y deeutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 5 3 von.. Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Leſebedingungen. — 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme „ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 4 af 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. - Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 8 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3 6. Schadenersatz. 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Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſett und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———— Leihbibliothek Eine Nacht am Mosquitogulch. „Sorgen?— pah, wer kennt hier Sorgen, Goldgräber ho!“— Goldgräber⸗Lied. 4 Weit im fernſten Oſten der Californiſchen Gold⸗ minen, d. h. ſoweit, als damals die kühnen Miner nach Oſten vorgedrungen waren und Gold gefunden hatten, und gerade dort, wo ſich die Waſſer der ſüd⸗ lichen Flüſſe Macalome und Calaveres ſcheiden, läuft mitten durch die mit dem herrlichſten Baumwuchs bedeckten höchſt romantiſchen Berge, dicht im ſchatti⸗ gen Grün verſteckt, ein kleiner Bergbach, der ſich nur eine kurze Strecke weiter unterhalb, aber faſt immer ſteil und ſchäumend, in den tief unten dahinbrauſen⸗ den Süd⸗Arm des Macalome ergießt, oder eigentlich hineinſtürzt. Dieſen kleinen Creck oder Gulch,(wie ſich der Californiſche Name nach und nach durch allgemeinen Gebrauch gebildet, da Gulch eigentlich nur die Gerſtäcker, Californiſche Skizzen. 1 8 2 Schlucht bedeutet durch welche der Bach läuft) hatten die erſten Entdecker deſſelben, Deutſche, den Mosqui⸗ togulch genannt. In dem wildverwachſenen Dickicht, der den unteren Theil des Gulch's füllte und meiſt aus einer Art wilder Kirſchen und Haſelbüſche be⸗ ſtand, hielten ſich auch in der Sommerzeit eine ganz anſehnliche Maſſe dieſer lieben Thierchen auf, und ſpornten die Arbeiter zu neuer Thätigkeit, wenn ſie einmal kurze Zeit in dem kühlen Schatten der dort wirklich rieſenhaften Cedern und Fichten ausruhen und Spitzhacke und Schaufel, wie ſie es nannten, wollten„kalt werden laſſen“. Es ſind vortreffliche Aufſeher die Mosquitos. Gar arg waren ſie übrigens, beiläufig geſagt, bei alle dem nicht. Die Leute die den klaren freundlichen Bach ſo nannten und ihm dadurch gewiſſermaßen einen ſchlechten Namen gaben, hatten nur noch keine Plätze geſehen wo wirklich Mosquitos ſind— ſie waren noch nicht am Miſſiſſippi geweſen Etwa halbwegs alſo an dem Waldfere weit vielleicht von ſeiner Quelle als ſeiner Mündung fernt, und an dem Hang des Hügels der an: Seiten von tiefen Schluchten begrenzt wurde(im Norden von dem Mac Gualome ſelber, über den hin dieſe Abdachung eine wundervolle Fernſicht nach ſei⸗ nen nördlichen ſichtenbewaldeten Ufern geſtattete, während tief von unten herauf ſein hohles Brauſen, wie er über Felsblöcke und Baumſtämme wegſprang,— in das Ohr des Lauſchenden tönte,— im Oſten von einer kleinen nicht ſo tiefen trockenen Schlucht, und im Weſten von dem tief und ſcharf eingeſchnittenen 3 Mosquitogulch, nach dem ein ſchmaler Pfad etwa zweihundert Schritt lang ſteil hinab führte)— ſtand ein kleines Zeltlager oder Camp, wie es in der Mi⸗ nenſprache genannt wurde. Die vier kleinen Zelte, drei weiße und ein blaues, waren dicht und heimlich unter wahrhaft großartige Fichten und niedere Eichen⸗ bäume hineingeſchmiegt, und zur Nachtzeit loderten mächtige Feuer in ihrer Mitte. Dieſe vier Zelte wurden von eben ſo vielen„Com⸗ pagnien“(wie die zwei, drei, vier oder mehr, die zu⸗ ſammen arbeiten, genannt werden) bewohnt. Es waren dieß, mit Ausnahme eines einzigen Amerika⸗ ners,„Deutſche, die meiſten ſogar mit den Bre⸗ mer't iffen Talisman und Reform von Deutſch⸗ mund, einzelne aber auch aus Auſtralien und anderen 4 Theilen der Erde hierhergekommen. Nach echt Cali⸗ forniſcher Wanderart hatten ſie ſich hier, meiſt zufällig, 1 auf dem einſamen aber reizend gelegenen Hügelrücken zuſammengefunden. * „ Etwa hundert Schritt davon ſtand noch ein an⸗ deres Zelt, in welchem eine Compagnie engliſcher und iriſcher Miner hauſte, und noch weiter hin lagerten ein Pole und ein Deutſcher, beide von Texas hier herüber gekommen, unter freiem Himmel. Die Re⸗ genzeit war noch nicht eingetreten und die Nächte blieben faſt immer ſternenhell. Haſt du, lieber Leſer, Luſt, und nichts Beſſeres zu thun, ſo wollen wir einmal den heutigen Abend— es iſt ein Sonntag— dort zubringen. Wir finden ein luſtiges Völkchen, gute Geſellſchaft und jedenfalls einen freundlichen Willkommen. Es iſt etwa vier Uhr Nachmittags und das Lager außergewöhnlich ſtill; was mag aus all den Menſchen geworden ſein, die es ſonſt ſo lebendig machen? J„Freund, wir leben hier fünf engliſche Meilen von dem nächſten Store oder Proviſionsladen ent⸗ fernt, und da geht von jeder Compagnie wenigſtens Einer(gewöhnlich aber auch Mehrere) Sonntags zu Eſel, Maulthier oder Pferd— denn dieſe drei ver⸗ ſchiedenen Beförderungsmittel exiſtiren hier ſämmtlich — nach„Charles Store“. Dieß iſt ein in der gan⸗ zen Gegend wohlbekannter Platz, wo ſich die Miner die nöthigen Proviſionen an Mehl, Kartoffeln, Fleiſch, u. ſ. w. für die nächſte Woche, und manchmal —— — auch einen kapitalen Rauſch für den beſonderen Abend holten. Vor Dunkelwerden kommen dann dieſe meiſt ſehr luſtigen Leute ſelten wieder zurück, ja oft wird es zehn und elf Uhr, und wenn die Eſel dann nicht klüger wären als— doch das iſt vorgegriffen. Eigentlich bewegte ſich bis jetzt nur eine einzige Geſtalt um die Zelte herum— ein Mann in einem- — rein gewaſchenen aber ſchon alten und oft ausgebeſ⸗ ſerten roth wollenen Hemd und grauleinenen Beinklei⸗ dern, mit dunkelbraunem, lockigem Haar, kleinen aber lebendigen Augen, und breiten, Arbeit gewohnten Hän⸗ den, man könnte ſagen Fäuſten.— Er arbeitete mit einem Andern, Namens Panning zuſammen. Pan⸗ ning war in Deutſchland Kutſcher bei einem Grafen „ſo und ſo“ geweſen und nach Californien gekommen ſein Glück zu machen. Albert hatte einen Ochſen⸗ karren über die Sierra Nevada für Onkel Sam ge⸗ trieben— er erzählte gern von dieſer Fahrt— ſpäter war er, glaub' ich,„freiwillig fortgegangen“, wie es die Ausreißer dort gewöhnlich nannten, oder auch entlaſſen worden, kurz er befand ſich hier oben am Mosquitogulch und„machte gut aus“.— Lieber Leſer, Du wirſt Dich noch an viele ſolche Minenaus⸗ drücke gewöhnen müſſen und darfſt nicht jetzt ſchon den Kopf darüber ſchütteln. ——— 6 Albert war eifrig beſchäftigt ſeine Matratzen und Decken, die den Tag über in der Sonne gelegen, wie⸗ der ins Zelt zu ſchaffen, die heute Morgen gewaſche⸗ nen Kleidungsſtücke von der zu dieſem Zweck zwiſchen zwei jungen Eichen ausgeſpannten Leine zu nehmen, und nachher Holz für den Abend herbei zu ſchaffen. Er hatte den ganzen Tag ſchon genäht und ausge⸗ beſſert und war überhaupt ein ungemein fleißiger Mann und tüchtiger Arbeiter. Panning und Albert beſaßen gemeinſchaftlich ein weißes Maulthier. In dem blauen Zelte regte ſichs auch. Der ein⸗ ſame Bewohner deſſelben, deſſen Kleidern ein paar gute Faden grauer Zwirn eben auch keinen Schaden gethan haben würden, lag aber ziemlich faul auf ſei⸗ ner Decke vor dem Zelt, und ſchaute in den grünen Baumwipfel hinauf. Das Zelt wurde von drei Deut⸗ ſchen, Renich, Haye und Müller— ſo wollen wir den dritten nennen, denn mein eigener Name iſt ſo ver⸗ wünſcht lang,— bewohnt. Renich und Haye waren nach dem Store— der eine auf, der andere neben Mosquito(wie wir den uns Dreien gehörigen Eſel zu Ehren des Gulches tauften,) gegangen, und Mül⸗ ler hätte allerdings immer aufſtehn und ein Feuer an⸗ machen können, denn wenn ſeine beiden Compagnons nach Hauſe kamen, waren ſie hungrig und wollten etwas zu Eſſen haben. Erſtlich aber war nichts zu eſſen mehr da, denn die letzten vier Kartoffeln und zwei Zwiebeln— der ganze Reſt der vorigen Wochen⸗ Proviſion, etwas fertig gebackenes Brod ausgenom⸗ men, hatte eben ſeine letzte Mittagsmahlzeit gemacht, und dann kannte er auch ſchon ſeine Pappenheimer. Die kamen ſo früh gar nicht, und hatten dann auch immer weit mehr Durſt als Hunger.— Wo ein Brauhaus ſteht, kann kein Backhaus ſtehen, iſt ein altes gutes Sprüchwort. Vor dem großen Zelte fing eben der einzig Zurück⸗ gebliebene„Förſterling“ an, Spähne und Laub zu⸗ ſammenzuſuchen, das faſt ganz niedergebrannte Feuer wieder aufzufriſchen. Aber ſelbſt hierbei ſchien Eigen⸗ nutz die vorherrſchende Leidenſchaft(wenn die unge⸗ heure Ruhe, mit der er es that, Leidenſchaft genannt werden konnte). Er hatte ſelber Hunger bekom⸗ men und auch einige kalte Kartoffeln von ſeinem ebenfalls ſehr frugalen Mittagseſſen übrig behalten, die er ſich aufbraten wollte. Dort hinter den rieſigen Fichten und Cedernwip⸗ feln ging jetzt die Sonne unter. Das war ein herrli⸗ cher Anblick, wie ſie die breitmächtigen Hügelrücken da drüben über dem Fluß mit ſo zauberiſch glühendem — Licht übergoß, in dem dunkeln Nadelholz ſpielte, und die Wipfel der ſtattlichſten Bäume, die je mein Auge geſehn, mit ihrem letzten Kuß berührte. Eine heilige Stille lag auf dem Wald— nur leiſe, leiſe rauſchte der leichte Abendwind in dem blitzend⸗ funkelnden Laub. Wie ein feiner Duft zogen dünne luftige Nebel⸗Schatten über das getherreine Firma⸗ ment, und das dumpfe ferne Brauſen des unten da⸗ hin ſchießenden Stromes, zu weit entfernt die ſüße Ruhe des Ganzen zu ſtören oder zu unterbrechen, tönte wie ferner Orgelklang in gewaltigen tief in die Seele greifenden Akkorden herauf. „Na, Gott ſtraf mich, Müller, Sie möchten da wohl heute den ganzen Abend liegen bleiben?“ platzte Förſterling endlich heraus.— ollen Sie denn nicht dafür ſorgen, daß Hayer und Renich ein Feuer vorfinden?“ „Bah, die kommen noch lange nicht,“ ſagte Mül⸗ ler ziemlich beſtimmt, aber doch mit einiger morali⸗ ſchen Zerknirſchung, denn ſie konnten allerdings jeden Augenblick kommen. Er ſprang auch in die Höhe, warf ſeine Decke an die linke Zeltſeite und ging jetzt eruſtlich daran, ebenfalls Holz herbei zu tragen ehe es dunkel würde, und die ſonſt nöthigen Vorbereitungen zu treffen. Albert hatte indeſſen ſein Abendeſſen fertig— Albert und Panning theilten ſich die Proviſion immer ſo ein, daß ſie Sonntags auch noch etwas übrig be⸗ 34 hielten— und erwartete jetzt mit Ungeduld den ge⸗ wöhnlich um dieſe Zeit zurückkehrenden Compagnon. „Auch nicht ein Tropfen Brandy in der Flaſche,“ 4 ſagte Förſterling endlich, als er mit der leeren Flaſche aus dem Zelt kam und ſie, wenn gleich vergeblich, zu⸗ erſt gegen das letzte Abendroth am Himmel, und dann, als ob er dem nicht glauben wollte, gegen das jetzt hell und licht aufflackernde Feuer hielt—„haben Sie keinen mehr, Müller?“— „Nicht die Spur,“ lautete die wenig Troſt brin⸗ gende Antwort,„der Brandy hält ſich hier nicht, Förſterling, die Frichen werden zu oft geſchüttelt.“ „O das Schütteln ſchadet ihm Nichts,“ ſagte För⸗ ſterling, nahm die leere Flaſche beim Hals und warf 1 ſie ſo weit er konnte in die trockene Schlucht hinab. 4 Dieſe war ſchon ganz mit zerbrochenem Glaſe be⸗ 3 ſtreut und wurde von den dort manchmal umher⸗ zr ſtreifenden Indianern auf das ſorgfältigſte gemieden. „Das verwünſchte Umdrehen, das auf den Kopf hal⸗ 4 ten kann der Brandy aber nicht vertragen. Ich wollte 8 wirklich Meier und Hammerſchmidt kämen. Wo zum Heuker die auch wieder ſo ſpät in der Nacht ſtecken.“ 10 Eine halbe Stunde verging noch, ohne daß ſich das mindeſte hören ließ. Es war indeſſen ſtock⸗ dunkel geworden und nicht einmal Mondſchein, wäh⸗ rend der Platz, wo die Zurückkommenden mit den beladenen Thieren, etwa eine halbe Meile weiter aufwärts, durch den Gulch ſelber mußten, durch die dichten Büſche und mehr noch durch die überall dort gegrabenen Löcher im Dunklen ſehr bös zu paſ⸗ ſiren war. Endlich horchte Förſterling hoch auf: „So leben wir, ſo leben wir, ſo leben wir alle Tage.“ „In der allerſchönſten Saufcompagnie!“— klang es klar und deutlich durch die Büſche. „Ich bin liederlich, Du biſt liederlich, ſind wir nicht liederliche Leute,“ ſang eine kreuzfidele feine Stimme dazwiſchen. „Das iſt der liederliche Hammerſtrick!“ ſagte För⸗ ſterling kopfſchüttelnd,„der bringt ſich wieder einen famoſen Rauſch mit zu Haus.“ „Ja, wenn er nur den Eſel auch mit bringt,“ ſagte Albert—„Und Panning hör' ich noch gar nicht dabei.“ „Bumsfallera, wir brauchen keinen König mehr — Bumsfallera, wir brauchen keinen mehr“— fiel eine andere, bis dahin noch nicht gehörte Stimme ein. „Das iſt Haye,“ ſagte Müller,„das wird ein fideler Abend werden.“ „So leben wir, ſo leben wir, ſo leben wir alle Tage,“ tönte es wieder mit dem regelmäßig einfallen⸗ den Chor von„Bumsfallera“ näher und näher, und während die helle Flamme, die durch raſch auf das Feuer geworfenes Reiſig hochaufloderte, mit einem lauten Hurrah von den Zurückkommenden begrüßt wurde, nahete der lang erwartete höchſt fidele Zug. Voran kamen die Eſel, Mosquito im Geſchwind⸗ ſchritt, denn er wußte, daß er jetzt ſeine Laſt los wurde, und Brod zu freſſen erhielt— Hans, der andere Eſel, kam etwas gemäßigter dahinter her, und darnach das Pferd, ein gutmüthiges Thier— von Klauſſen und Barkhorn gehalten. Die Thiere bedurften auch keiner weiteren Lei⸗ tung. Raſch auf dem ſchmalen Pfad dahinſchreitend, der ſich bis dahin durch eine Art wilder Kaffeebüſche gezogen hatte und jetzt auf den offnen freigebrannten Hang auslief, wußte jedes ſein eigenes Zelt und ſuchte das auf, ſo ſchnell als möglich ſich abladen zu laſſen, und dann wieder für die ganze Woche Freiheit zu bekommen.. „So leben wir, ſo leben wir, ſo leben wir alle* Tage!“ jubelte Meier. — — — 12 „Ja, das wäre eine ſchöne Geſchichte,“ meinte Förſterling,„da könnten wir uns gratuliren.“ „Aber wo iſt denn Panning?“ rief Albert in ge⸗ täuſchter Hoffnung. Das heißt er frug nach Panning, meinte aber das weiße Maulthier mit den Provi⸗ ſionen. „Iſt Panning noch nicht hier?“ rief Haye lachend —„Donnerwetter, der iſt ja mit uns weggeritten d. h zu Fuß gegangen und war dicht hinter uns.“ „Hatte er denn was?“ frug Albert mit bezeich⸗ nender Handbewegung. „Was?“ lachte Haye—„Bumsfallera, wir brauchen keinen König mehr!“. Für den Augenblick ſchien eine allgemeine Verwir⸗ rung in dem kleinen Lager zu herrſchen. Alles lief und ſchrie durcheinander, und die einzigen Vernünfti⸗ gen ſchienen die Eſel zu ſein, die indeſſen regungslos und geduldig vor ihren reſp. Zelten ſtanden und der Abladung entgegen harrten. Während das ein Theil beſorgte, brachte der andere das Feuer in Ordnung und Pfannen und Töpfe herbei. Nur Meier und Hammerſchmidt fielen ſich um den Hals, erklärten beide, daß ſie ganz gute Kerle wären, und die andern verdammten Lumpen alle mitſammen nichts taugten, und legten ſich dann Beide in ihr Zelt auf die Decken, vor dem Abendeſſen noch ein halbes Stündchen von den überſtandenen„Strapazen“ auszuruhen. Albert erkundigte ſich indeſſen vergebens nach Panning,„man wußte nicht wohin er kam,“ und er ſetzte ſich zuletzt hin, ſein zubereitetes, und faſt einge⸗ kochtes Abendeſſen in aller Verzweiflung allein zu ver⸗ zehren, als plötzlich mehrere Stimmen zugleich riefen: „Da kommt Panning!“ und auch wirklich wenig⸗ ſtens das Maulthier(oder der Mauleſel wie die Thiere in Californien ſtets von den Deutſchen geſchimpft wer⸗ den) in dem hellen Licht der Flammen zum Vorſchein kam, und auf ſein ihm wohlbekanntes Zelt mit einem freudigen Wiehern zuſchritt. „Das war der Eſel, aber wo blieb Panning? — jedenfalls verſchwunden, und da das einzige Weſen, was etwa darüber hätte Aufklärung geben können, das Maulthier ſelber, hartnäckig ſchwieg, ließ ſich weiter Nichts thun. Mosquito hatte indeſſen ſeine Zeit ebenfalls voll⸗ kommen gut benutzt. Die Proviſionen, die er mitge⸗ bracht waren ihm abgenommen, und lagen theils in, theils noch vor dem Zelt, und Mosquito bekam— ſeine gewöhnliche Belohnung nach jedem Sonntags⸗ Spaziergang— einen ganzen Schiffszwieback, den er augenblicklich verarbeitete und dann langſam um's 3 14 Zelt ging ſich ſeinen andern Kameraden anzuſchließen. So wenigſtens that er, Mosquito wußte aber recht gut was er mitgebracht hatte, und dachte gar nicht daran all die noch dort umher geſtreuten guten Sa⸗ chen ſo, ohne wenigſtens einen Verſuch zu machen etwas mehr davon zu bekommen, im Stich zu laſſen. Vor dem Zelt lag ein Sack mit getrockneten Aepfeln und Zwiebeln(man muß da immer, der ſtets fehlenden Säcke wegen, einzelne Gegenſtände zuſammenpacken, und getrocknete Aepfel und Zwiebeln laſſen ſich ſehr gut wieder auseinander ſortiren). Mosquito wußte das ebenfalls, und als ſeine Herren den Rücken dreh⸗ ten, brachte er ſeinen Kopf leiſe um die Zeltecke und in den Sack hinein, fraß die getrockneten Aepfel ſau⸗ ber zwiſchen den Zwiebeln heraus— denn Zwiebeln mochte er nicht— und verlor ſich hierauf geräuſchlos in den dunkeln Wald ohne ſich noch einmal im Licht blicken zu laſſen. Ueberall ziſchte und brodelte es jetzt auf den Feuern— die Einen kochten, die Andern ſangen, kei⸗ ner bekümmerte ſich um den Nachbar, bis hie und da der Ruf:„Schaffen, ſchaffen“, den die Leute noch mit vom Bord ihrer Schiffe in die Berge gebracht hatten — Einzelne um die an mehreren Stellen etwas roh aufgeſchlagenen Tiſche ſammelte. Das Feuer wurde 15 dann mit trockenem Holze verſehen, ein einigermaßen gutes Licht zu geben, und die Mahlzeit ging vor ſich. Förſterling hatte aber Mühe, ſeine Leute mun⸗ ter zu bringen. „Hammerſchmidt— Meier— ſteht auf, das Eſſen iſt fertig!“ Hammerſchmidt ſtieß einen tiefen Grunz aus— Meier ſagte gar nichts. „Hammerſtrick verdammter, ſteh auf— zum Don⸗ nerwetter, wie lange ſoll ich Dich denn hier herum ſchütteln? das Eſſen iſt fertig— nachher kannſt Du Dich wieder hinlegen.“ Hammerſchmidt hob ſich endlich in die Höhe und ſah ſich erſtaunt um— er glaubte augenſcheinlich es wäre Morgen.„Schwere Noth!“ ſagte er mit ſeiner feinen Stimme—„es iſt ja noch ganz dunkel— was fällt denn dem Landrath heute Morgen ein“— För⸗ ſterling hieß nämlich, noch vom Schiffe her, allgemein der Landrath. Während die Andern lachten, machte ſich Förſte⸗ ling wieder an Meier. „Meier— ich ſage dirs jetzt zum letzten Mal⸗ wenn Du nun nicht gleich taütint. dann warten wir noch ein Bischen— Meier!“ und er ſchüttelte den Schläfer aus Leibeskräften. „Du, Landrath,“ murmelte aber Meier, der der Stimme nach einen unbeſtimmten Begriff haben mochte, wer der ihn Weckende ſei—„nimm Dich in Acht— gefährlich iſt's den Leu zu wecken.“ 3 „Ne,“ meinte der Landrath, einen neuen Verſuch machend ihn munter zu bekommen,„das kann ich eben nicht ſagen, aber beſchwerlich iſt's.“ Endlich waren alle munter, und die Tiſchgeſpräche begannen, die ſich meiſt auf die heute im„Store“ er⸗ lebten Vorfälle bezogen. Beſonders wurde Pannings Ausbleiben beſprochen. Meier philoſophirte.„Ja,“ ſagte er,„das ſind nun die Vergnügungen in Cali⸗ fornien. Panning wird's wohl heute gerade ſo ge⸗ gangen ſein, wie mir's vor acht Tagen paſſirt iſt. Da geht man morgens nach dem„Store“ und trinkt ſein Gläschen, auch wohl zwei und dann bekommt man Appetit und nun gehts mit Champagner und Porter los.— Bis es Abend wird, koſtet Einen die Ge⸗ ſchichte ſeine dreißig Dollar bis zwei Unzen und wenn man Morgens aufwacht, liegt man im Buſch und weiß nicht wo man iſt, noch viel weniger wie man da⸗ hin gekommen.“ „Aber Hammerſchmidt gings doch vor vier Wo⸗ chen noch beſſer,“ lachte Haye,„es thut mir nur leid, 5 7 daß ich nicht malen kann; das müßte ein famoſes Bild geben.“ „Seid Ihr nur ruhig,“ ſagte Hammerſchmidt, mit vollen Backen ein delikates s Beefſteak mit gebra⸗ tenen Zwiebeln verarbeitend,„Ihr inaihl s Alle mit⸗ einander nicht um ein Haarbreit beſſer. „Wie war denn die Sache?“ frug Wohlgemuth, ein junger Mann, der zum„Proſpektiren“ vom Ca⸗ laveres hier herüber gekommen war, und ein wenig ſchwer hörte, indem er die Hand gegen das Ohr hielt.„ „Ach, nun kommt nicht wieder mit der alten Ge⸗ ſchichte,“ brummte Hamme rſchmidt. „Heraus damit,“ rief aber Meier,„auf daß ſie ſo einem jungen leichtſinnigen Menſchen, wie Wohl⸗ gemuth iſt, zum warnenden Beiſpiel diene.“ „O, die Geſchichte war einfach genug,“ erzählte Haye—„Hammerſchulidt kam, ſeinen Eſel vor ſi 1 her treibend, von Charles Store.— Natürlich wa er wie gewöhnlich der letzte, und halb im Duſel Ku, aber doch immer noch ſo, daß er wenigſtens den Pfad, oder vielmehr den Eſel halten konnte, denn er blieb ſchon ſelber im richtigen Weg. Im Wald war es aber verwünſcht d dunkel, und etwa eine halbe Meile, oder etwas mehr von Charles Store, liegt doch ein Gerſtä cker, Californ niſche Skizzen. Baum quer über den Weg, das heißt, er iſt eigentlich vom Weg abgefallen, ſo daß die Wurzel gerade den Pfad ausfüllt. Der Eſel ging nun natürlich um die Wurzel herum, bog in den Pfad wieder ein und kam zur richtigen Zeit nach Hauſe; Hammerſchmidt aber, wie er an die Wurzel kam, glaubte das wäre der Eſel, und fing an drauflos zu keilen.“ „Komm Hans— komm mein Thier— fauler Satan will er die Nacht hier mitten im Wege ſtehen bleiben?— und nun ſetzte es wieder aus Leibeskräf⸗ ten Hiebe auf die elaſtiſchen Wurzeln des Baumes, die ſich im Schlag etwa ſo anfühlten, wie eines ge⸗ duldigen Eſels Rücktheil. Trotz Hammerſchmidts jeden⸗ falls gut gemeinten Ermunterungen, wollte der ſonſt ſo folgſame Eſel heute aber nicht von der Stelle, und der Treiber, endlich noch mehr durch das Schlagen als alle vorhergegangenen„Schlucke“ ermüdet, ſetzte ſich neben ſein vermeintliches Laſtthier hin, um es erſt ein wenig ausruhen zu laſſen und dann einen zweiten Verſuch zu machen. Als Hammerſchmidt wieder erwachte war es heller Tag, und er ſaß vor der Wurzel.“ „Ihr wüßtet doch Alle nichts davon, wenn ich es Euch nicht ſelber erzählt hätte,“ rief Hammerſchmidt, als die andern lachten. „Und ſtand denn der Eſel am nächſten Morgen 19 noch da?“ frug Wohlgemuth, der nur die Hälfte von der Geſchichte gehört hatte. „Nanu bitt' ich aber zu grüßen,“ rief Meier, und Hammerſchmidt lachte jetzt auch mit. Förſterling hatte heute Abend noch Brod zu backen und der Sauerteig ſtand ſchon eingeknetet; dort wurde alſo auch das größte Feuer angemacht, die gehörige Gluth herauszubringen— da wir das Brod in offe⸗ nen Bratpfannen aus Mangel beſſeren Geſchirres, backen mußten— und dort verſammelte ſich auch deshalb Abends das ganze kleine„Camp“ in allen ſeinen Schattirungen. Wer Brod buk übernahm zugleich die Verpflich⸗ tung, die ganze Geſellſchaft mit Licht und Feuerung zu verſehen, und da das gewöhnlich umging⸗ d. h. ſo eingerichtet wurde, daß höchſtens zwei an einem Abend buken und während jeder Woche wenigſtens zweimal gebacken werden mußte, ſo loderte auch jeden Abend wenigſtens ein tüchtiges Feuer, als Sammelplatz, in die Höh und kniſterte und ſpielte hoch oben in den Nadeln der Fichten und dem in der Gluth wehenden Eichenzweigen. 4 1 Der Abend war übrigens noch nicht weit genug vorgerückt Alle auf einem Punkt zuſammenzuziehen, und ſo bildeten ſich auch die verſchiedenartigſten Grup⸗ 2* * 20 pen— größtentheils ſo placirt, daß ſie die Front im⸗ mer der hellen Flamme zukehrten. Haye hatte jetzt, als er die mitgebrachten Sachen forträumen wollte, den Streich entdeckt, den uns Mosquito geſpielt, und wollte den Eſel zur Rechen⸗ ſchaft ziehn; aber wo war Mosquito? In allem Grimm ließ er ſich jetzt nicht abhalten, die Proviſionen erſt nachzuſehen, um herauszubekom⸗ men was der Eſel eigentlich Alles gefreſſen habe, zün⸗ dete eins der mitgebrachten Lichter an und las den Speiſezettel ab. Es war für drei Perſonen auf die Woche beſtimmt. 25 Pfd. Mehl 4 Dollar 25 Cent, iſt noch da.— 3 Pfd. Zucker 1 Dl. 50 Ct. hinten in dem Paket.— 1 Pfd. Kaffee 75 Ct.— hier— da ſteckt der Käſe mit dabei.— 2 ½ Pfd. Käſe 2 Dl. 93 ³ Ct. Don⸗ nerwetter, das iſt genau berechnet. 6 ½ Pfd. geſalz. Schweinfl. 2 Dl. 43 Ct. das ſteckt mit im Sack bei den Kartoffeln— hier.— 10 Pfd. Kartoffeln à 25 Ct. 2 Dl. 50 Ct. 4 Pfd. getrocknete Aepfel 2 Dl. 50 Ct. — laufen jetzt da unten irgendwo im Gulch herum — es iſt nur ein Glück, daß der Satan die Zwiebeln nicht mag.— 4 Pfd. Bohnen 2 Dl. 25 Ct. hier.— 2 Päckchen Streichhölzer 25 Ct. Na das iſt geſcheit, die haben wir lange brauchen können.— 2 Pfd. Seife 4 1 Dl. 25 Ct.— 1½ Pfd. Lichter 1 Dl. 25 Ct. ſind nicht da— ja wohl— müſſen da ſein, die ſtecken mit beim Mehl drin. Na, da werden ſie auch gut aus⸗ ſehen— ach die brennen doch.— 4 Pfd. Schiffszwie⸗ back 1 Dl.— Aepfel frißt der Racker lieber— hier. — 2 Pfd. Zwiebeln 2 Dl.— ſtecken bei den Aepfeln — ne, Gott ſei Dank nicht— hier.— 18 Pfd. friſch Fleiſch 5 Dl. 50 Ct. hängt hieroben im Sack— wir hätten lieber die Aepfel aufhängen und das Fleiſch liegen laſſen ſollen.— 3 Flaſchen Brandy 4 Dl. 50 Ct. Ah— wieder der alte wackre Stoff No. 1792 was für eine ſolide Nummer das iſt.— Das macht zu⸗ ſammen:— „Na nun hört einmal mit Eurer langweiligen Rechnerei da auf!“ rief Meier,„kommt hier mit her. Heute iſt Sonntag Abend und der Teufel hole die Calculationen.— Du, Landrath, was iſt das nur für ein lumpiges Feuer, und da ſoll ein Menſch bei ſehen.“ Meier war an und für ſich eine Hauptperſönlich⸗ keit, ja früher ſchon hier im deutſchen Camp zum Al⸗ kalden ernannt worden, alle vorkommenden Streitig⸗ keiten, die aber nicht ſelten von ihm ſelber ausgingen, zu ſchlichten. Er trug einen Strohhut mit ſchmalem Rand, von welchen Dimenſionen aber ließ ſich nicht 22 gut erkennen, da er oben im Deckel auf eine mehr ge⸗ waltthätige als künſtliche Weiſe ſo eingedrückt war, daß ſich der Deckel wie eine Schnecke in ihr Haus, faſt bis zu dem fabelhaft ſchmalen Rand niedergezogen hatte, und ringsherum eine tiefe Falte legte. Seine Sonntagskleider waren nach Minenge⸗ brauch einfach aber ſtark und reinlich— die Wochen oder Arbeitskleider hätten dagegen auf jeder Maske⸗ rade Furore gemacht. Das erſte Paar Hoſen was er bei der allerdings ſehr ſchweren Arbeit im Gulch getragen, war, wenn auch nicht den Weg alles Flei⸗ ſches, doch jedenfalls den aller Hoſen gegangen, und um nicht der Arbeit einer, überdieß ſchwerlich vorhalten⸗ den Reparatur ausgeſetzt zu ſein, hatte er ein Paar andere, die nicht eben an denſelben Stellen zerriſſen waren als die erſten, darüber gezogen. Nur an eini⸗ gen Stellen correspondirten ſie mit einander, und da ſchaute dann das neugierige Fleiſch allerdings hie und da hervor. Morgens und Abends trug er einen wei⸗ ten Ueberzieher, der ausſah wie ein heruntergekomm⸗ ner gebildeter Menſch in liederlicher gemeiner Geſell⸗ ſchaft— der Schnitt war gut daran, weiter ließ ſich aber auch nichts darüber ſagen, denn Farbe wie Stoff gehörten einem ſo vergangenen Zeitalter an, daß beide gewiſſermaßen in einander verſchwammen. 23 Schuhe hatte er allerdings, dieſe waren auch früher einmal genäht geweſen, wenigſtens ließen ſich noch überall in den Näthen die Faden und die Löcher er⸗ kennen, welche die Ahle des Schuſters daran hervor⸗ gebracht, jetzt hingen ſie aber freilich nur noch durch Bindfaden zuſammen, und um die Sohle vielleicht zu ſchonen, ging er neben derſelben her. Es iſt das übrigens das ſicherſte Zeichen eines Miners— den rechten Schuh oder Stiefel ſchief ge⸗ treten zu haben, was von dem Abſtechen mit dem Spaten oder der Schaufel herührt.— Am Hut trug Meier noch, als Verzierung, eine alte bronzene Broche mit vier oder fünf nachgemachten und theilweis einge⸗ drückten Perlen beſetzt. Die Miner machen darin überhaupt nicht ſelten Staat— des Landraths Hut glänzte beſonders mit einer alten Straußfeder, die er Gott weiß wo aufge⸗ trieben, und von einer Agraffe aus einem kleinen Zinnſpiegel und einer darumgewundenen Glasperlen⸗ ſchnur auf das künſtlichſte gebildet. Wer ſolchen Putz nicht aufbringen konnte, trug wenigſtens eine Broche an Mütze oder Hut. In der Art wie ich Meiers Tracht beſchrieben habe, ſahen die meiſten Uebrigen, Panning, Albert und en, ebenfalls aus— es war Haye vielleicht ausgenomm eine wilde Bande. Meier ſchien indeß der Nerv, der dem Ganzen Leben gab, und wenn er ſich beſonders erſt ein wenig „hinein gearbeitet hatte“ war an Schlafen nicht mehr zu denken. Fiel dann aber am Ende, wenn es Nachts zwölf und ein Uhr wurde, Einer nach dem andern ab und ging, wie es hieß, zu Coye; ſo lag er nachher wohl noch zwei und drei Stunden allein am Feuer und ſah in die Flammen. „Nun Landrath,“ ſagte Meier zu Abendeſſen vorüber war und ſich die ziemlich Alle um das Feuer geſammelt hatten haſt Du nun heute Deinen Tag hingebrach — geſchlafen natürlich.“ „Ne,“ ſagte Förſterling ein Klempner, aber ſonſt ein fideles gute Seele—„ich bin heute auf der Jagd „Mit der Büchsflinte?“— „Verſteht ſich, das iſt ein famoſes Gewehr— die Kugel ſchlägt ſich ein Bischen ſchwer hinein, aber ſie kommt verdammt ſchnell wieder heraus— ein paar Mal iſt ſie mir von ſelber losgegangen.“ „Aber der Schrothlauftaugt nichts,“ ſagte Klaußen —„ich möchte das alte Ding nicht geſchenkt haben.“ dieſem, als das Umlagernden —„wie 4— heh? — ſeinem Geſchäft nach Haus und eine geweſen.“ 25 — Meier und Klaußen waren zuſammen von Ade⸗ laide gekommen. „Der Schrothlauf taugt nichts?“ rief Förſter⸗ ling—„Du haſt noch keine Flinte geſehen, Klaußen, die ſo ſchön den Hagel auseinander wirft wie die— wenn ich in einen Baum hinein ſchieße und eine gute Portion Hagel drin habe, da iſt auch kein Blatt drin⸗ nen von oben bis unten, das nicht was abkriegt.“ Der eine Amerikaner und Haye hatten ſich indeſ⸗ ſen zum Feuer geſetzt und ſpielten eine Partie ſechs⸗ undſechzig. Der Pole und der Deutſche von Texas waren auch mit zum Feuer gekommen, und lagerten Meier gerade gegenüber. Der Pole, deſſen Name, glaub' ich, Keiner von allen wußte, hieß immer nur der Pole(er ſprach übrigens ganz gut deutſch und war aus einer der deutſch⸗polniſchen Provinzen, und zwar aus den un⸗ terſten Klaſſen). Er hieß aber auch„der arme Mann“ weil er fortwährend lamentirte und behauptete, was einmal ein„armer Mann“ wäre, ſollte es auch auf der Welt zu Nichts bringen. „Nun Pole,“ rief ihm Hammerſchmidt mit ſeiner feinen Stimme hinüber—„Ihr wart ja heute nicht in Charles Store— iſt's die letzte Woche wieder ſchlecht gegangen?“ 26 „Ach, wie immer,“ brummte der Pole mit einem finſteren theilweiſe reſignirten Geſicht—„unſer Einer gewöhnt ſich ſchon daran.— Sechs und acht Fuß tiefe Löcher und nachher zwei oder drei Thaler drinnen— aber wer kann's helfen— der liebe Gott wills nicht haben— Gott dam it.“ „Haben denn die Amerikaner die Woche was ge⸗ funden?“ frug ein Anderer. „Ich weiß nicht— ſie ſind die Creek hinunter ge⸗ gangen— da liegt aber Nichts wie feines Gold. Ich glaube nicht daß es lohnt!“ „Das laß gut ſein,“ meinte der Landrath—„das iſt jetzt die dritte Compagnie die hinunter geht und die anderen beiden haben tüchtig ausgehalten; wenn die nicht Tagelohn machten, blieben ſie nicht unten.“ „Oben iſt das Gold jedenfalls gröber,“ meinte Meier.— „So haben wir's allerdings bis jetzt gefunden, damit iſt aber nicht geſagt, daß ſich nicht auch grobes Gold nach unten verloren haben ſollte— der Pole hat z. B. jetzt jedenfalls einen guten Platz, denn er lamentirt in einem fort, und das iſt immer ein ſicheres Zeichen.“ „Gott verdamm mich wenn ich das Bischen Freſſen 0 7 —— dabei mache!“ rief der Pole, der hochaufgehorcht hatte, indem er mit der einen Hand in die andere ſchlug. „Die zwei Engländer die gerade unter dem um⸗ gefallenen Baume arbeiten, haben geſtern ein herrli⸗ ches Quarzſtück gefunden,“ ſagte der Deutſche aus Texas— Brauner Quarz, mit breiten Goldſtreifen quer durch, ein Goldſchmidt hätte es nicht ſchöner machen können.“ „Wie habt Ihr beiden denn jetzt da unten aus⸗ gemacht, Klaußen— gehts beſſer?“— „Ach, es iſt immer Nichts— weiß der Henker man kriegts zuletzt ordentlich ſatt, immer ein Loch nach dem andern umſonſt zu graben.— Wir ſind aber noch nicht ganz hinunter und in der einen Ecke haben wir Felſen und auch etwas Gold gefunden.“ „Was für Felſen hat Ihr?“ frug Meier. „Wunderliches Zeug— es ſieht ſo natürlich wie grobes Salz aus, daß ich zuerſt wahrhaftig d'ran leckte, um zu ſehen ob es nicht wirklich Salz wäre.“ „Das ſind gute Felſen,“ rief Hammerſchmidt, „däͤbei haben wir das ſchönſte Gold gefunden; Ihr müßt nur ein Bischen tief hineingehen, und nicht blos an der Oberfläche kratzen.“ „Ja aus den„Rocks“ hier am Mosquitogulch ſoll der Teufel klug werden,“ brummte der Pole— „einmal liegt das Gold oben drauf, und wenn's tief hinunter geht iſt gar nichts— und ein ander Mal muß man die Felſen auseinander brechen wenn man dazu kommen will.“ „Merkwürdig iſt es jedenfalls wie das Gold hier⸗ hergekommen ſein kann,“ ſagte Klaußen,„hier bei dieſem Gulch wird man beſonders ganz irre und es i*ſt beinah gar nicht anders möglich, als daß ein vul⸗ kaniſcher Ausbruch das geſchmolzene Metall ſo wild umher geſtreut hat.“ 3 „Sonderbar iſt dabei,“ ſagte Meier,„wie man einer ſolchen Eruption ſogar zu folgen vermag, und gerade die Stellen wo in den tiefen Löchern und Fels⸗ ſpalten kein Gold liegt, ſind ein Beweis dafür, denn dieſe Stellen findet man jedesmal mit einer grauen feſten vulkaniſchen Aſche ausgefüllt, ſo daß es ordentlich ſcheint, als ob zuerſt dieſe Aſche ausgeworfen und durch den Bergſtrom hier heruntergeſchwemmt, durch die Ge⸗ walt und Schwere des Waſſers feſtgedrückt, und dann ſpäter das Gold nachgefolgt wäre. Wo es aber herge⸗ kommen möcht ich wiſſen, denn bald glaubt man die Ader ſei von rechts, bald von links herunter gekommen und nirgends liegen doch hier hohe vulkaniſche Berge.“ „Ja, das möcht' ich auch wiſſen„“ brummte der Pole,„nachher brauchte man nicht mehr ſo viele 29 — Löcher umſonſt zu graben. Aber das iſt eben das Elend!“— „Wie nennen Sie denn diamond auf deutſch!“ frug der Amerikaner, der noch mit Haye im eifrigen ſechs und ſechzig Spiel begriffen war, dieſen. „Caro,“ lautete die Antwort. Ahem, und spade?— „Pique!“ „Hm!“ murmelte der Amerikaner, dem das nicht ſo recht einleuchten wollte,„die Deutſchen ſind doch curioſes Volk— einen Spaten nennen ſie nun gar eine Picke*).“ „O laßt Euer langweiliges Spiel da und kommt mit her in den Kreis!“ rief jetzt Meier— Du Klaußen,„ſing uns einmal ein Lied— nachher kommt anderes Leben in die Sache.“ „Ja, mir wär' gerade wie ſingen,“ brummte Klaußen—„mir iſt den ganzen Abend ſchon ſchlecht zu Muthe geweſen— wenn mir's morgen nicht beſſer iſt, nehme ich was ein.“ „Du wirſt wohl den Katzenjammer haben,“ ſagte der Landrath. *) Spade, Spaten; pick oder pickaxe, Spitzhacke, die bei⸗ den Hauptwerkzeuge der Miner. A „Schade daß unſer alter Doctor von zu Haus nicht hier iſt,“ rief Meier—„der würde Dir das ſ 1— der hatte ein famoſes Mittel.“ Einnehmen erſparen „Nun er kanns Einem doch nicht aus dem Ma⸗ gen heraus magnetiſiren,“ brummte Klaußen. „Und doch ſo was,“ lachte Meier—„es war auch ein Doctor aus der guten alten Zeit, der weder ſeinen alten breit abgeſtutzten Frack noch ſeinen Zopf able⸗ gen wollte, und in der That war ihm der Zopf ſo nö⸗ thig wie ſeine rechte Hand, denn darin beſtand gerade ſein Univerſalmittel.“ „Na nu komm nich reien,“ rief Hammerſchmidt— ken den Zopf eingegeben hätte.“ „Ruhig Hammerſtrick,“ ſagte Meier— urre nicht Pudel. Er gab ihnen allerdings den Zopf ein, denn wenn ſich Jemand nicht wohl befand, anſtatt wie unſere, jetzt in der Cultur wieder zurückgegangenen Aerzte, dieſem ein Brechmittel einzugeben, ſteckte er ihnen nur den Zopf in den Hals.— Ja ihr braucht gar nicht darüber zu lachen, das hatte er nicht einmal bei allen nöthig, denn ſeine Methode war ſo bekannt geworden, und er konnte ja natürlich nur immer den einen Zopf verwenden, daß er vielen Patienten in Fällen nur bloß den Zopf zu zeigen ⁸. t wieder mit Deinen Flunke⸗ „als ob er den Kran⸗ vorkommenden 31 — brauchte, um ganz genau dieſelbe Wirkung wie bei der ſtrengſten Anwendung zu erzwecken.“ „War das der Doctor mit der platten Naſe?“ frug Klaußen während die Andern lachten. „Ja wohl,“ ſagte Meier—„das will nun Klaußen auch wieder nicht glauben— der kleine Kerl hatte eine ſo platte Naſe, daß mich mein Onkel oft verſichert, er hätte ſich nie anders als mit einer Kneip⸗ zange ſchneuzen können.“ „Iſt der Eſel da?“ fragte in dieſem Augenblick eine laute Stimme mitten in das Gelächter hinein— im Nu war Todtenſtille, Alles ſchaute auf, aber im nächſten Augenblick brach es deſto toller los, denn hin⸗ ter dem Kreis, und ganz unbemerkt herangekommen, ſtand, ktwas verſtört ausſehend und nun durch das furchtbare Hurrah ganz außer Faſſung gebracht, Pan⸗ ning, und ſah Einen nach dem Andern verwundert an. Es dauerte wohl eine Viertelſtunde ehe irgend Jemand zu Worte kommen konnte, ihn des Maul⸗ thiers wegen zu beruhigen. „Aber Donnerwetter, Ihr ſitzt hier ſo trocken!“ rief Panning, als ſich der Lärm nur erſt einmal ein klein wenig gelegt hatte, und Albert aufgeſtanden war dem Neugekommnen noch etwas Abendbrod zu⸗ * ſammen zu ſuchen und Thee warm zu ſtellen—„kein Brandy mehr?— kein Grog?“ „Ich glaube daß iſt der erſte geſcheute Gedanke, den Panning heute gehabt hat,“ ſagte Meier. „Und wo kommſt Du denn noch heute Abend her?“ ſagte Albert—„wer von Euch Beiden iſt denn nun wieder einmal am geſcheuteſten geweſen?“ „Jedenfalls der Eſel, Albertchen,“ lachte Pan⸗ ning, heute Abend viel zu guter Laune um irgend eines Wortes wegen zu ſtreiten—„jedenfalls der Eſel; da der immer zuerſt kommt.“ „Und wie ſiehts unten bei Charles aus?“ frug Meier—„Alle noch fidel? wir ſind eigentlich heute zwei Stunden zu früh fortgegangen.“ on lange da,“ ſagte Pan⸗ das Fleiſch warten; ſie Ochſen.“ ja ſchon auf dem Eſel „Jd, ich wäre auch ſch ning,„aber ich mußte au ſchlachteten erſt noch einen „Aber unſer Fleiſch lag — rief Albert⸗dagegen. „So?“ lachte Panning mit einem verſchmitzten Ausdruck,„ſiehſt Du Albertchen, da hat der Eſel t— aber auf das Schlachten hab 1 244 dann wieder rech ich doch gewartetth „Ja, Panning iſt ein tüchtiger Kerl,“ ſagte Ham⸗ 1 2 53 merſchmidt—„der iſt von klein auf in der Welt ge⸗ weſen.“ „Biſt Du nur ruhig, Du liederlicher Hammer⸗ ſtrick Du,“ ſagte Panning,—„wenn ich was erzäh⸗ len wollte— „Hallo, was giebts da zu erzählen? heraus da⸗ mit— heraus damit,“ ſchrieen faſt Alle. „Wenn Du das erzählſt, komme ich auch mit dem heraus,“ ſagte Hammerſchmidt trotzig. „Hurrah, da ſind zwei Geſchichten!“ rief der Land⸗ rath—„heraus Panning, herunter vom Herzen!“ Die beiden mußten jedoch einen zu feſten Halt anein⸗ der haben und es wollte keiner mit der Sprache her⸗ aus. Meier hatte aber indeſſen Waſſer zum Feuer geſetzt, von verſchiedenen Seiten wurden Brandyfla⸗ ſchen herbeigeſchafft, und ein tüchtiger Grog gebraut. Das Erzählen, Lachen und Jubeln ging nun lauter und immer lauter durcheinander; Förſterling war mit ſeinem Brodbacken ebenfalls fertig und„der Pabſt lebt herrlich in der Welt,“—„Rinaldini ſtolzer Räuber,“ und der„Prinz Eugen“ waren ſchon in den ſtillen Californiſchen Wald hineingeſchrieen worden, als Meier zuletzt dazwiſchen rief: „Halt— nun erſt noch einmal trinken— Ham⸗ merſchmidt Donnerwetter, das iſt mein Becher— Gerſtäcker, Californiſche Skizzen. 3 cher⸗Lied— aber ſingt auch id mit lauter kecker und dann das Goldwäſ den Rundreim kräftig mit!“ un Stimme ſetzte er ein: [Pfann' und Hacke Mit der Schaufe Goldgräber ho! Und dabei noch Huckepacke Immer nur ſo— Eine Decke und zwei He Ziehn wir ſo froh, In die Berge, wir, die fremden Goldgräber, ho! chlucht und Spalten, mden Dort wo zwiſchen S Goldgräber ho! Gnomen ihren Schatz g. Wüßten wir wo— Hau'n wir ein und waſchen, graben Luſtig und froh, Tief hinein— wir müſſens haben Goldgräber ho! wer kennt hier Sorgen ehalten, Sorgen?— pah, Goldgräber ho! t vielleicht das Gl Was uns entflob, Soll uns nicht mit Sorgen Luſtig und froh* Sind wir immer die fidelen Goldgräber, ho! ück uns morgen! Suchl quälen, Spricht das Herz dann auch zuweilen „Goldgräber ho Willſt Du in der Frem Immer nur ſo? de weilen, — 35 30 Kannſt Du hier ſo luſtig graben, Sorglos und froh? Trauernd Lieb zu Hauſe haben? Goldgräber ho? Herz, was ſoll das Klagen nützen, Goldgräber ho! Kann nicht ſtets zu Hauſe ſitzen, Immer nur ſo. Denn der Mann muß ſchaffen, wagen, Muthig und froh Und im Sturm das Glück erjagen, Goldgräber ho! Doch wenn wir, das wirſt Du loben, Goldgräber ho! Erſt, Glück auf, den Schatz erhoben, Hier oder wo; Geht es heimwärts mit den vollen Säcken, ſo froh, Hurrah dann, die wackern, tollen Goldgräber ho!— Mit tüchtigem Nachdruck, der ſich beſonders bei den letzten Verſen, wo ſie die Melodie etwas weg⸗ bekamen, zu einem wahren Jubel ſteigerte, wurde der Chor abgeſungen, und alle nur möglichen und unmög⸗ lichen Lieder kamen jetzt an die Reihe. Haye ſchrie ſo⸗ gar wieder„Bumsfallera“, und Hammerſchmidt„ich bin liederlich“ und von den benachbarten Hügelhaͤn⸗ gen hatten ſich indeſſen auch ſchon die nächſten Eng⸗ 3 z — 4½ länder und Amerikaner herangezogen, die Lieder mit anzuhören. Meier ſang jetzt das Ständchen—„ich will vor Deiner Thüre ſtehn,“ mit den dazu gehöri⸗ gen Geſten und zwar, ſtatt der Geliebten Fenſter, unter einem Eichbaum— Klaußen hatte ſich ebenfalls „einen Kleinen“ angetrunken und wurde harmoniſch; Wohlgemuth nahm Albert in die eine Ecke und er⸗ zählte ihm eine entſetzlich lange Geſchichte aus ſeinen Schuljahren, wo ſie dem Lehrer einmal einen Kno⸗ chen unter den Stuhl gelegt und mit welcher Gei⸗ ſtesgegenwart er ſich damals aus der Affaire gezogen⸗ Renich hatte ſich an den Landrath gemacht, der aber unter der Zeit immer mit ſang, und erzählte ihm aus der alten Römiſchen Geſchichte irgend einen an ſich gewiß ſehr wichtigen, für Förſterling aber fürch⸗ terlich gleichgültigen Fall, den er nachher wieder mit der neueren Geſchichte, von der ſein immer daneben hinausſchreiender Zuhörer nichts wiſſen wollte, in Verbindung brachte. Indeſſen nahm Feuer und Grog ein Ende, Einer nach dem Andern drückte ſich in ſein Zelt— Renich wie Wohlgemuth hatten ſchon beide ihre Zuhörer ver⸗ loren und Renich war ebenfalls zu Bett gegangen; noch aber blieb ein kleiner Reſt beim Becher. Meier und Wohlgemuth hielten zuſammen aus. Meier weil 37 er nie früher zu Bett ging, und Wohlgemuth, weil er noch das Bedürfniß fühlte ſich mitzutheilen. Natürlich dauerte es keine viertel Stunde und die Beiden ſtaken bis über die Ohren in Politik. Wohl⸗ gemuth war früher in den Vereinigten Staaten ge⸗ weſen und vertheidigte den 40 acres grant— Meier dagegen ſchimpfte auf unſere deutſchen Verhältniſſe, und ob ſie ſich nun einander nicht verſtanden, oder in dieſen beiden Puncten gegenſeitig genug Anhalt fan⸗ den einander zu Leibe zu rücken weiß ich nicht, aber ſie wurden hitzig, und Haye guckte ein paar Mal aus dem Zelte hinaus, zu ſehen ob ſie ſich nicht beim Kopfe hätten. Da Wohlgemuth ſehr ſchwer hörte mußte Meier ſehr ſchreien, und da Meier ſehr ſchrie, konnte Wohlgemuth ſeine Argumente ebenfalls nicht mit leiſer Stimme geltend machen. So entſtand endlich allein zwiſchen den beiden Menſchen ein ſolcher Scandal, daß hier und da die Schläfer wieder munter und murrende Stimmen laut wurden. Endlich konnte es Förſterling nicht länger aushalten. „Zum Donnerwetter, Meier!“ rief er zum Zelt hinaus—„Ihr habt ja alle Beide recht, aber komm nun zu Bett.“ 38 „Halt's Maul Landrath, das verſtehſt Du nicht,“ rief Meier in allem Eifer. Wenn jedoch der Landrath die Unordnung nicht zu dämpfen verſtand, ſo wußte er das mit dem Feuer deſto geſchickter anzufangen. Das war zu einem klei⸗ nen Punct zuſammengebrannt, um den ſich die Debat⸗ tirenden, da die Nacht hier oben ſehr kühl war, dicht hinangedrängt hatten, und dahinein wußte der Land⸗ rath den Eimer Waſſer, den er ſelber am Abend zum morgenden Kaffee aus dem Bach heraufgeholt hatte, ſo geſchickt zu opfern, daß im Nu auch keine Spur von einer glühenden Kohle mehr zu ſehen war. Die Beiden wollten ſich nun dadurch allerdings nicht vertreiben laſſen, und ſetzten ihren Wortſtreit im Dunkeln fort, aher der animus fehlte, und eine halbe Stunde ſpäter war Alles, unter manchem leiſe gemurmelten„Gott ſei Dank“ todtenſtill. Nur die Cayotas— die kleinen Wölfe oder wil⸗ den Hunde fingen an zu heulen, und hie und da ſchrie eine Eule ihr monotones Nachtlied darein.— Als Meier am andern Morgen meinte, die Nacht habe es ſo ſonderbar in den Bäumen gerauſcht, ſagte der Landrath,„das wäre gar kein Wunder, denn ſein Rauſch allein, den er ausgeſchlafen hätte, müßte einen Mordſpeetakel emacht haben.“ g Mit der Morgendämmerung kam aber auch wie⸗ der ein anderes friſches Leben in die Schläfer— die Einzelnen welche„die Woche“ hatten, ſtanden auf und bereiteten das Frühſtück, weckten dann die Uebri⸗ gen, und eine Stunde ſpäter wanderten die verſchie⸗ denen Parthieen mit ihren Pfannen und Waſſereimern, denn das Werkzeug lag meiſtentheils noch unten an den Plätzen, wo ſie am Sonnabend Abend aufgehört hatten zu arbeiten, den verſchiedenen Stellen zu, an denen ſie in dieſer Woche ihr Glück verſuchen wollten. Gleich darauf fingen die Maſchinen unten in der Schlucht an zu klappern, die Art räumte Bäume und Wurzeln aus dem Wege, die Spitzhacke trieb mit kräftigen Schlägen in den harten Boden hinein, und das Arbeitsleben der Miner hatte wieder begonnen. —— —— — Die Miſſion Dolores bei San Francisco. Wenn man in früherer Zeit die Geſchichte irgend eines Ortes ſchrieb, den man vor ein oder zwei Jah⸗ ren beſucht hatte, ſo ſagte man gewöhnlich„dort iſt es ſo, und ſo, und ſo; die Gebäude ſehen ſo aus, die Straße führt dorthin, es iſt auch ein gutes Wirths⸗ haus da und heißt ſo und ſo.“— Das mochte für die Welt im Allgemeinen paſſen. Wenn man aber eine ſolche Beſchreibung jetzt von einem californiſchen Orte machen wollte, ſchriebe man lauter Lügen. Es iſt ſo, kann man von irgend einem Gebäude oder einer Straße in und um San Francisco z. B. nur ſagen, wenn man wirklich davor ſteht, und mit ſeinen eignen Augen ſieht, daß es wirklich ſo iſt; biegt man aber um die nächſte Ecke und will ganz gewiſſenhaft zu Werke gehen, ſo kann man in der That nicht mehr thun, als behaupten, es war ſo, denn kein Menſch kann beſtimmen, ob nicht ſelbſt in der Zeit ſchon ein Nachbar angefangen hatte, daneben zu bauen, ob die 41 Straße nicht aufgeriſſen wurde, oder ein Haus weg⸗ gefahren, oder ſonſt irgend eine andere entſetzliche Veränderung mit dem Platz im Handumdrehen vor⸗ genommen ſei. Sehr natürlich mußte es ebenſo mit dem Diſtriete der Fall ſein, der nicht allein im Bereich oder in der Nähe San Franciscos lag, ſondern auf den die Stadt ſelber gleich von Anfang an, der ſie einſchließenden Küſtenberge wegen, angewieſen war ſich auszudehnen. So, wer die Miſſion Dolores ſelbſt noch 1850 im Frühjahr und wer ſie im Herbſt ſah, hätte ſie kaum mehr wieder erkannt— und wie mag ſie jetzt aus⸗ ſehen?— Von San Francisco etwa eine Stunde Wegs durch hohe und entſetzliche Sandhügel getrennt, die im heißen Sommer Menſchen und Vieh zu Tod er⸗ ſchöpften, ſchien nichtsdeſtoweniger eine wirkliche Ver⸗ einigung der Miſſion mit der Stadt noch mit unendlich vielen Schwierigkeiten zu kämpfen zu haben, ehe ſie bewerkſtelligt werden konnte— wenn eben nicht Ame⸗ rikaner das Ganze in Händen gehabt hätten. Aber das go ahead Princip bewährte ſich hier einmal wirk⸗ lich wieder auf eine faſt fabelhafte Art. Zwiſchen der Miſſion und San Francisco lag eine enorme Maſſe von Sand, einer Communication mit dem erſten Platze außerordentlich hinderlich, und jedenfalls große Summen erfordernd, ſie zu beſeitigen. San Francisco gegenüber machte die See oder Bai eine tiefe Bucht, herrlichen Raum beanſpruchend, den Straßen und Waarenlager füllen könnten, wenn man eben Grund und Boden genug hätte, die See hier auszuwerfen und zurückzutreiben. Was war einfa⸗ ſcher, als daß man die Sandberge der Miſſion Dolo⸗ res nahm, und dort, wo man ſie brauchte, in die See ſchüttete, und ſo übertrieben das hier klingen mag, machten es doch die Amerikaner in wenigen Monaten möglich. Eine gewaltige Dampfmaſchine, die ſie von Newyork herüberbekommen hatten, fing an zu arbeiten und das rieſige Maſchinenwerk wühlte ſich in den Berg, warf ſich die Laſt auf den Rücken und keuchte mit Windesſchnelle hinüber an die Ufer der Bai, ſeine Bürde dort in die Flut zu werfen, und Fußbreit nach Fußbreit dem nur langſam und trotzig zurückweichen⸗ den Meere abzugewinnen. In wenig Monaten war die Straße nach der Miſ⸗ ſion hinaus geebnet und mit Planken belegt, und kaum glitt die letzte Bohle in ihr Lager, als auch ſchon breitſitzige Omnibus darüber hinraſſelten, als ob ſich der Boden ſeit Jahrhunderten das Recht der anze Leben und Civiliſation erworben habe, und das g 43 Treiben hier nicht etwa wie über Nacht aus der Erde heraufgewachſen ſei. Wunderlich und faſt wie unheimlich ſteht mitten zwiſchen dieſer Flut von Neuerungen— oder ſtand wenigſtens noch ſeit den letzten Nachrichten— das alte eigentliche Miſſionsgebäude, mit ſeinen düſteren Mauern aus ungebrannten Ziegelſteinen, und der alterthümlichen ſpaniſchen Bauart; mit den engen vergitterten Fenſtern und niederen, wie mit der Spitz⸗ hacke eingeſchlagenen Thüren, aus deſſen einem Flügel ſich nur ein etwas höheres Dach mit ſonderbar und geſchmacklos angebrachten Säulen über die üübrigen gleichmäßigen und kaſernenähnlichen Flanken ſempor⸗ hob, und die kleine, dicht darum gedrängte Anſiedlung, wie eine alte Henne ihre ſchüchtern rund um ſie her⸗ geſtreute Brut zu bewachen ſchien. Was hat das alte Gebäude nicht geſehen zu ſei— ner Zeit!— Wenn die Ziegel reden könnten, die jetzt morſch auf dem Dache ſitzen und von denen die mei⸗ ſten nach unten zu drängen ſcheinen und über die Rinne ſchauen, als ob ſie ſich in dem ſumpfigen Grund unten einen Platz ausſuchten, wo ſie am beſten hin⸗ unterſpringen könnten— wenn die alten Lehmſteine ihre Erfahrungen ausſchwatzen könnten. Aber ſtumm und ſtarr ſtehen ſie da und ſchauen noch gerade ſo —— 44 düſter und unheimlich auf die jetzt um ſie ſchaffende, rege Welt hernieder, als damals, wo die erſten ſcheu und ängſtlich den Platz betretenden Indianer in den Schooß der chriſtlichen Kirche aufgenommen wur⸗ den, und dem fremden Gotte ihre Knie beugten. Ein Bischen älter ſind ſie geworden, ein paar Runzeln haben ſie mehr bekommen und der Zahn der Zeit hat etwas an ihnen genagt— lieber Gott, es geht uns ja Allen nicht beſſer— aber ſonſt ſtehen noch dieſelben ungebrannten Ziegel, die damals, unter der Leitung der frommen Männer, die rothen Kinder jener Berge zuſammentrugen und aufbauten zu einem Tempel des Herrn, noch liegt der alte Kirchhof ſo feucht und troſt⸗ los unter den Dachrinnen der Kirche und hinter die feuchte Mauer gedrückt, wie vor langen Jahren, und nur die ſteinerne Einfriedigung iſt zuſammengebro⸗ chen, die Kreuze ſind morſch geworden und zerbröckelt und die Hügel eingeſunken auf ihre ſtillen träumenden Miethsleute darunter. Die Wände ſelber aber ſcheinen doch, wenn das nur irgend möglich wäre, noch grauer und feuchter geworden zu ſein, während die ſeidenen Bänder und Blumen verblichen und ſtockten, und der Wind, der jetzt an gar vielen Orten Ein⸗ und Zutritt gewon⸗ nen, ſo unheimlich wie rauh mit dem Flittergold 45 3 raſchelte, das über ein Paar entſetzlichen Heiligenköpfen hing und ſeinem Zweck jetzt vollkommen entſprach, die Augen der Gläubigen dorthin zu lenken. Und ſo traurig und öde liegt das alte Gebäude?— Hörſt du die Violinen und Pauken, lieber Leſer, gleich da unten in dem andern Eckflügel der Kirche? — Pauken und Violinen, Guitarren und lauter la⸗ chende Stimmen— da iſt Fandango, und die Paare drehen ſich auch wol beim Walzer in wirbelnder Luſt.— Und der Schrei?— o das iſt nichts— da über der Brauerei, in der Miſſion, hat ein Doctor aus Buenos⸗Ayres erſt kürzlich ein Hoſpital angelegt, und ſie ſagen, Einer von den„Ueberlebenden“ ſei wahn⸗ ſinnig geworden— ich erzähle dir die Geſchichte ein andermal.— 3 Brauerei, Hoſpital, Schenke und Prieſterwohnung, Kirche und— Lieber Leſer, du fragſt wirklich zu viel— wenn Leute hier wohnen, brauchen ſie auch keine Rechen⸗ ſchaft über ſich abzulegen, noch dazu einem Fremden, der Tauſende von Meilen entfernt lebt. Aber der Figur wollen wir folgen, die da eben aus der Brauerei tritt und mit leiſem langſamen Schritt, des naſſen Wetters nicht achtend, nach jenem alten Adobiegebäude ſchleicht, das etwa 300 Schritte von der Kirche entfernt, gerade * oben am erſten flachen Hügel ſteht. Dor Mann trägt einen ſchwarzen breiträndrigen Hut und einen ſchmutzi⸗ gen alten dunklen Mantel, ſeine ganze Tracht über⸗ haupt iſt ein Mittelding zwiſchen geiſtlich und weltlich (da denn doch einmal jede der beiden ihre Mode hat) und der ſchielende Blick, der ſeinen überdieß finſtern boshaften Zügen etwas wirklich Abſtoßendes giebt, vollendet die ganze äußere Erſcheinung des Männes und rundet ſein Ausſehen gewiſſermaßen ab. Es iſt wunderbarer Weiſe ein Deutſcher und heißt Johann Stapf, aber einer von jenen Charakteren, die in ihrem Lebenslauf des Schickſals wunderlichſte Lau⸗ nen über ſich ausgeſchüttet ſehen, und das Glück eines armen Schriftſtellers nur mit der einfachen Erzählung ihrer Erlebniſſe machen könnten— wenn ſie nur eben erzählen dürften, was ſie erlebt hatten. Er gehörte mit zur Miſſion Dolores, ſtand we⸗ nigſtens mit dem Geiſtlichen auf einem ſehr vertranten Fuß, und dennoch war es ein öffentliches Geheimniß, daß er im mexikaniſch⸗californiſchen Kriege den Ame⸗ rikanern zum Spion gedient. Er wäre aber von den Californiern längſt einmal mit einem freundlichen Meſſer beſeitigt worden, hätte er nicht wahrſcheinlich ihnen dieſelben Dienſte geleiſtet. Erſt lief ihm aber der Prieſter und dann die Miſſion unter den Händen weg, der Erſtere eines Landprozeſſes wegen, der ihm alles Das abſprach, was er bisher ſein eigen genannt, die letztere von den Amerikanern, bis zur Kirche, einfach in Beſitz genom⸗ men, und das alte Miſſionsinventarium, der alte Stapf— zog eben in die Minen. Ein anderer Prieſter kam auf die Miſſion, aber die Blütenzeit derſelben war vorbei. Die Indianer, die ſonſt nicht allein ihre Lager in der Nähe gehabt, ſondern auch durch die Häuſer der ſpaniſchen Einwoh⸗ ner zerſtreut geweſen, waren verſchwunden, die Minen ſchienen mehr Anziehungskraft gehabt zu haben als das alte wettermüde Gebände, und die wenigen, die ſich wirklich noch in der Nähe herumtrieben, thaten es, mit ſehr wenigen Ausnahmen, nur des bequemer zu bekommenden Agua ardiente oder Branntweins wegen, an den ſie ſich nun einmal anfingen zu ge⸗ wöhnen. Mehre Male ſah ich eins ihrer Leichenbegängniſſe mit Violinen und Clarinetten fröhlich zur Kirche und durch das niedere Pförtchen auf den Todtenacker zie⸗ hen, wo die Geſtorbenen in ihre ſtillen Stübchen ein⸗ geſchachtelt wurden. Nach der Kirche begannen dann ihre alten Wehklagen, trotzdem daß ihnen doch für die Geſchiedenen chriſtliche Seligkeit verſprochen — * worden. Bis in die Nacht hinein heulten und jam⸗ merten ſie, und dann lagen ſie draußen im Schlamme mit ihren dünnen cattunenen Ueberwürfen, und ſtöhn⸗ ten die ganze kalte Nacht hindurch. Zuerſt über den Geſtorbenen, zuletzt über ihr eignes Elend. Die Miſſion hat— wie es auch ſo manchem Men⸗ ſchen auf der weiten Welt zu gehen pflegt— ihren Lebenszweck verfehlt. Sie war, mit den vielen ähnli⸗ chen Orten im Lande, von den Jeſuiten damals als eine Fackel an der Küſte aufgeſteckt worden, von hier aus das Licht der chriſtlichen Religion über die heid⸗ niſchen Völkerſchaften zu gießen, die in dem weiten Länderſtrich zerſtreut lebten. Alle dieſe Miſſionen wurden als Mittelpunkt eines beſtimmten Diſtricts betrachtet, der den Stämmen ſelbſt im Falle eines feindlichen Angriffs als Zufluchtsort und Vorraths⸗ kammer dienen konnte, und einzeln zogen von hier aus die Prediger in die Wüſte, verkündeten Gottes Wort, verkündeten den blinden verwahrloſten Heiden, daß ſie eigentlich im Schweiße ihres Angeſichts ihr Brod verdienen, und deshalb um die Miſſion herum den Acker beſtellen und alle nützliche andere Arbeiten verrichten müßten, und verhießen ihnen, wenn ſie den Glauben der weißen Männer annähmen, ihm treu blie⸗ ben und ihre Arbeiten verrichteten, himmliſch en Lohn. 9 Still und friedlich leben die Leute hin, in ihrem Gott vergnügt und glücklich; einzelne Stämme nah⸗ men Sitte und Civiliſation wirklich an, und nach un⸗ endlich langen mühſamen Jahren verſprach eine Art von Erfolg die raſtloſen Bemühungen der wirklich aufopfernden Patres zu krönen. Und wie ſollte ſich dieſer Erfolg entwickeln?— Ein paar Stückchen glänzenden Metalls, hunderte von Meilen weit in den Bergen zufällig beim Graben eines Dammes gefun⸗ den, warfen das ganze Syſtem über den Haufen, als ob es ein Kartenſchloß geweſen wäre. Was Jahrzehnte gekoſtet hatte mit unendlichem Fleiß und raſtloſem Eifer aufzubauen, was ein Gebäude ſchien für eine Ewigkeit, das zertrümmerte ein gelbes Steinchen, unten herausgezogen, und der ganze ſtolze Bau pol⸗ terte zuſammen. Maſſen von Kirchen ſind jetzt aller⸗ dings an deren Statt gebaut, es iſt wahr,„Gottes Wort“ ſteigt in den verſchiedenſten Sprachen und Aus⸗ legungen zu dem Allerbarmer empor, und eine wahre Flut von Chriſten und auch Heiden füllt die Thäler. Wie es die Miſſionare früher nie, ſelbſt in ihren kühn⸗ ſten Träumen für möglich gehalten, hat ſich die Civi⸗ liſation des ganzen Landſtrichs bemächtigt— aber der ſtille Frieden iſt gewichen, und der Gott, dem jetzt ſo⸗ gar bis in den Miſſionen geopfert wird— iſt das Gold. Gerſtäcker, Californiſche Skizzen. 4 N NX ** 50 Das alte Miſſionsgebäude ſelber iſt in einem gro⸗ ßen Viereck errichtet und umſchließt einen weiten etwa 80 Schritt langen und 60 Schritt breiten Hofraum. Außerdem lagen noch drei kleine Straßen mit niederen einſtöckigen Häuſern darum her, in denen früher theils Altmexicaner, von dem Süden eigewandert, oder auch hier Geborene, wie einzelne civiliſirte Indianer ihren Wohnort hatten. Zwiſchen dieſe hineingedrängt haben ſich aber jetzt Amerikaner, Engländer, Iren, Deutſche und Franzoſen, und wie zum Spott, ſelbſt der alten chriſtlichen Miſſion gerade gegenüber, ſchlagen heid⸗ niſche Chineſen, vom chriſtlichen Geſetz beſchützt, ihre Wohnungen auf, und Angeſichts der alten ehrwürdigen lebensmüden Kirche dampfen die Weihrauchbüchſen der Zopfträger vor den Bildern und Figuren ihrer Lieblingsgötzen. 2 Von allen Theilen der Welt ſind dabei fertige Hänſer hierherüber geſandt, ein⸗- und zwei⸗ und drei⸗ ſtöckige, mit unde ohne Schindeln und in jeder Form und Bauart, und wie ſich die Europäer und Ameri⸗ kaner zwiſchen die alten Ureinwohner hier eindrängten, ſo ſteigen die wunderlichen Formen ihrer Häuſer eben⸗ falls zwiſchen den altergrauen niederen Steingebäuden— auf, nehmen ihren jetzigen Nachbarn, den früheren Beſitzern, Licht, Ausſicht und Sonne, und kümmern 51 ſich den Henker um ſeine Feſt⸗ und Feiertage, um ſeine Sitten und Gewohnheiten. Der Haß der Californier gegen die Amerikaner iſt aber auch groß und rührt ſich deſto gewaltiger, je mehr ſie eben fühlen und ſehen, wie ſie nicht das Mindeſte gegen die ſie überflutende Einwanderung ausrich⸗ ten können. Die Amerikaner ſind nicht in ihr Land gekommen wie andere Eroberer, haben die Regierung geſtürzt und ihre eignen Beamten eingeſetzt, nein Re⸗ gierung, Land, Religion, Sitten, ja Raum zum Ath⸗ men wurde ihnen mit einem Anſprung genommen, und das Meſſer dabei in die Scheide genietet, daß die Hand es faſſen, aber nicht ziehen konnte, ſondern nur krampfhaft und zornentbrannt, aber vollkommen macht⸗ los den Griff preßte. Dieſer Haß kann und wird auch erſt mit der jetzigen Generation ausſterben— die Enkel werden nichts mehr davon wiſſen. Noch ſtand im Frühjahr von 1850 das alte graue Miſſionsgebäude, wenn auch Amerikaner und Iren ſchon Branntweinſchenken ſelbſt in ſeine Weichen ge⸗ bohrt hatten und der Schaden weiter und weiter fraß. Hie und da waren freilich ſchon die Anfänge neuer fremder Wohnungen ſichtbar, aber im Ganzen herrſchte doch noch der alte Charakter. Noch lebten die Fremden vereinzelt zwiſchen den Spaniern, noch 4* lagen die Sandberge zwiſchen der Miſſion und der Stadt. Wenige Wochen riſſen Berge und Miſſionsleben über den Haufen— ſchon mit dem Beginne der ſoge⸗ nannten plank road oder Bretſtraße begannen Spe⸗ culanten Häuſer aufzubauen und ſie wieder zu verkau⸗ fen, ehe Prozeſſe wegen des Grundeigenthums ein⸗ gereicht oder entſchieden werden konnten. Die Miſſion, wenn auch die alten Wände der Kirche in dieſem Au⸗ genblicke vielleicht noch ſtehen, iſt verſchwunden, und nur der Name wird in ſpäterer Zeit einer der Vor⸗ ſtädte San Franciscos bleiben. Aber reizend iſt die Ausſicht von den flachen Hü⸗ geln des einſt ſo ſtillen friedlichen Platzes über die ſchöne Bai. Die„frommen Mönche“ in alter Zeit wußten wol, wie und wo ſie ſich ihre Wohnplätze am hübſcheſten und freundlichſten ausſuchten— und ich kann es ihnen eigentlich nicht verdenken. Im Rücken hatten ſie die ziemlich hohen Küſtenberge, welche die Miſſion eben von der See trennte und in etwas we⸗ nigſtens den kalten Nordweſtwind abhielt, der Nach⸗ mittags in den Sommermonaten von der See gar kalt und rauh herüberweht, und vorn breitet ſich in einem wundervollen Panorama das freundliche 53 Miſſionsthal mit der Bai von San Francisco und der Contra coaſt aus. Den Hintergrund des ganzen Gemäldes bildet eben dieſe Gebirgsreihe, die Contra coaſt genannt, weil ſie den Einſchiffenden gerade gegenüber lag, und das kleine Wäldchen wahrhaft rieſiger Cedern oder Lebensbäume, das oben auf dem Hügelrücken ſteht— über den nur eben die fern gelegene Kuppe des weit höhern Berges„Diablo“ herüber ſchaut— diente den Seeleuten früher zur Landmark, und iſt ſelbſt auf den neueſten Karten noch angegeben. Schon lange Jahre hacken und ſägen ſie aber daran herum, und thun ihr Möglichſtes, die ſchönen Bäume von ihrem Ehrenplatze zu verdrängen und ins Thal hinab⸗ zurollen. Von der Contra coaſt ſtreckt ſich jener Arm der hier etwa 4 bis 5 engliſche Meilen breiten Bai aus, der ſich bis nach Pueblo San Joſé hinaufzieht und dort von den Hügeln eingeſchloſſen wird. Links, über den niedern dünenartigen und nur hie und da mit Krüppeleichen und Lorbeer bewaldeten Hügeln hin, kann man die Maſten der Schiffe erkennen, die, noch mit zum Hafen Yerba buena oder San Francisco ge⸗ hörig, hier ſo weit(bis zu„Rincon point“) hinaus⸗ gelegt ſind. 54 Das Thal der„Miſſion“, wie ſie es in San Fran⸗ cisco kurzweg nennen, mündet in eine flache ſumpfige Fläche aus, die von der Flut etwa 3 oder 4 Fuß hoch mit Waſſer bedeckt wird, und während der Ebbe nur eine ſchmale, aber ziemlich tiefe und ſichere Ein⸗ fahrt bietet. Freilich iſt ſie von Muſchelbänken durch⸗ zogen und könnte von größeren Fahrzeugen, als Boo⸗ ten und ſehr kleinen Cuttern, nicht benutzt werden. Links über die niederen Hügel, oder vielmehr hin⸗ durch und durch das ſumpfige überbrückte Thal kommt jetzt der Bohlen⸗ oder Plankenweg von San Fran⸗ cisco, aber die Civiliſation dieſes Theils iſt nicht langſam oder Schritt vor Schritt gegangen; das wilde Leben dieſes abgeſchloſſenen Diſtricts iſt nicht allmälig weiter zurückgedrängt worden durch die neue Cultur, ſondern wie ſich die Ueberflutung eines mäch⸗ tigen Waſſers durch irgend einen engen Canal zuerſt die Bahn bricht, in dieſem eine lange Strecke dahin ſchießt und dann plötzlich das umzingelte Terrain von allen Seiten zugleich angreift, ſo hatte ſich die faſt eben ſo mächtige Cultur auf eben dieſem Plankenwege leiſe nach der Miſſion hinausgeſtohlen. Dieſe war ſchon in der That eine Vorſtadt, während die Zwi⸗ ſchenſtrecken noch in ihrer Wildniß und Oede dalagen, der kleine Prairiewolf oder Cayota mit dem großen braunen Wolf Nachts um die Wette heulte, und die wenigen Indianer, die es bis dahin noch auf der Miſſion zwiſchen den Weißen„ausgehalten“ hatten, kopfſchüttelnd ihre Decken um ſich herumſchlugen und weiter zurück in die Berge wanderten. So war die Miſſion Dolores— geht aber der Leſer jetzt, einige Jahre ſpäter, hinüber, ſo darf er ja nicht erſtaunt ſein, wenn er ſtatt der Cayotas und braunen Wölfe Gasbeleuchtung, und ſtatt der In⸗ dianer mit ihren Lehmhütten große ſtattliche ſteinerne Waarenhäuſer und Wohngebäude errichtet findet. Die Miſſion ſelber hat aufgehört, und nur noch ihr Name und ihr Grab ſind geblieben. Ein Stiergefecht auf der Miſſion Dolores. Auf der Miſſion war ein Feſt. Von San Fran⸗ cisco aus wateten Hunderte von Menſchen durch den gelben Sand der„Miſſionsſtraße“ dem etwa drei engl. Meilen entfernten Dolores entgegen, Hügel auf und ab keuchten ſie die beſchwerliche ermüdende Bahn, und raſteten gewöhnlich erſt auf dem letzten mit Zwerg⸗ eichen und Lorbeeren bewachſenen Hang, der einen freien Ueberblick über das kleine vor ihnen ausge⸗ breitete Thal gewährte. Es war ein lebendiges Bild, dem ſelbſt die nack⸗ ten, den Hintergrund formenden Berge einen eigen⸗ thümlichen Zauber nicht nehmen konnten. Links weit hinaus dehnte ſich die hie und da von niederem Wei⸗ dicht begrenzte Miſſionsbucht der Bai von San Fran⸗ cisco zu, deren ſchimmernder Waſſerſpiegel aus dem * fahlen Grün der Hänge friſch hervorblitzte; rechts zog ſich ein ſchmales, unbebautes Thal in die Hügel hin⸗ auf, an deren weſtlichen Fuß die Brandung des ſtillen Meeres ſchäumte, und in der Mitte lag die kleine Gruppe Häuſer, die ihren Namen dem alten wetter⸗ grauen Gebäude verdankte, das die weſtlichſte Flanke der Anſiedlung bildete. Die Miſſion Dolores, in alten Zeiten durch die Jeſuiten gegründet, zog zuerſt die benachbarten In⸗ dianerſtämme zu ſich, die den Mönchen nicht allein ihr Gebäude aufrichten, ſondern auch ſpäter ihr Feld be⸗ ſtellen und ihre Rinder hüten mußten— dafür wur⸗ den ſie eiviliſirt. Nach und nach ſiedelten ſich dann ſpäter Californier aus den ſüdlicher gelegenen Städten oder aus Yerba buena), dem jetzigen San Fran⸗ cisco, dort an, und Straßen entſtanden, über deren niedere Häuſer hinweg das graue Dach des Miſſions⸗ gebäudes noch immer hoch und düſter hinüberſchaute. Da kam das Gold und mit ihm, wie mit einem Zauberſchlage, verwandelte ſich das ganze Land; das Miſſionsgebäude wurde, wenigſtens theilweiſe, zu Schenken benutzt, die Indianer zogen, von einzelnen Californiern geführt, und Chriſtenthum wie Miſſion *) Pfeffermünzkraut, das dort in großer Menge wächſt. * —— X 8— — ——-——————— hinter ſich laſſend, in die Berge, und eine regſamere Bevölkerung, aus Deutſchen, Amerikanern und Fran⸗ zoſen gemiſcht, fing an, die alten, halb verfallenen und theilweiſe verlaſſenen Gebäude zu bewohnen. Der Prieſter blieb allerdings noch in ſeiner Pfarre, aber die Miſſion ſelber beſtand nur dem Namen nach, und wenn die kleinen Glocken Morgens angeſchlagen wur⸗ den, die fromme Schaar zum Gebet zu rufen, ſo waren es nur wenige, ſehr wenige, die dem Rufe folgten. Selbſt die Indianer kümmerten ſich nicht mehr um den feierlichen Laut, der ſie ſonſt in die Nähe des neuen Gottes gerufen— der eine Theil grub nach Gold in den fernen Bergen, und der kleine Theil der aus einem oder dem andern Grund Zurückgebliebenen, trieb ſich um die Schenkſtände der Europäer herum, dem Feuergeiſt des Alkohols zu dienen, und ſeine Adern dem betäubenden Gift zu öffnen. Die vielen Schenkſtände der Miſſion verlangten aber auch dann und wann eine Extra⸗Anregung, ih⸗ ren Beſitzern in der Geſchwindigkeit ſo viel Gold ein⸗ zubringen, als dieſe in den Minen glaubten erwaſchen zu können— denn war das nicht der Fall, ſa ſahen ihre Beſitzer gar nicht ein, weshalb ſie nicht lieber in— die Berge gingen, gutes Gold zu graben, als hier im flachen Lande ſchlechten Branntwein auszuſchenken. * — Zu dieſem Zwecke genügten aber keineswegs die In⸗ dianer, die gar kein baar Geld hatten, und nur höchſt unvollkommen die Bewohner der Miſſion ſelber, wie einzelne Beſuche von San Francisco. Es bedurfte eines ſtärkeren Reizmittels als ihr Cognae, oder ſelbſt die umliegende freundliche Gegend war, ihnen Kunden in Maſſen zuzuführen, und zu dieſem Zweck wurden Pferderennen und Fandangos, Wettſpiele und Kämpfe, und Gott weiß was ſonſt noch für Feſtlichkeiten arran⸗ girt, den Schau⸗ und Trinkluſtigen eine Veranlaſſung zu bieten, ihr Gold durch den Sandſtaub herauszu⸗ ſchaffen und gegen ein wildes, oft widerliches Schau⸗ ſpiel wie eine wüſt durchſchwelgte Nacht einzutauſchen. Ein Stierkampf war diesmal die Veranlaſſung, und die Arena eine im Mittelpunkt des Ortes errich⸗ tete ſtarke Umzäunung, um die her eine Art von er⸗ höhten Sitzen angebracht war, den Entrée Zahlenden doch einigermaßen Enſchädigung für das gewöhnlich nur höchſt mittelmäßige Schauſpiel zu bieten. Die Wirthe der Miſſpon ſchienen übrigens bewieſen zu haben, wie richtig ſie ihre Nachbarſchaft kannten, die wirklich immer nur auf eine Gelegenheit wartete, ihr Geld, ſei es für was es wolle, zum Fenſter hinaus⸗ zuwerfen. Schaaren von Menſchen füllten die breiten Straßen des kleinen Orts, drängten um die Barriere — — N= N N — 60 und zankten um ihre Plätze, oder tummelten ihre Pferde vor dem Miſſionsgebäude, auf deſſen Veranda die ganze ſchöne Welt verſammelt ſchien und manches dunkeläugige holde Mädchengeſicht auf die kühnen Reiter hinüberblitzte. Das wilde Publikum, Amerikaner und Mexikaner, Wilde und Weiße, bunt durch einander, hatte indeß an Plätzen eingenommen, was eben zu erreichen war, und theils eine nahe kleine Erhöhung des Bodens, theils die aufgerichteten Geſtelle benutzend, den Platz umlagert, auf dem ihr Pfeifen und Trommeln, Stampfen und Schreien noch immer nicht die erſehn⸗ ten Stiere und Kämpfer hervorrufen konnte. Mehre buntgekleidete, frech und ungeſchickt genug ausſehende Burſchen, Mexikaner ihrem Aeußeren nach, und Einer, ein Halbindianer, dem tiefe Blatternarben das ganze Geſicht entſtellten, trieben ſich indeß in der Arena umher, und tanzten und ſangen und ſuchten durch Späße die Geduld des Publikums etwas länger hinzuhalten. Wenn ihnen das aber auch vielleicht bei dem ſpaniſchen Theil deſſelben gelungen wäre, der oft in ein lautes und rohes Gelächter bei den roheren Witzen ausbrach, half das Nichts bei dem engliſchen oder amerikaniſchen, der das Spaniſche gar nicht ver⸗ ſtand. Ja dieſe wurden eher noch ärgerlicher, daß —,— ſich Andere amüſiren ſollten, während ſie ihr gutes Geld ebenfalls gezahlt hatten und nun nicht einmal herausbekommen konnten, weshalb das„Geſindel“ lachte. Der Lärm wurde immer toller, und einige Ameri⸗ kaner, halbtrunkene Seeleute, denen der Spaß zu lange währte, ſprangen ſchon in die Arena hinunter, thätigen Antheil an dem Singen und Springen der unten Befindlichen zu nehmen, das ſie wenigſtens ihrer eigenen Verſicherung nach„all to smash“ über-⸗ bieten konnten, als plötzlich das enge, in den Kreis führende Thor aufgeriſſen wurde, und ein brauner, zwar kleiner aber doch muthiger Stier ſo urplötzlich zwiſchen die natürlich nicht wenig überraſchten See⸗ leute hineinſchoß, daß dieſe im erſten Augenblick rath⸗ und thatlos daſtanden und dem Thier, hätte es wirk⸗ lich Böſes im Schild geführt, oder irgend einen An⸗ griff beabſichtigt, leichte und nicht zu rettende Beute geweſen wären. Der Jubel der Zuſchauer bei dieſem kleinen In⸗ termezzo läßt ſich gar nicht beſchreiben. Von allen Seiten zugleich brach er los, war aber auch die ein⸗ zige Rettung der beſtürzten und unfreiwilligen Stier⸗ fechter, denn der eingelaſſene muthige Stier ſtand bei dem furchtbaren Lärm, der von allen Seiten auf ihn 62 einbrach, im erſten Moment wie verdutzt da und warf nur unwillig die Hörner bald da, bald dort hin, und riß den Boden auf mit den ſcharfen Hufen. Der erſte Schreck war vorüber und die Matroſen flüchteten mit völlig abgekühltem Kampfesmuth und unter dem Lachen, Pfeifen und Ziſchen der Zuſchauer ſo raſch ſie konnten über die Fenz zurück. Daß ſie das nach verſchiedenen Seiten zu thaten, deckte zugleich ihren Rückzug, denn der Stier wurde ſie gewahr und ſuchte ſie noch zu erreichen, konnte aber nicht gleich eine Wahl zwiſchen den ihm von allen Enden ver⸗ lockend genug zugedrehten Rücktheilen treffen, und bekam dadurch keins. Jetzt aber ſprangen auch die wirklichen Stier⸗ kämpfer aus einem eigens für ſie gebauten Verſchlag in den eingezäunten Raum und begannen das über⸗ dies ſchon gereizte Thier durch all die ſchon tauſendmal beſchriebenen Arten und Weiſen, mit Schwärmern und kleinen Speeren und Fahnen zu necken und zu peini⸗ gen. Aber ſie hielten dem zuletzt wüthend Gemachten nie Stand, bis das Publikum endlich in einem wah⸗ ren Chaos der ſchauerlichſten Töne ſein Mißfallen zu erkennen gab. 4 Der Stier wurde indeſſen durch Blutverluſt und Hin⸗ und Herhetzen ſo erſchöpft, daß er den ſtets nutz⸗ loſen Anreizungen nicht mehr nachgeben wollte. Er wußte, die feige Schaar ſeiner Angreifer hielt ihm doch nicht Stand, und brüllend und den Boden ſchar⸗ rend blieb er in der Mitte der Arena ſtehen, und nahm geduldig einen ganzen Hagel kleiner Pfeile, Geſchoſſe und Schwärmer hin, der von allen Seiten auf ihn einregnete. Der Lärm und das Toben der unbefriedigten Zu⸗ ſchauer wuchs jetzt dermaßen, daß Einer der Leute dem Stier einen Laſſo um die Hörner warf und ihn dem wieder geöffneten Eingang zuzog, durch den er mit ihm unter dem Pfeifen und Ziſchen der Ver⸗ ſammelten verſchwand. Unter den Letzteren zeichnete ſich beſonders ein Indianer aus ein ſchlanker, ſchöngewachſener Burſche, in der maleriſchen mexikaniſchen oder cali⸗ forniſchen Tracht, mit kurzer Jacke und an den Seiten offenen Hoſen, einen breiträndigen, mit Wachstuch überzogenen Hut auf dem Kopf, der, eine volle Flaſche in der linken Hand, eben auf eine der Bänke geſprungen war und die feigen„Matadoren“ auf jede mögliche Art und Weiſe verhöhnte. „Caracho compaftero“ ſchrie ihm endlich Einer der von San Francisco dazu herüber gekommenen Stierkämpfer trotzig zu—„mach's beſſer wenn du nn⸗ 64 kannſt, aber ſteh' und brülle da nicht, als ob du das Hirn verbrannt hätteſt an deinem agua ardiente*). Schreien kann Jeder,“ und in den Bart, als er ſich wandte, murmelte er:„rothe, verdammte Beſtie, ich wollte er ſpränge herunter zum nächſten Stier.“ „Zeig' du's ihnen einmal, Valentin, wie man’'s machen muß,“ wandten ſich jetzt aber auch einzelne von den Einwohnern der Miſſion, die den Indianer und ſeinen tollen Muth kannten, an den Eingebornen, der, als der beſte Reiter und Laſſowerfer ſich ſelbſt unter den Californiern einen Ruf erworben hatte. „Zeig' ich ihnen?“ erwiederte der halbeiviliſirte Indianer mit einem verächtlichen Lachen in ziemlich reinem, nur wenig gebrochenem Spaniſch—„zeig' ich ihnen? und weshalb?— Mexikaner haben die Unzen— viel Unzen— Valentin hat Nichts— zer⸗ reißt ſeine Kleider, zerbricht ſeine Flaſche— pah, wofür?— Für weiße Männer über Valentin zu la⸗ chen— laß' die Matadoren kämpfen.“ „Aber ſie können nicht!“ antworteten ihm Stim⸗ men von fünf, ſechs verſchiedenen Seiten. „Bah, es ſind Stierkämpfer und nehmen Geld dafür,“ lachte der Indianer, und die Weißen kommen *) Heißes Waſſer, Branntwein. 65 in Schaaren und werfen es ihnen in den Hut— Stierkämpfer, ha, ha, ha, caracho, ſie wagen es nicht einmal ſich einem Kalb ertgenzuſele— Valentin iſt zu gut für ſie.“ Der Indianer warf den Kopf verächtlich zurück und ſeine edle Geſtalt hob ſich in dem Selbſtgefühl der eigenen Kraft und Geſchicklichkeit. Da fiel ſein Blick auf die Flaſche, die er, in dem Unwillen über die hölzernen Stierkämpfer faſt vergeſſen, noch in der Hand trug, und mit einem heiſeren, triumphirenden Lachen den Hals derſelben an ſeine Lippen bringend, ſog er in gierigem Zug den heißen, ſcharfen Trank durch die Kehle. ¹ Das Jubelgeſchrei der Menge unterbrach ihn, und wandte ſeine Aufmerkſamkeit der Arena zu, in die jetzt, frei und ungehindert ein kohlſchwarzer, wilder Stier getrieben und ſeinen Peinigern wieder überge⸗ ben wurde. Der neue Stier war von ungemein ſtarkem und kräftigem Wuchs und von trotzig finſterem Ausſehen, was beſonders durch die dichten und dunklen Haar⸗ büſchel verſtärkt wurde, die über ſeinen Augen ſtan⸗ den. Er ſtrafte denn ſein Ausſehen auch keineswegs Lügen, und den Sand über ſich werfend, daß er wie eine dichte Wolke auf ihm lag, wühlte und ſtampfte Gerſtäcker, Californiſche Skizzen. 5 r ſich inmal lange, ingen, t dem wohl allein ein⸗ unter⸗ Rich⸗ ch be⸗ Ton⸗ Con⸗ auch 5) ſonn⸗ ausweichende Geſtalt, als er die Hörner niederbog, 66 er den Boden mit Naſe, Horn und Vorderhuf, und ſuchte brüllend den erſten Feind, ſeine Wuth an ihm auszulaſſen. Auf einen Angriff ſollte er auch nicht lange zu warten haben, denn zwei der mexikaniſchen Stier⸗ kämpfer in ihren kurzen bunten Jacken und Hoſen, ſprangen gegen ihn an, und ſuchten ihn irr zu machen und ſeine Wuth Einer vom Anderen abzulocken. Wenn er aber auch im Anfang vielleicht eine halbe Minute zu zögern ſchien, welchen er zuerſt annehmen ſolle, dauerte dieſe Ungewißheit doch nicht lange, denn er warf ſich gleich darauf in blinder Wuth auf den ihm nächſten, und trieb ihn wieder unter dem Hohn⸗ geſchrei der Zuſchauer, auf und über die Fenz, wäh⸗ rend ſich der Andere, der jetzt wohl fürchten mochte, daß der ganze Zorn des Thieres gegen ihn allein ge⸗ kehrt werden würde, langſam nach dem Eingang zu⸗ rückzog, dort überzuklettern. War dies langſame Zurückziehen eine Art von Ehrgefühl geweſen, die ihn verhinderte, dem zum Kampf aufgerufenen Gegner ohne weiteres wieder den Rücken zu drehen, ſo ſollte das gar bald dem neuen Gefühl der Rettung Raum geben, denn das gereizte Thier ſah, den Kopf wendend, kaum die langſam ihm den Staub aufwühlte und mit kurzem Gebrüll und hoch und kampfluſtig gehobenem Schwanz in ſo tollem Anprall gegen den Flüchtigen losſtürmte, daß dieſer nicht einmal Zeit behielt die Fenz zu erklettern, ſon⸗ dern nur eben noch raſch zur Seite ſprang, von den Hörnern des wüthenden Thieres nicht erfaßt und zer⸗ quetſcht zu werden. So gewaltig war aber die Kraft und Schwere geweſen, die der Stier in dieſen Angriff gelegt, daß die ſtarken Querhölzer der Fenz ihm nicht zu wider⸗ ſtehen vermochten. Wie morſche Breter brachen ſie zuſammen, und wenige Minuten ſpäter ſtürmte das entfeſſelte freie Thier mitten in eine Schaar müßiger entſetzter Zuſchauer hinein, die, ſich eines ſolchen un⸗ erwarteten Angriffs nicht verſehend, wie Spreu im Sturm auseinanderſtoben, und es wieder nur den verſchiedenen Richtungen zu verdanken hatten, in denen ſie abprallten, daß das wüthende Thier nicht Einen von ihnen überholte und auf die Hörner faßte. Lautes Gelächter und ein Hohngeſchrei der auf den erhöhten Plätzen ſich ſicher fühlenden Menge über⸗ täubte im erſten Moment der Flucht jeden andern Laut. Nur Einer vielleicht von der ganzen Schaar ſtampfte in tollem Unmuth die Breter und ſchrie ſein verächtliches caracho nieder auf die unten entſetzt 5* ſtens d e er ſi it einm ſo lang bringe mit de und wo er alle mit ei lle unte des Ric islich l boſé To nde Co rber ar 6.7 5) te, ſon 68 ſtehenden Stierkämpfer, die jetzt, in ihrer bunten, wunderlich geſchmückten Tracht, und ohne den Stier, allerdings eine gar traurige Rolle ſpielten. Es war der Indianer. Sein erſtes Gefühl ſchien auch, von der Teraſſe niederzuſpringen und irgend, vielleicht ſich noch nicht einmal recht bewußten Theil an der unten vorgehen⸗ den Handlung zu nehmen, und in dieſem Drang wollte er ſchon die Flaſche von ſich werfen, als ihn ein ge⸗ wiſſer Inſtinkt davon zurückhielt. Raſch und unent⸗ ſchloſſen hob er ſie gegen das Licht, und ſchaute ſich wenige Secunden im Kreis um, als ob er Jemanden ſuche, dem er ſie anvertrauen könne. Aber er fand Niemanden, denn die Geſichter waren ihm theils fremd, theils vielleicht nur zu gut bekannt. Da fiel ſein Blick auf das flüchtige Thier, das eben an dem alten Miſſionsgebäude vorbeiſtürmte, den fernen Ber⸗ gen zu, und im Nu hatte er die Flaſche an den Lippen, goß ſich den heißen Strom in die Kehle, bis ihm die Augen im Kopfe glühten, und ſprang dann, die leere Flaſche von ſich werfend, mit einem Satz über das Geſtell hinweg, das ihn vom Boden trennte. Zwei oder drei der dort Stehenden rannte er zu Boden, aber er ſah es weder, noch hörte er die Flüche, die hinter ihm drein klangen, nur ſein Pferd ſuchte das 69 blitzende Auge. Dort an der Ecke ſtand es befeſtigt, und ſtill wie ein Lamm in dem Lärm und Aufruhr der es umgab; aber ſeines Herrn Hand lag auf ſeiner Mähne und das kluge, ſchöne Thier ſpitzte die Ohren. „Vamos chiquito,“ lachte der Indianer, als er mit der linken Hand den Zaum von dem Kopf des Thieres ſtreifte, es war ihm zu viel Mühe den Zügel zu löſen, und zurückzunehmen— vamos mi bonito — und dahin flog das Roß, von dem Schenkeldruck des wilden Reiters gelenkt, wie der Pfeil von der Senne. Schnaubend und wiehernd warf es den Staub empor hinter ſich, und die einzelnen Gruppen Flüchtiger, die dem Stier eben ausgewichen, wußten kaum wie ſie den herandonnernden Hufen entgehen ſollten. Aber im Nu war's vorbeigerast— des In⸗ dianers ſcharfer Blick entdeckte das flüchtige Thier, wie es eben den grünen Raſen berührte, der zwiſchen der Miſſion und den Küſtenhügeln lag, und mit der Rechten den Laſſo von ſeinem Sattel löſend, trieb er mit Zunge und Hacken das ſchäumende Roß zu immer wilderer Eile. 1 Fünf oder ſechs Reiter, die dort gerade in der Nachbarſchaft geweſen, hatten ſchon verſucht dem Stier die Flucht abzuſchneiden, der ſumpfige Boden aber, über den er floh, hielt ſie zurück, und ſie kreuz⸗ gſtens te er mt ein ſo la g brin ſe mit und ner a mit 3 ille un des 9 eislich 70 ten jetzt des Indianers Pfade, um die Miſſion herum zu galopiren und den Entſprungenen weiter oben einzuholen. Der Indianer ſtieß einen wilden Jubelſchrei aus und ſprengte gerade auf die Kirchhofsmauer zu. „Hierher, compafero!“ rief ihm einer der Ame⸗ rikaner zu;„du kannſt dort nicht hinüber!“ Ein heiſeres Lachen war Valentins einzige Ant⸗ wort, und mit einem Satz überflog der Rappe die Mauer und verſchwand mit dem wilden Reiter im Innern des Kirchhofs. „Damn my soul!“ fluchte der Amerikaner ſtill in ſich hinein und gab ſeinem Thier Sporn und Peitſche, raſch um die Mauer hinumzukommen. Aber Valentin war ſchon wieder draußen im Freien und das wackere Roß das er ritt, entdeckte kaum, jetzt dicht vor ſich, den flüchtigen Stier, als es mit ſchnaubenden Nüſtern ausgriff zum wohlbekannten Fang. Wenige Secunden ſpäter, und das Pferd war dicht hinter ihm, der Reiter aber, den Laſſo in weiter Schwingung zwei oder dreimal um den Kopf wirbelnd, bog ſich vor, und die Schlinge zuckte aus ſeiner Hand. In dem Moment aber auch, und nur von dem Schenkeldruck des Eingeborenen berührt, warf ſich das Pferd herum. und ſtemmte ſich mit dem ganzen Gewicht ſeines Körpers gegen den nur zu gut gekannten Wurf des Gefangenen. Der Stier that noch zwei Sprünge mit voller, zum Aeußerſten getriebener Kraft, denn er fühlte die furchtbare Schlinge über ſich, jetzt aber, in dem letzten Bereich des unzerreißbaren Taues zog * dieſes an, und das gefangene Thier ſtürzte mit faſt gebrochenem und nach rückwärts geriſſenem Nacken dumpf blökend zur Erde nieder. Jetzt erſt kamen die andern Reiter heran, und einer der Californier hob ebenfalls den Laſſo, die Hörner des Gefangenen zu faſſen, damit das Thier, deſto ſicherer zwiſchen beiden Reitern, gegen keinen den Angriff ausführen könne, ohne von dem Andern zurückgehalten zu werden; Valentin aber, durch den Cognac ſchon vorher und die glückliche Jagd jetzt erregt, warf ſeinen Arm empor und winkte dem zweiten Reiter, den Stier in Ruhe zu laſſen. Nur den Hals ſeines ſchnaubenden, zitternden Thieres klopfend, er⸗ wartete er mit triumphirendem Lächeln die nächſte Bewegung des gefangenen, aber keineswegs gebän⸗ digten Feindes. Jetzt ſprang der Stier, der ſich von der erſten Betäubung ſeines Sturzes erholt, empor, und dicht vor ſich den Gegner erblickend, der es gewagt ihm zu trotzen, legte er die Hörner ein und ſtürmte wild nigſten dte e mmt e ſch ſo ing bri 4 1.. eiſe mi „ und nner tt mit Stille! t des weisli Joſé ehende e aber 086.“ ingte, ’. ———— 72 gegen ihn an. Das aber hatte der Indianer nur erwartet, und das Pferd mit der linken Hand, mit der er die Mähne deſſelben gefaßt hielt, leicht regierend, galopirte er, den Laſſo in ſeiner vollen Länge und mit dem immer wüthender werdenden Thiere Schritt hal⸗ tend, vor ihm hin, der Arena wieder zu. Zweimal verſuchte der Stier zur Seite auszubrechen, als er fand daß er den flüchtigen Reiter nicht einholen konnte, immer aber riß ihn der Laſſo wieder zurück in die halb freiwillige, halb gezwungene Bahn, und jeder Ruck reizte die Wuth des Gefangenen nur auf's Neue, und machte ihn der ſtets ſicher geglaubten und ſtets wieder entgehenden Beute folgen. So näherte ſich das wunderliche Paar, von einer Maſſe von Zuſchauern, die dem kecken Indianer zu⸗ jubelten, umdrängt, dem Eingang der Arena, der von den Mexikanern ſchon geöffnet worden. Ungeduldig winkte Valentins Arm dabei ihm Raum zu geben, und ſein wilder Blick überflog halb forſchend, halb unruhig das Innere des Kampfplatzes, in das er den furcht⸗ baren, zur äußerſten Wuth gereizten Gegner lockte. Aber die Einrichtung der Umzäunung, deren gegen⸗ überliegende und den Ausgang bildende Balken jetzt noch befeſtigt waren, ſchien ihn zu befriedigen und dicht vor dem offenen Thor, hinter dem verſteckt zwei Leute poſtirt waren, es zu verſchließen, ſobald ſich der Stier wieder im Innern befand, hielt er an, und ſchien das mit geſenkten Hörnern auf ihn einprallende Thier ruhig zu erwarten, deſſen nächſter Sprung auch kaum anders als tödtlich für ihn ſein konnte. Das eigene wackere Roß zitterte dabei unter ihm und warf den ſchönen Kopf ſcheu zurück, aber wich nicht, wenn auch zügellos, vom Platz, der faſt unvermeidlichen Gefahr zu entgehen. Ein wilder Schrei der Angſt zuckte aus faſt jeder Bruſt, als der wüthende Stier die Hörner ſenkte, ſie im nächſten Moment in die Weichen des bebenden Rappen zu ſtoßen, als das Roß, von der Hand des Reiters gehoben, herum und in wenigen Sätzen die Arena durchflog. Der Stier war dicht hinter ihm und in demſelben Augenblick, als es im ſteilen Anſprung, dem wilden Stier faſt aus den Hörnern heraus, die Barriere überflog, preßte des Indianers Knie gegen den Sattel und ſchnellte die ſchlanke Geſtalt des Wil⸗ den auf den Stier zurück, der mit voller Wucht gegen den unterſten Querbalken anrennend, halb betäubt von dem furchtbaren Stoß zurücktaumelte. Als der Indianer von ihm zurückſprang und das ſchwarze lange Haar ſeine Stirn wild umfaatterte, unter der nur die dunklen Augen in wildem, trium⸗ 4 8 venigſte 1 b andte 3 kommt ſich ſ nung leiſe er, un Nänne ſort n Still ſaft de hlweis re. teer Jo ſtehen ne ab José. rängte 74 phirendem Feuer vorblitzten, hielt er in der Rechten ein blankes, kurzes Meſſer und in der Linken den durchſchnittenen Laſſo, den er mit einem kurzen jubeln⸗ den Lachen gegen die ihren Sinnen kaum trauenden Zuſchauer emporhob. Der Lärm und Jubelruf aber, der ſich jetzt erhob, iſt kaum zu beſchreiben.— Mit ſtockendem Athem hatten die entſetzten Zuſchauer den vermeintlichen Sturz des tollkühnen Indianers geſehn und das für ſein Verderben gehalten, was nur die keck ausgeführte That des unübertroffenen Reiters geweſen, und das Beifallsgeſchrei wollte kein Ende nehmen. In Californien klatſcht das Publikum bei ſolchen Gelegenheiten aber nicht blos in die Hände, ſondern gibt dem, der ſich ſeine Herzen zu gewinnen wußte, auch praktiſchere Beweiſe ſeiner Zufriedenheit. Es iſt nämlich Sitte und Gebrauch dort bei ſolchen Kämpfen, wie ſogar beim Tanz, den Mädchen Geld zuzuwerfen, und harte Silber⸗Dollar wie ſogar goldene Unzen regnen häufig in den Saal, wenn eine Schöne beim Fandango die Herzen der Umſtehenden zu ent⸗ zünden wußte, und die tanzende Senorita muß dann das ſilberne oder goldene Lob ſelbſt aufleſen nach ih⸗ rem Tanz, als Dank für die Geber.- In ſolcher Weiſe machte ſich auch der Jubel der 75 jauchzenden Zuſchauer Luft, und von allen Seiten ha⸗ gelten Silber⸗Dollar in die Mitte der Arena, und ſelbſt nach dem Kopf des Stieres, der ſich jetzt wieder erhoben hatte und die Stirn dem ſiegreichen Feinde zuwandte.. „Gracias, muchas gracias caballeros!“ lachte aber der Indianer als er den reichen Segen auf ſich niederſtrömen ſah, und den Hut aufnehmend, der ihm beim Sprung vom Kopf gefallen war, und jetzt neben ihm lag, begann er vollkommen kaltblütig die Dollars zuſammenzuleſen, als der Stier zum neuen Angriff wieder zornig auf ihn einſtürmte. „Wehr' dich— wehr' dich, Valentin!“ ertönte es von allen Seiten, und der kecke Burſche hielt es dabei kaum der Mühe werth, den Kopf etwas zu wenden, daß er die Bewegungen des Anſtürmenden beobachten konnte. Dicht vor ihm glitt er ihm aber wie eine Schlangeaus dem Weg, und hatte wohl zwanzig Dollar in ſeinen Hut geworfen, als der Stier zum zweiten⸗ mal, und wieder vergebens, gegen ihn anprallte. Der Jubel des Publikums ſtieg mit jeder Bewe⸗ gung des jetzt durch den getrunkenen Cognac wie durch Aufregung mehr und mehr belebten Indianers. Seine Augen blitzten und funkelten, ſeine ganze Geſtalt hob ſich und wurde größer, und die Gefahr, die Andere für ihn fürchteten, ſchien er mit ſeinem trotzigen Lachen nur immer auf's Neue herauszufordern. Der Stier ſelber ſtutzte aber jetzt über die Ruhe des Feindes, der ihm trotzig und lachend gegenüber⸗ ſtand, und wühlte den Staub auf mit Vorderhuf und Horn, in grimmer, machtloſer Wuth. „Mira aqui compafiero,“ lachte da der Indianer und ſchritt auf den jetzt trotzig und erſtaunt und nur zum neuen Angriff Zurückweichenden zu— mira aqui —„ſieh' die prächtigen Dollar!“ und eine Handvoll herausgreifend, begann er ſie vor dem wüthenden Thier in den Sand zu zählen. „Eins,— zwei, drei, vier— halt amigo, nicht ſo hitzig, oder ich verzähle mich— fünf, ſechs, ſieben, acht— was für großmüthige Gönner,— neun, zehn, elf— zwölf, dreizehn— oh, der Teufel!“ und mit dem lachenden Ausruf war er genöthigt den Hut fort⸗ zuwerfen, den der wüthende Stier unter die Hufe trat, und auf Flucht zu denken, denn die ſcharfen Hörner des Feindes drohten ihm in wohlgemeinten Stößen Verderben. Valentin wich ihnen aber in tollkühnem Muthe nur eben weit genug aus, nicht berührt zu werden, und den Hut aufgreifend, kehrte er ſchon wieder zu ſeiner alten Beſchäftigung zurück, als der — 77 gereizte Stier noch ſchnaubend die Arena durchrannte, ihn zu finden. Wieder begann er jetzt ſein Zählen, dicht vor den Hörnern des Wüthenden, bald hier, bald dort hin⸗ überſpringend, wie ihn der Angriff zwang, aber ſtets die Gefahr durch eine anſcheinend nur unbedeutende Bewegung des Körpers, der er noch dazu den Aus⸗ druck des Tanzes gab, vermeidend, daß immer neuer Jubelruf die Luft erfüllte, und mancher Dollar noch zu ihm hinüberflog. So ermüdete er zuletzt den Geg⸗ ner, daß dieſer mit dumpfem Brüllen ſtehen blieb und es ruhig geſchehen ließ, wie ihn das ſchwache Men⸗ ſchenkind vor ſeinen Augen verhöhnte. Und der In⸗ dianer ſang und tanzte, und zählte die Dollar in den Sand und lachte und ſchrie dazu, und trieb die wun⸗ derlichſten Streiche, die der Stier nur manchmal mit einem neuen Angriff auf Secunden unterbrechen konnte. Die mexikaniſchen Preiskämpfer waren indeſſen nur mit eiferſüchtigem, wenn auch machtloſem Grimm Zeugen des Triumphs der Rothhaut geweſen, und Einer von ihnen ſprang jetzt ebenfalls in die Arena, rief dem Indianer zu, ſein Geld zuſammenzuleſen und ſtellte ſich ſelber, den Kampf wieder zu beginnen.. Sein Empfang war gerade nicht ermuthigend, * denn Ziſchen und Pfeifen begrüßte ihn, wie er nur den Sand berührte; der Stier aber, der hier einen neuen Gegenſtand ſah, an dem er ſeinen Grimm aus⸗ laſſen konnte, wandte ſich von ſeinem alten Feinde ab und warf ſich dem Neugekommenen wild entgegen. Dieſer, der beſte ſeiner ganzen Geſellſchaft viel⸗ leicht, empfing ihn ruhig und ſprang ihm, ſeine Stirn ſelbſt mit dem Fuß berührend, leicht über den Kopf. Dadurch gewann er ſich wieder das Vertrauen der leicht bewegten Maſſe, und einzelne Beifallsbezeu⸗ gungen, beſonders von manchem ſeiner Landsleute, munterten ihn zu weiteren Verſuchen auf. „Bueno, compafero!“ rief Valentin, der indeſſen, die langen Haare aus ſeiner Stirn werfend, Zeuge der That geweſen war, aber keineswegs geſonnen ſchien, ſich den Lorbeer des Tages ſo leicht entreißen zu laßen.„Bueno, aber das war Spaß, ſieh' hier!“ und mit den Worten ſtellte er ſich dem wieder gegen ihn anſtürmenden Thiere ruhig entgegen, und als es die Hörner niederbog, war er mit einem Satz, den Körper zugleich dabei herumſchnellend, daß er mit dem Geſicht nach vorn ſaß, auf dem Rücken des wild dahinſtürmenden Thieres, auf dem er ſich über eine Minute lang, bei einem vollen Beifallsſturm und trotz den wüthenden Anſtrengungen deſſelben behauptete. Der Mexikaner wurde todtenbleich vor Wuth. „Das iſt Nichts!“ ſchrie er mit wildem Lachen, und als ſich der Stier, der ſich des Reiters nicht ent⸗ ledigen konnte, bis dieſer ſelber von ihm abſprang, jetzt gegen ihn wandte, ſuchte er mit gleichem Sprung dem tollkühnen Wagen der Rothhaut gleichzukommen. Wuth und Aerger aber nahmen ihm vielleicht das kalte Blut, deſſen er zu ſolchem Kampf bedurfte. Er überſchätzte den Sprung, mit dem er ſich zu weit nach hinten warf, und der Stier fühlte kaum den Feind an ſich niedergleiten als er ſich wandte und den Ge⸗ ſtürzten, ehe dieſer im Stande war ſich emporzurich⸗ ten, mit den Hörnern faßte, und, als ob es ein Kind geweſen wäre, in die Luft ſchleuderte. „Carambo!“ ſchrie der Indianer lachend, als das jetzt zu raſender Wuth getriebene Thier den ſtürzenden Körper wieder auf die Hörner fing und dann zu Bo⸗ den trat.„Das iſt den Spaß zu weit getrieben!“ und während drei der übrigen Kämpfer über die Bar⸗ riere ſprangen, ihrem Kameraden beizuſtehen, aber ehe Einer von ihnen den Stier erreichen konnte, warf ſich ihm Valentin auf’s Neue eatgegen, und diesmal, wie den Tod ſuchend, mitten zwiſchen ſei rner hinein. Der wilde Sohn dieſer Berge wußte jedoch was A 80 er that, und während ein Angſtſchrei der Zuſchauer die Luft erſchütterte, ſprang er, mit dem kurzen Stahl in der Rechten, von dem zuſammengebrochenen todten Stier zurück, dem er die Rückenſehne des Bugs mit ſicherem Stoß durchſchnitten. Und um die beiden Leichen tanzte der Wilde, unter dem Beifallsſturm und Geldwerfen der Menge, den Fandango. Gerichtsſcene. Stockton, am San Joaquin, iſt nach San Fran⸗ cisco und Sacramentocity die bedeutendſte Stadt Alta California's, und rivaliſirt beſonders mit Sa⸗ cramento. In letzter Zeit hat ſich auch ſein Umfang ſehr bedeutend vergrößert, der Handel iſt blühend, und zweigt von dort überall in die ſüdlichen Minen aus. Seit lange ſchon war es dabei der Sitz eines Diſtricts Court, und Judge Reynolds präſidirte über dieſe als„Richter in Frieden und Unfrieden.“ Um dieſe Zeit, und zwar im Sommer des Jahres 1850 begab es ſich, daß ein Deutſcher Namens Ka⸗ diſch, Waaren in die Minen zu verſenden hatte, zu gleicher Zeit aber ſein Aufenthalt in San Francisco zum Empfang anderer Güter nöthig war. Er accor⸗ dirte alſo mit einem dort anſäſſigen Spanier, ihm die 6 Gerſtäcker, Californiſche Skizzen. 82 ſchon bereitliegenden Güter auf ſeinen eigenen(Ka⸗ diſch) Maulthieren in die Minen zu ſchaffen, die . Thiere dann wieder zurückzubringen, und, ſollte Ka⸗ — diſch um dieſe Zeit noch nicht zurück ſein, eine neue Ladung zu beſorgen. Das geſchah; Joſé der Spanier reiſte mit den Gütern ab, holte aber weder neue Waaren ab, noch lieferte er ſelber die Thiere wieder aus, und gab, als 3 ihn Kadiſch ſpäter dafür zur Rede ſtellte, vor, ſie ſeien ihm unterwegs geſtohlen worden. Das war übrigens eine offenbare Lüge, denn in der näutlichen Zeit befand ſich ſogar ein Theil derſelben Maulthiere in Joſé's Beſitz in Stockton, und Kldiſch hatte Zeu⸗ gen genug, welche die Maulthiere bnien, und das Recht zu ſehr auf ſeiner Seite, es dießmal nicht zu „riskiren“, Gerechtigkeit vor dem Richter zu ſuchen. Dennoch fühlte er ſich nicht ganz ſicher, ging aber doch zu Judge Reynolds, und brachte ſeine Sache vor. Er fand den Richter in ziemlich guter Laune auf ſeinem Sopha liegend, ein Bein über der Lehne deſ⸗ ſelben, das andere auf einem davorgerückten Stuhl. Er that für dieſen Augenblick eigentlich gar nichts, als daß er ſich vielleicht ſeinen angenehmen Gedanken überließ, dabei wälzte er ein nicht unbedeutendes Priemchen Tabak im Munde herum, und drehte nur 83 manchmal den Kopf nach der Kammerecke herum in ein dort ſtehendes, etwa fünf Schritt entferntes Spuckkäſtchen mit ungemeiner Fertigkeit den Tabaks⸗ ſaft hineinzuſ enden. „Guten Morgen, Judge“— ſagte der Kläger, als er zu ihm in die Stube trat, und die Thür hinter ſich zumachte. „How d'y do“ lautete die kurze Antwort, ders Judge drehte den Kopf ein klein wenig herum, zu ſehen wer der Kommende wäre, und fiel dann in ſeine alte Lage zurück. „Judge, ich bin hier, um den Spanier Joſé Ton⸗ guras zu verklagen, der mir meine ſämmtlichen Maul⸗ thiere vorenthält, während ich beweiſen kann, daß ſie ſich zu gleicher Zeit, wenigſtens die meiſten davon, in ſeiner eigenen Fenz befinden.“ Der Richter drehte hier wieder den Kopf, viſirte das Spuckkäſtchen, nach deſſen Richtung hin Kadiſch ſtand, und ſpritzte den gelben Saft zwiſchen ſeinen Zähnen durch ſo dicht an dem Knie ſeines Beſuchs vorbei, daß dieſer erſchreckt davor zurückfuhr. Es war aber nicht die mindeſte Gefahr, und das Käſtchen richtig getroffen worden. Der Richter ſchien aber die Befürchtung die er erregt, gar nicht zu achten, ſon⸗ dern benutzte nur die günſtige Gelegenheit, da er . a⸗ 4 84 ſeinen Mund gerade von Tabaksſaft frei hatte, und frug den Kläger. „Hat Joſé— wie heißt der Kerl? „Joſé Tonguras— „Ahem— hat er Geld?“ „Er iſt anſäſſig hier und wohl 10,000 Dollar werth,“ lautete die befriedigende Antwort. Der Richter blieb jetzt eine Weile, ohne fernere Antwort zu ertheilen, in nachdenkender Stellung auf dem Sopha liegen, zielte dann wieder nach dem Spucknapf, während dießmal der Deutſche aber aus dem Weg trat, da er doch nicht wußte ob der Schütze jedesmal ſchwarz treffen würde, klingelte dann, und ſagte zu dem eintretenden Conſtable: „Bitte, Mr. Brown, rufen Sie mir doch einmal den Sherif herüber.“ Als ſich der Conſtable entfernt hatte, ließ ſich der Richter die ganze Sache mit den Maulthieren aus⸗ führlich von dem Kläger erzählen, der ihm das ſo kurz wie möglich, aber klar und deutlich auseinander⸗ ſetzte. „Gut, gut!“ ſagte der Richter, als er zu Schluß kam, und ſchien mit dem Gehörten vollkommen zu⸗ frieden—„ſehr gut, den Burſchen wollen wir ſchon kriegen. Er iſt ein Mexikaner, nicht wahr?“ 85 „Ich glaube wohl— er trägt wenigſtens die mexikaniſche Tracht.“ „Deſto beſſer— ah Jenkins“, wandte er ſich dann zu dem eintretenden Sheriff—„kommt einmal einen Augenblick hierher— ſetzen Sie ſich ſo lange, Kadiſch— wir wollen das bald in Ordnung bringen, ich habe gerade Zeit heute Morgen.“ Er unterhielt ſich jetzt eine Zeitlang leiſe mit dem Sheriff, dieſer verließ dann das Zimmer, und wohl eine volle Stunde blieben die beiden Männer allein im Zimmer, ohne auch nur ein Wort mit ein⸗ ander zu wechſeln. Die geheimnißvolle Stille unter⸗ brach nur dann und wann der Tabaksſaft des Rich⸗ ters, aus deſſen Bereich ſich Kadiſch wohlweislich be⸗ geben hatte. Endlich klopfte Jemand an die Thüre. „Walk in“ ſagte der Richter. Die Thür ging auf und der Mexikaner Joſé Ton⸗ guras trat ein, während der hinter ihm ſtehende Con⸗ ſtable ſeinen Namen laut ankündigte. „All right“ ſagte der Richter, ohne aber auch nur einmal aufzuſehen— take a seat, José.“*) Der Mexikaner war eine kurze, gedrängte, ſonn⸗ *) Setzt Euch, Joſé. 86 verbrannte Geſtalt, mit glänzend ſchwarzen gelockten Haaren, einer buntgeſtreiften Sarape, einem Wachs⸗ tuch überzogenen breitrandigem Hut, an den Seiten bis an die Hüftknochen aufgeſchlitzten braun ſammet⸗ nen Ober⸗ und ſchneeweißen baumwollenen Unter⸗ hoſen, weißem Hemde und ſchwarzgewichſten Schnür⸗ ſtiefeln. Als er ins Zimmer trat, machte er eine halbe Verbeugung gegen den Richter und ſeinen Ankläger und ſagte artig, während er den glänzend blanken Hut mit beiden Händen vom Kopfe nahm: „Buenos dias, Seüores.“ Kadiſch machte eine leichte Verbeugung gegen ihn, der Richter ſagte aber gar nichts weiter, und da der Mexikaner die vorherige Einladung ſich zu ſetzen wahrſcheinlich nicht verſtanden oder vielleicht nicht einmal gehört hatte, wiederholte ſie der Deutſche noch einmal auf Spaniſch. Joſé dankte ſchweigend, rückte ſich dann einen der Rohrſtühle heran und ließ ſich langſam darauf nieder. Die dunklen verſchmitzten Augen liefen aber indeſſen raſch von einem Gegenſtand im Zimmer zum anderen, und hafteten auf nichts. Nur dann und wann ſuchte er dem Blick des Richters zu begegnen, wenn dieſer zu ſeinen regelmäßigen Expectorationen den Kopf wandte. Dieſer aber hatte vielleicht ſchon ganz wieder vergeſſen, daß Jemand anders mit ihm im Zimmer war, oder nahm doch wenigſtens nicht die mindeſte Notiz, weder vom Kläger noch Verklagten. So verging eine Viertelſtunde nach der andern, und Kadiſch, der andere Geſchäfte zu beſorgen hatte, ſtand ſchon einmal auf und bat den Richter ihn zu entſchuldigen, er wolle lieber in einer Stunde etwa oder zu jeder andern Zeit, die er ihm beſtimmen möchte, wieder kommen, denn er habe zu Hauſe noth⸗ wendige Geſchäfte. „Never mind, Kadish“, ſagte aber der Richter, und winkte ihm mit der Hand ſitzen zu bleiben;„der Sheriff muß den Augenblick hier ſeyn, und wir machen Ihre Sache dann ohne weiteres ab. Sie tref⸗ fen's vielleicht nicht allemal ſo günſtig.“ Der Deutſche ſah daß der Richter guter Laune ſchien, und war klug genug zu bleiben, der Mexikaner aber, der von den gewechſelten Worten nichts ver⸗ ſtand, ſchaute mißtrauiſch bald den einen, bald den andern an, und mochte aus der Freundlichkeit des Richters gegen ſeinen Ankläger, nicht ohne Grund, keine der beſten Folgerungen für ſich ziehen. So verging wieder eine zweite Viertelſtunde, als die Thür aufging und der Sheriff hereintrat. 88* „Alles in Ordnung, Jenkins?“ frug ihn der Richter.. „Alles“, lautete die bündige Antwort des Schwer⸗ tes der öffentlichen Gerechtigkeit. „Alles ſo geweſen?“ frug aber der Richter noch einmal, der in dieſer Sache wohl ſeine guten Gründe haben mochte, ganz ſicher zu gehen. „Alles“, klang aber wiederum das beſtimmt ab⸗ gegebene Echo aus ſeines Merkurs Munde. „Gut, dann können wir die Court eröffnen“, er⸗ widerte der Richter, erhob ſich aus ſeiner liegenden Stellung, ſetzte ſich aufrecht an den Tiſch und rückte einige Bücher in Ordnung,„ruft den Dolmetſcher herein.“ Jenkins öffnete die Thür, winkte hinaus und gleich darauf trat eine der wunderlichſten Figuren herein, die man ſich nur auf der Welt denken kann. Es war eine breitſchultrig gedrungene, grobknochige Geſtalt, mit rothen, krauſen Haaren, Pockennarben und die Hände dicht mit Sommerſproſſen bedeckt. In der Hand hielt der Mann einen alten, in die un⸗ beſtimmteſte Form hineingedrückten, weißen Filzhut, an dem nur Rand und Deckel fehlte, über den Schul⸗ tern hing ihm ein kleiner blauer, an den Rändern grün und roth geſtreifter chileniſcher Poncho, die — † 89 Beine bedeckten auch eine Art mexikaniſcher Hoſen, aber die Unterbeinkleider waren beſchmutzt und von höchſt zweifelhafter Farbe, und die Füße ſtacken in groben, ſtark genähten und ungeſchwärzten Schuhen. Die Figur hatte allerdings nicht viel Empfehlendes, aus den kleinen grünen Augen blitzte aber ein eigener wilder Humor, und der Blick, den er bei ſeinem Ein⸗ tritt nur einmal, aber raſch und entſchieden über die ganze Gruppe ſandte, wie die zuverſichtliche Art mit der er überhaupt auftrat, verriethen, daß er nicht das erſtemal zu dieſem Amt berufen ſei, und es liebe vor⸗ her zu wiſſen, mit welchen Leuten er es hier zu thun habe. Sein nachheriges ganz gleichgültiges Weſen, wobei er weder nach der einen noch andern der Par⸗ teien auch nur den Kopf wandte, ſollte anzeigen wie gänzlich unparteiiſch er beide Theile höre, und nur darauf denke ihre geäußerte Meinung Wort für Wort dem Richter treu wiederzugeben. Dieſer ſchien aber mit ſeinem Dolmetſcher auf einem ganz freundſchaftlichen Fuß zu ſtehen, rückte ihm, als er die Thür hinter ſich zugemacht hatte, einen Stuhl dicht neben ſich hin, nahm dann die ne⸗ ben ihm liegende Bibel in die Höhe, und ſagte, nach der erſten Begrüßung gleich in die aufzugebende Schwurformel einfallend: —— 90 „Wie geht's Patrick? Ihr ſchwört hiermit feier⸗ lich, die zwiſchen beiden Parteien vorkommenden Aus⸗ ſagen und Antworten treu und wörtlich zu überſetzen, ſo helfe Euch Gott.“ „Dank Euch, Sir, Yes“, ſagte Patrick mit ächt iriſcher Brogue und ungemeiner Feierlichkeit, eben⸗ falls Morgengruß und Schwur zu gleicher Zeit beant⸗ wortend, dann küßte er mit vieler äußerer Andacht die ihm vorgehaltene Bibel, und ließ ſich, ſeinen kur⸗ zen Poncho unnöthigerweiſe etwas weiter noch herauf⸗ ſchlagend, auf den ihm hingerückten Stuhl nieder. Den Hut drückte er, rückſichtslos gegen jede Facon, zwiſchen die Knie. Der Richter hatte indeſſen einen reinen Bogen Papier hergenommen, und ſchrieb jetzt ſehr emſig die Anklage des Deutſchen nieder, die er dieſem dann gar nicht erſt weiter zeigte, ſondern ſich damit, als er ſie beendet, gleich unmittelbar an den Verklagten— durch den Dolmetſcher natürlich— wandte. Der Mexikaner, der übrigens niehr Engliſch ver⸗ ſtehen mochte als er zu zeigen für räthlich hielt, hatte der vorſtehenden Schwurſcene ſehr aufmerkſam zuge⸗ ſchaut, und ein leiſes verſtohlenes Lächeln ſpielte da⸗ bei um ſeine Mundwinkel, das ſich auch kaum verlor, während der Richter dem Dolmetſcher die Klage auf V 91 engliſch vorlas. Er wußte recht gut daß ſeine Sache, ging ſie den gewöhnlichen Gang Rechtens, noch lange nicht verloren zu ſein brauchte, war aber freilich nicht auf das gleich folgende ſummariſche Verfahren vor⸗ bereitet. 8 Als der Dolmetſcher alles angehört hatte, wandte er ſich, die Augen dabei feſt auf das Blatt Papier ge⸗ richtet, gegen den Verklagten, der jetzt ſeinerſeits ebenfalls mit der ernſthafteſten Miene und größten Aufmerkſamkeit daſaß, und überſetzte ihm leſend weſ⸗ ſen er beſchuldigt ſey, und frug ihn, ob er die Wahr⸗ heit der Sache zugeſtehe. Der Mexikaner ſah hierauf erſt ein paar Secun⸗ den, wie in tiefem Nachdenken, ſtill vor ſich nieder, und erwiederte dann in der eigenen ſingenden Weiſe der Spanier: „Si Seflor, ich habe die Maulthiere von dem Manne mit den Waaren bekommen, und die Waaren an der beſtimmten Stelle abgeliefert, iſt dem nicht ſo?“ Die Frage wurde dem Kläger geſtellt, und dieſer bejahte ſie, fügte aber hinzu,„daß er wegen der Waare nicht geklagt habe, ſondern nur wegen der zurückgehaltenen Thiere.“ Der Deutſche hatte dieſe Antwort ebenfalls in ————— 92 Spaniſch geſprochen, und Don Joſé wollte gerade darauf erwiedern, als ihn der Richter unterbrach: „Stop“, ſagte er,„ich möchte auch gern wiſſen, was Ihr da zuſammen verhandelt, God damn it, Ihr verlangt doch nicht, daß ich Euer verwünſchtes Eſpagnole auch noch verſtehen ſoll? Patrick, wie war die Geſchichte?“ Patrick überſetzte dem Richter das, was beide Parteien geſagt, und dieſer frug dann weiter: „Aber wo ſind jetzt die Maulthiere? Habt Ihr die auch nachher ihrem rechtmäßigen Eigenthümer zu⸗ rückgegeben, oder was iſt mit ihnen geſchehen?“ Der Mexikaner ließ ſich die Frage erſt überſetzen, dann ſagte er achſelzuckend: „Quien sabe?— als ich nach Stockton zurück⸗ kam, war der Mann noch immer nicht zurück. Ich mußte die Thiere einem andern zur Aufſicht überge⸗ ben, was ich aus meiner eigenen Taſche bezahlt habe, der wurde aber krank, und Amerikaner oder meine eigenen Landsleute haben die Maulthiere indeſſen ge⸗ ſtohlen. Mein Bruder iſt aber nach, und wenn er ſie wieder findet, ſoll der Mann ebenfalls keinen Schaden leiden.“ Patrick überſetzte das und der Richter frug hier⸗ auf ſchnell: 93 „Alſo er läugnet nicht, daß ſie, während ſie ihm übergeben waren, abhanden gekommen ſind.“ „No, no, es verdad“, ſagte Joſé,„pero.... „Well, well, all right“, unterbrach ihn der Rich⸗ ter, und als er ſah, daß der Mexikaner noch Einwen⸗ dungen machen wollte, ſagte er zu Patrick:„stop him, Pat', laß ihn mich nicht weiter unterbrechen, ich weiß jetzt alles, was ich wiſſen will. Kadiſch, wie viel Maulthiere waren das, ſagt Ihr, die Ihr ihm übergeben habt?“ „Vierzehn, Sir, mit Packſätteln.“ „Jenkins, was ſind Maulthiere wohl jetzt durch⸗ ſchnittlich werth, der Sattel macht da weiter keinen großen Unterſchied.“ Der Sheriff beſann ſich eine kleine Weile, und ſagte dann, ſich das Kinn ſtreichend: „Hm, ich weiß nicht genau, ich denke ſo etwa von 80 bis 90 Dollars durchſchnittlich. Vielleicht mehr.“ „Nun gut, wir wollen durchſchnittlich 90 Dollars annehmen, ſeid Ihr damit zufrieden, Kadiſch?“ Dieſer bejahte es, etwas verdutzt, und der Richter fuhr fort:„Das ſind alſo vierzehnmal neunzig, vier⸗ mal neun iſt ſechsunddreißig, einmal neun iſt neun und drei ſind zwölf— gerade 1260 Dollars— außer⸗ dem für die Court 50, und für Warrant und Verhör 94 50 D., macht 1360, für Sheriff 50, ſind 1410— und dann— ja ſo Patrick, wie viel bekommt Ihr für Euer Dolmetſchen?“ „Ih nun, ich weiß nicht“, ſagte Patrick etwas verlegen,„ich denke etwa zwei Unzen.“ „Ah was, ſagt drei“, meinte der Richter mit etwas leiſerer Stimme und einem vertrauten Nicken des rechten Augenlids. „Oh, meinetwegen auch drei⸗“, ſchmunzelte Pa⸗ trick, und der Mann des Geſetzes nahm ſeine Rech⸗ nung wieder auf: „Alſo 1410, und 50 D. für Dolmetſchen, ſind gerade zuſammen 1460 D., Patrick, ſagt einmal dem Joſé Tonſuras oder Tonjuras, wie er heißt, daß ihn die Court zu 1460 Dollars Strafe verurtheilt hat, und zwar 1260 für den Kläger, 100 für Courtge⸗ bühren, 50 für Sheriff und 50 für Dolmetſchen— 1660 zuſammen.“ „1460“ erinnerte Patrick. „1460?— ja das iſt recht, 1460— nun es kommt auf eine Kleinigkeit nicht an. Die Summe iſt übrigens in Zeit von drei Stunden zu entrichten.“ Joſé war leichenblaß geworden, und konnte kaum die Zeit abwarten daß ihm der Spruch überſetzt war, als er aufſtand und dagegen proteſtiren wollte; Judge Reynolds war aber nicht der Mann, der ſich in einem einmal gethanen Spruch irre machen ließ. „Patrick“ rief er dieſem zu,„ſagt dem Mann ein⸗ mal, daß er, wenn ihm ſein Geldbeutel lieb iſt, ſein Maul halten ſoll. Herunter diſputiren kann er gar nichts mehr, nur noch hinau f, und ich glaube kaum, daß ihm daran viel gelegen iſt. Macht ihm übrigens auch noch nebenbei bemerklich, daß der Sheriff ſeine ſämmtlichen Maulthiere hinter dem Hauſe hat— wie Sheriff?“— Dieſer nickte bejahend, und der Richter fuhr fort,„und daß die, wenn das Geld nicht in drei tunden hier iſt, heute Nachmittag vom Sheriff ver⸗ kauft werden— verſtanden? wer nachher dabei zu kurz kommt, wird Joſé ſchon wiſſen— ein Nicken iſt gerade ſo gut wie ein Wink für ein blind Pferd.“ Joſé erbot ſich jetzt in letzter Verzweiflung, denn er ſah wohl, daß er hier vollſtändig in der Falle ſaß, bis in acht Tagen wenigſtens die Mehrzahl der Maul⸗ thiere wieder an Ort und Stelle zu liefern. Judge Reynolds ſagte aber nur kurz zu Patrick: „Habt Ihr dem Manne alles ordentlich verſpa⸗ niſcht, was er wiſſen ſoll?“ „Alles, your honor.“ „All right then, in drei Stunden die landesüb⸗ liche Münzſorte oder— Auction— und damit ſtand 96 er auf, machte eine graziöſe Bewegung mit der Hand gegen Kläger und Verklagten, und ſagte:„die Court iſt aufgehoben. Jenkins, kommen Sie, wir wollen einmal gegenüber gehen und einen nehmen, ich bin ganz trocken im Halſe geworden.“ Drei Stunden ſpäter ſtand Joſé Tonjuras mit vollem Geldbeutel und betrübtem Geſicht am Tiſche des Richters und zahlte dieſem die ihm auferlegte Summe. Er wußte recht gut, daß ihm weiter gar kein Mittel blieb; der Richter hätte ihm das letzte Maulthier aus der Fenz verauctioniren laſſen, und Maulthiere hatten gerade in dem Augenblick keinen beſonders guten Preis. Judge Reynolds ſtrich aber, jetzt ohne Dolmetſcher, das Geld mit ſehr wohlgefäl⸗ ligem Antlitz ein und ſagte, als der Spanier etwas niedergeſchlagen Abſchied nahm, indem er das Geld in ſeinen Tiſchkaſten einſchloß, das einzige ſpaniſche Wort, was er wahrſcheinlich wußte,„Mucho gra- cias.“(Muchas gracias!) Die Entdeckung des Jackaßgulch(Eſelſchlucht). Wer meiner Leſer erinnert ſich nicht jener erſten Berichte, die über den californiſchen Reichthum zu uns herüber drangen, und Manchem gleich in ihrem erſten Andrang das richtige echte Goldfieber dermaßen gaben, daß es nur durch eine fünfmonatliche Seereiſe geheilt werden konnte. Andere ſchüttelten freilich zwei⸗ felnd den Kopf, und wollten an dieſe Maſſen von Gold nicht ſo recht glauben. Und doch waren jene Berichte keineswegs übertrieben. Es iſt aber eine ſonderbare Thatſache, daß in Californien gerade die reichhaltigſten Stellen, und zwar die, wo das Gold, und noch dazu grobes Gold, nur wenige Fuß unter der Oberfläche lag, gleich im erſten Anfang entdeckt und bearbeitet wurden, und die wenigen Glücklichen, die dort gewiſſermaßen über den Schatz herſtolperten, Gerſtäcker, Californiſche Skizzen. 7 9 konnten und wollten nicht anders glauben, als das ganze Land ſtecke jetzt dermaßen voll Goldſplitter, daß ſie eben weiter nichts zu thun hätten, als ſich daneben hinzuſetzen und ſie herauszuziehen. Sutters Mühle und Mormoneiland im Norden, Mormongulch und Sullivans Creek im Süden, wur⸗ den faſt zu gleicher Zeit und bald nach einander ge⸗ funden, und ſie alle lieferten, für die jetzigen Minen, faſt unglaubliche Reſultate. Die Leute dort hielten zwei Unzen den Tag für einen höchſt mittelmäßigen Tagelohn, ja verließen die Stellen, wo ſie das mit Leichtigkeit gewinnen konnten, und fanden an denſel⸗ ben Schluchten andere, die ſie beſſer bezahlten. Sie verkauften um einen Spottpreis oder verſchenkten die Plätze, die ſie niedergegraben und die ihnen noch Schätze lieferten, vertranken das Gold das ſie ver⸗ dient, und fingen von Neuem an zu ſuchen. Die Mi⸗ nen ſchienen unerſchöpflich, und mit höchſt unvollkom⸗ menem Werkzeug, ja mit nur ſehr geringer Arbeit— im Vergleich zu dem wenigſtens, wie jetzt dort geſchafft werden muß— förderten ſie ſpielend zu Tage, was ſie eben brauchten, und ſie brauchten ſehr viel. Die Flaſche Champagner koſtete damals von 10—16 Dol⸗ lars, der Brandy 5—8 Dollars, die Flaſche Eſſig⸗ gurken 16 Dollars u. ſ. w., und was ſie nicht in ſolchen Leckereien(denn Eſſiggurken gehörten un⸗ ſtreitig dazu) geſchwind genug loswerden konnten, das verſpielten ſie, nur wieder reine Taſchen zu be⸗ kommen. Man kann ſich denken, was für toll und wild zu⸗ ſammengewürfeltes Volk dort hauſte, und wie es da manchmal zuging. Dennoch hörte man ſelten oder nie von Mordthaten, wenn auch Diebereien oft genug vorfielen. Morde kamen erſt in Californien an die Tagesordnung, als das Gold ſchwerer und unſicherer zu gewinnen war, und die Leute lebten damals in einem Zuſtande, von dem ſie ſpäter ſelber verſicherten, ſie ſeien„wie im Traume“ herumgegangen. So wie jetzt aber liefen auch ſchon zu jener Zeit fortwährend Gerüchte von noch viel reicheren Stellen, Plätzen, wo das Gold, wenige Zoll unter der Raſen⸗ decke, nur zum Zuſammenſcharren läge, und bald ſollte dieſer, bald jener ein ſolches Eldorado gefunden haben, dem nun Alle nachzuſpüren ſuchten. Wer ir⸗ gend einen andern Platz entdeckt hatte, von dem er ja noch gar nicht wiſſen konnte, ob er ſich nicht gerade ſpäter als eine ſolche arabiſche Schatzkammer auswies, der hielt es ſo lange als möglich geheim, ſtahl ſich Nachts fort, wenn es nicht anders ging, und lag Wochen lang draußen herum, bis er entweder von 7* — 100 den Andern aufgeſpürt wurde, oder auch ausgefunden hatte, daß ſein alter Platz eben ſo gut geweſen wie dieſer, und er nun dahin wieder zurückkehren könne. Fand er doch dort wenigſtens Proviſionen und Ge⸗ tränke in der Nähe.— Der Leſer mag aber lieber gleich einmal mit mir in den Mormongulch hinabſpringen. Er lernt dort das echte Minenleben aus erſter Quelle kennen, und wir finden, wenn auch nicht lauter gute, doch ſicher intereſſante Geſellſchaft. Es war im Auguſt des Jahres 1848, als ziemlich hoch im Mormongulch lein kleiner Bergbach, der ſich in den Stanislaus ergießt und mit dieſem ſpäter in den San Joaquim geführt wird) Spitzhacken und Schaufeln wacker gehandhabt wurden, und Pfannen klapperten und Maſchinen oder ſogenannte Wiegen Kies und Erde durchſchüttelten, daß es eine Luſt und Freude ſchien. Die Leute ſangen und pfiffen dabei und lachten und erzählten ſich Anekdoten und wenn man ſie anſah, kam es Einem kaum vor als ob ſie überhaupt wirklicher Arbeit wegen hier herumwirth⸗ ſchafteten. Gleich vorn, etwa zehn oder fünfzehn Schritt vom Bach ſelber ab, wo das Ufer eine Art flacher Niede⸗ rung bildete, wühlten ſich zwei von ihnen, ein paar Deutſche, in die Erde hinein, und Kies und Grund fuhr eine Zeitlang aus dem wohl ſchon vier Fuß tiefen Loch heraus, als ob ſie es beim Zollbreit bezahlt be⸗ kämen. Sie hießen Fuchs und Starke— der erſtere mit einem fuchsrothen Bart, der ſeinem Namen Ehre machte, und dickem rothen Geſicht— der Andere noch ein junger Burſche, der früher mit den Volontairen von Nordamerika nach Californien gekommen war, auf einer etwas wilden Expedition der Vereinigten Staaten, ein Land zu erobern, auf das ſie damals noch nicht die mindeſten Anſprüche hatten. Wie ſie es nämlich ſpäter von Mexiko als Schadenerſatz für die Kriegskoſten forderten und bekamen, oder nahmen, war es wirklich ſchon, wenigſtens in allen feſten Plätzen, in ihrem Beſitz. Ich würde Starke indeſſen Unrecht thun, wollte ich ihm irgend eroberungsſüchtige Abſichten oder über⸗ haupt Abſichten zuſchreiben. Er war als Volontair nach Californien gegangen, wie er etwa mit Fuchs in das nächſte Trinkzelt gehen würde, wenn dieſer zu ihm ſagte,„komm Starke, wir wollen Einen nehmen,“ und auf ähnliche Art auch in die Minen gekommen. Zwei von ſeinen Kameraden deſertirten und ſagten, „komm Starke, geh' mit,“ und da Starke für den 102 Augenblick nichts Anderes zu thun hatte, ſah er gar keine Urſache, weshalb er zurückbleiben ſollte. Er verdiente jetzt hier mit keiner, oder mit nur ſehr unbe⸗ deutender Arbeit, von zwei bis zu drei und vier Unzen Gold täglich. Nicht weit von ihnen arbeiteten zwei andere Deutſche, Fiſcher und Johnny— überhaupt hatten ſich zufälliger Weiſe gerade an dieſem Theil des Gul⸗ ches lauter Deutſche zuſammengefunden, während weiter oben und unten wieder die einzelnen Amerika⸗ ner, Irländer oder auch Mexikaner zuſammenhielten. Einige Chilenen arbeiteten in demſelben Gulch. Sie waren mit dem erſten Schiffe, auf welchem auch Fi⸗ ſcher Paſſage genommen, von Valparaiſo hierherge⸗ kommen, das von dort nach dem erſt entdeckten Eldo⸗ rado abging. Sie hießen, wie ſchon geſagt, Fiſcher und Johnny. Der Erſte, ein Hamburger, hatte ſich lange in Valparaiſo aufgehalten, ſprach ſehr gut ſpaniſch und ziemlich engliſch und ſchien überhaupt eine gute Erziehung genoſſen zu haben. Sein„partner“ war dagegen ein Original, wie deren wohl Manche auf Gottes weiter Erde zerſtreut umherlaufen mögen, wie man aber gewiß nur ſelten das Glück hat, ein ſo vollſtän⸗ diges und ſo gut erhaltenes Exemplar friſch und fidel 103 auf ſeinem Lebenswege anzutreffen. Johnny, wie er allgemein genannt wurde, und Niemand kannte ſeinen anderen Namen oder kümmerte ſich darum, war ein Schneider, und zwar das liederlichſte, luſtigſte, me⸗ lancholiſchſte und heroiſchſte Schneiderlein unter der Sonne. Wie alt Johnny war, ließ ſich auf den erſten Blick, ja ſelbſt bei längerer Bekanntſchaft ſchwer oder gar nicht beſtimmen. Er war ſehr klein und ſchmächtig und hatte gar keinen Bart, auch wandte er ſehr ſelten, eigentlich nur in Nothfällen, eine Hand voll Waſſer an ſein Geſicht. Die Elaſticität der Haut ließ ſich deshalb höchſt unvollkommen erkennen, ſo daß er ſei⸗ ner Geſtalt und ſeines glatten Kinnes wegen ſeinen Bekannten manchmal ganz jung vorkam. Dann aber wieder, beſonders in ſeinen ſinnend⸗melancholiſchen Stellungen, die er gern annahm, runzelte er die Stirn dermaßen und die Augen lagen ihm ſo tief im Kopfe, daß man ihn wenigſtens hätte für einen Vier⸗ ziger halten mögen. Seine Tracht war pittoresk genug.— Ein klei⸗ ner, kurz abgeſtutzter, einſt grau geweſener Frack, ein Paar leinene, ſehr oft aber noch lange nicht genug ausgebeſſerte Hoſen, ein Hemd von unbeſtimmter Couleur und ein Paar Schuhe umgaben ſeinen Leich⸗ —. —— 1 ——— 104 nam. Das Merkwürdigſte aber an ihm war der Hut, und zu dieſem zu gelangen, muß ich ein wenig weiter ausholen, und Johnny verdient auch wirklich dieſe Aufmerkſamkeit. Johnny hatte in früherer Zeit— und ſeine Le⸗ bensgeſchichte gehört zu einer der thatenreichſten— lange Jahre in Frankreich gearbeitet und war von dort zuerſt nach den Vereinigten Staaten und dann nach Californien gegangen, wo er ſich ſchon mehrere Jahre, ehe noch das Gold entdeckt wurde, aufgehal⸗ ten. Damals hielt er einen Schenkſtand in San Francisco und ſein Verdienſt, als das erſte Gold da⸗ hin kam und der Reichthum des Landes durch aus den Bergen zurückkehrende Goldwäſcher bekannt wur⸗ de, war außerordentlich. Aber das unruhige Blut ließ ihn nicht ſitzen. Er verkaufte Alles, vertrank und verſpielte den Ertrag, und ging dann ſelbſt auf's Goldſuchen aus. Johnny hatte, wie erwähnt, früher lange in Frankreich gearbeitet, und es gebörte dieſe Zeit zu ſeinen ſchönſten Erinnerungen; am liebſten hätte er ſich auch Jean nennen laſſen. Das ging aber nicht; ſeine Umgebung, der das Franzöſiſche nicht ſo recht geläufig war, wollte darauf nicht eingehen, und es blieb, trotz mehrfacher Verſuche einer Aenderung, immer zuletzt wieder bei Johnny. Seine Umgebung that ihm aber einen andern Gefallen. War es Einbildung oder Wirklichkeit— bei dem jetzigen Zuſtand ſeines Geſichts ließ ſich das nicht ſo genau unterſcheiden, aber es hatten Einzelne früher eine Aehnlichkeit in Geſtalt und Angeſicht zwiſchen Johnny und Napoleon Bonaparte gefunden. John⸗ ny's Lieblingsſtellung war von der Zeit an die mit zuſammengekniffenen Brauen und untergeſchlagenen Armen, ja ſeinen grauen Filzhut ſogar hatte er drei⸗ eckig aufgeſchlagen und befeſtigt, und als Zierrath, allerdings etwas unnapoleoniſch, eine unechte Broche und eine kleine Kette aus Bronze darum, aufgenäht. In dem Augenblick, wo wir die Gruppe der Goldgräber muſtern, liegt Johnny auf dem Bauche, dicht am Rand des Gulch, in einer ſogenannten Kayota, d. h. in einer Seitenhöhle, die er ſich unter der Bank hineingearbeitet hatte, die goldhaltige Erde darunter hervorzuwühlen, ohne ſich dabei die Mühe zu nehmen das darauf liegende Erdreich abzuwerfen. Nicht daß Johnny faul geweſen wäre— im Gegen⸗ theil, er war einer der beſten Arbeiter— aber es ging doch bequemer, und die Hauptſache: ſchneller. So hatte er erſt, während Fiſcher die Erde abholte, zur Maſchine trug und auswuſch, mit einer kurzen, zu — dieſem Zweck beſonders nützlichen Brechſtange die goldhaltige Erde mehr und mehr, vielleicht zwei Fuß vom Felſengrund ab, weggeſtoßen und war dabei tie⸗ fer und tiefer gekommen, bis er zuletzt mit dem gan⸗ zen Körper unter die Erde hineingewühlt war, daß nur noch die Füße eben vorguckten. Sein Frack mit dem Hut darauf lagen, wie zie— rende Trophäen eines Monuments, dicht davor auf einem etwa 3 Fuß hohen Quarzblock, um den herum ſie die Erde ſchon weggewaſchen. Fiſcher war eben mit ſeiner Pfanne fertig gewor⸗ den und zurückgekommen. Er ſaß niedergekauert und mit gebücktem Kopf neben Johnny's Schuhwerk und verſuchte in das Loch hineinzuſchauen. Die Pfanne ſtand neben ihm. „Johnny“, ſagte er endlich mit ſeiner etwas fei⸗ nen aber gutmüthigen Stimme,„Du wühlſt zu tief. Wenn Dir die Geſchichte auf den Leib fällt, ſo haben wir Napoleons Grab hier, und das ſollte mir leid thun.“ 1 „Laß gut ſein, Fiſcher,“ tönte Johnny's Stimme dagegen etwas hohl und unnatürlich unter der Erde vor—„ich bin gleich fertig, denn der Felſen läuft wieder hoch, und ſo können wir ihn nachher, wenn's lohnen ſollte, von oben abdecken.“ „Jemine Johnny,“ ſagte Fiſcher, nachdem es ihm gelungen war, einen Blick in die Oeffnung zu werfen, „warum haſt Du Dir denn nicht den Quarzſtein da oben herausgebrochen. Er zerreibt Dir ja den Rücken.“ „Das geht nicht,“ brummte Johnny dagegen,„er 8 ſitzt zu feſt. Wenn ich den herausholen will, bricht mir am Ende die ganze Paſtete nach, und Gold ſteckt doch nicht mehr dran. So mag er denn ſitzen bleiben.“ Es war ein weißer Quarzblock von vielleicht an⸗ derthalb bis zwei Fuß im Durchmeſſer, unter dem ſich Johnny ſo hindurchgearbeitet hatte, daß er jetzt mit den Schultern unter ihm ſtak, was ihn allerdings etwas in ſeinen Bewegungen hinderte. Im Monat Auguſt aber iſt die Erde ſo hart und trocken, daß we⸗ nig Gefahr eines Einſturzes vorhanden ſchien, ja die Mexikaner arbeiteten faſt einzig und allein auf dieſe Art. Sie bohrten ſchmale Löcher, in die ſie ſich kaum hinabzwängen konnten, worauf ſie ſich unten nach allen Seiten und oft unglaubliche Strecken weit ausbreiteten. Es hieß dies in der Minenſprache, wahrſcheinlich nach den kleinen Wölfen, die es in Ca⸗ lifornien in wahrer Unmaſſe giebt und die ihr Lager in Erdhöhlen haben ſollen— kayoten. 108 Johnny verlangte nun mit ausgeſtrecktem Arm die Pfanne, die ihm Fiſcher hinunterſchob und, als ſie ſein kleiner unterirdiſcher Partner mit den Händen gefüllt hatte, nicht ohne Mühe wieder vorbrachte. Er ging dann zu ſeiner Wiege zurück,„den Dreck aus⸗ zuwaſchen“— ich kann dem Leſer nicht helfen, er muß ſich an die Minenausdrücke gewöhnen— und Johnny kayotete weiter. Noch etwas höher hinauf arbeiteten ebenfalls ein paar Deutſche, diesmal aber, etwas allerdings Unge⸗ wöhnliches in den Minen, Mann und Frau zuſam⸗ men. Madame Hilgen, eine Hamburgerin, verdient jedenfalls zuerſt erwähnt zu werden, denn ſie war un⸗ ſtreitig der Mann von den Beiden, und„ſchaffte“ ſo fleißig mit, wie nur ein Mann, wenigſtens bei der leichteren Arbeit, hätte ſchaffen können. Sie verſtand dabei einen Spaß und war nicht leicht böſe gemacht, wußte aber auch Alle mit einem gewiſſen Takte in den gehörigen Schranken zu halten. Madame Hilgen ſaß an der„Wiege“ und wuſch die Golderde aus, die ihr Mann im Schweiße ſeines Angeſichts dem harten Erdboden mit Spitzhacke und Schaufel abgemüht und ihr hingetragen hatte. Die beiden Eheleute waren übrigens die einzigen von all den Goldſuchern dort, die einen wirklichen Nutzen 190 aus dem aufgefundenen Reichthum zogen. Denn die Frau hielt das Erarbeitete zuſammen, und Hilgen, wenn er auch dann und wann einmal über die Stränge geſchlagen hätte, durfte nicht muckſen. Fiſcher und Mad. Hilgen faßen etwa funfzehn Schritte von einander entfernt, ſo daß ſie ſich recht gut mit einander unterhalten konnten, beſonders da Fiſcher's etwas feine Stimme ziemlich weit hinaus⸗ tönte. Gleich über Hilgen oben arbeitete eine einzelne Perſönlichkeit, und wiederum ein Charakter, wie ich feſt überzeugt bin, daß ſolche das Schickſal eben nur in Californien zuſammengeworfen haben kann. Wilhelm Erbe war ein Barbiergeſell aus Leipzig. Er hatte aber ſeine Vaterſtadt ſchon vor zwanzig Jah⸗ ren verlaſſen und ſich ſeit der Zeit, meiſtens in Nord⸗ amerika, als Gott weiß was Alles herumgetrieben, ſpäter den texaniſchen Krieg mitgemacht, und war von dort, wie er in heiteren Stunden manchmal erzählte, deſertirt und nach Californien„ausgewandert.“ Nichts machte ihn übrigens glücklicher, als einen Leipziger zu treffen, mit dem er von alten Zeiten, Meiſtern und Straßen plaudern konnte. Trotz ſeiner langen Ent⸗ fernung hatte Erbe noch ganz den ſingenden echt ſäch⸗ 110 ſiſchen Ton beibehalten und ſich dazu durch einen län⸗ geren Aufenthalt zwiſchen Amerikanern das Einwerfen engliſcher Brocken dermaßen angewöhnt, daß Einer, der ſich mit ihm unterhielt und blos deutſch redete, oft zu rathen hatte was er eigentlich meine, und wovon er ſpreche. Ja ſelbſt wer Engliſch verſtand, wurde manchmal nicht klug aus ſeinem Kauderwelſch. Es iſt ſonderbar, daß nur die deutſche Nation im fremden Lande, und auch wieder nur mit der engliſchen Sprache, bei der es wohl die Aehnlichkeit des Dialects machen muß, dieſe Eigenheit annimmt, und gerade die, die am wenigſten noch vom Engliſchen verſtehen, miß⸗ handeln das Wenige ſchon, ſelbſt wenn ſich ihnen nicht die geringſte Urſache dazu bietet, auf das Entſetzlichſte. Sie verdeutſchen die engliſchen Wörter— d. h. ſie geben ihnen deutſche Endungen und conjugiren und decliniren ſie deutſch— wo denn manchmal der drol⸗ ligſte Unſinn zu Wege kommt. So verſicherte mich einſt ein ſonſt ganz gebildeter Deutſcher in Cincinnati, er müſſe jetzt zu Hauſe, es ſei ſchon„zu dinner gebellt“ — von dinner, Mittageſſen, und bell, Glocke.— „Hands mit ihm geſchäkt“— von shake hands, Handſchütteln,—„über Fenz getſchumpt“— von fence, Zaun, und to jump, ſpringen,—„kalt ge⸗ kätſcht“— von to catch a cold, ſich erkälten— ec. ꝛc. gehören zu den gewöhnlichſten Phraſen und man könnte ganze Wörterbücher derſelben zuſammenſtellen. Erbe lieferte wirklich komiſche Sachen und ſein ſächſiſcher Dialect verſtärkte den drolligen Eindruck. Seine Tracht war im gewöhnlichen Leben— und er lebte nur gewöhnlich— ein alter kurzer blauer Frack mit hinten einem, und vorn drei— blanken kann man nicht gut ſagen— alſo Meſſingknöpfen. Ein rothes Hemd, eine graue wollene Hoſe, keine Socken und ein Paar ſchwere, eiſenbeſchlagene Schuhe—(wenn ich von Schuhen oder Stiefeln in den Minen ſpreche, ver⸗ ſtehe ich immer den rechten Hacken ſchief getreten, was eine unausbleibliche Folge des, in harter Erde, mit dem Spaten Arbeitens iſt). Dieſer Anzug war ſoweit nicht von außergewöhnlicher Eleganz. Unter dem alten blauen Frack konnte ein Schulmeiſter wie ein Grob⸗ ſchmied, ein Handſchuhmacher wie ein Blechſchläger ſitzen, aber die Mütze war Barbier— jeder Zoll Bar⸗ bier. Die blaue runde Tuchmütze, die„ſchon manchen Sturm erlebt“, ſaß nicht allein ſchief, nein ordent⸗ lich gefährlich auf der linken Seite des Kopfes— den Rand derſelben ſo weit unten wie es nur eben das Ohr zuließ und dann den Obertheil derſelben ſo weit. herübergezogen wie möglich. Erbe hatte dabei nur dann ſeine Hände außer den Hoſentaſchen, wenn er arbeitete oder ſeinen Leib erfriſchte. Das Erſtere ge⸗ ſchah ſelten, das Zweite häufiger, aber ſelbſt bei der letzteren Beſchäftigung beläſtigte er ſo wenig als mög⸗ lich die Linke, die wirklich eigentlich nur dann an's Tageslicht kam, wenn ſie eine Spitzhacke oder Gabel anfaſſen ſollte. 1 Erbe arbeitete allein an einem Loche etwas ober⸗ halb Hilgens, d. h. er ſtand mit den Händen in den Taſchen davor, die Mütze ſchief auf dem Kopf und dieſen etwas ſeitwärts gehalten, und ſah ſich mit einem halb komiſchen, halb wehmüthigen Blick die Stelle an, die jetzt wieder, wenn er überhaupt heute noch etwas ver⸗ dienen wollte, Zeuge ſeiner Thätigkeit ſein ſollte. Die Mütze war übrigens das einzige Merkmal, welches er noch von ſeinem alten Handwerk an ſich trug. Seine Geſtalt war dicker, ſein Geſicht voll und roth geworden, die Naſe ſogar verdächtig roth, und ſeine Hände hatten lange nicht mehr das Seifenwaſſer ſeiner Kunden gefühlt. Auch ſeine Bewegungen waren nichts weniger als das, was man jetzt in Leipzig, und beſonders zu Meßzeiten, von einem flinken Barbier⸗ gehülfen fordert. Er ging nur ſehr langſam, den Kopf keck und ſelbſtgefällig hinter ſich geworfen, und die ein⸗ zige Bewegung, die er dabei mit ſeinem Oberkörper machte, war mit den Ellenbogen, d. h. er ſchlenkerte aus ——— alter Gewohnheit die Ellbogen, während er aus neuer die Hände in den Taſchen behielt. „Nun, Madame Hilgen,„wie geht's heute Mor⸗ gen,“ rief Fiſcher von Johnny's Platz aus, wo er wie⸗ der auf eine Pfanne voll Erde wartete—„machen Sie gut aus?— wie ſchüttet's?“ „O ich danke, Herr Fiſcher,“ ſagte Madame Hil⸗ gen, einen Augenblick den blechernen Schöpfer, mit dem ſie unabläſſig beim Schaukeln der Maſchine(oder Wiege) Waſſer aufgießen mußte, niederlegend,„es will hier nicht mehr ſo recht zahlen. Das ſoll die letzte Maſchine voll ſein. Mein Mann hat einen anderen claim weiter oben, den wollen wir einmal verſuchen.“ „Und wie bekommt Ihnen die harte Arbeit, Ma⸗ dame Hilgen?“ ſagte Fiſcher.„Wie geht's mit den Armen?“ „O ich weiß nicht, Herr Fiſcher, ganz gut— viel beſſer wie ich gedacht habe.“ „Ja, Madame Hilgen,“ ſagte Fiſcher mit einem freundlichen Lachen über ſein gutmüthiges Geſicht— „an das Wiegen habe ich mich im Anfange nicht ſo leicht gewöhnen können— das geht den Frauen na⸗ türlicher von den Händen.“ „Da haben Sie recht, Herr Fiſcher,“ lachte Ma⸗ dame Hilgen, und da ihr Mann gerade mit einem Gerſtacker, Californiſche Skizzen. 8 114 V neuen Eimer voll Erde angeſchleppt kam, den er oben b in die„cradle“ hineinſchüttete, wiegte ſie ruhig weiter. Die Unterredung wäre für den Augenblick abgebrochen geweſen, hätte nicht ohnedies plötzlich ein furchtbarer I hohlklingender Schrei die ganze Nachbarſchaft aufge⸗ V ſchreckt, und gleich darauf, ſo raſch ſie ihre Füße dorthin bringen konnten, um Fiſcher's und Johnny's Arbeits⸗ platz geſammelt. b„Hülfe— Mord— Hülfe!“ ſchrie Johnny nämlich mit wahrhaft peinlicher Lungenanſtrengung aus ſeinem unterirdiſchen Verſteck hervor, und ſelbſt die einſam herausſchauenden Schuhe drehten ſich ſo krampfhaft und ängſtlich, als ob ſie ebenfalls um Beiſtand flehten. 4 Fiſcher hatte, als einzigen haltbaren Gegenſtand, dieſe Schuhe mit den Füßen darin gepackt, und ſuchte den Eigenthümer derſelben hervorzuziehen. Zu ſeinem Er⸗ ſtaunen fand er aber daß Johnny heute ein ganz außer⸗ gewöhnliches Gewicht beſitze, denn das ſonſt federleichte Schneiderlein wich und wankte nicht, ſchrie aber bei dieſem Verſuch wo möglich noch toller als vorher. „Um Gottes Willen, Johnny, was iſt Ihnen?“ rief Madame Hilgen, mit die erſte auf dem Platz,„was fehlt Ihnen denn?“ „Ich bin verſchüttet— ich bin lebendig begraben!“ ſchrie Johnny aber,„Hülfe— Hülfe! grabt mich aus!“ —— „Um Gottes Willen, grabt ihn aus, Leute!“ ſchrie Starke, der den Kopf ſchon verloren hatte, und in To⸗ desangſt um den vermeintlich Erſtickenden war. „Ja, aber wenn er verſchüttet wäre, könnte er doch nicht ſchreien!“ rief Fiſcher und machte einen neuen verzweifelten, wenn auch wieder vergeblichen Angriff auf die ſtrampelnden Schuhe.. „Es liegt'was auf ihm!“ ſagte Fuchs, der ſich indeſſen auf die Kniee geworfen und da hinein geſchaut hatte wo Johnny ſteckte,„er hat einen großen Stein auf dem Buckel.“ „Und das iſt es auch!“ rief Fiſcher—„ich hab's ihm noch vorhin geſagt. Johnny— o, Johnny! kannſt Du noch Athem holen da unten?“ „Hülfe— Hülfe— der ganze Berg liegt aufmir! ſchrie Johnny. „Nun ſchreien kann er noch for sure,“ ſagte Erbe, der jetzt ebenfalls herangekommen war, und mit den Händen in den Taſchen daneben ſtand,„das ſpricht für die Lungen.“ Fiſcher, Hilgen und Fuchs hatten indeſſen einen Verſuch gemacht unter die Bank nachzukriechen, und das, was auf Johnny gefallen ſein mußte, von ihm herunter zu wälzen. Allein das Unternehmen erwies ſich als gänzlich unausführbar, und Johnny, der in⸗ 8* 116 deſſen ſeine Beſinnung in etwas wiedergefunden hatte, erklärte nun unter einem mäßigeren Stöhnen, es liege ihm eine Laſt von zwiſchen vier⸗ bis fünftauſend Pfund auf den Schultern. Wenn ſie ihm die nicht herunter bringen könnten, müßte er, wo er wäre, elendiglich verhungern. „Das wäre ſtark,“ ſagte Erbe kopfſchüttelnd und fuhr dann in ſeinem Kauderwelſch fort—„ich hab's ihm aber lange geſagt, er ſollte care taken wie er da immer unter krauft— jetzt hat er's geketſcht. Wenn wir ihn nur'rum türnen könnten.“ Hilgen wollte jetzt mit hinunter kriechen, um noch einmal zu ſehen, ob er die Laſt von Johnny abwälzen könnte. Seine Frau hatte ihn aber an dem einen Bein erfaßt, ehe er nur halb verſchwunden war, und zog ihn mit Fiſcher's Hülfe gleich darauf wieder an's Tageslicht. Sie gab ihm dabei lebhaft zu verſtehen, daß er da unten gar nichts zu ſuchen hätte, wo er ſich am Ende auch noch mit verſchütten ließe. Es lag zu viel eheliche Zärtlichkeit in dieſer Für⸗ ſorge, um Hilgen nicht ohne Weiteres von jedem der⸗ artigen Verſuch abzuſchrecken, und Starke, den Nie⸗ mand daran verhinderte, kroch jetzt in die Oeffnung und bemühte ſich den Stein— denn es war, wie ſich jetzt ergab, nichts als der oben erwähnte Quarz⸗ 5 9 117 block— weg zu bewegen. Obgleich der Block aber nach oben vollkommen frei lag, fand er doch rechts wie links ſowohl, zu vielen Widerſtand, um nach einer von dieſen Richtungen hin fortgebracht zu werden, ſo daß es, wie Starke verſicherte, weiter kein Mittel gab, als ihn über Johnny's ganzen Körper herunter und vorn herauszuziehen. „Wenn wir nun den kleinen Schneider mit dem Stein heraus pullten“(to pull ziehen) meinte Erbe in ſeinem Deutſch⸗engliſch—„wie man ſo einen Zahn herausholt.“ „Du windſchiefer Barbiergeſell brauchſt auch von „Schneider“ zu reden,“ rief Johnny plötzlich von un⸗ ten hervor, daß Alle auflachten—„Hülfe— Hülfe“ — ſchrie er aber dann gleich wieder,„ich halt's nicht mehr aus— ich erſticke!“ 4 „Erbe hat ganz recht“, ſagte Fiſcher—„Du Johnny— oh Johnny— hörſt Du?“ „Was willſt Du, Fiſcher?“ ſtöhnte Johnny— „mir iſt der Bruſtknochen zerquetſcht und jetzt drückt es mir eben das Herz ab— ſprich ſchnell— ich lebe keine fünf Minuten mehr.“ „Kannſt Du ein Bischen mit den Ellbogen nach⸗ helfen?“ fragte Fiſcher, ohne auf Johnny's Klagen 118 zu achten,„wir wollen Dich bei den Beinen heraus⸗ ziehen.“ „Ihr könnt mir die Beine ausreißen,“ ſagte Johnny mit furchtbarer Feierlichkeit—„aber Ihr werdet nie im Stande ſein die Laſt über mir zu be⸗ wältigen, wenn Ihr nicht Schaufel um Schaufel ab⸗ tragt. Allein bis dahin bin ich eine Leiche, denn ich erſticke— ich erſticke.“ „Halt Dich nur noch eine kleine Weile tapfer und hilf mit ſchieben,“ rief ihm Fiſcher ermuthigend zu. „Wir holen Dich jetzt ſammt dem Steine heraus!“ „Windſchiefer Barbiergeſell?“ murmelte Erbe für ſich hin, während er die Hände aus den Taſchen nahm, die Aermel etwas aufſtreifte und einen von Johnny's Füßen packte. Die Uebrigen hatten Alle ſchon ange⸗ faßt und langſam begannen ſie ihr Gewicht gegen Johnny und ſeinen Quarzblock in die Schale zu le⸗ gen. Kaum hatten ſie aber, wie Erbe meinte, eine „inch gegaint“(inch Zoll und gain gewinnen), als Johnny ein wahres Zetergeſchrei ausſtieß und mel⸗ dete, der ganze Berg käme herunter, ſie ſollten aufhö⸗ ren.—„Der Berg liegt auf mir— Ihr zerreißt mir die Bruſt— meine Rippen haben ſich in die Steine eingehakt“— lauteten ſeine Angſtrufe. Die Retten⸗ den aber, obgleich ſie für den Augenblick unſchlüſſig V 14 8„ anhielten, wußten recht gut, daß ſie den Schneider entweder auf dieſe Weiſe zu Tage fördern oder den Hügel wenigſtens um neun Fuß hoch abgraben mußten. Das war zu viel Arbeit, und ſie ſetzten ihre An⸗ ſtrengung in bisheriger Weiſe fort. „Wenn wir ihn ein Bischen liften könnten,“ be⸗ merkte Erbe. „Ach was lüften,“ brummte Fuchs, der noch kein Engliſch ſprach und ſich immer über die fremden Worte ärgerte—„angepackt Doctor“(ſo hieß Erbe häufig zu ſeinem und dem Vergnügen der Andern) „angepackt und heraus mit ihm— komm Johnny!“ Und dabei that er einen kräftigen Ruck an Johnnys linken Fuß, der, wenn er auch weiter nichts nützte, dem armen Gequälten doch einen neuen Schrei aus⸗ preßte. Sie legten ſich aber jetzt alle mitſammen ein, zogen mit gleicher Kraft vorſichtig an und fanden zu ihrer Freude, daß Johnny wirklich„kam!“ Glücklicher⸗ weiſe für ihn beſtand der untenliegende und ſchon früher des Goldes wegen vollkommen glatt gekratzte Fels aus weichem Sandſtein und ſeine beiden Ellbo— gen, wie er ſpäter erzählte, gewiſſermaßen als Kufen gebrauchend, machte Johnny eine Art Laſtſchlitten des Quarzblocks aus ſich. Mit dem Steine, der ihm S—————— —ͤ 120 unbeweglich auf dem Rücken lag, und unter einem Hurrah der„Retter“ ward er endlich zu Tage ge⸗ bracht. Kaum daß der Block frei war, ſtieß ihn Starke in ſeinem Eifer von Johnnys Rücken herunter und gerade gegen Erbe's Füße. Johnny aber blieb wie todt liegen. Erſt als ihn Fiſcher, Hilgen, Fuchs und Starke— denn Erbe hinkte mit verletzten Zehen in der Nachbarſchaft umher— gewaltſam aufrichteten, ſchlug er die Augen auf, zunächſt ſeine übel mitge⸗ nommenen Ellbogen und dann die aufgeritzte Haut an der Bruſt betrachtend. „Ich ſehe wieder Gottes freie Sonne— ich athme friſche Luft— ich bin aus der Unterwelt zu⸗ rückgekehrt.“ „Johnny,“ ſagte Fiſcher, der jetzt, wie er gewöhn⸗ lich that, ſeine beiden Hände oben in den Hoſengurt geſchoben hatte und den kleinen Schneider mit ſeit⸗ wärts gebogenem Kopfe lächelnd anſah, während er mit der Spitze des rechten Fußes den Quarzblock an⸗ ſtieß,„Johnny, wenn ich wie Du wäre, ließ ich mir das Steinchen hier zum Andenken in eine Tuchnadel faſſen.“ „‚Nein,“ lachte Madame Hilgen,„Herr Erbe hat ſich ihn ſchon zu einer Schuhſchnalle angepaßt.“ 121 Erbe blieb plötzlich ſtehen und drehte ſich halb gegen Mad. Hilgen. „Ne heren Se, Madame Hilgen,“ ſagte er dabei in ſeinem blühendſten Sächſich,„als wie ich bin das ſchon lange nicht geweſen. Aber Starke hat den Block ſo verkehrt gemänetſch(to manage)— wenn ers nicht on purpose gethan hat— das ſollt ich aber nur wiſſen.“ Während die Andern lachten, ſtand Johnny mit untergeſchlagenen Armen, zuſammengezogenen Augen⸗ braunen und etwas vorgeſetztem rechten Fuß vor der Oeffnung und murmelte düſter: 1„Alſo das hätte mein Grab werden können?“ „Ich habe Dir's ja gleich geſagt, Johnny,“ erin⸗ nerte Fiſcher, während er den Stein mit dem Meſſer unterſuchte, ob nicht Gold darin ſäße. „Wer war denn das eigentlich,“ rief Johnny mit plötzlich verändertem Ton und ſich raſch umdrehend, „der mich in einem fort am linken Bein geriſſen hat? Und hier auch von der Schulter iſt mir die Haut her⸗ unter.“ „Du, Johnny,“— das müſſen wir abwaſchen,“ unterbrach Fiſcher den Genoſſen und zeigte ihm ein kleines Stück Gold, im Werth von etwa anderthalb Dollars, das er in der an dem Stein ſitzenden Erde 122 gefunden,—„da ſitzt auch noch mehr; am Ende lohnt ſich's doch des Abdeckens.“ „Laß den Quark jetzt, Fiſcher,“ rief John mit einer verächtlichen Handbewegung,—„ich bin eben dem Grabe entſprungen und feire heute meinen Ge⸗ burtstag.— Keine Hand rühre ich mehr an.“ „Das iſt recht, Johnny,“ rief Fiſcher,—„da giebſt Du auch einen aus.“ „Ja, wenn wir das wiſſen, machen wir Alle Feierabend,“ riefen Fuchs und Starke. „Und da gehöre ich denn ebenfalls mit dazu,“ ver⸗ ſicerte Erbe;„ich bin auch mit Hebamme geweſen.“ „Wenn Ihr Alle ſo ſchnell zur Arbeit zu bringen wäret, wie davon,“ ſpottete Mad. Hilgen,„ſo gäbe es hier lauter reiche Leute.“ „Ich muß aber dann auch bei der Fete ſein,“ meinte Hilgen mit einem ſchüchternen Blicke gegen die Frau,—„wenn Johnny ſeinen Geburtste feiert.“ „Erſt müſſen wir unſere Maſchine fertig haben,“ beſtimmte die Gemahlin.„Wenn Du nachher das Werkzeug in's Zelt gebracht haſt, kannſt Du gehen wohin Du willſt.“ „Madame Hilgen,“ ſagte Iobny, der ſeine Schmerzen, wie die überſtandene Gefahr ſchon total E E — ⁄ vergeſſen zu haben ſchien, mit Galanterie,„Sie ſind ein Muſter der Frauen, und wenn mir denn heute Niemand Gutes wünſcht,— denn ich feire wirklich an dieſem Tage meinen Geburtstag,— ſo wünſche ich mir ſelbſt dermaleinſt eine ſolche Frau, wie Sie.“ „Na da gratulir' ich,“ ſagte Fiſcher lachend. „Ei Herr Fiſcher, Sie ſind ja ein recht grober Menſch!“ rief Madame Hilgen, mit dem Finger drohend. „Ich habe ja Johnny blos zu ſeinem Geburts⸗ tage, nicht zu einer Frau gratulirt, Madame Hilgen,“ rief aber dieſer, ſich vertheidigend. Fuchs meinte je⸗ doch, von dem vielen Reden bekämen ſie Nichts zu trinken und er ſelber habe, was er auch bei den an⸗ deren vorausſetze, einen ſträflichen Durſt. „Ich kann auch nicht ſagen, daß ich satisfied wäre“ meinte Erbe,„und da ich gerade mit meiner Arbeit fertig bin, gehen wir am beſten gleich.“ „Halt!“ ſagte Johnny,„die Pfanne ſteht noch in der Höhlung. Die dürfen wir nicht ſtehen laſſen, — es iſt wenigſtens für ſechs bis acht Dollars Gold darin.“ „Ja ich klettere nicht hinab und wenn zehn Pfannen da ſtänden,“ erklärte Fiſcher. — 2⸗ „Ich auch nicht,“ meinte Johnny,„ich bin ein⸗ mal gut weggekommen— das hieße Gott ver⸗ ſuchen.“ „Unſinn,“ ſagte Starke, der von Natur ſehr gut⸗ müthig war— die Pfanne wollen wir ſchon heraus⸗ kriegen,“ und da Niemand etwas dagegen hatte, kroch er unter den Abhang und hatte ſie auch bald darauf, gefüllt wie ſie war, herausgezogen. „Das ſoll die erſte Flaſche Champagner geben,“ rief Jobund, indem er die Pfanne anfaßte und zum Waſſer trug, ſie noch raſch auszuwaſchen.„Dann 3 wollen wir zu Mittag eſſen, Kinder, und nachher ha⸗* ben wir Feierabend.“ „H ungrig bin ich gerade nicht,“ meinte Erbe. Hilgen ging indeß mit ſeiner Frau auf den Ar⸗ beitsplatz zurück, die Uebrigen reinigten ihre Maſchi⸗ nen und trugen das ausgewaſchene Gold in den Pfannen nach Hauſe. Nur Erbe, der an dieſem * Whan noch kein Handwerkszeug angerührt hatte, ließ ſeine Hände in den Taſchen, und ſchlenderte lang⸗ ſam ſeinem Zelte zu, ſich etwas Thee zu bereiten und dazu ein Stück Schiffszwieback und Speck zu eſſen. Anderes war in der Gegend herum kaum zu be⸗ kommen. In der Nähe hielt ein Amerikaner ein Trinkzelt, in dem die Deutſchen gewöhnlich des Abends zuſam⸗ menkamen. Selten aber nahmen ſie, außer Johnny, an den in einem Nebenzelt gehaltenen Hazärdſpielen Theil, ſondern hielten ſich mehr„an die Getränke“ bis ſie den gehörigen Grad geiſtiger Lebendigkeit er⸗ reicht hatten, und zu ſingen anfingen. Das war dann auch wieder reiner Profit für den Wirth, denn beſonders Fiſcher ſang ſehr gut und lockte oft damit die ganze ſtets durſtige Nachbarſchaft in den kleinen Raum. An dieſem Abend, als einer beſonders feierlichen Gelegenheit, waren ſie aber außergewöhnlich luſtig und Johnny beſonders ging ganz aus ſich heraus, er⸗ zählte tauſend Anekdoten aus ſeiner fröhlichen Ge⸗ ſellenzeit in Frankreich, von der hübſchen Meiſters⸗ tochter, der er ſein Herz dort gelaſſen, und ſeinen tollen Streichen. Von ſeiner Auswanderung nach Amerika, der Fahrt nach Californien, den erſten An⸗ ſiedlungen dort, und wie ihn dann der Teufel geplagt habe ſein Geſchäft in San Francisco an den Nagel zu hängen und in die Minen zu gehen. Wenn er zu dieſem Punkt ſeiner Erzählung kam, wurde er ſtets melancholiſch; denn er hatte damals ein hübſches Vermögen zum Fenſter hinaus geworfen. Aber mit einem Satz ſprang ſeine Phantaſie nach Frankreich zurück, und er begann dann mit Fuchs franzöſiſch zu ſprechen. „Ach was,“— rief Erbe dazwiſchen—„tahkt daß man's unterſtänden kann— das ſoll ja der Teu⸗ fel herauskriegen, was Ihr da mitſammen ſchwatzt.“ „Mr. Fuchs,“ ſagte in dieſem Augenblick der Wirth,„heute iſt auch ein Brief mit für Sie von San Francisco heraufgekommen— beinahe hätt' ich's vergeſſen,— hier— ein Dollar, funfzig.“ „Briefe?“ rief Johnny aufſpringend,—„und keiner für mich?— eine Million für einen Brief.“ „Woher erwarteſt Du Briefe, Johnny?“ frug Fiſcher,„von San Francisco?“ „Von Havre,“ lachte Hilgen.„Da wohnt die ſchöne Meiſterstochter, die nun ſeit funfzehn Jahren nicht geſchrieben hat.“ „Hilgen, Du biſt ein— Ehemann,“ ſagte Johnny mit Achſelzucken;„ich kann Dir nichts weiter auf Deine Bemerkung erwiedern.“ „Hier ſind alle die Briefe,“ unterbrach ſie der zurückkehrende Wirth, und hielt Fiſcher etwa zehn oder zwölf Briefe hin, die heute, für dortige Miner beſtimmt, durch einen der Leute, die hier oben ein Zelt hatten, heraufgebracht worden waren. Noch jetzt gehen dieſe Leute in San Francisco auf die Poſt⸗ 5 F* 127 office, laſſen ſich an Briefen geben, was für die Mi⸗ nen, nach denen ſie gerade hinaufgehen, bereit liegt, zahlen ein geringes Porto dafür, und rechnen dann für den Brief ein— zwei Dollar Botengeld. Die Beſtellungen, für die ſie dort keine Liebhaber finden, nehmen ſie ſelten oder nie wieder zurück, und es läßt ſich denken, daß auf ſolche Art eine Menge Briefe für die wirklichen Eigenthümer verloren gehen müſ⸗ ſen. So hatte der letzte Bote zwei für einen Mr. Fiſcher mitgebracht, weil Einer der Deutſchen hier, wie er wußte, Fiſcher hieß. Es war aber keiner der rechte und beide blieben oben liegen. Für John Smith lagen wenigſtens ſechs dergleichen dort. Fiſcher blätterte auch die andern Briefe durch. „Edward Huſtings,“ murmelte er dabei vor ſich hin, „William Roberts— Charles Roberts— John— ja, zum Henker,“ unterbrach er ſich, ſeine Finger zwi⸗ ſchen den Briefen laſſend und Johnny dabei anſe⸗ hend,„wie heißt Du denn eigentlich mit Deinem Zu⸗ namen, Johnny— hier iſt einer für John Was— Wes— Wesley— Wetter noch einmal, iſt das eine Pfote— ich habe Dich noch nie anders wie Johnny nennen hören, und das kann doch nicht ſo einfach auf der Adreſſe ſtehen.“ „Nein,“ ſagte Johnny, den Hut, wie er dies faſt 3 ———— hundert Mal des Tags that, vorn an der Krempe faſſend und mit einem plötzlichen Ruck etwa ſechs Zoll von links nach rechts rückend, wodurch die eigentlich vorn ſitzen ſollende Broſche alle vier und zwanzig Stunden etwa zwanzig Mal einen Zirkel um ſeinen Kopf beſchrieb—„nein, die Briefe müſſen franzö⸗ ſiſche Adreſſe haben an Monsieur Jean Stülbeng.“ „Stüllbeng— hm,“ brummte Fiſcher,„das iſt ja gar kein deutſches Wort. Stammſt Du denn aus Frankreich, Johnny?— Haben Sie ſchon'mal einen ſolchen Namen gehört, Herr Erbe?“ „Nein,“ ſagte Erbe kopfſchüttelnd,„aber in Leip⸗ zig workte(arbeitete) ich einmal mit einem Geſellen zuſammen, der hieß Sturzmeier, was auch ein ſonder⸗ barer Name iſt.“ „Ja Herr Erbe,“ ſagte Fiſcher lachend und ihm zu⸗ nickend,„aber wie buchſtabirſt Du denn den, Johnny?“ „S— t— ü— asch—“ „Obleib mir mit Deinem ash vom Leibe, Johnny,“ unterbrach ihn aber Fiſcher— Du weißt ich verſtehe von Deinem Franzöſiſchen Nichts, damit mußt Du mich ungeſchoren laſſen. Da— hier iſt ein Bleiſtift — da ſchreib ihn einmal auf die Karte, nachher werden wir ja ſehen.“ Johnny nahm eine der alten auf dem Tiſche her⸗ ——yſſ 129 umliegenden Karten und ſchrieb mit kühnem Zuge den Namen, den er dann Fiſcher hinhielt. Dieſer las: „Jean— Stu— Stuhlbein— bei Gott!“ rief er laut auflachend— und wie ſprachſt Du das aus, Johnny?“ „Well!“ meinte Erbe, und durch das breite dicke Geſicht zuckte es ihm nach allen Seiten hin—„das iſt doch am Ende ein deutſcher Name— Jean heißt ja wohl Hans?“ „Laßt mir Napoleon zufrieden,“ rief aber Fuchs dazwiſchen, während der Kleine finſter die Brauen zuſammenzog—„es iſt heute ſein Geburtstag, und da dürfen wir ihn nicht ärgern. Wir ſitzen aber meiner Meinung nach verdammt trocken hier— hallo Jean, was ſagſt Du dazu?“ „Nun,“ ſagte Johnny, dadurch freundlicher ge⸗ worden und die Broche verſchwand hinten am Hut, „dann, denk' ich, bleiben wir jetzt bei franzöſiſchem Weine— der Medoe, den Drewler hier hat, iſt wirk⸗ lich ausgezeichnet und auch billig— nicht wahr, Drewler, nur fünf Dollar die Flaſche?“ „Kann's wahrhaftig nicht unter ſechs, Mr. Johnny,“ ſagte aber dieſer achſelzuckend—„die Fracht iſt zu enorm theuer hier herauf, und der Wein jetzt auch ſchwer zu bekommen in San Francisco.“ Gerſtäcker, Californiſche Skizzen. 9 130 „Eh bien! dann geben Sie uns einmal— wie viel ſind wir, ſechs— eh bien!l ſechs Flaſchen Me⸗ doc, ſetzen Sie's nur mit auf meine Seite zu dem übrigen— es iſt heute mein Tag. Ich glaube, Mr. Erbe's Geburtstag iſt heut in acht Tagen.“ „Meiner?“ ſagte Erbe ſchnell und erſtaunt auf⸗ ſehend,„yes, wenn ich auf ſolche Art dazu komme, als wie Sie hinte, dann könnt's paſſiren— ſonſt weiß ich gar nicht ob ich wirklich einen habe.“ „Das wäre mir aber lieb,“ lachte Fiſcher mit ſeiner feinen Stimme,„nicht wahr, Johnny, dann könnten wir ihm einen geben— dann taufen wir ihn, wenn wir gerade einmal durſtig ſind.“ „Wenn dann alle Heiden ſo ſchnell gebapteiſt würden,“ ſagte Erbe, die rechte Hand aus der Taſche nehmend, denn der Wirth ſetzte eben ein Glas vor ihn hin,„dann ſollten bald keine Mnaläubigen mehr exiſtiren.“ „Der Erbe mißhandelt doch das Deutſch auf eine ſchmähliche Weiſe,“ lachte Johnny und ſchenkte ſich ſein Glas voll. Erbe aber, der ebenfalls ſolcher Art ſehr angenehm beſchäftigt war, ſah mit einem höchſt trocknen Blick, die linke Hand aber dabei noch immer in der Taſche, nach Johnny hinüber und ſagte: „Na heren Se Miſter Stuhlbeen.“ „Wißt Ihr denn, wie es Kramer und Schütten geſtern Nacht hier oben in Creek ergangen iſt?“ fragte Starke, der bis jetzt kein Wort geſprochen hatte, „vorhin beim Eſſen kam Louis von oben herunter und erzählte uns die Hiſtorie.“ „Wie denn?“ forſchte Hilgen.—„Die machen famos aus da oben, und ſollen ein hölliſch reiches Loch in Arbeit haben.“ „Na, alſo geſtern,“ berichtete Starke,„hatten ſie wieder hinunter gegraben, bis ſie auf die grüne Lehmerde kamen, die hier ja auch am reichſten iſt und wo das Gold eigentlich erſt drin liegt. Weil es dun⸗ kel wurde, ließen ſie ihr Werkzeug drin und gingen nach Haus, am nächſten Morgen das Gold heraus⸗ zuſuchen. Wie ſie aber heute Morgen wieder an ih⸗ ren Fleck kommen, hatten ſie das gar nicht mehr nö⸗ thig, denn das Neſt war beinah leer, das gröbſte we⸗ nigſtens Alles rein herausgeleſen.“ 8 ₰ 8 8 1 5 8 „Da müſſen ſie doch die Erde mit fortgenommen haben,“ ſagte Fiſcher. „Bewahre, bei Licht haben ſie's gethan,“ rief Starke,„ein halbes Licht hatten ſie drin vergeſſen, das lag noch in der Ecke und die Fußſpuren waren überall abgedrückt. 9* ASA 132 „Und haben ſie gar keinen Verdacht?“ fragte Johnny. „O ja, ſtarken noch dazu— natürlich frugen ſie gleich überall nach und machten es bekannt, und bekamen denn auch heraus, daß zwei Amerikaner geſtern im nächſten Store zwei Pfund eben ſolcher Lichte gekauft hatten. Aber was können ſie ihnen damit beweiſen? gar Nichts. Das Gold, was die herausgegraben haben, kennt ja keiner von ihnen, alſo ſchwören können ſie gar nicht darauf, und eng⸗ liſch verſtehen ſte auch nicht, was ſollen ſie alſo machen.— Und dann ſind's noch dazu Ameri⸗ kaner.“ „Und wenn ſie Gott weiß was wären,“ rief Fiſcher.— Caracho, wenn ſie mir einmal auf die Art in's Gehege kämen, ich wollte ihnen zeigen, wie viel Pulver meine Flinte ſchießt.“ „Ja da weiter hinauf ſoll ſchmähliches Gold ſitzen,“— meinte Johnny.—„Ich habe auch große Luſt, es da oben noch einmal zu verſuchen. Aber Ihr trinkt ja gar nicht. Donnerwetter, Fiſcher, Erbe hat wieder ein leeres Glas vor ſich. Du mußt ein Bischen auf Deine Nachbarn paſſen.“ „Nu, ich denke,“ ſagte Fiſcher, wenn ich den in vollen Gläſern halten wollte, da hätt' ich eine 133 lebenslängliche Anſtellung,— bei dem iſt's gerade, als ob's in ein Sieb flöſſe.“ „Well, Mr. Fiſcher,“ ſagte Erbe, und nickte, ihn von der Seite anſehend, bedeutungsvoll mit dem Kopf dazu.„Ihre Gurgel iſt Ihnen auch nicht zugetied, und wenn Sie ſo fortfahren, ſo kann man Ihnen we⸗ nigſtens prophezeihen, daß Sie einmal der Durſt nicht killt(umbringt). „Sagen Sie einmal, Herr Hilgen,“ frug jetzt Fiſcher, die beiden Ellbogen auf den Tiſch geſtützt, mit freundlichem Blick zu dieſem hinüber,—„die Leute hier in der Gegend behaupten Sie hätten einen neuen Platz aufgefunden, der überreich ſein ſoll. Iſt denn da was dran?“ „Unſinn!“ ſagte Hilgen und leerte ſein Glas, ſchien aber doch verlegen zu werden.„Ich bin ja gar nicht proſpectiren geweſen. Ich hatte nicht einmal Werkzeug mit, und habe nur ein paar Mexikaner ar⸗ beiten ſehen; weiß aber der liebe Gott, ob ſie Gold fanden oder nicht. Sagen thun ſie's Einem doch nicht, wenn man ſie auch frägt.“ „Sind gute Burſchen das,“ lachte Fiſcher,„wenn man ſie anredet, ob die Arbeit was ausgiebt, iſt die ewige unausbleibliche Antwort: Si— poquito Seor (a, ein Bischen), aber, Herr Hilgen, ich glaube doch nicht, daß Ihre Sache ſo recht richtig iſt. Ihre Frau will auch nicht mit der Sprache heraus, und das iſt immer ein böſes Zeichen. Aus alter Freundſchaft ſollten Sie uns doch wenigſtens reinen Wein ein⸗ ſchenken.“ „Laßt uns ein Bündniß ſchließen, Freunde! Brü⸗ der!“ rief Johnny plötzlich, in Begeiſterung auf den Tiſch ſchlagend,„ein Bündniß zu Schutz und Trutz — mit einander zu leben und zu ſterben. Fort mit ſchnödem Eigennutz— fort mit der Gier nach jenem nichtswürdigen Metall, jenem ekelhaften Gold. Man⸗ neswürde— Mannesfreundſchaft— was giebt es Höheres als dies auf der Welt. Ihr wollen wir uns weihen. Vom Norden und Süden, vom Oſten und Weſten ſind wir zuſammengeſchneit aus Deutſchland, aus den vereinigten Staaten, aus Chile, aus dem ſchönen— o, dem wunderſchönen Frankreich, ma belle France. Selbſt aus Texas ſitzt dort ein In⸗ dividuum“— Erbe guckte hoch auf—„aus allen Theilen der Erde ſind wir hier zuſammengekommen, Deutſche— biedere, rechtſchaffene, treue Deutſche, und ſo laßt uns denn ein Bündniß beſchwören, Alle für Einen und Einer für Alle zu ſtehen. Jeder ſchaale Eigennutz ſei bei Seite geworfen, jede unedle Leidenſchaft unterdrückt, und unſere ſechs deutſchen — 135 Herzen glühen in einer reinen Liebesflamme zuſam⸗ men auf. Was der Eine hat, habe der Andere; was dem Einen fehlt, fehle dem Anderen, und hier iſt meine Hand zum großen, zum herrlichen Männer⸗ Bündniß, das ſeines Hleichen noch nicht hat auf der weiten Gotteswelt.“ Johnny ſtreckte, ſich zu ſeiner ganzen Länge em⸗ porrichtend,— was eben nicht viel war— die rechte Hand offen über den Tiſch, und Fiſcher und Fuchs ſchlugen ein— Starke und Hilgen ſahen ſich verdutzt an, und Erbe hatte ſeine rechte Hand halb aus der Taſche, ließ zuwart unnütz „E! wie von er vorläufig noch ſtecken, erſt ab⸗ wirklich nöthig wäre, ehe er ſie te. inner!“ rief aber Johnny, eiſte beſeelt,„Eure Hände pagner(dieſer Zuruf galt dies Bündniß zu beſie⸗ z Schutz und Trutz, wir Californien.“ zten Grund, d. h. dem Champagner, konnte ſelbſt Erbe nicht widerſtehen, und Starke und Hilgen legten ihre Hände ebenfalls in Johnny's Rechte. Die Amerikaner, die im Zelt herum ſtanden und gekoſtet. Es mußte erſt 136 lehnten, traten näher zum Tiſche, da ſie wohl erkann⸗ ten, daß etwas Ungewöhnliches vorging. Von den Verhandlungen ſelbſt konnten ſie freilich Nichts ver⸗ ſtehen, doch kannten ſie Alle den kleinen Schneider und wußten, daß er manchmal an ſchwärmeriſchen Einfällen litt. Johnny fuhr unbeirrt fort: „Hier halte ich Euch, Bürger einer neuen Welt— Erbe, nehmt die andere Hand auch aus der Taſche, es iſt dies ein feierlicher Act— Bürger einer ne en Welt ſag' ich, aus deren kalten, eigennützigen Herzen ich endlich einmal einen Funken Menſchlichkeit herausge⸗ ſchlagen habe, hier halte ich Eu 8 und an Eurem Männerwe meine, was in Guch ſe hulwert, 44 ſagte Fiſcher, freundlich grinſen t lbm nur ſo vom Munde weg wie „und grob iſt er wie Bo „ich„„wundere nur““ wo er hinaus will.“ „So, nun laß aber wieder los,“ bemerkke Fuchs und ſuchte ſeine Hand aus dem Knäuel herauszube⸗ kommen,„da iſt der Champagner und der darf nicht warm werden.“ „Herr Hilgen,“ nickte Fiſcher, während er den neben ihm ſitzenden Johnny mit dem Fuße anſtieß, dieſem zu,„das i*ſt ſchön, ſo ſind wir auf einmal Brü⸗ der geworden und dürfen nichts mehr vor einander geheim haben. Jetzt werden Sie uns ja wohl ſagen, wo der gute Fleck iſt. Die Amerikaner verſtehen uns nicht, laſſen Sie die ruhig zuhören.“ „Schon dieſe Frage iſt eine Beleidigung, Fiſcher!“ rief Johnny dagegen, der indeß den erſten Kork hoch in die Zeltſpritze hineinſandte.„Bürger Hilgen hat jetzt das Wort. Ich ſehe, daß er vor Begierde brennt, ſeine auftichtige Mittheilung zu machen.“ Hilgen ſah ſich in eine peinliche Bedrängniß ver⸗ ſetzt, denn wußte er wirklich eine hoffnungsvolle Stelle, ſo durfte er ſie ſchon ſeiner Frau wegen kei⸗ nem Anderen verrathen. Vor allen Dingen trank er einmal. Dann lngn er halb lͤchelnd, haft: 1⸗ „Aber ſo treibt doch keinen unſ 1 b einen reicheren Platz wüßte, da blie hier ſitzen, ſondern ginge gleich auf un „Das ſcheint natürlich,“ ſagte Starke. „Ja aber Herr Hilgen,“— fuhr Fiſcher fort— „Sie haben ja auch heute wieder aufgehört hier zu. 138 arbeiten, werden Sie denn da morgen wieder anfan⸗ gen? an dieſem ſelben Creek?“ „Du lieber Gott,“ erwiederte Hilgen und ließ ſich ſein Glas von Neuem vollſchenken,„das weiß ich wahrhaftig nicht. Ich hatte Renteg Luſt, einmal proſpectiren zu gehen.“ „Alſo Bürger Hilgen,“ fuhr Johnny aufſtehend und die Hand feierlich gegen ihn ausſtreckend fort, „ſo leugnen Sie hiemit jede Wiſſenſchaft irgend eines aufgefundenen oder auch nur vermutheten außerge⸗ wöhnlich reichen Goldneſtes?“ „Aber ich weiß ja wahrhaftig gar nicht was redet,“ klagte Hilgen,„Ibr ſeid wohl verrückt ge⸗ worden.“ „Um ganz sure zu gehen,“ meinte Erbe,„könnte man ihm ja nur einmal einen Schwur abtäken.“ ſagte Johnny, den Arm emporwerfend ötzlichen Ruck die e Broche ſeines Hu⸗ as linke Ohr bringend,„„noch wollen n an der Menſchheit zu verzweifeln, keine urſache, Hilgen ſo ſchmählich 3 8 1 Dennoch, Herr Hilgen,“ ſagte Fiſcher,„ſchlage ich vor, daß wir Ihnen ein Bischen auf die ſauunr ſehen, oder vielmehr auf die Füße aufpaſſen, ſonſt 139 brennen Sie uns doch am Ende trotz aller Brüder⸗ lichkeit durch.“ „Donnerwetter, Fiſcher, halten Sie den Flaſchen⸗ hals da nicht ſo lang in den Händen,“ miſchte ſich jetzt auch Fuchs in das Geſpräch.„Mein Glas iſt ſo trocken, daß es ordentlich ſtäubt.“ „Und nun ein Lied!“ rief Johnny.„Wir ſind hier ächte Deutſche, zuſammen und müſſen ſingen. Wer fängt an? Du Fiſcher, Du haſt die beſte Stimme.“ „Allons enfans de la patrie“ begann dieſer. „Le jour de gloire est arrivé“ donnerte Johnny mit los, um ſich durch alle ſieben Verſe der Mar⸗ ſeillaiſe durchzuarbeiten. Die Anderen tranken. Es war indeſſen draußen dunkel geworden. Hilgen ſtand auf, indem er ſagte, er müſſe noch Feuerholz in ſein Zelt tragen, ſonſt könne ſeine Frau hrute Abend nicht einmal ihren Thee kochen. „Aber Sie kommen doch wieder, der Subere fragte Fiſcher.“ „Gewiß, in einer halben Stunde bin ich zurück,“ 2 Kuu chen dieſer und verſchwand aus dem Zelt.“ ie„Fahnenwacht“ und eine Menge Lieder ka⸗ men 85 der Marſeillaiſe an die Reihe. Fiſcher hatte ebenfalls Champagner aufſetzen laſſen. Starke und 64„ 140 Fuchs folgten dem Beiſpiele und es mochte etwa eine Stunde ſeit Hilgen's Entfernung vergangen ſein, als Johnny, nachdem er das Zelt einen Augenblick ver⸗ laſſen hatte, ſich neben Fiſcher ſetzte, dieſen heimlich anſtieß, ihm zublinzte und dann nochmals hinaus⸗ ging. Andere Gäſte hatten ſich theils um den Tiſch geſtellt, theils Platz daran genommen. Engliſche Lieder wechſelten bereits mit deutſchen ab. Fiſcher aber, ſobald er es unbemerkt ausführen konnte, ſtand ebenfalls langſam auf, ſteckte eine friſche Cigarre an und folgte Johnny. Johnny erwartete ihn draußen mit Ungeduld. „Sie ſind wahrhaftig los,“ flüſterte er dem Ge⸗ fährten haſtig zu, als ſie das Zelt im Rücken hatten. „Ich hab's wohl geahnt. Nun komm, Fiſcher, wir wollen ihnen nach.“ „Wer iſt los?— Was iſt los?“ ſagte aber Fi⸗ ſſcher, der erſt glaubte, Johnny habe wieder einen von ſeinen nicht ſelten tollen Streichen im Kopfe,„komm Napoleon, mach' keinen Unſinn.“ Was Johnny hier vorhatte, betraf aber eine„Ge⸗ ſchäftsſache“ und darin trieb er ſelten oder nie Un⸗ ſinn. Fiſcher jedoch auch ohne Weiteres über ſeine Entdeckung aufzuklären, ſagte er raſch aber leiſe: 141 „Hilgen iſt eben mit ſeiner Frau und Sack und Pack da oben den Pfad hinaufgegangen.“ „Hilgen?“ rief Fiſcher erſtaunt,„aber wohin?“ „Das wollen wir bald herauskriegen,“ lachte Johnny,„ſie können noch keine Viertelmeile Vor⸗ ſprung haben, und der Pfad läuft hier ſteil den Berg hinan und geht weder links noch rechts ab— komm nur, das können wir Alles unterwegs beſprechen. Ha der ſchlaue Fuchs, das iſt ſeine deutſche Redlich⸗ keit.“ „Ja Fuchs,“ lachte Fiſcher,„wollen wir denn da von wegen der deutſchen Redlichkeit, den andern Fuchs mit Zubehör auch mitnehmen?“ „Fällt mir nicht ein,“ rief Johnny raſch,„ſchlägſt Du meinen Juden, ſchlag ich Deinen Juden.“ Und ohne Fiſcher weiter eine Einwendung zu ge⸗ ſtatten, faßte er ihn am Arme, und zog ihn mit in den Pfad hinein, der etwa hundertfünſzig Schritt vom Zelt vorüberführte. „Aber wie haſt Du die vom Zelt aus nur in der Dunkelheit erkennen können?“ frug Fiſcher, immer noch zweifelnd—„wenn Du Dich nur nicht geirrt haſt.“ „Das war Vorſehung— Schickſal— was mich geleitet hat, Fiſcher,“ ſagte aber Johnny ernſt— 142 „Ich ſtand vor dem Zelt und dachte daran, wo Hilgen nur bliebe und da fiel mir's ein hier einmal die kurze Strecke nach dem Hügel hinaufzugehen, von wo aus ich ſehen kann, ob Hilgen Licht in ſeinem Zelt 7 hat oder nicht. Kaum bin ich aber hier oben, als mir die ganze heilige Caravane, Madame Hilgen mit dem Eſel und ihrem Manne, faſt auf den Hals kam — ich behielt eben noch Zeit, mich hinter einen alten dort liegengelaſſenen Baumſtumpf zu werfen. Gerade als ſie bei mir vorbeigingen, ſagte Madame Hilgen lachend—„Wenn ſie jetzt dort im Zelte wüßten, daß wir hier bei Nacht und Nebel fortziehn, wie ſollten ſie da ſo ſchnell hinter uns her ſein. Alſo* ſie wollten aus Dir heraus haben, wo es wäre?“— „D ſie waren wie verteufelt drauf,“ antworte Hil⸗ gen,„beſonders Fiſcher und der kleine Napoleon“— weiter konnte ich aber nichts hören und machte auch raſch daß ich zurückkam, Dich zu holen. Nun aber ſtill— wir dürfen kein Wort mehr mit einander re⸗ den, denn ſie könnten auch ebenſogut einmal angehal⸗ ten haben, und wenn ſie merken, daß ſie verfolgt werden, iſt Madame Hilgen ſchlau genug, hier ir⸗ gendwo abzubiegen und lieber ihren Mann und uns die ganze Nacht ſpatzieren zu führen, ehe wir durch ſie herausbekommen ſollten wo ſie hinwollen.“ 143 Schweigend und lautlos verfolgten ſie von da ab ihren Weg, bis ſie von weitem die kleine Caravane hörten, und nun dicht, aber ſich wohl hütend nicht geſehen zu werden, in ihren Fährten blieben. Fiſcher hatte übrigens kaum das Zelt verlaſſen, als Fuchs Starke anſtieß und leiſe ſagte! „Du— Starke— Johnny hat irgend was auf dem Kieker, der winkte eben Fiſcher, und iſt wie⸗ der hinausgegangen— wenn wir nun einmal ſähen, wo die blieben.“ 8 „Ach laß ſie,“ ſagte Starke, der noch einen Reſt in der einen Flaſche ſah,„wenn die was beſonderes hätten, ſagten ſie's uns auch— komm, ſchenk noch einmal ein.“ „Ne, ne,“ fuhr aber Fuchs dringender fort— „komm einmal mit heraus, wir wollen wenigſtens ſehen was ſie haben, nachher können wir ja immer wieder zurückkommen.“ Während Einer der Amerikaner gerade eine endloſe langweilige Ballade von irgend einer Seeſchlacht mit monotoner Stimme ableierte, ſtanden die Beiden auf und verließen das Zelt. Erbe ſaß jetzt allein auf der Bank, war aber kei⸗ neswegs ſo vernagelt, daß er nicht hätte Unrath mer⸗ ken ſollen.— Erſt trank er jedoch vor allen Dingen 2 144 die Flaſche leer, die noch halb gefüllt vor ihm ſtand, damit der weiter kein Unglück paſſiren könnte, dann ſteckte er die rechte Hand wieder in die Taſche und ſimulirte. „Well,“ wenn das unſere deutſche Treue und Einigkeit iſt, ſo will ich auch Spießruthen laufen— laſſen Einen hier ganz allein ſitzen und putten ihre Köpfe zuſammen— aber wart Johnny— wenn das ſo iſt, wie ich's calculire, dann ſollſt Du doch hell ketſchen(to catch hell was tüchtiges abkriegen). Doch ne“ fuhr er dann fort— ſo ganz ruhig will ich ſie auch nicht abtravveln laſſen!“ Und damit ſtand er auf, rückte ſich die Mütze noch ein klein wenig mehr auf die Seite und verließ, ganz in ſeiner gewöhnli⸗ chen Art, nur heute mit einem etwas außergewöhn⸗ lich rothen Geſicht, das Zelt. Als er übrigens hin⸗ auskam, war Niemand mehr zu ſehen wie ein Neger, der eben ſein Pferd an das kleine, zu dem Zwecke dort angebrachte rack band. „Hallo Miſter!“ frug dieſen Erbe auf engliſch, „habt Ihr nicht eben ein paar Männer hier fortgehen ſehn?“ „Nes Massa,“ ſagte der Schwarze freundlich— „gingen eben da den Hügel herauf, wie ich herunter kam— können nur eben jetzt in dem kleinen Weg ſein, der oben hinläuft.“ „Ahem?— danke, aber ſtop— ſeid Ihr weiter Niemand begegnet?“— „Ich,“— ſagte der Schwarze— nein— ja doch, ein Stück am Berg dort hinauf einer weißen Frau auf einem Eſel und einem Mann.“ „Phssss“— pfiff Erbe zwiſchen den Zähnen durch— ſo türnt ſich die Sache rum— aber wart'.“ Und damit verließ er dießmal raſcher als ſeine Art war, das Zelt, und ſtieg mit ſchnellen Schritten den Hügel hinan, der ſich dort ſchräg hinauf und einer bedeutenderen Bergkette zuzog. Hilgen und ſeine Frau wanderten indeſſen auf dem ſchmalen, bei Nachtzeit keineswegs bequemen Wege weiter. Der Mann blieb allerdings manchmal ſte⸗ hen, zu horchen ob ihnen auch Niemand folge; Fiſcher und Johnny aber waren viel zu vorſichtig, ihre Ge⸗ genwart ahnen zu laſſen. Sie hielten ſich in der gehörigen Entfernung, und da ſie beide mit der Ge⸗ gend umher bekannt genug waren, wurde es ihnen nach kaum einſtündigem Marſche nicht ſchwer zu erra⸗ then, wo eigentlich das Ziel ihrer Wanderſchaft liege. Endlich ſenkte ſich auch der Weg wieder thalab, und einem ziemlich ſteilen aber breiten Gulch zu, woran Gerſtäcke r, Californiſche Skizzen. 10 ————— faſt noch gar nicht gearbeitet war. Unterſucht hatten ſie den Gulch ſelbſt ſchon einmal, aber, wie das ge⸗ wöhnlich geſchieht, nur oberflächlich. Je weniger ſie zweifelten daß Hilgen hier Halt machen würde, um ſo behutſamer eben folgten ſie. Der Eſel, der über den ungewohnten Nachtmarſch mißvergnügt ſein mochte und fortwährend ſchnob und pruſtete, ſtand ſchließlich an einem umgeſtürzten Baume ſtill, ward ſeines Ge⸗ päcks entladen, und bald loderte neben ihm ein luſti⸗ ges Feuer in die klare Nachtluft hinauf. Fiſcher und John zogen ſich jetzt zurück, zu bera⸗ then, was ſie eigentlich thun ſollten. Wie ſie aber leiſe den ſchmalen Hirſchpfad, den ſie niedergekommen, wie⸗ der aufſtiegen, außer Gehörsweite der„flüchtigen Fa⸗ milie“ zu gelangen, rannten ſie beinahe gegen Fuchs und Starke an, die, der letztere voraus, etwas raſcher vorwärts eilten, ihre Vorgänger nicht zu verlieren. „Herr Je!“ rief Starke— Fiſcher packte ihn aber gleich und bedeutete ihn ſtille zu ſein und Fuchs lachte, während Johnny im erſten Augenblick ein wenig ver⸗ legen ſchien.— Das gab ſich aber bald, und die vier Verbündeten gingen nun etwa eine halbe Meile den Berg wieder hinauf und hielten dort Kriegsrath, was ſie jetzt thun wollten. Es verſtand ſich von ſelber daß ſie heute Nacht nach ihrem Zelte zurückkehrten; .——öö õõ —ꝛÜä⁊Z·⸗·————————— Fiſcher und Fuchs ſtimmten aber dann dafür, daß ſie gleich am nächſten Morgen mit ihrem ganzen Geſchirr herüberkämen und der„Familie Hilgen“ einen Beſuch abſtatteten, während Johnny vollkommen dagegen war. „Verlaſſen wir jetzt ebenfalls den Mormongulch,“ ſchloß er ganz richtig,„ſo iſt der Teufeh los.— Alle Welt weiß dann auf einmal daß die Deutſchen einen neuen Platz gefunden haben, nach dem ſie Alle heimlich aufgebrochen ſind, und das ganze Amerikaniſche Geſin⸗ del, das ohnedieß den ganzen Tag in den Bergen herumliegt, ſtiebte augenblicklich nach allen Richtungen auseinander, uns aufzufinden. Das würde ihnen dann bald gelingen, denn dieſer Gulch liegt gar nicht ſo weit aus dem Weg. Ueberdieß wiſſen wir nicht ob der Platz wirklich ſo reich iſt, wie jetzt Hilgen zu glau⸗ ben ſcheint, und das können wir alſo jedenfalls erſt einmal ruhig abwarten. Bleibt Hilgen hier, dann iſt es ein Beweis daß er recht hatte, und dann ver⸗ lieren wir uns ſo langſam ohne viel Aufhebens zu ma⸗ chen, vom Mormongulch weg,— iſt er aber nicht ſo gut, dann kommt Hilgen ſchon früher wieder von ſel⸗ ber zurück, und dann können wir ihn eben ſo gut auslachen und haben noch außerdem einen jedenfalls beſchwerlichen Umzug erſpart.“ Dieſer Vorſchlag war zu vernünftig, als daß ſich 10* 148 die Andern nicht vollkommen einverſtandeu damit er⸗ klärt hätten.— Starke war es überdem gleich, was ſie machten, ſo lange er nur nicht ſelber über etwas nach⸗ zudenken brauchte. „Aber wo iſt denn Erbe eigentlich geblieben?“ frug Fiſcher, ſich jetzt erſt nach dieſem umſehend,„habt Ihr ihn mitgebracht? oder iſt er allein zurückge⸗ blieben?“ „Mitgebracht?“ lachte Fuchs—„habt Ihr uns etwa auch mitgebracht? Nein, Erbe ſitzt jetzt noch wahrſcheinlich bei den Weinreſten, und wartet auf un⸗ ſere Zurückkunft, und ich glaube es iſt auch das ge⸗ ſcheuteſte was wir thun können, daß wir ſelbſt noch heut Abend in das Zelt zurückgingen und uns we⸗ nigſtens dort zeigten, denn übrig wird der Doktor wohl nichts gelaſſen haben.“ Dem ſtimmten die Andern bei und die vier Männer marſchirten jetzt, raſcher als ſie gekommen, und von dem aufſteigenden Mond begünſtigt, nach ihrem alten Lagerplatz, den ſie etwa um zwei Uhr erreichten, zu⸗ rück. In dem Amerikaniſchen Trinkzelt war aller⸗ dings noch Licht ſowohl als Geſellſchaft, denn die Spie⸗ ler ſaßen dort oft bis zum hellen Tageslicht— von Erbe aber nicht die Spur mehr zu ſehen und der Wirth behauptete, daß er gleich unmittelbar nach den „ —— r— 7 2* 149 anderen Herren das Zelt verlaſſen, vorher aber noch ſämmtliche Reſter ausgetrunken habe. Das war viel zu wahrſcheinlich, auch nur einen Augenblick an der 2 Wahrheit dieſes Berichts zu zweifeln, und die Viere zerbrachen ſich jetzt nur den Kopf, was aus ihm könne geworden ſein. „Geworden?“ meinte Starke erfreut?— er wird in ſeinem Zelte liegen und ſchlafen.“ Das war eine neue Möglichkeit und Starke wurde abgeſchickt es zu unterſuchen. Starke kam indeß nach etwa zehn Minuten wieder zurück und meldete, das Zelt ſei nicht nur leer, ſondern die darin liegende 5 Decke kalt und unberührt, und Erbe habe es keinen Falls heute Abend noch betreten. Was war nun aus ihm geworden?— ſelbſt der nächſte Morgen, der nächſte Abend brachte keine Spur von dem Vermißten, und drei volle Tage vergingen, ohne daß irgend Jemand hätte angeben oder auch nur muthmaßen können, was aus ihm geworden ſei. Die Deutſchen dort fürchteten auch ſchon, es könne ihm ein Unglück zugeſtoßen ſein, als er eines ſchönen Mor⸗ gens, die Hände, wie immer in den Taſchen, die Mütze wie immer auf der Seite, das Geſicht, wie immer roth und fidel, den Gulch, wo die Uebrigen noch arbeiteten, herauf kam. Als er bei Johnny's und Fiſchers Arbeitsplatz von dieſen mit lautem Jubel begrüßt wurde und dort anhielt, ſprangen Starke und Fuchs herbei, und Alle wollten nun von ihm wiſſen wo er die Zeit über geſteckt, und was er, ohne Decke, ohne Proviſionen, ohne Handwerkszeug, ſelbſt ohne Zelt die ganze lange Zeit über getrieben habe. Erſt hielt er freilich zurück und ſuchte Ausreden zu machen, meinte, er ſei„proſpectiren“ geweſen ꝛc. Die Andern ließen indeſſen nicht nach, und als ſie ihn endlich, weil es doch bald Mittag war, mit ins Trinkzelt nahmen, konnte er einigen raſch auf einander folgenden Gläſern heißen Brandypunſches nicht länger widerſtehen, und die ganze Geſchichte kam heraus. „Well,“ fing er hier in ſeinem tollen Kauder⸗ welſch zu erzählen an, das ich dem Leſer hier, nur der Probe wegen, einmal wörtlich wiedergeben will“*)— *) Der Leſer darf nicht etwa glauben, daß auch nur ein Buchſtabe dieſer Redensarten übertrieben iſt— ich habe alle, wie ſie aus Erben’s Mund kamen, auf der Stelle niedergeſchrie⸗ ben, und werde nie im Leben das halb verdutzte, halb drollige Geſicht vergeſſen, das Erbe immer ſchnitt, wenn er mir etwas zu erzählen anfing und ich dann gleich mein Taſchenbuch heraus⸗ zog und zu notiren begann. Im Anfang wollte er auch nicht weiter erzählen; ich kam aber von Leipzig, und dem konnte er nicht widerſtehen. So habe ich die wenigen Monate, die ich mit ihm auf der Miſſion Dolores zubrachte, manche lange Stunde mit ihm verplaudert. — 4 ——;’xxxxx⁊—C—·—ꝭ—ꝭ·———888ͤͤͤ 151 „well, ich ſaß noch ganz innocent bei den Bottels und wußte von Nichts, bis Fuchs und Starke da auf einmal aufrehſten ¹) und weggingen, da fiel mir un⸗ ſere geſchworene Treue und Einigkeit ein, und da kams mir in den Sinn, daß ſie mich wohl hier mit der gan⸗ zen Eintracht wollten bei mir ſelber) ſitzen laſſen, Ich rehſte alſo auch auf, und wie ich vor das Tent) komme, find' ich da einen von den Schwarzen, der mir auf die Sprünge half. Erſt hatte er zwei Männer den Hill ⁴) hinaufgehen ſehen und oben auch noch ei⸗ nen Mann, eine Frau und einen Jackaß) getroffen. Nun wußt ich ja gleich woran ich war, und machte auf Curs) augenblicklich dahinter her.— Es dauerte V auch nicht lange, ſo ſah ich zwei dunkle Geſtalten vor mir hintraweln?) die alle Minuten ſchtoppten und horchten und dann wieder vorwärts marſchirten. Ich konnte mir wohl denken, daß das Fuchs und Starke wären, und ſuchte nun mit ihnen aufzukiepen 8). Ge⸗ rade aber, ehe man auf den Hill hinaufkommt, und wie 3 ¹) To raise up, aufrichten, eigentlich unrichtig als auf⸗ 9 ſtehen gebraucht, da es mehr paſſiv iſt; ²) by myself; allein; *) tent, Zelt; ⁴) hill, Hügel; ³) jackass, Eſel; ³) of course, gewiß, natürlich;*) to travel, reiſen, marſchiren; s) to keep up with somebody, mit Jemand Schritt oder gleiche Entfer⸗ nung halten. 3 . 152 ich ſo ruhig fortlaufe und denke, daß Alles ſicher iſt, ſchtumble ¹) ich und falle, weil ich die Hände zufällig in den Pockets ²) hatte, in ſo ein verwünſchtes Hole) hinein, daß dicht am Wege war. Glücklicher Weiſe fiel ich blos auf den Kopf und wurde nicht weiter ge⸗ hürtet ¹) wie ich aber wieder in die Höhe kam, mußte ich tüchtig zutraweln bis ich wieder Jemand vor mir merkte. Diesmal wars aber kein Menſch, ſondern ich hörte das Schnauben eines Jackaß, und überlegte mir nun, daß Fuchs und Starke wahrſcheinlich meine Schritte hinter ſich gehört hätten und aus der Roads) gegangen wären, um nicht geſehen zu werden. Das war aber kein Matter 6) ſo lange ich nur hinter Hil⸗ gens Jakaß blieb, aber auch das ein hart Stück Ar⸗ beit und koſtete mir vielen Trubbel?). Einmal lief der Satan ſo raſch, daß ich kaum hinterher konnte, und dann ſchtoppte er wieder und wartete, als ob ſie nach mir herüberhorchten. Ich hatte dann immer ge⸗ nug zu thun, daß ich mich irgendwo raſch hinter einen Schtump ⁵) oder Buſch drückte, und Hill auf⸗ und ¹) tostumple, ſtolpern; ²) pocket, Taſche; ³) hole, Loch; 4) to hurt, weh thun, beſchädigen; 5) road, Weg, Straße; ⁶) it is no matter, es thut nichts, es ſchadet nichts;*) trouble, Mühe;) stump, Baumſtumpf. ———— Sre — runter durch Waſſerholes und Breiars ¹) ging's, bis er endlich, ganz oben auf einem ſteilen Hügel für gut ²) zu ſchtoppen ſchien.„Nun da ſind die Minen ge⸗ wiß nicht“ dachte ich ſo bei mir ſelber, wollte mich aber auch nicht melden und war überhaupt durch das Trinken vorher, und den langen Marſch ſo vollkom⸗ men aufgenockt ³) daß ich, wie ich kaum eine halbe Stunde ſo geſeſſen haben mochte, richtig in eine Doſe fiel ⁴). „Wo iſt er'nein gefallen?“ ſchrie aber jetzt Fuchs, der kein Engliſch verſtand und dem die Sache zu bunt wurde, Fiſcher und Johnny hatten überdieß ſchon Mühe gehabt, ihn abzuhalten, Erbe's Bericht nicht alle Augenblicke zu unterbrechen,—„in eine Doſe iſt er gefallen,— was zum Donnerwetter iſt das?“ „Ruhig, ſtöre Herrn Erbe nicht,“ rief aber Fi⸗ ſcher, der ſich natürlich über die Erzählung köſtlich amuſirte,„er iſt eingeſchlafen geweſen— fahren Sie fort, Herr Erbe.“ „Nes,“ ſagte Erbe, und nahm erſt noch einmal einen tüchtigen Zug,—„da iſt nicht viel fortzufahren. Jy) waterholes and briars, Waſſerlöcher und Dornen; ²) to stop for good, endlichen Halt machen; ³) to be kno- cked up, ermüdet, total erſchöpft ſein; ³) to fall in a doze, einſchlafen, auf kurze Zeit einnicken. 154 Wie ich wieder aufwachte war es heller Tag, und clos zu mir ¹) ſtand ein großer brauner Jackaß— und Hilgens haben einen grauen— und ſchrie und ſchlenkerte immer mit dem rechten Ohr, und dann ſah er mich wieder an und ſchrie wieder. Ich lukte ²) erſt um mich her, und wußte nicht recht wo ich eigentlich war; aber endlich fiel's mir von geſtern Abend ein, und nun ſchmellte ich eine Ratte ³).“ Fuchs wollte wieder Einſpruch thun, Fiſcher ver⸗ hinderte ihn aber daran und Erbe erzählte weiter. „Durch Breiars und Waſſerholes, über Hills und Rocks ¹) hinweg, war ich faſt die ganze Nacht dem ver⸗ kehrten Jackaß nachgeſtiefelt, und einen Durſcht hatt' ich, o Herr Gott von Meißen, wie durſchtig war ich. Wie ich mich denn aber nun auszufinden ſuchte, wo ich eigentlich wäre, krahlte ⁵) ich natürlich wieder den fal⸗ ſchen Hill hinunter und kam an den Stanislaus. Dort fand ich glücklicher Weiſe einen guten Bekannten, und mit dem wollte ich, da ich doch gerade da drüben war, proſpectiren gehen. Wir kamen aber nicht dazu, denn im Anfang hatte er ſehr guten Brandy, und er ¹) close to me, dicht bei mir; ²) to look, ſehen; ³) to smell a rat, Lunte riechen; ⁴) rock, Stein, Fels; ⁵) to erawl, kriechen. ſagte mir, er hätte ſich ſchon lange Jemanden ge⸗ wünſcht, mit dem er proſpectiren gehen könnte, und wir wollten nur erſt den Brandy auftrinken und dann lostraweln— und damit war ich auch vollkom⸗ men ſatisfeid 1). Wie aber der Brandy alle war, kriegt ich ſo eine Art Heimweh nach dem Mormongulch, und da bin ich denn wieder herübergekommen.“ Erbe wurde natürlich ſeines Abenteuers wegen tüchtig ausgelacht, da er indeß ſo viel ausgeſtanden hatte, erzählten ſie ihm auch jetzt wo Hilgen und ſeine Frau arbeite, und daß ſie Ende dieſer Woche, wenn 8 jene bis dahin nicht zurückgekommen wären, dorthin aufbrechen wollten. Erbe war damit vollkommen einverſtanden, und faſt mehr noch durch den delikaten Punſch, als dieſe Mittheilung, über alles Ausgeſtandene getröſtet. Hil⸗ 8 gen kam aber nicht wieder, ja hielt ſich, weil er ſich noch vollkommen unentdeckt glaubte, ſo geheim, daß Ier nicht einmal ſeine Proviſionen aus der Nachbar⸗ ſchaft des Mormongulch holte, ſondern lieber einen viel weitern Weg nahm, von ſeinen„Verbündeten“ nicht geſehen und aufgeſpürt zu werden. Er er⸗ ſchrack auch nicht wenig, als dieſe am nächſten Sonn⸗ ¹) satisfied, zufrieden geſtellt. 156 tag plötzlich mit Sack und Pack vor ſeinem Zelt er⸗ ſchienen und ihm ſämmtlich der Reihe nach um den Hals fielen und ihn umarmten, mußte übrigens wohl gute Miene zum böſen Spiel machen. Wenn er ſich auch ärgerte, ſo überliſtet zu ſein, noch dazu da ihm Johnny wieder mit pathetiſchen Mienen ſein gebroche⸗ nes Schutz⸗ und Trutzbündniß vorhielt, kam Erbe doch auch wieder mit der Erzählung ſeiner Fahrten als Balſam dahinter her, und die kleine deutſche Colonie ließ ſich an dieſem Gulch jetzt gerade ſo nie⸗ der wie vorher an dem Nachbarbach. Da nun der Bach doch auch getauft werden mußte, und zwei Eſel eine ſo bedeutende Rolle bei ſeiner Entdeckung geſpielt hatten,(Erbe's und Hilgen's, welcher letztere ja durch ſein fortwährendes Schnauben die Verfol⸗ 4 ger auf der richtigen Spur gehalten) ſo wurde er der„Jackaßgulch“ genannt. Dieſen Namen hat er bis auf den heutigen Tag behalten, und in ſeinen Uferbetten ſind ſelbſt bis jetzt noch die reichſten Stel⸗ len Californiſcher Schätze gefunden worden. Von all den Deutſchen freilich, die dort arbeiteten, haben nur ſehr wenige wirklichen Nutzen aus dem ge⸗ zogen was ſie damals gefunden; Hilgen und ſeine Frau ausgenommen. Madame Hilgen hielt zuſam⸗ men, was ſie Beide mit ſchwerer und wackerer Arbeit 5 4 “——yſ11a“ 157 verdienten, errichtete auch noch ſpäter ein Kaffeehaus und einen Schenkſtand, in deſſen Caſſe manche Unze. der Nachbarn floß. Beide Eheleute haben jetzt Häuſer und Grundſtücke mit einem boarding oder Koſthaus in San Francisco und ſind auf dem beſten Wege reich zu werden— wenn ſie es nicht ſchon geworden. Die Uebrigen verjubelten ihr Gold, wie ſie es verdienten, hofften immer auf mehr und fanden bald zu ihrem Schrecken, daß die früher unerſchöpflich ge⸗ ſchienenen Minen in der That gar nicht unerſchöpflich geweſen wären. Um aber dem Leſer einen Begriff zu geben, wie wenig damals das Gold geachtet wurde, und daß die erſten Berichte von Californien, ſo übertrieben ſie ſchie⸗ nen, dennoch Thatſachen zum Grunde hatten, will ich ihnen Starke's Fall mittheilen. Starke verließ, wie geſagt, den Mormongulch, nach dem Jackaßgulch hinüberzugehen, trotzdem daß er einen ausgezeichnet ergiebigen Platz auszubeuten hatte, ja noch an demſelben Morgen, an welchem er ſein Werkzeug zuſammenpackte, in wenigen Stunden zwei Unzen Gold mit der Pfanne herauswuſch. Die Unze Gold galt ſchon damals 16 Dollar. Nichts deſto we⸗ niger glaubte er aber wo anders beſſer zu thun, und verkaufte das gegrabene und noch nicht halb 4 —;xxÿ—n’ðͦ—— —n— 158 ausgearbeitete Loch für eine Unze an einen Amerika⸗ ner. Dieſer nahm noch 5000 Dollar heraus und verkaufte dann den Platz an einen Dritten für fünf Unzen, der ebenfalls wieder einige Wochen darin ar⸗ beitete. Niemand erfuhr, was der Letzte herausbe⸗ kommen hatte, aber bald darauf verließ er Californien. Der Mann an den es Starke verkaufte, ſtocherte ſchon in der erſten Stunde über anderthalb Unzen nur mit ſeinem Meſſer heraus, und als ich Starke ein Jahr ſpäter in Murphys Diggins fand, war er froh wenn er mit harter Arbeit noch ſo viel Dollars werth Gold finden konnte, als er früher in einem Tag Unzen gewonnen. Johnny hatte ſeit der Zeit noch dreimal ein wirk⸗ liches Vermögen ausgegraben, und dreimal wieder verſpielt und als ich ihn zuletzt ſah, nicht Geld ge⸗ nug, ſich neues Handwerkszeug zu kaufen, ſoll aber nachher eine reiche Stelle, jedenfalls zum Beſten der nächſten Spielbank aufgefunden haben. Doch in Californien zieht man gar wild die kreuz und quer umher und es würde mich gar nicht wun⸗ dern, wenn der Leſer und ich noch einmal Einem oder dem Andern unſerer alten Bekannten in irgend einer der übrigen Minen begegneten. Die franzöſiſche Revolution. Murphys neue Minen, oder Murphys New Dig⸗ gins, wie ſie von Amerikanern wie Deutſchen, Fran⸗ zoſen und Spaniern genannt wurden,(obgleich ſie auch manchmal ſogar den allerdings noch nicht verdienten der„reichen“ bekamen) liegen an Angelsereek— der ſich weiter unten in den Stanislaus ergießt. Sie be⸗ ſtehen theils aus kleinen Bergbächen, die von den Hü⸗ geln kommend in den größeren Bach oder Creek flie⸗ ßen, theils und hauptſächlich in der ſogenannten Flat oder Barre, die durch eine Biegung von Angelsereek gebildet iſt, und über deren Reichthum die fabelhafto⸗ ſten Gerüchte verbreitet wurden. In der Zeit wo unſere kleine Erzählung ſpielt, Mitte Mai, war aber noch zu viel Waſſer in den Quellen wie Bächen, als daß man ſchon tief in den Grund der Erde hätte hineingraben können. Für jetzt ließen ſich alſo nur Vorbereitungen treffen die Arbeit, wenn die rechte Zeit(d. h. der Spätſommer) einmal kam, gleich mit Kraft und Ener⸗ gie zu beginnen. Solche Vorbereitungen waren aber: Pumpen bauen, Waſſerrinnen ausſchlagen, die abge⸗ ſteckten Gruben bis auf das Waſſer hinunterzugra⸗ ben, u. ſ. w. Während die Miner oder Goldwäſcher ſelbſt die⸗ ſen Beſchäftigungen oblagen, gab es noch eine andere Menſchenclaſſe in„Murphys“, die nicht weniger eif⸗ rig ihren eigenen, von dieſen aber verſchiedenen In⸗ tereſſen oblag. Es waren dieß die in den Minen nur unter dem Namen„Store Keeper“ bekannten Händler oder Kaufleute, die Zelt nach Zelt in der Nähe des Flats bauten, Proviſionen und Getränke einlegten und, den täglich mehr hinzuſtrömenden Arbeitern nach, hoffen durften ein recht einträgliches Geſchäft den Sommer hindurch zu machen. Ein unternehmen⸗ der Yankee ſtellte ſogar eine Kegelbahn auf, Koſthäu⸗ ſer wurden errichtet, und die Spieler, dieſe Aasgeier des Goldes, kamen von allen Seiten herbei, um gleich an Ort und Stelle zu ſein wenn die erſte Ausbeute beginnen würde.. Unmaſſen von Franzoſen, und zum großen Theil Basken, hatten ſich ebenfalls in Murphys eingefun⸗ 1— 5 4 161 den, und eine Menge franzöſiſcher Läden ſprangen zwi⸗ ſchen den amerikaniſchen auf. In dieſen figurirten be⸗ ſonders einige Griſetten— jedoch ſämmtlich aus dem Mittelalter— und eine von ihnen, die Jüngſte, ging ſehr zum Ergötzen der eben aus dem Innern Nord⸗ amerika's kommenden Backwoodsburſchen, denen bis dahin noch nicht einmal der Gedanke in den Kopf ge⸗ kommen war, daß ein Frauenzimmer auch Manns⸗ kleider tragen könne, in kurzer Jacke, weiter Hoſe und weißem kek auf die Seite geſtülptem Filzhut umher. Auch Deutſche, Spanier und Engländer befanden ſich in Murphys, die Franzoſen waren ihnen aber an Zahl weit überlegen, und bildeten jedenfalls drei Vier⸗ theil der totalen Bevölkerung dieſes kleinen Minen⸗ ſtädtchens. Gerade zu demſelben Zeitraum, und zwar in den letzten Tagen des April oder erſten des Mai, war ein Geſetz von der Californiſchen Legislatur erlaſſen wor⸗ den, daß ſämmtliche fremde Goldwäſcher in den Mi⸗ nen Californiens mit einer monatlichen Taxe von 20 Dollars belaſtet werden, und falls ſie das nicht bezah⸗ len wollten, oder nicht im Stande ſeien es zu entrich⸗ ten, ohne weiteres die Minen verlaſſen ſollten. Wür⸗ den ſie hiernach aber dennoch wieder an einer andern Mine, ebenfalls mit Goldwaſchen beſchäftigt betroffen, Gerſtäcker, Californiſche Skizzen. 11 162 ſo ſollte dieß als ein Vergehen gegen den Staat ange⸗ ſehen und als ſolches beſtraft werden ꝛc. Man kann ſich denken welchen Eindruck die Be⸗ kanntmachung dieſes Geſetzes auf die„fremden Gold⸗ wäſcher“ machte, und ſelbſt die Vernünftigen unter den Amerikanern ſchüttelten darüber den Kopf, und meinten das ſei ein unſinniges Geſetz und würde viel unnöthigen Spectakel und Unfrieden machen. Die Franzoſen beſonders ſchimpften und raiſonnirten auf das freiſinnigſte; erklärten das Geſetz für infam, und beſchloſſen nicht einen Cent zu zahlen. Unter den Deutſchen waren einige Elſaſſer die ihnen beſonders beiſtimmten, und die Basken holten ohne weiteres ihre Musketen und Flinten vor, indem ſie erklärten: es ſei das Beſte, ſich gleich von vorn herein in den Verthei⸗ digungszuſtand zu ſetzen, damit die Amerikaner Re⸗ ſpect bekämen. Die Amerikaner kümmerten ſich aber gar nicht um ſie. Bis jetzt war die ganze Sache überhaupt noch viel zu neu, um ſchon ernſtere Maßregeln im entfernteſten nöthig zu machen. Dem Geſetze nach ſollten gewiſſe Collectoren die verſchiedenen Minen bereiſen, und bis dieſe, oder einer von dieſen nicht nach Murphys ſelber. kam, ließ ſich gar nichts in der Sache thun. Es war ein wundervoller Abend in der letzten 163 Hälfte des Mai, die Sonne ſank eben hinter die ſtatt⸗ lichen Fichtenſtämme, die Murphys Hügel bedeckten. Die Leute kamen von ihrer Arbeit zurück, hie und da ſtieg vor den Zelten der blaue Rauch der Feuer auf, an denen die Goldwäſcher ihr frugales Abendbrod kochten. Aus verſchiedenen Seiten der Stadt(denn eines ſolchen Namens erfreute ſich die kleine Zeltgruppe wirklich, und zwar als Stadt Stoutenburg) tönten zugleich die wunderbarſten Klänge— Klänge wie von alten zuſammengeſchlagenen eiſernen Kochtöpfen, ein chineſiſcher Gong, eine kleine blecherne Kindertrom⸗ pete u. ſ. w. herüber— es waren die Zeichen der ver⸗ ſchiedenen Koſthäuſer, daß das Abendeſſen fertig ſei und der„Boarder“ harre. Dahinein miſchten wieder eine Menge von frei herumlaufenden Eſeln, die von den Minern gehalten wurden, ihre lieblichen Y⸗ahs, und mit dem Schlagen der Holzäxte die Feuerholz für den nächſten Morgen hieben, mit den einzelnen Fragmenten franzöſiſcher Lieder, die aus Zelt und Buſch hervorſchallten, den lebendigen Gruppen die in der breiten, durch die Kaufläden gebildeten Straße ſtanden und lachten und ſangen und geſtikulirten, mit der auf der langen über des Sheriffs Zelt errichteten Stange wehenden amerikaniſchen Flagge, dem ſich im⸗ mer dunkler ſchattirenden Nadelholz und dem herrli⸗ 11* chen, nur von leiſen, goldenen Wölkchen beſtreuten Abendhimmel gab es ein Bild, das einem armen Teufel wohl in ſeiner Lieblichkeit auf kurze Zeit all die Stra⸗ pazen und Mühen konnte vergeſſen machen, die er den langen Tag über in der heißen Sonnenhitze und bei der ſchweren, ungewohnten Arbeit ausgeſtanden. Das Abendeſſen in den meiſten Häuſern hatte ſchon lange begonnen— was ſtanden die Leute da noch ſo eifrig vor den Thüren und geſtikulirten ſo lebhaft mitſammen? „Die Franzoſen haben's heute recht eifrig mit ein⸗ ander,“ ſagte ein langer Texaner zu einem eben ſo langen„Down Eaſter“(der amerikaniſche Scherz⸗ name für die ächten Yankees, oder Bewohner der nordöſtlichen Staaten der Union), mit dem er zu⸗ ſammen die Straße hinunterſchlenderte und ſelbſtge⸗ fällig vor ſich hinlächelte—„könnt Ihr nicht ver⸗ ſtehen was ſie zuſammen ſchwatzen?“ „Ich?“ ſagte der Nankee erſtaunt, daß ſein Be⸗ gleiter ihn auch nur im Verdacht hatte er verſtände franzöſiſch oder irgend eine andere Sprache der Welt außer„amerikaniſch“—„wie ſoll ich das Geſchlabber kennen? s'wird nichts Wichtiges ſein.“ „Und wie ſie dabei mit den Händen herum agi⸗ ren“ meinte der Texaner, und ſah ſich noch einmal nach der letztverlaſſenen Gruppe um—„ohne das geht es aber auch nicht, denn bind' einem Franzoſen die Hände auf den Rücken zuſammen, und er bringt kein Wort über die Zunge.“ Die beiden Männer traten gleich darauf in ein amerikaniſches Spielhaus, und dort, wo ſie nur Lands⸗ leute von ſich fanden, hatte das Spiel zu viel Intereſſe für ſie, ſich noch um etwas anderes zu bekümmern. Gar verſchieden ſah es dagegen in einem, die⸗ ſem ſchräg gegenüber liegenden franzöſiſchen Zelt aus, das ein gewiſſer Louis mit einer Griſette— die man anſtandshalber Madame Louis nannte— hielt. Hier wogten Franzoſen, und beſonders Basken und Deutſche bunt durcheinander, und vermiſchte Aus⸗ brüche des Zornes, wie: mechant, au secours, à bas gles Américains etc. etc. ließen eine nur ſehr unbe⸗ ſtimmte Ahnung in dem eben Hinzutretenden aufkom⸗ men, um was es ſich eigentlich handle und was vorge⸗ fallen ſei. Die Unterhaltung wurde hauptſächlich franzöſiſch, doch auch hie und da ſpaniſch, natürlich mit den ver⸗ ſchiedenen bunt durcheinander gewürfelten Dialekten geführt, und die hauptſächlichſte und hervorragendſte Gruppe waren ein Deutſcher Namens Fuchs, mit großem rothen Bart, ein kleiner Baske, pockennarbig ———————ſſſſſſſ mit hämiſchen, ſcharf ausgeprägten Geſichtszügen, ein Schweizer, eine hohe ſtattliche Geſtalt, einen argenti⸗ niſchen Poncho über die Schulter geworfen, und ein eben ſolches Meſſer hinten im Gürtel, und ein vier⸗ ſchrötiger Baske, der eben den magern loyalen Wirth des Hauſes, Mr. Louis, an der Schulter herbeiſchleppte, und zum Beweis deſſen was er wahrſcheinlich geſagt, gegen den Tiſch ſtellte. „Hier, Louis,“ rief er dann in allem Eifer,„zeige ihnen einmal den Brief den wir heute bekommen— ſie wollens noch nicht glauben.“ „Ja es iſt wahr,“ beſtätigte der kleine Mann, nur vermuthend von was bis dahin die Rede geweſen— „meine Frau hat den Brief.“ „Und was ſteht darin?“ fragte der Schweizer. „O es iſt ſcheußlich, niederträchtig!“ rief Fuchs. „Nur ruhig Blut,“ meinte aber der Schweizer— „erſt einmal genau hören— die ganze Geſchichte kann auch übertrieben ſein.“ „Uebertrieben?“ zürnte der Baske—„Madame Louis, wären Sie wohl ſo gut uns einmal auf einen Augenblick den Brief zu geben?“ „Thut mir leid, Monſieur,“ antwortete ihm die Frau, eine etwas magere, ſchlanke, ſchwarzäugige Ge⸗ ſtalt von ungefähr 26 Jahren, indem ſie hinter dem —jõõmõ—yyn Schenktiſch vorkam und zu der Gruppe trat.„Die beiden Männer die ihn brachten, haben ihn, ihrem Auftrage zufolge, weiter nach Angels Camp hinunter genommen.“ „Und der Inhalt?“ „War kurz folgender. In Sonora haben die Amerikaner an Franzoſen, die ſich weigerten die Taxe zu zahlen, gewaltſam Hand gelegt. Zwei von ihnen und ein Deutſcher liegen im Gefängniß, und man er⸗ wartet, daß gegen Recht und Geſetz des Lynch law an ihnen vollzogen werden wird, noch dazu, da auch der Sheriff von Sonora, ein Amerikaner, geſtern von ei⸗ nem Spanier erſtochen wurde. Die Franzoſen in Sonora fordern nun in jenem Brief ihre Landsleute in den Minen auf, ihnen ohne weiteres Säumen be⸗ waffnet zu Hülfe zu eilen, wenn ſie nicht die ſcheuß⸗ lichſte Gewaltthat vor ihren Augen wollen verübt ſehen. Das iſt der Inhalt des Briefes, und unter⸗ zeichnet hat ſich ein ſehr achtbarer Franzoſe, der ein Geſchäft dort hat, ein gewiſſer Ledroy. Machen Sie ſich übrigens fertig denn es wird ſpät,“ fuhr die junge Dame etwas lebhafter fort,„und in einer Stunde etwa brechen wir alle auf.“ „Und wollen Sie denn auch mit?“— ſagte der Schweizer verwundert. 168 „Certainement; ma vie pour mes paysans.“ „Wer wird denn da zurückbleiben,“ ſchrie Fuchs kirſchroth vor Eifer.„Das iſt ja eine niederträchtige Scheußlichkeit, die nur mit Blut ausgewaſchen werden kann.“ „Erſt ſehen und dann glauben,“ brummte aber, immer noch ungläubig, der Schweizer;„es haben in letzter Zeit hier ſo viele Lügen circulirt und über⸗ all gleich Aufnahme gefunden, daß man wohl Urſache hat ein wenig mißtrauiſch zu werden. Kaltes Blut i*ſt bei ſolchen Dingen die Hauptſache.“ „Kaltes Blut? Fiſchblut!“ zürnte, in kampf⸗ luſtigem Eifer, Fuchs, und goß ein Glas Claret die durſtige Kehle hinab.„Wer kann bei ſolcher Nach⸗ richt noch an Ueberlegen denken. Und liegt denn So⸗ nora etwa am andern Ende der Welt, daß„falſche Gerüchte“ ſo leicht zu uns herüber kommen könnten? Sonora iſt kaum 25 Meilen von hier entfernt, und die beiden Männer, die ſich dort auf ihre Pferde gewor⸗ fen und uns die Nachricht gebracht haben, ſind uns Bürge genug.“ „Wie wär's, wenn ich mich heute Abend einmal hinüber machte“ ſagte da ein anderer Deutſcher auf⸗ ſpaniſch, denn er war der franzöſiſchen Sprache nicht mächtig.—„Bis morgen früh kann ich drüben ſein, ——jjyj ſſſſſ 169 und genaue Erkundigung über die Sache einziehen. Verhält ſich dann Alles ſo, wie's in dem Briefe ſteht, ſo bring' ich die Beſtätigung bis morgen gegen Mit⸗ tag hierher. Nachher brechen wir alle auf, und dann wollen wir ſchon ſehen ob eine Bande geſetzloſer Amerikaner, ihrem eigenen Geſetz zum Trotz, mit den verachteten Fremden thun kann, was ſie eben vwill. Dann ſind wir auch noch da.“ Fuchs wollte hiergegen eben wieder eine grimmige Erwiederung machen, Madame ſchnitt ihm aber mit einer graciöſen Bewegung der Hand, die gewiſſerma⸗ ßen als Entſchuldigung dienen ſollte, hier aber etwa ſo viel ſagte als: nachher, dann kannſt du reden ſo viel du willſt, das Wort ab, indem ſie ſich ohne weite⸗ res zwiſchen die Männer drängte und beſonders den letzten Sprecher anredete. „Monſieur Fiſher,“ ſagte ſie in ziemlich geläufi⸗ gem Spaniſch—„weitere Erkundigungen ſind gar nicht nöthig. Der Brief, den wir faſt alle geleſen ha⸗ ben, wie das mündliche Zeugniß der Ueberbringer verbürgt uns die Thatſachen. Alſo, wem noch ein muthiges Herz in der Bruſt ſchlägt, der reihe ſich un⸗ ſerer Fahne an— Allons enfans de la patrie, le jour de gloire est arrivé!« Fuchs fiel mit ein paar Umſtehenden augenblicklich 170 in das Lied ein, ein Gedränge nach dem Schenktiſche entſtand zugleich, und das Geſpräch wurde jetzt allge⸗ mein, lief aber auch in allen Richtungen auf den einen Punkt hinaus, daß ſich ſämmtliche Franzoſen rüſten wollten, noch an dem nämlichen Abend nach Sonora, das ſie dann am nächſten Morgen mit der Morgen⸗ dämmerung erreichen konnten, aufzubrechen. Fiſcher, von dem Schlachtenmuth der übrigen an⸗ geſteckt, traf ebenfalls alle nöthigen Vorbereitungen, kaufte ſich in aller Eile eine Doppelflinte und Pulver⸗ horn für 40 Dollars, womit ihn ein Landsmann aus reiner Gefälligkeit, eben ſo in Eile, übers Ohr hieb, ſchaffte ſich noch Pulver und Blei genug an, im ſchlimm⸗ ſten Fall eine Belagerung von drei Wochen auszuhal⸗ ten, und fand ſich zur beſtimmten Zeit pünktlich in Louis Zelt zum Aufbruch ein. Dort ging es indeſſen bunt genug her; ein großer Theil hatte des Guten in Wein und Brandy ſchon weit mehr gethan, als ſich mit ſeinen ſonſtigen Be⸗ dürfniſſen und Gewohnheiten vertrug. Deutſche, Spanier und Franzoſen waren dabei wild durchein⸗ ander gemiſcht, alle möglichen Sprachen wurden ge⸗ ſprochen, denn ſelbſt Engliſch mußte manchmal zwi⸗ ſchen einzelnen, und nicht ſelten gemißhandelt genug, zur Aushülfe dienen. 171 Unter den Deutſchen zeichnete ſich jetzt beſonders— denn Fuchs war ſeit der letzten halben Stunde, und als es wirklich zum Aufbruch kam, merkwürdig ruhig gewor⸗ den— ein langer Barbier, Namens Frei, alias... ali- as.. aus, der dieſen Abend angelegentlich dazu benutzt hatte die Zähigkeit ſeines bis dahin ſchon etwas ſehr aus⸗ gedehnten Credits bis auf das Aeußerſte zu erſchöpfen. Er ſtand ſolcher Art jetzt auch wirklich im Begriff mit geborgter Flinte, geborgtem Meſſer, geborgtem Hut und geborgten Schuhen in die Schlacht zu ziehen. „Brüder!“ ſagte er dabei, denn der geborgte Wein lag ihm ſchwer auf Herzen und Zunge,„wenn ich bleibe, ſo ſeid überzeugt,— ich bin— ich bin für Deutſche geblieben.— Mein Blut, mein ganzer Kör⸗ per ſchlägt nur für Deutſche— und ein Hundsfott, wer kein ächter Deutſcher iſt.“ Dieſe letzte Redensart wäre nun allerdings etwas umfaſſend zu deuten geweſen, hätte ſich überhaupt Jemand um ihn oder ſeine Reden bekümmert. So, als er ſah daß die übrigen mit ihren eigenen Vorbe⸗ reitungen beſchäftigt waren, trank er, in ſeinen tiefen Schmerz verſenkt, ſämmtliche im Bereich ſeines Armes ſtehende Gläſer aus, drückte einem kleinen Negerjun⸗ gen, der neugierig hereingekommen war zu ſehen was die bewaffneten Männer alle wollten, die Hand mit 172 ſolcher Wärme, daß der kleine Kerl laut aufſchrie, ſteckte dann noch einen Genickfänger, der auf dem Tiſch lag, und der, wie er vielleicht fürchten mochte, hätte verloren gehen können, in ſeine eigene Taſche, und ver⸗ ſchwand in der draußen indeß vollkommen eingebroche⸗ nen Dunkelheit. Und ſeine Ahnung hatte ihn nicht betrogen, er blieb wirklich— d. h. er blieb fort; in jenem Minenſtrich hat ihn wenigſtens Niemand wieder geſehen, und etwas ſpäter erkundigten ſich noch mit eini⸗ ger Theilnahme Wirthe und ſonſtige Händler nach ihm, doch vergebens. Wie er geſagt, er war für Deutſche geblieben. Der Plan des Zuges lag aber nicht darin en masse von Mr. Louis Schenkzelt, der dadurch ſpäter leicht hätte in Unannehmlichkeiten verwickelt werden können, aufzubrechen. Der Sammelplatz war deß⸗ halb im Freien, etwa eine halbe Meile vom„Camp“ weg, an einen beſtimmten Pfad verlegt worden, wo⸗ hin man ſich einzeln oder in kleinen Gruppen begeben, und von dort dann vereint den Marſch antreten wollte. Die meiſten Männer waren ſchon voraus und Louis Zelt hatte ſich faſt ganz geleert, ſo daß nur noch Herr und Madame Louis, und unſer alter Be⸗ kannter Fuchs darin zurückblieben, und dieſe drei Per⸗ 173 ſonen hielten eben einen ernſten, entſcheidungsvollen Kriegsrath. Madame Louis ſtand dabei ſchon in Amazonentracht, in dunkler Hoſe, rothwollenem Hemd und dunklem breiträndigen Filzhut, an dem keck eine ſchwarze Straußenfeder ſchwankte, eine Doppelflinte über der Schulter, zwei Piſtolen und ein Meſſer im Gürtel und einen kleinen geſtickten Arbeitsbeutel— den Fourageſack— in der Hand. Ihr Mann dage⸗ gen ſchien mehr zum„ſchweren Getränk“ zu gehören. Er hatte nämlich nur eine Flinte, dafür aber drei Feldflaſchen umhängen, und überwachte zugleich auch das Aufſchnallen eines zwölf gallonigen Fäßchens Brandy, was dicht vor der Zeltthür zwei andere Fran⸗ zoſen beſorgten. Der Kriegsrath in Louis Zelt handelte ſich aber um nichts geringeres als ein an Fuchs geſtelltes Ver⸗ langen ſeine ſämmtlichen Anſprüche an Ruhm und Heldentod für dieſen Zug aufzugeben, und, während Herr und Madame Louis Abweſenheit, ſtatt Blut aus den Adern der Amerikaner, die Korke aus den Flaſchen zu ziehen, d. h. indeſſen an Madame Louis Stelle die Schenke zu verſehen, und etwa einſprechende Kunden zu bedienen. Ihre Grauſamkeit erſtreckte ſich nicht ſo weit, die auswärtigen Amerikaner zu vernichten und die zurückbleibendeu verdurſten zu laſſen, nein, 174 das konnten ſie nicht übers Herz bringen und Fuchs war auserſehen dieſe gute Abſicht ins Leben treten zu laſſen. Madame Louis hatte hierbei, und daß ſie dieſen gerade wählte, einen tieferen Grund—„einen anderen müßten wir beſonders bezahlen, flüſterte ſie ihrem„Gatten“ leiſe zu,„und der iſt uns doch noch genug ſchuldig.“ Herrn Louis leuchtete das vollkommen ein, obgleich er allem Anſcheine nach am allerliebſten ſelber geblieben wäre. Seine Frau konnte er aber unmöglich dem Schutz eines anderen anvertrauen, und da ſich Fuchs nach eini⸗ gem Zureden nur ſchwach ſträubte, hatten ſie das bald geordnet. Fuchs ſtellte ſeine Flinte in die Ecke und war eben im Begriff ſeine Aermel außzuſtreifen, ein nöthig gewordenes Gläſerſpülen vorzunehmen, als Pferdegetrampel vor der Thür gehört wurde, gleich darauf der Kopf eines Pferdes und dicht darüber ein Frauenkopf, ebenfalls mit ſchwarzem Filzhut und brei⸗ tem rothem Band geſchmückt, ſichtbar wurde, und eine feine, aber reſolut genug klingende Stimme rief. Traversons la„creek,“ ma chère, traversons la creek, ah parbleu nous sommes les dernières — et Monsieur Fuchs? was machen Sie da?— wo iſt Ihr Gewehr— wir haben keinen Augenblick Zeit mehr zu verlieren.“ 8 — „Im Augenblick, ma chère, im Augenblick“ ant⸗ wortete die Amazone, für den etwas verlegen daſtehen⸗ den Stellvertreter—„Monſieur Fuchs will indeſſen die Güte haben unſer Haus zu bewachen— und ich wollte nur“— „Ah quelle galanterie,“ lachte die Dame zu Pferd,„mais montez, montez. Es wird wahrhaftig zu ſpät, und wir können doch nicht allein nachreiten.“ Madame Louis ſteckte nur in der Eile noch etwas Eau de Cologne, Heftpflaſter und Leinwand in ihren Arbeitsbeutel, warf einen flüchtigen Blick in den klei⸗ nen, am mittleren Pfoſten hängenden Spiegel, einen flüchtigeren Gruß dem verlaſſenen Kellner zu, bückte ſich dann raſch unter dem noch immer zum Zelt herein⸗ ſchauenden Pferdekopf weg. Dabei ſtieß ſie dieſes mit der auf der Schulter hängenden Flinte dermaßen an die Nüſtern, daß es ſchnaubend zurückfuhr und ſeine ſchwere Laſt bald ſehr unceremoniös abgeladen hätte. Madame achtete aber nicht darauf, trat an ihr eigenes Thier hinan, ſchwang ſich dort, von dem herbeieilenden Louis unterſtützt, leicht in den Sattel, und die beiden Amazonen galopirten lachend und ſingend die Straße hinunter. Mr. Louis band indeſſen ſein eigenes Pferd los, rückte die verſchobene Brille wieder zurecht, rief noch einmal ein: bon soir, monsieur Fuchs in das * 176 Zelt zurück, das von da aus mit einer Art Knurren be⸗ antwortet wurde, und folgte dann in einem ungemein harten Trab den Damen, wobei er alle Hände voll zu thun hatte die Flaſchen und das Gewehr an ſeinem auf und niederfliegenden Körper feſt zu halten. „Well if I ever,“— ſagte ein kleiner dünner Amerikaner, der bis dahin ganz erſtaunt und ſtumm, im Schatten der gegenüberliegenden Zelte geſtanden und die Damen hatte abreiten ſehen,„what the devil is the matter with the French? haben denn die heute alle den Teufel im Leib? die wollen wohl Cali⸗ fornien ſtürmen?“ „Californien nicht, aber Sonora,“ ſagte eine an⸗ dere Stimme neben ihm, und als ſich der Kleine nach ihm umſchaute, ſtand der Aelteſte der dort in der Flat arbeitenden Texaner Compagnie, ein Mann Namens Fletcher neben ihm. „Sonora?— zum Henker auch,“ rief der Kleine, „woher wißt Ihr denn das „Oh, Kurnel der Canadier da drüben hat mirs geſagt. Der ſpricht franzöſiſch.“ „Aber was iſt denn da drüben vorgefallen?“ ſagte der kleine Mann etwas ängſtlich. Da müßte man ja lieber gleich eine Meeting zuſammenrufen und Gegen⸗ mittel ergreifen. Wenn ſie nur”— 177 „Ah was,“ brummte der Texaner phlegmatiſch— „die ganze Sache wird auf einen Unſinn hinauslau⸗ fen.— Wirds aber ernſthaft, und brauchen ſie uns drü⸗ ben, ſo werden ſie's uns ſchon wiſſen laſſen?“ „Hallo Fletcher, wißt Ihr's ſchon?“ ſchrieen die⸗ ſen jetzt ein paar junge 19 oder 20jährige Burſchen an, die einen Fleiſcherladen in Compagnie hielten, und ſich außerdem in dieſer Compagnie noch täglich ein⸗ bis zweimal prügelten. Der eine von ihnen trug eine mexicaniſche, an den Außennäthen offene Hoſe und eine ſechsläufige Piſtole im Gürtel.„Die Fran⸗ zoſen ſind ausgezogen und wollen Sonora ſtürmen— jetzt nur alle unſere Jungen zuſammengetrommelt und nach, nachher bekommen wir ſie zwiſchen zwei Feuer.“ „Unſinn“ entgegnete ihm hierauf aber der andere, ein dickes rothbäckiges Geſicht mit glanzloſen nichts⸗ ſagenden blauen Augen—„unſere Jungen werden dort ſchon allein mit ihnen fertig werden, aber ein amerikaniſches Lager wollen wir hier indeſſen machen, eine Verſchanzung aufwerfen, und keinen von den gott⸗ verdammten Franzoſen wieder hereinlaſſen.“ „Unſinn?“ rief aber erzürnt ſein Compagnon— „Du Holzkopf weißt wohl was Unſinn iſt— nein zu Gerſtäcter, Caiiforniſche Skizzen. 12 * feige biſt Du mit auszurücken, und willſt Dich lieber hier hinter einem Dutzend Baumſtämme verſchanzen.“ „Zu feige?“ entgegnete jetzt aber auch ingrimmig der mit den blauen Augen und der mexikaniſchen Hoſe —„Du verdammter“— „Ruhig, Boys, ruhig!“ miſchte ſich hier aber Flet⸗ cher, der bis dahin den beiderſeitigen Anſichten und dem ſpäteren Wortwechſel, ohne eine Miene zu ver⸗ ziehen, zugehört hatte, in das zu drohend werdende Geſpräch.—„Seid vernünftig und geht ruhig zu Hauſe— Morgen wird die Sache ganz anders aus⸗ ſehen. Wer weiß auf was für einen blinden Lärm hin die ausgezogen ſind, und morgen kommen ſie dann wie die begoſſenen Pudel wieder heim.“ Einige andere wollten noch dagegen anſtreiten, ſprachen von„amerikaniſcher Flagge aufpflanzen und darunter ſterben,“ von„Beiſpiel geben“ und„Un⸗ dankbarkeit der Fremden,“ die man je eher je beſſer aus dem Lande jagen müſſe. Die Vernünftigeren ge⸗ wannen aber doch endlich die Oberhand, und erwirk⸗ ten, daß die Uebrigen ruhig zu Hauſe gingen und der Sache, für heut Abend wenigſtens, ihren Lauf ließen. Die Franzoſen ſammelten ſich indeſſen unverdroſ⸗ ſen an dem beſtimmten Ort, und die beiden Amazonen⸗ 179 kamen gerade noch zeitig genug, ſich an die Spitze der Bewegung zu ſtellen. Unter der Zeit waren aber auch die beiden, von Sonora ausgeſandten Emiſſäre nicht müßig geweſen — und hatten die Nachricht, theils ſelber theils durch andere Gelegenheiten, an den Calaveres hinüber, nach Angels und Carſons und Douglas Flat geſchickt. Von allen Seiten kamen in der That die ganze Nacht hindurch Franzoſen, ihre Decken und Flinten mit ein paar ſpärlichen Proviſionen zuſammengepackt auf dem Rücken, anmarſchirt, verlangten in Murphys die Beſtätigung des Gehörten, und wanderten dann raſch der ungewiſſen Gefahr entgegen, weiter. So wenig das Ganze auch in ſeinem Erfolg dem entſprach was man davon erwartet hatte, ſo gaben die Franzoſen in dieſer Zeit den Amerikanern doch eine ganz heilſame Lehre, wie ſie, wenn wirklich einmal Noth ſein ſollte, zuſammenhielten; und mehrere Ame⸗ rikaner meinten ſpäter auch wirklich erſtaunt, ſie hät⸗ ten nie geglaubt, daß ſo viele Franzoſen noch einzeln in den Minen ſtäcken, denn wie aus dem Boden ſeien ſie von allen Seiten und Ecken in der Nacht und am nächſten Tage, ja nach zwei Tagen noch, aufgetaucht. Dieſer, von Murphys ausgehende erſte Zug war übrigens abenteuerlich und romantiſch genug. Lauter 12* 180 kräftige, wild ausſehende Geſtalten, meiſtens in rothe wollene Hemden und eben ſolche Mützen, oder ſchwarze oder graue Filzhüte gekleidet. Dabei hatten ſie ſich mit jeder nur möglichen Wehr bewaffnet, die ſie im Augen⸗ blick aufgetrieben. Die meiſten trugen jedoch Doppel⸗ flinten, andere auch Büchſen oder nur ordinäre Muske⸗ ten, viele ſogar noch ihre franzöſiſchen Seitengewehre, wie auch Säbel, Dolche und Piſtolen. Viele dieſer Waffen waren nun gar nicht in Stand. Aus allen Winkeln, wo ſie bis dahin in Staub und Roſt unbeachtet gelegen, hatte man ſie heute Abend vorgeſucht; Zeit ſie zu reinigen, wurde natürlich nicht gegeben, und viele nahmen ſich nicht einmal die Mühe, zu unterſuchen ob das alte Feuereiſen, mit dem ſie jetzt in den Kampf eilten, geladen geweſen oder nicht. Ruhig ſtießen ſie noch eine andere Patrone oben auf und eilten dann weiter. Der pockennarbige Bäcker hatte übrigens die meiſte Noth mit ſeiner Waffe, die unter keiner Bedingung losgehen wollte. Er ging, wie faſt alle ſeine Cameraden, zu Fuß, und blieb alle Augenblicke ſtehen ſeine alte Muskete in Ordnung zu bringen. Freilich wurde er nie damit fer⸗ tig, mußte dann eine Strecke aus vollen Kräften lau⸗ 8 „ ¹ 7 181 fen, die Uebrigen wieder einzuholen, und holte nur wieder Athem, ſich auf's Neue mit dem alten Schieß⸗ eiſen abzuquälen. In dieſen Zwiſchenräumen ſchüt⸗ tete er dann gewöhnlich zwei oder dreimal Pulver auf die Pfanne, nachdem er jedesmal vorher das Zündloch wohl aufgerührt hatte, blitzte es ab, ver⸗ ſuchte einen anderen Ladeſtock mit einem Krätzer daran, den er ſich geborgt, der aber, wie er recht gut wußte, zu kurz war, immer wieder von neuem, bis er ihn endlich abbrach, und blies dann endlich, als letzten verzweifelten Verſuch, in den Lauf hinein, daß ihm das Geſicht dick und roth aufſchwoll. Dieß war auch für ſolche Pauſen die Schlußoperation, hiernach ſtieß er nur noch einen kräftigen Fluch aus, und eilte dann, ſchon durch das Blaſen athemlos gemacht, keuchend hinter den Seinigen her. Allerdings war es von Anfang an der Plan der Ausrückenden geweſen, nicht eher zu raſten bis ſie in Sonora ſelber wären. Durch die ungewohnte An⸗ ſtrengung aber ermüdet und, da ſie weiter gar keine Proviſionen mitgenommen und ſich dafür deſto mehr an den Brandy gehalten hatten, auch dadurch mehr als gewöhnlich erſchlafft, machte der Zug um eilf Uhr etwa Halt, lagerte ſich um mehrere, raſch entzündete gewaltige Feuer und campirte im Freien. 1 -—————n 182 Toll genug ging es dabei her, die Flaſchen kreiſten, und muntere Lieder verſcheuchten alle trüben Gedan⸗ ken. Nur der pockennarbige Bäcker war mürriſch, ſein widerſpenſtiges Gewehr aber doch endlich, Dank ſeinen unausgeſetzten Bemühungen zum Losgehen be⸗ wogen. Freilich ſchlug er ſich dabei den eigenen Ba⸗ cken und verlor den Hahn vom Schloß, den er in der Dunkelheit nicht wieder finden konnte. Kaum beſſer ging es Mr. Louis mit ſeiner Frau. Sie war ihm, oder er ihr plötzlich abhanden gekom⸗ men, und der arme, kurzſichtige Teufel hatte jetzt nicht wenig Müh, unter all den roth wollenen Hemden das herauszufinden was ſeine zweite Hälfte umſchloß. Durch das halbe Lager forſchte er den Leuten dicht unter die großen Hüte und in die bärtigen, verdutzt nach ihm umſchauenden Geſichter, bis er Madame endlich an der Seite ihrer Freundin, unter einem Baume ausgeſtreckt fand, und ſich nun ebenfalls, über die dort Umhergeſtreuten erbarmungslos hinüber ſtol⸗ pernd, zu Ruhe begab. Am nächſten Morgen brach der ganze Zug mit der erſten Dämmerung, und zwar ohne Frühſtück, nur wieder durch einen Brandy geſtärkt, auf, und ſelbſt in der Nacht ſtießen noch mehrere ihrer Landsleute aus den benachbarten Minen zu ihnen. Keine Stunde 4 . 3 . 183 waren ſie aber noch marſchirt, als ihnen plötzlich ein Trupp Mexicaner begegnete.— „Donde vais, amigos,“ riefen ihnen die erſten Franzoſen erſtaunt entgegen,„wo wollt Ihr hin und wo kommt Ihr her? Wißt Ihr nicht, daß wir Euch zu Hülfe ziehen gegen die Amerikaner? Wir wollen einmal ſehen ob ſie Euch wegtreiben ſollen?“ Die Spanier ſchienen betreten und wollten nicht recht mit der Sprache heraus. So viel ließ ſich übri⸗ gens endlich verſtehen, daß man ſie noch nicht förmlich vertrieben hatte, ſondern daß ſie vielmehr gutwillig gegangen waren. Die Franzoſen redeten ihnen ernſtlich zu wieder mit ihnen umzukehren, und ihre eigene Sache nicht auf ſo ſchmähliche Art im Stich zu laſſen. Nur bei ſehr wenigen half aber dieſes Zureden, die meiſten meinten, ſie wären nicht der Unruhen, ſondern der Minen wegen fortgegangen. Die Sonora⸗Minen ſeien doch meiſtens ausgearbeitet, und es lohnte nicht mehr der Mühe noch viel Zeit darauf zu verſchwenden. Unter dem Fluchen und Schimpfen der entrüſte⸗ ten Franzoſen kehrten ſie ſich endlich ab, und zogen nach Murphys zu durch den Wald, während den we⸗ nigen die wieder mit umkehrten, die Rolle die ſie jetzt als heldenmüthige Vertheidiger ihrer Rechte zu ſpie⸗ 184 len hatten, keineswegs zu behagen ſchien. Viele davon wußten es auch noch wirklich unterwegs möglich zu machen, ſeitab in die Büſche zu verſchwinden, und nur ſehr wenige hielten bis Sonora aus. Noch begegnete der Zug mehrern kleinen Trupps, wie vielen einzelnen Spaniern, Mexikanern wie Chi⸗ lenen. Dieſe ließen ſich aber auf gar keine weitern De⸗ monſtrationen ein, und die einzelnen drückten ſich ge⸗ wöhnlich gleich ſeitab, irgend einen kleinen Abhang hinunter oder hinter die dichten Rothholzbüſche. Um 10 Uhr etwa erreichten ſie den Stanislaus⸗ fluß, über den ein alter Amerikaner die Fähre hatte, und dieſer war, wie man leicht denken kann, nicht we⸗ nig erſtaunt und auch beſtürzt, ſo viele Bewaffnete in jedenfalls feindlicher Abſicht gegen Sonora rücken zu ſehen. „Um Gottes Willen, Kinder,“ ſagte er gutmüthig, „macht keinen Unſinn, bedenkt was Ihr thut, und ge⸗ rade im Begriff ſeid zu unternehmen. Noch wißt Ihr nicht einmal ob das, was Ihr über Sonora ge⸗ hört habt wirklich alles ſo wahr iſt, und wenn es wirklich der Fall wäre, ſo bedenkt, daß immer auch nur einzelne wieder daran die Schuld tragen. Rückt Ihr aber jetzt, wie Ihr da ſeid, in Sonora ein, ſo kann es nicht ohne Blutvergießen abgehen, und wenn erſt Blut 185 vergoſſen worden i*ſt, wer ſteht dann für das Uebrige? Handelt alſo nicht gleich ſo leichtſinnig, ſondern prüft vorher und haltet Euer Gewiſſen frei, daß Ihr Euch nicht ſpäter Euer ganzes Leben hindurch bittere Vor⸗ würfe über die Folgen machen müßt, die ein einziger unüberlegter Schritt herbeigeführt.“ Geſtern Abend hätte der alte Mann jedenfalls in den Wind geſprochen; heute Morgen hatte ſich das ſchnell erregte Blut aber ſchon bedeutend abgekühlt, wozu denn auch der nüchterne Magen nicht wenig bei⸗ tragen mochte. Sie verſicherten den Alten ſie woll⸗ ten ſeinem Rath folgen, und ehe ſie nach Sonora ein⸗ zögen und Gewalt brauchten, vorher einen Parlamen⸗ tär hineinſchicken, der ſich dort nach allen näheren Verhältniſſen noch einmal genau erkundigte. Der alte Amerikaner wollte nun freilich, daß die Andern ſo lange an dieſer Seite des Fluſſes bleiben ſollten. Dagegen waren aber alle; im Fall ſie wirklich gebraucht würden, wollten ſie auch gleich bei der Hand ſein. Noch während des Ueberſetzens ſtießen die beiden Franzoſen wieder zu ihnen, die geſtern Brief und 1 Nachricht von Sonora nach Murphys und der dorti⸗ gen Gegend gebracht hatten. Als dieſe die Abſicht ihrer Landsleute hörten, erboten ſie ſich augenblicklich vorauszureiten, und ihnen beſtimmte Nachricht, wie die Sachen jetzt ſtänden, unverweilt zu bringen. Hier⸗ gegen opponirten indeſſen einige, und beſonders Deut⸗ ſche, und meinten es wäre beſſer, dießmal andere hinein⸗ zuſenden, da man der beiden Männer Urtheil über Sonora ſchon gehört habe. Sie wurden aber über⸗ ſtimmt; die zwei Franzoſen gab ihren Pferden die Sporen und ſprengten voraus, der Zug rückte bis auf 1 ½ Meilen von Sonora, als dem mit den Abgeſandten verabredeten Sammelplatz vor, und la⸗ gerte dort, die Rückkehr dieſer zu erwarten. Alle un⸗ ter der Zeit noch nachfolgenden Franzoſen zogen ſie indeſſen an ſich heran, und es mochten damals wohl auf ſolche Art 4 bis 500 Bewaffnete vor Sonora ver⸗ ſammelt liegen, von denen jedenfalls drei Viertheile Franzoſen waren. Die beiden Ausgeſandten hätten etwa wieder zu⸗ rück ſein können, noch immer aber ließ ſich nichts von ihnen ſehen. Einzelne gingen den halben Weg ihnen entgegen, doch umſonſt, ſie mußten ohne ſie getroffen zu haben, wieder umkehren. Was war aus ihnen ge⸗ worden? Freiwillige meldeten ſich jetzt, das feindliche Terrain zu recognosciren, unter ihnen Fiſcher, der an demſelben Morgen von einem der ihnen begegnenden Spanier ein Pferd mit Sattel und Zaum gekauft hatte. Raſch ſchwangen ſie ſich in die Sättel und ga⸗ lopirten auf Sonora zu, erwarteten auch dabei nichts weniger, als die Stadt in Vertheidigungszuſtand und alle Punkte von amerikaniſchen Scharfſchützen beſetzt zu finden. Im Anfang erſtaunten ſie nun zwar, daß man ſie ſo weit und ungehindert in die Stadt hinein⸗ ließ, ihr Erſtaunen wuchs aber, als ſie Sonora end⸗ lich, den letzten Hügel überſteigend, anſichtig wurden und auch nicht das geringſte Auffällige darin bemerk⸗ ten. Allerdings ſtanden hie und da Gruppen von Men⸗ ſchen zuſammen, denn es war in Sonora kein Geheim⸗ niß geblieben wie eine bewaffnete Macht im Anzug dagegen ſei, man ſchien aber weiter gar keine Notiz davon zu nehmen, und die Abgeſandten ritten, etwas verdutzt darüber, die Hauptſtraße hinunter vor allen Dingen einmal ihre erſten beiden Boten aufzuſuchen und dann bei ihren Landsleuten anzufragen wie es mit den Gefangenen ſtände. Die Nachrichten die ſie hier erhielten, waren in⸗ deſſen wohl geeignet, ſie den jetzt verſuchten friedli⸗ chen Schritt, nicht bereuen zu laſſen. Die Geſchichte mit den gefangenen und gefährdeten Franzoſen war rein aus der Luft gegriffen. Einen Deutſchen hatte man allerdings vorgeſtern aufgegriffen, aber auch gleich wieder losgelaſſen, da ihn mehrere dort kannten, und er nur im Trunk gegen einen Amerikaner angeritten 188 ſein ſollte, um ihn vom Pferd zu werfen. Der Ange⸗ griffene brachte das im Anfang mit den in letzterer Zeit häufig vorgefallenen Räubereien in Verbindung, und klagte deßhalb, zog aber ſeine Klage augenblick⸗ lich zurück, als er erfuhr wer der Mann, und in welchem Zuſtande er geweſen ſei. Die in Sonora zahlreich wohnenden Franzoſen wußten dabei gar nichts von dem Brief und der ausgeſandten Bot⸗ ſchaft, und waren aufs äußerſte entrüſtet darüber. Eben ſo wenig konnten die beiden Boten wiedergefun⸗ den werden; ſie blieben trotz der genaueſten Nachfor⸗ ſchungen ſpurlos verſchwunden, und es unterlag gar keinem Zweifel mehr, daß dies Gerücht boshafter oder 4 doch wenigſtens unkluger und vielleicht ſelbſtſüchtiger Urſachen wegen verbreitet worden. Allerdings hatte vor zwei Tagen eine Demonſtua⸗ tion zwiſchen Mexicanern und Amerikanern ſtattge⸗ funden, und die erſteren ihre Flagge aufgepflanzt und erklärt, ſie würden die ihnen an Zahl weit unterlege⸗ nen Amerikaner aus den Minen treiben, wenn ſie die Taxgeſetze in Kraft wollten treten laſſen. Wie es aber gewöhnlich mit den Mexicanern iſt, ſo hörten ſie ſich gerne reden, und als es zur That kam, wollte Niemand bei der einmal erfaßten Sache, bei der ſie übrigens auch wie ſie recht gut wußten, im Unrecht 189 waren, Stand halten. Die Amerikaner rückten mit „ ihrer Flagge und klingendem Spiel gegen die Mexica⸗ ner an, und dieſe gingen ruhig auseinander, und lie⸗ 8 ßen ohne Widerſtand geſchehen, daß ihre Flagge ge⸗ ſtrichen und die amerikaniſche dafür aufgezogen wurde. Es fiel kein Schuß bei der ganzen Sache, eben ſo we⸗ nig war der Sheriff, wie das Gerücht gegangen, er⸗ ſtochen, oder auch nur bedroht worden. Die ganze Ge⸗ ſchichte lief auf einen großen Humbug aus, und Ameri⸗ kaner und Fremde kamen dadurch in Gefahr, ſich ganz ohne hinreichenden Grund feindlich gegenüber zu ſtehen. Die von dem Zug zum zweitenmal abgeſandten * Männer beſchloſſen jetzt, da ſich die Boten aus dem Staub gemacht hatten, und ſie den Ihrigen doch be⸗ ſtimmte Nachricht zurückbringen mußten, wenigſtens den unberufenen Briefſchreiber mit hinaus zu neh⸗ men, damit er ſich dort ſelber vertheidigen und eine Erklärung ſeines Betragens abgeben könne. Dieſer 84 zeigte ſich allerdings nichts weniger als geneigt, der Aufforderung Folge zu leiſten; weder Ausreden noch Sträuben halfen ihm aber, denn indeſſen hatten ſich auch die meiſten ſeiner Landsleute und eine Menge Amerikaner, welche die Urſache des Zuſammenlaufs erfahren, vor und in dem Zelte verſammelt, und man V drohte, ihn, wenn er nicht gutwillig ginge, zu binden 190 und gewaltſam hinauszuſchaffen. Der arme Teufel war durch dieſe Alternative nichts weniger als be— ruhigt, und ſuchte nach allerlei Ausflüchten, all ſein Sträuben war aber umſonſt und er mußte wohl oder übel, ſeinen Führern folgen. Dieſe brachten ihn denn auch von vielen der Sonorier gefolgt, hinaus zu den Ihrigen, dort über das Begangene Rede zu ſtehen. Seinen Empfang dort kann man ſich denken. In der erſten halben Stunde war allerdings kein Wort, weder von der einen noch andern Partei zu verſtehen. Alles ſchrie und geſticulirte wild durcheinander, und man bekümmerte ſich faſt gar nicht um den Gefange⸗ nen; er hätte in dieſem Gewirr, wenn er überhaupt Geiſtesgegenwart genug behalten, ſogar entwiſchen können. Nach und nach regelte ſich aber das Getöſe etwas mehr, einzelne Stimmen drangen ſchon hie und da durch, und es bildete ſich zuletzt, durch im Geſpräch ſelbſt aufgerufene Wahl, eine Art Jury, die über den Beklagten zu Gericht ſitzen ſollte. So manche komiſche Seite die ganze Sache auch vom erſten Anfang bis zuletzt gehabt haben mochte, ſo ernſthaft wurde ſie jetzt, denn es handelte ſich in dieſem Augenblick um nichts weniger als ein Menſchen⸗ leben. Dem Gefangenen hielt man ſein Vergehen vor, wie er, durch einen lügenhaften Brief, deſſen 191 nähere Gründe ſie gar nicht weiter unterſuchen wollten, da ſie in der Hauptſache nichts ändern könnten, das ganze Land in Aufruhr gebracht, ſeine zu vermeinter Hülfe eilenden Landsleute und andere Freunde nicht allein lächerlich gemacht, ſondern auch beinahe Blut⸗ vergießen herbeigeführt, und jetzt jedenfalls nach die⸗ ſem Schritt Mißtrauen zwiſchen Amerikanern und Fremden ausgeſäet hätte. Vergebens entſchuldigte er ſich dagegen, daß er die ganze Sache mit zu ſchwarzen Farben geſehen, daß es nur übereilter Eifer gerade für ſeine Landsleute geweſen ſei, der ihn dazu getrie⸗ ben; daß man ihm ſelber die Nachricht gebracht, zwei Franzoſen ſeien wirklich grundlos verhaftet worden, wonach er gleich in der erſten Aufregung Brief und Boten abgeſandt habe. Es half ihm nichts, die Jury ſprach ihr Schuldig über ihn aus; er wurde ein⸗ ſtimmig zum Strange verurtheilt, und das Urtheil ſollte gleich an Ort und Stelle vollzogen werden. Stumm und regungslos ſtanden die Männer um den Verurtheilten her, und ſahen ſtarr vor ſich nieder — vergebens ſuchte ſein ängſtlicher Blick Mitleiden in einem der rauhen bärtigen Geſichter— Todten⸗ ſtille herrſchte, und nur außerhalb des Kreiſes ſtand der Bäcker und wickelte einen Laſſo vom Halſe des nächſten Pferdes los. Der Mann trug noch den geſtri⸗ 4 8 1992 gen Aerger mit ſich herum, und ſchien jetzt eine Art von Genugthuung darin zu finden, denſelben an ir⸗ gend etwas, das ihn mit hervorgerufen, auslaſſen zu können. „Ihr wollt mich doch nicht mit kaltem Blut mor⸗ den?“ ſagte der Gefangene endlich mit leiſer, heiſerer Stimme zu den ihn nächſt Stehenden,„ich habe Frau und Kind daheim.“ Keiner antwortete ihm; Manchem mochte es wohl ins Herz ſchneiden, aber ſie fühlten auch wie ſtrafbar er ſei, und wollten dem gethanen Spruche nicht ent⸗ gegenſtehen. „Dieß iſt ein guter Baum,“ ſagte der Bäcker, der ſich indeſſen den benachbarten Holzwuchs angeſchaut hatte,„über den Aſt dort können wir den Laſſo leicht hinüberwerfen.“ Die beiden Männer, die neben dem Verurtheilten ſtanden, und deren Bewachung er anvertraut war, nahmen jetzt ſeine Hände und banden ihm die Ellbo⸗ gen auf dem Rücken zuſammen. „Landsleute, Freunde, Ihr wollt mich doch nicht morden?“ rief jetzt der Unglückliche zum erſtenmal mit lauter, aber immer noch heiſerer Stimme. Sein Antlitz hatte Leichenbläſſe überzogen, und wie Fieberfroſt ſchüttelte es ſeine Glieder. 193 Der Kreis öffnete ſich indeß geräuſchlos dem Baume zu; der geſchäftige Bäcker hatte das kleine mitgenommene Brandyfaß als Springbret unter den vorragenden Aſt einer Eiche, über dem der Laſſo hing, geſtellt. Die Schlinge wehte, von dem leichten Luft⸗ zug bewegt, hin und her. „O Gott!“ ſtöhnte der Mann, und zum erſten⸗ mal brach eine Thräne aus ſeinen Augen. Da trat plötzlich aus der Schaar der umſtehenden Männer ein Franzoſe, ein ſchlanker Geſell mit gut⸗ müthigem Geſicht und braunem Bart hervor. Er ſtreckte die linke Hand gegen den Gefangenen aus und ſagte mit herzlicher Stimme: „Laßt den Mann gehen, Freunde. Der arme Teu⸗ fel hat jetzt Angſt genug ausgeſtanden, und die ganze Sache doch eigentlich keinenfalls ſo bös gemeint, den Tod zu verdienen. Laßt ihn gehen; er wird in Zukunft vorſichtiger ſein, und mit ſeinem Tode wär' doch nichts weiter gut gemacht.“ „Allerdings wird damit gut gemacht,“ riefen in⸗ deſſen einige Stimmen von verſchiedenen Seiten her; „die Folgen ſeines Leichtſinns hätten zu furchtbar ſein können, und deshalb verdient er die Strafe.“ „Ja,“ ſagte der freiwillige Vertheidiger hier wie⸗ der mit ruhiger Stimme;„aber ſtraft Ihr dadurch, Gerſtäcker, Californiſche Skizzen. 13 194 daß Ihr ihn richtet, nicht ſeine unſchuldige Frau und Kinder weit mehr als ihn?“ „Und haben wir nicht auch Frau und Kinder 2“ rie⸗ fen andere, aber ſchon ruhiger als vorher,„und war er nicht auf dem beſten Weg unſer aller Leben zu riskiren?“ Der Gefangene ſagte kein Wort mehr, aber ſein Auge fuhr mit neu auflebender Hoffnung im Kreiſe umher; er wagte kaum zu athmen. Hie und da wur⸗ den jetzt noch Einwürfe gegen eine Begnadigung ge⸗ macht; der erſte Zorn war aber einmal gebrochen, der erſten Rachluſt Genüge geſchehen, und die in den mei⸗ ſten vorherrſchende Gutmüthigkeit, die zwar in dem hitzigen Blut leicht einmal untergehen konnte, aber doch zuletzt immer wieder oben ſchwamm, ſiegte endlich. Die Wächter des Gefangenen ſelber ſchnitten ſeine Bande entzwei, und kaum fühlte er ſeine Arme frei, als er die Hände der ihm nächſtſtehenden griff und ſie drückte, und einzelne der wilden Geſtalten ſogar an die Bruſt zog, und im Uebermaaß ſeines Gefühls des neugeſchenkten Lebens küßte. Hiermit hatte aber auch die ganze Revolution ein Ende. Einzelne beſchloſſen zwar nun, da ſie doch ein⸗ mal ſo nahe bei Sonora wären, hineinzugehen und den Ort zu beſuchen, jetzt in allerdings freundlicherer Abſicht, als ſie geſtern Abend gedacht. Viele mochte —— —* ——— auch wohl der Hunger hineintreiben. Die meiſten ſchämten ſich aber doch den Ort, wo ſie auf ſo ver⸗ zweifelte Art angekündigt waren, zu betreten, und entſchloſſen ſich lieber mit leerem Magen den weiten Weg nach Murphys zurückzulegen. Dort mußte außer⸗ dem das Gerücht, daß alles Humbug geweſen, ſchon vor ihnen eingetroffen ſein, und je ſtiller ſie wieder in ihre alte Heimath einrückten, und mit je weniger Auf⸗ ſehen, deſto beſſer war es. Sie machten ſich alſo ohne weiteres auf den Rück⸗ weg, und kamen nach einem tüchtigen Marſch faſt ſämmt⸗ lich noch an dem nämlichen Abend, oder doch vor Tages⸗ anbruch am nächſten Morgen wieder nach Murphys. Die Franzoſen ſandten ſpäter den Amerikanern eine Art brieflicher Entſchuldigung über ihr allerdings ge⸗ gen die Geſetze der Vereinigten Staaten verſtoßendes „bewaffnetes Ausrücken,“ und die Amerikaner hatten ein paar„Meetings,“ worin über dieſen Gegenſtand eine Maſſe von Anträgen geſtellt und nicht ein einzi⸗ ger angenommen wurde. Dabei blieb es aber auch; ſpäter lachte man darüber, und der Zug ſelber erhielt den Namen der„franzöſiſchen Revolution.“ Eine Nacht in einer Californiſchen Spielhölle. Auf der Plaza von San Francisco wogte eine halb geſchäftige, alb müßige Menſchenmaſſe herüber und 4 hinüber. Kaufleute und Mäkler, die Waaren erſtehen oder an den Mann bringen wollten; neue Ankömm⸗ linge, friſch von den Schiffen herunter, die in ſtum⸗ mem Erſtaunen oder lauten Ausrufen der Ueber⸗ raſchung die Wunder der neuen Welt, des ſo ganz anders erträumten„Eldorados“ vor und um ſich auf⸗ tauchen ſahen, und noch nicht im Stande waren, die in einander fließenden Wirren zu einem feſten Gan⸗ zen zu geſtalten; die wettergebräunten, in Kleidungs⸗ ſtücken arg vernachläſſigten, kräftigen Geſtalten der aus den Minen zurückgekehrten Goldwäſcher, die, den klei⸗ nen ſtrammen und ſchweren Lederbeutel im Gurt, in ruhigem Selbſtbewußtſein durch die Straßen ſchlen⸗ 197 derten; und dazwiſchen der Californiſche Spanier in ſeiner bunten Serape und mit den ſchweren klingenden Sporen, der bezopfte Chineſe in ſeiner dünnen, wei⸗ ten, blauen Jacke, wie dem, jeden Hemdkragen ver⸗ ſchmähenden, nackten Hals— die Schwärme reinlich und drall gekleideter Matroſen von einem der Ameri⸗ kaniſchen Kriegsſchiffe in der Bai, Franzoſen, Ameri⸗ kaner, Deutſche, Engländer, Argentiner, Spanier, Südſeeländiſche Indianer, Neger und Mulatten, das Alles drängte und preßte in müßiger Eile auf und ab; Gold die Nadel, um die ſich Alles drehte, Gold das Ziel, dem die Maſſe, welches Vaterland, welche Farbe auch immer, entgegen ſtrebte. Der erſte wilde Rauſch war aber vorüber, der die Menſchen wie blind und toll hinauf in die Berge jagte, um ſelber zu ſehen, ſelber zu graben. Die Meiſten„had seen the elephant“*) und waren vollkommen befrie⸗ digt zurückgekehrt; d. h. ſie hatten Nicht allein kein Gold oben gefunden, ſondern das wenige, was ſie mit hinaufgenommen, noch obendrein zugeſetzt, und ſchie— nen nun zu der Ueberzeugung gelangt zu ſein, daß es *) To have seen the elephant, den Elephanten geſehen haben, bedeutet in Amerika, etwas verſucht zu haben, was viel⸗ 2 leicht mit großen Schwierigkeiten verbunden war, und doch ohne Erfolg blieb. auch andere Mittel und Wege in Californien gäbe, ihren„pile“*) zu bekommen. Dieſe warfen ſich jetzt in die Städte und wurden Kaufleute oder Mäkler, Handarbeiter oder Handwer⸗ ker, Bootsleute, Straßenarbeiter, Markthelfer, Po⸗ lizeidiener, Händler, Köche, Holzhacker, Conditoren, Reſtauranten, Kellner, Commis, kurz Alles, was ſich nur denken ließ, um ſo raſch als möglich Geld zu ver⸗ dienen und— dann damit nach Hauſe zurückzukehren? — Nein, ſondern noch einmal damit in die Minen zu gehen, denn ſie„hatten es das erſte Mal nicht richtig angefangen.“ Nur eine Klaſſe Menſchen von all den Herüber⸗ gekommenen dachte nicht daran, weder zu arbeiten noch zu handeln, weder zu kaufen noch zu verkaufen. Mit eigends dazu in den Vereinigten Staaten präpa⸗n rirten falſchen Karten, wo ganze Fabriken in dieſem Ge⸗ ſchäft arbeiten, das innere Blatt durch die Punktirungen auf der Rückſeite gleich erkennen zu können, kamen ſie nach Californien, und ſie thaten Nichts von dem Augen⸗ blick an, wo ſie das Land, ja das Schiff ſelber betra⸗ ten, das ſie hinüberführen ſollte, als Karten zu mi⸗ ſchen und Gold zu zählen oder zu wiegen. *) Pile, Haufen(Gold), Cal. Redensart. Es waren und ſind dies die privilegirten Spieler, die ihre Centralmacht in San Francisco ſelber haben, und von hier aus in Strahlen nach den verſchiedenen Minen in je der Richtung hin ausſchie⸗ ßen. Menſchen, die mit dem Betrug als Grund⸗ lage ihres Geſchäfts, Californien betraten, um Gold zu verdienen und reich zu werden, und die feſt ent⸗ ſchloſſen dieſer Bahn folgen, und wenn ihnen Mord und Raub dazu helfen müßte. Werft den Engländern die Deportirten Auſtra⸗ liens vor— ſie ſind Heilige gegen dieſen Auswurf der Amerikaniſchen Bevölkerung, zu der merkwürdiger Weiſe keineswegs Engländer und Irländer gehören — eine ſehr kleine Zahl vielleicht ausgenommen. Die verworfenſten dieſer Spieler und die einzigen in der bhat, die mit dem ſchlauen, im Hazardſpiel ſo merk⸗ würdig kaltblütigen Spanier concuriren können, ſind Amerikaniſche„Boys,“ wie die Jugend der Städte der Vereinigten Staaten genannt wird. Von dem prachtvoll ausgeſtatteten Salon San Franciscos mit ſeinen üppigen Gemälden und Verzie⸗ rungen und hunderten von goldbelaſteten Tiſchen, bis zu dem dünnen Zelt in den letzten Bergen oben, wo die Serape, über einen dürftig zuſammengenagelten Tiſch geworfen, als Spieltuch die Nacht hindurch, und mit 5 9 dem dämmernden Morgen als Bett und Decke dienen muß, überall ſind ſie zu finden, jeden Augenblick be⸗ reit, dem armen Miner den eben mühſam ausgewa⸗ ſchenen Lohn durch falſches Spiel wieder zu entwenden. Der Spaniſche Mantel verbirgt dabei das erbeu⸗ tete Gut ſowohl, wie den ſechsläufigen Revolver und das ſcharfe Bowiemeſſer als Vertheidigungs⸗ oder Angriffswaffe, wie es der Augenblick oder die Aus⸗ ſicht auf Gewinn gerade erfordern. 3 Doch mit den Minen haben wir es jetzt nicht zu thun; wir ſind auf der Plaza von San Francisco, und die Dämmerung iſt blitzesſchnell hereingebrochen über das Land, wie die Sonne kaum hinter der nie⸗ deren„coast range“ verſchwunden und in das Meer getaucht war, um Indien ſeinen Morgen zu bringen. Aber welch' reges Leben beginnt da plötzlich in den gewaltigen Gebäuden, die Kearneyſtreet mit der Plaza abſchneiden?— Weit öffnen ſich die mächtigen Flügelthüren, und von einer Maſſe Aſtrallampen blendend hell erleuchtet, ſchwimmt und glüht darin ein Meer von Licht, dem die Menſchenmenge fluthend entgegenſtrömt. Rechts und links liegen ähnliche Gebäude, aus Backſteinen aufgebaut und mit eiſernen Balkonen und Fenſterladen, dem nächſten Feuer, das dieſe 201 Reihen nun ſchon dreimal in Aſche gelegt, trotzig und mit Erfolg die Stirn bieten zu können. Aus allen quillt ein Strom von Licht; aus allen tont wilde rauſchende Muſik, in allen wogen dichte Schwärme von Menſchen herüber und hinüber, und die Wahl wird dem Schauenden ſchwer, welches zu betreten. Aber das prachtvollſte und großartigſte iſt jenes dort, über deſſen Eingang mit großen goldblitzenden Buch⸗ ſtaben der Name El Dorado prangt, und noch un⸗ entſchloſſen, ob wir uns in die„Höhle des Löwen“ 4 wagen ſollen, läßt uns, die Schwelle einmal betreten, die Neugier nicht mehr zurück, und die nächſten Mi⸗ nuten führen den Neuling, förmlich trunken von Allem was er ſieht, in die Mitte des Raumes, ehe er ſich deſſen ſelber klar und bewußt iſt. Eiin ungeheurer Saal, deſſen Decke von zwei Neihen weiß lackirter Säulen getragen wird, breitet ſich um uns aus; überall hängen Aſtrallampen und geben dem Raum faſt Tageshelle, und die Wände ſind mit üppigen Gemälden geſchmückt. Nackende ſchlafende Frauen zeigen ſich dort; badende Nymphen uud bacchantiſche Mädchengeſtalten; bunte Bilder, die Sinne zu reizen, und darauf berechnet, mit der. rauſchenden Muſik Schauluſtige hereinzulocken. Ein⸗ mal dann im Innern, mögen die goldbeladenen Tiſche das Ihrige thun, die Fremden zu halten. Die Maſſe, die hereindrängt, achtet auch wahrlich im Anfan nicht auf die Tiſche, die einzeln zerſtreut und nur immer weit genug von einander entfernt ſind, um einer Anzahl Menſchen zu geſtatten, zwiſchen ihnen zu ſtehen oder zu ſitzen, und zugleich einen Gang für die Auf⸗ und Abwandernden zu laſſen. Zu viel des Neuen bietet ſich außer dem Spiel, und die Sinne müſſen das erſt erfaſſen und verdauen, ehe ſie ſich mit Andacht dem Spiele ſelber zuwenden können. Rechts im Saal, hinter dem langen Ladentiſch, ſteht ein Mädchen, ein wirklich lebendiges, junges, recht hübſches und anſtändig ausſehendes Mädchen in ſchwarzem, enganſchließenden Seidenkleid, die zar⸗ ten weißen Finger mit Ringen bedeckt, dort Thee, Kaffee und Chocolade auszuſchenken, wie Kuchen, Confekt und Candy oder andere Näſchereien zu ver⸗ kaufen, während in der anderen Ecke des Saales, hinter einem entſprechenden Tiſch ein Mann ange⸗ ſtellt iſt, Weine und Spirituoſen zu verabreichen. An dem Thee⸗ oder Kuchentiſch lehnen aber vier oder fünf lange, ungeſchlachte Geſtalten und ſchmach⸗ ten nach der jungen Dame hinüber, gießen eine Taſſe Thee à ½¼ Dollar nach der andern hinunter, um eine paſſende Entſchuldigung zu haben dort zu bleiben, 203 und verderben ſich den Magen aus eben dem Grunde an dem ſüßen Gebäck und den Näſchereien, die ſie in Gedanken verzehren. Ein Trupp von Hinterwäldlern ſteht ein Paar Schritt zurück von dem Tiſch, hartnäckig den Weg verſperrend, und, allerdings auf billigere Art, den Genuß mit den Schmachtenden theilend. Es ſind meiſt derbe, kräftige Geſtalten, in ihre ſelbſtgeweb⸗ ten Stoffe gekleidet, die hier in ſtummem Staunen all' das Neue, nie Geſehene anſtarren. Sie kom⸗ men aber auch direkt aus dem Wald. Im fer⸗ nen Weſten der Vereinigten Staaten erzogen, trieb ſie der Ruf nach Californien durch die weiten Steppen und über die Felſengebirge. So erreichten ſie die Minen, fanden dort im Walde, außer dem Golde, nichts Anderes, als was ſie von Jugend auf gekannt: Bäume und Berge, Thäler und Q Auellen, ein Rinden⸗ dach zum Schlafen und Wild zum Schießen, und erſt, nachdem ſie ſich etwas verdient, oder auch das Leben voll harter Arbeit in den Bergen ſatt hatten, ſtiegen ſie in's Thal hinab, um die berühmte Stadt San Francisco zu beſuchen. Daß ſie hier ſtaunten, darf ihnen nicht verdacht werden; ſtaunte ja doch der Eu⸗ ropäer, der, an großſtädtiſches Leben gewohnt, kaum 8 etwas Unerwartetes hier zu finden glaubte, und ſich jetzt plötzlich mitten in einem Treiben ſah, das die tollſte, überſpannteſte Phantaſie nicht toller, nicht überſpannter ſich hätte ausmalen können. Aber um das Mädchen drehte ſich nach und nach der ganze Saal. Wenn auch ſchon einmal geſehen, ſie Alle kehrten noch einmal hierher zurück, und We⸗ nige verlaſſen den Platz wieder, ohne nicht wenigſtens ihren Viertel Dollar für irgend etwas Genießbares oder Ungenießbares da zurückgelaſſen zu haben. Wäre es auch nur, die Paar Worte mit ihr zu reden die ſie ſprechen mußte, ihnen den Preis der Waare zu ſagen. Und weshalb? das Mädchen hatte ein recht liebes, freundliches Geſicht und war hübſch gewachſen, ſonſt aber keinesweges eine beſondere Schönheit, und wir brauchen in anderen Städten keine Straße entlang zu gehen, in der wir nicht drei oder vier ebenſo hüb⸗ ſchen oder hübſcheren begegneten, aber— es war ein weibliches Weſen, mit all der ſorgfältigen Sauberkeit gekleidet und ausgeſtattet, wie ſie dieſelben wohl zu Hauſe— aber ſeitdem nicht wieder— geſehen hatten. In ganz San Franciseo exiſtirten in jener Zeit nur erſt ſehr wenig ordentliche Frauen, und dieſe kamen ſelten oder nie auf die Straße; die Schiffe brachten faſt gar keine, und durch die Prärien kamen nur ſehr — 205 wenige. Es war ein Staat von Männern, rauh und kräftig, wüſt und verwildert,— Männer, meiſt alle mit den geladenen Waffen in den Taſchen, oder im Gürtel unter Jagdhemd und Rock, die ſich viele lange Monate in Wald und Wildniß herumgeſchlagen nur mit ihres Gleichen, und die nun nach langem müh⸗ ſeligen Marſche, nach ſchwerer Arbeit in den Bergen, nach Kämpfen vielleicht mit den gereizten Eingebo⸗ renen, oder auch nach langer monotoner Seefahrt, zum erſten Mal wieder ein freundliches Mädchen⸗ geſicht in einem reich eingerichteten, hell erleuchteten Hauſe— hinter Geſchirr und Taſſen ſahen. Kein Wunder, daß ſie eine Weile dabei ſtehen blieben, um ſich ſatt zu ſchauen an den freundlichen und doch ſo dunklen Augen, und dann vielleicht ſeufzend weiter gingen. Sie ſeufzten nicht des fremden Mädchens wegen, das da aufgeputzt hinter dem Laden⸗ oder Schenktiſch ſtand, ſondern die eigene Heimath, Alles, was ſie dort zurückgelaſſen, fiel ihnen dabei ein, und um das Gefühl wieder abzuſchütteln, wandten ſie ſich zu den Bildern oder Spieltiſchen. Die Bilder waren aber das beſte Mittel gegen jedes derartige wehmüthige Gefühl— das junge Mädchen in faſt unmittelbarer Nähe mit den frivolen, ja halb obſcönen Gemälden, zerſtörte jeden derartigen —— 206 Zauber. Die in ſtiller Anſchauung bis dahin Verſun⸗ kenen wandten ſich kopfſchüttelnd ab, Anderen Raum zu geben— und die junge Dame goß Thee auf die Anbetung. Aber halt, was iſt das?— um jenen Tiſch dort drängen ſich die Spieler oder Neugierigen— dort wird wahrſcheinlich hoch geſpielt, und wer noch einen Platz bekommen kann, ſei es auch nur um auf den Zehen zu ſtehen und über die Glücklicheren weg zu ſchauen, der preßt hinan, einen Blick von dem zu gewinnen was da vorgeht. Ein junger Burſche ſteht dort am Tiſch, zwiſchen den Spielenden und ſeinen Helfershelfern. Langſam miſcht er die Karten, eine Beſchäftigung zu haben bis das Spiel beginnt, und überwacht dann mit den kleinen, ſcharfen, grauen Augen, während die Hände faſt unwillkührlich die Bewegung fortſetzen, die ge⸗ ſetzten Karten. Das Spiel ſelbſt iſt uns allerdings fremd; der Spanier an der anderen Seite dagegen, der den Gang deſſelben und den Händen des Ausgebenden mit einem feinen, kaum bemerkbaren Lächeln folgt, ohne bis jetzt zu ſetzen, ſcheint es deſto beſſer zu kennen. Es iſt Monte, ein Spaniſches Spiel, auch mit Spa⸗ niſchen Karten geſpielt, und die wunderlichen Figuren 1——ͤͤ 207 der Karten ſelber, die gekreuzten Schwerter und goldenen Kugeln, die Reiter ſtatt der Dame c. ꝛc., feſſeln das Auge des Fremden im Anfang vor allen Dingen, und geben den keck darauf geſetzten Rollen und Säckchen von Silber und Gold einen noch viel höheren und geheimnißvolleren Reiz. Das Spiel ſelbſt hat Aehnlichkeit mit unſerem Landsknecht; die links aufgeworfene Karte iſt für den Banquier, die rechts geworfene für den Spieler, und es wird dadurch ein doppeltes, daß er zwei oben und zwei unten aufwirft, dem einzelnen Spieler alſo auch Gelegenheit giebt, zwei zu gleicher Zeit zu ſetzen. Der junge Burſch, für den wir uns gleich von vornherein intereſſirten, kann höchſtens ſechzehn Jahre alt ſein. Er iſt hoch und ſchlank aufgeſchoſſen, aber ſeine Züge hätten noch etwas weichliches, kindliches, ſtrafte den Gedanken nicht das dunkel und leiden⸗ ſchaftlich glühende, eingeſunkene Auge, wie die feſt und krampfhaft zuſammengepreßten bleichen Lippen Lügen. Seine rechte Hand ſtützt ſich geballt auf das grüne Tuch des Tiſches, in deſſen Mitte aufgeſtapelte Dollare eine Mauer um einen Haufen kleineren Gol⸗ des und Goldſtücke, ſowie kleiner eingenähter Säck⸗ chen mit Goldſtaub bilden, und drei oder vier größere Klumpen Gold, und gemünzte kleine Barren, mehr 208 als Zierrath als zum wirklichen Gebrauch obenauf liegen. Seine Linke hat er in der Weſte, und der zurückgeſchobene Filzhut läßt einzelne blonde Locken, wie die hohe feuchte Stirn frei. Sein Gold, viel⸗ leicht zwanzig oder fünfundzwanzig halbe„Eagles“ (5 Dollar), ſteht auf dem Reiter, und die in ihren Höhlen glühenden Augen haften in peinlicher Span⸗ nung auf den Händen des Spielenden. Dieſer, ein Amerikaner, ſitzt kalt und ruhig hinter ſeinem Tiſch, die abzuziehende Karte ſchon im Griff, und nur mit den Augen noch den Satz rings umher revidirend, ob Alles in Ordnung ſei. Das Aß und die Dame ſind die oberſten Karten— der junge Burſche hat gewonnen, und ein triumphirendes Lächeln zuckt um ſeine Lippen. „Heut zahl ich Euch zurück, was Ihr mir neulich angethan, Robertſon,“ lachte er heiſer zwiſchen den kaum geöffneten Zähnen durch. „Hoffentlich,“ erwiedert der Spieler ruhig, mit einem zweideutigen Lächeln—„Ihr ſeid im Glück heute, Lowel, und ſolltet es eigentlich forciren.“ „Die Summe bleibt auf der Dame und das da auf die Drei!“— Hier und da am Tiſch werden klei⸗ nere Umſätze ausgezahlt oder eingezogen, und wieder fallen die Karten— beide Sätze haben verloren. —ͤ „Damn it,“ knirſcht der junge Burſch leiſe und kaum hörbar vor ſich hin, aber die Hand bringt faſt unwillkührlich neue Beute zu Tage, ein Säckchen mit Goldſtaub, das der Spieler ſelbſt keines Blicks wür⸗ digt. Das Säckchen mochte etwa zwei Pfund ent⸗ halten, und der Spanier, der ihm gegenüberſteht, wirft jetzt ein Paar Unzen auf die entgegengeſetzte Karte. „Ihr mißtraut dem Glück des Gentleman da, Seüor,“ lächelte der Spieler, die Karten feſt und ruhig mit der linken Hand umſpannt, den eigenen Blick aber forſchend auf die Augen des Californiers geheftet. „Quien sabe?“ murmelt dieſer gleichgültig, aber— ſeine Karte hat gewonnen. „Teufel,“ ziſchte der junge Spieler zwiſchen den feſt zuſammengebiſſenen Zähnen durch, und die Hand ſuchte in krampfhafter Haſt in ſeinen Taſchen nach anderem Gold— umſonſt— nicht in der— nicht in der—„Fort— geſtohlen!“ ſtammelt er dabei vor ſich hin, und die ſtieren Blicke ſchweifen mißtrauiſch und ſcheu dabei von Einem zum Andern der ihn dicht Umdrängenden. Er begegnet nur gleichgültigen oder ſpöttiſchen Mienen. „Kommt, Fremder— wenn Ihr nicht mehr ſpielt Gerſtäcker, Californiſche Skizzen. 14 X 8 210 laßt einem Anderen den Platz!“ ſagte ein in ein blaues, ſchmutziges und zerriſſenes Staubhemd gekleideter bär⸗ tiger Geſell, dem der arg mitgenommene zerknitterte Filzhut ſeitwärts auf dem wirren Haar ſitzt—„es ſcheint mir, Ihr ſeid fertig.“ 4 „Ich ſtehe hier ſo lange als es mir gefällt.“ „Bitte, Sir, wenn Sie nicht mehr ſpielen, geben Sie Anderen Raum,“— ſagte aber auch jetzt der neben ihm ſitzende zweite Spieler gleichgültig— „unſer Tiſch iſt überdies gedrängt voll.“ „Ich bin beſtohlen worden,“— ruft der junge Mann jetzt, einen ingrimmigen Blick dabei auf den im Staubhemd werfend—„ſchändlich, niederträchtig beſtohlen worden.“ „Dann ſieh mich nicht ſo dabei an, mein Burſch, wenn ich bitten darf,“ ſagt der im Staubhemd ruhig. „Ich ſehe an, wen ich mag!“— trotzte der Auf⸗ geregte—„und wer den Blick nicht ertragen kann, der ſehe weg.“ „Platz da!“— brummte der Miner im Staub⸗ hemd, den Kopf halb zurückdrehend zu den hinter ihm Stehenden, und den jungen Spieler mit rieſiger Kraft packend, hob er ihn auf und warf ihn hinter ſich. „Hab' Acht— hab' Acht!“— ſchrieen in dem Augenblick mehrere Stimmen, und zwei oder drei 4 Hände fuhren zu und warfen den Arm des Raſenden in die Höhe, der, mit einem Revolver bewaffnet und, unbekümmert um die Folgen, gerade auf den Kopf des Angreifers gerichtet war. Ob aber auch gefaßt, zuckte der Finger des jungen Verbrechers zweimal, ehe ſie ihm die Waffe entreißen konnten, und die eine Kugel ſchmetterte die Glocke einer Aſtrallampe auf die Untenſtehenden, die lachend und fluchend ausein⸗ anderſtoben, während die andere harmlos in die Decke ſchlug, dort nur ein wenig Kalk niederwerfend.— Es war nicht das einzige derartige Zeichen da oben. „Ich danke,“— ſagte der Miner im blauen Jagdhemd ruhig zu den Umſtehenden, und ohne ſich weiter um den Raſenden zu kümmern, der ſich in den Händen der ihn Haltenden wand und förmlich ſchäumte vor Wuth, nahm er ein Päckchen Gold aus ſeiner Blouſe und ſetzte es auf die ihm nächſte Karte. Der junge Spieler, von dem man fürchtete daß er noch andere Waffen bei ſich haben könne, wurde indeſſen von einigen handfeſten Irländern, die ſich der Sache freundlich unterzogen, bis an die Thür ge⸗ ſchleppt, wo ihn zwei durch den Schuß herbeigerufene Polizeidiener in Empfang nahmen und fortführten. Die Neugierigen im Saal hatten indeſſen alle dahin gepreßt wo der Schuß gefallen war, ſo viel 14* wie möglich von einem dort vermutheten Kampf zu ſehen, und die Spieler der nächſten Tiſche mußten ein Paar Minuten wirklich Gewalt brauchen, die Andrängenden zurückzuhalten— ſelbſt der Kuchen⸗ tiſch war für ein Paar Augenblicke leer geworden— aber nicht lange. Zu viel des Neuen, zu viel des Intereſſanten bot ſich indeſſen überall, die Aufmerkſamkeit der Zu⸗ ſchauer lange auf einem Punkt, an einen Platz zu feſſeln, ſelbſt wenn ein ſolches Intermezzo mit einem Schuß gewürzt war. Von einer andern Seite des Saales her tönte in dieſem Augenblick wieder Lär⸗ men, Geſchrei und Lachen— was war dort geſchehen? „Das war brav gemacht— bravo— hurrah!“ ſchrie die Menge, und die gellende Stimme eines Mannes, der gegen etwas eifrig proteſtirte, wurde immer wieder auf's Neue von dem Jubelruf unter⸗ brochen. Ein eigener Zwiſchenfall hatte ſich hier ereignet, bei dem ſich die Menge bald zum Richter aufwarf und entſchied. Ein Mann in ſchwarzem Frack und dunklen Hoſen, ganz anſtändig und reinlich gekleidet, war ſchon ſeit mehreren Abenden— heute am ſiebenten— regel⸗ mäßig um dieſelbe Zeit zu ein und demſelben Tiſch 213 getreten, hatte dem Spiel eine Weile beobachtend zu⸗ geſehen, bis er zuletzt einen leinenen Sack aus ſeiner Bruſttaſche holte und ihn auf eine Karte ſetzte. Die Karte gewann am erſten Abend, und er ſchüttete den Sack, um das Geld zu zählen, auf den Tiſch aus. Es waren achtundzwanzig Spaniſche Dollar, die ihm der Spieler ruhig auszahlte, und der„gentleman“ verließ mit ſeinem Gewinn, ohne Fortuna einen zweiten Wurf anzuvertrauen, und wahrſcheinlich gegen die Erwartung des Spielers, den Tiſch wieder. Am zweiten Abend kam er wieder, ſetzte wieder und— verlor. Mit größter Kaltblütigkeit aber, ohne auch nur eine Miene zu verziehen, öffnete er den Sack, faßte ihn an den beiden unteren Zipfeln, ſchüt⸗ telte ihn aus— und er enthielt genau die gleiche Summe, wie am vorigen Abend— rollte ihn dann wieder zuſammen und verließ, ihn in ſeine Taſche zu⸗ rückſchiebend, den Saal. Am dritten, vierten und fünften Abend dieſelbe Sache— die Spieler lernten den Mann kennen und amüſirten ſich über ſein wunderliches Weſen; wieder verlor er und betrug ſich genau wie die erſten Male, den Sack nahm er jedesmal wieder mit ſich fort. Am ſechſten Abend— und ſo regelmäßig hielt er dabei ſeine Zeit, daß die Spieler untereinander lachend — ſagten—„es iſt noch nicht acht Uhr, der Mann hat uns ſeine achtundzwanzig Dollars noch nicht gebracht“— daſſelbe Spiel. Wieder verlor er ſein Geld, und der Barkeeper oder Ausſchenker am Spirituoſentiſch, dem gerade gegenüber dieſer Spieltiſch ſtand, lachte laut auf, als der merkwürdige Geſell das Geld ſo ruhig ausſchüttete, als ob er für Jemand Anders hier ſeine regelmäßige Zahlung zu leiſten, und nicht das eigene Geld verſpielt und weggeworfen hätte. Der ſiebente Abend kam. Es war ſchon eine volle Minute nach acht Uhr, und der eine Spieler rief lachend dem andern zu:„Wir ſind zu hart mit ihm— verfahren und haben ihn verſcheucht;“ als ſein Ka⸗ merad lächelnd zur Seite zeigte und der Mann im ſchwarzen Frack, ohne eine Miene zu verziehen oder auf das Kichern und Flüſtern um ihn her zu achten, zu ſeinem gewöhnlichen Platz am Tiſch trat, den ihm einige der zufällig ſchon früher mit ihm hier Zu⸗ ſammengetroffenen willig räumten, gerade bis ein Viertel auf neun dem Spiel ruhig zuſah und dann den Allen wohlbekannten Leinwandſack neben die eben aufgeworfene Zwei niederſetzte. Ein Paar Karten wurden indeß abgezogen, ohne daß die Zwei erſchien— jetzt fiel die Drei links, und rechts— ein feines, kaum bemerkbares Lächeln zuckte — 215 um des Spielers Lippen— die Zwei. Der Fremde wurde todtenbleich, aber ohne auch nur eine Sylbe über den endlichen Wechſel ſeines Glücks zu äußern, ſtreckte er ruhig wieder die Hand nach dem Leinwand⸗ ſack aus und war eben im Begriff ihn aufzubinden, die Dollar, wie er das am erſten Abend gethan, über⸗ zuzählen, als der Spieler lachend ſagte: „Laßt nur ſein; ich weiß ſchon wie viel d'rin ſind. — Achtundzwanzig— hab' ich nicht Recht?“ „Nein!“ ſagte der Mann ruhig und ſchüttelte das Silber auf den Tiſch und ſchüttelte den Sack ſtärker, und hinter dem Silber her eine Rolle feſt zuſammen⸗ gewickelter Banknoten und ein feſt ineinandergefal⸗ tetes Papier. „Was iſt das?“ riefen die Spieler erſchreckt, und die Umſtehenden drängten überraſcht und neugierig hinzu. 38 „Mein Satz,“ ſagte der Mann anſcheinend gle gültig und knüpfte das Band auf, das die B noten zuſammenhielt. „Halt, das gilt nicht!“ ſchrie aber der Spieler, ſeine Karten niederwerfend,„das iſt falſches Spiel — Ihr habt die vorigen Abende nur achtundzwanzig Dollar gezahlt.“ „Falſches Spiel?“— rief der Mann, und ſeine ————— 216 Augenbrauen zogen ſich drohend zuſammen—„be⸗ weiſt mir falſches Spiel, Ihr Kartenmiſcher. Hab' ich den Sack nicht vollſtändig, wie er da iſt, auf jene Karte geſetzt? und habt Ihr Euch etwa geweigert, ihn uneröffnet anzunehmen?“ „Nein, das iſt Alles in Ordnung— Alles in Richtigkeit!“ riefen die Umſtehenden, immer gern bereit, gegen den Spieler Parthei zu nehmen. Sie ſind feſt überzeugt, daß er nicht ehrlich ſpielt, und trotzdem treten ſie doch immer und immer wieder ſelber hinzu, ihr Geld ebenfalls in den Brunnen zu werfen.„Er hat es geſetzt und gewonnen, und muß es bekommen!“ riefen Andere. „Zählt Euer Geld— wie viel habt Ihr?“ ſagte der Spieler, der raſch ein Paar Worte mit dem Ge⸗ genüberſitzenden geflüſtert hatte—„wie viel iſt es?“ „Erſtlich achtundzwanzig Dollar in Silber,“ ſagte dieſer ruhig, und die Anderen lachten—„dann hier in Banknoten ein, zwei, drei, vier, fünf, ſechs, ſieben, achthundert Dollar, und dann hier“— „Was noch?“ „Eine kleine Anweiſung auf Dollſmith und Pen⸗ neken, ſo gut wie Silber, acceptirt und Alles; das Geld braucht nur abgeholt zu werden, auf— drei Tauſend.“ 217 „Drei Tauſend?“— ſchrie der Spieler, erſchreckt von ſeinem Stuhl aufſpringend—„das wären beinah vier tauſend Dollar zuſammen; ſeid Ihr wahnſinnig? — das brauch' ich nicht zu zahlen.“ „Braucht Ihr nicht?“— ſagte der Fremde er⸗ ſtaunt—„hättet Ihr's nicht genommen, wenn ich’s verloren?“ „Gewiß hätt' er— das verſteht ſich— ob die's nehmen?— Alles, was ſie kriegen können und ein klein Bischen noch mehr,“— ſchrieen die Stimmen um den Tiſch herum.—„Er muß zahlen, da hilft ihm kein Gott.“ „Gentlemen,“— proteſtirte aber der Spieler jetzt gegen die Schaar, in der troſtloſen Hoffnung dieſe zu ſeinen Gunſten zu lenken.—„Gentlemen, der Herr da hat jeden Abend die ganze vorige Woche geſetzt—“ „Und jedesmal verloren,“— fiel ein Anderer ihm in die Rede—„ich bin einige Male ſelber dabei geweſen und habe es von Anderen erzählen hören, und er hat nie ein Wort dagegen eingewandt.“ „Aber das waren nur achtundzwanzig Dollar.“ „Und wenn es jetzt ſo viele Tauſende wären.“ „Aber ſo laſſen ſie mich ausreden,“— ſchrie der Spieler, mit Todtenbläſſe im Geſicht und funkelnden Augen—„es waren nur achtundzwanzig Dollar die er mir auf den Tiſch ſchüttelte, und die Papiere hielt er zurück— dreimal ſchon hab' ich die Summe von ihm gewonnen.“ „Beweiſt mir, daß ich einen Cent mehr wie die achtundzwanzig Dollar im Beutel gehabt!“ rief aber der Fremde verächtlich—„mit ſolchen Ausflüchten kommt Ihr nicht durch.“ „Warum haſt Du den Sack nicht mitbehalten, compafiero,“— lachte ein Spanier, der dabei ſtand —„wir behalten Alles was auf die Karte geſetzt wird.“ „Hätt’ er wieder verloren, ſo wären nicht mehr aus dem alten verdammten Leinwandbeutel heraus⸗ gekommen, wie die Paar lumpigen Silberdollar“— fluchte der Andere. „Möglich, aber nicht zu beweiſen,“— lachten die Umſtehenden—„Ihr müßt zahlen.“ „Verdammt, wenn ich's thue,“— ſchrie der Spieler und ſchlug mit der geballten Fauſt auf den Tiſch.—„Eine neue Art von Betrug und Schurkerei iſt's, die ſie an mir verſuchen wollen— aber ſie ſind an den Unrechten gekommen.— Ich zahle nicht.“ „Ich habe an Dich hundert Dollar die letzte halbe Stunde verloren“— ſchrie da ein langer rieſiger Kentuckier, ſich zum Tiſch durchdrängend, und über der Anderen Schultern fort—„und hab' ſie Dir zah⸗ len müſſen bis zum letzten Cent. Weigerſt Du Dem die Zahlung, mußt Du mir mein Geld auch wieder herausgeben.“ „Und mir auch— mir auch!“— ſchrieen eine Menge Stimmen durcheinander—„ich habe auch verloren— ich auch— ich zehn Dollar— ich funfzig — ich fünfundzwanzig— ich ein Pfund Gold— heraus mit dem Geld, wenn er nicht zahlen will.“ Ein anderer Spieler vom Nachbartiſch war in⸗ deſſen zu dem Kameraden getreten und hatte, während der Tumult wuchs, einige Worte mit ihm geflüſtert. Der Verlierende ſtritt ebenfalls mit unterdrückter Stimme dagegen an, wich aber doch zuletzt deſſen Zureden und nahm das Geld, um es noch einmal zu überzählen, wonach Beide die Banknoten wie den fälligen Wechſel eines der erſten Banquierhäuſer in der Stadt ſorgfältig prüften. Es war gegen beide Nichts einzuwenden, und während der Fremde wieder, in dem Tumult um ſich her, ſeine frühere, vollkommen ruhige Stellung eingenommen hatte und dem Lärm ſcheinbar ſo gleichgültig zuſah, als ob ihn das Ganze auch nicht das mindeſte anging: zählte indeſſen einer 220 der Spieler das Geld ab, das faſt die ganze prah⸗ leriſch aufgeſtapelte Baarſchaft des Tiſches mit fort⸗ nahm. Mehrere Pakete mit Goldſtaub mußten ſogar noch dazu gelegt werden, die der Fremde, ehe er ſie acceptirte, aufſchnitt, aufmerkſam betrachtete und an dem Spirituoſentiſch, wo er ſich zugleich ein Glas Brandy einſchenken ließ, abwog. Es war Alles in Richtigkeit, und das Gold in den verſchiedenen Taſchen bergend, ſchüttete er, was übrig blieb, in den ver⸗ hängnißvollen Leinenbeutel, ſchob die Banknoten und Papiere in ſeine Bruſttaſche zurück und verließ jetzt mit einem freundlichen Dank gegen die Umſtehenden, der mit einem donnernden Hurrah erwiedert wurde, den Saal. Die Uebrigen lachten und plauderten noch eine Weile über den Fall. Von allen Gegenwärtigen wa⸗ ren vielleicht nicht drei der Meinung, daß er die Bank⸗ noten und den Wechſel, wie der Spieler behauptete, die vorigen Abende nicht auch ſchon im Beutel gehabt, die wohl zu Tage gekommen wären, wenn er nur einmal gewonnen hätte; aber es galt ihnen das nicht als Betrug; es war Schlauheit. Der Spieler wahrte ſich ebenfalls jeden rechtlichen oder unrechtlichen Vor⸗ theil den er gewinnen konnte; dafür hatte jeder ſeine Augen, daß er aufpaſſe. Oben im Saal und ſo weit erhöht, daß es von allen darin Befindlichen geſehen werden konnte, befand ſich das Orcheſter, eine etwas zuſammengewürfelte Schaar von Streich⸗ und Blaſeinſtrumenten, die, nur mittelmäßig eingeübt, da oben, wie es der Amerikaner nennt„einen angenehmen Spektakel,“ machten. Die Muſici ſpielten Tänze und Märſche aus Franzöſiſchen und Deutſchen Opern, Negerlieder und Engliſche Balladen, was gerade vorkam; und der Zweck war viel weniger eine Unterhaltung, als ein Halten des Publikums, das ſich in dem warmen, hell erleuchteten und von Muſik durchſtrömten Raum wohl fühlen ſollte. Blieben die Leute dann lange da, ſo ließen ſie ſich auch wohl verleiten, wie feſt Viele auch im An⸗ fang zum Gegentheil entſchloſſen waren, einmal zu ſetzen; und das Honorar der Muſiker zahlte reichlich die entſetzlich hohe Miethe der Spieltiſche. Das Publikum drängte auch gleichgültig unter der Muſik hin und her. Nur die Backwoodsmen, die, wie ein Nankee meinte, lange genug vor dem Ku⸗ chentiſch geſtanden,„ihren Schatten an der Wand zu laſſen,“ machten auch hier Front und ſchauten erſt in ſtummer Verwunderung zu den vielen Trompeten hinauf, bis die Poſaune anfing aus⸗ und einzuziehen, und ſtießen ſich dann feixend in die Rippen und lach⸗ * ten über den wunderlichen Mann mit der Trompete von„glänzendem Gummi“. Jetzt ſchwiegen die Blas⸗Inſtrumente. Die der Mitte Nächſten traten ein wenig zurück, und mit einem kleinen leichten Notenpult in der rechten, einer Violine mit dem Bogen unter dem linken Arm, trat ein junges, bildſchönes Mädchen auf das Orcheſter. „Da iſt ſie wieder— da oben ſteht ſie“— flü⸗ ſterten die Nächſtſtehenden einander zu, und die Augen von Hunderten richteten ſich, wie die Worte unten von Mund zu Mund liefen, oben auf die liebliche Erſcheinung. Selbſt der Thee wurde in dieſem Augenblick vernachläſſigt, und nur ein langer Yankee blieb, eine volle Taſſe vor ſich— es war die ſieb⸗ zehnte heute Abend— beide Ellbogen auf den Laden⸗ tiſch geſtemmt, allein und als Sieger zurück. So ſtarrte er in das freundliche Geſicht der Verkäuferin — die allerdings hart an ſich halten mußte nicht gerad' herauszulachen, und dadurch einen ihrer beſten Kunden zu verſcheuchen. Die Violinſpielerin oben begann jetzt auf dem Orcheſter ein Adagio⸗Solo, deſſen leiſe, ſchwellende Töne aber in dem Murmeln der Verſammlung gänz⸗ lich verſchwammen.—„Bſt— bſt.— tönte es von den Lippen der Zunächſtſtehenden; aber was kümmerte — 223 die Spieler die Melodie da oben. Wenn in dieſem Augenblick ein Engel niedergeſtiegen wäre, ſeine himmliſchen Weiſen anzuſtimmen, Karten und Wür⸗ fel würden ihre Augen gefeſſelt, ihre Ohren ver⸗ ſchloſſen gehalten haben, und leiſe gemurmelte oder laut ausgeſtoßene Flüche waren die einzige Antwort, wenn Jemand etwa gar direkt gemahnt wurde we⸗ niger Geräuſch zu machen„der Muſik wegen“. „Damu the music,— lautete dann wohl die barſche Antwort, mit einem noch ſchlimmeren Fluch als Träger—„was zum Teufel hab' ich damit zu thun— die Fiedelſpieler geben mir mein verlorenes Gold nicht wieder— geht zum Teufel.“ 3 Das Mädchen oben aber kümmerte ſich nicht um den Lärm und ſpielte ruhig weiter. Ihre Töne hoben ſich und drangen zitternd und weich und doch ſo mächtig, bis in den entfernteſten Winkel des weiten Raune, und die Muſici oben ſaßen ſtill und ſchwei⸗ gend und lauſchten tief ergriffen den wunderbaren Lauten. Es war ein junges Mädchen von etwa ſiebzehn Jahren, jedenfalls ſüdlicher Abkunft, mit dunklen rabenſchwarzen Locken und eben ſolchen Augen, aber marmorbleichen und doch ſo zarten, faſt durchſichtigen Zügen, die jetzt in der Erregung des Augenblicks, wie tief unter der Haut, von einem ſchwachen rothen Schimmer durchzogen wurden. Wie kam das arme Kind hier in dieſen entſetzlichen Aufenthalt des La⸗ ſters? wie hatte ſich die Nachtigall dazu hergeben können, ihren Ton zu leihen, die Beute in die Fänge der Eule zu locken?— Was hatte ſie über⸗ haupt an dieſe wilden, ungaſtlichen Ufer getrieben, wo die Gier nach Gold jedes edle Gefühl, jede zarte Sitte und ſtille Weiblichkeit unter die Füße trat?— Ein Lockvogel in einem Spielhaus— trauriges, trau⸗ riges Brod, das ſie vielleicht mit ihren Thränen netzte. Oder wäre auch dieſes junge Herz ſchon verdorben geweſen von dem Gifthauch des El Dorado? Das ſeelenvolle, unſchuldige Auge ſtrafte den Verdacht Lügen, und die milden ſchwellenden Töne des In⸗ ſtruments klangen doch wieder wie wehzerriſſene Kla⸗ gen ſchuldiger Bruſt. 8 3 „Verdammt feines Mädchen das da oben,— ſagte ein Miner zum Andern, mit dem er unter dem Orcheſter ſtand und hinaufſchaute,„wollte ein Paar Pfund drum geben, wenn ich die mit oben in unſerm Winterzelt hätte. Donnerwetter, wie die Jungens droben ſchauen würden, wenn ich ſolch einen Brod⸗ verzehrer mit hinaufbrächte.“ 44 „Würde auch theuer zu kaufen ſein,“— meinte 225 Anderer—„ſie ſieht ſtolz und vornehm aus, die iſt Nichts für unſereins.“ „Bah,“— ſagte der Andere verächtlich—„Nichts für unſereins! weshalb?— mit Gold kauf' ich Alles — möchte wiſſen, wo ſie herkommt?“ „Aus dem alten Lande,“— ſagte ein Dritter, der das Geſpräch überhört hatte, leiſe zu den beiden Minern,—„iſt aber nicht zu bekommen. Das hat ſchon Mancher verſucht. Dort ſteht ihr Alter.“ „Wo?— der da mit dem ſchwarzen abgetragenen Rock und den dunklen langen Haaren?— Das iſt ein Spanier.“ „Ja wohl, und ſo ſtolz, als ob er der König ſelber wäre.“ „Aber er ſpielt hoch—“ „Beide,“— lachte der Amerikaner—„die Eine da ohen, der Andere hier unten, nur mit dem einen Unterſchied, daß die Dirne dort der Brodverdiener iſt, und der Alte hier das Geld allabendlich ſchon im Voraus verſpielt, was ſie da oben von den Spielern bekommt, um Grüne hereinzulocken.“ „Und wovon leben die Leute?“ „Gott weiß es— keinenfalls koſtbar, und ich glaube, ſie haben ein Zimmerchen hier im Hauſe irgendwo, hoch oben unterm Dach.“ Gerſtäcker„Californiſche Skizzen. 226 — „Aber was zum Teufel ſpielt ſie für Zeug?“— ſagte der Erſte wieder—„hübſch iſt ſie, aber mit der Fiedel weiß ſie nicht umzugehen; da kann ja kein Menſch einen Tackt dazu tanzen.“ „Ja, zum Tanzen ſpielt ſie's auch wohl eigentlich nicht, ſagte der Hinzugekommene—„wer geht mit, eins zu trinken?“ „Wer geht nicht mit?— lachte der Erſte 2 „Trinken iſt immer beſſer wie Muſik?“ Ein klein wenig oberhalb der Bar oder dem Schenktiſch, ſchien jetzt etwas vorzugehen, und die Neugierigen ſammelten ſich bald um eine Stelle, wo ein junger Burſch von vielleicht dreizehn Jahren hin⸗ ter einem kleinen Tiſch ſtand und mit einigen„Sreen mountain boys“*) vingt un ſpielte. Die beiden Burſchen ſahen aus wie ein Paar Parnerdſg a dem Gebirg, die eben noch nicht viel von dem Leben und Treiben in der Welt geſehen; hier aber, mit den Franzöſiſchen Karten, die ſie eher kannten wie die Spaniſchen, und mit einem Spiel, das ſie ſelber ſchoh oft in New⸗York hatten ſpielen ſehen, oder vielleicht ſelbſt geſpielt hatten, ihr Geld glaubten — *) Green mountain boys; aus dem Staat Vermont. „finden“ zu können, ohne gerade in die Berge zu gehen und hart danach zu graben.. 4 Die erſten vier fünf Male gewannen ſie auch kleine Summen, und der Eine von ihnen fing an Gewiſſens⸗ biſſe zu fühlen, daß ſie dem„Kind“ das Geld ab⸗ nähmen. „Damn it“— ſagte er halblaut zu ſeinem Bru⸗ der, denn die Aehnlichkeit zwiſchen den beiden lan⸗ gen knochigen Burſchen ließ ſich nicht verleugnen— „damn it, Bill,'s iſt eigentlich ein Skandal, daß wir beiden großen erwachſenen und vernünftigen Menſchen mit ſolch kleinem„greenhorn““) ſpielen 8 — wir wollen lieber wo anders hingehen.“ „Bah, das ſeh' ich nicht ein,“— ſagte der Andere eben ſo leiſe—„wenn der Junge ſo dumm iſt ſich hier herzuſtellen und Andere zum Spiel aufzufordern, können wir ihn ſo gut rupfen wie Jemand Anders. Aber was mich freut iſt nur, daß er glaubt er hätte ein Paar„Grüne“ erwiſcht— halloh mein Junge, 1 wie der ſich geſchnitten hat.“ Der kleine Burſch verzog, während ſich die Bei⸗ den ſolcher Art leiſe mit einander unterhielten, keine Miene, nur die Lippen hielt er feſt zuſammengekniffen; * 1 1 4 *) Daſſelbe was Gelbſchnabel iſt. — 228 und wären die Yankees nicht ſo eifrig in ihr Geſpräch vertieft geweſen, hätten ſie wohl ſehen können, wie er mit einem Nachbar von ſich, einem andern Knaben in gleichem Alter, der hinter einem großen Würfelbecher ſtand, ein Paar raſche Blicke wechſelte. Der junge Burſch ſah nicht wie ein„greenhorn“ aus. „So, hier mein Herz, iſt ein Dollar auf die bei⸗ den Karten,“ agte der Aeltere, jetzt wieder ſein Blatt aufnehmend und beſehend—„und ich kaufe“— „Iſt's genug, Sir?“ „Genug?— hm— ja— ich paſſe.“ „Und Sie?“ „Ich kaufe noch“— „Eine Vier; die wird Ihnen recht ſein.“ „Damnit, nein— noch eine“— „Iſt's jetzt genug?“ „Dreiundzwanzig,“ rief der Jüngere, die Lippen ausſtoßend und ſchob dem jungen Spieler das Geld hin. Dieſer warf lächelnd ſeine Karten auf; er hatte Funfzehn. „Ich paſſe auch,“— ſagte er und der andere Amerikaner warf ihm, ohne ſeine Karten zu zeigen, mit einem leiſen Fluch das Geld hinüber.— Wes⸗ halb hatte der junge Gauner ſchon auf Funfzehn gepaßt? Wieder begann das Spiel; die beiden Brüder verloren zu ihrem Erſtaunen an den jungen Burſchen und wurden immer heftiger. Zwei Dollar ſetzten ſie auf eine Karte, dann drei, und ohne daß ſie es ſelber merkten, hatte ſich indeſſen eine ganze Schaar von Zuſchauern um ſie verſammelt, um dem„Rupfen“ mit allen Zeichen augenſcheinlichen Vergnügens zuzu⸗ ſchauen. 2*. Nur immer gieriger dadurch gemacht, ſetzten die beiden Burſchen, ohne ſelbſt auf manches wohlmeinend geflüſterte Warnungswort zu hören, mehr und mehr. Der eine warf zuletzt eine ganze Hand voll Silber mit einigen Goldſtücken darin— vielleicht ſeine ganze Baarſchaft— zu einem letzten entſcheidenden Streich auf ſeine Karte. Dies Mal mußte er gewinnen— er hatte Einundzwanzig; der Bruder hatte zwei Gold⸗ ſtücke auf ſeiner Karte ſtehen und zwei Bilder in der Hand.— Das Glück hatte ſich gewandt. Der junge Burſch warf ſeine Karten auf; er hatte ein Aß und eine Drei— darauf konnt' er nicht ſtehen bleiben. Er kaufte eine Zehn— das waren vierzehn; er kaufte noch einmal, eine Sechs— Zwanzig! Wei⸗ ter zu kaufen wäre Wahnſinn geweſen, aber ſein Blick fliegt von einem der Sätze zum anderen, und ſuchte verſtohlen und wie nachdenkend das eigene Kartenſpiel das er etwas vorgeſchoben in der Hand hält. „Ich kaufe,“— ruft er dann, wie mit einem ver⸗ zweifelten Entſchluß, und das Einzige, was ihn konnte gewinnen machen von allen Karten,— das Aß— fällt, während er mit einem ruhigen Lächeln das Geld einſtreicht. „Nicht verzagt, Gentlemen, nicht verzagt,“— ruft er dabei.„Das nächſte Mal kommt die Reihe an Sie— Glück iſt Alles, nicht verzagt— wie iſt Ihr nächſter Satz?— ſoll ich Ihren nächſten Satz ſehen?“ Aber die beiden green mountain boys hatten gerade genug, und vielleicht ſelber nicht einmal mehr für einen nächſten Satz übrig. Sie ſtießen einander an und verließen den Tiſch, während ſich Andere hinan⸗ drängten, ihre Stelle einzunehmen. Der Tiſch nebenan machte keine ſo guten Geſchäfte, wenigſtens keine ſo großartigen, obgleich ebenfalls Dollar nach Dollar einkam, wenn auch der Einſatz meiſt nur in Vierteln geſtellt wurde. Es war ein Würfeltiſch, ein Stück Leinewand mit fünf großen Buchſtaben A. B. C. D. E. bemalt, darauf.— Drei Würfel lagen daneben, von denen jeder die Buchſta⸗ ben und ein blankes Feld trug. Der Knabe, der hin⸗ 54 .2 4 —ꝭ—⸗—:—⸗:xx⸗——-— ter dem Tiſch ſtand, hatte einen großen Lederbecher zum Werfen vor ſich ſtehen. Wer pointiren wollte, ſetzte irgend einen Satz auf einen oder mehre der Buch⸗ ſtaben und warf dann ſelber. War der geſetzte Buch⸗ ſtabe mit aufgeworfen, ſo bekam er ſeinen Satz heraus⸗ gezahlt, ja doppelt oder dreifach, wenn es das Glück wollte, daß er zum Beiſpiel auf das D. geſetzt, und alle drei Würfel das D. gezeigt hätten; dagegen war der Satz verfallen, wenn andere Buchſtaben kamen. Gleich daneben war ein Roulet— weiterhin ein Pharaotiſch. Dort ſtand ein Spieler mit drei Karten die er, halb zuſammengebogen, herüber und hinüber⸗ warf, um die erſtaunten Zuſchauer einzuladen darauf zu ſetzen. Dieſe aber wagten es nicht, oder glaubten daß er nur Scherz mache, weil die Sache ſo entſetzlich leicht und handgreiflich ſchien. Dicht vor dem Tiſch ſtand ein Mann in einem ſchwarzen Leibrock und betrachtete ſich die Karten und das Wechſeln derſelben aufmerkſam; um ihn herum ſtand ein Schwarm Backwoodsmen und Miner und flüſterte miteinander, und der Spieler warf indeſſen die drei Karten langſam und in ſolcher Art hin und her, daß man den einzelnen recht gut und leicht mit den Augen folgen und dann auch ganz unzweifelhaft wiſſen konnte, wo das Aß oder die Dame oder die Zehn— denn das waren die drei— lagen. „Hier, Gentlemen, hier!“— rief der Spieler da⸗ bei, die Karten mit der inneren Seite gegen die Zu⸗ ſchauer haltend, daß ſie dieſelben deutlich erkennen konnten—„hier iſt das Aß, das leg ich dahin, hier iſt die Zehne, die kommt dahin, und hier iſt die Dame, 3 die kommt dahin— ſehen Sie, jetzt wechsle ich die Karten, nun liegt das Aß hier, nun hier— nun hier und ſo— und ſo und ſo— paſſen Sie wohl auf— wer gute Augen hat, iſt in großem Vortheil— nun, wo liegt das Aß jetzt?“ „Hier!“ ſagte Einer der Miner und deutete ent⸗ ſchloſſen auf die mittlere Karte, die der Spieler für ihn umwarf— es war in der That das Aß. „Ja, Gentlemen, da muß ich ein wenig ſchneller miſchen, ſonſt komm' ich mit Ihnen nicht fort,“— ſagte der Spieler achſelzuckend;„ſo, hier iſt das Aß jetzt, und nun hier, ſo, ſo, ſo, ſo“— und etwas ra⸗ ſcher die Karten durcheinander ſtellend, aber immer noch langſam genug daß man den einzelnen recht gut mit den Augen folgen konnte, hielt er wieder ein. „Boys,“— ſagte da der Mann im ſchwarzen Frack, ſich zu den Minern halb umdrehend und mit leiſer unterdrückter Stimme—„der Kerl muß toll 4 — ſein, oder er hat ſein Geld auf der Straße gefunden. Hier iſt eine Gelegenheit etwas zu verdienen, und ich will ſie nicht unbenutzt vorüber gehen laſſen— ich ſetze.“ Der Spieler hatte indeſſen die Karten wieder aufgenommen und durchgemiſcht, und zeigte ſie den jetzt in Menge Herandrängenden, um ſie dann etwas ſchneller als vorher wieder durcheinander zu miſchen. „Hier ſind zehn Dollar auf das Aß da!“ rief der Mann im ſchwarzen Frack plötzlich und ſetzte zwei Goldſtücke vor die der Länge nach halb zuſammenge⸗ bogene Karte. „Thut mir leid— nehme keinen Satz an unter fünfundzwanzig,“ ſagte aber der Spieler ruhig. „Fünfundzwanzig?“ rief der im ſchwarzen Frack, „das iſt viel;— aber halt nehmt die Karte nicht weg, ich halt' es. Donnerwetter,“ flüſterte er dann dem neben ihm Stehenden zu—„ich weiß ganz ge⸗ nau daß es die rechte Karte iſt, und ich muß ge⸗ winnen.“ „Ich weiß es auch— ich hab's auch geſehen,“— riefen die Anderen leiſe—„der Menſch muß verrückt ſein.“ „Wartet— paßt einmal auf, daß er die Karten nicht verwechſelt,“— rief der im ſchwarzen Frack jetzt 234 im vollen Eifer—„hier iſt das Geld— zwanzig, ein⸗, zwei⸗, dreiundzwanzig— nun?— keinen Dol⸗ lar mehr? alle Wetter— ich glaube doch?“ Er be⸗ fühlte ſich umſonſt alle Taſchen, dreiundzwanzig Dol⸗ lar waren ſein letztes Capital, und er bat einen der ihm nächſt Stehenden, daß ſie ihm auf die Paar Se⸗ cunden die zwei Dollar borgen möchten.„Jawohl, mit dem größten Vergnügen, ſicherer war noch kein Geld angelegt.“ „Hier ſind die fünfundzwanzig Dollar— das iſt das Aß.“ „Dank Ihnen, Sir, für den Satz— wollen jetzt gleich nachſehen,“— ſagte der Spieler—„ich muß aufrichtig geſtehen, ich weiß ſelber nicht mehr wohin ich die Karte gethan habe— alſo dieſe?“ „Ja wohl, die.“ „Wahrhaftig das Aß,“ ſagte der Spieler, ſich verlegen das Kinn ſtreichend—„hier— fünfund⸗ zwanzig Dollar waren es, nicht wahr?“ „Fünfundzwanzig— hier ſtehen ſie noch.“ „Ja, S'iſt in Ordnung,“ ſagte der Spieler kalt⸗ blütig—„kann es nicht ändern— das nächſte Mal rathen Sie's vielleicht nicht. Alſo hier, Gentlemen, hier geht das Spiel von vorn an. Hier iſt das Aß, und nun ſo, und ſo, und ſo und ſo— Wer ſetzt?“ 8 235 „Ich— ich!“ riefen mehrere Stimmen. „Nicht unter fünfundzwanzig Dollar.“ „Hier ſind ſie— hier ſind noch funfzig, auch auf die Karte!“ rief ein Dritter ganz im Eifer, während der im ſchwarzen Frack die zwei Dollar mit den zwei Dollaren Gewinn zurückerſtattete—„das da iſt das Aß und meinen Hals noch zu den funfzig, wenn Ihr ihn haben wollt.“ „Danke, danke,“ ſagte der Spieler lächelnd,— möchte meinen nicht dagegen ſetzen— alſo fünfund⸗ ſiebzig auf die Karte; nicht mehr?“ „Nein; deckt nur auf zum Henker— Das Spiel ſpiel' ich die ganze Nacht mit.“ „Alſo dieſe Karte?“ „Die hier— nun?“ „Iſt die Dame; diesmal haben Sie ſich verſehen, Gentlemen,“— ſagte der Mann mit einem förmlich ſüßen, mitleidigen Lächeln—„und ich habe die Kar⸗ ten doch ſo langſam umgelegt.“ „Den Teufel noch einmal,“— riefen die Setzen⸗ den erſchreckt, denn ſie hatten an nichts weniger ge⸗ dacht als zu verlieren—„und das verdammte Aß ſteckt da?“ „Nächſte Mal mehr Glück, Gentlemen, nächſte Mal mehr,“— lachte der Spieler mit ſeinem ſüßen, 236 freundlich höflichen Lächeln—„hier gehen die Karten wieder— da das Aß, und nun da, und nun da— da— da— da— da— ver ſetzt, Gentlemen? Paſ⸗ ſen Sie genau auf— wiſſen Sie jetzt, wo das Aß iſt?— keiner wird es glauben, hier iſt's in dieſer Ecke.“ „Das habe ich gewußt— ich auch, bei Gott!“ ſchrieen Mehrere. „Schade, daß ſie nicht darauf gewettet haben, Gentlemen,“— lachte der Spieler—„ſonderbar, daß die Menſchen ſo leicht auf etwas ſchwören und ſo ſchwer auf das nämliche wetten wollen. Hier gehen die Karken wieder, Gentlemen, going, going, going, going, going?— Hier iſt das Aß und nun da, und nun da und wieder da, da, da, da, da!— Wer vill ſetzen?“ „Ich— hier— da ſind meine Fünfundzwanzig — und hier meine.— Die Karte hier iſt das Aß— wenn ſie's nicht iſt, hat der Teufel die Hand im Spiele.“ „Wär' ein gefährlicher Compagnon, Gentlemen,“ alſo funfzig Dollar gerade? wird mein Gewinn von vorher wohl wieder in die Brüche get hen. Dieſe Karte hier, ſagen Sie?“„ 1 237 „Die Karte da, ja— die mittelſte!“ riefen mehrere. „Das thut mir Leid, Gentlemen,“ ſagte der Spieler achſelzuckend—„das hätt' ich Ihnen aber vorher ſagen können, das iſt die Zehn. Das Aß liegt hier!“ „Teufel!“ ſchrieen die Getäuſchten, mit dem Fuße ſtampfend, während die Anderen lachten. Der Mann in dem ſchwarzen Frack war indeß von dem Tiſch fortgetreten; er hatte nicht wieder geſetzt und— lieferte ſpäter das gewonnene Geld zur Thei⸗ lung im Ganzen, wieder an ſeinen„Compagnon“ ab. Aber nicht überall ſind die Spieler ſo glücklich. Dort an den Tiſch iſt ein Spanier in einer alten zer⸗ riſſenen Serape, den breiträndrigen Hut tief über die Stirn gezogen, getreten, und folgt dem Lauf des Spiels mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit. „Nun, Seßnor, wollen Sie Ihr Glück nicht ver⸗ ſuchen heut Abend?“— ſagte der Amerikaner verbind⸗ lich—„weshalb ſtehen Sie ſo müßig da?“ „Porque?“— ſagte der Spanier—„ich möchte etwas lernen.“ 4 Das zweideutige Lächeln das dabei um ſeine Lip⸗ pen zuckt, gefällt dem Yankee nicht der die Bank hält. Die Spanier ſind großentheils abgefeimte Spie⸗ * 8 8 „ 238 ler, und beſonders mit den Ränken und Fineſſen des Monte⸗Tiſches genau bekannt. Er zieht vorſichtig ab, denn der dunkelaugige Burſch nimmt ihm die Augen 8 nicht von den Fingern. „Haben Sie kein Geld, Seüor?“ lächelte er end⸗ 1 lich verlegen. „Si, poquito*)“— ſagte der Californier und nimmt, ohne einen Blick von der Hand des Amerika⸗ ners, die die Karten hält, zu verwenden, einen alten geflickten Leinwandbeutel aus der Serape, den er auf die vor ihm liegende Karte ſetzt. Der Spieler taxirt ihn flüchtig, er kann etwa ſechzig oder ſiebzig Dollar halten. Einen etwas unruhigen Blick wirft er dabei auf die eigenen Karten in ſeiner Hand, der dem Lali⸗ fornier nicht entgeht. „sta bueno?“ ſagt dieſer mit einem leichten, faſt boshaften Lächeln. Der Spieler zögert, aber er wagt nicht ſeine ge⸗ wöhnliche Liſt dem gewitzten Gegner gegenüber anzu⸗ wenden. Die Gefahr, der er ſich dabei ausgeſetzt iſt A zu groß— er zieht ab, und die Karte des Califor⸗ 8 niers hat gewaſten. 4 6 8 *) Ja, ein wenig. 239 „Wie viel enthält der Sack Seüor?“ ſagte der Amerikaner mit anſcheinender Kaltblütigkeit. „No se,“— erwiederte der Gewinner achſel⸗ zuckend—„zählt es.“ Der Amerikaner zieht den Sack zu ſich herüber, öffnet ihn und kann einen Ausruf der Ueberraſchung, des Entſetzens nicht zurückhalten. Der Sack iſt mit Doublonen gefüllt, und die zitternde Hand, die ſie auf den Tiſch ſchüttelt, zählt hundert und dreizehn. Des Californiers Antlitz iſt dabei wie aus Marmor gehauen. Er weiß, daß ihm das Geld werden muß, und wartet vollkommen ruhig das Zählen ab, das faſt den Tiſch aufräumt. Den unteren Zipfel ſeiner alten ſchmutzigen Serape dann aufhaltend, ſtreicht er das Gold hinein, nimmt den Sack wieder unter den Arm und verſchwindet ſo geräuſchlos unter der Schaar der Zuſchauer, wie er gekommen.— Aber nicht ſo unbe⸗ achtet, denn zwei, in dunkle Röcke gekleidete Männer ſind Zeugen des Gewinnes geweſen. Ihre Augen be⸗ gegnen ſich dabei, aber haften nicht aufeinander. Gleich⸗ zeitig ſchweifen ſie nach den Bildern an der Wand hinüber, und die Beiden treten, nach verſchiedenen Richtungen hin und von Niemand beachtet, vom Tiſch ab; doch ſie behielten den dunklen Hut des Spaniers im Auge, und als dieſer die düſtere Plaza betritt, verlaſſen auch ſie den hellerleuchteten Saal. Wollen wir ihnen folgen?— Ueber die Plaza ſchreitet der Mann jetzt, da er aus dem Saal hinaus iſt, und ſummt dabei ein leiſes, luſtiges Spaniſches Lied, denn er freut ſich des Triumphs den er über die verhaßten Americanos davon getragen. Er hat ein ſchweres Gewicht im Arm, aber ſein Schritt iſt nichtsdeſtoweniger leicht und elaſtiſch, und er lacht ſo⸗ gar einmal laut auf, wenn er an das Geſicht zurück⸗ denkt das der Amerikaner ſchnitt, als er den Beutel öffnete und Gold fand, wo er billiges Silber ver⸗ muthete. Hahahaha, wie bleich er wurde!“— murmelte er leiſe vor ſich hin, und die Augen funkelten in dem Gedanken—„und wie ihm die Finger danach zuck⸗ ten die Volte zu ſchlagen, jene fatale Karte, die der Schurke recht gut kannte, von oben fortzubringen — caramba, er wußte, daß mein Auge auf ihm haf⸗ tete und ich ihn durchſchaute— er wagte es nicht. Der— ha—“ Er horchte ohne den Kopf zu wen⸗ den, zur Seite. Er hörte Schritte, die ebenfalls ſtehen blieben als er hielt. Kearney⸗Street hinunter und herauf gingen und kamen noch viele Leute, aber über California⸗Street hinüber, wo der Weg nach der 8 — Miſſion hinausführte, wurde es öde. Bis an die breite, ſandige California⸗Street reichten auch die ge⸗ dielten Straßen; dann hörten ſie auf, und wer dort nicht Geſchäfte hatte, vermied den beſchwerlichen, öden Weg. Dorthin lenkte der Spanier jetzt ſeine Bahn; aber im Gehen hatte er das Gold, wozu er ſich im Spielhauſe nicht die Zeit genommen, handvollweis in den breiten, mit drei großen Taſchen verſehenen Leder⸗ gürtel geborgen, den er nach Art der Argentiner um den Leib trug. Nachdem er die Serape wieder von ihrer Laſt befreit, nahm er den Beutel mit den Doublonen unter den linken Arm und ſchritt raſcher vorwärts; aber er ſang nicht mehr. Seinem ſcharfen Gehör wa⸗ ren die vorſichtigen Schritte nicht entgangen, die ihm folgten. Es ſchien auch daß er gehofft hatte, zu noch nicht ſo ſpäter Stunde mehr Menſchen unterweges und beſonders in dieſem Theil der Stadt zu finden, wo erſt ganz kürzlich ein Circus angelegt war; denn wie er die öde Straße vor ſich ſah, hielt er unſchlüſſig an und ſchaute zurück. Aber auch hinter ihm war Niemand mehr zu ſehen, und nur die dunklen Geſtal⸗ ten von zwei Männern kamen jetzt mit raſchen Schrit⸗ ten näher. „Caracho,“— murmelte der Mann, zum erſten Gerſtäcker⸗ Californiſche Skizzen. 16 242 Mal vielleicht die Gefahr, in der er ſich wirklich befand, erkennend. Raubanfälle waren, vor der Entſtehung der dadurch grade in's Leben gerufenen vigilance comittee, gar nichts Seltenes etwa, in dieſen Stadt⸗ theilen von San Francisco. Vorſichtig hatte ſeine rechte Hand auch ſchon nach dem langen Meſſer ge⸗ fühlt, das ihm im Gürtel ſteckte. Aber er wußte auch daß die beiden Burſchen, wenn ſie wirklich Böſes ge⸗ gen ihn im Schilde führten, jedenfalls mit Todtſchlä⸗ gern und Piſtolen bewaffnet waren, von denen ſie im Nothfall Gebrauch gemacht, und daß ſie ſich dabei auch auf die Scheu der Nachbarn verlaſſen hätten, an Händeln Theil zu nehmen bei denen ſie nichts gewin⸗ nen konnten. So, ruhig und in ſeinem alten Schritt um die Ecke in California⸗Street einbiegend, floh er dort jetzt, den Verfolgern aus Sicht, mit raſchen Sätzen die Straße hinauf, einer Stelle zu, wo, etwa fünfzig Schritt weiter oben, aufgeſchichtete Breter für einen Bau, vielleicht für die Dielung der Straße ſel⸗ ber beſtimmt, ſtanden, und erreichte dieſe gerade, als die beiden Verfolger, denn als ſolche erwieſen ſie ſich jetzt wirklich, ebenfalls flüchtigen Laufs um die Ecke bogen. „Teufel, wo iſt er hin?“— flüſterte der Eine von ihnen, als er an der Ecke ſtehen blieb und die 243 Straße hinauf ſah—„er muß gelaufen ſein, denn wir waren ja dicht hinter ihm.“ „Er wird dort hinter den Bretern ſtecken,“ ſagte der Zweite,„und wird glauben wir gehen ruhig vorüber und laſſen ihm freien Lauf.— Hahaha, vorbeige⸗ ſchoſſen mein ſchlauer Seüor; wir haben den Gold⸗ fuchs jetzt in der Falle.“ „Geh Du rechts davon, ich will links gehen,“— flüſterte der Erſte raſch und heimlich—„aber nicht ſchießen, nur in Selbſtvertheidigung, wir ſind noch zu weit in der Stadt hier, und der Teufel könnte doch ſein Spiel haben.“ Ohne weiter ein Wort zu wechſeln, und um keine Zeit zu verlieren, wenn der Flüchtige etwa hinter dem Holze fortgeflohen ſein ſollte, ſprangen ſie, Jeder die furchtbare Waffe dieſer Art Gauner, eine Kartätſchen⸗ kugel an etwa fußlanger Schlinge in der Hand, ihrem Poſten zu, denn nirgends ließ ſich auf dem helleren Sand der Straße eine Geſtalt erkennen, und der Spanier mußte noch zwiſchen dem Holze ſtecken. Noch ehe ſie aber den oberen Rand deſſelben, der hier nach beiden Seiten etwas auslief, erreichten, ſchraken ſie auch vor einer allerdings unerwarteten Begegnung zurück, denn aus den hier offenen Breter⸗Stößen 16* beraus flog in raſchem Anſprung ein Reiter,— und eine lachende Stimme rief ihnen höhniſch zu: „Buenas noches, seüores!*)“ „Damn you!“ ziſchte der Erſte zwiſchen den Zäh⸗ nen durch und riß faſt unwillkürlich ſeinen Revolver aus der Taſche, aber das Pferd ſprengte in vollem Carriere die Straße hinauf, und die ſchon ſo ſicher ge⸗ glaubte Beute war ihnen entgangen. Es war jetzt etwa zehn Uhr; aber je ſpäter es ward und je mehr Läden draußen in der Stadt ge⸗ ſchloſſen wurden, deſto mehr füllten ſich die Säle der verſchiedenen Spielhäuſer— die hier ſchon die ganze eine Front der Plaza einnahmen und noch rechts und links hinaufreichten— mit Müßigen, die mit ihrem Abend nichts weiter anzufangen wußten als ihn hier zu verbringen. Stunde nach Stunde verging dort in dem wilden, gierigen Ringen nach Gewinn— nach Gold. Was für eine Welt von Leidenſchaften deckte an einem ſol⸗ chen Abend das einzelne Dach; Triumph und Ver⸗ zweiflung, Haß und Neid und Gier und Habſucht— jede Bruſt ein ſturmbewegtes Meer, mit Hoffnungen genährt und zertrümmert, und lauernder Betrug un⸗ *) Gute Nacht, meine Herren. — ter dem Schutze der Geſetze, falſches Spiel und offe⸗ ner Raub, des Unerfahrenen harrend, der die Höhle des Unthiers betrat. So unnatürlich wie die ganzen Verhältniſſe des Landes— ſo unnatürlich dies Ver⸗ hältniß im Staat, das mitten im Frieden dem Räu⸗ ber einen Kaperbrief giebt, auf ruhige Bürger zu fahnden und den Argloſen zu plündern. Und die Nacht durch dauert das Drängen und Treiben, bis zwei, drei Uhr, ja oft bis der froſtige Morgenwind in dem durchkälteten Saal die von Auf⸗ regung und Spirituoſen Ermatteten heimtreibt auf ihr Lager— im Traum noch die Karten fallen zu ſehen, und in fieberhafter Angſt dem Lauf des Spie⸗ les zu folgen. Es war drei Uhr— faſt alle Spieler hatten ihr Gold in Säcke gepackt und mit ſich fortgetragen, um die Nacht mit geladener Waffe dabei zu liegen und den Schatz zu wahren. Die Lichter waren meiſt ſchon verlöſcht— das Orcheſter hatte ſchon lange aufgehört zu ſpielen, und nur noch an einem der Tiſche ſchienen die Spieler gezögert zu haben, noch hier und da einen der aus anderen Häuſern Zurückkehrenden heranzu⸗ locken und ihm die, vielleicht anderswo gemachte Beute— ein keineswegs ſeltener Fall— wieder ab⸗ zujagen. Hinter dem Tiſch ſtand der Eine von ihnen, 246 vor dem in einem ſtarken Lederbeutel verwahrten Geld; der Andere war ſeitwärts im Saal ein Stück vom Tiſch entfernt, um etwas fortzutragen oder zu holen, als ein Mexikaner, ein kleiner brauner Burſche, der ſchon eine Weile in der Thür geſtanden und hereinge⸗ ſchaut hatte, den Saal betrat, ſeine alte zerriſſene Serape von den Schultern zog und neben die Thür legte, und dann langſam durch den Saal ging. Der Spieler betrachtete ihn im Anfang aufmerkſam, aber der Mann ſah nicht aus als ob er irgend Gold zu vergeben hätte; was er ſonſt wollte, kümmerte ihn nicht. Der Mexikaner kam den ſchmalen Gang herauf, der zum Tiſche führte, und bog etwas ſeitwärts ab, als ob er daran vorübergehen wollte. Der Spieler drehte ihm in dieſem Augenblicke den Rücken zu, ſei⸗ nen eigenen Mantel umzunehmen, als der Mexikaner, den Moment benutzend, mit einem Satz am Tiſch war, den Goldſack aufgriff und damit der Thüre zu⸗ ſprang. „Diebe— Diebe!“ ſchrie der andere Spieler, der es von weiten zu ſeinem Entſetzen ſah, ohne, der vie⸗ len Tiſche und Stühle wegen, zuſpringen zu können. —„Diebe!“— aber der Mexikaner war ſchon faſt an der Thür, und einmal draußen in der dunklen, vollkommen menſchenleeren Straße, wäre eine Verfol⸗ 4 — gung unendlich ſchwer, wenn nicht ganz unmöglich ge⸗ weſen. Auf den Ruf fuhr der Mann hinter dem Tiſch raſch herum, und ſein erſter Blick ſuchte das Gold— es war fort. Aber auch ihn hemmten die Stühle und Stände, und ohne weiter viel Zeit mit Rufen oder Nachſetzen zu verlieren, riß er den immer bereiten Revolver aus der Bruſttaſche, zielte einen Moment vollkommen ruhig auf den flüchtigen Mexikaner und drückte ab. Es bedurfte keines zweiten Schuſſes; mit dem Knall faſt klirrte der ſchwere Sack auf den Boden nie⸗ der und mit einem Satz und Schrei war der Dieb zum Haus hinaus und auf der Straße. Deutlich konnten ſie noch die hohlklingenden, flüchtigen Schritte in der anderen Straße hören. „Hahahaha!“ lachte der Spieler, der indeſſen über den Tiſch geſprungen war und zu ſeinem Beutel trat, ihn vom Boden aufzuheben,„der Schuß kam zur rechten Zeit.“ „Haſt Du ihn getroffen, Bill?“ rief der Andere. „Weiß nicht; ich hoffe aber doch; ich kam gut ab.“ „Wollen einmal nachſehen, ob er geblutet hat.“ „Bah, was liegt dran?“— ſagte der Erſte gleichgültig.—„Hat er was gekriegt, werden ſie ihn * 8 ſchon, wenn's hell wird, in der Straße finden— haſt Du die Schlüſſel, Jim?“ „Ja, hier— war doch eine grenzenloſe Frechheit von dem Kerl; da liegt auch noch ſeine alte Serape.“ „Wirf ſie hinaus— ſo, und nun komm.— Jeder verſucht's auf ſeine Art, und wär' er gut weggekom⸗ men hätt' er Recht gehabt.— So war's eine Dumm⸗ heit.“ Und die Spieler, die letzten im Saal, ſchloſſen die Thür ab und ſtiegen langſam hinauf in ihr Schlaf⸗ zimmer, dem uneinträglichen Morgen ein Paar Stun⸗ den Schlaf abzugewinnen und dann zu neuer Thätig⸗ keit bereit zu ſein. —— Vier Tage auf der Bai von San Franeisco. Die Regenzeit war jedenfalls vorüber, der Himmel lachte wieder ſo klar und blau, die Sonne ſchien ſo warm, die Luft wehte ſo lind und labend wie je. Einen ſchöneren Tag konnte man ſich zu einer Waſſer⸗ fahrt kaum denken, und da zugleich ein Geſchäft da⸗ mit verbunden werden ſollte, ſäumten wir nicht die günſtige Zeit zu benutzen. Die deutſche Brauerei auf der Miſſion Dolores, unter der Firma„Witzleben, Brothers und Walter,“ wollte nämlich eine Quantität Fäſſer aufkaufen, die in einer Bucht, Namens Corte Madeira, in der Bai von San Francisco lagern ſoll⸗ ten, und um dieſe vorher in Augenſchein zu nehmen, ſchifften wir, Herr A. von Witzleben und ich, am Sonn⸗ abend Morgens den neunten März, uns ein. ——— Vortheil führen zu können, wir griffen deßhalb zu den Rudern, und da wir die Strömung der Ebbe für uns hatten, ſchoſſen wir raſch vorwärts, durchſchnitten den äußeren Theil des Hafens von San Francisco, zwiſchen den letzten dort vor Anker liegenden Schiffen und der Inſel Yerba Buena hindurch, und hielten auf die Inſel Los Angelos zu, noch unſchlüſſig, ob wir ſie zur Linken oder zur Rechten laſſen ſollten, da wir wohl ungefähr wußten nach welcher Richtung hin Corte Madeira lag, den Platz ſelber aber weiter auch nicht im entfernteſten kannten. Wir hatten ein nicht eben großes Ruderboot, eine ſogenannte Captains Yawl, und machten ziemlich gu⸗ ten Fortgang, riefen dicht vor Los Angelos ein ande⸗ res Boot, des geſuchten Ortes wegen, an und hielten nun, den Eingang der San Francisco Bai, das ſo⸗ genannte„goldene Thor“ zu Backbord laſſend, auf die erſte Spitze von Los Angelos zu. Die Ebbe, die uns bis jetzt günſtig geweſen, kam uns von hier aus nämlich gerade entgegen, indem wir nun in den nörd⸗ lichen, nach dem Sacramento und Joaquin hinauf⸗ führenden Theil der Bai einliefen. An Los Angelos beſchloſſen wir zu landen und zu frühſtücken; am ſandigen Strome ſchlug jedoch die Dünung zu ſchwer gegen unſer Boot an, und wir lie⸗ fen deßhalb in eine kleine mehr geſchützte Felſenbucht ein. Eigenthümlich war hier eine Höhle, die ſich das Widerſchlagen der Wellen bei ſteigender Fluth aus⸗ gehauen hatte. Sie bildete gerade mit dem über ſie herabhängenden Felſen die eine Spitze der Inſel, und lag nur jetzt, bei fallender Ebbe, trocken. Mit einiger Schwierigkeit kletterten wir über die bröcklichen ſchlüpf⸗ rigen Steine hindurch und fingen dort eine Partie Seekrabben oder Seeſpinnen, die ſich hier auf den warmen Steinen ſonnten und bei dem Geräuſch von Fußtritten immer raſch und ſeitwärts in ihre Fels⸗ ſpalten zurückglitten. Auf der Inſel wuchs üppiges Gras, und eine friſche Quelle ſprudelte den Raſen hinunter und rie⸗ ſelte über den Sand des Ufers hin in die Bai. Die Inſel Los Angelos iſt die größte der Bai von San Francisco, mit etwa fünf Meilen im Umfang, und war in letzter Zeit an einen gewiſſen Tomſon für eine ver⸗ hältnißmäßig ſehr geringe Summe verkauft, ſonſt aber faſt noch gar nicht weiter benutzt, als daß an den ent⸗ gegengeſetzten Enden zwei Hütten darauf ſtanden. Vieh habe ich nicht auf der Inſel geſehen, ebenſo we⸗ nig Fenzen oder andere Zeichen der Cultur, ſie wird aber in ſpäterer Zeit ſchon ihrer vortrefflichen Lage . —— wegen gewiß ein nicht unbedeutender Platz in der ſchönen Bai werden. Nach einigen Stunden, die wir zwiſchen den Fel⸗ ſen und auf den blumigen Wieſen zugebracht, ruder⸗ ten wir in der jetzt ſtiller gehenden Ebbe am Ufer hinauf bis zu dem nächſten Vorſprung, und hielten von dort aus quer durch die Strömung und Nord zu Weſt nach dem gegenüberliegenden Feſtland hin. Wir wollten im Anfang nicht dort landen, ein halb Dutzend Seehunde aber, die am Ufer ſpielten, und deren glänzende Felle in der Sonne hell herüber⸗ blitzten, änderten unſern Entſchluß. Wir liefen in eine kleine weiter oben liegende Bucht ein, und ich ſchlich mich von da zurück einen der faulen Burſche zum Schuß zu bekommen. Die Thiereawaren aber entweder ſchlauer als ich gedacht, oder ihre Spielzeit mußte gerade vorüber ſein; denn wie ich den Felſen er⸗ reicht hatte, den ich mir gemerkt, und der ſich in un⸗ gefähr hundert Schritt von ihrem früheren Spielplatz befand, war dieſer leer und ich ſah die glattköpfigen Amphibien eine kurze Strecke vom Ufer herumſchwim⸗ men, manchmal mit den ſchwarzen erſtaunten Geſich⸗ tern urplötzlich auftauchen und dann blitzesſchnell wieder in der Tiefe verſchwinden. Allerdings ſchoß ich von hier aus einen von ihnen, in der Hoffnung daß —:— er vielleicht, wenn ſchwer verwundet, zum nahen Ufer kommen ſollte, er ſank aber unter und die übrigen entfernten ſich raſch aus dem Bereich der Kugel. Am Strand fanden wir ein zerſchelltes Canoe, aus Cederholz leicht und ſcharf geſchnitzt, das jeden⸗ falls aus einer der Südſeeinſeln hierhergeſchafft ſein mußte; auch mehrere Stücke Planken, von welchen letzteren wir einige in unſer Boot nahmen. Mein Ge⸗ fährte fing ein Paar ganz eigenthümliche Seeſpinnen, die in den, die Felſen überwuchernden Seegewächſen ſaßen. Der Abend rückte indeß allmählich heran, und es war Zeit daß wir aufbrachen, wenn wir heute noch einen ordentlichen Schlafplatz erreichen wollten. Eine lange Strecke ruderten wir jetzt, immer noch gegen die Strömung, aber dicht am Lande hin, aufwärts, und hielten nur manchmal, um theils eigenthümliche Pflanzen näher zu betrachten und Blumen zu pflücken, oder an den niederrieſelnden Quellen zu trinken, da wir in der That ganz vergeſſen hatten einen Waſſer⸗ vorrath für unſere Seefahrt mitzunehmen. Gerade mit einbrechender Nacht erreichten wir die Mündung einer Bai, und beſchloſſen in dieſe ein⸗ zulaufen. In weiter Entfernung erkannten wir auch ein Licht und hielten darauf zu, es war aber ſchon zu ——— 254 dunkel, weiter etwas zu erkennen, und da das Licht ebenfalls bald darauf wieder verſchwand, beobachteten wir nur die ungefähre Richtung nach dem Umriß der Berge und glitten, von keiner Gegenſtrömung mehr zurückgehalten, ziemlich raſch vorwärts. Manchmal kam es uns wohl noch ſo vor, als ob wir das Licht wieder blitzen ſähen, es verſchwand aber eben ſo raſch wieder, und unſere einzige Hoffnung blieb jetzt nur noch auf zwei dunkle Punkte geheftet, die wir deutlich auf dem hellern Waſſerſpiegel erkennen konnten und für dort angehangene oder vor Anker liegende Boote hielten. Jedenfalls mußten dieſe die Nähe menſch⸗ licher Wohnungen bekunden Das einzige was uns etwas beunruhigte, war das immer ſeichter wer⸗ dende Waſſer; ſchon fühlten wir, daß unſer Kiel auf dem weichen dünnen Schlamm hinglitt, und die Boote waren noch eine ziemliche Strecke entfernt. Das Ru⸗ dern ſchien uns zuletzt gar nicht mehr von der Stelle zu bringen, wir nahmen deßhalb die Ruder aus den Dollen, und ſtießen das Boot langſam dem Orte zu, wo wir die Fahrzeuge vermutheten und wo dann auch wahrſcheinlich tieferes Waſſer war. Nach wohl halbſtündiger Anſtrengung in der wirk⸗ lich ſtockfinſtern Nacht erreichten wir endlich, das eigene Boot aber dabei fortwährend in dem jetzt im⸗ mer zäher werdenden Schlamm weiter ſtoßend, die zwei Muſchel⸗ bänke, die aus dem hier kaum acht Zoll tiefen Waſſer vorragten. Mit einem Landungsplatz war es nichts, ſo viel ſahen wir bald, und wollten wir nicht hier in dem Schlamm übernachten, ſo mußten wir machen daß wir wieder zurückkamen. Nach ziemlicher An⸗ ſtrengung gelang uns das auch endlich, und wir er⸗ reichten, jeden Gedanken an ein Nachtlager unter Dach und Fach aufgebend, das rechte Ufer der Bai, wo wir unſer Boot ſo weit wir konnten auf den Sand zo⸗ gen, nach friſchem Waſſer umſchauten, aber leider keines in der Nähe fanden, und uns dann, müde und durſtig im Boote ſelbſt in unſere Decken wickelten. Die Nacht war ſchön und wir ſchliefen vortrefflich, nur peinigte uns, wenn wir aufwachten, der Durſt. Den konnten wir aber gleich mit anbrechendem Tage löſchen, denn wie es heller wurde fanden wir nicht weit davon eine kleine Quelle, nahmen ein ſehr fru⸗ gales Frühſtück, aus etwas Brod und Schinken und einem Cognac beſtehend, ein, und machten uns jetzt fertig die Gegend, in der wir uns eigentlich befanden, zu recognosciren. Wilde Enten kamen indeſſen ſo nahe an unſer Boot heran, daß wir zwei davon ſchie⸗ ßen konnten, wir holten ſie aus dem Waſſer, befeſtig⸗ ten dann das Tau gut am Ufer, und ſtiegen nun die ziemlich ſteile Landſpitze hinan, die hier, den oberen Theil der kleineren Bai bildend, in die größere— oder wie man recht gut ſagen könnte— in See hinauslief. Die Ausſicht von hier aus war reizend; über dem Hügel hinüber fanden wir wieder eine andere Bai, die noch tiefer in das Land einſchnitt als die, in welcher wir die Nacht campirt, und ziemlich weit oben, am Fuß der Hügel, die noch von der See durch eine breite Strecke moraſtigen Landes getrennt wurden, lag eine dicht gedrängte Häuſergruppe mit rothen Dächern, neben der, in geringer Entfernung, ein einzelnes, ziemlich ſtattlich ausſehendes Gebäude ſtand, das jedoch ganz in der Art der ſpaniſchen Ran⸗ 1 chos errichtet war. Einzelne der den Hintergrund bildenden Hügel waren mit Bäumen bewachſen. Viel pittoresker lag dagegen die andere, eben ver⸗ laſſene Bai da. Ein hoher ſpitzer Berg bildete den Hauptpunkt des Hintergrundes, düſtere Rothholz⸗ und Kieferwaldungen zogen ſich an ihm hinauf, und bedeckten mit ihren ſpitzen, ſchlanken Wipfeln die be⸗ nachbarten niedrigen Hügel. Wie ein Spiegel lag davor die ruhige Bai, auf der Hunderte von Wild⸗ enten hin und wieder ſtrichen, und wellenförmiges ———— — Hügelland umſchmückte, mit lebendigem Grün beklei⸗ det, die ſtille Bai. Ein kurzer Kriegsrath ward jetzt auf dem Gipfel des Berges gehalten.— Die vor uns liegende Häuſer⸗ gruppe wurde einſtimmig für die, von der Miſſion Dolores etwa 20 Meilen entfernte Miſſion San Ra⸗ phael erklärt, und die Frage blieb nur noch: ob Corte Madeira wirklich in der eben verlaſſenen oder der noch über San Raphael hinaus befindlichen Bucht liege. Am wahrſcheinlichſten ſchien uns das erſte, doch konn⸗ ten wir auf dieſer Seite nicht ein einziges Haus er⸗ kennen, und da wir die Miſſion San Raphael doch zu beſuchen wünſchten, beſchloſſen wir zu unſerem Kahn zurückzukehren und zuerſt nach der Miſſion hin⸗ über zu rudern. Schon ſeit einiger Zeit hatten wir indeſſen einen der kleinen Prairiewölfe, die es hier überall in bedeu⸗ tender Menge gibt, bellen und heulen hören, ihn je⸗ doch weiter entfernt geglaubt; als ich aber jetzt den Hügel wieder herunterkam, nach unſerem Boot zu gehen, ſah ich einen der kleinen Burſche, wie er in etwa 150 Schritt von dem angebundenen Boote, die⸗ ſem zugewendet ſtand, und aus Leibeskräften über den für ihn jedenfalls fremdartigen Gegenſtand zu räſonniren ſchien. Er lief dabei, ſich aber ſtets in Gerſtäcker, Californiſche Skizzen. 17 . ————— ——— — ——-—— —— — g— 258 gleicher Entfernung vom Ufer haltend, bald auf den nächſten kleinen Hügel hinauf, bald wieder hinunter und bezeugte jedenfalls eine ungewöhnliche Neugierde. Von Witzleben war indeß an der andern Seite des Hügels herumgekommen, und wir hatten ihn ſo ge⸗ wiſſermaßen eingeklemmt auf der engen Landzunge. Wenn er nicht das Waſſer annahm, mußte er einen von uns zum Schuß kommen; ich ſchnitt ihm, raſch nach Rechts hinunter, den Weg ab, und hierher wandte er ſich auch, um zunächſt wieder in die Büſche zu kommen. Das Terrain war ihm jedoch zu un⸗ günſtig, die Bai ſchnitt hier gerade nach mir zu ein, und als er, das Sumpfland zu umgehen, den Hügel ſchräg hinaufſprang, kam er mir auf etwa ſiebenzig Schritt zum Schuß. Beim Knall ſchon brach er zu⸗ ſammen, raffte ſich dann raſch wieder auf und rannte, den rechten Vorderlauf ſchleifend, davon, ſtürzte auch noch mehreremale, und war augenſcheinlich ſchwer ge⸗ troffen, kleine Dickichte ſtanden aber nicht weit davon entfernt, eines von dieſen erreichte er und blieb dort, da wir uns nicht die Mühe nahmen, weiter nachzu⸗ ſehen, liegen. Wir ſchifften uns jetzt wieder ein, umgingen das kleine Vorgebirge und ruderten nun die ziemlich lange Strecke bis zur Mündung des San Raphael Rivers⸗ (unter River iſt hier nämlich nur der von Ebbe und Fluth abhängige, ſonſt aber allerdings flußartige Ein⸗ lauf des Sumpflandes verſtanden). Es war Sonn⸗ tag, und von fern ſchon tönten uns die Gleken der Miſſion entgegen, die wir aber erſt gegen ungefähr 12 Uhr erreichten. Eine Maſſe von großen Schnepfen und Enten waren im und am Fluß, wir konnten aber keine bekommen. Die Miſſion San Raphael iſt noch kleiner und un⸗ bedeutender als die von Dolores, wenigſtens ſind da lange nicht ſo viel Gebäude, und Kirche und Miſſions⸗ haus ſahen wo möglich noch elender und verfallener aus als die Doloreskirche. Das einzeln ſtehende Ge⸗ bäude, das wir ſchon vom Berge aus bemerkt, ſtach deſto mehr dagegen ab, denn es war jedenfalls das beſte, wohnlichſte und ſolideſte Haus, was ich bis da⸗ hin noch in ganz Californien geſehen hatte. Es wird von einem Mr. Murphy, einem alten Anſiedler an der Bai, bewohnt, der hier ebenfalls eine Farm und bedeutende Strecken Landes beſitzt; er hält auch, durch einen californiſchen Steward, eine Art Gaſthaus, in dem Fremde wenigſtens Nahrungsmittel und Obdach bekommen können, und wir benutzten dies, unſere et⸗ was ausgehungerten Mägen wieder zu reſtauriren. Der alte Murphy iſt ein geborner Irländer, zwan⸗ 17* ——— —ö——— — 1 h —— 260 zig Jahr ſchon in Californien und eine wahre Rieſen⸗ geſtalt, ſo hoch und derb und kräftig gebaut. Er wollte eben ſein Land ausverkaufen und ſich nach der weiter obenliegenden San Pedro Spitze, wo er eine Stadt anzulegen gedenkt, zurückziehen. Wir hörten hier daß die Bai, in der wir die Nacht campirt, allerdings die von Corte Madeira und bei Land nur etwa drei Meilen von da entfernt ſei, ver⸗ zehrten alſo zuerſt unſer Mittageſſen, hingen dann die Büchſen über die Schulter, und ſtiegen langſam den Bergrücken hinauf, der die Thäler Corte Madeira und San Raphael von einander trennt. Der Hügel war ziemlich ſteil, doch entſchädigte uns dafür die Ausſicht vom Gipfel deſſelben, und wir konnten von hier aus deutlich die kleine Häuſergruppe Corte Ma⸗ deira's ſehen, die uns am vorigen Abend durch Hügel und Büſche verdeckt geweſen. Allerdings hatten wir die Büchſen mit, ich erwartete aber hier kaum Wild zu finden, und war nicht wenig erſtaunt, als v. Witz⸗ leben plötzlich den Hügel hinabzeigte und„ein Hirſch“ rief. Und in der That war es ein junger„Bock,“ der hier mit der Rikke geſtanden und jetzt, bei unſerem Näherkommen in langen Sätzen den Hügel hinunter floh. Ich ſuchte ihm zuvor zu kommen, doch umſonſt. Das Wild iſt hier durch das viele Jagen der neu ein⸗ ——— — —— 261 getroffenen Amerikaner zu ſcheu gemacht, und aus den beſiedelten Stellen in die ſtilleren Thäler zurückge⸗ ſcheucht; die wenigen aber, die noch ihren alten Weide⸗ gründen treu geblieben, ſind ſich der Gefahr, in der ſie fortwährend ſchweben, nur zu gut bewußt, und fortwährend bei dem geringſten Geräuſch, bei der ge⸗ ringſten fremden Witterung, auf der Flucht. Ohne weiter etwas Merkwürdigem zu begegnen, ſtiegen wir in das Thal hinunter, einen andern kleine⸗ ren Bergrücken wieder hinauf und hatten nun auf der andern Seite des Thales„Corte Madeira“(Holz⸗ er. ſchneide oder Sägemühle) dicht vor uns. Der Ort lag in ſeiner beſcheidenen Zurückgezogenheit, von den dunklen Bäumen hoch überragt, und aus dem Grün der Gebüſche gar traulich vorſchauend, freundlich ge⸗ nug da; eine ziemlich bedeutende Fläche cultivirten Landes(die ſogenannte„Farm des Capitän Cooper,“) gab dem Ort zu gleicher Zeit einen Anſtrich von Civi⸗ liſation und die Ausſicht auf die grünen Flächen und Hügelhänge, auf denen zahlreiche Heerden weideten, und zwiſchen dem Laub der Büſche hindurch nach der Bai hinüber, über die von der andern Seite her ein einzelnes Segel glitt, ſchmückte ihn dabei mit einem ganz eigenen freundlichen Zauber. Vor allen Dingen galt es jedoch jetzt dem nachzu⸗ 262 kommen, wegen dem wir hierher gefahren, und zwar nach hundert achtzehngallönigen Fäſſern zu fragen, die hier in dem Hauſe eines gewiſſen Mr. Cordua lagern und von uns beſichtigt werden ſollten. Das Reſultat was wir hier erhielten, war ein ſehr mittelmäßiges— die Erſten, die wir deshalb befru⸗ gen, ſchienen uns nicht recht Rede ſtehen zu wollen. Ein Mr. Cordua hatte allerdings dort gewohnt, und zwar in einem Häuschen, etwas weiter nach der Bai zu, ſeit zwei Jahren aber ſchon Corte Madeira ver⸗ laſſen, und Fäſſer— lägen auch nicht mehr in dem alten Haus— ein halbes Dutzend vielleicht ausge⸗ nommen. Mr. Rendall oder Randell, der jetzige Pächter von Capitain Coopers Farm, ſollte uns die nächſte Auskunft geben. Zu dieſem gingen wir alſo— er wohnte in demſelben Hauſe, beſtätigte uns aber nur als Thatſache, was wir bis dahin blos oberfläch⸗ lich gehört. Mr. Cordua ſollte Corte Madeira ſeit zwei Jahren verlaſſen und ſich um ſeine zurückgeblie⸗ benen Fäſſer gar nicht weiter bekümmert haben. Seit der Zeit waren aber große Veränderungen in ganz Californien, und auch in dieſem etwas abgelegenen Theile deſſelben vorgefallen, unter anderem beſonders aber eine Maſſe fremder Einwanderer gelandet. Von dieſen beſuchten manche auch die Bai von Corte Ma⸗ — deira, und Einzelne hielten ſich des Jagens wegen länger dort auf. Was konnte ihnen da bequemer kommen als das dicht an der Bai befindliche alte un⸗ bewohnte Gebäude des Mr. Cordua. Die darin la⸗ gernden Fäſſer kamen ihnen ebenſo erwünſcht; ein Theil davon wurde zu Stühlen, ein anderer zu nach und nach abſterbenden Tiſchbeinen verwandt, und der übrige Reſt als trockenes Holz zu Brennmaterial. So ein Faß war bald zuſammengeſchlagen, und die um das Haus herumliegenden eiſernen Reife ſollten die Wahrheit des Geſagten beſtätigen. Zu zweifeln brauchten wir an dem uns eben Mit⸗ getheilten nicht— darin, daß keine Fäſſer mehr da ſein ſollten, ſtimmten alle überein; die Verwendung der⸗ ſelben neochten wir aber nicht allein den„fremden Jägern“ zuſchreiben, denn gerade in des guten Man⸗ nes Hauſe, der uns all dieſen Aufſchluß gab, ſahen wir nahe an ein Dutzend der nämlichen Fäſſer, zu ſehr verſchiedenen Zwecken verwendet, ſtehen, und konnten jetzt wohl denken daß die ganze Nachbarſchaft aus ei⸗ nem ſolchen, für jeden Hausſtand bequemen Waaren⸗ vorrath den größtmöglichſten Nutzen gezogen hatte. Mr. Rendall meinte dabei die Fäſſer ſeien ihm übri⸗ gens gar nicht übergeben geweſen, und er habe alſo auch nicht für fremdes Gut ſtehen können: übrigens 264 brauchten wir gar nicht nach dem Hauſe hinunterzu⸗ gehen, denn es ſei alles ſo wie er uns geſagt habe. Herr Rendall war Alcalde von Corte Madeira und San Raphael; wir wollten uns aber doch lieber ſelber überzeugen, und wanderten deshalb, da die Sonne noch hoch genug ſtand, an dem kleinen Fluß, der ſich in die Bai ergießt, hinunter, kamen an der neu eingerichteten Dampfſägemühle vorbei, die dem ganzen ſchönen Thal ſeinen ſicherlich unpoetiſchen Na⸗ men gegeben, und erreichten bald darauf das bezeich⸗ nete Haus, wo wir die Ausſagen des Alcalden aller⸗ dings beſtätigt fanden. Der Ort ſah wild genug aus: eiſerne Faßreifen lagen in ziemlichen Quantitäten auf den Dächern und dem Boden herum, und im Inneren des Hauſes war alles oberſt zu unterſt gekehrt. Zwei lebensmüde Tiſche, die noch unſchlüſſig ſchienen nach welcher Seite hin ſie zuerſt umbrechen wollten, die Ueberreſte eines wirklichen Stuhles, einzelne Fäſſer, die theils zum Sitzen, theils zu Speiſeſchränken benutzt worden, die Hälfte eines alten blauen Rocks mit einem einzigen meſſingenen Knopf, eine total durchgeſeſſene Hoſe, einige paar Sockenſchäfte, und ein iſolirter Stiefel, der auf einem Bein in der Ecke ſtand, füllten den in⸗ neren Raum des einen Gemachs, während ein friſch⸗ ———y —— 8 265 G gemaltes tüchtiges Seeboot, n den Rudern darüber auf den Querbalken geſtützt und wohlverwahrt, den anderen einnahm. Bewohnt war das Haus auf kei⸗ nen Fall, die Aſche im Kamin bewies aber, daß dann und wann dort gerade von der Nacht überraſchte Jä⸗ ger oder Bootsleute, welche die Bai hereingekommen waren, übernachtet hatten. Gute oder wenigſtens noch brauchbare Fäſſer— denn von Wind und Wetter mitgenommen ſahen ſie alle aus— ſtanden in und vor dem Gebäude, nur noch 19 Stück ſtatt der verſprochenen hundert, und derenthalben war es allerdings nicht der Mühe werth, den weiten Weg mit dem Boote von Miſſion Dolores herzukommen, unſer Weg war alſo umſonſt geweſen, und wir konnten uns, ſo ſchnell es uns gefiel, wieder auf den Rückweg machen. Für dieſen Abend war das freilich etwas zu ſpät, langſam ſchlenderten wir deßhalb wieder über die Berge nach San Raphael, ſahen noch unterwegs einen Hirſch und mehrere Haſen— ohne jedoch im Stande zu ſein in dem dichten Gebüſch etwas zu erlegen, und legten uns, nach bei Murphy eingenommenem Abend⸗ eſſen ruhig in unſer Boot, um ſchon in der Nacht mit ſteigender Fluth von dem Schlamm, auf dem uns die Ebbe zurückgelaſſen, loszukommen. Um 10 Uhr 4 266 Abends bekamen wir aber nur halbe Fluth, kamen nicht los, und mußten nun die nächſte, gegen 11 Uhr am anderen Morgen abwarten. Der Morgen und die Fluth kamen, mit ihm aber auch ein ungewöhnlich ſtarker Südweſter, der mit der ſteigenden Sonne ebenfalls zu wachſen ſchien. Zwi⸗ ſchen den Hügeln ſpürten wir ihn aber nicht ſo ſtark, brieten vor allen Dingen zum Frühſtück unſere Enten und ruderten dann langſam den ziemlich breiten Ein⸗ fluß hinunter. Enten und Schnepfen gab es in Maſſe, ſie waren aber entſetzlich ſcheu und nur im über uns Wegfliegen waren wir im Stande zwei der großen Sumpfſchnepfen(wie ein junges Huhn groß) zu ſchießen. Die See brauſte indeſſen; über das flache Land hin konnten wir ſchon von weitem den weißen Schaum der aufthürmenden Wogen erkennen, und gegen das Ufer ſpritzte die Brandung in jähen Schlagwellen empor. Die Ebbe hatten wir dabei allerdings zu un⸗ ſerem Gunſten, der ſtürmiſche Südweſt war uns aber total entgegen und hob den Vortheil alſo mehr als auf. Gegen Wind und Wellen mußten wir an, und gegen Wind und Wellen legten wir uns aus Leibes⸗ kräften in die Ruder, ſo daß ſich das elaſtiſche Holz — 267 bei jedem Schlage bog und den widerſpenſtigen Kahn immer gegen neu heranſtürzende Waſſermaſſen antrieb. Nicht möglich war es dabei dicht unter Land zu hal⸗ ten, da der weite flache Sumpf, der ſich nach dem Lande hin wohl über zwei Meilen ausbreitete, das Boot zwang gerade in See zu halten, den zähen Schlamm ſeiner Ufer zu vermeiden. Nur langſamen Fortgang machten wir auf dieſe Art; dabei wurde, je weiter wir hinauskamen, das Waſſer deſto ſtürmi⸗ ſcher, das Wogenheer drohender und gefährlicher, und der ein paarmal über Bord ſchlagende Kamm einzelner Wellen machte uns auch darauf aufmerkſam daß wir füllen und dann, nur zu zweien, keine Hand würden entbehren können das eingenommene Waſſer wieder auszuſchöpfen. So langſam rückten wir zu gleicher Zeit vor, daß noch Stunden vergehen muß⸗ ten, ehe wir im Stande geweſen wären das andere Ufer zu erreichen. Füllten wir, ſo war in dem weichen Schlamm nicht einmal Rettung möglich— und hätten unſere ununterbrochen in Anſpruch genommenen Kräfte auch ſo lang ausgehalten? Ein paar raſch gewechſelte Worte, denn zu langen Berathſchlagungen blieb keine Zeit, waren genügend unſer weiteres Verhalten zu beſtimmen— der Bug des Fahrzeugs flog, von einer Woge gerade gehoben, 268 raſch herum, und vor Wind und Wellen ſuchten wir jetzt, mit wirklich äußerſter Anſtrengung, den vor kaum einer halben Stunde verlaſſenen und gegen die Wo⸗ gen wenigſtens geſchützten Hafen zu erreichen. Aber ſelbſt zurück zeigte ſich die Fahrt ſchwieriger als wir gedacht; ohne Steuerruder lag das Gewicht der Wel⸗ len zu ſehr auf der Außenſeite, als daß wir ihm im⸗ mer hätten ſo ſchnell als nothwendig begegnen können, und während wir zwar raſch vorwärts glitten, trieb das Boot auch zu gleicher Zeit dem ſchlammigen Ufer näher. Berührte nur der Kiel den Grund, daß die Wogen beim Anprallen den geringſten Widerſtand fanden, ſo ſchlugen ſie über uns hin, und unſere Lage wäre dann allerdings eine fatale geweſen; der zähe Schlamm hätte uns ſelbſt am Schwimmen verhindert. So weit ſollte es aber nicht kommen, dicht am Schlamm⸗ ufer hin glitt unſer wackeres Fahrzeug, die äußerſte Spitze des gefährlichen Ufers war erreicht, und im nächſten Augenblick befanden wir uns in ruhigem ſiche⸗ rem Waſſer. Rechts einbiegend, wo der kleine Fluß eine Bie⸗ gung gegen die Hügel macht, glitten wir in eine kleine geſchützte Bucht, befeſtigten dort unſeren Kahn und erreichten dann, da von hier aus eine ſchmale Kies⸗ bank bis faſt zum Fluß führte, auf dieſer die nächſten ſſſſ 269 Hügel, an denen hin wir zur, am letzten Abend erſt ver⸗ laſſenen Miſſion wieder zurückgelangen konnten. An dieſem Tag war an einen zweiten Aufbruch nicht zu denken, denn jedenfalls mußten wir, da der Sturm auch nicht eine Viertelſtunde nachließ, die Fluth des nächſten Morgens abwarten. Um unſere Zeit deshalb nur in etwas zu benutzen, beſuchten wir das Miſſionsgebäude. Lieber Gott, ich hatte geglaubt die Miſſion Dolo⸗ res ſtehe ſchon, was Kirche und Privatwohnungen an⸗ betraf, unter den niedrigſten Erwartungen, fand aber jetzt daß ſie im Vergleich mit der von San Raphael, ein wahres Prachtgebäude ſei. In Art der Anlage haben beide Aehnlichkeit mit einander; die Jeſuiten ſind mit ihren californiſchen Miſſionen wohl ziemlich nach einem gemeinſamen Plane verfahren, Zeit und Wetter den aus unge⸗ brannten Lehmſteinen errichteten Gebäudenaber keines⸗ wegs günſtig geweſen. Es regnete gerade was vom Himmel herunter wollte, als wir in die zwar geräu⸗ mige, aber öde Kirche traten. Kirche?— und warum nicht?— Die Leute, die dieſen allerdings etwas wüſt ausſehenden Platz aus freiem Antrieb aufſuchten, hier ihre Andacht zu verrichten, konnten das gewiß dort ebenſo gut als wenn das Haus von prächtigem Mar⸗ * b —— —— ——— — 270 mor aufgeführt und von Säulen getragen worden. Die ſo oft gepredigte und ſo ſelten befolgte ächt chriſt⸗ liche Beſcheidenheit und Anſpruchsloſigkeit wäre auch hier vollkommen gut repräſentirt geweſen, nur ſtörte die Maſſe bunten Nürnberger Flitterwerks, das wahr⸗ ſcheinlich gute Chriſten um den Altar herum aufge⸗ häuft hatten, den wenigſtens auf mich hervorgebrach⸗ ten guten Eindruck, und contraſtirte eigenthümlich ge⸗ nug mit den kahlen Lehmwänden und dem durch das zerriſſene Dach in Traufen niederſtrömenden Regen. Die Prieſterwohnung ſtand in vollkommenen Ver⸗ hältniß mit der Kirche; der Geiſtliche, ein geborner Franzoſe, hatte einen kranken Fuß und ſaß, dieſen pflegend, in der hohen kahlen, kalten und feuchten Stube. Ein allem Anſchein nach ſehr hartes Bett, noch dazu nur dürftig mit Decken verſehen, ein paar Stühle, ein wackliger Tiſch, ein kleiner Bücherſchrank und mehrere augenſcheinlich europäiſche Koffer bilde⸗ ten ſein ganzes Hausgeräth. Die Stube ſchmückten noch außerdem einige Heiligenbilder— Gott verzeih es dem Maler der die Geſichter von ſicherlich ganz braven Leuten auf ſo ſcheußliche Art entſtellt hatte— und ein Bündel Roſenkränze— wahrſcheinlich zu Ge⸗ ſchenken beſtimmt. Die Bibliothek, in der ich mich nach alten, auf die Miſſion bezüglichen Werken ver⸗ *½ ——Q—Q—OęOñ———Q—⸗— 271 gebens umſah, enthielt nur einige ſpaniſche Gebetbü⸗ cher und mehrere Predigten in Manuſcript— keines⸗ falls etwas erhebliches. 1 Indianer ſahen wir nur wenige in der Miſſion, das Miſſionswerk ſcheint überhaupt für Californien vorbei zu ſein. Man wird allerdings die wenigen ar⸗ men eingebornen Teufel, die nach der gewaltſamen Entwicklung dieſes wunderbaren Landes noch übrig bleiben, zu der äußeren Bekennung der chriſtlichen Re⸗ ligion bringen, dabei wird es aber auch bleiben, und ſich um ihr wirkliches Chriſtenthum Niemand beſon⸗ ders kümmern. In San Raphael beabſichtigte man ebenfalls eine Stadt anzulegen— wie überhaupt an ſämmtlichen nur halbweg günſtig gelegenen Plätzen der Bai— und Bauplätze wurden zu 30 Dollars ausgeboten. Die Nacht ſchliefen wir, um dem ſtarken, von hef⸗ tigem Wind begleiteten Regen zu entgehen, in Mr. Murphy's Haus. Gegen Morgen legte ſich der Sturm, und um 11 Uhr als ſich das ſchlimmſte Wet⸗ ter gelegt und die See etwas beruhigt hatte, gingen wir aufs neue in See— dießmal aber, mehr vom Wind begünſtigt als geſtern, unter Segel. Allerdings mußten wir ſo dicht wir konnten, bei dem Wind hal⸗ ten und machten deshalb keinen ſehr bedeutenden Fort⸗ ..— * 272 gang, die Ebbe war uns aber ebenfalls günſtig, und nur etwas zu weit in die Mitte der Bai hinausge⸗ trieben, hielten wir ſcharf auf die obere Spitze von Los Angelos zu. Nach Mittag drehte ſich der Wind wieder etwas, wir mußten das Segel einziehen und zu den Rudern greifen und erreichten etwa zwei Stun⸗ den vor Sonnenuntergang nach ſchwerer Arbeit Los Angelos. Am weſtlichen Ufer der Inſel hin hielten wir uns diesmal, noch immer von der abſtrömenden Fluth be⸗ günſtigt, und lagen dort etwa eine halbe Stunde ſtill, uns theils auszuruhen, theils die nächſte Fluth abzu⸗ warten, um mit dieſer gegen San Francisco hinauf⸗ zuhalten. Der Abend rückte aber raſch heran, und der Himmel ſelber ſah viel zu drohend aus, als daß wir viel Zeit hätten unnütz verſäumen dürfen. Wir ſetzten deshalb das Segel wieder und hielten an der Inſel Alcatraces vorüber, auf die Weſtſpitze der In⸗ ſel Yerba Buena zu, von wo aus wir hoffen durften, entweder die über der Stadt und nach Dolores zu liegende Baiſpitze oder doch wenigſtens die Stadt ſel⸗ ber zu gewinnen. Von da an konnten wir dann, von dem hohen Ufer geſchützt und von der ſteigenden Fluth begünſtigt, noch in derſelben Nacht in den Bai⸗ ausfluß der Miſſion Dolores einlaufen. Wind und * 273 Wetter machten uns jedoch einen bedeutenden Strich durch dieſe Rechnung. Noch vor Yerba Buena kam uns der Wind wie⸗ der entgegen und wir mußten rudern, und als wir kaum das erſte und äußerſte der vor San Francisco vor Anker liegenden Schiffe erreicht hatten, und ge⸗ rade als ſich die Fluth drehte, brauſte er wieder über die See herüber, und der weiße Kamm der heranbre⸗ chenden Wogen kündete uns eine Fortſetzung des geſtern Begonnenen. Dabei wurde es dunkel. Sollten wir. nach dem über zwei Meilen entfernten Lande in ſolch ſtürmiſcher See hinüber halten? Jedenfalls wäre es ſehr gewagt geweſen, und da die Noth es nicht dringend erforderte, beſchloſſen wir da, wo wir uns gerade befanden liegen zu bleiben. Hinten am Spie⸗ gel der Barke hing nämlich ein ziemlich großes Lichter⸗ boot, eine ſogenannte Scow. In dieſer lagen einige Bretter— das Boot befeſtigten wir an die Scow, ſchoben uns die Bretter dachförmig zurecht, deckten unſer Segel darüber— was wenigſtens vollkommenen Schutz gegen den Regen gab— und machten uns dann bereit die Nacht hier zu verbringen. Immer lauter heulte aber der Sturm, immer höher hoben ſich die Wogen, und unſer Boot drohte an der ſchweren Scow zu zerſchellen. Mit in dem Lich⸗ Gerſtäcker, Californiſche Skizzen. 18 274 ter gefundenen Stricken und einem ſandgefüllten Sack, den wir neben den zuſammengedrehten Seilen über Bord hingen, ſicherten wir in etwas unſer Boot. Wie ſich das Wetter aber verſchlimmerte, wurde auch deſ⸗ ſen Zuſtand bedenklicher, und zuletzt erreichte es einen ſolchen Grad, daß wir die Erhaltung unſeres Fahr⸗ zeugs faſt aufgaben, und wenigſtens alles, was heraus⸗ genommen werden konnte, wie Ruder, Dollen u. ſ. w. in die Scow retteten. Proviſionen hatten wir, außer etwas trockenem Schiffszwieback und den beiden, aber doch nicht roh zu verwendenden Schnepfen, keine, auch keinen Appetit etwas zu verzehren, und müde und kalt drückten wir uns, nachdem das Boot ſo gut ver⸗ wahrt war wie es die Umſtände nur geſtatteten, unter unſer extemporirtes Schutzdach, unter dem wir wie in einem Sarge lagen. Ich habe ſchon manche ſchlechte Nacht in meinem Leben mit durchgemacht, ſo gefroren aber noch in kei⸗ ner. An Schlafen war dabei gar nicht zu denken; die Wogen ſchlugen gegen die Scow an, hoben ſie und ſchleuderten ſie hin und wieder; der Regen klatſchte auf das Segel nieder, der Sturm heulte und zum Ueberfluß hing noch ein anderer, aus Brettern roh gezimmerter Kahn an demſelben Schiff mit uns, barſt ſchon in der erſten Stunde durch die wiederholten 275 Schläge, und donnerte nun ſeine Stücke die ganze Nacht hindurch gegen die Vorplanken der Scow an, auf denen wir gerade mit dem Kopfe lagen. Schlaflos warfen wir uns auf den feuchten Plan⸗ ken herum, und der kalte Wind pfiff unter dem Se⸗ gel durch, daß uns das Mark in den Knochen erſtarrte. Die Vergangenheit trug ebenfalls nicht dazu bei, mir wenigſtens meine Lage zu erleichtern— an demſelben Abend hatte ich im vorigen Jahr die Meinen verlaſſen, und jetzt?— Hol der Teufel das Nachdenken, wenn der Geiſt ſich an ſolche Punkte klammert, und nicht los davon zu reißen iſt. Die Nacht kam mir ſo lang wie ein Monat vor, und als der Morgen endlich trübe durch unſer naß⸗ graues Segel dämmerte, konnte ich die erſtarrten Glieder kaum ſo viel bewegen, unter unſerem Dach⸗ werk vorzukriechen. Mein erſter Blick war nach dem Boot, der zweite nach Himmel und Wellen— das Boot lag wirklich noch unbeſchädigt neben uns, die See hatte ſich be⸗ ruhigt, der Sturm etwas nachgelaſſen, und wenn uns auch der Wind entgegen war, konnten wir doch jetzt leicht mit Rudern das Ufer gewinnen. Unſer Frühſtück hielt uns nicht lange auf, ein Stück Schiffszwieback und ein Schluck Waſſer. Raſch 18* packten wir unſere Habſeligkeiten wieder in das Boot und ſtießen, jetzt mit der beſten Hoffnung, von unſe⸗ rem Nachtquartier ab. Das Schiff an dem wir gelegen, war eine große franzöſiſche Barke, L'Abeille und von den Leuten die wir an Bord ſahen, wie ſie uns von dort herunter⸗ riefen, vor einigen Tagen aufgefangen, ohne daß we⸗ der der Capitän noch ſonſt irgend jemand von der Mannſchaft an Bord geweſen wäre. Nach zwei Stunden etwa erreichten wir San Francisco. Wir ſahen übrigens aus wie die Räuber und Mörder, und wären in jeder Stadt Europas, augenblicklich beim Kragen genommen und durch ir⸗ gend einen wohlwollenden Polizeidiener der Aufmerk⸗ ſamkeit der Straßenjungen entzogen worden. Hier aber fällt das nicht auf, die Leute ſind an abenteuer⸗ liche Geſtalten jeder Art gewöhnt. Unbeläſtigt konn⸗ ten wir uns reſtauriren und liefen noch an demſelben Morgen, allerdings etwas müde, ſonſt jedoch wohl und geſund in den kleinen Fluß der Miſſionsbucht ein — y—yg y— 3 4⁴ ——— Der Merxikaner in den cealiforniſchen Minen. Die Mexikaner bilden in Californien, faſt wie die „Chineſen, eine ganz beſondere und ſtreng in ſich abge⸗ ſchiedene Geſellſchaft, die dem fremd Eingewanderten gleich von allem Anfang an, zuerſt durch ihre dunkle Hautfarbe ſowohl wie durch das Eigenthümliche ihres National⸗Kleidungsſtückes, der bunten, oft in den le⸗ bendigſten Farben prangenden Serape auffällt, wäh⸗ rend er, je mehr er mit ihnen zuſammenkommt, deſto mehr kleine Züge kennen lernt, die ſie von allen an⸗ deren Stämmen deutlich abzeichnen und unterſcheiden. Wohl zu trennen dabei ſind die Mexikaner von den Californiern, den eigentlichen Herren des Landes, die früher allerdings unter mexikaniſcher Botmäßig⸗ keit ſtanden, doch aber eine gänzlich verſchiedene Rage ſcheinen, und ſich mit den eigentlichen Mexikanern auch 278 nicht viel abgeben, jedenfalls ſich für mehr und beſſer halten, als dieſe. Der Californier(ich ſpreche hier nicht von dem eingebornen Indianer, der in Farbe, Haaren und Ge⸗ ſichtsbildung ſeinen öſtlichen Bruder nicht verleugnen kann, ſondern von den Abkömmlingen der echt ſpant⸗ ſſicchen Race, die aber in Californien geboren wurde) ſiſt ſchlanker und kräftiger gebaut, als der Mexikaner, „auch wohl von etwas hellerer Geſichtsfarbe, aber in Tracht und Sitte ähnelt er ſeinem ſüdlichen Milch⸗ bruder, wie in dem Haß gegen den Amerikaner, in dem er ihn vielleicht noch übertrifft. Doch mit dieſem haben wir es hier nicht zu thun, eben ſo wenig mit V den anderen ſpaniſchen und meiſt von Süd⸗Amerika 4 3 heraufgekommenen Volksſtämmen, den Chilenen wie den Argentinern, beides treffliche Laſſowerfer, die ſelbſt dem Californier nicht nachſtehen darin oder den Peruanern und Bewohnern der centralamerikaniſchen Staaten. Der Mexikaner zeichnet ſich vor Allen aus und iſt leicht erkennbar. 1 6 Schon auf den Straßen die nach den Minen füh⸗ ren, tritt ſein Charakter ſcharf und deutlich vor. In kleinen Trupps zuſammen und mit keiner anderen Na⸗ tion ſich miſchend, mit Maulthieren, wenn ſie reich ge⸗ nug ſind ſolche zu bezahlen, oder ſonſt zu Fuß, mit — die kurze, leichte Brechſtange, das einzige Werkzeug bei ihrer Arbeit, in der Hand, und das Wenige„was — ſie außerdem noch brauchen, in ein kleines Bündek auf den Rücken geſchnallt, ziehen ſie ſingend, lachend und erzählend ihre Straße entlang und lagern, wenn es Abend wird, ſeitab von dem Weg oder Pfad, in dem b ſie die Packſättel ihrer Maulthiere, in einem engen oder weiten Kreis, je nachdem ſie zahlreich ſind, um* ſich herum aufſtellen, und mit dem anderen Gepäck da⸗ zwiſchen eine Art befeſtigtes Lager bilden, als ob ſie fortwährend einen Ueberfall fürchteten. 8 Sie tragen leichte Hoſen und Jacken und meiſt weiße Hemden, und ihre Serape, was der Süd⸗Ameri⸗ kaner Poncho nennt(eine große, wollene, bunt ge⸗ webte Decke mit einem Loch in der Mitte, den Kopf hindurchzuſtecken), bei kaltem oder naſſem Wetter halb zuſammengeſchlagen, den einen Zipfel über die linke Schulter gelegt, daß er nur etwas vorn herunterfällt und den anderen über den Rücken herum vorn über die Bruſt gezogen und dann nach hinten über die linke Schulter geworfen. Es ſieht das einestheils ſehr maleriſch aus und hält auch Bruſt und Leib warm und gegen den Regen vollkommen geſchützt, da das dicht gewebte wollene Zeug keinen Tropfen Waſſer S Aee 280 durchläßt. Ein Panama⸗Strohhut auf dem Kopf, und Lederſandalen an den Füßen vollenden ihre Toi⸗ lette, die bei den Wohlhabenderen noch durch eine meiſt rothſeidene, chineſiſche Schärpe, welche ſie um den Leib tragen, und deren lange Zipfel von den Sei⸗ ten herunterfallen, gehoben wird. Während der Argentiner aber z. B. nie ohne ſein langes Meſſer, das ihm hinten im Gürtel ſteckt, ge⸗ ſehen wird, und ſelbſt der weniger blutdürſtige Chilene ſehr gern ein ſolches trägt, wird man den Mexikaner ſelten damit finden, er müßte es den verſteckt unter den Kleidern führen. Nur die Berittenen haben meiſt einen Säbel bei ſich, den ſie auch auf etwas eigenthüm⸗ liche Art, wenn ſie zu Pferd oder zu Maulthier ſitzen, unter dem linken Bein durch, an den Sattel geſchnallt tragen, wo der Griff ſolcher Art der rechten Hand leicht und bequem liegt. Der Säbel hindert ſie da— . durch nicht allein nicht beim Reiten, indem er, wie gewöhnlich umgeſchnallt, an der Seite herumklappern 6 würde, ſondern ſie können auch, beſonders wenn ſie durch Buſch und Wald reiten, nirgends damit hängen bleiben. Piſtolen führen ſie ungemein ſelten, wiſſen auch nicht mit Feuerwaffen, oder doch nur ſehr mittel⸗ mäßig umzugehen. Dafür haben ſie ebenfalls den Laſſo rechts hinter ſich am Sattel zuſammengerollt aufge⸗ —jjjj ö---- ——“ 281 bunden, daß er mit einem Griffe zu löſen und zu faſ⸗ ſen iſt. Der Mexkkaner iſt aber keineswegs ſo blutdürſtig und grauſam wie manche ſeiner Stammgenoſſen, und die Urſache hierzu liegt ſicher mit in der großentheils vegetabiliſchen Nahrung. Während ſich der Argen⸗ tiner nie um Brod bekümmert, wenn er Fleiſch haben kann, und ſelbſt der Californier es wohl ißt wenn er es gerade hat, aber ſich auch keine beſondere Mühe damit geben mag, bilden die auf großen Blechen ge⸗ dörrten, ganz dünnen, knuſprigen Weizenkuchen einen Haupt⸗Beſtandtheil von des Mexikaners Mahlzeit, und er wird lieber dem Fleiſch entſagen, ehe er dieſe aufgiebt. Ueberhaupt bietet ein ſolcher mexikaniſcher Lagerplatz ein belebtes, fröhliches Bild, und wenn kein Fremder zwiſchen ihnen iſt, ſingen und lachen ſie und tanzen auch wohl, trotz dem ermüdenden Ritt über Tag, bis ſpät in die Nacht hinein, um am an⸗ deren Morgen wieder mit Tages⸗Anbruch aufzuſtehen und ihren Marſch fortzuſetzen, oder ihre Arbeit zu beginnen. Eine außerordentliche Fertigkeit haben ſie im Bepacken ihrer Maulthiere, auf die ſie mit ihren Laſſos und langen ledernen Riemen an zwei⸗bis drei⸗ hundert Pfund, ſei dies nun in Kiſten, Fäſſern oder 282 Säcken, aufbinden. Säcke packen ſich am beſten, und ein Maulthier, ſchwer geladen, trägt gewöhnlich drei, von je hundert Pfund; Fäſſer mit gepöckeltem Schweinefleiſch und anderen Proviſionen werden immer zu zweien aufgeladen, und kleinere und größere Kiſten auf eine Art weggeſtaut und befeſtigt, daß ſich die Laſt nicht rühren und regen kann und das Thier, wenn es überhaupt nicht überladen iſt, leicht darunter fortſchreitet. Selbſt einzelne große Fäſſer, beſonders mit gepöckeltem Schweinefleiſch, die oft dreihundert Pfund wiegen, wiſſen ſie allein oben auf dem Pack⸗ ſattel eines Maulthieres ſo geſchickt zu befeſtigen, daß ein Nachſchnüren unterweges faſt gar nicht nöthig iſt. Die Mexikaner verdienten deshalb auch gleich im An⸗ fang viel Geld damit, Lebensmittel in die Minen und beſonders in die Bergſchluchten zu ſchaffen, die man mit Wagen und Geſchirr gar nicht erreichen konnte, und wo Fracht, beſonders im Winter bei ſchlechten Wegen, nach den entfernteren Stellen bis zu einem und einunddreiviertel Thaler preuß. Courant(ſiebzig, achtzig, ja, bis zu hundertzwanzig Cent) für das einzelne Pfund bezahlt wurde. So verdienten ſie oft mit einer einzigen Reiſe, die ſie recht gut in acht Tagen zurücklegen konnten, ihr Maulthier. 3 Die Mexikaner ſind dabei ungemein mäßig; ſie —“ 283 eſſen nur wenig und einfache Koſt und trinken faſt Nichts als Waſſer, ſind deshalb auch vortrefflich ge⸗ eignet, in den Minen und in einſamen Bergſchluchten — ihren Lieblingsſtellen— auszuhalten, und ver⸗ dienen gewöhnlich eine für ihre beſcheidenen Anſprüche ſehr große Quantität Gold, mit dem ſie ſich dann eben ſo ruhig über die Berge wieder zurück in ihre Heimat ziehen, wie ſie gekommen ſind. Der Amerikaner mag übrigens deshalb den Mexi⸗ kaner eben ſo wenig wie den Chineſen leiden. Die Menſchen verzehren zu wenig, haben zu⸗ wenig Be⸗ dürfniſſe, und das wenige Geld, was ſie umſeten, bleibt faſt ausſchließlich unter ihren Lande Sie kommen meiſt in Karawanen un 1 Lande von Mexiko herauf und weichen dem b kaner in Californien aus, ſo viel ſie können. Sie ſuchen auch die Geſetze, die ihnen für Arbeiten in de Minen einen gewiſſen Beitrag auferl en, ſo viel als möglich zu umgehen, indem ſie fortw rend aus einer Schlucht in die andere wechſeln, bis ſie einen guten Platz gefunden haben den ſte, ohne ſich mit einem Laut zu verrathen, ausbeuten und dann wieder mit ihrem Gold verſchwinden. 4 3 Sie haben dabei eine von den übrigen Stämmen ganz verſchiedene Art zu arbeiten. Während die Ame⸗ 284 rikaner, wie ſämmtliche übrige Nationen faſt, ſich der Schaufeln und Hacken zum Auswerfen der Erde und der verſchiedenartigſten Maſchinen zum Auswaſchen derſelben bedienen, bleiben die Mexikaner noch in den meiſten Fällen, größere Compagnieen ausgenommen, bei ihrer hölzernen Waſchſchüſſel und dem kleinen, kurzen Brecheiſen, mit dem ſie die Erde aufſtoßen, die⸗ ſelbe mit den Händen in die Schüſſel werfen und fort⸗ tragen. Natürlich iſt es mit dieſem unvollkommenen Handwerkszeug viel mühſamer den ſchweren Grund zu bearbeiten, und wollten ſie dabei auf dieſelbe Art verfahren, wie alle übrigen Goldwäſcher, d. h. große Löcher auswerfen und frei arbeiten, und dann daran gehen, das von der oberen Decke befreite, ſo wie ſie die Golderde einmal erreicht haben, auszuwaſchen, würden ſie nie und nimmer auf die Koſten ihrer Ar⸗ beit kommen, wie auch gar nicht im Stande ſein ſo viel Erdreich mit ihrem unvollkommenen Geſchirr zu bewältigen. Die Mexikaner arbeiten aber auf ganz andere Art. Gewöhnlich graben oder wühlen ſie ein brunnenartiges Loch aus, von ſo ſchmaler und enger Röhre aber, daß wirklich nur ein Mexikaner ſich im Geringſten darin regen könnte. Mit ledernen Säcken meiſt ſchaffen ſie die taubñe Erde dann zu Tage, fort⸗ während dabei mit ihren hölzernen Pfannen verſu⸗ 285 chend, ob ſie noch nicht auf goldhaltigen Grund kom⸗ men und die„Ader“ treffen. Von da an nun wühlen und ſtochern ſie weiter, folgen der Goldader, die ſich faſt immer in nicht zu großem Umfange, bald hierhin, bald dorthin abkreuzend, in der Erde hinzieht, ſtoßen die Erde vor ſich weg mit den Brechſtangen gleich in ihre Pfannen oder Säcke los, und ſcharren und kratzen ſich ordentliche Stollen unter dem Erdboden hin auf weite Strecken. Die Amerikaner nennen dieſes Arbeiten cayoting, nach den kleinen Wölfen, cayotas, die ſich auch ihre Höhlen in die Erde graben. Still und abgeſchloſſen, halten ſie ſich dabei für ſich, ja ſelbſt den Eingang ihrer Gruben verborgen, ſo weit das irgend geht, und arbeiten fleißig und un⸗ verdroſſen fort, verkehren auch ſo wenig wie möglich mit ihren Nachbarn und ſtehen ſelten oder nie dem Fremden, der ſich mit ihnen einlaſſen will, Rede und Antwort. Kömmt man deshalb an einer ſolchen Stelle vorbei wo ſie arbeiten, und will ſich mit ihnen in ein Geſpräch einlaſſen, ſo hält das ſchon an und für ſich ſchwer. Sie ſehen es auch gar nicht gern, wenn man bei ihnen ſtehen bleibt, obgleich ſie es eben auch nicht verhindern können, und antworten nur artig auf den ihnen gebotenen Gruß; jede weitere Frage wäre voll⸗ * 286 kommen nutzlos. Hundertmal wohl habe ich gehört, wie ſie von Anderen angeredet wurden, die aus ihnen herauszubekommen ſuchten, ob ſie irgend etwas ver⸗ dienten. „Mucho oro aqui, amigo?“(„Viel Gold hier, Freund?“) iſt eine Redensart, die beſonders den Amerikanern geläufig wird, da es auch ungefähr das Einzige iſt, was ſie von der ſpaniſchen Sprache be⸗ halten, und ſie ſehen dann gleichgültig und ernſthaft dabei aus, als ob ihnen eben nicht beſonders viel da⸗ ran läge es zu erfahren— die Antwort bleibt im⸗ mer dieſelbe. „Si, poquito, Seäor“(„Ja, ein wenig, Seüor“) was ſie mit einem eigenthümlich ſingenden Ton und einem halben Achſelzucken erwiedern. Alle anderen gebrochenen Redensarten verſtehen ſie nicht, und wer wirklich ſpaniſch ſpricht und dadurch ſchon näher mit ihnen bekannt geworden iſt, fragt ſie ſchon überhaupt um Nichts, denn wenn er auch Etwas erführe, könnte er ſich darauf verlaſſen, daß es eine Lüge wäre. Sogar an total waſſerarmen Stellen, wo es kei⸗ nem Amerikaner einfallen würde zu arbeiten, ſieht man ſie mit ihren kurzen Brechſtangen ſtoßen und wühlen oder„trocken waſchen“, wie es die Uebrigen nennen. Sie zerdrücken dann die bröckliche Erde in ih⸗ ren hölzernen Pfannen und blaſen den Staub mit dem Mund hinaus, wo das ſchwerere Gold natürlich zu⸗ rückbleibt; aber es läßt ſich denken, welche ſchwierige Arbeit das iſt, und was für eine Lunge dazu gehört. Mit dieſem ſtillen, unermüdlichen Fleiß und der Art ihrer Arbeit, bei der ſie ſich nicht mit oberfläch⸗ lichem Unterſuchen begnügen, ſondern eben in die Erde wie ein Maulwurf hineingehen, und darunter fort⸗ wühlen, haben ſie aber auch ſchon in Californien faſt an allen Waſſercourſen die reichſten Goldlager zuerſt entdeckt, und ſind nicht ſelten ſpäter von den Ameri⸗ kanern daraus vertrieben worden. So war es in Murphy's Diggings, wo die Letzteren ein paar Mexi⸗ kaner mit einer Frau an der Arbeit fanden, die unter einigen einzeln ſtehenden Kiefern eine Art Brunnen gegraben hatten und von den rohen Geſellen geradezu verjagt wurden. Der Platz wies ſich nachher als ſehr reich aus. Sodann mit Carſon's⸗Flat, wo zehn oder zwölf Mexikaner faſt ein halbes Jahr gearbeitet hat⸗ ten und, wie das Gerücht ging, eben nur knapp ihren Lebensunterhalt verdienten, denn wo ſie ſich ihre Pro⸗ viſionen holen mußten, bezahlten ſie nur mit ſehr fei⸗ nem, unanſehnlichem Gold, und handelten bis auf das Blut, um Alles billig zu bekommen. Als aber einige Amerikaner ſpäter zufällig und wirklich faſt aus Verzweiflung, nirgends anders Etwas finden zu können, mit begannen, erwies ſich die ganze Fläche als eine der reichſten in den californiſchen Minen, und die Mexikaner zogen ſtill mit ſchwerbeladenen Maul⸗ thieren ab. Dieſer Nation wurden auch, beſonders in den erſten Jahren, eine Menge Mordthaten vor die Thür gelegt, die ſie an Minern verübt und ſie beraubt ha⸗ ben ſollten. Gewiß iſt, daß es auch unter ihr, wie bei allen Nationen, eine Maſſe Geſindel gab, das ſich den ungeregelten Zuſtand der Minen zu Nutzen zu machen ſuchte und manches Verbrechen verübte. Ih⸗ nen allein darf aber wahrlich nicht die Schuld gegeben werden, denn auch jener von Amerika herübergezogene Schwarm von Spielern, die, wenn ſie kein Gold mit falſchem Spiel erbeuten konnten, eben ſo gern bereit waren mit Blut und Raub ihre Säckel zu füllen, ferner die von Auſtralien in nicht unbeträchtlicher Zahl hierher verſchifften Deportirten, die ſich glän⸗ zende Aerndten mit Aufnahme ihres alten Geſchäfts verſprechen durften, ſuchten, wenn ſie eine ſolche That verübt, den Verdacht auf Mexikaner zu lenken, indem ſie irgend ein kurzes Brecheiſen, am häufigſten eine hölzerne Waſchſchüſſel oder auch eine Sandale als corpus delicti zurückließen, und nun vielleicht gar 3 V 289 mit die waren, welche gleich von Anfang an Zeter über die blutdürſtigen„Mexicans“ ſchrieen. Mehrere Mordthaten haben ſich, beſonders in der Gegend des Sonora⸗Camp und der benachbarten Minen, anfäng⸗ lich mit den Beweiſen mexikaniſcher Hände, endlich doch auf jene Bande zurückführen laſſen, deren Haupt⸗ ſtamm ſpäter in San⸗Francisco durch die Vigilance Committee aufgehoben und zerſtört oder wenigſtens zerſtreut wurde. Nichts deſtoweniger war jenem amerikaniſchen Geſindel, das in Maſſe von den Vereinigten Staa⸗ ten mit eingeſchmuggelt worden, ein ſolcher Verdacht gerade gegen dieſe fleißigen und für die Bearbeitung der Minen ſo geeigneten Stämme nur höchſt wün⸗ ſchenswerth, denn ſie machten nicht ſelten ordentlich Jagd auf ſolche mexikaniſche Lager, in deren Nähe ſie ſtets, und oft nicht mit Unrecht, die reichſten oder doch reichhaltige Stellen vermutheten. Wo ſich das be⸗ ſtätigte, griffen ſie dann irgend ein altes Gerücht ei⸗ nes verübten Mordes auf, und vertrieben die armen Teufel von ihren mühſam bearbeite Der Haß der Mexikaner gegen fand dadurch immer neue Nahrung, aber nur in ein⸗ zelnen und ſehr wenigen Fällen wagten ſie, ſich ihnen wirklich ernſtlich zu widerſetzen; Tapferkeit gehört Gerſtäcker, Californiſche Skizzen. 290 nicht zu ihren vorwiegenden Eigenſchaften, und ſie räumten meiſt immer das Feld, ſobald die tollköpfigen Amerikaner gegen ſie anrückten. Dann zogen ſie ſich wieder, um auch beſonders der den Fremden aufer⸗ legten monatlichen Steuer zu entgehen, in noch un⸗ bearbeitete Berge zurück, und es war ihnen ſolcher Art ſchwer beizukommen. So viel aber iſt gewiß, daß ſie mit ihrem Fleiß und ihrer Ausdauer, wie zugleich mit ihren mäßigen Anſprüchen an das Leben, in den meiſten Fällen vortreffliche Geſchäfte machten. Ob ſie nun in den Bergen gruben oder als Maulthier⸗ treiber Waaren und Proviſionen in die Minen ſchaff⸗ ten, ſie verdienten Geld und, was mehr iſt, ſie be⸗ wahrten was ſie verdienten, bis ſie für ihre Bedürf⸗ niſſe genug hatten und in ihr Vaterland zurückkehren konnten. An den Waſſern des Stanislaus, in den ſüdlichen Minen und an ziemlich reichen Stellen arbeiteten auch, während mein 8 d tigen Aufenthalts, in der Nähe en Minenſtädtchens oder großen Lagers mehrere Geſellſchaften Mexikaner und einige Deutſche und Amerikaner. Der Platz, wo das meiſte Gold auch wieder durch die Mexikaner, gefunden wor⸗ den, war eine große„Flat,“ d. h. eine ebene Strecke 291 in einem Thal, wo dieſe ſchon mehrere tiefe Löcher gegraben und, wie es hieß, viel Gold herausgenom⸗ men hatten. Herzuwandernde Miner fingen dort ebenfalls an nach Gold zu ſuchen, und die Bewohner des Camps oder Lagers ſtellten, wie das faſt immer geſchieht, ein Geſetz zwiſchen ſich feſt, daß ein einzel— ner Arbeiter nicht berechtigt ſein ſollte mehr Terrain zum Niedergraben zu beanſpruchen, als eine gewiſſe Anzahl Quadratfuß(gewöhnlich 48— 64, höchſtens 80). Hatten ſie die ausgearbeitet, ſo konnten ſie ei⸗ nen neuen„Claim,“ wie derartige Plätze genannt wurden, beanſpruchen. Drei Deutſche arbeiteten ebenfalls in dieſer „Flat,“ hatten ſich ihre drei„Claims“ gleich zuſam⸗ men an einer Stelle genommen und ein weites beque⸗ mes Loch ausgeworfen, bis auf den goldhaltigen Kies hinunter zu arbeiten, wonach ſie erſt, jedenfalls die bequemſte und auch ſicherſte Art, wollten zu waſchen anfangen. Einige zwanzig Schritt von ihnen ent⸗ fernt arbeiteten mehrere Mexikaner, und der Platz zwiſchen den beiden Parteien lag noch, wenn auch ſchon belegt, doch noch nicht in Angriff genommen. Die Deutſchen, Woßf, Meier und Ehrhardt, hatten da begonnen, wo das höhere Land anfing auf⸗ zulaufen, und zwei Bäche, aus beiden Thälern kom⸗ 19* — 292 mend, niederliefen. Unter ihnen arbeiteten die Mexi⸗ kaner, die ſchon wochenlang da thätig geweſen waren und viel Gold herausgeſchafft haben mußten, ſie wä⸗ ren ſonſt nicht ſo lange auf der einen Stelle geblieben. Das hier aufſteigende Land zwang die Deutſchen aber auch, bei der großen Anlage ihres Claims, eine große Maſſe Erde auszuwerfen, und ſie hatten mit ange⸗ ſtrengtem Fleiß ziemlich acht Tage gehackt und gegra⸗ ben, ausgeworfen und weggefahren, als ſie endlich auf lehmhaltigen Kies, faſt ſtets die goldhaltige Erd⸗ art, ſtießen und nun zu probiren anfingen. Wolf hatte eine Pfanne voll heraus und zum Waſſer genommen, ſie dort zu unterſuchen, und die beiden Anderen ſaßen unten auf dem Kies, die Rück⸗ kehr des Kameraden abzuwarten und das Reſultat zu erfahren, ob der Kies„lohne,“ d. h. ob es der Mühe werth wäre mit Waſchen ansufängen, oder ob ſie erſt lieber noch einen„Spatenſtich“ hinauswerfen ſoll⸗ ten. Wenn die Pfanne voll Erde nicht wenigſtens etwa ein Sechſtel Thaler Goldwerth enthielt, wurde der Grund gewöhnlich noch nicht für gut befunden, und ſelbſt das„zahlte nicht,“ ſobald man ihn weit zum Waſſer zu ſchaffen hatte. Wolf kam jetzt zurück, blieb oben am Rand des etwa zehn oder eilf Fuß tiefen Loches ſtehen und ſagte, ——— 293 die Blechpfanne vor ſich haltend und langſam mit dem Kopfe ſchüttelnd:„'s Große iſt's noch nicht!“ „Nun wie macht ſich's Wolf?“ fragte ihn Meier, aufſtehend und den Arm nach der Pfanne ausſtreckend um ſich von dem Goldbeſtand zu überzeugen,„ſollen wir anfangen?“ „Ich weiß nicht,“ meinte Wolf, die Pfanne hinab⸗ reichend, in der Beide unten die paar Körner Gold, die ſie enthielt, herüber⸗ und hinüberſchoben,„wenn's nicht mehr ausgiebt kann's noch Nichts helfen, und wir werfen den Quark lieber zu Tag, als das wir uns den Buckel damit wund ſchleppen. Das lohnt nicht.“. „Hm, wir wollen lieber erſt noch einmal eine an⸗ dere Pfanne voll probiren,“ ſagte Meier,„am Ende werfen wir uns ſonſt ſelbſt das Gold hinaus und be⸗ halten nachher nur ein paar Zoll Erde zum Waſchen übrig. Ich glaube gar nicht, daß wir ſo ſchrecklich weit vom Fels ab ſind, und nachher iſt's Eſſig.“ „Gut, dann können wir noch eine Pfanne voll aus der Ecke da drüben verſuchen,“ meinte Ehrhardt. „Nach der Seite hin hab' ich ſo das meiſte Ver⸗ trauen.“ „Das weiß der Henker,“ ſagte Meier jetzt, ſich überall umſehend,„mir iſt es immer, als ob ich hier 294 unten ſo was bubbern und klopfen höre, und es regt ſich doch Nichts— ob es hier Maulwürfe giebt?“ „Maulwürfe?“ lachte Ehrhard, der zu gleicher Zeit ſeinen Spaten aufgegriffen hatte und die Pfanne (aus der er vorher die paar Goldkörner auf einen fla⸗ chen, trockenen Stein gelegt) wieder auffüllte,„wo ſollen hier Maulwürfe herkommen? und wenn ſie da wären, machten ſie doch keinen Spektakel; wo iſt denn was?“ „Jetzt iſt es wieder ruhig,“ meinte Meier, der ein paar Sekunden aufmerkſam gehorcht hatte,„aber ich habe es den ganzen Morgen ſchon gehört.“ „Wer weiß was Dir in den Ohren gebrummt hat,“ ſagte ſein Kamerad, mit dem Spaten dabei die aufgefüllte Erde auf die Pfanne feſtſchlagend, daß ſie nicht herunterfiel—„der Grund wird übrigens hier tüchtig lehmig, und es ſollte mich nicht etwa wundern, wenn wir bald auf den Felſen kämen.“ „Stoß doch einmal mit der Brechſtange in das Loch hinein, das Du jetzt eben ausgeworfen haſt,“ rief Wolf, der ſich am Rand der Grube hingekauert hatte und den Beiden zuſah, von oben nieder—„da kannſt Du zugleich fühlen, wie weit wir noch etwa ha⸗ ben, und ob Du feſten Grund oder Fels kriegſt.“ „Na, ſei ſo gut,“ ſagte Ehrhard,„das wäre nicht 44. 3 . —— — —.———ꝛ— 295. übel, wenn wir jetzt ſchon auf den Fels kämen; die* paar Spatenſtiche zahlten dann auch die ganze Arbeit nicht, denn jetzt iſt es ja nicht einmal der Mühe werth anzufangen. Nein, ich habe ſtarke Hoffnung daß wir noch ein paar Ellen tiefer müſſen und dann eine Zeit⸗ lang tüchtig hinter einander waſchen können.“ Meier hatte indeß die Brechſtange, die an der Wand lehnte, und die ſie manchmal gebrauchten grö⸗ ßere Quarz⸗ oder Kiesblöcke bei Seite zu wälzen, aufgenommen, ging damit zu der Stelle, wo die letzte Pfanne voll Erde hinausgeſchaufelt und der Grund dadurch etwa ſechs Zoll tiefer geworden war als in dem übrigen Theil ihres Claims, und ſtieß hinein. „Fühlſt Du was?“ fragte ihn Wolf. „Noch nicht,“ ſagte der r Andere, mit der eingeſto⸗ ßenen Brechſtange in dem etwas harten Boden herum⸗ arbeitend, die begonnene Oeffnung zu erweitern und einen zweiten Stoß zu verſuchen.—„Das wär' auch zu früh, aber der Lehm wird zu zähe ſein, die Stange geht nicht durch,“ und mit den Worten hob er das lange Eiſen aufs neue und ſtieß es mit aller Kraft in das aufgedrehte Loch hinein, wäre aber beinahe vorn⸗ über gefallen, denn die Stange ſchwand ihm plötzlich faſt unter den Händen fort und ſank wohl einen Fuß tiefer, als er erwartet hatte. 296 „Hallo,“ rief Wolf von oben herunter,„no bot- tom), eh?“ „Jeſus, Maria und Joſeph!“ ſchrie aber Meier, ließ die Brechſtange los und ſprang mit ein paar Sätzen an dem eingeſtellten Baum, der ihnen als Treppe diente, hinaus aus dem Loch, an deſſem Rande er, ein Bild des Entſetzens, mit todtenbleichen Zügen und ſtieren Augen ſtehen blieb, während Ehrhard, der nicht anders glaubte als die Wand fiele ein, ſeine Pfanne, die er eben aufreichen wollte, fallen ließ und ihm, ſo raſch ihn ſeine Beine trugen, folgte. „Alle Wetter,“ lachte Wolf oben, als er die Bei— den ſo im Sturm ankommen und nicht die mindeſte Urſache dafür ſah,„wer iſt todt und wo brelint's? 2— Menſch, Meier, was machſt Du für ein Geſicht?— Haſt Du am hellen, lichten Tage einen Geiſt geſehn?“ „Wolf,“ ſtöhnte aber Meier nnd ſtrich ſich mit der linken Hand, noch immer in Schrecken und Entſetzen, die Haare aus der Stirn, während er mit der anderen, und ſtieren Blicks in das ausgeworfene Loch hinunter⸗ deutete.—„Da unten— da unten hat was— da unten hat was geſchrieen.“ „Hahahahaha!“ lachte Wolf,„das iſt gut— das *)„Kein Grund?“ der Ruf beim Senkbleiwerfen am Bord. iſt koſtbar— und was hat Dich heraufgejagt, Ehr⸗ hard?“ „Mich?“ fragte dieſer verdutzt—„mich?— ich weiß nicht— aber, wie Meier ſo auskniff, da glaubt' ich, die verdammte Bank fiele ein, und ſeit ich dabei war wie der Neger verſchüttet wurde, hab' ich allen Reſpekt vor ſolchem Einſturz bekommen— was war denn los, Meier?“ „Ich ſage Euch, Menſchen!“ rief aber dieſer, noch immer todtenbleich und an allen Gliedern zitternd— „ſo wahr ich hier ſtehe und lebe und geſund zu blei⸗ ben hoffe, dort, unter der Erde d'runten— Du brauchſt nicht zu lachen, Wolf— da unten hat, bei Gott! was geſchrieen.“ „Na nu ſetz mich mal an Land!“ rief Wolf, der einige Seereiſen gemacht und noch gern Schiffs⸗ und See⸗Ausdrücke in ſeiner Rede gebrauchte—„Junge, Du haſt Dir heute die Brandyflaſche zu genau gegen das Licht gehalten.“ „Ich bin bei meinen fünf Sinnen,“ betheuerte aber Meier—„ich lebe und ſterbe darauf, und es iſt mir den ganzen Morgen ſchon ſo vorgekommen, als ob da unten etwas laut wäre.“— „Hallo, was iſt da vorgegangen!“ riefen jetzt von den benachbarten Gruben ein paar Amerikaner, die 298 die Aufregung der Deutſchen ſahen und raſch herbei⸗ geſprungen kamen,—„wer hat einen Klumpen ge⸗ funden?“ „Ja Klumpen gefunden,“ lachte Wolf noch immer —„mein Compagnon da hat mit der Brechſtange in den Grund geſtoßen und behauptet jetzt, es hätte Je⸗ mand da unten geſchrieen.“ „Geſchrieen?— wo?— unter der Erde?“ „So wahr ich ſelig zu werden hoffe,“ betheuerte Meier. „Aber Menſchen, weshalb ſteht Ihr denn da hier oben?“ rief der Amerikaner,„hat's Euch gebiſſen?— weshalb ſeht Ihr denn nicht nach?“ „Was ſoll denn da ſchreien?“ rief Wolf. „Was da ſchreien ſoll?— ja, weiß ich's?“ rief der Nachbar,„aber horchen kann man doch einmal;“ und raſch an dem zackigen Stamm, der in der Ecke lehnte, niedergleitend, ſprang er, jetzt von den Deut⸗ ſchen gefolgt, in die Grube hinunter und blieb, die linke Hand, zu Stillſchweigen mahnend erhoben, einen Augenblick lauſchend ſtehen. „Dort war's wieder!“ rief Meier plötzlich, nach der Ecke deutend,„gerade, wo die Stange ſteckt!“ „Bei Gott!“ rief aber auch jetzt der Amerikaner, der ſich bei den ebenfalls gehörten Lauten mit dem * 299 Ohr auf die Erde geworfen hatte und jetzt gerade über der ausgeworfenen kleinen Grube lag,—„da unten ſtöhnte Etwas, gerade wie ein Menſch.“ „Ein Menſch,“— rief Wolf, der ebenfalls mit heruntergekommen war,„wie ſoll ein Menſch da un⸗ ten hingekommen ſein,— der müßte jetzt ein paar tauſend Jahre unter der Erde liegen und ſollte wahr⸗ ſcheinlich das Schreien verlernt haben.“ „Spaten her, meine Burſchen!“ rief aber der Amerikaner jetzt, in die Höhe ſpringend,—„Spaten her, da unten liegt irgend etwas Lebendiges, das wir heraushaben müſſen,—„vielleicht iſt's eine Natur⸗ merkwürdigkeit, und dann bekommt Ihr mehr Geld dafür, als ob es Gold wäre.“ „Das iſt ein Menſch!“ rief aber auch Meier jetzt, der ſich ebenfalls auf den Boden geworfen und ſein Ohr in die Oeffnung hineingehalten hatte,„ich kann deutlich ſein Wimmern hören.“ „Nur zwei Dinge ſind möglich,“ lachte der Ameri⸗ kaner,„entweder iſt's ein Cayota oder ein Mexikaner, und in beiden Fällen wollen wir bald wiſſen woran wir ſind. Zugepackt meine Burſchen, am Ende ſteckt doch ein Menſchenleben da unten.“ Er brauchte die Deutſchen aber wahrlich nicht mehr 300 anzufeuern, denn nun über die erſte, ziemlich natür⸗ liche Beſtürzung hinweg, gingen ſie mit vollem Eifer daran, die Erde aus und in die andere Ecke der Grube zu werfen. Wie ſie aber an der Stelle kaum einen Fuß tiefer gegraben hatten, wich der Boden plötzlich unter ihnen fort, und wenn ſie bis dahin noch irgend einen Zweifel gehabt, wurde er durch das aus der Oeffnung tönende„Ave Maria purisima“ ge⸗ hoben. Sehen konnten ſie allerdings noch Nichts, aber wie ſie den Kies jetzt nur etwas vorſichtiger wegge⸗ räumt, kam ein blau geſtreiftes Hemd zum Vorſchein, und etwa funfzehn Minuten ſpäter förderten ſie rich⸗ tig einen Mexikaner zu Tage, der ſich unter ihrer Grube durchgewühlt und glücklicher Weiſe mit ſeinem Kopf eben unter die noch von ihnen ſtehen gelaſſene Wand gerathen war, der niederſtürzende Kies hätte ihn ſonſt erſticken müſſen. So, obgleich von der ſchweren Erde böſe gedrückt, war ihm doch wenigſtens genug Luft zum Leben geblieben, und nach tüchtigem Einreiben mit Brandy, von dem ſie ihm auch etwas einflößten, nach Waſchen mit kaltem Waſſer, wie Rei— ben ſeiner Glieder mit wollenen Lappen, die Ehrhard lieferte, indem er ſein wollenes Hemd auszog und in Stücke riß, brachten ſie den armen Teufel nach —ꝛ—— etwa einer Viertelſtunde, wieder wenigſtens ſo weit, daß er die Augen aufſchlug. Seine Kameraden mußten indeſſen geholt werden, denn obgleich ſie den Auflauf der Miner geſehen, die faſt ſämmtlich von allen Ecken und Enden herbei⸗ ſtrömten, zu erfahren was es da gebe, hielten ſich die Mexikaner fern von dergleichen. Sie mochten mit den Amerikanern in keine Berührung kommen, und hatten in der That keine Ahnung daß ſie die Sache ſo nahe anging. Unter der Erde nämlich, der Goldader fol⸗ gend, iſt es ungemein ſchwer ohne Kompaß die ge⸗ naue Richtung zu wiſſen, welche der bald rechts, bald links hinüberzweigende Stollen genommen. Küm⸗ merten ſie ſich doch auch nicht darum, wenn ſie eben nur die goldhaltige Erde zu Tage förderten. Mit dem Bewußtſein des Betäubten, der dort unten jedenfalls Todesangſt ausgeſtanden, gewann aber auch Meier ſeine Sprache wieder, und kaum ſah er daß er lebte und außer Gefahr war, als er auch an die Urſache dachte, die den Burſchen dort unter ihren Claim geführt und daß nun all ihre Mühe, den weiten Platz niederzugraben, vergebens geweſen wäre. Hatten doch dieſe„diebiſchen mexikaniſchen Schufte,“ wie er ſie in vollem Grimm nannte, ihnen die„Butter 302 vom Brod geleckt“ oder im wahren Sinne des Worts das„Gold aus der Pfanne geſtohlen.“ Ueber die Art wie der Mexikaner dahin gekom⸗ men, blieb denn auch in der That kein Zweifel mehr. Nach alter Gewohnheit hatten er und ſeine Kameraden, der Goldader folgend, in den harten feſten Boden ſich eingewühlt und war ſo nach und nach weit über ihren Claim hinaus, unter den ihrer nächſten Nach⸗ barn gerathen, die jetzt umſonſt ihre ganze Arbeit an dieſer Stelle gethan hatten. Das, was die Mexi⸗ kaner übrig gelafkn, lohnte allerdings nicht mehr der Mühe es auszuwaſchen. Die komiſchſte Figur war übrigens jedenfalls der Mexikaner, der, einer in einer Falle gefangenen Ratte nicht unähnlich, zuerſt, als er ſeine Beſinnung wieder erlangte, gar nicht begreifen zu können ſchien, wie er dahin gelangt ſei und wo er ſich eigentlich befinde, und nur langſam und nach und nach zu einem ihm allerdings höchſt fatalen Verſtändniß gebracht werden konnte. 4 Als ſich übrigens dieſe Mexikaner ſpäter weiger⸗ ten, das Gold, was ſie unter dem Claim der Deut⸗ ſchen ausgegraben, dieſen, als den rechtmäßigen Eigen⸗ thümern, zurückzuerſtatten, und bei ihrer Behauptung blieben, ſie hätten nicht zehn Dollars Werth darunter 303 gefunden, wurden ſie von den alſo Uebervortheilten (eigentlich ſollte man hier ſagen„Untervortheilten“) bei dem amerikaniſchen Alkalde verklagt und mußten eine nicht unbeträchtliche Strafe zahlen: über ihren Claim hinausgegangen und in den einer anderen Ge⸗ ſellſchaft eingebrochen zu ſein. Das Strafgeld aber be⸗ hielt der Alkalde natürlich für ſich ſelbſt, und die Deutſchen konnten auf einer anderen Stelle wieder von vorn anfangen. Der Oſtindier. Die Juliſonne brannte heiß und ſengend auf Douglas⸗Flat— ein kleiner Thalgrund an einem der Calaveres⸗Arme— nieder, und die Mittagszeit hatte die meiſten der Minenarbeiter oder Goldwäſcher, wie man ſie eigentlich nennen ſollte, von ihren Maſchinen unter den Schutz der Zelte oder der einzeln ſtehenden Eichen gejagt, ihr einfaches Mittagsmahl zuzubereiten und dann ein paar Stunden ſüßer Ruhe zu pflegen, ehe die„Quälerei“ auf's Neue begann. 4 Douglas⸗Flat lag in der Nähe von Murphys neuen Diggings, und zwar nur zwei Meilen davon entfernt, über den erſten Hügel hinüber, der ſie im Südoſten umzog. Bis dahin waren auch häufig „Proſpektirer“ mit Pfanne, Spitzhacke und Schaufel dort hinübergezogen, und hatten hie und da einge⸗ ————— 305 ſchlagen, noch nie aber etwas Erkleckliches gefunden; jetzt aber, da eine große Anzahl von Arbeitern in Murphys Diggings ſelber nicht ſo gut„ausmachten,“ als ſie wohl erwartet haben mochten, und ſchon große Luſt bezeigten die Gegend ganz wieder zu verlaſſen, zu gleicher Zeit aber eine wahre Unzahl von Waaren und Proviſionen durch Spekulanten dort hinaufge⸗ ſchafft waren, läßt ſich denken daß dieſe letzteren, die ihnen zur Conſumirung ihrer Vorräthe nöthigen Ar⸗ beiter nicht gern wieder ziehen ließen, ohne wenigſtens ihr Möglichſtes zu thun ſie zurückzuhalten. All⸗ wöchentlich tauchten deshalb neue Gerüchte von ganz in der Nähe von Murphys gefundenen, fabelhaft reichhaltigen Minen auf, die Alle etwas leicht Exal⸗ tirte in einer wahren fieberhaften Aufreizung hielten, und ihrem Zweck auch vollkommen entſprachen. Ehe die Leute mit Sack und Pack weiter zogen, wollten ſie das, was ſich ihnen hier ganz in der Nähe bieten ſollte, doch wenigſtens erſt noch einmal probiren, und ein Sack Mehl nach dem andern wurde aufgezehrt, während die Maſſe, weil hie und da Einzelne doch wirklich manchmal etwas fanden, eine Zeit lang un⸗ verdroſſen weiter arbeitete, bis ſich endlich im Sep⸗ tember die meiſten von ihren nutzloſen Anſtrengungen überzeugt hatten, und ſelbſt Füetjiheriom und Mes⸗ Gerſtäcker, Californiſche Skizzen. 20 8 en 306 merism, beides mit Erfolg eine Zeit lang neenad nicht mehr zogen. Am 2. Juli befand ſich Douglas⸗Flat aber gerade in ſeiner Glanzperiode, d. h. die erſten Gerüchte von, bis jetzt durch ein paar Mexikaner entdeckten, und bis dahin geheim gehaltenen Reichthümern waren eben nach Murphys Diggings gedrungen, und in wenigen Tagen ſtanden ſchon dort, außer den zahlreichen klei⸗ nen Leinwand⸗ und Buſchhütten der Goldwäſcher ſelber, drei größere„Store“⸗Zelte, nicht allein mit Mehl, Fleiſch, Zucker und Salz, ſondern auch mit Luxusartikeln der Minen, mit Zwiebeln, Kartoffeln, „Pickles,“ in Oel eingeſetzte Sardines, Butter, Eſſig und vor allen Dingen mit Brandy, Genevre, Rum und Wein reichlich und vollauf verſehen. Es war eine Pracht, die bunt geſchmückten Schenktiſche nur anzuſchauen. Wo aber das Aas iſt ſammeln ſich die Adler, und kaum verbreitet ſich das Gerücht neu ent⸗ deckter Minen— ob nun gegründet oder ungegrün⸗ 3 det— ſo kann man auch ſicher darauf rechnen, auf halb todt gehetzten Thieren ein paar Exemplare von dem„Fluch Californiens“— ein Paar Spieler an⸗ ſprengen zu ſehen, die ihre bunte Californiſche Serape als Teppich auf einen der Tiſche eines Schenkzeltes breiten, zur Lockſpeiſe ein paar hundert ſpaniſche —x;“ Dollar d'rauf häufen, und nun geduldig der Dinge harren, die da kommen ſollen. In ein ſolches Zelt mag mir der Leſer jetzt auch einen Augenblick folgen, denn es iſt, wenn auch ſchon ziemlich ſpät am Nachmittag, heiß, und ich glaube ſelber nicht daß uns ein Glas Wein und zaſſcr ſchaden wird. „Hol's der Teufeh Rogers, Euer Wein iſt ſauer!“ rief der eine Spieler, der ſich eben ein Glas gefüllt und es hinuntergeſtürzt hatte—„das iſt Eſſig— verdammt will ich ſein, wenn Ihr Euch nicht ver⸗ griffen habt— gebt einmal die andere Flaſche dort her!“ „Sauer?“ wiederholte der Wirth ungläubig und verſuchte ſein Getränk ſelber mit prüfender Lippe, während er dabei leiſe vor ſich hinlächelnd in das ſchauerlich verzogene Geſicht des„Gamblers“ ſchaute —„ſauer?— der ſoll ſauer ſein?— da weiß ich denn doch wahrhaftig nicht, was Ihr vom Weine ver⸗ langen wollt— natürlich Syrup iſt's nicht.“ „Nein, bei Gott nicht,“ beſtätigte ein anderer— ich hätte auch ſchon lange d'rüber geſchimpft, wenn er mir nicht die ganze Kehle wie einen Geldbeutel zugeſchnürt hätte.“ „Dann hat mich der verwünſchte Franzoſe damit 20* 308 augeſchmiert,“ entgegnete der Wirth mit einem der⸗ ben Fluche—„ich weiß überhaupt nicht, weshalb wir ſie hier noch ihr Weſen in den Minen treiben laſſen. Zu Hunderten kommen ſie angeſtrömt, und ob Einer von den Hallunken wohl etwas von einem Amerikaner kaufte,— Gott bewahre, und wenn der ihm dicht auf der Naſe ſitzt, läuft das franzöſiſche Geſindel doch lieber fünf Meilen, um nur irgend einem Landsmanne die paar Bit zuzutragen. Man hat keinen Nutzen, nur Schaden von den Parlevuß.. „Ich wollte überhaupt wir Amerikaner hielten ein⸗ mal ordentlich zuſamuten,“ meinte da ein langer Texa⸗ ner, der ſich pflegmatiſch auf einen der Tiſche hin⸗ flegelte,„und trieben die ganze Fremdenbande zum Teufel— Franzoſen, Mexikaner, Deutſche und wie ſie alle heißen— ſie gehören nicht in's Land, und wenn alle Amerikaner dächten wie ich, wären ſie lange drau⸗ ßen.“ „Wenns mit dem Munde abgethan wäre,“ ent⸗ gegnete ruhig ein Franzoſe, der gerade eingetreten war, ſein Gold— ein paar Unzen— an der Bar wiegen zu laſſen. „Hallo,“ ſagte der Texaner, hob, ohne ſeine be⸗ queme Stellung zu verändern, den Kopf etwas in die Höh' und ſah den Sprecher erſtaunt an—„habt Ihr 5 3 09 geſprochen?“— der würdigte ihn aber keiner Antwort weiter, wog ſein Gold und verließ das Zelt. „So, das iſt recht,“ brummte Rogers—„läßt ſein Gold wiegen, trinkt nicht einmal ein Glas und iſt dann auch noch obendrein prutzig—„hol Euch Alle der“— „Alle Wetter, was iſt dort los?“ unterbrach ihn da plötzlich der eine Spieler, der ſich eben dem Ein⸗ gange des Zeltes zugewandt hatte, und hinaus über die Ebene hin nach den Hügeln zu zeigte, wo ſich aller⸗ dings etwas Außergewöhnliches zuzutragen ſchien. Wenigſtens verſammelten ſich die im Zelt befindlich 1 Geweſenen augenblicklich vor dem Eingang, und ſchie⸗ nen an dem ganzen Vorgange beſonderes Intereſſe zu nehmen. Die Ebene oder Douglas⸗Flat, war hier etwa eine halbe Meile breit, und nach den Hügeln zu von keinem Baume beſchattet, hinter ihr aber dehnte ſich ein langer, an manchen Stellen ſteil aufſteigender Berg⸗ rücken hin, der zur linken einen vollkommen abgerun⸗ deten Gipfel zeigte, nach rechts zu aber unten mit 8 Eichen und nach oben mit ſchlanken Fichten ziemlich 84 dicht bewaldet war. In dieſen Bergen, an einer kla⸗ ren, dort aus dem Felſen ſprudelnden Quelle, hatt— bis dahin ein Stamm der Kayota⸗Indianer ihr ein⸗ ℳ * 310 faches Buſchlager gehabt, das jedoch von den Zelten nicht zu ſehen war; von der Richtung her aber ſprang eine wunderliche Geſtalt und ihr folgten mit Bogen und Pfeilen, die ſie aber unbenützt in der linken Hand trugen, ſonſt aber ſchreiend und gellend, ein halb Dutzend Indianer, und es war augenſcheinlich daß ſie den Erſten, der übrigens faſt dieſelbe Hautfarbe mit ihnen trug, ſonſt aber mehr europäiſch gekleidet war, verfolgten. Dieſer Erſtere verdient eine nähere Beſchreibung. Oſtindiens heiße Sonne hatte ihn gebräunt; er war aus der Gegend von Bombay gebürtig und ſeine Haut⸗ farbe dunkelbraun und glänzend, das Haar ſchwarz und gelockt, und ſein Auge eben ſo dunkel und feurig, aber unſtät, vielleicht von der Angſt ſich von den brau⸗ nen Söhnen der Wildniß alſo verfolgt zu ſehen, und er ſchien dabei ſonderbarer Weiſe noch unſchlüſſig, ob er den Zelten der Weißen, wo er doch jedenfalls Schutz fand, zufliehen, oder rechts den kleinen Creek hinab, flüchten ſollte— wo er bis Murphys Diggins weiter keine Zelte fand. Eine kleine Gruppe von Indianern, die aber auch nach dort zu, vielleicht zufällig, vor ihm einte machte ſeinen Zweifeln, wenn er die irgend nooch gehabt, ein raſches Ende und er nahm gerade die Richtung nach Rogers Zelt zu, als die Zechenden 5 „— 311 darin ſein gewahr wurden und vor den Eingang tra⸗ ten. Sobald die Indianer das bemerkten, kehrten ſie um, und nur zwei von ihnen blieben noch, wie eine Art Vorpoſten, ſtehen, während ſich die andern nach den Bergen hinüber zogen. Sie ſchienen jeden Ge⸗ danken an Verfolgung aufgegeben zu haben. Der Oſtindier trug eine, einſt weiß geweſene Drill⸗ hoſe, ein rothwollenes Hemd, Schuhe und Strümpfe und eine blauſchottiſche wollene Mütze, um den Leib auch noch ſtatt des Gürtels, ein rothſeidenes Tuch. Kaum war er aber in Rufs⸗Nähe der Zelte gekommen, als er kläglicher zu lamentiren anfing, und in ſehr ge⸗ brochenem Engliſch, aber doch ſo daß man etwa ver⸗ ſtehen konnte was er eigentlich wollte, ſchrie, er ſei beſtohlen und beraubt und die Indianer hätten ihm neunzehn Tauſend Dollar in Goldſtaub, den er bei ſich gehabt, abgenommen. „Neunzehn Tauſend Dollar?“ ſchrie einer der Spieler—„Donnerwetter Menſch, das iſt ein Heiden⸗ geld— und das haben die braunen Schufte dort?“— „All— All“— kreiſchte der Indianer wieder und warf ſich heulend dem Spieler vor die Füße— „all— all— todt— todt— ich bin todt— ich bin verloren!“ „Bei Gott!“ ſchwur der eine Texaner, dabei faſt rer er 312 wie unwillkürlich nach ſeiner Büchſe greifend, die an dem Brunnen vor dem Zelte lehnte,— wenn die Canaillen dem armen Tenfel Alles abgenommen ha⸗ 3 ben, ſo ſollte man das ihnen doch nicht ſo ruhig hin⸗ 4 gehen laſſen. Sie werden ſo immer dreiſter. Ich habe verdammte Luſt einmal zu verſuchen, ob ich nicht ſchneller laufen kann als ſie— Hallo Ben, was meinſt Du dazu?“ „Neunzehn Tauſend Dollar!“ murmelte Ben, der Spieler, dem das Geld im Kopfe herumging, denn er wußte recht gut daß es, wenn erſt einmal in ſeinen Krallen, zu ſeinem rechtmäßigen Eigenthümer ſchwer⸗ 1— lich wieder zurückkehren würde.„Der Schuft, der neunzehn Tauſend Dollar in Gold ſchleppt, kann auch nicht ſo raſch laufen als die Uebrigen— hol's der Teufel, ich gehe mit— wo iſt meine Büchſe Ro⸗ gers?“— 4 „Hilfe, Hilfe!“ ſchrie der Oſtindier dazwiſchen, deſſen dunkle Augen indeß blitzesſchnell von einem zum andern der Sprecher gezuckt waren—„all,— all— I am lost.“ 3 „Neunzehn Tauſend Dollar haben ſie dem Schwar⸗ zen geſtohlen?“ frug ein anderer Amerikaner, ein Ar⸗ kanſas⸗Mann, der am nächſten Zelte geſtanden und 4 3 5 den Lärmen gehört hatte—„ei, da ſoll ja die Peſt die diebiſche Rotte holen— wer geht mit?!“ „Halt, wir Alle!“ rief Ben, dem ſchon Angſt war, es könnte ihm einer der Uebrigen zuvor kommen.— „Ich muß nur erſt meine Büchſe haben— zum Teufel Rogers, Ihr macht eine Ewigkeit und die ſchuftigen Hallunken bekommen zu vielen Vorſprung— o da kommen noch mehr!“ In der That ſtrömten auch jetzt von allen Ecken die Goldwäſcher herbei, und ohne weiter viel zu fragen, was der Lärm eigentlich bedeute, oder ob die Anklage auch gegründet ſei, wurde eine Verfolgung der In⸗ dianer kaum ſchneller beſchloſſen, als ausgeführt. „Aber der ſchwarze Schuft ſieht gar nicht aus als ob er neunzehn Tauſend Dollar im Vermögen gehabt hätte!“ rief der Franzoſe und wollte gegen ein ſo ra⸗ ſches Einſchreiten der Amerikaner proteſtiren. Damit kam er aber ſchlecht an.— „Wenn's blos nach dem Ausſehen geht, dann ſeht Ihr noch viel lumpiger aus,“ rief der Texaner.„Hol mich der Teufel, wenn's nicht wahr iſt,“ lachte der Spieler und warf die Büchſe, die ihm Rogers eben gereicht hatte, über die Schulter—„zurück Mann— eine Krähe hackt der andern die Augen nicht aus, und Segee weee r wnv 314 uns, den Eigenthümern vom Boden, gebührt es auch Gerechtigkeit zu üben.— Hurrah Boys.“— „Eigenthümern vom Boden!“ wiederholte der Franzoſe zürnend,„und wie zum Hohn vertreibt und mißhandelt Ihr dabei die wirklich rechtmäßigen Eigen⸗ thümer, die armen harmloſen Indianer von den Grä⸗ bern ihrer Väter. Hätte ich meinen Willen, ich wollte Euch da bald einen Riegel vorſchieben. Aber hallo Sir,“ unterbrach er ſich plötzlich und vertrat dem Oſt⸗ indier den Weg, der ſich, als er den einen Theil ſo eifrig mit der Verfolgung der Indianer, den andern mit Zuſchauen beſchäftigt ſah, leiſe von dem Zelte ab, und nach einer ganz anderen Richtung fortzudrücken ſuchte—„wollt Ihr nicht abwarten, bis ſie Euch die neunzehn Tauſend Dollar zurückbringen?— he Ro⸗ gers, der Kerl iſt mir verdächtig, ich glaube gar nicht, daß ſie ihm Gold geſtohlen haben.“ „Das kümmert mich nichts,“ ſagte der Händler, und drehte ihm den Rücken—„was geht mich der Schwarze an— aha, die braunen Canalllen riechen Lunte. Hui, wie ſie auskneifen.“ „Dann will wenigſtens ich mich um ihn kümmern,“ ſagte der Franzoſe und ſich dann zu dem Oſtindier wendend, der damit gar nicht beſonders einverſtanden ſchien, rief er ihm zu:„Du Burſche bleibſt jetzt bei —-ᷓꝑꝙꝑͤ— mir, bis die Amerikaner wieder zurückkommen, und dann wollen wir einmal ſehen, ob wir hier oben einen Alkalden blos zum Spaß haben, oder ob er auch ſei⸗ ner Zeit ordentlich und geſetzlich einſchreiten kann.“ Damit nahm er ohne Weiteres den Oſtindier beim Kragen und führte den armen Teufel, der ſich lieber ein paar Meilen von hier fortzuwünſchen ſchien, ohne ein Wort weiter mit ihm zu wechſeln, in ſein Zelt. Die Verfolgung. Indeſſen bot die Ebene Intereſſe genug, die Auf⸗ merkſamkeit der bei den Zelten Zurückgebliebenen zu feſſeln. Die Indianer, die noch eine Zeit lang zurück⸗ geblieben waren, als ob ſie den Rückzug der Anderen decken, oder doch wenigſtens beobachten wollten was von Seiten der Weißen geſchehe, ſtießen, als ſie dieſe auf ſich zueilen ſahen, einen eigenthümlich gellenden Schrei aus und flogen in nächſter Richtung den Ber⸗ gen zu. Zu gleicher Zeit wurden die andern wie⸗ der auf einer kleinen nackten Anhöhe ſichtbar, und wandten ſich dann ebenfalls raſch in die Berge. „Das ſind die Hallunken die das Gold haben,“ brummte Ben vor ſich hin, und lief ſchräg über die Ebene den letzteren zu, während ihm einige ſeiner 316 Kameraden, wie der Texaner und noch zwei andere Amerikaner folgten. Die Uebrigen blieben hinter den zwei anderen, weil ihnen dieſe näher ſchienen und ſie dieſelben leichter einzuholen hofften. Noch immer f mochten aber die Indianer glauben, es ſei mit der Verfolgung nicht ſo rechter Ernſt, oder ſie wollten ihren Verfolgern auch vielleicht zeigen, daß ſie ſich nicht ſonderlich vor ihnen fürchteten, denn erſtlich liefen ſie gar nicht ſo raſch, wie ſie es ſicher gekonnt hätten, und dann blieben ſie auch manchmal ſtehen und über⸗ 3 ſchauten das Terrain, als ob ſie die Zahl der Ver⸗ folger und ihren Fortgang überzählen wollten. Damit zogen ſie ſich aber nach und nach in die 8 Berge hinein und waren den Zelten lange ſchon aus den Augen gekommen, als plötzlich der eine Indianer V raſch über eine Anhöhe rannte, und hinter dieſer ver⸗ ſchwand. Die Amerikaner folgten jetzt mit ſo größe⸗ rem Eifer und Ben beſonders hatte geſehen, daß der Eine von ihnen etwas Schweres zu tragen ſchien. „Das iſt das Gold“ dachte er bei ſich, und ohne den 5 Anderen ein Wort von ſeiner gemachten Beobachtung 3. mitzutheilen, beſchloß er, dieſen Wilden ganz beſon⸗ 4 ders im Auge zu behalten. Gerade hinter dem nie⸗ 5 deren Hügel aber lag das indianiſche Dorf, und als die vier bewaffneten Amerikaner auf der kahlen Anhöhe 1 19 4 erſchienen, ſahen ſie eben noch, wie die Frauen mit den kleinſten Kindern auf dem Rücken, und andere hie und da ängſtlich an der Hand, nach allen Richtungen hinausſtoben und ihre Lagerfeuer, wie ſie davon auf⸗ geſprungen, in den Händen der tollen Verfolger zurück⸗ ließen.— Im nächſten Augenblicke waren Ben und der Texa⸗ ner, die ihren Begleitern eine ganze Strecke voraus⸗ geeilt waren, mitten dazwiſchen, der erſte hatte aber ſein auserſehenes Opfer nicht aus den Augen verloren und als er es gerade wieder den nächſten Hügelrücken hinanſpringen ſah, griff er, laut dabei auflachend, einen der Brände, an denen er vorbeiſetzte, auf, und ſchleuderte ihn mit den Worten:„wir wollen den Canaillen doch wenigſtens leuchten!“ in die nächſte Laubhütte.. Der Lagerplatz, wie ihn die aufgeſchreckten Wei⸗ ber verlaſſen hatten, beſtand aus niederen, mit trocke⸗ nen Büſchen dicht überdeckten Hütten, eng zuſammen errichtet Schutz gegen die ſengenden Sonnenſtrahlen zu gewähren. Die kleinen Feuer, an denen auch hie und da Fleiſch ſtak für die einfache Mahlzeit brannten dicht dabei, und an mehreren Orten lag Mais und Ge⸗ bröckel trockenen Schiffszwiebacks, den ſie ſich theuer genug für Gold von den Weißen eingehandelt. Auf Ture uer r enae Mnen— 318 einer wollenen Decke lag etwa ein halber Büſchel gel⸗ bes Maismehl, und in einer Ecke befanden ſich die flachen runden, mit Eichelmus gefüllten Erdgruben, in denen die Frauen das gewöhnliche Eichelpoe auf gar geſchickte und eigenthümliche Weiſe zubereiten. Dieſe Gruben vernichteten die Tritte der Verfolger, die noch wilde Flüche ausſtießen, weil ſie ſich dabei die Füße beſchmutzten und wie Pulver faſt zündeten dabei die dürren ausgetrockneten Fichtennadeln und Eichen⸗ blätter, ſo daß kaum eine Minute ſpäter, das halbe Lager ſchon in Flammen ſtand und dem Ganzen kaum mehr zu vermeidendes Verderben drohte. Der Spie⸗ ler und der Texaner ſahen ſich aber kaum darnach um. „Hui, das flackert ja, wie ein Bund Schwefel⸗ hölzer,“ lachte der Erſte, als er leicht wie ein Hirſch, über einen quer vor ihm liegenden Baum wegſetzte— „wohl bekomm's!“ „Ihr hättet das Lager nicht ſollen anſtecken,“ meinte aber der Texaner, ohne ſich jedoch ſelber dar⸗ nach weiter umzuſchauen—„'s iſt nur um der armen Weiber willen.“ „Hol die ſchwarzbraunen Beſtien der Teufel,“ lachte der Spieler,„ſie ſollen froh ſein, daß wir jetzt Beſſeres zu thun haben, uns nicht noch weiter um ſie zu bekümmern,— alle Wetter, da biegt der Kerl 8 1 V — 319 rechts ab,“ und ohne ein Wort weiter ſprang der ſchnellfüßige Yankee ſeinem Opfer nach, das eben wie⸗ der einen der Hügelgipfel erreicht hatte. Der Texa⸗ ner blieb etwas mehr links, um den andern vielleicht den Weg abzuſchneiden. Indeſſen hatten die beiden anderen Amerikaner, die nicht ſo ſchnell auf den Füßen waren, ebenfalls das jetzt hell aufflackernde Lager, in dem ſchon die zurückgelaſſenen Proviſionen und Decken brannten erreicht und der Erſte blieb ſtehen.“ „Das iſt nicht recht,“ rief dieſer, ein junger kräfti⸗ ger Mann, mit braundichten Locken, während er mit der linken Hand den Strohhut abnahm, die Büchſe mit den Kolben auf die Erde ſtieß und in den geboge⸗ nen linken Arm fallen ließ, und ſich mit dem rechten Rockärmel den Schweiß von der Stirne trocknete. „Die Frauen haben uns nichts gethan, das wir wie Banditen ſengen und brennen ſollten.“— Und von einen beſſerem Gefühle ergriffen, warf er ſein Gewehr in’s Gras nieder und riß die eine Hütte, die etwas einzeln ſtand, und eben gleichfalls an zu brennen fing, durch die aber dann auch das Feuer in den andern Theil des Lagers gebracht worden wäre, auseinander. Sein Gefährte half ihm dabei, und in wenigen Mi⸗ nuten hatten ſie das Feuer ſo weit gebändigt, daß es 25 4 320 wenigſtens nicht weiter mehr um ſich greifen konnte. Eben als der Erſte ſeine Büchſe wieder gufgriff, fiel ein Schuß. „Alle Wetter!“ ſchrie da der Andere,„ſie ſind handgemein geworden— da müſſen wir dabei ſein,“ und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, ſprang er bergauf. Der Andere folgte ihm und ſie ſtanden Beide gleich darauf auf dem Gipfel des Hügels, von wo aus ſie das ganze Schauſpiel überſehen konnten. Der Spieler kniete im nächſten kleinen Thal auf der Erde, griff etwas auf, und ſchleuderte es dann in⸗ grimmig wieder zu Boden; der Texaner war ihm jetzt ein Stück voraus und zielte eben wieder auf einen an⸗ dern Indianer, der aber raſch, nachdem er ſeinen letz⸗ ten Pfeil auf den Feind abgedrückt hatte, hinter den Büſchen verſchwand. Ueber einen andern Hügel ſchlepp⸗ ten aber vier Mann mit unglaublicher Schnelle einen Verwundeten oder Todten, und ſechs andere ſtanden mit aufgelegten Pfeilen, den Rückzug der Kameraden zu decken. Die ganze Verfolgung hatte jedenfalls 14 einen höchſt ernſthaften Charakter angenommen— es war Blut gefloſſen und ſo harmlos und ruhig der Californiſche Indianer ſonſt auch iſt, und ſo ſelten er die Weißen beläſtigt, ſo krümmt ſich auch der Wurm, und wenn geſtellt, greift ſelbſt der ſcheue Hirſch den Jäger an. Die beiden Amerikaner die es hier zu einem wirklichen Gefecht kommen ſahen, wollten ſich jetzt aber mit einem lauten Hurrah recht mitten hineinſtürzen, und ſprangen, die Büchſen über den Köpfen ſchwin⸗ gend, in langen Sätzen an dem Spieler vorbei. Dieſer richtete ſich aber in dem Augenblicke auf, und rief ihnen mit mürriſcher Stimme zu: 3 „Halt an Boys— Gott verdamme mich, wenn ich nicht an zu glauben fange daß die ganze Geſchichte Humbug iſt, und der Canaille von Oſtindier eben ſo wenig neunzehn Tauſend Dollar geſtohlen ſind, wie mir!“ „Kein Gold geſtohlen?“ rief da der junge Ameri⸗ kaner verwundert.„Habt Ihr denn den Einen nicht verwundet, und ſchoſſen die Indianer nicht mit Pfeilen herüber? Da ſtecken ja noch zwei in der Erde.“ „Ah bah“— ſagte der Spieler verächtlich— „was können ſie denn mit dem Kinderſpielwerk für Schaden thun.— Auf achtzig Schritte ſchießen ſie doch keinen Bogen Papier mehr durch— und der eine Kerl— nun der, von dem ich glaubte daß er das Gold trüge und dem ich eine Kugel nachbrannte,— hatte nur ein Stück eingewickeltes Fleiſch— ein Stück von einem Ochſenbein unter dem Arme. Der Lump muß einen ſchmählichen Hunger gehabt haben, eine Gerſtäcker, Californiſche Skizzen 21 322 Partie Knochen und Sehnen ſo weit mit herum zu ſchleppen.“ 8 „Und da habt Ihr den armen Teufel ſo ohne wei⸗ teres niedergeſchoſſen?“ „Ei, zum Henker, ich konnte nicht mehr mitkom⸗ men und fortlaſſen wollte ich die ſchwarze Beſtie, die ich nun einmal für den Dieb hielt, auch nicht. Nun, wenn er's jetzt nicht verdient hat, ſchadet's gar nichts, an der Bande dann und wann ein Exempel zu ſtatu⸗ iren; ſie werden doch mit der Zeit zu frech und über⸗ müthig— der Kerl ſchoß ja wahrhaftig alle ſeine Pfeile nach mir ab, wie er die Kugel ſchon im Leibe hatte.“. 8 „Iſt er todt?“ frug ihn der Andere, tupfte ſeinen Finger in das⸗Blut, das auf dem Laube lag, und be⸗ ſah es dann aufmerkſam. „Ich weiß nicht“— ſagte der Spieler gleichgiltig, der indeſſen ſeine Büchſe wieder geladen hatte und nun ſchulterte,„ich habe ihm aber auf's Blatt gehal⸗ ten und treffe ſonſt nicht übel.“ Damit wandte er ſich und wollte der Richtung nach Douglas⸗Flat wieder zu ſchlendern. „Aber Gift und Klapperſchlangen,“ rief der Ameri⸗ kauer ärgerlich,„ſollen wir denn die Verfolgung ſchon aufgeben und ſind wir nur deshalb herausgekommen, daß wir den Frauen die Hütten über den Köpfen an⸗ ſteckten und dem armen Teufel eine Kugel durch den Leib jagten?— was machen wir jetzt mit dem Oſt⸗ indier, wenn es doch wahr iſt?“ „Der Oſtindier kann zu— Graſe gehn,“ brummte der Spieler und ſtieg den Berg wieder hinan nach Rogers Zelt zurück,„des Lumps wegen habe ich mir den Athem nicht aus der Lunge gerannt. Ich wollte nur ſehen ob die Canaillen wirklich das Gold hätten oder nicht.“ Er war bei den letzten Worten ſchon faſt außer Sprechweite und den andern Männern blieb jetzt, da die Indianer indeſſen auch zuviel Vorſprung gewonnen hatten ſie wieder einzuholen, nichts weiter übrig als ſeinem Beiſpiele zu folgen. „Der ſchwarze oſtindiſche Schuft, ſoll aber, wenn wir zurückkommen, beweiſen, daß ihm das Gold wirk⸗ lich geſtohlen worden iſt,“ rief da ein Amerikaner, den dieſe Art Gerechtigkeitspflege doch nicht ſo recht ge⸗ fallen mochte, entrüſtet aus:„Und wenn er das nicht vermag, ſo kann er ſich darauf verlaſſen das es ihm eine Weile ſchlecht geht.“ „Ja, der wird warten bis wir zurückkommen,“ lachte der Texaner, indem er die dort in der Erde ſteckenden Pfeile herauszog und zuſammen nahm— 21* ePr Fiihie ere eee Seeeegeie eeebee „der iſt jetzt ſchon gewiß über alle Berge. Es ſind aber doch bösartige Dinger, dieſe gläſernen Pfeil⸗ ſpitzen, und wenn die ſo in einer Wunde abbrechen wie hier im Boden, müſſen ſie verdammt böſe Folgen nach ſich ziehen— vergiften ſie ihre Pfeilſpitzen auch manch⸗ mal?“ „Nein, ich glaube nicht,“ erwiederte ihm der Ameri⸗ kaner,— habe wenigſtens nie davon gehört, und ſo bösartig ſind dieſe Stämme nicht. Aber kommt, es wird ſpät, und ich möchte nach dem Vorgefallenen hier nicht im Walde campiren. Verdenken könnte man's den braunen Burſchen wenigſtens nicht wenn ſie Rache nähmen.“. „O, hol' ſie der Böſe, dazu ſind ſie zu feig,“ rief der Texaner, beſchleunigte ſeine Schritte aber doch, und die Sonne ſtand noch ziemlich hoch am Himmel, als ſie Douglas⸗Flat wieder erreichten. Das Verhör. Wie der Texaner glaubte, wäre es auch wohl ge⸗ ſchehen, und der Oſtindier nach dem Vorgefallenen ſchwerlich mehr an dem Abend in Douglas⸗Flat zu finden geweſen. Durch des Franzoſen Dazwiſchen⸗ kunft war er aber verhindert worden dieſen löblichen — — Vorſatz auszuführen, und als die Amerikaner zurück⸗ kamen und ihn noch vorfanden, ihr Gewiſſen überdies von einer übereilten Handlung nicht frei wußten, be⸗ ſchloſſen ſie ihn den Gerichten zu übergeben, damit dieſe die Sache jetzt(die nun doch einmal verpfuſcht war) wieder in Ordnung bringen könnten. Der Oſtindier ſollte vorher übrigens noch geſtehen ob er wirklich Gold bei ſich gehabt hätte oder nicht. Er ſchien aber urplötzlich jede Kenntniß der engliſchen Sprache total verlernt zu haben, und fing auf eine ſo fürchterliche Art an zu kauderwelſchen, daß weder Sinn noch Verſtand in das was er ſagte zu bringen war. Seine Inquiſitoren mußten es in Verzweiflung aufgeben, und ein paar Freiwillige wurden aufgerufen, die ihn noch an dem Abend an den Alkalden in Mur⸗ phys New Diggins oder Stoutenburgk, wie der Ort genannt wurde, abliefern ſollten. Freiwillige fanden ſich hiezu genug, denn die zahl⸗ reichen Spieltiſche in Stoutenburgk lockten doch faſt jeden Abend einen großen Theil der Goldwäſcher aus Douglas⸗Flat dort hinüber, und bald darauf wurde der Oſtindier, wegen dem vor ein paar Stunden die ganzen Minen in Alarm gekommen, und auf deſſen bloſes Wort hin Menſchenblut— und wahrſcheinlich das Blut eines Unſchuldigen— vergoſſen war, mit v, 326 auf den Rücken gebundenen Händen nach Stouten⸗ burgk geführt, und dort dem Sheriff zu weiterer Unter⸗ ſuchung übergeben. Noch an demſelben Abend kamen aber zwei der Kayota⸗Indianer als Abgeſandte ihres Stammes nach Stoutenburgk. Beide ſprachen etwas engliſch, ließen ſich vor den Alkalden führen und brachten dort ihre Klagen gegen die weißen Männer vor, die ſie über⸗ fallen und auf ſie geſchoſſen hätten. Sie frugen dabei, ob die Bleichgeſichter wirklich Krieg mit ihnen, die ſie nie gekränkt oder beleidigt hätten, führen wollten, oder ob das blos ein Paar„bad men“ geweſen wä⸗ ren, die ihren armen Kameraden„potolok“ gemacht. Major Lyatt, der Alkalde von Murphys New Diggins, ein kleiner dicker Mann, der vielleicht man⸗ chen andern Platz— beſonders wo Fleiſch nöthig war— vortrefflich ausgefüllt haben würde, hatte jedoch nicht den mindeſten Begriff von irgend einer Rechtsſache, und ſtürzte ſich in alle dergleichen Ge⸗ ſchichten mit wahrer Todesverachtung, nur der Unzen wegen, die er nie verſäumte daraus zu ziehen. Hier aber ſchien ein ganz verwickelter Fall vorkommen zu ſollen, und— das ſchlimmſte bei der ganzen Sache— weder Kläger noch Verklagte hatten Gold, nicht einmal das übliche Honorar, eine einzelne lumpige —.,— 327 Unze war zu erwarten. Trotzdem konnte er hier, wo Blut vergoſſen war, die Kläger nicht abweiſen, noch dazu da die Regierung der Vereinigten Staaten durch beſondere Statuten die Indianer Californiens unter die Gerichtsbarkeit, alſo auch unter den Schutz der reſpectiven Alkalden oder Friedensrichter geſtellt hatte. Er mußte alſo nothgedrungen in den ſauren Apfel beißen und verſprach, die Sache morgen zu unter⸗ ſuchen; auch den Angeklagten ſo lange in Verhaft zu halten und bewachen zu laſſen. Davon wollten die Indianer aber nichts hören. Sie ſchienen den Weißen inſofern nicht zu trauen, daß dieſe den Oſtindier vielleicht wieder über Nacht ent⸗ wiſchen ließen und damit auf eine geſchickte Weiſe den eigenen Nacken aus der unangenehm gewordenen Affaire zögen. Selber erboten ſie ſich daher den Ge⸗ fangenen, der die Urſache des vergoſſenen Blutes ge⸗ weſen ſei, zu bewachen. Sie warteten auch gar keine Antwort weiter ab, ſondern nahmen jeder zwei Pfeile aus ihren Köchern von Fuchsfellen, hielten dieſe aus⸗ wendig am Köcher mit der linken Hand, während die rechte den geſpannten Bogen trug, und ſetzten ſich ſo gerüſtet neben den Gefangenen nieder. Dieſem waren indeſſen die Hände losgebunden und er ſaß frei die ganze Nacht zwiſchen ſeinen beiden Wächtern, aber er rührte ſich nicht von der Stelle. Er wußte recht gut was ihm bevorſtand, wenn er ver⸗ ſucht hätte zu entfliehen. Die Indianer hatten übri⸗ gens noch keine Idee von der gegen ſie erhobenen Klage, dem Oſtindier neunzehn Tauſend Dollar abge⸗ nommen zu haben— ebenſo ſchienen ſie zu glauben daß er, und nicht etwa einer von den Weißen, ihren Kameraden erſchoſſen habe. Aus ihren Reden ging das wenigſtens hervor, und die Amerikaner hüteten ſich ihnen den Glauben zu benehmen. Wie ſie den Abend, wie ſie die ganze Nacht ge⸗ ſeſſen, ſo ſaßen ſie noch am nächſten Morgen und hiel⸗ ten Wacht, und der Oſtindier lag zwiſchen ihnen und ſchlief. Er wußte, daß er keine Hinterliſt von dieſen rothen, zwar wilden, aber noch unverdorbenen Kin⸗ dern der Wildniß zu fürchten hatte. An dieſem Nachmittage ſollte das Verhör ſein, vorher aber wurde eine Jury erwählt, welche die In⸗ dianer in ihrem Lager beſuchen und den status quo unterſuchen ſollte. Der Sheriff hatte den Richter darauf aufmerkſam gemacht, daß man vor dem Ver⸗ höre jedenfalls Erkundigung einziehen müſſe, ob der geſchoſſene Indianer wirklich todt, oder vielleicht nur leicht verwundet ſei, und indeſſen Zeugen aufſuchen, den wirklichen Thäter— jenen Spieler— zu belan⸗ 329 gen und ihn dann ebenfalls nach dem Geſetze zu be⸗ ſtrafen. Zu gleicher Zeit wollte er ſehen heraus⸗ zubekommen, ob der Oſtindier wirklich Gold bei ſich geführt habe oder nicht, und wo er die letzte Zeit, ehe er nach Douglas Flat gekommen ſei, ſich aufgehalten. Der Sheriff war zugleich der Fleiſcher des Orts, ein Irländer, und ein höchſt rechtlicher und uner⸗ ſchrockener Mann, der übrigens die barocke Idee hatte daß ihn der Richter, wie er ſelber auch ge⸗ ſonnen ſei Kopf und Kragen an Ausübung wirklicher Gerechtigkeit zu ſetzen, dabei unterſtützen müßte. Der Richter hatte weit wichtigere Sachen im Kopfe— er mußte kleine Stücke Land, acht Fuß lang und vier Fuß breit à zwei Dollar per Stück als„Claims“ in Murphys Flat an Stellen verkaufen, die ſchon zwei⸗ und dreimal über verkauft waren. Dabei dachte er gar nicht daran es mit den Texanern etwa zu ver⸗ derben, die ſeine beſten Kunden waren, und dem Geſetz zum Trotz, das jedem nur einen Claim in der Flat zuſprach, nicht allein ſchon zehn und zwölf nach allen Richtungen hin angekauft hatten, ſondern noch drei⸗ mal mehr beanſpruchten. Die Jury wurde gewählt, das Verhör auf den Nachmittag angeſetzt, und wir wanderten jetzt unſerer ſechſe, von zwei Indianern, die den Morgen noch in 330 das Lager gekommen waren, begleitet den Bergen zu. Dort hinauf hatten ſich die verſcheuchten Indianer ſo lange geflüchtet, bis ihnen erſt die Gewißheit werden ſollte, ob die Weißen Krieg oder Frieden mit ihnen beabſichtigten. Der Halteplatz der flüchtigen Indianer. Wir waren unſerer ſechſe, hatten aber alle unſere Waffen, ſelbſt die Meſſer, zurückgelaſſen, die armen Teufel von Indianer nicht noch mehr zu ängſtigen. Nur der Sheriff trug ſeinen„Revolver,“ ein ſechs⸗ läufiges Piſtol, hinten im Gürtel. Die beiden In⸗ dianer dagegen führten jeder eine einläufige Flinte, Pulverhorn und Schrotbeutel, ſo daß es faſt ausſah, als ob ſte uns als Gefangene in die Berge escortir⸗ ten. Unterwegs ſchauten uns auch ein Paar Züge von wandernden Goldwäſchern, denen wir begegneten und die von dem ganzen Lärm noch gar nichts gehört hatten, verwundert genug nach, wir hielten uns aber mit dieſen nicht auf, ſondern wanderten raſch durch die weite Ebene, auf die der Sonne Strahlen ſengend niederbrannten, die ſchattigeren Hügel ſobald als mög⸗ lich zu erreichen. Unſere braunen Begleiter ſprachen auch über die Ebene hin kein Wort. Lautlos und mitgeſenkten Köpfen gingen ſie dicht hinter einander, aber ſo raſch her, daß wir kaum zu folgen vermochten. Der eine Amerika⸗ ner, ein dicker, wohlbeleibter Geſell, das Geſicht glühend und die großen klaren Schweißperlen auf der Stirn, erklärte endlich feierlich— d. h. er ſchrie hinter uns drein— er könne nicht mehr mit, und wenn das Gericht den ſechſten Theil der Jury auf ſo leichtſinnige Art hinten laſſen wollte, ſo möge es das auf ſeine eigene Verantwortung thun, er aber waſche ſeine Hände in Unſchuld. Dabei biß er in ſtiller Reſig⸗ nation ein rieſiges Priemchen von einer langen Stange Tabak, die er bis dahin wie einen Dolch in der Hand gehalten, ab. Die Indianer, denen das begreiflich gemacht wurde, gingen von jetzt an zwar etwas langſamer, immer aber noch in einer Art kurzem Trab, und erſt als wir an den Hügel kamen, blieben ſie zum erſten Mal ſtehen, unterſuchten rechts und links den ſchma⸗ len Hirſchpfad, den wir die letzte halbe Stunde gefolgt waren, und bogen dann rechts nach einer niedern Hügelkuppe, die von höheren Wänden umgeben war, ab. Ziemlich auf dem Gipfel angekommen, hielt Einer von ihnen einen Moment und ſtieß dann plötzlich einen 332 ſcharfen, gellenden Schrei aus, der zu unſerem Er⸗ ſtaunen faſt in derſelben Secunde und’ zwar dicht ne⸗ ben uns beantwortet wurde. Dabei ſprang hinter einem Baumſtamme, an dem wir ſo nahe vorüberge⸗ gangen waren, daß wir ihn hätten mit dem Fuße be⸗ rühren können, ein bewaffneter und bemalter Krieger mit Bogen und Pfeilen vor, wechſelte, ohne uns wei⸗ ter auch nur eines Blicks zu würdigen, ein Paar Worte mit unſern Begleitern, und ſchritt uns dann raſch voran. Eine Meile mochten wir auf dieſe Art wieder ge⸗ macht haben, als er einem von unſeren früheren Füh⸗ rern ein Zeichen gab, und dieſer gleich darauf erſt ſein Gewehr losſchoß und dann dicht danach einen gellen⸗ den Kreiſch, wie früher, ausſtieß. Der Ruf wurde von beiden Seiten in der Ferne beantwortet, und als wir ſchon wieder weiter ſchritten, ſah ich wie rechts und links an beiden Hügelhängen ein Paar bewaffnete braune Geſtalten über die Felſen fortſprangen und mit uns, ohne näher zu kommen, Schritt zu halten ſuchten. Der Indianer hatte wieder geladen, und der an⸗ dere ſchoß bald darauf ſein Gewehr auf ähnliche Art ab, wonach wieder fremde Geſtalten ſich unſerem Zuge in der Ferne anſchloſſen. In ſolcher Weiſe zogen 333 dieſe braunen Söhne der Berge ihre Vorpoſten zu⸗ ſammen, und auf den Haupttrupp zurück, und zeigten den Ihren dadurch zu gleicher Zeit an, daß die We⸗ ßen friedlich geſinnt ſeien und ſie weiter keinen An⸗ griff zu erwarten hätten. Wir kamen jetzt an das angezündete indianiſche Lager. Es war ein trauriger Anblick: halbver⸗ brannte wollene Decken und Lederſchürzen, die noch an den verkohlten Zweigen hingen— auf der Erde die zerſtreuten oder verſengten Proviſionen— hier ſogar noch die Stücken eines kleinen Kinderkorbes, der zurückgeblieben war als die Mutter, wahrſcheinlich in Todesangſt, ihr Kind aufgriff, ſein und ihr Leben in Sicherheit zu bringen. Der Indianer mit Bogen und Pfeilen, der ſich uns zuerſt angeſchloſſen hatte, blieb einen Moment ſtehen, ſah auf ſein Lager und dann auf uns— ich mochte ſeinem Blicke nicht begegnen— aber er ſprach kein Wort.— Die Andern ſchritten, ohne auch nur einen Blick auf ihr zerſtörtes Eigenthum zu werfen, ſchweigend und finſter daran vorüber. Wir ſtiegen von hier aus in der Schlucht eines kleinen Baches bis zu dem Gipfel hinauf, an dem er entſprang. Unſer Zug war dabei, ſchon lange ehe wir —— 2— 88ſſſſſſ“ 334 den Ort unſerer Beſtimmung erreichten, angekündigt worden, denn von verſchiedenen Seiten wurden Rufe gethan und beantwortet. Endlich näherten wir uns dem oberen Rücken des Berges, und meine Begleiter hielten, denn hier ſtanden einige zwanzig Krieger, alle ihre Bogen in der Hand und mehrere ſogar die Pfeile wie größerer Bequemlichkeit wegen, ſchon aufgelegt. Ich kannte aber dieſe Indianer ſchon und hatte mich ihnen in mancher Hinſicht freundlich bewieſen, glaubte daher auch nicht etwas von ihnen fürchten zu dürfen. Außerdem war es keineswegs gerathen, in einem ſol⸗ chen Augenblicke Furcht zu zeigen, und ich ſprang raſch den etwa noch hundert Fuß hohen Abhang hinauf, gerade in ihre Mitte. Nie werde ich den Anblick vergeſſen der ſich mir hier bot, denn wenn mir auch hie und da aus dunkel⸗ glühenden Augen finſtere Blicke entgegenblitzten, und beſonders ein alter Krieger mit grauem Haar und kal⸗ ten ſtarren Zügen gar keine üble Luſt zu haben ſchien, die Glasſpitze ſeines Pfeils an meiner Haut zu ver⸗ ſuchen,— ja er ſpannte ſogar, wie unwillkürlich, die Sehne des Bogens, und nur als mein Blick dem ſei⸗ nen feſt begegnete, ließ er ſie wieder, aber nur lang⸗ ſam und widerſtrebend, nach,— nahm doch das Wun⸗ derbare, Wilde, Eigenthümliche all der mich umgeben⸗ 335 den Gruppen meine Aufmerkſamkeit augenblicklich und einzig und allein in Anſpruch. Den Mittelpunkt bildete der unglückliche Ver⸗ wundete, der aufgerichtet unter einer niedern Eiche ſtand, und ſeine linke Hand auf die Schulter ſeines Weibes ſtützte.— Er ſtand aufrecht, aber in ſeinen Zügen lag der Tod, und die Lippen zuckten von nur mühſam verhaltenem Schmerz. Sein Oberkörper war nackt, nur um die Hüften trug er ein altes, blut⸗ beflecktes Stück Cattun geſchlagen, und ſeine Farbe hatte das Braunglänzende verloren und mehr ein mat⸗ tes Graubraun angenommen. Seinem armen Weib perlten dabei die großen hellen Thränen die dunklen Wangen herunter, aber ſie ſprach kein Wort, keine Klage kam über ihre Lippen. Nur ihr Blick flog manchmal zu dem des Leidenden empor, und ſenkte ſich dann wieder ſtill zur Erde nieder. Um ihn her ſtanden fünf oder ſechs Männer, wie alle Anderen mit ihren Bogen und Pfeilen in der Hand, und ſahen vorwurfsvoll zu mir herüber.— „Das hat Einer von euch Weißen gethan!“ ſagte der Aelteſte in gebrochenem Spaniſch; ein Jüngerer aber vertheidigte mich—„Americano“ ſagte er—„no Alemano“— Er hatte aber auch recht; ich glaube 8— 1 ——— 336 nicht daß ein Deutſcher ſo leichtſinnig auf einen armen Teufel von Wilden geſchoſſen hätte. Etwa zwanzig Schritte zurück lagerten die Frauen mit ihren Kindern und den wenig geretteten Habſelig⸗ keiten, und hie und da keuchten noch andere mit den ſpitzen, um die Stirne mit Tragbändern befeſtigten ſchwergeladenen Körben, hie und da auch noch ein Kind obendrauf, herauf, und drückten ſich ſcheu und furcht⸗ ſam, ſo weit ſie konnten von den fremden Weißen zu⸗ rück— wußten die Armen doch nicht, ob ihnen aus dem neuen Zuſammentreffen nicht wieder ein Unglück und Kummer bereitet werde. Und um ſie her breite⸗ ten ſich die weiten, mit den herrlichen Fichten bedeck⸗ ten Berge Californiens, und die Sonne lag weich und warm auf den kühlen Schatten der Gebirge. Armes Volk, es iſt das nur das Vorſpiel zu dei⸗ nen ſpätern Leiden, und du wirſt einſt das Schickſal deiner rothen Brüder in allen anderen Ländern der Erde theilen müſſen— aber tröſte dich, du wirſt da⸗ für civiliſirt. Wenn der Letzte deines Stammes, der vielleicht all die Deinen, durch Stahl, Blei, anſteckende Krankheiten durch Habſucht und Goldgier oder das vernichtende Feuerwaſſer der Weißen in die ſtille Erde ſinken ſah, ſtumm und traurig an ihren Gräbern ſteht, mag er ſich damit tröſten, daß er zwar Alles verloren 337 was er auf dieſer Welt ſein eigen nannte,— aber die chriſtliche Religion iſt ihnen doch verkündet worden, und— der Verſuch iſt gemacht, ob ſie nicht der Cul⸗ tur gewonnen werden könnten. Daß das nicht an⸗ ging war allerdings traurig, aber auch nicht der Chri⸗ ſten Schuld. In der Bibel ſteht:„Gehet hin und lehret alle Heiden,“ und dazu gehörten ſie ebenfalls — warum konnten ſie das nicht vertragen.—— Und nun die Entdeckung des Goldes gar: Lieber Gott, in den anderen Ländern ließ man den armen Teufeln doch noch Zeit, ſich wenigſtens ſelber unter einander aufzureiben, da aber, wo das Gold die Leidenſchaften noch außerdem anfachte— nicht blos die Fruchtbar⸗ keit des Bodens oder der Reiz ihrer Weiber— da ging die Civiliſation mit raſenden Schritten vorwärts — nur das Reſultat blieb daſſelbe. Wir hatten unter unſerer Jury einen Doktor— wenigſtens nannte er ſich ſo, und trug zum Beweis ein Beſteck mit chirurgiſchen Inſtrumenten bei ſich; der unterſuchte jetzt vor allen Dingen den Verwunde⸗ ten. Die Indianer ſchienen, als ſie das ſahen, gro⸗ ßes Vertrauen in ihn zu ſetzen— die Frau wenigſtens verſchlang, während er die Wunde beſichtigte, mit gierigen Blicken den Ausdruck ſeiner Züge. Er wußte aber keinen Rath dafür, und ich glaube auch kaum, Gerſtäcker, Californiſche Skizzen. 22 8 338 daß noch ein Arzt auf der Welt dem armen Burſchen hätte helfen können. Die Kugel war hinten im Rücken, dicht neben dem Rückgrat auf der rechten Seite etwa zwei Hände hoch über der rechten Hüfte eingegangeu, und ſaß allem Anſchein nach irgendwo an der linken Seite inwendig feſt— der Schießende hatte beim Schuß etwa dreißig Fuß höher geſtanden, als das Opfer. Die Oeffnung, wo die Kugel einge⸗ gangen war klein— die Büchſe ſchoß etwa 35 Ku⸗ geln auf das Pfund. Der Doktor ſchüttelte mit dem Kopfe, ſtand auf und überließ den Verwundeten ſeinen Freunden. Dieſer konnte ſich jetzt auch nicht mehr länger aufrecht halten, und man ſah ihm an welche entſetzliche Mühe er ſich dazu gegeben hatte. Langſam ließen ſie ihn auf die Erde nieder und die Frau breitete ihre Decke unter ſeinen Rücken und legte ſeinen Kopf in ihren Schooß. Er ſchien das Alles freilich nicht mehr zu fühlen; ſein Blick ſah ſtarr in den grünen Wipfel der Eiche hinauf, unter der er lag, und nur manchmal rang ſich, ſo ſehr er ſich auch Mühe gab das zu unter⸗ drücken, ein leiſer Seufzer aus ſeiner Bruſt⸗ Hier oben war weiter nicht viel zu thun, als hernnszasunden weshalb die Indianer den Schwar⸗ zen eigentlich verfolgt hätten, und ob es wahr ſei daß 339 dieſer Gold bei ſich gehabt habe. Einer der Weißen, der ſchon drei Jahre in Californien lebte, ſprach die Sprache der Indianer ziemlich fertig und ſuchte nun Erkundigungen einzuziehen. Nach Ausſage der In⸗ dianer— und ſpäter abgehörte Zeugen machten das auch wahrſcheinlich— verhielt ſich die Sache einfach ſo: Der Oſtindier war an dem vorigen Abend zu ihrem Lager gekommen und hatte mit ihnen gegeſſen und die Nacht dort geſchlafen. Schon am Abend hatte er verſucht, mit einer oder der anderen von den Frauen anzuknüpfen— und ich glaube, daß es wenig wilde Stämme giebt, von denen die Frauen zurückgezogener und keuſcher leben— war aber von allen zurückge⸗ wieſen, und mochte nun wohl geglaubt haben daß ihm die Gegenwart der Männer blos hinderlich wäre. Er verhielt ſich alſo die Nacht ziemlich ruhig und ver⸗ ließ am nächſten Morgen das Lager, bis er glaubte, daß die Mäuner etwa auf die Jagd oder ihren ſonſti⸗ gen Beſchäftigungen nachgegangen wären. Dann kehrte er zurück, und ſuchte mit Gewalt das zu er⸗ reichen, was ihm durch Ueberredung nicht möglich ge⸗ weſen war. Dabei kam er aber bös an, wie der Blitz waren ein Paar von den Männern bei der Hand, und der Oſtindier behielt eben nur noch Zeit, ſein Bündel auf⸗ 22* 340— zufaſſen und die Flucht zu ergreifen. Im Fliehen hatte er nachher, wie Einer der Indianer ſagte, das kleine Packet Kleidungsſtücke von ſich geworfen, und es war in dem Lager zurückgeblieben, wo es wahrſcheinlich mit den übrigen Sachen verbrannte— oder auch noch dort lag— es hatte ſich Niemand weiter darum ge⸗ kümmert. Von Gold wußten ſie gar nichts— und hatten keines bei ihm geſehen. Der Golddiebſtahl war von dem Hallunken rein erfunden, und ihm ſonſt von den Indianern gar kein Schaden zugefügt wor⸗ den; nur aus ihrer Nähe hatten ſie ihn vertreiben wollen, und nicht einmal mit einem Pfeile nach ihm geſchoſſen— und dafür dies Elend. In einer recht trüben und wehmüthigen Stimmung verließen wir Alle das Lager, jetzt aber von einer größeren Anzahl der Indianer begleitet. Dieſe hat⸗ ten nämlich nun erfahren, was der Oſtindier von ihnen erzählt, und wollten im Lager der Weißen ihre Un⸗ ſchuld beweiſen und den Schurken beſtraft wiſſen. Ihr großer Häuptling,— Jeſus genannt,— der unter ſeiner Oberherrſchaft die verſchiedenen Stämme des Magualome, Calaveres und Stanislaus vereinigte, war gerade jetzt leider nicht anweſend. Der Häuptling der Kayotas ging aber mit uns hinunter und ihm folgten etwa noch zwölf oder ſechſehn ſeiner jungen 341 Leute, Alle mit Bogen und Pfeilen bewaffnet— die meiſten nackt, nur mit einem Tuch um die Hüften, und einige mit einem bunten Hemd bekleidet. Als wir den Hügel verließen blieben alle Indianer plötzlich ſtehen und ſchauten zurück— der Verwun⸗ dete lag ausgeſtreckt auf der Decke und athmete ſchwer — ſein Weib ſaß ſtarr und regungslos ihm zu Häup⸗ ten. Keine Thräne hing mehr an ihren Wimpern aber ihr Blick haftete feſt und ſtier, faſt ausdruckslos auf der wogenden Bruſt des Sterbenden. Ueber dieſen aber hingebeugt lag jetzt eine alte Frau— ſeine Mut⸗ ter— und ihr ſchrilles monotones Wehgeſchrei zuckte mir durch die innerſten Nerven. Es war ein entſetz⸗ 3 licher Augenblick und ich floh, ihm ſo ſchnell als mög⸗ 2 lich zu entgehen, mit raſchen Sätzen den Berg hin⸗ unter. Als ich unten ankam, folgten mir die übrigen Weißen und bald darnach ſchloſſen ſich auch die In⸗ dianer wieder unſerem Zuge an. Wir wanderten, . ohne weiter ein Wort mitſammen zu wechſeln, jeder 2 mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt, vorwärts. Ueber dem Gipfel des Berges aber ſchwebten ein paar Aasgeier mit langſam faulen Flügelſchlägen. R 342 1 Das Urtheil. Nachmittags drei Uhr etwa kamen wir zurück, und es wurde augenblicklich eine neue Jury gewählt, das Verhör des Oſtindiers zu beginnen. Indeſſen hatten ſich noch mehrere Zeugen von Carſons Flat,(etwa zehn Meilen entfernte Minen) eingefunden. Die ſechs Jurymänner, den Richter oben an, nahmen an einem Tiſche Platz, und der Oſtindier, deſſen freiwillige Wache noch immer die Indianer waren, wurde in dem zum Verhör beſtimmten Raum— eines der gewöhn⸗ lichen Spiel⸗ und Trinkzelte— geführt. Er ſah faſt ſtahlgrau aus, denn einige der Ameri⸗ kaner hatten ſich einen Spaß daraus gemacht ihm zu ſagen, ſeinetwegen ſei ein Menſch erſchoſſen worden und er ſolle nun aufgehenkt werden. Obgleich er kein Wort darauf erwiederte, und auch that als ob er es gar nicht verſtehe, hatte er ſeit der Zeit zum erſten Mal einen Verſuch zu entwiſchen gemacht, der aber natürlich an der Wachſamkeit der Indianer gründlich ſcheiterte. Er war von jetzt an unruhig und ängſt⸗ lich, und der kalte Schweiß ſtand ihm auf der Stirne, aber er hatte dieſe Züchtigung in reichem Maß ver⸗ dient. Nachdem zum Eingang einigen Geſetzformen ge⸗ ————— 2 nügt war, und der Sheriff gemeldet hatte daß der Indianer, der Mittags zwar noch lebte, jetzt aber wahrſcheinlich ſchon todt ſei— und ſo wies es ſich auch ſpäter aus— von einem Weißen aus Douglas⸗ Flat, deſſen Namen er aber habe noch nicht erfahren können, getödtet ſei, erbat er ſich einen Berhaftsbefehl, den Mörder aufzugreifen. Dazu ſchien der Richter indeſſen nicht die mindeſte Luſt zu haben. Die Texa⸗ ner in Murphys Diggins hatten nämlich an dem Nachmittage laut geäußert, daß ſie dem, der Hand an einen Weißen legen würde, weil er eine verdammte Rothhaut umgeworfen, oder auch dem der nur den Befehl dazu geben ſollte, mit größtem Vergnügen eine Kugel durch den Pelz jagen würden, und dabei ſchlenderten die wilden trotzigen Burſchen in größter Gemüthsruhe mit ihren Büchſen auf der Schulter in dem kleinen Minenſtädtchen auf und ab. Der Richter erklärte jetzt— armer Major Lyatt — er werde das Geſetz jedenfalls aufrecht halten, könne aber keinen Verhaftsbefehl ausſtellen, ehe Je⸗ mand als wirklicher Kläger gegen den betreffenden Mann,„der den Indianer verwundet haben ſollte,“ auftreten und ihm den vollen Namen deſſelben nennen würde, damit er danach einen Warrant ausſtellen könne. Er wandte ſich hierauf ſelber an die Umſtehen⸗ 343 — 8 MASEPFn 6 AZZZ 2 344 den und frug ſie, ob Einer von ihnen den Namen voll⸗ ſtändig wiſſe— als ihm dieß Niemand beantworten konnte, ſchwieg er etwa eine halbe Minute und er⸗ klärte dann dieſe Anklage plötzlich als erle⸗ digt. Auf eine Einſprache hernach erwiederte er mürriſch, daß er Richter ſei und recht gut wiſſe was er zu thun oder zu laſſen habe, und daß ſich Jeder nur um ſich ſelber bekümmern ſolle. Nach dieſem Akte Californiſcher Gerechtigkeits⸗ pflege kam das Verhör des Oſtindiers, und dieß ſchien mit großem Eifer betrieben zu werden. Der braune Burſche wurde hereingeführt, und vor allen Dingen hörte man die weißen Zeugen gegen ihn ab. Hierzu gehörte erſtens die Jury, die oben in den Bergen ge⸗ weſen war. Von dieſer weigerte ſich aber ein Theil, gegen den Oſtindier auszuſagen, bis der weiße Mör⸗ der nicht verhaftet wäre, und da ſich der Richter hier⸗ auf nicht einlaſſen wollte, begnügte er ſich mit dem Zeugniß zweier Amerikaner, die ihm berichteten wie ſie die Amerikaner oben in den Bergen gefunden hät⸗ ten, und daß ſie glaubten der Verwundete dieſe Nacht nicht überleben können. Hiernach kamen die Zeugen von Carſons Flat, zwei Wirthe, die ausſagten, der Oſtindier ſei vor zwei Abenden in ihren Zelten geweſen und habe ein Glas getrunken, nachher aber nicht Geld genug ge⸗ habt dafür zu bezahlen, und ſie hätten ihn hinausge⸗ worfen. Der eine von dieſen war ein junger Mann, der ſchon lange Jahre zwiſchen den Indianern lebte, ihre Sprache vollkommen gut redete, und auch, in indianiſcher Art, einen breiten Perlmutterſchmuck um den Hals trug. Er ſagte aus, daß er gerade dieſe Stämme, ſo lange er in Californien ſei, kenne, und daß er noch nie von ihnen gehört habe, wie ſie ent⸗ weder einen Menſchen beraubt noch ſonſt beſchädigt hätten. Als vollkommen Fremder war er zu ihnen gekommen und auf das gaſtlichſte aufgenommen wor⸗ den. Er ſprach zum Schluß ſeine feſte Ueberzeugung aus, daß der Oſtindier ſie ſchwer beleidiget haben müſſe, ehe er ſie dahin bringen konnte ihn gewalt⸗ ſam fortzujagen. Daß ſie ihm neunzehn Tauſend Dollar geſtohlen haben ſollten ſei reiner Unſinn— er glaube nicht daß der ſchwarze Hallunke neunzehn Cent bei ſich gehabt hätte. Hierauf wurden die Indianer vorgerufen, und der Richter entſchuldigte ſich bei der Jury daß er Indianer zu Zeugen aufrufe, was, nach den Geſetzen der Vereinigten Staaten, gegen Weiße unter keiner Bedingung geſchehen könne; mit dem Oſtindier, der aber doch ein„halber Nigger“ ſei, glaube er, daß er 46 eine Ausnahme machen dürfe. Dieſer ſei, ſeiner An⸗ ſicht nach, ſelber nicht beſſer wie ein Indianer und ſtünde mit den letzteren auf vollkommen gleichem Fuße. Die Indianer wurden auf ſpaniſch verhört, was dem Alkalden— wunderbare Ironie des ſpaniſchen Titels— erſt überſetzt werden mußte. Sie ſagten das nämliche aus was wir ſchon oben auf den Ber⸗ gen von ihnen gehört hatten, und frugen dann,„wo der weiße Mann ſei der ihren Bruder geſchoſſen habe.“ Da ſie das, nach des Richters Meinung, gar nichts anging, hielt es dieſer auch nicht für nöthig ihnen darauf zu antworten, und wandte ſich nun mit der Bemerkung an den Protocollführer, Alles auch hübſch ordentlich niederzuſchreiben. Dieſer hatte bis jetzt an der Feder gekaut und den Datum noch nicht einmal auf dem Papiere. . Der Richter wandte ſich hierauf gravitätiſch und mit der vortrefflichſten Amtsmiene an den Oſtindier, der bis dahin die jedesmaligen Sprecher, ob ſie nun ſpaniſch oder engliſch ſprachen, ſo lange ſie redeten ſtarr und ängſtlich beobachtet, aber ſicherlich nicht das zehnte Wort von dem Engliſchen und gar nichts von dem Spaniſchen verſtanden hatte, und frug ihn: — „was er auf die eben vorgebrachten Zeugen⸗ ausſagen zu erwiedern habe?“ Der Indier ſchwieg natürlich, ſah ihn aber mit den dunklen Augen erſchreckt an— er glaubte wahr⸗ ſcheinlich, daß ihm jetzt das Urtheil bekannt gemacht werden ſollte. „Aber Richter“— meinte da der Sheriff trocken, „wenn er all das Geſprochene nicht verſteht, wie ſoll er denn da gegen die Zeugen ſich vertheidigen?— wir brauchen einen Bombay⸗Dolmetſcher— weiter Nichts. Hallo, da iſt Einer der ſpricht deutſch, der wird ja auch wohl bombayſch können.“ „Sein Sie ſo gut,“ antwortete ihm der Deutſche —„Bombay liegt nicht in unſerm Kirchſpiel.“ „Ja aber, was iſt da zu thun?“ ſagte der Rich⸗ ter, die Achſel zuckend;„ich ſpreche auch nicht bom⸗ bayſch— verſteht denn kein Menſch das verdammte Kauderwelſch?“ „Laßt mich einmal zu ihm!“ ſagte jetzt ein langer breitſchulteriger Nankee, der bis dahin, ohne eine Sylbe zu äußern, in der einen Ecke geſtanden und den Oſtindier angeglotzt hatte als ob er ihn ver⸗ ſchlingen wollte.„Laßt mich einmal zu ihm!“ „Das iſt recht, Barneywater, verſucht's einmal!“ ſagte der Richter aufmunternd;„ſchwört ihn als 348 Dolmetſcher ein. Sheriff— ſchwört ihn als Dol⸗ metſcher ein!“ Der Yankee arbeitete ſich indeſſen zu dem Oſtin⸗ dier durch, und dieſer, als er den langen, bleichen Menſchen mit dem finſter entſchloſſenen Geſicht auf ſich eindrängen ſah, ſchien das Schlimmſte zu fürchten. Er drückte ſich, ſo weit es die ihn Umſtehenden ge⸗ ſtatteten, zurück, und ſah ſich ängſtlich nach Hülfe um. Die hie und da lächelnden Geſichter die ihn umgaben, mochten ihm um ſo entſetzlicher vorkommen. Der Nankee hatte ihn jetzt erreicht, faßte ihn mit der rechten Hand an der Schulter und bog ſich zu ihm nieder. „Solu gu'a orang,“ ſtönte der Indier. „Never mind,“ ſagte der Yankee, und ſchrie ihm dann, als ob er ein Schiff auf weiter See anriefe, in die Ohren:„He dul haſt du was dagegen einzuwen⸗ den, was die Zeugen da eben gegen dich wgeſig haben?“ Der Indier ſtieß ein paar kurze, abgebrochene Worte heraus— der kalte Todesſchweiß ſtand ihm auf der Stirn, die meiſten der Umſtehenden lachten aber, und nur der Richter ſchrie: „Das iſt ja aber nicht bomnbagſch— das verſteh' ich auch!“ „Na, ich kann doch nicht bombayſch!“ ſagte der 3 Yankee, ſich verächtlich nach ihm umſehend;„in Con⸗ necticut ſprechen ſie rein itenſe 4 „Ja dann hilft uns ja aber auch die ganze Ge⸗ ſchichte Nichts!“ klagte der Richter. „Gentlemen!“ nahm hier plötzlich ein eben hin⸗ zugekommener Fremder, der nicht wie einer der Gold⸗ wäſcher ausſah, ſondern einen ſchwarzen Frack und Seidenhut trug, das Wort,„ich proteſtire hier feier⸗ lich gegen jedes ſolche Verfahren, als Sie ausüben zu wollen ſcheinen. Sie dürfen den Mann nicht zum Tode verurtheilen, das ſteht nur dem Diſtriktsge⸗ richte zu„Double Spring“ zu, und Sie werden die Folgen, die etw raus entſtehen könnten, dann ganz ſich ſelber nnshaben haben.“ „Wer iſt denn das?— wo kommt der auf einmal her?— was will er hier?—“ lief es von Mund zu Mund in der Verſammlung, und„der Collecteur, es iſt der Licenzausgeber, der eben eingetroffen iſt!“ lautete alsbald die beruhigende Verſicherung. „Aber wer ſagt Ihnen denn daß der Mann auf ein todeswürdiges Verbrechen angeklagt iſt?“ fuhr der Richter erſchreckt auf.„Dürfte ich um ihren wer⸗ then Namen bitten?“ „Sie dürfen ihn gar nicht auf ein todeswür⸗ diges Verbrechen anklagen!“ fuhr der unverbeſſerliche Dazwiſchenredner keineswegs eingeſchüchtert fort. „Das ſteht, wie ich Ihnen ſchon einmal die Ehre hatte zu bemerken, nur dem Diſtriktsgericht in Double Spring zu, und wenn Sie es thun, ſo begehen ſie als Friedensrichter eine ungeſetzliche Handlung— wenn Sie mir die Bemerkung nicht übelnehmen.“ „Dürfte ich um Ihren werthen Namen bitten?“ rief der Richter.„Sie werden— Sheriff, halten Sie gefälligſt das Maul, ich will dem Herrn die Sache ſchon auseinander ſetzen— Sie werden mir doch erlauben Sie zu bedeuten, daß wir noch gar nicht daran gedacht haben, den Mann auf Leben und Tod zu—“ „Sie haben auch gar nicht über Leben und Tod abzuurtheilen!“ ſchrie der unverwüſtliche Collektor, der eben ſo wenig wie der Oſtindier zu verſtehen ſchien, was überhaupt geſagt wurde.„Ich habe ſchon die Ehre gehabt Ihnen zu bemerken, daß das allein dem Diſtriktsgericht in Double Spring zuſteht, und ich proteſtire hiemit feierlich gegen jede derartige, auf's äußerſte ungeſetzliche Verhandlung.“ Und mit dieſen letzten Worten ſchoß er wie ein Pfeil aus dem Zelt. Ihm nach aber tönte das Gelächter der Um⸗ ſtehenden und nur der Richter ſchrie jetzt, auf's aäußerſte erboßt und mit einem feuerrothen Kopf: „Ich verweiſe hiemit den unberufenen Sprecher zur Ruhe— Sheriff order— Donnerwetter, warum thut Ihr Euere Pflicht nicht; ſoll ich nicht allein den Alkalde, ſondern auch noch obendrein den Sheriff ſpielen?“ Dieß kleine Intermezzo, dem der Oſtindier übri⸗ gens mit ängſtlicher Spannung zugehört diente in et⸗ was dazu, die ſonſt feindliche Stimmung gegen den An⸗ geklagten zu mildern. Verſtändlich war ihm dabei doch nichts zu machen, da ſelbſt die letzte Hoffnung auf Barneywater fehlgeſchlagen, die Beweiſe aber ſämmtlich gegen ihn, daß ſeine Ausſage falſch geweſen, und durch ſeine Veranlaſſung Menſchenblut vergoſſen war. Die Jury verſtändigte ſich deshalb dahin, daß ihm am nächſten Morgen— denn die Dämmerung fing jetzt ſchon an einzubrechen— fünf und zwanzig Peitſchenhiebe gegeben, und er aus dieſen ſüdlichen Minen für immer verwieſen würde. Das Urtheil ſollte ihm gerade bekannt gemacht werden, als ein anderer kleiner Zwiſchenfall den Ernſt der ganzen Verhandlung mit Tiſchen und Stühlen über den Haufen zu werfen drohte. Zwei große Hunde nämlich, die ſich dicht vor dem Zelt ſchon eine 352 ganze Weile dermaßen angeknurrt hatten, daß die, im Innern deſſelben und ihnen am nächſten Stehen⸗ den ſchon beſorgliche Blicke nach der dünnen Leinwand warfen und aus der Gegend wegzudrängen ſuchten, brachen, durch Muthwillige noch außerdem gehetzt, in offene Feindſeligkeiten aus. Natürlich nahmen ſie dabei mehr auf ihre eigene Haut, als auf die Beine der benachbarten Menſchen Rückſicht, und ehe nur irgend einer die Kataſtrophe verhindern konnte, be⸗ fanden ſich die beiden Streiter unter dem löblichen Gerichtstiſche, den ſie augenblicklich aus ſeinen Angeln hoben, daß er wie ein Schiff auf ſtürmiſchem Meere wogte und ſchwankte. Der Sheriff fing mit merk⸗ würdiger Geiſtesgegenwart das Dintenfaß in ſeinem Hute auf, und Barneywater, der mit ſeinem langen Leichnam gerade die oberen Zeltſtützen erreichen konnte, erfaßte dieſe, hoch aufgreifend, und zog ſeine langen Beine aus dem Bereich jeder möglichen Ver⸗ letzung. Dem Oſtindier ſchien bei dieſer allgemeinen Ver⸗ wirrung eine Idee von plötzlicher Flucht durch das Hirn zu zucken— er warf die Blicke rechts und links hinüber und richtete ſich hoch auf. Wäre er auch nur von Weißen bewacht geweſen, hätte es ihm am Ende in der mehr und mehr zunehmenden Dämmerung 353 vielleicht gelingen können, denn er war nicht gebunden und ſehnig genug gebaut, ein guter Läufer zu ſein. So aber ſtanden ihm rechts und links ein paar eben ſo braune dunkeläugige Burſchen zur Seite als er ſelber war, und wenn ſie auch ein Auge zum Beſten ihrer eigenen nackten Beine verwandten, damit die biſſigen Hunde denen nicht vielleicht unerwartet zu nahe kämen, hielten ſie das andere doch feſt auf ihrem Gefangenen— und dieſer überzeugte ſich bald, daß er hier keine Ausſicht auf Entrinnen habe. Die Ruhe wurde indeſſen wieder hergeſtellt. Ein⸗ zelne, die ihre Beine ſicher wußten, ſchienen ſich allerdings das allergrößte Vergnügen daraus zu machen, die Thiere noch mehr anzuhetzen. Glücklicher Weiſe befanden ſich aber die beiden Eigenthümer der Thiere in der Nähe, erfaßten ſie bei den Halsbändern und riſſen die Blutenden von einander. Dann wur⸗ den ſie vor das Zelt ſpedirt, der Richter, der ſich mit ſeiner kleinen dicken Geſtalt ungemein raſch aus dem Bereich der Beißenden gewußt hatte fortzuarbeiten, kam wieder auf ſeinen Platz, friſche Dinte wurde in das Dintenfaß gegoſſen, denn die alte hatte, der Sheriff im Hut, und der Vormann der Jury verkün⸗ dete dem, ihm mit ſtieren Blicken zuhorchenden Oſt⸗ indier, das über ihn gefällte Urtheil. Es wurde ihm Gerſtäcker, Californiſche Skizzen. 23 354 dabei angekündigt, daß er die Nacht über wieder in das Zelt zurückgeführt und von den Indianern be⸗ wacht, am nächſten Morgen aber die Strafe an ihm vollzogen werden ſollte. Ein Theil der Neugierigen, die bis dahin den Tiſch umſtanden, traten theils zurück an den Schenk⸗ tiſch, ſich dort in etwas wieder zu erfriſchen, theils vor das Zelt hinaus, und der Sheriff nahm den Ge⸗ fangenen am Arm, ihn wieder hinüber nach ſeinem alten Platz zu führen. Dieſer aber, der wahrſchein⸗ lich noch immer die fixe Idee hatte, er ſolle jetzt ge⸗ raden Wegs hinaus gebracht und gehangen werden, warf ſich dem auf's Aeußerſte Erſtaunten zu Füßen und beſchwor ihn, wahrſcheinlich mit den rührendſten Ausdrücken, ſein junges Leben zu ſchonen. Nur ſehr ſchwer konnte ihm begreiflich gemacht werden, daß er gar nichts Beſonderes zu fürchten habe, und dießmal mit einer Tracht Schläge, Lan⸗ desverweiſung und Entziehung der Nationalkokarde wegkommen ſolle. Als er dieß endlich zu verſtehen ſchien, war ſeine Freude auch deſto ausgelaſſener, und er bat ſich mit den deutlichſten Geberden das ganze Viertelhundert augenblicklich aus. Dem konnte aber nicht genügt werden, und er wurde wieder in ſeinen 355 alten Gewahrſam unter der Escorte der Indianer abgeführt. Der vierte Juli. Der vierte Juli, das Freiheitsfeſt der Amerikaner, der Jahrestag ihrer Unabhängigkeits⸗Erklärung, brach hell und ſonnig an. Von dem hohen Fahnen⸗ ſtock Stoutenburgks, wie von den meiſten Zelten flat⸗ terten die„Sterne und Streifen“ der Union. Alle Minenarbeiter, und das kleine Zeltſtädtchen zählte wohl drei- bis vierhundert Einwohner, mit Amerika⸗ nern, Franzoſen, Deutſchen, waren feſtlich geſchmückt (d. h. hatten reine Wäſche an) und die Arbeit war, ohne daß darüber vorher irgend eine Beſtimmung ge⸗ troffen wäre, allgemein ausgeſetzt. Nur die Mexi⸗ kaner arbeiteten hie und da in den einzelnen gulches — erſtens wußten ſie Nichts von dem Feſt, und dann hätten ſie ſich auch wohl wenig daran gekehrt. Um zehn Uhr hielt ſogar ein langer Yankee, ein Mr. Moos, dem ſonntäglichen Feſt ein kurze Predigt, und ein paar andere Amerikaner ſprachen einige Worte zum Andenken des für die Union ſo wichtigen und bedeutungsvollen Tages. Das war aber keinen Falls Alles; dieſe Maſſe von Menſchen aller Nationen, die ſich hier herum 23* drängte, beſonders dieſe Unzahl von Indianern, die heute von allen Lagerplätzen herbeigeſtrömt ſchienen, raſch und geſchäftig durch einander preßten, ein paar Worte mit einander wechſelten und wieder nach ver⸗ ſchiedenen Richtungen aus einander ſtoben, hatte je⸗ denfalls noch einen andern Grund. Ein hier eben ankommender Fremder— und es kamen heute viele an, da faſt alle Amerikaner aus den benachbarten Minen Stoutenburgk als den Mittelpunkt dieſes Theils zur Feier des vierten Juli gewählt hatten— wäre aber nicht lange in Zweifel geblieben, denn wo zwei Weiße zuſammenſtanden, bildete die Urſache die⸗ ſes eigenthümlichen Lebens den einzigen Unterhal⸗ tungsſtoff. Nur die Indianer ſchwiegen, wenn ſich ein Europäer oder Amerikaner ihren Gruppen näherte. 3 Die Urſache war übrigens doppelter— die Weißen und auch viele der Indiauer, wie z. B. faſt der ganze Stamm der Kayotas hatte ſich verſammelt, die Abſtrafung des Oſtindiers mit anzuſehen, Von Carſons Creek herüber waren aber Boten der Wi⸗ tongs gekommen und hatten eine neue, viel gewich⸗ tigere Anklage gegen den braunen Sohn d aFndiſchen Wälder gebracht. Zuerſt nahmen ſie desyalb Rück⸗ ſprache mit ihren Nachbarn, und dann wandten ſie 357 ſich an die Gerichte der Weißen, von dieſen Gerech⸗ tigkeit und Schutz zu verlangen.— Der Alkalde war außer ſich. Die neue Anklage lautete auf Mord, und zwar Meuchelmord. Der Oſtindier war vor zwei Tagen mit einem Indianer aus dem Stamme der Witongs von Carſons Creek fortgegangen. Er ſelber hatte damals, wie das ſchon bewieſen worden, keinen Cent Geld, wenigſtens nicht einmal genug gehabt ein Glas Brandy zu bezahlen. Der Indianer, der Gold in die Ecke eines kleinen, rothbaumwollenen Taſchentuchs geknüpft, bei ſich geführt, war nicht zu den Seinen zurückgekehrt; geſtern Abend aber, gerade mit Dun⸗ kelwerden, hatten ihn zwei vom Eichelſuchen zurück⸗ kehrende Frauen mitten in einem der dürren Roth⸗ holzdickite erwürgt gefunden, und die Schlinge, mit der Lie That vollbracht war, trug er noch um den Hals. Dieſelbe Nacht noch brachten die Frauen ihre Männer an Ort und Stelle, und mit Tagesanbruch folgnn dieſe den Spuren des Mörders— denn Re⸗ gen war ſeit der Zeit nicht gefallen— nach Douglas⸗ Flat. Natürlich hörten ſie dort gleich was vorgefallen, und eilt: Run nach Murphys Diggings herüber, wo ſie gerade zur rechten Zeit vor der Strafe des Ver⸗ brechers eintrafen. 358 Der Alkalde wollte ſich aber auf Nichts weiter mit ihnen einlaſſen. Sie ſollten ihm erſt einen weißen Mann zum Zeugen bringen, und überhaupt wäre das auch eine„verdammt unſichere Geſchichte,“ wie er meinte, daß das gerade der Oſtindier geweſen ſein ſolle. Das könne auch einer von ihnen geweſen ſein, und jetzt wollten ſie's auf den andern Braunen ſchieben. Dieſem Zweifel machte übrigens der Sheriff ein Ende, er viſitirte den Oſtindier, dem gar nicht wohl bei der Sache zu ſein ſchien, und fand bei ihm etwa zwei Unzen Gold in rothen Cattun eingebunden. Die Witongs⸗Indianer erkannten und reclamirten das Gold, Major Lyatt nahm es aber vor allen Dingen erſt einmal ſelber in Beſchlag und erklärte, ſpäter darüber entſcheiden zu wollen. Mit dem Sheriff hielt er jetzt eine ſehr lange und lebendige Unterredung. Obgleich dieſer aber darauf antrug, den Oſtindier für ſein erſtes Vergehen hier abzuſtrafen, und dann auf die neue Anklage hin nach Double Spring an die Diſtrikt Court zu ſenden, woollte er darauf unter keiner Bedingung eingehen— er hätte das Gold ja ſonſt wieder abliefern müſſen— und gab bald darauf den Befehl, den Indier hinaus —õ— 359 zu führen und ihm ſeine beſtimmte Anzahl Schläge zuzutheilen. 4 Der zweite Sheriff oder Conſtabel ging jetzt in das Zelt, nahm den Indier am Arm und führte ihn über die Straße nach der Einfriedigung hin, die der Fleiſcher für ſein Vieh gebaut. Erſt an dieſem Mor⸗ gen hatte er einen Ochſen darin geſchoſſen und aus⸗ geſchlachtet, und der Blutfleck war noch in der Mitte. Als der Indier in die hohe ſtarke Fenz, an der hie und da Pfoſten in die Höhe ſtanden und ein paar Bäume hinüberhingen, hineingeführt wurde, als er den Blutfleck und ſeine ganze Umgebung ſah, und das . Jubelgeſchrei der Indianer hörte, wurde er wieder aſchgrau und die Kniee verſagten ihm faſt den Dienſt. Da ſiel ſein Blick auf einen dicht neben ihm ſtehenden Witong— dieſer trug dieſelbe Schlinge in der Hand, mit der er den Indianer gewürgt hatte, und hob die Schnur, als er ſah, daß er von dem Verbrecher be⸗ merkt wurde, drohend gegen ihn empor. Ob aber nun der Indier glauben mochte daß er 4 jetzt mit derſelben Schnur, trotz aller frühern Ver⸗ ſicherungen vom Gegentheil, gehenkt werden ſolle, oder ob er nur darin den Beweis ſeiner entdeckten Frevelthat ſah, die ihn natürlich auch das Schlimmſte mußte fürchten laſſen, kurz er ſank plötzlich in die Knie, 360 ſchlug vor dem Sheriff zur Erde nieder, und richtete in Todesangſt ein wildes Gemiſch fremdklingender und dem Mann natürlich total unverſtändlicher Worte an ihn. Die Indianer ſtießen, als ſie das ſahen, ein wil⸗ des, ohrzerreißendes Freudengeſchrei aus. Der Con⸗ ſtabel verſuchte ihn dabei zu beruhigen, vermochte es aber nicht, und mußte ihn zuletzt mit Gewalt zu dem hintern Theil der Fenz ſchleifen. Dort zog er ihm das Hemd herunter und band ihn dann mit ausge⸗ ſpreizten Armen an zwei Pfoſten, den Rücken dem innern Raum zugekehrt. Es war ein eigenthümlich maleriſches, aber auch zugleich wildes und ſchauderhaftes Bild, deſſen Mit⸗ telpunkt ein gequältes, mit Todesangſt ringendes Menſchenkind bildete. Es war allerdings ein Ver⸗ brecher, aber doch auch ein Menſch, und litt in dieſem Augenblick, wo er gar nicht wußte was man mit ihm vor hatte, und durch das teufliſche Geſchrei der brau⸗ nen mitleidloſen Wilden faſt raſend gemacht wurde, ſicherlich mehr als Todesqual. Der innere Raum der Fenz, wenigſtens die Hälfte, in der der Delinquent angebunden ſtand, und bis zu dem Blutfleck etwa, war ziemlich frei geblieben, von dort an ſtanden, beſonders an der Fenz hin, die Be⸗ 361 wohner Stoutenburgks, und harrten der Dinge die da kommen ſollten. Die wunderlichſten Gruppen zeigten ſich aber auf der Fenz ſelber. Hier hingen auf den ſtarken Balken, die ſchwer genug eingerammt waren, einem mit voller Kraft da⸗ gegen rennenden Stier Trotz zu bieten, in den tollſten Stellungen und den bunteſten Trachten, die Männer der Kayotas und Witongs. Die dunkelbraunen Ge⸗ ſichter glänzten von Fett und Freude, und unter den grellrothen oder hellfarbenen Kopftüchern, die ſie gern trugen, glühten die ſchwarzen Augen in wilder blut⸗ gieriger Luſt heraus. Ihre Bogen und Pfeile hielten Alle in der Hand und Viele führten ſogar noch ein Meſſer im Gürtel. Ein alter Häuptling ſah beſon⸗ ders trotzig und kühn aus. Er hatte die langen, ſtraffen, ſchwarzen Haare ſämmtlich hochauf geſtrichen, und mit dicken Schnüren weißer Muſcheln in der Mitte des Kopfes feſtgebunden, ſo daß ſie wie ein hoher wulſti⸗ ger Federbuſch emporſtanden. In dieſem ſtacken zwei lange, nickende Adlerfedern, und an der einen hing, aus der Spitze herab, eine kleine rothverzierte und umwickelte Federſpule, die im Winde hin⸗ und her⸗ flatterte. Sein Oberkörper war nackt, und nur um die Hüften hatte er einen ſchmalen, baumwollenen Schurz geſchlagen. Er führte dabei einen außerge⸗ 362 wöhnlich langen Bogen, mit hellblinkender weißer Sehne bezogen, und die Spitzen ſeiner Pfeile waren volle drei Zoll lang und ſchmal und ſcharf. Um den Hals trug er vier dicke Reihen eben ſolcher Perlen, als ſeine Haare zuſammenhielten, und durch den Naſenknorpel und beide Ohrenlöcher lange weiße Stücken zierlich geſchnitzten Holzes. Er ſtand, mit einem Arm um den Pfoſten geſchlagen, dicht über dem angebundenen Verbrecher oben auf der Fenz. Rechts und links von ihm hingen jüngere Leute, mit bunten Kopf⸗ und Lendentüchern, oben auf den Stangen. Von beiden Seiten der Fenz herüber und aus dem Innern derſelben heraus riefen ſie ſich dabei in ihrer wunderlich klingenden, kurz abgeſtoßenen Sprache ihre Bemerkungen zu, und lachten und ju⸗ belten vor lauter Freude über den fröhlichen Anblick der ſie erwartete. Indeſſen hatte der Conſtabel ſeine kurzſtielige Peitſche hergerichtet, ſchritt auf den gebundenen In⸗ dier zu, der ihn dabei von der Seite mit weit aufge⸗ riſſenen, ängſtlichen Augen erwartete, holte langſam aus und zog dem Zuſammenzuckenden einen ſcharfen Schlag über den Rücken. Der Schrei, den die In⸗ dianer hiebei ausſtießen, machte ſelbſt den Conſtabel erſchreckt zuſammenfahren; der alte Häuptling aber, — — 363 mit den zuſammengebundenen Haaren, fing oben auf der Fenz an einen wunderlichen Tanz aufzuführen, und die Angen leuchteten und blitzten ihm dabei, und die Stangen über dem Gebundenen bogen ſich und drohten jeden Augenblick, mit dem ſpringenden Wil⸗ den auf ihn hinab zu ſchlagen. „Allah, Allah!“ ſchrie der Muhamedaner in ſeiner Noth, die Indianer hielten das aber für ihren Gruß: Walle, Walle, und glaubten, der Indier wolle da⸗ durch ihr Mitleiden erflehen—„no walle walle“— ſchrieen ſie von allen Seiten—„no walle walle— mucho mas— mucho— mucho!“ Der Conſtabel fuhr, während dieſes wirklichen Heidenlärmes, ruhig in der Vollziehung ſeiner Pflicht fort, der Indier wand ſich unter den ſcharf und mit Kenntniß geführten Streichen, die jedesmal dicke Schwielen hinterließen, und an einigen Stellen, wo ſie ſich kreuzten, ſchon die Haut geöffnet hatten. Die Indianer jauchzten und jubelten, die Sonne ſchien warm und freundlich von dem blauen, von keinem Wölechen getrübten Firmament hernieder, und die Amerikaniſche Flagge flatterte munter in der friſchen Briſe über dem wilden Schauſpiel— zur Feier des vierten Juli.— Die meiſten Amerikaner ſchüttel⸗ ten aber auch mit dem Kopf und meinten, der Alkalde 364 hätte die ganze Geſchichte wohl auf den nächſten Tag verſchieben können. Nach dem dreizehnten Schlage hörte der Conſta— bel zu ſchlagen auf, winkte einem der jungen Indianer, die ihn umſtanden, heran, gab ihm die Peitſche und bedeutete ihn fortzufahren. Das Urtheil war dahin von dem Richter beſtimmt, daß ihm der Sheriff ei⸗ nen Theil, und um die Indianer mehr zu verſöhnen, Einer aus ihrer Mitte den andern geben ſolle. Der Indianer griff die Peitſche mit wahrer Gier auf, warf dann ſeinen Bogen und ſeine Pfeile nieder und ſchlug faſt in demſelben Moment auch ſchon auf den Indier los, der jetzt wahrſcheinlich glauben mochte, er ſolle nun ſeinen Feinden ausgeliefert wer⸗ den, und ein Zetergeſchrei mit„Allah Allah“— erhob. „No Walle Walle!“ verſicherte ihm aber der Ca⸗ lifornier bei jedesmaligem aus vollen Kräften geführ⸗ ten Streiche, und die übrigen ſchrieen ordentlich vor lauter Vergnügen, daß der Gepeitſchte bei den Hie⸗ ben ihres Kameraden ſo viel mehr lamentirte, als bei denen des Conſtabels. Der ſchlaue Indier war aber klug genug ſie nur glauben zu machen er litte mehr Schmerzen, denn nach den frühern Hieben konnte er dieſe kaum fühlen. Der Indianer verſtand 365 nicht zu prügeln; ſeine Schläge fielen, ohne daß ſich die Peitſche über die Haut zog, nur gerade darauf nieder und hinterließen keine Schwielen, war aber auf's Aeußerſte enttrüſtet, als er nach dem zwölften Schlage, wo er ſich nun erſt recht hinein und warm gearbeitet hatte, ſchon wieder aufhören ſollte. Von allen Seiten ſchrieen auch die Indianer:„mas, mas, mucho mas!“ aber es half nichts, der Conſtabel nahm die Peitſche an ſich, band den Gefangenen los und führte ihn fort. Jetzt entſtand ein anderer Streit. Die Indianer wollten ihn, wenn ihn die Weißen nicht mehr beſtraf⸗ ten, ausgeliefert haben— die Witongs verlangten ihn, weil er Einen ihres Stammes getödtet hatte, wenigſtens ſo lang, bis ihr großer Häuptling, Jeſus, von Magualome zurückkommen und darüber entſchei⸗ den würde. Die Weißen wollten ſich aber darauf nicht einlaſſen, und der Richter beauftragte den Con⸗ ſtabel, den Abgeſtraften freizulaſſen. Hiergegen proteſtirte aber jetzt der Sheriff, indem er meinte, das ſei gerade ſo gut, als ihn an die In⸗ dianer ausliefern, die förmlich und offen erklärt hat⸗ ten, ſie würden ihn unter keiner Bedingung lebendig von hier fortlaſſen. Gäben ſie den Angeklagten unter dieſen Umſtänden frei, ſo müßten ſie gewärtig ſein, 366 daß er vor ihren Augen von den aufgeregten heißblü⸗ thigen Rothhäuten mit Pfeilen erſchoſſen würde, und dann könnten ſie nachher von dem Diſtriktsgericht, und mit Recht, zur Verantwortung gezogen werden. „Gut denn!“ rief der Richter endlich in Verzweif⸗ lung,„ſo behaltet ihn heute noch hier und laßt ihn . die Nacht oder morgen früh laufen— ich will aber — von dem verdammten Kram nichts weiter hören, ich habe jetzt gerade genug damit. Kommt Sheriff, wir 4 wollen einen trinken.“ 3 Der Sheriff lachte, gab die nöthigen Anweiſungen und ging dann mit dem Alkalden in das nächſte Zelt. Dem Indier wurde indeſſen begreiflich gemacht daß er frei ſei, daß ihm aber die Indianer zu Leibe woll⸗ ten und es beſſer für ihn ſei die Nacht noch bei den Weißen zu bleiben. Wunderbarer Weiſe ſchien er hier ein jedes Wort zu verſtehen, denn er überflog mit den Blicken die Zahl der Rothhäute, die überall durch das Städtchen und die Ebene zerſtreut waren, und folgte dann ſchnell, und jetzt mit ganz heiterem Geſicht dem Conſtabel, der ihn in ſein eigenes Zelt führte und ihm dort zu eſſen gab. Dicht vor dem Zelte vertrat ihnen übrigens der alte Indianer den Weg und verlangte von dem Conſta⸗ bel noch einmal den Mörder Eines der Seinen. Die⸗ 367 ſer dagegen bedeutete ihn, daß heute„Sonntag“ ſei und nichts weiter gethan werden könne. Er ſolle morgen früh zum Alkalden gehen, dann könnten ſie das mit einander ausmachen, bis dahin bliebe der Indier in Gewahrſam. 5 Der Indianer hatte, während er ſprach, den Oſtindier, gerade über dem Gürtel vorn, mit zwei Fingern an dem wollenen Hemd feſtgehalten— er ſah die Beiden ſcharf an, bog ſich dann halb herum— und plötzlich ſprang der Gefangene mit einem Schrei zurück. Der Indianer drehte ſich aber ab und ging, ohne weitere Notiz von den Beiden zu nehmen, zu ſeinem Stamm zurück. Zu ſeiner nicht geringen Ver⸗ wunderung ſah indeß der Conſtabel, daß der braune Burſche in dem einen Moment mit wirklich fabelhafter Gewandtheit dem Indier das kleine Stück Zeug in einem runden Fleckchen, vorn aus dem Hemd ge⸗ ſchnitten hatte, das er zwiſchen ſeinen Fingern gehalten. Des Indiers Flucht. Der vierte Juli ging laut und geräuſchvoll genug vorüber; alle Violinen, Flöten, Mundharmonikas und Akkordions, die nur irgend im Städtchen vorräthig 368 waren, ſpielten aus den verſchiedenen Zelten in eben ſo viel verſchiedenen Tonarten den Yankee doodle, hail Columbia und the star spangled banner. Eine Unmaſſe von Brandy und Claret wurde dabei conſumirt, und Abends brannten an allen Ecken und Enden Freudenfeuer. Herrliches Material hierzu lie⸗ ferten trockene und verlaſſene Laubhütten, wie dürre Fichtenbäume, die die Flammen hoch zum Himmel emporwirbelten, und an einer mitten in der Stadt ſtehenden, rieſigen Kiefer, der man bis auf den ober⸗ ſten ſtehen gelaſſenen Büſchel die Aeſte alle um we⸗ nige Zoll vom Stamm abgeſägt hatte, war ſogar hoch oben ein Transparent mit dem roth flammenden Worte Liberty angebracht. Gegen zehn Uhr Abends, als der Brandy ſichtlich die Oberhand gewonnen, be⸗ mühten ſich ſogar einige tolle Geſellen den ganzen Baum in Brand zu ſetzen, der ſich dann unvermeid⸗ lich quer über das ganze Zeltdorf hinübergelegt hätte. Der Baum war aber klüger als die Menſchen, und weigerte ſich hartnäckig Feuer zu fangen. Die Indianer hatten ſich indeſſen, wahrſcheinlich der Verſicherung des Conſtabels trauend, in ihre ver⸗ ſchiedenen Lagerplätze zurückgezogen, wenigſtens ſah man keinen von ihnen mehr in der Stadt. Nur zwei Betrunkene trieben ſich mitten in der Straße, beſon⸗ h 369 ders aber vor des Alkalden und Conſtabels Zelt noch umher, und Einer von dieſen war der alte Häuptling mit dem Muſchelſchmuck. Der Conſtabel war mit dem Alkalden und Sheriff, dem Collektor, der geſtern in dem Verhör ſo kräftigen, wenn gleich ganz unnöthigen Einſpruch gethan, Bar⸗ neywater und noch mehreren anderen Amerikanern, bei einer fröhlichen Abendmahlzeit verſammelt. Die ganze Geſellſchaft ſaß kreuzfidel um einen Tiſch herum und lachte und ſang, und Major Lyatt erzählte komi⸗ ſche Geſchichten, wobei er ſelber lachte daß ihm die Thranen in die Augen kamen und kein Menſch weiter auf ihn Achtung gab. Toaſte wurden ausgebracht und Geſundheiten getrunken, und um elf Uhr lagen der Collektor und der Alkalde ſich in den Armen und ſchwuren ſich unter Thränen ewige und unverbrüch⸗ liche Freundſchaft. In dem Zelt des Conſtabels aber lag der Oſt⸗ indier ausgeſtreckt auf einer wollenen Decke, hatte das Zelttuch ein klein wenig in die Höhe gehoben und ſchien aufmerkſam das Niederbrennen einer gewalti⸗ gen Fichte zu beobachten, die gar nicht weit von dem Zelte ſtand und durch ihre züngelnden Flammen die ganze Nachbarſchaft mit Tageshelle erleuchtete. Es war außerdem Vollmond und die runde glänzende Gerſtäcker, Californiſche Skizzen. 24 Scheibe ſtand hoch und klar am Himmel; von Nord⸗ oſten herauf zogen aber dichte Wolkenſtreifen und näherten ſich mehr und mehr dem Monde. Mitternacht war vorüber— der Himmel hatte ſich bewölkt und die Fichte war niedergebrannt— die halbverkohlten glühenden Trümmer rauchten nur noch, und dann und wann ſtieg zuckend ein heller Flammen⸗ ſtrahl in die Höhe, wenn die Hitze einen bis dahin verſchont gebliebenen und niedergefallenen Rinden⸗ ſtreifen erfaßt hatte und nun raſch und gierig ver⸗ zehrte. Im Zelt des Conſtabels war Alles ruhig, Nichts regte ſich und nur dicht daneben kamen eben ein paar fröhliche Zechbrüder vom ſpäten Mahl zurück. Unter⸗ wegs waren möglicher Weiſe bei dem Einen von ihnen Zweifel über die Bewohnbarkeit des Mondes aufge⸗ ſtiegen, die der Andere dagegen hartnäckig vertheidigte, und ſie ſtellten ſich jetzt vor das Zelt hin, geſticulirten nach dem gleichgültig zu ihnen niederſchauenden Mond empor, und wurden dabei unnöthiger Weiſe viel hefti⸗ ger, als die Gelegenheit erforderte. Endlich beruhigten ſie ſich aber doch wieder, hat⸗ ten auch vielleicht ſchon vergeſſen über was ſie eigent⸗ lich geſtritten, und ſuchten ihre verſchiedenen Zelte auf, — 371 aus denen ſte nur noch einzelne unzuſammenhängende Schimpfwörter vorbrummten. Gerade jetzt ſtand eine ſchwere Wolke vor dem Mond; in dieſem Augenblick hob ſich die hintere Wand von des Conſtabels Zelt und eine dunkle Ge⸗ ſtalt glitt raſch daraus vor. Unter dem nächſten ſtraußartigen Rothholzbuſch hielt ſie etwa eine Minute an, kroch dann mehr als ſie ging nach dem Creek hinunter, den ſie, ohne den darüber hinliegenden Baumſtamm zu benützen, dicht unter dieſem durch⸗ watete und verſchwand gleich darauf als der Mond wieder hinter den Wolken vortrat, in den düſtern Schatten, welchen die ſteilen hohen Ufer auf den mur⸗ melnden Strom hinunterwarfen. In dem Mondſchein zurück aber blieb eine andere Geſtalt, die jetzt gerade unter dem Stamme weg, an welchem hin der Indier geflüchtet war, und aus dem Waſſer heraus vorſtieg— es war der alte californiſche Häuptling, mit dem Muſchelſchmuck. Lange— lange horchte er, bis die Schritte des davon Eilenden weit in der Ferne verklungen waren und er ſich ſicher fühlte, daß Jener keinen Blick mehr auf den jetzt hellbeſchie⸗ nenen Hügelhang zurückwerfen könne— dann ſtieß er einen leiſen ſchrillen Ruf aus— gerade wie die Schnepfe ruft, wenn ſie Nachts über dem Wald ihren 24* — ——ͤ 372 Lieblingswieſen zuſtreicht, und folgte, ohne eine Ant⸗ wort darauf abzuwarten, blitzesſchnell dem Davonge⸗ eilten. Der Conſtabel kam an dem Abend ſpät, oder viel⸗ mehr an dem Morgen ſehr früh zu Hauſe und war viel zu glücklich an etwas anderes zu denken, als an ſich ſelber, ja die Abweſenheit ſeines Gefangenen oder eigentlich Gaſtes nur zu bemerken. Als er aber ge⸗ gen acht Uhr etwa von den hellen Sonnenſtrahlen geweckt wurde, ſich ein wenig auf das Vorgefallene be⸗ ſann und in ſeinem Zelte umſchaute, entſtand auf ein⸗ mal ein Mordſpektakel, und die herbeigerufenen Nach⸗ barn erfuhren gleich darauf, daß der„verdammte ſchwarze Hallunke von Bombay“ nicht allein ſich ſel⸗ ber— damit waren alle zufrieden— aber auch zwei Piſtolen, ein Meſſer, zwei Hemden, eine wollene Decke und einen kleinen Lederbeutel mit circa drei eine halbe Unze Gold, mit fortgenommen habe, den der Con⸗ ſtabel leichtſinnig genug unter ſeiner Matratze hatte liegen laſſen. Von Indianern war kein einziger mehr in Stou⸗ tenburgk zu ſehen. So ruhig fortlaſſen wollte man aber den ſchwarzen Verbrecher nicht, und der Conſtabel beſchloß, ohne erſt einen großen Warrant auszunehmen, ihn augenblick⸗ d lich nachzuſetzen. Einige Freiwillige ſchloſſen ſich ihm gleich an. An die Kayotas wurde zugleich ein Bote abgeſchickt, ein Paar von ihnen zum Spüren herüber⸗ zuholen, die dann auch, als ſie hörten worauf es ab⸗ geſehen ſei, nicht lange auf ſich warten ließen. Zwei Stunden ſpäter ſetzte ſich der kleine Zug in Bewegung, von den Indianern geführt, den Fährten des Bombay Mannes zu folgen. Und wo war der indeſſen geblieben?— Den klei⸗ nen Bergſtrom hinab verfolgte er, bei dem unſichern Licht des Mondes, ſeine ſtille Bahn. Nicht rechts noch links ſchaute er, denn links gähnte die tiefe Schlucht und unten hin murmelte über hineingerollte Felsblöcke der Strom, und rechts ſtiegen hohe rauhe Steinmaſſen empor, die eine Wanderung bei Nacht zwiſchen ihnen nicht allein ſehr ſchwierig, ſondern faſt unmöglich machten. Von dort brauchte er daher auch keine Verfolgung, keinen Ueberfall zu fürchten; vor ihm konnte noch Keiner ſein, da ſeine Flucht erſt ſicher am nächſten Morgen entdeckt wurde, und hin⸗ ter ihm— die hätten raſch und ſicher auf den Füßen ſein müſſen, die bei Mondſchein und ſolchem Terrain ſeinen flüchtigen Schritten gefolgt wären.— Nur ein⸗ mal hielt er an und lauſchte— nein, er hatte ſich nicht getäuſcht— durch das dürre Laub ſprang und rollte ein Stein und fiel jetzt ſchwer und geräuſchvoll in das Waſſer hinab. Konnte der Fuß einer ſeiner Feinde den Stein hinabgeſtoßen haben?— Er zog die eine Piſtole aus dem Gürtel— der Hahn derſel⸗ ben hakte in dem Loch, das ihm der Indianer in das Hemd geſchnitten hatte, und er mußte ihn erſt mit der linken Hand befreien— dann drückte er ſich hinter einen vorſtehenden Felſen und lauſchte mit klopfendem Herzen. Aber es blieb Alles ruhig, kein Blatt regte ſich mehr, ſo ſtill war die Nacht geworden, und nach zehn Minuten ſetzte er raſch und zufrieden geſtellt ſei⸗ nen Weg fort. Maſſen von wilden Katzen und Waſch⸗ bären gab es hier, eines dieſer Thiere, die Nachts den Wald durchſtreifen, hatte die Steine wahrſcheinlich berührt und hinabgeſtoßen.— Er folgte indeß dem Lauf des Stromes nicht weiter, als bis er zu einer Strecke kam, wo breite ſolide Felsplatten, auf denen jede Spur eines Menſchenfußes verſchwinden mußte, einen Theil ſeines Ufers bildeten. Hier verließ er die⸗ ſen Waſſercours und kletterte jetzt in einem rechten Winkel ab, auf einzelnen Felsſtücken höher und höher klimmend, den Berg hinauf und den Waſſern des Calaveres zu. Dort lagen noch weite, wenig bear⸗ beitete und bevölkerte Strecken, ſteile, unzugängliche Gebirgsmaſſen waren durch die angeſchwellten Ströme wie von einander geriſſen worden, und einmal in die⸗ ſen Bergen, brauchte er nicht ſo leicht zu fürchten, einem Bekannten zu begegnen. Dort hinüber lag auch ſein Weg nach den nördlichen Minen, denn er mußte aus dem Bereich der Jeſus⸗Stämme ſobald als möglich zu kommen ſuchen.— Jetzt hatte er den Göpfel erreicht, keuchend blieb er ſtehen, durch kurze Raſt wieder friſche Kräfte zu ſammeln und ſah den Weg zurück den er eben gekommen, und der düſter und ſteil, wie aus einem Abgrund heraufführend, hin⸗ ter ihm lag. In Oſten dämmerte der erſte Strahl des jungen Tages, in den Eichen fing der Morgenwind an zu flüſtern und leiſe, leiſe tönte dazu das ferne Geräuſch des ſprudelnden Bergſtromes herauf. Der Indier athmete hoch auf, als er aber den Kopf wandte, zuckte er gählings zuſammen, denn kaum zwanzig Schritte von ihm entfernt duckte ſich in dieſem Augenblicke— er konnte es deutlich erkennen,— eine menſchliche dunkle Geſtalt hinter einen umgeſtürzten Baum⸗ ſtamm, und ſchien in den Boden verſchwunden. Das erſte Gefühl des Indiers mochte ſein ſich dem einzelnen Feinde geradezu entgegen zu werfen und den zu vernichten, der ſich ſeiner Flucht in den Weg ſtellen wollte. Blitzesſchnell, als ihn der Ge⸗ danke durchzuckte, riß er das Piſtol aus dem Gürtel; da aber raſchelte es rechts von ihm im Laub und wurde lebendig unter den dunklen Schatten. Gerade da, wo er den Berg heraufgekommen war, ſprang eine dunkle Geſtalt von Stein zu Stein und mit kaltem Entſetzen ergriff ihn die Ueberzeugung, daß er um⸗ ſtellt— verloren ſei. Noch aber blieb ihm ein Aus⸗ weg, links hin über den Bergrücken, der die Waſſer des Calaveres von denen des Stanislaus ſchied, war ihm die Bahn noch offen und das Bündel das er bis dahin getragen von ſich werfend, die geſpannte Pi⸗ ſtole in der Hand, flog er in wilden Sätzen den rauhen Bergrücken entlang. Es galt ſein Leben und es war, als ob ihm der Gedanke übermenſchliche Kräfte verliehen habe. Aber er hatte die ſchnellfüßigen Krieger vom Stamme der Witongs hinter ſich— ihr Jagdruf ſchallte durch die Berge, und nicht allein das Echo der Thäler gab ihn zurück, ſondern rechts und links, ja ſelbſt von vorn herüber antwortete der gellende Gegen⸗ ruf, der dem flüchtigen Mörder das Blut zurück in das klopfende Herz trieb. Näher und näher kamen ſie heran, das Wild war umſtellt und die Jäger ihrer Beute gewärtig— der „Indier wußte ſchon nicht mehr wohin er floh— nur vorwärts— vorwärts brach er durch die Büſche. Nicht die ſcharfen Steine, die ſeine Füße wund riſſen, nicht die Zweige, die in ſeine flatternden krauſen Haare griffen, achtete er— vorwärts— das Piſtol in der krampfhaft geballten Hand ſtürzte er ſich mehr als er lief einen niederen Berghang hinunter— vorwärts. Aber auch von dort traten ihm die Feinde entgegen — überall, wie aus dem Boden heraus tauchten ſie auf, und der alte Häuptling mit dem Muſchelſchmucke ſprang neben ihm her, ſchrie ihm ſein höhniſches „Walle Walle“ entgegen, und ſchwang die Schnur um den Kopf, mit der der Indier den Witongkrieger erwürgt hatte. Der Bombay⸗Mann ſchrie laut auf in Todesangſt, und brannte in demſelben Augenblicke, aber ſelbſt un⸗ bewußt, was er that, die Piſtole auf den alten Häupt⸗ ling ab. Doch ſeine Hand flog ihm wie in Fieber⸗ froſt; ſelbſt auf die wenigen Schritte Entfernung vermochte er ſein Ziel nicht zu treffen, und als der Knall der Schußwaffe noch donnernd über die Hügel hinſchmetterte und das Echo in all den hundert klei⸗ nen Schluchten und Gulches weckte, lag er, von des Indianers Arm zu Boden geſchlagen, bewußtlos auf den Steinen. ——— —— — und zwar genaus durch das Loch geſchoſſen, das der 378 Denſelben Nachmittag um drei Uhr etwa erreich⸗ ten die weißen Männer aus Stoutenburgk, von den jungen Leuten der Kayotas geführt, eine kleine Schlucht. Alle Spuren, die ſie unterwegs angetroffen, führten dorthin, und der Conſtabel, der ſich den Indianern ziemlich zur Seite gehalten hatte, rief aus, er ſei über⸗ zeugt der Dieb habe ſich nach den San Antonio Dig⸗ gins hinüber gewandt. Da deutete plötzlich einer der Indianer mit einem halbunterdrückten Schrei die Schlucht hinunter. Aller Augen folgten der Richtung, und ſie ſahen deutlich eine dunkle Geſtalt, die in der Luft zu ſchweben ſchien. Wenige Secunden raſchen Laufes brachten ſie an Ort und Stelle, und bald fan⸗ den ſie, daß ſie nicht weiter zu gehen brauchten— ſie hatten Alles was ſie ſuchten gefunden. An einer niedrigen Eiche, von der nänlichen Schnur getödtet, die er ſelber gebraucht hatte ſein Opfer zu erwürgen, hing der Oſtindier; unter dem Baum aber lag Alles, was er aus dem Zelte des Conſtabels mitgenommen hatte, ſelbſt der Beutel mit dem unangerührten Golde, obgleich die Indianer das recht gut für das Geraubte hätten beanſpruchen kön⸗ nen. An dem Körper war keine Wunde weiter zu ent⸗ decken; nur ein einzelner Pfeil ſtak in ſeiner Bruſt, — — Häuptling ſchon am vorigen Abend mit dem Meſſer in das Hemd ſeines auserſehenen Opfers geſchnitten hatte. Von den Söhnen der Witongs aber war keine Spur mehr zu finden. Leipzig, Druck von Gieſecke& Devrient. —ͤ 5—— 8 5—2 l ffffffffffffffffffffffffff 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 8 4 4* K 85 3 4 1 2 9 — 8