rr Leihbibliothek Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 8 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Nr.— Pf. 3 1 1 1„—„ u— 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer fumn Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. * e. Braſilianiſches Lebensbild von Friedrich Gerſtäcker. 3 Der Verfaſſer behält ſich die Ueberſetzung dieſes Werkes vor. Erſter Band. Teipiig, Hermann Coſtenoble. 1864. 3 Inhualts-Verzeirhniss. Seite Erſtes Kapitel. Die Colonie Santa Clara 7 Zweites Kapitel. Der Direckor........... 29 Drittes Kapitel. Bei der Frau Gräſin.......... 68 Viertes Kapitel. Die„Meierei............ 102 Fünftes Kapitel. Eliſe......... 135 Sechſtes Kapitel. Zuhbel's Chagra............ 167 Siebentes Kapitel. Die neuen Coloniſten.......... 195 — Neuntes Kapitel. Ein Abend in der Colonie Zechntes Kapitel. Eine Familienſcene. 1. Die Colonie Santa Clara. Von Oſten her ſtrich die friſche Seebriſe über das weite, wellenförmige Land, ſchaukelte die ein⸗ zelnen Palmen, die auf der Lichtung ſtanden, und ſchüttelte von den Orangenbäumen nicht allein die überreifen Früchte, ſondern auch manche Blüthe herab, unter der ſich ſchon wieder die junge Frucht gebildet hatte. Ein würziger Duft wehte dabei über den ganzen Bergeshang, der ſich hie gerade und neben einer kleinen, freundlichen Wohnung oder Chagra dem Thale zu öffnete, und zwei Reiter, die den ſchmalen Waldweg herüber ge⸗ kommen waren, hielten überraſcht ihre Pferde an, als ſie das entzückende Bild erblickten, das ſich unter ihnen ausbreitete. Dicht vor ihnen, und durch die reine Luft nur noch viel näher gerückt, als es in der That lag, füllte ein kleines Städtchen— die deutſche Colonie Santa Clara— den ebenen Theil des nicht brei⸗ ten Thales aus, der vollkommen gelichtet war, und nach allen Richtungen hin, wie durch Adern, von ſchmalen, gelben Wegen durchſchnitten wurde, während die Häuſer, wohl in Straßen ausgelegt, aber doch noch einzeln aufgebaut, über die ganze Fläche hin zerſtreut ſtanden. Mit ihren lichten Farben und rothen, meiſt neuen Ziegeldächern ſtachen ſie aber um ſo lebendiger von dem ſaftigen Grün ab, das die ſie umſchließenden Gebüſche trugen, während in der Ferne, nach Süd, Süd⸗ HOſt und Oſten, drei ſcharf abgeſchiedene Gebirgs⸗ ſchichten zuerſt in dunkelm Grün, dann in blau⸗ grüner Färbung und zuletzt in einem duftigen Lichtblau den Hintergrund bildeten. Nur nach Süd⸗Weſt öffnete ſich die ſonſt voll⸗ kommene Gebirgslandſchaft ein wenig, und eben genug, um in blauer Ferne das Meer mit ſeinem ſcharf abgegränzten Horizonte zu zeigen, und man erkannte, ſelbſt von hier aus, deutlich, wie die verſchiedenen Gebirgshänge, je mehr ſie ſich dem Seeſtrande näherten, niedriger wurden. Nur die gelben Sanddünen des Strandes ſelber ließen ſich nicht erkennen, denn an den abſchüſſigen Hängen war noch Nichts gelichtet, und nur die weiten Umriſſe der höheren Partien ſchloß der Wald in ſeinen grünen Rahmen. Wieder und wieder flog der Blick der beiden Reiter aber zu der kleinen Anſiedlung zurück, die auch zu gleicher Zeit ihr heutiges Ziel bildete, und während in dem Walde ſelber die tropiſche Vegetation von dem weit ſtärkeren Laubholze ver⸗ deckt oder überſchattet wurde, konnte ihnen nicht zentgehen, wie gerade nahe bei den Häuſern der tropiſche Charakter der Landſchaft ſorgfältig ge⸗ wahrt und erhalten war. Die deutſchen Einwanderer hatten nämlich, als ſie den Wald in offenes Feld verwandelten, da⸗ heim ſchon zu viel von den„wehenden Palmen Braſiliens“ gehört, und hier und da auch wohl in ihrer Art davon geſchwärmt— denn der Bauer iſt nie Phantaſt— um jetzt gleich die Axt an die erſten zu legen, die ihnen in den Weg traten. Wo ſie ihr Haus aufrichteten oder ihren Garten umzäunten, ließen ſie manche von dieſen ſtehen, und hier und da bequemte ſich auch wohl ein Einzelner, ſelbſt in ſeinem Felde um die Wur⸗ zeln derſelben herumzupflügen, nur um von ſei⸗ 10 nem Fenſter aus die ſtattlichen, ſchlanken St ämme ſehen zu können. Reizend gelegen war ſelbſt die kleine Chagra 2), vor der ſie hielten, und eine ſchönere Fernſicht hätte der Eigenthümer wohl kaum in der ganzen Nachbarſchaft finden können. Ebenſo hatte er ſein kleines Häuschen mit Geſchmack gebaut, ſo einfach es auch ſonſt ſein mochte, und der Platz ſchien nach Allem, was man auf den erſten Blick davon ſehen konnte, neu eingerichtet und gelichtet, hätten dem nicht wieder die ſtattlichen Pinien und Drangenbäume widerſprochen, welche das Haus mſtanden, und mit drei oder vier ſtämmigen Palmen eine Gruppe bildeten, wie man ſie ſich kaum pittoresker denken kann.— Den beiden Fremden war dies ebenfalls icht entgangen, und beſonders der jüngere von hnen, der vielleicht dreißig bis zweiunddreißig Jahre zählen mochte, überſchaute mit innigem Behagen den kleinen Platz, der ſich wie ein Bild unter ſeinem grünen Blätterſchmucke zeigte. *) Chagra iſt in Braſilien das Nämtiche, was der Landmann in Nordamerika unter dem Worte Farm verſteht — ein kleines„Landgut“, oder eine„Colonie“, ob es nun eben erſt unter den Waldbäumen begonnen iſt, oder ſchon ſeine weiten und bebauten Felder nach allen Seiten ausbreitet. 8 41 Der Fremde ritt einen grauen, prächtigen Hengſt mit einem ganz eigenthümlichen, fremden Sattelzeuge, das mit ſeiner ganzen Form und einer Menge rohgearbeiteter Silberplatten, wie einer Anzahl kleiner ſilberner Schnallen und caniſchen, vielleicht ſogar indianiſchen Urſprungs zu ſein ſchien. Sonſt aber ging er ſehr einfach, doch für den Wald praktiſch gekleidet. Der Wärme wegen hatte er ein ledernes, ausgefranztes Jagd⸗ hemd, wie es in den nordamerikaniſchen Wäldern gehalten, an dem ein breites, ſchweres Jagd⸗ meſſer hing, hohe Waßferſtiefel, einen braunen Strohhut auf dem Kopfe und eine alte lederne — * —— — 2 Der Fremde ſah keinesfalls wie ein Neuling im Walde aus, und die ſonnverbrannte Farbe ſeiner Züge, aus denen ein paar große, blaue Augen treuherzig hervorſchauten, verrieth ihn eben⸗ falls als den Nordländer, der vielleicht, wie Tau⸗ fende ſeiner Landsleute, Braſilien zu ſeiner neuen Heimath gewählt. Sein Begleiter, der etwa ſechs Jahre mehr zählen mochte als er, bewegte ſich trotzdem eben ſo frei im Sattel, verrieth aber in dieſen Be⸗ wegungen, als auch noch zum Ueberfluſſe durch den Schnitt ſeines wohlgepflegten Bartes, den früheren Soldaten. Die enge Uniform hatte er freilich lange bei Seite geworfen und dafür den leichten Rock und breiträndigen Panamahut an⸗ — genommen. Außerdem ſchien er ſich den braſilia⸗ niſchen Sitten noch entſchiedener durch ein Paar rieſige braſilianiſche Sporen von echtem Silber angepaßt zu haben, und auch das Kopf⸗ und Zaumzeug ſeines Pferdes trug, wo es nur möglich war ſie anzubringen, ſilberne Spangen und Schnallen. Seine Kleidung indeſſen, obgleich von feinem Tuche und modernem Schnitte, war durch den Buſch und langen Ritt arg mitgenommen. Man ſah ihm an, daß er ſchon eine gute Weile unterwegs ſein müſſe, und die ledernen Leggins, anderen Scenen und Ländern, als ſich die beiden Freunde plötzlich angerufen hörten. Die Stimme ſchallte hinter der Gartenhecke vor und rührte von einem jungen Manne, dem Eigenthümer der Chagra, her, den ihnen das Grün der Hecke bis jetzt ver⸗ borgen gehalten. „Hallo, Fremde!“ rief der Mann in deutſcher Sprache mit nur einem leichten Anklang nieder⸗ rheiniſchen Dialektes;„wollt Ihr nicht ein wenig abſteigen und ein Glas Milch trinken? Der Weg iſt ſchlecht, und ein Bißchen Raſt kann Euren Pferden nicht ſchaden, d S iſt noch eine gute Stunde bis in die Colo Die beiden Deutſche um, von wo her Endlich entdeckten ſt unter einem blühende freundliche Geſicht eine in ſch erſt erſtaunt eigentlich komm ecke und gerad natbaume das rothe, jungen Mannes, der ihnen erſt jetzt, als er ihren Blick auf ſich ge⸗ richtet fand, ſein herzliches„Guten Morgen mit einander!“ zurief. „Guten Morgen, Landsmann,“ ſagte der jün⸗ gere Fremde, der ihm zunächſt hielt, indem er den Kopf ſeines Thieres gegen die Hecke drehte,„ich wußte gar nicht, weshalb mein Grauer immer die Ohren ſpitzte. Alſo eine Stunde Weges iſt's noch 16. 85 hinunter? Es ſieht eigentlich von hier oben viel näher aus.“ „Ja,“ lachte der hinter der Hecke,„wenn die Brücke nicht wieder eingebrochen wäre, die der Bleifuß da neulich erſt neu gebaut hat, dann wär's auch nicht viel mehr als ein halb Stündchen zu Thal. So aber müßt Ihr hier rechts unter meiner Chagra durch, um der Sohlucht aus dem Wege zu eht ſich mordmäßig in die Länge. Aber ſteigt ab as beſprechen wir beſſer im Hauſe.“ „Schon recht,“ ſe leicht aus dem Sattel thieren ſind wir de & nachkommen, tündchen plaud Sein Gefährte wiedern, dem Beiſpiele, denn es drängte ihn ſelber das Innere des Häuschens zu ſehen, das ſchon von außen einen ſo freundlichen Eindruck auf ihn gemacht. Die beiden Reiſenden banden deshalb Günther, indem er ſich wang;„unſeren Pack⸗ orausgeritten, und bis — ihre Pferde außen an der Hecke an die herunter⸗ hangenden Aeſte eines ſtattlichen Orangenbaumes, und traten dann in den Garten, wo ihnen der Hausherr, ein junger, prächtig gewachſener Mann mit offenen, ehrlichen Geſichtszügen, blauen 14 Augen und blonden Haaren, entgegen kam und ſie begrüßte. 3 „Das iſt geſcheidt,“ ſagte er dabei,„Sonntag Morgens habt Ihr ſo nicht viel in der Colonie zu verſäumen und kommt noch zeitig genug zum Mit⸗ tageſſen, wenn Ihr nicht das hier ebenfalls ver⸗ zehren wollt.“ Er ſchüttelte dabei den beiden Fremden kräftig die Hand und führte ſie dann ohne Weiteres— ſein Haus hinein, wo Beide aber unwillkürlich erſtaunt und überraſcht auf der Schwelle ſtehe blieben. 8 Das kleine Zimmer, das ſich ihnen öff glänzte von Sauberkeit; der einfache§ war ſchneeweiß geſcheuert, aber nicht weißer als der Fußboden ſelber, den in der Mitte eine leicht⸗ geflochtene Matte überdeckte. An den Fenſtern hingen ſogar Gardinen, und ein nett gearbeiteter Nähtiſch aus polirtem Holze ſchien mit dieſen, als Luxusmöbel, concurriren; len. Aber die Freunde ſahen das All⸗ als daß ſie es im Eindrucke des Gangen fühlten, denn Beider Augen hingen in dem erſten Momente an einem wunderbar ſchönen jungen Weibe, das ein Kind auf dem Schooße hielt und, als die Fremden die Hütte betraten, den kleinen, ſtrampelnden Burſchen Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. I. 2 —nʒ——— 18 aufgriff und ihnen mit freundlichem Lächeln ent⸗ gegentrat. „Grüß' Gott!“ ſagte ſie herzlich, als ſie Beiden nach einander die Hand reichte,„und ſetzt Euch und macht's Euch bequem— Vater, haſt Du denn ſchon nach den Pferden geſehen?“ „Werd's ſchon beſorgen, Schatz,“ lachte der eunn,„bring' Du nur einmal ein paar Gläſer ilch, denn die beiden Herren werden durſtig ge⸗ worden ſein.“ Ja, dann mußt Du indeſſen den Schlingel ehmen,“ ſagte die junge Frau, indem ſie em Gatten den kleinen unruhigen Burſchen ſo lei inüberreichte, als ob er keine zwei Pfund gewogen hätte, wie er ſicher zwanzig wog,—„der läßt mir ja ſonſt nicht Ruh' noch Frieden an den Milchnäpfen.“ „Ob er Frieden halten wird?“ lachte der Mann, nahm ihr den kleinen Burſchen ab, gab ihm ein paar derbe Küſſe und ſetzte ihn ſich in den linken Arm.„Und nun thut, als ob Ihr zu Hauſe wäret,“ fuhr er dann, indem er ſich wieder zur Thür wandte, gegen die Fremden fort;„ich bin gleich wieder da, und zu trinken wird Euch die Trine auch im Augenblick bringen.“ Die „Trine“ war ſchon lange aus der Thür hinaus, 19 und die beiden Freunde ſahen ſich im nächſten Mo⸗ mente allein in dem kleinen Raume. „Iſt das nicht ein wahres Madonnengeſicht?“ brach aber der Jüngere heraus, als der junge Bauer kaum das Zimmer verlaſſen hatte;„haben Sie je in Ihrem Leben ein Paar ſolcher Augen⸗ brauen, einen ſolchen Mund geſehen?“ „Ein wunderhübſches Paar, in der That,“ erwiederte Günther, der den Blick indeſſen forſchend umherwarf,„und wie nett und ſauber ſieht's bei ihnen aus! Ja,“— fuhr er tief aufſeufzend fort,„der hat's gut, und Unſereiner zieht nun ſo in der Welt umher, ſieht die verbotenen Früchte an den Bäumen hangen, wiſcht ſich reſignirt den Mund und— wandert eben weiter.“ „Ob denn das wirklich Deutſche ſind?“ ſagte ſein Freund. „Was denn ſonſt? Doch wahrhaftig keine Portugieſen!“ „In meinem Leben habe ich noch keinen aus⸗ gewanderten Bauernburſchen geſehen,“ erwiederte der Jüngere,„der ein ſo ungezwungenes und doch anſtändiges Benehmen hatte, und die junge Frau würde in einem ſchweren Seidenſtoffe eben ſo zu Hauſe ſein, wie in ihrem einfachen Kattunröck⸗ chen. Aber ſie ſprechen vollkommen gut Deutſch.“ 2*½ „Er noch dazu mit dem rheiniſchen, ſie etwas mit dem Tyroler Dialekte,“ ſagte Günther,„aber da kommt ſie zurück. Sie wird uns gleich ſagen, wo ſie herſtammen.“ „So— da bin ich wieder— hat's lang ge⸗ dauert?“ ſagte die junge Frau, als ſie mit einem kleinen Präſentirteller in's Zimmer trat;„und nun ſetzen Sie ſich her und langen Sie zu— 's iſt nicht viel, aber wir haben's hier oben noch nicht beſſer, denn wir ſind hier erſt ſeit kaum ſechs Monaten auf der Chagra.“ Während ſie ſprach— und ſo raſch und ge⸗ wandt, daß Alles ſich faſt von ſelber zu ordnen ſchien— hatte ſie indeſſen das Mitgebrachte auf dem Tiſche ausgebreitet, und friſche, ſüße Milch, weißes Brod, Butter und Käſe, Alles auf blinken⸗ dem Geſchirr, lachte den Fremden bald darauf entgegen und lud ſie ſchon ſelber ein, nur tapfer zuzulangen. „Und ſind Sie erſt ſo kurze Zeit hier oben?“ fragte der ältere Fremde;„die Pinien und Orangen müſſen doch ſchon vor vielen Jahren gepflanzt ſein.“ „Das ſind ſie auch,“ erwiederte der Mann, der in dieſem Augenblicke wieder in der Thür er⸗ ſchien und der Frau das Kind entgegen hielt. 21 „Da, Mutter, nimm den Schlingel,“ fuhr er dann zu dieſer fort;„ob der Bengel wohl Ruhe gegeben hat, bis ich ihn auf den Grauen ſetzte, und da oben blieb er, bis ich die Thiere gefüttert hatte.“ „Aber der Graue iſt ein unruhiges Thier,“ ſagte Günther. „Bah, der hlält ſich ſchon feſt,“ lachte der Mann,„ja, was ich ſagen wollte, die Chagra habe ich erſt kürzlich gekauft, und zwar von einem Deutſchen, der ſie ſo hatte verwildern laſſen, daß man die Bäume kaum fand, die darauf ſtanden. Es war ein vornehmer Herr geweſen, der, wie er meinte, hatte braſilianiſcher„Pflanzer“ werden wollen, ſich die Sache aber wohl ein Wenig anders und leichter gedacht haben mochte und auch ir⸗ gendwo anders beſſer hinpaßte, als hinter Pflug und Egge.“ „Und ſeid Ihr keine Deutſche?“ fragte der ältere Fremde. „Wir?— Nein,“ lachte der Mann,—„das heißt, ja, wir ſind ſchon Deutſche, aber doch nicht in dem Deutſchland drüben geboren, ſondern hier in Braſilien. Mein Vater ſtammt vom Rheine, und der Frau ihr Vater von Innsbruck, die Beide vor etwa dreißig Jahren hier herüber ge⸗ 22 kommen waren und ſich in San Leopoldo nieder⸗ gelaſſen hatten.“. „Alſo Braſilianer?“ ſagte Günther enttäuſcht. „Ah, nein, wir ſind ſchon Deutſche,“ lachte die Frau gutmüthig,„und halten uns ja auch immer zu Deutſchen, wie Ihr ſeht, denn mit den Bleifüßen iſt es doch Nichts, und ſie wollen Nichts arbeiten und ſchaffen.“ „Bleifüße— was zum Henker iſt das nur?“ lachte der eine Fremde;„ein Bleifuß ſoll ja auch die ſchlechte Brücke gebaut haben.“ 3 „Ih ja,“ meinte der Mann ſchmunzelnd,„der Bleifüße giebt's gar viele— eigentlich mehr, als gut iſt, und wir nennen beſonders die eigentlichen Portugieſen ſo, die immer herüberkommen und ſo thun möchten, als ob Braſilien ihnen gehörte. Weshalb ſie aber eigentlich ſo genannt werden, weiß ich ſelber nicht recht; aber den Namen haben ſie, ſo viel iſt ſicher, und werden ihn wohl auch behalten. Aber ſeid Ihr ſelber erſt ſo kurze Zeit im Lande, daß Ihr noch nicht einmal das Wort Bleifuß gehört habt? Ich dächte doch, das würde häufig genug aller Orten genannt.“ „Ich ſelber bin ſchon lange im Lande und kenne auch den Namen,“ lächelte Günther,„aber mein Reiſegefährte da iſt erſt kürzlich aus den 8. 23 Vereinigten Staaten von Nordamerika nach Rio, und von da zu Pferde hier nach dem Süden ge⸗ kommen, um ſich das Land einmal anzuſehen.“ „Und was iſt Ihr Geſchäit wenn man fragen darf.“ „Ich bin Feldmeſſer,“ erwicderte Günther, „und von der Regierung hierher beordert, um die Colonien für friſch eintreffende Emigranten aus⸗ zumeſſen.“ „Das iſt geſcheidt,“ ſagte der junge Bauer; „an vermeſſenem Lande fehlt's ewig, und die armen Teufel müſſen ſich oft Monate lang in den ſogenannten Auswanderungs⸗Häuſern herum⸗ treiben, ehe ſie eigenen Boden und eine feſte Heimath bekommen. Nun, da werden Sie Arbeit genug kriegen, daran fehlt's nicht— aber eſſen Sie nicht mehr?“ „Wir danken,“ erwiederte Günther, der bis jetzt mit ſeinem Gefährten wacker zugelangt,„es hat trefflich geſchmeckt und war delicat. Jetzt kön⸗ nen wir's ſchon bis in die Colonie hinunter aus⸗ halten.“ „Und wollen Sie ſchon wieder fort?“ fragte die Frau freundlich, als die beiden Fremden von ihren Sitzen aufſtanden und zu den Hüten griffen —„das war gar ein kurzer Beſuch.“ 24. „Wenn Sie's erlauben,“ ſagte der jüngere Fremde,„ſo komme ich ſchon wieder einmal her. Ich ſelber habe Nichts zu verſäumen und werde mich doch wahrſcheinlich ein paar Monate in der Nähe der Colonie herumtreiben. Daß es mir aber hier bei Ihnen gefällt, dürfen Sie mir auf mein Wort glauben. Mein Freund iſt jedoch mit ſeiner Zeit gebunden und hat heute noch viel unten mit dem Director zu beſprechen. Da draußen ſind auch eben unſere Packpferde angekommen, und wir wollen deshalb lieber aufbrechen.“ „Apropos,“ fragte Günther,„was für ein Mann iſt der Director eigentlich? Ich habe in den anderen Colonien am Chebaja nicht gerade viel Gutes von ihm gehört.“ „Ich weiß nicht,“ lachte der Mann—„es kommt wohl immer darauf an, wen Ihr fragt. Die Einen ſchimpfen auf ihn, die Anderen loben ihn, und Allen kann man's eben nicht recht machen auf der Welt. Er iſt ſehr ſtreng, das iſt wahr, und oft auch wohl ein Bißchen eigenſinnig. Mit den armen Leuten geht er aber gut um und ſteht ihnen bei.“ „Und das iſt die Hauptſache,“ rief Günther— „nun, ich werde ſchon mit ihm fertig werden— alſo, herzlichen Dank für die Aufnahme. Wenn ich's einmal wieder gut machen kann, ſtehe ich zu Dienſten!“ „Das mag vielleicht raſcher geſchehen, als Sie denken,“ lachte der junge Bauer,„denn un⸗ ſere Grenzen ſind hier alle in Confuſion, und ich bin ſchon lange darum eingekommen, die meinige ebenfalls nachſehen zu laſſen. Doch darüber ſprechen wir ſpäter; ich möchte Sie jetzt nicht länger als nöthig auf’ lten, und komme auch vielleicht in dieſen Tagen einmal nach der Colonie hinunter.“ Damit reichten er und die Frau den Fremden herzlich die Hand zum Abſchied. Draußen hielten auch in der That die beiden eingeborenen Diener der Freunde, ein paar braune, rauh genug aus⸗ ſehende Burſchen, mit drei Laſtpferden, wovon zwei dem Vermeſſer, eins aber ſeinem Freunde gehörte, und gleich darauf trabte die kleine Ca⸗ valcade, welcher der junge Bauer erſt noch den Weg um ſeine Chagra herum zeigte, dieſen thalein. Und doch war es ein wundervoller Pfad, der ſie hier in die Niederung hinabführte, denn ge⸗ rade an dieſem Berghange zeigte ſich die ſchon faſt tropiſche Vegetation des Landes in ihrer ganzen Pracht und Herrlichkeit. Der Baumwuchs war allerdings lange nicht ſo mächtig, wie in den nörd⸗ 26 licher gelegenen Theilen Braſiliens, aber das üppige Unterholz mit ſeinen zierlichen Farnpalmen und Fächern, mit ſeinen Lianen und Ranken bildete überall, wo es dem Blicke erlaube, einzudringen, die reizendſten Gruppen und Feſtons, aus denen ſich die grünen, ſchlanken Schäfte verſchiedener wilder Palmenarten keck emporhoben. . Hier und da, wo eine eingeriſſene Schlucht oder ein breiteres Bachbett den Blick in die Tiefe geſtattete, zeigte ſich dann die kleine Niederlaſſung im Thale mit ihren lichten Gebäuden und hell⸗ grünen Raſenflecken, durch welche die gelben Wege wie Fäden liefen, immer in verſchiedener Form und Beleuchtung, aber immer freundlich, ſo daß die Reiter ihre Thiere oft anhielten und ein paar Secunden ſchweigend auf das unter ihnen ausgebreitete Bild hinabblickten. Da hier der Weg aber zu ſchmal war, oder der Regen doch in den Boden an den verſchie⸗ denſten Stellen Einriſſe gemacht hatte, mußten ſie ihre Pferde hinter einander halten, und dadurch war die Converſation geſtört. Erſt weiter unten, auf der letzten Abdachung angelangt, bog der Beipfad wieder in den durch die eingefallene Brücke unterbrochenen Hauptweg ein, und jetzt hatten ſie die eigentliche Colonie Santa Clara auch bald erreicht, deren Ausläufer in kleinen, allein ſtehenden Anſiedelungen ſchon bis hier herauf reichten. „Der Platz liegt wirklich allerliebſt,“ ſagte Günther, der bis jetzt vorangeritten war, indem er ſein Pferd anhieltz, um wieder neben dem Freunde zu bleiben. „Was die Scenerie betrifft, ja,“ erwiederte dieſer,„aber der Boden ſcheint mir hier nicht be⸗ ſonders, und der Mais da drüben in dem Felde ſteht dünn und mager genug— wenigſtens ma⸗ gerer, als ich es bis jetzt gewohnt bin zu ſehen.“ „Das beſſere Land wird weiter zurück in der Ebene liegen,“ meinte Günther,„jedenfalls hat der Ort nicht weit zur See, und das iſt ſchon immer ein enormer Vortheil für eine Colonie.“ „Wenn der Hafenplatz gut iſt, ja; und wohin wollen wir jetzt zunächſt?“ „Direct zum Director,“ lachte Günther,„der wird uns dann ſchon die beſte Auskunft geben, wo wir übernachten können. Wir müſſen nun im nächſten Hauſe ſeine Wohnung erfragen.“ „Das iſt nicht nöthig,“ meinte ſein Freund— „das Haus da drüben, wo die deutſche Fahne weht, iſt jedenfalls das Wirthshaus, und das größere Gebäude daneben eben ſo ſicher die Kirche, 28 — wo baute der Deutſche nicht Eins neben das Andere? Außerdem ſteht aber dort nach Süden nur noch ein ſehr großes Haus mit einer neuen Umzäunung, und dort hat natürlich auch der Di⸗ rector ſeinen Aufenthalt. Wir wollen ruhig darauf zureiten.“ „Sie können Recht haben,“ lachte Günther, „aber vielleicht wohnt er doch da drüben in dem kleinen allerliebſten Gebäude, wo die vielen Orangenbäume ſtehen. Den Platz hätte ich mir jedenfalls zu meiner Wohnung ausgeſucht.“ „Das iſt ſicher die Pfarrwohnung,“ verſicherte aber ſein Kamerad;„ſehen Sie nicht den breiten, betretenen Pfad, der von dort zur Kirche nieder⸗ führt. Ich glaube kaum, daß der Director alle die Fährten nach der Kirche in den Sand einge⸗ drückt hat. Folgen Sie mir nur; ich führe Sie den richtigen Weg.“ Und ohne weiter eine Ant⸗ wort abzuwarten, gab er ſeinem Pferde leicht die Sporen und ſprengte, von Günther jetzt dicht ge⸗ folgt, dem vorher bezeichneten Hauſe zu, vor deſſen Thür er anhielt und ohne Weiteres aus dem Sattel ſprang. 2. Der Direckor. Gerade als Günther an ſeines Gefährten Seite hielt und ſeinem Beiſpiele folgte, trat eine Erſcheinung aus dem Hauſe, die beide junge Leute hier, mitten im braſilianiſchen Walde, wohl kaum vermuthet hatten, und die ſie deshalb um ſo mehr überraſchte;— eine Dame in vollem europäiſchen Putze, mit einem grün und ſchwarz groß carrirten Seidenkleide, ſehr bedeutender Crinoline und über⸗ haupt allem dazu Nöthigen und Gehörigen ver⸗ ſehen, die mit ſehr ſtolzer, faſt majeſtätiſcher Hal⸗ tung aus der Thür rauſchte, einen Augenblick erſtaunt die Fremden betrachtete und dann, mit einem leichten, kaum bemerkbaren Kopfnicken ihre Begrüßung erwiedernd, vorbei und in die kleine Stadt hinein ſchwebte.. 30 „Alle Teufel,“ murmelte der Jüngere der Beiden halblaut vor ſich hin, als die Dame außer Hörweite war,„von allen Dingen auf der Welt hätte ich eine Crinoline hier am Allerwenigſten erwartet. Das muß die Frau oder eine Ver⸗ wandte des Directors ſein, denn nach einer Colo⸗ niſten⸗Frau ſieht ſie doch nicht aus. Es thut den Augen aber ordentlich wohl, nach einem Stücke wilden Lebens wieder einmal auf eine ſo breite Fährte der Civiliſation zu kommen. Dieſen An⸗ zeichen nach giebt es alſo hier auch jedenfalls eine haute volée; unſer rauher Waldanzug ſchien der Dame nicht beſonders zu behagen, denn ſie grüßte nur ſehr vornehm und nachläſſig.“ „Nun, wir werden ja bald erfahren, mit wem wir es hier zu thun bekommen,“ ſagte Günther. „Jedenfalls müſſen wir jetzt erſt erfragen, ob hier der Director wirklich wohnt, und wenn ſo, ob er zu Hauſe iſt.— He, Landsmann,“ wandte er ſich dann an einen Coloniſten, deſſen Aeußeres, mit dem langen blauen Rocke und ſchmalen Kragen, dem ausgeſchweiften Hute und dem Geſangbuche unter dem Arme, über ſein Vaterland keinen Zweifel geſtattete—„iſt das die Wohnung des Directors?“ „Guten Morgen mit einander,“ erwiederte der Gefragte, der ſich dabei die Fremden von Kopf 3 31 bis zu Fuß betrachtete—„ja wohl, der Herr Director wohnt hier— er iſt oben in ſeiner Stube — wollen Sie was?“ „Danke ſchön; ja, wir wollen ihn ſprechen.“ „Gehen Sie nur hinauf; er iſt oben allein, aber— nicht gerade guter Laune. Sie kommen wohl weit her?“ „Nicht ſehr.“ „Und wollen Sie hier in der Colonie bleiben?“ „Uns wenigſtens den Platz erſt einmal an⸗ ſehen,“ ſagte Günther, nicht geſonnen, ſich hier vor der Thür in eine lange Unterredung einzu⸗ laſſen. Sein Freund hatte das Haus ſchon be⸗ treten, und Beide ſchritten jetzt die Treppe lang⸗ ſam hinauf. Auf der Treppe oben blieb der Jüngere plötzlich ſtehen und ſagte: „Kamerad, ich habe mir die Sache überlegt; ich werde jetzt nicht mit hineingehen. Wenn der Herr Director übler Laune ſind, möchte ich ihm nicht gern in den Weg treten, denn ich will Nichts von ihm, und gedenke mich deshalb auch nicht ſeiner übeln Laune auszuſetzen. Sie haben Geſchäfte mit ihm, das iſt etwas Anderes; ich werde indeſſen in's Wirthshaus gehen und Sie dort erwarten. Machen Sie Ihre Sachen ſo raſch ab, wie Sie können.“— Damit wollte er ohne 32 Weiteres umdrehen und wieder hinabſteigen, Günther aber ergriff ſeinen Arm und ſagte: „Thun Sie mir den Gefallen und bleiben Sie; kommen Sie wenigſtens einen Augenblick mit hinein, um Ihren Auftrag auszurichten.“ „Auftrag— es iſt nur ein Gruß.“ „Und wenn auch. Er wird uns nicht gleich beißen, und ich ſelber habe vor der Hand eben⸗ falls nur wenige Worte mit ihm zu ſprechen, denn unſere Thiere müſſen abgepackt und untergebracht werden.“ „Meinetwegen,“ ſagte der Freund achſelzuckend, „wenn Sie's abſolut wollen. Lieber ginge ich frei⸗ lich in's Wirthshaus.“ Wenige Stufen höher ſtanden ſie vor der Thür des Directors, die eine daran genagelte einfache Viſitenkarte bezeichnete. Die Karte trug auch weiter keine Bezeichnung, als„Ludwig Sarno“, nicht einmal der Titel„Director“ war beigefügt, und der jüngere Fremde nickte befriedigt mit dem Kopfe. Günther hatte indeſſen ohne Weiteres an die Thür geklopft, und ein etwas barſches„Herein!“ And ſie ein, des Löwen Höhle zu betreten. Der Director, ein ſchlanker, aber ſtattlicher Mann, ebenfalls mit einem militäriſchen Anſtriche, ſtarkem, etwas röthlichem Barte und vollem, locki⸗ - 33 gem Haar, ging mit auf den Rücken gelegten Händen in ſeinem Arbeitszimmer auf und ab, das ſich beſonders durch eine Menge von Gefächern mit actenartig in blaues Papier geſchlagenen Folioheften auszeichnete. Bei dem Anklopfen hatte er ſeinen Spaziergang unterbrochen und ſtand, halb nach der geöffneten Thür gedreht, mitten im Zimmer. Günther ließ ihn aber nicht lange über ſich in Zweifel, ſondern auf ihn zugehend, ſagte er: „Herr Director, ich bin gezwungen, mich ſelber bei Ihnen einzuführen. Mein Name iſt Günther von Schwartzau, Ingenieur⸗Officier, und ich bin vom Präſidenten der Provinz hieher beordert, etwa nöthig gewordene Vermeſſungen vorzunehmen.“ „Etwa nöthig gewordene?“ wiederholte der Director, indem er den Fremden erſtaunt anſah: „als ob ich nicht den Herrn Präſidenten ſeit ſechs Monaten bei jeder möglichen Gelegenheit mit Ein⸗ gaben bombardire, daß er endlich einmal die ſeit einem Jahre ſchon faſt dringend nöthigen Ver⸗ meſſungen vornehmen laſ ſe! Etwa nöthigen...“ „Es thut miy leid, Herr Director, wenn Sie haben warten müſſen,“ ſagte Günther ruhig,„aber meine Schuld war es nicht; denn vor fünf Tagen erſt erhielt ich am Chebaja den Brief des Präſi⸗ denten, der mich hieher beordert, und Sie werden Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. I. 3 34 mir zugeſtehen, daß ich von dort aus, bei der Entfernung und den Wegen, wahrlich keine Zeit verſäumt habe.“ „Der Herr iſt Ihr Gehülfe?“ „Bitte um Verzeihung,“ ſagte der Fremde, der indeſſen mit einem leichten, kaum bemerkbaren Lächeln dem Geſpräche gefolgt war—„ich gehöre in das Geſchäft gar nicht hinein und muß mich eigentlich als einen Aufdringling betrachten, will Ihre koſtbare Zeit auch nicht länger in Anſpruch nehmen, als unumgänglich nöthig iſt, Ihnen mir aufgetragene und an's Herz gelegte Grüße zu beſtellen.“— „Grüße? Von wem?“ ſagte der Director, der indeſſen die ſchlanke, edle Geſtalt des Fremden mit eben nicht freundlicher werdenden Blicken muſterte. „Vom Hauptmann Könnern.“ „Von Hermann Könnern?“ rief der Direc⸗ tor raſch. Der Fremde nickte nur langſam mit dem Kopfe. „Und kennen Sie Könnern perſönlich?“ fragte der Director eben ſo eifrig weiter. „Ziemlich genau,“ erwiederte der junge Mann; „er iſt mein Bruder, und ich heiße Bernard.“ 6 35 „Der ſich in Amerika ſo lange herumgetrieben — der Maler?“ „Derſelbe,“ lächelte der junge Mann. „Dann ſein Sie mir herzlich und viel tauſend Mal willkommen,“ rief Sarno, der in dem Augen⸗ blicke ein ganz anderer Mann zu werden ſchien— „herzlich willkommen!“ wiederholte er noch einmal, die gefaßte Hand aus allen Kräften ſchüttelnd. „Oft haben wir von Ihnen geſprochen— und wie geht es Hermann?— Aber davon nachher— Sie kommen eben von der Reiſe, und unſere Wege ſind nichts weniger als muſterhaft; erſt müſſen Sie ſich erholen und eine Erfriſchung einnehmen; nachher plaudern wir viel, recht viel mit einander, denn Ihr Bruder iſt der beſte Freund, den ich auf der Welt habe, und ich muß Alles wiſſen was ihn angeht.“ „Er ſchrieb mir noch in ſeinem letzten Briefe, wo ich Sie hier in Braſilien anträfe, den Fuß nicht eher aus dem Bügel zu ſetzen, bis ich Ihnen die aufgetragenen herzlichen Grüße überbracht— da ich aber nicht gut die Treppe heraufreiten konnte, mußte ich wenigſtens vor der Thür ab⸗ ſteigen.“. „Ihr Pferd ſteht noch unten?“ „Geſattelt.“ 36 „Deſto beſſer, dann legen Sie Alles gleich herein— keine Widerrede; ich ſchicke gleich Je⸗ manden hinunter, denn leider Gottes habe ich Menſchen genug dazu im Hauſe— Bernard Könnern ſoll wahrhaftig nicht in Braſilien in einem Wirthshauſe wohnen, ſo lange ich ſelber ein Dach über mir habe, und ein Bett, mit ihm zu theilen.“ „Aber, Herr Director...“ „Kein Wort mehr; ich laſſe keine Einrede gelten, wenn ich Ihnen auch keine beſondere Bequemlich⸗ keit zu bieten vermag. Sie aber ſind ja auch an ein Lagerleben gewöhnt.— Mein lieber Herr von Schwartzau,“ wandte er ſich dann an den In⸗ genieur,„mit großem Vergnügen würde ich auch Sie gern beherbergen, aber überzeugen Sie ſich ſelber, ich habe das ganze Haus voll von Emi⸗ granten, und noch dazu faſt lauter Kranke, Frauen und Kinder, die ich bei dem ewigen Regen in dem erbärmlichen Auswanderungshauſe nicht laſſen mochte.“ „Mein lieber Herr Director!“ ſagte Günther abwehrend. „Sie können uns aber helfen,“ fuhr der Di⸗ rector fort.„Vermeſſen Sie uns eine tüchtige Strecke Land, daß ich die armen Einwanderer bald 374 unterbringen kann, und ich habe dann Raum genug in meinem Hauſe für ſechs oder acht Freunde, und vielleicht für mehr.“ „Mit Freuden, ſobald ich nur erſt einmal weiß, wo.“ „Das zeige ich Ihnen noch heute Abend, denn wir haben in der That keine Zeit zu verlieren. Ihre Pferde brauchen Sie dabei nicht anzuſtrengen, ich borge Ihnen von meinen Thieren, und Kön⸗ nern hier begleitet uns; dann können Sie morgen früh mit Tagesanbruch Ihre Arbeit gleich beginnen. Was Sie von Leuten dazu brauchen, ſtelle ich Ihnen; ich kenne einige dazu ganz paſſende junge Burſchen, und hätte die Arbeit ſchon längſt ſelbſt gemacht, wenn ich's eben im Stande wäre. Aber ſehen Sie ſelber hier die Actenſtöße an— Berichte, Klagen, Eingaben, Zänkereien, Befehle von oben, wovon immer einer dem anderen widerſpricht, und Quängeleien, daß ſie einen Heiligen manchmal zum Fluchen bringen könnten— und ich bin eben keiner— doch darüber ſprechen wir nachher. Und außerdem noch, lieber Schwartzau— Sie waren Officier, nicht wahr?“ „In ſchweswig⸗holſteiniſchen Dienſten.“ „Aha— die alte Geſchichte, mit der ſie daheim die beſten Kräfte über die Gränze getrieben 38 haben.— Ich muß Sie noch um Entſchuldigung bitten, daß mein Empfang gerade kein überfreund⸗ licher war, aber weiß es Gott, ſie treiben es hier manchmal, daß es Einem die Galle mit Gewalt in's Blut hineinjagt. Die Frau Gräfin verbeſſert überhaupt nie meine Laune, wenn ſie mich einmal mit ihrem hohen Beſuche beehrt.“ „Die Frau Gräfin,“ ſagte Könnern, aufmerk⸗ ſam werdend;„war das etwa die Dame, die vor⸗ hin aus dem Hauſe trat?“ „Kurz vorher, ehe Sie kamen— ſie verließ mich ſehr beleidigt, daß ich einen armen Teufel von Bauer, der noch drei Stunden Weges bis nach Hauſe hat, nicht ihretwegen vor der Thür warten ließ und ihn abfertigte, während ſie bei⸗ mir war. Doch ich ſchwatze und ſchwatze. Alſo Schwartzau, Sie müſſen ſich noch ein paar Tage im Wirthshauſe unterbringen, und dann werden Sie wahrſcheinlich gezwungen ſein, einige Wochen auszulagern, bis dahin aber hoffe ich, Ihnen Raum geſchafft zu haben. He, Chriſtoph— Klaas!“ rief er dann aus dem Fenſter—„ſchaff' doch einmal die Sachen des fremden Herrn in's Haus— Sattel und Taſchen, oder was es iſt— wo wollen Sie hin, Könnern?“ „Wenn Sie es denn nicht anders haben wollen, 39 ſo muß ich wenigſtens hinunter, um mein Pack⸗ thier ſelber abzuladen, daß mir die guten Leute Nichts zerbrechen⸗“ „Gut, auch recht. Laſſen Sie nur Alles hier herauf ſchaffen und draußen vor die Thür ſtellen; wir arrangiren es dann ſelber, denn ich habe hier Junggeſellenwirthſchaft. Indeſſen Sie das be⸗ ſorgen, ſchreibe ich nur noch zwei Briefe, die jener Coloniſt mit in eine andere neue Colonie nehmen muß, wohin ſonſt ſehr ſelten Gelegenheit iſt.“ „Und um wie viel Uhr iſt es Ihnen recht?“ fragte Günther. „Um— aber das können wir nachher bereden,“ ſagte der Director;„natürlich eſſen Sie mit uns, was gerade da iſt, und nach dem Eſſen reiten wir in aller Bequemlichkeit hinaus. Die übrigen Geſchäfte müſſen warten, denn dieſes iſt das wich⸗ tigſte. Um ein Uhr eſſe ich gewöhnlich, bis dahin behalten Sie alſo noch übrig Zeit, ſich ein wenig auszuruhen. Und Sie, lieber Könnern, kommen gleich wieder zu mir herauf, ſobald Sie Ihre Sachen beſorgt haben.“ Und damit, ohne irgend eine Einwendung zu erwarten, ſetzte er ſich ohne Weiteres an ſeinen Schreibtiſch und überließ die beiden Fremden in⸗ deſſen ſich ſelber. 40 „Nun, wie gefällt Ihnen Ihr Director?“ ſagte Könnern auf der Treppe. „Vortrefflich!“ erwiederte Günther;„im An⸗ fange ſchien er ein wenig brummig, aber der Name Ihres Bruders wirkte Wunder.— Wo haben ſich die beiden Herren eigentlich gekannt?“ „In der öſterreichiſchen Armee,“ erwiederte Könnern,„wo ſie den ſiegreichen Feldzug in den vierziger Jahren zuſäammen durchgemacht haben. Mir gefällt aber der Mann auch außerdem; er iſt raſch, kurz angebunden, und wie mir ſcheint, aufrichtig und offen. Mit ſolchen Leuten iſt immer am Beſten verkehren, denn der Böſe ſoll die Ueberfreundlichen holen, die ſtets ein lächeln⸗ des Geſicht zeigen und bei denen man doch nie und nimmer weiß, woran man mit ihnen eigent⸗ lich iſt. „Mich hat es ebenfalls gefreut, daß er mich ſo ohne Weiteres in's Wirthshaus wies. Er hätte ja eine lange Entſchuldigung machen können, aber er ſagte einfach, deshalb geht's nicht, und damit Punctum. Ich glaube, ich werde mit dem Di⸗ rector fertig.“ Sie waren damit vor die Thür getreten, wo ihre Diener mit den Pferden noch hielten, und während Günther wieder aufſtieg, lockerte Könnern 41 ſeinem Grauen den Sattelgurt. Da ſchallten raſche Hufſchläge die Straße herauf, Beide wandten den Kopf dorthin und Günther rief aus: „Hallo, wer kommt da— eine Amazone!“ In demſelben Augenblicke aber ſprengten ſchon zwei Reiter, mehr im Carriere als Galopp an dem Hauſe des Directors vorüber, und die beiden Fremden hatten nur eben Zeit zu bemerken, daß auf dem erſten Pferde ein junges, wunderhübſches Mädchen in einem knapp anſchließenden, dunklen Reitkleide ſaß, mit einem kleinen Amazonenhute auf, von dem eine einzelne mächtige weiße Strauß⸗ feder und ein paar lange Reiherfedern in dem ſcharfen Luftzuge weit auswehten. Ihr Begleiter, der etwa eine Pferdelänge hinter ihr folgte, war ein ganz junger Burſche von etwa ſechszehn bis ſiebenzehn Jahren. Wie eine Erſcheinung flogen die Beiden an ihnen vorüber, und Günther hatte noch außerdem jetzt mit ſeinem eigenen Pferde zu thun, das ſich, wie es ſchien, am liebſten dem Rennen angeſchloſſen hätte, und herüber und hinüber tanzte. „Hier im Orte ſcheint es wirklich ganz inter⸗ eſſante Geſellſchaft zu gebenz,“ ſagte Könnern, als die wilden Reiter die Straße hinab ver⸗ Maunden waren,„und es wird lohnen, ſich eine 42 Zeit lang aufzuhalten und ihre Bekanntſchaft zu machen.“ „Beinahe hätt' ich das a Pehtere gleich gerhan, 4 lachte Günther,„denn mein Rappe ſchien daſſelbe Bedürfniß zu fühlen. Aber, Adieu jetzt, Kamerad. Um ein Uhr ſehen wir uns beim Diner wieder.“ „Hoffentlich nicht im Frack, denn darauf bin ich nicht eingerichtet,“ nickte ihm Könnern zu, während Günther, von ſeinen beiden Laſtthieren geſolgt, denſelben Weg, aber bedeutend langſamer, einſchlug, den die junge Dame eben genommen. Die Kirche lag in dieſer Richtung, und er wußte gut genug, daß Könnern Recht hatte, wenn er. das Wirthshaus dicht daneben vermuthete. Aus dem Directionshauſe waren indeſſen ein paar deutſche Arbeiter gekommen, junge Burſchen N in Hemdärmeln und mit ledernen Hoſen und Pan⸗ toffeln, der eine eine runde blaue, der andere eine viereckig grüne Mütze auf, und Beide genau ſo ausſehend, als ob ſie eben dieſelben Pantoffeln nicht ausgezogen hätten, ſeit ſie in Bremen oder Hamburg das Schiff betreten. Dieſe griffen willig mit zu, das Packthier ab⸗ zuſatteln, und wenn ſie auch ſtets an den ver⸗ kehrten Stricken, aber deshalb nicht minder gut 4 * gemeint, zogen, gelang es doch endlich mit Kön⸗) nern's Hülfe, den Packen aufzuſchnüren, und die verſchiedenen Gegenſtände in's Haus und in die erſte Etage zu ſchaffen. Die Pferde brachten ſie dann ebenfalls auf einen kleinen Weideplatz dicht am Hauſe, wo ſie auch einzeln gefüttert werden konnten, und ſeinen Diener ſchickte Könnern dann mit deſſen eigenem Sattelzeuge in das Wirths⸗ haus hinüber, da er den Eingeborenen nicht mit den Deutſchen zuſammenbringen wollte. Er wußte, daß dies ſelten gut that. Hierbei gelang es ihm, einen Blick in den untern Theil des Directionshauſes zu werfen, und es ſah dort allerdings wild und wunderlich genug aus. Das ganze Haus war noch neu, ja, es ſtand ſogar noch ein Theil des Gerüſtes. Die Wände waren auch nur erſt einfach geweißt und die Fenſterrahmen noch nicht einmal geſtrichen. Gleichwohl glich der Platz da unten weit eher einem indianiſchen Bivouac, als der Wohnung eines Directors der Colonie, denn überall in den Zimmern lagen Matratzen, überall an den Wänden ſtanden die rieſigen Kiſten und Koffer der Aus⸗ wanderer, mit der groß gemalten Adreſſe„Nach Braſilien“ noch daran, und auf dem ebenfalls preisgegebenen Kochherde war auf jeder Ecke ein Feuer angezündet, über dem theils ein Keſſel bro⸗ — 44 delte, theils eine Pfanne ziſchte. Selbſt im Hofe loderte ein ſtattliches Feuer, um den übrigen Kochgeſchirren Raum zu geben, denn heute war ja Sonntag, und die Deutſchen feierten dieſen, genau wie daheim, mit Eſſen und Trinken. Könnern, im Augenblicke ohne weitere Beſchäf⸗ tigung, trat dort hinein, ohne daß die Leute jedoch beſondere Notiz von ihm genommen hätten. Ein paar alte Frauen ſaßen auf den Kiſten in der Ecke und laſen in ihren Geſangbüchern; die Mädchen und jungen Frauen waren faſt alle mit ein oder der andern Arbeit für die Küche be⸗ ſchäftigt, und die Männer lagen zum Theil aus⸗ geſtreckt auf den Matratzen oder auch auf dem nicht gerade überreinlichen Boden und rauchten ihre kurzen Pfeifen. Tabak war billig hier, und ſie konnten ſich dem Genuſſe mit unbeſchränkter Leidenſchaft hingeben. „Nun, Leute, wie geht's?“ redete Könnern einen der Männer an, der beide Beine von ein⸗ ander geſtreckt hatte und, ein Bild der höchſten Zufriedenheit, flach auf dem Rücken lag. Nur den einen Arm hatte er als Kiſſen unter den Kopf geſchoben und ſah den eigenen Rauchwolken nach, die er mit Macht gegen die Decke blies; „Ihr ſcheint Euch hier ganz behaglich zu befinden?”“ 45 „Und warum nicht?“ ſagte der Mann, indem er die Pfeife in den einen Mundwinkel ſchob; „hier kann mer's aushalten, und die Schinderei geht doch noch zeitig genug an. Das Brumſilien iſt ein ganz famoſes Land— wären wir nur erſt(früher) hergekommen.“ „Ja, mit dene Männer hat's keine Noth,“ fiel hier die eine Frau ein, die mit roth erhitztem. Geſichte gerade aus der Küche kam und ſich mit der Schürze den Schweiß von der Stirn trocknete, „wenn die nur ſatt Tabak haben und auf der faulen Haut liegen können, ſell freut ſie und ſie wollen's net beſſer, aber uns arme Weiberleut' derf's ſchinden und plagen, wie's mag.“ „Und was geht Euch ab?“ fragte der Mann, faul den Kopf nach ihr umdrehend. „Was uns abgeht?“ ſagte aber die Frau,„ein eigen Haus und ein eigener Herd, weiter Nichts, daß man weiß, weshalb man ſich plagt und ſchindt, und ſeine Kochtöpf' nicht auf Gottes Erd⸗ boden herum zu ſtoßen hat. Erſt aber drei Mo⸗ nat das leidige Schiffsleben und nun vier Monat wieder hier in einer wahren Heidenwirthſchaft— ſell kann Einen freuen, und bis an den Hals ſteht mir's.“ Und damit griff die Frau ein am Boden ſitzen⸗ 46 des, ſchrciendes Kind an einem Arme auf, warf ſich's mit einem Ruck auf die Hüfte und verſchwand damit durch die offene Thür. „Weiberleut'!“ ſagte der Bauer verächtlich und rauchte weiter. Könnern behielt übrigens keine Zeit, noch weitere Forſchungen anzuſtellen, denn der Director ſah in dieſem Augenblicke in's Zimmer. Er hatte jedenfalls ſeinen Gaſt geſucht und rief jetzt: „Nun, ſieht es hier nicht liebenswürdig aus? Aber kommen Sie, Könnern, wiy wollen vor Tiſch noch einen kleinen Spaziergang machen— laſſen Sie nur, Sie können ſich nachher umziehen; es kommt bei uns nicht ſo genau darauf an, und Ihre Sachen habe ich ſchon in die für Sie be⸗ ſtimmmte Stube ſtelleu laſſen.“ Damit nahm er ohne Weiteres Könnern unter den Arm und verließ mit ihm das Haus. Die 4 in der Stube umher zerſtreuten Einwanderer richteten ſich aber, als der Director das Zimmer betrat, etwas überraſcht auf, rückten ihre Mützen und 4 nahmen ihre Pfeifen aus dem Munde. So wie er ihnen aber den Rücken drehte, fielen ſie in ihre alte Stellung zurück und rauchten ruhig weiter. Der junge Fremde mußte jetzt vor allen Dingen dem Director von ſeinem Bruder erzählen, wie 47 es ihm gehe, was er thue und treibe, und er wurde dabei nicht ſatt, ihm zuzuhören. Erſt als Jener Alles erſchöpft, was er darüber zu ſagen hatte, kamen ſie auf die hieſigen Verhältniſſe zu ſprechen, und Bernard Könnern geſtand dem Director daß er, doch einmal in der Welt um⸗ herſtreifend, nur nach Braſilien gekommen ſei, um die Verhältniſſe des Landes, über die er die ver⸗ ſchiedenſten und widerſprechendſten Gerüchte ge⸗ hört, einmal ſelber von Augenſchein kennen zu lernen und dabei für ſeine Mappe zu ſammeln.. Habe er das erreicht, dann kehre er eben wieder nach Europa zurück, denn mit allen Mängeln ſcheine es doch, als ob ihm das Vaterland kein anderer Ort der Welt erſetzen könne. „Sie haben Recht,“ erwiederte der Director, der ihm ſchweigend zugehört. Je mehr wir von fremden Ländern ſehen, und wenn ſie ſelbſt ihre größte und ſchönſte Pracht entfalten, deſto mehr fühlen wir doch immer, daß ſie uns die Heimath nie erſetzen können— aber um das zu fühlen, dazu gehört eine gewiſſe Quantität Gemüth, und es iſt äußerſt intereſſant zu beobachten, auf welche verſchiedene Art und Weiſe ſich das auch bei den verſchiedenen Naturen äußert, und wie es aus⸗ bricht. Jeder Menſch bildet ſich nämlich dazu 48 eine gewiſſe Entſchuldigung, und die am Meiſten poetiſche hat ſtets das Gemüth der Frauen, auch wenn ſie den niedrigſten Claſſen angehören. Bei dieſen iſt es das Grab der Eltern oder das eines Kindes, die alte Dorfkirche, oder das Haus, das ihre erſte Heimath bildete, zu dem ſie ſich zurückſehnen; der Brunnen, an dem ſie Waſſer holten, die alte Linde vor der Pfarrwohnung, wo ſie vielleicht zum erſten Male mit dem jetzigen Manne getanzt, und an die ſie ſich um ſo viel lieber erinnern, weil der Mann gerade damals ſo viel anders war, als er jetzt iſt— der kleine Garten, den ſie beſtellt, das Vieh ſelber, das ſie groß gezogen, das Alles hat ſeinen Anhaltspunkt noch lange nicht verloren, und ob ſie Vieles hier mit der Zeit beſſer und bequemer fin⸗ den mögen, es zieht ſie doch mit einem ganz eigenen Gefühle zurück zu den alten Verhältniſſen. Der Mann dagegen— ich meine hier den gewöhnlichen Bauer— hat wieder einen ganz andern Anker⸗ grund für ſein Heimweh. Er denkt, wenn er ſich Deutſchland in's Gedächtniß zurückruft, meiſt im⸗ mer an ſeine heimiſche Schenke, an das Bier und eine Menge anderer proſaiſcher Dinge, zu denen aber doch trotzdem die alte Linde und der alte Kirch⸗ thurm den nebelhaften Hintergrund bilden. Seine „Freundſchaft,“ wie er die Verwandten nennt, 49 zieht ihn weniger zurück; der Bauer lebt eigentlich nie recht in wirklichem Frieden mit ſeinen Ver⸗ wandten, und die Sehnſucht nach ihnen iſt deshalb auch nie außergewöhnlich. Den gebildeten Mann zieht dagegen mehr ein geiſtiges Bedürfniß, als das bloße Gemüth, nach der Heimath zurück.“ „Den gebildeten Mann zieht gewöhnlich das zurück,“ ſagte Könnern,„daß er in dem fremden und überſeeiſchen Lande ſelten eine paſſende oder ihm wenigſtens zuſagende Beſchäftigung findet, die ihn hinreichend ernährt. Kaufleute natürlich aus⸗ genommen, die überall daheim ſind und auch herüber und hinüber ziehen, ſieht ſich der, der daheim ge⸗ wohnt war, mehr mit ſeinem Kopfe als mit ſeinen Fäuſten zu arbeiten, in nur zu häufigen Fällen allein auf die letzteren angewieſen. Das gefällt ihm nicht, eine Quantit ät Gemüth kommt dazu und das Heimweh iſt fix und fertig.“ „Sie haben wohl Recht,“ nickte der Director, „und nicht allein das Heimweh, ſondern auch zu⸗ gleich die Unzufriedenheit mit allen ſie umgeben⸗ den Dingen, die, der Meinung jener Leute nach, für ſie nicht paſſen, während ſie ſelber es ſind, die ſich nicht hineinfinden können oder wollen. Davon weiß ein armer Director am Beſten zu er⸗ zählen, denn gerade in meiner Colonie bin ich Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. I. 4 4 8 ————— —õ— 50 mit einer Claſſe von Menſchen geplagt, die meiſt alle das Jahr 1848 von Deutſchland herüber ge⸗ ſcheucht hat, und die jetzt auf Gottes Welt nicht wiſſen was ſie mit ſich angeben ſollen.“ „Sie ſcheinen hier wirklich eine Art von haute volée zu haben,“ lächelte Könnern,„denn außer jener Frau Gräfin ſah ich heute Morgen auch noch eine reizende junge Dame, die im Carriere vorüber flog.“ „Sie wird nächſtens einmal ihren reizenden Hals brechen,“ meinte der Director trocken;„jene Beiden gehören aber zuſammen, denn die junge Dame iſt die Comteſſe, die Tochter der Gräfin. Da haben Sie alſo heute gleich die Spitze der Geſellſchaft, den ſogenannten créme geſehen. Außer⸗ dem aber ſind wir noch mit einer Anzahl von Titular⸗Honoratioren geplagt, die voller Anſprüche ſtecken, und wie der Engländer ganz paſſend ſagt: neither for use nor ornament, weder zum Nutzen, noch zur Verzierung der Colonie dienen. Doch mit dieſen Herrſchaften werden Sie ſelber wohl näher bekannt werden, wenn Sie ſich länger in unſerer Colonie aufhalten, und nur einen Rath muß ich Ihnen ſchon jetzt geben, ehe er zu ſpät kommt: Borgen Sie Niemandem Geld.“ Könnern lachte gerade hinaus. — „Fällt Ihnen die Warnung bei den Honora⸗ tioren ein?“ ſagte er. „Allerdings,“ erwiederte der Director ganz ernſthaft;„der Bauer, wenn er Geld braucht, wendet ſich einfach an die Regierung um Sub⸗ ſidien, die ihm nur in Ausnahmefällen abgeſchlagen werden und für deren Rückzahlung er mit ſeinem Lande haftet. Unſere haute volée dagegen iſt viel zu ſtolz an etwas Derartiges nur zu denken, hat auch in leider ſehr vielen Fällen entweder kein Land, oder doch ſchon eine Menge von ſtillſchwei⸗ genden Hypotheken darauf aufgenommen.“ „Aber ſie werden doch wahrhaftig keinen wild⸗ fremden Menſchen anborgen?“ „Es giebt dafür verſchiedene Auswege,“ meinte der Director,„und Menſchen, die ſich ſonſt in den einfachſten Verhältniſſen nicht zu helfen wiſſen, entwickeln gerade in dieſer Branche eine erſtaun⸗ liche Mannichfaltigkeit.“ „Aber weshalb wandern ſolche Menſchen,“ ſagte Könnern,„die doch von vorn herein wiſſen ſollten, daß ſie für derartige Arbeit und Beſchäf⸗ tigung nicht paſſen, eigentlich nach einem wilden Lande aus? An Büchern fehlt es wahrlich nicht, die ihnen ziemlich deutlich ſagen, was ſie in der neuen Welt— ob ſie nun Amerika, Auſtralien 4* — 2. oder ſonſt wie heiße— zu erwarten haben. Sie können ſich darüber nicht täuſchen, wenn ſie über⸗ haupt Deutſch verſtehen.“ „Und doch thun ſie es,“ ſagte der Director, „und zwar meiſt aus dem ganz einfachen und in jedem andern Falle ſchätzenswerthen Grunde, daß ſie eine ſehr gute Meinung von ſich ſelber haben. Ich kann Alles was ich will, ſagen ſie, bedenken aber dabei gar nicht, daß ſie nicht Alles wollen was ſie können, denn es kann natürlich ein Jeder, wenn er nicht gerade einen überſchwächlichen Körper mitbringt, Handarbeit verrichten; aber wie die Vorſätze auch daheim geweſen ſein mögen, hier machen ſie nicht einmal den Verſuch dazu, und wenn ſie ihn machen, bleibt es auch gewiß immer bei dem Verſuche. Es iſt und bleibt ein wunder⸗ liches Volk, und wenn ich erſt einmal nicht mehr Director bin, was, wie ich hoffe, nicht mehr lange dauern wird, ſo glaub' ich, daß ich mich ſogar prächtig dabei amüſiren werde, ſie in ihrem eigen⸗ thümlichen Treiben und Wirthſchaften zu beob⸗ achten. Jetzt aber halten ſie mir die Galle fort⸗ während in Gährung, und dabei kann natürlich der beſte Humor nicht aufkommen, ohne ſeine be⸗ ſtimmte Partie Gift mit anzunehmen. Sehen Sie, 53 da kommt gleich Einer davon; ſieht der Menſch aus, wie ein braſilianiſcher Pflanzer?“ Um die eine Ecke bog in dieſem Augenblicke ein Herr, der— wenn die Sommer⸗Beinkleider nicht ein klein wenig zu kurz geweſen wären— in dem Anzuge recht gut hätte an einem ſchönen Nach⸗ mittage unter den Linden in Berlin ſpazieren gehen können. Er trug vollkommen moderne Tuch⸗ kleidung, einen Cylinderhut, einen Regenſchirm, der hier auch beſonders gegen die Sonne benutzt wurde, und im Knopfloche den rothen Adlerorden vierter Claſſe. Als er den beiden Herren begegnete, lüftete er den Hut mit einer ſehr förmlichen, aber auch ſehr vornehmen Verbeugung, und ging dann, ohne Miene zu einem weitern Gruße zu machen, ſtolz vorüber. „Und wer war das?“ „Der Baron Jeorgy, ſeinem Berichte nach aus einer ſehr alten Familie, der mit der Idee herüber kam, braſilianiſcher Pflanzer zu werden. Er über⸗ nahm eine allerliebſt gelegene Colonie— Sie müſſen heute Morgen daran vorbei gekommen ſein.“ „Ah, das Haus da oben auf dem Berge, wo ein reizendes junges Paar von braſilianiſcher Ab⸗ ſtammung wohnt?“ 54 „Ganz recht, Köhler's Chagra, wie der Platz jetzt heißt— und er verwirthſ ſchaftete das Gut in unglaublich kurzer Zeit dermaßen, daß es zuletzt wenig mehr als eine Wildniß war. Er mußte es endlich verkaufen, denn es trug ihm nicht einmal mehr die Koſten, und natürlich konnte Niemand weiter daran ſchuld ſein als der Director, da ihm dieſer noch dazu nicht einmal mehr Geld darauf vorſtrecken wollte. Er iſt ſeit der Zeit wüthend auf mich, nach Art ſolcher Leute aber auch um ſo viel höflicher geworden, und ärgert ſich nur, daß ich von ſeinen Verleumdungen gegen mich nicht die geringſte Notiz nehme.“ „Guten Morgen, Here Director!“ unterbrach in dieſem Augenblicke ein junger Mann das Ge⸗ ſpräch, der ſie überholt hatte und raſch an ihnen vorüberſchritt. Er grüßte dabei ſehr ehrfurchts⸗ voll, ſchien ſich aber nicht lange in ſeines Vor⸗ geſetzten Nähe aufhalten zu wollen, dem er viel⸗ leicht unerwartet in den Wurf gelaufen, denn er bog raſch in die nächſte Querſtraße ein und ver⸗ ſchwand in einem der Gärten. „Der junge Herr,“ ſagte Könnern,„ſcheint ſtark gefrühſtückt zu haben. Sein ganzes Aeußere ſah wenigſtens danach aus.“ —- 55 „Ein anderer Fluch unſerer Colonie,“ ſeufzte Sarno,„das war unſer Schullehrer.“ „Der Schullehrer? Er kann höchſtens zwei⸗ undzwanzig Jahre alt ſein.“ „Und nicht allein iſt er trotzdem, ſondern gerade deshalb Schullehrer,“ ſagte der Director; „unſer deutſcher Bauer iſt nämlich von Haus aus und von klein auf ſo daran gewöhnt worden, den „Schulmeiſter“ als ganz untergeordnete Perſön⸗ lichkeit zu betrachten und danach natürlich auch die Erziehung ſeiner Kinder zu bemeſſen, daß ihn für dieſe jeder Milreis reut, den er ausgeben ſoll, und er förmlich gezwungen werden muß, die Kin⸗ der in die Schule zu ſchicken. Das Loos eines Schullehrers iſt aber in keinem Lande der Welt beneidenswerth, und nur daheim, wo Leute von Jugend auf dazu erzogen werden und dann ſpäter keine andere Laufbahn mehr einſchlagen können, finden ſich immer genügende Kräfte. Hier da⸗ gegen, wo Jeder ſein Brod weit beſſer und ſor⸗ genfreier verdienen kann, der nur irgend ſeine Knochen gebrauchen will, denkt gar Niemand daran, ſich zu dem fatalen und außerdem noch ſchlecht gelohnten Amte eines Schullehrers her⸗ zugeben, der nicht nothgedrungen muß. Das aber ſind denn meiſt junge Leute, Studenten oder 56 Handlungsdiener, die einen angeborenen Abſcheu vor Hacke und Spaten haben, und nur, um nicht zu verhungern, ſich gerade für ſo lange der„Be⸗ ſchäftigung“ eines Schullehrers unterziehen, als ſie nichts Anderes und Beſſeres zu unternehmen wiſſen. So wie ſie aber etwas Beſſeres finden, kann man ſich auch feſt darauf verlaſſen, daß ſie der Gemeinde kündigen— manchmal gehen ſie ſogar ohne Kündigung fort, und wie nachtheilig ein ſo ſteter Wechſel— den eigentlichen mangel⸗ haften Unterricht nicht einmal gerechnet— auf die Kinder wirken muß, läßt ſich ja denken und liegt klar zu Tage.“ „Zu Zeiten trifft es ſich, daß wir trotz allem Dem einen ordentlichen Mann, wenigſtens für Monate oder ein halbes Jahr, in der Schule haben. Dieſes Mal freilich meldete ſich, als die Kinder ſchon drei Wochen ohne den geringſten Unterricht geweſen waren, ein möglicher Weiſe irgendwo durchgebrannter Handlungsdiener für die Stelle, die man ihm auch„auf Probe“ über⸗ ließ, und da der gute Mann den braſilianiſchen Wein merkwürdiger Weiſe trinken kann, benutzt er jeden freien und nicht freien Augenblick, um über die Stränge zu ſchlagen.“ „ und auf die Art,“ lachte Könnern,„warten 57 beide Parteien gegenſeitig, ob ſie einander nicht bald wieder los werden können?“ „Allerdings,“ erwiederte der Director,„hier aber haben wir jetzt das Ziel unſeres Spaziergangs — das Auswanderungshaus erreicht, das ich doch heute Morgen einmal beſuchen und Ihnen gleich zeigen wollte. Hier ſehen Sie die Einwan⸗ derer untergebracht, welchen, der furchtbaren Nach⸗ läſſigkeit unſerer Provinzialregierung zufolge, noch keine Colonie— d. h. kein eigenes Land für ihre Arbeit— angewieſen werden konnte, und die hier auf Staatskoſten gefüttert werden müſſen, bis Ihr Freund die nöthigen Landſtrecken für ſie vermeſſen haben wird. Aber treten wir ein. Sie ſehen da Alles viel beſſer, als ich es Ihnen ſagen könnte.“ Könnern ſah vor ſich ein langes, faſt ovales Gebäude, aus Pfählen oder eingerammten Stäm⸗ men aufgerichtet, und theils mit Schindeln, theils mit Ziegeln, an einigen Stellen ſogar mit Schilf und Reiſig nothdürftig gedeckt, um das herum es von den abenteuerlichſten Geſtalten wimmelte. Alle waren Deutſche, darüber blieb dem Fremden auch nicht der geringſte Zweifel, denn die flachs⸗ köpfigen Kinder nicht allein, nein, Männer und Frauen ſelbſt in ihren alten heimiſchen Trachten 88 verläugneten ihr Vaterland nicht einen Augen⸗ blick. 1 Ihre Beſchäftigung war aber ziemlich genau dieſelbe wie die jenes Theiles, den der Director in ſeine eigene Wohnung genommen hatte, nur daß hier entſchieden mehr Männer einquartiert ſchienen. Der innere weite Raum, wo nicht die unprakti⸗ ſchen rieſigen Auswanderer⸗Kiſten aufgeſchichtet ſtanden, war mit ihnen ordentlich angefüllt, denn in der heißen Tageszeit hatten ſie den Schatten des luftigen Gebäudes geſucht, während die Frauen hiet und in der Sonne draußen arbeiten konnten, ſo viel ſie eben Luſt hatten. Als der Director übrigens mit dem Fremden den innern Raum betrat, erhoben ſich die Meiſten von ihrem rauhen Lager und nahmen die Mützen ab, denn der„Herr Director“ war ja die erſte Perſon in der Colonie, und mit dem durften ſie es alſo ſchon nicht verderben. „Nun, Leute,“ ſagte Herr Sarno nach der erſten flüchtigen Begrüßung,„nun werdet ihr bald Euer Land bekommen können, denn heute hat die Regierung endlich Jemanden hergeſandt, der Euren Grund und Boden vermeſſen ſoll. Haltet Euch nur bereit, daß einige Familien von Euch gleich ausrücken können, ſo wie eine Anzahl von Co⸗ lonien vermeſſen iſt. Ihr werdet das Herum⸗ liegen hier wohl auch ſatt haben?“ „Na, es geht, Herr Director,“ lachte der eine Mann;„wenn wir's im Leben nicht ſchlechter kriegen, läßt ſich's aushalten— aber froh wollen wir doch ſein, wenn wir einmal wieder für uns arbeiten dürfen. Das faule Leben hat auch keine rechte Art und eigentlich ſchon ein Bißchen zu lange gedauert.“— „Hier geht's auch ſchmählich eng zu,“ ſagte ein Anderer,„beinah wie auf dem Schiff, und der Müller da drüben, der macht ſich mit ſeiner Fa⸗ milie auch noch ſo breit, daß wir Anderen lieber hinaus vor die Thür möchten, damit der große Herr nur Platz hat.“ „Ja, Du darfſt auch noch räſonniren, Du Lumpenkerl,“ erwiederte eine tiefe Baßſtimme aus der Ecke,„wenn wir lauter ſolch Geſindel wären, wie... 3 „Ruhe!“ unterbrach ihn der Director,„haltet mir Frieden hier, das ſag' ich Euch, denn der Erſte der Streit anfängt, wird ohne Weiteres auf das nächſte Schiff geſetzt und wieder aus der Colonie geſchickt. Wir wollen hier Frieden haben, und wer ſich dem nicht Kugen will, mag gehene 4 „Aber der Müller.. 60 „Haltet Euer Maul!“ fuhr ihn der Director an;„wenn Ihr eine gegründete Klage habt, ſo wißt Ihr, an wen Ihr Euch damit wenden ſollt, und zu welcher Zeit, und daß Ihr dann Eure Zeugen mitzubringen habt. Einfache Klatſchereien will ich und werd' ich nicht anhören. Was fehlt denn der Frau da, die dort in der Ecke liegt?“ „Schlecht iſt ihr's,“ ſagte eine andere Frau, die neben ihr ſaß und ihr gerade aus einem großen Topfe zu trinken gab;„ſie hat ſich den Magen verdorben an den vielen Apfelſinen.“ „Iſt denn der Doctor heute nach nicht hier geweſen?“ „Der Doctor? Ja, der kommt ſchon lange nicht, wenn man ihm nicht erſt das Haus einläuft,“ ſagte eine andere Frau;„meine Kathrine, der war's geſtern auch ſo elend zu Muthe— daß er auch nur einmal nach ihr geſehen hätte— und wie ich ihn darum gebeten habe!“ „So?“ ſagte der Director,„nun, in einer halben Stunde ſoll er hier ſein, das verſpreche ich Euch— wie viele von Euch haben denn in der Woche mit am Wege gearbeitet?“ Keine Antwort— die ihm Nächſten ſchienen die Frage eben nicht gern zu hören. „Nun? Kann Keiner den Mund aufthun?“ — 61 „Na, der Niklas,“ ſagte die eine Frau,„hat zwei halbe Tage, und der Chriſtoph, der hat geſtern Nachmittag angefangen, und Schultze's Elias, der muß ſchon den Donnerſtag oder Freitag hinaus gegangen ſein.“ „Da haben Sie's!“ ſagte der Director zu Könnern;„Monate lang liegen die Menſchen hier auf der faulen Haut und leben von den Sub⸗ ſidien oder Unterſtützungen, die ihnen der Staat verabreicht, alſo von Geldern, die ſie nach fünf Jahren wieder zurückerſtatten müſſen. Wo ich ihnen aber eine Gelegenheit geboten habe, ſelber für ſich Etwas zu verdienen, wenn ſie nur die faulen Knochen rühren ſollen, glauben Sie, daß da Einer gutwillig mit angriffe? Gott be⸗ wahre! Wenn ihnen der Polizeidiener nicht auf dem Nacken ſitzt, rühren ſie kein Glied, und wenn es eine Arbeit wäre, die ſie nur zu ihrem eigenen Beſten thun ſollen und noch außerdem extra be⸗ zahlt bekommen.'s iſt, weiß es Gott, eine Freude, mit ſolchen Menſchen zu thun zu haben!“ „Herr Director,“ ſagte in dieſem Augenblicke ein kleiner ältlicher Mann in einem wunderlichen Coſtüme, das er von allen Ständen der menſch⸗ lichen Geſellſchaft zuſammengeborgt zu haben ſchien, indem er den Director an einem Aermel zupfte, — 624. „das Eſſen iſt gleich fertig— Sie möchten auch Hauſe kommen.“ „Ah, Jeremias,“ ſagte Sarno, ſich nach ihm umdrehend;„ſchickt Dich die Kathrine herüber?“ „Ja, Herr Director,“ ſagte der Mann, einen hohen Seidenhut, um den eine Art von Livree⸗ band befeſtigt war, unter den Arm drückend,„und das Schiff iſt auch unten.“ „Das Schiff? Was für ein Schiff?“ „Nun, das Schiff mit den neuen Landsleuten.“ „Neue Auswanderer?“ rief der Director er⸗ ſchreckt. „Die Geſina,“ nickte der Mann;„der Herr Director haben ja ſchon lange davon geſprochen. 's iſt gerade vor der Barre geſehen worden und der Capitain wird heute Abend herauf kommen.“ „Na, das hat gerade noch gefehlt!“ ſeufzte Sarno;„das Haus hier iſt ſchon zum Ueberlaufen voll, und dazu noch eine friſche Geſellſchaft, eine neue Zufuhr— das wird angenehm!“ „Und die Suppe?“ „Darf nicht kalt werden. Du haſt Recht, Jeremias. Sag' nur der Kathrine, daß wir den Augenblick hinauf kommen. 5 der fremde Herr ſchon da?“ 4v — 63 „Eben angekommen. Er ſitzt oben in der Stube.“ „Gut— alſo melde nur daß wir gleich kom⸗ men, und halt— ſpring hinüber zum Doctor— Ich laſſe ihm ſagen, augenblicklich hierher zu kommen. Verſtanden?“ Auf das Wort drehte ſich das kleine Männchen um, machte noch eine ganz eigenthümliche Krüm⸗ mung des Körpers, was als Verbeugung gelten ſollte, und verſchwand dann blitzſchnell durch die Thür. Könnern hatte nur eben noch Zeit, zu bemerken, daß ſeine Beinkleider jedenfalls für eine andere Perſon zugeſchnitten und gemacht ſein mußten— wonach, ſie die andere Perſon denn auch ſo lange getragen haben mochte, wie ihr gut dünkte. Für Jeremias waren ſie aber viel zu lang und unten in einem wahren Wulſte umge⸗ legt und aufgekrempelt. Er beſaß außerdem— wenigſtens glaubte es Könnern bei ſeinem erſten Erſcheinen— brennend rothes Haar von einer ganz auffallenden Färbung, und als die kleine Geſtalt ſich zwiſchen den verſchiedenen Gruppen der Auswanderer, zwiſchen Kochtöpfen, Kiſten und 3 in Betten eingepackten Kindern wie ein Ohrwurm durchwand, leuchtete ſein Haar ordentlich irrwiſch⸗ artig, bis er draußen in den Büſchen verſchwand. 64 „Da haben wir's!“ ſagte aber der Director, mit ganz anderen Gedanken wie mit Jeremias beſchäftigt;„jetzt geſchieht, was ich ſchon lange befürchtet habe. Das Auswanderungshaus, ſelbſt meine eigene Wohnung gefüllt,— keinen Fuß breit Land vermeſſen, den neuen Coloniſten einen eigenen Fleck Grundeigenthum anweiſen zu können, kommt noch eine Schiffsladung friſcher Kräfte dazu, und was ich indeſſen mit denen machen ſoll, weiß Gott!“ „Und iſt denn das nicht Sache des Präſidenten der Provinz,“ fragte Könnern,„ſtets Land genug vermeſſen zu haben, um die Einwanderer unter⸗ bringen zu können?“ „Allerdings iſt es das, aber. unſer Präſident, — ein braver, guter Mann, der es wirklich ehr⸗ lich meint— iſt ſchon ſeit längerer Zeit ſchwer krank, und ſeine Frau— ein intrigantes, coquettes Frauenzimmer— regiert indeſſen nach Herzens⸗ luſt und hat eine Maſſe nichtsnutziger Protégés, die ſie unter jeder Bedingung unterbringen will und unterbringt. So ſchickte ſie mir vor ſechs Monaten einen Kerl hieher— ich habe keinen andern Namen dafür— der das Land vermeſſen ſollte, und nicht mehr davon verſtand wie der Junge da. Glücklicher Weiſe faßte ich gleich Ver⸗ — * 65 dacht, paßte ihm auf und jagte ihn, wie ich merkte was an ihm war, wieder zum Teufel; er hätte uns ſonſt hier eine Heidenverwirrung an⸗ gerichtet. Die Frau Präſidentin iſt aber natürlich jetzt wüthend auf mich.“ „Und leidet das die Regierung in Rio?“ „Lieber Gott, einestheils erfährt ſie nie den wahren Thatbeſtand, und dann iſt es auch wirklich für ſie ſchwer, gegen einen einmal eingeſetzten höhern Beamten ernſtlich einzuſchreiten, ſo lange nicht directe Anklagen vorliegen. Jetzt verklagen Sie aber einmal von der Colonie Santa Clara aus den Präſidenten, der in Santa Catharina ſitzt, oben in Rio de Janeiro— die Geſchichte wäre gleich von vorn herein ſo weitläufig, daß man ſie doch in Verzweiflung aufgeben würde, wenn man auch wirklich hoffen dürfte Etwas auszurichten— was man aber außerdem nicht darf. Doch unſere Suppe wird wahrhaftig kalt und die Kathrine nachher böſe— alſo vor allen Dingen zum Eſſen”“— und Könnern's Arm ergrei⸗ fend, führte er ihn raſch der eigenen Wohnung zu. Unterwegs hielten ſich die Beiden auch nicht auf. Nur ein einziges Mal blieb Könnern ſtehen, und den Arm gegen einen der kleinen Hügel ausſtreckend, ſagte er: Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. T. 5 66 „So viel iſt ſicher, nur der Deutſche und der Engländer— vielleicht auch noch der Holländer — hat den richtigen Sinn für eine nicht allein bequeme, ſondern auch freundliche Umgebung ſeiner Heimath, baut ſich ſein Neſt in Büſche und Blüthen hinein und pflanzt Roſen vor ſeine Thür, wäh⸗ rend beſonders der Amerikaner höchſtens einen Gemüſegarten daneben dulden würde. Sehen Sie nur, was für ein wunderbar romantiſches Plätzchen ſich jener Anſiedler wieder gewählt hat, deſſen kleines Haus nur eben aus dem dunklen Grün der Büſche auf jenem Hügel da drüben herausblinzt.“ „Ah, Sie meinen unſeres Einſiedlers Villa lächelte der Director;„die Ausſicht von ſeinem Hauſe aus hat er übrigens ganz zufällig bekom⸗ men, denn eine Palmengruppe verdeckte den Platz ſo vollſtändig, daß maͤn von unten aus keine Ahnung hatte, dort oben ſei eine menſchliche Wohnung. Neulich nun warf der Sturm die kleinen Palmen um und das Haus bekam dadurch, wahrſcheinlich vollkommen gegen den Willen ſeines Eigenthümers, eine reizende Ausſicht.“ „Gegen ſeinen Willen?“ „Ich glaube, ja. Der Mann heißt Meier und lebt mit Frau und Tochter, einem jungen Gärtner I 9 und einer alten Dienſtmagd, die ſie hier angenom⸗ men, faſt ganz abgeſchieden von der Colonie und ver⸗ kehrt faſt mit Niemandem. Jammerſchade noch dazu, denn das wäre in der That eine Familie, mit der man einen angenehmen Umgang haben könnte; aber man darf ſich doch auch nicht aufdrängen, und da er mich, obgleich ich drei⸗ oder viermal oben bei ihm war, noch nicht ein einziges Mal wieder beſucht hat, ſo muß ich wohl annehmen, daß er es lieber ſieht, wenn ich meine Beſuche nicht wiederhole, und den Gefallen habe ich ihm denn auch gethan.— Aber da ſind wir— ſehen Sie, da oben ſteht die Kathrine ſchon am Treppenfenſter — ja, ja, Alte, wir kommen ſchon. Was ſo eine alte Perſon für eine Tyrannei ausübt, wenn man einmal ein paar Minuten zu ſpät zum Eſſen kommt!“ 3. Bei der Frau Gräfin. Die Frau Gräfin Baulen hatte des Directors Haus etwas in Aufregung verlaſſen, und der Ge⸗ danke daran, oder etwas Anderes auch vielleicht, lag ihr ſchwer auf den Herzen, als ſie ihrer eigenen Wohnung wieder zuſchritt. Sie ging wenigſtens mit auf den Boden geheſteten Blicken und erwiederte den Gruß etwa Begegnender nur mit einer leiſen Beugung des Kopfes, ohne zu ihnen aufzuſehen. So erreichte ſie endlich das kleine freundliche Gebäude, das, von einem Garten umſchloſſen, an der äußerſten Gränze der Anſiedelung lag, und wollte eben daſſelbe betreten, als die beiden Rei⸗ ter, ihr Sohn und ihre Tochter, wie ſie durch den . ³ 69 ganzen Ort geflogen waren, mit donnernden Hufen die Straße herabfegten, und dicht vor dem Hauſe ihre Thiere ſo raſch herumwarfen, daß ſie die alte Dame faſt gefährdet hätten. „Aber Helene, aber Oskar!“ rief ſie entſetzt, indem ſie raſch das Gartenthor zwiſchen ſich und die Pferde brachte—„Ihr reitet ja wie die Wahnſinnigen, und ſeht gar nicht wohin Ihr rennt! Daß Ihr die Thiere dabei ruinirt, ſcheint Euch ebenfalls nicht im Mindeſten zu kümmern!“ „Nicht böſe, Mütterchen, nicht böſe,“ lachte He⸗ lene, indem ſie den Hals ihres noch immer tan⸗ zenden und courbettirenden Schimmels klopfte; „Oskar behauptete aber, daß ſein Rappe flüchtiger wäre als meine Sylphide, und da habe ich ihm eben das Gegentheil— aber, Sylphide— ruhig, mein Herz, ruhig— wie wild ſie nur geworden iſt, weil ich ſie die beiden letzten Tage nicht ge⸗ ritten habe!“ „Du hatteſt von Anfang an einen Vorſprung,“ rief Oskar,„ſonſt wäreſt Du mir wahrhaftig nicht vorgekommen; und dann verlor ich gleich beim Abreiten einen von meinen Sporen, was mich auch aufhielt.“ „Einen von Deinen ſilbernen Sporen?“ rief die Frau Gräfin. 70 „Ja— aber er wird ſich ſchon wiederfinden,“ ſagte der junge Burſche gleichgültig.—„Heh, Gotthelf! Gotthelf! Wo der nichtsnutzige Schlingel nun wieder ſteckt, daß er die Pferde nehmen könnte. — Gotthelf!“ „Ja— komme ſchon,“ antwortete eine Stimme, die dem ungeduldigen Rufe des jungen Mannes in keineswegs entſprechender Eile zu ſein ſchien. Gleich darauf ſchlenderte auch ein Bauern⸗ burſche, deſſen reines, grobleinenes Hemd allein an ihm den Sonntag verkündete, beide Hände in den Taſchen, um die Hausecke und kam langſam näher. „Na, Du fauler Strick, kannſt die Beine wohl nicht ein Bischen in die Hand nehmen?“ rief ihm der junge Graf entgegen—„es wird wahr⸗ haftig immer beſſer. Soll ich Dich etwa in Trab bringen?“ „Brrrrrr!“ erwiederte Gotthelf mit unerſchüt⸗ terlicher Ruhe, indem er ſeine Schritte nicht im Geringſten beſchleunigte;„gehen Sie nur nicht durch, junger Herr, und machen Sie die Pferde nicht ſcheu.“ „Willſt Du noch unverſchämt werden, Ha⸗ lunke!“ rief der junge Graf in aufloderndem Zorne, indem er ſeine Reitpeitſche feſter packte und hob. Gotthelf aber, nicht im Geringſten dadurch eingeſchüchtert trat dicht zu heran und ſagte: 1 „Na, ſo ſchlagen Sie doch!— Sie denn nicht zu? Mein Buckel w ich, breit genug.“ Graf Oskar ſchlug aber nicht; der junge, aller⸗ dings ſehr breitſchulterige Bauernjunge hatte heute Etwas in ſeinem Auge, was ihm nicht gefiel. Deshalb nur mit einer verächtlichen Kopfbewegung aus dem Sattel ſteigend, ſagte er, indem er Gott⸗ helf den Zügel hinreichte: „Da— ich will mich mit Dir nicht befaſſen. Führe die Pferde herum und reibe ſie nachher trocken ab.“ Gotthelf nahm aber nicht einmal ſeine Hände aus den Taſchen, und die beiden Pferde nach einander betrachtend, ſagte er kopfnickend:. „Ja— Herumführen werden ſie wohl brau⸗ chen, denn geritten ſind ſie wieder, daß es eine Schande iſt; aber der Gotthelf wird Ihnen das ſchwerlich beſorgen, denn mit alunke“ ſchimpfen werden die Leute nicht fett, und wo es außerdem weiter Nichts giebt, nicht einmal Lohn, da lohnt's eben nicht, daß man ſich die Nägel von den Jingerng arbeitet. Suchen Sie ſich einen andern Gotthel 9 7 72 aber 5 glaube kaum, daß Sie noch einen ſo dum⸗ men en, der Ihnen drei Monate nur der Ehre dege ſchuhputzer macht.“— Und ſich da⸗ dem Abſatze herumdrehend, ſchlen⸗ der in's Haus zurück, ging auf ſein packte ſeine Sachen zuſammen und ver⸗ ließ eine halbe Stunde ſpäter in der That, ohne ein weiteres Abſchiedswort, die gräfliche Familie. „Das haſt Du nun von Deiner Heftigkeit,“ ſagte die Gräfin, drehte ſich ab und ſchritt würde⸗ voll in das Haus hinein. Graf Oskar biß wüthend die Zähne zuſammen und hätte ſeinen Zorn gern an irgend Jemandem ausgelaſſen; aber es war Niemand da, von dem er vermuthen durfte, daß er es ich gefallen laſſen würde. Sein Sattel allein mußte es ent⸗ gelten, den er ſelber abſchnallte und dann völlig rückſichtslos über den Gartenzaun, mitten zwiſchen die Blumen, hinwarf;— dann führte er ſein Pferd in die kleine Umzäunung, wo die Thiere gewöhn⸗ lich gefüttert wurden, nahm ihm den Zaum dort ab und ließ es laufen. Von Herumführen oder Abreiben war keine Rede mehr. Comteſſe Helene indeſſen war einigermaßen in Verlegenheit, denn da ſich ihr Bruder in ſeinem Ingrimme gar nicht um ſie bekümmerte, wußte ſie 73 nicht gleich, wie ſie aus dem Sattel kommen ſollts Als ſie den Kopf die Straße hinabdrehte, ſah ſie einen jungen Mann dicht hinter ſich, der ſtehen geblieben war und ſie betrachtet hatte. inter anderen Umſtänden würde ſie auch kaum von ihm Notiz genommen haben, denn trotz ſeiner anſtän⸗ digen Kleidung ſah er etwas verwildert aus, und um das ſonnengebräunte, von einem leichten, ſchwarzgekräuſ'ten Barte halb beſchattete Geſicht hingen ihm die langen, ſchwarzen Haare unordent⸗ lich und wirr herab. Auch in den dunkeln Augen, mit denen er das wirklich bildſchöne Mädchen be⸗ trachtete, lag ein eigenes, unheimliches Feuer, und erſt als ihr Blick auf dem ſeinen haftete, milderte ſich der Ausdruck in ſeinen Zügen. Es konnte ihm aber auch nicht entgangen ſein, daß ſie Hulfe brauche— die Straße war außer⸗ dem, als an einem Sonntag Nachmittage, faſt menſchenleer, und ſich ordentlich gewaltſam dazu zwingend, trat er endlich näher, ſah zu der Jung⸗ frau auf und ſagte: „Erlauben Sie mir vielleicht, Ihnen meinen Arm zu bieten?“ Helene ſah ihn im erſten Augenblicke miß⸗ trauiſch an; ſie war viel zu ſelbſtſtändig aufgewach⸗ ſen, oder hatte ſich vielmehr ſelber ſo erzogen, um gend Furcht vor einem fremden Manne zu zeigen, Kber ein gewiſſer Inſtinct warnte ſie, ſich Jeman⸗ dem zu irgend einem Danke zu verpflichten, der . einmal Mißbrauch treiben könne. Das Benehmen des Fremden war aber ſo achtungs⸗ voll und ehrerbietig, und das Anerbieten wurde mit ſo viel natürlichem Anſtande gemacht, daß ſie nach kaum ſecundelangem Zögern lächelnd die Hand ausſtreckte, ſich auf den vorgehaltenen Arm des Fremden ſtützte und leicht aus dem Güülel ſprang. Der Fremde hatte dabei zugleich den Zuge des Pferdes in einer Art ergriffen, die deutlich zeigte, daß er mit ihm umzugehen wiſſe, machte der Comteſſe, als ſie glücklich unten angelangt war, eine leichte Verbeugung, und führte dann das durchaus erhitzte Thier zu dem nächſten Aſte, an dem er den Zügel befeſtigte und den Sattel nach⸗ her durch Auffchnallen des Gurtes etwas lüftete. Das Alles geſchah raſch und anſcheinend ohne die geringſte Anſtrengung, und ehe Comteſſe Helene nur recht mit ſich einig war, ob ſie abwarten bis 1de Fremde entfernt habe, oder lieber gleich in das Haus gehen ſolle, war dieſer ſchon fertig, veerbeugte ſich wieder leicht gegen ſie und wandte ſich dann raſch und ohne ſich umzuſehen die Straße —— — 75 hinab, ſ ſo daß ſie ihm für ſeine Dienſeleiſtung nich einmal danken konnte. Comteſſe Helene war bei ihrem Range und wirklich reizendem Aeußern, noch dazu in der be⸗ ſcheidenen Umgebung einer deutſchen Colonie, aller⸗ dings daran gewöhnt worden, die Huldigungen und Galanterien der jüngeren wie älteren Leute als eine Art von Tribut faſt gleichgültig hinzu⸗ nehmen. Die Aufmerkſamkeit dieſes wunderlichen Fremden, der ſich außerdem faſt ängſtlich jedem nur möglichen Danke entzog, hatte aber doch etwas ſo Eigenthümliches, daß ſie, frappirt davon, auf der Schwelle des Gartens ſtehen blieb und ſich erſt in das Haus zurückzog, als ihr Bruder, eben nicht in der beſten Laune, zurückkam. Außerdem läutete auch in dieſem Augenblicke die Glocke oben, welche zum Mittageſſen rief, und ſie durfte keine Zeit verſäumen, wenn ſie noch ihr Reitkleid ab⸗ legen und überhaupt ein wenig Toilette machen wollte. In dem Wohnzimmer der Frau Gräfin Baulen hatten ſich indeſſen ſchon vor der Ankunft der Wirthin zwei auf heute geladene Gäſte einge⸗ funden. Der Eine von ihnen war der nämliche Herr, welcher Könnern und dem Director auf ihrem 1 4 76 Wege durch die Stadt begegnete: der ausgewan⸗ derte Baron Jeorgy, den eine unglückliche roman⸗ tiſche Ader zu ſeinem jetzigen ſehr großen Bedauern nach Braſilien getrieben. Er hatte eine nicht un⸗ bedeutende Summe Geldes mit herüber gebracht und es in ſechs Jahren möglich gemacht, den größten Theil ſeines Capitals nicht gerade durch⸗ zubringen, aber doch auszugeben, was ſich im Re⸗ ſultat allerdings vollkommen gleich blieb. Der Andere war ein junger, erſt kürzlich herübergekommener Künſtler, Namens Vollrath, der einen Empfehlungsbrief an den Baron mitge⸗ bracht hatte und dadurch auch bei der Frau Gräfin eingeführt war. Er ſpielte mit der Comteſſe manchmal Clavier, aber die Frau Gräfin ſah ſeinen Beſuch nicht gern. Er erwies nämlich Helenen mehr Aufmerk⸗ ſamkeit, als ihrer Mutter lieb ſchien, und war außerdem blutarm— aber ſo lange er ſich in ſeinen Schranken hielt, konnte man ihn eben nicht zurückweiſen. Die Frau Gräfin hatte indeſſen ſchon ernſthaft mit ihrer Tochter über ihn ge⸗ ſprochen. Die Gräfin ſelber ſchien ihre Toilette ſchon vor dem Ausgange gemacht zu haben; Oskar, ob⸗- gleich eben von dem ſcharfen und ſtaubigen Ritte zurückgekehrt, hielt es nicht der Mühe werth, des A. Barons wegen die Wäſche zu wechſeln— und der Andere war ja nur ein Clavierſpieler. Comteſſe Helene dachte nicht ſo. Von dem wilden Ritte war ihr reiches, ſchweres Haar gelöſt und in Unordnung gerathen; ihren Anzug mußte ſie ebenfalls wechſeln, und da ihr dazu keine Kammer⸗ jungfer zu Gebote ſtand, bedurfte ſie einer länger als gewöhnlichen Zeit, um ſich der Geſellſchaft, ſo klein dieſe auch immer ſein mochte, zu zeigen. Oskar, überhaupt heute nicht in der beſten Laune, war entſetzlich ungeduldig geworden und hatte den Klöppel der Klingel ſchon faſt ausgeſchlenkert, um die, wie er glaubte, ſaumſelige Schweſter da⸗ durch etwas raſcher herbeizurufen. Während Graf Oskar ſogim Zimmer herum⸗ lief und ſeinem Aerger durch verſchiedene Unge⸗ zogenheiten Luft machte, die Gräfin mit dem Baron Jeorgy an einem der Fenſter ſtand, das eine freundliche Ausſicht über die Stadt gewährte, und ein Beider Intereſſen ſehr lebhaft in Anſpruch nehmendes Geſpräch führte, hatte ſich Vollrath an das Inſtrument geſetzt und intonirte leiſe einige Lieblings⸗Melodien Helenen's, theils im einfachen getragenen Thema, theils in geſchickt und künſt⸗ leriſch durchgeführten Variationen. Es iſt ein trauriges Land,“ ſagte endlich der Baron mit einem tiefen Seufzer, indem er, ohne die Me⸗ lodie ſelber zu beachten, den Tact dazu unbewußt auf dem Fenſter trommelte— ſein ſehr trauriges Land, dieſes ausgeſchrieene Braſilien, und ich fürchte faſt, daß uns ein böſer Stern an dieſe Küſte geführt hat, von der ich, aufrichtig geſtan⸗ den, gar kein rechtes Fortkommen mehr ſehe. Ich begreife wenigſtens nicht recht, wie man in Europa je, ohne die gehörigen Mittel, wieder ſtandesge⸗ mäß auftreten könnte.“ „Sie dürfen den Muth nicht verlieren, Baron,“ bemerkte die in dieſer Hinſicht viel reſolutere Gräfin. „Ich fange jetzt ſelber an einzuſehen, daß wir alle Beide doch möglicher Weiſe zu viel Standesvor⸗ urtheile mit herübeg gebracht haben, um das Leben hier an der richtigen Stelle anzugreifen.“ „Aber, beſte Frau Gräfin.. „Ich ſehe wenigſtens eine Menge Menſchen,“ fuhr die Gräſin fort, ohne die Unterbrechung gelten zu laſſen,„die nicht allein ihr Fortkommen auf höchſt geſchickte Weiſe finden, ſondern auch noch Capital auf Capital zurücklegen, und es fällt mir gar nicht ein, ihnen mehr Verſtandeskräfte zuzu⸗ trauen, als wir Beide auch beſitzen, lieber Baron.“ „Aber, beſte Frau Gräfin,“ beharrte der Baron, „der Art Leute ſind von Jugend an auf ihre Fäuſte 79 angewieſen geweſen, und Sie wollen doch nicht vorausſetzen, daß wir Beide etwas Derartiges auch nur annähernd leiſten könnten?“ „Ich denke gar nicht daran,“ ſagte die Gräfin mit einem vornehmen Zurückwerfen des Kopfes; „wo aber die rohe Kraſt nicht ausreicht, da eben muß der Geiſt des Menſchen eintreten, die In⸗ telligenz, und wir finden es überall beſtätigt, daß die erſtere, die rohe Kraft meine ich, immer nur für die Speculation arbeitet, und dieſe eigentlich den Nutzen von jener ärntet.“ „Aber auch der Kaufmann braucht praktiſche Erfahrung,“ ſeufzte der Baron, der ſeine Er⸗ fahrung ſchon außerordentlich theuer hatte bezahlen müſſen—„und wir ſind Beide zu alt, die noch zu lernen.“ „Bah,“ ſagte die Frau Gräfin, den Kopf mit Geringſchätzung wiegend,„der Kaufmann iſt nicht der einzige Speculirende, auch der Fabrikant ſpe⸗ culirt, indem er ſich weniger die Waaren als die Kräfte der Menſchen ſelber dienſtbar macht.“ „Aber, verehrte Frau Gräfin, Sie ſcheinen ganz zu vergeſſen, daß auch dazu Capital gehört, ja, und noch ein viel bedeutenderes Capital vielleicht, als zu einer einfachen Speculation in Kaufmanns⸗ gütern, und wenn man das Letzte dann darauf geſetzt hätte und es ſchlüge fehl— was dann?— * Denken Sie ſich eine Exiſtenz, ſelbſt hier in einer braſilianiſchen Colonie, ohne die Mittel zu leben denken Sie ſich die Möglichkeit daß man bei dieſen frechen und übermüthig gewordenen Bauern gezwungen ſein ſollte, ein Anlehen zu er⸗ heben; es wäre fürchterlich!“ Die Frau Gräfin ſchien nicht dieſe Angſt vor einer derartigen Calamität zu theilen, deren ſoge⸗ nannte, Furchtbarkeit“ ſie außerdem ſchon erprobt hatte, ohne daran zu ſterben; aber der Baron brauchte das gerade nicht zu wiſſen, und ſie fuhr wie überlegend fort:„Dafür iſt aber auch dem Menſchen der Verſtand gegeben, daß er ihn richtig gebraucht und anwendet, und ſollten die höheren Stände mit allen ihnen zu Gebote ſtehenden Mit⸗ teln nicht beſonders da mehr bevorzugt ſein, eine größere und gediegenere Kraft in die Wagſchale zu werfen, als der rohe und ungebildete Bauer es im Stande wäre?“ „Der rohe und ungebildete Bauer,“ erwiederte der Baron achſelzuckend,„hat von dem Schöpfer eine Art von Inſtinct bekommen, der gerade da anfängt, wo ſein Verſtand aufhört, und mit oft unbewußter Benutzung deſſelben macht er zu Zeiten die erſtaun⸗ lichſten und unbegreiflichſten Dinge möglich.“ 81 „Sie ſind eingeſchüchtert, lieber Baron,“ ſagte die Gräfin lächelnd, indem ſie ihre Hand auf ſeinen Arm legte. 8 X „Und habe alle Urſache dazu,“ ſeufzte der Baron. „Sie haben durch eine Reihe von widrigen Zufälligkeiten nicht unbedeutende Verluſte erlitten,“ fuhr die Gräfin fort,„das hat Sie kopfſcheu ge⸗ macht— Oskar, ich bitte Dich um Gottes Willen, laß das furchtbare Getöſe mit der Glocke, ich werde wahrhaftig noch ganz nervös—, verlieren Sie jetzt den Muth, ſo iſt Alles verloren, unwieder⸗ bringlich. Bewahren Sie ſich aber die Elaſticität Ihres Geiſtes, ſo können Sie mit Einem Schlage alles Verlorene nicht allein wieder einbringen, ſondern auch verdoppeln, ja, vielleicht verdrei⸗ fachen.“ „Das iſt eben was ich bezweifle,“ verſicherte der Baron;„aber, verehrte Frau, haben Sie vielleicht einen Plan, denn Ihr ganzes Benehmen ſcheint mir nach einem gewiſſen Ziele hinzuſtreben — und wollen Sie mich zu Ihrem Vertrauten machen, ſo könnte ich Ihnen, wenn auch möglicher Weiſe mit weiter Nichts, doch vielleicht mit gutem Rathe zur Seite ſtehen, der oft in nur zu vielen Fällen die Stelle des Capitals vertritt.“ Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. I. 6 82 „Ich habe allerdings einen Plan, erwiederte die Gräfin,„der aber ſchon ſo weit gediehen iſt, daß er des Raths kaum mehr bedarf, denn er baſirt auf Thatſachen, auf Zahlen, auf genauer Kennt⸗ niß der Grundlagen. Wenn ihn deshalb noch Etwas fördern kann, ſo iſt es einzig und allein Capital. Doch davon ſpäter, lieber Baron, denn ich höre eben meine Tochter kommen, und Oskar entwickelt heute eine ſo liebenswürdige Un⸗ geduld, daß wir das Eſſen nicht länger warten laſſen dürfen.“ Der Baron war zu viel Weltmann, um ſei⸗ ner eigenen Anſicht über„Oskar's Ungeduld“ einen ſelbſtſtändigen Ausdruck zu geben. Er machte des⸗ halb nur eine ſtumme Verbeugung gegen die Gräfin, reichte ihr dann den Arm und führte ſie, wie in ſeinen ſchönſten Tagen daheim, die drei Schritte bis zu dem einfachen Tannentiſche. Ueber dieſen war aber ein koſtbares Damaſttuch gebrei⸗ tet, auf dem neben den weißen Steinguttellern ſchwere engliſche Löffel und Gabeln lagen, die im Beſitze einer Gräfin recht gut für echtes Silber angeſehen werden konnten. Comteſſe Helene betrat in dieſem Augenblicke das Zimmer, und Vollrath hatte ſein Spiel been⸗ det und das Inſtrument geſchloſſen. —— 83 Helene war wirklich ein ſchönes Mädchen von nicht zu hohem, aber ſchlankem und üppigem Wuchſe, mit vollem, faſt goldblondem Haare und dabei dunkeln, brennenden Augen, einem verführe⸗ riſchen Grübchen im Kinn, und Hand und Arm vollkommen makellos. Das feſtanſchließende, licht⸗ graue Kleid von allerdings nur einfach wollenem Stoffe hob ihre Büſte ſo viel mehr hervor, wäh⸗ rend die ſelbſt ſchon hierher gedrungene Crinoline nur dann und wann einer kleinen, ſehr zierlichen Fußſpitze geſtattete, an's Tageslicht zu kommen. „Das gnädige Fräulein ſind heute wieder ein⸗ mal gar nicht fertig geworden,“ empfing ſie Oskar, deſſen Laute dadurch nicht gebeſſert ſchien, daß Niemand weiter Notiz von ihm genommen. Helene beachtete aber auch den Vorwurf nicht, begrüßte ziemlich förmlich den Baron, nickte Vollrath freund⸗ lich zu, und ging dann, ehe dieſer mit ſich einig geworden ſchien, ob er ihr den Arm bieten ſolle oder nicht, raſch zu ihrem Platze am Tiſche, an dem ſie ſich, mit einladender Bewegung für die Uebrigen, zuerſt niederließ.. Das Diner war ſo einfach, wie es das Leben in einer ſolchen Colonie und die Arbeit einer einzelnen Köchin, die zugleich alle anderen Haus⸗ dienſte verrichten mußte, mit ſich bringt: Suppe, 4 84 ein Braten mit zweierlei Gemüſe und etwas ein⸗ gekochtem Obſte, und zum Deſſert die vortrefflichen Orangen und Granatäpfel des Landes. Niemand machte hier auch größere Anſprüche, oder war an Weiteres gewöhnt, und das Geſpräch drehte ſich während der Tafel hauptſächlich um die neuerwarteten Einwanderer, da ſich das Gerücht über deren Ankunft ſchon durch die ganze Colonie verbreitet hatte. Iſt es doch auch immer ein Moment für ſolche Anſiedelung, einen neuen Zu⸗ ſchuß von Fremden zu bekommen, von denen ein kleiner Theil ſtets in der Stadt ſelber bleibt und vielleicht einen neuen Umgang bilden kann, denn bekannt wird man ja natürlich mit Allen. Nur Vollrath, der neben Helenen ſaß, war ſtill und einſilbig, und ſchien ſich nicht einmal für Oskar's Anſichten, die dieſer über braſilianiſche Pferde entwickelte, zu intereſſiren; Oskar ſprach überhaupt nur über Pferde. Das Diner ging ſo vorüber— Oskar plauderte in Einem fort, ob ihm Jemand zuhörte oder nicht — der Baron und die Gräfin, in deren Geſpräch ſich Helene nur manchmal miſchte, unterhielten ſich lebendig, und nur Vollrath ſchwieg hartnäckig ſtill. Ein paar Mal ſchien er freilich den Mund öffnen zu wollen— aber es blieb eben immer nur —— 85 bei dem Verſuch, und Helenen war es nicht ent⸗ gangen, daß er irgend Etwas auf dem Herzen trage, was ihn beenge— wußte ſie was es war? Aber ſo unbefangen ſie ſich ſtets gegen ihn gezeigt, ſo unbefangen blieb ſie auch heute, und als das Diner beendet und die kleine Geſellſchaft in den Garten gegangen war, legte ſie ruhig und lächelnd ihren Arm in den ſeinen und ſagte:„Kommen Sie, Herr Vollrath, wir wollen ein Wenig auf und ab gehen.— Oskar iſt heute unausſtehlich, weil ich ihm in unſerem Wettrennen vorgekommen bin, und Mama hat, wie es ſcheint, mit dem alten ſteifen Baron eine ſo hochwichtige Beſprechung, daß ſie alles Andere, was um ſie her vorgeht, zu vergeſſen ſcheinen.“ Vollrath ſchoß das Blut in Strömen in's Ge⸗ ſicht, aber er verbeugte ſich leicht, nahm den Arm und ſchritt mit der jungen Schönen den Garten entlang. Helenen aber genügte der beſchränkte Raum heute nicht: war es die Aufregung des ſcharfen Rittes, war es der Aerger über den Bruder, kurz, ſie ſtieß die kurze Gartenpforte auf, die an dieſer Seite gerade nach den zu einer Art von Promenade umgewandelten Büſchen hinaus⸗ führte, und wanderte langſam mit ihrem Begleiter den ſchmalen Weg entlang, der, immer in Sicht der Häuſer, ſich faſt um die Anſiedlung ſchlängelte. Oskar hatte ſich in die Laube auf eine Bank gelegt und rauchte, ein Bein über das andere ge⸗ legt, ſeine Cigarre, und die Gräfin ging mit dem Baron wieder in eifrigem Geſpräche im Garten auf und ab. 4 „Aber, verehrte Frau,“ ſagte der Baron jetzt, „Sie rücken noch immer nicht mit Ihrem Projecte heraus. Sie reden nur fortwährend von glänzen⸗ den, ſorgenfreien Ausſichten, von Rückkehr in die Heimath, von— ich weiß ſelber kaum was, und den eigentlichen Kern dieſer Frucht halten Sie im Dunkel. Sie glauben doch ſicher nicht, daß ich einen Mißbrauch damit treiben und als Ihr Con⸗ current in irgend einer glücklichen Speculation auftreten könnte?“ „Mein lieber Baron— nein, das nicht,“ ſagte die Gräfin nach einigem Zögern,„und ich habe auch den Entſchluß jetzt gefaßt, Sie zu meinem Vertrauten zu machen— vielleicht werden wir doch noch Compagnons,“ lächelte ſie dazu. „Ich bin auf das Aeußerſte geſpannt,“ ſagte der Baron. ſ „Sie müſſen bemerkt haben,“ fuhr die Gräfin fort,„daß mir ſowohl wie Helenen eine Beſchäftigung in dieſem Lande fehlt.“ Des Barons Zlick ſuchte unwillkürlich die junge Dame, die er gerade noch durch eine Lücke der Bäume mit ihrem Begleiter erkennen konnte. „Helene beſonders,“ fuhr die Gräfin fort, „hat mich ſchon lange gebeten, eine leichte Arbeit aufzufinden, mit der ſie die langen Tage beſſer hinbringen könne, denn immer Leſen und Clavier⸗ ſpielen geht ja doch auch nicht, noch dazu in einer ſo proſaiſchen und ſogenannten praktiſchen Um⸗ gebung, wie die iſt, in der wir uns befinden.“ „Ich werde immer geſpannter,“ verſicherte der Baron, und er hatte die Augenbrauen ſchon bis unter den Hut hinaufgezogen. „Wenn man nun unter ſo praktiſchen Leuten fortwährend lebt,“ lächelte die Gräfin, „ſo iſt es wohl ganz natürlich, daß ein klein Wenig davon auch an unſerer Natur hangen bleibt, und ich habe denn auch ſchon das ganze letzte Jahr nach der und jener Seite hinüber ge⸗ horcht, an was man im rechten Augenblicke und mit den rechten Mitteln die Hand legen könnte — ich glaube, ich habe jetzt gefunden was ich ſuchte.“ 4 „Sie hätten wirklich?“ 88 „Ich habe gefunden und außerdem die ge⸗ naueſten Erkundigungen deshalb eingezogen,“ fuhr die Gräfin fort,„daß hier im Lande eine ganz enorme Quantität von Cigarren verbraucht wird, die man ſämmtlich mit einem, zu den Koſten des Rohtabaks in gar keinem Verhältniſſe ſtehen⸗ den hohen Preiſe bezahlt.“ „Cigarren?“ fragte der Baron erſtaunt. „Nun ſind gerade gegenwärtig eine Menge junger Leute hier in der Colonie— und es wer⸗ den mit dem Schiffe noch mehr erwartet— von denen viele, beſonders alle aus Bremen ſtam⸗ mende, Cigarren zu drehen verſtehen. Hier auf dieſem Zettel finden Sie außerdem den Preis guten Blättertabaks genau zuſammengeſtellt, eben ſo die Löhne für die Fabrikarbeiter, die nach dem Hundert oder Tauſend bezahlt werden. Eine Ci⸗ garre nur einigermaßen guten Tabaks iſt aber hier nicht unter zwanzig Reis das Stück zu be⸗ kommen, und nun berechnen Sie ſelber, welcher enorme Nutzen dem Fabrikherrn werden muß⸗ wenn die Sache nur ein klein Wenig in's Große getrieben wird.“ „Hm,“ ſagte der Baron, der aber doch nur einen flüchtigen und zerſtreuten Blick über das 89 Papier warf,„und mit etwas Derartigem wollten Sie ſich befaſſen?“ „Und warum denn nicht?“ ſagte die Frau Gräfin, indem ſie einer leichten Verlegenheit Meiſter zu werden ſuchte.„Wir müſſen in der That eine Art von Beſchäftigung haben, wenn wir hier nicht vor Langerweile ſterben ſollen, und Helene ſehnt ſich ſo danach, ja ſelbſt Oskar, der jetzt vor lauter Muthwillen gar nicht weiß, was er für Tollheiten angeben ſoll.“ Der Baron Jeorgy war in der That Nichts weniger auf der Welt als ein praktiſcher Cha⸗ rakter, der auf einen gewiſſen Ueberblick Anſpruch machen konnte, um wirklich Ausführbares von bloßen Chimären zu unterſcheiden. Hatte er aber ſchon zu viele bittere Erfahrungen mit ähnlichen Projecten gehabt, oder war es ihm vollkommen unmöglich, ſich die Comteſſe Helene und den jungen wilden Grafen Oskar als ehrbare Cigar⸗ renmacher zu denken, aber er ſchüttelte doch ganz ernſthaft und bedenklich mit dem Kopfe und ſagte: „Aber, gnädigſte Frau Gräfin, haben Sie ſich denn die Sache wirklich ſchon recht genau über⸗ legt, und vermuthen Sie, daß Sie einen, alle dem Aerger und der Schererei entſprechenden Nutzen daraus ziehen könnten?“ 90 „Mein lieber Baron,“ erwiederte die Gräfin lebhaft,„das können Sie ſich doch wohl denken, daß ich ein ſolches Unternehmen nicht entriren würde, wenn ich mich nicht vorher gründlich da⸗ mit bekannt gemacht. Helene brennt ordentlich darauf zu beginnen, und Oskar ſelber hat ver⸗ ſichert, daß es ihm ungeheuren Spaß machen würde, ſelber Cigarren zu drehen.“ „So? In der That? Hm! Und haben die bei⸗ den jungen Herrſchaften alſo darin ſchon einen Verſuch gemacht?“ „Jetzt ſchon— wo denken Sie hin?“ lachte die Gräfin.„Das ſelber Cigarren machen muß doch auch immer nur Nebenbeſchäftigung bleiben, wenn es vielmehr darauf ankommt, eine große Anzahl von Arbeitern zu überwachen. Aber es iſt nöthig, daß es Jeder von uns verſteht, um etwa vorkommende Fehler andeuten und rügen zu kön⸗ nen, und deshalb wollen wir auch Alle ordentlich mit zugreifen.“ Der Baron, die Hände auf den Rücken ge⸗ legt, nickte langſam und bedächtig mit dem Kopfe, und manchmal ſchüttelte er ihn auch ganz in Ge⸗ danken, aber er⸗ſagte kein Wort. Es entſtand dadurch für die Gräfin eine etwas peinliche Pauſe, denn ſie hatte erwartet, daß der Baron die Ent⸗ — — 6 91 hüllung dieſes Planes mit mehr Enthuſiasmus aufnehmen würde. Der Baron blieb aber voll⸗ kommen kalt, und ſchien nicht die geringſte Luſt zu haben auch nur eine Bemerkung zu machen. „Und was ſagen Sie dazu?“ unterbrach endlich die Gräfin das ihr läſtig werdende Schweigen.— Der Baron zuckte die Achſeln. „Ja, lieber Gott, was kann ich dazu ſagen? Ich verſtehe nicht das Geringſte von Tabak oder Eigarren, das ausgenommen, daß ich beim Rauchen eine gute von einer ſchlechten unterſcheiden kann. Wenn Sie aber feſt dazu entſchloſſen ſind und das nöthige Capital dazu beſitzen, ſo— weiß ich in der That nicht...“ „Aber das gerade hab⸗ ich noch nicht,“ unterbrach ihn die Gräfin etwas gereizt,„wenigſtens nicht in dieſem Augenblicke, und meine Ungeduld, die mich jeden neu gefaßten Plan mit voller Energie er⸗ greifen läßt, war die alleinige Veranlaſſung, daß ich Ihnen Gelegenheit gab, ſich bei dem Unter⸗ nehmen zu betheiligen. Sie zweifeln doch nicht etwa an dem Erfolg?“ „Beſte Frau Gräfin,“ betheuerte der Baron, der, ſtets voller Rückſichtsnahmen, ſchon vor der Idee eines Widerſpruches zurückſchreckte;„ich erlaube mir nicht im Geringſten daran zu zwei⸗ 92 feln, und hoffe von ganzer Seele, daß Sie ein außerge⸗ wöhnlich günſtiges Reſultat erzielen werden, aber—“ „Aber?“ „Aber,“ fuhr der Baron, ſich verlegen die Hände reibend, fort,—„ich beſitze kein Capital, um mich dabei zu betheiligen.“ „Sie beſitzen kein Capital?“ ſagte die Gräfin erſtaunt. „Ich beſitze allerdings ein kleines“, verbeſſerte ſich der Baron,„was ich aus dem Verkaufe mei⸗ ner Chagra und meines Viehes, beſonders meiner Pferde, gelöſt habe, aber ich brauche das noth⸗ wendig zu meinem unmittelbaren Leben, und wenn ich daſſelbe angreife, bin ich am Ende ge⸗ nöthigt, mir noch auf meine alten Tage mein Brod mit Handarbeit zu verdienen.“ „Und glauben Sie nicht, daß Sie das Drei⸗, ja, vielleicht Vierfache ihrer jetzigen Zinſen bei einem ſolchen Unternehmen herausſchlagen unten? 2 lächelte die Gräfin. Der Baron hätte um ſein Leben gern„hein⸗ geſagt, aber er riskirte es nicht; die etwas hitzige Gräfin hätte ſich beleidigt fühlen können, und er erwiederte nur achſelzuckend: „Ich bin zu alt zur Speculation, meine Gnä⸗ „digſte, und— außerdem iſt mir die Sache auch 4 1 4 ¹ . wirklich noch zu neu— zu fremd— es kam mir zu überraſchend. Geſtatten Sie mir, daß ich mich vorher ein Wenig informire, und wir können ja dann ſpäter mit Muße darüber ſprechen.“ „Aber die Zeit drängt, mein beſter Baron,“ verſicherte die Gräfin;„ich habe die nicht unbe⸗ gründete Vermuthung, daß ſich Andere mit einer ähnlichen Idee tragen, und es iſt in der That ſeltſam, daß ein ſolches auf der Hand liegendes Unternehmen nicht ſchon lange mit Begierde aufge⸗ griffen iſt. Was alſo geſchehen ſoll, muß raſch ge⸗ ſchehen. Ich habe dabei von Anfang an auf Sie gerechnet, da ich Sie als alten, lieben Freund meines Hauſes kannte, und ich hoffe nicht, daß Sie mich jetzt im Stiche laſſen werden.“ Dem Baron kam es allerdings etwas wunder⸗ lich vor, daß die Frau Gräfin gerade auf ihn von Anfang an gerechnet haben ſollte, während ſie ihn erſt im letzten entſcheidenden Augenblicke davon in Kenntniß ſetzte. So groß ſeine Höflich⸗ keit aber auch ſein mochte, der Trieb zur Selbſt⸗ kerhaltung war doch noch größer, und mit viel mehr Entſchiedenheit, als er bis jetzt gezeigt und überhaupt der Gräfin gegenüber für möglich ge⸗ halten hätte, ſagte er, indem er ſeine Tabaksdoſe in allen Taſchen ſuchte: 94 „Man ſoll eine Dame nie im Stiche laſſen, meine Gnädigſte, aber— ich bitte tauſendmal meiner Hartnäckigkeit wegen um Entſchuldigung— ich muß doch darauf beſtehen, vor allen Dingen mir eine größere Kenntniß über den Betrieb die⸗ ſer Angelegenheit zu verſchaffen. Apropos— ſollte ſich der Director Sarno nicht am Ende be⸗ wogen finden, ein ſo gemeinnütziges Unternehmen aus Regierungsmitteln zu fördern?“ Ein ganz eigener Ausdruck von Zorn und Verachtung zuckte um die Lippen der Dame, als ſie erwiederte: „Ja, wenn ihm Einer der Bauern den Vorſchlag gemacht hätte.“ „So haben Sie ſchon mit ihm darüber ge⸗ ſprochen?“ rief der Baron, von dieſer Wendung ſichtlich überraſcht. 3 Die Gräfin hatte ſich in ihrem Unmuthe ver⸗ leiten laſſen, mehr zu ſagen als ſie. eigentlich wollte. Was noch gut zu machen war, that ſie. „Fällt mir nicht ein,“ ſagte ſie wegwerfend; „der Herr Director und ich ſtehen nicht auf einem ſo freundſchaftlichen Fuße zuſammen, ihm eine ſolche Mittheilung zu machen, und ich werde mich hüten, mit der braſilianiſchen Regierung etwas Derartiges zu beginnen, die mir vielleicht fünf⸗ 3 zehn oder zwanzig Procent für meine Mühe ließe. Doch Sie verlangen Zeit, mein lieber, ängſtlicher Freund, und ſein Sie verſichert, daß ich Sie nicht drängen möchte. Ueberlegen Sie ſich alſo die Sache, ſagen Sie mir aber bis ſpäteſtens mor⸗ gen früh Antwort, oder“— ſetzte ſie hinzu, indem fie lächelnd mit dem Finger drohte—„ich halte mich an kein Verſprechen mehr gebunden, und ſehe mich nach einem andern Compagnon um.“ Der Baron machte eine ſtumme, dankende Verbeugung, ſchien aber von dieſer directen Drohung keineswegs ſo eingeſchüchtert, wie es die Wichtigkeit der Sache hätte ſollen vermuthen laſ⸗ ſen. In dieſem Augenblicke bekam er aber auch Suc⸗ curs, denn ihr Geſpräch wurde durch jenes wunder⸗ liche Individuum, Jeremias, unterbrochen, der plötzlich in den Garten kam, ohne Weiteres auf die Frau Gräfin und den Baron zuging, und Beiden, ehe ſie es verhindern konnten, auf das Cordialſte die Hand ſchüttelte. Oskar, der Zeuge dieſer Scene war, lag noch immer in der Laube auf der Bank und wollte ſich jetzt ausſchütten vor Lachen. Oskar war auch in der That die eigentliche Urſache dieſer plötzlichen Begrüßung geweſen, denn während er in der Laube ſeine Sieſta hielt, da 96 ihn die Projecte der Frau Mutter wenig intereſ⸗ ſirten, hatte er nur über ſeinen heutigen Verluſt, den Pferdejungen, nachgedacht, der ſich auf ſo grobe Weiſe empfohlen, und dabei hin und her überlegt, wie er denſelben wohl erſetzen könne. Da ging Jeremias, ebenfalls auf einem Sonntag⸗ Nachmittag⸗Spaziergange begriffen, an der Laube vorüber, und Oskar, der den ſonderbaren Burſchen ſchon kannte, und ſich oft über ihn amüſirt hatte, glaubte in ihm einen paſſenden Erſatz gefunden zu haben und rief ihn auch ohne Weiteres an und herein. „Guten Tag, Frau Gräfin,“ ſagte Jeremias indeſſen, durch das etwas erſtaunte Zurückfahren der Dame nicht im Mindeſten beirrt—„ſchönen guten Tag, Herr Baron— prächtiges Wetter heute— wie bei uns im Sommer— nur ein Bißchen heiß— Herr Gott, wie man ſchwitzt!“ „Und was wollen Sie?“ fragte die Gräfin, wie in Gedanken die eben erfaßte Hand mit ihrem Batiſttuche abwiſchend. Jeremias war das auch nicht entgangen; er betrachtete ebenfalls ſeine eige⸗ nen arbeitharten Fäuſte, und ſein Geſicht verzog ſich zu einem breiten Grinſen. Aber er nahm weiter keine Notiz davon, ſondern ſagte nur, freund⸗ lich ihr zunickend: 8½ 7 97 „Der junge Herr da hinten hat mich gerufen; will einmal zu ihm gehen und ſehen, was er wünſcht— amüſiren Sie ſich gut“— und mit einer Art von Kratzfuß drückte er den Hut wieder in die Stirn und wandte ſich dorthin, wo Oskar ſchon wieder ſein:„Jeremias, hieher!“ herüber rief. „Hat ihm ſchon,“ antwortete Jeremias, als er in die Laube trat, ſich ohne Weiteres auf die an⸗ dere Bank ſetzte und vergnügt mit den kurzen Beinen ſchlenkerte;„hier iſt's hübſch kühl; wenn man jetzt hier ein Maß baieriſch Bier und einen Handkäs hätte, könnte man's eine ganze lange Weile aushalten.“— Oskar hatte ſich das Benehmen eines künftigen Pferdejungen wahrſcheinlich anders gedacht; mit den. Sonderbarkeiten des Burſchen aber ſchon be⸗ kannt, beachtete er es nicht weiter und fragte ohne Umſchweife: „Willſt Du Geld verdienen, Jeremias?“ „Immer,“ lautete die kurze bündige Antwort. „Kannſt Du Pferde warten?“ „Kann ich?“ ſagte Jeremias im Selbſtver⸗ trauen. 8-* „Und wie viel verlangſt Du monatlich?“ „Hm,“ meinte der Burſche, den brennend Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. I. 7 3—* 98 rothen Schopf kratzend, der ſich jetzt, als er dazu den Hut abnahm, als eine alte, ziemlich abge⸗ tragene Perrücke auswies,„je mehr, je beſſer— was lohnt's denn eigentlich?“ „Sechs Milreis.“ „Und ſonſt noch was?“ „Stiefelputzen—“ „Ne, ſo mein' ich's nicht,“ ſagte Jeremias, „ob noch ſonſt etwas bei den ſechs Milreis wäre, wie Schnaps, Frühſtück, Trinkgeld oder der⸗ gleichen.“ „Wenn Du Dich gut hältſt, gewiß,“ ſagte der junge Graf. Jeremias ſchob beide Hände, ſo tief er ſie bekommen konnte, in ſeine Hoſentaſchen und ſpitzte den Mund, als ob er ein Liedchen pfeifen wolle. Er pfiff aber nicht, ſondern ſah nur nachdenklich vor ſich nieder. Endlich ſagte er nach einer kleinen Pauſe, indem er die Hände wieder aus den Taſchen nahm und ſeine Perrücke zurecht ſchob: „Na, ich will Ihnen etwas ſagen, junger Herr, wir wollen's einmal einen Monat zuſammen ver⸗ ſuchen, wöchentliche Kündigung natürlich von beiden Theilen, wenn ich Ihnen nicht gefallen ſollte oder Sie mir nicht— außerdem gegen⸗ ſeitige Hochachtung und ein Milreis Handgeld— 99 ſind Sie das zufrieden?“— und er hielt dabei Oskar die Hand in ſo drolliger Weiſe zum Ein⸗ ſchlagen hin, daß der junge Burſche, der bei Er⸗ wähnung des Milreis Handgeld einen Augenblick geſtutzt hatte, lachend einſchlug und ausrief: „Gut, Jeremias, ſo wollen wir es denn, wie Du ſagſt, einmal zuſammen verſuchen— hier iſt Dein Milreis, und nun beginne Dein Geſchäft gleich damit, daß Du vor das Haus gehſt und das dort ſtehende Pferd meiner Schweſter herein⸗ führſt und abſattelſt.“ „Donnerwetter, das geht geſchwind!“ meinte Jeremias,„und eigentlich wäre heute Sonntag. Das arme Thier kann aber auch nicht da draußen ſtehen bleiben— alſo, junger Herr, wir ſind jetzt für einen Monat mit einander zuſammengegeben, wie der Pfarrer ſagt.“ Dabei nahm er das Milreisſtück, betrachtete es einen Moment aufmerkſam, ſchob es dann in die Taſche, machte eine kurze, nicht ungeſchickte Verbeugung und verließ raſch den Garten, um den überkommenen erſten Auftrag auszuführen. Aber auch der Baron hatte dieſe kleine, ihm ſehr gelegene Unterbrechung benutzt, dem ihm un⸗ angenehm werdenden Geſpräche mit der Gräfin eine andere Wendung zu geben, und als jetzt 7*— 100 auch die Comteſſe zurückkehrte, die Vollrath aber nur bis an die Gartenthür begleitete und ſich dann empfahl, ſchützte er plötzliches Kopfweh vor und beurlaubte ſich ebenfalls mit der gewohnten Förm⸗ 1 lichkeit bei den Damen. 3 Die Gräfin hatte indeſſen Vollrath ankommen und wieder gehen ſehen, und wenn ſich ihr Geiſt auch gerade mit ganz anderen Dingen beſchäftigte, war ihr doch das auffallend bleiche und nieder⸗ gedrückte Ausſehen des jungen Mannes nicht ent⸗ gangen. Sie warf einen forſchenden Blick auf ihre Tochter, aber Helenens Antlitz, wenn ihre Augen auch einen ganz ungewohnten Glanz hatten, ver⸗* rieth durch Nichts einen in ihr aufſteigenden, 5 plötzlichen Verdacht. Nur, als das junge Mäd⸗ 1 chen den Kopf abwandte— vielleicht um ihr Antlitz dem mißtrauiſchen Auge der Mutter zu entziehen— und ſich dem Hauſe zuwandte, ſagte die Dame leiſe: „Helene!”“ „Mutter?“ fragte die Tochter und wandte ſich 4 halb nach ihr um. „Was iſt denn mit Vollrath vorgegangen? Er hatte, als er Dich verließ, keinen Blutstropfen in ſeinem Geſichte.“ „Wirklich nicht? Ich habe es nicht beachtet.“ 1 — A. „Und Du biſt auch ſo ſonderbar. 8 „Ich, Mutter?“ „Ja— Du— Helene, ich will nicht hoffen, daß Du.. „Was, Mutter?“ ſagte Helene, und ihr Auge haftete kalt und ernſt auf den ſtrengen Zügen derſelben. „Es iſt gut, mein Kind,“ ſagte die Gräfin, die ſie einen Moment aufmerkſam betrachtet hatte. „Ich glaube, ich kann mich feſt auf Dich verlaſſen, und Du bedarfſt keiner Wächterin.“ „Ich denke nicht, Mutter,“ ſagte Helene, in⸗ dem ein leichtes zorniges Roth ihre Wangen färbte. Dann wandte ſie den Kopf wieder ab und ſchritt, ohne der Mutter Gelegenheit zu weiteren Fragen zu geben, raſch in das Haus hinein und hinauf in ihr Zimmer, wo ſie ſich einſchloß und an dem Abend nicht mehr zum Vor⸗ ſchein kam. — 1 4. Die„Meierei“. Dicht über der Colonie Santa Clara, wenn man in gerader Richtung eben hätte hinauf kom⸗ men können, aber durch einen ziemlich ſteilen Hang, an dem nicht einmal ein Fußſteig empor führte, davon getrennt, lag die Wohnung des Colo⸗ niſten Meier, den der Director gegen Könnern den Einſiedler genannt hatte. Allerdings lief ein Fahrweg bis dicht an ſeine kleine, wenig be⸗ baute Chagra, aber er wurde nicht häufig benutzt, da er nur zu ſehr entfernten Anſiedelungen führte, und die Bewohner der„Meierei“— wie man den Platz ſcherzweiſe genannt hatte— kamen nie ſelber in die Colonie hinab. Insbeſondere der Eigenthümer, der alte Herr Meier, hielt ſich ſo 103 von der Welt abgeſchloſſen, daß es eine Menge älterer Anſiedler in Santa Clara gab, die ſich gar nicht erinnerten, ſein Geſicht je geſehen zu haben. Auffallend war dabei, daß er nie Briefe em⸗ pfing oder ſchrieb, und doch mußte er ſich, ſeinem ganzen Weſen, allen ſeinen Gewohnheiten nach daheim in der beſten Geſellſchaft bewegt haben. Wie er aber ſein kleines Haus dicht hinter den Schutz der Bäume gebaut hatte, daß es lauſchig und verſteckt dort lag, weder geſtört, noch ſt beachtet von der Außenwelt, ſo hielt er ſich er und ſeine Familie dem regen Leben und Treiben fern, das unter ihm wogte— es nicht ſuchend und nicht von ihm geſucht. Er lebte dabei ganz ſeiner Familie, mit der er ſich einzig und allein beſchäftigte und in der er vollkommenen Erſatz für die übrige Welt zu finden ſchien. Im erſten Jahre freilich fehlte dem an Thätigkeit gewohnten Manne eine beſtimmte und ausgeſprochene Beſchäftigung, und er genügte dem Drange nach Arbeit nur dadurch, daß er ſeinen eigenen Garten anlegte, umgrub und pflanzte. Das aber konnte ihn auf die Länge der Zeit nicht befriedigen, und da er manche Tiſchlerarbeiten in ſeinem Hauſe zu machen hatte, und einen jungen, ſehr geſchickten Arbeiter dazu fand, ſchaffte er ſich 4 — 194. ſelber Werkzeug an und lernte bald die verſchie⸗ 4 ddeernen Griffe und Vortheile dieſes Handwerks. Dann kaufte er ſich eine Drehbank, und nahm ſich auch hiefür auf kurze Zeit einen Lehrer an. Außerdem F verſtand er ſchon daheim ein Wenig von der Malerei, was er jetzt in ſeinen Mußeſtunden noch weiter ausbildete. Eine recht hübſche Bibliothek hatte er ſich ebenfalls angeſchafft, und da er bei allen 4 dieſen Beſchäftigungen viel praktiſchen Verſtand be ſo richtete er ſich in wenigen Jahren ſeine kleine Heimath ſo allerliebſt und traulich her, daß jedes Zimmer einem Puppenſtübchen glich, ohne daß er dabei aber auch nur den geringſten Luxus 4 getrieben hätte. Nach Außen vermied er jedoch Alles, was nur im Geringſten die Aufmerkſamkeit eines Fremden hätte auf ſich ziehen können; er wollte nun einmal mit der Welt keinen Verkehr haben, und was ihn auch dazu bewogen haben konnte, auf die ge⸗ ſchickteſte Weiſe wich er jeder Annäherung frem⸗ der Menſchen aus. 4 Seine. Familie beſtand, wie ſchon erwähnt, 6 3 nur aus ſeiner Frau und einer erwachſenen Tochter. Dieſe, Eliſe, hatte erſt dreizehn Sommer gezählt, als er, vor nun ſieben Jahren, die damals kaum entſtandene und noch ziemlich wilde Colonie er⸗ — —— —— — 105 reichte, und wenn auch ein junges Mädchen in dieſem Alter wohl berechtigt iſt, größere Anſprüche an das Leben zu ſtellen, während ſie hier— ob⸗ gleich von allen Bequemlichkeiten umgeben— wie auf einer wüſten Inſel ſaß, ſo ſchien doch Eliſe das nie zu fühlen oder irgend einen andern Wunſch zu kennen als den, die Häuslichkeit ihrer Eltern eben zu theilen, wie ſie war. Auch auf ihren Charakter hatte das ſtille, abgeſchloſſene Leben nicht den geringſten nachtheiligen Einfluß ausge⸗ übt. Sie war immer heiter und guter Laune und eigentlich das einzige ſonnige Element im Hauſe. Wenn auch ihre Eltern ſelbſt glücklich mit ein⸗ ander lebten, und nie ein hartes oder auch nur unfreundliches Wort zwiſchen ihnen vorfiel, ſo lag doch auf des Vaters Stirn nur zu oft ein tief eingeſchnittener Zug von Schwermuth, den weg⸗ zuſcheuchen nur allein der Tochter, nie der Mutter gelang. Noth oder Sorge um den Lebensunterhalt konnte das nicht ſein, denn Meier war, wenn auch vielleicht nicht reich, doch keineswegs ohne die Mittel, ſich eine ſichere Exiſtenz zu wahren. Konnte es Heimweh ſein— vielleicht, aber Nie⸗ mand erfuhr das, Niemand hörte je eine Klage, —-’—————— — 106 wie er etwaigen Fremden, mit denen er trotz aller Vorſicht gelegentlich zuſammentraf, wenn er nur die Schüchternheit der erſten Begegnung über⸗ wunden hatte, auch ſtets das nämliche freundliche Lächeln zeigte. Es lag dabei etwas in ſeinem ganzen Weſen, das raſch für ihn einnahm, wenn man nur kurze Zeit in ſeiner Nähe weilte. War es das lange, ſchlichte, ſchneeweiße Haar, das er mitten auf dem Kopfe geſcheitelt trug, und das ſonderbarer Weiſe erſt hier in Braſilien dieſe Farbe des Alters, und zwar gleich im erſten Jahre, an⸗ genommen hatte, war es der leichte, leidende Zug um den Mund, den ſelbſt das Lächeln der fein⸗ geſchnittenen Lippen nicht ganz zerſtören konnte, war es ſein mildes, nachgebendes Weſen, man wußte es ſelber nicht, aber konnte dem Manne, trotz ſeiner Eigenheit, nie böſe ſein. Nicht ganz den freundlichen Eindruck machte ſeine Gattin, obgleich man auch ihr auf den erſten Blick anſah, daß ſie ſich ſtets in guter Geſellſchaft bewegt habe. Sie hatte das Kalte, Zurückhal⸗ tende ihres Mannes, ohne deſſen milde Freund⸗ lichkeit, und der mißtrauiſche Blick ihres kleinen, grauen Auges, mit dem ſie jeden Fremden, ja, ſelbſt Leute, die ſie lange als Nachbarn kannte, betrachtete, munterte eben nicht zu einem freund⸗ 10 lichen Zuſammenleben mit ihr auf. Uebrigens war ſie eine noch recht hübſche, ſtattliche Frau, von vielleicht ſieben oder achtunddreißig Jahren, und die einzige Meinungsverſchiedenheit, welche je zwiſchen ihr und ihrem Gatten auftauchte, war die, daß ſie ſich mehr dem geſelligen Leben der Colonie hinzugeben wünſchte. So nachgebend dieſer aber auch in jeder an⸗ dern Beziehung ſein mochte, an dieſer Klippe ſcheiterte ſelbſt jede Bitte von Frau und Tochter. Was ihnen das eigene Haus an Bequemlichkeit, ja, ſelbſt hier und da an einem verſteckten Luxus bieten konnte, dazu reichte er mit Freuden die Hand und erfüllte ſelbſt jeden nur geahnten Wunſch; aber über die Gränze ſeines kleinen Beſitzthums ging er nicht hinaus, und ſogar das zufällige ichten der Pflanzenmauer, die ſeinen kleinen Aihlena umſchloß und, durch den Sturm nieder⸗ gebrochen, ſein Haus der Ausſicht öffnete, ſchien ihn zu geniren und zu ſtören. Er verſäumte we⸗ nigſtens keine Stunde am nächſten Morgen, die zerriſſene Lücke durch eine Anpflanzung anderer junger Palmen und Buſche zu erſetzen, die freilich jetzt Zeit brauchten, bis ſie die nöthige Höhe wieder erreichten, aber doch wenigſtens den untern Theil des Hauſes deckten. —“— 8 —õõmõõm — Es war an dem nämlichen Sonntagnachmit⸗ tage, daß drei Reiter den ſchmalen Weg herauf⸗ ritten, der zu der ſogenannten„Meierei“ führte, der Director Sarno mit den beiden Freunden Könnern und Günther; und erſt, als ſie in die Nähe des kleinen, freundlich gelegenen Hauſes kamen, hielt der Director ſein Pferd an und ſagte, mit dem Arme in eine früher gehauene Schneuße hinein deutend: „Sehen Sie, Herr von Schwartzau, dies iſt die zweite, alte Linie, die damals von jenem Stümper ausgeſchlagen wurde. Wenn Sie nur Ihren Taſchencompaß herausnehmen, ſehen Sie ſchon welchen Bock jener geſcheute Herr geſchoſſen, der es möglich machte, die Variation auf die ver⸗ kehrte Seite vom Pol zu legen. Die ganze Ver⸗ meſſung iſt dadurch vollkommen werthlos geworden und muß neu gemacht werden. Die nächſt gele⸗ genen ſechs Colonien gehören aber jenem Herrn in dem Hauſe da drüben, der ſich einen ziemlich bedeutenden Landſtrich hier erworben, nur um, wie es ſcheint, keinen nahen Nachbar zu bekommen, denn was er ſelber bis jetzt urbar gemacht, iſt ſehr unbedeutend. Jedenfalls müſſen wir aber deſſen Gränzen mit beſtimmen, damit wir wiſſen 8 wo das noch freie Land beginnt, und ich möchte ₰ dieſen Diſtrict, wie jenen ſüdlich von der An⸗ ſiedlung, am Liebſten zuerſt in Angriff genommen haben. Dieſen hier nehmen Sie alſo vielleicht gleich morgen vor, denn von hier aus ſtreckt ſich eine ziemlich ausgedehnte Hochebene mit nur leiſer Steigung dem nächſten Bergrücken zu, und Sie können hier eine tüchtige Anzahl Varas den Tag ablegen.“ „Und iſt der Wald ſehr dicht?“ „Nicht übermäßig. Ich will Ihnen Ihr Amt auch nicht zu ſchwer machen und einen zu breiten Ausſchlag verlangen, gründlich müſſen die Linien aber gelegt und die Bäume beſonders ſo markirt werden, daß die hieſige Vegetation nicht die Spuren in ein paar Jahren wieder verwächſt und ver⸗ nichtet— wir ſprechen darüber noch heute Abend, ob wir Theer mit Buchſtaben von weißer Oelfarbe oder vielleicht gar Blechplatten nehmen, was frei⸗ lich bedeutend mehr Koſten macht.“ „Und wie viel Leute glauben Sie, daß ich mit mir nehmen ſoll?“ „Kommen Sie, wir reiten einmal ein urges Stück in den Wald hinein, der ſich dort hinüber ziemlich gleich bleibt,“ erwiederte der Director, „Sie können es dann ſelber leicht beurtheilen. Sparen Sie lieber nicht mit den Leuten, wenn . 1¹0 Sie dadurch raſcher vorwärts rücken, denn Sie vermeſſen ja dafür auch ſo viel mehr, und ich garantire Ihnen, daß Sie hier, um nur das No th⸗ wendigſte fertig zu bringen, drei volle Monate ſcharfe Arbeit haben. Je mehr wir aber in der möglichſt kurzen Zeit beenden, deſto beſſer iſt es; denn wenn uns die neuen Anſiedler erſt noch auf den Hals kommen, und ich weiß nicht wo ich ſie unterbringen ſoll— dann iſt es mit dem Frieden hier vorbei.“ Mit dieſen Worten wandte er ſein Pferd und ritt in einen ſchmalen Seitenpfad, von Günther gefolgt, hinein, während Könnern noch in dem breiten Wege hielt und ſich Meier's ſtille und trauliche Heimath betrachtete. Es lag ein ganz eigener Zauber über dem Platze, dem die hier vollkommen tropiſche Vegetation durch angepflanzte Palmen, Farren und die wunderliche Baumform der Pinien einen noch viel größeren Reiz verlieh. Gern wäre er auch einmal zu dem Hauſe hinüber geritten, die Inſaſſen deſſelben kennen zu lernen, denn daß der Alte ſo vollkommen menſchen⸗ ſcheu ſein ſollte, glaubte er noch nicht recht. Aber er durfte ſeine Geſellſchaft nicht zu weit aus den Augen verlieren, und der Director wie Schwartzau waren viel zu ſehr in ihr„Terrain“ vertieft, um 1 —— 111 1 ſich in dieſem Augenblicke um etwas Anderes zu kümmern, als Nord und Süd und Ecken und 1 Fronten. Günther hatte dazu ſeinen kleinen Com⸗ paß herausgenommen und viſirte damit, als ſie den Pfad entlang ritten, dicht an einer viel inter⸗ eſſanteren Front vorüber, wie ſie die beſtgelegene Colonie hätte bieten können, ohne ſie auch nur zu ſehen, nämlich an einem reizenden jungen 3- Mädchen, das, vielleicht ſechs Schritte von dem Pfade entfernt, mit einem Buche in der Hand unter einer halb natürlichen, halb durch Kunſt G hergeſtellten Laube ſaß, und ohne ſich zu rühren, die vorbeireitenden und in tiefem Geſpräche be⸗ griffenen Männer beobachtete. 3 Sie würde ſich in der That lieber ganz zurück⸗ gezogen haben, hätte ſie nicht gefürchtet durch eine V I —— Bewegung ihre Gegenwart zu verrathen. Jetzt erſt, als ſie vorüber und ſchon halb von den Büſchen verdeckt waren, richtete ſie ſich empor und drehte den Kopf um, ihnen nachzuſehen. 4 In dieſem Augenblicke paſſirte Könnern die 5 verſteckte Laube. Mit keinem ſolchen Intereſſe an der Vermeſſung des Bodens, und in der alten Gewohnheit des Jägers, das Auge jedem ſich re⸗ 4 genden Punkte raſch zuzuwenden, entdeckte er kaum 1 die liebliche, jetzt verlegen erröthende Geſtalt, als —õ 1¹2 er auch unwillkürlich ſein Pferd anhielt und achtungsvoll die Jungfrau grüßte. War aber für ihn nicht die geringſte Veran⸗ laſſung geweſen, hier zu halten, ſo beſaß er ent⸗ weder in dem Momente nicht Geiſtesgegenwart genug, ſeinem Thiere wieder raſch den Sporn zu geben, oder die freundliche Erſcheinung feſſelte ihn ſo, daß er ſich nicht gleich wieder losreißen konnte und wollte, und nur, um ſich aus einer peinlich werdenden Situation zu bringen, ſagte er verlegen: „Ich muß tauſendmal um Entſchuldigung bitten Sie geſtört zu haben, Sennora, aber ich vermuthete hier in der That Niemanden, mitten im Walde.“ „Sie haben mich nicht geſtört,“ erwiederte Eliſe mit ihrem gewinnenden Lächeln, denn die Verlegenheit des jungen Fremden war ihr keines⸗ wegs entgangen;„ich fürchte nur, daß Ihre voran⸗ gerittenen Freunde den Weg verfehlt haben, denn dieſer Pfad führt allein wenige Hundert Schritte in den Wald hinein und endet dann in einem verworrenen, von Schlingpflanzen durchwachſenen Dickicht, durch das ſie mit ihren Pferden nicht dringen können.“ „Alſo müſſen ſie wieder dieſen Weg zurück?“ fragte Könnern, ſichtlich darüber erfreut, denn er 113 bekam dadurch eine Entſchuldigung, ſie hier zu erwarten. „Allerdings,“ erwiederte das Mädchen— „wollen Sie denn zur Colonie hinunter?“ „Wenn Sie das kleine Städtchen meinen, nein. Wir kommen eben daher und ſind nur auf einem Spazierritte, auf dem die beiden Herren da vorn das Terrain recognosciren, um nöthige Vermeſ⸗ ſungen vorzunehmen.“ Die Jungfrau, welche, als ſie der Fremde anredete, aufgeſtanden war, verbeugte ſich leicht und ſchwieg, und Könnern, der nicht den gering⸗ ſten Anhaltspunkt ſah, das Geſpräch in ſchicklicher Weiſe fortzuſetzen, grüßte noch viel verlegener als vorher und folgte jetzt den beiden Freunden, die er gleich darauf an der von Eliſen angedeuteten Stelle überholte. Es war das der nämliche Platz, wo der Di⸗ rector damals die verkehrten Arbeiten des von der Frau Präſidentin herübergeſchickten Vermeſſers unterbrochen hatte, und alle Drei wandten nun ihre Thiere, um auf den breiteren Weg zurück⸗ zukehren. Als ſie die Laube paſſirten, warf Könnern freilich den Blick hinüber, um nach der freundlichen Geſtalt zu ſuchen; aber wie eine Erſcheinung war Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. I. 8 — 3 114 ſie verſchwunden, und nur auf der Bank, auf welcher ſie geſeſſen hatte, lagen ein paar Blumen, die ſie wahrſcheinlich mit heraufgenommen und in der Eile ihres Rückzuges auf dem Sitze gelaſſen hatte. Könnern, der jetzt voranritt, hatte die Blüthen augenblicklich bemerkt, und ehe er ſich ſelber über das was er that Rechenſchaft geben konnte, hielt er an, ſtieg vom Pferde und ſchnallte ſeinen Sat⸗ telgurt ein Loch empor. Dadurch gab er ſeinen Begleitern Zeit an ihm vorüber zu reiten, und als er ſie voraus ſah, trat er raſch in die Laube, nahm die Blumen, legte ſie in ſein Taſchenbuch, ſtieg dann wieder auf und folgte, ohne ſich umzu⸗ ſehen, den Vorausgerittenen.— Und doch hatte ihn dieſes Mal ſein ſonſt ſo ſcharfes Auge im Stiche gelaſſen, denn hinter einem kleinen Dickicht der hier gerade ſehr üppig wachſenden Flachs⸗ oder Tucung⸗Pflanze, hinter die ſich Eliſe zurückgezogen, um die Fremden erſt vorüber zu laſſen, hatten ein Paar lächelnde Augen ſeinen unſchuldigen Raub beobachtet und folgten ihm, bis ſich der Wald wieder hinter ihm ſchloß. . Könnern überholte ſeine Begleiter dicht am Hauſe des menſchenſcheuen Meier, der aber durch einen geſchickt gefällten Baum die Paſſage ſo ge⸗ . 2 legt hatte, daß ſie nicht unmittelbar an ſeinem Garten vorüberführte, ſondern dieſen durch ſorg⸗ fältig gepflegte Büſche vollſtändig verdeckt hielt. „Hier wohnt der ſonderbare Kauz,“ ſagte der Director, mit der Hand in das Dickicht zeigend, durch welches das Dach nur undeutlich heraus⸗ ſchimmerte.„Wenn mit dem Manne nur irgend ein Umgang wäre, wollte ich vorſchlagen daß wir anhielten und ihm wenigſtens guten Tag ſagten. Schade um das allerliebſte Mädchen, das der alte Brummbär hier wie eine Nonne gefangen hält.“ „Eine Brünette?“ fragte Könnern. „Ja,“ erwiederte der Director;„aber wie, zum Teufel, haben Sie das ſchon ausgefunden? Sie ſind doch, ſo viel ich weiß, zum erſten Male in der Colonie.“ „Hätten es die Herren nicht gerade ſo gemacht wie der vorige Landvermeſſer,“ lachte Könnern, nund die Variation auf der verkehrten Seite der Nadel geſucht, ſo würden Sie, nur ein paar Striche aus dem Cours, eine allerliebſte junge Dame im Walde geſehen haben, die ſich da draußen mit irgend einer Lectüre die Zeit vertrieb.“ „Und davon haben Sie uns kein Wort geſagt?“ rief Günther. „Ich durfte Sie doch nicht ſtören,“ lächelte . 8* 116 der junge Mann;„übrigens glaubte ich auch, daß wir ſie auf dem Wege hierher überholen würden; ſie muß ſich aber auch ſehr geeilt haben, um uns voraus zu kommen.“ „Merkwürdige Leute,“ meinte der Director kopfſchüttelnd;„aber jedenfalls werden Sie mit dem Alten bekannt werden, Schwartzau, denn Sie müſſen ihn aufſuchen, wenn Sie auf ſeinem Lande die Vermeſſung beginnen, damit er dabei iſt und die Gränzen kennen lernt. Er wird es ſich auch wahrſcheinlich nicht nehmen laſſen, die Eckbäume ſelber dauernd zu bezeichnen, und das erſpart Ihnen gleich eine Arbeit.“ 1 „Dann begleite ich Sie,“ ſagte Könnern,„ich intereſſire mich für alle Originale.“ „Beſonders wenn es Brünetten ſind, wie mir ſcheint,“ lachte der Director;„Sie mögen aber immerhin in dieſe Gegend einen kleinen Jagdzug machen, denn wenn Sie der dichte Wald nicht ſtört, finden Sie doch wohl hier und da ein Stück Roth⸗ oder Schwarzwild, oder vielleicht gar einen Tapir, die hier zuweilen ebenfalls vorkommen. Jetzt aber, meine Herren, dürfen wir unſere Zeit nicht länger vergeuden, wenn wir den andern Strich ebenfalls beſuchen wollen. Sobald wir weiter oben die ordentliche Straße erreicht haben, 117 können wir auch unſere Thiere beſſer ausgreifen laſſen“— und dem ſeinigen die Sporen gebend, trabte er, ſo raſch es ihm der noch ziemlich unebene Boden geſtattete, auf dem ſchmalen Wege hin in den Wald hinein. So wenig ſie aber dabei von den Einwohnern des Platzes geſehen hatten, ſo waren ſie doch nicht eben ſo unbeachtet daran vorübergeritten, denn der Eigenthümer des Hauſes ſchien ſich für alle Frem⸗ den lebhaft zu intereſſiren, wenn er auch nicht mit ihnen in perſönliche Berührung kommen wollte. Zu dieſem Zwecke hatte er ſich eine ordentliche kleine Warte gebaut, in welche die eine Ecke ſeines Gartens, ohne von Außen bemerkbar zu ſein, aus⸗ lief. Das war zugleich ein Lieblingsplatz gewor⸗ den, wenn er keine andere Arbeit vorhatte, und er las oder ſchrieb gerade dort am Liebſten, da er ſich hier vollkommen ungeſtört wußte. Das letzte Geſpräch der Männer war gerade vor dieſem Ausguck gehalten, und Meier, der mit einem Buche in der Hand in ſeiner Laube ſaß, dadurch auf die Fremden aufmerkſam geworden. So lange ſie da draußen hielten, lauſchte er auch ihrem Geſpräche, und erſt, als ſie ihren Weg fort⸗ geſetzt, nahm er ſein Buch wieder auf. Aber er 118 ſchien keine rechte Luſt zum Leſen zu haben, denn er legte das Buch nach einiger Zeit wieder hin, ging eine Weile mit auf den Rücken gelegten Händen und geſenktem Haupte in ſeiner Laube auf und ab, ſeufzte ein paar Mal recht tief auf und ſchritt dann langſam zu ſeiner Wohnung und in das Zimmer ſeiner Frau, die, mit einer Arbeit beſchäftigt, am Fenſter ſaß. Sein Blick ſuchte Eliſen, aber ſie war nicht im Zimmer, und erſt nach einer Weile kam ſie durch die kleine Gartenpforte, die hinaus in den Wald führte, herein und zu der Mutter, wo ſie Hut und Buch ablegte und ſich ſtill an das dort ſtehende Inſtrument ſetzen wollte. „Du warſt im Walde, Lieschen?“ fragte der Vater. „Ja, Papa.“ „Und biſt dort Fremden begegnet?“ Das junge Mädchen ſah raſch und erſtaunt zu ihm auf, erröthete auch leicht, ſagte dann aber lächelnd:. „Woher weißt Du das ſchon, Papa?“ „Und haſt Du nicht den nämlichen Spazier⸗ gang hier im Garten?“ fuhr der Vater fort, ohne ihre Frage zu beantworten;„ich habe Dich ſchon ſo oft gebeten, nicht dort hinaus zu gehen, wenig⸗ 1¹9 ſtens nicht an Sonntagen, wo das müſſige Volk aus der Anſiedelung nur immer in der Nachbar⸗ ſchaft umherſchwärmt!“ Die Mutter hatte bei Beginn des Geſpräches ihre Arbeit in den Schooß ſinken laſſen, und ihre Miene verfinſterte ſich mehr und mehr. Jetzt aber nahm ſie für die Tochter die Antwort auf und ſagte: „Und willſt Du ſie nicht lieber ganz in ein Kloſter ſperren? Das wäre doch jedenfalls das Einfachſte, damit ſie wenigſtens gar kein Menſch mehr zu ſehen bekäme— nicht einmal einer der am Sonntag herumlaufenden Bauern.“ „Aber, Bertha!“ ſagte Herr Meier, erſtaunt zu ſeiner Frau aufſehend. „Ach was,“ erwiederte dieſe,„was zu arg iſt, iſt zu arg! Das Mädel iſt jetzt zwanzig Jahr alt geworden und wird verſteckt gehalten, als ob wir uns ſchämen müßten, das junge Blut der Welt zu zeigen.“ „Aber, Bertha, Du weißt doch....“ ſagte der Mann vorwurfsvoll. „Ach, ich weiß Alles!“ erwiederte die Frau; „aber man kann eine Sache auch übertreiben, und ich bin nicht im Stande, das noch länger ſo ruhig mit anzuſehen. Hier in dieſem abgelegenen Winkel öö— 120 der Welt haſt Du doch wahrhaftig nicht zu....“ Sie unterbrach ſich raſch und nahm ärgerlich ihre Arbeit wieder auf, die ſie jedoch unſchlüſſig in der Hand behielt, während Eliſe freundlich ſagte: „Laß ſein, Mütterchen; wenn dem Vater damit ein Gefallen geſchieht, kann ich ja auch den kleinen Spaziergang recht gut entbehren. Er hat Recht, es iſt hier im Garten wirklich eben ſo hübſch wie da draußen, und ich kann mir hier die nämliche Bewegung machen.“ „Ach, das verſtehſt Du nicht!“ fuhr die einmal gereizte Frau fort;„ich hab's jetzt auch ſelber ſatt. Sieben Jahre ſitzen wir nun hier, wie die Gefangenen zwiſchen Büſche und Bäume einge⸗ klemmt, während die Anſiedler da unten ſich ihres Lebens freuen und nur ihr fröhlicher Lärm manch⸗ mal zu uns herübertönt; ſieben Jahre lang haben wir ein Leben geführt, daß es einen Stein er⸗ barmen möchte, und ich ſehe keinen Grund, wes⸗ halb wir uns jetzt noch länger wie Einſiedler in unſere Klauſe vergraben ſollen. Ich weiß Alles, was Du mir dagegen einwenden könnteſt, Franz,“ ſagte ſie, einem Blicke ihres Mannes begegnend, „ich habe mir Alles zehnmal, hundertmal über⸗ legt, aber ich ſelber halte es nicht länger aus. Ich will frei ſein oder ich laſſe mich lieber gleich 121 ordentlich begraben und einen Stein mit Namen und Jahreszahl oben darauf ſetzen. Nachher weiß ich es einmal nicht anders und brauche doch hier wenigſtens nicht eine Ewigkeit allein zu ſitzen und meinen eigenen Gedanken nachzuhängen, über die man am Ende gar noch wahnſinnig werden könnte.“ Ihr Gatte antwortete nicht. Er hatte ſich gegen den Tiſch gewandt, dort den Kopf auf den Arm geſtützt und barg das Geſicht in der linken Hand. Endlich hob ein ſchwerer Seufzer ſeine Bruſt, und Eliſe, zu dem Vater tretend, ſchlang ihren Arm um ſeine Schulter, lehnte ihre Stirn auf ſein Haupt und ſagte freundlich: „Sei nicht traurig, Papa— Mutter meint es ja nicht ſo böſe. Dir iſt nun einmal Deine Einſamkeit ſo lieb geworden, daß Du jede Stö⸗ rung darin fürchteſt und Dich immer mehr in Dich ſelber zurückziehſt. Verſuch' es einmal draußen unter den Menſchen, vielleicht gefällt Dir's ſelber bei ihnen, denn glücklich fühlſt Du Dich ja hier in Deiner Enfamkeit auch nicht immer, in der ich Dich oft ſchon in recht trauriger und nie⸗ dergeſchlagener Stimmung überraſcht habe.— Geh' wieder zwiſchen die Leute— verkehre mit ihnen und laſſe ſie mit Dir verkehren, und wenn weiter Nichts, bekommſt Du doch dadurch Zer⸗ 122 ſtreuung, und haſt für ſtille Stunden, in denen Du das Bedürfniß fühlſt allein zu ſein, ja immer Dein trauliches Plätzchen hier oben.“ „Laß ihn gehen,“ ſagte die Frau unmuthig; „was liegt ihm an uns— an Dir oder an mir, wenn er ſich ſelber nur eine Grille in den Kopf geſetzt hat, der er nachhängt, ſeines eigenen Ver⸗ gnügens halber.“ „Und das ſagſt Du mir, Bertha?“ fragte der Mann, erſtaunt zu ihr aufſehend;„deſſen klagſt Du mich an?“ 3 „Nur eine Grille iſt's, weiter Nichts,“ erwie⸗ derte die Frau, ohne die Frage direct zu beant⸗ worten,“ eine fixe Idee, die Du Dir in den Kopf geſetzt haſt, und womit Du Dich und uns elend machſt. So viel Verſtand habe ich aber auch, daß ich einſehe, wie Du uns Alle ganz vergebens quälſt, und kurz und gut, ein Leben wie das hier halte ich nicht länger aus, mag nun auch daraus werden was da will.“ „Was da will,“ wiederholte leiſe und mit einem Seufzer der Mann, ſtand dann auf und verließ langſam das Zimmer. „Zanke nicht mit dem Vater, liebe Mutter,“ bat Eliſe, als er die Thür hinter ſich in's Schloß gedrückt hatte,„er iſt ſo ſchon traurig genug, und 8 3“ „ — das drückt ihn nachher nur noch immer mehr nieder.“ „Ach was,“ erwiederte mürriſch die Frau,„ich habe das langweilige Leben endlich ſatt, und mehr noch Deinet⸗ als meinetwegen!“ „Aber ich ſehne mich ja gar nicht hinaus, Mütterchen, ich verlange es ja gar nicht beſſer, als ich es bei Euch habe.“ „Weil Du es eben nicht beſſer kennſt und nach und nach hier eintrocknen wirſt wie eine Blume zwiſchen Löſchpapier,“ lautete die Antwort.„Du biſt ein junges Mädel und mußt hinaus in die Welt, das iſt Dir Dein Vater, das bin ich Dir ſchuldig, und wenn Du Nichts von der Welt verſtehſt, ſo bin ich dafür da, daß ich Deine Anſprüche ver⸗ treten muß, oder Du hätteſt ein Recht, mir ſpäter einmal die bitterſten Vorwürfe darüber zu machen.“ „Aber der Vater....“ „Iſt ein Träumer, der überall Geſpenſter ſieht, weiter Nichts, und der ſich jetzt die Fenſter ver⸗ hängt und immer nur Nacht um ſich haben will. Kommt erſt einmal der wirkliche Sonnenſchein zu ihm herein, ſo wird er auch einſehen daß er nur geträumt hat. Daß Du ihm dabei noch das Wort redeſt, iſt das Albernſte was Du thun kannſt, und ich hätte von Dir gerade das Gegen⸗ theil erwartet.— Du biſt alt genug, Eliſe, daß Du auch an eine Heirath denken kannſt, und wen ſollſt Du denn hier in unſerm Garten kennen lernen, wer kann Dich hier finden, wo Dich Dein Vater ſogar vor ein paar müſſigen Spaziergängern verſtecken will?“ „Aber, liebe Mutter,“ ſagte Eliſe mit tiefem Erröthen, denn ſie mußte ſonderbarer Weiſe ge⸗ rade in dieſem Augenblicke an den jungen Frem⸗ den im Walde und an ſeinen Blumendiebſtahl denken,„das hat denn doch wohl noch lange, lange Zeit, und wenn der Vater—“ „Ach was,“ unterbrach ſie die Mutter,„Du f redeſt wie der Blinde von den Farben— Du biſt zwanzig Jahr alt, Lieſe, und wenn wir die nächſten ſieben Jahre noch ſo fortleben, wie die letzten, ſo biſt du ſie ben undzwanzig und kannſt dann auch ſiebenunddreißig und ſiebenundvierzig werden, ohne daß ſich Jemand weiter um Dich bekümmert. Nein, dafür muß ich, Deine Mutter, ſorgen, und— überlaß du mir das nur; ich werde ſchon mit Deinem Vater fertig.“ Damit war das Geſpräch für jetzt abgebrochen. Die Mutter begann wieder an ihrer indeſſen vernachläſſigten Arbeit, und Eliſe ging in ihr Stübchen hinauf, um über eine ganze Menge der 125 durch den Sinn gingen und den Kopf faſt wirr machten. Sonderbar, daß ihre Gedanken dabei immer wieder zu dem jungen Fremden zurückflogen, den ſie doch nur den kurzen Augenblick geſehen. Weshalb mußte die Mutter auch gerade heute von ihrer Heirath ſprechen und dabei ſagen, daß es die höchſte Zeit ſei, an etwas Derartiges zu denken?—— Es war Abend und Nacht geworden, als die Sonne kaum hinter den hellblauen Gebirgsrücken im Weſten untergegangen war und vorher noch die leichten darüber lagernden Wolkenzüge mit ihrem ſchönſten und roſigſten Licht übergoſſen hatte. Raſch erbleichten aber die nur zu momen⸗ tanem Leben angehauchten Nebelbilder, und wie ſie kaum erſt in ein prachtvolles Silbergrau über⸗ gingen, nahm dieſes ſchon jene todte bleigraue Färbung an, dem die Dunkelheit in den Tropen faſt unmittelbar folgt. Die Comteſſe Baulen hatte ihr Zimmer noch nicht wieder verlaſſen und ging, die Arme auf der Bruſt gekreuzt, das Kinn auf die zarte Ko⸗ Paxeuſchnur geſenkt, die ihren Hals ſchmückte, mit raſchen, unruhigen Schritten in dem kleinen Ge⸗ mache auf und ab. Sie ſah dabei nicht einmal, verſchiedenſten Dinge nachzudenken, die ihr heute 412b daß es dunkelte und nach und nach völlig Nacht geworden war; ſie hörte nicht, daß ihre Mutter draußen ſchon zweimal angeklopft und ihren Na⸗ men gerufen hatte. Nur die eigenen unruhigen Gedanken beſchäftigten ihren Geiſt, nur das eigene, unruhig pochende Herz hielt ſie oft krampfhaft mit beiden Händen feſt, bis ſie ſich endlich, kör⸗ perlich ermattet, in einen Stuhl warf und dort wohl wieder eine volle Stunde lang in dumpfem Brüten ſaß. Aber die Dunkelheit wurde ihr zuletzt uner⸗ träglich. Sie ſtand auf, zündete Licht an und griff dann das erſte beſte Buch auf, und um ſich zu zerſtreuen und ihre Gedanken in eine andere Bahn zu lenken. Da plötzlich horchte ſie auf, denn aus dem Garten, oder wenigſtens aus den Büſchen, die ihn dicht umſchloſſen, trafen die melodiſchen Töne einer Violine ihr Ohr. Es war die leiſe und klagend zum Herzen ſprechende Melodie des Thüringer Volksliedes:„Ach, wie iſt's möglich, daß ich Dich laſſen kann“, und wie mit einem ſcharfen Weh durchzuckte ſie das einfache rührende Lied. Aber wer ſpielte da? Zuerſt glaubte ſie, daß es Jemand aus der An⸗⸗ ſiedelung ſei, der da zufällig vorübergehe— aber der Spieler blieb auf derſelben Stelle, und durch —— 127 das offene Fenſter klangen die Töne, ſo leiſe er auch ſpielte, voll und klar herein.— Jetzt war Alles ruhig— nur die Grillen zirpten, und aus dem Walde heraus tönte das Gequak der Fröſche. Helene athmete ordentlich tief auf, als die ſchwer⸗ müthige Melodie geendet hatte; es war, als ob eine Laſt von ihrer Seele genommen wäre, und ſie trat an das Fenſter, um in die wundervolle, ſternenhelle Nacht hinaus zu ſchauen. Da quollen auf's Neue die Töne von derſelben Stelle herauf, aber dieſes Mal in einem wilden Capriccio, von einer Meiſterhand geſpielt, das in die tollſten Variationen überging und ſich doch immer wieder zuletzt in das einfache, zuerſt angeſchlagene Thema des Volksliedes auflöſte. Helene trat ſcheu und erſchreckt vom Fenſter zurück. Galt das ihr? Und wer war es denn, der ihr hier auf ſolche Weiſe ſeine Huldigung brachte? Vollrath vielleicht, aber ſie wußte genau, daß er gar nicht Violine ſpielte— und wer dann? Der junge Schulmeiſter im Orte, der ſie oft mit ſeiner Aufmerkſamkeit geärgert hatte, war ein Violinſpieler, aber ein Stümper, und dieſe Saiten belebte eine Meiſterhand. Ohne recht zu wiſſen was ſie that, löſchte ſie das Licht aus, um dadurch die Aufmerkſamkeit 1 128 des Unbekannten wieder von ihrem Fenſter abzu⸗ lenken— aber das gelang ihr nicht. Der räthſel⸗ hafte Spieler ließ ſich dadurch nicht ſtören; nur das Capriccio zerſchmolz nach und nach in immer weichere Melodien, bis die Töne zuletzt mehr und mehr verhallten und wieder, wie vorher, das Schweigen der Nacht auf dem Walde lag. Helene wußte ſelber nicht wie ihr geſchah. Daß jenes Ständchen ihr’ galt, konnte ſie ſich nicht verhehlen, und in dem melodiſchen Spiele, in den vaterländiſchen Weiſen ſchmolz der ſtarre Trotz des ſchönen Mädchens. Als die Melodie da draußen ſchon lange verklungen war, ſaß ſie noch immer, von der Gardine gedeckt, am offenen Fenſter, und fühlte nicht einmal, wie ihr die Thränen zwiſchen den zarten Fingern durch voll und ſchwer in den Schooß tropften. Unten im Hauſe war der geheimnißvolle Mu⸗ ſiker indeſſen auch nicht unbeachtet geblieben. Oskar, der noch bis Dunkelwerden ſeinen neuen„Sclaven“ — wie er Jeremias nannte— angelernt hatte — ſein Pferd zu behandeln, lag unten in der Stube auf dem Sopha lang ausgeſtreckt, und pfiff, zum Aerger ſeiner Mutter, ohne ſich dadurch aber im Geringſten ſtören zu laſſen, einen Walzer, als jenes eigenthümliche Ständchen begann. Im Anfange hatte er ebenfalls geglaubt, daß es irgend Jemand aus der Anſiedelung ſei, der mit ſeiner Violine da vorüber ginge. Als die Muſik aber immer auf derſelben Stelle blieb, erſt eine Weile ſchwieg und dann wieder begann, ſchöpfte er Verdacht, daß das am Ende gar ein Ständchen ſein könne, was ſeiner Schweſter gebracht würde, und ſein Muthwille ließ ihm natürlich keine Ruhe, dem auf die Spur zu kommen. Als er zuerſt aus dem Fenſter horchte, täuſchte ihn der laute Ton gerade ſo wie Helenen, und er vermuthete den Spieler im Garten ſelber. Er ſchlich ſich alſo erſt aus dem Hauſe hinaus hinter die nächſten Büſche, und hinter dieſen, von ſeiner dunklen Kleidung begünſtigt, immer weiter vor. Zuletzt aber kam er an die Hecke und fand jetzt, daß ſich der Virtuoſe allerdings außer ſeiner Ge⸗ richtsbarkeit, aber doch nicht außer ſeinem Bereiche befand, denn er erkannte durch die Hecke durch beim Sternenlichte eine ebenfalls dunkel gekleidete Geſtalt, die dort an einer jungen Palme lehnte. Das Geſicht ſelber konnte er freilich nicht erkennen, denn einestheils beſchattete es der Hut, und dann auch der Wipfel der niedern Palme ſelber; aber das blieb ſich auch gleich, und um einen muth⸗ Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. 1. 9 130 willigen Streich auszuüben, dazu war ihm Freund und Feind gleich gut genug. Im Zimmer ſeiner Schweſter hatte außerdem noch kurz vorher Licht gebrannt und das Fenſter war offen, ein Beweis, daß ſie den Ständchen⸗ bringer begünſtigte, und deshalb Grund genug für ihn, ihm jeden Schabernak zu ſpielen, der nur in ſeinen Kräften ſtand. Vorſichtig und raſch ſchlich er zum Hauſe zurück und traf hier eben noch Jeremias, der ſeine Arbeit beendet hatte, und gerade ſeine eigene Heimath— eine Dach⸗ kammer bei einem der Anſiedler— aufſuchen wollte. „He, Jeremias, Du mußt mir noch einen Eimer Waſſer holen,“ redete er dieſen raſch und heimlich an. „Die Pferde haben geſoffen,“ ſagte Jeremias, „zu viel ſchadet Vieh und Menſchenkind.“ „Ich will's nicht für die Pferde; dort ſteht der Eimer, aber ein Bißchen raſch.“ „Befindet ſich allerdings nicht in unſerm Con⸗ tracte,“ meinte Jeremias,„aber was thut der Menſch nicht aus Gefälligkeit, junger Herr? Sollen Ihren Eimer Waſſer haben,“ und ſeine Aermel vorn aufkrämpend, ergriff er den Eimer und ging 131 zu dem Brunnen vor dem Hauſe, von dem er ihn bald gefüllt zurückbrachte. „So,“ ſagte Oskar, indem er einen Theil des Waſſers wieder abſchweppte,„das iſt ein Bißchen zu viel und wirft ſich ſchlecht. Jetzt nimm ein⸗ mal den Eimer, Jeremias, und komm mit mir an die Hecke da drüben, wo der verrückte Kerl die Violine quält— hörſt Du den Muſikanten da drüben?“ „Ja,“ ſagte Jeremias, und ſah den jungen Grafen erwartungsvoll an. „Schön,“ lachte der junge Burſche,„dem wollen wir einmal den Eimer über den Hals gießen, um den holden Schwärmer etwas abzu⸗ kühlen.“ „So?“ ſagte Jeremias, ohne ſich von der Stelle zu rühren. „Na, vorwärts!“ rief Oskar, auf den Eimer zeigend;„mach' ſchnell, ich zeig' Dir den Platz wo er ſteckt, meine alte Jeremiade!“ „Wiſſen Sie,“ ſagte Jeremias, ohne nur eine Hand zu regen oder eine Miene zu machen, als ob er dem Befehle Folge leiſten wolle,„davon ſteht auch Nichts in unſerem Contracte.“ „Contract? Eſel,“ brummte Oskar,„wenn 9* 132 ich Dir ſage, das thuſt Du, ſo thuſt Du es, das iſt unſer Contract, weiter Nichts.“ „So?“ meinte Jeremias,, der den„Eſel“ als ſelbſtverſtändlich hinnahm—„anderen Leuten Waſſer in die Violine zu gießen, widerſtreitet aber meinen Grundſätzen, und wenn ſich der Herr Graf eine Tracht Schläge für unbefugtes Löſchen, wo's gar nicht brennt, holen wollen— mit dem größ⸗ ten Vergnügen— da ſteht der Eimer, Jeremias hat aber heute ſeinen Sonntagsrock an und iſt dieſen Morgen in der Kirche geweſen— was andere Leute vielleicht nicht von ſich ſagen kön⸗ nen. Wünſche allerſeits einen guten Abend“— und die Hände wieder in die Taſchen ſchiebend, ging er um den Eimer herum und zur Thür hinaus, ohne ſich um den Grafen weiter zu be⸗ kümmern. Oskar ſandte ihm einen herzhaften Fluch hinter⸗ her, ſah aber auch ein, daß er mit dem dickköpfi⸗ gen Burſchen Nichts ausrichten könne. Nicht ge⸗ ſonnen jedoch, den einmal gefaßten Plan ſo raſch aufzugeben, nahm er jetzt ſelber den Eimer und ſchlich damit in den Garten. Ehe er übrigens die Stelle erreichte, wo der nächtliche Muſiker geſtanden, ver⸗ ſtummte die Violine. Die letzten Töne waren verklungen und der Platz leer. Oskar horchte noch eine Weile in die ſtille Nacht hinaus, aber das Concert war jedenfalls vorbei, das Zimmer ſeiner Schweſter blieb dunkel, und mit einem Fluche das Waſſer über die nächſten Beete gießend, nahm er den leeren Eimer zum Hauſe zurück. 5. liſe. Am nächſten(Montag) Morgen ſtanden ſchon um ſieben Uhr früh drei geſattelte Pferde vor dem Hauſe des Directors angebunden, denn dieſer hatte verſprochen, Günther zu dem Beginne ſeiner Arbeiten zu begleiten, und Könnern in dem In⸗ tereſſe, das er an der geſtrigen Erſcheinung nahm, ebenfalls den Wunſch ausgeſprochen, ſich dem kleinen Zuge, wenigſtens bis in den Wald hinein, anzuſchließen. Allerdings wünſchte der Director, daß er, wenn er jagen wolle, ſich einen Führer mitnehmen möge, da er ſich ſonſt leicht in den wilden und ſchwer⸗ durchdringlichen Wäldern verirren könne. Dies wies Könnern jedoch lächelnd zurück und erklärte, —— — 136 daß er zu lange in den amerikaniſchen, auch ziem⸗ lich dichten Wäldern gejagt habe, um etwas Der⸗ artiges zu befürchten. Ein Führer ſtörte ihn da⸗ bei nur auf einem wirklichen Pirſchgange, und er konnte ſich im Walde wohl vergehen, daß er genöthigt war einen Umweg zu machen, aber nie verirren, denn er hatte ſich dafür zu genau den Cours gemerkt, den der etwa zweihundert Schritte unter Santa Clara vorbeiſtrömende Fluß nahm, und den mußte er immer wieder treffen, ſobald er mit Hülfe ſeines Compaſſes die Richtung darauf zu nahm. So früh kamen ſie aber an dieſem Morgen doch nicht fort, denn erſtens nahm ihnen das Frühſtück noch etwa eine halbe Stunde weg, und dann kamen noch eine Menge Leute, die den Director in irgend einer wichtigen oder unwich⸗ tigen Angelegenheit zu ſprechen hatten, und er mußte wenigſtens anhören, was ſie von ihm wollten. Es war halb neun Uhr geworden, als die drei Männer endlich mit den nöthigen Begleitern aufbrachen, die dabei alle Inſtrumente des Ver⸗ meſſers, wie auch einige Proviſionen zu tragen hatten. Könnern ließ übrigens ſeine Mappe heute noch zu Hauſe, und nahm nur ſeine Büchsflinte mit, wenn er ſich auch eben keine große Jagd 137 verſprach. Der Wald iſt dort zu dicht, um nahe den Anſiedelungen, wo die Bauern überdies Sonn⸗ tags noch mit ihren Flinten herumknallen, irgend einen bedeutenden Erfolg zu verſprechen. Sie ritten heute gerade durch das kleine Städtchen durch, und den beiden Fremden konnte es nicht entgehen, wie ſich ihre Landsleute, ſelbſt in dem fremden tropiſchen Lande, ſo ganz heimiſch angeſiedelt hatten, als ob ſie noch daheim im alten Vaterlande lebten. Die Schilder an den verſchiedenen Häuſern trugen überall deutſche Namen in deutſcher Schrift, deutſche Kinder mit ihren Flachsköpfen und dicken, geſunden, ſchmutzigen Geſichtern ſpielten vor den Thüren. Bauerfrauen in ihren wollenen rothen Unterröcken wuſchen ihr Geſchirr hier unter den Palmen, wie ſie es daheim unter der alten Linde gethan hatten, und deutſche Handwerker, in Schurz⸗ fell und Pantoffeln, waren eifrig dabei, ihren ver⸗ ſchiedenen Geſchäften obzuliegen. Nur ein einziges Haus paſſirten ſie, das fremdartig ausſah. Es war ein kleines niederes Gebäude, von Stein aufgeführt, mit offenen Thüren und Fenſtern, durch die man in ein paar anſcheinend leere Räume hineinſah— es hingen wenigſtens keine Gardinen vor den Fenſtern, wie —ꝛ—ÿ—ÿꝓ- 138 ſie die ärmlichſte deutſche Wohnung zeigte, und die Wände ſahen leer und kahl aus. Einzelne Möbel verriethen aber doch, daß dieſes Haus nicht verlaſſen ſei, und auf der einen Commode ſah Könnern auch im Vorbeireiten ein Paar vergoldete Porzellan⸗Vaſen und einige andere derartige Spielereien ſtehen. Dort wohnte der portugieſiſche Delegado*), und ein paar Negerjungen kauerten vor der Thür in der Sonne und ließen ſich von einem grauen, vollkommen haarloſen und nackten Hunde die Ge⸗ ſichter ablecken. Am Ende der Straße war die Schule; anſtatt aber, daß die Kinder jetzt eifrig darin mit Lernen beſchäftigt ſein ſollten, lärmten ſie in wildem, wüſtem Geſchrei vor der Thür umher, prügelten ſich, haſchten ſich und trieben allerlei tolle Spiele. Der Director hielt mitten unten ihnen ſein Pferd an.. „Hallo, Ihr kleine Bande,“ rief er aus,„was iſt das? Weshalb ſteckt Ihr nicht da drinnen, wo⸗ hin Ihr gehört, und ſtellt hier auf der Straße die Stadt auf den Kopf?“ „Ja, Herr Director,“ ſagte einer der älteren **) Eine Magiſtratsperſon, die Polizeigewalt in den Co⸗ lonien hat. * 4 139 Jungen, der ihn kannte, indem er die Mütze von dem ſtruppigen Haare herunterzog,„der Schul⸗ meiſter iſt nicht da und die Thür iſt zu.“ „Der Schulmeiſter iſt nicht da?“ fragte der Director erſtaunt;„und weshalb habt ihr ihn noch nicht geholt?“ „Ja, er iſt auch nicht zu Hauſe und die ganze Nacht nicht heimgekommen,“ lautete die Antwort. Ein ſehr elegant gekleideter Herr mit weißer Wäſche, goldener Uhrkette, einigen Ringen an den Fingern und einem Panamahute auf, der aber ſonderbarer Weiſe ſtatt der Stiefel ein Paar ſehr bunt geſtickte Pantoffeln und einen Zahnſtocher hinter dem rechten Ohre hatte, kam um die nächſte Ecke und grüßte den Director und ſeine Begleiter freundlich. Es war der Delegado. „Ah, mein lieber Director,“ redete dieſer Sarno in portugieſiſcher Sprache an,„das wird immer ärger mit unſerem Schullehrer. Wie ich eben höre, haben ihn einige Nachbarn geſtern Abend ſpät oben am Fluſſe und etwa eine Legoa von hier entfernt, ſchwer angetrunken verlaſſen, und dort wird er auch wohl jetzt noch liegen, um ſeinen Rauſch auszuſchlafen. Meines Nachbars Kinder kamen heute Morgen wieder zurück, weil ſie nicht in die Schulſtube konnten.“ 140 „Wer iſt denn das, der da die Straße herunter taumelt,“ ſagte Könnern, nach jener Richtung zeigend. „Hehe, der Schulmeiſter, der Schulmeiſter!“ jubelten ihm da auch ſchon eine Anzahl Jungen, die ihn erkannt hatten, in dem ſeligen Gefühle entgegen, heute wieder keinesfalls Schule zu haben, „wie er ſchräg geht— und jetzt ſtolpert er! Hoh, hoh, hoh, der Schulmeiſter!“— Es war allerdings jenes unglückliche Indivi⸗ duum, das ſich in ſ olchem Zuſtande zu keinem ungünſtigeren Momente hätte zeigen können. Der Director gab ſeinem Pferde die Sporen und ſprengte ihm entgegen, und während der zeit⸗ weilige Schulmonarch die gläſernen Augen zu Sarno auſſchlug, rief dieſer ihn mit vor innerer Heftigkeit faſt erſtickter Stimme an: „Herr, ſchämen Sie ſich nicht, hier am hellen Tage wie eine Sau umher zu gehen, und wären Sie nicht werth, daß ich—“ er ſchwieg, und die Hand, in der er die Reitpeitſche hielt, ſchloß ſich ordentlich krampfhaft um den Griff derſelben. „Pfehle mich Ihnen, Herr Director,“ ſtam⸗ melte der Unglückliche mit ſchwerer Zunge, ver⸗ gebens dabei bemüht ſich gerade zu halten,„ſehr angenehm ſo am frühen Morgen— ſehr ſchöner — 141 Morgen heute, Herr Director— ſehr ſchöner Morgen.“ Der Director wandte ſein Pferd in Ekel von dem Trunkenen und ritt langſam zu dem Portu⸗ gieſen zurück. Die Schuljugend indeſſen wartete nur den Moment ab, wo ſie der Gegenwart dieſer Beiden enthoben wäre, um mit einem wahren Jubel über ihren entwürdigten Lehrer herzufallen. „Jetzt haben wir wieder keinen Schullehrer,“ ſtöhnte der Director, bei dem Delegado angelangt. „Der Herr ſcheint heute Morgen etwas auf⸗ geregt,“ ſagte der Portugieſe mit einem ſpöttiſchen Lächeln.„Wollen wir ihn aber nicht lieber in Sicherheit bringen. Sobald wir den Rücken wenden, fällt das junge Deutſchland jedenfalls über ihn her.“ „Ich habe Nichts dagegen,“ rief der Director, nund wenn ſie ihm die Kleider in Fetzen vom Leibe reißen! Kommen Sie, Schwartzau, kommen Sie— o, ich vergaß, die Herren vorzuſtellen: Dom Franklin Braſileiro Lima— zwei Freunde von mir, Landsleute, Dom Könnern und Dom Schwartzau, der letztere unſer durch die Regierung hergeſandter Landvermeſſer.“ Der Portugieſe machte eine ſtumme und etwas ſteife Verbeugung, nahm dann den Zahnſtocher 142 hinter dem Ohre vor und ſammelte die Ueberreſte ſeines Frühſtücks. Sie ſtanden gerade vor einem der kleinen Häuſer, über dem ein hellgelbes Schild mit rothen Buchſtaben den Namen Pilger— S chuhmacher trug, und Könnern hatte ſchon, weniger bei dem Schulmeiſter intereſſirt, ein paar Mal eine aller⸗ liebſte junge Frau am Fenſter geſehen, die einen Blick nach ihrer Gruppe herüber warf und dann wieder in dem Dunkel der innern Stube ver⸗ ſchwand. Der Portugieſe ſtand mit dem Rücken nach der Thür zu, als der Schuhmacher, ein großer, breitſchultriger Mann in ſeinen beſten Jahren, das Schurzfell vor, ein kleines Käppchen auf und die Hemdärmel in die Höhe geſtreift, hinter ihn auf den Schwellenſtein trat und, ſeine breite Hand auf des Portugieſen Schulter legend, mit ruhiger Stimme, aber ſehr ſchlechtem Portu⸗ gieſiſch ſagte: „Wenn ich Euch noch einmal in meinem Hauſe treffe, Delegado, ſo ſchlage ich Euch jeden Knochen in Eurem erbärmlichen Leibe zuſammen. Habt Ihr mich verſtanden? Guten Morgen, meine Herren,“ wandte er ſich dann, als ob nicht das geringſte Außergewöhnliche vorgefallen wäre, an den Director und ſeine Begleiter;„entſchuldigen Sie, daß ich mich mit dem Lump in Ihrer Ge⸗ genwart unterhalten habe.“ Der Portugieſe war vor Zorn hochroth ge⸗ worden, und ſeine kleinen, ſchwarzen Augen ſchienen Feuer zu ſprühen. Endlich hatte er ſich ſo weit wenigſtens geſämmelt, um zu erwiedern, und er ſagte, ohne den Handwerker jedoch eines Blickes zu würdigen: „Wenn Ihr Eure Frau mißhandelt, und nicht wißt was Ihr einer Frau an Achtung ſchuldig ſeid, ſo iſt es Sache der Obrigkeit dazwiſchen zu treten.“ „Und weshalb hab' ich meine Frau mißhan⸗ delt, Du Lump, Du?“ rief der Schuhmacher, bei dem der Zorn die Oberhand gewann. „Pilger, bedenkt was Ihr ſagt!“ unterbrach ihn der Director raſch. „Ach was, Herr Director— Nichts für ungut,“ zürnte der Mann;„ich weiß recht gut was ich rede. Wenn der da auch zehnmal der Delegado iſt, oder wie das Ding heißt, ſo ſollte er ſich nur um ſo mehr ſchämen, Unfrieden und Unglück in die Häuſer zu tragen. Aber, Gott verdamm' mich! finde ich ihn noch einmal auf der andern Seite von der Schwelle da, ſo geſchieht ein Un⸗ glück. Das will ich ihm vorausgeſagt haben.“ — 144 Der Portugieſe verſtand nicht die letzten heftigen, in Deutſch geſprochenen Worte, aber er mochte recht gut den Sinn ahnen, denn die Geſticulation des Meiſters dabei war gar nicht falſch zu verſtehen. Er drehte jedoch nur, mit dem Ausdrucke der höchſten Verachtung in den Zügen, den Kopf halb nach ihm herum, ohne ihn ſelber anzuſehen, ſagte:„Wir ſprechen uns noch!“ und ging dann in ſeinen geſtickten Pantoffeln, mit einer leichten Verbeugung gegen den Director und ſeine Begleiter, die Straße wieder hinauf. Könnern's Blick beobachtete indeſſen das Fen⸗ ſter, hinter dem er die junge Frau geſehen, und er bemerkte, wie ſie noch ein paar Mal ſcheu vor⸗ trat, um, ohne ſelber geſehen zu werden, zu er⸗ fahren was da draußen vorging. Sobald ſie aber des Fremden Blick auf ſich haften fand, verſchwand ſie raſch und kam nicht wieder zum Vorſcheine. „Haltet mir Frieden, Pilger, das thut's nicht,“ ſagte der Director warnend. „Eben deshalb weil ich Frieden haben will,“ meinte der Schuhmacher,„halte ich mir den ver⸗ dammten Bleifuß aus dem Hauſe, und gnade ihm Gott, wenn ich ihn da wieder einmal treffe, wo er nicht hingehört— guten Morgen meine 145 Herren,“ und damit drehte er ſich ruhig um und trat in ſein Haus zurück. Die Schuljugend war indeſſen ein ſehr intereſſirter Zuſchauer bei den Bewegungen ihres ſonſt ſo gefürchteten Meiſters geweſen, denn der junge Schulmonarch führte ſeinen Stock gewöhn⸗ lich mit unerbittlicher Gewalt. Einer der Nach⸗ barn aber, den der arme Teufel in dieſem Zu⸗ ſtande dauerte, trat vor ſeine Thür, nahm ihn ohne Weiteres unter den Arm und führte ihn in ſein Haus hinein, damit er dort ſeinen Rauſch ausſchlafen könne. Der Director ſchickte dann die Jungen nach Hauſe, die ſich in wildem Jubel durch die verſchiedenen Straßen vertheilten. „Das iſt ja ein recht hülſ ches Exemplar von einem Schulmeiſter,“ lachte Günther, als ſie ihren Weg wieder aufgenommen hatten. „Das ſei Gott geklagt!“ ſeufzte der Director; „jetzt ſitzen wir wieder in der Anſiedelung auf dem Trockenen und die ganze Kinderwelt hat Ferien, bis ſich ein neues, eben ſo unbekanntes, vielleicht eben ſo untaugliches Individuum dazu hergiebt, das Amt des Schullehrers zu über⸗ nehmen.“. „Und Ihr Delegado?“ fragte Könnern;„die Sache ſcheint nicht ganz richtig zu ſein.“ Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. I. 10 146 „Iſt auch ſo ein Lump, den wir der Güte der Frau Präſidentin verdanken. Der Teufel mag da Director ſein, wenn man es mit ſolchem Ge⸗ ſindel zu thun hat, und ihnen doch nicht, in dem engen Kreislauf unſeres hieſigen Lebens, aus⸗ weichen kann. Uebrigens iſt das auch derſelbe Herr, der da drüben die Brücke gebaut hat, welche ihm von der Regierung— nachdem ſie kaum be⸗ endet und ſchon wieder eingeſtürzt war— mit achtzehn Contos de Reis bezahlt wurde. Es geht doch Nichts über Protection! Und wenn ich ein oder zwei Contos verlange, nur um die nöthigſten Bauten hier, ein neues Auswanderungs⸗Haus oder dergleichen, zu bauen, bekomme ich Vorwürfe von Oben, daß ich zu viel Geld gebrauche. Aber zum Henker damit! Wir wollen uns den ſchönen Mor⸗ gen nicht durch derartige Dinge verbittern, und der Lump verdient gar nicht, daß ich mich über ihn ärgere. Kommen Sie, laſſen Sie die Pferde ein Wenig ſchärfer austraben, denn wir haben eine Menge werthvolle Zeit verſäumt und unſere Träger und Arbeiter ſind uns ſchon, wer weiß wie weit, voraus.“ Eben hatten ſie die letzten Häuſer hinter ſich, als ihnen wieder der Baron begegnete, und wie er den Director erkannte, dieſem ein Zeichen 4 machte, daß er ihn zu ſprechen wünſche. Der Director hielt an, während Könnern und Schwartzau vorausritten. „Ach, Herr Director, nur auf ein Wort, 44 ſagte der etwas umſtändliche Baron mit einer achtungsvollen Verbeugung;„dürfte ich Sie bit⸗ ten, mir aufrichtig eine einzige Frage zu beant⸗ worten?“ „Warum nicht— aber ich bin peute Morgen etwas in Eile.“ „Ich will Ihre werthvolle Zeit nur für Secun⸗ den in Anſpruch nehmen. Hat ſich die Frau Gräfin in einer Geldangelegenheit an Sie ge⸗ wandt?“ Der Director lächelte. „Ich weiß nicht,“ ſagte er,„ob die Frage gerade diseret iſt.“ „Geſchäftsſache,“ vertheidigte ſich der Baron vor dieſem furchtbaren Verdachte;„Sie werden doch nicht glauben, daß ich— „Nun, mir iſt keinesfalls anbefohlen, ein Ge⸗ heimniß daraus zu machen. Ja— zu irgend einer ihrer zahlreichen Unternehmungen.“ „Cigarren?“ „Ich glaube, es betraf diesmal den Tabaks⸗ handel.“ 10* —13 „Ich danke Ihnen,“ ſagte der Baron, von dem Pferde zurücktretend. „Ich hoffe doch nicht, daß Sie ſich damit einlaſſen werden?“ fragte der Director jetzt ſeinerſeits. „Ich bedaure unendlich nicht die Mittel zu haben, ein ſo gemeinnütziges Unternehmen zu unterſtützen,“ erwiederte der Baron, gerade etwa mit derſelben Betonung und in derſelben Stellung, als ob er der Frau Gafin ſelber ſtände. Der Director lachte, grüßte den B. n flüchtig und ſprengte dann den Weg hinauf, die beiden vorangerittenen Freunde einzuholen. Zwiſchen den Männern wurde weiter kein Wort gewechſelt, bis ſie den eigentlichen Platz erreicht hatten, auf dem Schwartzau ſeine Vermeſſung be⸗ ginnen ſollte, und da dies das Terrain war, wel⸗ ches dem Coloniſten Meier gehörte, ſo war es nöthig, daß er dazu gerufen wurde. Während Günther ſeine Buſſole auspackte und aufſtellte, die nöthigen Vorbereitungen zum Beginne traf und ſeine Leute inſtruirte, was ſie zu thun hätten— denn bei einer ſolchen Arbeit iſt es be⸗ 3 ſonders nothwendig, daß ſich der Vermeſſer und ſeine Kettenträger vollkommen gut verſtehen— 149 ritt der Director nach dem Hauſe hinüber, um den Menſchenfeind in Kenntniß zu ſetzen und abzu⸗ holen, und Könnern bot ſich ihm natürlich zum Begleiter an. Die Gartenthür war verſchloſſen; zufällig kam aber gerade ein kürzlich angenommener Arbeiter heraus, und da er den Director kannte, machte er nicht die geringſte Schwierigkeit, ihn hinein zu laſſen. „Gehen Sie nur da gerade aus, Herr Direc⸗ tor,“ ſagte er, auf eine kleine Biegung des Weges zeigend,„dort gleich rechts iſt eine Laube, in der finden Sie die ganze Familie beim Frühſtück.“ „Der wird uns ein ſchönes Geſicht ſchneiden, wenn wir ihm ſo plötzlich über den Hals kom⸗ men!“ lachte der Director, als ſie den breiten und vortrefflich gehaltenen Kiesweg verfolgten;„aber ich kann ihm nicht helfen. Es liegt auch in ſeinem eigenen Intereſſe, daß er weiß wo ſeine Gränzen laufen— aber da ſitzt die Familie— jetzt können Sie auch Ihre Brünette wieder begrüßen.“ Könnern erwiederte kein Wort; es war ihm ganz ſonderbar beklommen um's Herz, und ein Gefühl beſchlich ihn, als ob er ſich hier in unehr⸗ licher Weiſe in den Kreis einer Familie ſtehle, in der er jetzt faſt bezweifelte, daß er gern geſehen 150 ſei. Es blieb ihm jedoch keine Zeit zu längerer Ueberlegung, denn wenige Secunden ſpäter waren ſie ſchon von der Familie bemerkt, die überraſcht emporſchaute, als ſie die Fremden plötzlich in dem Garten entdeckte. Meier ſaß ihnen mit dem Rücken zugewandt, links von ihm ſeine Frau, rechts ſeine Tochter, und ſchon als er die Schritte hinter ſich hörte, hatte er ſich halb umgedreht und beſchattete dabei die Augen mit der Hand. Dann wandte er den Kopf wieder ab, nahm eine bluue Brille aus der Rock⸗ taſche und erhob ſich erſt, als er dieſe aufgeſetzt hatte, um die Fremden beſſer erkennen und dann begrüßen zu können.. Eliſe war ebenfalls tief erröthend aufgeſtanden, als ſie auf den erſten Blick den Fremden von geſtern erkannte; der Mutter entging ihre Be⸗ wegung, da ſie ihrerſeits auch den einen Fremden — den Director kannte ſie ſchon von früher her— aufmerkſam muſterte. „Mein lieber Herr Meier, ich muß um Ent⸗ ſchuldigung bitten,“ ſagte der Director, auf ihn zugehend—„aber bitte, mein liebes Fräulein, — wollen Sie nicht Platz behalten—, ich will Sie auch nicht lange ſtören und Ihnen nur anzeigen, daß wir hier auf Ihrem Grundſtücke zu vermeſſen 151 anfangen, weshalb es vielleicht beſſer wäre, daß Sie mit hinausgingen. Sie wiſſen ja auch am beſten, wo die alte Linie gelaufen iſt, die jener Schneidergeſelle neulich umgeworfen hat. Wir wollen ſehen, daß wir jetzt die ganze Sache wieder in Ordnung bringen.“ „Sehr angenehm, Herr Director,“ ſagte Meier mit einer etwas ängſtlichen und dadurch unge⸗ ſchickten Verbeugung—„ſehr angenehm in der That, und äußerſt dankbar— der Herr iſt wohl der Vermeſſer, wenn ich fragen darf?“ Könnern erröthete bis in den Nacken hinein, als er ſo ſelber gezwungen wurde zu erklären, daß er hier eigentlich gar Nichts zu ſuchen habe. „Ich beſonders muß ſehr um Entſchuldigung bitten,“ ſagte er mit einem unwillkürlichen Seiten⸗ blick auf Eliſe,„daß ich mich hier eingedrängt habe. Ich bin nicht der Vermeſſer, der ſchon draußen bei ſeiner Arbeit iſt, ſondern nur ein wandernder Maler, der ſich ſeit einigen Jahren heimathlos in der Welt herumtreibt, um Gottes ſchöne Erde nach allen Richtungen hin zu durch⸗ ſtreifen. Mit dem Herrn Director durch meinen Bruder befreundet, habe ich mich den Herren heute Morgen angeſchloſſen, und nur auf die allbekannte braſilianiſche Gaſtfreundſchaft fußend, wagte ich es, Ihnen meine Geſellſchaft für wenige Minuten aufzudringen.“ „Herr Bernard Könnern,“ ſtellte ihn der Director vor. „Sie ſind uns herzlich willkommen,“ ſagte die Frau, der die edle männliche Geſtalt des jungen Mannes, wie ſein beſcheidenes Benehmen von vorn herein gefallen hatte—„Entſchuldigungen wären ja auch gar nicht am Platze— bitte, ſetzen Sie ſich— trinken die Herren vielleicht eine Taſſe Kaffee mit uns?“ Sie winkte der Tochter, und ehe ſich die Gäſte entſchuldigen konnten, ſprang Eliſe— überhaupt froh, dazu Gelegenheit zu bekommen— raſch in das Haus hinein, um ein paar Taſſen herauszu⸗ holen. Meier, alſo gedrängt, konnte nicht anders, als die einmal geſchehene Einladung unterſtützen. Mit einer Handbewegung bat er ſeine Gäſte, Platz zu nehmen, und das Geſpräch zwiſchen ihm und dem Director wandte ſich dann natürlich gleich der ſie beide am Meiſten intereſſirenden Veranlaſſung zu. Eliſens Mutter ließ ſich indeſſen in ein Ge⸗ ſpräch mit Könnern ein, von dem ſie bald erfuhr, daß er Deutſchland ſchon ſeit einer Reihe von Jahren verlaſſen und indeſſen Nord⸗ und Mittel⸗ 153 amerika durchſtreift habe, theils um zu jagen, theils um Skizzen und Studien für ſeine Mappe zu ſammeln. Meier, obgleich in eifrigem Geſpräche mit dem Director, hatte ſich doch kein Wort von der ande⸗ ren Unterhaltung entgehen laſſen, und nickte dabei ein paar Mal halb unbewußt und zufrieden mit dem Kopfe. Er ſchien auch mehr und mehr auf⸗ zuthauen und die bisherige Scheu abzulegen, und als Eliſe die Taſſen gebracht und eingeſchenkt hatte, rückte er mit zum Tiſche und unterhielt ſich ſelber mit dem jungen Manne. „Ich will Ihnen Etwas ſagen, Könnern,“ unterbrach der Director das Geſpräch,„ich gehe jetzt mit dem Herrn Meier zu Ihrem Freunde hinaus, um die Sache erſt einmal in Gang zu bringen. Das beſchäftigt mich keine halbe Stunde; dann komme ich hierher zurück, hole Sie ab und begleite Sie nachher bis zu der Mündung eines gar nicht entfernten Thales, dem Sie aufwärts folgen, und nachher vielleicht doch noch Wild zum Schuß bekommen können. Hier oben auf der Hochebene glaube ich ſchwerlich, daß Sie irgend Etwas antreffen, das der Mühe lohnte danach zu feuern.“ „Das wäre recht ſchön,“ ſagte Könnern wieder 154 mit einem unwillkürlichen Blicke nach Eliſen; „wenn ich nur auch gewiß wüßte, daß ich den Damen hier indeſſen nicht zur Laſt fiele.“ „Nicht im Geringſten,“ antwortete die Mutter —„kennen Sie unſer Land noch nicht und ſind Sie ein Liebhaber von Pflanzen, ſo haben Sie indeſſen Gelegenheit, ſich in unſerm Garten um⸗ zuſehen; denn mein Mann hat ſich große Mühe gegeben, alle einheimiſchen Pflanzen und Ge⸗ wächſe hier zu ſammeln— Eliſe mag Sie herum⸗ führen.“ „Ich wäre unendlich glücklich, wenn die junge Dame...“ ſtammelte Könnern. „Nun, ſehen Sie,“ ſagte der Director,„da ſind Sie ja gleich untergebracht, und werden es wohl ſo lange aushalten können. In einer halben Stunde ſind wir jedenfalls wieder hier. Sie gehen alſo mit, Herr Meier?“ „Ich muß ſehr um Entſchuldigung bitten,“ ſagte der Angeredete mit dem ihm eigenen, etwas verlegenen Lächeln—„Ich ſelber bin gerade be⸗ ſchäftigt; aber ich werde Ihnen meinen Karl mit⸗ ſchicken, der ſich vortrefflich in alle dieſe Sachen zu finden weiß. Wenn Sie nur ſo freundlich ſein wollen, ihm meine Gränzlinien zu zeigen, ſo wird er ſie ſich ſelber markiren und ich dann ſchon —.— Sorge tragen, daß ſie ſpäter dauernd gekennzeich⸗ net werden. Verlaſſen Sie ſich darauf. Ich bin gerade mit einer kleinen Arbeit beſchäftigt, die ich nicht gern unterbrechen möchte. Dem jungen Herrn hier mache ich indeſſen vielleicht mehr Freude, wenn ich ihn in meine kleine Bibliothek führe— Bücher ſind ſeltener in Braſilien, als Blumen.“ „Erſt die Blumen, wenn ich bitten darf!“ ſagte Könnern, der ſich heute merkwürdiger Weiſe dafür beſonders intereſſirte, obgleich er nicht das Geringſte von Botanik verſtand, und da Eliſe ſich ſchon erhoben hatte, ſtand er ebenfalls auf, um ſie durch den Garten zu begleiten. „Sie ſcheinen ſich beſonders für Blumen zu intereſſiren,“ ſagte das junge Mädchen, während ſie den halben Garten lang ſchon ſchweigend neben Könnern hingeſchritten war, ohne daß dieſer einen Punkt gefunden hätte, ein Geſpräch anzuknüpfen. Bei der Frage ſpielte ein eigenes, ſchelmiſches Lächeln um ihre Lippen, und ihr Blick ſuchte halb verſtohlen die Züge ihres Begleiters, ſenkte ſich aber blitzſchnell wieder zu Boden, als ſich dieſer, von einem plötzlichen Verdachte erfaßt, gegen ſie wandte. „Weshalb glauben Sie das, mein Fräulein?“ „Weil Sie— die Blumen Vaters Bibliothek vorzogen,“ erwiederte Eliſe, aber ſie wagte nicht⸗ den Blick zu ihm zu erheben, denn ſie fürchtete, daß ſie den darin liegenden Muthwillen verrathen würde. „Und Sie haben wirklich keinen andern Grund?“ forſchte Könnern weiter, denn er begann jetzt in der That mißtrauiſch zu werden, ob er geſtern ſeinen Raub ſo ganz unbemerkt geborgen habe. „Und welchen andern Grund ſollte ich haben?“ ſagte Eliſe, und ſah ihm jetzt ſo voll und ehrlich in's Auge, daß er ſeinen Blick faſt erſchreckt vor den hellen Sternen zu Boden ſenkte. „„‚Zürnen Sie mir nicht der ungeſchickten Frage wegen,“ ſagte er leiſe;„aber ich kann Ihnen den Grund nennen, weshalb ich die Blumen in Ihrer Begleitung den ſtaubigen Büchern— wahrſchein⸗ lich ohne dieſelbe— vorgezogen habe.“ „Ich wäre wirklich neugierig ihn zu hören,“ lächelte Eliſe, fühlte aber doch, daß ſie, vielleicht unmerkbar, dabei erröthete. „Er iſt einfach,“ ſagte Könnern treuherzig, „und in dem Leben eines Jägers und Herum⸗ treibers, wie ich leider einer bin, allein begründet. Wir ſehen Gottes ſchöne Welt in all' ihrer wun⸗ dervollen Pracht, in allen Zonen, ſehen ſie in ihrem Reize, in ihrer furchtbaren Oede, in ihren 152 großartigen Maſſen, in ihren kleinſten, lauſchigſten Winkeln und Ecken, aber— wohin wir kommen, ſind wir immer nur Fremde und Heimathloſe.— Wie auch unſer Herz daheim an dem Zauber eines ſtillen Familienkreiſes gehangen haben mag, da draußen werden wir in den allgemeinen Wirbel hinausgeſtoßen, und wenn ſich in der friedlichen Abendſtunde alle Menſchen, mit denen wir in flüchtige Berührung gekommen, in das Aſyl ihres eigenen Heerdes zurückziehen, wenn ſie ſich gewiſſer⸗ maßen in dem Kreiſe der Ihren die Belohnung holen für das, was ſie den Tag über gewirkt und geſchafft, dann liegen wir an einem einſamen Lagerfeuer, oder vielleicht noch ſchlimmer, in einem erbärmlichen, unfreundlichen Wirthshauſe, und dürfen nun darüber nachbrüten und grübeln, daß wir über Tag Alles zu haben meinten, was der Menſch nur wünſchen kann, und daß uns doch in der That Alles fehlt, was zum eigentlichen Glück des Menſchen gehört. „Mit Einem Worte, es fehlt uns da draußen der Umgang mit ſanften Frauen, das mildernde Element im Leben des Mannes, der ſich ſeinen Weg nur das ganze Jahr durch ſeine rauhe und wilde Umgebung erkämpfen muß. Wo wir des⸗ halb auch immer ſo ein liebes, freundliches 158 Frauenbild finden, da ſehen wir in ihren Augen den ganzen Himmel unſerer eigenen, daheim ver⸗ laſſenen Häuslichkeit, und wenn auch die Freude, die wir dabei empfinden, eine Art von Heimweh ſein mag, ſo regt ſich doch auch zugleich Alles wie⸗ der in unſerm Herzen, was gut und edel, und die ganze Zeit vielleicht todt darin geſchlummert hat. Ich weiß nicht, liebes Fräulein, ob Sie mich ver⸗ ſtanden?“ „Ich glaube ja,“ flüſterte Eliſe, und es war ihr in dem Augenblicke faſt, als ob ſie ſelber eine lange, öde Strecke allein und freudlos durch die Welt gezogen ſei, und jetzt eben aus weiter, weiter Ferne das Geläute ihrer heimiſchen Glocken ge⸗ hört habe. Und doch durchzuckte ſie dabei auch wieder ein wehes Gefühl, wenn ſie ſich das auch ſelber nicht einmal geſtehen mochte— aber es war nur der flüchtige Gedanke, daß der Fremde alſo geſtern auch die Blumen da draußen gar nicht ihretwegen an ſich genommen und aufge⸗ hoben habe. Nur die Erinnerung an die Hei⸗ math— vielleicht an ein anderes liebes Weſen, das dort ſeiner warte„hatte ihn in dem Augen⸗ blicke erfaßt, und das tiefe Gefühl ſelbſt, das aus ſeinen Worten, aus ſeinem ganzen Weſen ſprach, galt nicht der Gegenwart, ſondern war allein der 159 Wiederglanz eines verlorenen oder lang entbehrten Glückes daheim. Wieder wanderten die Beiden eine ganze Zeit lang ſchweigend durch den Garten, Jeder mit ſei⸗ nen eigenen Gedanken voll beſchäftigt. „Wie das ſchön iſt in dieſer herrlichen, tro⸗ piſchen Welt!“ brach endlich Könnern das Schwei⸗ gen;„wie wohl die warme Luft dem Körper thut, und wie zierlich jene herrlichen Baumformen die ſchönſten, natürlichſten Gruppen bilden. Die Eingeborenen hier müſſen doch eigentlich recht glückliche Menſchen ſein.“ „Und warum nur die Eingeborenen?“ fragte Eliſe. „Weil ſie bloß der Gegenwart zu leben brauchen,“ ſagte Könnern;„ſie haben Nichts in der Welt, das ihnen den Genuß des Augenblickes verküm⸗ mern könnte, keine Erinnerung, die ſie zurückzieht, keine Sehnſucht nach irgend einem verlaſſenen Spielplatze der Kindheit. Fühlt ſich nicht ſelbſt der Lappländer in ſeiner Schneewüſte, in ſeiner rauchigen Hütte, in Schmutz und Elend glücklich, nur weil es ſeine Heimath iſt, wie viel mehr denn könnte es der Braſilianer in ſeinen Palmenwäl⸗ dern und Orangenduft?“ , 160 „Und hängen Sie noch ſo ſehr an der Hei⸗ math?“— „Du lieber Gott,“ ſagte Könnern, ich habe eigentlich nicht viel dort zurückgelaſſen, was mich binden könnte. Meine Eltern ſind beide todt, und nach ſo langer Abweſenheit von daheim darf ich kaum hoffen, daß, außer einem Bruder, der mir dort lebt, meine Freunde mir eben das warme Herz bewahrt haben, das ich zurückbringe. Man ſagt ja ſogar, daß das Heimweh nur durch eine Rückkehr in die Heimath ſo gründlich curirt werden könne, um nie wiederzukehren. Aber den⸗ noch liegt ein eigener Zauber über dem Platze, auf dem einſt unſere Wiege geſtanden, und ich weiß nicht, ob ich mich je mit dem Gedanken be⸗ freunden könnte, ſelbſt Braſilien zu meinem ſteten Aufenthalte zu wählen, ehe ich den heimiſchen Boden nicht wenigſtens noch einmal wiedergeſehen hätte. Fühlen Sie kein ſolches Verlangen?“ „Ich war noch ein halbes Kind als ich Deutſch⸗ land verließ,“ ſagte Eliſe;„kannte ich doch da⸗ mals Nichts als das Vaterhaus, und da meine Eltern mit herüber kamen, vermißte ich kaum Etwas aus dem alten Vaterlande. Wohl ſteigt manchmal eine Art von Sehnſucht in mir auf, die Heimath wieder zu ſehen, aber es iſt mehr ein 161 unbeſtimmtes Gefühl, das keinen feſten und ge⸗ wiſſen Anhaltspunkt hat, und deshalb auch nicht ſo mächtig, um mich lange und ernſthaft in An⸗ ſpruch zu nehmen.“ „Aber Sie führen doch ein recht einſames Leben hier oben.“ „Ich bin kein anderes gewöhnt,“ ſagte Eliſe, während aber doch ein leichter Seufzer ihre Bruſt hob;„Vater und Mutter ſind ſo gut mit mir, und Alles, was ich brauche, hab' ich im Ueber⸗ fluß. Was könnte mir die geräuſchvolle Welt da unten mehr bieten? Je mehr ich auch davon ſehe, deſto weniger gefällt ſie mir, und ich habe es dem Vater oft ſchon im Stillen gedankt, daß er uns hier oben ſo vollkommen von dem Ver⸗ kehr mit der Anſiedelung abgeſchloſſen.“ „Aber was haben Sie ſchon davon geſehen?“ „Was? O, viel!“ ſagte Eliſe erſtaunt:„lär⸗ mende, trunkene Menſchen, die gar nicht ſelten unſer Haus paſſirten, Klagen der Arbeiter im Ueberfluß, und Zank und Streit, Neid und Haß der einzelnen Coloniſten, die manchmal den Vater bitten, zwiſchen ihnen zu entſcheiden, damit ſie keinen Advocaten anzunehmen brauchen. Es iſt recht traurig, daß die Menſchen nicht in Frie⸗ den neben einander leben können, und Vater hat Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. I. 11 162 gewiß ganz Recht gehabt, daß er ſich von ihnen zurückgezogen. Wir leben jetzt hier viel glücklicher in unſerer Einſamkeit, wo wir Nichts von all' dem Lärm und Unfrieden zu hören bekommen— und doch ſehnt ſich Mutter hinaus und zurück in die Welt.“ „Sind Sie ſchon lange in Braſilien?“ „Sieben Jahre mögen es ſein— vielleicht etwas weniger, und damals war die Colonie da unten ein kaum begonnener Platz, auf dem erſt wenige Häuſer ſtanden. Erſt in den letzten zwei Jahren begannen die Auswanderer hierher den Weg zu finden— der Vater ſagt, weil ihnen lügenhafte Speculanten vorgeſchwindelt hätten, daß der Boden hier ſo außerordentlich fruchtbar ſei— und jetzt vergeht faſt kein Monat, an dem nicht Schiffsladungen voll von ihnen ankommen.“ „Das iſt auch jetzt wieder der Fall,“ meinte Könnern,„und wir ſind gerade heute heraufgekom⸗ men, um das nächſtgelegene Land für neue Colo⸗ niſten auszumeſſen. Sie werden dann wahrſchein⸗ lich auch hier oben eine Menge neuer Nachbarn bekommen.“ „Dann zieht Vater gewiß weg von hier,“ lachte Eliſe,„denn er hat ſchon oft davon geſprochen, ſo hübſch er den Platz auch mag eingerichtet haben. 3 f 163 Wenn Mutter nicht dagegen geweſen wäre, Vater ſäße ſchon lange wieder irgendwo mitten im Walde ganz allein.“. „Aber weshalb ſcheut er die Menſchen ſo? Haben ſie ihm je Etwas zu Leide gethan?“ „Ich weiß es nicht,“ ſagte Eliſe treuherzig; „er ſpricht nie darüber und hat ſogar—“ ſie ſchwieg plötzlich, und ein leichtes Roth färbte ihre Wangen. „Was hat er?“ fragte Könnern, weniger aus Intereſſe an der Frage, als an der Jungfrau ſelber, die durch ihre ſchlichte Einfachheit einen ganz eigenen Zauber über ihn auszuüben begann. „O Nichts,“ ſagte Eliſe leiſe;„Vater hat manchmal ganz ſonderbare Einfälle, wenn er ſich damit nur ihm läſtige Menſchen abhalten kann.“ „Und glauben Sie, liebes Fräulein, daß es ihm unangenehm wäre, wenn ich vielleicht noch einmal herauf käme, ehe ich die Colonie verließe?“ „Sie wollen ſchon wieder fort?“ fragte das junge Mädchen faſt erſchreckt, und erſchrak doch noch mehr eigentlich über die Frage ſelber. „Möglich iſt es, daß ich noch mehrere Tage, vielleicht ſogar einige Wochen in der Nachbarſchaft bleibe,“ ſagte der junge Mann;„es hängt das von Briefen ab, die ich von Rio erwarte und die 11* 164 vielleicht ſchon mit dem nächſten Poſtdampfer ein⸗ treffen können. Aber Sie haben mir meine Frage nicht beantwortet.“ „Welche Frage?“ „Ob es Ihr Vater ungern ſehen würde, wenn ich herauf käme um— Abſchied von Ihnen zu nehmen,“ ſagte Könnern, und es war ihm ſelber ein ganz eigenes, wehes Gefühl, als er die Worte ſprach. „Ob es der Vater ungern ſehen würde,“ ſagte Eliſe, und ein leiſes, faſt wehmüthiges Lächeln ſtahl ſich über ihre Züge,„weiß ich freilich nicht; ich aber würde es ganz beſtimmt ungern ſehen, wenn Sie— ſo bald ſchon wieder Abſchied von uns nehmen wollten.“ Könnern wollte ihr Etwas darauf anworten, aber er vermochte es nicht. Irgend eine leere Redensart paßte nicht auf die aus dem Herzen kommende Worte des einfachen Mädchens, und hätte er ihr ſo darauf erwiedert, wie es ihm ſein eigen Herz eingab— das ging nicht— das war nicht möglich. Nur ihre Hand ergriff er und ſagte endlich mit tiefem Gefühle: „Der Menſch iſt noch nicht ganz verloren, bei deſſen Ankunft ſich Jemand freut, deſſen Abſchied Jemanden betrübt. Ich will die Worte ſo einfach — nehmen, wie ſie geſprochen waren, aber ſein Sie verſichert, mein Fräulein, daß ſie mir ſtets eine liebe, liebe Erinnerung bleiben werden.“ Eliſe ſah ihn faſt etwas beſtürzt an. Hatte ſie mehr geſagt, wie ſie eigentlich durfte— Du lieber Gott, ſie war ja faſt jedes geſelligen Umganges ent⸗ wöhnt. Wie um ſich ſelber zu entſchuldigen, fuhr ſie fort: „Wir haben hier ſo lange jeden geſellſchaft⸗ lichen Umgang entbehrt, daß man es uns wahrlich nicht verdenken kann, wenn wir uns freuen, die Einſamkeit, ja Oede einmal durch einen freund⸗ lichen Beſuch geſtört zu ſehen.“ „Ich habe es auch nicht anders verſtanden, liebes Fräulein,“ ſagte Könnern mit einem Seuf⸗ zer,„und doch danke ich Ihnen dafür. Aber Ihre Frau Mutter ſcheint Sie zu ſuchen— und dort hält auch der Director ſchon wieder, mich erwar⸗ tend, vor der Thür. So raſch iſt die Zeit ver⸗ gangen, und ich glaubte, daß wir erſt wenige Mi⸗ nuten im Garten geweſen wären.“ „Leben Sie wohl!“ ſagte Eliſe, ihm freund⸗ lich und ohne Rückhalt die Hand zum Abſchied reichend. „Leben Sie wohl, liebes Fräulein!“ ſagte der 166 junge Mann, und er war einen Moment un⸗ ſchlüſſig, ob er die ihm gereichte Hand an die Lippen heben ſolle, aber er bezwang ſich, machte ihr eine ehrfurchtsvolle Verbeugung und verließ raſch den Garten. 6. Zuhbel's Chagra. Der Director wandte ſein Pferd, als er Kön⸗ nern auf ſich zukommen ſah, und ritt ihm voran die ſchmale Straße entlang. „Nun, wie hat Ihnen die Familie gefallen?“ „ ſagte er endlich, als ſie ſich weit genug von Haus und Garten befanden, um nicht mehr von dort gehört zu werden;„nicht wahr, die Tochter iſt nicht ſo übel?“ „Nein, ein ganz hübſches Mädchen,“ ſagte Könnern und ſchämte ſich faſt vor ſich ſelber dabei, des profanen Urtheils wegen, denn es ſchien ihm eine ordentliche Entweihung dieſes ſchlichten, un⸗ ſchuldvollen Herzens. Glücklicher Weiſe verhinderte aber der enge Weg hier eine längere Unterhaltung. 168 Eine Viertelſtunde ſpäter zeigte ihm der Director das Thal, dem er folgen könne, um einmal den Wald und die Nachbarſchaft ein Wenig kennen zu lernen, bezeichnete ihm den Platz, wo er ſein Pferd einſtellen ſolle, warnte ihn noch einmal vor einem zu langen Streifzuge, damit er ſich nicht doch etwa in den Bergen verirre, und ſetzte dann ſeinen eigenen Weg fort, Könnern ſich ſelber überlaſſend. Der junge Mann athmete tief auf, als er ſich endlich allein im Walde ſah; er fühlte das Be⸗ dürfniß, ſeinen Gedanken ungeſtört nachhängen zu können, und ein ſo eifriger Jäger er ſonſt auch ſein mochte, heute vergaß er faſt, weshalb er in den Wald gekommen, und ließ ſeinem Pferde willen⸗ los den Zügel, einen Fußpfad zu verfolgen, der in dem Thale hinauflief. Dort oben ſollte er noch eine Chagra, die letzte, erreichen, wo er ſein Pferd laſſen und die Jagd dann zu Fuße fort⸗ ſetzen konnte, denn im Sattel ließ ſich in dieſen Wäldern eben gar Nichts ausrichten. Und was hatte ihm denn nur auf einmal ſo Kopf und Herz befangen, was durchglühte ihn plötzlich mit einem nie gekannten, kaum geahnten Gefühl? Der Anblick, das Zuſammenſein mit dieſem einfachen, ſchlichten Kinde des Waldes? 3 — Könnern ſchüttelte ſelber über die tolle Idee den Kopf und ſuchte ein paar Mal ſogar gewaltſam das holde Bild aus ſeiner Erinnerung zu bannen; aber es ging eben nicht.— Wenn er hinaus in den Wald horchte, hörte er die melodiſchen Laute ihrer Stimme, wenn er nach irgend einem mög⸗ lichen Wild umherlugte, ſah er das ſchelmiſche Lächeln der Jungfrau hinter jedem Buſch und Strauch, als ſie ihn fragte, ob er die Blumen liebe, und aus jedem perlenden Thautropfen ſchauten ihm die treuen Augen Eliſens entgegen. Mit einem Worte, er war bis über die Ohren verliebt, und daß er ſich das zuletzt ſelber nicht einmal mehr verbergen konnte, ärgerte ihn am Allermeiſten. „Es iſt reiner Wahnſinn,“ philoſophirte er vor ſich hin,„reiner, blanker Wahnſinn, daß ich da hinein reite, einer jungen Brünette in die Augen ſchaue und darüber auf einmal den Ver⸗ ſtand verloren haben ſoll! Der muß mir jeden⸗ falls ſchon früher abhanden gekommen ſein— oben in Coſta Rica vielleicht, oder am Miſſiſſippi, oder irgendwo anders ſonſt— der Teufel weiß es! Aber zum Kuckuck auch! Ich will doch einmal ſehen, ob ich nicht Gewalt über mich habe, mir ein Mädchenbild aus dem Kopf zu ſchlagen, und 170 wenn's eine Brünette mit den ſchönſten Reh⸗ Augen der Welt wäre— und das iſt ſie nicht einmal— die Naſe ſteht ihr ein klein Bißchen ſchief— ein ganz klein Bißchen nur, aber ſie ſteht doch ſchief, und iſt für eine wirkliche Schönheit viel zu ſtumpf, und das Kinn müßte nothwendig ein wenig länger ſein— außerdem hat ſie nicht einmal ein Grübchen darin, und ich ſchwärme für Grübchen im Kinn.“ Und wie er ſich die Fehler der Geliebten ſo gewaltſam vormalte, ſchauten über Naſe und Kinn immer nur wieder jene Augen feſt und tief in in die ſeinigen; in dem Rauſchen der Palmen hörte er die leiſe flüſternden Worte, wie ſie ihm ſagte:„Ich aber würde es ganz beſtimmt ungern ſehen, wenn Sie ſobald ſchon wieder Abſchied von uns nehmen wollten,“ und jeder wehende Zweig ſchien ihm zuzuwinken und zu rufen:„Zurück! Zurück— hinter Dir liegt das Glück, das Du verlaſſen haſt, hinter dir! Und was treibſt Du Dich da noch länger ſo einſam und allein in der weiten, öden Welt umher?“ Er griff auch ein paar Mal wirklich ſeinem Pferde in die Zügel, als ob er dieſer wunderlichen Stimme, die ihn drängte und trieb, folgen wolle, aber es war das immer nur ein Moment. Im 171 nächſten warf er trotzig den Kopf zurück und biß die Zähne auf einander. Aber die Traum bilder ließen ihm doch keine Ruhe, und er kam erſt eigentlich ordentlich wieder zu ſich ſelber, als er das ihm von dem Director bezeichnete Haus er⸗ reichte, das an der Gränze der Anſiedelung ſtand und wo er ſein Pferd laſſen wollte, um ſeine eigentliche Jagd zu beginnen. Der Eigenthümer war allerdings gerade nicht zu Hauſe, ſondern im Walde draußen, um Stämme für eine neue Scheune zu ſchlagen, das ſchadete aber Nichts; die Frau öffnete ihm den kleinen Paſto, wo er ſein Thier indeſſen frei weiden laſſen konnte, und mit ſeiner Büchsflinte auf der Schulter ſchritt er gerade in den Wald hinein, um ſein Jagdglück, allen Gedanken und Träumen zum Trotz, in vollem Ernſte zu verſuchen. Es giebt auch wirklich in der ganzen Welt kein beſſeres Mittel, um ſich läſtig werdender Gedanken zu entſchlagen, als zu Fuß in einem tropiſchen Walde ſpazieren zu gehen. Im Sattel ſucht ſich das Pferd ſchon ſelber ſeinen Pfad, weicht Hinderniſſen aus oder überwindet ſie, und trägt den Reiter ſeine Bahn entlang; ja, ein ſolcher einſamer Ritt iſt eigentlich zum Brüten und Grübeln wie gemacht, und während ſich der 412. Körper ruhig und endlich ſelbſt theilnahmlos der Führung des Pferdes überläßt, haben Geiſt und Phantaſie vollen Raum, in das Wilde hinaus zu ſchweifen, und machen denn auch bei jeder paſſen⸗ den Gelegenheit Gebrauch davon. Anders und ſehr verſchieden iſt das freilich, wenn man ſelber in den Gebüſchen ſteckt, wenn ſich jeder Fehltritt durch ein proſaiſches Stolpern ſtraft und Dornen und Schlingpflanzen bald hier, bald da den Weg verſperren. In ſolchem Falle iſt's mit dem Grübeln unbedingt vorbei, und kein anderer Gedanke, als der, ſich die Bahn frei zu halten, kann aufkommen. Das Mittel half auch bei Könnern. Wie er nur erſt einmal die letzte Umzäunung der Colonie hinter ſich hatte und in den wirklichen Wald ein⸗ tauchte, wobei er noch außerdem genöthigt war, ſich genau die eingeſchlagene Richtung zu merken, gewann der Wald um ihn her wieder ſeinen wirk⸗ lichen Charakter, und ordentlich in der Wildniß drin erwachte auch die alte Leidenſchaft zur Jagd in ihm, und ließ ihn mit dem erſten beſten Pfade, auf den er den Fuß ſetzte, auch nach Fährten oder Spuren wilder Thiere ſuchen. 1 Es iſt außerdem ſchon an und für ſich ein ganz eigenthümliches, wunderbares Gefühl, in 1423 einem fremden, unbekannten Walde mit der Büchſe im Arm dahin zu ſchreiten, und man muß eigent⸗ lich ſelber Jäger ſein, um das recht mitempfinden oder auch nur begreifen zu können. Jeder Laut in fremd, ſelbſt das Rauſchen der Blätter klingt dem Ohre ungewohnt, und noch dazu in einem tropiſchen Walde lenkt überall eines der ſich ſtets bewegenden rieſigen Blätter das Auge des Jägers bald da, bald dorthin und hält ihn anfänglich in faſt fieberhafter Spannung. Hier und da raſchelt auch einmal das Laub — ein dürrer Aſt knickt, ein Waldhuhn ſtreicht dicht vor den Füßen des Jägers mit fremdartigem Geräuſch empor und verſchwindet, ehe er ſich zum Schuſſe ſammeln konnte, wieder in den Büſchen, und irgend eine unbekannte Fährte feſſelt plötzlich ſeinen Blick und lockt ihn, weit von ſeiner Rich⸗ tung ab, lange, lange Strecken in den Wald hinein. So ſtreifte auch Könnern heute durch die Vildniß, die er freilich mit größeren Erwartungen für die Jagd betreten hatte. Er fand wohl ein⸗ mal eine Stelle, wo ein Rudel Sauen den Grund aufgebrochen hatte, er ſah die Fährten einer kleinen Rothwildart und einmal ſogar die eines Panthers oder einer Tigerkatze, aber zum Schuſſe bekam er 144 Nichts als ein paar Waldhühner, die er aus dem Gebüſche herausſtörte und im Fluge mit dem Schrotlauf ſchoß. Das war Alles, und als er am Stand der Sonne ſah, daß er nicht viel Zeit mehr zu verſäumen hatte, trat er den Rückweg an und erreichte etwa eine halbe Stunde vor Son⸗ nenuntergang das Haus jenes Anſiedlers, wo ſein Pferd ſtand. Der Mann war jetzt zu Hauſe und empfing den Fremden auf das Gaſtlichſte, wie es überhaupt in den Anſiedelungen Sitte iſt, lachte auch gerade hinaus, als Könnern erklärte daß er heute Abend noch nach der Colonie zurück wolle. „Mein lieber Freund,“ ſagte er,„das iſt reine Thorheit, und Sie verſtehen es eben nicht beſſer. Bis Sie Ihr Pferd geſattelt haben und aus der Rodung hinaus ſind, iſt die Sonne unter und die Welt damit auch gleich ſtockdunkel, und nach⸗ her ſollten Sie einmal ſehen, wie Sie auf dem Hundewege mit Ihrem Pferde ſtecken blieben und ſtürzten, vielleicht obendrein noch Hals und Beine brächen. Fortreiten im Dunkeln? Denken Sie gar nicht daran, und außerdem laſſe ich Sie nicht fort, wenn Sie auch wirklich wollten. Glauben Sie denn, daß uns die Fremden hier ſo dick zu⸗ geſchneit kämen, daß wir einen, den wir einmal 1 —— 175 eingefangen, gleich wieder fliegen ließen? Gott bewahre— heute Abend wollen wir uns was erzählen, Sie von draußen, ich von drinnen, und da ſollen Sie einmal ſehen, wie raſch die Zeit verfliegt.“ Er ließ auch wirklich gar keine Einwendungen gelten, und da ſich Könnern viel eher in der Stimmung fühlte, den Abend bei ganz fremden Leuten zuzubringen, als unter Freunden zu ver⸗ plaudern, ſo bedurfte es keines langen Zuredens ſeines freundlichen Wirthes, ihn zu beſtimmen deſſen Wunſch zu gewähren. Während Könnern unter einem mächtigen Orangenbaume ſaß und einige der um ihn her den Boden bedeckenden Früchte verzehrte, erzählte ihm der Deutſche den größten Theil ſeiner Lebens⸗ geſchichte. Er hieß Heinrich Zuhbel, hatte früher einen Handel in Rio Grande gehabt und mit einem Krämerkarren verſchiedene Streiftouren nach Uruguay hinein gemacht, wo er eine Menge Geld verdient haben mußte. In San Leopoldo, wohin er auch einmal gekommen war, um ſeine Waaren an den Mann zu bringen, brachte er ſich dann ſelber an. Er verliebte ſich nämlich— oder beſſer geſagt, ſeine jetzige Frau verliebte ſich eigentlich in ihn— die Eltern hatten Nichts dagegen, und 16. er verkaufte ſeine ganzen Habſeligkeiten an einen friſch eingewanderten Juden, übernahm die Co⸗ lonie ſeines Schwiegervaters und wirthſchaftete darauf, bis ihm der Nachbarn zu viele wurden. Damals wurde die jetzige Colonie Santa Clara, wenn auch nicht begründet, denn ſie beſtand ſchon längere Zeit, aber friſch in Angriff genommen, und Zuhbel beſchloß, hieher überzuſiedeln. Ueber⸗ haupt an Herumziehen in der Welt gewöhnt, wurde ihm das auch nicht ſchwer, und er hatte ſich jetzt mit Fleiß und Ausdauer ein ganz hübſches Beſitzthum gegründet und lebte, wie er meinte, gerade weit genug von der Colonie entfernt, um ſich Vieh halten zu können und nicht jeden Augen⸗ blick Aerger mit den Nachbarn zu haben. Die Kinder konnte er freilich von hier aus nicht in die Schule ſchicken, denn das war zu weit und die Schule taugte auch Nichts; deshalb unterrichteten er und die Frau ſie ſelber, und der„Landsmann“ ſollte ſich nachher einmal überzeugen, was ſie ſchon Alles könnten. Der Mann plauderte ſo in einer Schnur fort, und erzählte dem Fremden eine von den tauſend Geſchichten, die der Wanderer durch ſolche Länder faſt in jeder Hütte zu hören bekommt und als eine der vielen Reiſeunannehmlichkeiten eben hin⸗ 4 171 nehmen muß: eine Lebensgeſchichte ohne das ge⸗ ringſte Intereſſante, ein alltäglicher Lebenslauf in den Colonien, voll Arbeit, und Glück und Miß⸗ geſchick, bunt und ohne Zweck oder Ziel durch einander gemiſcht. Der Mann hier ſchien aber trotzdem keiner der gewöhnlichen Bauern zu ſein, wie auch ſein früherer Erwerb bewies; er war eine Art von verdorbenem Genie, der ein Bißchen von Allem oberflächlich gelernt hatte, das Wenige aber nach Kräften zur Geltung zu bringen ſuchte, wo ſich ihm irgend Gelegenheit dazu bot. Als ſich die Sonne endlich hinter die Bäume ſenkte, lud er ſeinen Gaſt ein, in's Haus zu kom⸗ men, da der Thau ſchon zu fallen begann. Dort fand Könnern die Frau emſig beſchäftigt den Tiſch zu decken, und ein junges, bildhübſches Mädchen von vielleicht dreizehn Jahren, aber ſchon hoch aufgeſchoſſen, half ihr dabei. Die Frau trug nicht die deutſche Bauerntracht, ſondern mehr eine Kleidung, wie ſie bei Hand⸗ werkerfrauen auf dem Lande Sitte iſt: ein blau⸗ geblümtes, dunkles Kattunkleid, eine weiße Schürze und— jedenfalls dem Gaſte zu Ehren— ein gelb und roth carrirtes Seidentuch um den Hals geknüpft. Sie mußte auch einmal recht hübſch Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. I. 12 4 7 178. geweſen ſein, denn die Spuren ließen ſich ſelbſt jetzt noch erkennen, aber harte Arbeit und eine heiße Sonne reiben den Körper auf und machen ihn raſch verblühen. Sie grüßte ſchüchtern und verließ mit ihrer Tochter das Zimmer, ſobald es Könnern betrat. Aber auch ſein Wirth hatte noch draußen zu thun. „ Setzen Sie ſich und machen Sie es ſich be⸗ quem,“ ſagte er zu ſeinem Gaſte, als er dieſen in die Stube geführt hatte;„ich bin gleich wieder da, ich will Ihnen nur Etwas von meinen Fa⸗ brikaten holen.“ Damit verließ er ebenfalls das Zimmer und ließ dem jungen Deutſchen vollkommen Zeit, ſich dieſe Heimath eines deutſch⸗braſilianiſchen Pflan⸗ zers mit Muße zu betrachten— und wahrlich, es ſchien ein wunderlicher Platz! Das große, geräumige Zimmer mit weißen Kalkwänden nahm den ganzen vordern Theil des Hauſes ein. Die Möbel beſtanden großentheils aus einfachem weißen Holze. Nur ein, möglicher⸗ weiſe aus Deutſchland mitgebrachter runder Tiſch in der Ecke war aus Mahagoni; eben ſo ein Stuhl, der aber nur noch drei Beine hatte und mehr zum Staate als zum wirklichen Dienſte wie in Ge⸗ danken in der Ecke lehnte. 179 An der einen Wand ſtand ein Fortepiano aus Nußbaumholz; daneben aber ein angebrochener Mehlſack, aus dem wahrſcheinlich der tägliche Bedarf für das Haus genommen wurde; auf dem Clavier lag ein kürzlich abgenommener Pferdezaum, denn das Gebiß war noch feucht, und in der Ecke am Fenſter ein alter, zerriſſener Sattel, neben dem wiederum zwei Fäſſer mit Bohnen und Erbſen ſtanden. Auf den Mahagonitiſch war außerdem als Decke das etwas defecte Umſchlagetuch der Frau gebreitet; die Zipfel deſſelben reichten aber nicht weit genug herunter, um ein Paar Halb⸗ ſtiefel und einige noch nicht gereinigte Frauen⸗ ſchuhe zu verbergen. Ein Paar abgeworfene Hoſenträger lagen auf dem Umſchlagetuche. Die Familie ſchien außer dem Clavier aber auch ſonſt noch entſchieden muſikaliſch zu ſein, denn über demſelben, neben einer gewöhnlichen Handwage und einem lange nicht abgeſtaubtne Rocke, hingen noch zwei Guitarren und eine Violine — alle drei in etwas deſolaten Umſtänden.— Sonſt aber ſah es reinlich in dem Zimmer aus; die Dielen waren friſch geſcheuert und an dem einen Fenſter ſogar ein ſchwacher Verſuch zu einer Gardine gemacht. Könnern lehnte ſeine Büchsflinte in die Ecke 12* 180 neben den Mehlſack und hatte gerade Zeit genug gehabt, ſich in dem Zimmer ein klein wenig um⸗ zuſehen, als ſein Wirth mit einer Flaſche Wein und ein paar Gläſern zurückkehrte. „Nun ſollen Sie auch einmal eine Flaſche Santa Clara Ausbruch verſuchen, ein capitales Weinchen,“ ſagte er dabei, indem er die Flaſche auf den Tiſch ſtellte und entkorkte,„ſelbſt gezogen — delicat— noch ein Bißchen jung vielleicht, aber famos— die Blume!“ Der Wein hatte eine Roſafarbe; als ihn Kön⸗ nern aber koſtete, lachte er gerade hinaus und rief: „Sie haben ſich mit der Flaſche vergriffen; das iſt Himbeereſſig!“ „Himbeereſſig?“ ſagte Herr Zuhbel erſtaunt, indem er vorſichtig von ſeinem Glaſe koſtete— „ich habe ja gar keinen— bitte um Verzeihung, das iſt mein Ausbruch. Er iſt ein Bißchen ſäuer⸗ lich, weil bei uns die Beeren ſo ungleich reifen, aber ich gebe Ihnen mein Wort, wenn man ſich erſt einmal an den Wein gewöhnt hat, ſchmeckt Einem der beſte Markobrunner nicht mehr.“ „Das glaube ich auch,“ ſagte Könnern, der einen zweiten Verſuch machte, das Glas aber dann kopfſchüttelnd wieder auf den Tiſch ſetzte—„ich bin übrigens kein Weinkenner, lieber Herr, und A 5 4 trinke nur Waſſer. Jeder Wein ſteigt mir augen⸗ blicklich zu Kopfe.“ „Der nicht,“ rief Zuhbel in Eifer,„der wahr⸗ haftig nicht, und wenn Sie drei Flaſchen davon tränken!(Könnern zogen ſich ſchon bei dem Ge⸗ danken an eine ſolche Möglichkeit die Eingeweide zuſammen und alle Zähne wurden ihm ſtumpf.) Uebrigens können Sie auch Milch bekommen, meine Weiberleute trinken auch gewöhnlich Milch, und da kommen ſie ſchon mit dem Eſſen. Nun langen Sie tüchtig zu, denn Sie werden nach dem heu⸗ tigen Marſch Hunger bekommen haben.“ Die Frau brachte in der That herein, was das Haus bot, delicates Brod, friſche Butter, guten Käſe, Milch und Eier, Alles reichlich und mit größter Reinlichkeit aufgetiſcht; aber ſie ſprach kein Wort, wenn nicht eine Frage direct an ſie ge⸗ richtet wurde. Auch das junge Mädchen hielt ſich ſcheu zurück und wagte nicht einmal ordentlich an den Tiſch hinan zu rücken, an den ſie weit hinüber⸗ langen mußte. Zuhbel führte allein das Wort und erzählte ununterbrochen von ſeinem Leben hier zwiſchen den„Braſiliſchen“, von ſeinen Arbeiten und Erfolgen, wie er den Leuten hier erſt habe zeigen müſſen was Ackerbau ſei, wie er ſeine Felder einrichte und bewirthſchafte, was er ziehe und 1382 möglich gemacht habe, und wie er es eigentlich geweſen ſei, der in die Anſiedelung unten ein wenig Ordnung gebracht habe. „Mit dem Director iſt es Nichts,“ fuhr er fort—„gar Nichts, das iſt ein Grobian, wie er im Buche ſteht, aufgeblaſen und ſtolz— ja,„Dicke⸗ thun iſt mein Reichthum,“ das paßt auf den. Will Alles beſſer wiſſen, und hat nicht die geringſte Lebensart. Da iſt der Delegado ein anderer Mann— der weiß, was Höklichkeit iſt und was unſer Einer verſteht, und giebt ſich mit dem ge⸗ meinen Manne ab, daß es eine Luſt iſt.“ Dann kam er auf die Frau Gräfin zu ſprechen, die ihn einmal„mein lieber Herr Zuhbel“ ge⸗ nannt hatte und von der er entzückt ſchien. Das war eine Dame, wie ſie eigentlich ſein ſollte, „wirklich vornehm und doch ſo gemein als möglich.“ Könnern ermüdete das Geſpräch. Er hatte ſchon lange herausgemerkt, daß ſein freundlicher Wirth zu den Menſchen gehörte, die ihren Nach⸗ bar nur danach beurtheilen, wie ſie ſelber von ihm behandelt ſind, und den aus Grundſatz haſſen, der klüger oder fleißiger iſt als ſie, oder wenigſtens von ſeiner Arbeit mehr Erfolg gehabt hat. Leider giebt es ſolcher Leute ja genug in allen Stän⸗ den, und man braucht eben nicht nach Braſilien 183 zu gehen, um mit ihnen zuſammenzutreffen. Zuhbel dagegen, der ebenfalls gefunden, daß ſein Gaſt ein„Fremder“ ſei, und der hier draußen viel zu ſelten Gelegenheit bekam, ſeine Lichtſeiten zu ent⸗ wickeln, nahm jetzt die Anſiedler Einen nach dem Andern durch, um, wie er meinte, dem neuen Einwanderer gleich einen richtigen Ueberblick über die Verhältniſſe zu geſtatten. Indeſſen war es vollkommen Nacht geworden, als draußen der Hufſchlag eines Pferdes laut wurde und gleich darauf ein junger, kräftiger Burſche von etwa ſiebenzehn Jahren in's Zimmer trat. Es war Zuhbel's Sohn, der den Fremden freundlich grüßte und dann, ohne von ſeiner Fa⸗ milie auch nur die geringſte Notiz zu nehmen, ſich zum Tiſche ſetzte und die noch übrigen Speiſen verzehrte. Er leerte ſogar ein Glas von dem Wein, ohne eine Miene dabei zu verziehen. Während er aß, ſaß Zuhbel wie auf Kohlen; er rückte auf ſeinem Stuhle hin und her und ſah immer nach ſeinem Sohne hinüber, und als dieſer kaum den letzten Biſſen im Munde hatte und ſeinen Teller zurückſchob, ſtand er auf, rieb ſich die Hände und ſagte: „So, jetzt kann's losgehen— jetzt ſollen Sie einmal ſehen, daß wir hier im braſilianiſchen ſind, ſondern daß wir auch in der Kunſt Etwas leiſten. Biſt Du fertig, Junge?“ „Ja, Vater,“ ſagte der Sohn, ſtand auf, wiſchte ſich den Mund, nahm einen kleinen Zuſammen⸗ legekamm aus der Taſche, um ſeine Friſur ober⸗ flächlich in Ordnung zu bringen, und griff dann ohne Weiteres nach der über dem Claviere hangen⸗ den Violine, die er zu ſtimmen und herauf und herunter zu ſchrauben begann. Es dauerte eine geraume Zeit, bis er damit fertig wurde; der alte Zuhbel hatte indeſſen das Clavier geöffnet und ſich daran geſetzt. „Spielen Sie?“ fragte er Könnern. Dieſer verneinte.„Das müſſen Sie noch lernen,“ fuhr Zuhbel fort, indem er einen falſchen Accord griff; „es iſt etwas gar Schönes für einen Coloniſten, wenn er ſich Abends nach der Arbeit die Zeit ein wenig mit Muſik vertreiben kann— na, haſt Du's bald?“ wandte er ſich an ſeinen Sohn. „ Jetzt kommt's,“ ſagte dieſer, indem er einen Ton auf dem Clavier anſchlug und ſeine Stim⸗ mung damit verglich. Es ſtimmte ſo ziemlich— höchſtens um einen halben Ton Unterſchied, was zu unbedeutend war, deshalb noch einmal alle Saiten abzuſchrauben. Ein Strich über die Violine 185 war das Zeichen, und ohne weitere Verabredung, als ob gar keine andere Melodie möglich ſei, fielen Beide in die Fra Diavolo'ſche Romanze:„Erblickt auf Felſeshöhen,“ ein und kratzten und hämmerten dieſelbe richtig durch, der Vater natürlich nur den Baß ſchlagend, wobei es nicht darauf ankam, ob er manchmal um zwei oder drei Zoll daneben griff. Dann kam ein ſchwermüthiges Lied:„Von der Alpe tönt das Horn,“ dann„Die Fahrt in's Heu“ mit allen Verſen. Den Schluß bildete aber das Schrecklichſte von Allem, ein Choral; denn während es bei den früheren Liedern über die Miſßßtöne raſch hinwegging, wurden ſie hier lang und feierlich ausgehalten, und Könnern als Schlacht⸗ opfer ſaß in der einen Ecke und rauchte eine ſchlechte Cigarre, die wie der Wein eigenes Fabricat des Tauſendkünſtlers war. 85 Aber auch das ging vorüber; das Concert war beendet, die Violine hing wieder an der Wand und das Clavier wurde geſchloſſen— der erſte angenehme Ton, den es heute von ſich gab. „Es ſind nur drei Inſtrumente in der ganzen Colonie,“ ſagte Zuhbel mit Stolz, indem er den alten Klapperkaſten freundlich auf den Rücken klopfte, als ob es ein Pferd geweſen wäre;„eins hat die Frau Gräfin, ein wahres Prachtſtück; die junge Gräfin hat mir einmal ſelber Etwas darauf vorgeſpielt— die ſpielt, und das iſt ein Mädel — zum'neinbeißen, ſage ich Ihnen. Sie kennen ſie aber gewiß ſchon?“ „Ich habe ſie nur einmal im Vorbeireiten geſehen.“ „Reiten kann ſie wie der helle Teufel— und das dritte hat der Meier— der Einſiedler, wie ſie ihn unten nennen; aber ob darauf geſpielt wird, kann man nicht erfahren, denn er liegt wie ein Kettenhund vor ſeiner eigenen Thür und läßt Niemanden hinein— das iſt ein ſchrecklicher Menſch!“ „Er macht ſich nicht viel aus Geſellſchaft,“ ſagte Könnern gleichgültig. „Haben Sie das auch ſchon gemerkt?“ lachte Zuhhel;„ja, der läßt Alle abfahren, wer ſie auch ſein mögen, aber— es hat ſeinen Grund.“ „Er mag etwas menſchenſcheu ſein; lieber Gott, Jeder von uns hat ſeine Schwachheiten!“ ſagte Könnern und dachte an das Concert. „Schwachheiten?“ fragte Zuhbel geheimniß⸗ voll—„bei dem iſt's mehr, darauf gebe ich Ihnen mein Wort. Dahinter ſteckt Etwas.— Mit dem iſes nicht richtig, und daß der— ich mag keinem Menſchen etwas Böſes nachſagen— aber daß der * 18 wenigſtens einen Mord auf dem Gewiſſen hat, darauf können Sie Gift nehmen.— Denken Sie denn, daß der Jemandem gerade in's Geſicht ſehen kann? Gott bewahre, eine blaue Brille ſetzt er auf, hinter der man nie weiß ob er ſchläft oder zuhört, wenn man ihm'was ſagt, und daß er ein einziges Mal ſeine Nachbarn beſucht hätte, ſo lange er hier in der Gegend wohnt— iſt ihm noch gar nicht eingefallen.“ „Ja, aber mein lieber Herr Zubbel,“ ſagte Könnern,„nicht alle Menſchen haben eben Freude an Geſellſchaft!“ „Ach was,“ rief der Mann,„der iſt keines Menſchen Freund, wie ſein eigener, und ich weiß nicht einmal, ob er ſich ſelber'was aus ſich macht. Nein, bleiben Sie mir mit dem Herrn Meier vom Leibe, und mit ſeiner ganzen Familie, der alten, knuffnäſigen Frau, die Einen immer anſieht als ob ſie Einen beißen wollte— lieber Gott, ich thu' ihr Nichts!— und dem bleichſüchtigen Ding von Mädchen. Und mit ſeinem Reichthum ſoll's auch nicht ſo weit her ſein— mich kauft er nicht aus, ſo viel weiß ich, und mein Land gäbe ich nicht für ein Dutzend ſolcher Chagra's hin, wie er eine hat.“ Der Mann war im Zuge und ließ Könnern 4* . 188. nur in ſo fern Ruhe, daß er nicht von ihm ver⸗ langte, ebenfalls zu reden. Er hechelte die Colonie wieder von oben bis unten durch, und das Re⸗ ſultat blieb, daß er der Einzige von Allen ſei, der wirklich Etwas vom Ackerbau verſtehe und eine Muſterwirthſchaft eingerichtet habe, auf der er den Coloniſten einmal zeigen wolle was man aus dem Lande machen könne, wenn man es eben richtig angriffe. Könnern war froh, als er ſich endlich mit der ſpäten Stunde, und Müdigkeit vorſchützend, entſchuldigen konnte, um ſein Lager zu ſuchen.. Auch hier war Alles für ihn durch die Frauen auf das Sauberſte hergerichtet, und in einer der oberen Kammern fand er ein, wenn auch ein wenig hartes, doch friſch überzogenes Bett, mit Waſchzeug, Handtuch und friſchem Waſſer, und außerdem noch einen Teller mit Maniokmehl und einen Korb voll Orangen, die bei dem braſilianiſchen Landmanne einen nicht unbedeutenden Theil ſeiner Nahrung bilden. Die Frau leuchtete ihm hinauf. Sie ſprach kein Wort dabei, ſetzte ihm das Licht in die Stube und ſah ſich dann noch einmal um, ob auch Alles in Ordnung ſei. Dann ging ſie wieder eben ſo * 189 ſchweigend zur Thür zurück, drehte ſich noch ein⸗ mal um, ſah Könnern ruhig an und ſagte: „Glauben Sie kein Wort von dem, was er Ihnen ſagt. Es iſt Alles nicht wahr. Gute Nacht, ſchlafen Sie wohl!“ und damit verſchwand ſie draußen in dem dunklen Gange. Könnern lachte ſtill vor ſich hin, aber er war durch das furchtbare Schwatzen ſeines Wirthes ſo geiſtig müde geworden, daß er an dem Abend nicht einmal mehr denken konnte. So ſuchte er denn ſein Lager und hatte ſich kaum darauf aus⸗ geſtreckt, als er auch in einen tiefen Schlaf fiel und erſt am hellen Morgen neu geſtärkt erwachte. Nun wollte er jetzt allerdings gleich zur An⸗ ſiedlung zurückkehren, weil er fürchtete, daß der Director vielleicht ſeinetwegen in Sorge ſein könne; aber Zuhbel ließ ihn nicht. Erſt. mußte er früh⸗ ſtücken und dann ſeine Felder beſehen, ohne das kam er nicht los. Könnern war nun Nichts weniger als Oekonom, und verſtand nicht das Geringſte von der Land⸗ wirthſchaft, das ſchadete aber Nichts; Zuhbel ſchleppte ſeinen Gaſt mit einem wahren Feuereifer über geackerte und ungeackerte Felder, und zeigte ihm, was er hier bauen wollte, und was er da gebaut hatte, wie jener Graben dort und dieſer da 190 gezogen ſei, und wie alt der oder jener Pfirſich⸗ baum wäre, und wo er die jungen Stämme her⸗ bekommen habe— Dinge, die den jungen Maler auch nicht im Geringſten intereſſirten. Endlich hatten ſie Alles geſehen, keine Hecken⸗Anpflanzung von Quittenbäumen, kein Reis⸗ oder Maisfeld war mehr übrig, und der Fremde durfte endlich den Wunſch ausſprechen, ſein Pferd zu ſatteln. Das aber beſorgte ihm der junge Zuhbel, der zum zweiten Frühſtücke aus dem Felde hereingekommen war, und Könnern athmete hoch auf, als er endlich wieder auf dem ſchmalen Pfade, das Thal hinab, der Anſiedelung zutraben konnte. Und dennoch ſchlug er nicht den nächſten Weg dorthin ein, ſondern lenkte links ab, an Meier's Chagra vorüber, und weshalb? Er hatte anfangs ein unbeſtimmtes Gefühl, als ob er die beiden ge⸗ ſchoſſenen Waldhühner, die an ſeinem Sattelknopfe hingen, Eliſe bringen wolle— aber das ging nicht. Er durfte dem alten Manne nicht läſtig fallen— nicht jetzt ſchon wieder ſein Haus be⸗ treten— und doch, mit wie ſchwerem Herzen ritt er an der dichten Hecke vorüber, die Alles um⸗ ſchloſſen hielt, was ſeinem Herzen lieb und theuer war.— Vergebens ſuchte er auch nur einen Blick in die Umzäunung zu gewinnen; der alte Meier 8s 191 hatte ſchon dafür geſorgt, daß kein neugieriges Auge in ſein Heiligthum dringen könne, und tief aufſeufzend ließ er ſeinem Pferde endlich wieder den Zügel, um den Weg zu verfolgen, der ihn hinunter nach Santa Clara brachte. Noch hatte er aber das Ende der Umzäunung nicht erreicht, als er plötzlich Muſik zu hören glaubte. Er griff ſeinem Thiere raſch in den Zügel und lauſchte. Richtig— im Garten ſelber hörte er die melodiſchen Töne einer Zither. Eine Weile horchte er, aber er war hier noch zu weit entfernt, um die Melodie deutlich zu unterſcheiden; nur die einzelnen, höheren Töne drangen zu ihm herüber, und ehe er noch zu einem rechten Ent⸗ ſchluß gekommen, was zu thun, war er ſchon ab⸗ geſtiegen und hatte ſein Pferd am Zügel. Ein Weg führte dort allerhings nicht hinein, aber die Büſche waren doch nicht ſo dicht, daß er nicht hindurch gekonnt hätte, und einen Augen⸗ blick ſtand er unſchlüſſig, ob er das Pferd hier draußen am Wege anbinden ſolle. Aber vom Hauſe aus konnte Jemand daher kommen und ihn beim Horchen ertappen— beſſer, er nahm es mit, und es vorſichtig führend, näherte er ſich mehr und mehr dem Spielenden, bis endlich ganz — ÿmÿmpſͤſͤſſſ[WiHn. 4192 deutlich und gar nicht weit entfernt das Lied zu ihm herübertönte. Hier aber hemmte eine hohe und vollkommen dichte Hecke jedes weitere Vordringen; zu nahe durfte er überhaupt nicht hinan, daß ihn der Schritt des Pferdes nicht verrieth— er blieb ſtehen und lauſchte der Melodie, die eine Meiſterhand aus den Saiten lockte— aber wer ſpielte hier? Der alte Meier ſelber vielleicht? Der Director hatte ihm ſchon geſagt, daß er ſehr muſikaliſch ſei. Es war eine jener ſchwermüthigen deutſchen Volksweiſen, an denen wir ſo reich ſind, und ein tiefes inniges Gefühl ſchien die Saiten zu beleben. Jetzt war das Lied beendet und Alles ruhig — hatte ſich der Spieler wieder entfernt? Es war ſo ſtill geworden, daß er ſich ordentlich fürchtete den Platz zu verlaſſen, weil ihn das durch das Pferd verurſachte Geräuſch verrathen mußte. Da plötzlich wurden wieder einzelne Accorde angeſchlagen, erſt leiſe und wehmüthig, dann in eine mehr heitere Weiſe übergehend. Zwei oder drei der kleinen allerliebſten ſteyriſchen Ländler folgten, dann plötzlich in eine andere Tonart über⸗ ſpringend, intonirte der Spieler eine dem Zuhörer fremde Melodie, und jetzt— das Herz ſchlug ihm auf einmal wie ein Hammer in der Bruſt, begann eine glockenreine Mädchenſtimme ein kleines Lied, von dem er deutlich jede Silbe verſtehen konnte: Könnern lauſchte dem Liede mit glühenden Wangen, kaum aber war es beendet, als er— er wußte kaum was er that— die beiden geſchoſſenen Waldhühner vom Sattelknopfe nahm und mit Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. I. 13 Die Herzen wachſen alle dort Im blauen Himmelsfeld, Und immer zwei beiſammen, eng, Die eine Schale hält. Vielliebchen gleich, ſo keimen ſie Je zwei und zwei ſelband, Und ſind ſie reif, nimmt ſie der Herr Und ſtreut ſie über's Land. Eins pflanzt er einem Jüngling ein, Das and're einer Maid, Und ſpricht: Mein Segen ruht auf Euch, Wenn Ihr vereinigt ſeid. Die beiden Hälften ſuchen nun Sich in der Welt daher, Und ſelig, wer ſein halbes find't, O dreimal ſelig der! Das halbe Herz, Du lieber Gott, Kann doch auch halb nur ſchlagen— Wer meine andre Hälfte hat, Ich wollt', er thät mir's ſagen. 194 keckem Wurf über die Hecke hinweg in den Garten ſchleuderte.. Er hörte noch drinnen einen leiſen Auſſchrei, aber weiter Nichts, in wilder Flucht trieb er ſein Pferd wieder durch den Buſch zurück auf den Weg, ſprang in den Sattel,bund jagte mit einem ganzen Sturm tobenders Gefühle im Herzen in die Anſiedelung zurück. 7. Die neuen Coloniſten. — Der ſcharfe Ritt that dem wilden Reiter wohl, und weil er der Unſicherheit des Weges halber ſein Thier feſt im Zügel halten mußte, ſammelten ſich ſeine Gedanken auch wieder mehr auf ſeine äußere Umgebung. 8 An der Gränze des Städtchens ſchon fiel ihm das rege Leben auf, das er hier traf und das er geſtern und vorgeſtern lange nicht ſo gefunden. Eine Menge von fremden, abenteuerlichen Ge⸗ ſtalten, die meiſten mit Gewehren auf dem Rücken, als ob ſie ſich zu einem Kriegszuge gerüſtet hätten, liefen hin und wieder, und als er ſich des Direc⸗ tors Hauſe näherte, fand er dieſes von einem ganzen Menſchenſchwarm ordentlich belagert. 13* 196 Glücklicher Weiſe traf er einen der Hausleute, der ihm ſein Pferd abnehmen konnte, und dieſer theilte ihm auch die Neuigkeit mit, daß das Aus⸗ wandererſchiff angekommen ſei. Mit Mühe arbeitete er ſich durch das Ge⸗ dränge im untern Theile des Hauſes, denn die Leute ſchienen der Meinung zu ſein, daß jeder von ihnen ſein Haus und Feld ſchon fertig vor⸗ fände, und ſie Alle wollten ſich jetzt nur beim Di⸗ rector erkundigen,„wo es läge“, damit ſie gleich einziehen könnten. Den Director fand er oben in einer ganz ver⸗ zweifelten Stimmung, wie er ſich gerade mit einem etwas zu frechen Burſchen herumzankte und im Begriffe ſtand, dieſen eigenhändig die Treppe hinunter zu werfen. Könnern behielt noch eben Zeit, dem Hinunterpolternden auszuweichen. „Da haben wir's!“ rief ihm der Director ſchon oben entgegen.„Jetzt ſind ſie da und Nichts fertig— Nichts in Ordnung, daß man ſich auch noch von den Flegeln im eigenen Hauſe muß Grobheiten ſagen laſſen!“ „Nun, die Strafe folgte wenigſtens auf dem Fuße,“ lachte Könnern. „Da ſoll einem Andern die Galle nicht über⸗ laufen! Ich hätte mich an dem Lump eigentlich 197) nicht vergreifen ſollen, aber, bei Gott im Himmel, ſie treiben's zu arg! Er nannte mich geradezu einen Ochſen, und da gebrauchte ich mein Haus⸗ recht!“ „Recht iſt ihm geſchehen,“ ſagte Könnern;„aber was nun?— Wo wollen Sie mit der ganzen Geſellſchaft hin?“ „Sie können mir dabei helfen, Könnern.“ „Von Herzen gern, wenn ich eben nur weiß wie.“ „Ich habe für dieſen Fall, da ich ja ſchon vorgeſtern von der Ankunft hörte, ein paar Häu⸗ ſer in der Stadt gemiethet; wir dürfen die armen Teufel, beſonders die Frauen, doch nicht im Freien liegen laſſen, denn es kann noch jede Nacht ein tüchtiger Regen einſetzen In dem Auswanderer⸗ hauſe bringe ich aber höchſtens noch acht oder zehn unter, bei mir vielleicht auch noch zwei oder drei, und die Uebrigen müſſen in jene beiden Häuſer einlogirt werden. Kommen Sie mit hinunter; wir ſehen uns die beiden Baulichkeiten gleich noch einmal an, und dann ſind Sie vielleicht ſo freund⸗ lich und übernehmen die Hinüberſchaffung der Leute.— Apropos, wo waren Sie die Nacht?— Verirrt?“ 198 „Nein; bei einem Herrn Zuhbel auf der Chagra.“ „Ah, bei meinem Freunde Zuhbel; nun, da hatten Sie wenigſtens Concert und Wein,“ ſagte der Director trocken. „Das ſei Gott geklagt!“ lachte Könnern. „Und haben auch gleich einen Ueberblick über die Privatverhältniſſe der Einzelnen bekommen. Doch laſſen wir das. Jetzt an die Arbeit, und nachher müſſen Sie mir von Ihrer Jagd er⸗ zählen!“— In dem kleinen Städtchen ſah es heute wirklich bunt aus, denn geſtern Abend noch, ſchon nach elf Uhr, waren die Einwanderer mit Booten heraufgekommen, wo ſie natürlich an der Landung liegen bleiben mußten. Der Capitän hatte ihnen freilich abgerathen, die Fahrt noch ſo ſpät zu unternehmen, aber die Leute wollten ſo raſch als möglich braſilianiſchen Grund und Boden betreten, und nur Wenige waren klug genug geweſen, den nächſten Morgen abzuwarten, um ihren Einzug in Braſilien zu halten. Jetzt ſtrömten ſie nun nach allen Richtungen in der Stadt umher, und als man ſie haben wollte, um ihren nächſten Aufenthalt zu ordnen, war eben Keiner zu finden. Nur mit großer Mühe gelang es Könnern 129 und dem Director, die Leute endlich in die aller⸗ dings engen Räumlichkeiten hinein zu bringen, und ſie fanden hier wieder beſtätigt, daß alle die, denen man es anſah, wie ſie früher in beſſeren und behäbigeren Verhältniſſen gelebt, am Leich⸗ teſten zu befriedigen waren und ſich die größten Unbequemlichkeiten gern gefallen ließen, während gerade die abgeriſſenſten und verwahrloſteſten Sub⸗ jecte ſich mit Nichts zufrieden zeigten und die größten Anſprüche machten. Noch drei Familien waren übrig geblieben, die im Anfang auch gar kein Verlangen nach einem Unterkommen zu haben ſchienen, und unten ruhig am Waſſer ſaßen, dem Treiben der Anderen zuzuſehen. Der Director hatte ſich gefreut, daß ſie vernünftig abwarteten bis die Reihe an ſie kam, und ſchon beſchloſſen, ſie ſo gut als irgend möglich zu quartieren. Jetzt ging er, während Könnern ſich noch mit einer andern Familie oben in der Stadt abquälte, zu ihnen und ſagte: „So, Ihr Leute, Ihr ſollt nicht zu kurz gekom⸗ men ſein, daß Ihr mir das Leben nicht auch ſchwer gemacht habt. Die Frauen mögen nun noch bei den Sachen bleiben, und Ihr Männer packt indeſſen auf den Karren, der da gerade wieder die Straße herunterkommt, was Ihr eben laden könnt. Ich habe für den Augenblick nur noch das eine Fuhr⸗ werk zur Verfügung.“ „Ja, das iſt ſchon gut,“ ſagte der eine Mann, der auf einer Kiſte ſaß und auch keine Miene machte aufzuſtehen;„wann kommt aber denn nun eigentlich das Schiff?“ „Welches Schiff?“ „Nun, unſer Schiff!“ „Das Euch hergebracht hat?“ „Nein, das andere.“ „Das andere? Was für ein anderes?“ „Nun, das uns von hier nach Rio Grande bringen ſoll.“ „Nach Rio Grande? Ja, Leute, wollt Ihr 1 denn ſchon wieder fort? Ihr ſeid doch eben erſt hier angekommen!“ „Ja, wir haben alle unſere Freundſchaft bei Rio Grande,“ ſagte die eine Fran,„und die Paſſage auch dorthin bezahlt.“ „Aber hier legt nie ein Schiff nach Rio Grande an,“ ſagte der Director;„da müßtet Ihr erſt wieder nach Santa Catharina fahren, und das kann noch ſechs oder acht Wochen dauern, bis ſich dazu Gelegenheit findet. Wenn Ihr dahin wolltet, ſo mußtet Ihr doch wahrhaftig mit keinem Schiffe 201 nach Santa Clara fahren. Da hättet Ihr Euch vorher erkundigen ſollen.“ „Ja, das haben wir doch gethan,“ ſagte der eine Mann;„der Herr Agent in Antwerpen hat uns ja auch geſagt, das Schiff hier brächte uns nach Santa Clara, und Rio Grande wäre dicht dabei— er hat's uns ja auch auf der Karte ge⸗ zeigt— keinen Finger breit von einander war's.“ „Und Euer Schiffscontract iſt bis nach Rio Grande gemacht?“.. „Da— hier ſteht's,“ ſagte der Mann und zog das Papier aus der Taſche.* Der Director nahm es; aber auf den erſten Blick ſah er ſchon, daß in dem Contracte ſtand: Von Antwerpen nach Santa Clara.„Da ſteht ja kein Wort von Rio Grande?“ fragte er den Auswanderer. „Na, natürlich nicht, weil's dicht dabei liegt,“ brummte dieſer verdrießlich;„das hat uns ja der Herr Agent ganz genau auseinander geſetzt, daß das Schiff nur bis Santa Clara ginge und daß dann ein anderes daneben liege, welches uns gleich hinüberbringe. Die Schiffe fahren ja doch alle hier erſt in Santa Clara an— ſo dumm ſind wir auch nicht, daß wir das nicht genau ausge⸗ macht hätten.“ 202 Der Director faltete den Contract langſam zuſammen und gab ihn dem Manne zurück. „Lieber Freund,“ ſagte er ruhig,„die Sache i*ſt höchſt einfach die, daß Ihr Euch in Antwerpen habt anführen laſſen— weiter Nichts. Der Agent dort hatte gerade dieſes Schiff liegen und ſeinem Contracte nach Paſſagiere dafür zu ſchaffen; des⸗ halb ſeid Ihr da mit aufgepackt und fortgeſchickt. Zwiſchen hier und Rio Grande beſteht gar keine regelmäßige Verbindung; nur zu Zeiten bietet ſich Gelegenheit durch einen der kleinen Küſtenfahrer, der Euch nach Santa Catharina bringen könnte. Dort müßt Ihr aber wieder auf ein Dampſſchiff. Was außerdem die kleine Entfernung betrifft, ſo könnt Ihr die Reiſe nach Santa Catharina vielleicht in vier bis fünf Tagen machen, wenn der Wind gut iſt— im andern Falle nimmt ſie eben ſo viele Wochen in Anſpruch, und von da ſind auch wieder drei bis vier Tage nach Rio Grande nöthig. Außerdem wird Euch dieſe Tour faſt noch eben ſo viel koſten, als die Reiſe von Deutſchland hierher.“ „Aber Du mein großer, allmächtiger Gott, wir haben ja keinen Pfennig Geld mehr!“ ſchrie die eine Frau. „Und der Herr Agent hat geſagt, daß uns die 203 Reiſe von hier nach Rio Grande keinen Heller koſten ſollte.“ „Dann hat der Agent einfach gelogen,“ ſagte der Director ruhig, nund es iſt eine Betrügerei, wie ſie ſchon mehrfach vorgekommen.“ „O, Du mein gütiger Heiland,“ jammerte eine andere Frau,„dann ſind wir verrathen und ver⸗ kauft und müſſen hier elend verderben!“ „Beruhigt Euch, ſo ſchlimm iſt die Sache noch nicht,“ tröſtete ſie der Director—„wenn Ihr Euch nicht vielleicht doch noch entſchließt hier zu bleiben und Euch hier niederzulaſſen.“ „Aber wir haben unſere ganze Freundſchaft bei Rio Grande; meiner Schweſter Sohn und der Elias und die Dorothea ſind auch drüben und warten auf uns.— „Gut, gut, ich ſehe jetzt ſchon wie die Sache ſteht; ich will einen Verſuch machen und an die Re⸗ gierung nach Rio ſchreiben, welche ſchon mehreren anderen armen Auswanderern, die von betrüge⸗ riſchen Agenten in eine ähnliche Lage gebracht worden, geholfen hat, und vielleicht läßt ſich doch noch Alles einrichten.“ „Und wann können wir fort?“ fragte die Frau raſch—„kommt das Schiff bald?“ „Ja, liebe Frau,“ ſagte der Director,„ſo raſch 204 geht die Sache nicht; wenn ich Euch in zwei oder drei Monaten hier wegbringe....“ Ein lautes Gejammer der Frauen unterbrach ihn, aber es war hier gar Nichts weiter zu thun. Die Leute hatten ſich einmal betrügen laſſen, und es blieb nichts Anderes übrig, als die Regierung um Hülfe anzuſprechen, was freilich nicht in ein paar Tagen gethan war. Der Brief allein brauchte acht Tage, bis er hinkam. Dieſe Leute mußten aber eben doch untergebracht werden, und wie ſie in der ganzen Zeit erhalten werden ſoll⸗ ten, blieb außerdem noch zu bedenken. Die Män⸗ ner waren indeſſen kräftig und konnten arbeiten, und Arbeit' gab es immer, wenn es auch nur zu Wegebauten geweſen wäre. Daß der Director nicht viel ruhige Stunden bei all' dieſem Wirrwarr hatte, läßt ſich denken, und außerdem wollte auch noch der Burſche, den er etwas unſanft aus ſeinem Hauſe geſetzt, die Einwanderer gegen ihn aufhetzen, und lief von einer Gruppe zur andern, ihre Hülfe fordernd, weil er nichtswürdig behandelt ſei und ſich das nicht gefallen zu laſſen brauche. Die Leute hatten aber heute zu viel mit ſich ſelber zu thun; außer⸗ dem kannten ſie den Geſellen ſchon von der Reiſe her und mochten ſich nicht mit ihm einlaſſen. 205 Es war eine verwilderte, rohe Geſtalt, der 8 Burſche, eine Perſönlichkeit, wie man ſie daheim beſonders in Meßbuden und herumziehenden Ban⸗ den oder Menagerien trifft. Er trug einen hell⸗ blauen, fleckigen und zerriſſenen Rock, ſchmutzige Soldatenhoſen, keine Weſte und auf dem Kopfe eine dunkelblaue Mütze mit einem Stück ſchmaler Silbertreſſe darum genäht. Schnurrbart und Knebelbart ließ er ſich ebenfalls wachſen. Mit den blonden Haaren hatte ſein Geſicht auch trotz der markirten Einſchnitte etwas Jungenhaftes be⸗ halten, was durch den übergeſchlagenen ſchmutzigen Hemdkragen noch unterſtützt wurde, und man wäre veranlaßt geweſen, ihn auf den erſten Blick für einen verwahrloſten Burſchen von achtzehn bis zwanzig Jahren zu halten. Während er aber mitten auf der Straße ſtand und ſchimpfte und fluchte, ſaß neben ihm ſein bleiches, abgehärmtes Weib, ein Kind an der Bruſt und ein Mädchen von etwa acht und ein Junge von zehn Jahren neben ihr ſtehend— ein Bild des Jammers, mit großen, hellen Thränen in den Augen. Eine ganze Lebensgeſchichte von Jammer und Leid lag in ihrem Antlitz, in der ganzen ge⸗ brochenen Geſtalt— aber ſie klagte nicht, kein 206 Wort kam über ihre Lippen. Nur das Kind be⸗ ſchwichtigte ſie mit der einen Hand, während ſie mit der andern ſich das Blut von der Stirn wiſchte, wohin ſie der Unmenſch, als ſie ihn ge⸗ beten hatte keinen Streit am erſten Tage anzu⸗ fangen, mit roher Fauſt geſchlagen. Doch nicht nur ſolche traurige Bilder bot die Scene. Auf einem kleinen Leiterwagen, dem man nur durch eine Partie Strohſchütten einige Ela⸗ ſticität abgewonnen und der, von ein Paar kräf⸗ tigen braunen Pferden gezogen, luſtig daherge⸗ raſſelt kam, wurde im ſcharfen Trabe ein Mann und eine Frau die breite Straße entlang geſchüt⸗ telt, die in die Stadt hinein führte. Der Mann ſah ſonnverbrannt, aber kräftig und geſund aus, und verrieth auch in ſeiner ganzen, einfachen aber ſaubern und paſſenden Kleidung den behäbigen Bauer. Die Frau neben ihm, die ein Kind auf dem Schooße hielt und daſſelbe des böſen Stoßens wegen mehr hob, als vor ſich ſitzen hatte, war jedenfalls ſeine Frau; der forſchende Blick, den aber Beide unabläſſig nach rechts und links ſandten, verrieth, daß ſie Etwas ſuchten, und als der Wagen den belebteren Theil der Straße erreichte, hielt der Mann ſein Pferd an, und die Frau rief faſt ängſtlich einige der Vorübergehenden an: 207 „Ja, wo ſind ſie denn nur— wo v find ſie denn hingebracht?“ „Wer?“ fragte der Angeredete. „Nun, die mit dem neuen Schiffe gekommen ſind.“ „Ja,“ lachte der Mann,„die ſtecken überall herum, wo man ſie eben unterbringen konnte, Einer da, Einer dort.“ „Wen ſucht Ihr denn?“ fragte eine Frau, die gerade des Weges kam und auch zu den neuen Einwanderern gehörte. „Die alte Frau Mecheln aus dem Würtem⸗ bergiſchen, aus Bellſtadt,“ rief die Frau vom Wagen herunter, und griff ihrem Manne in die Zügel, weil das Pferd nicht ſtehen wollte. „O, die alte Mecheln, die iſt mit bei uns!— Gleich da drüben um die Ecke, wo der große Baum vor dem Hauſe liegt.“ „Und ſie iſt wohl?“ „Kerngeſund, die ganze Reiſe geweſen.“ Der Mann hatte bei der Erwähnung des Hauſes ſchon ſein Pferd in die bezeichnete Straße einge⸗ lenkt; die Frau winkte dankend mit der Hand, fort raſeelte das Geſchirr, daß die Funken ſtoben, und hielt gleich darauf vor dem genannten Hauſe. Und ſie brauchten hier nicht lange zu warten. 4⁴ 208 Sobald der Wagen anhielt, ging die Thür auf, und die alte Frau, die mit Schmerzen darauf ge⸗ wartet hatte, daß ſie Einer der Ihrigen hier er⸗ warten ſolle, trat in die Thür. „Großmutter!“ ſchrie die Frau ihr ſchon vom Wagen aus entgegen—„Großmutter— wie geht's— wie geht's?“ „O, Du mein himmliſcher Vater!“ rief die alte Frau und hielt ſich an dem Thürgeländer, an dem ſie ſtand. Aber ihre Enkelin war ſchon unten bei ihr— wie ſie mit dem Kinde vom Wagen gekommen, wußte ſie ſelber nicht— mit Einem Satze war ſie unten und bei der Großmutter, ließ das Kind auf die Erde niedergleiten, umfaßte die alte, zitternde Frau und ſchluchzte, als ob ihr das Herz brechen ſolle vor Nichts als Wonne und Seligkeit. Der Mann hatte noch mit den Pferden zu thun, die nicht ſtehen wollten, aber ein Bekannter kam die Straße herunter, der ihm dabei half und dieſelben hielt, und er ſtieg nun auch ab, warf erſt die Stränge los, daß kein Unglück geſchehen konnte, und ging dann ebenfalls langſam zur Großmutter hinüber, die er beim Kopfe nahm und herzhaft abküßte. Dann aber faßte er die Sach auch praktiſch 209 an, denn ein einziger Blick in den innern Raum ſagte ihm ſchon, daß die alte Frau hier nicht länger bleiber konnte. Ohne ſich deshalb weiter um etwas Anderes zu bekümmern, ging er in das Haus und ließ ſich die ſämmtlichen Sachen von der „Großmutter“ geben, die ſchon alle zuſammen in der einen Ecke ſtanden, lud dieſelben mit Hülfe einiger der Auswanderer auf den Wagen und nahm dann die alte Frau ſelber wie ein Kind auf den Arm, um ſie auf den ſchon für ſie bereiten Sitz zu tragen. „Aber Junge, Junge,“ rief die Alte halb er⸗ ſchreckt über die gewaltſame Entführung—„meine Sachen! Alle meine Sachen ſtehen ja noch in der Stube.“. „Schon Alles auf dem Wagen droben, Groß⸗ mutter.“ „Auch die blaue Kiſte?“ „Da hinten ſteht ſie.“ „Und der kleine Holzkoffer?“ „Alles oben.“ „Aber der Korb mit dei Tuche oben drauf, und die rothe Lade...“ „Alles da; es fehlt Nichts.“ „Aber den Regenſchirm ſeh' ich nicht.“ „Den Regenſchirm?“ ſagte der Enkel verblüfft, Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. I. 14 5 210 denn da war wirklich Etwas, was er vergeſſen hatte. „Er ſteht gleich neben dem Fenſter in der Ecke“— aber einer der Jungen aus dem Hauſe war ſchon hineingeſprungen, um das Vermißte zu holen, und kam gleich darauf im Triumph damit zurück. „So, Großmutter,“ ſagte der Mann,„iſt nun Alles da?“ Die Enkelin hatte mit dem kleinen Kinde ſchon neben ihr Platz genommen. „Alles, meine Kinder— und ſind wir denn jetzt wirklich in Braſilien?“ „Na, ob!“ ſagte der Mann, gab ſeinen Pfer⸗ den einen kleinen Peitſchenhieb, und fort raſſelte der Wagen wieder, die glücklichen Menſchen ihrer eigenen Heimath zuzuführen. Gerade als das Fuhrwerk wieder die Stadt verließ, landete noch ein kleines Boot, die Capi⸗ tainsjölle, worin dieſer einige Kajütenpaſſagiere an's Land brachte. Drei oder vier andere waren ſchon geſtern Abend mit den Zwiſchendeckspaſſa⸗ gieren gelandet und gleich in den Gaſthof ge⸗ gangen, um dort Unterkunft zu finden. Eben dahin hatte ſich aber auch eine Anzahl von Zwiſchen⸗ deckspaſſagieren gewandt, die ſich in dem, ihnen von der Direction angewieſenen Raume nicht —— wohl fühlten und noch Geld genug bei ſich führten, wenigſtens die erſte Zeit davon leben zu können. Waren ſie dann erſt einmal acht oder vierzehn Tage in der Colonie, ſo ließ ſich mit mehr Muße eine bequemere Einrichtung treffen. In dem letzten Boote befanden ſich ein paar junge Kaufleute und ein junger Baron, ein Herr von Pulteleben, mit einer wahren Unmaſſe von kleinem Handgepäck, das er im Boote um ſich her aufgeſchichtet hatte. An der Landung konnte er aber natürlich nicht gleich Jemanden finden, der es ihm trug, und die Folge davon war, daß er, das„Hôtel“ eine halbe Stunde ſpäter als die Uebrigen erreichend, keinen einzigen Platz mehr fand, keinen Platz wenigſtens, wie er ihn wünſchte, d. h. ein Zimmer allein, wie er auf dem Schiffe auch eine Koje für ſich ſelber gehabt. Der junge Herr hatte übrigens Geld, und glaubte, darauf pochend, Alles durchſetzen zu können. Der Wirth„Bodenlos“, wie er von den Colo⸗ niſten genannt wurde— eigentlich hieß er Bohlos — ſtand ſchon etwas halbſelig in der Thür, denn er hatte es ſich nicht nehmen laſſen, mit all ſeinen neu angekommenen Gäſten den ſogenannten Will⸗ kommenstrunk zu leeren, und betrachtete, die Hände 14*. 212 in den Taſchen, den von zwei endlich gefundenen Laſtträgern begleiteten Fremden. „Iſt dieſes das Hötel?“ fragte dieſer raſch. 3„Aufzuwarten,“ ſagte der Wirth, und überflog mit einem lächelnden Blicke die um die Thür her⸗ geſtreute Bagage;„Hötel zum Hoffnungsanker in Santa Clara. Wollen Sie ein Bett?“ „Ich wünſchte ein Zimmer— allein, wo möglich mit Cabinet— vorn heraus und im er⸗ ſten Stock.“ 3 „Kann ich mir wohl denken,“ ſagte Bodenlos mit unerſchütterlicher Ruhe, ohne ſelbſt die Hände aus den Taſchen zu nehmen—„das wünſchen ſich Mehr, können es aber eben nicht kriegen.“ „Nicht kriegen?“ ſagte der junge Mann er⸗ ſtaunt—„ich heiße von Pulteleben.“ „Iſt mir ſehr angenehm, Ihre werthe Bekannt⸗ ſchaft zu machen,“ ſagte der Wirth—„ich heiße Bohlos, Chriſtian Bohlos; das Lumpenvolk in der Colonie nennt mich aber Bodenlos, bleibt ſich in⸗ deſſen ganz gleich, wie wir Beide heißen.“ „Aber ich muß ein Zimmer haben,“ ſagte von Pulteleben, der noch gar nicht recht wußte, was er aus dem Benehmen des Wirthes machen ſollte. „Natürlich, wenn Sie nicht unter freiem Him⸗ mel bleiben wollen,“ meinte der Wirth,—„und wenn's regnete, wäre das fatal— beſonders für alle die Schachteln.“ „Dann bitte ich nur, daß Sie Anſtalt machen,“ ſagte von Pulteleben,„denn es iſt nicht ange⸗ nehn, hier draußen zu ſtehen, und ich möchte mein Gepäck los ſein.“ 471„Na, das wäre das Leichteſte,“ lachte der Wirth—„wenn Sie's nur hier eine Stunde allein draußen ſtehen ließen. Aber Herr von Bullleben, oder wie Sie gleich hießen, ich will Sie nicht lange hinhalten. Verlangen Sie hier ein Bett, um irgendwo mit Drei oder Vier in einem Zim⸗ mer zu ſchlafen, ſo denke ich, daß ich es möglich machen kann— ich will mir wenigſtens Mühe geben, und Eſſen genug haben wir im Hauſe, aber ein Zimmer allein können Sie nicht hier bekommen, weil ich eben keins mehr habe, und andere Gäſte hinaus werfen geht eben ſo wenig. Alſo damit Baſta!“ „Und exiſtirt hier kein anderes Hötel in der Stadt?“ fragte der ſichtlich ſchon ſehr Enttäuſchte. „Gegenwärtig nicht,“ bemerkte äußerſt artig Herr Bohlos;„wenn Sie aber vielleicht noch drei oder vier Monate warten wollen, ſo wird ſich wahrſcheinlich ein Rheinbaier hier etabliren und 214 ein Hôtel zur Belle Vue errichten; das Grundſtück iſt wenigſtens ſchon dazu angekauft.“ Herr von Pulteleben ſtand in einer wahren Verzweiflung mitten auf der Straße, denn die Ironie dieſes gemeinen Menſchen, des Wirthes, dem er nicht das Geringſte entgegenſtellen konnte, ließ ihn noch vollkommen unſchlüſſig, was er thun ſolle— erſt grob werden und den Burſchen dann mit Verachtung ſtrafen, oder das Letztere lieber gleich zuerſt thun. „Sie wollen ein hübſches Zimmer, vorn heraus und mit Ausſicht?“ redete ihn da plötzlich eine Stimme an, nach der ſich von Pulteleben über⸗ raſcht umſchaute. Jeremias, denn niemand An⸗ deres war es, der vor ihm ſtand, ſah aber auch in der That wunderlich genug aus, um Jemanden zu überraſchen, der friſch aus Deutſchland herüber kam und an jene exotiſchen Individuen noch nicht gewöhnt war, die man über ganz Amerika wild zerſtreut findet. Jeremias war, wie ſchon vorher einmal an⸗ gedeutet, eine Art von Factotum in der Colonie. Er trieb eigentlich gar keine beſtimmte Beſchäf⸗ tigung, ſondern nahm nur da Arbeit an, wo er ſie gerade bekam, ſo daß er oft fünf oder ſechs verſchiedene Herren zu gleicher Zeit, und dann * wieder einmal gar keinen hatte. Dazwiſchen ließ er ſich Wege ſchicken, putzte den Honoratioren. Stiefel und Röcke, reinigte Gewehre und Pfeifen, und ſtand ſogar in dem Rufe, ſchon hier und da Heirathen zwiſchen Familien vermittelt zu haben, die ſonſt im Leben nicht zuſammengekommen wären. Jedenfalls hatte er ein ähnliches Gewerbe in Deutſch⸗ land getrieben, wo zwiſchen Bauernfamilien und überhaupt auf dem Lande Ehen nur zu häufig auf dieſe Art geſchloſſen werden. Jeremias ging auch demnach gekleidet, denn während der Seidenhut(Cylinder, Schraube, Angſt⸗ röhre, oder wie die Namen alle heißen mögen) in die höhere Geſellſchaft hineinragte, ſtand er mit den groben, ſchweren nägelbeſchlagenen Schuhen mitten im Proletariat, und der übrige Menſch trug außerdem nur die Kleider der übrigen Men⸗ ſchen— abgelegte Hoſen, Weſten und Röcke, wie ſie ihm von den Honoratioren abfielen und meiſt noch alle aus Deutſchland herübergekommen waren. Leider paßten ſie nur nicht immer, und Jeremias ſchien darin eine eigene Geſchicklichkeit erworben zu haben, ſeinen Körper allen derartigen Errun⸗ genſchaften, ſo gut das nur möglicherweiſe gehen wollte, anzuſchmiegen. 3 Heute nun fand er reichliche Beſchäftigung bei den neuen Anſiedlern, theils um Gepäck auf einem Handkarren von der Landung herauf zu ſchaffen, theils die verſchiedenen Parten an paſſenden Stellen unterzubringen. Daß er ſeine übrigen und alten Kunden dadurch vernachläſſigte, ſtörte ihn nicht im Geringſten. Die liefen ihm nicht weg, aber Alles, was er unter der Zeit hier verdiente, war rein gewonnen. Um aber die Arbeit raſch und leicht verrichten zu können, hatte er ſeinen Rock ausgezogen und ohne Weiteres in irgend ein offenes Fenſter an der Straße hineingeſchoben; ſo ſtand er denn jetzt vor von Pulteleben, die unten zu einem Wulſt aufgekrämpelten Hoſen oben mit einer grellrothen, wollenen Schärpe ſtatt Hoſenträger feſtgehalten, darüber eine hellblaue Seidenweſte geknöpft, die der frühere Beſitzer nicht mehr tragen konnte, da ihm der Kellner eines Mittags die Saucisre darüber geſchüttet, eine ſchwarze Halsbinde um den nackten Hals, denn der weiße Hemdkragen war ihm bei der ſcharfen Arbeit darunter vor⸗ gerutſcht, und ein großes, blaubaumwollenes Ta⸗ ſchentuch in die linke Hoſentaſche ſo weit hinein⸗ gezwängt, wie es möglicherweiſe gehen wollte. Jeremias ſchwitzte außerdem, daß ihm das Waſſer ordentlich in Strömen von Stirn und 217 Schläfen herunter lief, und von Pulteleben lachte, trotz ſeiner unangenehmen Situation, doch gerade heraus, als Jeremias das blaue Taſchentuch jetzt durch einen plötzlichen Ruck zu Tage brachte— wobei er die Hoſentaſche auch mit nach außen drehte— dann mit der rechten Hand ſeine bren⸗ nend rothe Perrücke lüftete und ſich darunter den vollkommen kahlen Kopf mit dem Tuche wiſchte. „Na, Sie brauchen nicht zu lachen,“ ſagte Jeremias;„ich wollte einmal ſehen, wie Sie ſchwitzten, wenn Sie ſo ein Ding auf dem Kopfe hätten; das iſt wie ein Pelz— nun, wie ſteht's?“ „Alſo Sie haben eine Stube zu vermiethen?“ fragte der junge Mann, dem jetzt vor allen Dingen daran lag ein Unterkommen zu finden— in an⸗ genehmer Lage?“ „Ich nicht,“ meinte Jeremias,„das bleibt ſich aber gleich, denn ich weiß eine, wo Sie gleich einziehen können.“ „Allein?“ „Mutterſeelens,“ ſagte Jeremias lakoniſch. „Weit von hier?“ „Gar nicht.“ „Aber wie bekomme ich meine Sachen dort⸗ hin?“— „Handkarren,“ erwiederte der kleine praktiſche 218 Burſche, ſprang, ohne weiter eine Antwort ab⸗ zuwarten, hinter das Haus, holte dort ſeinen ein⸗ geſchobenen Karren vor, lud die Habſeligkeiten des Fremden darauf, ſchnürte das Ganze mit einem Seile feſt zuſammen und war nach wenigen Minuten ſchon unterwegs, und zwar nach keinem andern Hauſe, als dem der Gräfin Baulen, in welchem er den Fremden ohne Weiteres einzuquartieren gedachte. Glücklich für ihn und ſeinen kühn entworfenen Plan war Oskar gerade nicht zu Hauſe und mit Helenen auf einem Spaziergange begriffen, um die neu gekommenen Anſiedler ein wenig zu be⸗ ſichtigen. Als Jeremias mit dem Karren vor dem Garten hielt, ſaß die Frau Gräfin gerade in ihrem Zimmer und ſchrieb ein paar Briefe. „Das iſt aber kein Hötel,“ ſagte der junge Fremde, das Haus betrachtend. „Privatwohnung,“ meinte Jeremias—„aber famos— charmante Leute— werden Ihnen ge⸗ fallen, beſonders die Tochter“— und damit rückte er ſich ohne Weiteres einen der ſchweren Koffer auf die Schultern und ſchritt damit in das Haus hinein, während von Pulteleben bei ſeinen übrigen Sachen noch zurückblieb. Nach einer Weile kam er wieder zurück und holte den andern Koffer, 219 und als er zum dritten Male kam, packte er dem Fremden ſelber ein paar Hutſchachteln und ein leichtes Kiſtchen mit Schirm und Stock auf, er⸗ griff dann das Uebrige und ſagte: „Nu kommen Sie, jetzt wollen wir einziehen.“ Der Fremde folgte ihm auch vollkommen ahnungslos, daß ihn der kleine Burſche hier ohne die geringſte Berechtigung in ein wildfremdes Haus als Miethsmann einführe, und nur erſt, als ſie die erſte Treppe erſtiegen hatten und Jeremias voran die zweite hinaufſtieg, blieb er ſtehen und ſagte: „Noch höher?“ „Kommen Sie nur,“ ermunterte ihn jedoch ſein Führer—„famoſe Ausſicht, wie gemalt,“ und da er ihm mit ſeinen Sachen voranging, blieb auch Nichts weiter übrig, als ihm zu folgen; mußte er doch überhaupt froh ſein, nur ein Unterkommen zu finden. Kaum hatte er übrigens etwa zehn Stufen der zweiten Treppe erſtiegen, als eine Thür im erſten Stock geöffnet wurde und die Frau Gräfin, welche den Lärm draußen gehört hatte, erſtaunt auf ihrer Schwelle ſtehen blieb. Sie erkannte übrigens, vor dem Fremden, noch gerade den aufſteigenden Jeremias und rief: „Nun, was iſt denn das für Gepäck?“ 220 „Alles in Ordnung!“ rief Jeremias zurück, ohne ſich weiter ſtören oder außer Faſſung bringen zu laſſen. Die Gräfin ſchüttelte den Kopf, doch ſie konnte nicht anders glauben, als daß Oskar, der gewohnt war ſehr ſelbſtſtändig aufzutreten, ihr irgend einen Gaſt in das Haus gebracht habe, der ihr aller⸗ dings zu keiner Zeit hätte unbequemer kommen können. Gewohnt aber, ſich in deſſen Launen oder unbedachte Streiche zu fügen, ſeufzte ſie nur tief auf, trat in ihr Zimmer zurück und zog die Thür hinter ſich in's Schloß. Wenn Oskar übrigens nach Hauſe kam, wollte ſie ihm tüchtig den Kopf deshalb zurecht ſetzen.. Der Fremde erreichte das kleine Zimmer, wo Jeremias ſchon ſeine übrigen Sachen eingeſtellt hatte, und ſah ſich hier allerdings etwas überraſcht um. So freundlich das Local auch liegen mochte, denn es bot einen Ueberblick über einen Theil der Anſiedelung und nach den fernen Bergen hinüber, ſo fehlte ihm doch auch jede andere Bequemlich⸗ keit. Kein Stuhl, kein Tiſch, kein Bett, kein Spiegel, Nichts, Nichts war zu ſehen, als die kahlen geweißten Wände, d Herr von Pulte⸗ leben rief: „Nun, das iſt ein hübſches Logis, in dem nicht 221 einmal ein Stuhl ſteht! Wohin haben Sie mich denn gebracht, Meiſter Ungeſchickt?“ „Nur keine Ueberſtürzung,“ ſagte Jeremias, indem er den Reſt der Sachen auf die beiden Koffer legte;„wir haben Zeit, und nach und nach macht ſich Alles. Vorerſt ſind Sie einmal untergebracht, und was wollen Sie mehr?“ „Mehr?“ rief von Pulteleben erſtaunt— „Möbel will ich— meine Bequemlichkeit, wofür ich bezahle, und vor allen Dingen einen⸗ Waſch⸗ tiſch.“.. „Waſchtiſch?“ ſagte Jeremias—„giebt's nicht. Vor der Hand ſetzen wir das Waſchbecken auf einen Stuhl, wenn wir erſt eins haben.“ Herr von Pulteleben, der anfing, ſich über den Burſchen zu amüſiren, lachte, und Jeremias, ſich im Zimmer umſehend, fuhr fort: „Hauptſächlich brauchen Sie einen Tiſch und einen Stuhl, das iſt wohl das Nothwendigſte.“ „Ich dächte auch,“ ſagte der junge Mann,„um nur die beſcheidenſten Anſprüche zu befriedigen.“ „Das denk' ich, kann ich ſchaffen,“ nickte Jeremias,„und was weiter loszueiſen iſt, wollen wir nachher ſehen. Decken haben Sie doch bei ſich 2* „Decken? Denke nicht daran; nur meinen Plaid. 222 Die Leute, welche ein Zimmer vermiethen, müſſen doch auch ein Bett dazu haben.“ „Puh!“ meinte Jeremias,„reden wir nicht davon; aber ein Plaid iſt für das warme Wetter genug zum Zudecken, und der Boden hier im ſchlimmſten Falle,“ fuhr er fort, indem er mit dem Hacken auf die Diele trat,„von weichem Holze— Luſt und Liebe zu einem Ding machen jede Müh' und Arbeit gering.“ „Den Teufel auch,“ rief der junge Mann er⸗ ſchreckt,„ich werde doch nicht ſollen auf der nackten Erde ſchlafen?“ „Nackten Erde? Pſt!“ ſagte Jeremias mit einem unendlich komiſchen und ermahnenden Ge⸗ ſichte—„es ſind Damen im Hauſe!“ „Sie ſind ein ganz verrückter Menſch!“ lachte von Pulteleben;„aber jetzt verſchaffen Sie mir wenigſtens das Nöthigſte. Es ſoll Ihr Schade nicht ſein,“ ſetzte er hinzu, indem er ihm einen Milreis in die Hand drückte;„aber ich bin in Eile, ich muß mich umziehen und dem Director noch meine Aufwartung machen.“ „Aufwartung?“ fragte Jeremias, der mit einer dankenden Bewegung das Geld nahm, betrachtete und dann in ſeine Weſtentaſche ſchob—„Auf⸗ wartung giebt's hier nicht— aber einerlei, wollen ſchon Alles beſorgen,“ und damit verſchwand er aus der Thür. Jeremias war übrigens nicht der Mann, etwas Begonnenes halb zu thun; ohne deshalb weiter bei der Beſitzerin des Hauſes an⸗ zufragen, ging er in Oskar's Zimmer, wo er zwei Tiſche wußte, nahm einen davon und trug ihn hinauf. Dann ſuchte er ſich in Helenens Stube und Schlafzimmer zwei Stühle, und das erſt einmal erobert, nahm er auch Oskar's Waſch⸗ becken und Handtuch, mit Kamm, Seife, Zahn⸗ bürſte und Allem was dabei lag, und trug es ſeinem einquartierten Gaſte zu. „Zum Henker auch,“ rief Pulteleben, als er damit ankam,„das iſt ja ein ſchon gebrauchtes Handtuch!“ „Herr Du meine Güte, ſind Sie eigen!“ ſagte Jeremias;„ich brauche gar keins, ich nehme immer mein Schnupftuch. Was fehlt nun noch?“ „Waſſer und ein reines Handtuch.“ Jeremias ſchüttelte mit dem Kopfe, ſtieg aber doch noch einmal hinunter und kam bald mit dem Verlangten zurück. Nur ſtatt des Handtuchs hatte er eine reine Serviette gebracht, die er auf He⸗ lenens Toilettetiſch gefunden und ohne Weiteres als gute Beute mitgenommen. „Und wie ſteht's mit dem Bette?“ fragte der 224 Fremde, indem er den Rock auszog und die Hemd⸗ ärmel in die Höhe ſtreifte. „Bett? giebt's nicht!“ ſagte Jeremias trocken, „wenigſtens jetzt nicht. Sie wollen ſich doch jetzt noch nicht ſchlafen legen?“ „Nein— aber doch den Abend.“ „Gut, bis dahin wird Alles beſorgt werden.“ „Und kann man hier im Hauſe Etwas zu eſſen bekommen?“ „Zu eſſen? Hm“— ſagte Jeremias, der dar⸗ über noch nicht recht mit ſich im Klaren war— „danach müſſen wir erſt fragen. Für heute ſind die Leute vielleicht noch nicht darauf eingerichtet. Aber da gehen Sie lieber in's Gaſthaus zu Bo⸗ denlos— der hat's.“ „Und wie heißt der Eigenthümer dieſes Hauſes?“ „Spenker, Bäckermeiſter.“ „Gut, dann ſchicken Sie ihn mir nachher ein⸗ mal herauf— ich will mich erſt waſchen— damit ich mit ihm reden kann. Das iſt ein verwünſcht öder Aufenthalt hier, und wenn er mir das nicht ein wenig behaglicher einrichten will, ziehe ich wieder aus.“ 8. „Auf die Straße?“ fragte Jeremias;„denn weiter giebt’s keinen Platz, Sie müßten denn 225 vielleicht in einem von den Gärten eine Laube zu miethen bekommen.“ Damit aber, als ob er jetzt ſeine Schuldigkeit gethan habe, zog er ſich zurück und drückte ſich leiſe an dem Zimmer der Frau Gräfin vorbei, der er jetzt nicht gern be⸗ gegnen mochte. Der Fremde da oben konnte nun ſehen, wie er mit„der Alten“ fertig wurde. Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. I. 15 8.. Die Sinquartierung. Oskar und Helene hatten einen Spaziergang durch die kleine Stadt gemacht, um ſich an dem Gewirre der friſch eingetroffenen Fremden zu amüſiren, und waren, deſſen müde geworden, nach Hauſe zurückgekehrt. Sobald Helene ihr Zimmer betrat, konnte ihr natürlich die daſelbſt vorgenommene Aenderung nicht entgehen. Die Serviette fehlte von ihrem Toilettetiſche und die darauf geordnet geweſenen Sachen ſtanden wild zerſtreut umher; zwei Stühle fehlten außerdem, auf die ſie gewohnt geweſen war ihre Sachen abzulegen. Sie klingelte ihrem Mädchen, um zu erfahren wer in ihrem Zimmer geweſen ſei. Dorothea hatte aber in der ganzen 227 Zeit ihre Küche nicht verlaſſen und konnte ihr deshalb nicht die geringſte Auskunft geben. Oskar ſuchte indeſſen ſein Gemach, warf ſeine Mütze in eine Ecke, ſich ſelber auf das Sopha und rauchte in dieſer Lage ſeine Cigarre weiter, als er in dem über ihm liegenden Zimmer die ſchweren Schritte eines Mannes hörte. Das Haus war nur leicht gebaut, und es klang ſo deutlich zu ihm herunter, daß er ſich endlich aufrichtete und horchte. „Wer zum Henker iſt denn da oben?“ brummte er endlich leiſe vor ſich hin—„dem Jeremias bin ich doch eben mit ſeinem leeren Karren in der Stadt begegnet und die Dorothea hat keinen ſolchen Schritt.“ Er horchte noch eine Weile; da es ſich aber gar nicht verkennen ließ, daß da oben jemand Fremdes ſei, ſprang er endlich auf und ſtieg die Treppe hinauf. Die Thür der ſonſt immer leer ſtehenden Kammer war offen und nur angelehnt, und neugierig, wer da oben Etwas zu thun haben könne, ſtieß er ſie noch etwas weiter auf und ſah hinein. Herr von Pulteleben war gerade mit Waſchen fertig und ſtand vor einem der geöffneten Fenſter⸗ flügel, den er vorläufig als Spiegel benutzte, um 15* ſich die wohlgeölten Haare, ſo gut das eben gehen wollte, zu ordnen. Als er aber das Knarren der Thür hörte, drehte er den Kopf herum, und ſah kaum den hereinſchauenden Oskar, als er ausrief: „Ah, da iſt doch noch jemand Lebendiges in dem Hauſe. Wohnen Sie hier?“ „Guten Morgen,“ ſagte Oskar, der, auf's Aeußerſte erſtaunt den Fremden hier zu finden, bald auf ihn, bald auf ſeine Koffer und Kaſten ſtarrte—„ja wohl wohne ich hier!“ „Wo iſt denn nur der Lump von Aufwärter hingekommen?“ „Der Aufwärter?“ ſagte Oskar, noch immer ſeinen Augen nicht trauend—„der Jeremias etwa?“ „Ich weiß nicht wie er heißt; er wollte ja gleich wiederkommen. Gehen Sie wieder hinunter 24 „Ich hatte die Abſicht,“ erwiederte Oskar. „O, dann ſein Sie doch ſo gut und ſchicken mir ein Glas zum Zahnputzen herauf. Es iſt ja noch gar Nichts eingerichtet. Das ſcheint eine ſchöne Wirthſchaft hier zu ſein 11 „Bitte,“ ſagte Oskar, der aus ſeiner Verwunde⸗ rung gar nicht herauskam,„geniren Sie ſich nicht — mit wem habe ich denn eigentlich die Ehre?“ „von Pulteleben,“ ſagte der junge Mann, 229 ſeinen Locken eben den letzten Strich gebend— „um wie viel Uhr wird hier gegeſſen?“ „Um ein Uhr,“ ſagte Oskar, durch die Ruhe des Fremden immer mehr darin beſtärkt, daß er jedenfalls ein Gaſt ſeiner Mutter ſein müſſe, wenn er auch keinen denkbaren Zuſammenhang dazu finden konnte. Wer hätte der Fremde aber ſonſt ſein können? „Haben Sie eine richtig gehende Uhr?“ fragte dieſer endlich weiter. „Ja,“ erwiederte Oskar, indem er danach ſah; „es wird gleich zwölf Uhr ſein.“ „O, deſto beſſer, dann kann ich vorher noch zum Director hinübergehen. Bitte, vergeſſen Sie nicht, mir das Glas gleich zu ſchicken.“ „Mit dem größten Vergnügen,“ erwiederte Oskar, drückte die Thür wieder in's Schloß, ſchickte das Mädchen von unten mit einem Glaſe hinauf und ging dann zu ſeiner Mutter in's Zimmer, um ſich nach dem Fremden zu erkundigen. Die Frau Gräfin ſchloß eben ihren letzten Brief, als Oskar das Zimmer betrat, und ſah ſich nach ihrem Sohne gar nicht um. „Wer iſt denn der Herr, Mama, den Du uns da oben einquartiert haſt?“ fragte Oskar jetzt; „das ſcheint ja ein komiſcher Kauz zu ſein!“ Die Gräfin, welche gerade eine Adreſſe ſchrieb, drehte erſtaunt den Kopf über die Achſel und ſagte: „Und das fragſt Du mich? Erſt bringſt Du mir, ohne die geringſte Erlaubniß vorher einzu⸗ holen, einen wildfremden Menſchen in's Haus, und dann weißt Du ſelber nicht einmal wer er iſt? Oskar, es wird mit Dir jede Woche ſchlimmer, und ich fürchte, daß es ſo nicht mehr lange dauern kann!“ „Ich habe einen Fremden in's Haus gebrach rief aber Oskar jetzt ſeinerſeits erſtaunt und mit einer gewiſſen Genugthuung, daß er endlich einmal an einem ihm aufgebürdeten Vergehen vollkommen unſchuldig ſei—„ich bin mit Helenen ſpazieren gegangen und habe den Menſchen, der da oben Toilette macht, in meinem ganzen Leben nicht geſehen.“ Es war jetzt an der Gräfin, erſtaunt zu ſein, und ſich ganz gegen Oskar drehend, rief ſie aus: „Aber Helene kann ihn doch nicht eingeladen haben!“ „Helene— Unſinn!— Helene war ja den ganzen Morgen bei mir, und wir haben mit kei⸗ Seele geſprochen, den Baron ausgenommen.“ „Aber der Jeremias hat ja doch ſein Gepäck t 2 231 in’'s Haus gebracht, und ſagte mir, daß Alles in Ordnung ſei.“ „Der Jeremias?“ wiederholte Oskar, der nur immer noch verwirrter wurde. „Und Du haſt u Ahnung, wer der Fremde iſt?“ „Er ſagte mir, er heiße von Pulteleben.“ „Und woher?“ „Das weiß Gott— ich kenne ihn nicht, und der Jeremias— aber zum Henker noch einmal, was zerbrechen wir uns den Kopf ganz unnöthi⸗ ger Weiſe; wir werden doch wahrhaftig den frem⸗ den Herrn, der ſich ſo sans façon bei uns ein⸗ quartiert hat, fragen dürfen wo er herkommt und was er will!“ Und mit den Worten ſchoß er auch ohne Weiteres zur Thür hinaus und wollte eben die Treppe hinauf, als er unten Jeremias in den Vorſaal treten ſah. 5 „Jeremias,“ rief er hinunter,„komm' einmal herauf— aber raſch!“ „Ich fliege ſchon,“ erwiederte dieſer, der ſich keineswegs dabei beeilte, denn er wußte recht gut was ihn jetzt erwartete. Oskar ſtand oben an der Treppe, und ſo wie der Alte nur ſo weit heraufgekommen war, daß er ihn mit der Hand erreichen konnte, erwiſchte er ihn bei dem einen Ohre, und zog ihn dem Zimmer ſeiner Mutter zu. „Donnerwetter, junger Herr!“ rief der Alte leiſe,„Sie reißen mir ja den linken Löffel aus r für ein zärtlicher Em⸗ pfangea? „Warte, Du Schlingel,“ rief Oskar,„er ſoll noch zärtlicher werden! Jetzt nur herein mit Dir und gebeichtet, was Du für verfluchte Streiche heute gemacht haſt! Da bring' ich ihn, Mama— jetzt auf die Kniee nieder, Halunke, und nun ge⸗ ſtehe, was das für eine Geſchichte mit dem Frem⸗ den iſt!“ „Aber, ſo ſchreien Sie doch nur nicht ſo,“ flüſterte Jeremias, der ſich nicht im Geringſten außer Faſſung bringen ließ—„die ganze Stadt braucht's doch nicht zu wiſſen, was wir hier mit einander reden, und der Fremde da oben hat Ohren wie ein Hirſch.“ „Wer iſt der Fremde, und wo kommt er her?“ fragte die Gräfin ſtreng. „So laſſen Sie doch nur mein Ohr los,“ bat Jeremias,„ich laufe Ihnen ja nicht mehr davon, und es ſtört in der Unterhaltung.“ „Wer iſt der Fremde? will ich wiſſen,“ wieder⸗ — was iit denn d 233 holte die Gräfin, indem Oskar das Ohr des Alten losließ, ihm aber den Ausweg verſtellte. „Kann Ihnen nicht dienen, Frau Gräfin,“ antwortete achſelzuckend der alte Spitzbube— fand ihn heute auf der Straße zwiſchen einem ganzen Berge von Koffern und Hutſchachteln, und da er kein Unterkommen finden konnte, wir da⸗ gegen Platz haben und er mir gefiel, ſo brachte ich ihn mit nach Hauſe.“ „Dir gefiel, Du Galgenſtrick,“ rief Oskar, Dir gefiel! Und was für ein Recht haſt Du, fremde Gäſte hier in das Haus zu führen?“ „Jetzt ſein Sie einmal vernünftig,“ ſagte Jeremias, ohne ſich auch nur im Geringſten aus ſeiner Ruhe bringen zu laſſen.„Der fremde junge Menſch iſt jedenfalls ein vornehmer Herr, denn er hat ein paar ganz ausgezeichnete Lederkoffer, die ein ſchmähliches Geld gekoſtet haben müſſen. Außerdem iſt er aber auch reich wie Butter und wirft mit den Milreis nur ſo um ſich.“ „Aber was geht das uns an?“ rief Oskar, während die Frau Gräfin vor Erſtaunen noch immer nicht zu Worte kommen konnte. „Was das Sie angeht?“ wiederholte Jere⸗ mias in vollkommener Seelenruhe—„das will ich Ihnen ſagen. Die Stube oben...“ 234 „Heh, Wirthſchaft!“ rief es in dieſem Augen⸗ blicke laut von oben herunter;„läßt ſich denn Niemand blicken? Das ganze Haus iſt ja wie ausgeſtorben— heh, hollah!“ Jeremias, der ſeine Rede unterbrochen hatte, wie er oben die Stimme hörte, öffnete die Thür ein Wenig, ſteckte den Kopf hinaus, rief laut: „Komme gleich!“ und ſchloß ſie dann wieder, wo⸗ nach er, ohne eine Miene zu verziehen, ruhig fortfuhr: „Stand doch außerdem leer und wurde nicht benutzt.“ Oskar lachte gerade hinaus, denn das Ganze fing an ihm unendlich komiſch vorzukommen. „Ich möchte jetzt nur eigentlich wiſſen„ ſagte die Gräfin mit einem finſtern Blick auf Oskar und Jeremias,„wer noch Herr hier im Hauſe iſt. Sie wer⸗ den jedenfalls dafür ſorgen, Jeremias, daß der fremde Menſch augenblicklich unſer Haus wieder verläßt und eine andere Wohnung bezieht.“ „Giebt's gar nicht,“ ſagte Jeremias ruhig; „hören Sie mich nur an. Was haben Sie denn von dem leeren Kaſten da oben? Der Fremde iſt ein anſtändiger junger Menſch, der Ihnen eine gute Miethe bezahlt, und außerdem hätte auf der Straße logiren müſſen.“ 235 „Aber wer hat Ihnen denn die Erlaubniß gegeben, das zu vermitteln?“ fragte die Gräfin. .„Nur praktiſch,“ meinte Jeremias,„das iſt die Hauptſache. Außerdem ſind Sie ja nicht mit ein⸗ ander verheirathet, und wenn er Ihnen nach zwei oder drei Monaten nicht mehr gefällt, können Sie ihn ja immer noch wieder ausquartieren.“ „Nach zwei oder drei Monaten?“ rief die Gräfin eerſtaunt. „Oder noch ſpäter,“ meinte Jeremias trocken; aber jetzt muß ich wahrhaftig hinauf, und ſehen was der junge Herr will; er wird mir ſonſt ganz ungeduldig und am Ende gar noch grob“— und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, verließ er das Zimmer und ſtieg die Treppe hinauf. „Eine ſolche Unverſchämtheit iſt mir aber doch noch nicht vorgekommen,“ lachte Oskar,„und das Einfachſte wird ſein, ich gehe hinauf und erſuche den Herrn, ſeine Sachen augenblicklich wieder zuſammen zu packen und das Haus zu räumen.“ „Warte noch einmal,“ ſagte ſeine Mutter, die indeſſen nachdenkend am Fenſter geſtanden hatte, indem ſie die Hand gegen ihn ausſtreckte:„wie ſagteſt Du daß der Herr hieß?“ „Er nannte ſich von Pulteleben.“ „Wie alt etwa?“ 236 „Nun, vielleicht drei⸗ oder vierundzwanzig Jahre.“ 8 „Hm— und er ſcheint aus guter Familie? Da dürfen wir doch wenigſtens nicht ungezogen gegen ihn ſein, denn aller Wahrſcheinlichkeit nach glaubt er ſich hier in ſeinem vollen Rechte zu befinden, und würde ſchwerlich eingezogen ſein, wenn er wüßte, wie ſich Alles verhält.“ „Er fragte wenigſtens ſchon ganz naiv, u welche Stunde bei uns geſpeiſt würde,“ lachte Oskar. Die Gräfin ging im Zimmer auf und ab und blieb endlich wieder vor ihrem Sohne ſtehen. „Die Sache kann nicht ſo bleiben,“ ſagte ſie, „denn einen Miethsmann läßt man ſich eben nicht mit Gewalt in das Haus bringen. Da aber der junge Fremde hier wahrſcheinlich in der Colonie bleibt, ſo iſt es auch eben ſo klug gehandelt, ſich nicht in Unfrieden, ſondern in Frieden wieder zu trennen. Gehe hinauf und lade ihn für heute Mittag ein, unſer Gaſt zu ſein— wir ſind doch allein— und bei Tiſche mag er dann erfahren, auf welche außergewöhnliche Art er bei uns ein⸗ geführt wurde. Es bleibt ihm dann der ganze Nachmittag, ſich nach einem andern Quartiere umzuſehen.“ 237 „Der Jeremias iſt ein göttlicher Kerl!“ ſagte Oskar lachend. „Und je eher Du den wieder fortſchickſt, deſto beſſer ebenfalls,“ meinte ſeine Mutter,„denn ich bin doch nicht geſonnen, mich der Gefahr auszu⸗ ſetzen, von einem ſo eigenmächtigen Hausknecht in noch Gott weiß was für unangenehme Situationen gebracht zu werden. Mit einem ſo ſtockdummen Menſchen iſt außerdem gar Nichts anzufangen— ich will lieber mit einem Schurken zu thun haben, denn vor dem kann man ſich in Acht nehmen.“ Oskar hatte ſeine Zweifel, was Jeremias' Dummheit betraf, aber die Sache mit dem Frem⸗ den ging ihm im Kopfe herum, und das Zimmer verlaſſend, wollte er eben zu ihm hinauf, als er aus ſeinem Zimmer wieder den Jeremias kommen ſah, der auf dem Kopfe einen Lehnſtuhl, in der linken Hand dabei einen Stiefelknecht und in der rechten einen kleinen Handſpiegel trug. „Du biſt doch ein ganz niederträchtiger, ab⸗ gefeimter Halunke!“ ſagte Oskar;„wer hat Dir denn erlaubt, mein ganzes Zimmer auszu⸗ plündern?“ „Machen Sie keine Geſchichten,“ erwiederte Jeremias, mit den Augen blinzelnd;„das iſt ein 288 prächtiger junger Menſch, und thut ſchon ſo, als ob er ganz zu Hauſe wäre.“ Oskar, dem die Sache Spaß machte, ſprang jetzt die Treppe voran hinauf. Als er die Thür öffnete, ſtand Herr von Pulteleben ſchon fertig angezogen, nur mit ein Paar glanzledernen Stiefeln in der Hand, mitten in der Stube. „Na, kommen Sie— ah, Sie ſind's— ent⸗ ſchuldigen Sie, ich glaubte, es wäre der Strick, der Aufwärter; der bleibt eine Ewigkeit.“ „Er kommt dicht hinter mir,“ ſagte Oskar; „Herr von Pulteleben, ich ſoll Ihnen melden daß pünktlich um ein Uhr gegeſſen wird.“ „So? Sehr angenehm, ich werde auf meinem Zimmer eſſen.“ „Dazu iſt die nöthige Einrichtung doch noch nicht getroffen,“ erwiederte Oskar;„ich habe den Auftrag, Sie zu erſuchen mit uns zu diniren.“ „Hm,“ ſagte von Pulteleben, der ſich ſchon zu Hauſe vorgenommen hatte, der amerikaniſchen „Freiheit und Gleichheit“ ſo viel als möglich aus dem Wege zu gehen, und nicht gleich mit ſich im Klaren war, ob er vielleicht ſeiner künftigen Stel⸗ lung in der Colonie Etwas vergeben würde, wenn er mit der„Bäckerfamilie“ ſpeiſte,—„ich eſſe viel lieber allein.“ 239 „Dann laſſen Sie ſich's heute wenigſtens ein⸗ mal bei uns gefallen,“ lachte Oskar,„morgen werden Sie jedenfalls allein eſſen können.“ „Nun gut,“ erwiederte von Pulteleben—„na endlich,“ wandte er ſich dann an den eben eintretenden Jeremias, indem er ihm den Stiefelknecht abnahm und ſeine beſtaubten Stiefel auszog—„ſetzen Sie den Stuhl nur dahin— aha, und auch ein kleiner Spiegel. Das muß ich geſtehen, lieber Freund, auf Gäſte ſcheinen Sie hier im Hauſe nicht eingerichtet zu ſein. Die Unordnung iſt wirklich bodenlos und die Bedienung noch ſchlechter. Wie heißen Sie, he?“ „Jeremias, zu Befehl,“ ſagte dieſes würdige Individuum in ſteifer Haltung und warf einen etwas unruhigen Blick auf Oskar hinüber, von dem er nicht wußte, wie er das Urtheil über die Wirthſchaft aufnehmen würde. Dieſer aber amü⸗ ſirte ſich vortrefflich, und während der junge Mann ſeine Stiefel wechſelte und dann ſeinen Hut nahm, ſaß er verkehrt auf dem einen Stuhle, ſtützte ſich mit beiden Armen auf die Lehne und ſah ihm lächelnd zu. Endlich hatte von Pulteleben ſeine Toilette beendet, ſchloß ſeine Koffer, ſah ſich noch einmal im Zimmer um, ob er Nichts vergeſſen 240 hätte, und ſagte:„So— wenn's gefällig iſt; ich möchte zuſchließen.“ „Aha, mit Vergnügen„“ rief Oskar auf⸗ ſpringend—„wollen Sie den Schlüſſel mitnehmen oder da laſſen?“ „Hm— ich werde ihn da laſſen, damit das Mädchen nachher aufräumen kann— man hat doch Nichts zu befürchten?“ 3 4 Jeremias ſah wieder Oskar beſtürzt von der Seite an, dieſer aber erwiederte lächelnd:„Nicht das Geringſte— aber Sie ſind pünktlich?“ „Wenn ich irgend kann, gewiß.“ Damit verließ er das Zimmer, wo hinaus ihm die Beiden folgten, und ſtieg die Treppe hinab, während Oskar zu ſeiner Mutter hinein⸗ ſprang, um ihr Bericht abzuſtatten. Gerade als von Pulteleben nach der untern Treppe zu ging, öffnete ſich dort die nächſte Thür, die in Helenens Zimmer führte, und die Comteſſe trat heraus. Kaum aber gewahrte ſie den Fremden, der ſie überraſcht und höflich grüßte, als ſie ſich mit einer halben und flüchtigen Verbeugung wieder zurückzog. „Alle Wetter,“ wandte ſich von Pulteleben leiſe zu dem dicht hinter ihm dreinkommenden 241 Jeremias,„das iſt ja ein wunderſchönes Mädchen; das war doch nicht die Bäckerstochter?“ Jeremias, ob er die Frage falſch verſtanden oder abſichtlich ſeinen Spaß daran hatte, den Fremden im Irrthume zu laſſen, nickte nur, vor Vergnügen grinſend, mit dem Kopfe, und von Pulteleben ſtieg, mit der Entdeckung ſehr zufrieden, die Stiege hinunter, um noch vor Tiſche ſeine Aufwartung bei dem Herrn Director zu machen. Er war jetzt feſt entſchloſſen, die Stunde des Mittageſſens pünktlich einzuhalten. Arno von Pulteleben war ein lieber, guter, ehrlicher Menſch, der nur mit einem ganz unbe⸗ ſtimmten Begriffe nach Braſilien gekommen war, wie er das Land überhaupt finden werde, und was er— wenn er es gefunden— da eigentlich wolle. Es geht einer großen Menge von Aus⸗ wanderern ſo, die auch nur zu häufig weder wiſſen, was man von ihnen fordern könnte, noch was ſie im Stande wären zu leiſten, und die dabei nur allein in dem Namen Amerika den Inbegriff aller erfüllten Hoffnungen und Träume ſehen.„Nur erſt einmal in Amerika,“ ſagen dieſe,„und das Andere findet ſich Alles von ſelber.“ In Etwas haben ſie Recht, denn es findet ſich in der That; 16 Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. I. nur freilich manchmal ganz anders, wie ſie es ſich gedacht hatten. Miit einer ſolchen unklaren Idee war auch Herr von Pulteleben herüber gekommen. Er trat übrigens dabei mit vollkommener Sicherheit auf, denn er war ſich bewußt, ſeinen Weg bezahlen zu können. Er hatte Geld bei ſich, ein Capital von wenigſtens tauſend ſpaniſchen Dollars, und daß er Speculationsgeiſt genug beſaß, daſſelbe im Laufe von einigen Jahren vielleicht zu verzehn⸗ fachen, daran zweifelte er ſelber keinen Augenblick. Sein Grundſatz dabei war,„den Moment zu er⸗ faſſen“—„friſch gewagt, iſt halb gewonnen!“ und wie derartige vortreffliche Sprüchwörter alle heißen. Jedenfalls hatte er volles Selbſtvertrauen, und da er ſchon in Deutſchland einmal eine Fuß⸗ partie gemacht und dabei zwei Nächte hinter ein⸗ ander auf der Streu geſchlafen hatte, ſo hielt er ſich auch allen Entbehrungen, die ihm hier etwa aufſtoßen konnten, vollkommen gewachſen. Herr von Pulteleben fand ſich übrigens etwas überraſcht, als er im Directionsgebäude ſeine Karte abgegeben hatte und von dem Director die Antwort zurück erhielt:„Es würde ihm ſehr an⸗ genehm ſein, die Ehre ein anderes Mal zu haben, heute ſei er aber ſo ausſchließlich beſchäftigt, daß er keinen Beſuch empfangen könne.“ „Hm— angenehm,“ brummte er vor ſich hin, als er ſeine weißen Glacéhandſchuhe auszog, zu⸗ ſammenrollte, in die Taſche ſteckte und wieder hinaus in's Freie ging;„Herr Director Sarno ſcheinen verwünſcht wenig Umſtände zu machen, und die Artigkeit hätte doch wenigſtens verlangt, daß er... aber was thut’'s— ich habe jetzt doch meine Schuldigkeit gethan, und wenn er nun meine Bekanntſchaft zu machen wünſcht, iſt die Reihe an ihm.“ Mit dieſem beruhigenden Gefühle ſchlenderte er durch die Straßen der Stadt und fand eine Menge bekannter Geſichter— Leute, die mit ihm in einem und demſelben Schiffe über See gekommen waren und alle Gefahren gemeinſchaftlich getheilt hatten, aber— ſie waren im Zwiſch endeck gereiſt, und Herr von Pulteleben in der Kajüte— eine Ent⸗ fernung, die in ihrer Räumlichkeit wohl kaum zehn Schritte betragen mochte, aber doch ausreichte, beide Theile vollſtändig fern von einander zu halten. Man kannte ſich von Anſehen, aber man grüßte ſich nicht, und ſo unbedeutend das an ſich ſcheinen mag, ſo diente es doch dazu, ein nichts weniger 16* 8 24 als freundſchaftliches Gefühl zwiſchen beiden Theilen zu erzeugen. Das iſt nun freilich nicht zu ändern, denn Standes⸗ und Rangunterſchiede exiſtiren einmal auf der Welt, und werden trotz aller Communiſten fortbeſtehen, bis wir Alle unſer letztes Ziel, das Grab, erreichen. Selbſt unter den Thieren und Pflanzen herrſchen Rang und Gewalt; es giebt ſogar edle und unedle Metalle, und das Menſchen⸗ geſchlecht läßt ſich nicht in Einen Topf werfen und darin halten. Ein Theil von ihm will ſeine beſonderen Gefache haben— und bekommt ſie auch, und der Reſt muß entweder danach ſtreben, dieſe ebenfalls zu gewinnen, oder— ſich darein fügen. Herr von Pulteleben hielt das auch natürlich für ganz in der Ordnung, denn daß es Kajüte und Zwiſchendeck geben mußte, verſtand ſich von ſelbſt. Allerdings kam ihm dabei faſt unwillkür⸗ lich der Gedanke, daß er zufälligerweiſe am Tiſche des Bäckermeiſters mit einem Zwiſchendecks⸗Paſſa⸗ gier zuſammentreffen könne— aber das blieb doch zu unwahrſcheinlich— die junge Dame, der er begegnet, ſah dafür zu anſtändig aus, und— war ihm die Geſellſchaft wirklich nicht 245. paſſend, ſo gab es immer einen Vorwand, ſich zurückzuziehen. Als er auf ſeinem Spaziergange die ſehr einfache Kirche paſſirte, zeigte die Uhr gerade zehn Minuten vor Eins, und er gerieth etwas in Verlegenheit, da er den Namen des Bäckermeiſters vergeſſen hatte, in deſſen Haus er abgeſtiegen. Glücklicher Weiſe beſaß er Ortskenntniß genug, wenigſtens die Richtung behalten zu haben; es war überhaupt nicht ſchwer, ſich in dem kleinen Orte zurecht zu finden, und mit dem Schlage Eins entdeckte er vor ſich das Haus, das ſich überdies vor allen in der Nachbarſchaft durch den kleinen, aufgebauten Erker auszeichnete. An der Treppe empfing ihn ſchon Oskar, der ſich das Ver⸗ gnügen nicht wollte entgehen laſſen, ihn ein⸗ zuführen. „Ah, Herr Baron, das iſt ſchön daß Sie Wort halten!“ rief er ihm entgegen.„Eben wird die Suppe aufgetragen und Mutter und Schweſter erwarten Sie mit Ungeduld.“ „Mutter und Schweſter?“ dachte Herr von Pulteleben,„iſt denn das der Sohn des Bäckers?“ Oskar ſah ihm dazu eigentlich zu elegant aus, aber es blieb ihm keine lange Zeit zur Ueberlegung, und wenige Minuten ſpäter ſah er ſich der ſtatt⸗ lichen Geſtalt der Frau Gräfin und ihrer reizenden Tochter gegenüber, und ſchaute jetzt wirklich ver⸗ legen nach ſeinem Begleiter um, denn daß er ſich hier in anderer als der vermutheten Geſellſchaft befand, mußte er wohl fühlen. „Mein beſter Herr,“ ſagte er zu Oskar,„ich muß dringend bitten, daß Sie mich hier vorſtellen, ich— ich weiß ſelbſt noch nicht einmal Ihren Namen.“ „O, mit Vergnügen,“ lachte Oskar, indem er mit einer etwas förmlichen und muthwilligen Ver⸗ beugung ſagte:„Herr von Pulteleben, liebe Mutter,— Herr von Pulteleben, ich habe hier die Ehre, Ihnen die Frau Gräfin Baulen und Comteſſe Helene, meine Schweſter, vorzuſtellen. Mein eigener Name iſt Oskar.“ „Frau Gräfin Baulen?“ ſtammelte der junge Mann, während über Helenens Züge ein leiſes, ſpöttiſches Lächeln zuckte. Die Frau Gräfin war aber nicht geſonnen, den jungen Mann weiteren Verlegenheiten aus⸗ zuſetzen. „Herr Baron,“ ſagte ſie freundlich,„Sie ſind durch die Ungeſchicklichkeit unſeres Hausknechtes oder Dieners in die wunderliche Lage gekommen, ſich in einer Familie einzuquartieren, der ſelbſt Ihre Ankunft vollkommen fremd geblieben war.“ „Gnädige Frau, ich will doch nicht hoffen!“ rief Pulteleben erſchreckt. „Beruhigen Sie ſich,“ unterbrach ihn die Gräfin,„ich weiß, daß Sie nicht die geringſte Schuld tragen. Das Ganze war ein mißver⸗ ſtandener Dienſteifer von Seiten jenes Burſchen, der über eine Localität unſeres Hauſes verfügte, ohne auf Sie, noch auf uns Rückſicht zu nehmen.“ „Aber man ſollte doch kaum glauben, daß ſo Etwas möglich wäre!“ rief von Pulteleben entſetzt, denn erſt jetzt trat ihm die ſeltſame Situation vor Augen, in der er, als reiner Eindringling, den Damen gegenüber ſtand;„meine Seele konnte ja an etwas Derartiges nicht denken, oder Sie müßten überzeugt ſein, daß ich..... 44 „Bitte, keine Entſchuldigungen weiter,“ lächelte die Gräfin;„Braſilien erzeugt gar ſonderbare Zuſtände, die Sie ebenfalls noch mit der Zeit näher kennen lernen werden. Jedenfalls hat uns Jeremias, wie jener unglückliche Menſch heißt, Gelegenheit gegeben Ihre Bekanntſchaft zu machen; alles Andere läßt ſich nachher mit Leichtigkeit ar⸗ rangiren, und nun bitte ich, daß Sie Platz nehmen, denn die Suppe wird ſonſt kalt.“ 2438 Herr von Pulteleben befand ſich noch immer in einem gemäßigten Grade von Verzweiflung, denn der Gedanke, ſich bei einer ſolchen Familie auf eine ſolche Art eingeführt zu haben, trieb ihm faſt die Haare zu Berge. Außerdem blieben ihm noch eine Menge Dinge unklar— die Geſchichte mit dem Bäckermeiſter zum Beiſpiel, und daß ihm der junge Menſch nicht gleich einen Wink gegeben, wo er ſich eigentlich befände. Sehr raſch im Denken war er außerdem nicht, und es bedurfte einer neuen Aufforderung der Gräfin, Platz zu nehmen, bis er ſich ſo weit ſammeln konnte, ihr den Arm zu bieten und ſie zur Tafel zu führen. Da ſich die Gräfin aber einmal vorgenommen hatte, ihm weitere Verlegenheiten zu erſparen, ſo wußte ſie auch bald geſchickt in ein Geſpräch ein⸗ zulenken, das ihm ſeine Unbefangenheit wieder⸗ geben konnte— ein Geſpräch über die eben zu⸗ rückgelegte Seereiſe, an dem ſie ebenfalls Intereſſe nahm, da ſie noch mit Entſetzen ihrer eigenen Fahrt und der damit verbunden geweſenen See⸗ krankheit gedachte. In das Capitel eingelenkt, fühlte ſich auch von Pulteleben bald wieder behaglicher, und das Einzige, was ihn noch dann und wann genirte, war der etwas ſarkaſtiſche Zug um der Comteſſe Mund, wenn ſie einem Blicke ihres Bruders be⸗ gegnete und ſein Auge gerade auf ihr ruhte— und ſein Auge ruhte ſehr oft auf ihr, denn von Pulteleben erinnerte ſich nicht, je in ſeinem Leben ſchon ein ſchöneres Mädchen geſehen zu haben. Mochte es ſein daß es ihm nur ſo vorkam, weil er gerade durch die lange Seereiſe dem ge⸗ ſelligen Umgange mit dem ſchönen Geſchlechte hatte völlig entſagen müſſen, oder fühlte er ſich gerade von dieſer Form der Züge beſonders gefeſſelt, wie das ja oft im Leben der Fall iſt, aber er konnte ſich nicht ſatt an dem lieben Antlitz ſehen, und eben ſo wenig entging Helenen ſelber, mit welcher Aufmerkſamkeit er ſie behandelte. Freilich war ſie daran gewöhnt, ihren Zoll von Bewunderung überall einzuernten, aber trotzdem fühlte ſie einen gewiſſen Grad von Genugthuung, und ihr Antlitz, das im Beginne der Tafel ſeine volle Strenge be⸗ wahrt hatte, wurde etwas freundlicher gegen den jungen Gaſt. Sie wich wenigſtens Oskar's Blicken aus und ſchien nicht mehr geſonnen, ſich über ihn luſtig zu machen, ja, nahm ſogar Theil an der Unterhaltung.. Dadurch gewann von Pulteleben endlich ſeine ganze Faſſung wieder, und als das Diner, bei dem Dorothea ihr Möglichſtes geleiſtet hatte, beendet 250 war, wandte er ſich an ſeine freundliche Wirthin und ſagte: 4 „Frau Gräfin, wenn ich auch jenem unglück⸗ lichen Jeremias und meinem Schutzgeiſte danke, dieſe mir ſo liebe Bekanntſchaft gemacht zu haben, ſo fühle ich doch recht gut daß ich hier, als Ihr Gaſt, eine ſehr unerquickliche Rolle ſpiele, und je eher ich der ein Ende mache, deſto beſſer. Geſtat⸗ ten Sie alſo daß ich mich entferne, um mich nach einem andern Quartier umzuſehen, und erlauben Sie mir nur— Ihre Güte hat ja meiner Unver⸗ ſchämtheit ſchon verziehen— daß ich damit nicht gezwungen bin, dieſe für mich ſo ehrenvolle und liebe Bekanntſchaft ganz abzubrechen. Ich werde mich jedenfalls längere Zeit in Santa Clara auf⸗ halten und würde Ihnen unendlich dankbar ſein, wenn Sie mir wenigſtens geſtatten wollten, Ihnen manchmal meine Aufwartung zu machen.“ „Da Sie nun einmal unſer Hausgenoſſe ge⸗ worden ſind,“ lächelte die Gräfin,„ſo übereilen Sie auch wenigſtens Nichts. Es wird Ihnen über⸗ dies ſchwer werden, für den Augenblick eine paſſende Wohnung in Santa Clara zu finden; bis Sie die aber gefunden haben, bitte ich Sie unſer Haus als das Ihrige zu betrachten.“ „Gnädige Frau Gräfin!“ rief Pulteleben er⸗ ſtaunt aus. „Bitte, machen Sie keine Umſtände,“ fuhr die Gräfin ruhig und freundlich fort,„wir ſind hier in Braſilien, wo der Fremde nur zu häufig einzig und allein auf die Gaſtfreiheit der Bewohner an⸗ gewieſen bleibt, und es exiſtiren deshalb hier ganz andere Verhältniſſe, wie in der alten Heimath. Außerdem ſagten Sie uns vorher, daß Sie ver⸗ ſchiedene Pläne für Ihre Zukunft hätten.“ „Allerdings,“ verſicherte der junge Mann,„aber es fehlt mir da freilich noch Kenntniß des Lan⸗ des, um mein Capital gleich mit Vortheil anlegen zu können, und ich ſammle lieber erſt Erfahrung.“ „Das iſt ſehr vernünftig von Ihnen gedacht,“ erwiederte die Gräfin;„wo ich Ihnen aber dabei mit Rath an die Hand gehen kann, bitte ich ganz über mich zu disponiren.“ „Sie ſind zu gütig, gnädige Frau Gräfin!“ „Wir wohnen ſchon eine Reihe von Jahren in dieſem Lande, und man iſt gezwungen, die Ver⸗ hältniſſe genau kennen zu lernen, oft ſogar gegen unſern Willen. Doch Sie wünſchen jedenfalls eine Cigarre zu rauchen— Oskar, führe den Herrn in den Garten; wir kommen dann ebenfalls hinun⸗ ter, um dort gemeinſchaftlich Kaffee zu trinken.“ Damit ſtanden die beiden Damen auf, grüßten freundlich und verließen das Zimmer, während Herr von Pulteleben in einem wahren Taumel von Seligkeit zurückblieb und jetzt gar nicht oft genug zu Oskar ſagen konnte, wie glücklich er ſich fühle dieſe Bekanntſchaft gemacht zu haben, wenn er es auch der größten Dummheit verdanke, deren er ſich in ſeinem ganzen Leben ſchuldig gemacht. „Na nu werden Sie nicht langweilig,“ meinte Oskar—„Apropos, haben Sie etwa eine ver⸗ nünftige Cigarre bei ſich? Das Zeug, was man hier bekommt, iſt kaum zu rauchen.“ „Ich kann Ihnen mit einer Havannah dienen,“ ſagte Herr von Pulteleben, erfreut dem Bruder jenes Engels nur in Etwas angenehm ſein zu können. „Das iſt geſcheidt,“ meinte Oskar—„ſie ſind doch nicht zu ſchwer?“ „Nein, ſicher nicht— ich ſelber rauche nie ſchwere Cigarren.“ „Gut, dann kommen Sie jetzt in den Garten, hier iſt eine Hitze, nicht zum Aushalten,“— und ſeines neuen Freundes Arm ergreifend, ſchlenderte er mit ihm hinab, um dort den Kaffee und die Damen zu erwarten. Dieſe zögerten auch nicht lange, und hatte ſich Herr von Pulteleben ſchon gegen das Ende der Mahlzeit in ſeiner Umgebung wohl gefühlt, ſo ent⸗ zückte ihn jetzt, im wahren Sinne des Wortes, die Natürlichkeit und Liebenswürdigkeit Helenens, die allen Zwang abgeworfen zu haben ſchien und nach Herzensluſt lachte und plauderte. Helene war wirklich bildſchön. Es gab Zeiten, wo ihre ſo regelmäßigen Züge von einem düſtern Ernſt beſchattet wurden, der ihren Augen etwas Unheimliches, ja Abſtoßendes geben konnte. Ihr Mund, wenn feſt geſchloſſen, ſah dann ebenfalls, der etwas ſchmalen Lippen wegen, unſchön aus. Wenn aber das lebendige Auge in Scherz, ja Uebermuth leuchtete, wenn ihre Zähne, die zwei Reihen aufgezogener Perlen glichen, ſichtbar wur⸗ den, wenn ſich das Grübchen tiefer in ihr Kinn einſchnitt und das Lachen auf dem gar ſo lieben Antlitz ſpielte, wie das Sonnenlicht auf einem murmelnden Bache, dann konnte man ſich wahr⸗ lich nicht ſatt ſehen an dem Mädchen, und ſie war ſich auch ihres Sieges ſtets ſo ſicher bewußt, daß ſie mit ihrer Umgebung machte, was ſie eben wollte. Nur dann und wann verließ ſie manchmal die Laube, und von Pulteleben würde noch mehr ent⸗ zückt geweſen ſein, wenn er gewußt hätte, daß ſie 254 gerade in dieſer Zeit Anordnungen traf, ſein Zim⸗ mer etwas wohnlicher einzurichten und ein Bett darin aufzuſtellen. Es hatte das ſeine Schwierig⸗ keiten, denn die Gräfin war nur nothdürftig auf ſolchen Beſuch eingerichtet, aber es ging doch, und ein paar raſch und geſchickt improviſirte Gar⸗ dinen machten das kleine Gemach noch ſo viel freundlicher. Die Zeit, wo der junge Fremde mit der Frau Gräfin allein blieb, wurde dann von dieſer benutzt, ihm einen kurzen Ueberblick über die hieſigen Ver⸗ hältniſſe zu geben, der Herrn von Pulteleben außer⸗ ordentlich befriedigte. Er erſah nämlich daraus, daß in dieſem Lande wirklich nur ein kleines, un⸗ bedeutendes Capital dazu gehöre, um, mit kluger Benutzung des Augenblickes, ganz erſtaunliche Er⸗ folge zu erzielen. Die Frau Gräfin wußte ihm eine Menge von Beiſpielen zu nennen, nach denen Leute durch kleine, aber richtige Speculationen in Stand geſetzt waren, unbedeutend begonnene Ge⸗ ſchäfte auf das Großartigſte auszudehnen, und ſich dann mit einem erworbenen Vermögen nach Deutſchland zurückzuziehen, um es dort in Ruhe zu verzehren. „Sehen Sie, Frau Gräfin,“ rief Herr von Pulteleben, durch dieſe Mittheilungen zu einem vollen Grade von Aufrichtigkeit getrieben,„das iſt gerade was ich will. Zu Hauſe haben ſie mir immer vorgeworfen, daß ich unpraktiſch wäre, daß ich nie im Stande ſein würde, mir aus mir ſelber eine Carrière zu ſchaffen. Jetzt will ich doch ein⸗ mal ſehen, ob es nicht möglich iſt ſie Lügen zu ſtrafen. Sie ſollen erleben, mit welcher Energie ich Alles angreife, was ich unternehme.— Wenn ich nur erſt wüßte was!“ Uebereilen Sie ſich darin nicht, junger Freund,“ ſagte die Gräfin.„Es giebt zwar eine Menge von Wegen, die zum Ziele führen, aber der eine iſt länger als der andere, und wenn man denn doch noch die Wahl hat, warum ſoll man da nicht ſuchen den kürzeſten zu nehmen? Uebrigens ſein Sie verſichert, daß ich ſelber ſchon ein Wenig herum⸗ horchen will. Sie ſind uns nun einmal auf ſo abenteuerliche Weiſe zugeführt, daß ich ein gewiſſes Intereſſe daran nehme.“ „Gnädige Frau Gräfin, Sie ſind unendlich gütig.“ 5 „Laſſen Sie das; will ich aufrichtig ſein, ſo iſt es vielleicht ſogar Egoismus von mir ſelber; denn Sie glauben gar nicht, wie langſam die Zeit verſtreicht, wenn man ſo gar Nichts auf der Gottes⸗ welt zu thun hat. Eine kleine Beſchäftigung, eine 256 beſtimmte Thätigkeit wird zuletzt wirklich zum Be⸗ dürfniß, und ein wenig Sorgen und Umſchauen gehört mit zu unſerem Leben. „Aber durch was habe ich verdient, daß Sie ſich meiner gerade ſo unendlich freundlich an⸗ nehmen?“ „Lieber Gott, wir ſind hier einmal in Bra⸗ ſilien, leben in Verhältniſſen, die mit denen der alten Welt auch nicht die entfernteſte Aehnlichkeit haben, und da geſtaltet ſich Manches oft raſch und wunderbar. Doch Sie werden das Alles noch viel beſſer kennen lernen, wenn Sie erſt einmal ſelber längere Zeit im Lande ſind.“ Oskar hatte ſich bei dem Geſpräch gründlich gelangweilt, denn er haßte Nichts mehr auf der Welt, als wenn von einem beſtimmten Lebens⸗ zwecke die Rede war— und ſeine Mutter hielt ihm dieſes Capitel ſehr häufig vor. Dafür gönnte er es jetzt aber auch von Herzen ſeinem neuen Hausgenoſſen, und amüſirte ſich die Zeit über, mit ſeinem Blasrohr von einem erhöhten Stand der Hoͤcke aus nach vorbeilaufenden Hunden zu ſchießen. Wenn er ſie traf, nahmen ſie gewöhnlich den Schwanz zwiſchen die Beine und rannten in wilder Flucht die Straße hinab, und Oskar wollte ſich dann halb todt darüber lachen. 257 Um das Angenehme übrigens mit dem Nütz⸗ lichen zu verbinden, nahm er Herrn von Pulte⸗ leben nachher mit zu ſeinem Pferde hinaus, von dem er ihm ſchon viel erzählt und ihm auch die Ueberzeugung beigebracht hatte, daß ein Mann ohne Pferd in Braſilien gar nicht exiſtiren könne — nicht einmal eine Frau, und da Herr von Pulteleben erfuhr, daß es früher Helenens Lieb⸗ lingspferd geweſen ſei, die ſich jetzt einen etwas ruhigeren Grauen— der Graue war das wildeſte Pferd in der Anſiedelung— angeſchafft habe, kaufte es der junge Fremde zu einem, wie er glaubte, außerordentlich mäßigen Preiſe(Oskar hatte auch in der That höchſtens hundert Procent daran ver⸗ dient) und ſchwelgte dabei in der Hoffnung auf morgen, denn Helene hatte ihm verſprochen mit ihm ſpazieren zu reiten. Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. I. 9. Fin Kbend in der Colonie. Das war ein Leben und Treiben heute in dem ſonſt ſo ſtillen Städtchen, daß man es kaum wieder erkannte, und das Wirthshaus„Zum Hoffnungsanker“ hatte, ſo lange der Ort ſtand, noch keine ſo guten Geſchäfte gemacht. War es doch auch bis unter das Dach hinauf von Gäſten angefüllt, die auf Matratzen, Decken, Stroh, oder wie es eben ging, untergebracht werden mußten, während faſt alle männlichen Bewohner von Santa Clara hier ebenfalls zuſammenkamen, um die Neuangekommenen zu ſehen und zu ſprechen, und vielleicht auch friſche Nachrichten von daheim — das heißt aus ihrem Dorfe zu hören, denn was wirklich deutſche Nachrichten und beſonders 259 deutſche Politik betraf, kümmerte die Wenigſten der Coloniſten. Viele waren allerdings ſchon ſeit Jahren aus⸗ gewandert, und den politiſchen Verhältniſſen da- heim, die ſie ſelbſt an Ort und Stelle nicht ver⸗ ſtanden, ſo entfremdet worden, daß ſie kaum noch die geographiſchen Namen der verſchiedenen Staa⸗ ten kannten. Aber ſelbſt erſt kürzlich Herüber⸗ gekommene fragten nicht nach dem, was Preußen oder Oeſterreich, oder ſonſt ein Theil Deutſchlands treibe — das war deren Sache, und ſie mochten es mit einan⸗ der ausmachen— ſondern nur aus welcher Gegend Der und Jener ſei, und ob daheim Der und Jener noch lebe, und nicht Luſt habe nach Braſilien zu kommen. Außerdem wollten ſich die Leute aber auch gern einmal einen ſogenannten„fidelen Abend“ machen, und da der Wirth Chriſtian Bohlos einen ziemlich geräumigen Schuppen an ſein Haus ge⸗ baut und mit Dielen hatte belegen laſſen, ja auch in dieſem Schuppen ein hölzernes Gerüſt für ein Muſikcorps angebracht war, ſo verſtand es ſich von ſelbſt, daß heute Abend ebenfalls getanzt wurde. Das beſte Muſikcorps der Stadt wurde dazu beſtellt— denn es gab deren zwei— und daß 17* — 260 ſich das andere darüber zurückgeſetzt fühlte und erklärte, das ſogenannte beſte Muſikcorps könne gar nicht ſpielen und vollführe eine wahre Heiden⸗ muſik— blieb ſich gleich. Schon mit Dunkelwerden ſammelten ſich die Gäſte— auf acht Uhr Abends waren nach ſtill⸗ ſchweigendem Uebereinkommen die Frauen ange⸗ ſagt, denn die Kinder mußten erſt zu Bette ge⸗ bracht werden— und bis dahin gingen Flaſche und Krug luſtig im Kreiſe.— Aber nicht etwa das dünne braſilianiſche Bier wurde getrunken, das ein Deutſcher ſogar in Santa Clara braute, obgleich das beſonders die Neuangekommenen mit Leidenſchaft forderten, ſondern vaterländiſcher Rheinwein bildete bei ſolchen Gelagen gewöhnlich das ſchwere Geſchütz. Die langhalſigen, ſchlanken Originalflaſchen ragten faſt von allen Tiſchen em⸗ por, und Scharlachberger⸗, Brauneberger⸗, Marko⸗ brunner⸗ und Hochheimer⸗Etiquetten gehörten zu den gewöhnlichſten Dingen. An dem einen Tiſche präſidirte der„Pfarrer“ des Ortes, eine breitſchulterige, etwas maſſive Geſtalt, mit hochgeröthetem Geſichte, kurzen, etwas ſtruppigen blonden Haaren und einem wenig⸗ ſtens zweitägigen weißen Halskragen, aber nicht etwa in ſchwarzer Ordenstracht, ſondern in einer grauleinenen Sommerjoppe mit Nankinghoſen, und um ihn gruppirten ſich einzelne Bewohner von Santa Clara— unter ihnen auch unſer alter Bekannter Pilger und mehrere Coloniſten aus der unmittelbaren Nähe des Städtchens, von denen dann wieder verſchiedene„friſche Einwanderer“ zugezogen worden, um zuerſt Bericht über ihre Reiſe abzuſtatten, und dann Enthüllung über das „erhoffte Braſilien“ zu vernehmen. An die Ecke deſſelben Tiſches hatte ſich eben⸗ falls der Burſche mit dem Silberband um die Mütze gedrängt, der heute ſchon mit dem Director Streit gehabt; ein Krug Bier und eine Portion Braten ſtand vor ihm. Seine Frau lag drüben im Auswanderungshauſe mit ihren Kindern in einer dunklen, feuchten Ecke, und theilte mit ihnen das kärgliche Mahl, das ſie ſich von geliefertem Mehle ſelber hatte bereiten müſſen. Die übrigen Tiſche waren eben ſo dicht ge⸗ drängt mit Gäſten, und Bohlos' Frau und ein paar Mägde konnten ſich kaum in dem überfüllten Raume Bahn machen, um die verlangten und oft ſtürmiſch geforderten Speiſen und Getränke aus⸗ zutheilen. „Na, hier lebt ſich's aber doch beſſer als an Bord von dem Schiffe, das muß wahr ſein, wenn ich auch gerade nicht über die Koſt auf dem Schiffe klagen will,“ ſagte einer der Zwiſchendeckspaſſa⸗ giere. „Saufreſſen,“ kaute der Mann mit dem Treſ⸗ ſenſtreifen mit vollem Munde;„bei uns kriegen's die Schweine beſſer, wie ſie's uns für unſer ſchwe⸗ res Geld auf dem Schiff gegeben haben.“ „Vielleicht ſind Sie's zu Hauſe beſſer ge⸗ wöhnt geweſen,“ meinte einer der jungen Kauf⸗ leute, ein Kajütenpaſſagier, der ſich aber hier ſchon in braſilianiſche Gleichheit hinein zu finden ſuchte, indem er ſeinen, ihm unangenehmen Nach⸗ bar von der Seite anſah. 4 „Bin ich auch,“ knurrte der Mann— pja, Sie, die Kajütenpaſſagiere, haben hineingeſtopft gekriegt, was nur eben hinein ging, aber uns haben ſie behandelt wie die Hunde— und noch ſchlechter.“ „Na, ich weiß nicht,“ ſagte der Erſte wieder, „ich bin doch auch im Zwiſchendeck gefahren, habe aber Nichts davon gemerkt. Daß man's auf dem Schiff nicht ſo gut bekommen kann wie daheim, na ja, das haben wir freilich ſchon zu Hauſe ge⸗ wußt, und dafür iſt's eben eine Seereiſe. Außer⸗ dem habt Ihr, ſo viel ich weiß, nicht einmal „ 263 Paſſage bezahlt, ſondern Eure Gemeinde daheim hat's zuſammengeſchoſſen.“ „Das geht Keinem'was an,“ ſagte der Burſche mit einem finſtern Blicke nach dem Sprecher— „bezahlt iſt's doch, ohne daß Ihr dazu die Hand in den Sack geſteckt.“ Die Uebrigen ſchwiegen, denn der Mann hatte nicht genug Einnehmendes in ſeinem Weſen, ſich mit ihm in ein längeres Geſpräch einzulaſſen. Freilich war hier offener Wirthstiſch, und man konnte ihm auch nicht gut verwehren, ſich der Unterhaltung anzuſchließen, ſo lange er eben nicht ſelber fühlte, daß er da nicht hinein paſſe. Oben am Tiſche wechſelte das Geſpräch jetzt wieder auf die Verhältniſſe in der Colonie, und die Klagen über die Regierung waren allgemein, daß nie Land vorräthig vermeſſen ſei, wenn einmal Coloniſten eintrafen. Die Neuangekommenen wollten das dem Director zuſchieben, und der „Pfarrer“ gab ihnen Recht. Da ſtäk' es, denn das ſei ein hochmüthiger Patron, der ſich den Henker um den armen Mann ſcheere. Dagegen ſprachen aber, und zwar mit Eifer, mehrere der Coloniſten ſelber und vertheidigten den Director. „Was kann er denn machen, wenn ihn der Präſident im Stiche läßt? Das iſt die vorgeſetzte 264 Behörde, und an die muß er ſich wenden, und für den gemeinen Mann thut gerade er mehr, denn irgend Einer vor ihm. Und wie hat er jetzt wieder gearbeitet, um die Leute alle unterzu⸗ bringen!“ „Ein Lump iſt's,“ rief der mit der Treſſe, ſeine Fauſt auf den Tiſch ſchlagend, daß ſich Alle erſtaunt nach ihm umſahen—„ein nichtsnutziger, grober Lump, und das hab' ich ihm heute in's Geſicht geſagt, und will es ihm morgen auch noch einmal hinein ſagen.“— „Was iſt denn der Mann da ſchuldig, Bodenlos 9*½ fragte Pilger laut, als der Wirth gerade an ihm voorüberging. „Wer?“ fragte Bohlos, ſich am Tiſche um⸗ ſehend. „Der mit der hübſchen blauen Mütze.“ „Na,“ ſagte der alſo Bezeichnete erſtaunt auf⸗ ſtehend—„wem geht denn das wieder'was an, was ich ſchuldig bin?“ „Der Tiſch hier bezahlt's,“ ſagte Pilger, ohne von dem Einwurfe Notiz zu nehmen—„wie viel macht's?“ „Portion Braten und vier Glas Bier,“ ſagte Bohlos—„wollen's gerade einen Milreis rech⸗ nen, es macht eigentlich noch zwanzig Reis mehr.“ 1 265 „Sehr ſchön,“ ſagte Pilger,„und jetzt, guter Freund, thut uns einmal den Gefallen und macht die Thür von außen zu. Verſtanden?“ „Ob ich ſie zumachen oder auflaſſen will, geht Keinem einen Quark an! rief der Burſche, rückte ſich die Mütze auf das eine Ohr, und ſah den Re⸗ denden mit wüthenden Blicken an. „Wollt Ihr Vernunft annehmen?“ fragte Pilger ruhig, indem er langſam don ſeinem Stuhle aufſtand—„oder ſoll ich Euch.. „Ach, laßt den Lump zufrieden, Pilger!“ riefen ein paar Andere—„fangt keinen Streit an.“ „Streit?“ ſagte Pilger vollkommen kaltblütig —„fällt mir gar nicht ein, aber ſollen wir uns etwa von ſo einem Burſchen, wie der da, den ganzen Abend verderben laſſen? Entweder der Geſell geht, Bodenlos, oder ich gehe.“ „Ach, ſeid vernünftig,“ ſagte der Wirth be⸗ ruhigend. „Nein, er hat Recht!“ riefen nun auch die früheren Mitpaſſagiere des Burſchen;„auf der ganzen Reiſe hat er Nichts wie Skandal und Streit gehabt, und ſeine arme Frau dabei miß⸗ handelt, daß es eine Schande war.“ „Ihr Lumpenhunde wollt auch wohl noch mit drein reden?“ rief der mit der Mütze, und fuhr 266 oon ſeinem Sitze auf, aber Pilger hatte ihn ſchon am Kragen und hob ihn mit rieſiger Kraft vom Boden; drei oder vier Andere faßten ihn zugleich an Armen und Beinen, und keine Minute ſpäter fand er ſich ziemlich unſanft hinaus auf die Straße geſetzt. Kaum aber hatten die Männer ihre Sitze wieder eingenommen, als ein ziemlich fauſtgroßer Stein durch das eine Fenſter klirrend herein⸗ ſchmetterte und glücklicherweiſe gegen die nächſte Stuhllehne traf, ſonſt hätte er Schaden anrichten können. Fünf oder ſechs junge Burſchen flogen jetzt hinaus, um den Frevler abzuſtrafen, aber der Paſſagier hatte es doch für gerathen gefunden, etwas Derartiges nicht abzuwarten, und war ver⸗ ſchwunden. Indeſſen rückte die Zeit vor— es war acht Uhr, und die„Damen kamen zum Balle. Es waren meiſt Frauen und Töchter von Bauern und Hand⸗ werkern, aber viele der letzteren ſelbſt in Braſilien geboren und großgezogen, wo ſie dann, mit Kin⸗ dern der eingeborenen Braſilianer aufwachſend, auch den Schnitt von deren Kleidung, wie eine freiere Haltung angenommen hatten— und rei⸗ zende Geſtalten gab es unter ihnen. Hier und da kam freilich noch ein echt deutſches Bauernmädchen, die rothe Kattunſchürze hoch in 267 der Taille umgebunden, das rieſige weiße Taſchen⸗ tuch in der ſonnverbrannten, arbeitsharten Hand ſchlenkernd und mit der eigenthümlich ſchaufelnden Bewegung im Gange. Junge Mädchen mit wei⸗ ßen Kleidern und Roſabändern dazwiſchen, mit Füßen, die einem Grenadier zur feſten Baſis hätten dienen können, und eine Handvoll künſtliche, arg zerdrückte Blumen geſchmacklos auf den Kopf gebunden. Aber auch leichte und ſelbſt zarte Fi⸗ guren miſchten ſich dazwiſchen, junge Mädchen aus irgend einer kleinen Stadt, die jedenfalls verſtan⸗ den ſich geſchmackvoll zu kleiden, und eine buntere Miſchung des„ſchönen Geſchlechts“ konnte in keinem Lande der Welt aufgetrieben werden. Und wer war der Ceremonienmeiſter, der Ar⸗ rangirende und Ordnende dieſes ganzen Balles? Wer ſtellte, als die Muſik endlich begann, die Contretänze? Wer klatſchte in die Hände wenn die erſten Paare antanzen, wer klatſchte wieder, wenn ſie wechſeln ſollten? Wer drückte ſich dann in einem ruhigen Moment in eine Ecke, um mit einem oder dem anderen Nachbar, nur im Vor⸗ beigehen, ein Glas Wein oder Punſch zu trinken, und war im Nu wieder bei der Hand und mitten im Saale, ſobald nur die geringſte Unordnung zu drohen ſchien? Wer anders als Jeremias, der 268 ſich aber ſo entpuppt hatte, daß man ihn heute Abend wirklich nur an der rothen Perrücke wieder⸗ erkannte. Wer den Jeremias heute in Hemdsärmeln ge⸗ ſehen hatte, wie er im Schweiße ſeines Angeſichts, den Karren hinter ſich, durch die Straßen keuchte, und wer ihn jetzt ſah, wie er im Glanze von we⸗ nigſtens achtzehn Talglichtern mit blechernen Re⸗ flectoren, à quatre épingles gekleidet, durch den Saal hüpfte, würde eine ſolche Veränderung, ohne den Mann genauer zu kennen, nicht für möglich gehalten haben, und doch war es eine und die⸗ ſelbe Perſönlichkeit. Es läßt ſich nicht läugnen, weder der hellblaue Frack mit den blanken Knöpfen, noch die weißen Hoſen, noch die lichten, ſchon etwas ſchmutzigen Glacéhandſchuhe waren je für ihn gemacht, und die beiden erſteren gerade um das zu weit, was die letzteren zu eng ſchienen. Aber er zeigte doch, wie der Pfarrer meinte,„den guten Willen“, und einen aufmerkſameren und den Formen ſtrenger genügenden Tanzmeiſter wie ihn gab es nicht auf der weiten Welt, viel weniger denn in Braſilien. Jeremias war in der That überall, und hatte er heute über Tag bei ſeinem Karren geſchwitzt, ſo überſtieg ſeine Transpiration gegenwärtig alle 269 Gränzen. Er troff förmlich, und das helle Waſſer lief ihm unter der brennend rothen Perrücke in kleinen Bächen nieder. Eigentlich hatte Jeremias urſprünglich gar kein rothes Haar gehabt, und das kleine Stückchen Backenbart, das ihm noch jetzt vor beiden Ohren ſtand, war ſogar von pechſchwarzer Farbe. Als ihm aber damals, nach einer Art Nervenfieber, und kurz vorher, ehe er Deutſchland verließ, ſämmtliche Haare ausgingen, forderte der Friſeur für eine ſchwarze Perrücke eine ſeine Kräfte überſteigende Summe, und da er die rothe Per⸗ rücke— der Träger war darunter weggeſtorben — aus zweiter Hand billig erſtehen konnte, ent⸗ ſchloß er ſich kurz und wechſelte die Farbe. Jetzt war er nun ſo an die rothe Perrücke gewöhnt, daß er eine andere, ſchwarze nicht mehr umſonſt genommen hätte. Uebrigens war Jeremias in der ganzen kleinen Stadt als ein fleißiger, nüchterner Arbeiter beliebt, und ſeiner oft drolligen Antworten wegen faſt in jedem Hauſe gern geſehen. Weil er aber fleißig arbeitete, verdiente er auch ganz hübſches Geld, und nur, was er mit dem Verdienten machte, erfuhr kein Menſch. Verzehren konnte er es nicht, da er außerordentlich mäßig lebte, und nie auch ͤſſſͤſſ nur einen halben Milreis vergeudete, aber trotz⸗ dem hatte er noch Keinem Geld zum Aufheben gegeben. Er kaufte auch kein Land oder Vieh, und von Staatspapieren wußte er außerdem Nichts. Allerdings hatte ſich das Gerücht verbreitet, daß er ſein Geld heimlich im Walde vergraben und ſchon einen ganzen Sack voll Milreis irgendwo eingeſcharrt habe. Gewißheit bekam aber Niemand darüber, und Jeremias war viel zu ſchlau, Andere das wiſſen zu laſſen, was ſie eben nicht zu wiſſen brauchten.. So gutmüthig Jeremias aber auch im Ganzen ſein mochte, und ſo dienſtwillig und gefällig er ſich gegen Jedermann in ſeiner Arbeitszeit zeigte, ſo unumſchränkt regierte er hier, und der geringſte Verſtoß gegen die Tanzordnung wurde auf das Unerbittlichſte geahndet. Ein Schneider aus Santa Clara ärgerte ihn beſonders, und man erzählte ſich, die Feindſchaft zwiſchen den Beiden ſchreibe ſich daher, daß Jeremias eine Heirath des Schnei⸗ ders, den er als einen liederlichen Schlingel zintertrieben habe. Das Mädchen war braver Bauersleute Kind, und Jeremias kannte den Bräutigam, der au ſeinem Orte ſtammte, ſchon von Deutſchland her. Daheim hatte dieſer aber ein anderes Mädchen ſitzen, dem er die Ehe kannte 271 verſprochen, und das auf ihn wartete, und als die Bauernfamilie das hier erfuhr, wurde dem Werber das Haus verboten. Ob Jeremias ihnen das wirklich mitgetheilt, war nicht ganz beſtimmt, jedenfalls hieß es ſo, und der Schneider haßte ihn ſeitdem wie ſeinen Todfeind, ohne daß ſich Jeremias deshalb die ge⸗ ringſte Sorge gemacht hätte. Heute nun, wo Jener etwas mehr als gewöhnlich getrunken haben mochte, ſuchte er ein paar Mal Streit mit dem kleinen Ceremonienmeiſter, und als dieſer ihn eben ſo oft derb abfertigte, wußte er ſich auf andere Weiſe zu rächen. Jeremias hatte gerade wieder in der einen Ecke einen Schluck Punſch mit dem jungen Handlungsdiener getrunken, als er auf der andern Seite des Saales eine Unordnung entdeckte. Wie der Blitz ſprang er auf und dort⸗ hin; unglücklicherweiſe mußte er aber an dem Schneider dicht vorbei, der raſch ſein Bein vor⸗ hielt, und Jeremias, darin hangen bleibend, ſchoß, ſo lang er war, mitten in den Saal. Dem böswilligen Schneider bekam das aber ſchlecht. Zu viele Leute waren Zeuge geweſen, und ehe ſich Jeremias nur wieder vom Boden aufraffen konnte, hatten ſie den Schneider gepackt, machten ein Fenſter auf und warfen den ſich aus 272 Leibeskräften dagegen Sträubenden hinaus in die Büſche. Uebrigens war es eine ſo allgewöhnliche Be⸗ gebenheit, daß bei einem deutſchen Balle auch zwei oder drei Perſonen zu Thür oder Fenſter hinausgeworfen wurden, daß Niemand weiter darauf achtete. Der Tanz ging ruhig fort, und Jeremias, der mit einer wahren Federkraft vom Boden emporſchnellte, ſah kaum den Schneider beſeitigt, als er auch augenblicklich wieder in den Tact der Muſik einfiel, und nur im Herüber⸗ und Hinüberhüpfen noch den Staub von ſeinem Fracke zu entfernen ſuchte. Leider war kurz vor⸗ her geſprengt worden, und die weißen Hoſen hatten dadurch etwas fleckige Vordertheile bekom⸗ men, aber Jeremias ſelber ſah es nicht und Nie⸗ mand achtete weiter darauf. Pilger war auch aus dem Gaſtzimmer herüber⸗ gekommen, um ſeine Frau zu ſuchen, die ver⸗ ſprochen hatte bei dem Balle zu erſcheinen, aber ſie fehlte noch, und etwa eine halbe Stunde ſpä⸗ ter ging er nach Hauſe, um ſie abzuholen. Er mochte vielleicht eine Viertelſtunde fort geweſen ſein, als er mit etwas verſtörtem Geſichte wieder zurückkam und ſeine Blicke unruhig im Saal umherſchweifen ließ— dann verſchwand er 273 wieder, ohne daß natürlich irgend Jemand auf ihn achtete, um bald darguf wieder zurückzukehren, woer den bei einer Partie Skat ſitzenden Pfarrer auf⸗ ſuchte und zu ſich hinausrief.— „Nun,“ ſagte dieſer, der eben nicht gern von ſeiner Partie aufgeſtanden war, indem er ihm vor die Thür folgte,„was haben Sie denn, Sie ſchneiden ja ein Geſicht, als ob es bei Ihnen brennte?“ „Meine Frau iſt fort,“ flüſterte Pilger mit heiſerer, von innerer Aufregung faſt unhörbarer Stimme. „Ihre Frau iſt fort?“ ſagte der Geiſtliche er— ſtaunt—„wohin?“ „Ich weiß es nicht,“ ſtöhnte der Mann—„ſie iſt nicht hier beim Tanze, ſie iſt nicht zu Hauſe und doch vor etwa einer halben Stunde mit einem Bündel in der Hand fortgegangen.“ „Na ja, das wäre nicht übel,“ ſchüttelte der Herr Pfarrer mit dem Kopfe— er hatte drin ein Eichelſolo auf dem Tiſche liegen, und die Sache kam ihm ſehr unbequem—„aber wohin kann ſie denn hier?“ „Da ſteckt der Schuft, der Bleifuß dahinter,“ knirſchte der Mann zwiſchen den zuſammengebiſſe⸗ Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. I. 18 * 274— nen Zähnen durch;„aber wenn ich die Gewißheit kriegte, dann gnade ihm G 15 „Hm,“ ſagte der Pfarrer, welcher die deshalb umlaufenden Gerüchte ſchon lange gehört hatte und kannte—„und haben Sie keine Ahnung, wo⸗ hin ſie ſich gewandt haben könnte? 5,1; „Keine,“ ächzte Pilger;„aber was um Gottes Willen kann ich thun, um ſie wieder zu be⸗ kommen?“ ¹ „Heute Abend gar Nichts,“ ſagte der Pfarrer; „es iſt ſtockdunkel, und aus dem Tanzſaal bringen Sie Keinen fort— noch dazu, wenn Sie nicht einmal eine beſtimmte Richtung angeben können.“ „O, Du großer, allmächtiger Gott!“ ſtöhnte der Mann und preßte die feſt zuſammengeſchlage⸗ nen Hände gegen ſeine Stirn. „Machen Sie ſich keine Sorgen,“ ſagte der Geiſtliche,„wenn die Frau Sie auf ſo leichtſin⸗ nige Weiſe verlaſſen konnte, ſo haben Sie auch Nichts an ihr verloren, und den Mosje, den Bleifuß, wollen wir ſchon kriegen, wenn der wirk⸗ lich dahinter ſteckt. Der muß blechen, daß es ihm blau und braun vor den Augen wird.“ „Meine Grethe— meine Grethe!“ hauchte der arme Teufel;„daß ſie mir die Schande anthun konnte!“ „Es läßt ſich heute Nichts mehr machen,“ verſicherte der Pfgrrer— er konnte ſeinen Eichelſolo nicht länger im Stiche laſſen—„gehen Sie ruhig nach Hauſe— morgen früh komme ich zu Ihnen und da beſprechen wir das Weitere“—, und ohne eine Antwort⸗ abzuwarten, klopfte er dem Unglücklichen auf die Schulter und ging wieder in das Zimmer zurück an ſeinen Spiel⸗ tiſch. Pilger ſtand noch eine Weile wie vernichtet in der offenen Thür, dann aber lief er noch einmal zurück zu ſeinem Haus, und als er die Verlorene auch jetzt noch nicht fand, wieder hinaus in die Nacht hinein— er wußte ja ſelber nicht, wohin. Unten an der Landung, etwa zweihundert Schritte tiefer als die Boote gewöhnlich lagen, hatte ein kleines Fahrzeug im Schutze dichter Büſche angelegt, und ggleich nach Sonnenunter⸗ gang waren ſchon perſchiedene Blechkoffer und Kiſten hineingeſchafft. Vier portugieſiſche Ruderer, die zu einem der weiter unten ankernden Schooner gehörten, lagen auf ihren Riemen und warteten auf ein verabredetes Zeichen, um den Bug des Bootes, das jetzt ein Stück draußen im Strom ankerte, dicht zum Lande zu ſchieben. Jetzt pfiff es viermal raſch hintereinander, und während ſich 8 8 276 das ſchmale Fahrzeug noch tiefer in die Büſche hineinſchob, eilten ein Mann und eine Frau den ſchräg ablaufenden Hang hinab, gerade auf die Stelle zu, wo daſſelbe verborgen lag. Der Mann hielt ein größeres Paket im Arme und konnte nicht ſo raſch von der Stelle, weil er, ſeiner Bequemlichkeit wegen, Pantoffeln trug. Die Frau führte ein kleines Bündel bei ſich und war ihm immer um einige Schritte voraus, bis ſie den Waſſerrand erreichte. Hier hielt ſie plötzlich und wie erſchreckt an und flüſterte: „O, Du mein lieber himmliſcher Vater, was will ich thun, was will ich thun!“ „Hier ſind wir an Ort und Stelle,“ ſagte der Mann, der ſie hier einholte, in portugieſiſcher Sprache, aber mit unterdrückter Stimme,„nur raſch, meine Geliebte, daß uns die Tölpel nicht doch noch am Ende auf die Spur kommen.“ „O, mein armer Mann, und er iſt immer ſo gut und rechtſchaffen, und ich... Während ſie klagte, hatte der Portugieſe ſchon ſein Bündel in das Boot gegeben und der Frau das ihrige ebenfalls abgenommen und einem Ma⸗ troſen gereicht. Jetzt legte er leiſe ſeinen Arm um ihre Taille und ſchob ſie ſanft rückwärts. „Kommen Sie, Margarita, kommen Sie, wir 22 verſäumen ſonſt die günſtige Zeit über die Barre — dort hinten höre ich auch Leute. Denken Sie, wenn man Sie hier fände— mit mir!“ Die Frau ſchreckte empor. Etwa hundert Schritte weiter oben führte ein Weg vorbei, auf dem zwei Männer gingen, die ſich laut mit ein⸗ ander unterhielten. Die Frau glaubte die Stimme des Einen zu erkennen und wich ſcheu mehr in die Büſche hinein. Dort lag die Planke— einer der Matroſen ergriff ihre Hand, und keine halbe Minute ſpäter glitt das Boot in die dunkle Strö⸗ mung hinaus und mit dieſer abwärts. Am Ufer herauf kam eine einzelne Geſtalt, die horchend ſtehen blieb, als ſie das Knarren der Ruder in den Blöcken hörte, das nur ſo viel deutlicher durch die Stille der Nacht drang. Er⸗ kennen ließ ſich freilich Nichts von dort, wie nur vielleicht der dunkle Schatten des Bootes ſelber. „Grethe,“ rief da eine leiſe, klagende Stimme in den Strom hinaus—„Grethe— biſt Du dort?“ Keine Antwort erfolgte; blitzesſchnell trieben die Ruder das Boot vorwärts, das wenige Mi⸗ nuten ſpäter um eine ablaufende Biegung des Fluſſes verſchwand.— Bei dem Director, in der kleinen Oberſtube, 2ʃ⁸ ſaß Könnern, und Beide waren, Jeder mit einem Lichte vor ſich, beſchäftigt zu leſen. Der Director wühlte in einer Anzahl von Briefſchaften, während Könnern ein Packet Zeitungen durchblätterte, die der Capitain des Schiffes mitgebracht hatte. Die Haushälterin brachte gerade den Thee herein, denn die Abende waren friſch genug, um eine warme Taſſe Thee recht gut vertragen zu können. „Na, da hört Alles auf!“ ſagte der Director plötzlich, und ſah über einen eben geöffneten Brief nach Könnern hinüber. „Nun,“ fragte dieſer, dem Blicke begegnend— „irgend eine unangenehme Nachricht?“ 8 „Unangenehm gerade nicht,“ lautete die Ant⸗ wort,„aber gerade zu der unpaſſendſten Zeit in der Welt erhalten. Der Delegado, jener Portu⸗ gieſe, den wir an der Schule trafen, zeigt mir eben an, daß er von der Regierung auf unbe⸗ ſtimmte Zeit Urlaub erhalten habe und mir hier⸗ mit in ſeiner Abweſenheit die laufenden Geſchäfte übertrage. Die ganze lange Zeit hat der Herr Nichts auf der Gotteswelt zu thun gehabt, weil ich die kleinen Streitigkeiten zwiſchen den Colo⸗ niſten immer ſelber ſchlichtete, ja, eher noch ſelber Urſache zu Zank und Unfrieden in verſchiedenen Familien gegeben, und jetzt, wo wir eine ganze 279 Schaar durch die Seereiſe halb verwilderter Men⸗ ſchen bekommen, die außerdem noch untergebracht werden ſollen, will er ſich von jeder Arbeit drücken. Das geht nun einmal unter keiner Bedingung an, und wenigſtens muß er noch die nächſte Woche da bleiben. Ich habe überdies Scheererei genug— kommen Sie, trinken Sie eine Taſſe Thee— da drüben ſteht der Rum— helfen Sie ſich ſelber.“ Könnern ſchob die Zeitungen und Papiere bei Seite, um freien Raum zu bekommen. Eine kleine, zierliche Viſitenkarte fiel heraus und auf den Tiſch. „Hallo,“ lachte er,„die Dinger gehören doch hier wohl eigentlich zu den exotiſchen Gewächſen. Wie heißt denn der Herr? Arno von Pulteleben — den Namen kenn' ich nicht.“ „Irgend wieder ein. junger Adeliger,“ ſagte der Director, ſich Rum zu ſeinem Thee gießend, „der mit den Diamantgruben Braſiliens im Kopfe herüber kommt, ſich hier eine Zeit lang herum treibt und über Alles ſchimpft, bis ſein mitge⸗ brachtes Geld verzehrt iſt, und dann, empört über die traurigen Verhältniſſe des Landes, nach Deutſchland zurückkehrt, für das er Märchenſtoff in Maſſe geſammelt hat. Er wollte mich heute beſuchen, aber wie ich nur den ſchwarzen Frack, Seidenhut und die weißen Glacéhandſchuhe durch's 1 1 1 280 Fenſter ſah, hatte ich ſchon übrig genug und— ließ mir die Ehre auf ein anderes Mal ausbitten.“ „Wo mag er denn nur Quartier gefunden haben?“ ſagte Könnern,„die Häuſer ſind ja faſt alle überfüllt.“ „Gott weiß es,“ ſagte der Director gleich⸗ gültig,„vielleicht doch noch im Hotel, denn Bohlos macht oft das Unglaubliche möglich. Ueberhaupt, lieber Könnern, glauben Sie gar nicht, was ſich in einer ſolchen Colonie wie die unſere oft für wunderliche Subjecte und Charaktere anſammeln, und man könnte ſie ſich oft nicht beſſer aſſortirt für ein Naturalien⸗Cabinet zum Ausſtopfen aus⸗ ſuchen. Aus allen Schichten der Geſellſchaft be⸗ kommen wir die Proben, und der hohe Adel, wie Künſtler und Gelehrte liefern jederzeit die werth⸗ vollſten Exemplare. Unſeren Baron haben Sie ſchon geſehen, die Gräfin werden Sie jedenfalls noch kennen lernen; außerdem treibt ſich hier auch ein ganz tüchtiger Künſtler herum, ein Mann, der wahrſcheinlich in Deutſchland ſeiner Kunſt Ehre machen könnte, und hier gerade ſo viel damit aus⸗ richten wird, wie ein Holzhacker in den Pampas, oder ein Ackerbauer in den Schneebergen.“ „Iſt es ein Maler?“ fragte Könnern. „Nein,“ lachte Sarno,„Sie brauchen keinen Concurrenten zu fürchten— nur ein Clavierſpieler. Aber auch ein anderer Muſiker macht die Gegend unſicher, aus dem ich aber noch nicht recht klug geworden bin. Er nennt ſich Randolph und ſcheint mir ein excentriſcher Kopf, wie alle der⸗ 1 artigen Künſtler...“ In dem Augenblicke wurde draußen an die Thür geklopft und die alte Haushälterin meldete gleich darauf: Der Schuhmacher Pilger wünſche den Herrn einen Augenblick zu ſprechen. „Ach,“ ſagte der Director, unzufrieden mit dem Kopfe ſchüttelnd,„immer wieder die alte Geſchichte, aber ich kann ihm jetzt gute Nachricht geben, denn er wird ſeinen Quälgeiſt wenigſtens auf einige Zeit los. Laſſen Sie ihn nur herein kommen.“ Pilger betrat gleich darauf das Zimmer. Er hielt den Hut in der Hand, ſah aber todtenbleich aus und der Schweiß ſtand ihm in großen Tropfen auf der Stirn. „Guten Abend, Herr Director!“ ſtöhnte er, ohne auf den noch im Zimmer befindlichen Frem⸗ den weiter zu achten. „Guten Abend, Pilger! Um Gottes Willen, wie ſeht Ihr denn aus, Mann? Was iſt denn vorgefallen?“ „Meine Frau iſt mir davon gelaufen, Herr Director,“ ſagte der arme Teufel, und man ſah es ihm an, wie er ſich nur mit äußerſter Gewalt zwang, ſeine Faſſung zu bewahren. „Eure Frau? Wann?!“ rief der Director er⸗ ſchreckt und ein eigener Verdacht ſchoß ihm durch den Kopf. „Heute Abend— vor einer Stunde etwa, vielleicht noch nicht ſo lange. Sie wollte auf den Ball kommen und hat das Haus verlaſſen, iſt aber jetzt nirgends mehr zu finden.“ „Aber, beſter Freund, wenn Ihr ſie erſt ſo kurze Zeit vermißt, kann ſie ja auch zu einer Freundin gegangen ſein, um die abzuholen.“ „Nein,“ ſagte der Mann ruhig,„ſie hat ein Bündel mitgenommen und iſt nach dem Fluſſe gegangen. Ich ſprach Jemanden, der ihr be⸗ gegnet iſt.“ „Und habt Ihr keinen Verdacht, wer dabei die Hand im Spiele haben könnte?“ fragte der Director. „Verdacht? Nein,“ ſagte Pilger mit feſt zuſam⸗ mengebiſſenen Zähnen,„aber die Gewißheit, daß es jener gottverfluchte Bleifuß, der Delegado, geweſen iſt. Es giebt jetzt nur noch eine Möglich⸗ keit,“ fuhr er fort, während der Director leiſe vor ſich hin mit dem Kopfe nickte,„daß die Flucht 283 nach dem Fluſſe zu vielleicht nur zum Schein war und meine Grethe jetzt ruhig drüben im Hauſe des Delegado verſteckt iſt. Allerdings fuhr vor etwa einer Viertelſtunde ein Boot ſtromabwärts, aber ich kann mir nicht denken, daß der Portugieſe die Frau allein fortſchicken wird, und deshalb komme ich her, Herr Director, und wollte Sie bitten, das Haus des Portugieſen augenblicklich durchſuchen zu lgſſen. Finden wir dort nichts, dann muß ſie den Strom hinunter ſein, und ich glaube, ich weiß ein Haus, wo ſie ſich möglicher Weiſe verborgen halten könnte.“ „Wart Ihr ſchon am Hauſe des Delegado?“ „Ja— es iſt Alles ſtockfinſter drin, aber das bedeutet nichts.“ „Wißt Ihr, daß der Delegado Urlaub von der Regierung und mir heute Abend ſchriftlich angezeigt hat, ich ſolle ſein Amt hier für ihn ver⸗ ſehen?“ Der Mann ſchlug entſetzt die Hände zuſammen. „Dann iſt's auch richtig,“ ſtöhnte er—„dann iſt er fort und ſie waren in dem Boote, das ich geſehen habe. Wollen Sie mir helfen, Herr Director?“ „Von Herzen gern, Pilger, aber wie?“ „Erſt gehen wir jetzt zu ſeinem Hauſe und 284 ſehen ob er fort iſt, und finden wir das beſtätigt, dann bitte ich Sie um weiter Nichts, als Ihr Boot— Leute ſchaff' ich ſchon herbei.“ „Aber keine Gewaltthätigkeit, Pilger!“ warnte der Director;„Ihr macht die Sache dadurch nur noch ſchlimmer.“ „Ueberlaſſen Sie das mir, Herr Director. Ich habe den Eltern meiner Frau, braven, ordentlichen Leuten daheim, verſprochen, über dieſelbe zu wachen wie über meine Augen; ich darf die unglückliche Frau nicht den Händen dieſes Buben überlaſſen, und darin werden mich doch hoffentlich die Ge⸗ ſetze ſchützen.“ „Das allerdings,“ ſagte Sarno, von ſeinem Stuhle aufſpringend—„und dann wollen wir auch keine weitere Zeit mehr verſäumen— kommt!“ Er griff ſeinen Hut auf, und von Kön⸗ nern begleitet, gingen die Männer raſch nach dem Hauſe des Delegado hinüber. Es war aber hier, wie es Sarno gefürchtet hatte, ſie fanden das Haus nicht allein feſt verſchloſſen, ſondern auch leer. Dicht daneben wohnte ein deutſcher Cigarren⸗ macher, der einen kleinen Stand nach der Straße zu hatte. Dieſer konnte ihnen wenigſtens die Nachricht geben, daß gleich nach Dunkelwerden mehrere braſilianiſche Matroſen Kiſten und Koffer 285 aus dem Hauſe die Straße hinab getragen hätten. Weiter wußte er ebenfalls nichts, denn den Dele⸗ gado hatte er mit keinem Auge geſehen. „Dann bleibt mir Nichts weiter übrig, als das Boot,“ ſtöhnte Pilger, als er mit ſeinen Begleitern wieder die Straße hinauf ging—„darf ich es nehmen, Herr Director?“ „Geht mit Gott!“ ſagte Sarno, indem er ihm den kleinen Bootſchlüſſel gab—„Ihr wißt, wo es liegt?“ „Ja wohl— und Segel und Ruder?“ „Hat der Fiſcher gegenüber— der kann Euch auch wahrſcheinlich gleich Leute zum Rudern nach⸗ weiſen.“ Pilger dankte und flog mehr als er ging die Straße hinab und der Landung zu.— Im Hauſe der Gräfin Baulen war die kleine Familie mit ihrem Gaſte ziemlich ſpät beim Thee zuſammen geweſen, und hatte den Abend, ſo gut das eben gehen wollte, verplaudert. Herr von Pulteleben erzählte von ſeiner Familie daheim und dem kleinen Gute, auf dem er erzogen worden, von ſeinen Plänen und Hoffnungen und ſeinem 286 Eifer, etwas Ernſtliches zu beginnen, und die Frau Gräfin ſelber war ihm mit Intereſſe dabei gefolgt. Nur Oskar langweilte ſich; aber er wußte, daß im Wirthshauſe Ball ſei. Allerdings würde ihm ſeine Mutter nie die Erlaubniß gegeben haben, dem beizuwohnen, deshalb erſparte er ihr das Unangenehme einer Weigerung, verließ un⸗ bemerkt das Zimmer und ging eben ohne Er⸗ laubniß. Herr von Pulteleben erzählte jetzt von ſeiner Reiſe und den Abenteuern derſelben, und da er wirklich gar Nichts dabei erlebt, wurde die Frau Gräfin endlich müde und ſchlief ein. Helene ſetzte ſich auf kurze Zeit an's Clavier, aber ihr Gaſt war nichts weniger als muſtkaliſch, und da er auch keinen Geſchmack an den kleinen, reizenden Liedern fand und ſie immer nur— oft mitten in einem Stücke— bat, einen Walzer oder Galopp zu ſpielen, ermüdete Helene ebenfalls. Es war Zeit zum Schlafengehen geworden, das Mädchen wurde gerufen, um dem Fremden in ſein Zimmer zu leuchten, und Helene ging in das ihrige, ſtellte das Licht auf den Tiſch, ſtützte den Arm auf das offene Fenſter, zu dem der balſamiſche Duft der Orangenblüthen voll herein⸗ 287 ſtrömte, und ſchaute träumend in die Nacht und auf die dunklen Conturen der Gebirge hinaus. Da zuckte ſie plötzlich erſchreckt empor, denn faſt dicht unter ihrem Fenſter erklangen wieder die leiſe klagenden Töne der Violine, die ſie ſchon an jenem Abend ſo wunderbar ergriffen hatten. Es lag ein ſolcher Schmelz in der einfachen Me⸗ lodie, daß es ihr unwillkürlich das Herz ergriff, und ſie ſtand auf, ſetzte ſich auf das Sopha, um von unten aus nicht geſehen zu werden, und horchte mit angehaltenem Athem dem meiſterhaften Spiele. Herr von Pulteleben, der ſchräg über ihrem Zimmer wohnte, hatte ſchon ſein Licht ausgelöſcht und ſich eben niedergelegt, als der Spielende unten begann. Er ſtand wieder auf, lehnte ſich in das offen ſtehende Fenſter und hörte eine Weile zu, bis die Töne unten leiſe verhallten. Jetzt rief er von oben herunter: „Bravo! Sehr hübſch! Wirklich allerliebſt!“ Helene barg die Stirn in ihre Hand; es war wie ein Mißton in dieſe Harmonie hinein. Der Spielende unten aber ſchwieg. Sie löſchte ihr Licht aus und trat verdeckt ans Fenſter, um vielleicht den Schatten ſeiner hinweggleitenden Ge⸗ ſtalt zu ſehen, aber Nichts regte ſich— dunkel lag — 288 die Nacht auf dem Thale, und nur von weit herüber ſchallten dann und wann, von einem ge⸗ legentlichen Luftzuge getragen, die munteren Töne der Violinen und Trompeten herüber, die dem jungen, luſtigen Volke von Santa Clara zum 4 Tanze aufſpielten. 10. Sine Familienſcene. Vier Tage waren nach den oben beſchriebenen Vorfällen verfloſſen und die Frau Gräfin hatte an dieſem Morgen noch nicht vollſtändig ihre Toilette beendet, als draußen auf dem Vorſaale ſchwere Tritte laut wurden, und gleich darauf ein Mann mit Dorothea ſprach. Jetzt klopfte dieſe an die Thür und rief: „Frau Gräfin, der Meiſter Spenker iſt draußen und wünſcht die Frau Gräfin zu ſprechen.“ „Soll ſpäter wieder kommen,“ lautete die Ant⸗ wort—„ich bin noch nicht fertig angezogen.“ „Ach, machen Sie keine Umſtände, Frau Gräfin,“ ſagte der Bäckermeiſter, der die Antwort gehört hatte—„ich habe meine Frau auch ſchon Fr. Gerſtäcker, Die Colonie. I. 1. 19 —— 290 oft im Negligé geſehen— bin ja ein verheiratheter Mann und kann nicht ſo lang von zu Hauſe fort bleiben. Es giebt jetzt ſchmählich viel zu thun, denn die vielen neuen Mäuler im Ort wollen doch alle ſatt werden und Brod haben.“ „Aber weshalb kommen Sie denn ſo früh— ich kann jetzt nicht.“ „Früh?“ ſagte der ehrliche Bäckermeiſter er⸗ ſtaunt, der ſeit vier Uhr an der Arbeit war— „es hat eben Elf geſchlagen, und bei uns drüben ſagen wir nicht einmal mehr„guten Morgen“ — es wird gleich zu Mittag gegeſſen. Wenn Sie aber wollen, kann ich Ihnen hier gleich durch die Thür melden, was mich hergeführt— ich glaubte nur, es wäre Ihnen angenehmer wenn ich Sie allein ſpräche.“ Es entſtand eine kleine Pauſe und der Bäcker⸗ meiſter lächelte leiſe vor ſich hin— endlich ſagte die Gräfin von innen heraus: „Ich komme den Augenblick— gehen Sie in das andere Zimmer.“ „Sehr wohl, Frau Gräfin,“ erwiederte der Meiſter kopfnickend, und wußte auch ganz genau, in welches, denn er hatte ſchon ſehr viele der⸗ artige Conferenzen mit der Dame gehabt. Er brauchte indeſſen nicht ſehr lange zu warten, denn 291 kaum zehn Minuten ſpäter ging die Thür auf und Frau Gräfin Baulen, einen großen Shawl umgeſchlagen, trat herein und ſagte eigentlich viel freundlicher, als man nach der erzwungenen Audienz hätte vermuthen ſollen: „Guten Morgen, Meiſter! Was wünſchen Sie?“ „Guten Morgen, Frau Gräfin— Nichts, als die alte Geſchichte, die wir ſchon einige Mal ver⸗ handelt haben; Geld— meine Miethe.“ Die Gräfin warf ungeduldig den Kopf auf die Seite. „Aber Sie wiſſen ja doch, daß meine Wechſel, die ich jedenfalls mit dem nächſten Dampfer er⸗ warte, noch nicht angekommen ſind— ich habe Ihnen das ſchon das letzte Mal geſagt, als ich das Vergnügen hatte Sie zu ſehen.“ „Bitte,“ ſagte der Mann—„ja, und das vorletzte Mal auch, und das vorvorletzte, aber es iſt ein merkwürdiges Ding um einen Wechſel, der nie ankommt, wenn er am Nothwendigſten gebraucht wird.“ „Und iſt das etwa meine Schuld?“ ſagte die Gräfin piquirt. „Glaube kaum,“ lächelte der Bäckermeiſter— „nur die Schuld der Leute, die eben keinen ſchicken wollen.“ 3 19* 292 „Aber ſie ſind abgeſchickt,“ rief die Gräfin ungeduldig,„und können jetzt jede Stunde ein⸗ treffen. Sie denken doch nicht etwa, daß ich Ihnen eine Unwahrheit ſagen werde?“ „Nein,“ ſagte der Bäckermeiſter kopfſchüttelnd —„es wäre wenigſtens nicht hübſch, aber damit kommen wir nicht weiter. Das Kurze und Lange von der Sache iſt einfach das, daß ich nicht länger auf die Wechſel warten kann, und es thut mir leid Ihnen das ſagen zu müſſen, Frau Gräfin. Ich bin nur ein Handwerker, und was ich brauche, muß ich mir ſauer genug verdienen; außerdem habe ich Kinder die verſorgt ſein wollen, und das koſtet, wie Sie ebenfalls recht gut wiſſen, viel Geld. Deshalb muß ich das Meinige zu⸗ ſammenhalten— Sie ſind eine zu vernünftige Frau, um das nicht einzuſehen, und ich kann die Milreis nicht hundertweis ausſtehen laſſen.“ „Aber, lieber Freund,„ich kann Sie ja doch nicht eher zahlen, bis mein Wechſel kommt,“ ſagte die Gräfin ungeduldig—„was hilft alſo all das Reden? So nehmen Sie doch nur Vernunft an!“ „Eben weil ich lieber auf die Vernunft hören will, als viele Reden machen, bin ich heute Morgen hergekommen,“ ſagte der Meiſter ruhig, „und wollte Ihnen denn nur anzeigen, Frau 293 Gräfin, daß ich mein Geld in dieſer Woche haben muß und will, Wechſel oder keine Wechſel, die mich eigentlich gar Nichts angehen. Ich werde 1 Sie nicht zu ſehr drängen und gebe Ihnen noch bis zum Samstag Zeit, das iſt aber auch, das ſchwöre ich Ihnen, der allerletzte Termin, den Sie von mir herausdrücken können; denn die Geſchichte ſpielt jetzt fünfzehn Monate, und ich will mich nicht länger zum.... na, ich meine, ich 6 kann eben nicht länger warten.“ „Ich will ſehen was in meinen Kräften ſteht,“ 1 ſagte die Gräfin gleichgültig, und wie es ſchien, mit dem Wunſche, das Geſpräch abzubrechen— „erzwingen läßt ſich aber ſo etwas nicht.“ „Oh, doch wohl,“ fragte Meiſter Spenker, den die vornehme Gleichgültigkeit zu ärgern anfing— „es läßt ſich auch erzwingen, Frau Gräfin, wenn es mir auch ſehr leid thun ſollte, etwas Derartiges zu thun. Der ganze Ort iſt jetzt voll Leute, die Logis ſuchen, und eine ſolche Wohnung, wie das Haus hier, mit Vergnügen noch höher als Sie und gleich baar bezahlen würden; überall fragen ſie an, ob nichts Derartiges zu bekommen ſei. Außerdem haben Sie ſelber ſchon einen After⸗ miether in's Haus genommen, der Sie doch auch bezahlt, und ich ſehe gar nicht ein, weshalb ich das 294 nicht ſelber verdienen und ſonſt Nichts auf der Welt davon haben ſoll, wie leere Verſprechungen.“ „Der Herr,“ ſagte die Gräfin doch etwas ver⸗ legen,„iſt— ein Verwandter von mir, und zahlt mir alſo keine Miethe.“ „Na, das geht mich Nichts an,“ ſagte der Bäcker,„ob er Ihnen Etwas zahlt. Wenn er bei mir wohnte, würde er zahlen. Alſo Nichts für ungut, aber wenn ich bis Samstag mein Geld nicht bekomme, ſo muß ich Sie, ſo leid mir das thun ſollte, auf die Straße ſetzen und mich an dem ſchadlos halten, was Sie mir für meine zwei⸗ hundert Milreis an Pferden oder Möbeln zurück⸗ laſſen können.“ „Herr Spenker,“ rief die Gräfin auffahrend, „eine ſolche Sprache verbitte ich mir! Wenn Sie ſich in Ihrem Rechte gekränkt glauben, ſo wenden Sie ſich an die Gerichte, und wir wollen dann ſehen, ob mir nicht jeder Kaufmann ſelbſt bezeugen muß, daß in einem ſolchen Winkel der Erde, wie wir ihn hier bewohnen, die Ankunft eines Wech⸗ ſels verzögert werden kann— aber ſo lange Sie in meiner Stube ſind, vergeſſen Sie nicht die mir ſchuldige Achtung.“ „Ach was,“ ſagte der Mann mürriſch—„Sie vergeſſen auch immer die mir ſchuldigen zweihun⸗ —, 5 dert Milreis, und mit dem vornehm— aber wir wollen uns nicht zanken,“ brach er kurz ab,„des⸗ halb bin ich nicht hergekommen. Ich mag mit keinem Menſchen Streit haben, am wenigſten mit meinen Miethsleuten— ſo weit's eben geht— alſo nochmals, Nichts für ungut, Frau Gräfin, und ſorgen Sie dafür, daß wir die Sache am Samstag in's Klare kriegen, ſonſt läßt ſich's eben nicht länger vermeiden und müßte Ihnen doch fatal ſein. Wünſche Ihnen einen recht angenehmen Morgen“— und mit einer kurzen Verbeugung und einer Schwenkung des rechten Armes drehte er ſich um und ſtieg langſam wieder die Treppe hinunter.— Die Gräfin hatte ſeinen Gruß ſehr kalt er⸗ wiedert und blieb, als er ſchon lange das Zim⸗ mer verlaſſen, noch immer in finſterem Brüten auf derſelben Stelle ſtehen. Sie hatte die Arme ge⸗ kreuzt und ſtarrte nieder vor ſich auf den Boden, als die eine Seitenthür aufging und Helene eintrat. Sie ging ſtill an der Mutter vorüber zu dem nächſten Fenſter, wo ein Buch lag, das ſie nahm und aufſchlug— aber ſie las nicht darin. Ihre Blicke hafteten wohl auf dem Drucke, doch ihre 296 Gedanken ſchweiften zu anderen Scenen, als den hier geſchilderten. Endlich ſagte ſie leiſe: „Und was ſoll nun werden?“ Die Mutter ſchrak ordentlich bei der Frage empor, die nur das in Worten ausſprach, worüber ſie ſelber eben erſt nachgedacht. „Du haſt gehört, was der Menſch ſagte?“ fragte ſie, ohne ihre Stellung zu verändern. „Ja.“ „Alles?“ „Jedes Wort— aber Dein Wechſel muß jetzt kommen.; der Dampfer iſt ſchon ſeit vier Tagen fällig und bleibt nur in ſeltenen Fällen über dieſe Zeit.“ „Und wenn er kommt?“ erwiederte die Gräfin mit einem bittern Lächeln,„was dann? Ja, ich bin mit den wenigen Hundert Thalern im Stande, unſere Hauptſchulden zu decken, aber wovon weiter leben? Helene, Helene, Dein ſtarrer Sinn wird uns noch theuer zu ſtehen kommen!“ „Mein ſtarrer Sinn?“ fuhr die Tochter auf; „etwa deshalb, weil ich nicht auf die Anträge jenes ſchurkiſchen Portugieſen hören wollte, der mir ſeine Hand anbot? Haſt Du nicht jetzt ſelber den Be⸗ weis, was für eine gemeine Creatur es war, wo er die Frau des Schuhmachers entführte, als er — ᷣ——e —— 5 —— die Grafentochter nicht bekommen konnte? Der Menſch war als ein Wüſtling in der ganzen Stadt bekannt und verachtet, und Du, Mutter, Du konn⸗ teſt mir zu einer Verbindung mit ihm rathen, ja, wirfſt mir jetzt noch meinen Starrſinn vor!“ Helene ſtand mit leuchtenden Augen ihrer Mutter gegenüber und die Frau ſchlug faſt ſcheu den Blick vor ihr zu Boden. „Du denkſt nur an Dich,“ ſagte ſie aber trotz⸗ dem, wenn auch nur mit halblauter Stimme— „was aus Deiner Mutter wird, kümmert Dich nicht.“ „Und hab' ich den Vorwurf wirklich von Dir verdient?“ erwiederte Helene, und ein eigener wehmüthiger Zug zuckte um ihre Lippen—„hab' ich ihn auch da verdient, als ich des wackeren Vollrath Bewerbung ausſchlug, der mich mit einem gebrochenen Herzen verließ und deſſen ganze Liebe ich beſaß? Dachte ich auch da nur an mich, wo ich im Stande war, mir eine beſcheidene Heimath zu gründen, aber Dich auch hätte hülflos zurück⸗ laſſen oder in Verhältniſſe hineinziehen müſſen, von denen ich vorher wußte, daß Du Dich darin unglücklich gefühlt und Vollrath unglücklich ge⸗ macht hätteſt?“ „Nein— nein— ich weiß, Du biſt ein gutes, 298 d,“ ſagte die alte Gräfin, von vernünftiges Kin dem Vorwurfe getroffen—„ich war vielleicht zu hart gegen Dich, aber— ſollte die Zeit kommen, wo Du Dich gut verſorgen kannſt, ſo bedenke auch, daß Du— nicht zu lange damit ſäumen darfſt. Unſere Stellung hier wird mit jedem Monate un⸗ haltbarer, wenn nicht bald Etwas geſchieht, der Sache eine andere Wendung zu geben.“ „Und was könnte geſchehen?“ ſagte Helene, und ein ganz eigenes wehes Gefühl beengte ihr die Bruſt. „Ich habe doch jetzt Hoffnung,“ ſagte ihre Mutter,„daß ſich mein Plan noch wird realiſiren laſſen.“ „Du meinſt mit der Cigarren⸗Fabrik?“ „Ja.“ „Und glaubſt Du wirklich, daß Etwas dabei gewonnen werden kann?“ „Wenn es richtig angefaßt wird, gewiß.“ „Aber wirſt Du im Stande ſein das zu thun? Gehören nicht zu einem ſolchen Geſchäfte praktiſche Erfahrungen?“ „Liebes Kind, glaubſt Du nicht, daß ich mir in meinem Leben Menſchenkenntniſſe genug geſam⸗ melt habe, auch mit Menſchen umzugehen?“ „Aber das iſt eine Sache, wo Du weniger 299 Menſchen⸗ wie Waarenkenntniſſe brauchſt, und wie leicht kannſt Du darin betrogen werden.“ „Waarenkenntniſſe, Du lieber Gott!“ ſagte die Gräfin;„das Material iſt ſo einfach, daß ſich das gewiß in wenigen Monaten vollſtändig er⸗ lernen läßt. Aber weißt Du ſelber etwas Beſ⸗ ſeres?“ „Ich? Du mein Himmel!“ ſeufzte Helene— „wie ſollte ich Dir rathen können, der noch nie verſtattet wurde, in das praktiſche Leben der Men⸗ ſchen einzugreifen, ja, ſie nur bei demſelben zu beobachten? Lange ſchon hätte ich Unterricht im Franzöſiſchen und Engliſchen gegeben, um mich nur in Etwas nützlich zu machen, aber ſelbſt das haſt Du mir ja nicht einmal geſtattet.“ „Weil es ſich mit unſerer Stellung nicht ver⸗ trägt,“ ſagte die Gräfin finſter—„mit welchem Geſicht hätte ich nur dem Baron entgegentreten können, wenn die„Comteſſe“ den Bäcker⸗ oder Schuſterskindern da drüben Unterricht gegeben hätte?— Das verſtehſt Du nicht, Kind.“ „Und Cigarren machen für Bäcker und Schu⸗ ſter?“ ſagte das junge Mädchen traurig. 4£ „Das iſt etwas ganz Anderes, wir laſſen ſie machen,“ erwiederte die Gräfin raſch—„wir leiten nur die Fabrikation, und wenn wir ſelber„zum 300 Spaße“ dann und wann und auf unſerer Stube ebenfalls arbeiten, ſo iſt das etwas ganz Anderes. Auch Damen der höchſten Stände in Europa haben zu ihrer Unterhaltung Handarbeiten betrieben, Blumen, Pappſachen, Verzierungen auf Glas⸗ und Holzwaaren und tauſend andere Dinge gemacht. Wir hier brauchen ſolche Sachen nicht, und wenn wir dafür Cigarren machen, kann Niemand etwas Ungehöriges darin ſehen. Selbſt der Baron fand das in der Ordnung.“ „So haſt Du ſchon mit ihm darüber geſprochen?“ „Ja,“ ſagte die Gräfin nach einigem Zögern— „vor mehreren Tagen kam einmal das Geſpräch darauf.“ „Und wird er ſich dabei betheiligen?“ fragte Helene ſchnell. „Nein,“ erwiederte die Gräfin wieder zögernd; „der Mann war ſtets zu unpraktiſch. Er hat nicht den geringſten Sinn für ein wirklich nutzbringen⸗ des Unternehmen, und da iſt es auch viel beſſer, daß man gar nicht mit ihm beginnt; man hätte ſonſt ewig nur Klagen und Vorwürfe zu hören.“ „Und wer ſonſt— meinſt Du— würde auf einen ſolchen Plan eingehen?“ fragte die Tochter und ſah ihre Mutter ſcharf dabei an. Die Gräfin hatte ſich halb abgewendet und be⸗ b 301 ſchäftigte ſich an ihrem Nähtiſche damit, ein auf⸗ gerolltes Knäuel ſchwarzer Seide wieder in Ord⸗ nung zu bringen. „Ich glaube,“ ſagte ſie, und wandte dabei den Kopf lächelnd der Tochter zu—„der Himmel ſelber hat uns einen Bundesgefoſſen geſandt, der am Ende der rechte Mann dazu ſein dürfte.“ „Unſer Gaſt?“ „Derſelbe. Er wünſcht ſehnlichſt, wie er mir wie⸗ der und wieder geſagt hat, irgend Etwas in Braſilien zu beginnen, wodurch er nichtallein eine Beſchäftigung findet, ſondern auch Geld verdienen kann, und ich denke faſt, daß mein Plan für alle Beide von Nutzen ſein könnte. Meinſt Du nicht?“ „Und glaubſt Du wirklich, Mama, daß mit dieſer Arbeit etwas Ordentliches verdient werden könnte? Ich kann es mir noch immer nicht denken.“ „Aber würde ich es denn ſonſt beginnen?“ „Ich weiß nicht,“ ſagte Helene,„es iſt mir ein Gefühl, als ob wir der Sache keinen rechten Ernſt entgegen bringen könnten— als ob eigent⸗ lich andere Kräfte dazu gehören müßten, etwas Aehnliches zu beginnen.“ „Aber ich begreife Dich gar nicht.“ „Und wie wird ſich Oskar hinein finden?“ 302 „Wie ihn die Nothwendigkeit zwingt,“ ſagte die Gräfin entſchieden.„Ich habe ſeinem Leicht⸗ ſinn jetzt lange genug nachgeſehen, aber meine Kräfte ſind erſchöpft. Ich bin nicht mehr im Stande, ſein müſſiges Leben zu unterſtützen, und er muß eben arbeiten, wenn er exiſtiren will. Dafür ſind wir nun einmal in Brafilien.“ „Er wird ſchwer an eine regelmäßige Beſchäf⸗ tigung zu gewöhnen ſein,“ ſeufzte Helene;„es iſt ihm zu viel die ganzen langen Jahre hindurch nachgeſehen worden.“ „Das muß eben anders werden,“ ſagte die Gräfin,„und ich habe die feſte Hoffnung, daß er das ſelber fühlt, indem er ſchon ſein Reitpferd verkauft hat. Das Geld dafür iſt allerdings nur ein ſehr kleines Capital, aber es iſt immer ein Capital und kann auf weit nützlichere Weiſe ver⸗ wandt werden.“ Ein lauter, jubelnder Ruf von der Straße aus unterbrach ſie hier, und als Beide an das Fenſter traten, ſahen ſie, wie Oskar eben einen ſehr hüb⸗ ſchen Rappen, der unter ihm ſprang und tanzte, gerade vor dem Fenſter parirte unde ihn auf und ab galoppiren ließ.*— „Da haſt Du die Anlage des neuen Capitals,“ ſagte Helene ruhig—„ich kenne das Pferd; es 2„ 3 uanuwuuuuzunauanuraunuuxauuaunu ffffffn 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 1 „ 8* 4 . 4 4 ** 7 8½ , 4 8 5 5 1 e „