A ₰ Leihbibliothek 4. deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 V Eduard Oftmann in Gießen, Aeih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der, Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfe 7 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. kangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 76 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 0 l 3. C(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme T eines Buches, eine 4 mir zurückerſtattet beträgt:. 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —2————— Ant 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „— ne dem Werthe deſſelben entſprchende Summe — hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von wird. 4. Abonnement. Daſſelben uß voraus bezahlt werden und 9 n.——„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Sehadenersatz. Fur beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deſerte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren erkes, ſo iſt der Leſer ſun Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſt eſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Ceiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Braſilianiſches Lebensbild von Friedrich Gerſtäcker * Der Verfaſſer behält ſich die Ueberſetzung dieſes Werkes vor. Sweiter Band. . 8— Tripiig, Hermann Coſtenoble. 1864. Inhalts-Verzeichniss. Erſtes Kapitel. Künſtler. Zweites Kapitel. Die Maniok⸗Mühle. . Drittes Kapitel. Auf Santa Catharina........ Viertes Kapitel. Der neue Director Fünftes Kapitel. Die Cigarren⸗Fabrik Sechstes Kapitel. Der Ritt am Strande 4 Siebentes Kapitel. Die Begegnung.......... Seite 7 43 61 93 VI Achtes Kapitel. Ein Vielliebchen Neuntes Kapitel. Sarno's Abſchied. Zehntes Kapitel. Bux& Comp. Elftes Kapitel. Könnern und Eliſe Zwölftes Kapitel. Verſchiedene Intereſſen. Seite 201 227 244 1. Künſtler. Director Sarno hatte in dieſen Tagen ſo außerordentlich viel zu thun gehabt, daß er ſich mit ſeinem Gaſte gar nicht oder doch nur ſehr wenig beſchäftigen konnte. Alles drängte auf ihn ein— Alles wollte von ihm Hülfe, Rath, Lebens⸗ mittel, Colonien, Ackergeräthe und tauſend andere Dinge, die er unmöglich Jedem ſchaffen konnte, und doch that er was in ſeinen Kräften ſtand, um vor allen Dingen wenigſtens die Familien unterzubringen. Schwartzau war indeſſen ſehr fleißig geweſen und hatte einen ziemlich bedeutenden Landſtrich vermeſſen, auf dem ein großer Theil der erſtge⸗ kommenen Coloniſten untergebracht werden konnte. Aber das half immer noch nicht für den erſten Augenblick, wenn ſich jetzt auch wenigſtens ein Ende abſehen ließ. Die neuen Coloniſten mußten damit beginnen, in den ihnen bezeichneten Gränzen einen Fleck„klar“ zu machen, um ihr Wohnhaus darauf zu ſetzen, blieben aber in der Zeit, bis das geſchehen, noch immer auf ihr Nachtquartier in der Colonie angewieſen, wobei ihnen das Hin⸗ und Herwandern noch ſehr viel Zeit fortnahm. Die meiſten der Emigranten bedurften dabei für ihren nächſten Lebensunterhalt der ihnen ver⸗ ſprochenen Subſidiengelder, d. h. einer Unter⸗ ſtützung, die ihnen der Staat gab und die ſie nur verpflichtet waren, nach einem Zeitraume von fünf Jahren zinsfrei zurückzuzahlen. Aber was kümmerten ſich die Leute jetzt um das, was man ihnen etwa nach fünf Jahren wieder abverlangen könne! Ihnen gehörte nur der Augenblick, und was ſie deshalb an ſolchen Unterſtützungen aus dem Director herauspreſſen konnten, hielten ſie Alles für rein gewonnen und geſchenkt, wie ſie es ebenfalls dem Director zur Laſt legten, wenn er ſo viel als möglich mit den Geldern zurückhielt. Er gönnte es ihnen nur nicht, meinten ſie, und wolle es vielleicht gar für ſich behalten. Daß er ſie ſelber davon zurückzuhalten wünſchte, zu viele Schulden zu machen, fiel ihnen gar nicht ein. 9 Director Sarno hatte den Kopf in der That zum Zerſpringen voll, und Könnern, der mit ſeinen eigenen Hoffnungen und Planen ebenfalls reichlich beſchäftigt war, ging ihm ſchon ſo viel als mög⸗ lich ſelber aus dem Wege. Als er aber gefunden, daß mit der Jagd in der Nachbarſchaft wenig oder gar Nichts zu machen war, hatte er ſeine Mappe wieder vorgenommen, und vor allen Dingen einen paſſenden Platz an den nächſten Hängen geſucht, von wo er einen Ueberblick über die Colonie bekam. Daß er dabei Meier's kleine, freundliche Plan⸗ tage beſonders im Auge hatte, mochte er ſich im Anfange ſelber nicht recht geſtehen, aber es ließ ſich auch nicht lange mehr ſogar vor ſich ſelber verläugnen, denn um den Platz her ſuchte er den ganzen Wald ab, nur um einen Punkt zu finden, von wo er einen Ueberblick in das Thal gewann, und war endlich glücklich genug, einen vorſpringen⸗ den Felſen an einem der Bergabhänge aufzu⸗ finden, von dem aus er Meier's Beſitzthum gerade überſchaute, während weiter zur Linken die Colonie Santa Clara mit ihren lichten Gebäuden und rothen Dächern, mit den gelben, ſchmalen Wegen und dunkeln Fruchtbaum⸗ und Gebüſchgruppen ein ganz freundliches und auch wirklich maleriſches Bild zeigte. 10 Allerdings waren ihm hier noch ein paar Palmen und Baumwipfel im Wege, welche zum Theil die ungeſtörte freie Ausſicht verdeckten, aber auch das ließ ſich mit geringer Arbeit beſeitigen. Selber im Gebrauche der Art tüchtig eingeübt, ſtieg er am nächſten Morgen wieder mit einem ſolchen Werkzeuge zu ſeinem Waldes⸗Atelier hin⸗ auf, markirte ſich die im Weg ſtehenden Stämme und ging dann ſcharf an die Arbeit, um ſich freie Bahn zu ſchaffen. Noch vor Dunkelwerden war das auch geſchehen und die kleine Felsplatte da oben jetzt ſo weit freigelegt, daß er am nächſten Morgen ſeine Arbeit, von keinem Hinderniſſe mehr geſtört, beginnen konnte. Etwa um zehn Uhr Morgens ſtieg er, ſeine Mappe auf dem Rücken, ſeinen Stock in der Hand und ein kleines Beil im Gürtel, auf einem ſchmalen, zum Theil ſelber ausgehauenen Stege bergan, und faſt unbewußt nickte er, als er den offenen Platz erreichte und das untere Thal mit ſeinen bewaldeten Seitenhängen vor ſich liegen ſah, freund⸗ lich nach der Stelle hinüber, wo Meier's Chagra lag— hatte ſein Blick ſie doch ſchon lange, ſelbſt durch die Büſche hin, geſucht! So ſchaute er denn ſtill und ſchweigend dort hinüber und ſein Auge haftete unverwandt auf 11 dem Einen Punkte. Endlich, wie mit Gewalt die Gedanken zurückdrängend, ſchüttelte er ſich das wirre Haar aus der Stirn und wollte ſich eben nach dem ſchon ausgeſuchten Platze wenden, um ſeine Arbeit zu beginnen, als ſein Blick auf eine dort ausgeſtreckte menſchliche Geſtalt fiel. Es war ein Mann in, wie es ſchien, anſtän⸗ diger Kleidung, der hier auf der Bruſt, das Ge⸗ ſicht im Graſe und den einen Arm lang ausge⸗ ſtreckt, regungslos lag.— War er todt?— Wirres, ſchwarzes Haar hing ihm um die Schläfe, daß ſich die Züge nicht erkennen ließen— und die eine Hand— Könnern blickte überraſcht zu der Geſtalt zurück, denn die Hand war zart und weiß, als ob ſie einem Mädchen gehöre.— Die Mappe und ſeinen Stock jetzt in das Gras legend, bog er ſich zu dem vor ihm Ausgeſtreckten nieder, um zu ſehen, ob noch Leben in dem Körper ſei. Kaum berührte aber ſeine Hand die Schulter deſſelben, als der vermeintliche Todte den Kopf hob, Kön⸗ nern anſtarrte und ſich dann langſam aufrichtete. „Fehlt Ihnen Etwas?“ fragte Könnern, als er die dunkeln Augen eines jungen Mannes auf ſich haften ſah. „Nein“— lautete die Antwort—„ich war nur müde— gedankenmüde geworden, und hatte mir die heiße Stirn ein Wenig kühlen wollen. Haben Sie den Platz hier ausgehauen, daß man den freien Blick über da unten gewinnt?“ „Ja,“ ſagte Könnern, den Fremden noch immer halb erſtaunt betrachtend, denn er konnte aus der eigenthümlichen Erſcheinung deſſelben nicht recht klug werden.—„Ich glaube, der Punkt hier eignet ſich vortrefflich dazu, um von hier aus die Colonie und ihre nächſte Umgebung aufzu⸗ nehmen.“ „Vortrefflich,“ erwiederte der Fremde, ſich mit der Hand über die Stirn fahrend,„Sie ſind Maler? Aber dort hinüber fehlt Ihnen noch ein kleiner Theil.— Sehen Sie da durch den Wipfel jener dünnen Palme das helle Haus mit dem kleinen Erker oben drauf? Wollten Sie Santa Clara zeichnen und das Haus verdecken?“ Könnern wußte nicht recht, was er aus dem Benehmen des Fremden machen ſollte. Dieſer aber, ohne ſeine Antwort abzuwarten, fuhr fort: „Ach, wie ich ſehe haben Sie ein kleines Beil bei ſich, damit geht es beſſer als mit meinem Meſſer, mit dem ich ſchon verſucht habe die Palme zu fällen.— Geben Sie mir das Beil— ich mache Ihnen Raum. Der junge Maler mochte dem ſo eigenthümlich 13 geſtellten Verlangen nicht entgegentreten, und während der Fremde mit ordentlicher Haſt nach dem Beile griff und die wenigen Schritte den, Hang hinabkletterte, folgte er ihm, damit die junge Palme nicht falſch geworfen würde und ihm vielleicht einen andern wichtigen Punkt verdecke. Er traute dem Fremden eben nicht viel praktiſche Erfahrung im Baumfällen zu. Dieſer hackte unerbittlich auf den ſchlanken Stamm los, und Könnern ſah zu ſeinem Erſtau⸗ nen, daß er wirklich ſchon mit dem Meſſer tiefe Einſchnitte in die Rinde gemacht, die Arbeit aber endlich als eine zu mühſame aufgegeben hatte. Als die Schläge den Baum trafen, fielen die ſchweren Tropfen, die der Nachtthau darauf ge⸗ worfen, von den Blättern nieder. Der Fremde hielt ein, ſtützte ſich mit dem linken Arm gegen den Stamm und ſagte traurig: „Der Menſch iſt doch eigentlich ein recht grau⸗ ſames Geſchöpf und vernichtet, wohin ſein Fuß nur tritt, wohin er die Hand nur ausſtreckt, er⸗ barmungslos was ihm im Wege ſteht.— Sehen Sie, wie der armen Palme die Thränen von den Wimpern fallen. So jung und ſchon ſterben— ſo ſchön und in der Blüthe ihrer Jahre zu Boden geworfen werden— zu Boden, zwiſchen Gras und 14 Lianen, die ſie in wenigen Monaten bedecken und umranken werden.— Aber was kann's helfen,“ ſetzte er nach einigen Secunden raſch und faſt wild hinzu, indem er das Beil wieder aufgriff—„wes⸗ halb ſoll der Baum gerade leben und im Sonnen⸗ lichte ſeine Arme dem Glücke entgegenbreiten? Fort mit dir, Burſche, du ſtehſt Anderen im Wege! was nutzen uns deine Thränen, dein Herzblut wollen wir haben; in dein Mark hinein wollen wir dringen, und wer der Bitte nicht nachgiebt, ei, den zwingt zuletzt die Gewalt!“— und mit raſchen, ſchlecht gezielten Schlägen hackte er wieder auf die junge Palme ein, aus der er aber doch Spahn auf Spahn heraushieb, bis ſich endlich der ſchwere Wipfel langſam zu neigen begann und der Baum in das Gewirr von niederen Büſchen und Ranken hineinſank. „Da liege und träume,“ ſagte der wunderliche Fremde—„und du biſt immer noch glücklich da⸗ bei,“ flüſterte er, von Könnern ungehört, dazu, „denn du ſtirbſt ihretwegen!“ Einen Augenblick ſtand er und ſchaute ſinnend auf den gefällten Baum, dann aber, wie ſeine Gedanken gewaltſam abſchüttelnd, ſprang er em⸗ por, ſchwang das Beil in der Luft und rief: „So, mein lieber Herr Maler, das letzte Hin⸗ 15 derniß iſt beſeitigt, nun können Sie ungeſtört an Ihre Arbeit gehen!“ Könnern hatte dem ſonderbaren Weſen und Treiben des Mannes ſchweigend⸗ zugeſehen, und zerbrach ſich dabei den Kopf, wer der Fremde wohl eigentlich ſein und was er treiben könne, denn der Anzug gab, wie er recht gut wußte, in den Colonien nur ſelten den Maßſtab für den Mann ſelber. Die feinen, faſt zarten Hände verriethen, daß er noch nie eigentlich ſchwere Arbeit gethan, und die Ungeſchicklichkeit, mit wel⸗ cher er den jungen Baum fällte, bezeugte das ebenfalls.— Was trieb er denn, um ſeinen Platz hier in der Colonie auszufüllen? Der Fremde aber ließ ihm nicht lange Zeit zu ſolchen Betrachtungen und ſchien ſonderbarer Weiſe ſelber das größte Intereſſe an der Malerei zu nehmen. Er drängte wenigſtens zum Beginne derſelben und half bereitwillig Alles verrichten, was Könnern ſeine Arbeit erleichtern konnte. Dann, als der junge Mann ſeine Mappe öffnete und ſeine Arbeit wirklich in Angriff nahm, ſtreckte er ſich neben ihm auf dem moosbewachſenen Steine aus und ſchaute in tiefem Sinnen lange auf die vor ihnen ausgebreitete, wahrhaft wuͤnder⸗ volle Landſchaft. Könnern, vollſtändig mit ſeiner Arbeit beſchäf⸗ tigt, hatte ſeine Nähe ſchon faſt ganz vergeſſen und entwarf raſch und mit kecken Strichen die Umriſſe des kleinen, freundlichen Bildes, als der junge Mann an ſeiner Seite plötzlich mit leiſer Stimme fragte:. „Glauben Sie an Träume?“ Er hob dabei das bleiche, ausdrucksvolle Antlitz zu dem Maler und ſchaute ihn mit den dunkeln Augen ſcharf und forſchend an. „Nein,“ lächelte Könnern, ohne ſich in ſeiner Beſchäftigung ſtören zu laſſen. Er zeichnete ge⸗ rade Meier's Haus, das eigentlich den Vorder⸗ grund zu der Skizze bilden ſollte, und wieder und wieder flog ſein Blick hinüber. „Ich dachte es mir,“ erwiederte ruhig der Frager und ließ den Kopf wieder ſinken—„die wenigſten Menſchen glauben an Träume, und doch ſind ſie nur zu oft das Spiegelbild unſerer Seele, von der wir allein auf dieſe Weiſe Etwas zu ſehen bekommen können.“ 4 „Das wäre ein eigenthümliches Spiegelbild,“ lachte Könnern kopfſchüttelnd,„das mir Etwas zeigt, an das meine Seele das ganze Jahr nicht gedacht hat. Iſt man denn im Stande das zu träumen, was man ſich erſehnt?— nie! Wir 17 mögen unſern Geiſt den ganzen Tag mit feſtem und entſchiedenem Willen auf einem Punkte feſt⸗ halten bis zum Schlafengehen, ja, bis ſich die müden Augen ſchließen, und Zehn gegen Eins, der Traum ſpringt mit uns nach irgend einer andern Gegend hinüber, und bringt uns die ver⸗ wirrteſten, fremdeſten Bilder— aber nie das Ver⸗ langte.“ „Aber der Geiſt hat mit dem Traume auch gar Nichts zu thun,“ ſagte der Fremde,„ſonſt allerdings wäre er von dieſem abhängig und müßte ihm auf ſeinen Bahnen folgen. Nur mit der Seele harmonirt der Traum, und im Gedächtniſſe hat er ſeine beſonderen Kammern, ſeine eigenen Oertlichkeiten, Scenen und Handlungen, in die er den Geiſt nur zu Zeiten einläßt und in denen dieſer wohl hin⸗ und herwandern, aber ſie nicht feſthalten darf.“ 8 Könnern ſah überraſcht von ſeiner Arbeit zu dem Redenden nieder, der, ſcheinbar ohne auf ihn Acht zu haben, mehr mit ſich ſelber als zu ihm ſprach. Der Kopf wirbelte ihm dabei, wenn er den tollen Gedanken folgen wollte, und er ſagte endlich kopfſchüttelnd: 3 „Aber wie kommen Sie auf ſolche Ideen, und was haben wir hier überhaupt mit einem Traum Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. II. 2 zu thun? Liegt nicht die Wirklichkeit um uns her ſo wunderbar ſchön— viel ſchöner, als ſie uns ein wirrer Traumgarten bieten könnte?“ „Ach, ich träume immer ſo ſchwer!“ ſagte der Mann mit einem recht aus tiefſter Bruſt heraus⸗ geholten Seufzer, indem er mit der flachen Hand ſeine Stirn preßte—„und wenn ich dann auf⸗ wache— aber Sie haben Recht,“ brach er kurz ab.„Zum Orkus mit den Träumen! Wir wollen uns lieber mit der Wirklichkeit beſchäftigen, die uns. ja auch nur wie ein Märchentraum umgiebt. — Sehen Sie hier, da hat ſich der dünne grüne Stiel mühſam aus der engen Felsſpalte heraus⸗ gearbeitet, nur um ein einziges rieſengroßes Blatt zu treiben, und da der Cactus— ſehen Sie den Cactus an— ſind Sie wohl im Stande, ſich eine vegetabiliſche Katze zu denken?— Das iſt eine. — Sehen Sie, wie jener Cactus auf den vom Sturme geworfenen jungen Stamm geſprungen iſt und ſich daran feſtgeklammert hat. Die Wurzel des armen Baumes hängt noch zum Theil im Boden und er hätte daraus Jahre lang ſeine Nahrung ziehen und ſeine Schößlinge nach oben treiben können— wie es mancher arme, umge⸗ worfene Baum thun muß— aber nein, der Cactus ſprang auf ihn; ſehen Sie, wie er ihn überall * mit ſeinen gegliederten Armen umſpannt und preßt, und da aus der Wunde, in die er ſich eingebohrt, hat er ihm den Lebensſaft langſam, aber ſicher ausgeſogen. Es iſt merkwürdig, daß wir ſelbſt in dem Leben der Pflanzenwelt ſo häufig ſprechende Aehnlichkeiten mit den Charakteren, mit dem ganzen Treiben unſerer Menſchenwelt finden— wenn wir nur eben ein Auge dafür haben— und ich glaube faſt, ich kenne einen ganz ähnlichen Cactus und“— ſetzte er langſamer und wie ſcheu hinzu—„kenne auch den todten Baum, dem er das Herzblut ausgetrunken.“ Könnern war mit dem Auge dem ausgeſtreck⸗ ten Arme ſeines neuen Bekannten gefolgt, und er mußte ſich geſtehen, daß der Vergleich ihm ſelber merkwürdig treffend ſchien. Der junge Baum war umgeweht, und der darauf gewachſene Schmarotzer⸗Cactus ſah wirklich ſo aus, als ob er den Stamm gierig und feſt umklammert hielt, einem Raubthiere gleich, das ſich auf ein geſtürz⸗ tes Stück Wild geworfen. „Und da drüben,“ fuhr der Fremde fort— „ſehen Sie den ſchlanken Laubholzſtamm, neben dem der aus ſeiner Wurzel aufſteigende Schoß wie der Sohn neben dem Vater ſteht? Haben Sie ſchon darauf geachtet, wie ſtarr die Aeſte des 2* 6 ——õ— 1N allen Seiten ſich ausſtrecken, nur nach der nicht, wo ſein junger Aufwuchs keimt? Rechts und links davon zweigt er aus, daß keiner ſeiner Arme den ſchlanken Wuchs des Knaben ſtört, aber er ſchützt ihn dabei von beiden Seiten und mit dem eigenen Leibe gegen den Südſturm, der nicht ſelten dieſe Hänge fegt.— Und dort die Rebe, die ſich an den Baum ſchmiegt und von ihm ge⸗ nährt, getragen und gehalten wird— es iſt nicht das Bild der Liebe, wie es auf den erſten Blick erſcheinen möchte— es iſt der falſche Freund, der den Umgarnten hält und in ſeiner treuloſen Umarmung endlich erſtickt.— Aber ich halte Sie von Ihrer Arbeit ab,“ unterbrach er ſich wieder —„das war mein Wille nicht.— Lieber Gott, es iſt doch eigentlich recht traurig, daß ich immer und immer wieder nur allen Menſchen im Wege ſein muß!“— Er warf ſich bei dieſen Wor⸗ ten auf den Stein nieder, lehnte die Stirn auf ſeinen Arm und lag viele Minuten ſtill und regungslos. Könnern zerbrach ſich noch immer den Kopf, was er aus ſeiner neuen Bekanntſchaft machen ſolle, denn manchmal kam es ihm ſo vor, als ob er es mit einem halb Wahnſinnigen zu thun habe, und dann auch wieder verwarf er den Gedanken 21 und hielt den Fremden nur für einen ni der, in ſeinen Hoffnungen und Erwartungen ge⸗ täuſcht, Bitterkeit gegen das ganze Menſchengeſchlecht im Herzen trage, dieſem Gefühle aber auf ſeine ei⸗ gene barocke Weiſe Raum gebe. Es that ihm aber auch wieder leid, daß ſich der Fremde ſeinetwegen Vorwürfe machen ſolle, und er ſagte freundlich: „Machen Sie ſich deshalb keine Sorge. Sie ſind mir nicht im Geringſten im Wege und ſtören mich gar nicht. Im Gegentheil, es iſt ganz an⸗ genehm, bei der Arbeit Jemanden zu haben, mit dem man plaudern kann, und in der Colonie habe ich bis jetzt leider noch Wenige getroffen, mit denen es der Mühe lohnte.“ Der Fremde richtete ſich langſam auf, ſtrich ſich die Haare aus dem Geſicht und ſagte dann: „Ich danke Ihnen; Sie ſind wenigſtens nachſich⸗ tig mit meinem Geſchwätz. Aber ich will Ihre Geduld auch nicht mißbrauchen— vielleicht ver⸗ treibe ich Ihnen die Zeit auf eine andere Weiſe“— und mit den Worten ſelbſt trat er in das nächſte Gebüſch, und Könnern ſah zu ſeinem Erſtau⸗ nen, wie er von dort eine Violine nahm und ſie ſtimmte. „Sie ſind Muſiker?“ fragte er. „Muſikant— ja,“ lachte der Fremde bitter vor hin—„ich darf den Bauern zum Tanz aufſpielen und den Jungen die Griffe lehren und mir die Ohren zerreißen laſſen, wenn ſie mit den dicken, gefühlloſen Fingern auf allen Saiten zu⸗ gleich herumtappen“— und damit ſtrich er wild in die Saiten, bis ſich ſein Aerger in den Tönen des eigenen Inſtrumentes milderte, und er zu einem weichen, meiſterhaft geſpielten Adagio ein⸗ lenkte. Könnern lauſchte entzückt dem Spiele des Fremden, und als dieſer endlich innehielt und ſein Inſtrument in tiefen Gedanken neben ſich auf den Boden ſtemmte, ſagte er freundlich: „Sie ſind mehr als Muſikant, mein lieber Freund, und wie Sie ſich auch hier Ihr Brod verdienen müſſen, Ihr Spiel verräth den Künſtler.“ „Künſtler,“ lachte der Fremde und warf ſich die Haare wieder aus der Stirn—„es iſt ein wunderlicher Name, und ich habe mir ſchon oft den Kopf darüber zerbrochen, weshalb man der⸗ artige Leute Künſtler nennt— doch wohl nur deshalb, weil ſie ſich mit einem ſolchen Inſtrumente nur höchſt künſtlich am Leben erhalten und vor dem Verhungern ſchützen kön⸗ nen. Künſtler— der Name hat etwas Vogel⸗ freies in der Bedeutung, ſelbſt in dem Doppel⸗ ſinn des Wortes— eine wunderliche Brüderſchaft mit ihren Auswüchſen von Seiltänzern, Taſchen⸗ ſpielern und Bänkelſängern.— Man ſagt, das Handwerk habe einen goldenen Boden, und was hat die Kunſt?— Einen vergoldeten Deckel, und darunter liegt Jammer und Elend, Hunger und Noth— Neid und Bosheit.— Wenn ich einen Knaben hätte, er müßte mir ein Handwerk er⸗ lernen, und wenn er das geringſte Talent zu einer ſogenannten„Kunſt’“ verriethe, drehte ich ihm mit kaltem Blute ſelber den Hals um.“ „Und doch ſitzen hier oben auf dem einen alten Felsblocke zwei lebendige Weſen, die der nämlichen vogelfreien Gilde angehören,“ lachte Könnern. „So treffen ſich die Menſchen in der Welt,“ ſagte der Fremde leiſe,„wandern eine kurze Strecke eine und dieſelbe Bahn und trennen ſicht wieder, um an verſchiedenen Orten ihr eigenes Grab aufzuſuchen— wunderliches Leben das!“— und wieder ſein Inſtrument aufnehmend, überließ er ſich ganz ſeinen wilden Phantaſien. Könnern unterbrach ihn auch nicht darin und zeichnete fleißig weiter, bis er die erſte Anläge ſeiner Skizze vollſtändig beendet hatte und aufſtand, um ſeine Mappe zu ſchließen. —— 24 „Sind Sie fertig?“ fragte der Violinſpieler und ſprang ebenfalls auf. „Noch nicht, aber doch mit der Anlage. Wie finden Sie die Skizze?“ Der Fremde warf einen flüchtigen Blick darüber hin, und dann die vor ihnen ausgebreitete Gegend mit dem Auge überfliegend, ſagte er, wieder zu der Zeichnung zurückdeutend:„Da liegt die Palme, die wir erſt gefällt, und gleich darüber, in die Blüthenbüſche hineingeſchmiegt— doch fort, was kümmern mich die Leute, und daß ich immer dorthin zurück muß, kann ich's ändern?— Ha, da iſt das Directions⸗Gebäude und die Kirche, wo die Bauern Sonntags ihre Geſangbuchsverſe ab⸗ brüllen und das Andacht nennen. Dahinter liegt der kleine, dunkelgrüne Hügel— da das Schul⸗ haus, wo hinein ſie mich bannen wollten, wenn ich nicht eben vogelfrei geweſen, und hier im Vordergrunde die Höhle des alten Mannes mit den weißen Haaren, der vollkommen Recht hat, daß er die Menſchen haßt und ſcheut, und nur dabei vergißt, daß er ein anderes, junges Leben ebenfalls in ſeiner Gruft vergräbt.“ „Sie kennen den alten Meier?“ fragte Kön⸗ nern raſch. „Ich kenne ihn,“ ſagte der Fremde ruhig, —-— 25 „und habe ihn manchmal geſehen, wie man den Panther ſieht, wenn man durch den Wald ſtreift — wie einen Lichtſchein durch die Büſche, und fort! Aber das iſt keine Natur die mir zuſagt, ich haſſe Vögel im Bauer, und nur draußen in der Freiheit— da— da ſehen Sie dort?!“ unter⸗ brach er ſich raſch und deutete mit ausgeſtrecktem Arm in die Anſiedelung hinab,„ſehen Sie, wie der Schimmel dort unten durch die Straßen fliegt? — ſehen Sie, wie die Locken der Amazone wehen, wie ihr Auge blitzt, wie die Wangen vom ſcharfen Ritt geröthet ſind und die kleine Hand das Thier unter ſich doch immer zu noch ſchärferer, wilderer Flucht antreibt?— Ach, das iſt Muſik, wenn das muthige Roß den Boden mit den Hufen ſchlägt— das iſt Muſik, wenn ihr fröhliches Lachen durch die Seele dringt und die Bruſt mit Wonne und Jubel füllt! Das Andere, was wir Muſik nennen,“ ſetzte er langſamer und finſter hinzu,„iſt nur eine Art von muſikaliſchem Lärm — ein Mißton in der Harmonie der Natur— gehen Sie mir mit ſolcher Muſik!“ Und ohne eine weitere Antwort des jungen Malers abzuwarten, ja, ohne ihn weiter zu beachten oder Abſchied von ihm zu nehmen, ſtieg er mit ſeiner Geige mitten in das Dickicht hinein, um ſich ſeinen Weg nach der Anſiedelung hinab direct zu bahnen. Könnern, der anfangs dem ausgeſtreckten Arme des Fremden mit dem Blicke gefolgt war, hatte in der von hier aus ziemlich fern gelegenen Colonie nur eben drei Reiter erkennen können, die in voller Flucht die breite Hauptſtraße hinab⸗ ſprengten. Einer von dieſen ritt einen Schimmel, weiter ließ ſich aber natürlich auf ſolche Entfer⸗ nung Nichts erkennen. Jetzt ſah er erſtaunt und kopfſchüttelnd ſeinem neuen Bekannten nach, der ihn auf ſo raſche und ſchroffe Art verließ. Aber nicht geſonnen ſich ihm aufzudrängen, wenn er ſich auch feſt vornahm, unten in der Colonie nähere Erkundigungen über ihn einzuziehen, packte er ſein Zeichenbuch ebenfalls zuſammen und ſtieg langſam auf dem von ihm ſelber ausgehauenen Weg in die Colonie zurück.— In der einen Querſtraße Santa Clara's, am weſtlichſten Ende der Anſiedelung, wo ſich der be⸗ baute Platz ſchon nach den Bergen hin zu heben begann, ſtand ein kleines, ziemlich ärmlich ausſehen⸗ . —— 27 des Häuschen mit drei Fenſtern und einer Thür und unter dem Ziegeldache eine Bodenkammer. Aermliche Häuſer gab es nun zwar in Santa Clara genug, aber die meiſten ſahen doch wenigſtens reinlich aus, und wenn ſie auch keinen Reichthum verriethen, zeigten ſie doch faſt alle das Streben der Inſaſſen nach einer gewiſſen Wohnlichkeit, die ſich auch durch das einfachſte Material herſtellen läßt, wenn nur eben Alles ſauber und in Stand gehalten wird. Es bedarf nicht immer künſtlich zugehauener Steine und werthvoller Hölzer; ein Topf weiße Farbe und ein Scheuerlappen verrichten oft vortreffliche Dienſte, nur muß der gute Wille und das Gefühl dafür vorhanden ſein. Hier ſchien das Alles zu fehlen. Der weiße Anputz des Hauſes war lange von Wind und Wetter heruntergewaſchen, die Fenſterſcheiben waren an vielen Stellen zerbrochen und an der Wetterſeite mit Papier nothdürftig verklebt. Das Staket des kleinen Gartens, in dem nur Unkraut groß gezogen wurde, lag an mehreren Stellen niedergebrochen; im Dache fehlte hier und da ein Ziegel, und der Regen ward durch untergeſchobene Spähne an ſolchen Stellen nothdürftig abgehalten, ſich ſeinen Weg in's Innere zu bahnen. 4 Eben ſo ſah es vor dem Hauſe ſelber aus. Wo faſt alle anderen Anſiedler gar nicht ſchwer zu erlangende Steinplatten gelegt, die wenigſtens einen trockenen und reinlichen Eingang in den Hausflur bildeten, hatte der Beſitzer dieſes Hauſes bequemer zu erreichendes Material verwandt und nur einige Körbe voll Spähne, die das Feuerholz geliefert, oben auf den weichen Lehm geſchüttet und nach und nach hineintreten laſſen oder ſelber hineingetreten. Aber dieſe waren nicht einmal erneuert worden und dadurch Stellen entſtanden, die man bei naſſer Witterung nur mit größter Vorſicht paſſiren konnte. Nichts deſto weniger prangte über der Thür ein mächtig großes Schild, das faſt die Hälfte der Hausbreite einnahm und den Raum zwiſchen Thürſims und Dach vollſtändig ausfüllte. Auf dieſem ſtanden mit in die Augen ſpringenden Buch⸗ ſtaben die Worte: Bekleidungs⸗Akademie von Juſtus Kernbeutel, Kleiderkünſtler für Herrn, und Zimmermaler. Juſtus Kernbeutel ſelber ſaß auch unter ſeinem Schilde an einem der offenen Fenſter auf ſeinem Zuſchneidetiſche und hatte ein Paar alte breitgeſtreifte Hoſen vor ſich auf dem Schooße, .29 auf die er eben in Ermangelung eines ähnlichen Stoffes einen violet carrirten Flicken ſetzte, während in dem andern Zimmer auf einem Heerd, der eine ganze Sammlung von ſchmutzigen und zer⸗ brochenen Töpfen trug, eine zu der ganzen Umge⸗ bung vortrefflich paſſende Frau das Mittagsmahl bereitete. Meiſter Kernbeutel oder„Juſtus“, wie er in der Anſiedelung gewöhnlich glattweg genannt wurde, ſchien übrigens ſeiner Arbeit nicht zu eifrig obzuliegen, denn er ließ oft die Nadel ruhen, um etwa Vorübergehenden nachzuſehen oder dann und wann auch Einen oder den Andern anzurufen. In ein ordentliches Geſpräch ließ ſich aber Niemand mit ihm ein, denn Jeder hatte ſeine beſtimmte Beſchäftigung, und daß Juſtus keine zu haben ſchien, kümmerte die Anderen eben nicht. Juſtus ſah übrigens auch gar nicht ſo ein⸗ ladend aus, das Haar hing ihm noch wirr um Kopf und Schläfe, als ob er ſich an dem Morgen — etwas ſehr Wahrſcheinliches— noch nicht ein⸗ mal gewaſchen hätte, und ein paar blutige Striemen in dem von Leidenſchaften gefurchten und unraſirten Geſichte dienten ebenfalls nicht dazu ihn zu verſchönern. Sein Humor ſchien aber dafür deſto beſſer; er pfiff fortwährend bei der Arbeit, aber ob aus eigener fröhlicher Laune oder vielleicht die Vor⸗ übergehenden und die Nachbarn wiſſen zu laſſen, daß er ſich den Henker um Einen von ihnen ſcheere, ließ ſich nicht genau erkennen. Es küm⸗ merte ſich auch Niemand darum.* Da kam ein einzelner Fußgänger langſam die Straße herauf. Er hatte die Mütze, mit einem Treſſenbande darum, ſchief und herausfordernd auf dem linken Ohr, beide Hände in den Taſchen einer alten Militärhoſe, die Weſte um einen Knopf zu hoch eingeknöpft und den blauen Lein⸗ wandrock fleckig und an der Schulter eingeriſſen, außerdem aber eine kurze, ſchmutzige Porzellan⸗ Pfeife im Munde und einen roth und grünen Tabaksbeutel vorn im Knopfloch hangen. Wie er dem Hauſe gegenüber war, blieb er ſtehen und las das Schild, beſah ſich dann auf⸗ merkſam den im Fenſter ſitzenden Eigenthümer, ging ohne Weiteres zu ihm hinüber, lehnte beide Arme auf das Fenſterbret und ſagte: „Guten Morgen, Schneider, wie geht's?“ Es giebt in der Welt eine Phyſiognomik, die wie die Freimaurerei ihre gewiſſen Zeichen unter ſich hat, und nach der ſich verwandte Charaktere oft wie durch eine Art von Inſtinct zu erkennen ſcheinen. Im Guten wie im Böſen zeigt ſich das, und wie ſich ein braver, rechtlicher Mann von dem offenen und ehrlichen Auge eines oft ganz Fremden angezogen fühlt, ſo kann der Lump oder Verbrecher gerade das offene und ehrliche Auge nicht leiden, fühlt ſich aber augenblicklich heimiſch, wo er die Gewißheit findet das zu treffen, was er ſelber zu ſeinem eigenen Wohlbehagen braucht: Genoſſenſchaft im Laſter und ein ſchlechtes Ge⸗ wiſſen. Zu dem Erſten müßte er aufblicken, das iſt ihm unbequem— zu dem Andern ſagt er Du — wenn auch nicht immer gleich wörtlich, doch immer gleich im Geiſte, und die Geſellſchaft iſt ihm gerade recht. „Guten Morgen, Schneider, wie geht's?“ redete auch deshalb der Fremde den am Fenſter ſitzenden Juſtus an, als ob ſie ſeit Jahren Freunde ge⸗ weſen wären, und nicht erſt heute oder geſtern erfahren hätten, daß ſie gegenſeitig auf der Welt wären—„immer ſo fleißig?“ „Muß ja wohl,“ lautete die für jetzt noch aus⸗ weichende Antwort des Arbeitenden, dem der Fremde zu raſch gekommen war, um ſich gleich in ihn hin— ein zu finden;„wohl erſt neulich angekommen?“ „Mit dem Schiff— ja. Hübſch hier in Bra⸗ ſilien, wie?“ „Wem's gefällt, ja,“ lautete die Antwort; „aber Donnerwetter, wie iſt mir denn? Das Ge⸗ ſicht ſollt' ich doch kennen— biſt Du denn nicht der Burſche, Kamerad, den die vornehme Geſell⸗ ſchaft da neulich beim Bier hinausfuhrwerkte? Haſt wohl noch keine Zeit gehabt, Dir den Rock wieder zu flicken?“ „Hm,“ brummte der Fremde, dem die Erwäh⸗ nung jener Scene eben nicht beſonders angenehm zu ſein ſchien;„wenn zehn Lümmel über Einen herfallen— hübſche Gaſtfreundſchaft hier bei Euch, das muß wahr ſein; und Du haſt vielleicht auch mit angefaßt?“ „Doch nicht,“ ſagte Juſtus kopfſ chüttelnd— „hol' ſie der Teufel, die Canaillen, mir ſind ſie eben ſo wenig grün, und ich hab gerade eine ſolche Kreide gegen ſie.“ „Oho?“ lachte der Fremde, der dadurch neues Vertrauen faßte—„aber was hilft's? Viele Hunde ſind des Haſen Tod, und wenn die Meute zuſammenhält, wer kann dagegen?“ „Deshalb muß man warten, bis man ſie ein⸗ mal auseinander trifft, und nachher ſeine Zeit wahren— aber wo kommſt Du her?“ 33 „Vom Rhein,“ ſagte der mit der Treſſenmütze. „Und was haſt Du für ein Geſchäft oder Handwerk?“ „Keins von Beiden,“ brummte der Burſche, ſich bequem mit dem Kinn auf ſeine beiden Arme lehnend. „Schafskopf!“ ſagte auf einmal eine deutliche Stimme dicht hinter dem Schneider, der ſich raſch und erſchreckt umſah und die Nadel fallen ließ, als er keinen Menſchen hinter ſich erblickte. „Nanu?“ rief er ordentlich beſtürzt aus und fuhr auf ſeinem Stuhle herum—„da hätt; ich denn doch darauf ſchwören wollen, daß Jemand dicht hinter mir ſchimpfte. Haſt Du Nichts gehört?“ „Ich?“ ſagte der Fremde gleichgültig—„gar Nichts. Was war's denn?“ „Na, das iſt aber doch merkwürdig,“ meinte der Schneider kopfſchüttelnd—„ich habe ganz deutlich gehört, wie Jemand ſagte...“ „Schafskopf!“ ertönte die Stimme noch ein⸗ mal, und der Mann fuhr von ſeinem Tiſche her⸗ unter, als ob er auf glühendem Eiſen geſeſſen hätte. Jetzt hielt ſich aber auch der Fremde vor dem Fenſter nicht länger und ſchlug ein ſo gel⸗ lendes Gelächter auf, daß Juſtus ſich erſtaunt und halb gereizt nach ihm umſah. Der mit der Treſſe 3 Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. II. aber, noch immer lachend, während er ſich mit beiden Händen an dem Fenſterbret hielt, rief: „Beruhige Dich nur, tapferer Kamerad— beruhige Dich nur; es iſt nicht der Geiſt irgend eines verſchnittenen Tuchrockes, der zu Dir ge⸗ ſprochen, ſondern...“ „Ich war's ja ſelber,“ rief wieder eine feine Stimme aus der entfernteſten Ecke vor. „Ja, was beim hellen Teufell“ fluchte Ju⸗ ſtus—„Halunke Du, biſt Du denn ein Bauch⸗ redner?“ Der mit der Treſſe lachte noch immer, daß ihm die Thränen von den ſchmutzigen Backen herunter liefen, und Juſtus, ſich wieder auf ſeinen Tiſch ſetzend, fuhr jetzt ſelber lachend fort: „Verfluchter Kerl! Habe wahrhaftig einen or⸗ dentlichen Schreck gekriegt. Aber komm herein, Kamerad; die Alte wird das Eſſen gleich fertig haben, und wenn Du nicht vielleicht beim Director eingeladen biſt... „Ein recht vergnügtes und ſauberes Pärchen, das muß wahr ſein,“ unterbrach in dieſem Augen⸗ blick eine Stimme von der Straße die Unterhal⸗ tung der Beiden, und als ſie raſch den Kopf danach drehten, ging eben Jeremias mit einem Bündel junger Pfirſichbäume auf der Schulter, die er 35 draußen auf irgend einer Chagra geholt, die Straße hinab. „Dich kümmert's wohl, Du verbrannter Ha⸗ lunke!“ rief ihm der Schneider zu, dem beim An⸗ blick ſeines Feindes die Galle raſch wieder überlief. „Lauf', mein Junge, lauf', ſie kommen!“ rief in dem Momente eine Stimme dicht hinter Jere⸗ mias, und dieſer drehte raſch und verwundert den Kopf der leeren Stelle zu. „Lauf', mein Burſche, lauf'! Sie kommen wahrhaftig!“ drängte es auf's Neue, und Jere⸗ mias, der noch immer keinen Menſchen ſah, wurde es doch jetzt unheimlich. Er dachte gar nicht mehr an den Schneider und deſſen Geſellſchaft, ſondern ſchritt ſchärfer aus, und als jetzt gar eine Stimme an ſeiner Seite laut wurde, die rief: „Halt ſtill, Burſche, halt ſtill! Ich muß eins von Deinen Ohren haben!“ fing er herzhaft an zu laufen, und ſtand, von dem jubelnden, wiehern⸗ den Gelächter der Beiden verfolgt, nicht eher ſtill, als bis er wieder in die eigentliche Straße und zwiſchen mehrere Häuſer kam. Juſtus Kernbeutel war aber jetzt rein außer ſich vor lauter Vergnügen, ſeinen ärgſten Feind — denn er haßte den fleißigen und ſparſamen Jeremias wie Gift— ſo angeführt und gejagt 3* 36 zu ſehen, und der mit der Treſſe mußte, er mochte wollen oder nicht, mit zu ihm in's Haus hinein, um an der eben aufgetragenen Mahlzeit Theil zu nehmen. Er fand allerdings nicht viel Appetitliches da vor, denn des Juſtus'„Haushälterin“ paßte zu demſelben, und ſie dachte nicht daran, wegen ſo eines Gaſtes auch noch Umſtände zu machen. Das Tiſchtuch— ein alter Baumwollenlappen— ſah aus, als ob es eine Zeit lang zum Fußtep⸗ pich vor der Hausthür gedient hätte, und war mit Fett übergoſſen, die irdene Schüſſel nur in⸗ wendig ein wenig ausgewiſcht, und die blechernen Löffel trugen noch die Erinnerung an die letzte Mahlzeit. Der mit der Treſſe war aber eben⸗ falls nicht verwöhnt, und es iſt ſogar möglich, daß er ſich vor einem reinen, weißen Tiſchtuch unbehaglicher gefühlt hätte, als gerade hier. Jetzt fühlte er ſich gleich daheim, wiſchte ſich ohne Um⸗ ſtände ſeinen Löffel an dem nächſten Zipfel des Tiſchtuches— wenn auch nicht rein, doch trocken, und langte dann tapfer mit in die mitten auf dem Tiſch ſtehende Schüſſel hinein, in der eine ziemlich reichliche Mahlzeit von klein geſchnittenen Kartoffeln und Fleiſchſtücken aufgetragen ſtand. Während des Eſſens wurde nicht viel geſprochen. 37 „Wie heißt Du denn eigentlich?“ fragte der Schneider ſeinen Gaſt. „Bux,“ ſagte der Mann kauend. „Kurz genug iſt der Name,“ lachte der Wirth —„und der Vorname?“ „Hab' keinen.“ „Haſt keinen Vornamen? Aber Du mußt doch getauft ſein?“ „Möglich; aber ſchon als Junge wurde ich von meinen Alten nur immer Bux genannt und dabei blieb's. Um Weiteres hab' ich mich nimmer erkundigt, intereſſirte mich nicht.“ „Und die Polizei daheim ließ ſich das auch gefallen?“ „Bah, was wollte ſie machen?“ lachte der Burſche—„eine Weile fuhrwerkten ſie mich per Schub im Lande herum, um zu erfahren wo ich zu Hauſe ſei, und meine Documente zu bekommen. Nachher fanden ſie ſich drein, und Bux hieß ich und blieb ich.“ Die Frau trug das Eſſen wieder hinaus, als Alle fertig waren, ohne auch nur eine Silbe zu ſprechen— nicht einmal guten Tag hatte ſie ge⸗ boten, als ſie in's Zimmer kam. Wie ſie den ſchmutzigen Fetzen vom Tiſche riß und damit ver⸗ ſchwand, ſagte Bux, hinter ihr her deutend: 38 „Scheint heute nicht beſonderer Laune, das ſchöne Geſchlecht.“ „Hausdrache,“ meinte Juſtus lakoniſch,„aber — was ich Dich fragen wollte, kennſt Du den Lump, der da vorüber ging 2“ „Den ich ſo hübſch auf den Trab brachte?“ fragte Bux, indem er ſeine kurze Pfeife zwiſchen die Zähne nahm, und aus dem roth und grünen Beutel ſtopfte. Der Schneider nickte und fuhr dann leiſe fort: „Das iſt der nichtswürdigſte Halunke, der im ganzen Ort herumläuft, und hat dabei“— er warf einen Blick zurück, ob die Frau nicht im Zimmer ſei—„ganze Säcke voll Silber im Walde vergraben.“ „Der?“ ſagte Bux, und hielt erſtaunt mit Feuerſchlagen inne—„ſieht aber wahrhaftig nicht danach aus.“ „Und doch iſt's wahr,“ beſtätigte Juſtus;„der Lump iſt mit allen Hunden gehetzt, verdient Geld Hand über Hand und giebt nicht einen Pfennig davon aus. Was er aber zuſammenſcharrt, ſteckt er in einen alten Sack und gräbt's irgendwo draußen ein, wo es der Teufel ſelber nicht finden kann.“ „Hm,“ ſagte Bux, indem er den dicken Qualm aus ſeiner Pfeife blies und Juſtus dabei gerade in's Geſicht ſtarrte—„das wäre ein Fund für einen ehrlichen Kerl, wenn man einmal über ein ſolches Neſt ſtolperte!“ „Ja, hat ſich was!“ brummte der Schneider —„an unſer Einen kommt ſo'was nicht— hol's der Böſe, ich hab' einmal kein Glück!“ „Zu viel Glück in der Liebe!“ lachte Bux, und Juſtus murmelte einen gottesläſterlichen Fluch vor ſich in den Bart, während der mit der Treſſe weiter dampfte. Beide blieben auch jetzt eine Weile mit ihren eigenen Gedanken beſchäftigt. Endlich nahm Bux das Geſpräch wieder auf. „Sollte er wirklich ſo dumm ſein, es draußen im Walde verſcharrt zu haben?“ „Und warum dumm? Sollt' er's lieber Je⸗ mandem borgen?“ „Uns Beiden etwa?“ lachte Bux. „Draußen liegt's, das iſt ſicher,“ fuhr Juſtus ſort, ohne auf den harmloſen Scherz einzugehen, „und ich— habe auch eine entfernte Ahnung, wo, aber allein iſt mit dem Schuft Nichts zu machen. Er hat Kräfte wie ein Bär, und ich möchte ihm nicht einzeln in der Gegend in den Weg laufen.“ „Und muß er dabei ſein? Wenn nun einmal 40 irgend Jemand wo nach Trüffeln gräbt?“ fragte der Andere jetzt lauernd, denn ſein neuer Kame⸗ rad ſchien mehr zu wiſſen, als er anfangs ſelber gedacht. Juſtus war aber noch nicht recht mit ſich im Klaren, denn die Bekanntſchaft mochte ihm doch wohl noch zu neu erſcheinen, um gleich eine ſo große Vertraulichkeit zu rechtfertigen. Der mit der Treſſe hatte ihn dabei viel zu raſch beim Wort genommen, und Juſtus, ob er nun wirklich Nichts weiter wußte, oder ſich noch erſt einmal ein derartiges Compagnongeſchäft reiflicher über⸗ legen wollte, hielt zurück und gab ausweichende Antworten. Bux dachte ebenfalls nicht daran, ihn zu drängen, und nur erſt auf die Spur gebracht, brauchte er vielleicht nicht einmal den Schneider zu ſeiner weiteren Hülfe— er hatte ſchon andere Dinge möglich gemacht. „Bleibſt Du in Santa Clara?“ fragte ihn Juſtus jetzt. „Vor der Hand, ja— muß erſt wieder friſches Reiſegeld haben, um ein Wenig im Lande herum⸗ zufahren; nachher laſſ' ich mich nieder, kaufe mir ein paar Dutzend Mohren und werde Pflanzer.“ „Du giebſt wohl Vorſtellungen?“ fragte der Schneider. 41 „Wollen ſehn was zu machen iſt, und ob die Leute Geld haben. Sie werden's doch nicht Alle im Wald verſcharren?“ „Ne, ſchwerlich,“ lachte Juſtus—„ich wenig⸗ ſtens nicht.“ „Na, denn adjes, Kamerad, für jetzt— bin gerade dabei, ein Bißchen im Orte umher zu hor⸗ chen, wie die Sache am Beſten anzufangen iſt. Wer könnte Einem denn da wohl die bequemſte Auskunft geben?“ „Hm,“ ſagte Juſtus nachdenkend—„der Pfarrer.“ „Hahahaha,“ lachte Bux,„da käm' ich gerade an die rechte Schmiede—„ne, Kamerad, mit dem Pfarrer hat mein Geſchäft oder meine Kunſt, wenn Du willſt, Nichts zu thun.“ „Gut, da geh nicht hin,“ brummte Juſtus beleidigt—„wenn Du mir aber folgen willſt, gehſt Du gerade zum Pfarrer, und um Gottes⸗ willen nicht zum Director, denn mit dem wär's Nichts. Der Pfarrer iſt aber ein kreuzfideles Haus, ein Paſtor, wie er im Buche ſteht, der ſei⸗ nen Spaß mitmacht, und auch bei Gelegenheit einmal über die Schnur haut.“ „Und biſt Du wirklich im Ernſt?“ fragte der mit der Treſſe, noch immer zweifelhaft. „Gewiß bin ich,“ ſagte Juſtus ernſthaft;„ver⸗ ſuch's nur einmal— er beißt nicht.“ „Gott ſtraf' mich, dann geh' ich zum Pfarrer!“ lachte Bux laut auf—„und wenn's nur des Spaßes wegen wäre, daß der und ich einmal in einem Joche ziehen. Alſo auf Wiederſehen, Ka⸗ merad!“ Damit drückte er ſeinem neu gefundenen Freunde die Hand, rückte ſeine Mütze wieder auf ein Ohr und ſchlenderte langſam in die Stadt zurück. 2. Die Naniok-Mühle. Etwa zwölf Legoas die Küſte abwärts und eine volle Legoa in den Wald hinein lag eine große, trefflich gehaltene und beſtellte Chagra oder Plan⸗ tage, mit weiten Mais⸗, Bohnen⸗ und beſonders Maniokfeldern*), in welchen letzteren eine An⸗ *) Die Maniok⸗Wurzel iſt eine der Kartoffel nicht un⸗ ähnliche Knolle, welche mit Bohnen und Schweinefleiſch das Haupt⸗Nahrungsmittel der Braſilianer bildet. Sie wächſt, als Wurzel eines Strauches, aber nicht rund, ſondern lang, nur unter der Erde und oft bis zu Armesdicke, mit einer dünnen, braunen Schale, wie die Kartoffel. Sonderbarer Weiſe iſt ſie giftig, wenigſtens der Saft derſelben, und ſie muß deshalb zerrieben und ausgepreßt werden, wonach man das dadurch erhaltene grobe Mehl dörrt und zu den Speiſen verwendet. Eine ganz ähnliche Wurzel wie die Maniok, und in Strauch und Knolle kaum von ihr zu unterſcheiden, iſt die beſonders in Peru und Ecuador angepflanzte Yuka, welche aber kein Gift enthält und häufig geröſtet gegeſſen wird. 3 zahl Neger beſchäftigt war, die großen, ſchweren Wurzeln auszugraben oder, wo das ging, aus dem Boden zu ziehen und auf Haufen zu werfen, während ſie die holzigen Büſche ebenfalls zuſam⸗ men ſchleppten, um ſie zu verbrennen. Dicht an den Feldern und in einem wirklichen Walde von Orangenbäumen lagen die Häuſer des Eigenthümers mit den Negerwohnungen, ohne Anſpruch auf Symmetrie nach allen Richtungen und Winkeln angebaut. Jedenfalls war es eine ſehr bedeutende und umfangreiche Plantage, aber die Wohnungen ver⸗ riethen das trotzdem nicht, denn etwas Einfacheres als ihre Bauart und Einrichtung ließ ſich nicht wohl denken oder herſtellen. Die Gebäude ſelber waren aus Holz und Lehm aufgeführt, mit Schin⸗ deln und Schilf gedeckt, und wohl mit Fenſter⸗ löchern verſehen, aber natürlich ohne Rahmen und Glas. Selbſt der Boden war nicht gedielt, ſogar nicht einmal in der Wohnſtube des Beſitzers; die Luft konnte überall frei aus und ein, und wenn ſich einmal der Morgen oder Abend außergewöhn⸗ lich friſch zeigen ſollte, ſo wurde nur ein großer Brazero, ein Meſſingkohlenbecken mit Holzkohlen, mitten in's Zimmer geſetzt, und wer gerade darin war, kauerte darum her. 45 Eben ſo einfach wie das ganze Haus waren die Möbel, welche allein aus ſchlicht gehobeltem Holze beſtanden, und ſtatt der Betten dienten auf ein Geſtell ſcharf angeſpannte Kuhhäute, auf denen ein paar wollene Decken und ein mit wilder Baum⸗ wolle ausgeſtopftes Kopfkiſſen lagen. Unter jedem Bett aber ſtanden ein Paar Pantoffeln für etwa eintreffende Fremde, denn es ſcheint faſt, als ob ſich ein Braſilianer keine Exiſtenz außer in Pan⸗ toffeln denken könnte. Er trägt dieſelben nicht allein im Hauſe, ſondern auch auf ſeinen Spa⸗ ziergängen, ja ſelbſt auf Reiſen, und Braſilianer in Schlapppantoffeln zu Pferde ſind gar nicht etwas ſo Seltenes. So viel iſt gewiß, ſo wie er ein Dampfboot betritt, zieht er augenblicklich die ihm läſtigen Schuhe aus und ſeine ihm weit be⸗ quemeren Pantoffeln an, ſelbſt wenn die übrigens rein gewaſchenen Socken oft an den Hacken ſehr bedenkliche Löcher zeigen. Für Bequemlichkeit hat deshalb der braſilia⸗ niſche Pflanzer wohl einen Sinn, für Wohnlichkeit oder Häuslichkeit aber gewiß nicht, und er ver⸗ wendet ſein Geld viel lieber auf ein mit ſchwerem Silber überladenes Reitzeug oder Pferdegeſchirr, als auf den Platz, der ihm und ſeiner Familie zur Wohnung dient, der alſo ſeine Heimath ſein ſollte— hat er doch nicht einmal ein Wort für Heimath. 8 Dicht an die kleinen Häuſer angebaut ſtand ein großer, auf Pfählen errichteter Schuppen, ebenfalls mit Lehmwänden, einer mächtigen Thür, durch die ein beladener Karren recht gut einfahren konnte, und im Innern mit einer vollſtändigen Mahleinrichtung, die aber trotzdem kaum den dritten Theil des Raumes ausfüllte. 4 Die Mühle ſelber war nicht ganz in der Mitte angebracht und beſtand in einem ſehr einfachen Räderwerke, das weiter Nichts als ein mit durch⸗ löchertem Eiſenblech beſchlagenes Rad trieb. Das Eiſenblech war in der Art wie unſere gewöhn⸗ lichen Reibeiſen, welche ſich in jeder Küche finden, nur etwas gröber ausgeſchlagen, und beſtrich einen kleinen Kaſten oder eine Art von Gefach, in welches die vorher nur abgeſchabten Maniokwurzeln ein⸗ geſchoben wurden. Gerade war wieder ein Karren voll dieſer Knollen bis hinein in den Schuppen ſelber ge⸗ fahren und dann vorn aufgekippt worden, um die Frucht auf den Boden zu werfen. Dort kauerten augenblicklich vierzehn bis fünfzehn Neger, doch nur wenige Männer, Frauen und Kinder, da⸗ rum her, um mit Meſſern und Eiſen die Knollen 44 abzuſchaben, welche dann von anderen Sclaven zu der Mühle getragen und von einem Knaben auf⸗ geſchüttet wurden. Indeſſen war ein kräftiger Stier hereingeführt und mit verbundenen Augen an den ſenkrecht laufenden Schaft geſpannt, welcher das Hauptrad drehte und die hineingeworfenen Wurzeln zerrieb. Das von dem giftigen Safte noch durchdrungene Geſchabe wurde dann in grob gewebte Säcke gepackt. An der Seite des Schuppens waren für dieſe Säcke Preſſen angebracht, rohe, ſtarke Holzſchrau⸗ ben mit Löchern zu Hebebäumen, wie ſie auf Schiffen am Gangſpill ſind. Unter dieſe kamen die Säcke, unter jede Schraube einer, und wurden erſt ein Wenig angeſchraubt, daß der Saft aus dem Gewebe herauslief, der ſich dann unten in einer Rinne fing und in eine Grube lief. Jede halbe Stunde etwa zogen beſondere Leute die Schraube feſter und feſter an, bis der Sack zu der Form eines kleinen Schweizerkäſes feſt und hart zuſammengedrückt und der letzte Saft aus dem jetzt zu Mehl gewordenen Geſchabe entfernt war. Hinten an der Wand, auf einer Art von Back⸗ ofen, ſtand außerdem eine rieſige eiſerne Pfanne über dem Feuer. Dort hinein kam das immer noch etwas feuchte Mehl, und ein Neger rührte: 48 und bewegte es hier ununterbrochen, bis es voll⸗ ſtändig ausgetrocknet, in Säcke gemeſſen und in die Vorrathskammer geſchafft werden konnte. Es war ein lebendiges Bild, dieſe Mühle, mit den fröhlich plaudernden Gruppen der Mädchen und Kinder, mit dem geſchäftigen Treiben der Sclaven, welche in ihrer Arbeit ſo regelmäßig gingen wie der Stier der die Walze drehte, mit der halb nackten Geſtalt des Negers an der heißen Pfanne, welchem die Gluth den ohnehin ſchon warmen Platz noch unerträglicher machen mußte. Die Mühle ſchien aber auch zu einer gewöhn⸗ lichen Wohnſtube benutzt zu werden, denn dicht neben der Gruppe der ſchabenden Mädchen ſtand ein langer Holztiſch mit Stühlen darum her, und eine der Negerinnen kam gerade mit dem Tiſch⸗ tuch herein, um für die nächſte Mahlzeit zu decken. Mitten unter den Frauen und Kindern ſchwarzer Abſtammung ſaßen dazu ein paar weiße Mädchen, mit derſelben Arbeit beſchäftigt, und eine alte Dame in ſchwarzem Seidenkleid und ſchwarzer Mantille lehnte dicht daneben in einem großen Rohrſtuhl, und ſah der Arbeit zu, während zwei kleine Negerkinder von zwei und drei Jahren zu ihren Füßen ſpielten und ihr auch manchmal in ihrem Muthwillen auf den Schooß kletterten. 49 Nur allein in der einen Ecke entfernt von den Uebrigen, ſaß eine weiße Frau, die in die ganze Umgebung nicht zu paſſen ſchien. Sie trug augenſcheinlich eine fremde Tracht, und auch die lichten Locken ſtachen gegen die Rabenhaare der übrigen Bewohner auffallend ab. Ihr Geſicht ließ ſich aber nicht erkennen, denn ſie hatte es mit ihrem Tuche bedeckt— weinte ſie? Die Neger⸗ mädchen unterbrachen manchmal ihre Fröhlichkeit, ſahen ſcheu nach ihr hinüber und flüſterten dann mit einander. Ernſte Gedanken konnte aber dieſes leichtherzige Geſchlecht nicht lange von ſeinem Muthwillen ablenken, und irgend ein hingewor⸗ fener Scherz riß wieder Alle raſch zu lauter Fröh⸗ lichkeit hin. Ein alter Herr in einem dunklen, langen Rock, aber einen Panamahut auf, betrat jetzt die Mühle. Er war jedenfalls ein Geiſtlicher und der Eigenthümer der Plantage, ſchien auch die Frau in der Ecke bei ſeinem Eintritt gar nicht geſehen zu haben, ſondern ging zuerſt zu den Arbeitern, um ſich zu überzeugen, daß die Be⸗ ſchäftigung ohne Störung verliefe, und trat dann zu dem Stuhl der alten Dame, neben dem er ſich ebenfalls niederlaſſen wollte, als eine Hand⸗ Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. II. 4 50 bewegung derſelben ſeine Aufmerkſamkeit auf die Fremde lenkte. Langſam drehte er ſich nach ihr um, betrach⸗ tete ſie wohl eine Minute ſchweigend, ſchritt dann auf ſie zu und legte ſeine Hand leicht auf ihren Kopf. Die Frau hob die vothgeweinten Augen zu ihm auf und ſah ihn an, und der alte Herr ſagte freundlich: „Aber meine liebe Senhora, was geben Sie ſich immer und immer wieder dieſen trüben Ge⸗ danken hin? Den Schritt, den Sie gethan, haben Sie aus eigener feſter Ueberzeugung und mit freiem Willen gethan; die Geſetze dieſes Landes wie die Kirche ſelber ſchützen Sie darin, weshalb alſo nun noch dieſe Traurigkeit? Frohlocken ſollten Sie eigentlich, daß Sie, wenn auch ſpät, doch endlich zu der rechten Erkenntniß gelangt ſind, denn die Bahn liegt jetzt offen vor Ihnen, welche Sie zu Glück und Frieden führen kann.“ „Ach, Sie haben ja wohl Recht, ehrwürdiger Herr,“ ſagte die Frau in ziemlich gutem Portu⸗ gieſiſch—„ich hab' es ja Alles aus freiem Willen gethan— es hat mich kein Menſch dazu gezwun⸗ gen, aber nun, da es geſchehen iſt, kommt mir doch immer noch manchmal ein Gedanke, als ob 51 ich doch am Ende unrecht, als ob ich ſchlecht ge⸗ handelt hätte.“ „Und kann eine Handlung ſchlecht ſein, die Geſetz und Religion auf ihrer Seite hat?“ fragte der Mann. „Ach nein, nein,“ ſagte die Frau raſch—„es find ja auch nur manchmal die albernen dummen Gedanken. Sprechen Sie mir nur Troſt und Zuverſicht ein, lieber Herr, nachher wird ſchon Alles gut werden. Es iſt— es iſt mir nur noch Alles hier ſo neu, ſo fremd, und ich ſollte eigent⸗ lich recht, recht glücklich ſein, denn mein— früherer Mann darf mich jetzt nicht mehr auszanken und ſchlagen, und— ich werde die alte vergangene Zeit ja auch bald vergeſſen.“ „Das werden Sie, liebes Kind,“ ſagte der Braſilianer,„und ſich außerdem auch noch voll⸗ kommen ruhig und ſicher fühlen können, denn gleich nach dem Eſſen werden die Pferde kommen, welche Sie nach Santa Catharina bringen ſollen. Dort hat Ihr Herr Gemahl eine ſehr hübſche Be⸗ fitzung, und Sie werden dort alles Leid, alle Sorgen bald und ſchnell— vergeſſen,“ ſetzte er langſamer hinzu und horchte nach der Thür hin⸗ über, von der ein merkwürdiges Geräuſch her⸗ ſchallte. Es war faſt, als ob Jemand um Hülfe 14 52 riefe, und in demſelben Augenblicke ſtürzte auch ein Negerjunge herein, auf ſeinen Herrn zu und rief: „Senhor— fremder Mann hat andern fremden Herrn gepackt— hier,“ erklärte er deutlicher und griff ſich ſelber nach dem Halſe—„ſo feſt. Eine Senhor ſchreit und andere....“ „Was iſt da vorgegangen?“ rief der Braſi⸗ lianer erſtaunt, aber die Frau war todtenbleich geworden. Eine Ahnung der Wahrheit ſchoß ihr durch die Seele, und mit gefalteten Händen empor⸗ ſpringend, rief ſie aus: „Schützen Sie mich um Gottes willen; das iſt mein Mann, der mich aufgefunden hat!“ „Hm,“ ſagte der braſilianiſche Geiſtliche— „das wäre möglich, aber haben Sie keine Furcht. Hier kann Ihnen Nichts geſchehen, denn Sie ſind unter meinem Dache.“ Er behielt aber keine Zeit weiter, ſie zu be⸗ ruhigen, denn durch die Thür herein flogen noch ein paar Negerjungen, und dicht hinter ihnen er⸗ ſchien eine Gruppe, vor welcher die Mädchen er⸗ ſchreckt von ihrer Arbeit aufſprangen und die allerdings mit der bisherigen freundlichen Ruhe des Platzes im grellſten Widerſpruche ſtand. In dem breiten Thore, durch welches erſt vor 53 wenigen Minuten wieder der Karren geſchoben war, welcher den neuen Vorrath in die Mühle gebracht, erſchien unſer alter Bekannter, der Co⸗ loniſt Pilger aus Santa Clara, aber nicht mehr der ruhige, ſtille Mann, wie wir ihn dort geſehen, ſondern mit erhitztem Geſichte, zornfunkelnden Augen, die dunkelbraunen Haare wirr um die Schläfe hangend, das Hemd durch das Raufen vorn aus einander geriſſen: ſo trat er ein und ſeine rechte Hand hatte ſich faſt krampfhaft in die Halsbinde des früheren Delegado von Santa Clara gekrallt, den er, weiter gar nicht mehr ſeiner ach⸗ tend, hinter ſich herſchleifte. Der arme Delegado ſah bös aus. Seine beiden hübſchen Pantoffeln hatte er unterwegs verloren und war in bloßen Strümpfen durch die oft ſchmutzigen Stellen der Straße hergeſchleppt; ſein Rock hing ihm nur noch in Fetzen vom Leibe, ſein Hemd war zerriſſen, ſein Hut ebenfalls verloren und im Geſichte blutete er an drei bis vier ver⸗ ſchiedenen Stellen. Die Neger, die ebenfalls herbeigeſprungen waren, ſtarrten dabei von der Gruppe zu ihrem Herrn, denn ſich in den Kämpf zweier Weißen zu miſchen, ſchien ihnen nicht räthlich; aber der Eine von dieſen war doch der Gaſt des Herrn ſelber, * 54 und deſſen Befehl erwarteten ſie jetzt. Che dieſer aber nur einen ſolchen geben, ja, vielleicht ſelber einen Entſchluß faſſen konnte, hatte Pilger's wild umherſchweifender Blick die Frau erſpäht. In dem Moment war der Gefangene, war ſeine ganze Umgebung vergeſſen, und den Portugieſen los⸗ laſſend, der in Angſt und Scham hinter dem Geiſtlichen Schutz ſuchte, eilte er auf ſie zu und rief: „Margareth! Margareth! und muß ich Dich hier finden?“ Er wollte auf ſie zugehen und ihre Hand faſſen, der Braſilianer aber, der indeſſen mit ruhigem Blick das Ganze überſchaut hatte und den Zu⸗ ſammenhang vollkommen gut begriff, trat zwiſchen ihn und Margareth, und den Arm gegen ihn hebend, ſagte er ruhig: „Halt, lieber Freund— dies iſt mein Haus — hier ringsum ſtehen meine Leute, mir Ord⸗ nung zu halten, wenn Jemand dieſelbe gegen meinen Willen ſtören wollte, und ich bitte Sie des⸗ halb jetzt, mir ganz leidenſchaftslos zu ſagen, was Sie hier wünſchen, was Sie hergeführt und wes⸗ halb Sie meinen Freund, Dom Franklin, auf ſo rohe Weiſe mißhandelt haben.“ „Was ich will? Was mich hergeführt?“ ſagte Pilger, erſtaunt zu dem Braſilianer aufſehend, „fragen Sie die Frau da, welche ohne einen Blutstropfen im Geſichte hinter Ihnen ſteht und ſich mit ihren Augen in den Boden eingraben möchte. Wiſſen Sie, was die Beiden verſchuldet, die Frau da und jener blutige Schuft, der dort ſcheu in die Ecke gekrochen iſt?“ „Mein Herr,“ ſagte der Braſilianer ruhig— „Sie häufen da ſchwere Anklagen auf zwei Leute, welche, was auch früher Ihre Anrechte geweſen ſein mögen, jetzt vollkommen unabhängig unter dem Schutz der braſilianiſchen Geſetze ſtehen und von keinem Menſchen, am Wenigſten von einem fremden Proteſtanten, beleidigt werden dürfen. Bedenken Sie das, oder vielmehr, Sie hätten es früher bedenken ſollen, ehe Sie die Hand an einen braſilianiſchen Bürger legten.“ „Und in niederträchtiger Weiſe hat er mich überfallen!“ rief der Delegado jetzt hinter dem Geiſtlichen vor;„langſam kam ich den Weg ent⸗ lang, der hier nach der Hacienda führt, als dieſer Menſch wie ein Bär über mich her ſtürzte, mich zu Boden ſchlug, würgte und mich dann hieher⸗ ſchleppte. Da müßte ja doch keine Gerechtigkeit mehr in Braſilien ſein, wenn ſich ein braſiliani⸗ ſcher Bürger ſo von einem hergelaufenen Lump behandeln zu laſſen brauchte.“ 56 Pilger erwiederte kein Wort, aber der Blick, mit dem er auf den zurückweichenden Delegado zuſchritt, ſchien dieſem einen neuen und vielleicht gefährlicheren Angriff zu verſprechen, als der erſte geweſen. Ein Wink des Hausherrn brachte aber die Neger auf dieſe Seite herüber, hinter denen der Delegado Schutz fand, und Pilger, nur noch einen verächtlichen Blick nach dem feigen Patron hinüber werfend, ſagte in deutſcher Sprache: „Was ärgere ich mich auch noch mit dem Schuft! Komm, Grethe— Du haſt hier Nichts mehr zu thun. Wir Beide wollen gehen, und unſer Herr Pfarrer daheim mag nachher die Sache in Ordnung bringen. Du ſcheinſt Dich mit mir nicht länger glücklich zu fühlen— gut— ich will und werde Dich nicht zwingen bei mir zu bleiben. Aber Deinen Eltern habe ich verſprochen, wie ein ehrlicher Mann an Dir zu handeln— was Du verſprochen haſt, weißt Du ſelber am Beſten— und ſo will ich Dich ihnen wenigſtens zurück nach Deutſchland ſchicken, daß ſie ſehen, ich habe mein Wort gehalten. Nun?“ fuhr er er⸗ ſtaunt fort, als er ſah, daß ſich Margarethe gar nicht regte und nicht einmal das Auge aufſchlug —„eine volle Woche bin ich in wahrer Todes⸗ angſt Deinetwegen in der Gegend hier herum ge⸗ 57— fahren und habe gehungert und gedurſtet, nur mit dem Gedanken an Dich— Dich zu retten aus dem Verderben, in das Dich jener Bube gelockt, und jetzt— jetzt haſt Du nicht einmal einen Blick für mich, Grethe?“ „Ich weiß nicht, was Sie Beide nocß in Deutſch zu verhandeln haben,“ miſchte ſich hier der Bra⸗ ſilianer ein,„denn ich verſtehe die Sprache nicht; erlauben Sie mir aber, zu bemerken, mein Herr, daß Sie mit dieſer Frau Nichts weiter im Geheim verhandeln dürfen, ſo lange ich wenigſtens dabei bin, und unter meinem Dache— Sie haben mich doch hoffentlich verſtanden?“ „Mit meiner Frau nicht?“ lachte der Deutſche bitter—„das wäre nicht übel. Außerdem werde ich Sie nicht länger hier beläſtigen; daß auch Sie mir aber noch Rechenſchaft geben ſollen, eine ihrem Manne weggelaufene Frau verſteckt zu haben, darauf können Sie ſich verlaſſen. Komm, Grethe, mir wird die Luft zu ſchwül hier; ich muß fort!“ „Niemand hält Sie,“ ſagte der Braſilianer kalt—„ſo viel aber diene Ihnen außerdem zu wiſſen, daß dieſe Frau nicht mehr die Ihrige iſt, ſondern daß ich ſie vorgeſtern ſchon mit Dom Franklin Braſileiro Lima nach dem Ritus unſerer Kirche verbunden habe.“ „Sie? Meine Frau mit dem da?“ rief Pilger, kaum ſeinen Ohren trauend. „Ich bin Geiſtlicher,“ ſagte der Braſilianer, ſich hoch emporrichtend,„und nachdem Ihre frü⸗ here Frau den katholiſchen Glauben angenommen hat, habe ich ſie mit Dom Franklin nach dem Ritus unſerer Kirche zu unlöslicher Verbindung zuſammengegeben.“ „Eine verheirathete Frau!“ rief Pilger wieder, dem ſich faſt die Sinne bei dem eben Ge⸗ hörten verwirrten. „Eine proteſtantiſche Ehe in nach unſeren Ge⸗ ſetzen kein canoniſches Hinderniß,“ ſagte der Geiſt⸗ liche kalt,„und wenn Sie in ein fremdes Land kommen, müſſen Sie ſich auch den da beſtehenden Geſetzen fügen.“ „Bin ich denn wahnſinnig, oder wollen Sie mich erſt dazu machen?“ ſagte Pilger, und hielt ſich mit beiden Händen ſeine Stirn—„die Frei⸗ heit unſerer Religion iſt uns vom Staate zuge⸗ ſichert, und alle proteſtantiſchen Ehen ſollten un⸗ gültig ſein?“ „Vor dem Geſetze, ja,“ ſagte der Braſilianer, und. ein ſpöttiſches Lächeln zuckte um ſeine Lippen— „als Concubinat laſſen wir ſie gelten, als weiter Nichts. Doch das iſt eine Sache, die ich nicht länger hier mit Ihnen verhandeln möchte. Sie werden nach dem Vorhergegangenen begreifen, daß Ihre weitere Gegenwart hier für beide Par⸗ teien nur unangenehm ſein kann.“ „Und Du, Margareth?“ ſagte Pilger jetzt mit faſt gebrochener Stimme,„Du haſt ſ o handeln können? Fühlſt Du denn die Schande und Schmach gar nicht, die Du mir und Dir dabei angethan?“ Die Frau ſtand regungslos in ihrer Ecke, die Augen feſt und ſcheu auf den Boden geheftet, aber ſie ſprach kein Wort, und der Braſilianer, der dieſer Scene unter jeder Bedingung ein Ende machen wollte, rief: „Jetzt iſt's genug, Senhor— die Frau ſteht hier unter dem Schutze meiner Schweſter und ihres rechtmäßigen Gatten. Glauben Sie wirk⸗ lich noch Rechte an ſie zu haben, ſo wenden Sie ſich an die Gerichte des Landes, die Ihnen ſagen werden, was Sie zu hoffen haben. Jetzt aber verlaſſen Sie dieſes Haus, wenn Sie mich nicht zwingen wollen, mir mit Gewalt Ruhe und Frieden auf meinem Eigenthum zu verſchaffen.“ „Gut,“ ſagte Pilger ruhig—„ich gehe; ich ſehe überhaupt wie es hier ſteht, denn die Frau da hat Scham und Ehre abgeſchworen, und iſt doch 60 eines braven Mannes nicht mehr werth. Wenn aber noch Geſetz und Gerechtigkeit in Braſilien zu finden iſt, ſo wollen wir doch ſehen, ob ein ſolcher Schurkenſtreich ungeſtraft verübt werden darf!“ „Joao! Pablo! Pedro!“ rief der Braſilianer, bei dem jetzt auch der Zorn die Oberhand ge⸗ wann—„werft mir dieſen Fremden einmal hinaus auf die Straße!“ und drei oder vier Neger ſprangen vor, dem Befehl zu folgen. Pilger aber, ein breites, ſchweres Meſſer aus ſeinem Gürtel reißend, ſagte ruhig: „Kommt, meine Burſchen! Aber Gott ver⸗ damm' mich, den Erſten, der einen Arm nach mir ausſtreckt, hacke ich in Stücke!“ Und damit wandte er ſich und ging feſten Schrittes der Thür zu. „Santa Maria!“ ſchrieen die Neger, erſchreckt vor dem Stahl zurückprallend, und ſprangen dann ebenfalls nach ihren Meſſern und riſſen die Bäume aus den Schraubenpreſſen, um Gewalt mit Gewalt zu begegnen. Der Braſilianer wollte es aber doch nicht zum Aeußerſten kommen laſſen, und da der Fremde jetzt ſelber ging, winkte er die Schwarzen zurück. Er ſollte den Platz unbeläſtigt verlaſſen. Auf Santa Catharina. Etwa vier Wochen waren ſeit den in den letzten Kapiteln beſchriebenen Vorgängen verfloſſen, ohne daß in der Provinz Santa Clara etwas Beſon⸗ deres vorgefallen wäre. Herr von Schwartzau hatte indeſſen fleißig ge⸗ arbeitet und einen großen Theil des zur Coloni⸗ ſation beſtimmten Landes ausgemeſſen, und der Director dann, ſo raſch das möglicher Weiſe an⸗ ging, den darauf wartenden Coloniſten ihre für ſie beſtimmten Plätze angewieſen. Aber das allein genügte oft nicht einmal, denn er mußte auch noch hinter den Leuten her ſein, daß ſie nun auf ihrem eigenen Grund und Boden wirklich zu arbeiten anfingen, denn die lange, faule Zeit die ſie verlebt, 4 62 lag ihnen noch ſo in den Gliedern, daß es einiger Anſtrengung bedurfte, ehe ſie wieder in Gang kamen.— Die Männer wenigſtens hätten ſich eben ſo gern wie bisher noch vier Wochen länger von der Regierung füttern laſſen, denn daß ſie durch das vorgeſtreckte Geld in Schulden kamen, machte ihnen vor der Hand noch keine Sorge. Sie beſaßen ja ſelber kein Eigenthum, was konnte ihnen die Regierung denn da abnehmen? Herr von Schwartzau hatte übrigens mit einem ſeiner Inſtrumente Unglück gehabt, denn ein junger Baum war beim Fällen in einer Schlingpflanze hängen geblieben, dadurch in eine andere Richtung gekommen und ſchlug im Sturz ſeine beſte Buſſole zuſammen. Auf Santa Catharina hatte er indeſſen noch mehr Inſtrumente ſtehen, von denen Einiges kom⸗ men zu laſſen ſchon lange ſein Wunſch geweſen, und da die Regierung, auf des Directors An⸗ ſuchen, ein doch vorbeikommendes kleines Dampfboot beordert hatte, in der Mündung des Fluſſes Santa Clara anzulegen, um die durch den betrügeriſchen Agenten hierhergeſchickten Einwanderer wenigſtens bis Santa Catharina zu ſchicken, von wo ſie mit dem gewöhnlichen Poſtdampfer(unentgeltlich) weiter gebracht werden konnten, ſo beſchloß Herr von Schwartzau dieſe Gelegenheit zu benutzen, und ſelber nach der Inſel zu fahren. Vom Director bekam er dazu außerdem noch den Auftrag, im Namen der Colonie die Klage gegen den Delegado und den braſilianiſchen Geiſt⸗ lichen anhängig zu machen, der eine proteſtantiſch verheirathete Frau, ohne ſelbſt eine Scheidung für nöthig zu halten, anderweit getraut hatte, wenn ſich Sarno ſelber auch wenig Erfolg von dieſem Schritte verſprach. Er kannte die Geiſtlichkeit Braſiliens und ärgerte ſich nur über die entſetz⸗ liche Gleichgültigkeit, mit welcher die deutſchen Proteſtanten dieſen Fall aufnahmen, der, wenn etwas Derartiges überhaupt geſchehen konnte, alle Familienbande in Frage ſtellte. Jeder pflicht⸗ vergeſſene Mann, jede treuloſe Frau brauchte ſich an ihre gültig geſchloſſene Ehe gar nicht mehr gebunden zu halten, und die Folgen blieben un⸗ abſehbar. Nichtsdeſtoweniger nahmen es die Proteſtanten außerordentlich kaltblütig. Der Geiſtliche— ein guter Freund des Dom Franklin— wollte gar Nichts damit zu thun haben und behauptete, es ſei einfach eine Sache, welche die Gerichte anginge und von dieſen ſchon beſtraft werden würde, und die Coloniſten ſchimpften wohl und ſchlugen im 64 Wirthshauſe mit der Fauſt auf den Tiſch— aber dabei blieb es. Selbſt ein Circular, das der Director zur Unterſchrift herumſchickte, wurde von den Wenigſten unterſchrieben, denn der deutſche Bauer ſetzt nicht gern ſeinen Namen unter irgend ein Schriftſtück, es mag enthalten, was es will— ausgenommen eine Quittung. Pilger ſelber war wie gebrochen. Er arbeitete wieder, verkehrte aber faſt mit keinem Menſchen. Machte er ſich in ſeinem Herzen Vorwürfe, daß er die Frau, ſeine Margareth, wohl auch manch⸗ mal rauher behandelt hatte, als recht war— brannte ihm das jetzt auf der Seele, daß er ſelber vielleicht den erſten Anlaß zu dieſem Schritte ge⸗ geben, der jetzt ſein ganzes Lebensglück zerſtörte? Wenn dies auch der Fall war, ſo ſprach er doch mit Niemandem darüber, und die Nachbarn dauerte der fleißige, ordentliche Mann, der jetzt bleich und hohlwangig ſo allein in ſeinem Hauſe ſaß Indeſſen fuhr Schwartzau auf dem kleinen Regierungs⸗Dampfer mit günſtigem Wind und Wetter gen Santa Catharina, und am dritten Tag Abends bekamen ſie die kleine reizende Inſel in Sicht, die ſich, nur wenige Meilen vom feſten Lande entfernt, an der Küſte entlang dehnte. Und das war früher der Verbannungsort Por⸗ 65 * tugals, wie auch die Hauptſtadt noch immer Deſterro heißt; hierher wurden die Verbrecher, beſonders viele Juden transportirt, als Strafe für begangene Miſſethat, oder vielleicht auch nur, um unbequeme Perſönlichkeiten aus dem Wege zu ſchaffen— ein ſehr leichtes und von manchem Staate oft ange⸗ wandtes Mittel. Aber die Zeit iſt vorbei, und wie die Bewohner jetzt nicht einmal gern mehr hören, daß der Ort früher zu ſolchem Zwecke be⸗ nutzt worden, iſt Santa Catharina gegenwärtig der Schlüſſel zu vielen vortrefflichen braſilianiſch⸗ deutſchen Colonien geworden, und eine große Anzahl von Deutſchen ſind ſogar dort geblieben und haben ſich als Geſchäftsleute oder Handwerker in der Hauptſtadt niedergelaſſen. Deſterro iſt faſt zur Hälfte ein deutſches Städtchen. Günther von Schwartzau kannte den Ort ſchon, aber trotzdem weilte ſein Auge mit Entzücken auf dem wahrhaft wundervollen Bilde, das ſich vor ihm ausbreitete, als ſie die, den eigentlichen Hafen gegen die Nordwinde ſchützende Landſpitze um⸗ fuhren und jetzt die kleine, freundliche Stadt, ter⸗ raſſenförmig von Bäumen, Büſchen und Palmen umſchloſſen, vor ſich liegen ſahen. Prachtvolle Gebäude feſſelten allerdings nicht den Blick oder gaben dem Hafen einen Anſtrich von Glanz und Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. II. 5 66 Reichthum, wie das z. B. bei Rio de Jandiro der Fall iſt: aber ſo lauſchig und verſteckt lag jede einzelne Wohnung in dem ſanften Grün der Gärten, ſo ruhig plätſcherte dazu die See und ſo wolkenrein ſpannte ſich der blaue Himmel darüber hin, daß man ſich da wohl fühlte, ehe der Fuß nur das Land betreten. Als freilich der Anker in die Tiefe ſchoß, war der Friede auch an Bord geſtört. Der Flaggen⸗ Telegraph hatte die Ankunft eines Dampfers vom Norden ſchon gemeldet, und eine Anzahl von Boo⸗ ten und jenen trefflich gearbeiteten Canoes— die man in der ganzen Welt nicht zierlicher und prak⸗ tiſcher gebaut findet, als in Braſilien— kam langſeit. Die Bootsleute aber faßten, wie an anderen Orten, ſo auch hier, ohne Umſtände auf, was ſie an Gepäck fanden, um es in ihre kleinen Fahrzeuge zu ſchaffen und ſich die dazu gehörigen Paſſagiere zu ſichern. Günther fuhr natürlich ſogleich mit an 1 Land, denn der Aufenhalt auf dieſen kleinen braſilianiſchen Dampfern iſt nicht angenehm genug, um den Rei⸗ ſenden länger, als unumgänglich nöthig iſt, darauf zu feſſeln, und ging dann gleich an der Wohnung des Präſidenten vor, wo er ſich wenigſtens an⸗ melden wollte. Er hatte ſich kaum Zeit genom⸗ 67 men, nur die nothwendigſte Toilette zu machen, aber die Abende ſind in allen jenen Ländern über⸗ haupt die Zeit, in der man Beſuche macht oder empfängt. Der Deutſche fand übrigens heute aus⸗ nahmsweiſe eine größere Geſellſchaft verſammelt, und als die Frau Präſidentin ſeinen Namen hörte, ließ ſie ihn bitten augenblicklich einzutreten. Kam er doch von Santa Clara, und ſie nahm ſelber das größte Intereſſe daran, von dieſer Co⸗ lonie Näheres und Neues zu hören. Günther wurde in das große Empfangszimmer geführt und fand hier ſchon ſechs oder acht Herren und eben ſo viele Damen verſammelt. Der Präſident ſelber ſaß in einem Lehnſtuhle etwas bei Seite, es war ein kleiner ältlicher Herr, mit einem unendlich gutmüthigen Geſichte und ein Paar großen, klugen Augen; aber er ſchien ſehr leidend. Er ſah blaß und angegriffen aus, mit ein⸗ gefallenen Wangen und einem eigenen ſchmerz⸗ lichen Zuge um den feingeſchnittenen Mund. „Ah, mein lieber Eſwartſau*),“ nickte er ihm freundlich zu und ſtreckte ihm die dünne, faſt durch⸗ *) Portugieſen und Spanier können nie ein Sp, St oder Sch mit einem Conſonanten dahinter am Anfang eines Wortes ausſprechen, und ſetzen jedes Mal ein E vor. 5*½ 68 ſichtige Hand entgegen;„ſchon fertig in Santa Clara? Das iſt raſch gegangen.“ „Noch nicht, Senhor,“ ſagte Günther, die Hand nehmend und herzlich drückend—„ich muß wieder zurück und erzähle Ihnen nachher, weshalb ich herüber gekommen bin— Senhora, erlauben Sie, daß ich Sie begrüßen darf.“ „Es freut uns ſehr,“ ſagte die Dame mit huldvollem Lächeln,„Sie wieder einmal auf Santa Catharina zu ſehen.— Aber ſetzen Sie ſich, Sie kommen wie gerufen, um uns recht viele Neuig⸗ keiten von Ihrer Colonie zu erzählen— es ſoll ja fürchterlich da zugehen!“ „Fürchterlich?“ lächelte Günther;„davon habe ich nun allerdings Nichts gemerkt.“ „Nichts?— Aber erlauben Sie mir, Sie meinen Freunden vorzuſtellen.“— Und die Sen⸗ hora machte jetzt die gewöhnliche Formel der Intro⸗ duction durch, die einen Fremden zur Verzweiflung bringen könnte, wenn die Sache an ſich ſelbſt nicht ſo unbedeutend wäre. Eine Maſſe von fremden Namen wurden ihm genannt, die er zum großen Theil nicht einmal verſtand oder doch in demſelben Moment wieder vergaß; die Leute verbeugten ſich gegen einander und die Sache war damit ab⸗ gemacht. 69 Nur ein Name war Günther aufgefallen, und zwar der eines deutſchen Barons von Reitſchen. Er gehörte einem ältlichen Herrn von ſtattlichem Ausſehen, mit ſchon etwas grau gemiſchten Haaren, aber vollkommen glatt raſirtem Geſicht und einer ſehr zierlichen goldenen Brille, der aber, anſtatt den Landsmann etwas herzlicher zu begrüßen, ſich ebenfalls damit begnügte nur aufzuſtehen, und eine ſteife Verbeugung zu machen. „Und wie weit ſind Sie mit Ihrer Vermeſſung gekommen, lieber Freund?“ fragte der Präſident, als die langweilige Ceremonie vorüber war.„Schon Etwas ausgerichtet?“ „Allerdings, Senhor,“ erwiederte Günther; „mit Hülfe des Directors Sarno, der mich wacker dabei unterſtützte, haben wir es möglich gemacht, genügendes Land für ſämmtliche ſich jetzt dort befindliche Einwanderer zu vermeſſen. Ich kehre von hier aber gleich wieder nach Santa Clara zurück, um noch einen andern Diſtrict in Angriff zu nehmen; denn da jeden Tag ein neues Schiff eintreffen kann, wird es immer beſſer ſein einige vermeſſene Strecken in Vorrath zu haben.“ Der Präſident nickte beiſtimmend mit dem Kopfe, ſchwieg aber, und die Frau Präſidentin ſagte: Dame, indem ſie ein Papier von dem nächſten Tiſche nahm; wollen Sie ſo gut ſein und das „Alſo hat ſich der Herr Director doch endlich herbeigelaſſen, wenigſtens in dieſer Hinſicht ſeine 4 Pflicht zu thun. Da muß ihm das Feuer tüchtig. auf den Nägeln gebrannt haben!“ „Ich weiß nicht,“ ſagte Günther, während er einem der mit Erfriſchungen herumgehenden Diener ein Glas Limonade abnahm—„in welcher Be⸗ ziehung Director Sarno ſeine Pflicht verſäumt haben kann, Senhora; ſo lange ich mich aber in der Colonie aufgehalten, kann ich ihm nur das rühm⸗ lichſte Zeugniß geben, da er ſich der Einwanderer mit wahrhaft eiſernem Fleiße angenommen. Sarno ſcheint mir ein ſehr tüchtiger Mann, und beſitzt außerdem auch die nöthige Energie, etwaigen Ueber⸗ griffen feſt entgegen zu treten.“ „Energie!“ lächelte die Dame;„er iſt der reine Unterofficier, und wir haben von der ganzen Co⸗ lonie Klagen auf Klagen hören müſſen, die zuletzt ſelbſt die Geduld eines Heiligen ermüden könnten!“ „Klagen über Sarno?“ ſagte Günther erſtaunt. „Sie glauben es wohl etwa nicht?“ lachte die einmal leſen.“ 4 Günther nahm das Papier und überflog es flüchtig. Es waren in der That eine Menge An⸗ klagen gegen den Director, in denen beſonders ſein rauhes und rückſichtsloſes Betragen„gegen den gebildeten Theil der Geſellſchaft“ hervorgehoben und zuletzt gebeten wurde, den Director ſeiner Stelle zu entheben und einen würdigeren dafür hinzuſenden. Unterſchrieben war das Document von einer Anzahl ihm unbekannter Namen: einige davon kannte er aber doch, und unter den erſtge⸗ zeichneten ſtanden die Frau Gräfin Baulen, Baron Jeorgy, Paſtor Beckſtein und Arno von Pulte⸗ leben. Ein Name beſonders fiel ihm ſeiner Kürze und Anſpruchsloſigkeit wegen auf: Bux, Künſtler. „Nun,“ ſagte die Dame, während er das Papier langſam wieder zuſammenfaltete und zurückgab, „was ſagen Sie nun?“ „Daß es in jeder Colonie eine Menge unzu⸗ friedenes Volk giebt,“ erwiederte Günther,„das ſich mit keinem Director wird befreunden können, es ſei denn, er befriedige alle ihre Wünſche. Ich halte Sarno für den paſſendſten Mann für einen ſolchen Poſten, den Sie in ganz Braſilien finden könnten.“ „O, Sie ſind wahrſcheinlich ein beſonderer Freund von ihm!“ lachte die Frau Präſidentin. „Ich weiß nicht, ob ich auf den Titel Anſpruch machen darf,“ ſagte Günther ruhig;„bei meinem 72* Aufenthalt in Santa Clara habe ich mit dem Director allerdings freundſchaftlich, aber nur in meinen Geſchäften verkehrt. Wen auch immer ich aber über ihn geſprochen, war der Meinung, daß er für die Stelle paſſe.“ „So?“ lächelte die Dame geringſchätzig— „freilich die Bauern müſſen das am Beſten beur⸗ theilen können. Was halten Sie aber von einer Colonie, in der Gewaltthätigkeiten, Raub und Plünderung zu den allergewöhnlichſten Dingen ge⸗ hören?“ „Von einer ſolchen Colonie würde ich ſehr wenig halten, gnädige Frau,“ lächelte Günther— „ich kann aber doch nicht vermuthen, daß Sie glauben ein ſolches Verhältniß finde in Santa Clara ſtatt; denn während der fünf Wochen, die ich mich dort aufhielt, iſt nichts dem Aehnliches vorgefallen, und ich habe ſogar nicht einmal von einem einzigen ſolchen Falle ſprechen hören— eine Entführungs⸗Geſchichte ausgenommen.“ „Wenn Sie im Wald bei Ihrer Arbeit waren, mein lieber Herr von Schwartzau,“ miſchte ſich Herr von Reitſchen in das Geſpräch,„ſo iſt es wohl erklärlich, daß Sie die einzelnen Vorfälle in der Stadt ſelber nicht beachten konnten. Sie hat⸗ ten dafür zu viel zu thun. Der Herr Präſident 73 hier hat aber ſo authentiſche Nachrichten über der⸗ artige wirklich geſchehene Dinge erhalten, daß ſogar der Entſchluß gefaßt iſt, mit dieſem zurück⸗ gehenden Dampfer Militär nach Santa Clara zu ſchicken.“ „Militär nach Santa Clara?“ rief Günther erſtaunt—„eingeborene Soldaten, um etwa ein⸗ mal eine gelegentliche Streitigkeit zwiſchen den Deutſchen zu ſchlichten? Das iſt denn doch wohl nur ein Irrthum!“ „Nicht allein der Streitigkeiten wegen, lieber Freund,“ miſchte ſich hier der Präſident in die Unterhaltung, obgleich ihm das Sprechen ſchwer zu werden ſchien;„es ſollen ſich auch neuerdings wieder Indianer in der Nachbarſchaft gezeigt haben, und es iſt immer beſſer, bei Zeiten Vorkehrungen zu treffen, damit man ſich nicht ſpäter Vorwürfe über eine verſäumte Pflicht zu machen habe.“ „Aber, beſter Herr,“ verſicherte Günther,„Sie ſcheinen da wirklich ganz falſchen Bericht über die Colonie erhalten zu haben, denn ich gebe Ihnen mein Wort, daß auch nicht die Spur einer Gefahr von Indianern für Santa Clara exiſtirt. Habe ich ja doch vor kurzer Zeit ſelbſt drei Monate an dem noch viel weiter im Innern gelegenen Che⸗ baja zugebracht, und ſelbſt da hat man ſeit Jahren 74 Nichts mehr von den Wilden gehört oder gar einen von ihnen zu ſehen bekommen.“ „Wenn Sie von ihnen hören oder ſie ſehen, iſt es nachher gewöhnlich zu ſpät, ſich noch gegen ſie zu ſchützen,“ ſagte der Präſident.„Uebrigens glaube ich ſelber...“ Ein heftiger Huſtenanfall unterbrach ihn, und die Frau Präſidentin ſagte: „Die Coloniſten können meinem Mann nur dankbar ſein, daß er ſelbſt im Voraus für ihre Sicherheit ſorgt.“ „Ich zweifle ja keinen Augenblick“"¹ erwiederte Günther,„daß der Herr Präſident alles Das mit der beſten Abſicht angeordnet hat; glauben Sie aber mir, Senhora, der ich ſchon viele dieſer deutſchen Co⸗ lonien nicht allein geſehen, ſondern genau kennen gelernt habe, die braſilianiſchen Soldaten dieſer Diſtricte, von denen ſelbſt die beſten wenig mehr als Geſindel ſind, vertragen ſich nicht mit den Coloniſten, und wenn ſie noch ſo gute Officiere haben; häßliche Reibereien können nie und nimmer vermieden werden.“ „Sch glaubte, Ihre Bewohner von Santa Clara wären ſo friedfertiger Natur?“ „Kleine Häkeleien fallen bei allen Nationen vor,“ ſagte Günther achſelzuckend,„beſonders aber bei den Deutſchen, und es gehört nur ein ver⸗ 75 ſtändiger und entſchiedener Mann dazu, der ent⸗ weder gütig vermittelt, oder auch einmal im Noth⸗ falle ein Machtwort ſpricht, und den haben die Leute jetzt, wie ich feſt glaube, an dem gegen⸗ wärtigen Director Sarno.“ „Ja, der ſie im Nothfalle die Treppe hinunter wirft, nicht wahr,“ ſagte die Frau Präſidentin, „und ſich mit den einzelnen Coloniſten ſelber ſogar prügelt!“ „Aber, gnädige Frau...“ „Laſſen Sie es gut ſein,“ unterbrach ihn die Dame.„Ueber geſchehene Dinge iſt es nicht nöthig viele Worte zu verlieren, und daß ſie eben nicht wieder geſchehen, dafür hat mein Mann Sorge getragen. Ob der Director auch daran ſchuld iſt, daß ſelbſt Streit und Unfrieden faſt in allen Familien herrſchen und Frauen gezwungen ſind, wie das ſelbſt vorgekommen, bei den Braſi⸗ lianern Schutz gegen die Mißhandlungen daheim zu ſuchen, weiß ich nicht, es bleibt ſich jetzt aber auch gleich. Einem ſolchen Zuſtande mußte ab⸗ geholfen werden, und ich ſtelle Ihnen hiermit in einem Landsmanne von Ihnen, dem Herrn Baron hier, unſern neuen Director der Colonie Santa Clara vor.“ Wieder ſtand Herr von Reitſchen auf und verbeugte ſich höflich gegen Herrn von Schwartzau, und dieſem kam es faſt ſo vor, als ob dabei ein leiſes, ſpöttiſches Lächeln um ſeine Lippen zucke. Er neigte ſich auch nur leicht gegen ihn und ſagte: „Ich ſtehe der Sache allerdings zu fern, um auch nur ein einiger Maßen werthvolles Urtheil in dieſer Angelegenheit fällen zu können, und hoffe nur, daß Herr von Reitſchen im Stande ſein wird, allen jenen furchtbaren Uebelſtänden abzu⸗ helfen, die er, dem Anſcheine nach, in der un⸗ glücklichen Colonie vorfinden ſoll. Was aber den einen Fall anbetrifft, auf den Sie eben anſpielten, gnädige Frau— ich meine den, wo eine deutſche Frau gezwungen war, bei einem Braſilianer Schutz zu ſuchen— ſo bin ich zufälliger Weiſe ganz genau davon unterrichtet, und habe ſogar die Klage des Directoriums gegen jenen würdigen Braſilianer für den„Seurn Präſidenten mitgebracht. Jener Lump.. ernehaldigen Sie einen Augenblick,“ unter⸗ brach ihn die Dame raſch—„Sie erinnern ſich doch, daß ich Ihnen den Betheiligten, Dom Franklin Braſileiro Lima hier, als meinen Gaſt mit vor⸗ ſtellte— oder haben Sie es vielleicht überhört? Erlauben Sie, daß ich es wiederhole: Dom Frank⸗ lin, Herr von Eſwartſau.— Bitte, fahren Sie — 71. fort— Sie ſprachen von dem Ehemanne, der ſeine Frau mißhandelt hat, nicht wahr?“ Die übrige Geſellſchaft, der das Wohl oder Wehe der deutſchen Colonie nicht im Geringſten am Herzen lag, hatte ſich unterdeſſen unter ein⸗ ander unterhalten und einer der Herren eine auf dem Clavier liegende Guitarre aufgenommen, mit der er halblaut eines der kleineren braſilianiſchen Lieder begleitete. Nur Dom Franklin war dem Geſpräche, ohne jedoch den Kopf nach Günther umzudrehen, mit Spannung gefolgt, und während er mit einer neben ihm ſitzenden Dame ſcheinbar ein Geſpräch unterhielt, horchte er jedem Worte, das über die, ihn beſonders intereſſirende Colonie geſagt wurde. Bei Günther's Anklage zuckte er auch wohl einen Moment zuſammen, fand ſich jetzt aber nur noch mehr bewogen, das eben Beſprochene gar nicht gehört zu haben, und drehte ſich erſt, ſcheinbar überraſcht, gegen Herrn von Schwartzau um, als die Frau Präſidentin ſeinen Namen nannte. Günther fühlte wie er erröthete, denn wenn er den Braſilianer auch verachtete und keinen Augenblick würde gezögert haben, ihm die Anklage mit den ſchärſſten Worten in's Geſicht zu ſchleu⸗ dern, ſo war es ihm doch äußerſt fatal, wenn auch unwiſſentlich, gegen die Regeln des Anſtandes verſtoßen und in einer Geſellſchaft einen Gaſt be⸗ leidigt zu haben.— Und hatte der Braſilianer ſeine Worte gehört? Es ſchien nicht ſo, denn mit dem freundlichſten Wohlwollen leiſtete er der zwei⸗ ten Vorſtellung Folge.— Die Dame hatte zeitig genug parirt, einer ſehr unangenehmen Scene vorzubeugen, und nur der Präſident mußte in ſeinem Stuhle Zeuge des Ganzen geweſen ſein, denn er lächelte leiſe vor ſich hin. Wenn aber auch Günther an dieſer Stelle natürlich Streit mit dieſem Menſchen vermeiden wollte, verachtete er ihn doch viel zu ſehr, Freund⸗ lichkeit gegen ihn zu heucheln. Nur kalt verneigte er ſich gegen ihn und fuhr dann zu der Dame ge⸗ wendet fort: „Ich habe allerdings keinen ſpeciellen Auftrag für den Herrn ſelber, von dem ich keine Ahnung hatte, daß er ſich in Santa Catharina aufhielt. Hier iſt aber unter ſolchen Umſtänden keineswegs Ort und Zeit, eine derartige, für beide Par⸗ teien unangenehme Sache zu verhandeln, und der Herr Präſident erlaubt mir vielleicht, ihm die Pa⸗ piere morgen früh vorzulegen.“ „Mit großem Vergnügen,“ erwiederte der An⸗ geredete;„aber ich fürchte, wir werden an der Sache nicht viel ändern können.“ „Sie glauben doch nicht, daß...“ „Morgen früh, lieber Freund, morgen früh,“ winkte der Präſident mit der Hand,„ich bin heute Abend zu angegriffen.“ Herr von Schwartzau verbeugte ſich, und die Frau Präſidentin, die ſich indeſſen leiſe mit Herrn von Reitſchen unterhalten hatte, ſtand jetzt auf und kam auf Günther zu. „Laſſen wir die fatalen Sachen heute Abend,“ ſagte ſie freundlich,„und ſpielen Sie uns lieber Etwas auf dem Pianoforte. Sie ſind doch muſi⸗ kaliſch?“ „Ich muß unendlich bedauern, gnädige Frau,“ ſagte Herr von Schwartzau achſelzuckend,„aber ich kenne nicht einmal die Noten.“ „So ſpielen Sie Etwas aus dem Kopfe.“ „Ich habe nie eine Taſte angerührt.“ „So ſpielen Sie wahrſcheinlich die Violine oder Guitarre?“ „Eben ſo wenig.“ „Aber die Flöte gewiß?“ „Ich muß zu meiner Beſchämung geſtehen,“ lächelte von Schwartzau,„daß ich bei Allem, was Muſik betrifft, einzig und allein zum Zuhören zu verwenden bin.“ „Das iſt merkwürdig,“ ſagte die Senhora— 80 „Sie ſind der erſte Deutſche, den ich kennen lerne, der nicht wenigſtens die Flöte ſpielt. Unſer Baron hier iſt Meiſter auf dieſem Inſtru⸗ mente.“ „In der That?“ ſagte Günther, der ſich auch ſelbſt nicht dafür intereſſirte. „Gnädige Frau ſind zu gütig,“ ſagte der Ba⸗ ron;„ich bin weiter Nichts als ein Dilettant. In ſolchen wilden Ländern aber, in denen ich mich die letzten zwölf Jahre herumgetrieben habe, iſt die Flöte wirklich das einzige Inſtrument, das man leicht überall mit hinnehmen kann, und man vertreibt ſich doch manche müßige Stunde an⸗ genehm damit.“ „Sie haben ſie bei ſich, nicht wahr?“ fragte die Dame. „Gnädige Frau hatten mir ja befohlen, ſie mitzubringen.“ „O, dann begleiten Sie das Lied jener jungen Dame, bitte!“ ſagte die Präſidentin—„wir müſſen ein wenig Muſik haben, damit Leben in die Geſellſchaft kommt. Ich weiß gar nicht, ſo wie nur dieſe unglückſelige Colonie Santa Clara genannt wird, iſt es auch gleich, als ob ein ſchwar⸗ zer Schleier über die ganze Unterhaltung geworfen 81 würde. Nun, hoffentlich wird ſich das ändern, wenn wir Sie erſt einmal dort haben.“ „Gnädige Frau können ſich darauf verlaſſen,“ ſagte der Baron wieder mit einer halben Ver⸗ beugung,„daß ich nach Kräften arbeiten werde, Ihnen jede unangenehme Nachricht zu erſparen.“ „Deß bin ich überzeugt— aber wir müſſen beginnen; die Dame präludirt ſchon und wird ſonſt ungeduldig.“ Der größte Theil der Geſellſchaft gruppirte ſich jetzt um das Inſtrument, und auch Günther ließ ſich in einen der leer ſtehenden Seſſel nieder; aber er hörte nicht das Geringſte von der Melo⸗ die, denn ſeine Gedanken arbeiteten an dem eben Gehörten. Alſo Sarno war abgeſetzt— bei Seite ge⸗ worfen, nur um einem Günſtlinge der Frau Prä⸗ ſidentin Raum zu machen, dem zu genügen dann die vagen Gerüchte den Vorwand geben mußten — der Delegado ebenfalls hier und als Gaſt im Hauſe, und der Präſident noch dazu von Allem unterrichtet— aber was zum Henker kümmerte ihn auch das Alles? Er vermaß das Land, weiter Nichts, und wen ſie nachher darauf ſetzten oder wie das geſchah, konnte ihm doch wahrhaftig gleichgültig ſein. Er warf das rechte Bein über 6 Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. II. — in dem er ſich befand. Mit der Hälfte der Möbel, die in dem Saale ſtanden, hätte er wohnlich, ja ſogar elegant ge⸗ nannt werden können, ſo aber glich er eher einem Möbel⸗Magazin, in welchem einige Dutzend Stühle mit Sophas und Tiſchen zum Verkaufe ausgeſtellt waren. Die Geſellſchaft hatte faſt ausſchließlich auf den in der Mitte ſtehenden Seſſeln und auf einigen Sophas Platz genommen, aber Stuhl an Stuhl, nur manchmal die lange Reihe von einem anderen leeren Sopha unterbrochen, ſtanden die Wände entlang, und ein halbes Dutzend Tiſche — alles von Mahagoniholz— waren in zwei Reihen in der Mitte aufgeſtellt, während jedes andere Stück, wie Secretär, Schreibtiſch ꝛc., fehlte. Es iſt, das aber Sitte in ganz Süd⸗Amerika, und man würde ein Zimmer oder einen Salon für ärmlich möblirt halten, wenn ſich beim ängſtlichſten Zuſammenrücken auch nur noch Raum genug für einen einzigen Stuhl gezeigt hätte. Dagegen waren die Wände vollkommen kahl, und die mattgraue, ſehr elegante Tapete wurde von keinem einzigen Bilde freundlich unter⸗ brochen. Nur zwei große und gewiß ſehr theure Spiegel hingen in breiten, blinkenden Gold⸗ rahmen einander gegenüber, und auf den Tiſchen ſtanden eine Anzahl Porzellanvaſen, aber ohne Blumen, unter außerordentlich hohen und viel zu großen Glasglocken. Ein gewiſſer Reichthum ließ ſich in der ganzen Einrichtung nicht verkennen, aber jede Gemüth⸗ lichkeit, jeder Geſchmack fehlte, und der Fremde beſonders würde ſich hier nie haben behaglich fühlen können. Günther ſah wieder eine ganze Zeit lang träumend vor ſich nieder, als ihn eine Stimme an ſeiner Seite aus ſeinen Gedanken aufſtörte. Es war der Baron, der ihn fragte: „Wann gedenken Sie nach der Colonie zurück⸗ zukehren, Herr von Schwartzau? Sie entſchuldigen, wenn ich Sie ſtöre,“ ſetzte er lächelnd hinzu, als Günther bei der Anrede ordentlich in die Höhe ſchrak. „So bald als möglich,“ erwiederte der junge Mann, den Fragenden jetzt erſt bemerkend;„meine Geſchäfte hoffe ich wenigſtens morgen oder über⸗ morgen ſicher abmachen zu können, und werde dann die erſte ſich bietende Gelegenheit benutzen. Wie ich höre, geht der Dampfer leider ſchon morgen früh ab.“ 6* „Wenn ich Ihnen etwas nach Santa Clara beſorgen kann...“ „Sie ſind ſehr gütig.“ „Sie kennen Herrn Director Sarno näher?“ nahm der Deutſche nach einigem Zögern das Ge⸗ ſpräch wieder auf. „Nur von der kurzen Zeit, die ich mich dort aufgehalten habe.“ „Wollen Sie einen guten Rath von mir an⸗ nehmen?“ „Man ſoll nie einen guten Rath zurückweiſen.“ „Gut— dann vertheidigen Sie Herrn Sarno nicht zu lebhaft der Frau Präſidentin gegenüber.“ „Herr Baron,“ ſagte Günther, erſtaunt zu ihm aufſehend. „Verſtehen Sie mich nicht falſch,“ erwiederte dieſer ruhig;„dem Herrn Sarno können Sie Nichts mehr nutzen, denn er iſt ſeines Dienſtes factiſch entlaſſen, und ſich ſelber nur dabei ſchaden, da die Frau Präſidentin den Herrn nun einmal nicht leiden kann, und auch wohl ihre gewichtigen Gründe dafür hat.“ „Und Sie werden ſeine Stelle einnehmen?“ fragte Günther. „Lieber Gott,“ ſagte der Baron achſelzuckend, indem er mit den Berlogques an ſeiner Uhrkette 85 ſpielte,„ich habe mich dagegen geſträubt, wie ich konnte, aber da nun einmal eine Aenderung unter allen Umſtänden eintreten ſollte, ſo gab ich endlich den Bitten des Präſidenten nach. Sie ſind nicht lange genug in der Colonie geweſen, und Herr Sarno wird ſich auch Ihnen gegenüber wohl zuſammengenommen haben; die Zuſtände dort ſcheinen aber in der That für die armen Coloniſten unerträglich zu werden, und da ich glaube, den Anforderungen, die man an eine ſolche Stellung knüpft, genügen zu können, ſo habe ich es auch gewiſſermaßen für meine Pflicht gehalten, die jedenfalls ſehr undankbare Arbeit zu über⸗ nehmen, unſere deutſchen Holzköpfe da drüben ein wenig zur Raiſon zu bringen.“ „Es wird das allerdings eine ſehr undankbare Arbeit werden,“ ſagte Günther kalt, denn die ganze Art und Weiſe des Mannes gefiel ihm nicht, hätte er ſelbſt nicht Sarno in ſeinem Herzen für einen ehrlichen und auch vollkommen tüchtigen Mann gehalten. Er ſuchte auch das ihm unan⸗ genehme Geſpräch über dieſen Gegenſtand ſo bald als möglich abzubrechen, und empfahl ſich dann bald dem Präſidenten an dieſem Abend noch einige Bekannte in zu beſuchen. Am nächſten Morgen ziemlich früh ſuchte er 86 denſelben aber wieder auf und hatte gehofft, die Unterredung da allein mit ihm haben zu können, weil die Frau Präſidentin doch wohl ihre Toi⸗ lette noch nicht ſo bald beendet haben würde. Darin irrte er ſich jedoch, denn er war kaum ge⸗ meldet und angenommen, als die Senhora auch ſchon in's Zimmer trat und ſich an dem einen Fenſter in einem Lehnſtuhl niederließ. Der Präſident ſchien Nichts mehr ohne ſeine Frau, oder dieſe vielmehr Alles ohne ihn zu thun. „Sie ſprachen geſtern von einer Klage, lieber Freund,“ ſagte Se. Excellenz, als Günther nach den erſten Begrüßungen Platz genommen hatte— „es wäre mir viel lieber, wenn ſie in Santa Clara die Sache nicht weiter aufgerührt hätten, denn es wird wenig daran zu thun ſein— meinſt Du nicht?“ „Daran zu thun ſein,“ ſagte die Senhora achſelzuckend—„was ſoll daran zu thun ſein? Die frühere Ehe war nach unſeren Geſetzen voll⸗ kommen ungültig, beſtand alſo gar nicht, und wenn kein Hinderniß vorliegt und zwei Leute ſich gern haben und einander heirathen wollen, wer kann es ihnen verw* Außerdem hat die Frau ein ganz unverdienke f mit Dom Franklin gemacht.“ 87 „Kein Hinderniß vorliegt, gnädige Frau?“ rief Günther, wirklich erſtaunt—„ich kann doch wahr⸗ haftig nicht glauben, daß Sie eine geſchloſſene Ehe als kein Hinderniß, ſich anderweitig zu ver⸗ heirathen, betrachten würden.“. „Ich hoffe nicht,“ ſagte die Dame ſtolz,„daß Sie unſere Ehen mit einem ſolchen„Contracte“ vergleichen werden. Uebrigens iſt die Sache ab⸗ gemacht und eine Klage alſo ganz nutzlos, wo die höchſte Behörde ſchon entſchieden hat.“ „Aber das iſt ja gar nicht möglich!“ rief Günther—„danach würde ja die Regierung muth⸗ willig ihre ganzen proteſtantiſchen Unterthanen demoraliſiren und dem Verbrechen mit eigener Hand die Thür öffnen. Gnädige Frau irren ſich jedenfalls darin.“. „Irr' ich mich? So— bitte, nehmen Sie ein⸗ mal das zuſammengefaltete Papier, das da neben Ihnen auf dem Tiſche liegt— nein, das andere dort— das da, und nun ſein Sie ſo gut und leſen Sie den Entſcheid unſeres Biſchoſs— leſen Si en ſich dadurch jedenfalls It taß die Sache als voll⸗ kommen erled htetwerden kann.“ Günther nahm aas Papier, ent⸗ faltete es und las! 88 eu. „Emmanuel durch Gottes Erbarmen und des Apoſtoliſchen Stuhles Gnade, Biſchof von Santa Sebaſtiao oder Rio de Janeiro. „Wir bezeugen andurch auf Verlangen, daß Frau Margarethe Pilger, vormals Proteſtantin und als ſolche verheirathet nach dem Ritus der evangeliſchen Gemeinde mit Herrn Gottlieb Pilger unter'm 15. November, ſich kürzlich mit der Bitte an mich wandte, die proteſtantiſche Ketzerei abzuſchwören und den katholiſchen Glauben anzunehmen, welchem Verlangen ich mit beſtem Willen genügte und in Perſon den Widerruf des Irrglaubens entgegennahm, ge⸗ mäß dem Gebrauche der Römiſchen Kirche. „Beſagte Frau Margarethe Pilger bat mich hierauf um Erlaubniß, ſich mit Herrn Franklin Braſileiro Janſen Lima, römiſchem Katholiken, zu welchem ſie ſich hingezogen fühlte, zu ver⸗ heirathen, und auch dieſe Erlaubniß gab ich ihr durch Beſcheid vom 27. Januar, da nach Ein⸗ haltung des üblichen Verfahrens kein canoniſches Hinderniß zwiſchen Fr ſich gezeigt he Pilger augenſe gegen die iſerreiche publi⸗ eſh. 89 cirten und immer beobachteten Tridentiner Concils. „Palaſt der Conceicao, 5. Februar 1857. * Unterz.) † Manoel, Biſchof, Graf Capellao⸗Moôr.“*) „Nun,“ ſagte die Senhora,„ſind Sie über⸗ zeugt? Der ehrwürdige Biſchof ſelber, der ſich gerade zufällig auf einer ſeiner Hacienden in dieſer Provinz befand, hat die Ehe geſchloſſen. Dom Franklin iſt ihm eng befreundet— glauben Sie alſo jetzt noch Etwas mit einer Klage des Herrn Directors Sarno ausrichten zu können?“ „Nein, gnädige Frau,“ ſagte Günther ruhig, „Sie haben vollkommen Recht. Es iſt übrigens gut, daß ein ſolcher Thatbeſtand bekannt wird, denn in einem ähnlichen Falle wäre der geſchädigte Theil ein Thor, noch auf Schutz und Geſetz in Braſilien zu warten, und weiß dann gleich, daß er ſich ſein Recht ſelber zu verſchaffen hat.“ „Sie predigen Revolution!“ rief die Senhora ſtreng. „SIch predige das, was ich ſelber ausführen 5 Der obige Erlaß iſt woͤrtlich, nur mit Aenderung des deutſchen Namens, und erſt in allerneueſte r Zeit ſind rein proteſtantiſche Ehen ch das neue Ehegeſetz auch für gültig in Braſilien erklä w rden. e„=— eeſe 8 e. 7 7 90 würde,“ ſagte Günther kalt;„unter ſolchen Um⸗ ſtänden möchte ich denn auch Ihre werthvolle Zeit nicht länger in Anſpruch nehmen.“„ „Aber Sie wollten mir noch Etwas über die Colonie ſagen,“ rief der Präſident, der unruhig auf ſeinem Stuhle hin und her gerückt war. „Das wollte ich allerdings,“ erwiederte Herr von Schwartzau,„aber nach dem eben Gehörten wird auch das Nichts fruchten.“ „Und was war es?“ „Ich wollte Sie bitten, Senhor, Ihren Ent⸗ ſchluß, das Directorium der Colonie zu ändern, noch nicht auszuführen, bis Sie nicht wenigſtens genauere Erkundigungen über die dortigen Ver⸗ hältniſſe eingezogen. Director Sarno...“ „Kommen Sie uns nicht mit dem Unterofficier!“ ſagte die Präſidentin ungeduldig—„mein Mann will Nichts von ihm hören.“ „Sarno war Officier,“ entgegnete Günther, „und gehört meiner Ueberzeugung nach zur beſten Claſſe dieſer Herren. Daß er derb iſt und gerade durch geht, ſollte ihm eher zum Lobe ge⸗ reichen.“ „Die Sache ſt ſcon abgemacht,“ ſagte die Senhora. 91 „Aber ſo laß ihn doch ausreden, mein Kind,“ bat der Präſident. „Ich bin ſchon fertig, Senhor,“ ſagte Günther aufſtehend—„die Sache ſcheint allerdings abge⸗ macht, und alles Weitere wäre nur Wortver⸗ ſchwendung. Allein der Colonie zu Liebe möchte ich Sie bitten, kein Militär dorthin zu legen. Es thut nicht gut, und Sie ſelber haben die Verant⸗ wortung zu tragen, wenn Sie den Frieden der jetzt vollkommen ruhigen Verhältniſſe dort nicht allein ſtören, nein, förmlich vernichten.“ „Wir werden die Verantwortung zu tragen haben, Senhor,“ ſagte die Präſidentin gemeſſen —„übrigens machen Sie ſich keine Sorge weiter deshalb, denn das ſind Dinge, welche eigentlich die Regierung am Beſten zu beurtheilen verſteht.“ Herr von Schwartzau verbeugte ſich kalt, und das Geſpräch über dieſen Gegenſtand vollkommen abbrechend, legte er dem Präſidenten nur einige Papiere vor, welche rein geſchäftlicher Natur waren, und ſich auf ſeine bereits vollendeten, wie die dort noch nöthigen Arbeiten bezogen. In einer halben Stunde war das Alles erledigt, und der Ingenieur empfahl ſich dann ſehr förmlich wieder dem Präſidenten und ſeiner Gattin. Er war feſt entſchloſſen, ſie nicht weiter zu beläſtigen. An demſelben Morgen ging aber der Regie⸗ rungsdampfer wieder nach Santa Clara und von da nach Rio de Janeiro zurück, und Günther war Zeuge, daß vierzig Mann braſilianiſcher Truppen, ohne Officier, auf ihm eingeſchifft wurden, um, wie das Gerücht ging, die Colonie Santa Clara gegen in deren Nähe herumſtreifende Indianer⸗ horden zu ſchützen. 4. Der neue Director. Die Colonie Santa Clara befand ſich indeſſen in einer Art von Gährung, zu der nicht allein alte Unzufriedenheit, ſondern auch neu eingetretene Elemente nicht wenig beigetragen hatten. Die Bittſchrift an den Präſidenten, den Director Sarno abzuſetzen, war in der That von hier ausgegangen, und zwar, ſo unglaublich das ſcheinen mag, durch erſte Veranlaſſung jenes nichtswürdigen Burſchen mit dem Treſſenſtreifen, mit dem ſich kein anſtän⸗ diger Menſch in der Colonie abgeben mochte. Größere Dinge werden aber in unſerer wun⸗ derlichen Welt gar nicht etwa ſo ſelten durch noch ſchlechtere Hebel in Bewegung geſetzt, wenn man auch oft, nachdem ſie geſchehen, ſchwer im Stande 94 iſt, auf ihren Urſprung zurückzugehen. Die Sache war jedenfalls angeregt worden, die Gräfin hatte zufällig davon gehört, Herr von Pulteleben war Feuer und Flamme für die Idee, denn der Di⸗ rector hatte ihn ja nicht einmal angenommen, und da es galt eine große Zahl von Unterſchriften zuſammen zu bringen, ſo vereinigte ſich in dem Schriftſtücke— Dinge, die ebenfalls ſogar in un⸗ ſerem civiliſirteſten Leben manchmal möglich ge⸗ macht werden— Ariſtokratie und Proletariat gegen einen Mann und ein Syſtem, der und das beiden Theilen unbequem war, weil er eben weder der einen, noch der andern Seite Zugeſtändniſſe machen wollte. Der Burſche mit der Treſſe übte überdies einen ſchlimmen Einfluß aus, denn wo er nur konnte, ſuchte er Unzufriedenheit zu erregen, und wenn man ihn ſelber auch bald als einen Lump kennen lernte, fielen doch ſeine Worte nur zu häufig auf fruchtbaren Boden. Die Menſchen ſind ja leider nur zu gern gewillt, Böſes oder Nachtheiliges von ihren Mitmenſchen anzuhören und zu glauben, mag die Quelle, aus welcher ſie es ſchöpfen, noch ſo unrein ſein. Außerdem trat er übrigens dem Director auch in offener Oppoſition entgegen, und wurde darin von einem neu eingewanderten Indi⸗ 95 viduum, das von Santa Catharina mit einem kleinen Schooner gekommen war, unterſtützt. Dieſer Mann hieß Buttlich, und begann damit, ein Grundſtück in der Stadt mit einem kleinen Hauſe zu kaufen, wo er mit eingeführten Waaren einen Laden aufſetzte, und in der unteren Eckſtube eine Wirthſchaft eröffnete. Er hatte dazu gleich die ſpecielle Erlaubniß des Präſidenten mitgebracht, und ſchien von dieſem auch in mancher andern Art begünſtigt zu werden. Bux war unter der Zeit bei dem Director eingekommen, ein kleines Haus, das jetzt nicht mehr benutzt wurde, zur Verfügung geſtellt zu bekommen, um darin Vorſtellungen in der Bauch⸗ redekunſt zu geben, aber augenblicklich abſchlägig beſchieden worden. Der Director ließ ihm ſagen, ſie brauchten Ackerbauer in der Colonie und flei⸗ ßige Handwerker, aber kein Meßgeſindel aus der alten Welt. Damit begnügte ſich indeſſen Bux natürlich nicht, und wenn der neue Wirth auch im Anfange Nichts mit dem liederlichen Geſellen zu thun haben mochte, fand er doch kaum, daß ſich dieſer als Mittel gegen den Director gebrauchen ließ, als er ihm ſeine Hülfe zuſagte, und ihm auf ſeinem eigenen Grundſtück eine Ecke zuwies, in der er ſich eine Art von Bude aus Pfählen und Reiſig, oder wie er ſonſt wollte, herrichten konnte; ja, er unterſtützte ihn ſogar dabei mit Geld. Bux ging nun auch ſcharf an die Arbeit, und nach einigen Wochen ſchon überraſchte die Be⸗ wohner von Santa Clara die allerdings nur ge⸗ ſchriebene Anzeige an verſchiedenen Ecken der Stadt und in Bohlos' wie Buttlich's Wirths⸗ ſtuben, daß am nächſten Sonntag Abend die erſte große Vorſtellung des berühmten Ventriloquiſten Bux aus Paris mit außerordentlichen Produc⸗ tionen der Wunderkinder Guido und Jſabella ſtattfinden ſolle. Der Director ſchickte zu Buttlich und ließ die Vorſtellung verbieten. Buttlich ſandte aber die Abſchrift eines Documentes zurück, worin ihm der Präſident erlaubte, auf ſeinem Grundſtücke, voll⸗ kommen unabhängig von irgend einer Behörde, zu treiben was ihm beliebe, vorausgeſetzt nur, daß es keine feuergefährlichen, oder ſonſt den Geſetzen des Staates zuwiderlaufende Dinge ſeien. Damit war die Sache an dem Tage— an einem Sams⸗ tage— abgemacht. Am Sonntag Abend war die Vorſtellung, und man kann ſich etwa denken wie erſtaunt— weniger die Coloniſten, denn dieſe hatten Derartiges ja ſchon in Deutſchland geſehen— 97 — aber beſonders die Kinder derſelben und der junge Nachwuchs waren. Vor Stqunen beinahe ſprachlos ſtanden ſie, als Sonntag gegen Abend die Vorbereitungen begannen, und Buß plötzlich in fleiſchfarbenen, etwas ſchmutzigen Tricots, nur allein mit einer flittergeſtickten, himmelblauen Schwimm⸗ hoſe und ein Paar eben ſolchen Schuhen an, auf dem etwas erhöhten Entrée ſeiner rauh genug hergeſtellten Bude erſchien. Vorher ſchon hatte ſeine Frau, das bleiche, abgehärmte Geſicht von einer verdrückten Roſen⸗ guirlande entſtellt, die müden Glieder in ein fleckiges, oft und oft ausgebeſſertes Seidenkleid geſteckt, an einem kleinen Tiſche vor dem Eingange ihren Sitz genommen, um die Billete für die Zu⸗ ſchauer auszugeben, und Iſabella, ihre Tochter, in einem ſehr kurzen weißen Kleide, ebenfalls mit fleiſchfarbenen Tricots, eine Menge Blumen im Haar und die Wangen unnatürlich roth ge⸗ ſchminkt, trat zu ihr und lehnte ihren Kopf an der Mutter Schulter. „Du, Wilhelm— was iſt denn das?“ fragte ein junger Burſche von vielleicht zwanzig Jahren, der hier in Braſilien geboren worden, ſeinen Kameraden, indem er mit offenem Munde auf die Gruppe zeigte—„wo kommen die Leut' her und Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. II. 7 98 was wollen die hier? Sind das ielleicht deutſche Indianer?“ „Gott weiß es!“ ſagte der Angeredete, der kein Auge von Bux verwandte—„ſieh' nur, der Kerl geht ganz nackigt— oder hat er ſich die Beine nur ſo angeſtrichen?“ „Und wie ſich die Frau herausgeputzt hat,“. flüſterten ein paar junge Mädchen mit einander —„und ſieh nur, was das Kleid für Flecken hat, und da am linken Aermelbeſatz ſitzt ein blauer Streifen, der eingeflickt iſt.“ „ Und das Kind haben ſie roth angeſtrichen,“ antwortete die Freundin—„was mag denn nur los ſein, daß ſie ſolchen Unſinn treiben!“ „Immer herein, meine Hörrſchaften!“ rief da der Ventriloquiſt mit ſeiner ſcharfen Stimme über die ſich mehr und mehr ſammelnden Zuſchauer hin, von denen ſich aber noch Keiner getraut hatte, den Platz ſelber zu betreten—„immer herein, immer herein! Hür iſt der Platz, wo Sie Stau⸗ nenswerthes ſehen und erleben werden, hür iſt die Gelegenheit, die Wunder des menſchlichen Geiſtes und Körpers zu erkennen! Hür iſt der Ort, wo der berühmte Bux Ihnen zeigen wird, was Sie bis jetzt noch nicht gewußt haben, und der junge Athlete Guido ſeine Kraft und Gelen⸗ — kigkeit entwickeln ſoll, während Mademoiſelle Iſa⸗ bella in Grazie und jugendlicher Unſchuld einige Tänze aus der alten griechiſchen Heidenzeit auf⸗ zuführen die Ehre haben wird! Immer herein, meine Hörrſchaften, immer herein! Keiner iſt ge⸗ nöthigt da draußen ſtehen zu bleiben, und es koſtet gar Nichts— nur fünfhundert Reis die Perſon, Kinder unter zwölf Jahren die Hälfte, Säuglinge frei; immer herein, meine Hörrſchaften, immer herein— jetzt gerade wird der Anfang beginnen!“ „Herr Gott, hat der Kerl ein Maulwerk am Kopfe!“ ſagte einer der Außenſtehenden—„wie ein Mühlwerk geht's und klappert auch gerade ſo.“ Bux ſtolzirte indeſſen auf dem ſchmalen Raume, welcher ihm zum Entrée diente, auf und ab, und zwar mit einem großen rothbaumwollenen Taſchen⸗ tuch in der Hand, das ihm Guido aus der Thür herausreichen mußte. Er hatte den Schnupfen, in ſeinem gegenwärtigen Coſtüm aber leider keine Taſche, und der rothe geblümte Lappen paßte eigentlich nicht recht zu den himmelblauen geſtickten Schwimmhoſen und dem Goldreif um den Kopf. „Immer herein, meine Hörrſchaften!“ ſchrie da plötzlich eine andere Stimme, die unſerm Freunde Jeremias gehörte. Dieſer war nämlich durch den 7* Lärm ebenfalls angelockt worden und hatte der Verſuchung nicht widerſtehen können, dem auf⸗ geputzten Burſchen, den er haßte, einen Streich zu ſpielen—„immer nur herein— hür werden Sie ſehen, wie man Sie auf geſchickte Weiſe um Ihr Geld bringt— hür werden Sie ſchauen, wie ſich Jammer und Elend mit Blumen heraus⸗ ſtaffirt und ein paar aufgeputzte Kindergerippe auf einem Beine tanzen— hür werden Sie ſehen....“ „Du haſt einen ſilbernen Löffel geſtohlen!“ rief es plötzlich neben Jeremias, aber auf der ent⸗ gegengeſetzten Seite von der, wo Bux ſtand, wel⸗ cher den neuen Ausrufer vollkommen ruhig be⸗ trachtete. „Is nich wahr!“ ſchrie Jeremias, und drehte ſich raſch und wüthend nach der Seite, wo er aber zu ſeinem Erſtaunen Niemand ſah. „Haſt'en ja in der Taſche!“ ſagte da die Stimme wieder, und Jeremias lief es kalt über den Rücken. 5 „Lügenhund, verdammter!“ ſchrie er, wobei er faſt unwillkürlich in die rechte Taſche griff, und Bux wollte ſich jetzt auf ſeinem Stande vor Lachen ausſchütten. 1— „Na, was iſt denn das? Was geht denn hier vor?“ riefen Andere und drängten näher. „Immer herein, meine Hörrſchaften!“ ſchrie da Bux wieder, den für ihn günſtigen Moment be⸗ nutzend—„das gehört Alles mit zum Spaß— da drinn wird's jetzt losgehen, immer herein— immer herein!“ und während er dem kleinen Mädchen einen Wink gab, ihm zu folgen, ver⸗ ſchwand er in der Thür, und gleich darauf be⸗ gann darin die ſchon von ihm beſtellte Muſik, zwei Trompeten, eine Trommel und eine Clari⸗ nette, einen luſtigen Walzer aufzuſpielen. „Ei, zum Henker, fünfhundert Reis wend' ich dran,“ ſagte da ein junger, ſchlanker Bauer, der gerade eine Ladung Bohnen in die Stadt ge⸗ ſchafft hatte—„ſie werden Einen ja doch nicht beißen!“ und mit entſchloſſenem Schritt trat auf den Tiſch zu, legte das Geldſtück daro w tauchte dann ebenfalls in die niedere Ein paar andere Coloniſten, die derart ſchon von daheim kannten, folgten, un die Neugierde wohl fünfzehn oder zwa 1 ſonen mehr nach, welche ſich in dem innern Raume auf roh genug eingerichteten Bänken ſammelten. Das Innere der Hütte war, ſo gut das eben anging, bühnenartig eingerichtet, mit einem etwas erhöhten Podium aus ungehobelten Brettern, und einem freilich ſehr dürftigen, von Kattunreſten zu⸗ 102 ſammengeflickten Vorhange. Dieſer verrichtete aber doch wenigſtens den Dienſt, die Zuſchauer etwas Geheimnißvolles ahnen zu laſſen, was hinter dem⸗ ſelben vorgehen könnte, und genügte deshalb voll⸗ kommen. Die Ouverture— jener Walzer— war be⸗ endet, der Vorhang wurde durch den dazu ab⸗ gerichteten Hausknecht Buttlich's aufgezogen, und den Zuſchauern zeigte ſich eine von der Hand des kunſtfertigen Schneiders gemalte, außerordent⸗ lich merkwürdige Decoration, welche vollkommen im Dunkeln ließ, ob die Phantaſie erſucht wurde ſich in einen Wald, oder in eine Tempelhalle hineinzudenken. Das Publicum zerbrach ſich aber darüber gar n Kopf, denn Bux erſchien mitten auf dem tze, auf den er eine kurze Leiter und nge mitbrachte, und begann jetzt, als und Athlet, eine Anzahl von Productionen en, wie wir ſie Deutſchland nur zu häuf auf Märkten und Meſſen in kleinen Winkelbuden oder auch gar auf offener Straße zu ſehen be⸗ kommen. Der Beifall, den er damit erntete, war freilich ſehr gering; das Publicum lachte ein paar Mal, wenn ihm Etwas mißglückte, das war Alles; applaudiren wollte Niemand, was wußten die 193 Leute auch davon, und er ging dann zu dem zweiten Theil ſeiner Vorſtellung— der höheren Bauchredekunſt— über, bei welcher er aber ebenfalls einen weit geringeren Erfolg erzielte, als er erwartet haben mochte. Bux war darin wirklich nicht ungeſchickt, aber ſein ganzer Triumph ſcheiterte an der Gleich⸗ gültigkeit der Zuſchauer, welche ſich eben nicht wollten überzeugen laſſen, daß er wirklich allein die bald von da, bald von dorther ſchallenden Töne hervorbrachte. Ach, da hinten oder da drüben ſteckt auch Jemand, ſagten die Leute, und als er ſich mit einem Weſen unterhielt, welches angeblich unter einer verkehrt auf dem Tiſche ſtehenden Papier⸗ düte ſtak, ſagten ſie,„das klang ſo natürlich, als ob Jemand da drunter wäre,“ und dam r die Sache abgemacht. Wieder war eine Pauſe, und einzelne der Zu⸗ ſchauer gingen ſchon hinaus, weil ſie ſich zu lang⸗ weilen anfingen, dann kamen die Kinder, Guido und Iſabella, welche ſich produciren ſollten, und hier ſcheiterte das Ganze. Die kleine„Iſabella“ trat kaum vorn auf die Bühne heraus, als die Frauen unter den Zu⸗ ſchauern, mehr aus einer gewiſſen Art von Inſtinct, 1⁰4 als weil ſie ſich des Entwürdigenden ſolcher Dar⸗ ſtellung für das Kindesalter klar bewußt geweſen wären, Mitleid mit der kläglich genug ausſehenden Erſcheinung fühlten. „Ach, das arme Wurm,“ ſagte eine alte Frau, die vorn auf der zweiten Bank ſaß—„wie ſie das Kind angeſtrichen und geputzt haben, und halb verhungert iſt's dabei!“ „Und der Vater prügelt's noch außerdem zu Hauſe,“ ſagte ein junges Mädchen, welches neben ihr ſaß—„ich hab' es oft geſehen, und jetzt ſoll das arme Ding tanzen.“ „Und der Junge könnte auch was Geſcheiteres thun,“ meinte ein alter Bauer, der auf der erſten Bank ſaß, als Guido jetzt, ebenfalls in Tricots und geſchminkt, neben ſeiner Schweſter erſchien du anfing zu tanzen—'s iſt ein Skandal, daß inder zu ſo'was auferzogen werden, wo ſie ſich überall im Lande ihr Geld auf ehrliche Art er⸗ werben können!“. Die Muſik machte gerade jetzt eine Pauſe, um Herrn Bux Gelegenheit zu geben, ein Geſtell mit papierüberklebten Reifen auf die Bühne zu ſchaffen, und dann bei dem neuen Beginne mit ſo viel mehr Nachdruck einfallen zu können, als eine tiefe, ruhige Stimme laut ſagte: 105 „Die Kinder fort! Ich leide nicht, daß die hier zu ſolcher Schlechtigkeit gebraucht werden. Die Braſilianer ſind den Deutſchen ſo ſchon aufſäſſig genug; wir wollen ihnen nicht auch noch hier im Lande ſelber ſolche Früchte heranziehen!“— Als ſich die Zuſchauer erſtaunt nach der Stimme um⸗ ſahen, erkannten ſie den Director Sarng, der eben einem Polizeidiener oder Wächter den Befehl gab, das weitere Auftreten der Kinder zu verhindern. Dieſer ſchritt auch ohne Weiteres der Bühne zu und beorderte„Guido und Iſabella“, ſich zurück⸗ zuziehen, als Bux wüthend auf ihn eindrang und ſein Recht behaupten wollte, hier in ſeinem Lo⸗ cale und mit ſeiner Familie zu treiben, was ihm beliebe. Der Schneider, welcher ſeinen Platz auf der erſten Bank hatte, war raſch aufgeſprungen als er den Director hörte, um Buttlich herbeizurufen, und der Wirth erſchien auch faſt augenblicklich, den Künſtler, kraft ſeines Freibriefes, gegen die „Willkürlichkeiten des Directors“ in Schutz zu nehmen. Jetzt aber miſchte ſich das Publicum in die Verhandlungen, und beſonders waren es die Frauen, die zuerſt des Directors Partei nahmen. „Er hat Recht, der Herr Director,“ riefen ſie; „es iſt ein Skandal und ſollte nicht erlaubt wer⸗ 106 den! Schickt die armen Kinder in die Schule oder auf eine Chagra, daß ſie'was lernen, was ſie zum Leben brauchen!“ „Ich kann mit meinen Kindern machen was ich will,“ ſchrie Bux dazwiſchen,„und kein Menſch hat mir ein Wort zu ſagen!“ „So, mein Burſche?“ rief der alte Bauer— „das iſt aber doch vielleicht ein Irrthum; denn wenn wir hier friſche Leute und Kräfte in's Land bekommen, ſo liegt uns auch daran, daß ſie uns keine Schande machen, und wo wir merken daß das doch geſchehen könnte, da wär's doch ſonder⸗ bar, wenn wir nicht auch noch ein Wort mit drein zu reden hätten!“ „Ich kann meine Kinder tanzen laſſen, wo ich will,“ ſchrie Bux wieder, durch den neuen Wider⸗ ſpruch gereizt. „Das weiß ich nicht,“ ſagte der alte Bauer, indem er ruhig von ſeinem Sitze aufſtand;„ich denke mir aber, wenn Dir Niemand weiter zuſieht, wirſt Du's von ſelber bleiben laſſen. Deshalb, Landsleute, wenn Ihr meinem Rathe folgt, ſo laßt Ihr den Menſchen hier ſeinen Unfug treiben, ſeht ihm aber nicht auch noch zu. Ich wenigſtens habe die Sprünge und Dummheiten ſatt, und wenn ihn Niemand mehr dafür bezahlt, bekommen die armen Kinder ſchon von ſelber Ruhe!“— und damit ſetzte er ſeinen Hut auf und ſchritt dem Ausgange zu. „Das iſt wahr, das iſt recht!“ riefen die Frauen und einige junge Burſchen;„es iſt eine Schande, nur dabei zu ſitzen!“ „Ihr werdet Euch doch nicht von einem Poli⸗ zeidiener in's Bockshorn jagen laſſen?“ ſchrie jetzt der Schneider dazwiſchen, der das Weglaufen der Leute auch theilweiſe mit als eine Beleidigung gegen ſich betrachtete, weil er ja die Decoration gemalt hatte.„Wir ſind hier in unſerem Rechte, und ich will Den ſehen, der uns Etwas hier zu ſagen oder zu befehlen hat!“ „Du kannſt da bleiben, Schneider,“ ſagte der Bauer ruhig, indem er den Kopf über die Schulter nach Juſtus Kernbeutel hindrehte,„von Dir er⸗ wartet es auch Niemand anders!“— und mit den Worten verließ er das Haus. Ein paar der jungen Leute zögerten noch; ſie hatten ihr Geld bezahlt, und wollten doch eigent⸗ lich auch noch gern genießen, was hier zu ſehen war; da aber alle Anderen gingen, mochten ſie auch wieder nicht allein zurückbleiben, und ehe zehn Minuten vergangen waren, hatten ſämmtliche Zuſchauer den Platz geräumt, und in der That 10⁰8 den Schneider allein als Publicum in dem öden Raume zurückgelaſſen. Selbſt der Polizeidiener war gegangen, als er ſah daß die Coloniſten die Sache ſelber in die Hand nahmen. Director Saeno hatte ebenfalls die Hütte ver⸗ laſſen, ſobald er nur den Befehl gegeben, die Kinder von der Bühne zu entfernen, und wollte gerade nach ſeiner eigenen Wohnung zurückgehen, als ihn Jeremias einholte und, ohne weitere Um⸗ ſtände ſeinen Arm ergreifend, ſagte: „Der Teufel iſt los, Herr Director, und die Bombe iſt geplatzt!“ „Und was giebt's nun wieder?“ fragte Sarno ruhig, und dann nach der Landung hinunter horchend, fuhr er fort—„was iſt denn das für ein Lärm da unten, Jeremias?“ „Das iſt ja eben die Bombe,“ ſagte der kleine Burſche—„der neue Director mit einem ganzen Schwarm brauner und ſchwarzer Soldaten, die man bei uns zu Hauſe alle für Geld könnte ſehen laſſen.“ „Der neue Director,“ lächelte Sarno—„und woher weißt Du das?“ „Eben iſt das Dampfſchiff hereingekommen,“ verſicherte Jeremias—„gerade von Santa Ca⸗ tharina— und der Director iſt mit den Booten b unten von der kleinen Barre heraufgekommen, weil der Fluß jetzt ſo niedrig iſt, und der Boden⸗ los hat einen Bekannten dabei getr ſen, einen Deutſchen, und der hat ihm die Krraachte erzählt. Der neue Director logirt bei dem Baron, und die Soldaten ſind mitgeſchickt, daß uns die In⸗ dianer hier nicht die Hälſe abſchneiden ſollen.“ „So?“ ſagte Sarno ruhig und ſchritt auf ſein Haus zu—„komm' mit, Jeremias, vielleicht giebt es Etwas zu beſorgen“— und ohne weiter eine Frage an ſeinen Begleiter zu richten, ſetzte er ſeinen Weg fort.— Der neue Director? Er hatte etwas Aehnliches ſchon lange erwartet, wenn auch freilich in anderer Weiſe, und lange ſchon gewünſcht, dieſes läſtigen, undankbaren Poſtens enthoben zu ſein, und trotzdem war es ihm doch ein bitteres Gefühl, ſich zu denken, daß er für ſo vollkommen entbehrlich gehalten wurde, ſeine Ar⸗ beit ohne weitere Umſtände durch einen Andern — er wußte ja noch nicht einmal, durch wen— fortgeführt und ſich bei Seite geworfen zu ſehen. Er ſtand, mit dieſen Gedanken beſchäftigt, vor ſeinem Hauſe, ehe er ſelbſt recht wußte, wie er dahin gekommen. Die Entſcheidung ließ aber auch nicht lange auf ſich warten, denn ſelbſt vor ſeiner Thür fand er einen der braſilianiſchen Soldaten 110 in blauer Uniformjacke, Sommerhoſen und bloßen Füßen, der ein Schreiben in der Hand hielt und auf Jemanden zu warten ſchien. „Zu wem willſt Du?“ fragte er ihn. „Senhor Sarno.“ „Der bin ich ſelber.“ „Brief abzugeben,“ ſagte der Soldat und reichte ihm das Schreiben. „ Weiter Nichts?“ Der Burſche hielt es nicht einmal der Mühe werth zu antworten, ſchüttelte nur mit dem Kopf und ſchlenderte dann pfeifend die Straße wieder hinab. Jeremias ſah ihm nach und ſagte dann kopf⸗ ſchüttelnd: „Hübſche Kerle— jetzt können wir nur unſere Häuſer und Kaſten zuſchließen, denn wo die Bande hinkommt, hört der Friede auf.“ Sarno war vor ihm her in ſein Zimmer ge⸗ gangen, und brach dort das Schreiben auf. Es enthielt, wie Jeremias ſchon ganz richtig gemeldet hatte, ſeine einfache Entlaſſung als Director der Colonie Santa Clara, ohne irgend welchen Grund dafür anzugeben, wie außerdem die Anzeige, daß Baron von Reitſchen als neuer Director von dem nämlichen Tage an, an welchem er die Colonie 4¹¹ betreten, in ſeine Stellung einrücken würde. Wei⸗ teres werde Herr von Reitſchen ſelber mit ihm beſprechen, und Acten wie Caſſe von ihm über⸗ nehmen. „Alſo abgeſetzt,“ lachte Sarno bitter vor ſich hin, als er das Papier auf den Tiſch warf— „und mit verwünſcht wenig Umſtänden, wie es ſcheint.“ „Das iſt Alles bei der Frau Gräfin gekocht,“ ſagte da Jeremias, der, von dem Director voll⸗ kommen unbeachtet, dieſem in das Zimmer gefolgt war—„dorten haben ſie's gebraut.“ Sarno ſah ſich raſch nach dem Redenden um. „Gebraut? Was?“ „Die Eingabe nach Santa Catharina und die ganze andere Geſchichte. Der Herr von Pulte⸗ leben hat's geſchrieben und vorgeleſen, und nach⸗ her wurd' es unterzeichnet und fortgeſchickt, im ganzen Orte herum. Selbſt der Lump, der Juſtus, und der Schuft, der ſeine Frau und Kinder immer prügelt und mit dem Böſen im Bunde ſteht, hat ſeinen Namen mit drauf ſetzen müſſen.“ „Neben den der Frau Gräfin?“ lächelte Sarno.. „Nun, ein Stückchen weiter unten,“ ſagte Je⸗ remias—„und mich wollten ſie auch dazu ungeſchoren.“ „Die Fabrikation geht gut?“ lächelte Sarno. Jeremias pfiff blos leiſe vor ſich hin, ſchob beide Hände in die Taſchen und verließ, ſeinen Hut noch immer unter den Arm geklemmt, das Zimmer, kehrte aber augenblicklich wieder zurück und meldete:„'s iſt ein fremder Herr draußen, der den Herrn Director zu ſehen wünſcht,“ und dabei überreichte er Sarno eine Karte, auf der nur die Worte ſtanden: Ferdinand von Reitſchen. „Wird mir ſehr angenehm ſein,“ ſagte Sarno, die Karte auf den Tiſch werfend. „Der Neue, nicht wahr?“ fragte Jeremias, indem er Sarno mit den Augen zublinzelte. Dieſer lächelte und nickte, und der kleine Burſche ließ gleich darauf den Baron von Reitſchen in das Zimmer. „Mein werther Herr,“ ſagte dieſer, indem er raſch auf Sarno zuging und ſeine Hand ergriff —„ich muß tauſendmal um Entſchuldigung bitten, Sie noch in meinen Reiſekleidern aufgeſucht zu haben, aber die eigenthümlichen Umſtände, unter denen ich hier...“ „Bitte, machen Sie keine Umſchweife,“ unter⸗ haben, aber ich denke, der Herr von Pulteleben bleibt künftig bei ſeinen Cigarren und läßt mich 8 brach ihn Sarno ruhig, indem er ihm einen Stuhl hinrückte—„dem eben erhaltenen Schreiben nach habe ich das Vergnügen, in Ihnen den neuen Director der Colonie zu ſehen, und da ich von dem Augenblicke Ihres Eintreffens an, mein Amt in Ihre Hände niederlege, ſo verſteht es ſich von ſelbſt, daß wir alles Geſchäftliche ſo raſch wie ir⸗ gend möglich erledigen. Aus dieſem Grunde ſchon kann ich Ihnen nur dankbar ſein, eine für beide Theile nicht angenehme Sache, ſo bald es eben angeht, zu beſeitigen.“ „Ich bitte, mich um Gottes Willen nicht falſch zu verſtehen!“ rief Herr von Reitſchen raſch— „Sie glauben doch ſicherlich nicht, daß ich ſchon in der erſten Stunde auf etwas Derartiges dringen wollte. Nehmen Sie ſich ja Zeit, mein lieber Herr— nein, ich kam eigentlich heute Nachmittag nur her, um Sie um Ihren Rath und wo möglich Ihren— Beiſtand zu bitten.“ „In was, wenn ich fragen darf?“ „Sie wiſſen, daß Se. Excellenz eine kleine Abtheilung Militär hieher beordert hat.“ „Ich habe es wenigſtens heute erfahren, wenn ich auch eigentlich nicht recht begreife, zu welchem Zweck.“ Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. II. 8 114 „Die Indianer haben ſich in der letzten Zeit wieder ſo frech gezeigt.“ „Hier bei uns?“ „Nun, doch in der Nachbarſchaft,“ ſagte Herr von Reitſchen etwas verlegen—„wenigſtens liefen dahin lautende Berichte bei dem Präſidenten ein.“ „Dahin lautende Berichte hätten doch eigentlich von mir ausgehen müſſen“ ſagte Sarno ruhig —„und ich weiß Nichts davon.“ „Sie haben ſich in der Nähe ſehen laſſen ſo viel iſt ſicher, und Sie wiſſen ſelber, daß es zu ſpät iſt Vorſichtsmaßregeln zu treffen, wenn ſie erſt da ſind.“ „Ihre Excellenz iſt ſehr beſorgt um das Wohl der Colonie und hat uns davon ſchon viele Be⸗ weiſe gegeben.“ „Ihre Excellenz?“ ſagte Herr von Reitſchen etwas verblüfft. „Oder Seine, das bleibt ſich ja gleich; doch bitte, zur Sache, denn Sie wiſſen ja doch, daß ich weder mit den Indianern noch mit den Soldaten weiter Etwas zu thun habe.“ „Es handelt ſich jetzt darum, ſie unterzubringen, bis paſſende Wohnungen für ſie gebaut werden können,“ ſagte Herr von Reitſchen, dem ſelber daran lag, das Geſpräch abzubrechen—„ich bin 115 hier noch zu fremd, und Sie können mir gewiß am Beſten die Mittel und Wege...“ „Da bedauere ich doch ſehr,“ unterbrach ihn Sarno ruhig— ſ„ich ſelber halte braſilianiſches Militär hier zwiſchen den deutſchen Coloniſten nicht allein für ganz überflüſſig, ſondern ſogar noch für vollkommen verderblich, und würde nie die Hand oder meine Hülfe dazu bieten, es hier unterzubringen, ſelbſt wenn ich noch Director wäre.“ „Aber der beſtimmte Befehl des Präſidenten.“ „Sie vergeſſen, verehrter Herr,“ lächelte Sarno, „daß mir Sr. Excellenz Nichts mehr zu be⸗ fehlen hat.“ „Mißverſtehen Sie mich nicht,“ ſagte Herr von Reitſchen raſch—„in dieſer Angelegenheit würde ich es nur als eine mir perſönlich erwieſene Ge⸗ fälligkeit betrachten.“ „Ich bedaure dann recht ſehr, Ihnen dieſe nicht leiſten zu können,“ ſagte Sarno kalt;„kann ich Ihnen vielleicht mit etwas Anderm dienen?“ „Ich danke Ihnen; mit Nichts was ich augen⸗ blicklich wüßte,“ ſagte Herr von Reitſchen, und hielt ſeine Unterlippe mit den Zähnen. „Dann erſuche ich Sie nur,“ fuhr Sarno fort, nſich morgen um zehn Uhr zu mir zu bemühen, 8* 116 um die Directionspapiere zu übernehmen. Sie wohnen?“ „Bei Baron Jeorgy.“ „Es iſt ſonſt“, lächelte Sarno,„bei einer Ent⸗ laſſung von Dienſtboten wohl Sitte, ihnen eine vierwöchentliche Kündigungsfriſt zu ſtellen, ich werde aber dieſes„Dienſtbotenrecht“ nicht für mich bean⸗ ſpruchen, Herr Baron, und hoffe, Ihnen das Di⸗ rectionsgebäude übermorgen früh zur Verfügung ſtellen zu können.“. „Aber ſolche Eile iſt ja gar nicht nöthig.“ „Doch vielleicht— bis wann verläßt der Dampfer Santa Clara wieder?“ „Er— hat Ordre, zu warten, bis Sie bereit ſeien, falls Sie ihn zur Abreiſe benutzen wollten.“ „Nun, ſehen Sie,“ ſagte Sarno, indem ein ironiſches Lächeln um ſeine Lippen zuckte—„ich darf die Güte der Regierung doch nicht miß⸗ brauchen— der Dampfer iſt nach Rio beſtimmt?“ „Ja.“ „Sehr ſchön; in einigen Tagen denke ich ihn zu benutzen, übermorgen aber werde ich jedenfalls hier ausziehen, und meine Wohnung indeſſen im Gaſthofe nehmen.“ „Es iſt das wirklich nicht nöthig— ich bin bei dem Baron vortrefflich aufgehoben.“ 117 „Ich glaube, die Sache iſt damit abgemacht.“ „Wenn Sie es nicht anders wollen— ſo habe ich die Ehre, mich Ihnen gehorſamſt zu empfehlen.“ Sarno verbeugte ſich höflich, aber kalt gegen den Baron, und dieſer verließ raſch das Zimmer, hatte aber kaum die Treppe betreten, als ein Brett unter ſeinen Füßen nachgab und er polternd die ziemlich ſteilen achtzehn Stufen mit einem furcht⸗ baren Lärm hinab kollerte. „Der Herr ſcheinen die neuen Colonietreppen noch nicht gewöhnt zu ſein,“ ſagte Jeremias, der unten an der Treppe ſtand und mit einer ſeiner zierlichſten Verbeugungen den Hut abnahm— „haben ſich doch nicht etwa Ihre werthen Arme oder Beine gebrochen?“ „Verfluchte Treppe!“ brummte Herr von Reit⸗ ſchen, indem er ſich kaum vom Boden zu heben vermochte, ohne daß ihm Jeremias jedoch die ge⸗ ringſte Hülfe geleiſtet hätte—„eine ſchöne Ord⸗ nung hier im Hauſe, daß man nicht einmal ſicher die Stiege betreten kann!“ „Schade um die hübſche Hoſe,“ ſagte Jeremias, auf das zerriſſene Kleidungsſtück deutend—„aber wenn's Bein nur ganz iſt.“ Der neue Director hörte ihn nicht mehr und verließ hinkend das Haus, Jeremias aber ſtieg, 118 vergnügt vor ſich hin pfeifend, die Treppe wieder hinauf, holte dort einen Hammer und Holzſtift, welcher letztere genau in die Stelle paßte, wo einer im Seitenbret fehlte, und hatte den Schaden in wenigen Minuten vollſtändig ausgebeſſert. Der nächſte Tag war ein lebendiger in der Colonie, denn während Sarno mit Herrn von Reitſchen in dem Directionsgebäude arbeitete und wirthſchaftete, ſchien indeſſen jede wirkliche Be⸗ ſchäftigung in dem Städtchen aufgegeben zu ſein, und die Männer ſchlenderten in den Straßen herum oder ſaßen in den Wirthshäuſern, theils die neuen Soldaten zu betrachten, theils ſich ihre Bemerkungen über dieſen, Keinem willkommenen Zuwachs mitzutheilen. Und was war jetzt der neue Director für ein Mann, und weshalb hatte man ihnen den alten eigentlich nicht gelaſſen? Jetzt, da ſie ihn verlieren ſollten, fiel ihnen auf einmal Allen ein, daß er doch ein ganz tüchtiger und braver Mann geweſen, der es mit den Coloniſten wirklich gut gemeint, und wie ſich der neue zu dieſen ſtellen werde, wußte man ja noch gar nicht. Außerdem war er ein Baron, kein Bürgerlicher, wie Sarno, und hatte ſich auch gleich bei dem Baron Jeorgy ein⸗ quartiert— weshalb ging er nicht in's Gaſthaus, meinte Bohlos, denn wozu wären denn die Gaſt⸗ häuſer eigentlich da, wenn die Fremden nicht darin wohnen wollten? Die vorläufige Unterbringung der Soldaten hatte ebenfalls ihre Schwierigkeit, denn kein Deut⸗ ſcher wollte dieſe Burſchen, die nirgends in dem beſten Rufe ſtehen und außerdem entſetzlich ſchmutzig und roh ſind, in Quartier nehmen. Es blieb alſo zuletzt in der That nichts Anderes übrig, als ſie vor der Hand in das Auswanderungshaus zu legen, obgleich hier ſchon zwei aus einer andern Colonie herübergekommene Familien einquartiert lagen. Die Coloniſten wurden indeſſen von Herrn von Reitſchen bedeutet, daß es nur für ganz kurze Zeit ſei, da die Leute ſelber ſchon am nächſten Tage daran gehen ſollten, Hütten für ſich in der Nähe des Fluſſes zu errichten. Nachmittags vier Uhr hatte Sarno ſeine Ge⸗ ſchäfte mit dem neuen Director, ſo weit das bis zur vollſtändigen Uebernahme geſchehen konnte, beendet, als Könnern, der einen kleinen Ausflug in das innere Land gemacht, vor ſeiner Thür hielt, abſtieg und zu Sarno hinauf ging. „Sie kommen gerade recht,“ rief ihm dieſer lachend entgegen,„um Ihr eigenes Gepäck zu⸗ 120 ſammen zu packen und mit mir auszuziehen. Wir ſind Beide auf die Straße geſetzt.“ „Alſo iſt es wirklich wahr?“ ſagte Könnern kopfſchüttelnd—„ich hatte ſchon draußen vor dem Orte davon gehört, und der Herr, der mir da eben in der Thür begegnete...“ „Iſt der neue Director, Herr von Reitſchen.“ „Sein Geſicht gefällt mir nicht beſonders— doch was thut das— ich werde mit dem Herrn in keine nähere Berührung kommen. Aber iſt Schwartzau noch nicht zurück?“ „Noch nicht, doch kann er jeden Tag eintreffen, denn wir haben die letzten drei Tage einen feſten Süder gehabt, der eine ganze kleine Flotte von Schoonern in den Fluß gebracht— und geſchrie⸗ ben hat er, daß er kommt. Apropos, Könnern, gehen Sie mit nach Rio?“ „Wann?“ „Jetzt— morgen oder übermorgen.“ Könnern hatte die Arme untergeſchlagen und ging mit langſamen Schritten im Zimmer auf und ab; er beantwortete auch eine Zeit lang die Frage nicht; endlich ſagte er leiſe:„Ich kann nicht— ich kann wenigſtens jetzt noch nicht, bis ſich mein Schickſal hier entſchieden hat.“ — „Könnern, Könnern, nehmen Sie ſich in Acht!“ „Ihre Warnung kommt zu ſpät,“ ſagte der junge Mann, indem er vor Sarno ſtehen blieb und ihm treuherzig in's Auge ſah. „Und ſind Sie ſchon ſo weit?“ „Weit?“ ſeufzte Könnern;„ich ſtehe an der nämlichen Stelle, wo ich vor vier Wochen ſtand — ich habe Eliſen ſeit jenem Tage, an dem ich zum erſten Male ihren Garten betrat, nicht wieder geſehen, alſo auch nie allein ſprechen können, denn der Alte hütet ſie ordentlich vor mir, und hat mich ſchon ein Dutzend Male von ſeiner Thür zu⸗ rückgewieſen. Aber ich bin jetzt entſchloſſen, dem ein Ende zu machen. Ich glaube daß Eliſe mich wieder liebt, und iſt dem ſo, dann können die Eltern keinen Grund haben, ſie mir zu verwei⸗ gern; ich bin vollkommen unabhängig und kann eine Frau ernähren.“ „Sie wiſſen, daß Meier ausverkaufen und von hier fortziehen will?“ fragte Sarno. „Kein Wort!“ rief Könnern raſch. „Er ſteht ſchon über ſeine Chagra in Unter⸗ handlung, und zwar durch eine Mittelsperſon, mit jenem Pulteleben, der bei der Frau Gräfin wohnt. Ich weiß es genau, und glaube jetzt feſt, 122 daß Sie die Urſache ſind, die ihn hier fort⸗ treibt.“ „Es wäre entſetzlich wenn Sie Recht hätten!“ ſagte Könnern ſcheu;„und doch fürchte auch ich faſt, daß dem ſo iſt, denn welcher andere Grund könnte den Mann aus ſeiner freundlichen Häus⸗ lichkeit treiben.“ „Es wäre das wenigſtens ein Zeichen, daß das Mädchen auch Sie liebt, und etwas Aehn⸗ liches den Eltern vielleicht erklärt hat. Sonſt weiß ich nicht, weshalb eine ſolche Maßregel nöthig wäre. Ein Vater kann doch nicht immer gleich die ganze Gegend verlaſſen, wenn Jemand um ſeine Tochter anhält, der ihm aus dem einen oder an⸗ dern Grunde nicht genehm iſt.“ „Ich muß hin— ich muß noch heute hin!“ ſagte Könnern, ſeinen Spaziergang im Zimmer wieder fortſetzend—„ich muß wiſſen woran ich bin, und wenn mich Eliſe wirklich liebt, dann dürfen mir die Eltern ihre Hand nicht verwei⸗ gern; ſie dürfen ihr Kind nicht unglücklich machen um der Laune eines menſchenſcheuen Man⸗ nes wegen!“ „Mein lieber Könnern,“ ſagte Sarno ruhig, „wenn die Sache ſo ſteht, und Sie bis über die Ohren in die junge Dame wirklich verliebt ſind, ſo werde ich natürlich meine Zeit nicht länger mit Bitten vergeuden, mich zu begleiten. Bleiben Sie hier und thun Sie, was Sie eben nicht laſſen können. Um eins aber muß ich Sie bitten, ſchon Ihres Bruders wegen: handeln Sie nicht unüber⸗ legt und wie ein junger, tollköpfiger Burſche von zwanzig Jahren. Heute Abend ſind Sie aufge⸗ regt— thun Sie keinen Schritt in der erſten Aufwallung, der Sie nachher vielleicht gereuen könnte und nie wieder gut zu machen iſt. Be⸗ ſchlafen Sie die Sache; denken Sie mit kaltem Blute darüber nach, und wenn Sie morgen nach dem Frühſtück noch genau derſelben Meinung ſind wie heute, gut, dann thun Sie was Sie wollen!“ „Aber welchen Grund könnten Sie haben, einen ſolchen Schritt für unüberlegt zu halten? Eliſe...“ „Iſt ein Engel, wie ich keinen Augenblick zweifle,“ unterbrach ihn lächelnd Sarno;„aber,“ ſetzte er ernſter hinzu—„man heirathet zu Zei⸗ ten nicht allein die Geliebte, ſondern auch die Schwiegereltern mit, und— mein Rath geht eben nur dahin, ſich vorher über deren Verhältniſſe doch ein wenig genauer zu unterrichten. Ich muß Ihnen aufrichtig geſtehen, daß mir der alte Meier nicht beſonders gefällt, denn daß er ſich ſo ängſt⸗ lich von jedem Menſchen zurückhält, kann recht gut einfache Scheu vor einem geſelligen Umgange — es kann aber auch etwas Anderes ſein, und ich habe in den zwölf Jahren, in denen ich mich in den Colonien herumtreibe, ſchon ganz merk⸗ würdige und oft wunderliche Erfahrungen ge⸗ macht.“ „Sie glauben doch nicht das alberne Geſchwätz Zuhbel's?“ „Zuhbel iſt ein Schwätzer, und wenn Alles wahr wäre was er ſagt, ſo verdiente ich zum Beiſpiel gehängt zu werden.“ „Und hat jener Meier in der Zeit ſeines hie⸗ ſigen Aufenthalts irgend Etwas gethan, was...“ „Nichts— gar Nichts— er hat ſich ſtets als einen fleißigen, anſtändigen Menſchen gezeigt.“ „Dann überlaſſen Sie mich auch meinem Schickſal,“ ſagte Könnern freundlich.„Ich will Ihrem Rathe folgen und erſt morgen früh hin⸗ überreiten— alles Andere mag ſich aber dort entſcheiden.“ 5. Die Cigarrenfabrik. „In dem Hauſe der Frau Gräfin Baulen hatte ſich indeſſen, und in dem kurzen Zeitraum von wenigen Wochen, außerordentlich viel verändert. Das ganze Haus war eigentlich auf den Kopf ge⸗ ſtellt, und ſo ſtill es ſonſt geweſen, glich es jetzt einem Bienenſtock, in dem eine Menge von fremden Menſchen täglich ein und aus ſchwärmte — wenn ſie auch eben keinen Honig eintrugen. Der ſogenannte„Gartenſalon“ unten, wie man früher das größte Zimmer genannt, war nämlich in eine Werkſtätte verwandelt worden, in der ſieben kleine Tiſche mit eben ſo vielen Stühlen ſtanden, während auf jedem ein dickes, viereckiges Brett aus hartem Holz und ein kleines Meſſer lagen. Fünf von dieſen waren mit Arbeitern in Hemds⸗ ärmeln beſetzt, die Haufen von Tabaksblättern neben ſich liegen und ein Kiſtchen oder einen Korb dabei ſtehen hatten, in denen fertige und noch feuchte Cigarren aufgeſchichtet lagen, und in der Stube ſelber, an eingeſchlagenen derben Nägeln waren Seile ausgeſpannt, auf denen breite Deck⸗ blätter zu oberflächlichem Abtrocknen aufgehangen waren. Die Fenſter waren geöffnet, theils um die milde Luft herein, anderntheils um den dichten Tabaksqualm hinaus zu laſſen, denn die fünf Cigarrenmacher rauchten die eben gewickelten und noch biegſamen Cigarren mit einer wahren Leiden⸗ ſchaft. Allerdings hatte ihnen das die Frau Gräfin im Anfange nicht geſtatten wollen, und in den erſten Tagen war es nur Oskar und Herrn von Pulteleben erlaubt geweſen, im Hauſe zu rauchen. Da ſich die Leute aber zu arbeiten weigerten, wenn ſie nicht ihre Cigarre dabei rauchen dürften, und ſogar die Bibelſtelle mit dem dreſchenden Ochſen und dem Maulverbinden citirten, ſah ſich die Frau Gräfin genöthigt, in ihrer Strenge nachzulaſſen. Es hatte überdies Mühe genug gekoſtet, Leute auf⸗ zutreiben die im Cigarrendrehen erfahren waren, und es hing jetzt Alles davon ab, eine größere Quantität fertig zu bringen und auf den Markt zu werfen. Die beiden jetzt leer ſtehenden Tiſche im un⸗ teren Zimmer verriethen vor den übrigen eine kleine Auszeichnung. Erſtlich ſtanden Rohrſtühle davor, und dann hatten die auf dem Brette liegen⸗ den Meſſer Perlmuttergriffe. Hier ſollten oder wollten Herr von Pulteleben und Oskar arbeiten, und in der erſten Woche waren ſie auch in der That die Erſten und Letzten dabei geweſen. Dieſer Eifer aber verrauchte frei⸗ lich bald, und Oskar erklärte ſchon am Montag Morgen der zweiten Woche, daß er nicht nach Braſilien gekommen wäre, um„wie ein Sclave zu ſchanzen“, er hätte ſich ſonſt gleich von vorn herein ſchwarz anſtreichen laſſen. Herr von Pulteleben hielt länger aus; er ging wenigſtens ab und zu in die Fabrik, um eines⸗ theils die Arbeiter zu überwachen, anderntheils aber auch einmal ein paar Dutzend Cigarren fertig zu bringen, die aber freilich alle noch eine ſolche außergewöhnliche Form hatten, daß er ſie ſelber rauchen mußte und nur einzeln zwiſchen die regel⸗ recht gefertigten der Arbeiter einſchieben konnte. Mit dem Wickeln ſelber ging es noch ſo ziemlich, aber er brachte die Spitze nicht zu Stande, die 128 ſich in die verſchiedenſten phantaſtiſchen Formen drehte und manchmal lang und dünn auslief, oft aber mit Kleiſter zum Zuſammenhalten gezwungen werden mußte. 4 Selbſt in die Zimmer der Frau Gräfin waren die unnatürlichen Auswüchſe der Eigarrentiſche gedrungen, und dieſe ſelber gab ſich hier mit He⸗ lenen derſelben Beſchäftigung hin. Helene ent⸗ wickelte vor allen Anderen einen wahrhaft eiſernen Fleiß in dieſem neuen und ihr wahrlich fremden Wirkungskreiſe. Mit der ihr in allen anderen Dingen eigenen Geſchicklichkeit hatte ſie raſch ge⸗ lernt, nicht allein rauchbare, ſondern auch gut aus⸗ ſehende Cigarren in regelmäßiger Form anzufer⸗ tigen, und ſchon nach drei Wochen arbeitete ſie kaum weniger raſch, als irgend einer der ange⸗ ſtellten Gehülfen. Wie ſich aber die Arbeit bei ihr förderte, ſchien auch ein anderer, beſſer Geiſt über ſie zu kommen; ſie ſchien heiterer, glücklicher zu werden, und wenn ſie ſich des Gedankens vielleicht ſelber nicht ganz klar wurde, war es doch wohl nur ein Gefühl größerer Selbſtſtändigkeit, das ſie durchzuckte, wenn ſie ſich bewußt wurde, ihr Brod im Nothfall ſelber verdienen zu können. 3. Jeder wirklich edle Charakter hat dieſes Ge⸗ 129 fühl, mag ihn das Schickſal in eine Stellung ge⸗ worfen haben, in welche es wolle— jeder ſollte es wenigſtens haben, denn es iſt die einzige „Lebensverſicherung“, die uns der Zukunft darf getroſt in's Auge ſchauen laſſen. Helene, mit einem empfänglichen Herzen für alles Schöne und Gute, das ſelbſt durch die ſchlaffe, leichtſinnige Erziehung ihrer Mutter nicht in ihr ertödtet werden konnte, hatte ſchon lange ſchmerz⸗ lich den Kampf empfunden, den dieſe gegen das Leben ankämpfte, nur um eine leere, äußere Er⸗ ſcheinung aufrecht zu erhalten, und wenn ſie ſich bis dahin ſelber machtlos gefühlt, das zu ändern, eröffnete plötzlich dieſe neue Beſchäftigung ihr dazu die Ausſicht. Daß ihre Mutter nur durch die äußerſte Nothwendigkeit zu einem ſolchen Schritte getrieben war, ſah ſie recht gut ein; aber ſie dankte Gott dafür, und nur manchmal beſchlich ſie, nach Andeutungen die jene fallen ließ, ein eigenes dunkles Gefühl, daß von der ſonſt ſo ſtolzen Gräfin dieſes Mittel, ſich eine Stellung im Leben zu erzwingen, nicht ernſtlich gemeint ſei, ja, nur als augenblickliche Aushülfe betrachtet werde und einem andern, tiefer liegenden Zwecke dienen ſolle. Und welchem? Comteſſe Helene preßte die feingeſchnittenen Lippen feſter zuſamanen Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. II. 130. und ihr Auge nahm wieder jenen alten, zornigen Trotz an, den die letzten Wochen faſt daraus ver⸗ bannt hatten— aber ſie dachte den Gedanken nie aus und arbeitete dann nur um ſo rüſtiger weiter, um die ihr noch ſo nöthige Fertigkeit in ihrer neuen Beſchäftigung zu erlangen. Die Frau Gräfin ſelber hatte wohl auch ein paar Mal begonnen Cigarren zu machen, aber es war ſtets nur bei einem leider nicht mit Erfolg gekrönten Verſuche geblieben. Selbſt Jeremias weigerte ſich, die von ihr angefertigten Cigarren zu rauchen, weil er behauptete, er bekäme die Schwindſucht dabei und zöge ſich die Seele aus dem Leibe. Das Fabrikat mußte ſtets wieder zu Einlagen für andere verwendet werden. Jeremias hatte übrigens in der neuen„Fabrik“ eine nicht unbedeutende Wichtigkeit erlangt, da ſich ſehr bald herausſtellte, daß er die einzige Perſon im Hauſe ſei, die wirklich Etwas von Tabaksblättern verſtand und eingeſandte Proben beurtheilen konnte. So oft man aber auch ver⸗ ſuchte, ihn zu thätiger Mitwirkung bei der allge⸗ meinen Leidenſchaft zu veranlaſſen, ſo oft ſchlug er jedes ſolches Anerbieten auf das Entſchiedenſte aus, und nahm ſich nur die Intereſſen ſeines Gutachtens in fertiger Waare, beſonders von 8 131 Oskar's Tiſche, der auch nur für eigenen Bedarf zu arbeiten ſchien. Herr von Pulteleben war außer Helenen noch der Fleißigſte der Familie, zu der er ſich jetzt vollkommen zu zählen ſchien, und beſonders veranlaßte ihn dazu wohl die ſchon merkliche Ab⸗ nahme ſeines kleinen Capitals, das noch dazu nicht Alles in den Ankauf von rohem Tabak und die Bezahlung der Arbeiter geſteckt war. Die Frau Gräfin hatte, da der ſchon ſo lange erwartete Wechſel angeblich noch immer nicht ein⸗ getroffen(er war in der That angekommen, aber auch augenblicklich verausgabt worden, um nur die dringendſten Gläubiger zu befriedigen), einige kleine Anlehen gemacht, um, wie ſie Herrn von Pulteleben ſagte, beſonders Helenens Garderobe in Etwas zu reſtauriren und dann einige andere höchſt nöthige Verbeſſerungen in ihrer Wirthſchaft zu treffen, und die Einnahme der fertigen, aber noch nicht abgelagerten Cigarren ſtellte ſich außer⸗ dem als viel geringer heraus, als man im An⸗ fang erwartet haben mochte. Herr von Pulteleben begann nachzudenken. Die erſten Zweifel ſtiegen in ihm auf, ob er hier auf braſilianiſchem Boden wohl auch gleich die richtige Speculation getroffen habe, in ſehr kurzer 9* 13² Zeit ein reicher Mann zu werden, und zwar ohne fremde Hülfe, aus eigener Geiſtesfähigkeit und Ausdauer— denn das mitgebrachte und ebenfalls nicht ſelber verdiente Geld rechnete er natürlich gar nicht. Hinter dem Allem aber ſchwebte freilich das Bild Helenens, deren Reize einen unwider⸗ ſtehlichen Zauber ausübten und ihn noch immer nicht recht zur Beſinnung kommen ließen. Hatte er ſich gleich im erſten Augenblick von ihrer lieblichen Erſcheinung gefeſſelt gefühlt, ſo feſtigte ſich das Band, das ihn zu ihr hinzog, mit jedem Tage mehr und mehr, trotzdem ihm das ſchöne Mädchen nicht die geringſte Ermuthigung gab, an eine gegenſeitige Neigung glauben zu dürfen. Sie war ſtets mehr höflich und artig als freundlich gegen ihn; ſie ging, ſo muthwillig ſie auch ſonſt ſein konnte, nie auf die Scherze ein, die Oskar oft in kindiſcher Ungezogenheit mit ihrem neuen Hausgaſt trieb, denn Oskar war nicht ge⸗ wohnt, irgend eine Verbindlichkeit gegen Jemanden in der Welt anzuerkennen, ſelbſt nicht einmal gegen ſeine eigene Mutter. Helene aber wußte, daß ſie Alle dem Fremden Dank ſchuldig ſeien, ſie, wenn auch nur für den Augenblick, aus einer Lage befreit zu haben, in die ſie die unbedachte und zweckloſe Verſchwendung ihrer Mutter ge⸗ —133 bracht; aber ſie fühlte ſich dadurch gedrückt, denn Herr von Pulteleben war keine Perſönlichkeit, der ſie mit freudigem Herzen Etwas hätte danken mögen. Arno von Pulteleben legte aber ſelbſt dieſe oft nur kalte Höflichkeit ſtets zu ſeinen Gunſten und ſeinen eigenen Wünſchen gemäß aus, denn er beſaß eine vortreffliche Meinung von ſich ſelber, und hatte ihn der Rangesunterſchied bei dem erſten Begegnen auch etwas ſchüchtern ge⸗ macht, ſo ſchwanden dieſe Bedenken immer mehr und mehr, als er erſt einmal die Ueberzeugung gewann, daß die gräfliche Familie, vor der Hand wenigſtens, nicht die ihrem Rang entſprechenden Mittel beſaß, und die Frau Gräfin ſelber auf das Herablaſſendſte ſeine pecuniäre Hülfe in An⸗ ſpruch nahm. Die Sache hatte aber trotzdem ihren Haken; denn wenn ſie mit ihrem Geſchäfte wirklich nicht reuſſirten, ehe der fabelhaft lange ausbleibende Wechſel der Frau Gräfin ankam, ſo konnte er in eine Lage kommen, die ihm viel zu fremd war, um ſich vor der Hand auch nur ſelber hineinzu⸗ denken; denn was er auch immer der Gräfin von dem ſeiner daheim noch wartenden Vermögen erzählt haben mochte, ſelber hegte er keineswegs 134 die großen Erwartungen, die er in ihr erregt hatte. Deſto feſter aber glaubte er an eine freundliche Mythe, die, in dem Kopfe der Frau Gräfin entſprungen, ein ſehr bedeutendes Ritter⸗ gut in Ungarn zur Baſis hatte, das jetzt durch ihren Anwalt verkauft wurde, und deſſen Ertrag dann ohne Weiteres an ſie übermacht werden ſollte. Die Frau Gräfin hatte ihm das eines Tages, als ſie allein beiſammen waren, unter dem Siegel der Verſchwiegenheit mitgetheilt, denn Helene ſollte Nichts von dem Verkaufe wiſſen, weil ſie kindiſcher Weiſe noch zu ſehr an dem alten Stamm⸗ gut hing. Bis dieſe Gelder aber ankamen, mußte mit dem noch vorhandenen und allerdings ſchon ſehr zuſammengeſchmolzenen Capital gewirthſchaftet werden, und obgleich er ſelber Nichts in der Welt weniger als Geſchäftsmann war, konnte er ſich doch nicht verhehlen, daß ihre Ausgaben mit ihren Einnahmen auch nicht in dem geringſten Verhältniß ſtanden. Ging die Sache alſo noch lange ſo fort, ſo mußte die Zeit eintreten, in welcher ſeine Baarſchaft verausgabt war— und was dann? Er beſchloß deshalb, ganz ernſt⸗ haft mit der Frau Gräfin zu reden— er war ihr das ja ſogar ſchuldig— und ſie konnten dann gemeinſam einen Plan entwerfen, wie— ja, er wußte eigentlich ſelber noch nicht recht, über was— aber das ergab ſich dann ja auch ſchon in der Unterhaltung. Es waren, wie ſchon geſagt, heute Morgen wieder friſche Proben von Blättertabak eingeſandt worden, und während Helene allein in ihrer Stube, mit ihrer Arbeit und ihren Gedanken beſchäftigt, ſaß, hatte die Frau Gräfin mit Jeremias den Tabak geprüft und die Sorten ausgeſucht, welche ſie für die beſten zur Bearbeitung hielten. Damit im Reinen, wurde Herr von Pulteleben gerufen, um zu einer abgemachten Sache ſeine Zuſtimmung und dann, die Hauptſache, die ſchriftliche Ordre zum Ankaufe zu geben, da die Frau Gräfin die etwas unangenehme Erfahrung gemacht hatte, ihre eigene Handſchrift in der Geſchäftswelt nicht be⸗ ſonders reſpectirt zu ſehen. Oskar lag auf dem Sopha, rauchte eine von ihm ſelbſt gewickelte Cigarre und pfiff in den Pauſen eines von Helenens Liedern. Was küm⸗ merten ihn die Geſchäfte! Vor dem Zimmer ſtand ein Tauſend Cigarren, das Oskar übernommen gehabt hatte, ſchon geſtern Abend zu dem Geiſtlichen zu befördern und das Geld dafür mitzubringen, und Herr von Pulte⸗ leben ärgerte ſich, daß der junge Burſche nicht allein zu gar Nichts zu bringen war, ſondern ſogar noch wie zum Hohn hier ausgeſtreckt auf dem Sopha lag. „Ach, lieber Baron,“ ſagte die Gräfin, als er eintrat, und ohne ſeinen auf Oskar geſchleuderten, eben nicht freundlichen Blick zu beachten—„wir haben hier den Tabak ausgeſucht— ſehen Sie, dieſe beiden Sorten— von der einen zwölf Aroben zu Einlage und drei Aroben von der andern zu Deckblatt— ich denke, das wird vorläufig genug ſein, und wir können erſt einmal mit der kleinen Quantität verſuchen, wie ſich die Cigarren machen werden. Von wem iſt der Tabak, Jeremias 2 „Von Köhler's Chagra,“ ſagte der Angeredete, indem er ſich von dem Tiſche ebenfalls eine Cigarre nahm und ſie abbiß—„er hat aber geſagt, er gäb' ihn für den Preis nicht anders, als um „baar Geld lacht— die landesübliche Münz⸗ ſorte.“ „Ich denke, daß ihm ſein Geld bei uns ſicher iſt,“ ſagte die Frau Gräfin, ärgerlich den Kopf zurückwerfend. „Kann wohl ſein,“ meinte Jeremias, die ab⸗ gebiſſene Spitze in die Ecke ſpuckend—„er denkt’s 137 aber nicht, und iſt dumm genug, das Geld lieber in der eigenen Taſche wie bei fremden Leuten zu haben— mit Erlaubniß“— damit ging er an das Feuerzeug und wollte ſich ohne Weiteres ſeine Cigarre anzünden; die Frau Gräfin ſchien aber nicht geſonnen, ihm alle Freiheiten zu geſtatten. „Sie wiſſen doch, Jeremias,“ ſagte ſie ſtreng, „daß ich Niemandem geſtatte, in meinem Zim⸗ mer zu rauchen— meinem Sohne ausgenommen,“ fuhr ſie fort, als ſie bemerkte, wie Jeremias einen halb lächelnden Blick nach Oskar hinüber warf— „ich dulde keine Unverſchämtheit.“ „Reden wir nicht weiter davon,“ ſagte Jere⸗ mias, indem er die Cigarre in die Taſche ſchob und mit dem Fuße den neben ihm liegenden Haufen Blättertabak etwas lockerte—„Sie können wahrſcheinlich den Tabaksgeruch nicht vertragen. Soll ich dem Köhler das Geld gleich mit hinauf nehmen? denn er wollte ſofort Antwort haben, weil jetzt gerade Gelegenheit iſt, den Tabak nach Rio Grande zu ſchicken.“ „Kommen Sie nachher wieder herauf,“ ſagte Herr von Pulteleben, die Antwort umgehend— „ich habe augenblicklich mit der Frau Gräfin noch zu reden.“ „Hm,“ ſagte Jeremias, aus einer etwas engen 138 Uhrtaſche eine rieſige, beinahe kugelrunde Taſchen⸗ uhr herauszwängend und den ſilbernen Deckel derſelben öffnend—„jetzt iſt's in ſechs Minuten zehn; um halb elf muß ich ſpäteſtens fort, wenn ich zu Mittag wieder da ſein will. Wäre mir lieb, wenn ich bei der Gelegenheit auch gleich mei⸗ nen rückſtändigen Lohn bekommen könnte, um meine eigenen Rechnungen zu bezahlen“— und mit den Worten ſchlenderte er langſam zur Thür hinaus. „Der Burſche wird mit jedem Tage unver⸗ ſchämter!“ ſagte die Gräfin, als er das Zimmer kaum verlaſſen hatte—„und wenn Du ſeine Uebergriffe duldeſt, Oskar, ſo habe ich nicht Luſt, dem noch länger ruhig zuzuſehen. Entweder er muß ſich ſeiner untergeordeten Stellung fügen, oder das Haus verlaſſen.“ „Und wo willſt Du einen Andern herbekom⸗ men?“ ſagte Oskar, ein Bein über das andere legend. „Mein lieber Oskar,“ fiel hier Herr von Pulte⸗ leben ein,„es iſt nicht allein Jeremias, der ſich ändern muß, wir werden Alle unſern Beruf ein wenig mehr in's Auge faſſen müſſen, wenn wir es wirklich zu Etwas bringen wollen.“ „Puh,“ ſagte Oskar, den Dampf zu gleicher 139 Zeit ausblaſend—„wollen Sie einmal wieder Moral leſen? Verderben Sie uns den ſchönen Tag nicht.“ „Moral gar nicht,“ ſagte Herr von Pulte⸗ leben piquirt—„aber ein klein Wenig müſſen Sie doch auch mit zufaſſen, wenn nicht Alles rückwärts gehen ſoll. Die Cigarren zum Beiſpiel, die Sie ſchon geſtern Abend an den Pfarrer Beckſtein be⸗ ſorgen und das Geld dafür eincaſſiren wollten, ſtehen noch immer draußen, und wenn es auch nur zwanzig Milreis ſind, ſo brauchen wir ſie doch, um die laufenden Ausgaben zu decken.“ „Aber weshalb, zum Henker, ſchicken Sie da nicht den Jeremias?“— rief Oskar mit gerun⸗ zelter Stirn—„glauben Sie, daß ich Ihren Laufburſchen machen ſoll?“ „Mein lieber Baron,“ ſagte die Frau Gräfin, „Oskar hat da wirklich Recht. Ich ſehe auch nicht ein, weshalb das Jeremias nicht eben ſo gut be⸗ ſorgen kann.“ „Aber Jeremias,“ meinte Herr von Pulteleben, „kann die wenigen Stunden, die er überhaupt hier iſt, viel nützlicher beſchäftigt werden, und Oskar hat auf der Gottes Welt Nichts zu thun....“ „Als Ihnen aufzuwarten, nicht wahr?“ rief der junge Burſche, ärgerlich vom Sopha auf⸗ 140 ſpringend—„es wird doch wahrhaftig alle Tage beſſer,“ und das Zimmer verlaſſend, ſchlug er die Thür hinter ſich zu, daß die Scheiben klirrten. Herr von Pulteleben blieb mit der Frau Gräfin allein zurück, und zwar in der peinlichſten Ver⸗ legenheit, denn wenn er ſich auch in ſeinem vollen Recht wußte und nicht das geringſte Unbillige verlangt hatte, fühlte er doch, daß die Frau Gräfin ſelber einen andern Standpunkt einnahm, und mochte um Alles in der Welt ihr nicht feindlich entgegen treten. War ſie nicht Helenens Mutter und mußte er nicht ſchon Helenens wegen in allen ſolchen, doch eigentlich Nichts bedeutenden Kleinig⸗ keiten nachgeben? Und doch hatte er gerade heute Morgen mit der Frau Gräfin über ahre beider⸗ ſeitige, ſich ſchwieriger geſtaltende Situation ſprechen wollen, wenn die Frau Gräfin nur gerade nicht in dieſem Augenblick ſo entſetzlich ſtolz und vor⸗ nehm ausgeſehen hätte. Ob dieſe etwas Aehnliches vermuthete? Dann war ſie jedenfalls augenblicklich im Vortheile, und nicht die Frau, einen ſolchen unbenutzt zu laſſen. „Sie haben Oskar ganz unnöthiger Weiſe ge⸗ reizt, lieber Freund,“ ſagte ſie, zu ihrem Schreib⸗ tiſche gehend und ein Flacon öffnend, an das ſie 141 mehrmals roch—„dieſe Scenen greifen meine Nerven an— Sie müſſen doch bedenken, daß er noch ein ganz junger Menſch iſt, der nicht die reifere Erfahrung des Alters haben kann, und das 2 ſtets von einer leichten, ich will nicht läug⸗ en, oft zu leichten Seite betrachtet. Mit guten und freundlichen Worten iſt er aber zu Allem zu leiten.“ „Frau Gräfin,“ ſtammelte von Pulteleben ver⸗ legen,„ich will nicht abſtreiten, daß ich vielleicht zu rauh geweſen bin, aber— aber die Schwierig⸗ keit— die Ungewißheit unſerer augenblicklichen Verhältniſſe....“ „Schwierigkeit?— Ungewißheit?“ ſagte die Gräfin erſtaunt—„ich verſtehe Sie nicht.“ „Sie werden mir zugeben, daß“— fuhr Herr von Pulteleben verlegen fort, und ſtak dann feſt. „Zugeben? Was?“ fragte die Gräfin ruhig. „Daß unſer Unternehmen doch noch keines⸗ wegs geſichert iſt,“ ſetzte der junge Mann mit einer Art von verzweifeltem Entſchluß hinzu— „meine Aus— unſere Ausgaben ſind ſehr be⸗ deutend und die Einnahmen bis dieſen Augenblick noch außerordentlich gering geweſen.“ „Und iſt das meine Schuld?“ fragte die Gräfin ſtreng. 142 „Um Gottes willen, verſtehen Sie mich nicht falſch,“ bat Herr von Pulteleben in Todesangſt— „ich meine ja nur, daß wir bis jetzt entſetzlich wenig für die Cigarren gelöſt haben. Die vier⸗ tauſend Stück, welche der Wirth, Herr Bohlos, be⸗ kommen hat, wurden nicht bezahlt, weil der Manns eine Gegenrechnung brachte, die Oskar...“ „Ja, leider, einer ſeiner jugendlichen Streiche,“ ſagte die Gräfin ſeufzend,—„ich habe ihm aber auch meine Meinung darüber geſagt und es wird nicht wieder geſchehen.“ „Unglücklicher Weiſe traf es ſich auch, daß unſer erſter Ankauf des Tabaks ſo gänzlich miß⸗ lang.“ „Lieber Gott,“ ſagte die Dame achſelzuckend, „das wiſſen Sie ja ſelber, daß man in jeder Sache erſt einmal Lehrgeld bezahlen muß. Ich glaubte einen ganz ausgezeichneten Kauf zu machen, glaubte mit einem ehrlichen Manne zu thun zu haben, und wurde auf das Schändlichſte betrogen. Der nächſte Tabak war dagegen vortrefflich, und dieſer Herr Buttlich hat unſere Kundſchaft für immer ver⸗ loren.“ „Der Bäckermeiſter— wie heißt er gleich“— fuhr Herr von Pulteleben ſeufzend fort—„hat 143 ebenfalls dreitauſend Cigarren nicht bezahlt, weil er es von der Miethe abziehen will.“ „Das iſt ſo gut wie baar Geld,“ lächelte die Gräfin—„denn wir müßten es ihm ſonſt ja wieder herauszahlen.“ „Und der Kaufmann oben an der Ecke, von woher Sie Ihren Bedarf gezogen haben—“ „Aber, beſter Freund,“ ſagte die Gräfin ge⸗ reizt,„das ſind ja lauter Gegenrechnungen, bei denen wir nur gewinnen, daß wir einen ſolchen Betrag in unſerem Fabrikat bezahlen können. Werfen Sie mir vor, daß wir leben?“ „Ich? Aber ich bitte Sie, Frau Gräfin!“ rief Herr von Pulteleben beſtürzt—„ich erwähne dieſe einzelnen Poſten ja nur, um Ihnen zu be⸗ weiſen, daß wir ſchon eine ziemliche Quantität von Cigarren verarbeitet, durch ungünſtige Umſtände aber kein baares Geld dafür einbekommen haben. Mein an ſich eben nicht übergroßes Capital ſchmilzt dabei mehr und mehr zuſammen, und ich hielt es nur für meine Pflicht, Sie von dem Um⸗ ſtande in Kenntniß zu ſetzen, damit wir nicht plötzlich einmal in— in Verlegenheit geriethen. Ein Geſchäftsmann ſollte doch eigentlich auf alle Zufälligkeiten gefaßt ſein.“ „Sie ſind zu ängſtlich,“ lächelte die Gräfin, 144 welche ſich noch nie im Leben Sorgen gemacht hatte, wenn ſie nur die unmittelbare Gegenwart geſichert wußte—„aber ich billige vollkommen Ihre Vorſorge etwa möglicher Eventualitäten. Wir wollen auch mit aller Umſicht zu Werke gehen, und daß wir es dabei nicht an Fleiß fehlen laſſen,“ ſetzte ſie mit einem Blick auf ihren heute freilich noch nicht berührten Cigarrentiſch hinzu, „werden Sie mir ebenfalls bezeugen können.“ „O, gewiß— deß bin ich ſicher überzeugt,“ ſtammelte Herr von Pulteleben, von der Güte der Frau Gräfin ſo entzückt, daß plötzlich die Idee in ihm aufſtieg, den Moment zu benutzen und einen kühnen Schritt zu ſeinem künftigen Lebensglücke zu wagen—„Sie kennen mich ja aber jetzt auch, Frau Gräfin— Sie wiſſen, daß ich mit allem Eifer...“ „Ich weiß es,“ ſagte die Dame freundlich,„und die nächſte Zeit wird Ihnen den Beweis bringen, wie raſch wir das jetzt vielleicht etwa Verſäumte wieder eingeholt haben. Der neue Tabak iſt vor⸗ trefflich und wir werden brillante Geſchäfte damit machen.— Aber da fällt mir gerade ein, daß Je⸗ remias unten auf den Beſtellzettel wartet— ich habe ihn hier ſchon geſchrieben— bitte, unter⸗ zeichnen Sie ihn nur noch— als unſer Geſchäfts⸗ 4 A M führer,“ ſetzte ſie lächelnd hinzu—„das Geld können Sie ja dann vielleicht dem Jeremias gleich mitgeben— der Betrag iſt hier ausgefüllt.— Der alberne Bauer hat es ſich nun einmal in den Kopf geſetzt, nur gegen baares Geld zu ver⸗ kaufen.“ „Mit Vergnügen,“ ſtotterte Herr von Pulte⸗ leben, der in dieſem Augenblicke wirklich gar nicht mehr an den Tabak dachte—„aber— werden Sie mir auch nicht zürnen, wenn ich“— die Gräfin ſah ihn erwartungsvoll an, und Herr von Pulte⸗ leben, welcher über und über roth geworden war, fuhr ſchüchtern fort:„wenn ich mit einer— mit einer recht großen Bitte vor Ihre Thür käme?“ „Mit einer Bitte?“ „Sie ſind immer ſo ſehr gütig gegen mich ge⸗ weſen.“ „Und die Bitte?“ „Und Comteſſe Helene ebenfalls,“ ſtammelte Herr von Pulteleben, und ſein Geſicht ſah in dem Augen⸗ blick aus, als ob ihm das Feuer heraus ſchlagen wollte—„Sie— Sie können wohl denken, Frau Gräfin, daß das— daß das längere Beiſammen⸗ leben mit einem ſo liebenswürdigen Weſen— ich muß zwar geſtehen, daß ich eigentlich gar nicht daran denken dürfte, ein ſolches Glück zu ver⸗ Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. II. 10 — 146 dienen— eigentlich iſt Glück gar nicht der paſ⸗ ſende Name— Seligkeit ſollte man ſagen— und — und wenn ich nur hoffen dürfte, daß....“ Er ſtak wieder vollſtändig feſt, und die Gräfin hatte ſeine unzuſammenhängenden Worte, als ſie nur erſt deren Sinn ahnte, auch mit keiner Silbe weiter unterbrochen. Jetzt nickte ſie leiſe lächelnd mit dem Kopf und ſagte dann freundlich: „Mein lieber Herr von Pulteleben, ich habe faſt gefürchtet, daß Ihnen das tolle Mädchen den Kopf verdrehen würde. Ueberlegen Sie ſich aber die Sache wohl, denn Helene iſt....“ „Ein Engel!“ unterbrach ſie der junge Mann, der ſeiner überſtrömenden Gefühle nicht länger Meiſter war—„ich wäre ſelig, wenn ich nur hoffen dürfte, daß ich ihr nicht ganz gleichgültig bin.“ Die Gräfin lächelte wieder freundlich vor ſich hin und ſagte dann in gütigem, aber immer noch abwehrendem Tone: „Nun, wir wollen ſehen; ich werde mit meiner Tochter ſprechen— ich glaube, daß wir zu einan⸗ der paſſen, und wenn Sie auch noch etwas jung find.... „Ich werde mit jedem Tage älter!“ rief Herr 147 von Pulteleben, der vor lauter Glückſeligkeit ſchon gar nicht mehr wußte was er ſagte. „Nun gut,“ lachte die Gräfin jetzt herzlich— „da Sie dieſen Fehler alſo täglich verbeſſern, ſo läßt ſich ja vielleicht über die Sache reden. Ich kann Ihnen natürlich ohne meine Tochter keine beſtimmte Zuſicherung geben.“ „Sie heben mich in den ſiebenten Himmel!“ rief von Pulteleben. „Aber ich will doch ſehen was ſich thun läßt,“ fuhr die Gräfin fort,„und kann Ihnen wenigſtens verſprechen, daß ich ein gutes Wort für Sie ein⸗ legen werde. Aber unſere Geſchäfte dürfen wir darüber nicht verſäumen.“ „In zwei Minuten ſoll Jeremias abgefertigt ſein,“ rief der junge Mann, ſeinen Hut ergreifend. Das Geſtampfe ungeduldiger Pferde unter dem Fenſter wurde in dieſem Augenblick hörbar, und als Herr von Pulteleben, von einer plötzlichen Ahnung ergriffen, hinaus ſah, bemerkte er, wie ſich Helene in den Sattel ſchwang und dann, als ſie ihn am Fenſter erblickte, hinauf rief:„Reiten Sie mit?“ „Wenn Sie nur einen Moment auf mich warten wollen,“ rief dieſer hinab, und ſich dann zu der Gräfin wendend, ſagte er bittend:„Ich bin heute 10* nicht mehr im Stande, zu arbeiten— das Herz iſt mir zu volll Hier haben Sie meinen Schlüſſel — bitte, theuerſte Frau Gräfin, beſorgen Sie das Nöthige,“ und mit zwei Sätzen war er die Treppe hinunter und im Stalle, und wenige Minuten ſpäter bei den Geſchwiſtern draußen, mit denen er in flüchtigem Galopp die Straße hinab ſprengte. 6. Der Ritt am Strande. Günther von Schwartzau hatte indeſſen ſeine Geſchäfte in Santa Catharina raſcher beſorgt, als er im Anfange ſelbſt geglaubt, und da ihn Nichts weiter an den Platz feſſelte, ſo benutzte er die erſte ſich ihm bietende Gelegenheit, auf einem der klei⸗ nen braſilianiſchen Schooner die Rückreiſe nach Santa Clara anzutreten. Die Reiſen auf dieſen Fahrzeugen ſind freilich nur ſehr unſicher, denn ſo gut ſie gebaut und ſee⸗ tüchtig ſie ſein mögen, ſo ängſtlich werden ſie von den braſilianiſchen Seeleuten behandelt. Gegen den Wind verſtehen dieſe gar nicht zu kreuzen, weil ſie ſo erbärmlich und unregelmäßig ſteuern, und ſelbſt bei etwas ſtarkem, wenn auch günſtigem Winde getrauen ſie ſich nicht in die offene See hinaus. Kommt nun noch dazu, daß der Aufent⸗ halt auf einem ſolchen Schooner, was Bequem⸗ lichkeit und Reinlichkeit betrifft, ein höchſt trau⸗ riger iſt, ſo läßt es ſich denken, daß ſich nicht gern Jemand der Gefahr ausſetzt, vielleicht zwei oder drei Wochen in ſolche Verhältniſſe eingepfercht zu werden, wenn man irgend Gelegenheit hat, in anderer Weiſe fortzukommen. Eben ſo unregelmäßig iſt aber auch ſelbſt die braſilianiſche Dampſſchifffahrt an jener Küſte, und da jetzt gerade ein günſtiger Südwind eingeſetzt hatte, und ſich Günther nicht der Gefahr aus⸗ ſetzen wollte, vielleicht acht, ja vierzehn Tage hier liegen zu bleiben, ehe der nächſte Dampfer von Rio Grande eintraf, beſchloß er, die ſich gerade bietende Gelegenheit zu benutzen, und ſchiffte ſich auf einem dieſer kleinen Küſtenfahrer ein. Die Reiſe war auch in der That eine günſtige, aber der Schmutz in der engen Cajüte ſo furcht⸗ bar, daß ihm ſelbſt die wenigen Tage zu einer faſt unerträglichen Plage wurden, und er dankte Gott, als der Schooner am Abend des fünften Tages, nach einer ungewöhnlich raſchen Reiſe, die Mündung des Santa Clara⸗Fluſſes ſichtete. Leider war jetzt gerade Ebbe, und die Barre 151 zu ſeicht, mit dem ziemlich ſchwer geladenen Fahr⸗ zeuge den Uebergang zu riskiren. Der„Capitain“ kannte auch vielleicht nicht einmal den Canal der Einfahrt genau, und zog es vor, unter dem Schutze der ſüdlich vorſpringenden Landzunge, unter wel⸗ cher er in faſt ruhigem Waſſer lag, vor Anker zu bleiben. Damit verſäumte er aber auch die ganze Nacht und die nächſte Fluth, und da die zweit⸗ nächſte erſt wieder Morgens zehn Uhr eintrat, und Günther unter keiner Bedingung noch eine Nacht an Bord bleiben wollte, ſo beſchloß er, ſich an Land ſetzen zu laſſen. Er kannte dort, von einer früheren Vermeſ⸗ ſung her, jeden Fuß breit Boden. Gar nicht weit vom Strande lag die Chagra eines Braſilianers, auf welcher er leicht ein Pferd geborgt bekommen konnte, und ritt er dann kaum zwei Legoas auf dem harten Sand des Strandes hinauf, und ſchnitt nachher quer in die Hügel, von einer an⸗ dern Chagra aus, hinein, ſo erreichte er Santa Clara ſelber wenigſtens drei oder vier Stunden früher, als der Schooner den Biegungen des Fluſſes ſtromaufwärts folgen konnte. Der Abend war indeſſen ſchon zu weit vor⸗ gerückt, heute noch an einen Ritt in ſtockfinſterer Nacht zu denken. Günther nahm deshalb gern die gaſtliche Einladung des Braſilianers an, bei ihm den Morgen zu erwarten. Mit Tagesgrauen ſollte dann ein Pferd für ihn bereit ſtehen, mit dem er die Colonie recht gut bis etwa elf Uhr Morgens erreichen konnte. Die hier angelegte Chagra war nicht unbedeu⸗ tend, denn in den zunächſt den Sanddünen lie⸗ genden Hügeln fanden mehrere Heerden vortreff⸗ liche Weide, während ein kleines Stück weiter im Lande drinnen ein rother, fruchtbarer Lehmboden Bohnen, Mais, Maniok, ja ſelbſt Zuckerrohr reich⸗ lich gedeihen ließ. Der Braſilianer hielt auch zur Bearbeitung des Landes und zur Beaufſich⸗ tigung ſeiner Heerden ſechszehn bis achtzehn Scla⸗ ven beiderlei Geſchlechts, und den zahlreichen Ge⸗ bäuden nach zu urtheilen, unter denen beſonders ein ſtattliches Herrenhaus hervorragte, mußte er ſich in vortrefflichen Umſtänden befinden. Nichts deſto weniger lebte er aber ſo einfach, wie nur ein Menſch in der Welt leben kann, welcher keine Ahnung von irgend einer möglichen Bequemlich⸗ keit hat— Luxus gar nicht einmal gerechnet. Das große Zimmer des Haupthauſes, in wel⸗ chem für die Familie heute Abend der Tiſch ge⸗ deckt wurde, war nicht einmal gedielt. Die hohen Fenſter hatten keine Gardinen, Tiſche und Stühle 153 beſtanden aus einfachem, weichen Holz, und das jetzt aufgelegte Tiſchtuch war nur ein ſchlechter, baumwollener Stoff, und deckte weder die volle Länge noch Breite des Tiſches ſelber. Nur an den Wänden hatte der Eigenthümer ſich einem ganz wunderbaren Luxus hingegeben, der von den Händen des Schneiders und Zimmermalers Juſtus Kernbeutel herrührte, und in einem außerordent⸗ lich kühn gehaltenen Entwurfe der braſilianiſchen Geſchichte, in Farben ausgeführt, beſtand. Das erſte Bild ſollte wahrſcheinlich die Ent⸗ deckung Braſiliens vorſtellen. Vorn, gleich rechts neben der Thür, ſtand wenigſtens eine einzelne Palme, und an beiden Seiten daneben befand ſich ein Indianerpaar, welches ſtaunend alle vier Arme emporhob, weil ihnen gegenüber auf dem hellblauen Meere ein großes Schiff angeſchwom⸗ men kam, das eine Beſatzung von weißen Rieſen, mit Hintanſetzung jeder Perſpective, an Bord hatte. Eigentlich ſah dieſe Abtheilung aus wie ein Beſuch des Columbus bei Adam und Eva. Die zweite Abtheilung, welche eine ganze breite Wand einnahm, beſchäftigte ſich mit der Unter⸗ jochung der Indianer, welche man überall von Leuten, mit dreieckigen Hüten und Federbüſchen auf, verfolgt und auf das Entſetzlichſte umgebracht 154 ſah. Säbel fuhren ſtets bis an's Heft in den ge⸗ troffenen Leib und an der entgegengeſetzten Seite an einer vollkommen unmöglichen Stelle wieder heraus, Flintenkugeln ſauſten wie Hagel, und ein halbes Dutzend braune Leichen, welche ganz vorn lagen, hätten, wenn nicht die Wunden ſchon tödt⸗ lich geweſen wären, allein in ihrem eigenen Blute ertrinken müſſen. Glücklicher Weiſe war aber ge⸗ rade dieſes Bild mit ſo vollkommen räthſelhafter Zeichnung und Farbenverſchwendung ausgeführt, daß man erſt nach einem längern Anſchauen heraus⸗ bekommen konnte, was eigentlich ein Baum und was ein Menſch ſein ſollte, es hätte ſich ſonſt auch nie eine friedliche Familie dicht darunter zu Tiſch ſetzen können. Das dritte Bild ſtellte wieder einen Kampf vor, aber dieſes Mal unter Weißen, wahrſcheinlich eine Anſpielung auf die letzte Revolution. Hierbei ſchien es aber blutlos herzugehen. Juſtus Kern⸗ beutel war Demokrat durch und durch— ein Mann in einem großen Barte, wahrſcheinlich Garibaldi, ſprengte auf einem keinesfalls ſchon entdeckten Ungethüm Braſiliens hinter den flüch⸗ tigen Truppen her, unter denen ſich ein Mann, wieder mit einem dreieckigen Hute und einer Krone oben darauf, was vielleicht den Kaiſer darſtellen ſollte, auszeichnete. Der ſeiner Regierung zu⸗ gethane Braſilianer ahnte wahrſcheinlich gar nicht den Sinn dieſes republikaniſchen Albumblattes. Die vierte Wand ſollte— über die Folgen der Revolution hinweggehend— Braſilien in ſeinem jetzigen Zuſtande darſtellen. Kaffeebau, Zuckerrohr, Reis, Mais, Maniok, Alles war auf einem unglaublich kleinen Raume lebensgroß zu⸗ ſammengedrängt, und vorm ſaß, inmitten aller dieſer tropiſchen Erzeugniſſe, ganz gemüthlich ein guter deutſcher Bauer in Pelzmütze und Leinwandjacke, die mit beſonderm Fleiße gemalte kurze Pfeife im Munde, aus welchem der Qualm einem arbeitenden pechſchwarzen Neger gerade in's Geſicht ſtieg. Günther unterhielt ſich vortrefflich damit, die wunderbare Fresco⸗Malerei zu betrachten, bis ſein Wirth wieder hereinkam und dieſem eine Anzahl von Sclaven mit dem Abendbrod, auf dem Fuße folgte. Die Mahlzeit ſelber, an welcher der Braſilianer mit ſeiner Frau und zwei ſehr ſchweigſamen jungen Damen Theil nahm, war äußerſt reichlich, aber auch eben ſo einfach, und beſtand als erſter Gang aus einem halben aber kalten Hammel, der in voller Länge aufgetragen wurde und von wel⸗ chem ſich die Herrſchaft nur die beſten Theile 156 herunterſchnitt, um das Uebrige jedenfalls der Dienerſchaft zu laſſen. Der zweite Gang war das gewöhnliche bra⸗ ſilianiſche Gericht, gekochtes Schweinefleiſch, etwas ſehr fett, mit ſchwarzen Bohnen und Maniokmehl, eine außerordentlich nahrhafte und auch wirklich wohlſchmeckende Koſt, mit der ſich Günther auch ſchon lange befreundet hatte. Dazu wurde Waſſer getrunken. So lange die Mahlzeit dauerte, ſprach faſt Niemand ein Wort, das ausgenommen, was ſich unmittelbar auf das Eſſen bezog, und erſt als die aufwartenden Mädchen die Schüſſeln wieder hinausgetragen und den Kaffee hereingebracht hatten, zündeten ſich die Männer ihre Cigarettos an, und der bisher ſo ſchweigſame Braſilianer ſchien aufzuthauen. Aber er ſprach auch nur über das, was ihn ſpeciell intereſſirte: das Land, das in ſeiner Nachbarſchaft lag, und über das ihm ſein Gaſt allerdings die beſte Auskunft geben konnte; über die Vermeſſung des Coloniebodens, über günſtige Lagen, welche man etwa ankaufen könne, über neue Anſiedelungen, die vielleicht nächſtens in Angriff genommen würden, und die Nothwen⸗ digkeit guter Verbindungswege für das Fort⸗ beſtehen und Wachſen der Colonien. 137 Die Frauen ſaßen ſtill dabei oder unterhielten ſich unter einander flüſternd, und erſt als der Gaſt Zeichen von Müdigkeit gab, wurde ihm ſein einfaches Lager angewieſen, auf welchem er ſeinen Kampf mit den Flöhen für die Nacht beginnen konnte. Günther war aber nicht der Mann, ſich durch ſolche Kleinigkeiten im Schlafe ſtören zu laſſen. An alle Arten von Lagern ſchon ſeit manchen Jahren gewöhnt, rollte er ſich in ſeine Decke, ſchlief augenblicklich ein und erwachte erſt wieder, als er Morgens eine Hand auf ſeiner Schulter fühlte. Noch war es ſtockdunkel, da aber Günther am Abend vorher den Wunſch geäußert hatte, eine Stunde vor Tag aufzubrechen, hatte der Bra⸗ ſilianer ſeinen Negern Befehl gegeben, zu der Zeit Kaffee für den Gaſt und ein geſatteltes Pferd bereit zu halten, was auch pünktlich befolgt war, und fünfzehn Minuten ſpäter ſaß der Deutſche ſchon auf und ritt, als eben im Oſten der Tag zu grauen begann, den ſchmalen Pfad entlang, welcher nach dem Strande führte. Schon hörte er, gar nicht weit mehr entfernt, das dumpfe Schlagen und Donnern der Bran⸗ dung, die ihre Wogen gegen den Strand ſchleu⸗ 158 derte, und nach kaum einer Viertelſtunde ſcharfen Rittes in der kühlen prachtvollen Morgenluft, ſah ſich Günther unmittelbar am Rande des atlan⸗ tiſchen Meeres, welchem er, nach Norden zu, hier ziemlich anderthalb Legoas folgen mußte. Noch war aber glücklicher Weiſe Ebbe, oder die Fluth hatte doch erſt ſeit ganz kurzer Zeit wieder be⸗ gonnen zu ſteigen, ſo daß er ſeine Bahn auf dem ſonſt vom Meere gepeitſchten und dadurch hart und feſt gewordenen Sande halten, und ſein Pferd tüchtig austraben laſſen konnte. Was für ein merkwürdiges Gefühl das iſt, ſo unmittelbar am Rande der bäumenden Wogen, im ungewiſſen, dämmernden Lichte des Morgens hinzureiten, und wie wunderbar das Meer ſelber ausſieht, das mit ſeinen weiten, weißen Wogen⸗ kämmen ſich wie eine lebendige Mauer gegen den Wanderer heranwälzt! Dieſer ganze Theil der braſilianiſchen Küſte bietet bis Rio Grande hinunter, mit Ausnahme weniger Flußmündungen, keinen einzigen Platz, wo ein Schiff geſchützt liegen oder ankern könnte. Alles iſt ſeichter Sandboden, welcher ſich viele Hundert Schritte, oft halbe Legoas weit in das Meer hinausdehnt, und über den Untiefen rollt und —Q/— ꝙ— 159 bricht die See und wirft ihre Wogen ſchäumend und donnernd gegen den nackten Strand. Und wie das Meer leuchtet und wühlt und glüht und ziſcht, zurückweicht und wieder vor⸗ ſpringt und ſeine züngelnden Arme dem dahin⸗ ſprengenden Thier oft bis unter die Hufe wirft! Aber das Pferd, welches Günther ritt, war am Meeresſtrande groß geworden. Trotzdem, daß es oft ſchien, als ob die nächſte Woge Roß und Reiter bedecken müſſe, trotzdem, daß ihm eine ſchwerere Woge manchmal die klare, ziſchende Fluth bis über die Feſſeln jagte, kümmerte es ſich nicht das Geringſte darum, ſchnob wohl einmal und warf den Kopf wie unwillig auf und nieder, ſchlug aber gleich darauf den wieder frei gewordenen Sand nur deſto kräftiger mit den ausgreifenden Hufen. Und jetzt dämmerte der Morgen. Ueber die See herüber ſtahl ſich das mattgraue, erſte Licht des Tages und gab den aufgeworfenen Sanddünen zur Linken jene eigene gelbe Färbung, welche aus ſich ſelber heraus zu leuchten ſchien. Breiter und breiter wurde der lichte Streifen im Oſten, ſchon erglühten zur Linken die ferngelegenen und be⸗ waldeten Gebirgsrücken, die ſich in maleriſchen, kühn geſchnittenen Ketten gen Norden zogen, und plötzlich, ehe die Nacht noch recht geſchwunden, ſtieg wie glühendes Gold in rieſenhaftem Umfang die Sonnenſcheibe aus dem Meer empor und ſandte ihre Strahlen über die erwachte Erde. Und mit der Sonne begann das rege Leben der Thierwelt. Kleine langſchnäblige Strand⸗ läufer kamen in ordentlichen Schwärmen von irgend einem Inlandwaſſer, an dem ſie die Nacht verbracht, um ſich ihre Nahrung in an den Strand geſpülten Inſecten zu ſuchen; eine gar wunder⸗ liche Art ſchnepfenähnlicher Vögel mit langen, zinnoberrothen Schnäbeln ſpazierte ebenfalls am Strande herum, als ob ſie nur die Morgenpro⸗ menade zu ihrem Vergnügen machten, ärgerten ſich über einige leichtſinnige Möven, welche von See aus zu ihnen herüber kamen, um ſich ihrer Ge⸗ ſellſchaft anzuſchließen, und trieben ſie augenblick⸗ lich wieder in die Flucht, während ſie nur mit⸗ nahmen, was ihnen von Miniaturmuſcheln und Seethieren gerade in den Weg kam. Vor Günther am Strande ſtrich ein einzelner großer Geier ein, der ſogenannte„braſilianiſche Adler“, und ſchien ſich ebenfalls ſein Frühſtück auf dem nackten Sande zu ſuchen. Aber er ſah ſich nicht lange und nutzlos nach angeſpülten Muſchelthieren um, ſondern ging gleich friſch an 161 die Arbeit, das was er brauchte, aus dem Boden herauszugraben. Mit den ſcharfen Fängen riß er den feuchten Sand auf und grub ſich tiefer hinein, bis er, etwa vier Zoll unter der Oberfläche, auf eine dort eingeſenkte Muſchel traf. Der anſprengende Reiter ſtörte ihn dabei nur wenig; er drehte den Kopf nach ihm um, hob dann die Muſchel mit dem Schnabel heraus, ſetzte einen ſeiner Fänge darauf und riß ſie auseinander, verſpeiſte den leckern Biſſen, und flog dann um den indeſſen heran⸗ gekommenen Reiter dicht herum, wo er ſich gleich hinter dem Pferde wieder niederließ, um ſein Frühſtück in Ruhe zu beenden. Wie wunderbar die Natur für ihre Geſchöpfe ſorgt und eines mit dem andern erhält; ſo hier den Geier mit dem Schaalthier, der ſonſt auf den weiten Sanddünen und im wilden Walde wohl nicht immer ſeine nöthige Nahrung fände! Und hilft ihm dabei der Inſtinct, zu welchem viele Menſchen allein den wirklichen Verſtand der Thiere gern herabdrücken möchten, um für ſich ſelber etwas Apartes zu haben? Gott bewahre! Mit dem Inſtinct allein ſollte er lange und oft vergebens graben, ehe er die kleinen, ſicher verſteckten Thiere tief im Sande fände, aber jede Muſchel, die ſich Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. II. ,.—. 5 162 dort, um ihrer eigenen Nahrung nachzugehen, in den Sand hineingewühlt, braucht zu ihrer Exiſtenz die Luft, und um die zu behalten, führt eine kleine Röhre an die Oberfläche, die zum Verräther ihres Aufenthalts wird. Der Geier nicht allein, vielleicht noch manche andere Bewohner der See⸗ küſte wiſſen an den kleinen Löchern im Sande augenblicklich, was darunter ſteckt, und ſelbſt der Menſch ſucht in der Ebbe dieſe Stellen auf, um ſich eine Quantität der wohlſchmeckenden und mit leichter Mühe zu gewinnenden Muſcheln zu ſam⸗ meln. Günther hatte das Alles freilich ſchon oft und oft geſehen. Wenn aber auch ſelber kein Jäger, intereſſirte er ſich doch für das rege Leben und Treiben dieſer kleinen, geſchäftigen Thierwelt um ſich her. Und wie viel todte Penguins lagen am Strande— man trifft ſo ſelten im Walde ein ſelber verendetes Thier, und hier, auf dem nackten Sande, lag faſt alle zwei⸗ oder dreihundert Schritt einer dieſer wunderlichen Vögel todt und durch die Fluth auf's Trockene hinaufgeſchoben. Waren ſie in den Stürmen umgekommen, die neulich hier gewüthet? Der Penguin taucht aber wie ein Fiſch. Möglich, daß ſie der lang anhaltende Südwind zu weit nach Norden und in ein ihnen nicht mehr 163 behagendes warmes Klima hineingejagt, denn keiner der Vögel zeigte Spuren, daß er von einem andern Thiere getödtet worden. Und über die See zogen düſtere Nebelſtreifen, deckten den Strand und verhüllten die kaum er⸗ hobene Sonne, als ob es noch einmal Nacht wer⸗ den wollte. Und wie das die ganze Scenerie ſo raſch und wunderbar veränderte: die niederen Hügel der Sanddünen hoben ſich zu hohen, ſchat⸗ tenhaften Gebirgszügen; die bäumenden Wogen zur Rechten wuchſen rieſenhaft empor, als ob ſie das ganze Land überfluthen wollten, und dem Reiter ſchien es, als ob ſich der harte Strand, auf welchem ſein Roß dahinflog, vor ſeinen Füßen ſelbſt zu einem ſteil niederführenden Hange ab⸗ dache, daß er ſich faſt unwillkürlich im Sattel zu⸗ rücklehnte, um ein Rückgewicht gegen die nieder⸗ tretenden Hufe des Pferdes zu haben. Und immer maſſenhafter lagerten ſich die Schwaden über den öden Strand, immer dichter umgaben ſie den Reiter mit ihrer feuchten, kalten Hülle. Da hob ſich vor ihm ein lebendiger Gegen⸗ ſtand. Es waren zwei mächtige, weiße Schwäne, die vor ihm herſtrichen eine lange Zeit, und dann nicht weit voraus, wie Schatten, wieder mitten zwiſchen die ſchäumenden Brandungswellen ein⸗ 11* fielen. Jetzt kam die Woge heran und überſchlug ſich; aber dicht vor dem zerfließenden Giſcht ſchau⸗ kelten die majeſtätiſchen Vögel, und hoben ſich erſt wieder, als der Reiter ſich ihnen nahte, um weiter nach vorn daſſelbe Spiel zu wiederholen. Weiter ſprengte das Pferd, der Stelle auf's Neue nahend, wo ſie ſchwammen und auf den Wogen ſchaukelten. Jetzt hoben ſie ſich noch ein⸗ mal, aber kaum ſo hoch, daß ſie die nächſte Bran⸗ dungswelle überfliegen konnten, und mit den breiten Schwingen ſtrichen ſie gerade gen Oſten in das offene Meer und den Nebel hinaus, in dem ſie ſpurlos, wie geiſterhafte Schatten, verſchwanden. Günther hielt unwillkürlich ſein Pferd an und ſah ihnen nach, ſo lange er ſie noch mit ſeinem Blicke verfolgen konnte. Ein eigenes, unheimliches Gefühl beſchlich ihn; es war, als ob ihn ſelber in dieſem Augenblicke, mit den verſchwimmenden Geſtalten der Schwäne, ein Verluſt betroffen, als ob das nicht wilde, gleichgültige Thiere wären, welche ihn da flöhen, ſondern liebe, traute Freunde, und er ſie nun nie, nie in dieſem Leben wieder⸗ ſehen ſolle. Und hat Euch noch nie im Leben ein ſolches Gefühl erfaßt? Iſt Euch noch nie plötzlich das Blut zum Herzen zurückgetreten, als ob ein großes * 165 Unglück Euch bedrohe oder befallen habe, ohne daß man ſich auch nur denken konnte, wo, wie und wann? Der Menſch hat ſolche Augenblicke, wo eine Geiſterhand ſeine Nerven berührt, und ſeine Pulſe ſelber ſtocken macht. Sie kommen und gehen, und wohl Dem, welchem ſie nicht den kalten Reif zurücklaſſen auf ſeines Lebens Blüthen. Lange, lange ſchon waren die Schwäne in dem düſtern Nebel verſchwunden, und noch immer ſtarrte Günther in den leeren Raum, bis er ſich ordentlich gewaltſam aus ſeinen Träumen riß. Das Pferd fühlte dabei die Sporen, und auf den Hinterbeinen herumfahrend, flog es gleich darauf in ſcharfem Galopp den Strand entlang. „Unſinn!“ murmelte der Reiter dabei vor ſich hin, und ſchüttelte ärgerlich mit dem Kopfe;„wie man ſo tolle Dinge in's Hirn kriegen kann über ein paar Schwäne— und was die überhaupt hier im Salzwaſſer zu thun haben— hatte immer geglaubt, die hielten ſich nur auf Flüſſen und Binnenſeen auf— ach, ich wollte, die Sonne ſchiene wieder und ſcheuchte die feuchten Schwaden fort, die Einem ordentlich mit Bleiesſchwere auf der Seele laſten! Der Teufel hole die Ge⸗ danken!“ 4 ——— —— ———— 166 Und zu immer ſchärferem Ritte ſpornte er ſein Pferd, daß deſſen Hufe den Sand kaum berühr⸗ ten, als es mit ihm die ebene Bahn entlang flog, — aber die Gedanken ritten mit und trugen ihn hinüber in die Heimath, trugen ihn zu Allem, was er daheim verlaſſen und lieb und theuer im Herzen wahrte, daß er den Nebel nicht mehr ſah und die rieſenhaften Umriſſe der Dünen und die brandenden Wogen auf dem grauen Strande. Und wie der Nebel plötzlich ſo raſch ſich zertheilte, wie er gekommen, als ob ihn das wogende Meer aufgeſogen hätte, die Sonne wieder hell und klar an dem vollkommen wolkenreinen Himmel ſtand, und ihre jetzt ſchon warmen Strahlen niederſandte, fühlte er ſelbſt das nicht, und das Herz war ihm ſo ſchwer, ſo ſchwer und gedrückt, daß er kaum Athem holen konnte. Und immer noch flog der Rappe die Bahn entlang, von den Sporen des Reiters unbewußt geſtachelt, wenn er nur einen Moment in ſeiner Flucht nachlaſſen wollte, als plötzlich der zwar ſchmale, aber doch tiefe Ausfluß einer Lagune den wilden Reiter in ziemlich rauher Weiſe zur Be⸗ ſinnung brachte. Günther nämlich, gar nicht auf ſeinen Weg achtend, fand ſich auf einmal dicht am Rande des Waſſers, und im nächſten Augen⸗ blicke auch mitten darin, daß ihm die ſalzige Fluth über dem Sattel zuſammenſchlug, während ſein keuchendes Thier wacker dem andern Ufer ent⸗ gegenarbeitete. Erſchreckt fuhr er ihm in den Zü⸗ gel, aber es war zu ſpät, um jetzt noch die ſeich⸗ teſte Stelle zum Durchritt auszuſuchen; ſchon be⸗ fand er ſich inmitten des ſchmalen Ausfluſſes, und wenige Minuten ſpäter ſicher am andern Ufer. Doch was that's? Die Sonne ſchien warm, und ſeinem freilich etwas erhitzten Pferde hatte das friſche Bad auch gewiß Nichts geſchadet, denn dieſe halb wild aufwachſenden Thiere ſind ja an derartige Dinge ſchon gewöhnt. Er ſtieg deshalb nur ab, entkleidete ſich und rang das meiſte Waſ⸗ ſer aus ſeinem Anzuge ſowohl, wie aus den Sattel⸗ decken des Pferdes, ſtieg dann wieder auf, um das weitere Trocknen der Sonne und der See⸗ briſe zu überlaſſen, und trabte jetzt, aber bedeu⸗ tend langſamer als vorher, den immer ſchmaler werdenden Strand entlang, wo er voraus ſchon, hinter den Dünen her, den blauen Rauch der nächſten Anſiedelung konnte aufſteigen ſehen. Es war auch Zeit daß er dieſe erreichte, denn wenn die Fluth zu voller Höhe angewachſen iſt, deckt ſie vollkommen den harten Boden, und zwingt 168 den Reiter in den weichen, lockern Sand der höher liegenden Dünen hinein, welcher ſein Pferd gar bald ermüdet, daß es die ſchweren Hufe kaum weiter ziehen kann.. . Etwa eine halbe Stunde ſpäter erreichte er wieder ein kleines, aber vollkommen ſeichtes Waſ⸗ ſer, das ſich nur mühſam durch den Sand dem Meere entgegenarbeitete, und dieſem aufwärts fol⸗ gend die Chagra des andern Braſilianers, von der aus er, quer durch die Hügel ſchneidend, die kleine Colonie Santa Clara bald erreichen konnte. 7. Die Begegnung. Eine gar eigenthümliche Scenerie bildet das Land, das ſich zwiſchen dem Meeresſtrande und den nächſten bewaldeten Hügeln ausdehnt. Zuerſt und nächſt dem unmittelbaren hartgepeitſch⸗ ten Strande liegen flache, durch einander gewühlte und gewehte Haufen lockern, hellen Sandes. Je weiter man ſich aber vom Meere entfernt, deſto höher werden dieſe, da ihnen fortwährend mit der ſcharfen Seebriſe neue Deckung zugetragen wird, bis ſie endlich in ihrer dritten Reihe zu wirklichen Hügeln anſchwellen, und hier und da einen kleinen, mit hartgrünem Laube bedeckten Buſch auf ihrer Kuppe tragen. Dazwiſchen zeigt ſich dann und wann eine kleine, dürftige Lagune mit einem Verſuche zu Grasboden rings umher. 1⁰⁰ Hinter dieſen Hügeln beginnt, freilich immer noch dürftig, die Vegetation, denn der Sand iſt ein ſchlechter Dünger, und nur einzelne angewehte Pflanzenfaſern ſchufen mit der Zeit eine Art von Humus, deſſen Schößlinge ſich noch ſchüchtern und verkümmert über die nackten Hänge ziehen.— Hier erſcheinen die erſten Büſche, die an dem Weſthange der Hügel ſchon entſchiedener auftreten und anfangen Schatten zu geben. Noch weiter hin liegt eine lange Reihe zwar niedriger, aber beſonders am Weſthange dicht be⸗ ſtandener Hügel, deren Boden zwar noch aus⸗ ſchließlich, wenigſtens an der Oberfläche, aus weißem Sande beſteht, doch ſchon an ein trag⸗ fähiges, mit der üppigſten Vegetation bedecktes Thal anſtößt, in dem ein ſchmaler Bach luſtig dahinfließt, und von da an verändert ſich auch der Boden und miſcht ſich mit einem röthlich gelben Lehm von oft bedeutender Fruchtbarkeit. Wirkliches Geſtein, Porphyr und Granit, tritt aber erſt in der nächſten Hügelreihe auf, wo oben der erſte Gebirgszug beginnt, und es unterliegt kaum einem Zweifel, daß vor Tauſenden von Jah⸗ ren dort die See brandete und erſt nach und nach, mehr und mehr Sand herauswerfend, für ſich ſelber einen breiten Damm aufbaute, der ihre Gränzen jetzt lange Strecken weit zurückverlegt. Erſt dort, wo der Lehmboden beginnt, laſſen ſich natürlich die Coloniſten nieder, denn erſt auf ſolchem Boden können ſie hoffen, ihrer Arbeit einen Lohn abzuringen. Der reine Sand giebt nur jenen kleinen, trockenen Büſchen und ſonder⸗ barer Weiſe auch einer niedern, wilden Dattel⸗ palme(die Putia-Palme) Nahrung, die kaum mehr als acht oder zehn Fuß hoch wird, ja oft ſo nie⸗ drig iſt, daß man die nicht unangenehm ſchmecken⸗ den Früchte mit der Hand erreichen kann. Doch die dürre, ſandige Wüſte lag jetzt hinter dem Reiter. Schon berührten die Hufe ſeines Thieres wieder den feſten Grasboden; ein kleines Dickicht von lorberartigen Bäumen und Palmen lag noch zwiſchen ihm und der Anſiedelung, und jetzt lichtete ſich dieſes; ein freier Weidegrund wurde ſichtbar, auf dem ſich etwa ein Dutzend tüchtiger Pferde umhertummelten, und gleich darauf konnte er von der kleinen Erhöhung, die er hier erreicht, die kaum noch dreihundert Schritt ent⸗ fernten Gebäude der Chagra liegen ſehen. Hier ſchon ſtanden einzelne fruchttragende Orangenbäume, die wahrſcheinlich früher einmal eine jetzt abgebrochene Hütte beſchattet hatten. Als er hinanritt, um ſich ein paar davon nach dem ſcharfen Ritt zu pflücken, bemerkte er eine menſchliche Geſtalt, die unter einem der Bäume ſaß und ſich mit dem Rücken an den Stamm des⸗ ſelben lehnte. Günther würde nicht weiter auf den Mann geachtet haben, denn daß ſich die Bra⸗ ſilianer Morgens unter einen Baum legen und ſolcher Art ihre Tagesarbeit beginnen, iſt gerade nichts Seltenes; er hielt aber ein bei den Bra⸗ ſilianern ſehr außergewöhnliches Inſtrument, eine Violine, in der Hand, und mußte ſchon deshalb ein Landsmann ſein, obgleich Günther nicht gleich herausbekommen konnte, zu welcher Claſſe derſelben er gehören mochte— wenigſtens war er nicht wie ein Bauer gekleidet und hätte als ſolcher hier auch wahrlich nicht den ſchönen Morgen müßig verträumt. Als Günther ſein Pferd aber unter den Baum lenkte, unter welchem der Träumer lag, hob dieſer den Kopf empor und ſah den Fremden lange und ſtarr an. Es war ein edles, von einem leicht gekräuſten ſchwarzen Barte beſchattetes Geſicht, aus dem Günther ein Paar große dunkle Augen wie fra⸗ gend entgegen leuchteten, und faſt unheimlich traf ihn der ſchwermüthige Schein derſelben. Das Geſicht, ſo weit es der volle Bart erkennen ließ, — hatte auch kaum einen deutſchen Schnitt; trotzdem grüßte Günther in ſeiner Mutterſprache und ſagte freundlich:„Guten Morgen, Landsmann! Ich hoffe, ich habe nicht geſtört; wollte mir nur ein paar Orangen pflücken, da ich heute ſchon eine gute Zeit im Sattel bin.“ Der Fremde wandte noch immer kein Auge von ihm und ſein Blick haftete ſtier und ernſt auf Günther's Zügen. Eben ſo wenig erwiederte er den Gruß, und als Günther ſchon glaubte, er habe ſich in der Abſtammung des wunderlichen Menſchen doch geirrt, und ſtatt des geglaubten Deutſchen irgend einen Portugieſen oder Braſi⸗ lianer vor ſich, ſagte der Fremde mit leiſer, aber deutlicher Stimme:„Günther von Schwartzau!— Wie das Schickſal doch die Menſchen wunderlich umherwirft, auseinander reißt und wieder zuſam⸗ menführt— Günther von Schwartzau! Ich hätte nie geglaubt, daß ich Dir je in Braſilien be⸗ gegnen würde!“ Günther ſchaute den Fremden in ſprachloſem Erſtaunen an, denn nicht allein kannte er ſeinen Namen, ſondern redete ihn auch mit Du an, und trotzdem waren ihm ſeine Züge vollkommen fremd— oder deckte nur der Bart vielleicht das Geſicht eines Freundes? Dem Fremden aber 174 konnte das Erſtaunen Günther's nicht entgehen, und tief aufſeufzend fuhr er mit wehmüthigem Lächeln fort: „Ja, Du haſt Recht— ich bin nicht allein alt, ich bin Dir auch fremd geworden; meine Züge hat die Zeit gefurcht, und der ſonſt jugend⸗ lich friſche Felix iſt wenigſtens innerlich zum Greiſe zuſammengetrocknet.— Felix— überhaupt ein ominöſer Name für einen Erdenbewohner, und Eltern ſollten es ſich vorher wohl überlegen, ehe ſie einen Knaben felix nennten.“. „Felix?“ rief Günther überraſcht vom Pferde ſpringend und zu dem Sprecher tretend—„Felix? Beim ewigen Gott, Felix von Rottack— Menſch — Bruder— wie kommſt Du hieher und was treibſt Du hier?“ Und mit den Worten hatte er den Freund gefaßt, umſchlungen und geküßt und warf ſich neben ihn in's Gras, ſeine Hand haltend und in das jetzt freundlich auf ihm haftende Auge ſchauend. „Viele Fragen auf einmal, Freund,“ ſagte dieſer, traurig den Kopf ſchüttelnd,„und ich weiß kaum, ob ich eine einzige zur Genüge beantworten kann. Wie ich hieher komme, iſt außerdem eine lange Geſchichte und möchte Dich ermüden, wenn * 175. Du ſie von Anfang an hören ſollteſt— ſeit wie viel Jahren biſt Du von Deutſchland fort?“ „Seit ſechſen faſt, und mit dem Entſchluſſe, in kurzer Zeit dahin zurückzukehren.“ „Seit ſechs Jahren— ja, ſie fliegen, und doch zählen wir oft die Stunden— thörichte Men⸗ ſchenkinder die wir ſind! Seit ſechs Jahren— das iſt freilich eine lange Zeit, und was ſich in⸗ deſſen mit mir begeben, haſt Du nie gehört?— doch um eine lange Sache kurz zu machen, ſo biſt Du vielleicht einmal zufällig in den Zeitungen einem Artikel begegnet, nach dem eine ſehr hoch⸗ ſtehende Perſon von einem— Wahnſinnigen an⸗ gefallen und mißhandelt worden— errinnerſt Du Dich nicht?“ „Doch— dunkel,“ ſagte Günther,„aber wenn ich nicht irre, waren keine Namen genannt.“ „Natürlich,“ lachte Felix bitter vor ſich hin, „wenn ich ein Handwerker und mein ſehr ehren⸗ werther und hochſtehender Onkel ein Gewürzkrämer oder etwas Derartiges geweſen wäre, hätteſt Du Dich darauf verlaſſen können, die vollen Namen in den Blättern zu leſen, aber in der haute volée mußte man einen Skandal vermeiden; die De⸗ mokraten hatten außerdem Aergerniß genug durch eine Reihe von Aufzählungen ſkandalöſer Ge⸗ 176 — ſchichten aus dieſen bevorzugten Kreiſen gegeben. — Genug, der Schuft, mein ſehr hochſtehender Herr Onkel, verweigerte mir die von ihm geforderte Satisfaction, und als ich ihm bald darauf einmal auf der Straße begegnete— doch das ſind alte, lang überlebte Geſchichten. Natürlich mußte ich wahnſinnig ſein, um Hand an einen ſolchen Ehren⸗ mann zu legen, und— Tod und Teufel— ſie glaubten, daß eine Cur in einer Privat⸗Irrenan⸗ ſtalt von den ſegenreichſten Folgen für mich ſein würde.“ „Sie wagten doch nicht?“ rief Günther er⸗ ſchreckt. „Was?“ ſagte der Fremde ruhig,„mich ein⸗ zuſperren?— Dabei war nicht viel zu wagen. Der Fürſt ſelber gab den Befehl, denn mein guter Onkel hatte ja in ſeinem Namen gehandelt, um — eine Scheußlichkeit für ihn auszuführen. Ich wurde allerdings in Sicherheit gebracht, aber Geld, lieber Freund, regiert die Welt. Ich wiederholte einfach ein altes, ſchon oft verſuchtes und ge⸗ lungenes Spiel, nahm meinen Wärter mit und wanderte aus.“ „Verbannt aus der Heimath?“ rief Günther traurig. „Nicht ſo ganz,“ ſagte der Fremde ruhig— 1 „der alte Schuft, mein Onkel, ſtarb bald darauf; meine Familie verwandte ſich natürlich für mich, und ich wurde aufgefordert nach Hauſe zurückzu⸗ kehren— aber weshalb?— Dem widerlichen Treiben dort von Neuem zuzuſchauen? Von Neuem eine Fauſt in der Taſche zu ballen und ewig und ewig Zeuge zu ſein, wie elendes Ge⸗ ſchmeiß, das kein Verdienſt weiter hat, als ſeinen Rücken zur rechten Zeit krümmen zu können, über den Nacken des Volkes ſchreitet und den Ehren⸗ mann zu Boden tritt?— Nein, geh' mir mit Deutſchland— glaubſt Du, daß ich je wieder Freude an den Miniaturkämpfen unſerer Kam⸗ mern haben, je wieder mit ruhigem Gewiſſen um des Kaiſers Bart ſtreiten könnte, während der faule Kaiſer ſelber unten in ſeinem Berge liegt und träumt? Ich komme mir vor wie ein Thier der Wildniß, das im Käfig aufgezogen wurde und keine Ahnung, keine Erinnerung von der Freiheit hatte, zu der es geboren wurde, bis es der Zu⸗ fall einſt hinaus in die Steppe wirft. Glaubſt Du, daß es zurückkehren wird, weil es zu faul iſt ſich ſein Futter ſelbſt zu ſuchen?— Nein, beim ewigen Gott! Wenn ich je nach Deutſch⸗ land zurückkehren ſollte, müßte ich auch wiſſen Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. II. 12 für was, aber mich allein wieder dort in der Oede der Geſellſchaft herumtreiben— nie!“ „Und was treibſt Du hier?“ „Was ich treibe?— weiß ich's doch ſelber nicht. Will ich aufrichtig ſein, ſo habe ich hier einfach vegetirt und ein Leben geführt, wie es bei uns daheim nur eben Vagabunden oder— Künſt⸗ ler führen. Aber ich will mich beſſern— ich habe hier ſchon den Anfang gemacht— und werde jetzt ſehn, ob Graf Felix von Rottack nicht im Stande iſt, ſein Brod als Bauer eben ſo gut zu verdienen, wie einer der Bauernlümmel, die daheim zwiſchen Miſtgabeln und Dreſchflegeln groß geworden!“ Günther ſchüttelte mit dem Kopfe.— „Und Du biſt hier— bei dem Braſilianer eingetreten?“ fragte er endlich. „Eingetreten?“ lächelte Graf Felix;„ſuche nicht nach einer Umſchreibung für mich, alter Freund; ich diene hier, iſt das richtige und paſſende Wort, und zwar ſeit einem vollen Monat, für den ich mich Anfangs verpflichtet hatte. Heute nun haben die Katholiken einen Feiertag, und— will ich recht aufrichtig ſein— ſo hatte ich heute Morgen meine Scrupel, ob ich meinen zweiten Monat antreten ſollte oder nicht; denn als ich 179 herauskam, um wieder einmal eine halbe Stunde mit meinem alten, treuen Inſtrumente hier zu plaudern, fand ich, daß mir die Finger ſteif und ungelenkig geworden waren und es nicht mehr ging— aber was thut's. Es iſt der Fluch des Arbeiters, daß er keine einzige Freude haben ſoll als die, die er ſich mit ſauerm Schweiße verdient. Mag es darum ſein— ſo brech' ich mit der Vergangenheit, und die Zukunft— hol' ſie der Böſe, ſie mag bringen was ſie freut— ich fürchte ſie nicht!“ Und mit den Worten, ehe Günther eine igte, nahm er das gute Inſtrument und ſchlug es höhniſch lachend gegen den Stamm des Orangenbaumes, daß es der zuſammenlaufen⸗ „Felix,“ rief Günther erſchreckt—„was haſt „Die letzte Brücke hinter mir abgebrochen, die mich zum Träumer machte,“ ſagte der junge Graf finſter—„ich will wieder ein Menſch werden!“ „Und was hat das arme Inſtrument gethan?“ „Es hat mich verrückt gemacht!“ rief der junge Mann in düſterm Brüten.—„Günther— 12* 180 — Günther,“ fuhr er plötzlich auf und ergriff des Freundes Arm—„weißt Du wohl daß es eine Claſſe von Menſchen giebt, die an der Gränze des Wahnſinns, inmitten unſerer geregelten bürger⸗ lichen Verhältniſſe, unbeläſtigt durch dieſes Leben gehen, weil der Dämon, der in ihnen lauert, noch nie Gelegenheit bekam auszubrechen? Die Welt verkehrt mit ihnen und ahnt nicht, wie der ge⸗ ringſte Zufall wie ein Funke den Brennſtoff zün⸗ den könnte, der in der Bruſt noch eingeſchloſſen ruht— Arm in Arm gehen ſie mit ihnen, und geht Alles gut— ſterben ſie im regelmäßigen Lauf der Zeit in ihrem Bette, ſo ſagen die Be⸗ kannten vielleicht: Schade um den Menſchen, er war eine gute Haut, nur ein Bißchen excentriſch manchmal, ein wenig launiſch und wunderlich. — Fällt aber der Funke an den rechten Platz, dann...“ Felix war aufgeſprungen und hatte Günther's Arm dabei ſo feſt gehalten, daß er dieſen ſchmerzte, und ſein Auge ſtierte wild in das ſeine. Günther begegnete dem Blicke freundlich, aber ruhig, und ſagte endlich:„Und weshalb quälſt Du Dich mit ſolchen Träumen?“ Felix ſah ihn noch einen Augenblick ſtier an; dann drehte er den Kopf ab, ließ Günther's Arm los und ſtrich ſich mit der Hand das wirre Haar aus der Stirn. „Du haſt Recht,“ ſagte er—„Träume ſind es, weiter Nichts; aber ſie quälen mich manchmal, wie uns die furchtbarſte Wirklichkeit nicht ärger quälen könnte. O, daß ich ein Mittel wüßte ſie zu bannen!“ „Schließe Dich nicht in Dich ſelber ab,“ bat Günther freundlich,„miſche Dich unter die Men⸗ ſchen, die doch nicht ſo ſchlecht ſind, wie Du zu glauben ſcheinſt— und all' dieſe trüben Gedanken werden von ſelbſt ſchwinden.“ „Nicht ſo ſchlecht, wie ich zu glauben ſcheine?“ lachte ſtatt aller Antwort Felix bitter vor ſich hin—„mein lieber Freund, Du biſt wie ein Mann, der mit einer Fackel in den Wald geht und überall, wohin er ſich dreht, nur die Licht⸗ ſeite der Bäume ſieht. Die drehen ſie Dir zu, alles Andere iſt dunkel und Nacht.“ —„Ich ſchlage Dich mit Deinem eigenen Bei⸗ ſpiel,“ lächelte Günther.„Alle Menſchen ſind von Herzen wirklich gut, nur, Gott ſei Dank, ſehr ſelten findeſt Du eine Ausnahme, die wirklich ab⸗ ſichtlich Freude am Böſen hat— leuchte ſie nur mit Deiner Fackel ordentlich an, rund herum, wenn Du willſt, und ſie werden Dir überall die 182 lichte Seite zeigen. Mag auch Haß und Unfriede zwiſchen Einzelnen beſtehen, nicht gegen Alle zeigen ſie ſich ſo, und gerade Diejenigen oft, welche Dir falſch und treulos ſcheinen, ſind die beſten Fami⸗ lienväter oder Mütter, und ſorgen für die Ihrigen mit Aufopferung ihrer letzten Kräfte.“ „Bah, ſo viel für Deine Lobpreiſungen des Menſchengeſchlechts,“ ſagte Felix finſter—„ſie ſind falſch und treulos, glaube mir, und wo Du ihnen wirklich ein Herz entgegenbringſt, triffſt Du nur auf Spott und kalten Hohn!“ „Und wo haſt Du alle dieſe bitteren Er⸗ fahrungen gemacht, armer Freund?“ fragte Gün⸗ ther herzlich. „Wo nicht?“ lautete die düſtere Antwort— „jetzt erſt wieder in Santa Clara, wo ich endlich glaubte mein Ideal gefunden zu haben, wo ich — aber Du lachſt mich aus, wollte ich Dir alle den Unſinn erzählen, den ich getrieben, und bei Gott, ich verdiente es auch nicht beſſer.— Ein Mädchen lebt dort— ſchön wie ein Engel— mit Allem ausgeſtattet, was die Natur nur verſchwen⸗ deriſch über eines ihrer Lieblingskinder ſchütten kann, mit einer Seele für Muſik, eine kecke, ja, wilde Reiterin, ein Weſen, wie ich es kaum ver⸗ ſuchen könnte Dir zu ſchildern!“ — —- — 4183 „Die junge Comteſſe Baulen?“ ſagte Günther fragend. „Comteſſe?“— wiederholte verächtlich der junge Mann— ‚eine Betrügerin, die unter falſchem Namen ihr Netz nach einem jungen Laffen, der den Baronstitel trägt, ausgeworfen und den Gim⸗ pel darin gefangen hat.“ „Alſo Eiferſucht,“ ſagte Günther lächelnd,„und weil Dich ein Mädchen getäuſcht, darum zürnſt Du der ganzen Welt?“ „Weil ſie eben die ganze Welt für mich war und ich jetzt wieder— aber zum Teufel mit den Gedanken, die mir wieder und wieder das Herz vergiften! Ich will nicht mehr an ſie denken!“ „Und die Frau Gräfin Baulen wäre alſo wirk⸗ lich gar keine Gräfin?“ fragte Günther, der ſich für dieſe Neuigkeit beſonders intereſſirte, da gerade ſie die Beſchwerdeſchrift gegen Sarno zuerſt un⸗ terzeichnet hatte—„weißt Du das gewiß und könnteſt Du Beweiſe dafür bringen?“ „Gewiß?“ lachte Felix höhniſch—„ſie war die Kammerjungfer meiner Mutter, der Gräfin Rottack, Mademoiſelle Baulen— ihren Namen hat ſie wenigſtens nicht geändert, und ich erinnere mich noch recht gut der Zeit, wo ſie ihren Dienſt quittiren mußte, weil meine Mutter erfuhr, daß 184 ſie einen Sohn hatte— von einer Tochter wußten wir nie ein Wort.“ „Und wie viele Jahre können das etwa ſein?“ „Wie viele Jahre?— Ich weiß es nicht— die Zeit iſt wie ein Rad über mich hingegangen und hat mir das Gedächtniß zermalmt, daß ich kaum noch denken kann.“ „Und iſt Dir dieſe Frau Gräfin einmal be⸗ gegnet?“ „Ja, aber ohne daß ſie mich geſehen; ich ſah nur ſie, und bis jetzt hat ſie noch keine Ahnung, daß ein Menſch in Braſilien ihr Geheimniß kennt.“ „Und daß die Mutter ein falſches Spiel ge⸗ ſpielt, hat, wie es ſcheint, auch die Neigung zur Tochter in Dir ertödtet?— Siehſt Du, daß Du doch ſelber auch noch an den alten Vorurtheilen hängſt!“ „Vorurtheilen?“ rief Felix raſch;„glaubſt Du, daß ich das Mädchen weniger liebte, und wenn ſie die Tochter eines Tagelöhners wäre?— O, mit welcher Seligkeit wollte ich für ſie ſchaffen und arbeiten, im Schweiße meines Angeſichts mein Brod verdienen und glücklich ſein, wenn mich ein Lächeln ihrer lieben Augen lohnte.— Aber die Betrügerin, die mit der Mutter gemeinſchaftlich einen Rang geſtohlen, den Beide jetzt nicht die 1 18) Mittel haben zu behaupten, nur um nicht ehrlich zu arbeiten— nein, Günther, ſo toll iſt meine Liebe nicht, oder war ſie nicht, wenn ich ſonſt auch nicht in Allem für mich einſtehen möchte. Aber Du ahnſt gar nicht, mit welcher Leidenſchaft ich das Mädchen geliebt, wie ich mein Leben mit Wonne hätte wegſchleudern können, nur um ein Lächeln aus dieſen ſeelenvollen Augen zu gewinnen! Selbſt das Gerücht, welches mir zu Ohren kam, ſie wolle ſich dem faden Burſchen verbinden, der in ihr Haus gezogen, konnte mich nicht beirren— ich glaubte es eben nicht, denn eine Helene konnte den nicht lieben! Wie ein böſer Zauber zog es mich dabei immer zu ihrem Hauſe zurück, und halbe Nächte lang habe ich gelegen, ihr Fenſter beobachtet, bis das Licht erloſch, und dann ge⸗ träumt— geträumt... „Da— eines Tages begegnete ich zufällig auf der Straße ihr und ihrer Mutter— Helene er⸗ kannte mich— ich ſah es an ihrem leichten Er⸗ röthen; wenn ſie auch noch nie ein Wort zu mir geſagt, meine alte Violine da— armes Ding, wie ſie jetzt ausſieht!— hatte oft zu ihr geſprochen, wie ich die Antwort verſtanden, die mir zurück durch ihre Lieder kam— aber ich ſah ſie kaum— mein Auge hing an der aufgeputzten Närrin, die an ihrer Seite ganz im aufgeblaſenen Gefühl ihrer Würde ſchritt und den armen Coloniſten, für den ſie mich hielt, keines Blicks würdigte.“ „Aber war denn das auch gewiß ihre Mut⸗ ter?— Kann ſie nicht eben ſo gut mit einer Fremden gegangen ſein?“ „Das glaubte ich auch und fragte Leute auf der Straße, die ſie kannten: das iſt die Gräfin Baulen mit ihrer Tochter, die bald den Herrn von Pulteleben heirathen wird— ſo lautete die Antwort, die ich erhielt, und als ich ihr Haus von da an wie ihr eigenes böſes Gewiſſen um⸗ ſchlich, ſah ich ſie wieder und wieder am Fenſter und in ihrem Garten. Nein, Freund, der Sache bin ich gewiß, und— laß ſie jetzt todt und begraben ſein— ich will nicht weiter an ſie denken!“ Günther ſchüttelte mit dem Kopfe.—„Und daß ſich irgend ein dünkelhaftes Frauenzimmer, von Stolz und Hochmuth oder aus ſonſt einem Beweggrunde getrieben, einen höheren Rang an⸗ maßt, als ihr gebührt— was außerdem Tauſende von Männern jeden Tag ungeſtraft thun—, dadurch läßt Du Dich aus Deinem Leben reißen? Dem magſt Du nicht begegnen und flüchteſt vor Dir ſelbſt in eine Stellung, die Dir eben ſo wenig gebührt, als ihr der Grafentitel?— Felix, Felix, Du warſt im Begriff in den nämlichen Fehler zu fallen, den ſie begangen hat, denn ich kann mir kaum denken, daß Du unter Deinem eigenen Namen Knecht bei einem Bauer ge⸗ worden.“ „Du wirſt mir doch nicht einreden wollen,“ rief Felix, aber doch leicht erröthend,„daß es nicht etwas ganz Anderes iſt, wenn ich in⸗ cognito...“ „Bah,“ unterbrach ihn Günther,„treibe keine Sophiſterei! Große Herren reiſen incognito, um läſtigen Empfangsfeierlichkeiten zu entgehen; wenn Du Dich aber Deines Namens unter ſolchen Verhältniſſen begiebſt, ſo geſchieht es, weil Du Dich Deiner neuen Thätigkeit ſchämſt, und des⸗ halb allein nicht gekannt ſein willſt!“ „Günther!“ „Sei mir nicht böſe, daß ich das, Kind beim rechten Namen rufe; Du weißt ja doch, daß ich es ehrlich mit Dir meine, und der Arzt muß mit der ſchmerzenden Sonde in die Wunde fahren, wenn er im Stande ſein ſoll ſie zu heilen.— Haſt Du nie nach Hauſe geſchrieben?“ „Ich?— ja,“ ſagte der junge Mann zögernd; ich— muß geſtehen, daß ich ſchwach genug war, mich nicht von allen Banden losreißen zu können, die mich noch daheim feſſeln— an meine Schweſter.“ „Merkwürdiger Menſch,“ ſagte Günther ſeuf⸗ zend,„er ſchämt ſich alles Deſſen, was gut und edel in ihm iſt!“ „Und machſt Du mir einen Vorwurf daraus, daß ich mir ehrlich, mit meiner Hände Arbeit mein Brod verdienen will?“ „Ich? Bei Gott nicht! Aber Du ſollſt Dir dafür eine Sphäre ſuchen, die Deiner mehr wür⸗ dig iſt. Selbſt der Handwerker ſetzt einen Stolz darein, nicht als Tagelöhner zu dienen, weil er etwas Beſſeres verſteht. Willſt Du Dich weniger als er dünken?“. „Und was anders könnte ich ergreifen?“ ſagte der junge Graf finſter;„denn ich muß zu meiner Schande geſtehen, daß ich, ſobald ich meine Sphäre verließ, zu der Ueberzeugung kam, daß ich weit weniger wiſſe als ein Handwerker. Den Platz aber, welchen ich hier einnehme, fülle ich aus, und mit dem feſten Willen führ' ich's durch.“ „Und biſt Du gezwungen ſolche Arbeit zu thun?— Fehlt es Dir hier an Geld?— Ich kann mit Leichtigkeit...“ „ Bah,“ lachte der junge Mann verächtlich, „ich habe Geld genug bei mir, um drei ſolcher Bauern auszukaufen, wie der i*ſt, bei dem ich jetzt um Monatslohn arbeite. Nein, was mich hieher trieb, war der Ekel an dem ganzen geſelligen Treiben der Menſchen, und vielleicht auch das Bewußtſein, daß ich ſelber eigentlich zu Nichts nütze ſei auf der Welt.— Ich wollte verſuchen, ob ich nicht im Stande ſei mich ſelber am Leben zu erhalten und— ſelbſt wenn ich einmal nach Deutſchland zurückkehren ſollte, doch wenigſtens das Gefühl mitzunehmen, daß ich im Stande war mich zu erhalten. Kannſt Du mich deshalb tadeln?“ „Ich wahrhaftig nicht,“ ſagte Günther;„aber ſo weit wirſt Du doch der Vernunft Gehör geben, daß Du Dich nicht gerade darauf capricirſt Tage⸗ löhner zu bleiben, wenn Du in einer andern, Dir mehr zuſagenden Laufbahn das nämliche Ziel mit den nämlichen Mitteln erreichen kannſt?“ „Und welche wären das?“ „Höre mir zu, und in wenigen Worten mache ich Dir unſere beiderſeitige Stellung klar. Nach dem ſchleswig⸗holſteiniſchen Kriege wie viele meiner Kameraden aus meiner Stellung geworfen, außer⸗ dem durch den Bankerott des Hauſes, in dem ich mein ganzes Vermögen liegen hatte, um Alles gebracht was ich mein nannte, verließ ich Deutſch⸗ 190 land— aber nicht mehr als freier Mann— ich liebte.— Daheim lebt mir ein Weſen, dem mein Herz gehört und das treu zu mir gehalten hat die lange, lange Zeit, während ich hier für uns Beide arbeitete, unſere Zukunft zu ſichern. Jetzt habe ich mein Ziel erreicht— vierzehn Tage höch⸗ ſtens noch, und meine Arbeit iſt hier vollendet; dann kehre ich nach Deutſchland zurück, zu meiner Braut, um das an ihrer Seite zu genießen, was ich mir hier, Gott weiß es, mit Mühe, Arbeit und Entbehrungen genug zuſammengeſpart und was unſer Beider Zukunft mit beſcheidenen Anſprüchen ſichert. Das Geſchäft eines Landvermeſſers iſt aber in Braſilien ein lohnendes, wenn man es Peben ordentlich und geſchickt angreift. Du haſt, wie ich recht gut weiß, alle die nöthigen Vor⸗ kenntniſſe dazu, und willigſt Du ein, ſo lehre ich Dich in den wenigen Wochen auch den praktiſchen Betrieb ſo weit, daß Du recht gut in meine Stelle treten kannſt. Dieſelbe Dir zu verſchaffen, laß meine Sorge ſein, und Du haſt dabei nicht etwa eine todte Anſtellung, die ihren Mann nährt, ſon⸗ dern mußt Dir, was Du bekommſt, Vara bei Vara durch ſchwere Arbeit verdienen. Nur die Plätze bekommſt Du von der Regierung angewieſen, wo 1 191 Du vermeſſen ſollſt, in jeder andern Weiſe biſt Du Dein eigener Herr— willigſt Du ein?“ „Laß mir Zeit zur Ueberlegung, Günther,“ ſagte Felix überraſcht,„Dein Antrag kommt ſo plötzlich— ſo unerwartet...“ „Haſt Du hier noch Verbindlichkeiten?“ „Keine— geſtern war mein Monat abge⸗ laufen, und wie ich Dir ſchon vorher geſagt, über⸗ legte ich mir eben, ob ich den neuen an dieſer Stelle antreten ſolle oder nicht.“ „Und Du gehſt mit?“ „Du biſt ein wunderlicher Dränger, Freund,“ lächelte Felix,„daß Du Dich ſo eifrig bemühſt, Dir eine vielleicht fatale Laſt aufzubürden.“ „Wenn ich Dir aber nun verſichere, daß ich vielleicht weit mehr Egoiſt als irgend etwas An⸗ deres bin, und Dir möglicher Weiſe den Vorſchlag nur gemacht habe, um mir ſelber aus einer Ver⸗ legenheit zu helfen?“ „So würde ich Dir nicht glauben.“ „Und doch iſt dem ſo. Eigentlich bin ich der Regierung gegenüber noch einige Verbindlichkeiten eingegangen, die Vermeſſungen in einer andern Colonie zu beenden, und wenn ich mich auch davon losmachen könnte, würde das doch immer mit Schwierigkeiten verbunden ſein. Alles regulirt 4 192 ſich aber mit der größten Leichtigkeit, wenn ich Dich als meinen Stellvertreter zurücklaſſen kann, und während Du ſelber in eine vortheilhafte Be⸗ ſchäftigung eintrittſt, iſt uns zu gleicher Zeit Beiden geholfen.— Komm mit!“ „Und haſt Du die feſte Ueberzeugung, Günther, daß ich im Stande bin, die Stellung mit Ehren auszufüllen?“ „Ja— ich würde Dir ſonſt nicht dazu rathen.“ „Topp dann,“ rief Felix und ſchlug in die ihm dargebotene Hand des Freundes—„ich bin der Deine!“ „Und wann kannſt Du fertig ſein, mich zu begleiten?“ fragte Günther. „Mein Bündel iſt in zwei Minuten geſchnürt,“ lächelte der junge Mann,„und wenn ich von meinem bisherigen„Brodherrn“ Abſchied genom⸗ men habe, bin ich fertig.“ „Deſto beſſer; und nun zum Hauſe, daß wir das raſch beſorgen, denn ich möchte ſo bald als möglich in Santa Clara ſein.“ „In Santa Clara?“ rief Felix und ſah raſch zu ihm auf;„willſt Du dorthin zurück?“ „Fürchteſt Du Dich vor dem Platz?“ lachte Günther;„die Frau Gräfin hat Dir doch am Ende imponirt.“ ſe — 193 „Du haſt Recht,“ ſagte Felix finſter—„wen hätte ich zu ſcheuen? Alſo vorwärts zu einem neuen Leben— was es auch bringen mag, es ſoll mich vorbereitet finden!“— Und ſeinen Hut vom Boden greifend und das lockige Haar aus der Stirn werfend, ſchritt er dem Freunde voran dem Wohngebäude zu, wo dasjenige, was ſie zu thun hatten, allerdings raſch abgemacht war. Nur darauf, daß ſie noch bei ihm frühſtücken ſollten, beſtand der Braſilianer, und auf zwei friſchen Pferden— da Günther das an der Mündung des Santa Clara geborgte von hier aus wieder zu⸗ rückſchickte— trabten ſie bald darauf der Colo⸗ nie zu. Der Weg war ziemlich rauh, da ſie einen der kleinen Höhenzüge zu paſſiren hatten, und der Reitpfad ſteil den Hang hinanlief. Wo ſich aber ein kleines Thal oder eine Ebene bildete, lagen auch überall freundliche Wohnungen mit blühenden Orangenhecken und breitblätterigen Bananen, von Palmenwipfeln maleriſch überragt, und mitten dazwiſchen, im Schatten der Fruchtbäume und Palmen, kleine, freundliche, weißangeſtrichene Häuſer mit rothen Ziegeldächern und blanken Fenſtern, durch die Sauberkeit der ganzen Um⸗ gebung, den kleinen Garten, die Reben am Hauſe Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. II. 13 V b 195 jenes wunderlichen Menſchen, jenes Meier, der ſich wie ein Einſiedler in ſeinem Hauſe vergraben hat, und das wahre Muſter eines Maulwurfs ſein muß.“ „Ach richtig, jetzt erinnere ich mich wo wir ſind— aber warſt Du nie bei ihm?“ „Bei Meier?— ich nie, obgleich ich ſein Land ſogar vermeſſen habe; aber er iſt nicht ein einzi⸗ ges Mal herausgekommen, um ſich die Gränzen anzuſehen, und ich ſelber hatte weder Zeit noch Luſt dazu, mich ihm aufzudrängen...“ Günther ſchwieg und ſah die Straße hinauf, die nach dem erwähnten Hauſe führte; auch Felix wandte den Kopf dorthin, ja ſelbſt die Thiere ſpitzten die Ohren und ſchauten nach jener Rich⸗ tung, denn wildklappernde Hufſchläge wurden laut, und im nächſten Moment flog ein reiterloſes Pferd, von einem andern, auf dem ſich der bügelloſe Reiter noch krampfhaft feſthielt, dicht gefolgt, wie ein Sturmwind an ihnen vorüber, daß ſie kaum Zeit behielten, auszuweichen. „Ein paar durchgegangene Pferde,“ rief Günther, der Mühe hatte, das eigene Thier vom Folgen abzuhalten—„ruhig, Alter, mußt Du denn auch alle Dummheiten mitmachen?“ „Das war der junge Baulen,“ ſagte Felix, 13* 194 und die ſchattige Laube deutlich die Wohnung deutſcher Coloniſten verkündend. Jetzt näherten ſie ſich der Colonie. Im Wege, der hier oben auf dem Hügelrücken hin von ande⸗ ren Colonien herüberführte, überholten ſie deutſche Fuhrwerke, die ſich, von kräftigen Pferden ge⸗ zogen, mühſam auf der noch immer nicht ganz abgetrockneten Straße durcharbeiteten; auch ein paar Maulthiere mit einem Sacke querüber und einem unverkennbar deutſchen Jungen oben drauf. Hier am Wege trafen ſie aber auch die Schneu⸗ ßen, die Günther bei ſeiner Vermeſſung durch den Wald gehauen, und einer von dieſen folgten ſie jetzt, indem ſie dadurch nicht allein dem etwas zerfahrenen Wege auswichen, ſondern auch ein tüchtiges Stück nach der Colonie zu abſchnitten. In der Schneuße ſelber mußten ſie allerdings hinter einander reiten; bald aber erreichten ſie wie⸗ der einen betretenen Weg, und hier hielt Felix ſein Pferd an und ſchaute zurück. „Alle Wetter,“ ſagte er,„ich glaube wahr⸗ haftig wir haben uns verirrt, denn das hier kann doch nicht der Weg zur Colonie ſein!“ „Ein Landmeſſer und verirren,“ lachte Günther, „das wäre nicht übel!— Kennſt Du den Platz hier nicht?— Gleich dort drüben liegt die Chagra V 196 ohne auf den Freund weiter zu achten—„und da kommt noch ein Thier— bei Gott, und mit ſeiner Reiterin!“ Und noch während er ſprach, ſprang er aus dem Sattel, ſein Pferd vollkommen rückſichtslos ſich ſelber überlaſſend. Er hatte Recht; mit vorgeſtrecktem Kopf und ſchnaubenden Nüſtern folgte der Schimmel den vorangeeilten Kameraden, und mit flatternden Haaren, das Antlitz marmorbleich, aber keine Spur von Furcht verrathend, ſaß Helene auf ſeinem Rücken, und klammerte ſich an dem Sattel feſt, während das eine Ende des zerriſſenen Zügels den Hals des Pferdes peitſchte. „Hab' Acht, Felix,“ ſchrie Günther, der mit Beſorgniß ſah, wie ſich der Freund dem wild heranbrauſenden Thiere entgegenwarf—„Du kannſt es nicht halten!“ 4 Aber Felix hörte ihn nicht. Der Weg war hier eng, denn das Dickicht an beiden Seiten mit ein paar aus der Bahn geſchobenen umgeſtürzten Bäumen hemmte ihn ein; das durchgehende Pferd konnte nicht ausweichen. Als es aber die mitten im Wege wartende Geſtalt des Menſchen erblickte, parirte es plötzlich und bäumte in die Höhe. In demſelben Moment griff des Unerſchrockenen linke Hand in ſein Gebiß, und während es zur Seite ein paar Junggeſellen! Was fangen wir mit der 197 ſchreckte, verlor Helene das Gleichgewicht und ſtürzte in Felix' linken Arm. Allerdings konnte er ihren Fall nicht hindern, denn das Pferd, wel⸗ ches er nicht losließ, riß ihn zur Seite, aber er brach doch die Schwere des Sturzes, ſo daß das junge Mädchen mehr zu Boden glitt als fiel, und Felix jetzt nur den Schimmel von ihr zurück⸗ drängte, damit ſie nicht durch deſſen Hufe beſchä⸗ digt würde. Abber die Aufregung war zu viel für ſie ge⸗ weſen. So ſtark und beſonnen ſie ſich bis dahin, trotz des zerriſſenen Zügels, im Sattel gehalten hatte, vergingen ihr jetzt die Sinne, und als der ebenfalls abgeſtiegene Günther hinzuſprang, um wo möglich noch Hülfe zu leiſten, lag ſie ohnmächtig vor ihm im Wege. Das Ganze war natürlich das Werk nur we⸗ niger Secunden geweſen, und noch war Felix mit dem nicht ſo leicht beruhigten Schimmel beſchäftigt, um ihn aus dem Wege zu halten, als Günther ſchon die ohnmächtige Jungfrau aufgehoben hatte und ſie in ſeinen Armen hielt. „Und was nun?“ rief er halb verlegen, halb lachend;„das iſt eine vortreffliche Situation für 198 Ohnmächtigen an?— Hier können wir ſie doch nicht liegen laſſen!“ Der Schimmel ſtand endlich; er ſchnaubte zwar noch und warf den Kopf herüber und hinüber, aber die Gefahr war vorbei, und er wußte, daß er ſich wieder in der Gewalt ſeiner Herren befand. Felix führte ihn ruhig heran und ſagte: „Meier's Haus iſt ja, wie Du ſagſt, dicht bei — da drüben kann ich ſogar die Pinie erkennen, die in der Ecke ſeiner Umzäunung ſteht— trage die junge Dame dorthin, indeſſen ich hier den Zügel des Pferdes wieder in Ordnung bringe. In dem Hauſe findet ſie auch weibliche Hülfe und kann ſpäter, wenn ſie ſich erholt hat, in die Co⸗ lonie zurückkehren.“ „Aber ſie werden mich nicht einlaſſen.“ „Klopf' nur an die Thür; einem ſolchen Un⸗ fall kann der alte Miſanthrop ſein Haus nicht verſchließen!“— Und ohne ſich weiter um die Bewußtloſe zu kümmern, ja, ohne ſie anzuſehen, ſchritt er, den Schimmel noch immer am Gebiß haltend, zu Günther's Pferd, deſſen Zaum ſein Reiter über einen Aſt geworfen hatte, löſte den Laſſo, der um deſſen Hals befeſtigt war, mit der rechten Hand, und ſicherte ſich dann den Schim⸗ 199 mel, indem er das andere Ende durch den Ring ſeines unter dem Zaum ſitzenden Halfters zog. Günther war indeſſen, weil er ſelber keinen beſſeren Rath wußte, mit ſeiner ſchönen Bürde Meier's Chagra zugeſchritten. An der Gartenthür angelangt, hörte er Stimmen im Garten, und mit dem Fuße gegen das Holzwerk tretend, bat er, ihm zu öffnen, da er eine ohnmächtige Dame trage, die Hülfe verlange. Zuerſt antwortete Nie⸗ mand; dann aber auf ſeine wiederholte Bitte rief eine weibliche Stimme von innen:„Gleich, gleich!“ — Der Riegel wurde zurückgeſchoben, die Thür ging auf, und Günther ſah ſich im nächſten Augen⸗ blick Könnern und Eliſen gegenüber. Graf Felix indeſſen, ohne ſich weiter darum zu kümmern was aus der jungen Dame wurde, befeſtigte den Schimmel mit dem Laſſo an eine der jungen Palmen, knüpfte den Zügel wieder feſt, daß er wenigſtens den Ritt hinunter hielt, und ſchritt dann, da ihm ſein eigenes Pferd eben⸗ falls davon und den anderen nachgelaufen war, zu Fuß in die Colonie hinab. Eine Viertelſtunde mochte er wohl den Platz verlaſſen haben, als eine klägliche Geſtalt denſelben Weg herabgehinkt kam, den vorher die Pferde genommen hatten. Es war Herr von Pulteleben, 200 ſein Geſicht blutig und mit einigen Riſſen, die Dorn oder Stein darauf zurückgelaſſen, ſeinen Rock beſchmutzt und zerfetzt, und das Gewicht ſei⸗ nes Körpers einzig und allein ſeinem rechten Beine vertrauend. Er hielt einen Augenblick, als er zu der Stelle kam wo der Schimmel angebunden ſtand, und ſchüttelte den Kopf. Er mochte ſich wohl nicht recht erklären können, wie der hierher gekommen, und wo die Reiterin geblieben; aber er ſchien auch nicht in der Stimmung, ſich lange bei Ver⸗ muthungen aufzuhalten, denn in dieſem Zuſtande konnte er doch Niemandem ſeine Hülfe anbieten — er ſah zu unanſtändig aus, und mit einem Seufzer ſeine unteren Kleidungsſtücke betrachtend, ſetzte er ſehr betrübt ſeinen Weg nach der Colonie fort. 8. in Vielliebchen. Könnern verbrachte eine unruhige Nacht. Nicht etwa, daß Sarno's Warnung irgend einen Zweifel in ſeiner Bruſt wachgerufen oder ſeinen Entſchluß erſchüttert hätte, aber die Aufregung, daß ſich mit dem morgenden Tage ſein Schickſal entſcheiden ſollte, ließ ihn nicht ſchlafen, und erſt gegen Morgen fielen ihm die müden Augen zu, nur um einer Maſſe von tollen und abenteuerlichen Traumbil⸗ dern Raum zu geben. Mit Sonnenaufgang war er auch ſchon wieder munter und konnte die Zeit jetzt nicht erwarten, wo er Eliſe endlich ſehen und ſprechen würde; denn heute, das hatte er ſich feſt vorgenommen, ließ er ſich von dem Alten nicht abweiſen, mochte daraus werden was da wollte. Vor zehn Uhr durfte er aber keinesfalls hinüber; ſelbſt das ſchien ihm noch eine etwas frühe Stunde, aber ſeine Ungeduld ertrug eben nicht mehr, und mit dem Schlage Zehn ſprang er auf das ſchon fertig geſattelte Pferd und trabte luſtig der Richtung nach Meier's Chagra zu. Dicht vor der Colonie überholte ihn eine kleine Cavalcade von Reitern, die mit ihm denſelben Weg ritten, und an der jungen, reizenden Dame, die den Zug führte, erkannte er bald die Geſell⸗ ſchaft. Er war aber heute Morgen nicht dazu aufge⸗ legt, irgend eine neue Bekanntſchaft anzuknüpfen, hielt deshalb ſein Pferd an, grüßte und ließ die Drei an ſich vorbei paſſiren, die dann auch bald in den Büſchen verſchwanden, welche bis zum Fuße der nächſten Hügel herabliefen. Da die drei Reiter übrigens mit ihm einen und denſelben Weg verfolgten, beeilte er ſich nicht mehr ſo ſehr; er wollte gern vermeiden, mit ihnen wieder zuſammenzutreffen, und ließ ſein Pferd erſt wieder austraben, als er ſich der Chagra näherte. Dort führte er es ſeitwärts auf einem ſchmalen Kuh⸗ pfade in den Wald, band es feſt und ſetzte nun von hier ab ſeinen Weg zu Fuß fort. Und wie ihm das Herz ſchlug! Als ob er ein Verbrechen begangen hätte und jeden Augenblick 203 Entdeckung fürchtete, ſo ſchlich er auf dem Wege dahin und ſah ſcheu hinauf und hinab, ob Nie⸗ mand käme, der ihn ſtören könnte. Und mit dieſer Angſt auf dem Herzen ſollte er dem alten Mann entgegentreten und ihn um die Hand ſeiner Tochter bitten? Er wagte es nicht, und zweimal war er an der Thür und hob den Arm, und zweimal ſchlich er zurück in den dichten Buſch hinein, um ſich erſt wieder zu ſammeln und das zu überdenken, was er Eliſens Vater ſagen wollte. Das zweite Mal war er der Hecke nahe ge⸗ kommen, welche den Garten umſchloß, unfern von da, wo er an jenem Morgen Eliſens Citherſpiel gelauſcht und ihr zuletzt die beiden Waldhühner hinüber geworfen; und überdachte er ſich jetzt, daß er das Mädchen ſeit der ganzen langen Zeit nicht ein einziges Mal wieder geſehen, ja, daß er eigent⸗ lich nicht einmal einen einzigen beſtimmten Grund für ſich anzugeben vermochte, nach dem er ſicher ſchließen konnte, ſie ſei ihm gut, ſo kam ihm ſeine ganze Werbung eigentlich wie halber Wahnſinn vor, und er ſtand ſogar auf dem Punkte, ſie voll⸗ ſtändig aufzugeben. Was wußte ſie denn von ihm? Was konnte ſie von ihm wiſſen, das ihm ein Recht gab, ſie für ſich zu fordern? Wenn ſie ihm nun geradezu drangen wieder die weichen Töne der Cither heraus an ſein Ohr, und ihre Stimme war es, welche ſie begleitete. Was ſie ſang oder ſpielte, er hörte es nicht mehr; die Leidenſchaft der erſten heißen Liebe hatte ihn übermannt, und kaum ſich deſſen klar was er ſelber that, kletterte er im nächſten Augenblicke ſchon an einer der dünnen, ſchlanken Palmen nächſt der Hecke empor, ſchwang ſich dort hinauf, ergriff den überhängenden Zweig eines im inneren Garten ſtehenden größeren Baumes, welcher ſich unter ſeinem Gewichte bog und lang⸗ ſam brach, und ſtand nur wenige Secunden ſpäter im Garten ſelber, und kaum fünfzig Schritte von der Stelle entfernt, an der Eliſe mit ihrem In⸗ ſtrumente im Schatten eines breitäſtigen Mandel⸗ baumes ſaß. Das junge Mädchen hatte aber ebenfalls das Brechen und Rauſchen in den Zweigen gehört und den Kopf dorthin gewandt, und ſprang erſchreckt empor, als ſie die Geſtalt eines Fremden bemerkte, welcher alſo gewaltſam in ihr Heiligthum brach. Aber es war nur ein Augenblick; bald erkannte ſie den Eindringling, und zitternd ſtand ſie neben ihrem kleinen Tiſche, als Könnern raſch auf ſie 24 zuging und wenige Schritte vor ihr mit achtungs⸗ vollem Gruße ſtehen blieb. „Mein Fräulein,“ ſagte er, noch immer halb verlegen, aber doch jetzt ſchon mit dem feſten Ent⸗ ſchluß, das nun Begonnene auch wacker durchzu⸗ führen—„vor allen Dingen muß ich tauſend⸗ mal um Entſchuldigung bitten, mich auf ſolche rauhe Weiſe in Ihre Nähe gedrängt zu haben, aber ich— konnte mir nicht mehr helfen; ich mußte Sie ſprechen, und da mir Ihr Vater, Gott weiß aus welchem Grunde, hartnäckig den Zutritt zu Ihnen weigerte, nahm ich endlich meine Zuflucht zu einem verzweifelten Mittel und— hier bin ich jetzt.“ „Ich weiß nicht,“ ſtammelte Eliſe in ſchüch⸗ terner Verlegenheit, während ſich der purpurne Strom über ihre Wangen und ihren Nacken er⸗ goß und ihren Zügen einen noch viel höheren Lieb⸗ reiz gab—„ich weiß in der That nicht, weshalb Vater— Sie müſſen ihn entſchuldigen— er— er iſt kränklich, und in der— in der letzten Zeit beſonders ſo leidend geweſen, daß er ſich ſcheu vor allen, ſelbſt den ihm liebſten Menſchen zurück⸗ gezogen hat.“ „Ich zürne ihm nicht, liebes Fräulein,“ ſagte Könnern herzlich—„welches Recht hätte ich auch, 206 Etwas von ihm zu verlangen, was er allen übrigen Menſchen eben ſo gut verweigert: den Zutritt zu ſeinem Hauſe— und dennoch bin ich hier“— ſetzte er leiſe und zögernd hinzu, während auch ſeine Züge jetzt ein leichtes Roth färbte—„dennoch habe ich den Bann gebrochen, der auf dem Platze liegt, und— vielleicht Unrecht damit gethan, aber ich konnte mir nicht helfen, Eliſe,“ fuhr er leiden⸗ ſchaftlich fort—„ich mußte Sie ſprechen, ich mußte Ihnen ſagen, daß, ſeit ich Sie zum erſten Male geſehen und geſprochen, nur der Eine Ge⸗ danke mich erfüllt hat, Tag und Nacht— Sie — mußte Ihnen ſagen, daß ich mir kein Leben länger denken kann fern von Ihnen, und mir die Entſcheidung meines künftigen Schickſals von Ihren eigenen Lippen holen.“ „Herr Könnern!“ ſagte Eliſe erſchreckt, und jeder Blutstropfen verließ in dem Augenblick ihre Züge. „Sie haben Recht,“ ſagte Könnern abwehrend —„es war ein tollkühner Schritt— ein Schritt, der in dieſer Weiſe kaum auf Erfolg rechnen konnte, und erſt jetzt, wo ich vor Ihnen ſtehe, wo es zu ſpät iſt ihn zurück zu thun, fühle ich das Un⸗ gehörige deſſelben in ſeiner ganzen Schwere. Aber ſein Sie auch verſichert, Eliſe, daß ich ihn nicht 29 ganz leichtſinnig gethan, daß ich mir vorher erſt ganz klar geworden, ob ich, was mich ſelber be⸗ traf, die Verantwortung übernehmen konnte, Sie aus Ihrem elterlichen Hauſe zu führen. Meine geſellſchaftliche Stellung im Leben iſt eine ehren⸗ volle; ich beſitze Vermögen genug, der Zukunft ſorgenfrei in's Auge zu ſchauen, ſelbſt wenn ich nicht mehr die Kraft in mir fühlte, mich durch meine Kunſt zu erhalten.— Aber das Alles ſind Eigenſchaften, welche nur die Exiſtenz ſelber— nicht das Herz berühren, und ich hatte nicht be⸗ dacht, daß Sie mich ja noch gar nicht kennen, daß Sie alſo auch kein Vertrauen zu mir haben können, ob ich es wirklich ſo ehrlich und treu meine, wie meine Worte ſagen.“ Eliſe athmete kaum. Der Blick, den ſie im Anfange ſchüchtern zu ihm aufgehoben, hatte ſchon lange den Boden wieder geſucht, und wenn ſich auch ihre Lippen ein paar Mal theilten, als ob ſie irgend Etwas erwiedern wollte, wurde doch keine Silbe laut. Auch Könnern ſchwieg jetzt und Beide ſtanden einander ſtumm, in peinlicher Pauſe gegenüber. Da nahm Könnern das Wort wieder auf und ſagte leiſe: „Sie haben Recht, Eliſe— die tolle Frage bedarf keiner Antwort. Laſſen Sie mich gehen 208 und als einzige Erinnerung Ihr liebes Bild im Herzen mit forttragen für die weite, öde Welt. Nur um das Eine bitte ich Sie, recht aus Grun meiner tiefſten Seele, zürnen Sie mir nicht. Ver geſſen Sie, daß ich leichtſinnig und unüberlegt gehandelt, und denken Sie, daß ich fortan nur ein einſamer, armer Wandersmann ſein werde, der— ſo fortfahren wird die Welt zu durchziehen, wie er begonnen, weil er eben— nirgends Ruhe finden kann. Leben Sie wohl, Eliſe— ich werde Ihnen nie wieder ſtörend in den Weg treten und — Gottes reichſter Segen über Sie!“ Mit den Worten nahm er ihre Hand, welche ſie ihm willenlos überließ, drückte einen innigen Kuß darauf, ließ ſie los und wandte ſich raſch ab, um den Garten wieder zu verlaſſen. „Könnern,“ rief da Eliſe mit leiſer, zitternder Stimme—„gehen Sie nicht ſo!“ „Eliſe— darf ich glauben, daß Sie mir nicht zürnen?“ bat der junge Mann, welcher ſich ihr bei dem Laute raſch wieder zudrehte. „Zürnen?“ flüſterte das junge Mädchen, den Kopf traurig zu Boden geſenkt—„zürnen? wiederholte ſie,„wo es das erſte Freundeswort iſt, das ich ſeit langen, langen Jahren gehört? Gehen Sie, Könnern, gehen Sie in Ihre Welt hinein, welche ich nicht kenne— welche ich nie kennen ſoll, aber nehmen Sie die Verſicherung mit, daß Sie einer Unglücklichen einen lieben, lieben Troſt gebracht, daß Sie ihr einen Augen⸗ blick des Glückes geſchaffen haben, an dem ſie, mäag er ſo kurz geweſen ſein wie er will, noch lange Jahre freudig zehren wird. Gehen Sie, Könnern, mein Vater wird mir nie erlauben, mich von ihm zu trennen— er könnte auch nicht ohne mich leben, aber denken auch Sie manchmal freundlich eines armen Mädchens, das...“ Könnern hielt ſich nicht länger. Mit froh⸗ lockendem Herzen hatte er den Worten des lieben Kindes gelauſcht— die Hinderniſſe, welche ſie ihm in den Weg warf, er achtete ihrer nicht, er hörte ſie kaum, und jetzt raſch zu ihr zurückkehrend, rief er jubelnd aus: 3 „Eliſe— meine Eliſe— Du biſt mir gut? Du zürneſt nicht dem kecken Fremden, der es wagte, an Dein Herz zu pochen, Du läßt mich hoffen, daß ich Dich gewinnen kann? O, nun iſt Alles gut, Alles gewonnen, denn der Vater wird und muß Dich mir geben. O, wenn ich Dir jetzt nur mit Worten ſagen könnte, wie herzlich ich Dich liebe; wie all mein Sehnen und Trachten, all' meine Gedanken die ganze lange Zeit, in der wir uns Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. II. 14 210 nicht geſehen, geſprochen, nur Dir gehört, nur Dein gedacht! Sieh mich an, Eliſe, o, laß mich in Deinen lieben treuen Augen das Glück auch leſen, das Du mir mit Deinen herzlichen Worten gegeben, laß mich darin die Beſtätigung finden, daß ich nicht mehr allein ſtehe auf der Welt und ein Herz gefunden habe, das mein ſein will in Luſt und Leid, in Sorge und in Glück.“ Eliſe ſchlug das thränengefüllte Auge zu ihm auf und lehnte ihr Haupt dann ſchwer und ſeuf⸗ zend an ſeine Bruſt. „Es kann nicht ſein,“ flüſterte ſie—„ich darf nicht glücklich werden— werd' es nicht!“ „Du wirſt es— mit dieſem Kuſſe gewinn' ich Dich zur Braut, und wie mich Gott verlaſſen ſoll in meiner letzten Stunde, wenn ich je von Dir laſſe, ſo vertraue auch mir! Leg' Dein Geſchick getroſt in meine Hände, und ſteht uns auch noch eine Prüfung bevor, ſollten uns auch noch Hinder⸗ niſſe in den Weg treten, laß Dich nicht ent⸗ muthigen. Was es auch ſei, wir werden's über⸗ winden, und wie ich jetzt mein ganzes Leben Dir zu eigen gebe, ſo ſei verſichert, daß Dein künftiges Glück in guten und treuen Händen iſt.“ „Und wenn uns der Vater trennt?“ „Er kann, er darf es nicht, Herz,“ ſagte Kön⸗ 13 211 nern, wieder und wieder ihre Stirn küſſend, denn ſie hielt das Antlitz noch feſt an ſeiner Bruſt ge⸗ borgen—„er wird auch in der Kinder Glück das eigene wieder finden, wieder vergeſſen lernen, was ihm die Welt vielleicht zu Leid gethan, und ſo nur können wir auch ihn dem Leben wieder gewinnen, dem er jetzt ja faſt vollſtändig entſagt. Fürchteſt Du Dich noch?“ „In Deiner Nähe nicht,“ flüſterte die Jung⸗ frau—„hier an Deiner Bruſt iſt mir wohl— o, ſo möcht' ich ſterben. Wenn ich aber weiter denke— wenn ich glauben muß, daß uns ein böſes Geſchick je wieder trennt— o, gehe nicht von mir,“ bat ſie, ihn leidenſchaftlich umſchlin⸗ gend—„laß mich nicht wieder allein, denn jetzt erſt, in dieſem Augenblicke erſt fühl' ich, was ich mein ganzes Leben lang entbehrt— Liebe!— Liebe!— Liebe!“ Ein lindernder Thränenſtrom machte ihrem Herzen Luft, und zitternd, weinend lag ſie lange in Könnern's Armen. Endlich rang ſie ſich ge⸗ waltſam von ihm los, und ihre Thränen trocknend, ſagte ſie, mit einem gar ſo lieben wehmüthigen Lächeln zu ihm aufſchauend: „Bin ich nicht ein Kind, daß ich dem erſten Glück entgegenweine— und doch— der Allwiſ⸗ 14* ſende dort oben ſieht es— trage ich es mit bitter ſchwerem Herzen— o, Bernard, willſt Du mich nie vergeſſen, wenn uns auch— das Schickſal wieder auseinander reißt?“ „Nie, nie ſoll das Eine noch das Andere ge⸗ ſchehen!“ rief leidenſchaftlich der junge Mann— „und jetzt banne die trüben Gedanken aus Deiner Seele, Du ſüßes Lieb— oder“— fuhr er leiſe flüſternd und lächelnd fort—„ſoll ich Dich daran erinnern, daß Du— Dein Vielliebchen gefunden haſt? Wie hieß doch der letzte Vers, Schelm?“ Eliſe barg das erröthende Antlitz wieder an ſeine Bruſt und ſagte: „Wie Du mich damals erſchreckt haſt!“ „Und Du wußteſt, von wem es kam?“ Sie antwortete nicht, aber er fühlte, wie ſie leiſe mit dem Kopfe nickte und ſich dem Verſuche hartnäckig widerſetzte, ihr Antlitz zu dem ſeinen emporzuheben. „Du wußteſt, was es bedeutete?“ flüſterte er ſo leiſe, daß ſie die Worte kaum verſtand, und wieder nickte ſie und ſchmiegte ſich feſter an ihn— und, o. der Seligkeit dieſer Stunde, in der ſich zwei Herzen fanden und verſtanden und des reinen Glückes inne wurden, nur in ſich ſelber Eins zu ſein! Was kümmerte ſie auch jetzt die Außenwelt, was Sorge und Gefahr der nächſten Stunde? Könnern's mu⸗ thiges Herz ſetzte ſich leicht darüber weg und Eliſe ſelbſt war zu ſelig, um nicht dem Augenblicke auch ſein Recht zu gönnen. Könnern führte die Geliebte jetzt zu der kleinen Bank unter dem Mandelbaume, vor welchem ihr Cithertiſch ſtand, und Hand in Hand, Auge in Auge ſaßen die jungen Leute und plauderten und fanden des Himmels Seligkeit in der Liebe Glück. Da tönte vom Hauſe her ein kleines Horn, und erſchreckt fuhr Eliſe empor. Das war das Zeichen zum Frühſtück, und ſie mußte fort aus dem Garten. „Die Mutter ruft,“ ſagte ſie ängſtlich—„ich darf nicht länger ſäumen, und— großer Gott, es iſt ſo ſpät geworden und der Vater jetzt auch ſchon im Garten— wenn er Dich ſieht..“ „Fürchteſt Du Dich, Eliſe? Fürchteſt Du Dich an meiner Seite,“ ſagte Könnern herzlich—„und haben wir denn etwas Böſes gethan, daß wir den Blick der Eltern zu ſcheuen hätten? Offen will ich vor ſie treten— jetzt, in dieſem Augenblick, nicht im Geheimen mag ich zu ihrem Kinde ſchlei⸗ chen und mir deſſen Liebe ſtehlen, wie ein unrecht Gut! Nein, ich habe ſie mir ehrlich gewonnen — und will ſie ehrlich wahren, als meinen höchſten und theuerſten Schatz.“ „Aber der Vater....“ „Früher oder ſpäter müßte er doch wiſſen, daß wir einander angehören wollen für das ganze Leben; weshalb dann eine Zeit in Angſt und Sorge verleben, die nur dem reinſten Glück ge⸗ hören ſollte? Glaube mir, mein ſüßes Herz, Dein Vater iſt lange nicht ſo ſchlimm, wie Du zu denken ſcheinſt. Auch er hat einſt mit treuer Liebe um Deine Mutter geworben, und der Zeit mag er gedenken, wenn ich vor ihn trete. Außer⸗ dem ſtehe ich ſelbſtſtändig in der Welt, und der Director Sarno, welcher meine Familie genau kennt, mag ihm bezeugen, daß er um die Zukunft ſeiner Tochter nicht beſorgt zu ſein braucht. Fürchteſt Du noch, daß er Dich mir verweigern wird?“ „Ja,“ hauchte Eliſe, während ihre Züge wieder erbleichten— ntrotz alle dem; Du kennſt den Vater nicht.“ „Und Deine Mutter?“ Eliſe ſtand unſchlüſſig vor ihm, den Blick zu Boden geſenkt. Endlich ſchlug ſie die treuen Augen zu ihm auf und ſagte mit einem gar ſo rührenden Blick voll Vertrauen und Liebe: 21⁵ „So geh' zu ihm, Bernard— ſprich mit ihm — ich vertraue Dir ganz! Wie Dir mein Herz von jetzt allein gehört, will ich mich auch von Deinem Herzen leiten laſſen. Ich fühle Du haſt Recht; wir dürfen kein Geheimniß vor den Eltern haben— ich wenigſtens nicht, nach Allem, was ſie ſchon füͤr mich gethan. Gehe zu ihnen und Gott möge des Vaters Sinn lenken, daß er das Glück des Kindes, zum erſten Mal wo es in ſeine Hand gelegt, nicht ſelbſt zerſtört. Aber noch Eins, Bernard,“ fuhr ſie fort, als er ſie mit ſich dem Hauſe zu ziehen wollte—„was auch der Vater beſchließt— wie auch ſein Urtheil lautet — und wenn mein eigen Herz darüber brechen müßte— ich kann und darf nicht ungehorſam ſein.“ „Eliſe!“ „Ich bleibe Dir treu,“ bat die Jungfrau— „nie wird ſich dieſe Hand in eines andern Mannes Rechte legen, aber wenn mich des Vaters Gebot an ſeine Seite zwingt, ſo werd' ich bleiben, was auch mit mir geſchehe.“ „Es ſei,“ ſagte Könnern nach einer kurzen, peinlichen Pauſe—„wie leicht ich aber auch vor⸗ her, als ich mich Deiner Liebe verſichert wußte, dem entſcheidenden Schritt entgegen ging, ſo ſchwer gehe ich jetzt, wo ich fürchten muß Dich wieder zu verlieren, in demſelben Augenblick, wo ich Dich mein auf immer geglaubt. Aber die erſte Bitte kann und will ich Dir nicht abſchlagen— ich fühle, daß ich Dich nicht zwingen darf, wenn ich damit nicht Deinen Frieden für ſpätere Zeiten zerſtören ſollte. Ich will allein Dein Glück— und daß ich nur das will, kann ich Dir jetzt be⸗ weiſen.“ „Ach, Bernard,“ ſagte das junge Mädchen traurig—„nur an Deiner Seite find' ich das, und gehſt Du von mir, iſt es doch vorbei— aber trotzdem danke ich Dir— danke ich Dir recht von Herzen für Deine Liebe, welche Du mir jetzt ſtärker als vorher gezeigt— und nun zum Vater, daß wir unſere Bitten dort vereinen.“ Schon vor einiger Zeit hatten ſie draußen vor dem Garten wildes Pferdegeſtampfe und Stimmen gehört, aber, zu ſehr mit ſich ſelber beſchäftigt, nicht weiter darauf geachtet. Jetzt eben hatte ſich das wiederholt, und ſie blieben horchend ſtehen. Kön⸗ nern dachte an ſein eigenes Pferd, ob ſich das vielleicht losgeriſſen haben könnte, aber das war feſt und ſicher angebunden— vielleicht waren es trunkene Coloniſten, die hier dem Städtchen zu⸗ jagten— was kümmerte es ſie— Seite an Seite, Könnern ſeinen rechten Arm um der Geliebten Schulter geſchlagen, ſchritten ſie langſam den Kies⸗ weg an der Hecke entlang hin, welcher dem Hauſe zuführte. Kaum aber waren ſie in der Nähe der Thür angelangt, die hinaus in's Freie führte und ſtets ſorgfältig verriegelt gehalten wurde, als ein paar heftige Stöße dagegen erfolgten und eine Stimme draußen, welche Könnern bekannt ſchien, um Einlaß bat. „Was iſt das?“ ſagte Eliſe, ängſtlich ſeinen Arm ergreifend—„wir dürfen nicht öffnen.“ „Es iſt ein Unglück geſchehen!“ rief Könnern „ſollen wir nicht nachſehen?“ „Ein Unglück?“ wiederholte das junge Mäd⸗ chen erſchreckt. „Ich halte eine Ohnmächtige hier im Arme!“ rief da Günther's Stimme wieder—„wollt Ihr ſie hier im Wege ſterben laſſen?“ „Eine Ohnmächtige?! Gleich, gleich!“ rief Eliſe, jede weitere Furcht bei Seite ſetzend— „der dürfen wir ja doch unſere Hülfe nicht ver⸗ ſagen“— und zu der Thür ſpringend, ſchob ſie die beiden großen Riegel zurück. Könnern drückte zugleich das breite Schloß auf, das nach außen keine Klinke hatte, und ſah erſtaunt den Fieund mit ſeiner Bürde. — als „Günther!“ rief er überraſcht aus—„Sie hier und mit einer Dame im Arm?“ „Ich könnte, glaub' ich, ſo ziemlich dieſelbe Frage an Sie richten, Könnern,“ lachte der Freund,„wenn wir jetzt Zeit zur Unterhaltung hätten, aber die Arme ſind mir ſchon erlahmt— mein Fräulein, dürft' ich Sie bitten, ſich der ar⸗ men Dame anzunehmen?“ „O, das Haus iſt nur wenige Schritte von hier entfernt,“ rief Eliſe, welche mit gefalteten Händen vor der bleichen Fremden ſtand—„ach, das bildſchöne, unglückliche Kind— kommen Sie raſch mit mir, dort iſt Alles was ihr Hülfe bringen kann“— und mit flüchtigen Schritten flog ſie ihnen voran, den Gang hinauf. Könnern hatte indeſſen, dem Freunde die Laſt zu erleichtern, den Oberkörper der Bewußtloſen in ſeinen Arm ge⸗ nommen, ſo daß ſie raſch der Jungfrau folgen konnten, und unterwegs erzählte ihm Günther mit kurzen Worten, was draußen vor dem Garten geſchehen. Jetzt hatten ſie das Haus erreicht, und ſtiegen die wenigen Stufen zu dem untern Gartenſaale hinauf— die Mutter war ſchon durch ein paar flüchtige Worte Eliſens von dem Unfall unterrich⸗ tet und in ihr Zimmer gegangen, engliſches Salz zu holen— nur Eliſe erwartete ſie am Eingang, unn die beiden Freunde legten die Ohnmächtige jetzt auf das an der entgegengeſetzten Wand ſtehende Sopha. Günther hatte ihre Kleider etwas geordnet, und richtete ſich eben auf, als die Thür links geöffnet wurde, und Meier eilig hereintrat. „Was geht denn hier vor?“ rief er beſtürzt— „was iſt geſchehen? Das iſt ja ein Lärm“— ſein Auge begegnete Günther's feſt und erſtaunt auf ihm haftenden Blick, und Könnern, welcher ſich eben bei ihm entſchuldigen wollte, bemerkte zu ſeinem Erſtaunen, daß der alte Mann zurück⸗ ſchrak, als ob er einen Geiſt geſehen hätte. Noch ſtanden ſie ſich ſo gegenüber, während Eliſe mit der Bewußtloſen beſchäftigt war und ihr das Kleid zu öffnen ſuchte, als die andere Thür aufging, und Eliſens Mutter mit dem her⸗ beigeholten Fläſchchen eintrat— nur Einen Blick aber warf ſie auf die Gruppe der beiden Männer, als auch das Flacon ihrer zitternden Hand entfiel. „Mutter, liebe, beſte Mutter!“ rief Eliſe, zu dieſer ſpringend—„es iſt Nichts— nur eine Ohnmacht— ſie ſchlägt die Augen ſchon wieder auf.“ 220 „Herr Sellbach!“ ſagte Günther mit ruhiger, kalter Stimme—„ich hatte allerdings keine Ahnung, daß wir ſo lange ſchon nahe Nachbarn geweſen waren, und kann dem Zufall nicht genug danken, der uns hier zuſammenführt.“ Der alte Mann ſtand wie zu Stein erſtarrt — ſeine Lippen hatten ſich getheilt, aber er ſprach kein Wort; ſeine Augen, vor denen er heute nicht die blaue Brille trug, ſchienen aus ihren Höhlen drängen zu wollen, und die beiden Arme hielt er wie abwehrend vorgeſtreckt. „Sie kommt zu ſich!“ rief Eliſe, welche das ihr entgegengerollte Flacon aufgehoben und der Kranken vorgehalten hatte—„Gott ſei Dank! Beruhige Dich, liebe Mutter, und Vater“— ſie wandte ſich, während ſie ſprach, dem Vater zu und ſtieß einen Angſtſchrei aus, als ſie den Zu⸗ ſtand ſah, in welchem er dem Fremden gegenüber ſtand. „Vater!“ rief ſie—„lieber, beſter Vater— um des barmherzigen Gottes willen, was iſt ge⸗ ſchehen?“ und in Windeseile war ſie an ſeiner Seite und umſchlang ihn mit ihren Armen. Erſt die Berührung ſchien den Zauber zu löſen, von dem er befangen war.—„O, mein Gott!“ ſtöhnte er—„endlich! endlich!“ und wäre jetzt zu Boden ———j——— — 221 geſunken, hätte ihn die Tochter nicht in ihren Armen gehalten und zu dem nächſten Stuhl ge⸗ führt, in den er, in einander gebrochen, zuſammen⸗ ſank. „Um Gottes willen, was geht hier vor?“ rief Könnern, des Freundes Arm ergreifend—„welch' Geheimniß lagert zwiſchen Euch?“ „Hier iſt jetzt weder Platz noch Zeit, das zu erklären,“ drängte Günther—„das Fräulein richtet ſich auf und— braucht eben nicht zur Mitwiſſerin gemacht zu werden. Bitten Sie die junge Dame, daß ſie die Fremde in ihr Zimmer führt, bis ſie ſich vollſtändig erholt hat und das Haus verlaſſen kann. Wir werden draußen auf ſie warten, um ſie ſicher nach Hauſe zu geleiten.“ „Aber ich begreife gar nicht!“ „Thun Sie, wie ich Ihnen ſage. Alles Andere nachher.“ „Aber wir können die Familie doch nicht jetzt, nicht in dieſem Zuſtande verlaſſen?“ „Wir können ihr keinen größeren Gefallen thun. Folgen Sie mir nur dieſes Mal, Könnern— des jungen Mädchens wegen, wenn Sie ſonſt nicht wollen!“. Helenens ſtarke Natur hatte indeſſen vollſtän⸗ dig die augenblickliche Schwäche abgeſchüttelt. b Möglich, daß ſie beim Sturze doch vielleicht mit dem Kopf auf einen Stein getroffen und davon nur betäubt geweſen war; aber ſie richtete ſich empor und ſah erſtaunt auf ihre Umgebung. Günther, der in dieſem Augenblick für Alle zu denken ſchien, benutzte den günſtigen Augenblick, und auf ſie zutretend, bot er ihr ſeinen Arm. „Ich ſehe zu meiner Freude, daß Sie ſich er⸗ holt haben, Comteſſe; erlauben Sie mir, Sie an die friſche Luft zu führen, die wird Ihnen wohler thun, als alle Medicamente der Welt.“ Leiſe ſetzte er dann hinzu:„Die alten Leute ſind außer ſich über Ihre Ohnmacht, die ſie für weit gefähr⸗ licher hielten als ſie war. Veigen Sie ſich kräftig, daß wir ſie beruhigen.“ „Ich bin kräftig,“ ſagte das junge Mädchen, aber ich begreife nur nicht wo ich bin, wie ich hierher gekommen.“ „Ich erzähle Ihnen die Geſchichte unterwegs,“ lachte Günther, ihren Arm ohne weitere Umſtände in den ſeinen ziehend.„Könnern, thun Sie mir den Gefallen, und ſehen Sie draußen nach dem Pferd, daß kein weiteres Unglück geſchieht— Sie können ja dann zurückkehren, wenn Sie wol⸗ len,“ flüſterte er ihm zu. Könnern war wie betäubt. Er ſah wohl, daß ——ÿ etwas Außergewöhnliches— etwas Furchtbares hier vorgegangen ſei, aber er begriff nicht was; Eliſe war dazu, ohne auch nur weiter ſeiner zu achten, mit dem Vater beſchäftigt, und ehe er ſelber zu einem recht klaren Bewußtſein gekommen war, hatte Günther, während er an dem rechten Arme Helenen führte, mit der Linken ihn ergrif⸗ fen, und zog den keinen Widerſtand mehr Verſu⸗ chenden mit ſich hinaus in's Freie, durch den Garten und auf die Straße, wo er ohne Weiteres die Thür hinter ſich in's Schloß warf, und ihnen dadurch Allen den Rückzug vollkommen ab⸗ ſchnitt. Hier aber half ihnen Helenens Bruder aus der augenblicklichen Verlegenheit, was ſie mit der jungen Dame anfangen ſollten. Als ſie auf den Weg hinaustraten, kam er, da er indeß ſeines Pferdes wieder Herr geworden, zurückgeſprengt, um die Schweſter zu ſuchen. Allerdings fürchtete Könnern, daß ſie ſich noch nicht allein im Sattel halten könne, und bat ſie, das Pferd, welches noch an dem Laſſo befeſtigt ſtand, lieber zur Stadt führen zu laſſen. Helene ſchlug das aber lächelnd aus. „Ich bin an derlei Abenteuer gewöhnt,“ ſagte ſie freundlich;„nur Eins beunruhigt mich: ſo ganz b ohne einen Dank von der Familie zu ſcheiden, die mir ſo gütige Hülfe geleiſtet, und die ich dafür ſo erſchreckt und geſtört habe.“ „Ich werde Sie entſchuldigen,“ wehrte Günther ab,„und Sie können ihr immer ſpäter einen Beſuch abſtatten. Jetzt halte ich es ſelber für beſſer, daß Sie ſo raſch als möglich nach Hauſe zurückkehren und ſich dort erſt vollſtändig aus⸗ ruhen. Die Folgen eines ſolchen Zufalls fühlt man gewöhnlich erſt ſpäter, und es iſt immer beſſer, ſich etwas vorzuſehen.“ Günther ſetzte ſeinen Willen durch. Könnern holte den Schimmel; der Stamm eines umge⸗ ſtürzten Baumes machte es ihr leicht, in den Sattel zu kommen— und bald hielt ſie den Zügel wie⸗ der feſt in der Hand. Von dem Moment an aber, als ſie wieder die Straße betreten, hatte Helene, als ob ſie Jeman⸗ den ſuche, auf und ab geſehen, und ſelbſt ihr Bruder, der jetzt neben ihr hielt, bemerkte dies. „Suchſt Du Freund Pulteleben?“ fragte er lachend;„dem bin ich vorher in einem traurigen Zuſtand zu Fuß begegnet, und ihn ſelber hat der Rappe bös zwiſchen Dornen und Geröll abgeſetzt. Wenn er es hindern könnte, ließ er ſich gewiß 225 vor keinem Menſchen ſehen, ehe er friſche Toilette gemacht hat; er iſt bitterböſe zugerichtet.“ „War nicht noch ein anderer Herr mit Ihnen?“ wandte ſich Helene aber an den noch neben ihr ſtehenden Günther, ohne die Leidensgeſchichte von Pulteleben's weiter zu beachten—„derſelbe— wenn ich nicht irre— der ſich meinem Pferd entgegenwarf?“ „Allerdings,“ erwiederte der Gefragte—„ſein eigenes Thier war ihm aber indeß davongelaufen, und er wird wohl nachgegangen ſein, um es zu ſuchen.“ „Ich bin Ihnen zu vielem Dank verpflichtet!“ ſagte das junge ſchöne Mädchen herzlich. „Mir nicht im Geringſten,“ wehrte Günther lächelnd ab;„ich habe kein Verdienſt, als daß ich Sie in's Haus getragen habe, und das— trug ſchon ſeine eigene Belohnung in ſich ſelbſt.“ Helene erröthete, aber ſagte freundlich:„Und darf ich hoffen Sie wiederzuſehen, wenn Sie hier auf friſcher That meinen Dank verſchmähen?“ „Wenn Sie mir erlauben, werde ich ſicher morgen bei Ihnen nachfragen, ob der kleine Unfall, wie ich feſt hoffe, keine weiteren nachtheiligen Folgen für Sie gehabt.“ 4 „Und“— ſagte Helene, aber ſie hielt das Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. II. 15 226 Wort zurück, neigte ſich gegen die beiden Freunde und rief:„Auf Wiederſehen denn!“ als der Schimmel ſchon den Druck ihrer Hacken fühlte und mit ihr in ſcharfem Trab der Colonie zuflog. Oskar hielt ſich an ihrer Seite, und Günther nahm Könnern's Arm, und führte den, wenn auch im Anfang Widerſtrebenden trotz ſeinem Sträu⸗ ben mit ſich die Straße hinab, die Jene voran⸗ geritten waren. —444 9. Sarno's Kbſchied. Könnern folgte dem Freunde wie in einem halben Traume. Die letzten Scenen waren ſo raſch auf einander gefolgt, daß er fie kaum von einander zu ſcheiden vermochte, und des Freundes ſonderbares Betragen mußte noch mehr dazu bei⸗ tragen ihn zu verwirren. Dieſer ſollte ihm aber jetzt Rede ſtehen, denn er fühlte daß Eliſe in die⸗ ſem Augenblick ſeiner Hülfe bedurfte, und er mußte wiſſen, weshalb Günther ſo darauf drang, ſie gerade jetzt ſich ſelber zu überlaſſen. Mit dieſem Entſchluſſe ſtehen bleibend, hielt er Günther's Arm und ſagte vorerſt:„Nicht einen Schritt weiter geh' ich mit Ihnen, bis Sie mir Ihr Betragen erklären, Günther, bis Sie mir 15* I44444,àyX2⁊1à4à¼⁴ 4 das Geheimniß lichten, das Sie und jenen alten Mann verbindet.“ „Glauben Sie, daß ich es gut mit Ihnen meine, Könnern?“ fragte Günther herzlich, der Beantwortung der Frage für jetzt noch aus⸗ weichend. „Ja, das glaube ich feſt.“ „Gut, dann folgen Sie mir auch jetzt in die Colonie. Wir müſſen Beide mit einander berathen, was zu thun, und ehe das nicht geſchehen, dürfen Sie jenes Mannes Haus nicht betreten.“ „Nicht betreten?“ „Nein— doch Sie ſollen Alles hören— nur zuerſt beantworten Sie mir eine Frage: Wie ſtehen Sie mit jenem jungen Mädchen? Glauben Sie um Gottes willen nicht, daß es bloße Neu⸗ gier ſei!“ „Sie brauchen keine Entſchuldigung und ich kein Geheimniß für einen ehrlichen Handel,“ ſagte Könnern erröthend.„Ich liebe Eliſen von ganzer Seele— heute Morgen habe ich ihr das Ge⸗ ſtändniß meiner Liebe abgelegt und bin ihrer Ge⸗ genliebe ſicher— wir waren auf dem Wege zum Hauſe, um die Einwilligung ihrer Eltern einzu⸗ holen, als Sie an die Thür klopften.“ „So haben Sie mit Eliſens Eltern noch nicht geſprochen?“ rief Günther raſch. „Mißdeuten Sie meine Worte nicht, Günther,“ erwiederte Könnern ruhig—„welcher Art auch Ihr Geheimniß ſei, ich halte mich feſt gebunden an das Mädchen, dem ich mit Leib und Leben zugehöre!“ Günther ſeufzte tief auf und ſchwieg für wenige Augenblicke; endlich ſagte er herzlich:„Sie haben mir einfach und wahr geantwortet, Bernard, und es ſoll Sie nicht gereuen. Eben ſo klar und auf⸗ richtig will ich Ihnen jetzt Alles mittheilen— aber laſſen Sie uns zu unſeren Pferden gehen; wollen Sie nachher unmittelbar zurückkehren, ſteht es ja immer in Ihrer Macht.“ „Und was wollten Sie mir ſagen?“ fragte Könnern, der jetzt an des Freundes Seite, ihre Pferde am Zügel führend, langſam den Weg hinabſchritt—„Sie müſſen begreifen können, in welche Unruhe mich jene eben erlebte Scene ver⸗ ſetzt hat.“ Ich begreife es,“ ſagte Günther ruhig,„und will dabei ſo kurz als möglich ſein, denn nur die Umriſſe meiner Mittheilung haben Intereſſe für Sie. Erinnern Sie ſich noch, daß ich Ihnen früher einmal erzählte, wie ich in Deutſchland * mein ganzes Vermögen durch den Bankerott eines Kaufmannes verlor?“ „Ich erinnere mich deſſen.“ „Eben im Begriffe, zu heirathen, zertrümmerte dieſer furchtbare Schlag alle meine Hoffnungen. Meine Braut war arm, ich ſelber beſaß Nichts mehr auf der weiten Welt als meine Kenntniſſe, die mich aber in Europa nicht über Waſſer ge⸗ halten hätten. So nahm ich den Kampf mit dem Leben auf und ging nach Braſilien, um hier von vorn zu beginnen. Wie ich hier gearbeitet habe wiſſen Sie, und ich ſtehe jetzt im Begriff, mit meinem erworbenen kleinen Capital nach Deutſch⸗ land zurückzukehren und mein wackeres Mädchen, das treulich für mich ausgeharrt hat, zu hei⸗ rathen.“ „Aber was hat das Alles mit jenem alten Mann zu thun?“ „Der Bankerott jenes Banquiers,“ ſagte Gün⸗ ther finſter,„wurde durch die Flucht ſeines Caſ⸗ ſirers herbeigeführt. In jener Zeit, wo faſt kein Geſchäft ſicher war und die Kaufleute Alles ein⸗ ziehen mußten, was ſie an Geld ausſtehen hatten, nur um ihre Verbindlichkeiten zu decken, entfloh er eines Tages mit der Caſſe— man behauptet, mit mehr als hunderttauſend Thalern— und konnte 231 trotz der größten Mühe, die man ſich gab, nicht wieder eingeholt werden. Einige der Gläubiger ſetzten damals Alles in Bewegung, um wenigſtens den Ort zu erfahren, wohin ſich der Verbrecher gewandt— es blieb Alles umſonſt. Wir kamen allerdings einmal auf eine Spur, die nach Bra⸗ ſilien und ſogar in dieſe Gegend führte, und ein Agent, der jenen Menſchen kannte, wurde herüber geſchickt, um die genaueſten Nachforſchungen an⸗ zuſtellen— aber ohne Erfolg. Da endlich heute...“ „Heute?“— wiederholte Könnern und fühlte, daß ihm das Blut wie Eis zum Herzen zurücktrat. „Heute,“ fuhr Günther leiſe fort—„begegnete ich ihm. Zu feſt hatten ſich ſeine Züge meinem Gedächtniß eingeprägt, denn daheim war ich oft in ſeinem Hauſe, an ſeinem Tiſche geweſen.— Auch er erkannte mich wieder— Sie ſahen ſein Erſchrecken, das Erbleichen der Schuld, die ihm das Antlitz ſo weiß färbte, wie ſie in ihrem Be⸗ wußtſein ſein Haar gebleicht hat. Hätte es übri⸗ gens noch einer Beſtätigung bedurft, ſo lieferte ſeine Frau dieſelbe. Auch ſie— die, wie man damals allgemein behauptete, die größte Schuld an ihres Mannes Verbrechen trug, ja ihn dazu allein verleitet haben ſoll— erkannte mich wieder, und wenn ſie auch Beide kaum ahnen, wie elend 232 ſie mich damals gemacht haben, trieb doch die Furcht vor der endlichen Entdeckung das Blut aus ihren Wangen, die Kraft aus ihren Sehnen.“ „Entſetzlich, entſetzlich!“ ſtöhnte Könnern und barg ſein Angeſicht in den Händen—„und meine arme, arme Eliſe!“ „Das arme Mädchen dauert mich!“ fuhr Günther leiſe fort—„ſie kann auch keine Ah⸗ nung von dem Verbrechen haben, denn ſie war damals noch ein Kind. Der Schlag wird ſie jetzt, mit dem vollen Bewußtſein der Schuld, um ſo furchtbarer treffen.“ „Und was wollen Sie thun?“ fragte Könnern, raſch zu ihm aufſehend. „Ich weiß es ſelber noch nicht,“ erwiederte Günther leiſe—„das Ganze brach ſo überraſchend ſchnell herein, daß mir noch gar nicht Zeit ge⸗ blieben, zu überlegen, zu denken.— Ich— wollte das eigentlich auch mit Ihnen beſprechen, Könnern.“ „Mit mir?“ „Gerade mit Ihnen. Der alte Sünder ver⸗ dient allerdings keine Schonung, denn er hat da⸗ mals viele Menſchen unglücklich gemacht, nicht mich allein— aber des Mädchens wegen die...“ „Und wird Eliſe dadurch den Schlag weniger furchtbar fühlen, wird ſie weniger unglücklich ſein?“ 233 „Laſſen Sie mir Zeit zum Ueberlegen,“ bat Günther, nachdem ſie wieder ſchweigend eine Zeit lang ihren Weg verfolgt hatten;„laſſen Sie mir Zeit zu überdenken, wie ſich Alles am Beſten richten laſſe. Aber Sie müſſen ſelber fühlen daß jetzt, in dieſem Augenblick, Ihre Gegenwart da draußen überflüſſig war. Der Fremde in einem ſolchen Kreiſe hätte das Furchtbare der Situation nur noch erhöht, davon ganz abgeſehen, daß es für Sie ſelber peinlich geweſen wäre.“ „Aber die Ungewißheit ihres Schickſals wird jetzt noch ſo viel entſetzlicher auf den Armen laſten!“ „Das haben ſie reichlich verdient,“ ſagte Günther düſter,„und das Schwerſte was ſie treffen könnte, wöge das Elend das ſie geſtiftet, noch nicht zum tauſendſten Theile auf!“ Könnern ſeufzte tief und ſtarrte vor ſich nieder, als Günther den Arm um ſeine Schulter legte und ſagte: „Armer Freund— auch Sie ſind ſchwer, ſchwer getroffen, denn es muß hart, recht hart ſein, der Liebe erſte Blüthe ſo geknickt zu ſehen!“ „Und glauben Sie, daß ich Eliſe je verlaſſen könnte?“ rief Könnern, raſch zu ihm aufſchauend —„ſoll das Kind die Schuld der Eltern büßen, 234 dem altteſtamentariſchen Racheſpruche nach? Was würde aus ihr, wenn ſie allein ſtände in der Welt mit dem Gedanken, daß ſich ſelbſt der treulos von ihr abgewandt, dem ſie ihr ganzes, reiches Herz zu eigen gab?“ „Das iſt ſchön und edel von Ihnen gedacht,“ ſagte Günther ſeufzend;„aber wollen Sie Ihre Frau der Bosheit des Leumunds ausſetzen, wenn Sie nach Deutſchland zurückkehren? Halten Sie die Abſtammung Ihrer Frau ſo geheim Sie wollen, ein unglücklicher Zufall kann ſie ſtets verrathen, und könnten Sie— ſelbſt nur mit dem Bewußt⸗ ſein ſolcher Gefahr— Ihres Lebens auch nur einen Augenblick froh werden?“ „Und was kümmert mich das Urtheil der Menge,“ rief Könnern trotzig,„die ja immer nur Freude an dem Unglücke des Nächſten hat?“ „Sie vielleicht nicht, aber glauben Sie, daß Ihre Frau die Verachtung der Geſellſchaft ertragen könnte, ohne ſich wenigſtens unglücklich und elend zu fühlen?“ „Dann kehren wir zurück nach Braſilien!“ rief Könnern aus.„Verweigert mir die Heimath das Glück, das ich in ihr genießen könnte, dann hat ſie auch kein Recht, meine weitere Liebe zu for⸗ dern, und die Fremde mag dann mein Vaterland 235 werden und bleiben. Verlieren Sie kein Wort weiter darüber, Günther— ich weiß, Sie meinen es gut und haben in Ihrer Art vielleicht auch Recht— aber Sie thun mir nur weh und ſind nicht im Stande, Etwas an meinem feſten Ent⸗ ſchluſſe zu ändern.“ „Genug davon, mein lieber Könnern,“ ſagte Günther, ihm die Hand reichend und die ſeine herzlich drückend;„ich ehre Ihr edles Herz, und dieſe Stunde wird uns fortan nur feſter binden! Vielleicht läßt ſich auch Alles noch günſtiger ge⸗ ſtalten, als wir jetzt glauben. Noch weiß Nie⸗ mand um das Geheimniß, als wir Beide, denn glücklicher Weiſe haben wir die Comteſſe noch zur rechten Zeit beſeitigt. Was aber jetzt geſchehen muß, kann hier nicht auf offener Straße beſprochen werden— zu übereilen iſt außerdem Nichts, und wir wollen Beide die Sache ruhig beſchlafen. Morgen ſehen wir Alles mit kälterem Blute und können dann ruhig beſchließen, was geſchehen ſoll. Hier nähern wir uns überdies auch der Colonie, und es iſt beſſer wir ſitzen auf. Der neue Di⸗ rector iſt ſchon angekommen, nicht wahr? Ich ſehe da wenigſtens ſeine würdigen Untergebenen, ein paar betrunkene Soldaten, die ſich jetzt müßig in der Stadt herumtreiben und Nichts als Unheil anſtiften werden.“ „Allerdings— ſchon vor einigen Tagen, und es iſt ſogar möglich, daß Sarno heute Abend die Colonie verläßt, um mit dem Dampfer nach Rio hinauf zu fahren. Jedenfalls wird er im Laufe des morgenden Tages abreiſen.“ „Dann laſſen Sie uns ein wenig raſcher aus⸗ traben,“ ſagte Günther,„denn ich möchte ihn gern noch ſprechen“— und ſeinem Pferde die Sporen gebend, ſprengte er im Galopp die Straße ent⸗ lang.— Unterwegs ſah er ſich wohl nach Felix um, denn er hatte ſich mit ihm kein Rendez⸗vous gegeben und wußte gar nicht, wohin er ſich heute Abend gewandt haben konnte. Aber Santa Clara war auch nicht ſo groß, daß er lange nach ihm hätte ſuchen müſſen, und im Laufe des Tages war er ziemlich ſicher ihn irgendwo zu treffen. Sarno fanden ſie zu Hauſe und eifrig mit Packen beſchäftigt. Als ſie zu ihm in's Zimmer traten, drehte er ſich nach Günther um und rief lachend:„Beinahe hätten Sie mich hier gar nicht mehr gefunden. Alle Wetter, die Frau Präſiden⸗ tin hat Eile gehabt!“ „Wenn Sie meinem Rathe folgen, gehen Sie gar nicht,“ ſagte Günther.„Der Präſident hat 237 kein Recht, Sie ſo ohne Weiteres, ohne wichtige Gründe Ihres Dienſtes zu entlaſſen. Bleiben Sie hier und ſchicken Sie mich mit dem Dampfer nach Rio. Ich garantire Ihnen, daß ich einen Gegen⸗ befehl bringe.“ „Ich danke Ihnen, Herr von Schwartzau,“ ſagte Sarno trocken—„aber ich habe nicht Luſt, mich hier mit dem Herrn Director herum zu zanken, nur der unter ſolchen Umſtänden ſehr zweifelhaften Ehre wegen, Director zu bleiben. Außerdem hat der Herr ſich auch gleich eine Abtheilung Sol⸗ daten mitgebracht und würde nicht ſäumen, ſelbſt gewaltſamen Beſitz von dem Directionsgebäude zu nehmen.“ „Darauf ließe ich es ankommen.“ „Ich nicht. Mit dieſem Präſidenten, oder vielmehr ſeiner Frau Gemahlin an der Spitze danke ich außerdem für den Poſten. Ja, wäre da eine Aenderung getroffen, dann von Herzen gern, aber wie die Verhältniſſe jetzt ſtehen, nicht. Ich bin feſt entſchloſſen, mit dem Dampfer nach Rio zu fahren.“ „Gut, dann aber folge ich Ihnen. In kurzer Zeit kann ich meine ſämmtlichen Arbeiten hier beendet haben, und dann ſprechen wir ein weiteres Wort über dieſe Präſidialwirthſchaft, der unter 238 jeder Bedingung ein Ende gemacht werden muß. Ich habe haarſträubende Dinge in Santa Catha⸗ rina gehört und Beweiſe dafür in Händen, mit den achtbarſten Leuten der Inſel zu Zeugen. Denen wird die Regierung in Rio ihr Ohr nicht verſchließen.“ „Ich bin Ihnen ſehr dankbar für Ihre Be⸗ mühungen, aber es wird Nichts helfen,“ ſagte Sarno achſelzuckend—„hier in Braſilien geht nun einmal Alles ſeinen gewohnten Schlendrian, und nur wer keine ſchmutzigen Hände ſcheut, kann ſich allein emporarbeiten. Ich paſſe aber zu derlei Intriguen nicht, und werde ruhig wieder meine Vermeſſungen beginnen, bei denen ich doch we⸗ nigſtens nur Arbeit und keinen Aerger habe.“ „Aber Sie bleiben, bis ich komme, in Rio?“ „Ich werde unter fünf oder ſechs Wochen nicht von dort wegkommen.“ „Deſto beſſer— dann treffen wir uns jeden⸗ falls. Sie wohnen?“ „Im Hotel Pharoux.“ „Schön; weiter brauche ich Nichts.“ „Und Könnern?“ fragte Sarno und ſah lächelnd zu ſeinem jungen Freunde auf—„haben Sie reuſſirt? Aber zum Henker, Mann, Sie ſehen daß Sie einen Korb nach Hauſe bringen?“ „Eliſe wird mein Weib,“ ſagte Könnern feſt. „Und dabei ſchneiden Sie ein Geſicht,“ lachte Sarno,„als ob Ihnen das größte Unglück be⸗ gegnet wäre. Sie haben Etwas auf dem Herzen...“ „Ja,“ ſagte Könnern zögernd—„es iſt— Etwas vorgefallen, das mein Glück nicht ſtört, aber doch hinausſchiebt; geſtatten Sie mir jedoch, daß ich jetzt noch darüber ſchweige.“ „Mein lieber, beſter Freund!“ rief Sarno gutmüthig—„Sie glauben doch um Gottes willen nicht, daß ich Sie habe aushorchen wollen?“ „Sie ſollen Alles erfahren, denn ich bin es Ihnen ſchuldig,“ erwiederte Könnern,„aber— ich muß erſt ſelbſt mit mir im Klaren ſein. Ehe Sie Rio verlaſſen, ſehe ich Sie jedenfalls dort, denn auch mich werden bis dahin meine Geldgeſchäfte nöthigen, die Hauptſtadt zu beſuchen. Wen habe ich denn auch noch in Santa Clara, wenn Sie Beide den Ort verlaſſen?“ „Dann treffen wir uns alſo Alle in Rio, und nun kommen Sie her und helfen Sie mir ein Wenig mit packen, daß ich die verwünſchten Kiſten und Koffer in Ordnung kriege. Das weiß der Böſe, was man für eine Quantität Gepäck zu⸗ * 240 ſammenbringt, wenn man ſich erſt einmal ein paar Jahre an einem Platze aufgehalten! Ein Glück nur, daß mir Herr von Reitſchen— durch einen Unterhändler natürlich— meine Möbel hat abkaufen laſſen, ich müßte ſonſt wahrhaftig eine Auction anſtellen.“ Könnern wie Günther halfen jetzt Beide dem Freunde ſeine Sachen ordnen, da die Abfahrt des Dampfers auf heute Abend feſtgeſetzt war, und Sarno ſich gegen vier Uhr, um die rückgehende Fluth zu benutzen, einſchiffen mußte. Eine Menge Leute, und zwar die achtbarſten der Colonie, kamen auch heute noch, ihrem bisherigen Director Adieu zu ſagen und ihm zu verſichern, wie leid es ihnen thue, daß er ſie verließe. Dann kam der Trans⸗ port des Gepäcks zum Boote, welchen Jeremias übernommen hatte, und mit ſeinem Handkarren wahre Wunder leiſtete. Der Weg zur Landung war allerdings nicht ſo nahe, aber er ging von der Thür des Direc⸗ tionsgebäudes an immer leiſe bergab, und der kleine kräftige Burſche lud enorme Quantitäten von Koffern und Kiſten auf, mit denen er dann im ſcharfen Trabe und in Schweiß förmlich ge⸗ badet, aber immer guter Laune, ſeinem Beſtim⸗ mungsorte zueilte. zuſammen, und unten an der Bootlandung lagen ſämmtliche Soldaten faul ausgeſtreckt im Schatten und ſahen zu,„wie der alte Director fortgeſchickt wurde.“ Sie lachten auch unter einander und machten ihre frechen Bemerkungen, aber keiner der Drei achtete auf ſie. Die verſchiedenen Colli wurden an Bord genommen, und Sarno wandte ſich jetzt erſt noch einmal zu ſeinem bisherigen treuen Factotum, Jeremias, welcher ſich beſcheiden zurückgezogen hatte und neben ſeinem leeren Karren ſtand. „Hieher, alter Freund,“ ſagte er zu ihm— „Du biſt der Letzte, der noch eine Forderung an mich hat.“ „Wenn Sie's nur gar nicht erwähnen wollten, Herr Director,“ ſagte Jeremias, und die Thränen ſtanden ihm dabei in den Augen—„hol's der Teufel, ich wollte— es wäre der Andere, den ich hätte herunterkarren müſſen! Hurrje, mit wel⸗ chem Vergnügen wäre das geſchehen— aber Gott ſtraf' mich, wenn er hier in der Colonie eine Stunde ſeines Lebens froh werden ſoll! Da iſt er, das iſt richtig, aber er wird froh ſein, wenn er den Platz hier erſt wieder mit dem Rücken anſieht!“ Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. II. 16 242 „Mach' keine dummen Streiche,“ warnte ihn Sarno,„und gebt dem Herrn keine gegründete Urſache zur Klage; Ihr habt es Euch ſonſt ſelber zuzuſchreiben, wenn er Euch das Leben ſauer macht.“ „Ja, aber.. „Schon gut, Jeremias— hier iſt eine Klei⸗ nigkeit für Deinen letzten Monat und die heutige Arbeit...“ „Aber Herr Director!“ rief Jeremias ordent⸗ lich erſchreckt, als ihm Sarno eine ganze Hand voll Milreis in den Hut warf—„das kann ich ja gar nicht nehmen— ich bin ſo den letzten Monat ſchmählich fauxl geweſen— das müßte mir ja auf der Seele brennen!“ „Dann betrachte es als Strafe,“ lächelte Sarno—„und nun Adieu, Ihr lieben Freunde, die Ihr noch bis zuletzt bei mir ausgehalten habt. Adieu, Könnern, Adieu, Schwartzau, auf Wieder⸗ ſehen in Rio!“ und in das Boot ſpringend, gab er das Zeichen zum Abſtoßen. Die Ruderer ließen ihre Riemen einfallen; der Bug des trefflich ge⸗ bauten Bootes fiel vom Lande ab, und während noch ein freundliches Lebewohl herüber⸗ und hin⸗ übergewinkt wurde, ſchoß das kleine Fahrzeug ſeine Bahn entlang dem Dampfer zu. — Hinter ihm aber folgte ein anderes kleineres, von vier Soldaten gerudert, welches den Befehl gehabt zu warten, bis der bisherige Director unterwegs ſei. Es brachte die Briefe und De⸗ peſchen des neuen Directors an Bord. Herr von Reitſchen hatte ſich dem Abſchied von ſeinem Vorgänger entzogen. 16* 10. Bux& Comp. Könnern und Günther waren zuſammen Arm in Arm in der Richtung nach Bohlos' Hotel, wo ſie jetzt wohnten, zurückgegangen, und Jeremias folgte ihnen in einiger Entfernung mit dem leeren Karren. Er hatte das erhaltene Silber in ſeine Hoſentaſche geſteckt und fühlte von Zeit zu Zeit danach, ſah ſich auch wohl manchmal in der Straße um, ob ihm das Gewicht nicht etwa die Taſche zerriſſen hätte und er jetzt, zum Beſten der Coloniſten, Milreis auf den Weg ſtreue. Unter⸗ wegs aber, als er ſich ziemlich allein ſah, blieb er ſtehen, hob ſeine Taſche etwas mit der rechten Hand und ſagte leiſe vor ſich hin: „Verwünſcht ſchwer geworden heute— kann's wahrhaftig nicht mehr länger ſo am Beine herum⸗ tragen und muß wieder einmal damit auf die „Bank“ gehen— und kann ich abkommen? Hm! Bei meinem jungen Herrn Grafen die Pferde ab⸗ reiben, denn die werden wieder ſchön abgehetzt nach Hauſe gekommen ſein— aber das kann warten— thu' ich hernach beim Füttern— bei Bodenlos ſollte ich heute Flaſchen ſpülen— das hat auch bis morgen Zeit— beim Baron die Pfeifen rein machen— er mag heute noch ein⸗ mal aus einer alten rauchen— und beim Tiſchler Bitter— Donnerwetter, der hat heute Kindtaufe und dem ſollt' ich den Kuchen vom Bäcker holen, das hab' ich doch in den Boden hinein vergeſſen! Na, jetzt iſt's doch zu ſpät und er wird ſich ihn nun wohl ſelber geholt haben, der Kindtaufsvater — man kann ja auch nicht an Alles denken, und heute iſt's überhaupt zugegangen wie in Sodom und Gomorrha. Alſo abgemacht— zuerſt geh' ich auf die Bank und deponire meine Capitalien — dann müſſen vor allen Dingen die Pferde beſorgt werden, und nachher— ach was, nachher iſt Feierabend und morgen noch ein Tag!“— und damit hakte er ſein Tragband wieder ein und zog den Karren pfeifend die Straße hinauf V 246 und der Stelle zu, wo er ihn gewöhnlich unter⸗ ſtellte— in einem von Bohlos' Schuppen.—— Oben vor ſeinem Hauſe ſtand Juſtus Kern⸗ beutel, und zwar heute, mitten in der Woche, in ſeinem Sonntagsſtaat, einem blauen Frack mit gelben Knöpfen, einem Paar großcarrirter Hoſen, gelber Piquéweſte, einer hellblauen ſeidenen Hals⸗ binde und einem zwar etwas abgetragenen, aber doch wieder ſorgfältig abgebürſteten Hut auf, ein kleines ſpaniſches Rohr mit einem großen ge⸗ ſchliffenen Glasſtein als Knopf unter dem Arm, und jedenfalls gerade im Begriff, irgend einen wichtigen Beſuch zu machen— denn zu einem Spaziergang brauchte er ſich nicht ſo anzuziehen. Die Straße herauf kam ein junger Mann im Schritt angeritten; er war in die gewöhnliche Tracht der dortigen braſilianiſchen Farmer ge⸗ kleidet, mit breitrandigem Strohhut auf, und gerade als ſich Juſtus zum Gehen wandte, rief er ihn an:„He— holla— halt, Freund!“ Juſtus drehte ſich um und wartete auf ihn, und als er herankam, ſagte er weiter Nichts als: „Und?“ „Ihr wollt ausgehen?“ fragte der junge Mann —„da komme ich gerade zur rechten Zeit. Iſt mein Rock fertig?“ —— 241 „Morgen,“ ſagte Juſtus in größter Gemüths⸗ ruhe—„nur noch die Knöpfe anzuſetzen.“ „Ei zum Henker, Mann, das hättet Ihr dann aber auch noch vorher thun können! Ich brauche den Rock heute Abend und werde nun ſchon drei Wochen immer von Tag zu Tag darauf vertröſtet. Wenn Ihr nicht arbeiten wollt, ſo ſagt's doch lieber gleich heraus und habt die Leute nicht zum Narren.“. „Hoho,“ rief Juſtus,„nur nicht ſo vornehm, Herr Köhler— hier in Braſilien thut Jeder, was ihn freut, und ein Künſtler läßt ſich nun einmal gar keine Vorſchriften machen.“ „Ach was, Künſtler,“ rief Köhler ärgerlich, „wenn die Schneider auch noch Künſtler werden, nachher hört's auf!“ „Ich verbitte mir alles Schimpfen!“ rief Juſtus und wurde ganz roth im Geſichte. „Holla, zankt Euch nur nicht,“ lachte ein Vorübergehender, der Wirth Buttlich;„Ihr Deutſchen ſollt ja einig ſein, wißt Ihr denn das nicht? Iſt ja eine ganz alte Geſchichte—“ und vergnügt vor ſich hinpfeifend, ſchlenderte er in eine Nebenſtraße hinein. „Zanken,“ brummte Juſtus vor ſich hin,„wer zankt ſich denn? Ich will ja gern meine Kunden 248 befriedigen, wenn ſie nur höflich ſind. Das iſt das Wenigſte, was ein Künſtler außer der Be⸗ zahlung verlangen kann.“ „Und wann ſoll ich den Rock haben?“ „Morgen früh beſtimmt, auf Ehre!“ rief Juſtus;„mehr kann ich nicht ſagen, das iſt mein höchſter Schwur.“ „Und um wie viel Uhr kann ich herunter⸗ ſchicken?“ „So früh Sie wollen, und wenn's um neun Uhr iſt.“ „Gut; aber was iſt denn das, Kernbeutel, ſeid Ihr irgendwo zu Gevatter gebeten, daß Ihr Euch ſo furchtbar herausgedonnert habt? Ihr glänzt ja ordentlich wie ein neuer Knopf.“ „Hm,“ ſchmunzelte Juſtus, an ſeinen carrirten Beinen hinunterſehend,„heute iſt Thé dansant und Concert bei Zuhbel, zur Feier des neuen Direc⸗ tors— wenigſtens dazu, daß wir den alten los ſind, und da muß man ſich doch anſtändig an⸗ ziehen.“ „Hm, da hättet Ihr auch etwas Beſſeres feiern können,“ meinte der junge Mann.„Der alte Director war ein Ehrenmann, und ich will zu Gott hoffen, daß der neue eben ſo gut einſchlägt, glaub's aber nicht. Wenn Ihr übrigens nach Zuhbels hinaufgeht, ſo haben wir, wenigſtens ein kurzes Stück, einen Weg, denn ich will nach Bar⸗ thel's Chagra hinüber.“ „Da reiten Sie aber doch näher die Straße, die hier hinüberführt.“ „Es iſt dort eine Colonie ausgemeſſen, die ich mir einmal anſehen wollte,“ ſagte Köhler—„der Bach läuft durch, und vielleicht ließe ſich dort eine Mühle anlegen.“— Und die beiden Männer, Juſtus neben dem Pferde her, hielten zuſammen die Straße hinauf, bis ſie ein Stück im Walde waren; dann bog Köhler links ab an dem Hange hin und Juſtus Kernbeutel ſetzte ſeinen Weg allein fort. Es ging hier eine kurze Strecke ziemlich ſteil hinauf, und Juſtus, der nicht wünſchte, ſich in Schweiß zu bringen, ſtieg ſehr langſam bergan. Die Sonne war noch eine halbe Stunde hoch, und er konnte, ohne ſich zu übereilen, Zuhbel's Chagra recht gut vor oder wenigſtens mit Dunkelwerden erreichen. Als er die Höhe des Weges gewonnen hatte,— an der rechts ein ſteiler, aus rauhen Blöcken⸗-be⸗ ſtehender Felshang emporragte, drehte er ſich um, theils um auszuruhen, theils um einen Blick auf die ſich hier weit ausdehnende Scengrie zu werfen, —250 die am Horizont ſogar durch das Meer begränzt wurde. Das Städtchen ſelber konnte er von hier oben aus nicht ſehen, da es hinter dem dichten Gebüſche und Unterholze verſteckt lag. Juſtus war übrigens, wie man danach vielleicht hätte glauben können, keineswegs ein großer Ver⸗ ehrer von Naturſchönheiten, und wenn er einen großen Berg hinaufſtieg, fluchte er gewöhnlich leiſe vor ſich hin, bis er oben war; aber er verſäumte nie, auf allen den Punkten gewiſſenhaft anzu⸗ halten, von wo aus er das Meer ſehen konnte, und auch nicht etwa, weil er es liebte— Gott bewahre— nein, nur um ſich zu freuen daß er nicht mehr darauf war und, feſten Boden unter ſeinen Füßen hatte. Auf der ganzen Seereiſe war er nämlich, von dem Augenblicke an wo er ſich in Bremerhaven eingeſchifft, bis zu dem Moment wo er in die Mündung des Santa Clara mehr wie ein Sack, als wie ein lebendiger Paſſagier hineingerudert worden, ſo ſeekrank geweſen, daß ihm noch bis — auf den heutigen Tag übel wurde, wenn er nur Theer roch und dadurch wieder lebhaft an ſeinen Aufenkhalt an Bord erinnert wurde. Sah er aber ſo recht von Weitem aus die endloſe blaue Fläche, oder konnte er gar die weißen Kämme überſtür⸗ 251 zender Wellen erkennen, dann erfaßte ein eigenes inneres Wohlbehagen ſeine Seele, er rieb ſich die Hände, ſtampfte mit den Füßen, ſchnalzte mit der Zunge und machte oft die wunderlichſten und außergewöhnlichſten Capriolen, um ſein unbän⸗ diges Vergnügen auszudrücken. Heute fühlte er ſich dazu in ganz beſonders günſtiger Stimmung— war es die Ausſicht auf den vergnügten Abend, war es der neue Anzug, den er trug und den er, in Ermangelung eines Modejournals in Santa Clara, einem Theil der Bevölkerung vorzuführen dachte; war es vielleicht die friſche, kühle Abendluft, die hier draußen wehte, oder auch die Wirkung einiger Gläſer Cognac, die er vorher zu ſich genommen, kurz, er blieb ſtehen, nahm den Hut ab, machte dem einige Meilen ent⸗ fernten Meere eine ſehr formelle, ehrerbietige Ver⸗ beugung und ſagte: 4 „Ich empfehle mich Ihnen ganz gehorſamſt, ſehr verehrtes Brechmittel, Salzwaſſerpfütze ver⸗ fluchte, die Einen herumſchlenkert, daß man am Ende gar nicht einmal mehr weiß, wo Einem der Kopf oder wo die Füße ſitzen. Hier, hier komm“ her, wenn Du dazu Courage haſt— hier auf dem Felſen ſchaukele mich einmal, wenn Du kannſt, und wirf mich herüber und hinüber, wie einen ſchlechten Groſchen— ääh!“ ſetzte er hinzu, eine Grimaſſe gegen das Meer ziehend—„ſo viel für Dich und alle das dumme Geſindel, das ſich auf Dir jetzt herumſchütteln läßt, um nach Brumſilien zu kommen— hei, wie die Kerle torkeln und wie hundeſchlecht ihnen iſt— wie ſie würgen und ächzen— wenn ich ſie nur ſehen und meine Freude an ihnen haben könnte!— Hurrah für feſten Bo⸗ den— hurrah hoch für ſoliden Steingrund!“— und ſeinen Hut in die Luft werfend, machte er ſelber einen Sprung und ſchlug dabei mehrere Mal die Füße zuſammen. „ Na, Gott ſtraf' mich,“ ſagte da plötzlich eine Stimme dicht an ſeiner Seite,„wenn das nicht über den grünen Klee geht!“ Erſchreckt fuhr Juſtus herum, denn er hatte vorher keinen Menſchen bemerkt, und ein unheim⸗ liches Grauſen lief ihm über den Rücken, als er auch jetzt noch Niemanden neben ſich ſah, denn der Weg war vollkommen leer. „Bux!“— der Gedanke ſchoß ihm plötzlich durch's Hirn, als er laut den Namen rief—„das iſt kein Anderer, als der verfluchte Bux— wo nur der Himmelhund ſteckt?“ Ein lautes, ordentlich wieherndes Gelächter antwortete ihm von einem der Felſen unweit der 253 Straße, und als er hinaufſah, ſaß der Bauchredner da oben, ſchnitt aber jetzt ſchon wieder ein ſo fin⸗ ſteres Geſicht, daß Juſtus ordentlich unſicher wurde, ob nun nicht eben Jemand neben ihm durch den Bauch gelacht und es nur ſo geſchallt hätte, als ob der Ton von da oben käme. „Was, zum Teufel, machſt Du denn da auf der Kanzel oben?“ rief er ihm erſtaunt zu. „Gerade das Entgegengeſetzte von dem, was Du thuſt,“ ſagte Bux mürriſch—„ich gucke'nun⸗ ter und Du'rauf. Aber komm' her, ich habe was mit Dir zu reden.“ „Ja, komm' her, das iſt leicht geſagt,“ meinte Juſtus,„aber wie kann ich hinauf? Komm' Du hieher, das iſt bequemer.“ „Wenn Du nicht willſt, läßt Du's bleiben,“ brummte der mit der Silbertreſſe—„ſo behalt' ich's für mich.“ „Hm,“ ſagte Juſtus, neugierig werdend— „ich zerreiße mir die neuen Hoſen und will noch in Geſellſchaft.“ 4 Bux antwortete ihm nicht und pfiff gleichgültig in's Blaue hinein, und Juſtus, der jetzt eine Stelle entdeckt zu haben glaubte, an der er ziemlich be⸗ quem aufwärts ſteigen konnte, kletterte mit einigen Schwierigkeiten, denn ſeine„Strupfen“ genirten 254 ihn, über das rauhe Geſtein empor, wobei er be⸗ ſonders ängſtlich den Dornen auszuweichen hatte. Als er übrigens unterwegs einmal nach oben ſah, war Bux verſchwunden, und erſt als er den Stein ſelber erreichte auf dem er geſeſſen, entdeckte er den Bauchredner hinter den Felſen dort, wo er von dem Wege aus gar nicht geſehen werden konnte. Er hatte ſich auf ein kleines Fleckchen Grasboden geworfen und ſchien die Ankunft ſeines neuen Freundes ruhig zu erwarten. „Was, zum Henker, machſt Du denn hier?“ ſagte Juſtus, als er den Platz endlich erreicht hatte und ſich dabei das linke Knie rieb, das er ſich gegen einen Felſen geſtoßen.„Das iſt ja ein ganz verfluchter Weg hier herauf.“ „Ich überlege mir eben,“ ſagte Bux ruhig,„ob ich mich am Liebſten hängen oder erſäufen ſoll, denn ſo viel Geld habe ich nicht mehr, um mir eine Ladung Pulver und eine Kugel zu kaufen, und zum Hängen kann man Baſt nehmen. Aber ich glaube, das Erſäufen ſagt meiner Natur beſ⸗ ſer zu.“ „Und um Dich zu erſäufen, biſt Du hier oben auf den Berg geklettert,“ lachte Juſtus,„wo nicht einmal ſo viel Waſſer iſt, um ſich die Finger naß zu machen zum Banknoten zählen? Das iſt nicht ſo übel.“ Buyx antwortete nicht; er lehnte ſich mit dem Rücken an den Felſen, hielt ſein linkes Knie mit beiden Händen umſpannt und ſchaute finſter vor ſich nieder. Juſtus ſah ihn eine Weile an, dann fragte er:„Was war denn das, was Du mir ſagen wollteſt?“ „Jetzt ſitz' ich drin,“ brütete Bux weiter, ohne die Frage zu beantworten—„mit den Vorſtel⸗ lungen iſt es Nichts mehr. Geſtern Abend waren drei Perſonen drin, von denen zwei nicht einmal bezahlt hatten, und ich brauche zwölf, um nur Beleuchtung und Miethe zu bezahlen. Die gott⸗ verfluchten Schufte wollen mich zwingen, daß ich die Kinder nicht ſoll tanzen kaſſen, und wozu hab' ich denn da die blutigen Rangen.— Verhungern will ich aber nicht— Gott ſtraf' mich!“ rief er, ſein Knie loslaſſend und ſeine Fauſt in die andere Hand ſchlagend—„und wenn ſie mich dazu treiben.. Seine Augen blickten ſtier und wild, und in den ſchmutzigen, gemeinen Zügen glühte ordentlich Haß und tückiſche Bosheit. „Ei, zum Wetter,“ ſagte Juſtus, der immer 256 noch ſolidere Anſichten vom Leben hatte—„wenn's mit der„Kunſt“ nicht geht, dann verſuch's einmal eine Weile mit der Arbeit— verding' Dich bei einem Bauer und...“ „Daß ich mich ſchinde und plage für ein paar Milreis, nicht wahr, nur um der Heullieſe, meiner Frau, und den Rangen die Bäuche zu füllen? Verdammt, wenn ich's thue— da verſuch' ich noch wenigſtens erſt, ob nicht auf andere Weiſe „was zu machen iſt— he, Schneider!“ ſagte er plötzlich und ſah zu Juſtus mit einem ſcharfen, forſchenden und doch mißtrauiſchen Blick auf— „biſt Du ein Kerl, auf den man ſich verlaſſen kann?“— „Nanu?“ ſagte Juſtus und ſah erſtaunt zu ihm nieder. „Ich meine,“ fuhr Bux fort,„ob Du das Herz auf dem rechten Fleck haſt, wenn es einmal gilt. Du biſt auch arm wie eine Kirchenmaus, wenn Du auch jetzt die paar bunten Lappen um Dich herum hängen haſt; die Schulden freſſen Dich bald auf, und eh' das Jahr um iſt, jagen ſie Dich ſo zum Platz hinaus— halt's Maul, ich weiß Alles, und mir brauchſt Du Nichts weis zu machen, aber—wenn Du Dir nun mit einem Griff hel⸗ fen und Alles wieder in's Reine bringen könnteſt?“ 257 „Donnerwetter!“ ſagte Juſtus, und ſeine Augen wurden immer größer—„was haſt Du nur? Weißt Du einen Fleck, wo ein Haufen Gold liegt— aber warum haſt Du ihn Dir da nicht ſchon lange ſelbſt geholt?“ „Weil Einer allein Nichts ausrichten kann,“ knurrte Bux,„und mit meiner Vettel von Weib Nichts anzufangen iſt. Doch ich will nicht länger hinterm Buſche halten, denn Du verräthſt mich nicht, ſo viel weiß ich— dächteſt Du daran, bei Höll' und Teufel, ich riſſe Dir das Herz lebendig aus dem Leibe!“ „Aber was haſt Du nur?“ rief Juſtus wirk⸗ lich erſchreckt. „Hör' zu,“ ſagte Bux, ſich ſelbſt auf dieſem abgelegenen Platz ſcheu umſehend, ob ſie Niemand höre—„Du weißt, daß der neue Director ange⸗ kommen iſt.“ „Jedes Kind weiß das,“ brummte Juſtus— „wir feiern's heute.“ „Du weißt aber nicht, daß er einen Haufen Geld mitgebracht hat,“ fuhr Bux fort,„um eine Menge Leute abzulohnen, welche der frühere Director angeſtellt hatte.“ „Und was hilft uns das?“ „Von Buttlich weiß ich's,“ fuhr Bu fört, ohne Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. II. 258 ſich ſtören zu laſſen—„und ich ſelber habe ge⸗ ſehen, wie der ſchwere Koffer hinauf getragen wurde. Buttlich hat mir aber ebenfalls erzählt, daß nächſter Tage eine große Geſellſchaft oder ein Ball bei der Frau Gräfin iſt— dahin geht der Director jedenfalls, und das Haus iſt oben leer — Juſtus, haſt Du Courage?“ „Ne,“ ſagte dieſer, ganz entſchieden mit dem Kopf ſchüttelnd—„zu ſo'was nicht— hol's der Teufel, das klingt im Anfang ganz gut, aber nachher wird's auf einmal faul, und dann ſitzt man drin. Ne, Bux, das wollen wir doch lieber nicht machen.“ „Memme!“ knirſchte der Burſche zwiſchen den Zähnen durch—„habe mir's bald gedacht, daß Du zu Nichts zu gebrauchen biſt.“ „ und wenn ſie uns erwiſchen?“ „Wenn wir's ſo dumm machen, verdienen wir's nicht beſſer!“ „Ne,“ ſagte Juſtus noch einmal nach einer kleinen Pauſe, in welcher er die Sache hin und her erwogen hatte—„ich verdiene gern einen Thaler Geld und— bin auch nicht übereigen, wie, aber auf die Art— nachher in Eiſen nach Rio hinauf geſchafft werden und dort in das Loch, wo man erſt am gelben Fieber ſtirbt, ehe man gehangen wird— Gott ſoll mich bewahren, da— ernähr' ich mich lieber von meiner Kunſt, wenn's auch ein Hundeleben iſt!“ „Eſel!“ grinſte da Bux plötzlich vor ſich hin —„Du biſt doch, Gott ſtraf' mich, zu dumm, daß Du glaubſt, ich dächte an ſo'was. Sitzt der Kerl auf— hahahahaha!“ Juſtus ſah ihn erſtaunt an. „Alſo war's nur Spaß?“ fragte er verdutzt. „Na, Du glaubſt wohl ich wär' ein Ein⸗ brecher im Ernſt?“ lachte Bux—„ne, Juſtus, für dumm hab' ich Dich immer gehalten, aber für ſo dumm doch wahrhaftig nicht.“ „Du machteſt aber ſo ein ernſthaftes Geſicht dabei.“. Bux war aufgeſtanden und ſah über den Felſen hin nach dem Weg hinüber. Sein ſcharfes Ohr hatte einen Schritt auf dem harten Boden ge⸗ hört, und es dauerte auch nicht lange, bis ein Mann den Weg kam, der anſcheinend die Rich⸗ tung nach Zuhbel's Chagra einſchlug. „Kommt Jemand?“ fragte Juſtus. „Iſt das nicht der Lump, der Jeremias?“ ſagte Bux, der nur eben mit ſeinen Augen über den Stein hinausſchaute— Juſtus nahm ſeinen Hut ab und ſah ebenfalls vorſichtig hinüber. 17* 260 „Ja wohl,“ flüſterte er,„das iſt die roth⸗ köpfige Canaille, ſeine Perrücke leuchtet ja wie Feuer durch den Wald. Wo will denn der noch heute Abend hin? zu Zuhbel's doch wahrhaftig nicht, denn der würf' ihn den Augenblick aus dem Hauſe.“ „Und wie er ſich immer umguckt,“ flüſterte Bux zurück,„genau ſo, als ob er ein bös Ge⸗ wiſſen hätte.“ Es war in der That Jeremias, der, ſeinen Hut in der Hand, den Weg von der Colonie herauf gekommen war und jetzt auf derſelben Höhe ſtehen blieb, auf welcher Juſtus gehalten, um nach der See zurückzuſchauen. Auch Jeremias ſah ſich ein paar Mal um, aber es ſchien, als ob die Sce⸗ nerie ſeine Aufmerkſamkeit nicht feſſeln könne, denn er drehte den Kopf bald der Richtung zu, von welcher er gekommen, bald der entgegengeſetzten, gerade als ob er Jemanden erwarte und nicht wiſſe, von welcher Seite er kommen würde.“ „Was zum Teufel hat denn der? Auf wen wartet er denn?“ flüſterte Bux, als Juſtus ſeinen Arm ergriff, drückte und ihn durch ein Zeichen warnte, vorſichtig zu ſein. Bux ſah ihn erſtaunt an. Jeremias, der nicht daran dachte, daß da oben zwiſchen den Steinen irgend ein menſchliches 261 Weſen ſitzen könne, ſchritt vorſichtig weiter und bog endlich, kurz vorher, ehe ihn die Wendung der Straße den Nachblickenden verborgen haben würde, in eben dieſelbe Felswand ein in der die Beiden ſtanden. Er mochte jetzt ungefähr hundert Schritte von ihnen entfernt ſein, als Juſtus ſich zu Bux über⸗ bog und flüſterte: „Bux, ich ſetze meinen Hals zum Pfande, daß der Schuft jetzt nach dem heimlichen Verſtecke kriecht, wo er ſein Geld vergraben hat. Wenn wir das ausfinden könnten, da wäre ein Fang zu machen, und dem Halunken gönnt' ich's.“ „Glaubſt Du wirklich?“ ziſchelte Bux zurück und ſtieg auf einen der nächſten Steine, um den kleinen Burſchen nicht aus den Augen zu verlieren. Es war jetzt auch gar keine Gefahr mehr, daß ſie geſehen würden, denn Jeremias drehte ihnen den Rücken zu. „Gewiß,“ ſagte Juſtus—„was ſollte er denn ſonſt hier oben zwiſchen den Steinen herum zu kriechen haben, und daß er Geld irgendwo ver⸗ gräbt, weiß ich ganz gewiß.“ „Komm,“ winkte Bux, als Jeremias jetzt ge⸗ rade hinter dem Rücken der nächſten Abdachung verſchwunden war—„zwiſchen den Blöcken hier 262 kann er uns nicht ſehen, und vielleicht bekommen wir ihn da drüben wieder in Sicht“— und ohne eine weitere Antwort ſeines Kameraden abzu⸗ warten, ſprang er von ſeinem Stein herunter, und glitt wie eine Schlange zwiſchen den Felsſtücken hin der Richtung zu, in der Jener verſchwunden war. Juſtus konnte ihm in ſeinen engen Kleidern und beſonders mit den Stegen an den Hoſen, welche ihn im Steigen hinderten, kaum folgen. Bux erwies ſich übrigens als ein vortrefflicher Spürhund, denn ſein Terrain mit einer wahren Meiſterſchaft benutzend und jeden Fels, jeden Baum zur Deckung brauchend, pirſchte er ſich raſch und vollkommen geräuſchlos weiter vor, und ſah ſich nur manchmal unwillig nach Juſtus um, wenn dieſer achtlos auf einen dürren, knackenden Zweig trat oder an einen lockern Stein mit dem Fuße ſtieß— Dinge, die er verſchiedene Mal möglich machte. Jetzt hatte er den ſcharfen Kamm, welcher aber hier nicht ſo ſteil ablief und einen Blick über die nächſte enge Schlucht geſtattete, erreicht, und ent⸗ deckte auch Jeremias ſchon an der andern Seite derſelben, an der er in die Höhe kletterte. Die Schlucht lag übrigens vollſtändig vom Wege ab und tief und ſicher verſteckt mitten im Walde. 8 263 Bux mußte hier abwarten, bis Jeremias wieder aus Sicht war, und Juſtus kam indeſſen auch heran. 3 „Iſt er da?“ Bux deutete nur einfach mit dem Arm über die Schlucht, wo die lichten Kleider des Deutſchen, der langſam an dem Hang hinſtieg, deutlich hinter den Büſchen ſichtbar waren, wohl einmal einen Augenblick verſchwanden, aber doch immer wieder zum Vorſchein kamen. „Wenn er noch lange macht,“ flüſterte Juſtus, „geht die Sonne unter, nachher wird's Nacht.“ Bux hob nur warnend die Hand, daß er ſchwei⸗ gen ſolle, denn Jeremias war ſtehn geblieben und bückte ſich dort. Die beiden Männer ſchauten ihm mit der geſpannteſten Erwartung zu, aber keiner von ihnen ſprach ein Wort weiter, denn das da drüben mußte der Platz ſein. Was Jeremias eigentlich machte, konnten ſie freilich nicht erkennen, aber während ihm Juſtus mit größter Aufmerk⸗ ſamkeit zuſchaute, merkte ſich Bux genau die ver⸗ ſchiedenen Büſche, einen einzeln ſtehenden Baum, eine junge Palme und einen Felsblock, an dem wie ein Teller groß ein Moosfleck wucherte. Jeremias hatte ſich etwa zehn Minuten an der Stelle aufgehalten; jetzt richtete er ſich wieder 4 264 empor und ſchien erſt vorſichtig umzuſchauen, ob er kein lebendes Weſen erkennen könne. Aber Todtenſtille herrſchte im Walde, über welchem nur ein einzelner Raubvogel kreiſte und dann und wann ſeinen eigenthümlich ſchrillen Ruf ertönen ließ. Der kleine Burſche mußte ſich auch für voll⸗ kommen ſicher halten, denn er ſtieg jetzt auf einem andern Wege, als er gekommen, und vorſichtig von Stein zu Stein tretend, gerade in die Schlucht hinab und der Richtung nach genau auf die Stelle zu, wo die Beiden auf der Lauer lagen. Erwarten durften ſie ihn hier aber keinesfalls, und Bux, wieder hinter die nächſten Steine zurückgleitend, ergriff Juſtus' Arm und zog ihn noch etwas weiter den Hang hinauf hinter ein Dickicht von Lorberbäumen, wo er ſich niederkauerte und ſeinem Begleiter ein Zeichen gab, das Nämliche zu thun. In dieſer Stellung blieben ſie etwa eine Viertel⸗ ſtunde, und erſt als die Sonne den obern Rücken der weſtlichen Gebirge berührte, hob ſich Bux wieder in die Höh und ſchritt auf ſeinen alten Stand zurück, um zu erforſchen, ob ſich noch Etwas von Jeremias erkennen ließ. Dieſer mußte ſich aber jedenfalls— und für ihn auch der bequemſte Weg— die Schlucht hinunter gewandt haben, deren Mündung wahrſcheinlich unten wieder auf „ 265 den Weg oder doch wenigſtens in deſſen Nähe führte. Es war nicht das Geringſte mehr von ihm zu erkennen. Trotzdem zögerte Bux, hier gerade die Schlucht hinab zu ſteigen, wo ſie ſich jedenfalls ganz offen zeigen mußten, und zog es vor, einen kleinen Umweg zu machen. Dort be⸗ günſtigte ſie außerdem das Terrain ganz beſonders, da ſich, ein kleines Stück weiter oben, eine Ter⸗ raſſe über die Schlucht hinüber zog und dadurch einen dünnen Waſſerfall bildete, mit dem ſich der Bergbach den Hang hinunter warf. Sie erreichten, außerdem faſt überall durch Gebüſch gedeckt, die andere Seite der Schlucht dadurch viel früher und konnten nun ohne weiteres Zögern ihrem Ziel entgegen rücken, denn ſo lange hatte ſich Jeremias hier keinesfalls aufgehalten. Außerdem durften ſie nicht mehr viel Zeit verlieren, denn ſchon rötheten ſich die Wolken im Weſten. Bux verſäumte aber auch in der That nicht viel Zeit. Seine Ortskenntniß ließ Nichts zu wünſchen übrig. Bald hatte er den einzeln ſtehen⸗ den Baum und die junge Palme gefunden; dicht darüber ſtand der Stein mit dem weißen Moos⸗ fleck, und hier war die Stelle, wo Jeremias, zu welchem Zweck auch immer, gehalten hatte. Hier 266 aber war auch der Grund ſo ſteinig, daß er unter keinen Umſtänden gegraben haben konnte. „Zum Henker auch!“ brummte Juſtus, der ſich überall umſah,„hier kann es doch nicht ſein; Du mußt Dich im Platze verſehen haben; ich glaube, es war weiter oben.“ „Dann ſuch' Du weiter oben,“ brummte Bux —„wenn ich mir einmal einen Ort gemerkt habe, find' ich ihn auch wieder, und hier war's. Hat er aber hier Etwas verſteckt, ſo iſt's nicht ver⸗ graben, ſondern liegt unter einem Steine, und dem wollen wir verdammt bald auf die Sprünge kommen. Paß Du nur ein Bißchen auf, daß wir nicht etwa überraſcht werden— wir ſind freilich unſer Zwei, aber— beſſer iſt beſſer“— und ungeſäumt hob er einige der nächſten Steine auf, ohne jedoch das Geringſte zu entdecken— unter denen konnte Nichts verborgen ſein. „Teufel noch einmal!“ brummte er endlich und richtete ſich wieder auf—„wenn hier wirklich'was liegt, iſt es verflucht ſchlau weggeſtaut, und weiß der Henker, wie er's gemacht hat, denn den großen Felsblock da hat er doch wahrhaftig nicht heben können. Das brächten zwölf Menſchen nicht zu⸗ wege.“ „Sieh'mal hier,“ ſagte Juſtus, der etwas mehr ſeitwärts ſtand—„da iſt eine Spalte in dem Fels, aber ſo eng, daß man nicht einmal den Finger dazwiſchen bringen kann.“ Bux ging zu dem bezeichneten Platze, hatte ihn aber kaum ein paar Secunden betrachtet, als er ſich zu der Platte niederbog und daran probirte. „Bei Gott, die bewegt ſich!“ flüſterte er— „und ſiehſt Du, hier oben iſt auch Etwas von dem Stein abgeſtoßen, als ob Jemand mit einem eiſernen Inſtrument daran geweſen wäre.“ „Wenn man nur ein Meſſer dazwiſchen brächte.“ Bux hatte ſein Taſchenmeſſer ſchon heraus, und ohne die Klinge zu öffnen, drückte er es ganz hinein und ſchob daran, bis ſich der Stein etwas ablöſte und er die Finger dazwiſchen bringen konnte. „Schieb Deinen Stock hinein, daß es mich nicht fängt.“ Juſtus gehorchte, und im nächſten Augenblick hob ſich die Platte oben los und zeigte einen ganz eigenthümlich geformten hohlen Raum im Innern, der aber nur mit lockerm Geſtein angefüllt ſchien. Es dämmerte außerdem ſchon, und ſie konnten kaum noch auf zehn Minuten Tageslicht rechnen. „Halte die Platte— ſo— daß ich dahinter greife!“ rief Bux—„aber laß ſie nicht fallen.“ Juſtus hielt ſie mit zitternden Händen feſt, und 268 Bux, der keine Rückſicht auf ſeine Kleider zu neh⸗ men brauchte, zwängte ſich jetzt von der Seite hinein und warf die Steine drin zurück. Plötzlich ſtieß er einen leiſen Jubelruf aus:„Ich hab's!“ „Was?“ rief Juſtus—„was iſt's?“ „Zieh die Platte noch ein klein Wenig zu Dir — ſo— noch ein Bißchen— ſo, jetzt geht's— ein Sack— ein Sack mit Geld— hurrah, das war geglückt!“ und aus dem Geſtein zerrte er einen klingenden Leinwandſack heraus und hob ihn mit Mühe aus der Spalte mit einem Arme zu Tage. „Jemine!“ rief Juſtus und ließ die Platte los, die wieder in ihre alte Lage zurückſank und ſo vortrefflich paßte, daß man nur mit großer Aufmerkſamkeit den Platz entdecken konnte. „Eſel!“ ſchimpfte Bux—„kannſt Du denn den Stein nicht einmal halten, bis man Dir's ſagt? Wenn nun noch mehr drin ſtäke— Du biſt doch zu gar Nichts zu gebrauchen.“ „Na, wie viel Säcke ſoll er denn haben,“ lachte Juſtus—„Junge, Junge, in dem Beutel ſtecken wenigſtens ihre dreihundert Milreis, wenn auch nicht ein einziges Goldſtück dazwiſchen wäre. Aber was machen wir jetzt damit?“ „Wir theilen,“ brummte Bux, der indeſſen mit einiger Mühe die Schnur gelöſt hatte, in den Sack griff, eine Hand voll Münzen herausnahm und in ſeine Weſtentaſche ſteckte. „Du, laß mich auch einmal koſten,“ ſagte Juſtus—„ſchmeckſt Du prächtig!“ „Komm hier fort!“ ſagte Bux, den Sack wieder zubindend— hol's der Henker, der Teufel könnte doch noch ſein Spiel haben— dort drüben im Dickicht ſind wir ſicher.“ „Wenn wir nachher nur wieder zum Wege hinunter finden,“ meinte Juſtus ängſtlich. „Narr, der Mond geht ja in einer Stunde auf,“ brummte der Bauchredner—„und hab' keine Angſt— ich führe Dich ſicher.“— Jeremias, der einmal durch Zufall dieſen wun⸗ derlichen Stein gefunden und— weil er keinem Menſchen ſein mühſam erſpartes Geld anvertrauen wollte— zu ſeinem Depoſitorium benutzt hatte, war indeſſen wieder auf die andere Seite der Schlucht hinübergeſtiegen und wollte derſelben eben thalabwärts folgen, um zu dem Wege und in die Stadt zurückzukehren. Da entdeckte er an einer Stelle im Sand die Spuren eines Stiefels, welche ziemlich friſch zu ſein ſchienen, und er erſchrak heftig darüber. War er etwa von Jemandem bei ſeiner letzten Arbeit beobachtet? War ſein Verſteck entdeckt worden? Doch das konnte ja nicht ſein. Die Fährten hier hatte jedenfalls einer der Co⸗ loniſten eingedrückt, der ſich auf der Jagd in der Gegend herumgetrieben, und bei dem jetzt trockenen Wetter konnten ſie eben ſo gut mehrere Tage alt ſein— was brauchte er ſich deshalb den Kopf zu zerbrechen. Außerdem brach auch die Nacht ſchon an, und er ſtieg raſch den Hang hinab, um die Colonie noch vor völliger Dunkelheit zu erreichen. Nichtsdeſtoweniger fühlte er ſich heute Abend nicht ſo recht behaglich— es drängte ihn ſogar ein paar Mal, wieder umzukehren und ſich ſelber zu überzeugen, ob Alles ſicher ſei— wie aber konnte er glauben, daß irgend ein Menſch der Welt— noch dazu in der Dunkelheit— die Stello auf⸗ finden ſollte. „Und ich wollte doch, ich hätte dem Director das Geld mit nach Rio gegeben,“ brummte er endlich leiſe vor ſich hin— zum Kuckuck, ich habe den Platz gefunden und ein Anderer könnte auch einmal darüber ſtolpern— und noch dazu jetzt, wo das nichtsnutzige Soldatenvolk überall herum⸗ alle der Teufel hole!“ Er hatte den Weg jetzt erreicht und ſchlenderte langſam eine Strecke darauf hin. Die Sonne war ſchnüffelt und ſpionirt— daß die braunen Beſtien unter und es dämmerte ſchon ſtark. Er blieb wieder ſtehen. „Iſt mir doch ganz curios heut zu Muthe,“ murmelte er, indem er ſich nach den Bergen um⸗ ſah,„und ich gäb' was drum, wenn ich noch eine Weile da oben geblieben wäre— es wurde nur gar ſo ſpät— und in den alten Felsblöcken kann man Nachts Hals und Beine brechen.“ Er horchte erſchreckt empor— war es ihm doch faſt, als ob er in der Richtung nach ſeinem verſteckten Schatz hin einen Ruf gehört hätte— es war Alles todtenſtill— die Grillen zirpten ihr Abendlied, und von der See herüber konnte man das dumpfe Rollen der Brandung hören— weiter keinen Laut. „s iſt doch merkwürdig,“ dachte Jeremias, „was mir heute nur Alles in den Gliedern liegt und in den Ohren klingt, nur, weil ich da oben die Spur von einem Schuh im Sande gefunden habe! Als ob es nicht Menſchen genug gäbe, die da herumſtreifen könnten— und außerdem hat's in drei Tagen nicht einmal geregnet. Aber wie Blei liegt's mir trotzdem in den Gliedern und ich möchte die ganze Nacht hier ſitzen, um nur morgen früh mit Tagesanbruch gleich wieder an der Stelle zu ſein.— Dann nehm ich's aber mit— keine 22 Sonne ſoll je wieder auf den Stein ſcheinen mit meinem Geld darunter, ſo viel weiß ich, denn die Angſt will ich nicht noch einmal ausſtehen. — Und was hindert mich denn, daß ich's jetzt noch hole?— aber mit dem Gelde mitten in der Nacht den Weg da allein gehen und alle die Sol⸗ daten um das Neſt herum....?!“ Jeremias war vollkommen mit ſich im Unklaren — er wollte Etwas thun und wußte nicht was. Wie machte er's am Geſcheuteſten? Gerade, wo er ſtand, war ein Baum quer über den Weg gefallen, von einem vorbeipaſſiren⸗ den Kärrner wahrſcheinlich durchgehauen und eben nur nothdürftig genug mit dem Stammende aus dem Weg gehoben, daß die Räder durchpaſſiren konnten— wer die Paſſage breiter haben wollte, konnte ſich ſelber helfen. Auf den Stamm ſetzte ſich Jeremias, ſeinen Hut neben ſich legend, und kratzte ſich unter der rothen Perrücke in lauter Zweifel und Ungewißheit den Kopf; es war in⸗ deſſen vollſtändig dunkel und Nacht geworden. Endlich ſchien er zu einem Entſchluß gekom⸗ men.„Zum Schwerebrett!“ brummte er, jetzt iſt's Nacht geworden— jetzt kriecht Niemand mehr da oben herum— und ich auch nicht— und morgen, eine Stunde vor Tag, ſteh' ich auf, und ſprenge die Bank— hol' mich Dieſer und Jener wenn ich's nicht thue!“ 3 Damit nahm er ſeine Perrücke ab, trocknete ſich darunter mit einem baumwollenen Taſchen⸗ tuch den Schweiß, zog ſie wieder feſt, drückte ſich den Hut darüber und wollte eben aufſtehen und in die Stadt zurückkehren, als er raſche und ſchwere Schritte auf den Steinen hörte. „Holla, wer iſt das?“ fuhr er erſchreckt empor. Aber die Schritte kamen raſch näher— es war Jemand, der aus Leibeskräften lief, und im näch⸗ ſten Momente ſah er eine dunkle Geſtalt auf ſich zuſpringen, und zwar genau der Richtung folgend, welche die Straße ſelber nahm. Das eine Ende des Baumes lag aber nach dort hinüber, da der umgeſtürzte Stamm am dünnen Ende durchgehauen war und der Bauer mit ſeinem Wagen lieber einen kleinen Bogen gemacht hatte. Der Laufende ſchien den Stamm gar nicht geſehen zu haben, bis er dicht davor war— er wollte einhalten, konnte aber nicht mehr, that einen Fehl⸗ tritt und ſchlug der Länge nach über das Holz weg. In demſelben Augenblick klirrte Etwas wie Geld auf dem Boden, wie ein Sack mit Silber, und Jeremias, zu deſſen Füßen das Alos vor⸗ Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. II. 274 ging, ſprang in die Höhe und rief überraſcht aus: „Holla!— wen haben wir denn da?“ Der Geſtürzte mußte keinesfalls die unmittel⸗ bare Nähe eines andern Menſchen geahnt haben; kaum aber hörte er die Stimme neben ſich, ſo ſtieß er einen Angſtſchrei aus, ſo hell und gellend, daß Jeremias ſelbſt davor zurückſchreckte, raffte ſich aber auch in demſelben Moment empor und war mit Einem Satze ſeitwärts im Dickicht verſchwun⸗ den, wo er in wilder Flucht durch Dornen und Geröll hindurchbrach. „Na ja,“ ſagte Jeremias und ſah verblüfft hinter ihm drein— was hat denn der aufgefreſ⸗ ſen, und wer war's eigentlich?— Kam mir bei⸗ nahe ſo vor, als ob's der Lump, der Bux— alle Teufel!“ unterbrach er ſich ſelber und ſprang der Stelle zu, auf der er das klirrende Geräuſch ge⸗ hört. Er brauchte auch nicht lange zu ſuchen, denn mitten im Weg lag ein dunkler Gegenſtand, während es ihm durch alle Nerven zuckte, als er nur ſeine Hand darauf legte. Es war ein Sack mit Geld— genau ſo ein Sack, wie er ihn unter dem Stein verborgen gehabt, und als er mit vor Aufregung zitternden Fingern darüber hingriff, konnte er nicht länger im Zweifel ſein, daß er ſein Eigenthum in Händen halte. Was war geſchehen— wie hing das Alles zu⸗ ſammen? Die Gedanken jagten ſich ihm wirr im Kopf und die Furcht überkam ihn jetzt, daß der blos erſchreckte Räuber, vielleicht noch mit Ge⸗ noſſen, zurückkehren und ihn überfallen könne. In die Stadt! war jetzt ſein einziger Gedanke — zu Menſchen, zwiſchen menſchliche Wohnungen, und den wiedergefundenen Beutel feſt unter den Arm drückend, lief er, wie der Verbrecher vor ihm gelaufen war, den Weg entlang, als ob ihn ſelber ſein böſes Gewiſſen treibe. Selbſt unterwegs aber überkam ihn die Angſt, daß der Flüchtige ſchon umgedreht ſein könne und hinter irgend einem Buſche auf ihn lauere, und er brauchte jetzt die wunderlichſten Mittel, ſich da⸗ gegen ſicher zu ſtellen. Wenn Jener nämlich glauben mußte, daß er nicht allein ſei, wagte er ſicher nicht vorzubrechen, und Jeremias fing jetzt an zu rufen:„Hier iſt er— da hinter dem Buſche! — Spring' da herum, daß er nicht wieder durch⸗ bricht!— Halt' ihn!— Warte, Canallle, dieſes Mal entgehſt Du uns nicht!“ Und dabei lief er ſo raſch ihn ſeine Füße trugen, bis er, endlich bei Juſtus' Haus angekommen, vor Erſchöpfung 18* 276 und ausgeſtandener Todesangſt faſt in die Knie brach.. Hier begegneten ihm aber Menſchen. Zwei Soldaten gingen plaudernd die Straße hinauf — ein Reiter kam die eine Querſtraße herein. In den Häuſern war Licht und in den Zimmern 3 konnte er die Leute ſitzen ſehen. Vor der einen Thür ſaßen ſogar noch ein paar junge Burſchen und ſangen, und Mädchen gingen über die Straße, 8 um Waſſer zu holen.— Er war in Sicherheit. 11. Könnern und Aliſe. Am nächſten Morgen fehlte es in Santa Clara an allen Ecken und Enden: bei Baulens war kein Pferd gefüttert und geputzt, der Baron ſchimpfte über Jeremias und ſeine ſchmutzigen Pfeifen, bei Bohlos ſollte Wein abgezogen werden und keine Flaſche war rein, beim Kaufmann Rohrland waren die Kleider nicht rein gemacht und die Schuhe ungeputzt geblieben, kurz, überall ſuchte man Je⸗ remias, der noch im Leben nicht ſo nöthig geweſen ſchien als gerade heute, und gerade heute nicht gefunden werden konnte. Und wo war Jeremias?— In ſeinem Dach⸗ ſtübchen, aber feſt eingeſchloſſen, das Schlüſſelloch verſtopft, ſo ſaß er auf ſeinem Bett, antwortete auf kein Klopfen, und brütete über ſeinem Geld⸗ ſack, den er wohl verborgen unter der Matratze liegen hatte und ſich nicht mehr getraute zu ver⸗ laſſen. So war es bald Mittag geworden, und er ſaß noch immer da, als es plötzlich wieder, lauter als je, an ſeine Thür ſchlug. Er gab keine Ant⸗ wort; aber der Klopfer ließ ſich dieſes Mal nicht abweiſen, und rief, mit dem Mund an der Thür: „Was, zum Teufel, treibſt Du denn da drin, Jeremias? So mach' doch auf!“— Keine Ant⸗ wort—„verſtelle Dich nur nicht— ich habe Dich ja eben nießen hören. Mach' auf, oder ich drücke wahrhaftig die Thür ein!“ Jeremias kannte die Stimme— es war der Kaufmann Rohrland ſelber— konnte ihm der vielleicht einen guten Rath geben? Jeremias ſtand auf und ſchob den Riegel zurück. „Aber, zum Teufel, was treibſt Du denn nur hier oben?“ rief ihm dieſer entgegen,„überall wirſt Du geſucht; der Bodenlos flucht und ſchimpft und der junge Graf wettert im ganzen Orte herum. Biſt Du krank?“ „Zahnſchmerzen,“ ſagte Jeremias, und hielt ſich mit beiden Händen die Backe. 279 „So laß ihn herausreißen— wer quält ſich denn ſo lange mit einem kranken Knochen! Iſt's denn jetzt beſſer?“ „Ja.“ „Kannſt Du mir was beſorgen?“ „Und was iſt's?“ „Der neue Director war bei mir, und wollte für etwa ein Conto de Reis Silber; ich habe aber nur ein paar Hundert Milreis im Hauſe— kannſt Du einmal herumlaufen und ſehen, wo Du ſie auftreibſt?— Er giebt ganz gute Banknoten da⸗ für, die eigentlich noch eine Prämie bekommen.“ „Ganz gute Banknoten?“ fragte Jeremias aufmerkſam werdend. „So gut wie Silber, oder noch beſſer. Ich wechſelte ſie ihm gern ein, wenn ich es nur hätte.“ Jeremias ſprang wie der Bliz in die Höhe und in ſeine Schuhe; da war Hülfe in der Noth. „Sieh' zu, daß Du es bekommſt, und wenn es nur wenigſtens ein Theil iſt, das Andere ſchaffen wir dann ſchon.“ „Ich bring' es hinüber,“ ſagte Jeremias, und meinte ſeinen Sack—„alſo gute Banknoten?“ „Ich tauſche ſie zu jeder Stunde wieder um, 289 wenn ich's nur ſelber habe. Kommſt Du dann hinüber?“ „In einer Viertelſtunde; ich— muß mich nur erſt waſchen.“ „Gut,“ ſagte Rohrland—„alſo, ich verlaſſe mich darauf. Hier haſt Du erſt einmal fünfhun⸗ dert Milreis, und wenn Du noch mehr auftreiben kannſt, hol' Dir das Uebrige— ſiehſt Du, es ſind lauter gute Noten und noch alle neu.“ Er zählte ſie ihm vor, wickelte das Packet dann wieder in Papier ein, und legte es ihm auf das Bett. Kaum war er aber fort, als Jeremias die Thür wieder hinter ihm feſt verriegelte und in voller Haſt ſeinen Schatz vorholte.— Banknoten — weshalb hatte er denn nicht an die ſchon lange gedacht, daß er ſich immer mit dem ſchweren Sil⸗ ber herumgequält und die Angſt ausgeſtanden hatte, es zu verlieren— Banknoten— die konnte er in ſeinen Rock oder in ſeine Weſte nähen, und wer wußte nachher, daß er ein Vermögen auf dem Leibe trug? Aber zählen mußte er vorher, was er hatte, und mit vorſichtiger Hand that er das jetzt auf der Bettdecke, daß die Münzen nicht an ein⸗ ander ſchlugen.— Und wie das hübſch ausſah, als da Alles in einer Reihe vor ihm lag— aber Banknoten waren beſſer— die klimperten nicht 281 und hatten kein Gewicht, und man brauchte nicht draußen in den Bergen herumzukriechen, um ſie einzeln zu verſtecken, und nachher alle auf einmal ſtehlen zu laſſen.— Wer nur der Dieb geſtern geweſen war, und wie er ihn ausgefunden hatte? Wirklich der Bux?— Aber wie konnte der wiſſen, daß er Geld im Walde verſteckt gehalten?— Es mußte jemand Anders geweſen ſein— vielleicht der Schneider, der Juſtus, der ihn wie Gift haßte? — Er hörte bei dem Gedanken ordentlich mit Zählen auf, und brummte leiſe vor ſich hin:„So eine Canaille,— dem traut' ich's zu.“ Jetzt war er fertig, aber wieder und wieder überzählte er die Summe— vierhunderteinund⸗ zwanzig Stück, und ſeiner Berechnung nach fehl⸗ ten neunzehn daran— ob die der Schuft heraus⸗ geſtohlen hatte?— Es wurden aber nicht mehr, und er packte ſie endlich wieder ein und trug ſie fort. Damit ſchien dem kleinen Burſchen aber eine wahre Laſt von der Seele genommen zu ſein. So wie er ſein ſchweres Silber los war, nähte er ſich die paar Banknoten ſorgfältig in ſeine Weſte ein, und ging dann an ſeine Arbeit, und pfiff und ſang dabei, daß es eine wahre Luſt und Freude war.—— 282 Wir müſſen jetzt noch einmal auf die Erleb⸗ niſſe des vorigen Tages zurückſpringen, und zwar zu dem Augenblick, wo Könnern und von Schwartzau in Begleitung Helenen's den Meier'ſchen Garten verließen. Noch ſaß der alte Mann auf dem Stuhl, die Hände gefaltet und in ſich zuſammengebrochen, den Blick ſtier und glanzlos auf den Boden hef⸗ tend. Neben ihm ſtand die Tochter, den linken Arm um ſeine Schulter geſchlagen, ihre Stirn auf ſein Haupt gelehnt, und mit der rechten Hand ſeinen Arm gefaßt, und flüſterte leiſe: „Väterchen— Väterchen— was iſt Dir? So faſſe Dich doch— ſieh mich an— ich bin ja bei Dir, Deine Eliſe, Dein Kind, und will Dich nie verlaſſen, wenn es Dir gar ſo ſchrecklich iſt. Sprich nur mit mir— hebe nur die Augen zu mir auf — ſage mir nur das Eine— Eine Wort, daß Du mir nicht böſe biſt!“ „Sprich mit ihr,“ flüſterte die Frau, die ihre ganze Faſſung wieder gewonnen hatte, und eben⸗ falls zu dem Gatten getreten war—„ſprich mit ihr und ſei ein Mann, Franz.— Es iſt Nichts, Kind, es wird gleich vorübergehen— vor acht Tagen hatte er ja auch ſchon einmal einen ſolchen Anfall gehabt, nur daß wir es Dir damals ver⸗ heimlichten, damit Du Dich nicht ſo ſehr erſchrecken ſollteſt.“ Meier hob den ſtieren Blick langſam zu ſeiner Frau empor, und ſah ſie ſo ſcharf und durch⸗ dringend an, daß ſie ihre Augen zu Boden ſchlagen mußte. „Es iſt Nichts— gar Nichts?“ ſagte er leiſe. —„Und war er nicht hier— hat er nicht...“ „Unſinn!“ rief aber die Frau jetzt ärgerlich; „ſchwatze dem Kinde Nichts vor, daß es ſich ängſti⸗ gen muß.“ Noch immer haftete des alten Mannes Blick feſt auf ſeiner Frau, und an dem Arm der Toch⸗ ter hob er ſich empor, bis er aufgerichtet vor ihr ſtand— dann ſeine Hand auf Eliſens Schulter legend, und ſich zu ihr wendend, während nur noch ein ſcheuer Blick nach der Frau hinüber⸗ ſchweifte, flüſterte er: „Glaub' ihr nicht, Eliſe, glaub' ihr nicht. Jahr nach Jahr hat ſie mich eingeſchläfert und mein Gewiſſen erdrückt, daß es nicht ausbrechen konnte an freie Luft. Jetzt iſt's vorbei, jetzt iſt's vorbei! Er iſt gekommen, der Rächer, und die Schuld muß geſühnt werden.“ „Vater!“ rief Eliſe in furchtbarer Angſt— „was iſt geſchehen— was haſt Du 5 „Er ſpricht im Fieber,“ rief die Mutter er⸗ bleichend—„hör' nicht auf ihn— lauf', Eliſe— ſpring' hinaus und ſchick das Mädchen nach einem Arzt!“ „Zurück!“ rief der alte Mann, indem er Eli⸗ ſen's Arm jetzt krampfhaft hielt—„zurück Ver⸗ ſucher, Deine Zeit iſt um.— Länger ertrag' ich's nicht— hat mir ſo ſchon das Herz faſt abgedrückt die langen, langen Jahre über— zurück!“ Und das Mädchen wieder an ſich ziehend, flüſterte er ihr raſch und ängſtlich zu:„Komm mit auf mein Zimmer, Eliſe— komm mit— Du ſollſt Alles — Alles wiſſen— Dir will ich beichten— in Dein reines Herz will ich meine ganze Schuld, meinen ganzen Jammer ausſchütten— dann wird mir wohl— dann wird mir wohl werden!“ „Franz,“ rief die Frau, mit krampfhaft ge⸗ falteten Händen zu ihm aufſchauend—„um Gottes willen bedenke was Du thuſt! Willſt Du das Kind vom Herzen der Mutter reißen?“ „Du haſt kein Herz!“ ſtöhnte aber der alte Mann, die zitternde Hand gegen ſie ſchüttelnd— „geh'— geh'— geh'! Laß mich mit dem Kind allein, ich muß ſprechen— muß endlich ſprechen und für meine Seele Ruhe finden, wenn ich nicht hier und dort zu Grunde gehen ſoll. Komm,, Lies⸗ 285 chen, komm— ich will reden,“ und mit zittern⸗ der Haſt zog er die Tochter in ſein Zimmer. Die Frau aber wankte zum Sopha, warf ſich darauf, barg ihr Geſicht feſt, feſt in den Händen und lag dort ſtumm und regungslos. Das war ein trauriger Tag in dem Hauſe. Die Dienſtleute gingen herum und wußten nicht, was mit der Herrſchaft geſchehen ſei. Das Früh⸗ ſtück war ſchon unberührt auf dem Tiſch ſtehen geblieben und kalt wieder hinausgetragen, zum Mittagseſſen wurde gar nicht gedeckt. Das Dienſt⸗ mädchen ging ein paar Mal zur„Madame“ hinein, um zu fragen ob Niemand Etwas verlange— aber ſie bekam nicht einmal eine Antwort. Die Frau lag noch immer auf dem Sopha und regte kein Glied, und nur an dem ſchweren Athmen konnte man ſehen, daß ſie noch lebe, und Eliſe war, als ſie den Vater verließ, auf ihr Zimmer gegangen, und hatte ſich dort eingeſchloſſen. So kam der Abend heran, und als es anfing zu dämmern, erhob ſich die Frau langſam von ihrem Lager, ſtand auf, und verließ das Haus und den Garten, und ſchritt langſam den ſchmalen Weg zum Thal hinab. Karl ſah ſie gehen, und ſchüttelte den Kopf, denn wie ſelten war die Frau hinaus vor die Gartenthür gegangen, und nie und nimmer nach Dunkelwerden— wo wollte ſie jetzt hin? Einmal fiel es ihm ein, ob er nicht lieber hinein gehen ſollte und es dem Herrn ſagen; aber der hatte ſeinen Riegel inwendig vorgeſcho⸗ ben, und das Fräulein war eben ſo wenig zu ſprechen. Er ging dann ſelber hinaus vor den Garten, um nach der Madame da draußen aus⸗ zuſchauen— aber ſie war nirgends zu ſehen, und es fing an, ihm ſelber ganz unheimlich dabei zu werden. Endlich kam Eliſe herunter, um ihre Mutter zu ſprechen.— Das Mädchen kam ihr weinend entgegen, um ihr zu erzählen, daß die Frau fort ſei, und ſo gar ſchrecklich bleich ausgeſehen habe, wie ſie gegangen, und ſo gar große und glänzende Augen gehabt habe. Und kein Tuch hatte ſie mitgenommen, keinen Hut— ruhig und langſam war ſie hinausgeſchritten auf die Straße und dort hinab. Eliſe ſeufzte tief auf und faßte krampfhaft ihr armes, gequältes Herz— die Ahnung von etwas Furchtbarem kam über ſie; aber ſo viel war ſchon geſchehen— ſo Entſetzliches, daß der Eine Schlag nicht betäubender wirken konnte als der andere. Das Mädchen durfte auch nicht ahnen was geſchehen— wenigſtens jetzt noch nicht, 287 denn lange ließ es ſich ja doch nicht mehr geheim halten. „Wo iſt der Karl?“ fragte ſie ruhig. „Hier, Fräulein,“ ſagte der junge Burſche, der ſchüchtern an der Thür geſtanden. „Geh' hinunter in die Stadt und ſuche die Mutter— ſie iſt krank— benachrichtige auch zu⸗ gleich den Arzt, daß ſie in einem heftigen Fieber⸗ anfall das Haus verlaſſen habe. Wenn Du ſie allein nicht gleich findeſt, ſo ſchick' andere Leute nach allen Richtungen aus— Du wirſt aber ſchon von ihr hören— Menſchen werden ſie ſchon hier oder da geſehen haben— lauf', Karl— ſei ge⸗ ſchwind, und— wenn Ihr ſie gefunden habt, ſchick' mir raſch einen Boten voraus, daß ich Euch entgegen komme.“ Karl nickte ſtumm mit dem Kopfe, und ſeine Mütze nehmend lief er in die Stadt hinab, ſo raſch ihn ſeine Füße trugen— aber der Abend verſtrich und er kehrte nicht zurück, und Eliſe ging ſtill und allein in dem öden Zimmer auf und ab. Es war tiefe Nacht, und der Mond ging auf und warf ſein bleiches Licht in zitternden Schatten durch den Orangenbaum, der vor dem Fenſter ſtand; Eliſe ſah es nicht— die Augen auf den Boden geheftet, wanderte ſie die halbe ſie etwa gegen zwei Uhr Morgens die Hausthür gehen hörte und wußte, daß jetzt Karl zurückge⸗ kehrt ſei. Sie ſchritt zur Thür, und rief:„Karl!“ „Ach, Fräulein, ſind Sie noch auf?“ „Haſt Du keine Spur gefunden?“. „Wir haben Alles abgeſucht— in allen Häu⸗ ſern nachgefragt, ſie kann— ſie kann ſich nir⸗ gends aufgehalten haben.“ „Sie war in der Stadt?“ „Ja— des Liebel's Mädchen hat ſie geſehen, wie ſie dort am Haus, aber hinten am Garten vorbeigegangen iſt, auf dem kleinen Wege— der—" „Der?“ „Der nach dem Fluß führt.“ „Nach dem Fluß?“ wiederholte Eliſe, und ſie fühlte, wie ihr das Blut im Herzen ſtockte, aber gewaltſam raffte ſie ſich empor und fuhr leiſe fort: „Und weiter hat ſie Niemand geſehen?“ „Der Mann, welcher die Fähre unten hält, behauptet, es ſei eine Frau in einem weißen Kleide an ſeinem Hauſe vorbeigegangen, immer den Weg entlang; unten, wo die Soldaten liegen, will ſie aber Niemand geſehen haben.“ „Ihr habt nicht ordentlich nachgefragt.“ 289 „Gewiß, Fräulein— aber es wurde ſo ſpät — die Leute ſchliefen ſchon alle. Morgen mit Tagesanbruch bin ich wieder in der Stadt und— bringe Ihnen gewiß gute Nachricht.“ „Es iſt gut; leg' Dich nieder— Du wirſt auch müde ſein.“ „Ach, gar nicht, beſtes Fräulein, wenn ich nur..“ „Leg' Dich nieder, Karl, und ſei morgen früh wieder auf.“ „Ehe es nur grau im Oſten wird, bin ich in der Stadt unten.“. Es mochte etwa zehn Uhr am nächſten Mor⸗ gen ſein, als ein einzelner Reiter am Gartenthor hielt, ſein Pferd dort befeſtigte und an das Thor pochen wollte; aber er ſah, daß dieſes nur ange⸗ lehnt ſei, und betrat den Garten. Es war Kön⸗ nern, und ſein erſter Blick flog nach dem Mandel⸗ baum hinüber, an dem er geſtern Eliſen getrof⸗ fen. Der Cithertiſch ſtand noch dort mit der Cither, wo ſie vergeſſen und dem Nachtthau aus⸗ geſetzt geweſen war— ein kleines Halstuch, das Eliſe getragen und abgenommen, als es ihr zu warm wurde, lag daneben auf dem Tiſch. Könnern ſeufzte tief auf; die Bruſt war ihm ſo beklommen, er konnte kaum athmen; aber er Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. II. 19 faßte ſich gewaltſam, und ſchritt auf das Haus zu. Unten traf er das Mädchen, das in der Küche neben dem Heerde ſaß und roth geweinte Augen hatte. „Iſt Ihr Fräulein zu Hauſe?“ fragte er leiſe. „Ja— drin im Zimmer,“ ſagte die Magd, ſcheu zu dem Fremden aufſehend, denn das war ja Einer von Denen, die geſtern dageweſen, wo⸗ nach das Unglück über ihr Haus hereingekommen. „Kann ich ſie ſprechen?“ „Ich weiß nicht— ſie wird wohl Niemand ſprechen wollen— das arme Kind— ach, bei uns geht's zu!“ „Sind die Eltern bei ihr?“ „Der alte Herr iſt in ſeinem Zimmer und ſchreibt,“ antwortete das Mädchen, ſich die Augen abtrocknend—„er hat die ganze Nacht geſchrieben und iſt in kein Bett gekommen— und die Frau iſt fort— kein Menſch weiß wohin, und ſie ſuchen ſie ſchon ſeit geſtern Abend vergeblich überall. Sie haben'was Schönes angerichtet, und Gott im Himmel verzeih' Ihnen die Sünde!“ „Ich muß das Fräulein ſprechen— gehen Sie hinein— ſagen Sie ihr, daß ein Freund da ſei, der ihr Troſt brächte.“ „Den könnte ſie brauchen,“ ſeufzte das arme die Thür des Zimmers aufging und Eliſe auf der Schwelle ſtand. Sie ſah todtenbleich aus, war aber vollkommen ruhig und ſagte leiſe:„Kommen Sie herein, Herr Könnern, ich habe Ihre Stimme gehört— ich muß mit Ihnen reden.“ „Eliſe, meine arme, arme Eliſe!“ rief Kön⸗ nern, als er das Zimmer betreten hatte und ihre Hand ergriff—„welch ein kalter Reif iſt auf Dein junges Leben gefallen!“ Eliſe barg ihr Antlitz in den Händen und ſtand eine Weile ſchweigend vor ihm. Er legte ſeinen Arm um ſie und zog ſie an ſich— ſie dul⸗ dete es; endlich richtete ſie ſich wieder empor, machte ſich von ihm frei und flüſterte: „Ich danke Ihnen, Herr Könnern, daß Sie mich noch einmal aufgeſucht haben— der Ge⸗ danke wäre mir ſchrecklich geweſen, auch Sie in jener furchtbaren Stunde ſo verloren zu haben. Jetzt iſt Alles gut, jetzt kann ich ruhig mit Ihnen ſprechen— ruhig von Ihnen Abſchied nehmen...“ „Eliſe,“ bat Könnern, und wollte wieder ihre Hand ergreifen, die ſie ihm aber entzog. „Laſſen Sie mich ausreden,“ bat ſie—„meine Gedanken ſind ohnedies verwirrt, mein Kopf iſt mir wüſt und leer— ſo laſſen Sie uns denn we⸗ 19* 292 nigſtens dieſe ſchwere Stunde abkürzen— es könnte ſonſt meine Kräfte überſteigen.“ „Mein armes, armes Kind!“ flüſterte Könnern. „Sie wiſſen Alles, wie ich vorausſetzen darf, nicht wahr?“ fuhr Eliſe fort, und ſah ſcheu zu ihm auf. „Alles,“ hauchte Könnern—„Herr von Schwartzau hat mir geſtern Abend Alles erzählt, denn ich mußte es wiſſen, wenn ich rathen und helfen ſoll.“ „Gott ſei Dank,“ ſeufzte Eliſe,„dann wird mir das wenigſtens erſpart! Ich hatte mich davor gefürchtet.“. „Und hat Dein Vater, Eliſe...“ „Er hat mir ſein ganzes Herz ausgeſchüttet,“ ſagte die Tochter—„ſeine ganze, furchtbare Schuld bekannt und— mich noch viel Furcht⸗ bareres ahnen laſſen, was ihn dazu getrieben”“— ſetzte ſie leiſe und ſcheu hinzu.„Das Unglück iſt aber ſo plötzlich über uns hereingebrochen, daß es mir ſelber manchmal noch wie ein böſer, furcht⸗ barer Traum vorkommt, aus dem ich endlich er⸗ wachen müſſe, weil es ja gar nicht möglich ſein könne, daß er wahr— daß er wirklich ſei. Und doch iſt er wahr und wirklich;— ich wache— ich lebe bei vollem Bewußtſein, und darf mir das 293 Entſetzlichſte— meine Mutter— noch nicht ein⸗ mal denken, wenn ich die armen, gequälten Sinne zuſammenhalten will.— Doch jetzt fort mit Allem, was mich ſtören oder hindern könnte— der Schmerz iſt mein— und ich will ihn allein tragen.“ „Und verſchmähſt Du die Hand, die ſich aus⸗ ſtreckt, Dir tragen zu helfen?“ „Laſſen Sie mich ausreden,“ bat Eliſe,„denn der Weg, den ich mir vorgezeichnet habe, liegt ſo klar und offen vor mir, daß kein Irren davon möglich iſt.— Ich will auch nicht den Vater— die Eltern entſchuldigen— das Furchtbare iſt geſchehen, und die Folgen brechen herein. Nichts bleibt uns jetzt übrig, als gut zu machen was noch möglich iſt— und das ſoll geſchehen. Mein Vater hat die ganze Nacht damit zugebracht, ſeine Papiere zu ordnen— ich habe ihn heute Morgen geſprochen— bis heute Nachmittag wird er mit Allem fertig ſein, und läßt bis dahin Ihren Freund bitten, ſich zu ihm her zu bemühen.“ Könnern ſchwieg und nickte nur leiſe mit dem Kopf. „Er wird ihm,“ fuhr Eliſe fort, und Könnern ſah, welche Gewalt ſie ſich anthun mußte, ruhig zu bleiben—„Alles übergeben was wir haben 294 — Alles,“ ſetzte ſie raſch hinzu,„ſelbſt das Letzte, und morgen— verlaſſen wir dann die Colonie.“ „Eliſe, das geht nicht— das geht bei Gott nicht!“ rief Könnern erſchreckt. „Es geht nicht?“ rief das junge Mädchen, und ihre ganze Geſtalt zitterte, ihre Glieder bebten, die Lippen halb geöffnet, mit ſtieren Blicken ſtreckte ſie die Arme nach Könnern aus und bat mit vor innerer Angſt faſt erſtickter Stimme:„Und ſoll auch noch das Furchtbarſte über uns hereinbrechen? Soll der arme, alte Mann, deſſen Leben ſchon durch ſeine Gewiſſensbiſſe zerſtört und vergiftet wurde, auch noch in den Kerker müſſen? Soll ich den Vater hinter Eiſenſtäben ſterben ſehen, wäh⸗ rend die Mutter...“ Sie konnte nicht mehr, der ſchwache Körper hatte das Uebermenſchliche er⸗ tragen, und ſie wäre zu Boden geſunken, hätte ſie nicht Könnern in ſeinem Arm aufgefangen. „Eliſe,“ flehte der junge Mann in Todes⸗ angſt,„woher dieſe ſchrecklichen Gedanken— quäle Dich nicht unnöthig mit einer leeren Furcht! Dein Vater kann frei hinziehen, wohin er will — Günther von Schwartzau iſt ein Ehrenmann und mein treuer Freund, und was in ſeinen 295 Kräften ſteht, Dein hartes Geſchick zu mildern, wird er mit Freuden ſchon meinetwegen thun.“ „O, Dank— tauſend, tauſend Dank für dieſen Troſt!“ ſchluchzte Eliſe, ergriff Könnern's Hand und preßte ſie an ihre Lippen, ehe er es verhin⸗ dern konnte—„dann iſt Alles gut— Alles gut — und mit der Angſt von ſich genommen, die ſeine Tage vergiftet hat, kann er, wird er ein neues Leben beginnen. Ich bin ja auch jung und kräftig,“ fuhr ſie lebhafter fort—„ich will und kann arbeiten, und Gott wird uns nicht ver⸗ laſſen, wenn er die wahre Reue des Schuldigen ſieht.“— „Eliſe,“ rief Könnern, der ſich nicht länger halten konnte—„Du zerreißeſt mir das Herz mit ſolchen Reden—„bin ich Dir gar Nichts mehr? Sind die lieben Worte, welche Du geſtern zu mir geſprochen, ſchon verhallt und todt? Eliſe, ich entbinde Dich nicht des Wortes, das Du mir gegeben— was auch geſchehen, was verſchuldet iſt, nicht Du— nicht ich trage die Schuld da⸗ von, und wir dürfen deshalb nicht darunter leiden. Du biſt mein— mein für immer, und auf Hän⸗ den will ich Dich tragen mein ganzes Leben lang!“ Er hatte noch ſeinen Arm um ſie geſchlungen, und preßte ſie feſt und leidenſchaftlich an ſich, und Eliſe duldete die Umarmung und lehnte ihr Haupt müde an ſeine Bruſt. Dann machte ſie ſich leiſe von ihm los und ſagte, indem ſie ihn mit einem rührenden Blick voll Liebe und Dank⸗ barkeit anſah: „So— jetzt iſt mir wohl— ich habe ein⸗ mal an dieſem treuen Herzen geruht, und die Erinnerung dieſes Augenblicks wird mir ein Troſt mein ganzes, langes Leben ſein— und jetzt, Bernard, laß uns ſcheiden.“ „Eliſe... „Rede mir nicht zu,“ ſagte das Mädchen, in⸗ dem jetzt wieder Leichenbläſſe ihre Züge entfärbte —„mein Entſchluß ſteht feſt— unerſchüttert feſt — ich kann und darf Dir nicht angehören— ich kann und will das Opfer nicht von Dir anneh⸗ men, Dich an das Leben eines Verbrechers zu ketten. Aber das Kind gehört zum Vater, und wie mich Gott geſchützt, daß ich den Augenblick überſtanden, in dem ich Dir das geſagt— wird er mich auch weiter ſchützen auf meiner langen, dornenvollen Bahn. Ja, Bernard,“ fuhr ſie wie verklärt fort, als er ſtumm vor Schmerz vor ihr ſtand—„ich habe Dich geliebt mit meiner ganzen Seele— mit jedem Athemzug, den ich gethan, mit jedem Schlage meines armen Herzens— ich liebe Dich noch und werde Dich immer lieben, aber— ich darf nicht Dein ſein— darf nicht— kann es nicht. Leb' wohl! Möge Dir Gott den Frieden geben, welchen Dein reines Herz ver⸗ dient— mögen Dich dereinſt wieder ſüße Bande feſſeln, die nicht von Schuld und Sünde getrübt ſind; mein Segen begleite Dich auf allen Deinen Wegen, denn Du haſt mir mehr gegeben, als die ganze Welt— einen glücklichen Augenblick an Dceinem Herzen. Und nun leb' wohl, Bernard— leb' ewig wohl— Gott ſchütze Dich!“ Und ihr Antlitz zu ihm hebend, bot ſie ihm ſelber den Ab⸗ ſchiedskuß— aber ihre Lippen waren kalt und bleich, und wie ſie ſich von ihm wandte und die Thür ihres Zimmers hinter ſich ſchloß, war es, als ob ein Geiſt aus einer andern Welt zu ihm geſprochen und vor ſeinen Augen in Duft und Nebel zerſtoben ſei. .— h uh 1e 7 — 12. Verſchiedene Intereſſen. In dem Zimmer der Frau Gräfin ſtand Helene am Fenſter, ſah hinaus und trommelte dabei un⸗ geduldig mit den Fingern an der Fenſterſcheibe. Die Gräfin hatte noch nicht Toilette gemacht — ſie ſaß in ihrem Lehnſtuhl, ein Buch in der Hand, ohne jedoch darin zu leſen, den rechten Fuß, von welchem der Pantoffel heruntergefallen war, über den linken geſchlagen, in einem weißen, nicht friſch gewaſchenen Morgengewand, auch die Haare noch nicht in Ordnung und außerdem nicht in der beſten Laune. Helene ſelber dagegen ſah aus, wie der friſche, junge Morgen da draußen vor den Fenſtern. Die Wangen geröthet von einem Frühritt, den 29 ſie ſchon gemacht, ein paar duftende Orangen⸗ blüthen und eine Roſe im Haar ſtand ſie da, und ſelbſt in den Augen, wie der funkelnde Thau da draußen noch auf den Blüthen lag, ein paar blitzende Tropfen, die aber mehr der Unmuth als der Schmerz ausgepreßt haben mußte und die ſie zu ſtolz war wegzuwiſchen, damit die Mutter die Bewegung nicht etwa ſah. „Laß nur um Gottes willen das ſchreckliche Fenſtertrommeln,“ ſagte die Mutter endlich— „Du machſt mich noch ganz nervös, und— ſchicke mir dann die Dorothea herein, denn ich muß mich jetzt anziehen— es iſt wahrhaftig ſchon zehn Uhr vorbei.“ Helene hörte allerdings mit ihrem Marſch auf der Fenſterſcheibe auf, aber ſie rührte ſich nicht von der Stelle und ſagte endlich erregt: „Du treibſt mich noch zu einem verzweifelten Schritte, Mama, mit Deiner gränzenloſen Ruhe und Gleichgültigkeit.“ „Gleichgültigkeit?“ fragte die Gräfin zurück —„Du nennſt das Gleichgültigkeit, was vorſich⸗ tige Ueberlegung und Berechnung iſt— und was kannſt Du überhaupt dagegen einzuwenden haben? Pulteleben iſt ein anſtändiger, hübſcher, junger Menſch aus guter und wohlhabender Familie— 300 er liebt Dich leidenſchaftlich und iſt in ſeinen For⸗ derungen auch nicht unbeſcheiden. Er will ja gar nicht, daß die Hochzeit gleich ſein ſoll— er will nur die feſte Zuſicherung Deiner Hand— nur eine vorläufige Verlobung, weiter Nichts, und — lieber Gott— nachher könnt Ihr ja noch im⸗ mer thun, was Ihr wollt. Es iſt ſchon manche Verlobung rückgängig geworden, ohne daß beide Theile darüber geſtorben ſind.“ Helene drehte ſich raſch und ſcharf nach der Mutter um. „Und wenn ich mich weigere?“ ſagte ſie, und der Blick, mit dem ſie die Mutter dabei anſah, zeigte viel mehr Trotz als Liebe. „Es iſt ganz vernünftig,“ ſagte die Gräfin ruhig, ohne jedoch zu ihr aufzuſehen,„daß wir die Sache von beiden Seiten betrachten; wir wiſſen dann Beide gleich beſſer, woran wir ſind. Wenn Du Dich alſo weigerſt, wird Herr von Pulte⸗ leben augenblicklich ausziehen und das Geſchäft aufgeben— das verſteht ſich von ſelbſt. So wie er aber aus dem Hauſe iſt, kannſt Du auch ver⸗ ſichert ſein, daß unſere Gläubiger wie ein Raben⸗ ſchwarm über uns herfallen, und das Reſultat iſt dann ſehr einfach: wir müſſen ausziehen— wohin? wirſt Du vielleicht angeben können— unſere Möbel und Sachen werden öffentlich ver⸗ auctionirt und Deine Mutter verläßt mit ihren Kindern in Schande und Spott einen Platz, in dem ſie bis jetzt wenigſtens eine achtbare Stellung gehalten. Hab' ich Recht oder nicht?“ „O wäreſt Du mir nur gefolgt!“ rief Helene leidenſchaftlich—„hätten wir uns nur einge⸗ ſchränkt wie ich Dich bat und wieder bat, und mit dem Wenigen, was wir hatten, Haus gehal⸗ ten, es wäre nie und nimmer ſo weit gekommen!“ „Liebes Kind, das verſtehſt Du nicht,“ ſagte die Gräfin ungeduldig mit dem Kopf ſchüttelnd, —„wir mußten ſtandesgemäß leben, oder die Leute hätten den Augenblick gemerkt, daß wir— mit unſerem Einkommen beſchränkt ſind. Es giebt gar kein mißtrauiſcheres Volk als dieſe Bauern.“ „Aber kann es denn auf die Länge der Zeit verheimlicht bleiben?“ „Zeit gewonnen, Alles gewonnen,“ iſt ein altes, gutes Sprüchwort, und wir haben Alles gewonnen, wenn Du nur, Deiner Mutter zu Liebe, nachgiebſt und nicht mit dem alten Starrkopf Recht behalten willſt.“ „Aber ich liebe den Mann nicht!“ rief Helene, ihre Augenbrauen zogen ſich dabei feſt zuſammen und ihre kleine Hand ballte ſich. — 302 „Liebe— Liebe,“ ſagte die Frau Gräfin, ſich hin und her wiegend—„in unſerem Stand wird ſelten eine Heirath aus Liebe geſchloſſen. Haſt Du eine andere Wahl, ſo nenne ſie— haſt Du ſie nicht, ſo ſei vernünftig.“ „Warum läßt Du mich nicht Stunden geben?“ fragte Helene raſch— ich habe Dich ſo oft darum gebeten.“ „Damit könnteſt Du Dich ſelber am Leben erhalten, und was wird dann aus mir, was aus Oskar? Aber thu' es— thu' es nur— was kümmerſt Du Dich um Deine Mutter; die mag dann untergehen und verkümmern, wie ſie will— es iſt ja nur die Mutter!“ Helene hatte ſich auf den Stuhl an's Fenſter geſetzt, ſtützte den Kopf auf ihre linke Hand und ſah, von ihren Gedanken gequält, hinaus in's Leere. Endlich ſtand ſie auf, ein ſchwerer Seufzer hob ihre Bruſt, und ſie ſagte leiſe: „Thu', was Du willſt, Mutter— den Vor⸗ wurf ſollſt Du mir wenigſtens nicht machen können.“ „Und morgen Abend haben wir die Geſell⸗ ſchaft?“ fragte die Gräfin, und ein triumphiren⸗ des Lächeln zuckte über ihre Züge. „Richte es ein wie Du willſt,“ wehrte Helene ab—„ich ſage Dir ja, ich füge mich Allem, aber 303 — quäle mich nicht weiter!“ und mit raſchen Schritten verließ ſie das Zimmer, um ihre eigene Stube aufzuſuchen.— Herr von Pulteleben ſaß oben, eine Treppe höher, noch in ſeinem Morgenanzuge vor dem geöffneten Koffer und überzählte ſeinen Caſſen⸗ beſtand. „Das weiß doch der Henker,“ murmelte er da⸗ bei vor ſich hin—„ob ich mich um fünfzig Mil⸗ reis verzählt habe, oder wo ſie hingekommen ſind — die Frau Gräfin hat doch den Schlüſſel gehabt und das Schloß war unbeſchädigt— na ja, das fehlte auch noch, daß das Geld auf die Weiſe weggeht, es wird ſo dünn genug, und wenn die verſprochenen Wechſel jetzt nicht bald eintreffen, ſo ſitzen wir hier Alle mit einander auf dem Trocknen. Verfluchte Geſchichte mit der Cigarren⸗ fabrik— ganz verfluchte Geſchichte, und ich will nur wünſchen, daß die Leute bald anfangen ſich um unſere Producte zu reißen, ſonſt ſteh' ich für Nichts.“ Er ſtützte ſeinen Ellbogen auf's Knie und ſchaute lange in tiefen Gedanken in den Koffer hinein. Endlich ſagte er, dieſen zuſchließend und wieder aufſtehend: „Aber was thut's— Thorheit!— ich habe noch die alte Aengſtlichkeit von Europa mitge⸗ bracht, welche ſich erſt hier in Braſilien verlieren muß. Eine kleine Weile hält's noch aus— bis dahin kommen ebenfalls Gelder ein, und da meine gnädige Schwiegermutter in spe ihr Capital für das Rittergut mit dem nächſten fälligen Dampfer ſchon erwartet, ſo wär' ich ja ein wahrer Thor, wenn ich mir ganz unnöthiger Weiſe Sorgen machen wollte. Glück muß ein junger Menſch haben, und der Zufall— oder vielmehr dieſer verzweifelte Jeremias, der mir heute Morgen meine Kleider noch nicht rein gemacht hat— ſcheint mich in dieſer Familie dem Glück mitten in den Schooß geworfen zu haben; daß ich das aber beim Schopf ergreife, verſteht ſich von ſelber.“ „Der Jeremias iſt aber wirklich ein Lump,“ fuhr er in ſeinem Selbſtgeſpräche fort, indem er ſeinen Rock hernahm und ihn ſelber ausbürſtete —„nicht der geringſte Verlaß mehr auf den Menſchen, und wenn ich ihm nicht wirklich ſo viel Dank ſchuldig wäre, ich jagte ihn heutigen Tages zum Teufel!“ Draußen an ſeiner Thür klopfte es an. „Wer iſt da?“ „Ich bin's,“ ſagte die Dorothea—„ich bringe das zerriſſene Zeug wieder— der Schneider iſt 305 die Nacht nicht nach Haus gekommen— er iſt auf einen Ball über Land— ſoll ich's zu einem Andern tragen?“ „Aber das verſteht ſich doch von ſelbſt!“ rief Herr von Pulteleben ärgerlich—„ſo geſcheidt hätten Sie doch gleich ſein können.“ „Na, dann mag's auch unten liegen bleiben, bis der Jeremias kommt,“ brummte die Alte leiſe vor ſich hin, indem ſie die Treppe wieder hinunter ſtieg—„ich hätte Zeit, den ganzen Morgen in der Stadt herum zu laufen!“ „Schöne Wirthſchaft das bei den Handwerkern,“ dachte indeſſen Herr von Pulteleben, indem er ſeinen Rock anzog und dann in die noch unge⸗ wichsten Stiefel fuhr—„muß ihnen doch hier verwünſcht gut gehen, daß ſie ſo übermüthig wer⸗ den— die Nacht auf einem Ball über Land— es wird wahrhaftig alle Tage beſſer!—“ Es war Abend geworden— die Sonne neigte ſich ſchon den weſtlichen Gebirgen zu, und in ſei⸗ nem Zimmer, in Bohlos' Hotel, ging Könnern be⸗ reits Stunden lang mit untergeſchlagenen Armen auf und ab, jedesmal an's Fenſter Ipringend Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. II. wenn der Huf eines Pferdes auf der harten Straße hörbar wurde.— Und Günther kam noch immer nicht, trotzdem, daß er ſeit zehn Uhr Mor⸗ gens fort war, und oft ſchon hatte der junge Mann ſelber in den Hof gewollt, um ſein eigenes Pferd zu ſatteln und ihm entgegen zu reiten, je⸗ doch immer wieder ſeine Ungeduld bezähmt. Jetzt litt es ihn nicht länger mehr; er griff ſeinen Hut auf und wollte eben fort, als die Thür aufging und der längſt Erſehnte eintrat. „Endlich, endlich!“ rief Könnern ihm entge⸗ gen—„wo ſind Sie nur ſo lange geblieben— und ich habe nicht einmal Ihr Pferd gehört?“ „Ich bin zu Fuß gekommen.“ „Zu Fuß? Und iſt Alles geordnet?“ „Das war ein böſer Nachmittag, Freund,“ ſeufzte Günther, ſeinen Hut auf den Tiſch wer⸗ fend—„und wär' es nicht Ihnen zu Liebe ge⸗ weſen, ich hätte mich dem im Leben nicht unter⸗ zogen. Aber welchem Fremden hätten wir es anvertrauen können, ohne den Klatſch augenblick⸗ lich durch die ganze Colonie getragen zu haben. Nun— jttzt iſt es Gott ſei Dank überſtanden und Sellbachs— oder Meiers, wenn Sie wollen — ſind abgereiſt.“ 397 „Abgereiſt?“ rief Könnern, erſchreckt ſeinen Arm faſſend. „Fort!“ ſagte Günther ruhig—„und— es war das Beſte, was ſie thun konnten. Wir be⸗ kamen heute außerdem die Gewißheit, daß ſich die unglückliche Frau noch in der nämlichen Nacht in den Strom geſtürzt, und ihrem Leben dadurch auf gewaltſame Weiſe ein Ende gemacht hat; die Leiche wird natürlich nie gefunden werden, denn die zahlreichen Alligatoren darin machen das hoff⸗ nungslos.“ „Und Eliſe?“ ſagte Könnern leiſe und ſcheu. „Nahm die Nachricht viel ruhiger auf, als ich feerwartet hatte,“ fuhr Günther fort—„Sie haben Recht, Könnern, das Mädchen iſt ein Engel und und jeder ihrer Gedanken nur eine Sorge um den Vater. Mit einer faſt unheimlichen Gewalt bezwang ſie dabei ihren Schmerz, und obgleich ich ihr erklärte, daß ich ſelber nicht den geringſten Auftrag, und für mich ſelber keineswegs die Ab⸗ ſicht habe, gegen ihren Vater des Geſchehenen wegen vorzugehen— daß er ſelber, wenn er wolle, ein Abkommen mit ſeinen Gläubigern in Deutſchland treffen möge, ja, daß ich ihm, wenn oer dies wünſche, mit Freuden die Hand zu einer Vermittlung bieten würde, wies ſie Alles ruhig 20* 308 aber feſt zurück. Sie behauptete dabei, daß ſie im beſtimmten Auftrage ihres Vaters handle, der ſeine Schuld allerdings nicht mehr ungeſchehen machen könne, wie er aber die That bereue, ſo auch Alles thun wolle, was jetzt noch in ſeinen Kräften ſtehe, den erlittenen Verluſt zu erſetzen. Er könne freilich Nichts weiter thun, als Alles hergeben was er habe, und ſie bäte mich daher, nicht allein Haus und Grundſtück mit Allem was es enthielt, ſondern auch noch eine ſehr bedeutende Summe von Werthpapieren zu übernehmen, welche ſie mir einhändigte. Das Einzige, was ſie bat mitnehmen zu dürfen, ſei das Nothwendigſte für ſich und den Vater an Wäſche. „Ich verſuchte Alles, ſie zu überreden, ſich nicht von allen Mitteln zu entblößen— ich ſtellte ihr vor, daß, wenn ich als Stellvertreter der Gläubiger hier handeln ſolle, um ihr Vermögen zu übernehmen, ich auch das Recht haben müſſe, zurückzuweiſen, was ich für überflüſſig halte— umſonſt! Sie ſei jung und kräftig, erwiederte ſie mir, und könne und wolle arbeiten, und kein Mil⸗ reis, auf dem ein Fluch hafte, ſolle in ihrem Be⸗ ſitze bleiben, um ein neues Leben damit zu begin⸗ nen. Das Einzige, was ich ſie endlich anzunehmen vermochte— und das auch nur nach ſtunden⸗ 4 309 langer Ueberredung und ihres Vaters wegen, der einen langen Marſch nicht ausgehalten hätte— war mein eigenes Pferd— und vor zwei Stun⸗ den etwa, der alte Mann im Sattel mit dem kleinen Bündel Gepäck hinter ſich, die Jungfrau zu Fuß an ſeiner Seite— ſo zogen die Unglück⸗ lichen in den Wald hinein.“ Könnern der, bleich wie ein Todter, die Augen von Thränen gefüllt, dem einfachen Be⸗ richt gelauſcht, ſank jetzt auf einen Stuhl, barg ſein Geſicht in den Händen und ſaß lange ſtumm und regungslos.—„Und darf ich ſie ziehen, darf ich ſie ihrem Schickſale ſo über⸗ laſſen?“ ſtöhnte er endlich—„es kann— es kann nicht ſein!“ „Wie ich das Mädchen heute habe kennen lernen,“ ſagte Günther ernſt,„ſo würden Sie ihr durch ein Nachfolgen nur noch einmal die Schmer⸗ zen des Abſchiedes bereiten— weiter Nichts— und das arme Kind hat Leid und Schmerzen ge⸗ nug gehabt. Sein Sie nicht grauſam; Anderes würden Sie nicht damit bezwecken.“ „Und ohne Mittel— ohne das Nöthigſte, ſich am Leben zu erhalten, auf fremde Menſchen— auf ihrer eigenen zarten Hände Arbeit angewieſen — Hände, die nie gewohnt waren, eine ſchwere 310 Arbeit zu verrichten, mit einem Körper, der ſolchen ungewohnten Anſtrengungen erliegen muß, ſelbſt wenn ihr Geiſt das Furchtbare erträgt— Günther, Günther, der Gedanke allein kann mich zur Ver⸗ zweiflung treiben! Und wenn ſie nun krank, nun ſelber hülfsbedürftig wird, wer ſoll ihr beiſtehen, wo der alte Mann ja ſelber Hülfe und Pflege für ſich gebraucht?“ „Das Einzige was wir thun können,“ ſagte Günther,„iſt, unter der Hand nachzuforſchen. Ein ſo auffälliges Paar kann in unſeren Colonien nicht ſpurlos verſchwinden; man wird immer in der Nähe Nachricht von ihnen bekommen können, und ſollte dann Hülfe nöthig ſein, ſo läßt ſie ſich vielleicht indirect und ohne daß Eliſe Etwas da⸗ von weiß, vermitteln. Nahen dürfen Sie ihr aber jetzt nicht, wenn Sie nicht Alles verderben wollen, das iſt meine feſte Ueberzeugung.— Aber gönnen Sie mir eine Stunde Zeit; ich muß dieſe Papiere ordnen und gleich nach Hauſe berichten, denn übermorgen früh bin ich gezwungen, meine Ar⸗ beiten wieder zu beginnen und zu beenden. Mor⸗ gen werde ich deshalb die Auction der Sellbach⸗ ſchen Sachen halten, und dafür iſt es nöthig, gleich noch ein paar Anzeigen für die Gaſthäuſer und öffentlichen Plätze zu ſchreiben. Der Jeremias, * —— —— dem ich eben begegnet bin, wird dann die weitere Verbreitung noch heute Abend übernehmen. In einem ſolchen Neſte, wie dies, iſt ein derartiges Er⸗ eigniß gleich allgemein bekannt, und wir haben das unglückſelige Geſchäft dann abgemacht, ehe das Publicum nur Zeit gehabt hat, ſich ſeine Vermuthungen mitzutheilen— es muß Alles Schlag auf Schlag folgen. Die Eincaſſirung der in der Auction gelöſten Gelder werde ich dann hier dem Kaufmann Rohrland übertragen. Apro⸗ pos,“ ſetzte er hinzu, als er eine Anzahl Papiere aus ſeiner Taſche nahm und ein paar ziemlich umfangreiche Karten auf den Tiſch warf—„da hat mir der Jeremias auch ein paar Einladungen auf morgen Abend zu der Frau Gräfin mitge⸗ bracht. Sie giebt, glaub' ich, eine Art Soirée, oder etwas Derartiges. Es iſt auch eine für Sie dabei.“ 8 „Für mich? Ich kenne die Frau Gräfin gar nicht,“ ſagte Könnern gleichgültig. „Ich auch nicht,“ lachte Günther;„die Ein⸗ ladung iſt wahrſcheinlich eine Art von Erkennt⸗ lichkeit für den Dienſt, den wir ihrer Tochter vor⸗ geſtern Abend geleiſtet haben. Wie doch oft kleine, unbedeutende Urſachen ſo ſurchtbare Wirkungen haben— dachten wir damals daran, daß das ———— 312 durchgehende Pferd in zweimal vierundzwanzig Stunden ein Menſchenleben koſten und eine Fa⸗ milie von Haus und Hof treiben könnte?“ „Kann ich Ihnen bei Ihren Papieren helfen?“ „Nein; aber wenn Sie mir einen Gefallen thun wollken, ſo könnten Sie ſich einmal nach meinem neugefundenen Freund und neuen Kame⸗ raden, dem jungen Grafen Rottack umſehen. Er iſt wahrſcheinlich hier im Hauſe, und ich habe mit ihm zu reden. Für ihn iſt übrigens auch eine Einladung gekommen; da ſie aber ſeinen Namen nicht wußten, ſteht er mit auf meiner Karte.“— Die Sonne ging unter, und die Straße von Zuhbel's Chagra herein kam unſer alter Bekannter Köhler und hielt an des Schneiders Juſtus' Haus. Es war finſter in der Arbeitsſtube Kernbeutel's; aber der junge Mann ritt dicht an das Fenſter und klopfte mit der Hand an eine der Scheiben. Niemand antwortete, und er klopfte ſtärker. End⸗ lich ging in der Stube eine Thür auf und die Frau kam herein. ——— ——— 313 „Na,“ ſagte ſie,„was giebt's? Wer klopft da?“ „Iſt der Juſtus zu Hauſe?“ „Der Liedrian!“ keifte die Frau;„wer weiß, wo der die Nacht trunken gelegen hat und jetzt ſeinen Rauſch ausſchläft. O, Du mein Herrgott, wie oft habe ich die Stunde ſchon verſchworen, wo ich das nichtsnutzige Mannsbild zum erſten „Mal mit Augen geſehen habe— aber ich mag die Wirthſchaft auch nicht länger mit anſehen und gehe aus dem Hauſe!“ „Was, der iſt noch nicht von ſeinem Ball zurück?“ rief Köhler ärgerlich.„Da iſt mein Rock auch noch nicht fertig, und er hat ſich ver⸗ ſchworen, daß ich ihn heute Morgen haben ſollte.“ „Wer hätt' ihn ſollen fertig machen— ich?“ knurrte die Frau— ‚„weiter fehlte auch Nichts mehr; die Schinderei hab' ich ſo ſchon allein, ſoll ich auch noch die Arbeit für den Lumpen thun?“ „Iſt er denn bei Zuhbels oben?“ „Ja, was weiß ich, wo er ſich herumtreibt!“ ſagte die Frau und ſchlug ärgerlich die Thür wieder hinter ſich zu. „Schöne Wirthſchaft, das,“ brummte Köhler vor ſich hin, als er ſein Pferd wieder zurück auf 314 die Straße und heimwärts lenkte;„aber ol mich Dieſer und Jener holen, wenn ich bei dem lie⸗ derlichen Halunken auch je wieder ein Stück ar⸗ beiten laſſe!“— In dem kleinen Käfterchen, das Bux in Butt⸗ lich's Hauſe mit ſeiner Familie bezogen, ſaß die Familie Bux beim Abendbrod. Die Frau hatte das jüngſte Kind, das wieder recht unruhig war, an der Bruſt und ſaß auf einer kleinen Kiſte neben der Holzlade, die zum Tiſch dienen mußte, während an dem andern Ende Bux ſelber rittlings Platz genommen. Rechts und links von ihm kauerten die beiden älteren Kinder, und ein Stück gekochtes Rindfleiſch mit ſchwarzen Bohnen, wie außerdem eine Flaſche Schnaps, der Bux ſchon ziemlich leb⸗ haft zugeſprochen, ſtanden in der Mitte. „So freßt Euch heute einmal ſatt!“ lud Bux die Familie ein;„wer weiß, wann's wieder Fleiſch in den Topf giebt. Und Du, bring einmal den Balg zum Schweigen, oder ich werf' es, Gott ſtraf' mich, vor die Thür hinaus— und Dich mit 14* —— 7 1 315 Bux hatte nicht ſeinen beau jour; er ſah wüſt und wild um die Augen aus, deren eines roth unterlaufen war, wie nach einer Schlägerei. Auch ein paar Schrammen trug er in dem ungewaſchenen Geſicht, und um die linke Hand einen ſchmutzigen Lappen gebunden. Der häufig genoſſene Brannt⸗ wein war ihm dazu ſchon etwas in den Kopf ge⸗ ſtiegen, und immer wieder auf's Neue hob er die Flaſche an die Lippen. „Ach Du lieber Gott!“ ſtöhnte die Frau, in⸗ dem ſie von ihrem langerſehnten Mahl aufſtand und das Kind in der Stube herumtrug— denn es wollte die Bruſt nicht mehr nehmen, die ihm ja doch keine Nahrung bot—„ich wollte, Du würfſt uns Beide nur hinaus und gleich in's Waſſer, da wärſt Du uns mit Einem Mal los, und uns— wär's auch wohl da unten!“ „Halt's Maul und mach' mir den Kopf nicht wild,“ ſchrie der Mann—„heute wollen wir luſtig ſein, und ich will die Heulerei nicht haben! Haſt Du mich verſtanden?“ Die Frau ſchwieg und ſuchte das Kind zu be⸗ ſchwichtigen, das jetzt, ſo lange es auf und ab getragen und geſchüttelt wurde, auch ruhiger war, und der Mann fuhr, ſeine Gabel vor ſich hin auf 316 die Lade werfend, mit zuſammengebiſſenen Zähnen fort: „Gott verdamm' mich, nicht einmal das Biß⸗ chen Freſſen kann man in Ruhe verzehren, mit ſo einer himmelhundiſchen Laſt am Bein! Macht mir den Kopf nicht warm, das ſag' ich Euch, denn ich bin heute gerade guter Laune und will mir den Abend nicht verderben laſſen!“— Und dabei ſprach er wieder feſt der Flaſche zu. Dann aber ſchnitt er das Fleiſch in kleine Stücke und ſchob es den Kindern hin, die ſcheu und ſtumm darüber herfielen, denn der Vater ſaß ihnen zu nahe, als daß ſie hätten wagen dürfen ein Wort einzuwerfen. Auch die Frau kam endlich wieder herzu, denn das Kind war ihr im Arm eingeſchlafen, und ſie legte es leiſe auf die im Winkel zuſammengeſchobenen Lumpen, die ihm zum Bettchen dienten. „Da, trink' einmal,“ ſagte der Mann endlich und ſchob ihr, als die Mahlzeit ſchon faſt beendet war, die Flaſche hin. „Ich kann nicht,“ lehnte die Frau ab—„der Schnaps iſt mir zu ſcharf— er brennt mir den Hals entzwei und— möchte auch dem Kinde ſchaden.“ „Kinde ſchaden,“ brummte der Mann unwirſch 317 —„ſo laß es bleiben— ſoll Dir's auch wohl noch eingießen, die Gottesgabe“— und er hob die Flaſche an den Mund und leerte den noch darin befindlichen Reſt auf Einen Zug. Die Frau ſah ihm ängſtlich zu, ſagte aber kein Wort; ſie wußte recht gut, daß ſie ihn in dieſem halbtrunkenen Zuſtande nicht reizen durfte, und Bux ſchien wirklich heute Abend guter Laune, denn er ſchob die Flaſche zurück, nahm ſeinen Pfeifen⸗ ſtummel aus der Taſche, ſtopfte ſich denſelben und legte ſich dann, den blauen Dampf in das Dunkel hineinqualmend, in die Ecke auf ſein Lager. „Iſt der Junge beim Juſtus drüben geweſen und hat ihn eingeladen, uns zu beſuchen?“ fragte er endlich;„hätt's beinahe ganz vergeſſen, und von dem Lumpengeſindel ſagt Einem auch keines Antwort, wenn man einmal was beſtellt.“ „Ich war drüben, Vater,“ ſagte der Knabe, „aber der Mann war noch nicht nach Haus ge⸗ kommen; wenn er käme, wollt's ihm die Frau beſtellen.“— „So?— hm— hahaha,“ lachte Bux vor ſich hin—„liederlicher Strick, wo der ſich wieder ein⸗ mal herumtreibt!— Sonſt war Niemand da, der nach mir gefragt hätte, wie ich da vorhin lag und ſchlief?“ 318 „Niemand als der Fleiſcher, der ſein Geld haben wollte,“ ſagte die Frau. „Soll zum Teufel gehen!“ brummte der Mann und qualmte immer ſtärker. Dann war Alles ruhig. Die Frau räumte die Lade ab und ſtellte das Geſchirr in einen Winkel, um morgen mit Tagesanbruch wieder auf⸗ zuſtehen und es auszuwaſchen. Sie hätte den Mann gern gefragt, ob er heute Morgen, als er aus war, irgend eine Beſchäftigung oder Ausſicht auf Erwerb gefunden, denn vorgeſtern ſchon war das letzte Stück Geld ausgegeben geweſen, und jetzt ſchien er doch wieder Etwas bekommen zu haben; aber ſie wagte es nicht. Das Kind ſchlief gerade, und wenn er böſe wurde und auffuhr, konnte er es wieder wecken und ſie dann die halbe Nacht mit ihm im Zimmer herumlaufen, wie geſtern und vorgeſtern. Der Mann war auch ruhig. Das ſtarke Ge⸗ tränk übte ſeine betäubende Wirkung. Er hatte die Pfeife ausgeraucht und hielt ſie noch leer in der Hand, während er ſchon ſchwerfällig mit dem Kopfe zu nicken anfing. Ein paar Mal fuhr er wieder in die Höh und ſah ſich ſcheu um, dann ſank ſein Kopf zurück auf das Kiſſen; er begann 319 zu ſchnarchen, und die Frau winkte den Kindern, n vorſichtig zu Bett zu gehen, löſchte das Licht aus und legte ſich dann ſelber neben dem Kleinſten 4 nieder, um dieſer Nacht vielleicht ein paar Stun⸗ 1 den Schlaf abzuringen. Ende des zweiten. Bandes. — Druck von G. Pätz in Naumburg. Im Verlage von Hermann Coſtenoble in Leipzig erſchienen ferner folgende neue Werke: Gerſtäcker, Friedrich, Der Wilderer. Ein Drama in 5 Acten. broch. 27 ½ Ngr.— Eichenfels, Hans von, Das Erbſchloß. Ein Roman. 3 Bde. 8. broch. 3 ¾ Thlr.. Stahl, Arthur, Ein weiblicher Arzt. Ein Ro⸗ man. 2 Bde. broch. 2 Thlr. Humkboldt's, Alexander von, Briefwechſel mit Heinrich Berghaus aus den Jahren 1825 bis 1858. 3 ſtarke Bde. gr. 8. à Band circa 2 bis 2 ½ Thlr. Jenſſen⸗Tuſch, G. F. von, Die Verſchwörung gegen die Königin Caroline Mathilde und die Grafen Struenſee und Brandt. Nach ungedruckten Quellen und in ſelbſtſtändiger deutſcher Bearbeitung nach L. J. Flamand. Gr. 8. broch. circa 2 ½ Thlr.. Buchrucker, Wilhelm, Pfarrer, Spurgeon. Ein Lebensbild. 8. broch. 12 Ngr. Körner, Friedrich, Director und Profeſſor an der Handelsakademie zu Peſt. Der Volksſchulleh⸗ rer Pädagogik der Volksſchule. 2. Auflage. 8. broch. 27 Ngr. Bibra, Ernſt Freiherr von, Ein Juwel. Südame⸗ rikaniſcher Roman. 3 Bde. 8. broch. 3 ¾ Thlr. Möllhauſen, Balduin, Der Mayordomo. Er⸗ ählung aus dem ſüdlichen Kalifornien und Ne ⸗Mexico. Im Anſchluß an den„Halb⸗ nnvianer“ und„Flüchtling“. 4 Bde. 8. broch. 5 Thlr.—