5 4 . 4 4 —————— ——— *— 3 0 ℳ —Z* 7 4 4 Blau Wasser. Skizzen aus See⸗ und Inſelleben von Friedrich Gerſtäcker. Leipzig, Arnoldiſche Buchhandlung. 1858. Der Verkasser behält sich das Recht der Aebersetzung uar. 8 2 ð dᷣ' Das Auswanderer⸗Schiff......... 92 Jack und Bill............ 166 An Cap Horn...........203 »Die Oſchunke........... 239 Die Goldbarren............ 311 .Die Nacht auf dem Wäͤllfiſch........ 353 Inhaltsverzeich niß. Der Schiffszimmermann......... 1 Der Schiffszimmermann. Leiſe wogte die See und warf nur wie ſpielend ihre durchſichtigen tiefblauen, ſilberbeſchäumten Wogen gegen die Korallenriffe von Tubuai, der Hauptinſel einer kleinen Gruppe von Eilanden im ſtillen Meere, deren Palmen die milde Luft durchrauſchte und über deren, bis zur höchſten Kuppe bewaldeten Berge, der Himmel ſich rein und ſonnig ſpannet. Am ſandigen Korallenſtrand ſpielten, als die Schatten länger wurden und das heiße Taggeſtirn ſich mehr und mehr dem Horizont zuneigte, eine ganze Schaar bronzefarbiger munterer Kinder, haſchten ſich, indem ſie über die ſcharfen Korallenſtücke mit den nackten Sohlen hinliefen, als ob dieſe mit Leder und Eiſen gegen jede Verletzung geſchützt wären, oder ſchaukelten ſich an langen, aus Cocosfaſer gedrehten und in den Kronen der Palmen befeſtigten Seilen Gerſtäcker, Blau Waſſer. 1. 2 herüber und hinüber— jetzt weit über das blaugrüne Binnenwaſſer hinaus, über das die mächtigen Bäume ihre Wipfel neigten, jetzt hinein in das Guiaven⸗ und Orangendickicht, mit keckem Fuß die Gefahr abweh⸗ rend, gegen irgend einen der nahen Stämme geſchleu⸗ dert zu werden. Die erwachſenen Männer lagen behaglich ausge⸗ ſtreckt im Schatten eines kleinen Orangen⸗ und Ba⸗ nanenhains, deſſen Ausläufer wunderlich ſtarräſtige Pandanusbäume bildeten, und ſchauten theils den Spielen der Kinder zu, theils ziemlich gleichgültig nach einem in der Ferne ſichtbar gewordenen Segel, das mit der leichten Briſe langſam näher kam.— Geſchäftiger dagegen waren die Frauen, die hie und da in der durchſichtigen Fluth Cocosſchaalen zu Bechern abſchliffen, Kränze und Haarſchmuck aus den weißen zarten Faſern der Pfeilwurz wanden, oder auch mit der Angel, bis zum Gürtel im Waſſer, zwiſchen den Korallen ſtanden, ein leckeres Abendmahl von kleinen Fiſchen zu fangen. Dieſe wurden dann roh, nur in Cocosmilch und Salzwaſſer getaucht und mit der geröſteten oder gedämpften Brodfrucht ge⸗ geſſen. Früher ſchallte hier freilich auch das muntere Getön der Tapaklöppel durch das ſchattige Dunkel — —— 4 3 der Waldung. Die Frauen und Mädchen verfertigten ſich damals aus der gegohrenen Rinde des Brod⸗ frucht⸗ und Bananenbaumes ihre eigenen Stoffe zu Pareu und Schultertuch, und während ihnen lachend und ſingend die Arbeit zum Spiel wurde, ſammelten ſich die jungen Leute um ſie her, halfen ihnen den Teig einkneten und ausbreiten, und ſchnitzten ihnen aus dem harten Holz der Caſuarine die Klöppel. Jetzt iſt das freilich vor bei. Zuerſt brachten ihnen die Miſſionäre, dann andere anlegende Schiffe, be⸗ ſonders Wallfiſchfänger, buntfarbige Kattune und andere billige Stoffe, die ihnen beſſer gefielen als die einfache, ſelbſtgefertigte Tapa. Die einzige wirkliche Arbeit, die ſie bis dahin gekannt, wurde alſo bei Seite geworfen, und der edle Müſſiggang, dem die Natur hier mehr als an irgend einem andern Ort der Welt Vorſchub leiſtet, ward ihnen bald lieber als alles Andere. Manchen ſchlimmen Einfluß hatte das allerdings auf ſie, aber das Gutmüthige, Einfache, Herzliche in ihrem ganzen Weſen konnte es ihnen doch nicht rauben. Froh und fröhlich lebten ſie in den ſonnigen Tag hinein, und der Gott da oben, der über ihre Heimat das ganze Füllhorn ſeiner reichen Schätze ausgeſchüttet, mußte ihnen ja wohl ein lieber Vater ſein. 1* 3 Wenig waren ſie dabei mit den Weißen, die ſich ſchon auf den benachbarten Inſelgruppen feſtgeſetzt, ja einen Theil derſelben ſogar gewaltſam in Beſitz ge⸗ nommen, in Berührung gekommen. Zwei Miſſionäre ſiedelten ſich allerdings an der Nordſeite der Inſel an, deren gutmüthige Bewohner ſie bald ihrem Glauben gewonnen hatten. In wirklich innigem Verkehr mit ihnen lebte aber nur ein einziger Weißer, ein junger, blauäugiger, frohſinniger Schotte, der vor fünf oder ſechs Jahren auf einer der Tongainſeln einem Wallfiſchfahrer, auf dem er als Zimmermann gefahren, entlaufen war und ſeinen Weg hierher ge⸗ funden hatte. Hier aber feſſelte ihn ſein Herz. Er verliebte ſich in eines von den lieben Geſichtern der jungen Tubuai⸗Mädchen, die dort zu Dutzenden um⸗ herliefen, und da ihm das ſtille gemüthliche Leben dieſes, wenn auch von der Welt abgeſchiedenen, doch reizenden Platzes ebenfalls gefiel, und die Eltern nicht die geringſten Schwierigkeiten machten, ſondern nur eine rechtsgültige Trauung von dem Miſſionär verlangten, gab er ſein unſtätes Umhertreiben auf und wurde erſtlich ein verheiratheter Mann, und dann ſpäter Familienvater auf Tubuai. 4 Er ſelber war zwar nur mit der Schulbildung aufgewachſen, die Knaben in ſeinen Verhältniſſen — daheim gewöhnlich erhalten; aber ſein Handwerk hatte er tüchtig und brav gelernt, und machte weiter an ein geſellſchaftliches Leben keine größeren An⸗ ſprüche, als ihm die Inſel eben bieten konnte. Unter dem blauen Himmel und den wehenden Palmen dieſes kleinen Paradieſes und zwiſchen den guten und ein⸗ fachen Menſchen verlangte er nichts weiter, denn das häusliche Glück, das er dort geſucht, hatte er ja ge⸗ funden. Ueberdies feſſelten ihn an die verlaſſene Welt keine anderen Familienbanden mehr. Seine Eltern daheim waren todt, Geſchwiſter hatte er nie gehabt, und Intaha, ſein liebenswürdiges Weib, das ihm zwei Kinder geboren, war ihm alles. Ehrlich und offen in ſeinem ganzen Weſen und bei weitem nicht ſo rauh und dem Trunk ergeben, wie es die engliſchen Seeleute ſonſt nur zu häufig ſind, waren ihm auch die Eingeborenen bald alle freundlich geneigt, und durch ſeine Geſchicklichkeit in manchen für ſie höchſt werthvollen Kenntniſſen, wurde er ihnen bald zu einem ſo nützlichen als gern geſehenen Gefährten. Tomo, in welchen Namen die Eingeborenen ſein Tom Burton bald umgetauft, lag auch heute wieder mit ihnen am Strand und ſchaute halb träumend, halb ſinnend zu dem fernen Segel hinüber, das nur langſam und ſchwerfällig mit der leichten Briſe näher kam. Wohl gingen ihm dabei die früheren Scenen wieder durch den Sinn, die er ſelber damals an Bord eines ſolchen Schiffes durchlebt: die ſchwere böſe Ar⸗ beit, der ewige Unfrieden mit dem Kapitän,— dann ſeine glückliche Flucht, wo er fünf Tage an wilden Bananen, ſogenannten Feis, zehrend, auf den Höhen von Hapai zugebracht,— dann ſeine ſpäteren Kreuz⸗ fahrten zwiſchen den ſchönen Inſeln, und nun ſein jetziges friedliches Stillleben auf der kleinen Scholle mitten im Weltmeer drinn. „Und wenn du jetzt mit dem Schiffe dort in die Heimath zurückkehren könnteſt“— gingen ſeine Ge⸗ danken dabei,—„möchteſt du fort?— möchteſt du Intaha und die Kleinen verlaſſen, um da draußen wieder unter den kalten herzloſen Menſchen das alte Leben zu beginnen? Nein, bei Gott nicht. Es gibt nichts dort, was mich zurück zu ihnen locken könnte, und kommt mir manchmal wirklich ſo vor, als ob ich nur eigentlich aus Verſehen im alten Europa geboren wäre, ſo ganz und völlig gehör ich hierher, wohin mich mein gutes Glück zur rechten Zeit geführt. Da draußen mögen ſie ſich indeſſen drängen und treiben, Geld, nur immer mehr Geld zu verdienen, und das Verdiente dann im wüſten Schlemmen zu verpraſſen, 1 5 — 7 wie ich es ſelber früher manchmal gethan. Ich will jetzt hier genießen und mich meines Glückes freuen, — die Welt— bah— ſo viel für den ganzen un⸗ nützen Lärm den ſie darum machen!“— Die Sonne war indeſſen, ein rother Gluthenball, im Meer verſunken, und ſeine Frau, ein blühendes, blumengeſchmücktes, junges, lächelndes Weib, kam, das jüngſte Kind ihr auf der linken Hüfte reitend— wie die Frauen dort ihren jungen Nachwuchs tragen — das älteſte, einen kleinen, munteren, dreijährigen Burſchen, an der Hand, ihn abzuholen. Der Thau fing ſchon an naß niederzufallen. Das Schiff war noch eine ganze Zeit in dem hellen Streifen ſichtbar, der im Nordweſten auf dem Horizont lag, und zeichneten jetzt ſogar deutlich ſeine Raaen und Segel ab. Bald jedoch verſchwanden die Umriſſe deſſelben in dem Bleigrau des ſinkenden Abends, und als der Mond im Oſten über die Berge ſtieg, war es ganz verſchwunden. Die Indianer intereſſirten ſich aber in der That unr für die Schiffe, die wirklich bei ihnen anlegten, was indeſſen ſehr ſelten geſchah. An dieſe konnten ſie dann Früchte, Gemüſe, die ſie ihr weißer Freund bauen gelehrt, und auch wohl geſchlagenes Holz, gegen Beile, Tabak, Kattun, Schmuck, Nägel, Spiegel — und andere Kleinigkeiten eintauſchen. Daß ſie dabei nicht zu ſehr übervortheilt wurden, überwachte Tomo ebenfalls, und wie er ihnen bei ſolchen Gelegen⸗ heiten als Dollmetſcher werthvolle Dienſte leiſtete, war er ihnen auch in dieſer Hinſicht unendlich nützlich. Mühe genug hatte es ihn aber gekoſtet, die Ein⸗ geborenen zu einer wirklich ſchweren Arbeit zu bringen, wie das Holzhauen in dieſem Klima iſt, und wenig nützte es dabei, daß er ihnen ſelber mit gutem Bei⸗ ſpiel voranging. Sie ſetzten ſich um ihn her, ſahen ihm zu und wollten ſich todt lachen, wenn ihm der Schweiß in großen Tropfen von der Stirn lief, wur⸗ den aber ſtets ſehr ernſthaft, ſobald er ihnen ſelber die Axt in die Hand drückte, und warfen ſie auch bald wieder fort. Nur als ſie ſpäter in die Hände derer, die am fleißigſten geweſen waren, ziemlich reichlichen Gewinn fließen fahen, ließen ſie ſich eher dazu be⸗ wegen mit zuzugreifen. Zureden koſtete es indeß noch immer. Solch Holzſchlagen war aber trogdem ein Feſt für die fröhlichen Kinder dieſer Palmenwelt, die das Freundliche, einer Sache ſtets am, leichteſten und ſchnellſten herausfanden. Dann ſammelten ſich die Mädchen und Frauen um die Arbeiter, pflückten Blumen und banden Kränze, mit denen ſie die Ge⸗ — ſchickteſten und Fleißigſten krönten, oder lachten auch wohl über die Unbehülflichkeit des einen oder des andern. Das geſchah aber auf ſo guthmüthige, herz⸗ liche Weiſe, daß der nie hätte darüber böſe werden können, und jetzt ſchon durch eine Art von Ehrgeiz aangetrieben wurde, ſeine Sache beſſer zu machen und 4 ebenfalls einen Kranz zu verdienen. Der nächſte Morgen dämmerte eben im Oſten und ein paar der jungen Leute waren früh aufgeſtan⸗ den, um auf den Fiſchfang hinauszufahren. Deren 8 Ruf weckte aber bald noch mehrere Kameraden, die, als ſie erſtaunt aus ihren Hütten ſchauten, das geſtern — Abend erſpähte Schiff klar und deutlich und ſchon 4 ziemlich nah herankommen ſahen. Hätte es nicht die Abſicht gehabt bei ihnen anzulaufen, ſo würde es die Nähe der Korallenriffe, die ſich um alle dieſe In⸗ ſein bilden und ſie oft auf viele Meilen im Umkreis umſchließen, gewiß gemieden haben.. Der Seemann hat von dieſen Plätzen noch keine guten Karten, und in der That wechſeln auch die ver⸗ 4 borgenen Klippen zu oft, um all die gefährlichen Stellen mit Gewißheit angeben, und wenn ſie ange⸗ geben wären, ſich auf ſie verlaſſen zu können. Wenn deßhalb Schiffe an einer ſolchen Inſel anlegen wollen, halten die Fahrzeuge darauf zu und kreuzen entweder 10 über Nacht in ſicherer Entfernung, das Tageslicht ab⸗ zuwarten, oder werfen auch wohl Anker, wenn ſie ſicheren Grund erreichen können. Das letztere geſchieht freilich ſehr ſelten, da die Koralle— jener geheimnißvolle Baum der Südſee, von dem man noch nicht weiß, ob er ſein Wachsthum ſich ſelbſt, oder einem darin hauſenden Wurm ver⸗ dankt— faſt immer von bedeutender Tiefe jäh und ſchroff bis an die Oberfläche emporſteigt. Während hier die Woge über das bis zum Waſſerrand gehobene Riff hinüberſchäumt, findet dicht daneben das Senk⸗ blei oft auf fünf⸗ und ſechshundert Fuß keinen Grund. An ein Ankern iſt natürlich in ſolcher Tiefe nicht zu denken. Das fremde Schiff— darüber war kein Zweifel mehr— hatte jedenfalls die Abſicht mit dem Land in Verbindung zu treten, und eine rege fröhliche Ge⸗ ſchäftigkeit kam bald über die eben noch ſchlaftrunkenen Bewohner des Strandes. Vor allen Dingen weckten ſie Tomo, um ihn von dem erfreulichen Ereigniß in Kenntniß zu ſetzen, und gingen dann eifrig daran theils Cocosnüſſe und Bananen, Orangen, Guiaven, Papayas, und wie die hundert Früchte alle heißen, zu pflücken, theils Brodfrüchte abzunehmen und ſüße Kartoffeln und Yams, wie Waſſermelonen aus den 11 Feldern zu holen. Die Frauen waren dabei enbenſo fleißig, mit raſch niedergeworfenen Blättern der Co⸗ cospalme auf eine eigene geſchickte, aber unendlich einfache Weiſe Körbe zu flechten. In dieſen konnten ſie die Früchte weit beſſer verpacken und an Bord liefern, und hatten dadurch auch eher einen Maßſtab für die Maſſe und den Werth derſelben. Intaha, die geſchickteſte und fleißigſte der In⸗ ſulanerinnen, hatte aus Bambusſtreifen und zierlich gefärbten Pfeilwurzfaſern allerliebſte kleine Körbchen und Taſchen gefertigt, um dieſelben bei nächſter Ge⸗ legenheit gegen manche kleine Bequemlichkeit von landenden Weißen einzutauſchen. Von Tomo ſelber ſtanden vier Klaftern Holz aufgeſtellt, und er hoffte mit ſeinen Gemüſen, die er gebaut, ſeinen Früchten, die ihm Gottes Güte wachſen ließ, und ſeinen Hüh⸗ nern und Schweinen, die er gezogen, diesmal ein ordentliches kleines Kapital anlegen zu können. Das Schiff kam indeſſen immer näher, und als es faſt bis dicht an die Riffe aufgekreuzt war, wurde ein Boot ausgeſetzt. Dieſes von vier tüchtigen Rie⸗ men getrieben, hatte ſchon die ſchmale Einfahrt in die Riffe bemerkt, und kam jetzt durch das glatte Binnenwaſſer, das ſtets zwiſchen den Riffen und dem feſten Lande liegt, raſch herbeigerudert. Und wie drehten die Matroſen, die nun ſo lange da draußen an Bord Salzfleiſch und harten Schiffszwieback ge⸗ kaut und nichts geſehen hatten als das weite, weite Meer, beim Anrudern den Kopf ſo ſehnſüchtig bald rechts, bald links über die Schultern, das Auge ein⸗ mal wieder an dem ſaftigen friſchen Grün der Bäume zu laben— wieder einmal Frauen und Kinder zu ſchauen und das Rauſchen und Flüſtern des Windes im Laub zu hören! Oh ihr, die ihr auf feſtem Lande lebt und noch nie aus Sicht des heimiſchen Bodens gekommen ſeid, ihr wißt gar nicht welcher unendliche Zauber für den ſeemüden Wanderer allein nur in dem kleinen Wört⸗ chen Land verſchloſſen liegt. Wie leicht ſich das unter der Sohle fühlt, wenn es der ſpringende Fuß zum erſtenmal wieder berührt; wie ſüß die Blumen duften; wie melodiſch die Vögel ſingen; wie wunder⸗ bar gefärbt das alles erſcheint!— Ein eigener Zauber liegt auf ſolchem fremden Boden. Wenn aber ſchon der Seemann ſelbſt der unwirthbarſten rauheſten Küſte ihre freundliche Seite abzugewinnen weiß, über das kleine dürftige Heideblümchen jubelt, das er zwiſchen nacktem Felsgeſtein gefunden, und bunte Muſcheln und Kieſel am Strande ſucht, ſie zur Er⸗ innerung mit aufs Schiff zu nehmen— wie iſt ihm da 13 zu Muthe, wenn ſein Fuß ein fertig Paradies betritt, wo die Natur das Schönſte, was ſie irgend bietet, in dem ſo kleinen engen Raum mit vollen Händen auf⸗ gehäuft. Daß die Leute dann oft wie im Taumel umhergehen und wie die Kinder gar nicht wiſſen, nach welchem Genuß ſie zuerſt langen, welche Frucht ſie zuerſt pflücken ſollen, kann man ihnen wahrlich nicht verdenken. Wie der Gefangene, der nach langen Jahren ſchwüler Kerkerhaft zum erſtenmal wieder die freie, von Mauern nicht umſchloſſene Luft einathmet, den blauen Himmel nicht durch ein Eiſenfenſter gegittert ſieht, ſo verlaſſen ſie das Schiff auf kurze Zeit, ſich das Firmament einmal wieder durch einen Baum⸗ wipfel anzuſehn und gleich nachher— die lange, mühſelige Fahrt aufs neue zu beginnen. Daß die Leute dann beim Anblick der wehenden Palmen, ſüßen Früchte und lieben, freundlichen Geſichter manchmal eine Art von Heimweh bekommen und dem Schiff zu entlaufen ſuchen, iſt allerdings unrecht, denn ſie brechen einen eingegangenen Contrakt,— aber erklär⸗ lich und menſchlich bleibt es immer. Die Käpitäne wiſſen das auch, und obgleich ſchwere Strafen darauf geſetzt ſind und die Leute oft den ſeit Jahren mühſam verdienten Lohn, den der 14 Käpitän für ſie in Händen hat, im Stich zu laſſen genöthigt ſind, um nicht wieder mit hinaus auf das öde Meer, um nicht wieder dieſe Küſten verlaſſen zu müſſen, ſo trauen ſie ihrer Mannſchaft doch nimmer⸗ mehr. Wo ſie einmal an ſolcher Inſel anlegen müſſen, brauchen ſie jede nur mögliche Vorſicht, und diejenigen von den Matroſen, welche nicht das Boot mit rudern, dürfen das Land gar nicht betreten. Auf ſolche Art ſehen dann die armen Teufel von Matroſen von dem wunderſchönen Land, das ſie nach langer Fahrt zu betreten hoffen, gewöhnlich unendlich wenig. Vor ihnen rauſchen die Palmen und fließt der murmelnde Quell unter fruchtſchweren ſchattigen Zweigen hin— aber nicht für ſie. Was hilft es ihnen, daß ſie dem Namen nach fremde Länder be⸗ ſuchen? Wie der Gefangene aus dem Fenſter ſeiner Zelle die grünen Felder und die darauf ſchaffenden freien Menſchen erkennen kann, ohne hinaus zu ihnen zu dürfen, ſo lehnt der Matroſe an ſeinem Bord und ſchaut ſehnſüchtig nach dem wundervollen Schauſpiel hinüber, das ſich ſeinen Augen bietet. Er mißt vielleicht mit einem verzweifelten Blick die Ent⸗ fernung zwiſchen Schiff und Land, das möglicher Weiſe mit Schwimmen zu erreichen wäre, während er die Unmöglichkeit kennt, es zu gewinnen, bevor er von dem nachgeſchickten Boot wieder eingeholt und zurückgebracht würde, und er wendet ſich dann ſeuf⸗ zend ab, ſeinen allerdings freiwillig übernommenen Geſchäften, die ihn jetzt rettungslos binden, in alter Weiſe nachzugehen. Nur wenig mehr Freiheit haben die Ruderer. Allerdings betreten ſie den Boden und dürfen ſich ſelber, wenn ſie Luſt haben, die am Strand wachſen⸗ den Früchte pflücken, aus der Quelle trinken und mit den Eingeborenen verkehren, ihnen die Hand drücken und ihren herzlichen Gruß erwidern. Aber ehe ſie nur eigentlich recht zur Beſinnung kommen können, iſt auch die kurze Zeit ſchon wieder vergangen, der Befehl zum Einſchiffen erfolgt, und hinter ihnen liegt wieder auf lange, lange Monde— vielleicht auf Jahre der ſchöne Traum von Früchten, Land und Bäumen und den freundlichen lieben Geſichtern guter harm⸗ loſer Menſchen. Ihre Heimat iſt von da aufs neue das Meer, ihr Geſchäft den ſchmutzigen, übelriechen⸗ den Thran auszukochen und den Elementen ihre Exiſtenz, ihr Leben abzuringen. Doch daran dachten ſie jetzt nicht. Kaum be⸗ rührte der ſcharfe Kiel des leichten, die Wogen raſch durchſchneidenden Wallfiſchboots den rauhen Koral⸗ lenſand, als ſie auch, wie mit einem Schlag, ihre 16 Ruder hineinwarfen und nach allen Seiten hin über Bord ſprangen, um das Boot höher hinauf an Land zu ziehen. Fröhlich und geſchäftig umringte ſie dabei das neugierige, lachende, jubelnde Volk der Eingeborenen, die recht gut wußten, daß ſie von ſolchen anlandenden Booten nichts zu fürchten hat⸗ ten, wie dieſer Mannſchaft ja auch ebenſo ſicher in ihrer Mitte war. Der Harpunier nun, der jetzt ebenfalls langſam das Boot verließ, überſchaute erſt forſchend und lang⸗ ſam die fremden ihn umgebenden Menſchen, um irgend einen darunter herauszufinden, der vielleicht eine Autorität unter den Uebrigen ſein könnte, und dann mit dieſem ſeinen beabſichtigten Handel abzu⸗ ſchließen. Da fiel ſein Blick auf die Geſtalt des weißen Mannes, der eben noch ganz in ſeiner euro⸗ päiſchen, nur aus leichten Stoffen gefertigten Tracht unter dem kühlen Schatten der den Strand um⸗ ſchließenden Bäume ſichtbar ward und langſam zum Boot herunter kam. Auf dieſen ſchritt er, nicht wenig erfreut jetzt einen ſicheren Dollmetſcher zu haben, zu, ſtreckte ihm die Hand entgegen, die Tom nahm, und ſagte auf Eng⸗ liſch:„Ein Landsmann etwa?— Sollte mich ver⸗ 17 dammt freuen, den hier zwiſchen dem Kauderwelſch der Burſchen zu finden.“ „Ein halber wenigſtens— ein Schotte!“ lachte Tom.„Wie gehts Euch?— Freue mich, Euch hier auf Tubuai begrüßen zu können.“— Der Seemann drückte die ihm gebotene und noch nicht wieder losgelaſſene Hand aus Leibeskräften und ſprach freundlich: „Vortrefflich; und nun können wir auch unſere Ge⸗ ſchäfte gleich und raſch mit einander abmachen, denn der Kapitän brennt vor Ungeduld, wieder in See zu gehn. Wir wollen, wie Ihr Euch wohl denken könnt, ein bischen von allem und bringen Euch hier daſſelbe — könnt Euch dann ausſuchen, was Euch am beſten behagt. Holz habt Ihr doch wohl keins gehauen?“ „Wie viel braucht Ihr?“ „Ach, wir brauchten ſchon viel, denn das letzte iſt faſt verbrannt, aber der Alte will nicht bleiben, bis welches geſchlagen werden kann.“ „Es ſtehn ſechs Klaftern gleich dort hinter der Caſuarine aufgeſchichtet,“ ſagte Tom.„Wie heißt euer Schiff?“ „Sechs Klaftern— das iſt famos, da werden wir bald Handels einig drüber werden.— Die„Lucy Evans“ heißt das Fahrzeug.“ Gerſtäcker, Blau Waſſer.. 2 EEE — —— ——— 18 „Scheint nicht beſonders ſchnell zu ſein,“ meinte Tom, der ſich doch noch aus früherer Zeit her genug für die Seefahrt intereſſirte, um an den Schiffen theil zu nehmen, mit denen er in Berührung kam.„Es dauerte geſtern lang, bis ihr herauf kamt.“ „Ein Schnellläufer iſt's nicht,“ lachte der Har⸗ punier;„aber's iſt auch kein Wunder, denn wir ſind ſchon bald drei Jahre aus, und das Kupfer hängt uns in Lappen und Fetzen vom Rumpf herunter. Uebrigens fängt ſie ziemlich glücklich.— Apropos,“ unterbrach er ſich aber,„Ihr ſeid ſelber Seemann geweſen und wißt, daß ich die Verantwortung für meine Leute habe. Es iſt hier doch keine Gefahr, daß ſie davon laufen können?“ „Wenn ſie Beſcheid am Strand wüßten, wär's ſchon möglich,“ ſagte Tom mit ebenſo leiſer Stimme, wie die Frage an ihn geſtellt war,„aber ſo nicht, denn eine Lagune ſchneidet hier hinten ein, die ſie nicht kreuzen würden; und wenn vermißt, wären ſie leicht wieder aufzufangen. Habt keine Angſt.“— „Deſto beſſer— aus den Augen werd' ich ſie ſo nicht laſſen. Es iſt doch eine verwünſchte Geſchichte mit dem Auskneifen der Hallunken. Seit wir aus⸗ gefahren, ſind uns ſchon dreizehn Mann davonge⸗ laufen.“ 19 „Dreizehn Mann, das iſt viel, da werdet ihr knapp an Mannſchaft ſein.“ „Verdammt knapp, obgleich wir ein paar neue von den Sandwichs⸗Inſeln dazu genommen. Wie wär's hier? Sollten ſich nicht ein paar von den In⸗ ſulanern bewegen laſſen, einmal einen Kreuzzug auf Wallfiſche zu verſuchen?“ Tom ſchüttelte lachend den Kopf und ſagte: „Du lieber Gott, das ſollte den leichtherzigen und an dieſen ſonnigen Himmel gewöhnten Burſchen wunderlich vorkommen, wenn ſie plötzlich zwiſchen die nordiſchen Eisberge hinaufgeführt und dort ge⸗ zwungen würden, Tag und Nacht Thran auszukochen. Sie ſind beinah zu bequem, ſich hier im Warmen ihre eigene Brodfrucht zu backen.“ „Oh, das wollten wir ihnen ſchon angewöhnen,“ erwiderte der Seemann.. „Ja, das glaub' ich,“ nickte Tom ernſt.„Ich möchte ihnen jedoch nicht dazu rathen;— aber,“ ſetzte er freundlich hinzu,„macht Euch darüber keine Sorge, Ihr hättet auch ſchlechte Matroſen an ihnen. Wenn ihr von hier Tahiti anlauft, glaub' ich ziemlich ſicher, daß ihr dort wenigſtens in etwas eure Mann⸗ ſchaft vervollſtändigen könntet. Die Franzoſen ſollen, wir ich früher einmal gehört habe, ziemlich regelmä⸗ 2* ßig eine Partie von aufgefangenen armen Teufeln in ihrer Kalebouſe ſitzen haben.“ „Ich glaube der Alte hat nicht übel Luſt dazu,“ ſagte der Harpunier.„Jetzt aber vor allen Dingen, zeigt mir erſt einmal Euer Holz und dann ſeid ſo gut und laßt von Brodfrüchten, Orangen und Ge⸗ müſen, von denen Ihr, wie ich da ſehe, einen Vor⸗ rath habt, alles zum Verkauf angebotene dicht zum Boot hinunter ſchaffen. Ich werde nachher auslegen, was ich an Tauſchwaaren mitgebracht. In ſolcher Art kommen wir am ſchnellſten zu einem Reſultat.“ Sich dann an ſeinen Bootſteuerer wendend, dem er heimlich die Warnung zuflüſterte während er in das Holz ging, auf die Leute ordentlich acht zu geben, ſchritt er mit Tom, der ſeinen Indianern ebenfalls die gewünſchte Anordnung in ihrer Sprache zurief, nach dem gar nicht weit entfernten Holzplatz. Ob⸗ gleich hier das geſchlagene Holz dem Harpunier ſehr behagte, konnte er doch keinen feſten Handel mit dem Eigenthümer abſchließen, da er hiezu nicht einmal genug Waaren oder Geld mitgebracht, auch keinen feſt beſtimmten Auftrag vom Kapitän erhalten hatte. „Wißt Ihr was, Freund!“ wandte er ſich da an den Schotten,„fahrt in meinem Boot mit an Bord. Ein paar von Euren Indianern können uns ja in 21 einem ihrer Canoes begleiten, um Euch, falls Ihr nicht handelseinig würdet, wieder mit zurück zu nehmen. Ich zweifle aber nicht im mindeſten daran, daß der Alte das Holz nimmt und noch außerdem übermäßig froh iſt es nur zu bekommen. Unter uns geſagt, muß er es entweder hier nehmen, oder in nächſter Zeit noch eine andere Inſel anlaufen wo es ihm dann kaum ſo leicht gemacht werden würde, es fertig ge⸗ ſpalten und nah am Strand zu finden. Wem gehört es,— Euch?“ „Nur zum Theil— etwas gehört den Ein⸗ geborenen.“ „Gut, für die ſchließt Ihr ja doch den Handel ab, und nun kommt mit mir zum Strand zurück, daß ich meine Leute wieder unter den Augen habe.“ „Wollt Ihr nicht erſt einmal in meine Hütte tre⸗ ten und Euch dort etwas erfriſchen?“ fragte ihn Tom. „Sie iſt kaum zweihundert Schritt von hier entfernt. Dort liegt ſchon die Fenz, die ſie und meinen Garten umſchließt.“ „Dank Euch, dank Euch,“ erwiderte der See⸗ mann,„guckte gern einmal hinein, aber es geht nicht. Der Boden brennt mir hier, wo ich meine Boots⸗ mannſchaft nicht überſehen kann, unter den Füßen. Ueberhaupt müßt Ihr mir verſprechen, das Holz, I 4 4 . 1 B 22 wenn wir es übernehmen, bis zu offenen Strand zu ſchaffen, wo es die Eingeborenen meinetwegen ab⸗ werfen können. Hier in den Wald darf ich meine Leute nicht laſſen, die Verführung wäre zu groß, und ſie brennten mir, Gott ſtraf mich, durch.“— „Ihr ſcheint ſchlechtes Vertrauen zu ihnen zu haben,“ lachte Tom.„Iſt denn Euer Kapitän ſolch ein Seeteufel, oder das Leben an Bord ſo ſchlecht?“ „Ih nun, der Alte hat wohl ein bischen von dem, was Ihr Seeteufel nennt, im Leibe, Ihr werdet das wohl ſchon kennen. Die Koſt an Bord iſtübrigens vor⸗ trefflich und überarbeitet werden die Leute ebenfalls nicht. Um fünf Uhr iſt alle Abend Feierzeit— aus⸗ genommen natürlich, wir haben einen Fiſch langſeit oder Speck an Bord.“ „Nun, das verſteht ſich von ſelbſt,“ ſagte Tom; „aber da ſind wir wieder am Strand und dort auch Eure Leute, Ihr könnt Euch alſo beruhigen.“ „Gott ſei Dank,“ murmelte der Seemann, als ob er ganz andere Vermuthung gehabt hätte, leiſe vor ſich hin. Der Handel mit den Früchten begann jetzt, der auch ſchon von den Matroſen durch einzelne Geber⸗ den und Vorzeigen von Stücken Tabak, Meſſern, Hemden und anderen Dingen, die ſie nothdürftiger 23 Weiſe glaubten entbehren zu können, geführt war. Friſche Gemüſe und vielleicht etwas Limonenſaft be⸗ bekamen ſie ſchon vom Schiff, den Scorbut von ihnen fern zu halten, aber Orangen, Ananas und andere ſaftreiche Früchte mußten ſie, wenn ſie deren unter⸗ wegs haben wollten, ſich ſelber einlegen. Tom hatte indeſſen mit dem Häuptling dieſes Diſtrikts, dem der Harpunier vorher auf ſein An⸗ rathen einige kleine Geſchenke gemacht, den Handel über eine gewiſſe Quantität von jungen Cocosnüſſen, Brodfrüchten und Gemüſen ꝛc. abgeſchloſſen. Die Eingeborenen waren emſig damit beſchäftigt, alles zum Strand hinunter zu ſchaffen, wo es die Matroſen ſogleich in Empfang nahmen und in ihre Boote pack⸗ ten.— Intaha war ebenfalls zum Strand gekommen, um den Gatten, was ſie an zum Verkauf gefertigten Arbeiten bereit hatte, hinzubringen, und der Boot⸗ ſteuerer, ein junger Amerikaner, handelte ihr hier ſchon einen kleinen Theil der Sachen ab. Das Ueb⸗ rige ließ Tom in das Boot legen, um es dem Kapitän wie den übrigen Offizieren anzubieten. „Ich will mit dem Vater hinausfahren,“ ſagte ſein kleiner Knabe, als er ihn aufhob und küßte und dann ſeinem Weib die Hand reichte,—„ich will auch das große Canoe da drüben ſehn.“ . „Das geht nicht, mein Herz,“ beruhigte ihn der Vater,„da drüben biſt du nur im Weg und die Mutter ängſtigte ſich indeß um dich.“ „Laß ihn hier,“ bat auch die Frau,„ich wollte, du gingſt ebenfalls nicht mit, Tomo.— Wenn ich dich mit den fremden Männern in ſolch einem Boot wegfahren ſehe, iſt mir's doch immer, als ob du nicht wieder kämſt und in deine eigene Heimat zurückgingſt— und was ſollte Intaha dann mit ſich und den Kindern beginnen.“ „Fürchte dich nicht,“ lachte der Mann.„Wie viele Schiffe hab' ich ſchon beſucht und kenne auch das Leben da draußen viel zu genau, um durch ir⸗ gend eine Vorſpiegelung verlockt zu werden. Ich weiß, was die mir bieten können— was ich hier be⸗ ſitze, und werde kein Thor ſein, dich und die kleinen Schelme da im Stich zu laſſen. Uebrigens fährt dein Bruder Alohi mit uns hinüber und ich hoffe diesmal Geld genug mitzubringen, den ganzen Co⸗ cosgarten, der hinter unſerem Grundſtück liegt, vom Häuptling anzukaufen. Nachher werden wir nur von dem Cocosnußöl reich, was ich jährlich ausſchmelzen kann.“ „Kommt an Bord!“ rief die Stimme des Har⸗ puniers, der ſeinen Platz im Boot ſchon eingenom⸗ men hatte. Tom ſprang hinein, Alohi und ein anderer Indianer ſtiegen in ihr Canoe, das Boot, wie es verabredet worden, zum Schiff hinaus zu be⸗ gleiten, und bald ſchäumten die zwei kleinen Fahr⸗ zeuge durch das Waſſer hinaus, der Einfahrt in den Riffen zu. Die beiden Indianer thaten allerdings ihr Mög⸗ lichſtes mit dem europäiſchen Boote gleiche Fahrt zu halten, und arbeiteten, daß ihnen die ſchweren Tro⸗ pfen von der Stirn liefen. Die langen Riemen der Matroſen waren aber doch kräftiger als die leichten, nur durch den Druck der freigehaltenen Hand ge⸗ führten Ruder, und noch ehe ſie die Riffe erreichten, hatte das Wallfiſchboot ſchon wenigſtens dreihundert Schritte Vorſprung gewonnen. Wie die Indianer endlich einſahen, daß ſie mit den Bleichgeſichtern nicht Schritt halten konnten, legten ſie ganz gelaſſen ihre Ruder ein, ſich erſt einmal ein wenig auszuruhn, drehten ſich dann eine Cigarre aus dem friſch einge⸗ handelten Tabak, die ſie in den Streifen eines trok⸗ kenen Bananenblatts geſchickt einwickelten, und rie⸗ ben hierauf mit zwei dazu mitgenommenen Stücken trockenen Guiavenholzes Feuer. Das Wallfiſchboot hatte ſchon ſeine Fracht an Bord gelöſcht und wurde eben unter ſeinen Krahnen Eo b b hinaufgeholt, ehe ſie die Ruder wieder ergriffen und ihm langſam nachfuhren. Sie kamen zeitig genug dorthin. Tom war, als das Boot die Lucy Evans er⸗ reichte, hinter dem Harpunier her raſch an Bord geklettert. Noch wie ſie anruderten, hörten ſie die kleine Compaßglocke acht Glaſen— zwölf Uhr— ſchlagen, und als ſie an Deck ſprangen, ſtieg der Kapitän gerade nach genommener Obſervation in die Kajüte hinunter, ſeine heut Morgen erhaltene Beob⸗ achtung mit der jetzigen zu berechnen und dadurch ſeinen Chronometer zu controlliren. Die Lucy Evans war ein trefklich eingerichtetes, aber durch die lange Fahrt und kürzlich genommene Beute, von der die Spuren noch an Deck zu ſehen waren, ziemlich arg zugerichtetes Schiff. Auch die Mannſchaft, die herbeiſprang die lang erſehnten Früchte und friſchen Gemüſe in Empfang zu nehmen, und zum großen Theil in die Vorrathskammern hinun⸗ ter zu ſchaffen, Ananas und Bananen aber an Deck aufzuhängen, hatte ein verwildertes, liederliches Aus⸗ ſehn. Die Leute, die jahraus und ein mit ſchmutzigem Speck und Thran umgehen, ſind nur zu leicht ge⸗ neigt, auf ihren Körper nicht die da gerade doppelt 27 nöthige Sorgfalt zu verwenden, und auch hier hatte der Kapitän ſo viel Aerger mit dem Volk gehabt, daß er es endlich aufgab ſie zu dem zu machen, zu dem er ſie im Anfang heranzuziehen gehofft— zu ordent⸗ lichen Matroſen. Nur wenn ihm einmal Einer gerade zur unrechten Zeit unter den Wind lief, kanzelte er ihn tüchtig ab und machte ſeinem Herzen für kurze Zeit in einer gerade nicht gewählten Zahl von Flüchen und Verwünſchungen Luft. „Ihr ſcheint wirklich ziemlich knapp an Mannſchaft zu ſein,“ ſagte Tom endlich, der ſich das Deck eine Zeitlang ſchweigend betrachtet hatte, zum Harpunier, „wenn das nämlich alle ſind, die ich hier an Deck ſehe, und ich glaube doch kaum, daß ſich bei der An⸗ kunft von ſolch friſchem Gut viel unten gehalten.“— „Ihr habt Recht,“ ſagte der Harpunier mürriſch, „das iſt die ganze Bande, und ein nichtswürdigeres Gemengſel von Schneidern, Schuſtern und verlau⸗ fenen Handwerksburſchen iſt wohl noch nie an Bord eines ordentlichen Seeſchiffes zuſammengefunden worden. Mit Müh und Noth haben wir ihnen in den letzten zwei Jahren wenigſtens das Rudern bei⸗ gebracht; ein volles Jahr hat es aber gedauert, ehe ſie nur zuſammen anzogen. Es war ein ordentlicher Skandal, und wenn wir oben in der Behringsſtraße 28 in der Nähe eines anderen Schiffes lagen, ſchämten wir uns wahrhaftig ein Boot auszuſchicken, und haben dadurch mehrere Fiſche verloren. Was das Takelwerk betrifft, können die Kerle noch jetzt kaum eine Reefknoten ſchlagen.“ „Zum Auskochen ſind ſie gut,“ lachte Tom, „wenn nur die andern Offtziere ihre Sache verſtehn.“ „ Andern Offiziere? Ja, Harpunier und Bootſteurer haben wir vollzählig— einen Bootſteurer wenigſtens ausgenommen, der unten krank liegt— aber keinen einzigen Zimmermann und keinen Schmied, und der erſte Böttcher iſt uns ebenfalls auf Hawaii davon gelaufen. Es ruht ein wahrer Fluch auf dem alten Kaſten, und wenn uns noch ein paar Boote ernſtlich beſchädigt werden, müſſen wir wahrhaftig irgend eine amerikaniſche Küſte anlaufen. Aber da kommt auch Euer Canoe heran— die Burſchen nehmen ſich Zeit.— Iſt doch ein faules Volk, dieſe Indianer!“— „Lieber Gott, wer kann's ihnen verdenken?“ lachte Tom.„Die Natur giebt ihnen alles was ſie brauchen mit vollen Händen, ohne daß ſie nöthig hätten ſich dabei zu rühren. Uebrigens ſind ſie le⸗ bendig genug, wo ſie wirklich etwas intereſſirt, und ich glaube auch größerer Leidenſchaft und Regſamkeit fähig, wenn ſich ihnen irgend eine nothwendige Gele⸗ 29 genheit dazu bieten ſollte. So lange die ausbleibt, laſſen ſie ſich eben gehn.— Aber kommt da nicht Euer Kapitän? Wie heißt er?“— „Rogers.— Ihr werdet Euer Canoe wohl nicht brauchen, denn ich bin überzeugt, er ſchickt die Boote gleich wieder hinüber, das Holz abzuholen.“— „Rogers?“ rief Tom,„ich glaube wahrhaftig, das iſt ein alter Bekannter. Welches Schiff hatte er früher?“ ſetzte er raſch hinzu, ohne den Blick von dem jetzt eben an Deck kommenden Kapitän zu wenden.— „Den„Bonnie Scotchman,“ wenn ich nicht irre,“ lautete die Antwort.— „Alle Teufel!“ murmelte Tom halblaut vor ſich hin und warf wie unwillkührlich den Blick nach dem eben anlegenden Canoe hinunter. Der Harpunier war indeſſen auf den Kapitän zugegangen, um ihm ſowohl Bericht von dem abgeſchloſſenen Handel mit Früchten und Gemüſen abzuſtatten, als auch von dem Holz zu ſagen, das fertig geſchlagen und ausgetrocknet drüben am Strande liege und eben nur an Bord geholt zu werden braucht. „Das iſt vortrefflich, Mr. Hobart,“ ſagte der Kapitän raſch,„beſſer können wir es uns gar nicht wünſchen— und der Preis?“—. „Iſt auch mäßig— es wohnt ein Weißer drüben 30 zwiſchen den Rothhäuten, der die ganze Sache zu leiten ſcheint und den ich deßhalb gleich mit herüber gebracht habe, damit Sie den Kauf ſelber mit ihm abſchließen können. Da drüben ſteht der Mann.“ „Deſto beſſer, deſto beſſer! Spricht er Engliſch?“ „Es iſt ein Schotte.“ „Oh, vortrefflich!— Ah, guten Tag, Miſter— Peſt noch einmal— das Geſicht kommt mir ver⸗ dammt bekannt vor!“ „Wie gehts, Kapitän Rogers?“ fragte Tom, der raſch gefaßt, aber doch leicht erröthend und etwas verlegen lächelnd auf ihn zuging. Er reichte ihm dabei die Hand, die jener langſam nahm, ihm jedoch immer aufmerkſamer ins Auge ſah.—„Sie kennen mich wohl kaum noch, wie?— Ja ich bin braun ge⸗ worden in den langen Jahren und unter der heißen Sonne hier.“ „Ward Ihr nicht auf dem Bonnie Scotchman?“ „Allerdings.“ „Zimmerman?“— Tom nickte—„Und lieft mir auf Hapai davon?“ Tom wurde blutroth im Geſicht, aber ein gut⸗ müthiges und doch halb verſchmitztes Lächeln durch⸗ zuckte dabei ſeine Züge als er erwiderte: „Und Sie hätten mich beinah wieder erwiſcht, 31 denn die nach mir ausgeſchickten Eingeborenen waren⸗ mir ein paarmal dicht auf den Ferſen. Fünfzehn Stunden habe ich einmal bei einem furchtbaren Re⸗ genguſſe in dem Wipfel einer Palme zugebracht.“ „Vier Tage bin ich Euch zu lieb damals an der verdammten Inſel liegen geblieben und habe indeſſen nicht allein den Fang verſäumt, ſondern mich auch nachher die ganze übrige Reiſe mit dem Eſel von zweiten Zimmermann behelfen müſſen.“ „Es war vielleicht nicht recht damals, Kapitän Rogers,“ geſtand Tom ehrlich ein,„aber das Land lachte gar ſo verlockend herüber, und Sie wiſſen ſelbſt, was für ein grober, ungerechter Menſch Ihr⸗ damaliger erſter Harpunier war. Er brachte uns faſt alle zur Verzweiflung und trieb die meiſten vom Schiff, wo ſich ihnen nur die geringſte Gelegenheit⸗ dazu bot.“ „Das iſt keine Entſchuldigung, Mr.— wie war doch Euer Name gleich?“ „Tom Burton.“ „Ach ja— Mr. Burton, das iſt gar keine Ent⸗ ſchuldigung. Ihr hattet Euch mir und dem Rheder für die ganze Fahrt verpflichtet und waret nicht allein uns, ſondern auch Euern Kameraden ſchuldig, daß Ihr bliebt. Ihr wißt recht gut, daß auf einem Wall⸗ 32 fiſchfänger die ganze Mannſchaft gemeinſamen An⸗ theil an dem Fang hat, den Fang aber nicht betreiben kann, wenn ihr die wichtigſten Handwerker dazu, Zimmermann und Böttcher, an Bord fehlen. Da wir alle an Bord umſonſt herumfahren würden, wenn die Boote nicht hinausgingen und an Fiſche feſtkämen, ſo iſt das in Stand halten eben dieſer Boote auch eine der wichtigſten Sachen an Bord eines Wallfiſch⸗ fängers, und deßhalb gerade werden die Zimmerleute engagirt und verpflichtet. Sobald ſie ihren Kontrakt brechen, gefährden ſie den Fang des ganzen Schiffs und ziehen nicht allein dem Rheder, der das Schiff ausgerüſtet hat, ungeheure Verluſte zu, ſondern ſchneiden auch der ganzen übrigen Mannſchaft, vom Kapitän hinunter bis zum Schiffsjungen, die Mög⸗ lichkeit eines Verdienſtes ab. Und zum Spaß treiben wir uns doch wahrhaftig auch nicht drei und vier Jahre bald zwiſchen Eisſchollen, bald unter einer ſolchen Sonne umher, und laſſen Weib und Kind indeß zu Hauſe.“ „Sie haben vollkommen Recht, Kapitän,“ ſagte Tom, der jetzt ganz ernſt und eher etwas blaß gewor⸗ den war.„Hie und da liegt aber auch der Fehler wohl mit an den Offizieren, die ihre Macht zu ſehr mißbrauchen. Ich weiß allerdings, daß an Bord eines ſolchen Fahrzeugs ebenſo gut wie an Bord eines Kriegsſchiffes unbedingte Subordination herr⸗ ſchen muß, wenn nicht Schiff und Mannſchaft darüber zu Grunde gehen ſollen. Aber die Herren— und Ihr früherer erſter Harpunier war ein ſolcher, Kapi⸗ tän Rogers— glauben manchmal, daß ſie mit ihren Untergebenen eben nach Willkür machen können was ſie wollen— widerſetzen darf ſich ihnen ja doch nie⸗ mand— und mißbrauchen dann die ihnen ertheilte Würde ebenſo zum Schaden des Schiffs, wie es der Untergebene thut, der ſich ſolcher ihm läſtig oder un⸗ erträglich werdenden Hernſhgit durch die Flucht ent⸗ zieht.“ „Mr. Williams war einer der tüchtigſten Offi⸗ ziere, die es geben kann, und ein ausgezeichneter Wallfiſchfänger.“ „Ich will ihn nicht anklagen um mich zu verthei⸗ digen, Kapitän Rogers,“ entgegnete Tom freundlich. „Junge Leute, wie Sie recht gut wiſſen, ſind oft leichtſinnig, und ich war damals noch ein ganz junger, unerfahrener Burſch. Jetzt bin ich vernünf⸗ tiger und denke anders, vernünftiger darüber.“ „Es iſt mir lieb das zu hören,“ erwiderte der Kapitän,„noch dazu, da es ſelbſt jetzt nicht zu ſpät iſt, das Geſchehene wieder gut zu machen.“ Gerſtäcker, Blau Waſſer. 3 34 „Durch Holz wenigſtens,“ lächelte Tom,„Ihnen das Auskochen an Bord zu erleichtern. Sie ſcheinen ſchon eine hübſche Ladung Thran genommen zu haben.“ „Es geht an,“ ſagte der Kapitän, immer noch zurückhaltend, und fuhr dann in dem früheren Thema fort.„So iſt es auch diesmal mit den Leuten, und trotzdem, daß wir ganz vorzügliche und ruhige Offi⸗ ziere an Bord haben— worin Ihr die Haupturſache des Weglaufens der Mannſchaft ſucht— haben eine große Anzahl und unter ihnen ſogar bei de Zimmer⸗ leute und der erſte Böttcher heimlich und widerrecht⸗ lich das Schiff verlaſſen, und uns in die peinlichſte Verlegenheit gebracht.“ „Hm, das iſt allerdings fatal.“ „Deſto mehr,“ ſprach der Kapitän ruhig,„freue ich mich, daß uns der Zufall zu ſo günſtiger Zeit wie⸗ der zuſammen geführt hat. Ihr hättet zu keiner ge⸗ legeneren Stunde an Bord zurückkommen können.“ „Nur mit dem Unterſchied,“ lächelte Tom, der aber doch fühlte, daß ihm das Herz dabei ſtockte, denn er ahnte was der Kapitän mit den Worten meinte,„daß ich nicht an Bord gekommen bin wie⸗ der zu fahren, ſondern Ihnen nur mein Holz am Strand zu verkaufen.“ 35 „In welcher Abſicht bleibt ſich ziemlich gleich,“ erwiderte der Kapitän mit einem leichten, aber nichts Gutes weisſagenden Lächeln um die zuſammenge⸗ preßten Lippen.„Ich will übrigens das Geſchehene vergeſſen ſein laſſen und Euch die damals verſäumten Tage, bei dem was wir künftig fangen, nicht in An⸗ rechnung bringen. Euer früherer Antheil hat auch ſchon zum Theil dafür gezahlt.“ „Künftig fangen, Kapitän?“ ſagte Tom, der ſich gewaltſam zwang ruhig zu bleiben,„ich glaube nicht, daß ich je wieder auf den Wallfiſchfang aus⸗ gehe. Ich bin älter ſeit der Zeit geworden und ruhiger, und habe mir außerdem auch noch eine der Töchter dieſes Landes zur Frau genommen. Dort unter den Palmen ſteht meine eigene Heimat, lebt meine Familie, und die darf ich ſchon nicht mehr ver⸗ laſſen, wenn ich ſelber wollte.“ „Familie? bah!“ meinte der Kapitän,„hab' ich etwa keine Familie zu Hauſe? Das iſt das Schickſal der Seeleute, daß ſie die Jahre lang entbehren müſ⸗ ſen. Deſto beſſer gefällt es ihnen aber auch dafür, wenn ſie wieder zu Hauſe kommen.“ „Mag ſein— die Anſichten ſind verſchieden,“ brach da Tom das Geſpräch, das ihm peinlich zu werden begann, kurz ab.„Jetzt, Kapitän, möcht' ich 6. 36 Sie bitten, zu beſtimmen was und wie viel Sie von dem Holze brauchen— und hier,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„hab' ich auch noch einige Kleinigkeiten mit⸗ gebracht, die meine Frau gearbeitet, und von denen ſich die Offiziere vielleicht einiges mit nach Hauſe nehmen. Das Körbchen hier, Kapitän Rogers, möchte ich Sie bitten, zum Andenken an mich zu be⸗ halten.“ Der Kapitän zögerte es zu nehmen, ſtellte es aber dann neben ſich auf das Gangſpill und ſagte: „Wir wollen das nachher zuſammen abmachen. — Wie viel Holz habt Ihr drüben?“ „Sieben Klaftern.“ „Und der Preis?“ „Ich bin beauftragt, Handelsartikel dafür ein⸗ zutauſchen.“ „Gut. Mr. Hobart, das Holz wäre mir allerdings erwünſcht, wenn ich es an Bord hätte, aber— wir wollen uns nicht ſo lange damit aufhalten. Nehmen Sie Ihr Boot und das des zweiten Harpuniers und fahren Sie damit an Land. Die Leute mögen da einladen, was ſie herüber ſchaffen können. Wir ſehen dann, wie viel es beträgt, und können Mr. Bur⸗ ton den gewünſchten Preis dafür auszahlen.“ „Es iſt mir dann lieber, daß ich mit hinüber ——y nnmnm—— 37 fahre,“ ſprach Tom ruhig,„denn wenn ſie ſo wenig nehmen, wünſchte ich gern daß Sie das trockenſte bekämen.“ „Das wird ſich Mr. Hobart ſchon ausſuchen.“ Die Boote waren im Augenblick niedergelaſſen, die dazu beſtimmte Mannſchaft ſprang hinein und nur der erſte Harpunier zögerte noch. Er war zum Kapitän hinan gegangen und ſagte leiſe: „Lieber wär es mir der Schotte führ mit hin⸗ über— ich verſtehe die Sprache der Leute nicht.“ „Sie müſſen ſchon ſehen wie Sie durchkommen,“ entgegnete ihm ebenſo leiſe der Kapitän.„Der Schotte bleibt an Bord— ſetzen Sie den dritten Harpunier, Mr. Elgers, davon in Kenntniß.“ Der Harpunier erwiderte nichts darauf, aber der überraſchte Blick deſſelben, der faſt unwillkürlich nach dem Schotten hinüberflog, wurde von dieſem ebenſo ſchnell aufgefaßt und verſtanden, und wie mit einem Meſſer ſtach dem armen Teufel das Bewußtſein der Gefahr ins Herz, der er ſich hier plötzlich ganz frei⸗ willig preisgegeben.— Aber der Kapitän durfte doch auch nicht wagen, jetzt noch, nach ſo langen Jahren Gewalt gegen ihn zu brauchen.— Und wenn er es doch that? Wer hier auf der weiten See ſollte ihn daran verhindern oder ſich des Schutzloſen annehmen? * Mißtrauiſch überlief ſein Blick das Deck, aber er hütete ſich wohl die mindeſte Furcht zu zeigen. Da⸗ bei aber konnte es ihm nicht entgehen, daß der erſte Harpunier, ehe er in das Boot ſtieg, raſch ein paar Worte mit dem dritten Harpunier wechſelte, und dieſer warf ebenfalls einen überraſchten flüchtigen Blick nach ihm hinüber. Er wußte jetzt, er war ein Gefangener— aber was jetzt thun? An Flucht mit dem Canoe war nicht zu denken— er hatte vorher ſchon geſehen, wie viel raſcher die Seeleute mit dem ſchwer mit Früchten beladenen Wallfiſchboot gefahren waren; das leichte leere Boot hätte ſie eingeholt, ehe ſie zwei Schiffslängen entfernt geweſen wären. Ge⸗ waltſame Befreiung? An dieſer Seite der Inſel lagen nur drei Canoes, und was hätten die unbe⸗ waffneten Indianer, ſelbſt wenn ſie ſich ſeinethalben hätten ſchlagen wollen, gegen die Mannſchaft eines Wallfiſchfängers ausrichten können?— Die einzige Möglichkeit blieb, die Eingeborenen zu veranlaſſen die Mannſchaft der beiden Boote, oder wenigſtens nur die Offiziere gewiſſermaßen als Geißeln zurück zu halten, bis er ſelber ausgeliefert wäre; aber dann mußte er das Canoe jetzt fort und an Land ſchicken. Der Kapitän hatte ebenfalls hinten am Steuer mit dem dritten Harpunier geſprochen und ſtieg jetzt in ſeine Kajüte nieder, den früheren Ausreißer ſchein⸗ bar ſich ſelbſt und vollkommen frei laſſend. Tom kannte aber viel zu gut die ſtrenge Subordination eines Wallfiſchfängers, wo beſonders der Ruf zu den Booten im Nu ausgeführt wurde. Die einzige Mög⸗ lichkeit einer Rettung blieb in der That— noch das Feſtnehmen der Offiziere am Ufer, und als Tom das erſt einmal erkannt, beſchloß er auch, es ſo raſch wie möglich auszuführen. Alohi lehnte, ſeine Cigarre rauchend und mit keiner Ahnung der Gefahr, die dem Gatten ſeiver Schweſter drohte, an Bord und betrachtete ſich mit beſonderer Aufmerkſamkeit das künſtliche durcheinan⸗ der ſchießende Tauwerk des Schiffes, welches ihm jedenfalls das größte Intereſſe bot. Tom näherte ſich ihm und ſagte mit gedämpfter, aber nichtsdeſto⸗ weniger ängſtlich gepreßter Stimme: „Alohi— die weißen Männer wollen Tomo an Bord behalten!“ „Ati!“ rief Alohi erſtaunt. „Ruhig! Laß niemand merken, daß ich dir ein Wort davon geſagt, aber wenn du von mir den Be⸗ fehl erhältſt an Land zu rudern, ſo thue das, ſo raſch ihr das Canoe vorwärts treiben könnt. Ver⸗ ſichert euch dort augenblicklich des Mannes, der heute Morgen die Matroſen hinüber brachte, ſchafft ihn ins Innere und gebt ihn nicht heraus, bis ich wieder an Land und in eurer Mitte bin.“ „Matoi!“ ſagte der junge Burſch, deſſen Augen in dem willkommenen Auftrag leuchteten,„ſoll ich jetzt gehn?“ Tom warf einen Blick nach der Schanze zurück. Der dritte Harpunier lehnte über Bord und ſchien gar nicht auf ihn zu achten— wenn nun ſein Ver⸗ dacht ungegründet war?— Aber er gab ſich dieſer Täuſchung nicht llange hin, denn er kannte ſeine Leute. „Ich werde zu dem Mann dort hinten gehn und mit ihm ſprechen,“ ſagte er jetzt wieder.„Sobald er nicht mehr über Bord ſieht, ſtößt du ab und ruderſt langſam hinüber. Erſt wenn ihr den Eingang der Riffe erreicht habt,— denn mit dem Vorſprung kön⸗ nen ſie euch nicht wieder einholen,— mache dein Canoe über das Waſſer fliegen.“ „Aber warum fährſt du nicht lieber gleich mit?“ fragte der Indianer erſtaunt,„es hält dich niemand.“ „Jetzt nicht— aber der Befehl iſt ſchon gegeben, mich nicht von Bord zu laſſen. Daß ihr glücklich an Land kommt, iſt die einzige Möglichkeit mich noch zu retten.“ — 41— Der Indianer erwiderte weiter kein Wort, und Tom wandte ſich ebenfalls langſam von ihm ab und ſchritt dem hinteren Deck zu, auf dem der Harpunier noch immer über Bord lehnte.“ „Seid Ihr recht glücklich geweſen, Sir, auf Eurer letzten Fahrt?“ knüpfte hier Tom ein Geſpräch mit ihm an;„das Schiff muß ſchon eine hübſche La⸗ dung einhaben, es liegt ziemlich tief im Waſſer.“ „Es geht an,“ antwortete ihm der Harpunier, indem er ſich zu dem Frager umdrehte.„Wir haben ſchon etwas über 3000 Tonnen Thran ein, und etwa 50,000 Pfund Barten. Wenn ſich's nur halbwege macht, können wir in der nächſten Jahreszeit voll werden.— Es iſt auch Zeit,“ ſetzte er dann mürriſch hinzu,„wir treiben uns nun ſchon faſt drei Jahre hier draußen herum.—“ „Das iſt recht lang,“ ſagte Tom, mit dem Kopf nickend,„da wird mancher an Bord das Heimweh bekommen haben. Ich weiß nicht— wenn man erſt einmal eine Zeitlang an Land iſt.“ „Sagt einmal den Leuten dort in dem Canoe, daß ſie nicht abſtoßen,“ unterbrach ihn da der Har⸗ punier, indem er den Blick wieder über Bord warf. Der Kapitän hat befohlen daß ſie warten, bis die Holzboote zurück ſind.“ 42 „Das Canoe? Der Kapitän hat, ſoviel ich weiß, dem wohl nichts zu befehlen,“ erwiederte Tom, dem das Blut ins Geſicht ſchoß. „An Bord, wißt Ihr, Kamerad, hat ein Kapitän wohl ſo ziemlich über alles zu befehlen,“ erwiderte der Harpunier ruhig.„Bitte, ruft die Leute zurück — Ihr wißt recht gut, daß ſie das Wallfiſchboot in ein paar Minuten wieder einholen würde. Was ſol⸗ len ſie an Land?“ „Sie wollen, ſo viel ich weiß, noch mehr Früchte holen.“ „Das iſt unnütz, die Boote bringen ſchon alles mit, was wir noch etwa brauchen könnten. Seid vernünftig, Freund, und ruft ſie zurück!— Dritte Bootsmannſchaft, ſteht bei eurem Boot!“ rief er zu⸗ gleich mit lauter, aber vollkommen ruhiger Stimme über Deck, und die Leute mit dem Bootſteuerer an der Spitze, ſtanden wenige Minuten ſpäter an den Fallen, an denen das kleine Fahrzeug unter ſeinen Krahnen hing.— Es bedurfte nur noch eines Wortes, oder Zeichens und es glitt auf das Waſſer nieder. Tom ſah ein, daß ihm dieſer Ausweg abgeſchnit⸗ ten ſei, aber er wollte es noch nicht zum Aeußerſten kommen laſſen. 43 „Alohi!“ rief er mit einem eigenthümlichen ſchril⸗ len Ruf über das Waſſer hinüber dem kaum hundert Schritte entfernten Canoe nach. Die Indianer, die darin ruderten, drehten den Kopf nach ihm um.— „Kommt an Bord zurück!“— Die Eingeborenen ließen die Ruder im Waſſer, zögerten aber noch dem Befehl Folge zu leiſten. „Kommt zurück!“ rief Tom noch einmal,„aber legt nicht an Bord an, ſondern haltet euch nur dicht neben dem Schiff.“— Er hatte einen neuen Plan gefaßt, ſo verzweifelt deſſen Ausführung ihm auch ſelber ſchien. Die Indianer gehorchten jetzt, und der Harpunier, die Bootsmannſchaft wieder an ihre Ar⸗ beit ſchickend, lehnte ſich wie vorher nachläſſig an die Schanzkleidung des Schiffs. „Ihr werdet begreiflich finden, Sir,“ ſagte der Schotte endlich, der entſchloſſen war zu wiſſen wie er mit dem Schiffe ſtand,„daß ich nicht recht einſehe, weßhalb Ihr das Canoe verhindern wollt, zu gehen wohin es ihm beliebt.“ „Und wollt Ihr denn nicht wieder mit dem Canoe zurückfahren?“ lächelte der Seemann. „Allerdings will ich das.“ „Nun gut, dann dürfen wir es doch nicht von 44 Bord laſſen. Glaubt Ihr, daß Euch der Kapitän in einem ſeiner Boote an Land fahren ließe?“ „Ihr weicht mir nicht aus, Sir— welcher Be⸗ fehl iſt Euch über mich gegeben?“ „Welcher Befehl?— Keiner als der, Euch und die Indianer nicht vom Bord zu laſſen, bis Ihr das Geld für das Holz in Empfang genommen habt.“. Tom fühlte den Hohn in den Worten,— wußte, daß es Lügen waren, und der kalte Angſtſchweiß trat ihm bei dem Bewußtſein der Gefahr, in der er ſich jetzt befand, auf die Stirne. Er biß die Unterlippe zwiſchen die Zähne und wandte ſich, die Arme feſt verſchränkend, von dem Harpunier ab, daß dieſer ſeine aufſteigende Bewegung nicht bemerken ſollte. Nur eine Hoffnung, nur eine Ausſicht zur Flucht blieb ihm noch. Wenn es ihm gelang, das eine noch unter dem Krahnen hängende Wallfiſchboot leck zu machen, daß ſie ihm nicht mit dem folgen konnten, durfte er hoffen mit dem Canoe zu entkommen. Die andern beiden Boote hatten das Land ſchon erreicht, und kurze Zeit reichte hin, ſie mit Holz zu füllen. Dann waren ſie aber auch zu ſchwerfällig, um eine Jagd unternehmen zu können, und außerdem wußte er eine andere Einfahrt in die Riffe, die in ſich ſelbſt 45 geſchloſſen, aus dem dortigen Binnenwaſſer nicht ein⸗ mal erreicht werden konnte. Hier galt es jetzt das Aeußerſte zu wagen; der Feind durfte aber auch keinen Verdacht faſſen, ſein Plan wäre ihm ſonſt gleich von vorn herein vereitelt worden. Langſam ging er deßhalb wieder mehr nach vorn, von wo er ſeinem Schwager die nächſten Ver⸗ haltungsregeln zurufen und ihn von dem, was er be⸗ abſichtigte, in Kenntniß ſetzen konnte. Die Einfahrt in die Riffe, aus der ſie herausgekommen, war etwa der halbe Weg zwiſchen dem Lande und dem Schiff, und allerdings mußte er dort ziemlich nah vorbei. In den Booten konnten ſich aber die Leute, wenn ſie Holz geladen hatten, nicht ſo gut bewegen; nur deshalb die Einfahrt paſſirt, und er brauchte kaum zu fürchten, daß er noch eingeholt werden könne. Außer⸗ dem lag noch ein Ruder im Canoe und drei, wenn es galt, konnten das leichte kleine Fahrzeug auch wohl raſcher vorwärts treiben, als es vorhin ge⸗ ſchehen war. Das Herz ſchlug ihm, als ob es die Bruſt zer⸗ ſprengen wolle, aber er biß die Zähne feſt zuſammen, und wieder zum Schanzdeck zurückſchreitend, ging er dort, als ob er jetzt geſonnen wäre die Rückkunft der Boote ruhig abzuwarten, langſam auf und ab. 46 Der Harpunier hatte ſich indeſſen ebenfalls aus ſeiner lehnenden Stellung aufgerichtet und war zu Backbord, wo das Boot unter dem Krahnen hing, auf und ab gegangen. Ein Blick, den er über Bord warf, überzeugte ihn, daß die Indianer ruhig in ihrem Canoe ſaßen und nur langſam mit der Strö⸗ mung zurücktrieben. Das Schiff hatte ſeine großen Segel auf, die Briſe war aber ſo ſchwach, daß ſie eben die Strömung der Fluth ſtemmten und ſich etwa auf einer Stelle hielten. Der Wind hatte ein klein wenig aufgeräumt, und es war nöthig geworden, die Braſſen zu Star⸗ bord etwas anzuziehen— der Harpunier ging dort hinüber und rief die Mannſchaften.— Das war der entſcheidende Moment.— Tom ſtand dicht neben dem Wallfiſchboot— mit einem Satz war er auf der Schanzkleidung, hatte das, in jedem unter dem Krahnen hängenden Boot vorn befeſtigte Handbeil ergriffen und herausgeriſſen, und ein einziger Schlag auf das ſcharf angeſpannte Tau oder Fall, das es auf dieſer Seite hielt, machte daß es, während es hinten noch gehalten wurde, vorn herunter und gegen den Schiffsbord anſchlug. „Hierher— alle!— Hülfe! hierher!“ ſchrie der Harpuni er und ſprang ſelber, eine Handſpeiche auf⸗ 47 greifend, auf den kecken Schotten zu— aber er kam zu ſpät. Mit einem Satz die Schanzkleidung entlang, war Tom am andern Krahn, ein Schlag ſeines haar⸗ ſcharfen Tomahawks traf in die dünnen Planken des ſo ſchon durch den Sturz arg beſchädigten Bootes, und das Beil war ſo tief hinein gefahren, daß er es nicht einmal mit demſelben Ruck wieder heraus be⸗ kommen konnte. Daran lag ihm aber auch nichts; in der Vertheidigung ſuchte er ſeine Rettung nicht, nur in der Flucht. Mit weitem Sprung deßhalb von der Schanzkleidung nieder über Bord, ſank er im nächſten Moment ſchon in die blaue, über ihm zu⸗ ſammenſchlagende Fluth, kaum zwanzig Schritte von dem Canoe hinein, das jetzt mit Blitzesſchnelle nach ihm hinüber hielt. Wilde Flüche und Verwünſchungen ſchallten hinter ihm drein von Bord. Während der Kapitän aber an Deck ſprang und die Bootsmannſchaft nach dem zertrümmerten Boote flog, es ſo raſch wie mög⸗ lich wieder auf zu holen und in Stand zu ſetzen, zog der dritte Harpunier— der recht gut einſah, wie klug der Flüchtling ſeine Lage überſchaut und ſeine Ausſicht berechnet hatte— die unter die Gaffel nie⸗ dergeholte Flagge auf. Dadurch gab er ein Zeichen, und der erſte Harpunier wußte was das bedeutete. 48 Tom war indeſſen raſch wieder nach oben gekommen, und ehe nur die Mannſchaft an Bord einen Entſchluß faſſen oder etwas mit dem mißhandelten Boote an⸗ fangen konnte, erreichte er die Spitze des Canoes und ſchwang ſich mit Alohis Hülfe hinein. Sein erſter Blick aber war nach dem Schiff zurück, an deſſen Gaffel eben die engliſche Flagge emporſtieg— ſein erſter Griff nach dem neben ihm liegenden Ru⸗ der, das er raſch erfaßte und brauchte, und die drei Männer wußten jetzt, daß ihre glückliche Flucht allein in der Kraft ihrer Arme lag. „Halt dort!“ ſchrie da der Kapitän, der ſich das ſchon ſicher geglaubte Opfer in ſo kecker Weiſe unter den Händen fort wieder entzogen ſah,„halt oder ich ſchieße euch über den Haufen!“ Seine Drohung war aber machtlos; er hatte nicht einmal ein Gewehr zur Hand, und nur eine, von dem Bootſteuerer mit nach hinten gebrachte Harpune aufgreifend, ſchleu⸗ derte er ſie in blinder Wuth hinter dem ſchon wenig⸗ ſtens hundert Schritt entfernten Canoe her. Sie durchfllog nicht die halbe Entfernung und verſchwand ziſchend unter der Oberfläche. Vorn am Bug des Canoes aber ſchäumte die klare Fluth und das ſchlanke leichte Fahrzeug hätte, von den drei kräftigen Rudern getrieben, wie ein 49 Pfeil über die See dahinfliegen müſſen, wäre ihnen bei der raſchen Fahrt der ſogenannte Luvbaum nicht im Wege geweſen. Die Canoes der Eingeborenen, die aus einem aus⸗ gehauenen Baumſtamm beſtehn, würden nämlich auf offener See und bei dem geringſten Wellenſchlag, der ſie ſeitwärts träfe, dem Umſchlagen leicht ausgeſetzt ſein. Das zu verhindern, befeſtigten ſie auf einer Seite mit, über dem Canoe angeſchnürten Querhöl⸗ zern ein Stück ſehr leichtes Holz, etwa acht bis zehn Fuß lang, daß villeicht vier Fuß vom Canoe entfernt, neben ihm auf dem Waſſer ſchwimmt. Dieſes hält daſſelbe allerdings ſo vortrefflich im Gleichgewicht, daß es ſelbſt ziemlich ſchweren Wogen Trotz bieten kann, hemmt es aber auch natürlich in ſeinem Lauf. Auf übergroße Schnelle kommt es freilich den Indi⸗ anern ſelten an, ſie wollen nur ſicher und— bequem fahren, und dieſen Zweck erreichen ſie dadurch voll⸗ kommen. Toms kühner Angriff auf ſeinen gefährlichſten Feind an Bord— das Wallfiſchboot— war übrigens ſo vollkommen geglückt, daß er von dort aus nicht das Mindeſte zu fürchten hatte— das Zeichen aus⸗ genommen. Das Boot war für die nächſte Zeit voll⸗ kommen unbrauchbar geworden, denn es hatte ſich, Gerſtäcker, Blau⸗Waſſer. 4 50 außer dem Schlag, den er mit dem Tomahawk hinein geführt, durch den Sturz auch noch eine der Planken losgeriſſen,— aber die Flagge! Er wußte recht gut, daß die Leute an Land ſtets ein aufmerkſames Auge auf das Schiff richten, und wenn die beiden Boote dem jetzt raſche Folge leiſteten—.— Doch hoffentlich hatten ſie ſich ſchon mit ihrer Holzladung beeilt und mochten auch gewiß nicht ganz leer zurückkehren. Keineswegs konnten ſie wiſſen was hier vorgegangen, und die aufgezogene Flagge war ihnen höchſtens nur ein Zeichen zu raſcher Rückkehr. Das Innere der Bai ließ ſich vom Canoe aus allerdings nicht eher überſehen, bis ſie die Einfahrt paſſirten, da die Brandungswellen der Riffe wie eine Mauer da⸗ zwiſchen lagen. Hatten ſie die aber erſt einmal erreicht, dann wurde ihnen auch die jetzt entgegenkommende Strömung günſtig. Kein Wort wechſelten indeſſen die drei Männer miteinander, und ſelbſt die ſonſt läßigen Indianer legten ſich mit aller Kraft ihrer Sehnen in die Ruder. Jetzt waren ſie in einer Höhe mit der Einfahrt— noch eine Bootlänge und ſie mußten den Landungs⸗ platz ihrer Hütten erkennen können— lagen die Boote noch dort, ſo waren ſie gerettet.— „Da kommen ſie!“ rief Alohi und deutete mit — dem Ruder hinüber.—„Vorwärts!“ lautete der zwiſchen den zuſammengebiſſenen Zähnen durchgege⸗ bene Befehl des Schotten, und in demſelben Augen⸗ blick verhüllte auch die nächſte Brandungswelle der Einfahrt wieder die weitere Ausſicht. Die beiden Wallfiſchboote hatten während den zuletzt beſchriebenen Vorgängen das Land erreicht, und der Harpunier, den der Kapitän mit wenigen Worten davon in Kenntniß geſetzt, daß er nicht ge⸗ ſonnen ſei ſeinen ihm früher entlaufenen Zimmer⸗ mann wieder frei zu laſſen, war beauftragt worden, nur wenigſtens etwas des ſehr nothwendig gebrauch⸗ ten Holzes an Bord zu nehmen und ſo raſch wie irgend möglich zurück zu kommen. Natürlich durften die Eingebornen nicht erfahren was ſie beabſichtigten, denn ſo gern ſie ſonſt entlaufene Matroſen auslieferten, hätten ſie die Wegführung eines jetzt vollkommen zu ihnen gehörenden Weißen doch am Ende nicht gut⸗ willig zugegeben. Der Kapitän hatte dabei geglaubt, den Schot⸗ ten ohne die geringſte Schwierigkeit an Bord halten zu können; im Guten natürlich ſo lange wie mög⸗ lich, ſobald das aber nicht mehr anging, mit Ge⸗ 4⸗ . 5² walt. Einem vollbemannten Wallfiſchboot hätte er ſich ja doch nicht, ſelbſt wenn er die Flucht im Canoe wagte, widerſetzen können. Dabei war es ihm fatal, dem ſolcher Art überliſteten Opfer lange Rede und Antwort zu ſtehn— er wußte, er hatte geſetzlich kein Recht ihn zu halten, denn auf dies Schiff hatte er ſich nie verdungen, und er ſchämte ſich villeicht der Gewalt dem Schwächern gegenüber. Der wachtha⸗ bende Harpunier bekam jedoch ſtrenge Ordre, ihn gleich durch Aufſtampfen an Deck heraufzurufen, ſobald der Schotte ſich ernſtlich widerſetzen ſollte. In der Ausübung ſeiner Gewalt an Bord konnte er dann auch jedes unangenehmen Gefühles leichter Herr werden. Daß der Zimmermann auf ſolche Art ſeine Flucht verſuchen könne, war ihm nicht eingefallen. Mr. Hobart ſtand indeß am Strand und trieb die Eingebornen zur Eile an, das Holz herbeizu⸗ ſchaffen. Das ging nur nicht ſo raſch, denn erſtlich war er ihrer Sprache nicht mächtig, und dann haben dieſe Leute auch wirklich gar keinen Begriff von Zeit, und kennen deßhalb auch keine Eile. Was bei ihnen heut nicht fertig wird, bleibt eben auf morgen liegen, das iſt der ganze Unterſchied, und der morgende ein eben ſo guter Tag dafür. Daß die fremden Boote übrigens anders dachten war ihnen ſchon von früher 53 her bekannt,— die machten immer, daß ſie nur ſo raſch wie möglich wieder fort kamen. Daher und weil Tomo ſich ja auch noch draußen an Bord befand und alles Uebrige ſchon abmachen würde, verſtanden ſie ſich endlich dazu das Holz aus dem Schatten der Waldung heraus bis auf den Sand zu werfen. Während einige dreißig Mann, von allen Frauen und Mädchen begleitet, die ſich um ſie her lagerten und ihnen zuſchauten, lachend und mit einander ſchwatzend an die Arbeit gingen, bildete der Harpu⸗ nier aus ſeinen Leuten, mit einem andern Theil der Eingeborenen, zwei Ketten, um ſich die Scheiter ein⸗ ander bis an die Boote zuzuwerfen. Die Boots⸗ ſteuerer legten es dort ſo ein, daß es ſpäter den Ru⸗ dernden nicht im Wege ſein ſollte. Scheit nach Scheit folgte ſolcher Art ziemlich raſch einander, und wurde in beiden Booten zugleich untergebracht. Noch waren dieſelben aber nicht zur Hälfte gefüllt, als der zweite Harpunier, der die eine Kette unter ſeiner Aufſicht hatte, die wehende Flagge an Bord bemerkte, und ſeinen Vorgeſetzten darauf aufmerkſam machte. „Alle Teufel!“ rief dieſer,„da iſt etwas vorge⸗ fallen!— In euere Boote, Leute— raſch— wir müſſen erſt ſehen, was es iſt— in euere Boote ſag' 54 ich!“—„und das Holz?“ fragte der zweite Har⸗ punier.—„Mögen die Faullenzer indeſſen zum Strand ſchaffen,“ rief der Erſtere.„Das Bischen Bewegung wird ihnen überhaupt ganz heilſam ſein.“ Während die Leute, dem Befehl gehorſam, auf ihre Plätze ſprangen, ſahen die Eingeborenen ganz erſtaunt die ſo plötzlich aufgegebene Arbeit. Daß ihnen der Harpunier dabei mit Zeichen bedeutete nur ungehindert fortzutragen, bis er zurückkomme, machte auch keinen weiteren Eindruck auf ſie. Wenn er zurückkam, war es eben noch Zeit genug, und ſie ſammelten ſich jetzt am Strand den raſch abſtoßenden Booten nachzuſchanen. Im Ganzen war es ihnen übrigens recht; brauchten ſie doch jetzt vor der Hand nicht länger Holz zu ſchleppen, und wenn die Weißen das andere haben wollten, würden ſie ſchon wieder kommen. Kamen ſie aber nicht, nun ſo brachte Tomo die Waaren für das mitgenommene Holz zurück. „Wetter noch einmal!“ ſagte der Harpunier, der vorn auf der Bank ſeines kleinern Bootes ſtand und nach dem Schiff hinüber zu ſehen verſuchte,„ich möchte nur wiſſen was der Alte hat. Wenn er uns noch eine Virtelſtunde drüben ließ, waren wir mit allem fertig, und nachher haben wir das verdammte Anlaufen gleich an der nächſten Inſel wieder. Da 55 ſoll immer Zeit geſpart werden, und wird nur mehr verwüſtet.“— „Am Ende iſt irgend etwas mit dem„friſchen Matroſen“ vorgefallen,“ lachte der Bootsſteuerer.— „Nun, mit dem einen Mann und den paar rothen Jungen werden doch die zwölf oder dreizehn Menſchen, die noch an Bord ſind, wohl fertig wer⸗ den,“ brummte der Seemann mit einem halbver⸗ biſſenen Fluch durch die Zähne.„Das iſt überhaupt fauler Kram, und ich wollte— aber was gehts mich an— was er thut mag er auch verantworten.“ Die Boote hatten indeſſen keinen beſonders ſchnellen Fortgang gemacht, da das Holz den Ru⸗ dernden im Wege war. Nur die ausgehende Ebbe begünſtigte ſie, und ſie näherten ſich eben der Aus⸗ fahrt als der alte Harpunier die Flüchtigen erblickte, die eben in wilder Eile an der Einfahrt vorbei ruderten. „Verdamm mich,“— rief er,„da geht das Canoe!— Legt euch in die Riemen, Jungen, daß wir nachkommen: Weshalb, zum Teufel, ſetzen ſie denn da nicht mit ihrem Boote nach?“— „Villeicht ſind ſie hinterher— wir können ſie nur von hier aus noch nicht ſehn, warf der Boot⸗ ſteurer ein.“— N. 56 „Hol der Henker das verdammte Holz!“ fluchte der Harpunier wieder;„die Leute können ſich nicht rühren— werft den Bettel über Bord— doch nein — laßt uns erſt draußen ſein, daß wir den Platz überſehen können.“ Das wäre auch leichter geſagt als ausgeführt ge⸗ weſen, denn wenn ſie das Holz über Bord werfen ſollten, mußten ſie indeſſen die Ruder ruhen laſſen. Schärfer griffen ſie aus, und es dauerte nicht lange, ſo erreichten ſie die Einfahrt in die Riffe, an denen hin ſie jetzt das Canoe flüchtig hinab gehen ſahen. Der Harpunier, der ſein kleines Fernrohr bei ſich hatte, erkannte aber damit den Schotten, und wenn er auch noch nicht begriff wie das alles gekommen ſein konnte, ſo wußte er doch was der Kapitän von ihm wollte, und folgte ſeiner Pflicht. Der in der Richtung nach dem Canoe hin ausge⸗ ſtreckten Hand, das Zeichen für den Steuernden, gehorchte dieſer augenblicklich, der Bug des Bootes flog herum, und während die Leute ihr Möglichſtes thaten raſcher vorwärts zu kommen, ſprang der Har⸗ punier mitten ins Boot hinein, und ſchleuderte ſelber alle Stücke Holz, die nur irgend den Ruderern im Wege lagen, über Bord. Ein Blick auf das Schiff zeigte dabei, daß er die Abſicht des Kapitäns erfüllte, 57 denn die Flagge war wieder eingezogen worden, und die Lucy Evans wendete ſich ſogar, und ſetzte die oberen Segel, der Jagd ſo nah wie möglich zu bleiben. Jemehr Holz der Seemann dabei hinauswarf, deſto leichter wurde das Boot, deſto raſcher ſchoß es vorwärts, und es war ſchon augenſcheinlich, daß ſie ſich raſch dem verfolgten Canoe näherten. Eine andere Einfahrt in die Riffe, der daſſelbe jedenfalls zuſtrebte, war auch noch nicht zu ſehen, oder lag we⸗ nigſtens von der Brandung verdeckt, und Tom er⸗ kannte bald zu ſeinem Entſetzen, daß die Gefahr, wieder genommen zu werden, mit Rieſenſchritten über ihn hereinbreche.— Aber die Einfahrt lag gar nicht mehr ſo fern, und ſo ſchmal war dieſe, daß ihm das Boot kaum wagen durfte dahinein zu folgen, noch dazu, da es an dieſer ſelben Stelle nie hätte wieder ausfahren können. Die offene See wieder zu erreichen, mußte es einen weiten Umweg machen und zwar im Binnenwaſſer hin, an der volkreichſten Stelle der Inſel vorbei, von wo aus ihm Toms jetzige Landsleute doch villeicht Hinderniſſe in den Weg legen könnten. Nur jene Einfahrt vor dem Boot zu erreichen war jetzt die Aufgabe, und das ſchien nur möglich, wenn ſie den hindernden Luvbaum abwarfen. 5 58 Ein paar raſch mit Alohi gewechſelte Worte er⸗ hielten deſſen Zuſtimmung, und Tom riß das Meſſer, das er noch vom früheren Seeleben an der Seite trug, heraus, den Baſt zu durchſchneiden, mit dem die Querſtücke daran befeſtigt waren. Das war im Nu, wenigſtens dort wo er ſaß, geſchehen, der Luv⸗ baum war aber hinten ſowohl als vorn befeſtigt. Während er aber das Querſtück mit der Hand hielt, ſein Meſſer Alohi zurückzureichen, fuhr ihm das glatte Holz, gegen das die Flut jetzt preßte, unter der Hand weg. Das Canoe noch von den beiden andern Ruderern faſt mit derſelben Schnelle vor⸗ wärts getrieben, bekam durch das gegen das Waſſer ſtemmende Querholz eine andere Richtung und ſchoß, aus ſeinem Cours abdrehend, gerade gegen die Brandungswellen zu.. Alohi beſeitigte allerdings mit zwei kräftig ge⸗ führten Schnitten das Hinderniß, aber das ſchmale Fahrzeug kam dadurch ins Schwanken und die In⸗ dianer ſowohl wie beſonders Tom, die das Balan⸗ ciren in ſo leicht beweglichem Kahn nicht gewohnt waren, brauchten mehrere Minuten ehe ſie nur wie⸗ der feſt genug ſaßen den Bug deſſelben der vorigen Richtung zuzudrehen, und von den drohenden Brandungswellen abzuwenden. 59 Das Wallfiſchboot war in dieſer verſäumten Zeit auf kaum zweihundert Schritt herangekommen, und ſo nah klang das regelmäßige Ruderausheben in den Dollen deſſelben, daß Tom wieder und wieder ſcheu den Kopf darnach zurückwarf. Einen Augen⸗ blick, als ſich das Canoe ſo plötzlich wandte, hatte der Harpunier allerdings ſchon geglaubt, das ver⸗ folgte Boot hätte irgend eine Einfahrt zwiſchen den Brandungswellen erreicht und wolle dieſelbe benützen, bald erkannte er aber die wahre Urſache und ein triumphirendes Lächeln zuckte über ſeine Züge. Ihn ſelber dauerte der arme Tenfel, den er hier, wie einen Verbrecher, wieder einfangen mußte, und er würde an des Kapitäns Stelle villeicht anders gehandelt haben, aber der Reiz der Jagd riß ihn auch wieder ſoweit mit fort, daß er jetzt ſein eigenes Leben mit Freuden in die Schanze geſchlagen haben würde, nur um den Flüchtigen wieder in ſeine Gewalt zu bringen. Es iſt das oft ein wunderlicher Zwieſpalt in unſeren Herzen, von dem wir uns nur ſelten Rechen⸗ ſchaft zu geben wiſſen, und manchmal iſt's, als ob irgend ein Dämon mit unſerem beſſeren Selbſt ringe und kämpfe— und leider trägt der Teufel faſt ſtets den Sieg davon. Außerdem wärees ja aber auch eine Schandegeweſen, 60 wenn ein Canoe von drei Rudern getrieben ſeinem Boot, den ſchnellſten an Bord, in dem vier Riemen mit äußerſter Anſtrengung geführt wurden, entkom⸗ men ſollte. Er hätte ſich ja geſchämt wieder an Bord zurückzukehren. Unterdeſſen warf er dabei, mit dieſen Gedanken beſchäftigt, Scheit nach Scheit über Bord, daß ihm der Schweiß in großen hellen Tropfen von der Stirne lief. „Das Canoe hat den Luvbaum abgeworfen, ſchneller vorwärts zu kommen!“ rief auch jetzt der Bootsſteuerer, der es ebenfalls bemerkt hatte, trium⸗ phirend aus.„Seht nur wie ſie hin und her ſchwanken. Wir gewinnen mit jedem Ruderſchlag!“ „Hurrah, meine Jungen!“ ſchrie der Harpunier, „doppelten Grog heute Abend für euch, wenn ihr die Burſchen einholt. Nur noch zehn Minuten, und ſie ſind unſer!“ Wir kommen nicht von der Stelle, Tomo!“ rief indeſſen Alohi mit Todesangſt dem Weißen zu, „denn wenn wir uns viel regen, ſchlagen wir um!“— „So ſteuere gerade in die Brandung hinein!“ antwortete der Schotte in Verzweiflung,„dorthin wagen ſie nicht zu folgen, und— beſſer todt als ge⸗ fangen.“—„Hier nicht!“ rief aber Alohi ängſtlich zurück—„um unſerer aller willen hier nicht. Die 61 Riffe liegen ſcharf und ausgedehnt dahinter, und unſere Leiber würden zerſchmettert und zerriſſen wer⸗ den, ehe ſie das Binnenwaſſer erreichten.“— „Dann ſind wir verloren,“ murmelte Tom dumpf vor ſich hin, während durch eine unvorſichtige Bewe⸗ gung das Canoe wieder ins Schwanken kam. Die drei Ruder mußten aufhören zu arbeiten, und in derſelben Minute ſchoß der Bug des Wallfiſchbootes an ſie hinan. „Komm herüber, mein Burſche, und mach keine unnützen Schwierigkeiten mehr,“ ſagte der Harpu⸗ nier, faſt eher in einem freundlichen als barſchen Ton.„Du ſiehſt, du kommſt nicht fort— ſpring ins Boot und laß die rothen Jungen ihr Canve in Gottes Namen weiter rudern.“ „Mit welchem Recht fallt Ihr mich hier auf offenem Meere an?“ rief aber der Schotte entrüſtet. „Seid Ihr Freubeuter, daß Ihr preßt, was Ihr zu Euerem Dienſte braucht?“— „Das macht mit dem Alten aus,“ erwiderte ruhig der Harpunier,„ich habe nur den Auftrag Euch einzubringen.“ Die Matroſen hatten indeſſen das Canoe gefaßt, und der Harpunier ſtreckte den Arm nach dem Un⸗ glücklichen aus. 62 „Es thut mir bei Gott ſelber leid,“ ſetzte er dann leiſe hinzu,„aber— zum Teufel, wer hieß Euch auch wieder in des Löwen Rachen hineinſteigen. macht aber jetzt gute Miene zum böſen Spiel, denn das Schlimmſte iſt doch nur eine Trennung von zehn oder zwölf Monaten von Euerer Inſel. Bis dahin haben wir unſer Schiff voll, und daß Euch der Ka⸗ pitän dann hier wieder abliefert, verſteht ſich wohl von ſelbſt.“ Tom Burton ſtand einen Augenblick zaudernd in ſeinem ſchwanken Kahn. Noch konnte er ſich los⸗ reißen und über die Brandungswellen hin Tod oder Freiheit ſuchen— aber die Luſt zum Leben ſiegte doch in ihm. Vom Bord des Schiffes aus war viel⸗ leicht noch Rettung möglich— die Wellen hier hätten ihn dem ſich eren Tod entgegengeſchleudert. „Lebwohl, Alohi,“ ſprach er, dem Schwager die Hand reichend,„grüß deine Schweſter von mir, und ſag ihr, was du geſehen haſt. Wenn die Brodfrucht zum zweiten male reift, bin ich hoffentlich wieder bei euch— vielleicht auch früher,“— ſetzte er mit feſt zuſammengebiſſenen Zähnen hinzu. „Alohi geht nicht nach Tubuai zurück,“ ſagte aber der Indianer ruhig, indem er ſein Ruder in das Canoe warf und von ſeinem Sitze aufſtand,„Ana⸗ “ 63 hona mag das Fahrzeug zurücknehmen. Ich bleibe bei dir.“ „Du willſt mit uns gehen?“ Alohi nickte nur als Antwort mit dem Kopf. „Was ſagt er?“ rief der Harpunier. „Er will mich nicht verlaſſen— darf er uns be⸗ gleiten?“ „Verſteht ſich, mein Junge,“ lachte der Seemann froh einen Mann mehr an Bord hinüber zu bringen, „und wir wollen ſehn, daß wir einen tüchtigen Ma⸗ troſen aus ihm machen. Aber nun raſch— wir trei⸗ ben hier mit der Strömung gegen die Brandung zu — kommt über Tom.— Daß Euch der Alte nicht ſchlecht behandeln ſoll, dafür laßt mich ſorgen.“ Alohi wechſelte nur einige Worte mit ſeinem Landsmanne und ſtieg dann zuerſt in das Wallfiſch⸗ boot hinein— Tom folgte ihm langſam. Die Ru⸗ der wurden wieder eingeworfen, der Bug des Bootes flog herum, und während das Canoe, von dem einen Indianer geführt, nach der alten Einfahrt in den Riffen zuſteuerte, den Eingebornen die traurige Kunde zu bringen, ruderten die Weißen guter Dinge der Lucy Evans entgegen. Den Leuten mochte die Gefangennahme des armen Teufels vielleicht leid thun, und viele ſahen 44 darin ihr eigenes Schickſal, wenn ſie ſelber eine oft und oft überdachte Flucht verſuchen ſollten; aber im Ganzen war es ihnen doch recht. Einmal an Bord eines Wallfiſchfängers wäre ihnen der Mangel eines Zimmermanns bald fühlbar geworden, er mußte ſo⸗ gar zuletzt ihren Fang beeinträchtigen. Dadurch aber wurde ihr Verdienſt geſchmälert, und der Eigen⸗ nutz regiert ja nun doch einmal die Welt. Es war ein furchtbares Gefühl, mit dem Tom das Schiff wieder betrat, wo er auch eben auf nicht freundliche Weiſe mit Fluchen und Verwünſchungen von dem vorhin überliſteten dritten Harpunier em⸗ pfangen wurde. Vollkommen ruhig benahm ſich dagegen der Kapitän, der trotz des ausgeführten Ge⸗ waltſtreichs dem Mann ſeine jetzt verſuchte und aller⸗ dings gerechtfertigte Flucht nicht noch durch harte Reden, oder gar irgend eine Strafe wollte entgelten laſſen. Tom ſelber war dagegen nicht Willens ſich ſo ganz geduldig in ſein hartes, und wie er glaubte, ungerechtes Loos zu finden. Der Kapitän ſollte ſich wenigſtens ſpäter nie entſchuldigen können nicht ge⸗ wußt zu haben was er begehe, indem er ihn ſeiner Familie, ſeiner jetzigen Heimath entreiße. Ohne deshalb einen weitern Befehl von deſſen Seite abzu⸗ warten, ſchritt er, ſobald er die Schanzkleidung über⸗ ſtiegen hatte, und ohne auf die bitteren Reden des gereizten dritten Harpuniers auch nur mit einem Blick zu antworten, auf den Kapitän zu. Dieſer ſtand neben dem Steuernden, das Auge auf die Segel geheftet und der Mannſchaft die Befehle zum Um⸗ braſſen zurufend. „Kapitän Rogers.“— „Ah Mr. Burton— wieder an Bord? Ihr wer⸗ det vor allen Dingen daran gehen müſſen das Boot auszubeſſern, das Ihr vorhin, in der Eile an Land zu kommen, zerſchlagen habt. Wir brauchen es noth⸗ wendig.“ „Kapitän Rogers“ wiederholte Tom, und mußte ſich Gewalt anthun die nöthige Ruhe zu behaupten, „Sie wiſſen, daß Sie eine ungeſetzliche— unmenſch⸗ liche That begehon, indem Sie mich gewaltſam von hier fortführen.“ „Ungeſetzlich?— begingt Ihr etwa eine geſetz⸗ liche That, als Ihr von dem Bonnie Scotchman flüchtig wurdet?“ „Das war der Bonnie Scotchman,“ ſagte Tom ruhig,„und hätten Sie mich damals wieder einge⸗ fangen, wären Sie in ihrem vollen Rechte geweſen mich zu ſtrafen wie Sie es für gut befanden. Gegen Gerſtäcker, Blau Waſſer. 5 66 dieſes Schiff aber habe ich keine Verbindlichkeiten gebrochen.“ „Gegen dieſes Schiff allerdings nicht, aber gegen mich,“ ſprach der Kapitän gleichfalls ruhig.,, Unſere Anſichten mögen darüber verſchieden ſein, und glaubt Ihr Recht zu behalten, gut, ſo könnt Ihr mich im nächſten Engliſchen Hafen, den wir erreichen, ver⸗ klagen. Für jetzt bitte ich Euch aber Euere Pflicht ruhig und ordentlich zu erfüllen und mir die unan⸗ genehme Nothwendigkeit zu erſparen Euch— doch wozu harte Worte?“ unterbrach er ſich raſch.„Ihr kennt die Verhältniſſe an Bord eines Wallfiſchfängers ſo gut wie ich ſie Euch ſchildern kann, und ſeid ver⸗ nünftig genug das Beſte zu wählen. Unſere Reiſe wird überdies hoffentlich nicht ſo lange mehr dauern.“ Er wandte ſich ab von Tom, als ſein Auge auf den Indianer fiel und er lächelnd ſagte:„Habt Ihr da noch einen Matroſen für mich geworben?“ „Er iſt der Bruder meines Weibes, der mich nicht verlaſſen will,“ verſetzte Tom finſter. „Ah, Euer Schwager, deſto beſſer! Ich hoffe, es ſoll ihm bei uns gefallen und nun— ſeid ſo gut und geht an Eure Arbeit.“ Tom war entlaſſen und ſein Schickſal entſchieden. Er wußte, daß er nichts weiter von Bitten noch 67 Drohungen zu hoffen hatte, ja die letzteren ſeine Lage nur verſchlimmern konnten, und war vernünftig ge⸗ nug, ſich dem zu fügen. Unbeläſtigt von irgend Je⸗ mand— denn der dritte Harpunier hatte ſtrengen Befehl bekommen, dem neuen Zimmermann des letz⸗ ten Fluchtverſuchs wegen keine weiteren Vorwürfe zu machen— verrichtete er jetzt ſeine Arbeit, und wenn ihm auch das Herz hätte brechen mögen, als das Schiff ſeinen Cours in die See hinaus nahm, und Tubuai mehr und mehr am Horizzont verſchwand, verbiß er doch ſeinen Schmerz. Es ſollte niemand ahnen was in ihm vorging— ſeine Zeit kam doch vielleicht. Nicht ſo ruhig aber nahm Alohi den Abſchied von ſeinem Vaterlande. Im Anfang zwar hatte er ſich mit ziemlicher Gleichgültigkeit dem Entſchluß hinge⸗ geben, ſein Schickſal an das ſeines Schwagers zu knüpfen— eine gewiſſe Furcht mochte ihn ebenfalls dazu getrieben haben, den Klagen der Schyeſter auszuweichen. Jetzt aber, als die palmenreiche Küſte, als die grünen Gipfel ſeiner Berge niedriger und niedriger wurden, und endlich auch der letzte in die See verſank und die weite Oede furchtbar bewältigend vor ihm lag, da wurde ihm doch recht weh nnd ängſt⸗ lich zu Muthe und er kauerte ſtill und traurig an 5* Deck nieder, ſenkte den Kopf und verhüllte ſich das Geſicht mit ſeinem Schultertuch. Niemand beläſtigte ihn an dem Tag; die See⸗ leute wußten ſchon aus früherer Zeit, daß ſie den Ein⸗ geborenen, wenn ſie deren einmal als Arbeiter auf ihre Schiffe bekommen, Raum zu ihrem Heimweh geben mußten. Nachher fanden ſie ſich ſchon beſſer hinein. Ihr leichter Sinn hob ſie bald über den wirklichen Verluſt hinweg, und ließ ſie in dem Neuen und Wun⸗ derbaren das ſie umgab, ſogar das Vaterland ver⸗ geſſen— freilich nur, bis irgend eine neue Hügel⸗ ſpitze am Horizont auftauchte, und die Sehnſucht dann wohl ſo ſtark zurückkehrte als je. Tom war indeß feſt entſchloſſen, jede nur mögliche Gelegenheit zu neuer Flucht zu benutzen, und mit Alohis Hülfe, den die Indianer einer fremden Inſel gewiß eher unterſtützt als ausgeliefert hätten, hoffte er auch auf gutes Gelingen. So nachſichtig ihn aber auch der Kapitän in See behandelte, ſo ſtreng wurde er überwacht, ſo lange ſie nur in Sicht einer der zahlreichen in den dortigen Meeren zerſtreut liegenden Inſeln kamen, und als ſie ſpäter in Hilo auf Hawaii anlegten, durfte der arme Teufel nicht einmal das Zwiſchendeck, ausgenommen mit Bewachung, verlaſ⸗ ſen. An Flucht war da gar nicht zu denken. Alohi dagegen konnte frei umhergehen, wohin es ihm be⸗ liebte. Kapitän Rogers wußte recht gut, daß ihm der nicht davonlaufen würde, ſolange er nur den Schotten hielt. Der einzige Feind den Tom an Bord hatte, war der dritte Harpunier, Mr. Elgers, der ihm die dama⸗ lige Flucht nicht vergeſſen konnte; und peinlich wurde dies Verhältniß ſogar, als er und Alohi⸗ gerade ſei⸗ nem Boote zugetheilt wurden. So knapp war die Lucy Evans nämlich an Mannſchaft, daß nicht einmal der Zimmermann, wenn nicht beſonders nöthige Ar⸗ beit an Bord ſeine Anweſenheit erforderte, beim Fang der Fiſche entbehrt werden konnte. Alohi beſonders hatte dort eine ſchwere Zeit, denn an das eiſige Klima nicht gewöhnt, konnte er ſich, trotz der erhaltenen warmen Kleidung, gar nicht mehr erwärmen. Die ſchwere Arbeit dazu, das Ru⸗ dern am Tag, das Auskochen bei Nacht— oder in der Dämmerung wenigſtens, da es dort oben in den Sommermonaten nicht Nacht wurde— rieb ſeinen Körper faſt auf. Aber keine Klage kam über ſeine Lippen, und nur manchmal, wenn er oben im Top der Maſten den Ausguck nach Wallfiſchen hatte, drangen die leiſen wehmüthigen Töne eines kleinen heimiſchen Liedes, das Tom nur zu gut kannte, auf 70 das Deck nieder und verriethen ihm wenigſtens, wie weh es dem armen Indianer im Herzen ſei. Ihre Jagd war ziemlich glücklich. Sie nahmen ſo viel Fiſche, daß der Kapitän beſchloß, wenn auch ſein Schiff noch nicht ganz gefüllt war, keine weitere Jahreszeit hier oben abzuwarten, ſondern nach Hauſe zurückzukehren. Auf der Heimfahrt konnte er dann das Fehlende vielleicht noch nachholen.— Auf Oahu wurde das Schiff wieder mit friſchen Proviſionen und Waſſer verſehen, und der zweite Harpunier wie zwei Bootſteuerer, die auf den Sandyichsinſeln zu bleiben wünſchten, ausgezahlt. Es geſchieht dies ſehr häufig wenn ein Schiff ſeine Heimfahrt antritt, und iſt ſtets ein Nutzen für die an Bord Zurückblei⸗ benden. Die Abgehenden brauchen nämlich nicht allein nicht mehr beköſtigt zu werden, ſondern ſie ſind auch genöthigt, ihren Antheil am Thran hier billiger anzunehmen, als es in England der Fall gewe⸗ ſen wäre. Nur den Zimmermann und Böttcher brauchte das Schiff noch nothwendig für die weitere Fahrt, und trotz des erſten Harpuniers Bitte für Tom Burton, ihn in der Nähe ſeiner Heimath abzuſetzen, wenn ſie dieſe erreichen würden, erklärte der Kapitän ihn noth⸗ gedrungen mit nach Hauſe nehmen zu müſſen, da er 71 das Schiff nicht der Gefahr ausſetzen durfte, unter⸗ wegs bei ſchwerem Wetter und ſo tief geladen zu Schaden zu kommen. Was konnten ſie dann ohne Zimmermann anfangen?— Der Harpunier ſchwieg. Der Kapitän hatte recht— und auch nicht; er ſelber aber mochte mit der Sache nichts weiter zu thun haben. Sobald ſie den Aequator wieder paſſirt hatten, bat übrigens Tom ebenfalls den Kapitän darum, bei Tubuai anzulaufen und ſie Beide ihren Familien zurückzugeben, der Kapitän gab ihm aber ganz auf⸗ richtig dieſelbe Antwort wie ſeinem Harpunier, und Tom war zu viel Zimmermann und Seemann, um nicht ſelber einzuſehen, daß jener von ſeinem Stand⸗ punkt aus vollkommen recht hatte. Aber zur Ver⸗ zweiflung trieb es ihn bald, wenn er daran dachte, wie er jetzt vielleicht in einer Tagereiſe Entfernung an dem kleinen Inſelland vorbeiſchwamm, das ſeine Heimat geworden, und alle die Menſchen in ſich faßte die ihm lieb und theuer waren, und daß trotzdem doch vielleicht noch Jahre vergehen müßten, ehe er den Boden wieder betreten konnte. Und doch ſah er keine Möglichkeit zur Flucht. Weiter und weiter verfolgte indeſſen das Schiff ſeine Bahn. Die Breite von Tubuai mußten ſie 72 jedenfalls ſchon paſſirt haben, und die Ungewißheit darüber fraß ihm nur noch mehr am Herzen. Der Kapitän nämlich, der die Beobachtungen der Sonne ſelber nahm und berechnete, vermied ſtets irgend jemand Anderem ihre Bahn mitzutheilen. Die Leute durften auch gar nicht darnach fragen, und die Har⸗ puniere bekümmerten ſich nicht darum. Das war eine Sache, die ſie nichts anging. Sie hatten nur mit dem Fang der Fiſche zu thun; das Schiff in den richtigen Hafen zu bringen war des Kapitäns Sache. Mehrfach tauchten jetzt wieder einzelne Inſel⸗ gruppen am Horizont auf und Alohi hatte dieſe ſtets mit peinlichſter Spannung beobachtet. Ihm allerdings hatte der Kapitän freigeſtellt das Schiff zu verlaſſen oder zu bleiben, der treue Burſche aber wollte nicht von Tomo weichen. Wohin der ginge, ging er mit, und wenn die Weißen ſchlecht genug wären den noch einmal mit fortzuſchleppen, ſollten ſie ihn auch mitnehmen. So ſtanden die Sachen, als Tom Burton eines Morgens vorn an der Gallerie beſchäftigt war die Stevenpumpe in Ordnung zu bringen. Aber die Arbeit ging ihm heute nicht von Statten. Da drü⸗ ben, leewärts, lag wieder Land, lagen die Spitzen zweier, wie es ſchien, ziemlich hoher Inſeln, und er konnte die Augen nicht abwenden von dem theueren Boden— vielleicht dem letzten Palmengrund den ſie zu ſehen bekamen, ehe ſie die ſchwere, kalte Fahrt um Kap Horn antraten. Was es für Inſeln ſeien konnte er freilich nicht errathen. Er hatte den erſten Harpunier, der immer noch am freundlichſten mit ihm geweſen, darum gefragt, aber dieſer wußte es ſelber nicht, oder wollte es nicht wiſſen. „Tomo,“ ſagte da plötzlich eine leiſe ſcheue Stimme an ſeiner Seite„weißt du, was das da drüben für Land iſt?“—. Tom fuhr von einem plötzlichen Gedanken durchzuckt nach ihm herum. „Tubuai?“ rief er mit angſtgepreßter und doch wild herausgeſtoßener Stimme.„Aber nein— nein.“ ſetzte er dann leiſe und kopfſchüttelnd hinzu,„das ſind die heimiſchen Berge nicht; an deren Fuße wohnt nicht—“ „Halte dich ruhig,“ flüſterte Alohi,„die Andern brauchen nicht zu wiſſen, daß wir über das Land ſprechen.“— „ und was hülfe es uns? Haben wir ein Boot, daß wir es erreichen könnten?“ „Dorthin liegt nicht Tubuai,“ ſprach Alohi vor⸗ ſichtig. Das iſt Tahiti— die große Inſel, auf der 4 die Feranis wohnen. Die andere links davon iſt Morea.“ „Aber woher kennſt du die Inſeln?“— „Als Knabe war ich mit dem Miſſionskutter einſt auf Tahiti; ich habe den ſpitzen Gipfel nicht vergeſſen.“ „Und Tubuai?— Wohinaus liegt das?“ „Gerade dorthin, wo die Sterne Abends ſtehen, die ihr das Kreuz nennt— nur ein wenig mehr nach leewärts zu,“ flüſterte der Eingeborene, ohne den Kopf nach der bezeichneten Richtung zu wenden. „Wir ſind noch lange nicht an Tubuai vorbei. Wenn wir ein Boot frei machen könnten,— ich fände jetzt leicht die Richtung dorthin.“ „Es geht nicht— es geht nicht,“ ſeufzte Tom. „Die Boote hängen zu nah am Steuerruder,— und wenn ich ſelbſt die Wacht dort hätte— einer der Harpuniere iſt ſtets an Deck.“ „Und zwiſchen den Wachen, Nachts,— wenn ſie unten im Buche ſchreiben?“— Ton ſchüttelte trau⸗ rig den Kopf. „Das erſte Reiben des Taus in den Blöcken müßten ſie hören, und ehe wir nur das Boot auf dem Waſſer hätten, wären wir verrathen. Nein, armer Burſche, es bleibt uns jetzt ſchon keine andere 75 Wahl als geduldig auszuharren, die ſchwere Zeit— noch viele lange, lange Monde.“ Alohi gab ſeinen Plan noch nicht auf. Das Land in Sicht, das ihm plötzlich die Richtung der eigenen Heimat zeigte, hatte die Sehnſucht ſtärker als je in ihm erweckt. Aber ſelbſt die Elemente ſchienen ihm entgegen, denn der Wind legte ſich faſt ganz und es wurde ſo ſtill, daß eine Flucht im Boot, ſelbſt wenn ſie glücklich das Schiff damit verlaſſen hätten, un⸗ möglich geworden wäre, Nur bei kräftiger Briſe hätten ſie hoffen können mit Segeln zu entkommen. Die Nacht brach ein, und am nächſten Morgen als die Sonne wieder im Oſten emporſtieg und das ſpiegelglatte Meer beſchien, war das Land ver⸗ ſchwunden. Bald nach Sonnenaufgang erhob ſich aber der Wind auch wieder und die Luey Evans lief jetzt mit ziemlich kleinen Segeln etwa vier Knoten die Stunde nach Süden nieder. In den letzten acht Tagen hatte ſie keinen Fiſch gefangen, und das Deck lag rein und ſauber geſcheuert. Zu arbeiten war da⸗ bei ebenfalls wenig, und der Böttcher, ſo ziemlich die einzige ununterbrochen thätige Perſon, da die mit dem heißen Thran gefüllten Fäſſer ſcharfes Aufpaſſen und mehrmaliges Nachtreiben der Reifen verlangen, wenn ſie nicht leck werden ſollen. Die Ausgucks wurden je⸗ 76 doch regelmäßig in den Tops der Maſten gehalten, denn ſie befanden ſich hier noch im beſten Spermfiſch⸗ revier und hätten noch ein halbes Dutzend der fetten Burſchen brauchen können, um ihr Schiff bis zum Deck zu füllen. Vier volle Tage, Nachts dabei nur wenig Fort⸗ gang machend, lagen ſie ſo, dicht am Winde, um ſo viel wie möglich nach Oſten anzuhalten. Daß ſie Tubuai jetzt paſſirt hatten, war gar keine Frage mehr, und die weite öde See lag vor ihnen, ein traurig wildes Ziel. Am vierten Nachmittag war Tom oben in den Top des Vormaſts zum Ausguck geſandt und konnte die Blicke nicht abwenden von der Richtung, in der er die Heimat wußte. Er ſchaute ſo lange nach Weſten, in die untergehende Sonne, bis ihn die Augen ſchmerzten, und wandte ſich endlich in Pein und Unmuth ab, damit ſeine Gedanken nicht über. ihn Herr werden möchten. Eine Zeitlang flimmerte es ihm vor den Augen, ſo hatten ihn die Strahlen der Sonne geblendet, und doch kam es ihm vor, als ob er dort drüben zu wind⸗ huärts, einen dunklen Punkt erkennen könne. War das ein Fiſch?— Er wäre der letzte geweſen ihn an⸗ zurufen, denn jetzt, nachdem ſie ſeine Inſel im Rücken hatten, lag ſeine einzige Hoffnung auf einer ſchnellen Fahrt, der alten Heimat zu, um von dort dann mit dem erſten Schiff den Rückweg hieher zu finden. Das Einſchneiden eines Fiſches hätte die nur ver⸗ zögert.— Aber nein, das war kein Fiſch. Ein dunkler Gegenſtand lag gar nicht ſo ſehr weit ent⸗ fernt, ziemlich hoch aus dem Waſſer. Was es ſei, kannte er nicht erkennen, rief aber das Schiff unten an und meldete mit dorthin ausgeſtreckter Hand, was er bemerkt. Er war ſelber neugierig geworden. Einer der Harpuniere ſtieg raſch mit dem Fern⸗ glas nach oben, und erkannte bald in dem dunklen Gegenſtand einen kleinen entmaſteten Kutter, der dort, anſcheinend herrenlos, auf dem Waſſer trieb. Niemand auf der Welt hat aber beſſer Zeit, etwas derartiges zu unterſuchen, als gerade ein Wallfiſch⸗ fänger, da er nicht das Mindeſte dabei verſäumt. Die Ausgucks bleiben natürlich fortwährend in den Maſten, und während er beilegt, oder gegen den Wind aufkreuzt, können ihm ebenſo gut Fiſche in den Wurf laufen, als wenn er mit vollgeblähten Segeln vor dem Wind fortginge. Außerdem war hier eine Ausſicht auf Gewinn— es konnte ein mit Perl⸗ mutterſchaalen oder Cocosöl beladener Kutter ſein, der aus irgend einem Grund von ſeiner Mannſchaft verlaſſen worden. Jedenfalls lohnt es der Mühe die 78 Stunde daran zu wenden, ihn zu unterſuchen, und die Sonne war eben noch hoch genug, um ihn wenig⸗ ſtens vor ihrem Untergang zu erreichen. „Mr. Hobart!“ rief der Kapitän,„nehmen Sie ihr Boot und zugleich— oder laſſen Sie lieber Mr. Elgers gehn,“ unterbrach er ſich,„der hat den Zimmermann in ſeinem Boot. Tom mag ſein Hand⸗ werkszeug mitnehmen. Meißel, Säge, Hammer und Beil; man weiß nicht was da außzuſchlagen iſt. Lohnt es der Mühe, ſo bleiben Sie dort liegen, bis wir dazu aufkreuzen können— Sie mögen ſich auch eine Laterne mitnehmen, falls es zu dunkel wer⸗ den ſollte.“ Der Befehl wurde raſch ausgeführt und Tom vom Maſt herunter gerufen. Hier blieb ihm auch wirklich kaum Zeit, ſein nothwendigſtes Geſchirr zu⸗ ſammenzuraffen und in das Boot zu ſpringen. Das hatte die übrige Mannſchaft indeß mit allem Nöthi⸗ gen verſorgt, und ſie ſtießen gleich darauf von Bord ab, das Wrack zu unterſuchen. Unten auf dem Waſſer konnten ſie es aber noch nicht erkennen, und von der großen Raae aus gab ihnen ein dort hinaufgeſchickter Matroſe die Richtung an, in der ſie ſteuern mußten, bis ſie ſelber nah genug kamen, es von der blitzendeu Flut, die ihren Horizont begrenzte, zu unterſcheiden. 79 „Legt euch in die Riemen, meine Burſche,“ er⸗ munterte der Harpunier die Leute,„es wird ſonſt dunkel, eh' wir noch hinkommen; die Sonne geht ja, ſchon unter. Regt ein bischen die faulen Knochen— wer weiß, ob nicht in dem Kaſten da drüben mehr ſteckt, als zwei Wallfiſche werth ſind.“ Das letztere war jedenfalls die beſte Anregung für die Leute. Mit aller Macht legten ſie ſich in die Ruder, und das ſchlanke treffliche Boot ſprang leicht über die kaum bewegten, aber von einer ſriſchen Briſe dunkelgekräuſelten Wellen der blauen See, ſo daß ſie bald das erſehnte Ziel erreichten. Es war in der That ein kleiner inländiſcher Kutter, wie ihn die Weißen hie und da für die Ein⸗ geborenen auf den Inſeln bauen, und womit auch oft Europäer, beſonders Franzoſen, zwiſchen den ver⸗ ſchiedenen Inſelgruppen herumfahren und Perlmut⸗ terſchaalen, Cocosöl, Limonenfaft oder andere Pro⸗ dukte gegen europäiſche Waaren, ſeltener gegen Geld, eintauſchen. Jedenfalls hatte ein Sturm das kleine Fahrzeug erfaßt und die Mannſchaft, wenn ſie nicht verunglückt war, ſich in ihrem Canoe zu retten geſucht. An Deck lagen nur einige Cocosnüſſe, die Alohi, ohne weiter einen Befehl deßhalb abzuwarten, in das Boot warf. Außerdem war aber von dem 80 Takelwerk noch manches zu gebrauchen, der Ankerz. B. allein ſchon etwas werth, und der Harpunier ließ ſich jetzt die Laterne anzünden, um in den innern Raum, der nur theilweiſe mit Waſſer gefüllt ſchien, hinein zu ſteigen und nach Papieren oder ſonſt werthvollen Sachen zu ſuchen. Die Mannſchaft ſprang indeß ſämmtlich an Deck des kleinen Fahrzeugs, um ſo viel wie möglich wenigſtens von dem Tauwerk zu bergen, falls ſich die Ladung als werthlos erweiſen ſollte. Die Sonne war allerdings ſchon unter und die Nacht fing an, ſich von Oſten her langſam über die weite, leiſe wogende See auszubreiten. Die Dämmerung i*ſt in jenen Meeren nur ungemein kurz, und dem Tag folgt faſt unmittelbar die Nacht. „Hierher, Zimmermann; gebt einmal ein Beil herunter,“ rief der Harpunier, der mit dem Boot⸗ ſteuerer nach unten geklettert war, an Dec hinauf, „und bringt einen Meißel mit.“ Tom ſtieg in das Boot, daß in Lee vom Kutter angebunden hing, das kleine Käſtchen mit Handwerks⸗ geräth herauf zu holen, als plötzlich jemand zu ihm in das Boot ſprang und dieſes ein Stück vom Kutter abſchoß. Er richtete ſich überraſcht empor und er⸗ kannte Alohi, der mit einem trotzigen Lächeln über den dunkeln Zügen, ein Meſſer in der Hand, mit dem — er eben das Tau durchſchnitten hatte, einen Augen⸗ blick ſtolz und hoch aufgerichtet vorn im Boot ſtand. Es war aber auch wirklich nur ein Augenblick, denn im nächſten Moment ſchon warf er das Meſſer von ſich und griff einen der Riemen auf. „Hallo— das Boot iſt flott!“ rief einer der zu⸗ rückgebliebenen Leute.„Auf der an deren Seite, Kanaka“*, mußt du den Riemen einſetzen— du ſchiebſt es ja noch immer weiter ab.“— „Was thuſt du, Alohi?“ rief Tom erſchreckt.— „Was ich thue, Tomo? Ich will nach Tubuai fahren— und nun Segel auf und fort, denn es dauert noch wenigſtens eine Viertelſtunde, ehe es vollkommen Nacht iſt. Die andern Boote werden bald hinter uns her ſein.“ „Aber Alohi!“ rief Tom,„mit dieſem Boot ſol⸗ len wir die Entfernung—“—„Und wenn's ein Canoe wäre,“ lachte der Indianer wild vor ſich hin, „beſſer hier zu Grunde gehen als länger bei jenen weißen Teufeln ausharren. Alohi bleibt nicht mehr bei ihnen.“— *Der Name bedeutet eigentlich einen Sandwichs⸗Inſu⸗ laner, aber die Seeleute geben ihn gewöhnlich allen Eingebor⸗ nen der Südſee. Gerſtäcker, Blau Waſſer. 5 6 „Nun denn mit Gott!“ rief Tom laut aufjubelnd, indem er mit raſchem Griff den kleinen Maſt in den dazu beſtimmten Platz ſetzte.„Land werden wir ſchon irgendwo treffen, und nun hinaus in See!“— „Oh Tom— Oh Kanaka!“ riefen indeſſen die beiden zurückgelaſſenen Matroſen erſchreckt durch ein⸗ ander,—„hallo, Mr. Elgers, das Boot iſt fort!“ „Den Teufel auch!“ ſchrie dieſer, indem er raſch nach oben ſprang. Aber in die gottesläſterlichſten Verwünſchungen brach er aus, als die beiden Flücht⸗ linge ſeinen Anrufen nicht gehorchten, ſondern mit geblähtem Segel, ſcharf am Winde hin das Weite ſuchten. In wilder Haſt und Wuth ſchwang er dabei die Laterne hin und her, als einzig mögliches Zeichen für das Schiff, von dort ſo raſch als möglich Hülfe herbeizuholen. An Bord hatten ſie indeſſen von oben aus eben⸗ falls, wenn auch nicht das Abſtoßen des Bootes, denn dazu war es nach Oſten hin zu dunkel gewor⸗ den, aber doch das geſetzte Segel entdeckt. Der Mann, der als Ausguck oben ſaß, rief es an Deck hinunter. Nichts deſtoweniger zerbrach er ſich den Kopf dabei, weßhalb das Segel nicht gerade auf das Schiff zu hielte, und auf dem Wrack noch immer Jemand die Laterne ſchwenkte. Seiner Pflicht nach rapportirte er das endlich ebenfalls, und der erſte Harpunier lief raſch an der Want hinauf, ſich von dem Thatbeſtand zu überzeugen. Mr. Hobart brauchte indeſſen keine lange Zeit, den wahren Verlauf zu durchſchauen. „Mein Boot auf's Waſſer!“ ſchrie er in dem nämlichen Augenblick an Deck hinab und glitt dann ſelber an einer von den Pardunen nieder. „Was iſt vorgefallen, Mr. Hobart!“ rief der Kapitän, der unten neben dem Steuerrad ſtand,„iſt das Boot verunglückt?“— „Halb und halb,“ lachte der Harpunier mit einem derben Fluch zur Bekräftigung,„für uns wenigſtens hier. Es geht mit vollgeblähtem Segel nach Lee zu, und ich müßte mich ſehr irren, wenn Tom und der Kanaka nicht eine Vergnügungstour darin vor⸗ hätten.“— „Verdammniß!“ ſchrie der Kapitän, das Deck ſtampfend.— „Sie hätten ihn ſollen laufen laſſen, als es noch Zeit war,“ ſagte der Harpunier, ſeinen dicken Rock, der ſchon für die Nachtwache beſtimmt auf dem Gang⸗ ſpill lag, aufnehmend und anziehend.„Jetzt werden uns die Burſchen wieder zu einer verteufelten Hetze zwingen und— verdenken kann ich's ihnen auch 67 ——yy 1 —— 84 I nicht— ich thäte daſſelbe an ihrer Stelle.“ Er war dabei auf die Bulwarks geſprungen und glitt an dem V Tau draußen nieder, in das hinuntergelaſſene Boot. „Sehn Sie ſich vor, Mr. Hobart, daß ſie das Schiff im Auge behalten,“ ermahnte ihn der Kapi⸗ tän,„ich werde Laternen an den Tops aufhängen laſſen.“ „Ay, ay, Sir,“ rief der Harpunier zurück, mur⸗ melte aber in den Bart:„werde den Tenfel thun und in Nacht und Nebel dem Schiff aus Sicht lau⸗ fen— keine Furcht, Alter. Nur zu, Jungen, greift aus!“ rief er den Leuten zu, und die vier Riemen tauchten zu gleicher Zeit in die Fluth und machten das Boot raſch davonſchießen.— Aber die beiden Flücht⸗ linge hatten, obgleich er raſcheren Fortgang machte als ſie, nicht viel von ihm zu fürchten. Es war nämlich unter der Zeit ſo dunkel geworden, daß der Mann im Ausguck dem verfolgenden Boote nur noch die ungefähre Richtung des flüchtigen Segels ange⸗ ben konnte, und der mußte es folgen, ſo gut es eben ging. Zugleich mit ihm hatte Kapitän Rogers auch das zweite Boot— und zwar in Ermangelung eines zweiten Harpuniers unter dem Befehl des Böttchers — nach dem Wrack abgeſchickt, die noch dort befind⸗ —,ʒʒ¾; 85 lichen Leute abzuholen. Von oben war das Licht zu erkennen, und einen darüber befindlichen Stern annehmend, konnten ſie dadurch leicht ihren Cours halten. Die Lucy Evans ſetzte jetzt alle Segel, braßte auf und lief eine Strecke hinter den Flüchtlingen her. Als jedoch der Schein der Laterne auf dem Wrack immer ſchwächer wurde und endlich ganz verſchwand, blieb ihr nichts anders übrig, als bei zu drehen und auf ihre beiden Boote zu warten, die der Lucy Lichter beſſer erkennen konnten. Im Weſten zeigte ſich außer⸗ dem eine aufſteigende Wolkenſchicht, und der Kapitän durfte ſeine Mannſchaft in den Booten draußen, die nicht einmal mit Proviſionen verſehen waren, nicht der Gefahr ausſetzen verloren zu gehn. In zwei Stunden etwa kehrte der Böttcher mit den Leuten vom Wrack zurück, und eine halbe Stunde ſpäter auch Mr. Hobart mit ſeinem Boot. Von den Flüchtlingen hatte er aber nichts mehr finden können, und als am nächſten Morgen die Sonne, mit einer ſcharfen Briſe, die ihre weißen Schaumwel⸗ len über die weite, blaue, aufgewühlte Fläche warf, dem Horizont entſtieg, war nichts mehr von ihnen zu entdecken. Sie mußten die Ver⸗ folgung aufgeben— die Segel wurden wieder 86 umgebraßt, und der Wallfiſchfänger wandte ſei⸗ nen Bug aufs neue der Heimat zu. Eine Nacht voll Todesangſt verbrachten indeſſen die beiden Flüchtlinge, denn wohl wußten ſie, daß das Schiff ihrer Bahn folgen würde, und zufällig konnte es ja doch immer dieſelbe Richtung beibehalten, wie ſie. Befanden ſie ſich aber bei Tagesanbruch noch in Sicht und wurden ſie entdeckt, ſo waren ſie jeden⸗ falls verloren. Eine volle Stunde behielten ſie nichts deſtoweni⸗ ger ihren Cours bei, um nur erſt den Blicken der Nachſetzenden entzogen zu werden, dann aber kreuzten ſie auf Toms Rath, ſo wenig Fortgang ſie auch dabei machten, gerade in den Wind auf. Dadurch behiel⸗ ten ſie die Wahrſcheinlichkeit für ſich, daß ſie das Schiff im Dunklen paſſiren würde, und an ein Wie⸗ derfinden war dann nicht leicht zu denken. Mit der Morgendämmerung, um keine Vorſicht außer Acht zu laſſen, nahmen ſie das weiße Segel ein, das ſie vielleicht hätte verrathen können, und ſuchten ſorg⸗ fältig den ganzen Horizont nach irgend einem Schiffe ab.— Es war nichts zu ſehen. Da voll guten Mu⸗ thes ſetzten ſie der friſchen Briſe das Segel wieder, das ſie jetzt in vollem Flug nach Weſten, der Heimat entgegentrug. Noch waren ſie keineswegs außer Gefahr, denn wenn ſie auch das Schiff nicht mehr zu fürchten hatten, befanden ſie ſich doch in einem dünnen, leicht zerbrechlichen Boot, ohne Proviſionen, nur mit dem kleinen Fäßchen voll Waſſer, das in allen Wallfiſch⸗ booten liegt, mitten auf dem weiten Ocean, und ſoll⸗ ten ihr Ziel ohne Inſtrumente faſt auf gut Glück nur finden. Aber ihr Muth verließ ſie nicht, und wie ſie, von der kräftigen Briſe getragen, luſtig über die tanzenden Wogen glitten, jubelten ſie ihre Luſt und Seligkeit laut und jauchzend hinein in die wiedergewonnene freie herrliche Welt. So ganz ohne alle Hülfsmittel waren ſie aber auch nicht. Da die Boote eines Wallfiſchfängers oft in der Verfolgung eines Fiſches weit abgezogen werden, oder auch halbe und ganze Tage lang drau⸗ ßen bei einem gefangenen Fiſch liegen müſſen, bis das Schiff zu ihnen aufkreuzen kann, ſo befindet ſich hin⸗ ten im Spiegel bei allen ein kleiner Verſchlag, zu dem der Harpunier den Schlüſſel hat, und in dem meiſt im⸗ mer ein kleiner Taſchencompaß, ein Feuerzeug, Fiſch⸗ angeln und Leinen, ein paar Dutzend Schiffszwieback und nicht ſelten auch einige Bücher weggeſtaut ſind. 88 Dieſen Verſchlag brach jetzt Tom, während Alohi ſteuerte, mit ſeinem Handbeil auf, und fand ſich hier reichlicher verſorgt als er geglaubt hatte. Der Com⸗ paß beſonders konnte ihm die beſten Dienſte leiſten. Das Wichtigſte aber, was er neben dem Schiffszwie⸗ back in dem Verſchlag fand, war ein kleines, von dem Rev. Ruſſell über die Südſee⸗Inſeln herausgegebenes Buch, an dem ſich eine allerdings ſehr unvollkommene, aber doch eine Karte der Inſeln befand. Wenn auch nur die Lage der einzelnen Gruppen darauf angege⸗ ben war, ſah er doch, daß ſie ſich, ſeit ſie Tahiti ver⸗ laſſen, gerade etwa weſtlich von ihren Inſeln befinden müßten, und dadurch Alohis Meinung, der dieſen Cours genommen haben wollte, vollkommen beſtätigt. Drei Tage und Nächte fuhren ſie ſo ihre lange, einſame Bahn, und lebten von den Cocosnüſſen, die Alohi von dem Kutter ins Boot geworfen, den paar Zwiebacken und einigen Bonitos, die ſie unterwegs fingen. In Toms Seele begannen dabei ſchon Zweifel aufzuſteigen, ob ſie nicht am Ende gar ſüdlich unter allen Gruppen wegſteuerten und nicht beſſer thäten, mehr nördlich aufzuhalten. Alohi wollte aber davon nichts wiſſen— wenigſtens noch nicht für dieſen Tag. So brach der Abend herein, und als die Sonne im Weſten ſank und den Horizont 8* dort mit durchſichtigem Licht erfüllte, hatte des In⸗ dianers ſcharfes Auge einen Punkt ſüdweſtlich von ihnen entdeckt, der vielleicht ein Segel, möglich erweiſe aber auch eine Landſpitze ſein konnte. Ihr Plan war bald gefaßt. Da die Dunkelheit ihnen nur zu bald den Gegenſtand entzog, hielten ſie einige Stunden lang der Richtung zu und nahmen hierauf das Se⸗ gel ein, ihr Boot bis zum nächſten Morgen treiben zu laſſen. Fanden ſie mit Tageslicht den dunkeln Punkt nicht mehr, ſo war es ein Segel geweſen, und ſie beſchloſſen dann weiter nach Norden aufzuhalten. Wie aber die Sonne im Oſten ihr erſtes Licht ſandte, ſchrie Tom mit freudigem Entzücken„Land— Land, Alohil dort drüben liegt Land!“ und Freudenthrä⸗ nen liefen dem ſtarken Mann die ſonnverbrannten Wangen nieder. Noch war freilich nichts weiter zu erkennen als ein ſtumpfer, aus dem Waſſer vorragender Bergkegel. Wie ſie aber raſch das Segel wieder geſetzt hatten und jetzt mit der friſchen Briſe darauf zuhielten, tauchte er auch ſchnell höher und höher empor, und „Vavilu!“ rief da plötzlich Alohi, ſein Steuerruder loslaſſend und von ſeinem Sitz emporſpringend, Vavilu!“ Es war die Nachbarinſel von Tubuai, nur etwa 90 noch zwanzig Seemeilen von ihr entfernt, und ihre Richtung lag von hier faſt ganz Weſt. Nichts deſto⸗ weniger hielten ſie auf die Inſel zu, wenn das auch ihre Rückkunft verzögert, um ſich dort erſt wieder zu erholen und beſonders Früchte und Cocosnüſſe an Bord zu nehmen. Noch an demſelben Morgen gewannen ſie das Land— für ſie der Freiheit Boden, aber nicht eine Nacht litt es ſie unter den Palmen; ihre Raſt war erſt in der Heimat. Sowie die Sonne deßhalb ſank und die Luft kühler wurde, ſchifften ſie ſich, mit allem reichlich verſehen was ſie jetzt brauchten, wieder ein, und mit der Morgendämmerung konnten ſie auch in der Ferne ſchon das hohe breite Land von Tubuai erkennen, das ſie an demſelben Nachmittag erreichten. Das war ein Jubel, das ein Jauchzen auf der kleinen Inſel, als die für immer verloren geglaubten mit vollgeblähtem Segel in die Einfahrt der Riffe liefen und von weitem ſchon die Tücher ſchwenkten. Intaha jauchzte, wie das Boot nur den Sand be⸗ rührt, an des Gatten Bruſt, und die Kleinen— nicht die ſeinigen allein, ſondern faſt die ganze kleine Be⸗ völkerung der Inſel drängte herbei, umfaßte ſeine Kniee und ſuchte ihn zu ſich niederzuziehn. 91 e Tom Burton war wieder in ſeiner Heimat, und nie im Leben ſchien es ihm, als ob die Palmen ſo traulich gerauſcht, die Blüthen ſo ſüß geduftet, der Himmel ſo blau und wonnig ausgeſehen hätte, wie an dem Tage. Aber er blieb auch dort und betrat nie wieder, bis zu jener Zeit als ich ihn kennen lernte, ein europäiſches Schiff. Manche legten dort wieder an— eines ſogar einmal mit ſeinem alten Freund— Mr. Hobart an Bord, der ihn zum erſtenmal gefangen nahm. Die beiden Männer ſchüttelten auch einander die Hände und lachten über jene Zeit, aber an Bord ging Tom doch nicht, ſo freundlich ihn Mr. Hobart, der jetzt ſelber Kapitän geworden, auch einlud, und ſo heilig er ihm das Verſprechen gab, ihn nicht einmal mit ei⸗ nem Gedanken zurückzuhalten. „Das iſt alles recht ſchön und gut,“ ſagte Tom, „ſo lange wir das hier auf feſtem Grund und Boden abmachen. Da ſeid ihr Seeleute auch ganz andere Menſchen; auf dem Waſſer aber, auf eurem eigenen Schiff— der Teufel trau euch, und ich, für mein Theil, hab an der Spazierfahrt damals gerad genug gehabt.“— —— Das Auswanderer⸗Schiff. Von einer günſtigen Briſe getrieben, glitt das wackere Auswanderer Schiff die Kaptaube“, die ſchon acht Tage durch ſtürmiſches Wetter in der Mündung der Schelde und in der Nordſee zurück⸗ gehalten worden, über die wieder ziemlich beruhigte Fluth in den Kanal hinein und zwiſchen Calais und Dover hin. Die„Kaptaube“ kam von Antwerpen, mit hun⸗ dert und dreißig Auswanderern nach New⸗York be⸗ ſtimmt. Für Paſſagiere dabei ganz beſonders mit allen nur möglichen Bequemlichkeiten, räumlichen Decks und Cajüten, gutem Proviant und Waſſer ausgeſtattet, fingen die meiſten der Leute, wie ſie nur einmal den erſten Anfall der Seekrankheit überſtan⸗ den, ſchon an, ſich wohl und behaglich an Bord zu fühlen. So recht zur Beſinnung war aber noch Kei⸗ ner von ihnen gekommen.— Es iſt auch ein wunderliches Gefühl, auf einem ſolchen Fahrzeug ſein Alles eingeſchifft zu haben, für eine andere Welt.— Wenn wir nur eine Reiſe un⸗ ternehmen, und ſei ſie noch ſo weit, wären ſelbſt Jahre für ihre Dauer beſtimmt, der Schwerpunkt unſeres Lebens bleibt doch im Vaterlande zurück; der Platz, der unſere Heimath geworden, bleibt derſelbe. Hunderte uns liebe Weſen und Dinge laſſen wir mit dem Bewußtſein hinter uns, ſie wieder zu finden wenn wir zurückkehren, und die Freude des Wieder⸗ ſehens wirft ihre Strahlen ſchon jetzt auf jenes Bild. Mit gepacktem Koffer machen wir nun eben einmal einen Sprung in's Leben hinein, zu ſehn, wie ſie's draußen treiben, halten unſeren Rücken dabei gedeckt, und, ſind wir's müde, treten wir den Heimweg an. Wir haben einen Platz wohin wir gehören; geht es uns draußen ſchlecht, was thut's? iſt die Reiſe vor⸗ über, können wir uns daheim wieder erholen. Die fremden Länder die wir betreten, behalten dabei eine ganz beſtimmte Färbung; wir intereſſiren uns wohl für ſie, aber mehr auch nicht; wir freuen uns ihrer Scenerie, ihres Klimas, der Sitten und Gebräuche ihrer Völker, wie man etwa ein ſchönes Gemälde betrachtet, oder ein gutes Buch lieſt, aber unſer Herz hängt nicht weiter daran, und eine neue 94 Landſchaft läßt uns die früher geſehene bald ver⸗ geſſen.— Wir ſind nicht gezwungen uns dort hei⸗ miſch zu fühlen.. Wie anders iſt das, wenn der ſcharfe Kiel, der unſer Alles trägt, die Fluth dem fernen Welttheil zu, durchfurcht; wenn die Brücke zum Vaterlande hinter uns abgebrochen liegt, und wir die Heimath gemieden haben auf nimmer Wiederkehren. Wir wiſſen was wir hier verlaſſen, aber nicht was wir dort wiederfinden, und der dunkle Schleier, der über der Zukunft liegt, füllt da nicht ſelten ſelbſt das Herz des Muthigſten mit banger Sorge⸗ Ein herrliches Mittel dagegen iſt die Seekrank⸗ heit. In dem müßigen monotonen Leben der See⸗ fahrt wüggen ſich Tauſende von denen, die ihr Va⸗ terland auf immer verlaſſen haben, nur dumpfem Brüten und Trübſinn hingeben, und den Schmerz der Trennung viel ſchwerer, viel furchtbarer empfin⸗ den; aber ehe ſie an Bord nur recht zur Beſinnung kommen können, und kaum im Stande ſind ihre Sachen zu ordnen zu der langen Fahrt, ſich nur ein kleinwenig bequem in dem neuen, ungewohnten undeigentlich höchſt unbequemen Leben einzurichten, naht mit dem erſten Schaukeln des Schiffes der unerbittliche, erbarmungs⸗ loſe Feind, und ertränkt im Lethe das Vergangene. ½ 0 Von dem Augenblick an, wo der Menſch ſeekrank iſt, exiſtirt keine weitere Welt mehr für ihn, weder in Vergangenheit, Gegenwart noch Zukunft.— Was er daheim verlaſſen, was dort drüben aus ihm wird, was hier mit ihm geſchieht— bah— was kümmert's ihn; er hört und ſieht, und riecht und ſchmeckt nicht mehr. Der einzige Sinn, der ihm geblieben, iſt das Gefühl— das Gefühl grenzenloſen, unbegriffenen Elends und einer Gleichgültigkeit wieder, ſogar hier⸗ gegen, die ihn ſelber in Erſtaunen ſetzen würde, wenn es noch irgend etwas auf der Welt gäbe, das dies bewirken könnte. Dieſer Zuſtand hat eine ſolche Conſiſtenz, daß 3 die Vergangenheit, ſelbſt wenn er endlich gewichen, doch nur wie mit einem dichten Schleier bedeckt hin⸗ ter uns liegt, und dem ſcharfen Schmerz des Ab⸗ ſchieds keine Gewalt mehr über das Herz verſtattet. Mit ihm beginnt gewiſſermaßen ein ganz neuer Ab⸗ ſchnitt unſeres Lebens, und eigenthümlich zu beobach⸗ ten iſt die Veränderung, die in dem ganzen Weſen und Betragen der Paſſagiere nach dem erſten eintre⸗ tenden ſtillen Wetter vor ſich geht. Die Leute ſind gar nicht mehr dieſelben; die heimathliche Küſte iſt außer Sicht, dieſer furchtbare Zuſtand zwiſchen Leben und Sterben, vor dem ſie ſich nicht retten konnten . gewichen, und das weite, offene Meer um ſie her, mit ſeinen leichten plätſchernden Wogen, der Anblick der geblähten Segel, des vorn am Bug aufkräuſeln⸗ den Schaumes und Giſchts, wie das wackere Schiff ſo raſch die Fluth durchſchneidet, füllt ihre Seelen mit neuer Lebensluſt, mit friſcher, fröhlicher Hoffnung bis zum Rand. Am erika, das iſt das Ziel jetzt dem ſie entge⸗ gen ſtreben, und wenn ſie Abends nach dem dünnen Thee oben auf dem Verdeck ſitzen und die Sterne über ſich funkeln, die Waſſer unter ſich rauſchen hören, dann ſchaaren ſie ſich zu kleinen Gruppen zu⸗ ſammen, wie ſie ſich eben zu einander gefunden an Bord, und bauen ſich Schlöſſer in die blaue, reine Luft, die hoch zu den Wolken reichen, und mit dieſen gen Weſten ziehen— aber traurig iſt keiner mehr. Wie mancher ſchöne Plan wird da erſonnen, wie mancher phantaſtiſche Traum ausgebrütet und gehegt. Gar weh freilich würde Vielen von ihnen um's Herz ſein, wenn ſie vorher wüßten, wie bei den Meiſten es nur eben Pläne, nur eben Träume bleiben ſollten. Aber die Zukunft birgt das noch in ihrem dunklen Schooß, und durch den tauſendfarbigen Regenbogen der Hoffnung liegt ihnen das ferne Land ſchon jetzt in Paradieſes Pracht und Schmuck vor Augen 97 8——. Wie ſie lachen dabei und ſingen und jubeln— ſind das dieſelben Menſchen, die erſt vor wenig Wochen mit rothgeweinten Augen am heimiſchen Strande ſtanden, und denen das Herz brechen wollte von bitterem Weh und Leid?— Fort mit den Sorgen! Amerika, das iſt das Zauberwort, dem alle trübe Gedanken weichen mußten, und„wenn wir nur erſt einmal dort ſind!“ lautet der Tröſtungsruf. Indeſ⸗ ſen haben ſie weiter nichts zu thun als zu eſſen, zu trinken und ſich zu amüſiren, bis ſie der Kapitän an Ort und Stelle liefert, und ſie thun das eben nach beſten Kräften. Hier ſitzen ein Paar oben an Deck um einen um⸗ geſtülpten Waſchkübel, und ſpielen Karten; dort ſteht eine kleine Gruppe um einen kurzen, dicken Schuhmacher, den Spaßvogel des Schiffes, herum, den Geſchichten zu lauſchen die er ihnen erzählt, und über die ſie ſich ausſchütten wollen vor Lachen. Hier kauern Einige vorn auf der Back des Schiffes und ſingen, und Andere liegen lang ausgeſtreckt auf den warmen Planken in der Sonne und ſchauen zu den ſchwankenden, neigenden Maſten und den über ihnen hinziehenden Wolken hinauf, die herüber und hinüber zu ſchießen ſcheinen am Firmament. Ein Theil hat ſich aber nützlicheren Beſchäftigungen gewidmet, rei⸗ Gerſtäcker, Blau Waſſer. 7 A 98 nigt ſein Geſchirr oder ſeine Kleider, wäſcht und beſſert aus, und die Frauen beſonders ſind mit den Kindern in voller Arbeit, an denen ſie ebenfalls, ge⸗ rade wie an dem Geſchirr, zu putzen und zu ſcheuern haben, und die ſich trotzdem am allerwohlſten an Bord zu fühlen ſcheinen. Das Kind richtet ſich auch am leichteſten in ſolch neue Verhältniſſe ein; ſein junger Geiſt iſt nur dem Augenblick empfänglich, und neue Eindrücke prägen ſich ſo raſch dem Kinderherzen ein, als es die älteren ſchnell und leicht verwiſcht. Was weiß es von Ver⸗ gangenheit und Zukunft; ſeine kleine Welt umſchließt eben der Augenblick, und in dem engen Kreis hat es an Luſt und Sorgen, Schmerz und Freude auch wie⸗ der gerade ſo viel zu tragen, wie's eben tragen kann. So dauert es denn auch gewöhnlich gar nicht lange und die Kinder, die überdies am wenigſten von der Seekrankheit ergriffen werden, ſpielen und haſchen ſich, ſelbſt bei ſchwerem Wetter, munter über „Deck, lachen und jubeln, wenn ſie eine Spritzwelle trifft, und kennen ſelbſt keine Furcht in dem grol⸗ lenden Sturm, der an den Planken rüttelt und reißt. Die ſchlimmſte, ſchwerſte Zeit an Bord haben die Frauen, denn außer der Sorge um die kleine Brut, die luſtig tobend über Deck ſchwärmt, und klettert ) 99 * und ſteigt, und ewige Aufſicht erfordert nicht dennoch zu Schaden zu kommen, nagt ihnen das, was ſie ver⸗ laſſen haben, auch am meiſten am Herzen. Die Frau iſt weit mehr an die Scholle gebunden als der Mann; ihr ganzes Leben und Wirken ſchon liegt in der Häuslichkeit, in dem engen Kreis ihres eigenen Heerdes, und nur mit Mühe und tiefem Schmerz reißen ſie ſich von dieſem los. Hätten die Frauen darüber zu beſtimmen, nicht der zehnte Theil der jetzt Auswandernden würde das Vaterland verlaſſen, und lieber ertrügen ſie das Schwerſte, ehe ſie die wohnliche Stätte mieden, die ihre Heimath geworden. Bei ihnen wurzelt die Erinnerung an das, was ſie verloren, auch am tiefſten; die Sorge für die Zu⸗ kunft müſſen ſie doch dem Manne überlaſſen, und all ihr Sinnen und Grübeln gehört der Zeit die hinter ihnen liegt. Die Frauen ſind deshalb ge⸗ wöhnlich die ſtillſten Paſſagiere an Bord, und wenn ſie auch nicht klagen und jammern über etwas, das nun doch einmal nicht mehr zu ändern iſt, ſpricht die heimlich zerdrückte und raſch und ängſtlich wieder entfernte Thräne, die ihnen nur zu oft die Wange feuchtet, deſto lebendiger das aus, was ihnen auf der Seele liegt. Gleichgültig gegen alles Derartige ſind natürlich 7. ————«— 8 100 „. die Matroſen, Steuerleute und Kapitän mit einge⸗ rechnet. Die See iſt ihre Heimath, ſie kennen keine andere, und das Schiff der Gegenſtand, um den ſich ihre ganze Sorge dreht. Der Seemann gehört auch wirklich mit zu den Amphibien, d. h. zu den Weſen, die auf dem Lande und im Waſſer oder wenigſtens auf dem Waſſer le⸗ ben können, ſonderbarer Weiſe aber ſämmtlich das Waſſer vorziehen und zu ihrem Haupt⸗Aufenthalts⸗ ort wählen. Am Lande ſind ſie unbehülflich und linkiſch, man kann ſie auf den erſten Blick erkennen: der ſchwankende Gang, die vom Körper abhängen⸗ den Arme, die etwas gedrückte Haltung ſelbſt, machen die Burſchen überall kenntlich, wo ſie ſich auf feſtem Boden ſehen laſſen. Sie fühlen ſich auch dort nicht wohl, ſie wiſſen, daß das ihr Element nicht iſt, und halten ſich wie Seehund, Froſch, Alligator, Schild⸗ kröte ꝛc. 2c., immer dicht am Ufer auf, zu neuer Aus⸗ fahrt jeden Augenblick bereit. Ein echter Matroſe im innern Lande würde ſich gerade ſo wohl da füh⸗ len, wie ein Fiſch auf einer Wieſe. Der echte Matroſe wechſelt auch ſein Schiff nicht gern. Wenn er es nur irgend mit Kapitän und Steuermann aushalten kann, und dieſe es ihm eben nicht gar zu bunt machen, bleibt er an Bord des einmal gewählten Fahrzeugs und gewinnt das lieb, wie wir die eigene Heimath lieb gewinnen. Er wird ſogar ſtolz darauf, und fühlt ſich bitter gekränkt, wenn ein anderes Schiff beſſer aufgeriggt, reinlicher gehalten wäre, oder gar, das Schlimmſte von Allem faſt, ſchneller ſegelte, als das ſeine, und mit gleicher Anzahl von Segeln an ihm vorbeiliefe auf offener See. Es iſt ein Theil ſeiner ſelbſt geworden, und was dem Schiff geſchieht, geſchieht auch ihm. Einen beſondern Haß hat der Seemann, der echte, richtige Matroſe wenigſtens, auf Paſſagiere— oder, wenn er ſie auch nicht gerade wirklich haßt, verachtet er ſie doch gründlich. Ein Paſſagier iſt ihm das nutzloſeſte, unbequemſte, ſtörendſte und fatalſte Stück Fracht, das ſich auf der weiten Gottes Welt nur denken läßt, und einem ordentlichen Matroſen wird es auch nie einfallen—wenner das irgendändern kann — ſich ein Schiff auszuſuchen, das regelmäßige Paſ⸗ ſagierfahrten macht— er ginge eben ſo gern auf einen Wallfiſchfänger. Ueberall im Wege, wo ſie nicht gebraucht wer⸗ den, Alles beſchmutzend und verderbend woran ſie die Hände legen können, auf allen Reiſen faſt Unge⸗ ziefer brütend, machen ihm die Paſſagiere das Schiff zu einer Hölle, und haben ſelber genug dabei von ſei⸗ nem Unmuth und Schabernak zu Feden. Wozu, um Gottes Willen, iſt ſolch ein Paſſagier auch nütz?— er kann nicht nach oben gehn, denn wenn er das Deck wirklich einmal verläßt, in die Wanten zu ſtei⸗ 3 gen, hat er alle Hände voll zu thun ſich nur ſelber feſtzuhalten; er kann kein Segel nähen, kaum einen Reefknoten machen, kann nicht ſteuern, noch eine der gerade verlangten Braſſen“ finden, und wenn er Monate lang an Bord wäre, und iſt zu faul Schie⸗ manns Garn zu drehn oder Werg zu zupfen. Was 1 alſo in der weiten Welt iſt mit ihm anzufangen? gar Nichts. Dabei ſitzt er gewiß immer an den Stellen, wo er gerade nicht ſitzen ſollte, hängt die ausgewaſchene Wäſche an das laufende Tauwerk, daß die Falle, wenn ſie einmal recht raſch angeholt b werden ſollen, in den Blöcken hängen bleiben„und einklemmen, hat natürlich immer nägelbeſchlagene Schuhe und zertritt die friſch geſtrichenen Decks, und 1 trampelt regelmäßig zur Unzeit über dem„Logis“ vberum, in dem der Theil der Mannſchaft, der„ſeine 4 Wacht zur Coye hat“, liegt und die paar Stunden ſchlafen will. b Außerdem kann er nur einen Menſchen verach⸗ .„ * Die Taue zum Anholen der Raaen. 103 ten, der ſeekrank wird, und zwar ſo ſeekrank, wie es eben wieder nur ein Paſſagier werden kann. Und in der Zeit hat der Matroſe auch wirklich ſeine wahre Laſt und Noth mit dem unglückſeligen Volk in Zwiſchendeck und Cajüte, das, wie er nur kaum ein⸗ mal das Deck rein gewaſchen hat, aus irgend einer Luke vorgeſtürzt kommt, nur ſelten im Stande iſt, die Reilung zu erreichen, und ſeiner Krankheit den Lauf läßt, wo er eben liegt. Wer dann wieder mit Eimer und Scheuerbeſen hinterher kommen muß, iſt natürlich der Matroſe, und die einzige Erleichterung, die er ſich dabei verſchaffen kann iſt, ſeinem Herzen durch eine unbeſtimmte, ungemeſſene Anzahl Flüche Luft zu machen. Und wie ſieht ſo ein Auswanderer⸗Schiff in der Zeit von außen aus!— was müſſen die Fiſche denken, wenn ſie vorüber ſchwimmen! denn von der Schiffsmannſchaft ſchaut gewiß keiner über Bord.— Doch genug von den Leuten; wir wollen an Bord ſelber zurückkehren. Es war Abend— eigentlich der erſte, warme freundliche und ſtille Abend, den die Auswanderer gehabt, ſeit ſie in der Schelde ihren Anker gelichtet, und die Paſſagiere verſäumten nicht, ihn zu genießen. Der kleine, dicke Schuſter beſonders war unter ihnen 8 thätig einen Ball zu arrangiren, holte aus den Tiefen ſeiner Kiſte eine alte eingedrückte Violine— eine„Schweſter von Paganini's Inſtrument“, wie er behauptete— ſetzte ſich damit auf den Windlaß, der hinter dem Hauptmaſt ſtand, und deſſen blank geſcheuerter Meſſingkopf mit einer ledernen Ueber⸗ kappe bedeckt war, und begann eine wahrhaft wichls⸗ würdige Polonaiſe zu ſpielen. Wo ſich aber, bei wirklich guter Muſik, Mancher nach der ſo kurzen Trennung von der Heimath ge⸗ ſcheut haben würde zu tanzen, überwand das Komi⸗ ſche dieſer kreiſchenden, Ohr zerreiſſenden Melodie, die kein anderes Verdienſt hatte, als ihre Mißtöne wenigſtens im richtigen Tact heraus zu ſtoßen, bald jede weitere Bedenklichkeit. Selbſt die ſonſt Ernſte⸗ ſten lachten erſt über die wirklich entſetzlichen Paſſa⸗ gen, die der Schuſter mit einer unzerſtörbaren Ruhe und endlich, als er mehr in Hitze kam, ſelbſt im Schweiße ſeines Angeſichtes herausarbeitete, und traten dann langſam ſelber mit zu der endloſen Po⸗ lonaiſe an, die ſich um den Windlaß herum am Lar⸗ bordgangweg hin, vorn vor dem Logis vorüber, und dann auf dem Starbordgangweg zurück wieder zu dem Platze bewegte, von dem ſie ausgegangen war. Selbſt einige hannöver'ſche Bauern in Holzſchuhen 195 nahmen an dem Tanze Theil, und wie der Schuſter erſt einmal ſah, daß er ſie Alle in Bewegung hatte, ſprang er mit ſeinen Diſſonanzen plötzlich in einen munteren Rutſcher über, deſſen Erfolg über ſein Erwarten gut ausfiel. Eine Maſſe junger Leute, Burſchen und Mäd⸗ chen, waren an Bord, bei denen es eben keiner be⸗ ſonderen Einladung bedurft hätte, ſie zum Tanz zu bringen, und die fingen natürlich raſch an ſich luſtig im Kreiſe zu drehen. Die übrigen folgten, wenn auch etwas langſamer, dem gegebenen Beiſpiel, und ſelbſt von den Matroſen miſchten ſich einige zwiſchen die wie von der Tarantel Geſtochenen, griffen ſich die hübſcheſten Mädchen heraus und flogen im Tact herum, den jetzt die Holzſchuhe der Hannoveraner, ſelbſt ohne die dazwiſchen quietſchende Violine, auf dem Deck der Kaptaube ſchlugen und ſtampften Der Kapitän hatte Nichts gegen das fröhliche Treiben an Bord; bis acht Uhr, wo doch ſämmtliche Mannſchaft an Deck verſammelt war, konnten ſie toben, die Bewegung war ihnen überdies geſund, dann freilich mit dem Ton der Glocke war Feierabend — die Schiffs⸗Polizeiſtunde— und die Nacht be⸗ gann. Die Zeit bis dahin mußte alſo nach beſten Kräften benutzt werden. * Raſch und ſchäumend, über die nur leiſe wogende See, verfolgte indeſſen das wackere Schiff ſeine Bahn; der Wind hatte ſich nach Nord⸗Oſten gedreht und mit allen Segeln geſetzt, bis in die oberſten Stengen hinauf, durchſchnitt der ſcharfe Bug luſtig die ziſchend und ſpritzend zur Seite ſchlagende Fluth. Vorn im Weſten erhob ſich zwar eine dunkle Wol⸗ kenſchicht, hinter der die Sonne jetzt gluthroth nieder ſank, aber die obere Luftſtrömung iſt der unteren, über das Waſſer ſtreichenden, oft ganz entgegengeſetzt, und keinesfalls bekümmerten ſich die Paſſagiere um den grauen Saum, der ihren Horizont umzog. Hell und klar funkelten die Sterne ſchon vom ſonſt wolkenreinen Himmel nieder, und zu ihrer Rechten wurde ein rothſchimmernder Punkt dicht über dem Waſſerſpiegel ſichtbar— ein Leuchtfeuer der engliſchen Küſte, unter der ſie hinſegelten.— Wie das ſo ſtill und freundlich zu ihnen herüberglühte von dem fernen Strand, der ſichere Führer nach dem Hafen dort. Aber ihr Ziel lag weiter; kein gaſtliches Ufer konnte ſie ablocken von der beſtimmten Bahn, und weiter und weiter zurück blieb das Wachtlicht dort drüben, bis andere vor ihnen auftauchten, die Bahn bezeichnend die ſie nahmen. Der Tanz hatte jetzt aufgehört; die Tänzer wa⸗ . ren allerdings ſo wenig müde geworden, wie der Geiger, aber die Saiten des Inſtruments— wenn der violinartig geformte Kaſten wirklich einen ſolchen Namen verdiente— weigerten längeren Dienſt, mußten, da ſie in der feuchten Abendluft mehr und mehr nachgaben, höher und höher hinauf geſchraubt werden, und platzten endlich. Nur die Holzſchuhe waren einmal in Gang und Tact gekommen und klapperten fort, bis endlich des Kapitäns lauter Ruf auch ihre Fröhlichkeit unterbrach, und den mißhandel⸗ ten Schiffsplanken Ruhe gönnte. Es wurden Leute nach oben geſchickt, die leichte— ren Segel einzunehmen und ein paar gegen Abend ausgeſetzte Leeſegel wieder einzuholen; die Wolken⸗ wand im Weſten hob ſich höher und drohender, und der vorſichtige Seemann wollte ſein Segelwerk bei doch etwa eintretendem anderen Wind beſſer in der Gewalt haben. Die Oberbramſegel flatterten und ſchlugen im nächſten Augenblick an ihren Raaen, die„leichten Matroſen“ ſprangen nach oben, ſie an ihren Hölzern feſtzuſchnüren; die Leeſegel kamen ebenfalls blähend an Deck und wurden dort geborgen, und die nächſte Wacht, die von acht bis zwölf zu ſtehen hatte, lag, ihre Antrittszeit erwartend, vorn auf der Back, den Erzählungen des Segelmachers lauſchend, der einſt an Bord eines engliſchen Kriegsſchiffes gedient hatte, und die nöthige Gabe beſaß, ein„Garn zu ſpinnen“ d. h. ſeine Erzählungen mit der fabelhafteſten Phan⸗ taſie auszuſchmücken und zu würzen. Die Auswanderer hatten ſich indeſſen ebenfalls in kleinen. Gruppen geſammelt. In Lee’ ſtand eine Anzahl von ihnen zuſammen und ſang ihre heimi⸗ ſchen Weiſen; Andere lehnten über Bord, und ſchau⸗ ten ſtill und ſchweigend nach den einzelnen Leucht⸗ feuern hinüber, die jetzt auch von der franzöſiſchen Küſte her ſichtbar wurden, und untergehenden Ster⸗ nen glichen, und wieder Andere lagen über die an Deck feſtgeſchnürten Waſſerfäſſer zerſtreut, oder im großen, zwiſchen dem Haupt⸗ und Fockmaſt befeſtig⸗ ten Boot, blieſen den Rauch ihrer Pfeifen oder Ci⸗ garren in die ſtille Nachtluft hinein, und ſchauten zu den Sternen und den ſchwankenden Maſten hinauf. Ein eigenthümlich ſchriller Laut pfiff da über die See und das Schiff neigte ſich ſo plötzlich und ſcharf nach Lee hinüber, daß, wer nicht feſt ſtand, zur Seite rutſchte und rollte und alles an Deck ſtehende lockere * Die, der Richtung, von welcher der Wind herkommt, ent⸗ gegengeſetzte Seite des Schiffes. Geſchirr und Geräth polternd nach Larbord übet kollerte. um Euer Leben, los mit den Marſen!“ ſchrie in die⸗ ſem Augenblick die Stimme des Kapiäns gellend über Deck. Die Matroſen ſprangen erſchreckt herbei, aber ſie ſelber hatten Noth, ſich im erſten Augenblick der Ueberraſchung feſtzuklammern und nicht ebenfalls nach Lee zu geworfen zu werden, und ehe ſie nur die Falle, an denen die oberen Raaen befeſtigt waren, erreichen und, wie der Befehl lautete, abwerfen konn⸗ ten, braches und knatterte es oben in den Stengen und kam, unter dem Heulen der plötzlich aufgeſprungenen Bö, raſſelnd an Deck nieder, zwiſchen die ängſtlich aufſchreienden Paſſagiere hinein. Noch ſtanden die unteren Maſten, und durch die niedergeſchmetterten Stengen hatte der ſo plötzlich herangebrauste Sturm wenigſtens ſeine größte Macht auf das Schiff verloren, das ſich langſam wieder auf⸗ richtete. Aber die Kaptaube trieb auch, ein halbes Wrack, auf den Wellen, und unter dem Flattern der Segel, da der Mann am Steuer in plötzlichem Schreck das Schiff gerade in den Wind hinein gedreht hatte, daß es nicht den mindeſten Fortgang mehr durch's Waſſer machte, ſprangen die Matroſen jetzt „Steht bei den Fallen! Los mit den Bramfallen, an ihre Plätze, lösten die Schoten des großen Se⸗ gels und der Fock, ließen die Clüver nieder— der Clüverbaum war ebenfalls abgebrochen— und war⸗ fen das Beſanſegel los. In furchtbarer Schnelle hatte ſich indeſſen die im Weſten aufgekommene Wand gehoben; von der Windsbraut getragen kam ſie herauf, und wie die Leute nah dabei waren, das indeſſen wieder ſeinem Steuer gehorchende Schiff von allem frei zu kappen, was darum herhing; an Deck zu ziehen was zu retten war, und das Uebrige über Bord zu ſchneiden, kam ein fluthender Regen wolkenbruchartig niederge⸗ ſtrömt, ſammelte ſich an Deck und ſchlug, da er ſo raſch gar nicht durch die jetzt noch überdies mit Se⸗ gel und Tauwerk verſtopften Speygaten ablaufen konnte, in die noch offenen Luken hinein. Die Paſſagiere hatten den erſten Anprall des Sturmes mit dumpfem, ſtarrem Schweigen hingenom⸗ men. So plötzlich war das Unwetter aus vollkommen „heiterer Luft über ſie hereingebrochen, ſo wild und toll ſchlugen ihnen die Stengen und Segel dazu um die Köpfe, daß ſie die Größe des Unfalls nicht ein⸗ mal gleich begriffen. Nur die Frauen bemächtigten ſich inſtinctartig zuerſt der Kinder, dieſe vor dem fallenden Hölzern, wenn es ſein mußte, mit den 111 eigenen Körpern zu decken, gewannen aber auch zuerſt ihre Stimmen wieder und ſchrien und wehklagten jetzt in das Heulen und Brauſen der Elemente hinein. Hatten die Seeleute übrigens die Paſſagiere, die ihnen mehr als je überall im Wege waren, noch bis jetzt unbeläſtigt an Deck gelaſſen, ſo war das die alleinige Urſache geweſen, daß ſie auch noch nicht einen Augenblick Zeit bekommen, ſich mit ihnen zu beſchäftigen. Jetzt aber, wo der niederſtrömende Re⸗ gen ſeine Fluth ſelbſt auch in die noch offenen Luken des Zwiſchendecks ergoß, und die darunter liegende Fracht zu beſchädigen drohte, änderte ſich die Sache, und die Paſſagiere wurden beordert nieder zu klet⸗ tern, damit die Luken geſchloſſen werden könnten. Unter dem Schreien und Jammern der Frauen und Kinder und dem Fluchen der Männer, die ſich größtentheils nur ungern dem Befehle fügten, wurde das endlich bewerkſtelligt, und die übergehobenen Luken deckten wenige Minuten ſpäter den unteren, dunklen, dumpfigen Raum des Zwiſchendecks mit Nacht und Schweigen. Die Mannſchaft an Deck bekam freien Raum, das zerriſſene Takelwerk, wie die zerſplitterten Maſten ſo viel als möglich in Ordnung zu bringen, das Schiff wenigſtens regieren zu können, und als das geſchehen war, änderte der Kapitän ihren Cours. Mit den wenigen noch möglichen Segeln konnten ſie ſich aber nur langſam durch die raſch er⸗ regte Fluth fortbewegen, und das Sicherſte für ſie war, nach Norden hinauf zu laufen, um mit Hülfe der Leuchtthürme einen ſchützenden Hafen zu erreichen, wo der erlittene Schaden wieder ordentlich reparirt werden konnte. Mit dem Wrack durfte er nicht wa⸗ gen, ſeine Reiſe durch den atlantiſchen Ocean fort⸗ zuſetzen. An Deck arbeiteten die Matroſen jetzt mit uner⸗ müdlichem Eifer, ihr Schiff von Allem was es noch behinderte, nicht allein frei zu bekommen, ſondern auch die noch ſtehenden kurzen Maſten und das Takelwerk zu unterſuchen, das Schiff auszupumpen, ob die Erſchütterung nicht vielleicht irgendwo eine „Naht“ aufgeriſſen habe, und dann ſo viel als mög⸗ lich Segel zu ſetzen, raſcheren Fortgang zu machen. Die ſo plötzlich hereingebrochene Bö hatte ſich in⸗ deſſen wieder vollſtändig gelegt; die See brauste und wogte allerdings noch heftig und unruhig, und weiße Schaumadern ziſchten durch die aufgeregten Waſſer, aber die Luft war ruhig geworden, und nur im Nordweſten dichteten ſich die Wolken mehr und mehr, und ſandten von dort aus breite Schattenſtrei⸗ 113 fen ab, hinter denen die funkelnden Sterne bald vollſtändig verſchwanden. Nur die jetzt aufgehende Mondesſichel warf dann und wann einmal einen flüchtig matten Schein durch die zerriſſenen Schleier nieder, und beleuchtete das rege, thätige, ängſtlich ſchaffende Leben an Bord des Wracks. Im Zpiſchendeck ſah es indeſſen traurig aus. Abgeſchloſſen von Luft und Licht, mit den naſſen Kleidern nach unten geſchickt, die jetzt einen feuchten, unangenehmen Dunſt ausſtrömten, in vollſtändiger Dunkelheit dabei, hatten die armen Auswanderer, unter dem Wimmern und Schreien der Frauen und Kinder, und dem Stöhnen Einzelner, die von der Seekrankheit wieder erfaßt worden, eine traurige Stunde zu verbringen. Durch das ruhige Wetter ſorglos gemacht, war dabei eine Maſſe von Geſchirr, halbgefüllte Flaſchen, Gefäße mit Waſſer oder Thee und andern Sachen, im Laufe des Abends oberflächlich auf die Kiſten geſtellt, oder nur leicht verwahrt wor⸗ den, dem geringen Schaukeln des Schiffes zu begeg— nen. Wie aber dem Steward in der Cajüte, bei dem plötzlichen Ueberwerfen des Fahrzeugs, ein ganzer Korb Geſchirr nach Lee hinübergeworfen und meiſt zertrümmert worden, ſo ſtürzte hier unten, mit dem erſten Stoß, das ebenfalls über den Haufen, Gerſtäcker, Blau Waſſer. 8 114 was nicht feſt verwahrt und angebunden war, und kleine Kiſten und Körbe, zerbrochene Krüge und Glasſcherben, mit den ausgegoſſenen Flüſſigkeiten, und dem Erbrechen der wiederum Erkrankten, ver⸗ mehrten nur noch in dem engen, dumpfigen, dunklen Raum die entſetzliche Lage der Uebrigen. Glücklicher Weiſe dauerte dieſer Zuſtand nicht ſo lange. Der Kapitän, der ſich wohl denken konnte, wie den unglücklichen Paſſagieren drunten zu Muthe ſein mußte, ließ, als der Regen aufgehört hatte nieder zu ſtrömen, die Luken öffnen, wenigſtens friſche Luft einzulaſſen, und die Zwiſchendecks⸗Later⸗ nen hinunter ſchaffen, damit die Paſſagiere bei dem matten Schein derſelben den engen Raum wieder ein wenig in Ordnung bringen und ſich dann zu Bett legen konnten. An Deck wurden jedoch nur Einzelne nach einander hinauf gelaſſen, um die Arbeiten der dort noch mmer beſchäftigten Ma⸗ troſen nicht zu hindern— unter Deck konnten ſie machen was ſie wollten— wenigſtens was ihnen die Schiffsgeſetze erlaubten oder nicht verboten. Wie ſich die Leute aber nur einmal von dem erſten Schreck erholt und ſich vergewiſſert hatten, daß ihnen weiter keine unmittelbare Gefahr drohe, kehrte auch bei den Meiſten der friſche, fröhliche Lebensmuth 115 zurück, und nachdem ſie ſich, ſoweit das die Umſtän⸗ de erlaubten, getrocknet, oder ihre Kleider gewechſelt und das Zwiſchendeck ſelber von den umherliegenden Scherben und Sachen geſäubert hatten, ſammelten ſie ſich unter den beiden Laternen, die neben der vor⸗ deren und hinteren Luke hingen, die Erlebniſſe des Abends zu beſprechen, wie ihre verſchiedenen Mei⸗ nungen über die erlittene Havarie auszutauſchen. „Schöne Geſchichte das,“ ſagte ein breitſchultriger Schneider, der wegen revolutionärer Umtriebe in Deutſchland hatte landesflüchtig werden müſſen und auch ſchon ſteckbrieflich verfolgt, aber noch glücklich an Bord der Kaptaube entkommen war—„vortreff⸗ liche Geſchichte das— aber das kommt nur von der Ueberklugheit der Herren Matroſen, die Alles beſſer wiſſen wollen wie andere vernünftige Leute. Ich hab'’ es dem Holzkopf von Steuermann ſchon heute Morgen geſagt, das die Segel zu hoch wären, und das Schiff nächſtens einmal umkippen müßte— ob er mir nur darauf geantwortet hätte, und jetzt haben wir die Beſcherung.— Mir iſt eine Flaſche Syrup ausgelaufen, und gerade über mein Kopfkiſſen weg und in meinen einen Stiefel hinein, und dem Bäcker da drüben haben ſie eine Flaſche Dinte in die Wäſche gegoſſen.“ 8* 116 „'S iſt wirklich ſchade, daß du nicht Kapitän ge⸗ worden biſt,“ ſagte ein Lohgerber, der mit dem Schneider in einer Coje ſchlief,„und hier könnteſt du's gleich großartig betreiben, denn heute Abend ſind uns in der einen Viertelſtunde mehr Lappen über Bord gegangen, wie du in deiner ganzen Lebens⸗ zeit wahrſcheinlich unter den Tiſch geſteckt haſt.“ „Ja, Ihr braucht auch noch darüber zu ſpotten,“ ſagte aber ein Inſtrumentenmacher, der ſeine kleine Familie und eine Anzahl fertiger Fortepianos an Bord hatte, ſie nach Amerika über zu führen;„oben ſieht’s ſchön aus, und daß wir diesmal ſo mit dem Leben ſo davon gekommen ſind, können wir eben nur dem Kapitän Dank wiſſen. Wie wir aber mit den Maſtſtumpfen nach Amerika hinüber kommen wollen, weiß ich nicht.“ „Wir ſind auch noch nicht davon,“ ſagte da die tiefe, dumpfe Stimme eines alten, wetterharten Bur⸗ ſchen, der jedenfalls ſchon mehr von der See geſehen, als Einer der Uebrigen, und in ſeinem ganzen Weſen, obgleich er nicht ſo gekleidet ging, kaum den Matro⸗ ſen verläugnen konnte, an Bord der Kaptaube aber als Paſſagier eingeſchrieben war—„dahinten im Weſten ſteht noch faules Wetter genug, und ich will keinen Zwieback mehr kauen, wenn ich nicht glaube, 117 daß wir die Nacht noch was Tüchtiges auf die Mütze kriegen.“ „Ach Dummheiten,“ ſagte der Schneider,„jagen Sie Einem keinen Schreck ein; das Wetter iſt ja wie⸗ der recht ſtill und freundlich geworden—“ „Na, mir ſoll's recht ſein,“ meinte der Alte, „denn wenn's von da drüben herüberkäme, wo die Wolken jetzt ſo dicht und dunkel heraufziehen, und wo das erſte auch ſchon hergekommen iſt, dann könnten wir uns gratuliren. Mit den paar Lappen da oben wären wir nicht im Stande, uns gegen den Wind noch einmal zu halten, und in Lee haben wir die fa⸗ talſte Sandküſte, die ſich ein Menſch eben zu wün⸗ ſchen braucht.— Wer weiß, ob uns nicht ſchon vor Tag der Hals voll Waſſer gelaufen iſt.“ „Das iſt ja eine ſchreckliche Unke,“ brummte der Lohgerber.„Hals voll Waſſer laufen— ja wohl, wer das Maul aufgemacht, hätte das Vergnügen ſchon vor einer Stunde haben können.“ „Glauben Sie wirklich, daß es noch einmal an⸗ fängt?“ rief da eine der Frauen, die dem Geſpräch zugehört hatte, und ſich jetzt, mit einem kleinen Kinde auf dem Arm, ängſtlich zwiſchen die Männer hinein⸗ drängte, dem Alten zu. „Ach papperlapapp!“ rief aber der Schneider 118 ärgerlich.„Herr Meier weiß eben auch nicht mehr davon wie wir Andern, und da uns noch Nichts ge⸗ meldet worden, brauchen wir uns auch an Nichts zu kehren. Die Matroſen werden die Geſchichte ſchon wieder in Stand ſetzen; ſie haben ja eine ganze Por⸗ tion Nothmaſten und andere Stücke Holz, die ſie zu Querbalken und Latten gebrauchen können, an Bord, und die Segel ſind auch wieder zu flicken; das iſt keine Kunſt.“ „Ehe der Morgen dämmert, ſind vielleicht ſo viele Nähte“ an dem alten Kaſten auszubeſſern, das alle Schneider der Welt eine Lebenszeit daran zu thun hätten,“ brummte der Alte wieder—„'s wäre mir lieb wenn ich mich irrte.„Hat Jemand von Euch hier einen Barometer?“ „Einen Korkzieher habe ich bei mir,“ ſagte der Schneider ſpöttiſch,„aber einen Barometer nicht.“ Die Andern lachten, und Meier, wie der alte Mann hieß, zog ſich finſter auf ſeine eigene Kiſte in. die vordere Ecke zurück, wo er, mit ſeinem Rücken an die Coye gelehnt, und vollkommen im Schatten, kei⸗ nen Antheil an dem Geſpräch weiter nahm und ſitzen blieb. * Die Stellen, wo die Planken zuſammengefügt ſind, heißen in der Schiffsſprache Nähte. 1 119 „Wichtigthuer,“ brummte der Schneider noch mürriſch hinter ihm her—„der Art Leute meinen immer, wenn ſie nur recht'was Unglückliches pro⸗ phezeien können, nachher hätten ſie recht, und dann ſoll man ſie für was Großes anſehen— Hals voll Waſſer laufen— ja wohl und was ſonſt noch.“ „Na, ſo viel weiß der Kapitän ja wohl auch noch,“ ſagte der Lohgerber,„und wenn der glaubte, daß Gefahr bei der Sache wäre, führ' er doch gewiß einfach an's Land und ließe uns ausſteigen. Ich hab's in meinem Contract, daß er uns ſicher hinüber bringen muß.“ „Herr Gott von Danzig,“ miſchte ſich der Schu⸗ ſter, der bis dahin ziemlich ſtill und vor ſich hinbrü⸗ tend geſeſſen hatte, mit in das Geſpräch,„was die Kerle da oben an Deck herumtrampen, und einen Spectakel machen, als ob ſie die Planken durchtreten wollten. Das thun ſie uns doch nur juſtament zum Poſſen, gerad' über unſeren Köpfen hin.“ „Ich will einmal hinauf gehn, und zuſchauen wie's oben ausſieht,“ ſagte der Schneider, indem er aufſtand und ſeinen Hut hinter ſich von der Kiſte nahm,„wenn der Koch nur noch heiß Waſſer in der Cambüſe hätte, daß man ſich einen Grog machen — 120 könnte— auf den Schreck und die Näſſe wär' der famos.“ „Donnerwetter, ja, Heidelberger, verſuchen Sie’s einmal,“ rief der Schuſter, von dem Gedanken er⸗ griffen,„wenn Sie dem Burſchen ein paar Groote in die Hand drücken, thut er’s auch, und nachher legen wir zuſammen.“ Der Schneider ſtieg mit dem doppelten Auftrag an Deck und das Geſpräch drehte ſich unten indeſſen um allerlei häusliche Angelegenheiten, umgeſtoßene Senfbüchſen, ausgelaufene Milch⸗ und Eiſigkrüge, zerbrochene Flaſchen und Taſſen, und durchweichten Zwieback. Nur die Frauen drängten ſich noch manch⸗ mal ängſtlich heran, wenn das Schreien und Stam⸗ pfen der Matroſen an Deck gar zu arg wurde, und wollten wiſſen, ob der Sturm wieder angefangen hätte zu wehen. Von den Männern wurden ſie aber gewöhnlich kurz abgefertigt, und die meiſten waren auch durch das erneute Schaukeln zu unwohl gewor⸗ den, ſich in lange Geſpräche ein zu laſſen— wenn die Matroſen an Deck nur nicht gar ſolch entſetz⸗ lichen Spectakel gemacht hätten. Oben an Deck wurde jetzt die große, vorn hän⸗ gende Schiffsglocke in regelmäßigen Schwingungen angezogen, während zugleich Heidelberger, der 121 Schneider, wieder nach unten kletterte, mit dem einen Fuße von der Leiter ab vorſichtig nach ſeiner Kiſte fühlte, und dabei ſagte: „Herr du meine Güte, iſt das eine Finſterniß und ein Nebel da oben; keine Hand kann man vor Augen ſehn.“ „Vierzehn, fünfzehn, ſechzehn, ſiebzehn, acht⸗ zehn—“ zählte der Lohgerber—„an was ſchlagen die denn da oben an? Die Uhr iſt wohl mit ihnen durchgegangen.“ „Nein,“ ſagte der Schneider, der an Deck zufäl⸗ lig gehört hatte, wie der Befehl dazu gegeben wurde „das iſt immer bei Nebel, und ſoll nur ein Zeichen ſein, das wir mit keinem andern Schiff zuſammen⸗ rennen.“ „Wie ſieht es denn oben aus, Herr Heidelberger?“ frug da die Frau des Inſtrumentenmachers, ein junges, blühendes Weibchen, die eben ihr Kind be⸗ ruhigt hatte, aber aus Sorge nicht ſelber ſchlafen konnte. „Stockpechrabenſchwarze Dunkelheit, verehrte Madame Halter,“ erwiederte Heidelberger achſelzuk⸗ kend,„man kann nicht einmal bis dahin an die Maſten hinauf ſehen, wo die Stücken abgebrochen ſind; kein Stern am Himmel, keine Ecke Mond, kein Leuchtfeuer mehr zu ſehen— blos noch Licht in der Cambüſe und am Compaß—“ „Nun, kriegen wir heiß Waſſer?“ frug der Schuſter ſchnell. „Der Koch bringt's ſelber herunter,“ lachte Hei⸗ delberger,„der trinkt auch gern einen Schluck und will die Gelegenheit nicht unbenutzt vorüber laſſen. Sie ſind gleich fertig mit ihren Arbeiten, und dann hatt er„ſeine Wacht zur Coye“, wie er ſagt. Es geht übrigens kein Lüftchen mehr oben, und die Se⸗ gel hängen wie Lappen am Maſt herunter.“ „Das wär' bös!“ ſagte Meier, jetzt zum erſten Mal wieder aus ſeiner Ecke aufſtehend, und ebenfalls an Dech kletternd. .„Bös?“ brummte der Schuſter hinter ihm drein. „Jetzt ſeh' Einer den Holzkopf an; ärgert ſich, weil es ſtill geworden und der Sturm nicht gekommen iſt, den er prophezeit hat— alter Barometermacher, der.“ „Ach, laß ihn gehn,“ ſagte aber Heidelberger, p„wir wollen lieber unterdeſſen alles zum Grog zurecht machen, bis der Koch mit dem Waſſer kommt— er V meinte, der Kapitän müßte nur erſt von Deck ſein, V daß er nicht etwa was merkte.— Vor dem Alten hat V er einen heilloſen Reſpect.“ b DOben an Deck wurde es jetzt ruhig— es war wirklich ſo dunkel, daß ſie keine weitere Arbeit vor⸗ nehmen konnten. Was ſich von den abgeſchlagenen Spieren und dem Takelwerk bergen ließ, lag an Deck, die Segel, die jetzt angebracht werden konnten, ſtan⸗ den, den geringſten wiederkehrenden Luftzug zu fan⸗ gen, und alles Weitere mußte bis zu dem dämmern⸗ den Tag verſchoben werden, wo ſich der erlittene Schaden dann freilich erſt ordentlich überſehen ließ. Nur die eine Beruhigung hatten ſie, daß ſich kein Waſſer im Raum fand. Der Schlag, der die Sten⸗ gen über Bord jagte, und das ächzende Schiff bis in ſeinen Kiel hinab erſchütterte, hatte nicht vermocht die Nähte zu trennen oder zu lockern, und ſie durften hoffen, am nächſten Tag einen Hafen irgendwo an der engliſchen Küſte anzulaufen, um dort den erlitte⸗ nen Schaden wieder auszubeſſern. Freilich mußte das die Reiſe um Wochen lang verzögern. Wie ſtill und unheimlich das auf dem Wrack jetzt ausſah, mit den an Bord geholten gebrochenen und zerſplitterten Hölzern, den zerriſſenen Segeln und wir durcheinander geſchlungenen Tauen, und wie das klappte und ſchlug von noch locker hängenden Enden und losgegangenen Blöcken, die mit dem faulen Schlingern des Schiffs, das keinen Widerhalt im Wind mehr fand und auf den Wogen herüber und 124 hinüber taumelte, an die Maſtſtumpfe und großen Raaen klopften. Dick und ſchwer lag dabei ein feuch⸗ ter Nebel auf dem Waſſer, daß man nicht einmal von Bord zu Bord des eigenen Schiffes ſehen konnte, und was dabei das Schlimmere war, er verdeckte auch das Licht der Leuchtthürme, das Einzige, wo⸗ nach der Kapitän im Stande geweſen wäre den Platz jetzt zu beſtimmen, wo er ſich gerade befand, und die Strömung zu erfahren, die ihn, wie er faſt fürchtete, dem ſüdlich gelegenen flachen Lande zuſetzte. Hierüber mußten ſie ſich aber Gewißheit verſchaffen, und die war noch außerdem durch das Senkblei zu bekommen. Mit dem kleinen Loth erreichten ſie allerdings noch keinen Grund, das größere ergab jedoch eine Tiefe von fünfzig Faden, und als ſie das Senkblei einige Secunden auf dem Boden liegen ließen, fan⸗ den ſie ihre Befürchtung der Strömung wegen aller⸗ dings gegründet, denn das Schiff trieb über die Leine hin, nach Südoſten zu. Trotzdem ließ ſich für den Augenblick nichts weiter thun, denn das Waſſer war zum Ankern zu tief, und das Ankern ſelber auch für ſie gefährlich. Die Briſe konnte nicht mehr lange * Der Faden 6 engl. Fuß. —e— 125 1 ausbleiben, dann verzog ſich auch wahrſcheinlich der Nebel, und ihr einziges Streben mußte jetzt ſein, ſo raſch als möglich einen Hafen zu erreichen. Das Schiff ſelber war dicht und unbeſchädigt und die paar Hölzer und Segel ließen ſich dann bald wieder herſtellen. Fortgang machten ſie indeſſen gar nicht, vielleicht nur eine oder zwei engliſche Meilen die Stunde, nichts deſtoweniger wurde vorn am Bug die Glocke zeitweilig geſchlagen, ein mögliches Zuſammenſtoßen mit einem anderen Schiff, dem ſie kaum hätten or⸗ dentlich ausweichen können, zu vermeiden. Der Kapitän hatte jetzt ſeine Wacht zur Coye und ging nach unten. Was geſchehen konnte, war geſchehn, und ſie durften ihre Kräfte nicht vor der Zeit aufreiben, da man allerdings nicht wiſſen konnte, was dem argbeſchädigten Schiffe noch bevorſtand. Der Steuermann, der mit ſeiner Wacht an Deck blieb, hatte aber ſtrenge Ordre, das Senkblei von Zeit zu Zeit auswerfen zu laſſen, ſo wie bei einer Verände⸗ rung der Witterung, oder ſonſt etwas Auffälligem, den Kapitän augenblicklich zu wecken und davon in Kenntniß zu ſetzen. 126 „Na, da kommt er endlich,“ rief unten im Zwiſchendeck Heidelberger, als der Koch, ein eben nicht beſonders reinlich ausſehender Burſche, mit einem großen dampfenden Blechgefäß in der Hand, raſch die ſchmale Treppe, die in der Vorderluke lehnte, herabſtieg, ſich die Mütze dann abnahm, und den Schweiß von der triefenden Stirn mit einem roth⸗ baumwollenen Tuche abtrocknete „Hurrah, der Koch ſoll leben!“ wollte der Schuſter eben, in dem Vorgefühl bald befriedigten Durſtes, ausrufen, als ihn aber das alſo zu ehrende Individuum ſelber eben nicht ſanft gegen die Schul⸗ ter ſtieß und bedeutete,„das Maul zu halten.“ „Hol' Euch doch der Henker hier mit Eurem ewigen Brüllen!“ knurrte er dabei;„muß es denn immer gleich das ganze Schiff wiſſen, wenn man Euch einmal einen Gefallen thun will?— und dann werdet Ihr überdies nicht mehr lange zu hurrahen haben— beten wär' Euch beſſer und nützlicher.“ Der Koch war ein mürriſcher, finſterer Geſell, trotzdem aber mit einem ziemlichen Theil trockenen Humors begabt, der ihn ſchon bei den Paſſagieren ſehr beliebt gemacht hatte. Auch kochte er nicht übel und verſtand die Behandlung einer Auswanderungs⸗ küche aus dem Fundament. Nur mit der Reinlichkeit 127 ſah es nicht beſonders aus, und das in tauſend kleine bewegliche Falten gezogene Geſicht ließ ihn dabei immer noch ſchmutziger erſcheinen, als er vielleicht wirklich war. Der einzige Fehler nur klebte ihm an: er trank, und ließ ſich auch deßhalb mehr und intimer mit den Paſſagieren ein, als das auf der langen Reiſe für den Koch nützlich, und den Officieren des Schiffes angenehm iſt. Die Auswanderer führten aber eine Menge ſpirituöſer Getränke bei ſich, und denen konnte er, da an Bord ſelber kein Branntwein verabreicht wurde, nicht widerſtehen. „Beten? Halloh, was iſt nun im Wind?“ lachte der Schneider, der ihm indeſſen das Waſſer abge⸗ nommen hatte, und einen Theil desſelben in eine große Blechkanne auf die darin ſchon vorbereitete Miſchung von Rum und Zucker goß;„weil die paar Stücken Holz und Ellen Leinwand über Bord ge⸗ gangen ſind?“ „Der Klabautermann iſt fort! flüſterte aber der Koch dem Schneider heimlich zu, und ſah ſich dann ſcheu im Kreiſe um, die Wirkung zu beobachten, die dieſe Worte auf die Umſtehenden machen würden. „Der Klabautermann?“ rief der Schneider er⸗ ſtaunt und lachend, denn es war das erſtemal in ſei⸗ nem Leben, daß er den Namen auch nur erwähnen 128 hörte—„wer heißt Klabautermann? nennt Ihr einen von Eueren Maſten ſo? „Kennt Ihr den Klabautermann nicht?“ rief der Koch, auf's Aeußerſte erſtaunt—„na Gott ſei Dank, weiß nicht einmal wer der Klabautermann iſt, und geht zur See; Ihr Paſſagiere ſeid doch ſchreck⸗ lich dummes Volk.“ „Na, Donnerwetter, woher ſollen wir denn in Preußen erfahren haben, wer der Klabautermann iſt?“ brummte der Schuſter—„heraus mit ihm denn, was iſt mit ihm los, und wo iſt er hin?“ „Fort iſt er,“ ſagte der Koch wieder mit unter⸗ drückter Stimme—„fort und vom Schiff, und nun iſt die Geſchichte aus.“ „Aber wer iſt der Klabautermann?“ rief der Lohgerber jetzt auch ungeduldig werdend—„ſchwafelt der Menſch da in den Tag hinein, daß keine Seele daraus klug wird, und antwortet auf keine vernünf⸗ tige Frage. Was haben wir mit dem Klabautermann zu thun?“ „Was Ihr mit dem Klabautermann zu thun habt?“ widerholte der Koch,„das wird Euch bald klar werden. Der Klabautermann iſt der Schiffs⸗ geiſt, ein kleines kurzes Männchen, ganz wie ein Matroſe angezogen, der unten im Raum der Fahr⸗ —— —— 129 zeuge ſeine Wohnung hat, und das Schiff, wenn ihm ein Unglück bevorſteht, warnt, ſobald es aber nicht mehr zu retten iſt, von Bord geht und nicht wieder kommt. Wenn die Ratten und der Klabau⸗ termann ein Schiff verlaſſen, dann gnade Gott der Mannſchaft.“. „Na, die Geſchichte muß uns der Koch nachher einmal ein Bischen näher auseinander ſetzen,“ ſagte der Inſtrumentenmacher, der ungemein gern Ge⸗ ſchichten erzählen hörte,„jetzt macht nur, daß Ihr mit Eurer Miſchung fertig werdet, denn der Schreck vorher und die Näſſe ſind mir dermaßen in die, Glie⸗ der geſchlagen, daß mich's ordentlich wie im Fieber ſchüttelt. Dagegen iſt ein guter Grog die beſte Me⸗ dicin, und ich habe hier auch noch eine famoſe Flaſche Rum.“ „Bravo,“ ſagte Heidelberger,„ſolche milde Bei⸗ träge laſſen wir uns gefallen— der Wohlthätigkeit werden keine Schranken geſetzt, und nun Euere Becher her, Ihr Leute. Wer iſt denn da hinten noch ſo ſee⸗ krank? Herr du meine Güte, würgt der Menſch—“ „Das iſt der Nadler aus Nummero ſieben,“ lachte der Lohgerber;„ſo wie ſich das Schiff anfängt zu bewegen, liegt der auf der Naſe.“ „So gebt ihm einen Schluck von der Miſchung Gerſtäcker, Blau Waſſer. 9 2 430 hier,“ meinte der Inſtrumentenmacher gutmüthig, „das wird ihn wieder auf die Beine bringen.“ Des Nadlers Frau wurde gerufen, ihrem Mann etwas von dem Grog zu bringen, der aber ſtöhnte und ächzte, und weigerte ſich zu trinken, und bat, man ſollte ihn lieber über Bord werfen. Die Andern lachten und nahmen weiter keine Notiz von dem Seekranken. Die Becher wurden indeß fleißig gefüllt und ge⸗ leert; der Schreck von heute Abend war Manchem in die Glieder geſchlagen, und von allen Seiten kamen Flaſchen und Krüge mit Rum gefüllt, aus dem ver⸗ ſchiedenen Coyen vor, daß der Koch noch zweimal in die Cambüſe mußte, mehr heißes Waſſer herbeizu⸗ holen.— Der Steuermann trank ebenfalls gern ein Glas, und wenn es ihm auch nicht einfiel das mit den Zwiſchendeckspaſſagieren zu thun, ließ er es doch geſchehen, daß ihnen der Koch gefällig ſein durfte— noch dazu an dem heutigen Abend. Auch Meier hatte ſich bei der Bowle eingefunden, von der er aber oft fort und nach oben ging, nach dem Wetter und Wind zu ſehen. Der Koch, der dem Grog fleißig zugeſprochen, übrigens eine ſehr bedeutende Quantität davon ver⸗ tragen konnte, hatte indeß den aufmerkſam und ver⸗ gnügt lauſchenden Paſſagieren die Sage vom Kla⸗ 7 131 bautermann ausführlich erzählen müſſen. Es war ein kleiner gemüthlicher Geiſt, ein Ueberbleibſel noch der alten Heinzel⸗ oder Wichtelmännchen, der im Innern des Schiffes, aber immer nur einzeln und einſam, ſein Quartier aufgeſchlagen, und die weiteſten Reiſen mit dem einmal erwählten Fahrzeug machte. Bei gutem Wetter ließ er ſich dabei weder hören noch ſehen, und kam nicht vor; wenn aber dem Schiff Gefahr drohte, rief er aus den Maſten herunter den Leuten zu, zu reefen, oder warnte ſie auch wohl vor drohenden Klippen und Bänken, und nur wenn das Schiff rettungslos verloren war, nahm er ſein kleines Matroſenkiſtchen, das er, wie jeder andere Seemann, bei ſich führte, unter dem Armund zeigte ſich gewöhn⸗ lich noch einmal, ehe er ging, denen an Bord, die er während ſeiner Anweſenheit am liebſten gehabt. Nach⸗ her war er fort, und was aus ihm wurde, konnte Niemand ſagen. Heute Abend aber war er fortgegangen. Er, der Koch, der ihm immer die gebührende Ehrfurcht er⸗ wieſen, und dem er deßhalb auch gut geblieben war, hatte ihn mit eigenen Augen geſehen, und wenn Einer von ihnen wieder das Land ſähe— meinte der Mann mit leiſer, unheimlich flüſternder Stimmme— ſei es ein Wunder des Himmels.— 9* 132 Die Paſſagiere, die den Koch dicht umdrängten, hatten im Anfang über das„Mährchen“ gelacht und ihren Spaß damit gehabt, als der Mann aber ſo gar ernſthaft dabei blieb, und das überdies finſtere und faltige Geſicht noch weit mehr zuſammenzog und die Kunde, die auch ſie ſo nah betraf, ſo geheimnißvoll flüſterte, daß man ihm wohl anſehen konnte, wie er ſelber jede Sylbe glaube, wurden doch auch Manche der vorher noch ganz Beherzten und Ungläubigen ſtiller— das Lachen verſtummte, und die noch immer unheimlich durch die Nacht tönenden Schläge der Schiffsglocke über ihren Häuptern mahnten ſie dabei, daß allerdings nicht Alles an Bord ſei, wie es eigent⸗ lich ſein ſolle. 3 „Aber es giebt doch keine Geiſter“, ſagte endlich der Inſtrumentenmacher, der das ihm fatale Grau⸗ ſen zuerſt abzuſchütteln ſuchte, mit einem allgemeinen Beweisgrund gegen jede derartige Erzählung. „So?— giebt es nicht?“ erwiederte ihm der Koch, ohne von ſeinem Becher aufzuſchauen—„und mich haben ſie wohl nicht einmal an der Weſer drüben zehn Meilen in's Land hinein geſetzt, ohne daß ich wußte wie?“ „Zehn Meilen in's Land?“ rief der Schneider erſtaunt. 133 „Zehn Meilen in's Land,“ beſtätigte der See⸗ mann, den Becher jetzt bis auf den letzten Tropfen lee⸗ rend, und wieder zum Füllen gegen Heidelberger vor⸗ ſtreckend,„und die Geſchichte war merkwürdig ge⸗ nug. Wir lagen mit dem Robert Fulton, einem an⸗ dern deutſchen Schiff, auf dem ich damals meine erſte Reiſe als Koch machen ſollte, unter Bremerhafen vor Anker und warteten auf den letzten Lichter, der mit Fracht von Bremen herunter kommen mußte. Abends nach dem Eſſen ſchickte mich da der Kapitän mit dem Cajütsjungen und zwei Leuten an Land, in dem nächſten Dorfe eine Partie Eier und Hühner und andere Sachen für die Cajütspaſſagiere und den Kapitänstiſch einzukaufen. Der Eine von den Leu⸗ ten, die ich mit hatte, war aber ein alter Matroſe, der damals ſchon ſeine ſechzig Jahre auf dem Rücken haben mochte und die ganze Zeit, von Kindheit auf, zur See zugebracht hatte, und der behauptete, daß ihm an dem nämlichen Abend der ſchwarze Mann an Bord erſchienen ſei.“ „Der ſchwarze Mann?“ rief der Lohgerber, der mit offenem Munde der Erzählung lauſchte. „Ja, der ſchwarze Mann,“ beſtätigte der Koch,. „auch ſo ein Weſen, das ſich nur ſehen läßt wenn es mit Einem von uns zu Ende geht, und der alte Bur⸗ 134 ſche„ſonſt immer einer der flinkſten und munterſten von Allen, ließ den Kopf hängen und ſprach kein Wort. Wir andern jungen Burſchen lachten ihn jetzt aus, neckten ihn, daß er einen Schluck zu viel genom⸗ men und den Pumpſtock für den ſchwarzen Mann an⸗ geſehen habe, und ich— wie ein junger Kehrdich an Nichts, der ich damals war— trieb es am Tollſten, ja behauptete zuletzt ſogar, es gäbe gar keine Geiſter, weder ſchwarze noch Klabautermänner, und rief, wenn wirklich welche da wären, ſollten ſie ſich mir auch ein⸗ mal zeigen, und dann wollte ich an ſie glauben. Der Alte bat mich nun zwar, ich möchte ſtill ſein; wenn ich älter würde, erführ' ich das Alles überdies noch zeitig genug; mit ein paar Gläſern Grog im Kopf machte ich mir aber aus der ganzen Sache Nichts, und trieb es toller als vorher. Unter der Zeit war es ziemlich dunkel geworden; das Dorf lag jedoch keine fünfhundert Schritte vom Fluß ab, und ein breiter Fahrweg lief von der Landung gerade dar⸗ auf zu, ſo daß wir gar nicht irre gehen konnten. Wir machten alſo unſer Boot feſt, ſtiegen an's Land und fanden auch glücklich den Platz, wo wir kauften was wir brauchten, und dann mit den Sachen den Rückweg antraten.“ „Ziemlich ſchwer zu tragen hatten wir übrigens, 135 und gingen deßhalb einzeln hinter einander her auf der Straße, ich hinten nach, weil ich auf das Ganze ſehen mußte. Gerade halbweg zwiſchen dem Dorfe und Fluß lag ein kleines Erlendickicht, vielleicht hun⸗ dert Schritte breit, wie denn überhaupt die ganze Entfernung vom Dorf bis nach der Weſer ja kaum einen Büchſenſchuß betrug. Als wir nun mitten im Erlenbuſch drin ſind, hör' ich links neben mir, viel⸗ leicht zehn Schritte vom Wege ab, den Alten fluchen und mich rufen; er wäre von der Straße abgekom⸗ men und hätte ein paar Hühner verloren.„Na, ja,“ ſag' ich, und in der Dunkelheit— wie ſollen wir die nur wieder finden,“ und dann rief ich ihm zu, er möchte ſtehen bleiben, wo er wäre, ich wollte zu ihm kommen. Den Korb, den ich trug, behielt ich übri⸗ gens umhängen und drängte mich durch die kleinen Büſche der Stelle zu, wo ich ihn noch immer hören konnte;— auf einmal war Alles ſtill—„Steffen,“ ſagte ich— keine Antwort—„Steffen, wo ſteckſt du denn— mach' keine Dummheiten—“ keine Antwort. „Jetzt wurde mir's unheimlich zu Muthe, und was ich heute mit dem Alten geſprochen, fiel mir wie⸗ der ein; dann dachte ich aber auch daran, daß er mich wahrſcheinlich zu fürchten machen wollte, weil ich nicht an Geiſter geglaubt hatte, und nun fing 136 ich an zu lachen und rief ihm zu, ſo dumm wär ich nicht, daß ich mich bange machen ließe. Wenn er das Maul nicht aufthun wollte, damit ich ihn im Finſtern fände, möcht' er ſtehen bleiben wo er wär', und ar⸗ beitete mich dann wieder raſch zurück auf die Straße. — Mit dem ſchweren Korb war's auch in den doch ziemlich dichten Büſchen eben nicht angenehm mar⸗ ſchiren.“ „Die Andern konnten übrigens kaum hundert Schritt vor mir ſein, und da mir's doch jetzt, wie Alles ſo ſtill und ruhig um mich war, ein wenig un⸗ heimlich zu Muthe wurde, ſchrie ich ihnen laut nach, auf mich zu warten— keine Antwort. Ich ſchrie noch einmal, und wie ich jetzt immer noch nichts hörte, fing ich an auszukratzen, und lief, ſo raſch ich mit meinenm ſchweren Korbe nur vorwärts kommen konnte, dem Fluſſe zu. Es war jetzt ſo dunkel geworden, daß man keine Hand mehr vor den Augen ſehen konnte, vor mir aber ſchimmerte ein Licht— wie ich glanbte aus meiner eigenen Cambüſe an Bord— und ich fing jetzt wieder an ein wenig aufzuathmen und lang⸗ ſamer zu gehen. Sonderbar kam es mir freilich dabei vor, daß ich noch immer Büſche zur Seite hatte, und vorher war mir es doch, als ob das Ufer vollkommen frei von Buſchwerk geweſen wäre. Ich dachte mir aber doch nichts weiter dabei, und kam dem Lichte immer näher;— Das Schiff war es aber nicht, und Jungens, ich ſage Euch, der Schweiß trat mir in großen Tropfen auf die Stirn, als ich plötzlich vor einem kleinen niedern Hauſe ſtand, aus deſſen Fenſtern ein Licht ſchimmerte, und von Fluß oder Schiff auch nicht die Spur zu finden war.“ „Natürlich,“ lachte jetzt der Inſtrumentenmacher, „Sie hatten ſich vorher in der Angſt falſch herumge⸗ dreht und waren anſtatt nach dem Fluß zu, wieder nach dem Dorf zurückgelaufen.“ „Das dacht ich auch,“ erwiederte der Koch, der jetzt in der Erinnerung an das damals Geſchehene ſelbſt des Trinkens vergaß,„ſetzte den Korb nieder, ein wenig auszuruhen, und wollte dann eben umdre⸗ hen, als ich aus dem Dorf heraus einen Wagen kom⸗ men hörte, der jedenfalls nach dem Strom zu fuhr. Die Schultern thaten mir überdies von dem Schlep⸗ pen weh, und ich beſchloß den Wagen abzuwarten und meinen Korb da aufzuſetzen. Der Wagen kam auch und hielt, als ich ihn anrief, und der Fuhrmann, der erſt dicht zu mir herantrat, um zu ſehen wen er vor ſich hätte, ſagte ganz freundlich, er wolle meinen Korb gern mitnehmen, und ich möchte mich dazu oben aufſetzen—„aber wo wollt Ihr denn hin,“ frug er 138 mich dann,„mit dem ſchweren Ding?“— Bloß bis zum Fluß, ſagte ich.—„Zur Elbe?“— Ih Gott bewahre, zur Weſer.„Zur Weſer?“ rief der Mann da erſtaunt aus,„an die Elbe meint Ihr wohl.“— Nein, ſagte ich wieder, an die Weſer, mein Schiff liegt ja drüben, dicht unter Bremerhafen.—„Na, du lieber Himmel!“ rief da der Mann,„da habt Ihr noch einen ſchönen Weg vor Euch, und bliebt am beſten hier über Nacht, vielleicht könnt Ihr dann morgen Früh eine Fuhre dorthin bekommen; durch den Ort durch müßt Ihr doch.“ Durch den Ort durch? rief ich erſchreckt, ja das iſt ja doch gar nicht möglich, ich kann doch nicht darum hingelaufen ſein. „Das weiß ich nicht,“ lachte der Fuhrmann,„aber die zehn Meilen ſeid Ihr doch nicht mehr im Stande heute Abend mit der Laſt zu machen.“ „Zehn Meilen? ſchrie ich, und konnte mich vor Schreck kaum auf den Füßen erhalten, ſo fingen mir die Knie an zu zittern;— das kann ja aber gar nicht ſein, denn ich bin vor einer Stunde etwa— der Fuhrmann ließ mich aber gar nicht ausreden, und meinte:„kann nicht ſein?— wenn Ihr ſie mit dem Korb da laufen wolltet, würdet Ihr glauben, es wären fünfzehn. Von Buxtehude aus werden's zehn gute Meilen nach der Weſer gerechnet.“— Aber — 139 das iſt doch nicht Buxtehude? ſchrie ich halb todt vor Schreck.—„Das iſt Burtehude, Freund,“ ſagte aber der Mann, doch ich muß fort jetzt, will noch die Nacht nach Harburg und habe ebenfalls einen langen Weg vor mir. Gleich links, wenn Ihr in’s Städtchen kommt, iſt ein gutes Wirthshaus, da könnt Ihr übernachten,“ und damit ſchwang er ſeine Peitſche um den Kopf, trieb ſeine Pferde an, und ließ mich allein auf der Straße ſtehen. Wie mir aber zu Muthe war, könnt Ihr Euch denken— und der Mann hatte recht. Ich mußte die Nacht in Buxte⸗ hude bleiben, wo ſie mir aber mein Unglück nicht glaubten, und mich für einen Deſerteur von einem Hamburger Schiffe hielten. Dorthin wurde ich am nächſten Morgen geſchickt, und ſpäter erſt mit meinem Korb nach Bremen ausgeliefert, mein Schiff war aber indeſſen natürlich abgeſegelt, und ich blieb zurück.“ 3 „Koch, Ihr gingt beſſer nach oben und wecktet den Kapitän,“ unterbrach plötzlich Meier's tiefe und hohlklingende Stimme das athemloſe Schweigen, das der Erzählung des Kochs gefolgt war—„es iſt die höchſte Zeit.“ „Höchſte Zeit?“ rief der Koch, erſchreckt aufſprin⸗ gend; was iſt nun wieder los?“ 140 „Noch Nichts,“ ſagte Meier,„aber es kommt, der Wind hat ſich nach Nordweſten gedreht und— es riecht draußen nach Schwefel.“ „Ich hätte bald was geſagt,“ brummte der Koch ärgerlich;„wenn der Steuermann den Alten wach haben will, wird er ihn ſchon ſelber wecken. Bis er nicht morgen Früh das Frühſtück verſchläft, weck' ich ihn ſchon gewiß nicht.“ „Wir werden morgen früh wohl kein Frühſtück brauchen,“ ſagte Meier ruhig, und ſetzte ſich wieder auf ſeinen Platz in die Ecke. „Um Gottes Willen, was iſt vorgefallen?“ riefen ein paar der leicht geängſtigten Frauen, die den Platz umſtanden, und der Erzählung des Kochs ebenfalls gelauſcht hatten;„hat der Sturm wieder ange⸗ fangen?“. „Unſinn,“ ſagte der Koch, der aufgeſtanden war und durch die Luke nach oben gehorcht hatte;„es iſt todtenſtille draußen— man kann die Segel an die Maſten ſchlagen hören.“ Die Zwiſchendeckspaſſagiere waren aber, ſchon durch die Erzählung aufgeregt, ängſtlich gemacht worden, tranken ihre Becher aus und ſtiegen nach oben, um ſelber zu ſehen, wie es an Deck ausſchaue. 141 Die See lag todtenſtill, und der Nebel noch immer dick und ſchwer auf der Fluth.— Wie das ſo unheim⸗ lich um ſie her rauſchte und ſchwoll und in dem zer⸗ riſſenen Takelwerk klapperte und ſchlug. Vorn am Bug ſtanden die wachthabenden Matroſen und hat⸗ ten eben wieder das Senkblei ausgeworfen, das diesmal dreißig Faden gab.— Mit einem Fla⸗ ſchenzug holten ſie das ſchwere Blei herauf und der Steuermann ging langſam auf dem Qu arterdeck auf und ab. 3 Hinten an der kleinen Compaßglocke ſchlug es elf Uhr, die große Glocke vorn antwortete den Schlä⸗ gen; der Mann am Steuer wurde abgelöst und das Log geworfen, die Fahrt des Schiffes zu prüfen; die Briſe hatte ſich ein klein wenig verſtärkt, und das Schiff lief drei Meilen durchs Waſſer, aber dicht am Winde, der jetzt gerade von Nordweſten zu wehen anfing. Als Log⸗ und Senkbleiwerfen vorüber war, nahm Alles wieder ſeinen ruhigen Gang, und der Steuermann ſtieg in die Cajüte hinunter, Lauf und Richtung des Schiffes, wie vermuthete Abdrift, auf ſeiner Tafel für die letzte Stunde zu notiren. Die Zwiſchendecks paſſagiere blieben eine Weile an Deck, da ſich aber nichts Außergewöhnliches er⸗ kennen ließ und die Nachtluft kalt und unfreundlich * ³ 142 über die See herüber kam, ſtiegen ſie nach und nach wieder einzeln hinunter, ihre Coyen zu ſuchen. Es war recht ſtill geworden unten; die Paſſa⸗ giere lagen ſämmtlich in ihren Betten, der alte Meier ausgenommen, der noch immer angezogeu vor ſeiner Coye auf der Kiſte ſaß, und den Kopf in beide, auf die Knie geſtemmte Arme geſtützt hatte. Nur das Schnarchen und regelmäßige Athmen der Schläfer unterbrach die Ruhe, und dann und wann einmal das ängſtliche Aufſchreien eines Kindes, das von der Mutter wieder beſchwichtigt wurde. Ein hohler, brauſender Laut tönte über das Waſſer, dem die dröhnenden Schritte der raſch über das Deck laufenden Matroſen folgten. Meier hob den Kopf, horchte einen Augenblick und ſtieg lang⸗ ſam nach oben. „Kapitän, kommt an Deck!“ rief der Steuer⸗ mann mit lauter, faſt ängſtlicher Stimme in die Ca⸗ 3 jüte hinunter, daß die Cajütspaſſagiere ebenfalls in ihren Betten auffuhren und die Männer ſich raſch ankleideten. Der Kapitän hatte unausgekleidet auf ſeinem Bett gelegen, ſprang mit beiden Füßen aus ſeiner Coye, griff ſeinen Südweſter und den dicken Ueberrock auf, ſie unterwegs aufzuſetzen und anzu⸗ 143 5 ziehn, und ſtand im nächſten Augenblick neben denm— Steuermann und dem Ruder vor dem Compaß. „Was iſt, Steuermann, was giebt's?“ frug er mit ruhiger Stimme. „Es kommt!“ ſagte dieſer lakoniſch. „Wie viel Faden?“ „Zwanzig,“ lautete die Antwort. „Böſer Platz, wo es herweht,“ ſagte der Kapi⸗ tän, nach dem Compaß ſehend und ſeinen Rock da⸗ bei anziehend,„aber wir können mit beſtem Willen nicht mehr Segel, anbringen, und wenn's zu arg wird müſſen wir ſehen, daß wir irgend wo Anker werfen.“ „Wär' eine ſchlimme Geſchichte,“ brummte der Steuermann zwiſchen den Zähnen durch;„halloh, wie das zu heulen anfängt.“ „Werft das kleine Loth noch einmal,“ ſagte der Kapitän, während er den Fortgang ſeines armen Schiffes beobachtete und einen ſcheuen Blick nach Lee hinüber ſandte.„Wenn man nur wenigſtens die Leuchtfeuer erkennen könnte. Wie viel Uhr iſt's?“ „ Dreiviertel auf Zwölf,“ ſagte der Mann am Ruder, indem er ſich bückte und nach der im Com⸗ paßgehäuſe hängenden Uhr ſah.„In einer Vier⸗ telſtunde wiſſen wir woran wir ſind“, meinte der 1 144 Steuermann—„wie viel Faden?“ rief er dem vorn poſtirten Matroſen zu. „Bei der Mark neunzehn,“ lautete die Antwort. „Wie viel Kette haben wir oben, Steuermann?“ frug der Kapitän. „Ungefähr vierzig Faden.“ „Iſt der zweite Anker klar?“ „Noch nicht.“ „Laßt ihn klar machen.“ Ueber die Waſſer heulte es dabei in ſcharfem, pfeifendem Ton herüber und ſchäumte und ziſchte über die erregte Fluth. So ſcharf als möglich lag das ſeiner meiſten Segel beraubte Schiff dabei gegen den Wind an, aber nicht verkennen ließ es ſich, daß es, mit zu wenig Kraft den ſchweren Bau vorwärts zu treiben, unverhältnißmäßig viel Abdrift machte und mehr und mehr nach Lee hinüberſetzte. Von den Cajütspaſſagieren kamen jetzt ebenfalls mehre an Deck und frugen den Kapitän ängſtlich, ob Gefahr vorhanden ſei. So freundlich und zuvorkom⸗ mend aber dieſer auch ſonſt gegen ſeine Paſſagiere war, ſo kurze, abfertigende Antwort bekamen ſie jetzt, wo er andere Sachen im Kopf hatten, und er bat fie mit ziemlich dürren Worten, in ihre Coyen wieder * «y—“ — 145 4 zurück zu gehen, da ſie an Deck doch Nichts helfen könnten und nur im Wege ſtänden. Es war zwölf Uhr, der Wind hatte ſich wieder zu vollem Sturm erhoben, und die leicht erregte See rollte mit den kurzen aber ſchweren Wogen ärgerlich gegen den Bug des Schiffes an, über den ſie die ſchäumenden Kronen an Deck ſpritzte; die weißen, zähen Nebelſchwaden wälzten ſich dabei in dichten Maſſen vor ihm her, dem Lande zu, und wenn ſie auch, hie und da zerriſſen, einen Blick nach den ja⸗ genden Wolken verſtatteten, hüllten ſie doch das zu leewärts gelegene Land noch immer in tiefe Nacht. „Bei der Mark ſiebzehn!“ tönte dabei der mono⸗ tone Ruf des am Senkblei ſtationirten Matroſen, und die ſchwere Kette des Starbord⸗Ankers raſſelte, von der jetzt ebenfalls an Deck gerufenen andern Wacht gehoben, der Ankerwinde zu. „Bei der Mark ſechzehn—“ „Steuermann, wir müſſen wahrhaftig den Anker fallen laſſen!“ rief der Kapitän;„ſteht bei da vorn, Anker klar!“. „Alles klar, Kapitän!“ lautete die Autwort. „Wie viel Faden jetzt?“ Der ziſchende Schlag des Senkbleis auf das Gerſtäcker, Blau Waſſer. 10 146 Waſſer antwortete der Frage, und gleich darauf tönte wieder der eintönige Ruf: „Bei der Mark zwölf!“ Noch immer zögerte der Kapitän— ſie konnten 'ſich gerade hier an einer Bank befinden, die ſie viel⸗ leicht im nächſten Augenblick paſſirten. Solcher Art in offener See zu ankern, wo die Wogen mit unge⸗ brochener Kraft heranwälzen können, iſt auch immer eine ängſtliche, gewagte Sache; ſo lange er ſich flott halten kann, thut es kein Seemann. Wieder wurde das Blei geworfen und der Ruf zeigte dreizehn Faden. „Gott ſei Dank!“ rief der Kapitän mit einem aus innerſter Bruſt herausgeholten Seufzer—, das Waſſer wird tiefer— es war richtig nur eine Bank. „Bei der Mark vierzehn—“ „Bravo, mein Burſche, fahr' ſo fort!“ „Bei der Mark vierzehn ein halb.“ „Dort drüben glaub' ich, ſehe ich ein Licht durch den Nebel ſchimmern!“ rief plötzlich der Steuermann —„dort nach der Richtung hin!“ Der Kapitän ſtrengte ſeine Augen an, das Dun⸗ kel zu durchſuchen und glaubte ſelber einen Schein zu erkennen. 147 „Bei der Mark fünfzehn!“ rief der Mann. „Sobald wir das Licht ausmachen können, daß wir herausbekommen wo wir ſind,“ ſagte der Kapi⸗ tän, ohne auf das Senkblei jetzt weiter zu achten, „wollen wir die Peilung nehmen, und wenn der Sturm nicht nachläßt, wird uns Nichts weiter übrig bleiben, als in Lee Schutz zu ſuchen.“ „Der Henker ſoll die Küſte holen!“ brummte der Steuermann;„weiß es Gott, da ankere ich lie⸗ ber hier mitten im Kanal.“ „Bei der Mark elf!“ ſchrie der Mann vorn. „Elf?“ fuhr der Kapitän empor;„was iſt das— biſt du gewiß?— ſteht klar bei Euerem An⸗ ker da vorn.“ „Alles klar, Kapitän!“ rief der zweite Steuer⸗ mann zurück. „Bei der Mark ſieben!“ „Nieder mit Euerem Anker!“ gellte der ſchrille Ruf des Kapitäns über Deck, und zu gleicher Zeit raſſelte die Kette donnernd durch die Klüſenlöcher. In demſelben Augenblick aber auch, und noch ehe der Anker den Grund erreicht hahen konnte, zitterte das Schiff bis in ſeinen Kiel hinab vor dem furchtbaren Stoß den es erhielt, und der Kapitän mußte ſich 4 10 125 an den Compaßkaſten halten, nicht vorn überzu⸗ ſtürzen. „Heiliger Gott, wir ſind verloren!“ ſchrie eine Stimme vom Bug aus, und eine See wuſch hochauf⸗ bäumend an dem geſtrandeten Schiffe über Deck und ſchleuderte ihre Fluth in die noch offenen Lucken des Zwiſchendecks hinab. Ein gellender Wehſchrei antwortete von dort her, und in der nächſten Minute ſtürzten die halbent⸗ kleideten Paſſagiere aus Cajüte und Zwiſchendeck jammernd und wehklagend an Deck. „Wir ſind verloren— wir ſind verloren!“ tönte der gellende Ruf von den bleichen Lippen, und Män⸗ ner das, was ſie gerade im erſten Augenblick gefaßt, Frauen ihre Kinder auf dem Arm oder an den zit⸗ ternden Händen, drängten dem höher gelegenen Quarterdeck zu, Rettung, Hülfe von dem Kapitän zu erflehen. „Die Luken zu!— hinunter mit Euch!“ ſchrie dieſer aber, der raſch ſeine Geiſtesgegenwart wieder gewonnen hatte, als eine neue Woge ſich an der Sei⸗ tenwand des Schiffes brach, und ihre Fluth die ſtei⸗ len Zwiſchendeckstreppen nieder wuſch—„die Luken zu— wir füllen ſonſt das Schiff— hinunter mit den Paſſagieren, ſag' ich!“ 149 Ja, der Befehl war wohl gegeben, aber wie aus⸗ zuführen?— Nicht allein die eindringende Fluth, ſondern auch die wiederholten Stöße, die das, ſei⸗ nem Untergang geweihte, Schiff erhielt, und die es dermaßen erſchütterten, daß ſich weder Paſſagiere noch Matroſen auf den Füßen halten konnten, weck⸗ ten auch den feſteſten Schläfer aus ſeinem Schlum⸗ mer und donnerten ihm die furchtbare Wirklichkeit in das betäubte Ohr—„wir ſind verloren!“ Wieder ein Stoß, der mit einer Wucht gegen den Kiel traf, als ob die Planken von einander berſten müßten, und ſchäumend, ſchmetternd wälzten die mehr und mehr emporgerüttelten Wogen über Deck, wieder und wieder Einzelne der Paſſagiere, die ſich nach oben retten wollten, von den Treppen hinunterwa⸗ ſchend. Die Matroſen ſuchten jetzt die Luken auf die Klappen zu werfen, die überſteigende See zu verhin⸗ dern hinein zu ſchlagen, aber der von den Paſſagie⸗ ren hatte noch ein Kind unten, der eine Schweſter oder Mutter, und die Leute, in der Verzweiflung des Augenblicks ihrer Sinne kaum mächtig, warfen die Matroſen zurück und hielten den Eingang frei und offen. „Sie wollen uns nicht herauflaſſen— da unten ſollen wir erſaufen und erſticken, während ſie ſich in 150 den Booten retten!“ ſchrieen ſie dabei.„Nein, die Boote nieder— wir haben unſere Paſſage bezahlt — wir müſſen an's Land geſetzt werden. Herr Ka⸗ pitän, um Gottes Willen, die Boote nieder!“ Der Kapitän hatte indeſſen mit vollkommener Ruhe die Waſſertiefe um das Schiff her unterſuchen laſſen, und es blieb bald keinem Zweifel mehr unter⸗ worfen, daß ſie auf einer weiten, gleichhohen Sand⸗ bank aufſaßen, wo ſie nicht hoffen durften ſobald wieder frei zu kommen. Ja, im Gegentheil ſchien die Bank in Lee höher, als zu windwärts, und jeder Stoß, den das unglückliche Schiff von den an⸗ prallenden Wogen bekam, ſetzte es höher und feſter hinauf. Die Paſſagiere, die jetzt über Deck ſchwärmten ließen endlich, da ſich keiner weiter von ihnen im un⸗ tern Raum befand, die Luken ſchließen, die unterſuch⸗ ten Pumpen ergaben aber gleich darauf ſieben Fuß Waſſer im Raum; das Schiff hatte jedenfalls bei den furchtbaren Stößen einen Leck geſprungen, und Rettung war nur jetzt in den Booten möglich. Aber, guter Gott, wie waren die zu benutzen? Die kleine Jölle hing allerdings unter den eiſernen Krahnen, aber Dollen und Ruder fehlten, und konn⸗ ten in der jetzt herrſchenden Verwirrung gar nicht 151 gleich gefunden werden“, und das große Boot, die ſogenannte Barkaſſe ſtand mitten auf Deck und mußte erſt mit Flaſchenzügen über Bord gehoben werden. Die Verwirrung, die indeſſen unter den Paſſa⸗ gieren herrſchte, war furchtbar; ein Theil von ihnen riß die Luken wieder auf, hinunter zu klettern und das im erſten Schreck unten vergeſſene Geld herauf⸗ zuholen und zu retten; Andere lagen auf den Knien und beteten und weinten. Die Frauen drängten, mit ihren Kindern auf dem Arm, der Cajüie zu, den Kapitän anzuflehen nur dieſe, nur die Kleinen zu retten, und wieder Andere ſtanden, an irgend ein Tau oder Holz geklammert, in ſtumpfer, ſtarrer Verzweif⸗ lung da, ließen die Sturzwellen über ſich hinüber⸗ gehen, und ſahen mit ſtierem Blick hinaus über die anſtürmenden Wogen, die mit immer wachſender Kraft wieder und wieder gegen das Wrack anſchmet⸗ *Es iſt ein nicht genug zu rügender Uebelſtand auf faſt allen deutſchen Auswandererſchiffen, daß ſie nur ein einziges kleines Rettungsboot, die ſogenannte Kapitäns⸗Jölle mit ſich führen, und ſelbſt das nie in Ordnung haben; entweder liegt es verkehrt auf Deck und dorrt in der Sonne, oder die Dollen und Ruder liegen nicht darin, und ſind, wenn einmal bei einem Un⸗ glücksfall raſch gebraucht, nicht zu finden. Auf all den Paſſa⸗ gierſchiffen, mit denen ich bis jetzt gefahren, war es der Fall, und bei einem Fortgang von nur vier bis fünf Meilen wäre jeder über Bord Gefallene rettungslos verloren geweſen. 2 152 terten und es wild und heftiger auf die Sand⸗ bank aufſtießen. Konnten doch in jedem Augenblick ſeine Rippen brechen und in Trümmer auseinander berſten. „Heiliger Gott, du wirſt doch nicht wollen daß wir hier ſo elend umkommen ſollen!“ ſchrie eine Frau, die ihre zwei Kinder feſt an ſich gedrückt, auf den Knien lag und mit einem umklammerten Tau ſich vor dem Werfen des Schiffes zu ſchützen ſuchte. Da bäumte eine See, ſtärker als eine der vorigen, an dem Starbordbug des Fahrzeugs auf, und riß, niederſchlagend, die Cambüſe und einen Theil der Waſſerfäſſer, wie die ganze vordere Schanzkleidung des Larbordquarter mit über Bord. Zehn oder zwölf Menſchen, die ſich dort angeklammert hatten, wurden ebenfalls mit in die See gewaſchen, und ihr Wehge⸗ ſchrei ſchlug dumpf und entſetzlich an das Ohr der nooch Lebenden, denen ſie vergebens die Arme nach Hülfe entgegenſtreckten. Auch die Frau war von der „Woge erfaßt und an die andere Seite des Schiffes geſchleudert worden, wo ſie ſich wieder feſtklammerte — aber ein Kind fehlte ihr, und ihr gellender Hülfe⸗ ſchrei übertönte ſelbſt den Sturm. Eine neue Woge brach mit ſolcher Kraft gegen die Seitenwand des Wracks an, daß ſie das Schiff ganz auf die Seite 153 warf, und nur die ſtrenge Disciplin an Bord eines Schiffes konnte noch einen Theil der Matroſen zu⸗ ſammenhalten, dem Befehl des Kapitäns Folge zu leiſten und die Barkaſſe klar zu machen. „Hurrah, hurrah!“ ſchrie in dem Augenblick der Koch, der— mit dem vollen Bewußtſein, nach der Flucht des Klabautermanns doch hier unterzugehen und zu erſaufen— in die ihm bekannte Vorraths⸗ kammer der Cajüte geſchlichen war, und jetzt mit einem kleinen Anker Rum unter dem Arm auf dem Larbordgangweg hin nach vorn ſprang, ſeine Beute mit den Matroſen und den Paſſagieren zu theilen— „hurrah, Jungens, hier iſt der Stoff, der uns aus dem Waſſer hilft; hier iſt die richtige Miſchung mit Salzwaſſer zu nehmen. Ein Spließeiſen her, daß wir den Spund herauskriegen. Hol der Teufel die Boote und den alten Kaſten, der Klabautermann iſt fort, und die Latten gehen doch in der nächſten Vier⸗ telſtunde aus dem Leim— hurrah, der Rum ſoll leben!“ „Her mit dem Rum!“ ſchrieen die Matroſen, in wilder Verzweiflung zu dem letzten Mittel greifend, ihre Todesangſt zu betäuben, und der Zimmermann hatte raſch mit einem Spließeiſen den Korkſpund hineingeſtoßen, als der Kapitän, ein Enterbeil in 154 der gehobenen Rechten, zwiſchen ſie ſprang und aus voller Kraft einen mächtigen Hieb gegen den aufge⸗ drehten und unter dem Schlag zuſammenbrechenden Boden führte. „Wahnſinnige!“ ſchrie er dabei, während er zu gleicher Zeit das Faß mit dem Fuße um, und in das dort ſtrömende Seewaſſer ſtieß;„wollt Ihr Euch die letzte Möglichkeit rauben unſer Aller Leben zu retten, und wie feige Schufte, die ſich vor dem Tode fürch⸗ ten, in viehiſchem Trunk vor Eueren Gott treten. An die Arbeit mit Euch, die Barkaſſe in See, und bei dem Himmel dort oben, der jetzt ſeine Schrecken über uns herabgießt, dem Erſten, der einen weiteren ſolchen Verſuch macht, ſchlag' ich mit dieſem Beil den Schädel ein, wie ich dem Faß den Boden ausgeſchla⸗ gen habe.— In See mit dem Boot!“ „Schade um den Rum!“ brummte der Koch, der ſich ſcheu vor der gehobenen Waffe hinter die Uebri⸗ gen zurückdrückte; aber die Beſſeren der Schaar ſa⸗ hen doch ein, daß der Kapitän Recht hatte, und warfen ſich, trotz der jetzt mit immer wilderer Wuth überſchlagenden Wogen, in die Wanten hinauf, die Flaſchenzüge oben an den Ragen zu befeſtigen und das Boot, das ſie mit Armeskraft allein gar nicht hätten regieren können, empor zu heben und über zu laſſen. Die Zwiſchendeckspaſſagiere drängten indeſſen faſt ſämmtlich dem Quarterdeck zu, das gegen den An⸗ prall der Wogen noch am meiſten geſchützt lag, und herzzerreißend war der Jammer, das Elend der Un⸗ glücklichen. Mütter ſchrieen nach ihren Kindern, Gatten nach ihren Weibern, und ſuchten die noch unter den Lebenden, die ſchon, von den wilden Sturz⸗ wellen erfaßt, über Bord in ihr Verderben geriſſen waren. Gerade di e Männer aber, die ſonſt mit keckem Wort die Gefahr herausgefordert, betrugen ſich am muthloſeſten, am verzagteſten von Allen. Der Loh⸗ gerber, ein großer, ſtarker Mann, mit ein paar Fäu⸗ ſten wie ein Bär, lag, das Gangſpill umklammernd, auf den Knien und wimmerte zu Gott um Vergebung ſeiner Sünden und Rettung aus dieſer Noth, und der Schneider hing mit beiden Armen in der Star⸗ bord⸗Beſahn⸗Want und weinte und ſchluchzte wie ein Kind. Andere dagegen ſahen dem Unvermeidlichen, das über ſie herein zu brechen drohte, mit ſtillem, ent⸗ ſchloſſenem Muth entgegen, und unter ihnen der In⸗ ſtrumentenmacher, der ſein junges Weib und das zweijährige Kind feſt umklammert hielt, ſie gegen 156 etwaige Sturzſee ſo viel als möglich zu ſchützen, wäh⸗ rend er der an ſeinem Halſe weinenden Frau mit leiſer Stimme Muth und Troſt einſprach. Am wildeſten geberdete ſich einer der Cajüts⸗ paſſagiere— ein Kaufmann Wolf, der, in Unterklei⸗ dern aus der Cajüte geſtürzt, in wirrer Todesangſt kaum mehr wußte, was er that. Von einem Ende des Decks taumelte er ſchreiend zum andern, warf ſich vor den Matroſen auf die Knie und rief, er dürfe nicht ſterben, er habe Geld, viel Geld und ſie ſollten ihn retten— er würde ſie reich, er würde ſie ſteinreich machen. Die Seeleute ſtießen den Mann in Ekel von ſich, und winſelnd lag er zuletzt lang ausgeſtreckt, und mit dem Schwanken des Schiffes herüber und hinüber rollend auf dem Verdeck, kratzte ſich die Nä⸗ gel blutig an den Planken, raufte ſich die Haare und fluchte und betete. Der Einzige von Allen der kein Wort ſprach, keinen Klageruf, keinen Fluch über die Lippen brachte, war Meier. So ängſtlich und beſorgt er geweſen ehe das Unglück geſchehen war, ſo ruhig betrug er ſich jetzt, und trat zwiſchen die Matroſen hinein, die von dem Kapitän gegebenen Befehle mit ausführen zu helfen. Er war auch der Erſte, der nach oben lief, einen Block an der Raae zu befeſtigen, die Barkaſſe —— ʒꝗꝙ— 157 überheben zu können, und wie das Tau hindurch ge⸗ bracht und an Deck eingeholt war, ſtieg er wieder nieder, faßte es auf und ſang vor, wie das an Bord Sitte iſt, als ob gar nichts vorgefallen wäre und ſie ſich auf ſicherem Schiffe draußen in offener See, ſtatt auf einem zertrümmerten, geſtrandeten Wrack befänden. Sein Beiſpiel wirkte auch ermuthigend auf den Reſt der Seeleute, die ſich über ihren früheren Klein⸗ muth, wie daß ſie jetzt ein Paſſagier beſchämte, är⸗ gerten, und unbekümmert um den heulenden Sturm, um die überſtürzenden Seen, griffen ſie wacker und unverdroſſen zu. Das Aufwinden des Bootes brachte aber eine ei⸗ genthümliche Wirkung auf die Paſſagiere hervor. Da war Hoffnungz ein Mittel, eine Ausſicht wurde ihnen geboten das Land zu erreichen, die gefährdeten Planken, die in jedem Augenblick auseinander zu brechen drohten, zu verlaſſen, und ohne Verabre⸗ dung, aber ſtill und ſicher, ja Jeder in der Angſt daß ihm der Andere zuvorkommen könnte, drängten die Unglücklichen der Stelle zu, wo das Boot über Bord gelaſſen werden ſollte. Nur einmal in dem kleinen Fahrzeug, und ſie waren ihrer Meinung nach ge⸗ rettet. . 158 „Ein Licht— dort iſt der Leuchtthurm!“ ſchrie Meier plötzlich, der bei der Arbeit fortwährend ſehn⸗ ſüchtig den Blick dorthin geworfen hatte, wo er Land vermuthen mußte. „Ein Licht! der Leuchtthurm! Land!“ jubelten und ſchrien die Paſſagiere durch einander.„Gott ſei Dank, Gott ſei ewig gelobt und geprieſen, oh, er konnte, er wollte uns nicht verlaſſen!“ Land?— guter Gott! noch eine weite Strecke ſtürmiſcher See lag zwiſchen ihnen und dem retten⸗ den Lande, aber die Schiffbrüchigen begrüßten es, als ob ſie den feſten Boden ſchon unter ſich fühlten. Jetzt hob ſich die Barkaſſe, von den ſtarken Tauen getragen, und von hundert Händen dabei in krampf⸗ hafter Angſt gezogen, empor, und ſchwang gleich dar⸗ auf, durch die ſchräge Lage des nach Lee zu überge⸗ drückten Schiffes begünſtigt, über Bord. Der Kapi⸗ tän erkannte aber ganz das Gefahrvolle ihrer Lage, wenn ſich die Paſſagiere voll wilder Todesfurcht in das hinuntergelaſſene Boot, das ſie nicht alle tra⸗ gen konnte, geworfen hätten. Zwiſchen ſie ſprin⸗ gend bat und beſchwor er ſie deshalb, nur erſt die Frauen und Kinder hinunter und überhaupt nicht mehr Menſchen hineinzulaſſen, als möglicher Weiſe in dem kleinen Fahrzeug ſicher gegen die Wogen an⸗ 159 kämpfen konnten— umſonſt. Es war, als ob wilder Wahnſinn die Unglücklichen erfaßt hätte und ſie nicht hören wollten.. „Hinunter mit dem Boot!“ ſchrie und brüllte die Schaar—„hinunter damit— ſie wollen uns zu⸗ rücklaſſen— die Matroſen wollen ſich allein retten — hinunter!“ und die losgegebenen Taue ließen im nächſten Augenblick das breite, etwas ſchwerfällige Boot, rückſichtslos ob es ſchöpfe oder ſchwimme, auf die Wogen hinunterſchlagen. Glücklicher Weiſe kam es, nur wenig Waſſer einnehmend, unten auf, und das Fahrzeug ſelber, in deſſen Lee es lag, ſchützte es die erſten Augenblicke vor den anprallen⸗ den Wellen. Ein Theil der Matroſen hatte indeſſen Ruder und Segel aufgegriffen und war hineingeſprungen, wild und blind folgten ihnen dabei Männer, Frauen und Kinder in furchtbarem Gemiſch, als ob ſie ſich an feſtes, ſchützendes Land retteten, und nicht in ein ſchwimmendes, gebrechliches Boot, das ſinken mußte, ſobald es mehr bekam als es tragen konnte. „Stoßt ab— kappt die Taue!“ ſchrieen die unten Befindlichen dabei wirr durch einander, als ſich das Boot mit Menſchen füllte—„zurück da— 160 es kann Niemand mehr herein!“— Aber lieber Gott! was halfen die Rufe, was ſelbſt die Gewalt mit der ſich die im Boot des weiteren gefährlichen Andrangs erwehren wollten; die Todesgefahr gab den Schüch⸗ ternſten Muth und Stärke, und ehe die Matroſen unten im Stande waren. Die Taue zu kappen und die Barkaſſe abzuſtoßen, war ſie bis zum Rand ge⸗ füllt. Ja, ſelbſt noch, als ſie das Schiff verließ, ſprangen Einzelne in die unten kochende Fluth, den Bootrand theils mit den Händen faſſend, theils um Hülfe und Rettung die Arme darnach ausſtreckend. Aber wo war Erbarmen von den ſelbſt Verzweifelten zu hoffen— die Hände der ſich Anklammernden wurden abgeworfen, ſelbſt mit Meſſern zerſchnitten, wo ſie ſich krampfhaft eingehakt, und im nächſten Augenblick trieb das überfüllte Boot, von den ihm nachſtürzenden Wogen gefaßt und wild umherge⸗ ſchaukelt, nach Lee zu. Der Inſtrumentenmacher hatte mit ſiner jungen Frau und dem Kinde unwillkürlich mitgedrängt, dem Boote entgegen, als er ſich am Arm gefaßt und zu⸗ rückgehalten fühlte. Wie er ſich umſah, ſtand Meier neben ihm und flüſterte ihm zu: „Bleibt da— das Boot iſt verloren und wird nimmer das Land erreichen.“ — 161 „Aber wir hier?“ rief der Mann in Todes⸗ angſt—„meine Frau, mein Kind—“ „Sind vielleicht auch verloren,“ ſagte der alte Mann erregt,„aber noch nicht ſo gewiß, als die da draußen. Wenn Sie meinem Rathe folgen wollen, bleiben Sie auf dem Schiff— ich bleibe bei Ihnen.“ „Auf dem Wrack?“ „Immer beſſer auf einem Schiffswrack auf dem Sand ſitzen, als auf den Trümmern eines unterge⸗ gangenen Bootes draußen in ſolcher See ſchwimmen.“ Noch zögernd ſtand der Mann, als das Abſto⸗ ßen des Bootes draußen ihm keine weitere Wahl ließ. Zu gleicher Zeit war auch das Kapitänsboot in See gelaſſen, in das ſich die Steuerleute mit einem Theil der Matroſen und vier oder fünf Da⸗ men aus der Cajüte retteten. Der Kaufmann Wolf war einer der Erſten geweſen, die, rückſichtslos um alles Andere, in die Barkaſſe ſprangen. Der Kapitän, der alte Meier, der Inſtrumenten⸗ macher mit ſeiner kleinen Familie und ſieben oder acht Frauen aus dem Zwiſchendeck, die nicht gewagt hatten in das Boot hinab oder über Bord zu ſprin⸗ gen, waren die Einzigen, die noch an Bord zurück⸗ geblieben waren. „Und Sie ſind nicht mit in Ihr Boot gegangen?“ Gerſtäcker, Blau Waſſer. 11 162 redete der alte Meier den Kapitän an, der auf der Railing des Quarterdecks ſtand, und, den linken Arm um die Baſahnwant geſchlagen, mit ſtieren Blicken den mit den Wogen kämpfenden Booten folgte. „Ich darf mein Schiff nicht verlaſſen,“ antwor⸗ tete der Seemann;„aber Ihr?“ „Wenn ich denn einmal erſaufen muß,“ ſagte der alte Meier ruhig,„will ich das doch gern ſo lang hinausſchieben als irgend möglich.“ „So glaubt Ihr nicht, daß die Boote das feſte Land erreichen?“ rief der Kapitän mit einem tief aus der Bruſt geholten Seufzer. „Eben ſo wenig wie wir je mit der Kaptaube wieder flott werden,“ ſagte der Alte—„ſeht Ihr die Woge, Kapitän, die da hinter der Barkaſſe her⸗ ſchäumt?“— das iſt die letzte— und die Jölle— wo iſt die Jölle?— ich kann ſie ja gar nicht mehr finden.“ „Großer allmächtiger Gott!“ ſtöhnte der Kapi⸗ tän, ſein Antlitz in den Händen bergend—„ſie ſind verloren, alle verloren!“ 8 Ein wilder, gellender Hülfeſchrei ſchallte noch von dort herüber. In dem weißen Schaum, der durch die Nacht blitzte, war es faſt als ob ſich —— 163 dunkle, ringende Geſtalten erkennen ließen— dann blieb Alles ſtill. Nur die wilden Wogen brachen und ſtürmten ärger als je gegen das jetzt faſt ganz auf die Seite geworfene Wrack an, deſſen vordere Planken von den ungeſtümen Waſſern ſchon auseinander ge⸗ riſſen waren, daß ſie die gierige Fluth unter ſich konnten gurgeln und bohren hören. Stoß folgte jetzt auf Stoß, und die drei Minner gingen daran, durch das Kappen der noch ſtehenden unteren Maſten dem Schiff Erleichterung, und viel⸗ leicht auf der Sandbank auch mehr Feſtigkeit zu geben. Die Maſten, mit dem Uebergewicht der ſchweren Ragen und zerriſſenen Segel, die Aoch daran hin⸗ gen, bedurften nur weniger Schläge, einzubrechen und umzuſchlagen, und Meier ſuchte nun, von den beiden Andern dabei unterſtützt, was ſie an Hölzern an Bord erreichen und losſchneiden konnten, zuſam⸗ men zu binden und eine Art Floß herzuſtellen. Die Möglichkeit war vorhanden, daß ſich der Sturm mit Tagesanbruch legte und die See beruhigte, und ſie durften dann doch wenigſtens hoffen, wenn ſie über Tag kein Schiff fand und rettete, die in Lee liegende, gar nicht ſo ferne, Küſte zu erreichen. Entſetzlich war indeß die Lage der armen Frauen, die auf dem ſchrägen Deck zuſammengedrängt, die 11* 61 See ſchon nach ſich heraufzüngeln fühlten, und jeden Augenblick erwarten mußten, von den überſtürzenden Wogen erfaßt und fortgeriſſen zu werden. So brach der Morgen endlich an, und das Licht des jungen Tages beſchien die wild empörte Ober⸗ fläche der See, beſchien den Schauplatz der Zerſtö⸗ rung, wo Woge auf Woge noch an den lockern Planken riß und zerrte und arbeitete, das ganze Wrack mit ſeinen letzten Inſaſſen zu ſich hinab zu ziehen in Nacht und Tod. Aber der Sturm hatte ſchon vor Tag ſeinen Gipfelpunct erreicht gehabt und ſich faſt unmittelbar nach der Zerſtörung der Boote mehr und mehr beruhigt. Die See ging noch hoch, aber der dem Wrack ſo gefährliche Druck hinter den Wogen, die jetzt nur, durch ihre eigene Schwere getrieben, dem Lande zu rollten, fehlte, und die an Bord Zurückgebliebenen durften auf Rettung hoffen. Aber noch ein langer Tag der Angſt ſtand ihnen bevor, lange furchtbare Stunden, an lockere Planken geklammert, und über einem drohenden Abgrund ſchwebend, und erſt gegen Abend kam ein Schiff in Sicht, von dem ſie Rettung hoffen durften. Es war ein von Havre nach Lodon beſtimmter Dampfer, der glücklich das geſtrandete Schiff mit ſeinem aufgeſteck⸗ ten Nothſignal entdeckte, und jauchzend ſahen ſich die 1 165 Unglücklichen endlich bemerkt— ſahen wie das Fahr⸗ zeug auf ſie zu hielt, ſoweit es ſich dem ſandigen Ufer nähern durfte, ſahen wie es auch endlich beilegte und ein Boot ausſetzte— und fanden ſich dem ſchon ſicher geglaubten Tode entriſſen. Von dem Wrack war aber Nichts mehr zu bergen. Das Wetter ſah noch viel zu drohend aus, lange an ſolch gefährlicher Stelle zu weilen; das Poſtboot, an eine beſtimmte Zeit gebunden, durfte ſich auch nicht aufhalten, und der in der nächſten Nacht wieder los⸗ brechende Sturm, jagte das ſeinem Geſchick verfallene Fahrzeug noch höher auf den Sand hinauf, ſchmet⸗ terte die rieſigen Wogen gegen den geborſtenen Bau, riß ſeine Planken aus einander, und warf die Trüm⸗ mer in ſeinem tollen Spiele an die Küſte. N Jack und Bill. Es iſt nun ſchon einige Zeit her, da lebten am Oldcaſtle Cap in Wales zwei Brüder, Namens Jack und Bill Drygarn. Beide waren Seeleute, die ſich ſeit ihrem achten Jahre auf Salzwaſſer umherge⸗ trieben, und nie viel nach dem feſten Lande verlangt. Das Ufer betrachteten ſie auch in der That, wie die meiſten dieſer Menſchenklaſſen, nur als einen Platz, der dazu da ſei Waſſer und friſche Proviſionen, be⸗ ſonders Rum an Bord zu nehmen, und wo die Ma⸗ troſen ihr auf See ſauer genug verdientes Geld wieder raſch und fröhlich durchbringen könnten. Außerdem hielten ſie es für das, was es für den Seemann auch wirklich gar nicht ſelten iſt, nämlich, für ihren ſchlimmſten Feind, und mochten nicht viel davon wiſſen. Bill war zwei Jahr jünger als Jack, an Geſicht und Körper glichen ſich aber die beiden Brüder ſo, —— — 167 daß ſie ſchon oft für Zwillinge gehalten worden, und zuweilen ſelbſt von ihren nächſten Bekannten ver⸗ wechſelt wurden. Ziemlich phlegmatiſcher Natur alle Beide, hatten ſie jedoch einander lieb, und fuhren ſtets auf ein und demſelben Schiff mitſammen, brach⸗ ten mitſammen durch was ſie hatten, und ließen ſich dann wieder eben ſo ruhig und vergnügt zu neuer Reiſe anwerben. Machten es doch die anderen Ma⸗ troſen ebenſo. So gut ſie übrigens von der See dachten, ſo ſchlecht meinte es dieſe eine Zeit lang mit ihnen, und nachdem Beide lange Jahre außerordentlich glücklich gefahren, änderte ſich das plötzlich. Sie konnten kei⸗ nen Fuß mehr an Bord eines Schiffes ſetzen, ohne daß es nicht irgendwo ſcheiterte oder ſtrandete, oder wenigſtens die Maſten über Bord jagte und ſonſt ſchwere Havarie litt. Mit dem Leben kamen ſie aller⸗ dings immer glücklich davon, aber ſonſt verloren ſie auch auf mehreren Reiſen hintereinander Alles, was ſie ſich eben mit großer Müh' und Anſtrengung an⸗ geſchafft, und mußten immer wieder von Neuem und zwar ganz von vorn beginnen. Seeleute ſind Alle ein wenig abergläubiſch, und den beiden Brüdern kam zuletzt der Gedanke— der ſich in dieſem Fall auch wirklich entſchuldigen ließ— 168 daß ſie zum Unglück auf See auserſehen wären, und die letzten Fatalitäten als wohlmeinende Warnung zu betrachten hätten: Salzwaſſer fortan zu meiden. Nur einen Verſuch wollten ſie noch machen, der eben über ihr künftiges Schickſal entſcheiden ſollte, und wie der ausfiel, danach wollten ſie handeln. Der fiel übrigens ſehr ſchlecht aus. Sie gingen Beide wieder in einer nach New⸗York beſtimmten Brig von Pembroke aus in See, verloren gleich in der erſten Nacht beide Maſte und den Clü⸗ verbaum, und trieben endlich mit dem Wrack, nach⸗ dem ſie daſſelbe mit Pumpen noch vierundzwanzig Stunden flott gehalten, an dieſelbe Küſte wieder an, von der ſie ausgelaufen. Der Fingerzeig war denn doch zu deutlich, ihn zu verachten, und Jack und Bill beſchloſſen jetzt, was ſchon ſeit einiger Zeit ihr Plan geweſen, zu bleiben wo ſie waren, das heißt auf feſtem Grund und Boden, und der See, wenigſten dem Fahren, zu entſagen. Daß ſie nicht ganz von der See und dem was dazu gehörte Abſchied nahmen, verſteht ſich wohl von ſelbſt, wie hätten ſie auch ſonſt wohl eriſtiren wollen. Ihr ganzes Leben und Treiben war von Jugend auf viel zu eng damit verwachſen. Beides ließ ſich aber auch leicht vereinigen, denn ein tüchtiger und ausgelernter Matroſe iſt auch meiſt immer ein geſchickter Segel⸗ macher, und ſo beſchloſſen denn Jack und Bill in Pembroke ſich als Segelmacher zu etabliren. Dadurch blieben ſie mit der See eng verbunden, hatten fort⸗ während mit allen dort einlaufenden Schiffen zu thun und— brauchten nicht ſelber mehr zu fahren. Die Ausführung dieſes Planes erforderte aller⸗ dings ein kleines Capital, und beide Brüder waren ohne einen einzigen Penny; in Pembroke ſelber aber lebte eine alte Wittwe, eine Mrs. Bellhope, mit einer einzigen Tochter, die einiges Vermögen beſaß und den Brüdern gewogen war. Dieſe, die ſie als rechtſchaffene Matroſen kannte, entſchloß ſich, ihnen 25 L. vorzuſchießen, mit denen ſie recht gut beginnen konnten. Alles ging vortrefflich. Die kleine Werkſtätte war bald eingerichtet, und die beiden„jungen Leute“ (Bill war 30 und Jack 32 Jahre alt) bekamen bald Arbeit genug. Nur eines fehlte ihnen noch— eine Häuslichkeit, und die mußten ſie ſich auf die eine oder die andere Art verſchaffen. Matroſen ſind nämlich nicht daran gewöhnt, ſich ihre Lebensmittel ſelbſt zu kochen— wenn ſie ſich auch ihre Betten ſelber machen, und ihre Kleider eigenhändig ausbeſſern, ja auch wohl ſelber nähen.— Für das erſtere ſorgt unter 170 allen Umſtänden der Koch, und einen ſolchen brauch⸗ ten ſie deßhalb nothwendig. Einen wirklichen Koch konnten ſie aber nicht be⸗ zahlen, und ſie fielen deßhalb auf den jedenfalls glücklichen Gedanken, das Einer von ihnen— wel⸗ cher bliebe ſich ziemlich gleich— heirathen müſſe. Bill ſchlug dabei vor, daß das Alter hierbei zu ent⸗ ſcheiden habe, wer von ihnen dieſen Schritt thun ſolle, Jack dagegen meinte, das Loos müſſe entſcheiden, denn er ſähe nicht ein wie er gerade dazu käme, allein für den Koch zu ſorgen. Das Loos entſchied denn auch wirklich, aber nicht für Jack, ſondern für den Jüngeren, der bei dem wichtigen Entſcheid keine weitere Gemüthsbewegung zeigte, als das er ſein erſt halbverbrauchtes Priem⸗ chen Taback wegwarf und ſich ein friſches abſchnitt, figürlich dadurch andeutend, daß er jetzt ein vollſtän⸗ dig neues Leben beginnen müſſe. Wen er heirathen ſolle, darüber war bis jetzt zwiſchen ihnen noch kein Wort gewechſelt. Nach ſtill⸗ ſchweigendem Uebereinkommen konnte das aber Nie⸗ mand Anderes ſein, als die Tochter der Wittwe Bellhope, Polly, und zu der ging denn auch ohne Weiteres Bill, bot ihr ſeine Hand an, wurde freund⸗ lich auf- und angenommen und kehrte, nachdem er — Q—Q—˖Q:⏑:Bõ⸗ÿ—·—— — Q—Q—˖Q:⏑:Bõ⸗ÿ—·—— 171 Polly einen tüchtigen Kuß gegeben, augenblicklich, wieder nach Haus zurück, die nun einmal nothwendig gewordenen Anſtalten zur Hochzeit zu treffen. Dieſe war auf den Sonnabend vor den Oſter⸗ feiertagen beſtimmt worden, und wurde denn auch mit alle dem bei ſolchen Gelegenheiten üblichen und nicht üblichen Pomp vollzogen. Viel Poeſie war eigentlich nicht dabei, Bill hatte deßhalb auch nicht gewollt, daß die Hochzeit an einem Sonntage ſei, da die Heirath doch eigentlich mit in das Geſchäft ge⸗ höre, und Sonntags nicht gearbeitet würde. Nur einmal, gleich vor der Trauung, als ſie die Braut in die Kirche führten, meinte Jack,„eigentlich thäte es ihm doch jetzt beinahe leid, daß ſie gelooſt hätten.“ Als ſie aber Ja geſagt, und der Geiſtliche ihre Hände in einandergelegt, verſicherte er ſeinem Bruder,„jetzt wär's ihm wieder lieb.“ An dem näglichen Abend erhielten die Brüder einen Brief von Wexford in Irland, daß ein Schiff dort eingelaufen ſei, deſſen Kapitän ihnen noch eine ziemliche Summe für Segel ſchulde, und dieſe zu zahlen wünſche. Jack, als der am nächſten Tag noch nicht Beſchäftigte, entſchloß ſich, mit einem gerade bei ihnen vor Anker und dorthin beſtimmten Schoo⸗ ner hinüberzufahren und das Geld einzueaſſiren, 172 ſchiffte ſich am nächſten Morgen ein, und verſprach in ſpäteſtens drei oder vier Tagen wieder zurück zu ſein. Es vergingen indeſſen ſechs und acht Tage, und Jack ließ nichts wieder von ſich hören. Bill wurde zuletzt unruhig darüber. So lange war er in ſeinem ganzen Leben noch nicht von ſeinem Bruder getrennt geweſen, und die Summe, die jener holen ſollte, ebenfalls keine Kleinigkeit für ſie. Er beſchloß alſo ſelber hinüber zu fahren, und zu ſehen was aus ihm geworden, denn mit dem günſtigen Weſtwind, der die letzten Tage geweht, hätte er recht gut von Wexford in vierundzwanzig Stunden herü⸗ ber kommen können. Geſagt, gethan. Das Geſchäft konnte er indeſſen recht gut ſeinem ſehr zuverläſſigen Altgeſellen über⸗ laſſen; die Schwiegermutter ließ es ſich überdies nicht nehmen, nach dem zu ſehen was Rechtens war, und am nächſten Morgen ſchiffte er ſich in einem Küſtenfahrer, der nach Wexford mit Engliſchen Waaren hinüberlief, ein, ſeinen Bruder aufzuſuchen, Zu ſeinem Erſtaunen hörte er in Wexford gar nichts von ihm. Allerdings hatte er das Geld bei dem Kapitän, der noch dort lag, erhoben, und dieſer zeigte ihm die darüber ausgeſtellte Quittung— dann war er ſpurlos verſchwunden. 173 Nur zwei Fälle blieben jetzt möglich. Einmal hatte an dem Abend ein kleines Segelboot mit zwei Mann das Ufer verlaſſen und war verunglückt. Den Eigenthümer deſſelben, der ebenfalls mit ertrunken, kannte man; das Andere ſollte ein Fremder geweſen ſein, und es blieb möglich, daß ſein Geſchick den ar⸗ men Teufel hier ereilt. Dann aber war an dem nämlichen Abend ein Auswanderer⸗Schiff nach New⸗ York in See gegangen, das noch ſpät Abends mehrere Paſſagiere aufgenommen, und wen er darüber frug, ſprach ſich dahin aus, Jack würde wohl das kleine Capital genommen und damit nach der neuen Welt gegangen ſein, dort ſein Glück raſcher zu finden als im alten Vaterland. Bill verwarf dieſen Gedanken natürlich mit Ent⸗ rüſtung. Aber auch der andere Fall war ihm unwahr⸗ ſcheinlich, wenn allerdings möglich— daß ſich Jack in einer ſolchen Rußſchale von Fahrzeug der See ohne dringende Noth anvertraut haben ſollte. Das Wahrſcheinlichſte blieb immer, daß er, ohne weiter Jemand etwas davon zu ſagen, nach Waterford ge⸗ gangen ſei, von dort mit dem Dampfboot nach Hauſe zurückzukehren, und nun ſchon lange gemüthlich da⸗ heim ſitze, während er ihn hier draußen ſuche. Gerade jetzt lag auch wieder eine Amerikaniſche Barke in 14 Wexford, die noch mehre Paſſagiere in Waterford an Land zu ſetzen hatte. Auf der nahm er Paſſage, und weil ſie noch einige Tage dort liegen blieb, amü⸗ ſiirte er ſich indeß ganz vortrefflich mit einigen da gefundenen alten Schiffskameraden. Nach drei Tagen erhielt er plötzlich Nachricht, daß die Barke Abends ſieben Uhr bei eintretender Ebbe ſegeln würde, und mit dem gerade günſtig wehenden Winde konnte ſie den Ort ihrer Beſtimmung recht gut bis Tagesan⸗ bruch erreichen. Bill ging an Bord und zwar, wie das alte Ma⸗ troſen gewöhnlich tbun, als Zwiſchendecks⸗Paſſagier im Forecaſtle. Das heißt, er aß mit den Leuten, mit denen er, als nicht der Mühe werth zu Coje zu gehen, die Nacht auf den verſchiedenen Wachen verplauderte. Erſt als ſie dem Leuchtthurm näher und näher kamen, und die Leute noch Einiges aus dem Raum herauf⸗ holten, was mit an Land geſchickt werden ſollte, holte er ſich ſeine kleine Taſche herauf, um, wenn das Boot ahſtieß, gleich fertig zu ſein. Irgend ein kleiner geringfügiger Umſtand, an und für ſich nicht von der mindeſten Bedeutung, hat oft Einfluß auf unſer ganzes Leben, und wirft unſere noch ſo vortrefflich berechneten Pläne über den Hau⸗ fen. Hätte Bill die Taſche nicht unten im„Logis“ liegen gehabt, wäre Alles ſo gegangen wie er dachte, und er ſelber wieder in kurzer Zeit zu Haus geweſen. So, als er im Dunkeln die ſchmale Treppe herauf und an Deck ſtieg, und nach der Mitte des Fahrzeuges zugehen wollte, wo das Boot niedergelaſſen werden ſollte, ſtolperte er über den ausgeſchobenen Luken⸗ deckel, ſtürzte, ehe er ſich halten konnte, in den Raum hinab, ſchlug mit dem Kopf an eine Kiſte, und blieb bewußtlos liegen. Dieſe Luke wurde von den Leuten gleich darauf wieder zugelegt, und als das Boot niedergelaſſen ward, rief man vergebens nach dem ſo plötzlich ver⸗ ſchwundenen Paſſagier. Der raſch und heftig wach⸗ ſende Wind ließ aber auch kein längeres Zögern zu— der fremde Seemann mußte jedenfalls in der Dunkel⸗ heit über Bord gefallen ſein, wo ihm doch nicht mehr zu helfen war, und die für Waterford beſtimmten Paſſagiere, von denen Einer Bill kannte und ſich am vorigen Abend noch mit ihm unterhalten hatte, ver⸗ ließen das Schiff in der feſten Ueberzeugung, daß der arme Teufel ſein zeitiges Grab in den Wellen gefun⸗ den. Das„Fliegende Eichhorn“, wie die Barke hieß, braßte bald darauf die Segel wieder auf, und flog mit trefflichem Wind ihre Bahn entlang. Der Morgen brach an und die Briſe artete mit 176 Sonnenaufgang in einen förmlichen Nord⸗Oſt⸗ Sturm aus, der ſie mit gereeften Segeln vor dem Wind elf oder zwölf Knoten die Stunde vorwärts jagte. Die Luken ſollten wieder dicht gemacht wer⸗ den, vorher aber brauchte der Koch noch Feuerholz aus dem unteren Raum, und als ein paar von den Leuten hinabſtiegen, fanden ſie unten den armen Teufel von Paſſagier noch halb bewußtlos in ſeinem Blute liegen. Bill wurde jetzt allerdings gleich an Deck und zu Coye gebracht, und es geſchah Alles was die Um⸗ ſtände erlaubten, ihn wieder zu ſich zu bringen und zu pflegen, aber ihn jetzt an Land zu ſetzen war un⸗ möglich. Die See ging hoch und der Kapitän hätte nicht um irgend etwas die koſtbare Brieſe verſäumen mögen. Außerdem lag der Fremde in einem heftigen Fieber, und es blieb eben nichts weiter übrig als ihn mit zu nehmen— nach New⸗York. Erſt nach vier oder fünf Tagen, als ſie ſchon lange weit draußen im Atlantiſchen Ocean und auf blauem Waſſer ſchwammen, erholte ſich Bill auch wirklich ſo weit, Rechenſchaft von ſich zu geben, wie er in den unteren Raum gekommen; fand ſich übri⸗ gens ungemein raſch in ſein Schickſal, meinte,„es hätte einmal nicht anders ſein ſollen“ und ließ ſich, — — 177 da der Kapitän gerade knapp an Mannſchaft war, mit Vergnügen als Matroſe einſchreiben, ſeine Paſſage zu verdienen. In New⸗York fand er ja bald Gelegenheit wieder nach Hauſe zurückzukehren, und als er ſich die Sache erſt eine Weile überlegt hatte, ſchien es ihm ſogar ganz Recht zu ſein, wieder einmal„ein Deck zu treten“ und Maſten und See über und um ſich zu ſehen, ſtatt der„ewigen lang⸗ weiligen Dächer und Häuſer.“ Das Seeblut ſtak ihm doch noch viel zu ſehr in den Gliedern, es ſo leicht abzuſchütteln, und zu Hauſe—„kam er noch immer zeitig genug.“ Von ſeiner Wunde, wie nur erſt einmal das Fieber von ihm gewichen, erholte er ſich ungemein raſch, und was ſeine häuslichen Verhältniſſe betraf, ſo machte er ſich deretwegen auch nicht die geringſten Sorgen. Jack war jedenfalls indeſſen lange wieder zu Hauſe angekommen und ſeine Frau— ih nun, die mußte ſich ſchon die paar Monate tröſten. Was hätte ſie denn machen wollen wenn ſie einen See⸗ mann geheirathet; die waren fortwährend auf dem Waſſer, und nur dann und wann einmal acht oder vierzehn Tage zu Haus, und deren Frauen hielten es auch aus. Nur Eins genirte ihn im Anfang an Bord, ob⸗ Gerſtäcker, Blau Waſſer. 12 178 gleich er ſich auch zuletzt daran gewöhnte: daß ihn der Steuermann und die Uebrigen immer Jack ſtatt Bill nannten. Zwiſchen den Engliſchen und theil⸗ weis auch Amerikaniſchen Matroſen iſt es nämlich ein ſeit undenklichen Jahren eingeführter Brauch, Alle, deren Namen ſie nicht gleich wiſſen, und die zum Seemannsſtand gehören, Jack zu nennen. Wie man in Oeſterreich jeden Fremden„Herr von“ und in Leipzig„Doctor“ nennt, ſo ſagen die Matroſen unter einander Jack, und da der Name überhaupt ſo außerordentlich verbreitet iſt, treffen ſie noch nicht einmal ſo oft fehl. So lange Bill deshalb in ſeinem Fieber lag und doch ſchon wenn er nicht ſtarb, als zum Schiff gehörig betrachtet wurde, hieß er fort⸗ während, wenn von ihm geredet wurde, Jack, und zwar„der fremde Jack,“ und als er wieder zu ſich kam und Bill heißen wollte, ging das nicht mehr. Die Leute hatten ſich daran gewöhnt und er blieb Jack nach wie vor. „ Hol's der Henker,“ rief er dann zuletzt mit dem gewöhnlichen und allbekannten Seemannswitz, der auch vielleicht dem Namen Jack ſeinen Urſprung verdankt—„es iſt mir einerlei, wie Ihr mich auch ruft— nur nicht zu ſpät zum Eſſen.“ Bill war früher, wie ſchon vorerwähnt, Matroſe 179 mit Leib und Seele geweſen, und es läßt ſich denken daß er ſich bald wieder hinein und wohl in ſeiner altgewohnten Beſchäftigung fand. Ueber die Tren⸗ nung von ſeiner Fran hatte er ſich ſchon lange ge⸗ tröſtet, und lachte ſogar manchmal, wenn er daran dachte wie ſie ſich wohl den Kopf zerbrechen würde, wo er hingekommen und wann er zurückkehren würde. Am Ende war es noch gar ſo kein großes Unglück daß er in das Loch gefallen, und jedenfalls hatte er bei der Gelegenheit doch wieder einmal tüchtig Salz⸗ waſſer zu ſchmecken bekommen. Nach einer Fahrt von 49 Tagen erreichten ſie New⸗York und Bill bekam, was er unterwegs ver⸗ dient, ausgezahlt. In der Erinnerung aber an die freie, fröhliche Zeit die er ſonſt verlebt, wenn er nach langer Seefahrt wieder zum erſten Mal Land betrat, dachte er in dem Augenblick gar nicht an die Heimath und ſeine dortigen, ihm noch etwas neuen Pflichten, und jubelte mit den Kameraden Tag und Nacht durch bis auch— was gar nicht ſo ſehr lang dauerte— der letzte Cent verzehrt und ſogar nach echter Matro⸗ ſenart, die Jacke verſetzt war. Damit hatte er den Gipfelpunkt ſeiner jetzigen Glückſeligkeit erreicht, denn geborgt wird ſolchen Leuten nichts. Als aber der Rauſch ausgeſchlafen 12* 180 war, kratzte er ſich doch hinter den Ohren und dachte zum erſten Male ernſtlich an die Rückfahrt, die er ſich nun wieder als Matroſe verſchaffen mußte. Umſonſt hätte ihn nätürlich kein Kapitän als Paſſa⸗ gier mit hinübergenommen, hätte er ſelber als Paſſa⸗ gier gehen wollen. Matroſen haſſen aber Paſſagiere gründlich, und betrachten ſie gewöhnlich als die un⸗ angenehmſte Fracht, die ſich nur denken läßt. Sind ſie ihnen doch überall im Weg, beſchmutzen ihr Deck, hindern ſie an der Arbeit und verſtehen von der See gerade ſo viel wie ein Schneider. Bill ſah ſich deshalb raſch wieder nach einem Schiff um, auf dem er ein„birth“ bekommen könne, fand aber zu ſeinem Schrecken daß kein einziges paſſend für ihn im Hafen lag. Vier oder fünf waren allerdings nach England beſtimmt, aber ſchon vollauf mit Mannſchaft verſehen, andere, von dort erſt ange⸗ kommen, blieben vielleicht vier bis ſechs Wochen liegen, ehe ſie ihre Fracht gelöſcht und neue einge⸗ nommen hatten, und ſo lang konnte er doch unmög⸗ lich ohne Geld und in Hemdsärmeln in New⸗York herumlaufen. Ein einziges Schiff brauchte Leute und war nach England beſtimmt, aber— über Rio Janeiro. Das verzögerte allerdings ſeine Rückkunft, doch blieb ihm in der That keine große Wahl; der Kapitän, der ſchon ſegelfertig im Hafen lag, bot ihm Handgeld und Bill— ging an Bord. Daß er aber ſo gewiſſermaßen von zu Hauſe fort⸗ ſchiffte, wo er doch eine Frau ſitzen hatte, war ihm ein unbehagliches Gefühl, und er wollte wenigſtens nicht gekannt ſein. Der Name Jack, den ihm„das fliegende Eichhorn“ aufgezwungen, paßte ihm ſetzt inſofern, als er incognito reiſen konnte, und er ließ ſich als Jack Brown in die Schiffsbücher eintragen. Gern hätte er auch nach Hauſe geſchrieben und die Seinigen wiſſen laſſen wie es ihm ginge, aber— er konnte nicht ſchreiben, und einem Fremden mochte er die Geſchichte auch nicht erzählen. Ueberdies drehte ſich ja die ganze Sache nur um ſechs oder acht Wochen länger, und dann war er ja ſelber wieder zu Haus. Das Schiff, eine Engliſche Brig,„der York⸗ ſhireman“ ging ſchon am nächſten Morgen in See und kreuzte gegen ziemlich widrigen Wind nach Südoſt hinab. Es dauerte auch wirklich andert⸗ halb Monate, bis ſie nur die Paſſate erreichten, dann aber liefen ſie mit Leeſegeln und vor dem Wind den Hafen von Rio in vierzehn Tagen an, ankerten in der wundervollen Bai und löſchten ihre 182 für Rio mitgebrachte Fracht in kleine, zu dem Zweck langſeit legende„Lichter“. Der Kapitän des Yorkſhireman hatte nun aller⸗ dings darauf gerechnet, in Rio augenblicklich und gute Fracht nach England zu finden. Es lagen aber wenigſtens ſechs Schiff im Hafen, die ſämmtlich keine Ladung zu anſtändigem Preis bekommen konnten, und Einige hatten ſich ſchon entſchloſſen, lieber in Ballaſt nach Haus zurückzukehren, oder vielleicht Bahia oder Buenos Ayres anzulaufen, als ein friſch einkommendes Amerikaniſches Schiff der gan⸗ zen Sache eine andere Wendung gab. Gerade war nämlich die erſte Nachricht von der Californiſchen Goldentdeckung in Amerika angelangt, und dies das erſte Schiff, das dorthin mit Auswan⸗ derern um Cap Horn nach dem neuen Eldorado ging. Die Gerüchte, die von den Paſſagieren dieſes Fahr⸗ zeugs in der Stadt verbreitet wurden, waren dabei ſo fabelhafter Art, daß beſonders die Kaufleute ein wahrer Schwindel erfaßte, und Jeder jetzt Güter ſo raſch als möglich nach Californien verſchiffen wollte, reine ſolide Goldklumpen dafür einzutauſchen. Die Kapitäne, die von ihren Rhedern Vollmacht hatten, über ihre Schiffe zu verfügen wie ſie es für das Beſte hielten, ſtanden ſich jetzt vortrefflich, und accordirten 183 augenblicklich Fracht nach San Francisco. Unter dieſen befand ſich der Yorkſhireman, und unſerem Bill Drygarn oder Jack Brown, wie er ſich genannt hatte, machte der Kapitän das Anerbieten, ihn, ſtatt einer direkten Reiſe nach England, erſt einmal nach San Francisco zu begleiten und dort, wenn er wolle, Gold zu graben. Er, der Kapitän, hätte ſelber Luſt einmal in die Minen zu gehen, wenn das Gold denn gar ſo dick dort oben herum liegen ſollte. Hier war auf einmal eine plötzliche Ausſicht reich — ſteinreich zu werden, und weiter nichts dazu nöthig, als eine etwas längere Seefahrt. Und kam es denn, wo er nun doch einmal ſo lange von zu Haus entfernt war, jetzt auf die paar Monate an?— Paar Monate, ja der Teufel; mit ein paar Monate mochte es, wie ſich Bill heimlich ſelber geſtand, wohl kaum abgethan ſein, und hin nach San Francisco und von da zurück nach England konnte immer eine acht bis zehn Monate fortnehmen. Vierzehn Tage mußte er außerdem noch wenigſtens darauf rechnen, eine Quantität Gold in den Minen zuſammenzuſuchen. — Wenn er nur wenigſtens hätte einen Brief zu Haus ſchicken können. Aber auch das ſchadete nichts; die Ueberraſchung, wenn er noch dazu mit einem tüch⸗ tigen Klumpen Gold ganz plötzlich angerückt käme, wurde nachher um ſo größer, und ſein Bruder und ſeine Frau ſollten nicht wenig ſtaunen. Bill beſann ſich auch wirklich nicht lange; die Verlockung war zu groß, und ein Abend, den er mit einem Theil der Mannſchaft des Californiſchen Schiffes verbrachte, feſtigte ſeinen Entſchluß der⸗ maßen, daß er jetzt die Zeit kaum erwarten konnte, wo ſie nach dem Lande ſeiner heißen Sehnſucht auf⸗ brechen ſollten. Außerordentlich lieb war es ihm jetzt übrigens, daß er den Namen Jack Brown angenommen hatte. Er ſchämte ſich doch etwas, ſo weit von der Heimath fortzuziehen, und ſeine Frau— aber zum Henker, gerade für die ging er ja nach Californien, etwas Ordentliches zu verdienen und als reicher ange⸗ ſehener Mann zurückzukommen. Lieber wäre es ihm freilich geweſen, wenn er Jack bei ſich gehabt hätte. Der Yorkſhireman machte eine verhältnißmäßig raſche Reiſe um Cap Horn und erreichte das Gold⸗ land noch mitten in der erſten Gährung und Auf⸗ regung. Nicht allein die ſämmtliche Mannſchaft brach denn auch, ſowie der Anker niedergeraſſelt war, nach den Minen auf, das Schiff ſich ſelbſt und ſeinem Kapitän überlaſſend, ſondern dieſer hatte kaum ſeine Fracht und Ladung zu ziemlich guten Preiſen unter⸗ V 185 gebracht, als er mit ſeinen beiden Steuerleuten ſeine Cajüte zuſchloß, die Luken vernagelte und ebenfalls in der kleinen Schiffsjolle durch die Bai und den Sacramento hinaufruderte. Ich habe hier keinen Raum, das Alles was Bill im Eldorado erlebte, zu beſchreiben. Leider hatte er aber mit ſeinem Goldſuchen eben ſo wenig Glück wie mit ſeiner Paſſage, und hielt das Wenige, das er fand, immer nicht des„Aufhebens“ werth. Einmal mußte er ja doch an einen tüchtigen Klumpen kom⸗ men. Fünf Monate ſuchte er darnach, bis er es end⸗ lich in Verzweiflung aufgab, und mit vielleicht ſechzig Dollars in der Taſche und ärgerlich über ſich und die ganze Welt, vorzüglich aber über das verwünſchte Californien, wieder nach San Francisco zurück⸗ kehrte. Eine Möglichkeit bot ſich ihm allerdings noch dort, ſeinen Gewinn in kurzer Zeit zu verzehn⸗, ja vielleicht zu verhundertfachen, wenn er nämlich ſein Glück in einem der Sau Francisco Spielſäle ver⸗ ſuchte. Das that er denn auch, verlor in etwa einer halben Stunde Alles, was er ſich in den fünf Mona⸗ ten mühſam erarbeitet, und vermiethete ſich dann aus reiner Deſperation noch an demſelben Abend auf ein Schiff, das am nächſten Morgen den Hafen verließ und— nach Sidney beſtimmt war. Wieder ganz in das Matroſenleben hineingekom⸗ men, und doch einmal viele tauſend Meilen von zu Haus entfernt, wo es„auf ein paar Monate mehr oder weniger“ nicht ankommen konnte, gab er ſich dem alten Beruf mit all der Gleichgültigkeit dieſer Menſchenklaſſe hin, ſchiffte ſich in Sidney auf ein anderes, nach Manilla beſtimmtes Fahrzeug ein, ging von da nach China, von China nach Bombay, und fand erſt dort wieder eine direkte Gelegenheit nach England, und zwar nach Liverpool, in der er nun endlich in die Heimath zurückkehren konnte. Darüber waren etwas über drei Jahr vergangen, und Bill den heimiſchen Verhältniſſen ſo entfremdet worden, daß ihm ſeine bis dahin erlebten Schickſale, und was davor lag, oft wie irgend ein toller wunder⸗ licher Traum vorkamen, von dem er ſich nicht einmal recht deutlich mehr beſinnen könne, was eigentlich echt und was nur Einbildung davon ſei. Manchmal zweifelte er ſogar daran, ob er denn auch wirklich verheirathet, und durch eine wunderbare Kette von Umſtänden ſeiner Frau entführt worden ſei, wonach es ſeiner Schwiegermutter, vor der er allen möglichen Reſpekt hatte, denn auch gar nichts anging, ob er jetzt wieder kam, oder gleich noch einmal nach irgend einer anderen Himmelsrichtung unter Segel ging. ————. 187 Das gute Schiff verfolgte indeſſen wacker ſeine Bahn, und wieder im Sommer war es, als Jack Brown— welchen Namen er jetzt, ſo lange er zur See fuhr, beibehalten— nach viermonatlicher Fahrt von Bombay aus, den St. Georgs⸗Canal hinauf⸗ kreuzte. Zum erſten Mal, nach ſo langer Trennung, erblickte er hier wieder die Küſte von Wales, konnte aber natürlich nicht gleich an Land, ſondern mußte erſt mit dem Schiff, auf dem er ſich verdingt, nach den Ort ſeiner Beſtimmung anlaufen. Erſt wenn dort Anker geworfen und die Segel beſchlagen waren, blieb es den Matroſen verſtattet das Schiff zu ver⸗ laſſen, deſſen Kapitän dann zum Löſchen der Fracht andere Leute nimmt. Wunderbar war ihm zu Muthe, als er in Liver⸗ pool zum erſten Mal wieder an Land trat. Einmal hatte er auch wirklich gar nicht übel Luſt wieder, und noch einmal zu guter Letzt, in das alte Leben mit beiden Füßen zugleich hineinzuſpringen, und ſeine Kameraden ließen es nicht an Aufforderungen dazu fehlen. Aber das Gute, was noch in ihm ſtak, ſiegte doch zuletzt, und wenn er auch⸗ um nicht knickerig zu ſcheinen, ein paar Nächte mit ihnen durchtrank, behielt er doch noch immer Verſtand und Geld genug übrig, ſich neue und anſtändige Kleider zu kaufen, 188 und ſeine Paſſage nach Pembroke mit der Eiſenbahn zu zahlen. Mit den alten abgetragenen Kleidern hatte er denn auch den alten Menſchen ausgezogen, und als er in Pembroke anlangte, ſchlug ihm das Herz nicht wenig in der Bruſt; wußte er doch nicht, wie er ſein eigenes Haus nun wieder finden ſollte. „Hol' mich der Deuvel, Jack Drygarn— Junge, wo kommſt Du her?“ waren übrigens die erſten Worte, die ihn, wie er mit ſeinem Bündel unter dem Arm aus dem Waggon ſtieg, begrüßten. Er drehte ſich raſch und erſtaunt nach der Stimme um, und ſah einen alten Schiffskameraden von ſich und ſeinem Bruder, der ihn mit eingeſtemmten Armen und großen Augen erſtaunt betrachtete.„War's nicht hübſch in Amerika?“ Woher wußte der ſchon daß er in Amerika geweſen war? Daß er Jack genannt wurde, fiel ihm übrigens gar nicht mehr auf, war er es doch die lan⸗ gen Jahre her gewohnt worden. Uebrigens folgte er willig der Aufforderung des Freundes, mit ihm in's nächſte Wirthshaus zu gehen und dort ein Glas auf glückliche Rückkehr zu trinken. War ihm doch die eigene Kehle von einer ganz unerklärli⸗ chen, ungewohnten Angſt wie zugeſchnürt, und —— ein Glas Grog unumgänglich nöthig, dort Luft zu machen. Zu gleicher Zeit ſuchte er aber auch etwas Nähe⸗ res über die Seinen zu Haus zu hören, und hielt das eben gefüllte und ſchon gehobene Glas aller⸗ dings etwas erſtaunt vor den Lippen feſt, ohne zu trinken, als ihm ſein Freund in aller Ruhe erzählte, daß„Bill’s Frau“ wieder geheirathet habe, und das Geſchäft vortrefflich gehe. Bill'’s Frau? alle Wetter, wer war er denn? Er trank jetzt erſt einmal vor allen Dingen ſein Glas aus, ſetzte es nieder und ſagte dann, den Kameraden dabei von der Seite anſehend, ob der ihn vielleicht zum Beſten habe. „Wäre nicht übel, Bill's Frau hat wieder geheirathet?“ „Nun ja,“ lautete die ruhige Antwort des eben⸗ falls mit ſeinem Glas Beſchäftigten,„weſſen Frau denn ſonſt?“ Jetzt erſt ſiel es Bill auf, daß ihn der Andere mit Jack angeredet, und alſo jedenfalls für ſeinen Bruder gehalten hatte. Aber war denn der auch nicht mehr in Pembroke? Ein eigenes wehes Gefühl ſchoß ihm durch's Herz, über das er ſich ſelber noch keine ordentliche Rechenſchaft geben konnte.— Er beſchloß 190 jedenfalls, erſt ſelber zu Haus zu gehen und nach⸗ zuſehen wie die Sachen ſtänden, ehe er ſich einem Fremden entdeckte. Dieſer wollte allerdings etwas Näheres über ihn hören, wo er die ganze Zeit geſteckt, und wie es ihm gegangen ſei. Bill ließ ſich aber auf nichts Derartiges ein, gab ausweichende Antworten, griff ſein Bündel wieder auf, ſchüttelte ihm die Hand und ging dann mit raſchen Schritten die wohlbekannten Straßen entlang, dem eigenen Hauſe zu. Eigenen Hauſe?— wieder gab es ihm jenen Stich durch's Herz, und er wußte eigentlich ſelber kaum, weshalb er den Kopf beim Gehen niederbog und das Geſicht mit ſeinem Strohhut ſchattete, daß ihn keiner ſeiner früheren Bekannten weiter anredete. So erreichte er endlich den wohlbekannten Platz unten am Hafen, ein kleines freundliches Häuschen mit der rieſigen Firma, die noch immer ſeinen und ſeines Bruders Namen bildete. Nur einen Blick warf er aber in den unteren Raum, in dem fünf oder ſechs Matroſenartige Burſchen, gar emſig an Segel⸗ tuch nähten und ein fremder Mann ihnen dabei Anweiſung gab, ſondern ſtieg gleich die wenigen Stufen hinan, die zur Hausthür und der innern Wohnung führten, ergriff den Klopfer und— 191 behielt ihn unſchlüſſig in der Hand. Nach dem, was ihm der Bekannte vorhin geſagt, wagte er wahr⸗ haftig nicht einmal ſeine eigenen Räume zu betreten, und beſchloß, lieber erſt einmal unten hinein in die Segelkammer oder Werkſtätte zu gehen und zu ſon⸗ diren— d. h. wenn er keinen Bekannten darin ſah. Raſch ſtieg er wieder die kurze Stiege hinunter und fand ſich nach einem flüchtigen, forſchenden Blick in dem Raum, glücklicher Weiſe lauter Frem⸗ den gegenüber. „Guten Morgen mitſammen,“ ſagte er, als er hineintrat, und ſein Bündel dabei in der Hand, ſei⸗ nen Hut auf dem Kopfe behielt—„könnt' ich nicht einmal mit Jack Drygarn ſprechen?“ „Guten Morgen,“ ſagte der ältere Mann, der hier die Oberaufſicht zu führen ſchien,„Jack Dry⸗ garn ſucht Ihr? ja der iſt nicht mehr in Pembroke.“ „Nicht mehr in Pembroke?“ rief Bill erſtaunt, naber wo iſt er denn, und wem gehört denn hier das Geſchäft?“ „Das Geſchäft gehört mir,“ ſagte der Fremde, „und Jack Drygarn iſt, ſoviel wir von ihm haben erfahren können, vor etwas über drei Jahren nach Amerika gegangen.“ „Nach Amerika?“ rief Bill erſtaunt—„Hm, das iſt doch wunderbar. Und was iſt aus Bill geworden?“ „Ja, das iſt eine unglückliche Geſchichte,“ meinte der Eigenthümer der Werkſtätte, mit den Achſeln zuckend—„Bill ging hinüber nach Irland, wo Jack hatte Geld eincaſſiren ſollen, dieſen zu ſuchen und fiel Nachts, als das Schiff an Waterford beilegen wollte, über Bord.“ „Ueber Bord?“ „Ja. Ein Paſſagier, der in Waterford an Land geſetzt wurde, brachte die Nachricht mit dorthin. Ihr ſeid wohl ein früherer Schiffskamerad von den Beiden?“ „Beinah ſo was,“ ſagte Bill, der ſich noch immer nicht von ſeinem Erſtaunen erholen konnte —„und Bill's Frau, ſetzte er dann zögernd hinzu, denn was nun kommen mußte, wußte er, wie er fürchtete, ſchon mehr als zu gut. „Nun, Bill' Frau,“ ſagte der Mann, indem er ſich auf das Fenſterbret ſetzte und ſein rechtes Bein über das linke ſchlug,„wartete ihr gehöriges Trauer⸗ jahr ab, und wie das vorbei war, heirathete ſie wie⸗ der einen gewiſſen Henry Burton, und ihr Mann ſitzt vor Euch.“ 193 „Das iſt nicht möglich,“ rief Bill erſchreckt, „Polly hat alſo wirklich—“ „Nicht möglich?“ ſagte ſpöttiſch der Mann,„aber mit Eurer Erlaubniß, doch wahr.“ „Mit meiner Erlaubniß?“ „Ja, wenn Ihr nichts dagegen habt,“ lachte der Segelmacher. „Hm?— ſonderbar,“ brummte Bill vor ſich hin, indem er ſich hinter den Ohren kratzte. „He?“ ſagte da Polly's zweiter Mann, dem bei dem wunderlichen Betragen des Fremden ein eigner Gedanke aufſtieg, indem er den Seemann lächelnd anſchaute.„Ihr ſeid wohl gar ein alter Anbeter von Polly, und habt gedacht, ſie ſolle auf Euch warten bis Ihr zurückkämet und um ſie anhieltet?“ Bill ſah den Mann überraſcht an. Der Gedanke hatte aber doch ſo viel Komiſches, daß er trotz ſeiner eben nicht heiteren Stimmung darüber lachen mußte. „Beinahe könntet Ihr Recht haben,“ erwiederte er dann,„und doch nicht ſo ganz.— Lebt die Schwie⸗ germutter noch?“ „Meine Schwiegermutter?— ja— gewiß. Kennt Ihr die auch?“ „Ich denke— wenn's Euch recht iſt, werd' ich einmal hinauf gehen und ihr einen guten Tag ſagen.“ Gerſtäcker, Blau Waſſer. 13 „Wird ſich ungemein freuen, denk ich,“ erwiederte der Mann ganz ernſthaft.„Geht nur voran, ich komme gleich nach; habe hier unten nur noch eine Kleinigkeit zu thun.“ Bill ging, ohne weiter etwas zu erwiedern hin⸗ aaus und die Treppe hinauf, und achtete nicht darauf, daß die Geſellen hinter ihm mitſammen lachten. Er ließ diesmal auch den Klopfer herzhaft auffallen, und als ihm ein Mädchen geöffnet und ihn, auf ſeine Frage nach der alten Dame, hinaufgewiefen hatte, ſtieg er langſam die Treppe hinan. Jetzt aber kam es ihm wirklich ſo vor, als ob er unter jedem Fuß eine zolldicke Bleiſohle habe, ſo ſchwer wurden ihm die Füße, und auf der letzten Stufe mußte er ſtehen bleiben und friſch Athem ſchöpfen. Endlich klopfte er an. Die alte Dame, die ſchon auf der Treppe je⸗ mand Fremdes gehört, öffnete die Stubenthür, ſah ihn an, ſtieß einen Schrei aus, und ſchlug ſie ihm wieder vor der Naſe zu. Daß ſie ihn erkannt hatte, war außer allen Zweifel. Bill wußte jetzt auch wirk⸗ lich nicht, ob er da ſtehen bleiben und warten ſolle bis ſie wieder käme, oder ruhig und unbekümmert eintreten. Darüber wurde er aber nicht lange in Zweifel gelaſſen, denn kaum zwei Minuten ſpäter —— ging die Tbür wieder auf und Polly, ſeine eigene, allerdings höchſt ungerecht verlaſſene Frau, ſtand auf der Schwelle und winkte ihn einzutreten. Sie ſah todtenbleich aus— jedenfalls vor Schreck— und ſtreckte ihm zitternd die Hand entgegen. Hinter ihr ſtand die doppelte Schwiegermutter, und ſchaute ihn durch die Brille an. „Aber Jack,“ ſagte ſie,„wo habt Ihr die Zeit über geſteckt, ſeit das Unglück paſſirt?“ „Das Unglück?“ ſagte Bill ganz verſtört, und achtete gar nicht auf den Namen Jack. Er hielt ſeine Frau wieder an der Hand, und wagte nicht einmal, ihr um den Hals zu fallen. „Ach, Jackl ach, Jack!“ jammerte die alte Dame, „was habt Ihr damals durch Euer Fortgehen für Jammer und Elend angerichtet— und der arme, arme Bill— das gute, ehrliche Herz—“ „Bill?“ rief dieſer aber, erſtaunt, ja erſchreckt aus,—„nun bei Gott, ich bin doch nicht Jack, und wenn Jack wirklich nach Amerika—“ „Ihr ſeid nicht Jack?“ rief Mrs. Bellhope,„und wer denn ſonſt?“ „Kennt denn Polly nicht einmal ihren eigenen Mann mehr?“ ſagte der arme Teufel traurig,— 13* 196 „und ſind doch erſt kaum drei Jahre darüber hinge⸗ gangen.“ „Bill?“ rief Polly erſchreckt, und riß ihre Hand aus der des Gatten,—„Ihr ſeid doch nicht Bill— der iſt ja über Bord geſtürzt und ertrunken.“ „Iſt ihm nicht eingefallen,“ ſagte Bill kopfſchüt⸗ telnd,“—„in die Luke iſt er geſtolpert und hat ſich den Schädel geborſten, das war Alles, und jetzt— wie er zurückkommt—“ „Na, nun wird's aber Tag!“ ſchrie da plötzlich Mrs. Bellhope und ſtemmte die Arme in die Seite. „Erſt geht der liederliche Strick mit dem Geld durch und nach Amerika, und nun da er das verthan und verjubelt hat, und ſein armer Bruder darüber ver⸗ unglückt iſt, kommt er mit einem Schnupftuch voll alten Gelumpes wieder an und will ſich für den An⸗ deren ausgeben.“ „Aber Schwiegermutter—“ „Der Teufel iſt Seine Schwiegermutter!“ rief die alte Dame in vollem Zorne aus, und Polly rang indeß die Hände, ſetzte ſich auf einen Stuhl und barg das Geſicht in die Schürze. „Halloh, was iſt nun los?“ ſagte da plötzlich die tiefe, aber vollkommen ruhige Stimme des neuen Segelmachers, der in dieſem Augenblick in der Thür erſchien, und die Drei verwundert anſah—„wer iſt todt, und was iſt geſchehen?“ „Was geſchehen iſt?“ rief aber Mrs. Bellhope in, wie ſie glaubte, ſehr gerechter Entrüſtung,„da kommt Jack Drygarn zurück von ſeiner Vagabunden⸗ fahrt, und will ſich für Polly's Mann, für ſeinen Bruder ausgeben— weiter nichts.“ „S— o?“— ſagte der Segelmacher, indem er die Hände in die Taſchen ſchob, und den angeblichen Delinquenten neugierig betrachtete.„Das iſt alſo Jack Drygarn, der—“ 1 „Jack, und immer nur Jack— zum Teufel noch einmal mit dem Namen,“ rief aber jetzt auch Bill ärgerlich,„Ihr werdet mich noch zuletzt ſo verrückt machen, daß ich am Ende ſelber nicht mehr weiß, wer ich bin.“ „Der Fall ſcheint mir ſchon jetzt eingetreten, mein Junge,“ ſagte Polly's neuer Mann gutmüthig. „Aber Polly wird doch wenigſtens wiſſen, wer ich bin?“ rief der arme Teufel, zur Verzweiflung getrieben.„Polly, mein Schatz— kennſt Du denn Deinen Bill nicht mehr?“ „Ach, Jack,“ ſagte aber da ſchluchzend die junge Frau—„wie dürft Ihr nur Eures armen ſeligen Bruders Namen ſo mißbrauchen, und Jammer und Elend hier in ſeine Familie bringen wollen.— Ja, wenn es Bill wäre, das arme Herz, aber das ſchläft ſchon lange in ſeinen naſſen kalten Grabe.“ „Ich werde wahrhaftig verrückt,“ ſagte Bill, ſich mit beiden Händen den Kopf haltend. „Nun,“ meinte der Segelmacher,„ſo lange Ihr noch immer nur erſt die Ausſicht habt, es zu wer⸗ den, mag es angehen. Jetzt aber, ſo lang' es noch Zeit iſt, ſeid ſo gut und kommt erſt einmal mit in meine Stube, daß wir über die ganze Sache ein ver⸗ nünftiges Wort ſprechen. Auch ſelbſt, wenn Ihr nur Jack Drygarn ſeid, wie es mir doch ſcheinen will, haben wir eine Abrechnung mit einander, und wenn die in Frieden und Freundſchaft abgemacht werden kann, iſt es immer beſſer, als den Nachbarn nachher Futter für Skandal zu geben.“ Bill warf noch einen zögernden Blick auf Polly, als er aber deren bleiches, verweintes und halb von ihm abgewandtes Geſicht ſchaute, drehte er ſich lang⸗ ſam ab und folgte, ohne ein Wort weiter zu ſagen, dem ihm vorangehenden Stellverteter. Auf der Stube angekommen, ſchloß Burton ohne Weiteres die Thür hinter ihn ab, rückte zwei Stühle zum Tiſch, holte eine Flaſche mit Brandy und Waſſer aus dem Schrank, aus der er ſich ſelber vor allen 199 Dingen ein tüchtiges Glas einfüllte, und begann dann mit ſeinem wunderlichen Gaſt eine lange, und wie es ſchien, ſehr ausführliche Beſprechung, die aber ſo leiſe geführt wurde, daß ſelbſt Madame Bellhopes dicht an die Thür gelegtes Ohr nur einzelne, unzu⸗ ſammenhängende Sätze, und nicht den geringſten Sinn daraus entnehmen konnte. Zwei volle Stunden dauerte die Unterredung, dann wurden drinnen die Stühle gerückt. Mrs. Bellhope glitt in ihre Stube, und aus der geöffneten Thür ſchritten Burton und Bill Drygarn, anſcheinend als die beſten Freunde Burtons Geſicht drückte dabei volle Zufriedenheit aus, während Bill mehr ernſt und ſogar niederge⸗ ſchlagen ſchien. Unten an der Thür von Polly's Stube blieb er ſtehen und ſah ſich nach ſeinem ihm folgenden Ge⸗ fährten um. „Geht nur hinein, Jack,“ ſagte dieſer,„ich will ſo lange hier draußen auf Euch warten.“ Bill drückte die Klinke auf und trat hinein. Polly ſaß in der Sophaecke und ſprang erſchreckt auf, als ſie ihn allein auf ſich zukommen ſah. Ohne indeſſen eine Miene zu verziehen, trat er zu ihr, reichte ihr die Hand und ſagte: „Es hat mich gefreut, Polly, Euch Alle ſo wohl 200 und munter hier zu ſehen— die Mutter ſieht noch recht gut aus und— ich will wünſchen, daß es Euch immer unter der alten Firma wohl gehen mag.“ „Ihr wollt fort?“ ſtammelte Polly, und wagte nicht zu ihm aufzuſehen. „Ja— ich gehe wieder an Bord— wird wohl lange dauern, ehe ich einmal wieder nach Pembroke komme; Gott behüte Euch Polly! Er drückte ihr die Hand, die er noch immer in der ſeinen hielt, und wollte ſie loslaſſen, aber ſie hielt ihn feſt. „Polly!“ ſagte er mit weicher, faſt herzlicher Stimme. Die Frau ließ ſeine Hand los, ſah ihm ein paar Momente ſtarr in die Augen, warf plötzlich ihre Arme um ſeinen Nacken und drückte ihm einen heißen Kuß auf die Lippen. Dann, als ob ſie ein Unrecht gethan, ſchrack ſie zurück und bedeckte ihre Augen mit den Händen. Sie hörte Schritte— die Thür wurde auf und wieder zugemacht, und als ſie emporſchaute— war das Zimmer leer. „Nun Jack, das war raſch abgemacht,“ ſagte Burton, als Bill wieder aus dem Zimmer trat. „Ja,“ ſagte dieſer, ſein Bündel mit der Linken aufnehmend und ſich mit der Rechten den Hut in —õ—ꝛ——J———— . 5— 1 ——õ—õõ—————-—., die Stirn drückend— es war weiter Nichts zu be⸗ ſtellen.“ „Und wo ſchick ich Euch die Sachen heut Abend hin?“ „In den„„Anker““— wann geht der Zug nach Liverpool zurück?“ „Um Neun. Wollt Ihr fort mit dem?“ „Wird wohl das Beſte ſein; good bye Burton?“ „Adieu alter Junge: hat mich herzlich ge⸗ freut, Eure Bekanntſchaft gemacht zu haben. Wollt Ihr nicht Abſchied von der Schwiegermutter nehmen?“ „Danke,“ ſagte Bill,„grüßt ſie recht ſchön von mir.“ Die beiden Männer ſchüttelten ſich die Hände; Bill ſchob die ſeinige dann in die Taſche, verließ das Haus und ſchlenderte langſam die Straße hinunter, dem Anker zu. Eine Stunde ſpäter etwa wurde eine Seekiſte, wie ſie die Matroſen gewöhnlich mit ſich führen, im Anker für„Jack Drygarn“ abgegeben, um gleich darauf von Bill geſchultert und nach dem Liverpool⸗Bahnhof getragen zu werden. Um Neun Uhr ging der Zug und Bill mit ihm, auch erfuhr Burton, der ſich ſehr angelegentlich dar⸗ nach erkundigte, ſpäter, daß er ſich in Liverpool auf einem ſchon in den nächſten Tagen in See gehenden Oſtindienfahrer eingeſchifft habe. Weiter hörte man Nichts mehr von ihm, und als die Thatſache in Pembroke bekannt geworden, daß Jack Drygarn, der Verſchollene, plötzlich wieder aufgetaucht ſei, ſchwamm Jack Bromn ſchon lange wieder draußen auf ſeinem alten Element. An Cap Horn. Ueber die See brausſte und ſchäumte es in wilder zorniger Wuth, häufte die Wogen zu Bergen auf, und jagte die bäumenden im tollen Spiel und Sturz hinter einander drein. Hoch auf ſtieg dann hier und da ein kryſtallener Fels, einem ſpielenden Wallfiſch nicht unähnlich, der mit halbem Leibe der Flut ent⸗ ſteigt, um im nächſten Augenblicke ſchwerfällig wieder darin zu verſchwinden; rieſig in ſich ſelbſt und doch ſo winzig klein in dem gewaltigen maſſenhaften Heer ſolcher Wogen, das ihn umgibt. Hoch auf reckt er die Krone und ſtreckt und dehnt ſich, aber der Sturm leidet das nicht. Huil hat er ihm den blitzenden Perlenſchmuck vom Haupte ge⸗ ſtrichen und ſtreut ihn weit aus mit rüſtiger Hand, wie der Säemann die Saat. In ſich zuſammen⸗ ſchmelzend ſtürzt und zerfließt der Berg; ein milch⸗ weißer Teich kündet auf dem dintenfarbenen, von ſilbernen Schaumadern marmorartig durchzogenen 204 Untergrund die in ſich zuſammengeſtürzte Woge, die jetzt wenige Secunden lang ein Thal zwiſchen zwei anderen Bergen bildet und noch ziſchend in Schaum und Giſcht ſchon wieder emporgeworfen wird von neuen, ungeſtümen Maſſen.„ Wie das kocht und gährt und wühlt und in ein⸗ ander fließt und über die dunkeln Waſſer heult in furchtbarer Majeſtät.— Die fliegende Windsbraut hält ihren Tanz dort unten und ſtimmt ihre Inſtru⸗ menté zum wilden entſetzlichen Reigen— wehe dem, der ſich ihr entgegenſtellt in ihrem Grimme! „Ein Segel, ho!“ Durch Sturm und Graus und einen Wald von Wogen, von denen jede einzelne hinreichend wäre mit einem Schlage eine Flotte zu vernichten, wenn ſie nur den Haltbekäme, ſie einen Augenblick zu faſſen, wagt ſich der kecke Menſch in ſchwankem Kahne. Dem Compaß folgend, der ihm die Bahn zeigt durch die Waſſerwüſte, und unbeküm⸗ mert um Gefahr und Tod, die ihm aus jedem ſchäu⸗ menden Wogenkamm entgegenblitzen und an die dünnen Planken donnern, mit gewaltiger Fauſt, lenkt er ſein Fahrzeug ſicher durch den Sturm, und trotzt den beiden empörten Elementen: Windsbraut und Wellen. Sieh, wie dieſe die Hälſe recken, als ſie das ſchau⸗ —— 3 205 kelnde Schiff zwiſchen ſich erſtaunt gewahren— in jauchzender Luſt drängen ſie ſich herbei, eine die an⸗ dere zur Seite preſſend, nur um die erſte zu ſein, die zu kurzer Luſt das neue Spielwerk faſſen und werfen mag, eine der andern zu; und wie ſie ſich gegenſchleu⸗ dern gegen den ächzenden Bug und Halt zu gewinnen ſuchen in erfolgloſem und immer wachſendem Grimme. Bis an Bord ſchnellen ſie ſich und waſchen das Deck von vor bis aft; ſplittern und reißen, was nicht von eiſernen Klammern und zähem Tau gehalten wird, und ſchmettern die harten, ſchweren Stirnen zornig gegen die Wände an, ſich dort Eingang zu bohren— bis ſie von andern fortgeſchleudert werden, die auch Hand anlegen wollen und ſich ſtärker fühlen und kräftiger. Aber umſonſt! Ein tüchtiger Schwimmer ſteigt das wackere Schiff wieder und wieder aus ſeinem naſſen Grabe herauf, ſchüttelt ſich die Flut von dem ſtarken Nacken und ſchwingt ſich leicht und keck auf den Kamm der nächſten Schwellung, die es hegt und trägt und faßt und umklammert, bis ihr ein ſtärkerer Kämpe die Beute entreißt, um ſie in die eigene wilde Umarmung zu ziehen. Alles an Bord iſt feſt und wohl verwahrt, die Segel liegen an die Maſten geſchnürt, der heulenden Windsbraut keine Fläche zu geben, an der ſie reißen und zerren könne, und nur das dicht gereefte Vor⸗ marsſegel, hart an den Wind gebraßt, mit dem Vor⸗ ſtengenſtag oder Sturmſegel— das Schiff zum Steuern in der Gewalt zu halten, daß die Wogen ſich nicht ſeitwärts dagegen werfen und ihm verderblich werden könnten— zeigt, daß noch Leben an Bord und die Mannſchaft trotzig dem Wind gerade in den Zähnen liege, ſein Austoben ruhig und unerſchrocken abzuwarten. Und über die empörten Wogen, von dem Sturm in raſender Schnelle geführt, mit langſamem gewalti⸗ gem Flügelſchlag ſtrich der rieſige Albatros, umzog neugierig das Schiff in weiten Kreiſen und kreuzte herüber und hinüber im glatten einer Straße ähn⸗ lichen Fahrwaſſer, das ſich der tiefe Kiel gezogen, auf⸗ merkſam den mit furchtbarem Schnabel bewehrten Kopf bald nach dieſer, bald nach jener Seite drehend, ob nicht irgend ein von Bord des Schiffes geworfener Leckerbiſſen, wozu beſonders Speck und Fleiſch gehört, die Monotonie ſeiner gewöhnlichen Fiſchkoſt unter⸗ brechen könne. Ein ganzes Volk blau und weißer Cap⸗Tauben“* * Eine in Größe und Geſtalt der Taube ähnliche Möve. trieb ſich ſchon lange hinter dem Heck des Fahrzeuges. her, mit raſchem Flügelſchlag nach jedem übergewor⸗ fenen Stücke Garn oder Werg. niederfahrend und gegen einander zankend und kreiſchend, wenn der Koch ihren Heißhunger durch ausgeworfene Lecker⸗ biſſen rege machte oder einer oder der andere der Seeleute, die kleine mit Speck beſteckte und an langer Leine befeſtigte Angel auswarf, einen der Vögel heran zu locken. Die Matroſen fangen auf dieſe Art gern Cap⸗Tauben und Albatros, eſſen die erſteren und brauchen von beiden die Federn oder nehmen auch den letzteren die mit großen Schwimmhäuten verſehenen Füße, ſich wunderliche Tabaksbeutel da⸗ raus zu fertigen. Auch andere Möven kreuzten herüber und hinüber, braun und ſchwarz mit langen ſcharfgeſpitzten Schwingen, vom Sturm getragen und geſchickt ge⸗ gen ihn lavirend mit dem Schiff, oder langſam über die aufgeregten Wogen ſtreichend, auf deren nach ihnen aufleckende Wellen ſie die elaſtiſchen Flügel⸗ ſpitzen legten und ſich ſcheinbar mit ihnen hoben, im⸗ maer aber mit raſcher Wendung die Gefahr vermei⸗ dend, erreicht zu werden. Tage lang begleiten ſie ſo das Schiff, ſchlafen auch wohl hier und da Nachts auf ſeinen Ragen, und folgen ihm am nächſten Tage wieder unermüdet auf ſeiner Bahn. Dem Seemann aber ſind ſie will⸗ kommene Begleitung auf einſamer Reiſe; gern ſieht er ihren leichten Flug und folgt ihren kreiſenden Bahnen mit dem Blicke, und wenn ſie in Lee“ vom Schiffe, was ſie bei ſchwerem Wetter am liebſten thun, herüber und hinüber ſtreichen, ſagt er, daß ſie nachſchauen, ob die Schoten und Braſſen auch feſt ſind, Taue und Raaen zu wahren. In Lee vom gro⸗ ßen Boot ſitzt er dann auch wohl, ſein Priemchen geſchäftig im Munde, ſchaut ihrem Fluge zu und plaudert und erzählt von der und jener Zeit, wo die Möwen gerade ſo kreiſten und ſuchten, und er an der oder jener Küſte auf leckem Schiff vielleicht oder mit ſchwerer Havarie ankämpfte gegen das zornige Ele⸗ ment, ſein Leben zu retten auf feſtes Land— und feſtes Land doch eben kaum nur betreten hatte, als er ſich wieder hinausſehnte auf die weite wogende, treu⸗ loſe und doch ſo lieb gewonnene, ſo lieb gehaltene See. Die Leute am Lande haben überhaupt gewöhnlich einen ganz falſchen Begriff von dem Leben an Bord * Die Leeſeite iſt immer die Seite des Schiffes, auf der es liegt, alſo die dem Wind entgegengeſetzte;„in Lee“ iſt daher unter dem Winde. 209 eines Schiffes in offener See und bei ſchwerem Wet⸗ ter. Nicht ſelten hört man da ſagen, wenn es weht und ſtürmt:„O, die armen Menſchen auf der See— wie weh und ängſtlich ihnen jetzt zu Muthe ſein muß — wie ſie jetzt in ihrer Angſt zu Gott beten und den Maſt mit ihren Armen umfaſſen— wahrſcheinlich, um nicht fortgeweht zu werden!„Weit gefehlt! Auf offener See und mit keiner Küſte in Lee, von der ſie abarbeiten müſſen, um nicht auf den Strand geſetzt zu werden, nur mit dem regelmäßigen Seegang gegen ſich und mit dem Winde, wenn der auch beide Backen voll genommen, gibt es kaum eine beſſere und gemüth⸗ lichere Zeit an Bord eines Schiffes für den Matroſen, als gerade bei ſolchem Wetter. Sobald die leichten Segel nur erſt einmal feſtgemacht, die anderen nöthi⸗ gen dicht gereeft, eben ſo alle Luken ordentlich dicht ſind, und Alles an Bord, was von überkommenden Seen fortgewaſchen werden könnte, wohl und ſicher befeſtigt iſt, beginnt für den Matroſen, der ſonſt über Tag keinen Augenblick unbeſchäftigt bleibt, die freie Zeit. Mit dem breiten„Süd Weſter“ auf dem Kopf, in waſſerdichten geölten Jacken und Hoſen, ſitzen die Leute dann, wer nicht gerade ſeine Zeit am Steuer⸗ ruder abzuſtehen hat, unbeläſtigt von irgend einem Gerſtäcker, Blau Waſſer. 14 210 Ruf der Officiere, in Lee vom großen Boot, das ihnen Schutz gegen den Wind gibt, dicht geſchart beiſammen, und haben ſie nur Tabak zum Kauen, deſſen Mangel ihnen allein vielleicht die Laune ver⸗ derben könnte, ſo wird erzählt und gelacht, und der Sturm mag indeſſen wehen nach Herzensluſt. Sie können auch nichts dagegen thun, als die Zeit ab⸗ warten, in der es einmal zu wehen aufhört; das Schiff liegt indeſſen dicht am Winde und reitet, wenn nur richtig von dem Steuerruder geführt, ſchon ſelber die Wogen. So hier an Bord der tüchtigen kleinen america⸗ niſchen Brig„Suſannah“, die mit dem ſcharfen Bug keck gegen die drohenden, bäumenden Wogen an⸗ ſchnitt. So tief ſie auch oft einſchlug in die kryſtalle⸗ nen Maſſen— wenn ſich ein weiter Abgrund vor ihr öffnete, daß es ausſah, als ob der nächſte anſtür⸗ mende Berg ſie begraben müſſe unter ſeiner Wucht— hob ſie ſich doch immer wieder kampfgerüſtet zur rechten Zeit und ſchlug mit dem kecken Frauenbild, deſſen Namen ſie trug und das ihre Gallion zierte, raſch an gegen den auf ſie geführten Wurf. Wenn ihr die klare Fluth dann in Strömen von der Stirn troff und die Woge, die ihren Untergang geſucht, ſie ſelber auf den Nacken heben mußte, ſchaute ſie keck und zuverſichtlich hinaus über das rollende Heer um ſich hin, und fuhr dann wieder nieder, wie zum Sprunge der nächſten zu begegnen. „'s iſt doch ein wackeres Seeboot“, ſagte da der eine der Wacht, die ſich in Lee vom großen Boot zu⸗ ſammengefunden hatte und zwiſchen ein paar dort wohl befeſtigten und Schutz nach vor und aft gewäh⸗ renden Waſſerfäſſern den Sturm eben austoben ließ nach Herzensluſt,„und dicht und drall wie keins. Verdammt will ich ſein, wenn noch ein anderes Schiff mit uns hier herum reitet, das bei ſo ſchwerem Wetter ſo wenig Waſſer macht.— In zehn Minuten Abends pumpen wir ſie frei!“ Es war ein junger Burſche von vielleicht zwei⸗ undzwanzig Jahren mit vollem lockigem Haar, das der Süd⸗Weſter kaum decken konnte, und freien offe⸗ nen Zügen; ein Rhode⸗Island⸗Mann, wie er denn auch von ſeinen Cameraden nach dem Staate, dem er angehörte, ſtatt ſeines eigentlichen Namens James, „Rhode Island“ gerufen wurde. „Gott ſei Dank!“ ſagte einer ſeiner Cameraden, ein alter wetter⸗ und ſonnverbrannter„Theer“ mit ſchneeweißem Haar, eben ſolchen Augenbrauen und knochigen zähen Gliedern— Gott ſei Dank, mein Junge und nicht„verdammt“, denn nur wer erſt 14* 212 einmal Tage und Nächte lang in ſolcher See an den Pumpſtöcken gelegen und für ſein Leben gearbeitet hat, während ſich der Tod da drunten heimlich durch alle Poren des Schiffes ſog, der weiß, was es für ein Segen iſt, ein dichtes, gutes Schiff unter ſich und keine Küſte in Lee zu haben. Ich werde an die See hier denken und würde ich tauſend Jahre alt; denn hier iſt mir das Haar in einer Woche ſo weiß geworden, wie ich's jetzt noch trage. Ja in einer Wacht könnt ich ſagen, und gebe Gott, daß ich ihm nicht wieder begegne die paar Jahre, die ich über⸗ haupt noch zu fahren habe. „Wurdet Ihr leck hier am Cap, Mate?“ fragte ein Dritter, der bis jetzt auf einer Nothſpiere zuſam⸗ mengekauert geſeſſen und dem Geſpräch der Uebrigen zugehört hatte, ohne viel drein zu reden.„Segne meine Seele, Camerad, ich wollte auch lieber die ganze Nacht Segel reefen und über Stag gehen, ehe ich nur die Hälfte der Zeit an dem verwünſchten Pumpgeſchirr hinge; Gott bewahre einen ehrlichen Matroſen vor der Arbeit!“ „Auf welchem Schiff war's, Tommy! 24³ Fragte Rhode Island. „Auf der Buckeye Belle, Jungens,“ ſagte der Alte, ſein Priemcheu im Munde drehend,„und ein 213 ſo wackeres Schiff war's euch, wie nur je eines Furche durch Salzwaſſer gezogen. Vor dem Wind oder bei dem Wind, es blieb ſich gleich, ſie lief ihre zehn und elf Knoten mit nur halbwegs Briſe, und lag euch mit fünf Strichen im Wind, daß es eine Luſt und Freude war. Was uns auch zu windwärts aufkam, mußte nach Lee zu; wir ſegelten Alles todt und hatten eine Prachtreiſe ſchon von Boſton nach Rio gemacht, in dreißig Tagen, glaube ich, oder ein⸗ unddreißig. Von Rio aus wollten wir nachher das Cap doubliren. Bei den Falklands⸗Inſeln aber er⸗ wiſchte uns ein Pampero, der uns vor Top und Takel an den verwünſchten Inſeln vorbei, über irgend ein verborgenes Riff oder eine heimliche Klippe fortjagte, und wenn wir auch nicht gerade hängen blieben, be⸗ kam das Schiff doch einen Knacks und machte Waſſer.“ „Der Steuermann, ein alter tüchtiger Seemann, wollte nun zwar wieder umkehren und nach Rio ein⸗ laufen, dort zu repariren; denn es war Winterszeit wie jetzt, und mit dem Cap iſt manchmal nicht zu ſpaßen. Der Kapitän aber hatte ſeinen Sinn dick⸗ und ſtarrköpfig darauf geſetzt, die ſchnellſte Reiſe nach Californien zu machen, und wenn der Leck nicht ärger wurde, konnten wir's auch recht gut, mit ein paarmal Pumpen den Tag über, in den einzelnen Wachen zwingen. Nicht weit von Staten Island kamen wir in ein ſchweres Wetter; eine See ſtand da, wie wir ſie hier noch nicht einmal gehabt haben; von Segel⸗ einnehmen war der Alte auch gerade kein Freund, und ſo jagte er uns denn auch richtig einmal eines Nachts bei einem eiſigen Schneegeſtöber, das uns die ſcharfen Flocken wie Nadeln ins Geſicht trieb, beide Maſten über Bord. Durch die Erſchütterung natür⸗ lich verſchlimmerte ſich der Leck und bis wir das Wrack nur frei hatten von Holz und Tauwerk, das drum herum hing, faßte uns die See gerade in der Flanke, wuſch die ganze eine Wacht über Bord, und Cambuſe und Railing ſo rein vom Deck herunter, als ob im Leben nichts drauf geweſen wäre. Wie wir damals dem Tod entgangen ſind, iſt mir noch jetzt ein Räthſel; aber auf die eine oder die andere Art hielt Gott ſeine Hand über uns.“ „An dem Stumpf des Vormaſtes, der vielleicht zehn Fuß über Deck abgebrochen war, richteten wir einen Nothmaſt auf und brachten an Leinwand hinauf, was wir eben wagen durften zu führen, bis ſich der Sturm gegen Morgen legte. Indeſſen war uns aber das Schiff halb voll Waſſer gelaufen, und nun hieß es an die Pumpen, wenn uns nicht das Deck unter den Füßen weg ſinken ſollte. Jungens, Jungens, — das war eine ſchwere Zeit, und die See ſchien zuletzt ordentlich müde zu werden, mit uns zu ſpielen, wäh⸗ rend wir ſelber Tag und Nacht in den Pumpen unſere Glieder kaum mehr regen konnten. Einmal wär's auch beinahe alle geweſen, denn ein paar von den jungen Burſchen, die von den Pumpen herauf einen Branntwein⸗Geruch in die Naſe kriegten, wei⸗ gerten ſich plötzlich weiter zu arbeiten, und ſprangen in den Raum hinunter, die Rumfäſſer, anzuzapfen; von denen wir, wie ſie recht gut wußten, ein paar an Bord hatten, aber der Kapitän hatte glücklicher Weiſe das vorher geſehen und ihnen den Boden eingeſchlagen. Als wir's nachher mit dem Salzwaſſer heraufpumpten, hatten ſie's gerochen, aber zu trinken war nichts mehr, und die Leute kehrten zu ihrer Ar⸗ beit zurück. „Und bekamt ihr das Schiff in einem Hafen?“ fragte ein Anderer. „Ich glaube nicht, daß wir's ſo lange ausgehalten hätten,“ ſagte der Alte leiſe. Zwei wurden uns noch während der Arbeit über Bord gewaſchen, denn da uns die Schanzkleidung vorn von Bord geſchlagen war, kamen die Wellen herüber, wie's ihnen gerade gefiel, und zwei Andere wurden krank, fingen an zu phantaſtren und mußten in's Logis gebracht werden. 216 Einer kam wieder herauf und ſprang über Bord, der Andere lag ohne Beſinnung, bis uns am neunten Tage ein Schiff, eine engliſche Barke, traf und anlief. Wir hatten auch nichts mehr zu verſäumen, denn kaum an Bord des Enländers und noch ſelbſt in Sicht vom Wrack, das jetzt lanſamn fülte, ſank es weg.“ „Ach was!“ laß den traurigen Salm, wenn draußen der Sturm ebenfalls an die Planken pocht!“ rief der Rhode⸗Islander da ärgerlich.„Das iſt eine Geſchichte, die uns alle Tage ſelber paſſiren kann, weßhalb ſich die Wacht damit verderben.— Wenn euch das Schiff geſunken wäre, hättet ihr euch immer noch mit Schwimmen Tage lang oben halten können, und der Engländer hätte euch doch gefunden.“ „Schwimmen, hier in See?“ ſagte der Alte kopfſchüttelnd;„ja, wenn Fiſche und Vögel nicht wären! Wer hier über Bord geht, dem wäre beſſer daß er gar nicht ſchwimmen könnte; er ſparte lange Qual und Todesangſt.“ „Und das ſagt ihr mir?“ lachte Rhode⸗Island, „mir, der ſich erſt auf der vorigen Reiſe mit Schwim⸗ men gerade am Leben gehalten hat? Bah, Camerad, das iſt der Alteweiberſpruch an Bord vieler Schiffe, daß ein Matroſe eigentlich nie ſollte ſchwimmen 217 können, um nicht ſo ſchwer zu ſterben. Ich habe mich aber ſchon volle vierundzwanzig Stunden über Waſſer gehalten, als wir vor New-York mit dem Schiff Nachts zuſammenſtießen, und bin dann doch noch von einem franzöſiſchen Schiff aufgeleſen worden.— Wo wär' ich jetzt, wenn ich nicht ſchwimmen könnte, heh? „Vielleicht beſſer aufgehoben,“ ſagte der Alte trocken;„wir ſind alle noch nicht im Hafen!“ „Hahahaha,“ lachte Rhode⸗Island,„die alte Krähe will weisſagen. Aber ich erzähle euch einen Spaß, Cameraden, den ich an Bord des Franzoſen hatte, kaum vier Wochen ſpäter, nachdem ſie mich aufgefiſcht, und wenn ich nicht ſchwimmen konnte und es ihnen vorher bewieſen hätte, wäre es mir damals ſchlecht gegangen obgleich ich mit keinem Fuß in'’s Waſſer kam.. „Unſinn, Rhode⸗Island!“ riefen ein paar der Cameraden, du willſt uns wieder eine von deinen Rhode⸗Island⸗Geſchichten erzählen; aber nur zu; veer away und laß es uns haben, mein Junge, ver⸗ lange nur nicht, daß wir's glauben. „Glauben? der Teufel dank's euch!“ rief der junge Burſche, was für andere Beweiſe wollt ihr, als wie eines Mannes Wort? Ich könnte euch 218 übrigens die ganze Mannſchaft zu Zeugen bringen, wenn ich ſie eben hier hätte.“ „So komm einmal flott, zum Henker!“ rief ein Anderer,„unſere Wacht iſt bald aus, und wir wollen die Geſchichte hören.“ „Nun, ſie iſt einfach genug,“ ſagte Rhode⸗ Island.„Natürlich wurde ich an Bord von den Franzoſen gleich einer Wacht zugetheilt, zu der ich von da an gehörte, ſo lange ich an Bord war, und wir liefen damals nach Rio hinunter. Unter der Li⸗ nie nun, bei Windſtille und blauem Himmel, ließ unſer Alter das Schiff auswendig malen, und ich ſaß hinten allein auf dem Gerüſt am Heck, gerade unter einer offenen Lucke, die in die Vorrathskammer führte. Nebenbei muß ich euch ſagen, daß wir nicht einen Tropfen Spirituoſen an Bord bekamen, weder Brandy noch Whiskey, nicht für Liebe noch für Geld, nur ſolch verdammt ſaures Zeug, Claret, glaube ich nannten ſie's, das ſie aus Blechbechern ſoffen und das mir jedes Mal Leibſchneiden machte. Aus dem Vorraths⸗Spintge heraus roch es aber unmenſchlich gut nach echtem Cognac, von dem der Alte wohl ge⸗ nug an Bord haben mochte, und mich plagte der Henker daß ich, wie ich an Deck oben gerade Nie⸗ mand gehen höre, von der Stellung ab und in die Lucke hinein krieche. In den großen ſchwarzen Far⸗ beneimer, den ich draußen bei mir hatte, konnte ich recht gut ein paar Flaſchen unterbringen, die nachher ſchon aus dem Wege zu ſchaffen waren. „Die Sache ging auch ganz vortrefflich; gleich in der nächſten Ecke ſtand eine offene Kiſte mit der deut⸗ lichen Aufſchrift Cognac. Ich hatte aus dieſer ſchon zwei Flaſchen in mein Hemd vorn geſchoben und noch eine andere Flaſche mit Pickles aufgepackt, und war eben wieder im Begriff, auf die Stelling draußen zu⸗ rück zu kehren, als ich den Ruf„Mann über Bord“ oben an Deck und Stimmen höre, die gerade da, wo ich wieder zu Tage mußte, laut über Bord ſprachen. Einen ordentlichen Schlag gab's mir in die Kniekeh⸗ len, und ich wußte im erſten Augenblick wahrhaftig nicht was ich thun, ob ich mich verſtecken oder auf Gnade und Ungnade ergeben ſolle. Vielleicht zog aber gerade der über Bord Gefallene die Aufmerkſamkeit der Mannſchaft von mir ab, und ich konnte noch un⸗ bemerkt, unvermißt meinen Platz wieder einnehmen.“ „Wie ich aber nur den Kopf an die offene Luke brachte, hörte ich auch ſchon zu meinem Schrecken, daß ich ſelber mit dem über Bord Gefallenen gemeint ſei, und gerade aus höchſt unzeitiger Menſchenliebe ein Boot niedergelaſſen wurde, mich zu ſuchen. Hinten 220 auf der Railing aber, am Beſanbaum, ſtand der Ka⸗ pitän mit dem Steuermann und wunderten ſich, daß ich ſo raſch aus Sicht gekommen wäre, wobei ſie einem Haifiſch die einzige mögliche Schuld beimaßen. „An ein unbemerkt Wiederherauskommen war gar nicht zu denken; eine Entſchuldigung, weßhalb ich in die Kammer hineingeklettert ſein könne, ließ ſich auch nicht erfinden— der wirkliche Grund lag zu klar auf der Hand, und ſelbſt bei dem Ueberlegen verfloß ſo viel Zeit, das mir zuletzt gar nichts weiter übrig blieb, als mich verſteckt zu halten, und abzuwarten wie das Ganze enden würde.“ „Wir liefen indeſſen bei einer ganz ſchwachen Süd⸗ Oſt⸗Briſe, mit allen Segeln geſetzt etwa drei Meilen die Wacht dicht am Winde, und ich konnte deutlich hören, wie an Deck backgebraßt wurde, das ausge⸗ ſchickte Boot zu erwarten, das nach etwa einer halben Stunde, natürlich unverrichteter Sache, wieder zu⸗ rückkehrte. Meine Lage war dadurch nur verſchlim⸗ mert, und einzelne Plane, mich krank oder ohnmächtig zu ſtellen, oder nach vorn durchzubrechen und lieber die Strafe für Einſchlafen im Logis auszuhalten, verwarf ich alle, theils als unausführbar, theils weil ich damit die ganze Geſchichte am Ende nur ver⸗ ſchlimmert hätte.“ 221 „Jetzt kam das Boot wieder langſeit, die Blöcke wurden eingehakt, oben an Deck zog es die Mann⸗ ſchaft unter ſeine Krahnen. Bei der Bewegung des Schiffes und der Stellung des Steuerruders, das ich von der Luke aus genau beobachten konnte, fand ich aber, daß wir den alten Cours wieder aufgenom⸗ men hatten, bis nach etwa einer halben Stunde der Befehl zum Wenden gegeben wurde und die „Ducheſſe,“ wie das Fahrzeug hieß, über Stag ging*), um das, was ſie in Oſt verloren, in Weſt wieder aufzuholen. Hol's der Henker, ich ſaß in⸗ deſſen auf der Cognac⸗Kiſte und zerbrach mir den Kopf, wie ich aus der ganz verzweifelten Lage her⸗ aus käme und der Strafe entginge, bis mir auf ein⸗ mal ein koſtbarer Gedanke kam, den ich auch, kaum gefaßt, augenblicklich ausführte.“ „Die Sonne war indeſſen dem Untergang nahe, und wie ich vier Glaſen“ an Deck ſchlagen hörte und nun wußte, daß die Leute zum Schaffen“ gin⸗ *Beim Laviren oder gegen den Wind Aufkreuzen nennt man die verſchiedenen Bewegungen des Herüber⸗ und Hinüber⸗ fahrens, um etwas gegen den Wind aufzuarbeiten, Wenden, oder „Ueber Stag“ oder auch„über den anderen Bug gehen.“ ** 6 Uhr. * Eſſen gen und nicht gerade über Bord gucken würden, klet⸗ terte ich aus meiner Luke heraus, wobei ich die Fla⸗ ſchen natürlich zurücklaſſen mußte, lief auf dem Lei⸗ ſtenbrett mit Hülfe der Rüſteiſen bis vorn an den Larbordbug, ließ mich in Lee leiſe ins Waſſer glei⸗ ten, ſchwamm eine fünf oder ſechs Strich vom Schiff ab und ſchrie nun mein„Hallo— hallo the ship!“ ſo laut und luſtig in die Welt hinein, daß der Mann am Rad erſchreckt mit dem Ruder aufkam, das Schiff glücklich durch den Wind gehen ließ, daß alle Segel gegen die Maſten ſchlugen und die Ducheſſe natürlich baumfeſt auf dem Waſſer lag.. „Ehe der Kapitän aber nun ſeine gewöhnliche An⸗ zahl Flüche loswerden konnte, ging ſchon wieder der Schrei„Mann über Bord“ durch das ganze Schiff; dieſes Mal erſparte ich ihnen aber das Bootausſetzen; denn wenn auch das Fahrzeug im erſten Anſatz noch etwa ſeine eigene Länge von uns fortgelaufen war, hielten es die zurückgeſchlagenen Segel jetzt deſto feſter, und ich bekam Zeit, aufzuſchwimmen.“ „Werft nur ein Tau herunter!“ ſchrie ich jetzt, als ich nahe genug war.„Holla da oben, laßt einen Cameraden nicht ſitzen— ein Tau her!“ „Zehn ſprangen gleich zu, und der Koch warf mir das Ende eines Bramſeils gerade über den Kopf, 223 das ich erwiſchte, um den linken Ellbogen ſchlug und mich an Deck ziehen ließ. Aber, Jungens, die ver⸗ blüfften Geſichter hättet ihr ſehen ſollen, wie ſie mich erkannten. Rhody, wo kommſt du her?— Rhody nannten mich die Mounſiers—, Menſchenkind, wo haſt du geſteckt? „Hätt' ich es nur allein mit den Cameraden durch⸗ zufechten gehabt, wäre die Sache nicht ſchwer gewe⸗ ſen; ſo aber miſchte ſich auch der Kapitän ins Mittel und verlangte Aufſchluß über das Geſchehene, von deſſen wahrem Beſtand er keine Ahnung zu haben ſchien. Da hielt ich es denn für beſſer, erſt noch ein⸗ mal ohnmächtig zu werden, wodurch die Sache ein⸗ mal natürlicher wurde und ich auch etwas länger Zeit bekam, mich zu ſammeln, und ein paar der Leute ſchleppten mich jetzt nach vorn unter die Steven⸗ pumpe und fingen an mich zu begießen. Ich kam jetzt allerdings gleich wieder zu mir, war aber noch ſo ſchwach, daß ich kein Wort herausbringen konnte, und ſo ließen ſie mich denn die Nacht liegen, damit ich mich erſt wieder ordentlich erholen möge.“ „Am nächſten Morgen half's übrigens nicht, ich mußte mit meiner Geſchichte heraus. Nun wußten wir aber alle mit einander, daß der alte Kaſten dicht am Wind erbärmlich ſchlecht ſegle und reichlich ſieben Strich brauche, um halbwegs vorwärts zu kommen; darauf hin log ich ihnen geradezu vor, daß ich am Nachmittag über Bord gefallen wäre und mir nach⸗ her faſt den Arm ausgerenkt und die Lunge wund geſchrieen hätte, um geſehen und gehört zu werden. Das Boot habe aber in ganz anderer Richtung geſucht, und als es bald darauf wieder an Bord zurückgekehrt und das Schiff in ſeinem Cours fort⸗ geſegelt ſei, da wäre ich ſchon einmal in Verzweif⸗ lnug entſchloſſen geweſen mein Leben aufzugeben und mich wegſinken zu laſſen. Die Lebensluſt ſei aber doch zuletzt ſtärker geweſen, und ich wäre nun, in der Hoffnung, daß das Schiff bald über Stag gehen müſſe, gerad in den Wind hinein geſchwommen, deſſen genauen Cours mir das leichte Kräuſeln des Waſſers gezeigt. So habe ich meiner Rechnung nach wohl eine gute Seemeile zurückgelegt, als das Schiff wirklich wieder in Sicht kam und faſt gerade auf mich zu hielt. Mehr aber wüßte ich nicht; die letzten Minuten erſchienen mir ſelbſt jetzt noch wie ein wirrer Traum, und ich glaube, ich ſei ohnmächtig geworden, ſelbſt ehe ich das ⸗Deck erreicht habe.“ „Was für andere Beweiſe wollt ihr, wie eines Mannes Wort?“ lachte einer ſeiner Kameraden. 225 „Und ließ ſich der Alte wirklich leimen?“ fragte ein Anderer. „Was wollt er machen?“ lachte Rhode Island; „an die Luke hinten dachte Niemand, da ſie der Ste⸗ ward ſelber Abends ſpät zugemacht und von innen verriegelt hatte, und fort war ich geweſen und jetzt wieder da— das ließ ſich nicht ableugnen. Außer⸗ dem kannten ſie mich ſchon als einen guten Schwim⸗ mer; denn wie ſie mich auffiſchten, hatt' ich ihnen ſchon früher einmal aufgebunden, daß ich drei Tage und drei Nächte geſchwommen wäre“ „Auf Mannes Wort?“ „Oh, geht zum Teufel und mutzt einem nicht jede Sylbe auf!— Aber das war noch nicht Alles; denn verdammt will ich ſein, wenn ſich der Alte nicht eine von den nämlichen Flaſchen heraufholen ließ, die ich ſchon einmal beigeſteckt gehabt, und mir einen ſteifen Grog machte, das ich mich erholen ſollte, und dann die ganze Geſchichte ſauber und eigenhändig in ſein Tagebuch eintrug. Dort ſteht ſie noch unter meinem eigenen Namen und ihr könnt ſie bis auf den heutigen Tag leſen.“ „Hahahaha, Rhode Island— du biſt eine prächtige Hand zum Aufbinden!“ lachte ein Kame⸗ rad—„unſerem Alten dürfteſt du aber damit Gerſtäcker, Blau Waſſer. 15 4 226 nicht vor den Bug kommen; der holte was Anderes als Cognac.“ „Klar zum Halſen!“ ging der Ruf über Deck, die Wacht ſprang auf und das Schiff wurde, da die See zu ſchwer von vorn kam, um ordentlich wenden oder über Stag gehen zu können, vor dem Wind über den anderen Bug gebracht oder„gehalſ’t“, im⸗ mer bei ſo hoher und ſtürmiſcher See ein nicht ganz gefahrloſes Manöver. Der Kapitän verſtand aber ſein Geſchäft aus dem Grunde, die Leute, die recht gut wußten, wie viel dabei von ihrer Schnelligkeit abhing, führten die Befehle, kaum gegeben, raſch und vortrefflich aus, und wenige Minuten ſpäter peitſchte die See den andern Bug, jetzt wieder nach Süden hinunter haltend, damit ſie über Nacht dem zu Star⸗ bord befindlichen Lande nicht zu nahe kämen. Der kurze Tag, der in dieſen Breiten zur Win⸗ terszeit in der That nur wenige Stunden dauert, neigte ſich ſeinem Ende. Die Wacht, in der Rhode Island war, ging bald zu Coye, und als ſie wieder an Deck kamen, hielt ſie eine geſprengte Pardune be⸗ ſchäftigt. Im Dunklen ließ ſich aber nicht gut etwas weiteres damit thun, als ſie vorläufig, mit Hülfe ei⸗ nes vierſcheibigen Flaſchenzuges wieder zuſammen zu bringen und mit umgeſchlagenen Tauen nothdürftig 227 zu befeſtigen, bis ſie am nächſten Morgen ordentlich geſpließt werden konnte. Es war in der Morgenwacht, und der Sturm hatte wohl etwas nachgelaſſen, wehte aber doch noch immer ſcharf genug, und die See ging hoch und hohl. Der alte Tom war eben vom Ruder abgelöſ't worden und kam nach vorn, ſeinen gewöhnlichen Sitz wieder in Lee von der großen, mitten auf Deck ſtehenden Barkaſſe nehmend; Rhode Island hatte indeß verſucht, auf dem Leegangwege auf und ab zu gehen; die Bewegung des Schiffes war aber zu ſtark und beſonders durch die hohe See zu unregelmäßig. Sich alſo neben dem Alten niederſetzend, wie er ihn kommen ſah, ſagte er: „Hallo, Tommy, ich wollte Euch eigentlich um was fragen.“ „Und das wäre?“ „Ihr ſpracht geſtern, wie Ihr uns die Geſchichte von dem Wrack der Buckeye belle erzähltet, von je⸗ mand, den Ihr nicht wieder zu ſehen hofftet. Wer iſt denn das?“ Der Alte hatte beide Ellbogen auf ſeine Kniee geſtützt und ſchaute eine ganze Weile ſtill und kopf⸗ nickend vor ſich nieder; endlich ſagte er leiſe: 15* 228 „Ihr junges Volk ſeid jetzt anders wie wir zu unſerer Zeit— wenn man mit euch ein ernſtes Wort ſprechen und euch an was Anderes mahnen will, als das tägliche Leben, das ihr eben faſſen und begreifen könnt, dann lacht und ſpottet ihr und haltet euch für ſo entſetzlich klug—'s iſt da beſſer, man ſchweigt.“ „Den Henker auch, Tommy!“ lachte Rhode Is⸗ land.„Nun Ihr mich erſt recht neugierig gemacht? — mir könnt Ihr's ſagen— Ihr meint doch nicht etwa den deutſchen Klabautermann?“ Der Alte ſchüttelte mit dem Kopf und ſagte: „Jede Küſte hat ihre beſonderen Wächter; der hat mit uns nichts zu thun; ich meine den ſchwar⸗ zen Mann.“ „Den ſchwarzen Mann?“ rief Rhode Island er⸗ ſtaunt aus, und mußte ſich Mühe geben ſein Lachen zurückzuhalten, denn dann wäre es mit dem Erzäh⸗ len des Alten vorbei geweſen. Dieſer ſchien überdies heute nicht ſehr geſprächig oder auf das Thema nicht gern eingehen zu wollen.—„Der fliegende Hol⸗ länder kreuzt doch nicht an Cap Horn, ſo viel ich weiß.“ „Nein, ſagte Tom, von dem haben wir hier nichts zu fürchten; aber— glaubt Ihr, daß ein Boot in dieſer See leben könnte?“ — 229 „Ein Boot?“ rief Rhode Island, einen Blick nach vorn werfend, wo gerade wieder eine rieſige Woge gegen den Bug donnerte und das wackere Fahrzeug bis in den Kiel hinab erzittern machte— „ein Boot in der See?— nicht von einer Welle zur anderen, und wenn es von Kork wäre; es müßte füllen und zuſammenbrechen in dem furchtbaren Druck.“ „Und was würdet Ihr ſagen, wenn jetzt ein fremdes Boot zu uns langſeit käme, das Schiff an⸗ riefe und einen Paſſagier an Bord ſetzte?“ „Aber, Tommy....“ „Ich hab' es erlebt, mein junger Burſch,“ ſagte der Alte mit leiſer faſt flüſternder Stimme,„und wer ihm zuerſt begegnet, mit wem er ſpricht, der iſt ein Kind des Todes im nächſten Sonnenlauf.“ „Wenn ich ein Boot in ſolcher See ankommen ſehe,“ ſagte der junge Rhode⸗Isländer jetzt lachend, „glaub' ich's auch, Töommy, Euer Wort in Ehren— aber nicht eher.— Dagegen wäre ja ſelbſt der flie⸗ gende Holländer nur ein Scherz, der doch auf vollem Schiffe in der Welt umherfährt.“ „Macht's, wie Ihr wollt,“ ſagte der Alte ruhig, „aber lacht wenigſtens nicht darüber“ 230 „Hahahaha,“ rief aber der junge Burſch, der ſich nicht wollte merken laſſen, daß ihm ſelber ganz unheimlich bei der ernſten Erzählung des Alten wurde,„Ihr ſchneidet ein ſo ernſthaft Geſicht, als ob Ihr's ſelber glaubtet— Tommy, Tommy, wenn das der Alte hörte!“ Tom ſenkte den Kopf, wickelte ſich feſter in ſeine Jacke und ſchien ſich auf kein Geſpräch weiter ein⸗ laſſen zu wollen; ehe ihn aber Rhode Island beſänf⸗ tigen konnte, wurde zum Loggen gerufen, und er mußte nach aft. Es war etwa eine Stunde ſpäter, als der Sturm wieder eine friſche Hand an den Blaſebalg geſtellt hatte, wie die Matroſen ſagen, wenn es nach kurzem Beſſerwerden mit neuen Kräften an zu wehen fängt. Rhode Island kam von ſeiner Wacht am Steuerrad. Die Starbordquarterdeck⸗Treppe eben hinunterſtei⸗ gend, ging er hinter dem großen Maſt durch nach leewärts. Die übrige Wacht ſaß auf ihrem gewöhn⸗ lichen Platze, und einer der Leute„ſpann ihnen ge⸗ rade ein Garn“ von einem Abenteuer, daß er„an Bord eines Pferdes“ in Buenos Ayres erlebt, und wo ihm die Gauchos Geld und Sattel abgenommen und er das Pferd hatte an einer Leine drei Leguas weit zurückführen müſſen.— Da plötzlich tönte ein 231 wilder Schrei zu ihnen herüber und alle ſprangen erſchreckt auf und nach windwärts. „Hallo da vorn— was giebt's?“ rief der erſte Steuermann vom Quarterdeck aus—„was iſt los?“ „Den Teufel auch, Rhody,“ rief einer der Leute, der dem jungen Burſchen zuerſt begegnete, haſt du ſo geſchrieen?— Junge, was fehlt dir?— Du zit⸗ terſt ja am ganzen Leibe!“ „Unſinn!“ brummte der junge Amerikaner är⸗ gerlich,„es fuhr mir nur ſo heraus— ich weiß ſel⸗ ber nicht, wie es kam!“ Aber er warf dabei ſcheu den Blick über die Schulter zurück und über die See hin⸗ aus, als ob er dort etwas zu ſehen erwarte. „Rhody!“ rief der Steuermann vom Quarter⸗ deck aus. „Ay, ay, Sir?“ „Wer hat geſchrieen?“ „Ich, Sir.“ „Weßhalb?“ „Ich habe mich geſtoßen.“ „Holzkopf!“ ſagte der Offizier und nahm ruhig ſeinen Marſch an Deck wieder auf. „Du haſt was geſehen, Rhody,“ ſagte der alte Tom leiſe zu dem jungen Burſchen, als die Uebrigen, 232 einer gerade auf, und über Bord ſchlagenden See lachend aus dem Wege ſprangen, um ihren früheren, mehr geſicherten Platz wieder einzunehmen. Dabei ſuchte er in dem Halbdunkel, das in dem wolkenbe⸗ deckten Mond auf dem Waſſer lag, die Züge ſeines jungen Kameraden zu erforſchen. „Geht zum Teufel!“ rief aber dieſer, ſich von ihm abwendend, ärgerlich—„das alberne Zeug, das Ihr den Leuten in den Kopf ſetzt, macht ſie am hellen Tage Geſpenſter ſehen, wie viel mehr denn in ſolcher Nacht!“ Er ging nach vorn, ſich in Lee der Cambüſe allein hinzuſetzen, und die Kameraden, die ihn dort aufſuchten und nichts aus ihm herausbringen konn⸗ ten, ließen ihn endlich zufrieden und ungeſtört. Die Nacht ging ohne weitere Störung vorüber, der Sturm hatte aber nicht allein nicht nachgelaſſen, ſondern eher noch zugenommen, und als ſich die Sonne rothglühend über dem weißbeſchäumten und jetzt engbegrenzten Horizont erhob, wogten und tau⸗ melten Schluchten und Berge wild durcheinander, und das ächzende Schiff rang ſich triefend die Bahn durch alle Schrecken. 3 Das Frühſtück war eben von den Leuten einge⸗ nommen, und der Kapitän kam an Deck, wo der 2s Steuermann, der ihm gerade vorangegangen, ein paar Leute nach aft rief, um ein geſtern eingeriſſenes Marsſegel wieder auszubeſſern und in Stand zu ſetzen. Zu Larbord, an der großen Raanocke, war ebenfalls der eiſerne Ring, der die untere Leeſegel⸗ ſpiere hielt, locker geworden, und Rhode Island wurde dort hinauf geſchickt, ein Ende Tau um die ſich losarbeitende Spieren zu ſchlagen, bis der Scha⸗ den bei ruhigerem Wetter wieder ordentlich reparirt werden konnte. Der junge Burſch lief die Wanten hinauf und auf den Paarden oder Laufſeilen an die Raanocke hinaus, den Befehl auszuführen; das Schiff ſchlin⸗ gerte dabei, wie die Woge unter ihm ſank oder ſtieg, herüber und hinüber, und ſtampfte dann wieder, als ob es ſich hinein hauen wolle bis auf den Grund. Rhode Island war aber ein tüchtiger Seemann und fühlte ſich ſo ſicher da oben wie auf dem Deck unten. So, während ein paar ſchwarzbraune ſchlanke Möwen mit rabenſchwarzen Flügelſpitzen um ihn her kreiſ'ten, als ob ſie das kecke Menſchen⸗ bild da oben bei ſich nicht dulden wollten, ſchlug er das Tau um Spiere und Raae, ſchnürte die erſtere an die letztere feſt, und trat dann noch einen Schritt weiter hinaus, den Block zu faſſen, der am äußerſten Ende der Spiere hing und deſſen Strop ebenfalls losgegangen war, als unten von Deck eine Stimme „Segel ho!“ rief. Der junge Burſch fuhr zuſammen, als ob er von einem Schuß getroffen wäre, richtete ſich auf, verlor das Gleichgewicht und faßte im Sturze noch das Laufſeil. Der Wurf, den das Schiff aber zugleich im Wiederaufrichten gab, vermehrte nur die Kraft, der die eine Hand nicht gewachſen war; das Seil ſchnellte aus den es krampfhaft umſchließenden Fin⸗ gern, und der Körper des jungen Matroſen ſchlug ſchwerfällig in die nach ihm aufzüngelnde Woge hinein. aus zehn Kehlen zu gleicher Zeit, und Alle ſprangen nach Tauen, ſie auszuwerfen und den Kameraden zu retten. So langſam das Schiff aber auch, mit ſo wenig Segeln und ſolcher See gegen ſich, durch das Waſſer ging, hatte die rückprallende rieſige Woge den Körper des Unglücklichen ſchon außer Wurfes Nähe geſchleudert, und als ihn die nächſte zurück⸗ brachte, glitt das Schiff auf dem Rücken derſelben hinab, und in deſſen Fahrwaſſer, mit den Wogen kämpfend, ſchwamm der Verlorene. „Hülfe!“ tönte ſein Nothſchrei markdurchſchnei⸗ „Mann über Bord!“ ſchallte der Schreckensruf dend herüber und ein Schwarm Cap⸗Tauben, die einzeln dort über die Flut zerſtreut geweſen, ſam⸗ melte ſich im Nu mit raſchem Flügelſchlag über ihm, die neue Beute noch ſcheu betrachtend. „Es iſt unmöglich ein Boot auszuſetzen!“ rief der Kapitän in voller Angſt, eine der Beſahnpar⸗ dunen faſſend und auf die Railing ſpringend,„wir bekämen nicht einmal die Mannſchaft hinein, ehe es uns an den Seiten zerſchmetterte. Der Steuermann ſchüttelte, ohne den Blick von dem Unglücklichen zu nehmen, traurig und ernſt mit dem Kopf und ſagte nur leiſe:„Es wäre Wahn⸗ ſinn!“ Der alte Tom aber nickte langſam vor ſich hin mit dem Kopf und flüſterte ſtill in ſich hinein: „Er hat ihn geſehen— hab' ich's mir nicht gedacht? Der arme Teufel, was half da ſein Läug⸗ nen— nun wird er mir's glauben!“ „Hülfe, Hülfe!“ tönte ſchon ſchwächer der ver⸗ zweifelte Nothſchrei des Schwimmers zu ihnen her⸗ über; er wußte, daß ihm keine menſchliche Hülfe mehr werden konnte, aber der Trieb zum Leben ließ die Hoffnung nicht ſinken bis zum letzten Augen⸗ blicke. Und die Möwen ſammelten ſich über ihm— aufſteigend jetzt in weitem Cirkelſchwung und dann 236 niederſtoßend nach der ſeltenen Beute, der ſie ſich dennoch nicht zu nahen wagten. Schwerer Flügel⸗ ſchlag jetzt von da drüben her; zwei Albatroſſe, denen andere folgten, ſahen den dicht gedrängten Schwarm der Tauben und Möwen. Mit den rie⸗ ſigen Fittichen ziehen ſie heran, kreiſen einmal herum über dem dunkeln Punkt in der Flut— in ihrer Flut, und der eiſerne Schnabel haut nach der gebotenen Beute. „Hülfe! Hülfe!“ es war ein Aufkreiſch, der die Männer aufſcheuchte, als ob ein Schuß zwiſchen ſie gefallen wäre, und ſelbſt die Albatroſſe wichen einen Augenblick dem fremden unheimlich grellen Tone, aber nur, um ihren Angriff wenige Momente ſpäter mit ſo viel größerer Gier zu erneuen. „Heiliger Gott!“ rief der Kapitän und ſprang, das Fernglas aufgreifend, das ihm der Steuer⸗ mann reichte, ein paar Schritt die Beſahnwant hinan, in der er ſich feſtklammerte und das Rohr auf den Schwimmenden richtete—„die Vögel ſtoßen auf ihn— das iſt entſetzlich!“ „Hülfe! Hülfe!“ Ein ſcharfer Ton der Möwen antwortete dies⸗ mal; es war der Kampfſchrei der hungrigen Thiere, die ſich, dem ſtärkeren Albatros zum Trotz, auf die — 237 Beute warfen, und unter den weiten Schwingen des mächtigeren Gegners hin nach Kopf und aufgewor⸗ fenem Arm des Unglücklichen hackten. „Gott ſei ſeiner Seele gnädig!“ ſagte Tom, ſich ſchaudernd abwendend, während einzelne der Leute dem Kapitän in die Wanten folgten. Dieſer jedoch ſchob ſein Glas zuſammen und ſtieg ſchau⸗ dernd hinab; er konnte den Anblick nicht länger ertragen. Die Vögel, mit den Albatroſſen an der Spitze, bildeten jetzt eine feſte Maſſe auf der Flut, ſo daß ſich unter ihrer dicht gedrängten Schaar ſchon nichts weiter mehr im Waſſer erkennen ließ. Die ſchwäche⸗ ren Cap⸗Tauben aber umflogen ärgerlich kreiſchend die gefundene Beute, von der die ſtärkeren Schwe⸗ ſtern ſie verſcheucht hatten, auf und nieder dabei flatternd, manchmal dem Schiff folgend, als ob ſie ein neues Opfer zu finden erwarteten, und dann zu dem erſten zurückkehrend mit raſchem ängſt⸗ lichem Flug. Die Leute kamen langſam herunter und gingen nach vorn, und das Schiff kämpfte weiter gegen die empörte Flut, die ihr Opfer jetzt hatte. Weit in Lee kam jetzt ein Segel in Sicht— daſſelbe, das vorhin angerufen worden.— Oben 238 auf einer Woge, wie von der äußerſten Spitze getra⸗ gen, ſtand es einen Augenblick, und verſchwand dann in der Tiefe, als ob die Flut es verſchlungen; es lag über dem andern Bug und kreuzte nach Norden auf— eine Stunde ſpäter war es am Horizont ver⸗ ſchwunden, während mit ſchwerfälligem Flügelſchlag die Albatroſſe dem Schiffe wieder folgten— neue Beute erhoffend.: Die Dſchunke. Es iſt nun ſchon eine Reihe von Jahren her, daß die Engländer Beſitz von Hongkong an der chi⸗ neſiſchen Küſte ergriffen. Sie wollten durch die kleine Inſel vor allen Dingen einen Schlüſſel zum „himmliſchen Reiche“ bekommen, wollten erſt einen feſten Fuß in ſeiner Nähe haben, um es dann ſpäter ihren Miſſionären und Kaufleuten zu überlaſſen, den zweiten irgendwo auf dem chineſiſchen Kontinent an⸗ zubringen. Zu jener Zeit ſchwärmte das dortige Meer noch von theils chineſiſchen, theils malayiſchen Seeräubern, die den Fremden wie ihren eigenen Landsleuten gleich gefährlich, ſelbſt bis auf den heutigen Tag noch nicht haben können ausgerottet werden und nur höch⸗ ſtens gelichtet oder— vorſichtiger gemacht ſind. Auf Dſchunken(Junke)— einennanſcheinend ſehr unbe⸗ hilflichen, aber nichtsdeſtoweniger ſehr raſch ſegelnden 240 Fahrzeuge— gleiten ſie an den Küſten China's, ja ſelbſt in deſſen Strömen hinauf, und zwiſchen den Inſeln des oſtindiſchen Archipels fortwährend auf und ab, harmloſe Handelsfahrzeugen furchtbar und nur dem bewaffneten Kriegsſchiff der Europäer aus⸗ weichend. Fühlen ſie ſich aber einem Gegner durch die Anzahl nur irgend gewachſen, dem zeigen ſie auch raſch genug die Zähne. Haben doch die malayiſchen Prauen, beſonders die von Borneo und den Nachbarinſeln, natürlich in großer Ueberzahl, ſchon ein amerikaniſches Kriegs⸗ ſchiff angefallen, deſſen Kapitän alle Hände voll zu thun hatte, ſich ihrer zu erwehren. Es läßt ſich denken, daß ſowohl die Holländer wie Engländer, die beide beſonders in der Sicherheit dieſer Gewäſſer intereſſirt ſind, ihr Möglichſtes tha⸗ ten und noch thun, ſolchem Unweſen ein Ende zu machen und den Räubern ihr oft blutiges Handwerk zu legen. Das Terrain dort begünſtigt aber die Ver⸗ brecher nur zu ſehr. Dieſe Tauſende von Inſeln mit ihren unzählichen kleinen verſteckten Buchten, mit Klippen und Untiefen— nur denen bekannt, die dort ihre Heimat haben— laſſen eine richtige und wirkſame Verfolgung in vielen Fällen nicht einmal zu. Das iſt denn auch die Urſache, daß ſelbſt noch 241 bis auf die neueſte Zeit ganz in der Nähe europäiſcher mächtiger Kolonien dieſe Seeräuber ihr Weſen trei⸗ ben, Handelsſchiffe von Freund und Feind plündern und mit dem Raub in irgend einen ihrer ſicheren Schlupfwinkel flüchten. In damaliger Zeit, während die holländiſchen Kriegsſchiffe mit manchem Erfolg um Bali und Borneo und zwiſchen den Molucken herumkreuzten, und beſonders ihre Kriegsdampfſchiffe die darauf nicht vorbereiteten Prauen zu Zeiten überraſchten und in Grund ſchoſſen, ärgerten ſich die Engländer im Kantonfluß in der Nähe von Hongkong mit den räuberiſchen chineſiſchen Dſchunken weidlich herum. Manche davon hatten ſie ſchon zuſammen oder in Brand geſchoſſen, einige Mal ſchon ganze Flotten davon vernichtet, und wie aus dem Meere ſelber her⸗ aus wuchſen neue und neue empor. Allerdings trugen ſie an deren Unzahl ſelber mit die Schuld, denn durch den verbotenen Opiumhandel hatte ſich eine große Anzahl von Oſchunken auf ſolch' geſetzwidriges Gewerbe geworfen. Nach China hin⸗ ein ſchmuggelten ſie dann den verbotenen narko⸗ tiſchen Stoff, und herauszu raubten und ſtahlen ſie was ſie bekommen konnten., Vorzüglich waren dies, wie ſchon früher erwähnt, Gerſtäcker, Blau Waſſer. 16 ℳ Chineſen und Malayen; hie und da aber verſchmäh⸗ ten auch ſelbſt Araber— neben den Chineſen die bedeutendſten Handelsleute des oſtindiſchen Archipels — ein ſolches Gewerbe nicht, dem ſie ihren Koran eben anzupaſſen wußten. In einzelnen Fällen waren ſogar Europäer dabei ertappt worden. Mit dieſen letzeren machten die engliſchen Kriegsſchiffe aber die wenigſten Umſtände, und ein europäiſcher Pirat, in ſol⸗ cher Umgebung erwiſcht, konnte ſich auch feſt darauf ver⸗ laſſen, gleich auf friſcher That die Raanocke zu zieren*. Es war im November des Jahres 184— und der Nordoſt Monſuhn“* wehte mit voller Stärke. Die meiſten, beſonders die kleineren Küſtenfahrzeuge, ſuchten deßhalb auch, wenn ſie an Hongkong ankern wollten, das ſüdliche Uſer der Inſel, wo ſie vor dem gerade herrſchenden Wind weit mehr geſchützt und ſicher lagen. 2- *Auf Kriegsſchiffen wird im Fall einer Exekution das äu⸗ ßerſte Ende der Raae(oder Querholzes, an dem die Segel be⸗ feſtigt ſind) dazu benutzt, den verurtheilten Verbrecher aufzu⸗ hängen. Die Monſuhrne ſind periodiſche Winde, die beſonders im nördlichen Theil des indiſchen Oceans herrſchen. Dort wehen ſie von April bis Oktober von Südweſt, von Oktober bis April aber von nordöſtlicher Richtung ununterbrochen fort. Ihr Name ſtammt von dem perſiſchen musum oder malayiſchen mussin — eine Jahreszeit. Eine Menge Oſchunken hatten ſich ſolcher Art hier zuſammen gefunden, die durch ihre Boote lebhaften Verkehr mit dem Lande unterhielten, und „Waaren wurden aus⸗ und eingeladen theils für die ſüdlicher gelegenen Inſelgruppen, theis aber auch zum Schmuggelhandel für Kanton beſtimmt, wo ſich die Eigenthümer oder Führer der verſchiedenen Fahr⸗ zeuge auf ihnen ſelber am beſten bekannte Weiſe Ein⸗ gang zu verſchaffen wußten. Unter dieſen lag auch eine Dſchunke, die ſich in Nichts faſt von ihren Nachbarn unterſchied als daß ihr Bambusdeck vielleicht reinlicher gehalten war als das der chineſiſchen, daß die Teppiche, die vor den Kajütenfenſtern hingen, neu und von feinem Stoff, und ſelbſt die Mattenſegel feſter, feiner gearbeitet und weißer ſchienen, als ſie die gewöhnlichen Handelsdſchun⸗ ken trugen. Die Malerei an dem Fahrzeug war die⸗ ſelbe, mit den beiden rieſenhaften und unheimlichen Augen vorn am Bug. Hinten am Spiegel aber trug es, nach echt chineſiſcher Aufſchneiderei, den malagyi⸗ ſchen Namen Orang Makan— der Menſcheufreſſer. *Die malayiſche Sprache iſt im oſtindiſchen Archipel be⸗ ſonders die Umgangs⸗ und Handelsſprache zwiſchen Malayen und Chineſen, wie auch zwiſchen dieſen und den Europäern. 16* 244 Eine Flagge zeigte es nicht, ſondern war an dem Morgen noch vor Tagesanbruch zwiſchen die andere kleine Flotte der Küſtenfahrer ruhig hinein geglitten und hatte ſeinen Anker vollkommen anſpruchslos und in aller Stille fallen laſſen, auch über Tag ſein Boot noch nicht einmal an Land geſchickt, bis in der Däm⸗ merung einige jener halb europäiſch, halb indiſch ausſehenden Geſtalten in die kleine, hinten am Spie⸗ gel hängende Jölle ſtiegen und an Land fuhren. Dort blieben ſie bis ſpät in der Nacht und kehrten dann eben ſo ſtill, ja faſt heimlich an Bord ihres eigenen Fahrzeugs zurück. Hongkong iſt ein Freihafen und weder Geſund⸗ heitspolizei, noch neugierige Steuerbeamte beküm⸗ mern ſich dort viel um anlegende Schiffe. Trotzdem ſchien dieſe Dſchunke die Aufmerkſamkeit der engli⸗ ſchen Beamten erregt zu haben, denn am nächſten Nachmittag kam ein Boot vom Lande ab, das einen Regierungsbeamten und neben den chineſiſchen Boots⸗ leuten auch noch zwei vornehme Söhne des„himm⸗ liſchen Reiches“ mit ſich führten, während der erſtere vor allen Dingen den Eigenthümer derſelben, wie deſſen Papiere zu ſehen wünſchte. Der Beamte ſchien keineswegs überraſcht, daß 245 ſich ihm ein Landsmann als Führer und Eigen⸗ thümer des chineſiſchen Fahrzeugs vorſtellte. Mr. Moore, wie derſelbe hieß, legitimirte ſich aber ohne weiteres auf das Vollkommenſte und äußerte nur ſein Erſtaunen, daß er dazu aufgefordert werde, da es, ſo viel er wiſſe, bei den übrigen Dſchunken nicht Sitte ſei. Die Mannſchaft, die ſämmtlich auf Deck beordert wurde, beſtand nur aus Chineſen und war vollzählig, auch der Geſundheitszuſtand der Leute ließ ebenfalls nichts zu wünſchen übrig. Sie ſahen dabei ordentlich und reinlich aus— etwas, was ſich von ſolchen Burſchen ſonſt nicht gerade immer ſagen läßt— und gaben den beiden Chineſen, die wunder⸗ barer Weiſe der Viſitation des Schiffes beiwohnten und ſich bei ihnen näher nach dem Fahrzeug ſelber erkundigten, raſche und prompte Antworten. Mr. Moore hatte ſeiner Ausſage nach die Dſchunke von einem chineſiſchen Kaufmann, der früher damit den Opium⸗Schmuggelhandel betrie⸗ ben, um einen ziemlich mäßigen Preis gekauft. Da er nicht reich genug ſei ein größeres Fahrzeug zu erſtehen, habe er mit dieſem hier begonnen, an den Küſten China's wie des oſtindiſchen Archipels Roh⸗ produkte aufzukaufen, um ſie dann ſpäter an euro⸗ päiſche Schiffe wieder abzuſetzen, oder gegen euro⸗ 246 päiſche Waaren einzutauſchen. Hier an Hongkong war er nur angelaufen, um friſches Waſſer einzu⸗ nehmen und für baar Geld vielleicht ein paar Kiſten Opium zu erhandeln. à So weit war Alles gut. Der Beamte gab die Papiere zurück, wechſelte leiſe ein paar Worte mit den Chineſen und verließ dann wie er gekommen die Dſchunke. Eine Einladung des„Kapitäns“, in deſſen kleiner Kajüte ein Glas Sherry zu trinken, lehnte er dankend ab.. Als die Herren von dem ziemlich hohen Deck die Fallreepstreppe in ihr Boot zurückſtiegen, lehnte Kapitän Moore an der Schanzkleidung, und hätten ſie hinaufgeſehen, würde ihnen ein etwas höhniſches Lächeln, das um ſeine Lippen ſpielte, wohl kaum entgangen ſein. So waren ſie aber beſchäftigt, bei dem Schwanken des Bootes ihre verſchiedenen Sitze wieder einzunehmen und gleich darauf verließ die Jölle, von den regelmäßigen Ruderſchlägen der chineſiſchen Bootsleute getrieben, die Seite der Dſchunke und glitt nach dem Ufer zurück. Mr. Moore war ein Mann in den beſten Jah⸗ ren, etwa vierzig bis fünfundvierzig Jahre alt, mit vollem, braunem, lockigem Haar, aber ohne Bart, das Geſicht glatt und ſorgfältig raſirt. Von kräfti⸗ 3 247 gem, unterſetztem Körperbau, ging er in die gewöhn⸗ liche Matroſentracht mit blauer Jacke und weißen Hoſen gekleidet. Nur auf dem Kopfe trug er eine chineſiſche Korkmütze mit roher Seide überzogen, und um den Leib einen der gewöhnlichen rothen chineſiſchen Gürtel, in dem vorn ſtatt jeder Waffe, eine friedliche kurze ſehr hübſch gearbeitete Tabaks⸗ pfeife ſtak. Noch eine ganze Weile blieb er in der Stellung, in der wir ihn oben verlaſſen haben, bis das eng⸗ liſche Boot außer Hörweite war. Dann drehte er ſich, leiſe dabei zwiſchen den Zähnen durchpfeifend, auf dem Abſatze herum, und zu der Kajütentreppe tretend, rief er lachend hinunter: „Komm' herauf, Ben Ali— es war Alles in Ordnung und ſie ſind höchſt zufrieden wieder abge⸗ gangen. Hahaha, was für ein verdammt geſcheutes Geſicht Ihrer Majeſtät Diener und was für ein verzweifelt dummes Geſicht die beiden Söhne d des himmliſchen Reiches machten, als ſie mit mei⸗ ner Phyſiognomie nicht ſo in's Reine kommen konnten.“ Noch während er ſprach, erſchien der beturbante Kopf eines Arabers in der ſchmalen Treppenluke, und bald ſtand Ben Ali, vollſtändig in die reiche 348 Tracht ſeines Heimatlandes gekleidet, auf dem Ver⸗ deck der Dſchunke, während jedoch die gegen die Sonne ausgeſpannten Teppiche ihn, dem Lande zu, vollſtändig verdeckten. „Und hatt' ich recht?“ ſagte der Araber mit einem ſchlauen Lächeln, als er zu ſeinem Gefährten aufſah,„ſind es nicht die beiden chineſiſchen Lang⸗ zöpfe, denen wir im vorigen Monſuhn nahe bei Amoy ihre Ladung Opium wegnahmen? Ich kannte ſie, wie ich nur einen Blick aus dem Kajütenfenſter warf.“ „Allerdings hatteſt du Recht, Ben Ali, Perle Deiner Wüſte,“ lachte der Seemann,„und ich ſelber kannte ſie, ſo wie ich ihnen nur in die ver⸗ dutzten Geſichter ſchaute. Was aber in des Böſen Namen die beiden Schlitzaugen auf meine Spur gebracht hat, und wie ſie dies Fahrzeug wieder erkannt haben, iſt mir ein Räthſel. Wir haben Farbe und Koſten nicht geſcheut, ihm ein anſtän⸗ diges und anderes Ausſehen zu geben, und kaum iſt der Anker unten, ſind diefe beiden Würdenträger der verkehrteſten Nation des Erdballs wie aus dem Boden gewachſen da. Ein Glück nur, daß ich mei⸗ nem Kopf folgte und die„Zierde des Mannes“, wie Du mich zu überreden beliebteſt, meinen Bart, her⸗ unter geſchnitten habe. So feſt war ihnen mein Geſicht doch nicht mehr im Gedächtniß, daß ſie das wieder kennen konnten; aber Verdacht hatten ſie, ) und der kleine Schuft wollte keinen Blick von mir wegwenden. Schade uur, daß ſie nicht mit in die Kajüte hinunter gingen, ich hätte ihnen dort einen Thee vorgeſetzt, den ſie im Leben nicht würden ver⸗ geſſen haben. „Es iſt gut,“ ſagte Ben Ali,„wir ſind dies⸗ mal, wenigſtens für jetzt und ſo weit, durchgekom⸗ men. Aber ich dächte doch, wir gingen hier ganz ſtill wieder unſerer Wege, denn ich glaube kaum, daß ſich dieſe beiden Chineſen mit der einen oberflächlichen Beſichtigung beruhigen werden.“ „Was können ſie thun?“ lachte aber Moore, „die Regierung iſt durch ihren Beamten befriedigt worden, und China mag jetzt ſehen, wie es ſich ſelber hilft. Aber außerdem, Ben, glaubet Ihr, daß ich jetzt von hier fortging und die Beute im Stiche ließe, die hier rechts und links, faſt in Arms Bereich von uns vor Anker liegt? Die beiden kleinen Dſchunken da drüben haben den Bauch ſo voll von Opium, wie ſie ihn nur bekommen können und ſind dabei fertig zum Auslaufen; verlangt Ihr mehr? Laßt die erſt unterwegs ſein und dann auf mit dem 250 Anker ſo raſch Ihr wollt, aber eher wahrhaftig kei⸗ nes Kabels Länge von der Stelle. Hole die Zopf⸗ träger der Böſe, denn wenn ſie wüßten wo es ihnen wohl iſt, gäben ſie wahrhaftig dem„Menſchenfreſſer“ etwas weitern Seeraum, als ſie vor kaum einer hal⸗ ben Stunde gethan.“ „Laßt die zufrieden,“ ſagte lächelnd der Araber, „dieſe Art Leute weiß in der Regel recht gut was ſie thut, und fühlt ſich hier, unter den Kanonen des kleinen Forts da drüben, gerade ſo ſicher wie im Mittelpunkte ihres ſogenannten„himmliſchen Reiches“. „Sicher?“ rief Moore und warf einen trotzigen herausfordernden Blick nach dem Fort am Ufer hin⸗ über—„beim Teufel, Ben, wenn ich wüßte, daß unſere beiden Nachbarn nur zum Theil ſo gut ſegel⸗ ten wie wir, weder das Fort noch die ganze Dſchun⸗ kenflotte ſollten mich abhalten, beide Fahrzeuge zugleich zu entern und mit in See zu nehmen. Das faule Ding von einer Kriegsbrig, das dort vor Anker liegt wie eine flügellahme Ente, möchte dann wohl vergebens hinter uns drein kriechen und Sig⸗ nale geben und Schüſſe feuern. Mannſchaſt hätten wir überdies genug dazu im Raum. Bequemer haben wir's aber immer, wenn wir's noch ein paar * Tage abwarten. Das andere Dſchunkengelichter hier würde außerdem einen Heidenlärm machen und uns gerade ſo umſchwärmen, wie der Rabe einen Habicht, der ſeine Beute gefaßt hält.“ „Toll genug wäret Ihr dazu“, ſagte der Araber mit ruhiger Stimme während ſein blitzendes Auge jedoch verrieth, daß er den kühnen Plan⸗ für keines⸗ wegs unausführbar hielt. „Toll?“ rief Moore,„war das etwa weniger toll, als Ihr den däniſchen Kauffahrer bei mond⸗ heller Nacht mitten aus dem Hafen von Singapore herausnahmt und vor Tagesanbruch Euere Dſchunke bis an den Rand beladen nach Malakka hinüber⸗ führtet?“ „Bah“, lachte Ben Ali,„damals war ich noch ſechs Jahr jünger als jetzt, und Ihr— waret mein erſter Steuermann.“ „Und jetzt, da ich Euer Compagnon bin,“ rief Moore,„dürfen wir keine ſchlechteren Geſchäfte mit⸗ ſammen machen.“ „Das ſchlechteſte Geſchäft iſt, ſich unnöthiger Weiſe in Gefahr begeben,“ ſagte der Araber achſel⸗ zuckend. Draußen im Archipel ſchwimmen eine Menge Fahrzeuge, die für den„Menſchenfreſſer“ geladen haben; wir brauchen uns nicht die ſtachlich⸗ ſten Früchte herauszuſuchen. Doch wie Ihr wollt— ein Spaß wäre allerdings dabei, gerade weil die Kriegsbrig da ſo bequem bei der Hand liegt, ihnen einen ſo fetten Biſſen aus den Zähnen herauszu⸗ reißen. Jetzt iſt's aber noch keinenfalls nöthig. Folgt Ihr meinem Rath, ſo gehen wir heute Abend mit Dunkelwerden in See, und zwar dicht am Wind, als ob wir die chineſiſche Küſte anlaufen wollten, fallen aber in der Nacht ab und den Opium⸗Dſchun⸗ ken in's Fahrwaſſer, die uns nachher kaum entgehen können.“ „Wir wollen's uns überlegen,“ ſagte Moore. „Indeſſen gebt den Leuten unten etwas Luft. Kom⸗ men ſie vorſichtig auf Deck, ahnt kein Teufel hinter der hohen Schanzkleidung die wackere Schaar. Da unten iſt es zu heiß, und wir müſſen ſie bei guter Laune halten.“ Ben Ali ſtieg wieder hinunter, und es dauerte nicht lange, ehe zwölf oder vierzehn wilde, braune Geſtalten— lauter Malayen mit Kopftüchern über und in die langen ſchwarzen Haare geflochten und Khriſe und Piſtolen im Gürtel tragend, mehr auf Deck krochen als ſtiegen, und fragende Blicke auf ihren weißen Führer warfen. „Nur Geduld, meine Burſchen,“ lachte dieſer aber,„nur Geduld, Ihr ſollt mir nicht lange da unten in dem heißen Raum Verſteckens ſpielen, dafür laßt mich ſorgen. Aber vorſichtig müßt Ihr mir jetzt ſein— nur noch wenigſtens zwei Mal vierundzwanzig Stunden lang, verſprecht Ihr mir das?“ Die Anrede war in der malayiſchen Sprache gehalten, und Einer der Leute, dem hellgraue Nar⸗ ben nach allen Seiten hin das braune Geſicht und die nackte Bruſt und Arme durchfurchten, erwie⸗ derte: „Alles in Ordnung, Kapitän, ſo lange wir noch unſere Nachbarn im Auge haben.— Den Weißen wird Maſter Moore ſchon eine Naſe drehen— iſt nicht die erſte.“ Er lüftete dabei den einen Sonnenteppich ein wenig, freiere Ausſicht zu bekommen. „Halloh“, ſagte er da plötzlich—„Brig da drüben macht Anſtalt zum Auslaufen? Deſto beſſer, nachher haben wir ganz freie Hand, denn die zwei Jöllen am Ufer kann man eben nicht rechnen.“ Moore hatte ſein Fernrohr genommen und auf die Bemerkung des Malayen lange und aufmerk⸗ ſam nach dem bezeichneten Kriegsſchiff hinüber⸗ geſehen. „Wahrhaftig, Du haſt Recht,“ ſagte er aber jetzt,„an der Brig löſen ſie die Vormarsſegel, und dort ſind auch ein paar Hände am Bug⸗ und Vor⸗ ſtengenſtag beſchäftigt. Ihren Anker müſſen ſie bei⸗ nahe ſchon in der Höhe haben, die Kette geht gerade auf und nieder.“ „Will ſich vielleicht einen anderen Ankerplatz ausſuchen,“ meinte ein anderer der Malayen, der zu ſeinen Kameraden getreten war.“ „So ſieht's aus,“ rief Moore.„Ich will nur nicht hoffen, daß der Beſuch uns zugedacht iſt.“ „Wäre nicht übel,“ ſagte Ben Ali der, wieder an Deck gekommen, und nach der Rüſtung am Bord der Kriegsbrig leicht errieth, von was hier die Rede ſei,„aber ich dächte, da hätten ſie uns doch viel leichter ein Boot herübergeſchickt.“ „Und unſer Waſſerboot kommt auch nicht,“ brummte Moore vor ſich hin. „Nun, ſo bleibt es weg,“ erwiederte der Araber, „wir haben noch genug im Raume, und es war ja doch nur eine Entſchuldigung für unſer Ankern.“ „Allerdings,“ ſagte er, aber das wiſſen die am Lande nicht, und ich glaube faſt, das Boot iſt von oben her verhindert worden, zu uns herauszukom⸗ 8 255 men. Sie glaubeu uns dadurch am Ende hier hal⸗ ten zu können.“ „Da wäreu ſie im Irrthume,“ lachte Ben Ali. „Fatal bliebe es übrigens, wenn ſie uns mit dem kanonenbeſpickten Schiff bedeutend näher kämen. Doch was thät's im Grunde; wir könnten ja dann unſeren Ankergrund eben ſo leicht aus irgend einer Urſache wechſeln. Nun wir werden ſehen.“ Die Aufmerkſamkeit der Dſchunken⸗Mannſchaft blieb von da ab übrigens ausſchließlich auf das Manövriren des Kriegsſchiffes gerichtet, das, ein ziemlich altes und dem Anſchein nach ſchwerfälliges Fahrzeug, jetzt wirklich ſeinen Anker aufnahm und mit dem wenigen Wind, der hier unter dem Schutz der Inſel wehte, gerade die Richtung auf die Dſchunke zu nahm. Etwa in einer Kabelslänge von ihr drehte es ein klein wenig ab, als ob es vor⸗ beipaſſiren wollte, in einer Höhe aber mit derſelben und etwa auf Büchſenſchußweite von ihr entfernt, ließ es den Anker plötzlich wieder niederraſſeln, ſchwang dann vor demſelben herum, den Bug dem Lande zu, und blieb, die rechte Breitſeite der Dſchunke drohend zugelehrt, liegen. Wenige Sekun⸗ den ſpäter waren die für das Manöver gehißten Segel wieder feſt beſchlagen, und keine weitere d 256 Bewegung an Bord verrieth, daß ſie dort für den Augenblick irgend etwas Anderes beabſichtigten, als eben nur eine gleichgiltige Veränderung ihres Anker⸗ platzes. Nicht ſo gleichgiltig war übrigens die Mannſchaft der Dſchunke Zeuge derſelben geweſen. „Zum Teufel auch,“ ſagte Moore jetzt, der mit dem Fernrohr am Auge dem Allen auf das Aufmerk⸗ ſamſte gefolgt war und das Glas erſt jetzt wieder zuſammenſchob,„iſt ihnen das Waſſer dort am Lande in der Ebbe zu ſeicht geworden?— Ich habe aber doch ſchon Dreidecker an der nämlichen Stelle ruhig liegen ſehen— oder haben die Schufte etwas Anderes im Schilde?“ „Das werden wir wohl gleich erfahren,“ rief Ben Ali und raſcher als ſonſt ſeine Art zu ſprechen war,„hinunter mit Euch, Ihr Burſchen, wieder in Eueren Verſteck, und rührt Euch nicht, bis ich Euch ſelber durch das Zeichen rufe. Dort drüben kommt eben ein Boot ab und ich müßte mich ſehr irren, wenn der Beſuch nicht uns gälte.“ „Ihr habt recht, Ben,“ rief Moore, ſein Srteſkop raſch wieder ausziehend und auf das eben ſichtbar werdende Boot richtend,„drei Offiziere oder Beamte oder was ſonſt noch ſitzen hinten im Spiegel.“ — „Einer wird der Bootsmann ſein, der ſteuert.“ „Nein, noch außer dem— Teufel noch einmal, ob ſie uns nicht grad' unter ihre Breitſeite gebracht haben, daß ſie mit uns machen können, was ſie wollen. Eine Flankenſalve aus der Entfernung ſchöß uns in Grund und Boden zuſammen.“ „Dann wärs freilich aus,“ ſagte Ben Ali ruhig, „aber ſo weit iſt's noch nicht. Ob ich ebenfalls wie⸗ der hinunter gehe?“ „Ich glaube, ja,“ meinte Moore,„es iſt beſſer, Ihr laßt Euch nicht eher ſehen als es irgend nöthig iſt. Und gingen ſie wirklich in die Kajüte hinunter und wollten dann wiſſen, wer Ihr wäret, ei, ſo ſeid Ihr ein Kaufmann von einer der Dſchunken, von dem ich Opium gekauft habe, und wartet hier auf Euer Boot. Lange bleiben werden ſie doch nicht, und verlangen ſie den Raum zu viſitiren, ſo mögen ſie's thun— ſie finden Nichts.“ „Und im allerſchlimmſten Fall?“ „Ei, zum Teufel, die Fluth iſt uns freilich jetzt entgegen, aber noch Wind genug, uns fortzubringen. Zwingen ſie uns, ſo wagen wir das Aeußerſte und kommen am Ende vielleicht noch hinter ihr Schiff, ehe ſie uns großen Schaden thun können. Leben⸗ dig fangen ſollen ſie uns nicht. Iſt Alles klar?“ Gerſtäcker, Blau Waſſer.. 17 258 „Wie immer,“ erwiederte Ben Ali,„ſoweit wir es dürfen ſichtbar werden laſſen. Aber da ſind unſere Gäſte.“ „Hallo, die Dſchunke!“ tönte in dem Augenblicke der ſeemänniſche Ruf vom Waſſer herauf, und Moore trat auf ſein ſpitz erhöhtes Hinterdeck, um dort zu antworten, während Ben Ali wieder in dem unteren Raume verſchwand. „Hallo, das Boot!“ „Werft uns ein Tau über— wir wollen an Bord!“ „Gleich, Sir. Heda, Ihr da vorn, werf einmal Einer von Euch ein Tau hinunter in das Boot— raſch da— hört Ihr nicht?“ „Ay, ay, Sir,“ lautete die den Engländern abge⸗ hörte Antwort der Chineſen, und im nächſten Augen⸗ blick flog ein zuſammengerolltes dünnes Tau hin⸗ unter, das von einem der vorn im Boote ſitzenden Matroſen geſchickt gefangen, und um die vordere Bank geſchlungen wurde. „Hol an Bord!“ Das Tau wurde wieder eingezogen und um einen der„Nägel“ befeſtigt; gleich darauf lag das Boot unten feſt langſeit, und die drei Offiziere, die, wie Moore ganz recht geſehen, hinten im Spiegel des Bootes geſeſſen, kamen aufs Deck und grüßten den Eigenthümer der Oſchunke höflich aber ziemlich kalt. „Und was verſchafft mir die Ehre Ihres Beſuchs, meine Herren?“ frug Moore endlich, mit einem flüch⸗ tigen Blick nach der Brig hinüber;„kann ich Ihnen in Etwas zu Dienſten ſein?“ „Sie ſind der Eigenthümer oder Führer dieſes Fahrzeugs?“ frug der ältere Offizier und erſte Lieute⸗ nant, wie es ſeine Uniform zeigte, ohne auf die Frage direkt zu erwiedern.“ „Allerdings,“ lautete die eben ſo kurze und etwas trotzige Antwort des Gefragten. „Ihr Name?“ „James Moore; ich bin heute Morgen ſchon ein⸗ mal darum examinirt worden und ich möchte wirklich wiſſen—“ „Mr. Moore,“ unterbrach ihn aber der Offtzier, „ich handle in höherem Auftrage und möchte Sie erſuchen, Ihren Ankergrund hier nicht zu verlaſſen, bevor Sie nicht weitere Weiſung bekommen.“ „Ich warte auf Waſſer,“ erwiederte der Dſchun⸗ kenführer finſter,„und ſobald ich das an Bord habe, ſehe ich nicht recht ein, was mich hindern ſollte aus⸗ zulaufen, wann es mir gerade beliebt.“ „Es thut mir leid, Ihnen darin widerſprechen 17* 260 zu müſſen,“ erwiederte ihm mit kalter Höflichkeit der Offizier,„aber ich habe gemeſſenen Befehl Ihr Fahr⸗ zeug in Grund zu ſchießen, ſobald es einen Verſuch zur Flucht machen ſollte.“ „Flucht?“ rief Moore emporfahrend,„ſind meine Papiere nicht in Ordnunge iſt nicht erſt ein Beamter hier geweſen, der mein Schiff unterſucht hat, wenn ich auch nicht recht begreife, weshalb!“ „Ihr Fahrzeug iſt, ſo viel ich weiß, noch nicht unterſucht worden,“ erwiederte der Offizier,„der Tag auch dazu für heute zu weit vorgerückt. Ich werde Ihnen deshalb dieſe beiden Herren heute Abend an Bord laſſen. Möglich,“ ſetzte er freundlicher hinzu, „daß die ganze Sache auf einem Mißverſtändniß beruht, was ſich dann jedenfalls bis morgen Früh aufklären wird. Bis dahin erſuche ich Sie freundlich, ſich dem Unvermeidlichen in Geduld zu fügen.“ „Und die beiden Herren bleiben bei mir an Bord?“ „So iſt der Befehl meines Kapitäns. Sie ſelber werden jetzt— denn die Dämmerung beginnt ſchon — eine Laterne über Ihren Starbord⸗Bug hängen und dieſelbe, während die Flut wechſelt, ſo verän⸗ dern, daß ſie uns fortwährend zugedreht bleibt; Lieutenant Bolard wird ſchon darauf achten. Bei ℳ 261 der geringſten Verſäumniß dieſer Maßregel und ſowie das Licht verſchwindet, haben unſere Boote Befehl, Sie augenblicklich zu entern. Welchen Unan⸗ nehmlichkeiten Sie dabei ausgeſetzt ſind, wiſſen Sie ſelber am beſten.“ Moore zuckte die Achſeln. „Gegen Gewalt iſt nichts auszurichten,“ ſagte er dabei.„Ich bin unbewaffnet und kann gegen Ihre Kanonen nicht ankämpfen. Morgen hoffe ich indeß, daß ich eine Erklärung über ein ſo merkwürdiges Benehmen erhalten werde. Außerdem iſt auch unſer beſtelltes Waſſer heute nicht angekommen und ich bin in der größten Verlegenheit. Wir haben keinen Tro⸗ pfen mehr an Bord.“ „Ich werde Ihnen in dem Fall noch ein Fäßchen heute Abend herüber ſchicken. Mr. Bolard, Sie ken⸗ nen Ihre Pflicht. Mr. Pawton, ſorgt, daß die Laterne ohne Säumen an ihren Platz kommt. Iſt ſie ſchon aus dem Boot herauf geſchafft?“ „Hier iſt ſie, Sir.“ „Gut denn. Guten Abend, meine Herren.“ Der Offizier verbeugte ſich gegen Moore, nickte ſeinen beiden Untergebenen zu und ſtieg dann wie⸗ der in ſeine Jölle hinunter, die ihn raſch zu dem dicht dabei liegenden Schiffe brachte. — 262 Eine Viertelſtunde ſpäter kam das verſprochene Fäßchen Waſſer langſeit und wurde auf Deck geho⸗ ben, und die beiden Engländer gingen indeſſen auf und ab und ſchienen noch nicht recht zu wiſſen, wie ſie ſich eigentlich gegen ihren halben Arreſtanten zu benehmen hätten Deſto vollſtändiger war Moore ſelber mit ſich im Reinen, und ſobald er— wie er ſich gegen die Fremden entſchuldigte— danach geſehen hatte, daß das Waſſer gleichmäßig unter ſeine Leute vertheilt war, kehrte er zu jenen zurück und lud ſie jetzt auf das Freundlichſte ein, ſeine Kajüte in Augenſchein zu nehmen. Der Maſters⸗Mate Pawton hatte indeß danach geſehen, daß die Laterne nach vorgeſchriebener Art aufgehängt war, wogegen die Brig an ihrer Seite ein gleiches Signal aushing, und Mr. Bolard, der dritte Lieutenant der Kriegsbrig, ſtieg mit dem Maſter der DOſchunke in deſſen kleine Kajüte hin⸗ unter. War er doch ſelber neugierig geworden das Innere des Fahrzeugs in Augenſchein zu nehmen, über das an Bord ſeines eigenen Schiffes, als dieſes die drohende Stellung gegen daſſelbe einnahm, ſolche wunderliche und unheimliche Gerüchte im Umlauf waren. 263 Er ſelber hatte ſich denn auch auf eigene Hand ein gar wildes Bild von dem kleinen Fahrzeug ent⸗ worfen und ſeinem Maſters⸗Mate, ehe er hinabſtieg, ins Geheim die gemeſſenſten Befehle ertheilt, auf ſeiner Hut zu ſein und auf Alles ein wachſames Auge zu haben. Um ſo mehr war er überraſcht, die kleine freundliche Kajüte zie ein Bild des Friedens um ſich zu finden. Der Boden derſelben war mit ſchneeweißen, fein⸗ geflochtenen Binſenmatten belegt, die leichten Bam⸗ buswände waren mit buntfarbigen, wie es faſt ſchien, koſtbaren Teppichen behangen und eine zierliche euro⸗ päiſche Aſtrallampe, die von der Decke niederhing, verbreitete ein helles und doch mildes Licht in dem kleinen gemüthlichen Raum. An dem in der Mitte befeſtigten Tiſch ſaß dabei Ben Ali in ſeiner morgenländiſchen Tracht, aus einer kurzen türkiſchen Pfeife rauchend und emſig mit Schreiben beſchäftigt. Bücher und Papiere lagen um ihn her. So eifrig ſchien er dabei in ſeinen Rech⸗ nungen vertieft, daß er die Kommenden nicht einmal gleich hörte, und erſt dann den Kopf erhob, als Moore ſeinen Namen rief. Nirgends war dabei die Spur von Waffen zu erkennen, zwei langläufige Flinten ausgenommen, 264 die über der Thür befeſtigt hingen und wohl über⸗ haupt in keinem Fahrzeug fehlen, das den oſtindi⸗ ſchen Archipel befährt. Aber ſelbſt dieſe ſchienen ſeit langer Zeit nicht gebraucht, denn Bolards prüfender und ſcharfer Blick, der darüber hinſtreifte, erkannte trotz dem Dämmerlicht doch leicht den Roſt an den alten, noch mit Steinſchlöſſern verſehenen Läufen. Bolard grüßte den Araber und ſagte dann, ſich in dem engen Raum umſehend: „Alle Wetter, Mr. Moore, ich hätte es Ihrer Dſchunke gar nicht von außen angeſehen, daß ſie eine ſo allerliebſte Kajüte aufzuweiſen hat.“ „Das Schiff iſt unſere Heimat, werther Herr,“ erwiederte Moore,„und Jeder ſchmückt ſich die nach beſten Kräften.“ „Aber mit Waffen ſcheinen Sie nicht überflüſſig verſehen zu ſein. Bei einer werthvollen Ladung möchte es kaum gerathen ſein, den malayiſchen Pira⸗ ten des Archipels mit den beiden alten Flinten in die Hände zu fallen.“ „Die würden auch das Wenigſte dabei ausrich⸗ ten,“ lachte Moore, indem er an einen kleinen Wandſchrank ging und Flaſchen und Gläſer heraus⸗ nahm.„Sie ſind noch ein Inventar, das ich mit der Dſchunke überkommen, und ich glaube ſogar, noch 265 von ihrem früheren Beſitzer her geladen. Meine eigene Büchſe und Piſtolen habe ich über meinem Bette hängen und unter dem Sopha dort ſteht eine Kiſte mit Säbeln für meine Leute, falls wir wirklich einmal ſollten angefallen werden. Sie wiſſen wohl aus eigener Erfahrung, daß die Chineſen mit Feuer⸗ waffen nur höchſt mittelmäßig umzugehen ver⸗ ſtehen.“ „Das weiß Gott,“ lachte Bolard,„ſo geſchickt ſie auch manchmal ihre Säbel zu handhaben ver⸗ ſtehen.“ „Ein Glas Sherry verſchmähen Sie doch nicht?“ „Ich danke wirklich.“ „Die Luft iſt hier in der Nähe von Hongkong und gerade in dieſem Monſuhn eben nicht ſo über⸗ mäßig geſund— Sie erlauben mir wenigſtens, daß ich Ihnen vorher Beſcheid thue. Nach dem, was die Herren Beamten an Land von uns zu denken ſchei⸗ nen, könnten Sie uns ſonſt am Ende gar für Gift⸗ miſcher halten.“ „ Mein beſter Herr—“ „Sicher iſt ſicher,“ lachte Moore, während er ſich ein Glas bis zum Rande vollfüllte und es auf einen Zug leerte. „So“, ſagte er dann, die Flaſche dem Lieutenant hinüberſchiebend,„nun hoffe ich, daß Sie ſich der⸗ ſelben nach beſten Kräften bedienen werden, und wenn Sie es erlauben, ruf' ich den andern Gentle⸗ man ebenfalls herunter, um wenigſtens in einem Glas Beſcheid zu thun.“ „Ich weiß nicht—“ ſagte der Offizier zögernd. „Sie haben Nichts zu fürchten,“ lächelte der Dſchunkenführer,„von hier aus ſogar können Sie durch unſere Bambuswände hindurch die dort aus⸗ hängende Laterne, das befohlene Signal erkennen. Außerdem ſeh' ich dem morgenden Tag mit großer Ruhe entgegen, denn irgend ein wunderliches Miß⸗ verſtändniß muß jedenfalls den gegen mich oder mein Fahrzeug befohlenen Maßregeln zum Grunde liegen. Alſo warten wir's ruhig ab. Fort kann ich ebenfalls nicht, bis ich nicht Waſſer an Bord habe, und ich hoffe, daß wir den Abend auf angenehme Art ver⸗ bringen werden.“ Ohne Weiteres ſtieg er jetzt die wenigen Stufen hinan, den Maſters⸗Mate zu ſeinem Offizier hinab⸗ zurufen. Dieſer verließ jedoch nur zögernd das Deck, und konnte erſt bewogen werden ein Glas Wein anzunehmen, als ſein Offizier ihn ſelber dazu ein⸗ lud. Hierauf ſtiegen Beide wieder auf das Deck und 267 gingen dort wohl eine Stunde lang mit Moore auf und ab, der ihnen Manches aus ſeinem bewegten Leben und den intereſſanten Küſtenfahrten des Archipels erzählte. So war es 9 Uhr geworden. Die Fluth trieb ſchon ſeit vier Uhr mit voller Stärke gegen das Land- zu und der Wind war faſt ganz eingeſchlafen, wäh⸗ rend ſich der Himmel mit Wolken dicht umzog. Die Dſchunke hätte unter dieſen Umſtänden ihren Anker⸗ platz gar nicht mehr verlaſſen können, ohne dem Lande geradezu entgegen zu treiben. Außerdem herrſchte an Bord vollkommene Ruhe. Die regel⸗ mäßige Wacht ging allerdings am Deck auf und ab, die Raaen waren aber niedergelaſſen, im Kompaß⸗ haus war kein Licht, das Steuer feſtgebunden, und das kleine Fahrzeug ruhte wie eine ſchlafende Möve auf der ſtillen, faſt ſpiegelglatten Fluth. Indeſſen nahte die Zeit des Abendbrods und der kleine ſaubere Tiſch in der Kajüte ſtand für vier Mann gedeckt. Lieutenant Bolard führte allerdings ſeine Proviſionen bei ſich und wollte die Einladung ablehnen, Moore aber rief eifrig:„Ei wahrlich, Gentlemen, Sie werden doch meinem Fahrzeug nicht die Schande anthun wollen, ſeine Gäſte nicht einmal bewirthet zu haben?“ 268 „Ungebetene Gäſte, wiſſen Sie, Mr. Moore,“ lächelte der Offizier. „Ei was,“ rief der Seemann treuherzig,„im erſten Augenblick waren Sie mir allerdings ungebe⸗ ten, und hätt' ich die Macht dazu beſeſſen, verdammt will ich ſein, wenn ich Sie gutwillig angenommen. Wie aber die Sache jetzt ſteht und nach näherer Bekanntſchaft, denk' ich, haben wir auf beiden Sei⸗ ten gefunden, daß wir nicht ſo ſchlimm waren als wir ausſahen, und deshalb nicht die geringſte Ur⸗ ſache, das zu verſchmähen, was uns unſer chineſi⸗ ſcher Koch bereitet haben wird.“ „Es liegt zu viel Logik in Ihrer freundlichen Einladung,“ ſagte der Offizier lachend,„um ſie zurückzuweiſen,— bis zum Einſetzen der Ebbe haben wir überdies noch eine volle Stunde Zeit und können ſolche allerdings nicht beſſer ausfüllen, als auf die von Ihnen ſo gaſtlich bezeichnete Weiſe. Mr. Paw⸗ ton, ich glaube, daß uns das Souper keinen Scha⸗ den thun wird.“ „Schaden?“ ſchmunzelte der Maſters⸗Mate, den Moore durch ſein derbes, echt ſeemänniſches Weſen ſchon vollkommen gewonnen hatte,„wohl keinen Schaden weiter, den ausgenommen, den es unter den aufgetragenen Speiſen und Getränken anrichten wird. Ich glaube, wir ſind beide ſchon an ſchlech⸗ teren Plätzen geweſen.“ „Je eher der Koch dann anrichtet!“ rief Moore auf Malayiſch ſeinem Steuermann zu,„deſto beſſer. Ich ſelber habe heute Abend einen ſchmählichen Hunger,“ ſetzte er dann gegen die Fremden hinzu, „und hoffe daſſelbe von meinen Gäſten. Wollen Sie ſich nach dem Souper dann in die Wache thei⸗ len, ſo ſteht einem der Herrn da unten mein Sopha zu Dienſten, oder ich ſchlinge Ihnen oben auf dem Verdeck, wenn Ihnen das lieber iſt, eine Hängematte auf. Das Wetter iſt ſtill und ruhig und den Thau können wir ſchon durch ein darüber geſpanntes Tuch abhalten.“ „Vortrefflich!“ rief Bolard, deſſen letzter Ver⸗ dacht durch dieſes Anerbieten beſeitigt wurde,„dann bitte ich Sie freundlich um die Hängematte. Sie werden leicht begreifen, daß wir es unter den jetzigen Umſtänden vorziehen müſſen, beiſammen und an Deck zu bleiben.“ „Deshalb gerade machte ich Ihnen den Vor⸗ ſchlag. Aber jetzt zu Tiſch; ich ſehe eben, wie Tſchung⸗Ih, unſer würdiger Kochkünſtler, ſeine gaſtronomiſchen Experimente dort hinunter ſpedirt, und je eher wir ihm folgen, deſto beſſer. Nur einen 2 Augenblick müſſen Sie mich entſchuldigen, daß ich den Wein beſorgen kann.“ Die beiden Engländer ſtiegen, nachdem ſie noch einen Blick über Deck geworfen und ſich überzeugt hatten, daß Alles in Ordnung ſei, in die Kajüte hinab, wo Ben Ali ſeine Papiere fortgeräumt und dem Tiſchtuch Raum gegeben hatte. Moore ſtand indeſſen vorn an der Logistreppe, die in den vordern Raum hinabführte, neben einer dunkeln Geſtalt, die mit halbem Leibe daraus her⸗ vorſchaute. „Wie lange noch bis zur wiederkehrenden Ebbe, Rudah?“ frug er raſch mit unterdrückter Stimme. „Voll eine Stunde, Tuwan,““ erwiederte der Malaye. „Und was hältſt Du vom Wetter?“ „Gut— da drüben im Nordoſten wird es hell. — Noch vor der Zeit haben wir Briſe genug.“ „Iſt die Laterne in Ordnung?“ „Alles fix und fertig— wann laſſen wir ſie nieder?“ „Bei dem erſten Champagnerkork, den Ihr fliegen hört— Tſchung⸗Ih mag an der Treppe bleiben.“ * Tuwan— Herr. 2471 „Und wenn ſie heraufkommen und etwas mer⸗ ken ſollten?“ „Dann bleibt uns nichts anderes übrig als Gewalt!“ ſagte Moore finſter.„Sobald das Zei⸗ chen gegeben iſt, kommen ſechs von Euch leiſe nach hinten und ſtellen ſich rechts und links an der Kajü⸗ tentreppe auf. Den Erſten, der nach oben will und dem ich nachrufe:„Aber nur noch ein Glas!“ faßt und knebelt. Verſtanden?“ „Ay, ay,“ lachte der Burſche mit blitzenden Augen.„Merken die dann auch etwas da drüben, können ſie doch nicht auf das Fahrzeug ſchießen, in dem ihre eigenen Offiziere ſind, und daß uns die Boote nicht einholen, dafür laßt uns ſorgen.“ „Daß ſie es nur nicht hören, wenn Ihr den Schäkel“ ausſchlagt. Wenn es nicht vorſichtig geſchieht, fühlt man die Erſchütterung durchs ganze * In der Ankerkette ſind in gewiſſen Zwiſchenräumen Bügel mit Bolzen oder Schäkeln angebracht, um die Kette, wenn es nöthig ſein ſollte, an den Stellen trennen und wieder zuſam⸗ menfügen zu können, ohne ihr ſelber Schaden zu thun. Es geſchieht das häufig, wenn der Seemann, beſonders bei ſchwe⸗ rem Wetter, genöthigt iſt ſeinen Ankergrund zu verlaſſen, und den Anker nicht heben kann. An der Kette wird dann eine Luft⸗ Buoye oder Tonne gelaſſen, um ſpäter den Ort wieder finden zu können, wo der Anker liegt. 272 Schiff, und die beiden Burſchen ſind zu viel Seeleute, nicht den Augenblick zu wiſſen, was das bedeutet.“ „Weiß ſchon,“ lachte der Malaye,„ſobald wir ſtaut“ Waſſer haben und das Schiff nicht mehr an der Kette hängt, iſt das im Nu geſchehen. Schade nur um den Anker— vorſichtiger Weiſe habe ich eine Buoye angeſchlagen. „Recht ſo, wir werden ihn uns ſchon wieder holen, wenn ihn die Brig da drüben nicht als Pfand behält,“ lachte Moore.„Doch ich muß jetzt fort, daß meine beiden Herren keinen Verdacht ſchöpfen. Ich kann mich auf Dich verlaſſen?“ „Saya, Tuwan,“ ſagte der Malaye lakoniſch. Moore erwiederte kein Wort weiter. Er kannte den Burſchen und betrat wenige Minuten ſpäter mit den für ihn bereit ſtehenden Flaſchen die Kajüte, wo er ſeine Gäſte ſchon ſeiner harrend fand. Das Eſſen wurde in dieſem Augenblick vollſtän⸗ dig aufgetragen und nahm vor der Hand die Auf⸗ merkſamkeit ſämmtlicher dabei betheiligten Perſonen ſo vollſtändig in Anſpruch, daß ſelbſt nur abgebro⸗ chene Geſpräche geführt werden konnten. Moore ſprach zu gleicher Zeit der Flaſche herzhaft zu, und * Zwiſchen Ebbe und Fluth. 273 ſelbſt Ben Ali, Muſelmann, der er war, ſchien ſich auf der See von den ſtrengen Verboten ſeines Korans auf das Liberalſte diſpenſirt zu haben. Mit⸗ ſo gutem Beiſpiel vor ſich, ließen ſich die beiden Offiziere denn auch nicht lange nöthigen, ohne jedoch den kräftigen Trunk auch nur im Entfernteſten unmäßig zu genießen. Sie kannten die Verant⸗ wortung die ſie hier überkommen, und wenn ſie auch nicht den geringſten Verdacht gegen ihren jovialen halb Gefangenen, halb Gaſtgeber ſchöpften, waren ſie doch viel zu gewiſſenhaft, ſich nur das Mindeſte dabei zu vergeben, oder irgend eine nöthige Vorſicht außer Acht zu laſſen. Sie blieben daher Beide ſtill und ſchweigſam, und dann und wann, bei dem geringſten Geräuſch an Deck, trat Bolard auf die kleine Treppe, wo er den ganzen oberen Theil der Dſchunke überſehen konnte. Ihr Signal hing aber dort noch leuchtend aufgehängt, die Ragen lagen nieder, und nur der langſame regelmäßige Schritt des wachthabenden Matroſen ließ ſich hören. Eine eigenthümliche Veränderung war indeſſen mit dem vorher noch ſo ernſten und ſchweigſamen Ben Ali vorgegangen. Des Engliſchen vollkommen mächtig, wenn er daſſelbe auch mit einem etwas Gerſtäcker, Blau Waſſer. 18 3 274 fremdartigen Dialekt ſprach, hatte ihn der Wein ſo beredt gemacht, daß er, nur erſt einmal aufgethaut, das Wort faſt allein führte, und aus ſeinem an Thaten und Vorfällen überreichen Leben beſonders für die Seeleute höchſt intereſſante und ſpannende Skizzen zum Beſten gab. Seit zwanzig Jahren faſt an Bord eines oder des andern Fahrzeuges im Archipel, kannte er die Küſten faſt aller Inſeln, vom chineſiſchen Meere hinab bis zu der Torresſtrait, war von den Piraten ſchon geplündert, von den auſtrali⸗ ſchen Wilden ſchon geſpeert und gefangen worden, hatte auf holländiſchen Kriegsſchiffen als Dolmet⸗ ſcher gedient und den Krieg gegen die Engländer mitgemacht, war dann von dieſen auf Java angeſtellt worden und erſt als dieſe, jene Inſel wieder an ihre frühern Beſitzer abtraten, zu dem Entſchluſſe gekom⸗ men, ſelber Handel zu treiben und ſein eigener Herr zu werden. Das Eſſen war ziemlich beendet und eine Stunde dabei im Fluge hingegangen, als das Geſpräch durch Moore auf ein vor längeren Jahren an der chineſi⸗ ſchen Küſte geſunkenes Dampfſchiff kam. Es ſtieß damals mit reicher oſtindiſcher Fracht beladen an eine Klippe, wurde leck und ging auch in der nämlichen Nacht zu Grunde. Nur wenige Menſchen waren im 3 275 Stande geweſen, ſich zu retten, und Bolard ſelber hatte, wie er ſagte, ſeinen Vater dabei verloren. „Ihren Vater?“ rief Ben Ali, der jetzt mit einer längeren Pfeife als vorher, auf dem Sopha lehnte, indem er ſich raſch empoxrichtete,—„und war der mit unter jenen Unglücklichen, die ihr Tod ſelbſt in der Kajüte ereilt, ohne daß ſie im Stande geweſen wären, das Freie zu gewinnen?“ „Gott weiß es,“ ſagte Bolard ſeufzend, indem er von ſeinem Stuhle aufſtand,—„es iſt auch eine zu traurige Geſchichte, ihrer lange zu gedenken.— Aber, ich glaube, die Ebbe wird bald eintreten, und es iſt wohl Zeit, daß wir nach unſerm Signale ſehen.“ „Ich habe ſchon Befehl dafür gegeben,“ erwie⸗ derte Moore, ebenfalls ſeinen Stuhl verlaſſend,„und will ſelber gleich nachſchauen. Uebrigens wird es uns hier unten gemeldet, ſobald ſtill Waſſer eintritt. Apropos— jenes Schiff— wurde das an Bord befindliche baare Geld und was an Goldbarren vor⸗ räthig darin lag, nicht durch einen Taucher wieder heraufgeholt?“ „Ich glaube, ja,“ ſagte Bolard,„und der Mann ſoll über das Entſetzliche, das er da unten in dem verſunkenen Schiff geſehen, wahnſinnig geworden ſein.“ „Der Mann ſitzt vor Euch!“ ſagte da der plötz⸗ lich ganz ernſt gewordene Ben Ali mit hohler, faſt geiſterhafter Stimme. Der Arm, der die Pfeife hielt, war niedergeſunken, ſein Haupt hatte er gebeugt und ſein Blick haftete ſtier und unheimlich in der fern⸗ ſten Ecke der Kajüte. „Sie ſelber?“ rief Bolard, der ſich ſchon gewandt hatte, die Treppe hinaufzugehen, indem er ſich über⸗ raſcht nach dem Araber umdrehte. „Ich ſelber,“ ſagte dieſer, langſam mit dem Kopfe nickend,„und noch jetzt, wenn ich an jene Stunden zurückdenke, rieſelt mir das Entſetzen durch Herz und Seele bis in die Fußzehen nieder.“ „Das müſſen Sie uns erzählen,“ rief Bolard, „nur einen Augenblick geh' ich aufs Deck, ich bin gleich wieder unten.“ „Und ich werde indeſſen Etwas beſorgen,“ ſetzte Moore, die beiden Fremden begleitend, hinzu,„das uns die Schauer wenigſtens hier unten fern halten ſoll. Nicht umſonſt habe ich mir einige Körbe Cham⸗ pagner in Batavia gekauft und heute können wir verſuchen, ob er echt iſt.“ Als die drei Männer das Deck erreichten, fanden ſie noch Alles, wie ſie es vor dem Abendeſſen ver⸗ laſſen. Noch kam die Fluth ein, aber wie es ſchien 277 langſamer. Nur der Wind hatte ſich wieder etwas erhoben und wehte, wie immer in dieſer Jahreszeit, von Nordoſten her. 1 Moore öffnete die Mittelluke und ſtieg hinab, den Champagner heraufzuholen, und Bolard ging mit dem Maſters⸗Mate indeß nach vorn, ſah nach der Kette, die noch ſtraff geſpannt hing, warf einen Blick auf die Signallaterne und einen andern nach ſeiner Brig hinüber, die ebenfalls nur durch ihre ausge⸗ hängten Lichtſignale ſichtbar war, und ſchritt dann langſam wieder mit ſeinem Kameraden der Kajüte zu. Die Leute an Bord ſchienen zu ſchlafen; ſelbſt. der wachthabende Chineſe hatte ſich im Lee der etwas erhöhten Mittelluke lang aufs Deck ausgeſtreckt und ſchaute ſtill und ſchweigend nach dem dunklen Himmel über ſich hinauf. Das Licht der Laterne fiel voll auf ſein Geſicht. „Eine merkwürdige ſtille Nacht heut Abend,“ ſagte Moore, als er mit einem Arm voll bleibehalſter Flaſchen wieder zurückkam, wo die beiden Offiziere noch ſtanden,„aber ich denke, gegen Morgen bekom⸗ men wir mehr Wind. Der Himmel ſieht dort drüben ganz danach aus.“ „Wohl möglich,“ ſagte Bolard, nach Nordoſten hinüberſehend,„ich glaube ſogar, daß es noch vor 278 Morgen kommt. Aber der Ankergrund iſt gut und ſo lange die Ketten halten, hat es nichts zu fagen.“ „Hier überhaupt nicht,“ meinte Moore,„denn die Inſel ſchützt uns hinlänglich und hält das Schlimmſte ab. Aber kommen Sie, Sir, der Cham⸗ pagner hier iſt überdies nicht ſehr kühl und je eher wir ihn trinken, deſto beſſer. Außerdem bin ich ſelber auf des Arabers Erzählung geſpannt. Er hatte ſich ſchon ordentlich einen kleinen Rauſch angetrunken und nur die Erinnerung an jene Zeit machte ihn im Nu wieder nüchtern.“ Er ſtieg, ohne ſich weiter am Deck umzuſehen, in die Kajüte hinab, wohin ihm die beiden Offiziere folgten. Ben Ali ſaß noch dort wie ſie ihn verlaſſen. Die Pfeife war ihm ſogar ausgegangen und er ſchien die Rückkunft der Männer gar nicht zu bemerken. „Steward! he, Steward, andere Gläſer!“ rief Moore aufs Deck zurück, als er ſeine Gäſte einge⸗ laden hatte, ihre Sitze wieder einzunehmen. Und nun, Ben Ali, macht Euch Luft. Die Geſchichte liegt Euch doch auf dem Herzen und je eher Ihr ſie herunterbringt, deſto beſſer.“ Tſchung⸗Ih ſelber brachte die Gläſer und verließ 279 augenblicklich die Kajüte wieder, während der Araber bei der Anrede raſch den Kopf erhob. Aber, wie ſich beſinnend, hob er die Pfeife wieder zum Mund, ſog daran, zündete ſie dann langſam an einem auf dem Tiſche ſtehenden Lichte an und ſagte: „Wohl habt Ihr Recht, Freund. Auf dem Her⸗ zen liegt mir jener Tag— und ich glaube, ich habe Urſache dazu. Doch die Erzählung iſt kurz, und Euch die Zeit zu vertreiben, mögen die Bilder jener furcht⸗ baren Stunden noch einmal an meinem inneren Blick vorübergleiten. Die Zeit, die alle Wunden heilt, hat ſie überdies gemildert und meine Worte werden die alte Kraft nicht mehr beſitzen, ſonſt trieben ſie Euch die Haare vor Entſetzen in die Höhe.“ „Alle Wetter,“ meinte der Maſters⸗Mate, der neugierig in das bleiche Antlitz des Muſelmanns ſchaute,„Ihr redet ja, als ob Ihr ein Geſpenſt geſehen.“ „Ein Geſpenſt?“ rief Ben Ali, ihn wild anſtar⸗ rend,„aber hört, hört und urtheilt ſelbſt.“ „Ich kam damals“— begann Ben Ali ſeine Erzählung—„gerade von Java zurück und zwar als Supercargo und Miteigenthümer eines kleinen Schooners, den ein Landsmann von mir, alt in Batavia gekauft. Der Gewinn, den wir aus der Reiſe bis Kanton machten, war nur ein geringer, denn von einem Typhon erfaßt, litten wir Havarie und mußten viel Geld bezahlen, unſer kleines Fahr⸗ zeug wieder ſeetüchtig zu bekommen. Da hörte ich von dem verſunkenen Schiff, das große Reichthümer an Bord haben ſolle, und daß der engliſche Bevoll⸗ mächtigte in Kanton Dem eine große Belohnung ausgeſetzt habe, der das Gold und Silber aus der Kajüte deſſelben wieder zu Tage fördere. Ich ſelber war von Jugend auf ein trefflicher Schwimmer und noch beſſerer Taucher. Länger als irgend einer mei⸗ ner Kameraden konnte ich unter Waſſer aushalten, und oft zum Scherz hatte ich ſchon bei nicht allzu tiefem Waſſer, vom Grunde des Meeres hineinge⸗ worfene Gegenſtände wieder heraufgeholt. Die Be⸗ lohnung lockte mich deshalb, ich meldete mich, und da das Schiff in verhältnißmäßig ſeichtem Waſſer lag, fühlte ich mich ziemlich ſicher, das einmal Unter⸗ nommene auch durchzuführen.“ Moore hatte, während Ben Ali ſprach, eine Cigarre aus der auf dem Tiſch ſtehenden offenen Kiſte und das Licht vom Tiſch genommen, und trat damit in die Ecke, die Cigarre anzuzünden. Dort ſtand, von den Uebrigen nicht bemerkt oder beachtet, ein Kompaß, und ein einziger Blick darauf genügte 281 dem Seemann zu wiſſen, daß die Fluth vorüber ſei und die Ebbe beginne. Das Schiff fing an ſich zu drehen. Er ſetzte das Licht auf den Tiſch zurück, nahm eine der Flaſchen, löſte den Kork und ließ ihn, ohne die Erzählung ſonſt zu unterbrechen, der Thüre zu abknallen. Während er die Gläſer vollſchenkte, fuhr Ben Ali fort: „Ein engliſches Boot, mit allem Nöthigen ver⸗ ſehen, brachte mich zu der Stelle, wo wir noch die oberſte Spiere des großen Maſtes eben konnten über die Oberfläche ragen ſehen. Es war ein wunder⸗ voller windſtiller Tag zwiſchen den beiden Monſuh⸗ nen und die See ſo klar, daß man deutlich aus dem Boot heraus die Lage des Schiffes erkennen konnte. Die Engländer hatten außerdem eine Taucherglocke herbeigeſchafft, in der ich bis auf das Deck des geſunkenen Fahrzeuges niedergelaſſen werden ſollte, und in die ich zurückkehren konnte, etwas Luft zu ſchöpfen. Unten vom Deck aus mußte ich mir frei⸗ lich meine Bahn in die Kajüte ſelber ſuchen, und wenn ich auch, der genaueſten Beſchreibung nach, ziemlich deutlich wußte, wo ich das Gold finden würde, blieb es doch immer ein böſes und gefähr⸗ liches Unternehmen, in die jedenfalls dunkle Kajüte hineinzukriechen. Ging mir der Athem dort aus und konnte ich nicht ſchnell genug wieder zurück, ſo war ich verloren. Außerdem hatte man mir ſchon vorher geſagt, daß ich im Innern ſehr wahrſcheinlich noch einige Leichen finden würde, damit ich nicht, unten angelangt, erſchrecken möge. Ein ſtarker Sack, den ich bei mir trug und der an einer beſondern Leine hing, ſollte was ich fand, aufnehmen, um allein nach oben gezogen zu werden.“ „Mit einem Gewicht beſchwert und voll guten Muthes glitt ich alſo in die Tiefe, denn Gold iſt ein trefflicher Magnet und zieht die Menſchen in der Erde Schluchten, in der Waſſer Tiefe, übers Meer hinüber und durch Wüſteneien. Ich hatte vorher nicht gewußt, daß man auch in ein Grab danach ſteigen könne.“ „In ein Grab?“ wiederholte Bolard. „Hören Sie,“ ſagte der Araber mit leiſer, faſt flüſternder Stimme.„Mit der Glocke wurde ich leicht aufs Deck und dicht neben dem Eingang nie⸗ dergelaſſen, der in die Kajüte führte. Hier ſchon verſperrte mir ein todter Körper den Weg, der ſich mit den Kleidern irgendwo eingehängt und leicht geworden oben an der Treppe ſchwamm. Ich über⸗ wand das Grauſen, das mich beſchlich, faßte und befreite ihn mit leichter Mühe, und die Leiche ſchoß, von dem Hinderniß gelöſt, wie ein Kork nach oben. Ich wandte den Kopf nicht danach um und ſtieg jetzt raſch die ziemlich breite, aber nicht tiefe Treppe nie⸗ der, um die mir kurz zugemeſſene Zeit nach Kräften zu benutzen. Nur mit großer Anſtrengung öffnete ich hier gegen den Druck des darin liegenden Waſſers die Thür und— ſtand zu Stein erſtarrt, als mein Blick das düſtere Zwielicht, das mich umgab, durch⸗ drang und das Entſetzen faßte, das mir aus jedem Winkel, aus allen Ecken, von der Decke, vom Boden, unter dem Tiſch vor, und von den Fenſtern her ent⸗ gegengrinſte.“ Er ſchwieg einen Augenblick und barg ſein Antlitz in der rechten Hand, als ob er die Gedanken zurück⸗ drängen wolle, die ihm aufs Neue das Blut raſcher durch die Adern jagten. Endlich ſah er wieder auf, leerte das vor ihm ſtehende und friſch eingeſchenkte Glas mit einem Zug und fuhr langſam fort: „Was ich ſah, war furchtbar— die ganze Kajüte lebte von Leichen, die durch das Oeffnen der Thüre und die dadurch verurſachte Strömung Bewegung erhalten hatten. Gleich vor mir unter dem Tiſch und durch den Waſſerdruck unter die Platte gedrückt, lag eine Frau, die wie Hilfe ſuchend den Kopf zu mir em⸗ 284 porhob, und mich mit den weitgeöffneten, glauzloſen Augen anſtierte. Andere, die ſich im Todeskampf um die feſtgemachten Stühle geklammert, hatten noch jetzt ihren Griff nicht nachgelaſſen und bildeten wilde, furchtbare Gruppen, während das Gräßlichſte von Allem dicht über mir, mein Geſicht faſt mit den kal⸗ ten Gliedern berührend, feſtgepreßt unter der Decke hing. Eine Frau, ihr kleines Kind au ſich gedrückt, und zwei Männer, der eine in Uniform, der andere in einem leichten indiſchen Anzug, ſchwebten förmlich unter der Decke der Kajüte— Kopf, Arme und Beine niederhängend— den einen Arm der Frau mit dem Kinde ausgenommen, und jetzt— langſam im Schlag des Waſſers mit den angeſchwollenen Geſichtern und ſtieren Augen auf mich nieder nickend. Mehr ſah ich nicht— die Sinne ſchwanden mir, und ich weiß nur, daß ich im letzten Bewußtſein und mit der Kraft der Verzweiflung zurück durch die Thür, die Treppe hinauffuhr und mich nach oben, ans Licht— an die Luft arbeitete.“ „Halb ohnmächtig, und von den Leuten im Boot anfangs nur für eine zweite Leiche gehalten, kam ich dort an, und es bedurfte einiger Zeit, bis ich mich dazu entſchließen konnte, wieder hinab zu jener furchtbaren Geſellſchaft zu tauchen.“— 285 „Das zweite Mal wußte ich wenigſtens, was mich erwartete, und als ſie mir die geſchwollenen Glieder dort entgegen ſchlenkerten, wandte ich nur ſchaudernd den Kopf ab und ſuchte nach dem Gold. Ich mußte hierzu eine Kiſte erbrechen, die in der Hauptkajüte ſtand. Die Werkzeuge hatte ich bei mir, aber länger, als ich dazu brauchte, konnte ich auch der Luft nicht entbehren und kehrte diesmal in die Taucherglocke zurück. Siebenmal drang ich ſolcher Art in die Kajüte ein und füllte endlich die Säcke, die an dünnen aber ſtarken Tauen befeſtigt, auf mein Zeichen in das Boot gezogen wurden und den ver⸗ ſenkten Schatz zu Tage förderten. Das achte Mal war ich, nachdem ich vorher auf einige Stunden an Bord zurückgekehrt und mich in der friſchen Luft erholt und geſtärkt hatte, wieder nach unten gegangen, um des Kapitäns Sekretär zu erbrechen, in dem ſich noch eine Summe in ſpani⸗ ſchen Dollaren befinden ſollte. Wieder betrat ich, mit den Schrecken dort unten jetzt ſchon vollkom⸗ men vertraut, den düſteren Raum. Ein Stuhl ſtand hier zwiſchen dem Sopha und der Kapi⸗ tänskajüte geklemmt, den ich erſt lüften mußte. Ich that das raſch, ohne mich weiter umzuſehen, als plötzlich die eine auf dem Sopha liegende Frau, 286 deren Kleider jener Stuhl bis dahin wahrſcheinlich feſtgehalten, die Arme in die Höhe warf. Entſetzt drehte ich mich nach ihr um, da hob ſie ſich empor, und mit ſtier auf mich geheftetem Blick, die Arme vorgeſtreckt, als ob ſie mich faſſen und halten wollte, ſchoß ſie auf mich zu.“ „Das war zu viel für menſchliche Nerven— das Blut drängte ſich mir wie mit einem Schlage zum Herzen zurück, und das Gewicht, das ich in der Hand hielt, im Schreck fallen laſſend, wollte ich der Thür zuſpringen; dadurch aber leichter geworden, hob mich das Waſſer unter die Decke zwiſchen die dort angepreßten Leichen— wohin ich griff, erfaßte ich todte aufgeſchwemmte Körper, die ſich alle nach mir zu drehen— mich nun zu greifen ſchienen. Ich fühlte dabei, daß mir die Luft ausging— ſah mich ſchon im Geiſt verloren— todt zwiſchen dieſen Ent⸗ ſetzlichen, ein Genoſſe ihrer furchtbaren Sippſchaft, und nur die Verzweiflung, die mich erfaßt hatte, ſtählte meine Nerven ſo weit, daß ich mit gewalt⸗ ſamer Kraftanſtrengung nach unten tauchen und die Thür gewinnen konnte.“ „Ich war gerettet, aber keine Macht der Erde, keine Ausſicht auf goldene Schätze hätte mich ver⸗ locken können, auf's Neue in das gräßliche Schiff 287 hinabzuſteigen. Die Engländer boten mir die Hälfte des Silbers, das ich noch zu Tag bringen würde— ſie verſprachen mir—“ „Was war das?“ unterbrach da der Maſters⸗ Mate, von ſeinem Sitz aufſpringend, die Erzählung. „Es klang wie das Knarren einer Raae,“ ſagte Bolard, raſch ſeinem Beiſpiel folgend, das Schiff fängt an, ſtärker zu ſchwanken.“ „Sie werden noch ein paar Segel beiſetzen,“ meinte Moore ruhig, indem er die Gläſer wieder füllte.„Keiner der Herren iſt doch, wie ich hoffen will, den Unfällen der Seekrankheit ausgeſetzt?“ Bolard erwiederte nichts darauf. Mit zwei Sätzen war er oben an der Kajütentreppe, ohne jedoch von den dort ſtehenden Malayen im Gering⸗ ſten beläſtigt zu werden und fand hier zu ſeinem Schrecken, daß die Dſchunke, das große Mattenſegel von dem Wind gebläht, in flüchtiger Schnelle durch die nur ſchwach gekräuſten Wogen glitt. „Verrath!“ ſchrie der junge Mann, indem er ein Piſtol aus dem Gürtel riß und es in die Luft feuerte. „Verrath, wo iſt die Signal⸗Laterne?“ „Die ſchwimmt an unſerem alten Ankerplatz ruhig an einer Buoye,“ erwiederte ihm Moore, der ihm mit großer Kaltblütigkeit gefolgt war.„Ich 288 fürchte faſt, Sir, daß ſie an Bord der Brig Ihr Zei⸗ chen nicht mehr hören werden.“ „Herr“, rief der junge Offizier in blinder Wuth, das iſt nichtswürdig, das iſt—“ „Halt, junger Mann,“ unterbrach ihn aber mit ernſter, drohender Stimme der DOſchunkenführer, „das wäre genug geſagt, wenn— Sie nicht eben mein Gefangener wären. Für jetzt verzeihe ich Ihnen dieſen erſten Ausbruch getäuſchter Erwartung und vielleicht auch unangenehmen Staunens, und benachrichtige Sie nur, daß Sie, ſobald Sie ſich ordentlich und ruhig verhalten, nebſt Ihrem Ma⸗ ſters⸗Mate auf dem„Orang⸗Makan“ nichts für Ihre eigene Perſon zu fürchten haben. Alles Weitere hängt jedoch von Ihrem Verhalten ab.“ „Herr,“ rief aber Bolard, durch die drohenden Worte nicht im Geringſten eingeſchüchtert,„Sie ver⸗ geſſen, daß auf mein gegebenes Signal die Boote uns zu Hilfe eilen werden. Sie ſind verloren, ſobald dieſe nur in Rufes Nähe kommen.“ „Sie könnten Recht haben,“ lachte Moore ſtill vor ſich hin,„vorausgeſetzt nämlich, daß der Fall wirklich einträte und Ihre Brig Licht genug hätte, die Boote mit Ihren Kanonen zu unterſtützen. Für jetzt aber hat das wohl keine Gefahr. Sehen Sie 289 die beiden Lichter dort in weiter Ferne? Das eine iſt Ihre gedrohte Brig, und das andere mit etwas röth⸗ lichem Scheine, das rechts davon herüberblitzt, iſt die Signallaterne, die wir ſo frei waren, etwas vorſichtig natürlich, auf das Waſſer niederzulaſſen. Ha— jetzt verdunkelt es ſich— da kommt es wieder vor— ein Boot iſt zwiſchen ihm und uns durchgeſchwommen, und wie es ſcheint, haben Ihre Freunde ſchon unſere kleine unſchuldige Liſt entdeckt. Sehen Sie, dort blitzt es auch ſchon von Bord. Es iſt wirklich grauſam, die ſanft ſchlafenden Behörden von Hongkong ſo ganz unnöthiger Weiſe zu alarmiren.“ Der laut rollende Donner eines Kanonenſchla⸗ ges dröhnte, noch während er ſprach, durch die ſtille Nacht— aber er kam aus weiter Ferne, während das mächtige Mattenſegel, jetzt nicht mehr durch die Berge der windwärts gelegenen Inſel behindert, das kleine ſchlanke Fahrzeug mit flüchtiger Eile über die ſchäumende Fluth dahin führte.— Bolard war Seemann genug, mit einem Blick zu ſehen, daß die Dſchunke ihre Flucht für dieſe Nacht wenigſtens glücklich bewerkſtelligt habe, denn eine Verfolgung in der Dunkelheit blieb immer ein ent⸗ ſetzlich zweifelhaftes Unternehmen. Lichtete die Brig auch wirklich ihre Anker und ſetzte Segel bei, was ſie Gerſtäcker, Blau Waſſer. 19 290 zweifellos that, ſo machte ein einziger Strich, den ſie verſchieden in der Richtung ſteuerte, ſo großen Unter⸗ ſchied, daß mit Tagesanbruch die beiden Fahrzeuge weit aus Sicht und viele Meilen getrennt ſein muß⸗ ten. Alle Lichter am Bord der Dſchunke waren zu⸗ gleich gelöſcht, oder doch ſo verhangen worden, daß ſie nach außen hin nicht ſichtbar blieben, und jede Minute vergrößerte die Entfernung zwiſchen ihr und ihren Feinden. „Und was gedenken Sie mit uns zu thun?“ frug Bolard endlich, die Zähne in maßloſem Grimme feſt zuſammen gebiſſen—„wir ſind in Ihrer Gewalt.“ „Als meine Gäſte, verſteht ſich,“ lachte Moore. „ Vor allen Dingen haben wir noch Wein unten ſtehen, und Ben Ali iſt uns den Schluß ſeiner Er⸗ zählung ſchuldig.“ „Iſt das wie ein Gentleman gehandelt,“ frug Bolard ſcharf zurück,„des gefangenen Feindes noch zu ſpotten?“ „Sie haben Recht,“ ſagte Moore, plötzlich ernſt werdend,„und ich bitte Sie deshalb um Verzeihung. Für jetzt,“ fuhr er dann in eben dem Tone fort, „brauche ich Ihnen kaum auseinander zu ſetzen, wie die Sachen ſtehen. Der Verdacht, den jene beiden chineſiſchen Herren gegen mich und mein armes Fahr⸗ zeug gefaßt hatten, war allerdings gegründet, und eine Unterſuchung wäre mir nichts weniger als erwünſcht geweſen; ſie würde die wackeren Burſchen, die Sie dort bis an die Zähne bewaffnet können ſtehen ſehen, vielleicht gar vor der Zeit zu Tage gefördert und den Behörden bewieſen haben, daß mein kleiner Orang⸗Makan doch nicht ſo ganz harm⸗ los ſei, als er zu ſcheinen wünſchte, und eher ſeinem Namen als ſeinem Aeußern entſpreche. Dank dem gewöhnlichen ſchleppenden Geſchäftsgang Ihres hier⸗ her verpflanzten europäiſchen Polizeiſyſtems, habe ich Zeit gewonnen mich allen unangenehmen Auseinan⸗ derſetzungen zu entziehen. Leider blieb mir dabei nichts Anderes übrig, als Sie mit mir zu nehmen. Fügen Sie ſich in das Unvermeidliche ruhig, und ich gebe Ihnen mein Wort, daß Sie hier unbeläſtigt am Bord bleiben ſollen, bis ich Gelegenheit finde, Sie auf irgend ein friedliches Fahrzeug, oder irgendwo ans Land abzuſetzen. Es iſt das Einzige, was Ihnen überhaupt zu thun übrig bleibt.“ „Die Brig wird Sie verfolgen,“ ſagte Bolard raſch. „Wohl möglich,“ lachte Moore,„aber ſchwerlich finden. Laſſen Sie das meine Sorge ſein. Keines⸗ falls ſoll es mich in meinen Plänen hindern. Uebri⸗ 19* 292 gens ſteht Ihnen wie früher die Kajüte zu Gebote, wenn Li es nicht vorziehen ſollten, für jetzt an Deck— „Wenn ich Ihnen hier nicht hinderlich bin,“ unterbrach ihn Bolard,„ſo möchte ich Sie bitten, mich an Deck zu laſſen.“ „Sie haben zu befehlen,“ lautete die freundliche Antwort des Piraten.„Was wir hier thun und treiben, braucht Ihnen kein Geheimniß zu bleiben; im Gegentheil wird es mich freuen, wenn Sie Zeuge ſind, Ihrem Befehlshaber, dem ich mich aufs Herz⸗ lichſte zu empfehlen bitte, ſpäter Bericht darüber abzuſtatten. Nur in dem Falle, daß wir wirklich in Sicht der Brig kommen ſollten, was ich übrigens nicht glaube, werde ich Sie erſuchen müſſen, nach unten zu gehen. Sie werden einſehen, daß uns bei ſolcher Gelegenheit hier vom Bord aus möglicher Weiſe gegebene Signale eben nicht erfreulich ſein dürften.“ Bolard verneigte ſich kalt gegen den Piraten und überließ ihn jetzt ſich ſelbſt, nach ſeinem eigenen Fahrzeug zu ſehen und deſſen Leitung von da an zu übernehmen. Die Dſchunke hielt indeſſen noch mehrere Stun⸗ den die eingeſchlagene Richtung, bis die fernen Lich⸗ — ter von Hongkong am Horizont ſchon lange ver⸗ ſchwunden waren. Plötzlich ſanken die Raaen nieder, das Fahrzeug fuhr herum und legte bei, und eine Maſſe geſchäftiger Hände waren im Nu bemüht, die neuen durch ihre lichte Farbe auffälligen Matten⸗ ſegel abzunehmen und andere, ältere dafür anzu⸗ legen. Auch bunte Wimpel, wie ſie gewöhnlich die chineſiſchen Dſchunken führen, wurden aufgezogen, und das ganze Schiff von Allem befreit, was es in irgend etwas von einem der gewöhnlichen Kauffah⸗ rer dieſer Art unterſchied. Selbſt aber als dies ge⸗ ſchehen war, machte es nicht die geringſte Anſtalt, ſeine Flucht fortzuſetzen, ſondern trieb mit nackten Ragen und Spieren nur langſam vor Top und Takel mit dem Wind nach Lee zu. Alle Lichter waren dabei ſorgfältig ausgelöſcht. So lange die Dunkelheit währte, ſchienen auch Alle auf dem Schiffe auszuruhen, wie das Fahrzeug ſelber. Zwei Wachen ausgenommen, die auf dem hohen Hinterdeck ihren Poſten hatten, zog ſich die ſämmtliche Mannſchaft in ihre Coyen zurück. Kaum aber zeigte ſich im fernen Oſten das erſte Zeichen des dämmernden Tages, als reges geſchäftiges Leben in die wunderlich gemiſchte Bemannung der Dſchunke kam. 294 Bolard, der die ganze Nacht kein Auge geſchloſſen und immer noch gehofft hatte, ſeine Brig werde zu⸗ fällig in ihre Nähe kommen, um ihr auf Gefahr ſei⸗ nes Lebens hin ein Zeichen zu geben, ſah jetzt zu ſeinem Erſtaunen, wie braune bewaffnete Geſtalten von allen Seiten her ſichtbar wurden. Aus dem Raum herauf wurden zugleich lange, wenn auch nicht ſehr ſtarke Geſchützſtücke gebracht, und auf bis dahin ſchlau verſteckten Drehern befeſtigt. Der friedliche Kauffahrer verwandelte ſich mit einem Wort in unglaublich kurzer Zeit in eine der gar nicht ſo ſeltenen Raubdſchunken jener Seen, ohne jedoch im Mindeſten Anſtalt zu machen, den einmal einge⸗ nommenen Platz weiter zu verlaſſen, als ſie der Wind eben langſam vorwärts ſetzte. Nur die Ausgucks waren vermehrt und zwei der Leute oben in den kleinen Maſt geſchickt worden, von dort einen beſſern Ueberblick über das offene Meer zu erhalten. Die letzten Bergſpitzen von Hongkong waren lang am Horizont verſchwunden. Trotzdem ſchien die Aufmerkſamkeit der Wachen nach jener Richtung hin am meiſten beſchäftigt. Schauten ſie nach der Brig aus?— Dieſe war ſelbſt vom Maſttop aus nirgends zu erkennen, und lag entweder noch auf ihrem alten 295 Ankerplatze auf der Rhede, oder mußte an ihnen in der Dunkelheit der Nacht, wie Moore das von An⸗ fang an berechnet, vorbeigeſegelt ſein. Für Bolard und ſeinen Maſters⸗Mate blieb deshalb keine andere Wahl, als ſich dem Unvermeidlichen eben geduldig zu fügen. „Zwei Dſchunken von Nordoſt!“ meldete da plötzlich etwa um 11 Uhr Morgens der ausgeſtellte Poſten. „Welche Richtung?“ „Mit halbem Winde nach Südoſt herunter.“ Moore ſtieg jetzt mit ſeinem Fernglas ſelber nach oben, um die beiden gemeldeten Fahrzeuge näher zu betrachten, und Ben Ali erſchien zum erſten Mal, ſeit die Engländer an Bord waren, wieder an Deck. Aber ſein Ausſehen hatte ſich verändert. Das lange morgenländiſche Uebergewand war abgeworfen, und mit kurzen Beinkleidern und eben ſolcher Jacke, ein Stück bunten Kattun nur unter dem rechten Arm durch und über die linke Schulter geworfen, unter dem die Läufe von mehreren Piſtolen und Khriſen hervorſahen, in der rechten Hand noch eine Flinte haltend, kam er jetzt die Treppe herauf und nahm, ohne die Engländer weiter zu beachten, ſeinen Platz auf dem obern Deck ein. 296 Die beiden Dſchunken waren indeß ſo nahe gekommen, daß ſie leicht ſchon vom Bord aus mit bloßen Augen erkannt werden konnten. Immer aber noch blieb der„Orang⸗-Makan“ unthätig und jetzt nur mit kurzem Segel dicht am Winde liegend auf ſeiner Stelle. „Mr. Bolard,“ wandte ſich da Moore, der eben wieder an dem Offizier vorüber ging, an dieſen,„Sie ſehen die beiden Fahrzeuge dort?“ „Allerdings, Sir.“ „Es ſind mit Opium beladene chineſiſche Dſchun⸗ ken, die ihre werthvolle Fracht in Hongkong einge⸗ nommen haben, das theuere Gift ihren Landsleuten auf Sumatra und den anderen Inſeln zu verkaufen. Iſt dem nicht ſo?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete der Seemann ausweichend.„Allerdings lagen Fahrzeuge zu dem Zwecke in Hongkong, und wenn ich nicht ganz irre, „hat die Vermuthung, daß Sie denſelben gefährlich werden könnten, gerade die gegen Sie genommenen Maßregeln veranlaßt.“ „Das etwa dachte ich mir,“ lachte der Dſchun⸗ kenführer.„Sie ſehen leider, daß dieſe Vorſichts⸗ maßregeln vergebens genommen wurden.“ „Sie wollen?—“ „Die beiden Schiffe entern— eines wenigſtens, da wir leider nicht Raum genug für beider Ladung haben. Es iſt das ein böſer Uebelſtand meines klei⸗ nen Fahrzeuges, der mich nächſtens veranlaſſen wird mein Geſchäft zu vergrößern. Vielleicht bietet ſich heute eine Ausſicht dazu.“ „Bedenken Sie,“ rief Bolard erſchreckt,„daß 3 Sie damit den Seegeſetzen aller civiliſirten Natio⸗ nen vollkommen verfallen ſind, und wenn man Sie v einfängt—“ „Einfach aufgehangen werden,“ erwiederte Moore gleichmüthig.„Ich weiß das. Laſſen Sie ſich das aber nicht beunruhigen. Ihre Seegerichte nicht zu bemühen iſt meine einzige Sorge, und ich werde ihnen ſchon aus dem Wege gehen. Aber die Dſchun⸗ ken kommen näher— Mr. Bolard, Klugheit zwänge mich allerdings, Sie jetzt in den untern Raum zu ſchicken, einestheils um ſpäter keinen Zeugen gegen mich zu haben, anderntheils Sie zu verhindern, gegen mich Partei zu nehmen. Der erſtere Grund ſoll mich nicht abhalten, Sie wie Ihren Kameraden bei dem was jetzt folgen wird, frei auf dem Deck zu laſſen, wenn Sie Beide mir Ihr Ehrenwort geben, daß Sie ſich an einem möglichen Kampfe nicht betheiligen wollen.— Ueberlegen Sie ſich die 1 9 3 298 1 Sache,“ fuhr er fort, als Bolard mit der Antwort zögerte.„Noch haben wir etwa eine Viertelſtunde Zeit, bis dahin bitte ich Sie aber mir Ihren Ent⸗ ſchluß mitzutheilen.“ Die Dſchunken kamen indeſſen raſch heran und auch auf dem„Orang⸗Makan“ wurde das vordere Segel jetzt langſam aufgezogen. Bolard ſah aber deutlich, daß ſie die beiden Fahrzeuge nur in Lee bekommen wollten, um ihrer Beute dann um ſo raſcher gewiß zu ſein. Dies noch ſchneller zu errei⸗ chen, lagen ſie dicht am Wind, ihren Cours anſchei⸗ nend auf Hongkong zu nehmend. Vom Bord der anderen Dſchunken war übri⸗ gens das mit kleinen Segeln beiliegende Fahrzeug ebenfalls bemerkt und wahrſcheinl ich auch für ver⸗ he gehalten worden, denn beide Dſchunken hiel⸗ u ſich näher zuſammen und fielen etwas mehr vor dem Winde ab, dem andern aus dem Wege zu kommen. 4 „Der„Orang⸗Makan“ nahm indeſſen nicht die geringſte Notiz von ihnen, ſondern hielt ſeinen Cours und ſetzte ſeine übrigen Segel bei. Die beiden Opinmfahrer ſollten jedoch nicht lange über das, was er wirklich beabſichtigte, in Zweifel bleiben, denn kaum hatte er ihnen den Wind abgewonnen, als er 299 ebenfalls vor dem Wind herumging und ohne Wei⸗ teres Jagd auf ſie machte. Die Chineſen ſchienen im Anfang unſchlüſſig was ſie thun ſollten und blieben bei einander. Bald aber mußten ſie ſich über ihren Schlachtplan verſtän⸗ digt haben, denn plötzlich trennten ſie ſich, und wäh⸗ rend der eine den Wind noch voller faßte und zu ent⸗ kommen ſuchte, luvte der andere mehr dagegen an und ſchien den Feind erwarten zu wollen. „Merkſt Du die Liſt, Ben Ali?“ ſagte da ingrim⸗ mig vor ſich hinlächelnd Moore, indem er ſelber das Steuer ergriff und dem erſteren nachhielt. „Wahrſcheinlich hat die Brig den Cours ange⸗ nommen“, erwiederte der Araber ruhig,„und das langſamere Fahrzeug will derſelben näher kommen, während das ſchnellere uns hier aufhalten ſoll.“ „So wird's ſein,“ nickte Moore,„aber ſie haben ſich in ihrer Rechnung geirrt. Erſt die gewiſſe Beute ſicher, mit dem Andern werden wir dann auch ſchon fertig.“ Es war ein kurze Jagd. Die Dſchunke der See⸗ räuber zeigte ſich dem ſchwerbeladenen Kauffahrer viel zu ſchnell, als daß dieſer dem Verfolger hätte lang entgehen können. In kaum einer halben Stunde, war der„Orang⸗Makan“, ohne einen 9„ 300 Schuß zu feuern, neben ſeinem Opfer, und der Ruf des Piraten forderte die Mannſchaft auf, ſich zu ergeben. Die andere Dſchunke hatte allerdings einmal Miene gemacht, zu wenden und ihrem Kameraden zu Hilfe zu eilen, ſich jedoch eines Beſſern beſinnend, ſchien der Führer deſſelben nur darauf zu denken, ſeine eigene Fracht in Sicherheit zu bringen und floh jetzt, alle Segel beigeſetzt, dem Süden zu. Natürlich hoffte er, daß das Raubfahrzeug durch die Plünde⸗ rung der anderen Dſchunke lange genug aufgehalten würde, um ſein Entkommen möglich zu machen. Moore dachte aber anders. Er hatte Ben Ali das Steuer überlaſſen und ging zu ſeinen Leuten nach vorn, das Entern zu leiten. Als er zu dem Offizier kam, der mit verſchränkten Armen an der Schanzklei⸗ dung lehnte, redete er dieſen an: „Nun Sir, es iſt die höchſte Zeit, Sie ſehen, wir werden jenen Langzöpfen augenblicklich unſeren Be⸗ ſuch abſtatten, wollen Sie ſich den Spaß mit hier oben anſehen, oder ziehen Sie es vor, nach unten zu gehen?“ „Ich ſehe nicht das mindeſte Zeichen,“ erwiederte dieſer,„daß die feigen Burſchen da drüben auch nur an irgend einen Widerſtand denken. Sie laufen rath⸗ und kopflos zwiſchen einander herum. Unter dieſen Umſtänden wird ſich mir nicht die geringſte Gelegenheit bieten, Ihnen feindlich entgegenzu⸗ treten.“ „Sie geben mir alſo Ihr Ehrenwort, daß Sie ſich mit Ihrem Maſters⸗Mate ruhig und neutral verhalten wollen?“ „Ich gebe es, für mich und ihn.“ „Deſto beſſer, und nun an die Arbeit, Jungen!“ „Sie werden hoffentlich das Blut jener Unglück⸗ lichen nicht vergießen?“ rief Bolard beſorgt. „Denke nicht daran,“ lachte Moore,„ſo lange ſie mich nicht ſelber dazu zwingen.“ „Ben Ali hatte indeſſen dem Führer der chineſi⸗ ſchen Dſchunke in deſſen eigener Sprache ſeine Befehle hinüber gerufen, und dieſer, der wohl einſah, daß er rettungslos verloren ſei, ließ ſeine Raaen raſſelnd an Deck fallen. Der„Orang⸗Makan“ glitt langſeit, auch ſeine Raaen fielen und im nächſten Augenblick ſchwärmte das Deck des Chineſen von bewaffneten braunen Geſtalten, die raſch an ſein Bord hinüber⸗ ſprangen. Dieſe aber, mit Aexten bewehrt, kümmer⸗ ten ſich gar nicht um die entſetzte Mannſchaft, ſon⸗ dern griffen ohne Weiteres die Maſten ſelber an. So, während einige von ihnen die Ragen wieder 302 aufholten, daß der Wind etwas in die Segel griff, brachen ſchon nach wenigen Minuten die Maſten unter den kräftig geführten Streichen der Uebrigen praſſelnd zuſammen und ließen das arme Fahrzeug, ein Wrack, auf dem Waſſer ſchwimmen. Die gellende Pfeife Moore's rief in dem nämli⸗ chen Augenblick ſeine eigenen Leute an ihren Bord zurück. Im Nu gehorchten dieſe dem Befehl, die Taue, die bis jetzt das erbeutete Schiff gehalten, wurden gekappt, die Ragen flogen wieder in die Höhe und die Chineſen trauten ihren Sinnen kaum, als der gefürchtete Feind, der ſie eben erſt geentert, ſie ſchon wieder ihrem Schickſal überließ und mit geblähten Segeln der andern Dſchunke folgte.— Aber gerettet waren ſie darum nicht. Moore wußte recht gut, das ihm das verkrüppelte Fahrzeug nicht mehr entgehen könne, und jetzt begann die Jagd, das andere einzuholen. Die zweite Dſchunke war etwas flüchtiger als die erſte und hatte durch den Aufenthalt des Räu⸗ bers einen größeren Spielraum gewonnen. Sie ging aber mit ihrer ſchweren Ladung ebenfalls zu tief im Waſſer, und wenn ſie auch das Endreſultat verzö⸗ gern mochte, verhindern konnte ſie es nicht. Nach zweiſtündiger Jagd war der Verfolger ihr in Rufs 303 Nähe gekommen und forderte auch ſie auf, die Segel zu ſtreichen. War hier die Dſchunke beſſer bemannt und be⸗ waffnet, oder der Kapitän muthiger, aber dem Befehl wurde keine Folge geleiſtet. Im Gegentheil antwor⸗ tete eine Kugel dem Ruf des Räubers, die ein Stück von der Schanzkleidung hinwegriß und einen der Piraten verwundete. „Der Burſche zeigt die Zähne,“ lachte da Ben Ali,„gebt aber keinen Schuß zurück; wir brauchen die Dſchunke und wollen ſie uns nicht ſelber ver⸗ krüppeln.“ „Du haſt Recht, Ben Ali,“ rief da Mourd, ſeine eigene Büchſe aufgreifend,„aber den Burſchen ſelber möchte eine Lektion gut ſein. Haltet nur ſcharf hinan, daß ich den Steuermann in Schußnähe bekomme.“ Wieder blitzte es vom Bord des Opiumfahr⸗ zeugs herüber, und die Kugel riß diesmal einen dün⸗ nen Spahn aus dem Maſt des Räuberſchiffs. „Alle Teufel, ſie zielen gut und werden uns durch ihr verdammtes Kanoniren am Ende noch den früh⸗ zeitigen Beſuch verwehren wollen. Dichter hinan, Ben Ali, dichter hinan. Sobald wir ihnen den Wind nehmen können, ſind ſie ohnedies unſer.“ 304 Der Chineſe war allem Anſcheine nach ein treff⸗ licher Segler, aber, wie ſchon geſagt, ſo ſchwer be— laden, daß er faſt bis an der Schanzkleidung im Waſſer ging. Der„Orang⸗Makan“ dagegen ſchäumte leicht durch die Wogen hinter ihm her und hatte ſich 4 an ſeine Beute ſchon bis auf kaum einen halben Büch⸗ ſenſchuß hingearbeitet. „Streicht Euer Segel!“ donnerte da Ben Ali's— Ruf noch einmal über das Waſſer,„oder wir mor⸗ den, was wir lebendig an Bord finden.“ Ein dritter Schuß vom Bord des zur Verzweif⸗ lung getriebenen Kauffahrers war die Antwort, aber der Schütze hatte nach dem Maſt gezielt, als einzige Hoffnung, dem ſchnellen Räuber zu entgehen, und die Kugel riß nur eine der Leepardunen weg, ohne dem Fahrzeug weitern Schaden zu thun. In demſelben Augenblick faſt drückte Moore auf den am Steuer ſtehenden Matroſen ab und ſchoß den armen Teufel durch den Kopf, daß er lautlos zuſam⸗ menbrach. Wie dieſer das Steuer losließ, drehte es ſich auf; das Segel fuhr in den Wind und ſchlug back, ehe der zuſpringende Kapitän es verhindern konnte. Im nächſten Augenblicke faſt war der Räu⸗ ber an ſeiner Seite, die Enterhaken flogen aus, und während das eigene Segel niederfiel und die vorde⸗ 305 ren ebenfalls back gebraßt wurden, ſprangen die En⸗ terer über Bord als Herren der Beute. Aber ſie fan⸗ den keinen Feind den ſie bekämpfen konnten, denn wie Katzen liefen die erſchreckten armen Teufel von Chineſen an ihren Wanten hinauf, dem erſten An⸗ prall der gefürchteten Gegner zu entgehen, und der Kapitän, ſich ſo von Allen verlaſſen ſehend, konnte natürlich allein keinen Widerſtand leiſten. War es nun, daß Moore die Gegenwart der Engländer ſcheute, oder dachte er ſelber menſchlich genug, Blutvergießen ſo viel als möglich zu verhin⸗ dern, aber ſein Befehl rief ſeine Schaar von jeder weitern Verfolgung oder Rache ab. Raſch wurde nun die Priſe mit den bewaffneten Malayen bemannt, und während man die nach oben geflüchteten Chineſen zwang, herabzukommen, und in den Raum niederzuſteigen, über dem die Luken ge⸗ ſchloſſen wurden, befreiten Andere das Fahrzeug von den angeſchlagenen Tauen, richteten die Segel aufs Neue und kehrten im Fahrwaſſer des ihnen voran⸗ gehenden„Orang⸗Makan“ dorthin zurück, wo ſie das Wrack verlaſſen hatten. An Bord der entmaſteten Dſchunke hatten die Leute indeſſen ihr Aeußerſtes gethan, das Wrack von Holz und Tauen zu befreien und einen Nothmaſt zu Gerſtäcker, Blau Waſſer. 20 errichten, der ſie außer Bereich ihres Feindes bringen könne, aber umſonſt. Der„Orang⸗Makan“ kehrte ſchneller als ſie gehofft, zurück, und die Mannſchaft wurde ſelber gezwungen, den Theil ihrer Fracht, der irgend werthvoll war, beſonders das Opium, in das Raubſchiff überzuladen. Dabei brach der Abend an, ohne daß ſie ihre Arbeit hätten unterbrechen dürfen. Fortwährend wurden Ballen und Kiſten aus dem unteren Raume des Chineſen heraufgeſchafft, um dem Räuber über⸗ laden zu werden, bis Ben Ali die Ladung für ge⸗ ſchloſſen erklärte und nichts weiter einnehmen wollte. Die Mannſchaft der letztgenommenen Dſchunke wurde dann auf das entmaſtete Schiff beordert und ebenſo frug Moore ſeine beiden Gefangenen, ob ſie es vor⸗ zögen, an ſeinem Bord zu bleiben, oder ob ſie lieber den Verſuch machen wollten, mit dem verkrüppelten Fahrzeug Hongkong wieder zu erreichen. Die beiden Offiziere entſchieden ſich augenblick⸗ lich für das Letztere. Viel lieber wollten ſie den Ge⸗ fahren trotzen, die ihnen von den Elementen drohten, als noch länger die Gefangenen einer Bande von Räubern ſein, die mordend und plündernd ihre geſetz⸗ loſe Bahn zogen. Den Piraten lag natürlich Nichts daran ſie feſt⸗ 307 zuhalten, wo jetzt nur ihr einziges Ziel darauf gerich⸗ tet war, die gemachte reiche Beute ſo raſch als mög⸗ lich in den nächſten ſicheren Hafen einzubringen und zu verwerthen. Das Ueberſchaffen der Mannſchaft war bald geſchehen und noch vor Tag ſegelten jetzt die beiden Dſchunken mit geblähten Segeln gen Süden, das Wrack gedrängt voll Menſchen den We llen, und ſei⸗ nem guten Glücke überlaſſend. Moore führte dabei ſein eigenes Fahrzeug, wäh⸗ rend Ben Ali den Befehl der erbeuteten Dſchunke übernommen hatte.— Hier an Bord ließ er vor allen Dingen die La⸗ dung nachſehen und davon Alles über Bord werfen, was nicht irgend Werth beſaß, um ſein Fahrzeug dadurch ſo viel als möglich zu erleichtern. Als der Tag anbrach, liefen die beiden Dſchunken denſelben Cours, dem die eine derſelben ſchon am vorigen Tag gefolgt war, der Nordküſte von Manila zu. „Segel in Sicht!“ lautete da plötzlich der Ruf von Deck, und dicht am Wind, ihre Bahn kreuzend, entdeckten ſie plötzlich ein europäiſches Fahrzeug, wie ſich bald auswies eine Brig, die vom Süden herauf⸗ kommend gegen Hongkong anzuſegeln ſchien. Ihre Gläſer verriethen ihnen bald die Kriegsbrig und nach 20* kaum einer halben Stunde blieb es keinem Zweifel mehr unterworfen, daß ſie ihr böſer Stern gerade ihrem gefährlichſten Feind und Gegner in den Weg geführt. Flucht war nicht mehr möglich, ſie hätten denn müſſen den größten Theil ihrer werthvollen Fracht über Bord werfen, ihre Fahrzeuge zu erleichtern, und ſelbſt dazu blieb ihnen nicht einmal mehr die Zeit. Die Bkig kam immer näher und jetzt ſogar dröhnte ein Schuß über das Waſſer herüber, ein Zeichen für ſie zum Beilegen, wenn ſie ſich nicht als Feind woll⸗ ten behandeln laſſen. Die beiden Dſchunken ſegelten ſo dicht neben ein⸗ ander, als es die beiden breiten Ragen verſtatteten, und am Bord der Brig hatten ſie allerdings nicht den geringſten Verdacht, daß die eine von ihnen das gefürchtete Raubſchiff ſein könne. Moore nämlich, durch manche ähnliche Gefahr gewitzigt, war klug genug geweſen, ſeine Spieren zu kürzen und das hin⸗ tere Deck mit Matten zu überhängen, ſo daß ſein kleines Fahrzeug mit den älteren Segeln und bun⸗ ten Wimpeln ſich in Nichts mehr von all den übri⸗ gen, nach einem Muſter gebauten chineſiſchen Dſchunken unterſchied. Auch ging er heute viel tiefer im Waſſer als er bei Hongkong gelegen und hatte 309 dadurch ſchon ein ganz anderes Ausſehen gewonnen. Nur Erkundigung wollte der Kapitän einziehen, ob Niemand an Bord der Dſchunken den flüchtigen Räuber geſehen, um der Richtung dann zu folgen, und er fand auch nichts Auffälliges darin, daß nur der eine Kauffahrer ſeinem Befehle gehorchte und augenblicklich beidrehte, während der andere, wie um ſeinem Kameraden nicht zu weit vorauszulaufen, einige leichte Segel einzog und langſam ſeinen Cours verfolgte. Ben Ali mit dem erbeuteten Fahrzeug erwartete während der Zeit vollkommen ruhig das nach ihm ausgeſandte Boot, und empfing den zweiten Lieute⸗ nant, der ihm an Bord geſchickt wurde, mit all der tiefen Demuth und Förmlichkeit, welche die Bewoh⸗ ner des indiſchen Archipels nur zu ſehr dem Euro⸗ päer gegenüber angenommen haben. Moore indeſſen beobachtete mit ängſtlichem Herz⸗ klopfen und einer jeden Augenblick peinlicher werden⸗ den Spannung den Erfolg ihrer Liſt, von der nicht allein die Sicherung ihrer Beute, von der ihrer Aller Leben abhing. Es giebt aber kaum einen ſchlaueren Volksſtamm als die Araber ſind, und unter ſeinen Landsleuten war Ben Ali der Schlaueſte. Nach etwa einer Vier⸗ telſtunde, die der Offizier an Bord der Dſchunke zu⸗ brachte, um dann, gefüllt mit falſchen Nachrichten, zu ſeinem Oberen zurückzukehren, verließ das Boot wieder den Chineſen, der ſeine Segel ſetzte und ſo raſch es ihm die ſchwere Fracht erlaubte, dem Gefähr⸗ ten folgte.— Die Brig dagegen hatte kaum ihre Mannſchaft an Bord und das Boot aufgehißt, als ſie ihre Ragen umbraßte und, der Weiſung Ben Ali's folgend, mit allen beigeſetzten Segeln einen Weſteours einſchlug. 1 Wie ihre letzten Spieren am Horizont verſchwun⸗ den waren, änderten auch die Dſchunken ihren Cours und ſteuerten, den Wind jetzt voller benutzend, mit ihrem Raub fröhlich dem Süden zu. Die Goldbarren. Es ſind jetzt etwa ſechs oder ſieben Jahre ver⸗ floſſen, daß das—er Schiff Iſegrimm, von Kan⸗ ton kommend, nach Batavia ſegelte. Das Wetter war herrlich, der Monſoon günſtig, und das wackere Fahrzeug lief, faſt vor dem Wind, ſchäumend und wie tanzend ſeine Bahn dahin. In der Nähe der Küſte ſchwärmte die See dabei ordentlich von einer wahren Unmaſſe kleiner und größerer Dſchunken, die mit ihren wunderlich geform⸗ ten Segeln, bald vor, bald dicht am Wind ihre ver⸗ ſchiedenen Bahnen verfolgten. Weiter im Chineſiſchen Meere drin wurden aber dieſe ſeltener und ſeltener Monſoon oder Monſuhn ſind die regelmäßigen Winde, die in jenem Erdtheil, beſonders in der Chineſiſchen und Indi⸗ ſchen See das halbe Jahr von Nord⸗Oſten, die andere Hälfte von Süd⸗Weſten wehen. und zuletzt tauchte nur noch dann und wann einmal ein einzelnes Segel am Horizont auf. Der Morgen brach wieder an, und die Sonne ſtieg glühend an dem wolkenreinen Himmel empor. Die Leute, die das Deck wuſchen, hatten gerade vor⸗ aus wieder ein Fahrzeug entdeckt, aber nicht aus⸗ machen können, was es eigentlich ſei— auch wirklich nicht beſonders darauf geachtet. Deſto aufmerkſamer betrachtete es ſich aber der Oberſteuermann, der mit dem Fernrohr auf dem Quarterdeck ſtand, und nur manchmal das Glas vom Auge nahm und mit dem Kopf ſchüttelte. Endlich ſchien er aber doch mit ſich im Reinen, denn er ſchob das Glas zuſammen und ſtieg in die Cajüte hinunter, wo er an des Kapitäns Cajüte klopfte. „Hallo Kaptein.—— Kaptein!“ „Ja Stürmann— was giebts?“ „Grad vor uns, etwa einen halben Strich vom Larbordbug liegt ein Wrack— ſieht aus wie eine Dſchunke. Sollen wir drauf zu halten?“ „Ein Wrack“ ſagte der Kapitän, mit beiden Bei⸗ nen aus ſeiner Coye ſpringend,„hm Stürmann, da müſſen wir doch wohl ſehn was drauf iſt. Nur einen halben Strich?“— „Nicht weiter.“ 313 „Gut— dann laßt uns gerad darauf zu halten — was liegt an?“ „Cours?“— „Der Wind?“ „Schwach“— „Deſto beſſer. Ich bin gleich oben.“ Es dauerte wirklich nur wenige Minuten, und der Kapitän war in ſeine vor der Coye liegenden Kleider gefahren und an Deck, wo er freilich, nach ächter Seemannsart, den erſten Blick nach Wind, Segeln und Compaß warf. Dann aber trat er auch an die Seite ſeines Steuermanns, der ihm das Fern⸗ rohr ſchon wieder gerichtet hatte, und die Stelle mit dem ausgeſtreckten Arm bezeichnete, an der das Wrack auf den Wellen ſchaukelte. Es bedurfte dabei keiner weiteren Erklärung, denn das jedenfalls verlaſſene chineſiſche Fahrzeug ließ ſich ſchon recht gut von Deck aus mit den bloßen Augen erkennen. Dem ſteuernden Matroſen war auch ſchon der Befehl gegeben, gerade darauf zu halten, und die Iſegrimm glitt mit der günſtigen aber ſchwachen Briſe langſam dem entmaſteten, klei⸗ nen Fahrzeug entgegen. Für ein Wrack intereſſirt ſich übrigens die ganze Mannſchaft, da die ganze Mannſchaft gewöhnlich einen Antheil erhält, wenn die gefundene Ladung eben werthvoll iſt. Die Leute beendeten deshalb auch ſo raſch als möglich ihr Deckwaſchen, und nahmen in aller Haſt ihr Frühſtück ein, denn nachher, das wuß⸗ ten ſie ſchon, blieb ihnen nicht mehr viel Zeit dazu übrig. 3 Die Iſegrimm rückte indeſſen dem Wrack allmäh⸗ lig näher. Der Steuermann war mit dem Fernrohr in die Fock⸗Marſen geſtiegen, um von dort aus ſchon von Weitem zu erkennen, ob noch Leute an Bord wären, und die Matroſen ſtanden mit Tauen bereit, ſobald ihr Fahrzeug langſeit laufen würde, hinüber zu ſpringen und das Wrack feſt zu machen. Einzelne Segel waren indeſſen eingenommen; dicht an die Dſchunke hinangekommen, wurde das Vormarsſegel backgebraßt, und als der Iſegrimm, jetzt nur noch ganz langſam durch die Fluth ſteigend, an dem verlaſſenen Fahrzeug vorüber glitt, warfen die Matroſen die Taue hinüber, und folgten dann ſelber mit katzenartiger Behendigkeit nach. Wenige Minuten ſpäter hing der Chineſe im Schlepptau des ſtattlichen Schiffes, und ſo dicht hinter dem Spiegel deſſelben, daß die Leute bei der kaum bewegten See recht gut an dem befeſtigten Bugſpriet deſſelben aus⸗ und einklettern konnten. Selbſt der Kapitän ſtieg — mit hinüber und ließ den Steuermann vor allen Dingen erſt einmal die Kajüte öffnen, ob nicht viel⸗ leicht Leichen im Innern derſelben lägen, und eine Seuche die Mannſchaft getödtet oder gezwungen habe, das Schiff zu verlaſſen. Nichts Derartiges war aber darin zu finden. Kein lebendes oder todtes menſchliches Weſen ſchien an Bord zu ſein, und nur die zerknickten Maſten gaben Zeugniß, daß wahrſcheinlich der letzte Typhoon die Dſchunke getroffen habe, wonach die Mannſchaft in blinder Furcht ihre Rettung in dem kleinen Boot ſuchte. In der Kajüte umhergeſtreute Lebensmittel machten das nur noch wahrſcheinlicher, und nichts Anderes ſchienen die Schiffbrüchigen auch in ihrer paniſchen Furcht mitgenommen zu haben, da ſelbſt des Kapitäns Schrank in der Kajüte unberührt, ungeöffnet ſtand. Während der Kapitän jetzt die Unterſuchung der Kajüte übernahm, wurde der Steuermann in den Raum geſchickt, nach der Fracht zu ſehn. Der Kapi⸗ tän machte indeſſen an chineſiſchen Kleidern und anderen Kleinigkeiten reiche Beute, und fand ſogar einen ziemlich ſchweren Sack mit ſpaniſchen Dolla⸗ ren, von denen er an ſeinem Körper vor allen Din⸗ gen ſoviel als irgend möglich barg. Damit kehrte er 316 dann, was einige Schwierigkeiten hatte, an Bord ſeines eigenen Fahrzeugs zurück, ſich der angeneh⸗ men Laſt zu entledigen, und den Beſuch ſo raſch als möglich zu wiederholen. Wie er aber den Bord der Dſchunke zum zweiten Mal beſtieg, kam ihm dort ſein Steuermann mit fahl bleichem Geſicht ent⸗ gegen. „Was giebts, Stürmann?“ rief dieſer erſchreckt —„Ihr ſeht ja wie ein Todter aus. Iſt Euch etwas geſchehn?“ „Kaptein“— rief aber der Steuermann, und brachte die Worte kaum über die zitternden Lippen, „die Dſchunke— die Dſchunke hat— hat— Gold geladen.“ „Gold?— den Teufel auch!“ rief der Kapitän, und war mit einem Satz wieder drüben—„Ihr träumt wohl, Stürmann?“ „Da ſeht ſelber,“ ſagte der Seemann, und zit⸗ terte vor Aufregung am ganzen Leibe, während er dem Kapitän ein paar kleine Barren goldgelben, gewichtigen Metalls entgegen hielt—„was iſt das?“ Der Kapitän griff haſtig danach, wog die eine Barre in der Hand, und winkte dann dem Steuer⸗ zu folgen. „Steuermann,“ ſagte er hier mit leiſer flüſtern⸗ der Stimme—„wie viel— wie viel ſolcher Barren liegen an Bord?“ „Und iſt es nicht Gold?“ frug dieſer zurück. „Wie viel ſolcher Barren liegen an Bord?“ wie⸗ derholte aber der Kapitän, ohne die Frage zu beant⸗ worten. 8. „Wenigſtens fünfhundert“ ſagte der Steuermann jetzt, von dem geheimnißvollen Weſen des Kapitäns ſelber angeſteckt. „Und wo liegen ſie?“ „In einem kleinen Verſchlag dicht unter der Ka⸗ jüte, den ich erſt aufbrechen mußte.“ Der Kapitän ſchwieg und erſt nach längerer Pauſe ſagte er zögernd: „Wiſſen die— Leute etwas davon?“ „— Nein“ flüſterte der Steuermann—„aber — wenn nun⸗—. „Steuermann“ ſagte da der Kapitän mit feier⸗ licher Stimme,„den Fund hat uns der liebe Gott geſchickt. Wir haben beide Frau und Kinder zu Haus, und für unſere Rheder ſchon gethan, was ſie nur verlangen können. In Californien, als die ganze mann mit den Augen ihm in die Kajüte der Dſchunke Mannſchaft davon lief, ſind wir Beiden allein an Bord zurück geblieben, und haben den Rhedern das Schiff erhalten, und kein Gold hat uns dort ver⸗ locken können, unſerer Pflicht untren zu werden. Aber welchen Dank haben wir dafür gehabt?— unſer Lohn iſt fortgegangen— ein Gehalt, für den nicht einmal ein Schiffsjunge in Californien gear⸗ beitet hätte, und wie wir zurückkamen, ſagten die Herrn im Comptoir noch nicht einmal„Danke Kapi⸗ tän, danke Steuermann.“ „O,“ meinte der Steuermann,„es fehlte gar nicht viel, ſo hätten wir auch noch Naſen gekriegt, daß uns die Leute überhaupt nicht an Bord geblie⸗ ben waren, und wir ſchweres Geld für Andere zah⸗ len mußten.“ „Na ja, Steuermann“ fuhr der Kapitän fort— „damals ſind wir vielleicht Eſel geweſen, und haben unſer Glück mit Füßen von uns geſtoßen, aber— es war eben unſere Pflicht, und ich werde nie im Leben bereuen, die erfüllt zu haben. Es iſt mein Stolz. Wenn wir aber jetzt wieder nur an unſere Rheder denken wollten, dann hätten unſere Frauen und Kin⸗ der recht, wenn ſie uns noch im Grabe fluchten, und ich meines Theils ſehe nicht ein, weshalb den Kauf⸗ leuten daheim das allein gehören ſoll, was wir hier —— —— 319 auf offener See, gewiſſermaßen auf offener Straße finden. Ich denke die Rheder dürfen vollkommen zufrieden ſein, wenn wir ihnen ihren Theil der Ladung laſſen, und das Bischen Metall hier für uns behalten.“ „Ja Kaptein“ ſagte der Steuermann, dem das auch einzuleuchten ſchien,„aber— wenn die Sache nun Wind bekommt. Das Volk kann im Leben das Maul nicht halten, und nachher“— „Kaufen wir uns Jeder ein Schiff“ ſagte ſein Vorgeſetzter,„und laſſen die Leute eben ſchwatzen was ſie wollen. Wenn wir im Oſtindiſchen Archipel herum ſchwimmen, kann es uns ganz entſetzlich gleich⸗ gültig ſein, ob die Tintenklexer daheim die Naſen rümpfen oder nicht. Die vernü nftigen Leute aber werden nicht wieder ſagen wie damals—„der Kapi⸗ tän war ein Eſel“— ſondern ſie werden meinen: „diesmal hat er es nicht ſo dumm angefangen, wie das erſte Mal.“ Uebrigens brauchen die Leute gerade g nicht mehr von den gelben Stangen da zu wiſſen, als wir ihnen eben ſagen wollen. Was hat die Dſchunke ſonſt noch für Ladung ein?“. „Soviel ich bis jetzt geſehen gabe, Thee“ ſagte der Steuermann,„vielleicht auch noch irgendwo ein paar Kiſten Opium weggeſtaut“— 320 „Na ja; dann iſt Alles in Ordnung“ ſchmunzelte der Kapitän,„die Briſe wird immer ſchwächer, je höher die Sonne ſteigt, und wir können das Wrack bequem langſeit nehmen. Während dann die Ladung übergehoben wird, bringen wir auch die Barren für uns in Sicherheit, und wenn jemand Anderes etwas davon erfährt, ſind wir eben nur ſelber ſchuld daran.“ 1 „Und die ganzen Barren ſollen wir für uns be⸗ halten, Kaptein?“ frug der Steuermann, der ſol⸗ chen Reichthum noch gar nicht faſſen und begreifen konnte. „Die Rheder machen genug Verdienſt an der übrigen Ladung“ meinte ſein Vorgeſetzter trocken. „Und ſind keine Schiffspapiere da?“ „Ein paar Bücher liegen da unten“ brummte der Kapitän, aber nur mit ſolchen Figuren vollge⸗ malt, wie ſie auf den Theekiſten ſtehn. Da ſoll der Teufel draus klug werden.“ „Und was mag ſolche Barre wohl werth ſein?“ „Hm“ ſagte der Kapitän, und wog das Gold in der Hand“— drei Pfund hat ſo ein Stück gewiß, und wenn wir das Pfund uur zu 200 Dollar rech⸗ nen, kommt für uns auf den Mann etwa 750000 ————— Dollar. Da können wir lange fahren, ehe wir ſoviel verdienen. „Funfzigtauſend Dollar!“ rief der Steuermann faſt erſchreckt aus.„Das ſind weit über ſechzigtau⸗ ſend Thaler, dafür kauft man ſich ja ein Schiff und kann ſichs ausſuchen.“— „Das ſollt' ich meinen“ rief der Kapitän,„und die Rheder würden nicht ſchlecht lachen, wenn wir es ihnen in die Taſchen ſteckten. Aber jetzt laßt uns ſehen daß wir das Wrack langſeit bekommen. Wenn wir die Schamfielblöcke dazwiſchen legen, kann es kei⸗ nen Schaden thun, und die Leute mögen dann raſch daran gehn, die Ladung überzunehmen. Die bringt überdies mehr ein, als das Bischen Fracht, das wir in Kanton bekommen haben.“ Dem Steuermann ſchwindelte der Kopf ordent⸗ lich.— Sechzigtauſend Thaler— ſoviel hatte er ſich bis dahin noch nicht einmal auf einen Fleck zuſam⸗ men gedacht, und das ſollte Alles ſein eigen ſein— ſollte ihm gehören, daß er damit gehen konnte, wohin er wollte.— Wie in einem Traume gab er die ver⸗ ſchiedenen nöthigen Befehle, und während der Iſe⸗ grimm jetzt vollſtändig beilegte, und die Dſchunke in Lee und langſeit nahm, ſprangen die Matroſen an die willkommene Arbeit, die ja auch ihnen außerge⸗ Gerſtäcker, Blau Waſſer. 21 322 wöhnlichen und erſehnten Lohn verſprach. Die Kiſten wurden raſch nach einander mit einem Flaſchenzug übergehoben, oder auch mit den Händen zugereicht, und der zweite Steuermann überwachte das Ganze, notirte die Zahl der Kiſten und wies ihnen ihren Raum im unteren Verdeck an. Der Steuermann ſelber ging indeß daran ihre Barren in Sicherheit zu ſchaffen, das heißt aus dem unteren Raum der Dſchunke herauf zu tragen, und ſie dem Kapitän zuzureichen, der ſie dann eigenhändig in ſeine Cajüte ſpedirte. Mit wenigen hätte das auch wohl unbemerkt geſchehen können, aber es waren ihrer zu viel, und die Leute ſelber, die nichts deſto weniger bei ihrer Arbeit bleiben mußten, wurden zu⸗ letzt auf das aufmerkſam, was ihre beiden höchſten Vorgeſetzten mitſammen trieben. Schon das war ihnen dabei verdächtig, ihren Kapitän, der ſonſt bei Nichts mit Hand anlegte, ar⸗ beiten zu ſehn, daß ihm der Schweiß von der Stirne tropfte, und das mußte ſicher einen ganz beſondern Grund haben. Was hatten die Beiden alſo da gefun⸗ den, das ihnen verheimlicht wurde, und entzogen ſie ihnen dadurch nicht einen Antheil an ihrer Ent⸗ deckung? 1 Der Unterſteuermann, der es an Bord der —— 323 Schiffe meiſtens mit den Leuten hält, weil er auch den größten Theil ihrer Arbeiten theilen, ja ſogar Morgens das Deck mit ihnen waſchen muß, wurde vor allen Dingen davon in Kenntniß geſetzt. Er be⸗ fand ſich gerade im Raum des eigenen Schiffes, um den Ort anzugeben, wo die Theekiſten am vortheil⸗ hafteſten eingeſtaut werden konnten, und am gleich⸗ mäßigſten vertheilt waren. Er ſelber fand leicht einen Vorwand an Bord der Dſchunke zu gehen, übergab deßhalb die Aufſicht unten ſo lange dem Zimmermann und ſtieg langſam an Deck. M Ein Blick nach dem Quarterdeck hinüber über⸗ zeugte ihn auch bald, daß die Leute Recht hatten, und etwas Ungewöhnliches da hinten vorging, und was das war, davon wollte er ſich vor allen Dingen erſt einmal überzeugen. Ohne alſo weiter den Kopf dorthin zu drehen, ſtieg er langſam über die Schanz⸗ kleidung des eigenen Schiffes, ließ ſich an den Ruſt⸗ eiſen ſoweit es ging hinunter, und ſprang auf das Deck der Dſchunke, in deren Raum er gleich darauf verſchwand. Hier unterſuchte er vor allen Dingen die noch darin befindliche und nicht beſchädigte Fracht, denn die unteren Kiſten waren durch eingedrungenes Seewaſſer erreicht und verdorben worden, und klet⸗ terte dann ohne Weiteres durch eine ſchmale Oeffnung 21* in der Bambuswand nach hinten, der Chineſiſchen Cajüte zu. Der Steuermann, der dort gerade wieder eine Partie der Barren aufgenommen, hatte ihn aber kommen hören, den Deckel des Verſchlags wieder zu⸗ gedrückt, und einen alten Kaffeeſack über die Barren geworfen die außen lagen. „Hallo, Meier, was giebts?“ redete er den Unterſteuermann dabei an.„Seid ihr bald fertig⸗ drüben?“ „Gleich, Steuermann“— wollte nur einmal ſehn was hier noch ſteckt, und ob wir noch etwas davon gebrauchen könnten.“ „Hier iſt nicht viel mehr,“ ſagte aber der Steuer⸗ mann vollkommen ruhig.„Die Bücher und Inſtru⸗ mente, die übrigens nicht viel werth ſind, hab' ich dem Kapitän ſchon hinauf gereicht. Ein paar Dutzend geſchnitzte Elfenbein⸗Schachſpiele ſtanden übrigens noch hier, und anderes Spielwerk von Bambus und Holz. Doch das werd' ich ſchon Alles ſelber aus⸗ räumen, und wenn wir wieder unterwegs ſind, kön⸗ nen wir den ganzen Kram dann ſortiren und auf⸗ ſchreiben.. „Wie wird es denn mit dem Tauwerk?— ſchla⸗ gen wir das los?“ 325 3 „Das Beſte davon, ja— die Anker nehmen wir auch mit— Ketten haben die Burſchen ja ſo nicht an Bord. Auch etwas von dem Hotzwerk laßt über⸗ werfen; wir können's zur Feuerung gut gebrauchen. Aber macht raſch, Meier— wir haben uns ſo ſchon länger mit dem Wrack aufgehalten als gut iſt, und dahinten die Wolken werden uns wohl bald eine ſtärkere Briſe bringen.“ „Hm“ brummte der Unterſteuermann und wollte, wie in Gedanken, den vor ihm liegenden Kaffeeſack vom Boden aufheben. Der Steuermann aber, der jede ſeiner Bewegungen beobachtet hatte, verhinderte ihn daran und ſagte ruhig: „Laßt den nur liegen, Meier— den brauch ich noch, die Kleinigkeiten hinein zu packen, denn wir wollen Alles mitnehmen was wir hier finden. Da⸗ heim können wir's nachher als chineſiſche Merkwür⸗ digkeiten verkaufen, oder unſeren Leuten mitbringen. Geht nur wieder an Eure Arbeit, daß wir fertig werden. Meier mußte allerdings dem Befehl Folge leiſten. Der Steuermann hatte aber nicht hindern können, daß er den Sack ein klein wenig verſchob, und des Seemanns ſcharfes Auge entdeckte im Nu unter dem einen Zipfel die Spitze einer der glänzenden 326 Barren. Er erſchrak ordentlich darüber, wußte aber auch nicht gleich was er thun ſolle, und kroch lang⸗ ſam wieder in den Raum zurück, ſich dort die Sache erſt vor allen Dingen einmal zu überlegen. Hier beſchloß er jedoch den Leuten vor der Hand von ſeiner Entdeckung Nichts zu ſagen, denn daß das Geſehene Gold geweſen ſei, daran zweifelte er kei⸗ nen Augenblick mehr. Der Blick, den er nach dem Sack und ſeinem da⸗ runter verborgenen Inhalt geworfen, war aber dem Steuermann ebenfalls nicht entgangen, und beun⸗ ruhigte ihn nicht wenig. Vielleicht hatte der Mann aber doch eben nichts weiter geſehen, und er ging jetzt nur deſto eifriger daran, die letzten der uner⸗ wartet zahlreichen Barren in Sicherheit zu bringen. Er that das ſo ſchlau als möglich, und wickelte immer einige von ihnen in ein Tuch ein, während er dem Kapitän dabei zugleich ein paar andere gleich⸗ giltige Gegenſtände offen mit hinüber reichte, bis nach Verlauf einiger Stunden auch der letzte Reſt des gefundenen Schatzes gehoben und— geborgen war. Eine Stunde etwa verging jetzt noch mit Durch⸗ ſtöbern des verlaſſenen Fahrzeugs, aus dem das und jenes als der Erhaltung werth, mitgeommen wurde, 327 bis endlich der Kapitän den Befehl gab, die Taue loszumachen und die Segel wieder aufzubraſſen und zu ſetzen. Wenige Minuten ſpäter flogen die Raaen herum, der Iſegrimm entfaltete wieder einen Theil der bisher geborgenen Leinwand, und glitt bald dar⸗ auf von dem geplünderten Wrack hinweg, das er ſchwerfällig ſchaukelnd und ſeine Maſten ſchleppend, auf den Wellen zurück ließ. Der Iſegrimm ſetzte unterdeſſen ſeinen Weg nach Batavia fort, und die Mannſchaft hatte den Tag über genug zu thun, das geborgene Gut an ſeinem eigenen Bord überall ordentlich unterzubrin⸗ gen. Umſonſt ſuchten ſie aber dabei von dem Unter⸗ ſteuermann herauszubekommen, was er eigentlich in der Dſchunken⸗Kajüte geſehen, und was der Ober⸗ ſteuermann dort getrieben. Der Unterſteuermann hatte ſich die Sache näm⸗ lich indeſſen überlegt und gefunden, daß er für ſeine eigene Perſon viel beſſer fahren würde, wenn er den Steuermann wiſſen laſſe er habe etwas gemerkt, und könne es, wenn er wolle, den Leuten verrathen. Da⸗ durch zwang er ſeine beiden Vorgeſetzten ohne weite⸗ res, ihn zum Theilhaber ihres goldenen Fundes zu machen. Ging die Sache ihren ordentlichen Weg, ſo kam doch nicht eben beſonders viel auf den einzelnen . 328 Mann; rettete er aber für ſich ſelber ein Dritttheil des geheimen Fundes,— den er übrigens gar nicht für ſo bedeutend hielt— ſo zählte das viel eher. Nooch an dem nämlichen Abend nahm er deshalb auch Gelegenheit dem Steuermann ziemlich deutlich zu verſtehen zu geben, daß er— der Unterſteuermann — nicht ſo leicht hinter das Licht geführt werden könne, und ganz genau wiſſe, was noch ſonſt an Bord der Dſchunke geweſen— außer den Schach⸗ ſpielen und Theekiſten.— Der Steuermann that aber, als ob er auch kein Wort von der Anſpielung verſtände, und als der Unterſteuermann endlich, da⸗ durch ärgerlich gemacht, geradezu behauptete, eine Goldſtange unter dem Kaffeeſack geſehen zu haben, lachte ihm ſein Vorgeſetzter in's Geſicht und meinte: dann thäte es ihm entſetzlich leid, daß er ihn daran verhindert habe den alten Sack wegzunehmen, denn in dem Fall hätten ſie vielleicht gar einen Schatz gefunden, der nun jetzt noch auf der Dſchunke im Meer herum ſchwimme. Aus dem Burſchen war nichts in Gutem heraus⸗ zubekommen, das ſah der Unterſteuermann jetzt wohl ein. Wenn er aber auf ſolche Art ſein Dritttheil aufgeben mußte, war er wenigſtens feſt entſchloſſen, ſich nicht um den ihm gebührenden Antheil des Fun⸗ 329 des prellen zu laſſen, und dem Steuermann konnte es nicht entgehen, daß Meier noch an dem nämlichen Abend eine lange und eifrige Unterredung mit dem Zimmermann, dem Vorgeſetzten des Voreaſtels hielt. Die Sache konnte am Ende doch ſchief gehen, denn wenn die Leute auch unterwegs Nichts unter⸗ nehmen durften, was ſie im nächſten Hafen der An⸗ klage von Meuterei ausgeſetzt, und da ſicherer und ſcharfer Strafe überliefert hätte, ſo brauchten ſie ihren Verdacht im nächſten Hafen eben nur zur An⸗ zeige zu bringen und eine Entdeckung des beabſich⸗ tigten Unterſchleifs war dann ſicher zu befürchten. Das zu vermeiden hatte er an dem nämlichen Abend, und zwar auf ſeiner Wacht, wo er den Ka⸗ pitän an Deck rief, eine lange Unterredung mit die⸗ ſem, und der Plan, den ſich die beiden würdigen Männer dabei erſannen, ſollte ſie mit ihrem Schatz in Sicherheit bringen, ohne irgend einer Gerichts⸗ barkeit darüber Rede zu ſtehen. An Bord ging indeſſen Alles nach wie vor ſeinen ruhigen Gang. Der Kapitän wie Steuermann nah⸗ men zur gewöhnlichen Zeit ihre Obſervationen und beſtimmten danach den Lauf des Schiffes, und zeich⸗ —= neten auf der Karte die zurückgelegte Diſtance in der üblichen Weiſe an. In Wirklichkeit richtete der Ka⸗ pitän ſeinen Lauf aber mehr nach Süd⸗Weſten, in die Nähe des Freihafens Singapore zu kommen, und hatte auch auf der, dem Unterſteuermann zugäng⸗ lichen Karte eine viel größer zurückgelegte Entfernung angegeben, als ſie bis dahin gemacht. Er wußte recht gut, das er ihn dadurch am leichteſten irre füh⸗ ren konnte. Der Karte nach waren ſie demnach ſchon ganz in der Nähe der Inſel Bangka, die ſie, wie er meinte, am nächſten Morgen in Sicht haben konnten. In Wirklichkeit aber näherten ſie ſich der Süd⸗Spitze von Malacca, und dort hoffte der Kapitän mit Hülfe des Steuermanns ſeinen Schatz in Sicherheit zu bringen. Es war Abend geworden, als er ſeine darüber fetwas erſtaunte Mannſchaft durch den Unterſteuer⸗ mann zuſammenrufen ließ, und den Leuten jetzt an⸗ kündigte, daß er indeſſen die Berechnung der von dem Wrack geborgenen Güter gemacht, die er aller⸗ dings erſt zu Hauſe angekommen richtig vertheilen dürfe. Da ſie ſich aber dem Hafen von Batavia näherten, wo er ſeiner Mannſchaft ein paar freie Tage zu geben gedenke, und ſie ſich die Zeit über ſo muſterhaft betragen hätten, ſo wolle er ihnen gern etwas von ihrem Fund auf Abſchlag auszahlen und ihnen heut Abend einen freien Grog geſtatten. Das Wetter ſei ruhig, eine Gefahr nicht zu befürchten, und ſie möchten ſich deshalb einmal einen luſtigen Abend machen. Willkommenere Botſchaft kann einem Matroſen ſelten auf See werden, und als ihnen der Kapitän nun noch per Mann zwanzig ſpaniſche Dollar aus dem gefundenen Sack durch den Steuermann aus⸗ zahlen ließ— der Unterſteuermann bekam vierzig— und der Steward dann die Anweiſung erhielt ein Fäßchen Rum mit einer Quantität Zucker an Deck zu ſchaffen, kannte ihr Jubel keine Grenzen. See⸗ leute leben ja überhaupt nur für den Augenblick, und deshalb kümmerte ſich die Mannſchaft des Iſegrimm jetzt auch nicht im Mindeſtenedarum, was ihr Kapi⸗ tän vielleicht noch außerdem bei Seite gebracht haben könnte. Das war eine Sache, die ſpäter ihre Erle⸗ digung fand, für jetzt hatten ſie die Ausſicht luſtiger Zeit im Hafen mit einer Taſche voll Geld, und die Gewißheit eines ſteifen Grogs für dieſe Nacht— was wollten ſie mehr? Selbſt der Unterſteuermann ſchöpfte nicht den mindeſten Verdacht, denn er glaubte der Kapitän 332 wolle ihn mit der Abzahlung nur beſchwichtigen, daß er, im Hafen angekommen, das vermuthete Gold nicht weiter erwähnen ſolle. Uebrigens war er feſt entſchloſſen, ſich mit den dierzigd Dollars nicht abkau⸗ fen zu laſſen,— die vierzig Dollars hatte er auch außerdem verdient. Das Schiff lief vor dem Monſuhn langſam ſeine Bahn entlang. Die Briſe wehte eben ſtark genug die Segel auszublähen, und am Bug vorn kräußte ſich nur leicht der phosphoreseirende Schaum der dun⸗ kelblauen leiſe wogenden See. Deſto lebendiger aber ging es heute an Bord her, wo der Steward bald ſein kleines Fäßchen in die immer durſtigen Kehlen auslaufen ließ. Je mehr das ſtarke ſehr verſüßte Getränk aber in dem Gefäß abnahm, deſto lauter und jubelnder gebärdete ſich die Schaar, und wißrend Einer der Leute— der alte Geige aus ſeiner Coye holte, und vom Gangſpill herab ſeine ſchrillen Weiſen ertönen ließ, faßten ſich die derben Burſchen, zwei und zwei, und wirbelten ſich hernm nach Herzensluſt. Selbſt der Oberſteuermann, der ihnen heute eigen⸗ händig den Grog mit Zucker— aber ohne Waſſer — zurecht gemacht, miſchte ſich unter ſie, und wäh⸗ rend er ſie ermahnte hübſch nüchtern zu bleiben reichte er ihnen doch auch wieder die verführeriſchen Becher dar, die nicht umſonſt ſo ſüß gewürzt waren. Es dauerte auch kaum zwei Stunden, ſo konnte faſt keiner der Leute mehr auf ſeinen Beinen ſtehn. Der Kapitän hatte ſchon ſelber das Steuer genom⸗ men, und hielt unbeachtet ſo weit nach Weſten hin⸗ über, wie es ihm die Stellung der Segel überhaupt geſtattete. Auch dem Unterſteuermann, der ſonſt eine tüch⸗ tige Portion vertragen konnte, war der, heute ohne Waſſer angemiſchte überſüße Grog in den Kopf geſtiegen, und ſehr erwünſcht kam ihm die Aufforde⸗ rung des Oberſteuermanns: jetzt lieber zur Coye zu gehen, damit er nachher wieder auf ſeiner Wacht munter und bei der Hand ſein könne. Er taumelte mehr als er ging die Cajütentreppe hinab, und warf ſich dort, angekleidet wie er war, auf ſein ſchmales Lager. Den Augenblick hatten die beiden Verbündeten ſchon lange herbeigeſehnt, denn die Nacht war mehr und mehr vorgerückt, und Zeit zum Ausſchlafen durf⸗ ten ſie keinem ihrer Leute laſſen. Die Matroſen lagen ebenfalls ſchon fämmtlich 334 ſchnarchend überall an Deck umhergeſtreut. Kaum wußten ſie deshalb den letzten, den Unterſteuermann ſicher in ſeiner Coye, als der Kapitän das Ruder ſich ſelber überließ und dann mit dem Oberſteuer⸗ mann raſch und ſo geräuſchlos als möglich das am Stern des Schiffs an ſeinen Krahnen hängende Schiffsboot in See hinunter ließ. Alles dort hinein gehörende, wie Compaß, Lebensmittel und Getränke, war ſchon über Tag zurecht gelegt worden und brauchte jetzt nur hinab⸗ gereicht zu werden, und als Ballaſt folgten nun die koſtbaren Ballen, die der Kapitän dem Oberſteuer⸗ mann hinunter ließ. Die Barren hatte der Oberſteuermann heut über Tag, während er die Wacht zur Coye hatte, immer zehn und zehn in Segeltuch eingenäht, und das ziemlich geräumige Boot, nur von zwei Leuten bemannt, trug die Laſt bequem und leicht. Alles beendet, gebrauchte der Kapitän noch die Vorſicht den Chronometer zu verſtellen, damit der Unter⸗ ſteuermann nicht ſobald einen Hafen erreiche, und als ſie eingeladen, was ſie des Mitnehmens werth fanden, ſchifften ſie ſich beide ein, henkten den Block aus, der ſie noch an Bord feſt hielt, ſetzten ihr kleines Segel und ließen bald das vor der Hand 335 noch ruhig ſeine Bahn verfolgende Schiff in weiter Ferne hinter ſich. Der Unterſteuermann, der ſich noch von Allen am nüchternſten gehalten, wachte zuerſt wieder auf. Die Briſe war ſtärker geworden, die See ging etwas höher und die beiden niedergelaſſenen Blöcke, an denen das Boot gehangen, ſchlugen in regelmäßigen Zwiſchenräumen, mit der Bewegung des Schiffes, gegen den Spiegel deſſelben an Der Seemann richtete ſich in ſeiner Coye auf und horchte auf das ungewohnte Geräuſch. Der Kopf war ihm noch wirr und wüſt von dem im Uebermaß genoſſenen Rum, und im Magen ſchien es ihm auch nicht ganz recht zu ſein, denn er ſchnitt ein miſerables Geſicht. Faſt inſtinktartig griff er aber nach ſeiner Uhr in der Taſche, und als er den Zeiger derſelben vorſichtig mit dem Finger gefühlt, ſprang er erſchreckt aus ſeiner Coye und an Deck. Alles war hier todtenſtill. Er blieb ſtehn und rieb ſich die Augen, denn er glaubte noch fort zu träumen— aber der durchſchwärmte Abend fiel ihm wieder ein, und er ſchüttelte leiſe vor ſich hin mit dem Kopf: „Schöne Geſchichte das“ murmelte er dabei— „Wie es ſcheint biſt Du der einzige nüchterne Menſch an Bord, Meier, den Mann vielleicht am Steuer ausgenommen, der—“ Er hielt mitten in ſeinem Selbſtgeſpräch ein und blieb vor Staunen ſtumm vor dem leeren Steuerrad ſtehen. Dann warf er einen raſchen erſchreckten Blick nach den indeß durch den Wind gedrehten Segeln hinauf, und ſah ſich verwundert rings an Deck um. Jetzt ſchlugen die Blöcke wieder hinten gegen das Schiff an, und er ſchritt zum Heck, lehnte ſich mit den Armen auf die Schanzkleidung und ſchaute hinüber. In der Stellung blieb er wohl eine Viertel⸗ ſtunde. Er ſah die hinunter gelaſſenen Blöcke, ſah daß das Boot fehlte, und, immer noch nicht recht klar im Kopfe, zuckten ihm die Gedanken, was hier wohl vorgefallen ſein könne, herüber und hinüber durch das Hirn. Erſt ganz allmählig dämmerte ihm aber die mög⸗ liche Wahrheit des Vorgefallenen, wenn er ſich auch noch immer nicht denken konnte, daß der Kapitän und Oberſteuermann das eigene Schiff auf offener See verlaſſen haben ſollten. Aber er taumelte doch wie⸗ der in die Kajüte hinunter, zu ſehen ob der„Alte“ in ſeiner Coye wäre und erſt als er dieſe leer, ſonſt aber Alles in der gewöhnlichen Ordnung fand, erſt als er den Oberſteuermann ebenfalls nirgends ſehen konnte, begann er das Ganze zu begreifen. Mit dem Bewußtſein wurde er jedoch auf einmal vollſtändig nüchtern, und verſuchte jetzt von Anfang an das Unmögliche, nämlich die übrige Mannſchaft ebenfalls munter und an Deck zu bekommen. Das war freilich leichter unternommen als ausgeführt; nur den Zimmermann rüttelte er endlich wach, und theilte ihm die wunderliche Entdeckung mit. Dieſer wollte es allerdings im Anfang gar nicht glauben; es blieb ihnen aber zuletzt kein Zweifel mehr. Das fehlende Boot zeigte ihnen nur zu deut⸗ lich, daß die beiden fehlenden Hauptperſonen des Schiffes auch mit dem Boote verſchwunden waren, und ein kurzer Kriegsrath wurde jetzt gehalten was zu thun ſei: die Flüchtigen aufzuſuchen, oder ihren bisher eingehaltenen Cours zu verfolgen, und ſich weder um Kapitän noch Steuermann weiter zu kümmern. Die Letzteren hatten aber jedenfalls mit dem klei⸗ nen ſcharfgebauten Boot einen tüchtigen Vorſprung — wenn ſie wirklich deſertirt waren. Die genaue Richtung die ſie genommen, ließ ſich ebenfalls nicht Gerſtäcker, Blau Waſſer. 22² 338 ermitteln, denn ſie konnten ebenſogut mit dem Nord⸗ Oſt⸗Monſuhn nach Süd⸗Oſt wie nach Süd⸗Weſt geſegelt ſein, alſo blieb ihnen nichts anderes übrig als ihren Cours beizubehalten, und einfach im näch⸗ ſten Hafen die Flucht des Kapitäns wie des erſten Steuermanns pflichtſchuldigſt anzuzeigen. Den Be⸗ rechnungen nach, die der Kapitän in der letzten Zeit auf der Karte angegeben, glaubte der Unterſteuer⸗ mann auch, daß ſie ganz in der Nähe von Batavia wären, und das, oder Java überhaupt, getraute er ſich ſchon allein zu finden.— Die beiden Flüchtigen hatten indeſſen ihre Maß⸗ regeln ganz vortrefflich genommen, und faſt vor dem Wind, mit der Stelle auf der ſie ſich befanden ganz genau bekannt, und mit eben genug Briſe ihr leich⸗ tes Boot raſch über die Wogen zu treiben, hielten ſie auf die Südſpitze von Malacca zu, erreichten dieſe gegen Abend, umſchifften ſie, und landeten am näch⸗ ſten Morgen glücklich in Singapore, wo ein einzel⸗ nes Boot, das man zu einem der Schiffe gehörig hielt, natürlich gar nicht weiter auffiel. Hier nun übernahm der Kapitän den Verkauf ihres Goldes, während der Steuermann unter einem, 339 von den Malayen gekauften Sonnenſegel von ge— flochtenen Matten zurückblieb, und den Schatz be⸗ wachte. Der Kapitän hatte übrigens nur eine einzelne Barre in ſein Taſchentuch gewickelt, und ging damit langſam in die Stadt hinauf, irgendwo einen Gold⸗ ſchmied aufzutreiben, bei dem er einen kleinen Theil ihrer Barren vielleicht verwerthen konnte. Wußte er dann erſt einmal den genauen Preis den das Gold hier hatte, ſo ließ ſich vielleicht mit einem der größe⸗ ren Engliſchen Geſchäftshäuſer ein vortheilhafter Kauf über das Ganze abſchließeng Wenn ſie auch einige Procente daran verloren, ſo ſchadete das ja nichts. Je raſcher ſie nur die Barren in baar Geld verwan⸗ delten, deſto ſicherer waren ſie vor Entdeckung. Singapore iſt ein merkwürdig belebter Ort; die Straßen wimmelten von Chineſen und malayiſchen Laſtträgern, und Laden reihte ſich an Laden wohin er immer ging. Nur Goldſchmiede ſchien es entſetz⸗ lich wenige zu geben, und der Seemann hatte in der glühenden Sonnenhitze die winkligen Gaſſen wohl eine Stunde die Kreuz und Quer umſonſt durchwan⸗ dert, bis er endlich einen alten Chineſen in einem offenen Laden mit dem Löthen eines Ringes beſchäf⸗ tigt fand. 22* Der Kapitän blieb erſt eine Weile unſchlüſſig vor dieſer unſcheinbaren Werkſtatt ſtehen. Einzelne, auf dem Werktiſch umhergeſtreute goldene Zierrathen ſagten ihm aber doch, daß der Mann da drin jeden⸗ falls zu dem Handwerk das er ſuche gehöre, und ihm, wenn er auch nicht ſelber reich genug ſei das Gold zu kaufen, doch vielleicht einen Ort anzugeben vermöge, wo er weitere Nachfrage halten könne. Eine andere Schwierigkeit war mit der Sprache, denn die Chineſen verſtehen gewöhnlich nur ihr eigenes Kauderwelſch, und höchſtens noch Malayiſch, das ihnen zur Mittelſprache mit den Europäern dient. Der Alte hier machte jedoch glücklicher Weiſe eine lobenswerthe und ſehr erwünſchte Ausnahme von der allgemeinen Regel, denn wenn man auch nicht ſagen konnte, daß er Engliſch ſprach, ſo radebrechte er es doch auf eine Weiſe, die den Kapitän hoffen ließ, ſich ihm verſtändlich zu machen. Nach kurzer Einleitung — der Frage um den Preis dieſes oder jenes dort⸗ liegenden Gegenſtandes,— erkundigte er ſich endlich bei dem Alten, ob er ſelber Gold kaufe, und als dieſer dazu freundlich mit dem Kopfe nickte, wickelte er ſeine ſorgſam eingehüllte Barre aus dem Tuch heraus und gab ſie dem alten Chineſen mit der Frage: wie hoch er das Stück da taxire? 341 „Das da?“ frug der Langzopf, betrachtete ſich das fragliche Stück flüchtig und legte es endlich, ohne es einer weiteren Prüfung zu unterwerfen, auf eine neben ihm befindliche Wage, die größtentheils aus einem langen eingekerbten eiſernen Stab beſtand— „das hier“ wiederholte er, während er ſich vorbog die Kerben genau zu erkennen, dabei aber doch auch wieder voorſſichtig nach dem Fremden ſchielte, ob dieſer nicht indeſſen mit den Händen ſeinem Arbeitstiſch zu nahe komme,„wiegt etwas über drei Pfund— nicht viel — nur halb Loth etwa— iſt etwa werth, halben Dollar Pfund— macht ein und halben Dollar.“ „Ein und halben Unſinn,“ brummte der Kapitän vor ſich hin, den gleichwohl dabei ein höchſt unbe⸗ hagliches Gefühl beſchlich—„anderthalb Dollar für drei Pfund Gold— das glaub' ich, Alter, das wäre ſo ein Morgengeſchäft. Du biſt weiter kein Jude.“ „Drei Pfund Gold?“ lachte aber der alte un⸗ verwüſtliche Chineſe,„ja, ſchönes Gold. Wenn das Gold wäre, wollte Sing Fua bald reicher Mann ſein— Iſt Metall!“ „Ja, das weiß ich daß es kein Porzellan iſt, Holzkopf“ murmelte der Seemann vor ſich in den Bart—„aber was für Metall iſt es?— Gold, und wenn Du den richtigen Preis nicht dafür giebſt, kannſt 342 Du Dich auch d'rauf verlaſſen, daß ich nicht dumm genug bin es Dir zu verkaufen.“ Der Chineſe zuckte die Achſeln, antwortete aber weiter Nichts und begann wieder an ſeiner vorher unter⸗ brochenen Arbeit. Der Seemann blieb noch eine Weile bei ihm ſtehn, da Jener aber nicht die geringſte Miene machte den Handel noch einmal anzuknüpfen, wickelte er ſeine Barre wieder ein, drehte ſich auf dem Abſatz herum und verließ pfeifend den Stand des Alten. „Metall!“— das Wort ging ihm jedoch im Kopfe herum— wenn der alte Hallunke am Ende doch Recht hatte, wenn das kein Gold geweſen wäre, und er jetzt, ein paar hundert Dollar wegen, ſein Schiff, ſeine Anſtellung, ſeine ganze Exiſtenz aufge⸗ geben hätte?— Aber es war nicht möglich; es mußte Gold ſein, und der alte Schlaukopf hatte ihn nur um die Stange betrügen wollen. Ehe er um die Ecke bog, rief er ihn gewiß zurück. An der Ecke blieb er ſtehn und ſah ſich nach dem Chineſen noch einmal um. Der aber kauerte unbeweglich über ſeiner Arbeit, und kümmerte ſich gar nicht mehr um ihn. Der Kapitän traf jetzt einen Engländer auf der Straße, der allem Anſchein nach Einkäufe in den ver⸗ ſchiedenen kleinen Läden machte. An dieſen wandte 343 er ſich, und erkundigte ſich nach einem ordentlichen Goldſchmied. Ein ſolcher, und zwar ein Franzoſe, wohnte nicht weit entfernt in einer kleinen Straße— der Engländer führte ihn ſelbſt dort hin— und hier auf's Neue erfrug der Seemann den Preis ſeiner Barre. Aber auf's Neue wurde ihm hier die näm⸗ liche Summe genannt, die ſchon der Chineſe ange⸗ geben hatte. Die Maſſe hieß im dortigen Handel, wie der Franzoſe ſagte, kurzweg Metall und bildete einen der Chineſiſchen Handelsartikel. Der Preis ſtand jetzt, wie er meinte, gerade ziemlich hoch, und er könne, wenn er mehr davon habe, ſeinen Vorrath vielleicht zu einem halben Dollar oder zwei und fünf⸗ zig Cent⸗per Pfund verwerthen. Der Seemann höorte der Auseinanderſetzung wie ein Träumender zu. Vor ihm zuſammen brach das Luftſchloß, daß er ſich wolkenhoch noch an dem Morgen aufgebaut, und er fürchtete ſich jetzt faſt zu ſeinem Boot zurückzukehren, und ſeinem Leidensgefährten die traurige Nachricht mitzutheilen. Immer klam⸗ merte er ſich dabei noch an die letzte Hoffnung an, ob er nicht einen fände, der ihm doch die tröſtliche Nachricht gebe, daß es wirklich Gold ſei was er trage. Das Reſultat blieb aber daſſelbe, wohin er ſich auch wandte; das ſchreckliche Wort Metall ſchmetterte . 24. . überall ſeine Hoffnungen zu Boden, und es blieb ihm zuletzt nichts anderes übrig, als zu glauben was ihm die Leute ſagten. In einer wahrhaft verzweifelten Stimmung kehrte er zu ſeinem Boote zurück, und getraute ſich faſt gar nicht dem Steuermann ihre mißglückte Speculation mitzutheilen. „Na ja,“ ſagte dieſer, als er ſich doch endlich ein Herz dazu gefaßt,„ob ich es mir aber nicht gedacht habe? Gold— wie käm unſer Einer auch zu Gold!“ „Und was fangen wir jetzt an?“ frug kleinlaut der Kapitän. „Was wir anfangen?“ rief aber der Steuermann erſtaunt,„ich ſollte denken das wäre einfach genug. Wir verkaufen den Plunder an den Erſten, der uns baar Geld dafür giebt, und fahren, ſo raſch als wir können, hinter unſerem Iſegrim wieder her.“ „Hinter dem Schiff?“ „Nun verſteht ſich. Sollen wir uns etwa auf einem anderen als gemeine Matroſen verdingen, und dann noch als Deſerteure in allen Blättern ausge⸗ ſchrieben werden?“ „Und mit dem Boot nach Batavia?“ „Denken gar nicht dran,“ brummte der Steuer⸗ mann.„Wie Ihr an Land wart, Kapitän, kam hier 345 die Jolle von der Amerikaniſchen Barke da drüben vorbeigefahren. Die will heute Nachmittag in See und direkt nach Batavia gehen, und auf der nehmen wir Paſſage. Soviel wird doch der lumpige Stoff da im Boot abwerfen, daß ſie uns und die Jolle frei hinüber ſchaffen.“ „Und wenn uns der Unterſteuermann nachher verklagt?“ „Wohl weil er ſich betrunken und ſeine Wacht jedenfalls verſchlafen hat?“ lachte der Steuermann. „Nein, Kapitän, wenn Sie ſich davor fürchten, kön⸗ nen Sie's halten wie Sie wollen, aber meinen An⸗ theil an dem gefundenen Thee laß ich nicht im Stich, ſoviel weiß ich, und wenn hier Jemand dumm genug iſt, uns für das Pfund von dem Zeug da einen halben Dollar zu geben, ſo weiß ich wer den Nachmittag wieder unterwegs nach Batavia iſt.“ Der Kapitän wollte noch Einreden machen, der Oberſteuermann widerlegte ſie aber alle, und raſch gingen ſie jetzt daran das Metall, womit ſie ihr Boot befrachtet hatten, zum Marktpreis loszuſchlagen. Der Unterſteuermann auf dem Iſegrim ſegelte indeſſen unverdroſſen nach Süden fort, und gerieth 346 Mittags, als er die Obſervation nahm und den wirk⸗ lichen Breitengrad ausrechnete, auf dem er ſich mit ſeinem Schiff befand, in die peinlichſte Verlegenheit, da das mit der Karte gar nicht ſtimmte. Da übrigens der Chronometer nicht mehr richtig ging, was er jedoch natürlich nicht wußte, fand er ſich in den Inſeln, die er unterwegs traf, gar nicht aus, und lief ſie faſt alle an, immer in der Meinung das ſei endlich Java. Zu ſeinem Glück überholte ihn endlich ein engliſches Schiff, das aus der Straße von Malacca kam und nach Sydney wollte. Mit der Hilfe deſſelben richtete er ſeinen Chronometer wieder, bekam die ordentliche Diſtance und erreichte endlich, freilich nach tüchtiger Verzögerung, glücklich die Rhede von Batavia. Eigentlich war es ihm übrigens recht, daß er ſeine beiden Vorgeſetzten auf ſolche Art los geworden. Da er das Schiff nun ſelber in den Hafen gebracht hatte, mußte ihn das bei ſeinen Rhedern außerordentlich empfehlen, und für die Reiſe durfte er ſich überdies als Kapitän des Iſegrim betrachten— ja wer wußte ob ihm die Rheder nicht jetzt das Schiff für immer ließen. Von jenem Abend brauchte er ja weiter Nichts zu erzählen, und ſeinen Bericht über die Flucht des Kapitäns und Oberſteuermanns wollte er ſchon machen. Kaum war deshalb auch der Anker in die Tiefe gerollt und ſeine Flagge aufgezogen, als er in die Cajüte ging, die er jetzt in Beſchlag genommen hatte, dort ſeine Ufertoilette machte, und nun langſam wie⸗ der an Deck ſtieg, an Land zu fahren, und dort dem Kaufmann für den ihre Ladung beſtimmt war, ſeinen Bericht abzuſtatten. Ein von Malayen bemanntes Boot hatte ſchon, wie es dort Gebrauch iſt, ſeine Dienſte angeboten, und Meier ſtand, die Blechbüchſe mit den Papieren unter dem Arm, an Deck. Zwiſchen den Schiffen durch, vom Lande her, ru⸗ derte da ein Boot, in dem unter einem Sonnenſegel zwei Europäer ſaßen. „Hol's der Teufel, Meier,“ ſagte da der Zimmer⸗ mann, der neben ſeinem Vorgeſetzten ſtand,„das Ding ſieht gerad' ſo aus wie unſere alte Jölle— und ſie halten auch genau auf uns zu.“ Der Unterſteuermann ſagte gar Nichts, aber es kam ihm bald ſelber ſo vor, und geſpannt erwartete er das Nahen des Bootes, das gleich darauf dicht neben dem malayiſchen langſeit lief. Wer darin ſaß, hatte er wegen des Sonnenſegels noch nicht erkennen können. Jetzt kamen die beiden Europäer darunter vor, und als der eine von ihnen den Kopf hob, rief der Unterſteuermann ordentlich erſchreckt aus: „Hol's der Teufel— der Kaptein!“ „Guten Tag, Meier,“ ſagte dieſer aber vollkom⸗ men ruhig—„Ihr ſeid hölliſch lange ausgeblieben, daß wir Beide, in der Nußſchale von einem Ding, da eine Spazierfahrt machen und Euch doch wieder überholen konnten.“ „In dem Boot ſind Sie aber doch nicht nach Batavia gefahren?“ rief der Unterſteuermann, und behielt den Mund vor lauter Erſtaunen offen. Der Kapitän kletterte, ohne dem Unterſteuermann für jetzt weiter Rede zu ſtehen, von ſeinem Oberſteuer⸗ mann gefolgt, raſch an Deck, und gab hier ſo ruhig ſeine Befehle, als ob er nicht einen Augenblick den Fuß von Bord geſetzt hätte. „Sind das alle die Papiere, Meier?“ frug er dabei, indem er nach der Blechbüchſe griff. „Ja Kaptein, ſagte Meier, noch vollſtändig ver⸗ blüfft, aber— aber wie um Gottes Willen— ſind Sie denn eigentlich—“ „Ich will Euch etwas ſagen, Meier,“ meinte der Kapitän freundlich, indem er ihn an einem Knopf faßte und bei Seite führte.„Ich will von jenem Abend an Bord nichts weiter erwähnen. Das 349 nächſte Mal aber, wenn ich Euch wieder Grog geben laſſe, dann bedenkt hübſch, daß Ihr mit als Offizier des Schiffes vor allen Anderen nüchtern bleiben müßt. Es iſt kein Spaß zu zweien ein ſolches Schiff zu regieren, und daß ich dabei über Bord fiel, wahrhaftig kein Wunder. Zum Glück hing das Boot dahinten ſo, daß es der Oberſteuermann allein nie⸗ derlaſſen konnte— ich wäre ſonſt verloren geweſen, denn mit den Kleidern iſt ſchlecht ſchwimmen. Wie uns übrigens das Schiff, das der Oberſteuermann allein nicht beilegen konnte, ohne Mann am Steuer, ſtatt durch den Wind zu drehen, davon lief, glaubt ich meiner Seel nicht mit dem Leben davon zu kom⸗ men. Glücklicher Weiſe hat uns noch ein Amerika⸗ ner aufgefunden und aufgenommen, und da Alles gut abgelaufen iſt, und Ihr das Schiff ordentlich in den Hafen gebracht habt, mag es diesmal darum ſein, und ich will weiter keine Anzeige davon machen.“ „Aber Kaptein—“ „Schon gut; Steuermann— ſeht nur vorn nach dem Anker, daß er ordentlich liegt, denn es kann hier manchmal ganz verwünſcht wehen. Ich will mich nur umziehen und dann gleich an Land fahren,“— und damit tauchte er in ſeine Kajüte unter. „Guten Tag Meier,“ ſagte der Oberſteuermann, der jetzt ebenfalls an den Fallreeps herauf kam und nach dem Quarterdeck zu ging—„habt Ihr gehört was Euch der Alte geſagt hat?“ „Ja— aber“ ſtammelte Meier, der noch immer nicht wußte, was er aus dem Allen machen ſolle. „Na dann iſt's gut; dann thut es auch, aber apropos“ unterbrach er ſich plötzlich, als er vor Meier ſtehen blieb und ihn aufmerkſam betrachtete. „Ich glaube gar, Ihr habt da eins von meinen Hemden an?“ „Ja Steuermann, ich— ich dachte—“ „Na geht nur hinunter und zieht es wieder aus, denn bei der Arbeit könnte es ſchmutzig werden, und dann ſeht nach dem Anker.“ Und ohne ſich weiter mit dem Verblüfften einzulaſſen, folgte er dem Kapi⸗ tän in die Kajüte. Meier ſtand wirklich da wie vor den Kopf ge⸗ ſchlagen. Seine beiden Vorgeſetzten ließen ihm aber gar keine Zeit, auch nur zu Athem und zu ordentli⸗ cher Beſinnung zu kommen. Der Kapitän fuhr gleich darauf an Land, ſeine Geſchäfte dort zu beſorgen, als ob nicht das Geringſte vorgefallen wäre, und der Ober⸗ ſteuermann trug indeſſen in das Logbuch ein, daß der Kapitän des Iſegrim am 27. vorigen Monats über 351 Bord gefallen, von ihm, dem Oberſteuermann, aber mit eigener Lebensgefahr im kleinen Boot gerettet ſei. Das Schiff hätten ſie indeſſen in der Nacht ver⸗ loren, und ſeien endlich glücklich von einer Amerika⸗ niſchen Brig aufgefiſcht, die ſie nach Singapore ge⸗ bracht hätte. Dort ſeien ſie dann auf einer anderen Amerikaniſchen Barke weiter nach Batavia gefahren, wo einen Tag ſpäter der Iſegrim, von dem Unter⸗ ſteuermann geführt, ebenfalls eingetroffen wäre. Die Geſchichte, die der Unterſteuermann indeſſen ſchon in demſelben Buch eingetragen, und wonach die Beiden das Schiff mit dem Boot auf unbegreif⸗ liche Weiſe verlaſſen hatten, ließ er ruhig ſtehen; wurde doch dieſelbe durch die zweite erklärt und auf⸗ gehoben. Der Kapitän aber löſchte hier ſeine Ladung, ver⸗ kaufte außerdem die von der Dſchunke geborgenen Güter, wobei er die Mannſchaft vollkommen mit dem ihr zugekommenen Theil befriedigte, und nahm dann neue Fracht nach ſeiner Vaterſtadt. Der Unterſteuermann machte allerdings noch ein⸗ mal eine Anſpielung auf das vermuthete Gold; der Oberſteuermann nannte ihn aber einfach einen Eſel und ſagte ihm, er ſolle ſelber ſuchen wo er es fände, und damit war die Sache abgemacht. 3525 Als ſie zu Haus kamen, erhielt der Kapitän für den Antheil, den er von der geborgenen Dſchunken⸗ ladung mitgebracht, von den Rhedern ein ſehr ſchönes Geſchenk und der Oberſteuermann bekam das Com⸗ mando einer kleinen Brig. In die Stelle deſſelben, an Bord des Iſegrim rückte aber ein Vetter des Rheders, ein junger Menſch der drei Jahre Schiffs⸗ junge auf einem anderen Schiff geweſen war und dann die Steuermannskunſt zu Haus gelernt hatte, und Meier— blieb nach wie vor Unterſteuermann. Die Nacht auf dem Wallfiſch. Der engliſche Wallfiſchfänger„König Harold“ kreuzte in der Nähe der Kingmills⸗Gruppe, ziemlich unter der Linie, auf Spermfiſche, in der Abſicht, die Wintermonate hier zuzubringen, um mit Beginn des Frühjahrs wieder nach Norden auf den Fang des rechten Wallfiſches aufzulaufen. Vergebens waren ſie aber jetzt Monate lang hin⸗ und hergefahren und durch die ſonſt beſten Jagdgründe für dieſe Fiſche wieder und wieder auf⸗ und abgeſegelt. Die Ausgucks in den Tops der Maſten, die dort oben den gan⸗ zen Tag gehalten werden, um nach etwa auftauchen⸗ den Fiſchen auszuſchauen, und einander zu gewiſſen Stunden ablöſen müſſen, blieben ſtill und ſtumm, und wenn wirklich einmal ein Ruf kam, glaubte ſchon Niemand mehr daran. Solche Meldungen hatten ſich bis jetzt faſt jedesmal als ein nicht zu gebrau⸗ Gerſtäcker, Blau Waſſer. 23 354 chender Finback, oder vielleicht eine School kleinerer Braunfiſche ausgewieſen, auf die man nicht Jagd machen wollte. Die Sonne brannte dabei heiß und ſengend auf das, ihren vollen Strahlen preisgegebene Deck nie⸗ der, und das Schiff, ſo ſtill und reinlich, mit den klein gereeften Segeln in der leichten Briſe, ſah ge⸗ rade ſo aus, als ob es hier an einem freundlichen, aber etwas langen Sonntag Nachmittag zum Ver⸗ gnügen herum fahre, und eben keinen andern Zweck, kein beſtimmteres Ziel kenne. Die Leute haben dabei natürlich immer ihre Ar⸗ beit: Segel müſſen ausgebeſſert, das Tackelwerk, ſtehendes wie laufendes, muß nachgeſehen werden; die Eiſen und Lanzen für den Fang des Fiſches ſel⸗ ber dürfen nicht roſten, und den„Bootſteurern“ liegt die beſondere Pflicht ob, ſie blank und im Stand zu halten. Auch der Böttcher an Bord hat ſeine Arbeit, mit den Fäſſern zu einem etwaigen Fang gleich bereit zu ſein, und der Zimmermann macht ſich eine Be⸗ ſchäftigung an den zur Vorſorge mitgenommenen Booten, hie und da morſche Stellen daran zu finden und neue Stücke einzuſetzen. Aber in der ganzen Sache iſt kein Leben, keine wirkliche Thätigkeit; man ſieht, daß die Leute, die ſich ſchon Monate lang 355 auf dieſelbe Art herumgetrieben, eben nur arbeiten, um nicht müßig zu ſtehen, und von der Arbeit fort ſchweift bei Allen der ſehnſüchtige Blick über die leicht gekräuſelte Meeresfläche, in der allerdings vergebli⸗ chen Hoffnung, vom Deck aus den aufgeblaſenen Strahl eines Fiſches zwiſchen dem Blitzen der Wo⸗ gen zu erkennen. Wäre aber wirklich etwas derarti⸗ ges in Sicht, ſo hätten es die Leute oben in den Maſten ſchon lange angeſchrieen. There she blows!(„Dort bläst ſie.“) Wie auf Kommandowort ruht jede Arbeit— der Böttcher wirft ſeinen Hammer, der Tiſchler ſei⸗ nen Hobel hin, und der Kapitän, der unten in ſeiner Kajüte auf dem Sopha gelegen und geleſen oder geſchlafen hat, um die entſetzlich langweilige Zeit eines ſolchen müßigen Umherfahrens zu tödten, ſpringt die Kajütstreppe hinauf, um zu windwärts und nach dem Mann oben im Top zu ſehen und die Details über die„aufgekommenen“ Fiſche erfahren zu können. „There she blows!“ ruft der Mann oben wie⸗ der— und blow— blow— blow— ſetzt er langſam und gedehnt hinzu, als mehrere Strahlen nach einander aufſchießen, jeden Strahl bezeich⸗ nend. 356 „Wohinaus zu?“ lautet der Ruf vom Deck, und der ausgeſtreckte Arm des Ausgucks bezeichnet die Richtung; aber der Arm deutet zu windwärts, d. h. gegen den Wind an, und die Bootſteuerer rufen in wilder Eile ihre Bootsmannſchaften zuſammen, die erſten zu ſein, die fertig in See ſind— immer eine ehrenvolle Auszeichnung. Das kleine Waſſerfaß wird gefüllt, die Butte mit dem aufgerollten Tau für die Harpunen, die auf einem Geſtell an der Want dicht über dem Boot geſtanden, damit ſie dieſes durch ihre Schwere nicht ſchädige, wird hineingelaſſen, das Boot ſelber gleitet unter dem Krahnen nieder auf's Waſſer. Die Leute folgen, wie Katzen an den Außen⸗ wänden des Schiffes niederkletternd, die Riemen wer⸗ den eingelegt, und wie der Harpunier oder boats- header ſeinen Platz hinten am Steuerriemen einge⸗ nommen, ſtoßen ſie ab; und der Bug des ſcharfge⸗ bauten leichten kleinen Fahrzeugs ſtrebt ſchäumend und die Fluth an beiden Seiten zurückwerfend der bezeichneten Richtung zu. Kommen die Fiſche in leewärts, d. h. unter dem Winde auf, dann können ihnen die Schiffe ſelber mit vollen Segeln bis zu einer gewiſſen Entfernung fol⸗ gen, ohne ſie ſcheu zu machen, und die nun raſch aus⸗ geſetzten Boote gleiten ebenfalls mit ihren Segeln 357 geräuſchlos und unbemerkt an ihre Beute hinan; die Jagd iſt in dem Fall auch immer weit ſchneller ge⸗ macht und ſicherer ſowohl, als auch weit weniger mühſam. Wollte das Schiff aber zu windwärts auf⸗ kreuzen, um den Fiſchen den Wind abzugewinnen, ſo würde dadurch viel Zeit verloren gehen, und die Beute jedenfalls nur höchſt ſelten eingeholt werden. Das Aufrudern iſt deshalb, wenn auch das müh⸗ ſamſte, doch gewiß in dieſem Fall das ſchnellſte und ſicherſte, und das Schiff folgt dann mit der zurück⸗ gelaſſenen Mannſchaft ſo raſch es eben kann ſeinen Booten, um dieſe nach vollendeter Jagd wieder auf⸗ und einen etwa geworfenen und getödteten Fiſch langſeit zu nehmen. Die vier Boote des„Königs Harold“ ruderten denn auch, ſo raſch ſie die elaſtiſchen Riemen vor⸗ wärts treiben konnten, dem Wind gerad' in die Zähne, und kamen nach einer etwa halbſtündigen wackeren Arbeit in Sicht der erſten„Strahlen“ der dort wahrſcheinlich ſpielenden und bald auf⸗, bald untertauchenden Fiſche. Von Bord des Wallfiſch⸗ fängers wurde ihnen bis dahin mit einem, an einer Stange befeſtigten und ſchwarz bemalten runden Korbe, das Zeichen gegeben, nach welcher Richtung die Fiſche ſich wandten. Ein dort poſtirter Matroſe 358 mußte dieſen nämlich, der auf ſehr weit hin ſichtbar iſt, hinaushalten, und die Boote richteten oder änder⸗ ten darnach ihren Cours. Ein eigener Wetteifer herrſcht aber bei ſolcher Fahrt, nicht allein unter den Bootsſteuerern und Harpunieren, wer zuerſt an einen Fiſch„feſtkommt“, ſondern unter der ganzen Mannſchaft. Es wird zur Ehrenſache, welches Boot den erſten glücklichen und auch einträglichen Wurf gethan, indem bei ſolcher Jagd Alle, vom Kapitän zum Schiffsjungen hinun⸗ ter, auf Antheil ausgehen, und die Leute thun gewiß ihr Aeußerſtes, nicht hinter den Andern zurück zu bleiben. Die drei ſchnellſten Boote hatten denn auch heute wieder die beſte Ausſicht bald in Wurfsnähe zu kom⸗ men, während das vierte, das ein junger tollköpfiger Ire befehligte, trotz der wirklich verzweifelten An⸗ ſtrengung ſeiner Mannſchaft nicht im Stande war ihnen nach zu kommen. Als ſich in den erſten Boo⸗ ten die Bootsſteuerer ſchon zum Harpunenwurf fertig machten, war er wohl noch eine ganze Kabelslänge hinter dieſen zurückgeblieben.. Gerade da ging rechts von ihnen, aber freilich noch eine weite Strecke entfernt, ein einzelner Strahl auf, und wenn ſich auch die Boote nicht gern zu weit 1 359 von einander trennen, um im Fall der Noth einander Hülfe leiſten zu können, ſah doch der hinten an ſei⸗ nem Steuerriemen ſtehende junge Ire kaum den ein⸗ zelnen Strahl, der ihm auch nach der Richtung zu Fiſche verſprach, als er den Bug ſeines Bootes blitz⸗ ſchnell herum warf, und von den übrigen Booten ab, dem neu aufgetauchten Wilde nachjagte. In dem Augenblick hatten die anderen Boote zu viel mit ſich ſelber zu thun, um darauf zu achten. Die rudernden Matroſen aber, die mit dem Geſichte nach rückwärts im Boot ſaßen und den veränderten Cours ihrer Kameraden ſahen, konnten ſich leicht denken, daß dort ebenfalls Fiſche aufgekommen waren, und hatten nicht das Mindeſte dagegen, einen Concurrenten auf ihrer Hetze los zu werden. Ueberdies befanden ſie ſich näher bei den Fiſchen, als ſie im Anfang ſelber gedacht, denn als dieſe plötzlich nach unten gegangen waren und eine Zeit⸗ lang fort blieben, während die Boote, ſo raſch ſie konnten, ihren Cours beibehielten, tauchten ſie plötz⸗ lich kanm dreißig Schritt vor ihnen wieder empor, und ein Fiſch kam ſogar in Wurfsnähe von dem erſten Harpunier auf, deſſen Bootſteuerer, denn auch ſeine Eiſen augenblicklich an ihm feſtwarf. Die an⸗ deren beiden kamen ebenfalls feſt, ehe ſie zehn Minu⸗ 360 ten gelaufen waren; das Eiſen des zweiten Bootes riß aber wieder aus und der Fiſch ging tief, ſo daß das zweite Boot, jetzt außer dem Bereich der anderen Fiſche, dem dritten folgte, und deſſen Beute mit zu ſichern ſuchte, was ihm auch nach einiger Anſtrengung gelang. In voller Flucht gingen aber die feſtgekom⸗ menen Fiſche gerade nach Norden auf, die Boote hinter ſich drein reißend, daß die Wellen an ihrem Buge hoch empor ſchäumten, bis es dem dritten Harpunier zuerſt gelang, ſeine Lanze hinter der Finne ſeines Fiſches einzuwerfen und ihm den Todesſtoß zu geben. Der erſte Harpunier wurde wohl noch eine engliſche Meile weiter mit fortgenommen, tödtete aber den ſeinigen dann ebenfalls, und blieb auf ſei⸗ nen Rudern liegen das Schiff zu erwarten. Mit dem gewaltigen Fiſch im Schlepptau wäre es ihm nicht möglich geweſen zu rudern. So weit hatten ſie ſich übrigens von ihrem Schiff entfernt, daß ſie den Rumpf ſchon nicht mehr über Waſſer ſahen, und mühſelig genug mußte dieſes jetzt zu ihnen gegen die ſchwache Briſe aufkreuzen, wieder und wieder über Stag gehend, dem Nord⸗Oſt die verlorenen Meilen abzugewinnen. Die drei Boote ſahen ſich jetzt auch, freilich ver⸗ gebens, nach dem vierten um, das ihnen ganz aus Sicht gekommen, und ſuchten rund um ſich her, das vielleicht geſetzte hellere Segel deſſelben irgendwo zu erkennen. Es blieb verſchwunden, und ſie tröſteten ſich damit, daß ſie es von Bord und den Maſten aus wohl jedenfalls im Auge behalten haben, und genau die Richtung kennen würden, die es genommen. Der„König Harold“ war aber keineswegs ein ſehr ſchneller Segler, wenigſtens nicht dicht am Winde, und der Nachmittag ging darüber hin, bis es ihm gelang, zu den beiden Fiſchen aufzukreuzen und ſie an beiden Seiten ſeines Bords zu befeſtigen. Der zweite Harpunier war ſchon früher an Bord zurück gekehrt, um mit der alſo vergrößerten Mann⸗ ſchaft das Schiff leichter regieren zu können; und ein Mann wurde jetzt wieder mit dem Fernglas nach oben geſchickt, ſich zu vergewiſſern wo das vierte Boot läge, damit man ihm, falls es ebenfalls einen Fiſch hätte, lieber alle anderen Boote zu Hülfe ſchicke, um die Beute in's Schlepptau zu nehmen. „Nun Sirrah, nach welcher Richtung liegt es?“ fragte der Kapitän vom Deck aus, als er die bis jetzt gemachte Beute geborgen wußte, und nun auch dem anderen Boote ſeine Aufmerkſamkeit zuwandte:„iſt es weit von hier?“ „Kann es nirgends finden, Sir!“ lautete die 362 Antwort zurück, und der Mann begann von Neuem den Horizont um den ganzen Compaß herum zu be⸗ ſtreichen. „Ach Unſinn, Du brauchſt nicht nach windwärts zu ſehen, da hinzu iſt es nicht!“ rief der Kapitän wieder hinauf,„laß die Sonne rechts und ſuch' aufmerkſam nach Süden hinüber— dort muß es liegen.“ Der Mann gehorchte der Weiſung, ſchaute aber ohne ein ſcheinbares Reſultat ſo lange durch das Glas, bis der Kapitän endlich ungeduldig wurde, und ſelber auf die Schanzkleidung ſprang und die Wanten hinauf lief, nach dem Boot auszuſchauen. Cr fing doch an unruhig über deſſen Verſchwinden zu werden. „Da drüben iſt es mir ſchon ein paar Mal ſo vorgekommen, Sir,“ ſagte der Mann, dem er das Glas abgenommen, während er nach Süd⸗Süd⸗Weſt hinunter deutete,—„als ob ich einen etwas dunk⸗ leren Punkt auf dem Waſſer erkennen könnte; wenn ich aber genauer hinſah, war es immer wieder ver⸗ ſchwunden.“ „Wo hinaus?“ „Gerade dorthin; etwa in der Richtung, wo die kleine weiße Wolke liegt— vielleicht noch ein wenig mehr nach Weſten.“ Der Kapitän folgte der angegebenen Richtung eine Zeit lang mit dem Glas, ſchüttelte dann mit dem Kopf, und fing an weiter zu ſuchen. Aber ver⸗ gebens blieb er oben, bis die Sonne hinter den Hori⸗ zont ſank, und dabei alle auch die geringſten Gegen⸗ ſtände auf das klarſte und deutlichſte hervortreten ließ. Er konnte nicht das Mindeſte von dem Boot bemerken, das doch auch jedenfalls um dieſe Zeit, wo es wußte daß man es beſonders mit dem Glaſe ſuchen würde, ſein Segel hätte ſetzen müſſen denn deren weißer Schein leuchtet dann weit hin über das Waſſer. Auch der erſte Harpunier war jetzt nach oben gekommen— dem Boote mußte jedenfalls ein Un⸗ glück zugeſtoßen ſein, und die Leute fingen an un⸗ ruhig deshalb zu werden. Aber auch dieſer konnte durch das ihm gereichte Glas nicht das Mindeſte erkennen, was einem Boot oder Segel glich, und die jetzt raſch einbrechende Dämmerung, der die Nacht in jenen Breiten auf dem Fuße folgt, machte ein weiteres Ausſchauen bald unmöglich. Dem Kapitän des„König Harold“ blieb aber keine Wahl, was er in dieſem Fall zu thun habe. * 364 Auf⸗ und abkreuzen konnte er ſchon der langſeits ge⸗ nommenen Fiſche wegen nicht, hätte er aber nur eine Richtung gewußt, wohin er halten ſolle, würde er doch vielleicht ſelbſt die gemachte Beute im Stiche gelaſſen haben, um ſeine verlorenen Leute wieder auf⸗ zufinden. So aber hatte er noch immer die Hoff⸗ nung, daß er ſie in Lee finden würde, und dorthin trieb jetzt überdies das Schiff, an dem alle Segel aufgegeit waren, mit dem Paſſat und der Aequato⸗ rialſtrömung. War dann am nächſten Morgen noch Nichts von dem Boot zu ſehen, ſo konnte er, was über Nacht von den Fiſchen noch nicht eingeſchnitten worden, mit einer darauf geſteckten Flagge zurück⸗ laſſen, und nach dem verlorenen Boote umherkreuzen. Lieber Gott, immer ein verzweifelter Verſuch ver⸗ lorene Boote wieder anzutreffen. Die See iſt ſo ent⸗ ſetzlich groß, und hatten die Leute wirklich ihr Boot verloren und ſchwammen auf dem Waſſer— wo ſie finden? Es wäre das auch eben nur geſchehen, um ſich ſelber nicht den Vorwurf machen zu müſſen, daß man einen Theil der Kameraden leiitſtnnin aufge⸗ geben habe. Die höchſte Wahrſcheinlichkeit blieb immer, daß ein, verwundeter Spermfiſch das Boot zertrüm⸗ mert hatte und die Mannſchaft nicht im Stande ge⸗ weſen war, ſich ſo lange mit Schwimmen an der Oberfläche zu halten. Die See war freilich ruhig genug, aber der furchtbare Hai wittert raſch das Blut eines geworfenen Fiſches; und wie jetzt ſechs oder ſieben dieſer gierigen Burſche ihr Schiff um⸗ ſchwammen und ungeduldig das Anſchneiden der Beute erwarteten, daran herumzerrten und riſſen, und doch die ſcharfen Fänge nicht in die rieſige zähe Maſſe einſchlagen konnten, ſo waren ſie auch ſicher dort aufgekommen, wo ſich das andere vermißte Boot befand, und wehe den Unglücklichen, die, des ſchützen⸗ den Fahrzeugs beraubt, ihrem Heißhunger Panſsge⸗ geben wurden. Freilich blieb noch immer die Möglichkeit, daß das unbeſchädigte Boot durch die Jagd nur zu weit nach Lee zu verſchlagen worden, um ſo bald wieder aufrudern zu können; ein Boot iſt nur ein kleiner Fleck auf dem ungeheueren Ocean, und kann mit dem beſten Fernrohr wohl dem Auge entgehen, Dann wußten ſie aber auch recht gut, welcher Rich⸗ tung ſie zu folgen hatten, und um ihnen die auch für die Nacht klar und deutlich anzugeben, wurden zwei Laternen auf dem Vor⸗ und Haupttop befeſtigt, da⸗ mit ſie dem Schiff nicht etwa in der Dunkelheit vor⸗ beiruderten. 366 Nach Dunkelwerden, dann um Mitternacht und vor der Morgenwacht ließ der Kapitän ebenfalls die kleinen Kanonen löſen, die er auf dem Deck ſtehen hatte, um auch durch deren Schall dem Boot die Richtung anzudeuten; aber umſonſt, die Nacht ver⸗ ging und von den Vermißten war Nichts zu hören noch zu ſehen. Das Einſchneiden der Fiſche ging indeſſen rüſtig vor ſich; der Blubber oder Speck war angeſtoßen, und wurde, mit einem beſonders dazu eingerichteten Windwerk, aufgeholt, und ſelbſt das Auskochen be⸗ gann zugleich mit dem Anbordnehmen, um keine Zeit zu verſäumen und das unter der Linie ſonſt leicht in Verweſung übergehende Material aus dem Weg zu bekommen. Große mit Streifen Blubber genährte Fackeln hingen in einer aus Eiſenbändern gefertigten Art von Käfig oder Netz über Bord, und warfen ihren blutrothen flammenden Schein über ein wildbewegtes, reges Bild. Noch vor Mitternacht war auch der eine gewaltige Fiſch ſchon eingeſchnitten, und mit dem ſchwermächtigen Blubberhacken wurde der rieſige Kopf, der im Waſſer noch von der Wir⸗ belſäule abgeſtoßen worden, ganz an Bord gehoben, ſo daß ſich das Schiff unter der gewaltigen Laſt neigte, als er über die Seite kam. — Mit Tagesanbruch, wo die ganze Mannſchaft ſchon ſcharf an dem zweiten Fiſch arbeitete, mußten aber wieder ein paar von den Harpunieren, jeder mit einem Fernrohr, nach oben, und vergebens hatten ſie ſchon bis zu Sonnenaufgang den Horizont nach jeder Richtung hin durchſucht und Nichts entdecken können, als der Blick des erſten Harpuniers auf einen dunk⸗ len Pankt in dem jetzt hellblitzenden Waſſer traf, und dieſen feſthielt. Die Entfernung war aber ſelbſt für das gute Glas zu groß, etwas Genaueres unter⸗ ſcheiden zu können, nichts deſto weniger wurde der Kapitän gleich davon in Kenntniß geſetzt, der dann ebenfalls nach oben kam. Jedenfalls ſchwamm dort irgend etwas auf dem Waſſer, was es auch ſein mochte, aber es lag zu wind⸗ wärts. Sie mußten in der Nacht daran vorbei getrie⸗ ben ſein und, um ſich erſt davon zu überzeugen was es ſein könne, wurde der zweite Harpunier mit ſeinem Boote beordert, hinzufahren. Wenn auch nicht das vermißte Boot, denn ſo ſah es nicht aus, war es mög⸗ licher Weiſe ein todter Wallfiſch und lohnte nicht allein die Mühe danach zu ſehen, ſondern konnte ſie auch auf die Spur der Verlorenen bringen, da der Fiſch, wenn er von ihnen geworfen worden, jedenfalls noch eine der Schiffsharpunen oder„Eiſen“ in ſich trug. 368 Der Befehl wurde hinunter an Deck gerufen, und wenige Minuten ſpäter ſtieß das Boot ſchon vom Bord und ſchoß von den vier kräftigen Riemen ge⸗ trieben, pfeilſchnell der Richtung zu, die ihm von dem Hauptmaſt aus durch den ausgehaltenen Korb fort⸗ während angedeutet ward. Der Kapitän aber blieb oben in der großen Bramſtengenſalung, um den ein⸗ mal gefaßten Punkt nicht wieder aus dem Glas zu verlieren und den Erfolg des Bootes beobachten zu können. Wohl eine halbe Stunde war dieſes indeß, nur dem Zeichen vom Bord aus folgend, gerudert, ohne ſelber etwas nach vorne wahrnehmen zu können, als endlich der vorne im Boot auf der Back ſtehende Harpunier einen dunklen Gegenſtand gerade vor ſich und dicht über dem Waſſer zu erkennen glaubte. Der eingezogene Korb an Bord zeigte ihnen ebenfalls, daß ſie die rechte Richtung hätten, und nicht lange mehr dauerte es, ſo rief der Harpunier plötzlich, in⸗ dem er ſich nach ſeinen Leuten halb umwandte und mit dem Arm nach vorne deutete: „Greift aus, meine Burſchen, greift aus— das iſt bei Gott ein Menſch, der da auf einem Floß oder Boot oder ſonſt was ſteht— greift aus, denn wie mir ſcheint, kommen wir eben noch zur rechten Zeit!“ Dann ein lautes„Hallo!“ ausſtoßend, ſuchte er dadurch den Gegenruf von da drüben zu erwecken; aber kein Laut antwortete ihm, und indem ſie nun alle Kraft in den Druck der Ruder legten, daß ſie ſich faſt zum Zerſpringen bogen, ſchäumte das ſcharf⸗ gebaute ſchlanke Fahrzeug ſeinem wunderlichen Ziel entgegen. „Ein Mann! ein Mann!“ riefen aber auch die Leute jetzt im Boot, die neugierig den Kopf nach ihm wandten, und:„damn my eyes!“ brummte der Bootsſteuerer, der ebenfalls mit dem Steuerriemen in der Hand hoch im Boot ſtand—„if that a''nt Patrik!“(Verdamm meine Augen, wenn das nicht Patrik iſt.) „Patrik, by God!“ rief jetzt auch der Harpu⸗ nier—„aber wo ſind die Andern?“ Jede weitere Frage erſtarb jedoch in den neuen Ausrufen des Staunens, als ſie näher kamen und nicht allein wirklich den vierten Harpunier, den jungen Iren Patrik in dem Schiffbrüchigen erkannten, ſondern auch fanden, daß er keineswegs auf einem Floß oder umgedrehten Boot, ſondern auf einem todten Sperm⸗ fiſch kniete, der mit ſeiner Laſt einige Zoll unter der Oberfläche des Waſſers lag.— Die linke Hand hatte er dabei um das kurze Tau einer noch in dem Blub⸗ Gerſtäcker, Blau Waſſer. 24 370 ber ſteckenden Harpune geſchlagen, was ihn allein auf ſeinem ſchlüpfrigen Stand gehalten, und mit der rechten hielt er den Harpunenſtiel, der er von der Leine losgeſchnitten, ſo krampfhaft umfaßt, daß er ihn nicht einmal laſſen wollte, als das Boot an ihn hinanſchoß, und ſich Aller Arme nach ihm ausſtreck⸗ ten, um ihm hinein zu helfen. Der arme Teufel ſah dabei todtenbleich aus und brachte keinen Laut über die Lippen— ja ſein Blick ſchweifte wild und ſtier ſelbſt über die Kameraden hin, als ob er ſie nicht mehr kenne. Wie mechaniſch nur richtete er ſich ſelber auf, in das Boot zu ſteigen, brach aber dort, ſobald er nur die feſten Planken unter ſich fühlte, ohnmächtig zuſammen. Er hatte eine furchtbare Nacht durchlebt, und wir müſſen zu dem Augenblick zurückgehen, wo er mit ſeinem Boote die übrigen verließ, um den einzeln aufgekommenen und von der übrigen School abſchwimmenden Fiſch zu verfolgen. In etwa fünfhundert Schritt Entfernung von dem Cachelot ruderten ſie hinter ihm drein, und ge⸗ wannen an ihm, wie er mehrmals untertauchte und dann langſam, keinen Feind hinter ſich ahnend, wie⸗ der nach oben kam. Mehr und mehr drehte er dabei von dem bisher gehaltenen Cours ab, möglicher Weiſe vielleicht um in einem weiten Bogen zu dem früheren Spielplatz zurück zu kehren; aber auch dieſen Cours änderte er wieder und zog jetzt, während das Schiff ſelber, wie man im Boot recht gut ſehen konnte, über den anderen Bug von ihnen fort lag, gerade gen Weſten mit Wind und Strömung. Pa⸗ trik, wie vorher bemerkt, der Harpunier oder Boats⸗ header des vierten Bootes, ließ nun, da ihnen der Wind günſtig geworden, ſeine Segel ſetzen, um dem Fiſch deſto ſchneller und geräuſchloſer folgen zu können. Dieſer aber, ob er nur ſo auf eigene Fauſt in raſche Fahrt kam, oder doch, trotz aller Vorſicht, etwas von den Verfolgern gewittert hatte, lief jetzt ſo ſchnell durch das Waſſer, daß ſelbſt das leichte Boot mit einer günſtigen Briſe nur wenig an ihn gewinnen konnte. Da plötzlich, als ſie nach müh⸗ ſamer Arbeit ſchon faſt in Wurfsnähe hinangekom⸗ men, und der Bootsſteuerer auch bereits zum Wurf mit ſeinem Eiſen ausholte, ging er nach unten, und das Boot ſchoß im nächſten Augenblick über die Stelle hin, in der die Fluth noch hinter dem geſunke⸗ nen Ungethüm kräußte und wirbelte. „Segel ein!“ ſcholl da der raſch und dringend gegebene Befehl des Harpuniers; die kleine Raae fiel 24* 372 im nächſten Augenblick, das Boot glitt nur noch langſam, einmal im Schuß, ein Stück weiter auf ſeiner Bahn, und der Bootsſteuerer ſtand, auf den Wink ſeines Oberen, mit gehobener Harpune ſtill und regungslos vorn im Boot, um gleich zum Wurf bereit zu ſein, wenn der Fiſch ſich wieder zeigen ſollte; aber er ſelber zweifelte, daß das Thier hier wieder nach oben kommen würde, und deutete, fragend dabei den Harpunier anſehend, weiter nach vorn. Dieſer obgleich noch jung an Jahren, war doch ein alter Wallfiſchfänger, und die ganze Art wie der Fiſch niedergegangen, ſchien ſeine Vermuthung zu rechtfer⸗ tigen, daß er hier nur einen plötzlichen Halt gemacht, und nicht weit gehen würde, bevor er aufs Neue zur Oberfläche käme. Während das Segel nun an den Maſt flappte und der Harpunier das Schootenfall deſſelben noch um die Hand gewickelt hielt, um kei⸗ nen Augenblick zu verlieren, wenn ſie dennoch die Verfolgung wieder aufnehmen müßten, ſahen die Leute an den jetzt leiſe wieder vorgenommenen und für jeden Fall eingelegten Rudern aufmerkſam in die klare Fluth unter ſich nieder, in der allerdings etwas ungewiſſen Hoffnung, den vielleicht darunter hin⸗ ſchwimmenden Fiſch zu ſehen und ſeine genommene Richtung dadurch beſtimmen zu können. — 373 „Da ſchwimmt was!“ rief plötzlich Einer der Leute mit halbunterdrückter erſchreckter Stimme— „gerade von unten herauf!“ „Bſt!“ warnte aber der Ruf des Offiziers— „leiſe— leiſe! Ihr ſcheucht ihn fort! Wo?“— „Da kommt er— da kommt er!“ kreiſchten aber drei oder vier Stimmen jetzt zu gleicher Zeit und faſt inſtinktartig griffen ſie nach den Rudern.— „Zurück mit Euch— zurück— um Euer Leben!“ ſchrie aber auch in dieſem Augenblick der Harpunier, der über Bord gebeugt, die hellgrüne rieſige Geſtalt blitzesſchnell aus der Tiefe herauftauchen ſah, und die Gefahr recht gut kannte, der ſie ausgeſetzt waren, wenn der Koloß ihr Boot ſo im Aufkommen nur leiſe traf. Faſt in demſelben Augenblick fielen auch die Ruder in das Waſſer, und das Boot, von dem Gegenſchlag derſelben zurückgeſchnellt, konnte kaum um ſeine eigene Länge den Platz geräumt haben, als der rieſige abgeſtumpfte Kopf eines mächtigen Sperm⸗ fiſches, den weiten ſchmalen Rachen halb geöffnet, an die Oberfläche tauchte. Mit dem halben Kopf ſchnellte er zugleich darüber hinaus, um gleich darauf mit einem gewaltigen Satz, das Waſſer dabei in vollen dicken Strahlen ſeitwärts ausſtoßend, nach vorne zu ſchießen, und dem fremden Gegenſtand, 3, dem Boot, das er jedenfalls geſehen haben mußte, zu entgehen. Vorn im Boot und dicht über dem„Berg von Blubber“, der ſich eigentlich unter ſeinen Füßen aus der Fluth hob, ſtand der Bootſteuerer mit gehobenem Eiſen; aber ſein Arm zitterte, und noch im Bereich des furchtbaren Gegners, der ſie mit einem Schlag zermalmen konnte, wagte er es nicht, die Harpune in den fliehenden Koloß zu ſchleudern.„Wirf— wirf, in's drei Teufels Namen!“ ſchrie aber Patrik, die Gefahr total mißachtend und in dem Moment nur ihrer Jagd gedenkend, die ihnen die Beute faſt in Armes Bereich gebracht,—„Menſch, du läßt dir ja den Fiſch unter den Händen weg!“ Und die eigene Lanze aufgreifend, ſchien er den Augenblick mit wil⸗ der Luſt zu erwarten, wo er den ſcharfen Stahl hinter die Finne des Wildes ſchleudern könnte. Noch zögerte der Bootsſteuerer, aber es waren nur Sekunden, die ihm zum Beſinnen blieben, denn ließ er den günſtigen Moment ungenutzt vorbei, ſo war die Frage, ob er bei dem jetzt ſcheu gemachten Fiſch je wieder kehrte. Aber das Segel, von des Har⸗ puniers Hand raſch angezogen und gehalten, hatte ſchon den Wind gefaßt, und indem er den Steuer⸗ riemen ſcharf gegen die Hüfte preßte, um den Bug 375 des Boots herum zu bringen, ließ er es ſchäu⸗ mend hinter dem flüchtigen Fiſche drein fliegen. Und jetzt ſauste die Harpune, von der kräftigen Hand des jungen Engländers geſchleudert, tief in den Rücken des Gegners und haftete in dem zähen Blubber. Im Nu war das Segel nieder genommen, waren die Ruder eingeworfen und der Bootſteuerer gab jetzt, indem er zurückſprang und ſeinen Platz am Steuerruder einnahm, dem Harpunier Raum die Lanze zu werfen und dem Leviathan der Tiefe den Todesſtoß zu geben. Der Harpunier iſt nämlich der erſte Offizier in einem Wallfiſchboot, der Boots⸗ ſteuerer der zweite; im Anfang der Jagd haben aber beide ihre Plätze gewechſelt, oder vielmehr die rechten noch nicht eingenommen, denn der Harpunier ſteuert das Boot an den Fiſch hinan, was eine ſehr ſichere geübte Hand erfordert, und der Bootsſteuerer ſteht vorne mit der Harpune, den Fiſch zuerſt zu werfen und an ihn feſt zu kommen. Hat aber die Harpune gefaßt, dann nimmt der eigentliche Harpunier mit der Lanze(eine wirkliche Wurf⸗Lanze ohne Wider⸗ haken) zum Tödten des Wallfiſches den Platz vorn im Boot ein und ſein Wurf muß gerade hinter die Finne auf einen etwas ausgehöhlten dunkleren Fleck 376 treffen, wo das mächtige Thier allein tödtlich ver⸗ wundet werden kann. Die Leine, an der die Harpune ſaß, ſauste in⸗ deſſen rauchend durch die vorn auf dem Boot zu dem Zweck angebrachte offene Klüſe(Stoßpinnen) und das Boot ſchoß blitzesſchnell hinter dem herüber und hinüber zuckenden Fiſch drein. Patrik ſtand jetzt vorne im Boote, die Lanze zum Wurf aufgehoben, und die Leute holten mit Macht Leine ein, ihr kleines Fahrzeug wieder zum Todesſtoß für den Gefangenen an ihn an zu ziehen. Jetzt kamen ſie hinan, Patrik bog ſich zurück, und während der Schwanz des rieſigen Thieres faſt dicht neben ihnen das Waſſer ſchlug und es ſich hob, um der jetzt ihm bewußten Gefahr zu entgehen, ſauste der tödtliche Stahl in die weiche Flanke des Feindes tief hinein. Im Nu riß ſie aber der Harpunier mit einem triumphirenden Blitzen der Augen zurück, den Stoß zu wiederholen, als ſich der Fiſch im Schmerz und Todeswuth raſch und plötzlich wandte, daß die See, ſeine Seiten peitſchend, ziſchte und ſchäumte. „Dickes Blut, dickes Blut!“ jubelten die Leute in dieſem Augenblick, aber„zurück!“ ſchrie die Stimme des Harpuniers in lautem gellendem Ton, 377 und wie ſich der Bootſteuerer mit ganzem Gewicht in ſeinen Riemen warf, und weit hinaus über das Boot lehnte, um den Bug deſſelben raſch herum zu werfen, und bevor die Leute ſelbſt ihre Ruder in die Dollen werfen konnten, kam der gereizte Wal, der ſeinen Feind jetzt ſo dicht vor ſich ſah, mit offenem Rachen heran. Mit halbem Wurf ſich dabei aus dem Waſſer ſchleudernd, hielt es den rieſigen Rachen geöffnet, und während das Boot ſeinen Bug herum warf, ihm zu entgehen, faßte er es g'rad in der Mitte und während er es mit ſeinen Kiefern zuſam⸗ menpreßte, riß er die dünnen Planken auseinander, als ob ſie von Papier geweſen wären. Patrik ſah die Gefahr, und wußte im erſten Augenblick was ihnen bevorſtand. Mit ruhiger feſter Hand ſchleuderte er aber dennoch die ſchon wieder gehobene Lanze gerad' nach dem Auge des Feindes, das er traf und durchbohrte— aber das Boot konnte er nicht damit retten. Das wüthende Thier fühlte im Todeskampf vielleicht nicht einmal die neue Wunde; nur das dicke ſchwarze Blut aus⸗ blaſend und allein noch in dem einen Bewußtſein, dem der Rache, knirſchte es das Boot zuſammen, und die ſchäumende blutige Fluth wirbelte im näch⸗ ſten Augenblick über einer Maſſe von Trümmern 378 und Schwimmenden, die nur in dem nächſten Gefühl der Erhaltung ein Bret zu faſſen ſuchten. Patrik ſelber hatte faſt unbewußt und krampf⸗ haft noch im Sturz die Leine gepackt, in der die Har⸗ pune ſaß. Als ſie ſich um ſeinen Arm ſchlang, riß ſie ihn wenige Minuten ſpäter mit fort durch die blutige Fluth, hinaus in freies Waſſer und nach unten, und er wäre verloren geweſen, wenn der Fiſch nur noch für Sekunden länger Leben behalten hätte. Aber der erſte Wurf hatte ihn zu ſicher getroffen, und wieder nach oben kommend, ſchwamm er ein⸗, zweimal im Kreiſe herum, peitſchte mit den rieſigen Floſſen die zitternden Wogen um ſich her und trieb dann lang⸗ ſam und todt in der blutigen Fluth. Patrik, der mit ihm wieder nach oben gekommen und von dem getödteten Fiſch ſo unfreiwillig eigent⸗ lich in's Schlepptau genommen war, zog ſich jetzt raſch zu dem mit der Oberfläche gleich ſchwimmen⸗ den Koloß hin, und die dort noch haftende Harpune ergreifend half er ſich in demſelben Augenblick hinauf, als ein wilder Schrei dicht hinter ihm ertönte. Er⸗ ſchreckt wandte er ſich darnach um— der Hülferuf klang gar ſo entſetzlich und markdurchſchneidend; aber ihm ſelber ſtieß es wie mit einem Meſſer in's Herz, als er, gar nicht weit von ſich entfernt, die dunklen Floſſen zweier Haie erkannte, die raſch und gierig herüber und hinüber ſchoſſen, während das Gurgeln im Waſſer dicht hinter ihm, und das Peit⸗ ſchen der Wogen die Stelle verrieth, wo einer ſeiner Kameraden in den erbarmungsloſen Fängen einer dritten Beſtie den Todeskampf kämpfte. Wie ſich die Geier und Raben um ein ſterbendes Vieh ſammeln, ſo ſteigt aus dem Grunde herauf der Hai, plötzlich und unerwartet, dem Schwimmer zum Verderben, und was er einmal gefaßt, das iſt auch ſein und er hält es, ſich herumwirbelnd, wie in eiſer⸗ nen Fängen. Hie und da trieben jetzt noch einzelne der Unglück⸗ lichen aus dem zerſchmetterten Boote, die ſich theils an die Ueberreſte deſſelben geklammert, theils einen Riemen gefaßt hatten, ſich über Waſſer zu halten; aber nur noch drei waren übrig von all den kräftigen lebensfrohen Geſtalten, die keck und trotzig noch wenige Minuten vorher der Gefahr ins Auge ge⸗ ſchaut, und die Hyänen der Tiefe wütheten jetzt unter ihnen. Was half der mit dem Arm nach ihnen geführte machtloſe Schlag, was der gellende Auf⸗ ſchrei der Verzweiffung— er war Muſik in den Ohren der kalten furchtbaren Raubthiere mit den Katzenaugen und der rieſigen Kraft, und der blutige 380 Schaum, der in der nächſten Sekunde auf der Ober⸗ fläche des Meeres ſchwamm, war das Leichentuch der Unglücklichen und zeichnete ihr Grab. „Das iſt furchtbar!“ ſtöhnte Patrik, der kaum die Kraft behielt ſich auf dem ihn jetzt noch ſchützen⸗ den Körper des Wals zu halten,—„Furchtbar, ſo enden zu ſollen, und keine Hülfe!“— und das Auge ſuchte verzweifelnd das rettende Schiff, das weit, weit am Horizont von ihm ab kreuzte, den an⸗ dern Booten nach. Und wenn ſie ihn dann auch ver⸗ mißten und ſuchten, und das Boot nicht mehr finden konnten, mit dem Glas, und hier auf⸗ und abſegel⸗ ten Tage lang, was half es ihm?— Nur Stunden, Minuten vielleicht waren ihm noch gegeben, und ſeine Henker wälzten und jagten ſich um ihn her und ſprangen und tauchten in wilder befriedigter, aber nimmer geſättigter Luſt. Schaudernd barg er das Geſicht in die Hand, die eigene Gefahr faſt vergeſſend, nur den Todeskampf der Kameraden nicht zu ſehen,— war er ja doch ein Spiegelbild deſſen, was ihn ſelber erwartete. Aber das Ziſchen und Schlagen des Waſſers um ihn her zwang ihn zuletzt, mit dem Inſtinkt der Selbſterhal⸗ tung, die ſich bis zum letzten Augenblick ſelbſt an den Strohhalm klammert, auf eigene Rettung zu 381 denken, oder ſein Schickſal doch wenigſtens ſo lange hinaus zu ſchieben wie möglich, um eben der Mög⸗ lichkeit einer Hülfe überhaupt noch Raum zu geben. Die Harpune in dem Rücken des Wals, die er um ihr mehr Feſtigkeit zu geben, noch tiefer in den Blubber hinein e, bot ihm eine Stütze, ſich auf der ſchlüpfrigen glatten Maſſe zu erhalten. Denn wenn er auch ein paar Mal daran dachte, das Eiſen herauszuſchneiden und ſich deſſelben als Schutzwaffe gegen den gierigen Hai zu bedienen, mußte er den Gedanken doch immer wieder aufgeben. Hinunter geſpült in die Fluth, wäre ſelbſt das ſcharfe Eiſen nicht Wehr genug gegen den ſchnellen Hai geweſen, der herüber und hinüber ſchießend, ſein Opfer doch zuletzt gefaßt und dann trotz allen ihm vielleicht ver⸗ ſetzten Wunden in die Tiefe gezogen hätte. Aber eines konnte er thun. Der Stiel der Har⸗ pune, ein kurzer, ſtämmiger Eichenſtock, von vielleicht zwei Zoll im Durchmeſſer, ſtack noch im Eiſen feſt, und den hob er heraus, befreite ihn mit dem kurzen Meſſer, das in ſeinem Gürtel hing und das jeder Matroſe bei ſich trägt, von der Leine, und behielt noch Zeit, dieſe von der Harpune zu löſen und wie⸗ der daran zu feſtigen. Indem er nun die Harpunen⸗ leine zum beſſeren Halt um ſeine linke Hand ſchlang, 382 faßte er den ſtämmigen Stock jetzt mit frohem Selbſt⸗ vertrauen in die Fauſt und ſah mit zuſammengebiſſe⸗ nen Zähnen und neu erwachtem Muth dem erſten Angriff des Feindes entgegen, der indeſſen lange auf ſich warten ließ.. Die Haie waren für den Anlick geſättigt und ſpielten mehr in den Strömen des Blutes, die rings das Waſſer färbten, als daß ſie nach neuer Beute verlangten. In dem Blute ſelbſt hatten ſie auch wei⸗ ter keine Witterung mehr und ſuchten nur manchmal, wenn auch vergebens, einen Halt an dem ſchlüpfri⸗ gen, breiten Körper zu bekommen, ja ſchwammen auch wohl faul und ſchläfrig hinter den aus dem Boot geſchlagenen, treibenden Brettern und Riemen her, hier eins faſſend und eine Weile im Rachen haltend und dort eins mit dem runden, ſchaufelförmigen Oberkiefer vor ſich hinſtoßend. Das Wetter war glücklicher Weiſe ſtill und ruhig, und nur der Oſtpaſſat warf leichte Wellen, in deren Wogen der Fiſch ſich ebenfalls hob und ſenkte, aber keiner der Haie war bis jetzt ſo nahe gekommen, daß er ihn geſehen, oder wenn geſehen, beachtet hätte, und er hoffte ſchon, vielleicht unangegriffen ſeinen Platz behaupten zu können, bis das Schiff zu ſeiner Rettung herbei käme, oder wenigſtens ſeine Boote — — ſchickte. Aber wo war das Schiff?— Heiliger Gott, keine Ausſicht auf Entſatz noch in langer Zeit, denn ſelbſt auf die Entfernung hin konnte es dem Auge des Seemanns nicht verborgen bleiben, daß es noch immer von ihm abhalte, in den Wind hinein. Die anderen Boote waren alſo ebenfalls feſtgekommen und, mit den genommenen Fiſchen langſeits, gar nicht einmal mehr im Stande nach ihm zu ſuchen. Die Sonne brannte ihm dabei heiß und ſengend auf den Scheitel, und die Zunge klebte ihm am Gau⸗ men. Waſſer!— die kühle Fluth netzte ſeinen Fuß, und ſollte er darin verſchmachten?— Er kniete nie⸗ der und wuſch ſich Stirn und Schläfe und Augen und Lippen, um einige Kühlung in der Gluth zu haben, und dann band er ſich, da er beim Zerſchla⸗ gen des Bootes auch ſeinen Hut mit eingebüßt, ſein Taſchentuch über den Kopf, um ihn etwas gegen die ſtechenden Strahlen zu ſchützen. Durch dieſe Bewegung mußte aber einer der Fiſche auf ihn aufmerkſam geworden ſein, oder konnte auch, wenn gleich geſättigt und überſättigt, doch die Gier nach neuer Beute nicht mäßigen; denn wie er den Kopf eben emporrichtete, bemerkte er, daß eine der größten ihn umſchwimmenden, hoch aus dem Waſſer ragenden dunklen Rückenfloſſen gerade und raſch auf ihn zugeſchwommen kam. Er behielt auch in der That kaum Zeit ſich emporzurichten und mit ſeiner Wehr zum Schlag auszuholen, als ein tüchti⸗ ger Burſch von vielleicht dreizehn Fuß Länge heran⸗ geſchoſſen kam und ſich mit der gerade ſteigenden Woge halbum auf den Rücken des Wals drehen wollte, um was dort oben ſich noch befand, herunterzulangen. Mit der Gefahr kehrte aber dem Seemann all der friſche tollkühne Muth zurück, und den ſchweren Harpunenſtock in der Rechten und mit der Linken das Tau noch immer gefaßt, um ſeinen feſten Stand zu bewahren, traf er den eben die Oberfläche berüh⸗ renden Kopf des Ungethüms mit ſo kräftigem, gut gezieltem Schlag, daß der Hai halb betäubt von dem Fiſch zurückglitt und wegſank, ehe er ſich zu einem neuen Angriff rüſten oder vielleicht auch entſchließen konnte. Aber andere Haie hatte das Geräuſch, das Plät⸗ ſchern und Schlagen herbeigelockt, und wenn ſie auch nicht gleich einen unmittelbaren Angriff auf das kecke Menſchenkind machten, das ihnen in ihrem eigenen Element zu trotzen wagte, ſo umſchwammen ſie doch den Ort wo er ſtand in immer engeren Kreiſen und kamen ein paar Mal ſelbſt ſo nahe, daß Patrik ſie mit dem ſtarken Ende des Holzes genugſam über die 385 Kiemen traf, um ihnen in Zukunft mehr Reſpekt ein⸗ zuflößen. Der Hai iſt aber ein gierig ſtöckiſches Vieh und kehrt, wenn gleich ſelbſt ſchwer verwundet, immer wieder zu einer einmal gewitterten Beute zurück, ſo lang er nur noch die Kraft dazu in ſich fühlt. So auch hier. Wieder und wieder mußte ſie das ſchwere Holz belehren, daß hier noch nichts für ſie zu holen ſei, ſo lange wenigſtens nicht, als ſich der junge Ire noch ſtark genug fühle, gegen Hunger und Durſt, gegen den ſengenden Sonnenſtrahl und die ſtete furchtbare Anſtrengung ſeiner Nerven in der entſetzlichen ihn umgebenden Gefahr anzukämpfen. Und das Schiff?— keine Rettung von dort! Tiefer und tiefer ſank die Sonne, und weit zu wind⸗ wärts noch, lag das Schiff mit ſeinen hell ſchimmern⸗ den Segeln. Gieriger aber wurden die ihn umſchwim⸗ menden Beſtien, die vergebens ihre Fänge in die zähe Haut des Spermfiſches einzuſchlagen ſuchten, und wie die Sterne ſich im Oſten entzündeten und nach und nach über den ganzen Himmel flammten, ſah er die glühenden Strahlen in der phosphoresci⸗ renden Fluth herüber und hinüber ſtreichen, wie die Fiſche zu und abwärts ſchwammen, und ihn in immer engeren Kreiſen umzogen, und die Gefahr für ihn wuchs mit der Nacht. Gerſtäcker, Blau Waſſer. 4 25 Wohl erkannte er die für ihn ausgehangenen La⸗ ternen ſeines Schiffes, ja er ſah, als es völlig dun⸗ kelte, den hellen Feuerſchein der Blubberlampen und das matte Licht ſogar, das von den Kochöfen der Thranſieder ausging und in den aufgegeiten Segeln ſeinen Wiederſchein fand; aber was half das ihm? Wie durfte er hoffen, von dem Schiffe aus in dunkler Nacht geſehen und aus ſeiner furchbaren Lage geret⸗ tet, befreit zu werden? Und würden menſchliche Kräfte bis zum nächſten Morgen das ſo ertragen können?. Er war kaum noch im Stande ſich auf den Füßen zu halten, und ſuchte kurze Erholung wenigſtens darin, daß er Minutenlang, oder ſo lange ihn die immer wieder näher kommenden Fiſche ließen, auf ſei⸗ nem wunderlichen Floße kniete. Einmal verſuchte er ſogar, ſich, wenn auch im Waſſer, oh nur ein einzi⸗ ges Mal der Länge nach auszuſtrecken. Vergebene Hoffnung! Seine Peiniger ließen ihn nicht ruhen, und die Gefahr war zu furchtbar nah, von ihnen überraſcht, gefaßt und ſeinem Tode entgegen geriſſen zu werden. Der gierigſte der Burſchen, ein junger Fiſch von kaum mehr als acht Fuß Länge, packte ſogar einmal die Harpune ſelbſt, hinter die er getreten, und hielt 387 ſie lange genug, um von der zurückweichenden Welle halbtrocken auf dem Spermfiſch gelaſſen zu werden. Da traf ihn aber Patriks Harpunenſtiel dermaßen über den tückiſch drohenden Schädel, daß er betäubt von dem ſchlüpfrigen Wal zurückglitt, das Weiße vom Bauche aufdrehte und verſank. Aber andere nahmen ſeinen Platz ein, und nur der Gluthenſtreif, den ſie im dunklen Waſſer zogen, verrieth ihr Nahen und mahnte den Unglücklichen jedesmal, dem neuen Angriff die Stirn zu bieten. Stunde um Stunde verging ſo in dem entſetz⸗ lichen Ringen um ſein Leben; aber neue Hoffnung er⸗ wachte in ihm, als das Schiff jetzt näher und näher kam, und der wieder abgefeuerte Schuß hell und klar zu ihm herüber tönte. Jetzt konnte er ſchon das Deck ſelber erkennen, ja die Geſtalten ſogar, die ſich in demſelben Lichte hin⸗ und her bewegten.„Ahoy!— o ahoy!“ tönte ſein wilder verzweifelter Schrei hinüber zu den Kamera⸗ den, die, ohne ihn zu bemerken, an ihm vorüber trei⸗ ben wollten—„ahoy!“ Wieder galt es ſein Leben zu vertheidigen, denn die Fiſche, von dem Ruf der menſchlichen Stimme angelockt, kamen von allen Seiten herbei, und die 25* 388 dunklen Rücken ſtreiften und theilten die Oberfläche des Waſſers an vielen Stellen. Da und dorthin traf ſein Schlag, das Ende des zähen Holzes war ſchon zerſplittert in den verzweifelten Streichen— Streiche, die einen Stier betäubt haben würden, und bei dem Hai nur höchſt ſelten mehr Wirkung ausübten, als ihn auf kurze Zeit zurück zu treiben. Und das Schiff?— Da drüben trieb es, faſt in Rufes Nähe; wieder ſchmetterte ein Kanonenſchuß zu ihm herüber, und die darauf folgende Pauſe benutzte er auf's Neue, den gellendeun Hülferuf dorthin zu ſen⸗ den, wo ihm ſo nah und doch unerreichbar die Ret⸗ tung lag. Aber der Wind kam von dort herüber; ſo deutlich er den Schall des Geſchützes hörte, ja ſelbſt dann und wann den einzelnen Laut einer Stimme vom Deck zu unterſcheiden glaubte, ſo wenig ver⸗ mochte ſein eigener Ruf hinüber zu dringen. Nur die Feinde um ihn her machte er mehr und mehr rege und gierig, und ihre Angriffe wurden häufiger. Was die Hoffnung auf Rettung bis dahin wach gehalten, ſeine Kraft, ſein guter Muth— ſie ſanken, als er das Schiff vorbeitreiben ſah, ſanken, als ihm kein Mittel geblieben war, ſeine Nähe zu verkünden. Nur der krampfhafte, faſt unbewußte Trieb der Selbſt⸗ erhaltung ließ es ihn noch gegen den Angriff der gie⸗ rigen Beſtien bis zur letzten Kraft, zum letzten Athem⸗ zug vertheidigen. So ſchwand die Nacht— das ſüdliche Kreuz am Himmel drehte ſich langſam— langſam nach Weſten, und dort hinten im fernen Oſt dämmerte der Tag. Er ſah das noch— erkannte, wie die Sonne dem Meer entſtieg, erkannte wieder die Umriſſe ſeines Schiffs, die ſchlanken Maſten und die aufgegeiten Segel, wollte noch das letzte verſuchen, ſein Daſein zu verkünden, und verſuchte das Hemd auszuziehen und es zu ſchwenken, dem Ausguck im Maſt ein dent⸗ liches Zeichen,— er vermochte es nicht mehr. Die Glieder waren ihm ſtarr und ſteif, ſelbſt die Stimme verſagte ihm den Dienſt und ſchwand in ein leiſes Röcheln. Seine Augen brannten, der Kopf wirbelte ihm, und eine neue wilde Idee, wie ein Irrlicht auf weitem Meer, blitzte in ihm auf und ſchien alles An⸗ dere, jeden Gedanken an Hülfe oder Rettung, jede Hoffnung, jeden weiteren Blick um ſich her zu ver⸗ drängen. Er fing an unter den ihn noch immer raſtlos umſchwimmenden Haien ſich den einen auszuſuchen, auf den er ſich werfen und den er mit dem ſcharfen kurzen Meſſer, das er trug, zugleich mit ſich vernich⸗ ten wolle. Wieder und wieder hatte ihn der bedrängt und ihm nicht Ruhe noch Raſt gelaſſen auch nur eine Stunde lang: immer auf's Neue, wenn auch immer wieder mit dem ſchweren Holz empfangen und zurück⸗ geſchlagen, kehrte er auf's Neue, der gierigſte unter der gierigen Schaar, und Rache wollte er an dem. Aber die Kräfte verließen ihn, die furchtbare Aufregung ſeines Geiſtes und Körpers drohte ihn zu bewältigen. Während die Haie ſeit Tagesanbruch, wenn ſie auch nicht den getödteten Wal verließen, doch keinen direkten Angriff mehr auf den Mann machten, der ihnen ja doch bald zur Beute fallen mußte, war er in die Knie geſunken und folgte halb bewußtlos nur mit den Blicken den dunklen, dräuen⸗ den Floſſen. Er hatte das Schiff ganz vergeſſen. Das laut herüber gerufene Hallo des rettenden Bootes weckte ihn zuerſt aus ſeiner Betäubung,— er ſah das Boot, aber er ſchien kaum zu begreifen, was es wolle, wo er ſich eigentlich befinde. Aber er richtete ſich noch einmal auf— fühlte ſich von ande⸗ ren Armen unterſtützt, von freundlichen herzlichen, ermuthigenden Worten begrüßt und ſank ohnmächtig zurück. Der Harpunier hatte nun allerdings Ordre be⸗ kommen, wenn er den dunklen Punkt, den ſie von Bord aus geſehen, erreiche und einen todten Wall⸗ ————— — — fiſch finde, ein Zeichen durch das Wehen einer mit⸗ genommenen weißen Flagge zu geben, und dann dort zu bleiben, bis ihm die anderen Boote zu Hülfe ge⸗ ſchickt werden konnten, um den todten Fiſch in's Schlepptau zu nehmen. Sie hatten aber nicht erwar⸗ tet, einen einzelnen, halbtodten Kameraden darauf zu finden. Er gab deshalb wohl das Zeichen und ſtieß die mitgenommene Flagge in den Körper des todten Wals, damit die anderen Boote den Platz finden könnten, ruderte dann aber, ſo raſch ihn die Riemen ſeiner Leute vorwärts zu bringen vermoch⸗ ten, mit dem Geretteten zum Schiff zurück. Drei von den Haien, die ſich die ſchon ſicher ge⸗ hoffte Beute nicht ſo leicht wieder wollten entreißen laſſen, folgten dem Boot, und wurden von dem Har⸗ punier, der ſich wohl denken konnte, wie ſie den Ka⸗ meraden dort geängſtigt und bedrängt, einzeln vom Boot aus mit der Lanze geworfen und erlegt. Leipzig, Druck von Gieſecke& Devrient. ——*——————y, 8 4.—.— 4* 8—— ͦ—— ſſüſſſf