8½ — — und Dunket — von—— uren Gerſtäcket.— 8 31ä. Kell und Nunkel. Geſammelte Erzählungen von Friedrich Gerſtäcker. Erſter Band. ——— Teipzig, Arnoldiſche Buchhandlung. 1859. Der Verfaſſer behält ſich das Recht der Ueberſetzung vor. Inhaltsverzeichniß. Der Wilddieb. Werner. Ein Name. Die Stiefmutter. 3 Californiſcher Miethszwang. Die neue Geiſterwelt Das Wirthshaus„Zur Krone“ in Hollendeik, einem ziemlich großen Grenzdorf in Mitteldeutſchland, war heute tüchtig beſucht, und die Schenkmädchen hatten kaum Hände genug, die, aus der weiten Nach⸗ ba tzuſammengeſtrömten ungewöhnlich zahlreichen Kun bedienen. Und doch war die Krone eigent⸗ eſte Wirthshaus im Dorf, denn der wyenkte eben ſo gutes Bier und hielt an⸗ weit beſſere Küche als jene. Nirgend bekam ulich einen beſſer zubereiteten Wildbraten, als othen Hirſch, und die Fracht⸗Fuhrleute, die unter⸗ egs außerordentlich gut verpflegt ſein wollen, hatten denn auch den Hirſch beſonders protegirt, und der Wirth ſtand ſich vortrefflich dabei. Wenn aber die Frachtfuhrleute bei ihm einkehrten, machten die Förſter und Forſtbeamten der Gegend deſto weniger mit ihm zu thun haben. Kerdelmann, Gerſtäcker, Hell und Dunkel. I. 1 2 wie der Wirth hieß, ſtand nämlich in dem Verdacht, das diele Wild, das er verbrauchte, nicht immer aus der rechten Quelle zu beziehen, ſondern— wenn er auch nicht ſelber wilderte, doch mit den Wilderern in der Nachbarſchaft in gefährlicher V Verbindung g zu ſtehen. Es war aber außerordentlich ſchwer ihn darin zu über⸗ führen, denn er kaufte auch ziemlich viel herrſchaftliches Wild, und was er außerdem von über der Grenze her⸗ über bezog, konnte ihm gar nicht nachgerechnet werden. Ob er alſo mit Wilderern direct verkehrte oder nicht, ließ ſich nicht beweiſen, wenn man ihn nicht eben einmal auf friſcher That ertappte, und dazu war Ker⸗ delmann zu geſcheut, hatte ſich wenigſtens bis jetzt, trotz allen Aufpaſſens, noch nicht die mindeſte Blöße gegeben. Daß das die Forſtleute ärgerte, läßt ſich denken, und während Kerdelmann fortwährend außerordentlich freundlich und höflich gegen ſie blieb, haßten ſie ihn nur deſto offener, und manche von ihnen gaben ſich nicht einmal die Mühe, ihren Groll zu verheimlichen. So ſtanden die Sachen, als der erſte Sonntag im November eine große Zahl von Forſtbeamten in Hollendeik verſammelt hatte, um örtliche Forſt⸗ und Jagdintereſſen zu beſprechen, wie auch zugleich einen alten Streit über die Jagdgrenze mit dem Nachbar⸗ — 3 revier beizulegen. Das Geſchäftliche ward im Laufe des Nachmittags größtentheils erledigt und was ſonſt noch zu thun fübrig blieb, auf den nächſten Tag ver⸗ ſchoben. So ſaßen denn die grünröckigen Gäſte jetzt um die Dämmerungszeit plaudernd mitſammen im Wirthshaus, alte Bekanntſchaften erneuernd oder neue knüpfend, und das Bier, oder auch hier und da eine Flaſche Wein machte bald die Köpfe warm. Die Forſtleute hatten ſich im Wirthszimmer der Krone ſo nahe zuſammen und dadurch auch von den übri⸗ gen ſo abgeſondert wie möglich geſetzt. Jäger haben es nicht gern, daß die Bauern höven was ſie mit einander ſprechen, und wenn es ſelbſt gleichgültige Dinge wären. Es fällt doch hie und da einmal ein Wort, das ein Lauſcher aufſchnappen und ſich zu Nutze machen könnte. Indeſſen konnten ſich die Förſter heute nicht ſo ſtreng abgetrennt halten. Mehrere der Gutsbeſitzer waren herüber gekommen, auch der Pfarrer hatte ſich einge⸗ funden und das Geſpräch drehte ſich, nachdem erſt die gewöhnlichen Jagdge eſchichten erſchöpft waren, bald um Dies und Jenes. Am letzten Tiſch, zwiſchen dem Fenſter und einer kleinen ſchmalen Thür, die in ein Schenkzimmer dar⸗ neben führte, unterhielt jedoch der Förſter Müller von Hollendeik mit dem Forſtrath Brauer, dem Förſter . 1* Wentzel vom benachbarten Herslinger Revier, ſo wie einigen Forſtgehülfen ein vertrauliches Geſpräch, das keine fremden Hörer duldete. „Ihr müßt beſſer drüben aufpaſſen,“ ſagte Müller. „Hols der Teufel, es wird mehr Wild von dort heim⸗ lich hier herüber geſchafft als wir das ganze Jahr hin⸗ durch auf unſerem Revier abſchießen dürfen, und wir haben alle Hände voll zu thun, um die Schufte nur von unſerm eigenen Wald entfernt zu halten.“ „Das iſt leicht geredet,“ brummte Wentzel,„aber gerade auf unſerer Seite liegen die großen Dickungen, und darin ſoll der Geier einem Hallunken von Wilde⸗ rer nachſpüren. Uebrigens glaub' ich gar nicht, daß bei uns ſo viel geſchoſſen wird, denn in den dichten Kieferbeſtänden kann man nicht pirſchen. Ich bin feſt überzeugt, das Meiſte, was geſtohlen wird, holen die Kerle aus Euren offenen Hölzern.“ „Ja, warum denn nicht?“ ſpottete der Forſtgehülfe Meier, der mit am Tiſche ſaß.„Von dem, was ſie bei uns holen, ſollen ſie nicht fett werden, dafür ſitzen wir ihnen zu feſt auf den Hacken. Sie da drüben aber ſind zu wenig Leute, und Ihren Kreiſern traut ich ge⸗ rade am allerwenigſten. Dem einen rothköpfigen Burſchen ſieht der Spitzbube aus den Augen heraus.“ „Wenn nur Alle ſo ehrlich wären wie der,“ ſagte der Forſtgehülfe Scholz,„er war früher allerdings ein Wilderer, aber ſeit wir ihn angeſtellt haben, und er mit der Flinte herumlaufen darf, können wir uns feſt auf ihn verlaſſen.“ „Er kriecht doch fortwährend an der Grenze her⸗ um,“ murrte Meier,„und ein paar Mal hab' ich ſchon ſchießen gehört, wo ich ſicher wußte daß er in der Nähe war.“ „Der wildert nicht,“ vertheidigte den Verdächtigen auch der Förſter Wentzel,„und daß er nicht gerade hübſch iſt, dafür kann er eben Nichts; das iſt eine Gottes⸗Gabe.“ „Schöne Gottes⸗Gabe,“ brummte der Forſt⸗ gehülfe,„der Galgen ſteht ihm auf dem Geſichte geſchrieben, und für ſolch ein Himmelsgeſchenk möchte ich danken. So viel iſt übrigens ſicher, daß ihn hier auf unſerer Seite jeder Bauer für einen Wilddieb anſieht.“ „Papperlapapp,“ brummte der Förſter,„auf das Geſchwätz geb' ich nicht ſo viel, und kenne meine Leute. Wenn die Schufte übrigens nur keine Hehler hätten, bei denen ſie ihr Wild jeden Augenblick mit Leichtigkeit unterbringen könnten, ſo ſollten ſie ihr Handwerk wohl von ſelbſt aufgeben. So aber, das iſt überall bekannt, brauchen ſie es ja nur nach Hollendeik zu ſchaffen und 6 die Waare iſt gut und ſicher aufgehoben. Den Hehlern ſolltet Ihr hier beſſer auf die Finger ſehen, nachher wären die Wilderer auch leichter heraus zu bekommen, und Unſereiner brauchte ſich drüben nicht immer aus⸗ lachen und an der Naſe herumführen zu laſſen.“ „Das iſt leider Gottes wahr,“ ſagte Müller mit einem derben, zwiſchen den Zähnen zerdrückten Fluch, „und ein Stück von meinem kleinen Finger wollt' ich hergeben, wenn wir dem Hallunken, dem Kerdelmann hier das Handwerk legen könnten. Die Canaille iſt aber mit allen Hunden gehetzt, und ſchlauer als der ärgſte Fuchs, der je im Walde auf vier Läufen herum⸗ gekrochen. Einmal denk ich aber verſagt's ihm doch, und dann Gnade ihm Gott, denn er hat mehr auf der Kreide, als alle Wilderer zuſammen.“ „Und ſchießt er denn nicht ſelber etwa?“ frug der Forſtrath. „Wild gewiß nicht,“ lachte Müller.„Er hat wohl eine Scheibenbüchſe und iſt mit auf allen unſeren Scheibenſchießen— aber auch immer baar Geld da⸗ bei. Er ſchießt erbärmlich, unter fünf Mal fehlt er zweimal die Scheibe. Nein, das Wilderern in Perſon muß er ſich ſchon vergehen laſſen, aber deſto gefähr⸗ licher iſt er dafür in ſeiner Küche.“ „Wenn man ihm nun einmal ein Stück Wild — ₰— 7 durch Jemand in's Haus ſchickte, auf den man ſich verlaſſen kann,“ ſagte der Forſtrath leiſe. „Nun, dann kauft er's,“ ſagte Müller—„er braucht ja nicht zu wiſſen wo es her iſt.“ „Aber der Ueberbringer müßte ihm geſtehen, daß er's geſtohlen hat, und es ihm zu einem Spottpreis anbieten. Nimmt er das, ſo haben wir ihn, und das Andere kriegen die Gerichte aus ihm heraus. Wenn man nur erſt einmal einen Haken hat, an dem man ihn faſſen kann.“ „Donnerwetter,“ flüſterte Meier,„das ging am Eude. Wir haben Ordre ein Paar Stücke Wild abzu⸗ ſchießen, und als ich heute Morgen hier herunterkam, traf ich am Rothenſtein⸗Eck ein Rudel an, aus dem ich ein feiſtes Thier*) herausſchoß. Da das kleine Pirſch⸗ haus nicht weit von dort war, ſchafft' ich's da hinein. Das Wild hätten wir alſo, aber wo finden wir einen Kerl, auf den man ſich verlaſſen kann, und den der Hirſchwirth nicht ſchon kennt.“ „Ich wüßte Einen,“ ſagte Scholz, der Forſtgehülfe vom Herslinger Revier— eben⸗ ſo leiſe.„Der Herr Förſter hat unſern Kreiſer auf heut Abend herüber⸗ *) Unter„Thier“ oder„Altthier“ wird ſtets die Hirſchkuh verſtanden, die im November feiſt und jagdbar iſt. beſtellt, weil er einen Brief erwartet, der gleich beant⸗ wortet werden ſoll. Wenn wir den an Kerdelmann ſchickten?“ „Den rothen Schöffel etwa?“ fuhr Meier auf. „Jawohl,“ ſagte Scholz,„und daß Schöffel ehrlich iſt, darauf wollte ich meinen eigenen Hals zum Pfande ſetzen. Außerdem hat er mit dem Kerdelmann früher einmal einen Streit gehabt, und ich weiß daß er ihm blutig gram iſt. Kann er ihm einen Streich ſpielen helfen, ſo thut er's gewiß.“ „Bleibt mir mit Eurem Schöffel vom Leibe!“ war die unwillige Aeußerung des Förſters Müller.„Und zudem kennt ihn der Hirſchenwirth zu gut.“ „Ebendarum,“ beharrte Scholz auf ſeinem Vor⸗ ſchlage.„Da wird er ſich über deſſen Rückfall in's Wilderern nicht wundern. Und Schöffel iſt ichlan genug, ſeine Rolle gut durchzuführen.“ „Kerdelmann iſt ebenfalls ſchlau,“ bemerkte Müller. „Riecht er Lunte, können wir uns heillos blamiren.“ „Die Gelegenheit kommt uns aber ſobald nicht ſo glücklich wieder,“ unterſtützte Wentzel den Vorſchlag des Forſtgehülfen Scholz.„Kerdelmann hat gerade jetzt viele Gäſte zu erwarten und iſt knapp an Wild. Er hat wenigſtens bei mir anfragen laſſen, ob's etwas für ihn gäbe.“ „Schöffel muß ſchon zur Hand ſein,— drüben am Forſthauſe,“ drängte Scholz zur Entſcheidung.„Soll ich ihn rufen?“ Und der Forſtrath ſchlug ſich endlich mit den Worten zu ſeiner Partei, daß Förſter und Forſtgehülfe doch ihren Mann kennen müßten, da ſie ihren Kreiſer ſo nachdrücklich in Schutz nähmen. Schließlich ergab ſich auch Müller. „Jede Perſon,“ ſagte er,„ſoll mir recht ſein, die dem Kerdelmann die Larve der Ehrlichkeit vom Geſichte reißt. Selbſt der Schöffel,— und bringt er es dahin, daß der Hirſchwirth verurtheilt wird, ſo ſoll er von mir fünf Thaler haben, und ich will's ihm vor allen Leuten abbitten, daß ich ihn für einen Wilderer ge⸗ halten habe.“ „So treffen wir denn unſere Anſtalten,“ mahnte Wentzel.„Aber hier darf ſich Schöffel nicht blicken laſſen— das muß an einem Orte mit ihm abgemacht werden, wohin kein Auge und Ohr reicht, das für Kerdelmann ſpioniren könnte.“ „Ich will Alles beſorgen,“ verſicherte der Forſt⸗ gehülfe Meier.„Den verdammten Hund in die Patſche zu bringen, dafür lief ich die ganze Nacht durch, wenn nur der Rothkopf— halloh— was iſt da los?“ unterbrach er ſich plötzlich, als er Gretchen, die Wirthstochter, gewahrte, die, hinter dem Stuhl des Förſter Wentzel gebückt, zu ſchaffen gehabt hatte. Die Jäger ſahen ſich überraſcht nach der vom Boden auftauchenden Geſtalt des Mädchens um. „Was giebt es, Gretchen?“ rief ſie Meier an. „Was es giebt, Herr Forſtaſſiſtent? Ein Geldſtück war mir entfallen und hierher gerollt. Da iſt es ſchon wieder. Kein Bier hier nöthig? Bitte reichen Sie mir das Glas des Herrn Forſtraths herüber. Ich kann ſo weit nicht hinüber langen.“. Meier gab ihr, mit eifriger Bemühung um ein galantes Auftreten, die leeren Gläſer. Das Mädchen mit den hellen Augen und der flinken, elaſtiſchen Be⸗ wegung entfernte ſich damit. „Wenn die Dirne nur Nichts von dem davon ge⸗ tragen hat, was wir hier mit einander geſprochen,“ ſagte der Wentzel.„Ich habe gar Nichts von ihrem Herankommen bemerkt.“ „Und wenn ſie uns wirklich gehört hätte,“ ſagte Meier,„ſo hat das keine Gefahr. Der Wirth hier und der Hirſchwirth ſind die ärgſten Feinde und die Tochter würde ſich überhaupt hüten aus der Schule zu ſchwatzen. Das iſt ein prächtig Mädchen und gar keine von den unbeſonnenen Plaudertaſchen. 4 „Aha,“ ſchmunzelte der Forſtrath,„für das ſchöne 11 Gretchen bürgt unſer Meier. Nun kein ſchlechter Geſchmack. Aber— was wollten Sie denn jetzt beſorgen?“ „Daß der Schöffel das Wild bekommt. Scholz geht wohl mit, der Inſtruction wegen. Ich möchte mit dem widerwärtigen Kerl weiter nichts zu thun haben und glaube auch nicht, daß er mir recht gehorcht.“ Scholz erklärte ſich bereit, indem er ſein Bier aus⸗ trank, ſeine Pfeife in die Taſche ſteckte und den Hut vom Nagel nahm. „Die Andern brauchen übrigens von unſerm Vor⸗ haben nichts zu wiſſen,“ erinnerte Meier mit einem Blicke auf die übrigen mit Forſtleuten beſetzten Tiſche. „Verſteht ſich,“ ſagte der Forſtrath,„reinen Mund vor allem Anderen, und ich denke, wir faſſen ihn diesmal.“. „Ja, wenn der Rothkopf ehrlich iſt,“ beſtätigte Meier.„Iſt das aber nicht der Fall— Na, meinet⸗ wegen— den Verſuch wollen wir wenigſtens mit ihmn wagen. Damit verließen die beiden Forſtgehülfen das Zimmer und ſchloſſen ſich nun die von ihrer Geſell⸗ ſchaft Zurückbleibenden wiederum den andern Gruppen von Gäſten an. auch hier ziemlich viel Gäſte an 8 II. Drüben im„Rothen Hirſch“ ging es allerdings nicht ſo lebhaft zu wie in der„Krone,“ aber doch ſaßen den Tiſchen, und be⸗ ſonders hatten die reichen Bauern aus dem Dorf, wie aupt, den„Hirſch“ zu ihrem Haupt⸗ verſammlungsort gewählt. Bauern und Jäger ſind einander ſelten grün; das war vor dem Jahr 48 ſo, iſt nachher eher moch ſchlimmer wie beſſer geworden und läßt ſich eigentlich beiden Theilen nicht verdenken. Der echte Waidmann hegt und pflegt ſein Wild; ſchießt nur eben ab was dringend nöthig iſt, und hat 4 Freude an jedem Stück das draußen den grünen Wald durchzieht. Er würde eben ſo bald daran denken, ſeinen eigenen Hund todt zu ſchießen, als jagdbare. Thiere— in der Zeit, in der ſie geſchont werden müſ⸗ die Bauern überh ſen— vom Hirſch herunter bis auf den Haſen oder das Rebhuhn. Der Bauer dagegen kennt keine ſolchen 13 Rückſichten. Nur wo es ihm das Geſetz verbietet, hält er die Schonzeit ein, und ſelbſt dann nicht, wenn er glaubt, daß es unbemerkt geſchehen könne. Daß den Waidmann ſolche„Aasjägerei“ verdrießt, läßt ſich denken, und nur die Bauern überall mit den nichts⸗ nutzigſten Schießprügeln ſumherlaufen zu ſehen, ohne ſie hindern zu dürfen, ärgert ihn jetzt deſto mehr. Was kümmert das aber den Bauern? Er hat durch die neuen Geſetze das Recht bekommen auf ſei⸗ nen eigenen Feldern„zu jagen“, wie er's nennt, und mit ſeinem alten Haß gegen den armen Haſen, der ihm früher ungeſtraft den Kohl fraß, rottet er Alles aus, was ihm vor die Flinte kommt. Die edle Jagd⸗ paſſion ſelber kennt er nicht, es iſt ihm alſo auch gleich⸗ gültig, ob es im nächſten Jahr noch etwas zu ſchießen giebt, nur„umbringen“ will er das„Viehzeug“, das draußen auf ſeinen Feldern herumläuft und wenn er das erreicht, iſt ſein Zweck erfüllt. Das nennt er Jagd. Die Bauern in Hollendeik wußten dabei recht gut, weshalb die„Grünröcke“ dem Hirſchwirth aufſäſſig waren. Daß die ihn eben nicht leiden konnten, hob ihn aber nur in ihrer Gunſt, und der Hirſchwirth ſtand ſich gerade nicht ſchlecht dabei. Ob er geſtohlenes Wild kaufte oder nicht, ging ſie Nichts an, ja wenn ſie es gewußt hätten,— von ihnen würde ihn keiner ver⸗ rathen haben. Trotzdem war der„Rothe Hirſch“ heute Abend ſchwächer beſetzt als gewöhnlich, denn Manche hatten ſich doch verleiten laſſen ihr Bier heute in der„Krone“ zu trinken, nur um das Leben dort mit anzuſehen. Während indeſſen ein Mädchen mit ein paar jungen Burſchen die Aufwartung im„Hirſch“ beſorgten, ſaß der Wirth mit Dreien von ſeinen Gäſten bei ſeinem gewöhnlichen Abendvergnügen hinter dem Kartentiſch und ſpielte Skat. Das Spiel ſchien ihn auch zu inter⸗ eſſiren; aber ſeine kleinen lebendigen grauen Augen flogen doch auch zu gleicher Zeit nach allen Seiten des Zimmers, zu überwachen, was um ihn her vorginn— und doch verlor er dadurch keinen Stich, oder machte ſonſt nur den geringſten Fehler. Kerdelmann war ein noch junger kräftiger Mann, voon vielleicht acht oder neun und zwanzig Jahren, ein Bauernſohn aus der braunſchweiger Gegend, der ſich, wie das Gerücht ging, mit ſeinem Vater überworfen hatte und darum hierher gezogen war. Von ſeiner Mutter mußte er aber ein ganz hübſches Vermögen geerbt haben, denn er kaufte in Hollendeik den Gaſt⸗ hof, worin ihm eine alte Tante die Hauswirthſchaft beſorgte. Die alte Tante war eine vortreffliche Köchin, 15 und der„Rothe Hirſch“ bekam bald einen ſo guten Ruf im Lande ſeiner Küche, wie der Eigenthümer deſ⸗ ſelben einen ſchlechten, des ſchon vorerwähnten Wild⸗ pretts wegen. Kerdelmann kümmerte ſich indeß gar wenig darum ob ihm die Jäger freundlich geſinnt oder nicht. An Gäſten fehlte es ihm nicht; die reichen Bauern im Dorfe waren ihm auch gewogen und wenn er in ſei⸗ nem Hauſe Tanzmuſik hielt, kamen die hübſcheſten Mädchen aus der ganzen Nachbarſchaft zuſammen. Daß er ſich aber unter dieſen noch keine Frau für ſeine Wirthſchaft ausgeſucht, war ſeine eigene Schuld, ob⸗ gleich es die Mädchen der Herrſchſucht der wirklich unſchuſdigen Tante in die Schuhe ſchoben. Daß Kerdelmann trotz alle dem ſchon gewählt, davon hatte keine von ihnen— eine einzige ausgenom⸗ men— auch nur die geringſte Ahnung. Eben ſchlug es auf der alten ſchwarzwälder Uhr, die noch von dem früheren Beſitzer her im Zimmer hing, neun. Das war die gewöhnliche Zeit, zu der die Spieler, einige hartnäckigere Kartenfreunde abge⸗ rechnet, ihre Marken einlöſten, ihr Bier austranken und nach Hauſe gingen. Auch heute war Kerdelmann um dieſe Zeit frei geworden, ſtrich ſeinen Gewinn ein, und hatte ſich an einen der anderen Tiſche geſetzt, dem 16 dortigen Spiel noch ein wenig zuzuſehen, als die Thür aufging und ein Mann hereintrat, der die Wirths⸗ ſtube des rothen Hirſches ſeit Jahr und Tag nicht be⸗ treten hatte. Kerdelmann ſah auch etwas erſtaunt nach ihm hinüber, blieb aber ruhig auf ſeinem Platz, es einem der Leute überlaſſend, den ſpäten Gaſt zu bedienen. Schöffel, der Kreiſer vom herslinger Revier, nahm auch im Anfang keine Notiz von dem Wirth, ließ ſich ein Glas Bier und etwas zu eſſen geben, und beſchäftigte ſich, als ihm das gebracht war, angelegent⸗ lich damit, bis der Wirth endlich aufſtand, langſam an ſeinem Tiſch vorbeiging, dann plötzlich wieder um⸗ drehte und auf dem ihm gegenüberſtehenden Stuhl Platz nahm. „Guten Abend, Schöffel,“ ſprach er dabei,„Wet⸗ ter noch einmal, Mann, es iſt eine lange Zeit, daß wir einander nicht geſehen haben— wohl bekomm's.“ „Danke ſchön,“ ſagte der Kreiſer—„daß wir übrigens einander ſo lange nicht geſehen haben, iſt Eure eigene Schuld. Ich mag mit keinem Menſchen Streit, aber—“ „Na, laßt die alte Geſchichte, Schöffel,“ ſagte der Wirth, ihm die Hand hinüberreichend, die Jener lang⸗ ſam nahm—„wir hatten damals vielleicht Beide Un⸗ —— —= 17 recht, und ſind jetzt mitſammen ſo viel älter und ver⸗ nünftiger geworden. Ich kann Euch auch ſagen, ich freue mich darüber, daß Ihr wieder zu mir gekommen ſeid, noch dazu, da mir Eure Leute eben nicht beſon⸗ ders grün ſind.“ „Meine Leute?“ ſagte der Kreiſer und ſah von ſeinem Eſſen auf. „Nun— die Förſter, meine ich. Sie haben nun einmal—“ „Hol ſie der Teufel,“ knurrte Schöffel zwiſchen dem Kauen durch—„mich reut's genug, daß ich mich mit ihnen eingelaſſen habe.— Früher war ich ein un⸗ abhängiger Kerl und verdiente reichlich.— Jetzt muß ich mich für ein paar lumpige Thaler wie ein Hund placken, und noch dazu jedes— Jungen gehorſamer Diener ſein.“ „Hm— Ihr ſeid nicht zufrieden?“ ſagte Kerdel⸗ mann, und ſchaute ziemlich ſcharf in ſeine Mienen hin⸗ ein. Schöffel ſah aber nicht von ſeinem Eſſen auf und antwortete mürriſch vor ſich hin: „Zufrieden— muß wohl zufrieden ſein, denn ich habe ein paar Kinder zu Haus, und wenn ich ihnen jetzt den Dienſt aufſagte, ſo paſſen ſie mir ſo auf, daß ich nur getroſt tagelöhnern könnte.“ „Was hat Euch denn heute Abend nach Hollendeik Gerſtäcker, Hell und Dunkel. I. gebracht?“ frug da der Wirth, als Jener eine Weile geſchwiegen und ſein Mahl beendet hatte. „Hierher gebracht?“ ſagte Schöffel—„was An⸗ deres, als einem der Laffen den Bedienten zu machen. Mußte unſerem Förſter ſein Gewehr herüberbringen — Gott verdamm' mich, wenn die jetzt nicht ſo vor⸗ nehm werden, daß ſie die Flinte nicht einmal mehr ſelber tragen mögen— aber— hm“— unterbrach er ſich plötzlich, leerte ſeinen Krug und warf einen flüchtigen, aber vorſichtigen Blick dabei in der ziemlich leer gewordenen Wirthsſtube umher. „Hier, Roſel, mehr Bier,“ ſagte Kerdelmann laut, eines der Mädchen herbeirufend, und bis das Getränk gebracht war, wechſelten die Beiden weiter kein Wort. Kerdelmann merkte jedoch, daß der Andere irgend et⸗ was auf dem Herzen habe, und hütete ſich daher dop⸗ pelt, ſich neugierig zu zeigen. Daß Schöffel bei ihm eingekehrt war, hatte jedenfalls einen Grund. Aber es blieb immer beſſer, daß Kerdelmann Jenen davon anfangen ließ, als daß er ihn ausfrug. Schöffel ſchien nichtsdeſtoweniger etwas Aehn⸗ liches zu erwarten, und nur als Kerdelmann hartnäckig ſſcchwieg und ruhig mit den Fingern auf dem Tiſch trommelte, begann er nach längerer Pauſe: „Sagt einmal, Kerdelmann, was habt Ihr den 19 Jägern eigentlich zu Leid gethan, daß ſie auf Euch ſo furchtbar ſchimpfen, und Euch alles Schlechte und Schlimme nachſagen?“ „Mir?“ frug Kerdelmann erſtaunt—„wer thut denn das, und was können ſie über mich reden?— Vor mir hat doch ihr Wild wahrhaftig Ruh' genug.“ „Bah“ winkte ihm Schöffel mit dem einen Auge zu, während er mit etwas leiſerer Stimme ſagte:„von dem können wollen wir eben nicht reden; aber hol's der Teufel, Andere treiben es noch viel ärger, und ſo wird doch nicht auf ſie eingehackt, wie auf Euch!“ „Wer ſchimpft denn über mich?“ ſagte Kerdel⸗ mann ruhig, während er vergebens in Schöffel's pocken⸗ narbigem Geſicht den Grund dieſer Theilnahme zu leſen ſuchte. „Wer?— nun beſonders u nſere Jäger“, ſagte dieſer,„die noch dazu die wenigſte Urſache hätten. Unſer Förſter iſt überhaupt ein nichtsnutziger Hallunke. Wenn er einem Menſchen etwas Schlechtes nachſagen ₰ kann, thut er's gewiß— und knapp wird man da ge⸗ halten.— Na, jetzt bei den⸗ theuren Zeiten ſoll einmal Einer mit hundert Thalern und Frau und Kindern auskommen, auch wenn man das Bischen Holz und 2 die Wohnung frei hat.“ 4 „Hundert Thaler iſt freilich wenig“, ſagte der 20 Wirth,„wenn man's auf das ganze Jahr vertheilt, und große Sprünge kann Einer dabei nicht machen.“ „Das weiß Gott“ brummte der Kreiſer„wenn man ſich daher einen kleinen Nebenverdienſt—“ Er ſchwieg wieder ſtill und ſah ſich im Zimmer um. Es war halb zehn Uhr und die Gäſte hatten ihre Plätze faſt alle geräumt. Nur an dem einen Tiſch ſaßen noch vier Kartenſpieler, eifrig mit ihrer Unter⸗ haltung beſchäftigt, während der eine Vurſche, der ſie bedienen ſollte daneben auf einer Bank eingenickt war. „Hm“, ſagte da Kerdelmann leiſe,„Ihr habt mir irgend was zu ſagen. Von denen hört's keiner, wenn Ihr mir's anvertrauen wollt.“ „Und Ihr würdet einen armen Teufel nicht ver⸗ rathen?“ frug der Kreiſer, mit noch vorſichtiger ge⸗ dämpfter Stimme. „Fällt mir nicht ein“, brummte der Wirth,„ich bin ganz zufrieden, wenn ſie mich nur ungeſchoren laſſen.“ „Dann will ich Euch auch geſtehen, was mich her⸗ geführt hat und— ganz aufrichtig mit Euch ſprechen. Ihr wißt, daß wir vor längerer Zeit einen Streit mit einander gehat haben und wenn ich Euch auch keinen Groll deshalb nachgetragen, mochte ich doch immer nicht den erſten Schritt zur Verſöhnung thun. Es 21 liegt das ſo in Einem und man weiß eigentlich ſelber nicht recht, woher es kommt.“ „Nun ja“, ſagte Kerdelmann ermuthigend,„es will ſich Niemand gern was vergeben, wie man ſo denkt. Uebrigens war die Sache nicht ſo ſchlimm, und Ihr nahmt den Handel nur ſo krumm, weil Ihr glaubtet, es wäre auf Euch abgeſehen geweſen.“ „Es iſt jetzt vorbei“, ſagte der Kreiſer,„und daß ich wieder zu Euch komme, und Euch— eigentlich mehr vertraue, wie ich vielleicht thun ſollte, mag Euch beweiſen, wie ich jetzt über die Geſchichte denke.“ „Na, aber da bin ich doch neugierig“, ſagte Kerdel⸗ mann, und rückte ſich ſeinen Stuhl etwas näher zu dem Gaſt hinüber. „Ihr kauft Wild, nicht wahr?“ frug da dieſer mit kaum hörbarer Stimme, indem er ſich zu dem Wirth hinüberbog. „Na, das konntet Ihr lauter fragen“ lachte dieſer, „daraus mache ich eben kein Geheimniß, denn ich ver⸗ kaufe es portionsweiſe an Alle wieder, die davon eſſen wollen.“ „Hm— ja— ich weiß“, ſagte der Kreiſer, wie es ſchien etwas verlegen,„aber wenn Ihr nun von den Förſtereien keins bekommen könnt, und es nothwendig braucht?“ Der Wirth erwiderte Nichts hierauf, ſah aber den Kreiſer ſo forſchend an, als ob er deſſen mnzeſit Ge⸗ danken durchdringen wollte. „Ach was“, fuhr dieſer aber plötzlich fort,„ich ſehe auch nicht ein, weshalb ich ſo lange hinter dem Berge halten und nicht mit der Sprache heraus ſoll. Ich will ganz aufrichtig mit Euch ſein und glaube, wir werden uns dann am Beſten verſtändigen.“ „Teufel noch einmal,“ verſetzte der Wirth,„was Ihr für eine Vorrede macht.„Ihr habt doch keinen Menſchen todtgeſchlagen?“ „Nein— das nicht“, ſagte Schöffel, dem nichts⸗ deſtoweniger in dieſem Augenblick faſt ſo zu Muthe war—„aber Ihr gebt mir vorher Eure Hand darauf, daß Ihr mich nicht verrathen wollt.“ „Muß ich's wiſſen?“ frug Kerdelmann vorſichtig, indem er die Hand noch zurückhielt. „Ja“, ſagte der Mann,„ich— wäre ſonſt nicht zu Euch gekommen.“ „Gut denn“, ſprach der Wirth, in die dargebotene Hand einſchlagend.„Aber nun ſchießt auch los, denn des iſt wahrhaftig ſchon dreiviertel auf zehn Uhr, und um zehn gehe ich jeden Abend regelmäßig zu Bett.“ „Wohlan“, ſagte der Kreiſer.—„Ich bin ein ar⸗ mer Teufel und kann von dem nicht leben, was ich 23 Gehalt bekomme. Die Herren, die Einen ſo knapp beſolden, zwingen uns ja förmlich dazu, daß man ſich nach einem anderen Einkommen umſieht, und da hab' ich denn heut' Abend, wie ich mit der Flinte von d'rü⸗ ben herüber kam— ein altes Thier geſchoſſen.“ „So?“ ſagte Kerdelmann, und ſah den Burſchen feſt dabei an,„das iſt aber eine verfluchte Geſchichte und kann Euch den Dienſt koſten.“ „Hm, ja— wenn's raus käme“, brummte Schöf⸗ fel.„Ich werde aber nicht ſo dumm ſein und das den Herren unter die Naſe reiben. Ich wußte nun Kerdel⸗ mann, daß. Ihr Wild kauft— ob vom Förſter oder von anderen Leuten, geht mich Nichts an, und da kam ich zu Euch, daß Ihr mir das Thier abnehmen möchtet — denn ich weiß nicht recht, an wen ich mich ſonſt wenden könnte.“ „Alſo darum ſeid Ihr zu mir gekommen?“ lachte Kerdelmann ſtill vor ſich hin.„Na, ich muß Euch aufrichtig geſtehen, ich habe gleich von vornherein ſo einen Gedanken gehabt, daß Euch nicht bloße Verſöhn⸗ lichkeit hierherführe. Doch das bleibt ſich gleich, die Hauptſache iſt, Ihr habt ein Thier geſchoſſen—“ „Nicht ſo laut“, warnte ihn Schöffel—„wenn die da hinten es hörten.“ — „Ach, die paſſen nicht auf uns, aber was kann ich dabei thun?“ „Was Ihrethun könnt?— abkaufen ſollt Ihr's mir, daß ich es aus dem Weg kriege, und— da ich damit in der Klemme ſitze, ſollt Ihr das ganze Stück auch zu einem Spottpreis bekommen. Es iſt ein alt Gelt⸗Thier“*)„feiſt wie Butter und ſchwer genug, und wenn Ihr mir fünf Thaler gebt, ſchaff ich es Euch heute Nacht noch hier in's Haus.— Wahrhaftig, es ſtand ſo verlockend vor mir, als ich den Berg herunter kam, daß ich ſchießen mußte, ich mochte wollen oder nicht. Ehe ich nur recht wußte, was ich that, knallt es, und da lag's, und zuckte und rührte ſich nicht tmehr. „Und wo liegt es jetzt?“ „Droben, gleich über dem neuen Schlag; vielleicht hundert Schritt von dem Pirſchweg, der durch die Kieferdickung führt. Soll ich's herunterſchaffen?— ich verlange das Geld micht eher, als bis Ihr das Wild im Hauſe habt,— gefällt Euch das Geſchäft, ſo denk' ich, können wir mehr derartige miteinander ma⸗ chen. Meiner Seel'’— es läuft genug ſolch' Zeug im Walde herum, und ich ſehe nicht ein, weshalb eine Fa⸗ milie hungern ſoll, nur damit ſich die Beſtien den *) Gelt⸗Thier nennt man die Hirſchkuh, die in dem Jahr kein Kalb gehabt. — Wanſt da draußen voll ſüßen Graſes äſen*)— s'iſt keine Vernunft drin.“ „Wenn's aber verrathen wird, kommen wir beide in Teufelsküche“, ſagte Kerdelmann nachdenkend. „Verrathen— wer ſoll's verrathen?“ fragte Schöffel—„Ihr habt doch gewiß irgendwo einen Platz, wo man es unbemerkt hereinſchaffen kann, und hängt es erſt einmal in Eurer Fleiſchkammer, wer kann dann beſchwören, in welchem Revier es ſeine Fährten eingedrückt? Das brauch' ich Euch aber Alles nicht weiter zu ſagen, und heut' iſt in ſo fern eine vor⸗ treffliche Zeit dazu, als die Förſter und Forſtgehülfen alle feſt im Wirthshaus drüben ſitzen. Den Schuß hat auch keiner gehört, und ein billigeres Stück Wild bekommt Ihr im ganzen Leben nicht wieder.“ Kerdelmann blieb noch eine Weile ſitzen und ſah ſtill vor ſich nieder.— Da ſchlug die Uhr zehn, und bei dem Schlag, in die Höhe fahrend, ſagte er raſch: „Gut— dann bringt es her— ich gehe jetzt mit Euch und zeige Euch, wo Ihr es hereinſchaffen könnt. Das Geld mög't Ihr Euch dann morgen früh um 9 Uhr holen; ſeid Ihr damit zufrieden?“ „Gewiß“, rief Schöffel, und griff dabei in die *) Aeſen: freſſen, vom Wild. 26 Taſche, das was er verzehrt, zu bezahlen. Kerdelmann hielt ihm aber den Arm und ſagte freundlich: „Laßt's nur gut ſein. Die paar Glas Bier möget Ihr auf unſere Verſöhnung getrunken haben.“ 3 „Dann dank ich auch ſchön“, verſetzte der Mann, die dargebotene Hand heftig ſchüttelnd—„auf unſere Verſöhnung und auf— gute Geſchäfte. Wenn wir beide zuſammenhalten, ſollen die Grünröcke wohl um⸗ ſonſt draußen die Augen offen halten. Ich dächte wir beide wüßten, wie wir ſie bei der Naſe herumführten.“ Damit nahm er ſeinen Hut, und der Wirth ging mit ihm hinaus, ihm das kleine Thor zu zeigen, durch das er ſein Wild in der Nacht auf ſeinen Hof ſchaffen konnte. Gleich darauf verließ Schöffel das Haus und ging aus nach dem Walde führte. Dieſer Richtung folgte er nur etwa ſo weit, als er glaubte, daß er vom „Hirſch“ aus beobachtet oder gehört werden konnte. Sobald er um die nächſte Ecke gebogen war, blieb er ſtehen, wendete ſich zurück und lachte ſtill in ſich hinein. „So iſt's recht, alter Fuchs; haſt Du die Wit⸗ terung endlich einmal angenommen?— Nicht wahr, das ſchmeckte, fünf Thaler für ein feiſt Thier, und „ langſam die Straße hinauf, die aus dem Dorfe hin⸗ das Verſprechen fernerer Lieferung?— Holzkopf Du, daß Du denk'ſt, der Schöffel hätte Dir ſchon die Prügel und die Schande vergeſſen, die Du ihm an⸗ gethan. Aber wart' mein Burſche, jetzt iſt die Zeit gekommen, wo ich Dir's wett machen kann, und wenn ich Dich einmal hinter dem eiſernen Gitter ſehe, trink' ich mir einen Rauſch vor Vergnügen. Alſo morgen früh um 9 Uhr; daß wir Zeugen dabei ha⸗ ben, dafür wird geſorgt ſein. In dem Augenblick, wo Du das Geld herausrückſt, haben wir Dich beim Kragen.“ Er rieb ſich bei dem Gedanken vergnügt die Hände und bog dann mit raſchen Schritten in die nächſte Straße ein, die nach der Krone hinunter führte. Kerdelmann blieb, als Schöffel die Straße hinauf⸗ ſchritt, noch einige Minuten in ſeiner Thür ſtehen. Er ſah aber dem Davongehenden nur flüchtig nach, und öffnete hierauf wieder die Gaſtſtuben⸗Thür. „Franz“, rief er dorthinein—„Franz!“— der Junge ſaß noch auf der Bank und ſchlief, bis ihn Einer der Gäſte anſtieß und er erſchrocken in die Höhe fuhr —„Franz!“ „Ja— ja wohl— hier bin ich.“ „Ich geh' zu Bette, Franz“, ſagte Kerdelmann— „ſchlaf mir nicht wieder ein, halt die Augen offen.“ Damit ging er hinüber und ſchloß ſeine Thür hin⸗ ter ſich ab, nahm dann den Hut vom Nagel, öffnete leiſe das Fenſter, das in den dunklen Hof führte, und glitt, von ſeinen Leuten unbemerkt, hinaus auf die Straße, die entlang er eine der engen ſeitabführenden Dorfgaſſen hinabſprang. 29 III. Die Dorfuhr hatte noch nicht lange zehn geſchla⸗ gen, als Meier, der Forſtgehülfe des Hollendeiker Re⸗ viers, den ſchmalen Pfad herunterkam, der aus dem Walde gerade auf das Wirthshaus zu und um deſſen kleinen Garten herumführte. Mit dem Terrain hier vortrefflich bekannt, verließ er am Gartenthor den Weg, ſprang über den niedern Zaun und ſchritt durch die ſchon ziemlich kahlen Beete der Hinterthür des Hau⸗ ſes zu. Dieſe wollte er eben öffnen, als er dicht neben ſich ein helles Tuch ſchimmern ſah. „Margarethe? rief er etwas erſtaunt, die Wirths⸗ tochter hier draußen zu finden,„biſt Du es Kind?— was thuſt Du noch ſo ſpät hier im Garten?“ „Flaſchen hab' ich herausgetragen, Herr Meier,“ ſagte das Mädchen ſchnell gefaßt, und es war gut, daß Meier in der Dunkelheit nicht erkennen konnte, wie ſie über und über roth geworden war.—„Die Herren 30 da drinnen haben ja einen ſolchen Durſt, daß man gar nicht weiß, wohin man mit den leeren Flaſchen ſoll.“ „Wo iſt denn der Vater, Gretchen?“ ſagte Meier, und ſüchte dabei ihre Hand zu faſſen, die ſie ihm aber entzog. „Drin' in der Stube iſt er,“ lautete die Ant⸗ wort,„gehen Sie nur hinein, wenn Sie ihn ſprechen wollen.“ „Aber ich will ihn gar nicht ſprechen, Gretchen,“ ſagte der junge Forſtmann,„ſondern Dich, und daß ich Dich jetzt gerade hier finde, hätte ſich nicht beſſer tref⸗ fen können. War biſt d zu denn immer ſo häßlich gegen mich??“? 8 „Ich?— häßlich mit Ihnen, daß ich nicht wüßte,“ ſagte das Mädchen und ſuchte den Arm frei zu bekom⸗ men, den er erfaßt hatte,„aber laſſen Sie mich nur los. Was ſollten denn die Leute denken, wenn uns hier Jemand ſähe. Ich gehöre hinein— Vater wird mich gleich rufen.“ „Gretchen— ich muß Dich etwas fragen, ehe ich Dich loslaſſe,“ ſagte aber der junge Forſtgehülfe drin⸗ gender,—„ſolche Gelegenheit findet ſich ſähald hüih wieder.“ „Aber wenn Sie mich was fragen wollen, ſo thun Sie's drinnen beim Licht,“ rief das Mädchen, das ſich —— — vergebens abmühte frei zu werden,„laſſen Sie mich los, ſag' ich, oder ich rufe um Hülfe.“ „Und willſt Du denn gar nichts von mir wiſſen, Gretchen?“ ſeufzte der Jäger, der ſie jetzt nothgedrun⸗ gen freigeben mußte.. „Hier draußen nichts,“ lautete aber die kurze Ant⸗ wort.„Schämen Sie ſich, Herr Meier, Sie haben mich gedrückt, daß mir der Arm morgen blau und braun ſein wird.“ „Aber beſtes Mädchen“— „Ja, da hätt' ich Zeit,“ ſagte die Dirne, ſprang in's Haus und trat dort in die Küche, deren Thür ſie hinter ſich zuwarf. Meier aber, mit einem halblaut gemurmelten Fluch, ging in das indeſſen auch ziemlich leer gewordene Wirthszimmer, dort den noch auf ihn wartenden Förſtern Bericht abzuſtatten. Er hatte das heute geſchoſſene Thier herunterſchaffen laſſen und Schöffel ſollte, wenn er vom Hirſchwirth zurück kam, noch hier vorſprechen, ſeine Meldung zu machen, ob der Wildhehler in die Falle gegangen ſei oder nicht. Draußen auf dem Gange hinter der Küchenthür horchte Margarethe indeſſen, bis ſie die Bahn frei wußte, und ſchlüpfte dann, als ſie hörte, daß der Jäger in der Stube war, raſch wieder hinaus in den Garten. Dort trat ihr ein Mann entgegen, nahm ſie ohne reich, und wer weiß, zu was mich die meinigen zwingen.“ 32 Weiteres beim Kopf und küßte ſie herzhaft ab. So bös das Mädchen aber vorher geweſen war, ſo widerſtands⸗ los ließ ſie ſich die Liebkoſung jetzt gefallen. Die Angſt jedoch, daß der Jäger jeden Augenblick zurückkommen könne, gab ihr keine Nuhe. Sie drängte den ungeſtü⸗ men Freund leiſe von ſich und ſagte bittend: „Du darfſt heut' nicht länger hier bleiben, Joſeph; das ganze Haus wimmelt von Jägern, und wenn Dich hier einer von ihnen träfe, wär' ich verloren. Mein Vater ſchlüge mich todt. Sie ſind ſo entſetzlich bös auf Dich, Alle miteinander.“ „Aber auf Dich nicht,“ entgegnete Kerdelmann,— denn kein Anderer war der ſpäte heimliche Gaſt— „was wollte der Laffe da erſt von Dir?“ „Was weiß ich's!— ſchmollte das Mädchen— „ich konnte den zudringlichen Menſchen kaum los wer⸗ den. Warſt Du ſchon hier?“ „Ich ſtand hinter den Bienenkörben, und wär' es nicht Deinetwegen geweſen, ich hätt' ihn lehren wollen mein Gretchen zu ärgern. Der Lump, der Meier war's vom hieſigen Revier.“ „Er ſchleicht mir auf Schritt und Tritt nach“, klagte Margarethe,„und hat ſchon gedroht, daß er beim Vater um mich anhalten wollte. Seine Eltern ſind * 33 Kerdelmann biß die Zähne auf einander. „Ich glaube, er wär' es im Stande und nähm eine Frau, auch wenn er ſie mit Gewalt zum Altar ſchleppen müßte. Daß er mir nur nicht einmal verkehrt in den Weg läuft, denn in dem Fall möcht' ich ihm die Heirathsgedanken wohl vertreiben.“ 1 „Nimm Dich vor den Jägern in Acht,“ flehte das Mädchen.„Sie führen Dir Schlimmes im Schilde und heute Abend ward ſchon wieder was wider Dich ausgeheckt.“ „Heute Abend?“ fragte Kerdelmann haſtig.„Was war es?“ „Ja, ich konnt' es nicht deutlich verſtehen,“ ſagte das Mädchen,„denn wie ſie mich am Tiſch ſahen, ſchwiegen ſie ſtill— aber es war von einem Rothkopf die Rede und vom Hirſchwirth, und der Meier wollte es beſorgen.“ „Was wird's ſein,“ lachte der Wirth,„die alte Ge⸗ ſchichte. Laß Dir das keine Sorgen machen,— Joſeph iſt ihnen doch Allen zu ſchlau. Aber— ich dank' Dir ſchön für die Nachricht; ſeh' ich doch d'ran, daß Du aufpaſſeſt, wenn ſie mir was anhaben wollen. Uebri⸗ gens geht mir die Geſchichte mit dem Meier im Kopf herum.—“ 5 Gerſtäcker, Hell und Dunkel. I.. 3 „Daß er's beſorgen will?“ frug das Mädchen er⸗ 5 chreckt. „Ach was, mag er beſorgen, was er will. Nein, daß er um Dich anhalten wird. Ich denk ich komm ihm zuvor, und— thu's ſelber.“ „Der Vater ſagt im Leben nicht„„ja,““ ſeufzte das Mädchen.„Er mag Dich eben ſo wenig leiden, wie der Meier, und gäb' ſeine Einwilligung nimmer zu unſerer Heirath.“ „Und gingſt Du mit, wenn ich fortzöge von hier?“ forſchte der Wirth, indem er das Mädchen feſter an ſich zog. „Die Mutter ſtürb', wenn ich ihr davonlief,“ flüſterte Margareth, ihre Stirn an ſeine Schulter lehnend.. Kerdelmann zog ſeine Brauen finſter zuſammen und ſagte endlich: „Und was wird aus uns? Haben Deine Eltern überhaupt das Recht, zwei Herzen von einander zu reißen?— Haben—“— „Pſt“— flüſterte das Mädchen, und drängte ihn ängſtlich zurück und dem dunklen Bienenſtand wieder zu, denn ihr ſcharfes Ohr hatte die Hofthür knarren hören und gleich darauf ſahen ſie, wie eine dunkle Ge⸗ ſtalt ſich dem Hauſe näherte und darin verſchwand. 35 „Wer war das?“ flüſterte Kerdelmann. „Ich weiß es nicht,“ erwiderte Margareth' eben ſo leiſe, aber ich muß hinein, denn ich könnte vermißt werden. Komm auch morgen nicht her, Joſeph, die Jäger werden noch hier bleiben, und wir dürfen uns der Gefahr nicht ausſetzen, entdeckt zu werden.— Uebermorgen ſind ſie wieder fort— gute Nacht.“ „Gute Nacht, Margareth'“ ſagte der junge Mann, und zog das Mädchen nochmals in ſeine Arme ,denen es ſich endlich langſam entwand und mit einem letzten Händedruck dem Hauſe wieder zueilte. Hier aber ſtreckte ſie eben den Arm aus, die Thürklinke zu erfaſ⸗ ſen, als ihr zwei Männer entgegentraten— Meier und der Kreiſer Schöffel. „Alle Wetter, Gretchen,“ rief Meier, ſobald er ſie erkannte,„noch immer Flaſchen in den Hof getragen? Dir muß es ja hier draußen ſehr gefallen, mein Schatz, daß Du fortwährend in dem dunklen Garten ſteckſt.“ „Was ich thue geht Niemandem etwas an,“ ſagte das Mädchen, glitt an den Beiden vorbei und raſch in das Haus hinein. „Nu, nu,“ brummte Meier hinter ihr her,„daß ich der ſpröden Jungfer nur nicht auf die Spur komme mit ihrer ſchrecklichen Sittſamkeit. Möchte wirklich wiſſen, ob wir hier nicht ein heimliches Stelldichein 3* 36 geſtört haben— verwünſchte hochnaſige Dirne— na wart', Dir werd' ich einmal aufpaſſen. Alſo Ihr thut jetzt was Ihr übernommen habt, und morgen früh um neun, nicht wahr?—“ 3 „Morgen früh um neun,“ ſagte der Andere, und ging ohne weitern Gruß um das Haus herum und wieder zur Hofthür hinaus. Meier blieb noch eine Weile auf ſeiner Stelle und horchte in den Garten hinein— dann muſterte er den Bienenſtand, als ob er dort Jemanden ſuche— aber er konnte Nichts fin⸗ den und kehrte langſam in die Wirthsſtube zurück. Schöffel hatte indeſſen das in die Wildkammer des Förſterhauſes geſchaffte Stück Wild aufgeladen und ſchritt damit dem„rothen Hirſch“ zu. Er hatte tüchtig daran zu ſchleppen. Ein ſtämmiger Mann jedoch wie er war brachte er es die kurze Strecke ſchon fort und blieb nur einmal unterwegs ſtehen, weil es ihm war, als ob er Jemanden hinter ſich höre— es mußte aber Täuſchung oder auch vielleicht der Schall ſeiner eige⸗ nen Schritte in der leeren, dunklen Straße geweſen ſein, und ohne ſich weiter daran zu kehren, ſetzte er ſei⸗ nen Weg fort. Bald erreichte er auch durch die offen gelaſſene Hinterthür den Hof des„Hirſches“, und als er das Wild an der bezeichneten Stelle abgelegt, wollte er den —— Wirth rufen, es ihm ſelbſt zu überliefern. Der war aber, wie ihm das Mädchen unten in dem noch offenen Hauſe ſagte, ſchon vor einer halben Stunde zu Bett gegangen, und dann durfte ihn Niemand wecken. Morgen früh ſei er jedoch bei Zeiten munter, und wenn er wolle, könne er da wieder vorkommen. „Nicht vor 9 Uhr,“ verſetzte Schöffel und ent⸗ fernte ſich. IV. Am andern Morgen war der Herslinger Förſter Wentzel frühzeitig drüben bei ſeinem hollendeiker Col⸗ legen Müller und die beiden hatten viel mit einander zu ſprechen. Ebenſo war nach den beiden im Ort ſta⸗ tionirten Gensd'armen geſchickt worden, die von ihnen ihre Verhaltungsanweiſungen bekamen. Gegen neun Uhr endlich ging Wentzel mit dem Forſtgehülfen Meier die Straße langſam hinab, dem rothen Hirſch zu, um dort in der Nähe zu ſein, ſobald ſie gebraucht würden. Gerade als ſie ſich dem Hirſch näherten, kam ein kleines Mädchen mit einem Brief in der Hand aus dem Hauſe, dem Kerdelmann folgte und noch in der Thür nachrief:— „Verlier mir den Brief nicht, und meine ſchöne Empfehlung drüben.“ —— 39 Das Mädchen nickte und trippelte dann an den beiden Jägern vorbei. „Ei guten Morgen, meine Herren“, redete dieſe der Wirth an—„ſchon ſo früh auf den Füßen? dachte, weil Sie geſtern Abend ein Bischen geſchwärmt hät⸗ ten, würden Sie heute Morgen auch etwas länger ſchlafen.“ „Guten Morgen, Kerdelmann“, ſagte Wentzel, während Meier nur ein paar Worte in den Bart murmelte, die eben ſo gut ein Gruß, wie eine Ver⸗ wünſchung ſein konnten. Damit ſchritten ſie langſam am Wirth vorüber. „Wie iſt's, Herr Förſter“, rief ihm dieſer nach, „kann ich noch immer Nichts an Wild von Ihnen be⸗ kommen? Es geht jetzt hölliſch knapp bei mir her mit Wildpret, und alle Gäſte verlangen danach.“ „Nun Kerdelmann“, verſetzte der Förſter, dem es eben erwünſcht kam, ein Geſpräch mit ihm anzu⸗ knüpfen—„das könnte ſich vielleicht machen. Wir ſol⸗ len in dieſer Woche eine Jagd halten, und da denk' ich doch, daß wir ein zwölf oder funfzehn Stücken auf die Haut kommen. Wie viel braucht Ihr?“ „Herr Kerdelmann“, rief in dieſem Augenblick ein Junge aus dem Wirthszimmer heraus—„Sie ſollen einmal einen Angenblick herein kommen. Der Mann 40 iſt d'rin— Sie wüßten ſchon, von wegen des Geldes.“ „Richtig“, ſagte der Wirth—„bitte, kommen auch Sie einen Augenblick mit herein, Herr Förſter; ich ſage Ihnen dann gleich, was ich brauchen könnte.— Der Mann iſt in der Hinterſtube, nicht wahr, Franz?“ „Ja wohl.“ „Sag ihm: ich komme gleich.“ Die Einladung kam den beiden Jägern vollends erwünſcht, ſie ſchmunzelten einander zu, indem ſie ihr folgten, als ſprächen ſie zu einander:„beſſer könnte ſich's ſchwerlich treffen.“ Kerdelmann ging hinter ihnen d'rein, und als ſie das Gaſtzimmer erreicht hatten, bemerkte er entſchul⸗ digend: „Ich habe nur ein kleines Geldgeſchäft abzuma⸗ chen, dann ſtehe ich augenblicklich wieder zu Dienſten.“ „Machen Sie nur Ihre Sachen ab, Kerdel⸗ mann“, genehmigte der Förſter,„wir haben ſchon ſo viel Zeit.“ „So, Schöffel“, ſagte der Wirth, als er zu dieſem in das kleine Hinterſtübchen trat—„ich habe mir das Wildpret angeſehen; es iſt gut und feiſt, und hier ſind — 41 Eure fünf Thaler. Nicht wahr, ſo viel verlangtet Ihr ja dafür?“ „„Jawohl, Kerdelmann“, ſagte der Kreiſer, indem ein eigenthümliches Grinſen über ſeine Züge zuckte. „Baar Geld lacht und das hier iſt ein hübſcher An⸗ blick— fünf blanke preußiſche Thaler. Aber wie iſt mir denn, es war mir doch, als ob ich meinen Förſter d'rüben reden hörte? Er hat doch nichts gemerkt?“ „Was ging' es ihn an?“ beruhigte ihn der Wirth. „Das Wild iſt ja nicht auf ſeinem Revier geſchoſſen. Kommt getroſt mit hinüber; ich will Euch ein Glas Bier einſchenken laſſen.“ Schöffel war an's Fenſter getreten und hatte dort ſeinen Hut aufgeſetzt. Kerdelmann, der ſich ge⸗ rade von ihm abgewandt, ſah es nicht, daß über den Hof herüber ein paar Gensd'armen kamen und in ſein Haus gingen. „Gleich bin ich bereit“ ſagte der Kreiſer,„ich wollte mir das Geld nur etwas zur Seite ſtecken. Wenn ſie bei Unſer einem eine Taſche voll harter Thaler ſehen, iſt der Teufel los. So— jetzt bin ich fertig— aber reinen Mund gehalten, Kerdelmann. Ha ha ha!“ „Ich verrathe einem Dritten ſo wenig davon, wie 42 Ihr ſelber“, ſcherzte der Wirth.„Ja, wer uns Beide zuſammen fangen will, muß pfiffig ſein, heh?“ „Gewiß— hahaha“, entgegnete der Kreiſer— „verfluchte Schlauköpfe, die wir Beiden ſind.“ „Ah— noch mehr Beſuch“, ſtaunte der Wirth, als er ſein Gaſtzimmer in dieſem Augenblicke öffnete die beiden Gensd'armen dort neben den Jägern erblickte.„Iſt Ihnen ein Frühſtück gefällig? Hier, Franz, ſchaff' einmal Bier her für die Herren. Nun, was ſteht der Bengel da und ſperrt das Maul auf! Soll ich Dir Beine machen: 276 „Kerdelmann“, ſagte da Meier, indem er auf den Wirth zutrat und ihm ſtier in's Auge ſah,—„wir haben ſchon lange gewußt, daß Ihr es heimlich mit dem Geſindel haltet und den Wilderern, wo Ihr es nur bekommen könnt, das geſtohlene Wild abkauft.“ „Es iſt mir lieb, Herr Forſtaſſiſtent,“ unterbrach ihn Kerdelmann, indem er mit einem leichten höhni⸗ ſchen Zug um den Mund dem auf ihm haftenden Blick des Jägers begegnete,„daß Sie mir das eben im Bei⸗ ſein von Zeugen geſagt haben; die Herren hier, na⸗ mentlich die beiden Gensd'armen werden mir das vor Gericht bezeugen.“ „So iſt's recht, ſpottete Meier,„der Musjeh hat auch noch das große Maul. Aber— es ſoll ihm bald gelegt werden. Gensd'armen verhaften Sie den Wirth — er hat dieſen Morgen dem Kreiſer Schöffel da, der ſich für einen Wilderer ausgegeben, ein Stück Wild heimlich für fünf Thaler abgekauft und in ſeinem Schuppen verſteckt. Schöffel wird Euch zeigen, wo es liegt— er hat ſo eben ſein Geld von dem Diebshehler eingeſtrichen.“ Der Förſter Wentzel hatte den Wirth während der Anktage ſcharf beobachtet, ohne in ſeinem Erbleichen die Anerkennung der Schuld zu leſen. Zu ſeinem Er⸗ ſtaunen blieb Kerdelmann vollkommen gefaßt, ja, ein leiſer, boshafter Triumph zuckte um ſeine Mundwinkel, als er ſagte: „Was muthet man Euch zu, Schöffel? Ehrlicher Junge,— und dennoch? Wenn Ihr mir das gleich geſagt, daß Ihr mit den Herren Förſtern einverſtan⸗ den wäret, hättet Ihr mir eine Müh' erſpart. Aber es ſchad't Nichts. Ja, wenn die Sache ſo ſteht, mein verehrter Herr Forſtaſſiſtent Meier, ſo werde ich Sie wegen Ihrer Injurien gegen mich nicht verklagen: Sie haben es eben nicht beſſer gewußt, und was der Menſch in ſeiner Dummheit thut, ſoll man ihm nicht ſo hoch anrechnen.“ Meier wechſelte vor Zorn die Geſichtsfarbe, För⸗ 44 ſter Wentzel aber rückte dem Wirth mit der Frage auf den Leib: „Sie wollen doch nicht etwa leugnen, daß Sie dem Schöffel das Stück Wild abgekauft haben?“ „Leugnen?“ ſagte Kerdelmann verwundert.„Mein Gott, wo wollt' ich leugnen, was einmal die Wahr⸗ heit iſt! Aber ſehen Sie nur, was der Burſche, der Schöffel, jetzt für eine erbärmliche Rolle ſpielt. Be⸗ trachten Sie, wie der Kerl daſteht. Er kann die Augen nicht aufſchlagen— er ſchämt ſich wie ein Pudel, der bei'm Stehlen erwiſcht iſt. Ich habe dieſen Menſchen immer für einen Lumpen gehalten, daß es aber ſolch' eine gemeine Canaille wäre, die einen ehrlichen Mann hinterrücks abſichtlich in's Unglück zu bringen ſucht, das wäre mir doch nicht im Traume eingefallen.“ „Euer Schimpfen wird Euch vergehen, wenn Ihr erſt im Thurm ſitzt“, ziſchte der Kreiſer zwiſchen den zuſammengebiſſenen Zähnen hindurch, ohne jedoch den Wirth dabei anzuſehen. „Es iſt nur die Frage, mein Burſche, wer eher in den Thurm kommt, Du oder ich“, erwiderte der Wirth. In dem Augenblick ging die Thür auf, und das kleine Mädchen, dem er vorhin den Brief gegeben, kam her⸗ ein.„Ah, Käthchen“, wandte ſich Kerdelmann zu die⸗ ſem,„haſt Du den Brief beſtellt?“ —— 45 „Ja, Herr Kerdelmann— der Förſter wird gleich herunterkommen. Er zog ſich nur den Rock an— der⸗ weil bin ich vorausgeſprungen.“ „Das iſt alſo beſtellt,“ ſagte der Wirth,„und nun, meine Herren, thut es mir leid, daß wir uns gegenſei⸗ tig umſonſt angeſtrengt haben, die Geſetze aufrecht zu halten. Kommt her, Schöffel— reicht mir die Hand — es thut mir leid, daß ich Euch für einen Wilderer gehalten habe. Wie hieß es vorhin, mein wackerer Freund: verfluchte Schlauköpfe, die wir Beide ſind, heh?“ Er bot dabei dem Kreiſer die Hand, der ſich aber nicht rührte, auch nur einen Finger anzunehmen, ſon⸗ dern nach ſeinem Kopfe griff und ſeine Stirn rieb, als wollte er ſich aus einem böſen Traum aufrütteln. „Eure Finten helfen Euch nichts, Kerdelmann“, rief da der Forſtgehülfe.„Wozu die Faxen? Ihr ſeid auf friſcher That ertappt. Vorwärts alſo, Gens'dar⸗ men, laſſen Sie ſich das Corpus delicti nicht ent⸗ gehen.“ „Sparen Sie Ihr Latein, mein guter Herr Meier“, entgegnete wohlgemuth der Wirth—„der Vorrath wird überhaupt nicht gar zu groß davon ſein und da draußen kommt ſo eben Ihr Herr Förſter, der wird die Sache aufklären. Thut mir nur leid, daß Sie ſich 46 vergebens auf meinen Schaden gefreut haben.'s war ganz hübſch ausgedacht, die Geſchichte, und wär' ich ſolch ein Eſel geweſen als wofür Sie mich hielten, ſo ſäß ich jetzt tief genug im Pech— o, ich kann mir recht gut denken, wie Sie jetzt mit mir umſpringen würden! Der einzige Fehler an der Rechnung iſt nur der, daß ich den ehrlichen Schöffel für einen wirklichen Wil⸗ derer hielt und daß ich ihn daher, bevor ich ihm einen Pfennig ausbezahlt, pflichtſchuldig beim Herrn Förſter dieſes unſeres Reviers angezeigt habe. Das war frei⸗ lich in der Ordnung. Indeſſen iſt's Einem doch ſchmerzlich, wenn man einen Ehrenmann in ſeiner Ver⸗ blendung für einen ſchlechten Kerl gehalten hat— nicht wahr?“ „Ihr hättet den Schöffel angszcigt ſchrie Meier erſtaunt auf. In dem Augenblick öffnete ſich aber ſchon die Thür und Förſter Müller trat ſehr erhitzt, etwas außer Athem und mit den Geberden einer pein⸗ lichen Verlegenheit in's Zimmer. „Willkommen, Herr Förſter“, rief ihm Kerdel⸗ mann freundlich entgegen—„aber ich habe auch Sie umſonſt bemüht, denn wie es ſcheint, läuft die ganze Sache auf einen Spaß hinaus.“ „Guten Morgen, Herr Kerdelmann“, dankte der Förſter, und man merkte es ihm ab, daß er ſich dem 47 8 Wirth gegenüber nicht behaglich fühlte.„Lieber Wentzel, unſer Verdacht war unbegründet. Ich hoffe, daß in der Sache noch keine weitern Schritte gethan ſind. Den Brief hier hat mir Herr Kerdelmann zu⸗ geſchickt. Es iſt Alles in guter Ordnung, Sie können Ihrem ſonſtigen Dienſte nachgehen“, richtete er ſich an die Gensd'armen, um ſie zu entfernen und gab dem Förſter Wentzel Kerdelmann's Brief. „Aber doch nicht, ehe Sie ein Glas Bier getrunken haben“, hielt der Wirth die Gensd'armen zurück. „Franz, ſetz' es uns daher. Die Herren werden jeden⸗ falls durſtig ſein.“ Wentzel entfaltete indeſſen den Brief und las ihn, während ihm Meier dabei über die Schultern ſchielte. Er war ganz kurz und lautete: „Lieber Herr Förſter, der Kreiſer Schöffel hat geſtern Abend auf Ihrem Revier ein alt Thier gewildert und mir zum Verkauf hergebracht. Ich habe es ihm abgenommen und die Bezahlung dafür ſoll ſo eben bei mir ſtattfinden; bitte Sie alſo augenblicks herunter zu kommen und Ihre Maßregeln beliebig zu ergreifen. Hochachtungsvoll Joſeph Kerdelmann.“ „Bedauere, Herr Meier“, ſagte der Wirth,„daß Sie ſich wegen meiner nutzlos angeſtrengt haben.— Nun ein andermal gelingts vielleicht beſſer.“ „Herr Kerdelmann“, ſprach der Förſter Müller, dem die Sache äußerſt fatal war,„die Leute haben nur ihre Schuldigkeit gethan, wenn ſie zu erfahren ſuchten ob der Verdacht, den wir einmal gegen Sie hatten, begründet ſei oder nicht. Es muß Ihnen ſelber lieb ſein, daß Sie ſich auf dieſe Weiſe gerechtfertigt haben.“ „Lieb, Herr Förſter?“ lachte der Wirth.„Hun⸗ dert Thaler in Silber nähm' ich nicht für dieſen Augenblick. Das alte Thier aber werd' ich nun wohl zu dem Preiſe behalten, zu welchem mir es im Auf⸗ trage der Herren verhandelt ward? Wie?— Und es wäre doch nicht angenehm, wenn die Geſchichte unter die Leute käme— Wir, die wir hier beiſammen ſind, werden daher darüber ſchweigen. Schöffel hat die Bezahlung— iſt's damit abgemacht?“ „Sei es ſo, Kerdelmann“, willigte der Förſter ein, dem ſelber am meiſten daran lag, daß die Sache ſo kurz und gut wie möglich beſeitigt werde.„Das Thier iſt Euer— aber Ihr entſchuldigt meine Eile,— ich habe zu Hauſe einige nothwendige Geſchäfte zu be⸗ ſorgen.“ „Wollen Sie nicht Platz zu einem Gläschen Wein nehmen, Herr Förſter?“ 49 „Ich danke ſchön— ich muß wirklich eilen, daß ich wieder nach Hauſe komme. Der Forſtrath will mich um halb zehn Uhr beſuchen, und es iſt faſt ſo weit in der Zeit wie ich eben ſehe. Begleiten Sie mich, Wentzel?“ „Ja— ich denke; guten Morgen Herr Kerdel⸗ mann.“ „Schönſten guten Morgen, meine Herren“, ſagte der Wirth—„und wenn Sie wieder einmal ſolch ein prächtiges Thier für den gleichen Preis haben, ſo ſetzen Sie mich doch ja in Kundſchaft.“ Die Jäger drehten ſich um und verließen raſch das Zimmer. Schöffel wollte ſich ihnen unmittelbar an⸗ ſchließen, als Kerdelmann dazwiſchen trat und zu ihm ſagte: „Na; ich danke auch, Kreiſer— und ſteh' Euch wieder einmal zu Dienſten.“ „Geht zum Teufel“, fluchte Schöffel in ſich hin⸗ ein, indem er den Wirth umging und ſeinen Vorge⸗ ſetzten nachſtürzte. „Aber ich hab' es gleich geſagt“, ſchalt Meier aus einer Seele voll Ingrium, als die Forſtleute wieder draußen auf der Straße waren, und er jetzt Jemanden ſuchte, an dem er ſeinen Aerger auslaſſen konnte,„der Gerſtäcker, Hell und Dunkel. I. 4 Schöffel hat uns zu Narren gehabt, darum zieh'n wir jetzt ab wie die begoſſenen Hunde.“ „Der Schöffel uns zu Narren gehabt 2“ brach der Kreiſer los, der dicht hinter Meier die Worte des Forſtgehülfen gehört hatte.„Jetzt ſoll ich am Ende die Schuld davon haben, daß uns der Kerdelmann durch's Garn gegangen! Ich! Da muß doch das Wetter— wenn Sie nicht Schuld ſind, Herr Meier, Sie mit Ihren klughänſigen Plänen. Das will Alles geſcheut ſein, Alles beſſer verſtehen, und wenn's nach⸗ her verkehrt geht, hat der Schöffel die Schuld— natürlich.“ „Klughänſigen Plänen?“ rief Meier, indem er ſich hochfahrend gegen den Kreiſer drehte.„Haltet Ihr Euer Maul, wenn Ihr ſo gut ſein wollt.“ Vor Ihnen nicht, Herr Meier; vor Ihnen noch lange nicht“, polterte Schöffel, durchaus nicht in der beſten Laune nach der ſ chmählichen Demüthigung durch den Wirth, den er hatte zu Schaden bringen wollen. „Maul halten— 2 Sie haben mir gar nichts zu ge⸗ bieten. Ich gehöre nicht in Ihr Revier und ſo geſcheut wie Sie ſind, bin ich ſchon lange geweſen.“ „Seid ruhig, Schöffel“, bedeutete ihn jedoch auch ſein Förſter—„das Streiten hilft uns nichts, und Meier meint es nicht ſo böſ'.“ 51 „Es iſt mir verdammt gleichgültig wie es Herr Meier meint“, grollte der Kreiſer,„ich brauche mir aber von ihm nicht vorwerfen zu laſſen, daß ich an der Schlappe ſchuld wäre. Da kann jeder Naſeweis kom⸗ men, wenn einmal eine Geſchichte verfahren iſt, und das Klugmaul ſpielen.“ „Ihr verdammter Hallunke“, rief Meier darauf, in welchem der Zorn längſt die Oberhand gewonnen. „Wenn ihr nicht ſogleich Euer Schandreden laßt, zer⸗ ſchlag' ich meinen Flintenkolben auf Euerem Schädel. Euch kennt man, und meinen Hals wollt' ich verwet⸗ ten, daß Ihr mit dem Schuft, den Wirth, unter einer Decke ſteckt. Ihr glaubt wohl, ich hätte nicht geſehen wie er Euch verſtohlen zublinzte.“ „Herr Meier“, ſtöhnte der Kreiſer, dem in dieſem Augenblick alles Blut aus dem Geſicht trat, indem er auf den Forſtgehülfen zuging. Man ſah es ihm an, daß er nur mühſam an ſich hielt, den lodernden Hader zu Thätlichkeiten zu treiben. Beide Förſter warfen ſich jedoch dazwiſchen, denn ſchon traten Leute herbei, zu ſehen, was der Zank bedeute, und Müller rief: „Meier, ich verbiete Ihnen, dergleichen Reden zu führen. Sie ſprechen damit mehr, als Sie verant⸗ worten können, und ich will, daß Sie Ruhe geben. Ich hoffe, Sie haben mich verſtanden. Und Ihr, 4* Schöffel, ſeid vernünftig, nehm't ein unbedachtes Wort nicht zu ſchwer. Niemand wälzt die Schuld auf Euch und Keiner von uns hat Euch in einem üblen Verdacht.“ „Ich danke Ihnen, Herr Förſter“, ſagte der Krei⸗ ſer,„ich weiß aber auch, daß ich Ihre gute Meinung verdiene, denn ich bin ein ehrlicher Mann. Was den Herrn Meier betrifft, ſo ſprechen wir uns noch, denn Vorwürfe, wie die ſeinigen, könnte nur ein Schuft auf ſich ſitzen laſſen“, und mit den Worten ſteckte er beide Hände in die Taſchen und bog ſeitab von dem Wege und von der Geſellſchaft der Jäger. „Sie haben ſehr Unrecht gethan, Meier, den Mann ſo zu reizen,“ ſagte Müller, als ſie der Kreiſer verlaſſen hatte.„Ich bin feſt überzeugt, daß er un⸗ ſchuldig iſt. „Und ich bin feſt überzeugt“ erwiderte Meier mit einem derben Fluch,„daß der Schuft uns jetzt alle miteinander auslacht. Wären Sie meinem Rath gefolgt, hätten Sie ihn nie dazu genommen.“ „Dem mag nun ſein wie ihm will“, ſagte aber auch Mentzel—„Sie thaten jedenfalls Unrecht, daß ſie gleich ſchimpften. Sie ſind überhaupt mit dem Mund ein wenig voraus, lieber Meier— Sie nehmen mir das nicht übel, und Kerdelmann wie Schöffel dürften Beide Sie wegen Injurien verklagen. Wenn wir zu Zeugen aufgerufen werden, müſſen wir beſtä⸗ tigen, was wir gehört haben.“ „Da bin ich ſicher,“ lachte aber Meier,„die klagen alle Beide nicht, und ſind ſeelensfroh, wenn ſie mit dem Gerichte Nichts zu thun bekommen.“ „Deſto beſſer für Sie,“ ſagte Müller,„wo man allen Streit vermeiden kann, ſoll man ihn nicht unnö⸗ thiger Weiſe mit Gewalt herbeiziehen. Doch—“ brach er kurz ab—„es iſt jetzt über die fatale Sache genug geſprochen— laſſen Sie es abgemacht ſein, und vor allen Dingen den Schöffel zufrieden. Hätte er wirklich mit dem Wirth gemeinſam Spiel gemacht, könnten wir ihm doch Nichts beweiſen, und Sie ſetzten ſich nur höchſt nutzloſer Weiſe Unannehmlichkeiten aus.“ Meier brummte noch etwas in den Bart, das mehr zu ſeiner eigenen Genugthuung, als für die bei⸗ den Förſter beſtimmt ſchien und der Förſter Wentzel ſchickte ſeinen Kreiſer noch an dem nämlichen Morgen auf das eigene Revier zurück, damit die Beiden aus⸗ einander gehalten wurden. W. Acht Tage waren ſeit den beſchriebenen Vorfällen verfloſſen. Aus dem Plan, den die Jäger mit dem Wirth gehabt, hatte dieſer durchaus kein Geheimniß gemacht, und Meier beſonders war von ſeinen Kame⸗ raden wegen der Rolle empfindlich geneckt worden, die er dabei geſpielt. Daß der Forſtgehülfe dadurch nur immer noch mehr gegen den Kreiſer aufgebracht wurde, den er für die alleinige Urſache des Mißlingens hielt, läßt ſich denken, und als er mit ihm im Laufe der Woche wieder einmal im Dorf zuſammen traf, kamen die Beiden ſo heiß aneinander, daß ein zufällig in der Nähe befindlicher Gensd'arm ſie trennen mußte. Kerdelmann hatte indeſſen, obgleich die Jagd im Nachbarrevier noch nicht abgehalten war, fortwährend wieder Wildbraten in Ueberfluß gehabt. Das eine alte Thier hätte dreimal ſo groß ſein müſſen, dazu auszu⸗ reichen, und dennoch war es nicht möglich die Quelle zu erfahren, aus der er ſein Wild bekam. Außerdem hatten die Förſter in letzter Woche zwei Schüſſe Nachts im Walde gehört, und zwar gegen Anbruch des Mor⸗ gens hin, weiter bis jetzt aber noch keine Spur finden können. Meier äußerte immer wieder ganz offen ſei⸗ nen Verdacht gegen den Kreiſer Schöffel und der Haß verdoppelte ſeine Wachſamkeit. Wenn er ihn einmal auf der That extappte, ſo durfte der Burſche auf keine Gnade rechnen. Unermüdlich war Meier deshalb die ganze Nacht im Walde, und wenn er auch über Tag nach Hollen⸗ deik zurückkehrte, fand ihn der Abend doch immer wie⸗ der draußen. Dort kroch er dann, ſobald der Mond aufging, in all den Dickungen umher, in deren Nähe gewöhnlich das meiſte Wild ſtand, oder doch ſeinen Wechſel dort. vorüber hatte. Die Nacht vom Montag auf den Dienſtag lag er ſolcher Art auch wieder oben. Am Abend vorher war ein leichter Schnee gefallen, der aber nicht lange liegen blieb, und gegen Morgen erſt erhob ſich ein friſcher Nordwind, der die Wolken vertrieb und die Luft bedeu⸗ tend abkältete. Der Himmel wurde dadurch aber rein, und der Mond ſtand hell und klar über dem ſchon ziemlich lichten Wald— nur im Weſten thürmte ſich wieder eine dichte Wolkenſchicht auf, die Regen oder Schnee für den nächſten Tag verſprach. Meier hatte den Kamm von einem der niederen Hügel erreicht und pirſchte langſam am Rand einer ſtarken Kieferndickung hin, die, mit einem vielleicht funfzehnjährigen Beſtand, eine faſt undurchdringliche Maſſe von in einander gedrängten Zweigen bildete, und dadurch zu einem trefflichen Schutzplatz des Wil⸗ des geworden war. Dicht daneben lag ein freier Buchenſchlag, auf dem ſelbſt jetzt noch reichliche Aeſung ſtand, und wenn ſich das Wild nieder thun wollte, war es ſicher, in den dichten, jungen Kiefern nicht geſtört zu werden. Die Kieferndickung bildete zugleich die Grenze zwiſchen dem Hollendeiker und Herslinger Revier.— Es dauerte auch gar nicht lange, ſo ſah er ein Ru⸗ del von ſieben Stück, zwei Hirſche mit einigen Alt⸗ und Schmalthieren, die ganz vertraut auf ihrem Wechſel aus der Niederung langſam heraufgezogen und keine Gefahr zu ahnen ſchienen. Der ſcharfe Nordwind wehte vom Schlag hinüber der Dickung zu und Witte⸗ rung konnten ſie ſolcher Art nicht von ihm bekommen. Dem Jäger lag aber daran, das Wild nicht ſcheu zu machen. Das laute Schrecken deſſelben hört man im ſtillen Wald außerordentlich weit, und wäre wirklich ein Wilddieb in der Nähe geweſen, würde er darnach gleich gewußt haben, daß irgend ein anderer Menſch ſich noch 57 außer ihm im Walde befand. Das zu vermeiden, drängte ſich der Jäger jetzt in die Dickung hinein, in der, dicht an ihrem Rande hin, ein ſchmaler Pirſchweg ausgehauen war. Auf ihm konnte man vollſtändig ge⸗ deckt am Schlage hinunter gehen und in gewiſſen kur⸗ zen Zwiſchenräumen dieſen nicht allein überſehen, ſondern mit Hülfe deſſelben auch überall leicht ein Wild anpirſchen, das ſich eben in Schußweite von der Dickung äſte. Hier, von den Kiefernbüſchen gedeckt, wollte er das Rudel Wildpret vorüberziehen laſſen und ſeinen Weg nachher den Gang hinunter und nach der Grenze hin fortſetzen, denn er hatte die Hoffnung noch nicht auf⸗ gegeben, den Kreiſer Schöffel endlich doch beim Wil⸗ dern zu ertappen. Eine Zeitlang verhielt er ſich ganz ruhig und horchte nur nach außen, ob er nicht in dem raſchelnden Herbſtlaub das vorüberziehende Rudel hören könne. Das Laub war aber nach dem letzten leichten Schnee⸗ fall noch feucht, und da ihm die Zeit endlich lang wurde, während er zugleich fürchtete, hier zu lange aufgehalten zu werden, kroch er, vorſichtig auch das geringſte Geräuſch vermeidend, wieder nach dem Rand der Dickung vor, um von dort aus den Schlag über⸗ ſehen zu können. Er hatte auch kaum den Kopf frei von den dichten Büſchen, unter denen er nichtsdeſtoweniger vollkommen verſteckt lag, als er gar nicht weit von ſich entfernt das Wild entdeckte. Ein Altthier mit einem Schmalthier und einem Spießer ging voraus, hinter ihm kam ein einzelnes Thier, dann folgte ein ziemlich braver Hirſch mit einem Gabler und hinter dieſem das andere ziem⸗ lich ſtarke, wahrſcheinlich gelte Thier. Die erſten Stück waren ihm faſt gegenüber, und etwa funfzig oder ſechszig Schritt entfernt, als plötz⸗ lich ein Schuß aus derſelben Dickung fiel, in der er ſelber lag, das letzte Thier mit einem jähen Satz her⸗ umflog und dann ſtehen blieb, während das übrige Wild in flüchtigen Sprüngen den Hang hinauffloh, und bald oben, ohne ein einziges Mal anzuhalten, über den Kamm des Hügels verſchwunden war. Meier, ohne den Blick von dem getroffenen Stück zu wenden, faßte in krankhafter Haſt ſein Gewehr. Der Schütze aber, wer es auch immer geweſen, ließ ſich nicht ſehen, und Meier's ſcharfes Ohr entdeckte bald, daß er die abgeſchoſſene Büchſe wieder lud. Er hörte das Einklopfen der Kugel, und wie der Ladſtock bald darauf zweimal aufſaß— dann war Alles wieder ruhig. Das kranke Stück Wild machte indeſſen keinen 59 Verſuch zur Flucht. Es drehte ſich ein paar Mal auf derſelben Stelle herum, auf der es ſtand und huſtete mehrmals. Einmal war es, als ob es auf das Dickicht zuhalten wollte, aber es konnte nicht mehr fort — fing an zu ſchwanken und that ſich langſam nieder. Zwei Minuten wohl hielt es hier noch den Kopf auf⸗ recht, dann ließ es ihn auf die Seite ſinken und fiel um. Meier hörte, wie es im Todeskampf mit den Läufen gegen einen jungen Eichenbuſch anſchlug— end⸗ lich lag es ſtill und regte ſich nicht mehr— es war verendet. — Und noch ließ ſich kein Schütze ſehen. Dem Schall des Schuſſes und dem Geräuſch des ſpätern Ladens nach, konnte er aber kaum funfzig Schritt von dem Lauſcher entfernt geſtanden haben, und wartete jedenfalls nur, ob nicht vielleicht ein Jäger in der Nähe geweſen wäre, der auf den Schuß herbeieilte. Meier jedoch war viel zu ſchlau, ſich den bisher ſo zufällig ge⸗ wonnenen Vortheil durch Ungeduld ſelber zu vernichten. . Rührte er ſich nur, daß der Wilderer den gefährlichen Feind in der Nähe ahnte, ſo brauchte der ſich bloß im Dickicht zu halten, und eine Verfolgung wäre dort ganz unmöglich geweſen. Das Beſte blieb alſo, ſtill abzu⸗ warten was der Burſche unternehmen würde. Hatte er dann das Dickicht verlaſſen, ſo war es ein Leichtes, * ihm den Weg dorthin abzuſchneiden— und er nachher verloren. Eine gute halbe Stunde lag der Jäger ſolcher Art noch auf der Lauer, ohne daß ſich auch nur das Ge⸗ ringſte gerührt hätte. Nur der kalte Morgenwind rauſchte durch die Kieferndickung und trieb raſchelnde Blätter aus den ſchon ziemlich leeren und einzeln auf dem Schlag ſtehenden Buchen nieder. Da entdeckte Meier endlich eine dunkle Geſtalt, die geräuſchlos aus dem Dickicht heraus und der Stelle zuſchlich, wo das verendete Thier lag, und das Herz klopfte ihm der⸗ maßen in der Bruſt, daß er kaum Athem holen konnte. Jetzt war aber auch nicht mehr viel Zeit zu verlie⸗ ren. So wie der Wilderer ſeine Beute aufgebrochen hatte, verließ er natürlich augenblicklich den für ihn gefährlichen Platz und die Grenze war kaum zweihun⸗ dert Schritt entfernt. Der Forſtgehülfe glitt deshalb ſo raſch, aber auch ſo geräuſchlos als irgend möglich zu dem Pirſchweg zurück, bis er ſich ſeiner Meinung nach in einer Höhe mit dem Wilddieb befand. Dann ſchlich er wieder dem Rand des Schlages zu, und hätte vor Freude faſt laut aufgeſchrien, als er dort zufällig an die von dem Wilddieb zurückgelaſſene Büchſe ſtieß. Im Nu entfernte er das ſchon wieder aufgeſetzte Zünd⸗ hütchen davon— hatte er den Frevler doch jetzt ſicher 61 — und richtete ſich eben auf, ihn anzuſpringen. Da fand er daß auch das nicht nöthig war. Der Wilddieb, der keine Ahnung haben konnte daß er ſo nah von ſeinem gefährlichſten Feinde belauſcht worden, mochte ſich doch auf dem offenen Schlag, ſelbſt für die kurze Zeit, die er zum Aufbrechen des Wildes brauchte, nicht ſicher fühlen. Er hatte deshalb ſeine vorher wieder geladene Büchſe auf den Rand geſtellt, von dem aus er geſchoſſen, und war eben nur hinaus gegangen, das erlegte Wild in die Kiefernbüſche zurück⸗ zutragen. Das erlegte Thier hob er ſich auch, trotz des nicht unbedeutenden Gewichts, unaufgebrochen auf die Schulter, und kam jetzt gebückt unter der Laſt, gerade auf die Stelle zu, auf der Meier, die geſpannte Dop⸗ pelflinte im Anſchlag, ſeiner harrend ſtand. Das Geſicht des Wilderers konnte der Jäger noch nicht ſehen, denn der Mond ſtand gerade hinter ihm, während er durch das Wild hinter ihm ganz in den Schatten kam. Ueberdies fing ſich der Himmel ſchon an mehr und mehr zu umziehen. Mit jedem Schritt kam aber der Wilderer auch näher, bis er endlich dicht vor dem Jäger und kaum noch fünf Schritte von der Dickung entfernt ſtand. Weiter durfte er ihn nicht laſſen, wenn er ſich nicht 62 der Gefahr ausſetzen wollte daß ihm der Burſche, ſo⸗ wie er ſich entdeckt ſah, doch noch entſprang. „Halt!“ donnerte ihm das Schreckenswort entge⸗ gen—„bei dem erſten Schritt, den Du weiter thuſt, ſchieß' ich Dich über den Haufen!“ Der Wilddieb zuckte zaſammen und faſt unwillkür⸗ lich ließ er das erlegte Stück von den Schultern zur Erde niedergleiten. Aber er rührte ſich nicht von der Stelle; als er jedoch den Kopf ein wenig gegen den Jäger erhob, rief dieſer in vollem Erſtaunen laut aus: „Kerdelmann— zum Teufel auch— das iſt aller⸗ dings eine Ueberraſchung. Das war vortrefflich ab⸗ gefaßt.“ 3„Guten Morgen, Herr Meier,“ ſagte der Wirth, ohne im Mindeſten ſeine Faſſung zu verlieren— ver⸗ deckte doch der Hut ſein Antlitz wenigſtens ſo weit, daß der Jäger die Todtenbläſſe nicht ſehen konnte, die ſich über ſeine Züge ſtahl—„ſchon ſo früh im Walde?“ „Etwas zu früh für Euch, wie mir ſcheint,“ lachte der Forſtgehülfe im vollkommenen Triumph der gelun⸗ genen Liſt.„Ihr wißt aber daß ihr mein Ge⸗ fangener ſeid. Bleibt da ſtehen, wo Ihr ſteht, denn der erſte Schritt, den Ihr zu machen verſucht, und ich ſchieße Euch eine Ladung No. 3 in die Beine.“ „Haben Sie keine Angſt, Herr Meier,“ verſetzte 63 der Wirth ruhig.„Ich habe gefehlt und muß nun die Folgen tragen. Würde mir auch verwünſcht wenig helfen, wenn ich davon lief, denn mein Wirthshaus könnt' ich doch nicht mit mir auf dem Rücken fortneh⸗ men, und erkannt haben Sie mich nun einmal.“ „Macht daher keine weiteren Umſtände,“ ſagte der Jäger, ohne jedoch ſeine Stellung, das Gewehr im Anſchlag zu verändern;„brecht das Stück auf und ſchultert es dann wieder, und kommt mit mir in's Forſthaus hinunter, daß ich die Anzeige machen kann. Euer Gewehr werde ich ſchon ſelber mitnehmen.“ Hm— ja,“ ſagte der Wirth, indem er ſein Taſchentuch herausnahm und ſich die Stirn abwiſchte, — es war ihm warm dabei geworden, als er das ſchwere Stück hier herüber getragen hatte,—„das habe ich mir ſo gedacht, daß es in ähnlicher Weiſe kommen würde, wenn der Böſe einmal ſein Spiel hätte, aber— vielleicht giebt's noch einen andern Aus⸗ weg—“ „Für Euch keinen, Kerdelmann,“ wehrte finſter der junge Forſtmann ab.„Ihr habt die Sache zu arg getrieben, ſammt Eurem Helfershelfer, dem rothen Schöffel. Nein, ich will nicht die ganze Woche hier umſonſt in Nacht und Nebel herumgezogen ſein.“ —— 4——— „Das ſollen Sie auch nicht, Herr Meier,“ ſagte der Wirth,„aber Sie ſind ein vernünftiger Mann, und ich denke, man kann ein vernünftiges Wort mit Ihnen reden.“ 1— „Euer Reden wird Euch wenig helfen,“ brach der Jäger ab, werft das Stück aus und macht, daß wir in's Dorf hinunter kommen, denn ich denke mir, es wird Euch doch wohl ſelber lieb ſein, wenn wir Hollen⸗ deik noch vor Tag erreichen.“ „Darin haben Sie allerdings recht, Herr Meier,“ ſagte der Wirth,„ich werde Sie aber nicht lange auf⸗ halten, und ich denke, was ich Ihnen zu ſagen habe, iſt des Anhörens werth.“ 3 „So macht es kurz— was iſt es? glaubt aber nicht etwa, daß Ihr mich nur ſicher machen wollt, um in das Dickicht zu entſpringen.“ „Ich denke gar nicht daran, Herr Meier,“ entgeg⸗ nete der Wirth, indem er ſich auf das neben ihm lie⸗ gende Stück Wild ſetzte und ſeinen Rock zuknöpfte, denn es fing ihn an zu fröſteln—„will's auch ſo kurz als irgend möglich machen. So hören Sie denn. In frü⸗ herer Zeit hatte mein Vater dort, wo wir wohnten, eine große Jagd gepachtet, und ich wurde von Jugend auf zum Schießen angehalten— auch bald ein ſicherer Schütze.“ 65 „Aber Ihr habt auf unſeren Scheibenſchießen nie etwas getroffen,“ unterbrach ihn Meier. „Man braucht den Leuten eine ſolche Fertigkeit nicht auf die Naſe zu binden,“ meinte der Wirth trocken.„Ich wurde alſo ein leidenſchaftlicher Jäger, und als ich hierher überſiedelt war, verſuchte ich um⸗ ſonſt von den Förſtern die Erlaubniß zu bekommen, mit auf die Jagd zu gehen— ich ward abgewieſen und abgewieſen.“. „Ich denke, wir haben gute Urſach dazu gehabt.“ „Vielleicht doch nicht,“ ſagte Kerdelmann.„Hätt' ich manchmal draußen mitſchießen dürfen, ſo würde ich kaum je an ein Wilddieben gedacht haben. So aber, da ich mich von meiner Paſſion ausgeſchloſſen ſah, ließ mich der Jagdteufel nicht ruhen noch raſten und ich—“ „Aber das gehört Alles nicht hierher,“ unterbrach ihn der Jäger ungeduldig. „Ich erzähle es Ihnen nur, um Ihnen zu beweiſen, daß ich nicht des elenden Gewinnes wegen, ſondern nur aus unüberwindlicher Leidenſchaft die gefährliche Liebhaberei getrieben habe. Ein Jäger weiß das zu ſchätzen, und ich glaube, es giebt wenig Jäger in der Welt, die nicht wilddieben würden, wenn man ihnen auf ein Mal verbieten würde, eine Flinte zu tragen.“ Gerſtäcker, Hell und Dunkel. I. 5 66 „Und wenn Ihr auch recht hättet,“ ſagte Meier, „ſo hilft Euch doch Alles nichts in dieſem Fall. Ob das Geſetz darin einen Unterſchied macht, weiß ich nicht, aber Euerer Strafe werdet Ihr nicht entgehen.“ „Das will ich auch nicht, Herr Meier,“ ſagte der Wirth gelaſſen,„es iſt mir nur nicht einerlei, wem ich ſie bezahle, und ich glaube, wir Beiden könnten das allein mit einander abmachen.“ 3 „Wir Beiden?“ ſagte der Jäger erſtaunt,„wie meint Ihr das?“ „Das will ich Ihnen ſchon ſagen,“ erwiderte Ker⸗ delmann,„Daß mich die Geſchichte, wenn ſie vor die Gerichte kommt, in's Teufels Küche bringt, wiſſen Sie ſo gut wie ich, daß Sie aber nicht vor die Gerichte kommt, das liegt noch in Ihrer Hand.“ „In meiner Hand?— da irrt Ihr Euch, guter Freund. Sobald ich die Anzeige gemacht habe, thun die Gerichte, was ihnen gefällt, und ich bin dann weiter nichts als ein Zeuge. Aber das Geſchwätz fruchtet nichts— macht, daß wir fortkommen; Ihr habt Euch ſelber zuzuſchreiben, was Euch heut' betroffen hat.“ „Noch einen Augenblick, Herr Meier,“ bat Kerdel⸗ mann, der nur mit Gewalt die furchtbare Aufregung bezwang, in der er ſich befand, und äußerlich auch wirk⸗ ich ganz ruhig ſchien—„ſind wir erſt einmal unten, 6 ſo läßt ſich allerdings nichts weiter an der Sache thun, von Keinem von uns Beiden und ich— möchte daher nichts übereilen.“ „Aber was wollt Ihr ſonſt noch?“ „Entweder,“ ſagte der Wirth,„werde ich um Geld geſtraft und dann macht mich der Proceß zu einem armen Mann, während Sie nichts davon haben, als etwa eine Belobung von oben— und vielleicht die nicht einmal— oder— ſie ſtecken mich in's Gefängniß und dann— iſt die Sache noch ſchlimmer.“ „Das Letztere geſchieht jedenfalls; darauf könnt Ihr Euch verlaſſen.“ „Ich glaube es auch, Herr Meier und das— fürchte ich gerade. Ich mache Ihnen deshalb einen Vorſchlag. Ihr Gehalt iſt nicht zu brillant, und was haben Sie davon, einen armen Teufel in's Unglück zu reiten, da es noch ganz in Ihrer Hand liegt es zu ver⸗ hindern. Zeigen Sie mich alſo diesmal noch nicht an, Herr Meier— Sie haben das Thier ſelber hier an der Grenze geſchoſſen oder wie Sie es ſonſt einrichten wollen und ich zahle Ihnen, wenn Sie mit mir hinüber in mein Haus kommen, 500 preußiſche Thaler auf einem Brett aus.“ „Ihr ſeid verdammt ſplendid heute Morgen, Ker⸗ delmann,“ entgegnete der Jäger,„und es iſt möglich, 5* daß Ihr den Schöffel um weniger gekauft habt. Laßt Euch aber derartige Gedanken vergehen. Euerer Angſt vor der Strafe will ich es zu gute halten, daß Ihr mir hier den nichtswürdigen Antrag macht, mich zu be⸗ ſtechen. Damit iſt die Sache nun aber auch vorbei. Jetzt brecht das Thier auf und macht, daß wir damit hinunter kommen, denn es fängt wahrhaftig an zu ſchneien, und ich habe Euch zu Lieb' ſchon genug Nächte hier oben geopfert.“ „Wenn ich nun mehr—“ „Spart Euer Geld, auch wenn Ihr viel reicher daran wäret, als ich an Latein,“ ſchnitt ihm der Jäger das Wort ab,„und wenn Ihr mir tauſend, ja fünf⸗ tauſend Thaler bötet, es hilft Euch nichts. Ich nähme ſie nicht für dieſen Augenblick, da ich Euch endlich ein⸗ mal erwiſcht und das Handwerk gelegt habe. Das iſt mein letztes Wort in der Sache. Der Himmel wirft den Schnee ſchon dicker und wir müſſen machen, daß wir in's Dorf hinunter kommen.“ „Wenn Sie nicht anders wollen,“ ſagte der Ker⸗ delmann mit einem aus tiefer Bruſt geholten Seufzer, indem er langſam aufſtand,„ſo bin ich freilich verloren, 8 ohne daß ich mich darüber beklagen darf. Ich habe eben gefrevelt und muß dafür büßen.“ „Wenn Ihr das einſeht, um ſo beſſer für Euch. Die Gerichte laſſen Euch vielleicht gelinder durch, als Ihr denkt, und Ihr kommt mit ein paar Jahren davon. Aber jetzt ſputet Euch, daß Ihr zu Stande kommt.“ „Daß ſoll bald geſchehen ſein, Herr Meier,“ ver⸗ ſicherte der Wirth, der jetzt, da ihm die letzte Hoffnung abgeſchnitten, ganz in ſich zuſammengebrochen ſchien. Dem Befehl des Jägers gehorchend, zog er ſeinen Ge⸗ nickfänger aus der Taſche, brach das Stück Wild waid⸗ gerecht auf, und bog ſich dann nieder, es auf ſeine Schultern zu heben. Das ging nicht. „Der Schrecken iſt mir ſo in die Glieder geſchla⸗ gen,“ ſagte er leiſe,„daß ich meine Kraft verloren habe— ſonſt hätt' ich zwei ſolcher Dinger auf einmal aufgenommen.“ Meier ſtand noch immer, das geſpannte Gewehr in der Hand, neben ihm, und ein hämiſches Lächeln zuckte dabei um ſeine Lippen. Hatte er doch jetzt den verhaßten Feind, auf friſcher That ertappt, in ſeiner Gewalt, und konnte ihn ſeiner Strafe entgegenführen. Und wie war der ſonſt ſo hochmüthige Burſche auf einmal ſo zahm und höflich geworden— fünfhundert Thaler wollte er geben, wenn ich ihn laufen ließ?— Meier lachte ſtill in ſich hinein, und hätte in dieſem Augenblick wirklich kein Geld der Welt genommen, ſich p 6 h I r l, 6 3 —ööͤſſſſſſſſ1 7 den Triumph entgehen zu laſſen, daß er ſeinem Förſter den ertappten Wilddieb brächte. Dieſer hatte ſich indeſſen zweimal vergebens be⸗ müht das Thier auf die Schultern zu bringen. Wenn er es beinahe oben hatte, glitt es ihm jedesmal wieder hinunter und er ſagte endlich: „Es geht nicht, Herr Meier.— Ich weiß nicht woher es kommt, aber die Kniee zittern mir ſo merk⸗ würdig. Entweder wir müſſen es zuſammen an einem Stock tragen, oder ich ſchleife es in's Dorf, wenn auch die Decke ein Bischen geſcheuert wird, oder laſſen Sie es lieber hier liegen und ſpäter von Jemand abholen.“ An das Letzte hatte Meier auch ſchon gedacht, den Wirth aber ſo frei mitzunehmen, dazu traute er ihm nicht genug. Sie mußten unterwegs eine kurze Strecke durch ein zweites Dickicht gehen, durch das der Weg hinlief, und wenn ihm der Wirth da entſprang, hätte er ihm die ganze Sache nachher rundweg abgeleugnet. Unverſchämt genug wär' er dazu geweſen.— Mit dem Schleppen des Wildes ging es aber auch nicht gut. So wie ſie den Berg hier hinunter waren, mußten ſie drüben wieder an einer ziemlich ſteilen Höhe hinauf, und mittragen wollte Meier nicht— konnte er doch in dem Falle nicht ſchußfertig bleiben. 71 „Es wird ſchon gehen, Kerdelmann,“ ſagte er des⸗ halb,„verſucht es nur noch einmal.“ Der Wirth gehorchte und hob ſich das Thier ziem⸗ lich auf die Schulter, aber ganz hinauf brachte er es noch immer nicht. So ſtand er einen Augenblick, her⸗ über und hinüber ſchwankend. „Wartet— bleibt ſtehn wie Ihr ſteht,“ ſagte der Jäger, die geſpannte Doppelflinte in die rechte Hand nehmend, während er auf den ihm jetzt den Rücken zu⸗ kehrenden Wirth zutrat,„ich werde von unten nach⸗ drücken.“. Der Wirth ſtand nach vorn gebückt, das Stück Wild hing ihm etwa auf halbem Rücken. Der Jäger half ihm mit der linken Hand, die Laſt vollends in die Höhe heben, hatte ihn jedoch noch immer in Ver⸗ dacht, daß er blos auf einen günſtigen Moment warte in das Dickicht hinein zu entſchlüpfen. Der Wilddieb aber dachte an ganz etwas anderes. „Jetzt kommt es, Herr Meier,“ ſagte er, und die Stimme zitterte ihm dabei, vielleicht von der Anſtren⸗ gung mit der er heben half,„nur noch ein klein wenig mehr auf der rechten Seite, daß ich die Läufe über die Schulter herüberziehen kann— nachher heb' ich es ſchon allein hinauf— ſo.“. Meier bückte ſich etwas, um das ſchwere Stück beſſer drücken zu können, und der Wirth bückte ſich noch ein klein wenig mehr— aber nicht um das Stück Wild mehr aufzuziehen. Mit Blitzesſchnelle glitt er darunter weg, daß es mit ſchwerem Fall zu Boden ſtürzte und hatte in demſelben Augenblicke auch den Forſtgehülfen, ehe dieſer znrückſpringen konnte, um den Leib gefaßt. „Beſtie!“ ſchrie dieſer, und ſuchte den Lauf des Gewehres gegen ihn zu drehen— aber es war zu ſpät. Die linke Hand des Wirths klammerte ſich um ſeinen Hals, und während er einen ſtechenden Schmerz in der Seite fühlte, wurde er hinten über und zu Bo⸗ den geworfen. „Hülfe!“ wollte der Unglückliche rufen, aber keinen Laut brachte er mehr aus der, wie mit eiſerner Klam⸗ mer zugeſchnürten Kehle und wieder und wieder begrub der Wilderer ſein Meſſer in der zuckenden Bruſt des Opfers, bis dieſes ſtill, regungslos und verblutend vor. ihm lag. Meier war todt. „Wenn ich denn doch in's Zuchthaus ſoll, bringſt Du mich wenigſtens nicht hinein, mein Burſche,“ raunte Kerdelmann der Leiche zu.„Gern hab' ich's nicht gethan, aber— Du haſt es nicht beſſer haben wollen, und biſt jetzt unſchädlich gemacht. Aber was weiter?— Eine verteufelte Geſchichte bleibt's immer, und ein wahres Glück nur, daß ich nicht im Verdacht des perſönlichen Wilderns ſtehe. Wenn ich unbemerkt nach Hauſe komme, kann noch Alles gut geh'n— allein die Leiche hier? 55 Er blieb, beſtändig das blutige Meſſer in der Hand, mehrere Minuten lang in tiefem, düſterem Brü⸗ ten neben dem todten Körper ſteh'n, dann aber, wie plötzlich zu einem Entſchluß gekommen, ſchleuderte er erſt den Stahl in das Dickicht und hob dann die Leiche vom Boden auf, ſie ebenfalls dort hinein zu tragen. Das war bald geſcheh'n, auch das geſchoſſene Wild brachte er in den Schutz der dichten Zweige, und ließ ſogar den Aufbruch*) nicht zurück. Es ſchneiete fort und der Wind trieb, nach Nord⸗ weſt umgeſprungen, eine Maſſe neuer Wolken am Himmel empor, die ſich in immer dickeren Flocken ent⸗ luden. So günſtig ihm aber auch der Schneefall für ſpäter ſein konnte, ſo großer Gefahr ſetzte ſich Kerdel⸗ mann aus, wenn er jetzt länger zögerte. Der Morgen mußte ſehr nahe ſein und wenn er ſeine eigene Woh⸗ nung nicht noch unter dem Schutz der Dunkelheit er⸗ reichte— ,wenn ihn auch nur eine einzige Seele im Orte ſah, p mußte ſich der Verdacht unmittelbar gegen ſein Haupt wenden. *) Die ausgeworfenen Eingeweide eines Wildes. 74 Sein eigenes Gewehr hatte er dem Todten ſchon wieder abgenommen, aber auch deſſen Doppelflinte griff er nun auf, legte ſie zu der Leiche in's Gebüſch und eilte dann, ſo raſch er konnte, den Schreckensplatz zu verlaſſen. VI. So lange der Mörder voller Haſt beſchäftigt ge⸗ weſen war, die Spuren ſeiner That ſo viel als möglich zu verbergen, ſo lange hatte ihn die gewaltige Aufre⸗ gung, in der er ſich befand, auch nicht zu einem recht klaren Beſinnen kommen laſſen. Er that eben was er für nöthig hielt, ſein Verbrechen zu verdecken, und ſuchte vor allen Dingen jetzt noch ſo viel Zeit zu ge⸗ 3 winnen, um an ſich ſelber jede Spur zu vertilgen. Wie er nun aber den Hang hinunter floh, ſeine Wohnung ſo raſch als möglich zu erreichen, überkam ihn zum erſten Mal das volle Gefühl deſſen was er gethan — was er verſchuldet, und der kalte Angſtſchweiß trat ihm vor die Stirn. Scheu warf er den Kopf nach rechts und links hinüber, wenn ein hinter ihm d'rein kollernder, von ſeinem Fuß gelöſter Stein ihn ſchon die Verfolger auf ſeinen Ferſen ahnen ließ, und faſt ſtieß er einen lauten Schrei aus, als dicht neben ihm ein aufgeſcheuchter Auerhahn von einer niederen Kiefer mit lautem Flügelſchlag abſtrich und das Weite ſuchte. Gewaltſam mußte er ſich endlich zuſammenneh⸗ men, die Todesfurcht, die ihn beſchlich, zu bezwingen. Er ſetzte ſich auf einen am Wege liegenden Stein, ſich nur ein wenig zu ſammeln und das Nächſte zu über⸗ denken. Hier ſchraubte er zuvörderſt ſeine, ſchon zu ſolchem Dienſt eingerichtete Büchſe auseinander, und verbarg ſie mit Hülfe eines breiten Riemens, den er unter der weiten, grauen, das Gewehr vollſtändig verdeckenden Joppe trug. Dann ſtieg er hinunter zum nächſten Bach und wuſch ſich die blutigen Hände— aber von den Kleidern konnte er die Blutflecken in der Dunkel⸗ heit nicht entfernen; damit mußte er warten, bis er zu Hauſe angekommen war. Es ſchneiete ſtärker und ſtärker, und die großen Flocken, die ihm entgegenſchlugen, ſchmolzen im Nu auf ſeiner fieberheißen Stirn. Im Wege blieb der Schnee ſchon liegen, daher ſprang der Wirth aus dem⸗ ſelben zur Seite und eilte, ſo raſch ihn ſeine Füße trugen, aus dem Walde hinaus, dem nicht mehr fernen Dorfe zu.— Der Schnee konnte ihn aber auch retten. Schneite es nur noch eine Stunde ſo fort, ſo waxen — 77⁷ alle Spuren vertilgt und er brauchte in den nächſten Tagen eine Entdeckung kaum zu fürchten. Jetzt hatte er den äußeren Rand von Hollendeik und damit den ihm ſo wohlbekannten Garten der „Krone“ erreicht. Der Platz lag wärmer und geſchütz⸗ ter, als der höhere Wald, und der Schnee blieb hier noch nicht ordentlich liegen. Bis es ordentlich Tag wurde, verging überdies noch eine volle Stunde, und er eilte durch den Garten, um ſo die Straße abzu⸗ ſchneiden und nicht etwa dem Wächter zu begegnen. Dicht unter Margarethens Schlafzimmer mußte er hier vorbei und er warf den ſcheuen Blick dort hin⸗ auf, drückte ſich aber im nächſten Augenblick feſt an die Wand, denn es war ihm faſt, als ob er oben am Fenſter eine helle Geſtalt geſehen hätte. In dem dunk⸗ len Hof der„Krone“ konnte ihn Niemand erkennen— der Kettenhund war auf der andern Seite des Hauſes angebunden und wenige Minuten ſpäter glitt er über die leere, dunkle Straße hinweg, ſeinem eigenen Ge⸗ höfte zu. Einmal dort, war er vor Entdeckung ſicher. Selbſt von ſeinen Leuten wußte Niemand, daß er Nachts ſein Schlafzimmer manchmal verließ. Das niedere Fenſter führte auf den Hof hinaus und war von außen durch eine kleine, heimlich angebrachte Schnur zu öffnen. 78 Jetzt war er in dem Gemach, riß die Schnur ab, ſchloß das Fenſter feſt von innen, und ſank dann erſchöpft, zerbrochen auf einen Stuhl. Aber auch hier durfte er nicht länger ſäumen, wenn er vor Tag noch alle Spuren vertilgen wollte. Raſch zog er deshalb ſeine Kleider aus und ſchnürte ſie in ein feſtes Bündel zuſammen, reinigte ſie vollkom⸗ men, und erwartete dann mit entſetzlicher Ungeduld den Tag, damit er ſich nicht zu früh ſehen ließ, und adnrch Verdacht erregte. Jeden Morgen war es ſein erſtes Geſchäft in den Keller hinunter zu gehen und dort friſches Bier her⸗ aus zu geben. Den Keller betrat nur er; den Schlüſ⸗ ſel hatte er ſtets bei ſich, und dort konnte er deshalb auch ſeine Kleider am ſicherſten verbergen. Es ſchneite endlich, was nur vom Himmel herunter wollte, und Kerdelmann begrüßte mit Jubel jede neue Schneelage, half ſie doch ſeine hinterlaſſene Spur ver⸗ decken. Als es hell wurde, war die Gegend rings in ein weißes Kleid gehüllt, und immer mehr noch kam von oben nieder. Wer hätte ihn jetzt aufſpüren ſollen? Er war gerettet. Nichtsdeſtoweniger ging er mit aller Vorſicht dar⸗ ,jeden nur irgend möglichen Verdacht abzuwehren. Als er, genau zur gewöhnlichen Zeit, in den Keller 79 hinunterſtieg, gelang es ihm, das Packet Kleider und ſein Gewehr unbemerkt mit hinab zu nehmen. In dem feuchten Boden des Kellers hatte er dann bald ein ziemlich tiefes Loch eingegraben, in das er die feſt zu⸗ ſammen gerollten, blutigen Kleider ſteckte, die Erde darauf wieder feſt trat und die vorher zurückgeſchobe⸗ nen Balken, auf denen das Bier lag, wieder darüber zog. Das Gewehr verbarg er an einer andern Stelle — in den Wald hinaus durfte er doch nicht wieder— und das Alles in Sicherheit gebracht, fühlte er ſich jetzt etwas ruhiger. Ja, als er hinaufſtieg und das ſtarke Schneegeſtöber wieder ſah, ward es ihm ordentlich leicht um's Herz. Er pfiff ſo vergnügt durch das Haus und bei ſeiner Arbeit, als ob er die Nacht ſanft und ſüß im warmen Bett geſchlafen hätte. Wer ihn ſo ſah, konnte wahrlich nicht ahnen, daß der Mann vor weni⸗ gen Stunden einen Mord verübt und mit vor Angſt eltränbren Haaren aus dem Wald herab geflohen ſei. Im Forſthaus hatte die Frau Förſterin den Herrn Meier indeſſen vergebens zum Kaffee erwartet, zu dem er faſt jedesmal in's Dorf herunter kam. Aber er blieb auch manchmal länger aus und es fiel deshalb nicht beſonders auf. Mit Sonnenaufgang kam indeß der Kreiſer Schöf⸗ fel vom Nachbarrevier und brachte eine Einladung für den Förſter Müller und ſeinen Gehülfen zur morgen⸗ den Jagd. „Dank, Schöffel,“ ſagte Müller—„eine Empfeh⸗ lung an den Herrn Förſter und wir würden kommen. Meier iſt zwar jetzt nicht zu Haus, aber ich denke, er wird ebenfalls abkommen können.— Was habt Ihr denn aber an der Stirn gemacht, Schöffel? Ihr blutet ja.“ „Oh, es iſt nichts, Herr Förſter,“ antwortete der Mann und wurde etwas verlegen.„Ich bin ſelber d'ran ſchuld. Der Herr Förſter Wentzel hatte mir nämlich den Brief ſchon geſtern gegeben, daß ich ihn hierher tragen und dann gleich mit nach Weißenborn gehen ſollte. Es kam mir aber was dazwiſchen und ich habe den Auftrag ſchmählich vergeſſen, bis es geſtern Abend zu ſpät war. Da bin ich denn heut' Morgen ſchon um vier Uhr von zu Hauſe aufgebrochen, und als es an zu ſchneien fing, auf einem von den verwünſcht glatten Steinen den Hang hinuter ausgerutſcht. Die Haut iſt nur ein bischen an der Stirn und hier an der Hand geritzt.“ 4 „Welchen Weg ſeide hr d denn gekommene fragte der Förſter. „Dicht an der Grenze herduter 4 angͤoxtete der K Kreiſer. 3 3 „Nun gut— Ihr geht alſo jetzt nach Weißenborn hinüber, wie?“ „Ja wohl, Herr Förſter— wenn Sie etwas zu beſorgen haben.“ „Nein, ich danke— nur eins wollt' ich Euch noch ſagen, Schöffel— und es iſt mir lieb, daß wir gerade allein ſind.— Haltet mir mit dem Meier Frieden, daß nicht wieder etwas Derartiges vorfällt wie neu⸗ lich „Aber, Herr Förſter—“ „Ich weiß ſchon. Der Meier hat Euch unbillig zu⸗ geſetzt; ich habe ihn auch deshalb in's Gebet genom⸗ men. Ich verlange aber, daß Ihr, wenn Ihr zu uns hier herüber kommt, Alles vermeidet, was Unfrieden ſtiften oder den alten Streit wieder auffriſchen könnte.“ Schöffel biß ſich auf die Lippen und hätte gern eine trotzige Antwort gegeben. Aber er beſann ſich wieder. Hier half es ihm doch nichts. Nach Weißen⸗ born hinüber hatte er aber keine Zeit mehr zu verlie⸗ ren, denn zu ſpät durfte er die Jagdeinladung nicht, belelen Er ſchwieg alſo auf die Ermahnung, gune an rſter und verließ raſch das Haus. 3. kam der Mitßs s heran und Meier war nac. immer nicht zurück. Es hatte indeſſen fortgewet⸗ tert; im Walde droben lag ſchon über drei Zoll Schnee, Gerſtäcker, Hell und Dunkel. I. 6 und ein tüchtiger Anhang in den Dickichten. Zum Mittageſſen kamen die beiden Kreiſer zurück, die draußen im Revier geweſen waren, und der Förſter befragte ſie nach dem Forſtgehülfen. Keiner von dieſen wollte ihn aber geſehen haben. „Ein Mann muß ganz früh heut' Morgen vom Buchenſchlag oder irgend da woher heruntergekommen ſein,“ meinte Becker, der eine Kreiſer.„Die Spur konnt' ich aber nicht ordentlich mehr erkennen, denn es lag ſchon Schnee drinnen— auch kam mir der Fuß größer vor, als dem Forſtgehülfen ſeiner.“ „ Das war Schöffel,“ ſagte der Förſter.„Der iſt von der Grenze herabgekommen. Er war heut' Mor⸗ gen bei mir.“ Meier's Eſſen wurde ihm warm geſtellt, aber er kam nicht. Der Abend rückte heran und brach ein, und keine Spur zeigte ſich von ihm. Als der Forſtgehülfe auch am nächſten Morgen fehlte, ſchickte Müller frühzeitig beide Kreiſer und alle ſeine Holzmacher aus, zu ſehen, ob ſie etwas von ihm finden könnten. Er ſelber aber ritt zur Jagd in's Nach⸗ barrevier hinüber, dort ebenfalls Erkundigungen einzu⸗ ziehen. Die Leute kehrten am Abend unverrichteter Sache zurück. Auch drüben hatte ihn Niemand geſehen oder von ihm gehört. 85 Der eine Forſtgehülfe ſagte allerdings aus, es ſei ihm geweſen, als ob er am vorigen Morgen lange vor Tag einen Schuß höre. Gewiß wollte er aber nicht behaupten, daß es ein Schuß geweſen ſei, wie er eben ſo wenig die Richtung genau be⸗ ſtimmen könne. Die Jagd fiel nicht beſonders aus. In den Dickichten lag zu viel Anhang auf den Zweigen und bei ſolchen Gelegenheiten gehen die Treiber außeror⸗ dentlich ſchlecht. Sie weichen dem Schnee aus, ſo viel ſie können, und drücken ſich gewöhnlich einer hinter dem andern die Schneußen oder offenen Blößen ent⸗ lang, während das Wild außerordentlich feſt ſitzt, und den Lärmen oft ganz dicht vorüber läßt, ohne aufzuſte⸗ hen. Es waren denn auch nur fünf Stück Wild und ein Spießer, vier Füchſe, ein Baummarder und drei Haſen geſchoſſen worden. Außerdem hatte im letzten Treiben der Aſſeſſor von Solſig, einer der Schützen aus Grafenhoff, der nächſten Stadt, einen Gabler angeſchoſſen. Er ſchweißte allerdings, war aber noch flüchtig fort und nach der Grenze zu gegangen. Förſter Müller gab deshalb gern ſeine Erlaubniß, drüben bei ihm am nächſten Morgen— denn für heute war es zu ſpät geworden, nachzuſehen, bat aber den Förſter, nicht etwa Schöffel, 6* ſondern ſeinen Forſtgehülfen hinüber zu ſchicken, da⸗ mit Jener nicht mit Meier zuſammenträfe. Den Abend waren die Schützen noch lange und fröhlich beiſammen und es wurde ſo viel erzählt, ge⸗ plaudert und getrunken, bis an den Heimweg nicht mehr gedacht werden konnte. Förſter Müller blieb alſo im Forſthauſe über Nacht, ließ ſich aber am näch⸗ ſten Morgen nicht abhalten, mit Tagesanbruch den Heimweg anzutreten. Daß er noch immer keine Nach⸗ richt von Meier hatte, beunruhigte ihn ernſthaft. In früherer Zeit war ſein Forſtgehülfe wohl manchmal zu Bier gegangen, und hatte dann nicht ſelten einen guten Rauſch mit zu Haus gebracht; zwei oder dreimal war er auch über Nacht ausgeblieben. Auf die Vorſtellungen des Förſters hin hatte er das aber in der letzten Zeit unterlaſſen und ſich ordentlich und mäßig gehalten. Die einzige Möglichkeit blieb jetzt, daß er doch einen Rückfall bekommen und über die Stränge geſchlagen. War das der Fall, ſo wollte ihm der Förſter ſeine Meinung kräftig ſagen. Geſchneit hatte es den vorigen Tag nicht mehr, und der Förſter verließ, als er vom Herslinger Forſthaus wegritt, ſehr bald den breiten Weg, quer über ſein Revier hinweg zu traben. So kam er denn bald über denſelben Hügelkamm herüber, über den an jenem 85 Abend das Wildpret geflohen war, und ritt den Buchenſchlag hinab. Nahe zu dem Dickicht ſaß eine ſtarke Anzahl von Krähen auf einem einzelnen Baum, aber er achtete nicht weiter darauf und ritt vor⸗ über. Gleich unten vor Hollendeik begegnete ihm Einer ſeiner Kreiſer, und ſeine erſte Frage war nach dem vermißten Forſtgehülfen. Niemand wußte etwas von ihm, aber der Kreiſer meinte, es müſſe ihm ein Unglück begegnet ſein, und er habe ſich entweder ſelber geſchoſ⸗ ſen oder ſei mit einem Wilderer zuſammengerathen. Der Kreiſer hatte übrigens aus eigenem Antrieb⸗ die ſämmtlichen Holzmacher heute noch einmal nach einem andern Theil des Reviers abgeſchickt, und war eben nur ſo lange im Dorfe geblieben, den Förſter und deſſen weitere Befehle zu erwarten. „Das habt Ihr geſcheut gemacht, Schneider,“ ſagte der Förſter,„wir dürfen nichts verſäumen, denn die Sache ſieht bedenklich genug aus. Da Ihr übri⸗ gens doch dort hinauf geht, ſo haltet Euch jetzt einmal der Grenze zu. Geſtern Abend iſt drüben am Wolfs⸗ ſtein ein Gabler angeſchoſſen worden. Dem wird der Forſtgehülfe Scholz heute Morgen mit einem ſeiner Leute nachgehen. Bis an unſere Grenze ſind ſie ihm geſtern gefolgt, und wenn er wirklich krank geſchoſſen — iſt, ſo denk' ich, hat er ſich in der Dickung über dem Buchenſchlag geſetzt. Es iſt aber einer von den Stadt⸗ herrn, der auf ihn geſchoſſen, und da iſt es möglich, daß er ihm nicht beſonders viel gethan; ich habe den Schweiß freilich nicht ſelber geſehen. Wenn Ihr die Beiden trefft oder im Schnee ſpürt, ſo helft ihnen den Hirſch ſuchen.“ Damit wandte er ſein Pferd und rit zum Forſt⸗ haus zurück. Als er vor ſeiner Thür hielt, kam Ker⸗ delmann aus dem Dorf herauf. „Guten Morgen, Herr Förſter,“ redete der Wirth den Jäger an.„Es iſt mir lieb, daß ich Sie treffe; ich wollte mich eben bei Ihnen erkundigen, ob geſtern im Herslinger Forſt etwas geſchoſſen iſt und ob ich wohl nach Wild hinaufſchicken könnte. Ich bin voll⸗ ſtändig abgebrannt und muß wieder etwas haben.“ „Guten Morgen, Kerdelmann,“ ſagte der Förſter. „Ja, ich denke, Ihr könnt hinſchicken; wir haben ſechs oder ſieben Stück bekommen. Sie ſuchen jetzt eben auch noch nach einem Gabler, der auf unſer Revier herüber⸗ gegangen iſt.“ „Weit nach uns zu? 27 frug der Wirth. „Das weiß ich nicht,“ lautete die Antwort,„ich bin nicht mit auf der Nachſuche geweſen. Bis Mittag aber denk ich, werdet Ihr wohl hören, was aus dem 87 angeſchoſſenen Stück geworden iſt. Apropos— habt Ihr Nichts von Meier geſehen?“ „Von dem Forſtgehülfen?— nein,“ ſagte der Wirth gelaſſen—„war er denn nicht mit auf der geſtrigen Jagd?“ „Nein— er iſt ſeit vorgeſtern verſchwunden und kein Menſch weiß, wo er ſteckt.“ „Seit vorgeſtern!“ vief Kerdelmann erſtaunt— „da wird ihm doch kein Unglück zugeſtoßen ſein?“ „Gott weiß es,“ ſeufzte der Förſter, indem er ab⸗ ſtieg und ſein Pferd am Zügel nahm.„Meine Holz⸗ macher ſind alle nach ihm aus im Walde draußen, haben aber bis jetzt nichts von ihm finden können. Bei dem neugefallenen Schnee iſt auch ſchlecht ſuchen, wenn nicht“— hier unterbrach er ſich plötzlich und blieb wie nachdenkend ſtehen. „Was, Herr Förſter?“— frug der Wirth. „Ah nichts“— ſagte jener—„es fiel mir nur etwas ein.“ Er dachte in dem Augenblick an die Krähen, die er am Rand jener Dickung beiſammen geſehen hatte und ein eigenes unheimliches Gefühl beſchlich ihn. Dem Wirth wäre es allerdings lieb geweſen, wenn ſich der Förſter ausgeſprochen hätte; dieſer aber brach das Geſpräch kurz ab, nickte ihm zu und führte das Pferd gegen das Haus, woher ihm ſein älteſter Knabe behülflich entgegenſprang. „Sattle es aber nicht ab, Hans,“ ſagte der Vater, „ich reite gleich wieder fort. Ich— ich will noch ein⸗ mal in den Wald hinauf. Hänge es nur dort an den Zaun, bis ich ein wenig gefrühſtückt habe.“ Damit trat der Förſter in das Haus, während der Wirth langſam nach ſeiner Wohnung zurückſchritt. 89 VII. Der Förſter verzehrte ſein Frühſtück ſchweigend. Die Frau fragte nach Meier und der gehabten Jagd, aber er gab nur einſilbige Antworten. Die Krähen,. die er dort oben beiſammen geſehen, und die er im Vorbeireiten nicht ſogleich beachtet hatte, gingen ihm im Kopf herum. Möglich, daß ſie ſich zufällig dort zuſammen gefunden, wie das im Winter ja manchmal geſchieht— möglich aber auch— er ſchauderte, wenn er ſich einen ſolchen Fall dachte— daß ſie der Leichen⸗ geruch eines Unglücklichen angelockt. Jedenfalls wollte er ſich Gewißheit verſchaffen und bald beſtieg er ſein Pferd wieder, und ritt, ſo raſch es ihm das Terrain erlaubte, nach dem Schlag zurück. Ein Theil des Weges ſollte ihm aber erſpart wer⸗ den. Schon von weitem hörte er die Stimmen herab⸗ kommender Menſchen und bald erkannte er auf dem Schnee die dunklen Geſtalten einiger Männer, die etwas Schweres trugen. Es war der Forſtgehülfe Scholz von Herslingen, mit einem ſeiner eigenen Kreiſer und mit Schneider — demſelben Manne, den Müller erſt vorhin hinauf⸗ geſchickt hatte, den Anderen bei der Nachſuche zu hel⸗ fen,— dieſe drei trugen den blutigen Leichnam des Forſtgehülfen Meier, über deſſen klägliches Ende nun kein Zweifel übrig blieb. Der angeſchoſſene Gabler, dem ſie vor der Hand natürlich gar nicht weiter nachgeſucht, war nämlich wirklich in jenes Dickicht geflohen, in das ſie aber des Schnees wegen anfangs nicht eher einbrechen wollten, bis ſie auch gewiß wußten, daß ihr Hirſch noch darin ſtecke. Das zu erfahren, umſchritten ſie die Dickung. Führte keine Spur aus dem Gehölz, ſo ſollte ſich Scholz auf dem wahrſcheinlichen Wechſel anſtellen, während die beiden Kreiſer der deutlichen Spur des Schweißes nachgegangen wären. So kamen ſie zu der Stelle, über welcher ſich die Krähen noch immer hielten, und ſie vermutheten aus dieſem Zeichen nichts Anderes, als daß der Hirſch dort verendet ſei, und die Krähen, durch die Witterung des friſchen Schweißes angelockt, ſich hier geſammelt hät⸗ ten. Sie waren nicht auf das Furchtbare vorbereitet, das ſie dort erwartete: Meier's entſeelter, mit klaffen⸗ den Wunden bedeckter Körper. 1 91 Es war klar, daß der Unglückliche, auf deſſen Leiche ſie ſtießen, durch einen Wilderer ermordet wor⸗ den ſei,— wer aber war der Thäter? Dem Förſter, als er ſich vom erſten Schrecken erholt hatte, war es daher nicht recht, daß die Leiche ſogleich aufgehoben worden war, ohne vorher die Gerichte herbeizurufen. Das ließ ſich jedoch jetzt nicht mehr ändern; der Körper mußte weiter getragen und nach Hollendeik gebracht werden. Müller ritt raſch voraus, ſeine Frau auf die Trauerbotſchaft vorzubereiten. Augenblicklich machte er auch die Meldung. Ein Arzt wurde von dem nächſten Ort herbeigeholt, und der Thatbeſtand aufgenommen. Zweifel über die Todesart konnten nicht obwalten. Der Gemordete hatte ſieben Meſſerſtiche erhalten, von denen jeder ein⸗ zelne tödtlich geweſen wäre, und am Nachmittage ging ein Gerichtsactuar mit dem Schulzen und den beiden Gensd'armen an den Fundort hinauf, den Schauplatz der That genau zu unterſuchen. Hier aber fiel ihnen für jetzt, da der Schnee noch Alles bedeckte, nur die Flinte des Getödteten in die Hände. Weitere Ermittelungen mußten auf das nächſte Thauwetter verſchoben werden, daß ein ſeit heute ein⸗ getretener Süd⸗Weſt⸗Wind bald hoffen ließ. Wer aber war der Thäter?— Der Actuar Bellert hielt mit dem Förſter Müller und ſeinem Schreiber eine Conferenz bei verſchloſſenen Thüren, und noch an dem nämlichen Abend ſpät wurden die beiden Gensd'armen nach Herslingen hinübergeſchickt, den Kreiſer Schöffel zu verhaften. Wie ein Lauffeuer ging indeſſen das⸗Gerücht durch das Dorf, der Forſtgehülfe Meier ſei vom Kreiſer Schöffel im Walde ermordet worden. Woher es die Leute wußten? Niemand konnte es ſagen; aber noch in der Nacht kamen die Gensd'armen mit dem Gefan⸗ genen zurück, der eingeſperrt und von den Dienern der Gerechtigkeit ſicher bewacht wurde. In der Nacht regnete es und ſo auch noch am nächſten Tage. Der Schnee ſchmolz unter dem war⸗ men Winde, der Platz des Verbrechens ward der nä⸗ heren Erforſchung zugänglich. Man fand aber nichts weiter als das Meſſer, mit dem der Mord augenſchein⸗ lich verübt worden; denn die Klinge paßte, wie ſich ſpäter ergab, in die Wunden; ob aber das Meſſer frü⸗ her dem Schöffel gehört, wußte Niemand. Es war ein gewöhnlicher, abgenutzter Genickfänger mit altem Bockhorngriff, wie faſt alle Jäger und Kreiſer derglei⸗ chen führen. Daß der Kampf nicht in der Dickung ſelber ſtatt⸗ gefunden, ſtellte ſich übrigens auch heraus. Die 93 Zweige der Büſche wären ſonſt dort herum mehr ein⸗ gebrochen und geknickt geweſen. Der muthmaßliche d⸗ Platz war nahe bei'm Dickicht, wo der Boden zertreten ſchien. Der ſtarke Regen hatte aber auch dieſe Spu⸗ ren ſchon wieder ziemlich verwiſcht, und das Nähere mußte jetzt das Verhör ergeben. Das fand am nächſten Morgen ſtatt; Schöffel leugnete jedoch hartnäckig und ſchwur bei Allem, was im Himmel und auf der Erde, daß er unſchuldig ſei. Er habe den Forſtgehülfen allerdings nicht leiden kön⸗ nen, und hätte auch alle Urſache zum Haß gegen ihn gehabt, da er ihn immer noch des Wilderns beſchul⸗ digte, während er den höchſten Eid ablegen könne, daß er kein Wild mehr geſchoſſen, ſeit er in herrſchaftlichen Dienſten ſtehe. Nie aber ſei ihm auch nur ein Gedanke an ſo Entſetzliches gekommen. Er habe Frau und Kinder und würde nimmer etwas gethan haben, was dieſe in's Elend ſtürzen müßte. Auf die Frage, woher er an jenem Morgen ſo früh gekommen, gab er dieſelbe Antwort, die er damals dem Förſter gegeben. Auch das Blut an ſeiner Stirn ſei von dem Fall hergekommen. Der leichte Ritz war jetzt ſchon wieder ziemlich zugeheilt. Das Stück Wild war mit einer Kugel geſchoſſen worden und das Gewehr, das der Kreiſer führte, und das die Gensd'armen ebenfalls mitgebracht, im linken Lauf mit einer ähnlich großen Kugel geladen. Schöffel behauptete aber gerade nur geſtern eine Kugel hinunter⸗ geſchoben zu haben, um vielleicht ein krankgeſchoſſenes Stück damit völlig zu tödten— ſonſt führe er im Winter immer nur groben Schrot in der Flinte, und zwar für Raubzeug und Krähen. Die Kugel des Wilderers war durch das Stück Wild geſchlagen und nicht mehr zu finden. Zum nächſten Zeugen wurde der Kreiſer Schneider aufgerufen, der allerdings beſtätigte, daß Schöffel bittere Reden über den Ermordeten geführt und ge⸗ droht habe, es ſchon einmal wieder bei ihm wett zu machen—„wenn er ihn einmal allein träfe“— er glaube aber nicht, daß er das Schlimmſte damit ge⸗ meint, ſondern ſich vielleicht nur eine Tracht Schläge darunter gedacht habe. Was das Meſſer anlangte, ſo hatte Schöffel allerdings ein ähnliches geführt, wie Andere auch. Das Bedenkliche war nur, daß Schöffel, gefragt, wo er ſein Meſſer gegenwärtig habe, erklären mußte, daß er es ſchon vor vierzehn Tagen verloren und ſich noch kein anderes gekauft habe, weil ihm das Geld gefehlt. Seine Frau könne ihm das bezeugen. Auch der Wirth Kerdelmann wurde als Zeuge vor⸗ geladen. Aus ſeinem Wirthshauſe rührte der Streit 95 zwiſchen dem Kreiſer und Forſtgehülfen eigentlich her. Gern hätte man auch von ihm erfahren, ob ihm Schhöffel ſchon früher heimlich Wild verkauft, und ſicherte ihm daher im Fall er das eingeſtände, völlige Strafloſigkeit für ſeine Perſon zu. Kerdelmann erſchien vollkommen ruhig. Er hatte Zeit genug gehabt ſich zu ſammeln und wußte auch jetzt, daß er gar nichts zu fürchten hatte, wenn er ſich nur nicht ſelbſt verrieth. Der Verdacht war von ihm abgelenkt und er brauchte ſich nur ruhig zu verhalten. Auf ein Zeugniß gegen den Kreiſer ließ er ſich je⸗ doch nicht ein, weshalb eben ſeine Ausſagen bei dem Actuar den Verdacht verſtärkten, daß der Wirth irgend eine frühere Verbindung mit dem Angeklagten ver⸗ ſchwiege, als fürchte er bei einem Geſtändniß ſich ſelber zu compromittiren. Das ihm vorgelegte Meſſer kannte er natürlich nicht. Schöffel, erzählte er, ſei nur ſelten in ſeinem Hauſe geweſen, und wenn er dort gegeſſen, ſo habe er ſich des Meſſers bedient, daß ihm hingelegt worden, alſo auch keine Urſache gehabt das eigene aus der Taſche zu ziehen.“„Obgleich ſich Schöffel übrigens gegen ihn gerade nicht freundlich benommen,“ fügte der Wirth ſeinen Ausſagen hinzu,„ſo traue er ihm doch kei⸗ nen Mord zu. Vielmehr meine er, daß irgend ein anderer Wilderer vom Nachbarrevier der Thäter geweſen wäre.“ 96 Auf die Frage, ob er i einen Wilderer drüben anzugeben wiſſe, oder 1 Einen dringenden Verdacht habe, gab Kerdelmann ausweichende Antwor⸗ ten. Es war nichts Beſtimmtes aus ihm heraus zu bekommen, und ſo wurde er entlaſſen. Gleich vom Verhör weg ging er zum Förſter hinüber und bezahlte dort das Altthier, das bei Meiers Leiche gefunden worden und das ihm der För⸗ ſter in's Haus geſchickt hatte. Da es die Zeit über aufgebrochen im Walde gelegen hatte, war das Wild⸗ pret natürlich vollkommen friſch und gut geblieben. Der Förſter wollte aber mit dem Stück weiter Nichts zu thun haben und war froh, daß es der Wirth behielt. — Und doch hätte Kerdelmann mit Freuden wer weiß wie viel gezahlt, wenn er gerade dieſes Stück Wild nicht hätte zu kaufen brauchen. Aber— er fürchtete Verdacht zu erregen, wenn er ſich weigerte. Wie er jedoch zuſammenſchauderte, als es ihm in den Hof ge⸗ bracht wurde! Es war ihm, als ob er das Blut ſeines Opfers noch daran erkennen ſolle. Er hätte von dem Stück keinen Biſſen eſſen können. Die Unterſuchung ging indeſſen ihren Gang. Verſchiedene Leute, auf die man Verdacht hatte, wur⸗ den eingezogen, mußten aber wieder entlaſſen werden, da ſie ihre Anweſenheit an anderen Orten zu der Zeit der That beweiſen konnten. Nur Schöffel war das nicht im Stande. Er hatte ſein Haus Morgens etwa um 4 Uhr verlaſſen, die am vorigen Tage vergeſſene Botſchaft auszurichten, und daß er behauptete, einen Schuß nach der Richtung hin, wo der Mord geſchehen, gehört zu haben, als er ſchon unterwegs geweſen, das konnte ihn nicht von dem Verdachte reinigen. Mehrere Tage waren vergangen, und Kerdelmann hatte nicht das Herz gehabt, Margarethen wieder auf⸗ zuſuchen. Der Mord laſtete noch zu neu auf ſeiner Seele und keine Zeit wurde ihm gelaſſen die furcht⸗ bare That zu vergeſſen. Im ganzen Ort näm⸗ lich Niemand von etwas Anderem, alt den dem getödteten Forſtgehülfen, und wenn auch die darüber einig ſchienen, daß wur Schöffel u. baren Morgen mußte. 4 Nach dem Begrä — ein über Tag in den Geten gewor Gerſtäcker, Hell und Dunkel. I. Sctülchen führte. 98 eines Kiefernbuſches— daß er ſich zur gewöhnlichen Zeit einfinden würde, und heute war Margarethe zu⸗ erſt am Platze. Sie ſchien ihn mit Ungeduld erwartet zu haben. Als er den kleinen Garten betrat, ſtand ſie ſeiner harrend am Geländer, entzog ſich aber ſeiner Liebko⸗ ſung, ergriff ſeine Hand und ſagte leiſe:„Komm— hier unten könnte uns Jemand belauſchen. Ich habe mit Dir zu ſprechen.“ „Aber wohin, mein Herz?“ flüſterte der Mann erſtaunt. „In mein Zimmer,“ ſagte das Mädchen,„ſie ſind Alle zu Bett und— ich fürchte mich hier im Dunkeln.“ „Fürchteſt Dich?“ flüſterte Kerdelmann, den eine eigene Unruhe beſchlich, denn es war das erſte Mal, daß ſie ihm geſtattete, ihr Zimmer zu betreten— „fürchteſt Du Dich, wenn ich bei Dir bin?— aber was haſt Du?— Du biſt aufgeregt und Deine Hand 3üete „Komm,“ war das einzige Work, was ihm das Mädchen rauf erwiderte, und vaſſch zog ſie ihn in das Haus und die kleine Treppe hinauf, die in ihr Das Fenſter des kleinen reinlichen Gemachs war dicht verhängt und Kerdelmann ſchlug das Herz faſt 99. hörbar in der Bruſt, als Margarethe, ſo wie er das Zimmer betreten hatte, auch den Riegel der Thür von innen vorſchob. Seine Hand ließ ſie dabei nicht los, ſondern führte ihn zu dem Tiſch, auf dem eine kleine Lampe brannte, ſchraubte dieſe etwas in die Höhe, daß ſie ein helleres Licht verbreitete und ſagte dann mit leiſer, vor innerer Aufregung faſt erſtickter Stimme: „Joſeph— Dich habe eine ſchwere Puage an Dich zu thun.“ „Aber ſprich, was iſt Dir Margareth,“ bat dieſer, dem es anfing unheimlich dabei zu werden.„So habe ich Dich ja noch nie geſehen.— Was haſt Du nur um Gottes Willen?“ „Nichts,“ ſagte das Mädchen, und es war augen⸗ — ſcheinlich, daß ſie nach Faſſung rang, ehe ſie weiter 3„Nichts— gar nichts— nur— nur eine u mir beantwor iseaf mich die letzten die mir d chhlaf geraubt, ja mir „Willſt Du mir ehrlich beantworten, um was ich Dich frage?“ flüſterte das Mädchen ſo leiſe, daß er die Worte kaum vaeen konnte. „Gewiß mein Herz— warum denn nicht?“ „Gut— dann ſieh mir in's Auge und ſage mir— wo warſt Du an jenem Morgen an dem— der Forſt⸗ gehülfe Meier um's Leben kam?“ Kerdelmann hatte gewußt, daß ſie dieſe Frage an ihn thun würde, aber auf die Erwähnung der That ſelber hatte er nicht gerechnet und vor Schrecken ver⸗ ließ das Blut für einen Moment ſeine Wangen, wenn auch ſeine Züge vollkommen ruhig blieben. Im näch⸗ ſten Augenblick hatte er ſeine ganze Beſonnenheit wie⸗ der und ſagte lächelnd: „Wo ſollte ich geweſen ſein, Schatz?— In mei⸗ nem Bette.“ Margarethe ſchwieg— es war ace ihr das Herz zu Eis erkalten wollte. Sie hatte de plötzliche Er⸗ bemerkt, und doch war die Ge⸗ zu täuſchend erheuchelt. Sie daß ein Menſch mit einem 101 „Aber wie kamſt Du zu der Frage, Margareth',“ ſprach der Wirth, als ſie ſchwieg und ihm nun ſtarr in das jetzt freundlich auf ihr haftende Auge ſah. „Wer war dann der Mann,“ ſagte das Mädchen nach einer Pauſe,„der an jenem Morgen noch vor Tag durch unſeren Garten, unter meinem Fenſter vorüber ſchlich?“ *„Wer der Mann war? Wie ſoll ich das wiſſen, mein Herz?— Und was that er? Wohin wendete er ſich?“ „Ich weiß es nicht,“ ſtöhnte Margarethe, immer unſicherer in ihrer Ueberzeugung. Sie hätte doch ihre Seligkeit verpfänden wollen, daß ſie eben ihn, ihren Joſeph, an jenem Morgen ſcheu und flüchtig unter ihrem Fenſter vorüberſchleichen ſah. Eine unnennbare, ſeltſame Angſt hatte ſie damals geweckt. Es war ihr, als ſie ſich ermunterte, geweſen, als ob ihr irgend ein furchtbares Unglück drohe, als ob ſie an's Fenſter ſpringen und um Hülfe ſchreien müſſe. In dieſer Be⸗ drängniß ſtand ſie auf, kleidete ſich an und wollte Licht machen. Aber ſie ſchalt ſich ſelber wegen ihrer kindi⸗ ſchen Furcht, und legte ſich wieder zur Ruhe, bis es ſie zum zweiten Male aus dem Bett und au's Fenſter trieb, zu ſehen, ob der Morgen noch nicht dämmre. Da gewahrte ſie unten im Garten die Geſtalt, in der ſie den Geliebten zu erkennen glaubte. Freilich war es zu dunkel, um das mit Beſtimmtheit zu behaupten. Daß er aber denſelben Weg nahm, den Kerdelmann ſo gut kannte, beſtärkte ſie in ihrem Glauben. Auch ſah er nach ihrem Fenſter empor. Wenn nun aber wirklich— was konnte er in der Nacht draußen ge⸗ trieben haben? Den ganzen Tag wartete Gretchen, daß er ihr das beſtimmte Zeichen geben würde. Sie ſehnte ſich da⸗ nach, ihn zu ſprechen, ſich von ihrer bangen Erinnerung zu befreien. Aber er kam nicht, und als die furchtbare Kunde zu ihr drang, daß Meier, den Joſeph als ſeinen Nebenbuhler kannte, im Walde ermordet gefunden ſei, legte ſich ein unbeſiegbares Bangen, eine drückende Ahnung des Entſetzlichen auf ihre Seele. Daß ſich der Mann, welchen ſie bis jetzt mit gan⸗ zer Seele zugethan war, mit keinem Blicke vor ihr ſehen ließ, daß er ihr vielmehr auszuweichen ſchien, beſtärkte ſie nur noch mehr in ihrem qnälenden Ver⸗ dacht. Ja ihr Argwohn nahm durch die Länge der Verſäumniß eine ſo feſte Geſtalt an, daß ſie, als er ihr endlich auf die bekannte Weiſe meldete, daß er den Abend kommen würde, nicht wußte, ob ſie ſich darüber freuen, oder ob ſie ſich fürchten ſolle, ihm wieder zu begegnen. 103 Und war er nicht erbleicht, als ſie die Frage an ihn richtete, die ihr das Herz faſt abgedrückt, in der ewig langen Zeit? Hatte ſie nicht geſehen, wie das Blut ſeine Wangen verließ? Und doch ſtand er jetzt wieder ſo ruhig, ſo unbefangen vor ihr, daß er ja gar uaicht ſchuldig ſein konnte. Lieber Gott, ſie wußte nicht, welche Gewalt der menſchliche Geiſt über den Körper ausüben und ihn ſich unterordnen, ihn zum Gehorchen zwingen kann. „Joſeph,“ ſagte ſie endlich,„eine unſagbare Angſt hat mir ſeit jenem Morgen, ich weiß ſelber nicht wes⸗ halb, das Herz faſt abgedrückt. Ich habe meine Arbeit wie in einem ſchweren Traum gethan, unbewußt, ohne Luſt, ohne Trieb. Ich bin im Hauſe herumgegangen, als ob ich ſelber ein ſchweres Verbrechen verübt hätte — als ob ich es noch verübe“— ſetzte ſie mit leiſer, kaum hörbarer Stimme hinzu—„und nicht wieder froh werden könne, bis ich Dich geſprochen hätte. Wo biſt Du ſo lange geweſen, daß Du nicht einen Abend eine Viertelſtunde Zeit gewinnen konnteſt, die Laſt von meiner Seele zu nehmen?“ „Ich konnte nicht unbemerkt vom Hauſe abkommen, liebes Kind,“ ſagte Kerdelmann freundlich. Alles ſchien gerade in dieſen Tagen zuſammen zu kommen, mich zu verhindern. 4¹* — —— ——— Und Du biſt wirklich an jenem Morgen nicht hier im Garten geweſen?— nicht, von da drüben her— aus dem Walde gekommen?“ „Aber Margarethe,“ ſprach der Mann,„was s ſollte ich ſo früh in Eurem Garten thun? Hätt' ich da hof⸗ fen dürfen Dich zu finden? Und Du weißt doch, daß ich Euren Hof nur dann beſuche, wenn das der Fall iſt.“ „Aber im Walde?“ drängte das Mädchen. „Um Gotteswillen Margarethe, was für tolle Ideen haſt Du da gefaßt,“ verſetzte der Wirth in einem Tone des Vorwurfs.—„Wie kommſt Du darauf, mich mit jener furchtbaren That zuſammenzubringen? Nur ein Wort davon gegen irgend einen andern Men⸗ ſchen und Du könnteſt mich den größten Unannehm⸗ lichkeiten ausſetzen. Denke nur, welchen Nachtheil es allein für mich haben müßte, wenn mein Name damit zuſammen genannt würde. Daß ich nicht wildern kann, weil ich ein erbärmlicher Schütze bin, wiſſen die Leute wohl, und ich habe noch nicht einmal einen Haſen, viel weniger ein Stück Wild erlegt; aber die Menſchen ſind nur zu gern bereit gleich das Schlimmſte von einem Andern zu denken, und wie erwünſcht den Jägern ein ſolcher Verdacht ſein würde, weißt Du beſſer als ich es Dir ſagen kann.“ 105 „Alſo Du warſt es nicht?“ wiederholte das Mäd⸗ chen, ohne bis jetzt den forſchenden Blick von dem vor ihr Stehenden abzulenken.„Gieb mir keine auswei⸗ chende Antwort, Joſeph,“ fügte ſie hinzu, als ſie ſah, daß er eine abwehrende, wie ungeduldige Bewegung machte,„antworte mir einfach mit Ja oder Nein und bedenke, daß ich über eine Woche lang eine Qual aus⸗ geſtanden habe, wie ſie der wirkliche Mörder des Un⸗ glücklichen kaum gefühlt haben kann.— Du warſt es nicht?“ „Nein, mein Herz,“ ſagte der Wirth alſo gedrängt, und wieder ſtrafte ihn das verrätheriſche Blut für einen Augenblick Lügen,„ich war an dem Morgen nicht in Eurem Garten, oder irgend wo anders, als in meinem Bett, und bin zur gewöhnlichen Zeit aufge⸗ ſtanden, wie Dir meine Leute bezeugen könnten.“ „Es iſt gut,“ hauchte Margarethe,„ich— muß Dir glauben.“ 1 „Nun laß aber auch den unglückſeligen Gedanken fahren,“ bat der junge Mann, froh den böſen Fragen endlich enthoben zu ſein,„und nimm meinen herzlichen Dank dafür, daß Du mich heute in Dein freundliches Zimmer eingeführt. Wie hübſch es hier oben iſt; da plandert es ſich viel beſſer, als da drunten im kalten Garten.“ „Wir ſind ſchon zu lange hier geweſen,“ ſagte das Mädchen mit mühſam erzwungener Freundlichkeit, „drum gehe jetzt. Mich ſchmerzt mein Kopf ſo furcht⸗ bar, daß ich kaum denken kann— ich fürchte, ich werde krank.“ „Das darfſt Du nicht, mein Herz,“ mahnte der junge Mann und zog ſie leiſe an ſich,„Du mußt Dich tapfer halten, und jetzt haben wir auch die Hoffnung, daß Dein Vater doch vielleicht ſeine Einwilligung zu unſerer Verbindung giebt. Mir thut der Tod des ar⸗ men jungen Burſchen gewiß von Herzen leid, und— ich hoffe, daß der Thäter ſeiner Strafe nicht ent⸗ rinnen wird— aber für uns iſt dadurch ein Hin⸗ derniß weggefallen, und wenn ich ein ernſtes Wort mit Deinem Vater ſpräche— am Ende ſagte er doch ja!“ Margarethe duldete, daß er ſeinen Arm um ſie legte, aber ſie war leichenbleich dabei geworden, und vermochte nicht ihm gleich zu antworten.„Geh jetzt, Joſeph,“ flüſterte ſie endlich—„geh— mich befällt ein Schwindel und ich muß mich niederlegen.“ „Und darf ich morgen wieder kommen?“ „Nein— wir bekommen Beſuch.— Meiner Mutter Schweſter wird auf einige Zeit zu uns ziehen und mit mir in meinem Zimmer wohnen.“ 107 „Und ſoll ich mit Deinem Vater ſprechen, Gretchen?“ „Laß mir Zeit zur Ueberlegung, Joſeph,“ bat das Miüdchen und drängte ihn ſanft der Thür zu. „Dann gute Nacht für heute, mein Kind,“ flü⸗ ſterte der junge Mann, dem es ſelber merkwürdig un⸗ heimlich in dem Zimmer wurde—„gute Nacht, aber laß mich nicht zu lange warten, bis ich Dich wieder⸗ ſehen darf.“ Nur ihre Stirn konnte er küſſen, weil ſie den Kopf gegen ihn ſenkte, dann glitt er leiſe aus dem Zimmer und die dicht von der Thüre niederführende Treppe hinab. Unten im Flur brauchte er einige Zeit, bis er den Ausweg fand; aber Alles ſchlief und er entfernte ſich ungeſtört. Jetzt war er im Freien und ſchlich, wie an jenem Morgen über den kleinen offenen Raum der Hofthür zu. Unwillkürlich warf er den Blick nach Margare⸗ thens Fenſter hinauf— das Licht dort war ausge⸗ löſcht, aber die helle Geſtalt des Mädchens ſtand da oben und blickte auf ihn herab— wie an jenem Morgen. Es gab ihm einen Stich dabei durch's Herz, und faſt wollte er ſich wie damals an die Mauer drücken, ihrem Auge auszuweichen, doch faßte er ſich, biß die Zähne auf einander und 108 ging mit langſamem, ſcheuem Schritt dahin. Mar⸗ garethe aber am Fenſter oben brach in die Kniee, barg das Antlitz in den Händen und weinte— weinte, als ob ſich ihre Seele in Thränen auf⸗ löſen ſolle. — 109 VIII. Die Zeit verſtrich. Schöffel war in das Stadt⸗ gefängniß abgeführt worden und die gegen ihn einge⸗ leitete Unterſuchung nahm den gewöhnlichen, tödtlich langſamen Gang. Was nur irgend als gegen ihn zeugend aufgefunden werden konnte, wurde mit ängſt⸗ licher Sorgfalt geſammelt, und ſein früheres wildes und oft geſetzloſes Leben bot der Anſchuldigung leider nur zu vielen Stoff. Vormals ſchon, als Schöffel noch vom Wilddieb⸗ ſtahl lebte, wie er eingeſtanden, war ein Jäger in jener Gegend erſchoſſen und der Thäter nicht ausgefunden worden. Auch dieſes Mordes ſuchte man ihn jetzt zu überführen, und aus allen Theilen des Landes wurden deshalb Zeugen vorgefordert. Vergebens ermahnte man ihn aber wieder und wieder, daß er durch ein reumüthiges Bekenntniß ſein Gewiſſen entlaſſen ſolle, vergebens ſuchte man ihn durch Kreuzverhöre zu ver⸗ wirren. Er blieb bei ſeiner Ausſage, daß er unſchuldig an dieſem, wie an dem früheren Morde ſei, und lange Monate ſchmachtete er fort in enger, qualvoller Haft, während die Seinen daheim mit dem Mangel zu kämpfen hatten. In Hollendeik war die ganze Sache unter der Zeit ſchon faſt vergeſſen, und kam wirklich das Ge⸗ ſpräch einmal darauf, ſo hörte man höchſtens die Frage,„ob der Schöffel ſchon geſtanden hätte.“ Ein anderer Forſtgehülfe war an Meier's Stelle getreten und das Leben dort ging ſeinen gewöhnlichen Gang. Der Wirth Kerdelmann hatte allerdings ebenfalls zum Verhör in die Stadt nach Grafenhoff gemußt, aber der Verdacht, der ihn traf, war kein anderer, als daß er gediebtes Wild von Schöffel gekauft hätte. Das leugnete er und fügte hinzu, obgleich er Urſache habe, gegen Schöffel bös zu denken, weil dieſer ihn einmal habe in's Unglück bringen wollen, ſo hege er doch keinen Groll mehr gegen ihn. Ja, er hoffe, der Kreiſer werde ſich von der ſchweren Anklage zu recht⸗ fertigen wiſſen und auf ſeinen Poſten und zu ſeiner Familie zurückkehren. Im ‚„rothen Hirſch“ fehlte es aber jetzt ſehr häufig an Wildpret, denn der Wirth verbrauchte thatſächlich nur, was er von den benachbarten Forſteien kaufte. 111 Er ſelber ſprach natürlich nie über dieſe Veränderung und wich den deshalb an ihn geſtellten Fragen aus; aber die Jäger vom hollendeikſchen Revier zweifelten keinen Augenblick, daß Schöffels Gefangennahme die einzige Urſache derſelben ſei, und freuten ſich, dieſe Geißel des Wildſtandes los zu ſein. Etwas Neues gab übrigens den Leuten zu Hollen⸗ deik bald anderen, nicht gerade unerwünſchten Stoff zur Unterhaltung, und das war die verunglückte Wer⸗ bung des Wirthes vom rothen Hirſch um die Tochter des Kronenwirths. Kerdelmann war in der That vor einiger Zeit zum Kronenwirth gegangen und hatte den gebeten, ſeinen Groll gegen ihn fahren zu laſſen, da er gern in ein freundnachbarliches Verhältniß mit ihm zu treten wünſche. Dagegen hatte ſich der Kronen⸗ wirth für's Erſte etwas geſträubt, denn er wie alle Anderen im Dorf theilten den Glauben, daß Kerdel⸗ mann mit Schöffel unter einer Decke geſteckt und der unglückliche Meier in Folge deſſen ſeinen Tod gefunden habe. Beweiſen konnte man dem Mann aber doch Nichts; nachſagen ließ ſich ihm ſonſt kein Unrecht, er. betrug ſich ſtill und höflich gegen Jeden, und da er den erſten Schritt zu einem guten Vernehmen gethan, ſo mochte der Kronenwirth zuletzt nicht„nein“ ſagen. Vergebens ſuchte aber Kerdelmann, ſo vorher wie nachher, eine Zuſammenkunft mit Margarethen, umſonſt gab er ihr das verabredete Zeichen viele Abende hinter einander; ſie kam nicht, und ſo oft er nach der Ausſöhnung mit dem Vater deſſen Gaſt⸗ zimmer betrat, wich ſie ihm aus, ſo raſch ſie irgend konnte. Kerdelmann ward dadurch mit peinlicher Angſt erfüllt: er ahnte den wahren Grund. Margarethe hatte den Verdacht gegen ihn nicht fahren laſſen und ihre Liebe war dem Grauſen vor ſeiner That gewichen. Aber was hätte es ihr geholfen, wenn ſie ſelber als Anklägerin gegen ihn aufgetreten wäre? Der einzige Beweis, der wirklich gegen ihn zeugen konnte— das, was er an jenem Morgen in ſeinem Keller vergraben, um es nur augenblicklich aus dem Wege zu räumen— war vernichtet und der Mund des Todten ſelber ſtumm. So wie er ſich etwas ſicher wußte, hatte Kerdelmann die blutigen Kleider ausgegraben und in ſeinem Ofen verbrannt. Auch den Kolben der Büchſe verbrannte er, den Lauf endlich hatte er mit Schloß und Beſchlägen in ein tiefes Loch des Fluſſes ge⸗ worfen; dort mochte es roſten. Trotzdem wurde ihm der Aufenthalt an dem Orte ſeines Verbrechens mit jedem Tage drückender; er wußte nur noch nicht recht, wie er ihn, ohne Aufſehn zu erregen, verlaſſen könne. 113 Daß ihn Margarethe nicht mehr liebe, davon mußte er ſich nach ihrem Betragen für überzeugt halten. Hatte er doch keine Ahnung davon, mit welcher Treue das arme Herz noch immer an ihm hing und wie es ſich in Zweifeln, Kummer und Schreckniſſen abmarterte, unfähig, den furchtbaren Argwohn zu bewältigen, der ihr den Geliebten für immer zu entreißen drohte. Aber um ſein Verhältniß mit dem Mädchen zu einer Entſcheidung zu treiben, ging er, ohne vorher mit Margarethen Rückſprache genommen zu haben, eines Morgens zum Kronen⸗ wirth und warb um ſie.— Er wußte es vorher, daß er ſie ihm abſchlagen würde. Acht Tage ſpäter wußte ganz Hollendeik— ob⸗ gleich der Kronenwirth mit keinem Menſchen darüber geſprochen— von dem Korbe, den Kerdelmann von der„Kronen⸗Margareth“ davongetragen. Darauf wollte er nun, ſo hieß es weiter, ſeinen„Hirſch“ ver⸗ kaufen und nach Amerika ziehen. Noch acht Tage ſpäter ſtand ſein Wirthshaus zum Verkauf angezeigt, und bald hatte ſich auch ein Liebhaber dazu gefunden. Natürlich bildete das in Hollendeik für eine ganze Weile das Tagesgeſpräch. Kerdelmann aber beſorgte ruhig, und ohne irgend etwas zu übereilen, ſeine Ge⸗ u 6—.. ſchäfte, verkaufte ſein Haus und Inventarium um Gerſtäcker, Hell und Dunkel. I. 8 einen billigen Preis gegen baar Geld, und behielt nur. ein kleines, dazu gehörendes Stück Land von etwa 1 ½ Acker mit einem kleinen Häuschen darauf zurück, für das er, wie er meinte, eine andere Verwendung hatte. Welche? ſagte er Niemandem. Der Tag der Abreiſe rückte heran, und gern hätte er Margarethen Lebewohl geſagt, wenn er ſich auch vor einer Zuſammenkunft mit ihr fürchtete. Er durfte ſich aber nicht fortſchleichen; das hätte ihren Verdacht nur noch mehr beſtärkt. Das Zeichen warf er ihr deshalb auch in den Garten und harrte am Abend wohl eine Stunde lang, daß ſie kommen ſolle— aber ſie kam nicht. Die Thür blieb verſchloſſen, auch in ihrem Zimmer war kein Licht. Nur als er, eigentlich froh darüber, nach längerem nutzloſen Harren den Platz wieder verließ, ſah er die Geſtalt des Mädchens wie damals ſtill und regungslos am Fenſter ſtehen. Er floh, als er den Hofraum verlaſſen hatte, in ſein Haus hinüber, als ob er die Häſcher auf ſeinen Ferſen wüßte. Am nächſten Morgen war er aus Hollendeik ver⸗ ſchwunden. Eine Stunde vor Tag ſchon hielt der leichte Wagen, der ihn nach der Stadt bringen ſollte, vor dem rothen Hirſch. Sein Gepäck hatte er ſchon vorausgeſchickt. Von der Stadt weiter ging er dann 115 mit der Eiſenbahn nach Bremen oder Hamburg oder England. Niemand wußte genauer wohin— Nie⸗ mand kümmerte ſich aber auch viel darum, denn Ker⸗ delmann hatte ſich in Hollendeik, obgleich er gegen Alle freundlich war, doch auch nicht einen einzigen wirklichen Freund erworben. Sein zurückhaltendes, verſchloſſenes Weſen ſtieß Jeden ab, der ſich ihm herzlich hätte nähern wollen, und eigentlich gönnte man es ihm, daß er von der Kronen⸗Margareth den Korb bekommen hatte und ihm damit der fernere Aufenthalt im Orte verleidet worden ſei. Der Wagen aber, der den bisherigen Hirſchen⸗ wirth in die Stadt führen ſollte, hatte nicht den nächſten Weg dorthin eingeſchlagen. Er bog draußen im Felde rechts ab und zwar nach Herslingen hinauf. Durch Herslingen fuhr er durch, und erſt eine Viertel⸗ ſtunde davon, dort wo das kleine vereinzelte Häuschen ſtand, ließ Kerdelmann halten und ſtieg aus.— Es war das Häuschen des früheren Kreiſers Schöffel. Es mochte acht Uhr Morgens ſein, und die arme Frau ſaß eben mit ihren beiden Kindern bei der dürſ⸗ tigen Morgenſuppe. Als der Wagen vor dem Hauſe hielt, erſchrak ſie, daß ihr der Löffel aus der Hand fiel. Erwartete ſie doch nichts Anderes, als wieder einen Herrn vom Gericht, mit bitteren Worten und 8* 116 neuen Vorladungen oder gar— die Glieder flogen ihr ordentlich am Leib— mit der Anzeige von der Verurtheilung ihres Mannes. Den Wirth kannte ſie nur dem Namen nach; ſie hatte ihn nie vorher geſehen. Kerdelmann nannte ſich ihr auch nicht. An ihren bleichen, angſterfüllten Zügen mochte er aber wohl merken, was ſie fürchtete, denn er ſagte raſch: „Habt keine Sorge, liebe Frau; ich bringe Euch keine ſchlechte Nachricht, und möchte Euch vielmehr eine Freundlichkeit erweiſen— Euch wenigſtens einen Vorſchlag machen, den Ihr vielleicht annehmbar findet.“ 3 „Ach du mein lieber Gott,“ ſagte die Frau mit einem aus tiefſter Bruſt herausgeholten Seufzer— „es iſt eine lange lange Zeit her, beſter Herr, daß etwas Gutes über dieſe Schwelle gekommen wäre. Noth und Herzeleid aber ſind wir hier gewohnt— das ſind tägliche Gäſte.“ „Ich weiß Alles, liebe Frau,“ ſagte Kerdelmann, dem datan lag, jedes Geſpräch über das Vorgefallene abzuſchneiden—„deshalb komme ich eben her, Euch 1 eine Hülfe anzubieten.“ „Uns, eine Hülfe?“ ſtöhnte die Frau, langſam deen Kopf ſchüttelnd—„was kann uns helfen? Der — 117 Vater ſitzt im Gefängniß, der arme Mann— un⸗ ſchuldig ſo wahr da oben ein Gott im Himmel lebt, und ich kann nur mit den armen Würmern da in's Waſſer ſpringen,— ſie zu ernähren bin ich doch nicht im Stande.“ „Habt Ihr hier Feld bei Eurem Haus?“ fragte der Wirth nach einer kleinen aber für ihn entſetzlich beklemmenden Pauſe. „Feld?— nein,“ erwiderte die Frau, ſich mit der Schürze die Thränen abtrocknend—„und wenn wir's auch hätten. Das Grundſtück gehört nicht uns, und übermorgen müſſen wir ausziehen— Gott allein weiß wohin.“ 3 „Das hatt' ich eben gehört,“ ſagte Kerdelmann, „und deshalb komme ich her. Ich ſelber habe bis jetzt in Hollendeik gewohnt, verreiſe aber auf längere Zeit und beſitze dort unten noch anderthalb Acker Land und ein kleines aber für Euch doch wohl genügendes Häuschen. Das möcht ich Euch gern für einen mäßigen Pacht überlaſſen.“ „Du lieber Gott,“ ſagte die Frau,„ich. habe keinen Kreuzer mehr im Haus, uns für dieſen geſegneten Tag Brot zu kaufen; wie ſoll ich im Stande ſein, irgend einen Pacht zu zahlen, und wenn er noch ſo⸗ billig wäre.“ „Das läßt ſich doch wohl ordnen,“ bemerkte der Fremde.„Wahrſcheinlich bleibe ich längere Zeit weg, und mir liegt mehr daran, das Grundſtück im Stand zu halten, als andern Nutzen daraus zu ziehen. Schafft nur getroſt Eure Habe hinunter. Für dieſes Jahr ſind die Steuern darauf bezahlt und erlaſſe ich Euch den Pacht ganz. Später verlange ich— nun das wird ſich finden, wenn ich von meiner Reiſe zurückkomme. Seid Ihr's zufrieden?“ Die Frau horchte hoch auf, ſie konnte ſich nicht denken, daß ihr ſo Gutes geboten würde.„Und was wäre ſonſt noch zu thun?“ fragte ſie ſchüchtern. „Nichts als was ich Euch eben geſagt habe,“ er⸗ widerte Kerdelmann.„Nichts als drüben einzuziehen, das Grundſtück in Beſitz zu nehmen— hier ſind die nöthigen Papiere, die man Euch etwa abfordern kann. Mit der Pachtzahlung wartet Ihr, bis ich ſelber darnach komme, was vor drei Jahren keinenfalls geſchieht.“ „Aber wie kommen Sie dazu, mir und den armen Kindern da ſo viel Gutes zu erweiſen?“ ſtotterte die Frau, die ſich noch immer nicht von ihrem Erſtaunen erholen konnte.„Wie heißen und wer ſind Sie?“ „Das findet ſich Alles in den Papieren,“ be⸗ ſchwichtigte der Mann, indem er ſich der Thüre 119 zuwendete. Es wurde ihm ſo ſchwül in dem kleinen, niedrigen Zimmer, daß er glaubte, die Decke erdrücke ihn noch. „Aber ich begreife nicht,“ verſetzte die Frau, und begann die Dokumente zu entfalten.„Es iſt mir, als träumte ich nur.“ „Lebt wohl!“ ſagte der Fremde und verließ raſch das Haus. Vor der Thür hielt ſein Wagen, und er ſprang hinein. Die Frau hatte indeſſen mit zitternden Händen in den Papieren geblättert, es ſchwamm ihr Alles vor den Augen und ſie konnte die große deutliche Schrift kaum leſen. Da fiel ihr Blick auf den Namen. „Jeſus Maria Joſeph!“ ſchrie ſie auf,„Ihr ſeid es, der Hirſchenwirth!“ Der Mann hatte ſich in die Ecke des Wagens geworfen, und der Kutſcher hieb in die Pferde hinein, die jach mit ihm den Hang hinunter trabten. IX. Weit drüben über der See, im amerikaniſchen Lande, in der reichen Niederlaſſung des Miſſiſſippi, die der„‚American Bottom“ heißt, lag eine freundliche, von einem Deutſchen bewirthſchaftete Farm. Sonſt ging es hier gar geſchäftig zu; denn der Eigenthümer beſaß ein treffliches Grundſtück mit vie⸗ len Kühen und Pferden, und als er vor ſieben Jahren einzog und ein Jahr ſpäter die reizende Tochter eines eingebornen Nachbarn heimführte, waren Feſte auf Feſte in dem geräumigen, wohnlich eingerichteten Back⸗ ſteinhaus gefeiert worden. Heute hatten ſich hier wieder viele Leute verſam⸗ melt, aber wie es ſchien, zu keinem Feſt. Die Männer ſtanden ſchweigend in kleinen Gruppen vor der Thür, in der manchmal Frauen mit verweinten Augen er⸗ ſchienen, und eine halbe Stunde ſpäter trug man einen Sarg heraus, dem ſich die Verſammelten anſchloſſen 121 und ihn auf den kleinen, nicht ſehr fernen Gottesacker begleiteten. Dicht hinter dem Sarg ging ein Mann, ein klei⸗ nes, etwa vierjähriges Mädchen an der Hand; aber in ſeinen todtenbleichen, gramgefurchten Zügen lag mehr als Schmerz. Still und ſchweigend, die Lippen feſt aneinandergeſchloſſen, ſtierte er vor ſich nieder auf den Boden, umſchloß er mit ſeiner Rechten das kleine Händchen des Kindes, das neben ihm herging, und neugierig bald zu dem Vater, bald zu dem Sarge hin⸗ auf, bald zurück nach den hinterdrein Kommenden ſchaute. Der Zug hatte den Gottesacker erreicht, und wäh⸗ rend der Sarg am Rande des Grabes ſtand, hielt der Geiſtliche eine lange Rede. Die Männer umringten. ihn mit abgenommenen Hüten und dicht vorüber⸗ rauſchte zu deren Füßen der mächtige Strom ſeine dunklen gelben Wellen dem Meere zu, flüſterte neben ihnen das Laub an den Zweigen und zwitſcherten die munteren Vögel in den Aeſten. Das Alles glitt laut⸗ los an dem Ohr des Einen vorüber. Sein Blick haf⸗ tete wohl an dem ſchwarzen Sarg, der die Leiche ſeines lieben Weibes aufgenommen hatte, aber ſein Geiſt ſchweifte weit, weit ab über das Meer Hinber, in ein fernes Land. 422 — Nacht war es dort— nur der Mond ſtand am Himmel und warf ſeinen bleichen Strahl durch die blätterleeren Zweige des Herbſtwaldes.— Todtenſtille herrſchte umher, nur dort drüben auf dem offenen Schlag äſtte ſich ein Rudel Wildpret und kam näher und näher heran zu dem Platze, wo der verſteckte Schütze, das geſpannte Gewehr feſt in der Fauſt, des Wildes harrend, lag.— Jetzt dröhnte der Schuß durch den ſtillen Wald, und hei! wie das Rudel dort hinauf⸗ praſſelte, durch trocknes Laub und Reiſig hin, und nur das eine Stück, zum Tod getroffen von der Kugel, zurückblieb, taumelte und in den eigenen Fähr⸗ ten zuſammenbrach.— Und jetzt?— Niemand ſah den Wilderer, der lauernd ſeine Zeit im Dickicht ab⸗ wartete, dann leiſe vorſchlich und mit grimmer Freude das ſchwere Stück mit einem Ruck ſich auf den Nacken lud. Jetzt hat er die ſchützende Dickung damit erreicht — noch wenige Schritte und die düſteren Schatten der Kiefernbüſche decken ihren Schirm um ihn, da— „Halt!“ donnerte die Stimme des Prieſters in ſein Ohr und mit dem Worte:„Jeſus!“ brach der Mann zerbrochen, zitternd in die Knie und barg das bleiche Antlitz in den krampfhaft ſich darüber krallen⸗ den Fingern. „Halt ein! halt ein auf dem Weg zur Sünde!“ 123 fuhr der begeiſterte Redner in ſeiner Mahnung fort, —„halt, da es noch Zeit iſt, da die Poſaune des letz⸗ ten Gerichts noch nicht in Dein Ohr dröhnt! Thut Buße, Ihr Alle, daß der Tod nicht unerwartet an Euere Thüre klopfe und die Pforten des Himmels Cuch verſchloſſen bleiben für ewige— ewige Zeiten!“ Weiter ſchmetterte die Rede— aber der Mann am Boden hörte und verſtand Nichts mehr. Vor ſeinem Ohre klang und dröhnte es, und trieb ihm das Blut in wilden Schlägen durch die heißen, pochenden Adern, bis Einer der Nachbarn ſeine Schulter berührte und ihn langſam und vorſichtig vom Boden aufhob. Die Grabrede war vorüber— der Sarg in die Gruft geſenkt, und die Männer ſprachen ein leiſes Ge⸗ bet der Geſchiedenen nach. Jetzt rollte die ſchwere Erde nieder— Schaufel nach Schaufel folgte, und während die Todtengräber ihr trauriges Amt vollen⸗ deten, wandte ſich der Zug langſam nach dem Hauſe zurück. Zuerſt bereiteten freilich noch die Frauen ein ein⸗ faches Mahl für die Gäſte, an dem der Hausherr aber keinen Antheil nahm. Dann holten die Trauergäſte ihre Pferde und ritten davon— die Männer und die Frauen— Einer nach dem Andern, und immer ſtiller, öder wurde es im Hauſe. Nur eine alte Wirthſchafterin * blieb zurück, die wieder etwas Ordnung ſtiftete, und heimlich in der Küche von dem übriggebliebenen Wein trank, und unten im Zimmer ſaß der Mann auf einem breiten Stuhl, hatte das kleine Mädchen auf dem Knie und ſtarrte ſtill und ſchweigend vor ſich nieder. So ſaß er viele Stunden— das Kind war müde geworden, es entſchlief in ſeinem Arm— er wußte es nicht. Eintönig pickte die Uhr an der Wand ihre mo⸗ notonen Schläge— er hörte ſie nicht. Die Alte kam herein— ein Mal, zwei Mal, drei Mal, und immer ſaß der Wittwer noch, wie er vorher geſeſſen, das Kind im Arme. Sie wagte nicht, ihn zu ſtören. Drüben, über dem niederen langen Waldſtreifen, der das andere Ufer des Miſſiſſippi begrenzte, ſank die Sonne. Es wurde Nacht draußen; der Whip⸗poor⸗will ſchlug im Buſch ſein monotones Lied und lange Züge von Wildenten ſtrichen ſchwirrend über die düſtere Waſſerfläche dahin. Es ſchlug neun und zehn auf der alten Uhr, und noch immer hielt der Unglückliche das ſchlafende Kind in den Armen und blickte ſtier in die ihn umlagernde Dunkelheit, bis die alte Haushälterin endlich ſo müde wurde, daß ſie ſelber die Augen nicht mehr offenhalten konnte. Da trat ſie leiſe hinein in das Zimmer, ſie hatte die Schuhe ausgezogen, um kein Geräuſch zu machen, 125 denn ſie glaubte, der Herr ſchliefe ebenfalls, und nahm das müde Kind aus ſeinen Armen. Er ſchaute ſie da⸗ bei an, aber rührte ſich nicht, bis ſie ſich eben ſo ge⸗ räuſchlos mit der Kleinen entfernen wollte, ſie zu Bett zu bringen. „Wie viel Uhr iſt's Dorothea?“ „Herr, Du meine Güte, wie Sie mich erſchreckt haben,“ rief die Alte zuſammenfahrend, und ſetzte dann ruhiger hinzu:„Zehn Uhr iſt's vorbei, Maſter— es geht ſtark auf elf. Die Leute ſind ſchon ſeit ein paar Stunden im Bett. Das arme Kind hat hier nur zu lange in ſeinem dünnen Kleidchen gelegen und beide Eckfenſter auf dabei. Das Köpfchen brennt ihm wie eine glühende Kohle— wenn's ihm nur um Gottes Willen Nichts geſchadet hat.“) „Bringt das Mädchen zu Bett, Dorothea,“ erwi⸗ derte der Mann, und winkte ihr mit der Hand, daß ſie hinausgehen ſollte. Er ſelber ſtand auf, ſchloß die Fenſter und ſank dann wieder in ſeinen Stuhl zurück. Der nächſte Morgen fand ihn mit Tagesanbruch auf und im Walde draußen, als er aber zurückkehrte, kam ihm Dorothea mit ängſtlichem Geſicht entgegen und meldete ihm, daß die Kleine erkrankt ſei. Sie liege im Fieber. In derſelben Stunde noch ſprengte einer der 4 Knechte mit verhängtem Zügel der nächſten Stadt zu, einen Arzt herbeizuholen. Der Arzt traf ein, aber des Kindes Zuſtand verſchlimmerte ſich von Tag zu Tag, und acht Wochen ſpäter kamen die Nachbarn wieder zuſammen, wie damals, nur daß ſie diesmal einem Kinderſarge zum Kirchhof folgten. Der Vater ſelbſt fehlte im Zuge. Er lag krank zu Bett. Als er ſich nach Wochen daraus erhob, war er nicht wieder zu erken⸗ nen, ſo elend wie ſein Ausſehn und ſo ſtill wie ſein Weſen geworden war. Die Nachbarn hatten anfangs gerechtes Mitleiden mit dem Manne, der in Einem Jahr ſeine Kinder und ſeine Frau verloren. Sie ſuchten ihn aufzuheitern. Aber er wich ihnen aus und an dem zähen Widerſtand, den er ihren freundlichen Bemühungen leiſtete, ſchei⸗ terte zuletzt ihre Langmuth. Sie ließen ihn ſeinen eigenen Weg gehen, da er es denn einmal nicht anders haben wollte. Hätten ſie gewußt, wie einſam er ſich fühlte und wie es in ſeinem Herzen arbeitete und nagte,— aber keiner Seele hatte ſich der Unglück⸗ ſeliche je vertraut, ſelbſt nicht ſeiner Frau, die mit treuer Liebe an ihm gehangen. Allein war er ſeine dunkle Bahn durch's Leben gegangen, allein hatte er bisher ertragen was endlich unerträglich war: die nie raſten⸗ den Folterqualen eines blutbefleckten Gewiſſens. Es — 127 war eine Rieſenlaſt. Am Grabe der Frau hatte ſie ihn zum erſten Mal zu Boden gedrückt und nachdem er ſeitdem auch noch ſein Kind— das letzte verloren, ſo war die Spannkraft ſeines Weſens unwiederbring⸗ lich dahin. Der Schuldbeladene war müde, todtmüde. Sein Leben war gleichſam nur noch ein mechani⸗ ſches, ein Leben aus Gewohnheit.— So kam der Winter heran, aber mit ihm keine Ruhe für den Ge⸗ quälten. Ja, je kürzer und trüber die Tage wurden, deſto ängſtlicher wurde er noch, deſto ſchweigſamer und ſtarrer ſaß er zu Hauſe, den Schlaf ſchien er zu flie⸗ hen, der Nahrung kaum noch zu bedürfen.— Die alte Haushälterin begriff nicht, wie nur ſein Körper ſolchen Mishandlungen auf die Länge der Zeit widerſtehen könne. Hätte ſie geahnt, was ſeinen Geiſt zermarterte, ſie würde es noch viel weniger begriffen haben. Als aber der Frühling wieder in's Land kam, konnte er die Qual nicht länger aushalten, die an ſei⸗ nem Herzen fraß. Dennoch ſchien plötzlich eine ſegens⸗ reiche Veränderung mit ihm vorgegangen zu ſein. Der Mann wirthſchaftete wieder wie vorher auf ſeinem Gute herum, erkundigte ſich nach dem und jenem, um das er ſich ſchon ſeit langer Zeit nicht mehr bekümmert hatte und unterhielt ſich ſogar mit der alten Dorothea. „Gott ſei ewig gedankt, mein lieber Herr,“ rief 1 t 128 dieſe mit gefaltenen Händen, indem ſie vor ihm ſtehen blieb und ihn mit ihren freundlichen, klaren Augen be⸗ trachtete,„daß Sie ſich endlich einmal zuſammengerafft haben und wieder Sie ſelbſt geworden ſind. Sie hat lange gedauert, dieſe verzweiflungsvolle Trauerzeit. Jetzt aber wird hoffentlich Alles wieder gut werden.“ „Ja, Dorothea,“ ſagte der Mann mit leiſer, ton⸗ loſer Stimme—„das hoffe ich auch— es muß jeden⸗ falls anders werden.“ „Es muß anders werden,“ wiederholte er, als er bald darauf allein, wie er pflegte, im Walde wandelte. „Leben?— was liegt mir am Leben! Ich will nicht länger leben, aber ich darf noch nicht ſterben. Erſt muß ich ſühnen, was ich gethan— erſt muß ich büßen. Dann erſt kann der gerechte Gott ſein Erbarmen mit mir haben, dann erſt werden die Stimmen, die furcht⸗ baren in meinem Buſen wider mich ſchreienden Stim⸗ men verſtummen. Ich will ſterben, aber erſt muß ich mein Gewiſſen zum Schweigen gebracht haben, daß ich nicht mit dem Ankläger auch noch vor die Schranken des Ewigen trete.“ Zum erſten Male ſeit vielen langen Monden be⸗ ſtieg er am nächſten Morgen wieder ein Pferd und ritt in die Stadt, ſein Gut zum Verkauf anzubieten. Acht Tage ſpäter war auch ſchon der Handel darüber abge⸗ 129 ſchloſſen und die Farm gehörte einem andern Herrn. Nachdem der bisherige Eigenthümer das Loos der al⸗ ten Dorothea auch nach dieſer Veräußerung ſicher ge⸗ ſtellt hatte, ging er an Bord eines der zahlreichen Dampfboote, von denen der Miſſiſſippi durchfurcht wird. Das Schiff ſchwankte, vom Ufer ſich drehend, in die Strömung des mächtigen Fluſſes hinein. Der Farmer aber ſtand vorn am Bug des Fahrzeugs, das Geſicht bleich, den Mund geſchloſſen, das Auge ſtier und mit trotziger Entſchloſſenheit an der Ferne haf⸗ tend. Leiſe, wie eine Beſchwörungsformel für das ängſtlich pochende Herz, murmelten die Lippen dazu: „Nach Haus!— nach Haus!“ Gerſtäcker, Hell und Dunkel. I. 9 X. Nach Haus! giebt es ein ſüßeres, lieberes Wort für den armen, müden Wanderer, der ſich Jahre lang draußen herumgetrieben in der fremden, kalten Welt, und nun der Heimath Bild auf einmal wieder liebend, lockend ſich entgegenwinken ſieht?— Nach Haus! Durch alle Fibern und Nerven bebt es ihm, und füllt ſein Herz mit ſeligem, jauchzendem Entzücken— nach Haus! Vor ihm liegen wieder, von dem gedächtnißtreuen Geiſt mit Zauberſchnelle heraufbeſchworen, die fröh⸗ lichen Bilder ſeiner Jugendzeit— liegt das ſtille Vaterhaus, der kleine Garten, die alte ſchattige Linde vor der Thür; der Brunnen mit dem moosbedeckten Eimer, der im Sommer den kühlen Labetrunk ſo oft herausgeholt; die kleine Kirche mit dem ſpitzen Thurm und mit dem ſtillen Friedhof dicht daran, das weite Land mit all den lieben, ſo oft beſuchten Hügeln und ¶131 Thälern, und treue Freunde breiten ſehnend dabei die Arme aus, den Heimgekehrten jubelnd zu empfangen. Nach Haus! o, wie das im Herzen pocht und hämmert, wenn der Bug unſeres Schiffes ſich wieder dem Vaterland entgegenlenkt; wie das die Freuden⸗ thränen Dir ins Auge treibt, und Dich die Stunden ungeduldig zählen läßt— nach Haus! Aber füllten ſolche Gefühle die Bruſt des Mannes, der dort, zuſammengebrochen, todt gegen Alles, was ihn umgab, am Bord des guten Schiffes ſaß, wenn es ihn auch mit noch ſo ſtraff geblähten Segeln, luſtig durch die Wogen ſchäumend, der Heimath ent⸗ gegentrug? Die Hände um das heraufgezogene Knie feſt gefaltet, den Kopf auf die Bruſt geſenkt, ſaß unſer Wanderer auf dem Verdeck, Tage, oft halbe Nächte lang. Er ſprach faſt mit keinem Menſchen, gab ſelten Antwort, wenn er angeredet wurde, und ging nur ſtill und ſtumm zur Seite, wenn er fühlte, daß er irgendwo im Wege ſei. Die Matroſen hatten den finſtern, ſchweigſamen Mann verſpotten und zum Beſten haben wollen. Das aber gewöhnte er ihnen bald ab, und nachdem er ihnen erſt einen Beweis ſeiner Kraft ge⸗ geben, lernten ſie das unheimlich düſtere Auge des 9* ſeltſamen Paſſagiers ordentlich fürchten und demſelben ausweichen. So paſſirte das Schiff nach einer glücklichen und verhältnißmäßig raſchen Reiſe den Canal. In der Nordſee drehte ſich jedoch der Wind nach Nordoſt um, ſetzte mit Regen ein, und wehte noch in der nämlichen Nacht ein fliegender Sturm. Wohl kreuzten ſie mit dicht gereeften Segeln ſo viel als möglich auf, um nicht gegen die flache franzöſiſche Küſte geworfen zu werden. Aber ſie konnten ihre Höhe nicht halten. Das Schiff trieb mehr und mehr nach Lee zu und am nächſten Abend, während der Sturm indeſſen nur immer mehr an Heftigkeit zunahm, ſtieß das Fahrzeug auf, warf ſeine Maſten über Bord und ſtrandete. Eine Scene der furchtbarſten Verwirrung folgte. Alles drängte in verzweiflungsvoller Haſt nach den beiden Booten, in dieſen die Möglichkeit einer Rettung zu finden. Wie unmöglich es für ſie ſei, in ſolcher See und Brandung die Küſte zu erreichen, bedachten ſie ja nicht. Nur fort, nur hinaus drängten die Un⸗ glücklichen das Schiff zu verlaſſen, das ſie dem Ver⸗ derben geweiht wußten— und draußen lauerte der Tod auf ſie.. Nur einer von Allen— den Capitain ausge⸗ nommen, der ruhig ſeine Befehle gab, aber bei den 133 Angſtverwirrten keinen Gehorſam mehr fand,— hielt ſich im Brauſen der Elemente ſo ſtill, ſo ruhig, ſo ſchweigſam, aber auch ſo feſt, wie er ſich bei Windſtille auf Deck herumbewegt hätte. Er griff mit an, wo anzugreifen war; als ſich aber Alle vom Deck ab in die in's Waſſer hinabgelaſſenen Boote drängten, ſtand er ſtill zurück, die Arme um eine der Juffern geſchlagen, — er, der Kapitain und der erſte Steuermann, die einzigen menſchlichen Weſen noch auf dem Wrack. „Die Boote können in der See nicht leben,“ ſchrie der Kapitain den Leuten zu—„Ihr ſeid verloren, wenn Ihr abſtoßt!“— Sie waren es ſchon. Eine rückſchlagende Welle ſchmetterte die ſchwankenden Boote gegen die Seiten⸗ wand des Wracks— einige Minuten lang wimmelte es in dem weißen Schaum von mit dem Tode ringen⸗ den Menſchen— dann war Alles vorbei.— Nur einen einzigen Matroſen hatte die Spitze der Welle empor⸗ gehoben und wieder zurück an Deck geworfen, wo er ſich anklammerte. Er war wie durch ein Wunder gerettet worden. Eine böſe Nacht folgte— das Wrack ſetzte immer feſter auf den Sand hinauf, und die See brach darüber hin; aber die Planken hielten noch zuſammen und gegen Morgen legte ſich der Sturm. Aber erſt gegen ——õy= Abend— als ſich die See genug beruhigt hatte— konnten ſie vom Land aus gerxettet werden. Mit eiſerner Ruhe hatte der„Paſſagier“ das Alles ertragen. Kein Laut kam über ſeine Lippen, keine Klage— kein Jubelruf als das rettende Boot endlich vom Land aus ſichtbar wurde. Als das kleine Fahrzeug, das die Schiffbrüchigen aufgenommen hatte, den Strand berührte, als die Seeleute hinaus⸗ ſprangen und ihren wackeren Rettern, mit Thränen in den Augen die Hände drückten, als die Frauen herbei eilten und weinten und lachten über die dem Tode Entriſſenen: da ſchritt der Mann mit dem bleichen Antlitz und den erſtarrten Zügen ſtill hindurch zwiſchen ihnen, daß ſie ihm ſcheu Raum gaben— immer vor⸗ wärts, den Hang hinauf und über den Hügel hin, bis er ihren Blicken entſchwunden war. Und ſo fort ſchritt er durch das Land, weiter und weiter bis zu der Stadt, wo er die Eiſenbahn zuerſt berührte. Sein Paß war in Ordnung, ſein Geld trug er in einem ledernen Gürtel um den Leib ge⸗ ſchnallt, und wenige Stunden ſpäter riß ihn die keuchende Locomotive in wilder Schnelle der Heimath — ſeinem Schickſal entgegen. Wie das ſeine Bahn dahin ſauſte, ſo raſend ſchnell — kein Halten mehr— nur dürftige Minuten, und 135 weiter, immer weiter fort, den Tag hindurch, die Nacht entlang.— Einzelne der Reiſenden klagten über Zö⸗ S gerung der Fahrt, über Säumniß auf den Stationen — ihm flog der Zug mit Sturmes Flügeln durch die dunkle Nacht, und zu Minuten, zu Secunden drängten ſich die Stunden zuſammen. Zug ſchloß an Zug und jetzt war das letzte Ziel erreicht— drüben in jenen dunklen Kieferwaldungen, die den Horizont umgrenzten, Hollendeik, und in der Kiefernwaldung?—— Als der Heimkehrende ſein Auge zum erſten Mal wieder auf die bekannte Stätte richtete, da wurde ihm das Blut zu Eis in den Adern, und die Glieder zitterten ihm ſo, daß er ſich in die Ecke lehnen und ſein Antlitz mit dem Tuch bedecken mußte. „Sind Sie krank?“ frug ihn ſein Nachbar, der bis dahin umſonſt geſucht hatte, ein Geſpräch mit dem finſteren, verſchloſſenen Mann anzuknüpfen— aber er erhielt auch jetzt keine Antwort. Der Unglückliche hatte mit der Welt außerhalb abgeſchloſſen; er war toodt für alles Andere, und nur der Wurm in ſeinem Herzen lebte in ihm, und bohrte und wühlte mit täglich neuer Kraft. Er ſelber hatte auch keinen eigenen Willen mehr; es war als ob er aufgehört habe ſelbſtſtändig zu handeln, und der Körper von nun ab einer anderen Macht als ſeiner Seele gehorchen müſſe. 136 Er wußte was ihm bevorſtand, wie aber der ruderloſe Kahn von reißender Strömung getragen, mit dieſer in wilder Schnelle dem Abgrund entgegenſchießt, der ihn an den Felſeu unten zerſchellen muß, ſo trieb es ihn, den Gszeichneten, in wilder verzweifelter Haſt, mit der er ſich ſelber entfliehen wollte, ſeinem endlichen Schickſal entgegen. Der Zug hielt. Der düſtere Paſſagier ermannte ſich, als der Name der Station ausgerufen ward, nahm ſein Gepäck, das aus einem Bündel unterwegs gekauſter Wäſche beſtand, ſtieg aus und ſuchte, ſo ſpät am Abend es auch war, ſofort ein Geſchirr zu be— kommen, das ihn von der Eiſenbahn nach Grafenhoff hinüberführte. Es war eine ſtürmiſche Octobernacht, kein Mond am Himmel, und Regen und Schnee peitſchen, von dem kalten Nordweſt gejagt, die gelben Blätter von den Bäumen nieder. Endlich fand ſich ein Kutſcher, der ihn um doppelten Preis hinüberzubringen ver⸗ ſprach, und das kleine Fuhrwerk arbeitete bald darauf, dem Unwetter entgegen, durch die Nacht. Und ſtill und allein im Wagen ſaß der Unglückliche — allein mit ſeinen düſteren, unheimlichen Gedanken, mit dem Bewußtſein deſſen, was die nächſte Sonne für ihn bringen mußte. Was kümmerte ihn das Wetter, 137 was der Sturm, der draußen die Bäume faßte und zerzauſte. Er hörte nicht einmal, wie die Windsbraut draußen über die Höhen ſtrich— er fühlte die ein⸗ zelnen Tropfen nicht, die kalt und ſtechend, bis hinein zu ihm gepeitſcht wurden. Ja als der Wagen endlich, von den ſcheuenden Pferden zur Seite geriſſen, um⸗ ſchlug und in Stücken brach, wand er ſich ingrimmig lachend aus den Trümmern heraus, und ſchritt allein hinein, in den ächzenden Wald. „Holla— Sie da— lieber Herr!“ ſchrie ihm da der arme Teufel von Kutſcher nach,„Sie wollen mich doch hier nicht bei Nacht und Nebel und dem Wetter allein mit dem zerbrochenen Wagen ſitzen laſſen?— Sie finden ja auch den Weg nicht in der Finſterniß!“ Keine Antwort— die düſtere Geſtalt ſchritt ſchweigend hinein in die Nacht, und der Kutſcher mur⸗ melte, ſich ängſtlich bekreuzigend: „Wenn das nicht der böſe Feind war, der mich in dem Wetter hier hergeführt, will ich nicht ſelig werden — Herr Gott— er lachte auch noch— oh alle guten Geiſter!“ Er hatte recht. Schauerlich, mit dem heulenden Sturm gellte das rauhe Lachen des dunklen Wan⸗ derers zu ihm hinüber, der dem Wetter entgegen⸗ arbeitete. „Hahahaha— Alles muß untergehen, was meiner Fährte folgt. Verflucht— ein Ausgeſtoßener der Erde, ſoll ich allein die dunkle Schreckensbahn ver⸗ folgen. Alles was ich mein nannte auf der Welt, an dem mein Herz noch hing, in dem es noch Vergeſſen ſeines Elendes finden konnte— es iſt todt— todt— todt— das Schiff das mich führte, zerſchmettert; der Wagen ſelbſt, der den Verdammten getragen, in Stücken auf der Straße.— Und wie der Sturm mir entgegenpeitſcht, als ob er alle Kraft anwenden wollte mich von dort zurückzutreiben, wo ich Ruhe finden will und muß.— Ruhe— Ruhe— endlich Frieden für dies arme, unglückſelige Haupt.— Ja wehe uns! und wenn Du mir den ganzen Wald in meinen Weg ſchleuderteſt, und wenn ich über jeden einzelnen Stamm hin die mühſelige Bahn ſuchen müßte, mich treibſt Du nicht mehr zurück.— Hei! wie das pfeift, wie das raſt— blas alter Burſche, blas, und nimm die Backen voll— hier iſt ein Fahrzeug, das Dir in die Zähne fährt— ein lebendes Geſpenſterſchiff, das gegen Wind und Wetter nur dem einen feſten Ziel entgegenſtrebt— dem Tod 14 Es war faſt, als ob die frevelnden Worte, den Sturm zu zwiefacher Wuth angeſtachelt hätten. Die ſchwere Geſtalt des Mannes konnte ſich kaum gegen die Wucht ſtemmen, die ſich ihm entgegenwarf, und alte, wetterfeſte Stämme, die einem Jahrhundert trotzig die Stirne geboten, riß er aus und ſchmetterte ſie in den Pfad des nächtlichen Wanderers. Rechts und links vor ihm, zurück brach es und praſſelte es und ſtürzte krachend ſplitternd auf den Boden, aber er achtete es nicht. Die Zähne feſt zuſammengebiſſen; mit jedem Fußbreit Boden hier bekannt, drängte er weiter, weiter an gegen den Sturm, ſich ſeinen Weg oft Schritt für Schritt erkämpfend, bis endlich mit der Morgendämmerung unten im Thal, von grauen jagenden Wolken überhangen, der kleine Ort vor ſeinen Blicken lag. 140 Xl. Es war am nächſten Tage. Eben ſchlug es auf dem alten Kirchthurm von Grafenhoff neun Uhr, als der Aſſeſſor Bellert, mit aufgeſpanntem Regenſchirm gegen das Wetter ankämpfend, in der gewölbten Thür des alten Polizeigebäudes erſchien, ſich umdrehend, den triefenden Schirm ſchloß und durch ein heftiges Aufſtampfen mit den Füßen das feuchte Element ſo viel als möglich von ſeinem Körper abzuſchütteln ſuchte. „Das iſt ein Heidenwetter,“ ſagte er dabei.„Nicht einen Hund möchte man'naus jagen in ſolchen Sturm. Na, was giebt's, Ortel?“ Der Polizeidiener trat mit der Mütze in der Hand an ſeinen Vorgeſetzten heran: „Bitt' um Entſchuldigung, da drinnen in der Wachtſtube ſitzt ſeit ganderthalb Stunden ein Herr, der Sie zu ſprechen verlangt.“ 141„ „Mich?— wer iſt es denn?“ „Kenn' ihn nicht, Herr Aſſeſſor, trägt einen großen Bart und ſieht ſo blaß aus wie der Tod, und iſt dabei ſo naß, daß das Waſſer nur ſo an ihm herunterläuft. Er muß die ganze Nacht durch marſchirt ſein, wer er aber iſt, und wo er herkommt, will er nur Ihnen ſelber ſagen. „Hm; na laſſen Sie ihn noch einen Augenblick warten, bis ich oben bin— ich werde dann klingeln. Doch kein verdächtig Individunm, Ortel?“ „Glaube nicht, Herr Aſſeſſor. Wenn ihn das Wetter nicht ſo zugerichtet hätte, müßte er ganz an⸗ ſtändig ausſehn. Wir haben ſeine Sachen drin ein wenig an den Ofen gehangen, aber er ſpricht kein Wort, und ſtiert nur immer vor ſich nieder. Glaube beinahe, daß es hier nicht recht richtig mit ihm be⸗ ſtellt iſt“— und Ortel deutéte auf ſeine Stirn. „Dann bleibe Einer von Euch an der Thür, wenn er bei mir iſt.“ Der Herr Aſſeſſor ging in ſein Bureau hinauf; aber es dauerte wohl eine halbe Stunde, ehe er wieder an den Fremden dachte, der vorgelaſſen werden wollte. — Vor allen Dingen mußte er es ſich da oben be⸗ quem machen. Er zog ſeinen Oberrock aus und den alten Arbeitsrock an, hing den erſten an der dazu beſtimmten Nagel, ſtreifte die Schreibärmel über und packte Taſchentuch, Frühſtück, Brillenfutteral, Tabacks⸗ doſe und Zeitung aus, was ſämmtlich in und auf dem Stehpult geordnet wurde. Dann holte er ſein Feder⸗ meſſer aus der Weſtentaſche und unterhielt ſich dabe mit einem der ſchon früher gekommenen Collegen über das ſchreckliche Wetter und das geſtrige Bier; er hatte den Mann, der da unten auf ihn wartete ſchon faſt vergeſſen. Auf einmal fiel ihm Ortels Meldung wieder ein, und mit einem misvergnügten:„Nichts als Sche⸗ rerei!“ zog er an der vor ihm hängenden Klingel⸗ ſchnur. Wenige Minuten ſpäter betrat Ortel mit dem Fremden das Zimmer. Dieſer ſah aber wirklich ſo todtenbleich aus, und zitterte ſo, daß er ſich kaum auf den Füßen erhalten konnte. Der Aſſeſſor bot ihm einen Stuhl an, auf dem er ſich niederließ, und dann eine Weile ſt ll vor ſich hinſtarrte. „Sie haben mich zu ſprechen verlangt,“ ſagte Herr Bellert endlich, der nicht wußte, was er aus dem Mann machen ſollte. „Ja,“ hauchte dieſer.—„Ich— habe Ihnen eine Mittheilung zu machen; vorher aber wünſchte ich noch einen Zeugen dabei zu haben. 143 „Herr Aktuar Nielitz hier nebenan wird Ihnen wohl genügen?“ „Nein— einen anderen,“ ſagte der Fremde, ohne bis jetzt die Augen aufzuſchlagen. „Eine beſtimmte Perſon? Und welche denn?“ „Wie ich von Ihren Leuten gehört habe „Ich muß Sie bitten etwas lauter zu ſprechen. Ich bin wirklich nicht im Stande zu verſtehen, was Sie ſagen.“ „Wie ich von Ihren Leuten unten gehört habe,“ wiederholte der Fremde, der Aufforderung mühſam Folge leiſtend,„ſo befindet ſich hier in Ihrer Straf⸗ anſtalt ein Gefangener Namens— Schöffel,— wegen der Tödtung eines Forſtbeamten verurtheilt. Iſt dem ſo?— „Schöffel?— Schöffel?—“ ſagte der Aſſeſſor, ſich beſinnend.„Ja, ich glaube. Das iſt nämlich eine alte Geſchichte, mein Herr.“ „os ſind jetzt etwa neun Jahre her.“ „Ich kenne den Burſchen,“ rief da der Actuar vom Nachbartiſch herüber, der nur durch eine kleine Gallerie von dem ſeines Collegen getrennt war.„Chriſtoph Schöffel, Nr. 34.— Seine Frau hat neulich wieder ein Gnadengeſuch eingereicht, das abſchläglich beſchie⸗ den worden.“ „Es iſt derſelbe,“ ſagte der Fremde, ſein dunkles Auge gegen den Sprecher erhebend.„Ihn eben wünſche ich als Zeugen.“ „Den Gefangenen?“ rief Herr Bellert erſtaunt „Das geht nicht; den kann ich Ihnen nicht herſchaffen laſſen.“ „Ich habe Ihnen eine wichtige Mittheilung zu machen,“ lautete aber des Fremden ruhige Antwort; „die nur in ſeiner Gegenwart möglich iſt.“. „Hm— das iſt ja eine wunderliche Geſchichte,“ brummte der Aſſeſſor, indem er langſam die Doſe öffnete und eine Prieſe nahm,—„eine ſehr— ſehr wunderliche Geſchichte. Vor Allem, welches iſt Ihr Name?“. „Ich möchte vorher keine Frage beantworten, bis Schöffel gegenwärtig iſt,“ ſagte der Fremde. „Hm,“ brummte Herr Bellert, ſtand dann auf und flüſterte eine Weile mit ſeinem Collegen. Dieſer zuckte ein paar Mal die Achſeln; endlich ſetzte ſich der Aſſeſſor Bellert wieder auf ſeinen Stuhl, zog die Klingel und bedeutete den darauf eintretenden Ortel: „Nr. 34 von drüben ſoll hier herübergeführt werden. Nehmen Sie aber auch gehörige Wache mit.“ „Nummer 342“ frug der Gerichtsdiener zurück, 145 um ja kein Verſehn zu machen. Sein Vorgeſetzter nickte und Ortel verſchwand. Der Fremde war indeſſen auf ſeinen Stuhl zurück⸗ geſunken und holte tief Athem. Endlich ſtützte er beide Ellbogen auf die Knie, barg ſein Geſicht in den Händen und ſaß laut⸗ und regungslos da. Ein paar Mal ging die Thür auf, und er zuckte dann wohl jedes Mal zuſammen, rührte ſich aber nicht; bis draußen auf dem Gang endlich die Schritte mehrerer Männer laut wurden, gleich darauf die Thür geöffnet wurde, und Ortel mit lauter Stimme meldete:„Num⸗ mer 34!“ Da richtete ſich der Fremde langſam auf, und wenn es möglich war, ſo erſchien ſein Geſicht jetzt noch fahler, ſein Blick hohler denn vorher. Der Gefangene trat langſam vor. Schöffel war in der langen Zeit ſeiner Haft alt geworden; die Kerkerluft hatte ſeinen Zügen eine ungeſunde Farbe gegeben, während das Auge allen Glanz verloren. Die rothen Haare hatte man ihm dabei kurz abge⸗ ſchnitten, und er ging in die graue, unheimliche Tracht der Sträflinge gekleidet. Auch ſein Blick war ſcheu und unſtät geworden. Er flog von Einem zum Andern und haftete zuletzt auf dem Fremden. Die Uebrigen kannte er gut genug; Gerſtäcker, Hell und Dunkel. I. 10 146 wie manche peinlich lange Stunde hatten ſie ihn hier gequält. Damals berief er ſich wohl noch auf ſeine Unſchuld bei dem, ihm zur Laſt gelegten Verbrechen, aber jetzt war das längſt vorbei, und die Sache abgemacht. Funfzehn Jahr Zuchthaus iſt eine lange Zeit und wenn er auch ſieben ſchon davon abgeſeſſen— zwei Jahre dauerte die Unterſuchung, die man ihm natürlich nicht zu Gute rechnete— ſo blieb es zweifelhaft, ob Reer das Leben noch acht Jahr ertragen konnte. Jetzt wußte er in der That ſelber kaum mehr, ob er den Mord wirklich verübt habe, oder nicht. Es blieb ſich auch nun gleich, und er fürchtete ſich faſt vor der Zeit, wo er— ein alter Mann mit einem zerſtörten Körper und gebrandmarkten Namen, wieder in das Leben hinausgeſtoßen werden ſollte. 8 Sein Blick und der des Fremden begegneten ſich. Aber der Gefangene kehrte ſich gleichgültig wieder ab. War er doch nur neugierig, was man von, ihm wolle. Jedenfalls freute es ihn, daß man ihn gerufen, gleich⸗ viel wozu. Es blieb doch immer eine Unterbrechung ſeiner monotonen Haft— ein Augenblick, in dem er mit freien Menſchen verkehren durfte— und war's auch nur mit Polizeileuten. 1„Hier mein Herr,“ ſagte der Aſſeſſor Bellert, 147 indem er auf den Gefangenen zeigte,„hier alſo iſt der Mann, den Sie zu ſehen wünſchen. Du biſt doch Schöffel von Herslingen, nicht wahr? Der Gefangene drehte langſam den Kopf nach ihm hinüber. „Wer?— ich, Herr Actuarius? Ja, ich glaube wohl,“ ſetzte er mit einem unheimlichen Lächeln hinzu, „aber g gewiß weiß ich's freilich nicht mehr. Es iſt ſo lange her, daß ich meinen eigenen Namen nicht gehört; ich glaube, ich könnte nicht einmal mehr darauf ſchwören. Hier heiß' ich Nummer 34, wenn ich auch früher nur gedacht, daß ſo eine Nummer nur eine Klafter Holz oder einen Haufen Reiſig bedeuten könne. Wenn Sie in den Akten hinter der Nummer nachſehen, werden Sie den richtigen Namen wohl finden.“ „Schon gut, ſchon gut; wir wollen Nichts weiter von Dir wiſſen,“ ſagte der Aſſeſſor ungeduldig, und winkte ihm mit der Hand,„Du haſt nur auf an Dich gerichtete Fragen zu antworten.“ „Nummer 34 gehorcht!“ ſagte der Mann ruhig, und ſah ſtill vor ſich nieder. Der Fremde hatte indeſſen keinen Blick von den rauhen Zügen des Unglücklichen verwandt. Jetzt aber, als der Aſſeſſor ſchwieg, richtete er ſich empor und 10* 148 ſagte dann mit gewaltſam geſammelter, aber ruhiger und feſter Stimme: „Herr Aſſeſſor Bellert; haben Sie Zeit, eine Ge⸗ ſchichte anzuhören?“ 3 „Wenn ſie nicht zu lange dauert,“ erwiderte dieſer, nach der Uhr ſehend.„Es iſt faſt drei Viertel auf zehn Uhr, und um zehn ſind Leute herbeſchieden.“ „Ich werde mich kurz faſſen,“ hauchte der Fremde, fuhr ſich mit der Hand über die bleiche, mit großen hellen Tropfen bedeckte Stirn und begann: „Sie wiſſen, daß vor neun Jahren im hollendeiker Revier, am Rande einer Kieferndickung, der Forſt⸗ gehülfe Meier ermordet gefunden wurde?“ Schöffel, der bei Seite ſtand und bis jetzt geglaubt hatte, daß vorher, ehe er vorgenommen wurde, erſt noch eine andere, ihm gleichgültige Sache verhandelt werden ſolle, zuckte, ſo wie er den Namen hörte, jäh empor.. 3 „Allerdings,“ ſagte der Aſſeſſor,„und dort ſteht ſein Mörder.— Er hat zwar bis auf den heutigen Augenblick noch frech geleugnet, die Beweiſe waren aber ſo überzeugend gegen ihn, und ſein ganzes frü⸗ heres Leben bezeugte die That dermaßen, daß ihn die Gerichte zu der Strafe verurtheilten, die er jetzt verbüßt.“ 149 „Einen Zeugen in der Sache haben Sie aber noch nicht vernommen,“ ſagte da der Fremde,„oder wenn er früher vernommen wurde, hat er nicht Alles aus⸗ geſagt, was er wußte. Ich bin beauftragt, deſſen Worte zu überbringen— bitte, nehmen Sie das, was ich Ihnen jetzt erzählen werde, zu Protocoll.“ „Aber Ihr Name—“ „Sie werden ihn nachher ausfüllen können; ich— mag der Erzählung nicht vorgreifen.— Darf ich be⸗ ginnen?“ Der Aſſeſſor nickte ihm zu und griff dann kopf⸗ ſchüttelnd nach ſeiner Feder. Nach einigen flüchtig auf das Papier geworfenen Worten ſah er zu dem Fremden wieder auf, und dieſer ſagte: „In jener Zeit lebte in Hollendeik ein Mann, der ein Wirthshaus hielt und in dem Ruf ſtand, mit Wilderern geheime Verbindung zu haben und ihnen geſtohlenes Wildpret abzukaufen.“ „Ja, ich weiß,“ unterbrach ihn Herr Bellert— „er hieß Joſeph Kerdelmann. Ich habe ihn ſelber damals verhört. Es konnte ihm Nichts bewieſen werden und er ging ſpäter nach Amerika, glaub' ich. Es iſt übrigens ziemlich ſicher, daß er das wirklich gethan, was man ihm zur Laſt gelegt, und beſonders mit dem Burſchen da in genauerer Verbindung ge⸗ 150 ſtanden, als Beide eingeſtehen mochten. Er hat auch deſſen Frau durch ein Geſchenk entſchädigt. Später bekamen wir noch gewiſſere Beweiſe, aber leider war er da ſchon fort.“ „Er hat nie von anderen Wilderern gekauft,“ ſagte der Fremde ruhig, denn was er brauchte ſchoß er ſ elber.“ „Da ſind Sie im Jerthum,“ ſagte der Aſſeſſor unevudig werdend—„Kerdelmann war allbekannt ein ſchlechter Schütze und ging nie auf die Jagd.— Bitte, laſſen Sie die alten Geſchichten und kommen Sie zu dem, was Sie uns ſagen wollten, denn damit vertändeln wir nur die Zeit.“ „Ich habe Sie erſucht, Herr Aſſeſſor, das zu Pro⸗ tocoll zu nehmen, was ich Ihnen hier mittheile,“ ent⸗ gegnete ruhig der Fremde—„ich ſpreche wie unter einem Eid und erzähle Ihnen nur Thatſachen.“ „Und ich habe es immer geglaubt,“ murmelte der Gefangene für ſich hin, und wußte in dem Augenblick kaum noch, daß er gefangen war. Auge und Ohr hing an dem Iremden, und wie eine Ahnung ging es in ihm auf, daß ein Wendepunkt ſeines Schickſals eingetreten ſei— zum Guten oder Schlechten?— pah, was da kam, mußte ja zum Guten kommen; zum Schlechten— war es nicht mehr möglich? 151 „Und womit wollen Sie beweiſen, was Sie hier ſagen?“ frug der Aſſeſſor, noch immer zweifelnd. „Mit dem, was weiter folgt,“ erwiderte der Fremde,„und bitte, unterbrechen Sie mich nicht mehr. Noch hab' ich die Kraft zu reden; aber mein Körper iſt in der letzten Zeit aufgerieben und überſpannt worden, und— ich möchte meine Sinne beiſammen halten. Ich wiederhole deshalb, jener Mann, der das Wirths⸗ haus zum rothen Hirſch hielt, hat nie Wild von Wil⸗ derern gekauft, ſtand deshalb auch nie mit jenem Schöffel“— Nummer 34, murmelte der Unglückliche —„in Verbindung.“ „Ob Schöffel damals ſelber noch gewilddiebt hat, weiß ich nicht, glaube es aber nicht, denn mit ſchlim⸗ mer Liſt ſuchte er jenen Joſeph Kerdelmann zu verlei⸗ ten, ihm, angeblich geſtohlenes Wild abzukaufen. Kerdelmann wurde gewarnt— von wem, kann ich nicht ſagen, aber nicht von Schöffel ſelber. Doch auch ohne die Warnung hätte er es ihm nicht abgekauft, denn er mißtraute ihm gleich von Anfang an, haßte den Menſchen aber deshalb noch mehr als vorher, weil er die Hand dazu geboten, ihn vor? Gericht zu bringen.“ 4. „ n jener Zeit war der Wirth faſt jede Nacht draußen im Walde. Mit allen Schlichwegen bekannt, 152 gelang es ihm leicht, die Wachſamkeit der im Anfang etwas ſchläfrigen Jäger zu täuſchen. Nur Einer, jener Meier, war fleißiger als die Uebrigen, und weil er Schöffel für einen Wilderer hielt, ſuchte er dieſen zu erwiſchen. Auf Kerdelmann hatte Niemand Verdacht, eben weil ſich dieſer abſichtlich für einen ſchlechten Schützen ausgab und nie öffentlich mit auf die Jagd ging.“ „Aber woher wiſſen Sie das Alles?“ fragte der Aſſeſſor, zu den erregten Zügen des Redenden erſtaunt aufſehend. „Kerdelmann,“ fuhr der Fremde ruhig fort, ohne die Frage zu beantworten,„war denn eines Nachts heimlich hinausgegangen, ein Stück Wild zu ſchießen. Er wußte, daß der Forſtgehülfe Meier im Walde her⸗ umſpionirte, aber durch ſeine bisherigen glücklichen Erfolge tollkühn gemacht, lachte er der Gefahr, der er ſchon zu begegnen hoffte. Da er die Wechſel des Wil⸗ des genau kannte, brauchte er dabei nicht viel Zeit mit Pirſchen zu verlieren, auch verringerte er die Gefahr, entdeckt zu werden, indem er ſich ruhig in den Rand eines Dickichts auf den Anſtand ſetzte.“ „Es war ſchon ziemlich kalt, aber geduldig ſaß er, bis der Mond hell aus den Wolken trat, und nun auch nicht lange nachher ein Rudel Wildpret über einen 153 offenen Schlag vertraut herüberkam. Nur etwas hö⸗ her als gewöhnlich hielten ſie ſich in dieſer Nacht, und der Wildſchütz, als er merkte, daß ſie nicht in Schuß⸗ nähe von ihm kommen wollten, ſchlich etwas weiter im Dickicht hinauf, nahm, als das Rudel langſam dort vorüberzog, eine gelte alte Geis auf's Korn und ſchoß ſie auf's Blatt, daß ſie in ihrer Fährte verendete.— Er fehlte faſt nie.“ „Kerdelmann?“ flüſterte der Gefangene, und ſein ganzer Körper zitterte vor innerer Bewegung, die Augen traten faſt aus den Höhlen, die Hände hatte er bebend vorgeſtreckt und jedes Wort verſchlang das gierig lauſchende Ohr.“ „Aber woher um Gottes Willen wiſſen Sie das Alles?“ rief der Aſſeſſor noch einmal.„Ich begreife gar nicht—“ Der Fremde winkte ihm leiſe mit der Hand zu ſchweigen, und ſo ſtier, ſo geiſterhaft war dabei ſein Blick, daß der erſchreckte Aſſeſſor die Frage nicht wie⸗ derholte, denn auf' Neue drängte ſich ihm der Ver⸗ dacht auf, daß er es mit einem Wahnſinnigen zu thun habe. „Das alte feiſte Thier war zuſammengebrochen und lag lang geſtreckt am Boden,“ fuhr da der Fremde mit ruhiger, monotoner Stimme fort;„aber der 154 Schuß hatte ein ſo donnerndes Echo in den Bergen gefunden, daß der Wildſchütze ſich nicht gleich auf die offene Blöße hinausgetraute. Das andere Rudel war ſchon lange zum Kamm des Berges hinaufgeflohen. Todtenſtille herrſchte wieder im Wald, und noch immer lag er, vorſichtig lauernd auf der Wacht, ob der Knall nicht ſeinen Feind, jenen Meier, herbeiführen würde. Aber Alles blieb ruhig— kein Schritt im Laub, kein knickender Aſt verrieth, daß noch ein lebendes Weſen außer ihm dort draußen ſei.“ „Da endlich, als er ſich wieder vollkommen ſicher fühlte, glitt er hinaus auf den Schlag, das Stück Wild in die Kieferndickung hineinholend.“ Der Fremde ſchwieg einen Augenblick und ſtarrte vor ſich nieder— Schöffel war unwillkürlich einen Schritt vorgetreten, ſein von ihm abgewandtes Geſicht beſſer ſehen zu können, und ſelbſt der Aſſeſſor ſtarrte ihn jetzt in wachſender Spannung an. Der fremde Mann war jedenfalls in einer ganz unnatürlichen Auf⸗ regung und er ſelber neugierig geworden, wo er hinaus wolle. Daß er ſich übrigens mit jenem Kerdelmann irre, davon fühlte ſich der Aſſeſſor überzeugt, denn er ſelber als damaliger Actuar Bellert hatte den Prozeß geführt, und mußte natürlich am beſten wiſſen, wie die Sachen ſtanden. 8 155 2 „Als Kerdelmann,“ fuhr endlich der Fremde fort —„das Dickicht ſchon faſt erreichte— er war kaum noch vier oder fünf Schritt davon entfernt— donnerte im plötzlich ein lautes„Halt!“ entgegen— halt!— er hat den Anruf nie vergeſſen können, ſein ganze übriges Leben n lang— und ein Jäger, das Gewehr im Anſchlag, ſtand vor ihm,— er war verloren.— Seine eigene Büchſe lehnte drin im Buſch, gerade an derſelben Stelle, wo3 Jener ſtand, und er befand ſich alſo rettungs⸗ los in der Gewalt des Feindes.— Es war jener un⸗ glückliche Meier, den ſein böſer Stern zu jener Zeit hierhergeführt, und Kerdelmann kannte und— haßte ihn.— Wie er ihn nachher überliſtete bleibt ſich gleich, aber als er ihm vergebens Geld und gute Worte gebo⸗ ten, ihn ungeſtraft ziehen zu laſſen, machte er ihn ſo⸗ weit ſicher, daß er ihm half, das im erſten Schreck abgeworfene Wild wieder auf die Schulter zu heben, um es in's Dorf hinabzutragen.“ „Kerdelmann wußte, er war verloren, ſobald der Jäger am Leben blieb, und den erſten möglichen Augen⸗ blick benutzend,—— ſtieß er dem Forſtgehülfen ſein Meſſer in den Leib.“ „Kerdelmann?“ ſchrie der Gefangene auf— Ker⸗ delmann? und ich— ich habe die langen Jahre ſchuld⸗ los ſitzen müſſen? Meine Familie iſt zu Grunde 156 gegangen— ich ſelber bin ein elender, erbärmlicher Zuchthäusler geworden— Gerechtigkeit!— iſt das Gerechtigkeit? o du heiliger, barmherziger Gott!“ „Haltet C Euer Maul!“ fuhr ihn der Aſſeſſor fi ter an. Er mochte ſich nicht, nur auf die Ausſage Fremden hin, gleich ſo leicht davon überzeugen l daß durch ſeine eigene Schuld ein armer Teufel ſo lange Jahre unſchuldig im Gefängniß geſeſſen. „Das iſt eine gar wunderbare Geſchichte, die Sie uns da erzählen,“ wandte er ſich dann gegen die ſe 1,„und ich möchte wiſſen, wie Sie es beweiſen wollen. 4— „Hören Sie mich weiter,“ ſagte der Fremde, der, zwar mit vollkommen blutloſen Wangen, aber jetzt mit feſter Stimme und unbewegten Zügen fort erzählte. —„Der Mörder floh nach der That in das Dorf zu⸗ rück. Unentdeckt erreichte er ſein Haus, vergrub dort die blutigen Kleider ſowie ſein Gewehr, die er ſpäter vernichtete, und ließ die Sache ihren Lauf gehen. Durch eine Jagd kam der Mord allerdings früher an den Tag, als er erwartet hatte, da ihm ein friſcher Schnee außerordentlich günſtig gefallen. Aber der Verdacht des Mordes lenkte ſich auf einen Mann, den er von Herzen haßte, und der ihn ſelber erſt vor kurzer Zeit hatte durch Liſt überführen und den Gerichten über⸗ geben wollen. Mit Schadenfreude ſah er deshalb wie 1 1 a 1* 157 er zwei Fliegen mit einem Schlage getroffen, und dachte nicht daran, den unſchuldig Angeklagten durch ein entſchloſſenes Geſtändniß frei zu machen.— Er wußte nicht, daß er den ſchlimmſten Ankläger im eige⸗ nen verſtockten Herzen trug.“ „Aber doch litt es ihn nicht länger hier in Deutſch⸗ land, Anderes, das nicht hierher gehört, kam dazu, daß er ſich unbehaglich— nicht recht ſicher fühlte und er — wanderte aus.“ „uUnd vo iſt er jetzt?“ frug der Aſſeſſor, der auf⸗ merkſam werdend, die Züge des Erzählenden ſchärfer und forſchender betrachtet hatte. „Hören Sie mich weiter,“ ſagte der Mann, lang⸗ ſam die Hand gegen ihn aufhebend—„In Amerika ging es ihm im Anfang gut. Mit dem Geld, das er hinübergebracht, kaufte er unter günſtigen Verhält⸗ niſſen eine Farm— heirathete und hatte liebe Kinder — aber der Wurm fraß an ſeinem Herzen. Sah er im Anfang, den Mord nicht achtend, ſelbſt gleichgültig auf das Loos des Unglücklichen zurück, der unſchuldig ſeinethalben im Gefängniß ſchmachtete, hoffte er von der Zeit, daß ſie das Ganze in Vergeſſenheit begraben würde, ſo ward die Zeit gerad' ſein ſchlimmſter Feind. Mit jedem Tage wuchs die Angſt, daß da oben doch ein Rächer wohnen könne, mit jedem Tag trat der blutige Leichnam, traten die bleichen Züge des Einge⸗ kerkerten mahnender, lebendiger vor ſeine Seele. Er mied den Umgang mit andern Menſchen— verließ auf halbe Jahre lang die Seinen, um in der Wildniß, von dem Gewiſſen gejagt, umherzuirren— umſonſt — das Schreckbild folgte— folterte ihn, wohin er ſich auch wandte. Nicht in der Kirche, nicht im ſtillen Wald, nicht in der wildeſten Geſellſchaft mied es ihn. An ſeine Sohlen geheftet, jagte es ihn das weite Land auf und ab, bis er endlich, an Kraft gebrochen, zu den Seinen wiederkehrte.“ „Aber auch dort verließ es ihn nicht, und bald trat auch der Fluch, der ihn bis dahin nur in ſeiner eignen Bruſt gequält, thatſächlich ihm in's Leben. Seine Kinder erkrankten, eins von ihnen ſtarb. Brand, Mißwachs und Seuchen erſchütterten ſein Vermögen. — Endlich legte ſich auch die Frau, die mit eines Engels Geduld ſeinen finſtern Trübſinn ertragen, und vier Wochen ſpäter war ſie eine Leiche.“ „Was der Mann damals geduldet und gelitten— eine Menſchenzunge wäre nicht im Stande, es zu be⸗ ſchreiben— und doch war ſein Leidenskelch noch nicht zur Hälfte geleert.— Sein letztes Kind— ſein Lieb⸗ ling— lebte noch, und auch das mußte er endlich langſam hinſiechen— mußte es ſterben ſehen—“ 159 Der Mann ſchwieg, und in der Erinnerung an all' das Entſetzliche, das er überſtanden— in dem Gefühl der Verzweiflung, die ſeine Seele erfaßt, zermalmt hatte, verſiegte ihm faſt die Sprache, jagte ſein Blut in Fieberhaſt durch ſeine Adern, zitterte ſein ganzer Körper. „Wie iſt mir denn,“ ſagte da der Aſſeſſor—„Ihr Geſicht kommt mir eigentlich ſo bekannt vor— die ganze Geſtalt— ich weiß nicht— ſind denn Sie ſelbſt am Ende—?“ „Hahahaha!“ lachte da der Unglückliche laut und grell auf, daß es dem Aſſeſſor fröſtelnd über die Haut lief und der Gerichtsdiener draußen den Kopf erſchreckt zur Thür hereinſteckte—„hahahaha, kommt Ihr end⸗ lich auf die richtige Spur, Ihr Schergen der Gerech⸗ tigkeit?— Ja“— rief er, und ſeine Stimme klang hohl und wild, ſein Auge glühte von einem unheimli⸗ chen Feuer, ſeine ganze Geſtalt hob ſich und er ſchien wie außer ſich—„Ja, von dem Augenblick an litt es den Vernichteten, den Ausgeſtoßenen, den Verdammten nicht mehr unter den Menſchen— Gottes Finger deutete auf ihn, er war den finſteren Mächten verfal⸗ len und nur der Drang, ſein Herz hier noch durch Buße zu erleichtern— einen Theil des Unrechts wieder gut zu machen— wenn auch das nicht ſchon zu ſpät war, 160 hielt ihn noch am Leben. Sobald ich aber zu dem Entſchluß gekommen war, ſobald ich erſt einmal das klare Bewußtſein gewonnen, daß nur durch einen ſol⸗ chen Schritt jene zürnende Gottheit wieder verſöhnt werden könne, machte ich Alles, was ich beſaß, zu Gelde und floh zu Schiff— nach Deutſchland— 4 „Sie?“ rief der Aſſeſſor, von ſeinem Stuhle auf⸗ ſpringend, während Schöffel, keines Lautes mächtig, mit gefalteten Händen danebenſtand. „Ich— ich— ich,“ ſchrie der Unglückliche, in furchtbarſter Aufregung um ſich blickend,— ich bin jener Elende, Verworfene; der Mörder, der den Jäger erſtochen, der Räuber, der dieſem Unglücklichen da ſein ganzes Leben heimtückiſch geſtohlen.— Schöffel!“ ſtöhnte er plötzlich, und warf ſich in wilder Heftigkeit vor dem Gefangenen auf die Kniee—„Schöffel, armer mißhandelter, geknechteter, zertretener Menſch, vergieb einem Elenden, der aus Rache und Bosheit, der in feiger, nichtswürdiger Angſt ſich heimlich durch die Flucht der verdienten Strafe entzog.— Ich bin der Hirſchenwirth— ich bin Kerdelmann— ich—“ er vermochte nicht mehr; ſein Körper, der das Unglaub⸗ liche ertragen, brach unter der Laſt zuſammen, und ohnmächtig lag er zu den Füßen Schöffels. Die Gerichtsdiener, die bei den letzten dröhnenden — —— 3 Worten des Mannes in das Zimmer getreten waren, ſprangen jetzt zu, ihn aufzuheben. Der Aſſeſſor wech⸗ ſelte dabei einige Worte mit Ortel und einer der Leute wurde raſch nach einem Arzt geſchickt. Ehe der kom⸗ men konnte, hatte ſich indeſſen Kerdelmann ſchon wie⸗ der erholt. Von jetzt an ſchien aber eine vollkommene Verän⸗ derung mit ihm vorgegangen zu ſein. Er war plötzlich verwandelt; die Farbe kehrte in ſeine Wangen zurück, und mit dem Bewußtſein, das Ziel erreicht zu haben, dem er mit einer wahren Todesangſt die letzte Zeit entgegengeſtrebt, handelte er von dem Augenblick an beſonnen und vollſtändig leidenſchaftslos. Schöffel war noch im Zimmer.— Der Aſſeſſor wußte in der That nicht, was er mit dem Mann jetzt anfangen ſollte— und Kerdelmann's erſter Blick ſuchte und fand ihn.— Schöffel ſelber ſtand wie in einem Traum; das volle Glück dieſes Augenblicks war er noch nicht im Stand zu faſſen.— Kerdelmann han⸗ delte für ihn. Er ſtand auf, ſtrich ſich die Haare zurück, und er⸗ ſuchte dann mit vollkommen ruhiger Stimme den Aſſeſſor noch um einige Minuten Gehör. Dieſer wollte jetzt die Gerichtsdiener entfernen, aber er bat, ſie im Zimmer zu laſſen, da er der Zeugen bedürfte. Gerſtäcker, Hell und Dunkel. I. 11 Dabei legte er dem Beamten ſeine Papiere vor, die er in einer kleinen Brieftafel in der Taſche trug— es war ſein alter und ſein neuer Paß, und während der Aſſeſſor dieſe durchſah, ſchnallte er ſich den Geldgürtel ab, den er noch immer um den Leib trug. „Dies,“ ſagte er dabei,„iſt der Reſt meines Ver⸗ mögens, den ich mir von Amerika gerettet— Kinder habe ich nicht mehr; meine Frau iſt todt, und dies Geld gehört von Gott und Rechtswegen dem Unglück⸗ lichen, der meinethalben die vielen Jahre ſchwerer Haft unſchuldig ertragen mußte. Hier, Schöffel— — nehmt es— Ihr habt es Euch ſchwer und ſauer verdienen müſſen, und wenn es Euch auch die Schmach und das Herzeleid, das Ihr ertragen habt, nicht in ſeinem tauſendſten Theil vergüten kann, ſo bedenkt, daß es Alles iſt, was ich, mit meinem Leben, Euch im Stande bin zu bieten.— Ihr werdet es wahrſcheinlich hier bei Gericht deponiren müſſen, bis Ihr frei gelaſſen ſeid, aber das kann jetzt nicht mehr lange dauern— und Alle hier ſind Zeugen, daß es Euch gehört. Und nun bitte ich, laßt mich mit dem Herrn Aſſeſſor noch eine kurze Zeit allein, daß ich die, ihm nöthig dünkenden Fragen beantworten, und ihm noch den letzten Zweifel benehmen kann.— Ihr 163 habt Nichts zu fürchten,“ ſagte er wehmüthig lächelnd, als er ſah, daß die Leute zögerten, ihm zu gehorchen. „Ich bin den weiten Weg über's Meer zurückgekom⸗ men, mich den Händen des Gerichts zu überliefern, und werde Euch jetzt wahrlich nicht entfliehn.“ 1 11* XII. Wie ein Lauffeuer breitete ſich indeſſen das Ge⸗ rücht in der Stadt aus,„der Kerdelmann,“ den ſie Alle recht gut gekannt,„der Kerdelmann iſt wieder da — iſt ſteinreich von Amerika zurückgekommen, und hat ſich ſelber den Gerichten als Mörder des Forſtgehül⸗ fen Meier geſtellt.“ Noch an demſelben Abend wußte es jedes Kind in Grafenhoff ſowohl, wie in Hollendeik, und wenn es auch im Anfang bezweifelt wurde, beſtätigten es doch bald ſpätere Nachrichten. Ueberdies begann am näch⸗ ſten Tag ein neues Zeugenverhör in der ſchon faſt vergeſſenen Sache, und rief eine faſt unglaubliche Auf⸗ regung in dem kleinen Orte hervor. Wenn Kerdelmann übrigens geglaubt, daß es nur ſeines einfachen Bekenntniſſes bedürfe, Schöffel, den unſchuldig Eingekerkerten, befreit, und ſich ſelber der nur zu wohl verdienten Strafe überliefert zu ſehn, ſo 165 hatte er ſich darin geirrt. Er kannte unſeren deutſchen, vorſichtigen Gerichtsgang nicht. Eine neue Unterſuchung begann; Zeugen wurden aus allen Ecken und Enden herbeigeholt, die alten Actenſtücke bis auf den Grund durchwühlt und neue aufgehäuft— und warum?— Kerdelmann konnte wahnſinnig ſein— und die einfache Thatſache, daß er ſich ſelber auf Gnade und Ungnade ausgeliefert, bewies beinahe das Erſte in den Augen des Gerichts. Aengſt⸗ liche, genaue Unterſuchung ſtellte aber nichts dem Aehn⸗ liches heraus. Der Unglückliche hatte ſeine Sinne feſt beiſammen; ja wie der erſte für ihn furchtbare Moment der Anklage ſelber vorüber war, ſchien ihn ſogar eine gewiſſe freudige Ruhe zu erfüllen. Er beantwortete alle an ihn geſtellten Fragen ein⸗ fach kurz und deutlich, widerſprach ſich nie, denn er ſprach Wahrheit, und das Geſchehene ſtand ja mit Flammenzügen in ſeinem Herzen eingegraben, und trieb und drängte nur dem einen Ziel jetzt entgegen, daß Schöffel ſeine Freiheit wieder bekam.— Das koſtete Mühe, aber— es geſchah doch endlich. Nachdem man alles Mögliche angewandt, thatſächliche Beweiſe für das Geſtandene aufzufinden, nachdem ſogar der kleine Fluß abgelaſſen worden, an der bezeichneten Stelle das dort hineingeworfene Büchſenrohr wieder 166 *— 1 aufzufinden, und dieſes, nach achttägiger Arbeit glück⸗ lich zu Tage gefördert worden war, entließ man den bis jetzt unſchuldig Eingekerkerten ſeiner langen Haft, und übergab ihm ſogar, in Rückſicht auf dieſelbe, das ihm von Kerdelmann geſchenkte Geld, ohne die Ge⸗ richtskoſten des Prozeſſes davon abzuziehen. Der Vorſchlag dazu wurde allerdings gemacht, aber doch unpaſſend befunden und zurückgewieſen. Kerdelmann hatte indeſſen mit Niemandem mehr in Verbindung geſtanden, obgleich er ſich während der Unterſuchungshaft bei ſeinem Wächter nach Allen in der Nachbarſchaft auf das Angelegentlichſte erkun⸗ digte. Der Mann war aus Hollendeik gebürtig, und kannte dokt jedes Kind. Er wußte auch ganz genau an welchem Tag der Kronenwirth geſtorben und begraben ſei, und daß die Margarethe Freier die Hülle und die Fülle gehabt, aber keinen genommen habe. Trotzdem ſei ſie noch ein ſchmuckes Mädel, wenn auch ſchon ein Bischen in den Jahren. Kerdelmann hatte ſich das Alles wieder und wie⸗ der erzählen laſſen und war endlich bei dem Aſſeſſor † um die Erlaubniß eingekommen, daß ihn Jemand aus Hollendeik beſuchen dürfe. Da die Unterſuchung gegen ihn geſchloſſen war, hatte man nichts dagegen. Er bekam ſogar auf ſeinen 167 Wunſch Schreibmaterialien in ſeine Zelle, und der Schließer erhielt darauf von Kerdelmann einen Brief zur Beförderung, der die Adreſſe trug: „An Margarethe Asfeldt zu Hollendeik in der Krone.“ Da der Brief unverſiegelt war, ſo gehorchte der Schließer dem Drange ſeiner Neugier, die Zeilen ſo⸗ fort zu leſen. Sie lauteten einfach: „Wollen Sie, Margarethe, keinen Unglücklichen noch einmal ſehen, ehe ihn die Strafe ſeines Verbre⸗ chens erreicht hat, ſo bitte ich Sied dringend, ſich mor⸗ gen nach Grafenhoff und zu mir zu bemühen. Ich habe die Erlaubniß erhalten, einen Beſuch zu empfan⸗ gen— aber ich habe nur Zeit bis morgen. Sind Sie um 4 Uhr nicht bei mir, ſo nehme ich an, daß Sie den Elenden nicht wieder ſehen wollen, der unſägliches Leid auf ſo viele unſchuldige Häupter gehäuft hat, wenn ſein eigenes Herz auch jetzt von Reue zerknirſcht und gebrochen iſt. Ich ſelber betrachte Ihren Beſuch als die einzige Gunſt, die ich noch vom Leben erflehe. Joſeph Kerdelmann.“ Der Schließer muſterte die Zeilen kopfſchüttelnd ein paar Mal durch. Da fiel ihm ein, daß der Ge⸗ fangene von eben dieſem Mädchen in früheren Jahren einen Korb bekommen und daß dieſer Korb für die alleinige Urſache ſeiner Auswanderung nach Amerika gegolten hatte. Es war natürlich, wenn er Margare⸗ the geliebt, daß er ſie noch einmal ſehen wollte, bevor ihn die Mauern des Strafhauſes für immer von der Welt ſchieden. Der Brief mußte, der Ordnung nach, erſt dem Aſſeſſor vorgelegt werden. Herr Bellert hatte aber nicht gleich Zeit oder Luſt ihn durchzuſehen. Er ließ ihn bis zum nächſten Morgen liegen. Dann wurde er beförderk ün nd Margarethe erhielt ihn des Nach⸗ mittags. Kerdelmann verhielt ſich indeſſen vollkommen ruhig in ſeiner Zelle und ſprach ſo heiter mit ſeinem Wäch⸗ ter, wie dieſer ihn noch gar nicht geſehen. Am nächſten Morgen räumte er ſeine Zelle auf, legte reine Kleider an und bereitete ſich auf ſeinen Beſuch vor. Aber Stunde auf Stunde verging und Niemand kam. Eine eigenthümliche Angſt ſchien ſich des Gefan⸗ genen unter der Zögerung zu bemächtigen. Der Mit⸗ tag rückte heran, und Kerdelmann berührte die ihm gebrachte Koſt nicht, aber unzählige Mal fragte er den Schließer, ob denn auch ſein Brief ordentlich beſtellt ſei. Von dieſem, der um die Verzögerung nicht wußte, erhielt er nur bejahende Antworten,— die Zeit jedoch . verſtrich. Es ſchlug 4 Uhr draußen— der letzte Termin, den er Margarethen geſetzt— und ſie war nicht ge⸗ kommen. Wohl eine Stunde noch ſaß er ſtill und ſchweigend, den Kopf in die Hände geſtützt, auf der Pritſche, die ihm zum Lager diente, dann richtete er ſich langſam auf und ging zu ſeinem Tiſch, auf dem das Schreib⸗ zeug von geſtern noch ſtand. Es fing ſchon an zu dämmern. aber es waren auch nur einige Zeilen, die er auf ein Blatt ſchrieb, das er offen auf dem Tiſche liegen ließ. 1 Als bald darauf der Schließer die kleine Klappe von außen öffnete, von der aus er ſeine Zelle überſe⸗ hen konnte, lag der Gefangene auf ſeinen Knieen neben ſeinem Bett und betete. Erſtaunt ſah ihm der Schließer eine Weile zu.— Es war das erſte Mal, daß er ihn in ſolcher Lage traf und er wollte ihn nicht ſtören. Er ſchloß leiſe die Klappe wieder und ging langſam den Gang entlang in ſeine Stube oben. Eine halbe Stunde mochte verfloſſen ſein, als ein Wagen vorfuhr, aus dem ein Bauermädchen ſtieg, und gleich darauf wurde der Schließer hinabgerufen. Die eben Gekommene verlangte einen der Gefangenen zu ſprechen. „Halloh, Gretchen,“ ſagte der Mann, der ſie von— 170 Hollendeik aus gut genug kannte,„der arme Teufel da oben hat mit Schmerzen ſchon den ganzen Tag auf Dich gewartet— er muß och 6 ſagte Margarethe mit leiſer, zitternder„ich habe ja den Brief erſt heute Nach Herr Aſſeſſor hat's, erlaul 6 vorbei, und ich denke, morgen frü theil publicirt werden. Es if heut Abend einge⸗ troffen.“ „Iſt er oben?“ „Ja, Schatz, wo ſoll er denn ſonſt ſein? Unſere Geſellſchaft findeſt Du immer zu Haus.“ „Bitte, Thomas, führt mich zu ihm hinauf.“ „Nun, warte nur einen Augenblick, mein Schatz,“ ſagte der Mann.„Auf der Treppe wird's ſchon fin⸗ ſter ſein, und ſie ſind eben erſt dabei die Lampen anzu⸗ ſtecken. Ich will ein Licht mit hinaufnehmen.“ Der Mann ging unten in die Wachtſtube hinein, holte von dort ein angezündetes Licht heraus, und mit den Worten:„Na nu komm', und nimm Dich ein Bischen in Acht, daß Du mir nirgend gegenrennſt,“ ſtieg er, von dem Mädchen gefolgt, langſam die breite 171 ſteinerne Treppe hinauf, die zu der Zelle des Gefange⸗ nen führte. In den Gängen war es indeſſen vollſtändig dunkel geworden, und einer der Leute eben draußen beſchäf⸗ tigt, die dort aufgehangenen Lampen anzuzünden— der Docht wollte nur noch nicht recht brennen. Thomas, der Schließer, ſchritt langſam den Gang entlang, und Margarethe, die ſich dicht hinter ihm hielt, faßte es mit unheimlich wildem Schauer, als ſie an den mit Schlöſſern behangenen niederen Thüren vorüberging. Wie viel Elend, wie viel Jammer lag dahinter verborgen, wie viel Verbrechen lauerten hin⸗ ter jenen Riegeln— und wenn ſich jetzt die kleinen Klappen geöffnet hätten— wenn irgend ein Schreck⸗ bild ſeinen Arm nach ihr herausgeſtreckt hätte! Eiskalt überlief es das Mädchen bei dem Gedanken, und ſcheu warf es den Blick nach links und rechts hinüber, und auf den eigenen Schatten zurück, der von dem un⸗ ſicher getragenen Licht bald da, bald dorthin unſtät ſchwankte. 4 „No. 17,“ ſagte da Thomas, das Licht etwas em⸗ porhebend, daß er die kleine, rauchgeſchwärzte Num⸗ mertafel über dem Eingang erkennen konnte— ſahen ſich doch die Thüren einander gleich—„da drinnen iſt er. Heda, Kerdelmann!“ rief er dann, die kleine Klappe öffnend, ehe er die Thür aufriegelte und auf⸗ ſchloß,„ſeid Ihr bereit?— es kommt Beſuch.“ Es war vollkommen finſter in dem dunklen Raum, aber Niemand antwortete.— „Er iſt wahrhaftig ausgegangen,“ lachte Thomas in ſich hinein, und deckte ſeine Augen mit der Hand gegen das Licht, um beſſer ſehen zu können—„he, Kerdelmann!— ſchlaft Ihr?“ Keine Antwort. „Hm,“ ſagte der Mann, den Kopf ſchüttelnd, wäh⸗ rend er ohne Weiteres die Klappe wieder ſchloß und die beiden ſchweren Riegel zurückſchob,„der muß ſchlafen wie ein Dachs.“ Das ſchwere Schlüſſelbund klirrte, das Schloß kreiſchte, und gleich darauf öffnete ſich die dicke, eiſen⸗ beſchlagene Thür in ihren Angeln. Margarethe faßte ein eigenes, herzzerſchneidendes Weh— das Blut ſtand ihr ſtill, und ſie mußte ſich an die Wand lehnen, um nicht umzuſinken. Der Mann trat mit dem Licht hinein; das Mäd⸗ chen wagte nicht, ihm zu folgen— und doch blieb er ſo lange, und auf dem Gang war es ſo düſter, und wie leiſes unheimliches Flüſtern tönte es von allen Seiten an ihr Ohr.— Auch in der Zelle wurde kein Wort geſprochen.— Endlich kam der Schließer zurück, 173 aber anſtatt ſie heineinzuführen, ſchloß er die Thür wieder hinter ſich, und ſchob die beiden Riegel vor. „Sſt er nicht drinnen?“ frug jetzt Margarethe, zögernd. „Ja,“ brummte der Gefängnißwärter,—„aber — er nimmt keinen Beſuch mehr an.“ „Habt Ihr ihm geſagt, daß ich da ſei?“ forſchte das Mädchen mit ſchüchterner Stimme. „Hm— komm, Gretchen,“ ſagte der Schließer, und putzte das Licht, das er in der Hand trug,„es iſt — es iſt beſſer, wir gehen hinunter.“ „Was iſt geſchehen— um Gottes Willen— Ihr ſeid— Ihr ſeid ſo ſonderbar— darf ich denn nicht hinein?“ „Nein, mein Herz,“ ſagte der Mann ruhig—„lie⸗ ber nicht. Es ſieht häßlich da drinnen aus.— Ich glaube nicht, daß ſie der Nummer 17 ihr Urtheil mor⸗ gen früh vorleſen werden.“ Margarethe blieb ſtehen— ihr Herzblut ſtockte, und das Gewölbe fing an, ſich mit ihr umherzudrehen; aber ſtark, wie ſie immer war, ſammelte ſie ſich raſch wieder, faßte den Arm des Schließers und ſagte: „Thomas— führt mich hinein zu dem— Todten.“ Der Schſießer ſah ſie verwundert an, und ſchien keine Luſt zu haben, ihren Wunſch zu erfüllen; aber das Mädchen fuhr fort: „Ich habe die Erlaubniß erhalten ihn zu ſehen— lebend oder todt, was liegt daran! Er war ja doch ſchon todt für die Welt— ob er auch noch athmete.“ „Es ſieht häßlich aus, Gretchen,“ verſetzte der Schließer abmahnend. „Bitte, guter Thomas.“ „Na— mein'twegen— mir kann's recht ſein,“ ſagte kopfſchüttelnd der Mann und ſchloß die Thüre wieder auf—„aber lange dürfen wir nicht bleiben, denn ich muß gleich die Meldung machen.“ „Nur einen einzigen kurzen Augenblick.“ Die Riegel klirrten wieder zurück, das Schloß knickte in ſeiner Feder, und die dunkle Zelle lag offen vor ihr da. Der Schließer aber trat voran hinein und das Licht hoch haltend, deutete er ſchweigend auf den Körper, der ausgeſtreckt auf dem Lager ruhte. Ueber die Art ſeines Todes brauchten ſie auch nicht lange in Zweifel zu ſein; ein abgebrochenes Stück des irdenen glaſirten Schreibzeuges hatte ihm dazu gedient, ſich mit dem ſcharfen Bruch die Adern an Händen und Füßen zu öffnen und das Leben war längſt ent⸗ floh'n. Sein Tod aber mußte leicht und ſchmerzlos gewe⸗ —— 175 ſen ſein, denn ſtiller Frieden lag über dem Angeſicht des Unglücklichen, der ſein Verbrechen ſchwer und lang gebüßt. „Hm— der arme Sünder,“ brummte der Schlie⸗ ßer leiſe—„iſt nur von Amerika wieder herüber ge⸗ kommen, um den Schöffel frei zu machen.“ Margarethe ſagte kein Wort. Sie war neben dem Todten auf die Knie geſunken und betete ſtill. Als ſie einige Minuten ſo verbracht, richtete ſie ſich langſam auf, und wollte die Zelle wieder verlaſſen. Da fiel ihr Blick auf den Tiſch, auf dem ein beſchrie⸗ benes Blatt lag. Sie trat hinzu, und es zum Lichte haltend, las ſie die wenigen Zeilen. Sie lauteten: „Auch das Letzte iſt mir verſagt worden. Sie will mich nicht mehr ſehen, und ich kann nicht länger war⸗ ten. Heute iſt der Jahrestag, an dem ich jenen Un⸗ glücklichen erſchlug— heute noch muß ich vor meinen Richter treten, der meiner verzweifelnden Reue gnädig ſein möge. Was ich auf der Erde noch zu thun hatte, hab' ich erfüllt— was mir dort bevorſteht, weiß nur Er— Seinen Händen übergeb' ich mich— Lebt. wohl! Nummer 17.“ Langſam legte Margarethe das Blatt auf den Tiſch zurück; große helle Thränen tropften aus ihren Augen. Thomas hatte das Blatt ebenfalls aufgenom⸗ 176 men und durchgeleſen, und ſchritt jetzt eben ſo ſchwei⸗ gend mit ihr die Treppe hinab. Der Wagen hielt noch unten vor der Thür. „Gute Nacht, Thomas,“ ſagte ſie, als ſie ihr bleiches Antlitz noch einmal gegen ihn drehte, und we⸗ nige Minuten ſpäter rollte das Fuhrwerk raſch die Straße nach Hollendeik zurück. 12 Werner. Gerſtäcker, Hell und Dunkel. I. Es iſt eine wunderbare Sache um den Geiſt des Menſchen, und unergründet, wie das Meer, liegen die Geheimniſſe ſeiner Tiefe vor uns in dunkler Nacht. Wir nennen das Auge den„Spiegel der Seele“ und vermeinen in ſeinem klaren Stern das Bild zu leſen, das da drunten verborgen ruht; aber arme, kurz⸗ ſichtige Sterbliche, die wir ſind— nur rathen und vermuthen können wir. Ungelöſt wie je liegt hinter dem wunderbaren Kryſtall eine zauberreiche, märchen⸗ hafte Welt, die wir nicht einmal in uns ſelbſt zu er⸗ gründen vermögen, viel weniger in einem andern fremden Blicke. Wer kennt die Grenzen, die Phantaſie und Wahnſinn von einander trennen? Wer enträthſelt uns den Traum, ja die Erinnerung ſelbſt, die in 4 ddeer weichen Maſſe des Gehirns Millionen Bilder aufgeſchichtet hat, und oft wie ſpielend jahreweites 12* 180 Leben vor unſerm innern Blick mit einem Wurf ent⸗ rollt? Wir grübeln wohl darüber und combiniren, und hier und da giebt uns auch wohl ein Gelehrter ein vollſtändiges Syſtem über das was er weiß und was er nicht weiß— aber gelöſt hat noch Niemand die Frage, noch nie einen Blick in das geheimnißvolle Walten dieſer räthſelhaften Kraft und Welt gethan. Nur ihre Wirkungen ſehen wir; ihre Urſachen bleiben uns ein verſchloſſenes Buch. Wohl machen wir uns die Kräfte der Natur mit jedem Tage mehr dienſtbar und lernen ihr eigentliches Weſen mehr verſtehen; aber während ſich unſer Blick in dieſer Richtung hellt, erkennen wir doch auch immer mehr, daß es eben einzig und allein die äußere Schale iſt, die wir uns bloßgelegt. Je mehr wir ler⸗ nen, deſto mehr ſehen wir ein, wie wenig wir noch wiſſen, und wir ſtehen ſchwindelnd vor dem Raume, der uns von dem Unendlichen noch trennt. Mit unſern Teleſkopen haben wir Welten im Himmelsraum— mit unſern Mikroſkopen ein bis da⸗ hin ungeahntes Leben in Allem, was uns hier umgiebt, entdeckt, und immer mehr drängt ſich uns dabei die Ueberzeugung auf, daß keine Stelle, kein Punkt im weiten Weltenbau vergebens exiſtire oder brach liegen könne und dürfe. 181 Nur das geiſtige Weſen, das uns auch umgiebt, blieb bis jetzt unſern ſchärfſten Forſchungen verborgen und doch— wer darf es läugnen—? zwingt ſich uns die Ueberzeugung auf, daß auch im weiten Aetherraume ein luftig Heer ſein Weſen treibt. Mögen unſere Sinne zu grob ſein, es zu erfaſſen, zu verſtehen, ja nur zu erkennen; ein Etwas in unſerer Bruſt ſagt uns, daß mehr als blos Luft zum Athmen uns umſchließt. Wir ahnen eine andere Welt, wenn wir ſie auch nicht ergründen, ſie unſerm Blicke noch nicht erſchließen können, und je geheimnißvoller ſie uns entgegentritt, um deſto ſtärker reizt ſie, lockt ſie uns. Selbſt unſer Glaube ſteht damit im Bunde. Es widerſtreitet unſerm Herzen wie Verſtande, daß wir, mit ſolchen geiſtigen Fähigkeiten ausgeſtattete Weſen, zu weiter nichts geboren ſein ſollten als nur, wenn wir einſt ſterben, den Erdboden, der uns getragen, mit unſern Leibern wieder zu düngen. Der Geiſt, der in uns wohnt, kann nicht ſo plötzlich untergehen. Und wenn das iſt, wenn es ein Fortleben für ihn giebt, wie wir feſt glauben und hoffen— ſollte er ſich dann ſo leicht von Allem was er früher auf dieſem Erdenball geliebt, trennen und es meiden können, nie mehr hier⸗ her zurückzukehren? Des Volkes Stimme ſagt Nein. Seine„Ahnun⸗ „ 182 gen,“ ſeine wunderbar ſchönen und duftigen Sagen von„Schutzgeiſtern und Engeln“, die der Kinder Bett bewachen, und auch dem guten Menſchen ſchützend zur Seite ſtehen, ſie alle ſprechen die feſte Ueberzeugung einer näheren innigern Verbindung mit jener geheim⸗ nißvollen Welt aus. Wenn die Todten um zwölf Uhr Nachts ihr ſtilles Kämmerchen verlaſſen und die Woh⸗ nungen ihrer Lieben wieder aufſuchen, geſchieht das, dieſen Sagen nach, nicht um Schrecken und Entſetzen dort zu verbreiten. Ungeſehen, nur vielleicht geahnt, umſchweben ſie die alten lieben Plätze, warnen vor be⸗ vorſtehendem Leide und kehren um ein Uhr traurig in ihre einſame kalte Zelle— die Gruft zurück. Dem Menſchenauge ſind ſie freilich nicht ſichtbar; nur einzelne Bevorzugte hat der Volksglaube dazu auserſehen, die dann und wann ein ſolch umherſtreifen⸗ des Nebelkind erſchauen und ihm begegnen dürfen. Es ſind das die ſogenannten Sonntagskinder. Ihrem Blicke allein enthüllt ſich jene fremde geiſterhafte Welt, mit der ſie, ſelber Sterbliche, in oft gar unwillkommene, ſelten geſuchte Verbindung treten. Vor ihren helleren Augen huſchen ſie vorüber, die unheimlichen Schatten. Für ſie hat das Heulen des Sturmes, das Rauſchen des Waldes Sprache. Ihnen erzählt der plätſchernde Quell die Märchen ſeiner Geburt, und ſingt der Vogel 183. in den Zweigen verſtändlich ſein leiſe klagendes Lied. — Und kann ſie das dafür entſchädigen, daß ihre Mitmenſchen, ungläubig und verblendet, ſie oft nur für Wahnſinnige halten, und überſpannter, krank⸗ haft erregter Phantaſie allein das zuſchreiben, was ſie vielleicht in Wirklichkeit umgiebt?— Wir wiſſen's nicht; aber ihr Loos iſt kein beneidenswerthes, denn an den Körper noch gebunden, mit allen Schwächen und Gebrechen menſchlicher Natur, gehört ihr Geiſt doch einer andern Welt, und wir begreifen weder ſie noch ihn. Es war im Herbſt des Jahres 1851, daß ein leich⸗ ter Reiſewagen durch das Thor der alten Stadt M— raſſelte und in die zum Markte führende Hauptſtraße einbog. Zwei junge Männer ſaßen darin, die eben von einem Ausfluge in die nicht weit entfernten Ge⸗ birge zurückkehrten, und Beide, mit ihren eigenen Ge⸗ danken beſchäftigt, auf das rege Leben nnd Treiben um ſich her ſchauten. Stach es doch gar ſo eigen und auffallend gegen das faſt heilige Stillleben in den gewaltigen Bergesſchluchten ab, die ſie ſo eben erſt verlaſſen. Es waren zwei Maler, die ihre Mappen mit reichen Skizzen und Studien gefüllt hatten, um im Winter das im ruhigen Atelier auszuarbeiten, was ihnen der Sommer auf Joch und Bergeshang, in Thal und Schlucht, am Seegeſtad und im weiten Moor mit freigebiger Pracht geboten. „Sieh dort, Gerhard,“ ſagte da plötzlich der Eine von ihnen, ein junger ſchlanker Mann mit raben⸗ ſchwarzem Haar und leichtem, zart gekrauſtem Bart, mit großen dunklen ſprechenden Augen und zwar etwas bleichen, aber belebten Zügen, indem er raſch des Freundes Arm ergriff und auf die Seite der Straße deutete, auf der er ſaß.„Wahrhaftig, da iſt ſie wie⸗ der! Merkwürdig bleibt es doch, daß mir, ſo oft ich nun auch in das alte M— hineingegangen oder ge⸗ fahren bin, jedes Mal, wenn ich von einem längeren Ausfluge zurückkehrte, jenes ſchöne Mädchenbild da drüben zuerſt begegnete.“ „Welches?“ fragte ſein Begleiter.„Die dicke Dame dort im braunen Kleide?“ „O bewahre! Jene ſchlanke Genlaltei in der ſchwar⸗ zen Mantille.“ „In der ſchwarzen Mantille?“ ſagte Gerhard, in⸗ dem er ſich weiter vorbog, um aus dem raſch vorüber⸗ fahrenden Wagen noch einen Blick auf die bezeichnete Dame zu gewinnen. Aber er konnte ſie nicht mehr finden, und das Fuhrwerk bog in dieſem Augenblicke nach der entgegengeſetzten Seite um die Ecke des Marktplatzes. „Ich habe in meinem Leben keine tief dunklern Augen geſehen,“ ſagte Werner, der als die Fremde ſeinen Blicken entzogen war, ſich in ſeine Ecke zurück⸗ warf,„und es iſt mir jedes Mal, wenn ich ihnen begegne, als ob ſie mir wie Feuer in's Hirn hinein⸗ brennten.“ „Dann nimm Dein Herz vor der Gluth in Acht,“ lachte Gerhard,„aber wer iſt ſie? Haſt Du es nie erfahren können?“ „Nie, und ſonderbarer Weiſe habe ich ſie auch ſelbſt bei jahrelangem Aufenthalt in M— nie getroffen. Nur wenn ich, wie heute, eine Zeit lang entfernt ge⸗ weſen, traf ich ſie regelmäßig bei meinem erſten Ein⸗ fahrmni in die Stadt.“ „Du machſt mich ſo neuggierig ig,“ lachte Gerhard, „daß ich Deine unbekannte und räthſelhafte Schöne ebenfalls von Angeſicht zu Angeſicht kennen lernen möchte, und je eher deſto beſſer. Halt, Kutſcher! — Wir wollen hier ausſteigen,“ rief er raſch, in⸗ dem er die Schulter des auf dem Bock ſitzenden Führers berührte,„fahre nur langſam zum grünen Baum und warte dort auf uns, wir kommen gleich nach.“ „Was willſt Du thun?“ fragte ihn Werner er⸗ „ſtaunt. „Was ich thun will?“ lachte Gerhard, indem er aus dem Wagen ſprang.„Deiner geheimnißvollen Donna, wenn irgend möglich begegnen, da man ihrer ſonſt, wie es ſcheint, nicht habhaft wird. Sie muß jetzt etwa gerade den Markt erreicht haben und wenn wir die kurze Strecke zurückgehen, werden wir ſie leicht finden.“ Werner folgte ohne ein Wort weiter zu erwidern, dem Freunde, und die beiden jungen Männer ſchritten Arm in Arm raſch den Weg zurück, den ſie eben ge⸗ kommen waren. Obgleich ſie aber Beide ihre forſchen⸗ den Blicke nach rechts und links ſchweifen ließen, war die Fremde nirgends mehr zu erkennen. Sie mußte irgendwo in ein Haus getreten ſein. Allerdings ſuch⸗ ten ſie noch ſämmtliche Läden in der Nachbarſchaft ab, aber auch das vergebens, und ſo ſchritten ſie endlich langſam dem Gaſthofe zu, vor dem ihr Kutſcher ſie er⸗ warten ſollte. „Deine ſchwarze Dame ſcheint durch eine Verſen⸗ kung abgegangen zu ſein,“ ſagte Gerhard. „Möglich, daß ſie in der Nähe wohnt,“ erwiderte Werner,„aber was hätte uns auch ein zweites Begeg⸗ nen geholfen? Wir durften ſie doch nicht anreden.“ 187 „Für mich wäre es aber ein erſtes Begegnen ge⸗ weſen,“ lachte der Freund,„denn trotz Deiner Beſchreibung habe ich vorher auf dem ganzen Trottoir keine ähnliche Geſtalt erkennen können. Doch wir finden ſie vielleicht ein ander Mal, und wohnt ſie in der Nähe, ſo hat ſie wohl gar aus dem Fenſter unſer eifriges Suchen beobachtet; eine ſtille Huldigung, die jeder jungen Dame angenehm ſein muß.“ Die Sorge um ihr Gepäck wie das Aufſuchen eines paſſenden Quartiers, mit der Ueberſiedlung dort⸗ hin, nahm von jetzt ab ihre Aufmerkſamkeit ſo in An⸗ ſpruch, daß ſelbſt Werner die ſchöne Unbekannte vergaß oder, wenn er ja einmal einer ähnlichen Geſtalt auf der Straße begegnete, die ihm Jener Bild wieder in's Gedächtniß rief, ſich damit tröſtete, ſie im Laufe des Winters ſchon irgendwo zu treffen. Der Winter verging aber und trotzdem daß Wer⸗ ner manchen Ball beſuchte und in den verſchiedenſten Geſellſchaften ein oft und gern geſehener Gaſt war, traf er unter allen den jungen fröhlichen Mädchen nicht ein einziges Mal ſeine unbekannte Schöne. Auch dachte er in der That kaum mehr an ſie. Das rege Treiben in der lebensfrohen Stadt brachte für ihn zu⸗ viel des Neuen und Intereſſanten, um einer flüchtigen Erſcheinung aus früherer Zeit länger als dann und 188 wann einmal mit einem eben ſo flüchtigen Gedanken nachzuhängen. 5 So kam das Frühjahr heran und mit ihm die Zeit, in der Werner M— wieder verlaſſen wollte. Er hatte eines Tages ſchon einige Abſchiedsbeſuche gemacht, und den Abend in ſehr angenehmer Geſell⸗ ſchaft zugebracht, aus der er ziemlich ſpät nach Hauſe zurückkehrte. Die Straßen waren ſtill und öde, die—. Lampen ſchon längſt ausgelöſcht und nur der Mond, der hell und voll am Himmel ſtand, warf ſeinen lichten Schein auf die eine Seite, ſo daß die andere in deſto tieferem Dunkel lag. Werner wohnte in einem ziemlich entlegenen Theile der Stadt, und der Nachtwächter war die letzte Perſon, der er begegnete, als er plötzlich vor ſich, in dem vom Monde nicht beſchienenen Theile der Straße, eine weibliche Geſtalt bemerkte, die mit raſchen Schritten denſelben Weg zu verfolgen ſchien wie er.. Mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt, achtete er wenig darauf und hatte eine ziemliche Strecke lang etwa gleiche Entfernung mit ihr gehalten, als vom andern Ende der Straße her ihnen lautes Lachen und Singen entgegenſchallte, und ein Trupp etwas ange⸗ trunkener Wirthshausgäſte ein wenig übervergnügt den Weg herunter kam. 189 Die Geſtalt vor ihm blieb plötzlich zögernd ſtehen, als ob ſie ſich fürchte dem vielleicht rohen Schwarm allein zu begegnen und ſchien auf die andere Seite der Straße gehen zu wollen. Aber auch dorthin zogen ſich einzelne des Trupps. Während ſie deshalb noch in Ungewißheit auf ihrem Platze verharrte, hatte ſie Werner eingeholt. Wenn es ihm auch auffiel eine Dame zu ſo ſpäter Stunde noch allein auf der Straße zu treffen, ließ es ſeine Gutmüthigkeit doch nicht zu, ſie in Verlegenheit zu laſſen, und er ſagte artig: „Sie ſcheinen die dort nahende, etwas zu luſtige Schaar zu fürchten. Wenn Sie mir erlauben, werde ich Sie hindurch geleiten.“ Die Fremde wandte ihm ihr Antlitz zu, das der Mond in dieſem Augenblicke hell und klar beſchien, und wie ein Schlag zuckte es durch Werners Körper, als er ſich den dunklen räthſelhaften Augen ſeiner Un⸗ bekannten dicht gegenüber ſah. „Ich danke Ihnen,“ ſagte die Fremde mit leiſer weicher Stimme, die alle Fibern ſeines Herzens erbe⸗ ben machte;„ich fürchte allerdings jenen Leuten zu begegnen und nehme Ihre Begleitung an.“ Werner, er wußte ſelber nicht weshalb, brachte keine Silbe mehr über die Lippen, und kaum wiſſend 190 was er that, bot er der ſchönen Unbekannten ſeinen Arm. Dieſe aber wich wie ſcheu der Berührung aus, wickelte ſich feſter in ihre Mantille und ſchritt ſtill und ſchweigend neben ihm her, die Straße entlang. Kein Wort wurde zwiſchen ihnen gewechſelt, bis ſie die Trunkenen lange hinter ſich hatten, und nur manchmal warf Werner einen ſcheuen forſchenden Blick auf ſeine Begleiterin, die mit lautloſem Schritte neben ihm herging. Da plötzlich wandte ſich dieſe wieder gegen ihn und ſagte freundlich: „Ich danke Ihnen herzlich; ich habe nichts mehr für meine Sicherheit zu fürchten. Die Straßen ſind ſtill und ler und ich möchte Sie nicht weiter bemühen, denn meine Wohnung liegt noch fern.“ „So viel mehr Grund für mich, Sie noch nicht zu verlaſſen,“ ſagte da Werner, mit Gewalt das Gefühl niederkämpfend, das ihn bis dahin befangen gemacht und wirklich eingeſchüchtert hatte.„Ein Spaziergang in dieſer wunderbar ſchönen mondhellen Nacht iſt ſchon an und für ſich ein⸗Genuß, wie viel mehr, wenn—.“ Er ſtockte plötzlich, denn die Augen des Mädchens haf⸗ teten ſo ernſt, ſo ſtrafend auf den ſeinen, daß er faſt erſchreckt inne hielt, und ſchweigend wanderten Beide wieder eine lange Strecke nebeneinander hin. Eben dies Schweigen wurde aber zuletzt Wernern ſo . 191 peinlich, daß er es unter jeder Bedingung zu brechen ſuchte und das Geſpräch entſchloſſen wieder aufnahm. „Wahrſcheinlich,“ begann er,„bin ich Ihnen, mein Fräulein, ein vollkommen Fremder, den Sie im Leben nicht geſehen zu haben glauben, und doch muß ich Sie faſt wie eine alte Bekannte begrüßen.“ Die junge Dame antwortete nicht und ſah nur wie fragend zu ihm auf. „Oft bin ich ſchon,“ fuhr Werner lächelnd fort, „nach M— gekommen, aber jedes Mal, durch welches Thor auch immer ich einfuhr, begegnete ich Ihnen, freilich ohne ſpäter, ſelbſt bei dem längſten Aufenthalt in der Stadt, auch nur noch ein einziges Mal im Stande zu ſein Sie wieder anzutreffen. Heute Abend iſt es das erſte Mal, daß mir dies Glück zu Theil wird, und Sie müſſen mir alſo die Freude darüber zu Gute halten.“ „Das Glück?“ wiederholte leicht und faſt wie ſchmerzlich das junge Mädchen. „Und dürfen wir das nicht ein Glück nennen, wenn uns ein Lieblingswunſch endlich, und noch dazu auf ſo angenehme Art, erfüllt wird? War ich doch gleich im Stande Ihnen einen, wenn auch nur ſehr geringen und unbedeutenden Dienſt zu leiſten.“ 192 Die Fremde ſchüttelte langſam den Kopf und Werner fuhr wärmer fort: „Sie halten mich vielleicht, meinen Worten nach, für einen jener faden Geſellen, die dem ſchönen Ge⸗ ſchlechte gegenüber ſtets nichtsſagende Schmeicheleien auf den Lippen haben. Ich gehöre nicht zu ihnen, und wenn ich auch ſelber nicht begreife, was dies Gefühl in mir hervorgerufen, ſo gebe ich Ihnen doch mein Wort, daß mir nichts in der Welt eine größere Freude machen würde, als Ihnen wirklich einmal einen Dienſt zu leiſten.“ „Und wenn ich Sie bei'm Wort nähme?“ ſagte mit faſt traurigem Kopfſchütteln die Fremde,„würden Sie ein ſo keichiſinnig gegebenes werjrischen ſicherlich be⸗ reuen.“ „Stellen Sie mich auf die Probe!“ vief Werner raſch, und wieder ſchrak er zuſammen, denn wiederum traf ihn jener unſagbare, faſt unheimliche Blick des Mädchens, der ſich ihm bis in die Seele bohrte. „Ihr Menſchen ſeid Euch doch alle gleich!“ ſagte die Fremde ruhig, indem ſie wieder mit geſenktem Haupte neben ihm hinſchritt.„Pläne, Hoffnungen, Träume füllen Euer Herz bis zum Rande, und der gute Keim, der in Euch liegt, dünkt ſich mächtig genug, eine Welt zu tragen und Zeit und Raum zu beſiegen. * — Ihr wißt nie, wie weit Eure Kräfte reichen und wo Euch die Natur die Schranke ſetzt.“ „und doch,“ rief Werner begeiſtert,„gelingt dem feſten Willen des Mannes Vieles, was beim erſten Anblick ſeine Kräfte zu überſteigen ſcheint.“ Seine Begleiterin antwortete ihm nicht auf die Bemerkung; ſie ſtreckte nur die Hand gegen das Ge⸗ bäude aus, an dem ſie hinſchritten und ſagte leiſe: „Wir ſind am Ziele!“ Zugleich ergriff ſie einen eiſernen Ring, der ziemlich tief neben der gewölbten Thüre hing und zog daran. Im Innern tönte eine laut dröhnende, lang nachhallende Glocke ihren lauten mahnenden Ton; dann flog die Thüre wie durch einen Federdruck auf und geſtattete einen Blick in den düſtern Vorſaal, in den der Mond, vielleicht durch ein hinteres Fenſter, ſein mattes ungewiſſes Licht warf. „Ich danke Ihnen,“ ſagte die junge Dame freund⸗ lich gegen Werner. „Und darf ich Sie nicht wieder ſehen?“ fragte der junge Mann, indem ein eigenes ſchmerzliches Gefühl ſein Herz durchzuckte.„Soll ich— doch ich fühle, daß es Unrecht von mir wäre Sie zu drängen. Ihrem eigenen Ermeſſen ſei dies anheim geſtellt.“ „Vielleicht, wenn Sie wieder nach M— kommen,“ eechelte die Fremde und verſchwand in der Thüre, die Gerſtäcker, Hell und Dunkel. I. 13 194 ſich ſo raſch hinter ihr ſchloß, als ob ſie nie geöffnet geweſen wäre. 1 Werner ſtand allein vor dem Haus und wie ein Traum war das Ganze an ihm vorübergegangen. Er hatte die Fremde nach ihrem Namen fragen, er hatte ihr ſagen wollen, daß er morgen ſchon die Stadt ver⸗ laſſe, vielleicht erſt nach langer Zeit daher zurückkehre, er hatte Alles in der Nähe der lieblichen Erſcheinung vergeſſen, und nur die Erinnerung an den Blick, der ihm ſo ſonderbar das Herz getroffen, war ihm ge⸗ blieben. Auch die Gegend der Stadt, in der er ſich befand, war ihm vollkommen fremd; hatte doch die Nähe des wunderbaren Weſens ſeine Sinne ſo gefangen gehalten, daß er ihr faſt willenlos folgte und weder auf Straße noch Richtung achtete. Er mußte ſich jedenfalls an der äußerſten Grenze der Stadt befinden, wo ſchon die Gärten begannen; denn niedere Mauern zogen ſich an der andern Seite der Straße hin und das Haus, vor dem er ſtand, was für ein altes wunderliches Gebäude war es doch! Oben der Giebel mußte ganz unbewohnt ſein, denn der Mondſtrahl fiel durch Dach und offene Fenſter, und die wettergraue Wand ſah in dem düſtern Schat⸗ ten, vom Mondlicht nicht erreicht, ſchwarz und drohend — —— — — 4 ———— 5————2 —— — *— bohl im Innern wieder, aber nichts regte ſich— Alles blieb todkenſtill. Ein Vorübergehender blieb ſtehen und ſah den bei⸗ den jungen Leuten zu. „Sie machen ſich da vergebene Arbeit,“ ſagte er endlich.„In dem Hauſe wohnt Niemand mehr, ſchon ſeit vielleicht ſechs bis ſieben Jahren, und es ſoll auch jetzt, wenn ſich ein Käufer dazu findet, aus freier Hand auf den Abbruch verkauft werden.“ „Es wohnt Niemand hier?“ fragte Werner er⸗ ſtaunt,„aber ich habe noch vor wenig Minuten eine Dame dort am Fenſter geſehen.“ „Das iſt möglich,“ erwiderte der Mann,„die iſt dann jedenfalls durch die Hinterthür und vom Kirch⸗ hof herauf gekommen.“ „Vom Kirchhof?“ riefen beide Freunde raſch. „Dies Haus ſtößt mit ſeinem Hofe an den Gottes⸗ acker,“ erklärte ihnen der Mann, der ſie wahrſcheinlich für Fremde hielt,„und man erzählt ſich auch einige wunderliche Geſchichten darüber, aber, lieber Gott! die Leute ſprechen oft mehr als ſie verantworten können. Uebrigens ſind die letzten Miethbewohner, arme Leute, die den Zins faſt umſonſt hatten, wirklich nur aus dem Grunde ausgezogen, weil es ihnen— weil es ihnen zu unheimlich in dem alten Neſte wurde. Uebrigens,“ ſetzte er hinzu,„können Sie das Nähere am beſten von dem Todtengräber erfahren, der den Schlüſſel zu der Hinterthür hat. Wenn Sie hier an der Mauer hingehen, erreichen Sie den Eingang zum Friedhof mit einem Todtenkopf und zwei gekreuzten Knochen über der Thür. Dort klingeln Sie nur.“ 8 Gerhard dankte dem Manne für ſeine Auskum während Werner wie betäubt bei dem was er hörte ſtand. Daß er am richtigen Hauſe ſei, dayon fühlte e ſich feſt überzeugt. Der kleine viereckige weiig Ehur gegenüber; der vorneigende durchlöcherte Giebel, durch den er das Mondenlicht geſehen; die unten vergitterten Fenſter; der Balkon am Haus ſelbſt, wie der ganze Charakter der Straße mit ihren niedern Mauern ließ ihm nicht den geringſten Zweifel mehr. Um noch grö⸗ ßere Gewißheit zu erlangen, ging er mit dem Freunde eine Strecke zurück, denſelben Weg, den er geſtern Abend gegangen und bald kam er zu der Stelle, wo er den Nachtwächter angetroffen und nach der Gegend gefragt hatte. Es ſtimmte Alles— kein anderes Ge⸗ bäude als jenes konnte das ſein, zu welchem er die Fremde geſtern begleitet hatte, und um ſo räthſelhafter wurde jetzt Alles, was mit dem unbekannten ſchönen Mädchen in Verbindung ſtand. Er befand ſich in einer ſehr aufgeregten Stimmung, und eine ſcherzend hingeworfene Bemerkung Gerhards, daß er doch am letzten Abend wohl in dem Schmerz des Abſchiednehmens dem ſüßen Punſche ein wenig zu ſtark zugeſprochen haben könne, reizte ihn noch mehr. Gerhard wußte endlich nicht, was er von dem Allen denken ſolle, kehrte zu dem Hauſe zurück und unter⸗ ſuchte, ſo weit ſich dies von außen thun ließ, aufmerk⸗ ſamer als vorher das anſcheinend wüſte und leer ſtehende Gebäude. Hinter den eiſernen Gittern hingen verwitterte und zerbrochene Fenſterrahmen mit den Ueberreſten ange⸗ laufener Glasſcheiben; durch das obere Stock konnte man an mehreren Stellen das Tageslicht niederſcheinen ſehen, und ſelbſt in der erſten Etage war keine Spur von Vorhängen oder Rouleaux. Die Fenſter ſchienen dort zwar in etwas beſſerem Stande zu ſein, aber auch hier waren viele Scheiben zerbrochen, und deutlich ließ ſich auf dem vielleicht ſeit Jahren nicht benutzten Bal⸗ kon Staub und verſchiedenes zerbrochenes Geſchirr erkennen. Die einzige Hoffnung blieb, die Dame, die Wer⸗ ner vor kurzer Zeit erſt am Fenſter geſehen haben wollte, vielleicht im Innern zu finden, und er ſelber machte jetzt dem Freunde den Vorſ ſchlag, den Kirchhof erſt zu beſuchen ihr vielleicht dort bagegnoten, Gerſtäcker 3 210 oder, wenn nicht, den Todtengräber, an den ſie mit verlangter Aufklärung gewieſen waren, anzuſprechen. Von ihm konnten ſie dann Näheres erfragen, wie ſich auch vielleicht in dem Hauſe ſelber herumführen laſſen. Sie brauchten ja nur vorzugeben, daß ſie die Abſicht hätten, den alten Steinhaufen zu kaufen. Ein Trink⸗ geld machte den Führer dann ſchon freundlich und geſprächig. Ungeſäumt gingen ſie an die Ausführung dieſes Vorſchlags und hatten bald die bezeichnete kleine Pforte erreicht. Dieſe ſtand offen, und ſie betraten den ſtillen Wohnort der Todten, der mit tauſend Blumen ge⸗ ſchmückt eher den Namen eines Gottes⸗Gartens als Gottes⸗Ackers verdiente. Vergebens aber durchwan⸗ derten ſie alle Gänge. Sie fanden wohl hier und da einzelne Damen, die der letzten Ruheſtätte ihnen lieber Menſchen den zärtlichen Tribut der erſten Lenzeskinder brachten, aber die Geſuchte war nicht unter ihnen. Ueberall ſchauten ihnen fremde, oft recht bleiche und ſchmerzdurchfurchte Züge entgegen und nur das Haus ſelber blieb endlich ihre letzte Hoffnung. Gerhard erbot ſich, den Todtengräber herbeizuho⸗ len, während Werner ſeine Forſchung zwiſchen den Gräbern noch nicht aufgab. Eine rweide, irgend 211 lich hier aufhielt, noch immer ihrem Blicke entzogen haben, und der Freund eilte indeſſen mit raſchen Schritten der kleinen, gar traulich gelegenen Wohnung des Alten zu, daß er ſie in das wunderliche Heiligthum des alten Gebäudes einführe. Er fand ihn zu Hauſe und in der beſten Stimmung, in der man überhaupt einen Menſchen finden kann, als er nämlich geſättigt vom Tiſche aufſtand. Er war auch raſch erbötig, dem Wunſche der Fremden zu will⸗ fahren, nahm ſein Schlüſſelbund und ging mit ihm den breiten Hauptweg hinauf, der zwiſchen den Gräbern hin dem unbewohnten Hauſe gerade zuführte. „Sie ſind heute Morgen wohl ſchon einmal in Anſpruch genommen worden?“ ſagte Gerhard, als er neben ihm herging und die Gelegenheit benutzen wollte, etwas zu erfahren. 3 „Heute? Nein,“ ſagte der Mann,„die Leute reißen ſich gerade nicht um den Platz, denn erſtlich liegt er weit ab von dem eigentlichen Verkehr der Stadt, und dann baut ſich auch nicht jeder gern ein Haus dicht an einem Kirchhof, wenn es nur des Brunnens wegen⸗ wäre.“ „Aber eine Dame hat doch heute Morgen den Platz beſucht, hr 2⸗— Vor acht Tagen war einmal 14* ein Herr mit einer Dame da; die ſind aber nicht wie⸗ der gekommen.“ „Mir war es faſt als ob ich im Borüibergehen eine Dame am Fenſter geſehen hätte,“ ſagte Gerhard gleichgültig und begegnete im nächſten Moment ſchon dem raſch und ſcharf zu ihm aufgehobenen Blick des Alten. Ueber das Geſicht deſſelben flog aber auch gleich darauf ein gutmüthiges Lücheln und er ſagte mit dem Kopfe ſchüttelnd: „Sie wollen mich wegen der alten Spukgeſchichte aushorchen, wie?— und ſich nachher über einen alten Mann luſtig machen? Wenn Sie Märchen über das „rothe Haus“ erzählt zu hören wünſchen, da müſſen Sie ſich ſchon an Jemand Andern wenden. Meine Alte wäre da vielleicht eine paſſendere Perſon, wenn man ſie gerade einmal dazu aufgelegt fände. Ich für meinen Theil habe zu lange zwiſchen todten Körpern zugebracht, um an lebendige Geiſter zu glauben.“ „Mein beſter Mann, ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich auch mit keiner Silbe an einen Geiſt dachte, im Gegentheil von einer ſehr hübſchen jungen Dame ſprach, die ich geſehen zu haben glaubte. Ich kann mich aber auch geirrt haben, denn die alten Scheiben ſind ſo blind, daß das darauf fall eicht recht gut eine ſolche Täuſchung möglich Wenn Sie Niemanden hinein gelaſſen haben und das alte Ge⸗ bäude verſchloſſen iſt, kann natürlich Niemand darin geweſen ſein. Alſo das rothe Haus nannten Sie es?“ „So nennen es die Leute wenigſtens,“ meinte der Alte, wie es ſchien gar nicht unzufrieden damit, das Geſpräch in eine andere Bahn gelenkt zu ſehen,„wahr⸗ ſcheinlich wegen der rothen Farbe der alten Backſteine.“ „Es ſcheint lange nicht bewohnt geweſen zu ſein.“ „Natürlich,“ lachte der Alte,„ich ſelber möchte nicht in einem Neſte wohnen, wo man jeden Augenblick be⸗ fürchten muß, daß es Einem über dem Kopfe zuſam⸗ menbricht.“ „So baufällig iſt es?“ „Sehen Sie den alten Kaſten nur an. Die liebe Sonne ſcheint an allen Ecken und Winkeln durch und der Regen genirt ſich auch nicht mehr, und läuft oben zum Dache hinein bis unten in den Keller. Es iſt or⸗ dentlich lebensgefährlich nur die Treppen hinauf zu ſteigen.“ „Sch kann ſie nirgends finden,“ ſagte Werner, der in dieſem Nrrableß zu ihnen trat. War ſie im Haus?“ „Nein,“ erwiderte ihm Gerhard.„Ein Freund von mir,“ ſtellte er ihn dann dem alten Mann vor, ner iſt Baumeiſter und ich wünſchte, daß er ſein Gut⸗ achten abgäbe.“ — Der Alte lachte. „Dazu hätten Sie keinen Baumeiſter gebraucht,“ ſagte er, den freundlichen Gruß Werners erwidernd, „es wäre denn den Koſtenüberſchlag des Einreißens zu berechnen. Ich glaube nicht einmal, daß Sie, den Grund ausgenommen, von dem alten Gemäuer viel wieder gebrauchen können. Die Steine ſind gar ſo ſehr vom Wetter mitgenommen worden.“ Er ſchloß dabei die kleine gewölbte Thür auf, die neben einem der Grabgewölbe hin und eigentlich faſt wie mit zu dieſem gehörig durch die Mauer führte, und gleich darauf betraten ſie den engen Hofraum, der von den beiden Flügeln des rothen Hauſes eingeſchloſ⸗ ſen wurde. Hier ſchon ſah es ziemlich wild aus. An den kleinen Gebäuden, die früher zu Ställen und Waſchhäu⸗ ſern u. ſ. w. gedient haben mochten, waren meiſt die Thüren, wie alles Holzwerk ausgebrochen, ein Werk, wie der Alte meinte, des letzten Geſindels, das hier ge⸗ hauſt und ſeine Feuerung geſtohlen hatte, wo es eben etwas Brennbares fand.* „Aber wem gehört das Gebäude jetzt?“ Einem Advocaten, der irgendwo in Preußen wohnt, und es einmal früher für Proceßkoſten angenommen hatte, lautete die Antwort. Deshalb kümmerte ſich auch Niemand darum, und er, der alte Todtengräber, war zum Kaſtellan dieſer Hausleiche beſtellt worden. Wenn es Jemand käuflich an ſich zu bringen wünſche, hatte er den Auftrag, ihn an den Notar Rekkel in M— zu weiſen, der damit betraut war und den Kauf ab⸗ ſchließen konnte. 1 Der Alte hatte, noch während er dieſe Auskunft gab, die morſche Hinterthür aufgeſchloſſen, und die beiden Freunde betraten mit einem eigenen Gefühle des Grauens, über das ſie ſich keine Rechenſchaft zu geben wußten, den düſtern öden Raum. Gerhard be⸗ ſonders hütete ſich aber wohl, ſich etwas Derartiges merken zu laſſen, und ſagte mit einem freilich etwas erzwungenen Lachen: „Alle Wetter, das ſieht bös hier unten aus! Ich denke, wir gehen gleich in die Beletage, um wenigſtens einen etwas wohlthätigern erſten Eindruck zu be⸗ kommen.“ „Es wird nicht viel zu ſehen ſein,“ meinte der Alte,„was niet⸗ und nagellos war haben die Mieths⸗ leute wuehn fortgeſchleppt. Ein Wunder, daß ſie nicht ſogar ſchon die Dielen ausgebrochen.“ . Er ſchritt dabei langſam die Treppe voran hinauf, die beiden Freunde warnend, nicht zu feſt aufzutreten, und bald erreichten ſie den nicht hoch liegenden erſten Stock. Die Unmöglichkeit, daß dieſer Platz in den letzten Jahren bewohnt ſein konnte, lag ſo auf der Hand, daß ſelbſt Werner keinen Augenblick mehr daran zweifelte. um ſo räthſelhafter war ihm die Scene des vorigen Abends, die ihm faſt wie ein Traum vorkommen wollte, hätte ihm das Armband, das er bei ſich trug, nicht die Wirklichkeit immer wieder friſch und warm in's Ge⸗ dächtniß zurückgerufen. Sie betraten jetzt die Zimmer, die einen traurigen Anblick boten. Schmuz und Gerumpel lag überall darin umhergeſtreut. Keine Spur von Wohnlichkeit war auch nur in einem derſelben zu entdecken. Selbſt der mittele Saal, deſſen zerfallene Glasthür auf den Balkon führte, glich eher einer ausgeräumten und nicht wieder gerei⸗ nigten Rumpelkammer als dem Hauptſalon einer erſten Etage. Und doch verriethen einzelne Spuren, daß in dieſen Räumen einſt Glanz und Pracht geherrſcht, und der Reichthum ſie bewohnt habe. Oben in einigen Zim⸗ mern, denn, was man unten hatte erreichen können, war abgeriſſen worden, hingen noch Stücke und Strei⸗ fen alter ſchwerer Damaſttapeten, an dendſelſt die Zeit die lebhaften glühenden Farben nicht hatte voll⸗ ſtändig bleichen können, und kleine Stücke echt vergol⸗ deter Leiſten ſchimmerten hier und da, wo ſie ein ſtarker Nagel feſtgehalten, aus ganzen Colonien von Staub überzogener Spinngewebe vor. Ein Zimmer ſchien früher mit einer gemalten Tapete bekleidet geweſen und Werner konnte kaum einen lauten Aufſchrei unter⸗ drücken, als er aus den weißen Tapetenſtreifen heraus ein halbes Menſchengeſicht auf ſich hernieder ſchauen ſah. Jenes ſtruppige Haar, das ſchielende Auge hatte er ſchon einmal geſehen, und faſt krampfhaft faßte er den Arm des neben ihm ſtehenden Freundes, und deu⸗ tete mit dem Arme dort hinauf. Der alte Todtengräber folgte ebenfalls mit ſeinen Augen der angedeuteten Richtung und ſagte langſam mit dem Kopfe nickend: „Ja, früher muß das einmal prächtig hier geweſen ſein, und ich erinnere mich, vor langen Jahren frei⸗ lich dies Zimmer in beſſerm Zuſtand geſehen zu haben. Die Tapete ſtellte ein großes Tournier vor, und das da oben war wohl eine von den Figuren, die vom Bal⸗ kon herniederſchauten. Es war prachtvoll gemalt, iſt aber mit dem Uebrigen zu Grunde gegangen. Wollen Sie L auch noch einmal den oberſten Theil des anſehen? Dort ſchaut es aber wo möglich noch wüſter aus. Die Querbalken ſind wenigſtens ſchon alle von der ewig niederſtrömenden Näſſe durch⸗ gefault, und es iſt wirklich ein Wunder, daß die Decke nooch ſo lange gehalten hat.“ 218 „Ich danke Ihnen,“ ſagte Gerhard, der zu ſeinem eihrare bemerkte, daß Werner todtenbleich geworden r.„An ein Reſtauriren des alten Gebäudes iſt doch — nicht zu denken.“ „Gott bewahre!“ ſagte der alte Mann kopfſchüt⸗ telnd.„Eins hält nur noch das Andere, und wenn Sie einmal an einer Stelle anfangen abzureißen, bröckelt das Uebrige ſchon von ſelber nach.“ „Das iſt derſelbe Kopf, den ich im Traume geſe⸗ hen,“ flüſterte Werner dem Freunde zu, indem er den Blick nicht von den kaum noch erkennbaren Zügen des alten Tapetenbildes abwenden konnte,„ſo wahr ich ſelig zu werden hoffe.“ „Unſinn!“ ſagte Gerhard, dem die Sache anfing unheimlich zu werden, indem er den Arm des Freundes 3 hnud ihn der Thüre zuzog.„Komm fort aus dem alken verfallenen Gemäuer, und Du wirſt mir doch jetzt zugeſtehen, daß Du Dich im Hauſe oder viel⸗ mehr in der ganzen Straße geirrt.“. „Ich ſetze meine Seligkeit zum Pf 2 rief Werner raſch. „Nun ja,“ unterbrach ihn Gerhard, der eine Er⸗ klärung in Gegenwart ihres Führers zu vermeiden wünſchte,„wir ſprechen nachher weiter darüber. Ich muß geſtehen, daß ich mich hier oben ſelber anfange 8 geln dre unbehaglich zu fühlen, denn wenn einer der Balken, auf denen wir ſtehen, von unſerm Gewicht nachgeben ſollte, könnten wir am Ende raſcher hinunter kommen als es uns lieb wäre. Wie viel Quadratellen hat der ganze Bauplatz mit Haus und Hofraum?“ „Ja, das kann ich Ihnen nicht genau ſagen,“ meinte der Alte,„wenn Sie das wiſſen wollen, müſſen Sie zu dem Herrn Notar Rekkel gehen. Hier haben Sie ſeine Karte.“ Der alte Mann ſchritt dabei wieder, noch während er ſprach, der Thür zu, und faſt gewaltſam zog Ger⸗ hard den Freund mit ſich fort und von den Ueberreſten der Tapete hinweg, von denen er den Blick unhi los⸗ reißen konnte. Unten im Hauſe verlangte⸗ Werner jenen Raum aufgeſchloſſen zu haben, der links von der Hausthür lag. Es war derſelbe, aus dem heraus er das Lachen glaubte gehört zu haben. Der Alte willfahrte ihm augenblicklich und ſchloß auf, die ſich knarrend in ihren An⸗ ber nur mit Mühe aufgeſchoben werden konnte, da ein Theil der Decke eingeſtürzt war und ſich vor den Eingang gelegt hatte., Keiner von ihnen betrat auch den dunkeln Raum, aus dem ihnen ein feuchter Moderduft entgegenzog: Ueberreſte von — alten Kartoffeln und Rüben, wie ihr Führer meinte. Werner, mit ſeinen Gedanken beſchäftigt, ſprach kein Wort weiter, und da der Alte ebenfalls glaubte ſeiner Pflicht genügt zu haben, ſchloß er die Thür wieder zu und trat den Rückweg an. „Gott ſei Dank!“ ſagte auch Gerhard, und er holte tief Athem, als ſie aus den düſtern Räumen wieder hinaus in das freie goldene Sonnenlicht traten, „ich glaube ich würde krank werden, wenn ich nur eine Stunde in dem alten wüſten Baue zubringen müßte. Ein Wunder wär' es auch, wenn ſich das Volk keine Spukgeſchichten darüber erzählte, denn einen beſſer ge⸗ legenen Platz, dem Kirchhof noch dazu ſo nah und bequem bei der Hand, könnten die Geiſter gar nicht finden.“ „Wie ſonderbar dies Gewölbe hier mit der Thür zuſammen gebaut iſt,“ ſagte Werner, als ſie den Got⸗ tesacker wieder betraten, und der Pförtner die kleine Thür in ihr Schloß zurückdrückte.„Sehſſgris viel⸗ leicht mit zu jenem Gebäude?“ 3 „Allerdings,“ ſagte der Alte.„Früher lag der Kirchhof weit draußen vor der Stadt, die ſich jetzt ſo vergrößert hat, daß wir ſchon an drei Seiten von Häuſern umgeben ſind, und damals ſoll ein alter 221 6 Maltheſerritter, wie mir der Herr Advocat Rekkel einmal erzählt hat, dies Haus hierher gebaut haben, ein Gelübde zu erfüllen. Wie er ſtarb zog ſeine Schweſter hier ein, und mehrere Generationen herrſchte Glanz und Reichthum in den jetzt verfallenen Räumen. V Nachher hat die Familie wohl irgend ein großes Un⸗ glück betroffen, denn ſie gerieth in Verfall und vor jetzt etwa hundert Jahren iſt der letzte Nachkomme in der Gruft beigeſetzt worden.“. G 6 „Wer war das?“ fragte Gerhard, der an dem alten eiſernen Gitter ſtehen geblieben war, und mit einigem Intereſſe die ſtille ſteinerne Wohnung derer betrachtete, die dicht daneben einſt in iriſher Lebensiuſt gehauſt. e. 1 6 „Ein junges Fräulein,“ ſagte der Alte,„die in der Blüthe ihrer Jahre ſtarb. Hier gleich an der Marmor⸗ platte können Sie die Inſchrift noch leſen.“) Auch Werner war raſch zu dem Gitter getreten, und las auf dem bezeichneten Steine die Worte! 1. 1 Agnes von Hochſtetten, 1 geb. den 29. Februar 1728, 1 geſt. den 29. Februar 1744.. 4 1 „War ſie denn die Letzte ihres Stammes?“ fragte Gerhard.„Das arme Kind hat früh die Erde wieder verlaſſen müſſen.“ „Ich glaube, ja,“ erwiderte der Führer.„Von der Zeit an ſoll wenigſtens das rothe Haus in andern Händen geweſen ſein und ein alter wunderlicher Kauz, ein weitläufiger Verwandter der Hochſtetten Einige ſagen der dem Fräulein beſtimmt geweſene Bräu⸗ tigam— hier gehauſt haben. Doch das ragt Alles in die Märchen hinein“, ſetzte er kopfſchüttelnd hinzu, „und mag ſeiner Zeit den alten Weibern Stoff zu recht ſchrecklichen Geſchichten gegeben haben. Sowie das alte Gebäude aber abgeriſſen iſt, oder wenn das nicht bald geſchieht, dem hochweiſen Rathe der Stadt von ſelbſt in die Straße fällt, ſpricht Niemand mehr davon.“ Werner ſtand noch immer an dem Gitter und ſtarrte auf die alte Marmorplatte mit ihrer einfachen und doch ſo rührenden Inſchrift, bis Gerhard dem alten Mann für ſeine Bemühung ein Geldſtück in die Hand drückte und des Freundes Arm nahm. „Wunderbar— wunderbar!“ flüſterte dieſer und ſchien ſich nur gewaltſam von dem alten Grabgewölbe loszureißen, auf das er wie gebannt den Bliek geheftet hielt. „So entſetzlich viel Wunderbares iſt dabei nicht,“ ſagte Gerhard,„und das Ganze wird doch noch auf einen Irrthum von Deiner Seite hinauslaufen. Doch 223 jetzt ſchlag ich vor, daß wir vor allen Dingen etwas eſſen. Ich bin bei der Geſchichte hungrig geworden, und meine Mittagszeit iſt ſchon lange vorüber. Nach⸗ her ſtehe ich Dir mit Vergnügen wieder zu Dienſten, h und wir können meinetwegen unſere Suche nach dem wirklichen Haus Deiner Schönen von vorn anfangen. Daß ſie in dem alten Gemäuer hauſen ſoll, wirſt Du doch jetzt ſelber nicht mehr glauben.“ Werner erwiderte Nichts darauf und folgte wohin der Freund ihn führte, war aber auffallend ſtill und 3 ſchweigſam geworden, und ſetzte am Nachmiteg, mehr d wie es ſchien dem Freunde zu Gefallen als um ſich ſelber zu überzeugen, die Nachforſchungen nach der am Abend vorher geſehenen Wohnung der Fremden fort. In all den Straßen war jedoch kein altes ähnliches— Gebäude, an das ſich eine ſolche niedere Mauer an⸗ geſchloſſen oder das unten vergitterte Fenſter gehabt. 9 hätte. Der ganze Stadttheil ſchien noch neu zu ſein und da Werner feſt behauptete, die nächſten Straßen ganz genau zu kennen, und dabei blieb, das„rothe Haus“ ſei das nämliche, zu dem er die Fremde be⸗ gleitet habe, wußte Gerhard am Ende ſelber nicht mehr, was er von der ganzen Sache denken ſolle.. „Gut!“ ſagte er endlich.„Ein Mittel haſt Du 1 immer noch in der Hand, Deine Schöne, wenn Dir 4 224 ſo viel daran liegt, ausfindig zu machen. Laß Dein gefundenes Armband in das Morgenblatt rücken und ſieh zu, wer ſich meldet. Allerdings kann das auch Jemand Anderes vor dem Hauſe verloren haben, mög⸗ lich iſt's ja aber doch, daß Du dadurch auf die rechte Spur kommſt, und thu' mir den Gefallen und laß es mich ebenfalls wiſſen, denn ich kann nicht leugnen, daß ich jetzt auch anfange, neugierig zu werden.“ Damit war ihre Unterredung über die räthſelhafte Fremde für jetzt abgebrochen, denn andere Bekannte begegneten ihnen, und Werner mußte ſeiner verzöger⸗ ten Abreiſe wegen eine Entſchuldigung erſinnen. Den wahren Grund ſcheute er ſich natürlich einzugeſtehen. II Dem Rathe des Freundes folgend ließ Werner die Annonce über das gefundene Armband in das täg⸗ lich erſcheinende Blatt einrücken, und erwartete mit. wirklich peinlicher Ungeduld den Augenblick, in dem 8 ſich die Eigenthümerin deſſelben melden würde. Hierüber vergingen indeſſen mehrere Tage und in dieſer Zeit konnte es ſeinen Freunden nicht verborgen bleiben, daß mit dem ſonſt ſo lebensfrohen Werner eine auffallende Veränderung vorgegangen ſei. Schon ſein Aeußeres verrieth das: er ſah bleich und über⸗ wacht aus; die Augen lagen ihm tief in ihren Höhlen und hatten etwas Scheues, Wildes bekommen; ſein ſonſt ſo elaſtiſcher leichter Gang war unſicher und ſchwankend geworden, und Gerhard beſonders rieth ihm, einen Arzt über ſeinen Zuſtand zu fragen, den er noch immer den ſehr angeſtrengten Arbeiten der letzten Monate zuſchrieb. Werner dagegen verſicherte, daß Gerſtäcker, Hell und Dunkel. I. 15 226 er ſich vollkommen wohl und nur in der Stadt ſich etwas beengt fühle. Die Frühlingsluſt ſtecke ihm in den Gliedern, und wie er überhaupt von Jugend auf eine Art Wandervogel geweſen ſei, treibe es ihn auch immer wieder in dieſer Zeit hinaus in's Freie. So⸗ bald er dem Triebe folge, ſei er auch wieder geſund, und die Sehnſucht in die Berge ſei eigentlich ſeine ganze Krankheit. Und doch verheimlichte er dem Freunde den Wurm, der ihm am Herzen nagte. Trotzdem, daß er ſich mit Gewalt zuſammennahm, und ſogar gegen Gerhard kein Wort weiter von ſeinem nächtlichen Abenteuer erwähnt hatte, quälte und pei⸗ nigte ihn die Erinnerung den ganzen Tag, während in der Nacht wilde Träume ſeine Ruhe ſtörten. Eine furchtbare Macht hatte Gewalt über ſeine Phantaſie gewonnen und zehrte an ſeinem Lebensmark, ohne daß er ſich ſelber Rechenſchaft darüber zu geben wußte. Wohl kam ihm manchmal der Gedanke, ſich gewaltſam loszureißen von Allem, was ihn hier peinigte und drängte, aber er vermochte es ſchon nicht mehr. Wenn der Abend kam, trieb es ihn mit geheimnißvoller Kraft jenem Hauſe zu, in dem, wie er meinte, das Räthſel ſeines Lebens ſeiner Löſung harre, als wenn er von dort ein neues Zeichen erwarte. Nur wenn er, immer 227 wieder vergebens, die öde Straße durchwandert war, und zu den düſtern kahlen Fenſtern aufgeſchaut hatte, kehrte er nach Hauſe zurück, im Traume mit den un⸗ heimlichen Bewohnern jener Stätte zu verkehren und Morgens unerquickt, ja zum Tode ermattet zu erwa⸗ chen, einen neuen Tag ungeſtillter Sehnſucht zu durch⸗ leben. So hatte er eine volle Woche verbracht, und auch wieder am letzten Abend oder eigentlich erſt gegen Morgen ſein Lager geſucht. Schon ſchien die Sonne in ſein Schlafgemach, als er ſich noch im Schlaf be⸗ unruhigt fühlte. Ein Paar Mal warf er ſich, ohne die Augen zu öffnen, im Bette hin und her, aber irgend etwas Aeußerliches peinigte ihn. Ohne daß er es ſich zu erklären wußte, kam ihm das Gefühl, als ob ihn Jemand recht ſtarr anſähe. Langſam endlich und faſt gewaltſam die noch müden Augenlider öffnend, fuhr er mit einem Schrei im Bett empor, denn zu Füßen deſ⸗ ſelben entdeckte er die dort auf einem Stuhle kauernde und ihn lauernd betrachtende Geſtalt eines fremden Mannes. Es war ein ältlicher Herr, ſchwarz und ſehr an⸗ ſtändig gekleidet, die etwas buſchigen Haare ſorgfältig friſirt, mit weißer Wäſche, hellen Glacéhandſchuhen und einem großen Brillant als Buſennadel. Die 15¾ 228 Beine übereinander geſchlagen, den Hut auf dem rech⸗ ten Knie haltend, ſchien er ihn mit ſeinen Blicken zu durchbohren. Sobald aber Werners Augen auf ihm hafteten, verzog ſich ſein Geſicht zu einem freund⸗ lichen, faſt ſüßen Lächeln, und ſich verbindlich gegen den kaum Erwachten neigend, ſagte er mit lispelnder entſchuldigender Stimme: „Ich muß tauſend Mal um Verzeihung bitten, mein hochverehrteſter Herr, Sie zu ſo früher Mor⸗ genſtunde in Ihrem ſüßen Schlummer, ich kann wohl eigentlich nicht ſagen geſtört, aber doch beobachtet zu haben. Ich habe doch das Vergnügen mit dem Herrn Landſchaftsmaler Werner zu ſprechen?“ „Ja—, aber— wie um Gottes Willen kamen Sie hier herein?“ ſagte Werner, dem das eine Auge des Fremden wie ein glühendes Eiſen entgegenſtäch, während das andere ſich indeß die Stube zu betrachten ſchien und bald oben an der Decke, bald unten am Boden ſuchte. „Sehr einfach durch den allergewöhnlichſten Ein⸗ gang,“ lächelte der Fremde,„da ich aber Niemanden fand, der mich anmelden konnte, ſah ich mich genöthigt, mir dieſen Dienſt ſelber zu erweiſen.“ „Und was wünſchen Sie?“ fragte Werner, dem es unheimlich in der Nähe des Mannes wurde. Er warf da 4. das Antlitz in die Hände; due einem freundlichen Gedanken ihn im gen? War er ihr nicht ein Fremder, Unbekannte der nur ein oder zwei Mal ihren Weg gekreuzt, und den ſie vielleicht lange ſchon vergeſſen? Was über⸗ haupt hatte ſein Herz dem fremden Mädchen auf ſo geheimnißvolle, ihm ſelber unerklärliche Weiſe zuge⸗ wandt? War das die Liebe auf den erſten Blick, von der er wohl ſchon oft geleſen und gehört, die er aber immer für ein müſſiges Märchen ſchwärmeriſcher Poeten gehalten? Oder täuſchte er ſich ſelber? War es vielleicht nur das Räthſelhafte ihres Erſcheinens und Verſchwindens, das ſeine Phantaſie befangen, das ihm das ruhige Urtheil, die ruhige Ueberlegung ge⸗ nommen? Er wußte es nicht, aber es war ihm als ob ihm das Herz zerreißen müſſe, wenn er ſich die oacht, ſo. ., die Farben und ſo klar ſoſ der Geliebten vor der Seele. Wie .— nur an die Leinwand brachte, ſtand die⸗ „eimnißvolle Fremde auch wie lebendig vor ihm da, und in fieberhafter Anfregung und Angſt, daß ihm das Bild wieder verſchwinden möge, arbeitete er weiter und bannte, was ihm die Seele zum Zerſpringen füllte, mit feſten Farben auf die Leinwand hin. So verging ihm der Tag, er wußte ſelber kaum wie raſch. Verſchiedene Male klopften Freunde an ſeine Thür, er antwortete ihnen nicht, hätte er doch mit keinem über Alltägliches ſprechen können, und wie nun das Bild in größerer Lebensfriſche aus der Lein⸗ wand ſprang, fühlte er, daß ſich ihm ſelber neue Luſt und Freude durch die Adern goß. Aber immer raſcher —.— 8 2 ſchlugen auch ſeine Pulſe, ſeine Stirn brannte, ſeine Augen glühten, und friſcher und lebendiger trat dabei das Ideal vor ſeine Phantaſie. Zug um Zug konnte er erkennen: den feinen Roſenſchimmer der zarten 1 Haut, den feuchten Glanz des Auges, das ſanfte Wo⸗ gen ſelbſt ihrer Bruſt, und jetzt— entſetzt trat er 4 einen Schritt zurück, denn vor ihm, lebend, athmend ſtand, nicht mehr nur das rege Bild ſeiner erregten Einbildungskraft, nicht mehr ein Schatten, den ſich die aufgerührten Sinne aus dunkler Nacht heraufbe⸗ ſchworen, ſtand die Geliebte ſelber in all' der zauber⸗ haften Schönheit vor ihm da, und während er Palette und Pinſel fallen ließ und zu den Füßen der Holden niederſtürzen, ihre Knie umklammern und ſie beſchwö⸗ ren wollte, ihn nicht mehr zu verlaſſen, zuckte plötzlich ein wilder Blitz durch das Gemach, der Donner rollte und leblos brach er an der Staffelei zuſammen. Wie lange er ſo gelegen, er wußte es nicht, als er aber wieder zu ſich kam, dämmerte ſchon der Abend und vor ihm, auf der Staffelei, ſtand das vollen⸗ dete Bild der Fremden in faſt ſchreckenerregender 3 Wahrheit und Treue. 8 Werner konnte ſich nicht losreißen von den lieben Zügen, und mit jedem Augenblicke ſog er das ſüße Gift tiefer ein in ſeine Seele. So rückte der Abend 240 mehr und mehr heran, und in peinlicher Spannung erwartete er die verſprochene Ankunft des Fremden. Stunde nach Stunde aber verging, ohne daß dieſer ſich zeigte. Um neun Uhr endlich klopfte es an die Thür, und als er dieſe raſch öffnete, ſtand Gerhard vor ihm, der ihn verwundert von Kopf bis zu Füßen betrachtete. „Du biſt es?“ fragte Werner. „Haſt Du Jemand Andern erwartet?“ lachte der Freund,„weshalb ſo geputzt?— Willſt Du in Ge⸗ ſellſchaft gehen oder kommſt Du daher? Und— um Gottes Willen, Werner, Du ſiehſt todtenbleich aus! Du biſt krank, Freund, Du biſt wahrhaftig krank und das Beſte für Dich iſt, zu Bette zu gehen. Ich will bei Dir bleiben, wenn ich Dich nicht ſtöre.“ „Ich danke Dir herzlich,“ ſagte Werner verlegen lächelnd,„und ich verſichere Dich, daß ich mich voll⸗ kommen wohl und geſund fühle. Nur ein wenig an⸗ geſtrengt gearbeitet habe ich die letzten Tage, ein mir aufgetragenes Bild noch vor meiner Abreiſe zu be⸗ enden. Ein Paar Tage Zerſtreuung in den Bergen macht Alles wieder gut.“ „Aber dann geh nur auch in die Berge, Werner,“ drängte ihn Gerhard mit herzlicher Bitte.„Verlaß M-; die Luft hier ſagt Dir nicht zu; Du mußt — — 241 Zerſtreuung haben, wenn Du nicht wirklich eekranken willſt, und eine Scenenwechſelung iſt das Beſte, was Du Dir verſchreiben kannſt. Laß uns m orgen auf⸗ brechen. Ich gehe mit Dir, und in dem ſchönen Tyrol wird Dir das Herz wieder in all' der alten Luſt und Wonne aufgehen wie vordem.“ Er hielt ihm die Hand zum Einſchlagen hin, in die Werner wohl lächelnd, aber doch auch nur zögernd die ſeine legte. „Feſt auf morgen kann ich es Dir noch nicht verſprechen,“ ſagte er dabei„ſehr bald aber, vielleicht ſchon heute oder morgen wird es ſich entſcheiden, wann ich fort kann und dann gehen wir zuſammen. Iſt Dir das recht?“ „Es muß ja wohl ſein,“ ſagte der Freund, mir iſt Alles recht, wenn ich Dich nur fortbringen kann von hier. Apropos— haſt Du die Eigenthümerin Deines Armbandes endlich gefunden? Du verſprachſt ſie mir zu zeigen.“ „Noch nicht.— Wenn es geſchieht, halte ich mein Verſprechen.“ Gerhard blieb noch zögernd ſtehen. Es war ihm nicht . entgangen, daß ſich Werner in einer eigenen Art von Aufregung befand, und während er mit ihm ſprach, oft Gerſtäcker, Hell und Dunkel. IJ. 16 nach irgend einem draußen vermutheten Geräuſch auf⸗ horchte. „Haſt Du noch etwas vor heute Abend,“ fragte er endlich,„oder Luſt mich noch ein Stündchen zu be⸗ gleiten? Wir treffen in Behlers Keller draußen, nicht ſehr weit von der Gartenſtraße, mehrere von unſern Bekannten.“ „Heute kann ich nicht,“ ſagte Werner raſch; we⸗ nigſtens jetzt noch nicht. Vielleicht komme ich ſpäter nach, ehe Ihr auseinander geht.“ „Du erwarteſt Beſuch?“ „Eine Geſchäftsſache.“ „So will ich Dich nicht länger ſtören. Bis elf oder halb zwölf triffſt Du uns dort. Guten Abend, Werner!“ „Guten Abend, Gerhard! Ich glaube beſtimmt, daß ich mich bis dahin frei gemacht habe. Vielleicht kann ich Dir dann auch eine Neuigkeit mittheilen.“ 243 IV. Gerhard ging und Werner ſchritt in immer pein⸗ licherer Ungeduld in ſeinem Zimmer auf und ab. Es ſchlug zehn Uhr, Niemand kam, ihn abzuholen. Es ſchlug elf, er hörte nur die Hausthür unten zuſchlagen und verſchließen; der erwartete Fremde kam nicht, und Werner griff ſchon nach Hut und Stock, ſeinen ſo oft fruchtlos gemachten nächtlichen Spaziergang nach der fernen Gartenſtraße auch heute zu wiederholen, und den brennenden Schläfen wenigſtens Kühlung zu geben, als er draußen Schritte auf der Treppe hörte. Er horchte— es mußte der Hausmann ſein, der oben im dritten Stock wohnte.— Aber die Schritte hielten vor ſeiner Thür, es klopfte bei ihm an, und Werners Herz ſtand faſt ſtill. Er war nicht einmal im Stande „herein“ zu rufen, als ſich die Thür endlich langſam öffnete und auf der Schwelle, den Hut in der Hand, mit demſelben widerlichen Lächeln der Fremde ſtand. 16* —y „Ich muß inſtändigſt um Entſchuldigung bitten, Sie ſo lange haben warten zu laſſen,“ ſagte der Lahme, indem er lachend in's Zimmer glitt,„aber meine ver⸗ ehrte2 Braut hatte den erſten Zug verſäumt und iſt erſt vor etwa einer halben Stunde mit dem letzten Zuge eingetroffen. Wenn es Ihnen jetzt noch beliebt, mein Beſter, wiſſen ja wohl, ich hatte mein Wort gegeben, und bin alſo hier, es zu halten.“ 1„Aber werden wir die Dame ſo ſpät ſtören dürfen?“ fragte Werner.„Sie wird angegriffen von der Reiſe ſein.“ G „O bewahre! Friſch wie ein Fiſch im Waſſer,“ lachte der Kleine.„Haben nur nicht mehr viel Zeit zu verſäumen, wenn wir noch heute dort eintreffen wollen.“ „Wohnen Sie weit von hier?“ „Ein Viertelſtündchen zu gehen. Aber ich ſehe, Sie ſind ſchon vollſtändig gerüſtet, mein Beſter.“ „Ich bin beroit,“ ſagte Werner.„Aber wie kamen Sie in das Haus?“ „Durch die Hausthür, natürlich,“ lächelte der Fremde.„Fand ſie glücklicher Weiſe offen. Da wir von finden reden, Sie haben doch das Armband bei ſich?“ „Gewiß,“ erwiderte Werner, nach der Taſche füh⸗ lend, in der er es trug. 245 Der kleine Mann folgte der Bewegung mit dem einen Auge und ſich vergnügt die Hände reibend rief er:„vortrefflich, vortrefflich, mein Beſter! Und nun kommen Sie. Meine Braut wird ſich ganz unſagbar freuen, Ihren ſchätzbaren Beſuch, wie das Kleinod, nach dem ſie ſich ſo außerordentlich ſehnt, noch heute Abend zu empfangen.“ So raſch ſtieg er dabei die Treppe hinunter, daß ihm Werner kaum zu folgen vermochte, und nur erſt an der Hausthür machte er Halt, die er verſchloſſen fand. „Aha,“ lachte er hier,„der würdige Bürger hat ſeine Zugbrücke ſchon aufgezogen und ſein Schloß für die Nacht verbarricadirt. Hoffentlich haben Sie doch eines jener nützlichen Inſtrumente bei ſich, ohne das kein ehrbarer Bewohner von M— vorſichtiger Weiſe ſein Haus verläßt.“ Werner öffnete ſchweigend die Thüp, die er wieder hinter ſich ſchloß, und lautlos ſchritten nun die beiden Mähnner die ſchon ſtillen Straßen entlang und zwar derſelben Richtung zu, in welcher das„rothe Haus“ lag. Werner wollte eine Frage deshalb an ſeinen Be⸗ gleiter richten, aber er brachte das Wort nicht über die Lippen, und Straße nach Straße ließen ſie hinter ſich, ohne daß ſie auch nur eine Silbe mit einander gewech⸗ ſelt hätten. Endlich erreichten ſie die Gartenſtraße— Werners Herz klopfte ihm wie ein Hammer in der Bruſt— und folgten der Mauer, die dem rothen Hauſe unmittelbar zuführte. Die einzige Perſon, die ſie noch auf der Straße trafen, war der Nachtwächter, der eben, als es von dem Thurme zwölf ſchlug, die Stunde abrief. „Und wohnt die Dame wirklich in dem rothen Hauſe?“ brach Werner jetzt zum erſten Male das Schweigen. „Wer?“ fragte der Nachtwächter, an dem ſie ge⸗ rade vorüberſchritten, indem er ihnen erſtaunt nachſah. „Im rothen Hauſe?“ fragte der Fremde, ohne von Jenem weitere Notiz zu nehmen.„Ich glaube, die Leute benennen unſer Palais mit dieſem Namen. Ja wohl, mein Beſter, und wir ſind jetzt gleich zur Stelle. Wir ſteigen jedes Mal hier ab, wenn wir nach M— kommen. Aber da ſind wir ſchon an Ort und Stelle und ich werde gleich“— er ſuchte, wenn gleich verge⸗ bens, nach dem Klingelzuge und fuhr, ärgerlich mit dem Fuße ſtampfend fort,„da hat die verwünſchte Straßenbrut wieder den Glockenring aus lauter Ueber⸗ muth abgedreht. Ich werde auch morgen einmal Anzeige bei der Polizei machen und mich über die nach⸗ läſſigen und ſchläfrigen Nachtwächter beſchweren.“ 247 Er hatte zugleich langſam zwei Mal an die Haus⸗ thür geklopft, während Werner ein Paar Schritte von dem Gebäude abtrat, um zu den Fenſtern hinaufſehen zu können. Oben war Alles todtenſtill und öde; kein Lichtſtrahl aus den zum Theil offenen leeren Fenſtern verrieth, daß ein lebendes Weſen im Innern hauſe, und in der wohl ſternhellen, aber von keinem Monden⸗ ſtrahl erleuchteten Nacht lag das alte Gebäude finſter und unheimlich vor ihm da. Wieder knackte da das Schloß der Thür, wie an jenem Abend, und der Fremde ſagte: „So, mein Beſter! Jetzt ſind wir am Ziele, und nun möchte ich Sie nur freundlichſt erſuchen, näher zu treten. Die Damen werden uns wahrſcheinlich ſchon mit Schmerzen erwarten.“ „Aber ich begreife wirklich nicht,“ ſagte Werner, der Einladung indeſſen Folge gebend,„dies öde Ge⸗ bäude kann doch nicht bewohnt ſein?“ „Oede Gebäude?“ lachte der Fremde, während er die Thür hinter dem Eingetretenen wieder in'’s Schloß warf.„Das iſt nicht übel! Meinen wohl, mein Ver⸗ ehrteſter, weil es noch ſo dunkel iſt?— Werden gleich Licht machen, möchten auch ſonſt in der Finſterniß die Treppe nicht finden.“ Kaum hatte er dies geſagt, als er auf täuſchende Weiſe den Ruf der kleinen Eule, bei uns gewöhnlich der Todtenvogel genannt, nachahmte. In demſelben Augenblicke wurden oben an der Treppe Schritte laut, Lakaien eilten mit brennenden Girandolen herab und rechts und links entzündeten ſich zu gleicher Zeit weit⸗ armige Wandleuchter und ſtrömten ein warmes, faſt blendendes Licht durch den weiten Raum. Werner traute ſeinen Augen kaum, ſo hatte ſich der Platz, in den wenigen Tagen, in denen er ihn nicht betreten, verwandelt. Von Licht und Glanz durchfloſ⸗ ſen fielen die blendenden Strahlen nicht mehr auf kahle nackte Wände und faule Trümmer, ſondern zierliche, mit ſeltener Kunſt ausgeſchmückte Reliefs, hier und da von Frescomalereien unterbrochen, ſchmückten die Wände; weiche Teppiche deckten den Boden, und die neulich ſo morſche Treppe zeigte ein feſtes, gar ſeltſam in Holz geſchnitztes Geländer, das ſich, mit ſeltenen Blumen beſtellt, zu der obern Etage hinaufwand. Werner preßte ſeine Schläfe zwiſchen den Händen; es kam ihm Alles wie ein tolles Märchen vor. Sein Führer ließ ihm aber kaum Zeit ſich zu beſinnen, ſon⸗ dern flüſterte mit dem fatalen ſüßlichen Lächeln, indem er ſich dicht an ihn drängte: „Kommen Sie, Liebwertheſter, kommen Sie! Wir verſäumen hier die koſtbare, uns nur ſehr knapp zuge⸗ meſſene Zeit, die wir beſſer benutzen können, als hier in der kalten zugigen Hausflur zu ſtehen. Meine Braut erwartet uns, wie ich feſt übe eugt bin, in peinlichſter Ungeduld.“ Dabei hinkte er, ſo raſch es ihm der lahme Fuß geſtattete, der Treppe zu und dieſe hinauf, und wie be⸗ täubt und vollkommen willenlos folgte ihm Werner. Wie auf weichem Moos ſtieg er die belegten Stufen hinan, in immer neuen Glanz, in neue Pracht hinein, ja einem Feenſchloß weit eher als einer menſchlichen Wohnung glichen jetzt die Räume dieſes Hauſes, das er ſich bis dahin nur als wenig mehr wie einen nackten Trümmerhaufen gedacht. Ueberall ſtanden Lakaien in glänzenden Livréen und oben an der Treppe, während die Flügelthüren des Salons aufgeworfen waren, und ein wahres Feuer⸗ meer von Glanz und Licht ausſtrömten, ſprudelten kleine Fontainen wohlriechende Waſſer aus und ver⸗ breiteten einen wunderbaren, faſt betäubenden Duft. Werner ſtand wie gebannt an der Schwelle und ehe er völlig zur Beſinnung kam, hörte er ein Seiden⸗ kleid rauſchen. Sein widerlicher Begleiter flüſterte ihm etwas in's Ohr und eine andere Thür ward plötzlich aufgeworfen, aus der eine ganze Geſellſchaft glänzend gekleideter Damen und Cavaliere ſichtbar wurde. Aber 250 Werner hatte nur Sinn für die Eine— er hörte, er ſah nichts weiter, denn vor ihm, mit allem Zauber übergoſſen, den ſeine Phantaſie nur je dem Himmels⸗ bild gegeben, und dabei von Diamanten überdeckt, die an ihrem Nacken, aus ihren rabenſchwarzen Locken blitzten, ſtand in vollendeter Schöne die Geliebte vor ſeinen entzückten Blicken. „Er wollte ſprechen, aber kein Wort brachte er über die Lippen und ſtumm und ſelig ſchaute er in die ihn freundlich anlachenden Augen der Dame. „Es iſt ſchön von Ihnen,“ ſagte dieſe und ihre Stimme klang wie das leiſe Rieſeln des Bergquells durch ſein blumiges Bett,„daß Sie mich gleich bei meiner Ankunft hier begrüßen. Ich hatte immer ge⸗ hofft,“ ſetzte ſie dann langſamer und mit leichtem Er⸗ röthen hinzu,„Sie in der langen Zwiſchenzeit ſchon wieder einmal bei mir zu ſehen, aber umſonſt, und meine kleine Reiſe ließ ſich auch nicht aufſchieben.“ „Mein ſüßes Leben,“ nahm hier plötzlich der Lahme das Wort, indem er ſich mit ganz ſeltſamen Verbeu⸗ gungen zwiſchen die beiden jungen Leute drängte,„ich habe hier das unſchätzbare Vergnügen, Ihnen den außerordentlich geſchickten Künſtler und Landſchafts⸗ wie Portraitmaler—,“ ſetzte er mit einem bezeich⸗ nenden und pfiffigen Blick hinzu,„Werner vorzuſtellen. Zugleich iſt dieſer Herr, außer ſeinen andern ſchätz⸗ baren Eigenſchaften, auch noch der glückliche Finder— aber davon nachher,“ unterbrach er ſich raſch.„Herr Werner, mit Stolz und Freude ſtelle ich Ihnen dagegen Fräulein Agnes von Hochſtetten, meine verehrte und geliebte Braut vor, die—“ „Halt!— Nicht ſo raſch!“ rief faſt zornig die Jungfrau dazwiſchen,„den Titel verdiene ich noch nicht, Herr Graf, und bis er mir gebührt— wenn das je geſchieht— wünſche ich ihn vermieden.“ „Aber, meine Allerverehrteſte—“ „Genug,“ lautete der ernſte Beſcheid,„und nun, mein lieber Freund wandte ſie ſich wieder mit gewin⸗ nendem Lächeln an den jungen Mann, indem ſie ihm, ohne den Grafen weiter zu beachten, die Hand hinüber⸗ reichte,„treten Sie ein bei uns, und laſſen Sie uns ein Stündchen froh verplaudern. Die Stunden fliehen ſo raſch, und es ſind uns nur ſo wenige zugezählt.“ „Agnes von Hochſtetten?“ wiederholte wie träu⸗ mend Werner.„Wie iſt mir denn?— War denn das nicht der Name jener ſechszehnjährigen Jungfrau, die draußen auf dem Kirchhof in ihrem ſteinernen Sarge ſchon ein Jahrhundert lang begraben liegt?“ Agnes ſah ihn, während er ſprach, ſtarr und ernſt in die Augen, dann aber legte ſich wieder das c4ä ſo liebe Lächeln um die zarten Lippen, und ſie ſagte freundlich: „Pfui doch, lieber Freund, wer wird hier, in all' dem Glanz und Schimmer lichten jugendfriſchen Lebens von dem kalten Grabe ſprechen! Uns Allen ſteht es wohl bevor, doch weshalb vor der Zeit dieſe traurigen trüben Bilder heraufbeſchwören? Aber einführen will ich Sie jetzt in all' den Glanz altadeliger und edler Geſchlechter, die ſich heute Abend hier einfanden, mich zu begrüßen.“ „Und jener Graf?“ fragte Werner mit leiſer, angſt⸗ beklemmter Stimme.„Iſt es wahr was ſein Mund behauptet— daß er— daß er ein Recht beanſpruche auf dieſe ſchöne Hand?“ Die Jungfrau warf verächtlich den Kopf zurück und ſagte finſter: „Daß er es ſich anmaßen möchte, glaub' ich wohl, und durch einen unglücklichen Zufall wäre ich auch faſt in ſeine Gewalt gegeben. Doch davon nachher!— Hier kommen ſchon die edlen Herren und Frauen, die ſich im Turnierſaal uns erwartend verſammelt haben.“ Zugleich betrat ſie mit ihm das weite Gemach, das Werner jetzt, dem Uebrigen entſprechend, mit fabelhaf⸗ tem Glanz geſchmückt fand. Aber über die Gruppen ſtattlicher und reich geputzter Herren und Damen hin, 253 die überall aus⸗ und einſtröniten, flog ſein Auge un⸗ willkürlich nach den bunten, reich geſtickten ſeidenen Tapeten, die jetzt die Wände deckten und in deren Bil⸗ dern er jetzt auf den erſten Blick das von dem alten Todtengräber beſchriebene Turnier erkannte. Edle ge⸗ wappnete Ritter tummelten ſich da auf kräftigen Roſ⸗ ſen, hier Einer dem Gegner die ſpitze Lanze zwiſchen die Fugen der Rüſtung hineinrennend, daß der Getrof⸗ fene aus dem Sattel taumelte; dort zwei andere mit weggeworfenen Lanzen und zu Fuß den zu Pferd be⸗ gonnenen Kampf mit den blanken Schwertern ausfech⸗ tend. Auf dem ſich ringsumherziehenden Balkon aber— ſaßen in weiter geſchmückter Reihe edle Frauen, und dort— unter Tauſenden hätte er die holden Züge wieder erkannt, war auch ihr liebes Engelsangeſicht, während dicht hinter ihr— wie ein Stich traf es ihn in's Herz die boshaft ſchielenden Augen, das ſtrup⸗ pige Haar jener Teufelsfratze niederſtarrte und Werner jetzt entſetzt in ihr das, wenn auch verzerrte, doch täu⸗ ſchend ähnliche Bild des Grafen erkannte. Faſt erſchreckt ſchaute er ſich im Saale um, und begegnete dort, gar nicht weit von ſich entfernt und zwiſchen zweien der dicht verhangenen Fenſter demſel⸗ ben boshaft zu ihm herüberblitzenden Auge, das auch aus dem Bilde der Tapete niedergrinſte. Kaum aber 254 traf ſein Blick den des kleinen tückiſchen Mannes, als dieſer ihm mit ſeinem unheimlichen Lächeln zunickte. Noch ſtarrte Werner, wie von dem Auge gebannt, nach ihm hinüber, als plötzlich eine leichte Hand ſeinen Arm berührte und Agnes mit flüſternder Stimme ſagte: „So ernſt, mein Freund? Licht und Glanz ſcheint die gefurchte Stirn Dir nicht aufzuheitern— vielleicht vermag es die Muſik. Es liegt ein eigner Reiz in je⸗ nen ſanften Tönen, die wir armen Irdiſchen dem Himmel abgeſtohlen haben.“ Leicht ſchlug ſie dabei ihre Hände zweimal zuſam⸗ men, und mit dem zweiten Schlag ſchon begann ein unſichtbares Orcheſter mit gedämpften Inſtrumenten eine ſanfte, wunderſchöne Symphonie. Die Jungfrau aber, während die weichen Töne durch die erwärmten duftigen Räume wogten, führte den Jüngling, der ſich an ihrer Hand der Erde entrückt wähnte, in ein kleines, nur von einer düſtern Ampel erhelltes Nebengemach und winkte ihm dort, auf einem Seſſel neben ihr Platz zu nehmen. „Beantworten Sie mir eine Frage,“ ſagte da Wer⸗ ner, der gewaltſam den ihn umdrängenden Zauber zu bannen ſuchte.„Der Kopf ſchwindelt mir, meine Sinne empören ſich wieder mich— ich faſſe, ich be⸗ greife nicht, was um mich her vorgeht, wo ich bin:— Athme und lebe ich? Wie ein märchenhafter Traum ſteigen neckiſche Gebilde auf um mich; ich ſehe und höre, und fühle doch dabei die Unmöglichkeit deſſen, in dem ich lebe und athme. Ich weiß, daß übernatürliche Kräfte uns umgeben, daß ſie Macht über uns gewin⸗ nen, wenn wir ihnen einmal Raum in unſerer Seele geſtatten, aber wenn das, was ich Alles hier erkennen kann, nur eben ſolche wilde Täuſchung wäre, und ein nächſter Augenblick des Erwachens mich einſam und elend zurück in des Lebens Alltäglichkeit ſchleudern könnte, wo endet da unſer Verſtand, wo beginnt der Wahnſinn, der uns mit ſeinen Krallen dann umfan⸗ gen hält?“ „Du wunderlicher Mann!“ lächelte ihm klar und feſt in's Auge ſchauend die Jungfrau.„Welch' trüben entſetzlichen Gedanken giebſt Du Dich hin, während Alles um Dich her nur Luſt und Freude athmet! Wes⸗ halb das Alles?— Da draußen liegt die Nacht mit ihren Schrecken und Geheimniſſen, hier iſt Licht und Luſt und Glanz. Haſt Du noch nie gelernt den Augen⸗ blick zu genießen? Und muß denn immer nur ein Schreckensgeſpenſt von dem, was einmal kommen kann und mag, die frohe Stunde imd des Glückes Genuß Euch trüben?“ „Und kann ich anders?“ rief Werner in leiden⸗ ſchaftlicher ſchmerzlicher Aufregung.„Du, holdes Bild, das mir ſeit heute wie eine nenue Sonne am dü⸗ ſtern Lebenshimmel aufgegangen, lebſt hier in all' dem Glanz, der mehr von Dir ſein Licht empfängt als Dir es giebt, in ſtets ſich neu gebärender Luſt und Herr⸗ lichkeit; ich bin ein armer heimathsloſer Wanders⸗ mann, den ſein wunderliches Geſchick durch dieſes lichte Paradies, in dem er nicht verweilen darf, geführt, und dem die Nacht da draußen jetzt nur viel dunkler, nur diel troſtloſer erſcheinen wird, als da er Dich nicht kannte. O warum mußte mir das Glück gezeigt wer⸗ den, nur um mich um ſo mehr mein Nichts empfinden zu laſſen! Warum ward mir erlaubt die Hand nach einer Frucht auszuſtrecken, die unerreichbar fern dem armen Maler liegt?“ Er barg ſein Antlitz in den Händen, und die heißen Thränen perlten ihm zwiſchen den faſt krampfhaft ge⸗ ſpannten Fingern hindurch. „So unerreichbar?“ ſagte mit leiſer, aber zu den innerſten Faſern ſeines Herzens dringender Stimme die Jungfrau an ſeiner Seite, daß er raſch und faſt erſchreckt zu ihr aufſchaute: „Und wäre es nicht?“ rief er, von ſeinem Seſſel aufſpringend und, während er des Mädchens Hand 2 ergriff, in ſchwindelndem ſeligem Entzücken zu ihren Füßen niederſinkend. „Nicht ſo, mein theueres Herz,“ ſagte ihn ſanft vom Boden hebend das wunderſchöne Weib,„nicht ſo. Ich kann Dich nicht vor mir im Staube ſehen, indeß ich durch Dich ſelber Licht und Freiheit wieder erhal⸗ ten ſoll.“ „Durch mich?“ rief Werner erſtaunt zu ihr auf⸗ ſchauend,„Du Herrliche, durch mich?“ „So höre denn,“ flüſterte die Jungfrau, während ſie ihn mit leiſer Gewalt vom Boden hob und willig es geſchehen ließ, daß er die Hand behielt und mit ſei⸗ nen heißen Küſſen bedeckte.„Ich bin nicht frei und gllücklich, wie Du wähnſt; eine Macht, die mit meinem Leben und Daſein in inniger Verbindung ſteht, hat Gewalt über mich. Nur ein Geſchenk aus höherer reinerer Hand enthob mich ſeinem Einfluſſe, aber nur ſo lange ich das mir wahren konnte. Es war ein ein⸗ fach goldener Reif, den ich bis jetzt an meinem Arme trug, von Feenkraft geweiht. Die Eule, die als Graf Dir dort erſchien, ſie mußte ſich dem mächtigen Schutze beugen, ja ſogar mir, in Allem was ich von ihr for⸗ derte, dienſtbar ſein. Da wollte es mein bös Geſchick, daß ich an jenem Abende, an dem es mir vergönnt war, Dich zu ſehen, das Kleinod von meinem Arme verlor Gerſtäcker, Hell und Dunkel. I.. 17 X und nur mein guter Engel lenkte Deinen Blick zuf jenen unſcheinbaren Schmuck.“ „Die Eule?— Der Graf?“ wiederholte Wer⸗ ner, der in unbegrenztem Erſtaunen den Worten der Jungfrau gelauſcht.„Von Feenkraft geweiht? Wie iſt mir denn? Treibſt Du nur Deinen Spott mit mir, oder wäre meine Furcht gegründet, daß Alles, was mich hier umgiebt nur tolles Blendwerk meiner Sinne iſt?“ „Blendwerk?“ ſagte die Jungfrau lächelnd mit dem Kopfe ſchüttelnd.„Wirklichkeit?— Wer von allen Sterblichen wäre im Stande Blendwerk von Wirklichkeit zu unterſcheiden? Durch Euere Sinne nehmt Ihr Dinge wahr, doch wißt Ihr, ob ſie ſind? Ihr nennt das grün, und jenes blau und roth, und ſeid nicht einmal gewiß, ob nicht dem Auge des Nach⸗ bars roth wie grün erſcheint, und er die Namen nur dafür verändert, und roth meint, wenn er grün es nennt.“ „O nein, nein,“ bat Werner in Todesangſt die Arme ihr entgegenſtreckend,„der Gedanke ſchon iſt Wahnſinn, daß auch Du, Himmliſche, ein Blendwerk ſein und mir entſchwinden könnteſt, wie Du dem Bo⸗ den vor mir entſtiegen. Wo nähme ich die Kraft her dem Elend zu begegnen, Dich wieder zu verlieren? Du biſt— Du mußt Wirklichkeit ſein, und von Deiner Liebe beglückt, von Deinen Armen umſchlungen, wäre mir ſelbſt des Himmels Seligkeit ein Wahn.“ „Frevle nicht,“ ſagte mit ſcheuer Stimme die Jungfrau, indem ſie ängſtlich ſeinen Arm ergriff, und das Antlitz dem Nachbarzimmer zuwandte.„Böſe Mächte klammern ſich an das Wort des Menſchen, und flechten Bande daraus, ihn tiefer und tiefer zu ſich hinabzuziehen in ihr Reich— und es iſt furcht⸗ bar dorten,“ ſetzte ſie mit kaum hörbarer Stimme hinzu. „Eine Hölle ohne Dich,“ rief Werner, in wilder Begeiſterung,„ein Himmel wo Du weilſt.“ „Still— ſtill— die Eule naht!“ ſagte Agnes plötzlich, indem ſie warnend den Finger hob.„Das Armband jetzt!— Gieb mir den goldenen Reifen, den Du an jenem Abend vor der Thür gefunden— ich muß ihn haben.“ Werner griff in die Taſche, in der er in Papier eingeſchlagen das Armband trug, als plötzlich der Lahme, das widerwärtige Geſicht zu einem boshaften Lächeln verzerrt, in der Thür erſchien, auf Agnes zu⸗ ging, ſich tief vor ihr verbeugte und dann, ohne ein Wort zu ſagen, die beiden langen Arme in die Höhe warf. In demſelben Augenblick faſt flogen rechts und 17* links die ſchwerſeidenen Gardinen, die bis jetzt die eine Wand des Gemachs gebildet hatten, zurück, und darin Reihe an Reihe dicht gedrängt, ſtanden die Gäſte, einen Halbkreis um ein kleines altarartiges Geſtell bildend, auf dem ein mit ſchwerem Eiſen verſchloſſenes roth und ſchwarzes Buch und ein blanker Dolch lagen. „SSehr verehrte Damen und Herren, und alleſammt lieben Freunde und Gefährten,“ rief der Graf mit ſcharfer gellender Stimme, die in die entfernteſten Ecken der Gemächer drang,„ich habe Sie heute Abend zu uns eingeladen, Zeugen einer feierlichen Handlung zu ſein, die mich zu dem glücklichſten Weſen über und unter der Erde, Agnes von Hochſtetten aber zu meinem ehrbaren Weibe machen wird.“ „Halt ein, Unglückſeliger!“ rief da die Jungfrau, die nach ihr ausgeſtreckte Hand des Widerlichen. in Zorn und Abſcheu zurückſchleudernd.„Noch bin ich nicht in Deiner Macht, noch hab' ich meine Freiheit, und ich will ſie wahren bis zur letzten Stunde des Ge⸗ richts. Du vergaßeſt das Armband, das Du ſelber mir wieder in die Hände liefern mußteſt— Du ver⸗ gaßeſt die Hülfe, die ich in dieſem jungen Freund ge⸗ funden, und ich trotze Dir und Deinem Zorn und Haß. Her zu mir jetzt, Helfer in der Noth!“ rief ſie dabei die Arme dem wie in Verzückung ſtehenden Wer⸗ ner entgegenſtreckend,„gieb mir das Band, mein Ret⸗ ter aus mehr als Todesqual— das Band— das goldene Band.“ Der Lahme ſprach kein Wort, regte kein Glied ſeines Körpers, nur das höhniſche L Lächeln zuckte Uber ſeine Züge, als Werner den goldenen Reifen, den er in der Hand hielt, raſch und mit fieberhafter Haſt aus der Papierhülle befreite. „Hier,“ ſagte er,„hier nimm, Geliebte, und mein Leben bürgt Dir für—“ „Was iſt das?“ unterbrach ihn Agnes, indem ſie todtenbleich zurücktrat, und die ausgeſtreckten Arme jetzt wie abwehrend ihm entgegen hielt.„Unglücklicher — ich bin verloren!“ „Haha!“ lachte der Graf,„was haben wir da, Verehrteſte, ein goldenes Armband? Das iſt ja der Ring von der Straßenklingel, den Ew. Wohlgeboren aus Verſehen eingeſteckt haben. Jetzt weiß ich auch, wer mir die Ringe immer abdreht, und werde den Wächter darauf aufmerkſam machen.“ Werner ſtand wie zu Stein erſtarrt. „Was iſt das?“ rief er mit vor innerer Angſt faſt erſtickter Stimme.„Wie kommt der Ring in meine Taſche und wo iſt der Schmuck, den ich— „Der Schmuck?“ kreiſchte der Lahme,„hier iſt das Armband— hier in meiner Hand. Ich habe den Schatz, das echte Band, das Dich, mein holdes Lieb⸗ chen, an mich feſſelt für die Ewigkeit.“ „Wir gratuliren, wir gratuliren!“ riefen die An⸗ weſenden und beugten ſich und knixten und wehten mit den Tüchern, und das lahme Ungeheuer hinkte auf die, wie zu Marmor erſtarrte Schöne zu, und wollte ſie in ſeine Arme ſchließen. Aber nur ſeine Berührung gab ihr wieder Leben, und wie ein geſcheuchtes Reh floh ſie dem Tiſch zu, auf dem das Buch und der Dolch lagen. „Aber das hilft Ihnen ja Nichts, Verehrteſte,“ lachte der Lahme, daß die Säle von dem faſt teufli⸗ ſchen Laut wiederhallten.„Mein ſind Sie, mein.“ „Rette mich vor ihm,“ klang der Hülferuf der Jungfrau, die vor dem Tiſch ohnmächtig niederbrach, an Werners Ohr, und wie elektriſch Feuer ſchoß der Hülfe⸗Ruf durch ſeine Adern. „Teufel!“ ſchrie er, indem er in wenigen Sätzen an dem Tiſch war, und den blanken Dolch vom Buch herunterriß—„Taſchendieb! mit Deinem Leben, wenn nicht anders, hol' ich mir mein Eigenthum zurück!“ und mit den Worten warf er ſich, ſeiner Sinne kaum noch mächtig auf den Grafen, der vor der blanken Waffe ſcheu zurückwich.“ 2 263 „Ruhe, Ruhe, mein allerbeſter Herr Landſchafts⸗ maler!“ ſchrieen die Gäſte durcheinander, und drängten ſich ihm entgegen, ihn von ſeinem Opfer abzuziehen. „Zurück von mir!“ donnerte aber des jungen Mannes Stimme durch den Lärm, und die Herbei⸗ drängenden wie Schatten von ſich ſchleudernd, folgte er in wilder Haſt dem jetzt entſetzt die Treppe hinab⸗ fliehenden Grafen. Von allen Seiten ſtürzten die La⸗ kaien herbei, alle Thüren wurden geöffnet, und wilde entſetzliche Fratzen lachten ihm höhniſch überall ent⸗ gegen, aber er ſah nur ihn, mit wildem Griff krallte ſich ſeine Hand in die Schulter des Flüchtigen und jetzt— jetzt faßte er das Kleinod, das jener eben von ſich ſchleudern wollte. „Hahaha,“ lachte da der Graf, indem er ihm un⸗ ter den Händen entſchwand und als Eule aus der ge⸗ öffneten Hausthür auf die Straße flog.„Was hilft Dir der Ring— mein iſt ſie doch— mein iſt ſie doch!“. „Nicht Dein— nicht Dein,“ ſchrie aber Werner, in faſt wahnſinniger Wuth, indem er, den Dolch wie⸗ der gefaßt, hinter dem Tückiſchen herfloh—„Dein Leben iſt mir verfallen und ich will— ich muß es haben.“ „Mein allerbeſter Herr!“ baten da die nachdrän⸗ ——,—— 264 genden Gäſte, die ſich wie Kletten an ihn hingen,— „was machen Sie nur? was machen Sie nur?“ „Fort! laßt mich!“ tobte aber der Raſende, indem er ſich mit Gewalt ihren, ihn jetzt feſt umklammernden Armen zu entziehen ſuchte—„ich muß— ich muß! — zurück oder ich morde, was mein Arm erreichen kann.“ „Aber Werner, um Gottes Willen, komm zu Dir!“ rief ihm eine bekannte Stimme in's Ohr,„Du biſt ja außer Dir. Was haſt Du? Was iſt ge⸗ ſchehen?“ „Gerhard— Dich ſendet mir Gott!“ rief der Unglückliche.„Ihm nach!— Noch iſt es Zeit— er will Agnes zum Altare ſchleppen. Laßt mich!— Laßt mich los— dort fliegt er ſchon weit, weit voraus, und wenn er meinen Augen verſchwindet, iſt die Arme ver⸗ loren— Teufel! Laßt mich los, ſag' ich!— Zu Hülfe, Gerhard, zu Hülfe!“ „Aber ſo komm doch nur zu Dir!“ bat dieſer in Todesangſt den Freund.„Was haſt Du nur, und wo biſt Du geweſen?“ „Wo er geweſen iſt?“ ſagte da eine tiefe Stimme, die einem der herbeigeſprungenen Nachtwächter gehörte, „drin im„rothen Haus“, ſo wahr ich ſelig zu werden hoffe, und das bei finſterer Nacht und zwiſchen zwölf 265 und ein Uhr. Mir dürfte Einer das Haus mit Gold pflaſtern, ich ſollte die Stunde darin zubringen.“ „Im rothen Haus?“ rief der junge Mann er⸗ ſchreckt. „Er iſt fort— er iſt fort!“ rief da Werner in wildem herzzerſchneidendem Schmerz laut aufſchreiend, „verloren, verloren für immer!“ Und während er ſich mit ſo gewaltigen Kräften gegen die Arme ſträubte, die ihn hielten, daß ihn die vier ſtarken Männer kaum noch bändigen konnten, ließen plötzlich ſeine Anſtren⸗ gungen nach, ſeine Arme ſanken, er lehnte den Kopf zurück und lag ohnmächtig an Gerhards Schulter. Dieſer, der eben erſt aus dem Weinhaus kam, in dem er eigentlich nur Werner erwartend ſo lange zu⸗ gebracht und durch den Lärm auf der Straße hierher gerufen war, ſuchte das Nähere über den unglücklichen Fall von den Nachtwächtern herauszubekommen. Dieſe wußten ihm aber ſelber ſehr wenig anzugeben. Der in dieſer Straße ſtationirte Wächter erzählte, daß er Lärm und Geſchrei gehört, und nicht anders ge⸗ glaubt habe, als daß irgend ein Betrunkener aus einem Wirthshauſe ſpät heimkehrend ſeinem Uebermuthe ein wenig Luft mache. In der Nähe des rothen Hauſes ſei er aber zu ſeinem Erſtaunen— und auch vielleicht wohl Schrecken— inne geworden, daß der Lärm von einmal„zu viel getrunken.“ Mit ihrer Hülfe klopfte dort herausſchalle, und wie er noch an der andern Seite geſtanden, wäre plötzlich der Herr hier in voller Wuth und Flucht herausgeſprungen. Wie er da hin⸗ eingerathen ſei, wiſſe er freilich nicht, denn bis jetzt ſei die Thüre ſtets verſchloſſen geweſen. Aus dem Haus heraus aber ſei er gekommen, ſoviel blieb gewiß, und das Beſte wohl jetzt, ihn ſo raſch als möglich in ſein Bett zu ſchaffen, damit er dort„ſeinen Rauſch aus⸗ ſchlafe.“ Gerhard, wenn er in ſeinem Herzen auch viel Schlimmeres fürchtete, beſtärkte die Wächter doch gern in dem Glauben, daß der Unglückliche heute Abend er dann aus einem benachbarten Gebäude ein Paar Arbeiter heraus, die den noch immer Ohnmächtigen, gegen eine gute Belohnung nach ſeiner eigenen Woh⸗ nung trugen. Alle weitere Nachforſchungen bei den Wächtern ſelber erwieſen ſich auch als nutzlos. Nur Einer von ihnen glaubte den jungen Mann als denſelben wieder zu erkennen, der vor einer Stunde etwa, laut mit ſich ſelber redend, an ihm vorüber gegangen ſei. 11 V. In Werners Wohnung angekommen, deſſen Thür ſie mit dem in ſeiner Taſche gefundenen Hausſchlüſſel öffneten, blieb Gerhard, als er ihn wieder zu ſich ge⸗ bracht, die Nacht an ſeinem Bett, und der Kranke fiel gegen Morgen in einen ſanften ruhigen Schlaf, aus dem er erſt nach zehn Uhr erwachte. Gerhard hatte eigentlich dieſes Erwachen gefürch⸗ tet, weil er glaubte, daß der irre Geiſt, wenn ſich die erſchöpfte Natur wieder erholt, auch neue Kräfte zu ſeinen tollen Phantaſien ſammeln würde. Dem war aber nicht ſo. Vollkommen ruhig öffnete Werner die Augen, ſah den Freund einige Augenblicke an, und ſchloß ſie wie⸗ der. Aber das dauerte nicht lange und Gerhard glaubte jetzt, daß er ihn fragen würde, wie er in ſein Zimmer gekommen. Werner dagegen ſchien Alles, was mit ihm vorgegangen, genau zu wiſſen, dankte ihm für ſeine Theilnahme, als er in der Straße halb ohnmächtig zuſammengebrochen, und bat ihn dann auf ſeinem Tiſche nachzuſehen, ob das gefundene Armband noch dort liege. Gerhard beruhigte ihn darüber. Er hatte es ge⸗ ſtern Abend, als ſie ihn fanden, in der Hand gehalten, und er ſelber es an ſich genommen, damit es nicht wieder verloren ginge. Es lag jetzt auf dem Tiſchchen neben ſeinem Bett. Werner ließ es ſich geben, betrachtete es einen Augenblick, und dann auf ſein Kiſſen zurückſinkend ſagte er ruhig: „Gott ſei Dank, der verdammte Lahme hatte es mir unterwegs ſchlau entwandt und mir dafür den werthloſen eiſernen Klingelring in die Taſche geſchoben — aber es iſt doch Alles vorbei, und Agnes auf im⸗ mer für mich verloren.“ „Aber Werner,“ bat Gerhard, dem die unheim⸗ lichen Worte einen Stich in's Herz gaben,„raffe Dich doch um Gottes Willen zuſammen und ſei ein Mann. Banne dieſe tollen Phantaſien und bedenke, daß wir hier in dem trockenen hausbackenen M— leben, wo ſolche Dinge gar nicht an der Tagesordnung ſind. Wärſt Du meinem Rathe gefolgt, und in die Berge gegangen, ſo hätte die reine klare Luft dort Dich bald von Allem geheilt, was Dich jetzt hier in dem feuch⸗ ten, dunſtigen Nebel beengt und zu Boden drückt, und das verwünſchte Armband hätteſt Du ebenfalls längſt vergeſſen. Dein Blut iſt zu dick, und ich will Dich jetzt einen Augenblick Dir ſelber überlaſſen, um raſch einen Arzt herbeizuholen, der Dich ſchon wieder zu Dir ſelber bringen und einen Theil Deines ſchweren Blutes abzapfen wird.“ „Nein— thue das nicht,“ bat Werner, ſeinen Arm ergreifend.„Er würde mich eben ſo wenig ver⸗ ſtehen, wie Du es thuſt, denn wie mir ſcheint bin ich auf eine mir ſelbſt unerklärliche Art mit der uns ſonſt verſchloſſenen Geiſterwelt in zu nahe und mir verderb⸗ liche Verbindung getreten. Glaube nicht, daß ich mich über mich ſelber täuſche. Ich weiß Alles was geſche⸗ hen, aber auch zugleich, daß Ihr alle mir nie glauben werdet. Jetzt habe ich auch den Schlüſſel dazu, daß Du damals jene Fremde, die an uns vorüberging, nicht ſahſt, daß Du ſie ſpäter nicht am Fenſter ent⸗ decken konnteſt. Kein Anderer in der weiten Stadt hat ſie geſehen, nur meinem Auge erſchien ſie und— nenn' es Segen oder Fluch— noch immer liegt in ihren Händen mein Geſchick.“ „Werner,“ ſagte Gerhard unruhig,„daß Du ſo ruhig über den Unſinn reden kannſt, erſchreckt mich mehr, als wenn Du in Deinen wilden Phantaſien fortgefahren wärſt. Das hätte man einem heftigen Fieber zuſchreiben und ein tüchtiger Arzt es heben kön⸗ nen. Dein Puls geht aber jetzt ſo ruhig, faſt ruhiger wie der meine, und Du mußt alle Deine Kräfte zu⸗ ſammen nehmen, dieſer tollen Bilder, die Dir ſelber nur Verderben bringen könnten, Meiſter zu werden.“ „Du haſt Recht,“ ſagte Werner ruhig, ich glaube auch, daß es in meiner Macht ſtände, mich von dem Verkehr mit jenen Ueberirdiſchen fern zu halten. Was könnten ſie gegen den feſten Willen des Menſchen?— Was aber helfe mir ein Leben, das jetzt ſeines Zieles beraubt, mit allen Hoffnungen vernichtet, nur Schmerz und Elend für mich haben müßte.“ „Werner,“ rief Gerhard beſorgt,„rede nicht ſo Entſetzliches! Du, ein junger kräftiger Mann, der eben erſt in dies Leben tritt, mit den herrlichſten Ta⸗ lenten ausgeſtattet, mit einem kräftigen geſunden Körper, ſelbſt nicht ohne Mittel, Deiner künſtleriſchen Laufbahn folgen zu können, Du redeſt von vernichteten Hoffnungen, von einem ſeines Zieles beraubten Leben? Verſündige Dich nicht, denn gerade Dich hat Gott vor vielen Tauſenden begünſtiget, und den Keim des Schönſten trägſt Du, ohne es vielleicht zu wiſſen, in dem eigenen Herzen.“ 3 —— „Den Keim des Todes,“ ſagte Werner mit ernſter ruhiger Stimme.„Doch wie dem auch ſei, Gerhard, von Deinem Standpunkte aus haſt Du vollkommen recht, Freund, und ich danke Dir für Deine Theil⸗ nahme; doch jetzt—“ „Was willſt Du thun?“ „Aufſtehen. Es iſt zehn Uhr vorbei und ich ſchlafe ſonſt nie ſo lange.“ „Aber Du biſt krank.“ „Nie geſunder geweſen in meinem Leben, ſelbſt nicht einmal in meinem Geiſt, für den Du, wie ich glaube, doch am Meiſten zu fürchten ſcheinſt. Aber ich muß aufſtehen, denn ich habe einen Beſuch abzu⸗ ſtatten.“ „Beſuch?— Bei wem?“ „Laß das— Du würdeſt mich doch nicht verſtehen, wenn ich es Dir auch ſagte. Aber ſei verſichert,“ ſetzte er herzlicher hinzu,„daß ich das, was wir Men⸗ ſchen im gewöhnlichen Leben Verſtand nennen, noch vollſtändig zuſammen habe, und mich keineswegs ſchon, wie mir Dein ängſtlicher Blick ziemlich deutlich ſagt, für das Irrenhaus qualificire. Ich weiß was mich umgiebt und welche Sphären ich, mit nur menſchlichen Kräften ausgeſtattet, betreten habe— ich weiß, wel⸗ chen Gefahren ich dabei entgegen gehe, aber ſei 272 auch verſichert, daß ich mich ihnen nicht muthwillig überlaſſe.“ „So lange Du noch ſolchen Gedanken nachhängſt,“ warnte Gerhard,„ſo lange biſt Du auch noch nicht geheilt, und jedes Ungewöhnliche, das Dir aufſtößt, wirſt Du damit in Verbindung bringen wollen.“ „In einer Art haſt Du recht,“ ſagte Werner, „wenn Du aber wüßteſt, was ich in der letzten Nacht geſehen und erlebt habe, Du würdeſt es für unmöglich halten, daß ich heute Morgen ſchon ſo gefaßt ſein könne, und doch iſt es der Fall. Sei alſo überzeugt, daß ich mir meines Zuſtandes klar bewußt bin, und meine Kräfte und Sinne beherrſche. Nur das Ent⸗ ſetzlichſte konnte mich in dieſer Nacht für kurze Stun⸗ den ihrer berauben, oder der Körper war vielmehr nicht im Stande der furchtbaren und unnatürlichen Aufregung des Geiſtes zu folgen. Jetzt aber darf ich auch nicht warten bis mich die Gefahr aufſucht; das ängſtliche Harren, die Ungewißheit würde mich auf⸗ reiben und elend machen. Ich will ihr ſelber frei in's Auge ſehen, und was dann kommen da rf, mag eben komemn!“ „Was willſt Du thun?“ rief Gerhard beſorgt. „Nichts was Dich beunruhigen könnte,“ lachte Werner.„Es iſt jetzt heller Tag, und ich glaube 273 nicht, daß ich da etwas von den Geiſtern zu fürchten habe. Sobald es dämmert, bitte ich Dich ſelber, zu mir zu kommen und die Nacht bei mir zu bleiben. Beruhigt Dich das jetzt?“ „In etwas, ja; aber doch noch nicht ganz. Ich möchte Dich heute nicht Dir ganz allein überlaſſen. Darf ich Dich nicht begleiten?“ „Als Wächter?“ lächelte Werner.„Lieber Freund, ich bin ein halber Fataliſt. Was kommen ſoll, das kommt— wir können es manchmal auf kurze Zeit hinausſchieben und uns eine Galgenfriſt damit ge⸗ winnen, aber entgehen werden wir ihm nicht. So lange wir nur mit kattem Blute das Steuer in der Hand behalten und unſern Lebensnachen vor dem Winde halten, dürfen wir auch hoffen den ſichern Ha⸗ fen zu erreichen oder— wenn nicht— uns doch we⸗ nigſtens den bequemſten Platz am Ufer ausſuchen, wo wir ſtranden wollen. Nur der, der den Kopf verliert, ſieht willenlos ſein Boot dem ſchroffſten Theil der Küſte entgegentreiben und— iſt meiſt ſelber Schuld daran.“ Werner war indeſſen aufgeſtanden und zum Aus⸗ gehen völlig gerüſtet. „Darf ich Dich wenigſtens eine Strecke begleiten?“ ſagte Gerhard jetzt nach einigem Zögern. Gerſtäcker, Hell und Dunkel. I. 3 18 „Und warum nicht? Nur bitt ich Dich darum, ſtöre mich nicht in dem was ich vorhabe— es iſt zu meiner Ruhe nöthig.“. „Du willſt das rothe Haus beſuchen?“ „Ja.“¹ „Und weshalb?“ bat Gerhard.„Muß das nicht dazu dienen all' Deine früheren Phantaſien nur noch mehr zu reizen— ſie gefährlicher zu machen?“ „Mein Beſuch ſoll gerade das Gegentheil be⸗ zwecken,“ ſagte Werner ruhig.„Das helle Tageslicht ſoll mir helfen die tollen Bilder zu verſcheuchen, die— vielleicht nur meine Phantaſie— in letzter Nacht dort furchtbar aufgebaut. Ich muß mich ſelber über⸗ zeugen, daß dort nur nackte Trümmern, daß dort nur Schutt und Zerſtörung herrſcht, wo ich geſtern Pracht und Glanz und fröhlich Leben ſah. Wenn irgend etwas, ſo mag das dazu dienen mich zu heilen.“ „So laß mich mit Dir gehen.“ „Bis zu dem Haus, ja— aber nicht hinein. Dort muß ich mit mir ſelbſt allein ſein,“ ſagte Werner. „Und noch eins,“ ſetzte er, wie plötzlich ſich beſinnend hinzu,„laß mir noch eine halbe Stunde Zeit, einen nothwendigen Brief zu ſchreiben. Nach Verlauf der⸗ ſelben hole mich hier ab.“ „Du gehſt nicht ohne mich?“ 275 „Ich gebe Dir mein Wort.“ Gerhard ging, und als er nach etwa drei Viertel Stunden zurückkehrte, fand er Werner ſchon in der Thür ihn erwartend. Langſam ſchritten die beiden Freunde die Straßen entlang und unaufgefordert er⸗ zählte Werner bis in die kleinſten Einzelnheiten hinab ſeinen geſtrigen Beſuch im rothen Haus und deſſen Reſultat. Gerhard ſuchte ihm allerdings das Ganze als einen tollen Traum, einen Fieberanfall auszureden, Werner lehnte aber jeden Zweifel mit ruhigem Lächeln ab. Daß Andere nicht geſehen, was ihm erſchie⸗ naen, konnte für ihn kein Beweis des Gegentheils ſein. Sich die Gewißheit aber zu holen, war der Zweck ſeines heutigen Beſuchs und daß er dazu den hellen Sonnenſchein gewählt, möge, wie er meinte, dem Freunde genug Beweis ſein, daß er ſelber die Geiſter⸗ welt einer harten Probe unterwerfen wolle. Werner ſprach dabei ſo ruhig, ſo überlegt und bei vollem Bewußtſein, und widerlegte alle Einwendungen des Freundes in ſo ſicherer, ſeiner Sache gewiſſen Weiſe, daß dieſem zuletzt nichts übrig blieb als ſich zu fügen. Um vier Uhr verſprach Werner, wenn es ihm irgend möglich ſei, in einer nicht ſehr entfernten Re⸗ ſtauration mit Gerhard zuſammen zu treffen, und ihm 18* N — 276 das Reſultat mitzutheilen. Nur bis dahin ſolle er ihn ungeſtört laſſen. „Noch eins,“ ſagte Werner plötzlich, und hielt des Freundes Arm, als dieſer, unfern vom rothen Hauſe, gerade Abſchied von ihm nehmen wollte.„Eins habe ich Dir bis jetzt noch verſchwiegen, was meine Ver⸗ bindung mit dem alten Gebäude vielleicht noch räthſel⸗ hafter— vielleicht erklärlicher macht. Du erinnerſt Dich an den Namen des jungen Mädchens, das in der Gruft dahinten beigeſetzt ſteht?“ „Agnes von Hochſtetten, wenn ich nicht irre—“ „Ganz recht— auch ich heiße Hochſtatten,“ ſagte Werner ruhig. „Du?“ rief Gerhard erſtaunt,„und davon haſt Du mir noch nie ein Wort geſagt?“ „Werner iſt der Name, den ich als Künſtler ange⸗ nommen, mir erſt einen Ruf zu erwerben,“ entgegnete dieſer. 8 „Dann iſt dies das unglückſeligſte Zuſammentref⸗ fen,“ rief Gerhard den Kopf ſchüttelnd,„das ich mir denken kann. Der Zufall hat da in einer von ſeinen tollen Launen Dir eine eingebildete Verwandtſchaft zugeführt, und wenn irgend etwas, kann das nur noch mehr dazu dienen, Deine tollen fixen Ideen zu be⸗ feſtigen.“ 277 „Zufall,“ ſagte Werner ernſt aber ruhig,„iſt ein gar wunderliches Wort, mein lieber Freund, mit dem wir nicht ſelten nur zu leichtfertig umgehen. Für den Gott, der dort oben unſere Schickſale lenkt, giebt es keinen Zufall, und ineinandergreifend bildet unſer Le⸗ ben, aus Tauſenden ſolcher anſcheinenden Zufälle zu⸗ ſammengeſetzt, eine einzige feſte Kette, in der wir kein Glied miſſen könnten. Sieh um Dich her— betrachte nur die Gegenwart, und Manches erſcheint Dir da als Zufall, wie Du's nennſt— ſchau aber zurück in die Vergangenheit, und hätte Einer fehlen dür⸗ fen, Dich dahin zu führen, wo Du jetzt ſtehſt? nicht einer, es waren alle die Glieder der einen Kette. Doch genug. Auf Wiederſehen, Gerhard, auf ein frohes Wiederſehen!“ Werner drehte ſich mit den Worten ab, und ſchritt allein dem„rothen Hauſe“ zu, während Gerhard, mit recht traurigen Gefühlen und wirklich ernſthaft um den Freund beſorgt, die andere Richtung einſchlug. Die Thür des rothen Hauſes war allerdings verſchloſſen, aber ein feſter Druck da⸗ gegen ſchob das morſche Schloß leicht auseinander, und der junge Mann betrat mit einem eigenen Schauder den düſtern, dumpfigen Rauin, der wieder in ſeiner ganzen Oede, wie an jenem Tage, um ihn lag. Nur durch die zerbrochenen oder erblindeten Scheiben eines ———ÿ—ʒ——————— Fenſters über der Hinterthür fielen die Sonnen⸗ ſtrahlen herein und erhellten den Platz hinlänglich, ihm die halbzerfallene Treppe zu zeigen, die er jetzt vorſichtig, aber mit feſten Schritten hinanſtieg. So betrat er die wüſten Gemächer, die ihm in letzter Nacht einem Feenpalaſt gleich erſchienen waren, und ſuchend ſchweifte daher ſein Blick umher, als ob der Raum nicht leer ſein könne, und die, die er hier ſuche, ihm jeden Augenblick entgegentreten müſſe. Aber Al⸗ les lag ſtill und öde wie das Grab, nur ein Paar Ratten, in ihrem Spiel geſtört, glitten ſcheu und raſchelnd, als ſie den Schritt des Menſchen hörten, über umherliegendes Gerumpel hinweg, in ihr Verſteck zurück. Werner ſtand auf der Schwelle des Saales und lehnte, die Arme verſchränkt, an dem einen Thür⸗ pfoſten, während ſein Blick faſt unwillkürlich wieder an den Reſten der alten zerriſſenen Tapete haftete, aus denen das eine boshafte ſo wohl gekannte Auge wie höhniſch zu ihm niederſtarrte. „Und wäre denn Alles— Alles das, was mir mein ganzes Herz erfüllt, wirklich nur ein leerer Traum geweſen?“ ſprach er mit leiſer Stimme vor ſich hin.„Hätte ich nur in blindem Wahn geglaubt, der Welt der Geiſter, die uns hier umgeben, näher zu ſtehen als andere Sterbliche? Und ſoll ich das Gefühl 4 3 8 279 26* jetzt mit mir hin durch's Leben tragen, das Ideal zu kennen, dem ich lebe und es nie, nie zu erreichen?— Schutt, Oede, Leere um mich her ein trauriges Bild unſerer Vergänglichkeit, und doch dieſelben Wände hier, die ich geſtern in all' der alten Pracht und Herrlichkeit ſo deutlich um mich ſah, daß ich noch jetzt die Gruppen zeichnen wollte, die ihrer Fläche Le⸗ ben gaben. Dort das edle Ritterpaar, das mit den blanken Schwertern in erbittertem Kampfe Fuß an Fuß ſich drängte, dort der Balkon, auf dem die Da⸗ men ſaßen und da— da wo das Auge auf mich niederſchaut—“ Er hatte, wie ſeine Phantaſie ſich die vergangenen Scenen wieder aufgebaut, den Arm nach jenem Kopfe ausgeſtreckt und ſtand jetzt plötzlich, wie zur Bildſäule geworden, mit faſt aus den Höhlen dringenden Augen der Stelle gegenüber, auf der das Bild da oben Leben, Bewegung gewann. Das Auge blinzte auf und zu, die Züge des halben Geſichts nahmen einen faſt teuf⸗ liſchen Ausdruck an, und wie als ob ſie dem Men⸗ ſchenauge in Zorn und Wuth begegnen wollten, hob ſich der ganze Kopf jetzt aus der Wand heraus und zeigte ſich in zähnefletſchendem Grimm dem entſetzten Blicke des Jünglings. „Ha biſt Du da?“ rief Werner, für den im Nu —-qc—— 280 alle die alten Bilder Leben gewannen, indem er das Armband aufgriffl und wie einen Talisman der Teu⸗ felslarve entgegen hielt,„da, da ſieh, hämiſcher Geiſt, wie ich Deinem Grimm trotze, und Dich zwingen kann zu weichen. Deine Macht iſt aus, Deine ſchlaue Liſt zu Schanden geworden, und wie ich Dir hier entge⸗ gentrete, will ich Dich—“ „Halt, nicht weiter,“ flüſterte da plötzlich, während er mit dem hochgehobenen Armband auf das ſcheu zu⸗ rückweichende Haupt zuſchreiten wollte, eine leiſe ſüße Stimme, und neben ihm ſtand, ihre weiße Hand nur leicht und kaum fühlbar auf ſeinen Arm legend, Agnes. Nicht mehr in all der Pracht und Herrlichkeit des letzten Abends freilich, ſondern wie er ſie zuerſt ge⸗ ſehen, in jenem einfach ſchwarzen Kleide, das nur die zarte Weiße ihrer Haut noch mehr hervorhob, ſtand ſie neben ihm und ſchaute ihn mit ihrem lieben Lächeln freundlich an. „Agnes!“ rief Werner und unwillkürlich faſt beugte er das Knie vor der hohen herrlichen Geſtalt, der gerade die ſanfte Schwermuth in den Zügen einen noch viel größern unwiderſtehlicheren Reiz verlieh. „Nicht doch, mein Freund,“ flüſterte faſt ängſtlich das Mädchen,„nicht mir die Huldigung, die nur Gott⸗ gebührt. Ich komme auch nur,“ ſetzte ſie hinzu, während ihr liebes Antlitz ein eigener Zug von Weh⸗ muth überflog,„Abſchied von Dir zu nehmen.“ „Abſchied?“ rief Werner erſchreckt und in tiefem Schmerze aus,„und was habe ich gethan, daß Du mich meiden willſt? Hier iſt das Band, das Dir die Freiheit giebt, und jenen boshaft tückiſchen Geiſt in ſeine Schranken zurückweiſt, und während Du jetzt Deine eigene Herrin wieder biſt, willſt Du mir ſelber jede Hoffnung rauben?“ „Zu Deinem eigenen Beſten, Freund,“ ſagte eruſt und doch ſo tief betrübt dabei, die Jungfrau.„Du kannſt nicht leben auf der Welt da draußen, und mit uns fortverkehren hier. Wie ein böſer tückiſcher Wirbel zieht die Geiſterwelt alles, was ihr geboten wird, in ihren Kreis hinein— mit ſich zu Grunde— und halb der unſeren, halb jener Welt noch angehörend, würde nur Qual und Elend Dein trauriges Loos werden. Uns noch nicht einverleibt, mit Deinem Körper dem gröberen Stoffe zugetheilt, würden zu⸗ gleich die Sterblichen Dich ausſtoßen aus ihrer Zahl, und dem Wahnſinn zuſchreiben, was ihre eigene Kurz⸗ ſichtigkeit überſtiege. Nein, nein, lebe fort, das Leben beginnt ja erſt für Dich, und hat vielleicht die ſchönſten Blüthen Dir noch aufgeſpart, den ſonnigſten Weg für Deinen Fuß gebahnt. Gieb mir das Armband denn, und nimm den beſten Dank, den ich Dir geben kann für Deine Lieb' und Treue— den Dank, daß ich mich Dir zum letzten Male gezeigt.“ „Nein, nein, nein!“ rief Werner, in wilder Angſt die Hand ergreifend, die ſie ihm entgegen hielt. „Nicht ſo darfſt Du mir wieder entweichen, und Dank das nennen, was mich der Verzweiflung in die Arme ſchleudern müßte. Du ſelber haſt geſagt, dies Band verleihe dem, der es beſitzt, Kraft und Gewalt Dich ihm zu erringen, Dich zu wahren, o laß es mir, laß mich Dein eigen ſein mit ihm, und ſtoße mich nicht wieder kalt zurück.“ „Weißt Du was Du begehrſt?“ fragte mit war⸗ nender Stimme die Jungfrau,„weißt Du, daß Du, indem Du mir gehören willſt, dem Himmel erſt, der Seligkeit entſagen mußt?“ „Du ſchreckſt mich nicht,“ rief Werner faſt außer ſich.„Was iſt mir Licht und Leben ohne Dich?— Was wäre ſelbſt des Himmels Seligkeit, wenn ich ſie getrennt von Dir ertragen müßte? O nimm mich auf — ſprich nur das eine Wörtchen ja, und laß mich dann zu Deinen Füßen ſterben.“ „Und draußen Licht und Luft und Sonnenſchein? Was Dir an lieben Freunden lebt? Dein Vaterland? Hat Alles ſeinen Halt an Dich verloren?“ 7 „Es iſt todt für mich?“ rief Werner, in wilder Aufregung und Sehnſucht die Arme der Geliebten entgegenbreitend.„Sei Du mein Gott, mein Himmel, mein Vaterland—, ſei Du mir Licht und Luft und Sonnenſchein. Dort draußen liegt die Welt— für mich ein weites Grab, nur in Deinen Armen blüht ein neues Leben.“ Hoch und ernſt richtete ſich da die Geſtalt der Jungfrau auf. Jeder Zug von Milde und Sanftmuth war aus dem engelſchönen, aber marmorbleichen Antlitz gewichen. „So komm, Unglückſeliger,“ ſagte ſie,„denn wer wie Du in wilder ungezähmter Leidenſchaft den Him⸗ mel und die Erde von ſich ſtößt, der hat auf beide ſich ſein Recht verſcherzt. Was wir Dir bieten können, ſoll Dir werden. Du biſt der Unſere— ſei uns denn willkommen!“ Gerhard wartete vergebens auf den Freund. Schon lange war die Zeit verfloſſen, in der er ihn aufzuſuchen verſprochen. Eine Unruhe, über die er ſich ſelber keine Rechenſchaft geben konnte, trieb ihn endlich nach Werners Wohnung, und er machte ſich unterwegs die bitterſten Vorwürfe ihn überhaupt in der Reizbarkeit, in der er ſich heute befunden, allein gelaſſen zu haben. In ſeine eigene Wohnung war Werner aber noch nicht zurückgekehrt, und Gerhard nahm ſich jetzt einen Wagen, das„rothe Haus“ nach vor der einbrechenden Dämmerung zu erreichen. Dieſe durfte Werner, wenn er ſich ja noch dort befand, keinesfalls in den unheim⸗ lichen Räumen allein verbringen.. Gerhard, der die vordere Thür des alten Ge⸗ bäudes noch immer verſchloſſen glaubte, hatte dem Kutſcher ſchon Befehl gegeben bei dem Todtengräber vorzufahren und dieſen mitzunehmen. Auffällig war ihm aber, daß eine Menge Leute dort in der Straße ſtanden, und nach den Fenſtern des rothen Hauſes hin⸗ aufſchauten. Er ließ den Wagen halten und ſtieg aus; aber Niemand konnte ihm gewiſſen Beſcheid geben. Einige meinten es ſpuke da drinnen, Andere das Haus wolle einfallen, weshalb ſich Niemand näher hinein⸗ wagte. Ein anderer Wagen fuhr in dieſem Augen⸗ blicke vor, und ein ihm befreundeter Arzt ſtieg mit einem Polizeidiener aus und näherte ſich dem Eingange. Da zum erſten Male ſchoß die Ahnung geſchehenen Unheils durch ſein Herz und er eilte ſich den Beiden anzuſchließen. Was er von dieſen hörte reifte aber auch ſeine ſchlimmſte Befürchtung zur Gewißheit. 285 Der Todtengräber hatte, in der Nähe des alten Gebäudes beſchäftigt, einen lauten Aufſchrei darin ge⸗ hört und als er die Räume viſitirte, einen jungen Mann todt oder nur ohnmächtig in einem der obern Zimmer gefunden. Ohne ſich weiter aufzuhalten, ſchickte er augenblicklich nach der Polizei und nach einem Arzt und dieſe trafen jetzt gerade ein, die Unter⸗ ſuchung vorzunehmen. Was Gerhard gefürchtet, war geſchehen. Oben in dem einen Zimmer, zwiſchen Schutt und Trüm⸗ mern, lag Werner ausgeſtreckt auf dem Boden— todt, das Antlitz unentſtellt und ruhig, den einen Arm von ſich geſtreckt. Die linke Hand aber hielt ein ſchmales goldenes Armband, das Gerhard augenblick⸗ lich als das gefundene erkannte. Der Arzt verſuchte es aus den ſchon erkalteten Fingern zu nehmen, aber dieſe hatten ſich krampfhaft darum geſchloſſen und es wäre ohne Gewalt anzuwenden nicht möglich geweſen. Gerhard verhinderte das und brachte die Leiche nach den üblichen Formalitäten, von dem Arzte be⸗ gleitet, nach Werners eigener Wohnung. Hier wurde der Körper von noch einigen andern herbeigezogenen Aerzten, denen Gerhard Alles mittheilte, was er über den letzten aufgeregten Zuſtand des Freundes wußte, 286 unterſucht, und ihr Urtheil lautete:„Tod, herbeige⸗ führt durch einen plötzlichen Blutſchlag!“ Der Brief, den Werner, wie in Vorahnung ſeines Todes, zurückgelaſſen, war an Gerhard gerichtet und enthielt kurze Verfügungen über ſeine kleine Hinter⸗ laſſenſchaft. Am Schluſſe des Briefes erklärte er, was er Gerhard vorher mitgetheilt, und ſich auch ſpäter aus ſeinen Papieren ergab, daß— Werner nur ſein Künſtlername ſei, und er eigentlich den Namen Ernſt von Hochſtetten führe. Er erbat deshalb — wofür er eine nicht unbedeutende Summe dem ſtädtiſchen Armenhauſe vermachte— in der Gruft der Hochſtetten, nahe dem„rothen Haus“, beigeſetzt zu werden. Sein Wunſch ward erfüllt, und auch das Arm⸗ band, das die erſtarrte Hand noch feſt gehalten, ruht bei ihm in der Gruft. Ein Aame. —————— Schon der Vorname iſt nicht gleichgültig, und El⸗ tern, die ein Kind taufen laſſen, ſollten wohl dabei be⸗ denken, daß daſſelbe mit einem hochtrabenden Namen, den man ſich bei dem Kinde noch allenfalls gefallen läßt, als erwachſener Mann oder als erwachſene Frau ſpäter durch die menſchliche Geſellſchaft im wahren Sinne des Wortes Spießruthen laufen muß. Wenn die Kinder heranwachſen, ihr volles Maß in den Schu⸗ hen ſtehn und in der Tretmühle unſeres menſchlichen Lebens ihren gehörigen Platz eingenommen haben, dann iſt ihnen ein ſolcher hochpoetiſcher, und gewiß in einem Roman ſehr verführeriſch klingender, im wirk⸗ lichen hausbackenen Leben aber höchſt unpaſſender Name oft von größtem Schaden, und thut viel mehr, als ſie um ihren guten Ruf zu bringen— er macht ſie lächerlich. Welch Vergnügen bringt es den Eltern, wenn ſie ein kleines niedliches, oder niedlich geglaubtes Kind bis zum ſechsten oder ſiebenten Jahr ungeſtraft mit dem ſüßen Namen Ambroſius, Fridolin, Narciß, El⸗ fried oder Blandine, Euphroſine, Aurora oder Eula⸗ lia ꝛc. rufen dürfen? Und was für Fridolins und Euphroſinen laufen nachher zum Skandal im Leben draußen herum! So kannte ich einen jungen liebenswürdigen Mann, 19* 1 der mit dem Namen Gertrud gegen des Lebens Wel⸗ len ankämpfte. Seine Eltern hatten es ſich nemlich vorgenommen gehabt, ihr erſtgebornes Kind„Gertrud“ zu nennen. Daß das zufällig ein Knabe war, änderte nichts an der Sache, und der arme Teufel wurde dieſes abſurden Namens wegen, und trotz eines abſichtlich ſtehen gelaſſenen großen Bartes, permanent ausgelacht. Andere Menſchen haben viele Vornamen und mögen doch nicht damit herausgehn. So wurde der bekannte demokratiſche Schriftſteller Held, der ſich nie anders als eben nur Held unterſchrieb, in Leipzig von ſeinen Collegen geneckt und gequält, er ſolle ſeinen Vornamen nennen— aber er wollte nicht. Er ſagte nicht weshalb, unterzeichnete jedoch nach wie vor nur ſeinen Familiennamen. Die Litteraten peinigten ihn aber zuletzt ſo arg— denn wenn die einmal etwas haben, auf das ſie hacken dürfen, ſo„laſſen ſie nicht locker“— bis er zuletzt nicht mehr ausweichen konnte. Da kam er denn ganz ſchüchtern damit an die Oeffent⸗ lichkeit und geſtand, daß er„Friedrich Wilhelm Alexan⸗ der“ heiße.“ Und was für curioſe Familiennamen giebt es auf der Welt! Man braucht eben nur die Fremden⸗ und Sterbeliſten irgend einer Zeitung durchzuleſen, um ſich zu überzeugen, daß wirklich etwas an einem Namen iſt, 293 und daß der Mann nicht immer den Namen, ſondern der Name auch oft den Mann, wenigſtens in unſerer Einbildungskraft macht. Wir entwerfen uns jedenfalls ſehr häufig nur nach dem Namen ein Bild von dem noch unbekannten Menſchen, und faſſen dadurch von vornherein ein Vorurtheil für oder gegen ihn. Ich will das mit einem Beiſpiel beweiſen, ohne ein Wort zur Erklärung hinzuzufügen, und dazu bedarf ich nur eines Stückchens Fremdenliſte aus dem erſten beſten Blatt:* In der Traube: Carl Bohnert, Fabrikant aus Glauchau.— Graf von Falkenhorſt aus Tyrol.— L. Hirſch, Rentier aus Warſchau.— J. Hirſch, Rit⸗ tergutsbeſitzer aus Sachſen.— Jean Kappel, commis voyageur aus Rüdesheim.— Ich bin feſt überzeugt, daß die wenigen Zeilen meine vorige Behauptung vollſtändig bewieſen haben. Sage Niemand:„Was liegt an einem Namen?“ — Was hilft einer armen Frau, die mit zerriſſenem, blutendem Herzen den Tod ihres geliebten Mannes anzeigt, der eine halbe Spalte lange Ausbruch ihrer Schmerzen, wenn ſie ſich zuletzt— ſie mag welchen Eindruck immer auf uns gemacht haben—„Louiſe Mantel, geb. Mütze,“ unterſchreiben muß? Und welche Ausſicht zu einem ordentlichen Fortkommen in der Welt würde zum Beiſpiel ein junger Arzt, und wäre er der Geſchickteſte, haben, wenn er Tod hieße? Sonderbar iſt es dabei mit den Namen überhaupt auf der Welt. Einige ſcheinen— um hier von einem ſpeciellen Lande zu ſprechen— über ganz Deutſchland ziemlich gleich vertheilt, und wie Flocken bei einem all⸗ gemeinen Schneegeſtöber, ausgeſtreut zu ſein— ich meine die Namen Müller und Schmidt. Andere ſind wieder gewiſſen Ländern hauptſächlich eigen, wie den Baiern z. B. Huber, mit ſeinen endloſen Prädicaten, den Preußen Schultze, den Sachſen Lehmann, dem nördlichen Deutſchland Meier.„Gott tröſte, wer Meier heet(heißt),“ läßt der Volksmund dort die alte Frau vor Gericht ſagen, die nur ihres Namens wegen für einen, von einer andern Meier begangenen Fehler büßen mußte. Eine Unzahl von Meiers werden dort täglich geboren, ſterben, brennen durch, ſtecken in Zuchthäuſern, bekleiden die höchſten Ehrenſtellen, wer⸗ den ſteckbrieflich verfolgt, und bringen jeden, der einen Beſtimmten darunter heraus finden will oder muß, zur Verzweiflung. Die Frauen ſind dabei noch beſſer daran als die Männer. Ein junges Mädchen, das einen unangeneh⸗ men Namen trägt, darf doch wenigſtens hoffen ihn mit der Zeit gegen einen beſſeren zu vertauſchen. Ein 295 Mann dagegen bleibt rettungslos damit behaftet, und muß noch froh ſein, wenn ihn nicht ein Geſchäft oder öffentliche Wirkſamkeit zwingen, denſelben über ſeiner Hausthür an den Pranger zu ſchlagen, oder ihn in den Zeitungen aus einer Ecke in die andere geworfen zu ſehn. 3 Nur die Reſignation eines deutſchen Staatsbür⸗ gers wäre z. B. im Stande, an einem Sonntagsnach⸗ mittag mit Cigarre oder Pfeife über einem Schild aus dem Fenſter zu ſehen, auf dem die Worte ſtehen: Materialmaaren-Handlung . von Adolph Leibweh und das heimliche Geſpött der Vorübergehenden, die vergnügt heraufſehenden Geſichter und geflüſterten faden Witze zu ertragen. Sage um Gottes Willen niemand, dem das Schick⸗ ſal auf dieſe Welt in ſolcher Hinſicht eine erträgliche Empfehlungskarte mitgegeben hat:„was liegt an einem Namen!“ Fragt einmal die Unglücklichen, die Sauerkraut, Schweinigel, Pfannkuchen, Kraut⸗ wurſt ꝛc., ꝛc. heißen, ob ſie nicht lieber ihre Namen ſelbſt in Meier, Schultze oder Lehmann verwandelt haben möchten. In manchen Lebensverhältniſſen würde ein ſolcher Name ſogar die Exiſtenz des Trägers ge⸗ —————— fährden, und eine gewaltſame Aenderung wird oft— 3. B. beim Theater— zur Nothwendigkeit. Welchen Eindruck würde ebenſo ein Gedicht, mit allen Farben glühender Phantaſie übergoſſen, und wenn es der Nachtigall ihren Klang, der Roſe ihren Duft abgelauſcht hätte, mit„Julius Schweine⸗ braten“ unterſchrieben, auf den Leſer machen? Er würde jedenfalls lachen, das Buch bei Seite legen und ſagen:„Wie kann ein Menſch um Gottes Willen Schweinebraten heißen!“— Aber warum tauft er ſich nicht um?— a, das iſt leicht geſagt, aber nicht immer auch ebenſo leicht gethan. Mit der Polizei wäre allenfalls noch fertig zu werden, und deren Erlaubniß dazu wohl zu bekommen. Wenn man ihr nur den Handgriff läßt, kommt es ihr auf die Form deſſelben nicht an. Ge⸗ wöhnlich treten aber Familienverhältniſſe ſtörend da⸗ zwiſchen: Erbſchaften, noch lebende alte Anverwandte, die den Namen ihr Lebenlang geſchleppt haben und nun nicht einſehn, weshalb ihn die jüngere Generation nicht ebenſogut tragen könne; oft auch ſchwer abzu⸗ ſchüttelnde Anhänglichkeit an das einmal Ueberkom⸗ mene, kurz ſolch ein Name klebt gewöhnlich wie Pech, und iſt nicht los zu werden. Höchſt intereſſant wäre es zu wiſſen, wie die ver⸗ — *½ 3 297 ſchiedenen Namen wohl eigentlich entſtanden ſind, und der Urſprung von tauſenden läßt ſich allerdings leicht vermuthen. In unſerer Zeit haben wir übrigens gar nichts Aehnliches mehr aufzuweiſen. Es ſcheint faſt, als ob jetzt alle Namen fertig wären, und in der eiviliſirten Welt ſind auch wirklich nur noch die Fin⸗ delhäuſer die Stellen, an denen neue Namen ausge⸗ geben und in der Welt draußen dann als baare, gangbare Münze angenommen werden.— Wäre es früher nicht Sitte geweſen, den Vornamen der Kinder als Familiennamen gelten zu laſſen, ſo müß⸗ ten wir jetzt auf der ganzen Welt— der Bibel nach, die nur ein einziges Menſchenpaar als Stamm an⸗ nimmt— auch nur die,Familie Adam haben. Kain hätte natürlich Kain Adam, und Abel, Abel Adam ge⸗ heißen und ihre Kinder ſo fort, was in jetziger Zeit, bei den Millionen Geſchlechtern, eine Heidenverwirrung gegeben hätte. Es wäre noch ſchlimmer als bei Meier und Huber geworden.— Das hat man deshalb ſehr vernünftiger Weiſe anders angefangen, und anſtatt bloßer„Adams“ und„von Adams“ giebt es jetzt Na⸗ men auf der Welt, wie Sand am Meer.— Den Sprachforſchern würde es allerdings nicht ſchwer fallen Meier z. B. von Adam abzuleiten; hierbei haben wir jedoch feſte hiſtortſche Grund⸗ 7 lagen, die eine ſolche künſtliche Arbeit unnöthig machen. Trotz der Vermiſchung der Racen und Stämmie untereinander, iſt es doch eigenthümlich, wie gewiſſe Namen rein und unverfälſcht bei ihrem Stamm ge⸗ blieben ſind. Beſonders deutlich iſt dieſes zwiſchen Juden und Chriſten der Fall. Obgleich die erſteren außer Eſau, Nimrod und Simſon— welcher Letztere ſich beſonders mit dem Fuchsfang beſchäftigte— eigentlich keine großen Jäger geweſen ſind, und jetzt nur ausnahmsweiſe mit einem Gewehr betroffen werden, ſo ſind doch die Thier⸗ namen: Wolf, Hirſch, Bär, Kuh und Katz wie die Zuſammenſetzungen als„Löwenhaupt, Katzen⸗ ſtein ꝛc. entſchieden und faſt ausſchließlich jüdiſcher, Schaaf, Ochſe und Stier dagegen rein chriſtlicher Natur. Adler, Habicht ſind ebenfalls jüdiſch, eben ſo Gans und Nachtigall; Fink, Ente und Storch gehören dagegen dem Chriſtlichen Stamm. Sauer iſt ein rein chriſtlicher, Süß dagegen ein jüdiſcher Name. Grob iſt chriſtlich; Fein jüdiſch. Die meiſten Blu⸗ mennamen ſind jüdiſch, Roſe ausgenommien; alle Zuſammenſetzungen derſelben aber wieder, wie Roſen⸗ baum, Roſengarten, Roſenzweig ꝛc., jüdiſch. Die Far⸗ bennamen ſind entſchieden chriſtlich, die Metallnamen * 299 dagegen wieder, mit allen ihren Zuſammenſetzungen, entſchieden jüdiſch. Alle Körpertheile mit Ausnahme des Herzens, ſind chriſtlich, ebenſo alle Handwerker und Arbeiter⸗-Namen, wie: Bäcker, Müller, Schmidt, Schneider, Schuſter, Gärtner, Glaſer ꝛc., ꝛc. Kauf⸗ mann iſt dagegen wieder jüdiſch. Nur in Meier vereinigen ſich die beiden Racen und ſchmelzen zu einem wilden Chaos zuſammen, aus dem ſich weder Jude noch Chriſt mehr heraus findet. Aber wo gerath ich hin?— Von den Leiden eines armen unglückſeligen Menſchenkindes wollte ich ſpre⸗ chen, das ſeinen Namen, heimlich wie ein Verbrechen, durch das Leben ſchleppte, und der hat mit den anderen Namen nichts zu thun. Die Amerikaner ſagen zwar:„Es iſt mir einerlei, wie ich gerufen werde, nur nicht zu ſpät zum Mittag⸗ eſſen!“ Die Amerikaner ſind aber auch entſetzlich materielle Menſchen und würden ſich ebenſo gut glück⸗ lich und zufrieden fühlen, wenn ſie Bratwurſt hießen — doch zur Sache. 3 In einer eben nicht ganz kleinen, aber von dem 2 Hauptverkehr der Welt ziemlich abgeſchnittenen Stadt hatte ſich ſeit einiger Zeit ein junger Schriftſteller und Dichter niedergelaſſen, der nicht allein ſehr zartſinnige duftige Erzählungen für das dort erſcheinende Wochen⸗ 300 blatt ſchrieb, ſondern auch die benachbarte ziemlich freundliche Gegend in zierlichen Verſen beſang, und ſich dadurch die Herzen der Bewohner von Yſtadt im Sturm gewann. Die Bürger von Yſtadt waren bis dahin durch Schmeicheleien noch nicht verwöhnt worden und zum Vergnügen hatte ſich ebenfalls noch nie jemand dort aufgehalten. Der älteſte Mann im Ort— der übri⸗ gens nur dann erwähnt wird, wenn er ſich auf etwas nicht beſinnen kann— konnte ſich wenigſtens keines Solchen erinnern, und den Yſtädtern imponirte auch überhaupt das Wort Schriftſteller, mit dem ſich der Fremde ſchon die erſte Nacht hinter dem Namen „Wunibald“ in das Fremdenbuch eingetragen. Ihr Wochenblatt ſchrieb und ſetzte ſonſt gewöhnlich nur der Buchdrucker, der außerdem noch jährlich einen Kalender und einige andere für Vieh und Menſchen gemeinnützige Schriften verlegte. Was er ſonſt zur Füllung ſeines Blattes bedurfte, druckte er einfach, dem gewöhnlichen Brauche folgend, nach; einen wirk⸗ lichen lebendigen Schriftſteller hatte er noch nie dazu verwandt. Da ließ ſich„Herr Wunibald“ oder ſchlicht⸗ 1 weg Dr. Wunibald, wie ihn die Leute nannten, in Yſtadt nieder, und dem Yſtädter Wochenblatt blühte eine neue Aera. 4 301 Bei dem Yſtädter Wochenblatt war nämlich für irgend einen Beitrag, welcher Länge auch immer, Ho⸗ norar nie zu fürchten, und Dr. Wunibald hatte die höchſt lobenswerthe und nicht genug zu empfehlende Angewohnheit, daß er keins beanſpruchte. Er war, wie er dem Beſitzer des Wochenblatts freimüthig geſtand, der Sohn eines bemittelten ſchleſtſchen Gutsbeſitzers und ritt den Pegaſus nicht zur Miethe für ſo und ſo viel die Stunde, wie es andere Sterbliche ſehr häufig g zu thun gezwungen ſind, ſondern nur„zu ſeinem Vergnügen.“ Darin ſchien er übrigens zu beſcheiden, denn das Vergnügen war auch mit auf Seiten des Redakteurs zu Mſtadt, und das Publikum ſelber las mit Befriedi⸗ gung die ſinnigen Gedichte allſonnabendlich gleich un⸗ ter den Marktberichten und erwartete jedesmal mit immer wieder getäuſchter Erwartung eines günſtigen Reſultats, die Fortſetzungen haarſträubender N ovellen die ihnen jede Nummer brachte. Unter ſolchen Umſtänden konnte es nicht fehlen, daß Dr. Wunibald nach ſehr kurzem Aufenthalt ſchon in einige der beſten Familien der Stadt eingeführt wurde. Der Redakteur oder Buchdrucker, ein gewiſſer Herr Müller, hatte bald in Umlauf gebracht, Dr. Wu⸗ nibald ſei ein ſteinreicher Menſch. Wider Erwarten bezahlte er ſogar regelmäßig ſeine Rechnung im Wirths⸗ ——— haus, und zwar allwöchentlich, und bekam demnach ſchon eine Einladung zum Caſino, der beſten geſchloſſe⸗ nen Geſellſchaft der Stadt. Dr. Wunibald war noch ein junger Mann mit ſehr blonden Haaren und ſehr blauen Augen, dabei ging er ſtets äußerſt geſchmackvoll im blauen Frack und gelber Weſte, trug natürlich eine Brille und betrug ſich ſonſt ſtill und beſcheiden. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ihm dies, beſonders unter den Frauen, bald Freunde gewann. Ein äſthetiſcher Thee ohne Dr. Wunibald war in Yſtadt ſchon nicht mehr denkbar. Selbſt zu den geheimen Kaffeeunterhaltungen bekam er indirecte Ein⸗ ladungen, las dort ſeine Gedichte vor, ließ ſich anbeten, und erklärte dann in verſchiedenen Correſpondenzen eben ſo verſchiedener ausländiſcher Blätter, daß Yſtadt eine der gebildetſten Städte Deutſchlands ſei. Eine der wichtigſten Perſonen in Yſtadt war der Steuerrath Wullenweber, ein in ſeinem Beruf außer⸗ ordentlich thätiger und tüchtiger Mann. Seine Frau ſtammte dabei, wie ſie keineswegs verheimlichte, aus einer litterariſchen deutſchen Familie, und die Tochter Roſalinde, ein blühendes liebes Kind von kaum neun⸗ zehn Jahren, ſollte ſelbſt ſchon ganz niedliche Gedichte gemacht haben. Wenigſtens behauptete das die Mutter, Roſalinde ſelber war aber viel zu ſchüchtern um damit an's Tageslicht zu kommen, ſchwärmte jedoch deſto mehr für alles Poetiſche, und las in Kihönen Stunden mit Dr. Wunibald den Byron. Wunibald war bald täglicher Gaſt im Hauſe des Steuerraths, der ihn ſelber auf das freundlichſte pro⸗ tegirte, und nur damit alltäglich, oder vielmehr all⸗ abendlich ärgerte, daß er beim Vorleſen oft der ſinnigſten Gedichte regelmäßig einſchlief. Deſto aufmerkſamer hörten ihm aber die Frauen zu, und als er ihnen eines Abends Shakespeares Othello vorgeleſen, fühlte Ro⸗ ſalinde, daß ihr Herz nicht mehr das ihre ſei. Wenn auch Wunibald kein Mohr war, hatte er doch in ihr ſeine Desdemona gefunden, und ein ſo zartes Verhält⸗ niß begann zwiſchen den Beiden, wie es noch je zwiſchen Dichter und Dichterin gekeimt, und endlich zur ſchön⸗ ſten herrlichſten Blüthe aufgegangen. Im Anfang ſchienen ſich die jungen Leute übrigens nicht einmal der Stärke dieſer Leidenſchaft bewußt, und alle Mädchen in ganz Yſtadt erfuhren es eigentlich früher als Roſalinde ſelber. Keinenfalls aber war die Mutter blind dagegen geblieben, und als Wunibald eines Nachmittags zur gewöhnlichen Zeit kam, um mit „Roſalinde, wie gewöhnlich, Litteraturgeſchichte zu trei⸗ ben, empfing ihn ſtatt ihrer die Frau Steuerräthin Wullenweber, nöthigte den jungen, darüber etwas 7 verdutzten Mann in das Heiligthum ihres eigenen Gemachs, das er bis dahin noch mit keinem Fuß betre⸗ ten hatte, und bat ihn, ihr eine kleine Unterhaltung zu gönnen. Wunibald zitterte am ganzen Leibe, denn eine Art von Inſtinkt ließ ihn ahnen, welch wichtigen Einfluß dieſe Stunde auf ſein Leben ausüben würde. Er war ſich allerdings der edelſten Abſichten bewußt und hatte auch nicht leichtſinnig das Herz des holden Mädchens zu gewinnen geſucht— ſeine Gefühle ruhten auf dem feſten und ſoliden Boden eines ſtattlichen Rittergutes, deſſen glücklicher Beſitzer er als der einzige Sohn ſei⸗ nes Vaters einſt werden mußte, aber— er zitterte doch. Die Frau Steuerräthin ließ ihm jedoch keine lange Zeit zum Nachdenken. „Mein lieber Herr Doktor,“ begann ſie, und wäre Wunibald unbefangener geweſen, ſo hätte es ihm nicht entgehen können, wie die wackere Frau ſelber in pein⸗ licher Verlegenheit bei der Anrede war,—„Sie— Sie haben uns— beſonders in der letzten Zeit ſo oft mit Ihrem ſchätzbaren Beſuch erfreut—.“ „Beſte Frau Steuerräthin—!“ „Bitte, mißverſtehen Sie mich nicht,“ unterbrach ihn raſch die würdige Dame;„Sie— Sie müſſen gefühlt haben, wie angenehm uns allen, meinem Mann, 305 mir und— meiner Tochter Roſalinde Ihre Beſuche waren und ſind— aber— die böſe Welt— Sie glau⸗ ben nicht, Herr Doktor—.“ „Aber beſte Frau Steuerräthin, ich will doch nicht hoffen, daß—.“ „Nein!“ rief die Steuerräthin raſch, ohne ihn aus⸗ reden zu laſſen,„Gott bewahre! Aber Sie werden auch einſehn—.“— Wunibald hatte indeſſen ſeine ganze Faſſung wie⸗ der erhalten. Er ſtand auf, ergriff die Hand der be⸗ ſorgten Mutter und ſagte feierlich:„Hochgeehrte Frau, — ich verſtehe, was Sie ſagen wollen. Ja mehr noch als das, ich fühle, daß ich Ihnen eine Erklärung mei⸗ nes Betragens ſchuldig bin, und ich kann das mit um ſo freierem Herzen, da ich in meinen Abſichten rein und ehrenhaft vor ihnen ſtehe.“— „Beſter Herr Doktor—!“— „Ich liebe Ihre Tochter,“ fuhr aber Wunibald, von der Wucht des Augenblicks hingeriſſen, fort,„liebe ſie wie das Licht meiner Augen, wie den göttlichen Funken Poeſie, den Gott in meine Seele gelegt— liebe ſie mehr als mich ſelbſt! Sie iſt mir, was der Sonnenſchein der Pflanze, was der Thau der Blüthe, was das Licht der Roſe— ſie iſt mir Luft und Leben, und ohne ſie verſänke mein Daſein in des Chaos Nacht.“ Gerſtäcker, Hell und Dunkel. I. 20 — ———— 306 „Ich fürchte,“ ſagte da die Mutter, und eine eigene Angſt beklemmte ihr das Herz,„daß auch Roſa⸗ linde—“. „Oh fürchten Sie das nicht!“ unterbrach ſie aber mit bittendem Ton der junge Mann,„laſſen Sie mich hoffen, daß Roſalinde nur den kleinſten Theil dieſer Gefühle für mich hegt, und ſeien Sie verſichert, daß mich ſchon der Gedanke zum Glücklichſten der Sterblichen machen würde.“— „Und Ihre Abſicht iſt in der That?“ „Mein Geſchick in Ihre Hände zu legen!“ rief der junge Mann begeiſtert.„Ich bin nicht arm. Meine Eltern haben nur den einzigen Sohn und ver⸗ fügen über ein bedeutendes Vermögen, und ich weiß, daß es ihr ſehnlichſter Wunſch iſt, mich an ein Weſen gefeſſelt zu ſehen, das— ich darf nicht ſagen meiner würdig wäre— deſſen ich ſelber hoffen darf mich einſt würdig zu zeigen. Mein— mein Name iſt freilich noch unbekannt, aber— was liegt an einem Namen, wenn das Herz—. 4 „Oh Ihr Name iſt nicht mehr unbekannt,“ unter⸗ brach ihn aber die würdige Frau, der das Herz in der Beruhigung über das Gehörte bis zum Zerſpringen voll war, und der die aufquellende Rührung faſt die Stimme erſtickte.„Ihr Name hat einen guten Klang, 307 und ich ſelber lege meines Kindes Schickſal in Ihre Hände.“— „Hochverehrte Frau—!“ ſagte Wunibald ge⸗ rührt.— „Auch mein Mann wird, wie ich ſicher hoffe, nichts gegen eine für uns ſo ehrenvolle Verbindung haben— und— Roſalindens Herz ſind Sie, wie ich fürchte, ſchon zu gewiß.“ „Theuerſte Mutter—!“— „Aber da kommt mein Mann gerad' zu Haus,“ unterbrach ſie ſich ſelber raſch.„Sprechen Sie gleich mit ihm, ſein Herz iſt gut und offen, und ich— will indeſſen zu Roſalinden hinüber gehen. Das arme Kind wird nicht wiſſen, was wir hier ſo lange allein zuſammen zu ſprechen gehabt.— Heut' Abend erwar⸗ ten wir Sie zum Thee.“ Und ehe der, wie in einer Verzückung daſtehende Wunibald etwas darauf erwi⸗ dern konnte, verließ ſie raſch das Zimmer. Wunibald blieb, wie ſie ihn verlaſſen, auch noch eine ganze Weile ſtehn, und dachte gar nicht daran ſich zu bewegen. Endlich hörte er die Schritte des nahen⸗ den Steuerraths, dem die Frau Steuerräthin indeſſen ſchon, ehe ſie zu Roſalinden ging, alles Wiſſenswerthe in der Geſchwindigkeit mitgetheilt, und ſah ſich im nächſten Augenblick dem Vater der Geliebten gegenüber. 20* —————— —— Der Steuerrath war wie ſchon vorerwähnt, ein ganz einfacher praktiſcher Mann, mit einer ſehr ge⸗ ringen Hinneigung zum Aeſthetiſchen. Er ließ das Letztere aber nie die Oberhand bei ſich gewinnen, ſelbſt nicht in den unvermeidlichen Thees, und faßte deshalb auch jetzt die Sache gleich beim rechten Zipfel an. Gegen den Dr. Wunibald hatte er, ſelbſt als Schwie⸗ gerſohn, allerdings nicht das Geringſte einzuwenden. So lange er ihn kannte— und das begriff doch immer ſchon einen längeren Zeitraum— war Wunibald in ſeinem Betragen ſtets muſterhaft geweſen; gegen ſeine Fähigkeiten ließ ſich auch nicht gut etwas einwenden— das Yſtädter Wochenblatt hatte ihm gewiſſermaßen ein Monument geſtiftet— nur über ſeine Vermögens⸗ umſtände, über ſeine Familie mußte er noch Näheres erfahren, ehe er ihm ſein Kind, ſeine einzige Tochter anvertrauen konnte. Das war er überhaupt ſeinem Kinde ſchuldig, in dieſer Hinſicht für ſie zu ſorgen, denn junge liebende Herzen fragen einmal den Henker nach allen den Nothwendigkeiten des Lebens, die ſie ſpäter nun doch einmal zum Leben nothwendig brau⸗ chen, und deren Beſitz mit dazu dienen muß, nicht allein ihren Pfad zu ebnen, ſondern auch eben ihre Liebe dauernd und haltbar zu machen. Er ſelber beſaß allerdings einiges Vermögen, aber 309 doch nicht ſo viel, um jetzt ſchon einen großen Theil davon hergeben zu können. Es kam deshalb ganz dar⸗ auf an, was Wunibalds Vater für ihn thun konnte oder wollte, denn wenn ſeine Poeſie auch einen blu⸗ migen Boden haben mochte, einen goldenen hatte ſie nicht. In etwas beunruhigte es ihn dabei, daß er, trotz der eifrigſten Erkundigungen, eine Familie Wuni⸗ bald bis jetzt in Schleſien noch nicht hatte erfragen können, und daß ihm der junge Mann darüber eine Unwahrheit erzählte, glaubte er nicht. Dafür gab es nun ein ganz einfaches Mittel— er brauchte ihn nur darum zu fragen, und beſchloß auch ganz ehrlich, Mann gegen Mann, mit ihm zu handeln. In welcher Aufregung ſich der junge Dichter be⸗ fand, ſah er, ſo wie er nur in's Zimmer trat. Um ihn deshalb nicht länger als nöthig auf die Folter zu ſpannen, ging er auf ihn zu, drückte ihm herzlich die Hand und ſagte: „Lieber Wunibald, ich will Ihnen alle weiteren Erklärungen erſparen. Meine Frau hat mir Ihr Ge⸗ ſpräch ſchon mitgetheilt; und das mag Ihnen zur Be⸗ ruhigung dienen, daß ich Ihnen offen ſagen kann: ich freue mich, daß Roſalinde die Ausſicht hat, einen ſo wackeren Mann zu bekommen. „Beſter Herr Steuerrath!“ rief Wunibald, die 310 ihm gebotene Hand herzlich ſchüttelnd. Beide bemerk⸗ ten dabei nicht, daß die Frau Steuerräthin wieder durch eine Seitenthür, vor der eine ſpaniſche Wand ſtand, in's Zimmer getreten war und mit einem glück⸗ lichen Geſicht, und zwei großen hellen Freudenthränen im Auge, dem Geſpräch der Beiden lauſchte. Galt es doch das Glück ihrer einzigen Tochter, die in der Ne⸗ benſtube mit bebenden Gliedern und ſchaamgerötheten Wangell den Geliebten erwartete. „Schon gut— ſchon gut,“ ſagte der Steuerrath, ſelber gerührt.„Nun aber, mein lieber junger Freund den ich bald Sohn zu nennen hoffe, müſſen Sie mir auch eine Frage geſtatten, die Sie dem Vater des Mädchens, das Sie lieben und zur Frau begehren, zu gute halten mögen, und es betrifft dieſelbe zwar Ihre eigenen Eltern, deren Einwilligung zu der Verbindung vor allen Dingen nöthig iſt. Ich will Ihnen dabei nicht verhehlen,“ fuhr der Steuerrath fort, als Wuni⸗ bald ſchwieg,„daß ich Ihre Werbung um meine Tochter ſchon vorausgeſehen habe. Ich wußte, wie gut Ihnen das Mädchen ſei, und glaubte Sie nicht zu den leichtſinnigen und gefährlichen Menſchen zählen zu dürfen, die ſolchen jungen Dingern nur mit ſchönen Redensarten den Kopf verrücken, und weiter keine Ab⸗ ſicht dabei haben als ſich zu amüſiren. Ich habe mich . auch deshalb durch mehrere wackere Freunde, die mir in Schleſien leben, nach Ihrer Familie erkundigen laſſen, muß Ihnen aber geſtehen, daß das bis jetzt noch zu keinem Reſultat geführt. Eine Familie Wuni⸗ bald war ihnen weder bekannt, noch unter den Ritter⸗ gutsbeſitzern zu erfragen, und ich erſuche Sie jetzt ſelber offen und ehrlich darum, mir Auskunft darüber zu geben.“ „Ich fühle, daß das meine Pflicht iſt,“ entgegnete Dr. Wunibald, aber weit ernſter als es die ſo einfache Sache zu erfordern ſchien; ja dem Steuerrath kam es faſt ſo vor, als ob dabei das Blut ſeine Wangen ver⸗ laſſen hätte. Er ſah wenigſtens plötzlich ungewöhnlich bleich aus. Er ſchwieg auch einen Augenblick, wie um ſich zu ſammeln, und ſagte dann mit feſter, entſchloſ⸗ ſener Stimme:„Daß Sie den Namen Wunibald nicht in Schleſien erfragen konnten, verehrter Herr, iſt leicht erklärt, denn es iſt nicht mein Familien⸗ ſon⸗ dern mein Vor⸗ und Dichtername.“ „Alſo Sie heißen nicht Wunibald?“ rief der Steuerrath erſtaunt.— „Nein,“ erwiderte Wunibald gefaßt.„Mein Vater gehört einem ziemlich alten, wenn auch bürgerlichen Geſchlecht an, und beſitzt eines der beſten und einträg⸗ lichſten Rittergüter in der Nähe von Oels bei Breslau.“ „Wir brauchen nicht adelig zu ſein, lieber Freund,“ lächelte der Steuerrath.„Ich ſelber ſtamme aus einem alt bürgerlichen Geſchlecht und bin ſtolz darauf. Der Name Wullenweber hat einen guten Klang im Norden, und vor alten Zeiten war mein Ahn, von dem ich in direkter Linie abſtamme, im nordiſchen Reich ſogar berühmt, wie ich Ihnen nicht weiter zu erklären brauche. Ich halte dafür auch etwas auf einen wackern bürgerlichen Namen, und werde ſtolz dar⸗ auf ſein in meinen Enkeln ein altes würdiges Ge⸗ ſchlecht fortgepflanzt zu ſehn. Wie heißen Ihre Eltern?“ 1 „Geben Sie etwas auf einen Namen?“ lächelte Wunibald, der Frage ausweichend, und dem Steuer⸗ rath konnte es nicht entgehen, daß der junge Mann todtenbleich dabei geworden war. „Ich?— allerdings!“ verſetzte der Steuerrath er⸗ ſtaunt.„Soll ihn doch meine Tochter— ſollen ihn meine Enkel einſt führen. Aber— Sie haben mir den Ihrigen noch nicht genannt“.— „Er gehört einem der loyalſten Männer Schle⸗ ſiens“, ſprach Wunibald,„einem Ehrenmanne, der nicht nur durch ſeinen Reichthum, nein, der auch durch ſein biederes wackeres Herz geachtet und geehrt bei ſeinen Nachbarn ſteht.“— „Das freut mich herzlich zu hören,“ ſagte der Steuerrath,„und wie heißt der wackere Mann?“ Wunibald zögerte noch einen Augenblick, dann fuhr er langſam fort: „Das Herz des Mannes, ſein Wirken und Han⸗ deln muß auch ſeinen Werth beſtimmen— nicht wahr, ſo denken Sie doch auch?— Den Namen gab uns oft ein blindes Ungefähr, ein Zufall, irgend eine tolle übermüthige Laune vielleicht des Ahnen, viel⸗ leicht der Neid der Nachbarn, vor uralten Zeiten, denn ſchlechte, klein denkende Menſchen können nichts we⸗ niger ertragen, als den Erfolg des Nächſten, der ſich durch die eigene Kraft aus ihrer Sphäre aufge⸗ ſchwungen hat—“ „Aber Sie ſpannen mich wirklich auf die Folter,“ meinte der Steuerrath.„Und welchen Namen trägt Ihre Familie, daß Sie einer ſolchen u ilnnn dazu bedürfen?“ Dr. Wunibald ſah dem Steuerrath feſt i in's Auge, bog ſich dann zu ihm über und flüſterte ihm etwas in's Ohr.— Der Steuerrath fuhr zurück, ſchaute den jungen Mann einen Moment von der Seite an, und ſagte dann lächelnd:„Oh— Sie ſcherzen!“— „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort!“ verſicherte Wunibald ernſt. 314 Die Frau Steuerräthin, für welche dieſe Wendung des Geſprächs etwas außerordentlich Ueberraſchendes hatte, gab ſich die äußerſte Mühe das geflüſterte Wort zu verſtehen, war es aber nicht im Stande. „Aber Sie wollen doch nicht behaupten— ich muß Sie mißverſtanden haben!“ rief jetzt der Steuer⸗ rath erſchreckt.„Sie wollen doch nicht behaupten, daß Ihr Vater—.— „Das iſt unſer Familienname,“ erwiderte Wuni⸗ bald reſignirt.— Derſelbe Name, den einmal Ihre Frau führen ſoll?“ rief der Steuerrath.— „Ich habe keinen anderen,“ ſtöhnte Wunibald. Der Steuerrath hatte die Hände auf den Rücken gelegt und ging mit haſtigen Schritten im Zimmer auf und ab. Die Frau Steuerräthin ſtand wie auf Kohlen, wagte aber doch nicht ihr Verſteck zu verlaſ⸗ ſen, und ſah nur durch eine Ritze in der ſpaniſchen Wand, daß Dr. Wunibald— und wie hieß nur der Unglückliche?— die Hand auf das Fenſterbret geſtützt hatte, und ſtill und ſtumm vor ſich hin ſtierte. „Das geht nicht,“ ſagte da der Steuerrath plötz⸗ lich, und blieb vor dem jungen Mann ſtehn,„das geht wahrhaftig nicht.— Hier in Yſtadt— nein, es iſt unmöglich!“ unterbrach er ſich ſelber.„Lieber Herr — lieber Herr Wunibald, ich will Ihnen gern glau⸗ ben, daß Ihre Vermögensumſtände— daß Ihre Stellung im bürgerlichen Leben Sie vollſtändig be⸗ rechtigen um die Hand der wackerſten Bürgerstochter zu werben. Ich verſichere Sie, daß ich unter anderen Umſtänden ſtolz darauf geweſen ſein würde, Sie meinen Schwiegerſohn zu nennen, aber— es geht wahrhaftig nicht. Den Namen darf und ſoll mein Kind nicht führen, und wenn Sie Ihren Vater nicht vermögen können ihn zu ändern—.“— „Mein Vater würde mich enterben— würde mir fluchen,“ ſprach Wunibald düſter,„wenn ich nur die Andeutung eines ſolchen Wunſches bei ihm laut wer⸗ den ließe. Er, wie ſeine Vorfahren haben ihn mit Ehren geführt, und mit ordentlich krankhafter Hart⸗ näckigkeit hängt er daran.“ „Sie thun mir leid, junger Mann,“ bemerkte da der Steuerrath gerührt.„Sie erliegen einem Ver⸗ hängniß, das Sie, wie ich recht gut fühle, unver⸗ ſchuldet trifft, aber unter dieſen Umſtänden iſt Roſa⸗ linde für Sie verloren.“— „Und wollen Sie zwei Herzen brechen, eines Na⸗ mens wegen?“ rief der Unglückliche.— „Ich thue, was ich für meine Pflicht halte,“ ent⸗ gegnete der Steuerrath ernſt,„und Roſalinde iſt eine 316 zu gute Tochter, gegen den Willen ihres Vaters eine Verbindung einzugehen— ſelbſt wenn ſie dabei das Bild eines geliebten Mannes aus dem Herzen reißen müßte. Sie ſelber werden aber einſehen, daß Sie unter ſolchen Umſtänden unſer Haus nicht wieder be⸗ treten können, und ſo leid mir—.“— „Genug— genug!“ unterbrach ihn aber Wuni⸗ bald in nicht mehr zu bezwingendem Schmerz.„Ich fühle, daß Sie recht haben; ich fühle den Fluch, der auf mir liegt, und darf mich nicht einmal beklagen. Leben Sie wohl und mag Roſalinde einen Unglück⸗ lichen vergeſſen, der fortan nur noch die eine Seligkeit kennen wird, an ſie zurückzudenken.“ „Vater— um Gottes Willen was geht hier vor?“ rief da die Frau, die es nicht länger hinter dem Schirm ertragen konnte. Aber Wunibald hörte ſie ſchon nicht mehr. Er hatte ſeinen Hut aufgegriffen und in wildem Schmerz das Zimmer verlaſſen, und als ihm die Mutter in ihrer Todesangſt folgen wollte, ergriff ihr Gatte ſie am Arm und führte ſie langſam in das Zimmer zurück. 2 „Es iſt gut ſo,“ ſagte er ernſt und faſt ſchmerzlich dabei,„er und ich konnten nicht anders handeln.“— „Aber wie heißt der Unglückliche?“ rief die Frau unter vorquellenden Thränen.— 317 „Tröſte Roſalinde,“ ſprach der Vater weich, drückte einen Kuß auf ihre Stirn und verließ raſch das Zim⸗ mer und das Haus. Am nächſten Tag lief ein dumpfes Gerücht durch alle Kaffeegeſellſchaften von Yſtadt, daß bei Steuer⸗ raths irgend etwas vorgefallen ſei. Was es wäre, darüber war man noch im Zweifel, wenigſtens tauch⸗ ten ſo viel einander widerſprechende Auslegungen auf, daß die guten Frauen von Jſtadt wirklich in Verlegen⸗ heit kamen, welche Nachricht wohl die ſchrecklichſte und außergewöhnlichſte ſei, um dieſe dann kräftig mit verbreiten zu helfen. Darüber ſchien man einig, daß ſich der Dr. Wunibald unter einem falſchen Namen in die Familie geſchlichen und jetzt polizeilich und ſteck⸗ brieflich verfolgt werde— denn ſeit geſtern Abend war er aus Yſtadt verſchwunden. Was er aber kür⸗ lich verbrochen hatte, war bis jetzt unmöglich geweſen zu ermitteln. Die Frau Steuerräthin wie Roſalinde hatten übrigens an dem Nachmittag für drei verſchiedene Kaffeeeinladungen danken laſſen, und zwar unter dem Vorwand von Unwohlſein, und der weibliche Theil von Yſtadt war in Verzweiflung.. ☛ 1 p 318 Darin hatte denſelben aber der, in ſolchen Sachen wirklich fabelhafte Inſtinkt, vielleicht auch eine An⸗ deutung von Steuerraths Dienſtmädchen doch richtig geleitet, daß ſie vor allen Dingen den wirklichen Na⸗ men des Flüchtlings herausbekommen wollten; das Uebrige mußte dann von ſelber ans Tageslicht. Das aber glaubte man am beſten durch die Polizei erfahren zu können. Die Frau Polizeiräthin bot ihre Ver⸗ mittlung an,— leider jedoch ohne weſentlichen Erfolg. In Yſtadt herrſchte noch ein, gegen anſtändige Fremde ziemlich liberales Syſtem, nach dem man ſich beſonders bei ſolchen, die ſich nicht bleibend dort nie⸗ derließen, mit einfacher Namens⸗ und Standes⸗An⸗ gabe begnügte. Es war niemand bis jetzt eingefallen, daß Dr. Wunibald eben anders heißen könne als Wunibald, und da von nirgends her Klage gegen ihn einlief, ja im Gegentheil jeder, der mit ihm in Be⸗ rührung kam, ſein beſcheidenes, anſpruchloſes und loyales Weſen rühmte, ſo hatte man ihn unter dem Namen gelten laſſen. Jetzt aber, da man wirklich nachfragen wollte, war er verſchwunden. Mit der Poſt hatte er jedenfalls ſchon lange die Eiſenbahn erreicht, und wohin er ſich dort gewendet, blieb ungewiß. Eine Urſache zu ſteckbrieflicher Ver⸗ folgung, wie die Frau Polizeiräthin vorſchlug, lag — —————ͤõÿõÿõöõöõõ 5 3 319 aber nicht vor. Er hinterließ in Yſtadt nicht einen Pfennig Schulden; niemand beklagte ſich über ihn, als nur die Damen von Lſtadt, daß er ihnen eben ein ſolches Geheimniß zurückgelaſſen, und deren einzige Hoffnung blieb jetzt noch die Frau Steuerräthin. Daß dieſe gerade in ſolcher Zeit und zwar ſchon am nächſten Tag, mit ihrer Tochter Roſalinde eine Reiſe in ein nordiſches Bad unternahm, war daher wahrhaft boshaft, und hätte nur durch ein aufrichtiges Geſtändniß bei ihrer Rückkehr geſühnt werden können — denn aus dem Steuerrath war indeſſen kein Wort heraus zu bekommen. Aber auch dann verharrte ſie ſtill und ſtumm, und die Frauen von Yſtadt nannten ſie„eine wahre Sphinx“. Wenn ſie das übrigens war, ſo war ſie es wider ihren Willen, denn verge⸗ bens hatte ſie ſich ebenfalls oft und hartnäckig genug bemüht von ihrem darin ordentlich eiſernen Mann den verhängnißvollen Namen zu erfahren. Der Steuerrath ließ ſich nicht erweichen, und ich bin feſt überzeugt, daß ihm nicht einmal Daumſchrauben das Wort über die Lippen gepreßt hätten. Dr. Wunibald blieb deshalb auch in der Erin⸗ nerung in Yſtadt, Dr. Wunibald nach wie vor. Keine Zeitung brachte einen Bericht über einen verfolgten oder entdeckten Verbrecher, der ſich unter dieſem ———— 320 Namen in die Häuſer und Familien— man wollte nicht Herzen ſagen— Leichtgläubiger einſchlichen, und die alles mildernde Zeit trocknete endlich ſelbſt die Thränen Roſalindens, und brachte die Farbe auf ihre gramgebleichten Wangen zurück. Und Doctor Wunibald?— Frage mich nicht, Leſer. Der Unglückliche ſitzt daheim auf dem Erbe ſeiner Väter und trägt eine Atlas⸗Laſt an ſeinem Namen. 1 Stiekmutter. — 4. Gerſtäcker, Hell und Dunkel. I. 21 In dem freundlichen, von weiten Laubgängen durch⸗ zogenen Garten eines kleinen Landhauſes luſtwandelte eine hohe, ſtattliche Frau, deren ernſter, wenn auch milder Blick reiferes Alter verrieth, als die ſonſt noch faſt friſchen und jugendlichen Züge wohl eingeſtehen mochten. Die Jahre ſchienen kaum ihre Spur auf dem lieben Antlitz zurückgelaſſen zu haben, und ein junges Mädchen von etwa ſiebzehn Jahren, das jetzt auf ſie zuſprang und ſie küßte und„liebe Mutter“ nannte, hätte faſt eben ſo gut für eine jüngere Schweſter ge⸗ halten werden können. „Denke Dir nur, Mama,“ rief die Letztgekommene, während die Mutter ihr liebkoſend die vollen, kaſtanie braunen Haare zurück ſtrich und ihre Stirn küßte, „denke Dir nur, unſer Nachbar Pahlmann wird wie⸗ der heirathen, und die arme Adele bekommt jetzt eine Stiefmutter!“ Eine leichte Wolke, wie ein zuckender Schmerz, ſchoß über die lieben offenen Züge der Mutter, 19 21* wie der an der Sonne vorüberſtreichende Schatten ſchwand ſie wieder und ruhig ſagte ſie: „Arme Adele?— Weshalb bedauerſt Du ſies— Iſt es nicht viel beſſer für die Kinder, wenn ſie wieder eine Mutter in's Haus bekommen, die ſorgſam das Hausweſen in Ordnung hält und der Wirthſchaft ein Ende macht, die gemiethete Leute die letzten Jahre dort geführt?“ „Das ſchon, liebe Mutter,“ erwiderte Sabine, wie das junge Mädchen hieß, etwas verlegen,„aber eine Stiefmutter.“ 4 Die ſanften Augen der 0r tien ſich immer mehr, ſie faßte der Tochter Hand doch mit recht ernſt zum Herzen dim Ton:* „Und ſo hat Alles, was ich Dir über das häßliche Vorurtheil bis jetzt geſagt, und wovor ich Dich ge⸗ warnt habe, liebes Kind, doch nichts gefruchtet, und Du plauderſt nach, was Du die Menge plaudern hörſt. Leider ſchmücken die Verfaſſer der Kinder⸗ und Jugend⸗ bücher ihre Erzählungen nur zu gern mit den billigen Schreckniſſen einer böſen Stiefmutter aus, die arme Ainder peinigt und quält, und in unſerer Zeit ſchon den Namen einer Stiefmutter mit dem einer recht Uchlechten böſen Frau ganz gleichbedeutend gemacht hat. 325 Die Herzen der Kinder werden dadurch von früheſter⸗ Jugend auf mit Haß und Furcht vor allen Stiefmüt⸗ tern erfüllt, und nimmt das Schickſal ihnen die eigene Mutter und bringt der Vater eine zweite Frau in's Haus, dann hat die Aermſte, mag ſie es ſo gut auch mit den Kindern meinen, wie ſie will, gleich von An⸗ fang an ein furchtbares Vorurtheil zu bekämpfen, das ihr entgegenſteht, und nur zu oft all ihre Müh' und Liebe zu Schanden macht. Komm, Sabine,“ fügte ſie dann hinzu, als das junge Mädchen verlegen ſtill ſchwieg.„Setz Dich zu mir hier auf die Bank, ich will Dir eine Geſchichte erzählen aus früherer Zeit— vielleicht ändert das, wenn irgend etwas, Deinen Sinn.“ Sabine folgte der Mutter zu der Gartenbank un⸗ ter dem blühenden Fliederbaum. Dort, mit der Rech⸗ ten die Hand der Tochter gefaßt, den linken Ellbogen auf den niedern neben ihr ſtehenden Tiſch, und das Haupt in die linke Hand geſtützt, während die dunklen ſchwermüthigen Augen ſinnend und der alten Zeiten gedenkend den Boden ſuchten, begann ſie mit ihrer kla⸗ ren, ſo zum Herzen ſprechenden Stimme in folgender Weiſe:— „In dem kleinen Städtchen Wendheim am Rhein lebte ein wackerer, ziemlich bemittelter Kaufmann, den ———ʒ——2—— 9 ich Olbers nennen will, in ſo freundlichen und glückli⸗ chen Familienverhältniſſen, wie es ſich ein Menſch nur wünſchen kann. Seine Frau hatte ihm in ſechsjähriger Ehe zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen ge⸗ boren. Das Mädchen war aber erſt ſieben, der Knabe fünf Jahr alt, als ein Nervenfieber, das überhaupt in der Stadt wüthete und zahlreiche Opfer forderte, auch in dieſen friedlichen Kreis guter Menſchen ſeine Schrecken ſandte. Die Mutter erkrankte und ſtarb trotz jeder Sorgfalt, jeder Pflege ſchon nach wenigen Tagen. Für den Gatten wie die Kinder begann jetzt eine recht ſchwere, traurige Zeit. Die Mutter hatte ſich des ganzen Hausweſens ſo angenommen gehabt, ſo je⸗ des Einzelne überwacht und geleitet, daß ſie nicht allein in den Herzen der ihr theueren Weſen ſchwer vermißt wurde, ſondern auch in jeder Kleinigkeit im Hauſe ſel⸗ ber fehlte. Für den zurückgebliebenen Gatten freilich hatte alles Andere, mit dem furchtbaren Schlag, der ihn in dem Verluſt ſeines Weibes betroffen, ſeine Be⸗ deutung verloren. Nur die nothwendigſten Arbeiten zu leiten, nahm er eine Haushälterin in ſeine Familie auf, ja überließ dieſer ſogar die Sorge für ſeine Kin⸗ der. In faſt übermäßigem Eifer für ſeine Geſchäfte ſchien er indeß Betäubung zu ſuchen, und den herben Schlag, der ihn getroffen, durch unausgeſetzte Arbeit zu ertödten— wenigſtens auf kurze Zeit zu vergeſſen. Drei volle Jahre hatte er es ſolcher Art getrieben. Wie ſich aber der Schmerz um den erlittenen Verluſt mit der Zeit abſtumpfte, wandte ſich ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit auch wieder mehr den häuslichen Verhältniſſen, ſeinen Kindern, ſeiner eigenen Bequemlichkeit zu. Da fand er denn freilich bald, daß nicht Alles ſo war, wie es eigentlich ſein ſollte. Es war ungemüthlich bei ihm geworden; er fühlte ſich fremd in den eigenen Räumen. Die Kinder ſelber kamen ihm dabei verwahrloſt vor, wenn er ſie mit früher verglich, wo ſie unter dem Auge der ſorgenden Mutter aufgewachſen. Er ſah ein, daß er gefehlt hatte, ſich ſeiner eigenen Familie ſo ganz zu entziehen, und wollte das jetzt durch verdoppel⸗ ten Eifer und unnachſichtige Strenge wieder gut machen. Dadurch entſtand Streit und Unfrieden mit der Haushälterin, der ernſtlich zu dane er von zu gutmüthigem, ſchwankendem Charakter war. Sein häuslicher Frieden aber, um deſſentwillen er doch eigent⸗ lich Alles ertrug, wurde dadurch nur noch mehr und mehr verbittert. Ein verzweifelter Entſchluß war es endlich, der ihn dazu trieb, mit der Erinnerung an die verſtorbene Gattin noch ſo warm im Herzen, auf's Neue zu heirathen, und ſeinen Kindern wieder eine A* Mekliche Mutter zu geben. Möglich, daß er auch nur auf dieſe Art glaubte ſich der ihm läſtig werdenden Wirthſchafterin entledigen zu können. Olbers, übrigens ſelber ſchon in den reiferen Jah⸗ ren, war vernünftig genng, zu ſeiner zweiten Lebens⸗ gefährtin eine nicht mehr ganz junge Frau zu wählen. Dieſe, eines Arztes Wittwe, zog ihn zuerſt durch ihr ſtilles, beſcheidenes Weſen an, und als er ſie näher kennen lernte, fühlte er ſich bald feſt überzeugt, daß ſie ihm ſelber eine brave Gattin, ſeinen Kindern eine Mutter, ſeinem Alter eine treue Pflegerin, ſeinem Hausweſen eine tüchtige Wirthin werden würde. So geheim er übrigens dieſe ſeine Abſichten gehal⸗ ten haben mochte, hatten die Nachbarinnen doch nur zu bald gemerkt, um was es ſich hier handele. Sie ſäumten denn auch natürlich nicht, vor allen Dingen die Haushälterin von der vermutheten Thatſache in Kenntniß zu ſetzen, die jedenfalls am Stärkſten dabei intereſſirt ſein mußte. Dieſe, die recht gut wußte, daß mit einer neuen Frau im Hauſe ihr Regiment dort ein raſches Ende nehmen würde, war außer ſich und machte ihrem Herzen in allen möglichen Ausrufungen und Befürchtungen Luft.„Die armen Kinder bedauere ſie nur am Meiſten, denn ſie ſelber mache ſich, wie ſie meinte, auch nicht ſo viel aus der Verbindung. Nur die Kinder wären zu beklagen, die bis jetzt wie im Himmel gelebt hätten, und nun ganz plötzlich unter die eiſerne Ruthe einer Stief mutter kommen ſollten. Sie wüßte, was es hieß, eine Stiefmutter im Hauſe haben, ſie hätte das ſchon aus tauſend und tauſend Büchern geleſen, und wenn Herr Olbers, der übrigens ſein eigener Herr wäre und thun und laſſen könne, was er wolle, ſolcher Art blind und taub in ſein eigenes Schickſal hineinrenne, ſo möge er denn auch nachher ſehen, wie er damit fertig würde. Das Einzise, was ihr jetzt zu thun übrig bleibe, ſei, die armen Kinder ſo viel als möglich auf das was ſie erwarte, vorzuberei⸗ ten. Könne ſie ihnen ſpäter noch helfen und beiſtehn, ſo ſolle das mit Freuden und mit Aufopferung aller ihrer Kräfte geſchehen. Sie ſei das ja allein der Se⸗ ligen ſchuldig.“ Die Kinder ſpielten eben in ihrer Stube, als Tante Louiſe, wie die Haushälterin gewöhnlich in der Familie genannt wurde, von der Freundin zurück⸗ kam, von der ſie die erſte Nachricht über die Verlobung erhalten hatte. „Wißt Ihr die Neuigkeit ſchon?“ ſagte die Wirth⸗ ſchafterin, als ſie zu ihnen in's Zimmer trat.„Ihr bekommt eine Stiefmutter.“ „Eine Stiefmutter?“ rief Franz erſchreckt.— 330 „Eine Stiefmutter?“ ſchrie Lisbeth.„Wir wollen keine Stiefmutter, Tante Louiſe, wir wollen Dich be⸗ halten. Eine Stiefmutter ſchlägt und kneipt uns, und giebt uns nicht ſatt zu eſſen.“ „Was ſollen wir mit einer Stiefmutter?“ klagte auch Franz,„daß es uns etwa geht, wie der armen Geldmarie?“ „Oder wie Aſchenbrödel und Schneeweißchen,“ ſetzte Lisbeth hinzu. „Oder daß ſie mir gar den Kopf mit dem Kiſten⸗ deckel abſchlägt,“ rief Franz,„wie es in der ſchönen Geſchichte vom Wachholderbaume ſteht, die Du uns ſo oft vorgeleſen haſt?— Aber dann würde ich auch ſingen: „Meine Mutter, die mich g'ſchlacht, Mein Vater, der mich aß, Mein' Schweſter, das Marlenichen Sucht alle meine Beenichen, Bind ſie in ein ſeiden Tuch. Legt's unter den Wachholderbaum. Kiwit, Kiwit, Was für ein ſchöner Vogel bin ich!“ und wenn die böſe Stiefmutter dann vor die Thür käme, würf ich ihr den großen Mühlſtein auf den Kopf, daß ſie in tauſend Stücken ging.“ „Nun, ſo ſchlimm darf ſie es ſchon nicht machen,“ ſagte die Wirthſchafterin,„das leidet die Polizei gar 331 nicht. Und dann brauchtet Ihr auch nur zu mir zu kommen; ich wollte Euerem Vater ſchon reinen Wein einſchenken.“ „Aber ich mag keine Stiefmutter,“ weinte Lisbeth, „dann bete ich lieber zu Gott, daß das Himmelsmüt⸗ terlein zu mir kommt und mich fortnimmt mit ſich, wie wir es in der„ſchwarzen Tante“ geleſen haben.“ Die Kinder weinten jetzt Beide und Tante Louiſe tröſtete ſie und ſagte ihnen, daß ſie immer, wenn ſie die Stiefmutter auch fortſchicke, dann und wann zu ihnen kommen und ſie beſuchen wolle. Und wenn ſie die Stiefmutter ſchlecht behandele, ſollten ſie es ihr nur ſagen; ſie wolle ſchon dafür ſorgen, daß es der Vater erführe und ihnen kein Unrecht geſchähe. Jetzt aber ſollten ſie ſich noch nichts merken laſſen, ſonſt be⸗ käme ſie, die Tante Louiſe, Ausgezanktes darüber, und ſie habe es doch gut mit ihnen gemeint. Hätte ſich Olbers mehr um ſeine Kinder und ſein Hausweſen bekümmert, ſo würde er wohl geſehen ha⸗ ben, daß den Kleinen etwas auf dem Herzen läge, was ſie angſtigte und drückte. Aber die neue Heirath ging ihm auch im Kopf herum, und mit ſeinen anderen Ge⸗ ſchäften blieb ihm keine Zeit, auf das zu achten, was dem Vater immer das Wichtigſte bleiben ſollte, will er nicht ſpäter ſchwere Verantwortung auf ſich nieder ziehen: das Wohl der eigenen Kinder. Nur zu em⸗ pfänglich für fremde Eindrücke iſt des Kindes Herz, und die zu überwachen, daß ſie wohlthätig und ſegens⸗ reich darauf einwirken, und nicht böͤſen Samen in die junge Bruſt tragen, ſollte das Hauptziel und Augen⸗ merk der Aeltern ſein. Wie häufig aber wird gerade das von ihnen vernachläſſigt, und das ganze Leben des Kindes in die Hand gleichgültiger Perſonen gelegt. Nur daß die Kleinen artig ſind, verlangen ſie von denen, und wie oft auch noch mehr ihrer ſelbſt, als der Kinder wegen; an das Andere denken ſie gar nicht. Heinrich Olbers hatte indeſſen wirklich um die junge Wittwe geworben und das Jawort erhalten; auch eine glückliche Wahl für ſich und die Seinen ge⸗ troffen, denn Sabine, wie ſeine Braut hieß, war eine brave, wackere Frau und ſich des ſchweren Berufes, dem ſie ſich unterzog, die Mutter fremder Kinder zu werden, vollkommen bewußt. Mit ſorgender Liebe hoffte ſie ſich die Herzen der Kleinen bald zu gewinnen, und wenn ſie ihnen auch nicht die verſtorbene Mutter ſo vollſtändig wieder erſetzen konnte, ſollten ſie in ihr doch eine treue Freundin, eine zweite Mutter finden. Sabine hatte gewünſcht, die Kinder vor ihrer Ver⸗ heirathung einmal zu ſehen, und mit ihnen zu ſprechen, und Olbers befahl der Wirthſchafterin eines Nach⸗ mittags, die Kinder rein anzuziehen. Sie waren ihm noch nie ſo ſchmutzig und vernachläſſigt vorgekommen — weil er eben gerade heute beſonders auf ſie achtete. „Und wozu wollen Sie heute, an einem Sonnabend, mit den Kindern Beſuche machen?“ frug die Wirth⸗ ſchafterin, die ſich den Grund recht gut denken konnte, und damit auch ihre letzte Hoffnung von einem mög⸗ lichen Nichtzuſtandekommen der Verbindung ſchwinden ſah.„Es iſt ſchon drei Uhr, und bis morgen früh ſind ſie wieder ſchmutzig.“ „Dann müſſen ſie wieder rein gekleidet werden, Louiſe,“ ſagte Olbers ernſt.„Ich wünſche überhaupt nicht, daß ich die Kinder noch einmal in einem ſolchen Zuſtande finde. Uebrigens,“ fuhr er raſch fort, als er ſah, daß die Wirthſchafterin etwas darauf erwidern wollte,„will ich Ihnen hiermit gleich etwas anzeigen, das von heute an doch kein Geheimniß mehr bleiben kann. Ich bin mit der verwittweten Frau Sabine Hel⸗ big verlobt und werde heute über vier Wochen Hochzeit halten.“ „Heute über vier Wochen ſchon?“ rief Louiſe er⸗ ſchreckt. „Ja, allerdings,“ lautete die ernſte Antwort.„Es verſteht ſich von ſelbſt,“ fuhr Olbers dabei freundlicher fort,„daß die neue Hausfrau dann auch das Haus⸗ 334 weſen übernehmen wird. Damit Sie aber indeſſen nicht außer Brot ſind, und Zeit behalten, ſich nach einer andern paſſenden Stelle umzuſehen, werde ich Ihnen indeſſen bei einer Verwandten einen Platz ver⸗ ſchaffen, in dem Sie wenigſtens ſo lange bleiben können.“ „Ich danke Ihnen, Herr Olbers,“ entgegnete aber etwas ſchnippiſch und beleidigt Mamſell Louiſe— „man iſt auch nicht blind, man hat ſeine Augen und kann ſelber ſehen. Der Herr Olbers brauchen nicht etwa zu glauben, daß Sie mir ein Geheimniß entdecken. Wie das kommen würde, habe ich mir aber ſchon im voraus gedacht, und mit einer Stiefmutter hätt' ich mich doch hier nicht vertragen. Ich hätt' es der Kin⸗ der wegen nicht mit anſehen können, und habe mich deshalb ſchon unter der Hand nach einer neuen Stel⸗ lung umgethan. Gott ſei Dank, Leute, die ihre Sache verſtehen, finden überall in der Welt ein Unterkommen, und ich brauche keine Minute außer Platz zu ſein. Wenn ich Ihnen jetzt im Wege bin, kann ich ſchon morgen der Madame Olbers den Platz räumen, von der ich wünſchen will, daß Alles mit ihr ſo einſchlagen mag, wie der Herr Olbers jetzt vielleicht glauben.“ Olbers war eben nicht angenehm überraſcht, daß ſeine Wirthſchafterin die neue, ſo geheim gehaltene Verbindung als eine alte, ſtadtbekannte Sache betrach⸗ Atete, und ſchon ſo lange darum wußte. Er überhörte 8 darüber auch den zweiten, bitteren Theil ihrer Rede, und erwiderte nur raſch und etwas verlegen lächelnd: „Nein, Mamſell Louiſe, ſo raſch kann ich Ihre Dienſte nicht entbehren; Sie ſind mir noch ſehr noth⸗ wendig im Haus, und ich bin auch keinesweges undank⸗ bar genug, zu vergeſſen, wie eifrig Sie ſich meiner Wirthſchaft und Kinder in der erſten ſchweren Zeit nach dem Tode meiner ſeligen Frau, wie auch ſpäter angenommen haben. Ich werde Ihnen das nie ver⸗ geſſen.“. „O bitte, Herr Olbers— war nicht mehr als meine Schuldigkeit,“ verſetzte die Haushälterin, keines⸗ wegs dadurch zufriedengeſtellt.„Wenn nur andere Leute, die nach mir kommen, ihre Schuldigkeit eben ſo gut erfüllen. Die armen Kinder ſind am Meiſten zu beklagen.“ „Ich hoffe nicht, Mamſell Louiſe,“ ſagte Olbers raſch—„Sabine Helbig liebt die Kinder und ich bin gerade im Begriff, ſie zu ihr hinzuführen. Sie wird ihnen eine treue Mutter ſein.“ „Das gebe Gott,“ ſagte Mamſell Louiſe, nahm ihre Schlüſſel auf und warf die Thür hinter ſich in's Schloß, daß die Scheiben klirrten. Eine Stunde ſpäter ging Herr Olbers, mit den beiden Kindern an der Hand, der Wohnung ſeiner Braut entgegen. Die Augen der Kinder ſahen aber roth und verweint aus, denn Mamſell Louiſe hatte ihnen geſagt, daß ſie jetzt zum erſten Male der neuen Stiefmutter vorgeführt werden ſollten, die dann wahr⸗ ſcheinlich beſtimmen werde, was mit ihnen anzufangen wäre. Sie hatten ſich im Anfange auch geſträubt, und gar nicht mitgehen wollen, das Herz war ihnen gar ſo ſchwer geworden, bis ihnen die Mamſell ſelber Muth einſprach und ſie verſicherte, die Stiefmutter werde ihnen nicht gleich etwas zu Leide thun. Sie ſollten ihr nur zeigen, daß ſie ſich nicht vor ihr fürchteten. Sabine hatte die Kinder ſchon mit Sehnſucht er⸗ wartet. Sie ging ihnen bis draußen an die Saalthür entgegen, und umarmte und küßte ſie. „Habt mich lieb, Ihr Kleinen,“ ſagte ſie dabei zu ihnen, während ihr die Thränen in den großen, klaren und ſo gutmüthigen Augen ſtanden,„und ich will mit ganzer Seele an Euch hängen und Euch wieder lieben. Die verſtorbene Mutter kann ich Euch freilich nicht erſetzen, aber eine treue Mutter will ich Euch dennoch werden nach meinen beſten Kräften.“ „Aber doch nur eine Stiefmutter,“ ſagte Lis⸗ beth, und ſah ſcheu den Bruder an. 3 337 Der armen Frau gab es bei dem Worte einen jähen Stich durch's Herz. Es lag ein ſo herber Vor⸗ wurf darin, der doppelt ſchmerzlich von des Kindes Lippen klang und ihr unendlich weh that. „Wohl nur eine Stiefmutter,“ ſagte ſie endlich mit leiſer, tiefbewegter Stimme,„aber doch eine Mut⸗ ter, und wenn Ihr ſelber erſt einmal erwachſen ſeid, Ihr lieben Kleinen, werdet Ihr begreifen lernen, was der Name bedeutet. Fürchteſt Du Dich etwa vor einer Stiefmutter, Lisbeth, und glaubſt Du, daß ſie böſe mit Dir ſein würde?“ „Ja!“ ſagte das Kind, halb in Angſt, halb in Trotz der freundlich nach ihr ausgeſtreckten Hand entweichend —„wir wollen keine Stiefmutter haben.“ „Wer, um Gottes willen, hat den Kindern das in den Kopf geſetzt?“ rief Olbers jetzt erſchreckt und tief erſchüttert aus—„Lisbeth, Lisbeth! Du biſt ein bö⸗ ſes, unartiges Kind, und machſt Deiner Mutter Schmerz, ehe ſie nur unſere Schwelle betreten. Sieh, Franz iſt weit artiger.“ „Franz mag auch keine Stiefmutter haben,“ ſagte der Knabe trotzig,„daß ſie mir den Kopf mit dem Kiſtendeckel abdrückt oder Lisbeth vergiftete Aepfel giebt.“ „Laß die Kinder, Heinrich,“ bat die Frau, als ſie Gerſtäcker, Hell und Dunkel. I. 22 ſah, wie der Vater ärgerlich darauf erwidern wollte. „Sie haben den Kopf voll von den Märchen und Ge⸗ ſchichten böſer Stiefmütter, mit denen unſere Kinder⸗ bücher leider gefüllt ſind, und der Zeit allein muß es überlaſſen bleiben, das zu verdrängen. Wenn ſie mich näher kennen lernen, werden ſie finden, daß ich ihnen keine ſolche Stiefmutter bin, und mich am Ende doch lieb gewinnen müſſen.“ Sie küßte dann die Kleinen nochmals, die ſich das nur ungern gefallen ließen und frug dann nach ihren Stunden und Spielen, bekam aber doch unvollkommene, ſcheue Antworten, und der Vater, der wohl fühlte, wie weh das unfreundliche Be⸗ tragen der Kinder dem Herzen der armen Frau thun mußte, nahm ſie bald wieder mit ſich fort. Vier Wochenſpäter war die Hochzeit. Mamſell Louiſe verließ an demſelben Tag, an dem die junge Frau einzog, das Haus, und nahm von den Kinderur, die feſtlich gekleidet vor der Thüre ſpielten, während der Vater noch in der Kirche war, Abſchied. „Arme Kinder,“ ſagte Madame Schmidt, die ge⸗ kommen war, ihre Freundin abzuholen, indem ſie Lis⸗ beth aufnahm und küßte und Franzens Lockenkopf ſtreichelte—„arme Kinder, Ihr bekommt nun heute 8 eine Stiefmutter— aber wenn ſie Euch knapp hält oder gar ſchlägt, dann kommt nur zu mir herüber. Ich bin es Euerer ſeligen Mutter ſchuldig, daß ich mich ihrer Kinder annehme. Ach, was die Männer doch für ſchreckliche Geſchöpfe ſind und daß ſie eine ſolche Frau vergeſſen können.“ Die Kinder hörten auf zu ſpielen; es war ihnen gar ſo ängſtlich und beklommen zu Muthe, und all' die alten Geſchichten und Märchen, die ſie über böſe Stiefmütter gehört, und die nur zu häufig und thörich⸗ ter Weiſe den Kinderherzen eingeprägt werden, fielen ihnen wieder ein. Eine Stiefmutter war für ſie, mit den Vorbildern von Aſchenbrödel, Schneeweißchen, dem Wachholderbaum und wie die unglückſeligen Erzählun⸗ gen alle heißen, das Schrecklichſte, was ſich ihre jugendliche Phantaſie nur ausma konnte, und als ſie nun ſogar auch noch von fremden Leutet bedauert wurden, fin ſie bitterlich an z Der Nachmittag und A Wee a. in einem wahren Gewirr von Dingen. Es war eine Menge Lente geladen worden, N dochhet mit zu feiern, und zu. Bett rinzan walen. als ſie zu dunan in 340 nicht anrühren laſſen. Sabine war dann ſtill, und ohne Jemandem ein Wort zu ſagen, zu der Geſellſchaft zurückgegangen, aber ſie vermochte nicht die ſchmerzli⸗ chen Gedanken zu bannen, daß ihr die Kinderherzen ſo entzogen ſein ſollten. Sie kam ſich wie eine Fremde in dem Hauſe vor, daß von jetzt an ihre Heimath war, und ſelbſt das Bild der früheren Gattin Olbers, das in der Wohnſtube nach wie vor ſeinen Platz behaup⸗ tete, ſchien ernſt und zürnend auf ſie niederzuſchauen, als ob es ſie aus den einſt behaupteten Räumen zurück⸗ weiſen wollte. Sabine fand auch bald, daß ihre Furcht nicht ganz grundlos g geweſen war, und ſie in ihrem neuen Wir⸗ kungskreis mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Die Mutter von Olbers verſtorbener Frau, die ſtets großen Einfluß auf ihren Schwiegerſohn ausge⸗ übt, wohnte in derſelben Straße mit ihnen und beſuchte ſie eſonders in den erſten Wochen ihrer Ehe 5 häufig. Theils geſchah das, wie ſie ſagte, ihnen die Wirthſchaft mit in Ordnung bringen zu helfen,„wie es ihre ſelige Tochter gehalten hätte,“ damit Olbers nicht ſo viel von ſeinen früher gewohnten Bequemlich⸗ keiten vermiſſe, theils„nach den Kindern zu ſehen.“ 341 Sabine, von mildem, freundlichem Charakter em⸗ pfing ſie ſtets auf das Herzlichſte, und folgte, wo das irgend ging, ihren Anordnungen. Den Kindern ſelber ſuchte ſie dabei, wie ſie es auch verſprochen, in jeder Hinſicht die Mutter zu erſetzen, und por allen Dingen ihre Liebe, ihr Vertrauen zu erwerben. Dabei aber hatte ſie einen ſchweren Stand. Die Kinder waren in den letzten Jahren von der Wirthſchafterin entſetzlich verwahrloſt, von der Großmutter arg verzogen worden, und gerade, wenn ſie als Mutter an ihnen handeln und ſie zu guten tüchtigen Menſchen erziehen wollte, durfte ſie das nicht Alles nachſehen, und mußte es än⸗ dern. Zuerſt verſuchte ſie es wohl mit Liebe und ern⸗ ſten Ermahnungen; ſie wuſch die Kinder ſelber und hielt ſie zur Reinlichkeit an, ſie regelte ihre Arbeits⸗ und Spielſtunden und verwieß ihnen die zahlreichen Unarten und Neckereien. Wo ſie ſich aber den einge⸗ riſſenen Uebeln ernſthaft entgegenſtellte, liefen die Kinder zur Großmutter, klagten ihr ihre Noth, und bekamen von ihr Näſchereien, ſie zu tröſten und zu entſchädigen. Sabine erfuhr das und machte dem Gatten ernſt⸗ hafte Vorſtellungen darüber. Olbers hatte aber ſo viel mit ſeinen Geſchäften zu thun und dabei eine ſo durch lange Jahre eingewurzelte Scheu vor ſeiner 342 Schwiegermutter, beſonders in allen die Kinder betref⸗ fenden Fällen, daß er ſich jeder perſönlichen Einwir⸗ kung auf das Aengſtlichſte entzog und Sabinen das ſchwere Werk allein überließ. Und wäre es ihr nur allein überlaſſen worden, ſie hütte ſich der Aufgabe nicht geſcheut; aber Andere ar⸗ beiteten zu gleicher Zeit daran, das, was ſie nützte, mit geſchäftigen Händen zu zerſtören, und mit Gram und bitterem Leid ſah ſie, wie ſich die Herzen der Kleinen trotz ihrer Liebe und Aufopferung mehr und mehr von ihr abwandten., 8 Nicht allein die Großmutter, nein, auch die frühere Wirthſchaftsmamſell, wie geſ chäftige und müßige Nach⸗ barsleute, ſäeten dabei giftige Körner in den Acker, den ſie mit ihrem eigenen Herzblut düngte. Verwieß ſie den Kindern ihre Unarten, oder war ſie genöthigt, ſie zu ſtrafen, ſo ſchrien Alle, die vorgaben es gut mit den Kindern zu meinen:„Ja, die Stiefmutter! Jetzt ſtreckt ſie die Fänge heraus, nun ſie feſten Fuß gefaßt hat— jetzt können die armen verlaſſenen Würmer ſehen, wie es ihnen geht, und zu ihrer ſeligen Mutter beten, daß ſie ſie zu ſich nimmt.“ Und ſah ſie leichtere Fehler nach, hoffte ſie, müde des Strafens, durch Geduld und freundliche Warnung die Kinder zum Beſſern zu füh⸗ ren, hieß es eben wieder auch:„Ja, die Stiefmutter!— 242 945 wären es ihre eigenen Kinder, würde ſie ihnen das nicht hingehen laſſen. Was liegt ihr aber daran, wie die aufwachſen und was einmal aus ihnen wird— es ſind ja doch nur ihre Stiefkinder— die armen Würmer!“ Wohin die Kinder kamen, wurden ſie gehätſchelt, bedauert und— ausgefragt, nach Allem was im Hauſe vorging und wie ſich die Stiefmutter gegen ſie be⸗ nähme. Die Menſchen ſind ja nur zu ſehr geneigt, Böſes von einander zu glauben und zu reden, und den Kinderherzen prägt ſich das in unverwiſchbaren Zügen ein. Was die Mutter auch zu Hauſe that, ſich ihre Liebe zu gewinnen, ohne ihnen ſelber dabei zu ſchaden, andere Leute, die ihnen ſchmeichelten und ihnen Näſche⸗ reien gaben,„ſie für die Entbehrungen im Hauſe zu tröſten,“ beſtätigten ſie in dem Glauben, daß ſie ſchlecht behandelt würden, und die Kluft, die ſich zwiſchen Kin⸗ dern und Mutter geöffnet hatte, riß weiter und weiter. In dieſe Zeit fiel es, daß Lisbeth an einem Schar⸗ lachfieber erkrankte, das wenige Tage ſpäter auch den Bruder ergriff und auf ſein Lager warf. Sabine pflegte die Kinder mit Aufopferung aller ihrer Kräfte. Die Krankheit trat aber beſonders bei dem Knaben ſo bösartig und hartnäckig auf, daß jede Sorgfalt der Aerzte, jede Pflege der Mutter nutzlos blieb. Während 8 344 in Sabinens Armen der Knabe ſtarb, lag Lisbeth in Fieberphantaſien in ihrem Bettchen und rief nach ihrer rechten Mutter, denn ihre Stiefmutter hätte ihr Gift gegeben und wolle ſie jetzt erwürgen. Sabine ertrug Alles; das Herz hätte ihr bei den Anklagen, die von den bewußtloſen Lippen des Kindes ſtrömten, brechen mögen, aber ſie wankte nicht in ihrer Pflicht und wachte Tag und Nacht an dem Lager der Fieberkranken, bis dieſe die ſchwere Kriſis überſtanden hatte und wieder zur Beſinnung kam. Was aber dem Geiſt des Kindes in wirren Träu⸗ men vorgeſchwebt, lag ihm in dunklen Bildern auch noch auf der wachenden Seele, und kaum erkannte ſie die Stiefmutter an ihrem Lager, als ſie laut aufſchrie, die nach ihr ausgeſtreckte Hand von ſich ſtieß und ſie von ihrem Bette wehrte. Keine Bitte, keine Vorſtel⸗ lung half dabei, ſie beruhigte ſich nicht eher wieder, bis die Großmutter ſelber kam ſie zu pflegen, und als ſie ſich endlich wieder erholte und den Tod des Bruders erfuhr, jammerte und weinte ſie und klagte die Stief⸗ mutter an, die ihn mit ihren Tränken vergiftet habe. Es war eine trübe, ſchwere Zeit im Haus, und die arme Frau litt am Meiſten dabei. Sie hatte Nieman⸗ den, der ſie verſtand, Niemand, der ſie in dem ſchweren unternommenen Werk unterſtützt hätte, und ſo ſehr ſie 88 ſich auch Gewalt anthat, dem Gatten nicht merken zu laſſen, wie unglücklich ſie der Widerwille mache, den das Kind zu ihr gefaßt, und ſo wenig Olbers auch ſonſt Augen für das hatte, was in ſeinem eigenen Hauſe vorging, konnte es ihm doch endlich nicht länger ver⸗ borgen bleiben. Das bleiche abgehärmte Ausſehen der Frau fiel ihm zuerſt auf, und als er auf ſeine Fragen im Anfang ausweichende Antworten erhielt und zuletzt die Frau ihm mit Thränen im Auge, den wahren Sachverhalt geſtand— wie ſie Alles thäte was in ihren Kräften ſtände, ſich die Liebe der Tochter zu er⸗ werben, aber nur mehr und mehr von ihr gehaßt werde, faßte er zu ſpät den Entſchluß, da ſelber einzuſchreiten. Der früheren Wirthſchaftsmamſell, in der Sabine mit Recht ihre gefährlichſte Gegnerin fürchtete, wurde das Haus verboten, und Lisbeth, die doch jetzt alt ge⸗ nug geworden war, den Unterſchied zwiſchen einer gu⸗ ten und böſen Stiefmutter machen zu können, nahm er ernſthaft vor, ſchilderte ihr die Sorge, die ihre jetzige Mutter mit ihr gehabt, den Gram, den ſie leide, ſich des Kindes Herz nicht gewinnen zu können, und for⸗ derte Lisbeth auf, ihm zu ſagen, was ſie gegen die Stiefmutter habe— was ſie gethan, was unterlaſſen, daß ſie ihr nicht die gebührende Achtung und Liebe erweiſe.— Lieber Gott, was helfen Worte einem Ge⸗ —346 fühl, einem Vorurtheil gegenüber, daß ſchon ſo feſt und unvertilgbar in dem Herzen des Kindes ſeine giftigen Wurzeln geſchlagen. Einen Grund vermochte Lisbeth auch nicht anzugeben, denn die Märchen und Geſchich⸗ ten zu nennen, die ſie über Stiefmütter geleſen, ſchämte ſie ſich; verſprach auch, ſich zu ändern und der Mutter in Allem zu folgen, was ſie ihr befehlen würde. Da⸗ bei blieb es aber; im Anfang that ſie ſich Zwang an, den Vater nicht zu kränken, denn in allen anderen Stücken war Lisbeth ein gutes, braves Mädchen, den Widerwillen gegen die Stiefmutter vermochte ſie jedoch nicht zu unterdrücken. Selbſt mit den Jahren milderte ſich das nicht, ja wuchs eher und wurde ſchlimmer und bösartiger. In jedem Befehl der Mutter ſah die Tochter irgend eine Kränkung, die ihr, dem fremden Kinde, angethan wurde, und ſo ungern Sabine ſich dazu verſtand, blieb ihr zuletzt doch nichts Anderes übrig, als den Bitten des Gatten nachzugeben und die Stieftochter, die ſich nun einmal nicht wohl und glücklich bei ihr fühlte, in ein entferntes Penſionat zu thun. Es war ihr ein unend⸗ lich ſchmerzliches Gefühl, ihrethalben das Kind vom Vater zu trennen, aber ſie ſah auch endlich ein, daß es das einzige, letzte Mittel blieb, den ſchon längſt verlo⸗ renen Hausfrieden wieder zu gewinnen. Das Geſchrei, das die Nachbarn darüber erhoben, läßt ſich denken. Die Stiefmutter hatte natürlich, ihrer Auslegung nach, das rechte Kind aus dem Hauſe geſtoßen, das Herz des Vaters ihm zu entfremden und deſſen Liebe allein dem eigenen jetzt erwarteten Kinde zuzuwenden. Die Großmutter widerſetzte ſich auch im Anfang mit allem Einfluß der Maßregel, die ſie allein von der Frau ausgehend glaubte. Olbers blieb aber zum erſten Mal feſt in ſeinem Entſchluß, und Lisbeth ſelber jauchzte der Stunde entgegen, die ſie aus der Nähe der verhaßten Frau brachte und einem, wie ſie glaubte, freierem Leben entgegenführte. 4 Sabine hoffte dabei, daß Lisbeth, entfernt v von ihr und dem Einfluß entzogen, den bösgeſinnte Men⸗ ſchen hier auf ſie ausübten, ihre Ungerechtigkeit gegen ſie mit der Zeit einſehen würde. Alte, mit der Mut⸗ termilch eingeſogene Vorurtheile ſind aber ſchwer zu beſeitigen, und Lisbeth nährte eher den Haß in der Fremde als daß ſie ihn vergaß. Sechs Monate war ſie vom Haus jetzt entfernt, und dachte ſchon daran, den Vater wenigſtens in der nächſten Zeit einmal zu beſuchen und ihre Großmutter wieder zu ſehen, an der ſie mit ganzer Liebe hing, als ſie die Nachricht von zu Hauſe erhielt, daß ihre Stief⸗ mutter den Gatten vor einigen Tagen mit einem Töch⸗ 348 terchen beſchenkt habe. Das Kind, ſetzte der Vater hinzu, befinde ſich wohl, die Mutter ſei aber noch ſehr . angegriffen und ſchwach, und hätte ihm nur viele und herzliche Grüße an ſie aufgetragen. Lisbeth knitterte den Brief zuſammen, ſchleuderte ihn in die Ecke und öffnete einen zweiten, den ſie gleich⸗ zeitig von ihrer früheren„Erzieherin,“ der„Tante Louiſe,“ erhalten hatte. Dieſe meldete ihr ebenfalls die Geburt der Stiefſchweſter, aber mit hämiſchen Beibemerkungen,„wie jetzt des Lebens im Hauſe kein Ende ſein, und das rechte Kind, erſt verſtoßen, nun auch wohl bald vergeſſen werden würde.„Der kleine Wurm ſei der wirkliche Abgott im Hauſe geworden und werde förmlich angebetet.“ „Ich wollte zu Gott, der Balg ſtürbe,“ murmelte Lisbeth zwiſchen den feſt zuſammengebiſſenen Zähnen durch, und eine bittere Thräne des Unmuths und Haſ⸗ ſes füllte ihre ſonſt ſo klaren Augen. Hatte ſie vorher ihre Stiefmutter gehaßt, ſo war dies böſe Gefühl durch die Geburt des Kindes womöglich noch geſteigert wor⸗ den, und fand nur neue Nahrung in dem Daſein des kleinen unſchuldigen Weſens. So vergingen mehrere Wochen. Lisbeth hatte in der Zeit keine weitere Nachricht von zu Hauſe erhalten, als plötzlich ein Brief eintraf, der ihr den raſch erfolg⸗ ten Tod des Kindes meldete. Die Nachricht traf ſie wie ein Donnerſchlag, und von regem Geiſt wie ſie war, ſtieg in ihr jählings der furchtbare Gedanke auf, daß dieſer Tod ihrem frevlen Wunſch gefolgt und ſie die Urſache ſei. Ein heftiger Weinkrampf überfiel ſie, der noch am nämlichen Abend in ein hitziges lebensge⸗ ſihnneles Fieber ausartete und ſie M onate lang a ihr Lager feſſelte. Ihr Vater kam in der ner, ſie zu beſuchen, und zum erſten Mal ver⸗ langte ſie nach ihrer Stiefmutter. Sabine lag aber felber, durch den Tod des Kindes furchtbar er⸗ ſchüttert und angegriffen, auf dem Krankenbett und konnte nicht zu ihr eilen, und einſam, von fremden Leuten gepflegt, verbrachte Lisbeth die lange trau⸗ rige Zeit. Ihre jugendlich kräftige Natur erholte ſich endlich wieder, aber das nicht allein, nein, mit der Krankheit hatte ſie auch noch einen anderen, ſchlimmeren Feind abgeſchüttelt, der ſie und Andere bis dahin elend, un⸗ glücklich gemacht. Es war das Vorurtheil gegen die Stiefmutter, das bis jetzt ihr ſonſt gutes Herz umnach⸗ tet gehalten. Noch nie hatte ihr Sabine n böjes. wenigſtens ein ungerechtes Wort geſagt, noch Anderes ihr wie Liebes und Gutes, mit einer en 3 geduld erwieſen, und wie hatte ſie ſelber ihr nun das 350 gedankt?— Alles, Alles war vergebens, und Liebe und Aufopferung an ſie verſchwendet geweſen, nur des Phantoms wegen, das in ihr die Stiefmutter ge⸗ ſehen, und die Augen hätte ſie ſich jetzt aus dem Kopf weinen mögen, wenn ſie daran zurückdachte, was ſie gethan und wie ſie ſich betragen. Andere Menſchen trugen wohl mit ihr große Schuld, und hatten, viel⸗ leicht aus Unwiſſenheit, den böſen Samen noch gepflegt und genährt, den ſie mit der Wurzel hätten ausreißen und vernichten ſollen. Aber ſie ſelber machte ſich doch die bitterſten Vorwürfe: mit Abſicht blind gegen Alles geweſen zu ſein, was ihr die Stiefmutter Gutes gethan und womit ſie geſtrebt, ſich ihre Liebe zu erwerben. Sie ſehnte ſich danach, das endlich zu ſühnen, endlich ihr Alles, Alles zu geſtehen und— wenn das möglich ſei— ihre Ver⸗ zeihung zu erlangen. Dieſe Sehnſucht gab ihr Kräfte und beſchleu⸗ nigte ihre Geneſung, und noch ehe der Arzt ihr volle Erlaubniß ertheilt, das Krankenzimmer ver⸗ laſſen zu dürfen und eine Reiſe zu unternehmen, flog ſie mit dem Bahnzug ihrer Heimath wie⸗ der zu. Eine eigene Angſt überkam ſie, als ihr Wagen vor dem väterlichen Hauſe hielt und Niemand herbeieilte, ſie zu bewillkommnen. Todtenſtille herrſchte im Haus, und nur ein paar fremde Frauen kreuzten mit heimli⸗ cher Geſchäftigkeit die Hausflur und nahmen nicht die geringſte Notiz von ihr. Sie eilte die Treppe hinauf, die zu den Zimmern der Stiefmutter führte und be⸗ gegnete hier dem Arzt. Dieſer, der ſie erkannte, bat ſie, ſich zu faſſen, und verkündete ihr dabei mit dürren Worten, daß ihre Stiefmutter den heutigen Tag nicht. überleben würde.“ Die Frau ſchwieg hier und holte tief Athem. Es war faſt als ob ſie ſich Gewalt anthue, den Antheil nicht zu verrathen, den ſie ſelbſt an der Erzählung nähme, die Tochter aber wagte nicht, ſie zu unter⸗ brechen oder zu ſtören, und nach einigen Minuten fuhr jene mit kaum hörbarer, tiefbewegter Stimme langſam fort: 3 „Lisbeth ſtand eine ganze Zeit lang wie in den Bo⸗ den gewurzelt, und in Schmerz, Reue und Furcht drohten ihr faſt die Glieder den Dienſt zu verſagen. Sie kam auch wirklich erſt wieder zu ſich, als ihr Va⸗ ter ſelber die Thür öffnete, die Tochter erkennend, das liebe Kind in ſeine Arme ſchloß und es dann leiſe und zögernd, mit flüſternder Bitte, der Kranken nur ein einziges freundliches Wort zu ſagen, zum Bett derſelben führte. Da brach das Eis, das bis dahin Lisbeth's ſtarres Herz umſchloſſen, da mit aufquellenden Thränen und von innerer Rührung faſt erſtickter Stimme, warf ſie ſich am Bett der Kranken nieder, und dieſe mit ihren Armen umſchlingend, rief ſie: „Mutter— liebe, liebe Mutter— kannſt Du mir verzeihen?“ „Mein Kind— mein liebes Kind— o, Gott ſei ewig geprieſen und gelobt,“ rief die Kranke. Sie ſchlang die Arme dabei feſt um Lisbeth's Nacken und zogrſie zu ſich nieder, ihrem Kuß begegnend. Aber ihre Arme wurden ſchwer— ihr Kopf bog ſich zurück— ihre Lippen erkalteten— das treue Herz hörte auf zu ſchlagen und ich— hielt eine Leiche in meinen Armen.“ „Du, Mama?“ rief Sabine überraſcht. „Ich war jene Lisbeth,“ flüſterte die Mutter, langſam und traurig, dazu mit dem Kopfe nickend— „ich war jenes leichtſinnige, thörichte Geſchöpf, das das Herz der beſten Frau mit brechen half, und jetzt ſeine ganze Lebenszeit kaum für hinreichend hält, durch Warnung Anderer den Schaden wieder gut zu machen. Ja, mein Herz, wohl manche Frau mag es geben, die gegen ihrer Sorgfalt anvertraute Stiefkinder nicht die Liebe zeigt, die ſie zeigen ſollte, ſie hier und da auch 353 ſchlecht und bös behandelt— es giebt in allen Lebens⸗ fällen böſe Menſchen. Aber unrecht, entſetzlich unrecht handeln wir, wenn wir durch raſche Worte oder mehr noch durch eine ſyſtematiſche Verbreitung dieſes Vor⸗ urtheils in der Kinderwelt, den armen Frauen, die ihr Geſchick einmal in dieſe Stellung führte, die Ausübung ihrer Pflicht ſo arg erſchweren, ja, oft von vornherein unmöglich machen. Du, mein Kind, biſt nach einer der beſten Frauen genannt, die je gelebt, nach meiner Stiefmutter, und ihret⸗, ja meinetwegen bitte ich Dich, nicht allein Dein altes Vorurtheil zu vergeſſen, nein, auch bei Andern zu bekämpfen. Verſprichſt Du mir das, und willſt Du auch Sabinens Schatten mir ver⸗ ſöhnen helfen?“ „Du liebe, gute Mutter,“ rief, innig gerührt, die Tochter und warf ſich an der Mutter Bruſt— „wie haſt Du mich beſchämt, daß ich ſo ungerecht. geweſen.“ „Du biſt nicht ſchlimmer als alle Andere, liebes Kind,“ ſagte die Muttter, ihre Stirn küſſend—„ich wollte nur, Du ſollteſt beſſer ſein.“ „und darf ich Adelen Deine Geſchichte erzählen?“ rief das junge Mädchen, ſich plötzlich mit leuchtenden Augen emporrichtend. „Wenn Du willſt, mein Kind,“ lächelte die Mut⸗ Gerſtäcker, Hell und Dunkel. I. 23 354 ter durch ein paar klare Thränen hin, die die Erinne⸗ rung ihr in's Auge getrieben—„denn wenn nur einer armen Mutter Herz durch die Erzählung un⸗ verdienter Sorge, ungerechter Klage ledig wird, ſo hat ſie ihren ſchönſten Zweck erreicht.“ Calitorniarher Mliethewang. Am Magualome, in den ſogenannten ſüdlichen Minen Californiens, deſſen Schluchten den Gold⸗ ſuchern gar reiche Ausbeute geliefert, trieb ſich auch in einem kleinen Minenſtädtchen ein Irländer, Peter Me. Carty, eine Zeitlang umher. In ein paar reiche Stellen war er dabei förmlich hineingefallen(in eine in der wahren Bedeutung des Wortes) und das Gold, ſobald er es nur erſt einmal ausgewaſchen und trocken im Beutel hatte, lößte er ungeſäumt theils wieder in Whisky und Brandy auf, oder trug es auch in die amerikaniſchen und ſpaniſchen Spielzelte, wo ihn die ſchurkiſchen Spieler noch ſchneller als er es hätte ver⸗ trinken können, um ſein leicht verdientes Metall wieder betrogen. War er dann fertig, ſo trieb er ſich eine Zeitlang ſeinen Freunden zur Laſt und den Trinkſtän⸗ den, die ihm jetzt borgen mußten, zum Aerger, zwiſchen den Hütten und Zelten herum, wählte ſich eines zur Schlafſtätte und ſuchte ſich durch kleines Spiel mit ein paar geborgten Dollaren wieder aufzuhelfen. Das trieb er auch ſo lange, bis er fand, daß ihm endlich Niemand mehr etwas borgen wollte, und er richtig gezwungen wurde Spaten und Spitzhacke wieder in die Hand zu nehmen. Peter Mc. Carty war das wahre Muſterbild eines richtigen Irländers, das fünf Fuß zehn Zoll in ſeinen Schuhen ſtand, mit fuchsrothem lockigen Haar, und lichter Haut, das Geſicht leicht aber nicht gerade un⸗ angenehm mit Blatternarben gezeichnet, die breiten kräftigen Hände dicht, bis auf den halben Arm hinauf, und ebenſo den obern Theil des ſonngebrannten Nackens mit großen hellgelben Sommerſproſſen be⸗ deckt. Die lichtblauen Augen ſchauten dabei, wenn er nicht gerade zu viel des unvermeidlichen Whisky ein⸗ geladen, keck und fröhlich in die Welt hinein, und ſein guter fröhlicher Muth, mit dem den Söhnen der „grünen Inſel“ ſo eigenen drolligen Humor, hätte ihn auch wohl ſchwere Schläge des Schickſals ſorglos er⸗ tragen laſſen, wie viel mehr denn jetzt ein Leben, wie er es in ſeinen kühnſten Träumen kaum als möglich gedacht. Mit dem Motto„wenig zu thun und viel Whisky“ ſchlenderte er durch das Leben, das für ihn nur ein Roſenteppich, die Dornen alle nach unten gekehrt, war, und es wurde zuletzt zum Sprich⸗ wort, daß es am ganzen Magualome keinen lieder⸗ licheren, aber auch keinen fideleren Burſchen gäbe, als Peter Mc. Carty. Peter befand ſich übrigens diesmal wieder auf einer„Zwiſchenſtation“, wie er's ſelber nannte, oder in„slack water“*) wie ein paar dort mitarbeitende Matroſen ſolcher Periode nicht unpaſſend den Namen geben, d. h. er hatte ſeinen Claim, oder den Platz den er in Beſchlag genommen, vollſtändig ausgearbeitet, und das daraus gewonnene Gold ſchon ſeit etwa vier⸗ zehn Tagen ſo durchaus verzehrt, daß ihm die trader oder die Handelsleute in Magualomehill, ſchon nicht mehr gern borgen wollten und ſelbſt der Wirth des einen Zeltes, in dem er feinen Wohnſitz aufgeſchlagen — und wo er auch in der That den größten Theil ſeines ausgewaſchenen Goldes verzehrt— es endlich ſatt bekam den faſt nie nüchternen und dann auch manchmal ſtreitſüchtigen Geſellen bei ſich zu beher⸗ bergen. Sein Wirth war ein Franzoſe und mochte den fidelen Burſchen eigentlich gern, hatte auch aus ihm ſchon herausgeſchraubt, was nur herauszubekommen 8 *) Slack water iſt die Zwiſchenzeit zwiſchen Ebbe und Fluth, wo das Waſſer vollkommen ſtill ſteht und nicht die mindeſte Strömung zeigt. 360 war und dafür vielleicht mehr Geduld mit ihm ſpäter gehabt, als mancher Andere in Californien, dem Land des Augenblicks, gehabt haben würde. Endlich aber bekam er die Sache doch ſatt, und kündete dem faſt ſtets trunkenen Iren die Wohnung. Dieſer erklärte jedoch trotzdem bei ihm bleiben und ſeine Kundſchaft zuwenden zu wollen, und dem Franzoſen blieb zuletzt nichts anderes übrig, als ihm ſeine wollene Decke und ſein Handwerkszeug vor das Zelt zu legen und ganz ernſthaft die Rückkehr zu verbieten. Peter ſah dabei wohl ein, daß mit Gewalt nichts weiter auszurichten ſei, denn der Franzoſe hätte das Recht gehabt, ſich mit jeder Waffe alle die aus dem Zelt zu halten, denen er den Eintritt einmal verboten. Dem mochte ſich Mr. Mc. Carty, wie er ſich gewöhnlich ſelher gerne nannte, nicht ausſetzen. Glücklicher Weiſe war er auch an dem Abend, ein wirklich außergewöhnlicher Fall, noch ziemlich nüch⸗ tern, wer weiß, ob er ſich ſonſt doch dem Befehl des vollkommen in ſeinem Rechte ſtehenden Franzoſen ge⸗ fügt hätte. So aber blieb er ein paar Minuten in tiefen Gedanken, ſeine wieder aufgegriffene Decke unter dem linken Arm und Spaten und Spitzhacke in der Rechten, vor dem Zelte ſtehen, drehte ſich dann auf dem rechten ſchiefgetretenen Abſatz— der ſchiefe rechte 361 Abſatz iſt das ſichere Zeichen eines Miners— herum, ging ein paar Schritt und blieb wieder halten. „Hallo Monſiehr,“ rief er jetzt, ſich halb zu dem noch in dem Eingang des Zeltes ſtehenden Franzoſen herumdrehend,„bekomm' ich noch ein Glas Brandy 2 — hol' Euch der Teufel, Ihr werdet doch einen Chriſtenmenſchen nicht ohne einen Schluck vom ächten Stoff in Nacht und Nebel hinausjagen?“ „Ein ganzes Glas voll, Peter,“ rief dieſer erfreut, ſo billig abgekommen zu ſein,„ein ganzes Glas, bis zum Rand voll und noch dazu, ohne ihn mit auf die Rechnung zu ſetzen, denn borgen thue ich Dir kei⸗ nes Centes werth mehr, bis Du wieder arbeiteſt, Kamerad.“. „Never mind work now, partner,“*) lachte Me. Carty,„rückt lieber mit dem Stoff heraus; heut' Abend iſt's doch zu ſpät noch in den Gulch zu gehen; man könnte die Klumpen nicht mehr finden.“ Der Franzoſe, der dem Iren übrigens jede Liſt zu⸗ traute, verließ den Zelteingang nicht, ſondern ließ ſich von einem Andern ein Glas Brandy einſchenken, und reichte es dem Iren hinaus. Dieſer lehrte es auf einen Zug, gab ſeine Zufriedenheit mit einem Schnalzen *) Wollen jetzt nicht von Arbeit reden, Kamerad. 362 der Lippen kund und wandte ſich dann mit einem kurzen Dank zum Gehen. „Nun gute Nacht Peter,“ rief ihm Boſſin, der Franzoſe, nach, der wenigſtens in Frieden und Freund⸗ ſchaft von dem Burſchen ſcheiden wollte,„halt Dich tapfer und gieb das liederliche Leben auf und wir können noch manches Glas mitſammen trinken.“ „Gute Nacht?“ ſagte Peter, der ſeine Decke und Handwerkszeug etwa zehn Schritte vor dem Zeltein⸗ gang niederwarf, den Hut daneben auf den Boden legte und Anſtalt machte, als ob er da die Nacht zu⸗ bringen wollte,„gute Nacht, Johnny? heh? ei wir können noch eine ganze Weile miteinander plaudern, denn ich bin ſchon wieder eingezogen und ſehe nicht ein, weshalb wir nicht gute Nachbarſchaft halten ſollen.“. „Eingezogen Peter?“ rief der Franzoſe, durch die faſt unmittelbare Nähe ſeines bisherigen Zeltgenoſſen keineswegs angenehm überraſcht,„Du willſt doch nicht hier draußen mitten auf dem kühlen Boden und unter freiem Himmel liegen bleiben?“ „Nun und warum nicht? habt Ihr nicht ſelber meiner Mutter Sohn den Stuhl vor die Thür ge⸗ ſetzt?— überdies iſt Mondſchein und kein Wölkchen am Himmel.“ 363 „Aber ſo nah hier am Zelt, Peter, Du mußt doch Raum laſſen, daß die Leute hinaus und herein können — das geht ja gar nicht, die Straße muß frei bleiben.“ „Geht nicht?— da wär' ich neugierig,“ brummte der Ire,„die Straße da drüben iſt frei, und hier kann ein ganzer Laſtwagen zwiſchen mir und dem Zelte durch, vielweniger denn ein Betrunkener, und was die Taumelnden angeht, ſo haltet Ihr Euch nur Eure Hälfte vom Leibe, ich will mit meiner hier ſchon fertig werden. Gebt mir einmal ein paar Kohlen heraus, daß ich mir ein Lagerfeuer anmache.“ „Feuer willſt Du Dir auch hier draußen anmachen, Peter?“ „Nun ich werde doch nicht ſollen ohne ein gutes Nachtfeuer im Freien lagern?“ „Wenn nun das Zelt anbrennt?“ „Zelt? ich habe ja keins— „Mein Zelt hier, mein' ich—“ „Euer?— was geht mich Euer Zelt an. Jeder ſieht zu, daß er ſelber nicht zu Schaden kommt,— ſchafft mir ein paar Kohlen heraus.“— „Ach Unſinn, Peter, Du willſt mich jetzt blos ärgern, daß ich Dich wieder herein rufen ſoll, alter Junge, aber da haſt Du vorbeigeſchoſſen; der Plan war ein klein wenig zu plump angelegt— Du ſollſt Feuer haben.“ „Nun ja, weiter will ich ja auch gar Nichts, Sirrah, knurrte der Ire,„und wieder in Euer Zelt kommen? — hol Euch der Böſe, nicht anders wie unter gewiſſen Bedingungen.“ „Hehehehe—“ lachte der Franzoſe,„und die wären?“ „Davon ſprechen wir ein ander Mal“, ſagte der Ire trocken,„aber bekomme ich Kohlen oder nicht? wenn Ihr mir keine gebt, hat der Nachbar welche.“ „Nu, nu, Kamerad, nur nicht ungeduldig, Du haſt doch hier wahrhaftig nichts zu verſäumen,“ lachte der Franzoſe,„aber wo willſt Du Brennmaterial herbe⸗ kommen?— von mir nicht, denn ich habe ſelber kaum genug morgen früh Kaffee damit zu kochen, und muß mir erſt morgen wieder Reiſig holen laſſen.“ „Das iſt meine Sorge,“ erwiderte Peter ziemlich kaltblütig und als er gleich darauf eine Schaufel voll Kohlen aus dem Kaminofen des Franzoſen auf den von ihm bezeichneten Platz hingeſchüttet bekommen hatte, ſuchte er ſich, ſo gut das gehen wollte, ein paar ſpärlich genug dort herumliegende Reiſer zuſammen, blies ſich ein Feuer an und legte dann, als das brannte, was er an hinausgeworfenen Knochen, Stücken 365 Leder, Klauen ec. finden konnte, oben darauf, daß bald darauf ein dicker Qualm aufſtieg und das Zelt des Franzoſen umhüllte. Dieſer hatte ſich indeſſen ſchon zurückgezogen, ſeine Zeltthür zugebunden und Anſtalt gemacht ſein Lager zu ſuchen, als er den ſcheußlichen Geſtank roch, der von draußen aus all' den verbrannten Haut⸗ und Knochenſtücken zu ihm herein wehte. „Was zum Teufel iſt denn das?“ rief er, dorthin riechend woher der furchtbare Duft herüberquoll,„na das hat mir noch gefehlt; Peter, zum Henker, was machſt Du denn da draußen, Du feuerſt wohl mit alten Schuhſohlen?“ „Ich glaube es ſind ein Paar dabei— eine weiß ich gewiß“ ſagte der Ire ruhig, der ſich indeſſen ſeine Decke ausgebreitet und ſein Handwerkszeug, mit einem alten Rock darüber, zum Kopfkiſſen hergerichtet hatte. „Du biſt wohl des Teufels, daß Du das Zeug verbrennſt?“ rief der Franzoſe halb ärgerlich,„die ganze Nachbarſchaft muß ja erſticken.“ „'S iſt der Mosquito's wegen“, meinte der Ire, mit unerſchütterlicher Ruhe,„nun aber laßt mich zu⸗ frieden, denn ich will ſchlafen, und fühle mich zu keiner Converſation mehr aufgelegt.“ „Nein mein Junge, damit zwingſt Du mich nicht,“ 366 lachte der Franzoſe jetzt, der ſeinen Plan zu durch⸗ ſchauen glaubte,„meinetwegen kannſt Du ruhig da draußen liegen und Leder brennen, mich ſtörſt Du nicht, und herein in's Zelt ruf' ich Dich deshalb auch nicht wieder.“ „Segne Eure Seele Mann, Ihr müßtet mir noch manch gutes Wort geben, ehe ich Eure Schwelle wie⸗ der übertrete— ſchlaft und laßt mich zufrieden“ und ſich damit auf die Seite werfend, ſchien er in wenigen Minuten eingeſchlafen. Er ſprach wenigſtens kein Wort mehr und das Feuer mit ſeinem furchtbaren Qualm brannte nieder und verlöſchte endlich. Damit aber war die Sache keineswegs abgethan. Als Peter am andern Morgen aufſtand und ſeinen Kaffee kochte, ſchien er ſich die Ueberbleibſel alter Schuhe und Kleidungsſtücke, Knochen und Sehnen, Federn, Haare oder was er ſonſt dort derartiges finden konnte, förmlich auszuſuchen, und auf ſein kleines Feuer zu häufen, das denn auch mehr Qualm und Geſtank machte, als alle Feuer zuſammengenommen, im ganzen Lager. So verging ein, ſo vergingen mehrere Tage; Pe⸗ ter's Landsleute, die ſeine Liſt durchſchauten, jubelten darüber und halfen ihm treulich ſie durchzuführen. Sie gingen, wenn das Feuer draußen am ſchönſten 2 367 qualmte, in das Zelt des Franzoſen und beſtellten ſich Brandy oder Wein, ja ſelbſt Champagner, und wenn der Wirth mit dem Verlangten ankam, ſtanden ſie auf, erklärten, es in dem Geruch nicht aushalten zu können, und verließen den Platz wieder, ohne für einen Gran Gold verzehrt zu haben. Boſſin hielt dies wohl eine volle Woche aus und hoffte immer, daß einmal ein tüchtiger Regenſchauer den hartnäckigen Burſchen dazu treiben werde ſeinen Lagerplatz zu verändern. Außerdem mußte er ja auch— faſt Alles an Leder und Knochen aufgebrannt haben, was ſich dort in der Nähe fand. Aber es regnete nicht, denn der Himmel iſt dort in den Bergen faſt Dden ganzen Sommer durch blau, und Peter, wenn er duch weiter nichts arbeitete, machte ſich doch ein Ver⸗ gnügen daraus, ferneres Material zu ſeinen Opera⸗ tionen ſelbſt von den entlegenſten Theilen des Lagers eigenhändig herbeizutragen, und das alſo genährte Feuer verlöſchte nicht mehr. Der Franzoſe hielt es endlich nicht länger aus, und immer noch in der Hoffnung, daß Peter doch bald wieder anfangen würde zu arbeiten, ging er zu ihm, nannte ihn lachend einen durchtriebenen Burſchen, und— bot ihm an, nun wieder unter ſeinem Zelte zu ſchlafen, wodurch das Feuer dann von ſelber wegfiele. Peter aber weigerte ſich. Er wollte mit keinem Menſchen verkehren, am wenigſten aber unter eines Mannes Leinwand ſchlafen, der ihm nicht, was er an Brandy oder Whisky brauchte— und er brauchte viel— creditirte. Darauf konnte und wollte Boſſin nicht eingehen und die Verhandlungen wurden wieder abgebrochen. Boſſin's Zelt ſtand aber leer, ſeine Gäſte ſah er hinaus geräuchert, und nach einem anderen, total mißlungenen Verſuche, den hartnäckigen Iren unter einer anderen Bedingung als Creditbewilligung, ſeine Belagerung aufgeben zu machen, brachte er ihm ſelber endlich ein Glas Brandy, ſtatt Unterzeichnung eines weiteren Vertrags, vor das Zelt, denn Peter wäre vorher keinen Zollbreit gewichen, und von da an hat⸗ ten alte Schuhe und Knochen wieder Ruhe auf Ma⸗ gualome Hill. Peter Mc. Carthy war aber nicht der Mann ſic lange umſonſt füttern zu laſſen; ſein„slack water“ lief aus. Wie er ſeinen Kopf erſt einmal durchgeſetzt, griff er eines Morgens Spaten und Hacke auf, und gehörte von da an mit zu den fleißigſten des ganzen Lagers. Auch ſein Glück verließ ihn nicht und vierzehn Tage ſpäter waren nicht allein all ſeine Schulden be⸗ zahlt, ſondern er hatte ſchon wieder einen Vorrath auf⸗ gelegt, um eine neue Zwiſchenſtation machen zu können. Mie neue Geisterwelt. Gerſtäcker, Hell und Dunkel. I. 24 Beim Maurermeiſter Brummhuber war Geſell⸗ ſchaft geweſen und es verſtand ſich von ſelbſt, daß die Tiſche, als ſie ſonſt ihre Dienſte geleiſtet, ſich drehen mußten, um ebenfalls etwas mit zur Unterhaltung bei⸗ zutragen. Die Verſuche mit den eben auftauchenden Klopfgeiſtern gelangen dabei ſo vollkommen, daß ein Theil der Geſellſchaft, je mehr die Tiſche mit ihren Beinen klopften, deſto mehr mit den Köpfen ſchüttelte und ein anderer Theil, vor Staunen und innerem Grauſen ſtarr, wirklich nicht wußte, was er ſagen und denken ſollte. Nur einige junge Leute, beſonders Anna, die Tochter vom Haus, die den ſchwerſten Tiſch blos zu berühren brauchte, um ihn ihrem Willen zu unter⸗ werfen, waren wirklich aktiv bei dem ganzen Verſuch geblieben, von dem alle Anderen bald als„ſtörende Kräfte“ zurücktreten mußten. Ein kleiner Spiegeltiſch und ein Nähtiſch ließen 24* 372 1 ſich aber ſelbſt nicht durch ſie, in Gang bringen, während dagegen ein ſchmaler, ſehr elegant gearbeiteter Mahagoni⸗Theetiſch mit einer Säule und vier unten auslaufenden Füßen ihrer leiſeſten Berührung auf unbegreifliche Weiſe folgte. Die Aufregung der Geſellſchaft ſtieg dadurch zu einem immer höhern Grad. „Ich wollte, ich hätte jetzt den Geheimrath Nurn⸗ orden hier oben,“ rief der Maurermeiſter Brumm⸗ huber aus,„den könnten wir jetzt ſchön überführen mit ſeinem ewigen Schimpfen auf's Tiſchrücken— aber wo's Brei regnet, hat er gewiß keinen Löffel— jetzt könnt' er ſich überzeugen.“ Der Mann war ganz außer ſich, ſo hatten ihn die unerwarteten Erfolge gepackt und er ſchwelgte in einem förmlichen Meer von unheimlicher Wonne. Selbſt die Dienſtmädchen vergaßen faſt Küche und Aufwartung, ſich nur immer, wo ſich die mindeſte Gelegenheit bot, zur Thüre drängend, und Fanny, das Stubenmädchen, ein niedliches, blauäugiges Kind von ſiebzehn oder achtzehn Jahren, brannte ordentlich vor Verlangen mit Theil nehmen zu dürfen an dem wun⸗ derlichen Spiel, und ihre eigene Kraft an den Tiſch⸗ chen zu verſuchen. Aber das arme Mädchen durfte es nicht wagen, ſich zwiſchen die Honoratioren zu 373 drängen und nur verſtohlen durfte ſie zuſchauen und ſich mit hinanwünſchen an den Tiſch. Bis um elf Uhr etwa dauerte der Lärm, und wie die Leute endlich ſelber ermüdeten, ſchienen auch die Tiſche läſſig zu werden und die Fragen lau zu beant⸗ worten. Hie und da brach ſchon Einer oder der An⸗ dere der Gäſte nach Hauſe auf, und ein Mal begonnen, fanden bald Alle, daß es Zeit ſei zu Bette zu gehen. Eine Viertelſtunde ſpäter kam das Mädchen, das die Hausthüre hinter den Gäſten geſchloſſen, langſam die Treppe herauf.— Unten auf dem erſten Abſatz blieb ſie ſtehen, ſetzte das Licht auf den Eckſtänder und zählte die Zwei⸗ und Viergroſchenſtückchen, die ſie eben eingenommen, ſchob, vorſichtig nach oben ſehend, einen Theil in ihre Taſche, den Reſt mit den Uebrigen zu theilen, und verſchwand dann in der Küche, an die an⸗ ſchließend ſich ihr Zimmer befand. In dem großen, vor kaum einer halben Stunde noch ſo lebhaften Saale war es indeſſen gar ſtill und öde geworden. Unordentlich ſtanden noch die Tiſche und Stühle umher, wie ſie von den Gäſten verlaſſen worden— morgen früh mußte ja doch aufgeräumt werden, was ſollte ſich die Chriſtel da noch heute Abend bemühen.— Nur der Mond ſtahl ſich durch 6 die nachläſſig offen gelaſſenen Gardinen in den un⸗ heimlich öden Raum, und blitzte von der hellen Po⸗ litur des Theetiſches wider, und blinzte nach dem breiten Spiegel hinüber, der ihm gerade gegenüber, über dem Sopha hing.. „Ach,“ ſeufzte da eine leiſe feine Stimme, und ſie klang klar und deutlich durch den ganzen Saal. Wohl eine halbe Stunde hatte tiefes, auch durch keinen Laut unterbrochenes Schweigen auf dem düſtern Raum ge⸗ legen, und ſelbſt dieſer leiſe Seufzer ſchien ſich zu ſcheuen, den faſt unheimlichen Frieden zu ſtören. Nach allen vier Ecken ſtahl er ſich hinauf, einen heimlichen Schlupfwinkel zu finden und Niemanden ahnen zu laſſen, daß er es geweſen, der eben ſolch einen entſetz⸗ lichen Spektakel in dem Heiligthum vollführt. Alles war wieder ruhig geworden, und nur das regelmäßige Ticktack der großen Bronzeuhr und das leiſe Bohren eines Holzkäfers klangen durch die Nacht, und es war faſt als ob der Käfer nach dem Takt der Uhr ſeine Arbeit fortſetzte, ſo genau hielt er das Zeit⸗ maaß nach den ſcharfen abgemeſſenen Tönen. „Ach,“ tönte da noch ein Mal derſelbe Seufzer, lauter faſt als vorher, und der Ton kam augenſchein⸗ lich von dem ſchön polirten Theetiſch her, der noch, 375 wie ihn die Geſellſchaft verlaſſen, mitten in der Stube ſtand. „Na, was iſt denn das für ein Gewinſel da drüben,“ brummte da plötzlich eine etwas derbere Stimme von dem Secretair herüber,„ſoll man denn heute Nacht auch nicht einen Augenblick Ruhe haben? Gebt's jetzt einmal Frieden da unten.“ „Ach,“ ſeufzte es vom Tiſche aus wieder, dem Ge⸗ bot zum Trotz, und im Mondenſtrahl war es, als ob eine klare, wunderliche Geſtalt von kaum ſechs Zoll Höhe auf der Platte ſäße, und das lockige Köpfchen gar ſchwermüthig in die Hand geſtützt hielt. „Sie haben ganz recht, Herr Secretair,“ ſagte da die Chiffonniere,„das iſt jetzt gerade zum Politur ver⸗ lieren, was das ſeit den letzten ſechs Wochen hier für eine Wirthſchaft im Hauſe geworden“— auf der Chiffonniere wurde eine runde winzige Frauengeſtalt in einem braunen Röckchen mit gelben Knöpfen, die an beiden Seiten wie Schubladenzieher ſaßen, ſichtbar —„ich will nichts von mir ſelber ſagen, ich weiß, zu welcher Klaſſe der Geſellſchaft ich gehöre, und daß wir nicht„verrückt“ werden können, aber es iſt auch ſchon ein Skandal, das nur in einem fort mit an⸗ ſehen zu müſſen, und der Schreibtiſch ſollte ſich da 376 alles Ernſtes einmal hineinlegen und die alte Ordnung wieder herſtellen.“ „Ganz Ihrer Meinung, Frau Baſe, ganz Ihrer Meinung,“ flüſterte der eine Rohrſtuhl, der rechts neben ihr ſtand,„ich habe mich auch ſchon lange ge⸗ wundert, daß der Herr Secretair da ſo lange geduldig zugeſehen haben, wie ſie's hier trieben und noch trei⸗ ben. Ich bin zwar nur ein Stuhl, aber die Galle iſt mir wahrhaftig ſchon ein paar Mal übergelaufen, und ich genirte mich nur, ſelber mit allen vier Beinen da⸗ gegen aufzutreten, ſo lange der Herr Seecretair und die Frau Baſe zu dem ganzen Schwindel ſchwiegen.“ „Proſaiſche Geſtelle!“ rief da endlich der Tiſch, und das kleine Weſen ſprang in der Erregung des Augenblicks empor. Es war eine ſchlanke, zierliche Jünglingsgeſtalt mit braunem Teint wohl, aber le⸗ bendig blitzenden Augen und einem eigenen ſeelenvollen Ausdruck in den ſchönen, zartgeformten Zügen— „nüchterne Alltagsgebilde, die Ihr zürnt und grollt, daß die ertödtende Monotonie Eurer Exiſtenz endlich ein⸗ mal aufgerüttelt wurde zu That und Leben. Die Hand, die Euch hinſetzt, wohin es ihr beliebt, die Euch benutzt, wie ſie es für gut findet, und Euch nur ſauber und blank hält und vor Näſſe oder Sonnenſtrahlen bewahrt, duldet Ihr und lobt ſie, lehnt Euch dann in 377 ſtarrem Hochmuth an die Tapete und blaſt aus allen Schlüſſellöchern Eure Zufriedenheit heraus— aber dieſelbe Hand, die Euch Gefühl und Seele geben will, die den Geiſt über Euch bringt, und Eure Poren mit zuckendem Leben füllt, die ſtoßt Ihr zurück, rümpft die Leiſten und ſchreit über Revolution und Aufruhr. „Ei ſeht doch den Gelbſchnabel,“ zürnte der Se⸗ cretair, und auch auf ihm regte es ſich, daß die dunklen Umriſſe einer kleinen Figur in recht hochfahrender Stellung und mit ſehr weißem Buſenſtreif und Man⸗ ſchette, mit Brille und Goldkette ſichtbar wurden, „weil ihn jede neue Bewegung mit fortreißt, glaubt er ſich das Recht herausnehmen zu dürfen über andere— vernüftigere Leute, die Gott ſei Dank Gewicht in der Welt haben, loszuziehen, und ihnen am Ende gar vorzuwerfen, daß ſie nicht auch ſeinen Tarantelle⸗ wahnſinn theilen.“ „Das würde ſich wohl von unſer Einem ſchicken, wenn er mit den Beinen klopfte oder hinten aus⸗ ſcharrte,“ ſagte die Chiffonniere. „Ich bin überzeugt, ich bräche,“ lispelte der Glasſchrank. „Laß ſie reden,“ wandte ſich aber jetzt der Spiel⸗ tiſch, eine umeerſetzte breitkräftige Geſtalt, zu ſeinem alſo angegriffenen Kameraden,„ſie verſtehen uns doch nicht, wenn wir es ihnen auch erklären wollten, was für ein eigenes ſeliges Gefühl es iſt, das neue kaum früher geahnte Weſen in ſich überſtrömen zu fühlen. Laß ſie reden, ſie ſind doch nur arm, mit all ihrer Breite und Höhe, denn ſie werden das nun und nimmer begreifen.“ „Ach geahnt hab' ich es wohl ſchon in früherer Zeit,“ ſeufzte der Theetiſch wieder,„wie eine Erin⸗ nerung an den alten rauſchenden Wald iſt es mir ſchon manchmal durch die Poren gezogen, wenn ſie ihre Hand auf meine Fläche legte, oder ihr kleines Köpfchen ſinnend gegen mich gelehnt, ſich auf mich ſtützte.“ „Na nu bitte ich aber zu grüßen,“ knarrte ein dreiwinkliger Eckſchrank, der ſich zwiſchen zwei Blu⸗ mentiſche eingezwängt hatte, und jedesmal, wenn er aufgemacht wurde, mit der linken Klappe— denn die rechte war feſtgeriegelt— nach den Epheuzweigen hin⸗ überſchlug, die an ihm hinaufranken wollten. Er konnte die Blumen nicht leiden. Da möchte man ja wahrhaftig gleich aus dem Leime gehen über ſolchen Unſinn. Ich habe außerdem den ſchlechteſten Platz in der ganzen Gefellſchaft und alle Klappen voll zu thun, das Schmarotzerzeug hier von mir abzuwehren, und dann auch noch ſolch ein langweiliges Geſchmachte mit anhören zu müſſen— es iſt zum Verzweifeln.“ “ o[(O(Cꝭę—. 379 „Nein, die Arroganz ärgert mich nur, das Ge⸗ ſchmachte möchte noch angehen,“ ſagte die Chiffonniere, „ganz auf einmal klüger ſein zu wollen als der Herr Secretair und ſelbſt der Schreibtiſch und andere äl⸗ tere Stücken.— Der Schreibtiſch hat doch eine Menge geheime Gefache und er ſagt nichts; da ſieht man's, wie ſich Leute zu verhalten haben, die etwas in der Welt gelten und auf Ihre Würde zu ſehen wiſſen.“ Jetzt nahm ſich aber der Spieltiſch wieder ſeines Nachbars an, denn dieſer ſchien auf das Zanken der übrigen Meubeln gar nicht zu achten und wirklich ganz in ſeinem Schmerz verſunken zu ſein. „Was Schreibtiſch und Secretair,“ ſagte er ver⸗ ächtlich,„leere Gefache ſind's, die er hat, höchſtens mit der Weisheit Anderer gefüllt— der mag recht nützlich ſein, etwas nachzuerzählen oder aufzubewahren, was man ihm aufgeſchrieben hat, aber was um ihn her vorgeht und was in der Welt paſſirt, davon weiß er Nichts. Geht mir mit ſolch einem gelehrten Meubel.“ „Das iſt recht, der Grünſchnabel muß auch ſein Maul dabei verbrennen,“ ſagte die Chiffonniere, „glaubt, weil er inwendig und auswendig polirt iſt, ſei er allein klug, aber die Fußbank ſelbſt hat gelacht, —õÿõ—ÿè 380 wie Ihr Euch da im Kreiſe herumdreht und geknarrt, geſcharrt und geklopft habt.“ „Als ob etwas daran läge, wenn eine Fupbonk lacht,“ ſagte der Spieltiſch. „Der Spieltiſch thut jetzt auch ſo, als ob er pro⸗ phezeihen könnte,“ ließ ſich da noch eine neue Stimme hören,„und dann verlangt er am Ende gar, daß man es glauben ſoll“— es war der Spiegel, der über einem kleinen Säulentiſch zwiſchen zwei Fenſtern ſtand. „Und hab' ich Euch nicht den Beweis gegeben, daß ich es kann?“ rief der Spieltiſch, ärgerlich zu ihm auf⸗ blickend. „Ich habe geſehen, wie der eine Student gedrückt hat“ ſagte der Spiegel. „Wenn Du noch einmal ſolch eine Lüge weiter er⸗ zählſt,“ brummte dieſer aber,„ſo laufe ich das nächſte Mal in Dich hinein.“ „Das iſt die Art aller gemeinen Naturen, gleich mit Zerſtörung zu drohen,“ ſagte der Glasſchrank, „die Stärke thut's freilich nicht. Und wenn ich von Eiſenblech wäre, ich würde keinem Schwächern drohen; alles Schwache iſt edel.“ „Sein Sie nur ruhig, Jungfer Glasſchrank,“ nahm aber hier ein kleines Pfeilertiſchchen die Partie des Spieltiſches,„Ihr Edelmuth iſt auch nicht ſo weit — — 381 her, denn wie wir vor einem Jahr hier einzogen, und das Hausmädchen unten in der Flur eine arme ent⸗ fernte Verwandte von Ihnen, die Stalllaterne, zu Ihnen hinſetzte, wollten Sie gar nichts von der wiſſen, und bließen ſich ſo auf, daß zwei Scheiben ſprangen.“ „Nun ich drehe mich nicht,“ ſagte der Glas⸗ ſchrank. „Ja, das glaub' ich,“ lachte aber der kleine Pfeiler⸗ tiſch ein wenig boshaft zurück,„die Leute, bei denen der ganze Glanz und Flitter draußen ſitzt— ich will auf Niemanden anſpielen— und die hinten eben nur weißes Tannenholz haben, die drehen ſich Alle nicht, ſo viel haben wir bis jetzt herausbekommen.“ „Es iſt ſchändlich, einem ſittſamen Frauenzimmer ſo etwas in's Geſicht zu ſagen,“ rief der Glasſchrank. „Sie ſorgen wenigſtens dafür, daß man nicht hin⸗ ter Ihrem Rücken von Ihnen reden kann,“ ſagte der Pfeilertiſch. „Laßt ſie gehen,“ legte ſich aber hier der Theetiſch, der durch den Zank der Uebrigen erſt auf den um ihn her immer lauter werdenden Lärm aufmerkſam gewor⸗ den war, in das Wort,„ſie verſtehen uns doch nicht, und es wäre deshalb auch vergeblich, ihnen das ganze Selige unſerer Empfindung begreiflich machen zu wol⸗ len. Wir aber haben das Bewußtſein einer erſtehenden der Laſten unſerer Herren, ſind wir plötzlich ihre Freunde, ihre Rathgeber geworden. Von ihrer eigenen Kraft, ihrem Lebenstrieb, theilen ſie uns mit, die ſchon faſt vertrockneten Poren ſaugen es gierig ein, und wir Geiſter des Waldes, die wir den liebgewor⸗ denen Aufenthalt unſerer alten Stämme ſelbſt dann nicht verlaſſen wollten, als wir niedergeworfen und verſtümmelt in die Welt hinaus geſtreut wurden, jauchzen in bebender Luſt dem kaum mehr gehofften und doch o ſo heiß erſehnten neugewonnenen Daſein friſch und fröhlich entgegen.“ „Es iſt zum Verzweifeln“ ſagte der Secretair. „Warum nur der Spiegel⸗ und Nähtiſch ſich nicht rühren wollten?“ frug der Pfeilertiſch. „Der arme Nähtiſch iſt taubſtumm,“ ſagte der Theetiſch,„ich kannte ſeine Aeltern in Mittel⸗Amerika. Eine muthwillige Axt hatte ihn frühzeitig verſtümmelt und er iſt jetzt auch, trotz des glänzenden Aeußern, durch und durch wurmſtichig, und der Spiegeltiſch darf nicht,“ flüſterte er dann dem Pfeilertiſch unter die Platte,„der Spiegel hat ihn einmal unter dem Daumen und läßt ihm ſeinen freien Willen nicht; aber ich bin darum dem Spiegel nicht gram. Er iſt zwar grob, aber doch ehrlich, und ſagt's frei vom Exiſtenz in uns. Nicht mehr nur die ſeelenloſen Träger 383 Queckſilber heraus, wie es ihm gerade vor das Glas kommt.“ „Das eben ärgert mich ſo an dem Glasſchrank,“ erwiderte der Pfeilertiſch,„die Mamſell möchte am liebſten allen Andern Sand in die Augen ſtreuen. Was ſie hat, rückt ſie vorn zur Schau und mit dem Spiegelglas dahinter thut ſie, als ob's gerade noch einmal ſo viel wäre, und faßt man ſie nur an, ſo klirrt und klappert die ganze Beſcheerung.“ „Ich bin furchtbar angegriffen heut' Abend,“ ſagte der Theetiſch und knarrte,„ich fürchte faſt, ich habe mir Schaden gethan.“ „Das geſchieht Dir ganz recht, mit Deiner alber⸗ nen Aufregung,“ brummte der Spiegel,„S'iſt ja zum Zerſpringen, nur ſo etwas mit anſehen zu müſſen.“ „Ach, wenn es nur erſt wieder Abend wäre,“ ſeufzte aber der Theetiſch, ohne ihn weiter einer Ant⸗ wort zu würdigen,„daß ich die weiche Hand wieder auf meiner Fläche fühle. Schon als Baum draußen kannte ich ſolch ein ſüßes liebes braunes Kind. Das lag auch ſo gern in meinem Schatten, und ich flüſterte ihm aus den Zweigen manch holdes Liebeswort her⸗ unter und ſtreute ihm Blüthen und Blätter über Stirn und Schläfe, es iſt aber nun lange todt,“ ſetzte er ſeuf⸗ zend hinzu,„und Jahre lang vorher, ehe der gierige 384 Zahn der Axt meinen Stamm angriff, gruben ſie ihm ein Grab zwiſchen meinen Wurzeln. O, die liebe, liebe Zeit!“ „Pſt, da kommt Jemand!“ flüſterte der Pfeiler⸗ tiſch, der ein ſehr feines Gehör hatte, und die Geiſter der Meubeln horchten einen Augenblick und glitten dann ſchweigend unter ihr Fournier zurück; nur der Mond lag auf den blitzenden Flächen und warf breite wunderliche Schatten in das ſtille Gemach. Da öffnete ſich leiſe und vorſichtig die Thür, und Fanny ſteckte ſchüchtern und ängſtlich den Kopf herein. Die Tiſche ſtanden noch alle wie ſie verlaſſen worden. Kein Laut ließ ſich hören und unſchlüſſig blieb ſie auf der Schwelle ſtehen. Es ſah auch gar ſo ſtill und unheimlich aus in dem weiten Raume, und kein Wun⸗ der war's, wenn das arme Kind den Ort zu betreten fürchtete, der noch vor kurzer Zeit der Schauplatz ſo geheimnißvollen unbegreiflichen Lebens und Schaffens geweſen. Es iſt wahr, nichts Feindſeliges, Drohendes oder Gefährliches ließ ſich irgendwo entdecken. Dort ſtand noch derſelbe Theetiſch auf allen vier Beinen, wie je⸗ der andere harmloſe Tiſch auf der weiten Gotteswelt und nur die krankhaft erhitzte Einbildungskraft eines tollen Menſchenkindes wäre im Stande geweſen, Un⸗ heimliches aus der blanken polirten Fläche des Maha⸗ goni herauszuleſen— und doch, doch lag eben jenes unheimliche Schweigen, jene ſprechende Stille über dem Gemach, die das Herz des jungen Mädchens ängſtlich klopfen machte. Endlich aber bezwang ſie doch das Grauen, das ihr faſt unwillkürlich die Bruſt beengen wollte, und mehr faſt noch eine Ueberraſchung von außen fürchtend, warf ſie ſcheu den Blick über die Schulter zurück, den weiten, düſtern Gang entlang, den ſie eben gekommen, und dann, als ſie dort alles ruhig ſah, heimlich und ſtill in's Zimmer ſchlüpfend, drückte ſie vorſichtig und geräuſchlos die Thür wieder hinter ſich in's Schloß. Es war, als ob das arme Mädchen etwas Böſes begangen, und doch ſchaute das von Angſt wohl etwas 2 gebleichte aber liebe und freundliche Geſichtchen ſo vertrauungsvoll und unſchuldig in das milde Licht des Mondes auf; man hätte ihm, nicht um's Leben, etwas Unrechtes zutrauen können. Jetzt ſchien ſie ſich auch endlich von ihrer erſten Befangenheit erholt zu haben, denn plötzlich blieb ſie ſtehen, ſtrich ſich das dunkelbraune volle Haar aus der Stirn und ging dann mit feſtem Schritt gerade auf den in der Mitte des Zimmers ſtehenden ovalen Thee⸗ tiſch zu. Gerſtäcker, Hell und Dunkel. I. 25 ——O—˖˖- 386 Hier aber war es, als ob auf's Neue eine gewal⸗ tige innere Bewegung ſie ergriff; ſcheu und zitternd ſtand ſie noch einen vollen Schritt von dem Tiſch ent⸗ fernt, und wagte nicht, ihn zu berühren. „Ob er mir denn aber auch wohl Rede und Ant⸗ wort ſtehen wird, wie dem Fräulein?“ flüſterte ſie da leiſe und wie zweifelnd vor ſich hin:„ob er mir ſagen wird, um was ich ihn ſo gerne fragen möchte?“ Hui, wie das plötzlich kniſterte und knatterte in dem Holz. Sie ſchaute erſchreckt empor, um ſich her— aber Alles war ruhig, das Geräuſch nur Täuſchung geweſen. 1 „Das Holz hat ſich gezogen,“ ſagte ſie leiſe, wie um ſich zu beruhigen, vor ſich hin,„aber ich wag's,“ ſetzte ſie dann etwas lauter und entſchloſſener hinzu, „ich wag's, und wenn ich ihn recht feſt halte und warm, wird er mir ja auch wohl Kunde geben von dem, was Rer weiß, was er wiſſen muß,— wie ja faſt jeder Tiſch jetzt im ganzen Haus. Er muß reden.“ Mit den Worten faſt trat ſie dicht hinan zu dem Tiſch und ihre beiden warmen Hände flach und feſt auf den blitzenden Mahagonie preſſend, daß ein zarter Hauch unter dem Rand der Hand fort über die Fläche ſchoß, wie ſich die Eisblumen in Winterzeit an den 6 Fenſtern bilden, ſtand ſi und i ſchants ſtill und lautlos vor ſich nieder. Da begann es wieder. Still wie feſtgewurzelt noch ſtand der Tiſch, aber wie zu dem warmen Körper gehörig, der ſich ihm anſchmiegte, bebte er, bis in ſeine innerſten Poren, und wie knitternde Funken ſog ſich der i ſünnnernhe Glanz in das Mondlicht ein. „O mein Gott!“ ſtöhnte das erſchreckte Kind, und in ſich zuſammenbrechend, ſank ſie auf einen daneben ſtehenden Stuhl und breitete die Arme aus, auf deren rechtem ihr Haupt ruhte, und Bruſt und Arme berühr⸗ ten die Platte. . Da regte und hob es ſich in dem Holz, da quoll und drängte es in jenem eigenen geheimnißvollen, wunderbaren Leben durch die trockenen Faſertheile des Tiſches, und des Mädchens Augen blitzten jetzt leben⸗ diger in dem freudigen Bewußtſein, die Kraft über jenes wunderbare Weſen zu haben, das in dem lebloſen Tiſche da ſchaffte und wirkte und zu dem Menſchen in ſeiner eigenen Sprache redete. „Und willſt Du mir eine Frage beantworten?“ flüſterte ſie,„willſt Du mir Rede ſtehen jetzt, wie dem Fräulein Anna?“ „Frage nicht, frage nicht!“ tönte und zitterte es da um ſie her,„tollkühnes Menſchenkind, frage nicht! 25* 28 Du biſt unſer, Du biſt unſer, und wenn Du es wagſt, und wie Du uns jetzt drängſt und umſpannſt, umſpan⸗ nen wir Dich in dem engen Haus, und Du ſchläfſt tief, tief hinein in den ſonnigen Tag.“ „Wie iſt mir denn nur, träume ich denn oder wach, ich?“ rief da das Mädchen,„das ganze Zimmer wird lebendig und regt ſich und räuspert und kniſtert. Mir fängt's an zu grauſen.“ „Frage nicht, frage nicht!“ rief's da mit mürri⸗ ſchem, warnendem Ton vom Secretair nieder, und dem erſtaunten Mädchen kam es vor, als ob es ſich auch dort oben regte und hob, und der kleine wunder⸗ liche Geiſt lief auf und ab auf ſeinem Sims und ſchüttelte ſeinen kleinen Kopf und die Frackſchöße, und rückte mit der Brille und ſcharrte mit den winzigen Füßen,„frage nicht, Unſinn, Tiſch iſt trunken, hat den ganzen Abend geſogen und geſogen, bis er toll und voll war und ſich drehen mußte, frage nicht.“ „Warne Dich, warne Dich, Kind,“ knarrte es von der Chiffonniere,„hab Acht, hab Acht, biſt hier in un⸗ ſerm Bereich, warne Dich, warne Dich, hab Acht.“ „Trauen Sie dem Tiſch nicht, Liebwertheſte,“ wis⸗ perte es aus dem Glasſchrank herüber,„er iſt falſch, er iſt falſch, lange ſchon hat er ſich um mich gedreht, aber er lügt, er lügt.“ ₰ A 389 „S'iſt doch merkwürdig, wie Einem das bloße Handauflegen ſo durch die Nerven zuckt,“ flüſterte das Mädchen, ſich ängſtlich dabei nach allen Seiten um⸗ ſchauend.„In den Armen und Fingerſpitzen kitzelt's und dehnt's, und vor den Ohren ſummt mir's wie menſchliche Stimmen und Worte. Wenn er ſich nicht bald dreht, lauf ich davon; aber wahrhaftig, er fängt an, ich fühl's, ich fühl's, er regt ſich ſchon, er kommt.“ „Frage nur, frage nur!“ ziſchte und wisperte es da um ſie hin, vom Spieltiſch und Pfeilertiſch her, „frage nur, furchtſames Kind, die Zeit iſt günſtig, die Geiſter ſind wach, und wir Alle dienen Dir, helfen Dir, frage nur.“ Der Tiſch fing ſich jetzt mehr und mehr an zu regen und zu drehen, und das Mädchen mit klopfen⸗ dem Herzen und fliegenden Pulſen folgte ſeiner Bahn. „Ich habe große Luſt, mich da mitten hineinzu⸗ werfen in den Unſinn,“ kreiſchte da der Eckſchrank, und ſtieß ſeine eine Klappe auf, gegen den Epheu,„ich kann mich ſo oben abheben! Prahlhans von einem Tiſch, Prahlhans!“ „Er geht,“ jubelte Fanny,„ich habe die Kraft,“ und ſie fühlte dabei, wie die Platte unter ihrem Tiſch Leben und Weiche gewann und ſich hob und drängte. „Frage nur,“ kniſterte und wisperte es dann wieder * vor ihrem Ohr,„frage, wie alt Du biſt und den Da⸗ tum, die Hausnummer und die Bilder an den Wän⸗ den, frage uns nach Reiſen und Wiederkehr, nach Namen und Ehen und Briefen, wir wiſſen Alles, Alles, frage nur, frage nur!“ „Jetzt aber hab' ich's ſatt,“ ſchrie der Secretair, und all ſeine Fugen knackten und knarrten und unter ſeinen Füßen ſtöhnte der Boden. Und in dem Glas⸗ ſchrank klirrte und klapperte es; von rechts und links herüber ziſchten und ſummten die Laute. „Ach, ich fürchte mich wahrhaftig,“ flüſterte das junge Mädchen vor ſich hin,„das ganze Zimmer iſt wie lebendig, und der Tiſch dreht ſich, daß ich anfange ſchwindlig zu werden; ob ich ihn frage? Ich wag's, ich verſuch's, der Augenblick kehrt im Leben nicht wie⸗ der. Wenn er nur nicht die Dielen aus einander reißt. Willſt Du mir antworten, Tiſch?“ Es war, als ob ein elektriſcher Schlag durch die Platte zucke, denn mit einem plötzlichen Ruck, daß die Fugen knackten, blieb er ſtehen, und ſich auf zwei ſeiner Beine hebend, klappte er wieder nieder und zwar ſo beſtimmt, ſo zuverſichtlich, als ob er hätte ſagen wol⸗ len:„Na, das verſteht ſich doch jetzt wohl von ſelbſt.“ So unerwartet kam dabei dem jungen Mädchen 8 „.— —. — * 29 dieſe entſchiedene Bewegung, daß ſie mit einem leiſen Schrei in die Knie ſank. „Ha ha ha ha,“ lachte da und ſchüttelte ſich die kleine Geſtalt auf dem Secretair, und winkte und nickte nach der Chiffonniere hinüber,„närriſch Ding, när⸗ riſch Ding, hab's mir wohl gedacht, wie es kommen würde. So geht's, wenn man ſich einläßt mit den wahnſinnnigen Tiſchen und dem Unſinn das Ohr leiht; tolles Zeug, tolles Zeug.“ „Sie wird nicht ruhen, bis ihr alle Schiebladen verklommen ſind,“ ſagte die Chiffonniere,„und die Tiſche tragen nachher die Schuld mit ihrer unzeitigen Bewegung. Das kommt von den Neuerungen, da lob ich mir meine Ruhe.“ „Der Tiſch fängt wahrhaftig an ſich wieder zu bewegen,“ ſagte der Glasſchrank—„wenn er nur nicht in mich hineinläuft.“ „Das geſchieht ihr aber recht,“ knurrte der Eck⸗ ſchrank—„jetzt freut mich erſt mein Leben. Aber ich will den Unſinn auch gar nicht mehr mit anſehen— es wird überhaupt kalt hier im Zimmer.“ Und er ſchloß ſeine Klappe wieder, daß das Schloß einſchnappte, und lehnte ſich ſchweigend in die Ecke. Aber nur der erſte Schreck hatte die Fragende überraſcht; ſcheu den Blick zurück über die Schulter werfend, richtete ſie ſich wieder auf und mit den mehr gehauchten als geſprochenen Worten—„ſo ſtehe mir Rede“— hielt der Tiſch regungslos an, und ſchien die Frage jetzt förmlich zu erwarten. „Sage mir denn,“ flüſterte das ſchüchterne Kind, und das Blut ſchoß ihr dabei in Stirn und Schläfe —„ob er bald Aktuar werden wird, wie wir es lang', ach lang erwartet?“ Der Tiſch hob ſich raſch und entſchieden und ſchlug wieder nieder als ja. „In wie viel Jahren?“ drängte ſie da, und die Augen blitzten ihr ordentlich in freudiger Erwartung. „Eins, zwei, drei, vier, fünf!“ Halblaut zählte ſie, immer ängſtlicher werdend, mit und als der merkwürdige Antworter ſtehen blieb und ſich, wie zum Zeichen, daß ſeine Rede beendet, ein klein wenig nach ihr hindrehte ſeufzte ſie weh⸗ müthig und recht aus voller Bruſt. „Ach, das iſt gar ſo entſetzlich lang' noch, Du böſer, böſer Tiſch, und da gäbe es ja doch nur ein Mittel, dem zu begegnen auf der weiten Welt.“ Und die Flatte unter ihr regte und drehte ſich raſch jetzt und immer raſcher, als ob ſie ihre Bereitwilligkeit wolle zu erkennen geben, dabei zu helfen. — 0 02 „Und weißt Du ſchon, was ich meine?“ flüſterte ſcheu und ängſtlich das Mädchen. Wieder ſtand der Tiſch und hob ſich raſch und entſchieden zu einem Ja. „Und willſt Du mir helfen?“ Heftig hob ſich der Tiſch und ſtampfte bejahend, und wie von unten herauf klopfte es plötzlich noch eins, zwei, drei Mal, der Antwort gewiſſermaßen Beſtäti⸗ gung gebend, daß die Fragende erſchreckt aufhorchte nach den fremden ungeahnten Lauten; aber dieſe ver⸗ ſtummten wieder und das Mädchen flüſterte jetzt raſch und heimlich: „Wenn Du denn weißt, was uns allein nur helfen kann, ſo nenne mir die Zahl— nenne mir die Num⸗ mer des Looſes, das uns frei macht von jeder Noth— die Tauſende erſt, dann die Hunderte und die Einer nach, und nun klopf' mein Tiſch, klopf' und antworte, antworte mir— ich frage Dich!“ „Eins, zwei, drei, vier, fünf, ſechs,“ hob ſich der Tiſch in raſchen beſtimmten Schlägen, die beiden Füße ſſich nur immer wenige Zoll vom Boden hebend, aber genug, einen klaren Laut zu geben—„ſieben, acht, neun, zehn, elf, zwölf, dreizehn, vierzehn“— weiter, 6 weeiter und weiter und in ängſtlicher, aufmerkſamer 3 4 4 Spannung lauſchte und zählte da Fanny. 32 — —— „Klopf, klopf, klopf!“ kam es von unten dazwi⸗ ſchen, als ob die Geiſter der Tiefe dem Treiben⸗ zürnten, und Einſpruch thun wollten in das kecke Be⸗ gehr:„klopf, klopf, klopf!“ „Ich werde irr',“ flüſterte ängſtlich die Zählende, dreizehn, vierzehn, fünfzehn, ſechzehn, ſiebzehn, acht⸗ zehn.“ „Klopf, klopf, klopf, klopf, klopf—“ „Vier und zwanzig, fünf, ſechs, ſieben, acht und zwanzig— Heiliger Gott— mir ſchwindelt es ſchon von dem tollen doppelten Zählen“— aber weiter klopfte der Tiſch, immer weiter und unverdroſſen fort, und das unheimliche Echo unten ſchwieg eine Zeit lang, wie beſiegt von dem eiſernen Willen der oben arbeitenden Kraft. „Sieben und dreißig—“ und der Tiſch drehte ſich knarrend auf einem Bein, während es unter ſeinen Füßen wieder zu toben und rühren begann. „Sieben und dreißig Tauſend“— jubelte Fanny, kaum im Stande, ihre laute Freude zu unterdrücken, und der Secretair knarrte und ächzte wieder, und in der Chiffonniere war es, als ob ihr der ganze Rück⸗ theil geplatzt wäre vor lauter Aerger, aber ſie ſagte kein Wort mehr, und wenn ſie ſich hätte ein Schlüſſel⸗ loch abbeißen ſollen. — 395 „Und nun die Hunderte,“ bat das Mädchen mit 3 dringender Stimme. 3 Und„eins, zwei, drei, vier, fünf“— begann wie⸗ der der Tiſch und drehte ſich. „Alſo fünfhundert und nun die Einer!“ bat die Fragende mit flehender Stimme, und wieder begann der Tiſch: „Eins, zwei, drei, vier, fünf, ſechs, ſieben, acht“— unten warees ſtill und ruhig geworden, er hatte den Sieg davon getragen— neun, zehn, elf, zwölf, drei⸗ zehn, vierzehn, fünfzehn, ſechzehn, ſiebzehn—“ „Himmel, was war das?“— Draußen am Vor⸗ ſaal riß es an der Klingel, als ob es die Glocke aus⸗ reißen wollte mit dem Drahte. „Achtzehn, neunzehn, zwanzig, einundzwanzig, zwei⸗ undzwanzig“,. „Tiſchchen dreh' Dich, Tiſchchen dreh' Dich!“ ſpottete es von der Chiffonniere herunter,„kommt Be⸗ ſuch, kommt Beſuch!“ und der Glasſchrank klirrte und klapperte wieder, und der Schmied, der auf der bron⸗ zenen Uhr ſtand, hob ſeinen Hammer und fing an, drohend die Zeit zu ſchlagen auf dem ſilbernen Ambos — es war zwölf— und die Geiſter ringsum regten und reckten ſich wieder und horchten hinüber nach dem noch immer wild und raſtlos zählenden Tiſch. 396 „Drei und fünfzig, vier und fünfzig, fünf und—“ „Klingglinglinglingling!“ Das ganze Haus dröhnte von dem Reißen der Schelle, und Thüren klappten und Pantoffeln ſchlurr⸗ ten über den Vorſaal, und das Mädchen ließ den Tiſch los, barg ihr todtenbleiches Antlitz in den Händen und ſtöhnte verzweifelnd:„Vorbei— vorbei!“ Es war in dieſem Augenblick todtenſtill im Ge⸗ mach, und geräuſchlos glitten die Geiſter zurück in ihre Schlupfwinkel, nur der Schmied hämmerte ruhig und unbekümmert ſeine Schläge fort, bis er den zwölf⸗ ten gethan— er hatte ein gutes Gewiſſen— und dann ließ er den Hammer wieder ruhen und horchte aufmerkſam nach dem Räderwerk nieder, das unter ihm ſchnarrte und rollte, das Zeichen abzuwarten, das ihn nach einer halben Stunde zu neuer Thätigkeit rufen würde. Jetzt öffnete ſich draußen die Thür, und mit einem „Himmel Heiland Donnerwetter!“ wurde eine Stimme laut, der die nächtliche Tiſchrückerin mit ängſtlich klopfendem Herzen lauſchte, und dabei die Klinke der Nachbarkammer ergriff, ſich durch die Flucht, ſo⸗ bald es nöthig ſein ſollte, jeder Entdeckung zu ent⸗ ziehen. „Aber mein Gott, Herr Geheimrath?“ ſagte 397 draußen die Stimme des Maurermeiſters Brummhuber — wem verdank ich denn die unverhoffte—“ „Herr, zum Donnerwetter!“ unterbrach ihn aber in wildem Zorn der ſpäte vornehme Beſuch—„geben Sie denn die ganze Nacht keine Ruhe mit ihrem un⸗ ſeligen Tiſchklopfen und Rütteln und Scharren 24 „Aber ich begreife nicht“— ſtotterte der Ueber⸗ raſchte, der eben im erſten Schlafe gelegen. „Ach was, begreifen— den ganzen Kalk habe ich mir unten von meiner Decke geſtoßen, daß das ver⸗ dammte Klopfen hier oben aufhören ſoll— aber Gott bewahre! Herr, das iſt zum wahnſinnig werden, und gerade über meinem Schlafzimmer— je mehr ich klopfte, deſto toller wurd's.“ „Aber ich gebe Ihnen mein Ehrenwort—“ „Was hilft mir Ihr Ehrenwort, wenn mein ganzes Zimmer jetzt voll Kalk liegt, und der Teufel hier los iſt halbe Nächte lang über die Polizeiſtunde hinaus?“ „Aber ich liege ja ſchon mit meiner ganzen Fa⸗ milie zwei Glockenſtunden im Bette, und muß mir jetzt hier in dem dünnen Anzug den Tod holen vor Er⸗ kältung.“ „Ueber meinem Schlafzimmer war's“ trotzte aber der Geheimrath, in ſeinen warmen Schlafrock gehüllt, die Mütze halb über die Ohren gezogen—, und ich 398 kündigé meine ganze Etage morgen, wenn mir der Skandal noch einmal vorfällt.“ „Hier iſt das Zimmer, das über ihrem Schlaf⸗ zimmer liegt!“ rief jetzt der Maurermeiſter in aller⸗ dings noch immer reſpektvoller, aber doch gerechter, ſich ſeiner Unſchuld bewußter Entrüſtug, und riß in dem nämlichen Augenblick die Thür auf, als Fanny durch die gegenüberliegende verſchwand—„wenn hier ein Tiſch geklopft hat, Herr Geheimrath, ſo hat er mit ſich ſelber geſprochen— und nach den heutigen Vorgängen wäre das allerdings nicht unmöglich— aber ich verſichere Sie—“ Mit ſich ſelber geſprochen!“ rief der Geheimrath in unbeſchreiblicher Verachtung, und zog ſich die Nacht⸗ mütze bis über die Ohren—„mit ſich ſelber ge⸗ ſprochen—“ und über den Saal ſchlurrte er hin und warf die Saalthür hinter ſich in's Schloß, daß die Scheiben klirrten, und brummte und knurrte die Treppe hinunter—„mit ſich ſelber geſprochen— toll, toll, toll werden ſie im Kopf oben, im Schädel und unten in den Tiſchen— toll, rein toll— mit ſich ſelber ge⸗ ſprochen.“ Und die Schritte verhallten unten im Haus— man hörte eine Thür öffnen und ſchließen— der Maurermeiſter Brummhuber war ſchon lange wieder 399 in ſein Bett gekrochen und hatte über den brummigen Miethsmann geſchimpft, der ihm den Tod werde an⸗ gethan haben mit Rheumatismus und Schnupfen.— Auf ihrem Bett aber, das thränenfeuchte Antlitz feſt in das Kiſſen gedrückt, lag Fanny und ſeufzte und ſchluchzte ſtill vor ſich hin: „Vorbei— vorbei— ſiebenunddreißig Tauſend fünfhundert und Gott weiß, welche andere Zahl.— O, der unglückſelige Geheimrath— und noch fixj Jahre warten, ehe er Aktuar wird.“ Und der Schmied auf der bronzenen Uhr im Zim⸗ mer hob wieder aus, ließ den Hammer einmal klingend auf den ſilbernen Ambos nieder ſchlagen und horchte bedächtig nach unten— aber kein Laut ließ ſich weiter hören wie das regelmäßige Ticktack der Wanduhr und das leiſe Bohren des Holzkäfers, der nach dem Takt der Uhr ſeine Arbeit fortſetzte— ſo genau hielt er das Zeitmaß nach den ſcharfen, abgemeſſenen Schlägen. Leipzig, Druck von Gieſecke& Devrient. ——y————— 3 —— ———————y fffffffffff dlaau ſſſſſſfſſmnnfnnſſnnſſſſſſſſſſſſĩFſnſenüiiiſmm 8 9 10