihnen noch meinen Gruß und— leb' wohl!“ „Du willſt fort?“ „Hier ſteht mein Pferd— Gott mit Dir, mein lieber Freund, und mögeſt auch Du die Ruhe finden, nach der Du Dich ſo oft geſehnt!“ Die beiden Männer hielten ſich lange in ſchweigender Umarmung; dann riß ſich Günther los, beſtieg ſein Pferd, winkte noch einmal mit der Hand zurück und war im nächſten Augenblick im Walde verſchwunden. Graf Rottack ging ernſt und ſchweigend in die Stadt zurück. Es war ihm recht weich um's Herz geworden nach dem Abſchied von dem Freunde, und allerlei alte, trübe Gedanken zuckten ihm durch's Hirn.— Als er wieder an Rohr⸗ land's Haus vorüberging, ſtand eine junge Dame an dem einen Fenſter, die ſich ſcheu zurückzog, als ſie ihn bemerkte.— Es war Helene.— Faſt un⸗ — 268 willkürlich grüßte der junge Mann im Weitergehen und blieb dann ſtehn. „Ich bin eigentlich recht unfreundlich geweſen, daß ich nicht einmal von ihr Abſchied genommen habe,“ murmelte er leiſe vor ſich hin.— Er ſah nach ſeiner Uhr— es blieb ihm noch eine halbe Stunde Zeit.—„Was kümmert's denn mich, wenn ſie— ei, ich will aus Braſilien von keinem Menſchen im Böſen ſcheiden— am Wenigſten von ihr!“ und raſch entſchloſſen ſchritt er in das Haus hinein. Ein kleiner Burſche dort zeigte ihm die Thür des Zimmers, in dem das„Fräulein“ wohnte. Er⸗ klopfte an, und ein kaum hörbares Herein! ant⸗ wortete ihm— Helene ſtand mitten im Zimmer, ihn zu erwarten. Sie war ganz einfach gekleidet, nur mit einem ſchwarzen Band im Haar als Schmuck und ſah ungewöhnlich bleich aus. „Comteſſe,“ ſagte er, ich bin im Begriff, dieſes Land für immer zu verlaſſen, und— wollte das nicht thun, ohne Ihnen vorher Lebewohl zu ſagen.“ „Das iſt recht freundlich von Ihnen,“ hauchte Helene, und Rottack konnte es nicht entgehen, daß ſie ſich befangen, ja ängſtlich beklommen fühlte, ſo viel Mühe ſie ſich gab das zu verbergen. Das * 269 aber machte ihn ſelber verlegen, und wie er das fühlte, ſuchte er auch den kaum begonnenen Ab⸗ ſchied noch zu kürzen. „Vielleicht habe ich dann in Deutſchland ein⸗ mal wieder das Glück, Ihnen zu begegnen, Com⸗ teſſe, denn ich glaube kaum, daß ich je nach Bra⸗ ſilien zurückkehren werde.“ „Herr Graf,“ ſagte Helene leiſe, und ſie mußte ſich Mühe geben deutlich zu ſprechen,„da wir uns wahrſcheinlich nie wiederſehen, möchte ich nicht, daß wir auf dieſe Weiſe von einander ſcheiden.— Ich habe einen Verdacht, Sie wiſſen, daß mir der Titel Comteſſe nicht gebührt.— Wenn dem nicht ſo wäre, nehmen Sie hier meine Erklä⸗ rung.... „Mein gnädiges Fräulein,“ ſagte Rottack über⸗ raſcht—„ich— wußte nicht, daß er Ihnen un⸗ angenehm war, da Sie— ihn ſo lange ſchon geführt.. „Und glauben auch Sie, daß ich die Hand zu einer Täuſchung geboten hätte, wenn ich ſelber darum gewußt?“ ſagte Helene bitter.„Ich hatte gehofft, Sie wenigſtens würden beſſer von mir denken; aber— laſſen Sie es gut ſein,“ unter⸗ brach ſie ſich ſelbſt—„ich habe ſo wenig Freunde 2ά 270 auf der Welt, daß ich dem letzten vielleicht, der hier von mir geht, kein hartes Wort zum Abſchied ſagen möchte. Leben Sie wohl, Herr Graf, und — möge Ihnen die Erinnerung an Braſilien nicht nur lauter traurige Bilder bieten!“ Sie reichte ihm dabei mit einem leichten, weh⸗ müthigen Lächeln unbefangen ihre Hand. Felix nahm dieſelbe, aber er ließ ſie nicht gleich wieder los und ſagte, viel herzlicher, als er bisher zu ihr geſprochen: „Gnädiges Fräulein, es iſt Etwas in Ihrem Leben vorgegangen, das ſeinen Schatten über Ihre Seele wirft. Sie ſind nicht glücklich, und der Blick, den Sie mich eben in Ihre Vergangenheit thun ließen, verräth mir mehr als Sie vielleicht glauben.— Sehen Sie mir in's Auge— halten Sie mich Ihres Vertrauens werth, ſo nehmen Sie die Verſicherung, daß ich es wirklich treu und ehrlich mit Ihnen meine. Ich verlaſſe allerdings in einer halben Stunde ſchon dieſes Land, aber ich kann Ihnen vielleicht ſelbſt noch von Deutſch⸗ land aus nützen. Sie entdecken mir auch kein Geheimniß,“ fuhr er fort, als Helene zitternd und ſchweigend vor ihm ſtand—„ich kannte Ihre Mutter in meinem elterlichen Hauſe— ich wußte....“ 8 271 „Es iſt nicht meine Mutter!“ ſtöhnte Helene, und ihre Hand aus der ſeinen ziehend, deckte ſie ihr Antlitz damit.. Graf Rottack ſtand ſprachlos vor Staunen vor ihr. „Es iſt nicht Ihre Mutter?“ wiederholte er endlich, und die Worte rangen ſich ihm nur müh⸗ ſam aus der Bruſt. „Nein,“ hauchte Helene—„aber laſſen Sie mich jetzt. Ich habe Ihnen ſchon mehr geſagt, als ich eigentlich ſollte; aber es war— es war mir nur ein— peinlicher Gedanke, Sie von hier ſcheiden zu ſehen und zu fühlen, daß Sie— mich verachteten. Leben Sie wohl, Herr Graf, und wenn Sie einen Funken von Mitleid für mich haben, ſo— verlaſſen Sie mich jetzt!“ „Nein, Helene, nicht ſo,“ rief Felix, dem ein Sturm von Gedanken und Gefühlen das Hirn durchzuckte—„nicht ſo dürfen wir ſcheiden! Hier liegt mehr verſteckt, als Sie mir ſagen wollen— o, wenn Sie Vertrauen zu mir hätten— wenn Sie mein Herz ſehen und dann wiſſen könnten, wie gern ich Ihnen wirklich dienen möchte.“ „Herr Graf,“ bat Helene ſcheu. „Sie klagen, daß Sie keinen Freund in dem weiten Lande haben,“ fuhr Rottack leidenſchaftlich 272 fort—„daß es Ihnen peinlich ſei, mich ſcheiden zu ſehen mit einer falſchen Meinung von Ihnen, und doch halten Sie Ihr Vertrauen zurück— geben mir nur Andeutungen, die mich noch ver⸗ wirrter machen müſſen, und ſtoßen die Freundes⸗ hand ſelber zurück, die ſich Ihnen entgegenſtreckt.“ „Herr Graf, ich weiß nicht,“ wehrte Helene ab, denn ein eigenes beklemmendes Gefühl überkam ſie, unter dem ſie kaum athmen konnte. Felix mochte ahnen, was in dem Herzen des Mädchens vorging. Er ſah ihr treuherzig in's Auge, und dann ihr noch einmal die Hand rei⸗ chend, ſagte er herzlich: „Glauben Sie in dieſem Augenblick, ich ſei Ihr Bruder, Helene. Schütteln Sie die Feſſeln der Etiquette ab, die uns nur zu oft hindern, den Weg einzuſchlagen, den wir ſonſt für den rechten und guten halten.— Machen Sie mich zu Ihrem Freund, und beim ewigen Gott, Sie haben Nie⸗ manden auf der weiten Welt, der es treuer und aufrichtiger mit Ihnen meint!“ Helene rang mit ſich— zu plötzlich, zu über⸗ raſchend war ihr das Alles gekommen, um ihre Gedanken ruhig ſammeln, um überlegen zu können. Noch nie aber hatte ſie ſo das Gefühl ihrer Einſamkeit übermannt, wie in dieſem Augen⸗ 273 blick— noch nie hatte ein Weſen auf der weiten Welt ſo herzlich, ſo einfach zu ihr geſprochen, und als ihr ſcheuer Blick ſich zu dem jungen Manne hob und in deſſen Auge Alles, Alles beſtätigt fand, was er ihr geboten, da faßte ſie ſich gewalt⸗ ſam zu einem Entſchluß, und mit leiſer, aber feſter Stimme ſagte ſie: „Ich glaube Ihnen, Graf Rottack— ich will Ihnen glauben— ich würde Ihnen auch in die⸗ ſem Augenblick vertrauen— wie einem Bruder“ — ſetzte ſie kaum hörbar hinzu—„aber für mich ſelber iſt meine ganze Vergangenheit in ein ge⸗ heimnißvolles Dunkel gehüllt, und die allein Licht darüber geben könnte— bindet ein Schwur.“ „Ein Schwur?“ ſagte Rottack erſtaunt— „aber woher dann— ich begreife nicht, wie Sie da überhaupt.. Helene ſtand noch immer zögernd vor ihm— aber wußte er nicht ſchon ihr Geheimniß, und ſah er ſie nicht mit den großen, treuen Augen, die jeden Spott, jeden Hohn verbannt hatten, ſo ehrlich an?. „Ich will Ihnen Alles ſagen, was ich weiß, Graf Rottack,“ rang es ſich ihr endlich aus der Bruſt—„hier, dieſer Brief kam durch eine Ver⸗ Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. III. 18 * 274 wechslung der Couverts in meine Hände“— halb abgewandt reichte ſie ihm denſelben. „Darf ich ihn leſen?“ „Leſen Sie ihn,“ flüſterte Helene und barg wieder ihr Antlitz in den Händen. Rottack hatte den Brief haſtig geöffnet und mit den Blicken verſchlungen.„Und der Name Ihrer Mutter?“ fragte er. „Sie weigert ſich, ihn zu nennen— ein Schwur bindet ihre Lippen.“ „Ein Schwur?“ rief Rottack, den Kopf ver⸗ ächtlich zurückwerfend;„den Schwur kenne ich er heißt Selbſtintereſſe— aber ich begreife noch immer nicht— Doch das iſt hier nicht der Ort, zu erfragen,“ unterbrach er ſich raſch, als er den Brief zuſammenfaltete und wieder auf den Tiſch legte.„Und nun, mein liebes, liebes Fräulein,“ ſetzte er hinzu, während er auf's Neue ihre Hand ergriff und es wie ein lichter Sonnenſtrahl über ſein Antlitz zuckte—„nehmen Sie tauſend, tau⸗ ſend Dank für das Vertrauen, das Sie mir ge⸗ ſchenkt— wenn ich es Ihnen auch nur durch Ueberraſchung abgepreßt.— Aber jetzt fort— Du mein Himmel, mir ſchwindelt der Kopf ordentlich von all' den Gedanken, die mir jetzt das Hirn durchkreuzen— und doch war ich nie ſo glücklich, 275 nie ſo lebensfroh, wie gerade in dieſem Augen⸗ blick!“ „Sie wollen fort?“ rief Helene erſchreckt, denn ſie konnte ſich Rottack's Betragen nicht er⸗ klären. „Gewiß,“ lachte dieſer—„unten warten ſie ja mit dem Boot auf mich— aber ſie müſſen noch länger warten, denn ich habe vorher einen wichtigen Beſuch zu machen— und dann komme ich wieder her— in einer halben Stunde bin ich wieder hier“— Und ohne Abſchied ſprang er in jubelndem Uebermuth aus dem Zimmer und die Straße hinab. 12. Schluß. Könnern war mit Eliſe, von Sarno begleitet, ſchon nach den Booten gegangen, um dort den noch fehlenden Rottack zu erwarten, als dieſer mit flüchtigen Sätzen angeſprungen kam. „Wir fahren nicht ohne Sie ab!“ lachte Kön⸗ nern, der Eile des Freundes eine andere Urſache gebend.„Der Capitän des Dampfers iſt noch oben im Hotel, um einige Vorräthe an Bord ſchaffen zu laſſen!“ „Ich kann auch noch nicht fort!“ rief Felix —„Sie müſſen noch einen Augenblick auf mich warten, denn ich habe etwas Nothwendiges ver⸗ geſſen!“ „Vergeſſen— was?“ — 8* 277 „Meinen Abſchiedsbeſuch bei der Frau Gräfin!“ „Plagt Sie der Böſe?“ lachte Könnern.„Seit wann ſind Sie denn ſo förmlich geworden?“ „Ich bin gleich wieder da!“ rief der junge Mann in wilder Ausgelaſſenheit, und wie er ge⸗ kommen, flog er die Straße zurück und direct dem Hauſe der Gräfin zu. „Unten ſcheuerte die Dorothea Holzgeſchirr. „Iſt die Frau Gräfin oben?“ „Ja, in ihrem Zimmer.“ „Melden Sie mich— raſch, denn ich habe große Eile!“ „Ja, ich kann jetzt nicht hinaufgehen.“ „Dann meld' ich mich ſelber!“— und in wenigen Sätzen war er oben. An ein paar falſche Thüren pochte er dort zuerſt an, dann rief eine bekannte Stimme:„Herein!“ und Graf Rottack ſtand im nächſten Augenblicke der Madame Baulen gegenüber, die erſchreckt von ihrem Sopha em⸗ por fuhr. „Herr Graf!“ „Frau Gräfin,“ ſagte der junge Mann, ſich mit Anſtand verbeugend—„entſchuldigen Sie einen Beſuch, der nur in ſeiner Kürze ſeine Be⸗ rechtigung findet. Ich komme mit einer einfachen Frage, um deren Beantwortung ich Sie erſuche.“ * 278 „Herr Graf, ich werde mich glücklich ſchätzen,“ ſagte die Frau verlegen, denn ſie wußte nicht, was ſie aus dem Benehmen deſſelben machen ſollte. „Gut— dann bitte, ſetzen Sie ſich dahin,“ ſagte Felix eben ſo förmlich,„und ſchreiben Sie mir einen Namen auf.“ „Welchen Namen, Herr Graf?“ „Den Namen von Helenens Mutter.“ „Herr Graf!“ rief die Frau und fühlte, wie ihr die Kniee zitterten. „Ich weiß,“ fuhr Rottack fort, ohne ihre Be⸗ wegung zu beachten,„daß Sie einen Schwur vor⸗ geſchützt haben, was einem armen, unerfahrenen Mädchen gegenüber ging— wir ſtehen anders zuſammen. Entweder ſchreiben Sie mir die volle Adreſſe jetzt in dieſem Augenblick auf, oder ich gehe direct hinüber zum Baron, wie zum Bäcker⸗ meiſter Spenker und— unterhalte mich mit ihnen über verganzene Zeiten. Sie wiſſen, daß ich nicht ſcherze. Noch ruht Ihr Geheimniß in ſicheren Händen und wird da ruhen, falls Sie meinen Wunſch erfüllen— wo nicht— ſchreiben Sie ſich ſelber die Folgen zu. Außerdem muß ich Ihnen nur noch bemerken, daß Ihnen eine Geheimhal⸗ tung auch nicht das Geringſte nutzt. Eine ein⸗ fache Aufforderung in den Zeitungen drüben, mit 279 Angabe der Verhältniſſe, ohne einen Namen zu nennen, würde Helenen die Adreſſe ſichern. Doch das iſt Nebenſache. Wir haben es hier mit dem ſpeciell zu thun, was Sie betrifft, und Ihren eigenen Vortheil werden Sie da auch am Beſten kennen.“ „Aber, Herr Graf, ich bitte Sie um Gottes willen— wenn ich mir ſelber alle Hülf fsmittel abſchneide, wovon— o, wovon ſoll ich denn da leben? Alles verläßt mich— Alles verläßt mich — auch der undankbare Menſch, der Pulteleben, hat mich im Stich gelaſſen!“ Der junge Graf warf ihr einen verächtlichen Blick zu und ſagte: „Es war allerdings ſehr rückſichtslos von Herrn von Pulteleben, da ihm die Frau abhanden ge⸗ kommen, nicht doch wenigſtens die vermuthete Schwiegermutter zu behalten— doch zur Sache. Wollen Sie meinen Wunſch erfüllen oder nicht? ich muß Antwort haben.“ „Laſſen Sie mir Zeit zur Ueberlegung.“ „Nein— hier iſt Papier und Dinte— in fünf Minuten bleibt Ihnen keine Wahl mehr.“ „Und Sie verſprechen mir zu ſchweigen?“ „Sie haben mein Wort. Ueberdies verlaſſe ich in einer Viertelſtunde die Colonie.“ * 280 Die Frau ſeufzte tief auf, ging zu dem Tiſch, ſchrieb ein paar Worte und reichte den Zettel dem jungen Mann hinüber. „Bitte,“ ſagte dieſer abwehrend,„ſchließen Sie das Blatt in ein Couvert— das Geheimniß iſt nicht für mich.“ Die Frau that auch dieſes; ſie war vollſtändig gebrochen, und zwar mehr durch die Angſt, ihren angemaßten Titel in der Colonie zu verlieren und ihren künſtlich aufgebauten Rang zuſammen⸗ ſtürzen zu ſehen— und der Baron mußte ſchon einen Verdacht gefaßt haben— als durch die Sorge um die Zukunft, die ſie noch nie geküm⸗ mert hatte. Sie lebte nur in dem Augenblicke, dem ſie abrang was ſie konnte; was kümmerte ſie der nächſte Tag? „Nun bitte ich Sie noch um Eins, Frau Grä⸗ fin,“ ſagte Felix, als er mit einer dankenden Ver⸗ beugung das Papier in die Taſche ſchob und ſie ſcharf dabei anſah—„wie war es möglich, daß Helene bis vor wenig Tagen keine Ahnung davon haben konnte, Sie ſeien nicht ihre wirkliche Mut⸗ ter? Ich begreife das nicht.“ „SHelene,“ ſagte die Frau,„war als Kind zuerſt zu einer Wärterin, dann in Penſion gegeben, und zwar unter einem andern Namen, denn ihre Ge⸗ —231. burt mußte geheim gehalten werden. Erſt als ich ihrer Mutter meinen Entſchluß erklärte, nach Bra⸗ ſilien auszuwandern....“ „Vollkommen ohne Nebenabſichten?“ „Vollkommen,“ ſagte Madame Baulen mit Würde—„da entſchloß ſie ſich zu dem Schritt— den wir vorher reiflich überlegt hatten: ſie mir nämlich mitzugeben, und ich— holte ſie damals, als ihre Mutter, aus der Penſion ab.“ „Und ihre wirkliche Mutter hat ſie nie ge⸗ ſehen? Iſt es möglich, daß ſich eine Mutter ſo ganz von ihrem Kinde losſagen kann?“ „Lieber Gott,“ ſagte Madame Baulen achſel⸗ zuckend,„die Geſellſchaft legt uns Pflichten auf, und— in dieſem Fall— ſie konnte doch nicht ihren Ruf, ihren Mann compromittiren; ihr ganzes häusliches Glück wäre ja vernichtet wor⸗ den.“ „Als ob daran noch Etwas zu vernichten ge⸗ weſen wäre!“ ſagte Rottack bitter—„doch wie dem auch ſei, Frau Gräfin, Sie haben mir einen⸗ Dienſt geleiſtet, erlauben Sie, daß ich mich dafür revanchire— wir tauſchen nämlich Papier um Papier. Dieſes iſt Helenen's Geheimniß— das hier,“ fuhr er fort, indem er eine Banknote von 500 Milreis vor der Frau auf den Tiſch — 282 legte—„iſt das Ihrige— wir ſind quitt, nicht wahr?“ „Aber Herr Graf!“ rief Madame Baulen über⸗ raſcht aus. „Bitte, kein Wort! Leben Sie wohl!“ und ehe Sie ihm nur eine Silbe darauf erwiedern konnte, hatte er die Thür hinter ſich in's Schloß gedrückt und das Haus verlaſſen. Aber er lief nicht mehr in tollem Muthwillen wie vorher, ſondern ernſt und nachdenkend ſchritt er zu Rohrlands hinüber, betrat das Haus wieder und ſtand gleich darauf in Helenens Zimmer. Helene war indeſſen, von ſich drängenden Ge⸗ danken beſtürmt, in ihrem Zimmer auf und ab gegangen. Hatte ſie Recht gethan, ſich dem Frem⸗ den zu entdecken, und gerade ihm, der ſie die letzte Zeit ſo kalt, faſt höhniſch behandelt? Hatte ſie Recht gethan, nicht allein ihr, nein, auch das Geheimniß ihrer eigenen Mutter Preis zu geben? Und was konnte ſie thun? Stand ſie nicht allein, rathlos, hülflos in der Welt? Sehnte ſie ſich nicht nach ein em Herzen, dem ſie vertrauend nahen— zu dem ſie um Troſt— um Hülfe auf⸗ blicken konnte? Und was that er jetzt? Wohin hatte er ſich gewandt? Würde ſie ihn je wieder⸗ ſehen, und ſpottete er nicht vielleicht jetzt des Ver⸗ trauens, das er von ihrer Seele losgerungen? In der Thür ſtand Graf Rottack, ehe ſie ſelber ſeinen Schritt gehört, und das Couvert, deſſen Inhalt ſie noch nicht begriff, hielt er ihr entgegen. Aber er ſelber ſah verändert aus. Der kalte Stolz und Muthwilee, der ſie ſtets zurückgeſchreckt, war aus ſeinen Zügen gewichen, und mit leiſer Stimme ſagte er: „Hier, Helene, iſt das Papier, welches den Namen Ihrer Mutter enthält— fürchten Sie nicht, daß ich Ihr Geheimniß belauſcht hätte— ich kenne den Inhalt nicht.“ „Wie ſoll ich Ihnen danken?“ flüſterte das Mädchen, beängſtigt von dem ganzen Weſen des Mannes, indem ſie mit zitternder Hand das Blatt nahm. „Sie können es vielleicht,“ ſagte Rottack ruhig —„erinnern Sie ſich noch des Tages, Helene, als ich Ihnen mit— jener Frau in der Stadt begegnete? Es war das erſte Mal, daß ich Ihre — vermeintliche Mutter ſah.“ „Ja,“ flüſterte Helene, und die Erinnerung an jene Stunde traf ſie eiſig in's Herz—„es konnte mir nicht entgehen. Sie ſtarrten überraſcht auf— jene Frau.“ 284 „Bis dahin, Helene,“ fuhr Rottack leiſe fort, während ſich aber ſeine Stimme mehr und mehr ſteigerte—„hatte ich nur Sie geſehen und hatte Sie geliebt mit einer Leidenſchaft, die Sie ſelber erſchreckt haben würde, wenn Sie ſie hätten ahnen können.“ „Graf Rottack!“— „Lange ſchon hätte ich auch die leichten Schran⸗ ken durchbrochen, die mich von Ihnen trennten, wenn mich nicht eben jener ſüße Zauber in Feſſeln gehalten, der gerade in dem Geheimnißvollen dieſer Liebe lag. Da— da ſah ich Ihre Mutter— Ihre Mutter, wie ich damals glauben mußte— deren ganze Vergangenheit vor mir lag und— ich konnte nicht anders glauben, als daß Sie den Betrug theilten— daß Sie Mitwiſſerin, Mithandelnde der Täuſchung wären.“ „Helene, was ich damals ausgeſtanden, nur Gott weiß es und der ſtille Wald, und heiße, heiße Thränen habe ich da geweint.— Rang und Stand— Sie trauen mir zu, daß mich das kei⸗ nen Gedanken gekoſtet hätte; ich ſtehe frei und unabhängig in der Welt, und lache der Vorurtheile jener Gliederpuppen, die ſich die Geſellſchaft nen⸗ nen— aber der Betrug fraß mir in's Herz hinein — der Betrug wandelte mir das Blut zu Gift 285 und— machte mich unglücklich und elend. Alles kam dann dazu, um die Täuſchung zu vollenden, ſelbſt das Netz, das— jene Frau nach dem un⸗ glücklichen Pulteleben auswarf, und das— wie es meiner verblendeten Eiferſucht ſchien, Sie ſelber mit in Händen hielten! Helene,“— rief er leiden⸗ ſchaftlicher, indem er vor ihr auf ein Knie ſank— „ich habe Ihnen ſchweres, ſchweres Unrecht ge⸗ than! Können Sie mir verzeihen?“ „Herr Graf,“ rief Helene erſchreckt,„ſtehen Sie auf!“ „Nicht eher, bis ich geendet habe,“ beharrte aber Rottack—„Helene, ich habe Sie geliebt, ich habe nie aufgehört Sie zu lieben, und wie ich Ihnen kalt und ſpöttiſch gegenüber ſtand, hätte mir das Herz dabei zerſpringen mögen in der Bruſt. Können Sie mir verzeihen? Können Sie vergeſſen, welches Leid ich Ihnen zugefügt— glüht auch in Ihrem Herzen noch ein Funken der alten Liebe für mich? Läugnen Sie es nicht, Helene— jene ſüßen Töne, die Abends meiner armen Geige antworteten, waren nicht bloßer Uebermuth eines ſchönen, angebeteten Mädchens; jene Töne kamen eben ſo aus dem Herzen, wie ſie zum Herzen drangen.— Oh, können Sie nur einen Schatten jener Gefühle zurückrufen, ſo wer⸗ 286 den Sie mein Weib, Helene!“ rief er aus, indem er aufſprang und die Erſchreckte umſchlang— „fliehen Sie mit mir dieſes Land, das Ihnen noch nie Freude oder Frieden geboten. Unten liegt das Boot, in dem Könnern und ſeine junge Frau uns erwarten— in deren Begleitung machen Sie die Reiſe nach Rio, und dort vereinigt uns des Prieſters Hand.“ „Herr Graf!“ rief Helene in Angſt und freu⸗ digem Erſchrecken. „Sagen Sie nur, daß Sie mir verziehen haben — daß Sie mir glauben, wenn ich Ihnen be⸗ theure, ich bin von Herzen wirklich gut und brav — daß Sie hoffen, mich einſt lieben, ſich einſt mit mir glücklich fühlen zu können. Helene!“ Und Helene antwortete nicht, aber leiſe lehnte ſie ihr müdes Haupt an ſeine Bruſt, und auf⸗ jubelnd preßte ſie Felix an ſich und küßte wieder und wieder das goldene Haar, das an ſeinen Wangen ruhte. In dem Moment ſchien aber auch wieder der ganze alte Uebermuth ihn zu erfaſſen. Er weinte und lachte, aber unter ſeinen Thränen riß er ſich von Helenen los, zerrte einen großen Koffer vor, der in der Ecke des Zimmers ſtand, und fing an hinein zu werfen, was ihm unter die Hände kam. 287 „Um Gottes willen!“ rief Helene, jetzt eben— falls in ihren Thränen lachend aus—„was machen Sie, was ſoll das werden?“ „Abreiſe— Abreiſe, mein Schatz!“ rief Felix, ohne ſich in ſeiner Beſchäftigung ſtören zu laſſen —„wir ſind ja in der größten Eile— unten an der Landung warten ſie ſchon mit Schmerzen auf. uns.“ „Abreiſen?“ rief Helene erſchreckt— aber doch nicht jetzt?— nicht heute?“ „In einer Viertelſtunde.“ „Das iſt ja unmöglich!“ „Unmöglich iſt gar Nichts, Mädchen— Du biſt mein, ich bin der glücklichſte Menſch unter der Sonne, und das Andere iſt alles Kleinigkeit und Nebenſache.“ „Aber wie kann das ſein— Rohrlands...“ „Brauchen gar nicht zu wiſſen, daß das nicht eine ſchon ſeit Monaten zwiſchen uns abgemachte Sache geweſen. Iſt die Familie drüben? Ja? Ich bin gleich wieder da!“. Wie der Blitz fuhr er zur Thür hinaus und kam nicht zwei Minuten ſpäter mit den erſtaunten Eheleuten in's Zimmer, wo Helene noch immer rathlos, keines Gedankens fähig, ſtand. „Liebe Frau Rohrland— lieber Herr Rohr⸗ 288 land— ich habe hier das Vergnügen, Ihnen die künftige Gräfin Rottack vorzuſtellen.— Liebe He⸗ lene, thu' mir den einzigen Gefallen und ziehe ein freundliches Geſicht, die Herrſchaften glauben ſonſt, es wäre eine gezwungene Heirath.“ „Aber liebe, beſte Helene!“ rief die junge Frau und flog dem Mädchen in die Arme. „Wiſſen Sie, das können Sie Alles nachher beim Packen abmachen,“ ſagte Felix—„das Boot wartet unten auf uns, aber die Ebbe nicht, und wir dürfen Könnerns nicht allein fahren laſſen. Nicht wahr, Sie helfen Helenen packen und be⸗ gleiten ſie dann hinunter, liebe, liebe Frau Rohr⸗ land?“. „Ja, von Herzen gern, aber...“ „Gar kein Aber— ich ſchicke Jeremias im Sturmſchritt mit dem Karren herauf, bis dahin ſind Sie fertig. Nicht wahr, Sie kommen dann mit ihr an die Landung?“ „Ja, von Herzen gern— aber dieſe Haſt.. „Erſpart eine Maſſe von Weitläufigkeiten-— lieber Rohrland, auf ein Wort,“ und er faßte den ganz verblüfften Mann unter den Arm und führte ihn vor die Thür hinaus. „ In wie weit iſt meine Braut noch hier in Ihrer Schuld?“ 289 „In meiner Schuld? In gar Nichts. Im Gegentheil, ich habe noch Geld von ihr in Hän⸗ den, für den Verkauf ihrer Sachen.“ „Deſto beſſer; das zahlen Sie dann jener armen Frau des Mörders aus, den wir einge⸗ bracht haben; die braucht es nothwendig.“ „Aber ich begreife gar nicht.“ „Ich erzähle Ihnen Alles an Bord.“ „Ja, ich gehe ja gar nicht mit.“ „Das ſchadet Nichts,“ rief Felix, indem er Rohrland umarmte und dann bei Seite ſchob— „alſo in zehn Minuten iſt Jeremias mit dem Karren oben!“ rief er nochmals zur Thür hinein, ſprang dann hinaus, ſah dort ein angebundenes Pferd ſtehen, ſetzte ſich auf und ſprengte im Car⸗ riere an die Landung hinunter. „Nun ſagen Sie nur um Gottes willen, wo Sie bleiben, Rottack?“ rief ihm Könnern ent⸗ gegen—„wir warten und warten hier.“ „Lieber Freund,“ ſagte Rottack—„ach Jere⸗ mias, nehmt doch Euern Karren und lauft was Ihr laufen könnt damit nach Rohrlands hinauf— es geht noch ein Paſſagier mit.— Lieber Freund, ich habe in der kurzen Zeit Etwas beſorgt, wozu ein Anderer manchmal ein ganzes Lebensalter ge⸗ braucht, und dann noch nicht fertig wird. So Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. III. 19 290 recht, Jeremias, das iſt ein Prachtburſche, und. nicht mit Gold zu bezahlen.“ „Nehmen Sie ſich Zeit,“ ſagte der Capitän des Dampfers, der mit an der Landung ſtand— „wir haben noch eine volle Stunde übrig und Nichts verſäumt. Ich habe nur ein Wenig geeilt, weil ich ſchon weiß, daß Damen doch nicht immer gleich fertig werden.“ „Will Rohrland mit nach Rio? Er hat doch vorher kein Wort davon geſagt— und wo iſt Günther?“ fragte Könnern, als ſie eine Weile an der Landung auf und ab gegangen waren. „Fort— in den Wald,“ ſagte Rottack ernſt —„ich habe Euch noch ſeine beſten Grüße und Segenswünſche zu bringen.“ „Braver Günther,“ ſagte Könnern—„er hat Eliſen die letzten Stunden nicht durch die Erin⸗ nerung an das Vergangene verbittern wollen. Apropos, Rottack, haben Sie Ihren Abſchiedsbe⸗ ſuch bei der Frau Gräfin gemacht?“ „Allerdings.“ „Wahrhaftig?“ „Nun, gewiß— und ſogar das Bild ihrer Tochter mitgebracht.“ „Ihrer Tochter?“ 291 „Rohrlands bringen es mit, und ich werde Ihre Frau bitten, daß ſie es mit in ihre Koje nimmt.“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Lieber, guter Könnern,“ bat aber Rottack, der bis jetzt ungeduldig in die Stadt hinaufge⸗ ſehen hatte—„ich kann Ihnen, bei Gott! jetzt keine nähere Erklärung geben, aber in zehn Mi⸗ nuten ſollen Sie Alles wiſſen. Jetzt muß ich nur noch einmal in die Stadt— daß mir um Gottes willen Rohrlands das Bild nicht vergeſſen“— und von Könnern fort, der ihm kopfſchüttelnd nachſah, ſprang er wieder auf das Pferd und jagte damit den Weg zurück, den er gekommen. Könnern zerbrach ſich den Kopf, was der wunderliche Menſch nur heute haben könne, denn ſo hatte er ihn noch nie geſehen, und außerdem drängte jetzt wirklich ihre Zeit; der Capitän ſah auch ſchon in immer kürzeren Zwiſchenpauſen nach ſeiner Uhr— endlich ließ ſich ein kleiner Trupp von Damen und Herren erkennen, die mit Jere⸗ mias an der Spitze raſch zur Landung herunter kamen. Könnern und Sarno ſchritten ihnen entgegen, etwas erſtaunt, die junge Comteſſe mit in der 19* Begleitung und an Felix' Arm zu ſehen, und grüßten die Damen. „Nun, Sie haben ſich noch entſchloſſen, mit nach Rio zu gehen, mein guter Herr Rohrland?“ fragte Sarno. „Ich? Denke gar nicht daran, aber— ſo viel ich weiß...“ „Gräfin Rottack,“ ſtellte Felix in dieſem Augen⸗ blick ſeine wie Purpur erglühende Braut vor— „die Zeit genügte freilich nicht mehr, uns noch trauen zu laſſen, aber dazu bietet ſich in Rio die Gelegenheit, und bis dahin, meine beſte Frau Könnern, empfehle ich mein liebes Bräutchen Ihrem mütterlichen Schutz.“ „Jetzt ſeh' Einer den Duckmäuſer an,“ rief Könnern lachend aus,„und nicht ein Wort hat er uns die ganze Zeit geſagt.“ „Ich kann ein Geheimniß wunderbar bewah⸗ ren,“ lachte der junge Graf, indem er Helene der jungen Frau zuführte—„aber nun in's Boot. Sie haben lange genug auf uns gewartet— hie⸗ her, Jeremias— das zum Andenken.“ „Hurrjeh, das langt!“ ſagte der kleine Burſche mit vergnügtem Geſicht. „Eine recht glückliche Reiſe!“ riefen die am Ufer Stehenden dem Boote nach, das in den 293 Strom hinaushielt, und Sarno und Rohrlands winkten mit Tüchern und Hüten. „Ade! Ade!“ tönte der Ruf zurück, und von den raſchen Rudern getrieben, ſchoß das Boot die glatte Bahn entlang, ſeinem Ziele entgegen. Ende. Druck von G. Pätz in Naumburg. Im Verlage von Hermann Coſtenoble in L eipzig erſchienen ferner folgende neue Werke: Wickede, Julius von, Der lange Iſaack. Hiſto⸗ riſcher Roman aus der Zeit des deutſchen Befreiungs⸗ krieges. 3 Bde. broch. 4 ½ Thlr. Brachvogel, A. E., Hiſtoriſche Novellen. Zwei ſtarke Bände. 8. broch. 3 Thlr. Brachvogel, A. E., Theatraliſche Studien. 8. broch. 24 Ngr. Möllhauſen, Baldnin, Palmblätter und Schnee⸗ flocken. Erzählungen aus dem fernen Weſten. 2 Bde. 8. broch. 2 ½ Thlr. Perels, Emil, Handbuch zur Anlage und Conſtruction landwirthſchaftlicher Ma⸗ ſchinen und Geräthe für Maſchinenfabrikanten, Conſtrhcteude,«für Spidirdrde det Tochiik, polytech⸗ niſche Schulen zu Vorträgen und für gebildete Land⸗ wirthe. In 7 Heften mit circa 80 lith. Tafeln. Lex.⸗S. Preis pro Heft broch. circa 1 ½ Thlr. Bibra, Ernſt Freiherr von, Aus Chili, Peru und Braſilien. 3 Bde. 8. broch. 3 ¾ Thlr. Bibra, Ernſt Freiherr von, Erinnerungen aus Süd⸗Amerika. 3 Bde. 8. broch. 3 Thlr. 15 Ngr. Berlepſch, H. A., Die Alpen in Natur⸗ und Lebensbildern. Mit 16 Illuſtrationen von E. Rittmeyer. Pracht⸗Ausg. Lex.⸗Oct. Ein ſtar⸗ ker Band. Eleg. broch. 3 Thlr. 26 Ngr. Eleg. geb. mit vergold. Deckenverzierungen 4 ½ Thlr. Mit Goldſchnitt 4 ⅜ Thlr. Wohl⸗ feile Volksausgabe. gr. 8. broch. 1 ⅜ Thlr. Eleg. geb. 2 Thlr. 5 Ngr. Brachvogel, A. E., Ein neuer Fallſtaff. Ro⸗ man. 3 Bde. 8. broch. 4 ½ Thlr. Brachvogel, A. E., Aus dem Mittelalter. 2 Bde. 8. broch. 2 ¼ Thlr. Brachvogel, A. E., Der Trödler. Ein Roman aus dem Alltagsleben. 2 Bde. 8. broch. 21 ³ Thlr. Brachvogel, A. E., Benoni. Ein Roman. 2. Aufl. 3 Bde. 8. broch. 3 Thlr. 15 Ngr. Brachvogel, A. E., Narciß. Ein Trauerſpiel. Min.⸗ Ausgabe. Zweite Auflage. broch. 24 Ngr. Pracht⸗ voll geb. mit Goldſchnitt 1 Thlr. 2 Ngr. Brachvogel, A. E., Adelbert vom Baban⸗ berge. Ein Trauerſpiel. Min.⸗Ausgabe. broch. 24 Ngr. Prachtvoll geb. mit Goldſchnitt 1 Thlr. 2 Ngr. Brachvogel, A. E., Der Uſurpator. Ein dra⸗ matiſches Gedicht. Min.⸗Ausg. broch. 27 Ngr. Eleg. geb. mit Goldſchnitt 1 Thlr. 5 Ngr. Bunyan, Johann, Die Pilgerreiſe aus dieſer Welt in die zukünftige. Aus dem Engliſchen mit Einleitung und Anmerkungen von Dr. Fried⸗ rich Ahlfeld, Paſtor an der St. Nicolaikirche zu Leipzig. Pracht⸗Ausgabe mit 12 Holzſchnitten. Zwei Theile in Einem Bande. 8. broch. 15 6 Thlr. In eleganteſtem engliſchen Einbande mit reich ver⸗ goldeten Deckenverzierungen und Goldſchn. 2 ⅛ Thlr. Burow, Iulie(Frau Pfannenſchmidt). Des Kindes Wartungund Pflege und die Erziehungder Töchter in Haus und Schule. Ein Handbuch für Mütter und Erzieher.(Das Buch der Erzie⸗ hung in Haus und Schule. Erſte Abtheilung.) 8. broch. 27 Ngr. Körner, Friedrich, Director und Profeſſor an der höhern Handelsakademie in Peſth. Die Erzie⸗ hung der Knaben in Haus und Schule. Ein Handbuch für Eltern und Erzieher.(Das Buch der Erziehung in Haus und Schule. Zweite Abtheilung.) 8. broch. 27 Ngr. Erneſti, Louiſe, Geld und Talent. Roman. 3 Bde. 2. Aufl. 8. broch. 2 ⅜ Thlr. Gerſtäcker, Friedrich, Der Kunſtreiter. Eine Erzählung. 3 Bde. 8. broch. 3 Thlr. 15 Ngr. Gerſtäcker, Friedrich, Achtzehn Monate in Süd⸗Amerika und deſſen deutſchen Co⸗ lonien. 6 Theile in 3 Bänden. 8. broch. 5 Thlr. Gerſtäcker, Friedrich, Die Regulatoren in Ar⸗ kanſas. Aus dem Waldleben Amerika's. Erſte Abtheilung. 3 Bde. 4. Aufl. 2. Stereot.⸗Aus⸗ gabe. 8. broch. 1 ⅞ Thlr. Gerſtäcker, Friedrich, Die Flußpiraten des Miſſiſſippi. Aus dem Waldleben Amerika's. Zweite Abtheilung. 3 Bde. 4. Aufl. 2. Stereot.⸗ Ausgabe. 8. broch. 1 ⅜ Thlr. Gerſtäcker, Friedrich, Die beiden Sträflinge. Auſtraliſcher Roman. 3 Bde. 8. broch. 3% Thlr. Gerſtäcker, Friedrich, Unter dem Aequator. Ja⸗ vaniſches Sittenbild. 3 Bde. 8. broch. 4 ¹¼ Thlr. Gerſtäcker, Friedrich, Das alte Haus. Erzäh⸗ lung. 8. broch. 1 ½ Thlr. Gerſtäcker, Friedrich, Nach Amerikal Ein Volks⸗ buch. Illuſtrirt von Th. Hoſemann und Karl Reinhardt. 6 Bde. 8. broch. 6 Thlr. 12 Ngr. Gerſtäcker, Friedrich, Der kleine Goldgxäber in Californien. Eine Erzählung für die Ju⸗ gend. Mit 6 colorirten Bildern. 8. In Bunt⸗ druck⸗Umſchlag gebunden. 1 Thlr.