Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 8 von 4. Ednuard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Teſebedingungen. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ fangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8. lhr offen.— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von m Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wir vonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und chentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 4—————— auf 1 Monat: 1 i.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „. n„„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendun der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, eſchnritgte„ver⸗ rene oder defecte Buch ein Theil eines größeren erkes, ſo iſt der Leſer ſum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. „ welche die⸗ 4 e— 3 Converſations- und Reiſebibliothek. * Jules Gerard, Der Löwenjäger. — ——— 1 Leipzig Verlag von Carl B. Lorck. 1855. — Jules Gerard, Nach dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Diezmann. —— Leipzig Verlag von Carl B. Lorck. 1855. — Vorwort. Der Verfaſſer der nachſtehenden Jagdabenteuer in Algier, der dort und in Frankreich allgemein unter dem Namen der Löwen⸗ tödter bekannte Jules Gerard, iſt Lieutenant in dem dritten Spahis⸗Regimente und verdankt, wenn ich nicht irre, dieſen Poſten ſeinem Ruhme als Löwenbekämpfer. Von ſeiner Jugend iſt nichts bekannt, als daß er ſchon als Knabe ein leidenſchaſtlicher Jäger war, dann in Algier eifrig jagte und ſich da allmälig an die gefährlichen Thiere, zuletzt an den König derſelben, den Löwen ſelbſt, wagte. Fünfundzwanzig Löwen hat er ſeitdem erlegt. In dem Buche ſelbſt wird man finden, welche außerordentlichen Verheerungen ein Löwe unter den Heerden anrichtet; Gerard hat ſich alſo durch Vertilgung ſo vieler dieſer gefährlichen Räuber ein unbe⸗ ſtreitbares großes Verdienſt um das Land erworben. Die Bewohner erkennen dies bereitwillig an; ſie ſehen in ihm eine Art Wundermen⸗ ſchen und meilenweit ſchicken ſie zu ihm, wenn ſich ein Löwe zeigt, mit der Bitte, er möge ſie von dem Tyrannen befreien. Der außerordent⸗ liche Muth, den er bei den Löwenjagden beweiſt, hat aber auch von anderer Seite her Anerkennung und Belohnung gefunden: das Kreuz VI Vorwort. der Ehrenlegion ſchmückt ſeine Bruſt; die Prinzen des Hauſes Orleans beſchenkten ihn mit koſtbaren Waffen und erſt in den letzten Tagen er⸗ zählten die Zeitungen, auch Se. Maj. der Kaiſer von Oeſter⸗ reich habe ihm ein Geſchenk von koſtbaren Waffen zuſenden laſſen. Die eine Waffe iſt ein prächtiger Hirſchfänger, deſſen ganze Faſſung (Griff, Stichblatt und Muſchel) aus maſſivem Golde beſteht. Am Knopf iſt folgende Inſchrift:„Geſchenk Sr. Maj. des Kaiſers von Oeſterreich an Hrn. Jules Gerard. 1854.“ Der Griff wird gebil⸗ det durch einen Haufen von Thieren, Löwen, Ebern, Wölfen, Hirſchen, und Hunden, die ineinander verſchlungen ſind und ſich zerfleiſchen; eine Löwin und ein Hirſch im Kampfe mit Hunden bilden die zwei Arme des Querſtabes; die Muſchel repräſentirt ebenfalls Thierkämpfe. Die reichverzierte Damascenerklinge iſt merkwürdig durch ihre Fein⸗ heit und ihr Alter; auf der Scheide ſelbſt befinden ſich prachtvoll in Gold eiſelirte Garnituren, und auf der einen äußern Seite iſt eine kleine Scheide, welcher ein Stilet angepaßt iſt, deſſen goldener Griff ſowie der des Meſſers verſchiedene Thiergruppen in Spiralform dar⸗ ſtellt. An dieſen Hirſchfänger ſchließt ſich in einem Neceſſaire ein deutſcher doppelläufiger Carabiner an, deſſen türkiſch damascirte Läufe geſtreift ſind. Dieſe ausgezeichnete Schußwaffe iſt ein Meiſterſtück der Büchſenarbeit. Gerard ſteht erſt in ſeinem fünfunddreißigſten Jahre, doch klagt er, wie man finden wird, daß er die großen Strapazen nicht mehr ſo gut ertrage wie ſonſt. In Paris, wo er ſich im Sommer 1853 befand, und wo er von allen Jägern und Jagdfreunden außerordent⸗ lich gefeiert wurde, wollte man ihm freilich keine Schwäche anſehen. Ein Freund in Paris, mit dem er viel über ſeine Jagdabenteuer geſprochen hatte, ſagte eines Tages zu ihm: Vorwort. VII „Gerard, ſprechen Sie einmal recht aufrichtig. Ihr Muth iſt gar nicht in Zweifel zu ziehen und Sie dürfen alſo die Wahrheit ganz ſagen. Welchen Eindruck macht Ihr Kampf mit dem Könige der Wälder auf Sie? Was fühlen Sie dabei? Etwas wie bei einem Zweikampfe?“ Gerard lächelte. „„Wie bei einem Zweikampfe? antwortete er. Ich habe etwa das Gefühl, das ein Mann haben müßte, der nackt ſich mit einem Gehar⸗ niſchten ſchlagen ſoll. Lieber zehn Duelle als einen Kampf mit einem Löwen!““ „Ich glaubte, Sie trieben die Löwenjagd aus Liebhaberei und zum Vergnügen.“ „„Jedermann hat einen Beruf, lieber Freund,““ antwortete Ge⸗ rard.„„Mein Beruf iſt es den Löwen zu jagen, obwohl ich nicht ſein Feind bin, im Gegentheil ihn liebe und bewundere. Er iſt wahr⸗ haftig der König der Schöpfung; der Menſch nennt ſich nur als Uſur⸗ pator ſo. Wenn Sie einen Löwen ſähen, nicht einen der jämmer⸗ lichen ausgearteten, die man in Europa zeigt und nach denen man ſich nicht einmal eine Vorſtellung machen kann was ein echter Löwe iſt, wenn Sie einen Löwen in der Freiheit ſähen, deſſen Brüllen man drei Stunden weit hört; wenn Sie ihn ruhig und ſtolz, mit katzen⸗ artigen anmuthigen und doch kräftigen Bewegungen, in der Majeſtät ſeiner Stärke und Gewandtheit, herankommen ſähen; wenn Sie ſein Staunen bei dem Anblicke des Menſchen bemerkten, des einzigen We⸗ ſens, das ihn erwartet und in das Auge zu ſehen wagt; wenn Sie Zeuge von dem Entſetzen aller andern Geſchöpfe wären, die bei der Annaherung des Alleinherrſchers zittern, beben und wehklagen, dann VIII Vorwort. erſt würden Sie wiſſen was ein Löwe iſt. Tödten kann man ihn, be⸗ ſiegen niemals. Jedesmal wenn ich einen Löwen erlegt habe, zu dem Todten trete und die Elfenbeinzähne, die ebenholzſchwarzen Klauen und die ſo wohl gebauten Glieder ſehe, die es ihm möglich machen, in einem Sprunge einen Raum von fünfundvierzig Fuß zurückzulegen, ſchlage ich die Hände übereinander, fühle faſt Reue und Gewiſſenspein ſen das Leben zu nehmen?““ „Gleichwohl treten Sie ihm ohne Unruhe entgegen?“ „„Allerdings, weil Unruhe die große Gefahr noch vergrößern⸗ wuͤrde, aber alle Willenskraft muß ich zuſammennehmen, um der Un⸗ ruhe und Beſorgniß Herr zu werden.““ „Was fühlen Sie? Ich frage noch einmal.“ „„Ich bin, wie Sie ſelbſt recht gut wiſſen, von ruhigem, ſelbſt ſanftem Temperament. Gewöhnlich ſchlägt mein Puls ſechzig bis ſiebenzigmal in der Minute, ſobald aber ein Araber zu mir kommt und ſagt:„Gerard, da und da iſt ein Löwe und die Leute dort erwar⸗ ten Dich,“ befällt mich gleichſam das Fieber und ich denke an nichts als an den Löwen, der Puls fängt an ſich zu heben und macht fünf⸗ undſiebzig bis achtzig Schläge in der Minute. Ich ſetze mich dann nur noch, wenn ich mich vor Mattigkeit nicht mehr aufrechterhalten kann, ich ſchlafe ſchlecht und fahre jeden Augenblick aus dem leichten Schlummer auf und dies dauert ſo fort bis ich dem Löwen ſelbſt gegen⸗ überſtehe. Da ſcheint augenblicklich jede Aufregung in mir aufzuhören, wie der Gang des Räderwerkes einer Uhr ſtehen bleibt, wenn man den Pendel berührt; die Nothwendigkeit ruhig zu ſein, das Gefühl der Selbſterhaltung und die Größe der Gefahr legt gleichſam die Hand und frage mich: Hatteſt Du, Zwerg, denn auch das Recht, dem Rie⸗ ——— —————— — —— Vorwort. IX auf mein Herz und hält ſein Schlagen ein. Ich habe dann einen Augenblick des höchſten Genuſſes. Dieſer Genuß, ſo kurze Zeit er auch währt, iſt ein goldener Rahmen, der das Bild meines ganzen Lebens umſchließt. Dieſen Genuß habe ich während ich auf den Lö⸗ wen ziele und ich ziele auf ihn, ſobald ich ihn ſehe. Kommt er bis auf funfzehn Schritte heran, ſo iſt er verloren. Seit ich vertrauter mit ihm geworden bin, laſſe ich wohl auch ein paarmal eine gute Ge⸗ legenheit zum Schießen vorübergehen, um den Genuß zu verlängern. Endlich drücke ich ab und ich bin gerettet, ſobald ich mein Fleiſch von den Klauen nicht zerreißen, meine Knochen unter den gewaltigen Zäh⸗ nen nicht knacken fühle. Da ſuche ich durch den Pulverdampf hin⸗ durch zu ſehen.. Der Löwe iſt entweder todt oder er ſucht mich, oder er geht langſam fort.. Niemals flieht der Löwe. Iſt er todt, was ſelten geſchieht— von meinen fünfundzwanzig Löwen ſielen nur vier auf den erſten Schuß—, iſt er todt, ſo warte ich bis die Todes⸗ zuckungen ganz aufgehört haben, was lange dauert, denn das Thier iſt ſo ſtark, daß es ſelbſt dem Tode zu ſchaffen macht; rührt er ſich nicht mehr, ſo bin ich ruhig, denn der Löwe iſt viel zu ſtolz, als daß er täuſchen könnte wie ein Fuchs oder Wolf, ich trete alſo näher und betrachte ihn, wie er majeſtätiſch und immer noch anmuthig auf der blutgetränkten, zerkratzten Erde liegt; ich fühle, wie geſagt, faſt Ge⸗ wiſſensbiſſe. Wäre es ſo kalt, daß der Thermometer zehn Grad un⸗ ter Null zeigte, bin ich doch wie im Schweiß gebadet; meine Nerven und Muskeln ſpannen ſich mit einem Mal ab, eine allgemeine Mattig⸗ keit überfällt mich und ich ſuche einen Stein, um mich darauf ſetzen zu können.— Iſt er auf den erſten Schuß nicht todt, ſo laſſe ich ſo⸗ fort den zweiten folgen, lege die Büchſe bei Seite, greife nach der zwei⸗ Vorwort. ten, die ſchußfertig neben mir liegt und ſchieße bis der Löwe fällt.— Geht er verwundet wr gehe ich auch, weil ich weiß, daß ich ihn am andern Morgen todt oder vom Blutverluſt doch ſehr geſchwächt finden werde. Der verwundete Löwe iſt ein zu gefährlicher Gegner als daß der Menſch, der Schwächling, ihm zu folgen wagen dürfte. Ich kehre im Fieber in mein Zelt zurück; ich ſchlafe nicht; ich fahre bei jedem Geräuſch auf; bei dem erſten Tagesgrauen bin ich auf den Beinen und warte in der ängſtlichſten Spannung auf die Berichte, welche mir meine Kundſchafter zu bringen haben.““— So ſchilderte Gerard ſelbſt ſeine Empfindungen im Kampfe mit dem Löwen; jetzt mögen die Leſer verſuchen, in welche fieberhafte Auf⸗ regung das Leſen ſeiner Erzählungen von den Kämpfen mit dem Kö⸗ nige der Wälder ſie verſetzt. Leipzig, Juli 1855. A. Diezmann. Inhalt. Erſtes Kapitel. Seſte Der Löwe und ſeine Lebensweiſe.......... 1 Zweites Kapitel. Die Löwenjagd bei den Arabern.......... 13 Drittes Kapitel. Die Pantherjagd........... 40 Viertes Aauiea. Die Hyäne.............. 56 Suͤnftes Aabita. Das Wildſchwein.... Sechtes Aasira. Der Schakal......... Der Fuchs........... Der Hirſch.— Die uuatine......... 69 Die Gazelle............. 7 giebentes Kapitel. Das Stachelſchwein und kleine Wildpret.... Achtes Kabitel. Die Falknerei in Algier.......... 81 Neuntes Kapitel⸗ Die rechte Löwenjagd in Algier.......... 97 — —————— ——— Der Löwenjäger. Erstes Kapitel. Der Löwe und ſeine Lebensweiſe. Jedermann weiß, daß der Löwe zu dem Katzengeſchlechte ge⸗ hört und ſelbſt die ausgezeichnetſten Naturforſcher, die über die⸗ ſes Thier ſchrieben, behandelten daſſelbe, als könne man es ſtets am hellen Tage beobachten; nicht Einer von ihnen hat von ſeinem Nachtleben erzählt, obgleich dieſes ſein eigentliches Leben iſt. Dieſe Lücke will ich auszufüllen verſuchen, indem ich dem Löwen von ſeiner Geburt an ſchrittweiſe bis zu ſeinem Tode folge und ich werde mich freuen, wenn ich durch Mittheilung meiner Beobachtungen die falſchen Vorſtellungen beſeitige, die man noch immer über den„König der Thiere“ hegt. Die Paarung der Löwen und Löwinnen findet gewöhnlich zu Ende des Januars ſtatt. Da bei dem Zahnen eine ziemliche Zahl Löwinnen ſtirbt, ſo giebt es wohl ein Drittel mehr„Herrn“ als„Damen“ und die letztern ſind ſehr geſucht. Nicht ſelten wird in der Zeit des Werbens eine Schöne von drei oder vier Courmachern begleitet, welche ihr auf Tritt und Schritt folgen und fortwährend einander in den Haaren liegen, bis ihr die Sache langweilig wird und ſie, im Aerger darüber, daß die Galane ſich unter einander um ihretwillen nicht umbringen, mit ihnen zu einem großen alten Löwen wandert, deſſen Kraft ſie ſchäben lernte, Der Löwenjäger. 4 2 Der Löwe und ſeine Lebensweiſe. als ſie ihn brüllen hörte. Die Liebhaber folgen ihr keck bis zu dem bevorzugten Nebenbuhler. Von langen Verhandlungen iſt nie die Rede und das Reſultat ſolcher Begegnungen zu jeder Zeit ſicher.— Der alte Löwe, der von den drei kecken Unerfahrenen ange⸗ fallen wird, empfängt ſie ohne ſich zu rühren; mit dem erſten gewaltigen Biſſe erwürgt er den Einen, mit dem zweiten zermalmt er dem Andern ein Bein und der Dritte kann froh ſein, wenn er mit einem Auge davon kommt und das andere an der Klaue des Siegers zurückläßt. Iſt das Feld rein, ſo ſchüttelt das edle Thier die Mähne, die zum Theil wohl davon fliegt, dann ſtreckt er ſich demüthig bei der Löwin aus, die ihm, als erſtes Pfand ihrer Zuneigung, mit ſchmeichelnden Blicken die Wunden leckt, die er im Kampfe um ſie erhalten hat. Treffen unter ſolchen Umſtänden zwei völlig ausgewachſene Löwen auf einander, ſo geht es anders zu. Ein Araber erzählte von dem Kampfe zweier ſolcher Löwenrivale, den er unfreiwillig mit angeſehen. Er befand ſich in einer ſchönen Mondſcheinnacht auf dem Anſtande auf Hirſche und war der größern Sicherheit wegen auf eine Eiche geſtiegen, die mitten auf einer lichten Stelle im Walde, nahe an einem Fußpfade, ſtand. Gegen Mitternacht ſah er eine Löwin mit einem Löwen ankommen, der bereits die vollſtändige Mähne hatte. Die Löwin verließ den Fußpfad und legte ſich unter der Eiche nieder. Der Löwe blieb auf dem Wege ſtehen und ſchien zu horchen. Bald ließ ſich in weiter Ferne ein Brüllen hören und ſogleich antwortete die Löwin darauf. Der Löwe aber, ihr Begleiter, brüllte ſo gewaltig, daß der Jäger auf der Eiche vor Entſetzen ſein Gewehr fallen ließ und ſich an die Aeſte anklammern mußte, um nicht ſelbſt herunter zu fallen. Je näher der Löwe, der ſich zuerſt und in der Ferne hatte hören laſſen, zu kommen ſchien, um ſo eifriger antwortete die da⸗ Der Löwe und ſeine Lebensweiſe. 3 liegende Löwin, während ihr Liebhaber wüthend hin und her lief, als wolle er ſagen:„ſchon gut; er mag nur kommen; er wird ſehen wie ich ihn empfange.“ Nach etwa einer Stunde erſchien ein ſchwarzer Löwe am Ende der Lichtung. Die Löwin erhob ſich ſofort um ihm entgegenzu⸗ gehen, ihr Begleiter errieth dieſe ihre Abſicht, jagte an ihr vor⸗ über und ſtürzte ſich auf den ihn bereits erwartenden ſchwarzen Nebenbuhler. Sie ſprangen auf einander und ſtürzten gleichzeitig nieder. Der Kampf währte lange und war grauenhaft für den unfreiwil⸗ ligen Zuſchauer. Während die Knochen knackten unter ihren ge⸗ waltigen Zähnen, riſſen ſie einander zugleich mit den Klauen den Leib auf und das Brüllen dabei, bald dumpf bald laut, verrieth ihre Wuth und ihre Schmerzen. Gleich im Beginne des Kampfes hatte ſich die Löwin auf den Bauch gelegt, um zuzuſehen und ſo lange er dauerte gab ſie durch Wedeln mit dem Schweife zu erkennen, wie ſehr ſich ihre Eitel⸗ keit geſchmeichelt fühlte, daß zwei ſolche Löwen um ihretwillen ſich umbrächten. Als der Kampf vorüber war, ging ſie langſam und vorſich⸗ tig zu den beiden Todten, um ſie zu beriechen, dann wanderte ſie ſtolz hinweg, ohne die Gefallenen eines Blickes zu würdigen. So treu ſind ſie Alle und vorzugsweiſe ſcheinen ſie ſich gern einen vollerwachſenen ſtarken Löwen auszuſuchen, der ſie von den zudringlichen jüngern befreit, deren fortwährende erfolgloſe Kämpfe ſie langweilen. Sobald aber ein noch ſtärkerer erſcheint, iſt er ſtets willkommen. Einnen beſſern Charakter hat Er, der Löwe, der die einmal erwählte Gefährtin nie verläßt und eine Liebe, eine Fürſorge und Aufmerkſamkeit gegen ſie zeigt, die eines beſſern Looſes würdig wären. 4 Der Löwe und ſeine Lebensweiſe. Sobald das Löwenpaar den gewöhnlichen Aufenthalt ver⸗ läßt, geht die Löwin ſtets voraus; beliebt es ihr ſtehen zu blei⸗ ben, ſo folgt der Löwe ihrem Beiſpiele. Kommen ſie in die Nähe einer Heerde, wo ſie ihr Abendmahl ſuchen wollen, ſo legt die Löwin ſich gemächlich nieder, während der Löwe muthig vordringt und das Beſte, was er erlangen konnte, zu ihr bringt. Er ſieht dann mit ſchmunzelndem Behagen zu, wie ſie es ſich ſchmecken läßt, während er wachſam beſorgt iſt, daß dabei nichts ſie ſtöre oder beunruhige. Erſt wenn ſie ſich geſättigt hat, denkt er auch daran ſeinen Hunger zu ſtillen. Kurz, ſowohl in der„Zeit der jungen Liebe,“ als in der ernſten Ehe behandelt er ſie mit aller erdenk⸗ lichen Aufmerkſamkeit. Fühlt die Löwin, daß ihre Zeit gekommen iſt(zu Ende des Decembers), ſo ſucht ſie eine ſchwer zugängliche Schlucht, um ihre Jungen zur Welt zu bringen. Es ſind meiſt zwei, ein männ⸗ liches und ein weibliches, oft nur eins, ſehr ſelten drei. In den erſten Tagen nach der Geburt weicht die Mutter keinen Augen⸗ blick von den Jungen und der Vater muß für ihre Bedürfniſſe ſorgen. Erſt nach drei Monaten, nach dem Zahnen, dem, wie ſchon geſagt, viele Löwinnen erliegen, entwöhnt ſie die Mutter, indem ſie ſich täglich einige Stunden von ihnen entfernt und ihnen ſorgſam klein zerriſſenes Schaffleiſch giebt. Der Löwe, der erwachſen ſehr ernſt wird, bleibt ſehr ungern oder gar nicht bei ſeinen Jungen, die ihn durch ihr Spielen be⸗ läſtigen. Um in ungeſtörter Ruhe zu bleiben, ſucht er ſich einen beſondern Aufenthalt, doch ſtets in der Nähe, um im Nothfalle zum Schutze der Seinigen herbeikommen zu können. Die Araber, welche wiſſen, wo junge Löwen liegen, weil ſie erſtens eine trächtige Löwin geſehen haben und dann das geraubte Vieh immer nach einer Richtung hin fortgeſchleppt wird, be⸗ nutzen die Zeit, in welcher die Jungen von der Mutter entwöhnt werden, um ſie wegzunehmen. Der Löwe und ſeine Lebensweiſe. 5 In dieſer Abſicht lauern ſie Tage lang auf einem Hügel oder auf einem Baume, von wo aus ſie das Lager erblicken können und ſobald ſie ſehen, daß die Löwin ſich entfernt, auch überzeugt ſind, daß der Löwe nicht bei den Jungen iſt, ſchleichen ſie ſich vorſichtig zu denſelben hin, wickeln ſie in ihren Burnus, damit ſie keinen Laut von ſich geben können und tragen ſie ſo Reitern zu, die am Waldſaume warten, um mit den jungen Löwen vor ſich, den Räubern derſelben hinter ſich, in geſtrecktem Galopp ſo⸗ gleich davon zu jagen. Ein ſolches Unternehmen iſt gefährlich und ich will nur folgendes Beiſpiel erzählen: Im März des Jahres 1840 hatte eine Löwin in dem Walde El Guela im Gebirge Meziun, im Lande der Zerdezah, gewor⸗ fen. Die Jungen ſollten geraubt werden und am Morgen des verabredeten Tages fanden ſich je dreißig Männer aus zwei Nach⸗ barſtämmen an dem Sammelplatze ein. Nachdem dieſe ſechzig Araber das Gebüſch rings umſtellt hat⸗ ten, ſchrien ſie zu wiederholten Malen und da ſie darauf die Lö⸗ win nicht zum Vorſcheine kommen ſahen, drangen ſie weiter vor und nahmen die jungen Löwen weg. Lärmend traten ſie die Rückkehr an, da ſie von der Mutter nichts mehr zu fürchten zu haben glaubten, als der Scheik Sedek, der ein wenig hinter den Seinigen zurück war, die Löwin aus dem Gebüſche heraus und gerade auf ſich zukommen ſah. Er rief ſogleich ſeinen Neffen Mezaoud und ſeinen Freund Ali ben Braham, die ihm auch zu Hilfe eilten. Die Löwin fiel nicht den Scheik an, der zu Pferde war, ſondern den Neffen, der zu Fuß ging. Der junge Mann ließ ſie heran kommen und drückte dann ſein Gewehr ab. Das Gewehr verſagte. Mezaoud warf raſch die Waffe von ſich und hielt der Löwin den linken Arm vor, um den er ſeinen Burnus gewickelt hatte 6 Der Löwe und ſein Lebensweiſe. Die Löwin packte den Arm und zermalmte ihn unter ihren Zäh⸗ nen; der muthige junge Mann aber ergriff unterdeß, ohne einen Schritt zurück zu weichen oder einen Schmerzenslaut hören zu laſſen, das Piſtol, das er unter dem Burnus trug, ſchoß der Lö⸗ win zwei Kugeln in den Leib und nöthigte ſie ſo ihn loszulaſſen. Braham, der ihr vergeblich eine Kugel in den Rachen jagte; er wurde an beiden Achſeln gepackt und niedergeriſſen und verdankte ſeine Rettung nur dem Tode der Löwin, die auf ihm verendete. Doch war ihm die rechte Hand zerbiſſen und ein Stück Fleiſch über den Rippen weggeriſſen worden. Ali ben Braham lebt noch, aber verſtümmelt, Mezaoud dage⸗ gen ſtarb vierundzwanzig Stunden nach dem Abenteuer an ſei⸗ nen Wunden. Sind die Löwen vier bis fünf Monate alt, ſo begleiten ſie ihre Mutter bis an den Saum des Waldes, wohin der alte Löwe ihnen die Beute bringt. Sind ſie ein halbes Jahr alt geworden, ſo verläßt die ganze Familie, und zwar ſtets in einer ſehr finſtern Nacht, das Lager und von dieſem Augenblicke an ziehen ſie fortwährend umher bis ſie ſich von den Alten trennen müſſen. Sind die Löwen acht Monate bis ein Jahr alt, ſo fangen ſie an, die Schaaf⸗ oder Ziegenheerden anzufallen, die am Tage in die Nähe ihres Aufenthaltes kommen. Bisweilen wagen ſie ſich ſogar an die Rinder, aber ſie ſind in dieſem Alter noch ſo unge⸗ ſchickt, daß ſie zehn Rinder verwunden, ehe ſie eins todt machen können und der alte Löwe helfen muß. 5 Erſt wenn ſie zwei Jahre alt ſind, können ſte ein Pferd, ein Rind, ein Kameel mit einem einzigen Biſſe in die Gurgel tödten und über die ſechs Fuß hohen Hecken ſpringen, welche die Heer⸗ ſchützen ſollen. In demſelben Augenblicke aber ſtürzte ſie ſich auf Ali ben —— Der Löwe und ſeine Lebensweiſe. 7 In dem Alter von einem Jahre bis zu zwei Jahren werden ſie den Bewohnern der Umgegend wahrhaft verderblich, denn die Löwenfamilie tödtet nicht blos, um ſich von der Beute zu ſättigen, ſondern um tödten zu lernen. Es begreift ſich leicht, wie koſtſpie⸗ lig eine ſolche Lehrzeit für Diejenigen ſein muß, welche die Gegen⸗ ſtände zu liefern haben, an denen die jungen Löwen lernen. Aber, fragt man vielleicht, warum laſſen die Araber durch die Löwen ſolchen Schaden ſich zufügen und machen nicht Jagd auf dieſelben? Man leſe nur das nächſte Kapitel. Sind die Löwen drei Jahre alt, ſo verlaſſen ſie ihre Alten, um ſich zu paaren und die letztern ſorgen für eine neue Familie. Ausgewachſen ſind die Löwen erſt mit acht Jahren. Dann haben ſie ihre ganze Kraft erlangt und der Löwe, der um ein Drittel größer iſt als die Löwin, hat die Mähne vollſtändig er⸗ halten. Die Löwen, die wild leben, vergleiche man durchaus mit den ausgearteten nicht, welche man in den Menagerien ſieht. Die letztern ſind ſehr jung geraubt worden und haben weder die Mut⸗ termilch, noch die freie Luft, noch auch eine geſunde, reichliche Nahrung gehabt. Die Folge davon iſt ein ſchwächlicher Wuchs, eine krankhafte Hagerkeit, ein trauriger Blick und der Mangel an voller Mähne, kurz ein Zuſtand, in dem ſie von ihres Glei⸗ chen in der Freiheit gänzlich verleugnet werden würden. In Algier giebt es drei Arten Löwen: den ſchwarzen, den gelb⸗röthlichen und den grauen, welche bei den Arabern el adrea, el asfar und el zarzuri heißen. Der ſchwarze Löwe, der viel ſeltener vorkommt als die beiden andern Arten, iſt etwas kleiner, aber ſtärker an Kopf, Schultern, Hüften und Beinen. Sein Fell hat die Farbe der dun⸗ kelbraunen Pferde bis zur Schulter, wo die lange und dichte Mähne beginnt, welche ihm ein nichts weniger als beruhigendes Ausſehn giebt. 1 3 8 Der Löwe und ſeine Lebensweiſe. Seine Stirn iſt eine Vorderarmlänge(eine Elle) breit, der Kör⸗ per von der Naſenſpitze bis zur Schweifwurzel fünf Ellen lang*), die Schwere ſeines Körpers wechſelt von 550 bis 600 Pfund. Die Araber fürchten dieſen Löwen mehr als die beiden andern und ſie haben Recht. Statt umherzuſchweifen wie der fahle und der graue Löwe, ſucht der ſchwarze ſich einen guten Aufenthalt und bleibt da bis⸗ weilen dreißig Jahre. Selten geht er in die Ebene hinunter, um die Duars anzugreifen, dagegen lauert er Abends den Rinder⸗ heerden auf, wenn ſie an den Bergen hinunterziehen und tödtet oft vier bis fünf Stück, um das Blut zu ſaufen. Im Sommer, wenn die Tage lang ſind, verläßt er ſein La⸗ ger mit Sonnenuntergang und begiebt ſich an einen Weg, der über das Gebirge führt, um auf einen Reiter oder Fußgänger zu warten, die ſich verſpätigt haben. Ich kenne einen Araber, der bei einem ſolchen Zuſammen⸗ treffen vom Pferde ſtieg, dieſem den Sattel und Zaum abnahm, damit forteilte und das Pferd Preis gab, das vor ſeinen Augen erwürgt wurde. So geht es aber nicht immer und Reiter und Fußgänger entkommen ſelten, wenn ſie einem ſchwarzen Löwen begegnen. 5 Der fahle und der graue Löwe unterſcheiden ſich von einan⸗ der nur durch die Farbe der Mähne, ſind etwas größer aber we⸗ niger ſtark. Mit Ausnahme des oben Erwähnten haben ſie glei⸗ chen Charakter und gleiche Lebensweiſe. Das Leben des Löwen zerfällt in zwei ganz verſchiedene Theile, die ihn gewiſſermaßen zu zwei verſchiedenen Thieren machen, und zu vielen falſchen Angaben über ihn verleitet haben. Dieſe beiden Theile ſind der Tag und die Nacht. Am Tage pflegt er *) Die Araber meſſen vom Ellnbogen bis ans Ende der offe⸗ nen Hand. ,— Der Löwe und ſeine Lebensweiſe. 9 ſich in den Wald, fern von jedem Geräuſche, zurückzuziehen, um ungeſtört zu ſchlafen und zu verdauen. 4 Weil einmal Jemand am Tage ungefährdet mit einem Löwen zuſammentraf, den die Fliegen oder die Sonnenhitze von ſeiner Lagerſtelle vertrieben, den der Durſt an einen Bach führte, der noch halb im Schlafe war und durchaus nicht hungerte, hat man behauptet, der Löwe falle den Menſchen nicht an. Aller⸗ dings, der Löwe tödtet nicht um zu tödten, er tödtet um zu leben und ſich zu vertheidigen, wenn er angegriffen wird. In einem Lande wie Algier, das faſt buchſtäblich von Heerden bedeckt iſt, fühlt der Löwe niemals am Tage Hunger. Die Ein⸗ geborenen, welche dies wohl wiſſen, pflegen deshalb wohlweislich zu Hauſe zu bleiben, ſobald der Löwe ſein Lager verläßt und wenn ſie in der Nacht reiſen müſſen, thun ſie es nie zu Fuß oder allein. Wenn der Löwe einer größern Anzahl Menſchen begegnet, ſo glaubt er ſtets, Plünderer vor ſich zu haben und er folgt ihnen, um ſeinen Antheil von der Beute zu erhalten, wie man in dem Kapitel über die Löwenjagd finden wird. Ich für meinen Theil erkläre, daß ich zwar ziemliche Gleich⸗ giltigkeit in dem Geſicht einiger Löwen bemerkte, die ich gegen Abend traf, dagegen bei allen, die mir in der Nacht vorkamen, ſehr feindſelige Geſinnungen fand. Ich bin feſt davon überzeugt, daß ein einzelner Menſch bei ei⸗ nem ſolchen Zuſammentreffen rettungslos verloren iſt und des⸗ halb entferne ich mich in dem Gebirge in der Nacht nie von mei⸗ nem Zelte, ohne die Büchſe bei mir zu haben. Ich kenne eine große Anzahl Fälle aus der neueſten Zeit, daß Araber von Löwen zerriſſen und aufgezehrt worden ſind, will aber nur den nachſtehenden erzählen, weil er allen Eingeborenen von Konſtantine bekannt iſt und unter höchſt dramatiſchen Umſtänden vorkam. 10 Der Löwe und ſeine Lebensweiſe. Es war einige Jahre vor der Eroberung Konſtantine's durch die Franzoſen. Unter den Perſonen, von denen die Gefängniſſe überfüllt waren, befanden ſich auch zwei zum Tode Verurtheilte, zwei Brüder, welche am naͤchſten Tage hingerichtet werden ſollten. Sie waren Räuber, von denen man außerordentliche Kraft⸗ und Muthbeweiſe erzählte. Der Bey, welcher ihr Entkommen fürchtete, ließ ſie ſo feſſeln, daß ein Bein von Jedem in einen Eiſenring genietet wurde. Wie es zugegangen, weiß Niemand, Allen aber iſt bekannt, daß das Gefängniß leer war als der Nachrichter erſchien, um die Verurtheilten abzuholen. Nachdem die beiden Brüder, die entkommen waren, vergebens ſich bemüht hatten, den E Eiſenring, der ſie zuſammenfeſſelte, zu öffnen oder zu zerſprengen, gingen ſie querfeldein, um von Nie⸗ mandem geſehen zu werden und mit Niemand zuſammenzutreffen. Den Tag über hielten ſie ſich unter Felſen verſteckt, Abends wanderten ſie weiter. Mitten in der Nacht ſtießen ſte auf einen Löwen. Anfangs warfen ſie mit Steinen nach ihm und ſchrien aus Leibeskräften, um ihn zu verſcheuchen, aber das Thier, das ſich vor ſie hingeſtreckt hatte, rührte ſich nicht von der Stelle. Da Schimpfworte und Drohungen nichts halfen, ſo verſuchten ſie es mit Bitten, aber der Löwe ſprang gegen ſie an, warf ſie nieder und verzehrte ſofort den Aeltern neben dem Bruder, der ſich nicht rührte und ſich todt ſtellte. Als er an das Bein kam, welches durch den Eiſenring feſtgehalten wurde und den Widerſtand fühlte, biß er es über dem Knie ab. Als er geſättigt war oder Durſt fühlte, ging er an eine Quelle in der Nähe. Der arme Teufel aber, der am Leben geblie⸗ ben war, fürchtete, der Löwe werde zurückkommen, ſobald er ſei⸗ nen Durſt gelöſcht, ſah ſich alſo rings um, ob er nicht einen Zu⸗ fluchtsort finde. Dabei mußte er das an ihn geſchmiedete Bein Der Löwe und ſeine Lebensweiſe. 11 ſeines Bruders mit ſich ſchleppen. Zum Glück fand er eine Grube, in welcher Getreide aufbewahrt geweſen war und in dieſe ſprang er. Gleich darauf hörte er den Löwen zornig brüllen und mehr⸗ mals an der Grube hin und her laufen, in die er ſich geflüchtet. Endlich brach der Tag an, der Löwe entfernte ſich und der unglückliche Flüchtling arbeitete ſich aus ſeinem Verſtecke wieder heraus. Kaum aber war dies geſchehen, ſo erblickte er mehrere Reiter des Bey, die ihn ſuchten. Sie ergriffen ihn, Einer nahm ihn hinter ſich auf das Pferd und ſo wurde er nach Konſtantine zurückgebracht, wo man ihn wieder in das Gefängniß führte. Der Bey, welcher nicht glauben wollte was die Reiter er⸗ zählten, wünſchte den Mann ſelbſt zu ſehen und ließ ihn zu ſich bringen, noch immer mit dem Beine ſeines Bruders, das ihm an⸗ geſchmiedet war. Trotz ſeiner Grauſamkeit befahl dann auch Ach⸗ med Bey, dem Gefangenen den Eiſenring abzunehmen und ſchenkte ihm das Leben. Der Löwe von Algier jagt nicht, ob er gleich ſehr feine Sinne hat und eine unvergleichliche Kraft und Geſchmeidigkeit der Glieder beſitzt. Wenn er aber ein wildes Schwein oder meh⸗ rere von weitem erblickt, ſchleicht er hinzu, um ſie unerwartet zu überfallen; wird er gewittert oder gehört, ſo fliehen die Schweine und der Löwe begiebt ſich in das Thal hinunter, um ſeine Abendmahlzeit aus einer Heerde zu holen, was um Vieles bequemer und ſicherer iſt. Ich habe bisweilen ganze Heerden von Wildſchweinen am hellen Tage ihren Aufenthalt verlaſſen ſehen, nachdem Eines von ihnen verzehrt worden war, noch öfterer aber habe ich Löwen und Wildſchweine in einem Walde ſich aufhalten ſehen, ohne daß ſie auf einander achteten, eben weil es dem Löwen ſo leicht iſt, von 8 den Arabern eine Abgabe zu erheben die freilich zehnmal mehr beträgt als die, welche ſie dem Staate zahlen. 6. 4 4 4 12 Der Löwe und ſeine Lebensweiſe. Auch das Brüllen des Löwen habe ich lange beobachtet. und ich kann nun Folgendes darüber anführen: Wenn ein Löwe und eine Löwin beiſammen ſind, brüllt ſtets die Löwin zuerſt und in dem Augenblicke, in welchem ſie das La⸗ ger verläßt. Das Brüllen beſteht aus etwa einem Dutzend Tö⸗ nen, die mit Seufzern anfangen, allmälig lauter werden und en⸗ digen wie ſie anfingen. Zwiſchen jedem Tone liegt eine Zeit von einigen Secunden. Der Löwe wechſelt mit der Löwin ab. So brüllen ſte fort von Viertelſtunde zu Viertelſtunde bis ſie zu dem Duar kommen, den ſie überfallen wollen. Sobald ſie ſatt ſind, fangen ſie wieder an und brüllen ſo bis gegen Morgen. Auch der einzelne Löwe brüllt wenn er ſich er⸗ hebt, kommt aber oft ohne das Brüllen einzuſtellen bis zu dem Duar. Im Sommer, während der großen Hitze, brüllt der Löwe weniger, manchmal gar nicht; dafür entſchädigt er ſich aber in der Paarungszeit reichlich. Unter andern albernen Fragen legte mir einſt Jemand auch die vor:„warum brüllt der Löwe?“ Ich antwortete ihm:„mei⸗ ner Meinung nach iſt das Brüllen dem Löwen, was der Geſang dem Vogel iſt. Wenn Ihnen dieſe Antwort nicht genügt, ſo ver⸗ bringen Sie einige Jahre in ſeiner Geſellſchaft, vielleicht finden Sie dann eine beſſere Erklärung.“ Die Araber, deren Sprache reich an Vergleichen iſt, haben für das Löwenbrüllen nur ein Wort und zwar rad(Donner). Der Löwe lebt dreißig bis vierzig Jahre. Im Durchſchnitt tödtet oder verbraucht er in einem Jahre für funfzehnhundert Thaler Pferde, Maulthiere, Rinder, Kameele und Schafe. Nimmt man nun die mittlere Dauer ſeines Lebens zu fünfund⸗ dreißig Jahren an, ſo koſtet die Araber jeder Löwe 50,000 Thaler. Die dreißig Löwen, die ſich anfangs 1855 in der Pro⸗ vinz Konſtantine befanden und zu denen ſtets einige aus der Re⸗ e. Die Löwenjagd bei den Arabern. 13 gentſchaft Tunis oder aus Marocco kommen, koſten jährlich 45,000 Thaler. In den Gegenden, in welchen ich gewöhnlich jage, beträgt die Abgabe des Arabers an die Löwen demnach jährlich zwölf Thaler, während er an den Staat nicht viel über einen Thaler zahlt. Die Eingeborenen haben in mehr als der Hälfte von Algier die Wälder vertilgt, um dieſe ſchädlichen Thiere zu verſcheuchen. Die franzöſiſche Regierung beſtraft das Niederbrennen von Wal⸗ dungen, damit dieſe nicht ganz verſchwinden ſollen. Was thun die Araber? Sie ſchießen die Strafgelder zuſammen und bren⸗ nen wie ſonſt Waldungen ab. Das wird ſo bleiben, bis die Re⸗ gierung wirkſame Maßregeln ergreift, die Raubthiere und na⸗ mentlich die Löwen auszurotten. Die hervorſtechendſten Charakterzüge des Löwen ſind Faul⸗ heit, Ruhe und Kühnheit. Was ſeine vielgeprieſene Großmuth betrifft, ſo ſage ich mit dem arabiſchen Sprichworte:„Wenn Du zu einer Reiſe aufbrichſt, ſo ſei nicht allein und bewaffne Dich als ſollteſt Du mit einem Löwen zuſammentreffen.“ Zweites Kapitel. Die Löwenjagd bei den Arabern. Da die Löwen in den Heerden der Araber große Verwüſtun⸗ gen anrichten, ſo mußten ſie an Maßregeln zum Schutze denken. Seit die Erfahrung gelehrt hat, daß das Schießgewehr allein für den Menſchen noch gefährlicher iſt als für den Löwen, ſetzen die Araber die Liſt der Kühnheit des Thieres entgegen, das, in zu großem Vertrauen auf ſeine Stärke, oftmals in ihm geſtellte Schlingen fällt. Allerdings kommt das Schießgewehr der Schlinge immer zu Hilfe, aber erſt wann der Löwe ſeine Feinde nicht 14 Die Löwenjagd bei den Arabern. mehr erreichen kann, überſchütten ſie ihn mit Kugeln und Schimpf⸗ worten... Ehe ich von den Volksſtämmen ſpreche, welche gelegentlich einen Löwen erlegen, glaube ich die Mittel angeben zu müſſen, bei deren Anwendung der Menſch keine Gefahr läuft. Oben an ſteht die Grube(Zubia bei den Arabern). Um aus der Nähe der Löwen zu kommen, welche ſich ſtets in den waldreichſten Gebirgen aufhalten, pflegen die Araber von den⸗ ſelben im Frühling, Sommer und Herbſt mit ihren Zelten und Heerden ſich zu entfernen. Weil nun der Löwe ſich erſt in der Abenddämmerung erhebt, um Nahrung zu ſuchen, ſo haben in den Jahreszeiten, in welchen die Nächte kurz ſind, die Duars oder Zeltdörfer acht bis zehn Stunden von den Bergen von dem Thiere nichts zu fürchten, das mit Tagesanbruch in ſeine Höhle zurück⸗ zukehren pflegt. Freilich hat jedes Dorf ſein begrenztes Gebiet und wenige können ſich ſoweit entfernen; die Zurückbleibenden alſo müſſen allein die Verluſte tragen, während die andern ge⸗ ſichert bleiben. Im Anfange des Winters müſſen die Stämme den Bergen wieder näher ziehen, ſowohl um ihre Heerden zu bergen, als um Holzvorrath zu ſammeln. In dieſer Zeit ſchwelgen die Löwen, deren Appetit durch die Kälte noch gereizt iſt, auf Koſten Aller. In den Gegenden nun, in welchen der Löwe ſich gewöhnlich aufhält, berufen die Araber, die zu faul ſind um ſelbſt thätig zu ſein, Kabylen, die für eine mäßige Summe eine 15 Ellen tiefe und 7 ½ Ellen breite Grube graben, die oben enger iſt als un⸗ ten. Sie wird ſtets da angelegt, wo ſich der Duar*) im Winter befinden ſoll und die Zelte ſtehen dann um ſie herum. Der Duar wird mit einem Zaun von 3 bis 4 ½ Ellen Höhe umgeben, ſodaß die Grube von außen nicht geſehen werden kann. Damit *) Die Zahl der Zelte wechſelt von zehn bis dreißig. Die Löwenjagd bei den Arabern. 15 das Vieh in der Nacht nicht hinein falle, pflegt man die Grube ſelbſt mit einer Hecke zu umziehen, das Vieh aber hinter ihr zu halten. Der Löwe, welcher immer von der entgegengeſetzten, d. h. von der dem Walde nahen Seite herkommt, hört das Brüllen des Viehes, wittert daſſelbe auch, ſchleicht hinzu und da er nur durch die Grubenhecke von ihm getrennt iſt, ſpringt er und fällt brül⸗ lend vor Zorn in die Grube, wo er, das Sinnbild des Muthes und der Stärke, vor deſſen Stimme Berg und Thal zittert, ver⸗ höhnt und verſtümmelt wird und elendiglich unter Streichen von Weibern und Kindern ſtirbt. Sobald er in die Grube geſtürzt iſt, ſtehen Alle in dem Duar auf; die Weiber ſtoßen Freudengeſchrei aus; die Männer ſchie⸗ ßen, um die Nachbar⸗Duars von dem glücklichen Fange zu benach⸗ richtigen; die Kinder und die Hunde machen einen Höllenlärm; es iſt eine an Tollheit grenzende Freude, an welcher Jeder gleichen Antheil nimmt, weil Jeder. beſondere Verluſte zu rächen hat. In welcher Stunde der Nacht der Fang geſchehen ſein mag, Niemand ſchläft mehr. Es werden Feuer angezündet, die Weiber bereiten den Cuscuſſu und man ſchwelgt bis zum Morgen. Unterdeſſen hat der Löwe, der anfangs einige ungeheure Sprünge machte, um aus der Grube herauszukommen, in ſein Schickſal ſich ergeben. Er hört den Lärm und das Geſchrei; er hat erkannt, daß er verloren iſt und eines ſchmählichen Todes ſterben muß, ohne ſich vertheidigen zu können und er empfängt die Schimpfworte wie die Kugeln ohne Klagelaut, ohne mit den Wimpern zu zucken. Vor Tagesanbruche noch ſind die benachbarten Araber, durch die Flintenſchüſſe herbeigerufen, in Menge angekommen, um von dem Schauſpiele nichts einzubüßen. Manche bringen ſogar ihre Weiber, ihre Kinder und ihre Hunde mit. Es iſt ja ſo ſüß einen 8 Die Löwenjagd bei den Arabern. 16 Feind leiden zu ſehen, von dem man nichts mehr zu fürchten hat und den man ungeſtraft ſchmähen und martern kann. Bemerkenswerth iſt dabei, daß die Frauen und die Kinder, namentlich aber die Frauen, am erbittertſten und am grauſamſten ſind. Iſt dies bei den Araberinnen eine Eigenthümlichkeit der Rohheit oder das Gefühl ihrer Schwäche? Ich weiß es nicht, glaube aber gern, daß manche Europäerinnen die Begnadigung des Löwen erbitten würden, wäre es auch nur, um ihn außerhalb der Grube offen und ehrlich angreifen und tödten zu ſehen. Der unter ſo großer Ungeduld erwartete Morgen iſt endlich angebrochen und die Kühnſten nehmen die Einzäunung an der Grube hinweg, um den Löwen in der Nähe zu ſehen und ſich zu überzeugen, ob es ein Männchen oder Weibchen, ein alter oder junger iſt. Da er je nach ſeinem Alter mehr oder weniger Scha⸗ den gethan hat, ſo muß er demzufolge behandelt werden. Iſt es eine Löwin oder ein junger Löwe, ſo treten Die, welche ihn zuerſt ſahen, verdrießlich zurück, um den andern Neugierigen Platz zu machen, deren Freude durch den Anblick der Enttäuſchten ſich ebenfalls bereits abgekühlt hat. Iſt es dagegen ein ausgewachſener Löwe mit voller Mähne, ſo giebt es ein faſt wahnſinnartiges Geſchrei und Gebahren; die Nachricht läuft von Munde zu Munde und die der Grube zunächſt Stehenden müſſen ſich vorſehen, um von den übrigen Nachdrän⸗ genden nicht auch hineingeſtürzt zu werden. Iſt die allgemeine Neugierde befriedigt, hat Jedermann dem edeln Thiere einen Stein und Verwünſchungen zugeworfen, ſo erſcheinen die Männer mit den Flinten und ſchießen auf den Ge⸗ fangenen bis er kein Lebenszeichen mehr von ſich giebt. Gewöhnlich nachdem er ein Dutzend Kugeln erhalten hat, ohne ſich zu regen und ohne einen Klagelaut von ſich zu geben, richtet der Löwe majeſtätiſch den ſchönen Kopf empor, um noch einen Blick voll Verachtung auf die Araber zu werfen, die Die Löwenjagd bei den Arabern. 17 ihm die letzten Kugeln zuſendeten und legt ſich nieder, um zu ſterben. Lange nachher und wenn man ſich recht überzeugt hat, daß das Thier todt iſt, laſſen ſich einige Männer an Stricken hinun⸗ ter in die Grube und wälzen es in ein feſtes Netz, das den Lö⸗ wen tragen kann, welcher, wenn er vollkommen ausgewachſen iſt, nicht weniger als ſechshundert Pfund wiegt. An Stricken wird der Todte nebſt den Männern, die ſich zu ihm hinunterließen, heraufgezogen. Das dauert immer eine ziem⸗ lich lange Zeit. Später bekommen alle Mütter ein kleines Stück von dem Herzen des Löwen, das ſie ihren Söhnen zu eſſen geben, damit ſie ſtark und muthig werden. Endlich reißt man ſo viel als möglich von der Mähne aus, um Amuletts davon zu machen, welche dieſelbe Fähigkeit haben. Iſt die Haut abgezogen, und alles Fleiſch vertheilt, ſo begiebt ſich jede Familie in ihr Duar zurück, wo dann am Abend der Vorfall des Tages noch lange der Lieblingsgegenſtand des Geſprächs iſt. Nach der Grube folgt als Mittel den Löwen zu erlegen: der Anſtand, melbeda genannt, was eigentlich Verſteck heißt. Es giebt zwei Arten des Anſtandes oder des Auflauerns, nämlich in der Erde und auf einem Baume. Man gräbt nämlich ein Loch, das drei Fuß tief und neun bis zwolf breit iſt, bedeckt es mit Baumſtämmen und großen Steinen, wirft eine Schicht Erde darauf und bringt an der einen Seite vier oder fünf Schießlöcher, an der entgegengeſetzten aber eine Oeff⸗ nung an, die als Thür dient und die man von innen mit einem Felsſtück verſchließt. 6. Solche Schießſtände legt man neben einem Wege an, auf dem ein Löwe ſich zu bewegen pflegt. Da es indeß ſchwer ſein würde, den vorübergehenden Löwen ſicher auf das Korn zu nehmen, ſo werfen die Araber ein friſch ge⸗ tödtetes Wildſchwein auf den Weg vor den Schießlöchern und Der Löwenjäger. 2 18 bleibt der Löwe dabei ſtehen, ſo geben die in der Grube verſteck⸗ ten Männer gleichzeitig Feuer auf ihn. Selten bleibt das Thier auf dem Platze; meiſt ſpringt es, nachdem es mehrere Kugeln empfangen hat, nach dem Verſtecke zu und über daſſelbe hin, ohne zu ahnen, daß die Feinde ſich unter ſeinen Füßen befanden. Hat es in wüthenden Sätzen vergeblich ſeine Kraft erſchöpft, ſo begiebt es ſich in die erſte beſte Waldung in der Nähe. Bisweilen fordern Die, welche den Löwen anſchoſſen, den Die Löwenjagd bei den Arabern. Stamm auf, dem Schweiße zu folgen und den Verwundeten vol⸗ lends zu erlegen. Da in ſolchen Fällen aber meiſt auch wenigſtens ein Menſch ſein Leben verliert, ſo verfolgt man den Löwen gewöhnlich nicht und läßt ihn entweder von den empfangenen Wunden gene⸗ ſen oder ruhig in einem Verſtecke ſterben. Auch wenn man dem Löwen auf einem Baume auflauert, befinden ſich da mehrere Araber beiſammen, die ſich hinter Zwei⸗ gen verſtecken, um nicht geſehen zu werden. Man wählt einen ziemlich hohen Baum an einem Wege. Dieſe beiden Lauerpoſten bleiben meiſt für alle Zeit und die⸗ nen oft mehreren Generationen; doch kommt es auch vor, daß, wenn ein Löwe ein Rind oder ein Pferd in der Nähe eines Duars geraubt hat, die Araber eilig eine Melheda anlegen, um den Räu⸗ ber zu erlegen, falls er in der nächſten Nacht wiederkäme. Sehr ſelten freilich gelingt ihnen dies, denn der Löwe liebt friſches Fleiſch, überläßt nach großer Herren Art die Ueberreſte den Hyä⸗ nen, Schakalen und Geiern und ſucht ſich immer neue Beute. In der Provinz Konſtantine giebt es drei Stämme oder Stammestheile, welche im Nothfalle einige Löwen erlegen, die ſich bei ihnen zeigen, ohne deshalb ihren Nachbarn zu Hilfe zu kom⸗ men, wenn dieſe von jenen Raubthieren zu leiden haben. Es ſind dies die Uled⸗Melul, die Uled⸗Ceſſi und die Schegatmas. Die Löwenjagd bei den Arabern. 19 Da jedoch das Erlegen eines Löwen nur dann etwas Ver⸗ dienſtliches iſt, wenn man ſich dabei den Zähnen und Klauen des Thieres wirklich ausſetzt, und die Uled⸗Melul und die Uled⸗Ceſſi ſich am beſten benehmen, ſo werde ich nur von ihnen ſprechen. Die Uled⸗Melul zählen ungefähr achtzig Gewehre und halten ſich am Fuße des Sid⸗Regis, ſowie an dem ſüdlichen Abhange des Schepka auf; die Uled⸗Ceſſi dagegen, die etwa eben ſo ſtark ſind, bewohnen im Sommer die Ebene Kerſcha und die Spitzen des Gueriun, eines des höchſten Gebirges im Kreiſe Konſtantine, und nähern ſich im Winter dem Berge Zerazer, der zwei Meilen ſüdlich vom Gueriun liegt. Auf dem Gueriun findet ſich ſelten ein Löwe, es müßte denn einer einmal da auf ſeinen Wanderungen verweilen, um in der nächſten Nacht über die Ebene zu kommen. Der Zerazer dagegen dient jedes Jahr, wenn der Aures, der Buarif und der Fedſchuſch mit Schnee bedeckt ſind, irgend einem froſtig gewordenen alten Löwen, oder einer Löwin, die ein gutes Winterquartier für ihre Jungen ſucht, oder wohl auch einer ganzen Löwenfamilie zum Aufenthalte. Der Berg iſt wenig bewaldet, an den Seiten und auf dem Gipfel aber mit ungeheuren Felſen bedeckt, zwiſchen wel⸗ chen die Löwen Schutz vor allen Winden finden. Am Fuße des Berges ſind die Duars der Uled⸗Ceſſi und zahl⸗ reiche Heerden; die Löwen haben alſo die beſte Ausſicht auf reich⸗ lichen Unterhalt. Hat ein Löwe ſein Daſein durch das Hinwegſchleppen eines Stückes Vieh oder durch ſein Brüllen dargethan, ſo wird die Kunde von einem Duar zum andern verbreitet, aber man thut acht bis zehn Tage lang nichts gegen den Räuber. Erſt wenn er recht empfindlichen Schaden angerichtet hat und es auch nicht gewiß zu ſein ſcheint, ob er weiter wandert, unternimmt man es, ihn zu verjagen. Solche Zuſammenkünfte der Männer, denen ich mehrmals peiwohnte, haben großes Intereſſe für Jeden, welcher die Sprache 2* 20 Die Löwenjagd bei den Arabern. der Eingeborenen verſteht und die ernſte Bedeutung des Zweckes zu würdigen weiß. Es finden ſich an einem Feuer am Fuße des Berges etwa funfzig Männer ein, von denen jeder eine Flinte auf der Schul⸗ ter, ein Piſtol und einen Yatagan im Gürtel trägt. Ein Dutzend langhaariger biſſig ausſehender Hunde ſchleicht um die Jäger herum und beißt ſich untereinander ohne daß ihre Herren darauf achten oder ſie daran hindern, Ich habe bei einer ſolchen Jagdverſammlung einen Hund von den andern todtbeißen und auffreſſen ſehen, ohne daß Einer der anweſenden Araber es der Mühe werth hielt ſich auf ſeinem Platze zu rühren. Freilich hatte man eben erfahren, daß man zwei völ⸗ lig ausgewachſene Löwen zu bekämpfen haben werde. Ein Löwe hat ſo viel Kraft wie vierzig Männer und iſt mit Klauen und Zähnen ausgeſtattet, deren Wirkung Jeder zu ſehen Gelegenheit hatte, wenn er ſie nicht gar zum Theil ſchon ſelbſt fühlte. Man muß nun den Arabern das Zeugniß geben, daß man in einem ſolchen Augenblicke leicht erkennen kann, wie ein Jeder bei dem Kampfe ſich benehmen wird, obwohl man Prahler unter ihnen, ſelbſt unter den Jüngſten, nicht findet. Das kommt wahr⸗ ſcheinlich daher, daß ein Jeder mit ſeiner Perſon einſtehen muß, und daß Diejenigen, welche das nicht im Stande ſind, nicht ein⸗ mal zur Vorverſammlung zugelaſſen werden, ſondern im Duar zurückbleiben und von den Frauen verſpottet oder gar verflucht werden, wenn, wie gewöhnlich, der Löwe nicht unterliegt, ohne einige ſeiner Gegner geopfert zu haben. Nachdem Diejenigen, welche auf Kundſchaft ausgeſchickt wur⸗ den, Alles mitgetheilt haben, was ſie in Bezug auf die Größe und den Aufenthalt des Löwen ermittelten, ergreift man die Maß⸗ regeln, um zum Angriff zu ſchreiten. Nach einer langen Berathung, in welcher Jeder ſeine Anſicht über die beſte Angriffsweiſe aus⸗ ſpricht, wird einſtimmig ein Entſchluß gefaßt. Die Gewehre wer⸗ 5 Die Löwenjagd bei den Arabern. 1 21 den ausgebrannt, mit der äußerſten Sorgfalt geladen und fünf bis ſechs Jäger, die man aus den Jüngſten auswählte, auf den Gipfel des Berges mit dem Auftrage geſendet, den Löwen genau in allen ſeinen Bewegungen zu beobachten und ihren Freunden durch verabredete einfache Zeichen Nachricht zu geben. Haben die Vorausgeſendeten ihren Beobachtungspoſten er⸗ reicht, ſo ſetzt ſich auch das Haupteorps in Bewegung, dem Ti⸗ railleurs vorangehen und erſteigt die Höhen, die nach dem Lager des Löwen führen. Da die Löwinnen mit ihren Jungen und die nicht völlig aus⸗ gewachſenen Löwen ſich anders verhalten als die ausgewachſenen und eine Schilderung der Jagd auch der erſteren zu weit führen würde, nehme ich an, man habe es mit einem ausgewachſenen Löwen zu thun, weil es gefährlicher und ſchwieriger iſt, einen ſolchen zu tödten, als einen jungen oder auch eine Löwin mit ih⸗ ren Kleinen. Wie bei der Jagd im Allgemeinen feſtſteht, daß das Wild faſt immer erlegt wird, gegen das man in der rechten Art vor⸗ geht, ſo hängt auch bei der Löwenjagd der Erfolg zumeiſt von der Art des Angriffes ab. Derjenige, welcher den Löwen auftreiben ſoll, hat, wie man ſich denken kann, mancherlei unabweisliche Gründe, den Baum oder das Felsſtück zu meiden, unter welchem das Thier lauernd auf dem Bauche liegt; es iſt alſo nie ganz ſicher, ob daſſelbe aufgetrieben werden kann. Sind die Jäger auf Büchſenſchußweite an das muthmaßliche Löwenlager gekommen, ſo ſchleichen ſie in der größten Stille von ehinten her näher und bleiben ſtehen, wenn ſie das Thier ſehen zu können glauben. Da aber der Löwe ein ſehr feines Gehör hat, ſo geſchieht es wohl, daß er die Tritte der Jäger oder das Rol⸗ len eines Steines hört; da erhebt er ſich und geht in der Richh tung hin, aus welcher das Geräuſch kommt. Die Löwenjagd bei den Arabern. Bemerkt ihn einer der Jäger, ſo faßt er den Zipfel ſeines Burnus mit der rechten Hand und dreht ihn mehrmals herum, was bedeutet: ich ſehe ihn. Ein anderer tritt dann aus der Gruppe heraus und dreht ſeinen Burnus⸗Zipfel von rechts nach links, was die Frage ausdrückt: wo iſt er was thuter? Hält der Löwe ſich unbeweglich, ſo faßt der Erſte die beiden Zipfel ſeines Burnus mit einer Hand, hebt ſie bis an den Kopf empor, läßt ſie dann fallen, geht einige Schritte vor und wiederholt jenes Zeichen, das bedeutet: er hält ſich unbeweg⸗ lich in einiger Entfernung von uns. Geht der Löwe nach rechts oder nach links, ſo ſchreitet jener Jäger in derſelben Richtung hin und bewegt dabei ſeinen Bur⸗ nus von links nach rechts oder von rechts nach links. Kommt der Löwe dagegen gerade auf die Jäger zu, ſo ſtellt ſich der, welcher ihn zuerſt ſah, den Andern entgegen, bewegt ſei⸗ nen Burnus ſchnell von oben nach unten und ruft laut: aou likum!(ſeht Euch vor!) Sofort ſtellen die Jäger ſich in der Reihe auf, wo möglich vor einem Felſen, damit ſie nicht umgangen werden können. Wehe Dem, welcher den Warnungsruf nicht zeitig genug gehört hat und in einiger Entfernung hinter den Andern zurückgeblie⸗ ben iſt! Sobald der Löwe ihn bemerkt, ſpringt er auf ihn zu und der Mann iſt verloren, er mag thun was er will, d. h. ent⸗ weder ſich umkehren, um einen Baum oder einen Felſen zu er⸗ reichen, oder das Thier feſten Fußes erwarten und in größter Nähe auf daſſelbe ſchießen, denn nur in den allerſeltenſten Fällen findet der Löwe durch einen ſolchen Schuß ſogleich den Tod. Das Verfahren iſt, wie man ſieht, ſehr einfach: es handelt ſich blos darum, dem Löwen ſo viele Gewehre entgegenzuſtellen, als er Zähne und Klauen hat. Die Partie ſteht aber erſt dann gleich, wenn die Gewehre einander gegenſeitig ſchützen, nicht ge⸗ trennt werden, jeder Jäger der Furcht ungänzlich und von vorn Die Löwenjagd bei den Arabern. 23 herein bereit iſt, ſein Leben zu opfern, um das ſeines Nachbars zu retten. Konnten die Jäger vor dem Angriffe ſich vereinigen und ſich an einen Felſen lehnen, ſo geht der Löwe in majeſtätiſcher Hal⸗ tung an ihnen vorbei, als hoffe er, ſein Erſcheinen ſchon werde Entſetzen in ihren Reihen verbreiten. Geſchieht dies in der That, ſo fällt er muthig die Gegner an, die dann in die Flucht geſchla⸗ gen werden und ſtets Einen oder Einige in ſeinen Klauen laſſen. Rührt ſich Keiner, bemerkt der Löwe keine Furcht unter den Jäͤgern, ſo geht er unter dumpf grollenden Drohungen zwanzig bis dreißig Schritte vor den auf ihn gerichteten Gewehren hin. Das iſt der entſcheidende Augenblick, denn auf das Commando eines der Alten in der Schaar giebt ein Jeder Feuer und legt dann ſein Gewehr bei Seite, um ſich mit dem Piſtol oder dem Yatagan zu bewaffnen. Europäiſche Jäger werden ſich wundern, daß dreißig Schüſſe auf zwanzig Schritte gegen ein Thier, das die Seite darbietet, nicht hinreichen ſollen, daſſelbe todt niederzuſtrecken. In ſechs Fällen unter zehn fällt der Löwe wirklich nicht, denn es iſt ſo ſchwer, ihm das Leben zu entreißen, daß er, wie viele Kugeln er auch erhalten haben mag, nicht ſtirbt, ſo lange das Herz oder das Gehirn nicht getroffen iſt. Fällt er unter dem Kugelregen, ſo ſtürzen, ehe er ſich wieder aufrichten kann, alle Jäger mit Piſtol oder blanker Waffe auf ihn und ſchießen und ſtechen um die Wette nach ihm, müſſen aber auch faſt immer einige Stücke Fleiſch in den Klauen des veren⸗ denden Thieres laſſen. 4 Es iſt höchſt merkwürdig, daß der Löwe am gefährlichſten, je näher er dem Tode iſt. Wenn er im Kampfe, ehe er verwundet wird, Einen der Jäger erreichen kann, ſo begnügt er ſich, ihn, als ein Hinderniß in ſeinem Wege, niederzuwerfen und der Mann kommt oft, bis auf einige unbedeutende Klauenritze, davon, wenn 24 Die Löwenjagd bei den Arabern. er einen guten Burnus trägt. Hat der Löwe dagegen ſchon eine Kugel oder gar mehrere im Fleiſche, ſo zerreißt und tödtet er Je⸗ den, den er packen kann, ja oft faßt er ihn mit den Zähnen, trägt dieſe anfällt. Iſt der Löwe aber ſchwer, vielleicht tödtlich verwun⸗ det und er kann noch einen Menſchen faſſen, ſo packt er ihn mit aller Macht, zieht ihn unter ſich, nimmt das Geſicht des Unglück⸗ lichen vor ſich und ſcheint ſich, wie die Katze mit der Maus, an ſeiner Todesangſt zu weiden. Während ſeine Klauen mit Wonne durch das weiche Fleiſch des Opfers ſich ziehen, ruhen ſeine Au⸗ gen blitzend auf den Augen des Menſchen, der, durch dieſen Blick gebannt, weder zu ſchreien noch zu jammern wagt. Von Zeit zu Zeit ſtreicht der Löwe ſeine große rauhe Zunge über das Geſicht des Sterbenden, dann zieht er die Lippen zurück wie die Katze und zeigt alle Zähne. Unterdeß haben die Verwandten oder Freunde des unglücklichen Jägers die Muthigſten in der Schaar zur Rettung aufgefordert und ſie gehen in dichter Reihe, das Gewehr angelegt, den Finger am Drücker, auf den Löwen zu, der ſie kommen ſieht und erwartet. 4 Da die für den Löwen beſtimmten Kugeln den Mann treffen könnten, ſo muß man dem Thiere ganz nahe kommen, ehe man ſchießt. Gewöhnlich opfert ſich ein Verwandter des Verunglück⸗ ten, der allein zu dem Löwen tritt und die andern Jäger etwa zwanzig Schritte hinter ſich zurückläßt. Schwinden dem Löwen allmälig die Kräfte, ſo zermalmt er mit ſeinen Zähnen den Kopf des Mannes, den er unter ſich hat, und zwar in dem Augenblicke als er das Rohr des Gewehres zu ſeinem Ohr ſich ſenken ſieht. Dann drückt er die Augen zu und erwartet den Tod. Hat er dagegen noch Kraft, ſo beeilt er ſich, den Jäger in ſeinen Klauen zu tödten, um ſich auf den *Tollkühnen ſtürzen zu können, der Jenem zu Hilfe zu kom⸗ men wagt. ihn fort und ſchüttelt ihn heftig bis er andere Jäger bemerkt und 27 — Die Löwenjagd bei den Arabern. 25 So iſt, wie man ſieht, die Rolle Desjenigen die gefährlichſte, welcher den Gnadenſtoß zu geben, den letzten Schuß abzufeuern hat, denn wenn der Löwe vollkommen ruhig auf dem Körper des Jägers liegt, kann man ſeinen Zuſtand und ſeine Abſichten un⸗ möglich errathen, ſodaß man vielleicht ungefährdet bis dicht an ihn herankommt, ja ihm das Gewehr ſchon an das Ohr hält und doch, ehe man abdrücken kann, niedergeſchlagen und in Stücke zerriſſen wird. Die Araber pflegen, wie geſagt, unter ſolchen Umſtänden einen einzigen Jäger vorzuſchicken, weil ſonſt leicht Verwirrung geſchieht und die gegen den Löwen gerichteten Kugeln den Mann unter ihm treffen. Iſt auch der Mann todt, wenn man endlich zu ihm gelangt, ſo macht es doch ſtets einen peinlichen Eindruck, wenn man ſich über⸗ zeugen muß, daß ihn eine Kugel der Freunde traf, ja man wird bisweilen zu glauben verſucht, er hätte gerettet werden können, wenn er von den Kugeln verſchont geblieben wäre. Deshalb der vorſichtige und weiſe Entſchluß, nur einem Jäger dieſen ehren⸗ vollen Auftrag zu geben.„Ehrenvoll“ nenne ich ihn, weil Der⸗ jenige, welcher ihn mit der erforderlichen Ruhe ausführt, mei⸗ ner Meinung nach der größten Heldenthaten fähig iſt. Das Vorſtehende gilt für den ziemlich ſeltenen Fall, in wel⸗ chem die verſammelten Jäger durch einen der Vorausgeſchickten von der Ankunft des Löwen benachrichtigt worden ſind. Meiſt liegt er in einem Verſteck auf dem Bauche und wird von Keinem geſehen, wenn er ſich bei dem Geräuſche nicht rührt. Dann muß man ihn in ſeiner Feſte angreifen und mit Sturm nehmen, wie die Araber ſich ausdrücken. Wie groß aber auch die Kühnheit dieſer Männer ſein mag, die ſo muthig in den Tod gehen, ſie entſchließen ſich doch immer nur im äußerſten Nothfall und wenn es gar nicht anders geſchehen kann, den Löwen in ſeinem Verſtecke anzugreifen. 26 Die Löwenjagd bei den Arabern. Gelangen ſie an den Saum der Waldung, in welchem das Thier liegt, ohne daß die Tirailleurs daſſelbe geſehen haben, ſo beginnen ſie ein gewaltiges Geſchrei, untermiſcht mit tauſend Schimpfworten, welche ihrer Meinung nach den Löwen bewegen ſollen ſich zu zeigen. Bleibt er taub, ſo reizt man ihn dadurch noch unmittelbarer, daß man einige Kugeln dahinſchießt, wo man ihn vermuthet. Solche Manöver dauern bisweilen mehrere Stun⸗ den und je länger ſie währen, um ſo mehr zögern die Jäger mit dem Angriffe. Sie wiſſen aus Erfahrung, daß ein Löwe, der gegen Schimpfen und Schießen taub bleibt, recht gut weiß, was dies zu bedeuten hat, daß ſchon einmal Jagd auf ihn gemacht worden iſt und daß er folglich ſeine Feinde in ſeinem Lager er⸗ wartet, um erſt von da aus ſie anzufallen. Daß eine ſolche Aus⸗ ſicht Schwanken und Zögern veranlaßt, begreift ſich, namentlich bei Denen, welche die Klauen des Löwen ſchon einmal in ihrem Fleiſche gefühlt haben. Während die Araber am Waldſaume lauern und mit heftigen Geberden ſich berathen, begleite der Leſer mich hinein zu dem Lö⸗ wenlager, damit wir ſehen, wie es da zugeht. Unter einem dunkeln, dichten Dach von wilden Oliven⸗ und hundertjährigen engverwachſenen Maſtixbäumen hat der Löwe ſich mehrere bequeme Gemächer eingerichtet, in denen er je nach der Jahreszeit und der Witterung ſich aufhält. Hierher kehrt er je⸗ den Morgen mit der Dämmerung zurück, um zu ſchlafen und die Beute ungeſtört zu verdauen, die er in der Nacht verzehrt hat. Vor der Ankunft der Jäger ſchlief der Löwe feſt, der wie eine Katze daliegt. Bei dem erſten Geräuſche, das zu ihm drang, ſchlug er die Augen auf, ohne den Kopf emporzurichten; als das Geräuſch vernehmlicher wurde, legte er ſich auf den Bauch, um zu horchen. Bei dem erſten Hurrah der Jäger ſprang er auf wie durch eine Springfeder emporgeſchnellt, ſchüttelte die Mähne und antwortete mit furchtbarem Brüllen auf das Geſchrei der Unvor⸗ * Die Löwenjagd bei den Arabern. 27 ſichtigen, die ſeinen Schlaf zu ſtören wagten. Nach dem erſten Schuſſe, der in dem Walde knallt, nach dem Pfeifen der erſten Kugel in den Zweigen ſprang er wüthig aus ſeinem Lager her⸗ aus, um die Umgegend zu muſtern. Das Schreien, das Schimpfen, Verhöhnen und Drohen der Araber dringt bis zu ihm, er bleibt ſtehen, um zu horchen und zittert vor Zorn und Ungeduld. Er erinnert ſich, daß eines Tages zu gleicher Stunde ſein Schlaf durch gleiches Geſchrei geſtört wurde, daß er zu ungeduldig her⸗ vorbrach die Kecken zu züchtigen und daß er von einem Hagel von Kugeln empfangen wurde, die ihm im Fleiſche brannten. Wie ſehr man auch drohen und ihn reizen mag, er wird ſich diesmal beherrſchen und auf den günſtigen Augenblick warten. Er geht unruhig um ſein Lager herum und bleibt bald ſtehen, um zu hor⸗ chen, bald richtet er ſich auf den Hinterfüßen an einem Baum⸗ ſtamme auf, den er mit den gewaltigen Vordertatzen umfaßt und mit den Zähnen und Klauen zerreißt als habe er einen lebendi⸗ gen Feind vor ſich. Das geſchieht in dem Dickicht, während die Jager, in der Ueberzeugung, daß der Löwe nicht herauskommen werde, Rath halten, um zu entſcheiden, ob ſie angreifen oder ſich zurückziehen ſollen. Selten geht man auseinander, ohne daß wenigſtens ein Angriff verſucht worden iſt, wäre es auch nur, um den Spöttereien und Neckereien der Weiber zu entgehen und die Ehre der Jagd⸗ geſellſchaft dadurch zu retten, daß man einen Todten oder einen Verwundeten zurückbringt, was ſtets das Aufgeben des Unter⸗ nehmens rechtfertiget. Bei ſolchen Berathungen ſind die Männer von reifem Alter ſtets vorſichtig, die Jüngern dagegen ungeduldig und kampf⸗ begierig. Als die Uled⸗Ceſſi im Monat Februar 1850 mich aufforder⸗ ten, Jagd auf zwei Löwen zu machen, die ſich bei ihnen eingefun⸗ den, kam Etwas vor, das hierher gehört und das ich gern erzähle⸗ „ 2 28 α Die Löwenjagd bei den Arabern. Man hatte alle Männer zuſammenberufen und Keiner blieb aus, weil ſte glaubten, ich allein erlege jeden Löwen. Die beiden Löwen befanden ſich in einem dichten Maſtixwalde, in dem wir ſie bisweilen ſahen als wir uns beriethen, wo wir den Angriff am ſicherſten unternähmen. Obgleich ich im Voraus ent⸗ ſchloſſen war, die Mitwirkung de ed⸗Ceſſi abzulehnen, ſah ich doch die Verſammlung gern, w M n i meine Kenntniſſe ver⸗ mehren, beſonders aber den ern zeigen konnte, was der Wille eines Ch Pn te dan aue lei ten vermag. Ehe ich alſo die Leute auf den Beobachtungspoſten ſ hi te den 1 9 ihnen be⸗ zeichnen ſollte, wenn ich allein zu ſein wün e adu Alten ſprechen, als wollten wir die Jagd in Geſell ft Die Berathung währte lange und war ſeh r. l miſch. Die Alten meinten, ich ſolle zwei oder drei 1 vor den in d·chter Reihe mir Folgenden gehen; die jungen Männer aber, die ein ſolcher Antrag empörte, wollten vorangehen und mir den Platz zwiſchen ihnen und den Alten auweiſen, welche dar⸗ nach gleichſam die Reſerve bildeten für den Fall, daß die Löwen durchbrächen. Ich ließ ſie reden und ſich ſtreiten. Während ein junger Mann aufſtand, um ſeinen Arm und ſein Bein zu zeigen, die von den Klauen eines Löwen zerriſſen waren, welchen er erlegt hatte, überſchrie ihn ein Ande nd ſagte, was jener da zeige, wären nur leichte Kratzwunden aber würde, wenn er es wagte, der Geſellſchaft etwas ganz anderes zeigen. Nach den Worten:„wenn ich es wagte“ ſchwiegen plötz⸗ lich Alle; Junge und Alte gingen vom impoſanten Ernſt zu aus⸗ gelaſſener Heiterkeit über und man rief durch einander:„Er wird es wagen!“„Er pagt es nicht.“—„Er wird es zeigen!“ „Er zeigt es nicht!“—„Seine Frau hat es geſehen; wir wer⸗ den nichts ſehen!“ 1 Während der arme Teufel verlegen in dem Kreiſe hin und her lief ohne aus demſelben herauskommen zu können, bemerkte Die Löwenjagd bei den Arabern. 29 ich in meiner Nähe einen Greis und einen Knaben von funfzehn oder ſechzehn Jahren, die an der allgemeinen Heiterkeit nicht Theil nahmen, ſondern lebhaft mit einander ſprachen. An dem erſten Worte, das ich aus ihrem Geſpräche verſtand, errieth ich, daß ſie Vater und Sohn waren. „Mein Sohn,“ ſagte der Vater,„Du weißt, daß ich keinen Knaben außer Dir habe, daß ich alt werde und vor Kummer ſter⸗ ben würde, wenn Dir ein Unglück begegnete.“ „Bin ich nicht ein Mann?“ fragte der Knabe. „Ja, Du biſt ein Mann,“ antwortete der Vater lächelnd, „und ich bin ſtolz auf Dich, mein Blut. Aber Dein Bruder war auch ein Mann und doch fand er im vorigen Jahre, hier, in die⸗ ſem Gebirge, ſeinen Tod; ich, ſein Vater, war bei ihm und konnte ihn nicht retten. Der Löwe iſt ſchrecklich, mein Sohn, ſchrecklich wenn er angreift; das Auge des Menſchen wird unſicher vor ſeinem Blicke; ſeine Hand zittert, weil das Herz ihm ſchnell ſchlägt, und die Kugel, wenn ſie auch trotz der Unruhe des Auges und des Herzens trifft, tödtet nicht, denn ein Löwe erträgt mehrere Kugeln.“ „Aber, Vater, wenn ich heute nicht ſchießen ſoll, warum haſt Du mich mitgenommen zur Verſammlung? Es iſt eine Schande für mich, von ihr zurückzugehen.“ „Ich erlaubte Dir mitzugehen, erſtens weil ich nicht wußte, daß wir zwei Löwen ſtatt eines einzigen zu bekämpfen hätten, was das Unternehmen doppelt gefährlich macht, dann aber auch, weil Du ſchon lange wünſchteſt, den Lwenmann, den Fremden zu ſehen, der heute da iſt. Da ſteht er bei Dir; beſieh ihn genau, damit Du ihn Deiner Mutter und den Leuten im Duar beſchrei⸗ ben kannſt, die ihn nicht kennen; haſt Du ihn betrachtet, dann gehen wir.“ Auf die Worte:„dann gehen wir“ entgegnete der Knabe: „Gehe Du, Vater, wenn Du willſt, ich bleibe, denn wenn der 30 Die Löwenjagd bei den Arabern. Mann mich gehen ſähe, würde er mich für feig halten und er ſoll wiſſen, daß ich ein Sohn der Ceſſi bin.“ Der Vater ſah nun wohl, daß der Entſchluß ſeines Sohnes unerſchütterlich feſtſtehe und er verſuchte alſo große Mittel. „Schon lange,“ begann er,„wünſcheſt Du, ich möchte Dir eine Stute kaufen; morgen ſollſt Du ſie haben.“ „Was nützt mir das Pferd,“ antwortete der Knabe ſtolz, „wenn man mich reiten ſähe und ſagte: Schade, daß ein ſo fei⸗ ger Reiter auf ſo ſchönem Pferde ſitzt!“ „Nun,“ fuhr der Vater fort,„ſo gebe ich Dir nicht blos das Pferd, ich gebe Dir auch das Mädchen, das Dir gefällt, zur Frau.“ Dieſes Verſprechen erſchütterte einen Augenblick den Vorſatz des Jünglings, aber bald antwortete er ernſt und ſtolz:„Vater, Du weißt, daß in unſerm Vaterlande, beſonders in unſerm Stamm, die Frauen Den verachten, welcher ein Mann nur nach ſeiner Kleidung iſt. Ich bin aus dem Stamm der Uled⸗Ceſſi und Dein Sohn; die, welche ich liebe und die meine Frau ſein ſoll, muß Den achten, welcher Alles für ſie ſein ſoll, und ſtolz auf ihn ſein. Höre alſo mein letztes Wort, Vater: Wenn Du mir nicht erlaubſt heute bei der Jagd zu ſein, wenn Du mich zwingſt, vor den Augen Aller feig zu erſcheinen, ſo ſchlage ich nicht nur das Pferd und die Frau aus, ich verlaſſe auch Dein Zelt und wandere weit fort, damit die Leute meines Stammes meine Schande nicht ſehen.“ Die Leſer ſind gewiß meiner Meinung, daß es gar ſchön ſei, bei einem noch bartloſen Jüngling ſolchen Muth zu finden, der gar nicht ſelten iſt. Ich machte dem edlen Wettſtreite dadurch ein Ende, daß ich den Vater über die Folgen der Jagd beruhigte und dem jungen Manne freundliche Worte über ſeinen Muth ſagte. Dann theilte ich der Geſellſchaft meinen Vorſatz mit und forderte den armen Teufel, der unter den Späßen der Andern ſoviel hatte leiden ——— Die Löwenjagd bei den Arabern. 31 müſſen, auf bei mir zu bleiben und die zweite Büchſe mir immer bereit zu halten. Kaum hatten die Araber den Sammelplatz verlaſſen, um ſich auf den ihnen von mir bezeichneten Beobachtungspoſten zu bege⸗ ben, als ein Löwe aus dem Dickicht und auf mich zukam. Der zweite folgte etwa funfzig Schritte hinter ihm. Ich ſaß auf einem Felsblocke, welcher die nächſte Umgegend überragte und zu dem man auf Abſätzen hinaufſteigen mußte. Der Araber war neben mir. Ich griff nach meinem Gewehr und ſpannte den Hahn, ebenſo den an dem einläufigen Reſerve⸗, gewehr, das ich in der Hand des Arabers ließ, nachdem ich ihm empfohlen hatte, mir daſſelbe ſofort zu reichen, wann ich beide Läufe des erſten abgeſchoſſen. Der erſte Löwe ſprang auf die unteren Abſätze an dem Fels⸗ blocke und blieb ſtehen; ich wollte eben abdrücken als er ſich nach dem zweiten umſah. Durch dieſe Bewegung bot er mir die rechte Schulter ſo ſchußrecht, daß ich nicht länger zögerte. Der Schuß knallte, der Löwe fiel brüllend und machte eine Anſtrengung ſich abermals aufzurichten, brach aber wieder zuſammen. Beide Schul⸗ tern waren ihm zerbrochen. 1 Der zweite Löwe hatte bereits einen Fuß auf dem Felſen. Er erhielt die Kugel etwas hinter das Schulterblatt, ſank zuſam⸗ men, richtete ſich aber nochmals auf und gelangte mit einem furcht⸗ baren Sprunge auf den Felſen ſelbſt. 1 Das Gewehr aus der Hand des zitternden Arabers zu neh⸗ men, anzulegen, auf die Schläfe des Löwen zu zielen, loszudrücken unnd ihn vier Fuß vor mir niederzuſtrecken erforderte nicht ſo viel Zeit als ich brauche, um es hier nieder zu ſchreiben. Dann nahm ich dem erſten durch eine weitere Kugel das Leben und die Sache war vorbei. 8 Jetzt kehren wir zu unſerer erſten Jägergeſellſchaft zurück, die berieth, ob ſie angreifen ſolle oder nicht — ĩoꝑſopcop 32 Die Löwenjagd bei den Arabern. Nach vielen Worten und Geberden, die zu nichts geführt, haben die Aeltern den Jüngern nachgeben müſſen und ſo iſt be⸗ ſchloſſen worden, ſofort zum Angriff zu ſchreiten. Jeder wirft den Burnus ab, den er an einen Baum hängt, zieht die Schuhe aus, wenn er nicht ſchon barfuß iſt und die ganze Geſellſchaft, Jeder nur mit einem bis an die Knie reichenden Hemd bekleidet, ſucht die Spur des Thieres, die ſtets bald ge⸗ funden wird. Man muß ihr immer folgen und darf ſie keinen Augenblick aus den Augen verlieren, um das Thier immer vor ſich zu haben. Da das Gebüſch aber ſo dicht iſt, daß nicht zwei Män⸗ ner neben einander gehen können, ſo geht faſt immer ein junger Hitzkopf voraus, der zuerſt eine ſolche Jagd mitmacht und ſich nicht halten läßt. So oöft ſie in eine Lichtung gelangen, ſammeln ſich die Jä⸗ ger da, ſtellen ſich in Schlachtordnung auf und fordern den Löwen zum Kampfe heraus, indem ſie ihm nochmals alle Schmäh⸗ und Schimpfworte entgegen ſchreien. Der Löwe aber bleibt ruhig im Verſtecke auf dem Bauche liegen, um den rechten Augenblick zu er⸗ warten. Die Jäger müſſen demnach von neuem weiter gehen bis der jugendliche Führer plötzlich ſtehen bleibt und dem ihm zu⸗ nächſt Folgenden zuruft:„er iſt nicht allein, denn hier ſehe ich die Fährte eines andern, die noch größer zu ſein ſcheint als die, welcher wir nachgehen.“ Man betrachtet die Fährte nun genauer und findet, daß es dieſelbe iſt, der Löwe aber wohl vor Kurzem aus ſeinem Verſtecke hervorkam und nach einem andern ging. Es zeigen ſich wohl gar noch mehrere Fährten, die dahin und dorthin führen, ſodaß man endlich nicht mehr weiß, welcher man folgen ſoll, zumal da meh⸗ rere ganz friſch ſind. Es iſt dies ein ſehr ſchwieriger Fall und man begiebt ſich meiſt zu der nächſten Lichtung zurück, um vereint berathſchlagen zu können, während Einige Wache halten. Meiſt ſchlagen die ältern Männer vor, lieber ganz umzukehren und den Die Löwenjagd bei den Arabern. 33 nächſten Tag einen klugen Mann, einen Marabut kommen zu laſſen, damit derſelbe den Löwen beſchwöre und aus der Gegend vertreibe. Andere tragen darauf an, am Waldſaume ein Feuer anzuzünden, um durch dieſes Signal Verſtärkung herbeizurufen. Die Mehrzahl bleibt indeß entſchloſſen den Angriff zu wagen, und will nur über die Art und Weiſe deſſelben berathen, ob es beſſer ſei irgend einer der Fährten zu folgen oder ſich zu theilen. Nachdem man die Erfolge dieſer verſchiedenen Operationen beſpro⸗ chen hat, entſcheidet man ſich für die letztere und man theilt ſich in zwei Angriffscolonnen. Dabei geht man in eigenthümlicher und kluger Weiſe zu Werke. Statt nämlich die Kampffähigen in gleiche Anzahl zu theilen und jeder Zahl gleichviele Muthige und Gewandte beizugeben, wie dies bei uns geſchehen würde, theilt man nach Duar, Zelt und Familie, ſodaß, wenn dreißig Jäger anweſend ſind, eine Colonne zwanzig, die andere nur zehn zählt, welche letztere aber trotz der geringern Zahl und dem vielleicht ge⸗ ringern perſönlichen Muthe ſtärker als die zwanzig andern ſind, weil ſie durch Brüder, durch nahe Verwandte unterſtützt ſind, alſo im Augenblicke der Gefahr auf ihre Begleiter ſicher rech⸗ nen können. 4 Sind die beiden Haufen gebildet, ſo begeben ſie ſich zuſam⸗ men an die Stelle, wo die Fährten auseinander laufen, trennen ſich hier und verſprechen einander gegenſeitige Unterſtützung auf den erſten Ruf oder Schuß. Ein jeder Haufe folgt ſchweigend der Fährte des Thieres und bleibt von Zeit zu Zeit ſtehen, um zu horchen. Nach einiger Zeit trifft der rechte Haufe(wollen wir annehmen) auf einen Baum, deſſen Rinde von den Klauen des Thieres zerkratzt iſt. Alle bleiben ſofort ſtehen, um einander ihre Anſichten mitzutheilen. Der linke Haufe wandert unterdeß ohne Zögern weiter, weil ein Fremder an ihrer Spitze geht, der ſte ein⸗ ggeholt hat, der berühmte Abdallah, der Rieſe, welcher ſtets beim Angriffe der Erſte iſt, ſtets, wenn ein Jäger durch den Löwen nie⸗ Der Löwenjäger. 3 34 dergeworfen wurde, hineilt, um ihn zu befreien oder zu rächen, allein auf den Poſten bleibt, wenn die andern muthlos fliehen, und einmal, als er ſein Gewehr abgeſchoſſen und die Klinge ſei⸗ nes Yatagan durch einen Hieb gegen den Kopf eines Löwen zer⸗ brochen hatte, ſogar denſelben mit ſeinen kräftigen Armen um⸗ faßte, ihn biß, ſich zerkratzen und faſt zerreißen ließ, aber mu⸗ thig aushielt bis das Thier durch einen Andern eine Kugel in das Ohr erhielt. Da ich einmal eine Jagdepiſode erzählt und einen Mann er⸗ wähnt habe, welcher mit vollem Rechte als Muſterbild des Rit⸗ ters ohne Furcht und Tadel gelten kann, erlaube man mir, einen Zug dieſes Freundes anzuführen, der arm wie Hiob, aber ſtolz auf ſeinen Werth und auf ſeine Thaten iſt. Es war im Mai 1852 und die franzöſiſchen Truppen zogen unter dem General M. in Kabylien umher, als ein Aufſtand auf mehreren Punkten der Provinz Konſtantine ausbrach. Der Ge⸗ neral v. A. wurde mit einigen Bataillonen abgeſendet, um dem Umſichgreifen des Aufſtandes Einhalt zu thun und die aufrüh⸗ reriſchen Volksſtämme zu züchtigen. Ich wurde dem General bei⸗ gegeben. Nach einem fünftägigen Marſche kamen wir am Fuße eines Berges bei den Stamme der Haractahs an, welcher Sidi⸗Regis heißt und die Ehre hat, von dem Kohlenbrenner Abdallah be⸗ wohnt zu werden. Da es noch früh am Tage war, ſo äußerte der General, Ei⸗ ner der leidenſchaftlichſten Jäger, die ich kenne, den Wunſch, in der Nähe des Bivouaks auf die Jagd zu gehen. Ich erzählte ihm von Abdallah und fragte, ob es ihm angenehm ſein werde, denſelben als Führer bei ſich zu haben. Augenblicklich wurde ein Reiter abgeſchickt, welcher unſern Mann auch richtig mit ſich brachte. Nach der herkömmlichen Begrüßung fragte ich ihn, ob es viele Haſen in der Nähe gebe. Er ſah mich darauf erſtaunt an, Die Löwenjagd bei den Arabern. —— Die Löwenjagd bei den Arabern. 35 drehte mir den Rücken zu, ging zu einer Anzahl Araber, die bei meinem Zelte lagerten und kam mit Einem derſelben zurück. „Da,“ ſagte er und zeigte mit der wegwerfendſten Miene auf ſeinen Begleiter,„da iſt ein Haſenmann.“ „Du biſt ja auch aus der Gegend wie er und mußt ebenſo gut wiſſen, wo Haſen ſind,“ antwortete ich etwas gereizt wegen ſeines Benehmens. „Ich wohne auf dem Berge und der Haſe hält ſich in der Ebene auf,“ ſagte er mir in demſelben Tone. „Du weißt alſo, daß Haſen hier in der Ebene ſind?“ „Ich kann nichts ſagen, als daß ich nur⸗Abends herunter komme, entweder um meine Geliebte zu beſuchen, oder um ein Schaf mehr in meine Heerde zu bringen; treffe ich unterwegs auf Thiere, ſo ſind es gewiß keine Haſen.“ Da mir viel darauf ankam, dem General den Mann als Führer zu geben, ſo brach ich das Geſpräch vor Zeugen kurz ab und nahm Abdallah mit mir in mein Zelt. Hier ſprach ich mit ihm über Löwen und als ich ihn in gute Stimmung gebracht hatte, theilte ich ihm mit was ich von ihm wünſchte. Ich muß geſtehen, daß er nur ungern darauf einging und dann, um ſeinem Rufe nicht zu ſchaden, dafür ſorgte, daß der General gar nichts fand. Seit jener Zeit habe ich Abdallah nicht wieder geſehen, als ich aber im Juli des vorigen Jahres von einem Ausfluge nach dem Süden zurückkam, blieb ich eine kurze Zeit bei dem Scheik ſeines Stammes, von dem ich erfuhr, Abdallah habe nochmals einen Mann aus den Klauen eines Löwen befreit. Während wir uns jetzt mit ihm beſchäftigt haben, iſt der Führer der Schaar, welcher wir der Löwenfährte folgen ſahen, am Ziele angekommen. Ein furchtbares Brüllen ließ ſich einige Schritte von ihnen in dem Dickicht hören. 3* Die Löwenjagd bei den Arabern. „Nieder! An den Boden!“ rief eine Stimme, die würdig zu ſein ſchien eine Armee zu commandiren.„Nieder, Söhne der Ceſſi! Bedenkt, vaß Ihr Männer ſeid und daß ich bei Euch bin!“ Alsbald drängt ſich die Jägerſchaar dicht um ihren Führer und wartet mit angelegtem Gewehr, daß der Löwe hervorſtürze. Es iſt dies ein feierlicher Augenblick. Die Jäger und der Löwe ſind kaum einige Schritte von einander entfernt, und doch ſehen ſie einander nicht. Der Löwe hat ſich katzenartig niedergelegt, um den Kugeln ſo wenig Fläche als möglich zu bieten und zum Sprunge bereit zu ſein. Die Jäger ſitzen, liegen oder knien ſo eng aneinander ge⸗ draͤngt, daß ſie faſt durch einen Burnus bedeckt werden können. Plötzlich giebt Einer der Jäger ein Zeichen mit der Hand, welches bedeuten ſoll: ich ſehe ihn! Sein Nachbar folgt der Rich⸗ tung des Fingers und beſtätigt das Zeichen des Erſten. Alle drängen herbei, um den Feind ebenfalls zu ſehen und gleichzei⸗ tig zu feuern. Leider iſt dies zu ſpät. Der Löwe, der ſich ent⸗ deckt geſehen, hat ſich auf die Schaar geſtürzt, den Kopf des Ei⸗ nen zermalmt, dem Andern ein Auge ausgeriſſen, dem Dritten die Schulter zerkratzt und iſt dann mit einem Satze, ſo ſchnell als er gekommen, in dem Walde verſchwunden, ſodaß Niemand Zeit hatte zu ſchießen. Da erhebt ſich denn ein betäubendes Geſchrei; ein Jeder . ſchiebt die Schuld auf ſeinen Nachbar und der Unglückliche, welcher den Löwen zuerſt ſah, wird, wenn er nicht getödtet oder ſchwer verwundet wurde, mit Beleidigungen überſchüttet, als habe er zu dem Thiere geſagt: komm! jetzt iſt die rechte Zeit. Die Schaar zur Rechten konnte unterdeß nicht wohl von der Jagd länger fern bleiben und ſie kommt langſam heran. Man ſieht einander an und zählt. Ein Todter und zwei Verwundete! Das iſt ſtark und man kann es nicht ſo hingehen laſſen. Wo iſt der Löwe?— Man erhitzt ſich gegenſeitig und ſchreit, ohne länger auf — Die Löwenjagd bei den Arabern. 37 die Worte der Alten und Erfahrenen zu hören, die warnend vorausſagen, daß der Löwe zurückkommen werde. Und das geſchieht in der That. Der Löwe, den das Geſchrei gereizt und der Blut geſehen und gekoſtet hat, kommt brüllend durch das Dickicht zurück und ſtürzt ſich mit weit aufgeriſſenem Rachen auf die Kette von Jägern, die diesmal nicht überrumpelt werden, ſondern ihm wohl dreißig Schüſſe in größter Nähe ent⸗ gegenſchicken. Von Kugeln durchbohrt bricht der Löwe mitten in der Schaar zuſammen und packt mit den Zähnen und den Klauen Alles, was er erreichen kann bis er ſeinen Wunden erliegt oder noch eine Kugel bekommt, die ihm das Leben nimmt. Iſt er todt, ſo zieht man die Jäger hervor, die unter ihm liegen, und prüft den Zuſtand derſelben ſowie den jener, die im erſten Kampfe fielen. Man hat zwei Todte und vier Verwundete, darunter zwei ſchwer Verwundete. Bei uns würde man den Ausgang der Jagd für einen ſehr traurigen halten und ſich mehr mit den Todten und Verwundeten als mit dem Löwen beſchäftigen; hier iſt Alles ganz anders. Auf die Opfer achtet Niemand als die nächſten Verwandten derſelben. Hat man die Verwundeten an eine ſichere Stelle neben die Todten gebracht, ſo ſchickt man zwei Mann in den nächſten Duar, um Maulthiere zum Fortſchaffen der Gefallenen zu holen. Dann werden alle Meſſer gezogen und man geht ſofot daran, dem Löwen das Fell abzuziehen, was unter lautem Geſchrei geſchieht. Iſt auch das Fell abgezogen und ſind die Maulthiere ange⸗ kommen, ſo kehren alle Jäger in folgender Ordnung in die Ebene zurück. Voran zieht Der, welcher dem Löwen den entſcheidenden Schuß gab, und er trägt die blutige Löwenhaut. Ihm folgen drei nebeneinander gehende Maulthiere. Auf dem erſten ſitzen die zwei ſchwer Verwundeten, auf jedem der beiden andern ſitzt ein leichter Verwundeter, der einen Todten in ſitzender Stellung vor 38 Die Löwenjagd bei den Arabern. ſich hält. Der zertheilte Löwe wird an Stangen in der Mitte des Zuges getragen. An der Stelle wo die Jäger ſich zu trennen haben, um in ihre verſchiedenen Duars zurückzukehren, werden ſie unter Freu⸗ dengeſchrei und lautem Weinen von einer Menge Männer, Frauen und Kinder empfangen, die ihnen von allen Seiten her entgegen geeilt ſind. Die Männer miſchen ſich unter die Jäger, um ſich die Vorgänge bei der Jagd erzählen zu laſſen; die Frauen freuen ſich oder weinen, je nachdem ihre Lieben geſund und wohl oder verwundet oder gar todt ſind; die Kinder endlich drängen ſich neugierig, wenn auch mit Grauen, um Den, welcher mit der Lö⸗ wenhaut bedeckt, auf allen Vieren gehend und brüllend um⸗ herläuft. So jagen oder jagten vielmehr die Uled Melul und die Uled⸗Ceſſi. Vor der Eroberung von Algier, d. h. in der Zeit als das jetzt franzöſiſche Afrika im Beſitz der Türken war, gaben die Beys von Konſtantine jenen beiden Volksſtämmen Freiheit von allen Abgaben, die auf den andern Stämmen laſteten, ja ſie bezahlten mit bedeutenden Summen die Felle der Löwen, die getödtet wor⸗ den waren. Dieſe Löwenfelle wurden dann an den Paſcha von Algier und von dieſem als Geſchenk an den Großſultan geſendet. Seit die Franzoſen das Land in Beſitz genommen haben, legten die genannten beiden Stämme vergebens ihre Urkunden vor, die ihnen Abgabenfreiheit zuſtcherten; ſie wurden ganz ſo wie die andern Völkerſchaften behandelt. Ueberdies zahlte die Behörde in Algier für ein Löwenfell nur die vom Staate ausge⸗ ſetzte geringfügige Prämie von funfzig Francs. Die Jägerſtämme fühlten ſich dadurch verletzt, daß man ſie wie Fellhändler behandelte und gaben die Löwenjagd auf. Nur ſehr ſelten, wenn ſie perſönlich durch die Nähe eines Löwen viel zu leiden haben, entſchließen ſie ſich ihn anzugreifen. Mehrmals Die Löwenjagd bei den Arabern. 39 ſeit zwei bis drei Jahren ſind ſie zu mir nach Konſtantine gekom⸗ men und wenn ſie mich nicht trafen, ließen ſie lieber einen Monat lang Stücke aus ihren Heerden rauben, als daß ſie ſelbſt zu den Waffen griffen. Nun die Schegatmas, der dritte Volksſtamm, von dem indeß nicht viel zu ſagen iſt, ob er gleich ſonſt dieſelben Vorrechte hatte wie die beiden bereits erwähnten. Die Schegatmas ſind ein Theil eines gleichnamigen tune⸗ ſiſchen Stammes, erſchienen vor etwa vierzig Jahren mit einem Bey von Tunis, welcher Konſtantine belagerte und ließen ſich in dem Gebirge Hamama bei den Haractahs nieder. Wenn ihr Scheik zu den Waffen ruft, bringt er etwa hundert Gewehre zuſammen. Die Vorbereitungen zur Löwenjagd ſind bei ihnen dieſelben wie die ſchon geſchilderten. Hat man den Löwen ermittelt, ſo ſchleichen die Jäger geräuſchlos um ihn herum und ſteigen auf die Fichten und Eichen, welche in ihren Bergen wachſen. Iſt Jedermann auf ſeinem Poſten, ſo beginnt man von allen Seiten gewaltig zu ſchreien und wenn der Löwe darauf nicht erſcheint, ſchießt man wohl auch ein paar Mal aufs Geradewohl. Der Löwe, der daran gewöhnt iſt mit Menſchen und nicht mit Eichhörnchen zu thun zu haben, hört an dem Geſchrei umher, daß die Jäger ſich nicht an einer Stelle befinden, ſchleicht vorſich⸗ tig aus ſeinem Lager heraus und geht horchend und mit ge⸗ ſchwungenem Schweife nach einem Schreier zu, der ſich beſonders hervorthat und den er allein zu überraſchen hofft. Plötzlich hört er ganz in der Nähe einen Ton, wie ihn ein verſagendes Gewehr giebt; ohne einen Schritt weiter zu gehen, legt er ſich auf den Bauch nieder und ſchaut forſchend nach jedem 4 Gebüſch und jedem Steine. In demſelben Augenblicke verbreitet ſich eine Rauchwolke vor ihm; es knallen von allen Seiten Schüſſe; er ſpringt auf und windet ſich wie eine Schlange unter den Ku⸗ 40 Die Pantherjagd. geln, die ſich ihm in den Leib bohren. Erblickt er Einen ſeiner Feinde, die ihn fortwährend verhöhnen und ſchimpfen, auf einem Baume, ſo zerkratzt und zerbeißt er die Rinde deſſelben und muß endlich da ſein Leben aufgeben. Die Schegatmas erlegen in dieſer Weiſe die Löwen meiſt vhne Gefahr für ſich ſelbſt; nur wenn Einer der J Jäger nicht hoch ge⸗ nug auf einen Baum geſtiegen iſt, wird er vielleicht von dem wüthenden Thiere gepackt und zerriſſen. Drittes Kapitel. Die Pantherjagd. Der Panther befindet ſich in den drei Provinzen des fran⸗ zöſiſchen Afrika, zwiſchen dem Küſtenſtrich und den Hochebenen, häufiger in der Nähe der Küſte. Es giebt zwei Arten, die der Farbe nach gleich, aber an Größe ver ſchieden ſind. Der größte iſt etwa wie eine zweijährige Löwin; die kleinere Art ſteht um ein Drittel an Größe zurück. Der Panther hat ſehr viel mit der Kaße gemein und unter⸗ ſcheidet ſich in Charakter und Lebensweiſe weſentlich von dem Löwen, dem er doch ähnlich zu ſein ſcheint. Der Löwe geht kühn in die Ebene hinunter und holt ſich vor den Augen der Araber ein Rind oder ein Pferd zur Abendmahl⸗ zeit. Der Panther ſcheut ſich den Wald zu verlaſſen, ſelbſt in der Nacht, und konnte er kein Wildſchwein, keinen Schakal, keinen Haſen packen, ſo begnügt er ſich mit einem Rebhuhn oder einem Kaninchen. Die Stimme des Löwen kann mit dem Donner verglichen werden, die des Panthers gleicht täuſchend dem Geſchrei des Maulthieres. 5 Die Pantherjagd. 41 Ddies erinnert mich an eine Jagdepiſode, bei welcher ich, wie man ſehen wird, in aller Bequemlichkeit die Stimme dieſes Thie⸗ res ſtudiren und ihre Aehnlichkeit mit jener anderer Thiere ver⸗ gleichen konnte. Es war am 16. Juli 1845. Die Bewohner von Mahuna hatten mich berufen, ſie von einer Löwenfamilie zu befreien, die ihren Sommeraufenthalt bei ihnen genommen hatte und die Rechte der Gaſtfreundſchaft misbrauchte. Ich empfing nach meiner Ankunft alle nöthigen Nachweiſun⸗ gen und erfuhr auch, daß die Löwen in jeder Nacht ihren Durſt in dem Wed⸗Scherf löſchten. Sofort begab ich mich an dieſen Fluß, wo ich nicht nur die Fährten der Thiere, ſondern auch die Stellen fand, von wo ſie zu kommen pflegten. Die Familie war zahlreich, da ſie aus dem Alten, der Alten und drei bereits herangewachſenen Jungen beſtand. Ich befand mich unter etwa einem Dutzend Araber, die mich begleiteten, an dem Ufer, nur einige Schritte von der Stelle, an welcher die Löwen an den Fluß gingen. Der alte Taieb, der Scheik der Gegend, nahm mich am Arme, zeigte auf die zahlreichen Fährten im Sande und ſagte:„es s ſtnd ihrer zu viele; wir wollen fortgehen.“ Schon damals hatte ich über hundert Nächte allein, unter freiem Himmel, bald in einer von den Löwen beſuchten Schlucht ſitzend, bald auf kleinen gebahnten Wegen im Walde wandernd, zugebracht. Ich war dabei auf Räuber und Löwen geſtoßen, mit Gottes und St. Hubertus' Hilfe aber immer glücklich davon ge⸗ kommen. Die Erfahrung hatte mich aber auch gelehrt, daß ſelten zwei Kugeln hinreichen, einen ausgewachſenen Löwen zu tödten und ich dachte bei jeder neuen Unternehmung unwillkürlich an die dder jene Nacht, die mir ſehr lang vorgekommen war, entweder K eil mich das Fieber befallen hatte, unter dem meine Hand zit⸗ terte, wenn ſie feſt und ſicher ſein ſollte, oder weil ein zu höchſt 42. Die Pantherjagd. ungelegener Zeit aufſteigendes Gewitter Stunden lang mich ge⸗ hindert, irgend etwas um mich her zu ſehen und zwar gerade, wenn das Brüllen des Löwen dem Rollen des Donners in ſo großer Nähe bei mir antwortete, daß ich jeden Blitz für ein Glück hielt und das Fortdauern ſeines Leuchtens gern mit der Hälfte meines Blutes bezahlt hätte. Gleichwohl war ich immer gern ſo allein, um den gehäſſigen Stolz der Araber zu demüthigen, die ſich vor einem Franzoſen beugten, nicht ſowohl wegen der Dienſte, die er ihnen unentgelt⸗ lich mit Gefahr ſeines Lebens erzeigte, ſondern weil er allein voll⸗ brachte, was ſie in großer Anzahl nicht zu unternehmen wagen. So war nicht nur jeder Löwe, der erlegt wurde, ein Gegenſtand des Staunens für ſie, ſie begriffen auch nicht, wie ein Fremder, allein, in der Nacht, ſich in die Schluchten wagen könnte, welche ſelbſt am Tage von den Eingeborenen gemieden werden. Bei den Arabern, die muthig im Kriege und muthig überall ſind, ausgenommen dem„Herrn“ gegenüber, welcher, wie ſie ſa⸗ gen, ſeine Kraft von Gott empfangen hat, braucht der Jäger die Duars im Gebirge nicht durch Schüſſe zu wecken, um einen Tri⸗ umph zu erlangen; es gehört dazu nichts weiter als gegen Abend das Zelt zu verlaſſen, und mit Tagesanbruch geſund und wohl⸗ behalten zurückzukommen. Man wird leicht begreifen, daß dieſe Stimmung der Bewoh⸗ ner mir es zum Geſetz machte, auf dem einmal betretenen Wege weiter zu gehen, ja daß ſie nicht ſelten, wie ich zu geſtehen mich nicht ſcheue, eine große Hilfe für mich, eine Stärkung und Be⸗ ruhigung in einſamen Nächten in einer von Gefahren aller Art ſo reichen Gegend war. Nachdem der Nationalſtolz, der mich auf dieſen Weg geführt hatte, durch wiederholte Erfolge befriedigt war, hätte ich wohl ei⸗ nige muthige Männer mit mir nehmen können, deren Anweſen⸗ heit ſchon mir meine Aufgabe leichter gemacht haben würde; aber Die Pantherjagd. 43 ich habe eine ſo leidenſchaftlich ſtarke Vorliebe für ſolche nächt⸗ liche Ausflüge allein mit meiner Büchſe, daß ich oftmals, ſelbſt ohne die Hoffnung einen Löwen zu treffen, die Nächte im Walde verbracht und auf Geradewohl darin umherging, bis mich der Morgen fern von meinem Zelte überraſchte. Ich war dann wohl außerſt ermüdet und konnte den Schlaf kaum von mir abwehren, aber ich war doch mit mir und der Verwendung meiner Zeit zu⸗ frieden und bereit in der nächſten Nacht wieder ebenſo zu handeln. Wenn Einer meiner zahlreichen Mitverehrer des heiligen Hu⸗ bertus mit mir, vom Abend bis zum Morgen, und zwar jeden Tag, einen Monat lang, in den wilden Schluchten umherwandelte, die für den Löwen geſchaffen zu ſein ſcheinen; wenn er das Glück hätte die Stimme des„Herrn“ zu hören, welche allen erſchaffenen Weſen Schweigen auferlegt und Schrecken einflößt, würde er ge⸗ wiß Empfindungen haben, die ihm jetzt ganz unbekannt ſind, we⸗ gen der Anweſenheit eines Gefährten aber doch nicht fühlen, ja vielleicht nicht einmal begreifen, was ein Jäger empfindet, der ganz allein iſt. Von dem Augenblicke an, da die erſten Sterne am Himmel ſich zeigen, bis zur Morgendämmerung muß er ununterbrochen auf ſeiner Hut ſein, auf jedes Geräuſch achten, ſchnell unterſcheiden, ob er nicht Felsſtücke für Räuber und Räubergeſtalten für Fels⸗ ſtücke hält, mit dem Blicke den dichten Wald zu beiden Seiten und den Pfad muſtern, auf dem er hingeht, ſtehen bleiben um zu horchen, ſich zu überzeugen, ob Nichts ihm nachſchleiche, kurz jeden Augenblick daran denken, daß er fortwährend in Todesgefahr und fern von jeder menſchlichen Hilfe iſt. Er iſt deshalb ſtets in Aufregung, gleichwohl jeden Augenblick bereit mit der Ruhe und Kaltblütigkeit zu kämpfen, die zwar in einem ſo ungleichen Kampfe nicht immer zur Rettung führen, ohne die er aber, das weiß er, rettungslos verloren iſt. 44 Die Pantherjagd. Aus dieſen Quellen fließt meine Leidenſchaft für die Löwenjagd allein und in der Nacht, und nun genug davon. Der alte Scheik beſtand ſehr dringend darauf, anfangs mich in den Duar mit ſich zurückzunehmen und dann wenigſtens einige Männer bei mir zurückzulaſſen, denen ich es freilich anſah, daß ſie ſehr ungern geblieben ſein würden. Ich blieb deshalb auch bei meiner erſten Erklärung und forderte den Alten auf, mit ſei⸗ nen Leuten nach Hauſe zu gehen, denn die Nacht käme raſch her⸗ bei und die Löwen könnten jeden Augenblick erſcheinen. Er gab endlich, wenn auch ungern, meinem Verlangen nach, erſuchte mich aber vor dem Aufbruche um die Erlaubniß, mit den Seinigen das Abendgebet zu verrichten, damit, ſagte er, Gott mich in ſeine Obhut in der Nacht nähme, in welcher Niemand im Gebirge das Auge ſchließen, ſondern ein Jeder mit klopfendem Herzen auf die Stimme meiner Büchſe warten werde. Ich bedauere Alle, die nicht glauben; ich meines Theils glaube feſt an Gott und ſpreche es laut aus auf die Gefahr hin mich lächerlich in den Augen der Thoren zu machen, welche die Atheiſten ſpielen und deren Meinung für mich ſo wenig Werth hat wie das Pulver, das ich als Knabe auf Sperlinge verſchoß. Der Anblick der Männer von verſchiedenem, dem meinigen feindſeligen, Glauben, welche dennoch für einen Chriſten beteten, machte einen tief ergreifenden Eindruck auf mich und ich bedau⸗ erte, daß die Gebräuche des Cultus, zu dem ich mich bekenne, mir geboten, nur im Geiſte an dem Gebete zu dem Gott aller Völker unter den Bäumen und auf dem Boden Theil zu nehmen, wo binnen wenigen Stunden das Drama zur Entwickelung kom⸗ men ſollte. 1. Nach Beendigung des Gebetes kam der Scheik zu mir und ſagte: „Wenn es Gott gefällt unſer Gebet zu erhören und wenn Du die beruhigen willſt, die Dich lieben, ſo zünde, nachdem Du ——— Die Pantherjagd. 45 getödtet haſt, das Feuer an, das ich Dir durch meine Leute werde bereit machen laſſen, damit, wenn unſere Ohren das Kampfſignal vernommen haben, unſere Augen das Siegeszeichen ſehen. Wir werden ihm antworten!“ Ich gab gern dem Wunſche Taiebs nach und ſofort wurde ein großer Holzſtoß aufgeſchichtet und ſo wohl hergerichtet, daß er durch ein Schwefelhölzchen in Brand geſteckt werden konnte. Während die Leute des Scheiks dieſe Arbeit mit einem Eifer verrichteten, der bei den unbegreiflich trägen Arabern ganz un⸗ gewöhnlich war, war der Scheik ſelbſt bei mir geblieben und ſagte: „Wenn ich wüßte, daß Du mich nicht verſpotteteſt, würde ich Dir einen guten Rath geben.“ „Die Worte eines Greiſes ſind ſtets geachtet“, antwortete ich. „So höre mich an, mein Sohn. Wenn die Löwen in dieſer Nacht kommen und„der Herr mit dem dicken Kopfe“(ſo nennen die Araber den ausgewachſenen Löwen) vorausgeht, ſo achte nicht auf die andern. Die Jungen ſind ſchon zu groß, als daß der Alte ſich noch um ſie kümmere, aber Alle verlaſſen ſich auf den Vater. Darum empfehle ich Dir den„Herrn mit dem dicken Kopfe“. Bedenke wohl, daß, wenn Deine Stunde gekommen iſt, Fer Dich tödtet und die andern Dich auffreſſen.“ Seine Leute riefen ihn in dieſem Augenblicke, er antwortete ihnen: „Geht nur voraus, ich komme nach“, dann ſah er ſich ſorg⸗ ſam nach allen Seiten um, als habe er mir etwas in tiefſtem Vertrauen mitzutheilen, neigte ſich nach meinem Ohr und ſagte leiſe:„er hat mir meine ſchönſte Stute und zehn Stiere geraubt.“ „Wer?“ ſragte ich in demſelben Tone. „Er,“ antwortete der Scheik und drohte mit der Fauſt nach dem Gebirge hin. „So nenne doch den Räuber!“ ſetzte ich ungeduldig hinzu. 46 Die Pantherjagd. „Der Herr mit dem dicken Kopfe.“ Dieſe letzten Worte ſprach er ſo leiſe, daß ich nur die letzten Syllben hörte, aber ich errieth das Uebrige leicht und konnte mich des Lachens nicht enthalten. Einige Minuten ſpäter war der Scheik in dem Walde ver⸗ ſchwunden und ich befand mich allein am Ufer des Wed⸗Scherf vor den Fährten von fünf Löwen, vor dem Holzſtoß, der ihnen zu Ehren errichtet worden war und vor dem unbekannten Löwen⸗ lager, über welches die Schatten der Nacht bereits einen undurch⸗ dringlichen Schleier gebreitet hatten. Die Mahuna⸗Schlucht, in welcher ich mich befand, iſt die ma⸗ leriſcheſte, beſonders aber die wildeſte, welche man ſehen kann. Man denke ſich zwei faſt mauerſteile Gebirge, deren Seiten durch unentwirrbare Schluchten zerriſſen und mit Wäldern von Kork⸗ eichen, wilden Maulbeer⸗ und Maſtixbäumen bedeckt ſind. Zwi⸗ ſchen dieſen beiden Bergen ſtießt der Wed⸗Scherf, deſſen im Som⸗ mer faſt ausgetrocknetes Bett von allerlei Thierfährten buchſtäb⸗ lich bedeckt, im Winter aber nicht zu durchwaten iſt, weil von al⸗ len Seiten Bäche ſich hinein ergießen. Sieht man die Schlucht von Weitem, ſo muß man ſie für unbewohnbar und folglich für unbewohnt halten. Dennoch fan⸗ den ſich einige Familien, die kühn genug waren in einer Zeit ſich da niederzulaſſen, wo die Gewalt in der Ebene ſie bedrohte und ſie eine ſichere Zufluchtsſtätte ſuchen mußten, um ihr Leben und ihre Habe zu retten. Trotz den Verwüſtungen, welche die Löwen unter ihren Heerden anrichten, haben dieſe Familien nie an Aus⸗ wanderung gedacht und eine jede rechnet immer: ſoviel für den Löwen, ſoviel für den Staat und ſoviel für uns.— Die Ab⸗ gabe an den Löwen iſt ſtets zehnmal ſtärker als die an den Staat. Die Wege an den Bergſeiten ſind ſo ſchmal und ſo ſchlecht, daß an vielen Stellen ein Menſch kaum gehen kann ohne fort⸗ während in der Gefahr zu ſchweben den Hals zu brechen. Ebenſo Die Pantherjagd. 47 iſt es mit den Furten durch den Wed⸗Scherf, die von einem Berge zu dem andern leiten. Der Weg, auf welchem die Löwen an den Fluß heruntergekommen waren und den ich bewachte, war wie die andern ſchmal und tief eingeſchnitten. Der Wed⸗Scherf macht an dieſer Stelle eine Krümmung, welche die Ausſicht nach allen Seiten hin beſchränkt, und die Stelle, an welcher ich mich befand, iſt ſo dunkel und tief, wie in einem Trichter, gelegen, daß weder die Sonne noch der Mond— meine Sonne— jemals hineinſcheinen. Ich habe ſeitdem viele Nächte ſo und an gefährlichen Orten verbracht, keine aber iſt mir wieder ſo kurz vorgekommen. Ich ſaß neben einem Oleanderbuſch an der Furt und bemühte mich irgend ein Zeltfeuer zu erblicken oder das Bellen eines Hun⸗ des zu hören, kurz irgend etwas zu ermitteln, was mir die Nähe an⸗ derer Menſchen anzeigte und mir ſagte: Du biſt nicht allein; aber Alles war ſtill und dunkel um mich her und ich mit meiner Büchſe allein, allein. Die Zeit war unterdeß weiter vorgerückt, und der Mond, auf den ich gar nicht gehofft hatte, ſo beſchränkt war mein Horizont, begann ein gewiſſes falbes Licht um mich her zu verbreiten, wie ich mit Dank erkannte. Es mochte elf Uhr ſein und ich fing an mich zu wundern, daß ich ſo lange habe warten müſſen, als ich Tritte in dem Walde zu hören glaubte. Das Geräuſch wurde immer deutlicher und es rührte, wie ich kaum noch zweifeln konnte, von mehreren großen Thieren her. Auch bemerkte ich zwiſchen den Bäumen hindurch mehrere röthlich leuchtende Punkte, die näher herankamen und nun erkannte ich die Löwenfamilie, die auf ihrem gewöhnlichen Wege her und nach der Furt kam. Statt der fünf Löwen zählte ich aber nur drei und als ſie etwa funfzehn Schritte vom Uferrande ſtehen blieben, kam es mir vor als ſei der vorangehende, obgleich von höchſt reſpectabler Größe, keineswegs„der Herr mit dem dicken Kopfe,“ den mir 48. Die Pantherjagd. der Scheik ſo warm empfohlen hatte. Alle drei ſtanden da und ſahen mich erſtaunt an, während ich meinem Plane gemäß auf den vorderſten anlegte und dann Feuer gab. Ein fürchterliches ſchmerzliches Brüllen antwortete meinem Schuſſe und ſobald der Rauch ſich verzogen hatte, ſah ich zwei Löwen langſam nach dem Walde zu zuruͤckgehen, während der dritte, dem beide Schultern zerſchmettert waren, ſich nach mir her ſchleppte. Ich errieth ſofort, daß der Alte und die Alte nicht dabei waren, was ich durchaus nicht bedauerte. Ich hatte eben wieder das Pulver in das Rohr laufen laſſen, um von Neuem zu laden als der verwundete Löwe ſich mit einer Anſtrengung, die ihm ein langgedehntes Schmerzensbrüllen aus⸗ preßte, bis auf drei Schritte vor mich brachte. Die Kugel aus dem zweiten Rohr meiner Büchſe warf ihn in das Flußbett, aber er erhob ſich nochmals, kam wiederum zu mir und erſt die dritte Kugel, die ich ihm aus größter Nähe in das Auge ſchießen konnte, ſtreckte ihn todt nieder. Nach dem erſten Schuſſe brüllte der Löwe vor Schmerz, wie ich ſagte und in demſelben Augenblicke ſchrie ein Panther aus Leibeskräften am linken Ufer des Fluſſes als habe er den Vor⸗ gang geſehen. Da der Löwe nach dem zweiten Schuſſe wiederum gebrüllt hatte, ſo ließ ſich daſſelbe Panthergeſchrei ebenfalls wie⸗ der hören und ein ähnliches antwortete weiter am Fluſſe hin. Kurz, ſo lange das Drama währte, machten drei oder vier Pan⸗ ther, deren Anweſenheit ich nicht ahnte und von denen ich auch ſpäter nichts wieder ſah und hörte, einen Höllenlärm aus Freude über den Tod eines Feindes, den ſie fürchteten. Der Löwe, den ich erlegt hatte, war etwa drei Jahre alt, ſehr fett und bereits vollſtändig ausgebildet wie ein alter. Nachdem ich mich überzeugt hatte, daß er das Pulver wohl werth ſei, das ich um ſeinetwillen hatte verſchießen müſſen und Die Pantherjagd.. 49 daß die Araber, wenn ſie ihn ſähen, ihn mit Freude und Ehrfurcht begrüßen würden, dachte ich an den Holzhaufen, den ich denn an⸗ zündete, ſodaß die Flamme bald die beiden Bergſeiten beleuchtete. MNit Tagesanbruch kamen mehr als zweihundert Araber, Män⸗ ner, Frauen und Kinder, von allen Seiten herbei, um den gemein⸗ ſamen Feind in Sicherheit zu betrachten und zu ſchmähen. Der Scheik war Einer der Erſten, um mir zu ſagen, daß, während ich den Löwen erlegt, der„Herr mit dem dicken Kopfe“ in Beglei⸗ tung ſeiner Frau Liebſten noch einen Stier geraubt habe. Obgleich nun der Tod dieſes Feindes des alten Taueb nicht unmittelbar mit der Jagd, die ich hier beſchreibe, in Verbindung ſteht, ſo gefällt es dem Leſer vielleicht doch, wenn ich erzähle, wie jener läſtige Räuber endlich erlegt wurde. Von der Zeit an, in welcher das eben Erzählte geſchah, bis zum 13. Auguſt des folgenden Jahres hatte allein ein Mann von Mahuna, Lakdar mit Namen, durch jenen Löwen fünfundvierzig Schafe, ein Pferd und einundzwanzig Rinder verloren. Auf ſein Geſuch ging ich am 13. Auguſt Abends zu ihm. Mehrere Nächte wanderte ich vergebens umher, ohne den„König des Waldes“ zu finden. Am 26. Abends endlich ſagte Laldar zu mir:„der ſchwarze Stier fehlt in der Heerde, der Löwe iſt alſo wieder da⸗ geweſen. Morgen früh werde ich die Ueberreſte aufſuchen und wehe ihm, wenn ich ſie finde!“ Am andern Tage gleich nach Sonnenaufgang kam Lakdar zu⸗ rück und als ich erwachte, kauerte er unbeweglich neben mir. Sein Geſicht ſtrahlte vor Freude; ſein Burnus war vom Thaue feucht und ſeine Hunde, die neben ihm lagen, ſahen ſchmuzig aus, denn es war eine Gewitternacht geweſen. „Guten Tag, Bruder!“ ſagte er.„Ich habe ihn gefunden; mm.“ Ich nahm, ohne etwas weiter zu fragen, mein Gewehr und folgte ihm. Nachdem wir durch einen großen Wald wilder Oli⸗ Der Loͤwenjäger. 4 3 50 Die Pantherjagd. venbäume gegangen waren, ſtiegen wir in eine Schlucht hinab, in welcher auf einander gethürmtes Felsgeſtein und dichtes Ge⸗ büſch das Gehen beſchwerlich machte. Im dichteſten Gebüſch ſa⸗ hen wir den Stier vor uns. Die Keulen und die Bruſt waren verzehrt, das Uebrige lag unberührt da und der Löwe hatte den Stier umgewendet, ſodaß die abgefreſſenen Theile unten lagen. „Bringe mir ſofort Brot und Waſſer,“ ſagte ich zu Lakdar,„und ſorge dafür, daß vor morgen Niemand hierher komme.“ Nachdem ich mein Mittagsmahl erhalten hatte, nahm ich meine Stelle am Fuße eines wilden Olivenbaumes, drei Schritte von den Stierreſten. Ich ſchnitt einige Aeſte ab, um mich von hinten damit zu bedecken und wartete dann. Ich mußte lange warten. Gegen acht Uhr Abends fielen einige ſchwache Strahlen des Neumondes, der am Horizonte niederging, auf die Stelle, wo ich mich befand. Ich hatte mich an den Baumſtamm gelehnt, konnte nur die Gegenſtände ganz in der Nähe erkennen und mußte mich ausſchließlich auf das Gehör verlaſſen. 3 Jetzt knackt ein dürrer Zweig in der Ferne; ich richte mich auf, nehme eine bequeme Angriffsſtellung und erwarte, den Elln⸗ bogen auf das linke Knie geſtützt, das Gewehr angelegt, den Finger am Drücker, den Löwen. Ich höre nichts. Endlich erhebt ſich ein dumpfes Brüllen etwa dreißig Schritte von mir; es kommt näher; dem Brüllen folgt tiefer Kehllaut, welcher bei dem Löwen das Zeichen des Hungers iſt. Dann iſt Alles wieder ſtill und ich ſehe das Thier nicht eher bis ſein ungeheurer Kopf ſich an den Stier⸗ reſten befindet. Der Löwe fängt an daran zu lecken während er mich anſieht, bis ihn eine Eiſenkugel einen Zoll vom linken Auge trifft. Da brüllt er, richtet ſich auf den Hinterfüßen empor und empfängt eine zweite Kugel, die ihn auf der Stelle niederwirft. Der zweite Schuß hat ihn mitten in die Bruſt getroffen; er liegt auf dem Rücken und wirft die ungeheuern Tatzen umher. 7 Die Pantherjagd. 51 Nachdem ich von Neuem geladen, trete ich zu ihm und da ich ihn für faſt todt halte, ſtoße ich ihm den Dolch nach dem Herzen, aber mit einer unwillkürlichen Bewegung parirt er den Stoß und die Klinge zerbricht an dem Knochen ſeines Vorderbeines. Ich ſpringe zurück und da er den ungeheuern Kopf noch einmal em⸗ porrichtet, ſchieße ich ihm noch zwei Kugeln in den Leib, die ihm das Lebenslicht vollends ausblaſen. So endigte der„Herr mit dem dicken Kopfe.“ Und nun kehren wir zu dem Panther zurück. Er lebt, wie geſagt, von dem Ertrage der Jagd, doch tödtet er bisweilen auch ein Schaf oder ein Kalb, die ſich an den Saum des Waldes wagten, in dem er auf der Lauer lag. Die Uled Yacub und die Beni Uſchenah haben mir erzählt, der Panther pflege, wenn er ein Schaf in der Nähe eines Hoch⸗ waldes getödtet, die Reſte auf den buſchigſten und höchſten Baum zu tragen und ſie da zwiſchen zwei Aeſten zu bergen, um ſie vor den Hyänen, Schakalen und andern Fleiſchfreſſern zu wahren. Der Panther hält ſich an den Felſenbänken auf, in deren Riſſen und Höhlen er eine Zuflucht finden kann, ſowie in den be⸗ waldetſten Schluchten, deren ſteile Abhänge dem Löwen, ſeinem gefürchteten Feinde, nicht zugänglich ſind. Er führt namentlich einen erbitterten Krieg mit den Stachel⸗ ſchweinen, welche in den ihm benachbarten Felſen wohnen. Jeder⸗ man weiß, daß der ganze Körper dieſer Thiere, mit Ausnahme des Kopfes, mit langen, feſten und ſpitzen Stacheln bedeckt iſt, die eine Art Harniſch bilden. Wenn ſie in Gefahr ſind oder zu ſein glauben, richten ſich dieſe Stacheln empor, der Kopf ver⸗ ſchwindet darunter und ſie werden unverwundbar. Dieſer natürliche Panzer ſchützt ſie vor dem Panther nicht, dh ſo gewandt und geduldig iſt, daß er Nächte lang auf das Stachelſchwein lauert, dann mit einem Sprunge, kugelſchnell, das⸗ ſelbe packt und ihm den Kopf abreißt. 4* 52 Die Pantherjagd. Als ich Jagd auf die Panther zu machen anfing, kannte ich ihre Lebensweiſe noch nicht und verfuhr ihnen gegenüber wie mit dem Löwen; bald aber erkannte ich, daß ich auf falſchem Wege ſei und der Panther den Menſchen fliehe, während der Löwe in der Nacht auf den Menſchen wartet und ihm entgegengeht. Unter andern Beiſpielen erzähle ich nur das nachſtehende. Im Sommer 1844 erfuhr ich von den Eingeborenen in der Nähe von Neſch⸗Meia, daß ein Panther der großen Art in einer Felſenwand, die allgemein Ajar⸗Munſchar heißt, ſeinen Aufenthalt genommen habe. Da ich nur etwa zwei Stunden davon entfernt war, machte ich mich ſogleich auf den Weg. Es mochte fünf Uhr Abends ſein. Ein Eingeborener beglei⸗ tete mich als Führer und ich kam am Fuße des Felſens in dem Augenblicke an als der Panther eben in ſein Lager zurückkehrte. In dem Rachen trug er ein Thier, das mir wie ein Waſchbär vorkam. Ich hätte ihn in der Entfernung wohl noch ſchießen können, zog aber vor, ihn ruhig gehen zu laſſen und in größerer Nähe auf ſeine Wiederkehr zu warten. Ich trug dem Araber auf, mir bei Tagesanbruche mein Pferd zu bringen, das ich im Duar gelaſſen hatte, ſchickte ihn fort und ſchlich mich nach der Höhle hin, in welcher der Panther verſchwun⸗ den war. Der Eingang war ſo eng, daß ich nicht begreifen konnte, wie das Thier, welches faſt die Größe einer Löwin hatte, hinein zu gelangen vermöchte. Wenn die Fährten, die ich ſah, mir nicht die Gewißheit gegeben hätten, daß es darin ſei, würde ich ge⸗ fürchtet haben mich zu täuſchen. Ein Maſtixbaum, der etwa zehn Schritte rechts von dem Ein⸗ gange ſtand, ſchien ein bequemer Wachtpoſten für mich zu ſein und ich beſchloß da die Nacht zu verbringen. Ich ſtellte mich ſo, daß ich von dem Panther erſt dann geſehen werden konnte, wenn er einige Schritte weit von ſeiner Höhle gekommen und war⸗ tete da. Die Pantherjagd. 53 Gegen zehn Uhr hörte ich hinter mir, an der andern Seite des Baumes, mehrmals ſtark nieſen. Der Mond war noch nicht aufgegangen, ich fürchtete einen Ueberfall und konnte der Verſu⸗ ſchung nicht widerſtehen, mich umzudrehen und zu ſehen, was ſo nahe bei und hinter mir vorgehe. Im Umdrehen ſtreifte meine Büchſe einen Zweig, ich hörte eine Art Ziſchen und Spucken wie von einer Katze, dann das Geräuſch eines fliehenden Thieres und als ich raſch aufſprang, ſah ich den Panther in ſeine Felſenhöhle zurückkriechen. Ich wartete nun bis zum Morgen, aber vergebens, denn er wagte ſich nicht wieder heraus. Da der Araber mein Pferd gebracht hatte, kehrte ich in's La⸗ ger zurück, nahm mir aber vor, Abends wiederzukommen. Dieſe zweite Nacht gab ſo wenig ein Reſultat als die erſte. Der Pan⸗ ther ſteckte zwar ein paarmal die Naſe heraus, er kroch aber ſo⸗ gleich ängſtlich wieder zurück, ſobald er merkte, daß ihn eine Ge⸗ fahr außen erwarte. Ich lauerte ſo zehn Nächte auf ihn ohne eine Gelegenheit zu finden, ihn zu ſchießen. Am elften Tage mel⸗ dete mir ein Hirt, er haͤbe gegen Mittag den Panther an einer Quelle in der Nähe des Felſens ſeinen Durſt löſchen ſehen. Ich begab mich an die Quelle und fand da unter vielen andern Thier⸗ fährten auch die des Panthers, der alle Tage in der Zeit da ſich einzufinden ſchien, in welcher die große Hitze die Araber mit ihren Heerden in den Duars zurückhält. Die Quelle wurde durch ein dichtes Gebüſch verdeckt, in welchem ich mich ungeſehen verſtecken und aus großer Nähe auf den Panther ſchießen konnte. Ich trat in das Verſteck. Gegen Mittag fiel ein Volk rother Rebhühner da ein, um zu trinken, aber kaum hatten die erſten die Schnäbel in das Waſſer getaucht, als die Alte ängſtlich zu rufen anfin und alle im Gebüſch verſchwanden. In demſelben Augenblicke börte ich ein leichtes Raſcheln in den Zweigen und der Panther erſchien mit vorgeſtrecktem Halſe wie ein Jagdhund, der ſteht. Er mochte fünf bis ſechs Schritte von mir ſein und kehrte mir die Seite zu 54 Die Pantherjagd. Ich zielte, ohne daß er mich bemerkte, nach dem Kopfe zwiſchen Auge und Ohr und drückte ab. Wie vom Blitz getroffen und laut⸗ los brach er zuſammen. Das Thier war ſo abgemagert, daß ich mich entſchloß, es ſo⸗ gleich zu öffnen, um die Urſache zu finden: es hatte nichts ge⸗ freſſen ſeit dem Tage, da es einen Menſchen mit einem Gewehr⸗ bei ſeiner Höhle geſehen. Seitdem halte ich den Panther für ein liſtiges, gewandtes, geduldiges, aber harmloſes und furchtſames Thier, Da er tüch⸗ tige Krallen und Zähne hat, auch ſo große Muskelkraft beſitzt, um recht wohl mit einem Menſchen kämpfen zu können, ſo muß man ſeine Feigheit wohl in einem Mangel ſeiner Organiſation ſuchen, der ihm Aehnlichkeit mit den rieſenhaften Männern giebt, welche Pferdekraft, aber Weibermuth haben. Die Araber haben darüber eine hübſche Sage, die ich hier mittheile. Es war zur Zeit, als die Thiere noch ſprachen, alſo iſt es ſchon ſehr lange her. Zwanzig Löwen gelangten von Süden her an den Saum eines Waldes, in welchem ſich viele Panther aufhielten. Dieſe ſchickten ſofort Einen der Ihrigen ab, damit er mit den mähnenreichen Königen unterhandele. Nach vielen Wenn und Aber kam der Abgeordnete zurück, um Bericht über ſeine Sendung zu erſtatten, deren Reſultat darin beſtand, daß den Lö⸗ wen der Wald gefalle und daß ſie von demſelben Beſitz ergreifen würden, den Panthern aber freiſtellten, ob ſie ihn vertheidigen oder ſofort verlaſſen wollten. Die Panther entſchloſſen ſich im Unwillen zum Kampfe und zwar zum Angriff. Die Sage ſetzt indeß hinzu, ein einmaliges gleichzeitiges Brüllen der zwanzig Löwen habe hingereicht, die Angreifenden in die Flucht zu ſchla⸗ gen und ſeit dieſer Zeit klettert der Panther ſtets auf einen Baum wie eine Katze oder kriecht in eine Höhle wie ein Fuchs, um nicht mit dem Könige zuſammenzutreffen, den er einſt heraus⸗ forderte und deſſen Zorn er fürchtet. 2— —— Die Pantherjagd. 55 Von der Nähe des Panthers haben die Araber und Kabylen wenig zu leiden; deswegen machen ſie auch ſelten Jagd auf ihn, dann aber eine Treibjagd. Flüchtet ſich der Panther dabei nicht in eine Höhle, ſo wird er ſtets erlegt. Iſt er aber ſchwer verwundet und man folgt ſeinem Schweiße, ſo thut man wohl, vorſichtig zu ſein, denn in dieſem Falle macht er von ſeinen Krallen und Zähnen Gebrauch wie Alle ſei⸗ ner Art. Die Eingeborenen haben ein ſehr ſinnreiches Mittel den Pan⸗ ther ohne Mühe und Gefahr zu erlegen und faſt alle Panther⸗ felle, die auf den Markt kommen, ſind durch dieſes Mittel erlangt. Derjenige, welcher ein Pantherfell erlangen will, wirft entweder ein todtes Schaf dahin, wo der Panther ſich zeigt oder er ſucht die Ueberreſte eines Wildſchweins oder andern Thieres auf, an welchem der Panther ſich geſättigt hat. Er läßt ihn mehrmals dahin kommen und ſich ſättigen. Iſt nur noch eine Mahlzeit übrig, ſo nimmt er dieſelbe hinweg und läßt nur ein fauſtgroßes Stück Fleiſch liegen. Durch dieſe Lockſpeiſe laufen zwei oder drei Bindfaden, die an die Drücker eben ſo vieler Gewehre befeſtigt ſind, welche man mittelſt eingeſchlagener Pfähle auf jene Lock⸗ ſpeiſe gerichtet und ſorgfältig bedeckt hat. Zerrt der Panther an dem Fleiſchſtücke, ſo zieht er durch den Faden an den Drückern, die Schüſſe gehen los und die Kugeln durchbohren ihn. Die Hyäne. Viertes Kapitel. Die Hyäne. An einem ſchönen Auguſtmorgen im Jahre 1844 ritt ich aus dem Lager von Gelma nach dem Mahunagebirge, wohin man mich berufen hatte. Nach einem etwa einſtündigen Ritte ſah ich auf meinem Wege ein widerwärtig ausſehendes Thier, das zu hinken ſchien, mir entgegen kommen. Es war eine Hyäne, welche von dem Tage überraſcht worden war und nun furchtſam in ihren Wald oder ihre Höhle zurückhinkte. Mein Gewehr hatte ich dem Araber übergeben, den man zu mir geſchickt, ich beſaß keine an⸗ dere Waffe als meinen Säbel, den ich alſo zog, um das Thier an⸗ zugreifen. Sobald dies mich erblickte, verließ es den Weg und verſchwand in dem Gebüſch, doch erblickte ich es bald wieder an dem Fuße eines Felſens, wo ich es ganz aus dem Geſichte verlor. Ich ſtieg ab, band mein Pferd an einen Baum, trat an die Höhle, in welche die Hyäne gegangen war und ſah, daß es ein früherer Steinbruch war, in dem ich mich alſo ganz frei bewegen konnte. Nach zehn Minuten ſtand ich der Hyäne gegenüber und zwar ſo nahe, daß ſie auf meine Säbelſpitze biß; es war aber ſo dunkel in dem tiefen Loche, daß ich nichts ſah. Ich kniete nieder, ſchloß auf kurze Zeit die Augen und ſah, als ich ſie wieder auf⸗ ſchlug, den Kopf des Thieres wenigſtens ſo deutlich, daß ich er⸗ kennen konnte, wohin ich meine Waffe zu richten hätte. Anfangs hatte ich einige Mühe, den Zähnen der Hyäne den Säbel zu ent⸗ reißen, den ſie feſthalten zu wollen ſchien; als ſie ihn endlich los laſſen mußte, ſtieß ich ihr die Waffe bis an das Heft in die Bruſt und wendete dabei die Hand, um die Wunde zu vergrößern. Ein dumpfes Knurren war die alleinige Antwort und als ich die blutige Klinge herauszog, war die Hyäne todt. Ich wollte ſie an einer Pfote faſſen, um ſie wo möglich hervorzuziehen als Die Hyäne. 57 ich Stimmen vor dem Steinbruche hörte. Es war der Araber mit meinem Gewehre nebſt einigen Feldarbeitern, die mich und die Hyäne geſehen hatten. Als der Araber das Hyänenblut an meinem Säbel ſah, ſagte er: „Danke dem Himmel. der mich mit Deinem Gewehre zurück⸗ bleiben ließ und bediene Dich im Kriege Deines Säbels nie wie⸗ der, denn er würde Dich verrathen.“ Ich verſtand den Sinn ſei⸗ ner Worte nicht; als er mir dies anſah, ſetzte er hinzu:„der Araber, welcher eine Hyäne in ihrem Loche findet, nimmt eine Hand voll Kuhdünger, hält ihr denſelben vor und ſagt: „Komm, ich will Dich mit Henneh ſchön machen“.*) Die Hyäne reicht die Pfote hin, der Araber faßt ſie, zieht ſie ſo heraus, knebelt ſie und läßt ſie dann von den Weibern und Kindern als feiges und unreines Thier mit Steinen todt werfen.“ Wenn ich das, was mein Führer ſagte, auch nicht gerade wörtlich nahm, ſo ſah ich doch ein, daß ich einen dummen Streich gemacht hatte„den ich in glänzender Weiſe ausgleichen müßte, um den böſen Zungen unter den Leuten Schweigen zu gebieten. Die Hyäne hält ſich am Tage theils in dicht bewaldeten Schluchten fern von den Duars, theils in Erdlöchern oder Felſen⸗ höhlen auf. In der Nacht verläßt ſie dann ihr Lager, um auf den arabiſchen Begräbnißſtätten herumzuſchweifen, welche niemals durch Mauern, Gräben oder Hecken geſchützt ſind. Sie ſcharrt die Leichen aus und frißt ſie bis auf die Knochen ab. Quält ſie der Hunger zu ſehr und ſie hat ſonſt nichts gefunden, ſo kommt ſie bis an die Mauern der Lager und Städte, um da ein todtes Stück Vieh oder faulendes Fleiſch zu ſuchen. *) Die Araber haben bekanntlich die Gewohnheit, ihre Nägel, ſowie die ihrer Frauen und die Mähne, den Schweif und die Füße ihrer Pferde mit Henneh roth zu färben. 58 Die Hyäne. Das einzige lebende Thier, welches die Hyäne anzugreifen wagt, iſt der Hund und merkwürdig iſt es, daß nie eine Hyäne allein geht. Man ſieht immer zwei beiſammen. Wollen ſie ein⸗ mal einen Hund verzehren, ſo ſchleichen ſie zu dieſem Zwecke um einen Duar, der ſich in einer bewaldeten Gegend befindet. Das Weibchen lauert hinter einem Gebüſch und das Männchen zeigt ſich den Hunden, die es ſofort angreifen und bis an das Verſteck der„ſchönen Hälfte“ verfolgen. Dieſe zeigt ſich im rechten Au⸗ genblicke, um den Hund, der ſich am Weiteſten vorwagte, zu packen, zu erbeißen und dann auf der Stelle zu verzehren. Bis⸗ weilen miſchen ſich indeß die Araber ein und erſchlagen mit Knüt⸗ teln die Hundefreſſer, die übrigens nur dann Hunde anfallen, wenn ſie mehrere Tage haben faſten müſſen. Ich benutze dieſe Gelegenheit, um einen Irrthum über dieſes Thier zu berichtigen, der in Algier ſehr verbreitet iſt. Oftmals hört man in Städten und Lagern, noch häufiger im Bivouac, in der Nacht einen heiſern Schrei, welcher dem Bellen eines heiſern großen Hundes gleicht und Jedermann fragt dann:„Hört Ihr die Hyäne?“ Es iſt aber die Stimme des Schakals, der ſich hö⸗ ren läßt wenn er allein iſt, wie man im ſechsten Kapitel finden wird. Die Hyäne iſt viel zu furchtſam als daß ſie ihre Stimme hören ließe; ſte knurrt nur wie ein Hund, wenn ſie frißt oder wenn mehrere Männchen ſich um ein Weibchen ſtreiten. Obgleich die Jagdhunde der Hyänenfährte ebenſo eifrig fol⸗ gen, wie der Fährte des Schakals, den ſie beſonders wüthig jagen, ſo rechne ich die Hyäne doch zu den Thieren, die man erlegt, todt macht, aber nicht jagt. Die Araber ſagen, feig wie eine Hyäne, und die Araber haben Recht. Das Wildſchwein. Fünttes Kapitel. Das Wildſchwein. Wilde Schweine finden ſich in den drei Provinzen Algiers in Menge. Es giebt zwei Arten: das Wald⸗Wildſchwein und das Sumpf⸗Wildſchwein. Das erſtere iſt um vieles größer, tückiſcher und boshafter als das letztere. In der erſten Zeit der franzöſiſchen Occupation ſah man ſie zu Hunderten in der Nähe der Städte und Lager. Sie erſchienen in der Nacht, um vor den Gewehren der Schildwachen die von den Soldaten am Fuße der Feſtungswerke angelegten Gärten umzuwühlen. Dies erinnert mich an meine erſte Schweinejagd in Algier. Es war in den erſten Tagen des Septembers 1842 gleich nach meiner Ankunft in Gelma, wo die Schwadron Spahis lag, in welcher ich bei ihrer Bildung eingetreten war. Damals war. Gelma nur ein Lager und die Bevölkerung in der Umgegend halb unterworfen, ſodaß der Commandant Sicherheitsmaßregeln hatte treffen müſſen, nach denen man über die Vorpoſten nach Süden zu nicht hinausgehen durfte. Da nun dieſe Lagerſeite dem Walde zunächſt ſich befand, ſo f. hatte ich mich trotz den Poſten hinausgeſchlichen und ſah Boh⸗ nenfelder, auf denen die Wildſchweine jede Nacht zu wühlen ſchienen. Als ich in das Lager zurückgekommen war, theilte ich meine EFanntdeckung einem Cameraden Rouſſelot mit, der ſich vor gar nichts in der Welt fürchtet und die Jagd, beſonders die Jagd in der Nacht, in der Nähe der Araber, leidenſchaftlich liebt. Rouſſelot nahm meinen Antrag mit Freuden an und ver⸗ ſprach den am wenigſten bewachten Theil des Walles zu ermitteln, 60 Das Wildſchwein. von wo wir hinunter ſteigen könnten, ohne Hals und Beine zu brechen. Um neun Uhr Abends begaben wir uns zu der Stelle, welche mein Freund die Treppe nannte und zwar in Begleitung eines Dritten, den wir in das Vertrauen gezogen hatten und der Wache halten ſollte. Alles ging ganz gut; wir dachten gar nicht daran, ob wir eben ſo leicht wieder in das Lager zurück würden kommen kön⸗ nen als hinaus, luden, ſobald wir im Freien waren, unſere Ge⸗ wehre, d. h. die gewöhnlichen Soldatenflinten und Piſtolen und hielten unſere blanken Waffen bereit, d. h. mein Camerad einen Cavalerieſäbel und ein kleines Beil, ich ein Bayonnet und eine Art Vorlegemeſſer, ein Mittelding zwiſchen Dolch und Hirſch⸗ fänger. Dann beeilten wir uns die Waldung zu erreichen. Als wir an das durchwühlte Feld kamen, flüchteten die Schweine, die uns nicht erwartet hatten. Da ſie aber noch nie gejagt worden waren, gaben wir die Hoffnung nicht auf ſie zurück⸗ kommen zu ſehen und ſtellten uns mit dem Vorſatze auf, die ganze Nacht zu bleiben. Das Feld war von dem Walde nur durch einen Fußweg getrennt. Ich ließ Rouſſelot zwiſchen zwei Büſchen ſich aufſtellen und wollte dreihundert Schritte weiterhin zu einem ſchönen Maſtix⸗ baume gehen, der allein zwiſchen dem Wege und dem Felde ſtand. Die Luft war ruhig, der Himmel klar und der Mond ſihien prächtig. In dem Augenblicke, als ich den Hahn an meinem Gewehre ſpannte, hörte ich die Trompeten im Lager zum Auslöſchen der Feuer blaſen und von nun an zählte ich die Stunden nach dem Rufe der Schildwachen, den wir trotz der Entfernung deutlich hörten. Es mochte elf Uhr ſein, als links von mir im Walde großer Lärm entſtand. In demſelben Augenblicke ſah ich eine ganze Das Wildſchwein. 61 Heerde junger Schweine mit einer großen ſchönen Sau auf dem Wege herkommen und nach dem Bohnenfelde zu gehen. Da ich mit meinem Jagdfreunde übereingekommen war, nur zu ſchießen um zu tödten, ſo wollte ich keine Kugel auf funfzig Schritte wa⸗ gen und wartete. Kurz nachher erſchien auf demſelben Wege ein alter Eber, der vorſichtig ging, mehrmals ſtehen blieb und dabei witterte und horchte. Kaum war er an den Rand des Weges nach dem Felde zu gelangt, als er von neuem und länger ſtehen blieb und dann erſchrocken umkehrte. Gleichzeitig ſprang die Sau mit ihren Jungen im Galopp über den Weg und verſchwand ebenfalls im Walde. Ich ſuchte mir die Veranlaſſung der Furcht zu erklären, die ich bei der eiligen Flucht der Schweine bemerkt hatte, als ich zu meiner Rechten Stimmen zu hören glaubte. Da erinnerte ich mich, im Lager vernommen zu haben, daß Leute von dem noch nicht unterworfenen Stamme der Uled⸗Dann faſt jede Nacht ſich bis faſt an den Fuß der Wälle ſchlichen, um auf die Schild⸗ wachen zu ſchießen. Wir befanden uns gerade auf dem Wege dieſer Leute, deren Geſpräch immer deutlicher wurde. Es war kein Augenblick zu verliexen und ſchon zu ſpät für mich, zu Rouſſelot zu gehen, ohne geſehen zu werden und uns Beide zu verderben, da unſere Gegner, den Stimmen nach, zu zahlreich zu ſein ſchienen. Bis dahin hatte ich dem Fußwege den Rücken zugekehrt; jetzt drehte ich mich nach demſelben um, ſteckte das Piſtol mit geſpann⸗ tem Hahne und das Meſſer ohne Scheide in den Gürtel, legte die Flinte an und wartete auf Das, was kommen würde. Ich hatte mir folgenden Plan entworfen: Da der Weg zu ſchmal iſt, als daß zwei nebeneinander gehen können, da ferner ihre Burnus die Zweige ſtreifen müſſen, die mich bergen, ſo faſſe ich, wenn ihrer nur vier oder fünf ſind, den letzten am Burnus, ſpringe raſch zwiſchen ihn und ſeine Vor⸗ 62 Das Wildſchwein. männer und ſtoße ihn geräuſchlos mit dem Bayonnet nieder. Mit einem Schuſſe tödte ich dann einen zweiten, vielleicht zwei auf einmal, wenn ſie gerade hinter einander gehen; die erſchrocke⸗ nen überraſchten Uebrigen müſſen, wenn ſie nicht fliehen, leicht zu überwältigen ſein. Wenn ſie dagegen zu zahlreich ſind, ſo laſſe ich ſie vorüber, vorausgeſetzt, daß ſie mich nicht bemerken. In dieſem Falle ſchieße ich den Erſten nieder, der mich geſehen hat, ſtürze mich wie ein Eber auf die erſtaunte Schaar, haue auf ſie ein ſo viel ich vermag, bis mein alter Freund ankommt, der ja nicht lange fern bleiben kann. Mein Plan war ſo weit entworfen, als ich den vorangehen⸗ den Araber erblickte, einen rieſenhaften Mann, deſſen Ausſehen nichts weniger als ein ſanftes Temperament verrieth. Er trug eine Flinte auf der Achſel und ein Piſtol im Gürtel, wie ich ſah, wenn der Burnus ſich zurückſchlug. Hinter ihm folgten die An⸗ dern in ſehr langer Reihe. Gerade vor mir blieb der Erſte ſte⸗ hen, um mit ſeinen Cameraden zu ſprechen, die etwas zurückge⸗ blieben waren und ſich gemächlich unter einander unterhielten. Ich verſtand, daß er ſie zu raſcherem Gehen aufforderte und es war mir als blickte er dabei nach mir. Die Uebrigen kamen ihm bald nach und ſie blieben ebenfalls ſtehen, ſo nahe bei mir, daß ich ſie hätte berühren können, wenn ich den Arm ausſtreckte. Es waren funfzehn, ich mußte demnach meinen Angriffsplan auf⸗ geben und überlegte, wie ich mich zu verhalten habe, wenn ich entdeckt würde. Zu meinem Glück brach der Vorderſte wieder auf und Alle folgten ihm ſoſort. Man kann ſich denken, wie lang mir das Vorbeigehen der funfzehn Perſonen vorkam und ich geſtehe, daß mir eine ſchwere Laſt vom Herzen war als ſich der Letzte entfernt hatte. Mein Freund mußte derſelben Gefahr ausgeſetzt ſein und ich konnte nichts thun, um ihn aufmerkſam zu machen. Um wenigſtens bereit zu ſein, zu rechter Zeit ihm beizuſtehen, verließ ich meinen —y.,—.— — Das Wildſchwein. 63 Stand und ſchlich vorſichtig am Waldſaume hin, ohne die Ara⸗ ber aus den Augen zu verlieren, die zu meiner großen Freude an Rouſſelot vorbeigingen ohne ihn zu ſehen. Kaum war der Letzte an dem Buſche vorüber, in welchem er verſteckt lag, ſo trat der brave Freund raſch heraus, um zu ſehen, was aus mir geworden ſei. Ich drückte ihm die Hand, erzählte ihm kurz was geſchehen war und wir begaben uns in den Wald, um eine zweite Begegnung zu vermeiden und den Anbruch des Tages abzuwarten, ehe wir in das Lager zurückkehrten. Dieſe Jagd war indeß nicht die letzte und damit man ſich eine Vorſtellung machen könne, wie viele Wildſchweine es damals bei Gelma gab, erwähne ich, daß die Araber täglich mehrere auf den Markt brachten, wo das Stück für etwa anderthalb Thaler verkauft wurde und daß ich allein in weniger als zwei Monaten ſechzig erlegt habe. 1 Vor der Beſetzung durch die Franzoſen erlegten die Araber die Wildſchweine, deren Fleiſch ihnen durch den Koran verboten iſt, nur zum Schutz ihrer Ernten. Nur einige Häuptlinge mach⸗ ten und machen, des Vergnügens wegen, Jagd auf dieſes Wild. Bei uns in Frankreich verlaſſen die Wildſchweine ihr Lager nur in der Nacht und wagen ſich erſt ſpät aus dem Walde her⸗ aus. Das iſt nicht der Fall in Algier, wo ich im Gebirge faſt jeden Tag entweder einzelne alte Eber oder eine ganze Heerde bei Sonnenuntergang aus dem Walde kommen ſah, um ſich in einer Quelle zu wälzen, die ſich nahe an meinem Zelte befand. Im Winter ſuchen ſie das Waſſer weniger begierig auf und durchwühlen friſch beſäete Felder oder die Stelle wo ein Duar ſtand, um die da zurückgebliebenen Körner aufzufinden. Schleicht man ſich vorſichtig heran, wenn das Schwein wühlt, 6 ſo kann man ihm recht wohl bis auf dreißig Schritte nahe kom⸗ men. Schwieriger iſt dies, wenn ihrer mehrere ſind, weil dann 64 Das Wildſchwein. immer Eines Wache hält, und bei dem geringſten Geräuſche Lärm macht. Die eingeborenen Haiptlingte welche die Wildſchweine hetzen, jagen ſie im Sommer in der Ebene, im Winter im Walde. In den drei Provinzen Algiers giebt es eine große Anzahl Seen und Sümpfe, die mit Rohr bewachſen ſind, an und in denen die Wildſchweine nebſt Enten und Schnepfen ſich aufhalten. Iſt das Waſſer niedrig, d. h. vom Juni bis zum September, ſo flüchten die Schweine auf einige dichtbebuſchte Inſelchen, wo man nur Feuer anzumachen braucht, um ſie herauszutreiben. Dieſen Auf⸗ trag erhalten Fußgänger, während Reiter in der Ebene aufge⸗ ſtellt ſind, um die Thiere zu jagen, welche vor dem Feuer fliehen. Eine ſolche Jagd hat große Reize, doch auch Gefahren, wenn man z. B. einen alten Eber vor ſich hat. Nicht ſelten wird der Verfolgte zum Angreifenden und er reißt den Hunden, die ſich zu nahe wagen, oder Pferden, die man nicht raſch genug bei Seite bringt, den Bauch auf. Das Frühjahr iſt für eine andere und meiner Meinung nach unterhaltendere Jagd vorzugsweiſe geeignet. In dieſer Jahres⸗ zeit verlaſſen die Wildſchweine den Wald zeitig und ſuchen in ziem⸗ licher Ferne ihr Futter und einen Bach, in welchem ſie bis zu Ta⸗ gesanbruche liegen bleiben. Die Jäger, welche wiſſen, auf welchem Wege die Schweine kommen und gehen, haben ſich in einer Schützenlinie an dem Waldſaume aufgeſtellt. Werden einige ſchwarze Punkte in der Ebene ſichtbar, ſo ſetzen ſich alle Jäger in Bewegung; ſie halten ſich dabei fortwährend in gleicher Richtung und ſorgen dafür, daß keines der Schweine die Schützenlinie dnrchbreihe⸗ um nach dem Walde zu zu entkommen. Von einer Heerde Wildſchweine, die in dieſer Art angegriffen wird, bleibt meiſt kein Stück am Leben. 15 Der Schakal. 65. Auch mehreren Hetzjagden habe ich beigewohnt, welche die Araber bei Mondenſchein anzuſtellen pflegen. In der Zeit näm⸗ lich, wann die Wildſchweine die Felder durchwühlen, bringt man ſo viel Leute als möglich zuſammen und ſteigt zu Pferde, um mitten in der Nacht da anzukommen, wo die Thiere ſich bereits befinden. Die Reiter, die in einer Linie vorrücken, erblicken die Fliehen⸗ den bald und ſofort beginnt die Hetzjagd unter Geſchrei, vor dem ſich Menſchen ſogar fürchten würden. Bei ſolchen Jagden habe ich bemerkt, daß alte Eber ſtets den Rückzug der Sauen und Jungen decken und dieſelben zu ſchützen und zu vertheidigen ſuchen. Wenn ſie von den Hunden hart ver⸗ folgt wurden, drehten ſie ſich wohl um und griffen ihrerſeits an, während die andern weiter flohen. Sobald ein Eber ſteht, um⸗ ringen ihn die Reiter und Jeder ſchickt ihm, unbekümmert um die Menſchen, Pferde und Kinder, eine Kugel und ein Schimpfwort zu, bis das Thier, das, wie man ſich wohl denken kann, nie allein zu den Todten geht, kein Lebenszeichen mehr giebt. Sechstes Kapitel. Der Schakal.— Der Fuchs.— Der Hirſch.— Die Antilope und Gazelle. Der Schakal. Der Schakal gehört, wie die Hyäne, mehr zu dem allesfreſ⸗ ſenden als zu den fleiſchfreſſenden Thieren, zu welchen man ihn rechnet. Er lebt z. B. ebenſo auf Koſten des Gärtners, dem er Obſt und Gemüſe ſtiehlt, wie auf Koſten des Hirten, deſſen größter Feind er, nach dem Löwen, iſt. Der Löwenjäger. 5 66„ Der Schakal. Bei ſchlechten Zeiten begnügt er ſich mit Wurzeln und Wür⸗ mern oder mſucht den Kehricht und die Ueberreſte an den Woh⸗ nungen aus. Die Araber ſagen: ſchlau wie ein Schakal, und das Thier, welches zwiſchen dem Hunde und dem Fuchſe ſteht, iſt aller⸗ dings pfiffig und klug wie jener. Tage lang lauert er hinter einem Buſche, namentlich in der Nähe einer Quelle, um auf ein Volk Rebhühner zu warten und er benutzt die Zeit, wann die Hunde eines Duars, vom Wachen und Bellen in der Nacht ermüdet, ein⸗ geſchlafen ſind, um in ein Zelt zu ſchleichen und ſich da ein Schaf oder ein Huhn zu holen. Im Gebirge folgt er den Schafheerden und er richtet unter denſelben große Verwüſtungen an. In der Nacht jagen mehrere den Haſen und das Kaninchen, wobei Einer der Fährte bellend folgt, während die Andern lauernd ſich aufſtellen. Der Schakal, der in Algerien und beſonders in der Provinz Kon⸗ ſtantine ſehr häufig iſt, begnügt ſich nicht mit dem Ertrag ſeiner der⸗ ſchiedenartigen Betriebſamkeit, ſondern tritt auch mit den Hyänen, den Räubern und den Löwen in Verbindung, von der er den größten Vortheil ohne große Mühe hat. Das geht ſo zu. Ueberall, wo Araber leben, giebt es Räuber, nämlich junge Männer mit guten Beinen, guten Augen und viel Muth, die in den finſterſten Nächten zu vieren, zu zehn ſich aufmachen, um aus den Heerden ihrer Nachbarn Vieh zu ſtehlen. Das nennen ſie einen Nachtſpaziergang machen. Trifft der Schakal eine ſolche nächtliche Erwerbsgeſellſchaft mit Schafen und Rindern, ſo folgt er ihr. Auch erkennt er bald, daß er wohl daran gethan. Der Führer der Geſellſchaft macht die Seinigen darauf aufmerkſam, daß ſie eigentlich doch am Tage ſchlecht gegeſſen hätten und daß es auf ein Schaf mehr oder we⸗ niger nicht ankomme, da es doch wenig koſte. Jeder iſt leicht be⸗ greiflich derſelben Anſicht, ein Schaf wird raſch geſchlachtet, abgezo⸗ 4 —— Der Schakal. 67 gen, an einen zu dieſem Zweck abgehauenen jungen Baum geſteckt und an einem Feuer gebraten, an dem man auch einen Ochſen braten könnte.. Der Schakal freut ſich über dieſe Vorbereitungen, meint aber, er werde ſich gern mit den Eingeweiden und Abfällen begnügen, wenn er ſich dieſelben nur holen dürfe. Er macht wohl auch einen Verſuch dies zu thun, aber ein Steinhagel, der auf ihn nieder⸗ regnet, macht ihm begreiflich, daß er nicht eingeladen iſt und in der Ferne bleiben muß. Nachdem die Raubgeſellſchaft ſich geſättiget hat und mit ihrer Beute wieder aufgebrochen iſt, ſchleicht der Schakal von ſeinem Lauerpoſten nach den Ueberreſten hin, die ihm höchſt appetitlich erſcheinen und die wohl auch für ein Paar andere noch zureichen, welche auf ſeinen erſten Ruf herbeikommen. Aus gleichem Grunde folgt der Schakal⸗dem Löwen und der Hyäne, und bei dieſem Nachſchleichen giebt er gelegentlich einen Laut von ſich, eine Art heißeren Bellens, welches ſeinen Camera⸗ den anzeigen ſoll, ſie möchten ſich in der Nähe halten, da ſich etwas Gutes erwarten ließe. Daher der allgemein verbreitete Irrthum über das Bellen des Schakals, der Räubern, Löwen oder Hyänen nachſchleicht und die Annahme das Bellen rühre von der Hyäne her. Da die Araber ſich hüten in der Nacht und namentlich zu Fuß zu reiſen, der Schakal aber immer glaubt, er habe Diebe vor ſich, wenn er einen Menſchen oder einige trifft, ſo iſt es mir oft be⸗ gegnet, daß mir ein Schakal die ganze Nacht hindurch folgte, ging, wenn ich ging, ſtehen blieb wenn ich ſtand und dabei gele⸗ gentlich, etwa zwanzig Schritte von mir entfernt, ſein Bellen hören ließ.. 4 In Gegenden, wo Löwen ſich befinden, zünden die Araber, welche den Schakal ſo bellen hören, Feuer an oder ſie ſchießen mehrmals, um den Löwen oder die Räuber, die ſie in der Nähe 5* 68 Der Fuchs. des Schakals vermuthen, aufmerkſam zu machen, daß ſie wach ſind und dadurch zu veranlaſſen ſich anderswohin zu wenden. Mir iſt der Schakal ſehr nützlich, wenn ich einen Löwen jage, der nicht brüllt. Durch dieſes Schakalbellen wurde mir es oftmals möglich gemacht, ohne einen Berggipfel zu verlaſſen, die ganze Nacht hindurch den Gang eines Löwen zu verfolgen und zu er⸗ kennen, welche Duars er verſchonte, aus welchem er ſich ſeine Beute geholt und wohin er ſich am Morgen zurückgezogen. In Ebenen und nicht bewaldeten Gegenden zieht der Schakal ſich am Tage unter Felſen oder in Erdlöcher zurück; überall aber, wo es Wald oder nur Gebüſch giebt, glaubt er nicht nöthig zu haben ſich zu verſtecken. Die Araber jagen den Schakal mit Hunden Abends bei guter Zeit, wann er ſeine Wanderung antritt, früh wann er zurückkommt und auch am Tage. Obgleich er nicht ſehr ſchnellfüßig iſt, ge⸗ währt dieſe Jagd doch Unterhaltung, weil er ſich muthig verthei⸗ digt und viele Hunde ihn ſogar ſo ſehr fürchten als das wilde Schwein. Ein paar Stunden vergehen immer, ehe er verendet, aber man thut wohl, vor Beginn der Jagd die Löcher zu ver⸗ ſtopfen, wie man es bei uns bei den Fuchsjagden thut. Der Fuchs. Der afrikaniſche Fuchs iſt um die Hälfte kleiner als der euro⸗ päiſche. Er hält ſich in waldloſen Ebenen auf, wo er große und tiefe Baue an Flußufern und in den von den Arabern auf⸗ gegebenen Silos oder Getreidegruben anlegt. Er iſt auch nicht ſo ſchädlich wie bei uns, denn kaum wagt er einmal ein Huhn zu ſtehlen. Er lebt ausſchließlich von dem Ertrage ſeiner Jagd, d. h. von kleinen Vögeln, Eidechſen und Schlangen. Die Araber jagen ihn mit Hunden früh bei Tagesanbruch, wann er ſich im Freien verſpätigt hat; die Jagd iſt aber ohne Intereſſe. — — Der Hirſch.— Die Antilope. 69 Der Hirſch. Der afrikaniſche Hirſch iſt ebenfalls etwas kleiner als der euro⸗ päiſche und ſein Haar etwas röther und ſtarrer. In Algier trifft man ihn nur in der Provinz Konſtantine und da auch nur in den drei Kreiſen Bona, Calle und Tebesca. In dem erſten halten die Hirſche ſich in den Bergen der Beni⸗Saleh und der Uled⸗Beſchia auf, die mit prächtigen grünen und Korkeichen bewachſen ſind; in dem zweiten an den Ufern der Seen in der Nähe der Küſte und in dem dritten endlich in einem Fichtenwalde, welchen die Araber das Diebsholz nennen und der von drei Bergen eingeſchloſſen iſt, die ein Dreieck bilden. Dieſer Wald iſt eben und obgleich er keine Durchhaue hat, läßt ſich doch eine Hetzjagd darin anſtellen. Dies gilt von den früher erwähnten Waldungen nicht, die für den Jäger unzugänglich ſind. In jenen Gegenden erlegen die Eingeborenen die Hirſche in der Brunſtzeit, indem ſie ſich in dem Haidekraute und unter den Maſtixbüſchen heranſchleichen, die überall hoch und ſehr dicht ſind. In der ſchönen Jahreszeit gehen ſie in der Nacht auf den An⸗ ſtand da, wo die Hirſche beſäete Felder zu beſuchen pflegen. In Bordſch⸗Ali⸗Bei, auf dem halben Wege zwiſchen Bona und Calle, kenne ich einen Araber, der in dieſer Weiſe weit über hundert Hirſche erlegt hat. Die Antilope. Die Antilope wandert umher wie die Volksſtämme im Sü⸗ den und folgt denſelben bei ihren Aufenthaltsveränderungen. Im Frühling, Sommer und Herbſt findet man ſie auf den Hoch⸗ ebenen, welche im Norden an die Sahara grenzen. Sobald die Kälte eintritt, ziehen ſie ſich in die Sandgegend herab. Sie wan⸗ 70 Die Antilope. dern in Heerden von mehreren Hunderten und halten ſich immer in waldloſen Gegenden auf. Ihre Schnellfüßigkeit und ihre Ausdauer ſind von der Art, daß kein Jagdhund ſie einzuholen vermag und auch das kräftigſte Pferd ſie nicht ermüden kann. Bemerken ſie eine kleine Anzahl Reiter, ſo fliehen ſie vor den⸗ ſelben nicht, ſondern kommen vielmehr auf ſie zu, wobei ein Bock, der Führer der Heerde, vorangeht, und laufen im Trabe an ih⸗ nen vorüber, bisweilen in einer Entfernung von nur dreißig oder vierzig Schritten; aber trotzdem kann man ihnen ſo nur eine Kugel zuſenden, denn nach dem erſten Schuſſe entflieht die Heerde mit der erwähnten außerordentlichen Schnelligkeit. Wollen die Araber die Antilope jagen, ſo bringen ſie ſo viele Reiter als möglich zuſammen. Die Hauptzahl derſelben ſteigt in einer kleinen Thalſenkung ab, in welcher ſie ſich verborgen hal⸗ ten können, während Einige auf Recognoscirung hinausreiten. Melden dieſe, daß die Heerde zahlreich iſt und daß ſich kräftige Weibchen und Jährlinge darunter befinden, ſo ſtellt man einige Reiter an den bekannten Stellen auf, nach denen die Antilopen bei der Flucht ſich zu wenden pflegen, die Uebrigen reiten in dem günſtigſten Augenblicke nach der Heerde zu, anfangs im Schritt, dann im Trabe und bei der Flucht endlich im geſtrecktem Galopp. Selten bleibt eine Antilope zurück und wird erlegt ehe ſie zu den Reitern im Hinterhalte gelangt. Die Heerde flieht bis da⸗ hin in beſtimmter Ordnung, ſodaß die Böcke die Nachhut bilden und die Weibchen und Jungen vor ſich her treiben; ſehen ſie aber dreißig bis vierzig Reiter mit furchtbarem Geſchrei gleichſam aus dem Boden herauskommen, ſo verlieren Weibchen und Junge den Kopf, werden trotz den Stößen der Böcke, die ſie retten möch⸗ ten, von der übrigen Heerde getrennt, von den Reitern bald um⸗ ringt und niedergeſchoſſen. Bemerkten die auf Recognoscirung ausgeſchickten Reiter eine nicht ſehr zahlreiche Heerde oder eine mit wenigen kräftigen Die Gazelle. 71 Weibchen und Jungen, ſo bemühen ſich die Reiter, ſie in einem weiten Kreiſe einzuſchließen, der ſich mehr und mehr verengt. Wird dieſes Manöver von hinreichend vielen Reitern mit guten Pferden ausgeführt, ſo wird die Heerde wie in einem Gehege eingeſchloſſen und ſo erſchreckt, daß ſie zuſammengedrängt ſich fortwährend im Kreiſe herum bewegt, ohne auch nur einen Ver⸗ ſuch zu machen, durch die freigebliebenen Zwiſchenräume hindurch zu entfliehen. Dann iſt es keine Jagd mehr, ſondern eine Schläch⸗ terei. In den meiſten Fällen aber beeilen die Reiter ſich zu ſehr den Antilopen nahe zu kommen, ſie verlieren dabei die Diſtanz und die Thiere benutzen dies, um zu entkommen.— Dieſe Jagd iſt nicht blos für die Theilnehmer, ſondern auch für die Zuſchauer unterhaltend. Wer ſie unternehmen will, muß daran gewöhnt ſein, ein Gewehr zu Pferde zu handhaben und die Anſtrengung ſolcher Parforceritte auszuhalten, die bisweilen einen ganzen Tag lang dauern, den Rückweg ungerechnet, welcher nicht ſelten auch noch die halbe Nacht in Anſpruch nimmt. Die Gazelle. In Algier giebt es zwei Arten Gazellen: die der Sahara, welche in der Sandregion lebt, und die Tell⸗Gazelle, welche man nur auf den Hochebenen und in den Bergen findet, die im Nor⸗ den an die Wüſte grenzen. Die erſtere Art, die um vieles kleiner und röther v von Farbe iſt, wandert wie die Antilopen, d. h. ſie wechſelt ihren Aufenthalt je nach der Jahreszeit. Die andere Art geht nicht über zwei bis drei Stunden weit über ihren gewöhnlichen Aufenthalt hinaus. Ich kenne mehrere Gazellenheerden in den verſchiedenen Gebirgen ſüdlich und öſtlich von Konſtantine, die ich ſeit fünf oder ſechs Jahren ſtets an derſelben Stelle wiedergefunden habe. 72 Die Gazelle. Bei der Gazelle im Norden habe ich eine Eigenthümlichkeit bemerkt, welche ſie nicht nur von den übrigen Wiederkäuern, ſon⸗ dern auch von allen Vierfüßern im wilden Zuſtande unterſcheidet. Es iſt allgemein bekannt, daß die wilden Thiere die Nacht zum Tag und den Tag zur Nacht machen. Aus dieſer allgemei⸗ nen Regel tritt die Gazelle heraus, indem ſie ſich Abends mit Sonnenuntergang niederlegt, um erſt mit Tagesanbruch zur Weide zu gehen. In folgender Weiſe lernte ich dieſe Eigenthümlichkeit kennen, welche meiner Meinung nach beweiſt, daß die Gazelle das ſchüch⸗ ternſte und furchtſamſte Thier der ganzen Schöpfung iſt. Bei meinen Wanderungen über die Höhen des Zerazer im Kreiſe Konſtantine bemerkte ich auf einem waldfreien Gipfel eine große Anzahl Gazellenkammern. Da der Ort ſeit langer Zeit beſucht, ſeit kurzem aber verlaſſen zu ſein ſchien, ſo meinte ich, die Ga⸗ zellen müßten durch irgend ein Thier oder einen Löwen verſcheucht worden ſein und da ich fünf⸗ bis ſechshundert Ellen davon einen Felſen ſah, von dem aus man die Umgegend überſehen konnte, nahm ich mir vor die Nacht da zu verbringen und das Brüllen des Löwen zu beobachten, der mir bezeichnet worden war. Abends, in dem Augenblicke, als die Sonne am Horizonte hinabſinken wollte, ſah ich eine Heerde Gazellen, die einzeln hinter einander gingen, heran und auf die von mir entdeckte La⸗ gerſtelle zu kommen. Ich zählte ſie. Es waren ſechs, darunter ein einziger Bock, der voranging. Der Inhaber dieſes kleinen Harems ging gerade auf die erwähnten Kammern zu, ſcharrte ein paar Mal mit den Beinen den Boden, ließ ſich auf die Knie nie⸗ der und legte ſich dann. Im nächſten Augenblicke lag die ganze Heerde um ihren Herrn und Meiſter her. Ich beobachtete ſie bis in die Nacht hinein, ohne daß ſie ihr Lager verließen und als es früh wieder ſo weit hell geworden war, daß ich ſie von neuem er⸗ kennen konnte, lagen ſie noch da. Erſt als ich mich erhob, um in * Die Gazelle. 73 mein Zelt zurückzukehren, weckte der Bock, indem er mit dem Vor⸗ derbeine auf den Boden klopfte, die Gazellen erhoben ſich lang⸗ ſam und dehnten und ſtreckten ſich träg als hätten ſie noch nicht ausgeſchlafen. 3 Da ich die armen Thiere nicht ſtören wollte, entfernte ich mich in entgegengeſetzter Richtung und lange noch konnte ich ſie unbeweglich an derſelben Stelle ſtehen ſehen. Dieſe Beobachtung, die ich noch mehrmals zu machen Ge⸗ legenheit hatte, gab mir die Gewißheit, daß die Gazelle in der Nacht ſchläft, aus Furcht auf ihrem Wege von Raubthieren an⸗ gefallen zu werden. Ein Grund für dieſe Erklärung iſt es, daß ihre Aufenthaltsörter nicht verſteckt ſind wie die anderer Thiere, ſondern ſich ſtets auf einer völlig waldloſen Hochebene oder an einem freien Abhange befinden, ſodaß ſie durchaus nicht über⸗ rumpelt werden können. Ueber die Wüſten⸗Gazelle kann ich in dieſer Art nichts ſagen, aber ich glaube, daß ſie dieſelbe Lebensart hat, denn in den erſten Tagen der Belagerung von Zatſcha 1849 ſah ich einige jeden Morgen bei Tagesanbruch und jeden Abend kurz vor Sonnen⸗ untergang an eine Quelle kommen um da zu trinken. Das Schießen verſcheuchte ſie endlich und nöthigte ſie ſich in ruhigere Gegenden zu begeben. Die Gazelle und der Löwe ſind die beiden äußerſten Gegen⸗ ſätze. Sie iſt ſo ſchüchtern als er kühn, ſo ſchwach als er ſtark, durch Zierlichkeit und Zartheit der Formen, durch Sanftheit des Blickes ſo ſchön als er ſchön iſt durch ſeine königliche Haltung, durch die Kraft und Geſchmeidigkeit ſeines Körpers und den ru⸗ higen Stolz ſeines Blickes, der Chrfurcht gebietet. Wenn das Menſchengeſchlecht nicht ausgeartet wäre, könnte man die Gazelle mit dem Weibe, und den Löwen mit dem Manne vergleichen, aber wenn es auch noch einige Frauen giebt, welche 74 Die Gazelle. dieſen Vergleich verdienen,— und es giebt wirklich einige— ſo würde doch der ſchönſte Mann unſeres Jahrhunderts neben dem Könige der Thiere häßlich erſcheinen. Die Araber laſſen dem perſönlichen Verdienſt der Gazelle alle Gerechtigkeit widerfahren, beſonders der Schönheit ihrer Augen, was ſie freilich nicht abhält, einen Vertilgungskrieg gegen ſie zu führen. Im Süden jagt man die Antilope mit Hunden. Wenn nicht eine Heerde durch eine große Anzahl von Reitern einge⸗ ſchloſſen wird und dann den Kopf verliert, bleiben nur die Jun⸗ gen und Weibchen in der Gewalt der Jäger; die Böcke ziehen ſich immer aus der Gefahr, denn ihre Schnellfüßigkeit und ihre Ausdauer übertreffen die des beſten Hundes. Im Tell ſtellen die Araber Treibjagden an, um die Gazellen von einem Berge zum andern zu treiben. Männer nänlich, die im Gebüſch oder hinter Felſen verſteckt ſind, halten ſich auf dem gewöhnlichen Wege der Gazellen auf und zwar mit Hunden an der Leine; kommt die Heerde vorüber, ſo laſſen ſie die Hunde ge⸗ räuſchlos los, ſodaß meiſt mehrere Gazellen aus Schreck oder Ueberraſchung fallen, ehe ſie noch gehetzt ſind. Die Gazellen loſung, die man in der Sonne trocknet und zu Pulver ſtößt, giebt dem Tabak, welchen man in Algier raucht, einen ſehr angenehmen Geruch und Geſchmack. Das iſt, meiner Anſicht nach, das Beſte an dieſem Thiere, welches ſo ſchön iſt daß man es lebend ſehen und am Leben laſſen muß. Das Stachelſchwein und kleine Wildpret. 75 Siebentes Kapitel. Das Stachelſchwein und kleine Wildpret. In Konſtantine giebt es mehrere Stachelſchwein jägergeſell⸗ ſchaften, deren Mitglieder meiſt von kabyliſcher Herkunft ſind und Hatſcheiſchia heißen, weil ſie Hatſchiſch rauchen. Sie werden von allen Eingeborenen verachtet, weil ſie durch Hatſchiſchgenuß ſich um den Verſtand bringen. Um ſich über dieſe allgemeine Mis⸗ achtung zu tröſten, kommen ſie alle Abende zuſammen, um bei dem Tone des Tamtam zu rauchen und wie Vieh zu ſchreien bis ſie vom Schlafe und dem Hatſchiſch überwältiget zu Boden fallen. Unter den verſchiedenen Geſellſchaften herrſcht aber eine ſolche Rivalität, daß vor der Eroberung von Konſtantine am Früh⸗ lingsfeſte nicht ſelten zwei in blutige Kämpfe mit einander gerie⸗ then, wobei ſie ſich indeß ausſchließlich der Knüttel als Angriffs⸗ und Schutzwache bedienten. Die franzöſiſchen Behörden haben dieſen Feindſeligkeiten innerhalb der Stadt ein Ende gemacht, treffen einander die Gegner aber„draußen im Freien,“ auf den Jagdrevieren, ſo entſchädigen ſie ſich reichlich für den Zwang, den ſie ſich anthun müſſen. Die Hatſcheiſchia lieben die Stachelſchweinjagd mit einer Leidenſchaft, welche ſchwer zu begreifen iſt, wenn man nicht weiß, welche Schwierigkeiten zu überwinden ſind, um ein Stachelſchwein zu erlegen. Dies will ich ſo gut als möglich zu erklären ſuchen. Das Stachelſchwein hat in ſeiner Lebensweiſe ſehr viel von dem Dachſe, von dem es ſich in der That nur durch den Harniſch unterſcheidet, welchen ihm die Natur gab, um es gegen die e HyzFne und den Schakal zu ſchützen, die ſich oftmals in demſelben Erdbaue mit ihm aufhalten. Das Stachelſchwein gräbt ſich ſehr tiefe Baue und zwar im⸗ mer am Fuße eines Felſens. In der Nähe von Bu dſchia und 76 Das Stachelſchwein und kleine Wildpret. Gelma haben die franzöſiſchen Soldaten unbegreiflich viel ſolche Thiere in Meſſingſchlingen gefangen und wahrſcheinlich gab es früher Stachelſchweine auch in der Umgegend von Konſtantine, die felſenreich und voll von Löchern iſt, in denen es von Scha⸗ kalen wimmelt; die Hatſcheiſchia ſcheinen ſie indeß hier ganz aus⸗ gerottet zu haben. Die Stachelſchweinjäger brechen meiſt zu Ende des Winters auf. Da ſie mehrere Tage ziehen müſſen, ehe ſie ihre Jagd be⸗ ginnen können, und da ſie recht wohl wiſſen, daß ſie nirgends auf gaſtliche Aufnahme bei den Arabern rechnen dürfen, ſo rich⸗ ten ſie ſich darnach ein. Sie kommen am Abend vor dem zum Aufbruch beſtimmten Tage in ihrem Geſellſchaftslocale zuſam⸗ men und ſchmauſen und rauchen bis die Thore früh geöffnet wer⸗ den. Diejenigen, welche nicht ſo glücklich ſind an dem Ausfluge Theil nehmen zu können, begleiten ihre Genoſſen vor die Stadt und nehmen ſo rührenden Abſchied als ſollten ſie dieſelben nim⸗ mer wiederſehen. Die Jäger, meiſt acht oder zehn, verſprechen der Geſell⸗ ſchaft goldene Berge, ſchicken ein Paar Eſel voraus, die ihre Ge⸗ räthe und Lebensmittel tragen und nehmen einige, faſt immer räudige, Hunde mit ſich. Jeder iſt mit einem fünf Fuß langen Stocke verſehen, an deſſen Ende ſich ein Eiſenſtück in der Form einer langen Spitze mit Sägezähnen befindet. Dieſes Inſtrumentes bedient man ſich den Feind zu durch⸗ bohren und aus dem Loche herauszuholen. Eiſenhammer von je⸗ der Form und Größe hängen an den Gürteln der Kräftigſten, welche die Aufgabe haben, die Eingänge zu den Löchern zu er⸗ weitern, ſodaß ein zehn⸗ bis zwölfjähriger Knabe hineinkriechen kann, der kleinſte und ſchmächtigſte, der ſich auftreiben läßt. Die⸗ ſer Knirps iſt vom Kopfe bis zu den Füßen mit einem Anzuge von Leder bekleidet, ſodaß er wie eine Spinne ausſieht, und eben⸗ Das Stachelſchwein und kleine Wildpret. 77 falls eine Art Harniſch hat. Er iſt der Held, der Herkules der Geſellſchaft, denn er hat das Thier anzugreifen. Iſt man mehrere Tage über Berge und Thäler gegangen und hat die Nächte unter freiem Himmel unter dem Schutze der Duars verbracht, welche den Stachelſchweinjägern freilich kaum die Er⸗ laubniß geben, einen Flintenſchuß weit davon zu lagern, ſo ge⸗ langen ſie zu einem Baue, den ſie kennen oder der ihnen bezeich⸗ net worden iſt. Das Stachelſchwein hat einige Stachein fallen laſſen, welche ſein Daſein verrathen; zahlreiche Fährten deuten ſeine gewöhn⸗ lichen Wege an, ſodaß man nie in Zweifel ſein kann, ob ein ſol⸗ cher Bau bewohnt iſt oder nicht. Die Hunde, die man losgelaſſen hat, kriechen in den Bau hinein und auf das erſte Anſchlagen derſelben antworten die Jä⸗ ger außen mit einem fröhlichen Hurrah, während ſie die Geräthe bereit halten, die ſie zur Belagerung nöthig haben. Iſt alles bereit, die Laufgräben zu eröffnen, ſo ſucht man den Jungen, welcher den Dachs zu ſpielen hat, um ihn auf Recog⸗ noscirung auszuſchicken, aber umſonſt; er verſchwand mit ſei⸗ ner Lanze; vergebens ruft man ihn mit den zärtlichſten Namen; der, auf welchem der Stolz der Geſellſchaft und die Hoffnung des Unternehmens beruht, bleibt unſichtbar. Während die Jäger ſich faſt der Verzweiflung überlaſſen und ihn für verloren halten, kommen die Hunde wieder heraus und hinter den Hunden zeigt ſich erſt ein Fuß, dann ein Bein, darauf der Leib und endlich der Kopf des Jungen, der ein Stachelſchwein hervorzieht, welches faſt ſo groß iſt als er ſelbſt, noch lebt, ob⸗ gleich von der Lanzenſpitze durchbohrt und heftig nach der letz⸗ teren beißt. Nachdem man das Thier durch einen Meſſerſtich in die Kehle vollends getödtet hat, ſchneidet man ihm den Leib auf, um es aus⸗ zuweiden und ſteckt ſtatt der Eingeweide aromatiſche Kräuter 78 Das Stachelſchwein und kleine Wildpret. nebſt einigen Händen voll Salz hinein, um das Thier bis zu Ende des Jagdausfluges zu erhalten und auf dem Geſellſchafts⸗ tiſche in Konſtantine damit zu paradiren. Nicht immer freilich geht es ſo, denn meiſt wird das Thier erſt nach einer Belagerung von mehreren Tagen und beſchwerli⸗ chen Arbeiten gefangen, wenn es gefangen wird, denn bisweilen ſind die Gänge des Baues ſo eng und die Felſenwände ſo hart, daß trotz der Hämmer und dem Eifer der Arbeitenden der Junge, ſo dürr und klein er auch ſein mag, nicht bis zu dem Thiere ge⸗ langen kann und der Fang aufgegeben werden muß. Die Jäger durchziehen ſo die Bezirke von Konſtantine, Gelma und Bona. Selbſt in Calle, ſechzig Stunden von Kon⸗ ſtantine, habe ich einige getroffen. Ihre Ausflüge ſind bald mehr bald weniger glücklich und wenn ſie bisweilen mit einem Dutzend Stachelſchweinen zurückkommen, von denen ſie mehrere Tage ſchmauſen können, bringen ſie ein anderes Mal nach einmonat⸗ licher Anſtrengung, Wanderung und Entbehrung ein einziges Stachelſchwein mit ſich. In dem letzteren Falle verſammeln ſich die Mitglieder des Clubs wie gewöhnlich zur Feier der Wiederkehr ihrer Freunde und das Thier wird gebraten auf einem hölzernen Teller in die Mitte der Verſammlung gebracht, welche einen Kreis um daſſelbe her bildet. Der Vorſitzende fordert ſeinen Nachbar zur Rechten auf ſich von dem Braten zuzulangen; der Eingeladene berührt den Tel⸗ lerrand mit den Fingerſpitzen der rechten Hand, führt ſie dann an ſeine Lippen und ſagt: ich habe genug. Alle andern thun dies der Reihe nach und wenden ſich dann zu dem Cuseuſſu und zu den Datteln, in deren Mittel das Ehrengericht prangt. Darauf feiert man mit lautem Geſange, unter Händeklatſchen und Tamtam⸗ ſchlägen, die frühern und künftig zu erwartenden Jagdheldentha⸗ ten und die Pfeife mit dem Hatſchiſch thut das Uebrige. —— Das Stachelſchwein und kleine Wildpret. 79 Der Club verſammelt ſich am nächſten Tage und an den fol⸗ genden bis die Nachbarn über den Nachtlärm und über den uner⸗ träglichen Geſtank des nun völlig in Fäulniß übergegangenen Stachelſchweines klagen und die Polizei endlich einſchreitet, um die Jagdbeute und die Jäger hinauszuwerfen, die dann an einem andern Orte ihre Sitzungen fortſetzen. Eines Tages traf ich eine Geſellſchaft Stachelſchweinjäger vor einem Baue und ich ſtieg ab, um der Entwickelung des Dra⸗ mas beizuwohnen. Nach einer einſtündigen angeſtrengten Arbeit wurde von dem Jungen, den man hineingeſchickt hatte, eine Hyäne herausgezogen, der er die Lanze tief in den Leib geſtoßen. Euro⸗ päiſche Jäger würden auf dieſes Reſultat ſtolz geweſen ſein; die Stachelſchweinjäger waren unzufrieden, weil es in ihren Augen ein ſchlimmes Vorzeichen war und weil die Araber aus der Umgegend, die ſich zum Zuſehen eingefunden hatten, allerlei ſchlechte Späße mit ihnen trieben und ſie verhöhnten. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß man die Hyäne als Futter für andere liegen ließ und die Jäger ſofort aufbrachen, um womöglich anderswo glücklicher zu ſein, jedenfalls aber der Verſpottung ſich zu entziehen. Da ſie jährlich nur zwei oder drei Jagdausflüge unterneh⸗ men, um ſich und ihre Hunde nicht zu ſehr anzugreifen, ſo machen die Hatſcheiſchig auch Jagd auf die Igel. Iſt der Him⸗ mel klar und der Mond ſcheint, ſo brechen ſie Nachmittags mit einigen Hunden von Konſtantine auf und durchſuchen die Ebene die ganze Nacht hindurch. Findet ein Hund die Fährte eines Igels, ſo ſchlägt er an und die andern kommen zu ihm, um ver⸗ eint mit ihm zu jagen, als handelte es ſich um einen Hirſch oder ein Wildſchwein. Sobald der Igel ſich berührt fühlt, rollt er ſich zuſammen wie ein Muff und ſtreckt die ſpitzen Stacheln, mit denen er be⸗ wehrt iſt, den Zähnen der Hunde entgegen. Einer der Jäger 80 Das Stachelſchwein und kleine Wildpret. faßt ihn mit den Zipfel ſeines Burnus, ſteckt ihn in ſeine Ka⸗ puze und die Jagd geht weiter bis zum Morgen. In den erſten Jahren nach der Eroberung Algiers durch die Franzoſen war das Wildpret in ſolcher Menge vorhanden, daß ein Haſe vier Neugroſchen koſtete und alles Uebrige im Verhält⸗ niß. Die ungeſchickteſten Jäger kamen ſtets mit gefüllten Jagd⸗ taſchen zurück und an vielen Orten jagte man höchſtens einen Ka⸗ nonenſchuß weit von einer Stadt oder von dem Graben eines Lagers. Ich erinnere mich, daß ich im September 1842 an einem Tage zwiſchen Frühſtück und Mittagseſſen in der Gegend von Gelma fünfundvierzig Rebhühner und ſieben Haſen mit einem Dragonergewehr geſchoſſen habe. Dabei muß ich noch geſtehen, daß ich keineswegs zu den allerbeſten Schützen gehöre und daß ich Jäger kenne, die mit ſehr guten Gewehren noch einmal ſoviel er⸗ legt haben würden. In Folge des allgemeinen Jagens zu jeder Jahreszeit iſt das Wildpret in der Nähe der Dörfer und Lager weniger zahlreich, in der Nähe der Städte ſogar ſelten geworden. Da es indeß in allen Provinzen, namentlich in der Provinz Konſtantine, viele von den Mittelpunkten der Bevölkerung entfernte ſehr wildreiche Punkte giebt, ſo kann man in Algerien noch immer gute Jagden halten. Zu dieſem Zwecke muß man mit einem des Arabiſchen kundi⸗ gen Officier oder einem Kaid einen mehrtägigen Ausflug machen. Iſt es Winter, ſo begiebt man ſich an das Ufer eines Sees, in den man ſicherlich alles Blei, mit dem man verſehen iſt, auf Gänſe, Enten, Schwäne und andere Waſſervögel verſtreuen kann, die ſich zu Tauſenden finden. Geſchickte Jäger werden an dem Ufer der Seen und auf den naſſen Wieſen Legionen von Becaſſinen finden. In den Monaten Juli und Auguſt, ehe die Schakale und an⸗ dere vierfüßige Wilddiebe den Zehent bereits erhoben haben, trifft man auf Völker von rothen Rebhühnern(das graue Reb⸗ — Die Falknerei in Algier. 81. huhn kommt in Algier nicht vor), deren Aeltern nie einen Flin⸗ tenſchuß hörten und die man mit dem Fuße anſtoßen muß, um ſie zum Auffliegen zu bewegen. In den Provinzen Oran und Algier wimmelt es von Kanin⸗ chen; in der Provinz Konſtantine findet man dieſe nur an der weſtlichen Grenze, dagegen iſt hier der Haſe ſo häufig, daß bei einer Expedition nach dem Oſten oder Süden die Soldaten jeden Tag auf dem Marſche und ſelbſt in den Bivouacs eine große Menge mit der Hand fangen. Der afrikaniſche Haſe iſt übrigens um ein Drittel kleiner als der europäiſche. Im Frühjahr und Herbſt erhöhen die Zugvögel die Menge des inländiſchen Federwildes, ſodaß die von den Occupations⸗ punkten entfernten Ebenen und Felder mit Kranichen, Wach⸗ teln, Schnepfen, Karthago⸗Hühnern und andern Feinden des Pulvers und des Jägers wie beſäet ausſehen. Achtes Kapitel. Die Falknerei in Algier. In einem Lande, in welchem die Geſchichte mit Flinten⸗ ſchüſſen geſchrieben wird, läßt ſich ſchwer zur Quelle der Sitten und Gebräuche der Bewohner zurückgehen, namentlich wenn ſie, wie die Araber, unter Traditionen leben, die meiſt nicht über die Grenzen des Stammes und der gegenwärtigen Generation hin⸗ aus gehen. Ohne etwas über den Urſprung der Falkenjagd in Afrika zu ſagen, erwähne ich deshalb, daß die eigentlich ſogenannten Araber ſie mit ſich gebracht zu haben ſcheinen, weil ſie bei den Schatula und den Kabylen faſt unbekannt iſt, welche früher in dem Lande wohnten. 4 Der Löwenjäger.* 6 82 Die Falknerei in Algier. Die Falkenjagd iſt in Algier das Vorrecht der Großen und Starken. Diejenigen, welche ſie mit Leidenſchaft ausüben, ſtam⸗ men von adeligen und kriegeriſchen Familien ab, die ſich Frank⸗ reich anſchloſſen, um Commandos zu behalten oder zu erlangen. Wie mächtig oder wie reich ein Eingeborener ſein mag, wenn er nicht von Adel iſt oder wohlerworbenen Tapferkeitsruf beſitzt, kann er ſich nicht mit der Falkenjagd beſchäftigen, ohne ſich der Gefahr auszuſetzen von den Seinigen lächerlich gemacht oder noch ſchlimmer behandelt zu werden. „Der Falkner eines mir bekannten Kaid erzählte mir eine ziemlich ſeltſame Anekdote davon, bei welcher er, wie man ſehen wird, eine gefährliche Rolle ſpielte. Dieſer Mann, welcher nach einem gewiſſen Malruk, von dem weiterhin die Rede ſein wird, der enragirteſte Falkner in ganz Afrika iſt, verdient von dem Leſer beachtet zu werden. Er heißt Abdallah und gehört zu dem Stamme der Mahatla und zwar zu den muthigſten Reitern derſelben. Als ich ihn nach ſeinem Alter fragte, antwortete er, er ſei im Jahre des Pulvers geboren. Da nun ſein Volksſtamin, be⸗ vor er ſich Frankreich unterwarf, fortwährend Flintenſchüſſe mit den Nachbarn wechſelte, ſo mußte ich ihm das Alter zuſchreiben, daß er dem Ausſehn nach zu haben ſchien, nämlich vierzig Jahre. Er iſt unter Mittelgröße, ſieht ernſt und ſchweigſam, ſchwächlich und kränklich aus und hat alſo gar nichts Bemerkenswerthes an ſich. Befindet er ſich aber unter Leuten, die ihm zuſagen und kommt das Geſpräch auf Krieg oder Jagd, ſo belebt ſich ſein Ge⸗ ſicht, aus ſeinen Augen ſchießen Blitze und die Naſenlöcher erwei⸗ tern ſich als wollten ſie in langen Zügen den Geruch von Pulver und Blut einathmen, denn für ihn iſt die Jagd, das Verenden des Opfers, dem die Falken die Augen aus⸗ und den Kopf abreißen, der höchſte Genuß; der Krieg aber beſteht für ihn vorzugsweiſe darin: dem lebenden Feinde den Hals abzuſchneiden. — ℳ— ——— — Die Falknerei in Algier. 83 Trotzdem beſitzt Abdallah eine weiche Seele und ein liebendes Herz. Seine Familie beſteht aus einer alten Mutter, die er liebt und verehrt, was nicht alle Araber thun, aus drei Kindern, die er faſt anbetet und aus einer Stute, die an dem Tage zur Welt kam, an welchem ſeine Frau ſtarb, deren Namen er ihr ge⸗ geben hat. Seit dieſer Zeit hat er nicht nur dem Andringen ſei⸗ ner Mutter widerſtanden, die ihn wieder verheirathen wollte, er trauert ſogar noch um ſeine Frau und wird, wie er mir ver⸗ ſicherte, lebenslänglich um ſie trauern. Um zu wiſſen wie be⸗ ſchwerlich und läſtig die Trauer der Araber iſt, die an tägliche Abwaſchungen gewöhnt ſind, muß man beachten, daß ihre Trauer darin beſteht, während derſelben weder den Körper noch die Klei⸗ dungsſtücke zu waſchen. Als ich Abdallah kennen lernte, war ſeine Frau ſeit ſechs Jahren todt und man kann ſich denken, daß ſein Körper und ſein Burnus nicht eben rein ausſahen oder angenehm rochen, aber ſein Charakter intereſſirte mich ſo ſehr, daß ich über alles Andere hin⸗ weg ſah und mich ſtets freute, wenn ich ihn in ſeinem Stamme traf. Im Mai 1850 wollte ich ihn vor der Steuererhebung in unſerer Ge⸗ gend aufſuchen. Sobald er von meiner Ankunft hörte, kam er zu mir und bat um die Erlaubniß, mich alle Tage in meiner freien Zeit be⸗ ſuchen zu dürfen. Daich ihn ſehr gern von ſeinen Kriegs⸗ und Jagd⸗ abenteuern erzählen hörte, verſchwieg ich ihm nicht, daß ich ihn mit Vergnügen bei mir empfangen würde und am andern Tage er⸗ fuhr ich, er habe ſich fuͤr die Dauer unſerer Anweſenheit einen Platz im Zelte meiner Spahis ausgeſucht. Eines Abends als ich nicht beſchäftigt war, und einige einge⸗ borene Häuptlinge in meinem Zelte bei mir hatte, ließ ich Abdal⸗ lah rufen, damit er uns einige ſeiner Anekdoten erzähle. Nach⸗ dem er die gewöhnlichen Grüße mit meinen Gäſten gewechſelt hatte, die zu ſeinen Freunden gehörten, theilte ich ihm meinen Wunſch mit. Er ſann einen Augenblick nach, dann begann er alſo: 3 6* 84 Die Falknerei in Algier. „In dem Jahre, in welchem Algier in die Gewalt der Chriſten fiel, wollten wir, mein Vetter Lakdar und ich, einen Scheik der Uled Bu Ganem, unſern Nachbar, necken, der ſich, wie es hieß, herausnahm Falken zu halten und abzurichten. Wir nahmen alſo zwei junge Adler, die wir kannten, aus ihrem Horſt und richteten ſie ab, die jungen Falken zu jagen, die uns unſere Hirten jeden Tag brachten. Als wir glaubten, unſere Vögel wären hinlänglich abgerich⸗ tet und an den Lärm der Menſchen und Pferde gewöhnt, ſchickten wir einen Vertrauten zu den Leuten des Scheik, um zu erfahren, wo und wann er ſeine Jagden betreibe. Wir erhielten Kunde von dem Orte und dem Tage, brachen vor Tagesanbruch auf und trieben einen Eſel vor uns her, der unſere verhüllten Adler und einige Falken trug. Der Scheik erſchien nicht lange nach uns mit den Seinigen am Wed Melleg. Das Tamarindengebüſch am Ufer geſtattete uns der Jagd zu folgen, ohne daß wir bemerkt wurden. Bald flog ein Volk Vögel vor den Reitern auf, die in der Ebene um⸗ herritten; ſogleich wurden vier Falken losgelaſſen und dieſe griffen kräftig an. Unſere Adler, denen wir die Kappe von den Augen nahmen, bemerkten die Jagd bald und flogen darauf zu, anfangs langſam und in gerader Linie, ſpäter ſchneller und in Kreiſen, die ſie, je höher ſie kamen, um ſo näher brachten. Nachdem wir unſern Eſel angebunden hatten, gingen wir am Bache hinauf, um Alles beſſer überſehen zu können. Dem Vogel, einer Trappe, der von den übrigen abgeſchnit⸗ ten war und von den vier Falken mit Ungeſtüm angegriffen wurde, blieb kein anderes Rettungsmittel, als ſich immer über den Gegnern zu halten. Zu dieſem Zwecke hatte er ſich vertical in ſo bedeutende Höhe erhoben, daß er nur noch ſo groß wie eine Taube aus⸗ ſah, während die ihm folgenden Falken bald ganz und gar ver⸗ ſchwanden. Die beiden Adler konnten, als ſie in dieſelbe Höhe Die Falknerei in Algier. 85 gelangt waren, von den andern Vögeln nicht unterſchieden werden. Der Scheik und ſeine Reiter hatten in der Ebene Halt ge⸗ macht, blickten unverwandt empor und warteten wie wir auf den Ausgang des Kampfes in der Luft. Mit einem Male glaubten wir in der Ferne durchdringendes und wiederholtes Geſchrei zu hören; bald darauf konnten wir einen ſchwarzen Körper, der um ſo größer wurde je näher er kam, bald lebhaft ſich bewegen, bald gerade herunterſinken ſehen. Wir erkannten da unſere beiden Adler, welche mit ausgebreiteten Flügeln durch die Schwere der Trappe ſich herunterziehen ließen, die ohne ein Lebenszeichen nach der Erde herabfiel. Vergebens ſahen wir uns nach den Falken des Scheik um. Sie waren verſchwunden. Unſere Aufmerkſam⸗ keit richtete ſich alſo ausſchließlich auf die Reiter. In dem Augenblicke, als die Adler mit der Beute rauſchend in den weiten Kreis fielen, den die Leute des Scheik gebildet hat⸗ ten, hörten wir einen lauten Schrei:„Verrath!“ bei dem es uns nicht wohl zu Muthe wurde. Wir erinnerten uns, leider zu ſpät, daß wir in der Eile, mit welcher wir unſere Adler losgelaſſen, die Feſſeln von den Beinen des Einen nicht gelöſt hatten. Mehrere der Reiter waren abgeſtiegen und hielten ihre Bur⸗ nuſſe bereit, um ſie über die Adler zu werfen und dieſe ſo zu fan⸗ gen, ohne von denſelben verwundet zu werden. Uns blieb nichts übrig als die Flucht, die wir denn in aller möglichen Schnelle unternahmen, ohne an den Eſel zu denken, der mir doch an dieſem Tage noch das Leben retten ſollte. Seit einer Stunde liefen wir immer an dem Bache hin und ohne hinter den Bäumen hervorzutreten, die an dem Ufer wachſen, als wir vier Reiter etwa zweihundert Schritte hinter uns und weiterhin das ganze Gefolge des Scheik bemerkten. Sie verfolg⸗ ten uns im Trabe und Galopp. An weitere Flucht war nicht zu denken und wir ſuchten uns nur ſo zu verſtecken, um nicht gefun⸗ Die Falknerei in Algier. den zu werden. Lakdar wählte dazu ein Dickicht von Tamarin⸗ den und Brombeergeſtrüpp, ich dagegen trat in den Bach und in das Waſſer bis an den Hals hinein an eine Stelle, wo meinen Kopf das vom Ufer niederhängende Gras verdeckte. Kaum ſtand ich da als ich die Hufſchläge der Pferde und die Stimme eines Reiters hörte, welcher den Leuten des Scheik zu⸗ rief:„Hierher! Wir haben die Spur. Man ſieht ihre Fußſtapfen ſo deutlich wie man die Sonne ſieht. Zwei Hundeſöhne ſind's.“ Donnernder Galopp und das Wiehern der von dem langen Laufe erhitzten Pferde verkündeten mir die Ankunft des Scheik und aller ſeiner Leute. „Zehn Mann voraus!“ rief der Scheik.„Und immer vor⸗ wärts bis keine Fußſpuren mehr zu finden ſind. Da machen ſie Halt und beſetzen beide Ufer. Ihr andern, Kinder, ſteigt ab und geht mit dem Piſtol in der Hand den Tritten der Verfluchten nach, die Ihr mir womöglich lebendig zuführen müßt.“ Dieſer Befehl ließ mich über das Schickſal Lakdars nicht in Zweifel; ich dagegen hoffte die Gefahr zu überleben, um ihn einſt rächen zu können, da mein Verſteck ſicherer war. Nur mußte ich die Bemerkung machen, daß meine Füße allmälig in dem Schlamme tiefer einſanken und daß das Waſſer, das anfangs kaum meine Achſeln berührt hatte, mir bereits an die Lippen ging. Man ſagt, der ſei kein wahrer Mann, der nicht einmal Furcht gefühlt habe; nun, ich habe an dieſem Tage die Furcht kennen gelernt, nicht ſowohl die Furcht vor den Drohungen der erbittert uns verfolgenden Feinde, als die Furcht ertrinken zu müſſen. Aus meinen nichts weniger als angenehmen Gedanken wurde ich durch einen Schuß geriſſen, dem Flüche und mehrere andere Schüſſe folgten. Mein Vetter, der ſich entdeckt geſehen, hatte ſein Piſtol auf die ihn umringende Gruppe abgeſchoſſen, die trotz dem Verbote des Scheik mit Schüſſen antwortete. Die Falknerei in Algier. 87 Aus den wenigen Worten, die ich in dem Lärme um mich her verſtehen konnte, nahm ich ab, daß Lakdar nicht todt war und daß man ihn zu dem Scheik ſchleppte. Ich konnte mich nicht länger beherrſchen, wollte, auf die Ge⸗ fahr hin ſelbſt gefangen zu werden, ermitteln was man mit ihm vornehme und deshalb mein Verſteck verlaſſen, als zwei Mann in das Bett des Baches ſprangen. „Hier iſt er hinabgegangen,“ ſagte der Eine indem er auf meine Fußſtapfen im Sande wies. „Und hier hinein,“ ſetzte der Andere hinzu, der nach der Stelle zukam, wo ich kaum zehn Schritte von ihm unbeweglich im Waſſer ſtand und durch das Gras ſchielte, das mir über Kopf und Geſicht hing.„Seltſam!“ fuhr er fort.„Ich ſehe keine weitere Spur von ihm. Wo ſollte er ſich verſteckt haben?“ In dieſem Augenblicke hörte ich dicht am Bach über mir gehen und Jemand ſagte zu dem Manne in meiner Nähe: „Der Scheik läßt Dich durch mich rufen, weil Keiner von Allen bei ihm ein ſo gutes Meſſer hat als Du.“ „Wozu?“ fragte der Angeredete. „Dem Hunde, den wir gefangen haben, den Kopf abzuſchnei⸗ den,“ erhielt er zur Antwort. Die Ausſicht, einem Feinde den Kopf abzuſchneiden, war eine weit verführeriſchere als die einen Verſteckten vielleicht zu finden; Alle in meiner Nähe entfernten ſich deshalb und ich wurde aus der furchtbarſten Lage befreit, in welcher ich mich in meinem Leben befunden habe. Nach dem, was ich gehört hatte, ſollte meinem Vetter der Kopf abgeſchnitten werden und ich konnte nichts thun, um ihn zu retten. In der Ueberzeugung, daß meine Verfolger nach der Execution zurückkommen würden und daß ich kein anderes Verſteck ſuchen könnte, ohne Spuren zurückzulaſſen, entſchloß ich mich zu bleiben wo ich war. 88 Die Falknerei in Algier. Eine Wurzel, die ich im Ufer über meinem Kopfe bemerkte, hatte mir es möglich gemacht, mich einen Augenblick daran zu hängen und eine andere Stellung zu nehmen, in welcher ich nicht mehr einſank. Nach lautem Geſchrei und Lachen an der Stelle, wo man meinem armen Vetter wohl den Kopf abſchnitt, glaubte ich Huf⸗ ſchläge von dem Bache ſich entfernen zu hören, dann wurde es ſtill und ich vernahm gar nichts mehr. Die Sonne ſank am Horizonte hinab, die Dämmerung trat ein und am Himmel begannen einzelne Sterne zu flimmern. Da ſtieg ich aus meinem naſſen Verſteck heraus und vorſichtig an dem Ufer empor. Ich horchte, ich ſah mich um; nichts war zu ſehen, nichts zu hören als das Quaken der Fröſche, kein lobendes Weſen außer etwa einige Schakale, die um den Leichnam Lakdars um⸗ herſchlichen, der gräßlich verſtümmelt neben unſeren beiden ent⸗ haupteten Adlern lag. Nachdem ich mich überzeugt hatte, daß ich wirklich allein ſei, wickelte ich den Rumpf und Kopf meines Vetters in meinen Bur⸗ nus, nahm die theuern Ueberreſte ſo auf die Achſel und ging nach der Stelle zu, wo wir früh unſern Eſel verborgen hatten. Er war richtig noch da und weidete das Gras umher ab. Ich band meinen todten Vetter ihm auf den Rücken und zog mit ihm quer über die Ebene hin, um einen Weg zu erreichen, der mich vor Tagesanbruch zu unſerm Duar bringen ſollte. Etwa vier Stunden war ich ſo gegangen, immer von einigen Schakalen gefolgt, welche der Blutgeruch anlockte, als der Eſel plötzlich ſtehen blieb, die Ohren ſpitzte und an allen Gliedern zu zittern anfing. In demſelben Augenblicke bemerkte ich auf dem Wege in geringer Entfernung zwei Augen, die wie glühende Kohlen leuchteten. 4 Da ich an ſolche Begegnungen ſchon gewöhnt war, ſchnitt ich raſch den Strick durch, mit welchem der Leichnam Lakdars auf 89 den Eſel gebunden war, nahm ihn wie anfangs wieder auf die Achſel, lief querfeld ein und ließ den Eſel im Stiche, der wie an⸗ gewurzelt vor Furcht auf dem Wege ſtehen blieb. Kaum war ich hundert Schritte weit gegangen, ſo hörte ich etwas als würde ein ſchwerer Körper mit Gewalt niedergeworfen, darauf ein Röcheln und nichts mehr. Der Löwe hatte das Opfer angenommen, das ich ihm geboten, ich konnte meiner Perſon wegen nun unbeſorgt ſein und gelangte auf einem weiten Umwege auf den Pfad zu⸗ rück, den ich der Sicherheit wegen verlaſſen hatte. Bald darauf begegnete ich einigen Reitern, Verwandten, die uns ſuchten. Die Falknerei in Algier. Ich erzählte ihnen, was uns begegnet war und ſie wollten den Tod Lakdars augenblicklich rächen: ich machte ihnen aber be⸗ merklich, daß ſie nicht zahlreich genug wären, daß wir den Leich⸗ nam unſers Freundes nicht da liegen laſſen könnten und daß ich endlich unbewaffnet und ohne Pferd wäre. 5 Ein Reiter nahm die in meinen Burnus gewickelten Ueber⸗ reſte Lakdars vor ſich auf den Sattel, ein anderer mich ſelbſt hin⸗ ter ſich und ſo gelangten wir in den Duar, ehe Jemand in dem⸗ ſelben wach war. Abends an demſelben Tage, zur Zeit des Abendeſſens kamen vierzig auserwählte Reiter vor dem Zelte des Mörders Lakdars an. Bei dem Scheik herrſchte großer Jubel. Der Cuscuſſu war eben aufgetragen; wir kamen zu rechter Zeit. Da die Hunde durch ihr Bellen unſere Ankunft verrathen hatten, ſo traten uns einige Diener entgegen, die ſich ſehr wun⸗ derten, noch ſo viele Gäſte ankommen zu ſehen. Während zehn von unſeren Reitern dieſe Diener mit den Ka⸗ meelſtricken erwürgten, die ſie um die Köpfe trugen, kamen die andern vor das Zelt des Scheik und ſäbelten da die Diener und gemeinen Gäſte nieder, die außen auf die Ueberreſte des Mahles warteten. 90 Die Falknere in Algier. Bis dahin hatte ich meine Cameraden arbeiten laſſen und auf nichts geachtet als wo ich den Scheik fände, den ich mit ei⸗ gener Hand tödten wollte. Ich ſtürzte mich denn auch zuerſt in das Zelt hinein, in welchem in vollkommener Unbeweglichkeit ein Dutzend Große im Kreiſe bei den Scheik ſaßen. Eine Viertelſtunde ſpäter waren ihre Köpfe in Ordnung um die noch rauchende Cuscuſſuſchüſſel her aufgeſtellt und unſere Reiter kehrten in ihre verſchiedenen Duars zurück. Mit bedeu⸗ tender Beute beladen, trieben ſie eine unermeßliche Heerde vor ſich her. Alles dies war ohne irgend einen Flintenſchuß und ohne ſonſtiges Geräuſch vorgegangen, ſodaß die umliegenden Duars von unſerm Ueberfalle erſt hörten, als es zu ſpät war Beiſtand zu leiſten. Seit dieſem Tage bis zur Ankunft der Franzoſen, welche den Feindſeligkeiten ein Ende gemacht haben, ſind an der Grenze der beiden Stämme noch viele Köpfe gefallen, aber niemals wieder hat man andere Falken geſehen als die unſerigen.“ Wie man aus dieſer Erzählung erſehen kann, haben die Ade⸗ ligen und Krieger in Algier das Monopol der Falkenjagd, die nicht von Jedem geübt werden darf. Selten behalten die Araber die Falken, deren ſie ſich in der Jagdzeit bedient haben; meiſt laſſen ſie dieſelben zu Ende Fe⸗ bruars los, um im Beginne des Herbſtes andere zu nehmen. In manchen Stämmen bedient man ſich des jungen Falken, der leichter zu zähmen und abzurichten iſt; er iſt aber auch min⸗ der muthig und den Krankheiten mehr ausgeſetzt. Bei dem Einfangen zu Ende des Sommers verfährt man in folgender Weiſe: Nachdem man ſich den Felſen oder die Ruinen gemerkt hat, wo der Falke die Nacht zuzubringen pflegt, bringt früh bei guter Zeit ein Reiter eine Taube oder ein Rebhuhn, das mit einem 91 Netz umgeben iſt, in welchem der Falke mit den Fängen ſich ver⸗ wirrt, wenn er auf die Lockſpeiſe ſchießt. Die Araber kennen mehrere Falkenarten, denen ſie auch ver⸗ ſchiedene Namen geben. Die Abrichtungsweiſe bleibt bei allen die gleiche und wir ſprechen hier nur von der Abrichtung des jungen Falken. Sobald der Reiter, der den Falken fangen will, ihn auf die Locktaube ſtürzen ſah, entweder in der Luft oder am Boden, eilt er hinzu um ihn zu ergreifen, ehe er das Netz zerriſſen hat, das ihn an den Fängen hält. Dann zieht er ihm ſofort die Kappe über, damit er nicht ſehe und legt ihm die Feſſeln an, an welchen ſich ein vier bis fünf Fuß langer Strick befindet, der ihn am Fortfliegen hindert. Iſt dies alles geſchehen, ſo kehrt der Reiter nach dem Duar zurück und er trägt dabei den Falken auf der Achſel oder auf dem Kopfe, ohne daß er fortzufliegen verſucht, ſo ſchüchtern und furcht⸗ ſam hat ihn die Beraubung des Geſichtes gemacht. Im Zelte wird der Vogel auf eine Stange geſetzt, die einen Fuß hoch und mit Tuch umwickelt iſt, damit die Fänge nicht lei⸗ den. Hier nun beginnt die Abrichtung. Vor Allem kommt es darauf an, den Falken zu gewöhnen, Menſchen, Pferde und Hunde in ſeiner Nähe zu ſehen, ſich die Kappe abnehmen zu laſſen und das Futter, das man ihm bietet, aus der Hand zu nehmen. Die meiſten Falken ſträuben ſich lange; manche nehmen mehrere Tage lang gar kein Futter; andere wehren ſich mit dem Schnabel und den Fängen, ſobald man ſie angreift und Einige laſſen ſich ganz und gar nicht zahm machen. Merkwürdig iſt auch, daß die beſten Jagdfalken die ſind, welche während der Abrichtung ſich am widerſpenſtigſten zeigten. Das ſicherſte Mittel zur Zähmung der Falken iſt die Ent⸗ ziehung des Lichtes und des Futters mehrere Tage lang. Dann gewöhnt man ſie von der Stange an den Boden und ſpäter auf Die Falknerei in Algier. 92 Die Falknerei in Algier. die Fauſt zu hüpfen, um Futter zu erhalten. Sind ſie an den Anblick der Menſchen und Pferde hinreichend gewöhnt, ſo zeigt man ihnen das Thier oder den Vogel, die man mit ihnen jagen will und geſtattet ihnen ein wenig von dem Fleiſche zu freſſen, nachdem ſie die Beute getödtet haben. Greift der Falke jedesmal ſicher das Thier an, welches man ihm auf der Stange vorhält, ſo wiederholt man dieſe Uebung mit ihm zu Pferde. Man begiebt ſich zu dieſem Zwecke in eine Ebene, nachdem man ſich mit mehreren Haſen oder Rebhühnern verſehen hat, je nachdem man mit den Falken Haſen oder Reb⸗ hühner jagen will. An einer vollkommen freien Stelle macht man Halt. Die Falken werden mit ihrer Kappe und den Feſſeln auf dem Kopfe oder der Achſel des Reiters getragen. Will man ſie fliegen laſſen, ſo nimmt man ſie auf die linke Fauſt, an der man natürlich einen Handſchuh tragen muß. Zuerſt wird nur ein Reb⸗ huhn mit verſchnittenen Flügeln oder ein lahmer Haſe losgelaſſen, während man dem Falken die Haube abnimmt. Es kommt vor, daß der Falke auf den Haſen oder das Rebhuhn gar nicht achtet, ſondern unter Freudengeſchrei ſich der wiedererlangten Freiheit bedient. Solche Vögel läßt indeß der rechte Falkner ohne großes Bedauern fliegen. In den meiſten Fällen denkt der Falke, wenn man ihm die Kappe abgenommen hat und er den Haſen oder das Rebhuhn erblickt, gar nicht an ſeine Freiheit, ſondern nur an die Befriedigung ſeines Inſtinctes. Er ſtürzt ſich ſofort auf die Beute, die man durch ihn tödten läßt, worauf man ihn wieder fängt und von neuem feſſelt. Ein Falke iſt vollkommen abgerichtet, wenn er gelernt hat auf den Ruf des Falkners zu hören. Das ihn zu lehren, bedient man ſich eines ausgeſtopften Haſens. Hat der Falke das vor ihm losgelaſſene Thier getödtet, ſo tritt der Falkner auf ihn zu, hält ihm den Haſenbalg vor, den er ſchon kennen muß und ruft ihn dabei in eigenthümlicher Weiſe. Der Falke ſoll dadurch ler⸗ Die Falknerei in Algier. 93 nen auf die Fauſt oder die Achſel zurückzukommen. Bleibt er taub gegen den Ruf, ſo ſteigt der Falkner vom Pferde, tritt zu dem Vogel, hält ihm den Balg hin und zeigt ihm einige Fleiſch⸗ ſtücke, die ihn ſtets anlocken. So viel von der Falknerei, über die ich ja keine Abhandlung ſchreiben will. Schließlich noch die Bemerkung, daß die Falken in Europa einer Menge von Krankheiten, ſelbſt bei der beſten Abwar⸗ tung, unterworfen ſind; das iſt in Algier äußerſt ſelten. Drei Gründe dürften dieſen Umſtand erklären. Erſtens bedienen ſich die Araber faſt nur ausgewachſener Falken, zweitens geben ſie ihnen die Freiheit vor der Mauſerzeit und drittens ſperrt man ſie nicht ein, ſie begleiten vielmehr ihre Herren auf den Reiſen und ſitzen ihnen dabei auf der Schulter. Auch läßt man ſie auf der Stange vor dem Zelte im Freien und bringt ſie nur in der Nacht unter das Zelt. Im December iſt gewöhnlich die Abrichtung der Falken been⸗ digt und man kann ſie ſteigen laſſen. Die Araber im Norden ja⸗ gen mit ihnen den Haſen und das Rebhuhn, die im Süden den Haſen und die Trappe. Iſt ein Haſe aufgetrieben, ſo wird der am beſten abgerichtete Falke zuerſt losgelaſſen. Die Falkenträger gehen in einiger Ent⸗ fernung vor den Reitern, die ſich zur Jagd eingefunden haben. Sobald der Falke frei iſt, ſteigt er in einer Spirallinie über dem Kreiſe der Reiter empor, der Falkenträger jagt im Galopp dem Haſen nach und ruft dabei ſeinen Falken, bis er denſelben herab⸗ ſchießen oder ſchweben ſieht; er ſtürzt auf den fliehenden Haſen und ſchwebt über dem ſich duckenden. In etwas bebuſchten Ebenen fürchten ſich die Haſen vor den Falken ſo, daß ſie ſich meiſt ducken, ſobald ſie ihn erblicken. Ein Falke nach dem andern wird losgelaſſen und es gewährt ein höchſt anziehendes Schauſpiel, wenn die Falken abwechſelnd auf den Haſen herunter ſchießen und ihn mit den Fängen hacken ohne 94 Die Falknerei in Algier. zu verweilen, während die Reiter umher vor Freude die Burnuſſe ſchwingen und ein Geſchrei erheben, vor dem ſich nicht blos Ha⸗ ſen fürchten. Der Haſe mag fliehen oder ſtill liegen, der Falke packt ihn nur dann erſt, wenn er in Folge der erhaltenen Wunden kein Lebenszeichen mehr giebt. Hierauf werden die Falken auf Befehl des Herrn wieder ein⸗ gefangen und mit der Kappe bedeckt bis eine neue Jagd beginnt. Die Falken werden träge, wenn ſie ſich geſättigt haben, des⸗ halb läßt man ihnen meiſt erſt den letzten Haſen. Nicht gar ſelten geſchieht es, daß der Haſe, ſobald er den Falken bemerkt, ſich unter den Bauch eines Pferdes flüchtet und der Falke ihn dis dahin verfolgt. Da wird die Jagd noch unter⸗ haltender, beſonders aber noch lärmender. Da der Falke ſeine Beute nur faſſen kann wenn er in gerader Linie auf dieſelbe herabſchießt, ſo hindert ihn das Pferd; er giebt ſeinen Zorn darüber durch gellendes Geſchrei zu erken⸗ nen und fliegt bald über bald um das den Haſen ſchützende Pferd herum. Wie auch der Reiter das Pferd nach rechts, nach links, nach vorn oder zurück treibt, der gehetzte Haſe bleibt unter ihm und rührt ſich nicht. Hat ſich der Herr an der Todesangſt des gehetzten Haſens ge⸗ nugſam erfreut, ſo ſteigt einer der Reiter ab, fängt Lampen mit der Hand, trägt ihn mitten in den Kreis, zeigt ihn den Falken, die ungeduldig darüber ſchweben, und wirft den Armen hin. Kaum hat er den Boden berührt, ſo ſchießt, ehe er ſich beſinnen kann, was er thun ſoll, Einer der Falken auf ihn nieder und ſchlägt ihn mit den Fängen, während alle andern Falken herbei kommen, unter deren Fängen der Gehetzte endlich verendet. Die Araber jagen ſo auch das Rebhuhn, nur daß ſie da kei⸗ nen Kreis bilden, ſondern in einer Linie je nach dem Flug der Die Falknerei in Algier. 95 Falken galoppiren. Dieſe Jagd hat bei weitem nicht den Reiz wie jene auf Haſen und wird deshalb von den Eingeborenen ſel⸗ ten ausgeübt. Die für die Araber und die Europäer intereſſanteſte Jagd, bei welcher man den Muth der Falken recht erkennen kann, iſt die Trappenjagd, die freilich nur im Süden möglich iſt, weil die Trappen in die kalten Regionen der Hochebenen nicht kommen. Die eingeborenen Häuptlinge, welche auf Trappen abgerich⸗ tete Falken beſitzen, entfalten bei ſolchen Jagden einen großen Luxus an Pferden und Leuten, welcher das Intereſſe noch erhöht. Man ſieht nicht ſelten zwei⸗ bis dreihundert Reiter dabei. Trappen findet man dieſſeit und jenſeit der Berge, welche Tell von der Wüſte trennen, vorzugsweiſe aber jenſeits, und zwar meiſt in Schaaren von zehn bis dreißig. Da ſie die Reiter ziemlich nahe kommen laſſen, ſo dehnen dieſe ſich in der Ebene in einer langen Linie aus und ſchicken ihre Falkenträger voraus. Fliegen Trappen in großen Entfernungen auf, ſo beobachtet man nur die Stelle, wo ſie wieder einfallen und reitet weiter, bis man zu einem Volke kommt, das am Boden iſt oder in der Nähe auffliegt. In beiden Fällen werden etwa zwei der beſten Falken losgelaſſen. Sobald nun die Trappen den Falken über ſich ſchwe⸗ ben ſehen, ducken ſie ſich wie der Haſe und warten bis er ſeine Beute gewählt hat. Iſt er ein paar Mal, auf dieſe geſtoßen, ſo fliegen die anderen davon und jene läßt ſich auf der Stelle tödten. Das iſt nicht eben unterhaltend und die Araber thun deshalb al⸗ les, was ſie vermögen. damit die Trappen den Falken nicht erwarten. In dem letztern Falle, d. h. wenn die Falken gegen die flie⸗ ggenden Trappen gelaſſen werden, halten ſich die letzteren dicht zuſammen, um wo möglich dem Raubvogel zu entgehen; der aber, gegen welchen der Falke ſich wendet, ſteigt vertical in die Höhe, um über dem Verfolger zu ſein. Die andern Falken läßt man 96 Die Falknerei in Algier. erſt dann ſteigen, wenn der erſte ſich eine beſondere Beute aus⸗ geſucht hat und die Jagd erhält nun großes Intereſſe. Alle Rei⸗ ter, die ſich bis dahin vereinzelt in der Ebene befanden, kommen in geſtrecktem Galopp herbei und ſammeln ſich um ihr Oberhaupt. Der Kampf währt gewöhnlich ſehr lange und der gejagte Vogel fällt erſt, wenn die Falken ſich über ihn erheben und ihm einen Flügel brechen oder ein Auge aushacken konnten. Dann ſtürzen Trappe und Falke zuſammen in den Kreis der Reiter herunter und die Falken ſchlagen dabei oft ſo heftig auf, daß ſie todt lie⸗ gen bleiben. Bisweilen ſteigt der gejagte Vogel nicht vertical in die Höhe, ſondern verſucht ſich durch raſchen kräftigen Flug in gerader Li⸗ nie zu retten. Dann müſſen ihm Falken und Reiter folgen. Meiſt gelingt es einem Falken, an ihn zu kommen und ihn dadurch herabzubringen, daß er ihm einen Flügel lähmt; bisweilen aber geht das Rennen mehrere Stunden lang fort, der Herr giebt das Signal zum Umkehren und überläßt den Falknern die Sorge der Jagd zu folgen, um die Falken nicht zu verlieren. Ich habe von einem Falle gehört, welcher beweiſt, wie groß die Kraft und Flugſchnelligkeit der Trappen und Falken ſind. Im vergangenen Winter hatten Araber eine Trappe und einen Falken aufgehoben, die vor ihnen gefallen waren und tru⸗ gen beide zu ihrem Scheik. Dieſer zog Erkundigungen ein und erfuhr, daß der Falke einem Scheik im Süden gehöre, funfzig Stunden weit in gerader Linie und daß die Trappe dort um Mittag aufgetrieben worden war, während ſie um vier Uhr in ſo großer Entfernung niederfiel. Im Anfange des Kapitels habe ich von dem leidenſchaftlich⸗ ſten Falkenjäger geſprochen, den ich kenne, von Malruk. Er iſt vor zwei Jahren geſtorben und jagte nur Trappen. Hatten ſich ſeine Falken bei der Jagd brav benommen, ſo küßte er alle, nannte ſie bei ihren Namen, ſetzte ſie ſich auf Achſel und Kopf, Die rechte Löwenjagd in Algier. 97 ſtieg dann zu Pferde und trug ſo ſtolz ſeine„liebe Familie“ in ſein Zelt zurück. Obgleich er für einen guten Vater und Gatten galt, liebte er doch ſeine Falken mehr als ſeine Frauen und Kin⸗ der und ehe er ſtarb richtete er ſeine letzten Liebkoſungen an die Jagdvögel. Nach ſeinem Tode gab der älteſte Sohn, dem letzten Willen des Vaters zufolge, allen Falken die Freiheit. Manche arabiſche Häuptlinge in Algier hatten Falken, ohne jemals ſich derſelben zu bedienen. Sie ſind ein nothwendiges Zubehör des Luxus, welches von Reichthum und Adel zeugt und auf das gemeine Volk großen Eindruck macht. Unterninmt der Häuptling eine Reiſe, ſo läßt er ſich ſeine Falken von gutberittenen, reichgekleideten und koſtbar bewaffne⸗ ten Leuten vor⸗ oder nachtragen. Begegnen Eingeborene einem ſolchen Zuge, ſo ſteigen ſie von ihrem Pferde ab und küſſen das Knie des reichen Häuptlings, auch wenn ſie ihn nicht kennen. Es iſt dies eine Huldigung, welche der Schwache dem Starken, der Arme dem Reichen, der gemeine Mann dem Adeligen darbringt. Neuntes Kapitel. Die rechte Löwenjagd in Algier. Iſt ein Jagdfreund es überdrüſſig, immer nur Haſen, Hüh⸗ ner, Rehe und höchſtens Wildſchweine zu ſchießen, möchte er ein⸗ mal das edelſte Thier jagen, einen Löwen erlegen, ſo komme er zu mir nach Algier, ich will ihm mein Geheimniß mittheilen. Aber er prüfe ſich vorher wohl; er muß jung und kräftig ſein, gut laufen und gut ſehen können, Sinn für Schönheit und einen eiſernen Willen haben. Ferner muß er ein vorzügliches Gewehr, eine Doppelflinte beſitzen, die dauerhaft iſt, genau und ſcharf Der Löwenjäger. 7. 98 Die rechte Löwenjagd in Algier. ſchießt. Er muß ſich dieſes Gewehres ſo gut bedienen können, daß er in einer Entfernung von dreißig Schritten die Kugeln aus den zwei Läufen auf einen Punkt ſchießt. Auch ein Piſtol muß er mitbringen, das dieſelben Eigenſchaften wie die Büchſe hat und namentlich ſcharf ſchießt. Beide Gewehre werden mit koniſchen Kugeln mit Stahlſpitzen geladen. Der Löwenjäger in Algier muß überdies im Beſitze zweier Anzüge ſein, eines warmen für den Winter und eines leichten für den Sommer, der indeß den Dornen widerſteht, von denen das Gebüſch ſtarrt. Ich wünſche ſehr, daß ein ſolcher St. Hubertusbruder mich bald in Konſtantine aufſuche, denn ich ſuche einen Nachfolger. Ja, ich nehme nächſtens meinen Abſchied; die Beine taugen nicht viel mehr, die Büchſe wird der Hand ſchwer, das Bergſteigen fällt der Bruſt beſchwerlich und nur die Augen ſind noch voll⸗ kommen gut. Indeß— findet ſich kein Nachfolger— ſo halte ich aus und ich werde mich glücklich ſchätzen, wenn der heilige Hubertus mir die Gnade erweiſt, mich unter den Krallen und Zähnen eines Löwen ſterben zu laſſen. Hat Jemand Luſt zu mir zu kommen, ſo warte er nicht lange mehr; er komme da ich noch lebe; wir wollen mit einander gehen wie Brüder und ich werde im Augenblicke der Gefahr da ſein. Iſt der Löwe ſtärker als wir, ſo falle ich zuerſt und mein Tod kann dem Gefährten als gute Lehre dienen. Sollte ich nicht mehr am Leben ſein, ſo möge ein künftiger Löwenjäger wenigſtens guten Rath von mir annehmen. Hat er ſich mit den eben erwähnten Waffen verſehen, ſo komme er etwa in der Mitte des April in Algier an; er hat dann ein halbes Jahr gute Witterung vor ſich. Im Winter darf er nicht jagen; die Winter haben mich in meinem dreißigſten Jahre alt gemacht. Auch rathe ich ihm jedes Jahr auf drei Monate in die Luft und zur Lebensweiſe der Heimat zurückzukehren. 99 Man ſteige in Bona ans Land, melde ſich in dem arabiſchen Bureau und ſuche um die Erlaubniß nach, in Verkehr mit den Scheiks der umwohnenden Stämme zu treten. Dann wird nun Fol⸗ gendes geſchehen: Da die Stämme für alle Todtſchläge verant⸗ wortlich ſind, welche auf ihrem Gebiete vorkommen, ſo werden die Araber fürchten der Löwe zerreiße den Fremden oder er werde von Räubern getödtet und ſich deshalb lieber von den Löwen ſelbſt auffreſſen laſſen, ehe ſie ſeine Hilfe zur Jagd in Anſpruch nehmen. Weil die Anweſenheit eines Chriſten ihnen uͤberdies ver⸗ haßt iſt, ſo wird es ſchwer ſich mit ihnen in ein gutes Vernehmen zu ſetzen. Man muß einem Kaid eifrig den Hof machen und ihn durch anſehnliche Geſchenke gewinnen. Willigt er ein, Sie, den Fremden, auf die Jagd mit ſich zu nehmen, ſo kaufen Sie ein Gebirgspferd für ſich und ein Maulthier zum Tragen des Ge⸗ päcks. Wünſchen Sie gut zu leben, ſo verſorgen Sie ſich mit entſprechenden Vorräthen; ſind Sie mäßig, was zum Gelingen beiträgt— ſo nehmen Sie nur Kaffee und Tabak mit ſich. Hü⸗ ten Sie ſich beſonders vor Wein und andern Spirituoſen, denn man würde Sie mit denſelben überall ſcheel anſehen; auch iſt das Gebirgswaſſer ſo klar und gut, daß Sie ſich ſehr bald nach Wein gar nicht ſehnen werden. In Bona finden Sie leicht einen Jungen, der arabiſch und franzöſiſch ſpricht; den ſetzen Sie auf ihr Gepäck. Ehe Sie aufbrechen, nennen Sie dem Bureauchef den Na⸗ men des Kaid, mit dem Sie jagen wollen, und die Gegend, die Sie zu durchziehen gedenken. Sie erhalten dann Papiere, welche Sie den arabiſchen Häuptlingen vorzeigen, die Sie nicht kennen. Haben Sie erfahren, daß es irgendwo Löwen giebt, ſo bre⸗ chen Sie mit einem Kaid oder Scheik auf und äußern den Die rechte Löwenjagd in Algier. Lager, etwa hundert Schritt vor dem Duar aufſchlagen zu dür⸗ fen; ich ſage hundert Schritte vor den arabiſchen Zelten, weil Sie die Frauen im Duar nicht ſehen dürfen, und ich ſage vor . 7* 6 Wunſch Ihr Zelt ſo nahe als möglich an ſeinem muthmaßlichen 100 Die rechte Löwenjagd in Algier. dem Duar, weil die Räuber, die in allen finſteren Nächten um die Zeltdörfer ſchleichen, gewöhnlich von unten oder hinten herankommen, wo ſie weniger geſehen werden, und weil Sie trotz der Wache Unglück haben könnten, denn die Araber gewin⸗ nen für ſich durch Chriſtenmord gern ein Plätzchen im Pa⸗ radieſe, wie ſie denn auch einen feindlichen Stamm gern durch Er⸗ mordung eines Franzoſen in Verlegenheit bringen. Nun ſind Sie unter den Arabern. Kaum iſt Ihr Zelt aufgeſchlagen, ſo werden Sie Beſuche erhalten; aber täuſchen Sie ſich nicht, man kommt nur aus Neu⸗ gierde, um zu ſehen, ob Sie ein Menſch wie andere Menſchen ſind. Die Araber kauern um Sie herum und ſtieren Sie wie Blödſin⸗ nige an. Achten Sie darauf nicht. Sagen Einige:„Sei will⸗ kommen!“ ſo antworten Sie ohne Lachen mit Kopfnicken, welches bedeutet:„Es iſt gut.“ Wenn Sie es im Stande ſind, bleiben Sie ſtumm oder ſprechen Sie doch wenigſtens nur im Nothfalle. Die Araber verachten Den oder ſchätzen ihn doch gering, welchen man Schwätzer nennen kann. Man darf bei ihnen dumm, ſehr dumm ſein; es iſt ehrenhaft ein Dieb oder Mörder zu ſein, eine Schande iſt es aber viel zu ſprechen. Man wird Sie mit Fragen über Ihre Abſichten überſchütten, ſobald ſie davon Kenntniß haben; mögen Sie auf Ihrer Hut ſein. Antworten Sie auf die Fragen wenig und immer mit Be⸗ ſcheidenheit. Man wird fragen:„Jagſt Du den Löwen am Tage oder in der Nacht?“— antworten Sie:„Am Tage und in der Nacht.“—„Allein oder in Geſellſchaft?“—„Allein. Ich komme über das Meer her, um den Löwen zu jagen, weil er Euch ſo vielen Schaden thut; weil es eine Wohlthat für Euch iſt ihn zu tödten; weil im Kampfe mit ihm ſtets der Tod zu fürchten iſt und wir in Europa dem Tode gern entgegentreten wo es gilt Gutes zu wirken.“ Da ſagt vielleicht ein junger Mann ſchlau: „ 101 „Wenn Du aber in der Nacht, im Gebirge, auf einen Mann oder auf mehrere Männer triffſt, wirſt Du auf ſie ſchießen?“ Darauf antworten Sie recht laut, ſodaß Alle es hören müſſen: „Was kümmert es mich, daß die Männer in der Nacht durch den Wald gehen? Ich denke nicht an ihre Angelegenheiten und dabe es nur mit den Löwen zu thun. Sobald ich ſie ſehe oder höre, werde ich ihnen zurufen: Geht Eueres Weges, und wenn ſie keine böſen Abſichten haben, werde ich ihnen nichts zu Leide thun.“ Damit hat das Geſpräch ein Ende zu nehmen und müßten Sie einen Monat lang in dem Duar bleiben. Wenn Sie ſich am andern Tage im Schießen üben und Ihre zwei Kugeln auf einen Punkt bringen, ſo können Sie ſich darauf verlaſſen, daß, ehe acht Tage vergehen, zwanzig Stunden in der Runde Alle wiſſen, es ſei ein Chriſt da, welcher den Löwen jage. Man wird Ihr Alter, Ihre Größe, Ihr Ausſehen beſchreiben.„Er ſpricht wenig,“ wird man ſagen,„und ſieht muthig aus; er ſchießt gut 4 und ſagt zu den Räubern nichts.“ Die letzten Worte haben für Sie eine unermeßliche Bedeu⸗ tung; ſie ſind die Frage über Leben und Tod. Sie haben indeß bis jetzt erſt bewieſen, daß Sie ein guter Schütz ſind, noch nicht daß Sie einen Löwen erlegen werden. Nun kommt die Zeit zum Handeln. Schicken Sie in die benach⸗ barten Duars, ob man den Löwen geſehen oder gehört oder ob er Vieh weggeſchleppt hat. Da Sie die Gegend noch nicht kennen und einen zuverläſſigen Führer haben müſſen und da ſich für Wanderungen in der Nacht und im Walde nur Diebe von Profeſſion eignen, ſo müſſen Sie mit einem Diebe in Verbindung treten. Wollten Sie aber nach einem Diebe in dem Duar fragen, ſo würde man Ihnen in das Geſicht lachen und antworten, es gebe hier nur ehrliche Leute. Fragen Sie alſo nach einem Manne, der an Nachtwanderungen gewöhnt iſt oder vor der Nacht ſich nicht fürchtet; Sie werden Die rechte Löwenjagd in Algier. * Sagt Ihnen ein Araber, der Löwe habe ein Rind, ein Pferd Kand darauf; werden die Krallen des Thieres durch Ihre ausge⸗ 102 Die rechte Löwenjagd in Algier. dann zwanzig finden, junge kräftige Leute, und können ſich Den auswählen, der Ihnen am Beſten zuſagt. Sprechen Sie von ſeinem Muthe, darauf wird er ſtolz ſein; ſchlagen Sie ihm aber vor, er möge Sie begleiten, ſo weiſt er es ſicherlich rund ab. Dann ſetzen Sie ihm auseinander was Sie von ihm erwarten, nämlich, daß er Ihnen von Weitem das Lager des Löwen zeige, die Wege, die er vorzugsweiſe wählt, wenn er den Wald verläßt, um in die Ebene hinunter zu gehen, ſo wie den Bach, in dem er gewöhnlich den Durſt löſcht; ganz beſonders vergeſſen Sie nicht anzuführen, daß Sie nicht verlangen, er ſolle im Augenblicke der Gefahr bei Ihnen bleiben, daß Sie ihm im Gegentheil befehlen werden ſich zu entfernen ſobald der Augenblick des Zuſammen⸗ treffens nahe. Er wird ſicherlich mit Ihnen gehen. Verſprechen Sie ihm eine Belohnung für den Fall, daß Sie mit ihm zufrie⸗ den ſind, das wirkt auch. einige Stunden von dem Duar geholt, in dem Sie ſich befinden, ſo packen ſie auf und ziehen Sie mit Ihrem Zelte an jene Stelle. Erklärt Ihr Führer, er kenne die Gegend und habe da Freunde, ſo nehmen Sie ihn mit ſich; im andern Falle laſſen Sie ihn zurück und verſprechen Sie ihm eine Belohnung für gute Nach⸗ weiſungen. Sie werden einen Führer in dem andern Duar finden. Erkundigen Sie ſich, ob der Löwe brüllt, ob er allein iſt oder nicht, und ob er ſich am Tage zeigt; laſſen Sie ſich ihn genau beſchreiben, gehen Sie aber der größern Sicherheit wegen am Tage mit Ihrem Führer ſelbſt auf dem Wege nach dem Gebirge hin und ſuchen Sie eine Fährte zu finden. Sollte der Boden dürr und hart ſein, ſo ſuchen Sie eine feuchte Stelle auf und wenn Sie da eine Löwenfährte finden, ſo legen Sie Ihre offee breiteten Finger nicht bedeckt, ſo rührt die Fährt einem aus⸗ Die rechte Löwenjagd in Algier. gewachſenen Löwen her. Bedeckt Ihre Hand die Fährte, ſo iſt ſie die einer Löwin oder eines jungen Löwen. Können Sie keine Fährte finden, ſo ſuchen Sie die Loſung, die weiß und voll anſehnlicher Knochenſtücke iſt. Iſt ſie hand⸗ groß, ſo rührt ſie von einem ausgewachſenen Löwen herz kleinere kommen von der Löwin und von jungen Löwen. Liegt die Lo⸗ ſung nur ſeit vierundzwanzig Stunden da, ſo ſieht ſie faſt ſchwarz aus. Warten Sie bis der Mond ſcheint; ich verlange nicht, daß Sie im Dunkel gehen. Bleiben Sie geduldig und gelaſſen; Sie haben Zeit und es iſt eine Thorheit, deren ich mich freilich lange Zeit ſchuldig gemacht habe und die mich mehrmals beinahe das Leben gekoſtet hat, in finſteren Nächten den Löwen zu jagen. So ſehr ich daran gewöhnt bin, in den finſterſten Nächten im Gebirge umherzugehen, habe ich mich doch verſehen und Sie werden fin⸗ den, wie glücklich ich mich ſchätzte mit heiler Haut in einer dun⸗ keln Nacht davon zu kommen. Es war im Februar 1845. Ich hatte ſeit einigen Monaten ein ſehr ſchönes Gewehr von dem Herzog von Aumale erhalten. Zwei Löwen erſt hatte ich erlegt und ich brannte vor Verlangen den dritten mit dieſer Büchſe zu ſchießen, die mir ſeitdem dreizehn Siege gewonnen hat. Auf meinen erſten Ausflügen hatte ih mir das Fieber geholt; ich hoffte Beſſerung durch die Seeluft und reiſte zu Ende Februar nach Bona. Da erhielt ich Nachrichten über einen großen alten Löwen, der ſeinen Nachbarn in der Gegend des Lagers von Drean gewaltigen Schaden zufügte, ließ meine Waffen von Gelma holen und reiſte am 26. Februar von Bona ab. Am 27. gegen fünf Uhr Abends kam ich in einem Duar, eine halbe Stunde von dem Lager des Thieres, an, das ſeit dreißig Jahren da hauſen ſollte, wie die Alten ſagten. Man theilte mir mit, daß der Löwe jeden Abend gegen Sonnenuntergang brülle, 4½ 104 Die rechte Löwenjagd in Algier. wenn er ſein Lager verlaſſe und daß er immer brüllend in die Ebene herunterkomme. Ich hielt es faſt für unmöglich ihn nicht zu finden, lud alſo ſofort meine beiden Gewehre. Kaum war dies geſchehen— und auf das Laden muß man ſtets die äußerſte Sorgfalt verwenden, ſo hörte ich den Löwen im Gebirge brüllen. Mein Gaſtfreund erbot ſich mich bis zu der Furt zu begleiten, durch die der Löwe gehen mußte. Ich nahm das Anerbieten an, gab dem Araber mein zweites Gewehr und wir machten uns auf den Weg. Es war ſo finſter, daß man nicht zwei Schritte vor ſich ſehen konnte. Nachdem wir etwa eine Viertelſtunde durch den Wald gegan⸗ gen waren, gelangten wir an einen Bach, der am Fuße des Gebel Krunega fließt. Mein Führer, den das immer näher kommende Löwenbrüllen gewaltig ängſtigte, ſagte zu mir:„Da iſt die Furt.“ Ich konnte mich nicht im Mindeſten orientiren; Alles umher war ſchwarz, nicht einmal meinen Araber ſah ich, der dicht neben mir ſtand. Da ich durch das Geſicht nichts erkennen konnte, ging ich bis an den Bach vor, um mit der Hand zu fühlen, ob ich Ein⸗ drücke von Pferdehufen oder dergleichen finde. Es war eine tief ausgeſchnittene ſchwer zugängliche Furt. Da ich dicht am Ufer einen Stein fand, auf den ich mich ſetzen konnte, ſo ſchickte ich⸗ meinen Führer fort, der ſich das nicht zweimal ſagen ließ, denn immer hatte er geäußert:„Wollen wir nicht umkehren? Die Nacht iſt zu finſter; wir ſuchen den Löwen morgen am Tage.“ Gleichwohl wagte er ſich nicht allein nach dem Duar zurück und ſo drückte er ſich in ein dichtes Gebüſch etwa fünfzig Schritte von mir. Ich verbot ihm ſich zu rühren, was er auch hören möchte. Der Löwe brüllte noch immer und kam langſam näher. Ich drückte meine Augen einige Minuten lang zu und als ich ſie dann wieder öffnete, ſah ich endlich, daß es zu meinen Füßen ſteil hin⸗ I Die rechte Löwenjagd in Algier. 105 unter in den Bach ging, mehrere Ellen tief; es ſchien einmal ein Stück vom Ufer da hinabgefallen zu ſein. Zur Linken, ganz nahe, war die Furt. Mein Plan war bald entworfen: Konnte ich den Löwen in dem Bett des Baches ſehen, ſo wollte ich da auf ihn ſchießen, weil der ſteile Hang mich rettete für den Fall, daß ich ihn nur ſchwer verwundete. Es mochte neun Uhr ſein, als ſich etwa zweihundert Schritte jenſeit des Baches das Brüllen hören ließ. Ich ſpannte den Hahn und wartete, den Ellnbogen auf die Knie geſtützt, das Gewehr am Backen und die Augen auf das Waſſer gerichtet. Die Zeit begann ſchon mir lang zu werden als ich am entgegengeſetz⸗ ten Ufer mir gerade gegenüber einen langgedehnten tief aus der Bruſt kommenden Seufzer vernahm, der wie das Röcheln eines ſterbenden Menſchen klang. Ich blickte in der Richtung hin, von welcher jener ſeltſame Laut herkam und ſah die Augen des Löwen, wie zwei glühende Kohlen, auf mich gerichtet. Das Stieren die⸗ ſes Blickes, der im Dunkel leuchtete und doch nichts umher er⸗ hellte, nicht einmal den Kopf, von dem er ausging, trieb mir alles Blut aus den Adern nach dem Herzen zurück. Eine Minute vorher hatte ich vor Froſt gezittert, jetzt ſtand der Schweiß in großen Tropfen mir auf der Stirn. Wer keinen ausgewachſenen Löwen in der Freiheit, todt oder lebendig, geſehen hat, kann einen Kampf mit dieſem Rieſenthier gar nicht für möglich halten, und wer einen geſehen hat, weiß recht gut, daß ein Menſch im Kampfe mit dem Löwen wie eine Maus in den Krallen der Katze iſt. Ich hatte bereits, wie geſagt, zwei Löwen erlegt und der kleinſte derſelben wog fünfhundert Pfund. Er hatte mit einem Tatzenſchlage ein galoppirendes Pferd aufgehalten und Pferd und Reiter waren auf dem Platze geblieben. Ich kannte ſeitdem die außerordentliche Kraft des Löwen vollkommen, um zu wiſſen 106 Die rechte Löwenjagd in Algier. woran ich ſei. Ich habe deshalb den Dolch niemals für eine rettende Waffe gehalten; ich ſagte mir aber und ich ſage mir es heute noch, wenn eine Kugel, wenn zwei Kugeln den Löwen nicht tödten(was ſehr wahrſcheinlich iſt), wenn er gegen mich anſpringt und ich ſofort ſtürze, verſuche ich ihm mein Gewehr bis an den Kolben in den Rachen zu ſtoßen; haben mich ſeine gewaltigen Klauen nicht gepackt und zerfleiſcht, ſo ſtoße ich ihm den Dolch in ein Auge oder in die Herzgegend, je nachdem ich den Arm brau⸗ chen kann; falle ich dagegen bei dem Anſprunge des Löwen, was das Wahrſcheinlichſte iſt, ſo habe ich ſicherlich beide Hände frei und dann ſucht die Linke das Herz und die Rechte führt den Dolch⸗ ſtoß dahin. Wenn man am nächſten Tage nicht zwei engum⸗ ſchlungene todte Körper findet, ſo liegen ſie wenigſtens nicht weit von einander und der Dolch wird das Uebrige ſagen. Ich hatte jetzt den Dolch aus der Scheide gezogen und ihn ſo in die Erde geſtoßen, um ihn ſofort mit der Hand faſſen zu können, als die leuchtenden Löwenaugen nach dem Waſſer hinun⸗ terzuſteigen anfingen. Ich nahm ſtill vom Leben und meinen Lieben Abſchied, unter dem Vorſatze allen meinen Muth zuſam⸗ menzuhalten und als ich den Finger an den Gewehrdrücker legte, war ich ruhiger als der Löwe, der in das Waſſer trat. Ich hörte das Plätſchern darin vom raſchen Gehen und dann— nichts mehr. War er ſtehen geblieben? Kam er auf mich zu? Das fragte ich mich, während meine Augen durch den ſchwarzen Schleier zu blicken verſuchten, der Alles um mich her einhüllte, als ich dicht neben mir, zur linken Seite, den Löwen auf weichem Boden gehen hörte. Er war wirklich durch den Bach hindurchgekommen und ſtieg langſam an den Uferrand herauf als er in Folge der Bewegung, die ich machte, ſtehen blieb. Er befand ſich vier bis fünf Schritte von mir und konnte mit einem Satze zu mir gelangen. Wenn man das Ende des Gewehrlaufes nicht ſieht, braucht man nicht Die rechte Löwenjagd in Algier. 107 nach dem Korne darauf zu ſuchen. Ich zielte ſo gut ich es ver⸗ mochte, drückte los und in dem Pulverblitze ſah ich eine formloſe ungeheuere Maſſe vor mir. Ein furchtbares Brüllen erſchütterte die Luft: der Löwe war kampfunfähig. Dem erſten Schmerzens⸗ ſchrei folgten dumpfe drohende Klagelaute. Ich hörte, wie das Thier auf dem feuchten Boden, an dem Ufer des Baches, ſich wälzte; dann wurde es ſtill. Ich hielt den Löwen für todt oder doch für ſo verwundet, daß er ſich nicht werde entfernen können und kehrte in den Duar mit meinem Führer zurück, der Alles gehört hatte und überzeugt war, daß das Thier uns nicht entgehen könnte. Wie ſich von ſelbſt verſteht, ſchloß ich die Nacht über kein Auge. Mit Tagesanbruch waren wir wieder an Ort und Stelle, ſa⸗ hen aber keinen Löwen. Ein fingergroßes Knochenſtück, das wir in dem reichlich vergoſſenen Blute liegen ſahen, veranlaßte mich zu der Annahme, es ſei ihm das Schulterblatt zerſchoſſen. Eine ungeheure Wurzel an der Uferwand, kaum vier Schritte von der Stelle, an welcher ich geſeſſen hatte, war durch die Zähne des Löwen abgebiſſen. Der Schmerz, den er dabei empfunden, hatte wahrſcheinlich die Klagelaute veranlaßt, die ich vernommen, ſo⸗ wie ſeinen Entſchluß von einem Angriffe abzuſtehen. Vergebens folgten wir den Blutſpuren; wir verloren ſie in dem Bache, in den er hinuntergegangen war. Am andern Tage machten mir die Araber, welche ſo viele Urſache hatten über ihren Gaſt ſich zu beſchweren und überzeugt waren ihn irgendwo todt zu finden, den Antrag, ihn mit mir auf⸗ zuſuchen. Wir waren ſechzig Mann, theils zu Fuß, theils zu Pferd. Nach vergeblichen Nachforſchungen von einigen Stunden kehrte ich in den Duar zurück und ſchickte mich zur Abreiſe an, als ich nach dem Gebirge hin mehrere Schüſſe und lautes Ge⸗ ſchrei vernahm. Man hatte ohne Zweifel den Löwen gefunden. In Galopp ritt ich dahin und bald überzeugte ich mich, daß die 108 Die rechte Löwenjagd in Algier. Hoffnung diesmal mich nicht betrogen hatte. Die Araber flohen nach allen Seiten und ſchrien wie beſeſſen. Einige hatten den Bach zwiſchen ſich und den Löwen gelaſſen, wohlweislich, an⸗ dere, die kühner waren, weil ſie zu Pferde ſaßen, blieben beiſam⸗ men, zehn Mann ſtark, und wollten das Thier, welches mit An⸗ ſtrengung das Gebirge zu erreichen ſuchte, vollends tödten, wie ſte ſagten. Der Scheik befand ſich an der Spitze. Ich war gleich⸗ falls bereits über den Bach hinüber und wollte eben vom Pferde ſteigen, als ich die Reiter, den Scheik voran, in geſtrecktem Ga⸗ lopp zurückkommen ſah. Der Löwe, der nur auf drei Beinen gehen konnte, ſprang hinter ihnen und beſſer als ſie über Felſen⸗ ſtücke und Gebüſch und erſchütterte die Luft durch ein Brüllen, welches die Pferde ſo außer ſich brachte, daß die Reiter ſie nicht mehr in ihrer Gewalt hatten. Die Pferde jagten deshalb noch immer weiter, der Löwe aber blieb in ſtolzer, drohender Haltung in einer Lichtung ſtehen. Er ſah gar ſchön aus mit dem aufge⸗ riſſenen Rachen, aus dem er allen Anweſenden Todesdrohungen zuwarf. Er war gar ſchön mit ſeiner ſich ſträubenden ſchwarzen Mähne und dem Schweife, der zornig ſeine Seiten peitſchte! Von mir bis zu ihm mochte eine Entfernung von dreihundert Schritten ſein. Ich ſtieg ab und übergab Einem der vorſichtig ſich fern haltenden Araber mein Pferd. Es kamen mehrere her⸗ bei und um nicht mit Gewalt von ihnen wieder auf das Pferd gehoben und mit fortgeführt zu werden, mußte ich den Burnus, den ſie gefaßt halten, in ihren Händen zurücklaſſen. Einige ver⸗ ſuchten auch dann noch mir zu folgen und von meinem Beginnen abzureden, aber je raſcher ich auf den Löwen zuging, um ſo klei⸗ ner wurde ihre Anzahl. Endlich blieb noch ein einziger, mein Führer vom vorigen Tage, und er ſagte zu mir: „Ich habe Dich unter meinem Zelte aufgenommen und ich bin vor Gott und den Menſchen für Dich verantwortlich; ich werde mit Dir ſterben.“ Die rechte Löwenjagd in Algier. 109 Der Löwe hatte unterdeß die Lichtung verlaſſen, um ſich in ein Dickicht in der Nähe zurückzuziehen. Ich ging ihm vorſichtig und ſchußfertig nach verſuchte aber vergebens ſeine Fährte zu finden, denn der Boden war felſig und das Thier verlor kein Blut mehr. Ich durchſuchte jeden Buſch einzeln als mein Führer, der in der Lichtung zurückgeblieben war, zu mir ſagte: „Der Tod will Dich nicht; Du biſt dicht an dem Löwen vor⸗ übergekommen. Hätten Deine Augen den ſeinigen begegnet, wür⸗ deſt Du geſtorben ſein, ehe Du ſchießen konnteſt.“ Ich befahl ihm mit Steinen in das Dickicht zu werfen. Nach dem erſten Wurfe bog ſich ein Buſch auseinander und der Löwe ſprang nach mir an, nachdem er ſich nach allen Seiten hin umge⸗ ſehen hatte. Er war etwa zehn Schritte von mir mit gerade em⸗ porgehaltenem Schweife und ſtraff vorgeſtrecktem Halſe. Da er das zerſchoſſene Bein auf⸗ und nach hinten hielt, ſah er aus wie ein vorſtehender Jagdhund. Sobald er erſchienen war, hatte ich mich geſetzt und den Ara⸗ ber hinter mir geborgen, der mich durch ſein Jammern und ſein ununterbrochenes Bitten:„Schieße! Schieße!“ beläſtigte. Kaum hatte ich das Gewehr angelegt, als ſich der Löwe durch einen kurzen Sprung mir um vier bis fünf Schritte näherte und er wollte einen zweiten Sprung thun als er, einen Zoll über dem cechten Auge getroffen, zuſammenbrach. Mein Araber pries Gott ſchon als der Löwe ſich aufſetzte und ſich dann wie ein ſich bäumendes Pferd emporrichtete. Da traf ihn eine zweite glücklichere Kugel in das Herz und ſtreckte ihn endlich völlig todt nieder. Als ich den Löwen ſpäter genauer betrachtete, überzeugte ich mich, daß die zweite Kugel das Stirnbein getroffen hatte ohne daſſelbe zu zerſchlagen. Sie hatte ſich auf dem Knochen breit ge⸗ drückt, ſo breit wie eine Handfläche und ſo dünn wie ein Papierblatt. 110 Die rechte Löwenjagd in Algier. Aus dieſer Erzählung können Sie mancherlei lernen, ich empfehle beſonders zwei Dinge: nicht in finſteren Nächten auf die Löwenjagd zu gehen und die Büchſe ſo zu laden, daß ſie möglichſt ſcharf ſchießt. Ich lud ſpäter mit länglichen Eiſenpoſten ſtatt mit Bleikugeln. Zuletzt ſprach ich davon, wie Sie das Geſchlecht, das Alter und die Größe des Löwen erkennen können, auf den Sie Jagd machen wollen. Haben Sie dies durch die Fährten nicht zu ermitteln vermocht und ſetzt der Löwe ſeine Raubzüge fort ohne zu brüllen, ſo brechen Sie mit Ihrem Führer in der Nacht auf und gehen Sie auf den Wegen hin, die von einem der von dem Thiere heim⸗ geſuchten Duars zu dem andern führen. Gehen Sie aber lang⸗ ſam und bleiben Sie oft ſtehen. Hören Sie einen heißeren Schrei, den die Europäer der Hyäne zuſchreiben, während er von dem Schakal kommt, ſo wenden Sie ſich nach dieſer Seite hin. Jener Schrei ſagt Ihnen, daß der Schakal einem Löwen, einem Räu⸗ bern oder einer Hyäne folgt. Er ſchleicht, wie ſchon oben geſagt, dieſen verſchiedenen nächtlichen Wanderern nach, um ſeinen An⸗ theil an der Beute zu erhalten und giebt dabei einen eigenthüm⸗ lichen Laut von ſich, welcher andere Schakals zu dem erwarteten Schmauße ebenfalls herbeirufen ſoll. Folgt der Schakal einem Löwen in der Ebene, ſo wird es Ihnen nicht ſchwer werden, ſich davon zu überzeugen, denn der Löwe wird auf Sie zukommen, ſobald er Sie nur von Weitem ſieht. In einer bewaldeten Gegend laſſen Sie ſich durch Ihren Führer raſch auf dem Wege hinführen, dem das ſchreiende Thier folgt, und zwar ſo, daß Sie vor daſſelbe kommen; dann ſetzen Sie ſich an einem Buſ che in kleiner Entfernung von dem Wege nieder und warten. Ihr Führer muß ſich einige Schritte davon nieder⸗ legen und im Gebüſch verſtecken. Uebrigens können Sie in die⸗ ſem Punkte ſeinetwegen unbeſorgt ſein. da er rſch gewiß fern von Gefahr hält. 3 Die rechte Löwenjagd in Algier. 111 In Ihrem Verſtecke können Sie von dem herankommenden Thiere erſt dann geſehen werden, wenn Sie es ſchußgerecht vor ſich haben. Und nun achten Sie wohl auf. Die Löwinnen und ſelbſt die jungen Löwen haben Klauen und Zähne, die zerreißen und tödten, machen wir alſo nicht gleich zu Anfange einen dum⸗ men Streich. Die Räuber haben vielfache Gründe, Sie nicht am Leben zu laſſen, alſo ſehen Sie ſich wohl vor. Zeigt ſich Ihnen ein Mann, ſo laſſen Sie ihn den Büchſenlauf ſehen und rufen ihm zu:„Fort! Fort!“ Er weiß, daß Sie nicht auf ihn und ſeines Gleichen lauern und wird alſo wahrſcheinlich Ihrer Auffor⸗ derung Folge leiſten. Jedenfalls werden Sie Ihr Leben nicht leicht hingeben. Erſcheint ein Löwe, ſo erwarten Sie ihn, das Gewehr am Backen, den Finger am Drücker, er wird vor Ihnen auf dem Wege ſtehen bleiben, ſobald er Sie erblickt. Die Stelle vor dem Schulterblatte iſt ein guter Zielpunkt, die Wirkung ei⸗ ner dort eindringenden Kugel aber nicht ganz ſicher. Ein Löwe, den ich an dieſer Stelle mit zwei Eiſenpoſten durch und durch geſchoſſen, zerriß zwei Araber und verſtümmelte meinen Spahi Roſſain. Zielen Sie zwiſchen Auge und Ohr, wenn das Thier Sie von der Seite anſieht, oder zwiſchen die Augen, wenn Sie es gerade vor ſich haben. Drücken Sie los und er wird fallen. Warten Sie dann vorſichtig eine Minute und nähern Sie ſich ihm erſt, wenn er kein Lebenszeichen mehr giebt. Iſt es eine Hyäne, ſo laſſen Sie dieſelbe laufen. So haben Sie ſich zu verhalten, wenn Sie ſo glücklich ſind mit einem Feinde zuſammen zu treffen; höchſt wahrſcheinlich iſt es aber, daß Sie in den ſämmtlichen erſten Mondſcheinnächten die Ebene und das Gebirge durchwandern ohne den Löwen zu ſehen. Verlieren Sie den Muth nicht. Ein arabiſches Sprichwort ſagt: Für einen Löwen giebt es hundert Duars, hundert Wege und hundert Furten; aber es hat nicht ganz recht, denn es giebt 112 Die rechte Löwenjagd in Algier. für den Löwen tauſend Duars, tauſend Wege und tauſend Furten.. Soll ich Ihnen einen Beweis dafür geben? Sechshundert Nächte habe ich unter freiem Himmel in den beſuchteſten Schluch⸗ ten, an den beſten Furten zugebracht und doch nur fünfundzwan⸗ zig Löwen getroffen. Eine Löwin und ein junger Löwe bleiben nie lange in einer und derſelben Gegend. Die Araber ſchreiben das Auswandern derſelben Ihrer Anweſenheit zu. Schießen Sie einige Wildſchweine, wenn Sie Luſt dazu ha⸗ ben, Sie üben Auge und Hand, dann laſſen Sie ſich nach Gelma führen, ſtellen Sie ſich dem Kreiscommandanten und dem Chef des arabiſchen Bureau vor, warten Sie auf den Neumond und gehen Sie dann auf den Mahuna. Am weſtlichen Abhange dieſes ſchönen Gebirges werden Sie das Land der Uled Hamza finden. Schlagen Sie Ihr Zelt da bei dem Scheik auf, erſuchen Sie ihn um einen Führer, begehen Sie am Tage die beiden Wege, die ſich an der Seite dieſes Gebirges befinden, ſteigen Sie an den Wed Scherf hinunter und beſichtigen Sie die Schwalben⸗Furt und die Furt Bulerbeg. Sie werden dort mehrere Schießſtände finden, welche die Türken einrichteten, die für den Bei Achmed jagten. Es ſind dies befeſtigte Verſtecke. Ich habe ſie durch die Araber ausbeſſern laſſen, um da eine Zuflucht zu ſuchen, wenn mich ein Gewitter überraſchte. Vergeſſen Sie aber nie, daß dieſe Verſtecke von Feigen für Feige angelegt wurden und daß, wenn Sie davon Gebrauch machen, die Araber ſicherlich behaupten, ſie erlegten die Löwen wie Sie. Der Mahuna iſt der Luſtgarten der Löwen und keiner dieſer vornehmen Reiſenden begiebt ſich aus Tunis nach Marocco, ohne auf dem Mahuna einige Zeit ſich aufzuhalten. Finden Sie bei Ihrer Ankunft keinen großen alten Löwen, welcher durch ſein Brüllen die Thiere umher erſchreckt, ſo werden Die rechte Löwenjagd in Algier. 113 Sie doch an den genannten Furten ſicherlich die Fährten einer Fa⸗ milie ſehen, die ihr Winterquartier in der Nähe des Wed Scherf genommen hat. Haben Sie im Sande des Fluſſes die Fährten mehrerer Lö⸗ wen erblickt, ſo ſuchen Sie zu ermitteln, an welcher Stelle ſie aus dem Walde herunterkommen und Sie haben die ganze Mond⸗ ſcheindauer über Zeit, auf die Familie zu warten. Wahrſchein⸗ lich werden Sie mit ihr zuſammen treffen. Sie ſtellen ſich ſo auf, daß Sie die Furt beherrſchen und von oben nach unten ſchießen können. Niemals, unter keiner Bedin⸗ gung, ſchießen Sie auf einen Löwen von unten nach oben, denn hätte Ihre Kugel auch gut getroffen, ſo brauchte das Thier doch nur noch zwei Secunden zu leben und es wäre um Sie geſchehen. Bedenken Sie, daß der Löwe um ſo gefährlicher wird, je ſchwerer er verwundet und je näher er dem Tode iſt. An der Furt Bulerbeg, die ich Ihnen empfahl, befand ich mich in einer Julinacht im Jahre 1845 drei etwa dreijährigen Löwen gegenüber. Der Erſte war ſtehen geblieben als er mich er⸗ blickt hatte und meine Kugel warf ihn in dem Fluſſe. Hätte ich mich unten am Wege befunden, ſo würde mich das Thier trotz den beiden zerſchmetterten Schultern unfehlbar zerriſſen haben, denn dreimal kam es auf dem Bauche kriechend, wahrſcheinlich unter den heftigſten Schmerzen, auf mich zu. Meine Stellung und die Langſamkeit ſeiner Bewegungen machten es mir möglich wieder zu laden und ich ſchoß es dreimal in den Fluß zurück, in dem es endlich liegen bleiben mußte. Durch die Anzahl der Fährten, die Sie vielleicht vor ſich ſe⸗ hen, laſſen Sie ſich nicht ängſtigen. Deuten ſie auf höchſtens zwei Jahre alte Löwen, ſo geht ſtets die Alte hinter ihnen her. Sie laſſen die Jungen vorüber und greifen die Löwin ſelbſt an. Sollten die Löwen noch jünger ſein, ſo müſſen Sie ganz beſon⸗ dere Vorſicht aufbieten, denn die Alte wartet in dieſem Falle Der Löwenjäger. 8 — 114 Die rechte Löwenjagd in Algier. nicht daß ſie oder ihre Jungen angegriffen werde, ſie geht viel⸗ mehr, ſobald ſie Sie erblickt, zur Offenſive über und aus einem ſolchen Kampfe mit heiler Haut davon zu kommen, iſt ſchwer und ſelten. Im November 1846 hatte ein Löwe ein Pferd erwürgt und in eine Schlucht geſchleppt. Der Fährte nach mußte es eine Lö⸗ win ſein. Ich wartete unter einem Baume. In der erſten Nacht zeigte ſich nichts, in der zweiten ebenfalls nichts; in der dritten endlich erſchien frühzeitig die Frau Mama mit ihren ziemlich heran⸗ gewachſenen Jungen. Der Eine dieſer jungen Löwen witterte be⸗ reits das Pferd, das mit dem Bauche nach oben mitten in der Schlucht lag. Er wollte es anbeißen, als die Alte, die ſich da⸗ neben gelegt hatte, um zuzuſehen, mich erblickte. Unſere Augen hatten einander kaum begegnet, als ſie mit einem Satze auf ihr Junges ſprang, als wolle ſie es erwürgen. Der junge Löwe ent⸗ floh und vor mir blieb nur das todte Pferd. Ein Neuling würde gedacht haben: warum ſchoß ich nicht früher? Ich wußte nur zu gut, daß die Partie noch gar nicht geſpielt und auch nichts weni⸗ ger als leicht zu gewinnen ſei; darum lauſchte ich geſpannt und ſah mich mit der größten Aufmerkſamkeit rings um. Plötzlich hörte ich zu meiner Linken und faſt hinter mir ein leiſes Raſcheln etwa als ſchlüpfe eine Maus durch einen Buſch. Meine Aufmerkſamkeit richtete ſich alſo dahin und ich erblickte zuerſt ein paar dicke Tatzen, dann einen langen Schnurbart und endlich eine ungeheure Naſe. Ich hatte das Gewehr am Backen und den Finger am Drücker; in dem Augenblicke, als ſich mir auch das ſtiere Auge zeigte, knallte der Schuß und ich war glück⸗ lich damit. Die Löwin greift nicht frei und offen an; ſie bleibt ſtehen, wenn Sie von ihr erblickt werden und legt ſich nieder ſobald Sie zielen. Sie werden kaum noch etwas von ihr bemerken, ſo ſehr duckt ſie ſich zuſammen. Nach einem Augenblicke aber richtet Die rechte Löwenjagd in Algier. 115 ſie den Kopf empor; haben Sie das Gewehr nicht mehr am Backen, ſo ſteht ſie auf und thut als wolle ſie fortgehen, aber ſie geht nur, wenn ihre Jungen ſchon weit hinweg ſind. Halten dieſe ſich noch in der Nähe auf, ſo ſchleicht die Löwin, die Sie nicht mehr ſehen, auf dem Bauche leiſe heran und fällt unerwar⸗ tet über Sie her, ohne daß Sie etwas hörten. Alſo Vorſicht, Kaltblütigkeit und Wachſamkeit! Verbringen Sie die Sommerzeit auf dem Mahuna, ſo hören Sie wahrſcheinlich einmal Abends, bald nach Sonnenuntergang, während Sie vor Ihrem Zelte ſitzen und eine Taſſe Kaffee ſchlür⸗ fen, etwas wie fernen Geſchützdonner, den ein Echo dem andern zuträgt. Sie wiſſen indeß, daß es in der Nähe keine Feſtung giebt und daß in Gelma nur Punkt Mittag eine Kanone gelöſt wird. Stehen Sie auf und gehen Sie vor den Duar, um beſſer zu hören. Niemals wird Ihr Ohr einen wohllautendern, großar⸗ tigern und gewaltigern Ton vernommen haben. Es iſt die Stimme eines großen alten Löwen, der in der Nacht ankam und mit ſeinen Seufzern die Gebirge erſchüttert. Bald wird er ſeine Träg⸗ heit abſchütteln und dann brüllen. Die Araber haben ihn gehört; ſie rufen don allen Seiten nach Ihnen und ſuchen Sie. Sie wiſſen aus theurer Erfahrung im Voraus, wie hoch ihnen die Ankunft des Herrn und Gebieters zu ſtehen kommen wird. Wenn Sie auf die Leute hörten, müßten Sie augenblicklich aufbrechen und den Löwen tödten, ehe er die Hälfte ſeines Gebietes durch⸗ wandert hat. Sie kommen Alle, Kleine und Große, kauern ſich um Sie her und horchen in ehrfurchtsvollem Schweigen auf die Stimme, vor welcher alle andern Stimmen ſchweigen und welche die Kraft und den Muth des Stärkſten und Muthigſten auf Er⸗ den verkündigt. Beobachten Sie die Araber, es iſt unterhaltend und belehrend. Sobald der Löwe ſchweigt, fangen ſie an alle auf einmal zu reden, ſchleudern tauſend Verwünſchungen gegen ihn, überſchütten ihn mit den ärgſten Schimpfworten und gehen ſogar 1 8* 116 Die rechte Löwenjagd in Algier. ſoweit ihn zu bedrohen. Brüllt dann der Löwe von Neuem, ſo erſtirbt ihnen das Wort im Munde. In dieſem ehrfurchtsvollen Schweigen der Araber liegt eine große Lehre für Sie und die Andern. Der Araber iſt muthig, wie ich ſchon öfters geſagt habe, wie ſollte er es auch nicht ſein? Er wird ja geboren, lebt und ſtirbt unter Gefahren, welche der civiliſirte Menſch in Europa nicht einmal kennt und nicht kennen kann. In ſeiner Kindheit hört er, ſtatt von Moral, von Morden, von Krieg und Kämpfen. Der Weiſeſte, Beſte, Angeſehenſte iſt Der, welcher am meiſten und am beſten tödtet. Man lehrt ihn die Familienrache, den Stammeshaß und die Verwünſchung der Chriſten; hat er ſein funfzehntes Jahr erreicht, ſo geſchieht es, daß eines Abends, zur Vollendung ſeiner Erziehung, nachdem die Alten am Heerdfeuer unter dem Zelte von ihrem Haß und ihrer Rache erzählt und die Nachbarn ſich entfernt haben, der Knabe aber ein Plätzchen ſucht, um ſich niederzulegen, der Vater ihn mit dem Fuße ſtößt und einen Feigen und Faulen nennt. Der Knabe, der den Vater nicht verſteht, bittet dieſen, ſich näher zu erklären. Da zeigt ihm der Vater ein altes Piſtol, das neben einem Dolche an einer Zeltſtange hängt. Der Knabe ſpringt zu ſeinem Vater und küßt ihn ehrerbietig auf die Stirn. Der Vater iſt glücklich und ſtolz, einen ſo hoffnungsreichen Sohn zu haben, fordert ihn auf ſich zu ihm zu ſetzen und ſpricht: „Biſt Du ſchon in der Nacht fortgegangen, ohne daß ich es geſehen habe?“ Der Knabe geſteht dann ſeine Liebſchaft mit ei⸗ nem Mädchen, das er einige Male auf die Gefahr hin beſucht hat, eine Kugel in den Kopf zu bekommen. „Das iſt etwas,“ antwortet der Vater,„aber nicht genug. Du biſt ſchon groß und ich ſchäme mich, wenn die Nachbarn Dich den Kleinen nennen. Du mußt ihnen zeigen, daß Du ein Mann biſt.“ 1 Die rechte Löwenjagd in Algier. 117 „Darnach ſehne ich mich,“ entgegnet der Knabe,„aber die Nacht iſt ſehr finſter und ich fürchte mich, wenn ich im Dunkel allein gehe.“ „Du wirſt das erſte Mal nicht allein gehen. Nimm Deine Waffen, lege den Burnus ab, der zu weiß iſt und ſchnalle das Hemd mit dem Gürtel feſt.“ Während der Knabe thut was der Vater ſagt, geht dieſer in das Zelt eines Freundes und ſagt: „Mein Sohn iſt bereit.“ Die Mütter vergießen einige Thränen, denn ſie fürchten ein Mislingen oder ein Unglück, aber man ſagt ihnen, ein vorſichtiger und muthiger Mann werde bei den jungen Leuten ſein. Alles wird auf das Beſte vorbereitet und um zehn Uhr, unter ſtrömen⸗ dem Regen, in einer pechſchwarzen Nacht ſchleichen drei Perſonen in erdfarbenen Hemden, die durch einen Ledergürtel über das Knie aufgenommen ſind, geheimnißvoll aus dem Duar. Jeder der nächt⸗ lichen Wanderer birgt untereinem an tauſend Stellen ausgebeſ⸗ ſerten Burnus, der ſchon drei Generationen diente, ohne jemals gewaſchen worden zu ſein, ein Piſtol und einen Dolch. Die Köpfe ſind mit braunen Mützen bedeckt und die Füße blos. Sie gehen ſchweigend über die Felder und bleiben erſt ſtehen, wenn ſie die Lagerfeuer der Feinde ſehen. Sie bezeichnen einen Duar von zehn bis zwölf Zelten, die im Kreiſe ſtehen und ein⸗ ander berühren. In der Mitte befinden ſich die Heerden. Außen und vor jedem Zelte halten zahlreiche Hunde gute Wache. In dieſem Duar wohnt ein Mann, deſſen Vater oder Großvater ei⸗ nen Verwandten Eines unſerer drei Wanderer tödtete und dem Manne wollen ſie das Leben nehmen. Die Feuer werden allmä⸗ lig ausgelöſcht und Alles ſchläft oder ſcheint zu ſchlafen mit Ausnahme der Hunde. Der Führer unſerer kleinen Schaar weiß, daß zu einer gewiſſen Stunde in der Nacht einige Hunde in Folge 118 Die rechte Löwenjagd in Algier. von Müdigkeit einſchlafen und er wartet demnach bis der Augen⸗ blick zum Handeln gekommen iſt, Unterdeß kommt ſeinerſeits ein Löwe an, der ſein Abendmahl noch nicht genoſſen hat und Hunger verſpürt. Er bemerkt die drei da lauernden Menſchen und legt ſich auch nieder. Man darf nie vergeſſen, daß der Löwe ſeiner Natur nach ſehr faul iſt. Da nun die Menſchen, welche in der Nacht umherſchweifen, öfterer Viehdiebe als Mörder ſind, ſo ſcheint die Löwenmutter ihrem jun⸗ gen Löwen, wenn dieſer allein ſich umſehen will, den guten Rath zu ertheilen:„Wenn Du in der Nacht Menſchen triffſt, ſo folge ihnen und thue ihnen nichts zu Leide, wenn ſie ſich ruhig verhal⸗ ten. Menſchenfleiſch iſt dem Rinderfleiſch nicht gleich; die meiſten Menſchen ſind dürr. Du gehſt alſo mit ihnen. Kommen ſie an einen Duar, ſo legſt Du Dich nieder; ſie werden für Dich arbei⸗ ten. Laß ſie das Vieh, das ſie geraubt haben, eine Strecke fort⸗ führen; ſiehſt Du dann auf Deinem Weg einen Bach oder eine Quelle, ſo zeige Dich und verlange Deinen Antheil.“ Der Löwe, der dem Rathe folgt, befindet ſich wohl dabei. Statt ſeine Beute eine Viertelſtunde weit zu ſchleppen und dann einen Bach aufzuſuchen, um ſeinen Durſt zu löſchen, haben ſeine Freunde für Alles geſorgt. Unſer Löwe hat ſich alſo niedergelegt und wartet; die Huude aber, die ſeine Augen ſahen oder ihn witterten, machen einen Höllenlärm, man wird im Duar aufmerkſam und Alle ſind auf. Einige ſchreien, andere ſchießen. Die Frauen zünden die Feuer wieder an und werfen Brände umher. Wenn dies lange ſo fort⸗ geht, kommt der Tag heran, ohne daß die Gefährten des Löwen handeln können. Dieſen drängt der Hunger, er verliert die Ge⸗ duld und denkt:„Ich werde mir ſelbſt ein Schaf holen; das iſt nicht ſchwer,“ und er erhebt ſich. Der Duar liegt an einem Abhange und er geht raſch nach oben. Die Hunde, die ihm nach⸗ ſehen und nachwittern, venden ſich nach dieſer Seite hin. In 2 5 Die rechte Löwenjagd in Algier. 119 weniger Zeit als ich zur Schilderung brauche, iſt der Löwe über den ſechs Fuß hohen Zaun geſprungen, welcher den Duar um⸗ giebt. Er hat ſich ein Schaf geholt, iſt zum zweiten Male über den Zaun geſprungen und verſchwunden. Die Hunde be⸗ finden ſich alle, ſtumm vor Entſetzen, unter den Zelten, die Men⸗ ſchen gleichfalls. Iſt der Sturm vorüber, ſo ermittelt man den erfolgten Raub. Das Auge des Europäers würde weder die Zelte, noch die Heerden ſehen, ſo finſter iſt es. Alle haben ſich nun wieder niedergelegt und die Hunde folgen dem Beiſpiele ihrer Herren, mit Ausnahme etwa einiger alten. In dieſem Augenblicke prüfen unſere Drei das Zündkraut auf der Pfanne ihrer Piſtolen und ſchleichen auf Händen und Füßen ungeſehen und ſchweigend näher. Der Alte, der Führer, bezeich⸗ net das Zelt, ſagt aber zu den beiden Jünglingen nichts als: „Kinder, ſeid Männer!“ Sie gelangen an die Hecke, die den Duar umgiebt. Die Stelle, wo die Heerden aus⸗ und eingelaſſen, werden, iſt mit Dornen verſperrt. Der Alte flüſtert ſeinen Be⸗ gleitern zu:„Rührt Euch nicht von hier, bis Ihr die Hunde an der andern Seite lärmen hört, aber dann beeilt Euch!“ Er dreht ſich um, kriecht rund um den Duar herum und gelangt an die entgegengeſetzte Seite. Hier richtet er ſich ein wenig empor; wenn die Hunde ihn nicht ſehen, ſo geht er einige Schritte weit und huſtet. Das iſt genug. Augenblicklich ſchlägt ein Hund an, alle andern ſtimmen ein und laufen herzu. Um ſie von ſich fern zu halten, braucht er nur auf allen Vieren auf ſie zu zu kriechen; da fürchten ſich die Hunde und wagen ſich nicht heran. Unterdeß haben die beiden Jünglinge das Thor des Duars vorſichtig geöffnet. Das ihnen bezeichnete Zelt ſteht in der Nähe. Sie ſtecken den Kopf hinein und horchen. Alles iſt ſtill und ſchläft. Dort iſt der Platz der Fraueu und bei denſel⸗ ben jener der Kinder. Der Herr ſelbſt liegt quer vor dem Ein⸗ gang und hat ein Piſtol unter dem Kopfe, einen Yatagan neben 120 Die rechte Löwenjagd in Algier. ſich. Der Knabe, den wir ſchon kennen, iſt ganz in dem Zelte verſchwunden; im Dunkel kann er ſeinen Feind nicht ſehen, aber er hört ihn athmen und ſchleicht zu ihm. Da liegt der Kopf. Ein Piſtolenſchuß knallt und Alles iſt geſchehen. Eine Stunde ſpäter ſchnarchen unſere drei Mörder in ihren Zelten. Am andern Tage wird der Knabe zum Mann erklärt und er erhält eine be⸗ rathende Stimme in den Verſammlungen. Seine Genoſſen ſpre⸗ chen mit Ehrfurcht von ihm und irgend ein hübſches Mädchen be⸗ lohnt ihn für ſeine ſchöne That. Der Mann, der eine ſolche Erziehung genoſſen hat, muß mu⸗ thig, auch in der Nacht muthig ſein. Ja, unter Denen, welche um Sie her kauern, giebt es wohl zwanzig, die ohne mit den Wim⸗ pern zu zucken ihren Kopf dem Yatagan darbieten, dagegen wür⸗ den Sie nicht Einen finden, der Muth genug hat, geradezu den Feind anzugreifen, der ihnen ſo großen Schaden zufügt. Woher dieſe Furcht vor den Löwen? Von den zahlreichen Beweiſen ſei⸗ ner Kraft und ſeines Muthes, die er ihnen gegeben hat. Es kommt gar oft zu Kämpfen, aber immer iſt der Löwe der Stär⸗ kere und wenn er der überlegenen Zahl unterliegt, iſt doch der Sieg ſtets theuer erkauft. Erkennen Sie daraus, wie ſchön Ihre Aufgabe iſt, während doch die Araber die Europäer ſonſt ziemlich geringſchätzen. Thun Sie den Armen Gutes, ſo werden ſie ſagen, Sie wüßten Ihr Geld nicht anzuwenden, und Sie durchaus nicht höher ſchätzen. Laſſen Sie Gerechtigkeit widerfahren, ſo heißt es, Sie thäten es nur, um ſie zu gewinnen, ſie zu Ihrem Glauben, zu Ihren Ge⸗ wohnheiten zu bekehren und man wird mistrauiſch. Zeigen Sie ſich dagegen als den Stärkern und Muthigern und Sie werden Achtung und Verehrung finden; Sie werden ihnen immer und überall imponiren und Keiner wird es wagen Sie gerade an⸗ zuſehen. Khren wir nun zu dem Mahuna zurück. Die rechte Löwenjagd in Algier. 121 Beeilen Sie ſich nicht den Löwen aufzuſuchen; er iſt kaum erſt angekommen und bleibt wenigſtens einen Monat lang. Er findet überall ein gutes Lager, Heerden und Waſſer in Menge; was könnte er ſich noch wünſchen? Iſt die Witterung gut, ſo ziehen Sie eine halbe Stunde näher, um ſein Brüllen beſſer zu hören und ſich daran zu gewöhnen. Je näher Sie kommen, um ſo gewaltigern Eindruck wird die Stimme machen, die nicht ihres gleichen hat. Scheint das Thier auf Sie zuzukommen, ſo ver⸗ laſſen Sie den Pfad und treten, nur einige Schritte, in den Wald hinein. Sie können es ſo in großer Nähe hören wenn es vor⸗ überkommt und ich ſtehe dafür, daß Sie ſich fuͤrchten. Bleiben Sie da wo Sie ſind bis zum Morgen und beginnen Sie am nächſten Tage wieder ſo. Wahrſcheinlich kommt man zu Ihnen und ſagt, der Löwe habe einige Rinder, einige Pferde oder Maul⸗ thiere geraubt. Setzen Sie ſich zehn Schritte von dem zuletzt getödteten Vieh und zwar ſo, daß Sie den Löwen, wenn er kommt, vor ſich haben und gut zielen können. Er frißt langſam und wird Ihnen die Ehre erzeigen Sie gelegentlich anzuſehen, als wolle er fragen, was Sie da zu ſchaffen hätten. Schießen Sie ihn zwiſchen die beiden Augen und töden Sie ihn ſo auf den er⸗ ſten Schuß. Haben Sie zwei Nächte gewartet, ohne daß er kam, ſo können Sie ſich darauf verlaſſen, daß er gar nicht wieder kommt, ſondern anderswo ſich Beute holt. Sie haben die Gänge des Löwen beobachten können und müſſen wiſſen, daß er dem und dem Wege folgen wird, auf dem Sie ihn treffen können. Brechen Sie mit Sonnenuntergange auf, ſetzen Sie ſich auf ein Felsſtück, von wo Sie die Lagerſtel⸗ len überſehen können und warten Sie. Bei dem erſten Brüllen achten Sie wohl auf, um zu erkennen, welche Richtung Löwe einſchlagen wird. Kommt er auf Sie zu, ſo brauchen Sie nur einige Schritte weit zu gehen; wendete er ſich nach der entgegen⸗ geſetzten Seite und Sie können ihm nicht zuvorkommen, ſo war⸗ 422 Die rechte Löwenjagd in Algier. ten Sie ſeine Rückkehr ab. Er kommt gewiß zurück. Da die Seite dieſes Gebirges ſehr bewaldet und von tiefen Schluchten zerriſſen iſt, ſo bleiben dem Löwen nur zwei Wege nach den Duars und Sie können ihn alſo gar nicht verfehlen. Hören Sie das Brüllen ſich nähern und erkennen Sie, daß das Thier auf Ihrem Wege iſt, ſo gehen Sie ihm bis zu einer Lichtung, einer nicht be⸗ waldeten Stelle, entgegen. Die wilden Oelbäume und die hundert⸗ jährigen Eichen an den Wegen laſſen die Mondſtrahlen ſo wenig durch, daß Sie kaum ſehen was vor Ihren Füßen vorgeht. An einem ſolchen Orte wäre eine Begegnung gefährlich; Sie müſſen alſo eine Stelle wählen, wo Sie Alles genau ſehen können. Ha⸗ ben Sie eine ſolche gefunden, ſo ſetzen Sie ſich nieder und war⸗ ten Sie. Sobald der Löwe Sie bemerkt, bleibt er ſtehen, er mag auf dem Wege nach Beute in dem raſchen Schritte gehen, der ihn geſtattet in kurzer Zeit ohne zu ermüden eine bedeutende Strecke zurückzulegen, oder geſättiget, den Kopf hin und her wiegend, heimkehren. Bleiben Sie ſitzen, ſo kommt er langſam näher und bleibt bisweilen ſtehen; er brüllt wohl auch, daß Sie darüber taub werden könnten. Verlieren Sie ihn nur unter keiner Bedin⸗ gung aus den Augen. Verläßt er den Fußpfad, um an einem Baume in der Nähe ſeine Klauen gleichſam zu wetzen, ſo halten Sie ſich bereit und nehmen Sie alle Ihre Vorſicht und Kaltblütigkeit zu⸗ ſammen, denn er wird wiederkommen. Die geringſte Uebereilung wäre nur unfehlbares Verderben. Er ſieht Ihre Waffen und keine Ihrer Bewegungen entgeht ihm. Angreifen wird er Sie nur nach dem exſten Schuſſe. Sobald Sie zielen, legt er ſich nieder wie eine Katze. In dieſer Stellung bietet er Ihnen keine Schußfläche als den obern Theil des Kopfes und ſo nahe er Ihnen auch ſein mag, ich rathe Ihnen nicht, in dieſer Stellung auf ihn zu ſchießen. Gehen Sie, das Gewehr immer am Backen und die Augen auf die Augen des Löwen gerichtet, einige Schritte von dem Wege nach rechts oder links, je nachdem der Mond auf die⸗ 8 Die rechte Löwenjagd in Algier. 423 ſer oder jener Seite Ihren Feind heller beſcheint. Machen Sie dabei eine zu ſtarke Schwenkung, ſo glaubt er, Sie wollen ihm eine Kugel in den Leib jagen, dreht ſich auf dem Bauche herum und bietet Ihnen fortwährend die Stirn. Gehen Sie nur zwei oder drei Schritte und ſobald Sie ſeine Schläfe ſo ziemlich ge⸗ rade vor ſich haben, zielen Sie gut zwiſchen Augen und Ohren und drücken Sie ab. Nun geſchieht Eines von Beiden: der Löwe wird entweder ſofort getödtet oder Sie liegen, ehe Sie etwas von der Wirkung Ihres Schuſſes ſehen können, auf dem Rücken unter dem Bauche des Löwen, der Sie mit ſeinem Leibe bedeckt und Sie mit ſeinen mächtigen Tatzen feſthält. Todt und verloren ſind Sie deshalb noch nicht. War Ihre Kugel gut gerichtet und ſie traf auf kein Hinderniß, das ſie ablenkte, ſo kommen Sie mit einem Dutzend Klauengriffen davon, die wohl wieder heilen; wenn nicht auch der Rachen des Löwen an Ihnen thätig geweſen iſt und ſein Todeskampf nur einige Secunden dauert, können Sie das Abenteuer überleben. In jedem Falle vergeſſen Sie nicht, daß Sie einen Dolch bei ſich haben. Verloren Sie ihn im Fallen nicht, ſo ſtoßen Sie ihn dem Löwen raſch und mit Kraft an eine gute Stelle. Iſt der Löwe ſofort todt, ſo danken Sie Gott und dem heiligen Hubertus; Sie können von Neuem beginnen. Dabei einen kleinen Rath!. So oft Sie einen ausgewachſe⸗ nen Löwen vor ſich haben, dehnen Sie Ihre Manöver nicht zu lange aus. Kann Ihnen die Uebereilung das Leben koſten, ſo ſetzt Sie zu langes Zögern ebenfalls der größten Gefahr aus. Der ungeduldig gewordene Löwe braucht nur gegen Sie anzu⸗ ſpringen, während Sie zielen und Sie ſind entwaffnet und zer⸗ fleiſcht, ohne Zeit gehabt zu haben ihm eine Kugel zuzuſenden. Haben Sie nun die Gebirgsbewohner von dem Feinde be⸗ freit, haben Sie geſehen, welchen Eindruck Ihr Sieg auf die Männer hervorbrachte, die gegen Alles gleichgiltig zu ſein ſchei⸗ nen, ſo ſuchen Sie neue Siege in andern Gegenden. Sie können 124 Die rechte Löwenjagd in Algier. überzeugt ſein, daß der Ruf von Ihrer That Ihnen überall vorauseilt und daß Sie der Löwentödter genannt werden. Der Gebel⸗Arſchiuna und die Umgegend von Medſchiz⸗Amar im Kreiſe Gelma ſind Lieblingsaufenthaltsorte für die wan⸗ dernden Löwen. Spüren Sie Einen der ſchönen Alten aus, welcher ein Eden ſucht, um da ſein Leben zu beſchließen. Folgen Sie ihm vom Abend bis zum Morgen über Berg und Thal. Ha⸗ ben Sie bei Tagesanbruche ſein letztes Brüllen gehört, ſo können Sie ſich darauf verlaſſen, daß er den Tag über dableibt. Laſſen Sie ſich Ihr Pferd bringen, das Sie weit zurückließen, gönnen Sie ſich einige Ruhe und Abends nähern Sie ſich dem Löwenla⸗ ger. Sorgen Sie dafür, daß Sie ganz in der Nähe des Löwen ſind, wenn er das erſte Mal brüllt. Hat er bereits eine Richtung eingeſchlagen, ſo ſuchen Sie ihm auf dem Wege voranzukommen. Gehen Sie viel umher und beſehen Sie ſich die Gegend. Nach vielen Gängen, Anſtrengungen und Entbehrungen werden Sie mit Ihrem Gegner zuſammentreffen und bei ihm ſehr bald alles Uebrige vergeſſen. So lange Sie es vermeiden können, erſchießen Sie nie einen Räuber; müſſen Sie es thun, aus Nothwehr thun, ſo betreten Sie die Gegend nie wieder, wo es geſchah. An Orten, wo man Sie ſchon kennt, haben Sie allerdings nichts zu fürchten, im Ge⸗ gentheil, die Räuber brauchen nur zu wiſſen, wo Sie ſind und Sie werden es vermeiden, in der Nacht in ihre Nähe zu kommen. Gehen Sie nie, wenn der Mond nicht ſcheint. Spannen Sie den Hahn an Ihrem Gewehre, ſobald Sie Ihr Zelt verlaſſen und ſetzen Sie ihn erſt nach Ihrer Rückkehr wieder in Ruhe. Gehen Sie ſtets langſam und ſehen Sie ſich dabei jederzeit vorſichtig um. Bleiben Sie auch oft ſtehen, um zu horchen. So oft Sie durch einen Bach, in einer Schlucht oder auf einem Wege gehen, deſſen beide Seiten dicht bewaldet ſind, halten Sie ſich immer 3 ſchußfertig. Es hat ein Löwe Sie vielleicht geſehen oder gehört 3 — Die rechte Löwenjagd in Algier. 125 und lauert am Wege, um Sie anzufallen, ſobald Sie erſcheinen. Auch Räuber können das thun. Haben Sie zur Nachtzeit ein halbes Dutzend Löwen erlegt, ſo können Sie auch, ohne Ihren Ruf zu gefährden oder die Ach⸗ tung der Araber zu verlieren, Abends, nach Sonnenuntergang zur Jagd ſich einer lebendigen Lockſpeiſe bedienen. Damit Sie wiſſen, wie Sie ſich bei dieſer Jagd zu beneh⸗ men haben, welche den bereits erwähnten gar nicht gleicht, will ich ein Beiſpiel von meinem letzten Ausfluge erzählen. Einige Tage nach der Rückkunft der Expeditionscolonne aus Kabylien im Juli 1853 verließ ich Konſtantine, um nach den Aures⸗Bergen zu gehen, wo, wie ich wußte, ein alter Löwe hauſte. Die Eingeborenen, welche durch die erlittenen Verluſte zur Ver⸗ zweiflung getrieben waren, traten eines Tages, zwei⸗ bis drei⸗ hundert Mann ſtark, zuſammen, um den Löwen zu erlegen oder aus der Gegend zu vertreiben. Der Angriff auf denſelben war bei Sonnenaufgang erfolgt; Mittags hatten ſie bereits fünfhundert Kugeln verſchoſſen; die Araber zählten einen Todten und ſechs Verwundete und der Löwe blieb Sieger. Bei meiner Ankunft im Thale Urten am 18. Juli erſchien eine Deputation aus jedem Duar in der Umgegend und ſchlug mir nach den ge⸗ wöhnlichen Klagen einen allgemeinen Angriff vor. Sidi Amar, der Marabut des Ortes, brachte mir ſeinerſeits folgende Verkün⸗ digung:„Wenn es Gott gefällt, Deine Waffen zu ſegnen, ſo werden nach einigen Tagen unſere Frauen und unſere Kinder un⸗ ter dieſem Baume erſcheinen, um die Zähne und Klauen des Uebelthäters zu zählen und die Hand zu küſſen, welche die Ruhe und den Frieden in das Gebirge bringt.“ Nach dieſer Anzeige des Marabut ließ man den Antrag auf allgemeinen Angriff fallen und Alle kehrten mit der Ueberzeugung in ihre Zelte zurück, daß der Löwe verloren ſei. Hätte ich Sidi⸗Amar geglaubt, ſo brauchte 126 Die rechte Löwenjagd in Algier. ich den Ort gar nicht zu verlaſſen, wo ich mich befand; der Löwe würde ſchon ſelbſt kommen und ſich erſchießen laſſen. Wie großes Vertrauen ich übrigens auf ſolche Prophezeiun⸗ gen von Marabuts habe, meinte ich doch die Anwendung des Sprichwortes:„Hilf Dir ſelbſt, ſo wird Gott Dir helfen“ könne nicht ſchaden. Ich zog alſo noch denſelben Tag alle mir nöthigen Erkundigungen ein und gab meinen Kundſchaftern Anweiſungen für den nächſten Tag. Sie ſollten mit Tagesgrauen aufbrechen, ein Jeder nach dem ihm bezeichneten Bezirke, und ermitteln, auf welchem Wege der Löwe aus ſeinem Lager heraus zu kommen und auf welchem er früh zurückzukehren pflege. Der Löwe hatte einen großen Ausflug gemacht, meine Kund⸗ ſchafter fanden keine Spur von ihm, wohl aber von der Löwin, die ſich in einem Walde von etwa zehn Morgen aufhielt. Um ſieben Uhr Abends lauerte ich an der Stelle, wo ſie hervorzukom⸗ men pflegte, um acht Uhr erſchien ſie etwa ſechs Schritte von mir und nach der dritten Kugel war ſie todt. Ich erwartete, daß der Löwe ſeine Löwin ſuchen und weit um⸗ her ſtreifen werde. Das geſchah; er tödtete dabei ein Maulthier und zwei Rinder in einem Duar, begab ſich dann auf die höchſten Spitzen des Gebirges und entfernte ſich nach Süden zu. Die letzte Spur von ihm war drei Stunden von unſerm Sammel⸗ platze. Um vier Uhr Nachmittags ſtieg ich zu Pferde und ritt da⸗ hin, wo man die Fährte verloren hatte. Nachdem ich mein Pferd zurückgeſchickt hatte, ging ich auf dem Wege hin und her, welchen der Löwe am vorigen Tage betreten hatte und da ich ihn um elf Uhr noch nicht getroffen hatte, die Araber und ihre Hunde in den Duars am Fuße des Gebirges aber gewaltigen Lärm machten, ſchloß ich, der Löwe ſei auf einem andern Wege fortgegangen und kehrte in mein Zelt zurück. So ging es drei weitere Tage. Am 24. wurde ein Araber aus einem Duar drei bis vier Stunden füdlich von meinem Zelte Die rechte Löwenjagd in Algier. 127 zu mir geſchickt, damit er mir melde, der Löwe habe ſein Lager in einem Walde, Tafrent mit Namen, und ihnen ſeit dem 20. acht Rinder geraubt. Ich brach ſofort mit dieſem Manne, mei⸗ nem Spahi und meinen Kundſchaftern auf, ließ meine Zelte zu⸗ rück und nahm nur meine Waffen mit mir. Die Nacht vom 24. zum 25. verbrachte ich vor dem Duar, den der Löwe gewöhnlich heimſuchte, aber er kam nicht. Am 25. früh wußten meine Leute daß er aus dem bezeichneten Walde herausgekommen, aber nicht gewiß, ob er dahin zurückgekehrt ſei. Um die Anſtrengungen mei⸗ ner Kundſchafter zu vermindern und ihnen ihre Aufgabe zu er⸗ leichtern, näherte ich mich dem muthmaßlichen Lager und begab mich am 25. Abends an den Saum des Waldes. An dieſem Tage war Herr v. Rodenburg zu mir gekommen, ein holländi⸗ ſcher Officier, welcher den Zug nach Kabylien mitgemacht hatte und nun an der Löwenjagd Theil nehmen wollte, um etwas zu erleben was ſich nie wieder vergißt. Gegen zehn Uhr Abends brüllte der Löwe eine halbe Stunde von dem Duar und um Mitternacht raubte er ein Schaf nur ei⸗ nige Schritte von uns. Am 26. früh wurde nach allen Duars der Befehl erlaſſen, kein Vieh und keinen Menſchen hinaus zu laſſen, bis meine Kundſchafter zurück wären, damit die Löwen⸗ fährten nicht zertreten würden. Endlich kam Amar Ben Sipha mit ſtrahlendem Geſichte; er brauchte gar nichts zu ſagen, Jedermann ſah es ihm an, daß er den Feind gefunden habe und wiſſe, wo er ſei. Wie ſehr wartete der Unglückliche auf den Sieg, den er vorbereitet hatte und wie wenig ahnete er, daß nach wenigen Stunden der Löwe, den er mir überliefert, auf ihm ſterben ſollte, nachdem er ihn zerriſſen! Er ſtattete mir ſeinen Bericht ab und da wir nun wußten, woo wir den Löwen finden würden, blieb nichts weiter übrig, als die beſte Angriffsart zu wählen. Die erſte beſteht darin, unter ggroßem Lärm nach dem Lager zu gehen, was den Löwen hervor⸗ * 128 Die rechte Löwenjagd in Algier. 3 3 lockt den Jägern entgegen, die ihn an einer geeigneten Stelle ere warten. Nach der zweiten folgt man vorſichtig der Fährte des Thieres, um daſſelbe wo möglich im Schlafe zu überrumpeln; nach der dritten endlich lockt man ihn durch ein lebendiges Stück Vieh an. Amar hatte ſich überzeugt, daß ein Angriff auf das Lager ſelbſt wegen des dichten Gebüſches nicht möglich ſei und ich ent⸗ ſchied mich alſo für die Lockſpeiſe. Am 26. Abends um ſieben Uhr brach ich mit meinem Spahi Hamida und zwei Kundſchaftern auf, welche meine Waffen trugen und eine Ziege führten. Das Lager des Löwen befand ſich am ſüdlichen Abhange, wenigſtens hundert Schritte von der Schlucht, in welcher ein Bach floß. Am entgegengeſetzten Hange an dieſer Schlucht ſah ich eine etwa funfzehn Ellen breite Lichtung, um welche große Bäume ſtanden und die wenigſtens hundertundfunf⸗ zig Schritte von dem Löwenlager entfernt war. Während einer meiner Leute die Ziege an eine Wurzel in die Mitte der Lichtung band und die andern mir meine Waffen reich⸗ ten, zeigte ſich uns der Löwe am Fuße des ſogenannten Löwen⸗ felſen und ſah uns zu. Ich begab mich raſch an den Waldſaum, dem Löwen gegenüber, fünf bis ſechs Schritte von der Ziege, de laut meckerte als die Leute ſich entfernten und alle ihre Kraft aufbot, ſich loszureißen und zu mir zu kommen. Der Löwe war verſchwunden. Er kam ohne Zweifel im Schatten der hohen Bäume her, ſodaß ich ihn nicht ſehen konnte. Ich hatte mit dem Dolche einige Zweige abgeſchnitten, die mir bei dem Schießen hinderlich ſein konnten und wollte mich eben ſetzen als die Ziege mit einem Male ganz ſtill wurde, an allen Gliedern zitterte, und bald nach mir bald nach der Schlucht hin ſah als wollte ſie ſagen:„Der Löwe iſt da, ich ahne es; er wird kommen, ich höre ihn; er kommt, ich ſehe ihn.“ Ich ſah ihn nun auch. Er kam langſam die Schlucht herauf und blieb am Rande Die rechte Löwenjagd in Algier. 129 der Lichtung, zwölf Schritte von mir, ſtehen. Seine breite Stirn war ein ſchöner Zielpunkt. Zweimal ſenkte ich die Büchſe, zwei⸗ mal zielte ich zwiſchen die beiden Augen, zweimal berührte mein Finger bereits leiſe den Drücker, aber ich drückte noch nicht ab. Seit zwei Jahren hatte ich keinen ſo großen, ſo ſchönen, ſo ma⸗ jeſtätiſchen Löwen geſehen und ich konnte nicht ſchießen, ohne ihn vorher genau betrachtet zu haben. Was iſt ein todter Löwe? Was iſt eine ſchöne Frau im Sarge? Schönheit ohne Leben, alſo — Häßlichkeit. Das edle Thier hatte ſich niedergelegt, als wiſſe es, daß ich Bewunderung empfand, ſchlug die beiden ungeheuren Tatzen über einander und legte leicht den Kopf darauf wie auf ein Kiſſen. Ohne im mindeſten die Ziege zu beachten, welche durch die Furcht gelähmt war, betrachtete der Löwe mit beſonderem Intereſſe mich, indem er bald mit den Augen blinzelte, was ihm ein höchſt gutmüthiges Ausſehen gab, bald die Augen ganz auf⸗ ſchlug, ſodaß ich unwillkürlich mein Gewehr feſter faßte. Er ſchien bei ſich zu denken:„ich habe eben in dieſer Lichtung meh⸗ rere Menſchen und eine Ziege geſehen; die Menſchen ſind fort und die Ziege iſt allein zurückgeblieben; ich komme an und finde neben ihr einen Mann, der blau und roth gekleidet iſt, wie ich noch keinen geſehen habe, der bei meiner Annäherung auch nicht flieht und mich feſt anſieht.“ Bisweilen, während das Abend⸗ dunkel dichter und dichter wurde, ſchien er weiter zu denken:„was hol ich mir zum Abendeſſen: die Ziege oder den Rothen? Das Schaf von geſtern war beſſer als dieſe Ziege da, aber es iſt weit zu den Schafen. Die rothen Menſchen ſind im Allgemeinen viel⸗ leicht auch gut, der da aber ſieht recht dürr aus.“ Dieſe letzte Rückſicht ſchien ſeine Wahl beſtimmt zu haben, denn er ſtand ent⸗ ſchloſſen auf und ging drei Schritte nach der Ziege hin. Mit dem Gewehr am Backen und dem Finger am Drücker folgte ich allen ſeinen Bewegungen, um im rechten Augenblicke Feuer geben zu können. Zweimal ſchickte er ſich an auf die Ziege ſich zu ſtürzen, 9 Der Löwenjäger. 130 Die rechte Löwenjagd in Algier.* indem er ſich katzenartig duckte. Ich vermuthete, daß der Strick, mit welchen die Ziege angebunden, ihn beunruhige und ich zweifelte nicht, daß er einen Hinterhalt fürchte als ich ihn unruhig am Rande der Lichtung hin und her gehen und beim Stehenbleiben mir die Zähne zeigen ſah. Die Sache wurde zu ernſthaft; es war Zeit ein Ende zu machen. Ich benutzte alſo den Augenblick, als er mir, am Rande der Schlucht, in einer Entfernung von zwölf Schritten, die Seite zukehrte, und ſchickte ihm eine erſte Kugel mitten auf die Schul⸗ ter, gleich darauf und während er ſich brüllend krümmte eine zweite vor der Schulter in den Leib. Er war von den beiden Kugeln mit Eiſenſpitzen durchbohrt und rollte wie eine Lawine in die Schlucht hinunter.. Während ich meine Büchſe wieder lud, waren meine Leute herbeigekommen. Mit ihnen ging ich an die Stelle, wo ich den 4 Löwen getroffen hatte. Die Leute zweifelten nicht, daß er todt ſei und liefen auf die Höhen, um Andere herbeizurufen, damit ſie den Erlegten mit forttrügen. Ich meinestheils folgte den Blutſpu⸗ ren in der Schlucht, wo der Löwe mehrere Male gefallen war und ſah, daß er in ein dunkles, dichtes, faſt undurchdringliches Ge⸗ büſch gegangen. Um ſogleich zu wiſſen, was ich zu thun habe, warf ich einen Stein in das Dickicht hinein und von etwa zwan⸗ zig Schritten her antwortete ein tiefes, bald klagendes, bald dro⸗ hendes Gebrüll. Bei dieſem Brüllen erſtarrte mir das Blut, denn ich dachte an das Brüllen des Löwen von Meſchez⸗Amar, der in ganz ähnlicher Lage vor ſechs Jahren vor meinen Augen und trotz meinen Kugeln meinen Spahi Roſſain und zwei Araber verſtüm⸗ melte. Ich kniete am Saume des Dickichts und bemü vergebens hinein zu ſehen. Schon wollte ich mich entf mein Spahi, meine beiden Kundſchafter und vier bewaft ber zu mir kamen. Mit Mühe hielt ich ſie ab, in da Die rechte Löwenjagd in Algier. 131. Vergebens ſtellte ich ihnen vor, er lebe noch, wir würden ihn nicht ſehen können, ehe er Einen von uns packe und Einer von uns ſei gewiß verloren, wenn wir ſchon jetzt hineingingen, während ich dafür bürge, daß wir ihn am nächſten Tage todt finden würden. Die Leute legten ohne Weiteres ihre Burnuſſe ab, und forderten mich auf, mich darauf zu ſetzen und zu warten. Zwei Minuten ſpäter hatte ich die Kleidungsſtücke abgelegt, die mir hätten hinderlich ſein können, Amar meine Büchſe, einem Andern zwei Piſtolen und meinem Spahi ein Gewehr gegeben, das er mir geladen nachtragen ſollte. Dann empfahl ich den Leuten ſich dicht neben mir zu halten und trat mit ihnen und Ro⸗ denburg, der durchaus nicht zurückbleiben wollte, in das Dickicht hinein. Nach funfzehn Schritten trafen wir eine kleine Lichtung, wo jede Blutſpur verſchwunden war. Die Nacht brach ein; es war bereits ſchwer die Fährte des Thieres zu ſehen und unſer Suchen wurde immer gefährlicher, da wir nach einigen Minuten gewiß gar nichts mehr ſahen. Um keine Zeit zu verlieren, ſuchte Jeder nach den Blutſpuren, die wir verloren hatten, ohne indeß die Lichtung zu verlaſſen. Mit einem Male ging das Gewehr eines Arabers mitten un⸗ ter uns aus Unvorſichtigkeit los; es geſchah uns zwar kein Scha⸗ den, aber der Löwe brüllte nur einige Schritte von uns und alle meine Leute drängten ſich um mich, Amar ausgenommen, der aus Unerfahrenheit oder Selbſtvertrauen ſechs Sohritte von uns an einen Baum ſich gelehnt hatte. hatte der Löwe mit ſtarrender Mähne und weit auf⸗ geriſſe lem R hen am Rande der Lichtung ſich gezeigt, ſo knallten sGerdewohl ihm entgegen, ohne ihn zu treffen. var Amar, der auch nach dem Löwen geſchoſſen, nieder⸗ 21„ſein Gewehr zerbrochen, ſein rechter Schenkel zermalmt ls ich ihm zu Hilfe eilte, ſah ich ſeinen Kopf bereits in dem 9* 132 Die rechte Löwenjagd in Algier. Rachen des Löwen, auf den ich meine Büchſe ganz in der Nähe richtete, ohne daß er ſein Opfer losließ. Da ich für den Kopf des Arabers fürchtete, wenn ich nach dem des Löwen ſchöſſe, wählte ich das Herz zum Zielpunkte und gab Feuer. Amar wurde frei, und rollte zu meinen Füßen, die er ſo ungeſtüm umklammerte, daß er mich faſt umriß, der Löwe aber lehnte an den Zweigen, die unter ſeiner Laſt brachen, und fiel noch nicht. Ich zielte ihm nach den Schläfen und drückte los; der Schuß verſagte. Zum erſten Male ſeit zehn Jahren ging mein Gewehr nicht los und der Löwe ſtand noch immer da, zerbiß und zerriß die Aeſte, die er erreichen konnte, brüllte und wand ſich in Todes⸗ krämpfen einen Schritt von mir und faſt auf Amar, der wie ein Beſeſſener ſchrie. Alle meine Leute waren herbei gekommen und ſchwangen die Säbel oder hatten die Gewehre vorn an dem Laufe gefaßt, um ſie als Keule brauchen zu können. Nutzloſe Waffen einem Feinde gegenüber, den drei Kugeln nicht tödten! Ich griff zunächſt nach meinem Spahi Hamida, um mir das Gewehr geben zu laſſen, das er geladen mir nachtragen ſollte. Er zitterte an allen Gliedern und brachte kaum heraus:„Abgeſchoſſen!“ Mein zweites Gewehr war alſo nicht mehr geladen; der Unvorſichtige hatte gleichzeitig mit den Andern geſchoſſen und wir waren ſomit in der Gewalt des Löwen. Zum Glück für uns Alle fiel er in dieſem Augenblicke zwiſchen Amar und Rodenburg todt nieder. Sobald der Löwe todt war, beſchäftigte ich mich mit dem Verwundeten, der ebenfalls ſeit einigen Augenblicken kein Lebens⸗ zeichen mehr gab. Die Wunden am Kopfe waren nicht ſehr be⸗ deutend und einige Stellen am Oberkörper leicht von den Klauen zerriſſen, der rechte Schenkel und das rechte Bein aber, von der Hüfte bis zur Zehe, gräßlich zerbiſſen. Er blutete außerordent⸗ lich ſtark und wir befanden uns mitten im Walde, in der Nacht, ohne alle Hilfsmittel. 4 ——— Die rechte Löwenjagd in Algier. 133 Während die Araber eine Trage von den Gewehren und Bur⸗ nuſſen bereit machten, verſuchte ich einigermaßen wenigſtens das Blut zu ſtillen, aber der Verwundete kam nun wieder zur Beſin⸗ nung, ſchrie in der grauenhafteſten Weiſe und machte es mir un⸗ möglich, ihn weiter zu verbinden. Ich will nicht ſagen, welche Zeit wir brauchten und welche Mühe es koſtete, aus dem Dickicht hinaus und wieder in die Schlucht zu gelangen, aber verſichern kann ich, daß unſer Zug impoſant war. Ich hatte immer geſehen, daß die Araber tief trauerten, wenn Einer der Ihrigen gefallen war und konnte mir alſo ihre Gleich⸗ giltigkeit bei dem Schickſale Amars nicht erklären. Seit dem Tode des Löwen, und obgleich ſie geſehen, daß ich ihre Glück⸗ wünſche kalt aufnahm und keine Freude über den errungenen Sieg äußerte, hatten ſie ſich weiter nicht um den Verwundeten gekümmert, als daß ſie zu ihm ſagten:„So etwas begegnet nur Männern,“ dann unter einander eifrig über die verſchiedenen Scenen des Drama's, meiſt alle zu gleicher Zeit und laut ſchrei⸗ end, geſprochen. Auch fingen ſie die Geſchichte jedesmal wieder von vorn an, ſobald Jemand aus den benachbarten Duars uns entgegen kam. Der Jubel der Leute war ſo gewaltig, daß Jeder, der uns begegnete, hätte glauben müſſen, auf der Trage liege der todte Löwe, wenn nicht Amar da von Zeit zu Zeit einen Schmerzens⸗ ſchrei ausgeſtoßen. Um elf Uhr kamen wir an dem Zelte an, welches man für den Verwundeten beſtimmt hatte. Am nächſten Tage ziemlich früh ging ich zu ihm, und traf da ſeine alte Mutter, ſeinen Bruder und eine große Anzahl Männer und Frauen, die wohl zu ſeiner Familie gehörten, denn ſie dankten mir alle lebhaft dafür, daß ich Amar aus den Klauen des Löwen befreit habe und fragten nach meiner Meinung über ſeinen Zuſtand. Leider habe ich gar — 134 Die rechte Löwenjagd in Algier. keine ärztlichen Kenntniſſe und in Bezug auf Wunden von den Löwen weiß ich aus Erfahrung nur ſoviel, daß ſie ſchwer heilen und daß man faſt immer einen Arm oder ein Bein dabei einbüßt. Ich rieth den Verwandten Amars ihn jedenfalls nach Bathna zu bringen, wo er gute Aerzte und gute Pflege finden würde. Der Verwundete lehnte dies der Schmerzen wegen ab und ſo legte ich ſelbſt, mit Hilfe des holländiſchen Officiers, den erſten Verband an, ließ auch einen arabiſchen Arzt holen und begab mich dann in den Wald, wo ſeit dem Abende der Löwe ſchlief. Meine Begleitung war ſehr zahlreich. Bald hatte man einen Weg in das Dickicht gehauen und auf einer Trage wurde der Todte auf die Lichtung getragen, wo ich ihn zuerſt geſchoſſen. Nachdem ich ihm das Fell hatte abziehen laſſen und aufmerkſam den Durchgang meiner Kugeln gemuſtert, überließ ich das Thier den Arabern, die ſich mit unbeſchreiblicher Wuth, mit dem Meſſer in der Hand, auf daſſelbe ſtürzten. Abends kam ich zurück, um das Fell zuzurichten. Am 29., als ich mich zur Abreiſe nach Konſtantine anſchickte, drangen fünf bis ſechs Weiber in mein Zelt und vergoſſen heiße Thränen, als ob ſie von einem großen Unglücke betroffen worden wären. Anfangs glaubte ich, ihr Verwandter, Amar, ſei geſtor⸗ ben, und ich konnte mich des Lachens nicht enthalten, als ich end⸗ lich erfuhr, es handele ſich nur um den Tod von drei Rindern, die ein eben wieder angekommener Löwe geraubt habe. Da das Schhluchzen immer ſtärker wurde und dieſes Weinconcert gar nichts Angenehmes hatte, ſo machte ich ihm raſch durch das Verſprechen ein Ende, ich würde erſt abreiſen, unüden ich auch den neuen Löwen beſeitigt. Der Duar, aus welchem die Rinder geraußt worden waren, befand ſich dicht bei meinen Zelten und ich zog Erkundigungen ein. Die Leute hatten die Heerde ängſtlich llehen⸗ Labern weder — Die rechte Löwenjagd in Algier. 135 der fehlten und die Heerde ſo ſehr ſich gefürchtet hatte, mußte, wie ſie nicht zweifelten, ein Löwe unter ihr geweſen ſein. Ich empfahl ihnen, am nächſten Tage bei guter Zeit und in ziemlicher Anzahl auf das Gebirge zu gehen, die drei Rinder aufzuſuchen, zwei davon an eine freie Stelle zu ſchleppen, damit ſie den Tag über von den Geiern aufgezehrt würde, den dritten aber liegen zu laſſen und nur mit Zweigen zuzudecken, damit die Geier ihn nicht ſähen. Am 30. Abends ging ich ſelbſt nach dem Gebirge mit einem Führer und zwei Männern, die mir die Waffen trugen. Nach einem einſtündigen Marſche kamen wir an den Knochen vorbei, welche die Geier übrig gelaſſen hatten und da der Löwe auf un⸗ ſerm Wege erſcheinen mußte, wenn er ſich da wieder einfand, be⸗ gab ich mich nach dem Gebüſch, wo das dritte Rind getödtet wor⸗ den war. Ich ließ die Zweige von ihm wegnehmen und über⸗ zeugte mich, daß er noch unberührt war und einen Biß in die Kehle, ſowie einen Klauenhieb an der Schulter hatte, was mir bewies, daß das Thier durch einen jungen Löwen oder eine aus⸗ gewachſene Löwin getödtet worden ſei. Die Fährte war des fel⸗ ſigen Bodens wegen nicht zu ſehen, ich betrachtete alſo die Ein⸗ drücke der Zähne und Klauen genau und ſchloß, daß ich es mit einer ausgewachſenen Löwin zu thun haben werde. Das gewöhnliche Lager der Löwen in dieſem Gebirge befand ſich in einer Entfernung von etwa achthundert Ellen unterhalb. Ich war überzeugt, daß die Löwin von unten kommen werde, ſchickte die Leute, die mich begleitet hatten, etwa hundert Schritte weiter hinauf und ſuchte mir einen guten Standort. Ich hatte meine Waffen an einen Stein elegt, der mir als bequemer Sitz dienen konnte und wollte mich eben ſetzen, als ich noch einmal in das Thal unten blickte und die Löwin dort gehen ſah. Sie folgte eine Strecke dem Wege, ging dann über eine kleine Fläche und voon da nach einer Quelle, die ich ſchon lange kannte. Nach einer . 136 Die rechte Löwenjagd in Algier. Viertelſtunde kam ſie auf demſelben Wege zurück und trat unter die Bäume in der Nähe des Lagers. Nun ſetzte ich mich und ſchickte mich an ſie zu empfangen. Ich befand mich mitten in einem Dickicht und ſah von da aus nur einen Theil des Rindes, obgleich es wenig Schritte von mir lag. Daß ich ihr nicht zwei Kugeln werde zuſchicken können, erkannte ich wohl; ich mußte ſie alſo durch die erſte gleich tödten oder wenigſtens unſchädlich machen Es fing an finſter zu werden, als die Löwin unter mir brü nahe an der Stelle, wo die beiden Rinder den Geiern überlaſſen worden waren. Bald darauf hörte ich ihre Tritte und je näher ſie kam, um ſo deutlicher ein regelmäßiges dumpfes Röcheln, ihr lautes Athmen. Sie mochte funfzehn Schritte von mir ſein und ich legte nach ihr hin an, um ſchießen zu können, ſobald ſie erſcheine. Sie können ſich denken, wie mir zu Muthe war, als ich das Korn an dem Gewehr nicht fand. Ich ſah kaum das Ende des Rohres. Nach einigen Minuten ſah ich wahrſcheinlich gar nichts mehr und dann erſchien jedenfalls die Löwin. Ich durfte keinen Augenblick zögern, ſtand alſo auf und ging ſo geräuſchlos als möglich der Löwin im Anſchlage entgegen. Nach etwa fünf oder ſechs Schritten erblickte ich die Hälfte ihres Körpers zwiſchen zwei Bäumen. Sie ſtand unbeweglich da und horchte wahrſcheinlich auf ein Geräuſch, das ſie ſich nicht erklären konnte. Der Kopf bis faſt zur Schulter war mir verdeckt. Gerade da lag das Herz. Ich ſchoß ſo gut als möglich, bückte mich aber vergeblich, um un⸗ ter dem Rauche hinzuſehen und die zweite Kugel der erſtern nach⸗ zuſchicken, ich erblickte nichts; ein glückverkündendes Brüllen aber hatte auf meinen Schuß geantwortet und mein geübtes Ohr ſagte mir, daß das Thier verwundet ſei. Die Löwin lag, da ich ſie nicht mehr ſah; ich hörte ſie brüllen und ſich wälzen. Da ich durchaus keine Luſt hatte mit ihr aus der Welt zu gehen, ſo wollte ich am nächſten Morgen ihr vollends das Leben 4 Die rechte Löwenjagd in Algier. 137 nehmen, wenn ſie bis dahin nicht verende, und kehrte mit meinen Leuten zurück, die Alles gehört hatten und gleich mir überzeugt waren, daß ſie uns nicht entgehen könne. Am 31. vor Sonnenaufgang befand ich mich bereits wieder an der Stelle, wo die Löwin gefallen war, und diesmal begleite⸗ ten mich faſt alle Bewohner des Duar. Ich allein mit meinem Spahi begab mich dahin, wo ich ſie angeſchoſſen hatte, aber ſie war nicht mehr zu ſehen, doch konnten wir leicht ihren Blut⸗ ſpuren folgen. Sie war mehrmals unterwegs geſtürzt. Auch bemerkte ich, daß ſie nur auf drei Beinen gegangen und immer auf die linke Seite gefallen war. Weit konnte ſie nicht ſein, aber Vorſicht konnte nicht ſchaden. Ich ließ jedesmal, wenn wir an einen Buſch kamen, durch meinen Spahi einen Stein hineinwer⸗ fen, um ſie herauszulocken oder doch zum Brüllen zu reizen. Wir waren über eine Lichtung gegangen, auf der die Löwin lange gelegen, weil ſie ſehr viel Blut da verloren hatte und ich gelangte an den Saum eines ſehr dichten Waldes, in deſſen erſte Büſche der Spahi vor mir einen Stein warf. Da brlllte ſie. Der Erfolg konnte nicht zweifelhaft ſein, da das Thier viel Blut verloren hatte und nur noch drei Füße brauchen konnte. Daran befanden ſich freilich ſtarke Tatzen mit gewaltige Krallen und die mächtigen Zähne waren auch noch zu fürchten. Das Gebüſch, in welches ſich die Löwin geflüchtet hatte, war ſo dicht, daß, wenn ich hineinging, ich ſie nicht ſehen konnte, ohne ſie zu berühren und dann wurde ich gepackt, ehe ich ſchießen konnte. Ich geſtehe indeß zu meiner Schande— weil es eine Toll⸗ heit geweſen ſein würde— daß ich hineingegangen wäre, wenn ich kein anderes Mittel gehabt hätte. Aber da lag ja eine ſchöne Lichtung, auf die ich die Löwin herauslocken konnte und dies be⸗ ſchloß ich zu thun. Ich ließ die Männer und Frauen des Duar Lerifen. damit ſie dem Tode ihrer Feindin beiwohnten, befahl einiges Gebüſch 138 Die rechte Löwenjagd in Algier. anzuzünden, damit das Thier nicht weiter zurückgehen könnte, ließ einige Gewehre laden, die zum Glück da waren und ſchickte vier Araber damit auf einen Baum in der Lichtung mit der Weiſung, jedesmal auf mein Signal zu ſchießen und großen Lärm zu ma⸗ chen. Einen der Araber, die ſich zu Pferde eingefunden hatten, ſchickte ich dreißig Schritte von der Lichtung mit dem Befehle, da unbeweglich zu halten, bis die Löwin erſcheinen würde und dann im Galopp, etwas von der Seite, damit er mir im Schießen nicht hinderlich ſei, auf mich zuzukommen. Ich ſelbſt ſetzte mich auf die Lichtung einige Schritte vor dem Baume nieder, auf dem meine Schützen ſaßen und behielt meinen Spahi bei mir, damit er mir zur rechten Zeit die Waffen reiche. Die Zuſchauer, die bis dahin in der Lichtung geſtanden und laut geſchwatzt hatten, zerſtreuten ſich eilig; die Männer kletter⸗ ten auf die höchſten Bäume und die Weiber auf einen Felſen, auf deſſen Gipfel ſie ſich zuſammendrängten. Als die Lich⸗ tung frei geworden war, befahl ich dem Reiter auf ſeiner Hut zu ſein und den Männern auf den Bäumen zu ſchießen. Als die Schüſſe gefallen waren, brüllte die Löwin zornig und nach dem erſten Hurrah der Araber erſchien ſie an dem Saume des Dickichts, von wo ſie ohne Weiteres ſich dem Reiter zuwendete, der bei ihrem Anblicke ſeinem Pferde beide Sporen gab. Ob⸗ gleich ſte nur drei Beine gebrauchen konnte, erſchrak ich doch über ihre erſten Sprünge, die ſie dem Reiker ziemlich nahe brachten. Eine Kugel aus meiner Büchſe, die ſie aus einer Entfernung von vierzig Schritten an den Kopf traf, brachte ſie zum Wanken, doch fiel ſie noch nicht; ſie kam gerade auf mich zu.— Ich hatte Zeit gehabt mein zweites Gewehr zu nehmen und in der Entfernung von zwanzig Schritten erhielt ſie zwei Kugeln mitten in die Bruſt. Wie vom Blitze getroffen, brach ſie zuſan⸗ 4 Die rechte Löwenjagd in Algier. 139 war ihre letzte Anſtrengung, denn ſie ſtürzte unter einem langen Schmerzensbrüllen nieder, dem ein furchtbares Hurrah der Ara⸗ ber antwortete. Mit beſonderm Eifer kamen die Weiber herbei, überſchütteten ſie mit Schimpfreden und forderten die nun un⸗ ſchädlichen Klauen und Zähne heraus. Auf einer Trage von Gewehren und Baumzweigen wurde die Löwin nach Urten gebracht, wo ich ſie den Arabern überließ nach⸗ dem das Fell abgezogen war. Am nächſten Tage verließ ich die Gegend und nach zwei Ta⸗ gen kam ich ſehr ermüdet in Konſtantine an. Am 16. Auguſt erhielt ich durch den Kaid die Nachricht von dem Tode des un⸗ glücklichen Amar. Und nun noch einen letzten Rath:„Suchen Sie nie Ihr Heil in der Flucht, wenn der Löwe Sie angreifen will; führen Sie ſtets die beſten Zündhütchen und das beſte Pulver; laden Sie jedesmal, wenn Sie auf die Jagd ausgehen, Ihr Gewehr friſch und zwar ſehr ſorgfältig und Gott und der heilige Hubertus wer⸗ den Ihnen gnädig ſein!“ Druck von Fr. Nies in Leipzig. ſfffffff ffffff 11 12 13 14 15 16 17 18 19 —