. — ——— —— M X + Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Sduard oltmann in Gießen, 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. KLeeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Mfade der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 2 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 2 — wird. 8 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 4 8 8 3 für öpchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: .——————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren erkes, ſo iſt der Leſer dum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage ſtſigeſetht und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bucher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. „ “ ³+—— Moy ellen Ersählungen u Mährchen Von. WoLFG. ADR GERIL. H Bändchen. — * SLeipsig, 1321. ICMHinrichsfche Buchhandlung. Sr. Wohlgeboren Herrn ◻σ Johann Theobald Held, Doctor der Medizin, Phyſicus am Krankenhauſe der barmherzigen Bruͤder und emer. Decan der mediziniſchen Facultaͤt an der Karl⸗Ferdinands⸗Univerſitaͤt zu Prag als 4 3 Denkmahl der innigſten Freundſchaft und Dankbarkeit ½ᷣ. gewidmet 4 vom Verfaſſer. Wie der Krankheit dunkler Fittig mein 3 Lager beſchattet, Huͤlfreich nahteſt Du mir, rettend aus ſchwerer Gefahr; Denn ein Held erſcheineſt Du ſtets ja ruhm⸗ voll im Kampfe Gegen drohenden Tod, welchen beſieget die Kunſt. . Doch wenn ich wage, Dir dieß kleine Buͤch⸗ lein zu reichen, Nimmer ſteh' ich im Wahn, daß es Dein wuͤrdig auch ſey; Dank nicht ſoll es Dir kuͤnden, der lebet immer im Herzen, Und dem hoͤheren Sinn gnuͤget das ſtumme Gefuͤhl.— Aber frandiich enpfängt ja der Freund 1 der Erinnerung Zeichen, Iſt die Gabe auch klein, kommt ſie aus treuem Gemuth. —xx— Roſalinde. 1. An Hauptmann Triſtan. Lager vor Reding. . Wahrlich, Triſtanl! es gibt keinen wider⸗ lichern Muͤſſiggang als den Belagerungskrieg. „— Da liegen wir vor der alten Veſte, ſehen die Mauern an, und koͤnnten vor langer Weile zu Grunde gehen, oder in die nahe Themſe ſpringen, wenn wir uns nicht noch mit aller⸗ hand nichtswuͤrdigem Geſchwaͤtze die Zeit ver⸗ trieben. Der Feldherr hat durch ſeine Kund⸗ ſchafter— Spione moͤchte er uͤbel aufnehmen — erfahren, daß die Koͤniglich⸗Geſinnten in der Veſte an Lebensmitteln Mangel leiden, und da begnuͤgt er ſich,(Menſchenleben zu ſparen— wie er ſagt!) ſie eng einzuſchließen und wartet geduldig, bis ſie der Hunger zur Uebergabe zwingt. Ein verfluchtes Leben! — 6— Um Dir vorzuſtellen, wie ſehr mein obiger Ausdruck,„nichtswuͤrdiges Geſchwaͤtz!“ ge⸗ gruͤndet ſey, muß ich Dir doch eine Unterhal⸗ tung von zehn oder zwoͤlf Offizieren mitthei⸗ len, die gefuͤhrt wurde, waͤhrend wir des Feld⸗ herrn in ſeinem Zelte harrten: Alfred warf die wichtige Frage auf, ob man bei der Wahl einer Gemahlinn den Geiſt, die Schoͤnheit oder die Reichthuͤmer vorzuͤglich in Betracht ziehen ſolle? Obſchon nun im Herzen Alle, ſo wie ich, feſt uͤberzeugt ſind, daß es um Reize und Verſtand ein gar mißliches Ding ſey, wenn nicht der Gett der Schaͤtze ſeine reichen Spen⸗ den darbeut, und es dem Gemahl einer reichen, haͤßlichen, oder noch beſſer, albernen Frau nicht fehlen kann, ſich in den Armen der Schoͤnheit von dem geringen Zwang zu erholen, dem er ſich wegen jener anthun muß, ſo nahmen doch die meiſten die Miene an, als achteten ſie das Geld wie Heu, und da ſprach einer von der Holdſeligkeit der Geſtalt, der andre von der unvergleichlichen Seelenzierde; aber ich ſagte meine Meinung grade heraus, bis endlich der Adjutant des Grafen Eſſex zu ſprechen an⸗ fing: „Wenn man ſich in der Ehe ſchon mit einer der drei Haupteigenſchaften begnuͤgen ſoll, ſo + — — bin ich freilich der Meinung, daß dem gebilde⸗ ten Geiſt der erſte Rang, und auch ſelbſt der Schoͤnheit noch der Vorzug vor dem Reich⸗ thume gebuͤhrt; aber einem Krieger iſt es wahrlich nur dann zu verzeihen, daß er ſich vermaͤhle, wenn alle drei Goͤttergaben ſich ver⸗ einigen, um ſeine Gemahlinn auszuſtatten, und da dieſes ſchier unter die unmoͤglichen Dinge zu zaͤhlen iſt, ſo waͤre es wohl das Beſte fuͤr alle Soldaten, unvermaͤhlt zu ſter⸗ ben.“ Der hochmuͤthige Graf Arthur, des Feldherrn Neffe, ſchien dieſen Ausſpruch ſehr uͤbel aufzunehmen, und er behauptete, die Sache ſey gar nicht ſo unmoͤglich, als man ſich einbilde, ja er ſelber liebe eine Dame, die mit all' dieſen glaͤnzenden Eigenſchaften aus⸗ geſtattet ſey, und er hoffe ihren Beſitz zu er⸗ werben.— Du wirſt mir hoffentlich die Wie⸗ derholung dieſer langen, langweiligen Schilde⸗ rung erlaſſen, womit er unſre Geduld auf die haͤrteſte Probe ſetzte, und am Ende doch nichts bewies, als daß er bis zur Thorheit verliebt ſey; die unglaͤubigen Mienen, die er noch an den meiſten bemerkte, bewogen ihn zu dem Verſprechen, uns morgen ihr Bild zu zeigen. Ich bin doch auf dieſes Wunderwerk der ſchaf⸗ — 8— fenden Natur begierig. Es iſt wahr, dieſer Graf Arthur iſt einer der ſchoͤnſten Maͤnner in unſerm Heere, und zugleich einer der tapfer⸗ ſten; aber er kennt auch ſeine Vorzuͤge viel beſ⸗ ſer, als er es geſtehen will, und hinter der fal⸗ ſchen Beſcheidenheit und Freundlichkeit, die er gegen Jedermann zeigt, verbirgt ſich ein ganz unleidlicher Stolz— ſie nennen es einen edlen Stolz; aber er iſt mir in der Seele verhaßt. Nächſtens mehr. Robert. 2. An denſelben. 3— Lager vor Reding. O Triſtan! was liegt zwiſchen heute und geſtern?— Vor vier und zwanzig Stunden war ich ein Opfer der gluͤhendſten Wuth; aber die Wonne erfuͤllter Rache hat mich entſchaͤ⸗ digt.—— Ich werde etwas weit ausholen müſſen, um Dir die Begebenheiten eines wichti⸗ gen Tages mitzutheilen: Du kennſt ja wohl den alten welſchen Kaufherrn Anſelmo, der vor vielen, vielen Jahren aus Genua hier einwanderte, ſich mit einer Franzoͤſinn ver⸗ maͤhlte und zu London, wo er ſich haͤuslich niedergelaſſen, eine Tochter erzogen— das ſchoͤnſte und geiſtreichſte Maͤdchen des Reiches — dabei beſitzt der Vater ungeheure Reich⸗ thuͤmer und ſein Speculationsgeiſt wird noch mehrere zuſammenbringen, deren einzige Erbin Roſalinde iſt. Alles dieſes bewog mich, bei dem alten Kaufherrn um die Hand ſeiner Tochter zu werben, und aus einem der aͤlteſten ritterlichen Staͤmme in Großbritannien ent⸗ ſproſſen, ſelbſt mit Gluͤcksguͤtern reichlich aus⸗ geſtattet, und in den bedeutendſten Verbindun⸗ gen mit denen, welche jetzt am Regiment ſind, haͤtte ich mir wohl Alles in der Welt eher ein⸗ gebildet als einen Abſchlag; aber gleichwohl wußte der Alte mit allerlei Scheingruͤnden meine Bewerbungen um ſeine Tochter abzuleh⸗ nen. Eine Hoͤlle von Wuth kochte in meinem Herzen, als ich dieſe Beleidigung empfing, und ich habe mir den heiligen Schwur abgelegt, da Roſalinde nicht die meinige werde, ſo ſolle ſie, ſo lang ein Blutstropfen an meine Adern ſchlaͤgt, kein andrer als begluͤckte Gattinn an ſein Herz druͤcken. Denke Dir alſo mein Er⸗ ſtaunen und meinen Grimm, als Arthur ge⸗ ſtern das Bild ſeiner Angebeteten mit ſich brachte— Alle waren in Bewunderung verſun⸗ ken und riefen einmuͤthig: wenn das Gemuͤth und der Geiſt des Urbildes dieſen holden Zuͤgen — 10— entſpreche, ſo gebe es keine vollkommnere Dame in allen drei Koͤnigreichen. Endlich kam das Bild auch in meine Haͤnde und ich ſah— Roſalinden. Lange und ſtarr blick⸗ te ich die bekannten Zuͤge an, und waͤhrend die Thoren glaubten, ich ſey ſo ſehr von den Reizen dieſer Schoͤnen uͤberraſcht, ſann ich nur uͤber die Groͤße der Gefahr, uͤber die Noth⸗ wendigkeit nach, den Grafen von Roſalin⸗ den zu entfernen, und waͤhrend jene in Sie⸗ gesgeſchrei ausbrachen, daß mich ein Bild von meinen habſuͤchrigen Geſinnungen geheilt habe, hatte ich den Plan entworfen, wie ich mei⸗ nem Geluͤbde entſprechen koͤnne. Graf Ar⸗ thur, mit der Gunſt ſeines allmaͤchtigen Oheims ausgeſtattet, iſt in der That wohl der gefährlichſte Bewerber um Roſalinden, und Eſſex, der es in der gegenwaͤrtigen Epoche nicht ſo genau mit der Ahnenprobe nehmen wird, duͤrfte eine Verbindung dieſer Art nicht ungern ſehen, denn das Parlament und ſeine Generaͤle brauchen auch zu Zeiten Geld; des⸗ halb mußte ich mich grade an ihn wenden, auf ihn einen Entwurf gruͤnden, der mich al⸗ lein zum Ziele führt. Es iſt geſechehen! Bald wird das Parlament die Reichthuͤmer des wel⸗ ſchen Kaufherrn in Beſitz nehmen, und ich mich an dem Gefuͤhle weiden, an einer ſtolzen Schoͤ⸗ nen, durch Vernichtung ihrer ganzen Ghüeeſe⸗ ligkeit geraͤcht zu ſeyn. Es war mir ſchon lange kein Geheimniß, daß Anſelmo ſchon in fruͤhern Zeiten dem Koͤ⸗ nige bei dringenden Bedürfniſſen mit ſeiner Caſſe ausgeholfen habe, und da es zu den Grundfätzen des Grafen Eſſer gehoͤrt, in den Angelegenheiten des Baterlandes, auch eine leichte Anklage als Ueberzeuzung zu nehmen, ſo ließ ich mich getroſt bei dem Feldherrn mel⸗ den, und unter tauſend Verſicherungen der gluͤhendſten Liebe zum Vaterlande und ſeiner Freiheit, klagte ich den alten Kaufherrn nicht allein der heimlichen Uebung katholiſcher Reli⸗ gion an, ſondern behauptete, er unterhalte ei⸗ nen heimlichen Briefwechſel mit den Feinden des Parlaments— zum Beweiſe hatte ich mir einen Brief an Auſelmo geſchrieben, der verdaͤchtig genug lautete, und gab vor, er ſey mir zufaͤllig in die Haͤnde gerathen. Der Graf nahm den Brief und dankte mir; aber gegen ſeine Gewohnheit ſcheint er hier nicht ſehr raſch verſahren zu wollen, trug mir die tiefſte Verſchwiegenheit auf, und will erſt nach der Einnahme von Reding den Kaufherrn vor dem Parlament verklagen; wahrſcheinlich — 2— um bis dahin ſeinen Neffen, dem er ſchon die Einwilligung zu dieſer Verbindung gegeben haben mag, auf einen ſo unvorhergeſehenen Streich durch alle ſeine Wuͤnſche vorzube⸗ reiten. 82 O Triſtan! Du kannſt gar micht glau⸗ ben, welch ein beſeligendes Gefuͤhl es iſt, einen Mann zu betruͤgen, der Jahre lang das ganze Reich getaͤuſcht hat, einen Mann, der lange Zeit den vertrauten Freund ſeines Koͤnigs vor⸗ ſtellte, und nun, von ihm abgefallen, an der Spitze eines Heeres gegen denſelben Monar⸗ chen ſteht. Freue Dich nur der ſchoͤnen Zu⸗ kunft, Arthur! mir genuͤgt die Gewiſiheit⸗ duß ich Dei Gluͤck vernichtet habe. Robert. 3. An den Kaufherrn Anſelmo. 1 Lager vor Reding. Flieher ‚edler Greis! verlaffet mein unglück⸗ liches Vaterland, denn Eurem Haupte droht Gefahr und die Natterbrut der Verlaͤumdung hat auch Euern unbefleckten Ruf nicht ge⸗ ſchont, einen Ruf, in dem Ihr Euch den groͤß⸗ ten Enrer Schaͤtze erworben. Geſtern ließ mich mein Oheim zu ſich ru⸗ fen, und befahl mir, allen Umgang mit En⸗ rem Hauſe aufzugeben.— O, wuͤßte er, welche heilige Bande mich an daſſelbe feſſeln! Zwar habe ich es ja noch ſelbſt nicht zu geſte⸗ hen gewagt, und in dieſem Augenblick der Ge⸗ fahr iſt es nicht die Zeit dazu; doch muͤſſet Ihr, muß Eure liebenswuͤrdige Tochter laͤngſt in meinem Herzen geleſen haben—— genug davon, vielleicht gibt mir die Zukunft Gele⸗ genheit, des Beſitzes der liebenswuͤrdigſten aller Jungfrauen wuͤrdig zu werden. Mein Oheim will mir Euren Anklaͤger nicht nennen; aber ſo viel iſt gewiß, daß man Euch verdaͤchtiger Verbindungen beſchuldigt. Die Worte des Grafen zerriſſen mein Herz, aber ich ſuchte meine Gefuͤhle zu verbergen in der innerſten Tiefe des Gemuͤths, welches von den widerſprechendſten Regungen beſtuͤrmt wurde. Verehrung fuͤr meinen Oheim und Anhaͤnglich⸗ keit an das Parlament, dem ich geſchworen, kaͤmpften mit Liebe und Achtung fuͤr Euch und Eure Familie um den Preis; aber die Pflicht, einen ehrwuͤrdigen Greis zu retten, errang den Sieg. Ich weiß es, daß Ihr unſchuldig ſeyd; aber in dieſer Zeit der Stuͤrme iſt es nicht ge⸗ — 44— uug unſchuldig zu ſeyn, drum rettet Euch auf das feſte Land. Der Diener, welcher Ench dieſen Brief bringt, ahnet nichts von ſeinem Inhalt. Laßt mir mit gleicher Vorſicht Eure Ruͤckantwort zukommen. Arthur. 4.— An Graf Arthur. London. Empfanget meinen herzlichen Dank, werther Graf! fuͤr die edle und uneigennuͤtzige Art, mit welcher Ihr, um einen ungluͤcklichen Greis mit ſeinem unſchuldigen Kinde zu retten, Euch ſelbſt in die Gefahr begebet, Eurem maͤchtigen Ohm zu mißfallen, und ich muͤßte der undank⸗ barſte der Menſchen ſeyn, wenn ich Euch nicht dagegen mein ganzes Vertrauen ſchenken woll⸗ te. Da es uͤbrigens, um nicht von Euch ver⸗ kannt zu werden, auch noch in einer audern Ruͤckſicht nothwendig iſt, daß Ihr von meinen Verhaͤltniſſen unterrichtet werdet, ſo geſtattet mir, Euch etwas aus meinem fruͤhern Leben mitzutheilen: Aus einem edlen Genueſiſchen Geſchlecht entſproſſen, verlebte ich meine Ju⸗ gendzeit in dieſer großen Handelsſtadt und kernte die weltverbindenden Verhaͤltniſſe deſſel⸗ ben kennen, ohne zu glauben, daß ich von der Vorſehung auserſehen ſey, einſt ſelbſt demſel⸗ ben anzugehoͤren. Ein ungluͤckſeliger Zwei⸗ kampf mit dem Neffen des Doge und die dar⸗ aus nothwendig erfolgenden Verfolgungen der maͤchtigſten Geſchlechter in der Republik, zwangen mich, in Großbritannien eine Zuflucht zu ſuchen, und, obſchon es nach einigen Jah⸗ ren meinen zuruͤckgelaſſenen Freunden gelang, mir Sicherheit zu verſchaffen, ſo hatte ich doch die Friedensinſel, die mir zur Zeit der Gefahr eine Freiſtatt dargeboten, ſo lieb gewonnen, daß ich den Aufenthalt in England ſelbſt jenem auf der Erde vorzog, der mich geboren werden ſah. Ich war entſchloſſen, ein engliſcher „Handelsmann zu werden, denn erſt hier hatte ich geſehen, wie ein Mann von edler Geburt auf eine Weiſe Kaufherr ſeyn kann, daß es nicht nur ſeinem Adel nicht unanſtaͤndig iſt, ſondern daß er durch ausgebreitete und ehren⸗ volle Geſchaͤfte demſelben einen neuen Glanz erworbener Reichthuͤmer verleihe. Ich ſuchte mir Verbindungen in allen Welttheilen zu er⸗ werben, und es gelang mir durch Fleiß und ſtrenge Puͤnktlichkeit mir einen bluͤhenden Erwerb zu verſchaffen, und unvermerkt — 46— wuchs mein kleines Vermögen In gr oßen Summen. Der edle Koͤnig Karl I.(zu Euch, wer⸗ ther Graf! darf ich ihn wohl ſo nennen) be⸗ zeigte mir viele Huld und Gnade, und ſchenkte mir ſein koͤnigliches Zutrauen, mehrmals An⸗ leihen mit mir zu unterhandeln. Mehrere be⸗ deutende engliſche Familien wuͤnſchten in ver⸗ wandſchaftliche Verhaͤltniſſe mit mir zu tre⸗ ten; aber ich war im Herzen meinem vaͤterli⸗ chen Glauben treu geblieben und wollte lieber dem Beſitz ſchoͤner und tugendhafter Britten⸗ zungfrauen, als jenen entſagen; daher blieb ich unvermaͤhlt, bis ein franzoͤſiſcher Kanfmann, der gleich mir ſich in London niedergelaſſen und an meine Lehre glaubte, mir ſeine Tochter zur Gemahlinn anbot, mit welcher ich in der gluͤcklichſten Ehe gelebt habe; ſie gebar mir Roſalinden, und nachdem die tugendhafte Hausfrau durch zwoͤlf Jahre mein Leben ver⸗ ſchoͤnert, ſtarb ſie und ließ dem bekuͤmmerten Gatten als einzigen Troſt uͤber ihren Verluſt⸗ die liebliche Tochter zuruͤck. So wenig es dem Vater ziemt, das Lob ſei⸗ nes Kindes anzuſtimmen, eben ſo wenig werde ich dieſes bei Euch beduͤrfen— Ihr kennt meine Roſalinde! aber doch ſind es wahr⸗ — 1 3— ſcheinlich ihre Vorzuͤge, die mich nun in dieſe große Gefahr— aus der mich nur Eure Groß⸗ muth rettet— geſtuͤrzt haben. Der Haupt⸗ mann Robert war einer der erſten, welcher fuͤr meine Tochter in Liebe entbrannte, er bat mich um ihre Hand; da aber Adel ohne Tu⸗ gend keinen Werth in meinen Augen hat, und es mein erſter Grundſatz iſt, man muͤſſe bei einem ſo wichtigen Schritte auf erheblichere Eigenſchaften Ruͤckſicht nehmen, als Rang und Reichthum, ſo habe ich, ſo ſchonend als moͤg⸗ lich, mich fuͤr die Ehre bedankt, die er meinem Hauſe zugedacht hatte. Ich traue es dieſem Manne zu, daß er auf eine ſo unedle Weiſe an mir Rache zu nehmen ſucht und Eurem Ohm eine ungüͤnſtige Meinung von mir beige⸗ bracht hat. Ueberdieß wuͤrde ich gegenwaͤrtig, da ich Roſalindens Herz gepruͤft habe, auch eh⸗ renvollere Anerbietungen zuruͤckweiſen muͤſſen, denn ſie iſt die Braut des jungen Lelio, des Sohnes eines meiner vertrauteſten Freunde, wie ich aus Genneſiſchen Geſchlecht entſproſ⸗ ſen; er iſt mit ihr aufgewachſen und die Ver⸗ traulichkeit der Kinderjahre hat ein Band um die beiden jungen Leute geſchlungen, welches mit ihnen zum feſten Liebesknoten erwachſen 1I. 2. — — 18— iſt. Ich habe meinem Freunde, der ſich zu Norfolk aufhaͤlt, meine Meinung eroͤffnet, und was erſt ſpaͤter geſchehen ſollte, wird durch Euern Brief befoͤrdert. 8 Ja, theuerſter Graf! ſeit Glaubenswuth und Zwietracht ihre Fackel in Großbritannien entzuͤndet, der Krieg zwiſchen dem ungluͤckli⸗ chen Karl und ſeinem Parlament ausgebrochen eiſt, mußte ich an jedem Tage beſorgen, als heimlicher Katholik erkannt zu werden, und dieſes bewog mich zu dem Entſchluſſe, Eng⸗ land zu verlaſſen und in mein Vaterland zu⸗ ruück zu kehren. Ich habe bereits betraͤchtliche Geldſummen nach verſchiedenen italieniſchen 3 Staͤdten geſandt und mehrere genneſiſche Schif⸗ fe mit meinen Waaren beladen; ich wollte nur eines der letztern erwarten, um mich ſelbſt in meine Vaterſtadt zu begeben— aber Euer Brief aͤndert die Sache. Das Richtſchwert der Bosheit glaͤnzt uͤber meinem Haupte und befiehlt Eile. Darum empfangt mit dieſen Zeilen meinen herzlichſten Dank; moͤge Euch der Himmel das ſchoͤnſte Gluͤck verleihen!— Wenn Ihr dieſe Zeilen leſet, habe ich Euer ſchoͤnes Eiland ſchon im Ruͤcken. G isAnſelmo. * eb M n Anſelmo. Norfolk. Es hieße ſich dem Willen des Himmels wider⸗ ſetzen, wenn man zwei ſo treue Freunde, zwei Kinder trennen wollte, welche ſich lieben, ſo lange ſie denken. Ja wir wollen unſern viel⸗ jährigen Bund durch eine Verbindung Deiner Tochter und meines Sohnes kroͤnen; doch laß uns damit noch ein Jahr warten, welches uns noͤthig ſeyn wird, Deine und meine Angelegen⸗ heiten zu ordnen. Ziehe Du mit Roſalin⸗ den nach Italien; ich werde nach Deinem Beiſpiel all' mein Habe dahin ſenden und Dir mit Lelio folgen. Wenn Genua Dir das Licht des T Tages ge⸗ ſchentt hat, ſo iſt es auch die W Ziege meiner Vorfahren, und welche gluͤckliche Tage wer⸗ den wir in der wiedergewonnenen Heimath leben, wo wir weder Ketzer noch Tyrannen zu fuͤrchten haben und Gott nach der Weiſe unſrer Vaͤter dienen koͤnnen;— wir werden nicht mehr durch Meere von dem vielgeliebten Vaterlande geſchieden ſeyn, und die Suͤßi gigkeit der reinſten Freundſchaft, der Vereinigung un⸗ feres Blutes genießen. Die Gewißheit ihres 2 ₰⸗ künftigen Gluückes wird auch unſern Kindern dieſe kurze Trennung ertraͤglich machen. In wenigen Tagen bin ich bei Dir, denn ich habe vor Deiner Abreiſe ndcha Vieles mit Dir zu beiheechan„Ern eſio. An Graf Aiethur Wena 2— ter Graf an meinem an An feunns genommen, macht es mir zur Pflicht, Euch von dem ungluͤcklichſten Ereigniſſe zu unter⸗ richten, das mein Haus betroffen hat. Mein Freund hat Euch bereits unterrichtet, welches ſeine Entwuͤrfe, und daß er meinem Sohne Lelio die Hand ſeiner herrlichen Tochter zu⸗ gedacht;=— die Ungeduld des gluͤcklichen Braͤu⸗ tigams trieb mich zur Eile, vor einigen Tagen kamen wir zu London an, in welcher großen Stadt es gewiß wenige ſo vergnuͤgte Doppel⸗ paare gegeben haben mag, als wir Vaͤter und unſre beiden Kinder ausmachten; wir beſpra⸗ chen uns uͤber die lachende Zukunft, uüber An⸗ ſelmo's nahe Abreiſe; aber— die Vorſe⸗ hung hatte es anders beſchloſſen! Am folgen⸗ den Tage wurde mein ungluͤcklicher Freund von einem heftigen Fieber befallen, und geſtern weinten wir bereits auf ſeiner Leiche die bitter⸗ ſten Thraͤnen.— Sein letzter Wille ſetzte ſeine Tochter mit meinem Sohne zu Erben ein, und mir uͤbertrug er die Pflicht ſelben zu erfuͤllen. Dieſer niederſchlagende Vorfall ver⸗ aͤndert unſern Plan in ſoweit, daß ich meine eignen Angelegenheiten fremden Haͤnden uͤber⸗ laſſen und mit meinen Kindern ſogleich nach Italien eilen muß. Wir werden uns eheſter Tage auf dem Fahrzeug des Capitain Al⸗ phons von Quevara einſchiffen, welcher zu Alicante nur anlegt und dann nach Genua ſegeln wird. Moͤge Euch der Himmel beſchuͤz⸗ zen, edler Graf! gedenket manchmal einer Familie, die niemals aufhoͤren wird Eure Großmuth zu ſegnen. — Erneſto. 5* 7. an den Graſen von Eſſex. Calais. Was ich getham, wiſſet Ihr, mein hochver⸗ ehrter Ohm! doch wie es kam, daß ich nicht anders konnte, muß ich ſelbſt Euch darthun, denn das Geruͤcht hat gewiß die Sache ent⸗ ſtellt, meine Schuld vergroͤßert. Hauptmann Robert— der Nichtswür⸗ dige!— welcher alle meine Schritte, jeden — 22— meiner Diener bewachen ließ, hatte erfahren, daß ich mit dem wuͤrdigen Kaufherrn Anſel⸗ mo in Briefwechſel ſtehe; er fuͤrchtete, ſeinen teufliſchen Plan nicht wohl angelegt zu haben, und vergaß ſich ſo weit, nicht nur des wuͤrdi⸗ gen Greiſes mit Spott und Hohn zu erwaͤh⸗ nen, ſondern auch von Roſalinden, der reinſten ihres Geſchlechtes, mit zweideutigen Blicken zu ſprechen und mich der Verbindun⸗ gen mit verdaͤchtigen Perſonen zu beſchuldi⸗ gen— alles dieß geſchah vor mehrern Offizie⸗ ren unſres Heeres— ich wies ihn zur Ruhe und ließ ihn, wie er es verdiente, das ganze Gewicht meiner Verachtung und ſeiner Ver⸗ worfenheit fuͤhlen. So wenig auch die Tapfer⸗ keit zu Roberts Eigenſchaften gehoͤrte, er⸗ ſetzten hier Haß und Bosheit ihre Stelle; er griff ans Schwert— das war es, wonach meine Seele lechzte, ich zog, und nach einem kurzen aber erbitterten Kampf ſank der Boͤſe⸗ wicht toͤdtlich verwundet zu meinen Fuͤßen, und geſtand, ehe er ſeine ſchwarze Seele aus⸗ hauchte, daß ſeine Anklage gegen Anſelmo falſch, der Brief, den er Euch uͤberreichte, von ihm ſelbſt geſchrieben war. Omein Ohm! haͤt⸗ tet Ihr der Verlaͤumdung nicht ſo leicht Euer Ohr geliehen, ein edler Mann zierte noch un- ſer koͤnigliches Eiland und Euer Neffe muͤßte nicht in die weite Welt fluͤchten! Ich hatte einen von der Parthei des Par⸗ laments getoͤdtet, und ſo gerecht meine Sache auch war, ſo mußten mich unfehlbar Verfol⸗ gungen bedrohen, vor denen mich ſelbſt Euer maͤchtiger Arm nicht ſchuͤtzen konnte— ich be⸗ gab mich ſogleich an die Meereskuſte und bin gluͤcklich hier angekommen, wo ich Eure Be⸗ fehle und einige Wechſel erwarte, welche mir ein Freund nachſenden wird, um meine Reiſe nach Italien fortzuſetzen. Arthur. 8. An Ritter Olivier. 1 Calais. Wenige Stunden nach unſrer letzten Umar⸗ mung bin ich hier ſchon wieder gelandet, und bei Herrn Roger von Granvilar freund⸗ lichſt aufgenommen worden, wo ich Deine Briefe, das Antwortſchreiben meines Ohms und die noͤthigen Geldzuſchuͤſſe und Ausruͤ⸗ ſtung zu meiner fernern Reiſe abwarten will. Nirgend koͤnnte ich ſichrer ſeyn als hier, denn Roger iſt Katholik und wird die Pflicht der Dankbarkeit nie vergeſſen, daß ich ihm oft mit — 24— eigner Gefahr eine gaſtliche Aufnahme in mei⸗ nem Hauſe zu London gewaͤhrte; er bot ſich ſelbſt zu allen Nachforſchungen an, die ich wuͤnſchen konnte; aber ich habe meinen treuen Georg ausgeſchickt, um ein Schiff zu er⸗ kunden, welches nach Italien ſegelt— und erwarte in jeder Stunde ſeine Ruͤckkehr.— Roſalinde, meine verlorne Roſalinde, ſteht unaufhoͤrlich in ihrem ganzen Liebreiz vor den Augen meiner Phantaſie, und ich bin ent⸗ ſchloſſen, ihren Spuren zu folgen durch die ganze Welt. Du kannſt nicht glauben, wel⸗ chen Muth ich im Herzen fuͤhle, wenn ich hoffe, ſie in Genua aufzufinden, wenn ich auch nimmer auf ihre Liebe, auf ihren Beſitz rechnen darf— ſchon das Wiederſehen wird mei⸗ nen ſehnſuͤchtigen Gefuͤhlen einiger Troſt ſeyn. Tages darauf. Ich muß Dir doch, mein Olivierl ein ſelt⸗ ſames Abentheuer erzaͤhlen, das mir hier auf⸗ geſtoßen iſt.— Es ſcheint als wolle die Liebe, die in Großbritannien eine ſo unguͤnſtige Strenge gegen mich bewieſen, mir auf Frank⸗ reichs Boden ein freundlicheres Antlitz zeigen, einen Erſatz fuͤr meinen Verluſt anbieten, den ich leider zu empfangen nicht geſtimmt bin— doch ich will in Ordnung erzaͤhlen: Geſtern Abends kam Georg mir zu mel⸗ den, er ſey im Hafen geweſen und habe mir einem Schiffshauptmann unterhandelt, wel⸗ cher ein Freund des Alphons von Que⸗ vara ſey, der, auch wie dieſer, zu Alicante anlegen und dann nach Italien ſegeln wolle; er werde in zwei Tagen die Segel lichten, und es ſtehe bei mir, die Reiſe auf dieſem Fahr⸗ zeuge zu machen, welches ich gar wohl zufrie⸗ den war, und ihn ſogleich wieder fortſchickte, um mit dem Schiffshauptmann abzuſchließen. Ich habe Dir zu ſagen verſaͤumt, daß Herr Roger eine ſchoͤne Tochter, Fraͤulein Bathilde, beſitzt, was Du mir um ſo leichter verzeihen wirſt, da ich mir nicht im Traume einfallen ließ, daß ſie irgend einen Einfluß auf mich aͤußern wuͤrde. Bathilde behandelte mich ſeit dem Augenblick meiner Ankunft mit ausgezeichneter Hochachtung und Gefaͤlligkeit, die ich mit Dank erkannte; ſie war gegenwaͤrtig, als mir Georg die Botſchaft des Schiffshauptmanns brachte, und ich den Entſchluß zur Abreiſe faßte; man ſah, daß ein Kampf in ihrer Seele vorgehe, und Georg machte mich auf die uͤbelverbor⸗ genen Thraͤnen des Fraͤuleins aufmerkſam; doch war ich weit von der Eitelkeit entfernt, — mir einzubilden, die wenigen Vorzuͤge, die mir Natur geſchenkt hat, wuͤrden ſo ſchnell ein weibliches Herz entzuͤndet haben; leider belehrte mich der heutige Morgen eines an⸗ dern. a Herr Roger hatte, um den letzten Tag meines Aufenthaltes feſtlich zu begehen, ein großes Jagen, in den Waldern, welche Calais umgeben, angeſtellt; aber ich war gar nicht zu einer ſolchen Vergnuͤgung gelaunt, und verlor mich bald aus dem Kreiſe der muntern Jaͤgersleute, um ungeſtoͤrt mich meinen wa⸗ chen Traͤumen und dem Gedanken an Roſa⸗ linden uͤberlaſſen zu koͤnnen— eine unbe⸗ ſchreibliche Traurigkeit ergriff mein Gemuͤth, ich ſah meine verlorne Geliebte in den Armen des allzugluͤcklichen Lelio, und ohne meiner ſelbſt recht bewußt zu ſeyn, rief ich laut, gleich als koͤnne ſie meine Stimme hoͤren: „Undaukbare, grauſame Roſalindel du lachſt vielleicht in den Armen eines Beguͤnſtig⸗ ten der Leiden, in die du mich geſtuͤrzt haſt, und dennoch, wie du auch meine Liebe verach⸗ teſt, muß ich dir uͤberall hin folgen, und bald wirſt du auch meines Todes lachen.““ „Nein, du wirſt nicht ſterben!“ antwor⸗ tete mir eine Stimme aus dem Gebuͤſch, die mir nicht unbekannt ſchien.— Hoͤchſt bewegt erhob ich mich, warf meine forſchenden Blicke rings herum und erblickte endlich Bathilde, die ſich im Sturm der heftigſten Leidenſchaft zu meinen Fuͤßen warf. „Nein, du wirſt nicht ſterben,“ wieder⸗ holte ſie,„wenn die zaͤrtlichen Gefuͤhle dich dem Leben erhalten koͤnnen. Roſalinde hat ſich einem Andern ergeben; aber ich komme um die Deinige zu ſeyn. Liebe die Grauſame nicht, die dich verachtet, und vereinige dich durch ein gluͤckliches Eheband mit der, die dich anbetet. Ich will ja nur deine Gemahlin hei⸗ ßen und dir eine demuͤthige Seclavinn ſeyn; gluͤcklich, wenn ſie dir uͤberall folgen darf, denn ich kann nicht mehr ferne von dir leben.“ Dieſes Geſtaͤndniß, welches ſo ſehr aller Sittſamkeit und weiblichen Schaam wider⸗ ſprach, machte mich noch kälter, ſtatt mein Herz zu ruͤhren. Ich hob das Fraͤulein mit Gewalt aus ihrer demuͤthigen Stellung empor, und bat ſie in kurzen Worten, einer ungluͤck⸗ lichen Leidenſchaft zu entſagen, die ich eben ſo unfreiwillig erzeugt, als ich durchaus un⸗ faͤhig ſey, ſie zu erwiedern; dann ſchwang ich mich auf mein Roß und verließ Bathil⸗ den, welche ſich, vermuthlich in Schaam und — 28— Reue uͤber ihr unſchickliches Betragen, den ganzen Tag nicht mehr ſehen ließ, was mir mehr, als ihre ſchmeichelhafte Erklamg⸗ Freude machte. 1 Morgen lichten wir die Auker und die nach⸗ l Kuade e ſande ich Dir aus Alicante zu. Arthur⸗ 4. 3. 9. 53 An Arthur. 9 London. Dein Oheim hat Deine Flucht nunmehr für vöͤllig unnütz erklaͤrt; er hat dem Parlament die Sache vorzuſtellen gewußt, daß Ro⸗ berts falſche Anklage, als Beweggrund des Zweikampfs erſchien, und umſonſt habe ich es verſucht, die Nothwendigkeit darzuthun; nächſtens erhaltſt Du wahrſcheinlich ein Zu⸗ ruͤckbernfungsſchreiben von ihm— moͤge es Dir beſſer gelingen ſeinen Sinn zu beugen. Bathildens heftige Liebe zu Dir hat mich bewogen uͤber das, was nach Deiner Trennung von ihr vorgegangen, Erkundigung einzuziehen, und ich kann mich nicht enthal⸗ ten, Dir die Reſultate mitzutheilen, ſo wenig Dir ſelbe auch wohl erfreulich erſcheinen wer⸗ den. Bathilde hat einen abermaligen Be⸗ 4 weis geliefert, wie unaufhaltſam ein Weib in den Abgrund ſinkt, wenn ſie ein einziges Mal die Schranken der Sitte uͤberſchritten hat, wie weder Pflicht noch Vernunft mehr eine Ge⸗ walt uͤber ihr verwirrtes Gemuͤth ausuͤben können; Du hatteſt ſie kaum verlaſſen, als das Fraͤulein, ſtatt eine wahnſinnige Leiden⸗ ſchaft zu bekaͤmpfen, einen Plan entwarf, Dir, ſelbſt wider Deinen Willen, zu folgen, und ſo ſchnell, als es der Drang der Umſtaͤn⸗ de gebot, zu deſſen Ausfuͤhrung ſchritt; ſie hielt ſich den ganzen Tag uber verborgen und begab ſich im Dunkel der Nacht in das Ge⸗ maͤuer eines verfallenen Waldſchloſſes, mit ihrer Amme Baſilie, die Ausfuͤhrung ihres Entwurfes in Ueberlegung zu ziehen, waͤhrend Du im leichten Boote dem Fahrzeug zu⸗ ſchwammſt, das Dich nach Italien bringen ſollte. Dieſe Amme iſt, nach der Ausſage der ganzen Gegend, ein verworfenes und geiziges Weib, in den Tagen der Jugend verſchwende⸗ riſch mit ihrer Gunſt, und wenn Bathilde mit ihrer Milch nicht ſchon das Gift des La⸗ ſters eingeſogen, ſo empfing ſie wenigſtens von ihr die Wuth der Leidenſchaft; ſie rief zu dieſer Berathſchlagung auch Bathildens Milchbruder, Florin, das Pfand einer un⸗ — 80— rechtmaͤßigen Liebe der Alten, welcher ſeine Mutter noch an Liſt und Tuͤcke uͤbertrifft. Nachdem alle uͤber die Flucht des Fraͤuleins einig geworden waren, begaben ſie ſich in Rogers Schloß, trugen, waͤhrend dieſer ſanft und ohne Arg ſchlummerte, Geld und Koſtbarkeiten fort, ſo viel ſie zuſammenbrin⸗ gen konnten, beſtiegen drei Roſſe aus des Ritters Stalle, und begaben ſich wieder in die Ruinen des Waldſchloſſes, wo Florin die Frauen unter dem Vorwande verließ, ein Fahrzeug aufzuſuchen, welches ſie nach Ar⸗ thurs Schiffe bringen ſollte; endlich kam er zuruͤck, brachte maͤnnliche Gewaͤnder, die Bathilde zu mehrerer Sicherheit anziehen mußte, und rieth ihr— o welcher Schlangen⸗ hohn! den Namen Fortunat anzunehmen; doch waren die Fluͤchtlinge kaum eine Viertel⸗ ſtunde im dichten Walde fortgewandert, als ſie von einer Schaar Raͤuber umringt wurden, welche mit Florin einverſtanden und von ihm in den Hinterhalt gelegt waren; ſie ban⸗ den Bathilden an einen Baumſtamm und nahmen die Flucht mit ihrem Gold und allen Koſtbarkeiten. Das ungluͤckliche Fraulein erhielt erſt ſpät am Tage Huͤlfe; ein Landmann aus der Ge⸗ gend band ſie los und gewaͤhrte ihr, ohne ihr Geſchlecht zu kennen, eine Ruheſtaͤtte in ſeiner Huͤtte. Nach einiger Erholung uͤberlegte Ba⸗ thilde, was ſie nun beginnen ſollte; ſie konnte nicht zwelfeln, Du werdeſt bereits ab⸗ geſezelt ſeyn, und da ſie nimmer wagte, auf die Burg ihres Vaters zuruͤck zu kehren, bat ſie ihren Befreier, ihr einen Fuͤhrer zu geben, der ſie aus dem Walde und auf die große Heer⸗ ſtraße nach dem Schloſſe des Ritter Gautier geleite. Gautier iſt ein Edelmann, der ſchon in fruͤherer Zeit ſehr fuͤr Bathilden ent⸗ brannt war, vielleicht es noch ſeyn konnte; er hatte oft von Herrn Roger die Hand ſeiner Tochter verlangt; aber dieſer hatte ihm ſolche jedesmal verſagt, weil er ihn als einen gott⸗ loſen, grauſamen Mann, und in allen Luͤſten und Verbrechen erſoffen, kannte. Gautier ſtellte ſich vor einiger Zeit an die Spitze eines Raͤnberhaufens, welcher die Kuͤſte beunruhigt und ihn nur deshalb zum Anfuͤhrer gewaͤhkt hatte, weil er alle an Tuͤcke und Argliſt uͤber⸗ traf— und dieſem verbrecheriſchen Arm woll⸗ te Bathilde ihre Vertheidigung gegen die gerechte Entruͤſtung eines ſchwerbeleidigten Vaters anvertrauen! 1 9 A eö.* 8 1 2 Der Wirth des Fraͤuleins war ſo arm, daß er nicht einmal einen Knecht hatte, daher muß⸗ te er ihr ſelbſt zum Fuͤhrer dienen. Ein hefti⸗ ager Regenſtrom uͤberfiel die Wanderer auf ihrem Wege, und ein Baͤchlein, in kurzer Zeit zum heftigen Waldſtrom angewachſen, hemm⸗ ate ihren Schritt. Der treue Fuͤhrer lud den falſchen Fortunat, deſſen Geſchick ſeinem Namen ſo wenig entſpricht, auf ſeine Schul⸗ tern, und wagte es, ihn auf die andre Seite zu tragen; er glitt aus, und wurde im Ange⸗ ſicht Bathildens, welche ſich an eine ins Waſſer haͤngende Weide anklammerte, von den reißenden Fluthen verſchlungen. Einige Bauern kamen herbei, das Fraͤulein zu retten und tru⸗ gen ſie in eine arme Huͤtte, aus welcher ſie nach einer Ruhe von drei Tagen ſich aufmach⸗ te, um Ritter Gautiers Burg zu erreichen; ſie war nun bereits auf der Heerſtraße und bedurfte keines Fuͤhrers mehr; aber von der Nacht uͤberfallen, ſah ſie ſich gezwungen, nur noch wenige Stunden von dem Ziel ihrer Reiſe entfernt, in eine Herberge einzutreten. Zu Bathildens Ungluͤck war zugleich mit ihr ein reicher Kaufherr in die Herberge gekommen, und Gautier, der davon Kunde erhalten, ſtuͤrmte mit ſeinen wilden Geſellen heran. Waͤhrend das Fraͤulein ſchlummerte, wurden die Pforten erbrochen, die Raͤuber üͤberfielen das Haus; Bathilde erwachte, trat erſchrocken aus ihrer Kammer, und in demſelben Augenblick erhielt ſie einen Piſto⸗ lenſchuß in die Bruſt; dieſelbe Hand, die ſie beſchuͤtzen ſollte, hatte ihr den Tod gegeben— ein reuevoller Brief an ihren Vater, den ſie einem wohlthätigen Prieſter einſagte, war das letzte Geſchaͤft ihres Lebens. Du kannſt Dir vorſtellen, welchen Eindruck dieſes Blatt auf den ungluͤckſeligen Vater machte, dem, trotz aller Bemuͤhung, nicht einmal der ſchwache Troſt zu Theil wurde, die Verführer und Möͤrder ſeines Kindes der Strenge der Geſetze zu uͤbergeben; Baſilia und Florin ſind auf einem ſpaniſchen Schiffe der Strafe ent⸗ ohen. 1 4. Olivier. 2 10. An Olivier. Alicante. Das traurige Schickſal der verblendeten Ba⸗ thilde hat mich ſehr geruͤhrt; zumal, da ich mit den beiden Verruchten die Ueberfahrt nach Alicante machte. Ich erkannte ſogleich die alte II. 3 Baſilia und ihren Sohn; aber auf meine Anfrage, was die Urſache ihrer Entfernung aus dem Vaterlande ſey, gaben ſie vor, die Mutter habe eine reiche Anverwandte auf der Inſel Corſika, deren Einladung zu Folge, ſie den Ritter verlaſſen und nun einem frohern Geſchick entgegen eilten. Haͤtte ich vermu⸗ thet, welche grauſame Verbrechen ſie aus Frankreich verbannen, ich haͤtte wenigſtens durch die blutigſte Rache an ihrem Moͤrder Bathilden einen Beweis meiner Dankbar⸗ keit fuͤr ihre ungluͤckliche Neigung geben koͤn⸗ nen. d unhn Mein Unſtern leuchtet noch immer— kaum hier angelangt, erfuhr ich, daß die ſchoͤne Roſalinde ſich ſchon wieder entfernt hatte. Erneſto mit ſeinen beiden Kindern war nach einer ſehr ſchnellen und guͤnſtigen Fahrt hier angelangt; aber die Seereiſe hatte den alten Mann ſo ſehr angegriffen, daß die Aerzte ihn nur nach einer Erholung von mehreren Mona⸗ ten die weitere Reiſe geſtatten wollten; da jedoch Roſalindens Anweſenheit in Ita⸗ lien zur Uebernahme des vaͤterlichen Erbe un⸗ bedingt nothwendig war, ſo erlaubte der gute Greis, daß ſich ſein Sohn und deſſen ſchoͤne Braut auf einem Fahrzeuge einſchifften, wel⸗ ches zu Cagliari landen und von dort nach Ge⸗ nua ſegeln ſollte. Mein Oheim hat mir geſchrieben; doch wo⸗ zu ſoll ich ihm antworten?— Mein Vater⸗ land iſt fuͤr mich verloren, und ich werde mich morgen einſchiffen, damit ich, ohne Umweg, fruͤher als Roſalinde in Genua ankom⸗ me; dort will ich das Fahrzeug erwarten, wel⸗ ches den hoͤchſten Schatz der Erde, welches das enthält, was mir das einzige Theure iſt— ich will die Schoͤne, die ich zu beſitzen, keine Hoffnung mehr habe, noch einmal ſehen, und dann ſterben. 3 Arthur. 11. An Erneſto. Tunis. O mein theurer Vater! wo ſoll ich Worte, wo Kraft finden, Dir die Groͤße meines Elends darzuſtellen?— Ich will es verſuchen, Dir im Zuſammenhange zu erzaͤhlen, was mit mir vorgegangen, ſeit wir Dich in Alicante verlie⸗ ßen; aber wenn ich es vielleicht nicht im Stande bin, ſo verzeih dem zerruͤtteten Geiſte Deines ungluͤcklichen Kindes. Wir ſchwammen auf der Hoͤhe des mittel⸗ laͤndiſchen Meeres, als ſich ein gewaltiger Sturm erhob— das Schiff war dem Unter⸗ gange nahe, und Alles draͤngte ſich um die Wette, das Boot, das einzige Mittel zur Ret⸗ tung zu betreten; jeder wollte der erſte ſeyn, dieſe letzte Zuflucht zu erreichen; man rang um den Eingang; die Todesangſt hieß zu den Waffen greifen; mehrere Reiſende wurden in der Verwirrung getoͤdtet und ins Meer gewor⸗ fen; auch ich, wider meinen Willen in das Gewuͤhl geriſſen, wurde verwundet; aber mit ſtarkem Arm ergriff mich Dein edler Lelio, der zu meinem Schutze ſich durchgedraͤngt hat⸗ te, und trug mich in die Schaluppe, wel⸗ che, ein Spiel der ſtuͤrmenden Wellen, dahin ſchwamm und endlich an einem oͤden Strand landete.— Eine weite Flaͤche mit brennen⸗ dem Sande bedeckt, bot ſich unſern Blicken dar, und Du kannſt Dir gaͤr nicht denken, wie verlaſſen wir uns vorkamen. Ich hatte viel Blut verloren und lag, nothduͤrftig verbun⸗ den, beinahe erſchoͤpft am Boden; auch meine treue Iſabella, welche Dein Sohn eben⸗ falls gerettet hatte, erlag ſchier der Laſt ihrer Leiden. Lelio war in Verzweiflung, ſo gar nichts zu unſrer Erleichterung thun zu koͤnnen, und rannte, angſtvoll ſuchend, laͤngs dem Ge⸗ ſtade hinauf.— Endlich ſah er ein Schiff in der Ferne und verließ uns, um Rettung auf⸗ zuſuchen. nn Lelio verſchwand aus unſern Blickenn Iſabella war vor Mattigkeit enrſchlum⸗ mert, und doppelt fuͤhlte ich die Einſamkeit und Huͤlfloſigkeit meines Zuſtandes;— die Minuten wurden mir zu Stunden, die Stun⸗ den zu Jahren; aber die Sonne ſank, die Nacht ſenkte ihre dunkeln Fittige auf die Erde herab, und noch immer kam Lelio nicht zuruͤck; meine Angſt war unbeſchreiblich und tanſend⸗ mal erflehte ich mir einen ſchnellen Tod. O, haͤtte die Vorſicht mein inniges Bitten erhort, welchen unheilbaren Elend waͤre ich entgangen! Es war ſchon ganz finſter, als ich ein Licht von fern ſchimmern ſah, und nach einigen Mi⸗ nuten nahte mir ein alter Mann in morgen⸗ laͤndiſcher Tracht, von einigen Sclaven umge⸗ ben, die Fackeln in der Hand trugen; er fraͤgte uns in ſpaniſcher Sprache, ob wir die beiden Frauen waͤren, die mit einem Juͤngling hier gelandet, und auf meine bejahende Antwort befahl er den Selaven, uns in ſein Schiff zu tragen; aber dieſe ſchienen dazu gar keine Luſt zu haben; mit gierigen Blicken ſchauten ſie nach unſern Gewaͤndern, welche, ſo unſchein⸗ bar ſie zum Theil durch den Sturm geworden, noch immer ihren Geiz erregten. Ein Streit in einer uns fremden Sprache ſchien uns Tod und Beraubung zu kuͤnden; doch ſprach der Alte endlich einige Worte, welche die Sclaven an die Pflicht des Gehorſams erinnerten; ſie beuchten ſich ehrfurchtsvoll und trugen uns in das harrende Fahrzeug. 8 Ich frug nach Lelio, und der Alte verſi⸗ cherte, ich wuͤrde ihn in ſeinem Hauſe finden, bat mich aber zugleich, heute nur auf meine Erholung bedacht zu ſeyn, morgen ſolle ich von Allem unterrichtet werden. Ich gab ſeinem Bitten nach, und als wir in tiefer Nacht in ſei⸗ nem Hauſe ankamen, ließ ich mich zu Bette bringen. Nach einigen Stunden trat der Alte vor mein Lager, doch Lelio war wieder nicht bei ihm— ich ahnte Ungluͤck, und auf meine dringende Bitte begann er ſeine Erzählung: „Als ich geſtern von einer Schifffahrt heim kehrte, erblickte ich auf einem Huͤgel eine Ge⸗ ſtalt, die huͤlfeſuchend umher zu irren ſchien; ich warf mich ſelbſt in das Boot und gewahrte, als ich naͤher kam, einen Juͤngling, der ſchier verzweifelnd nach Huͤlfe rief und mich in ver⸗ ſchiedenen Sprachen, die ich nicht verſtand, an⸗ — 39— ſprach; eudlich bediente er ſich der ſpaniſchen, und frug mich, in welchem Theile der Welt er ſich befinde? Ich antwortete ihm, daß er auf den Kuͤſten von Tunis ſey, und, falls man ihn als Chriſt erkennte, ohnfehlbar auf dem naͤch⸗ ſten Markt als Sclave verkauft werde; als er aber fortfuhr und mir erzaͤhlte, er habe ſich aus einem Sturme mit zwei ihm ſehr theuern chriſtlichen Frauen hieher gerettet, da ſchien es mir gleichſam ein Wink der Vorſehung zu ſeyn, euch und mich zugleich zu retten, denn ihr muͤßt wiſſen, daß ich nicht unter dieſen Barbaren geboren bin, und durch ein boͤſes Geſchick un⸗ ter ſie gefuͤhrt, ſchien mir hier nach langen Jahren zum erſtenmale wieder die Hoffnung zu leuchten, das Gluͤck des Vaterlandes und meines Glaubens mit euch zu theilen. Ich bin auf dem Eilande Majorka geboren und trieb dort das Gewerbe eines Schiſtshandtmanner; es moͤgen ungefaͤhr zwanzig Jahre ſeyn, als ich mit meiner Tartane in dieſen Gewaͤſſern kreuzte; ich wurde von den Corſaren von Tu⸗ nis angegriffen, nach einem heftigen Kampfe mein Schiff genommen und ich zum Sclaven gemacht. Nachher— ich geſtehe es zu mei⸗ ner Schande— ſey es, um meine Feſſeln zu loͤſen, oder aus einiger Anhaͤnglichkeit au mei⸗ — 40— nen unglaͤubigen Herrn, der mich mit groͤßerer Guͤte behandelte, als es ſonſt hier gewoͤhnlich iſt, habe ich meinen Gott verlaͤugnet; aber nein Herz hatte keinen Theil an dem Verbre⸗ chen meiner Zunge, und ihr dürft mir glau⸗ ben, daß ich kein ſo boͤſes und falſches Ge⸗ muͤth habe, als meines Gleichen pflegen. Die⸗ ſes, und einige Kenntniß in der Schiffahrts⸗ kunde haben mich ſo weit gebracht, daß mich der Dey zu ſeinem Schiffshauptmann er⸗ nannt hat. Alles dieſes ſagte ich dem Juͤng⸗ ling, und ſprach zu ihm: 3 t „Troͤſte dich, Fremdling! und danke dem Himmel, daß er dich zu mir geleitet hat. Ich will dir treulich dienen. Keiner meiner Leute hat dich verſtanden; ich will ihnen verhehlen, wer du biſt, und auf Mittel ſinnen, dich und die Deinigen zu retten; vielleicht wird mir die⸗ ſes verdienſtliche Werk gelingen, und Gott mir dafuͤr meine Suͤnden verzeihen.“— „Um euch ſo ſchnell als moͤglich zu Huͤlfe zu eilen, gebot ich meinem Steuermann, et⸗ was weiter in See zu ſtechen, und in die Muͤndung des nahen Fluſſes einzufahren, waͤhrend ich ſelbſt mich mit dem Juͤngling und einigen tuͤchtigen Ruderern in das Boot warf, um euch zu Huͤlfe zu eilen; aber ſo — 1 — 45— ſchnell ſich mein Boot auch von dannen ruͤhrte, ſo ſchien doch die Fahrt dem ungeduldigen Juͤngling(dem ich mittlerweile eine Beſchrei⸗ bung von dem Zuſtande dieſes Koͤnigreichs und der benachbarten Staaten machte) viel zu langſam, und ich hatte viele Muͤhe, ihn nur einigermaßen zu beruhigen. Als wir um ein kleines Vorgebirge, das ſich vom Lande hin⸗ aus ins Meer erſtreckte, herum fuhren, ſtie⸗ ßen wir auf einige algieriſche Fahrzeuge, wel⸗ che uns anhielten. Ich gab mich als Freund der Corſaren und Schiffshauptmann des Dey von Tunis zu erkennen, und bat um Gnade fuͤr den Juͤngling, den ich eben vom Schiff⸗ bruch errettet zu haben vorgab; aber der al⸗ gieriſche Raͤuber war unerbittlich„ und ließ euern jungen Begleiter ſogleich mit Feſſeln be⸗ legen, welcher, ehe er mich verließ, mir noch einige Kleinodien von hohem Werthe gab, und mich beſchwor, euch zu retten. Als wir hier landeten, war es ſchon dunkel geworden, ich ließ Fackeln anzuͤnden, und nicht ohne Muͤhe fanden wir euch; aber eine neue Gefahr drohte: meine Matroſen hatten die Koſtbar⸗ keit eurer Gewaͤnder und den Glanz enres Ge⸗ ſchmeides wohl bemerkt, und meinten, ihr ſeyet ohnedieß ſchon halb todt, es werde alſo wohl das Beſte ſeyn, euch vollends den Gar⸗ aus zu machen, um jene zu erbeuten. In dieſer großen Noth gab mir der Himmel einen Ausweg ein, den einzigen, um euer theures Leben zu retten— ich gab vor, ich wuͤrde euch fuͤr den Harem des Dey von Tunis in Empfang nehmen, worauf ſie von ihrem moͤr⸗ deriſchen Beginnen abſtanden, und ich euch hieher bringen laſſen konnte. Ich muß dieſe Zuſage erfuͤllen; aber ſeyd unbeſorgt, der Dey iſt ein bejahrter Mann, in deſſen Schloſſe eure Tugend keine Gefahr laͤuft, und ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, euch der⸗ einſt Gelegenheit zur Flucht zu verſchaffen, und mit euch nach Europa zuruͤckzukehren.“ Als der redliche Renegat ſeine Erzaͤh⸗ lung geendet hatte, verſank ich in die tiefſte Betruͤbniß, und umſonſt verſuchte er mich zu troͤften und zur Hoffnung au die Zukunft zu erheben. Was ſoll ich hoffen! rief ich ſchier ver⸗ zweifelnd aus, da jeder Augenblick meines Lebens mir ein neues Leiden mit ſich traͤgt. Nur Iſabellens zaͤrtliches und anhal⸗ tendes Flehen konnte mich bewegen, einige Nahrung zu mir zu nehmen, und ihr Zuͤreden ſtillte den Strom meiner Thraͤnen. Ein in⸗ — 43— niges Gebet zum Himmel verlieh mir endlich ſo viel Faſſung, daß ich dem getreuen Su⸗ leym in den Pallaſt des Deys folgen konnte, welcher an den ſchwachen Reizen, die Deinen edlen Sohn ins Elend gelockt, einen großen Wohlgefallen zu finden ſchien und mir mit gro⸗ ßer Guͤtigkeit begegnete. Um nicht von Iſa⸗ bellen getrennt zu werden, gab ich vor, ſie ſey meine Mutter, und der Juͤngling, welcher eben in die Haͤnde des algieriſchen Geſchwa⸗ ders gefallen, mein Bruder. Nach einer ziem⸗ lich langen Unterredung ſandte mich der Dey zu ſeiner Gemahlinn Almanſaris, nebſt der Weiſung, mich mit ausgezeichneter Ach⸗ tung zu behandeln, weil ich zu hohen Zwecken beſtimmt ſey. Zitternd forſchte ich, welches dieſe Zwecke ſeyn, und— ſtelle Dir mein Ent⸗ ſetzen vor, als ich vernahm, daß ich zum Ge⸗ ſchenk fuͤr den Großherrn beſtimmt ſey. Su⸗ leym erhielt zum Lohn das bewaffnete Fahr⸗ zeug nebſt allen Sclaven und eine große Summe. Almanſaris empfing mich mit der Theilnahme einer muͤtterlichen Freundſchaft, und bei ihrem ſanften Gemuͤthe haͤtte es der Weiſung ihres Gemahls nicht bedurft, um mich einer ſolchen Aufnahme theilhaftig zu machen. In wenigen Tagen ließ mich die — 44— zärtliche Theilnahme der Fuͤrſtinn, die mich ganz als Freundinn behandelte, beinahe s ver⸗ geſſen, daß ich gefangen war. Der Dey wurde gefaͤhrlich krank; Al⸗ manſaris zagte an ſeinem Schmerzens⸗ lager, nnd treulich theilte ich ihre Sorge, ſo, daß der Geneſende mir die deutlichſten Merk⸗ male der Dankbarkeit gab. Eines Tages bat mich die Fuͤrſtinn, ihren Gemahl durch eine freundliche Weiſe zu erheitern— ich ergriff die Laute und ſang das Lied einer Gefangenen, ihre Sehnſucht nach der Freiheit. Ich wurde ſehr bewegt, Thraͤnen rollten uͤber meine Wan⸗ gen, und gerührt von den melancholiſchen Toͤ⸗ nen, fragte der Dey, was er wohl zu meinem Troſte thun koͤnne? Haͤtte ich in dieſem Augenblick dankbarer Regung um meine Freiheit gefleht, ich glaube, er haͤtte ſie gewaͤhrt; aber ich hatte eine wich⸗ tigere Bitte, und was ſollte mir das Leben ohne Lelios ich ſtuͤrzte daher zu ſeinen Fuͤßen und entgegnete: Großmuͤthiger Fuͤrſt! da du, wie ich es an mir erfahren, die Zuflucht aller Ungluͤcklichen und der Beſchuͤtzer der Unter⸗ druͤckten biſt, ſo fuͤge zu den Wohlthaten, wo⸗ mit du mich bis zu dieſer Stunde uͤberhaͤuft, noch eine und die groͤßte hinzu: gib mir mei⸗ — 45— nen Bruder wieder! fodre du ſeine Ausliefe⸗ rung von dem Dey von Algier— deiner Macht möͤgen es dieſe edlen Hande verdanken, daß ſie nicht langer das niedrige Ruder fuͤhren muͤſ⸗ ſen— gib ihnen die Freiheit, daß ſie das Schwert unter deinen Befehlen zu deiner Ver⸗ theidigung fuͤhren, und mein geliebter Bruder moͤge keine andere Sclaverei kennen, als jene, welche Gunſt dankbaren Herzen auferlegt. Der Dey wurde von meinen Bitten geruͤhrt und ſandte Suleym nach Algier, um Le⸗ lios Auslieferung zu betreiben; aber— denke Dir, mein Vater! den Todesſchmerz, als der treue Abgeſandte mit der Nachricht zuruͤckkam: der junge Sclave, welchen man fodre, ſey zu Algier, niedergedruͤckt durch ſeine Gefangenſchaft und den Verluſt einer ihm theuern Perſon— O Lelio! deine Zaͤrt⸗ lichkeit fuͤr eine Ungluͤckliche brach dein treues Herz!— von einer Sehnſucht und Schwer⸗ muth befallen worden, die ihn zum Tode ge⸗ fuͤhrt, und man habe ſeinen Leichnam ins Meer geworfen.— Ich ſank beim Empfang dieſer Botſchaft leblos zu Boden, ſo daß die Fuͤr⸗ ſtinn mit Iſabellen und ihren Frauen mich nur mit Muͤhe wieder ins Leben zuruͤckrufen konnte, und ſie glaubten Alle, ich würde ein — 46— Opfer meines allzugroßen Schmerzes werden; leider aber ſiegte die jugendliche Kraft und ich erholte mich allmaͤhlich. Ich weiß wohl, mein Vater! daß ich Dich erſt haͤtte vorbereiten ſollen, ehe ich Dir die Botſchaft von dem Verluſt Deines einzigen Sohnes mittheilte; aber ich habe ja eben ſo viel, wie Du, verloren, und die Erinnerung an dieſen unerſetzlichen Verluſt iſt noch ſo lebhaft, daß ich, waͤhrend ich die vorigen Zeilen nieder⸗ ſchrieb, faſt eben ſo bewegt war, als wie ich jene Botſchaft erhielt, und unmöglich kann ich Dir ſolche kunſtreich und vorſichtig darſtel⸗ len; vergib das Deinem ungluͤcklichen Kinde. So eben war der treue Suleym bei Iſa⸗ bellen und ſagte ihr, ein Genueſer, wel⸗ cher eben ſein Loͤſegeld vom Hauſe erhalten und morgen dahin zuruͤckkehren werde, habe es uͤbernommen, Dir meine Zeilen zu uͤberbrin⸗ gen.— Gott verleihe Dir Kraft dieſen Schlag zu ertragen! aien Roſalinde. 12. 5 An Iſabella. Verzeihe, meine muͤtterliche Freundinn! ich habe unſer Geheimniß verrathen— aber die⸗ — 2— ——— — 4— ſer Verrath wird uns keine Gefahr bringen, denn die edelſte Seele iſt Mitwiſſerinn unſers Geheimniſſes geworden.— Die gute Fuͤrſtinn, welche, obſchon in morgenlaͤndiſchen Gebraͤu⸗ chen erwachſen, doch meine Schmerzen theilt, und mit nicht minderm Abſcheu, als ich ſelbſt, dem Gedanken Raum geben kann, mich in die Arme des Großherrn ausgeliefert zu wiſſen. Doch ich will Dir alles ſo ordentlich als moͤg⸗ lich zu erzaͤhlen verſuchen. 1 Den erſten Tag nach Deiner Entfernung vermißte Dich niemand; der Fuͤrſt und die Fuͤrſtinn waren mit den Anſtalten zur Ver⸗ maͤhlung des Prinzen beſchaͤftigt; jener berech⸗ nete den Zuwachs von Macht, welcher ihm durch die Verbindung mit dem Dey von Tri⸗ polis geſichert werde, und dieſe erfreute ſich an der Schoͤnheit und Herzensguͤte der jungen Prinzeſſinn; aber geſtern, als ſie mich der letz⸗ tern vorgeſtellt hatte, und ſodann allein in meinem Gemache weilte, vermißte ſie Dich, meine traute Iſabellal und frug, wo Du ſeyeſt, da ſie Dich ſchon zwei Tage nicht ge⸗ ſehen? Ich wollte auch ihr, wie wir es uns ausgeſonnen, ſagen, Du habeſt Dich zu Su⸗ leyms Gattinn begeben, um ihr in der Ge⸗ burt muͤtterliche Sorgfalt zu ſchenken; aber, — 46— unerfahren im Luͤgen, ſtotterte ich, eine bren⸗ nende Gluth uͤberzog meine Wangen, und ich geſtand der Färſtinn, daß ich ſchon beim Ein⸗ zug der Prinzeſſinn in ihrem Gefolge einen jungen Sclaven erblickt habe, deſſen Zuͤge große Aehnlichkeit mit denen meines geliebten Lelio gehabt, ſo, daß ich trotz der kaum zweifelhaften Nachricht von ſeinem Tode, mich aufs Neue von Hoffnung und Sehnſucht er⸗ griffen gefuͤhlt, welche zu ſtillen, ſich meine Iſabella hinaus in die Wohnungen der Sclaven begeben, um nach dieſem Juͤngling zu forſchen. iin war it fuil Haͤtteſt Du die herzliche Theilnahme ſehen koͤnnen, welche Almanſaris mir bezeigte, Du wuͤrdeſt jeden Tadel meiner Geſchwaͤtzig⸗ keit zuruͤcknehmen, und ich baue ſehr auf ih⸗ ren Beiſtand zu unſrer Befreiung. Tages darauf. Dieſe Nacht hatte ich einen eben ſo wunder⸗ baren als erfreulichen Traum.— Ich war in dem Gedanken an Dich und das Gewerbe, welches Du fuͤr mich auszurichten gegangen warſt, eingeſchlafen; iſt es da wohl ein Wun⸗ der, daß mich holde Bilder umgaben? und doch hat dieſes Traumgebilde mein Gemüth mit — 49— einer ſo großen Freudigkeit erfuͤllt, daß ich mich kaum enthalten kann, ſolches fuͤr ahnungsvoll und weiſſagend zu erklaͤren. Hoͤre ſelbſt: Mir kam es vor, als ginge ich am Mee⸗ reoſtrand luſtwandeln, da erhob ſich mein Le⸗ lio aus den Wellen, ſchoͤner und freundlicher als je; er ſtreckte den Arm ſehnſuchtsvoll nach mir aus, und ſchien mich an ſein treues Herz drücken zu wollen; aber kaum hatte ich ihm die Hand entgegen gereicht, als ein Ungeheuer, das ſo ſcheuslich ausſah, daß ich es Dir gar nicht zu beſchreiben im Stande bin, mich er⸗ griff und wieder von meinem Geliebten trenn⸗ te— es trug mich dahin, wo die Sonne auf⸗ geht, und ſchwebte mit mir auf den Fluthen; doch Lelio war mir auch dahin gefolgt, und rettete mich.— Ein Delphin trug uns auf ein ſchoͤnes Eiland, wo wir der reinſten Seligkeit genoſſen, als ein Greif, mit den gewaltigen Fluͤgeln ſchlagend, meinen Lelio anfiel und mit Schnabel und Krallen ſein Herz zerflei⸗ ſchen wollte; aber ein Schwan, weißer als der Schnee, vertheidigte meinen Geliebten, und bei den ſuͤßen Toͤnen ſeines Geſanges ergriff der Greif die Flucht. Lelios Wunden ſchloſ⸗ ſen ſich ſchnell und ſchmerzlos, und von un⸗ ſern Leiden blieb uns nur die Erinnerung. Ich 17. 4 erwachte voll Freude und Hoffnung und fuͤhle mein Gemüͤth durch dieſen Traum wunderbar getroͤſtet und belebt. 8r enn 4 Gegen Abend. Es ſcheint heut einmal ein Tag des Seltſa⸗ men und Außerordentlichen zu ſeyn, meine Iſabella! hoͤre, was ſich mit mir zugetra⸗ gen: Ich mußte mich hente mit Alm anſa⸗ ris in ihre Gaͤrten begeben, und hatte mich eben ein wenig von den uͤbrigen Frauen ent⸗ fernt, als ſich mir ein altes Weib von widri⸗ ger Geſichtsbildung näherte und zu mir ſprach: „Schoͤnes Fraͤulein! ich wage gern mein Leben fuͤr die Ehre dir zu dienen. Hoͤre auf, dich zu betruͤben, und gib der Hoffnung wie⸗ der Raum; dein Befreier iſt in dieſem Lande augekommen und wird dich aus der Sclaverei erretten; er liebt dich, er betet dich an, und wird dich zur gluͤcklichſten Frau der Erde ma⸗ chen. Es iſt nothwendig, daß du dich ihm ver⸗ traueſt und mit ihm die Flucht ergreifeſt, denn der Dey, welcher dich zum Geſchenke fuͤr den Großherrn beſtimmt, und ein Fuͤrſtenthum fuͤr deine wundervollen Reize zu erhalten hofft, wird dir niemals die Freiheit geben.“ Ich blieb ſprachlos vor Erſtaunen und Freude, denn ich glaubte nicht anders, als Erneſto ſey auf meinen Brief ſelbſt herbei⸗ geeilt, um meine Feſſeln zu loͤſen; aber die Alte riß mich bald aus dieſem Irrthum, indem ſie mir das Bild eines wunderſchoͤnen Juͤng⸗ lings entwarf, der, ehe er ſeine Entwuͤrfe ausfuͤhren koͤnne, ein Geſpräͤch mit mir ver⸗ langte. Tadle mich nicht zu ſtreng, meine tugend⸗ hafte Iſabella! wenn ich Dir ſage, daß ich, der jungfraͤulichen Zucht entgegen, es zu⸗ geſtand, den Juͤngling morgen zu ſprechen— es kann jedoch kein andrer ſeyn, als mein Le⸗ lio, den der Himmel erhalten hat, um mich aus dem tiefſten Elend in den Himmel der Liebe zu tragen. Roſalinde. 13. An Olivier. Genua. Du haſt lange nichts von mir gehoͤrt, mein geliebter Olivier! ſeit ich Dir Erneſto's An⸗ kunft in Genna und Roſalindens Schiff⸗ bruch auf dem mittellaͤndiſchen Meere in ab⸗ gebrochenen Worten erzaͤhlte, nahm ich mir von Woche zu Woche vor, nach meinem Va⸗ terlande zuruͤckzukehren; konnte aber nicht 4.. — 52— den Muth dazu faſſen. Wenn ich dem alten Manne auf der Gaſſe begegnete, der, troſtlos uber den Verluſt ſeiner Kinder, ſein Daſeyn hinſchmachtet, fuͤhlte ich meinen Schmerz er⸗ nent und verdoppelt— ich wollte ihm ent⸗ fliehen, aber eine innere Ahnung feſſelte mich an dieſe Stadt— ſie hat nicht gelogen und ich bin der Gluͤcklichſte auf Erden. Geſtern ging ich aus meiner Wohnung, als mich ein Mann von ſo gemeinem Ausſehen antrat, daß ich ihn fuͤr einen Galeerenſcla⸗ ven gehalten haben wuͤrde, waͤren ſeine Fuͤße nicht ohne Ketten geweſen; er fragte mich, ob ich ein Englaͤnder ſey? Auf meine beja⸗ hende Antwort fuhr er, mir einen Brief rei⸗ chend, fort: 9 „Ich bitte euch, mein edler Herr! mir zu ſagen, an wen dieſer Brief gerichtet ſey, der von der groͤßten Wichtigkeit iſt. Ich kann nicht leſen, und weiß nur, daß der vornehme Herr, an den er geſchrieben wurde, von Lon⸗ don hieher gekommen ſeyn ſoll, und man ver⸗ wies mich in der Oſteria an euch; ihr wuͤrdet mir gewiß Auskunft geben koͤnnen. 4 Ich warf einen Blick auf den Brief, und — denke Dir mein Erſtaunen! es war Roſa⸗ lindens Hand und das Schreiben an Er⸗ — 53 3— neſto gerichtet— ohne zu wiſſen, was ich that und ſagte, verſprach ich, den Brief an den rechten Mann zu beſtellen, der mein Freund ſey, ſich aber gegenwaͤrtig nicht in Genua be⸗ finde. Dann fragte ich den Mann, auf welche Weiſe und durch wen dieſer Brief nach Genua gekommen ſey, und jener entgegnete: „Ich heiße Antonio und ſtand in Dien⸗ ſten eines reichen genuefiſchen Kaufherrn, der mich einſt in ſeinen Angelegenheiten zu Schiffe nach der Inſel Corſika ſandte; aber unſer Fahr⸗ zeug wurde von den Seeraͤubern der barbari⸗ ſchen Kuͤſte weggenommen und ich als Sclave nach Tunis geſchleppt, wo ich zwei Jahre in Feſſeln ſchmachtete; endlich haben meine Ver⸗ wandten ſo viel zuſammengebracht, um das Loͤſegeld für mich hinzuſchicken, und als ich frei wurde, gab mir ein Schiffshauptmann des Dey, Namens Suleym, dieſen Brief; er ſoll von einer ſchoͤnen Sclavinn ſeyn, welche zu Tunis mit ausgezeichneter Achtung behan⸗ delt wird.“ Ich beſchenkte den Mann reichlich, erkun⸗ digte mich um ſeinen Aufenthalt(welcher ein kleines Staͤdrchen, ſechs Meilen von hier, iſt) und entließ ihn, nachdem ich ihm das Verſpre⸗ — 54— chen abgenommen, auf meinen Ruf wieder in Genua zu erſcheinen. 18 Roſalinde lebt!— mit dieſem Aus⸗ ruf riß ich den Brief auf, und ſo lang er auch war, ſo war ich doch in wenigen Mi⸗ nuten damit fertig, wußte, daß ſie vom Schiff⸗ bruch in Sclaverei gerathen, Lelio geſtorben ſey und ſie auf Erloͤſung harre— dieſer Ge⸗ danke erweckte mich zu neuem Leben und ſenkte einen lichten Hoffnungsſtrahl in die Nacht mei⸗ nes Leidens. Zwar war dieſer Brief nicht an mich gerichtet, die Pflicht foderte, ihn an Er⸗ neſto abzugeben; aber wie haͤtte ich die Won⸗ ne, ihr Befreier zu werden, mit einem andern theilen koͤnnen?— Ich wußte mir Briefe an den engliſchen Geſandten zu Conſtantinopel zu verſchaffen, die mir wohl in Tunis einiges Anſehen geben werden, und nachdem ich auf einem Schiffe, welches die Abgeſandten des Ordens der Gnade zur Erloͤſung der Chriſten⸗ ſelaven nach den Raubſtaaten fuͤhrt, drei Pläͤtze gemiethet, verſah ich mich hinlaͤnglich mit Geld und Kleinodien, berief den treuen Antonio hieher, den ich leicht beredete, mich zu begleiten, und werde morgen mit ihm und meinem Georg zu Schiffe gehen. Aus Tu⸗ nis erhaltſt Du wieder Nachricht von mir. Arthur. An Signor Erneſto. Troͤſtet Euch, ehrwuͤrdiger Greis! Ihr habt nicht beide geliebte Kinder verloren; und wenn ich Euch nicht mit Gewißheit ſagen kann, ob Euer Sohn noch am Leben iſt, ſo befindet ſich wenigſtens Roſalinde, zwar in Sclaverei an der Kuͤſte von Afrika, doch geſund und wohl. Ein Retter eilt ſie zu befreien und in Eure Arme zuruͤckzufuͤhren. 1 2 Arthur, 177 6184 3. An 9 livier. Tunis. Vom Himmel beſchuͤtzt, bin ich hiehergekom⸗ men; alles ſcheint ſich zu vereinigen, um das Gelingen meines Planes zu begunſtigen, nur — Roſalinde widerſetzt ſich mir— doch ich will Dir alles in gehoͤriger Reihenfolge er⸗ zaͤhlen: Schon auf dem Wege unterrichtete mich Antonio, daß ich nicht hoffen durfe, Ro⸗ ſalindens Freiheit mit Golde zu erkaufen, da der Dey geheime Abſichten mit der ſchoͤnen Jungfrau zu haben ſcheine; doch um mich zu — 36— troͤſten, ſagte er mir, er kenne einen Gaͤrtner des Dey, Namens Murad und ſeine Mut⸗ ter Amra, beides heimliche Chriſten, und ſo klug, daß es ihnen gewiß nicht an einem Mit⸗ tel fehlen wuͤrde, die Entfuͤhrung der ſchoͤnen Roſalinde zu bewerkſtelligen. Ich war nicht wenig erſtaunt, in dieſen beiden Leuten die verworfne Amme der ungluͤcklichen Ba⸗ thilde und ihren Sohn zu erkennen, und gern haͤtte ich beide ſogleich meinem gerechten Zorn aufgeopfert; aber— ſo ſtark iſt die Liebe, daß ich ſelbſt den Beiſtand ſo widerli⸗ cher und veraͤchtlicher Menſchen gern annahm. Florin und ſeine Mutter baten mich, ſie mit mir nach Europa zu nehmen, und die Alte war ſo dienſtfertig, daß ich ſchon am zweiten Tage die ſchoͤne Roſalinde im Gaͤrtner⸗ hauſe ſprechen konnte; ſie ſchien mehr erſchrok⸗ ken als uͤberraſcht bei meinem Anblick, und es kam mir vor, als mahle ſich getaͤuſchte Er⸗ wartung in ihren Zuügen.— Ich ſtuͤrzte ihr zu Fuͤßen und beſchwor ſie, mir nach Europa zu folgen und mich mit ihrer Hand zu begluͤk⸗ ken; aber ſie weigerte ſich ſtandhaft und ver⸗ ließ mich mit zornigen Blicken auf die Aür welche a an der Thuͤre ſtand. Florin trat zu mir, und meinte, man koͤnne ihr ja auch gegen ihren Willen die Frei⸗ heit geben, und, fuhr er fort, iſt das Unter⸗ nehmen gluͤcklich gelungen, ſo duͤrft ihr Alles von ihrer Dankbarkeit hoffen. Ich habe ein kleines Fahrzeug in einer Bucht verborgen, und will euch heute Abends bis zu den Gemaͤchern der ſchoͤnen Roſalinde geleiten, die in den arten hinaus gehen; ein paar baumſtarke Hennen, denen wir die Freiheit verſprechen und ſie mit nach Spanien hinuͤber nehmen, ſollen ſie dann mit Guͤte oder Gewalt auf ihren Schultern in's Fahrzeug tragen. Ich uͤberhaͤufte den Kerl, deſſen Zuͤge mir bei dieſen Worten viel regelmaͤßiger und ehr⸗ licher vorkamen, mit Geſchenken, und— morgen bin ich im Beſitz der liebenswuͤrdigen Roſalinde. Du ſtaunſt?— Du haͤltſt mich fuͤr wahnſinnig und dieſen ganzen Plan fuͤr unausfuͤhrbar?— aber was iſt der Liebe und dem Golde unmoͤglich? G Arthur. 116. An Roſalinden. Ich habe meine Nachforſchungen, wie Du es wuͤnſchteſt, fleißig fortgeſetzt, und in der That, zwar nicht Deinen Lelio gefunden, doch eine wichtige Entdeckung gemacht. Ich ſuchte den Sclaven auf, deſſen Aehnlichkeit mit Leliv uns ſo ſehr in Erſtaunen geſetzt hatte, ließ mich in ein Geſpraͤch mit ihm ein und erfuhr bald, daß er aus Genua gebuͤrtig und, mit ſeiner Gattinn in Sclaverei gerathen, nun von der Gunſt ſeines Herrn die Freiheit zu erhalten hoffe; er nannte ſich Leander, und als ich nun die Urſache ſeiner Entfernung aus Genua forſchte, erzaͤhlte er mir, ſein Oheini habe ihn fortgeſandt, um eine geliebte Schnur aus den Ketten der Barbaren zu befreien, die ihn jedoch ſeiner Paͤſſe beraubt und ſelbſt in Feſſeln geſchlagen— kurz, meine theure Ro⸗ ſalinde! dieſer Leander iſt ein Neffe des edlen Erneſto, und von ihm ausgeſandt, Dich zu erretten. Morgen mehr von ihm und dem wuͤrdigen Greis. ii Iſabella. 13 2.17. An Iſabella. Du haſt durch Suleym erfahren, daß der zunge Mann, welcher die Tollkuͤhnheit gehabt, mich entfuͤhren zu wollen, kein andrer war, als Graf Arthur, der ſchon in England um meine Hand warb, ſogar den Mahler beſtach, ihm eine Copie meines Bildes zu verfertigen, und der nun hieher gekommen, mich zu retten, und ſeine Werbung zu erneuern— ſeine Liebe iſt edel, und man wird mich vielleicht tadeln, daß ich ſie nicht annehmen kann; aber wahre Liebe fuͤhlt man nur einmal, und da mein Lelio fuͤr mich verloren iſt, will ich nie das Eigenthum eines Mannes werden. Dieſes hatte ich dem Grafen am Morgen erklaͤrt, und hoffte, er werde nach Europa zuruͤckkehren— denn unmoͤglich kann ich ihm meine Freiheit verdanken— als ich Abends Getoͤſe und Waf⸗ fenklirren unter meinen Fenſtern hoͤrte. Ich ſandte herab, und erfuhr, daß ſich der Graf auf die leichtſinnigſte Weiſe in große Gefahr geſtuͤrzt hatte. Der abgefeimte Murad, nachdem er den Grafen beredet hatte, mich ge⸗ waltſam zu entfuͤhren, eilte, ſich dem Dey zu Fuͤßen zu werfen, entdeckte ihm das ganze Unternehmen und verſprach ihm, den kuͤhnen Maͤdchenraͤuber auszuliefern. Als der Graf an der Pforte meiner Gemaͤcher erſchien, die er nach Murads Verſprechungen— denen lei⸗ der der unglückliche Juͤngling, von Leidenſchaft verblendet, zu viel Glauben geſchenkt hatte— — 60— offen finden ſollte, ſtuͤrzten bewaffnete Krie⸗ ger von beiden Seiten hervor, die ihn, trotz der tapferſten Gegenwehr, gefangen nahmen und, mit Feſſeln belegt, in einen dunkeln Kerker ſchleppten; auch ſeine Dienerſchaft wurde in demſelben Augenblick gefangen ge⸗ nommen, ſeine Gelder und Papiere mit Be⸗ ſchlag belegt, und der Prozeß auf hieſige Weiſe augenblicklich entſchieden; naͤmlich, man trug die Gelder und Koſtbarkeiten in den Schatz des Dey, verurtheilte die Diener zum Ruder und Graf Arthur zum Tode; er empfing die⸗ ſen Ausſpruch ohne Zagen und ſoll nicht ein⸗ mal ein Zeichen der Erſchuͤtterung gegeben haben, als das Ungeheuer, Murad, in ſein Gefaͤngniß trat, dem man das Amt des Nach⸗ richters anvertraut hatte. Von allem unterrichtet, ſah ich es als hei⸗ lige Pflicht an, den edlen Juͤngling aus einer Gefahr zu retten, in die er ſich aus Liebe zu mir geſtuͤrzt harte. Ich warf mich dem Dey zu Fuͤßen, erzählte ihm die ganze Lage der Umſtaͤnde, und erhielt ſeine Begnadigung— ich flog ſelbſt mit dem Boten des Fürſten in Arthurs Gefaͤngniß, und kam eben in dem Augenblick dahln, wo Murad das Beil er⸗ hoben hatte.— Halt! rief ich, ſank ohne 8 Beſinnung nieder und kam erſt in meinen Ge⸗ mächern wieder zum Gebrauch meiner Sinne. Heute iſt Graf Arthur aus ſeinem Ker⸗ ker entlaſſen worden; aber ich glaube mir nicht viel auf ſeine Rettung zu Gute thun zu durfen, denn man hat unter ſeinen Papieren Briefe an den brittiſchen Geſandten bei der hohen Pforte gefunden, und— Du kennſt die Abgoͤtterei, welche dieſe Mauren mit allem aus Conſtantinopel treiben— glaubte die Freundſchaft des Miniſters zu gewinnen, wenn man, aus Achtung fuͤr ihn, einen brittiſchen Herrn ſchone. Doch wirſt Du der Gerechtig⸗ keitsliebe des Dey Deinen Beifall nicht verſa⸗ gen, denn er befahl, den beiden Verfuͤhrern, Murad und Amra, augenblicklich den Pro⸗ eß zu machen. 3 n3 Roſalinde. 18. An Olivier. Tunis. Mein letzter Brief meldete Dir die teufliſche Verraͤtherei des Buben Florin und ſeiner abſcheulichen Mutter, welche ſie mit dem Tode gebuͤßt haben, und heute ſiehſt Du mich im Begriff wieder zu Schiffe zu gehen, und mich nach Conſtantinopel zu begeben; ich hoffe von dort aus mehr, als ſelbſt hier, fuͤr Roſalindens Befreiung wirken zu koͤnnen, da mir der Beiſtand unſers Geſandten nicht fehlen kann, denn erloͤſen muß ich die grau⸗ ſame Schoͤne, die mir nun, als Retterinn meines Lebens, noch theurer geworden iſt. Die Tuͤrken bereiten ſich, Candia anzugrei⸗ fen, und der Aga der Janitſcharen, Amu⸗ rath, iſt hieher gekommen, um mit dem Dey, uͤber die Unterſtuͤtzung, welche dieſer der Pforte leiſten muß, Abrede zu nehmen. Amurath erbot ſich, fuͤr meine Ueberfahrt Sorge zu tragen, und mich zu dem brittiſchen Botſchafter nach Conſtantinopel zu bringen; auch Roſalinden verſprach er in eigner Perſon dem Großherrn zu uͤberliefern; aber der Dey, welcher wohl weiß, wie wenig man einem Muſelmann eine ſchoͤne Jungfrau an⸗ vertrauen kann, zumal, wenn er mit ſo luͤ⸗ ſternen Blicken umher ſchielt, als dieſer Ja⸗ nitſcharen⸗Aga, lehnte dieſes zweite Erbieten ab, und ſo ſüß ich es mir vorſpiegelte, auf einem Schiffe mit der Angebeteten uͤber das Meer hin zu ſchwimmen, ſo haͤtte dieſer Schritt doch zu große Gefahren fuͤr meine Liebe er⸗ zeugen muͤſſen, denn, wenn der Sultan Ro⸗ ſalindens zauberiſche Reize einmal erblickt hat, iſt an ihre Befreiung nicht mehr zu denken. 5 Morgen ſegelt Amuraths Schiff nach Algier, mit deſſen Dey er ebenfalls zu un⸗ terhandeln hat, und ich beſteige eine Brigan⸗ tine, deren Schiffshauptmann er mich vor⸗ zuͤglich empfahl. Wir ſegeln vor der Hand nach Candia und von dort wird mich Amu⸗ rath weiter befoͤrdern. Arthur. 19. An Roſalinden. Wie Du es begehrteſt, bin ich wieder zu Leander gegangen, mich naͤher bei ihm zu erkundigen, ob Erneſto Deinen Brief erhal⸗ ten, und wie es moͤglich ſey, einen zweiten an ihn zu ſenden? Aber waͤhrend ich mit ihm im Geſpraͤch begriffen war, nahte uns einer von denjenigen Sclaven, welche die Prinzeſ⸗ ſinn von Tripolis hieher begleitet hatten, faßte meine Hand und ſprach mit gedaͤmpfter Stimme: „Biſt du es, meine theure Iſ abella?“ „Gott im Himmel! rief ich außer mir vor — 64— freurigem Schreck, iſt es Lelio, mein ge⸗ liebter Lelio, den ich ſehe?”“ Und Lelio entgegnete: „Ja, ich bin es, wenn Roſalinde noch die Meinige werden kann; ſo uns aber das harte Geſchick auf immer getrennt hat, ſo bin ich nur ein wandelnder Schatten, ein un⸗ gluͤcklicher Spielball des Elends und der Ver⸗ zweiflung.“ Auf meine Verſicherungen, daß Du nie aufgehoͤrt, ihn treu und zaͤrtlich zu lieben, ſchrieb er den inliegenden Brief an Dich.— O, daß ich nicht Dein wonniges Erroͤthen ſehen kann, wenn Dein Auge zum erſtenmale wie⸗ bei die langentbehrten theuren Zuͤge erblickt! Iſabella. 20. An Dieſelbe. O meine theure, geliebte Roſalindel wie unausſprechlich gluͤcklich hat mich Iſabella durch die Verſicherung gemacht, daß Du mich noch mit gleicher Treue liebeſt, ſelbſt als Du mich fuͤr todt und verloren hielteſt, nicht ein neues Liebesgluͤck in den Armen eines edlen und ſchoͤnen Mannes annehmen wollteſt! Als Dein ſchoͤnes Herz mich zu retten ver⸗ ſuchte, erhielteſt Du die Nachricht, ich ſey geſtorben und mein Leichnam ins Meer gewor⸗ fen worden— aber die Friſche des Seewaſſers erweckte meine Lebensgeiſter; ich rettete mich durch Schwimmen und erkletterte ein Felsſtuͤck; dort fanden mich die Leute des Dey von Tri⸗ polis, deſſen Sclave ich nun werden mußte. Durch Fleiß und Gewandtheit in manchen Kuͤnſten, die dieſem Lande fremd ſind„ er⸗ warb ich mir die Gunſt des Sclavenaufſehers, der mich dem Dey empfahl, und ſo erbat ich mir leicht die Gunſt unter die Zahl der Scla⸗ ven aufgenommen zu werden, welche zum Heirathsgut der Prinzeſſinn gezaͤhlt wurden. Hier hoffte ich Nachrichten von Dir zu erhal⸗ ten und— fand das Gluͤck des Lebens. Du erhaͤltſt dieſen Brief aus den Haͤnden des ed⸗ len und treuen Suleym, welcher der Schutz⸗ geiſt unſrer Liebe iſt— ſein Schiff iſt bereit uns aufzunehmen, er hat mich und Leau⸗ der mit ſeiner Gattinn vom Sclavenaufſeher fuͤr ein paar Tage erbeten, und da er das Vertrauen des Dey in ſo hohem Grade beſitzt, ſo nahm jener gar keinen Anſtand, ſein Begeh⸗ ren zu erfuͤllen— auch die Wachen an Dei⸗ ner Pforte ſind gewonnen, und folgen uns II. 5 nach Europa— ehe die Mondſcheibe ins Meer ſinkt, liegſt Du am Herzen des Gluͤcklichſten aller Menſchen. 4 1m Lelio. 21.— 1 An Erne ſto. a Mallorka. Der Gluͤckliche, mein theurer Vater! ſchreibt keine langen Briefe; mein Tagebuch und ei⸗ nige Briefe meiner Roſalinde und ihrer treuen Iſabella moͤgen Dir bekannt ma⸗ chen, was mit uns vorging, waͤhrend Du meinen Tod beweinteſt. Unſre Liebe hat ei⸗ nen Schutzengel in dem edlen Schiffshaupt⸗ mann Suleym gefunden, der uns aus der Sclaverei gerettet und glücklich auf dieſes Friedenseiland gebracht hat, das ihm das Licht des Tages geſchenkt. Wir ſegelten noch im Dunkel der Nacht davon, und da unſre Ent⸗ fernung erſt am hohen Tage bemerkt werden konnte, ſo mochte der Dey ſeine Barken aus⸗ ſenden, uns konnte keine mehr erreichen, und er wuͤthe immerhin! 3 Unſer Retter(welcher nun wieder ſeinen chriſtlichen Namen Roderich angenommen) wird in wenigen Tagen abermals die Anker A₰ — 67— lichten, und dieſer Brief moͤge ein Verkuͤnder des nahen Wiederſehens werden. Lelio. 22. An Denſelben. Mallorka. O mein Vater! warum habe ich voreilig die Thraͤnen getrocknet, welche Du um Dein ge⸗ toͤdtetes Kind weinteſt, damit Du nun noch bitterere Zaͤhren uͤber den ungluͤcklichen Sohn vergießen mußt?—— Wenige Tage nach dem Abgang des nea⸗ politaniſchen Fahrzeugs, dem ich das Paket an Dich mitgab, gingen auch wir unter Se⸗ gel, aber ein widriger Wind trieb uns zu weit oſtwaͤrts, als wir ploͤtzlich auf ein Geſchwa⸗ der ſtießen— umſonſt ſuchten wir demſelben auszuweichen; man hatte unſer Fahrzeug be⸗ reits bemerkt, und fuͤhrte uns zu der Flotte des Janitſcharen⸗Aga, welcher ſich eben nach Candia begab, und als man ihm meldete, der Schiffshauptmann ſey der Renegat Su⸗ leym, welcher einige bewaffnete junge Leute und drei Franen am Bord habe, deren eine von ſtrahlender Schoͤnheit ſey, ließ er uns alle an Bord des Admiralſchiffes bringen und 5. / fragte. Sukeym um den Zweck ſeiner See⸗ reiſe? Dieſer ſagte ihm, er ſey von dem Dey ausgeſandt, das Heer der Chriſten zu erfor⸗ ſchen und ihm von ſeinen Entdeckungen in Candia Bericht zu erſtatten, von welchem Ei⸗ land er binnen zwei⸗ Monaten zuruͤckkehren werde. Der Aga ſchien ſeinem Vor haben Glau⸗ ben zu ſchenken, doch ſprach er: „ Dieſe drei Frauen koͤnnen deinem Begin⸗ nen mehr ſchaden als nuͤtzen, und ich will ſie einſtweilen als Geißeln fuͤr die Wahrheit dei⸗ ner Ausſage hier behalten. Du kannſt verſi⸗ chert ſeyn, daß, wenn du, deiner Verſiche⸗ rung zu Folge, binnen zwei Monaten wieder bei mir erſcheinſt, du ſelbe ſo wieder erhaͤltſt, wie du mir ſie uͤbergeben; aber wenn du ein Treuloſer biſt, ſo ſchwoͤre ich dir bei dem gro⸗ ßen Propheten, die Friſt, die ich dir gebe, iſt auch der Zeitpunkt ihres Todes, und ſie fal⸗ len als dir Opfer deiner Verraͤtherei. Du haſt meinen unabaͤnderlichen Entſchluß vernommen, und kannſt deine Reiſe fortſetzen.“ Dn forderſt zu viel, mein Vater! wenn Du willſt, daß ich Dir die Wirkung beſchreibe, welche dieſe Worte auf Roſalinden und die Uebrigen machte— mich hatten ſie zu Stein erſarnt, und ſchier ohne Bewußtſeyn brachte — 69— mich Roderich wieder hieher zuruͤck, wo er alles Noͤthige zu beſorgen denkt, um zur rech⸗ ten Zeit wieder bei Amurath einzutreffen, um die ungluͤcklichen Frauen zu retten. 1 Lelio. 23 An Den ſelben. Rhodus. Erſchreckt nicht, werther Herr! wenn Ihr von einer fremden Handſchrift Nachricht von Enrem Sohne erhaltet; er lebt und wird ſich erholen von dem Leid, das ihn zu allen Be⸗ ſchaͤftigungen unfaͤhig macht, ſo, daß er mir den Auftrag gab, Euch den ungluͤcklichen Ausgang unſrer letzten Schifffahrt mitzuthei⸗ len und durch ein eben abgehendes genueſiſches Schiff zuzuſenden. Als ich mein Schiff gewendet hatte, und wir das tuͤrkiſche Geſchwader aus den Augen verloren, ſann ich unaufhoͤrlich daruͤber nach, wie ich die ſchoͤne Noſalinde mit ihrer Hof⸗ meiſterinn und die Gemahlinn Enres Neffen retten koͤnne; aber um den Schutz des Him⸗ mels nicht zu entbehren, war mein erſtes Ge⸗ ſchaͤft, ſo wie wir auf Mallorka gelandet, die ketzeriſchen Irrlehren, welche ich zu Tunis au⸗ genommen, zu den Fuͤßen eines chriſtlichen Al⸗ tars wieder abzuſchwoͤren; dann gab ich mich meinen Verwandten zu erkennen, uͤbernahm das Erbe meiner Vaͤter, welches meine Vet⸗ tern verwaltet haben, und fing ſorgſam meine Anſtalten zu treffen an, um meine Zuſage zur beſtimmten Zeitfriſt zu loͤſen und die Frauen zu retten. Euer edler Sohn war in ſo trau⸗ riger Gemuͤthsſtimmung, daß er endlich in eine Krankheit verfiel, die unſre Abreiſe et⸗ was verzoͤgerte; doch Dank ſey es Lean⸗ ders Troͤſtungen, welcher ſeine Hoffnung neu belebte, und, obſchon Lelio noch nicht ganz hergeſtellt war, trieb er mich ſelbſt zur Eile an. Endlich flatterte das Segel und ich ſteckte die Flagge der Chriſten auf, bewahrte jedoch fuͤr den Nothfall auch die tuͤrkiſche. Vir beruͤhrten Meſſina, und ich nahm da einen Steuermann auf, der mit dieſen Ge⸗ waͤſſern wohl bekannt war; doch wurden wir durch einen Sturm gezwungen, auf dieſem Eilande anzulegen, um das Schiff, welches ſehr gelitten hatte, auszubeſſern. Gluͤckli⸗ cherweiſe traf ich hier einen alten Bekannten, Sinar mit Namen, der uns, waͤhrend mein Fahrzeug wieder hergeſtellt wurde, Gelegen⸗ heit verſchaffte, auf den Schiffen, welche den — 71— Tuͤrken Lebensmittel zufuͤhren, nach Candia zu kommen. Wir ſegelten bei Nacht ab, und Lelio luſtwandelte auf dem Verdeck, in ſchwermuͤthige Traͤume von der Gefahr ſeiner Geliebten verſunken; aber als wir eben vor einem kleinen Eiland, unfern des Strandes von Rhodus, voruͤber ſegelten, auf dem man im Mondlicht die Truͤmmer einer alten Burg mit einem hohen und ſtattlichen Thurm er⸗ blickte, da kam es Eurem Sohne vor, als hoͤrte er folgende traurige Worte mit dem ruͤh⸗ rendſten Ausdrucke: d „O Lelio! Leliol deine Roſalinde muß ſterben, und du kannſt nicht einmal ih⸗ ren letzten Seufzer empfangen.— Der Schmerz, von dir getrennt zu ſeyn, toͤdtet ſie, und nimmer, mein theurer Lelio! werden wir uns wieder ſehen.“ 3 „Roſalinde!“ rief Lelio; aber er hielt, was er gehoͤrt, nur fuͤr ein wundervol⸗ les Anzeichen ihres Todes, und in dem Ueber⸗ maß ſeiner Betruͤbniß wollte er ſelbſt den Tod in den Wellen ſuchen; mit Muͤhe hielten wir ihn zuruͤck und ſuchten ihn zu beruhigen. Wir landeten zu Candia, und meine erſte Sorge war, mich mit Lelio und Leander — 2— in das Zelt des Aga zu begeben, zu dem ich ſprach:— „Du ſiehſt hier Suleym, den getreuen Sclaven des Dey von Tunis, und ich erſchei⸗ ne zu deinen Fuͤßen, noch ehe ich meinem Ge⸗ bieter Rechenſchaft abgelegt habe; ich will dir zuerſt meine Entdeckungen mittheilen, und dann fodre ich auch die Erfuͤllung deiner Zu⸗ ſage, naͤmlich, daß du mir die drei gefange⸗ nen Frauen zuruͤckgibſt, die du als Pfand meiner Treue zuruͤckbehalten haſt.“ Nach dieſen Worten erzaͤhlte ich ihm weit⸗ laͤuftig, was ich von dem Zuſtande des Chri⸗ ſtenheeres und den Schiffen, welche die katho⸗ liſchen Fuͤrſten gegen die Tuͤrken ausſandten, theils gehoͤrt und theils mir erſonnen hatte. „Suleym,“ entgegnete Amurath, „du verkuͤndeſt mir nichts, was den gemeinen Janitſcharen meines Heeres unbekannt waͤre, und verdienſt vielmehr Strafe als Belohnung fuͤr eine ſo unnuͤtze Reiſe: doch wuͤrde ich dir die Sclavinnen zuruͤckgeben, wenn es in mei⸗ ner Gewalt ſtuͤnde. Du ſollſt erfahren, wie ſtrenge die Moslems ihr Wort halten.— Er⸗ innere dich der Zeitfriſt, die ich fuür deine Ruͤck⸗ kehr und die Dauer ihres Lebens feſigeſetzt ha⸗ be— ich war punktlicher als du, und wie der — 73— letzte der beſtimmten ſechzig Tage voruͤber war, fielen ihre Haͤupter unter dem Beil des Hen⸗ kers. So gebot es der Wille des heiligen Pro⸗ pheten und mein Eid. Rechne ihren Tod dei⸗ ner Saumſeligkeit zu und empfange, was mir uͤbrig bleibt, dir zuruͤckzuſtellen.“ Mit dieſen Worten entfernte ſich der Aga und ſandte mir durch ein paar Selaven die blutbefleckten Gewaͤnder der Frauen. O edler Herr! ich bin ein rauher Seemann; aber das Blut gerann in meinen Adern, und den Zu⸗ ſtand Eures Sohnes zu beſchreiben, bin ich nicht im Stande; unaufhoͤrlich wiederholte er die Worte, die vor jenem Eiland zu ihm er⸗ ſchollen waren, und belegte uns mit Verwuͤn⸗ ſchungen, daß wir ihn abgehalten, ſich in das⸗ jenige Meer zu ſtuͤrzen, welches gewiß auch den Leichnam ſeiner geliebten Roſalinde verſchlungen habe— endlich ſank er erſchoͤpft zu Boden, wir trugen ihn in das Fahrzeug und kehrten hieher zuruͤck— nur von der Zeit kann ich Linderung ſeiner Schmerzen hoffen. Roderich. — An Ol ivier Rom. 3 habe all' mein Erdenglück verloren, aber das Heil der Seele errungen, und— bin ruhig. Jener treuloſe Muſelmann verzoͤgerte mei⸗ ne Abreiſe nach Conſtantinopel von Tage zu Tage, und ich war gezwungen, einſtweilen auf der ruͤrkiſchen Flotte zu verweilen, als ich eines Tages die Nachricht erhielt, Roſalin⸗ de ſey mit dem Renegaten Suleym aus Tunis entflohen, von den Tuͤrken gefangen genommen und getoͤdtet worden—— ich er⸗ laſſe Dir die Schilderung meines Zuſtandes in der erſten Zeit.— Meine Reiſe nach der Hanpiſtadt der ho⸗ hen Pforte hatte keinen Zweck mehr, ich ſchiffte mich nach Genua ein, um von dort uͤber Frank⸗ reich heim zu reiſen, und den Tod der Schoͤ⸗ nen ewig zu beweinen, die ich auch ohne Hoff⸗ nung anbetete, und, ihre Feſſeln zu loͤſen fuͤr das hoͤchſte Gluͤck hielt, welches dem ungluͤck⸗ lichen Arthur auf Erden noch bluͤhen ſollte. Ein Sturm zertruͤmmerte das Fahrzeug, wel⸗ ches mich in das Gebiet der Republik bringen ſollte; ich ſtüͤrzte in die See und die Wellen — 75— ſchleuderten mich entſeelt ans Ufer. Der Bei⸗ ſtand eines frommen Moͤnches rief mich ins Leben zuruͤck; ſeine Sorgfalt gab mir die Ge⸗ ſundheit wieder, und ſein religioͤſer Eifer oͤff⸗ nete mir die Himmelsthore.— Ja, mein Oli⸗ vier! ich habe den Irrwahn meiner Vaͤter in der Kirche des heiligen Apoſtel Petrus ab⸗ geſchworen, und den ſanften roͤmiſchen Glau⸗ ben angenommen, der mein Herz mit Freu⸗ digkeit und Muth erfuͤllt, jedes Truͤbſal zu er⸗ tragen.— Leb ewig wohl, mein Olivier! dieſer Schritt trennt mich auf immer vom Vaterlande, und wir werden uns nie wieder ſehen. Arthur. 25. An Erneſto. Rhodus. Die Nachrichten, mein geliebter Vater! wel⸗ che Dir unſer treuer Roderich von Deinent Sohne mittheilte, werden Dich gewiß in große Betruͤbniß verſetzt haben, und ich eile Dich zu troͤſten, indem ich Dir den Fortgang unſe⸗ rer Abentheuer zuſende. 8 Als wir wieder hier angekommen, war ich von einer Verzweiflung niedergebeugt, die — 76— wohl im Herzen getragen, aber nicht beſchrie⸗ ben werden kann, und halb ſinnlos erging ich mich am Strande des Meeres, als eine Zi⸗ geunerinn mich antrat und zu mir ſprach: „Troͤſte dich, Juͤngling! denn deine Ge⸗ liebte lebt, und es ſteht nur bei dir, ſie zu retten und zu beſitzen. Auf jenem Eiland, zu⸗ naͤchſt der Muͤndung des Hafens von Rho⸗ dus—(es war daſſelbe, wo ich ihre Stimme gehoͤrt, die ich fuͤr ein Todeszeichen hielt) ſchmachtet ſie im Thurme.“ Ddieſe Nachricht gab mir neues Leben, und auf meine Fragen fuhr die Zigennerinn fort: „ Ich trieb mein Gewerbe als Wahrſage⸗ rinn im tuͤrkiſchen Lager, als eines Tages der Aga der Janitſcharen mich in ſein Zelt rufen ließ, und mir vertraute, er habe eine wun⸗ derſchoͤne Sclavinn, fuͤr welche er ſchon zu Tunis in die heftigſte Liebe entbrannt ſey; durch einen Zufall habe er ſie einem tuniſiſchen Schiffshauptmann abgenommen, dem er zwar geſchworen, ſie umbringen zu laſſen, doch ſey er in Ver zweiflung, keinen andern Gewinn von der Schoͤnen zu haben, welche mit S tolz und Grauſamkeit ſeine Liebe verſchmaͤhe— er ſchloß mit folgeuden Worten: 1 —- f— „Ich will das Aeußerſte verſuchen, und da ich wohl weiß, daß ihr Zigeunerinnen in der Kunſt, durch Zaubereien Liebe zu erregen, wohl erfahren ſeyd, ſo werde ich, waͤhrend im Lager verbreitet wird, die Frauen ſeyen hinge⸗ richtet, dich mit ihnen an einen ſichern Ort ſenden, und verſpreche dir fuͤrſtlichen Lohn, wenn du im Stande biſt, mir die Gunſt der ſchoͤnen Roſalinde zu erwerben.“ Ich verſprach ſein Begehren zu erfuͤllen, und wurde unter großer Bedeckung von Ja⸗ nitſcharen mit den drei Damen auf jenes Ei⸗ land gebracht, von wo der grauſame Am⸗ rath zu Ende des Feldzugs ſein Liebchen nach Conſtantinopel zu fuͤhren hoffte, waͤh⸗ rend er dem Großherrn ihren Tod meldete; aber weit entfernt, ihn in ſeinem ſchaͤndlichen Vorhaben unterſtuͤtzen zu wollen, ſchien es mir ein Ruf des Himmels, die Unſchuld zu retten, und ſie anzuflehen, mich mit ſich nach Europa zu nehmen, um von dem Licht eures Glaubens erleuchtet zu werden. Da ich eure Anweſenheit erkundet habe, ſo ſandte mich das Fraͤulein mit dieſem Briefe herüber, und wenn ihr wollt, koͤnnt ihr ſie noch heute befreien.“ Ich eilte, den treuen Roderich von die⸗ ſer gluͤcklichen Wendung unſres Schickſals zu unterrichten, und waͤhrend dieſer alle Anſtal⸗ ten zur Abreiſe trifft, braut die Zigeunerinn ein Getraͤnk, um die Janitſcharen in tiefen Schlaf zu verſenken, und um Mitternacht ſchwimmen alle die Deinigen der Heimath zu. Lelio. 26. An Leli o. Uuſre treue Thuja wird Dir den groͤßten Theil meiner Begebenheiten ſeit unſrer un⸗ gluͤcklichen Trennung erzaͤhlt haben; ich er⸗ greife die Feder, um Dir das uͤbrige mit⸗ zutheilen. Der grauſame Amurath glaubte ſich auf dem Gipfel ſeines Liebesgluͤcks, als Suleym fortgeſegelt, und er mich in ſei⸗ ner Gewalt hatte; er wendete alle Mittel an, meine Gunſt zu gewinnen, und verſuchte Liebkoſungen, Schwuͤre der Zaͤrtlichkeit, Thraͤ⸗ nen und Drohungen; aber umſonſt, und er konnte durch alles nur meinen Unwillen erre⸗ gen; als er endlich ſah, daß all' ſeine Hoff⸗ nungen ſchwanden, gab er mir noch einen ein⸗ zigen Tag zur Ueberlegung, dann ſollte Zwang an die Stelle der Liebesbitte treten. hend. in Wuth— er drohte mir mit dem fuͤrchter⸗ In dieſer letzten Nacht wurde ich oft von dem Gedanken verſucht, meinem ungluͤcklichen Leben ein Ende zu machen; aber mein Glaube hielt mich von einem ſo verbrecheriſchen Schrit⸗ te ab, und ich warf mich in bruͤnſtigem Gebet nieder, meine Rettung vom Himmel erfle⸗ Ich wurde fuͤr den Angenblick erloͤſt, denn ein heftiges Fieber uͤberfiel den Aga, welches von Tage zu Tage zunahm, ſo daß er bei der Ankunft auf Candia noch nicht außer Gefahr war; aber als er ſich erholte, gedachte er auch wieder meiner ſchwachen Reize; ich wurde zu ihm geführt— wir waren allein; er wollte mich mit Gewalt an ſein Herz druͤcken, da riß ich in meiner großen Noth einen Dolch aus meinem Buſen, den ich vor meinen Waͤchtern gluͤcklich verborgen hatte, und rief: 3 „Dieſes Eiſen ſoll dir das Herz durchboh⸗ ren, Ungeheuer! wenn du dich mir zu naͤhern wagſt— lerne auch in der Sclavinn Unſchuld und Tugend ehren!“ S Auf den Ruf des Feigen, der vor meinem Dolch zitterte, kamen ſeine Sclaven herbei, mich zu entwaffnen. Beſchaͤmt von dem Muth der Verzweiflung verwandelte ſich ſeine Liebe lichſten Tode, der mir das wuͤnſchenswertheſte der Guͤter ſchien, ließ mich und meine un⸗ glücklichen Gefährtinnen in einen unterirdi⸗ ſchen Kerker ſchleppen, und als man uns am folgenden Morgen die Ketten abnahm, glaubte ich dem Richtbeil entgegen zu gehen; aber wir wurden in eine Barke gebracht und hieher ge⸗ fuͤhrt.—— Du weißt das uͤbrige und ich habe alles vergeſſen uͤber den einen ſeligen Ge⸗ danken, daß ich Dich noch heute wieder an mein treues Herz ſchließen werde. Rsſacande. 17. 2 A n R 0 deri. ch. 1 Rhobus. Gern„ mein theurer Freund! erfuͤlle ich Dein Begehren, Dir Nachricht von alle dem zu geben, was ſich ſeit Eurer Abreiſe hier zugetragen hat. Den Tag nach Deiner Flucht kamen die Janitſcharen von dem kleinen Ei⸗ land heruͤber, durchforſchten die ganze Stadt nach den drei Damen und kehrten endlich fruchtlos heim zu ihrem Aga, der, ſchaͤu⸗ mend vor Wuth, ſich von einem gemeinen Zigeunerweibe betrogen zu ſehen, mehrere keichte Fahrzeuge zur Verfolgung der Fluͤcht⸗ linge beorderte; er ſelbſt beſtieg eines der⸗ ſelben; aber Ihr waret zu weit entfernt, und umſonſt durchforſchte er das Meer.— Mit dem Tod im Herzen„ kehrte er nach Candia zuruͤck— die Belagerung war noch nicht vollendet, und er entflammte die Wuth ſeiner grauſamen Krieger um der ſeinigen Luft zu machen.— Wuth und Verzweiflung ließ ihn den Tod verachten; die Angriffe wurden immer lebhafter; die Ausfaͤlle moͤrderiſcher. Ein allgemeiner Sturm wurde angeordnet, und Amurath wollte ihn ſelbſt anführen— das Metzeln war granſam; ſchon wichen die Chriſten, als eine hohe kriegeriſche Geſtalt mit einem ſchwarzen Flor ſtatt der Feldbinde geſchmuͤckt, den Muth der Bedraͤngten neu belebte und dem Muſelmann den Sieg entriß. * Dieſer tapfere Juͤngling iſt ein engliſcher Ritter, der die ſchoͤne Roſalinde ſelbſt einſt liebte, und, von Amurath getaͤuſcht, ſich in die Reihen der Chriſten in Candia miſchte, um den Verräther zu beſtrafen. Die beiden Feinde erkannten ſich, und trafen auf einan⸗ der— der Aga fiel unter den Streichen des Englaͤnders; aber dieſer mußte den Sieg mit ſeinem Leben bezahlen. 1I. 6 — 82— So ſeyd Ihr von Eurem wuͤthendſten Feinde befreit; moͤge gleiches Loos all' Eure Widerſacher treffen. 4 Sinar. 28. An Sin apr. Genua. Hier waͤren wir endlich im Hafen der Ruhe eingelaufen; doch war es die launige Glücks⸗ goͤttin noch nicht muͤde geworden, uns zu nek⸗ ken, und wir haben auf dieſer Seereiſe noch manche Abentheuer beſtanden, die ich Dir, mein theilnehmender Freund! mit kurzen Wor⸗ ten ſchildern will. Widrige Winde zwangen uns in einer Bucht naͤchſt Eivita⸗Vecchia zu landen, und da wir der heiligen Stadt ſo nahe waren, ſo beſchloſ⸗ ſen wir alle zu Fuße das Grab des Fuͤrſten der Apoſtel zu beſuchen; dieß geſchah, und ſodann erhielt unſre gute Thuja in der Kirche St. Petri mit großer Feſtlichkeit die heilige Taufe und den Namen Sophia. Bald darauf ver⸗ trauten unſre beiden Liebespaare zum letzten⸗ mal ihr Gluͤck dem Winde und den Wogen, und da wir auf der Fahrt nach Genua zwei Seeraͤuberſchiffen begegneten, hatte ich die — 83— tuͤrkiſche Flagge aufgepflanzt; aber ungluͤck⸗ licherweiſe vergaß ich, nachdem jene voruͤber⸗ geſegelt waren, ſie wieder mit der chriſtlichen zu vertauſchen, und als wir ein kleines Vor⸗ gebirge in der Naͤhe des Hafens von Genua umfuhren, kamen uns zwei genneſiſche Schiffe entgegen, deren eines ſich naͤherte und dem unſern eine volle Ladung des kleinen Geſchüͤ⸗ tzes gab.— Lelio, der ſich auf dem Ver⸗ decke befand, wurde verwundet, und erſt zu ſpat konnte ich mich in ein Boot werfen, um den Genneſer von ſeinem Irrthum zu unter⸗. richten, worauf er ſich entfernte und uns in Frieden unſre Fahrt fortſetzen ließ. Lelio ſchwamm in ſeinem Blute und gab ſchier kein Lebenszeichen von ſich, und Roſalinde erfuͤllte die Luft mit ihren Kla⸗ gen. Als wir im Hafen von Genua einliefen, und ich den ungluͤcklichen Juͤngling in das Haus ſeines Vaters tragen ließ, glaubte der beaͤngſtigte Greis den Sohn zum letzten ale zu umarmen. Die Wundaͤrzte verſicherten, er habe nur noch wenige Stunden zu leben; aber Sophia beſah die Wunde, und, waͤh⸗ rend ſie den Saft einer Pflanze darauf druͤck⸗ te, verbuͤrgte ſie ſich fuͤr das Leben des ver⸗ wundeten Juͤnglings. Kurze Zeit nachher ließ ·. — 84— der Schmerz nach, die Augen des Kranken er⸗ hielten ihren Glanz wieder— ſeine Herſtel⸗ lung ging ſchnell von ſtatten und entriß die ſchoͤne Roſalinde der Verzweiflung. Nun iſt er hergeſtellt und ihre Vermaͤhlung wurde geſtern mit der groͤßten Feierlichkeit vollzogen; alle Edlen von Genua erſchienen als Hochzeit⸗ gaͤſte und vereinigten ihre Wuͤnſche fuͤr das Wohl des tugendhaften Liebespaares, welches nach ſo harten Pruͤfungen ſich endlich am Ziel ſeiner Wuͤnſche ſieht. Auch Leander— deſſen Vater waͤhrend ſeiner Abweſenheit ge⸗ ſtorben iſt— wohnt mit ſeiner Gattinn in ſeines Oheims Hauſe, und ich konnte den Bitten meiner Freunde nicht widerſtehen, mein Bischen Habe in Mallorka meiner Schweſter abzutreten und meine Tage in ihrem froͤhli⸗ chen Kreiſe zu beſchließen. Lebe wohl und ge⸗ denke Deines gluͤcklichen Freundes Roderich. — Die graue Braut. Reich mit Talenten ausgeſtattet und voll regen Eifers füͤr alles Schoͤne und Große, hatte ſich Allwin der Mahlerkunſt ergeben, und ſein Sinn ſtand nur nach dem herrlichen Welſchland, wo er die hoͤchſten Muſter zu ſchauen und auf der muthig betretenen Bahn fortzuſchreiten hoffte.— Endlich hatte er ſeinen Zweck erreicht; der kunſtbeſchuͤtzende Churfurſt nahm ſich des talentvollen Juͤnglings an, und er befand ſich auf der Reiſe nach dem erſehn⸗ ten Lande, als das herrliche, von Natur und Kunſt ſo reich begabte Dresden mit unbezwing⸗ lichem Zauber ſeinen Sinn feſſelte. Es war, als ob eine innre Stimme Allwin zurufe: Hier iſt es, wo du deinen Sinn ſtaͤrken kannſt für die heiligen Wunder der Kunſt, ſo dort deiner harren, damit du jene Tempel ihrer wuͤrdig betreteſt. Der jugendliche Mahler theilte ſeine Zeit zwiſchen Natur und Kunſt, und wenn er des Morgens in den paradieſi⸗ ſchen Umgebungen der Stadt und des Fluſſes herumgewandelt war, verlor er ſich Nachmit⸗ tags in der Bewunderung der Gemaͤhlde und Antiken, welche die Liberalitaͤt und Kunſtliebe der Beherrſcher Sachſens in ihrer Hauptſtadt verſammelt hatte; doch war es ſein feſter Ent⸗ ſchluß, hier auf keine Weiſe einen Gebrauch von ſeiner Kunſt zu machen, und gleichſam ur eine Zeit der Vorweihe in Dresden zu ver⸗ leben; aber eines Tages, als er die Kirche beſuchte, wurde er durch die Worte des Pre⸗ digers an das zarte Verhaͤltniß der Mutter Anna zu ihrer himmelsbegabten Tochter, der Jungfrau Maria, erinnert, und gar wun⸗ derſam im Gemuͤthe bewegt; die beiden Ge⸗ ſtalten traten in ſo holder Verklaͤrung vor ſei⸗ ne Seele, daß er ſich der Sehnſucht nicht er⸗ wehren konnte, ſie aus ſeinem innerſten Her⸗ zen durch den Pinſel auf die Leinwand aus⸗ zuſtroͤmen; er entwarf die Contouren beider Geſtalten, und eine verwunderliche Aehnlich⸗ keit ſchien das innere Einverſtaͤndniß der Ge⸗ muͤther zwiſchen der verklaͤrten Tochter und ihrer irdiſchen Mutter ausſprechen zu wol⸗ len.— Noch war wenig von dem Bilde fer⸗ tig, als eines Tages Allwin an ſeiner Staffelei ſaß und ihm ein junger Menſch ge⸗ meldet wurde, der dringend ihn zu ſprechen verlangte Ein Juͤngling trat in Allwins Gemach von ſchoͤner Geſtalt und einer hoͤchſt anziehen⸗ den Treuherzigkeit in Sprache und Benehmen; nicht ohne einige Schuͤchternheit, und mit ei⸗ nem Ton der Stimme, der Allwin aͤußerſt rüͤhrend vorkam, erklaͤrte er dem Mahler, daß er der Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns und von ſeinen Verwandten an ihn mit der Bitte geſandt ſey, ihnen ſeine Schweſter zu contrefeien, welche verlobt, und bald mit dem geliebten Gatten das Vaterhaus verlaſſen werde, weshalb alle wuͤnſchten, ein wohlge⸗ troffnes Bild von ihr zu beſitzen. Allwin war ſehr verwundert, daß in ei⸗ ner Stadt, die ſo viele ausgezeichnete Kuͤnſt⸗ ler beſaß, das Augenmerk dieſer Familie gra⸗ de auf ihn, einen namenloſen Fremdling ge⸗ fallen ſey, welcher ſich erſt kurze Zeit da auf⸗ hielt, und bezeigte Anfangs wenig Luſt, die Arbeit zu uͤbernehmen; aber er konnte dem herzlichen Bitten des Juͤnglings, deſſen gan⸗ zes Weſen ihn vom erſten Augenblicke ſehr au⸗ geſprochen hatte, nicht widerſtehen, und fing — 88— 1 in ſeiner Weigerung ſchon zu wanken an„ als dieſer mit folgenden Worten fortfuhr: 6 3„O mein Herr! wenn Sie meine gute Ma⸗ rie nur erſt ſaͤhen, ſie wuͤrden gewiß ſelbſt eine Freude daran finden, dieſe holden und frommen Zuͤge ſinnig abzumahlen.“ Wie Allwin den Namen Marie hoͤrte, da gedachte er der himmliſchen Jungfrau Maria, die er eben im Bilde zu feiern be⸗ gonnen, und es daͤuchte ihm, die irdiſche Jungfrau zu ſehen, mit ſuͤßen Taubenaugen und zuͤchtigem Blick, ſo daß er ſich nicht laͤn⸗ ger weigerte, und Theodor(ſo hieß der Juͤngling) ins Vaterhaus folgte; dort em⸗ pfing ihn eine ehrbare Hausfrau mit einneh⸗ mender Freundlichkeit„ bedauernd, daß ihre Tochter, zu deren Contrefei man ſich ſeine Kunſtfertigkeit erbitten wollte, nach dem Gar⸗ ten der Großmutter gefahren ſey, doch, wenn es ſeine Zeit erlaube, ſo wuͤrde ſie ihn wohl erſuchen, den Mittag in ihrem haͤuslichen Kreiſe mit einer Schuͤſſel Gerngeſehen vorlieb zu nehmen, und Nachmittags mit ihr und ih⸗ rem Theodor zu der wuͤrdigen Großmutter hinaus zu fahren, die, von der ganzen Fami⸗ lie angebetet, gleichſam die Seele des Hauſes ausmache. Dieſe Einladung wurde ſo herz⸗ —— V — 9— lich und mit einer ſo guten Art vorgetragen, daß Allwin ſelbe nicht ablehnen konnte, zu⸗ mal da er ſich immer mehr zu dem gefaͤlligen und freundlichen Juͤngling hingezogen füͤhlte, und gern in ſeiner und der wuͤrdigen Hausfrau Naͤhe verweilte. Bald kam auch der Vater nach Hauſe, ein kluger, umſichtlicher Mann, der dem Mahler nicht minder wohlgefiel als Mutter und Sohn. Das Mahl verging unter ſo traulichen Geſpraͤchen, daß es dem jungen Künſtler vorkam, als ſey er in dieſem Hauſe ſeit vielen Jahren wohl bekannt und ſchier hei⸗ miſch.— Nach Tiſche verfuͤgte ſich der Hausvater wieder an ſeine Berufsgeſchäfte, und Allwin fuhr mit der Mutter und Theodor nach dem Garten der Großmutter. Eine ehrwuͤr⸗ dige alte Frau trat ihm mit einem guͤtigen und dabei ſo edlen Weſen entgegen, daß ſie ihn beim erſten Anblick mit zarter Achtung er⸗ fuͤllte, und er gar wohl begriff, wie die ganze Familie auf jeden Augenwink der Großmutter zu lauſchen und die milde Matrone gleich ei⸗ nem hoͤhern Weſen zu verehren ſchien. Nach einer kurzen Unterredung konnte All⸗ win nicht umhin, ſeine Verwunderung noch⸗ mals zu aͤußern, wie die Wahl der Familie auf einen ganz unbekannten Mahler gefallen ſey, und die Großmutter entgegnete: „Wohl gibt es in unſrer Stadt der wuͤr⸗ digen Kunſtler viele, und ohne mich mit Ihrer allzugroßen Beſcheidenheit in Streit einzulaſ⸗ ſen, welche vielleicht jene auf eigne Koſten allzuſehr erhebt, will ich nicht in Abrede ſtel⸗ len, daß es in Dresden einen Kunſtler geben koͤnne, deſſen Pinſel unſern Wuͤnſchen zu ent⸗ ſprechen vermoͤchte; aber, abgerechnet, daß meine Kinder nach Allem, was ſie von Ihnen gehoͤrt haben, ein großes Vertrauen und eine wahre Sehnſucht fuͤhlten, grade zu Ihrer Kunſt die Zuflucht zu nehmen, ſo gibt es oft Faͤlle, wo man die Huͤlfe eines Fremden eher als die der Einheimiſchen benutzen kann.—“ Die Großmutter hielt einen Augenblick inne, aber nach einer kleinen Weile, als ob ſie ſich beſonnen, fuhr ſie fort: „Sie ſcheinen mir, ſo jung Sie auch ſind, ſo geſetzt und verlaͤſſig, daß man es wohl wa⸗ gen kann, Ihnen Dinge zu entdecken, welche der uͤbrigen Welt mit einem dichten Schleier verhuͤllt bleiben muͤſſen. Daher ſehen Sie meine gute Enkelinn; und wenn ihre Zuͤge Sie genngſam anſprechen und Ihnen der Muͤhe werth ſcheinen, mit Liebe gemahlt zu —— — 91— werden, ſo ſollen Sie in eine Art von Fa⸗ miliengeheimniß eingeweiht werden, welches — ich bin davon uͤberzeugt— in Ihrer Bruſt wohl verwahrt bleiben wird.“ Die Großmutter hatte kaum ausgeredet, als die Thuͤre ſich öffnete und Marie be⸗ ſcheiden erroͤthend dem Fremden entgegen trat. — Allwin blieb ſprachlos ſtehen, denn er erkannte in den frommen Zuͤgen des ſich ſittig verbeugenden Maͤdchens ſeine heilige Jungfrau wieder, wie ſein innerſtes Gemuͤth ſie geſchaut und geboren hatte, und ihm daͤuchte es, als wuͤrde das Bild der jugendlichen Maria ihm erſt in dieſem Augenblicke recht klar und deut⸗ lich, ſo daß er vor Begier branute„ das lieb⸗ liche Maͤdchen zu mahlen. Die Großmutter beobachtete ihn genau, und obwohl ſie den Grund ſeiner plotzlichen Bewegung nicht errathen konnte, ſo las ſie doch in ſeinen Blicken, wie bereitwillig er ſeyn wuͤrde, ihre Wuͤnſche zu erfuͤllen; ſie nahm den jungen Mahler bei der Hand und fuͤhrte ihn in ein Gemach des obern Geſchoſſes, wel⸗ ches mit allerhand Familienbildern ausgeziert war; dort blieb ſie vor dem Gemaͤhlde einer alten Frau ſtehen, deren Zuͤge Spuren eh⸗ maliger Schoͤnheit zeigten— dabei umfloß — 92— das blaſſe Antlitz der Glanz einer ſanften und frommen Ergebung; ihre Kleidung beſtand aus einem langen und faltenreichen Gewande von grauer Farbe, geloͤſte graue Haare, die ihr bis an das Knie reichten, floſſen uͤber ihre Geſtalt herab, und auf dem Haupte trug ſie eine Myrthenkrone. Bei dem Anblick dieſes Bildes fuͤhlte ſich Allwin wunderſam bewegt, und es kam ihm vor, als muͤſſe er dieſe Zuͤge ſchon oͤfters und mit Wohlgefallen betrachtet haben;— er ſah gedankenvoll auf die graue Matrone, und fand erſt einige Aehnlichkeit mit der ſchoͤnen Enke⸗ linn; endlich aber erkannte er in dem Bilde ſeine heilige Anna, wie er ſelbe wohl ge⸗ dacht, doch noch nicht ſo gediegen auf die Leinwand gehaucht hatte. Die Großmutter erfreute ſich uͤber die große Theilnahme, die der Fremdling an dem Bilde verrieth, und fing wieder zu ſprechen an: „Sie ſehen hier, mein Herr! die Wohl⸗ thaͤterinn unſres Hauſes, und hoͤren Sie nun auch die betruͤhte Geſchichte ihres Lebens: Anne war die einzige Tochter eines reichen Kauf⸗ und Handelsherrn zu Prag, und ſchon in ihrer fruͤheſten Jugend mit ſo wunderſamer Schoͤnheit und großer Herzensgute begabt, —-— 93— daß ihre Aeltern in der ganzen Stadt um ein ſo liebreizendes Toͤchterlein beneidet wurden. Eines Tages ging die Mutter mit dem zarten Kinde uͤber die Straße, als eine Bett⸗ lerinn die reiche Kaufmannsfrau um ein Al⸗ moſen anſprach; ſie fuͤhrte ein kleines Maͤd⸗ chen an der Hand, deſſen auffallende Haͤßlich⸗ keit noch durch ein ſtruppigtes Haar von ſchier grauer Farbe vermehrt wurde. Die Kauf⸗ mannsfrau beſchenkte das arme Weib reich⸗ lich und aͤußerte ein herzliches Bedauern uüber ihre huͤlfloſe Lage; aber die leichtſinnige Bert⸗ lerinn war nur uͤber das Geſchenk erfreut, und ſprach mit frecher Miene: „Je nnn, es wird ſchon gehen, und wenn meine Tochter einſt heranwaͤchſt, ſo mag viel⸗ leicht eine reiche Heirath auch die alte Mutter wieder in Wohlſtand verſetzen.“ Da ſah die reiche Frau unwillkuͤhrlich auf das haͤßliche Kind herab und meinte, des Maͤgd⸗ leins graues Haar gebe wohl ſolcher Hoffnung wenig Wahrſcheinlichkeit. Aber die Bettlerinn verzerrte ihr Geſicht auf eine widrige Weiſe und rief mit grinſendem Munde:„Thut nicht ſo ſtolz auf euer ſchoͤnes Toͤchterlein, denn, wenn ſelbiges auch viel reizender als mein Kind iſt, ſo koͤnnte es doch wohl geſchehen, — 94— daß ihr Haar ergraute, ehe der braͤutliche Kranz ſolches ſchmuͤcket.“ Mit dieſen drohenden Worten entfernte ſich die Bettlerinn, und obſchon ſich die Kaufmanns⸗ frau eines innern Grauens nicht erwehren konn⸗ te, und es ihr auch leid that, eine Mutter durch den Tadel ihres Kindes gekraͤnkt zu haben, ſo vergaß ſie doch bald den ganzen Vorfall, und als Anne herangewachſen und eben ſo mit allen Eigenſchaften des Herzens und Geiſtes, als den Reizen der Geſtalt ausgeſchmuͤckt war, ſo gedachte keiner mehr des boͤſen Geſchickes, welches ihr von der Bettlerinn geweiſſaget worden. Anne war eben ins ſiebzehnte Jahr getreten, und viele Freier draͤngten ſich um die reiche und liebenswuͤrdige Erbinn, als ein wuͤrdiger junger Mann fuͤr ſie in Liebe ent⸗ brannte und bald darauf bei den Aeltern um ihre Hand warb, welche in herzlicher Freude uͤber das Gluͤck der beiden Liebenden die Ein⸗ willigung zu deren Verbindung gaben. Schon war der Tag zu ihrer Vermaͤhlung beſtimmt, und als am Abend vor demſelben die ſorgſame Mutter die Blumen waͤhlte und ordnete, aus welchen Annens Brautkrone gewunden wer⸗ den ſollte, gedachte ſie laͤchelnd der propheti⸗ ſchen Drohung, welche ihr nun als ganz laͤ⸗ - 95— cherlich und widerſinnig vorkam; aber ehe ſie ſich zu Bette begeben, brachte man die Nach⸗ richt, der Braͤutigam ihrer Tochter ſey von einer ploͤtzlichen Unpaͤßlichkeit befallen, wes⸗ halb die Vermählung verſchoben werden muͤſſe. Allgemeine Beſtuͤrzung verbreitete ſich in dem Hauſe, und nach wenigen Tagen lag der blü⸗ hende Juͤngling auf der Bahre und die un⸗ gluͤckliche Braut ſchier in Verzweiflung auf ſeinem entſeelten Leichnam. Die ganze Stadt nahm den herzlichſten An⸗ theil an Annens Leiden, welche erſt nach ge⸗ raumer Zeit wieder an einem Vergnügen Theil zu nehmen vermochte; aber mittlerweile hatte ſich die Zahl ihrer Freier ſchier verdoppelt, und es ſchien, als habe ſich die geſammte maͤnn⸗ liche Jugend der boͤhmiſchen Hauptſtadt ver⸗ abredet, die ſchoͤne Braut, welche ihren Braͤu⸗ tigam auf ſo grauſame Weiſe verloren, zu troͤ⸗ ſten und ſich um die Wette zu muͤhen, ein Er⸗ ſatz fuͤr ihren Verluſt zu werden. Anne fuͤhlte fuͤr keinen ihrer vielen Werber eine ſo herzliche Liebe, als ſie ihrem erſten Braͤutigam geſchenkt hatte, doch gab ſie endlich den Bit⸗ ten ihrer Familie nach und waͤhlte einen„ deſ⸗ ſen Gemuͤths⸗ und Sinnesart ihr am meiſten zuſagte; aber wenige Tage vor dem zur Hoch⸗ 1 — 96— zeit beſtimmten, ritt der Braͤutigam vor die Stadt; ſein Roß wurde ſcheu— es warf ihn ab, und ſterbend wurde er in das Haus ſeiner Braut gebracht, wo er alsbald verſchied und die troſtloſe Jungfrau zur Erbinn ſeines gro⸗ ßen Vermoͤgens einſetzte. Anne trauerte mehrere Jahre üͤber dieſe ſchmerzlichen Ereigniſſe, bis ſie ſich endlich abermals dem Dringen der Verwandten fuͤg⸗ te und ihren Freiern geneigtes Gehoͤr ſchenkte; aber daſſelbe feindliche Geſchick, welches die beiden erſten betroffen, ſchien uͤber jeden zu walten, dem Anne ihre Hand verſprach, und neun von ihr gewaͤhlte Freier ſtarben eines fruͤhzeitigen Todes.— Eilfmal war ſie Braut geweſen, als ſie bereits das vierzigſte Jahr er⸗ reicht hatte, ohne daß ſie jemals der braͤutliche Kranz geſchmuͤckt haͤtte. Schmerz und Ver⸗ zweiflung hatten die Aeltern ins Grab ge⸗ ſtuͤrzt, und Anne, welche ſich als die Moͤr⸗ derinn eines jeden Mannes anſehen mußte, dem ſie ihre Hand zuſagte, war nunmehr feſt entſchloſſen, ihr Leben unvermaͤhlt zu beſchlieſ⸗ ſen; ſie benutzte den großen Reichthum, wel⸗ cher ihr durch den Tod ihrer Aeltern zugefal⸗ len war, um den aͤrmern ihrer Verwandten Wohlthaten zu erweiſen, indem ſie bald von —— — 97— dieſem Vetter, bald von jener Muhme eine Tochter zu ſich nahm, ſie erzog und dann frei⸗ gebig beſchenkte, und wenn ſie ſich verehelich⸗ ten, reichlich ausſteuerte; aber nachdem ſie ſchier dreißig Jahre ſo gelebt und manchen ſchmerzlichen Undank von denjenigen erfahren hatte, welche ſie mit der zarteſten Großmuth unterſtuͤtzte, wurde ſie krank und verfiel in ei⸗ nen Zuſtand der Erſtarrung, waͤhrend welchem ſie jedermann fuͤr todt hielt; ſie aber hoͤrte und ſah alles, was um ſie her vorging, nur erlaubte ihre Schwaͤche nicht, ein Lebenszei⸗ chen von ſich zu geben;— da ſah ſie nun, wie der ganze Schwarm ihrer Anverwandten mit ſchlecht verſteckter Freude herzuſtroͤmte, nur mit falſchem Bedauern manchmal einen Blick auf die vermeinte Leiche warf, und kaum den Augenblick erwarten konnte, die rei⸗ che Erbſchaft in Beſitz zu nehmen. Mit gie⸗ rigen Blicken verſchlangen die Vettern und Baſen die koſtbaren Geraͤthſchaften, und wuͤr⸗ den gleich darüber hergefallen ſeyn, wenn nicht die Habſucht der Einen die Andern bewacht haͤtte. Nur eine einzige Ingendfreundinn blieb. au Annens Paradebette ſitzen, und benetzte die verblaßten Wangen ſo lange mit ihren heißen Thraͤnen, bis die Freundinn erwachte 1I. 7. 7 und die Augen aufſchlug. Freudig rief So⸗ phie nach Leuten, und brachte die Kranke mit deren Huͤlfe wieder völlig ins Leben zu⸗ ruͤck und auf ihr Bette, wo ſie nach einigen Tagen genas, zum großen Verdruß ihrer zaͤrt⸗ lichen Verwandten, die nur die Rechnung ohne den Wirth gemacht hatten, und als ſie vollends erfuhren, in welchem Zuſtande die reiche Baſe gelegen und ihre Geſinnungen inne geworden war, da blieb ihnen auch fuͤr die Zukunft gar wenig Hoffnung auf das reiche Erbe, und ſie zogen betruͤbt von dannen. Als Anne ſich wieder ganz erholt hatte, beſchloß ſie allen Freuden des Lebens zu entſa⸗ gen und die noch uͤbrigen Jahre ihres Lebens keine andre Kleidung zu tragen, als ein lan⸗ ges, faltiges, graues Gewand. Eines Tages umarmte ſie ihre Freundinn, deren Liebe und große Treue ſie durch die That bewaͤhrt gefun⸗ den, und ſprach zu ihr:„O meine geliebte Sophiel bleibe bei mir und verlaſſe mich nimmer, denn ich habe keine Verwandte mehr, und ſo du dich von mir trennen wollteſt, ſo muͤßte ich ganz einſam hinſterben.“ Da ent⸗ gegnete die herzliche Freundinn:„Mit nich⸗ ten ſollſt du einſam ſterben, ſondern ich gebe dir den Rath, dich zu vermaͤhlen.“ Ueber ſolchen Rathſchlag fing Anne zu laͤcheln an und wies auf die grauen Haare, womit ihr wuͤrdiges Haupt bedeckt war; aber die Freundinn ließ ſich in ihrer gutherzigen Zudringlichkeit nicht irre machen und ſchlug der hochbetagten Jungfrau in allem Ernſte vor, einem braven Manne von etlichen und vierzig Jahren ihre Hand zu reichen; er war Leibarzt des Churfuͤrſten von Sachſen, von ehrbaren Sitten und munterm Weſen, aber vom Gluͤcke mit ſeinen Guͤtern wenig beguͤn⸗ ſtigt, und da ihm von ſeiner erſten Gattinn zwei Kinder geblieben waren, ſo reichte ſein Auskommen kaum hin, ſtandesmaͤßig zu le⸗ ben und jenen eine ſorgfaͤltige Erziehung zu geben. Der Doctor hatte kurz vorher bei ei⸗ nem kurzen Aufenthalte in Prag die ehrwuͤr⸗ dige Anne kennen gelernt und ihr ſo deut⸗ liche Beweiſe ſeiner Achtung gegeben, daß Sop hie wohl uͤberzeugt ſeyn konnte, er werde gern durch die Verbindung mit einer ſo frommen und reſpectabeln Perſon das Gluͤck ſeiner eignen Kinder gruͤnden. Aunne wollte Anfangs von einer ehelichen Verbindung durchaus nichts hoͤren, aber die geſchaͤftige Freundinn ließ ſich nicht irre ma⸗ 7.. ꝛchen, bis ſich j jene an den Gedanken gewoͤhnte und endlich ihre Einwilligung gab. Als es zu Dresden bekannt wurde, der Doctor wolle eine ſiebzigjaͤhrige Jungfrau aus Prag heirathen, da wunderten ſich alle Freun⸗ de und Bekanute und riethen ihm ab von ſe ſo ungleichem Ehebuͤndniſſe, worauf er ihnen— wohl wiſſend, daß die Menſchen das Gold uͤber alles ſchaͤtzen— eutgegnete, daß die Braut jedes Lebensjahr mit einem Tauſend — Thaler ai ifwiege; als er aber die Einwilligung des Churfürſten erhat, und dieſer ihm ſolche nur kopfſchuͤttelnd ertheilte, da ſchilderte er 4 dem Herrn die Herzensgüte, Froͤmmigkeit und vielen Tugenden der ergrauten, Braut mit ſo lebhaften Farben, daß. der Fuͤrſt gar begierig wurde, dieſe reſpectable Jungfrau zu ſehen. Endlich kam der Braͤutigam nach Prag zur Hochzeitfeier; aber ſtandhaft weigerte ſich Anne ein andres Brautgewand, als jenes graue, weite Gewand, anzulegen, in welchem ſie ſich verlobt hatte, und ſie ging zur Trau⸗ ung, wie Sie ſelbe hier abgebildet ſehen mit delöſtem grauen Duneiham und auf dem ſel⸗ tor und. ſeine Gernahlſan waren aber Sbis— der Kirche wieder heim gekommen, als ein rei⸗ — 101— tender Bote von dem churfuͤrſtlichen Hoflager kam, den neuen Ehemann heim zu rufen, weil der Herr ploͤtzlich erkrankt, ſeiner begehre; umſonſt wendete er ein, daß er eben mit ſeiner Braut von der Trauung komme; der Fall war zu dringend, als daß er einen Augenblick haͤtte zoͤgern dürfen, ſich in die harrende Hofkutſche zu ſetzen und die bejahrte Braut noch am Hochzeitstage zu verlaſſen; aber der Churfürſt mußte ohne ſeine Huͤlfe geneſen, denn ſchon auf dem halben Wege erkrankte der Doetor ſelbſt, und ſtkarb nach wenigen Stunden.“ Die Großmutter fing bei dieſen Worten heftig zu weinen an, und mußte ſich erſt wieder zu faſſen ſuchen, waͤhrend welcher Zeit der Mahler ſte theilnehmend anblickte und nicht zu fragen wagte, in welchem Grade ſie der ungluͤckliche Bräutigam angegangen 20 enödrich hatte ſie ſich geſammelt und fuhr fort: „Als Anne dieſe Botſchaft erhielt, war ihre Betrübniß ohne Grenzen; ſie klagte ſich als die Moͤrderinn des Ddetors an, und uͤber⸗ haͤufte die Freundinn, die es ſo gut gemeint, mit den bitterſten Vorwuͤrfen; eendlich beſchloß ſie, wenigſtens an den zwei durch ſie verwaiſten Kin⸗ dern ihr Unrecht wieder gut zu machen, ver⸗ kaufte Alles und zog hieher, wo ſie die zaͤrt⸗ — 102— lichſte Mutter der zwei Tochter wurde— ich bin die juͤngſte derſelben, meine Schweſter ſtarb, und ich wurde die einzige Erbinn dieſer guͤrigen Frau, welche zum ewigen Gedenken ihres ſonderlichen Geſchickes auf ihrem Tod⸗ renbette mir auftrug: wenn ſich jemals eine Tochter unſres Hauſes vermaͤhlte, ſollte ſie nur in derſelben Kleidung, wie ſie ſelbſt, zum Traualtar gehen. Meine Tochter hat den Willen der Verewigten erfullt, und da nun Marie mit ihrem Gatten von uns ziehen wird, ſo wuͤnſchen wir von ihr ein Bildniß zu beſitzen, in demſelben Brautgewande, wie es unſre gute Mutter vorgeſchrieben hat. Sie ſehen wohl ein, daß es ein großes Gerede in der Stadt verurſachen wuͤrde, wenn wir ſol⸗ ches von einem hieſigen Kuͤnſtler verlangten; auch iſt nicht ein Jeder, dem wir uns ver⸗ trauen koͤnnen, und ſo hoffen wir, daß Sie es uns nicht abſchlagen werden, unſre Ma⸗ rie in dem freilich etwas abentheuerlichen Coſtume abzubilden.“ Die Großmutter ſchwieg, und mit tiefer Ruͤhrung druͤckte Allwin ihre Hand an ſeine Lippen, mit einem Blicke, die begehrte Zuſage ertheilend. 3 ———— — 403— Nach vier Wochen ſchritt Marie in dem ſonderbaren Aufzuge mit ihrem Geliebten am fruͤhen Morgen vor den Hochaltar der Dorf⸗ kirche, die von neugierigen Zuſchauern frei ge⸗ halten worden, und ihr Conterfei von großer Aehnlichkeit und mit dem Pinſel tiefer Em⸗ pfindung gemahlt, wurde zu den Familienbil⸗ dern aufgehangen. In derſelben Zeit hatte auch Allwin, von neuem und verdoppelten Eifer beſeelt, ſein Bild der heiligen Jungfrau und ihrer Mutter vollendet, in welchem ſeine Phantaſie die irdiſche Anne und Marie verklärte, und das ihm ſo theuer wurde, daß er es, trotz großer Gebote erlauchter Kenner, nimmer von ſich laſſen wollte. Zwiſchen dem Mahler und dem Bruder der Jungfrau, der ihn zuerſt zu holen gekommen war, hatte ſich mittlerweile ein ſo feſtes Freund⸗ ſchaftsband gewoben, daß einer nicht mehr ohne den andern leben konnte, und kurze Zeit nachher beide gemeinſchaftlich die Reiſe nach dem geprieſenen Rom antraten. liebt und beſungen zu werden. So verließen 2 Der Troubadour. Die Liebesdichtung der Araber, welche ſie mit ſich nach Spanien trugen, war auch uͤber die Pyrenaen in die benachbarte Provence einge⸗ wandert, ohne weiter ins Innre des Reiches einzudringen, und was ſie an Glanz und Adel bei den muntern Provencalen einbüßte, ge⸗ wann ſie an Mannichfaltigkeit und leichter Anmuth. 3 Die erſten Dichter(Troubadours) waren nur gar zu empfindlich fuͤr die Liebe und gaben ſich ohne Nückhalt den Netzen Preis, welche 8 ſchone Angen ihnen ſtellten; nur ſelten hatten ſie ſich üͤber die Strenge einer Dame zu bekla: gen, und die erſten und vornehmſten Schoͤn⸗ heiten des Reiches, weit entfernt, uͤber die Huldigungen eines Troubadours zu erroͤthen, hielten es fuͤr die groͤßte Ehre von ihnen ge⸗ — — 105— die Troubadours ihre dunkeln Huͤtten, zogen on Schloß zu Schloß, die Liebe zu ſingen, zu fuͤhlen und in deren Erwiederung gluͤcklich zu ſeyn. 6 Einer aus dieſem gluͤcklichen Gewerbe, Wilhelm, war in dem Dorfe St. Vallier geboren, und nahm, nach dem Gebrauch ſei⸗ nes Zeitalters, den Namen ſeines Geburts⸗ ortes an. Die Gabe der Dichtkunſt, welche Wilhelm in der Geburt erhielt, entzog ihn der Pflugſchar und trug ſeinen Namen auf den Fluͤgeln des Ruhmes empor; aber die Liebe, welche auf Flügeln trägt, brachte ihn bald eine ſchoͤnere Botſchaft. n ht Unweit der vielgefeierten Grotte von Vau⸗ eluſe, welche die ſchoͤne Laura und der zaͤrtliche Petrarch unſterblich gemacht ha⸗ ben, daß noch nach mehrern Jahrhunderten die Liebenden nur mit ſehnſuchtsvollen Seuf⸗ zern eintreten und ungern ſich wieder heraus begeben, lebte auf einem Schloſſe der Pro⸗ vence eine liebenswuͤrdige Dame von ungefähr dreißig Jahren, reich mit Schoͤnheit begabt, aber unzufrieden mit ihrer Lage; und da ein alter Eheherr auf einem Landſchloſſe eben nicht das iſt, was man gute Geſellſchaft nennt„ ſo litt die Marquiſe von Polignac ſehr an — 196— langer Weile, obſchon ihr Gemahl ſich an ihrer Seite ſehr wohl unterhielt. Die benachbarten Edelleute von Venas⸗ ques, Avignon und Carpentras waren auch nicht eben ſehr vergnüg lich, denn ſie konnten nicht einmal leſen. In dieſer Einſamkeit der Maxquiſe hoͤrte ſie viel von dem Ruhm der Tronbadours; man ſprach von den Damen, welche jenen ihren Ruf und Glanz verdankten, und die ſchoͤne Iſabelle entbrannte in Be⸗ gier auch in der Welt des Geſanges eine Rolle zu ſpielen, ihren Namen in der Liſte der Da⸗ men des Liebeshofes verzeichnet zu ſehen— ſie ſuchte einen Troubadour, auf welchen ſie ihr Wohl richten koͤnnte; man erzaͤhlte ihr von Wilhelm, und die Furcht, eine andre Dame müͤchte ihr zuvorkommen, bewog die Marquiſe, ihn ſogleich auf ihr Schloß beru⸗ fen zu laſſen. Wilhelm ſuchte der erlihen Botſchaft ſo gut zu entſprechen, als er konnte, das heißt, er nahm ſeinen Reiſeſtab, ſchlug die Krempen ſeines Hutes nieder, ſchob einen ledernen Sack unter den Arm, welcher ſei⸗ nen poetiſchen Reichthum enthielt, und machte ſich auf den Weg zu reiſen, wie die Trouba⸗ dours pflegten„ welche trotz der Beſcheidenheit — 107— drum, wo ſie erſchienen, nicht immer feſt⸗ lich empfangen wurden. Ein einziger Ton⸗ ſon*) machte Alles wieder gut, was an ihrer Kleidung etwa Unſchickliches ſeyn mochte. Seit der Abſendung ihres Boten war IJſa⸗ belle wenigſtens alle Stunden einmal auf einem benachbarten Hügel geſtiegen, von dem man die große Heerſtraße uͤberſehen konnte— endlich erblickte ſie in der Ferne den erſehnten Troubadour, dem der treue Bote voran ſchritt; ſchnell ſtieg ſie wieder vom Huͤgel herab, eilte in ihr Schloß zuruͤck und erwartete in dem reichgeſchmuͤckten Geſellſchaftsſaale den er⸗ wünſchten Gaſt. Wilhelm„ mit Staub und Schweiß be⸗ deckt„ ließ ſich keuchend vor der Dame auf ein Knie nieder, ſenkte ſein gebraͤuntes Haupt ehrfurchtsvoll, ergriff mit ſeiner ſchwarzen und mit Schwielen bedeckten Fauſt das weiße und weiche Haͤndchen der Schoͤnen und rieb die grobe Wolle ſeiner Aermel an der feinen Seide ihres Gewandes. 2. Es iſt gewiß, daß das Zeitalter der Trou⸗ badours nachſichtiger und guͤnſtiger fuͤr die ar⸗ *) Ein dialogiſcher Geſang. — 108— men Liebhaber war, als das unſrige; heut zu Tage wuͤrde eine Dame durch eine ſolche Hul⸗ digung ſich weuig geſchmeichelt fuͤhlen, einem Liebhaber in derlei Gewande wenig Aufmun⸗ terung verſtatten; aber der Marquis dachte ſchon damals nicht vortheilhafter von den laͤndlichen Dichtern, als man vielleicht gegen⸗ waͤrtig denken wuͤrde, und fuͤhlte ſich durch Wilhelms Beſuch nicht im mindeſten ge⸗ ſchmeichelt; nur die Sitte der Zeit legte ſei⸗ nem Willen Feſſeln an und zwang ihn, den Troubadour gut zu empfangen, weil man ſei⸗ nes Gleichen uͤberall freundlich Auſzunehmen pflegte. Der gute Mann ſah die erwachende Nei⸗ gung ſeiner Gemahlinn mit großem Mißfal⸗ len, doch wagte er es nicht, ihren Fortſchrit⸗ ten Grenzen zu ſetzen, weil zu beruͤhmte Bei⸗ ſpiele für ſie ſprachen. In dem Verzeichniß der guͤtigen Herrinnen der Troubadours zaͤhl⸗ te man Eleonore von Quyenne(die nachmalige Koͤnigin von England) Agnes von Monlucon, Malberge von Cha⸗ telleraud, Wilhelmine von Poiton, die Prinzeſſinn von Blais, die Vicomteſſe von Marſeille, Eliſe von Turenme, Amalie von Rouſſillon u. v. a. — 40⁰9— Wilhelm ſaͤumte nicht, der Burgfrau von Polignac durch ſeine Geſaͤnge die Unſterb⸗ lichkeit zu erwerben, und dieſe belohnte ihn mit einer Liebesgabe, die wohl die Unſterblich⸗ keit aufwiegt— das heißt, ſie erlaubte ihm, ihre Hand zu kuͤſſen; doch ſchien, nach einem Liede Wilhelms zu ſchließen, dieſer mit einer ſo unſchaͤtzbaren Verguͤnſtigung noch gar nicht zufrieden zu ſeyn. Dieſes Lied hieß „der 4u7 4 und lautete folgendermaßen: Leiſe ſagt; ich dir, 0 Schöne! Gib mir einen ſuͤßen Kuß, Der zuruͤck die Seele rufet, So in Liebe ſich verirrt. Aber deine ſuͤßen Lippen Zirtern furchtſam und voll Scheu; Wenn die meinen ſittig nahen Schnell entflieh'n ſie wieder mir. Schueller kann wohl nicht entweichen Eine junge Schnitterinn, Wernn die giftgeſchwollne Natter Drohend um den Fuß ſich ſchlingt. Solches nenneſt du, Geliebte! GSolcheſt nennſt du einen Kuß? Dieſes heißt die Sehnſucht wecken, Sie begnuͤgen, nimmermehr! — 110— Dieſes Geſchenk, welches eine Frau ge⸗ woͤhnlich weiter fuͤhrt, als ſie ſelbſt glaubt, verſetzte den Marquis in große Unruhe, und er ſchwur, als eine befliſſene Schildwache auf Wilhelm Acht zu haben; er verlor den verliebten Troubadour nicht mehr aus dem Geſichte, und der Marquiſe mißfiel dieſer Zwang ſehr, denn ihren Anbeter nur in der Gegenwart ihres Gemahles ſehen, ſchien ihr noch unangenehmer, als ihn ganz entbehren. Wilhelm, der ſo unvorſichtig geweſen war, die Augen des Marquis auf ſich zu ziehen, war nicht mehr der Mann fuͤr die Marquiſe; ein zweiter Troubadour kam auf das Schloß und wurde ſein begluͤckter Nebenbuhler. Um die Zeit, wo Iſabelle anfing ihre Augen abſichtlich fuͤr Wilhelms Vorzuͤge zu verſchließen, oͤffnete die Graͤfinn von Rouſſillon die ihrigen fuͤr die Reize des jungen Troubadours, und als die Marquiſe dieſes bemerkte, glaubte ſie ſich von Wil⸗ helm hintergangen; obſchon erkaltet gegen ihn, war ſie doch noch eiferſuͤchtig und ſchwur ihm Rache. Wilhelm wurde in einem zaͤrtlichen Brieflein an einen Ort beſchieden, wo ſie ſchon oft ſeinen Liebesſchwuren ein freundliches Gehoͤr geliehen hatte; aber auch —. 111— ſeinem Nebenbuhler gebot ſie, ſich daſelbſt einzufinden. Alle drei kamen um die beſtimm⸗ te Stunde dahin— doch man fuͤrchte nicht, daß die beiden Liebhaber ſich erwuͤrgen wer⸗ den! Die Dichter ſind friedfertiger Natur, und werden ſie zu einem Kampf gezwungen, ſo ſind ihre Federn bereit; das Schwert ruht in der Scheite— ſie werden ſich gewiß frü⸗ her erklaͤren, als ſchlagen, und es iſt bekannt, daß man ſich gar nicht ſchlaͤgt, wenn man ſich fruͤher erklaͤrt hat. Die Marquiſe war hoͤchſt reizend gekleidet, und nie hatte ſie Wilhelm ſo ſchoͤn geſehen; er ſeufzte, als ſeine Blicke auf ſie fielen— auch die Schoͤne ſeufzte, und that ein paar Schritte gegen ihn, als leite ſie eine unfrei⸗ willige Bewegung im Innern, dann hielt ſie an, wie von Ueberlegung gefeſſelt. Wil⸗ helm, durch dieſen Kunſtgriff verlockt, ſtuͤrzte zu ihren Fuͤßen und beſchwor ſie, ſeine Hul⸗ digung anzunehmen. Die Marquiſe wollte nichts anders, als dieſe Demuͤthigung herbeifuͤhren; ſobald ſie ihn vor ſich kniend ſah, wandte ſie ſich zu ſeinem Nebenbuhler, reichte ihm die Hand, die er mit verliebtem Feuer ergriff, und Beide ſchwuren ſich in Wilhelms Gegen⸗ — 142— 3. 45 Die Graͤfinn von Rouſſillon bemühte ſich zwar, Wilhelms Verluſt zu erſetzen; aber er fuͤhlte keine Neigung fuͤr ſie, und bald nachher entbrannte er in Liebe fuͤr die ſchoͤne Adelaide von Roquemartine. Folgende Verſe unſers jungen Troubadours bezeugen ihre Schoͤnheit und Jugendfriſche. . Seh' ich dieſe zarten Bluͤthen, 1 .. Dieſe Lilien und Roſe,,, So auf deinen Wangen gluüͤhen In den holden Blicke n brennen, Schheinet mir dein ganzes Weſen Nur ein Hain der Liebesgoͤtter. Aber duften mir ſo herrlich Deines Geiſtes Wunderblumen, Wahrlich kann ich nicht erkennen, Ob du ſelber dieſe Blumen, Ob die Blumen ſelber du ſind. Adelaide liebte es, wie alle Damen der damaligen Zeit, daß man Geſaͤnge auf ſie dichte; aber ſie wollte dieſe nur ihren Reizen, nicht ertheilter Gunſt verdanken, und da ſie bald die Wuͤnſche und Begehren des Trou⸗ — 1213— badours errieth, ſo zog ſie ihren Gemahl ins Geheimniß. 1. Der Vicomte von Roquemartine be⸗ ſchloß, ſich auf Koſten des zaͤrtlichen Wil⸗ helm zu beluſtigen; daher beguͤnſtigte er ſelbſt ſeine Liebesflammen und verſchaffte ihm einſame Geſprache mit Adelaiden, die ſei⸗ nen Schwuͤren mit Vergnuͤgen zuzuhoͤren ſchien, doch niemals weiter ging. Das Ge⸗ fühl, ſich zuweilen geliebt zu waͤhnen, und doch niemals Gewißheit zu erhalten, kann mehr Qual als Gluͤck genannt werden, und der Zuſtand des liebentbrannten Trouba⸗ dours war nichts weniger als beneidens⸗ werth. Eines Tages war Wilhelm ſo gluͤcklich, die ſchoͤne Adelaide allein und gleichſam in einer Wiege von Bläͤttern und Bluͤthen ent⸗ ſchlummert zu finden; in dem Uebermaß der Freude wagte er kaum ſeinen Augen zu trauen, und erſt als er ganz leiſe die Hand der Gelieb⸗ ten beruͤhrte, war er uͤberzeugt, nicht zu traͤu⸗ men— ſie war es ſelbſt, und der entzuͤck⸗ te Troubadour ſandte die forſchenden Blicke rings umher, ob er allein dieſes reizenden An⸗ blicks genieße— kein Fuß hatte die freund⸗ liche Einſamkeit betreten— er neigte ſich zu 15 — 144— der Schoͤuen nieder, und, ihre lieblichen For⸗ men betrachtend, wagte er kaum zu athmen, daß er ſie nicht erwecke.— Adelaide ruhte in leichtem Gewande auf einer Raſenbank, Bluͤthen umkoſten ihre ſchoͤnen Wangen und der jugendliche Buſen hob ſich ſanft— Wil⸗ helm kniete an ihrer Seite nieder und neigte ſich gegen ſie, als wolle er den Blumenhauch ſeiner Goͤttinn athmen, bis er endlich, nicht im Stande länger zu widerſtehen, ihr einen Kuß zu rauben wagte. Dieſer Liebesraub loͤſte den ſuüͤßen Zauber. Adelaide erwach⸗ te— Ueberraſchung und Zorn mahlten ſich in ihren Blicken; einſehend, in welcher Gefahr ſie geweſen, erhob ſie ſich von ihrem Blumen⸗ lager und floh mit großer Eilfertigkeit. Dem Troubadour wurde angedeutet, das Schloß und die Naͤhe der Dame zu verlaſſen— zwei Kuͤſſe hatten ſein Ungluͤck gemacht, und er ſchwur, dieſe an ſich ſo unſchuldige Liebko⸗ ſung, die aber ſo gefaͤhrlich in ihren Folgen iſt, nie mehr weder zu fodern noch zu empfan⸗ gen; doch hatte er die Liebe nicht ver ſchworen, und bald trug er neue Bande. Wilhelms neue Gebieterinn fragte we⸗ nig nach dem Ruhme; ſie ſuchte nur Gluͤck, und fand dieſes in Liebe und Geheimniß. Conſtance verbot ihrem Anbeter ihr ſeine Zaͤrtlichkeit durch Verſe zu bezeugen, und es gab nach ihrer Meinung viel ſicherere Mittel, die Liebe darzuthun; ihr ſchienen die Lieder iel Poſaunen, welche die Verlaͤum⸗ dung und Eiferſucht erregen, und die Zeit, ſagte ſie, welche ein Liebender anwendet, um den Namen des Dichters zu erwerben, iſt fuͤr die Liebe verloren. Wilhelm war gezwungen, ſeine Leier ru⸗ hen zu laſſen, und wer es weiß, wie viel es einem Dichter koſtet, unbekannt zu leben, und zu entſagen, wo die leuchtende Goͤttinn des Ruhmes uͤber dem Haupte ſchwebt und ihre unſterblichen Kraͤnze darzubieten ſcheint, der kann ſeine Zaͤrtlichkeit fuͤr die Herrinn bemeſ⸗ ſen, die, mit der allmaͤchtigen Liebe im Bun⸗ de, ihm jedes Opfer verſuͤßte. Endlich ſetzte der Tod Wilhelms Gluͤck ein Ziel— er vergoß Thraͤnen auf Con⸗ ſtancens Grabhuͤgel, und ſein Schmerz be⸗ raubte ihn ſeines Verſtandes; in ſeiner Gei⸗ ſtesabweſenheit glaubte er die Geliebte noch am Leben, kam alle Abende an den Ort, wo ſie begraben lag, und fluͤſterte in ihr Grab all' die ſüßen Worte, die er ihr im Leben ſo oft wiederholt hatte, dann bat er ſie, ihm — 46— doch zu ſagen, ob ſie denn lebe, oder todt ſey? Die troͤſtende Zeit beſaͤnftigte Wilhelms Schmerz und gab Verſtand zuruͤck; auch der Gott kunſt entzuͤndete ſeine Begeiſterung und erweckte ihn zu neuem Leben. Um dieſe Zeit erhielt der wiedererwachte Troubadour folgende Zeilen von der ſchoͤnen Eliſe von Montfort, der Tochter des Vicomte von Turenne: „Ich biete Dir, edler Saͤnger! meine Liebe an, um Dich für die Leiden zu entſchaͤdigen, die Du erduldet. Ich beſchwoͤre Dich, komme zu mir, und wenn Du dieſer Bitte nicht Ge⸗ hoͤr giebſt, ſo muß ich ſelbſt Dich aufſuchen.“ Wilhelm glaubte nun, das hecbſie Gluůck gefunden zu haben, ein Herz, das wahr und ſtark zu lieben verſtehe, und eilte zu den Fuͤſ⸗ ſen der zaͤrtlichen Eliſ e; aber dieſes Liebes⸗ verhaͤltniß brachte dem Troubadour einen Wi⸗ derwillen gegen alle Verbindungen mit Damen von Stande bei; Anfaͤlle von Stolz und Ho⸗ heit ermuͤdeten Pön⸗. wechſelnde April⸗ Launen drohten den Faden ſeiner Geduld zu zerreißen, — 16— und er kam endlich zu der Ueberzeugung, daß Liebe ohne Gleichheit ein Unding ſey. Wil⸗ helm verließ und wurde verlaſſen; aber eine neue Herzenswahl machte ihn noch minder gluͤcklich, obſchon er ſeine Gebieterinn dieß⸗ mal nicht aus ſo hohem Stande erkieſen hatte; frei in ſeinem Benehmen gegen ſie, erledigt von tauſend kleinen Beweiſen der Sorgfalt und den Ruͤckſichten des Anſtandes, ſchien ihm anfaͤnglich das Joch ſehr ſuͤß; er durfte nicht mehr beſtaͤndig auf ſeiner Huth ſeyn und ſein Antlitz nach einem andern formen; es war ihm erlaubt, ungleich in ſeinem Weſen zu ſeyn,, ſich zu beklagen, zu ſchmollen und d zanken, die Kette zu zerbrechen und wie anzulegen, in demſelben Augenblicke drohend, zaͤrtlich, eiferſüchtig und vertrauensvoll zu ſeyn; er war abwechſelnd K König und Sclave, und legte wieder in die Hand ſeiner Geliebten den Zepter, welchen ſie ihm ſorgſam dargebo⸗ ten hatte. Dieſe Gegenſaͤtze von Macht und Dienſtbarkeit, all' die tauſend abwechſelnden Kleinigkeiten, welche durch Unruhe und Be⸗ gehren den Ueberdruß verſcheuchen, und aus denen ſo viele Genuͤſſe erbluͤhen, entſchaͤdig⸗ ten ihn auch fuͤr das, was er zu dulden hatte, denn ſeine Geliebte hatte die leidige Krankheit, — 118— immer an der Zaͤrtlichkeit ihres Anbeters zu zweifeln und ſtets neue Beweiſe davon zu fodern. Eines Tages verlangte ſie von ihm, er ſolle ſich einen Nagel von der Hand herab⸗ reißen laſſen, mit dem blutenden Finger al⸗ ſogleich ein zaͤrtliches Lied ſchreiben und ihr ei⸗ nes und das andre uͤberbringen. Wilhelm zoͤgerte keinen Augenblick, ließ die ſchmerz⸗ hafte Operation mit ſich vornehmen, ohne zu zucken, ſchrieb ſein Lied und brachte beides ſei⸗ ner Gebſeterinn, welche die Verſe vortrefflich fand und ihm auf das Zaͤrtlichſte fuͤr die Auf opferung ſeines Nagels dankte. 1. Ein andermal wurde Wilhelm durch die ſonderbaren Grillen ſeiner Geliebten groͤßeren Gefahren ausgeſetzt; er hatte ihr ſchon oft von den griechiſchen Mythen und den Thaten der alterthuͤmlichen Herven erzaͤhlt, und als dieß eines Tages wieder geſchah, fragte ſie ihn, ob er ſich wohl ihr zu Liebe verwan⸗ deln wollte?„Romulus,“ fuhr ſie fort, „wurde von einer Woͤlfinn geſaͤugt, und er iſt der Stammvater eines großen Volkes ge⸗ worden. Dieſe Epoche der alten Geſchichte hat mich mit der groͤßten Achtung fuͤr die Woͤlfe erfüllt— o, werde du ſelbſt ein Wolf! er⸗ klimme mir zu Gefallen die Berge in unſern Waͤldern und ſteige hernach herab, um mir zu ſagen, daß du mich liebſt.““ Da entgegnete der Troubadour: „Bedenke doch, dein Geliebter ein Wolf!— ein Wolf in deinen Armen— Und die Frau fiel ihm in die Rede: „Und was iſt es denn mehr?— woruͤber verwunderſt du dich denn ſo ſehr? Man ſieht doch ſo viele Frauen ſich an Hausthiere haͤn⸗ gen und einen Hund dem Gatten vorziehen; ja man ſieht ſie oft Maͤnner von Verdienſt verwerfen, um Leute zu waͤhlen, die nur durch die Leibesgeſtalt ſich von Thieren unterſcheiden; warum ſoll ich nicht fodern, daß ein Mann von Geiſt, um mir zu gefallen, die Geſtalt eines Thieres annehme, um mir dadurch ſeine Zaͤrtlichkeit zu beweiſen?“ 5. Wilhelm fand den Einfall ſeiner Ge⸗ liebten hoͤchſt widerſinnig; da ſie ihm aber die Verſicherung gab, dieſes ſolle die letzte Pruͤ⸗ fung ſeiner Liebe ſeyn, ſo ergab er ſich endlich in ihren Willen, und bald erſchien er, in eine Wolfshaut eingehullt, lange Ohren bedeckten die ſeinigen und der gewaltige Schweif ſchlug die Ferſen; er verſuchte in ſeinem Gemache auf vier Fuͤßen zu gehen und das Geſchrei eines Wolfes nachzuahmen, und als er ſich in die⸗ ſer neuen Kunſt erfahren genug glaubte, un⸗ terrichtete er ſeine Geliebte, den Tag beſtim⸗ mend, wo er ſeine neue Rolle ſpielen und als das Schrecken der Schafe und Laͤmmer in der Nachbarſchaft erſcheinen ſollte. Aber Wilhelm hatte einen Nebenbuh⸗ ler, der das Geheimniß dieſer Verwandlung inne wurde und ſelbe auf die grauſamſte Weiſe benützte, um ſich auf Koſten des armen Troubadours zu beluſtigen; er ging in das nachſte Dorf und machte die Hirten aufmerk⸗ ſam, daß ſich in der Gegend ein Wolf ſehen laſſe, ſie moͤchten ihre Heerden bewahren; welche Warnung die Hirten dankbar annah⸗ men und ſich ſammt ihren Hunden auf die Lauer begaben. 3 Wilhelm wußte nichts von dieſen dro⸗ henden Anſtalten, und, nachdem er ſich den Tag uͤber im Gebuͤſche verborgen gehalten, brach er nach Sonnenuntergang hervor und ließ das muͤhſam erlernte Heulen vernehmen. Schon verkündete das aͤngſtliche Bloͤcken der Heerden den nahenden Feind; der Widder ſtieß mit ſeinen Hoͤrnern an die Krippe und die Hunde traten auf die Wacht; ein Pfeifen⸗ — 1221— ton des Waͤchters verſammelte die Schaͤfer, welche hie und da in gewiſſer Entfernung zer⸗ ſtreut, einen Kreis bildeten, um dem Wolf die Ruͤckkehr abzuſchneiden. Wilhelm er⸗ trug die erſten Angriffe mit vieler Tapferkeit; er lief und ſprang ſehr leicht, doch nicht ſo ſchnell als die Steine flogen, welche die Hir⸗ ten ſo gewandt nach ihm ſchleuderten, daß faſt jeder traf; die Hunde, ihn verfolgend, brachten ihm tiefe Wunden bei— ſein Blut floß, und erliegend ſchien er ohne Rettung den zerfleiſchenden Thieren preis gegeben, als Bertrand, ſein Nebenbuhler, meinte, er habe ſeinen boshaften Scherz weit genug ge⸗ trieben; er ſagte den Hirten, dieſer Wolf ſey nur ein Menſch, der fuͤr eine ganz beſondre Thorheit hinlänglich gezuͤchtigt worden, und der erkännte Wilhelm wurde unter Spott und Jubel der Dorfjugend halb todt, und vom Blutverluſt erſchoͤpft, hinweggetragen. Dieſes Abentheuer war bald ſo bekannt ge⸗ worden, daß die Geliebte des Troubadours ſich mit Ehren nicht mehr an ſeiner Seite zei⸗ gen konnte, und, obſchon ſie allein an ſeinem Ungluͤck Schuld war, verſchloß ſie ihm den⸗ noch die Tnhure, und Wilhelm, nach al⸗ — 122— lem, was er von den Frauen erduldet hatte, ſchwur dem ſchoͤnen Geſchlechte ewigen Haß; er ſprach alles Boͤſe von ihnen, ſang von ih⸗ rer Falſchheit und Tucke und ſtarb endlich in Armuth und von keiner Dame beklagt. Die Preisaufgabe. Laut rauſchte der Jubel des Carnevals; die Daͤcher und die benachbarten Berge waren weiß beſchneit; eine ſcharfe Kaͤlte mahnte Alles zu den waͤrmenden Pelzhuͤllen zu greifen und gleichwohl bot die Eisdecke des breiten Fluſſes der muntern Jugend eine ganz ausgeſuchte Er⸗ goͤtzlichkeit dar, die faſt noch mehr als die Tanzbeluſtigungen aufgeſucht wurde. Selbſt aͤltere Perſonen begaben ſich in großer Anzahl dahin, um die kunſtreichen Wendungen der gewandten Schrittſchuhlaͤufer, die wohlver⸗ zierten Stuhlſchlitten, in welchen ſie ihre rei⸗ zenden Gebieterinnen pfeilſchnell uͤber die ſil⸗ berglatte Decke dahinfuͤhrten, zu beſchauen, zu bewundern und zum Theil auch bald ſtrenge, bald gelinder zu tadeln. Die geſammte elegante Welt der Reſidenz fand ſich taͤglich auf dem Eisſpiegel ein; Alles was dazu gehoͤrte oder gehoͤren wollte, war — 124— dort, nur eine einzige Dame fehlte, aber auch grade die liebenswürdigſte von allen, die rei⸗ zendſte Bluͤthe der hoͤhern Kreiſe, die junge Graͤfinn Blandine von Haak, eine Dame, die ſich ſonſt nicht leicht nachſagen ließ, daß irgend eine glaͤnzende Verſammlung, ſie ent⸗ behren muͤſſe. Man ſtellte ihr vor, daß ja der Fuͤrſt und die Prinzeſſinnen des Hauſes ſich ſelbſt manchmal als Zuſchauer der Winterbe⸗ luſtigungen einfänden, daß es zu den unver⸗ bruchlichen Geſetzen des guten Tones gehoͤre, dahin zu kommen— die Graͤfinn beharrte mit liebenswuͤrdigem Eigenſinn darauf, ſich auf dem Eiſe nicht erkaͤlten zu wollen; alle ihre Freunde und Freundinnen bemühten ſich frucht⸗ los, ſie in ihrem Beſchluſſe wallkend zu ma⸗ chen, ja ſelbſt die Bemerkung ihrer Couſine Iſabelle: es ſey einmal wieder eine ihrer Sonderlingslaunen, die ſie aus einer groͤßern Reſidenz mit in die kleinere heruͤbergebracht habe, wollte nichts helfen, bis es endlich ihrem Onkel, dem General, mit dem Verſprechen, ſie ſelbſt auf dem Schlitten herum zu kutſchi⸗ ren, gelang, ihr das Verſprechen zu entlok⸗ ken, ſich naͤchſten Montag auf dem eiſigen Centralpuunkt der ſchoͤnen Welt einzufinden. Der heroiſche Entſchluß der Graͤfinn wurde ſchon zwei Tage vorher in allen Kreiſen und dem Caſſino promulgirt, und ihr Couſin, der Kammerjunker, wollte ſich den Ruhm nicht ſtreitig machen laſſen, die reizende Baſe im Triumph dort einzufuͤhren; er huͤllte ſich in einen neuen, eben vom Kleidermacher erhalte⸗ nen Mantel mit unzähligen Kragen von Mond⸗ ſchein⸗Farbe, der Hut a la Bolivar mit un⸗ geheuerm Schneedach, ſchmuͤckte ſein Haupt, und er ſprang in Blandinens Zimmer, als ſie eben ihre Toilette vollendet hatte und nur noch einen pruͤfenden Blick in den großen An⸗ kleideſpiegel warf. Die Graͤfinn, welche ſich in einem eleganten Pelzuͤberrock gegen die rauhe Eisluft verſchanzt hatte, nickte dem Ankoͤmm⸗ ling entgegen, wobei die flatternden Federn des engliſchen Filzhuͤtchens die ſchwarzen Augen ſo reizend beſchatteten, daß ihr Glanz, gleich dem des Demants, wenn das grelle Licht von ihm abgehalten wird, ihm doppelt hell entge⸗ gen ſtrahlte, und er nicht mit ſich einig wer⸗ den konnte, ob es noch mehr gefaͤhrlich oder mehr angenehm ſey, ſich in dieſen klaren Ster⸗ nen zu ſpiegeln. Nun warf das nette Kam⸗ mermaͤdchen ihrer Gebieterinn den oſtindiſchen Shawl uͤber, und ſie legte ihren ſchoͤnen Arm = 136— in den dargebotenen des wonnetrunkenen Cou⸗ ſins, der ſie ſtolz und ſiegreich auf den Eis⸗ platz geleitete, wo aller Augen ſchon auf die Erſehnte harrten. Die Graͤfinn war mit ſcheuen und ſchwan⸗ kenden Schritten ſchon eine gute Weile herum⸗ gegangen und ſtand eben einem Kreislauf von bunten Schlitten zuzuſehen, als auch der On⸗ kel in einen wohlgefuͤtterten Tuͤffelcapot ver⸗ huͤllt und das Haupt durch eine Pelzmüͤtze ge⸗ ſchirmt/ anlangte, und, um ſein Wort zu loͤ⸗ ſen, Blandinen einen hoͤchſt eleganten Stuhlſchlitten präſentiren ließ, den er, um ſie darauf zu kutſchiren, eigens beſtellt hatte. „Ei, Onkelchen! rief ihm die ſchalkhafte Graͤfinn entgegen, ſind Sie doch hier?— ich gedachte Ihres Sprichwortes und— ich ge⸗ ſtehe es Ihnen— da kam ich blos hieher, um Ihnen Abends im Cerele Ihre Wortbrüchig⸗ keit vorwerfen zu koͤnnen. 77 Der General wollte antworten, aber eben ſtuͤrzte der junge Rittmeiſter von Dorn, des Erbprinzen Liebling und Jagdgenoſſe im eng⸗ liſchen Ueberrock und ſchnurgezierten Huſaren⸗ weſtchen daher, ſchnitt ihm die Rede ab und that Einſpruch in ſein Gluͤck, die Schoͤnſte der Schoͤnen auf dem Eiſe fahren zu duͤrfen. — 127— Auch der Kammerjunker trat auf des Ritt⸗ meiſters Seite, und, der alte Herr mochte ſich auf ſeine fruͤhern Anſpruͤche berufen, ſo viel er wollte— auf dem Eiſe ſchien voͤllige Freiheit und Gleichheit zu gelten, weder der Neffe dachte an die Ehrfurcht, noch der Ritt⸗ meiſter an die Subordination, welche doch die Seeel ſeines Standes ſeyn ſoll, und Beide behaupteren einmuͤthig, der alte Herr werde zu geſchwinde müde, daher gebuͤhre es den ſtaͤrkern und gewandtern Schrittſchuhlaͤufern zuerſt die Honneurs des Platzes zu machen, zuletzt erſt ſolle die Reihe an ihn kommen, „denn,“ fuͤgte der Kammerjunker hinzu,„hier gilt die Prozeſſionsordnung, die Vornehmſten ſchließen den Zug.“ Die Graͤfinn ſchuͤttelte das Koͤpfchen und erklaͤrte rund heraus, ſie werde ſich nur von einem Einzigen kutſchiren laſſen, und dieſes auch nur ſo kurze Zeit, daß gewiß ſelbſt der Onkel nicht muͤde werden ſolle.„Doch,“ fuhr ſie fort,„um keinen der Herren zu be⸗ leidigen und nicht etwa gar die unſchuldige Urſache eines blutigen Zweikampfs zu werden, habe ich mir eben, waͤhrend Ihres Streites, ein Mittel erſonnen, die ganze Sache auf eine friedliche Weiſe zu ſchlichten. Sie wiſſen, 1 — 428— daß das Erzaͤhlen ſo ſehr meine ſchwache Seite iſt, als nur irgend eines Sultans oder einer perſiſchen Prinzeſſinn, und wer mir nun gleich aus dem Stegreif die anziehendſte Geſchichte — doch verſteht ſich, ganz im Geiſte der neue⸗ ſten romantiſchen Poeſie— erzaͤhlt„ der ſoll mich ſiegreich ins Reich der Schlitten einfuͤh⸗ ren. Ich will indeß auf dieſem mir geweih⸗ ten Sitz, als Richterſtuhl, Platz nehmen und von ihm aus meinen Ausſpruch erſchallen laſfe ſen.— Nun, meine Herren! warum ſo ſtilll ich dachte, das Vergnügen, mich herum zu kutſchen, ſoll Ihnen doch wohl ſo viel gel⸗ ten, als einige Louisd'or, wofur ſich heute zu Tage die poetiſchen Preisbewerber die Finger faſt krumm ſchreiben?— Entſchließen Sie ſich ſchnell, ſonſt wird gar nicht gefahren.“ Die drei fahrluſtigen Herren ſchieuen von dem Ausſpruche der Graͤfinn nicht eben ſehr erbaut zu ſeyn; da ſie aber wußten, daß die⸗ ſes liebenswuͤrdige Trotzkoͤpfchen durchaus keine Appellation annehme, ſo machten ſie gute Miene zum boͤſen Spiel, und der On⸗ kel, als der aͤlteſte Preisbewerber, wurde auf⸗ gefodert, den Anfang zu machen; er raͤuſ⸗ perte ſich einigemal und begann endlich mit folgenden Worten: — 4129— „In Baiern hatte einſt ein Edelmann ſei⸗ nen Beichtvater zum heiligen Oſterkuchen ein⸗ geladen, bei welchem Mahl ſich der Herr des Hauſes, ſeine Gemahlinn, zwei Junkers und zwei Fraͤuleins befanden, und der Moͤnch war der Siebente bei Tiſche. Als nun nach meh⸗ rern wohlſchmeckenden Gerichten, welchen der Pater weidlich zuſprach, ein feiſter, gebrate⸗ ner Kapaun(welchen der Ritter eigens aus Steiermark verſchrieben) aufgeſetzt wurde, ſchob der Hausherr dieſen ſeinem Gaſte zu, und bat ihn, ſelben auf kunſtreiche Weiſe zu zerlegen; dieſer aber entgegnete: „Gnaͤdiger Herr! ich muß euch ſagen, daß ich einen ſolchen Braten nur auf ſolche Weiſe zu zerlegen verſtehe, wie man ſolches vor al⸗ ter Zeit erlernt hat.“ Da ſprach die Edelfrau: 1 „Thut ſolches, und zerlegt ihn, wie ihr es von den Alten erlernt habt.“ Darauf nahm der Pater das Meſſer und ſchnitt zuerſt dem Kapaun den Kopf ab, den legte er dem Hausherrn auf den Teller; dann legte er der Edelfrau den Kragen vor; die bei⸗ den Fluͤgel verehrte er den beiden Fraͤuleins, und den Junkern wurden die beiden Fuͤße zu Theil, waͤhrend er fuͤr ſich ſelbſt den Ueberreſt II. 9 4 mit der fetten Bruſt behielt und mit dem. be⸗ ſten Appetit verzehrte. Da ſchuͤttelte der Ritter den Kopf und fragte den Pater, auf welcher hohen Schule er das Zerlegen erlernt habon Dieſer aber entgegnete: „Edler Herr! ich habe euch den Kopf ver⸗ ehret, weil ihr das Haupt des Hauſes ſeyd und ſolches gar weislich zu regieren verſteht; den Kragen legte ich der hohen Frau vor, wel⸗ che nach euch das Regiment im Hauſe fuͤhrt und fuͤr alles ſorgt, was den Kragen fuͤllen ſoll; die beiden Fuͤße habe ich den Junkern dar⸗ gereicht, weil euer ganzer Stamm und Ge⸗ ſchlecht, ener Wappen, Schild und Helm auf dieſen beiden als feſten Stuͤtzen beruhet; dann ſchnitt ich die beiden Fluͤgel ab, um ſie den beiden Fraͤuleins zu praͤſentiren, ſintemal die Fittige das Symbol des Liebesgottes ſind, und dieſe holden und unſchuldigen Jungfrauen der⸗ einſt ein paar wackre Ritter mit den Wonnen der Liebe beglucken werden— mir ſelber iſt von dieſem Kapaun nur der verſtuͤmmelte Rumpf uͤbrig geblieben, deſſen ich mich als eines Armen und Verlaſſenen angenommen und ihn aus Mitleid rein aufgegeſſen habe, weil er ſo viel Aehnlichkeit mit mir hat— denn — 434— ich bin ſo ungeſtaltet, wie er; bin auch ein Vogel und habe doch keine Fluͤgel, gehe, ſeit ich in den Orden getreten bin, ſtets barfuß, wie eine Gans, bin gleich einem Narren ge⸗ ſchoren, und mit dem Strick geguͤrtet, wie ein Dieb, und ſehe ganz aus, wie ein Kapaun, dem der Kopf und Hals, die Flügel und Füße abgeſchnitten ſind.“. Da lachte der Sdelmann uͤber die ſinnrei⸗ chen Bemerkungen des Moͤnchs; aber er lud ihn nimmer zum Mittagsmahl ein.“ „Aber, Onkelchen! ſprach das Fraͤulein, bin ich denn eine ſo große Liebhaberinn vom Eſſen, daß Sie mich durch einen gebratenen K Kapaun zu gewinnen hoffen?“ Der General ſchwieg beſchaͤmt, und der Rittmeiſter, der, nach Art der großen Geiſter kein gutes Gedaͤchtniß hatte, zog ein Blatt aus ſeiner Brieftaſche und begann, mit dem ſieghaften Anſehen eines roͤmiſchen Tedla. tors, folgendes Geſchichtchen zu leſen, an deſſen guten Erfolg er gar icht zu zweſfem ſchien: „Vor vielen Jahren lebte in Mailand ein alter Kaufmann, der uͤber die Maßen reich war und dazu ein junges, ſchoͤnes Weib be⸗ ſaß, ſo daß ihn alle in der Stadt beneideten; 9.. — 132— aber die Frau war ihrem Eheherrn nicht treu, und wenn er auf Meſſen und Maͤrkte in fremde Laͤnder zog, ſandte ſie ihre Magd zu einem ſchoͤnen Jungling und vergaß in der Liebe zu ihm des alten Kaufmannes ganz und gar. Die Magd, welche ihrer Gebieterinn, ſo gute Dienſte leiſtete, war auch in allerhand Zau⸗ berkuͤnſten wohl erfahren und verſtand ſich auf die Sprache der Voͤgel und aller Thiere.“ „Nun trug es ſich einſt zu, daß der Herr wieder fortreiſte und erſt in einem Monat zu⸗ ruckkommen wollte. Kaum hatte ihn die Frau aus den Augen verloren, ſo ließ ſie ihren Lieb⸗ ling rufen und behielt ihn Tag und Nacht bei ſich; aber in der erſten Mitternacht hub einer der drei Haushaͤhne mit heller Stimme zu kraͤ⸗ hen an, viel mehr als man ſonſt an ihm ge⸗ wohnt war, deshalb fragte die Frau am Mor⸗ gen ihre Magd, was der Hahn gekraͤht habe, welche ihr Folgendes auslegte: 4 „In dieſem Hauſe wohnt ein ungetreues Weib, denn weil ihr Eheherr fortgeritten, hat ſie ſich einen Buhler eingeladen, daß er Jeues Stelle einnehme. 2 te „Auch, fuhr die Magd fort, hat der Hahn gewaltig mit den Fluͤgeln geſchlagen, und da⸗ mit wollte er andeuten, der Herr ſolle euch recht 2 33— derb ſchlagen, damtt kah die Lebesgedanken vergingen.“ Da ſprach die Frau au zu ihrer Magd: „Gehe alſogleich hin und ſchneide dem Hahn den Kragen ab, denn weil er ſo gute Luſt hat, mich zu verrathen und mir große Unbilden auf den Hals zu laden, ſo ſoll er nicht laͤnger le⸗ ben.“ Die Magd ſchlachtete und bri iet den guten Wahrſager, den ſie zu Murnag mit großem Ap⸗ petite verzehrten. M In der zweiten Nacht kraͤhte der andere Hahn, und die Magd uberſetzte am Morgen auf ihrer Frau Begehren ſeine Worte folgen⸗ dermaßen in die teutſche Sprache:. „ Mein Geſelle iſt geſtern Mor gens unſchul⸗ dig erſchlagen worden, denn er hat nur die Wahrheit geſprochen.“ Die Frau ließ dieſen zweiten eben ſo un⸗ barmherzig ahſchlachten und lud ihren Liebling zu dem gebratenen Kläger ein; aber als ſie Nachts im Bette lag, da hoͤrte ſie den dritten Hahn noch lauter als die beiden vorigen krahen; 9 N „Audi, vide et tace Vis vivere in pace! — 134— und die Magd verdolmetſchte ihr ſolches: „Du mußt hören, ſehen und ſchweigen dazu, So du willſt leben in Gluͤck und Ruh.“ Da ſprach die Frau:— „ Den alten weiſen Hahn wollen wir ſorg⸗ ſam pflegen, weil er hoͤren, ſehen und ſchwei⸗ gen kann und mein Geheimniß nicht verrathen wird, ſo daß ich in guter Ruhe bleiben kann. Drum gib ihm genug zu eſſen und ſorge wohl fuͤr ihn, damit er ſehe, daß man mit Klugheit mehr, als ſeine Geſellen, ausrichte, obſchon ſie mir die Wahrheit geſagt haben.“ „ und die Moral?“ fragte der Onkel.— Aber Bland inen ſchien der Uebergang vom Kapaun zu den Haͤhnen ſo uͤber alle Ma⸗ ſſen anſtoͤßig, daß ſie mit faſt unwilliger Mie⸗ ne, ohne ein Wort darauf zu ſagen, dem Kam⸗ merjunker fortzufahren winkte, welcher alſo begann: 8 „In Piſtoja lebte einſt eine junge und wunderſchoͤne Wittfrau, die aber noch from⸗ mer und tugendſamer als reizend war; in dieſe verliebten ſich zwei junge Edelleure, der eine aus Florenz, der andre aus Neapel zu Hauſe, und ohne daß einer oder der andre von ſeinem — 133— Nebenbuhler etwas wußte, beſtuͤrmten ſie die Schoͤne mit Briefen und Geſchenken und ſand⸗ ten alte Muhmen und Kupplerinnen zu ihr, um ihre Liebe zu erflehenz aber ſie liebte kei⸗ nen von ihnen und wußte ſich gar keinen Rath, wie ſie der unwillfommenen Freier los werden ſollte. Da geſchah 63,3 da z zu Piſtoja ein böſer und ungeſtalteter Kaufmann ſtarb, der in der ganzen Stadt als der gewiſſenloſeſte Wucherer bekannt und verhaßt war; dieſer hatte ſich von ſeinem mit Unrecht erworbenen Gelde eine ſtattliche Gruft erbauen laſſen und wurde in derſelben beſtattet, ohne daß ihn ein einziger Menſch bedauerte. Nach ſeinem feierlichen Leichenbegangniß ſandte die Wittfrau ihre Magd zu dem jungen Florentiner und ließ ihm ſagen: ſie wolle ſeine Liebesbitte erhoͤ⸗ ren, doch muͤſſe er eine Probe beſtehen und ſich heute Nachts in das Grab des todten Wur⸗ cherers legen, auch ſein Todtenhemd anziehen und an ſeiner Stelle im Sarge liegen bleiben, bis ſie um Mitternacht den Knecht in die Gruft ſenden werde, daß er ihn in ihr Haus trage, als waͤre es der todte Mann, damit Nic⸗ mand erfahre, daß er zu ihr gekommen; wenn er aber dieſes Begehren nicht erfuͤlle, — 136— ſo ſolle er es nimmer wagen, um ihre Liebe zu flehen. 1.81631 Der Florentiner ließ ihr zuruͤckſagen: er ſey uͤber die Maßen erfreut, endlich durch etwas ihre Liebe verdienen zu koͤnnen, und wuͤrde gewiß in dieſer Probe beſtehen. Dann ſandte die ſchoͤne Frau zu dem Nea⸗ politaner und ließ ihm vermelden: es boͤte ſich ihm eine gute Gelegenheit dar, ſie von ſeiner wahrhaften Liebe zu uͤberzengen und durch Herzhaftigkeit die ihre zu gewinnen; er ſolle ſich daher um Mitternachr in die Gruft des Kaufmanns begeben, und, ſo er ihr den Leichnam in ihr Haus bringe, habe er dort einen gar freundlichen Empfang zu hoffen; doch, wenn er ſolches nicht ausrichten wolle, ſo ſahe ſie wohl ein, daß er ſie gar nicht lieb habe, und er moͤge aufhoͤren, durch allerhand Liebesverſicherungen ſein Geſpoͤtte mit ihr zu treiben. an Deer Neapolitaner ließ der Gebieterinn ſei⸗ nes Herzens zuruͤckſagen: er wolle ihr zu Liebe nicht allein den todten Mann in ihr Haus tragen, ſondern, ſo ſie es fodre, ſelbſt in die Hoͤlle willig hinabſteigen. 25 Als nun die Magd ihrer Frau die Ant⸗ worten dieſer beiden Liebhaber hinterbrachte, — 487— lachte ſie uͤber die verliebten Thoren, und harrte munter der kommenden Nacht und der Abentheuer, welche ſelbe mit ſich bringen ſollte. Wie es ſchon ganz dunkel geworden war, ging der Florentiner auf den Kirchhof, oͤffnete leiſe die Thuͤre der Gruft, hob zitternd den Deckel von dem Grabe, nahm den Leichnam her⸗ aus, den er entkleidete und in die Ecke lehnte; dann zog er ſelbſt das Todtengewand an, und ſtreckte ſich in dem Sarge aus, nachdem er mit vieler Muͤhe den Deckel wieder uͤber ſich gezogen hatte; doch ſchwebte er in großer Angſt, und ſeine Haare ſtraͤubten ſich empor, denn oft kam es ihm vor, als ruhre ſich der Todte in ſeinem Winkel und wuͤrde kommen, ihn zu erwuͤrgen, weil er ihn frevelhaft ſeines letzten Kleides beraubt und ſeine Ruheſtätte eingenommen habe— auch meinte er, es könne wohl gar der Teufel ſich einſinden und ihn anſtatt des boͤſen Wucherers mit ſich in die Hoͤlle nehmen: doch uͤberwand die blinde Liebe alle Schreckniſſe des Grabes, und er blieb ſtill liegen, bis es Mitternacht wurde, und der Neapolitaner, ſeinem Verſprechen gemaͤß, den Sargdeckel erhob; der aber war in ſeinem Gemuͤthe nicht minder als ſein ausgeſtreckter Nebenbuhler von Furcht und Entſetzen ergrif⸗ — 138— fen, und beſorgte, es möͤchte ihn der Todte zu ſich ins Grab ziehen und ihm den Kopf abreißen; doch aus uͤbergroßer Liebe tappte er in das Grab, und als der Todte ſich nicht regte, zog er ihn bei den Füßen heraus und lud den jungen Florentiner auf ſeine Schul⸗ tern, den er nun, ſchon etwas beherzter, nach dem Hauſe ſeiner Geliebten trug. 5 an Die ſchoͤne Wittfrau war nicht ſchlafen gegangen, ſondern ſchaute von ihrem Balcon auf die mondbeleuchtete Straße herab, wie der Neapolitaner ſeinen Nebenbuhler daher ſchleppte und mit dieſer großen Laſt ſich an den Hauſern hinzuſchmiegen ſuchte, daß ihn der helle Glanz nicht beſcheinen ſollte. Nun hatte es ſich zufaͤllig zugetragen, daß eben in dieſer Nacht, an einem andern Ende der Stadt, ein Todtſchlag verübt worden, und die Waͤch⸗ ter waren allenthalben an den beſchatteten Ek⸗ ken verborgen, um dem Moͤrder auf die Spur zu kommen; als ſie aber den Neapolitaner mit einem Leichnam auf dem Rücken daher ſchrei⸗ ten ſahen, fuhren ſie mit ihren Spießen auf ihn los, der alsbald ſeine Bürde abwarf und davon lief. Auch der vermeinte Todte erhob ſich mit großer Schnelligkeit von der Erde, riß das Todtenhemd, welches ihn im Laufen hin⸗ — 439— derte, in Stuͤcken von ſeinem Leibe, und bald waren beide Nebenbuhler, Dank ſey es ihren jungen Fuͤßen! den alten Waͤchtern entlaufen, ſo daß dieſe nur das Nachſehen hatten. Die Wittfrau ſah dieſes alles mit an und lachte uͤber die naͤrriſchen Streiche, zu welchen ſich die Menſchen durch die Liebe verleiten laſ⸗ ſen; aber ſie war froh, daß ſie der unwill⸗ kommnen Freier loͤs geworden, welche ſich ſo ſehr vor ihr ſchaͤmten, daß ſie nicht einmal mehr vor ihrem Hauſe voruͤber zu gehen wag⸗ ten, und nach kurzer Zeit in ihre de Feinauh zu⸗ ruͤckkehrten.“ Das ſeltne Schauſpiel einer declamatori⸗ ſchen Mittagsunterhaltung auf dem Eisplan, hatte eine Menge Neugieriger herbeigezogen, und als der Kammerjunker endete, ſah er ſich von einem Kreiſe von Bekannten(darunter mehrere Freundinnen ſeiner ſchoͤnen Couſine, welche ſich um ſie gruppirten) umgeben, der ihm Beifall zuklatſchte, und begierig ſahen die drei Preisbewerber auf die ſchoͤne Kampfrich⸗ terinn, wem ſie wohl den Dank zuerkennen werde; nach einer kleinen Pauſe begann die Graͤfinn: „Lieber Couſin! ich bin dir recht ſehr da⸗ fuͤr verbunden, daß du eine ſo keuſche Witse — 440— frau in deiubr Geſchichte beſchrieben haſt, wel⸗ cche mich auch weit mehr erbaut hat, als die leichtfertigen Hiſtorien und gebratenen Haͤhne und Kapannen der beiden andern Herren, die, ich kann es nicht läugnen, mir eben nicht da⸗ zu erfunden ſchienen, um einer Dame erzaͤhlt zu werden; da ich mir aber die Lehre daraus ziehe, daß wir weiblichen Weſen den Herren der Schoͤpfung ſo wenig als moglich zu Liebe thun muͤſſen, ſelbſt wenn ſie nus die groͤßten Opfer bringen— als ein ſolches erkenne ich es, daß ſie, mit Schrittſchuhen ausgeruͤſtet, ſtatt ſich durch Eislaufen zu vergnuͤgen, mir Novellen erzaͤhlt haben— ſo werde ich mich von gar keinem auf dem Eiſe herumkutſchen laſſen./) In. Das wollten die Herren anfaͤnglich gar nicht fuͤr Ernſt nehmen, und da ſie ſahen, daß es die Graͤfinn mit dieſem Ausſpruch doch ſehr ernſtlich meine, erinnerten ſie ſelbe an ihr Verſprechen, ſich von demjenigen kutſchen zu laſſen, der ihr die ſchoͤnſte Geſchichte er⸗ zaͤhlen wuͤrde, und der General fragte ſie ganz ereifert, warum ſie denn eigentlich aufs Eis gekommen ſey? „ Ja, Onkelchen, entgegnete Blan⸗ dine, das ſollen Sie gleich wiſſen— er⸗ innern Sie ſich wohl Ihres tiauchen Spr uch⸗ worts 2 7 „Welches Sprüchworts 276 fuug der Ge⸗ neral verdrießlich. Aber das Fraͤulein entgegnete im ange⸗ nommenen tiefen Baſſe. „Mich hat noch kein Maͤdchen aufs Eis gefuͤhrt!“ „Sehen Sie, mein goldnes Onkelchen!“ fuhr die Graͤfinn nickend fort,„da konnte ich mir die Freude nicht verſagen, die erſte— und vielleicht einzige— zu ſeyn, der dieſes Werk gelungen; was aber meine Zuſage betrifft, ſo muß ich Ihnen zu meiner Entſchuldigung auch eine Geſchichte erzaͤhlen.— Es war einmal in Teutſchland ein ſehr geiſtreicher, ein ſehr beliebter Luſtſpieldichter, der ſetzte einſt einen Preis auf das beſte Luſtſpiel.— Die Luſt⸗ piele liefen zu Dutzenden ein; der Luſtſpiel⸗ dichter rezenſirte die eingelaufenen, lobte ei⸗ nige; aber— den Preis zahlte er nicht aus, und als man ihn daruͤber zur Rede ſtellte, ſagte er, er habe geglaubt, das beſte Luſt⸗ ſpiel muͤſſe auch ein gutes Luſtſpiel ſeyn. Man hat die Foderung jenes Preisausſtel⸗ lers als billig anerkannt, drum wird man mir wohl dieſelbe zugeſtehen, und— greifen — 142— Sie an's Herz, meine Herren! ich hoffe, Ihre Beſcheidenheit und Selbſtkenntniß wird mich meines Verſprechens los und ledig er⸗ klaͤren!“—. Blandine faßte den Arm einer Freun⸗ dinn und huͤpfte mit einer leichten Verbeu⸗. gung davon, ihren Wagen aufzuſuchen, waͤh⸗ rend die drei Herren, die, wie die meiſten Preisbewerber, leer ausgegangen waren, die beſte Parthie ergriffen, indem ſie frohmuͤthig in das allgemeine Lachen einſtimmten. —— — 14— Das Leben ein Traum, oder: die Masken. 1. Es war ein ſchwuͤler Sommertag, kurz nach dem Solſtitium, als ich mich nach Tiſche in meine kuͤhle Stube zuruͤckzog— ich war da⸗ mals grade beſchaͤftigt, die Hiſtorie von dem boͤhmiſchen Prinzen Bretislaw und dem ſchoͤnen Fraͤulein Judith zu bearbeiten, und ſchrieb wie folgt: „Zu der Zeit, als dem Herzog Udalrich von Boͤhmen ein gar ſchoͤner und mannhafter Sohn, mit Namen Bretislaw, herange⸗ wachſen war, lebte in Teutſchland ein beruͤhm⸗ ter Herr aus kaiſerlichem Gebluͤte entſproſſen, genannt Graf Otto der Weiße; der be⸗ ſaß an ſeiner Tochter Judith, welche alle Jungfrauen des geſammten Reiches an Schoͤn⸗ — 444— heit und Aumuth uͤberſtrahlte, einen großen Schatz, den er wohl zu verwahren vermeinte, indem er das Fraͤulein in ein Kloſter zu Re⸗ gensburg ſandte, wo ſie mit andern adelichen Jungfrauen die Schrift und den Pſalter ler⸗ nen ſollte; aber auch dort verbreitete ſich als⸗ bald ihre wundervolle Schöoͤnheit, Tugend und Froͤmmigkeit und ward von Reiſenden in andre Laͤnder getragen, bis auch dem jungen Bre⸗ tislaw die Pilger ein ſo liebreizendes Bild von dem Fraͤulein entwarfen, daß er, ohne ſelbes jemals geſehen zu haben, in die heftigſte Liebe entbrannte, ſo daß er Tags und Nachts auf nichts anderes trachtete, als wie er die ſchoͤne Judith zu Geſichte bekommen, ohne deren Anblick und Beſitz er ſchier nicht mehr leben zu koͤnnen vermeinte. Der Prinz ſann nach, ob wohl ſein Vater eine ehrſame Ge⸗ ſandſchaft an den weißen Grafen abfertigen moͤge, um die Hand ſeiner Tochter fuͤr den boͤhmiſchen Erbfuͤrſten zu werben; da ihm aber einfiel, wie die Leute in Baiern ſehr hoffaͤrtiz und der boͤhmiſchen Sprache uͤber die Maßen abhold waͤren, ſo beſorgte er, es moͤchten wohl Muͤhe und Koſten fruchtlos verwendet werden, und beſchloß, ſein Gluͤck ſelber zu verſuchen, weshalb er ſeinen herzoglichen Vater um Ur⸗ C—— — 145— laub bat, er wolle an des Kaiſers Hoflager ziehen, um dort fremde Sitten und Gebraͤuche zu erlernen, welches ihm Udalrich auch gar gern verwilligte. Da las ſich Bretislaw aus ſeines Va⸗ ters Kriegern dreißig der tapferſten und ge⸗ treueſten aus und zog mit ihnen nach Baiern; aber auf dem Wege befahl er ihuen ernſtlicher Weiſe, ſie ſollten ihn keinesweges als einen her zoglichen Prinzen, ſondern als ihres Glei⸗ chen halten und ehren, welches die Krieger, obwohl es ihnen wunderlich vorkam, doch als ihres Herrn Gebot aufs ſtrengſte erfuͤllten. Als nun der ganze Reiſezug in Regens⸗ burg angekommen war, fuͤhlte der Prinz ſein Herz noch mehr von großer Sehnſucht einge⸗ nommen, und ging unaufhoͤrlich um das Klo⸗ ſter herum, ob er die ſchoͤne Jungfrau erblik⸗ ken koͤnne; er uͤberlegte, ob er wohl im Stande ſey, das Kloſter zu ſtuͤrmen; da aber zu einem ſolchen Unternehmen die Zahl ſeiner Krieger zu klein war, ſo beſchloß er allein ins Kloſter zu gehen und mit eigner Hand ſeine Gebie⸗ terinn von dannen zu tragen. Das Gluͤck war ihm hold, denn an einem Feiertage befahl die Aebtiſſin den juͤngern Fraͤu⸗ leins, ſie ſollten zur Vesper laͤuten; unter die⸗ 11. 10 3 — 146— ſen befand ſich auch die liebreizende Judith, und um dieſelbe Stunde war der Prinz in die Kirche gekommen, wie er taͤglich pflegte; al⸗ ſobald erkannte er das Fraͤulein an ihrer Schoͤn⸗ heit und adelichen Bezeigen, blickte gar zaͤrt⸗ lich auf ſie, und gab ihr durch Geberden zu ver⸗ ſtehen, wie ſehr er fuͤr ſie in keuſche Flammen entbrannt ſey.— Judith ſchaute auf ihn mit vielem Wohlgefallen, wie auf einen er⸗ lauchten Juͤngling von edler Geſtalt und ſit⸗ tigem Weſen, und es kam ihr vor, als habe ſie ihn ſchon lange gekannt. Da trat Bre⸗ tislaw dem Fraͤulein ganz nahe, hob ſie auf ſeinen ſtarken Arm und trug ſie zur Kirche hinaus— ſie ſtraͤubte ſich zwar ein wenig, doch, von einer innern Stimme beruhigt, war ſie es endlich wohl zufrieden, als er ſich mit ihr auf ſein Roß ſchwang; aber die Waͤchter und andern Kloſterdiener hatten alles mit an⸗ geſehen, und legten, des Prinzen Flucht zu verhindern, eine ſtarke eiſerne Kette vor das Thor.— Da wußte ſich Bretislaw kei⸗ nen andern Rath, als daß er ſein gutes Schwert aus der Scheide zog, mit welchem er die Kette, gleich einem leichten Helm, zerhaute und mit der Jungfrau eiligſt von dannen ritt.“ 6 2. So weit hatte ich geſchrieben und fing zu uͤberlegen an, auf welche Weiſe ich die Fort⸗ ſeetzung der Hiſtorie, die Ankunft des Prinzen mit ſeiner ſchoͤnen Braut zu Prag, des Schwaͤ⸗ hers Freude, und wie ſelbe durch die kaiſerliche Ungnade getruͤbt wurde, wie endlich K. Kon⸗ rad das Boͤhmerland mit Krieg uͤberzog, und nur die Mildigkeit und Klugheit der ſchoͤuen Fuͤrſtinn ſolches aus großer Noth errettete— wie das alles fein zierlich zu erzaͤhlen und zu beſchreiben ſey— da fiel zufäͤllig mein Blick auf ein kleines Tiſchchen zu meiner Rechten, worauf ein Brief meines Roberts lag, in dem ich eine Stelle ſchon zehnmal geleſen hatte, ohne mit mir uͤber ſolche einig werden zu koͤnnen, und ich grollte ordentlich mit mir, daß ich, ob der Liebeshaͤndel eines boͤhmiſchen Herzogs, der vor 800 Jahren gelebt, die Her⸗ zensangelegenheit des theuerſten meiner Freunde einen Augenblick vergeſſen und vernachlaͤſſigen konnte. Weg flogen alle Schreibmaterialien — ich griff nach Roberts Brief und las zum Eilftenmale: „Mein Luftſchloß(an dem ich mich ſo ſehr ergoͤtzte, und welches ich Dir ſo lange uicht 10.. — 148— mitzutheilen wagte, damit Du es mir nicht etwa zerſtoͤrteſt) verlangſt Du kennen zu ler⸗ nen? Hier iſt es:— Du weißt, mein Bru⸗ der! daß ich das ganze Gluͤck des Lebens in meiner Beate zu finden hoffte; aber eben ſo gut iſt Dir bekannt, wie wenig Gelegen⸗ heit ich hatte, das Maͤdchen naͤher kennen zu lernen, denn bald nach unſerm erſten und ſo wichtigen Geſpraͤch, mußte ſie mit ihrem Va⸗ ter nach Suͤden ziehen, und mich rief die Pflicht nach Norden. Gleichwohl moͤchte ich das gehaltvolle: „Drum pruͤfe, wer ſich ewig bindet, Ob ſich das Herz zum Herzen findet.“ nicht gern außer Acht laſſen, und da wir Beide unſer Ich nie als ein einzelnes, ſon⸗ dern nur als Theile eines untrennbaren We⸗ ſens anzuſehen gewohnt, es folglich ganz ei⸗ nerlei iſt, welcher unterſucht, ſo wollte ich Dich erſuchen, in dem(ſehr wahrſcheinlichen) Fall, daß ich keinen Urlaub erhalte, in die Heimath meiner theuern Beate zu reiſen, ihre Bekanntſchaft zu machen und mir ein treues Bild von ihrem Weſen und Sinnesart zu entwerfen. Wir denken uͤber den Werth und die Eigenſchaften eines Weibes ſo gleich, daß Du recht wohl beſtimmen kannſt, ob Beate mich gluͤcklich machen wird, und mein Theodor, der mir ſchon ſo viele Beweiſe ſei⸗ ner Freundſchaft gab, wird mir auch dieſe fuͤr mein ganzes Leben ſo ent ſcheidende Bitte nicht abſchhagen.— Was ſagſt Du zu meinem Luftſchloß?— Sein B n iſt ſehr ſchnell vor ſich gegangen, da⸗ her iſt daſſelbe auch ſehr— ſehr luftig ausge⸗ fallen. Sage mir Deine offenherzige Meinuns daruͤber.“ 3. 8* Ich uͤberlegte, ob mein Freund den Be⸗ griff, von der Gleichheit unſrer Anſichten, nicht hier etwas zu weit ausdehne, und ob es uͤber⸗ haupt moͤglich ſey, daß ein Meuſch fuͤr den andern freien koͤnne? und uͤber dem langen Nachſinnen entſchlummerte ich, Roberts Brief fiel mir aus der Hand, und ich fand mich im Traume in Beatens Vaterſtadt wieder; das liebliche Maͤdchen trat mir entge⸗ gen mit all dem zuͤchtigen Liebreiz geſchmuͤckt, den wir zuerſt in meiner Heimath an ihr be⸗ wundert hatten— obſchon ich nie mit ihr ge⸗ ſprochen, war ſie doch ſehr offen und zutrau⸗ lich gegen mich, und eutfaltete einen ſo rei⸗ — 150— chen gebildeten Geiſt, ein ſo ſchoͤnes weibli⸗ ches Gemuͤth, und vor Allem, eine ſo tiefe, zartliche Neigung fuͤr meinen Robert, daß ich ihm aus vollen Kraͤften rieth, ſich mit ihr zu verbinden.—— Nach einer Weile kam es mir vor(denn die Traͤume halten ſich in ihren deutungsvollen Dramen nicht ſehr ſtreng an die Einheiten) als waͤren Robert und Beate ſchon mehrere Jahre Eheleute. Die Reize der Gattinn waren verbluͤht, der junge Mann ſchlich blaß und traurig umher, die Kinder waren Bilder des Jammers. Ich fragte den Freund und bitter entgegnete er mir: „Mein Elend iſt dein Werk, denn du gingſt mit unverzeihlichem Leichtſinn zu Wer⸗ ke, als ich dich ausſandte, mein Weib zu prü⸗ fen. Der gebildete Geiſt, den du an ihr zu ruͤhmen fandeſt, war Flittertand aus Roma⸗ nen und Schauſpielen geſammelt, die Freund⸗ lichkeit Koketterie, und die Liebe zu mir, jene zum Geſchlechte—„ Er wollte weiter ſprechen, da pochte es an der Thuͤre— erſchrocken fuhr ich auf, und war froh den Brieftraͤger zu ſehen, der mich erweckt hatte. Es war wieder Roberts Hand, was er mir brachte, und haſtig riß ich — 451— das Siegel auf— der Brief beſtand nur aus wenigen Zeilen und einer Einlage ehne Adreſſe.— Ich las; „Es hat mir ſehr weh gethan, mein Bru⸗ der! daß Du nicht einmal die kleine Neiſe zu Beaten fuͤr mich machen willſt.—“ Ich glaubte falſch geleſen zu haben, rieb mir die Augen; aber es waren und blieben die⸗ ſelben Worte und Roberts wohlbekannte Zuͤge, und ich entſetzte mich uͤber meine ge⸗ waltige Zerſtreuung, denn ich konnte mich gar nicht entſinnen, ihm bereits geantwortet zu haben, und da war doch ſchon wieder ein Brief von ihm. Ich las weiter: „Doch der Zufall hat es Dir leichter ge⸗ macht. Beate iſt wieder in eurer Stadt, und da es grade Carneval iſt— Ich hatte mir eingebildet, es ſey hoher Sommer und ich bei offnem Fenſter einge⸗ ſchlummert; als ich aber hin blickte, waren alle Scheiben mit den abentheuerlichſten Froſt⸗ blumen bedeckt, und an den Raͤndern ſchim⸗ merte mir der blendende Schnee von den Nach⸗ bardaͤchern entgegen. Ich fuhr fort: „Grade Carneval iſt, ſo wird es Dir gar nicht ſchwer werden, mir einen ſehr großen Dienſt zu leiſten, indem Du ihr das beilie⸗ — 152— gende Blatt uͤbergibſt, in welchem ich die Ge⸗ fühle meines Herzens ohne Ruͤckhalt ausge⸗ ſprochen habe. Es wird am beſten ſeyn, wenn Du, um die ganze Maskenfreiheit zu genieſ⸗ ſen, Dir die Kleidung des alten italieniſchen Larvenhaͤndlers ausborgſt. Leb wohl und gib bald eine freudige Botſchaft Deinem Ro⸗ bert.“— 2 Die Sache kam mir abentheuerlich genug vor; aber Robert hat es nicht gern, wenn man ſeine Wuͤnſche nicht ſchnell und puͤnktlich erfuͤllt, und da ich ihn zu ſehr liebe, um auch das Sonderbarſte anſtoͤßig zu finden, wenn es ihm zu Liebe geſchieht, ſo ſaͤumte ich nicht den alten Geromino, der in den Masken⸗ bäͤllen Larven und Handſchuhe feil zu bieten pflegte, aufzuſuchen, welcher auch gleich be⸗ reitwillig war, fuͤr eine gute Belohnung mir ſeinen ganzen Staat und Kram herzuleihen. Der Alte half mir die Toilette machen, bei der, da er wenigſtens einen noch einmal ſo ſtarken Durchmeſſer hatte, die Frucht desjeni⸗ gen Baumes, welcher in Oſtindien und Per⸗ ſien am reichlichſten wuchert, nebſt vier⸗ bis fünffachen Unterkleidern, hülfreiche Hand, oder vielmehr Wolle bieten mußte, ſo daß ich Anfangs weder Hand noch Fuß ruͤhren konnte; — — —Q—Q—O·᷑ñ—— . — 453— nebenbei gab er mir den noͤthigen Unterricht uͤber mein Benehmen, und rieth mir, mich mit den Masken nicht viel einzulaſſen, die ge⸗ woͤhnlich in den Propylaͤen des Komustem⸗ pels bei ihm vorſpraͤchen, um ſich gleichſam in den Geiſt ihrer Rollen einzuuͤben. Endlich war ich fertig und prangte gar drollig in einer phantaſtiſchen, altitalieniſchen Kleidung von goldgelber Seide mit rothen Spangen; auf dem Haupte ein Barret mit bunten Federn; das Antlitz unter einer grotesken Larve ver⸗ ſteckt, und den ungeheuern Tragkorb voll Lar⸗ ven und Handſchuhen vor dem wattirten Bauch — ſo ausſtaffirt faßte ich Poſto im Vorſaal der Redoute und ſchaute ſorgſam nach allen Masken, damit mirr die ſchoͤne Beate nicht entgehe, was jedoch gar nicht zu fuͤrchten war, da ihre reizende Geſtalt meinem Ge⸗ daͤchtniß ſo wohl eingepraͤgt war, daß ich nur die Fußſpitze zu ſehen brauchte, um ſie ohn⸗ fehlbar zu erkennen. 4. Obſchon die weiblichen Masken eigentlich mein Hauptangenmerk waren, ſo zog doch, gleich als ich mich hingeſtellt hatte, eine ſchier rieſenhafte maͤnnliche Geſtalt, die in alter⸗ 1 — 44— thuͤmlicher Rittertracht und koͤniglichen Schrit⸗ tes einhertrat, meinen Blick auf mich; meh⸗ rere geiſterartige Geſtalten mit langen, weißen Maͤnteln und Kronen auf den Haͤuptern um⸗ ſchwaͤrmten ihn, und mit erſchuͤtterndem Aus⸗ druck rezitirte er die auch altſchweren Worte: 3„Ehedem, 1 Wenn das Gehirn heraus war, ſtarb der Mann, Und damit gut. Jetzt aber ſteigen ſie, Mit tauſend Todeswunden in dem Schaͤdel, Aus ihrem Grab hervor, und treiben uns Von unſern Stuͤhlen— das iſt ſeltſamer Als ſolch ein Mord.“ 4 Mit leiſem Bangen erkannte ich den Hel⸗ den Maebeth, und wendete ſchnell meine Augen von ihm auf ein gar liebholdes Maͤgd⸗ lein, in Buͤrgertracht des teutſchen Mittelal⸗ ters, das ehrbar einbertrippelte, bis ein wohl⸗ gebildeter Mann in beſten Jahren, ſchwarz, wie ein Doctor, gekleidet, ſie antrat und zu ihr ſprach: „Mein ſchoͤnes Fraͤulein, darf ich wagen, Meinen Arm und Geleit ihr anzutragen? Aber das Maͤgdlein entgegnete ganz kurz: „Bin weder Fraͤulein, weder ſchoͤn, Kann ungeleitet von dannen gehn.“ Damit ließ ſie den ſchwarzen Doctor ſtehen, den ich am Blicke mir ſogleich für den Fau⸗ ſtus erkannte, worinn mich noch folgendes Selbſtgeſpraͤch beſtaͤrkte: „Beim Himmel! dieſes Kind iſt chön! So etwas hab' ich nie geſehn. Sie iſt ſo ſitt⸗ und tugendreich, Und etwas ſchnippiſch doch zugleich. Der Lippe Roth, der Wange Licht, Die Tage der Welt vergeſſ' ich's nicht! Wie ſie die Augen niederſchlaͤgt, Hat tief ſich in mein Herz gepraͤgt; Wie ſie kurz angebunden war, Das iſt mir zum Entzuͤcken gar.“ Aber als ich mich umſah, ſtand das holde Kind hinter einem Schwarm Masken verſteckt, ſchielte geheimnißvoll vor, und ſprach eben⸗ falls mit ſich ſelbſt: „Ich gaͤb' was drum, wenn ich nur wuͤßt', Wer dieſer Herr geweſen iſt! Er ſah gewiß recht wacker aus, Und iſt aus einem edlen Haus; Das konnte ich ihm an der Stirne leſen— Er waͤr' auch ſonſt nicht ſo keck geweſen.“ Das holde Gretchen entfernte ſich und ſieh! da kam eine gar herrliche Frauengeſtalt in praͤchtiger Kleidung zur weiten Thuͤre her⸗ — 156— ein, ein andaͤchtiger Pilger nahte ſich ihr und verſetzte demüthig, indem er ihre ſchoͤne Hand faßte: „Entweihet meine Hand verwegen dich, O Heilgenbild! ſo will ich's loͤblich buͤßen. Zwei Pilger neigen meine Lippen ſich, Den herben Druck im Kuſſe zu verſuͤßen.“ Mit ſuͤßfloͤtendem Ton entgegnete das Fraͤulein: 64 „Nein, Pilger! lege nichts der Hand zu Schul⸗ 5 den Fuͤr ihren ſittſam andachtsvollen Gruß. Der Heil'gen Rechte darf Beruͤhrung dulden Und Hand in Hand iſt frommer Waller Kuß.“ Miit gluͤhendem Liebesblick, an welchem der kuͤhne Veroneſer Romeo Montague nur gar zu kenntlich wurde, fragte er: „Hat nicht der Heil'ge Lippen wie der Waller?“ Und mit fromm niedergeſchlagnem Blicke entgegnete Fraͤulein Capulet: „Ja, doch Gebet iſt die Beſtimmung aller.“ Romeo. „, ſo vergoͤnne, theure Heil'ge! nun, Daß auch die Lippen wie die Haͤnde thun.“ — 47— 249 1 n Julie. Db weih ehn Heil'ger pflegt ſich nist uu r gen, Auch wenn er eine Bitte zugeſteht. 4 Und mit den Worten: „So reg' dich, Holde! nicht, wie Heil'ge pfle⸗ gen, Derweil mein Mund dir nimmt, was er erfleht. 44 kußte er ſie zaͤrtlich, worauf ſie miteinan⸗ der in den Saal gingen, wo, Dank ſey es dem heitern Maskenſpiel! kenne feindſeligen Verwandten ihr Liebesgluͤck zu ſtoͤren drohten. — 3. 88 Ein Schaͤfer nahte mit einer gar holden Schäferinn— er ſchien keine Luſt zu haben, in den Saal zu treten, und mit ſanfter Ueber⸗ redung drang die Schoͤne in den Geliebten, bis er in die Wut ausbrach: „Zwar weiß ich, du biſt mein; Dach einer denkt vielleicht begluͤckt, wie ich, zu ſeyn, Schaut in das Ange dir, und glaubt dich ſchon zu kuͤſſen, Und triumphirt wohl gar, daß er dich mir entriſſen.“ Tr öſtend entgegnete die Schaͤferinn: „So ſtoͤre den Triumph! Geliebter! geh mit mir, Laß ſie den Vorzug ſeh'n, den du— — 168— Die beiden jungen Leute kamen mir ſo be⸗ kannt vor— doch war es Beate nicht— endlich fiel mir ein, daß es die ſchoͤne Amine ſey, und mit unruhvollen Blicken erwiederte Eridon: „Ich danke dir. Es wuͤrde grauſam ſeyn, das Opfer anzunehmen, Mein Kind!! du wuͤrdeſt dich des ſchlechten Taͤnzers ſchaͤmen; Ich weiß, wem euer Stolz beim Tanz den Vorzug gibt, Dem, der mit Aumuth tanzt, und nicht dem, den ihr liebt.“ Die Verliebten ſtritten noch immer fort, aber ſo leiſe, daß ich nichts mehr verſtehen konnte, als zwei hohe altteutſche Geſtalten in glanzvoller Tracht des ſiebzehnten Jahrhun⸗ derts eintraten— mir kamen ſie auch bekannt vor, und als ſie naͤher kamen, war es die ſchoͤne Prinzeſſin von Friedland(die ich auf allen Familienbildern oft geſehen) mit Max Piecolomini, zu dem ſie ſprach: „Ja, vieles reizt mich hier, ich will's nicht laͤug⸗ nen, Mich reizt die bunte, kriegeriſche Buͤhne, Die vielfach mir ein liebes Bild erneuert, Mir an das Leben, an die Wahrheit knuͤpft, Was mir ein ſchoͤner Traum nur hat geſchienen.“ 1 Max. „Mir machte ſie mein wirklich Gluͤk zum Traum.— 4 Auf einer Inſel in des Aethers Hoͤhen Hab' ich gelebt in dieſen letzten Tagen; Sie hat ſich auf die Erd' herabgelaſſen, und dieſe Brucke, die zum alten Leben Zuruͤck mich bringt, trennt mich von meinem Him⸗ mel.“ Mit Theklas Worten: „Das Spiel des Lebens ſieht ſich heiter an, Wenn man den ſichern Schatz im Buſen traͤgt.“ rauſchten auch dieſe beiden in den großen Saal, und erſt nach einem großen Zuge widerlicher Geſtalten erſchienen drei liebliche Jungfrauen in glanzvoller perſiſcher Kleidung, eine, ſo die Gebieterinn der andern zu ſeyn ſchien und an hohem Liebreiz jene weit uͤbertraf, ſtrahlte reich in Demantenſchmuck und orientaliſchen Perlenglanz; langſam wallten ſie einher und eine der Dienerinn ſang, eine Roſe in der ſchö⸗ nen Hand haltend: „Nein! ſo ſchoͤn iſt nichts geworden, Was die Erde liebend treibet, Was vom Himmel ſchaut die Sonne Als auf gruͤnem Stengel flatternd Meine liebſte rothe Roſe. Wie ich dich in Haͤnden halte, — 460— 8 Die zur Liebe ich erkohren, un Und ich ſchaue in die Biaͤtter, In das Labyrinth, das rothe, Und ich frage die Bedeutung, Und wie du zur Welt geboren, Bin ich trunken und wahrſagend, Wie vom Rauſche fortgezogen, Liebesblume, Maͤdchenblume, Roſenblume, ſuͤße Roſe!“ Freudig erkannte ich die muntre Roxane und ihre Gebieterinn, die ſchoͤne Marce⸗ bille, des Sultans von Babylon Toch⸗ ter, welche alſo begann: „Wundervoll haſt du, o Loſe! Uns geſungen von der Blume. Ja, es dient dem Liebesruhme, Sie, mit der ich gerne koſe, Dieſe liebe, ſuͤße Roſe, Und es miſcht ſich in dem Blute, Wie ſie folgt dem Liebesmuthe, Wundervoll ſo Lieb' als Zorn; „Ein Geheimniß iſt der Dorn Miit dem ſich beſchutzt die Gute.“ Als Marcebille ſchwieg, kam ein Ritter einhergegangen, zwar in ruͤſtigem Harniſch, doch ſchoͤn und edel von Geſtalt; es war kein andrer, als der adeliche Flo⸗ rens, Kaiſer Octavians Sohn; aber — 4164— weil ſeine Waffen ſo unſcheinbar waren, ſpot⸗ tete die muthwillige Roxane ſein, woruͤber ihre Gebieterinn ſo zornig wurde, daß ſie ſelbe ſchlug, und der junge Ritter rief muthig aus: „Ja, dieß iſt ſie, und ich kehre Nicht zuruͤck durch jene Thore Bis ſie mich gekuͤßt, weiß, daß ich Ihr zum Liebſten mich gelobet.“ Marcebille. „Wer ſeyd ihr, der ſo verwegen Euch ſo weit habt her verloren?“ Florens. „Euch ein beimlich Wort zu ſagen, Hab' ich dieſen Weg erkohren.“ Marcebille. —„Sagt es ſchnell und kehrt geſchwinde.— Bei dieſen Worten faßte ſie der roſtige Ritter mit ſtarkem Arm und trug ſie in den Saal, daß ich gleichſam den boͤhmiſchen Prin⸗ zen vor Augen zu ſehen meinte, wie er ſeine Braut aus dem Kloſter trug. Die beiden Dienerinnen ſahen verwundert nach, und waͤh⸗ rend Roxane ſagte: „Dieß Geſpenſt iſt ſchlechte Urſach, Daß die Koͤniginn im Zorne So mich ſchlug—“ 11. 11 = 162— ſah ich den Doctor Fauſt wieder aus dem Saale kommen, Arm in Arm mit der ſchoͤnen Margarethe, welche beſcheidentlich ver⸗ ſetzte: 1 nlch „Ich fuͤhl' es wohl, daß mich der Herr nur G 1 ſchont, Herab ſich laͤßt, mich zu beſchaͤmen. Ein Reiſender iſt ſo gewohnt Aus Guͤtigkeit fuͤrlieb zu nehmen. Ich weiß zu gut, daß ſolch' erfahrner Mann Mein arm' Geſpraͤch nicht unterhalten kann.“ Worauf der Doctor mit zaͤrtlichen Blicken entgegnete: „Ein Blick von dir, ein Wort mehr unterhäͤlt, Als alle Weisheit dieſer Welt.“ 5 Fauſt kuͤßte bei dieſen Worten Gret⸗ chens Hand, welche ablehnend erwiederte: „Incommodirt euch nicht! Wie koͤnnt' ihr ſie hur küſſene? Sie iſt ſo garſtig, iſt ſo rauh! 8 Senn. Was hab' ich nicht ſchon alles ſchauen muͤſſen. Ja, unſre Wirhſchaft iſt nur klein, Und doch will ſie verſehen ſeyn. t 1 2⸗ Und naͤhin, und laufen fruͤh und ſpat: Und meine Mutter iſt in allen Stuͤcken 2 Sehr accurat!t!. Wir haben keine Magd, muß kochen, fegen, ſtrik⸗ — 4163— 6. Das zärtlich Paar kehrte in den Saal zu⸗ rick, und ich ſtand wieder ganz allein, als langſam und feierlich ein ſtattlicher Mann auf mich zugeſchritten kam; er trug das Gewand eines Zauberers, und kam mir nicht anders vor, als Herzog Prosper von Mailand, aber in ſeiner lieblichen Tochter Miranda, die er an der Hand fuͤhrte, und alſo zu ihr redete: „Jetzt naht ſich der Vollendung mein Entwurf. Mein Zauber weicht nicht, meine Geiſter folgen, Die Zeit geht aufrecht unter ihrer Laſt.“ erkannte ich den Grazienwuchs der ſchönen Beate, die ein Bild in der Hand hielt und zartlich zu demſelben ſprach: „Bei meiner Sittſamkeit, Dem Kleinod meiner Mitgift! wuͤnſcht' ich keinen Mir zum Gefaͤhrten in der Welt als euch, Noch kann die Einbildung ein Weſen ſchaffen, Das ihr gefiele außer euch.“ Ich drehte den Hals ſo lang ich konnte, um das Bild zu ſehen, an welches ſie ihre Worte richtete, und, wer beſchreibt meine Freude, als ich Roberts Zuͤge erkannte— ich kramte ſchnell in meinen Taſchen herum, 11.. den Brief des geliebten Juͤnglings hervorzu⸗ ſuchen— endlich hatte ich ihn gefunden, und Miranda, als ahnte ſie mein Vorhaben, nahete ſich meinem Korbe, die Larven zu be⸗ ſehen, als dieſe ploͤtzlich zu wachſen begannen, und aus dem Geflecht ſich ganze Geſtalten er⸗ hoben, ſich zwiſchen mich und die Schoͤne draͤn⸗ gend. Ich wollte Miranda das Blatt ge⸗ ben, aber da war mir Zettel mit den ange⸗ zauberten Eſelskopf im Wege und ſang: „ Der Guckguck, der der Graſemuck' So gern ins Neſtchen heckt, 8 Und lacht darob mit arger Tuͤck Und manchen Ehemann neckt.“ * Ahber wie ich den langen Ohren des bezau⸗ berten Theaterdilettanten auswich, rief mir neckend Puck entgegen: „Hin und her, hin und her! Alle fuͤhr ich hin und her,: 3 Land und Staͤdte ſchenn mich ſehr. Kobold fuͤhrt ſie hin und her! 4 Amor ſteckt von Schalkheit voll, Macht die armen Weiblein toll.“ Kaum den Elfen entwiſcht, traf ich auf Kalibon, der heulte gar gewaltig: — 165— „So boͤſer Thau, als meine Mutter je Von faulem Moor mit Rabenfedern ſtrich, Er fall' auf euch. Ein Suͤdweſt blaſ' euch an und deck' euch ganz mit Schwaͤren.“ Als ich aber ſah, daß ſich Prospern mit ſeiner lieblichen Tochter entfernen wollte, da ſtieß ich das Mondkalb vor den Kopf und eilte auf die Schoͤne zu, die mittlerweile die Larve weggelegt und mir die Purpurlippen bot; uberraſcht ſchlug ich meinen Arm um den ſchlanken Leib, fuͤhlte meine Lippen von ei⸗ nem langen Kuſſe gepreßt, und—— er⸗ wachte nun erſt in Roberts Armen.— Ich lag noch immer auf meinem Ruhebette, die Abendſonne ſchien warm und hell zum offnen Fenſter herein, des Freundes Brief lag auf dem Boden, und er ſelbſt, über mich hingebeugt, hatte mich mit ſtarkem Arm umſchlungen und rief:„Schlaͤfer! iſt das die Sorgfalt, womit du meine Auftraͤge be⸗ ſorgſt? Nun aber mach dich auf, und folge mir nach, wo Beate in wenigen Tagen die Meinige wird auf ewig, was aber nicht ohne dich geſchehen kann. Ich muß dir nur geſtehen, daß ich dir das gefaͤhrliche Ge⸗ ſchaͤft des Freiwerbers nur deshalb uͤbertrug, um, dort mit dir ziſemmenreffend„ dich * — 166— doppelt zu uͤberraſchen; aber der Brief hat ſich verſpaͤtet, und du— dich eben nicht uͤbereilt. Doch komm, an dem Gluͤck dei⸗ nes Freundes Theil zu nehmen.“ Freudig ſprang ich auf, und fuhr mit Robert nach, wo ich Zeuge der Verbin⸗ dung war, die ihn zum gluͤcklichſten Manne machte, und nach meiner Ruͤckkehr brachte ich die Hiſtorie vom Herzog Bretislaw und der ſchoͤnen Judith zu Ende. — ꝙ 1 Die rothe Roſe. i I9 uit r 1. Als Hetzng Wilhelm von der Norman⸗ die ausgezogen war, England zu erobern, glaͤnzten in ſeinem Heere zwei edle Krieger, Freiherr Roland von Montafilant und ſein Sohn Roger; jener des hochberuͤhmten Namens nicht unwerth, dem einſt der Sohn des Milon verherrlichte, denn wenn er ihm auch nicht an Rieſenſtaͤrke gleich kam, ſo wich er ihm doch eben ſo wenig an kraͤftigem Hel⸗ denmuthe und elichen Sitten. England war gewonnen. Wilhelm trug die Krone und Roland erher ſich, ſeines hohen Al⸗ ters wegen, die Entlaſſung aus den Kriegs⸗ dienſten; aber fruͤher, als beide geglaubt hatten, folgte ihm auch Roger, welcher Gelegenheit fand, zu erfahren, wie die Dank⸗ barkeit der Eroberer beſchaffen ſey. Ein Guͤnſt⸗ * =— 168— ling erhielt eine Stelle im Heere, welche ihm gebuͤhrt haͤtte; beleidigt nahm er ſeinen Ab⸗ ſchied und folgte dem Vater auf ſeine laͤndli⸗ chen Beſitzungen; dort lebten ſie ruhig und froh, fern von dem Umtriebe des Hofes und den Regungen des Ehrgeizes, als die launige Glucksgoͤttinn ſie auf einmal wieder in große Verwirrungen brachte. Wilhelm der Eroberer hatte drei Soͤh⸗ ne: Robert, welchen er, als er⸗ ſelbſt den Thron von England beſtieg, zum Herzog der Normandie erhoben„ Wilhelm, den man den Grafen von Maine nannte„ und ein Dritter, den Prinzen Heinrich. Der aͤl⸗ teſte(wegen ſeiner bewunderungswuͤrdigen Kraft und Tapferkeit, Robert der Teufel genannt) war in der Zeit des beruͤhmten Kreuzzuges unter der Regierung Phil ipp I., Koͤnigs von Frankreich, ins heilige Land ge⸗ zogen, und wuͤrde vielleicht an der Stelle Gottfrieds von Bouillon zum Koͤnig von Jeruſalem erwaͤhlt worden ſeyn„ wenn er nicht das Vaterland und den Beſitz ſei⸗ nes vaͤterlichen Erbes den glänzenden Er⸗ oberungen vorgezogen haͤtte„ an denen ſein tapfrer Arm ſo großen Antheil nahm. — A Der Graf von Maine folgte ſeinem Ba⸗ ter nach England, und nur Prinz Heinrich war mit ſeiner Mutter in der Normandie ge⸗ blieben, wo die Fuͤrſtinn in der Stadt Caen ihre Reſidenz aufgeſchlagen hatte. 8 Roger von Montafilaut hatte den Prinzen ſchon am Hoflager ſeines Vaters ge⸗ kannt und geliebt, und da das Schloß des alten Freiherrn nur wenige Stunden von Caen entfernt war, ſo konnte er der Begierde nicht widerſtehen, dem jungen Fuͤrſten, der ihn ſtets mit Auszeichnung behandelt hatte, ſeine Ehr⸗ furcht zu bezeigen. Der Prinz war hoͤchlich erfreut uͤber den Beſuch des jungen Kitters, welcher in kurzer Zeit ſein vertrauteſter Freund wurde. Die Guͤte, womit Heinrich den jungen Montafilant uͤberhaͤufte, war wohl geeignet, ihn uͤber das Unrecht zu trö⸗ ſten, welches ihm der Koͤnig zugefügt hatte; dennoch behielt er ſtets ein truͤbes und duͤſte⸗ res Ausſehen, deſſen Grund Heiunrich lan⸗ ge Zeit umſonſt zu erforſchen ſtrebte; doch end⸗ lich konnte Roger dem zaͤrtlichen Ungeſtum ſeines fuͤrſtlichen Freundes nicht laͤnger wider⸗ ſtehen, ihm ſeinen Kummer zu hekennen, und geſtand ihm, daß er für die ſchoͤne Ma⸗ thilde, die einzige Tochter des Freiherrn von „ — 10— Douvres in die heftigſte Liebe entbrannt ſey; er war ſo gluͤcklich von dieſem liebens⸗ würdigen Fraͤulein wieder geliebt zu werden; doch befürchtete er, niemals ihre Hand zu er⸗ halten, da er ſich durch den Ruͤcktritt aus dem Heere den Weg zu hoͤhern Ehrenſtellen verſperrt hatte.— Mathildens Bruder war in der zarteſten Jugend von Seeraͤubern entfuͤhrt worden, und da man nie mehr eine Nachricht von ihm erhalten hatte, ſo ſchien das Fraͤulein zur alleinigen Erbinn dey großen Reichthuͤmer ihres Stammes berufen, und es war nicht zu glauben, daß ihr Vater ei⸗ nem andern, als einem der erſten Großen des Reiches, ihre Hand verleihen werde. Der Prinz fand ſich durch dieſes Vertrauen geſchmeichelt und bot dem zaͤrtlichen Freunde nicht nur ſeine Dienſte bei dem Vater des Fraͤuleins an, ſondern verſprach ihm ſelbſt die Vorſprache der Koͤniginn bei dem alten Frei⸗ herrn zu verſchaffen; aber bald entbrannte Heinrich in die heftigſte Neubegier die be⸗ wundernswerthen Reize zu ſchauen, welche das Herz ſeines Freundes entzuͤndet hatten; er drang in ihn, er moͤge ihn zu einem der gehei⸗ men Beſuche mitnehmen, welche Ro ger bei ſeiner Geliebten im verſchwiegenen Dunkel der 1 9 4 —— — 11— Nacht abſtattete. Lange weigerte ſich der Rit⸗ ter; Marhilde, als haͤtte ſie im zarten Ge⸗ müthe die traurigen Folgen vorhergeſehen, wollte nichts davon wiſſen, einem zweiten Mann ihr jungfraͤuliches Gemach heimlich zu eroͤffnen; aber endlich wurden Beide durch die Hoffnung, ein ſo unbegraͤnztes Zutranen werde einen maͤchtigen Freund gauz fuͤr ihr Gluͤck ge⸗ winnen, verleitet, den Wunſch des Prinzen zu gewaͤhren. Es bewaͤhrte ſich auch hier, wie gefäͤhrlich es ſey, Vertraute von gleichem Alter und An⸗ ſprüͤchen zu haben, und wie leicht es der Liebe wird, die Freundſchaft zu vernichten. Der Prinz hatte Mathilden kaum geſehen, als er in die heftigſte Gluth entflammt, den Freund und ſein Vertrauen alſogleich vergeſ⸗ ſen, und keinen andern Wunſch kannte, als dieſe wunderbaren Reize ſelbſt in Beſitz zu nehmen; aber er war klug genug, ſeinem Freunde dieſes neue, und mit ſo großer Hef⸗ tigkeit hervorbrechende Gefuͤhl ſorgſam zu ver⸗ bergen, und, ihre Schoͤnheit mit anſcheinen⸗ der Kaͤlte preiſend, vertroͤſtete er Roger mit eitlen Hoffnungen, waͤhrend er fuͤr ſeine eigne Leidenſchaft wirkte. Auf Heinrichs Bitte ernannte die Koͤniginn Fraͤulein Mathilden „ zu ihrem Hoffraͤulein.— Dieſer Schritt, wel⸗ cher ſo ganz allen Planen des jungen Freie herrn entgegen war, machte ihn aufmerkſam, und warf den erſten Samen des Mißtrauens gegen ſeinen fuͤrſtlichen Freund in das bewegte Gemuͤth; er beobachtete ihn mit den Augen der Liebe und Eiferſucht, und bald konnte er nicht mehr daran zweifeln, daß ſich der huͤlf⸗ reiche Vertraute in den gefäͤhrlichſten Neben⸗ buhler verwandelt habe; er verhehlte ſeinen Zorn uͤber die Falſchheit des Prinzen, und wandte alle Vorſichtsmaßregeln gegen eine Leidenſchaft an, welche zu theilen jedoch die ſchoͤne Mathilde weit entfernt war. — 2. In kurzer Zeit bemerkte auch der Prinz an dem Betragen des Ritters, daß dieſer ſein Gemuͤth durchſchaue, und hierdurch zu einem ſchnellen Entſchluß getrieben, entwarf er ei⸗ nen Plan, der das Fraͤulein ſogleich in ſeine Gewalt bringen ſollte. Mathilde hatte noch nie einen Brief von Roger erhalten, das wußte der Prinz und wollte es zu ſeinem Vorhaben benutzen. Als ſich das Fraͤulein Abends aus den Gemaͤchern der Koͤniginn in die ihrigen begab, trat ſie ein Page an, und * ſchob ihr ein Blatt in die Hand; zitternd und ſich kaum bewußt, was mit ihr vorgegangen, entfaltete ſie das Blatt und las: „Geliebte! Die drohendſte Gefahr ſchwebt uüber uns, und wir ſind verloren, wenn ich Dich nicht noch dieſe Nacht ſprechen kann— ein Feind unſrer Liebe hat Dich aus dem Hauſe Deines Vaters in den Pallaſt der Koͤniginn ge⸗ bracht, um mir den Weg zu Dir abzuſchnei⸗ den; aber Deine Liebe wird ſiegen— uͤber⸗ winde jegliche Bedenklichkeit— um zwoͤlf Uhr wird ein Wagen an der linken Seitenthuͤre harren— vergiß nicht, daß unſer Gluͤck und Elend in Deiner Hand liegt.“ 4 Eine Zeitlang blieb Mathilde den wi⸗ derſprechendſten Gefuͤhlen preis gegeben, und erlag ſchier dem Kampf der jungfraͤulichen Sittſamkeit und der heftigſten Liebe— end⸗ lich ſiegte die letztere; ſie weckte ihre Hofmei⸗ ſterinn, die im anſtoßenden Gemache ſchlief, zeigte ihr das verhaͤngnißvolle Blatt, und ihr Flehen erweichte die liebevolle Matrone, daß ſie ſich entſchloß ihren geliebten Zoͤgling auf dieſem Gange zu geleiten. Um Mitternacht ſchritten beide Damen verhuͤllt und zitternd durch die langen Hallen des Pallaſtes und ſtie⸗ gen au der Seitenpforte in den harrenden Wa⸗ — 174— gen; aber in dem Augenblick, wo der Page den Schlag wieder ſchloß, erkannte die Hof⸗ meiſterinn denſelben als einen Pagen des Prinzen, ſah, daß ſie in einer Hofkutſche ſaßen, und hoͤrte Heinrich mit lauter Stimme dem Kutſcher zurufen, er ſolle auf's Schnellſte naren— erſchrocken riß ſie das Fenſter weit auf, rief:„Huͤlfe! Verrath!—“ aber umſonſt! mit der Eile des Windes flo⸗ gen ſie von dannen, und als die Leute herzu⸗ kamen, zu hoͤren, welch ein Geſchrei ſie er⸗ weckt, war die Kutſche laͤngſt verſchwunden. Im Pallaſt der Koͤniginn wurde man auf⸗ merkſam, und bald wurde es bekannt, daß Mathilde von Douvres, das Hoffraͤu⸗ lein der Fuͤrſtinn, entfuͤhrt worden ſey; der wachthabende Offizier, ein Freund Ro⸗ gers, der, ohne ſein Vertrauter zu ſeyn, doch laͤngſt ſeine Gefuͤhle errathen, flog ſo⸗ gleich zu dem Freiherrn, erweckte ihn mit der Schreckenspoſt, daß ſeine Geliebte geraubt, und welchen Weg die Raͤuber eingeſchlagen, und in wenigen Minuten flog Roger auf ſeinem guten Roſſe der Spur nach.— Was gleicht der Eile eines Liebenden? So ſchnell der Kutſcher fuhr und Prinz Heinrich am Schlage einhertrabte, als der Morgen kaum graute, hatte ihn Roger eingeholt und don⸗ nerte mit geſchwungenem Schwerte dem Ent⸗ führer ſein„Halt!“ zu. Ein heftiger Zweikampf entzuͤndete ſich— aus mehrern Wunden floß das Blut des Prin⸗ zen und er blieb verwundet an der Straße lie⸗ gen, waͤhrend Roger die beiden Geretteten mit ſich fortfuͤhrte. So gerecht die blutige Strafe war, welche Prinz Heinrich von Rogern erhalten, ſo ſah ſich dieſer durch einen ſo unangenehmen Vorfall dennoch genoͤthigt, eine Zuflucht in fremden Landen aufzuſuchen. Mathilde, von Dankbarkeit eben ſo ſehr als von Liebe entzuͤndet, beſchloß, ihm zu folgen, unter der einzigen Bedingung, daß er ſie gleich einer Schweſter ehre und ihr nicht mehr als Bruder ſeyn wolle. Roger verſprach alles, was Mathilde foderte, und ſie beſchloſſen, mit⸗ einander nach Daͤnemark zu reiſen, woſelbſt er Verwandte von muͤtterlicher Seite hatte; in der erſten Stadt, wo ſie auf einige Sicherheit rechnen konuten, hielten ſie ſich auf, um dem zaͤrtlichen Vater Nachricht zu ertheilen(der mittlerweile den Verluſt ſeines einzigen Sohnes beweinte) und ihm zu melden, welchen Ent⸗ ſchluß ſie gefaßt hatten. Das zaͤrtlichſte Schrei⸗ ben that dem alten Freiherrn kund, daß die beiden Liebenden, entweder ihn ſelbſt oder ſeine Rückantwort abwarten würden, und Roland hatte kaum dieſen Brief erhalten, als er ins⸗ geheim große Summen auf ſeine Beſitzungen aufnahm, und, der Schwaͤche des Alters troz⸗ zend, ihnen auf dem Fuße folgte. Sobald dieſe drei edlen Seelen vereinigt waren, ſchifften ſie ſich auf einem hollaͤndi⸗ ſchen Schiffe nach Daͤnemark ein; aber das Geſchick war noch nicht muͤde, ſie zu verfol⸗ gen, denn kaum befanden ſie ſich zwei Tage in See und hatten einen kleinen Sturm ohne Schaden uͤberſtanden, als ſie von einem ſchot⸗ tiſchen Fahrzenge angegriffen und genommen wurden. Die Schotten waren zu jener Zeit erklaͤrte Feinde der Holläͤnder, und der ſieg⸗ reiche Capitain fuͤhrte das ganze Schiff, wor⸗ auf ſich die beiden Freiherrn von Montafi⸗ lant und Fraͤulein Mathilde mit ihrer Hofmeiſterinn befanden, als gute Beute in ſein Vaterland, wo ſie, obſchon Franzoſen, doch in einer CEitadelle von Edinburgh als Ge⸗ fangene bewahrt wurden, und hier war es, wo Rogers treuer Liebe abermalige und die herbſten Pruͤfungen harrttte. — 47— Der ſchottiſche Schiffshauptmann, ein ei⸗ gennuͤtziger Mann und wenig delicat in der Wahl der Mittel, ſein Gluͤck zu machen, lud den Guͤnſtling des Koͤnigs, Monroſe, ein, ſſeine junge Gefangene zu ſehen, welche dieſer auch kaum erblickt hatte, als ihre wunderba⸗ ren Reize in ſeinem Gemuͤthe eine eben ſo hef⸗ tige als ehrfurchtsvolle Liebe entflammte. Monroſe verband eine ſchoͤne Geſtalt mit Liebe und Zartgefuhl, und ſein erſter Gedanke war, die Freiheit des Fraͤuleins und ihrer Gefaͤhrten von dem geizigen Capitain zu erkaufen; aber ein Hoͤfling, dem er ſeine heftige Leidenſchaft vertraut hatte, hielt ihn davon zuruͤck und gab ihm vielmehr den Rathſchlag, die Freiheit, welche er Mathil⸗ den zu geben wuͤnſche, ihr nur von weitem hoffen zu laſſen und gleichſam als Preis fuͤr die Erwiederung ſeiner zaͤrtlichen Gefuͤhle an⸗ zubieten, mittlerweile jedoch die Gefangenen mit ausgezeichneter Achtung behandeln zu laſ⸗ ſen. Dieſe Vorſchlaͤge fanden zwar in Mon⸗ roſes edlem Gemuͤthe keinen Eingang, doch bewogen ſie ihn, das Fraͤulein vor der Hand noch im Gefaͤngniß zu laſſen, woſelbſt er ſie oft beſuchte, und ihr die ruͤhrendſten Briefe ſchrieb; Roger beantwortete dieſelben mit 15 12 — 178— Mathilden einverſtanden, und ſo ſehr ſie auch mit Beweiſen der Achtung und Dankbar⸗ keit erfuͤllt waren, ſo enthielten ſie doch kein einziges Wort, welches der Neigung des koͤ⸗ niglichen Guͤnſtlings ſchmeicheln konnte. 4 Monroſe wurde krank vor Unmuth, ſich verſchmaͤht zu ſehen, und als der Koͤnig er⸗ fuhr, welches eigentlich der Grund ſeines Lei⸗ dens ſey, war er grauſam genug, durch Ge⸗ walt das erzwingen zu wollen, was das Herz verweigerte; er befahl, Mathilden und ihre Begleiter in engern Gewahrſam zu brin⸗ gen und ſie mit der aͤußerſten Strenge zu be⸗ handeln, bis ſie den Wuͤnſchen ſeines Lieb⸗ lings entſprechen wuͤrde, und da er nicht zwei⸗ felte, daß die Rathſchlaͤge Rolands und Rogers— welche er fuͤr den Vater und Bruder des Fraͤuleins hielt— an ihrer ſtand⸗ haften Weigerung Schuld ſeyn, ſo wurden dieſe beſonders grauſam behandelt, und wenn die beiden jungen Leute in dem unterirdiſchen feuchten Kerker wenigſtens einigen Troſt in dem Gefuͤhl ihrer Liebe und Treue fanden, ſo wuͤrde doch das huͤlfloſe Alter des unglůck⸗ lichen Greiſes das haͤrteſte Herz geruͤhrt haben. Monroſe, deſſen Uebel taͤglich zunahm, erfuhr endlich, welche Grauſamkeiten um ſei⸗ netwillen ausgeuͤbt wurden, und ſein Herz ent⸗ ſetzte ſich vor ſelben; er ließ Roger zu ſich rufen, und nachdem er ihm ſeine Leidenſchaft mit den lebhafteſten Farben geſchildert und er⸗ klärt hatte, er ſey feſt entſchloſſen, ſich mit Mathilden zu vermaͤhlen, ſchloß er ſeine Rede mit folgenden Worten: „Ihr habt mein Leben und meinen Tod in euern Haͤnden; wenn ihr Mathilden be⸗ wegt, meine Wuͤnſche zu kroͤnen, ſo erwartet Alles von meiner Erkenntlichkeit; denn die Gunſt des Koͤnigs, deren ich in einem ſo hohen Grade genieße, ſetzt mich in den Stand, euch das neidenswertheſte Loos zu verſchaffen; aber glaubet nicht, daß ich die Großmuth ſo weit treiben werde, irgend eine Gnade von dem Herrſcher fuͤr euch anzuſuchen, wenn ihr und eure Schweſter, gegen mein Flehen unerbittlich bleibend, die Urſache meines To⸗ des werdet.— Gehet zuruͤck zu euern Ver⸗ wandten und denket uͤber das nach, was ihr ſo eben aus meinem Munde vernommen habt.“ Roger wurde zuruͤckgefuͤhrt, und in ſei⸗ nem Gemuͤthe erhob ſich ein ſchmerzlicher Kampf zwiſchen der heftigſten Liebe und kindli⸗ 12. chen Zaͤrtlichkeit— gern haͤtte er, um alle Lei⸗ den und Gefahren, welche ſich ſeinem Liebes⸗ gluͤck entgegen ſtellte, vereint mit Mathil⸗ den— deren tugendhafter Liebe und Helden⸗ muth er trauen konnte— dem Leben entſagt; aber ſollte er den zaͤrtlichen Vater, der aus Liebe zu ihm, dem Vaterlande und dem Erbe ſeiner Vaͤter willig entſagt, hier der Rache boͤſer Menſchen zuruͤcklaſſen? dieſe Betrach⸗ tung entſchied ihn, und nicht das glaͤnzende Gluͤck, welches ihm Monroſe im Spiegel der Zukunft zeigte, bewegte ſein Herz, ſon⸗ dern der leidenvolle Zuſtand ſeines alten Va⸗ ters, den er zu enden fuͤr Pflicht hielt, brachte ihn dahin, Mathilden zu erklaͤren, daß er bereit ſey, ihr zu entſagen. Das Fraͤulein machte dem Geliebten im erſten Sturm ge⸗ kraͤnkter Liebe die bitterſten Vorwuͤrfe uͤber ſei⸗ nen Mangel an Muth, und nannte ihn treu⸗ los; als ſie aber den edlen Gruͤnden des Rit⸗ ters nachdachte, als ſie den ehrwuͤrdigen Greis beſuchte, und von ſeinem grauſamen Zuſtand, von der edlen Entſagung, womit er ſelbſt ſie bat, ſich durch ſeine Lage nicht etwa zu einem verzweifelten Entſchluſſe verleiten zu laſſen, die wenigen Tage, die ihm noch zu leben uͤbrig ſeyen, nicht durch ihr ganzes Erdengluͤck zu — 48— erkaufen— da bewunderte ſie Rogers ho⸗ hes Gemuth und fühlte ſich hingeriſſen, ihm an Großmuth nachzuahmen. Monvoſe er⸗ hielt die Nachricht, daß Mathilde die Ehre dankbar annehme, welche er ihr zuge⸗ dacht, und dieſe Worte riefen den koͤniglichen Guͤnſtling von den Pforten des Todes in das freundliche Leben zuruͤck, Die drei Gefangenen wurden alsbald aus 38 dumpfen Kerker in die Prunkgemaͤcher des koͤniglichen Pallaſtes gefuͤhrt, und die huld⸗ vollen Aeußerungen des Koͤnigs gegen ſie, wa⸗ ren eben ſo heftig und ausſchweifend:, als es zuvor ſeine Grauſamkeit geweſen war. Man ſchmuͤckte Mathilden mit allen Diamanten des Kronſchmuckes und fuͤhrte ſie in die Kirche zum großen Mißvergnügen der Prinzeſſinn Edrika, einer Nichte des Koͤnigs von Schottland, welche ſelbſt geheime Gefuͤhle fuͤr den ſchoͤnen und edlen Monroſe naͤhrte. Die Hofmeiſterinn geleitete ihren tugendhaf⸗ ten Zoͤgling an den Fuß des Altars, und auch Roland und Roger von Montafilant wohnten der Feierlichkeit bei. Verzweiflung zerriß das Herz des letztern, als er ſeine Ge⸗ liebte ſelbſt in die Arme eines begluͤckten Ne⸗ benbuhlers liefern mußte; aber in dem Au⸗ =— 182— genblick, als des Koͤnigs Liebling die Haud erhob, um den Schwur der ewigen Liebe und Treue abzulegen, ſank Mathilde ohnmaͤch⸗ tig auf die Stufen des Altars nieder, und die Hofmeiſterinn verlangte mit einem Schrei des Schreckens, man ſolle die Vermaͤhlung ein⸗ ſtellen. Als man Mathildens Gewand luͤftete, fiel ein ſpitziger Dolch auf die Erde, welchen der alte Montafilant zitternd aufhob, und waͤhrend die anweſenden Damen ſich mit dem bewußtloſen Fraͤulein beſchaͤftigten, wurde die Hofmeiſterinn uͤber den Grund ihres ploͤtz⸗ lichen Ausrufes befragt; ſie wandte ſich zu Mon roſe und ſprach: 14 71 4 „Herr! ſeyd ihr in dieſem Koͤnigreiche geboren?“ 13 Man erzaͤhlte ihr, daß Monroſe ſeine Eltern niemals gekannt, und ſeit ſeiner fruͤhe⸗ ſten Jugend vom Koͤnig erzogen worden war, da fuhr ſie fort: „Nun ſo danket dem Allmaͤchtigen, daß er das groͤßte Verbrechen und das groͤßte Un⸗ gluck verhindert hat, welches ihr unwiſſend auf euch zu laden im Begriffe ſtandet. Wie ihr vorhin die Hand zum Schwur erhoben, ſah ich an eurer Hand das Naturzeichen einer = 48 ½— rothen Roſe, und erkannte euch durch dieſes fuͤr den jungen Freiherrn von Douvres, Mathildens Bruder, der in ſeiner fruͤhe⸗ ſten Jugend von Seeraͤubern ſeinen zaͤrtlichen Eltern entriſſen wurde.“ Als Mathilde die Augen wieder auf⸗ ſchlug, ſah ſie ihren Geliebten in den Ar⸗ men Monroſes und glaubte ſich ſchon in den Gefilden der Seligen— da zeigte ihr Roland den Dolch und fragte, zu welchem Endzweck ſie ſelben im Buſen verborgen? Ein ſchmerzlicher Blick auf Roger ſchien an⸗ zudeuten, daß der Himmel, ſelbſt auf Koſten eines ſeiner herrlichſten Werke, eine Blut⸗ ſchande verhindern wollte. Der Koͤnig von Schottland ließ die Sache unterſuchen„ und nachdem die Ausſage der Hofmeiſterinn als wahr befunden, und die Freiherren von Montafilant ihren Na⸗ men genannt, wurde die ſchoͤne Mathilde dem Armen ihres Geliebten uͤbergeben, Monrx oſe mit Prinzeſſin Edrika verbun⸗ den und der Koͤnig beſchenkte den alten Ro⸗ land ſo reichlich, daß er fuͤr Alles, was er in der Normandie zuruͤckgelaſſen„ genugſam entſchaͤdigt wurde und in dem Gluck ſeiner geliebten Kinder ſein eigues fand. DYſelde, Prinzeſſin von Burgund. —— — Waͤhrend den blutigen Fehden, welche ſo lange Zeit die Haͤuſer von Bu rgund und Orleans gegen einander füͤhrten, hatte im⸗ ner jene Parthei die Oberhand, welche ſich eben den groͤßten Anhang in der Hauptſtadt zu gewinnen wußte, und Paris war beſtaͤn⸗ dig der Schauplatz von Kampf und Zwieſpalt. Einſtmals als die Parthie der Orleans im Siege war, mußten die ausgezeichnetſten Mit⸗ glieder der Familie Burgund Paris ver⸗ laſſen; auch Yſelde, die Tochter des Her⸗ zogs, floh, und begab ſich nach Dijon, wo ſich ihr Vater bereits aufhielt. Von einigen Dienern begleitet und unter der Obhut einer Frau von Geburt, machte die Prinzeſſin dieſe Reiſe, nach der Sitte der Damen jener Zeit, zu Pferde und unter erborgtem Namen. Als die Reiſegeſellſchaft am zweiten Tage in einer Herberge der Ruhe pflegte, langte in derſelben ein Prinz aus dem Stamme Bourbon— der Graf von Clermont— unter dem Na⸗ men Aronde an, welcher aus Ungarn kam und dort im Kriege gegen die Tuͤrken große Beweiſe ſeiner Tapferkeit abgelegt hatte; die Beſorgniß, den Freunden des Hauſes Bur⸗ gund in die Haͤnde zu fallen, welches dem ſeinigen feindlich geſinnt war, bewog ihn, unter dieſem falſchen Namen zu reiſen. Yſelde hatte Clermont nie geſehen, und der Graf kannte die Prinzeſſin eben ſo wenig, da dieſe in Flandern und jener am koͤ⸗ niglichen Hoflager zu Paris erzogen worden war. Nach einer kurzen Unterredung fuhlte der Graf ſein Herz in heftige Liebe fuͤr die Prinzeſſin entbrennen, und die zarte Sorgfalt, welche er ihr bewies, vereinigt mit ſeiner ſchoͤ⸗ nen Geſtalt und anſtaͤndigem Benehmen, machte auch auf Yſelden einigen Eindruck, ſo daß er bemerken konnte, er mißfalle nicht; ermuthigt durch dieſe Hoffnung, wagte er von der Prinzeſſin die Erlaubniß zu erbitten, daß er ihr nach Dijon folgen duͤrfe, welches ſie ihm zugeſtand, ohne zu verrathen, welch eine große Freude ihr dieſer Entſchluß verurſachte. — 1486— Sie reiſten ab— aber wie groß war die Ueberraſchung des Prinzen, als er bei der An⸗ kunft in Dijon erfuhr, das Fraͤulein, welches ihn bezaubert, ſey die Tochter des Herzogs von Burgund. Um ſeine Kuͤhnheit zu ent⸗ ſchuldigen, haͤtte Clermont nur ſeinen Na⸗ men nennen duͤrfen; aber ſey es, daß er Un⸗ annehmlichkeiten an einem Hofe fuͤrchtete, welcher mit den Haͤuſern von Bourbon und Orleans in Zwiſt lebte, oder daß er ſehen wollte, ob ſein eigenes Verdienſt, ohne Un⸗ terſtuͤtzung eines erlauchten Namens, hinrei⸗ chend ſey, das Herz einer Fuͤrſtinn zu ruͤhren; genug, er behielt ſein Incognito bei; doch naͤherte er ſich der Prinzeſſinn wieder, und wurde huldvoll aufgenommen; ſie erlaubte dem Ritter, ſie zu beſuchen und ihr die ver⸗ ehrungsvolle Befliſſenheit zu bezeigen, die ihre beiderſeitigen Verhaͤltniſſe geſtatteten. Bald entſchloß ſich der Graf, unter dem falſchen Namen, den er bisher gefuͤhrt, in die Dienſte des Herzogs von Burgund zu treten, um ſich dem Vater und durch ihn der Tochter immer mehr zu naͤhern; Yſelde unterſtuͤtzte ſeine Schritte, und er erhielt eine Stelle bei dem Herzog, die er ſo wohl ver⸗ waltete, und ſich ſo angenehm zu machen — 187— wußte, daß er ſeinem neuen Herrn bald un⸗ entbehrlich wurde; man zog ihn zu den Ver⸗ gnuͤgungen der Prinzeſſinn, und er hatte bald Gelegenheit unter der Geſtalt eines liebens⸗ wuͤrdigen Hofmannes ſeine Liebe ſprechen zu laſſen. Zu derſelben Zeit befand ſich an dem Hof⸗ lager zu Dijon der Herzog von Clarence— ein naher Verwandter des Koͤnigs von Eng⸗ land— den ſeine unruhigen Unterthanen ge⸗ zwungen hatten, ſein Land zu verlaſſen; er hoffte durch den Beiſtand eines ſo maͤchtigen Fuͤrſten, als der Herzog von Burgund, ſein Herzogthum wieder zu gewinnen, wenn er ihn zur Theilnahme bewegen koͤnne; aus die⸗ ſem Grunde wandte er alles an, um der Prin⸗ zeſſinn Yſelde zu gefallen und ihre Hand zu gewinnen; aber ſeine Liebe war von zu ei⸗ gennuͤtziger Natur, als daß ſie haͤtte lebhaft. und aufrichtig ſcheinen koͤnnen, und die Prin⸗ zeſſinn, welche, ihn wohl errathend, weder Haß noch Liebe fuͤr ihn fuͤhlte, ſtieß ihn nicht zuruͤck, theils aus Achtung fuͤr ſeine erlauchte Geburt, theils weil ſie mit ſeinem traurigen Schickſal Mitleiden fuͤhlte; doch lag auch in ihrem Betragen nichts, was dem Bewerbey haͤtte ermuntern koͤnnen. —— — 188— Als der engliſche Herzog bemerkte, daß Aronde etwas bei der Fuürſtinn zu gelten ſcheine, beſchloß er, ſich ſeiner zur Unterhand⸗ lung mit ihr zu bedienen; aber der Graf von Clermont vollbrachte ſeine Sendung mit ſo vieler Feinheit und gluͤcklichem Erfolg fuͤr ſich ſelbſt, daß er nicht laͤnger zweifeln konn⸗ te, er werde geliebt, und eben uͤberlegte, ob er ihr nicht ſein Herz und ſeine Verhaͤltniſſe eroͤffnen ſollte, als die Sache ſchuell eine an⸗ dre Wendung nahm. 19 n 3 Der Herzog von Burgund mußte Di⸗ jon ſchnell verlaſſen, um ſeinen Anhaͤngern zu Huͤlfe zu eilen, welchen eine gaͤnzliche Unter⸗ druͤckung von Seiten ihrer Gegner drohte, und er ſandte zugleich ſeine Tochter und ſeinen Sohn Philipp nach Bruͤſſel. Der Graf von Clermont hoͤrte dieſe Nachricht kaum, als er ſich gleichfalls auf den Weg machte, und er ſetzte ſeine Reiſe mit ſo großer Eile fort, daß er um mehrere Tage fruͤher als die Prin⸗ zeſſinn dort ankam; als Burgersmann ver⸗ kleidet ſchlich er in die Stadt und warb ſich einen Anhang, maͤchtig genug, dem der Eng⸗ länder zu widerſtehen, welche ſich weigerten, die Prinzeſſinn in die Stadt aufzunehmen 34er ſiel mit den Buͤrgern, die er gewonnen hatte, 8 — 489— vereint über die Widerſpenſtigen her, welche die Thore bewachten, zerſtreute ſie, und im Jubel fuͤhrte er die Prinzeſſinn in die Stadt, welcher er nunmehr Namen, Stand und jeint Liebe offenbarte. Der Prinz und die Prinzeſſinn begaben ſich bald nachher in die Hauptſtadt von Frank⸗ reich, woſelbſt die Gegenwart des Herzogs von Burgund hinreichend geweſen war, ſei⸗ nen Anhaͤngern wieder das Uebergewicht zu verſchaffen, und die blutigen Unruhen zu ſtil⸗ len, als deren Opfer der Connetable d'Ar⸗ magnac, der Kanzler Marles, mehrere Biſchoͤffe und die vornehmſten Haͤupter der Orleanſchen Parthei gefallen waren. Der Wunſch, die Hand der ſchoͤnen Yſelde zu gewinnen, bewog den Grafen von Cler⸗ mont ſich ganz dem Vortheile des Herzogs von Burgund zu widmen; aber mit dieſem Grunde vereinigte ſich noch ein zweiter von nicht geringerer Wichtigkeit, naͤmlich die Hoff⸗ nung, ſeinen Vater, den Herzog von Bour⸗ bon, aus den Haͤnden der Englaͤnder zu be⸗ freien, die ihn bei der beruͤhmten Schlacht von Azinconrt zum Gefangenen gemacht hatten. Der franzoͤſiſche Hof ſchien ſich wenig um die Befreiung dieſes Fuͤrſten zu bekuͤmmern, und kein Menſch war ſo dazu geeignet, ſie zu be⸗ wirken, als der Herzog von Burgund, der auf die Erklaͤrung des Grafen von Cler⸗ mont keinen Anſtand nahm, den Zwiſt ihrer Haͤuſer als ausgeglichen anzuſehen„ und ihm die Hand ſeiner Tochter zu gewaͤhren. Schon war der Tag der Vermaͤhlung beſtimmt, als der Herzog von Clarence in Paris ankam; da er aber die Prinzeſſinn auf dem Punkte ſah, ſich zu vermaͤhlen(und zwar mit einem Manne, dem er ſich ſelbſt einſt unvorſichtig anvertraut) und ihm alle Hoffnung auf ihren Beſitz und den Schutz zu ſchwinden ſchien, er⸗ ſann er einen Plan, um die Liebenden zu trennen. DOhue die ſchwarze Rachſucht zu zeigen, von welcher ſein Herz erfuͤllt war, begab ſich der Herzog, noch ehe er die Prinzeſſinn be⸗ ſucht hatte, zum Grafen von C lermont, den er noch immer Aronde nannte, und mit verſtellter Freundlichkeit fuͤr die treuen Dienſte bei Yſelden dankte, deren glückliche Fol⸗ gen ſich erſt jetzt zeigten. Der Graf, nicht ahnend, wo jener hinaus wollte, fuͤhlte doch in ſeinem Gewiſſen, daß er nicht ganz redlich mit ſeinem Nebenbuhler zu Werke gegangen ſey, dieß machte ihn ſo befangen, daß er zoͤgerte, ihm Namen und Rang ſogleich zu erklaͤren, und der Herzog fuhr in verſtelltem Irrthum fort: „So eben habe ich eine entzuͤckende Bot⸗ ſchaft von der Prinzeſſinn erhalten, welche mir durch eine treue Kammerfrau melden ließ, ſie ſey zwar von ihrem Vater dazu beſtimmt, den Zwiſt der Staͤmme von Burgund und Bourbon durch eine Vermaͤhlung mit dem Grafen von Clermont auszugleichen; doch gebe ihr das grade die Gelegenheit meine Liebe zu kroͤnen, und ich ſolle mich nur bei Nacht an dem kleinen Hinterpförtchen des linken Flu⸗ gels einfinden, um gluͤcklich zu ſeyn.“ Clermont glaubte kein Wort von al⸗ lem, was Clarence ihm erzaͤhlte, doch konnte er der Begierde nicht widerſtehen, die Sache ſelbſt mit anzuſehen und, indem er den Prahler derb auslachte, ihn erſt zu belehren, daß er ſelbſt jener Graf von Clermont ſey; daher nahm er mit Vergnuͤgen den An⸗ trag des Herzogs an, ihn zu dem naͤchtlichen Rendezvons zu begleitenä. Als es ganz dunkel geworden war, fuͤhrte der Herzog ſeinen getaͤuſchten Nebenbuhler unter Yſeldens Gemaͤcher, und, ſiehe da! eeine Strickleiter ließ ſich aus einem ihrer Fen⸗ — 492— ſier herab, Clarence ſtieg hinauf, und als Clermont mehr als eine Stunde in beſin⸗ nungsloſem Starren auf einem Flecke, gleich⸗ ſam die Leiter bewachend, ſtehen geblieben war, kehrte jener auf demſelben Wege wie⸗ der zuruͤck und ſprach zum Grafen mit erkuͤn⸗ ſtelter Verwirrung: „Sie ſehen mich in keiner kleinen Verle⸗ genheit, Graf! denn eben erfuhr ich erſt in Yſeldens Armen, daß Sie ſelbſt— ſonſt Ritter Aronde— der Prinz aus dem Hauſe Bourbon ſind, dem ſie ihre Hand reichen ſoll— doch was thut es denn, wenn Sie ſich gleich einſt franzoͤſiſcher Liſt gegen mich bedieuten, ſo wuͤrde ich doch gewiß mit brit⸗ tiſcher Offenheit Ihre Eutehrung nicht zuge⸗ laſſen haben, wenn auch nicht dieſer Zufall der Verraͤther geworden waͤre.“ Der Herzog begleitete den ſprachloſen Gra⸗ fen nach Hauſe und am folgenden Morgen er⸗ hielt Yſelde folgenden Brief: „Treuloſe! Der Himmel, welcher es uch Zulaſſen wollte, daß ein treues Herz verra⸗ then, ein edler Stamm beſchimpft werde, hat mich geſtern Nachts unter Ihre Fenſter ge⸗ fuͤhrt—— es wird nicht mehr bruuchen, um — 493— Ihnen begreiflich zu machen, daß wir auf ewig getrennt ſind. Clermont.“ Vier Tage vergingen dem Ungluͤcklichen in der Qual finſtrer Verzweiflung, als man ihm am Abend meldete, die Prinzeſſinn ſey vor Schmerz uͤber die ihr zugefuͤgte Schmach ge⸗ ſtorben, und ihr Leichnam im Pallaſt des Her⸗ zogs von Burgund in Parade ausgeſtellt. Clermont konnte ſich den traurigen Troſt nicht verſagen, die geliebte Leiche noch einmal zu ſehen— er flog hin— in der Mitte des ſchwarz behaͤngten Gemachs erhob ſich, von hundert Wachskerzen beleuchtet, der glanzvolle Katafalk; aber Yſeldens Leichnam war verdeckt, und die anweſenden Waͤchter verſtat⸗ deten niemand die Teppiche zu heben. Der Graf vergoß Stroͤme von Thraͤnen auf den Ueberreſten ſeiner angebeteten Treuloſen, und hier war es auch, wo der Herzog von Cla⸗ rence, von bittrer Reue ergriffen, dem Gra⸗ fen ſein Verbrechen entdeckte, und ihm ge⸗ ſtand, daß die Strickleiter, auf welcher er in Yſeldens Gemaͤcher geſtiegen, ohne Wiſ⸗ ſen derſelben, von einer ihrer Frauen herab⸗ gelaſſen worden, die er durch Gold gewonnen, und in deren Kammer er die Zeit zugebracht 17. 13 habe, waͤhrend welcher Clermont ihn in den Armen ſeiner Geliebten waͤhnte; er ſchloß mit folgenden Worten: „Ich bin der verabſcheuungswuͤrdigſte der Menſchen, denn ich habe den Tod dieſer tu⸗ gendhaften Prinzeſſinn verurſacht, und die Verzweiflung des großmuͤthigſten Ritters; darum bitte ich dich, ziehe dein Schwert und mache meinem Leben ein Ende, welches doch nimmer mit Gewiſſensruhe geſchmuͤckt ſeyn wuͤrde.“ Der Graf von Clermont hielt den ver⸗ laͤumderiſchen Mann nicht fuͤr wuͤrdig, von ſeiner Hand zu ſterben, uͤberließ ihn ſeinen Gewiſſensbiſſen und faßte den Entſchluß⸗ nach Ungarn zuruͤckzukehren und den Tod im Kampfe gegen den Erbfeind der Chriſtenheit zu ſuchen; er war eben mit den Anſtalten zu ſeiner Abreiſe beſchaͤftigt, als der Herzog von Burgund ſelbſt ihn zu beſuchen kam. Der Graf war darauf gefaßt, den Schmerz und die grauſamſten Vorwuͤrfe eines Vaters, den er ſeiner geliebten Tochter beraubt, als ge⸗ rechte Strafe ſeiner Leichtglaͤubigkeit zu dul⸗ den und ging dem Fuͤrſten reumuͤthig entgegen; aber dieſer ſchien ſehr gefaßt und verſetzte: — — —— „Sie ſind unſchuldig, mein Prinz! der Schein war zu ſehr gegen meine Tochter, als daß ein ehrbarer Ritter nicht haͤtte getaͤuſcht werden muͤſſen. Wir wollen den Verrath des Herzogs von Clarence als eine Schickung des Himmels anſehen, durch die er unſre Er⸗ gebung in ſeinen Willen pruͤfen wollte, und um Ihnen zu beweiſen, daß ich keinen Groll gegen Sie hege, ſo ſoll das Band, welches nnſre Familien zu vereinen beſtimmt iſt, nicht zerriſſen werden— ich biete Ihnen an Yſel⸗ dens Stelle die Hand meiner aͤltern Tochter Roſemunde, welche ihrer verblichenen Schweſter weder an Reizen noch an Tugend nachſteht, zur Gemahlinn an.“ Der Graf erkannte die Großmuth des a0⸗ ten Herzogs dankbar an, doch war er durch keine Beredſamkeit zu vermoͤgen, von ſelber Gebrauch zu machen, und ſchwur, ſein gan⸗ zes Leben ſolle dem Andenken Yſeldens und ſeiner Reue geweiht ſeyn; nur mit vieler Muͤhe entlockte ihm endlich der gekraͤnkte Vater das Verſprechen, vor ſeiner Abreiſe noch ein⸗ mal ſeinen Pallaſt zu beſuchen, und die Be⸗ kanntſchaft der Prinzeſſinn Roſemunde zu machen; in der feſten Ueberzeugung, daß nichts ſeinen Sinn wankend machen koͤnne, 13.. — 196— degab er ſich in Reiſekleidern dahin— aber, 2 Ausſetzung eines leeren Sarges und eines voll⸗ kommnen Trauergepraͤnges beſtaͤtigte; ſeine Abſicht, zu welcher Yſelde gern die Hand bot, war eine kleine Rache fuͤr die leichtglaͤu⸗ bige Eiferſucht des Grafen. Die Prinzeſſinn Yſelde vergab ihrem reuigen Geliebten, und wenige Tage nachher wurde die Vermaͤhlung mit der groͤßten Feierlichkeit begangen. Die⸗ ſes war derſelbe Graf von Clermont, der durch ſeine Staatsklugheit endlich den Zwiſt des Hauſes Burgund mit Karl VIlI. en⸗ dete, und ihm beiſtand, ſein Reich wieder von den Englaͤndern zu erobern, die es uͤber⸗ ſchwemmt hatten. Des Schickſals Launen. 4 1. 4. Vor mehrern hundert Jahren geſchah es, daß ein Graf von Provence ſeine Gemah⸗ linn durch den Tod verlor, deren weiſen Sinn er ſtets die Sorge fuͤr ſein Reich vertraut hatte; da er weder Kraft noch Willen in ſich fuͤhlte, die Herrſchaft ſelbſt zu fuͤhren, ſein Sohn Balduin aber noch zu jung war, um ihm die Verwaltung zu uͤbertragen, ſo vermaͤhlte er ſich zum zweitenmale mit der verwittibten Graͤfinn von Toulonſe, die ebenfalls eine einzige Tochter und Erbinn ihrer Beſitzungen hatte, und gern die Hand des Grafen annahm, in der Hoffnung, eines Tages durch eine Ver⸗ maͤhlung ihrer beiden Kinder die Grafſchaften Provence und Toulouſe zu vereinigen. Wenige Wochen nach der Vermaͤhlung des Grafen und der Graͤfin geſchah es, daß der Graf von Rouſſillon, ein weitlaͤuftiger Anverwandter des neuvermählten Paares, — 498— verſtarb, und deſſen Wittwe begab ſich nach Avignon an das Hoflager des Grafen von Provence, um deſſen Beiſtand gegen zwei ungerechte Vettern anzuſprechen, welche ihrer Tochter Adelheid die Erbfolge in der Graf⸗ ſchaft Rouſſillon ſtreitig machten. Der Graf wollte ſich der Verlaſſenen gern anneh⸗ men; aber noch ehe ihre Rechte geltend ge⸗ macht werden konnten, verfiel die betruͤbte 4. Wittfrau in eine ſchwere Krankheit und ſtarb; ihre Tochter, die nun eine zwiefache Waiſe wurde, hatte ſie auf ihrem Todeslager der Graͤfinn von Provence dringend empfoh⸗ len, welche fuͤr ſie, gleich einer Mutter, zu ſorgen verſprach; aber da ſie befürchtete, daß die ſeltne Schoͤnheit des Fraͤuleins auf das Herz des jungen Grafen Eindruck machen und ihre fruͤhern Plane vereiteln duͤrfte, ſo wandte ſie alles an, eine naͤhere Bekauntſchaft zwi⸗ ſchen den beiden jungen Leuten zu verhindern, die ſich nicht anders als bei oͤffentlichen Gele⸗ genheiten ſehen und ſprechen durften.. Die Beſorgniß der Graͤfinn bewieß ſich bald eben ſo gegründet, als ihre Vorſicht fruchtlos war, denn es dauerte nicht lange, ſo entbrannten Balduin und Adelheid in die heftigſte Liebe für einander„ welches die ſorgſame Graͤfinn alsbald bemerkte und ſich zu einem entſcheidenden Schritte entſchloß, um die Fortſchritte ihrer Leidenſchaft zu hemmen. Der bejahrte Herzog von Calabrien, ein großer Verehrer des ſchoͤnen Geſchlechts, war einſt ein Anbeter der ſchoͤnen Graͤfinn von Toulouſe; auf dieſen warf ſie ihr Augen⸗ merk, ſandte einen getreuen Boten mit einem Briefe an den Herzog und bot ihn darin das wunderſchoͤne Fraͤulein zur Gemahlinn an. Reich beſchenkt kehrte der Bote heim, der Her⸗ zog traute dem Wort und Geſchmack ſeiner ehemaligen Herrinn, und nahm die dargebo⸗ tene Gabe mit dem Zuſatze an, er wolle zu⸗ gleich auf den Beſitz der Grafſchaft Rouſſillon zu Gunſten ſeiner Freundin und ihrer Erben Verzicht leiſten. Mit großer Freude üͤbernahm die Gräfinn die Sorge, ihrem großmuthigen Jugendfreund ſeine reizende Braut zuzuſenden, und nachdem ſie einem ihrer Vertrauten, dem Schiffshaupt⸗ mann Lascaris den Auftrag gegeben, ein Fahrzeug auszuruͤſten, auf welchem die Prin⸗ zeſſinn nach Italien hinuͤbergeſchifft werden ſollte, verließ ſie ſelbſt, unter dem Vorwande einer wichtigen Geſchaͤftsreiſe an die ſüdlichen Kuͤſten von Frankreich, das Hoflager ihres — 200— Gemahls und nahm A delheid mit ſich; aber kaum waren ſie zu Marſeille angekom⸗ men, ſo wurde das Fraͤulein auf das Schiff gebracht, ohne ſelbſt zu wiſſen, welches Schick⸗ ſal ihrer harre. Lascaris ſegelte gegen Neapel und die Grafinn kehrte nach Avignon zuruͤck, wo ſie Adelheids Abreiſe und be⸗ vorſtehende Vermaͤhlung bekannt machte. Erſt auf der hohen See eroͤffnete Lasca⸗ ris der Prinzeſſin, zu welcher Verbindung ſie beſtimmt ſey, und vermehrte ihren Schmerz durch den Zuſatz— ſo hatte es ihm die Graͤ⸗ finn geboten— Graf Balduin ſelbſt habe die Unterhandlungen mit dem Herzog von Calabrien geleitet, und ſchickte ſich ohne Widerrede an, ſeine Hand der Graͤfinn Alix von Toulouſe zu reichen. So unwahr⸗ ſcheinlich dieſer Bericht auch war, ſo beſaß Adelheid eines Theiles zu wenig Welt⸗ und Menſchenkenntniß und hatte andern Theils zu wenig Gelegenheit gehabt, den Charakter des Prinzen, den ſie mehr als ihr Leben liebte, kennen zu lernen, um dieß lügenhafte Gewebe zu durchſchauen; Liebe und Verzweiflung ver⸗ blendeten ihren Geiſt ſo ſehr, daß ſie allzu— leicht an die Untreue ihres Geliebten glaubte, und nur darauf bedacht war, ihr trauriges 7 — 201— Geſchick in ſo weit zu mildern, daß ſie wenig⸗ ſtens einer verhaßten Vermaͤhlung entgehe, wozu ſie alsbald einen Plan erſann. Lascavis hatte ſeine Gattinn, einen Sohn und eine Tochter zur Begleitung der Prinzeſſin mitgenommen, welche ihm nun den Vorſchlag that, ſein eignes Kind an ihrer Stelle dem Herzog von Calabrien unter⸗ zuſchieben, welcher kein Bildniß ſeiner Braut. erhalten hatte; vom Ehrgeiz verleitet, nahm er den Tauſch an, und Adelheid verſprach, ihre künftigen Lebenstage in einem Kloſter hinzubringen, damit man von ihr nie mehr ſollte in der Welt ſprechen hoͤren. Lascaris legte in dem naͤchſten Hafen an, wo eben ein Schiff nach Spanien unter Segel gehen wollte; auf dieſes ward die ſchoͤne Adelheid gebracht, und der junge Las⸗ caris, theils um die Prinzeſſinn zu beſchü⸗ tzen,(theils um ſeinem Vater die Gewißheit zu verſchaffen, daß ſie den Schleier genom⸗ men) zu ihrem Begleiter ernannt. Das Schiff ſchwamm langſam auf dem Meere dahin in der Richtung gegen das Koͤnigreich Spanien; aber nicht lange, ſo wurden ſie von einem Corſaren des Koͤnigs von Marocco angegrif⸗ fen; alles, ſelbſt die Reiſenden mußten an — 292— der allgemeinen Vertheidigung Theil nehmen, nur Adelheid— obſchon ſie maͤnnliche Klei⸗ dung trug— hielt man fuͤr allzuzart, und verſchonte ſie; doch als einer der erſten Schuͤſſe des Corſarenſchiffes den jungen Lascaris getoͤdtet hatte, trat Adel heid muthvoll au ſeine Stelle und befeuerte das Schiffsvolk durch ihr Beiſpiel zur muthigſten Gegenwehr; ſie kaͤmpften als Helden, doch mußten ſie, als ſelbſt der Schiffshauptmann geblieben war, ſich der Uebermacht des Seeraͤubers uͤber⸗ geben, welcher verwundert äͤber die Tapfer⸗ keit und gerührt von der mäͤdchenhaften Schoͤn⸗ heit des Juͤnglings, demſelben das Leben ſchenkte, und ſogar die Freiheit verſprach, wenn er ſich entſchließen koͤnnte, einige Zeit auf ſeinem Schiffe zu dienen. Adelheid war in einer peinlichen Lage, denn Weigerung konnte manches Ungemach, und ſogar das groͤßte, Entdeckung ihres Geſchlechts, nach ſich ziehen, ſo blieb ihr nichts uͤbrig, als den Vorſchlag des Corſaren anzunehmen und eine Gelegenheit zu erwarten„ ſich wieder von ihm zu trennen. — 203— vird In 6 13 1 81 Als die Graͤfinn von Provence nach Avignon zuruͤckgekommen war und die Ver⸗ maͤhlung der Prinzeſſinn Adelheid mit dem Herzog von Calabrien verkuͤndete, zwei⸗ felte der treue Balduin keinen Augenblick, daß nur die Grauſamkeit ſeiner Stiefmutter ſie zu dieſem Schritte gezwungen habe; er er⸗ bat ſich von ſeinem Vater Urlaub zu einem Ritterzuge nach Italien, und da dieſer(durch die Graͤfinn, welche des Prinzen Entſchluß errieth, aufgeregt) ihm ſelben verſagte, ver⸗ ließ er ſein Vaterland heimlich und begab ſich mit der groͤßten Eilfertigkeit an das Hoflager des Herzogs von Calabrien, um zu ver⸗ ſuchen, durch welches Mittel immer ſeine theure Adelheid zu ſprechen, oder wenig⸗ ſtens das Vergnügen zu genießen, daß er ſeine Blicke an ihrem Anſchauen weide. Der junge Graf umkreiſte den herzoglichen Pallaſt wohl hundertmal des Tages und ſah mit gro⸗ ßer Sehnſucht nach dem Gebaͤude, worin er das vermuthete, was ihm auf Erden das Theuerſte war; er hoffte, die Aufmerkſamkeit der Fuͤrſtinn auf ſich zu ziehen, uͤberzeugt, ſo bald ſie ihn geſehen, wuͤrde ſie nicht zoͤgern, . — 204— ihm die Mittel an die Hand zu geben, auf welche Weiſe er ſich ihr naͤhern koͤnne; aber umſonſt! Die Fuͤrſtinn blieb unſichtbar, und niemand erſchien an den Fenſtern, deren Hoͤhe und eiſerne Gitter ſeiner Wuͤnſche zu ſpotten ſchienen. 1 9 1263 Endlich erſann Balduin ein neues Mit⸗ tel, ſich bemerkbar zu machen, und miſchte ſich unter eine Geſellſchaft von Schauſpielern, welche eben angekommen waren, um nur von der Herzoginn geſehen zu werden— er ſpielte in der That vor dem Hofe; er waͤhlte ſolche Rollen, die mit ſeinem Zuſtande einige Aehn⸗ lichkeit hatten, und ſeine Geberden, ſeine lei⸗ denſchaftlichen Blicke, die unaufhoͤrlich auf die Loge der Herzoginn gerichtet waren— al⸗ les drückte ſein Gefuͤhl aus; Adelheid wuͤr⸗ de ihn beim erſten Augenblick erkannt haben; aber ſie war nicht da, und das Schickſal hatte ihr mittlerweile eine ganz andre Rolle zuge⸗ theilt. 9 Balduin verzweifelte beinahe, und fing an zu glauben, Adelheid, von der Heilig⸗ keit ihrer neuen Verbindung bewogen— denn ohumoͤglich konnte er dem Gedanken Raum ge⸗ ben, daß ſie ihm treulos geworden— habe ihm auf immer entſagt, als eines Morgens „ — 205— in der Meſſe eine Frau mit der Miene der groͤßten Froͤmmigkeit an ſeine Seite kniete, und Augen und Haͤnde zum Himmel erhoben, ihm folgende Worte hoͤren ließ, welche nach den Bewegungen ihrer Lippen jeder Entfernte fuͤr das bruͤnſtigſte Gebet halten mußte: „Schauſpieler! ſieh mich nicht an, aber hoͤre meiner Rede aufmerkſam zu.— Beim Eintritt der Nacht finde dich im Hafen ein, und ſteige in das Boot, welches dich dort er⸗ warten und an den Fuß des großen Thurmes, gegen Oſten des herzoglichen Pallaſtes, brin⸗ gen wird; dort warte bis man dir aus einem Fenſter, woran ein weißes Tuch flattert, eine ſeidne Strickleiter zuwerfen wird. Sey ver⸗ ſchwiegen und du wirſt gluͤcklich ſeyn.“ Die Herzoginn von Calabrien war in der That durch die Schoͤnheit und das leiden⸗ ſchaftliche Weſen des vermeinten Schauſpie⸗ lers geruͤhrt worden, und folgte den Bewe⸗ gungen eines fuͤr die Liebe nur zu leicht em⸗ pfaͤnglichen Herzens. Balduin befolgte die erhaltenen Befehle von Punkt zu Punkt, und befand ſich bald in den Gemaͤchern der Fuͤr⸗ ſtinn, welche jedoch noch nicht erſchienen war. Das Gluͤck, welches der unterſchobenen Prin⸗ zeſſinn ſchon den Gemahl der ſchoͤnen Adel⸗ — 206— heid geſchenkt hatte, war eben im Begriff, ihr auch deren Geliebten zuzufuͤhren, als ein heftiger Schlag an die Thuͤre des Vorgemachs die unerwartete Ankunft des Herzogs ankuͤn⸗ digte. Die alte Frau bat den Prinzen ſich zu eutfernen, und ſchnell gewann er ſeine Strick⸗ leiter wieder, ſtieg aber ſo uͤbereilt herab, daß er eine Stufe verfehlte und ins Meer ſtuͤrzte; er ſchwamm einige Zeit fort, bis er ein Boot— doch nicht das ſeinige— erreichte; er ſchwang ſich in das Fahrzeng, welches weder Segel noch Ruder hatte, und von der Gewalt des Elements fortgetrieben wurde; nach einigen fruchtloſen Verſuchen es gegen das Ufer zu be⸗ wegen, blieb Balduin den Wellen Preis gegeben, und kaͤmpfte zwei Tage und zwei Naͤchte gegen Hunger und die Gefahren des bewegten Meeres, bis ihn ein vorbeiſegelndes Schiff bemerkte und eine Schaluppe ausſandte, ihn an Bord zu bringen. Bal duin ließ ſich zum Schiffshauptmann bringen; aber, wer beſchreibt ſeine Ueberraſchung und ſein Entzücken, als er in dieſem— ſeine geliebte Adelheid erkannte. Nach den erſten ſtuͤr⸗ miſchen Aeußerungen der Zaͤrtlichkeit und der Wonne uͤber ein ſo unverhofftes Wiederfinden, erzaͤhlte die Prinzeſſinn ihrem Geliebten, wel⸗ —-— 207— che arge Tuͤcke die Graͤfinn von Provence gegen ſie erſonnen, wie ſie ſich von der ver⸗ haßten Vermaͤhlung mit dem alten Herzog von Calabrien befreit, und ſchloß mit ſolt genden Worten: „Der Corſar ernannte mich zum Schiffs⸗ lieutenant, und ich ſann lange fruchtlos hin und her, wie ich entkommen und ein ſpani⸗ ſches Kloſter erreichen koͤnne, um deinen Ver⸗. luſt bis zum letzten Hauche meines Lebens zu beweinen, als ſeine Grauſamkeit das Schiffs⸗ volk zum Aufruhr erregte; er wurde getoͤdtet, ohne daß ich es verhindern konnte, und mir trug man ſeine Stelle an, welche ich einſtwei⸗ len annahm. Wie ſehr bewundre ich nun die unerforſchlichen Rathſchlüſſe der Geſchicke, die mich zum Schiffshauptmann und Seeraͤuber machten, um mir den Geliebten wieder zuzu⸗ fuͤhren.“ Die Verſprechungen großer Geſchenke be⸗ wogen die Seeraͤuber, den Grafen und ſeine Gemahlinn zu Marſeille ans Land zu ſetzen, wo ſie im veinſten Herzensjubel das Vater⸗ land wieder begruͤßten; als ſie aber nach Avignon kamen, war mittlerweile der alte Graf geſtorben, und die Graͤfinn hatte kaum 1 — 208— Botſchaft erhalten, Balduin ſey zu Marſeille gelandet, als ſie, ſeine Rache füͤrchtend, ſich nach Toulouſe begab, wo⸗ durch der Graf im ruhigen Beſitz der Pro⸗ vence und des Herzens ſeiner geliebten Adelheid blieb. — 11 911 Die beiden Kraͤnze. 6 Fragment aus den Liebesfragen des Meſſer Giovanni Bocaccio.) Die Koͤniginn ſprach holdſelig zu Filocopo: „Juͤngling! fanget nun an, Eure Frage vorzulegen, denn es trifft Euch nunmehr die Reihe.“ Filocopo eutgegnete: „FErlauchte Frau! ich erinnere mich, daß in der Stadt, wo ich geboren, eines Tages ein glaͤnzendes Feſt veranſtaltet wurde, wel⸗ ches viele Herren und Damen mit ihrer Ge⸗ genwart verherrlichten. Ich, welcher auch Theil daran nahm, ging betrachtend umher und erblickte zwei Juͤnglinge, die ſehr ſchoͤn von Anſehen waren, und ein liebreizendes Fraͤnlein mit ſo gluͤhenden Blicken anſchau⸗ ten, daß man nicht erkennen konnte, welcher 15, 14 der beiden mehr von ihrer Schoͤnheit entzuͤckt war.— Nachdem ſie dieſes Fraͤulein lang angeſchaut hatten, und ſie dem einen kein freundlicheres Antlitz als dem andern zeigte, begannen ſie von der Dame zu ſprechen, und ich verſtand aus ihren Reden, daß jeder bei ihr mehr in Gunſt zu ſtehen ſich ruͤhmte, und verſchiedene ihrer Handlungen als Beweiſe fuͤr ſeine Behauptung anfuͤhrte Wie nun die beiden Juͤnglinge durch das viele Sprechen ihre Gemuͤther ſo ſehr erhitzt hatten, daß ſie anfingen, ſich beleidigende Re⸗ den zu ſagen, erkannten ſie endlich ihr Unrecht, indem ein ſolcher leerer Streit ihnen keine Ehre bringen und dem Fraulein großes Mißver⸗ gnüͤgen verurſachen wuͤrde; von gleicher Fried⸗ fertigkeit bewogen, traten beide vor die Mut⸗ ter der Schoͤnen, welche ſich ebenfalls bei dem Feſte befand; ſie trugen ihr vor, wie ſie von allen Schoͤnen der Welt ihre reizende Tochter am meiſten verehrten, und daß ſie darüber in Streit gerathen, welcher von ihnen dem holden Fräͤulein mehr als der andre ge⸗ falle? Sie moͤge daher die Gnade haben, ihrer Tochter aufzutragen, daß ſie durch Worte oder Handlungen zeige, welcher von ihnen ihr wer⸗ ther ſey? Die Dame entgegnete laͤchelnd, ſie wolle gern ihre Bitte erfuͤllen, und, nachdem ſie das Fraͤulein zu ſich gerufen, ſprach ſie: „Meine liebe Tochter! Jeder von dieſen Herren liebt dich mehr als ſich ſelbſt, und ſie beſchäftigen ſich ſchon lange und fruchtlos mit Beantwortung der Frage: welcher von dir mehr geſchaͤtzt werde? Daher fodern ſie die Gunſt⸗ daß du durch Rede oder Zeichen ſie ſen verſicherſt, damit aus der Liebe, durch zice nur Freude und jedes Gute entſtehen ſoll, nicht das Ge gentheil werde. So bezeuge denn, fuͤr welchen dein Gemuͤth ſich erklaͤrt.“ Als nun die Jungfrau beide betrachtete, ſah ſie, daß der eine einen ſchoͤnen Kranz von friſchen Blumen und duftenden Blaͤttern auf dem Haupte trug, der andre hingegen unbe⸗ kraͤnzt war. Nun nahm das Fraͤulein, wel⸗ ches ebenfalls mit einem Kranz von gruͤnem Laube geſchmuͤckt war, zuerſt dieſen von ihrem ſchoͤnen Haupte und ſetzte ihn demjenigen auf, welcher keinen gehabt hatte; dann nahm ſie den Kranz des zweiten und druͤckte ihn auf ihre eignen Locken. Hierauf aber verließ ſie die beiden Nebenbuhler und kehrte zu dem Fenſter zuruͤck mit dem Bedeuten, ſie habe den Befehl der Mutier und ihre Wüſchen er⸗ fuͤllt. Steee 1 3 1a. — 212— Die zuruͤckgebliebenen Juͤnglinge verfielen in ihren alten Streit, und jeder behauptete abermals, er werde mehr als der andre von der Schoͤnen geliebt, und derjenige, deſſen Kranz ſie vom Haupte genommen, und ſich aufgeſetzt hatte, ſprach mit feſter Stimme: „Gewißlich liebt ſie mich mehr, da ſie doch aus keinem andern Grunde meinen Kranz genommen hat, als, weil ihr werth iſt, was mir gehoͤrt, und um Urſache zu haben, daß ſie mir verbunden ſey; aber was dich betrifft, ſo iſt das Geſchenk, welches du erhalten, gleich⸗ ſam als ein letzter Abſchied anzuſehen, weil ſie, um nicht unhoͤflich und undankbar zu ſchei⸗ nen, deine Liebe nicht ohne allen Lohn laſſen wollte, und dir lieber den Kranz ſchenkte.“ Der andre behauptete das Gegentheil und ſprach alſo:.* „In der That, die Schoͤne liebt dein Ei⸗ genthum mehr als dich ſelbſt; das kann man daraus erſehen, weil ſie den Kranz genommen hat; aber daß ſie mich mehr, als was ich be⸗ ſitze, liebt, iſt bewieſen, da ſie mir ihren Kranz geſcheukt hat, und es iſt nicht ein ab⸗ fertigender Lohn, wie du agſt, ſondern viel⸗ mehr ein Beginnen der Freundſchaft und Liebe. Das Geſchenk macht den, der empfaͤngt, dem — 213— Geber unterthan, deshalb hat ſie, die mei⸗ ner Zuneigung vielleicht noch ungewiß war, durch ein Geſchenk mich an ihre Herrſchaft feſſeln wollen, wenn ich ſelber noch nicht ganz ergeben waͤre— aber du, wie kannſt du dir einbilden, daß ſie, die Anfangs dir nimmnt⸗ jemals dir ſchenken werde?“ In ſolcher Wechſelrede ſtritten ſie lange, und gingen endlich auseinander ohne Entſchei⸗ dung.„Nun frage ich, große Koͤniginn! wenn Ihr berufen würdet, den Urtheilsſpruch in dieſer Streitſache zu thun, welchen wuͤrdet Ihr wohl ausſprechen?“ Die Augen der ſchoͤnen Koͤniginn gläͤnzten von himmliſchem Lichte, als ſie laͤchelnd ſich zu Filocopo wandte, und nach einem lei⸗ ſen Seufzer alſo entgegnete: „Edler Jungling! Eure Frage iſt anmu⸗ thig, und gewiß hat ſowohl die Schoͤne ſich weiſe betragen, als jeder der Juͤnglinge ſeine Sache wohl vertheidigte; aber weil Ihr fo⸗ dert, daß wir ſagen, welcher endliche Aus⸗ ſpruch hier geſchehen ſolle, ſo wollen wir Euch antworten. Uns ſcheint es, daß das Fraͤu⸗ lein den einen liebte und dem andern nicht ab⸗ hold war; um jedoch ihre Geſinnungen beſſer — 244— zu verhehlen, beging ſie zwei verſchiedene Handlungen nicht ohne ſinnigen Grund, damit ſie die Liebe deſſen, dem ihr Herz gewogen war, noch gewiſſer erwerbe, und jene des an⸗ dern nicht verliere„ und ſolches war gewißlich weiſe gethan; aber, um auf unſre Frage zu kommen, die da war: welchem von beiden das Fraͤulein mehr Liebe bewieſen? ſo ſagen wir: daß derjenige, welchem ſie ihren Kranz ge⸗ ſchenkt, mehr von ihr geliebt werde, und Fol⸗ gendes ſcheint davon die Urſache: Jeder Menſch— Mann oder Frau— liebt eine Perſon und wird durch die Kraft dieſer Liebe bewogen, ſich dem Gegenſtand ſolchen Ge⸗ fuͤhls ganz zu ergeben, daß er vor allen an⸗ dern ihm zu gefallen wuͤnſcht, und nicht Ge⸗ fallen noch Dienſte verſaͤumt, um ſich ſolchen zu verbinden. Dieſes iſt ohne Zweifel; aber wir ſehen, daß, wer liebt, ſich auf verſchie⸗ dene Weiſe bemuͤht, ſich das geliebte Weſen gewogen und guͤtig zu machen, damit es ſei⸗ nen Wuͤnſchen geneigt werde, und er ſein Be⸗ gehren kühnlich ausſprechen duͤrfe— darum liebte die Jungfrau denjenigen mehr, dem ſie ſich verbindlich zu machen ſuchte, und wir thun den Ausſpruch„ daß der, welcher den Kranz erhielt, der Geliebtere ſey.“ 1 Als die Koͤniginn zu ſprechen aufgehoͤrt be⸗ erwiederte Filocopo: „ weiſe Koͤniginn! gar lobenswerth und ſinnreich iſt Eure Antwort, doch nicht unein⸗ geſchrankte Bewunderung kann ich Eurer Rede zollen, weil von dem, was Ihr uͤber dieſe Streitfrage ausgeſprochen, ich wohl verſichern wollte, das Gegentheil zu behaupten„ weil es unter den Liebenden eine alte Gewohnheit iſt, zu begehren, irgend ein Ding an ſich zu haben, welches zur Freude des geliebten Ge⸗ genſtandes gehoͤrt, und ſich deſſen oft mehr, als alles uͤbrigen, zu ruͤhmen, ja, ſelbes an ſich fuͤhlend, in der Seele erfreut zu ſeyn. Wie Ihr gehoͤrt haben werdet, ſo ging Paris ſelten oder niemals in die wilde Feldſchlacht, ohne ein Liebeszeichen, das ihm ſeine ſchoͤne Helena geſchenkt hatte, au ſich zu tragen, und glaubte mit ſolchem viel wuͤrdiger und tapfe⸗ rer als ohne daſſelbe zu ſeyn, und mein Be⸗ dunken iſt, ſeine Meinung war nicht eitel; weshalb ich auch glaube— wie Ihr ſelbſt ſag⸗ tet— daß die Jungfrau ſehr weiſe gehandelt habe, doch urtheilte ſie wohl nicht alſo, wie ihr meintet, ſondern alſo: Das Fraͤulein er⸗ kannte, daß ſie von beiden Juͤnglingen ſehr ſtark geliebt werde, und doch nur einen wie⸗ der lieben koͤnne, weil die Liebe ein untheilba⸗ res Ding iſt; ſo wollte ſie alſo den einen fuͤr die Liebe, ſo er zu ihr trug, belohnen, damit ſeine Neigung nicht ohne Dank bliebe, und gab ihm zur Erkenntlichkeit ihren Blumen⸗ kranz; dem andern aber, den ſie liebte, wollte ſie Muth und Hoffnung in ſeiner Liebe verlei⸗ hen, indem ſie ſeinen Krauz nahm und ſich ſelbſt auf das Haupt ſetzte, und eben deshalb glaube ich, daß ſie den mehr liebte„von dem ſie nahm, als jenen, den ſie beſchenkte.“ Hierauf antwortete die liebenswuͤrdige Herrinn: 29. „Gar ſehr wuͤrde uns Eure Behauptung gefallen, wenn Ihr nicht ſelbſt im Verlauf Eurer Rede ſie wieder verdammtet. Bedenket wohl, wie eine vollkommene Liebe ſich nim⸗ mer mit dem Raube vertraͤgt, und wie koͤn⸗ net Ihr wohl beweiſen, daß wir den, wel⸗ chen wir berauben, mehr lieben„als denjeni⸗ gen, den wir beſchenken; da es doch ohne Zweifel, daß ein Geſchenk das ſicherſte Zeichen der Liebe iſt? Was die anfgegebene Frage be⸗ trifft, ſo kann, was wir taͤglich ſehen, hin⸗ reichen, denn man ſagt doch gewoͤhnlich, daß diejenigen von den großen Herren mehr geliebt werden, welche von ihnen Gunſt und Ge⸗ . ſchenke erhalten, als jene, ſo deren beraubt ſind; daher faſſen wir den endlichen Beſchluß: daß der mehr geliebt worden, welcher be⸗ ſchenkt, als jener, von dem der Kranz ge⸗ nommen worden. Wir erkennen wohl, daß gegen unſre Behauptung Vieles vorgebracht, und fuͤr das Entgegengeſetzte angewandt wer⸗ den koͤnnte; doch wird am Ende unſre Be⸗ Künuun immer die wahre bleiben.“ Sier auf erſicherte Filoc 98 5 beſcheidens daß er ſich dieſem Ausſpruche gar gern fuͤge und er ihm in Ergebenheit genige⸗ 5 dann aber ſchwisg er. 2. 3 Et 14ei le 6 4 a„, 1. 3.„Die zweite Etebe.. ◻ hag Waubeu.) A ——. Unter den edeln und vornehmen Geſchlech⸗ tern von Florenz waren vorzuͤglich zwei beim Volke ſehr beliebt, und beſaßen nicht nur An⸗ ſehen, ſondern auch große Reichthuͤmer; ſol⸗ ches waren die Buondelmonti und Uber⸗ ti, nach welchen im zweiten Range die Ami⸗ dei und Donati, in welcher letztern Fami⸗ lie eine ſehr reiche Wittwe lebte, mit einer ein⸗ zigen Tochter, die eben heirathsmaͤßig gewor⸗ den war. Die Mutter erfreute ſich ſehr uͤber die Schoͤnheit ihres Kindes, das ſie mit gro⸗ Ber Sorgfalt auferzogen hatte„ und gedachte an nichts ſo viel, als wie ſie die Tochter vor⸗ theilhaft vermaͤhlen ſolle. Manche edle Flo⸗ rentiner bewarben ſich um das ſchoͤne Fraͤu⸗ lein; aber die ſorgliche Mutter fand an jedem etwas auszuſetzen, und ihr Augenmerk war vor allen auf den jungen Buondelmonte 1 — 249— gerichtet, einen ſehr ſchoͤnen und hochgeehrten Cavalier, und das Haupt der erhabenſtrn Parthei der Stadt. 1 Obſchon Signore Donati dem Buon⸗ delmonte lieber als allen Freiern die Hand ihrer Tochter gegeben haͤtte, ſo that ſie doch nichts dazu, eine ſolche Verbindung zu ſtif⸗ ten; ſey es, daß ſie glaubte, die jungen Leute waͤren noch ſo wenig in Jahren vorge⸗ ruͤckt, daß nichts zu verſäumen, oder aus ei⸗ ner andern Urſache. Mittlerweile wollte der Zufall, daß einer aus dem Stamme der Amipei mit Buondelmonte uͤbereinkam, ihm die aͤlteſte ſeiner Toͤchter zur Gemahlinn zu geben; die Sache wurde von beiden Seiten abgeſchloſſen und die Vermaͤhlung beſtimmt. Die Nachricht von der Verbindung zweier ſo edlen Haͤuſer wurde bald in der ganzen Stadt verbreitet, und der Vater der Braut traf bereits alle Anſtalten, das Hochzeitfeſt auf die glanzvollſte Weiſe zu begehen, damit ihm keine Pracht fehle, welche ſo erhabnen Staͤmmen geziemte. Als die Wittwe von dieſer Verbindung hoͤrte, erſchrack ſie, fuͤrchtend, daß ihr Ent⸗ wurf geſcheitert, wurde ſehr mißmuthig und konnte ihr Gemuͤth nicht eher bernhigen, bis — 220— ſie nach langem Sinnen ein Mittel erdacht hatte, das ihr ſo verhaßte Ehebuͤndniß mit dem Geſchlecht der Amidei zu vernichten; ſie gründete ihren Plan auf die ſeltnen Reize ihrer Tochter, die in ganz Florenz nicht ihres Gleichen an Schöͤnheit hatte, und ohne je⸗ mand mit ihrem Willen bekannt zu machen, wartete ſie ab, bis Buondelmo ute eines Tages, ohne andern Rittern und nur von ei⸗ nigen aus ſeiner Dienerſchaft begleitet, durch die Straße ging, worin ihr Stammhaus lag; dann verfugte ſie ſich mit ihrer Tochter hin⸗ unter, trat ihm entgegen und ſprach freundlichen Mienen: „Mein Herr! ich freue mich gar ſehr all eures Vergnügens, und wünſche von Herzen Gluͤck zu der Wahl einer liebenswürdigen und tugendhaften Gemahlinn, an welcher euch un⸗ ſer allerheiligſter Gott viel Freude erleben laſ⸗ ſen möge. Zwar hahe ich fuͤr euch, dieſe meine einzige Tochter aufbewahrt.—. Mit dieſen Worten zog ſie ihre Tochter bei der Hand vor, daß ſie Buondelmonte be⸗ erachten konnte; dieſer hatte kaum den hohen Reiz und ihren edeln und ſittigen Anſtand ge⸗ — 221— ſehen, worin ſie ſeine Braut, wie die Sonne die Sterne der Nacht uͤberſtrahlte, als ſein Herz in eine zweite und ſo heftige Liebe ent⸗ brannte, daß er nicht mehr des Wortes ge⸗ dachte, welches er dem Amidei gegeben, noch an die Vertraͤge, die ſchon gerichtlich ab⸗ geſchloſſen waren; er uͤberlegte nicht, welch eine große und unverzeihliche Beleidigung er jenem Geſchlechte zufuͤgte, indem er ſo ſchnell und unvorbereitet das Band zerriß, wel⸗ ches ihn an ſelbes feſſelte, und nicht, welche Verwirrungen daraus entſtehen muͤß⸗ ten, ſobald er die ſchon angenommene Braut uirichwieſen s Ueberwunden von der Begierde, dieſe nene, nängendn Schoͤnheit ſein zu nennen, die auch an Rang und irdiſchen Guͤtern der Verlaſſenen nich nachſtand erwiederte er: „Madonna! da Ihr mir ſager, daß Enre ſchoͤne und untadeliche Tochter bisher dir mich aufbewahret habt, ſo wuͤrde es von mei⸗ ner Seite mehr als Undankbarkeit ſeyn, eine ſo werthe Gabe nicht anzunehmen, da es noch an der Zeit iſt, zu vollenden, was Ihr wuͤn⸗ ſchet. Morgen, nach der Mittagstafel, werde ich wieder zu Euch wumnchs eine ſo winſchens⸗ wecnze Sache naͤher zu eeſprecheno⸗ E n Ueher ſolche Rede war die Wittwe ſehr vergnügr, und als der Ritter von ihr und dem ſchoͤnen Feaͤulein Abſchied genommen hatte, entfernte er ſich, um andre Geſchaſte zu ver⸗ richten.. Da die Nacht ebangekdannun war, dachit Buondelmonte unaufhoͤrlich an die Reize des ſchoͤnen Fraͤuleins, von denen er ſo entzun⸗ det war, daß eine jede Stunde, ohne ihren Be⸗ ſitz, ihm die Länge eines Jahres zu umfaſſen ſchien; er beſchloß daher, um keine Zeit zu verlieren, ſchon am folgenden T Tage ſeine Ver⸗ maͤhlung mit ihr zu feiern, und obſchon die Vernunft ihm wohl zufluͤſterte, daß ein ſol⸗ ches Unternehmen gar gefaͤhrlich und ſelbſt ei⸗ nes ehrenwerthen Ritters, wofuͤr er geachtet wurde, ganz unwuͤrdig, ſo war doch der lieb⸗ entbrannte Buondelmonte von den ſchoͤ⸗ nen Augen ſo vergiftet, und das Feuer, wel⸗ ches aus ihren Blicken ſtrahlte, hatte ſein Ge⸗ muth dermaßen entflammt, daß er von ſelbem verzehrt zu werden gedachte, ſchon des Mor⸗ gens zur Wittwe ging, und noch an demſelben Tage die unbedachte Vermaͤhlung abſchloß. — 228— Kaum war dieſes unvorhergeſehene Ereig⸗ niß in der Stadt bekannt geworden, ſo war man allgemein darin einſtimmig, daß Buon⸗ delmonte ſich ſehr thoͤricht in dieſem Fall der Ehre benommen habe, und jeder war mit ihm unzufrieden; aber vor Allen entbrannte das Geſchlecht der Amidei in Zorn gegen ihn, und mit ſelbem vereinigten ſich die Uberti, welche mit jeuem durch die Bande der Blutsfreundſchaft verbunden waren, und ſie beſchloſſen einmuͤthig, ſich an ihm zu rä⸗ chen, und den Flecken, welchen er auf ihren Stamm gebracht, mit dem Blute des Feindes und Verräthers auszumaſchen. G Einige ſuchten de Gemuͤther zu baruhigen und meinten: man muͤſſe die Folgen eines ſol⸗ chen Schrittes wohl bedenken, nicht ſo uͤber⸗ eilt zur Ausfuͤhrung ihrer Rache ſchreiten, ſon⸗ dern nach reiflicher Ueberlegung eine guͤnſtige Zeit abwarten; aber unter den Verbündeten war auch Mosca Lamberti, ein ſehr un⸗ ternehmender Mann von ſtarkem Arm; der beſtand darauf, daß die gerechte Blutrache augenblicklich vollzogen werden müſſe, und dieſem Ausſpruche traten Alle bei. Dem Mosea Lamberti, Lambertuccio — 2— Amidei, Stiatta Uberti und Ude⸗ rico Fiſanti, alle aus edlen florentini⸗ ſchen Staͤmmen entſproſſen, wurde aufgerra⸗ gen, den Buondelmonte zu toͤdten, und dieſe vrdneten alſobald alles Noͤthige an, um dieß Unternehmen auszufuͤhren; ſie fingen damit an, daß ſie den Ritter auf allen ſei⸗ nen Wegen beobachten ließen, wann und wie ihm wohl am beſten beizukommen ſey, und als ſie ſeine Gaͤnge erforſcht, wollten ſie die Rache kicht laͤnger verſchieben; es war eben die heilige Charwoche, und ſie beſchloſſen, den Ritter zur Zeit der Auferſtehungsfeier zu toͤd⸗ ten, weshalb ſie ſich in dem Pallaſt Amidei verbargen, welcher zwiſchen dem Ponte Vec⸗ chio und S. Steffano lag, und als Buon⸗ delmonte auf einem ſchoͤnen Hengſte vor⸗ uͤber ritt, um ſich zu ſeiner holden Braut zu begeben, da fielen ſie ihn am Aufgang der Bruͤcke an, riſſen ihn unter der Statue des Mars vom Pferde und ermordeten ihn auf die grauſamſte Weiſe mit vielen Hieben und Stichen. Eine ſolche Gewaltthat, an einem der Er⸗ ſten in der Stadt begangen, war die Urſache, daß ganz Florenz ſich in zwei Partheien theilte, wovon die eine ſich fuͤr die Amidet — 225— und Uberti entſchied, die andre aber auf die Seite der Buondelmonti trat, ſo daß alle edlen Florentiner ſich unter Waffen be⸗ gaben; und weil dieſe verſchiednen Geſchlech⸗ ter ſehr reich und maͤchtig waren und vielen Vaſallen geboten, ſo entſtand daraus ein langwieriger Zwiſt, worin eine große Zahl ihren Tod fand, und zu deſſen Schlichtung endlich die Buondelmonti aus Florenz vertrieben wurden. rer gegſuene... aus alren Chroniken. I an e Biſchof Abalben und Kochan von 6 Wrſſowec. 54 Ende des zehnten Jahrhunderts geſchah es, daß die Gemahlinn eines Ritters aus dem Geſchlechte der Wrſſowec in Liebe fuͤr ei⸗ nen jungen Prieſter entbrannte, und da die⸗ ſer ob der ſchoͤnen Frau ſeine heiligen Geluͤbde vergaß, ſo enrſpann ſich zwiſchen beiden ein ſuͤndhaftes Verſtaͤndniß, bis endlich der Ritter die Untreue ſeines Weibes inne wurde, und ihr blutige Rache ſchwur; aber ſie entfloh, und waͤhrend ihr Gatte die Erſten und Anſehn⸗ lichſten ſeines Stammes verſammelte und ihnen die Schmach kund that, welche ihrem Hauſe zugefuͤgt worden, woruͤber ſie alſo in Zorn geriethen, daß ſie den Tod des Weibes — 227— foderten, ſo ſie entehret, begab ſich die treu⸗ loſe Frau in die Kirche des heiligen Georg, und warf ſich zu den Fuͤßen des frommen Biſchoff Adalbert, indem ſie, mit bittern Zaähren der Angſt und Reue ihre Suͤnden be⸗ kennend, zugleich ſein Mitleid anflehte. Adalbert, die ganze Heiligkeit des Or⸗ tes erkennend, wo die Strafbare um ſeinen Schutz bat, gewaͤhrte ihr ſelben, und als die Glieder des beleidigten Stammes, Kochan von Wrſſowec an ihrer Spitze, vor den Kloſtermauern erſchienen, um die Ausliefe⸗ rung der Verbrecherinn zu fodern, weigerte ſich Adalbert nicht nur, ihr Begehren zu er⸗ fuͤllen, ſondern, ſein Leben an den Schutz der Ungluͤcklichen ſetzend, trat er mitten unter die Bewaffneten und ſprach: „So ihr mich ſuchet: hier ſtehe ich mitten unter ench.“ Kochan ſchuͤttelte das Haupt und eut⸗ gegnete ſpottend: „Du hoffeſt umſonſt auf die Martyrkrone und den Tod eines chriſtlichen Helden, welcher die Rache aller Chriſten auf uns laden wuͤrde; aber wenn du die Buhlerinn noch ferner gegen unſre gerechte Rache ſchutzen willſt, ſo wiſſe, daß deine Bruͤder in unſern Haͤnden ſind, und . 15.. — 223— wir wollen unſre Wuth an ihren Weibern und Kindern kühlen, und ihre Guͤter in Beſchlag nehmen.“. Dceer Biſchoff fuͤhlte den Hohn und die Dro⸗ hung dieſer ſchmachvollen Rede; gleichwohl war er feſt entſchloſſen, eher Alles zu dulden, als die Ungluͤckſelige dem blinden Grimm ihrer Verwandten Preis zu geben; aber dieſe hatten Mittel gefunden, durch eine kleine Seiten⸗ pforte, die ſie ſprengten, in die Kirche einzu⸗ dringen, und ohne die Heiligkeit des Ortes zu achten, riſſen ſie das zitternde Weib vom Hoch⸗ altare, wohin ſie in ihrer großen Angſt fluͤch⸗ tete, um ſie der Rache ihres beleidigten Ge⸗ mahls zu üͤbergeben; doch dieſer meinte, ſich mit dem Blute der Strafbaren zu entehren und rief einen der gemeinſten Knechte herzu, welcher ihr das Haupt abſchlagen mußte. Empoͤrt uͤber die Entweihung des heiligen Ortes that Adalbert die grauſamen Wrſ⸗ ſowece in Bann; aber dieſe achteten deſſen wenig, und in dem wilden Sturm der dama⸗ ligen Zeit blieb die ganze Gewaltthat unbe⸗ ſtraft. 2 Herzog Jaromir und der treue Knecht. In den erſten Jahren des eilften Jahrhun⸗ derts beſtieg Jaromir den boͤhmiſchen Fuͤr⸗ ſtenthron faſt noch als Juͤngling, zwar voll Eifer fuͤr das Wohl des Vaterkandes, aber ohne Erfahrung, außerhalb Böhmen erzogen, dem Volke unbekannt und zudem vön dem maͤchti⸗ gen Geſchlecht der Wrſſoweargehaßt, deſſen Oberhaupt, Kochan, ſelbſt nach dem Het⸗ 3ogs Shut trachtete. Um Jaromir mit einemmale zu verdere den, lud ihn Kochan eines Tages zur Jagd, und der argloſe Herzogrerſchien, nur von zwei Knechten geleitet, deren einen die Wrſſoͤwe⸗ cen gewonnen und gedungen hatten, ſeinen Herrn den Moͤrdern in die Haͤnde zu fuͤhren. Als er ſich nun im dichten Forſte befand, fielen die Verſchwornen uͤber den Herzog her, riſſen den Ueberraſchten vom Pferde, zogen ihn nackt aus, und ſtreckten den Ungluͤcklichen, an Pfaͤhle gebunden, auf die Erde, worauf ſie ein Wett⸗ rennen anſtellten, und ohne ſeines Rufens, Bittens und Flehens um Schonung oder den Tod, zu achten, mit ihren Roſſen uͤber ihn hin und her ſprengten. Hrziwetz, Jaro⸗ — 230— mir's verraͤtheriſcher Knecht, nahm Theil an dieſer Peinigung, waͤhrend Hovora, des Herzogs zweiter Begleiter, Mittel fand, den Moͤrdern zu entrinnen, und Huͤlfe fuͤr ſeinen Herrn aufzubieten. Mittlerweile hatte die Herzoginn einen weiſſagenden Traum gehabt, in welchem ihr der heilige JFohannes die Ge⸗ fahr ihres Gemahls gezeigt, und ihr befohlen hatte, demſelben fuͤnfzig Knechte zum Bei⸗ ſtand zu ſenden; der treue Hovora begeg⸗ neete dieſen, da ſie aber keine Pferde hatten, ſo beſchwor er die Schaar, zur Rettung ihres Herrn zu eilen, und, ſo ſie ihn aus dem Auge verloͤ⸗ ren, nur dem Schalle ſeines Jagdhorns zu folgen. 1 1⸗ Als Hovora an den Ort zuruͤckkam, wo er den Fürſten verlaſſen hatte, zeigte ſich ſei⸗ nen erſtaunten Blicken ein gar wunderſames Schauſpiel: Die grauſamen Wrſſowecen waren des Wettrennens über Jaromir's zer⸗ fleiſchten Leib endlich muͤde geworden, und banden den Herzog an einen Baum, worauf ſie ſich im Pfeilſchießen nach ſo edlem Ziel uͤb⸗ ten; aber Hovora ſah nur die boshaften Schüͤtzen, welche Pfeil auf Pfeil nach der ho⸗ hen Eiche ſandten; vor dem Fuͤrſten ſchwebte, gleichſam in den Luͤften befeſtigt, ein purpur⸗ — 331— rother Mantel, der alle Pfeile auffing, und welchen jene gar nicht zu⸗ bemerken ſchienen. Bald gewahrte einer der Blutgierigen den Hovora, und ſchnell ließen alle von ihrem Ffeilſchießen ab, fingen ihn, und verurtheilten den ungebetenen Zeugen ihres frevelhaften Be⸗ ginnens, alſogleich an den naͤchſten Baum⸗ ſtamm aufgehangen zu werden; dem falſchen Knecht, der den Herzog mit ihm begleitet, und liſtig in die Gefahr verlockt, trugen ſie die Vollziehung des Spruchs an ſeinem Freun⸗ de und Gevatter auf; aber Hovora erbat ſich nur die einzige Gunſt, vor ſeinem Tode noch drei Stuͤckchen auf ſeinem Jagdhorn bla⸗ ſen zu duͤrfen, welches Inſtrument in dieſem Leben ſeine groͤßte Freude geweſen und ihm alſo auch in ein andres das Geleite geben ſolle. Dieſe Bitte ward gewährt, doch ſpottete man des thörichten Begehrens.— Als Hovo⸗ ra das erſtemal ins Horn ſtieß, legte ihm Hrziwetz den Strang von Baſt um den Hals, und wie er das zweitemal geblaſen, ward es ihm ſchier bang, denn er fuͤrchtete, die wackern Knechte der Herzoginn moͤchten des Weges verfehlt haben, oder noch zu fern ſeyn, um den Schall ſeines Hornes zu vernehmen, und er empfahl ſein Weih und ſeine unerzog⸗ ——— ——— ··⅛⅓ — 232— 4 nen Kinder dem unbarmherzigen Gevatter, der ihm den Tod zu geben bereit war. Gern hätte Hovora nocch laͤnger gezoͤgert; aber die Wrſſowecen, welche es nicht erwarten konnten, wieder zu ihrem Pfeilſchießen zuruͤck⸗ zukehren, trieben ihn zur Eile an„ worauf er zum drittenmal aus allen Kraͤften ins Horn ſtieß, und ſeine Seele Gott auheim zu geben vorbereitet war.— Hr ziwetz ſtand ſchon auf dem Baume, um den Gevatter hinauf zu ziehen, als ploͤtzlich die fuͤnfzig treuen Knechte aus dem Dickicht brachen und die Wr ſſo⸗ wecen ſammt ihrem Anhang, deren Zahl weit geringer war, in die Flucht ſchlugen. Hrziwetz fiel in der Angſt von der Eiche herunter und ward an Hovora's Strick ge⸗ hangen. Als aber die Knechte ſich dem pur⸗ purrothen Mantel nahten, der in der Luft ſchwebend vor dem Herzog ausgeſpannt war und ſeinen fürſtlichen Leib vor den ſpitzigen Pfeilen bewahrt hatte, hob ſich dieſer gen Himmel, und auf einer Wolke mit Morgen⸗ gold geſaͤumt, erſchien der heilige Taufzenge Johannes, zum Thron des hoͤchſten Herr⸗ ſchers empor ſchwebend. G Die treuen Knechte labten den erſchoͤpften Jaromir und fuͤhrten ihn in ſeine Haupt⸗ — 233— ſtadt, wo er unter der Pflege ſeiner treuen Ge⸗ mahlinn bald wieder genas, und keine heiligere Sorge kaunte, als die Belohnung ſeines Ret⸗ ters. Hovora ward dem hoͤchſten Adel gleich⸗ geſtellt, zum Landjaͤgermeiſter ernannt, und außer andern Guͤtern mit dem Hot Stabno und dem Schloß Krokowetz belehnt, wel⸗ ches die Boͤhmen ihrem Richter Krokus zum Wohnplatz erbaut und üm deſſen Namen ge⸗ . geben hatten. 3 3. Die Tartarenſchlacht. In der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts beſchloß der Chan der Tartaren das ganze Abendland ſeinem Zepter zu unterwerfen, und zog an der Spitze von 600,000 Kriegern aus ſeinem Lande, ſich uͤber Europa, gleich einem furchtbaren Strome, ergießend, als wollte er die Laͤnder nicht erobern, ſondern vernichten; Mordbrand, Raub und Nothzucht gingen ihm zur Seite, und waͤhrend die Tartaren Maͤn⸗ nern und Greiſen das Haupt vom Rumpfe hieben und die Kinder als Siegeszeichen auf ihren Spießen herumtrugen, entehrten ſie die Frauen und Jungfrauen, noch bevor ſie ſelbe durch den Tod wieder mit den Ihrigen verein⸗ — 234— ten; ſie foderten eben ſo wenig Schonung, wo ſie beſiegt wurden, als ſie ſelbe ertheilten, und die Haͤupter der Erſchlagenen hingen ſie als Trophaͤen an ihren Roſſen auf, und manche (doch nicht die verlaͤſſigſten) Schriftſteller be⸗ haupten ſogar, daß ſie ihre Gefangenen ge⸗ Freſſen haben.(121) Staͤdte und Doͤrfer lo⸗ derten hinter dem Ruͤcken der wilden Sieger, wenn ſie auf ihren ſchnellen Roſſen dahin flo⸗ gen, einen neuen unwiderſtehlichen Angriff zu unternehmen, und— wie die Hiſtoriker ſich poetiſch genug ausdruͤcken. das Tageslicht mit ihren Pfeilen und Wurfſpießen zu verdunkeln. Die Ruſſen und Polen waren uͤberwun⸗ den, als Battus, der Tartaren Chan und Enkel des beruͤhmten Gengis⸗Chan, ſei⸗ ne Krieger in zwei Heere theilte, ſelbſt an der Spitze des einen nach Ungarn zog, und mit dem andern ſeinen Feldherrn Peta ausſandte, die Verheerung nach Schleſien, Maͤhren und Boͤhmen zu tragen; dieſer uͤberwand bei Lieg⸗ nitz die ſchleſiſchen Fuͤrſten und die Ritter des teutſchen Ordens. Herzog Heinrich der Fromme fiel als ein Opfer der Tartarenwuth, und Peta zog ſiegreich gegen Maͤhren. Als Wenzel I. die Naherung dieſes bar⸗ hariſchen Heeres erfuhr,„ gerieth er in große 5 — 235— Sorge und traf alle Anſtalten, ihrer Wuth Grenzen zu ſetzen. Verhaue in Boͤhmens Waͤl⸗ dern waren beſtimmt, der Reiterei— worin die Hauptmacht der Tartaren beſtand— un⸗ uͤberſteigliche Hinderniſſe in den Weg zu legen; Prag und mehrere Staͤdte wurden befeſtigt, das ganze Volk, und ſelbſt Geiſtliche, beſchaͤf⸗ tigten ſich mit den Arbeiten, welche dazu noͤ⸗ thig waren. Koͤnig Wenzel ſandte zwei Heere, ein zahlreiches unter dem Befehle Ja⸗ roslaws von Sternberg nach Maͤhren und das ſchwaͤchere unter Wilim von Ska⸗ la gegen Glatz. Jaroslaw hatte ungefaͤhr 12,000 Strei⸗ tern zu gebieten, und da er es mit dieſer ge⸗ ringen Zahl nicht wagen konnte, ſich in offnen Kampf mit dem zahlloſen Tartarenheer einzu⸗ laſſen, warf er ſich— darauf rechnend, daß den rohen Gegnern die Kunſt, feſte Plaͤtze zu belagern, noch fremd ſeyn werde— in die Burg von Ollmuͤtz. Die Tartaren umringten die Veſte, ver⸗ heerten die Gegend und foderten die boͤhmiſchen Krieger zum Kampfe heraus, die ruhig harr⸗ ten, bis die Feinde anfingen, ſie als einen Trupp feiger Krieger anzuſehen, und ſich dem ſorgloſeſten Uebermuthe eines ſchwelgeriſchen — 236— Lebens uͤberließen, meinend, von ihren chriſt⸗ lichen Gegnern ſey gar kein Angriff zu beſor⸗ gen, waͤhrend Jaroslaw mit Muͤhe die Kriegswuth der Seinigen im Zaum hielt; end⸗ lich im Dunkel einer Nacht that er ihnen die langerſehnte Erklaͤrung, daß die Stunde des Kampfes gekommen ſey, feuerte ihren Muth durch eine kraͤftige Rede an, und wagte dann einen Ausfall, der zum Ruhm der chriſtlichen Waffen ausſchlug; ſie überſielen mit gellen⸗ dem Kriegsgeſchrei die Schlafenden, welche mit Schwert und Tod erweckt wurden. Peta fuhr aus dem Schlafe empor ² warf ſich auf ſein Roß und ſtuͤrzte ins dichteſte Gewuͤhl der Schlacht.— Jarosla w und der Tarta⸗ renfeldherr trafen zu ſammen, und des erſteren Lanze durchbohrte ſeinen Gegner. Als die Tarx⸗ taren Peta's Fall ſahen, erhoben ſie ein Angſtgeſchrei und flohen bald darauf. Der boͤh⸗ miſche Heereshaufen wollte den Beſiegten fol⸗ gen; aber ihr Feldherr hielt ſie davon ſorgfaͤl⸗ tig ab, denn er erkannte die Gefahr, einen noch im Fliehen ſo furchtbaren Feind aufs Aeußerſte zu treiben 7 und weiſe begnuͤgte er ſich, ihn vom Vaterlande abgewehrt und in die Flucht geſchlagen zu haben. Die Tartaren nah⸗ men Ungarn in Beſitz, fielen ſpaͤter ſelbſt in — 237— Oeſterreich ein, doch griffen ſie Böhmen nie wieder an. Koͤnig Wenzel uͤberhaͤufte den Sieger mit Beweiſen ſeines Dankes und ſchenkte ihm das Schlachrfeld als ewigen Zeugen ſeines Ruh⸗ mes, wo Jaroslaw ſodann das Schloß Skeinberg erbaute. 4. Karl IV. zu Opoatdwie. 1 In eilften Jahrhundert wurde das Kloſter Oppatowic(in der Gegend von Pardubic) erbaut, reichlich ausgeſtattet und von Wra⸗ tislaw. zu einer Abtei erhoben; ſchon un⸗ ter der Regierung Koͤnig Johanns und ſei⸗ nes ruhmvollen Sohnes glaͤnzte es als eines der reichſten Stifter des Landes, von welchem man Karl IV. erzaͤhlte, es ſey daſelbſt ein ungeheurer Schatz an Gold und Kleinodien ver⸗ borgen. Um die Wahrheit dieſes Berichtes zu erforſchen, ritt der Monarch, nur von zwei Hofleuten begleitet, nach dem Kloſter, gab ſich dem Abt zu erkennen, und ſprach: „Man hat mir die Kunde gebracht, daß in eurem Kloſter ein großer Schatz ſich beſinde, und wenn ſolches wahr iſt, habe ich das Zu⸗ mauen zu euch, Ihr werdet euerm Fuͤrſten ſel⸗ ben entdecken. Ich gebe euch mein Kaiſerwort darauf, daß nicht das Geringſte davon ente fremdet werden ſolle.“ EI hrs Deer Abt erbat ſich vom Kaiſer einen kur⸗ zen Urlaub, bevor er dieſe Frage beantwortete, und nach einer Weile kam er in Begleitung zweier Ordensbruder zuruͤck, und verſetzte: „Ja, Euer Majeſtaͤt! wir beſitzen einen Schatz; doch von allen unſern Mitbruͤdern wiſ⸗ ſen nur wir drei von demſelben, und erſt wenn einer von dieſer Zahl abſtirbt, wird wieder der aͤlteſte von den uͤbrigen in unſer Geheimniß ein⸗ geweiht, der jedoch den ſchwerſten Eid ablegen muß, ſelbes aufs Heiligſte zu bewahren.”““ Der Kaiſer that den frommen Vaͤtern den Vorſchlag, ihn zum vierten Bewahrer des My⸗ ſteriums aufzunehmen, und erbot ſſich zum Ei⸗ de.— Nach einigem Bedenken ließen die Prie⸗ ſter dem Monarchen die Wahl, entweder den Schatz zu ſehen, ohne zu erfahren, wo er liege, oder ſeinen Aufenthaltsort zu wiſſen, ohne ihn zu ſehen, weil ſie nach ihrem Schwur keinem vierten das Geheimniß in ſeinem ganzen Um⸗ fange mittheilen duͤrften. Karl waͤhlte das erſtere und wurde mit verbundenen Augen durch unterirdiſche Gaͤnge in ein Gewolbe gefuͤhrt, welches ſich in drei Hallen theilte. Der Kaiſer — 239— ſah beim Scheine der Fackeln in der erſten große Maſſen von gegoſſenem Silber, in der zweiten einen ungeheuren Schatz an Goldſtangen, und in der dritten eine zahlloſe Menge der koſtbar⸗ ſten Kirchengeraͤthe, Kreuze, Kelche, Mon⸗ ſtranzen u. ſ. w., reich mit den edelſten Stei⸗ nen beſetzt. Alles dieſes bewunderte der Mo⸗ narch ohne ein Wort zu ſprechen, und der Abt begann: „Euer Majeſtaͤt! dieſer Schatz iſt fuͤr Sie und Ihre Nachkommen geſpart— er iſt Ihr Eigenthum— nehmen Sie davon ſo viel Ih⸗ nen beliebt.“ Aber der gottesfuͤrchtige Kaiſer entgegnete: „Mit nichten!— Nimmer werde ich das Kirchengut antaſten.“ Zum Andenken dieſes Beſuches bot der Abt ſeinem erlauchten Gaſte einen koſtbaren De⸗ mantring dar; dieſer ſchwur dem Geber, daß ſein Geſchenk nie von ſeinem Finger kommen ſollte, und wurde ſodann abermals mit ver⸗ hülltem Haupte aus den unterirdiſchen Ges pülhen geleitet. Karl IV. bewahrte das Geheimniß des Schatzes zu Oppatowic wohl, und erſt auf ſeinem Todtenbette ſprach er davon mit eini⸗ gen ſeiner Getreueſten; doch kam es ſodann — 240— zur Kenntniß Mehrerer, und ein maͤchtiger Raubritter, Johann von Herzmannin⸗ ſtec verband ſich mit einem ſeiner Genoſſen, um den Schatz fortzutragen;; ſie kamen unter dem Anſchein eines freundlichen Beſuches zum Abt und wurden gaſtlich empfangen; aber allmaͤhlich mehrten ſich ihre Knappen im Hofe, und ſobald ihre Anzahl hinlänglich ſchien, die argloſen Kloſterbewohner zu bezwingen, zeig⸗ ten ſie ſich in ihrer wahren Geſtalt und foder⸗ ten unter den fuͤrchterlichſten Drohungen von dem Abte die Auslieferung des Schatzes. Der ehrwuͤrdige Greis widerſtand dem Wüͤ⸗ then der Raubritter und ſelbſt den Martern, wodurch ſie ihn zum Geſtäͤndniß zwingen woll⸗ ten, ſtandhaft, und als ſie endlich einſahen, daß all ihr Toben fruchtlos und entweder kein Schatz vorhanden, oder der Abt unbeſiegbar ſey, beraubten ſie das Kloſter, ſchwelgten zwei Wochen in beſtaͤndigen Feſten, wozu ſie die benachbarte Ritterſchaft einluden, und zo⸗ gen dann, noch mit großer Beute beladen, von dannen. Koͤnig Wenzel lud die Raubritter zu wiederholten Malen vor ſein Gericht; aber ſie blieben aus, und in den Unruhen jener Zeit blieb ihr Frevel ganz unbeſtraft. — 241— Nach dem Abzuge der Ritter ſammelten ſich die Kloſtergeiſtlichen wieder und dungen Waffenknechte zu ihrem Schutz; aber im Ver⸗ lauf des Huſſitenkrieges wurde das Kloſter abermals beraubt und von Grund aus zer⸗ ſtört, ſo daß auch nicht eine Spur mehr von dieſem weitlaͤuftigen Gebaͤude zu ſehen iſt. 5. Eine boͤhmiſche Kriegsliſt.⸗ Am 28. Mai 1422 kamen die Prager vor das Schloß Karlſtein geruͤckt, und huben an, es zu umlagern. Auf dem Pfaffenberge, wel⸗ cher gegen Mitternacht liegt, lagerten ſich ihrer ſechstauſend und hatten bei ſich eine große Buͤch⸗ ſe, die Jaromirzer genannt, und eine zweite, ſo die Richlitzer hieß, und vierzehn Doppelha⸗ ken und die Altſtädter Schleuder. Auf dem andern Berge, uͤber dem Haknower Thale ge⸗ gen Aufgang, lagerten ſich wieder ſechstau⸗ ſend; dieſe hatten eine große Buͤchſe, die Pra⸗ ger genannt, zwoͤlf Doppelhaken und die zweite Altſtaͤdter Schleuder. Am dritten Berge, ge⸗ gen Mittag, dem großon Saale gegenuͤber, la⸗ gerten ſich abermals ſechstauſend, und harten eine Kanone, Howorka mit Namen, zwoͤlf Doppelhaken und die nour Neuſtaͤdter Schleu⸗ It. 46 — 242— der. Am vierten Berge, Jaworka, gegen Sonnenuntergang, lagerten ſich ebenfalls ſechs⸗ tauſend; ihre Kanone hieß Teubacza, und ſie hatten acht Doppelhaken und zwei Schleudern, eine Neuſtaͤdter und eine von Schlan. Deen erſten und zweiten Tag verſchanzten ſich die Belagerer; aber am dritten fingen ſie an, die Veſte gar grauſam zu beſchießen, wel⸗ ches zwiſchen den Bergen gewaltig wiederhall⸗ te; doch die auf dem Schloſſe wehrten ſich tapfer, thaten oft Ausfaͤlle, und kehrten, nach⸗ dem ſie viele Feinde getoͤdtet, wieder dahin zu⸗ ruͤck, um durch ihr Geſchutz den Schaden noch zu vergroͤßern. Dagegen bedraͤngten die Pra⸗ ger das Schloß mit vielem Schießen, und wurden beſonders viel Ziegel und Schiefer vom Dache zertruͤmmert; ſie ließen die herrlichen ſteinernen Saͤulen, welche bereits zu Prag in der Kirche Maria⸗Schnee geſtanden, wie⸗ der von dort wegnehmen und nach Karlſtein nehmen, weil ſich dieſer Stein leichtlich bear⸗ beiten und zerſchlagen ließ, und dieſe zerbro⸗ chenen Steine ſchlenderten ſie, gleich Kugeln, in die Veſte hinein; aber die Belagerten hatten auf alle Boͤden des Schloſſes viel aus Staͤben geflochtene Horden und Buͤſchel von Eichen⸗ holz legen laſſen, welche ſie mit duͤrren Och⸗ ſenhaͤuten bedeckten, ſo daß die Feinde mit ihren Schleudern weder ein Gewoͤlbe durch⸗ ſchlagen, noch ſonſt dem Gemaͤuer einen gro⸗ ßen Schaden zufuͤgen konnten, obſchon ſie ſehr fleißig ſchoſſen, denn aus der Prager Ka⸗ none ward taͤglich ſechsmal, aus der Richlitzer zwoͤlfmal, aus der Howorka ebenfalls zwoͤlf⸗ mal, und aus den uͤbrigen wohl hundertmal losgefeuert; auch warfen ſie allerhand Aas und Unrath, den ſie aus Prag in Faͤſſern her⸗ beigefuͤhrt, in das Schloß hinein, damit die Belagerten durch den boͤſen Geſtank erkranken moͤchten; aber dieſe hatten viel ungeloͤſchten Kalk und Huͤttenrauch, womit ſie das unreine Weſen beſtreuten; doch ſind von dem unleidli⸗ chen Geſtank vielen die Zaͤhne ausgefallen und audern loſe geworden, bis ſie zur Sommers⸗ zeit auf vierzehn Tage Waffenſtillſtand mach⸗ ten, und ſich aus den Prager Apotheken Arz⸗ neien holten, ihre Zaͤhne wieder feſt zu machen. Als der Waffenſtillſtand zu Ende gegan⸗ gen war, ſchoſſen die Feinde wieder gewaltig nach dem Schloſſe, und verſuchten ſolches mit ſtuͤrmender Hand einzunehmen; aber die Be⸗ lagerten wehrten ſich ritterlich, und als ſie ei⸗ nes Tages einen Prager Buͤrger gefangen nah⸗ men, hingen ſie ihn oben aus dem Thurme, 16. — 244— wohin am heftigſten geſchoſſen wurde, an ein Seil, und gaben ihm einen Fuchsſchwanz in die Hand, womit er die hinaugeſchleuderten Kugeln und Steine, gleichwie mit einem Flie⸗ genwedel, abkehren ſolle. Dieſes geſchah ent⸗ weder den Pragern zum Spott, oder damit ſie ſich ſeiner erbarmen und nicht ſo heftig da⸗ hin ſchießen ſollten; aber der arme Mann blieb den ganzen Tag haͤngen, ohne daß ſeine Mit⸗ buͤrger ſeiner in Acht nahmen, und am Abend wurde er mehr durch der Belagerten als der Freunde Erbarmen wieder erloͤſt. Nachher wurde ein zweiter Waffenſtillſtand geſchloſſen und die Prager luden einige der Be⸗ lagerten zu ſich herab auf einen Schmaus, wo ſie ſelbe durch vier Tage nach einander(naͤm⸗ lich St. Wenzeslai, Michaelis, Hie⸗ ronymi und Remigii Tag) gar herrlich bewirtheten; aber die Belagerten, welche ſchon großen Man el litten, ruͤhmten ſich eines gro⸗ ßen Ueberfluſſes an Brot, Fleiſch, Voͤgeln, friſchen Wildpret und Fiſchen, womit ſie ver⸗ ſicherten, noch drei Jahre auskommen zu koͤn⸗ nen, weſcher Rede viele der Belagerer Glau⸗ ben ſchenkten und verdrießlich wurden gegen den Winter da zu verbleiben. Nach geende⸗ tem Schmauſe dankten die Gaͤſte hoͤflichſt fuͤr — 245— die aute Bewirthung; aber als ſie in die Burg zuruͤckgekehrt waren, entſtand ein gewaltiger Zwieſpalt im Lager, und die meiſten wollten nicht laͤnger eine Veſte belagern, die mit al⸗ lem Nothwendigen ſo reich ausgeſtattet ſeyz auch meinten ſie, die Karlſteiner muͤßten ge⸗ heime Ausgaͤnge durch die Berge haben, um ſich mit Lebensmitteln zu verſehen; endlich wurde beſchloſſen, man wollte noch bis Mar⸗ tini ausharren; dann aber, wenn die Veſte noch nicht uͤber ſey, die Belägerung ganz auf⸗ heben. Die Belagerten erfuhren alles dieſes, und hatten eine große Freude d daruͤber, und mach⸗ ten am Tage Allerheiligen einen neuen Still⸗ ſtand, daß weder hinein noch heraus geſchoſ⸗ ſen wuͤrde; aber ſchon nach acht Tagen begehr⸗ ten wieder einige aus Karlſtein ein Geſpraͤch, und baten noch auf den folgenden Tag um ei⸗ nen abermaligen Stillſtand, weil ſie in der Burg eine ſtattliche Hochzeit begehen wollten, welches ihnen auch zugeſtanden wurde. Als nun der zweite Tag herangekommen, ließen ſie zum Tanze geigen, pfeifen und trommeten, obſchou doch weder Braut noch Braͤutigam, weder Brot noch Wein, weder Fleiſch noch Fiſch vorhanden war, und noch — 246— viel weniger getanzt wurde; aber als die Be⸗ lagerer ſo große Luſtbarkeit bemerkten, wur⸗ den ſie gar ſehr verdroſſen und ſprachen: „Die Belagerten ſind froͤhlich und guter Dinge, eſſen, trinken und bankettiren, waͤh⸗ rend wir hier Froſt leiden, und daheim unſer Gewerbe verſaͤumen. Wer wollte noch ferner ſich einbilden ihre Veſte einzunehmen, da doch alle Muͤhe umſonſt iſt, und wir wohl ſehen, daß ſie im Schloſſe an allem Ueberfluß haben.“ Mittlerweile litten die im Schloſſe große Noth, und hatten nichts mehr zu eſſen, als einen einzigen Bock, welcher im Schloſſe her⸗ um lief; dieſen ſtachen ſie endlich ab, theilten ihn in vier Theile, und nachdem ſie auf ein Viertheil einige Rehhaare aus einem alten Sattel geſtreut hatten, ſandten ſie ſelbes dem oberſten Feldhauptmann der Prager, welcher ein Schneider, mit Namen Johann Hed⸗ wika, war, ins Lager, und der Bote, welcher das Bocksviertheil uͤberbrachte, reichte es jenem mit folgenden Worten dar: „Herr oberſter Feldhauptmann dieſes Kriegsvolkes! der Hauptmann der belagerten Ritterſchaft auf dem Schloſſe, laͤßt Euch auf's Freundlichſte danken, daß Ihr ihm ſolchen Stillſtand zur Ausrichtung unſrer ehrbaren 1 — 247— Hochzeit bewilligt, und als tugendreiche Kr ſegs⸗ leute gehalten habt, wie ſich auch der Braͤuti⸗ gam dafuͤr ſchoͤnſtens bedanken laͤßt, und da⸗ mit Ihr von ſeinen hochzeitlichen Freuden auch etwas genießen moͤget, ſo uͤberſendet er Euch hiemit ein Rehviertheil, welches erſt geſtern ge⸗ faͤllet worden iſt.“ Der Hauptmann nahm das Geſchenk, uͤber welches er ſich gar ſehr verwunderte, mit Dank an, und die uͤbrigen riefen einmuͤthig: „Unſre Belagerung iſt ganz und gar frucht⸗ los, weil ſie uns nun hewieſen, daß ſie ſogar friſches Wildbret haben koͤnnen, ſo ſie nur nach ſelbem Belieben tragen. Es iſt dieſes ein ſiche⸗ res Merkzeichen, daß ſie aus dem Schloſſe ge⸗ heime Ausgaͤnge haben muüſſen, und wir ſie nimmermehr beſiegen koͤnnen.“ Und ſie wollten auf keine Weiſe länger vor der Burg bleiben, ſondern fingen am Mar⸗ tini⸗Tage an, ihr Lager abzubrechen, wor⸗ uͤber die Belagerten eine große Frende hatten, und ihren Bock gar hoch lobten, daß er ihnen ſo viele tauſende von grauſamen F Fei inden ver⸗ jagt habe. Sigismund Koribut, welchen da⸗ mals die Staͤdter zum boͤhmiſchen Koͤnig er⸗ waͤhlt hatten, war mit ſeinen Polen und Li⸗ — 248— thauern auch vor Karlſtein angekommen, und hatte ſich unter dem Weingarten bei der Ka⸗ pelle des heiligen Pancratius gelagert; als er nun den Tag nach Martini ſah, wie alle, ſammt dem Geſchüͤtze von dannen auf⸗ brachen, fragte er ſeinen Vetter Wi aſylko: „Was ſollen wir nun thun?“ 1 Aber der Vetter entgegnete: „ Dieweil ſich alle zum Abzug ruͤſten, ſo ſchickt es ſich wohl nicht anders, als daß wir ein Gleiches thun. Gar gerne haͤtte ich zwar den Karlſtein von Innen geſehen, dieweil es aber nicht ſeyn ſoll, ſo will ich mir ſelben we⸗ nigſtens noch einmal von Außen betrachten.“ Mit dieſen Worten ging der Prinz uͤber den Kirchhof und naͤherte ſich dem Schloſſe von der Waldſeite; aber wie er ſo hinauf ſchaute, ſchoß einer von den Belagerten oberhalb des Brunnens aus kleinem Geſchuͤtz herunter und traf Wiaſyſko in den Kopf, daß er alſo⸗ bald todt niederfiel und nach Prag gebracht wurde, wo man ihn im Kloſter zu St. Tho⸗ mas begrub und ihm einen marmornen Lei⸗ chenſtein ſetzte. 4 6 Alſo wurden die Belagerten durch den Ab⸗ zug ihrer ungebetenen Gaͤſte hoͤchlich erfreut — 2 49— und dieſe grauſame und hartnaͤckige Belage⸗ ki zu Ende gebracht. 6. 14 Johann Zizka v vor Raby. (3₰ zwiſchen den Staͤdtchen Schuͤttenhofen und Horazdiowitz liegt am Fluſſe Wottawa auf einem ziemlich hohen Berge, die oͤde Berg⸗ veſte Raby, das Stammſchloß der Herren Sswihowsky von Rieſenberg, welches wahrſcheinlich im dreizehnten Jahrhundert er⸗ baut wurde, und uͤber deſſen erſten Gruͤnder es gaͤnzlich an gruͤndlichen Nachrichten fehlt; doch ertheilte der Huſſitenkrieg dieſer Veſte eine große Wichtigkeit in der Geſchichte Böh⸗ mens.) Zizka ſtand an der Spitze eines anſehn⸗ lichen Heeres gegen Koͤnig Sigismund; er hatte mehrere ſeſte Burgen erobert, Klö⸗ ſter und Kirchen verwuͤſtet, das koͤnigliche Heer bei Sudomierzitz geſchlagen, Auſtie zer⸗ ſtoͤrt, und deſſen Geſtein zum Bau ſeiner Ve⸗ ſte Tabor verwendet; aber als er hoͤrte, daß viele von der Gegenparthei, Geiſtliche und Weltliche, mit ihren Schäͤtzen auf die Burg Raby gefluͤchtet ſeyen, ſo ruͤckte er mit Hee⸗ resmacht vor dieſelbe, und da es den Belager⸗ 230— ten an Lebensmitteln gebrach, ſie auch noch auf einige Schonung von dem grauſamen Huſ⸗ ſitenanfuhrer rechneten, ſo ward ihm die Veſte uͤbergeben; aber ſie ſahen ſich in ihrer Hoff⸗ nung getaͤuſcht, denn Ziz ka ſchleppte die Ei⸗ genthuͤmer der Burg, Johann und Wilim von Rieſenberg mit ſich fort, ließ den größten Theil der Beſatzung niederhauen und ſieben Prieſter im Angeſichte des Schloſſes ver⸗ brennen; ja ſogar koſtbare Geräthe wurden den Flammen uͤbergeben, dann zogen die Ta⸗ boriten von dannen und ſchleppten Roſſe und Waffen mit ſich fort. 1 5 Kaum hatte Zizka die Gegend verlaſſen, ſo nahmen die Koͤniglichen das Bergſchloß wie⸗ der in Beſitz, und Wilim von Rieſen⸗ berg, der ſich der Haft der Huſſiten ſchnell wieder entledigt hatte, ſammelte einen Heer⸗ haufen ſeiner Anhaͤnger, ſetzte die Veſte wie⸗ der in Vertheidigungsſtand und verſah ſie ſorg⸗ faͤltig mit Lebens⸗ und Kriegsvorraͤthen. Zizka hatte mittlerweile Prag vor dem Angriffe des Koͤnigs beſchützt, Udalrich von Roſenberg von der Gegenparthei los⸗ geriſſen und viele Gegenden des Pilſner Krei⸗ ſes mit Feuer und Schwert heimgeſucht, als er zum zweitenmale vor Raby erſchien; doch fand er nun eine ſtandhaftere Gegenwehr— ein Sturm der Huſſiten wurde tapfer abge⸗ ſchlagen, und als der Feldherr, um einen guͤn⸗ ſtigen Platz zum zweiten Angriff auszuwaͤh⸗ len, mit geringer Begleitung den Berg um⸗ ritt und ſich der Burg etwas naͤherte, ſchoß ein Ritter aus der Veſte, mit Namen Koc⸗ zowsky, einen Pfeil auf ihn ab, und traf ihn oberhalb ſeines einzigen Auges. Zizka wurde ins Lager und dann nach Prag gebracht, um ſich heilen zu laſſen, waͤhrend man die Be⸗ lagerung aufhob, aber alle Muͤhe der Wund⸗ aͤrzte war fruchtlos und Zizka verlor auch das eine Auge, doch blieb er, ſelbſt blind, ein furchtbarer Feldherr und verbreitete auch nach dieſem Vorfalle noch drei Jahre den Schreck unter ſeine Gegner. Auf dem Schloß Raby wurde dieſe Bege⸗ benheit oberhalb des Schloßthores in Farben abgebildet, und Balbin hat dieſes Gemaͤl⸗ de noch geſehen: Ziz ka war darauf in voller Ruͤſtung und mit einer Keule bewaffnet, ab⸗ gebildet, und ſaß zu Pferde vor dem Thurm, hinter ihm einige geharniſchte Maͤnner. Oben von dem Walle der Burg ſandte Koczows⸗ ky einen Pfeil nach dem Antlitz des Huſſiten, deſſen Viſir geoͤffnet war, und unter dem 232 Bilde ſtanden folgende Worte in bohmiſcher Sprache: an 3ui A Koczowsky.. „Biſt du es, Bruder Ziz ka?“ izka. „Ich bin's.“ Koczowsky. „So bedecke deine Bloͤße.“ Der damalige Beſitzer von Raby, Wilim von Rieſenberg war einer der tapferſten Ritter von der Parthei Koͤnig Sigmunds, und auch ſeine Gemahlinn, Plichta von Zie⸗ votin, ſoll oft voll Muth an ſeiner Seite ge⸗ kämpft haben; ſein aͤlteſter Sohn, Puta, Obriſtlandrichter im Koͤnigreich Boͤhmen, und ein Freund des beruͤhmten Bohuslaw von Lobkowitz, ſtellte die Beſte ſorgfäͤltig wie⸗ der her, doch meldet uns kein boͤhmiſcher Hi⸗ ſtoriker, zu welcher Zeit ſelbe— welche jetzt ganz in Truͤmmern liegt— zerſtoͤrt worden iſt. 7. Der Beſchließerinn Erzaͤhlung vom Langmantel. Ohngefaͤhr eine Stunde von Innſpruck liegt ein Schloß, welches von ſeiner Lage an einem großen Weiher auch Weiherburg geuaunt wird; — 253— in dieſem weilte vor alten Zeiten ein Haus⸗ geiſt, der wohl nicht viel weniger bekannt und berühmt war, als die weiße Frau von Neu⸗ haus in Boͤhmen, da er mit derſelben Sorg⸗ falt und Befliſſenheit ſich des Schloſſes an⸗ nahm, und ob der Schick ſale ſeiner Bewohner wachte. Der gute Geiſt trug einen langen, ſchwar⸗ zen Mantel, der ihm hinten nachſchleppte, (wovon er den Namen Langmante l erhielt,) um den Hals trug er eine altvaͤteriſche Krauſe, einen hohen, ſpitzen Hut auf dem Haupte, und ein langer weißer Bart hing ihm uͤber die Bruſt herunter; aber wie er gleichſam die Be⸗ wachung des ganzen Schloſſes allein uͤber ſich genommen, ſo duldete er weder in den Gaͤrten und Forſten noch in den Staͤllen einen Waͤch⸗ ter, noch weniger Hunde, welche er oft ſo er⸗ barmlich zerpeitſchte, daß man ſie des folgen⸗ den Tages halb todt wieder fand, und ſo lange der Geiſt das Schloß bewachte, wurde nie⸗ mals etwas von einem Diebſtahl oder der ge⸗ ringſten Entfremdung gehoͤrt. Ueberdieß er⸗ zaͤhlte eine bejahrte Beſchließerinn von dem Hausgeiſt Folgendes: „Der Langmantel iſt ein recht gurmie thiges Weſen, und mir ſeit dreißig Jahren in . — 254— aller Arbeit zur Hand gegangen, ſo, daß ich endlich ganz vertraut mit ihm geworden, und es mir gar nicht mehr vorgekommen„ als ob ich mit einem Geiſt umginge; wenn er mir dann irgend einen Schabernack machte, ſo warf ich, was mir eben in die Hand kam, oder ſchlug nach ihm; aber da flog alles in die Luft, und er blies mir im Verſchwinden ſo heftig ins Antlitz, daß ich mich wieder gar wohl erinnerte, mit wem ich es zu thun habe; auch wurde er bald wieder gut, und war mir in allen Dingen behuͤlflich; wenn ich ihn fin⸗ den wollte, ſo durfte ich meiſtens nur in den Saal gehen, wo Kaiſer Maximilian einſt den Abgeſandten der Venetianer Audienz er⸗ theilt hat, da ſitzt er auf dem hoͤlzernen Thro⸗ ne, als wollte er das Regiment uͤber das Schloß fuͤhren; oft aber, wenn er nicht da war, konnte ich ſicher darauf rechnen, ihn in der Kuͤche, im Keller, oder ſonſt an einem Orte zu finden, wo die Menſchen zu arbeiten pflegen, denen er ſehr gewogen zu ſeyn ſcheint, obſchon er ſich ihnen nicht immer zeigt. Vor allen aber hat Langmantel die Kinder lieb, und miſcht ſich gar zu gern in ihre unſchul⸗ digen Spiele. Eines Tages, als einige be⸗ nachbarte Junkers und Fraͤuleins bei der lie⸗ ben Jugend unſres gnaͤdigen Herrn zu Gaſte waren, ich aber auf Befehl der Herrſchaft ins benachbarte Dorf gehen mußte, um einige Ge⸗ ſchafte auszurichten, ſo fuͤhrte ich all die ade⸗ lichen Kindleins und meine eigenen ins große Tafelzimmer, trug ihnen allerhand Spielzeug, wohlſchmeckendes Backwerk und ſuͤße Fruͤchte zu, damit ſie ſich in meiner Abweſenheit die Zeit vertreiben koͤnnten, dann ſchloß ich die Thuͤre ab und ging mit meiner Muhme ru⸗ hig fort; als ich aber nach geraumer Zeit wie⸗ der heim kam und die Thuͤre oͤffnete, fand ich die Kinder gar frohmuͤthig ſpielend, und zu meiner großen Verwunderung den Lang⸗ mantel mitten unter ihnen. Meine Muh⸗ me, welche den geſpenſtlichen Hausfreund noch niemals geſehen hatte, erſchrack uͤber die⸗ ſen Anblick ſo heftig, daß ſie in Ohnmacht fiel, und ich wahrhaftig nicht wußte, ob ich ihr zuerſt beiſtehen, oder den Hausgeiſt fortja⸗ gen ſollte; ich drohte ihm mit der Fauſt, er aber machte Miene, als wollte er mir eine Ohrfeige geben, und ſpielte immer fort mit den Kindern, bis ich endlich in die Nebenſtube ging und die Kinder hinaus rief, welche mir alle folgten, ohne etwas von ihrem verwun⸗ derlichen Spielgenoſſen vermerkt zu haben. Laugmantel verſchwand zornig, und waͤh⸗ rend ich meiner Muhme in ihrer Entkraͤftung beiſtand, hoͤrte ich draußen ein Getoͤſe, als ob all mein Kuͤchengeſchirr in tauſend Stuͤcken ginge; aber wie ich ſodann in die Kuͤche kam, fand ich zwar alle meine Toͤpfe durcheinander auf der Erde, doch ohne Schaden, und Lan g⸗ mantel lachte mich, aus der Eſſe herab, brav aus, wie ich das zerbrechliche Weſen zu⸗ ſammen las.) Wniiree⸗ at 8.. Der Ritter und ſein Hund. Vor alter Zeit hatte ein ſehr tapfrer Ritter aus edlem Geſchlechte im heiligen roͤmiſchen Reiche einen gar geliebten, kleinen Sohn, der ungefaͤhr ein halbes Jahr alt war, und damit es ihm an Pflege und Sorgfalt nicht fehlen moͤge, hielt er drei Ammen fuͤr das kleine Kind. 4 Eines Tages hatte der Ritter ein glanz⸗ volles Stechen veranſtaltet, welchem auch ſeine Gemahlinn mit ihrem ganzen Hofgeſinde beiwohnte, ſo daß das Kind mit den drei Am⸗ men allein im Saale blieb; als aber der Schall der Trommetren verkuͤndete, daß die Herrſchaften auf die Stechbahn zoͤgen, da lie⸗ — 257— fen die Ammen auch fort und ließen das Kind⸗ lein ganz allein in ſeiner Wiege; es blieb nie⸗ mand in dem Saale, als ein Falke und ein getreuer Hund, den der Ritter gar lieb hatte und ſich oft mit ihm die Zeit vertrieb;(doer Hund hatte die Weiſe, wenn ſein Herr gegen einen andern Ritter ritt oder turnierte, vor ihm aufzuſpringen, oder wenn ihm dieſes nicht gelang, ſo fiel er den fremden Pferden in den Schwanz, um jenem den Sieg zu erleichtern.) Dießmal lag er im Saal und ſchlummerte, als eine große Schlange, die in einem Loche ver⸗ borgen gelegen, hervorkroch, um das Kind⸗ lein in der Wiege zu toͤdten— das ſah der Falke und konnte in der Angſt nur ſeine Stange erſchuͤttern, daß die Schellen ertoͤnten und den Hund aus ſeiner Ruhe erweckten, der ſchnell auf die Schlange zulief und ſie angriff, als ſie eben die Wiege erreicht hatte— die Schlange blies ihn an— er ergriff ſie in der Mitte des Leibes mit ſeinen ſcharfen Zaͤhnen, und es begann ein fuͤrchterlicher Kampf, denn die Schlange wehrte ſich nach ihrer Art mit Stich, Biß und Gift, ſo daß ſie den Hund viele Wunden beibrachte, der in dem Streit die Wiege mit ſammt dem Kinde umwarf, doch blieb jene auf den vier Knoͤpfen liegen, 11. 17 und es geſchah dem Kinde nichts zu leide; aber dem treuen Hunde gelang es endlich, die Schlange in Stuͤcke zu zerbeißen, worauf er ſich, von großem Blutverluſt ganz ermattet, neben der Wiege hinlegte, um auszuruhen. Um dieſe Zeit hatte auch das Stechen ein Ende; aber wie die Ammen wieder in den Saal kamen; die Wiege umgeſtuͤrzt und alles voll Blut ſahen, da erhoben ſie eine große Wehklage und meinten nicht anders, als der Hund habe das Kindlein zu todt gebiſſen;— in großem Leid rangen ſie die Haͤnde, doch fiel es keiner ein, die Wiege aufzuheben, ſon⸗ dern ſie liefen der Burgfrau entgegen und ſagten ihr, wie das zarte Soͤhnlein von dem Hunde todtgebiſſen ſey. Als der Ritter von der Stechbahn in ſeine Gemaͤcher kam„ fand er lauter Weinen und Schreien, und die Frau entgegnete auf ſeine Frage: „Weh uns, mein Gemahl! denn unſer Kindlein iſt hin, und dein Hund hat es todt gebiſſen.“ b Erſſchrocken und erzuͤrnt eilte der Ritter in den Saal, und, wie er die Wiege umgeſtuͤrzt und den Saal voll Blutflecken ſah, da zwei⸗ felte er nicht mehr an der Wahrheit deſſen, was man ihm erzaͤhlt, und als ſein getreuer — 29— Huͤnd, ihn erblickend, ſo ſchwach er auch war, ſich erhob und mit wedelndem Schweif auf ihn zukam, da war er auch ganz blutig, und der Ritter zog ſein Schwert und hieb das arme Thier mitten von einander— dann ging er erſt den Saal entlang und hob die Wiege auf— aber darin fand er ſein Kind ganz un⸗ verſehrt, das ihn mit Laͤcheln anſah, und ne⸗ ben der Wiege erblickte er die zerbiſſene, unge⸗ heure Schlange; da konnte er leicht errathen, daß ſie der Hund erwuͤrgt, und dadurch das Leben ſeines jungen Sohnes errettet habe; gar ſehr bereute er, ſo große Treue mit dem Tode belohnt zu haben, und zerbrach ſein Schwert in drei Stuͤcke, feierlich gelobend, kein Ritterſpiel mehr zu treiben und aller Kurzweil zu entſagen. Der Ritter war dann ſtets ein ſongianner Vater und Burgherr, und erlebte große Freude an dem ſo wunderbar geretteten Sohne. 9. 3 Das Haupt im Blumentopf. Ein reicher Kaufmann in Meſſina hatte drei Soͤhne und eine Tochter, welche letztere Lis⸗ betta hieß, und ſo ſchoͤn und lieblich war, daß viele reiche und augeſehene Juͤnglinge 17. — 260— um ihre Haud warben, ohne daß jenata ſich ihr Herz fuͤr einen entſchieden haͤtte. Als nun der alte Kaufmann ſtarb, be⸗ ſchloſſen die Soͤhne, ſie wollten ferner beiſam⸗ men bleiben und die Handlung fortfuͤhren, auf gleichen Gewinn und Verluſt; auch ging ihr Handel gar wohl von Statten, und ſie gewannen große Summen, wozu vorzüͤglich ein getreuer Handlungsdiener viel beitrug;; die⸗ ſer hieß⸗ Lorenz und war ein Teutſcher, ſo hold an Geſtalt, als reich an Geſchick zu al⸗ len Geſchaͤften und ehrbar an Wandel; der aber füͤhlte ſein Herz verwundet von dem Lieb⸗ reiz der ſchoͤnen Lisbetta, daß er ſeine Ge⸗ danken gar nicht mehr von ihr ablenken konnte. Der Jungfrau ging es nicht beſſer, und nachdem ſie ſich einige Zeit in heimlichem Seh⸗ nen ſchier verzehrt, bekannten ſie ſich wech⸗ ſelsweiſe ihre Liebe und waren ſo gluͤcklich in ihrem Beſitze, daß ſie der Zukunft gar nicht gedachten; aber wie das Sprichwort ſagt, daß die Liebe ſich nicht verbergen laſſe, ſo wäͤhrte ihr Verſtaͤndniß kaum ein Vierteljahr, als Lisbetta's Bruͤder es inne wun den, und der eine ſprach: Meine Bruͤder! mir vommt vor, daß es in unſerm Ahanſe nicht ſteht, wie es ſoll, — 264— denn ich habe allerhand Blicke zwiſchen Lis.⸗ betta und unſerm Knecht geſehen, die mich das Schlimmſte befurchten laſſen; drum, ſo es euch gefällt, will ich mich heute Nacht un⸗ ter ihr Bett verſtecken, und wenn es wahr: iſt, daß der Knecht heimlich zu aihaſlsichru ſo ſoll er ſeinen Lohn dafuͤr erhalten.“ n. Der Rath gefiel d den beiden Hebei ſehr wohl, und Abends kroch der Aekteſte unter das Bett-— dann kam Lisbetta in ihr Gemnach, legte ſich aber nicht nieder, ſondern ſtand am Fenſter und ſah ſo lange in den nachtlichen Sternentanz bis Lorenz zu ihr ſchlich, und ſie unter ſuͤßem Geſchwätz die Nacht hilibtach⸗ ten. Am Norgen, wie der Juͤngting fortge⸗ gangen war, legte ſich Lisbetta nieder, und war kaum entſchlummert, als d der alteſt ſie Bru⸗ der unter dem Bette. her porkr och den beiden andern Nachxicht zug geben, und d rief:, n„Greift zu den Waffen,“ meine Vr ender. denn der niedrige Knecht wagt es, ſeine⸗Augen zu der Schweſter ſeiner Herren zu erheben, und hat die ganze Nacht in ihrer Kammer zuge⸗ bracht, drum muß er das Leben verlieren— wir wollen dieſen Morgen einen Spaziergang in den Wald machen und den Lorenz mit⸗ 0 nehmen, daß wir unſre Haugehre an dem teut⸗ ſchen Verraͤther raͤchen.) 248 Nach dem Fruͤhſtuͤck aber ſprachen ſie: „Wir drei wollen heut in den Wald Hazie⸗ ren gehen, und Lorenz ſoll uns begleiten; aber du, Lisbettal bleibſt daheinn, da Haus zu bewahren. Dann gingen ſie alle drei fort, und Lo⸗ renz folgte ſeinen Herren,, wie ihm geheißen worden; aber er ſah ſich vielmal nach ſeiner geliebten Lisbettan um, die er nimmer wis⸗ der ſehen ſollte. 5 Als alle vier in den tiefen Wald gekommen waren, da begann der aͤlteſte Bruder: A 2,Sor enz, du ungetreuer Knecht! dn haſt unſre Schweſter, deine Herrin, zur Liebe verfuͤhrt, darum mußt du ſogleich ſterben. A Da fiel Lorenz auf die Knie und bat, ſie moͤchten ihm ſein Leben laſſen; aber der eine durchſtieß ihn ſogleich mit ſeinem Schwerte, und die beiden andern verſetzten ihm viele tiefe Wunden, ſo daß er ſeine Seele Gott befahl und verſchied. Dann machten die drei Moͤr⸗ der ein tiefes Grab, gruben den zerhauten Leib ein, und kehrten heim, wo Lisbetta ſchon vor dem Hauſe ſtand, und fragte, wo Lorenz geblieben ſey? — 263— Da erwiederte ein Bruder: git „Nach dem ſollſt du nimmer fragen, denn er hat uns viel Gut geraubt, und iſt heimlich damit fortgezogen.“ Aber Lisbetta entgegnete:: 1 „ Ich hoffe, das iſt nicht wahr.) Da wurden die Bruͤder zornig und verbo⸗ ten ihr bei ſchwerer Strafe den Lorenz je⸗ mals wieder zu nennen; aber Lisbetten wurde es gar ſchwer ums Herz, ſie ging in ihre Kammer, wo ſie ſehr weinte, und, mit er⸗ fiſckter Stimme ausrief: 2 „O mein geliebter Lorenz! wo nalen du fern von mir?“ Solche Klagen führte die Fungfran ſchier einen Monat, und als ſie immitten einer Nacht unter bittern Thraͤnen entſchlummert war, da erſchien ihr im Traumgeſicht der blutige Los renz und ſprach ſeufzend zu ihr: „Wehe uns, Lisbetta, dreimal Weh! du wirſt mich nimmer ſehen, und darfſt nicht nach mir fragen, denn deine Bruͤder haben mich meuchelmoͤrderiſch getoͤdtet, und heute iſt es der dreißigſte Tag, ſeit ſie mich dort im Walde unter eine Linde vergraben haben, de⸗ ren Stamm mit meinem Blute beſpruͤtzt iſt. Drum rufe mich nicht, denn ich kann nicht — 264— mehr zu dir kommen, und du mehreſt dadurch nur meine Leiden. Behuͤte dich Gott, Lis⸗ bettal ich muß von hinnen."o„ Mit dieſen Worten verſchwand der Geiſt und Lisbetta erwachte alsbald; aber als ſie ihr Lager verließ, war ſie ſehr matt, und bat ihre Bruͤder gar freundlich, ſie ſollten ſie in einen Garten ſpazieren gehen laſſen, dann nahm ſie ihre treue Magd mit ſich, die um alle ihre Heimlichkeiten wußte„ und ging ei⸗ lig mit ihn in den Wald, wo ſie nach langem Suchen eine große Linde fanden, die ihre Aeſte weit herum ausbreitete und unten am Stamm mit Blut befleckt war— das ſah Lisbetta, und ſank ohnmaͤchtig nieder; aber als ſie die Magd gelabt und wieder zu ſich gebracht hatte, da ſahen ſie einen Huͤgel von neu aufgeworf⸗ ner Erde, den gruben ſie auf und fanden den blutigen Leichnam des armen L orenz; Lis⸗ betta kůßte ſeine tiefen Wunden, und haͤtte gern den ganzen Leichnam mit ſich heim ge⸗ nommen; weil dieß aber nicht anging, ſo loͤſte ſte das Haupt vom Rumpfe, und trug dieſes, in ein grünſeidenes Tuch verwahrt, mit ſich fort, und, ihres großen Herzeleids gedenkend, zerraufte ſie ihr Haar, rang die Haͤnde und risf: Iit 8 149 * „“ du grimmiger Tod! der du mir die Wonne meines Lebens geraubt haſt— komm und mache auch mir ein ſchnelles Ende!“ Ddie beiden? Jungfrauen gruben den Leich⸗ nam wieder ein, und als Lisbetta heini gekommen war, ſchloß ſie die Thuͤre ihrer Kam⸗ mer ab, und zog das Toͤdtenhaupt hervor, kuͤßte ſolches vielmal und ließ ihren Klagen freien Lauf— dann balſamirte ſie das Haupt mit koſtbaren Ingredienzien ein, ſchlug es wieder in das gruͤne Tuch und legte es in ei⸗ nen großen Blumentopf, that friſche Erde darauf und pflanzte in ſelbe ein Rosmarin⸗ reis, aus welchem ihr einſt nach ihrem Tode die Brautkrone gewunden werden ſollte. So oft die Jungfraun am Morgen ihr Lager ver⸗ ließ, ging ſie zu ihrem Blumentopf, bezoß ihn mit ihren Thraͤnen und koͤſtlichem Roſen⸗ waſſer, daß der Rosmarinſtock gar luſtig gruͤnte und gedieh, und Lisbetta gewann den Blumentopf ſo lieby daß ſie endiich ben ganzen Tag bei ihm verweilte.. en Als ſolches die grauſamen Br üider beme ten, wurden ſie neugierig, was wohl in dien ſem Blumentopf ſeyn muͤſſe; ſie entwendeten ihr ſelben in der Nacht, und wie Lisberta aufſtand und ihn nicht mehr ſah, rief ſiet — 266— „d Weh! nun muß ich ſterben, denn ich habe meinen Rosmarinſtock verloren!“ n Lisbetta fiel zu Boden und wurde ſehr krank, waͤhrend die Bruͤder den Blumentopf durchſuchten, ob ſie etwa einen Schatz darin verborgen habe; aber als ſie den Topf um⸗ kehrten und den Rosmarin und die Erde her⸗ ausgeworfen hatten, fanden ſie das Haupt und erſchracken gar ſehr, weil ſie ſogleich die Zuͤge des ermordeten Lorenz erkannten; ſie verbargen das Haupt, nahmen ihre Baar⸗ ſchaft zuſammen und flohen, aus Furcht vor der Strafe, ins Königreich Neapel hin⸗ uͤber; nach ihrer Abreiſe fand eine Frau den Blumentopf und brachte ihn der bekuͤmmer⸗ ten Lisbetta, welche alſogleich ſich im Bette aufrichtete und ſolchen darreichen ließ; aber das Haupt war nicht mehr darin, und wie ſie dieſes ſah, fiel ſie ins Bette zuruͤck, und gab die Seele auf. 2 Da erzaͤhlte die treue Magd die ganze Ge⸗ ſchichte, wie L orenz im Walde ermordet läge, worauf man ſeinen Leib von dort ab⸗ holte, und, nachdem man auch das Haupt gefunden, beide Leichname in ein Grab legte, woo ſie nun wenigſtens im Tode ungetrennt blieben. Asn anmg —— — 267— — 4 10. 9 T. Anal Der— Sieg und ed. Hieron nymus, ein Buͤrgersſohn dzu. Fu⸗ renz, entbrannte einſt in heftige Liebe fuͤr die holde Sylvia, die eines Sehneiders Tochter in ſeiner Vaterſtadt, aber ſo ſchoͤn und zuͤchtig war, wie keine Jungfran der Stadt. Sylvia erwiederte die Zuneigung des Juͤnglings, wie es einer ehrbaren Jungfrau geziemt, und ſo erfreuten ſie ſich einer wah⸗ ren und tugendhaften Liebe, bis endlich die Mutter des Hieronymus dahinter kam, und weil ſie beſorgte, er moͤchte ſein Liebchen zum Weibe nehmen, ſandte ſie ihn alsbald nach Paris, hoffend, er werde dort ſeine Liebe vergeſſen; aber dieſe wuchs von Tage zu Tage und er konnte keine andre Freude finden, als wenn er zaͤrtliche Lieder an ſeine Geliebte dichtete. So vergingen zwei Jahre, und als Hieronymus wieder heim kam und hoͤrte, daß ſeine Sylvia verheirathet ſey, da ging er unmuthig vor ihrem Hauſe ſpazieren und verabſaͤumte weder bei Nacht noch bei Tage ihr Zeichen ſeiner noch immer gluͤhenden Liebe zu geben; aber Sylvia benahm ſich, wie es einer tugendhaften Ehefrau zuſteht, that nicht — 88— dergleichen„ als ob ſie ihn bemerke, und wandte jederzeit ihr Antlitz von ihm ab. Hieronymus gramte ſich ſehr ob dieſer großen Strenge, und beſchloß zu ſterben, ſo es ihm nicht gelaͤnge, ihr Herz wieder zu ge⸗ winnen; ſo ſtieg er eines Abends, als Syl⸗ viagrund ihr Mann auswaͤrts geladen waren, in ihr Haus und Schlafkaͤmmerlein; darin verſteckte er ſich, und wie der Mann feſt ein⸗ geſchlafen war, erweckte er die Geliebte ui ſprach zu ihr mit leiſer Stimme: imn „Erſchrick nicht, Herzliebchen! ich 0 Hier onymu s, dein Getreuer."“ n Die Frau trieb thn— von ſſeh⸗ und entgegnete: „Geh eilend von danten⸗ e denn⸗ m ich bin ds nes Andern ⸗Herzliebſte, und ſo du mich nieht augenblicklich verlaͤſſeſt, werde lich meinen Mann wecken.”"") Brr Aln So ſchoͤn und ruͤhrend der verlſehte Hie⸗ ronymus flehte, war doch all ſein Bitten an der tugendhaften rai verlvren, und er ſchloß mit den Worten etnnen n „,Ich bin ganz von Sruf erſtarrt, ver⸗ goͤnne mir daher nur, daß ich mich eine Vier⸗ telſtunde hier erwaͤrme, dann viſſ ich dir nim⸗ mer zur Laſt fallen.“ 89 — — 269— Zum Theil aus Mitleid, noch mehr aber, daß er ſein Wort halten möge, vergoͤnnte Sylvia ihrem ungluͤcklichen Liebhaber, daß er an ihrer Seite im Bette ſich erwaͤrmen moͤ⸗ ge; aber ſein Herz war ſo betrübt, daß, an der Seite der keuſchen Frau liegend, der Gedanke, wie er nun gar keine Hoffnung mehr habe, ihm ſelbes brach und er ploͤtzlich ver⸗ ſchied. Sylvia meinte, er ſey eingeſchla⸗ fen; aber als ſie ſich bemuͤhte, ihn zu erwek⸗ ken, lag er eiskalt und todt ausgeſtreckt— da erweckte ſie ihren Mann und ſprach zu ihm: „Mein Mann! was wuͤrdeſt du wohl thun, wenn einer zu mir herein ſtiege und wider meinen Willen bei mir ſchlafen wollte, und nachdem ich ihm mit ſtrafenden Worten ſein Begehren ahgeſchlagen, ſiele er um, und — davon?4 Aumur Da entgeguete der Mann: ain M „Je nun, ich würde ihn aaf die Guſſe nagene 19 Kadegint Und die Frau fuhr fort: 4 „Mein Mann! Alles, was ich dir eraͤhle habe, i iſt in der That geſchehen. Hierony⸗ murs, unſrer Nachbarinn Sohn, der mich ſchon vor Jahren lieb gehabt hat, liegt hier und if todt. Gott ſey der armen Seele guaͤdig!“ 1 — 2— Da ſtand der Ehemann von ſeinem Lager auf, trug den todten Juͤngling hinaus und legte ihn vor ſeiner Mutter Hausthuͤre. Wie man den Leichnam dort fand, entſtand große Trauer; aber als die Leiche in die Kirche ge⸗ tragen wurde, da oͤffnete ſich Sylviens Herz der alten Liebe wieder, ſo es in fruͤher Jugend erfuͤllt; ſie bereute, daß ihre Haͤrte ihm ſein junges Leben geraubt, drang zur Tod⸗ tenbahre hin und neigte ſich uͤber ſein Antlitz — und wie ſie alſo uͤber ihn gebuͤckt ſtand, ward ſie vom großen Herzeleid beſiegt und ſank getdtet auf den Geliebten nieder. * 1 IAG 8 11. Koͤnig Frote in Daͤnemark. in der Zeit, da der Heiland geboren wurde, Koͤnig Frote, der Dritte dieſes Na⸗ mens, in Daͤnemark das Regiment fuͤhrte, da war dieſes Land in tiefem Frieden, und der Koͤnig benutzte ſolche Zeit um Recht und Ord⸗ nung im Reiche herzuſtellen; vor allen Ver⸗ brechen war er aber dem Diebſtahl abhold, drum ließ er an einer Stange ein Stuͤck Gold aufhaͤngen, und drunter ſtand geſchrieben, der⸗ jenige, der es nehme, ſolle mit dem Tode be⸗ ſtraft werden. 1 11 — —˖·ꝗ˖Qᷓᷓ—ᷓA” Nun lebte allda ein altes Weib, welches ſich auf Zauberkünſte verſtand; ſie ſandte ih⸗ ren Sohn ab, er ſolle des Koͤnigs Gold von der Stange holen, ſie wolle dann durch ihre ſchwarze Kunſt ihm ſchon⸗ die Strafe erſparen; als jedoch der Sohn das Gold geſtohlen hatte, wurde es gleich am fruͤhen Morgen lautbar, und man fing Mutter und Sohn, um ſie an den Galgen zu haͤngen.— Aber ſiehe! auf dem Wege zum Richtplatz verwandelte ſich die Alte in einen Stier und die Geſtalt des Jung⸗ lings veraͤnderte ſich in ein Kalb. Das Volk ſtaunte uͤber ein ſo großes Wunder, und der Koͤnig ſtieg vom Roſſe, um das Ding in der Naͤhe zu betrachten; doch kaum hatte ihn der Stier abſteigen ſehen, ſo lief er mit tuͤckiſchem Geſichte auf ihn zu, und ſtieß ſein Horn in des Koͤnigs rechte Seite, worauf Stier und Kalb den Augen des Volkes verſchwunden wa⸗ ren, welches herbei eilte, ſeinem verwunde⸗ ten Herrn zu helfen, der ſogleich in ſeinen Pale laſt getragen wurde, wo er am dritten Tage, viel bedauert, dahin ſtarb; das boͤſe Weib aber ward uimmer in Daͤnemark geſehen. A 1 i. 1. 611 1 4 un 1e 9 Die beiden Freunde, auuS Auf der Inſel Samos in Gr jechenland, welche der Jnno geheiligt war, lebten einſt zwei Juͤnglinge, Klinias und Agathokles, die einander innig liebten; aber jener,. welcher von ſeinem Vater ein großes Erbgut bekom⸗ men hatte, war leichtſi innig, ſtets von Schma⸗ rutzern und Berruͤgern umgeben, verſchwen⸗ dete er große Summen auf unnuͤtze Weiſe, und als ihn Agathokles daruͤber zur Rede ſtellte und zu einem ordentlichen Leben er⸗ mahnte, nahm er dieß gewaltig üͤbel und brach ſeinen ganzen Umgang ntit dem treuen Prnbeae ab. 8 au Nachdem entbrannte Krinzas. in Liebe für ein reizendes Weib, deren Gemuͤthsart aber gar nicht ihrem ſchoͤnen Leibe entſprach; ſie ſtellte ſich ihm gewogen und in voller Liebe, bis ſie nach und nach durch allerlei Liſt und Kunſtgriffe ihm all ſein Gut abgelockt und voͤl⸗ lig arm gemacht hatte; dann gedachte ſie ſei⸗ ner los zu werden und ſagte zu ihm: ihr Mann habe ſeine Liebe erfahren und wolle ihm ohne Barmherzigkeit toͤdten; es waͤre alſo nur ein Beweis ihrer großen Liebe, daß ſie ihn nie mehr in ihrem Hauſe aufnehmen werde. Auch die Schmarotzer verließen den Juͤng⸗ ling, als er kein Geld mehr hatte, und in großer Noth wandte er ſich wieder an den ver⸗ ſchmaͤheten Agathokles, der ihn mit Freu⸗ den empfing, all ſeine Habe verkaufte und ihm die Haͤlfte davon gab; doch wie die Schmarotzer und die Buhlerinn erfuhren, daß Klinias wieder Geld habe, ſuchten ſie ihn abermals auf; jene kamen bei ihm zu Gaſte, und dieſe beſtellte ihn Abends zu ſich; aber ſie hatte liſtiger Weiſe ihren Mann in den Hin⸗ terhalt geſtellt, um den Klinias zu uͤberſal⸗ len und ihm eine große Summe Geldes abzu⸗ preſſen. Alles geſchah, wie das tuͤckiſche Weib es angelegt, und der Mann fand den Juͤngling in ſeines Weibes Armen; aber Kli nias erkannte ſogleich die boͤſe Argliſt, und erſchlug Mann und Weib, worauf er zu Aga⸗ thokles entfloh— doch er wurde auch dort gefunden und vor den Statthalter geſchleppt, der ihn auf vieles Bitten ſeiner Verwandten und des treuen Frenndes, ſtatt zum Tode, nur zur Verbannung auf ein fernes Eiland verur⸗ theilte. Agathokles folgte ſeinem Freunde auch ins Elend, um alle Roth mit ihm zu thei⸗ I. 48 len; er ernaͤhrte ihn und ſich mit der Arbeit ſeiner Haͤnde, und als jener von einem boͤſen Fieber niedergeworfen wurde, pflegte er ſein mit aller Liebe und Geduld, bis Klinias ſtarb, worauf er ihn gar ehrbar begrub, und Lſeinen Freund auch im Tode nicht zu verlaſ⸗ ſen) ſein ganzes Heben auf dem ſelbpu Eiland Subiachtos 2 3 13. St. petris auf Urlaub. Eines Tages trat Petrus zu dem Heren, und bat ihn um einen freundlichen Urlanb, daß er auf die Erde herabfahren duͤrfe, ſich mit ſeinen Freunden zu letzen, weil es eben Baſtnehr ſey, und der Herr ſprach: „Acht Tage geb' ich dir Friſt— da er⸗ freue dich, wie man auf Erden pflegt, und komme zu rechter Zeit wieder.“”“ n⸗ Alſo ſchwang ſich Petrus hernſeder⸗ und kam zu ſeinen Freunden, die ihn gar liebvoll empfingen, und ſogleich einer zum andern fuͤhrte, ſo daß er beim ſuͤßen Wein des Him⸗ mels ſchier vergaß und nicht eher wieder au ſelben gedachte, bis ein Monat vergangen war und ihm eines Tages der Kopf weh that von der Voͤllerei. Da fuhr Petrus gen Him⸗ 52 mel, und der Herr fragte tenndlih: warnnn er ſo ſpaͤt wieder komme? Aber Petrus entgegnete: 1 „O Herr! wir waren unten guten Muthes, denn der Moſt war wohlfeil und ſchmeckte herrlich, Alles war wohl gerathen, ſo daß wir vor Freude tanzten, ſangen und ſprangen; ja, es ging unten ſo froͤhlich zu, daß ich ſchier des Wiederkommens vergeſſen haͤtte.“ Da ſprach der Herr: „Sag an, o Petrus! waren mir die Menſchen auch dankbar in ihrem Wohlleben, weil ich ihnen aus milder Hand den Moſt und alle andre Gaben mittheilte?““ Petrus ſchuttelts den Kopf und erwie⸗ derte: „Wahrlich, Herr! im ganzen Land ge⸗ dachte deiner Niemand, ein altes Weib ausge⸗ nommen, welcher Haus und Hof abgebrannt war, und die ſchrie ſo gewaltig zu⸗ dir, daß ſie Alle auslachten.“— Da ſandte der Herr den Petr us an die Himmelsthuͤre, daß er, nach wie vor, fleißig ſeines Amtes warte, und im folgenden Jahre gab er ihm abermals Urlaub, ſo er wollte zu ſeinen Freunden auf die Erde niederfahren, und geſtattete ihm einen ganzen Monat dort 18.. — zu verbleiben. Petrus war herzensfroh, und wie er vom Himmel herabfuhr, nahm er ſich vor, ein paar Monate mit ſeinen Freun⸗ den in Luſt und Jubel zu leben; aber wie er die Erde erreicht, fand er die Sachen ſehr ver⸗ aͤndert, und war ſchon am dritten Tage mit einem gar ſauern Geſicht wieder in dem Him⸗ mel, wo ihn der Herr fragte:. „Petrusl wie geſchieht es, daß du dieß⸗ mal ſo ſchnell heim kommſt?“ Und Petrus entgegnete: „O Herr! ſeit ich nicht auf Erden war, hat ſich Alles verkehrt; es iſt nicht mehr ſo luſtig als im vorigen Jahre, denn Wein und Getreide ſind verdorben; das Volk ſtirbt ſchier Hungers und dabei herrſcht uͤberall Peſt, Krieg, Gefaͤngniß, Raub, Mord und Brand— des⸗ halb lebt man nicht mehr im Jubel, ſondern Jeder bleibt traurig zu Hauſe, ſich mit Seuf⸗ zen und Weinen die Zeit zu vertreiben. Da mochte ich nicht laͤnger unten bleiben, weil es gar ſo langweilig zugeht.“ Und der Herr fragte weiter: „Sage, Petrusl! weil das Volk ſo ſchwe⸗ res Leiden erduldet, fragt denn uoch NMiemand nach mir?“ Aber Petrus erwiederte: „Mieber Herr! zu dir ſeufzet und ſchrelt Alles— Jung und Alt wirft ſich im Gebet vor dir nieder und fleht, daß du ihnen die Sun⸗ den verzeiheſt und ſie wieder deiner Huld und Gnade theilhaftig macheſt; und da ſie ſo herz⸗ lich zu dir flehen, ſo wollte ich doch ſelbſt bit⸗ ten, du moͤgeſt ihnen wieder dein Antlitz zu⸗ wenden, daß ihr großes Leid einen Ausgang finde.“ on de, i, an) un n Jetzt aber ſprach der Herr: „Sieheſt du, Petrus! wenn ich meine milde Hand aufthue und dieſem Volke Ruhe und eine friedliche Zeit verſchaffe, ihnen Ge⸗ ſundheit und fruchtbare Jahre ſchenke, daß Wein und Getreide im Ueberfluß und alle Dinge wohlfeil ſind, da. werden die Menſchen nur frech und wolluͤſtig, und vergeſſen mein, von dem doch all dieſe Wohlthat kommt; ſie 4 1 1 ergeben ſich allen Suͤnden und Laſtern, ſind immer auf der Seite des Teufels gegen mich gewaffner, und verbringen ein ſo ruchloſes Le⸗ ben, daß meine Spenden ihnen mehr zum Nach⸗ theil als zum Vortheil gereichen und ſie der ewigen Verdammniß entgegen fuͤhren. Dar⸗ um muß ich wohl meine milden Gaben zuruͤck⸗ nehmen, und ihren boͤſen Sinn, der durch meine Wohlthaten ſich von mir wendet„ mit — 278— Hunger, Schwert und Sterben bezaͤhmen, und weil das Gute ihr Herz nicht zu mir zieht, muß ich ſie auf ſolche Weiſe mahnen: daß ſie ihre Suͤnden von ſich werfen und mich erken⸗ nen als das wahrhafte, hoͤchſte Gur. Schau, Perrus! da wirſt du bemerken, wie ein ſolches Kreuz eine wahre Arzuei iſt, den un⸗ ſterblichen Geiſt zu ſtaͤrken, damit die Men⸗ ſchen an Gottesfurcht zunehmen moͤgen. 3 ₰ ——— —õ— Roſalinde....... Die graue Braut... Der Troubadour... Die Preisaufgabe.. 1 11629 Inln Das Leben ein Traum, oder die Masken. Die rothe Roſe.... Yſelde, Prinzeſſinn von Burgund.. Des Schickſals Launen.... Die beiden Kraͤnze, nach Bocaccio.. Die zweite Liebe, nach Bandello.. Holzſchnitte...... . . 218 e 8.. 4..*v93*33,.eeeg,,,s,6,949u94486,595s e Weißeyſels, gedruckt bei J. K. L. Kell. 90009,5,Aeee 04 ι 0½ „ b6 6143„ mn— 1 Lu 1 9