1 1. 1 eipbibliwchek deutſcher, engliſcher und afrans ſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe vinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 445 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und etrã für ätchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — ——— 2 Sr e auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 5. Auswärtige Aonnenten'haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. --“ —— N⁸ * f ——— 2—. „ Te e A * Menſchenplan und 1 BVerhaͤngni ß. 8 Des Menſchen Leben wie es bunt ſich reget Wies hier entflieht, und dort ſich wieder baut Wie es im raſchen Zuge ſich beweget und als ein Stern ins Herz hinunterſchaut Wies hier zum Menſchenbilde ſich geſtaltet Die Engelsſtügel dort entfaltet Das iſt die Herrſchaft wo der Dichter waltet⸗ H.— 1 Paͤoinen, aus denen die ſammelnden Bienen wmeinen Leſern in ſeiner herrlichen Naturſchoͤne 1. Ein ſchleierähnlicher Herbſtnebel huͤllte die buntgemiſchte Landſchaft in Duft und Glanz⸗ geweben ein; der Fruͤhſonne ſiegende Pracht brach maͤchtig hindurch, und von den Thau⸗ perlen die ihr Stral zerloͤſte, fielen ſchmaragd⸗ gleiche Tropfen von den Blaͤttern der Obſt⸗ baͤume in Garten und ihren erroͤthenden Pflau⸗ men, in den dunkeln Schoos der gluͤhendrothen bereits die Honigbeute entfuͤhrten. Von be moosten Kirchthurm des Dorfes, daß ich hier verſchaͤmt aus den Laubkranz ehrwuͤrdiger Linden ſchauend, recht anſchaulich zu machen wuͤnſchte, ſummte die Glocke, von der Hand des fruͤhwachen Schulhalters in Bewegung .„. A 2 geſetzt, ermahnend und belebend von der An⸗ höhe— eine Predigerſtimme in der Wuͤſten! zu der ruhigen Ebne herab, wo heute ſelbſt der ruͤſtige Landmann ein Stuͤndchen laͤnger ſchlief, weil Sonn⸗ und mithin Ruhetag war! am Saume des Waldes aber, der eine hohe Gebirgskette umkraͤnzte, ward ungeachtet der tiefen Sabbathsruhe, Jagdgetoͤſe und gellen⸗ der Hoͤrnerklang laut, und das Huſſa und Halloh der Jaͤger, von der Nymphe der Ge⸗ — birge vielfach beantwortend, tobte die Schla⸗ fenden wach. „Steh doch auf, Guſtel! um Gottes willen ſteh geſchwind auf!“ rief Frau Appollonia, die in den Amt einer hochgraͤflichen Bettmei⸗ ſterin des Schloſſes Wildungen, ruͤhmlichſt ergraute, in das von gruͤnen Blattgeweben und Rebennetzen umdunkelte Schlafkaͤmmer⸗ chen ihrer bluͤhenden Enkelin.„Hoͤrt denn das Maͤdchen gar nicht!“(ſetzte ſie hinein⸗ ſchlorfend, und mit den ungeheuern Schluͤſſel⸗ bund daß ſie ſtets zu Schutz und Trutz an der Huͤfte fuͤhrte, raſſelnd hinzu, da die Traum⸗ befangne ſich noch lautlos auf dem weichen Kiſſen dehnte)„meinſt wohl,“(fuhr ſie ſcheltend fort)„des Herren Tag ſey ganz ab⸗ ſonderlich fuͤr dich zum Faulſeyn erſchaffen? Draußen wird gar ein herrlicher Morgen, alles bluͤht, reift und prangt im Garten um die 8 Wette, und die liebe Sonne kocht alle Fruͤchte gahr. Zudem hat Herr Barthel ſchon zum erſtenmal in die Kirche gelauten— was aber mehr iſt als das alles, und ganz gottvergeſſen obendrein zum lieben Sonntag— draußen geht— es iſt heut Egidy!— die Jagd ſcho⸗ auf, und der wilde Jaͤger braußt hinter d Hirſchen her, die heut uͤber Feld gehn. Daß ſie hernach ins Schloß kommen, iſt gewiß, du weißt alſo was du zu thun haſt, denn daß dich Graf Moritz durchaus hier nicht treffen darf, verſteht ſich!—“ Ddie Jungfer war bei dieſem Morgenſpruch ſchnell aus dem Bette und in die Kleider ge⸗ fahren, der Name des wilden Jaͤgers, unter — 6— dem der Gebieter des Schloſſes und der Um⸗ gegend, ein junger Graf von Wildrich, be⸗ kannt war, uͤbte bei allen rechtlichen Maͤdchen des Ortes die Gewalt eines verrufnen und gefuͤrchteten Blaubarts oder Ruprechts aus; man dankte Gott, daß er, der immer in Re⸗ ſidenzen, Baͤdern und fremden Laͤndern ſich herumtrieb, nur zur Jagdzeit auf ſeinen Beſitzungen erſchien, und niemand war des⸗ halb froher als Auguſte Weſt, weil dieſe ent⸗ weder die Großmutter dann verlaſſen, oder ſich einſperren mußte, ſo lange der gefuͤrchtete Parteigaͤnger auf den Schloſſe war. Oft ſchon atte er Frau Lony, wie er ſie nanute, nach deen Enkelkinde gefragt, immer aber von ihr ddie Klage gehoͤrt: daß es leider! der liebe Gott mit einen kurzen Arme und lahmen Fuß, zu⸗ dem mit einem Verdruß auf den Ruͤcken be⸗ gabt und ihr Geſicht zu einem Erbſenfeld ge⸗ rathen ſey, daher das arme Kind nur hinter kurzen Odens wegen, nicht wohl vertragen das Klöppelkiſſen tauge, zudem auch die Luft, ———— — — 4 köͤnne! er hatte ſie wohl wegen dieſes Berichts ſchelmiſch laͤchelnd von der Seite angeſehen, aber er hatte ſich doch damit begnuͤgt. Es war daher nicht rathſam, ihn die reizende Hebengeſtalt an der von der Scheitel bis zum Fuß kein Fehl, und nichts als das ſchoͤnſte Ebenmaaß zu ſehen war— in deren helle freundlichen Zuͤgen weder Blattergruben n Sommerflecke zu entdecken war, in ihrer Gott gefaͤlligen Bluͤthe— wie die Großmutter ſagte!— vor Augen zu bringen. „Komm bald herunter, Guſtel!“ rief ſie jetzt der Bejahenden noch zu, und ließ ſie bei ihren Toilettengeſchaͤft allein, welches das Landmaͤdchen— daß„nur aus der Quelle der Wangen Inkarnat holte,“ und nichts o an⸗ zulegen hatte als ein bluͤthweißes Sonntags⸗ kleidchen, auch der erhaltnen Weiſung zufolge, ſchnell und ohne Huͤlfe vollzog. Das nicht ſtudierte und dennoch hoͤchſt gelungne Werk war kaum vollbracht, ſo eilte auch ſchon Au⸗ guſte die Treppe hinab, aber ſchon ſchlappten ihr die Pantoffeln der Großmutter auf der Haͤlfte entgegen, und athemlos keuchte die gute Alte: 1 „ Nur fort, Guſtel, nur gleich fort! der ganze Schwarm braußt ſchon um die Wald⸗ 54 muͤhle herum, gerade hierher! geſchwind zur maahgfere Sinnas n Garten, und von da in des Pfarrers Obſtplantage! zieh du nur in Gottes Namen immer ein paar Bretter aus der Planke, der Herr Nachbar wirds nicht uͤbel nehmen, Noth hat kein Gebot, und zu⸗ . dem ſtudiert er wohl noch, oder ſteht ſchon am Altar! da kanunſt du dich indeſſen zur Mama machen, und bei ihr bleiben, bis ich weiß, wo hier der Wind herkommt. Nun nur nicht lange beſonnen! ſie hallohen ſchon zum Schloßhof herein, und ich muß das Fruͤhſtuͤck auftragen laſſen!“ Mit dieſen Worten klappte Frau Lony wie⸗ der eiligſt die Stiegen herab, und als ſey der wilde Jaͤger wirklich ſchon hinter ihr her, floh — 9— das verſcheuchte Maͤdchen zitternd den anbe⸗ fohlnen Pfad durch den Garten hin. Paſtor Walter, der junge, kuͤrzlich erſt berufne und verordnete Seelſorger der Gemeine 8 von Wildungen, ſaß eben bei den wuͤrzigen Trank der Levante in einer Laube von Obſt⸗ baͤumen, blies den Duft ſeines wohlſchmecken⸗ den Knaſters behaglich um ſich her, und zog die reine erfriſchende Morgenluft, von Balſam⸗ hauch der gemaͤhten Wieſen durchdrungen in ſeine froh erwachte Bruſt. Vor ihm aufge⸗ ſchlagen lag— das droße Buch, das einzig unverfaͤlſcht geblieben! das große Buch der heiligen Natur, und er beſchaͤftigte ſich lebens⸗ kraͤftigen Vortrag heiliger Weihe daraus fuͤr ſeine Zuhoͤrer zu ſammeln, da unterbrach die Reihe ſeiner Gedanken ein Kniſtern und Kna⸗ 83 ſtern hinter ihm in der Brettwand, und lenkte ſie auf eine Verletzung des ſiebenten Gebots mit der irgend eine Naſchluſt ſeine ſchoͤnen fruchtbeladenen Baͤume bedrohe— er lauſchte daher ſtill und geſpannt nach den verdaͤchtigen Geraͤuſch hin, und herein flog mit der losge⸗ riſſenen Planke— die gluͤhende, athemloſe Auguſte!, „ Sind Sie es wirklich, liebe Auguſte? Efragte der Ueberraſchte ſchnell loslaſſend was ihn der Zufall gegeben, und dadurch fuͤr einem Fall bewahrt hatte.)„Was in aller Welt giebt mir ſo fruͤh das Vergnuͤgen?——„ „Ich wollte nur— ich kam— ich ſollte — Ihnen einen guten Morgen ſagen!“⸗(ſtam⸗ melte die jetzt Erblaſſende.) 1* „Den bringen Sie mir gewiß!“(laͤchelte Walter)„ich danke Ihnen.“ „Nehmen Sie es aber ja nicht unguͤtig— Clispelte Auguſte faſt weinend)„die Groß⸗ mutter hat mich hergeſchickt! es ging etwas eilig— ich glaubte den Herrn Paſtor im Studierzimmer oder in der Kirche!—“(und wieder plotzlich roth werdend wie die füͤllreichen Borsdorfer uͤber ihren Haupte, ſetzte ſie leiſe —— ꝗ⁵——— ————— — 14— hinzu:)„der Graf iſt ſo eben— ange⸗ langt!" „Ich verſtehe!“(ſagte jetzt der Paſtor) „„ ſolcher geht umher— ein Löwe, vielmehr ein Wolf in Merinogewand verſchlingt aber nur was ihm gutwillig entgegenlaͤuft. Mama— haͤtte ruhig ſeyn koͤnnen, füͤr Sie ſind die Netze des wilden Jaͤgers zu unfein, und— er hat ſeinen Engeln befohlen uͤber di—„, „O werden Sie mir jetzt zu dieſen, werther Freund!“(bat das gefeierte Maͤdchen 0) „„ fuͤhren Sie mich zu Ihrer Frau Mutter.“ 181„Herzlich gern, liebes Kind!“(verſicherte Walter)„aber Sie verzeihen gewiß den be⸗ ſorgten Sohn, der nicht gern die Ruhe und den Morgenſchlummer derjenigen unterbrechen moͤchte, die ſo manche ſchlafloſe Nacht an des Kindes Wiege wachte, fuͤr das Wohl des Juͤng⸗ lings ſorgte!— zudem iſt dieſes ſchon in der Nacht geſchehen, wo wir eine unerwartete Stoͤrung hatten!— „Doch keine unangenehme, hoff ich?“ fragte theilnehmend die liebliche Auguſte. „Nichts weniger, beſte Freundin; es war nichts anders als daß zwei reiſende Damen icht bei der Nacht durch den angeſchwollenen Muͤhlbach fahren wollten, und der Muͤller ſeinen Knecht mit der Laterne zu mir ſchickte, mit der Anfrage: ob ich ihnen ein Nachtlager geben wolle, da ſeine Wohnung für die, dem Anſchein nach vornehmen und zarten Frauen nicht geeignet iſt! Sie koͤnnen leicht denken, daß ich ſogleich den Muͤhlknappen ſelbſt hin⸗ unter begleitete, ihnen mein Gaſtſtuͤbchen an⸗ zubieten, nur that mirs Leid die gute Mutter zuvor rufen zu muͤſſen, die bereits ſchon zur Ruhe war.“ „ Ach! die iſt gewiß gern gekommen!“ (meinte Auguſte)„was machte der guten Mama wohl zu jeder Zeit groͤßere Freude, als andern dinen zu koͤnnen? Nun? und die Damen?— „Ließen ih wirklich mein Anerbieten ge⸗ fallen und folgten mir bei Laternenſchein hier⸗ her!“ „Die ſind wohl recht ſchoͤn? recht wohl⸗ gekleidet? und vornehm?“(ſagte Auguſte auf einmal neugierig und redſelig gemacht,) „nicht wahr! tiefe Huͤthe, lange Spitzen⸗ ſchleier.——“ 2 „Ganz recht! ſo tief und lang, und üͤbri⸗ gens ſo eingepuppt in Maͤntel und Shwals, daß ich weder von ihrer Geſtalt noch Schoͤne das Mindeſte zu ſagen weiß. Meine gute Mutter, deren Sorgfalt ich die Ermuͤdeten ſogleich üͤberließ, hat ſie auf ihren Gemach geſpeiſt und gepflegt, worauf ſie ohne weiteres ihr Lager geſucht haben, wo ſie wahrſcheit lich noch feſt ſchlafen und ſuͤß traͤumen. Da es jetzt aber— wie Sie hoͤren— zum zweiten⸗ mal zur Kirche läutet, ſo iſt meine gute Mut⸗ ter wohl gewiß nun munter, und wird ſich herzlich freuen, ihre liebe Auguſte ſchon ſo fruͤh bei ſich zu ſehen, und ihr von Lnigen Nutzen ſeyn zu koͤnnen.„ Mit dieſen Worten fuͤhrte Walter ſeinen Gaſt freundlich leitend durch die tief von Seegen herabgebeugten Obſtbaͤume hin, die ſchweren Aeſte ſorgſam auseinanderbiegend, und Auguſten im Gehen bald eine blauange⸗ laufene Haferpflaume, bald eine reife Brom⸗ beere aus den Hecken ſuchend, bald um eine ſchoͤne Herbſtroſe einen Strauß buntfarbiger Aſtern reichend, waͤhrend er von dem und je⸗ nem mit ihr ſprach, und das ſinnige Maͤdchen auf alles gefaͤllig lauſchte was er von den Vorzuͤgen ſeines Standes und des Lebens in der freien Natur recht aus voller Seele er⸗ waͤhnte. Beide waren ſo bis zum Ausgang gekommen„ da traten ihnen zwei dichtver⸗ ſchleierte Geſtalten die eben in Garten gehen wollten entgegen, und— ihrer freudigen — Ueberraſchung nicht Meiſter, rief Auguſte trotz der Verhuͤllung ein liebes Bild der Vergangen⸗ heit erkennend:„O Himmel! Fraͤulein Ber⸗ tha von— „Still, ſtill! liebe Auguſte!(fluͤſterte die — — — — — 15— Erkannte, ſich zu den betroffnen Maͤdchen her⸗ abneigend)„wir reiſen Incognito!— Da aber Du gerade der Gegenſtand biſt, den ich zu ſprechen wuͤnſche, ſo komm mit mir, daß ich dieſe unvorausgeſehene Begegnung gleich benuͤtze! Unſer gaſtfreier, guͤtiger Wirth, iſt ja wohl ſo gefaͤllig,(ſetzte ſie, ſich vornehm artig gegen den Prediger kehrend hinzu:) meine Begleiterin zurüir in ſeine Wohuung zu be⸗ gleiten?— Der Paſtor neigte ſich bejahend, und wäh⸗ rend er mit dieſer dem Hauſe zuging, nahm Bertha Auguſtas Hand und zog dieſe mit Un⸗ gedult tiefer unter die Baͤume hin, bis ſie ſich endlich in einer Laube neben ihr nsberlaſſen mußte. 3. 4 1 Eh wir erfahren was Fraͤulein Bertha von Eichenfels, die Tochter des Hofmarſchalls, Auguſten unter den veeſieae Gebuͤſchen des Pfarrgartens eroͤffnet, wollen wir uns erſt mit beiden in hoͤchſten Kontraſt ſtehenden Perſonen naͤher bekannt machen. Auguſte Weſt war die Waiſe eines bemittelten Schiffsherrn der die Tochter der uns ſchon bekannt geworde⸗ nen Frau Appollonia geheirathet, und eine kurze glückliche Ehe mit ihr gefuͤhrt hatte, die Auguſtens Erſcheinung in der Welt durch den Tod der Mutter traurig genug unterbrach. Weſts Schweſter, die Wittwe eines Kauf⸗ manns in der Reſidenz, auf deren kleinen Fluß ſeine kleine Flotte ſchwamm, nahm ſich, da ſie kinderlos war, der Verlaſſenen muͤtterlich an; ſie beſaß ein ſchoͤnes Haus, das nach ihrem Tode den Verwandten ihres Mannes, 3 von denen ſie es geerbt hatte, wieder anheim⸗ fiel, und von deſſen Ertrag ſie— die ſchon bejahrte— anſtaͤndig leben konnte, ohne daß die Erziehung der Kleinen, welche uͤbrigens ganz einfach war, ihren Aufwand vermehrt haͤtte. In dieſen Hauſe nun wohnte der Hof⸗ marſchall von Eichenfels, deſſen einzige Toch⸗ ter, Fraͤulein Bertha, fruͤh mutterlos wie . — — ——-mõõ——y— Auguſte, der Sorge einer Hofmeiſterin anver⸗ traut war. Schon ſechszehn Jahr alt, bereits in die Welt und an Hof eingefuͤhrt, wo ſie als ein Stern erſter Groͤße zu glaͤnzen begann, war Bertha als man Auguſtens Wiege vom Sterbebette ihrer Mutter in das Haus der Tante trug; Gleichheit der Schickſale, die beiden ſo fruͤh den Genuß der Muttertreue nahm, Wohlgefallen an den ſchoͤnen laͤcheln⸗ den Kinde, vielleicht auch jene dunkle Hinnei⸗ gung der Jungfrau zu den ſchutzbeduͤrfenden zarten Weſen einer harmloſen Unſchuld, bei Bertha wohl nur das augenehme Gefuͤhl einer gewiſſen Ueberlegenheit und feſtern Haltung, alles das vereinte ſich um die kleine Auguſte erſt zu Berthas lebendiger Puppe, denn ſtufen⸗ weiſe zu ihren Zoͤgling, zu ihrer Schuͤlerin, ja endlich zu ihren Liebling zu erheben. Auguſte erwuchs faſt in den Zimmern des Fraͤnleins, und Frau Weiß, ihre Erzicherin, eine uͤberaus verſtaͤndige Frau, die einſt ihre Kindheit und nun die Bluͤthen ihrer Jugend pflegte, wurde B — —— zwar weniger als die franzoͤſiſche Gouver⸗ nante geachtet, die nichts verfehlte was Ber⸗ tha zu einer vollkommenen Modedame machen mußte und daher in ewigen Streit mit dieſer war, nahm ſich der lieblichen Kleinen ſorg⸗ ſam an, und machte Berthas Spiel mit ihr, zu einer fuͤr das Gluͤck des Kindes, fuͤr die ganze Zukunft des Lebens, wichtigen Ent⸗ ſcheidung. So erlangte Auguſte, die uͤbri⸗ gens nur von den Zimmern ihrer Goͤnnerin, in die einfache Umgebung der Tante oder in den freundlichen Garten an der Wohnung kam, dort mannichfaltigen Unterricht, artige Kenntniſſe und verſchiedene Anſichten des Lebens, die Frau Weiß ſich zu ordnen, zu berichtigen, zu vereinfachen und auf des Maͤdchens kuͤnftige Beſtimmung zu einem gluͤcklichen Mittelſtand zuruͤckzufuͤhren ſich be⸗ mühte; ſie lernte bei der guten Tante dage⸗ gen alles was zu ihren haͤuslichen Bedarf noͤthig war, und die ſchoͤne Natur ihres Gar⸗ tens, der bald unter ihre ganz beſondere Pflege — 7 — 7 — 49— trat, das freundliche, ſtille Leben unter ihren Blumen, von denen ſie die dankbare Liebe, bald die ſchoͤnſten fuͤr Bertha erziehen ließ, vollendete des Kindes reinen Sinn und ſchuld⸗ loſes Wohlbehagen, von dem ihr helles Auge und ihr blühendes Geſicht bald ſattſam zeigte. Je mehr das Maͤdchen heranwuchs, je weniger ſchien Bertha ſich um ſie zu bekuͤmmern; ſie ſelbſt ſchritt ja ſtets weiter hinaus aus den unbefangenen, traumaͤhnlichen Tagen der Ju⸗ gend, wo das Gefühl für alles Neue, Gute, Schöne und Schuldloſe, wie Thautropfen des Morgens auf friſchen uͤber Nacht entfalteten Bluͤthen— ſo auf der erwachenden Seele liegt — wo wir, wie die Blume mit Duft wie die Fruͤchte mit den Hauch der verborgenen Reife, wie die Baumbluͤthe mit Schmelz der reinen Farbe uͤbergoſſen ſind— und trat hiuein in das magiſche, dunkle, verworrene Gewehe das den Pfad der ſie durch die Welt fuͤhrte, mit unſichtbaren Netzen uͤberſpann.— Noch huͤpfte Auguſte, ein gluͤckliches Kind, unter 2 2 1 ihren Blumen, da lagen ſchon Nattern der Leidenſchaft, des Ehrgeizes, des Intriken⸗ geiſtes an Berthas ſtolzer Bruſt, und ihr herrſchſuͤchtiger Geiſt knupfte den fuͤhlenden Herzen mit ſelbſt geſchaffner Taͤuſchung jede beſſere Empfindung ab. Vergebens öͤffneten ſich der reichen, angeſehnen, vornehmen Jung⸗ frau alle Thriumphthore des Gluͤcks und der Freude, umſonſt bot ihr mancher gleichgeborne Juͤngling Herz und Hand zum Gang durchs Leben. Bertha, von ihren Vergnuͤgen uͤber⸗ fuͤllt, eingenommen von ſich ſelbſt, muͤhte ſich um das kalte, ſtolze Gemuͤth, daß ſich zu⸗ ſchließt in den Jahren der Gefuͤhle, und ihr Pater von der Schoͤnheit, den Geiſt und der Bildung der Tochter gleichfalls uͤberzeugt, ließ diejenige gewaͤhren die der Stolz des Hofes, die Krone ſeines Hauſes war, der es nicht an ſolchen fehlte, die ihren Triumphwagen mit Freuden zogen, und der es auch um ſo weniger an Bewerbern fehlen konnte, wenn es ihr ein⸗ fallen wuͤrde die Sache ernſtlich zu nehmen. —— —y—— — — 21—. Auf dieſe Weiſe verſchwand die gefluͤgelte Zeit, Bertha wand ſich kuͤhn, geſchickt und muthig durch die Labyrinthe des Lebens, und panzerte die weiche Bruſt ſo gut ſie konnte mit ihren Minervenſchild, deunoch ritzte ſie ſich an man⸗ chen Dorn und blieb oft genug in den Diſtel⸗ gehaͤg ihrer Laufbahn haͤngen, bis ſie ſich ſchmerzlich losreißen mußte, Auguſte aber bluͤhte zur Jungfrau auf, und ſtand bald unter ihren Blumen— die ſchoͤnre da. Funfzehn Jahr ſollte die Kleine werden, und Bertha be⸗ merkte mit Erſtaunen, daß jeder Blick auf der Lieblichen weilte, und von ihr abglitt, wenn ſie der Zufall, wiewohl ſelten genug, in ihre Zimmer fuͤhrte, wenn Geſellſchaft da war— da trat der Tod abermals ins Mittel und nahm Auguſtens Tante hinweg, ſo daß dieſer nun nichts uͤbrig blieb als die Zuflucht zu Frau Appollonia, ihrer Großmutter. Frau Weiß huͤtete ſich wohl, den anfangs in Bertha auf⸗ ſteigenden Gedanken Auguſten zu ihrer Geſell⸗ ſchafterin zu erheben, in ihr zu naͤhern, auch war ihm Demviſelle Molly die das bruͤhende Maͤdchen nicht leiden konnte, ſogleich zuwider, denn Frau Weiß liebte das wahre Gluͤck des geliebten Kindes, und trug gegruͤndetes Be⸗ denken es in dieſes Labyrinth verwickelt, zum Gegenſtand von Berthas launenvollen Unbe⸗ ſtand, Mollys Intrikengeiſt, und zum Kontraſt dieſer beiden in den pruͤfenden Augen anderer werden zu ſehen, deshalb beſtaͤrkte ſie Auguſten in den reinen Pflichtgefuͤhl, daß ſie nach Wil⸗ dungen zu ihrer achtbaren Großmutter wies, deren Stuͤtze ſie ſeyn könnte, und Auguſte, wiewohl ſchmerzlich bewegt, alles verlaſſen zu muͤſſen was ihr lieb und theuer war, ſchied von ihren Goͤnnerinnen mit heißen Thraͤnen, nahm von jeder ihrer Blume zaͤrtlich Abſchied⸗ und wohnte nun uͤber ein Jahr indem ſie nichts weiter von allen dem gehoͤrt hatte, ſchon lange wieder ruhig und gluͤcklich bei der guten Alten, deren Augapfel ſie war, wie ihres Herzens Troſt und Freude. Dieſes Jahr des thaͤti⸗ gen, freien Landlebens, der ſtillen Zufrieden⸗ k heit, der genuͤgſamen einfachen Lebensweiſe hatte Auguſten noch reizender gemacht, zur bluͤhenden Jungfrau erwachſen, war Paſtor Walter, der erſt nach Wildungen berufene junge Prediger, ein ſeines Amtes wuͤrdiger junger Mann, nicht der letzte geweſen der dieſes bemerkte; allein beſcheiden und ſchuͤch⸗ tern wie immer wahre Liebe zu ſeyn pflegt, hatte er noch bis jetzt keine Worte fuͤr ſeine Gefuͤhle gehabt, um ſo mehr da Auguſte frei und unbefangen zu ſeyn ſchien, nnd ſeine alte Mutter an Frau Appollonia eine Herzensfreun⸗ din gefunden hatte, ſo daß ſeinem Gluͤcke kein Hinderniß in den Weg zu ſtehen ſchien. 4. Bertha war in der Zeit, daß Auguſte ihr fremd worden war, zu reifern Nachdenken ge⸗ kommen; ſie ſah ſich mit Erſtaunen au der Halbſcheid, faſt an der Grenze der Jugend. Ihre Geſpielinnen waren groͤßtentheils Muͤt⸗ ter, denn eine nach der andern wandelte vor ihr her den Weg zum Traualtar, der nur am Grabe endet, und bluͤhende Toͤchter, muntere Knabeu umkraͤnzten die Fruͤhabgefundnen mit den Leben; uͤberhaupt ſproßte rings umher eine uͤppigprangende Jugend gedeihlich auf, und Bertha konnte ſichs nicht laͤugnen, ſie ſtand neben ihr in Schatten, von manchen Sonnenſtrahl gedruͤckte, von manchen Regen⸗ ſchauer gebleichte Bluͤthe ihrer Schoͤnheit war laͤngſt hinaus uͤber den erſten Lenz der ſeine Lieblinge ſtets ins gewinnende Licht zu ſtellen weiß, und was auch Kunſt, Geſchmack, hoͤhere Geiſtesbildung, Weltton und Erfahrung thaten um ſie auszuzeichnen und zu erheben, die Blume blieb gegen jene— nur eine kuͤnſtliche. Aus dem allen zog jetzt Bertha ſelbſt den Schluß, daß es nun wohl an der Zeit ſeyn duͤrfe, ein Buͤndniß zu ſchließen, das heißt ein Etabliſſement zu ſuchen, und noch ſchien ihr außer Zweifel, daß ſo etwas ihren ernſtern Wollen nicht fehlen koͤnne. Ihr Vater hatte ſchon lange kein Einreden in dieſen Angelegen⸗ heiten mehr verſucht, er war unterdeſſen aͤlter und uͤber manches, was er ſonſt leidenſchaft⸗ lich wuͤnſchte, kuͤhler worden, wie es gewoͤhn⸗ lich zu geſchehen pflegt, wenn die Gewitter des Lebens ausgeblitzt haben, ſo daß ſie Her⸗ rin ihrer Handlungen blieb, und ſo warf ſie den waͤhlenden Blick, der ſo oft hin und her⸗ geirrt war, endlich auf einen jungen Mann, der faſt mit ihr jung geweſen war, und nachdem er ſehr lange an ihren Triumph⸗ wagen gefeſſelt geblieben war, dieſe leich⸗ ten Feſſeln ſprengte, um die Welt zu ſehen, wo er Zeit hatte, alles Vergangene zu ver⸗ geſſen. Er vergaß— aber als er von Paris, London, der Schweiz und Italien zuruͤckkam, von jedem Lande eine andere Sitte, fuͤr jedes weibliche Weſen ſo zu ſagen ein anderes Ge⸗ muͤth mitbrachte, und uͤberall zu ſagen ſchien: Ich bin Caͤſar!— da erwachte Berthas fruͤhere — einſt ſchwer bekaͤmpfte Neigung, und ſie entſchied ihre Wahl fuͤr den Grafen Wildrick, denn eben der auf den einfachen, ſittigen Lande Gefuͤrchtete und Verhaßte, war in der Reſi⸗ denz der Paris in deſſen Hand jede Gleichge⸗ ſtellte den goldnen Apfel blinken ſah, nachdem ſie oͤffentlich langte oder verſtohlen blickte, denn Graf Wildrick war reich, von beſten Ton, von vieler Weltbildung, unabhaͤngig und wohlge⸗ ſtaltet. Auch waͤhrte es nicht lange, ſo ſchien er wieder aufs neue mit den Reizen der Ge⸗ wohnheit bekannt, Berthas Feſſeln, die ſie ihm jetzt zuvorkommender bot, angelegt zu haben, und niemand, ſelbſt der daruͤber hoch erfreute Hofmann, Berthas Vater zweifelte nicht, daß endlich Hymen den Bund der laͤngſt Ver⸗ einten kroͤnen werde. Allein Graf Moritz hatte nach der angenommenen feinen Denkart ſeines Charakters wenig mehr im Sinn als eine jener oberflaͤchlichen Beſchaͤftigungen die ihm zur Gewohnheit worden waren, er umſchwaͤrmte, er bewunderte Bertha, vielleicht achtete er ſie ſogar, aber ſelbſt wenn ſein— in der Luft der großen Welt zum trockenen Schwamm aus⸗ gedorrtes Herz auch wirklich Liebe zu fuͤhlen ——— ——— — 27— vermocht haͤtte, dieſe kuͤnſtliche Bertha war es nicht, der er ſie weihen konnte. Zu ſpaͤt bemerkte die Getaͤuſchte, die ihn zu uͤberliſten geglaubt hatte, und von den Schlauern uͤber⸗ nrooffen war, ihren Fehlgriff, und aus der Liebe die ſie immer fuͤr ihm gefuͤhlt hatte, ſchuf nun ihr Stolz den bitterſten Haß, die leidenſchaft⸗ lichſte Rache. Sie entwarf deshalb tauſend Plaͤne, immer einen abenteuerlicher als den andern, und ſtand endlich bei dem feſt, ihm durch den Fuͤrſten, bei dem ihr Vater viel galt, ihre Hand aufzudringen, ihm aber ſtatt ihrer, die er fruͤher durch Verſchmaͤhung ſo furchtbar gereizt und beleidigt hatte, ein ah⸗ nenloſes, unbeguͤtertes und unbedeutendes Ge⸗ ſchoͤpf unterzuſchieben, um uͤber ſeine Demuͤthi⸗ gung hernach frohlockend zu ſpotten, und ihn den Hohngelaͤchter der Welt bloszuſtellen. Man ſieht, daß Berthas Charakter nicht an Haͤrte verloren hatte, daß es ihr moͤglich war, ſich zu Erreichung eines einmal feſtgeſetzten Zwecks jedes Mittel zu erlauben, und daß Selbſtſucht, — 22— Stolz und Rache die Hauptzuͤge ihrer Gemüths⸗ art ausmachten; dabei fehlte es ihr nicht an Geiſt, und eben ſo wenig an Geſchicklichkeit ihre Pläne auszufuͤhren. Schon war es ihr gelungen den Fuͤrſten durch ihren Vater guͤnſtig für ſich zu ſtimmen, Graf Wildrick ſah mit Erſtaunen, daß der Fuͤrſt, der Hof, die Welt ſeine Heirath mit Bertha fuͤr unabaͤnderlich er⸗ klaͤrten, er ſah ſich in tauſend Verhaͤltniſſe ver⸗ wickelt die alle nur zu dem einen Ziele fuͤhrten, und geſtand ſich am Ende lachend, daß er der Koͤnigin Schach geboten, und ſie ihm gefangen habe.„Warum aber auch mich graͤmen?“ (fragte ſich endlich der Leichtſinnige)„ſoll ich es mit den Fuͤrſten, mit den ganzen Hof auf⸗ nehmen, um einen Schickſal zu entgehen, den ich mich doch einmal unterwerfen muß? Bertha iſt hinaus uͤber den bluͤhenden Schmelz der erſten Jahre, aber ſie hat Ton, ſie wird meinem Hauſe gehoͤrig vorſtehen, und die Guͤter ihres Onkels, des Praͤſidenten, deſſen Erbin ſie iſt, die meinigen arrondiren. Dabei iſt ſie — noch immer ſchoͤn, klug, geiſtreich, pikant, ich waͤre ein Thor nicht eine gute Miene zu einem Spiel zu machen, daß— im Grunde ſo boͤſe nicht iſt, denn— geſetzt, wir conve⸗ nirten uns gar nicht, eh has, ſo laͤßt man ſich ſcheiden!“ Dieſer Ueberlegung zufolge, ward Graf Wildrick auf einmal in den zaͤrtlichſten épou⸗ seurs umgewandelt, und bald Berthas erklär⸗ ter Braͤutigam, ja ſogar ſo hoͤchſt liebenswuͤr⸗ dig, daß Bertha anfing in ihren ſeltſamen Nacheentſchluß zu wanken, denn eigentlich liebte ſie ihn. Allein gewohnt, ihren Herzen keine Stimme zu verſtatten, ſobald ihr Stolz dagegen Einwendung machte, uͤberwand ſie dieſe weichere Stimmung, und dachte nur an die Vollendung ihres kuͤnſtlich angelegten Plans. Noch fehlte es ihr an derjenigen, die an ihrer Statt Wildricks Gemahlin werden ſollte, ſie ſann hin und her, und— endlich beſann ſie ſich auf die kleine bis jetzt vergeſſene Auguſte, die nicht nur alles war, was ſie wuͤnſchte, — 30— ſondern von deren Unterwuͤrſigkeit und Einfalt ſſie ſich das Gelingen ihres Plans verſprach. Durch Frau Weiß, die ihren Liebling nicht aus den Herzen, wenn gleich aus den Augen ver⸗ loren hatte, erfuhr ſie Auguſtens anſpruchloſes gluͤckliches Leben, die Freundſchaft mit den Pfarrhauſe und alles was ſie zu wiſſen wuͤnſchte. Ihr Plan lag fertig. Sie ſagte den Grafen wie ſie ganz in Stillen zu Schloß Wildungen ihre Trauung wüͤnſche, und wie ein Gelübde ſie werbinde, ſich in der Kirche und zwar um Mitternacht, ohne Brautſchmuck und Hoch⸗ zeitgewand, tief in Schleier gehuͤllt, vor den Altar trauen zu laſſen, des andern Tags wolle ſie denn in dem ſeiner Gemahlin gebuͤhrenden Glanz erſcheinen. Der Graf ſowohl als Ber⸗ thas Vater hielten dieſe Sonderbarkeit fuͤr einen der Einfaͤlle die ſie nur allzuoft zu haben pflegte, und nicht beſtreiten ließ, beide willigten ein, der Graf um ſo lieber, da er die Scherze ſei⸗ ner uͤbermuͤthigen Geſellſchafter, aus deren hageſtolzen Orden er trat, dadurch beſeitigte, —— und der Hofmarſchall, weil er krank war, und nichts weniger gern hatte als ſolche haͤusliche Erbauungsſcenen. Bertha kam mit Wildrick äberein, daß ſie ſich im ſtrengſten Inkognitv mit Molly in Wildungen einfinden, unter irgend einen Vorwand des Predigers Gaſtfreundſchaft in Anſpruch nehmen, und ihn Abends in der Kirche finden wolle, wo er den, denn erſt Unterrichteten um die prieſterliche Einſegnung bitten ſollte. Der Graf gab nach, und be⸗ ſtimmte den Egidytag, wo die Jagd aufging, und er ohne dies auf ſeine Guͤter kam, und Bertha rechnete auf die Ueberraſchung und den Gehorſam der ihr kindlich ergebenen Auguſte, ihren Plan zu vollenden, als ſie ſich bei Wal⸗ ters einfuͤhrte, wußte aber ihrer noch auf keine Weiſe habhaft zu werden, da fuͤhrte ſie das launigte Ohngefaͤhr in den Obſtgarten des Pre⸗ digers, und die fluͤchtende Auguſte gerade in ihre Haͤnde. 5. Aber auch Auguſtens Herz war unterdeſſen — 2— erwachſen und nicht ſo unbeſchäftigt geblieben, als es ihre Einſamkeit vermuthen ließ. Frau Appollonia, die ihre ſchoͤne Enkelin aͤngſtlich bewachte, wenn ſie Gefahr in der Naͤhe glaub⸗ te, ſendete ſie oft dieſer ſorglos entgegen, ohne daß ſie es wußte. Ihre Lieblingsbeſchaͤftigung war eine ziemlich ausgebreitete, und den ent⸗ legenen Ort uͤberaus heilſame und wohlthaͤtige Heilkunde, doppelt erſprießlich fuͤr die einfachen Naturkinder, weil ſie eben ſo einfach wie ſie und ihre Uebel, lediglich aus der Kraͤuterkunde und Pflanzenwelt hergeleitet, treu jeden Fin⸗ gerzeig der Natur befolgte, und daher faſt immer gluͤcklich war. Als Tochter eines Wund⸗ arztes und Frau eines Gaͤrtners, der nachher Bettmeiſter auf den Schloſſe ward, als ihm ſein Alter in Ruheſtand verſetzte, und die noch immer Thaͤtige fuͤr ihn waltete, hatte Frau Ap⸗ pollonia ſehr bald eine ausgebreitete botaniſche Kenntniß erlangt, die ſie jetzt der aufmerk⸗ ſamen Enkelin mittheilte. Oft ſendete ſie da⸗ her das willige Kind uͤber Berg und Thal, —-— Wald und Flur, Hain und Wieſe, die ange⸗ wieſenen Kraͤuter und Pflanzen zu ſammeln, die in der fruchtbaren Gebirgsgegend uͤppig ſproßten und zu ihren Wundſalben, Kuͤhl⸗ traͤnken und Heilpflaſtern erforderlich waren. Frau Appollonia kannte keine angenehmere, lohnendere Beſchaͤftigung, ſie hatte ſie von Jugend auf getrieben, und trat ſie nur un⸗ gern an die Enkelin ab; jetzt war ihr, da ſie Jahre lang daruͤber nachgedacht hatte, der Nutzen der Kraͤuterkenntniß auch in religioͤſer Hinſicht verehrlich und einleuchtend worden. „Sieh!“ ſagte ſie oft zu der lehrbegierigen Auguſte, wenn ſie ihr Gaͤnſerich und Eppig, das Teſchelkraut und die Ringelblume, die Cardobenedikten und die Mariendiſtel, das Tauſendguͤldenkraut und den Gundermann, Wegewart und das Gamanderlein nach ihren Bluͤthen, Blaͤttern, Tugenden und Eigen⸗ ſchaften, und manche andere Heilpflanze nach ihren moͤglichen Wirkungen beſchrieben hatte, „ſieh!“ ſagte ſie denn oft mit geruͤhrter Seele E hinzu:„Der Herr ſelbſt freuet ſich ſeiner Werke, und wie die Erde von Iſop bis zur Ceder ſeiner Gute ſo voll iſt, denn in der hei⸗ ligen Schrift ſind die ſchoͤnſten Gleichniſſe von den Gewaͤchſen hergenommen, ohne Zweifel weil kein vernuͤnftiger Menſch vor dieſen edlen Geſchöpfen Gottes die ihn taͤglich vor Augen ſind, ohne Erkenntniß vorbeigehen ſoll. Da ſteht von der Wurzel und den Stamm, den herabfallenden Blaͤttern, und den am Waſſer gruͤnenden Baͤumen, von der Herrlichkeit der Blumen, und den reifgewordenen Fruͤchten, von Salomos Pracht, die der Schoͤnheit der Feldlilie weicht, und den Gras, daß in ſeiner Friſche auf gruͤnenden Wohlſtand deutet. Ja, der liebe Erloͤſer ſelbſt verſchmaͤht es nicht, ſich ein Gewaͤchs des Herrn, das gerechte Ge⸗ waͤchs Davids zu nennen, und ſeine Glaͤubigen, Pflanzen ſeines himmliſchen Vaters, die guten Kinder aber, wie du eins biſt, liebe Guſtel, werden mit Oelzweigen verglichen, die des Vaters Tiſch umſchatten.“ — 35— Wenn die gute Alte ſo ſprach, ſo ward Auguſten recht heiter in Sinn und froh in Herzen, ſie nahm bereitwillig ihr Weidenkoͤrb⸗ chen, ſetzte den breiten Sonnenhut uͤber die kunſtlos wallenden Locken, und der erſte Schimmer Aurorens lockte ſie in die kraͤuter⸗ reiche Waldgegend hin, waͤhrend ein heiteres Morgenlied den Herrn der Welten, mit den Sang der Voͤgel und der Schallmei der Hirten aus ihrer Bruſt ertoͤnte. Dabei an irgend eine Gefahr zu denken, kam der Großmutter, die dieſe Waldplätze kannte, wie ihre Vorraths⸗ kammern, ſo wenig in Sinn, als ihr, und nie war ihr auf ihren einſamen Wanderungen etwas unheimliches begegnet, was haͤtte ſie fuͤrchten ſollen— mit den reinen Herzen und kindlichfrommen Glauben, im Schoos der Natur, bei ihren Geſpielen, den Waldblumen, in der Huth ihres Schutzgeiſtes, deſſen ſie ſo gewiß ſeyn konnte, da ſie ihn mit irgend einen unheiligen Gedanken nie beleidigt hatte? Ein neblichter Sommermorgen rief einſt C 2 die Kraͤuterſammlerin auf die mit Schleierge⸗ weben eingeſponnene Flur, ſie ſollte diesmal Attich und Mottenkraut, daß nur an duͤrren Orten, und am ſchoͤnſten in Juli und Auguſt⸗ monat waͤchſt, nach Hauſe bringen, und ſtreifte an der Berglehne hin, das letztere, deſſen Blume wie Gold glaͤnzt, wenn die Sonnenſtralen darauf fallen, leichter in Auf⸗ gang derſelben zu erblicken; dann verlor ſie ſich am Saum des Gebirges, roſeurothes Haidekraut von den braunrothen Stengel zu pfluͤcken, in dem fleißige Bienenſchaaren ſchon luſtig tummelten. Auch Mannstreu hatte ſie nach Hauſe zu bringen.„Wo ſoll ich die ſeltene Pflanze nur ſuchen?“ C(lachte ſie vor ſich hin)„ich ſehe ſie nirgends, ſollte ſie ſich denn wirklich auch hier ſo rar machen, wie die Großmutter verſichert, daß ſie es in der Welt iſt?“— ſie ging und fand das fuͤnf⸗ blaͤttrige Eryngium, und den einblaͤttrigen Augentroſt, der fuͤr die bloͤden Augen der Großmutter ſo heilſam war. Suchend und ſich des glücklichen Findens freuend, war ſie jetzt in den Wald gekommen, das angenehm⸗ duftende Erdbeerkraut, von Thau benetzt, der Aland, von dem die Alten fabeln, er ſey von den Thraͤnen der ſchoͤnen Helene entſtanden als ſie Paris entfuhrte, der Scharlach, mit vier⸗ fachen Bart und zertheilten Helm, das Jo⸗ hanniskraut, Harthan, von dem die Land⸗ leute das Spruͤchlein haben: Doſt, Harthan und weiße Haid Thut dem Teufel viel Leid, und mehrere andere ſonſt oft vergebens ge⸗ ſuchte Pflanzen lockten ſie tiefer in den Wald, aus deſſen gruͤnen, beweglichen Hallen ihr das Chor der Fruͤhſaͤnger entgegenſchmet⸗ terte. Eben wollte ſie ſich eines Natter⸗ zuͤngleins bemaͤchtigen, und ſuchte es unter den Graſe hervor,— da fuhr eine lebendige Natter hervor und ſchlang ſich um ihre Hand. Lautauf ſchrie die Erſchrockene, aber in dem⸗ ſelben Augenblick ſprang ein Jaͤger aus den Gebuͤſch, riß das giftige Thier hinweg, es — — 38— weit fortſchleudernd, und die verwundete Hand an ſeinen Mund, ſchnell das Gift aus der Wunde ſaugend und auswerfend. Dann zer⸗ rieb er die Natterzuͤnglein, legte ſie darauf, riß ſein Tuch von Halſe und band die Hand damit zu. Alles das war das Werk eines Augenblicks, indem Auguſte einer Ohnmacht nahe, alles willenlos geſchehen ließ. Jetzt füͤhrte er das verblaßte Maͤdchen ſeitwaͤrts ins Gebuͤſch, ließ ſie am Rand eines friſchen Quells ſich niederſetzen, zog einen Becher und eine Korbflaſche aus ſeiner Jadtaſche, und ſtaͤrkenden Wein hineingießend, den er mit den hellhervorſpringenden Waſſer miſchte, reichte er ihr mit freundlichen Worten den Labetrank. Auguſte, deren Schmerz gelindert war, erholte ſich langſam und verſuchte zu trinken. Erquickt fiel jetzt erſt ihr pruͤfender Blick auf den Helfer in der Noth, und die Beſorgniß, daß ihm das eingeſaugte Gift ſchaden werde, verurſachte ihr eine ſo ruͤhrende Angſt, daß ſie mit lieblicher Verwirrung und aufwallender Herzlichkeit des Dankes vermiſcht, das rei⸗ zende Maͤdchen zum reizendſten machte. „„Beſorgen Sie nichts, mein ſchoͤnes Kind!“ (troͤſtete der Jaͤger,)„wir Waidmaͤnner wiſſen in ſolchen Dingen ſchon Beſcheid, und zudem habe ich das Gift ſchnell ausgeworfen, einige von ihren Kraͤutern gekaut, und den Mund ge⸗ reinigt; fuͤr mich iſt keine Gefahr vorhanden, und ich preiſe mich gluͤcklich, die Ihrige zu hter Zeit ſo gluͤcklich abgewendet zu haben!“ „Mein guter Engel, Gott ſelbſt ſandte zu meiner Rettung!““(ſtammelte Auguſte, wirrt von den ſeltſamen Blicken des ſchoͤnen zungen Mannes, der in ihren Anſchaun ver⸗ loren ſchien.)„Darf ich wiſſen, wem ich ſ Großes danke?“(ſetzte ſie muthiger hinzu, denn ſeine Augen ließen von ihr ab bei der einfachen und ſo natuͤrlichen Frage.) „Ich bin,“(war nach einigen Beſinnen die Antwort,)„der Forſtmeiſter Moritz, und ohnlaͤngſt in dieſe Gegend gekommen, Sie, ſchoͤne Auguſte, zogen ſchon lange den Blick — 40— meiner Bewunderung auf ſich, denn— ich will es Ihnen nur geſtehen, ich habe Sie oft mit innigem Vergnuͤgen hier bei Ihren aͤmſigen Pflanzenſuchen belauſcht!“ „Das war nicht fein von Ihnen!“(lis⸗ pelte hochergluͤhend Auguſte.) „Was ſchadete es denn? Sie gingen ja immer auf den Pfad der harmloſeſten Unſchuld einher. Mir war's ſtets, als umſchwebe Sie der Engel, von dem Sie vorhin ſprachen, und wenn Ihre ſuͤße Stimme erſchallte, ein Lie der Andacht ſingend, ward mir dieſer Hai zum Tempel! Ohne Ihren heutigen Unfall haͤtte ich mir noch lange die Wonne dieſes Ge⸗ nuſſes aufgeſpart.“ „Mich duͤnkt, es iſt ſo auch recht gut,“ (ſagte Auguſte,)„ich lernte Sie kennen, und fuͤhle mich zum Anfang der Bekanntſchaft Ihnen als einen guten Menſchen verpflichtet.“ 7, Wenn ich Ihnen dieſes bin, ſo verſpre⸗ chen Sie mir, hier recht oft wieder zu erſchei⸗ nen, damit mir das Gluͤck zu Theil wird, Ihre fuͤr mich ſo intereſſante Bekanntſchaft fortzuſetzen!“ „„Nicht oͤfterer als meine Großmutter mich ſchicken wird. Uebrigens wurden Sie auch bei uns zu Hauſe recht gern geſehen ſeyn!“ „Da muß ich doch bitten, mich zu entſchul⸗ digen. Ich bin mit Ihren Grafen auf einen ſonderbaren Fuß,, und wir erſcheinen nie bei einander. „O unſer Graf!— der kuͤmmert uns gar „ er iſt ja ſtets abweſend, und ich habe noch nie geſehen, verlange es auch nicht, denn man ſagt ihn nicht viel Gutes nach.“ „Wohl hinſichtlich Ihres Geſchlechts?“ „Ja leider! wie nun die vornehmen Herren ſo ſeyn ſollen. Es iſt am kluͤgſten, man geht ihnen aus dem Wege. „Aber den Grafen thut man doch wohl auch zuviel. Ich weiß Gelegenheiten, wo er ſich den reizendſten Maͤdchen allein gegenuͤber aufs verſtaͤndigſte zu behaupten wußte!“ „Das freut mich, um ſeiner eignen Ehre — 42— willen!— Doch die Sonne kommt ſchon hoch, ich muß fort, meine gute Großmutter moͤchte beſorgt ſeyn, wenn ich laͤnger ausbliebe,“ (ſie ſtand auf, ihr Koͤrbchen mit den ii Pflanzen aufſuchend.) Der Jaͤger war ihr gefolgt,„Sie fuͤhlen doch keinen Schmerz an der Hand?“(fragte er theilnehmend.) „Nicht den mindeſten?“ „ und Sie verſprechen mir, daß 1 bald wieder hier treffen ſoll, um mich zu zeugen, daß Sie wohl geblieben ſind, wi üchr zweifle?“. „Sehr gern, wenn mich 1 mein Weg wiedei hier herfuͤhrt, und Sie nicht 5 uns kommen wollen.“ „Ich kann nicht, liebe Auguſte! im Ge⸗ gentheil muß ich Sie bitten, weder ihrer Groß⸗ mutter noch jemand von den geringen Dienſt Erwaͤhnung zu thun, den ich Ihnen za leiſten ſo gluͤcklich war! ich muß mir dieſen einzigen Beweis Ihres Wohlwollens erbitten.“ So ſonderbar der offnen Auguſte, die in ihren ganzen Leben nichts zu verſchweigen ge⸗ habt hatte, dieſe Bitte auch immer vohrkam, ſo veranlaßte ſie doch das Dankgefuͤhl in ihre Erfuͤllung zu willigen; ſie ſchied von den jun⸗ gen Waldgott, der ſie bis am Saum der Ge⸗ birge begleitete, und dann wieder hinter den Baͤumen verſchwand. Auguſte kam gedanken⸗ voll und unruhig zu Hauſe, der Natterbiß heilte ohne alle Folgen, daher ſie nicht noͤthig hatte davon zu ſprechen, allein ihr Herz hatte ſeit derſelben, ſeine kindliche Unbefangenheit, ſeine Ruhe verloren, und ſie ſchrieb in aller Unſchuld jener Natter die Unruhe und Aengſt⸗ lichkeit, die traͤumeriſche Sehnſucht zu, die ſic jetzt ihrer bemaͤchtigte. 6. 2 Ein anhaltender Regen, der in dieſen heißen Sommer die Gewitterluft kuͤhlte, aber alle Fenſter des Himmels geoͤffnet zu haben ſchien, ſiel zu Auguſtens großen Mißvergnuͤ⸗ gen, gerade jetzt ein, und verhinderte ſie wie⸗ — 44— der in den Wald zu gehen, denn ſie fand es ganz in der Ordnung, ihren Retter aufzu⸗ ſuchen, und ſich zu erkundigen, ob doch wohl das eingezogene Gift ihm nachtheilig geweſen war? Die Angſt der Ungewißheit, ſetzte ihr hart zu, und Frau Appollonia konnte gar nicht begreifen, weshalb Auguſte auf einmal zur Wetterkunde ſo geneigt, und uͤber die unauf⸗ hoͤrliche Exploſion der lichtgrauen Wolken, die ſo einfarbig ausſahen wie das Leben der guten Alten, ſo troſtlos war. „Was doch die junge Welt jetzt an allen Dingen fuͤr uͤbertriebenen Antheil nimmt!“ (brummte ſie, wenn Auguſte bald vor des Verwalters Wetterglas, bald vor ihren tief aus den Waſſerglas herausſchwimmenden Laub⸗ froſch ſtand, bald aͤngſtlich nach der umher⸗ kreiſenden Fahne des Kirchthurms und den Flug der Voͤgel ſah,)„regnet es dir denn auf den Kopf? ja! es mag wohl ſo manchen armen Reiſenden, halb nackenden Arbeiter oder Hir⸗ ten geben, manchen der ohne Dach und Fach iſt, dem dieſes Wetter bis in die Haut dringt, und Gott ſey denen allen gnaͤdig, du aber haſt gar keine vernuͤnftige Urſache zu klagen, du ſitzeſt im Trocknen ‚haſt Brod und Arbeit und ein geſundes Gemuͤth bei koͤrperlichen Wohler⸗ gehen. Der liebe himmliſche Vater wird ſchon wiſſen, wenn er ſeine trocknenden Sonnenſtra⸗ len wieder hervorgehen laſſen ſoll, denn keine Suͤndfluth giebt's nicht wieder, ſo lange die Erde ſteht, die Welt ſoll in Feuer untergehen, und mich duͤnkt, mancher Menſch ſteht ſchon in lichterlohen Flammen des Zorns, der Lei⸗ denſchaften und manches ſündlichen Begehreus, ſo daß die beſſere Welt in ihm immer mehr untergeht!—“ Wenn die Großmutter ſo nach ihrer Weiſe philoſophierte, fuͤhlte Auguſte ſich beinahe ge⸗ troffen und ſchlich ergebend hinter ihren Naͤh⸗ tiſch und den Rocken, das ſchnurrende Naͤd⸗ chen mit fleißiger Haſt drehend, aber als end⸗ lich der Himmel ausgeweint hatte, und das verſoͤhnende, klare Azurblau ſiegend den Wol⸗ — 46—. kenſchleier zerriß, die Gewaͤſſer ſtanden, und der Fußpfad trockner ward, da erinnerte ſie die Großmutter, daß weder zum Waſſer noch zum Syrup Andorn, der Steinklee und die Speckmelde in der Kraͤuterſammlung vorhan⸗ den ſey, und das ſchmerzſtillende Guͤrtelkraut oder Baͤrlepp jetzt am ſchoͤnſten im Walde au⸗ zutreffen ſeyn werde. Frau Appollonia ſah die Wahrheit dieſer Behauptung ein, belobte des Toͤchterchens kundige Sorgſamkeit, und da des andern Tags ein ſchoͤner, erquickender Morgen hereindaͤmmerte, weckte ſie Auguſten ſelbſt und ruͤſtete ſie zu der angenehmen Kraͤu⸗ terfahrt,„denn,“(ſagte ſie,)„ſelbſt die Bienen verlaſſen heute ihre Zellen, und ſum⸗ men munter um die Klatſchroſen in Garten.“ Gern befolgte das Maͤdchen dieſe willkommene Aufforderung: Wohl rannte der Fuß, wohl klopfte die Bruſt Das Auge ſchwamm leuchtend in Geniusluſt Die Thaͤler ſo bluͤhend, ſo wunderhold— Die fernen Berge wie ſtroͤmendes Gold.—— Wie Himmelsaugen die Waſſer klar Wie Engelein Gottes der Voͤgel Schaar Und ringsum lispelt und perlt die Luft Mit Blumenodem und ſilbernem Duft.— Da ſteht er unter den bluͤhenden Baum— Steht er nicht da wie ein ſeliger Traum? Er wehet ſo fort in Dunkel und Licht Er ſchauet zum Himmel und redet nicht!— **X* Aber er redete ſehr bald als er das heran⸗ fliegende Maͤdchen erkannte, und was er ſprach war der freudige, feurige Ton eines innigen Entzückens, daß ſich nicht erkuͤnſteln läßt. Auguſte durfte nicht nach ſeinen Wohlſeyn fragen, denn die Fuͤlle der Geſundheit ſtralte aus ſeinem leuchtenden Blicken, aus den Feuer der ſchoͤnen, braunen, ſprechenden Augen; aber ſie druͤckte ihm dennoch ihre Beſorgniſſe aus, ihre Freude ihn ſo geſund zu finden, ihren Dank fuͤr das was ſie ihn ſchuldig war, und das alles mit einer ſo natuͤrlichen Zartheit, ſo innig und ſo unſchuldig, daß ſie noch einmal ſo rei⸗ zend machte, als ſie war. — 48— Der Jaͤger leitete ſie zu einem ſchattigten Grasplatz im Waldgehaͤge, dort hatte er auf einen ungeheuern Eichenklotz ein idylliſches Mahl bereitet. Gefluͤgel und Wildpret, duf⸗ tende Erdbeeren auf grünen Ochſenzungen⸗ blatt, perlender Wein in einen ſilbernen Becher, und neben, an den leisplaͤtſchernden Silber⸗ quell„ eine weiche Raſenerhoͤhung zum Sitz. Anguſte nahm zutraulich Platz, aß, trank, lachte, ſcherzte und zeigte ſo in immer ver⸗ traulichern Geſpraͤch die edle Einfalt, die reine Unſchuld eines ſchoͤnen, unerfahrnen Herzens. Der entzuͤckte Jaͤger ſaͤumte nicht lange mit den lebhaften Geſtaͤndniß ſeiner Gefuͤhle, aber da ward Auguſte auf einmal ernſt und beſon⸗ nen. Sie kannte keine andere Liebe als die im Allerheiligſten des Lebens endet, und fuͤhlte wohl eine ſolche zum erſtenmal in ihrer Bruſt, allein um ſo achtſamer ward ſie auf ſich ſelbſt, um ſo Ehrfurcht einfloͤßender machte ſie ihre Unſchuld. Bald ſah der Jaͤger wem er vor ſich hatte, und er verſprach in kurzen bei Fran — 49— Appollonia um die ſchoͤne Enkelin anzuhalten, 3 wie dieſe es ihm geſtattete, bat aber bis dahin um heimlich fortgeſetzten Beſuch im Walde. Auguſte ſagte ſich zwar ſelbſt, daß ihr Ruf leiden koͤnne, wenn das Geheimniß am Tag kaͤme, und daß ſie daran nicht Recht thue, aber der ſchoͤne Jaͤger, der ſie ſo zaͤrtlich zu lieben, es ſo ehrlich zu meinen ſchien, der ſich nicht die mindeſte Zudringlichkeit erlaubte, und der— was wohl das wichtigſte war— zeine ſo entſcheidende Fuͤrſprache in ihren Herzen fand, bat ſo inſtaͤndig, und hatte ſich ihr ſo weerth gemacht, daß er ja wohl ein kleines mit Vorſicht gebrachtes Opfer verdiente. Ver⸗ rathen zu werden, war unmoͤglich, denn hier ſuchte ſie niemand, und der Jaͤger half ihr ſo ſchnell das Koͤrbchen mit den geſuchten Kraͤu⸗ tern fuͤllen, wenn ſie aufbrechen mußte, daß ſie mit reichlicher Ausbeute nach Hauſe kam. Stets mußte ſie baldiges Wiederkommen ver⸗ ſprechen, und wirklich kam ſie noch einigemal, eh' durch Bertha, vielleicht doch zu rechter D„ Zeit, die Löſung des künſtlich geſcherzten Knotens, herbeigefuͤhrt ward, denn der Jaͤger ſprach immer mehr von ſeiner nahen Erſchei⸗ nung bei Frau Appollonia, um Auguſtens Hand zu begaͤhren, benahm ſich aber auch jmmer nach dieſen Maasſtab mit wachſender Zaͤrtlichkeit und Leidenſchaft, ſo daß Auguſte den klugen Vorſatz faßte, bevor dieſer Auf⸗ tritt, den ſie jetzt taͤglich entgegen ſah, wirk⸗ lich erfolgt ſey, nicht mehr Kraͤuter ſuchen zu gehen, zumal ſie deren ſchon ſoviel ins Haus getragen hatte, daß man die Ziege eines Milz⸗ ſuͤchtigen zu ſeiner Molkenkur damit uͤberwin⸗ tern konnte! 7. Was Auguſte ſo eben von Fraͤulein Bertha vernahm— ein Entwurf„ deſſen Kuͤhnheit wohl ein entſchloſſeneres Gemuͤth, als das ihre, in Erſtaunen geſetzt hätte!— erfuͤllte das erſchreckende Maͤdchen, aus denen uns nun bekannt gewordenen Gruͤnden, mit doppelten 51 Entſetzen; aus allen ging hervor, daß ſich ihre eigenſuͤchtige Wohlthaͤterin den feſten Plan ge⸗ macht hatte„ die Unſchuldige zum Werkzeug einer tief angelegten Rache zu machen, und wie uͤberredend und lockend auch immer die Sophismen waren, mit denen Berthas uͤber⸗ legener Geiſt das arme Kind zu beſtechen ſuchte, ſo empoͤrte ſich doch Auguſtens redlicher Sinn, und ihr nicht mehr ungefeſſeltes Herz, gegen die eigenmäͤchtige Verfuͤgung, die ſie zum Spielball fremder Laune erniedrigte, un⸗ wiederruflich uͤber ihre Beſtimmung entſchied, von der ſie ernſthaftere und wuͤrdevollere An⸗ ſichten hatte als das Fraͤulein, und ſie durch eine niedere Taͤuſchung zu einem Ehrenplatz erheben wollte, den ſie nie gewuͤnſcht, nie be⸗ neidet hatte, und vor dem ſie die groͤßte Ab⸗ neigung empfand, wenn ſie an den jungen Forſtmeiſter dachte, der ihr das haͤusliche Stillleben verheißen hatte, fuͤr welches allein ſich die Anſpruchloſe geſchaffen fühlte, Mit gluͤhenden Wangen und niedergeſchlagenen d 2 — 32— Blicken ſaß ſie da, des Fraͤuleins Ueberre⸗ dungskunſt, die offenbar befliſſen war, ihre Zukunft ins Schoͤne zu malen, von ihren wei⸗ chen Herzen ableitend, aber fuͤr Ueberraſchung, fuͤr Erſtaunen, fuͤr edlen Unwillen der mit ihren Dank und Ergebenheitsgefuͤhl fuͤr die Beſchuͤtzerin ihrer Kindheit rang, keines Wor⸗ tes maͤchtig, ſo daß das Fräͤulein ſich ſchon in geheim des leichten Sieges ihrer Beredtſam⸗ keit freute! Aber endlich erhob Auguſte die klaren ſinnvollen Augen, und den ausdrucks⸗ vollen Blick auf Bertha feſthaltend, ſprach ſie: „Aber mein theures, gnaͤdiges Fraͤulein! daß waͤre ja— Betrug! recht entſetzlicher, unwurdiger Betrug! Ein Spiel mit den hei⸗ ligſten— den Schwur der Treue vor den All⸗ wiſſenden!— eine boͤſe That!— und— was hat mir der Graf gethan, den ich nicht einmal kenne, um von mir auf ſolche hinter⸗ liſtige Weiſe um das Gluͤck ſeines Lebens ge⸗ taͤuſcht zu werden?“ Joih „Dir freilich nichts, ſchuldloſe Kleine! —y— wenn dir es anders gleichguͤltig ſeyn kann, mich, deine erſte und beſte Freundin von ihm aufs ſchnoͤdeſte beleidigt zu wiſſen! und was benennſt du mit den groben Namen Betrug und boͤſe That? erlaubte ſich nicht ſogar der fromme Erzvater eine ſolche als er den ſieben⸗ jaͤhrigen Dienſt des treuen Jacobs um die ſchoͤne Rahel, mit der verwahrloſten Lea ver⸗ galt? und du biſt doch wohl keine Lea!— was ſchadet es den Grafen wenn er ſtatt mei⸗ 4 ner, die er nur aus Eigennutz und Abſicht waͤhlt, dich zur Gemahlin bekommt, der er ſeine Liebe am Ende nicht verſagen kann?“ „Aber was hilft es Ihnen, uns beide ungluͤcklich zu machen, geliebte Bertha? wird der Graf nicht mit Recht nur die Betruͤgerin in mir ſehen, die ſich bei ihm einſchlich? wird er mich nicht verachten, verſtoßen, der Schmach und Strafe Preiß geben, und wuͤrde ich daß alles nicht verdienen?“ „Nein, nein, mein Kind! von den alleu wird nichts geſchehen, dafuͤr buͤrgt mir ſein — 54—— Gefallen an weiblichen Reizen, und der Zauber deiner friſchen Jugend. In ſchlimmſten Fall wird niemand als mich der Ausbruch ſeines Zornes treffen, den ich, wie ihn, verachte!— Jal ſollte er ſich von dir ſcheiden laſſen, was nicht einmal wahrſcheinlich iſt, ſo wird Au⸗ guſte Weſt doch wohl mit den Namen einer Graͤfin Wildrick und einer angemeſſenen Schadloshaltung zufrieden ſeyn, die braͤut⸗ liche Wittwe aber immer noch eines Wuͤrdigern wuͤrdig bleiben?“ Auguſte ſeufzte, und verſtummte vor der argen Verſucherin, nicht weil ſie uͤberzeugt, ſondern weil ſie verlegen war; ihr gutes Ge⸗ muͤth trug Bedenken die Leidenſchaftliche der ſie verpflichtet blieb, durch eine beſtimmte Verneinnung zu verletzen, und ihr ganzes * ———-— Selbſt empoͤrte ſich gegen dieſe Wegweiſerin zum Gluͤck. Bertha nahm ihr Schweigen, von Seufzern und Thraͤnen unterbrochen, fuͤr ſtille Hingabe, und fuhr fort: „Sieh ihn, aber nur erſt ſelbſt! dieſe Ge⸗ 47 33. ſtalt, dieſer a im Blick, dieſes Feuer im Auge, dieſe ſi ende Beredtſamkeit— o Au⸗ guſte! empfand ſchon ich dereinſt die Magie die ihn unwiederſtehlich macht, ſollteſt du nicht etwas wagen zum rechtmaͤßigen Beſitz dieſes ausgezeichneten Mannes zu kommen, wenn dein weiches Herzchen wie die reifende Traube im Sonnenſtral von ſeiner Gluth er⸗ waͤrmt wuͤrde? und du ſollſt, du kannſt ihn ſehen, Liebchen ſelbſt ſollſt du urtheilen! Noch dieſen Morgen kommt er hieher, er wird mich ohne Zweifel aufſuchen, und muß bald hier ſeyn!— Neun Uhr vorbei!(ſetzte ſie hinzu, nach der Uhr ſehend) er kann nicht mehr lange außenbleiben!— Horch! da oben raſchelts ſchon durch die Laubzweige! er muß es ſeyn! eile! verbirg dich, du kannſt ihn hier recht gut unbemerkt erblicken und betrachten!— Erſchrocken, und entſetzt uͤber die Naͤhe des Grafen, dem zu entfliehn, ſie in dieſe Fall⸗ ſtricke gerathen war, ſprang Anguſte ſo eilig ſie konnte hinter ein blendendweißes Tafeltuch, . — 560— K daß des Pfarrers Mutter zun Trocknen an der Sonne uͤber den buſchigten Hintergrund 3 des Gartens breiten ließ, und das wie ein Tempelvorhang herabwallend im loſen Spiel der Winde, hinreichte die zitternde Veſtale von Kopf bis zum Fuß zu verbergen. Hier nahm ſie erwartend und ſtilllauſchend Platz, von der Nothwendigkeit zum Gehorſam ge⸗ zwungen, und vielleicht auch von einiger Neu⸗ gier ergriffen, den Mann unbeobachtet betrach⸗ ten zu koͤnnen, mit dem ſie das Schickſal ſo ſonderbar und gegen ihren Willen in Beziehung brachte, denn ſie bog neben den Vorhang die dichten Zweige auseinander, und ſchaffte ihren Augen Raum.— Lange durfte ſie nicht war⸗ ten, der Graf kam, eine Opernarie traͤllernd, und eine duͤnne Reitgerte in der Hand ſpielend haltend, nachlaͤſſigen Ganges unter den Baͤ-⸗ men hervor, als ſuche er etwas daß ihn ver⸗ borgen ſey, da rief Bertha in der Laube, und er flog in die Umarmung der Braut, Auguſte aber erbleichte zur Marmorbuͤſte, denn ſie er⸗ kannte auf den erſten Blick— den Forſtmei⸗ ſter Moritz! 8. Schwerlich wird man Auguſten einen hohen Grad von Selbſtbeherrſchung und Stand⸗ haftigkeit abſprechen koͤnnen, wenn man er⸗ faͤhrt, daß bei dieſen Blitzſtral aus hellen Himmel, der wohl manche andere zu Boden aͤtte, kein Schrei von ihren Lippen, keine Ohnmacht uͤber ſie kam, ſondern daß, wiewohl die eiſige Kaͤlte des Todes nach ihren Herzen griff, ſie doch da ſtand, wie die Bild⸗ ſaͤule einet Harpokrates, mit auf den Mund gedruͤckten Finger. Endlich kehrte ihr ein volles Bewußtſeyn zuruͤck, was hatte ſie hier noch laͤnger zu lauſchen, wo man ſich kunſt⸗ gerecht belog, und alle Falſchheiten aus⸗ tauſchte, welche die große Welt mit den ge⸗ feilten Namen der Konvenienz zu entſchuldi⸗ gen pflegt. Sie bedurfte eines freiern Odem⸗ zugs als den ihr hier die Umſtaͤnde erlaubten, eines ungehemmten Erguſſes lindernder Thraͤ⸗ nen, die jetzt ihren Buſen ſchwellten, grau⸗ ſamer verletzt von den Natterſtichen der Falſch⸗ heit, als damals die Hand, welche ein Ver⸗ raͤther zu heilen ſo befliſſen war!— wie ein geſcheuchtes Reh ſchluͤpfte ſie durch die Him⸗ beer⸗ und Brombeergeſtraͤuche, ſich mit den herabhaͤngenden Laubwerk ſchuͤtzend, und glůͤck⸗ lich entkam ſie aus den Garten in Walters Studierzimmer, dem einzigen leeren Platz im Hauſe, denn dieſer ſtand ze auf der Kanzel und die wirthliche Alte waltete in der Küche, ſo daß ſie niemand bemerkte. Auch war die⸗ ſes jetzt der hoͤchſte Wunſch ihres Herzens, denn ſie ſchaͤmte ſich der Thraͤnen, die unauf⸗ haltſam von ihren Augen ſtuͤrzten. Gekraͤnk⸗ tes Ehrgefuͤhl, erbitterte Liebe, tiefe Empfin⸗ dung von Recht und Unrecht kaͤmpfte in des edlen Maͤdchens reinem Gemuͤth, und unver⸗ weichlicht, wie es war, fand ſie bald das beſſere heraus. Dankend erhob ſie ihre Haͤnde zu Gott den Beſchuͤtzer ihrer argloſen Un⸗ 5. —— — 59— ſchuld, ihrer gutmuüthigen Unerfahrenheit, der des Boͤſewichts feurige Pfeile zu rechter Zeit von ihrem reinen Herzen abwandte, und mit edler Reue gelobte ſie ſich fuͤr die Zukunft nie mehr eine Heimlichkeit ſich zu erlauben, und nie einen Schritt mehr uͤber die ſtrengſte Grenze der Maͤdchen Pflicht zu wagen. So mit ſich ſelbſt aufs reine, trocknete ſie muthig denn ſie fuͤhlte, daß es ihr An des Paſtors offnen e was ſie zum Schreiben Schreibtiſch brauchte, und mit feſter Hand ſchrieb ſie: G A Herr Graf! „Das argloſe Maͤdchen, auf deſſen Un⸗ tergang Sie ſich ſtrafbare Anſchläge erlaub⸗ ten, deſſen Unerfahrenheit Sie durch eine grauſame Verſtellung taͤuſchten, findet ſich dennoch bewogen die Pflicht der Redlichkeit gegen Sie zu erfüllen. Fraͤulein Bertha von Eichenfels hat einen Plan der Rache gegen Sie beſchloſſen, deſſen Werkzeug ich — 60— zu ſeyn erkohren ward. An ihrer Stelle ſollten Sie in dieſer Nacht meine Hand ſtatt der ihrigen empfangen; ob ſchon von Ihnen ſchwer beleidigt, fuͤhle ich mich doch zu groß zu jeden Betrug, deshalb warne ich Sie, denn leicht koͤnnte das Fraͤulein eine Willfaͤhrigere finden, Graͤfin Wildrick zu werden, als mich, welche die Verbind⸗ lichkeit, die ihr einſt der For ritz auflegte, nun gege gelöſt zu haben glaubt. Auguſte Weſt. Mit dieſen Briefchen, daß ſie eilig rus=, der Oblatenſchachtel des Paſtors und mit ihren Siegelring verſchloß, eilte ſie jetzt ins Dorf hinab, wo jedes Haus ihr einen willigen Bo⸗ ten darbot, da jetzt aber die Bedaͤchtigſten den Gottesdienſt beiwohnten, beſchraͤnkte ſich ihre Wahl auf den Gemeinhirten einer ſchnat⸗ ternden Gaͤnſeheerde die in der Dorfau ihr Eliſium fand.. 4 — 6— „Lieber Chriſtlieb!“(redete ſie mit * Schmeicheltoͤnen den Barfuͤßler an,)„lauf doch ſo ſchnell als du kannſt, und trag den Brief da aufs Schloß, frage nach den Kam⸗ merdiener des Grafen, und gieb ihn denſelben, mit der Bitte, ihn ja ſogleich ſeinem Herrn zu uͤbergeben. Dann komm gleich wieder, hörſt du?“ „Gar recht. Jungfer Guſtel!“ grinzte 1 bg zogner Pechkappe, und drehte die un 8 loſſen in den ſchmutzigen Fingern, wer bleibt aber derweile hier, bei den Gaͤnſen?“ „Ich!“ rief das entſchloſſene Maͤdchen, riß ihn den Commandoſtab aus der Hand, und trieb ihn fort, ſeinen guten Willen durch ein blankes Geldſtuͤck befluͤgelnd. Die Ermahnung ging ans Herz, und von I dieſen in die Fuͤße uͤber, der laͤndliche Merkur verſchwand Fluͤgeln des Gewinnes, und Auguſte fuͤhrte an ſeiner Stelle ihre Schutz⸗ befohlnen die Vergißmeinnichtufer des rie⸗ — — 62— ſelnden Baches entlang, ſeiner igtnand harrend. Chriſtlieb war glücklich geweſen, wie denn gewoͤhnlich das Gluͤck der Dummen Vormund iſt; der Herr Kammerdiener war ihn gerade in die Haͤnde gelaufen, und der Brief beſtellt, Auguſte belobte den Schnellfuͤßigen, er die treue Huͤterin des anvertrauten Gutes, do er im ſchnellen Ueberzaͤhlen richtis Auguſte eilte in die Pfa ſich jetzt bei Frau Wal⸗ mit Freuden unter ihre Fluͤgel zu nehmen ver⸗ ſprach, bis der Widerſacher uͤber die Geelzs feon wärde 1 Der Graf kam ſehr unmuthig zu Haufe⸗ ſeine Braut die ſchon dieſer Abend zu ſeiner Gemahlin machen ſollte, hatte ihn weniger an⸗ geſprochen, als je; ſeitdem er Auguſten kann⸗ te, hatte nur ſie einen tiefen Einoruck auf ſein leichtſinniges Herz gemacht, d aß mit der Liebe ſpielte, weil er uͤberall nur Spielzeug fand, und mehr als zu große Urſach hatte in das — 63— Schakespearſche Bekenntniß einzuſtimmen: „Gebrechlichkeit, dein Name iſt Weib!“ Anfangs hatte er auch das argloſe Landmaͤd⸗ chen hoͤher nicht gewuͤrdet, und es fuͤr eine leichte Eroberung gehalten, aber bald war es ihn klar worden, daß Auguſte eben ſo tugend⸗ haft als ſchuldlos war, einen feſten Sinn ein reines Herz und einen unbeſcholtnen Wandel beſaß; daß ſie nur das Gute kannte und das Beſte that, und daß ſie wohl zu hintergehen, aber nicht zu verfuͤhren ſeyn wuͤrde. Neu war ihm eine ſolche Erſcheinung, und tauſend⸗ mal wuͤnſchte er Auguſtens liebliche Unſchuld an die Stelle von Berthas Weltkunde. Er erlaubte ſich einen Roman mit der Argloſen anzuſpinnen, deſſen Ausgang er nicht einmal zu berechnen wagte, da er es gewohnt war, ſich von den Ereigniß jedes Augenblicks, nach Art aller inconſequenten Menſchen leiten zu laſſen, allein nie haͤtte er ſich zu irgend einer Beleidigung der ihm bekant gewordnen Un⸗ ſchuld des ſchoͤnen Maͤdchens erniedrigt„dazu war er nicht verdorben genug, ſo leichtſinnig er anch war. Nie hatte er bei ſeinem leichten Wechſel wahre Liebe gefuͤhlt, der Genuß des buntſchillernden Lebens war alles was er kannte, in den einſamen Waͤldern ſeiner eignen Beſitzungen ſchlich ſie ſich unvermerkt in ſein Herz, Auguſte war ihn werther worden, als alle vorigen Gegenſtaͤnde ſeines fluͤchtigen Ge⸗ ſchmacks, und eben jetzt, da Berthas ſtolzer Sinn ſich hundertaͤugig wie ein farbiger Pfauenſchweif vor ihm entfaltete, leuchtete ihn Auguſtens fromme Demuth und zarte Liebe mit den milden Licht eines himmliſchen Sterns an wolkenloſen Nachthimmel ins Herz. Aber unwiederruflich winkte ſein Schickſal, er hatte eben den Paſtor das Aufgebot auf die Kanzel geſchickt, und mit Berthas Einwilli⸗ gung die Trauung um Mitternacht in der Pfarrwohnung beſtellen laſſen, zu der ſich bloß die Aelteſten der Gemeine als Zeugen 4 einfiuden ſollten, denn ſo wollte es der krauſe Sinn ſeiner Braut. Mißmuthig trat er ins Schloß, ſtieß den an ihm heranſpringenden Caro fluchend mit den Fuß, daß er winſelnd in eine Ecke flog, und befahl dem wildeſten Renner aus ſeinem Mar⸗ ſtall zu ſatteln, denn hinaus wollte er ins Freie, ſeinen innern Unmuth auszutoben! Da kam der Kammerdiener mit den Brief, er hielt ihn fuͤr irgend eine verliebte Meſſive wie ſein Herr ſonſt gewoͤhnlich im Gange hatte und erinnerte: der Ueberbringer habe empfohlen. Stutzend nahm ihn der Graf, als er die feinen, geregelten Zuͤge einer ſchoͤnen weiblichen Hand erblickte, erſchrocken bemerkte er das Siegel von Auguſtens Ring, mit dem er oft an ihrer Hand geſpielt hatte, ein Schiff mit der Umſchrift:„Ich hoffe!“ und eilig riß er ihn auseinander.— Er las — alle Farben wechſelten auf ſeinen Geſicht, die Roͤthe der Beſchaͤmung, die flammende Gluth des Zorns, die Wallung eines ftendigen Entzuͤckens! „Du mein, Auguſte!“ cief er endlich; in E aufgeregten Taumel der Wonne, der Ueber⸗ raſchung.)„Mein! ſtatt ihrer— der kalten, reizloſen, wuͤthenden, ewig mein die ſuͤße, lieb⸗ liche Liebesgoͤttin!— ol ich beuge mich dem Geſchick, ich ehre dein Wollen, ſtolze Bertha, mein Gluͤck empfange ich ſtatt den Fluch dei⸗ ner herzloſen Vereinigung— ſchwinde hin, nichtiger Traum des Eigennutzes, des Ehr⸗ geizes, ſpreite die reinen Schwanenfluͤgel du Schiff der Hoffnung, trage mich glücklich ans Land!“— * Schuell von Entſchlüſſen, wie wir den Grafen ſchon geſchildert haben, ergriff er die Feder und ſchrieb an Auguſten. Er bat, er beſchwor ſie ihn zu vergeben, er verſicherte ſie ſeiner treuen unerſchuͤtterlichen Liebe, und wie er es als das groͤßte Gluͤck ſeines Lebens an⸗ ſehe, in Berthas Plan einzugehen, Auguſtens Hand ſtatt der ihrigen ihm aufgedrungenen zu erhalten! Er drang in ſie, in Berthas Vor⸗ ſchlag zu willigen, und die Falſche durch ihre eigne Falſchheit zu ſtrafen, zu dem Ende ihr Verſtaͤndniß mit ihn geheim zu halten bis zum entſcheidenden Augenblick. Der Geiſt der gluͤhendſten Leidenſchaft, der Hauch einer un⸗ endlichen Liebe wehte durch dieſe Zeilen, ſie mußten zu Herzen gehen, denn ſie kamen von Herzen! Eine andere Frage war, wie ſie zu Auguſten gelangen wuͤrden? denn daß ſie Frau Appollonia jetzt nicht im Schloß gelaſſen hatte, war ihm einleuchtend. Aber wo war ſie denn? das Poſtamt war nicht angegeben, und ihren Conrier auszufinden nichts geringes, nach des Kammerdieners Ausſage. Endlich gelang es doch der raſtloſen Muͤhwaltung des Unermuͤd⸗ lichen, und Chriſtlieb der eben unter einer ſchattigen Buche ſein Mittagsſchlaͤfchen hielt, ward ſchnell durch ein paar Rippenſtoͤße ſo munter gemacht, daß er deutlich ausſagen konnte, Jungfer Guſtel ſtecke auf der Pfarre, und habe ihn keine Rippenſtoͤße, wohl aber blanke vier Bbſchen für die Weſtellung des Briefes gegeben. Der Kammerdiener bot das Gkeiche, wenn D 2 Chriſtlieb ſich getraue ſogleich die Antwort in ihre Haͤnde zu bringen, und dieſer ſich ſeines Gluͤckes hoch verwundernd, ließ die Retterin⸗ nen des Capitoliums in Stich, und rannte was er konnte auf die Pfarre. Dort traf er Auguſten huͤlfreich in der Kuͤche geſchaͤftig, gab ihr den Brief, von dem Frau Walter glaubte er komme von der Großmutter, und lief was er konnte zuruͤck, den veneißnen Lohn in Empfang zu nehmen. 9. 8 Auguſte war jetzt wirklich einer Ohnmacht nahe, als ſie den Brief des Grafen las. Ueberraſchung, Entzuͤcken, das namenloſe Gefühl den Aufgegebenen treu, den Verloren⸗ geglaubten wieder zu finden, die neuerregte Leidenſchaft und die nur ſchwach bekaͤmpfte Liebe— wer wundert ſich das ſie— in dieſen Augenblick rath und freundlos, denn die Groß⸗ mutter hatte ihr durch Frau Walter erſt wie⸗ der ernſtlich gebieten laſſen, ja nicht zuruͤck zu kommen, jeder dieſer Empfindungen preisge⸗ geben, ſelbſt nicht wußte was ſie fuͤhlte, noch weit weniger was ſie thun ſollte, und am allerwenigſten die Vorſaͤtze der vorigen Augen⸗ blicke. In dieſer Verwirrung ihrer Sinne, lief ſie zum Hauſe hinaus, und der offenſtehen⸗ den Kirche zu, aus der ſich nach beendigten Gottesdienſt Lehrer und Zuhoͤrer verloren hat⸗ ten. Sie kam nicht eher zu ſich ſelbſt, als bis ſie der linde Hauch zweier hochſtaͤmmigen Pappeln begruͤßte, die am Eingang die ver⸗ maͤhlten Haͤupter fluͤſternd zuſammenneigten, und die kuͤhle Grabesluft der gewoͤlbten Halle in die ſie trat, ſchaurig ihre heiße Stirn be⸗ ruͤhrten. Stillſtehend— erwaͤgend, daß ihr unſichrer Pfad ſie ins Heiligthum des Friedens geleitet hatte ohne das ſie es wußte, blickte ſie faſt ſchuͤchtern umher. Die Wappen, Schilder und Harniſche der Grafen Wildrick prangten buntgemiſcht in ſtarrer Pracht an den kahlen Waͤnden, und Schwerdter, Helm und Ruͤſtungen fuͤllten jede Luͤcke aus; auf — 70— ſchwarzen Tafeln erzaͤhlten goldene Buchſtaben die Heldenthaten der Staubgewordenen und Vergeſſenen, in einer Niſche aber ſtand ein ſteinernes Ritterbild in Lebensgroͤße, freund⸗ lich edler Geſtalt mit umgekehrten Schwert, auf das es ſich zu ſtuͤtzen ſchien. Auguſte ging nie durch die Halle, daß ſie nicht vor dieſem anſprechenden Bilde weilte, und ſie that es auch jetzt, denn es war ihr als zeige ſich ihr ein alter Freund, und als muͤſſe er ihr rathen was jetzt zu thun das beſte ſey.„Ach!“ ſprach ſie leiſe,„koͤnnteſt du lebendig werden, und mir rathen, du ritterlicher Held! aber du ſchlaͤfſt, unbekuͤmmert um mich, deinen langen tiefen Schlaf zu meinen Fuͤßen hier, und ſo wenig als du heraustreten kannſt aus deinen ſteinernen Gehaͤuſe, ſo wenig wird ſich mir eine Huͤlfe, ein ſichrer Fuͤhrer aus dieſen La⸗ byrinthe zeigen!“ Sie eilte jetzt in die Kirche, wo die Stimme des Geſanges der einſamen Stille gewichen war, und nur ihre eignen wankenden Tritte kniſter⸗ —— 241— ten uͤber den Sande, aber es zog ſie fort in heiligen Beduͤrfniß uͤbermenſchlichen Troſtes, und betend ſank die Fromme an den Stufen des Altars nieder.„Erleuchte mich, du Licht aus der Hoöhe!“(betete ſie)„mein ſtarker Schutz ſeit meiner Kindheit an; fuͤhre mich auf rechter Bahn, und lehre mich thun nach deinem Wohlgefallen, denn nicht weiß ich was ich thun ſoll, nicht erkenne ich mehr was Recht iſt, und meine Pflicht, aber ich traue dir Ewiger! der du ſtets mit mir wareſt, dein Rath iſt wunderbar, du wirſt ihn auch an mir verherrlichen!“ Sonderbar ermuthigt, erhob ſich jetzt die Beterin, und fuͤrchtend man koͤnne ſie in der Pfarrwohnung vermiſſen, eilte ſie jetzt in die Halle zuruͤck, und bei den Ritterbilde voruͤber; aber wie ward ihr— ein Lebendiger trat hin⸗ ter ihm hervor und umſchlang die Lebende— es war der Graf!. Seitdem er wußte, wo Auguſte war, hatte es ihm nicht ſchwer fallen koͤnnen, ihre Schritte — 72— zu belauſchen; er ſchlich um die Pfarre her⸗ um, und ſah Auguſten in die Kirche eilen. Er folgte ihr, aber es war ſo lange Zeit her, daß er dieſen geweihten Boden nicht betreten hatte, daß ihm ein ſeltſames Gefuͤhl ergriff, er wagte es nicht die Betende zu ſtoͤren, aber er betrachtete ſie von ferne mit ſteigenden Wohlgefallen.„Sie iſt warlich ein Engel!“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„und wird den Unhei⸗ ligen nach ſich ziehen, laͤutern, verklaͤren— ich darf ſie nicht laſſen!“ Er trat jetzt hinter das Steinbild ſeines Urahns„und wartete auf Auguſten. Nicht ungeneigt, war dieſe des Himmels Wink in dieſen Zufall zu erkennen, denn war nicht das Bild lebendig worden wie ſie fuͤr unmoͤglich hielt, und gab ihr ſuͤßen, willkommenen Rath?— Wirklich verſaͤumte der Graf keine Zeit mit Betheuerungen und Bitten in Auguſten zu dringen und wollte ſie nicht eher fortlaſſen, bis ſie ihm heilig ver⸗ ſprechen wuͤrde, in Berthas Plan einzugehen, und noch in dieſer Mitternacht ſich zur Trauung — mit ihm an der heiligen Staͤtte einzufinden. Auguſte ſchuͤttelte traurig das Haupt, ſo ge⸗ neigt ihr Herz auch war ſeine zaͤrtlichen Bitten zu erfuͤllen, endlich hieß ſie ihm ſein Geſchick erwarten und floh ſtandhaft aus des reizenden Verſuchers Arme. Sie kam in die Pfarre zu⸗ ruck, wo Bertha ſchon angelegentlich nach ihr verlangte. Nach den Mittageſſen fuͤhrte ſie Auguſten, die geſtoͤrt und verlegen ausſah, in ihr Zimmer und drang mit Liebkoſungen in ſie, ihr Wort zu Erfuͤllung ihres Plans zu geben. Da warf ſich das edle Maͤdchen zu ihren Fuͤßen, mit den heroiſchen Entſchluß aufs Reine: die Wohlthaͤterin ihrer Jugend nicht zu hinter⸗ gehen, die glaͤnzendſte Ausſicht auf das Gluͤck des Lebens, ihre ſchuldloſe Liebe ſelbſt den einfachen Gefuͤhl der Pflicht aufzuopfern; die erſtaunte, erſchrockene, verblaſſende Bertha erfuhr alles was Auguſte ſelbſt wußte, und der Brief des Grafen zeigte ihr, daß ſie in Begriff ſtand, ohne die Redlichkeit des from⸗ men Kindes in die Grube zu fallen, die ſie ihn — 74— grub, und ihren Feind wieder ihren Willen glücklich zu machen! Noch immer umſchlang die weinende Auguſte Berthas Knie, als wollte ſie Verzeihung für die Liebenswuͤrdigkeit er⸗ flehen, die ihr das Herz des Grafen erwarb; Bertha in ſchweren Kampf mit ſich ſelbſt rin⸗ gend, vernichtet und von einer ſo beiſpielloſen Selbſtverlaͤugnung von der Hoͤhe ihres Stolzes geriſſen, ſah ſchweigend auf ſie herab. Endlich ſiegte das beſſere Gefuͤhl— wie die Sonne aus giftigen Nebelmeeren brach der Stral des innern Lichts aus der Rathr der Leidenſchaft hervor. „Nimm ihn! er iſt dein!“(ſagte ſie jetzt, Auguſten aufrichtend, und geruͤhrt umarmend) „jetzt weit entſchiedener dein, als zuvor, denn er ſelbſt hat dich gewaͤhlt, deine Redlichkeit gegen mich, deine Treue gegen dich ſelbſt verdient, jetzt das Loos, daß ich dir wie die blinde Gluͤcksgoͤttin zuwerfen wollte! allein! gelobe mir den vindihſtn Gehor⸗ ſam!“ „Wie koͤnnt ich ihn, meiner Wohlthaͤtts rin, meiner Vormuͤnderin je berſoagen(ant⸗ wortete Auguſte.) r 45„Nun! ſo verſprich mir, den Grafen bis zum letzten Augenblick dieſes Tages in Unge⸗ wißheit zu laſſen, ob die geliebte Auguſte, oder die verſchmaͤhte, ungeliebte Bertha ſeine Gemahlin worden ſey! kein Blick, kein Laut, kein Seufzer darf dich ihm verrathen, der Schleier ſich dann erſt luͤften, wenn du mit ihm allein im Schloß ſeyn wirſt, das braͤut⸗ liche Ja kaum hoͤrbar von deinem Lippen fluͤſtern! Unter dieſer Bedingung iſt er dein, unter keiner andern! die Strafe iſt gering fuͤr dem der uns beide hintergangen hat, der Lohn groͤßer als die kurze Quaal.“ Auguſte leiſtete ſeufzend das Verſprechen, getheilt zwiſchen vernichtende Angſt, und zit⸗ ternde Freude; ſie dachte zugleich an ihre Groß⸗ mutter und ſeufzte nach ihren Seegen, tröſtete ſich aber mit der Hoffnung, daß dieſer der — 76— Gemahlin ihres Gebieters gewiß genug ſeyn werde. nulr⸗ Bertha hatte ſich zum Schreiben niederge⸗ laſſen, ſie rieb gedankenvoll die Stirn, es durchzuckte ſie krampfhaft, aber dennoch legte ſie den goldgeraͤnderten Velinbogen zurecht, und ſchrieb den Grafen. „ Ich weiß alles, Herr Graf! Auguſte ſelbſt hat mich von Ihrer Verirrung unter⸗ richtet. Es geziemt mir nicht von den Lie⸗ besabentheuer des Forſtmeiſter Moritz mit den Schiffermaͤdchen Notiz zu nehmen, die Verpflichtung des Grafen Wildrick gegen mich— in Angeſicht des Fuͤrſten und der Welt gefaßt, iſt das einzige was ich kenne. Es bleibt deshalb bei der Abrede, um Mit⸗ ternacht erwarte ich Sie mit Molly am Fuß des Altars. 3 Bertha von Eichenfels. Das Briefchen ward geſiegelt und fortge⸗ ſeudet, Bertha wiſchte kalte Schweißtropfen von der gluͤhendenden Stirn, und verſank in — 77— duͤſteres Nachſinnen, Auguſte blickte die ganze Zeit mit ſtiller Angſt nach ihr hin. Bald kam die Botin zuruͤck und brachte die verſiegelte Antwort, ſie lautete lakoniſch genug. „Ich werde erſcheinen!“ Graf von Wildrick. Die Excellenz habe eine ganz uͤbermenſch⸗ uche Freude uͤber den Brief gehabt,(verſicherte das Maͤdchen), denn ſie habe ſie vor der Thuͤr recht entſetzlich lachen hoͤren, und Frau Appol⸗ lonia habe gemeint, der Herr Graf geberde ſich wie ein Toller, ſo ſey ihr noch kein Braͤu⸗ tigam vorgekommen.— Auguſte verbarg das erblaſſende Geſicht in den Haͤnden, Bertha aber rief Molly, beide verſchloſſen die Thüt. und begannen den Putz der Braut. 1i ans a, n. Waͤhrend dem Graf Wildrick, ſein Ge⸗ ſchick, Bertha und die nahe Trauung ver⸗ wuͤnſchend, ſich wirklich in ſeinen vier Pfaͤhlen wie ein Beſeſſener geberdet, bald ein lautes Hohngelaͤchter aufſchlug, von denn entſetzt, Frau Appollonia, die nebenan das Brautge⸗ mach einrichtete, das große Schluͤſſelbund fallen ließ, bald wuͤthend umherrannte? 95 bald wie gedankenlos zum Fenſter hinaus in die ziehenden Wolken ſtarrte, Auguſte wie das ſteinerne Bild in der Halle, unter Berthas und Mollys ſchmuckenden Haͤnden ſtand, ſaß Paſtor Walter— von einer befremdlichen Un⸗ Axuhe ergriffen, auf ſeinem Studierzimmer der ſeltſamen Trauung nachdenkend, die er um Mitternacht zu halten hatte, und den Text dazu vergebens in innern Anklang ſuchend. Unzufrieden mit ſich ſelbſt, griff er nach dem Worte des Herrn, ihm ſtets wie den iſaiſchen Dichter ein Licht auf ſeinem Wege und ſchlug es auf. Da haftete ſein Blick auf der Inhalt ſchweren Stelle: „Meine Wege ſind nicht eure Wege, und meine Gedanken ſind nicht eure Gedan⸗ ken!“ 3 AMtuxt Es ergriff ihn wie ein Anendſſcher Schmerz,„ ——— aber ſich deshalb ſtrafend, beſchloß er dieſen Text zu behalten, ſetzte ſich an ſein Pult, und verlor ſich in Nachdenken— uͤber die von menſchlichen Wuͤnſchen und Wollen, oft zum wahren Gföck abweichenden Fuͤhrungen einer hoͤhern Macht. Es gelang ihm die Arbeits⸗ ſchen zu bekämpfen, und die wohlgeordnete Rede ſich eigen zu machen; daruͤber war es dunkel worden und die ſorgliche Mutter trat mit Licht zu ihm ein. „Du haſt wohl gar nicht gereett wie ſpaͤt es iſt?“(ſagte ſie)„druͤben walten ſie auch bei verſchloſſenen Thuͤren, und ich habe eben Mademoiſelle Molly die Myrthen von deinem Stock gegeben, zum Brautkranz fuͤr die kunftige Graͤfin. Schade daß man ſie ſchlechterdings nicht ſehen darf und daß ſie eingeſchleiert ſeyn wird wie eine Geſtorbene— es iſt uͤberhaupt ein wunderlicher Einfall, ſich zur Geiſterſtunde trauen zu laſſen— hu! mir graußt zu der Zeit äber den Gottesacker zu gehen.* EStill, faſt wehmuͤthig laͤchelnd deutete der Sohn auf die aufgeſchlagene Bibelſtelle hin, und mit Verwunderung las ſie dieſelbe„ iirs Brille aufſetzend. „Nun wirklich,“(ſagte ſie dann dach einer Pauſe)„du haſt recht paſſend gewaͤhlt; moͤchte doch jeder, dem ein Herzenswunſch vereitelt wird, durch dieſe himmliſche Arznei geneſen!“ und leiſer als ſie gekommen was, ſchlich ſie wieder hinaus. Jetzt waren die letzten Lichter des Tages verloſchen, Finſterniß fing an den Erdboden zu decken, und laue Sommerluͤfte wiegten die ſchlafenden Blumen; in fernen Suͤden zuckten matte Blitze aus weißlichten Gewoͤlk, und ſternlos breitete die Nacht ihr dunkles Ge⸗ wand aus. Die Stunde nahte, endlich kam ſie herbei, vom Thurm toͤnte der dumpfe Schlag der zwoͤlften Stunde. Geſchmuͤckt, ein weißes Opferlamm ſtand die bebende Braut, uͤber den Myrthenkranz in lockigten Haar, ſchwebte dichtverhuͤllend ein Schleier uͤber den ———— Geſicht in vielfache Falten zuſammen gelegt, Wuchs und Geſtalt durchaus verbergend, Molly ſtuͤtzte, gleichfalls verſchleiert die Wankende der Bertha jetzt ſtill weinend den Seegen gab, und in den ruhigen Pfarrhof raſſelte der Wa⸗ gen des Grafen zur Abholung der Braut, er ſelbſt ſollte ſie erſt am Altar treffen. In dem Augenblick das Molly die zitternde lautloſe Auguſte die Treppe hinabfuͤhrte, und Frau Walter ſorglich vorzuleuchten bemuͤht war, ſtuͤrtzte Bertha ſchwarz gekleidet wie die Nacht, unbemerkt aus der Thuͤr die im Garten fuͤhr⸗ te, hinein in das furchtbare Schweigen der Finſterniß. An der Kirchenthuͤre empfingen die Braut die Aelteſten der Gemeine, in ih⸗ ren ſchwarzen Maͤnteln, mit ſchweigender Ehrfurcht, Leichenbegleitern aͤhnlich, und in der erleuchteten Halle glaͤnzte das befreundete Ritterbild wie ein mildleuchtender Stern. Am Altar ſtand der Graf ſchwarz angethan, blei⸗ cher als das Bild ſeines Ahnherrn, ſichtbar⸗ lich erbebend bei den Nahen der Verhuͤllten, — 82— die, wie eine weiße Taube durch dunkle Wol⸗ ken ſchwebte, vergebens ſich muͤhend die ſo myſtiſche Huͤlle zu durchdringen mit den ſtar⸗ ren gluͤhenden Blick. Molly erkennend glaubte er indeß nur allzu gewiß Bertha vor ſich zu ſehn, eißkalt rieſelte es ihm durch alle Glie⸗ der, und faſt bewußtlos trat er an die Seite der Braut. Auf dem Altar brannten zwei dunkle, dem Ausloͤſchen nahe Kerzen, mit 4 deren ſterbenden Flammen der Lufthauch ſein 3 vernichtendes Spiel trieb, waͤhrend dumpfe Orgeltoͤne wie Geiſterſtimmen durch das kurze Gewoͤlbe droͤhnten. Jetzt erhob Walter die Stimme, aber ſie zitterte, wie das Silber beſchlagne Buch in ſeiner Hand, Todesangſt wuͤhlte in ſeinem Herzen, er raffte ſich mit Gewalt zuſammen, und ſprach:„Meine Wege ſind nicht eure Wege, meine Gedanken nicht eure Gedanken!“ ſichtbarlich ergriffen ſchien der Graf bei dieſen Worten, in Wal⸗ ters Seele fielen ſie aber wie ein beruhigender Harfenklang, und er erwaͤrmte das erſtarrende — Herz an der Flamme einer heiligen Begeiſte⸗ rung, ſo ward er ſeiner ſelbſt wieder klar be⸗ wußt, und vollzog die Pflicht ſeines Amts mit ruhiger Beſonnenheit. Auch der Graf war ruhiger worden, durch die Macht ſeiner Beredtſamkeit, und in das Unvermeidliche er⸗ geben; er ſprach ein feſtes Ja! dem das fli⸗ ſternde der Braut folgte. Jetzt verließen Bei⸗ de den Altar, der Graf wollte ihr den Arm bieten, aber auf Molly gelehnt wie zuvor, ſchwebte ſie von dannen, und ſo ſchnell er konnte, ſtuͤrtzte der Graf ihr nach im Wa⸗ gen. Stumm ſaßen beide hier neben einander, er rollte dem Schloſſe zu, in dem helle Lich⸗ ter flammten. Bedienten hoben die neue Gebieterin heraus, hohe Silberleuchter ihr vortragend, auf der Treppe ſtand Frau Appol⸗ lonia zierlich angethan, und ſich tief vernei⸗ gend, mit eigner Hand oͤffnete ſie das praͤch⸗ tig ausgeſchmuͤckte Brautgemach, von Blu⸗ menduͤften angefuͤllt, und zog ſich dann in beſcheidner Dehmuth zurüͤck. Zitternd trat F 2 — 84— die Vermaͤhlte uͤber die Schwelle, wenig mu thiger folgte ihr der Graf, unentſchloſſen und unbeweglich ſtanden Beide. Endlich er⸗ mannte ſich Wildrick;„Darf ich hoffen, dieſes Faſtnachtsſpiel nun beendet, dieſen Schleier gehoben zu ſehn?“(ſprach er mehr bitter als zaͤrtlich, und nahte ſich der Verhuͤllten, die jetzt in leiſes Weinen uͤberging.„Gott!“(rief er beſtuͤrzt)„ſo kann die ſtolze Bertha nich weinen!— waͤrs moͤglich— o Himmel!— ℳ er riß jetzt mit kraͤftiger Hand den Schleier zuruͤck— da ſtand das Bild ſeiner geheimen Sehnſucht in braͤutlicher Schoͤne, ein Engel der Unſchuld vor ſeinen Augen. Auguſte! rief er, und lag wonnetrunken in ihren Armen. 11.. Noch roͤthete ſich kaum der oͤſtliche Him⸗ mel, und noch lag alles im Schloß in den ſuͤßen Umarmungen der Ruhe, Frau Appollo⸗ nia ausgenommen, die die auf ihr laſtende Sorge des glaͤnzenden Hochzeitmahls das —— Heute erfordert ward, nicht ruhen ließ, da erſchien die Muͤllerin aus dem Thalgrund in athemloſer Haſt bei ihr, ſie um Huͤlfe fuͤr eine vornehme Dame anzuſprechen, die ſpaͤt in der Nacht an ihrer Pforte geklopft habe, und jetzt todtkrank in der Muͤhle liege. Die allezeit Willfaͤhrige in dergleichen Faͤllen, ſprang ruͤſtig nach ihrem Arzneikaͤſtchen und Kraͤu⸗ tern, hinter der Vorausgehenden her, wel⸗ che zu der Kranken zuruͤckeilte. Wir duͤr⸗ fen wohl kaum erſt erwaͤhnen, daß es Bertha war, die hier auf dem armſeligen Lager der Muͤllerin mit Geiſteszerruͤttung und Leibes⸗ ſchmerz rang, und den letzten Kampf ihrer irregeleiteten Gefuͤhle kaͤmpfte, denn unfaͤhig irgend eine Demuͤthigung zu ertragen, be⸗ ſchloß ſie, die ſchon laͤngſt ihrer Meinung nach zum ſtarken Geiſt Emporgeſchwungene, ein Leben von ſich zu werfen, daß ihr zur druͤckenden unnuͤtzen Laſt, zur Erniedrigung geworden war, und an dem alle Harpyen des Sdtolzes, der Verachtung, des Neides und — 86— der gekraͤnkten Liebe ihre Zielſcheibe gefunden hatten. Noch in der Pfarre war ihr verzwei⸗ felnder Entſchluß gereift, ſie hatte au ihren Vater geſchrieben. Quand on a tout perdu, quand on nàâ plus d'espoir la vie est un opprobre et la mort cat un devoir. Das war der kalte Troſt den ſie den Kin⸗ derloſen gab, indem ſie ihn von allem was geſchehen war unterrichtete. Der Gedanke der großmuͤthigen Auguſte, deren Ehrlichkeit ſie erſchuͤtterte, nichts ſchuldig zu bleiben, bewog ſie zugleich ihm dieſe als Tochter und Erbin zu empfehlen, damit ſein Name durch den Stamm der Grafen Wildrick fortlebe, und ſie in die von ihr jetzt gewuͤnſchte Vergeſſeu⸗ heit verſinken koͤnne. Darauf nahm ſie ein Opiat daß ſie immer bei ſich fuͤhrte, und wel⸗ ches eine einſchlaͤfernde, in reichlichern Maaß genommen, zerſtoͤhrende Kraft bei ſich fuͤhrte; ſchmerzlos glaubte ſie aus den Armen des Schlafs in die des Todes uͤberzugehn— aber die Unglückliche hatte ſich getaͤuſcht. War —..— das Mittel zu ſchwach, oder ihre Koͤrperkraft zu ſtark, ſie fiel noch zuvor in jene furchtba⸗ ren Schmerzen, die ſie halb wahnſinnig durch die finſtre Nacht zu der bekannten Pforte der Thalmuͤhle trieben, dort von der Barmher⸗ zigkeit der laͤndlichen Bewohner aufgenommen, durchlitt ſie alle Kaͤmpfe des Geiſtes und des Koͤrpers und ihr Anblick floͤßte Entſetzen und Mitleid ein.„Holt den Herrn Pfarrer und meine Guſtel die bei der Mama iſt!“ befahl Frau Appolonia den Kopf ſchüttelnd als die Kranke durchaus keine Mittel angewendet wiſ⸗ ſen wollte, und ſie vergebens an ihr ihre Kunſt erſchoͤpft hatte, ihr ſeht wohl daß ich hier nicht helfen kann, auch muß ich wieder aufs Schloß, die Guſtel habe ich jetzt auf der Pfarre, die kann herkommen und die Kranke pflegen, ich werde ſchon wieder nachſehn. Damit gieng ſie, und eilte nach Kraͤften von einer Pflicht zur andern zuruͤck; als ſie die Stiegen herauf ſchritt, kam ihr der Graf — 838— bereits entgegen, und erwiederte ihren unter⸗ thaͤnigſten guten Morgen mit der innigſten Herzlichkeit.„Gehn Sie doch zu meiner Ge⸗ mahlin,(bat er) und helfen Sie ihr ein we⸗ nig beim Ankleiden. Sie werden finden, daß ſie Ihrer Enkelin gleicht wie ein Waſſertropfen den andern; auch iſt wie durch ein Wunder der Hoͤcker und die Pockengruben, zuſammt der Engbruͤſtigkeit und der kurze Arm durch⸗ aus verſchwunden!“ Lachend ſprang er an ihr vorbei die Treppe hinunter, Frau Appol⸗ lonia ſah ihn beſtürzt nach ohne ihn zu ver⸗ ſtehn.„Nu, nu“(ſagte ſie vor ſich hin)„der iſt wohl gar ein bischen konfus fuͤr lauter Gluͤck!“ Indeſſen ſchickte ſie ſich dennoch an, ihn zu gehorchen, behutſam ſchlich ſie durch das Vorzimmer, wo die Buͤſte, der Gott des Schweigens aufgeſetzt worden war; und an ihr vorbei ſtreifend, ſagte ſie: Du ſiehſt auch da recht ſchelmiſch drein, als wenn Du Wun⸗ der was zu verheimlichen haͤtteſt!— Leiſe offnete ſie jetzt das verdunkelte Heiligthum, 4 — 3 da— ſchaute ihr Auguſtens Engelskoͤpfchen wie eine gluͤhende Morgenroſe aus der gruͤnen Umhuͤllung der Vorhaͤnge entgegen, daß ſie entſetzt vor der unerwarteten Erſcheinung zu⸗ rück prallte. Da ſprang die junge Graͤfin aus dem Bette, ihr an Hals, und mit Thraͤnen erſtickter Stimme rief ſie einmal uͤbers andre: Ich bins ja! ich Ihre Auguſte! o liebe Groß⸗ mutter kennen Sie Ihr Kind nicht mehr. Da ergriff es die gute Alte wie Traum und Gei⸗ ſterweſen, und ſie ſank an die Bruſt der gluͤck⸗ lichen Enkelin in Ohnmacht!— Unterdeſſen ſaß Paſtor Walter an Ber⸗ thas unheimlichen, verlaſſnen Sterbelager, denn Molly hatte ſie gleich nach der Trauung mit den Brief in die Reſidenz geſchickt, und, da die Ungluͤckliche gerade einen lichten Zwi⸗ ſſchenraum hatte, erfuhr er— daß die Wege Gottes nicht die ſeinigen waren, und er ge⸗ ſtern die Stillgeliebte als Graͤfin Wildrick ge⸗ traut hatte. Zu edel um an dem Schmerzens⸗ lager einer Beweinenswerthen, die den Troſt ver erhabenen Religion ſtarr zuruͤck wies, um auf den Dornen ihrer Vorurtheile zu verſchei⸗ den, an ſich ſelbſt zu denken, wandte er alle Kraft ſeines Vortrags dazu an, die Ster⸗ bende zu erſchuͤttern, und fuͤr eine edle Reue empfaͤnglich zu machen. Bertha reichte ihm die erkaltende Hand, und ſchien geruͤhrt: „Wenn ich ſie eher gekannt haͤtte“(ſeufzte ſie) „— jetzt— iſt es zu ſpaͤt!—— Man hat mich von Jugend an irre geleitet!— iſt eine Ewigkeit— ſo werde ich dort den Gott erken⸗ nen lernen— der ſich hier— mir entzog!— ſo mag er— wenn er barmherzig iſt, wie Sie ſagen— meinem verungluͤckten Leben verzeihen!——“ Sie fiel nach dieſen Wor⸗ ten in fuͤrchterliche Kraͤmpfe, und gab den Geiſt auf in der Apathie die ſie herbeifuͤhrten! —— Walter knieete betend an ihrem Lager, „richtet nicht ſo werdet ihr auch nicht gerich⸗ tet!“(ſprach er zu den Umſtehenden)„auch ſie iſt geſetzt nicht zum Zorn, ſondern die Seelig⸗ — 91— keit zu ererben— Gott verleihe ſie ihr aus Gnaden!—“ Kurz darauf ließ ſich Walter bei dem Gra⸗ fen melden, an deſſen Arm die junge Gebie⸗ terin, ihrem neuen Stand gemaͤß, praͤchtig geſchmuͤckt, durch die Saͤle gefuͤhrt ward, die Huldigung der Beamten anzunehmen, die alle fuͤr Verwunderung außer ſich geriethen, wie aͤhnlich die Graͤfin der ſchoͤnen Guſtel ſey; allein begehrte er den Grafen zu ſprechen, der auch ſogleich zu ihm ins Seitenzimmer trat. „Herr Graf!“(ſagte er ernſt und feierlich, und auf ſeinen eignen blaſſen Geſicht lag keine Farbe des Lebens)„unwillkommen erſchein ich bei Ihnen in Rauſch hochzeitlicher Siude— ein Werber fuͤr den Tod!“ Der Graf entfaͤrbte ſich!„ ich komme, fuhr Walter fort von dem verlaßnen Schmer⸗ zenslager einer Ungluͤcklichen, die in ganz ent⸗ gegengeſetzten Verhaͤltniſſen den letzten Kampf — 92— gekämpft hat, der nur den Frommen und Tugendhaften leicht und belohnend wird! ich bitte Sie, Herr Graf, um ein Almoſen fuͤr Jugend, Stolz, Schoͤnheit und Rang— um das letzte— eirne Handvoll Erde in der Gruft ihrer Ahnen, an deren Seite zu ſchlum⸗ mern Bertha von Eichenfels nicht unwirdig iſt! 77 Erbleichend wankte Wildrick in einen Seſ⸗ ſel—„Bertha!“— was ſagen Sie! „Wovon Sie ſich ſogleich uͤberzeugen koͤn⸗ nen Herr Graf. Aus Erbarmen in der Thal⸗ mühle aufgenommen, endete die Ungluͤckliche freiwillig ihr veroͤdetes Leben!“ Ein leiſes Weinen brach aus der getroffnen Bruſt des Grafen, er reichte dem Pfarrer die Hand, und ſchloß ſich in ſein einſamſtes Gemach. Wenig Stunden ſpaͤter zog Bertha in die Ahnengruft der Grafen Wildrick ein, an de⸗ ren Eingang das ſteinerne Ritterbild Wache hielt. — 93— Der Graf, wiewohl von innern Vorwuͤr⸗ fen angeregt, trug Sorge, daß Auguſten der traurige Fall verborgen blieb. Als aber bald darauf der ungluͤckliche Vater ankam, das Vermaͤchtniß ſeiner beweinenswerthen Tochter in Empfang zu nehmen, und ihren Ruheplatz zu beſuchen, konnte er ihr nicht laͤnger ein Geheimniß bleiben, und nur das Bewußtſeyn auch an Bertha redlich gehandelt zu haben, konnte ſie einigermaßen uͤber ihr ungluͤckliches Ende troͤſten. Der Hofmarſchall ſaͤumte nicht Auguſten als Tochter anzunehmen, und fand eine zaͤrtlichere an ihr, als an der Ver⸗ lornen; daher trockneten auch ſeine Thraͤnen ſehr bald, er zog nach Schloß Wildungen, und gefiel ſich in Auguſtens und Frau Appol⸗ loniens ſorgſamer Pflege bis er lebensmuͤde entſchlief, und zu Bertha in die dunkle Gruft hinab ſank. Wildrick aber lebte ein gebeſſer⸗ 8 tes und gluͤckliches Leben, durch Auguſtens Liebe und Unſchuld verſchoͤnert, reich an Er⸗ ben ſeines Hauſes und an zeitlichen Gütern. —8G)ͤͤͤͤͤͤſ — 94— Paſtor Walter war edel genug, ſich des Gluͤcks dieſes Paars zu freuen, und vergaß endlich in den Armen einer ihm wuͤrdigen Lebensgefaͤhrtin, den fruͤh vereitelten Wunſch ſeines Herzens, den Ewigen dankend deſſen Gedanken nicht immer die unſrigen ſind! Erzahlungen Wilhelmine von Gersdorf. Zweiter Band. Leipzig, 1821 bei Wilhelm Lauffer. Melanie oder 4. . = — — ‿ . — — G 2—2 Eine Erzaͤhlung in zwei Abſchnitten. 4 — Des Menſchen Thun Iſt eine Ausſaat von Verhängniſſen, 4 Geſtreuet in der Zukunft dunkles Land, Den Schickſals Mächten hoffend uͤbergeben! en 4 Schiller. Erſter Abſchnitt. Ferdinand von Leuenfels an „Heinrich von Semmen. „Ich gruͤße Dich, lieber Heinrich aus den lieh⸗ lichen Umgebungen, des T... Heilquells, ein freier ſelbſtverſtaͤndiger Menſch! ſchon daß ich wirklich hier bin— daß ich mich losriß aus den Ketten, Faͤden und Schnuͤren aus denen das Gaͤngelband des haͤuslichen Lebens zuſammen geſetzt iſt, wird Dir dieſes bewei⸗ ſen, und Du wirſt den Freudenruf aus mei⸗ ner vollen Bruſt verßehn. Auf der Graͤnze ſchickte ich meine Leute zuruͤck— Violenta braucht ſie ja alle!— und nahm neue zu mei⸗ ner Bedienung an; nichts habe ich behalten G — als meine Pferde, von denen ich mich ſo leicht nicht trennen kann, wenn ich ſie einmal kenne, bei Thieren leichter moͤglich als bei den hundertfältigen, tauſendſeitigen Chamoͤ⸗ leon: Menſch! auch meinen Trauring— die goldne Eiſenfeſſel, die mir goldne Tage ver⸗ ſprach— habe ich abgelegt bis ich wieder⸗ komme. Tadle mich nicht deshalb, Heinrich! was braucht denn die fremde Welt hier zu wiſſen, wie es eigentlich mit mir ſteht? weiß ich's doch ſelbſt kaum!— Vor ſieben Jahren war ich auch hier, und alles geht noch ſeinen Gang, geregelt und ſchulgerecht wie damals, alles ſteht noch auf dem alten Fleck, von den unerſchuͤtterlichen Felskronen, und uralten Baumgruppen die ſich ſeit der Sundfluth hier mit ſtolzer Stirn und luftigen Gipfel zu den Wolken erheben, bis zu den luſtigen Tempeln des Tanzes, der Geſelligkeit und der lauten Freude. Die Nymphe des Heilquells reicht mit eben ſo unermudlicher Productionskraft den Becher und die Tropfen der Geneſung, 5— — 99— und das Menſchengewuͤhl wimmelt zu Fuß und zu Roß noch eben ſo bunt durch einander, und treibt wie vormals ſein Tagewerk; aber mit mir allein iſt es doch anders worden, und nur ich bin nicht mehr der ich war! Damals, ein wahrhafter freier Mann, jung, friſch, lebenskraͤftig und ſorgenlos, auf Gott und mich ſelbſt vertrauend, meinen guten Saͤbel pruͤfend bei Schutz und Trutz! oft warf ich mich wie ein guter Schwimmer in das Meer des Lebens, und kuͤhlend ſchlug ſeine ſtuͤrmi⸗ ſche Welle an meine gluͤhende Bruſt; oder ich tauchte unter im Strom der Freude, und ath⸗ mete froͤhlich wieder der Sonne entgegen, de⸗ ren heißer Stral mir willkommen war; ſelbſt auf der All⸗Sirarbruͤcke, der Gefahr, mit Demokles Schwert uͤber den Haupt, ſchritt ich ſtandhaft und ruhig vorwaͤrts auf meinen blutigen Bahnen, und Frau Ehre war die einzige Huldin um deren Gunſt ich buhlte, ja ſelbſt die purpurrothen Ordensbaͤnder die ſie mir uͤber die Bruſt zog, und ich an dieſen G 2 4 — 1400— 1 Quellen waſchen mußte, gaben mir nur phy⸗ ſiſchen Schmerz, den ich in dieſen zurüͤckließ. Was bin ich jetzt?— ein gefangener, kran⸗ ker, eingeſperrter Adler, mi gelneekter Schwinge, der fruchtlos hinter dem Gitter laͤrmt! ein Menſch von dem man nun freilich vernuͤnftelt er habe ſeine Beſtimmung erreicht, da er Gatte und Vater worden iſt, aber nichts weiter als ein erbaͤrmlicher Altagsmenſch, den die Stecknadel und Muͤckenſtiche des Le⸗ bens verwunden, der nichts als Dornen aus ſeiner Bruſt zu ziehn hat, der ſich wie ein edles Roß gegen Bremſen und Fliegen ſtraͤubt, und ſie doch nicht abzuſchuͤtteln vermag! Du wirſt ſagen, ich waͤre ein Thor, ein undank⸗ barer, unzufriedner, hypochondriſcher Thor, und Du magſt nicht Unrecht haben! bin ich nicht eben hier, weil ich das bin, und mich die Milzſucht plagt, die ſchlimmer iſt, als jene vernarbten Wunden waren, die ich hier heilte! was fehlt mir denn eigentlich um gluͤck⸗ lich zu ſeyn, wie ich es ſonſt war?— nichts — 4101— als ein wenig mehr Gelaſſenheit, kaͤlteres, ruhigeres Blut! Habe ich nicht die Geliebte errungen zur Gattin? iſt ſie nicht noch eben ſo klug und ſchoͤn wie damals, da ich um ih⸗ ren Beſitz des Großſultans Harem mit Sturm eingenommen haͤtte? ward ich nicht Vater? Vater eines unausſprechlich geliebten Kindes?— ol meine ſůße kleine Fiora! was konnten wir alle dafuͤr, daß du nur einen— einen kurzen Lenz bluͤhteſt? und nach Blumen⸗ art abfielſt von Stengel des Lebens— welk⸗ teſt— vergingſt! ſum erſchien mir ſeitdem die mater dolorosa nur wie ein gewoͤhnliches Weib, da ſie nur Thraͤnen fuͤr Dich hatte, nicht die zarte, liebende Sorgfalt der Mut⸗ ter!— O weh, da werden alle Erinyen meines Herzeus wieder wach, die ich hier im Schlaf zu bringen hoffte, und das tiefſte Herz blutet aus Wunden fuͤr die kein Heilbad iſt!— Ich warf die Feder hin, und eilte ins Freie, meine Bruſt war ſo beklommen— da bin ich wieder, lieber Heinrich! und mein * — 402— Innres hat ſich zu der Lichtſeite gewendet die ich brauche, um hier nicht als Kopfhaͤnger aufzutreten, wo der Kranken Wehklage zum Trotz, der laute Jubel eines geborgten Gluͤckes vorwaltet. Eine Moral habe ich auch in Kauf bekommen, deren ich nicht gerade hier gewaͤrtig war. Mein Unmuth trieb mich in den großen Garten der hier zu allgemeiner Erholung beſtimmt iſt. Es war noch fruͤh, das Wetter neblicht und kalt, wie der Hin⸗ tergrund meiner Seele, 1 ſichtbar; nur die Zeugen der Be. und Gewaͤſſer fluͤ⸗ ſterten mit einander, und dazwiſchen fiel ein⸗ zeln ein verſcheuchtes Lockvoͤgelchen ein. Ich fluͤchtete in den hohen Pavilion, und ſtand gedankenlos vor einer Aeolsharfe die am erſtern Fenſter aufgeſtellt nur leiſe wie ein Bienenchor mich umſummte. Der alte Gaͤrtner kramte unter ſeinen Blumeneſtra⸗ den herum, endlich kam er auch zu mir. „Die Harfe klingt Heute recht ſonderbar!“(ſagt ich, um doch ein Geſpraͤch anzuknuͤpfen). Ey — 103— lieber gnaͤdiger Herr!(ſagte mein Alter) das 4 kommt ja nicht von der Harfe her! der Wind ſteht nicht recht zu den Saiten, ſonſt wüͤrden wir gar liebliche Töne hören! es iſt uͤberhaupt eine eigne Sache mit dem Inſtrument und dem Winde. Sind mir immer vorgekommen wie Mann und Frau. Geht der Wind ſcharf, ſchneidend, wie⸗ derlich durch die Saiten, hu!— welche ſchauer⸗ liche, grauenhafte Toͤne!— weht er zart und weich durchhin, wie ſanft, wie lieblich, wie ſchoͤn! und bricht gar der Sturm los, wie ſchwe llen und reißen da die Saiten, daß es ein Erbarmen iſt! mich duͤnkt, mit Mann und Weib gehts gerade auch ſo!—“ Ich biß mich in die Lippen, der alte Na⸗ turphiloſoph kann Recht haben!— ich mag wohl auch oft wie ein Sturm durch die zarten Saiten gefahren ſeyn, aber wer heißt ſie ſo ſcharf ſpannen?— Nun ich bin ein rauher deutſcher Nord, und ſie eine gluͤhende ſuͤdliche Blume— es mußte ſo kommen!— wer weiß - 4 8 * — 104— wie noch alles kommen wird, Heinrich! wenn ich der Sturm bin, weiß ich denn da wo ich noch hinſauſen werde?— ol ich wollte ich koͤnnte wirklich auf den Flügeln der Wolken einher fahren, und von einem Ende der Erde zum andern fliehn, bis ich mich hinunter wir⸗ belte in die Abgründe des Meeres, deſſen ver⸗ ſchlingende Wogen alles verdecken, und ver⸗ bergen unter der obern ruhigen Kriſtallflaͤche! Doch— wo gerath ich hin? es iſt Zeit, daß ich mich wenigſtens in die wogende Men⸗ ſchenmenge ſtuͤrtze, die in; reudenſtroͤmen ba⸗ det. Abends iſt Ball! Tanzen will ich— ja Tanzen! Raſend wie vom Tarantelſtich, damit ich den Veitstanz des Schickſals vergeſſe! Bald hoͤrſt Du mehr von mir. Dein Ferdinand. Derſelbe an denſelben. „Evenning red, morning grey signs of a very fine du y!ee ſagen die engliſchen Ma⸗ troſen!— auch ich ſage Heute ſo! Heinrich. — A — 105— Roſenroth war der geſtrige Abend, grau wie mein Leben iſt dieſer Morgen, aber ich ver⸗ ſpreche mir einen ſchoͤnen Tag. Geſtern war Ball wie Du weißt, und ich verfehlte nicht mich Kopfuͤber in den Strom der Freude zu ſtuͤrten. Wenn die wilden Walzer voruͤber fliegen, und ſich alles um mich her dreht und wiegt und wirbelt wie aufſchaͤumender Cham⸗ pagnergeiſt, da geht mir wieder wie in ſchoͤnern Tagen das Herz auf, und mein alter Muth wird frei und lebendig wie damals. Da flog auf einmal wie auf weichen Blu⸗ menfluͤgel getragen, eine liebliche fremde Ge⸗ ſtalt an mir voruͤber, ein ſchoͤnes Bild dem alle andre folgten„denn ihr war auch im wildeſten Drehn, die Anmuth treu eigen ge⸗ Plieben!“ wie ſoll ich Dir nur das Unbeſchreib⸗ liche beſchreiben Heinrich? waͤr ich ein Dich⸗ ter ſo wuͤrde ich ſagen:„Sie iſt eine Schwe⸗ ſter des Seraphsverklaͤrung, eine Heilige die es nicht verſchmaͤhte als Roſe aufzubluͤhn in den Garten des Lebens, und die Lichtper⸗ — 106— len der Freude als Thautropfen in den Buſen zu ſammeln!—“ Aber ich bin ein hoͤchſt proſaiſches Menſchenkind, daß der namenloſe Zauber einer ſchoͤnen Geſtalt, daß die ſiegende 1 Macht der Schoͤnheit wo er mich anſpricht wie des Fruͤhlings friſches bluhendes Bild an ſich zieht, und mit Bewunderung erfuͤllt! Jetzt— freilich! lag doch ein ſtarres Winter⸗ eis auf meinen Gefuͤhlen! glaubt ich doch alles begraben, getoͤdtet, erſtarrt, verſchut⸗ tet und mich ſelbſt mit Banden eines traum⸗ loſen Schlafs umſchlungen. Aber nein!— ich gleiche der Erde aus deren kalten Buſen der Stral einer mildaufgehenden Fruͤhlings⸗ ſonne neues Leben weckt— die Feſſeln fallen — aus tauſend Augen blickt die erwachende Natur, und wieder freudig umfaͤngt ſie das Leben; die Marmorglieder bewegen ſich, und durch die Daͤmmerungen des Grabes dringt im Toben der letzten Winterſtuͤrme, die Stima⸗ me der Freude! Ich bin mir ſelbſt wieder lie⸗ ber worden, da ich noch menſchlichen Anklang eines ſchoͤnen Gefuͤhls in mir wiederfinde! Wem ſollten aber auch dieſe Augen, dieſe Seelenbluͤthen, die wie klare Diamanten, nein! wie himmliſche Sterne, wie die Roſenaugen des Fruͤhlings ins Herz fallen, nicht zu be⸗ leben, zu wecken, zu verkläͤren vermoͤgen?— von wem ich ſpreche Heinrich! Du laͤchelſt ironiſch und antworteſt: Je nun von irgend einer Ballkoͤnigin Deines geſtrigen Roſen⸗ abends, der Dir Heute einen grauen Morgen giebt, und einen ſtuͤrmiſchen Tag verheißt! Aber Du irrſt, wie koͤnnten Menſchen mit gemeinen Sinnen wie dieſe hier die eine ſo große Maſſe zuſammen dreht, das Goͤttliche verſtehn, das Unnennbare begreifen? vom Stral geblendet als ſchien ihnen die Sonne in die Augen gehn ſie voruͤber, aber nicht in die todte Bruſt drang der Zuͤndende, denn ſie iſt gepanzert; nur in die meinige goß ſich ihr zarter Schimmer, und erhellte jede ihrer Tie⸗ fen! Doch laß mich die Beſchreibung wagen. Als ich eintrat in den geſchmackvoll ge⸗ — 108— ſchmuͤckten„ſchoͤn erleuchteten Saal, und die bunte Menge um mich her wogte, und die raſche wirbelnde Tanzmuſik mich und was 3 außer mir war in einander wirrte, Heinrich bei meinem Eid! mir wars wie damals al ich zum erſtenmal in die braſilianiſchen Ur wälder ohne gleichen kam, halb noch ein Knabe. Schunell bluͤhte meine Phantaſie dort auf und machte mich zum 3 uͤngling.— Dieſe e reiche uͤppige Natur, dieſe mannichfaltigen 8 Prachtgewachſe, dieſe bluͤhende Welt, dieſe ſingende, lockende, laͤrmende Schoͤpfung — es ergriff— es entzückte mich! aber nichts vermocht ich feſt zu halten, zu unter⸗ ſcheiden, denn Farben und Toͤne floſſen durch Seh⸗ und Hörkraft wie ſchillernd in meiner Seele durcheinander; Da trat ich mich ſam⸗ melnd im Schatten einer hohen Tactuspalme und mein Auge irrte umher unter den duͤnnen niedern Stäͤmmchen die Epidendrum, Cactus, Bromelien tragen, und deren hoch corallen⸗ rothen Blumenkolben mit violettblauen Spi⸗ — 109— tzen das Auge anziehn, da ſtand auf einmal eine Heliconia vor mir; ſie bluͤhte in dun⸗ keln Schatten eines kuͤhlen Felſenquells, eißen Blumen in hochrothen Scheiden; ihr ſchwanden alle uͤbrige Bananenge⸗ nd nach ihrer Schoͤnheit an der mir le Sinne klar aufgingen, lernte ich jede an⸗ dre beurtheilen. Gerade: ſo gings dach zett— Sie die ich noch ſo wenig zu neunen weiß, wie die Heliconia damals, als ich ſie zuerſt erblickte — ſchwebte im Kranz der ſchoͤnſten Tag⸗ und Nachtbluͤthen an mir voruͤber— denke Dir ein Elfenkind, das dunkelblonde Haar in ei⸗ nen griechiſchen Knoten geſchlungen, von ei⸗ ner einzigen Perlenſchnur, glaͤnzend wie das Elfenbein der Glieder, feſtgehalten, ein ſchma⸗ reagdgruͤnes Gewand unter der zuͤchtig verhuͤll⸗ 4 ten jungfraͤulichen Bruſt mit einer Schleife von Brillianten gefeſſelt, an deren Glanz un⸗ 4 willkuͤhrlich der Blick feſt blieb, weil der Stral dieſer Augen, der Himmelsglanz dieſer ver⸗ —. 110— klaͤrten Zuͤge, das Heilige dieſer Goͤttlichkeit ihn zwang, auf das Minderſtralende herab zu gleiten!—„meine Heliconia!“ rief mein erwachtes Herz, und ich hing wie dam gefeſſeltem Gefuͤhl an Ihr!— was aber erſt, als ich ſie umfangen Tauz!— Heinrich! ein leichter zar ter tender Blumenſtengel ſchwebte ſie in mei Arm abermals meine Heliconia!— ol mußte ich ſie hier— mußte ich ſie jetzt wieder⸗ finden? Ich gehe zu erforſchen wer ſie iſt, ſie kam und ging wie ein ſchoͤner Stern, eine hohe fremdartige Geſtalt begleitete ſie, eine freundliche Alte zog hinter dem ſeltnen Paare her, ich fuͤrchte ſie iſt verheirathet!— Ich fuͤrchte?— nun! was geht das mich an? was darf es mich angehn? trag ich nicht 3 auch die goldne Feſſel des angenommenen Hausſtandes! bin ich nicht tod für die Hoff⸗ nungen des Lebens, die nur eine Stunde bluͤhen wie der Cactus„ aber hundert Jahre dazu brauchen wie die Aloe 21—— Heinrich! — 411— ich wollte Du waͤrſt hier— ich bin ſo unru⸗ hig wie ein aufgeregtes Meer! ſollte der Tag des Lebens nach dieſem ſchoͤnen Abendroih noch Rürmiſcher werden? * Ferdinand. Derſelbe an Denſelben. Ich weis wer ſie iſt, Heinrich, ich habe das unerwartete Gluͤck gehabt ihr naͤher zu kommen! Wir alle, die wir hier zuſammen zu halten pflegen, das heißt, die die Eintags⸗ bekanntſchaft dieſer Bapezeit zu einer epheme⸗ riſchen Freundſchaft einet, welche gewoͤhnlich ein Haus auf Sand gebaut, des Kitts der Beſtaͤndigkeit entbehret— wir gaben uns das beſteigen, und zwar die Sonne dort aufgehn zu ſehn. Glaube ja nicht daß es bei jeden Veorliebe fuͤr ſchoͤne Naturſcene, oder Empfin⸗ dung fuͤr jenes erhabene Schauſpiel geweſen ſey, daß man taͤglich haben koͤnnte, wenn dieſe ſo groß waͤre— nichts weniger! Mode, Wort die reitzende Anhoͤhe von B.. hier zu 4 — 4142— Nachahmungsſucht, um endlich doch auch ſa⸗ gen zu koͤnnen: Ich war dort, ſah, empfaud, ſtaunte— um fuͤr einen Enthuſiaſt zu geltan wie andre!— Unſre Geſellſchaft war wirklich— hih auſgebrochen, daß die Erwartete nicht zuvor ge⸗ kommen war; ſchon ſtanden wir auf der ſteilen Felſenwand, den Blick nach Oſten und der leiſe Geiſterhauch der Nacht, der die Welt umarmt hielt, wich dem emporſteigenden Glanz des ewigen Lichts, da rauſchten neben mir die mit Klarheit umſponnenen Gebuͤſche, und 3 mir wars als erſchiene die Sonnenprieſterin, ſie— die Hoͤhre!— opfernd zu empfangen, denn mit zuruͤckgeſchlagnen Schleier ſtand die 4 zarte, bluͤhende Geſtalt neben mir, ſtralend wie die Aufgangs Roſengluhten!— Sie war es, Melanie, die Nichte des edlen Fremd⸗ lings der ſie auch hier her begleitete. Er ſcheint zu Hauſe an dem Ufer der Wolga, b und iſt ruſſiſcher General, aber ſeine nach Deutſchland vermaͤhlte, verſtorbne Schweſter — 443— ließ ihr dieſes Pfand einer kurzen Ehe zuruͤck. Dieſe einfache Geſchichte erfuhr ich durch Ver⸗ mittelung des Buches, in daß wir da oben unſre Namen zu ſchreiben hatten, damit die Nachkommenden doch auch um unſre Sonnen⸗ wallfahrt wußten! Ich habe oft uͤber dieſen Gebrauch geſpottet, er kam mir ſeltſam vor, der ich wie Du weißt, im ſuͤdlichen Deutſch⸗ land geboren, als Juͤngling in Hannoͤverſche Dienſte, von da in die weite Welt kam, aufs Meer geworfen, manche ferne Kuͤſte begruͤßte, eine Zeitlang in Braſilien hauſte, und end⸗ lich uͤber Portugall zuruͤck nach dem Vaterlande kam, wo ich der Kaiſerfahne ſchwor, mit ihr nach Italien zog, und bei dem Entſatz von Mantua— der Gefangne zweier ſchoͤnen Au⸗ gen— Violentas Gefangner ward! Sonder⸗ bar mußte mir es dunken, deſſen Thaten ſo oft die Welle uͤberſpuͤlte die keinen Zug hinter⸗ laßt, deſſen Schritte von einem Pol zum an⸗ dern gingen, wenn es hier der Vergeſſenheit entriſſen wird, daß man einen Maulwurfs⸗ H — 114— huͤgel erſtieg! Man muß uͤber nichts ſpotten, Heinrich! dieſer— ſonderbaren Gewohnheit meiner guten Europaͤer verdankte ich, daß ich des Generals Namen erfuhr, und es nun weiß, daß alles was laͤngſt meine Seele in das todte All wit Sehnſuchtsworten rief— was die Erde entzuͤckendes und der Himmel herrliches hat, Melanie heißt!— Der Abendtanz gab mir ein Recht ſie anzureden, und ich rief mit Entzuͤcken in der Tiefe mei⸗ ner Seele: sweet harmoniest! and so inno- cent als sweet!— Ihr ſchoͤnes Auge begruͤßte die aufſteigende Koͤnigin des Weltalls, das meine hing an ihr— ol ich haͤtte verſinken moͤgen vor dieſer hohen Klarheit, vor dieſen reinen ſeelenvollen Glanz! beim herabſteigen bot ich ihr den Arm, ſie dankte freundlich, und ſchwebte leicht und zierlich wie die Nymphe der Gebuͤrge vor uns herab. Der General ließ ſichs gefallen, daß ich ſein Fuͤhrer ward; wir plauderten gemuͤth⸗ lich mit einander, und dem alten erfahrenen — 115— Krieger ſchien es zu freuen, daß ich, wie er ſich ausdruͤckte, mir fruͤh ſchon etwas in der Welt verſucht hatte. Er ſelbſt iſt gegen alle Paſchas der Pforte in ſeiner Jugend zu Felde gezogen, hat ſeinem Kaiſer von deſſen gebuͤh⸗ renden Lobe er voll iſt, faſt funfzig Jahr ge⸗ dient, und lebt jetzt auf ſeinen Guͤtern in Lief⸗ land, wo, ſagte er, dieſes gute Maͤdchen die Stutze und Freude meiner alten Tage iſt, und mir und meiner lieben Alten den Verluſt un⸗ ſerer Soͤhne erſetzt, die auf dem Bette der Ehre ſtarben! Wir waren unter dieſem Ge⸗ ſpräch am Fuß des Berges gekommen„ und der ſchoͤne Engel Melanie trat bereits aus ei⸗ ner laͤndlichen Huͤtte die dort iſt, und kredenzte den ermuͤdeten Alten, unter dem Schatten zweier ehrwuͤrdigen Eichen wo ein Raſenſitz war, einen Becher ſtaͤrkenden Tokayer.„Ver⸗ giß meinen guͤtigen Fuͤhrer nicht, liebes Kind!“ ſagte er laͤchelnd, und ſanft erroͤthend gab ſie mir den gefuͤllten Becher zuruͤck den zuvor ihre. Roſenlippen beruͤhrten, weil ſie im Begriff H 2 — 4146— ſtand, ihn den Alten nochmals zu reichen. Du kannſt denken, wie der Goͤttertrank mir mundete! welches Feuer von Lebensgluth meine Adern ſchwoll! wie ich ihr dankte! Wir wa⸗ ren ſchnell bekannt worden! o es iſt doch weit anders um jenes Bekanntwerden im Schoos einer ſchoͤnen Natur unter klaren freien Him⸗ mel, beim Aufgang der Sonne, oder im Licht der Mondſcheibe, als wenn man einem dem andern bei Kerzenglanz im Prunkzimmer vor⸗ ſtellt. Da treten alle Kobolde der Etiquette, der Mode, des Anſtands, der Konvenienz zwiſchen die fremden Geſichter die tod in ein⸗ ander ſtarren, und gehn ſie wieder aus einan⸗ der, ſo ſind und bleiben ſie von einander fern! Der ſinnige Alte machte ſelbſt dieſe Bemerkung und bot mir am Scheidewege treuherzig die Hand:„Beſuchen Sie mich ſo oft Sie wollen!“ (ſprach er)„ich denke wir gefallen uns gegen⸗ ſeitig! eine Parthie Schach, eine gute Pfeife Tabak, aͤchten Tokayer und ein ehrliches Ge⸗ muͤth, daß finden Sie ſtets bei mir, und auch — 117— 1 wohl Melanien und meine Alte, wenn wir uns nicht in allzu goͤttlichen Weihrauch huͤllen den Sie gerade nicht lieben!“ Ich verſprach von ganzer Seele zu kommen— mein Blick hing an den ſchweigenden Engel, der unbe⸗ fangen nur an den Lippen des Greiſes hieng. O Heinrich! ſeitdem blicken freundliche Sterne in das Leben Deines Ferdinand. Heinrich von Semmen an Ferdinand von Leuenfels. Drei Deiner Briefe liegen vor mir, und es iſt hohe Zeit daß ich zur Beantwortung ſchreite. Ich wollte naͤmlich nur abwarten, wo es mit Dir hinaus wollte, aber nun— nimm mirs nicht uͤbel Ferdinand, trete ich auf, ein ruͤſtiger Gaͤrtner mit gewaltiger Scheere, den uͤppigen Auswuchs Deiner Phantaſie zu verſchneiden! denn ſonſt hoff ich, zu Deinem Ehrgefuͤhl, daß doch ſtets das uͤberwiegende bei Dir war, iſt es welter nichts mit Deinem —* — 118— augefangnen Goͤtzendienſt. Die Hand aufs Herz, mein Freund! ſchritteſt Du nicht ſchon mit dem Herz zu Abentheuern auf deinem je⸗ tzigen Tummelplatz derſelben? warum ſchickteſt Du deine Leute nach Hauſe, ziehſt den Trau⸗ ring ab, und erſcheinſt als das, was Du nicht biſt— ein Ungebundner! dazu hat der ernſte Heinrich gleich den Kopf geſchuͤttelt, und nicht gezweifelt, daß den irrenden Ritter werden wuͤrde was er ſuche! Sage mir nicht: daß es hart ſeyn wuͤrde als antheilloſer Zuſchauer auf einem Platz zu ſtehn, wo man mit Erfolg Theil am Spiel nehmen, und im eignen Glanz erſchei⸗ nen koͤnne! biſt Du nicht freiwillig von der Buͤhne abgegangen, und zuͤrnteſt Du mir nicht als ich alles moͤgliche that„ Dich hinter den Schranken des haͤuslichen Lebens hervor zu rufen? da warſt Du des zweckloſen Umtriebs muͤde, da ſehnteſt Du dich von dem unruhigen Meer der Leidenſchaften einzulaufen in den ſichern Hafen der ehrenvollen Beſtimmung Gatte zu ſeyn! da war der Eheſtand gar keine — 119— ſo ſchwierige Sache— er war der Hauptpunkt des Lebens, der Wuͤnſche Ziel, des Herzens Bedarf! Und Violenta?— nun die war, bei meinem Eid! wenigſtens die verſchleierte Iſis ſelbſt! was ſagt ich Dir damals von den maͤch⸗ tigen Unterſchied des Vaterlandes, der Reli⸗ gion, der Sitten, des Standes, der Gewohn⸗ heit, die eine unuͤberſteigliche Kluft zwiſchen Euch befeſtigen, einen Strich ziehn muͤſſe durch euer ganzes Leben; Du aber wardſt zum Paradiesvogel, ſchwangſt dich uͤber alle dieſe Gemeinplaͤtze empor, und trugſt ein Sonnen⸗ kind uͤber die graäͤmliche Erde, deren graues farbloſes Einerlei Dir in den hoͤhern Regio⸗ nen zu Aether zerfloß!— glaube nicht, daß ich daruͤber ſpotte, daß dies alles dem Lauf der Dinge nach, anders werden mußte, aber vergieb mir, daß ich Dich als ein alter Sol⸗ dat mit Nachdruck zu der Fahne zuruͤckrufe der Du— wie Du behaupteteſt mit guter Ue⸗ berlegung und aus freier Herzenswahl geſchwo⸗ ren haſt! Violenta iſt ſich wenigſtens gleich — 120— geblieben, ſie hat nicht einmal daran gedacht, Dir ihre Fehler zu verbergen, aber da ver⸗ klaͤrten ſie ſich alle in Nimbus einer Schoͤn⸗ heit, von deren Schmetterlingsfluͤgeln Du nun ſelbſt den Staub abgeſtreift haſt! ihre natuͤr⸗ liche Heftigkeit war Charakter, der Hang zum Argwohn, Menſchenkenntniß, die thorichte Eiferſuͤchtelei, Energie der Liebe! das Gute an ihr erhob deine Phantaſie zum Unverbeſſer⸗ lichen, das Beßre zur Vollkommenheit, und nun der Rauſch voruͤber und Amors Binde ge⸗ fallen iſt, wunderſt Du dich„ daß alles ſo ſich zeigte, wie es ſich zeigen muß! der alte Gaͤrtner hat uͤberdies Recht— ſehr oft brauſt Du wie ein unfreundlicher Nord durch die Saiten der aäoliſchen Harfe, was Wunder, das wiedrige ſonſt ſchlummernde Toͤne zum Vorſchein kommen? uͤberdies haſt Du aus dei⸗ nen braſilianiſchen Waͤldern gerade nicht die gluͤcklichſten Begriffe von Eheſtand mitgebracht, die Wirthſchaften deiner Puris und Topujus, deiner Meſtizen und Botocudos koͤnnen im Stand einer wilden Naturfreiheit recht gut ſeyn, aber ſoviel ihr Herrn Freidenker auch uͤber die Civiliſation der Europaͤer ſpottet, ich erkenne nur das Geſetz der Ordnung und Sitte für dasjenige des eines vernuͤnftigen Welt⸗ buͤrgers wüͤrdig iſt, und beneide weder la Pey- rouse noch den Graf von Gleichen!— Wohl kenn ich deine Grundſaͤtze, aber ich billige ſie nicht, ich raͤume Dir nicht ein, daß ſie Sch wahrhaft gluͤcklich machen koͤnnen. Als ich Dir im Allgemeinen abrieth ſo frh ſchon— Du warſt zwar 24 Jahr, aber mir nicht reif genug, mehr auf Dich zu nehmen als eignes Geſchick! in den beſchraͤnkten Kreis der Hausvaͤterlichkeit zu treten, als ich Dich insbeſondere fuͤr den Verein mit Signora Vio⸗ kenta warnte, da gabſt Du mir, nachdem Du meine Einwendungen mit der Gluth eines lei- nane f uc Verliebten wiederlegt hatteſt, end⸗ lich zur Antwort: Nun und geſetzt Du haͤtteſt Recht, und Violenta eignete ſich nicht mich gluͤcklich zu machen, hoͤr ich denn auf ein X. — 122— freier, ſelbſtſtaͤndiger Mann zu ſeyn? was koͤnnte mich hindern, Feſſeln abzuwerfen, wenn ich ſie als ſolche eipfaͤnde? meine Religion, meine Geſetze ſprechen meinem Willen frei, höoͤrte Violenta auf mich zu begluͤcken, ſollte ich deshalb aufhoͤren gluͤcklich zu ſeyn?— ſchon damals bezeigte ich Dir mein Miß⸗ fallen uͤber dieſe leichtſinnige egoiſtiſche Mo⸗ ral. Sehr ungroßmuͤthig waͤre daß von Dir in vorliegendem Falle!(erwiederte ich) Vio⸗ lenta iſt durch ihren Glauben, durch ihre Ue⸗ berzeugung und durch ihr Vaterland von der Unaufloͤslichkeit und Heiligkeit des Bandes durchdrungen, daß Dir nur im Licht einer geſetzlichen und menſchlichen Vertragsuͤberein⸗ kunft erſcheint! Du kannſt Dich frei machen, ſie wird ſich lebenslang als gebunden betrach⸗ ten, denn zwiſchen Dir und ihr tritt nur die loͤſende Hippe des Todes! wie ungroß uͤthig, wie ſelbſtſuͤchtig waͤre es alſo von Dir von ei⸗ nem Recht Gebrauch zu machen, daß ihr ver⸗ ſagt iſt; ein ſo unbegraͤnztes Zutrauen, daß — 4123— nicht einmal eine ſolche Moͤglichkeit zu erden⸗ ken faͤhig iſt, kuͤnftig zu verrathen! kann das der Mann von Ehre, von Gefuͤhl?—% Ferdinand! ich erneure was ich damals ſagte! ich ſetze hinzu: Vermoͤchteſt du das gegen Fioras Mutter?— Nein! es war nicht ihre Schuld, daß die kleine zarte Bluͤthe nur einen Lenz ſah, daß bewies die Groͤße ihres Schmerzes, erfreut ſie kuͤnftig der Himmel mit Mutterſeegen, ſo wird ſie ohnſtreitig noch ſorgſamer und aͤngſtlicher uͤber ihr Kleinod wachen! Du aber biſt es den Manen Deines geliebten Kindes ſchuldig, gegen diejenige die es mit Schmerzen Dir gab, die Dich wenn auch zu kurzer Vaterfreude heiligte, Du biſt es Dir ſelbſt ſchuldig Ferdinand, feſt zu hal⸗ ten an Deinem heiligen Verſprechen! Was iſt die Liebe, wenn Treue ſie nicht edelt? ein verächtlicher entehrender Sinnenrauſch, ein er⸗ baͤrmliches weſenloſes Mittelding zwiſchen Hoheit und Erniedrigung, eine die edle Maͤnn⸗ lichkeit nur verweichlichende Schwaͤche!— — 124— Treue allein heiligt, verklaͤrt, veredelt ſie, macht ſie der Menſchheit wuͤrdig, des Beifalls der Unſterblichen werth!— uͤberlege dieſe Wahrheiten guter Ferdinand, und wenn Du mir glauben willſt, ſo fliehe— fliehe wo es noch Zeit iſt. Ich kannte Melaniens Vater, er fiel, ein ruhmbedeckter Krieger, ſein edles Kind verdient das Gluͤck eines freien Man⸗ nes zu werden. Sie war die Verlobte des „aͤlteſten Sohnes dieſes Oheims bei dem ſie jetzt iſt, der junge Mann war ihrer wuͤrdig“ aber auch er fiel— ein Opfer jener verhee⸗ renden Gewalt. Sollte ſie ihn ſchon vergeſſen haben?— Nochmals beſchwoͤr ich Dich, Ferdinand, Pandle wie Du es vor den Gott in Deiner Bruſt verantworten kannſt, und ſaͤe kein Un⸗ kraut ins Leben, daß zu den Dracheſgähnen der Reue ſchnell genug empor ſchießt! Heinrich. — 125— Violenta an Ferdinand. Ich habe Dir nicht eher ſchreiben wollen caro sposo bis ich mit meinem Entſchluß aufs Reine war! er lag ſchon lange in der Tiefe meines Herzens, aber ich wiederſtand der Verſuchung ihn auszufuͤhren, aus Furcht mei⸗ nen Fernando zu mißfallen, aus Angſt ihn auf einige Zeit zu verlaſſen! Deine Reiſe in jenes ferne Heilbad, welches der Arzt Dir noͤthig machte, die Trennung von Dir, die wie eine dunkle Wolke uͤber mein Leben haͤngt, hat ausgeſprochen, was ich kaum zu denken wag⸗ te.— Ich gehe in mein Vaterland zuruͤck, bis Du wiederkommſt mich abzuholen. Nach 8 Dir iſt es mir das Theuerſte was meine Seele kennt, was ſoll ich hier, wenn Du nicht da biſt, in den prachtvollen unruhigen Wien? was ſollen meine Seufzer nach Dir, ungehoͤrt und unbedauert an den kalten Ufer der Donau verhallen? Wie bald bin ich in Trieſt, und dann gruͤßen mich ſchon jene heimathlichen Luͤfte die vom Grabe unſerer Fiora heruͤber 2 8 2 8 wehn, dann betrete ich ihn wieder den wei⸗ chen Boden den ich nie haͤtte verlaſſen ſollen, und fliege an die gluͤhende Bruſt meiner Ge⸗ ſchwiſter und Jugendfreunde!— kannſt Du mirs verargen, Fernando! daß mich jetzt das unnennbare Sehnen nach dem allen doppelt ergreift, da der Mann meiner Liebe und mei⸗ ner Schmerzen ſich von mir geriſſen hat? da ich unter fremden kalten todten Larven wandle, deren Blick Vampyrartig das heiße tobende Blut aus meinem Herzen ſaugt, und es zu nordiſchen Eis gerinnen laͤßt, wenn er die junge Strohwittwe„ denn ſo nennt mich der flache Witz deiner Deutſchen, bedauert!— 0 Fernando! Fernando! Du haͤtteſt hier bleiben, oder mich mit Dir nehmen ſollen— warum dieſe Luͤcke— vielmehr dieſe gaͤhnende Kluft in un⸗ ſerm feſt vereinigten Leben? wenn ich in Dein blitzendes Himmelfarbnes Auge ſehe, wenn ich auf Deinen kraͤftigen Arm mich ſtuͤtzte, an Deine maͤnnliche Bruſt liebend mich ſchmiege, dann iſt Fernando mein Himmel und mein — 127— Vaterland, dann beſitz ich mein eigenſtes Ei⸗ genthum, und heimathlich ſchlagen die Luͤfte jedes Landes ihre Flügel um mich! aber ge⸗ trennt— verlaſſen! o Theſeus! Theſeus! Ariadne auf Naros— Andromeda am Felſen das bin ich jetzt!— Und wie Deine ſchmach⸗ tenden Landesmaͤnninnen, wie dieſe Elfenkin⸗ der mit den weichen Goldlocken und den blauen Aetheraugen nach meinem Ungetreuen blicken — wie ſie ihn mir verlocken werden in die Ro⸗ ſennetze ihrer Liebe! arme Violenta! ſoll der quaalvolle Gedanke an das alles Dich aufzeh⸗ ren mit tartariſcher Pein? ſollſt Du nur im⸗ mer das Eine denken, und in dem Einen Dei⸗ ne Lebenskraft verzehren?—— Du kannſt das nicht wollen idol mio! Du kannſt der ar⸗ men Violenta die troͤſtende Luft ihres Vater⸗ lands nicht laͤnger verſagen. Ich ſchiffe mich ein nach Trieſt, Paolo und Giamima beglei⸗ ten mich, Wechſel ſendete mein Bruder nach Trieſt, ich gehe voraus mein Fernando Du kommſt mir nach, mit Deinen deutſchen Leuten die ich hier zuruͤcklaſſe, mit Dir geh ich willig, Du biſt und bleibſt der ſchoͤne Stern meines Lebens! o geh mir niemals unter, Du mein leuchtender Stern! bel sol del occhio miei, senza te non posso vivere!— Violenta. Ferdinand an Heinrich. Dein Brief, Heinrich! ging wie eine zuͤr⸗ nende Gottheit bei mir voruͤber, und donnerte mir ins Gewiſſen. Ich ging in mich, und waͤhrend des harten Kampfes in meiner Bruſt, ging ich wie ein Schlaftrunkner durchs Leben. Zuweilen blitzte Melaniens Geiſterblick in mei⸗ ne Seele, aber ich wagte es kaum, ihn in der kranken Bruſt zu bewahren. Ein gluͤcklicher Zufall loͤßt meine Zweifel, Violenta von Heim⸗ weh ergriffen, iſt nach Italien zuruͤckgekehrt, waͤhrend meiner Abweſenheit. Sie hat eigen⸗ maͤchtig gehandelt, ohne meinem Willen zu befragen, den Schritt gethau der fuͤr ihr Le⸗ ben entſcheidet.— Nun wohlan ſo hat ſie ihr Schickſal ſich ſelbſt bereitet, mich heimlich verlaſſen, ſo darf ich mich als ein freier, gluͤck⸗ licher, ſelbſtſtaͤndiger Menſch betrachten!— Arme Violenta! wo kann Dein leidenſchaftli⸗ ches Gemuͤth Ruhe finden als in den Lava⸗ luͤften Deiner Heimath? wo wirſt Du Dein ſtuͤrmiſch bewegtes Leben troͤſtlicher enden als am Fuß Deiner Altaͤre, unter den Ermah⸗ nungen Deiner fanatiſchen Moͤnche, die Dir den Himmel abſprechen, weil Du den Ketzer liebteſt!— Wie bald wirſt Du die Nothwen⸗ digkeit einſehn, Deinem Glauben das Opfer Deiner Liebe zu bringen? und deswegen ſollte ich dem Gluͤck meiner Zukunft entſagen, nach Italien ſollte ich Dir folgen, von neuem un⸗ ter die Dolche gedungner Moͤrder mich wagen, die auf den laͤſtigen Gatten der reichen Erbin lauern? mit der Kirche ſollte ich um Deine Schaͤtze ſtreiten, die mich nie begluͤcken konn⸗ ten? Nein! nein! nur in Taumel einer un⸗ ſinnigen Leidenſchaft war dieſes moͤglich! er iſt dahin, und ich preiſe die Fuͤgung des Geſchicks J .—— die Violenten den gluͤcklichen Gedanken gab, in ihr Vaterland zuruͤckzukehren! Meine Leute in Wien ſind verabſchiedet, ich begehre meinen Abſchied aus den Dienſten des Kaiſers, ich beginne ein neues gluͤckliches Leben, und wie ein befreiter Adler ſegle ich von neuem durch die klare Luft. Spare nur Deine Ermahnun⸗ gen, Heinrich! ſie kommen zu ſpaͤt— geht alles nach Wunſch, ſo bin ich ſchon Mela⸗ nies Gemahl, wenn Du dieſe Zeilen erhaͤltſt, und der kuͤhne Wurf meines Schickſals iſt ge⸗ ſchehn— dann ſchweige— Heinrich— ſchwei⸗ ge wie das Grab, denn das Heil der Unſchuld beruht auf Deinem Schweigen, und das Ge⸗ ſchehene zu aͤndern vermagſt Du doch nicht— vermag kein Gott!— Wenn Melanie errun⸗ gen iſt, ſo mag alles kommen wie es will, ſchlagt mich Europa in die Feſſeln des Geſe⸗ tzes, ſo oͤffnen ſich mir die Pforten von Nep⸗ tuns ſichern Reich, und wer ſucht in der neuen Welt den Gluͤcklichen? Ferdinand. — 131— Violenta an Heinrich. Ihr Freund hat mich verrathen!— ich bin auf eine ſchmachvolle Weiſe von Leben losgeriſſen. O Sie wiſſen alles, wenn ich Ihnen ſage daß der treuloſe Fernando, den ich mehr liebte als mein Vaterland, der Gatte einer andern ward, und mit ihr nach dem kaͤl⸗ teſten Norden entflohen iſt!— Der Fluch der Kirche ging an mir in Erfuͤllung! es geſchah wie der Diener des Hoͤchſten, mein Beichtva⸗ ter es prophezeite, den Ketzer den ich mit Wahnſinn ergeben war, opferte mich ſeiner ſchnöden Begehrungsluſt auf! Das Heiligſte war ihm nicht heilig genug zum Spott! der Ehre goͤttlichs Sacrament machte er zum Spiel, die Mutter ſeiner Kinder zur gemeinen Suͤnderin, ol und die Erde zoͤgert den Ver⸗ brecher zu verſchlingen! und Violenta lebt noch im Gefuͤhl ihrer unendlichen Schmach? Ich bin der Kirche ein Suͤhnopfer ſchuldig, ihr weih ich mein veroͤdetes Leben— ich neh⸗ me den Schleier. Aber ach! noch feſſelt mich 2 — 132— ein neues Band an den Verworfnen den ich jetzt haſſen muß, wie ich ihn einſt liebte. Er wußte nicht, daß ich ein neues Pfand von ihm unter den Herzen trug als ich Wien ver⸗ ließ! abſichtlich verheimlichte ich es ihm, ich fuͤrchtete er wuͤrde mich nicht reiſen laſſen, wenn ers wuͤßte, ich dachte mir die Wonne ſo ſuͤß, ihn ſeinen Sohn entgegen zu bringen, wenn er mich aufſuchte in der geliebten Hei⸗ math, ich wollte ihm das hoͤchſte Maaß des Gluͤckes zubereiten! Unſeeliger! Dein* iſt geboren, und Du machteſt ihn zum Ba⸗ ſtard!— als ſein erſtes Laͤcheln in meine Seele fiel da war es Fernandos Laͤcheln— ich mußte weinen— ach! ich weinte lange nicht mehr, — ich mußte das verwaiſte Kind kuͤſſen, ich nannte es Fernando!— Jetzt erinnert mich der Name zu peinvoll an dem, den ich vergeſſen ſoll, ich muß— ja ich muß mich von dem Knaben trennen. Was wuͤrde aus ihm, wenn ich den Schleier nehme und er meinen Bruͤ⸗ dern anheim fiele, die in dem Unſchuldigen — 133— des Vaters Untreue haſſen, denen er zum Be⸗ ſitz meines reichen Erbes in Weg ſteht? im beſſern Fall wuͤrde er dem Kloſter anheim fal⸗ len, und ich will mir in ihm des Vaters Raͤ⸗ cher erwachſen ſehn. Ich weiß es wohl, denn ſollt ich ihm hier behalten, ich ſollte ihn traͤn⸗ ken mit den Thraͤnen meiner Verzweiflung, näͤhren mit dem Gift der Rache, erziehn im Geiſt meiner Schmach, aber nein!— es giebt eine vergeltende Macht, ſie greift dunkel ins , ich habe die Nemeſis wach geſchrien ſie wird mich hoͤren, ſie wird richten!— Ih⸗ nen, Signor vertrau ich den Sohn ihres ab⸗ trünnigen Freundes, der meiner gerechten Ahndung zu entrinnen wußte, und den Zorn des Himmels, den ich taͤglich auf ihn herab rufe, nicht entrinnen wird. Ein Deutſcher hat mich hintergangen! auch Sie ſind aus der Nation die man treu nennt und ehrlich preißt, retten Sie die Ehre der deutſchen Maͤnner, Ihr Freund hat ſie an mich verrathen, ver⸗ pfaͤndet, löſen Sie das Pfand ein, indem Sie des jungen Fernandos Vater werden; aber ich beſchwoͤre Sie, geben Sie ihm Ihren Na⸗ men, damit er nicht mit dem ſeines Vaters auch ſeine Verbrechen erbt. Meine treue Giami⸗ na uͤberbringt Ihnen in Paolos Begleitung den Knaben, 30,000 Skudi ſind das Erbe, daß ich Ihnen ſenden kann fuͤr den Vaterloſen Sie werden ſie von Paolo in guͤltigen Wech⸗ ſeln auf das Haus P.. in Trieſt empfangen. Sobald meine beiden Getreuen zuruͤck kommen, ſobald ich weis, wie Sie das Kind empfingen, verlaß ich des Bruders Haus, wo man mich wie eine Gefallne demuͤthigt. Des Kloſters verſchwiegne Mauern werden mich aufnehmen, und wenn ich Fernandos gedenke— ſo mildre das Andenken an den zweiten Fernando das unendliche Gefuͤhl meiner Rache. Violenta. Heinrich an Violenta. Ich habe Ihr theures Pfand empfangen Signore! und ich bin Stolz auf das Vertrauen 8— 135— das Sie mir beweiſen. Glauben Sie nicht, daß ich die That billigte, oder um ihre ſchnoͤde Ausfuͤhrung wußte, mit der Fernando Ihre Liebe und meine Freundſchaft verwirkt hat; eben ſo wenig daß ich ſeitdem das geringſte mehr von ihm erfuhr!— Ich betrachte Ih⸗ ren Sohn als den meinigen, und ich ſetze Ih⸗ nen deutſche Treue zum Pfand meiner Vater⸗ ſorge für ihn! Bald verlaſſe ich meinen hieſi⸗ gen Quartierſtand und ziehe an die Ufer des Rheins, dort wo mich und meine Familie nie⸗ mand kennt, kann ich den jungen Fernando als mein Kind erziehn, werde es mit Treue und Liebe thun, und gern wird meine geliebte 1 Anne dieſe Sorge theilen! Nein Signore, Ihr Seohn wird die Sorgfalt des Vaters, die Zaͤrt⸗ lichkeit der Mutter nicht vermiſſen, er ruht in Annas Armen, und ſpielend langt meine kleine Adelaide nach den Bruder, der ſie zu umfangen ſtrebt!—— Signore! koͤnnten Sie dieſes Bild der Lie⸗ be ſehn— ihr gerechter Grimm mußte ver⸗ — 136— ſoͤhnt werden, Sie muͤßten aufbören zu haſſen! — Paolo hat mir die Wechſel eingehaͤndigt, ich werde Ihren Sohn ein treuer gewiſſenhaf⸗ ter Vormund ſeyn, und wenn ich ihn einſt zum Mann erzogen habe, ſollen Sie ſich im Alter ſeiner noch freuen! Gott ſchenke Ihnen Ruhe, meine theure Signore, Leben Sie wohl! Heinrich. Zweiter Abſchnitt. Ferdinand von Semmen an ſeine Schweſter Adelaide. Endlich iſt mirs vergoͤnnt Dir zu ſchrei⸗ ben geliebte Schweſter, und ich muß Dich bit⸗ ten, die theure Mutter ſo gut Du kannſt uͤber mein Schickſal zu beruhigen. Es war wan⸗ kelmuͤthig und treulos aber ich hoffe es den⸗ noch zu uͤberwinden. Auf der Bahn wo un⸗ 1 — 437— ſer vortrefflicher Vater ruhmvoll und auf blu⸗ igen Lorbeern gebettet, dahin ſank, bedrohte auch mich ein gleiches Geſchick. Nachdem ich mich ſo lange Zeit begluͤckt und ausgezeichnet im Dienſt beſehn hatte, wirft mich die Ueber⸗ macht des Feindes in den gefahrvollen Schlach⸗ ten bei***yF in die Haͤnde der rohen Barba⸗ ren, die, ohne daß ich es wollte meines Le⸗ bens ſchonten. Sag ſelbſt Adele, was hatte ich in dieſem entſetzlichen Augenblick noch mit dem Leben gemein, daß mir unſre Blutarbeit ſo ermuͤdend machte? Du wirſt mir vorwer⸗ fen, geliebte Schweſter, ich habe nicht an die gute Mutter, nicht an Dich gedacht, ſonſt waͤr ich unmoͤglich ſo geneigt geweſen, es mir wie eine veraͤchtliche unnuͤtze Laſt von mir zu werfen! aber wahrlich! ich hatte nur den ei⸗ nen Wunſch ruhmvoll zu enden wie unſer Va⸗ ter, und mein Leben ſo theuer als moͤglich zu verkaufen! Es kam anders, der commandi⸗ rende General— ich erfuhr es erſt nachher — hatte mich als ich bewußtlos niederſank, unter den Klingen ſeiner uͤber meinem beharr⸗ lichen Wiederſtand erbitterten Streiter hervor⸗ ziehn laſſen, und mein Leben in Schutz genom⸗ men. Er that noch mehr, er ließ mich in ſei⸗ ne Wohnung in K... bringen, und uͤbergab mich der ſorgſamen Pflege der Seinen. Erſt ſeit Kurzem kehrte meine Beſinnung in ſoweit zuruͤck, daß ich mein Schickſal erfahren konnte. Ich bin Kriegsgefangen, Adele!— ich liege hier und heile meine Wunden, und kann nichts thun als mich in meine Feſſeln fuͤgen, wenn ſie auch Heil mir ſind!— verdammtes Schickſal! — warum verſagte mir die unzeitige Groß⸗ muth dieſes feindlichen Feldherrn den ehren⸗ vollen Tod, der tauſendmal fuͤr den Krieger willkommner iſt, als dieſes vernichtete Seyn? — Weine nicht, Adelaide! ol ich verſtehe Deinen VorwurfW! ich ſuͤhle Deine Thraͤnen! — und ich verſpreche Dir ſo gut ichs vermag, mich in mein Schickſal zu finden. Dieſe Men⸗ ſchen behandeln mich mit der edelſten zarteſten Sorgfalt! ein Wort des Generals iſt zurei⸗ — 439— chend geweſen mich als Mitglied ſeiner Fami⸗ lie behandelt zu ſehn! verſtaͤndige Wundärzte waldeten an meinem Lager, als mein Zuſtand gefaͤhrlich war, und als ich im Fieber lag, ſah ich freundliche Engelsgeſtalten mein Lager umſchweben. Ich habe erfahren, daß es die Frau und die Tochter meines Erretters ſind, allein ſeit ich wieder den Gebrauch meiner Be⸗ ſinnung habe, ſind ſie Geiſter gleich verſchwun⸗ den, kuͤnftig wird mir es vielleicht gelingen ſie wieder zu erblicken, und ihnen meinen Dank abzuſtatten. Seyd indeß unbeſorgt um mich, meine Lieben, Ihr ſeht! mein Schick⸗ ſal ſorgte gut genug fuͤr mich, ich kuͤſſe die Hand der theuern Mutter mit kindlicher Liebe, und Deine Roſenlippen, geliebte Adele. Bald ſchreibe ich Dir mehr, wenn meine Kraͤfte es erlauben, meine Zeit wird es leicht moͤglich machen. Lebe wohl, und denke oft an Dei⸗ nen treuen Bruder. Ferdinand. — 140— Ferdinand an Adelaiden. Ich bin nun voͤllig hergeſtellt, theure Schweſter! und kann die geliebte Mutter und Dich, voͤllig wegen meines Befindens beruhi⸗ gen. Auch iſt meine Lage nur den Schein nach abſchreckend, und der Kriegsgefangne ein Gaſt an den wirthbarlichen Heerd edler vortrefflicher Menſchen, denen er ſeine Erhal⸗ tung dankt. Geſtern ward ich den Feldmar⸗ ſchall zum erſtenmal vorgeſtellt, er war einige Tage hier in Aungeneſniſße, und verlangte mich zu ſehn. Adele! ei noch kraͤftige aus⸗ gezeichente Heldengeſtalt! ich war doch immer ſonſt auch mir bewußt, gerade nicht der letzte im Kreis der Tapfern geweſen zu ſeyn, die Achtung, womit der Ehrfurcht einfloͤßende Held mich anredete, bewies es mir auch jetzt zur Genuͤge! aber wie ſoll ich Dir ſchildern, was mich ſo maͤchtig, ſo unerklaͤrbar ergriff und durchdrang als er vor mir ſtand„ und ſein ſcharf forſchender Blick auf mir ruhte? — Es fuhr durch mich hin wie Blitzesſtral, — 141— der einen Augenblick leuchtet, um uns dann einer um ſo undurchdringlichen Finſterniß zu aͤberlaſſen;— Er fragte nach meinem Na⸗ men, nach meinem Vaterland— auch Ihm ergriff beides— denke Adele! er hat unſern Vater gekannt, und pries mit einer weichen Ruͤhrung die ihm mein ganzes Herz erwarb, ſein gerechtes Lob— ja er ward ſtill und weh⸗ muͤthig, als ich ihm ſagte, daß er den Tod des Helden ſtarb. Mit welcher Theilnahme erkundigte er ſich nach unſerer Mutter, nach uns die der Name des Helden ehrt, und das Andeuken ſeiner ausgezeichneten Pflicht, Treue und Rechtſchaffenheit! „Ich ſchaͤtzte Sie, junger Mann“,(ſagte er)„wegen ihrer perſoͤnlichen Tapferkeit, jetzt achte ich in Ihnen, den Sohn eines edlen, zu fruͤh vollendeten Mannes. Ihr Chrenwort genuͤgt bei den Zufall der Sie in unſere Gefan⸗ genſchaft verſetzte, ich wurde Ihnen ſogleich Ihre Freiheit wiedergeben, waͤre dieſes mit meiner Pflicht zu vereinen. Allein, von die⸗ — 142— ſem Augenblick betrachte ich Sie als ein Mit⸗ glied meiner Familie, kommen Sie, ich will Sie mit dem Stolz und der Freude meines Herzens bekannt machen!“ Er fuͤhrte mich ins Zimmer ſeiner Gemah⸗ lin— einer noch ſehr ſchoͤnen, hoͤchſt guͤtigen Dame, die mich, als er mich ihr mit den ſchmeichelhafteſten Worten vorſtellte, ausge⸗ zeichnet huldvoll empfing, und meinen Dank fuͤr ihre muͤtterliche Pflege mit zartem Aus⸗ druck einer herzlichen Freude zu begegnen wuß⸗ te. Ihr zur Seite ſaß— eine Landſchafts⸗ zeichnung entwerfend— ihre Tochter, das einzige unausſprechlich von beiden Aeltern ge⸗ liebte Kind!— Sie war aufgeſtanden und gruͤßte mich mit ſeelenvoller Anmuth! Adele! es war die Engelgeſtalt die den Blutenden um⸗ ſchwebte, die am Schmerzenslager des wunden Traͤumers ſo ſorgſam waltete, es war Ster⸗ na.— Ol ich vermag nicht, Dir das Un⸗ nennbare zu beſchreiben! die ſchwarzen ſon⸗ nenſtralenden Augen, und die weichen goldnen — 143— Locken. Dieſe Zuͤge voll Leben, Geiſt und Huld, dieſes ihr nur eigne Laͤcheln!— Wir erroͤtheten Beide, als unſere Blicke einander begegneten, und es war gut, daß der Gene⸗ ral vor uns Beide trat. Er uͤbergab mich waͤhrend ſeiner oͤftern Abweſenheit den Da⸗ men, und ſeitdem habe ich das beneidenswer⸗ the Gluͤck, ihr Geſellſchafter zu ſeyn! Ja be⸗ neide mich, Adele! ich bin der ſeeligſte Sterb⸗ liche!— Fortſetzung. Mein Brief an Dich, gute Schweſter! iſt lange liegen geblieben, ich war zu gluͤcklich, um ihn fortſetzen zu koͤnnen! was ſag ich? bin ichs denn nicht noch auf eine Weiſe, die ich nie ahnden, nie hoffen durfte? ja, Du treues Schweſterherz, das Uebermaaß meines Gluͤckes iſt es, was mich Heute zu Dir zieht, mich draͤngt Dir es zu verkuͤnden— jauchze mit mir Adele! ſinke zu den Fuͤßen unſerer Mutter, und bitte ſie ihren gluͤcklichen Sohn zu ſegnen!— wiſſe! ich bin Sternas Ver⸗ — 144— lobter— der guͤtige Vater, die liebevolle Mut⸗ ter beſtaͤtigen die Wahl unſerer Herzen— mir! dem Fremdling, dem gefangnen Fein⸗ de wird das Kleinod, nach welchem ſo viele ſchon vergeblich rangen. Liegt eine Zauber⸗ kraft in dem Namen den ich trage? umſchwebt mich ſegnend der Geiſt unſers Vaters? ihm danke ich es, daß der General ſo bereitwillig iſt, unſre unverholne Liebe zu kroͤnen. Ge⸗ wiß, Adele! er ſoll ſich nicht in den Juͤng⸗ ling irren, dem er ein ſo ehrenvolles unbe⸗ grenztes Zutrauen ſchenkt— ich werde nur le⸗ ben den Engel zu begluͤcken, den er mir an⸗ vertraut. Die Einwilligung der theuren Mut⸗ ter, die nichts mehr liebt, als das Gluͤck ih⸗ rer Kinder, Deine Theilnahme, geliebte Schweſter darf ich vorausſetzen, aber nun muß ich Euch auch bitten die Papiere zu er⸗ brechen, die mein Vater in einem eintretenden Fall meiner Vermaͤhlung erſt zu oͤffnen befahl. Ihr werdet mich mit den Inhalt bekannt ma⸗ chen; gewiß kann und wird keine Stoͤrung A meines nun feſt gegruͤndeten Gluͤckes daraus hervorgehn, und dennoch faßt mich, wenn ich an dieſe Papiere denke, ein ſeltſames Grauen, ein dunkles Ahnen, daß ich mir ſelbſt nicht zu erklaͤren vermag! Welcher ge⸗ waltige Geiſt liegt gebannt unter dieſe Siegel das ich fuͤrchte ihn herauf zu rufen?—— Nun es ſey was es wolle, der Mutter Hand muß ſie brechen, und durch Dich mein ſanfter geliebter Schweſterengel werde ich ſelbſt das Stoͤrende mit ſchonender Liebe erfahren!— Vorurtheile ſinds die mich, glaub ich, ange⸗ ſteckt haben, wie ein epidemiſches Fieber, oder macht es mich mißtrauiſch in den Wankelmuth des Gluücks, daß ich jetzt ſo— uͤber jeden Ausdruck— gluͤcklich bin. Ueber Sterna ſoll auch ein dunkles Fatum walten— ihre Mut⸗ ter hat mir es in einer vertraulichen Unterre⸗ dung unter heißen Thraͤnen eroͤffnet. Eine alte hier ſonſt herumſpukende Zigeunerin von der Sorte die in Ungarn, Boͤhmen, Pohlen und Rußland gewoͤhnlich iſt, und die ſelbſt K — 446— uͤber die Gebildetſten dieſer Gegend ein gewi⸗ ßes Recht erlangt hatte, da ihre Ungluͤckspro⸗ phezeiungen immer eingetroffen ſeyn ſollen, hat Sterna in ihrer Kindheit geweiſſagt, daß ſie eines gewaltſamen Todes ſterben werde— und zwar— von der Hand ihres Bruders.— Denke wie dieſes Rabengekraͤchz der Hexe die zarte Seele der zaͤrtlichen Mutter ergriffen hat— zwar faßte ſie ſogleich den Entſchluß, ſich von ihrem Gemahl zu trennen, und er ſelbſt— erſchuͤttert von der Moͤglichkeit, daß ihm Melanie in der Folge den Keim geben koͤnne, willigte in dieſe Trennung. Melanie erzog den Gegenſtand ihrer gemeinſchaftlichen Liebe mit der zarteſten Sorgfalt im Kloſter, ihr Gemahl beſchwichtigte im Gewuͤhl immer fortdauernder Kriege ſein Herz, und ſammelte die Lorbeern ein, die ihn jetzt umkraͤnzen. So blieb Sterna die Einzige, und ſeit ſie erwach⸗ ſen iſt, iſt ihre Mutter mit ihr zu den Gatten zuruͤckgekehrt. 3 Keinen Bruder hat ſie nun Ifireilch nicht fuͤrchten, aber die beſorgte Zaͤrtlichkeit der Eltern, zittert immer noch fur irgend einen andern Möoͤrderdolch. Dies iſt auch die Urſach weshalb man Sterna fruͤh unter den Schutz eines Gemahls zu bringen wuͤnſchte! ich Glůck⸗ licher! mit meinem Leben will ich das ihre ſchuͤtzen! nur durch meine Bruſt kann der Weg zu ihrem Herzen gehn!— thoͤrichter, ver⸗ ruchter Aberglaube, in der Hoͤlle erzeugt, der den Sterblichen einladet, mit Vorwitz die ver⸗ huͤllende Decke der Zukunft luͤften zu wollen, um ihn dann durch haͤßliche Zerrbilder zu er⸗ ſchrecken!— und doch— ich kann mirs nicht verbergen, daß ich ſeitdem aͤngſtlicher um Sterna wache, daß mich das Rauſchen jedes Blattes erſchreckt, ſeitdem ich das Geheimniß weiß, uͤber das ich zu laͤcheln verſuche!— Der General und ſeine Gemahlin ſcheinen in⸗ dees ruhiger zu werden, ſeit ich ihre Sorge füͤr unſer Kleinod theile— beſonders theilt der Vater meine Ungeduld mich und Sterna ver⸗ maͤhlt zu ſehn; beurtheile die Sehnſucht mit K 2 — 148— der ich demnach Eurer Antwort und den In⸗ halt jener raͤthſelhaften Papiere entgegen ſehe, da nur dieſes noch zu erwarten ſteht, bevor die Stunde der hoͤchſten Gluͤckſeligkeit fuͤr mich ſchlaͤgt. Der General hat ſelbſt an unſre Mut⸗ ter geſchrieben, eine Veranlaſſung mehr, die Antwort zu beſchleunigen, auf die der Mutter zaͤrtliche Liebe und deine Guͤte meine Adele mich ſicher rechnen laͤßt! Ferdinand. Der General Leuenfels an Frau von Semmen. Mitt tiefer Ruͤhrung begruͤß ich in Ihnen, gnaͤdigſte Frau, aus weiter Ferne die edle Wittwe meines unvergeßlichen Jugendfreun⸗ des! in dieſem Augenblick werden alle Erinne⸗ rungen meines Lebens wach, und der Raum der uns trennt verſchwindet vor den Zauber der mannichfaltigen Geſtalten, in welchen die Vergangenheit ſich kleidet, die ſo uͤberwaͤlti⸗ gend zu meinem Herzen ſpricht. Ich hoffe, daß — 149— Heinrich nie im Ernſt geglaubt hat, daß Fer⸗ dinand ihn vergeſſen konnte, wenn auch Ver⸗ ſchiedenheit moraliſcher und politiſcher Anſich⸗ ten mich ſcheinbar von ihm riſſen! und ich glau⸗ be, daß Sie, gnaͤdige Frau, den warmen Antheil Gerechtigkeit wiederfahren laſſen, den meine ganze Seele an den Heldentod des eh⸗ renwerthen Freundes nimmt!— Eine ſchoͤne Hinterlaſſenſchaft ſind mir ſeine Kinder! das geweihte Schickſal fuͤhrte, wiewohl auf bluti⸗ gen Umwegen der Gefahr, ſeinen Sohn, den Erben ſeines Namens und ſeiner Verdienſte, Ihren Ferdinand, den ſeine treue Liebe nicht verſchmaͤhte meinen Namen zu geben, in mei⸗ ne Arme. Wie ſoll ich Ihnen die Ruͤhrung, das namenloſe Gefuͤhl beſchreiben, daß mich ſogleich fuͤr den muthigen, tapfern, ſchoͤnen Juͤngling einnahm, das mich vaͤterlich zu ihm hinzog, als ich erfuhr wer er iſt? ol ich er⸗ kannte den Wink des Himmels, die einzige Tochter die ein unausſprechlich geliebtes Weib mir gegeben hat, die uns beiden das höchſte — 150— Glück des Lebens iſt, ich bin bereit ſie den Sohn meines Heinrichs zu geben. Beide ein⸗ ander wuͤrdige Herzen brennen in edler und reiner Liebe, und ich darf hoffen, daß Sie gnaͤdige Frau, meine Sterna zur Tochter auf⸗ zunehmen nicht verſagen werden! ſuͤndigte ich unwiſſend gegen den Freund, den ich ſtets geliebt habe, ſo darf ich hoffen, nun ſeinen Schatten zu verſoͤhnen, da ich ein heiliges Band zwiſchen uns knuͤpfe, das unſichtbar uͤber die Graͤber reicht! Laſſen Sie mich zu der Bitte um die baldige muͤtterliche Antwort, die das Glück unſrer Kinder entſcheiden ſoll, die andre hinzufugen: mein Haus als das Ihre zu betrachten. Ich habe Mittel gefunden Ihre Reiſe zu uns moͤglichſt ſicher zu ſtellen, ich werde Sie mit hinreichenden Paͤſſen und einer tuͤchtigen Bedeckung verſehn, eilen Sie mit der Tochter meines Freundes, die ich mei⸗ ner Melanie zum Erſatz fuͤr Sterna zu geben wuͤnſchte, in unſre Arme„ wir alle erwarten Sie mit Sehnſucht und Freude. Ich aber nenne mich mit dem innigſten Gefuͤhl vereh⸗ render aedſchef u. ſ. w. „Ferdinand von Treuenfels. Adelaide an Freundin Emma. Sollteſt Dus glauben, liebe Emma, wir ſind im Begriff mitten durch die Gefahren des Krieges, und die ſich bekaͤmpfenden Heere eine Reiſe an die ruſſiſchen Grenzen zu unter⸗ nehmen! mein Bruder von deſſen uͤberſtandner Verwundung Du weißt, hat in ſeinem groß⸗ muͤthigen Erhalter einen Jugendfreund unſers Vaters gefunden, und dieſer giebt ihm ſeine einzige ſchoͤne Tochter zur Gemahlin. Der General hat ſelbſt an unſre Mutter geſchrieben und uns unter aller moͤglichen Sicherſtellung zu ſich eingeladen. Die Reiſe iſt beſchloſſen, aber — ſo ſehr ich mich ſonſt auf die kleinſte in der Umgebung freuen kann, ſo vermag ich es die⸗ ſesmal doch nur ſchwach mich zu einer frohen Erwartung zu ſtimmen. Selbſt des Bruders unverhofſtes Gluͤck, fuͤr welches ich doch ſo gern mein Leben laſſen wollte, iſt nicht hin⸗ reichend dazu. Bleiern liegt mir die Frende, zu der ich mich gern zwingen moͤchte, weil es recht ſchlecht von mir waͤre, ſie nicht zu fuͤh⸗ len, auf dem Herzen, als druͤcke mich eine recht ſchwere Laſt!— als ich fuͤr Ferdinands Leben weinte und zagte, da war mirs wohl auch ſo zu Muth, aber ich hatte doch die Hoff⸗ nung noch— die ſchoͤne, ſuͤße, liebliche Hoff⸗ nung! jetzt— nun ja! die habe ich ja auch noch! und dennoch— mir iſt als haͤtten wir ihn nun fuͤr immer verloren! Ich bin nicht klug, glaub ich Emma! oder— was ſind denn das fuͤr Raͤthſel in mir, die ich ſelbſt nicht verſtehe?— Sonderbar iſt es, daß auch die Mutter, die ſonſt ſo glücklich und heiter iſt, wenn unſre Wüͤnſche erfüͤllt werden, ganz niedergeſchlagen zu ſeyn ſcheint! Ferdinands Schreiben uͤberraſchte ſie ſchon hoͤchlichſt, ohne ſie ſonderlich zu erfreuen— der Brief des Ge⸗ nerals entſetzte ſie ſo ſehr, daß ſie einmal uͤber das andere die Farbe veraͤnderte, Sie legte mir ihn ſtillſchweigend hin, und ſchloß ſich in ihr Gemach; als ich wieder zu ihr durfte, 3 hatte ſie geweint, ich fiel in ihre Arme, und auch meine Thraͤnen floſſen, ſo beklommen war mirs um die Bruſt!— dennoch ſcheint mein Bruder ſo gluͤcklich, und der Brief des Generals iſt ſo guͤtig. Ich bemerkte beides meiner Mutter, um ſie die heftig angegriffen ſchien, zu beruhigen.„Mein Kind!“(ſagte ſie ernſt)„der Sterbliche iſt oft am entfern⸗ teſten vom Gluck wenn er ihm nahe zu ſeyn, ſich traͤumet! Er denkt, Gott lenkt!— er lenke alles zum Beſten!“(ſetzte ſie ſeufzend hinzu.) Ich faßte mir ein Herz zu einer Frage, die ich ſchon lange gern gewagt haͤtte. Du mußt naͤmlich wiſſen, meine Emma, daß mein verſtorbner Vater, eh er in die Schlacht gieng, die ſeinem edlen Leben ein ruhmvolles Ende machte; in den Haͤnden der Mutter ein verſiegel⸗ tes Packet mit Briefſchaften zuruͤckließ, und von meinem Bruder ſein Ehrenwort nahm, es ihr — 154— nicht eher abzufordern, und zu eroͤffnen, als im Fall einer eintretenden Vermaͤhlung. Dieſes Gehelmniß„ das ihm, der einen ſolchen Fall wenigſtens bei ſeinem unruhigen Soldatenleben ſehr entfernt glaubte, wenig zu intereſſiren vermochte„ erregte ſchon lange, ich geſteh es Dir, meine Neugier, aber die Mutter war zu betruͤbt um auf Dinge die auſ⸗ ſer ihren Schmerz waren, zu achten, und er⸗ waͤhnte dieſes wohl bei ihr verwahrten Paͤck⸗ chens mit keinem Wort. Vermoͤgensſachen ſinds auf keinem Fall, denn mein Bruder be⸗ ſitzt von meiner Pathe die in einem Nonnen⸗ kloſter in Italien vor kurzem verſtarb, ein anſehnliches und wohlgeordnetes Vermaͤchtniß ſo daß er unabhaͤngig iſt, und des Vaters Ver⸗ laſſenſchaft durchaus nicht angetreten ſondern mir ganz uͤberlaſſen hat,— was moͤgen alſo die⸗ ſe Papiere enthalten die meine Eltern ſo heilig halten?— Ferdinand erwaͤhnt ſie jetzt zum erſtenmal in ſeinem Brief, er bittet die Mutter ſie zu oͤffnen, und ihm den Inhalt, den er ohne zu wiſſen warum? zu fuͤrchten ſcheint, mitzutheilen. Ich fragte nun meine Mut⸗ ter: ob ſie nun dieſe Briefſchaften Eröſßnen werde? „Sie intereſſiren Dich, liebe Adelaide? 6 (ſagte ſie ſanft, und ihr Auge ruhte freund⸗ lich und geruͤhrt auf mir.)„Ohnſtreitig, lieb⸗ ſte Mutter! da ſie meinem Bruder betreffen! Ich fuͤrchte ſehr ſie werden das Ideal ſeines Gluͤcks ihn rauben!— wirſt Du ihn troͤſten, Adele?— Ihre Stimme war ſo bewegt als ſie mich das fragte! jes drang mir ſo ſonderbar ins Herz!, ich fiel wieder um ihren Hals—„von Herzen gern!“(rief ich)„o! ich liebe meinen Bruder ja mehr als mein Leben! aber warum ſollte er denn nicht gluͤcklich ſeyn? glauben Sie vielleicht daß mein Vater ſeinen Willen beſchraͤnkt hat?— ol er liebte uns Beide ja ſo zaͤrtlich?“ „Morgen“(ſagte ſie)„will ich die Brief⸗ ſchaften oͤffnen!— ich muß jetzt ſchlechter⸗ dings! auch Du ſollſt ihren Inhalt erfahren mein Kind! aber das bitte ich Dich— bete zum Himmel, daß er auch Dir Ergebung in ſeine Rathſchluͤſſe verleiht, und auch Dein Schickſal zum Beſten lenkt!“ ſie kuͤßte mich auf die Stirne, und ging. Alſo Morgen, Emma, Morgen!— o wie mich dieſes verhaͤngnißvolle Morgen ſo ſelt⸗ ſam ergreift! wie ich ſo unruhig bin, als wuͤr⸗ de uͤber mein eignes ſtilles einfaches Leben ge⸗ urtheilt!— Nur noch dieſe Nacht, und ich werde alles wiſſen— aber warum duͤnken mich gerade dieſe Stunden eine Ewigkeit?— und wenn dieſe Pandorenbuͤchſe nun geoͤffnet iſt, werde ich dann Urſach haben beruhigter zu ſeyn? wird mir wenigſtens wie in die ſer eine ſchoͤne Hoffnung auf den Grund zuruͤck blei⸗ ben?— o Emma! wenn hoͤrt der Menſch wohl auf die Zukunft zu fragen, deren Schleier ſo undurchdringlich iſt? wenn hoͤren ſeine Wuͤnſche jemals auf, ob ſie auch zur Gegen⸗ — 4157— wart wird?— Morgen—! ach Morgen Emma!— Fortfetzung. Emmal ich bin des Todes! ich bin außer mir!— die Papiere ſind geoͤffnet! Ferdinand iſt nicht der Sohn meiner Eltern! nicht mein Bruder! jene Dame in Italien gab ihm das Leben, ſie war fruͤher mit dem General Leuen⸗ fels vermaͤhlt— der Ungluͤckliche ſteht im Be⸗ griff, ſich mit ſeiner Schweſter zu vermaͤhlen! — wieviel Ungluͤck und Widerſpruch nicht ein paar Worte erzaͤhlen!— meine gute Mutter hatte nicht den Muth gehabt das ihr vom Va⸗ ter anvertraute Geheimniß uns zu offenbaren, eh er es gewuͤnſcht hatte; waͤre es beſſer oder ſchlimmer geweſen wenn wir alles gewußt haͤt⸗ ten?— ol ich kann mich noch nicht daran ge⸗ woͤhnen daß er nicht mein Bruder ſeyn ſoll? ich zittre wenn ich nur daran denke! kann ich jetzt an etwas andres denken als an ſein zer⸗ ſtoͤrtes Gluͤck?— wir reiſen! meine Mutter hat die Briefe an den General geſandt, ſie 2 — 4158— hat ihn beſchworen, ſein an Violenta veruͤb⸗ tes Unrecht zu verbeſſern, und ihren Sohn als den ſeinigen anzuerkennen; wir werden der Unglüͤckspoſt folgen um— wenns moͤglich iſt Ferdinands weiches Herz uͤber Sternas Verluſt zu troͤſten!— ach! wird ſie doch ſeine Schwe⸗ ſter, wie kann ſie denn ungluͤcklich ſeyn? werd ich ihm nicht eine Fremde?— es iſt recht uͤbel, meine Emma! daß der Menſch bei allen nur immer an ſich ſelbſt zuruͤck denkt! der Egois⸗ mus iſt gewiß ſeine ſchlechteſte Seite! Nun! ich hoffe mich endlich vergeſſen zu lernen, wenn ich die andern ſehe, die weit ungluͤck⸗ licher ſeyn werden als ich. Da wir bald abreiſen, ſo ſage ich Dir auf lange Zeit Lebe⸗ wohl, und werde Dir erſt die Ereigniſſe der Folge mittheilen, uͤberzeugt daß mich Deine Liebe und Dein Andenken auf allen Wegen meines Lebens begleitet! Adelaide. — 159— Anna von Semmen an Frau von Erlau. Du wußteſt, geliebte Freundin durch Abe⸗ laidens Brief an Deine Emma, um unſre Ab⸗ reiſe, und die Schickſale die ſie veranlaßten; ich uͤberließ es damals meiner Tochter, die Empfindungen ihres uͤberraſchten Gemuͤths ge⸗ gen ihre Freundin auszuſprechen. Heute neh⸗ me ich ſelbſt die Feder, Dir von unſerer gluͤck⸗ lichen Ankunft in K.. Nachricht zu geben; ich erwaͤhne nichts weiter von unſerer— einer Flucht gleichenden, und durch den General vollig geſicherten Reiſe! wichtigere Begeben⸗ heiten haben uns hier empfangen! das Ungluͤck war ſchneller noch als wir!— Furchtbar wal⸗ tend iſt die Nemeſis, die Violentas ſterbende Gebete wahrſcheinlich einmal herabgerufen, nicht mehr zu verſoͤhnen vermochten„ in das Haus des Generals getreten— ein entſetzlicher Schlag iſt geſchehn— Sterna, die reitzende Sterna, der Eltern Abgott und Stolz—! ſie iſt nicht mehr!— aber glaube nicht daß die — 4160— Parze ruhig den Faden dieſes jungen Lebens zerſchnitt— in der Art ihres Todes liegt das Entſetzlichſte deſſelben! Der beklagenswerihe — der ungluͤckliche Ferdinand hat das Ungluͤek gehabt die Braut, die er noch nicht als Schwe⸗ ſter kannte, durch eine Unvorſichtigkeit auf der Jagd zu erſchießen!— Er will das Gewehr von der Schulter nehmen, und hinter Sterna, die vor ihm ſteht, an einen Baum lehnen, es geht los, und der Schuß faͤhrt in die Bruſt der Ungluͤcklichen. Blutend ſinkt ſie nieder, verzweifelnd ſtuͤrtzt er uͤber ſie hin— man eilt herbei, verſtopft ſo gut es gehn will die ſtroͤ⸗ mende Wunde— umſonſt! noch einmal ſchläͤgt ſie die ſchoͤnen Augen auf.„Ich verzeihe Dir!“ (laͤchelt ſie— und ſtirbt.) Denke Dir den Juͤngling!— ſein erſter Gedanke iſt Vernich⸗ tung, er wirft ſich wie raſend auf die Geweh⸗ re— dasmal gehn ſie nicht los! man kann ſie 1 ihm entreiſſen, man kann den nun ohnmaͤchtig Hinſinkenden in Feſſeln ſchlagen, und ſo zu⸗ ruͤck ins Gefaͤngniß fuͤhren, wo man ihm im⸗ — 161— mer noch alle Werkzeuge des Todes fern zu halten gezwungen iſt!— Nichts von den an Wahnſinn grenzenden Schmerz der Mutter! von den Zotnausbruͤchen und der Verzweiflung des Vaters!— ſeine Neigung zu den Ungluͤck⸗ lichen, der unvorſetzlich zum Moͤrder ſeiner eignen Geliebten ward, verwandelt ſich in Ab⸗ ſcheu— er kann oder will ihn nicht wieder ſehn, was er auch von der Groͤße ſeines Schmerzens hoͤrt, und ob ſchon ſelbſt der ſter⸗ bende Engel ihm verzieh— in der erſten Auf⸗ wallung ſeines Zorns verweiſt er ihn nach Sibe⸗ rien ins lebenslaͤngliche Elend! Eine Kibike eilt mit dem todtkranken, bewußtloſen Juͤngling von dannen!—— ſo ſtehn die Sachen als mein Brief, nebſt jenen Inhalt ſchweren Brief⸗ ſchaften anlangen!— unmuthig aufs neue an den Stoͤrer und Moͤrder ſeines Vatergluͤcks erinnert zu werden, wirft er ſie anfaͤnglich auf die Seite, ohne ſie eroͤffnen zu wollen; endlich regiert ihn ein beſſerer Geiſt, er erin⸗ nert ſich, daß wir, an allem unſchuldig, nach L8 — 462— ſeiner Einladung unterwegens ſind, daß es zu ſpaͤt iſt uns umkehren zu laſſen, er fuͤhlt ſich gezwungen dieſe Nachrichten zu durchlanfen! —— welche Entdeckung! wie erſchuͤttert ſie die tief ergriffne Seele des Kinderloſen! aus laͤngſt verweſten Gruͤften erſchallen ihm die einſt geliebten Stimmen und rufen ihm zu: Du haſt einen Sohn!— einen edlen, deiner wuͤrdigen Sohn!— er will ſich dem Entzuͤcken hingeben— wehe! da umkrallt ihn eine neue Verzweiflung! o Entſetzen! der Sohn nach dem ſeine Arme ſich ausbreiten, iſt derſelbe den er ins Elend ſtieß! iſt der Moͤrder ſei⸗ ner Braut, ſeiner Schweſter! iſt der Raͤuber und Zerſtoͤrer ſeines Vatergluͤcks!—— So ſtanden die Sachen als wir ankamen — ſtelle Dir unſer Entſetzen vor! war es Wunder daß es mein armes Kind uͤberwaͤltig⸗ te, und krauk danieder warf? ich zitterte mei⸗ ne Adele zu verlieren, aber Gott iſt barmher⸗ zig, er hat ſie mir wiedergegeben!— Mela⸗ nie iſt eine vortreffliche Frau, kaum erfuhr ſie meines Kindes Gefahr, ſo kam ſie zu mir; der Schmerz den ſie ſo tief empfand, machte ſie nur noch empfaͤnglicher fuͤr den meinen. Sie fand Zerſtreuung in Adelens Pflege, die ſie ſorgſam mit mir theilte, und ich hatte Ge⸗ legenheit die ganze Schoͤnheit ihrer Seele ken⸗ nen zu lernen. Mit frommer Ergebung be⸗ trachtet ſie den Tod ihrer Tochter, ohne Er⸗ bitterung ſpricht ſie von dem ungluͤcklichen Juͤngling, deſſen Liebe zu Sterna ſie kannte, und bedauert ihn. Haͤtte ihr Gemahl auf ihre Vorſtellungen geachtet, ſo haͤtte er den eignen Sohn nicht ſo grauſam von ſich geſtoßen! ich habe es wagen duͤrfen, dieſer edlen Frau alles zu entdecken, ſie iſt großmuͤthig genug in Fer⸗ dinaud ihren Stiefſohn anzuerkennen, von ihren Einfluß auf das ſtolze Gemuͤth ihres Gemahls, von den Regungen der Vaterliebe erwarten wir alles!— Meine Adelaide iſt geneſen, die Hoffnung 2 2 1 — 464— Ferdiuands Schickſal erleichtert zu ſehn, hat nicht wenig dazu beigetragen, von Jugend auf vewahrte ſie ja die ſuͤße Gewohnheit ihn zu lieben,— ſie haͤngt mit troͤſtender Zaͤrt⸗ lichkeit an der ungluͤcklichen Mutter, deren wundes Herz an ihr eine neue Tochter aufzu⸗ nehmen ſtrebt—!— aber noch haben wir den General nicht geſehn, und Ferdinand eilt dem Elend zu, dem er vielleicht ſchon unterlegen iſt!— Wie ſoll das enden?— o meine Sreun⸗ din! bete fuͤr uns alle! Anna v. Semmen. 9— Anna an Frau von Erlau. Es giebt noch Engel unter den Menſchen! Weſen ſo hoͤherer Art, daß ſie von jeder nie⸗ dern Selbſtſucht fern, ihr Gluͤck nur in an⸗ drer Heil ſuchen, ſich und jedes andre Gefuͤhl uͤber den goͤttlichen: Thraͤnen zu trocknen, ver⸗ geſſen! Ein ſolcher Engel iſt Melanie!— ſie wußte daß der Kaiſer in der Naͤhe war, zu den Fuͤßen des menſchenfreundlichen Monar⸗ chen iſt ſie geeilt, und hat die Freiheit und Vergebung ihres ungluͤcklichen Stiefſohns er⸗ fleht, den ſein von der Rache ihres Gemahls erbetnes Machtwort ins Elend ſtuͤrzte. Wohl mag den fuͤhlenden Herrſcher eine Großmuth ſo ſeltner Art erſchuͤttert haben, er hat ihre Bitte gewaͤhrt, und es dem General frei ge⸗ ſtellt den Ungluͤcklichen als ſeinen Sohn zu er⸗ kennen. So viel Liebe mußte auch endlich das Herz des Vaters erweichen, er hat der edlen Melanie Gehör gegeben, und verſprochen den bedauernswerthen Juͤngling zu vergeben. Ein Courier iſt ihn nachge ſandt mit der Equipage des Generals ihn zuruͤck zu fuͤhren— wenn er noch lebt! ach! vielleicht hat den armen Juͤngling um den auch ich Mutterſchmerz fuͤh⸗ le— ſchon laͤngſt Kummer und Elend getoͤd⸗ tet! Ich wage es nicht dieſen Gedanken Worte zu geben! wie moͤcht ich die ſuͤße Hoffnung meines Kindes vernichten, daß ſich an ihr wie die geſenkte Blume an ihrer Stuͤtze empor rich⸗ — 466— tet. Adelaide betet die edelmuͤthige Melanie an, ſie lebt nur die ſe leidende Mutter zu troͤ⸗ ſten, die uns die Groͤße ihres Schmerzens verbirgt, um uns diejenige ihrer Tugend zu zeigen! deren Herz ſo groß wird, indem es in der Uebung derſelben bricht! Auch der Ge⸗ neral faͤngt an ſein wundes Herz an Adelai⸗ den zu haͤngen; er ſieht in ihr des unvergeſſe⸗ nen Freundes Zuͤge, ſeine Redlichkeit, ſein treues Gemuͤth, und ohne daß ers weiß wird ſein Schmerz um die Verlorne ſanfter. Ster⸗ na iſt ein prachtvolles Denkmal errichtet, und ihre Leichenfeier mit ungewoͤhnlicher Herrlich⸗ keit begangen. Wir wohnen im Hauſe unſrer Freunde, und jedes Gemüth iſt geſpannt auf Nachrichten von unſerm Ferdinand, den Ade⸗ laide ſein veraͤndertes Geſchick geſchrieben hat. Es machte ſie ſo gluͤcklich ihm ſeine Freiheit aanzukuͤndigen, da es ihr ſo ſchmerzlich fiel, den Bruder in ihm aufzugeben. Auch ich ha⸗ be ihn geſchrieben„ und mit den Inhalt jener Papiere, ſo ſchonend ich es vermochte, be⸗ — 167— kannt gemacht. Neue Gefuͤhle werden ſeinen Schmerz veraͤndern; nie haͤtte er Sternas Ge⸗ mahl werden koͤnnen, die im ſuͤßeſten Wahn der Liebe geſtorben iſt! es wird Zeit brauchen dieſe Wiederſpruͤche und dieſe Ausgleichung des Schickſals ertragen zu lernen. Ach! wer weiß ob ihn das Elend nicht lange ſchon aufrieb; auch der General, der allmaͤhlig zu der frohern Wuͤrdigung dieſen Sohn zu beſitzen uͤbergeht, kann die Furcht fuͤr einen ſolchen Unglücksfall nicht unter⸗ druͤcken und wir alle zittern vor der Nachricht die uns Banenae hendene Fo nſs ung. Theile unſer Entzücken, meine Freundin! Ferdinand lebt und iſt auf der Ruͤckkehr zu uns begriffen. Der voraneilende Courier hat uns geſtern dieſe Nachricht gebracht. Adele und ich werden ihn entgegen reiſen und zu den Fuͤßen ſeines Vaters fuͤhren! moͤchte der Au⸗ — 4168— genblick dieſer ſchmerzlich ſuͤßen Vereinigung ſchon uͤberſtanden ſeyn! 4 Auma. Adelaide an Emma. Monate ſind vergangen„ ſeitdem ich Dir das ketztemal ſchrieb, meine Emma! und wel⸗ che unvorausgeſehne Ereigniſſe hat ſeitdem im Einzeln wie im Ganzen das Rad des Schick⸗ ſals heraufgefuͤhrt! welche Begebenheiten! welche Veraͤnderungen! o Emma— ich habe nur das Eine Dir zu ſagen— ich bin unnen⸗ bar gluͤcklich! zur Troͤſterin hat mich der Him⸗ mel auserſehn, und unablaͤſſig bin ich be⸗ muͤht die Wunden zu heilen die das Geſchick dem edelſten Herzen ſchlug.— Derjenige, der ſo lange mein Bruder war, den ich als dieſen ſo unausſprechlich liebte— er iſt mein Gemahl; ich bin an Sternas Stelle getreten, die gewiß von der Hoͤhe ihrer Verklaͤrung auf mich mit Seegen herabſieht„ weil ihre Eltern — 469— 8 mich zum Erſatz fuͤr ihren Verluſt erkohren, weil Ferdinand fuͤr den Schmerz eines lebens⸗ laͤnglichen Vorwurfs nur in meinen Armen Troſt und Ruhe findet! Melaniens Großmuth hat alles das ſo wunderherrlich ausgeglichen — ſie hat Violentas zuͤrnenden Schatten ge⸗ wiß verſoͤhnt, den Sterna als ein unbefleck⸗ tes Opfer fiel. Sie iſt uns die zaͤrtlichſte Mutter, da ſie den bedaͤuernswerthen Ferdi⸗ nand nur als das Werkzeug einer hoͤhern Macht betrachtet. Der General iſt jetzt ſtolz auf den Erben ſeines Namens, hoch erfreut ihn mit der Tochter ſeines treuen Heinrichs verbunden zu ſehn! und meine theure Mut⸗ ter— o ſie iſt ſeelig bei dem Anblick unſe⸗ rer Zufriedenheit. Ich und Ferdinand keh⸗ ren bald zu Euch zuruͤck, weil jetzt meinem Gemahl noch ſeine Pflichten rufen, und ſei⸗ ne Auswechslung nahe iſt. Meine Mutter bleibt als das heiligſte Pfand unſrer Zuruͤck⸗ kunft bei Melanien zuruͤck, die in ihrer Freund⸗ ſchaft den willkommenſten Troſt findet. So — 4170— breite denn Deine Arme bald nach mir aus, geliebte Emma! bald ſinkt an dein Herz, Deine gluͤckliche Adelaide. —ι — 2 — B — 2 und Neuſorge. — Eine Erzaͤhlung. rraget einer des andern Laſt So werdet ihr das Geſetz Chriſti erfüllen! 65 Hetlige Schrift. * 1 Zu der denkwuͤrdigen Zeit der Reformation, wo uns die Geſchichte mit mancherlei blutigen, den Kreutzzuͤgen nicht ungewoͤhnlichen Fehden bekannt macht, lebten in dem noͤrdlichſten Theil des Köoͤnigreich Sachſens, Erzgebirgi⸗ ſchen Kreiſes, und zwar in der zu dem jetzi⸗ gen Amt Auguſtusburg gehoͤrigen Herrſchaft zwei auf verſchiedenen Beſitzungen und Bur⸗ gen wohnende Ritter, Hans von Harras und Georg von Zſchoͤpchen. Beide wa⸗ ckre Degen, hatten ſich im Heerzug gegen die Tuͤrken im Heer des Kaiſers, und unter den ſiegreichen Bannern der ſaͤchſiſchen Helden⸗ fuͤrſten, in ihrer Jugend bewaͤhrt, und dort — 174— auf den rauchenden Blutgefilden unter den Leichen uͤberwundener Sarazenen, und aus mancher eigenen Wunde blutend„ das Schutz⸗ und Trutzbuͤndniß geſchloſſen, und beſchwo⸗ ren, welches zu damaliger Zeit einzig und al⸗ lein der Freundſchaft heiligſtes unverbruͤchlich⸗ ſtes Siegel war, und nach alter deutſcher Treue erſt mit dem letzten Hauch des Lebens ſich auflöͤßte. Gleichwohl waren Beide in ih⸗ en Verhaltniffen bedeutend von einander ver⸗ ſchieden, denn Harras war ein ebenbürtiger Rittersſohn von Vermoͤgen, und beſaß als das Erbe ſeiner Vaͤter, eine ſchoͤne Burgveſte auf einer der dunkel waldigten Anhoͤhen dieſer Gegend, und Zſchoͤpchen hatre ſich vom ge⸗ meinen Reiterknecht durch Tapferkeit und Wohlverhalten zur Ritterwuͤrde empor ge⸗ ſchwungen, die ihm einer der Herzoͤge, ſein Feldherr, dem er in einer Schlacht das Leben zu retton ſo glücklich geweſen war, auf dem diutigen Geſilde ertheilt hatte. Er nannte ſich Iſchuͤpchen, denn uͤber dem Rande des Zſcho⸗ —— — 475— penthales, dem der Zſchopenbach oſtwaͤrts zu⸗ eilt, wo die Huͤtte ſeiner Eltern geſtanden hatte, in einer Gegend die man zu den rei⸗ zendſten in Sachſen zaͤhlen darf, lag die Burg Zſchoͤpchen, die den alten Kunibert glei⸗ ches Namens gehoͤrte, der alt und kinderlos den jungen Georg zu aller Ritterlichkeit erzo⸗ gen, und dann auf die große Thatenbuͤhne geſendet hatte, ſich den Adel und ſeinen Namen zu verdienen, ja er verhieß ihm in dieſem Fall ſein Erbe, das freilich in nicht vielmehr als einer alten Burg, wenig Lehns⸗ leuten, unter denen Georgs Vater einer der treueſten geweſen war, und ſeinem Heerge⸗ raͤth beſtand. Georg erreichte gluͤcklich das vorgeſteckte Ziel, und kehrte freudig zu ſeinem Wohlthaͤter zuruͤck, ihn bis ans Ende mit Sohnesliebe zu pflegen. Der Alte, außer ſich vor Entzuͤcken, ſeinen Namen mit neuen Thatenglanz der Vergeſſenheit entriſſen zu ſehn, und ihn auf die Nachwelt fortzupflan⸗ zen, hielt endlich ſein Wort, und als er ſanft — 176— den Tod mit den letzten Zug aus der erober⸗ ten Tuͤrkenpfeife die ihm Georg mitgebracht hatte, eingezogen, ſtill hinuͤber geſchlummert war zu ſeinen Vaͤtern, ließ er den Jungling ſein Eigenthum zuruͤck wie er ihm gelobte. Georg, der jetzt ein ſchoͤner junger Mann war, und ruͤhmliche Zeugniſſe vor ſich hatte, haͤtte ſich jetzt als willkommner Freier an ir⸗ gend ein aͤlteres Ritterhaus auſchließen, und irgend ein mit reicher Morgengabe beguͤtertes Fraͤulein heim fuͤhren können, allein Georg fuͤrchtete ſeinen Maͤnnerſtolz mit vielleicht nach⸗ kommenden Vorwuͤrfen ſeiner niedren Abſtam⸗ mung und Duͤrftigkeit verwundet zu ſehn, und uͤberdies war ſein Herz ſchon lange nicht mehr frei. Eine junge Wendin, oder Sorbin wie damals ihr Voͤlkerſtamm allgemein ge⸗ nannt ward, von den Geſielde Wenden in der Gegend von Bauzen, hatte, als er ſie bei ei⸗ nem der Nationalfeſte wo er zugegen war, kennen lernte, ſein Herz auf immer gefeſſelt, und ihr zu Liebe lernte er ihre Sprache und be⸗ —„— 1477 gab ſich mit Vorwiſſen der Eltern zu ihr nach gewoͤhnlicher Sitte auf den Lichtergang, oder Gang auf die Breite, den die Schweizer Klipp⸗ gang nennen. Hanka war eins der ſchoͤn⸗ ſten Maͤdchen ihres Volks, Geſundheit blitzte aus ihren Augen, ihr Koͤrperbau war ſtaͤm⸗ mig, ihre Zaͤhne weiß wie Elfenbein, dazu war ſie arbeitſam, treu, gehorſam und klei⸗ dete ſich ſtets mit Reinlichkeit und Sorgfalt, ſo, daß ſie in ihrer ſchwarzen Sonntagstracht, mit den glatt gekaͤmmten, feſt zuſammen ge⸗ bundnen, in Zoͤpfe geſchlungnen und mit gruͤ⸗ nen Band umguͤrteten Rabenhaar, mit den Korallenſchnuren um den weißen Hals, den Steckaͤrmeln mit Spitzen, den vielfaltigen Schweif oder Rock, den hohen rothen Latz mit Goldtreſſen, den rothen bis ans Knie ſichtbaren Struͤmpfen, manchen der ſie im Tanz mit unermuͤdlicher Gewandheit ſchwin⸗ gen ſah, eben ſo reizend erſchien wie unſern Georg. Als Herr ſeiner Handlungen verfehlte er nicht die geliebte Hanka als Ehefrau auf M — 178— ſeine Burg zu fuͤhren, die ihm gleichwohl der Vater nur ungern gab, denn damals war der Sorbe noch ſtolz auf ſeine Abkunft, und ver⸗ miſchte ſich nicht gern mit den Deutſchen, die ihm Eigenthum und Religion nahmen, Abgaben und Frohndienſte auflegten, von buͤrgerlichem Vortheil ausſchloſſen, und auf alle Weiſe unterdruͤckten. Aber er ſelbſt hatte den braven Georg lieb gewonnen, der einſt in ſeinem gaſtfreien Hauſe einſprach, und daſelbſt nach alter Sitte, wo jeder Fremde gut empfangen, kein Bettler abgewieſen wird, und das Brod immer fuͤr jeden auf den Tiſch liegen muß, eine gute Aufnahme gefunden; er achtete den tapfern Soldaten mehr als den neu geſchlagnen Ritter, und da Hanka von keinem andern Freier wiſſen wollte, ſo willigte er in ihre Verheirathung, ja er ließ ſichs nicht nehmen ſeiner Tochter nach Volksſitte eine recht ſtattliche Hochzeit auszurichten, und da er erfuhr, daß Ritter Harras auf der Harrasburg ſeines Schwiegerſohns treueſter * Waffenbruder und Freund war, ermangelte er nicht, die Hochzeitbitter in ſchwarzer Klei⸗ dung mit farbigten Baͤndern auf bunt ge⸗ ſchmückten Rappen und Saumroſſe, mitt koͤſt⸗ lichen Decken geziert zu ihm zu ſenden, die ihn mit langen Reden gar zierlich zum Gelag einladen mußten. Aber leider hatte Ritter Hans erſt vor kurzem eine adliche Dirne heim⸗ gefuͤhrt, die ihm groͤßeren Reichthum zubrachte als er ſelbſt beſaß, ſich aber des halb auch herausnahm ein Wort mit in ſeine Handlun⸗ gen zu ſprechen; dieſer nun verdroß es gar ſehr, daß ihres Eheherrn beſter Freund, ſich bis zu einer niedern Sorbenmagd erniedrigte, und ſie brachte es durch ihren Spott und Hohnreden ſo weit, daß Harras es des lieben Hausfriedens wegen nicht wagte, die Einla⸗ dung anzunehmen, und ſie unter einem Vor⸗ wand von ſich ablehnte. Als aber die Heim⸗ fuͤhrung der jungen Frau in das Haus ihres Mannes erfolgte, da erwachte in Hanſens ehrlichem Gemuͤth die feſt beſchworne Liebe M 2 zum Freund, und ohne Frau Amalgund etwas davon zu ſagen, begab er ſich auf Georgs Burg, das junge Ehepaar freundſchaft⸗ lich zu empfangen. Auf einem mit ihrer ganzen Haabe vollgepackten Wagen, mit zwei milchweißen Kuͤhen beſpannt, zog Frau Hanka ein, bereit das Brod— ein Zeichen der Treue— dem Erſten zu reichen, der ihr im Hof begegnen wuͤrde. Dieſer Erſte war nun Ritter Harras, der Freund ihres Gatten, der ſich uͤber dieſes gute Zeichen von ganzem Herzen freute, und ihm von Ferne mit fro⸗ hem Zuruf begruͤßte. Den Ritter ward warm ums Herz, als die jugendlich friſche Hanka, zierlich und verſchaͤmt ihm das Brod darbot, und Bier aus einem Milchgefaͤß zu trinken, als ſie ihm dann freundlich die Hand bot, und mit ſchoͤner heller Stimme ſagte:„Lieber Herr! daß Ihr der Erſte ſeyd, dem ich in mei⸗ nes Eheherrn Hauſe das Treubrod reiche, und den Becher der Geſundheit, daß iſt mir gar von Herzen erfreulich! bitte Ihr wollt auch — 181— die arme Hanka nicht fuͤrder als eine veraͤcht⸗ liche Magd betrachten, ſondern als das treue Eheweib Eures beſten Freundes!—“ Dem guten Harras drangen Thraͤnen in die Augen bei dieſer milden Anrede, er nahm das Brod und das Bier, aß und trank, und druͤckte dann einen derben Kuß auf Hankas Stirne. „Schoͤne Frau!“(ſprach er geruͤhrt)„mit dieſem Bruderkuß verpfaͤnde ich mich Euch, wie Euren Geſpons zu ritterlichen Schutz und Trutz dafern ihr ſolches beduͤrftet, Gott wolle Euch aber Seegen geben, und wackre Soͤhne zu Euerm Gluͤck, und ſo bluͤhende Toͤchter wie Ihr ſelbſt, daß es Euch wohlgehe zum Heil meines Georgs!—“ und nun wandte er ſich und raſſelte, geharniſcht wie er war, an des Freundes Eiſenbruſt, unter deren Panzer ihm ein weiches Herz entgegen klopfte, und beide Ehrenmaͤnner hielten ſich lange umfaßt, und ſagten ſich mehr durch Haͤndedruck und Handſchlag als durch Worte, an denen uͤberhaupt jene Zeit aͤrmer war als — 482— es die unſrige iſt!— Man bezog die Burg mit Eintracht und Froͤhlichkeit, Hanka ordnete ihre kleinen Schaͤtze, und begann als Haus⸗ frau ihr freundliches Walten. Bald war das Mahl bereit, und der Becher den ſie kredenzte ging fleißig und froͤhlich umher, und mundete trefflich, ob er gleich oͤfterer mit vaterlaͤndi⸗ ſchen Gerſtentrank, als auslaͤndiſchen Re⸗ benſaft gefuͤllt war. Die beiden Ritter wie⸗ derholten einander bei dieſer Gelegenheit den Schwur lebenslaͤnglicher Treue und Freund⸗ ſchaft, und Frau Hanka ſchlug kraͤftig durch die feſtgehaltenen Haͤnde der Freunde. Da nun Ritter Georg vermöͤge der Lage ſeiner Burg, und ſeiner geringen Umgebung, leichter den Anfaͤllen feindlichen Andrangs, der in Zeiten wie jene waren, oft wie ploͤtzlich ent⸗ feſſelte Waldſtroͤme losbrach„ ausgeſetzt und dann huͤlfsbedurftig werden konnte, ſo ver⸗ abredete Harras mit ihm, daß wenn bei ihm eine ſolche neue Sorge entſtehen ſollte, er ihm ſogleich, vermittelſt einer brennenden — 183— Gluthpfanne die er gen Harrasburg ausſetzen ſolle, von ſeinem bedenklichen Zuſtand Kunde geben muͤſſe, worauf denn er droben im Walde ein Licht als Antwort anſtecken werde, das heißt einen Baum in Brand ſe⸗ tzen, und dieſes ſolle als ein unverbruͤchliches Zeichen ſeiner gewiſſen Huͤlfe gelten. Nach dieſer feſt genommnen Abrede trenute ſich das Paar und Ritter Harras zog nach Hauſe, wo ihm aber Frau Amalgund gar nicht freund⸗ lich empfing, denn das Geruͤcht vom Einzug der ſchmucken Wendin als Ritter und Edelfrau auf die Zſchoͤpchenburg, an dem er Theil ge⸗ nommen, war ihm vorangegangen, und es verdroß die Hochmuthige nicht wenig, daß dieſes geſchehen war.„ Wahrlich“(ſpottete ſie)„es ziemt dem edlen Ritter von Harras den Gelag eines Reiterknechts mit einer Sla⸗ venmagd als Freund und Gaſt beizuwohnen? wenn Hanka ſo wolluͤſtig und unkeuſch iſt, als die Dirnen dieſes Volks wohl alle ſind, ſo mag Euch ihr Mahl wohl herrlich gemundet 7 — 184— haben, eins aber verbitt ich mir— daß Ihr das Sorbenweib nicht etwa zugleich mit den Ritter hier her ladet, wo ich— Euer eheliches Geſponn— hauſe und zu gebieten habe! muͤßte ich nicht vor Schaam und Aerger des Todes ſeyn, wenn ſich Hanka in ihrer zucht⸗ loſen Tracht an unſere ritterliche Tafel ſetzte, und wohl gar nach den Dudelſack und der Schalmei bei meinem Lautenſpiel fragte? Wenn ich Euer Betragen vergeſſen ſoll, Ritter Harras, ſo thut mir den Gefallen, und brecht allen Umgang mit den Zſchoͤpcher ab— wer weiß, köoͤnnte Euch die liſtige Schlange nicht gar zur Untreue verführen!“ Ob ſolcher Rede fuhr nun wohl Ritter Harras zuͤrnend auf, und brauchte das Hausrecht„ ſo viel ihm da⸗ von üͤbrig geblieben war, allein theils war dieſes nicht von Belang, theils ſollte Amal⸗ gund ihm bald einen Erben ſchenken, und er war aus beiden Urſachen nachgebend gegen ſie; als dieſes nun aber wirklich erfolgte, und ein ſtarker wohlgeſtalteter Knabe, den er Bruno nannte, an ihrer Bruſt lachte, da wagte er es fuͤr Vatergluͤck und Freude gar nicht mehr etwas zu entgegnen was ihre Wuͤnſche betraf, und der Freund den er im tiefſten Herzen trug, ſchien aͤußerlich vergeſſen. Auf der Zſchoͤp⸗ chenburg war indes mit Hanka, Wohlſtand und Zufriedenheit eingezogen, und der gluͤckliche Georg prieß dankbar jeden Tag dem Himmel der ihm das Weib zufuͤhrte, das ſchon Salo⸗ mon als Spinnerin und Weberin, als des Mannes Reichthum und des Hauſes Zier be⸗ lobte. In kurzem ſaßen auch die Kinder wie Oelzweige um ſeinen Tiſch, denn Hanka ward zum fruchtbarſten Weinſtock, waͤhrend es druͤ⸗ ben auf der Harrasburg bei dem einzigen Kna⸗ ben blieb. Die Gluthpfanne hatte noch nicht ein einzigesmal lodern duͤrfen, denn Hankas Fleiß, die das Weben verſtand, ihren Flachs zu Garn verſpann, zu Leinewand verwebte, und anfing Großhandel damit zu treiben, ſetzte ihm bald in Stand ſich Knechte und Soͤldner zu halten, und mehrere Lehnsleute laͤngſt des — 486— Zſchoͤpenbaches auszuſetzen, ſo, daß er als tapferer mannhafter Ritter, Hof und Heerd fuͤr feindlichen Andrang ſelbſt beſchuͤtzen konnte; aber beide Freunde ſahen einander doch Zuweilen auf der Jagd, wo Ritter Hans den Vertrauten oft ſein Leid mit Amalgund klag⸗ te, und dieſer ihm ſeine geliebte Hanka nicht genug preiſen konnte. Auch ſprach er wohl heimlich ein auf der Zſchoͤpchenburg, und freute ſich nicht wenig die ehrenwerthe Wendin in ihrer treu behaltnen Tracht, umgeben wie eine muͤtterliche Gluckhenne von jauchzenden Knaben, die ſchon den Wurfpfeil verſuchten, und von roſigten Maͤdchen, die ihr das Garn abſpulten, hinter ihrem Webſtuhl zu finden, und ſich von Georgs Gluͤck zu uͤberzeugen. Ja als ſein Bruno aͤlter ward und ihm auf die Jagd begleiten konnte, nahm er auch den Knaben mit auf die freundliche Zſchoͤpchen⸗ burg, und der gefiel ſich ſo gut unter den la⸗ chenden Kreis der jungen Geſpielen, von de⸗ nen Jerta, Georgs alteſte Tochter ihm bald 1 — 187— das Liebſte ward, daß er gar nicht mehr auf die Harrasburg zuruͤck wollte. Da aber Amal⸗ gund nichts von dieſen Spatziergaͤngen, die ſie Verirrungen wuͤrde geſcholten haben, wiſſen durfte, ſo ſah ſich Ritter Harras gezwungen, dem Kinde das Reden davon, bei Strafe des nicht mehr Hingehns zu verbieten, und Bru⸗ no der lieber immer dort geweſen waͤre, ward ſtumm daruͤber, wie der Abgott Flins, am Ufer Speen, damals noch ein heimlich ge⸗ fuͤrchtetes und geachtetes Weſen untze den Sorben. Aber der Vater mußte ihn nun noch Fſte rer mitnehmen und dort einſprechen wo ſein Herz war, wo Jerta und ihre Geſchwiſter ihn froͤhlich umringten, mit ihm ſpielten, und ihn ſo gluͤcklich machten als er traurig war auf der einſamen Harrasburg. Jahre ver⸗ gingen ſchnell auf dieſe Weiſe, da ergieng auf einmal Kriegsruf zur Heeresfolge kaiſer⸗ licher Macht gegen den Erbfeind der Chri⸗ ſtenheit und auszog mit ſeinen Reiſigen, der — 188— treue Georg, ſo weh es ihm auch that, die treue Gattin, die geliebten Kleinen zu ver⸗ laſſen, denn er war ein Sachſe, und wenn blieb ein ſolcher je zuruͤck bei dem Machtgebot der Kriegerehre, und dem Ruf zur Schlacht? Auch Ritter Harras ruͤttelte am Schwerdt, aber es ſteckte feſt geroſtet in der Scheide, und er ſelbſt litt am Zipperlein, und war nicht mehr waffenfaͤhig, aber er gab das Liebſte was er beſaß, ſeinen ſtattlichen Bruno, der zum kraͤftigen Juͤngling erwachſen war, und mit glühender Kampfesluſt nach Thaten ſich ſehnte. Von Vater und Mutter ſeegnend ent⸗ laſſen, ausgeruͤſtet wie es den einzigen Sohn und Rittererben zukam, zog Bruno mit den Lehnsknechten und Reiſigen ſeines Vaters dem Heer der Sachſen zu, daß ſich unter Friedrich W dem Streitbaren ſammelte um alsdann zum Heerbann des Kaiſer zu ſtoßen. Zuvor zog es ihn noch hinuͤber auf die Zſchoͤpchenburg, und Iihren guten Vater nachweinend, ſtand Jerta an dem Ufer des Zſchoͤpcher Baches, denn — 189— bis dahin hatte ſie ihm von weitem begleitet, Er ſchloß die freundliche, jetzt bekuͤmmerte Geſpielin in ſeine Arme, und ſchwor ihr des Vaters treuer Schatten zu ſeyn in jeder Ge⸗ fahr, ihr aber befahl er im Nothfall die Gluth⸗ pfanne auszuſetzen, damit ihr Ritter Harras zu Huͤlfe eilen koͤnne, und nun ſchied er maͤnn⸗ lich getroͤſtet, Jerta aber gieng noch weit kummervoller in die veroͤdete vaͤterliche Burg zuruͤck, wo jetzt neue Sorge entſtand, denn die Gegend ward mit Raͤuberanfaͤllen bedroht, ſobald die ſtreitbaren Maͤnner davon gewichen waren. Georg war jetzt als wohlhabend be⸗ kannt, und es konnte nicht fehlen daß ſeine reichen Speicher und Hankas Vorraͤthe die Habſucht anziehn mußten; zudem gab es noch immer Ehr⸗ und Pflichtvergeſſene Ritter, die ſich an die Spitze jener Vagabonden ſtellten, das Feld der Ehre ſcheuten, und von der all⸗ gemeinen Friedensſtoͤrung ihren Vortheil zogen. Allein Georg hatte ſeine Burg ſo gut es ſich thun ließ befeſtigt, zuverlaͤſſige Knappen da⸗ — 490— ſelbſt zuruͤck gelaſſen, und Frau Hanka ließ es an Wachſamkeit und Vorſicht nicht fehlen, auch durfte ſie ſich im Nothfall auf Ritter Harras Schutz verlaſſen. Die Angriffe der umherſtreifenden Raͤuber giengen indeß gluůͤck⸗ lich voruͤber, vermuthlich weil ſie ſich nicht getrauten die Burg ſelbſt anzufallen, ſie be⸗ gnuͤgten ſich mit einigen geringern Entwendun⸗ gen bei den Lehnsleuten. Allein jetzt fing die Ausbreitung der neuen Lehre und der Wie⸗ derſtand gegen dieſelbe an immer maͤchtiger und blutiger zu werden, und eine Horde boͤh⸗ miſcher Secktirer unter den Namen der Tabo⸗ riten bekannt, brachen auf mancherlei Streif⸗ zuͤgen verwuͤſtend in das Land, welches jetzt weegen geleiſteter Heeresfolge nicht im Stand der Vertheidigung war. Auch die breite, an⸗ genehme, faſt ganz mit Wieſen erfuͤllte Aue, deren noͤrdliche Begrenzung faſt bis an den Fluß hervor tritt, und anjetzt Neukirchen in der Naͤhe hat, war bereits bis am Rand des Zſchopenthals mit dieſen Herumſtreifenden 4914— erfuͤllt, und mit Recht ſah ſich jetzt Frau Hanka, von einer neuen Sorge bedroht, der ſie nicht gewachſen war, nach kraͤftigern Bei⸗ ſtand um. Sie ließ die gluͤhende Pfanne an einem finſtern Abend ausſetzen, und bald dar⸗ auf ſtuͤrtzten ihre Knechte mit den freudigen Ausruf: Licht im Walde! Licht im Waldel herein. Wirklich hatten die Waͤch⸗ ter auf der Harrasburg die Flamme bemerkt, Ritter Harras ſie fuͤr das verabredete Noth⸗ zeichen erkannt, und war ſelbſt mit brennen⸗ der Fackel zu einer hohen Tanne im Walde geeilt, ſie anzuſtecken. Des andern Morgens fand ihn ſchon die aufgehende Sonne an der Spitze ſeiner Reiſige, er zog an die Ufer des Zſchoͤpcherbaches, uͤberfiel die Nachzuͤgler, ſchlug ſie in die Flucht, und ſaͤuberte ſo die Gegend. Dann begab er ſich auf die Zſchoͤp⸗ chenburg und verſicherte Frau Hanka, daß die Gefahr voruͤber ſey, und daß ſie allemal bei einer ſolchen, wenn ſie eine neue Sorge habe, das Licht im Walde ſehn werde. Hanka — 492— und ihre Kinder dankten den treuen Freund und Beſchuͤtzer mit frohem Gemuͤth, und freundlich ſchloß er die holde Jerta in ſeine Arme, die ihm alle Beweiſe einer kindlichen Ergebenheit gab. Siegreich kehrte der Ritter zuruͤck, und oft rief von da au die bedraͤngte Burg ſeines Freundes zur Vertheidigung auf, da die Kriegshorden ſich immer mehr zu haͤu⸗ fen begannen. Stets kam er, und zwar mit dem beſten Erfolg, ſo daß es zum gefuͤrchte. ten Sprichwort ward.„Wenn das Licht im Walde flammt, iſt die Neueſorg ver⸗ dammt.— 18 Allein nicht immer blieb das Gluͤck den Einwohnern dieſer Gegend guͤnſtig, Frau Hanka erfuhr das Ungluck ihren tapfern Ehe⸗ herrn zu verlieren, der als ein braver Ritter auf dem Schlachtfeld blieb, auch von dem jungen Bruno war nicht das mindeſte zu hoͤ⸗ ren, und man befuͤrchtete: auch er ſey ein fruͤhes Kriegesopfer geworden. Gram und Schmerz warfen den alten Harras aufs Siech⸗ — 193— bette, und mit ihm verloſch das Licht im Walde, denn Frau Amalgund kuͤmmerte ſich nicht um die ausgeſteckte Gluthpfanne. Frau Hanka bot jetzt mit maͤnnlichem Muth ſelbſt alles auf was in ihrer Macht ſtand, mußte ſich aber freilich auf Befeſtigung ihrer eignen Burg begraͤnzen, die ſie auch wirklich einige Zeit zu ſchuͤtzen vermochte. Allein nur allzu⸗ bald mußte ſie der Gewalt weichen, und mit ihren Kindern und Getreuen die Flucht er⸗ greifen.. Eine unterirdiſche Hoͤhle, die unter ei⸗ nem der vorſpringenden mit Wald bewachsnen Berge, weit und geraͤumig hinging, und ſich jenſeits des ſchmalen, aber tiefen Zſchoͤpauer⸗ thalgrundes hinzog, diente ihr, ihrem Kindern, einigem Vieh und ihrer beſten Haabe zum ge⸗ heimen und ſichern Verſteck, und kaum hatten ſich die Ungluͤcklichen dahin gefluͤchtet, ſo ward die Zſchoͤpauer Burg, ein Opfer der wuͤthenden Zerſtoͤhrungsluſt, und kein Stein blieb auf dem andern, ja die Vertheidiger N — 494— ſelbſt fielen unter der Schaͤrfe des Schwerts. Ritter Harras zog ſich das betruͤbte Schickſal ſeiner Freunde, die er unter den Truͤmmern der eingeaͤſcherten Veſte begraben glaubte, und die er nicht zu retten mehr vermochte, dergeſtalt zu Gemuͤth, daß ihm das Zipper⸗ lein in Leib trat, und er Todes verblich. Jetzt verließen die meiſten Lehnsleute und Knechte, die von allen wegen ihres Hoch⸗ muths und ihrer Haͤrte gehaßte Amalgund, ſie war unvermoͤgend die Burg laͤnger zu ſchuͤ⸗ tzen, und bald erlag auch dieſe wie die Zſcho⸗ pauer der allgemeinen Verwuͤſtung. Als ein Bettelweib verkleidet, konnte Amalgund mit genauer Noth der Wuth der Zerſtoͤrer entrin⸗ nen, und in die Waldungen fliehn, wo ſie eine Zeitlang ihr trauriges Leben mit Beeren und Wurzeln friſtete. Immer weiter irrend auf unwegſamen Pfaden, ſank ſie eines Tags ganz entkraͤftet und dem Tode nahe, am Fuße eines hohen Gebirges nieder. Ihre Zunge lechzte im grimmigen Fieberdurſt nach einem — 195— kuͤhlenden Waſſertropfen, und ihr mattes Auge brach, weil niemand da war, ihr dieſe Labung zu reichen. Da fuͤhlte ſie auf einmal ihre duͤrren Lippen mit ſtaͤrkenden Wein be⸗ netzt, ſie ſog ihm tropfenweiſe in ſich, fuͤhlte ſich wunderbar geſtaͤrkt, und vermochte es wiederum die ſchweren Augenlieder von ein⸗ ander zu bringen, da gewahrte ſie ein Maͤd⸗ chen in wendiſcher Tracht, daß Huldvoll wie ein Engel neben ihr kniete, ihr ſchweres Haupt ſorgſam an die Bruſt gelehnt hielt, und ihr aus einem Becher die Labung zu geben be⸗ muͤht war, die ſie ins Leben zuruͤck rief.— „Gott ſey Dank! daß Ihr wieder ermun⸗ tert ſeyd!“(ſagte Jerta, denn ſie war es ſelbſt)„ich glaubte Euch fuͤr wahr ſchon tod! aber kommt, ich will Euch in unſre Freiſtatt tragen zu meiner Mutter, und Euch pflegen bis ihr voͤllig geneſen ſeyd!“ und damit lud die ſtarke jugendliche Dirne die kraftloſe Amal⸗ gund auf den Ruͤcken, und trug ſie um das Gebirge herum in ihre Hoͤhle. Hanka erblickte N 2 — 496— kaum ihre beladne Tochter, als ſie ihr entgegen eilte, ihr liebreich die Laſt abnahm, der Kranken ihr eigenes Lager bereiten ließ, ſie weich darauf bettete, und bemuͤht war ſie mit Speiſe und Trank zu laben, und ihre erſtarrten Glieder zu erwaͤrmen. Zu ihrer nicht geringen Demuͤthigung vernahm jetzt Amalgund ſehr bald, daß die von ihr ſo oft verachtete Wendin ihre Wohlthaͤterin war, aber ſie konnte es nicht uͤber ſich gewinnen, ſich ihr in dieſer Erniedrigung zu erkennen zu geben; gleichwohl überwand Hankas fortge⸗ ſetzte Menſchenfreundlichkeit und Jertas zaͤrt⸗ liche Pflege ihren Wiederwillen, ſie genaß, und ihr hartes Herz fuͤhlte ſich geſchmolzen im Feuer der Truͤbſal, und in der ſanften Flamme der Dankbarkeit. Als ſie wieder hergeſtellt war, ſchloß ſie ſich an die Geſchaͤfte der Familie an, die ſich ſo gut es gehn wollte, in der Hoͤhle einzu⸗ richten ſuchte, und Hanka war ſehr bereit⸗ willig das gefundene Ohdach mit der noch — 497— Duͤrftigern zu theilen, die ſie fuͤr die Wittwe eines im Felde gebliebnen Waffeuknechts hielt, und um ſo mitleidiger fuͤr ſie geſinnt ward. Indeſſen war Ritter Bruno zuruͤckgekom⸗ men, und hatte fuͤr blutige Lorbeern einen ſteifen Arm eingetauſcht, der ihm fuͤr den Waffendienſt untuͤchtig machte. Er fuͤhrte einen ſtattlichen Heerhaufen zuruͤck, der ſein eigen war, und dem er bei den Abgang ſeiner mitgenommenen Leute die das Sara zenenſchwert verſchlang, von dem erbeuteten Golde unterhielt. Mit frohem Herzen und neuer Hoffnung zog er zu der Burg ſeiner Ahnen, und wollte im Voruͤberziehn die Geliebte ſeines Herzens auf der Zſchoͤpchenburg zuerſt begruͤßen, aber kaum war er im Lande, ſo ward ihm jene betruͤbte Kunde von dem hier vorgefallnen Verwuͤſtun⸗ gen und Ungluͤck. Bald darauf ſtand er mit bekuͤmmerter Seele auf den geliebten Ruinen, und warf einen ſchmerzlichen Blick auf die verödete Gegend umher, die ihm ſo theuer war. Allein dennoch faßte er neuen Muth⸗ und beſchloß vor der Hand die verſprengten Lehnsleute zu ſammeln„ und mit ihrer und ſeiner Reiſigen Huͤlfe, die jetzt alle nur in ſeinem Dienſte ſtanden, eine neue Burg zu bauen, die er Neuſorge nennen wollte, zum Andenken der Noth und des Grams mit der er den Grundſtein legte. Er waͤhlte dazu das neue Vorwerk der Zſchoͤpchenburg, zum An⸗ denken an ſeine Geliebte, wo noch einige Wohnungen der verheerenden Flamme ent⸗ gangen waren, und veroͤdet ſtanden. Er er⸗ baute die neue Burg auf der angrenzenden Hoͤhe, die ſchon an ſich ſehr feſt und ſteil war und ſich aus dem Zſchopenthal erhob, gab in die⸗ ſen ſeinen neuen Lehnsmannen Raum und Ma⸗ terialien zum neuen Anbau„ und bald ſtand Neuſorge aus den Truͤmmern wiederum auf. Nun hatte Frau Hanka die Gewohnheit ihren aͤlteſten Buben Kunibert, einen muthigen Kna⸗ ben von zwoͤlf Jahren, oft aus der Hoͤhle nach Lebensmitteln und kleinen Geſchaͤften auszu⸗ ſenden, und Kunde von dem einziehn zu laſſen 4 was ſich am Tageslicht begab, ſie und Jerta verließen bloß die Hoͤhle um Wurzeln, Kraͤu⸗ ter und Waldbeeren einzuſammeln, waͤhrend Amalgund das Hausregiment fuͤhrte, und kamen nicht weiter als in den Wald. Da kam nun eines Tags der Knabe mit großen Freuden von einer ſeiner Wanderung zuruͤck, und erzaͤhlte, daß ein ſchoͤner herrlicher Ritter in die Gegend gekommen ſey, der die ganze Gegend wieder lebendig mache, ſich eine ſtatt⸗ liche Burg, und den Vertriebenen Haͤuſer und Huͤtten baue, und Felder austheile, und daß ihm viele der Vertriebenen zueilten, weil er gar tapfer ſey und das Eigenthum wohl zu vertheidigen wiſſen werde. Jerta aber ging das Herz auf bei des Bruders Bericht, denn ſie erkannte ihm in ihrem Sinn fuͤr den treuen muthigen Bruno; um aber keine falſche Hoff⸗ nung bei der Mutter zu erregen, ſchwieg ſie ganz ſtill, und ſchickte ſich an, des andern Morgens nach ihrer Gewohnheit in den Wald zu gehn. Diesmal wagte ſie aber einen wei⸗ X 84 — 200— tern Ausflug in ihre Heimathlichen Gefilde, wo es ſtill und ruhig worden war wie auf der vom Hagel zerſchlagnen Flur nach ver⸗ gangnem Ungewitter. Als ſie naͤher kam, und das Treiben und Arbeiten der Menſchen bei den neuen Bau ſah, und wie Zimmerleute und Maurer ruͤſtig das Werk betrieben, das auf den Marken des Zſchoͤpcher Grundes ein neues Lehen hervor bluͤhte, da ſank ſie vor einem Kreutz am Wege, daß Bruno zum Denkmahl ſeiner Wiederkehr hatte aufrichten laſſen um es der Andacht zu weihen, auf ihre Knie, und dankte Gott mit lauter ſchluchzender Stimme. Zwei junge Linden beruͤhrten ſich unter dem Kreutz daß uͤber ſie empor ragte, mit ſchlan⸗ ken, ſaͤuſelnden Wipfeln, die hatte Bruno ge⸗ pflanzt in der Kindheit und die eine Jerta die andere Bruno genannt; jetzt bluͤhten beide aufs herrlichſte, und das Fluͤſtern ihrer Zweige fiel in Jertas Dankpſalm. Endlich erhob ſie ſich und betrachtete die ſchoͤnen Baͤume mit Ent⸗ zücken, die Arme nach der Bruno⸗ Linde aus⸗ „, 8¾ * — 201— breitend, da— lag Ritter Bruno in den Um⸗ fangenden.— Als die Liebenden ſich von der Wonne: der Ueberraſchung erholt, und einander mit ihren Schickſalen bekannt gemacht hatten, begleitete der freudige Bruno ſeine gluͤckliche Jerta in die Hoͤhle zuruͤck, und ein lautes Freudenge⸗ ſchrei erhob ſich in derſelben, als man den Zuruͤckgekehrten erkannte. Alles umringte den theuren Ankoͤmmling, und ſtrebte ihn zu umarmen, aber im Hinter⸗ grund nannte nur eine ſchwache Stimme ſeinen Namen. Es war Amalgund die den Einzigen, den Verloren geglaubten jetzt auch erkannte, und nichts hervorſtammeln konnte, als dieſen, denn eine Ohnmacht verſiegelte ihr die Lippen. Ruͤſtig eilte Hanka zu ihrer Huͤlfe, aber Bruno der ſeine Mutter jetzt vor ſich ſah, riß ſie aus ihren Armen, und des Sohnes Zuruf rief ſie in ein nun gluͤckliches Leben zuruͤck. Sie er⸗ zaͤhlte jetzt ihre Geſchichte, und gab ihr ver⸗ aͤndertes Gemuͤth dadurch zu erkennen, daß ſie 4„* 4 8 ihre Erretterin, die holde Jerta, ſelbſt in die Arme ihres Sohnes fuͤhrte, und ſie zur Toch⸗ ter annahm. Bald darauf zog Frau Hanka mit ihren Kindern und Haabe in die Burg der Neuſorge ein, und ſie hatte noch ſo viel ge⸗ rettet, daß ſie Bruno dieſelbe abkaufen und ihr dadurch im Stand ſetzen konnte, die Har⸗ rasburg auch wiederum aufzubauen. Er that es nachdem er bereits mit Jerta vermaͤhlt war, und nannte die neue Burg zum Andenken: Lichtenwalde. Wenn Frau Hanka, die ſich nun aufs neue der Wirthſchaft wacker annahm, und ihre Kinder gut und fromm erzog, in der Folge eine Neue Sorge uͤberkam, ſo ging auch gleich ein Licht im Walde von dort her fuͤr ſie auf, und ſo ſind beide bedeutungsvolle Na⸗ men bis auf unſre Zeiten uͤbergegangen, da ſchon laͤngſt ihre Erbauer Staub und Aſche worden ſind. Die der 8 Weiblichkeit. Eine Er zaͤhlung. Süß iſt's Blumen aufzurichten 3 — Ddie der Sturm gebeugt! 4 Treu dann blühn ſie Dir und düften Biß der Tag ſich neigt! Louiſe Brachmann. Die Baronin v. Thorwald blieb im vier und zwanzigſten Jahr Wittwe; ihr Gemahl war weit aͤlter geweſen als ſie, aber dennoch ihre Vereinigung mit ihm ſehr gluͤcklich, denn er war achtungswerth als Menſch, vertraͤglich als Gatte, und angenehm als Mann. Hel⸗ mine aber gehoͤrte zu den Anſpruchloſeſten ih⸗ res Geſchlechts, die um ſo hoͤher ſtehn, je weniger ſie durch Anmaaßung nach irgend ei⸗ nem Vorzug ſtreben. Zwei liebenswuͤrdige Kinder, Knabe und Maͤdchen, waren ihr als theure Pfaͤnder ſeiner Liebe geblieben, und ihnen beſchloß ſie den Reſt ihrer Tage zu weihen. Kein Wunſch, kein nichtiges — 206— Streben kam in ihre reine, ſtille Seele, und das einſame Landleben in welchen ſie ihre Tage ruhig und gleichfoͤrmig dahin fließen zu ſehn gewohnt war, hinlaͤnglich zu ihrem Gluͤck. Thorwalds Landgut lag in einer wilden ro⸗ mantiſchen Gegend, von nachbarlichen Gebirgs⸗ ketten eingeſchloſſen, und ſelbſt durch anſehn⸗ liche Waldungen ausgezeichnet, daher es we⸗ nig Nachbarſchaft hatte, und ſelbſt von Staͤd⸗ ten ziemlich entfernt lag. Verloren aber die Beſitzer dadurch an den Freuden der Geſellig⸗ keit und der Unterhaltung, ſo hatte doch Thorwald ſtets verſtanden, dieſe durch nuͤtzli⸗ che und angenehme Beſchaͤftigungen um ſo un⸗ geſtoͤrter zu erhoͤhen, und neben der Landwirth⸗ ſchaft, dem Forſtweſen und der Jagd, fuͤllte eine ſchoͤne gewaͤhlte Bibliothek, und der Flü⸗ gel den er und Helmine vorzuͤglich ſpielten, die leeren Stunden hinreichend aus. Helmine vermißte zwar jetzt aufs ch den leitenden, freundliche erzlichſte in ihm Genius ihres Le⸗ gen Umgang ſelbſt⸗ — ſtaͤndig geworden, fand ſie bald in ſich ſelbſt das Vermoͤgen ſich genug ſeyn zu koͤnnen. Sie baute fort auf jenem angefangnen Grunde, und da Theodor und Angelika taͤglich ihre Sorgfalt mehr in Anſpruch nahmen, ward der Unterricht und die Pflege dieſer aufknos⸗ penden Bluͤthen, ihre Lieblingsbeſchaͤftigung; ſo war bereits ein Jahr, das bange der Trauer um ihren Gemahl, vergangen, und Helmine, in den Willen der Vorſicht ergeben, lebte wie immer Weltverborgen und ruhig. Eines Tags ſaß ſie in einer Fliederlaube vor ihrer Woh⸗ nung wie gewoͤhnlich mit einer Arbeit beſchaͤf⸗ tigt, ihre Kinder trieben ſich munter auf ei⸗ nem Grasplatz herum, und kehrten bei jedem geringen Anlaß freudig und jubelnd zu der theilnehmenden Mutter zuruͤck, als nach einer laͤngern Pauſe beide auf einmal mit großen Spruͤngen wiederkehrten, und Theodor hoch in Haͤnden eine Uhr an einer glaͤnzenden Stahlkette baumelte ,„ die er dann lachend in ihren Schoos fallen ließ.„Was ſoll das?“ 4 6 — 208— (fragte die Baronin uͤberraſcht)„wo haſt du die Uhr her?“ „Mutter! du ſollſt ſie kaufen!“(ant⸗ wortete das Kind.). „Von wem?““ 8 „Von dem Mann da!— er bittet dich, er braucht Geld, bitte auch Muͤtterchen! kauf mir die ſchoͤne Uhr!“ Die Baronin wandte ſich, und hinter ihr ſtand ein junger Menſch von nicht unvortheil⸗ haften Aeußern, er trug einen Leinwandkit⸗ tel, uͤber eine ziemlich anſtaͤndige Buͤrgerklei⸗ dung, hielt den Huth in Haͤnden, und ſtarrte ſie mit zwei funkelnden ſchwarzen Augen an, wiewohl ſein Anſtand beſcheiden und ſeine Miene bittend war. 1 Die Baronin war uͤberraſcht, aha zu wiſſen warum? ſich aber eben ſo g geſchwind wieder faſſend fragte ſie:„ „Gehoͤrt Ihm die Uhr? „Ja gnaͤdige Frau Baroneſſe! ich gab ſie dem jungen Herrn, daß er Ew. Gnaden 3 — 209— bewegen ſollte ſie zu kaufen. Es iſt eine ſil⸗ bberne Repetiruhr, und ohne Fehler, ſie geht auf den Punkt, ich verkaufe ſie nur ſehr un⸗ gern und aus Noth. „Dann helfe vielleicht dieſes;“(ſie gab ihm einen Thaler)„wenigſtens fuͤr den Au⸗ genblick. Die Uhr brauche ich nicht!— 1 „Tauſend Dank, Ew. Gnaden, aber da ich eigentlich Dienſt als Bedienter ſuche, ſo muß ich dennoch die Uhr verkaufen, um mir ſchickliche Kleidung anzuſchaffen. Denn wel⸗ che Herrſchaft wuͤrde ſich nicht an dieſen Kit⸗ tel ſtoßen?— Die Baroneſſe ſchwieg einige Augenblicke, die Kinder lehnten an ihren Knieen, und ſa⸗ hen bittend zu ihr auf, wagten aber an Ge⸗ horſam gewoͤhnt, kein Wort. Endlich ſagte fe „Hat Er Zeugniſſe ſeines Wohlverhal⸗ tens in vorigen Dienſten aufzuzeigen? einen Paß?— „Nichts von allen dem, gnädige Baro⸗ O * — 240— neß; ich habe das Ungluͤck gehabt, in der letzten Nachtherberge meinen Rock zu ſammt meinen Briefſchaften und weniger Baarſchaft zu verlieren, fruͤh hatte ich nur noch, als ich erwachte, die Uhr die ich bei mir trug, alles uͤbrige war entwendet, und als ich mich an den Wirth halten wollte, drohte mir dieſer mit Arreſt, und behielt meinen kleinen Buͤn⸗ del mit Waͤſche zur Berichtigung meiner Zeche. Ich mußte froh ſeyn, daß er mir dieſen Kit⸗ tel herausgab!“ „Kann Er nicht wenigſtens ſeine Herrſchaf⸗ ten anfuͤhren, und neue Zeugniſſe erhalten?“ „Auch das nicht, ich bin von Geburt ein Boͤhme und heiße Ignaz Alexis, meine Herr⸗ ſchaften waren tief in Boͤhmen und Maͤhren zu Hauſe, und mein letzter Herr blieb bei der Belagerung von Mantua. Wers mit mir verſuchen wollte, muͤßte es blos auf mein Wort und auf mein ehrliches Geſicht thun; zum Luͤgner wollte ich bei Gott nicht werden 14 „Der Vorſatz iſt ſehr loͤblich, er begreift b aber gewiß daß nicht jemand bei ſo ungünſti⸗ gen Umſtaͤnden geneigt ſeyn duͤrfte darauf zu trauen?“ „Leider ja! es waͤre denn— Ew. Gna⸗ den! Sie ſuchen einen Bedienten? wie wärs! Sie verſuchtens mit mir!“ Jetzt platzten die Kinder los, denen der freundliche junge Menſch gefallen hatte. ⸗ Ja, ja Muͤtterchen! behalte ihn anſtatt des Johanns der alle Tage betrunken war! (rief Theodor, und die kleine Angelika fuͤgte ihr zaͤrtliches„Bitte! Bitte!—“ hinzu.) Die Baronin bedeutete die Kleinen. „Ich brauche zuverlaͤſſige Leute in meinem Dienſt,“(ſagte ſie ernſt)„Pünktlichkeit, Suf und Ordnungsliebe mit Sittlich⸗ keit verbunden, iſt was ich mich berechtigt glaube zu verlangen. Auch lebe ich hier in einer einſamen Gegend, wo ich vielleicht man⸗ cher Gefahr ausgeſetzt bin, die ich nicht kenne, meine Leute müſſen daher erforderlichen Falls 9 2 — 242— im Stande ſeyn mich zu ſchuͤtzen, und nie muß mir ihre Treue zweifelhaft erſcheinen.“ „Ich bin Jäger, gnaͤdige Baroneſſe. Haͤtte ich das Gluͤck, in Ihre Dienſte aufge⸗ nommen zu werden, mein Leben wuͤrde ich fuͤn Sie und Ihre Kinder laſſen! „So großer Aufopferung bedarf es nicht, indeß ehre ich den guten Willen. Es ſey! ich will einmal von den gewoͤhnlichen Vorſichts⸗ regeln abweichen, da Er meine Dienſte zu wuͤnſchen und zu beduͤrfen ſcheint. Ich ver⸗ laſſe mich auf ſein Wort, auf das feierliche Verſprechen mir treu zu dienen, ich nehme ihn in meinem Dienſt. Theodor! fuͤhre den Alexis in das Bedientenzimmer, und ſchicke mir den Verwalter her, es ſoll alle in Ordnung ſeyn.“ Alexis dankte der edlen Frau mit einer uͤberaus lebhaften Freude, der froͤhlich huͤ pfende Theodor zog ihn mit ſich fort. Von dieſem Augenblick an ſtand der Jaͤ⸗ ger Alexis in Dienſt bei der Baroneſſe Thor⸗ — 2413— wald, und in kurzem uͤbertraf er in allen Ei⸗ genſchaften eines treuen geſchickten und be⸗ herzten Dieners alle uͤbrige, ſo daß Helmine vollkommen mit ihm zufrieden war, und ihn die Kinder, die er ſtets zu unterhalten und zu vergnuͤgen wußte, vorzuͤglich lieb gewannen. Nicht wenig trug ſein anſtaͤndiges und ſitt⸗ liches Betragen, und das gute Anſehn daß er in der jetzigen Kleidung hatte, dazu bei, ihn bei allen Hausgenoſſen beliebt zu machen, und ganz beſonders ſchien ſeine ſchlanke Ge⸗ ſtalt und die blitzenden Augen Gnade fuͤr Jung⸗ fer Soͤrchens Augen zu finden, die auf dem Schloß ſchon ſo lange als die Baronin ver⸗ heirathet war, der Wirthſchaft vorſtand, und es nicht fuͤr unmoͤglich hielt die Frau des ſchoͤ⸗ nen Alexis zu werden. Ein Jahr, daß eben ſo ungeſtoͤrt wie die andern, voruͤber gieng, war nun Alexis in Dienſt, als der Bruder der Baronin zu ihr kam, ihr ſeine Verbindung mit einer jungen 4 — 244— und liebenswuͤrdigen Braut zu melden, und ſie zu ſeiner nahen Hochzeitfeier einzuladen. So zaͤrtlich Helmine aber ihn auch liebte, ſo aufrichtigen Theil ſie an ſeinem Gluͤck nahm, ſo konnte ſie es doch nicht uͤber ſich gewinnen, ihre Kinder und ihre geliebte Einſamkeit zu verlaſſen, und ſie bat den Bruder vielmehr in der Folge mit ſeiner jungen Gemahlin zu ühr zu kommen. Er verſprachs, und eilte nun mit der Abreiſe, aber ſeit einiger Zeit fieng die Gegend, und beſonders der Wald den man zu durchreiſen hatte an, ſo unſicher zu wer⸗ dden, daß die Baroneſſe nicht wenig um die Sicherheit ihres Bruders beſorgt ward. Die⸗ ſer ſuchte ſie zwar aufs beſte zu beruhigen, aber Helmine blieb bei ihrer Angſt.„Nimm wenigſtens noch den Alexis mit!“(bat ſie), „er iſt beherzt, entſchloſſen und ein guter Schuͤtze, auch hat er ſich nie anders als treu bewieſen, ich werde ruhiger ſeyn wenn er bei Dir iſt.“ Der Graf mußte einwilligen, und Alexis empfieng den Befehl mit gebuͤhrendem Gehorſam. Die zaͤrtliche Schweſter band ihm des Bruders Schutz auf die Seele, und Alexis ſagte wie einſt: Mein Leben fuͤr das Seine. Beruhigter ſah die Baronin jetzt ihren Bruder abreiſen, der weit entfernt eine Be⸗ ſorgniß zu fuͤhlen nur der Liebe ſeiner Schwe⸗ ſter nachgab, als er den Jaͤger mit ſich nahm. Anfangs gieng alles gut, als man aber mit⸗ ten im Walde und die Sonne bereits im Unter⸗ gehn war, ließ ſich rings in den Gebuͤſchen ein grelles, hoͤchſt wiedriges Pfeifen hoͤren, daß den Grafen veranlaßte, ſich und ſeine Begleiter in Vertheidigungsſtand zu ſetzen. „Seyn Ew. Excellenz nur unbeſorgt“(ſagte Aleris)„ich weiß wie man dieſen Gelichter antworten muß!“ und damit zog auch er ein Pfeiſchen hervor, und lange widrig gellende Toͤne daraus, daß allen die Ohren weh thaten. „Zu was das?“ fragte der Graf nicht ohne Beſtuͤrzung. „gu ihrer Sicherheit!“(rief Alexis, gab ſeinem Pferde die Spornen und ſprengte ſeit⸗ — 2416— waͤrts ins Gebuſch)„bleiben Sie auf dieſer Straße!“ ſchrie er noch im Fortſprengen. Dem Geafen blieb nichts anders uͤbrig, er konnte ſich den Vorgang der ein ſonderbares Licht auf ſeinem Begleiter warf, nicht erklaͤ⸗ ren, verwieß ſeine Leute die den Alexis fuͤr einen Galgenſtrick erklaͤrten, zur Ruhe, und ſetzte ſeinen Weg ungehindert fort ob es gleich faſt ganz finſter daruͤber ward. Das Pfeifen hatte nachgelaſſen, und nur das Rauſchen der Baͤume von Nachtwind bewegt und das Schwir⸗ ren der Ruhe ſuchenden Voͤgel, unterbrach die grauſenhafte Stille. Endlich glaͤnzte ſilberhelles Mondenlicht durch den heller werdenden Wald, und am Ausgang deſſelben geſellte ſich auch Alexis wieder zu den Reiſenden. „Nun haben Ew. Excellenz nichts mehr zu beſorgen,“(ſagte er, ſich wieder an die Dienerſchaft anſchließend die ihn mit ſchiefen Blicken, aber ſchweigend anſah.) „Und wie iſt es Ihm gelungen mich zu ſichern?“ fragte der Graf ziemlich ernſt. 2417— „Erlaſſen mir Ew. Excellenz die Antwort bis zu gelegnerer Zeit!“(erwiederte Alexis.) Der Graf ſchwieg, man ſetzte die Reiſe ohne irgend einen Aufenthalt fort, und uͤber der Freude ſeine Geliebte wiederzuſehn, hatte er das gehabte Abentheuer ganz vergeſſen, als er bei ſeiner Ankunft in der Reſidenz auf eine unangenehme Weiſe daran erinnert ward, denn zwei Polizeidiener ſuchten ſich des Jaͤgers, der jetzt, da er ausgehn wollte, hinter ihm ging, auf einmal zu bemaͤchtigen, dieſer aber ſchluͤpfte in eine Nebengaſſe, und verſchwand. Der Graf erfuhr daß man in ſeinem Begeeiter den laͤngſt geſuchten Anfuͤhrer der Raͤuberbande entdeckt hatte, die jene Gegend ſo unſicher machte. Ob nun gleich nicht zu leugnen war, daß Alexis ſein Wort gehalten, und die Si⸗ cherheit des Grafen bewirkt hatte, ſo hielt es dennoch dieſer aus Beſorguiß fuͤr ſeine Scchweſter fuͤr Pflicht, ihr ſo eilig er konnte Nachricht von dieſem Vorfall zu geben, um ſo mehr da Alexis aller Nachforſchungen — 248— und Bemuͤhungen ohngeachtet verſchwunden blieb. Das Entſetzen der Baronin bei dieſer ſo hoͤchſt unerwarteten Neuigkeit war nicht gering; ſie hatte ſchon laͤngſt des Jaͤgers Ruͤckkehr er⸗ wartet, war aber weit entfernt geweſen auf einen ſolchen Verdacht zu fallen, es ſchien ihr jetzt noch unglaublich was der Bruder ſchrieb, und nichts von allen war ihr einleuch⸗ tender, als das Alexis ihn gerettet hatte. Bei reiflicher Ueberlegung war ſie indeß ge⸗ zwungen ſich zu geſtehn, daß der Jaͤger we⸗ nigſtens ſehr verdaͤchtig worden war, und nicht mehr moͤglich ihn in Dienſt zu behalten. Sie erſchrack vor der Moͤglichkeit die zum Gluͤck nicht wahrſcheinlich war, daß er in dieſen zuruͤckkehren koͤnne, und ſah ſich gezwun⸗ gen, alle Maaßregeln der Klugheit vorzukeh⸗ ren um ihn daran zu hindern, zu dem Ende mußte ſie die widrige Geſchichte Preiß geben, und ihren Leuten ſtreng verbieten den Alexis der nichts zu fordern, die koſtbare Livree — 249— voraus hatte, jeden Einlaß zu verweigern, und befehlen, gegen naͤchtliche Einbruͤche auf der Huth zu ſeyn. Niemand geberdete ſich bei dem allen unglaͤubiger und verzwei⸗ felnder als Jungfer Soͤrchen, die durchaus keinen nachtheiligen Verdacht gegen den ſchoͤ⸗ nen Jaͤger in ihrer menſchenfreundlichen Seele Raum geben konnte, und die Baronin mit tauſend Verſicherungen ſeiner Schuldloſigkeit und Treue behelligte. Auch die Kinder nah⸗ men ſich ſeiner an, da aber nichts zu ſeinem Vortheil zu erweiſen war, blieb es bei dem Verbot, daß jeden im Hauſe mit Strafe be⸗ drohte, der es wagen wuͤrde den Verdaͤchtigen hineinzulaſſen. Einige Wochen vergingen, in denen nichts Bedenkliches vorfiel, aber auch der Gefuͤrch⸗ tete nicht ſichtbar ward, und niemand dachte mehr an ihn als etwa noch Soͤrchen; da trat eines Morgens Alexis wie er ſonſt gewohnt war zu thun, um ihre Befehle einzuholen, ganz unbefangen in das Zimmer der Baro⸗ — 220— nin, die eben allein an ihrem Schreibtiſch ſaß. Blaß fuͤr Schrecken, faßte ſich Hel⸗ mine indeß genug um ihn zu fragen:„Was er nach allem Vorgefallnen noch hier wollen konne?“ und erſchrack nicht wenig, ihn aufs neue zu ihrem Dienſt bereit zu ſehn, als wiſſe er nichts arges. „Alexis!“(ſagte ſie gefaßt)„es iſt un⸗ moͤglich Sie in Ihre vorigen Verhaͤltniſſe in meinem Hauſe zuruͤck zu fuͤhren. Was auch immer Ihre Abſicht war als Sie ſich in daſſelbe eindraͤngten, ich bin Ihnen Dank ſchuldig, nehmen Sie dieſe Boͤrſe und retten, beſſern Sie ſich! ich mag ich will Sie nicht verrathen, aber wenn Sie mich je als ihre Gebieterin betrachtet haben, ſo befehl ich Ihnen mein Haus ſogleich auf immer zu verlaſſen!“ Da lag Alexis zu ihren Fuͤßen.“ „Ich gehorche edle vortreffliche Frau!“ (ſprach er geruͤhrt)„ſeyn Sie wegen allem ubrigen unbeſorgt, empfangen Sie mein Ge⸗ ſtaͤndniß.—„ 221— „Um Gotteswillen ſtehn Sie auf!“(flehte die Boͤrſe immer noch hinhaltend die Zitternde) „wenn eins von den Leuten kaͤme, und Sie — ſo erblickte. 8— „Seyn Sie unbeſorgt, gnaͤdige Frau, es kommt jetzt niemand. Er ſtand auf, und ſah laͤchelnd auf Hel⸗ minen, die jetzt ein leiſes Zucken nicht ver⸗ bergen konnte, er nahm die ſchwere Geldboͤrſe und legte ſie in den mit Pretioſen gefuͤllten Schreibtiſch, dann trat er in der ehrerbietig⸗ ſten Stellung zuruͤck, und ſprach: „Einſt haͤtte mich Stand und Geburt be⸗ rechtigt derjenigen meine Hand anzubieten, die ich jetzt nur aus meiner Verworfenheit als eine weit uͤber mich erhabne Gottheit anbeten darf!— Mit niedrigen Vorſaͤtzen draͤngte ich mich in Ihre Dienſte, Ihr Edelmuth, das Zutrauen ſo Sie mir Unwuͤrdigen gewaͤhrten, die Liebenswuͤrdigkeit Ihrer Kinder, darf ichs ſagen, Ihre Schoͤnheit, Ihre Tugend, der Zauber Ihres ſtillen freundlichen Waltens —-O———* “ 1 entkraͤftete ſie! in Ihrer Naͤhe war mirs unmoͤglich eine verworfne That zu begehn!— ich hatte keinen Wunſch als in dieſer zu blei⸗ ben— mein Leben in Ihren Dienſt zu be⸗ ſchließen!— ich fuͤhlte mich dadurch entſün⸗ digt, aus mir ſelbſt empor gehoben!— Aber — wer einmal den Teufel bei einem Haar faßt, der iſt ſein auf ewig!— das Schickſal ſchleuderte mich in den Abgrund zuruͤck, den ich entfliehen wollte. Ihren Bruder zu ret⸗ ten, mußte ich zu denen zuruͤckkehren, von denen ich loszukominen hoffte; meine Entde⸗ ckung ſpricht das Urtheil der Verbannung uͤber mich aus— ich fliehe! aber nicht ohne ein Wort ihrer Verzeihung, edle Frau!— „Ich verzeihe Ihnen!“(ſagte Helmine einer Ohnmacht nahe)„ich beſchwoͤre Sie, ſich zu entfernen! ja! ich bedaure Sie, und werde Gott anflehn um das Heil Ihrer Seele!““ „Zu ſpaͤt, zu ſpaͤt!“ Gammerte Alexis und verſchwand. Die Baronin ſank auf ihren Stuhl zuruͤck, ſie glaubte ein boͤſer Traum habe ihrer geſpot⸗ tet, aber als ſie die Augen aufſchlug lag ein koſtbarer Brillantring vor ihr auf dem Schreib⸗ tiſch. Entſetzen ergriff ſie, ſie warf das vb Zweifel geraubte Gut in ein verborgenes Fach, und eilte mit Vorſicht Erkundigung einzuziehn, ob niemand Alexis geſehn habe, zu ihrem groͤßten Erſtaunen fand ſie aber daß kein Menſch etwas wußte, ſelbſt Soͤrchen nicht, deren Blick er gewiß nicht entgangen waͤre. Es konnte nicht anders ſeyn, er mußte ſich den vorigen Abend ins Haus geſchlichen, und die Nacht irgendwo in ihrer lähe zugebracht haben. Tauſend Vermuthungen und Grdanken beſtuͤrmten jetzt ihre Seele, und durchkreuzten ſich in ihrem Kopf; Alexis fing an, trotz ſeiner Vergehungen, ihr in einem mildern Licht zu erſcheinen; wie treu, wie edel, wie ehr⸗ furchtsvoll hatte er ſich ſtets gegen ſie, und P — 224— auch jetzt benommen, nein! er hatte ihr Ver⸗ trauen nicht verrathen, er hatte ſie ſogar zum Dank verpflichtet, denn ſtand nicht ihr Leben, ihre Ehre, ihr Vermoͤgen in ſeiner Gewalt? auch das Verſprechen ihren Bruder zu beſchuͤ⸗ tzen hatte er gehalten, und ſelbſt ſein jetziges Benehmen bewies daß er zartfuͤhlend und groß⸗ muͤthig ſeyn konnte— daß er— ſie geſtand ſichs mit Schaudern, daß er ſie wahrhaft liebe!„Welch entſetzliches Geſchick muß die⸗ ſen von Natur ſo edlen Menſchen ſo tief herab⸗ gewuͤrdigt haben?(fragte ſie) wie konnte ſolch ein Gemuͤth ſich ſo unendlich vergeſſen?“ und ſie konnte ſich nicht enthalten Thraͤnen des Schmerzens zu vergießen. Ein Wurm nagte ſeitdem an ihrem Herzen, es war die Angſt den ungluͤcklichen Juͤngling, auf deſſen Beſſe⸗ rung ſie noch immer hoffte, den Haͤnden der — Gerechtigkeit anheim fallen und den Tod des Verbrechers ſterben zu ſehn. Dieſe Furcht quaͤlte ſie Tag und Nacht, und gewoͤhnlich zeigten ihr ihre Traͤume den Ungluͤcklichen in Ketten, oder unter dem Schwert des Henkers. Aber er blieb von da an ſpurlos verſchwunden, Helmine ward endlich ruhiger, und Jahre ver⸗ gingen ihr in der ſtillen zufriedenen Lebensweiſe die ſie gewaͤhlt hatte, ohne irgend ein widri⸗ ges Schickſal. Ihr Theodor war mitgezogen als die Vertheidigung des Vaterlands ſeine muthigſten Soͤhne aufrief, und die reizende, der Mutter aͤhnliche Angelika ſtand in der viel⸗ verſprechendſten Bluͤthe der Schoͤnheit und Ju⸗ gend, beide waren ihr Stolz, ihr Gluͤck, ihr Troſt, ihre Freude. Da goß der Krieg auf einmal ſeine Zorn⸗ ſchaale auch uͤber die einſame Gegend aus, wo die Baronin ſo lange ruhig gelebt hatte, und zwang ſie, ſich mit ihrer Tochter in die Reſidenz zu ihrem Bruder zu fluͤchten. Um und neben dieſer wuͤthete der Wuͤrg⸗ engel der Schlacht, und auch das Haus des Grafen war mit Verwundeten faſt immer uͤberfuͤllt, denen die Frauen ihre zarteſte Sorg⸗ falt zu weihen bemuht waren. Helmine hatte P 2 — 226— zu dem Ende, und als Opfer für das bedraͤngte Vaterland ihren ganzen Schmuck bereits hin⸗ gegeben, nichts war noch uͤbrig als jener Ring den ſie kaum als ihr Eigenthum zu be⸗ trachten wagte, und an dem ſich die ſchmerz⸗ lichſten Erinnerungen ihres Lebens ketteten; endlich glaubte ſie aber doch ihn auf keine ed⸗ lere Art anwenden zu koͤnnen, als auf dieſe, und gab ihn zum Verkauf. Der Juwelier den ſie damit beauftragt hatte, bot ihr eine ſo hohe Summe, daß ſie daruͤber erſchrack, und als ſie ſich eben deshalb nicht geneigt fand ihn zu laſſen, ſo glaubte der Juwelier, ſie mißverſtehend, ſie ſey ihr noch zu geringe. „Mag der fr.. Officier der ihn kaufen will, ſelbſt mit der Frau Baronin unterhandeln“ (ſagte er und entfernte ſich, ohne auf Helmi⸗ nens Gegenrede zu hoͤren.) Eine neue Schlacht die in den naͤchſten Ta⸗ 3 gen vorfiel, lenkte die Aufmerkſamkeit auf ganz andre Gegenſtaͤnde; der Juwelier ſchickte den Ring zuruͤck; weil der Officier mit aus⸗ — 227— geruͤckt ſey, und er das Kleinod in der gefahr⸗ vollen Zeit nicht zu behalten wage. Die Ba⸗ ronin ſchob den Ring am Finger, was nie zu⸗ vor geſchehn war, denn eben brachte man die Verwundeten in die Stadt, und ſie half ihrer Schwaͤgerin Lagerſtaͤtten bereiten fuͤr diejeni⸗ gen, die man in ihr Haus bringen wuͤrde. Es dauerte nicht lange ſo brachte man ei⸗ nen fr... Obriſten der im Kopf und in der Seite gefaͤhrlich verwundet und ohne Beſin⸗ nung war. Todtenbleich ſah nur das halbe Geſicht aus den blutigen, eilig umgelegten Huͤllen, Helmine uͤbernahm die Pflege des Ungluͤcklichen der nur kurze Zeit mehr zu leben hatte. Ihre Sorgfalt rief ihn nach dem neuen Verband bei dem ſie nicht bleiben wollte, ins Leben zuruͤck; er ſchlug die Augen auf, und erblickte an der wohlthaͤtigen Hand, die ihn mit ſtaͤrkenden Eſſenzen erquickte— den Ring, an den Helmine in der Angſt nicht mehr ge⸗ dacht hatte. Wild und außer ſich fuhr er auf, daß dieſe ihn im Wahnſinn des Fiebers waͤh⸗ — 228— nend, erſchrocken zuruͤcktrat, blickte ſtarr nach ihr hin, und ſank ihren Namen ſtammelnd, bleich und regungslos zuruͤck. Es war Alexis, und jetzt erſt erkannte ihn die Zitternde. Er kehrte nicht mehr zuruͤck ins Leben, ein ehren⸗ voller Tod, verſuͤßt durch die Erſcheinung des Engels deſſen Andenken ihn wahrſcheinlich auf die Bahn der Ehre zuruͤckgefuͤhrt hatte, war der Lohn ſeiner Reue! Helmine verſchmaͤhte es nicht den Be⸗ dauernswerthen ihre Thraͤnen zu ſchenken, ſie ſorgte fuͤr ſein Begraͤbniß, verkaufte den Ring und ſchenkte die daraus geloͤſte Summe de⸗ nen durch den Krieg verarmten. Sie ſelbſt trug ſeitdem einen einfachen Ring von einer ſeiner Locken die ſie ihn abſchnitt, und dachte ſeiner noch oft mit innigem Gefuͤhl. Bei Wilhelm Lauffer in Leipzig ſind erſchienen und in allen Buchhandlungen zu haben: Empfehlungswerthe Romane. Erzaͤhlungen von Wilhelmine von Gersdorf. ir Bd. 8. 1821. 1thl. 2r Bd. mit 1 Kpf. 8. 1821. 1 thl. 6 gr. Eternelle oder die Blindgeborne, ein roman⸗ tiſches Gemaͤlde von Wilhelmine von Gers⸗ dorf. 2 Bde. m. Kpf. 8. 1820. 2 thl. 18 gr. Der Kreuzesritter oder Don Sebaſtian, Koͤnig von Portugal. Ein hiſtoriſcher Ritterroman von Miß Anna Maria Porter, herausgege⸗ ben von Wilhelmine von Gersdorf. 2 Bde. 8. 1821. Erzaͤhlungen und Romanzen von Fr. Krug von Nidda. 8. 1821. 1 thl. 16 gr. Romanzen von Fr. Krug von Nidda. 8. 1821. 12 gr. Giuglio und Iſidora oder die Flucht aus den Kerkern der Inquiſition. Ein romantiſches Gemaͤlde von Dr. Carl Friedrich. 8. 1821. 18 gr. Gemaͤlde des menſchlichen Herzens von Dr. Carl Friedrich. 8. 1820. 1 thl. Paul und Virginie, ein Gemaͤlde der Natur ———— v. St. Pierre. Aus d. Franz. uͤberſ. v. F. Gleich. 8. 1820. 1thl. Velinp. 1thl. 8 gr. Kaͤtchen von Hubenſtein oder der Strohhut. Eine Familiengeſchichte von K. Bonde. 8. 1820. thl. 4 gr. Köͤnigsſcheibe, die, oder die Ahnungen; eine Familiengeſch. aus d. deutſchen Befreiungs⸗ kriege von K. Bonde. 3. 1820. tthl. 4 gr. Die Aſſeburg, hiſtor. romant. Gemaͤlde, dra⸗ matiſirt von A. Klingemann. 2 Bde. 2te verb. Aufl. 1819. 8. 2 thl. Erzaͤhlungen, romant., J. die Jrrthuͤmer der Liebe, II. die Launen des Geſchicks, v. Cri⸗ minalrath O. Benda. 8. 1816. rthl. 8 gr. Geſchichte des Tom Jones, eines Fnndlängs, von H. Fielding, neu uͤberſ. 4 Thle 8. Schreibpapier mit Kupfern. A thl. Druckpapier ohne Kupfer. 2 thl. Gonſalvo von Cordova, Rittergedicht von Flo⸗ rian. Frei uͤberſ. und in Octaven umgebildet durch Fr. Krug von Nidda. 2te Ausgabe. gr. 3. 1320. 1 thl. 12 gr. Graf Guͤnther von der Halle. Eine Geſchichte aus den Ritterzeiten. 8. 1819. uthl. 4 gr. Grillenthal. Ein Naturgem. menſchl. Staͤrken u. Schwaͤchen v. C. G. Cramer. 8. 12 gr. Sionio, der Greis des Gebirges. Eine aben⸗ theuerliche Geſchichte, vom Verfaſſer des Lo⸗ renzo. 2 Bde. 8. 1818. 2 thl. 8 gr. Wahlberwandren, die, zu Marienthal. 8. 1817. 1 thl. — q(e-Le—— — 231— Raßmann, F., deutſcher Dichternekrolog oder gedraͤngte Ueberſicht der verſtorbenen deut⸗ ſchen Dichter, Romanenſchriftſteller, Erzaͤh⸗ ler und Ueberſetzer, nebſt genauer Angabe ihrer Schriften. 8. 1818. 1thl. Gemeinnuͤtzige Buͤcher. Sander, H., von der Guͤte und Weis⸗ heit Gottes in der Natur. Ein Buch zur Belehrung und Erbauung fuͤr Menſchen, welche die Natur und Gott aus derſelben kennen lernen wollen. Fuͤnfte verb. Aufl. 8. 1820. 21 gr.. Dieſes ſchaͤtzbare Buch enthuͤllt die Natur in ihrer bewunderungswuͤrdigen Groͤße, giebt die unverkennbarſten Beweiſe von dem Daſeyn der Weisheit und der Guͤte Gottes und ſtaͤrkt in uns den Glauben und die Hoffnung an ein kuͤnftiges Leben.— Belehrend und er⸗ hebend, ſollte dieſes nun zum fuͤnften Mal aufgelegte Werk in keiner Familie fehlen. Daͤhne, Dr. A., die Milch⸗ und Molkenkuren und deren zweckmaͤßige Anwendung in ver⸗ ſchiedenen Krankheiten; zum gemeinnuͤtzigen Gebrauch fuͤr Aerzte und Nichtaͤrzte geſchrie⸗ ben. 8. Neue Aufl. thl. Jedem, der die ſchoͤnere Jahreszeit zur Wie⸗ derherſtellung oder Befeſtigung der Geſund⸗ heit anwenden will, iſt dieſes Werk, welches auch noch die mineraliſchen Waſſer enthaͤlt, — 232— welche mit Vermiſchung der Milch angewen⸗ det werden, vorzuͤglich zu empfehlen.. Heilkraft, die, gewiſſer Bewegungen des Koͤr⸗ pers, zur Vertreibung hartnaͤckiger Hypo⸗ chondrie, Gicht und einiger andern Krank⸗ heiten, nebſt Anzeige eines neuerfundenen Mittels, die Schwaͤche der Augen zu heben und ſich von der beſchwerlichen Brille zu befreien. Von einem Nichtarzte. Dritte verb. und verm. Aufl. 8. 1818. 16 gr. Arzneimittel ſind hierin nicht zu finden, wohl aber eine deutliche und uͤberzeugende Anwei⸗ ſung, wie man ohne dieſelben ſich von den ſo beſchwerlichen Krankheiten ſelbſt und gluͤck⸗ lich befreien kann. Meyer, G., gemeinnuͤtziger Rechen⸗ knecht oder ſicheres Huͤlfsbuch bei dem Ein⸗ und Verkauf, zum Gebrauch fuͤr Jedermann, beſonders aber fuͤr Hausfrauen, Oekonomen, Capitaliſten und Handelsleute. Zweite, mit Intereſſentabellen vermehrte Aufl. 8. 1820. geheftet 6 gr. Zum Gebrauch einer ſchnellen und richtigen Ausrechnung bei dem Ein⸗ und Verkauf iſt dieſes Huͤlfsbuch vorzuͤglich zu empfehlen. Auf zwanzigjaͤhre Erfahrung ſich gruͤndendes Faͤrbebuch oder entdeckte Geheimniſſe, alle Sorten Leder zuzubereiten, zu faͤrben, zu waſchen und zu bleichen. Nebſt einem Anhang Seide, Wolle und Leinwand aͤcht zu faͤrben. Ein — 233— 2 Handbuch fuͤr Lederfabrikanten und Handſchuhmacher, ſo wie fuͤr jeden, der Handſchuh ſelbſt faͤrben und waſchen will. Herausgegeben von C. Goͤtzel. 8. 1820. geheftet 8 gr. Der Verfaſſer macht hier ſeine, in England und Frankreich(vorzuͤglich in den Fabriken zu Grenoble) geſammelten Erfahrungen be⸗ kannt.— Fuͤr die Faͤrberei des Leders ſind ſolche Species gewaͤhlt, welche eine viel ſchoͤ⸗ nere Farbe geben, dabei aber ſehr wohlfeil ſind.— Juriſtiſche Werke. 3 Gallerie aller juridiſchen Autoren von den aͤl⸗ teſten bis auf die jetzige Zeit, mit ihren vor⸗ zuͤglichſten Schriften nach alphabetiſcher Ord⸗ nung aufgeſtellt von J. H. Stepf, K. B. oberſten Juſtizrath. rſter Bd. A. B. gr. 8. 1820. 1 thl. 16 gr. 2ter Bd. C— F. gr. 8. 1821. 4 Die guͤnſtige Beurtheilung dieſes Werkes in der Halleſchen Liter. Zeitung, Octoberheft 1820, nach welcher es als ein wahres Be⸗ duͤrfniß und die wichtigſte Erſcheinung der neuern Literatur dargeſtellt wird, laͤßt den 8 Verleger hoffen, daß daſſelbe diejenige Auf⸗ nahme finden wird, die es zu verdienen ſcheint, und welche bei einem ſolchen Unter⸗ ternehmen dazu beitragen muß, die Vollen⸗ dung des Ganzen zu beſchleunigen. 24 — 2894— Die Lehre vom Contradictor bei erkanntem Concursproceſſe nach gemeinem und baieri⸗ riſchem Recht von J. H. Stepf. Zweite umgearb. Aufl. gr. 8. 1821. 1 thl. 6 gr. System der innern Staatsverwal- umnhn tung ◻ und der Gesetapolitik von Dr. K. F. W. Geistaecker. 3 Abtheil. gr. 8. 1818— 1820. ö tbl. 6 gr. Zeichmenk un ſts 3 Der Zeichnenſchuͤler oder Voruͤbungen im Zeich⸗ nen, mit Hinſicht auf Landſchaftszeichnen⸗ kunſt und Perſpective. Iſte Lieferung in 32 Vorlegeblaͤttern 14 gr. ate Lieferung in 24 Vorlegeblaͤttern 14 gr. 495 Sammluͤng architektoniſcher Verzierungen nach antiken Blaͤttern in 24 Vorlegebl.(des Zei⸗ chenſchuͤlers 3te Lieferung). Fein Velinpap. thl. ordinair Pap. 20 gr. Unterricht in der Thierzeichnenkunſt, in 36 theils nach der Natur theils nach den beſten Meiſtern auf Stein gezeichneten Vorlegebl. (des Zeichenſchuͤlers 4te Liefer.) 1 thl. 8 gr. Unterricht in der Blumenzeichnenkunſt, zur Uebung fuͤr Schatten und Licht, in 18 nach der Natur gezeichneten Vorlegebl. Zweite verb. Aufl.(des Zeichenſchuͤlers 5te Liefer.) 20 gr. Fein Velinpap. uthl. Der vollkommene Blumenzeichner oder gruͤnd⸗ licher Unterricht in der Blumenzeichnenkunſt. iſte Lief. in 16 Vorlegeble thl. 2te Lief. in 20 Vorlegebl. 1 thl.§ gr.(compl. 2 thl. 8 gr.) Der Landſchaftszeichner oder gruͤndlicher Unter⸗ richt in der Landſchaftszeichnenkunſt. iſte Liefer. in 18 Vorlegebl. 16 gr. 2te Liefer. (Baumſtudium) in 20 groͤßern Vorlegebl. ¹ thl. 3 gr. 3te Liefer. in 20 groͤßern Vor⸗ legebl. 1 thl.(compl. 3 thl.) Vorſchule der hoͤhern freien Handzeichnung in Koͤpfen und Figuren in 36 Vorlegeblaͤttern. 1 thl. 4 gr.— Unterricht in der hoͤhern freien Handzeichnung in Koͤpfen und Figuren in 36 Vorlegebl. 1 thl. 8 gr. Deſſelben 2te Lief.(Koͤpfe) in 20 gr. Vorlege⸗ blaͤttern. 1 thl. 8 gr. Dieſe ſaͤmmtlich von Herrn F. A. Fricke auf Stein gezeichneten Vorlegeblaͤtter, welche ganz die wirkliche freie Handzeichnung dar⸗ ſtellen, vom Leichten zum Schwerern uͤber⸗ gehn, laſſen, nach dem ſchatzenswerthen Ur⸗ theil vieler Kenner, fuͤr den Unterricht in der Zeichnenkunſt weiter nichts zu wuͤnſchen uͤbrig, als daß ſie allgemein angewendet werden moͤch⸗ ten. Durch richtige, reine und kraͤftige Zeich⸗ nung, feines Velinpapier und wohlfeile Preiſe empfehlen ſich dieſelben noch beſonders. Mengs, A. R., practiſcher Unterricht in der Malerei aus d. Italien., mit Zuſaͤtzen her⸗ ausgegeben von V. H. Schnorr von K. mit 1 Kupfer. 1818. 156 gr. — 1 — 236— Kinderbuͤcher. Funke, F. E., erſte Blicke in die Naturge⸗ ſchichte, als Voruͤbungen zum Leſenlernen, nach den beliebteſten Methoden bearbeitet; mit 24 in Kupfer geſtochenen Abbild. 1820. gebunden, colorirt 14 gr. ſchwarz ro gr. —— Das haͤusliche Gluͤck im Ruhethal, ein Familienbilderbuch zur angenehmen Un⸗ terhaltung und Belehrung, mit 12 colorir⸗ ten Kpfrn. 1820. gebunden 1 thl. —— Reiſen der Familie von Adelwerth, oder lehrreiche Darſtellungen von der Ober⸗ flaͤche unſerer Erde. Mit 12 color. Abbild. 8. 1820. gebunden 21 gr. Kinderreiſen oder Erzaͤhlungen der merkwuͤrdig⸗ ſten Gegenſtaͤnde fremder Laͤnder. Ein Ge⸗ ſchenk fuür die Jugend. Neue Aufl. Mit 8 illum. Kpfrn. 8. 1820. geb. 15 gr. Naturhiſtoriker, der kleine, ein lehrreiches Un⸗ terhaltungs⸗ und Leſeuͤbungsbuch aus der Natur⸗ und Voͤlkerkunde, ſo wie zur leichten Erlernung franzoͤſiſcher, engliſcher und latei⸗ niſcher Woͤrter. Ein Geſchenk fuͤr die Jugend. Mit 88 illum. Abbild. 1820. geb. 1thl S gr. Heinroth, Dr. J. A. G., kleines Muſeum der Deklamation fuͤr Kinder, beſtehend in Wie⸗ derholungen aus der Geſchichte, Geographie und Naturgeſchichte, gebunden 12 gr. ————— ——2———— “ 8 3 1 A 16