Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ fangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 3 Uyr bis Abends 8 Uhr offen. 2 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 1 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 4 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Noch den nämlichen Abend nach jenem glückli⸗ chen Tage ſchien die Königin ein lebhaftes Verlangen zu tragen, von dem Genie in ſeine Staaten geführt zu werden. Phanor ſeufzte und ſprach mit einem gefüylvol⸗ len Blick auf Altemire: Ich verlaſſe dieſelben für Sie, Sie herrſchen über getreue Unterthanen und über mich: ſeyen Sie zufrieden mit dieſem Reiche. Es iſt mir nicht möglich, Sie in meinem Pallaſte aufzunehmen; allein ich will nicht mehr dahin zurückkehren, da Sie ihn nicht bewohnen können: fragen Sie nicht weiter...... Wie! Herr, unterbrach ihn Altemire, ich werde al⸗ ſo nie Ihren Pallaſt ſehen?.... Ich wage mir zu ſchmeicheln, erwiederte Phanor lächelnd, daß Sie ihn eines Tags werden ſehen können. Allein wann? entgeg⸗ nete die Königin lebhaft.— In ſechzehn Jahren, wenn 8 Sie bis dahin noch jenen Wunſch hegen.— In ſechzehn Jahren, gerechter Himmel!— Von nun an laſſen Sie uns nicht mehr davon ſprechen. Ihrer und meiner Ruhe willen muß ich Ihnen dieß Geheimniß verhehlen; Sie würden nur umſonſt den Verſuch machen, es mir zu entreißen. Die Königin war überaus neugierig; ſie beklagte ſich, ward trübſinnig, vergoß Thränen; allein Phanor blieb unerbittlich. Das Mißvergnügen einen ſo verſchwie⸗ genen Gatten zu haben, war das einzige, welches Alte⸗ mire jemals empfand; die beiden Gatten liebten ſich ein⸗ zig, und ohne die Neugierde der Königin und ihre ewi⸗ gen Fragen über den geheimnißvollen Pallaſt des Ge⸗ nie, würden ſie vollkommen glücklich geweſen ſeyn. Altemire brachte eine Prinzeſſin zur Welt, welche der Genie, wie man ſich leicht denken kann, mit allen Reitzen und Vollkommenheiten ausſtattete. Kaum hatte Zeolide(dieß war der Name der jungen Prinzeſſin) ihr vierzehntes Jahr erreicht, als die Königin und der Ge⸗ nie Sorge trugen, für ſie einen Gemahl auszuſuchen, der ihrer würdig wäre; ihre Wahl ſiel auf den Prin⸗ zen Philamir, welcher Zeoliden anbetete. Die junge Prinzeſſin wurde befragt, und ſie geſtand erröthend, — daß ſie Philamir Allen vorzöge, die auf ihre Hand An⸗ ſpruch machten. 8 Die Königin, die mit unausſprechlichem Vergnügen den Augenblick herannahen ſah, wo ſie dem Verſprechen des Genie gemäß, ihre Neugierde ſollte beſriedigen kön⸗ nen, beſchloß, ihre Tochter nicht früher zu verheirathen, als bis ſie den Pallaſt geſehen, und wieder in ihre Staaten zurück gekommen wäre. Dieſer ſo ſehnlichſt er⸗ wünſchte Augenblick kam endlich an.. „. Es waren nun ſechzehn Jahre vergangen, ſeitdem die Königin in der Ehe lebte; ſie drang demnach in Phanor, ſie ohne Aufſchub in ſeinen Pallaſt zu führen. Morgen, erwiederte er, ſollen Sie hingebracht werden, wenn Sie noch auf dieſem Entſchluſſe beharren, nachdem Sie alles vernommen haben werden, was ich Ihnen zu enthüllen habe; dieſen Abend ſollen Sie mein Geheim⸗ niß erfahren. Die Königin verlangte, daß Zeolide bei dieſer Erzählung gegenwärtig ſeyn ſollte; Phanor willig⸗ te nur mit Mühe ein; endlich gab er dem dringenden Erſuchen der Königin nach. Am Abend begab er ſich zu Altemiren; er ſetzte ſich zwiſchen beide Prinzeſſinnen, und erzählte ihnen ſeine Geſchichte mit dieſen Worten: ——— — 6— Gefchichte des Genie Phanor⸗ Ich bin mit den heftigſten Leidenſchaften geboren worden; unſere Kunſt, wodurch wir den Sterblichen ſo ſehr überlegen ſind, vermag indeß nichts über das Herz; und der Genie, mein Vater, ſah mit Betrübniß, daß mehrere Jahrhunderte dazu erforderlich wären, mich weiſe und glücklich zu machen. Unterdeſſen verliebte ich mich ſterblich in eine Fee, die um ein Gutes mehr Jah⸗ re hatte, als ich, und mehr durch Geiſt als Schönheit ausgezeichnet war. Dieſe erſte Wahl machte mir Ehre. Prudine(ſo hieß die Fee) ſtand in großem Anſehen, und man pries ſie als ein Muſter von Umſicht, Klugheit und Verſtand. Sie hatte ſo viel Scharfſinn, daß ſie meine Gefühle er⸗ rieth, ehe ich ſie noch ſelbſt kannte: ſie ſagte mir, ich wäre in ſie verliebt; Anfangs war ich verſucht, ſie mit dem größten Ernſt von der Welt zu verſichern, daß ſie ſich irrte; allein, da ſie mir Zutrauen einflößte, wollte ich mich aufs neue prüfen. Trotz dem, daß ſie mir eine . Leidenſchaft verwies, die ſie die Albernheit eines Kindes nannte, bewies mir doch Prudine ſo viele Freundſchaft und Güte, daß der ganze Vortheil, den ich aus ihren 4— — — Predigten zog, der war, daß ich merkte, es wäre ſie mir gab; ſie erhob die Reize des Geheimniſſes; und 7— 5 4 mir nicht ganz unmöglich, ihr zu gefallen. Die Hoff⸗ nung erzeugte jene Liebe, welche ſie vielmehr vorhergeſe⸗ hen, als errathen hatte. Ich wagte es am Ende in Pru⸗ dine zu dringen, ſie ſollte ſich erklären; ſie geſtand mir, daß ſie meine Gefühle theile. Entzückt über mein Glück, ſprach ich von Ehe. Prudine erklärte, ſie würde ſich nicht eher mit mir verbinden, als bis ſie meine Beſtän⸗ digkeit geprüft hätte; zugleich entlockte ſie mir das Ver⸗ ſprechen, Niemanden die Hoffnung wiſſen zu laſſen, die da Geckerei mein Fehler eben nicht war, ſo erhielt ſie ohne Anſtand, was ſie von mir verlangte, und unſer zärtliches Einverſtändniß blieb vor der ganzen Welt ver⸗ borgen. 1 Eines Abends, als ich in ein Gewölk gehüllt die Lüfte durchſtrich, um mich zum Pallaſt Prudinens zu begeben, vernahm ich ein ſo ſchmerzliches Geſchrei, daß mich das Mitleid bewog, ſtille zu halten; ich ſah einen zahlreichen Zug von Pferden, von Wägen, erleuchtet von einer unendlichen Menge von Fackeln, welche Sela⸗ 4 ven trugen; ich erblickte mitten unter dieſer Schaar ei⸗ nen Jüngling von entzückender Schönheit, der mir der Herr der uͤbrigen zu ſeyn ſchien; er war in Verzweiflung, ſoin ganzes Gefolge wiederholte ſeine Klagen, ſo daß es das rührendſte Schauſpiel von der Welt gab. Ich ließ mich ſehen, und, indem ich mich an den ſchönen Jüng⸗ ling wendete, fragte ich ihn um die Urſache eines ſo gro⸗ ßen Schmerzes. Ich bin, erwiederte er, der Prinz Zi⸗ mis; ich bete, ſeit meiner Kindheit die Prinzeſſin Elianne an; unſere AÄltern gaben ihre Beiſtimmung, als der grauſame Genie Phormidas ſie zu meinem Unglücke ſah und mein Nebenbuhler ward. Elianne bewies ſich gegen ihn ſo grauſam, daß er that, als ob er ſich dadurch ab⸗ ſchrecken ließe; ich benützte dieſen Augenblick ſeines Un⸗ willens, und unter Begleitung dieſes Gefolges, das Sie hier ſehen, machte ich mich auf den Weg zu meiner Prin⸗ zeſſin, um ſie zu heirathen, und ſie in meine Staaten zu führen. Allein indem wir durch einen düſtern Wald zogen, zeigte ſich uns plötzlich der barbariſche Pyormi⸗ das, und trotz meinem Widerſtand und meiner Tapferkeit wurde meine theure Elianne meinen Armen entriſſen.. Drei Tage lange verfolgte ich die Spuren des Räubers, allein am Ende zwang uns die Ermüdung, hier ſtill zu 3 halten, und ich fühle wohl, daß meine Verzweiflung zugleich mit meinem Schmerz meine Tage enden wird. — 9— Dieſe Erzählung rührte mich innig: ich tröſtete den unglücklichen Zimis, indem ich ihn verſicherte, daß ihm ſeine Prinzeſſin wieder gegeben werden ſollte; kehren Sie zurück, ſagte ich zu ihm, in Ihre Staaten, vor dem Anbruch des Tages ſollen Sie Ihre Elianne wieder ſe⸗ hen; meine Kunſt behauptet den Vorzug vor der des Phormidas. Leben Sie wohl, überlaſſen Sie die Sor⸗ ge Ihrer Rache mir. Mit dieſen Worten erhob ich mich in die Lüfte, und verlor bald den Prinzen Zimis ſammt ſein Gefolge aus dem Geſichte. Ich weihte dieſen Abend, der für die Liebe beſtimmt geweſen war, dem Wohlthun; anſtatt mich in den Pal⸗ laſt Prudinens zu begeben, verfügte ich mich zu dem des Königs der Genien; ich erzählte ihm die rührende Geſchichte Eliannens und ihres Geliebten, und ich be⸗ ſchwor ihn, die junge Prinzeſſin der Gewalt des Phor⸗ midas zu entziehen. Unſer erhabener Monarch ergriff mich bei der Hand, und ſagte: Folgen Sie mir; ich will Ihnen über das Schickſal der Prinzeſſin einigen Auf⸗ ſchluß geben, und dann will ich Ihnen die Ehre laſſen, dieſes Abentheuer zu beendigen. Mit dieſen Worten führte er mich in einen prächti⸗ gen Saal, der mit einer Menge von Spiegeln geſchmückt „ — 10.— war; der Genie berührte mit einem Stabe von Gold einen dieſer Spiegel. Nun werden wir erſt ſehen, ſprach er dann, was Elianne in dieſem Augenblicke thut, um unſere Hülfe und Thätigkeit nach der Gefahr ihrer Lage beſtimmen zu können. Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, ſo ſah ich, wie der Spiegel ſich färbte, und bald darauf eine junge, vollkommen ſchöne Perſon darſtellte. Elianne iſt's, ſprach der Genie zu mir, die Sie hier ſehen; allein bemerken Sie, womit ſie ſich beſchäftigt. In dieſem Augenblick war das Zauberbild vollendet, und ich ſah, nicht ohne großes Erſtaunen, Elianne allein in einem Garten, auf einer Strickſchaukel ſitzend, wie ſie ſich bis zu den Wol⸗ ken emporſchwang, und auf eine ſo rührende Weiſe wein⸗ te, daß ich davon gerührt ward. Mein Erſtaunen brach⸗ te den Genie zum Lächeln, und indem er mit geheimniß⸗ voller Miene ſein Haupt ſchüttelte, ſprach er: Sie wer⸗ den bald noch viel ſonderbarere Dinge ſehen: empfangen Sie dieſen Talisman, den ich Ihnen gebe, er wird Sie auf Ihr Verlangen an den Ort bringen, wo man Eli⸗ anne gefangen hält; allein bewaffnen Sie ſich mit Muth und Kaltblütigkeit, Sie werden ſie nöthig haben; übri⸗ gens, wenn es Ihnen glückt, dieß ſonderbare und ge⸗ . ——— — fährliche Abentheuer zu einem erwünſchten Ende zu brin⸗ gen, ſo verſpreche ich Ihnen dafür die Belobmh⸗ die Sie von mir verlangen werden. Mitt dieſen Worten verließ mich der Genie; und ich, im Beſitz des Talisman, verlangte auf der Stelle an den Ort der Verwahrung Eliannens verſetzt zu wer⸗ den. In dem Augenblick befand ich mich in der Mitte eines prachtvollen Gartens; ich hörte reden; ich ſtand ſtill und ſah herum. Da erblickte ich beim ſchönſten Mon⸗ denlicht in einiger Entfernung die ſchöne Elianne, welche ich im Spiegel geſehen hatte; ſie war genau in derſelben Lage auf einer Schaukel, auf welcher ſie ſich aus allen Kräften ſchaukelte; dieſe Wuth ſich zu ſchaukeln, ſchien mir unbegreiflich. Die Prinzeſſin unterhielt ſich mit ei⸗ nem kleinen Sylphen, der ſehr artig war und eben in dieſem Augenblicke ſprach: Ich weiß wohl, ſagte er zu ihr, daß es gut iſt, manchmal hin und her zu ſchwanken; aber immer zu ſchwanken, bei allen Vorſchlägen, die man Ihnen macht, ewig im Hin⸗ und Herſchaukeln be⸗ griffen zu ſeyn, in den ſchönſten Jahren Ihres Lebens, das iſt grauſam, ich muß geſtehen.... Ach! Zumio, erwiederte die Prinzeſſin, wie glücklich ſind Sie, daß Sie ſich immer bei guter Laune erhalten konnen! Es iſt wahr, Sie ſind, wie ich, Ihrer Freyheit beraubt; aber wenigſtens verfährt man nicht gegen Sie mit ſolcher Grauſamkeit!... Wenn Sie an meiner Stelle waͤren!... O grauſamer Genie! O noch weit unbarmherzigere Fee, zu welch ſonderbarer Strafe habt ihr mich verurtheilt. Die Prinzeſſin konnte dieſe rüh⸗ rende Klage nicht weiter fortſetzen; denn in dieſem Au⸗ 3 genblick bekam ihre Schaukel einen ſo heftigen und gee waltſamen Schwung, daß ihr Athem und Sprache verging. Jetzt ſah ich ein, daß die unglückliche Elianne auf 8 die vertrackte Schaukel hingezaubert ſey; ich näherte mich ihr, und gab ihr Nachricht von ihrem Geliebten; ich verband mich, ihr die Freiheit wieder zu verſchaffen, und bat ſie, mich über alles zu belehren, was mir un⸗ bekannt war. Ach! mein Herr, ſagte ſie, ich fürchte, Sie werden den Zauber nicht vernichten können, welchen Rache und Eiferſucht ausgedacht haben, und ſich durch die Bedingungen zurückſchrecken laſſen, die man erfüllen muß, um ihn zu heben. Hören Sie meine Geſchichte in wenigen Worten. Der grauſame Phormidas, nachdem er mich den Armen meines Gatten entrißen, führte mich in ſeinen Pallaſt; ich wollte mich tödten, und haͤtte mich ohne Zweifel zu —— — 13— einem unglücklichen Schritte verleiten laſſen, als ſich plötzlich die Decke des Saales, in dem wir uns befan⸗ den, auseinander that. Ich erhob die Augen, und ſah eine Frau, oder vielmehr eine Furie auf einem Wa⸗ gen von Ebenholz, der von zwei ungeheuren Fledermäu⸗ ſen gezogen ward. Phormidas lag zu meinen Füßen; er erhob ſich mit einer ſehr verlegenen Miene, und die ſchreckliche Fee ſprach mit drohender Stimme folgende Worte: Treuloſer Phormidas, ſo alſo verräthſt du mich, mich, die ich dir zu Gefallen den ſchönſten aller Genien täuſche? Eine bloße Sterbliche iſt der Gegenſtand, den du mir vorziehſt? Wiſſe, Undankbarer, daß es unmög⸗ lich iſt, mich zu betrügen; jedoch willſt du bei mir Ver⸗ zeihung erlangen, ſo überliefere mir dieſe Prinzeſſin; ich verſpreche dir, ihres Lebens zu ſchonen; bedenke, daß ſie dich verabſcheuet, daß ich dich anbete, und daß ich alles im Stande bin, um mich an einem Treuloſen zu rächen. Phormidas, in Schrecken geijagt, verſtand ſich dazu, wieder ſeine erſten Ketten anzulegen. Er übergab mich in die Hände der Fee; ſogleich erhob ſich ihr Wagen in die Lüfte, in weniger als drei Minuten langten wir hier an, und ſtiegen in dieſen Garten herab; da wollte ich es — 14— verſuchen, die Fee zum Mitleid zu bewegen; ich warf mich zu ihren Knieen nieder, und beſchwor ſie, mich mei⸗ 1 nem Geliebten zurückzugeben. Nach einigem Stillſchwei⸗ gen, hob die Fee mich auf: Prinzeſſin, ſagte ſie zu mir, 4 ich bin nicht rachgierig, allein ich bin eigenſinnig, und wenn Sie einer Grille nachgeben wollen, die mir in die⸗ ſem Augenblick durch den Kopf fährt, ſo will ich leicht das Geſchehene vergeſſen. Ich liebe die Schaukel bis zur b Raſerei, ſehen Sie, hier iſt eine, ſetzen Sie ſich hinein, das iſt alles was ich von Ihrer Gefälligkeit verlange. Wiewohl mir dieſer Einfall lächerlich vorkam, ſo hielt„1 ich mich doch für ſehr glücklich, ſo leichten Kaufs loszu-e kommen, und ich gehorchte ohne Anſtand. Allein, kaum ſaß ich auf der unglücklichen Schaukel, als die Fee, mit einer ſchrecklichen Stimme dieſe Worte ausſprach: Ich verurtheile Dich, dreißig Jahre auf dieſer Schaukel zu ſchweben, es ſey denn, daß einer meiner Liebhaber auf⸗ höre mich zu lieben, oder es ihm gelinge, mich zu täu⸗ ſchen, ohne daß ich es wiſſe. In dem Augenblick fing die Schaukel an ſich von ſelbſt auf eine ſo heftige Wei⸗ ſe zu bewegen, daß die Erſchütterung mich meines Be⸗ 8 wußtſeyns beraubte. Da kam mir Zumio zu Hülfe, diee ſer liebenswürdige Sylphe, den Sie in meiner Geſell⸗ — 15— ſchaft ſehen. Als ich wieder zu mir kam, überließ ich mich Anfangs der wüthendſten Verzweiflung; darauf er⸗ innerte ich mich an die letzten Worte der Fee, und ich fühlte meinen Muth ſich ein wenig aufs neue beleben. Da ſie mehr als einen Liebhaber hat, ſagte ich, muß ſie oft betrogen werden. Gewiß, verſetzte Zumio; allein wiſſen Sie, daß ſie einen Ring von Türkis hat, der gelb wird, wie Gold, bei der geringſten Untreue eines ihrer Liebhaber, oder ſobald einer von ihnen aufhört verliebt zu ſeyn. Die Fee trägt dieſen Ring in der Re⸗ gel alle Tage bei ſich, und da ſie beſorgt, er könnte ihr des Nachts während des Schlafes entriſſen werden, ſo ſchließt ſte ihn jeden Abend, ehe ſie zu Bette geht, in ein ehernes Käſtchen ein, das Käſtchen verbirgt ſie in der Tieſe einer unterirdiſchen Grotte, die ſie im Garten 3 gemacht hat, und den Eingang zu dieſer Höhle bewa⸗ chen zwölf ungeheure Crocodile, vier Baſilisken und ſechs Drachen, deren ſchrecklicher Nachen ähnlich den fürchter⸗ lichſten Vulkanen verzehrendes Feuer ſpeyet, und weit um ſich glühende Steine ſchleudert. Als die Prinzeſſin ihre Erzählung geendet hatte, nahm der kleine Sylphe das Wort: Ja⸗ Herr, ſetzte er hinzu, dieß ſind die Gefahren, die Ihnen bevorſte⸗ —³ — 16— hen, aber dagegen weſſen Ruhm kann man dann auch mit dem Ihrigen vergleichen! Dieſe bezauberten Gärten ſind voll der ſchönſten Prinzeſſinnen in der Welt, welche die Fee darin verwahrt hält, und zu verſchiedenen Qua⸗ len verdammt. Wenn die Fee Niemand andern der Welt entzogen hätte, als ihre Nebenbuhlerinnen, ſo könnte vielleicht mehr als ein Frauenzimmer ihre Grau⸗ ſamkeit begreifen; allein ſie hat alle Perſonen entführt, die ihr in welcher Hinſicht immer im Lichte ſtanden; da ſie es mit neidiſchen Augen ſieht, wenn jemand Geiſt, Talente, Schönheit, ja ſogar Tugenden beſitzt, ſo braucht es nichts weiter, um ſich ihren Haß zuzuziehen, als daß man einen glänzenden Ruf habe, und ſeine Gaben mit Erfolg vor der Welt entwickle. Was mich anbelangt, fuhr Zumio fort: ich bin auch einer ihrer Gefangenen; ich war einſt ihr Lieblingspage, und trug ihre intereſſan⸗ teſten Briefchen herum; allein ſie faßte unglücklicher Wei⸗ ſe einigen Verdacht gegen meine Verſchwiegenheit, und verbannte mich an dieſen traurigen Aufenthalt. Hier unterbrach ich Zumio. Um Vergebung, ſprach ich zu ihm, befriedigt doch meine Neugierde; nennt mir den Namen dieſes Ungeheuers, dieſer verabſcheuungswür⸗ digen Fee.. Ach! Herr, erwiederte Zumio, Sie 4 8 — 7w— werden nicht wenig erſtaunen! denn ſie iſt eben ſo reich an Liſt, als boshaft, und als ich noch in der Welt war, ſah ich, wie die größten Genien ſie liebkoſeten, und ſich um ſie bemühten, die die Einfalt hatten, ihr es auf's Wort zu glauben, daß ſie alle Tugenden beſitze! Kurz, mein Herr, unſere Verfolgerin iſt die berühmte und züchtige Prudine..... Bei dieſen Worten ſtand ich verſteinert da, ich fand keinen Ausdruck für den höchſten Grad meines Erſtaunens und Unwillens. Allein bald trat Wuth an die Stelle meiner Betäubung, und ich rief mit lei⸗ denſchaftlicher Heftigkeit: Ja, ich verſpreche Euch ſchnel⸗ le Rache; Eure Sache wird zur meinigen. Leben Sie wohl, Prinzeſſin, lebt wohl Zumio, in zwei Stunden ſeyd Ihr frei. In dem Augenblick entferne ich mich, und vermöge meines Talismans befand ich mich ſchnell am Eingang der fürchterlichen Höhle, welche das Kleinod meiner treu⸗ loſen Dame verbarg. Ich will Euch nicht umſtändlich die Kämpfe beſchreiben, die ich zu beſtehen hatte: Ich wurde durch Rache, Zorn und Haß angefeuert; um zu triumphiren, hatte ich nichts anders nöthig, als unſterb⸗ lich und ein Genie zu ſeyn. Ich rottete die Ungeheuer aus, zermalmte die Thore der Grotte zu Staub, bemäch⸗ — 18— tigte mich des Käſtchens, zerbrach das Schloß daran, nahm den koſtbaren Ring, den ich in der That von der ſchönſten Citronengelben Farbe in der Welt fand, und ſteckte ihn an meinen Finger, indem ich mir feſt vornahm, mich nie mehr davon zu trennen. In dieſem Augenblicke ertönte der ganze Garten von tauſendfachem Freudenge⸗ ſchrey, ich hörte von allen Seiten den wiederholten Ruf: »Freiheit, Freiheit! Dank dem Genie Pha⸗ nor! Freiheit, Freiheitla Ich trat aus der Höh⸗ le, und ſah den Garten voll Frauenzimmer, die verſchie⸗ den gekleidet, und faſt alle jung und hübſch waren; ſie liefen, umarmten ſich, weinten, und ſingen aufs neue aus allen Kräften zu rufen an:»Freiheit, Frei⸗ heit! Dank dem Genie Phanorl« Der Tag begann anzubrechen; mitten unter dieſer Menge erblickte ich die ſchöne Elianne geſtützt auf Zumio's Arm; ſie be⸗ merkte mich, warf ſich mir zu Füßen, indem ſie ausrief:⸗ Seht hier unſern Befreier. Im Augenblick ſah ich mich von ihren Gefährtinnen umgeben; die einen drückten mir die Hände, die andern umarmten mich; eine von ihnen ſtieg mir auf die Schultern, und hörte nicht auf mir mit einer hellen und durchdringenden Stimme in die Ohren zu ſchreyen:»Freiheit, Freiheitl« — 9— Alle wiederholten dieſen Ruf mit einem Eifer und einem Entzücken, das nicht auszuſprechen iſt; trotz alles meines Ruhms wurde ich dadurch bis aufs Außerſte be⸗ täubt, als wir auf einmal den mächtigen König der Ge⸗ nien erſcheinen ſahen, der auf einem weißen Elephanten ritt. Er legte der lärmenden Geſellſchaft Stillſchweigen auf; und indem er ſich gegen mich wandte, ſprach er: Phanor: ich mache Sie zum Herrn von Prudinens Schick⸗ ſal; ſprechen Sie ſelbſt ihr Urtheil. Herr, erwiederte ich, ſie iſt entlarvt, ich verlange keine andere Nache; allein geruhen Sie ſich dieſer unglücklichen Opfer ihrer Eiferſucht anzunehmen, geben Sie ſie ihrem Vaterlande, ihren Geliebten zurück; gebieten Sie, daß ſich eine jede in dieſem Augenblick an dem Orte befinde, wohin ſie ihr Herz zurückruft. Kaum hatte ich dieſe Worte ausge⸗ ſprochen, als der Genie ſeinen Scepter gegen die Ver⸗ ſammlung erhob; auf der Stelle verſchwanden alle Frau⸗ enzimmer, und indem der Genie wieder das Wort nahm, ſprach er: Ich habe Ihnen eine Belohnung verſprochen, ich bin bereit dieſer Verbindlichkeit nachzukommen; allein bedenken Sie wohl, was Sie von mir verlangen wol⸗ len, und wenn Sie alles überlegt haben, ſuchen Sie mich in meinem Pallaſte auf. Nachdem er mir dieſen Rath voll Weisheit gegeben hatte, verließ mich der Genie. Ich machte mich bereit, mich auf ewig von einem mir ſo verhaßten Orte zu ent⸗ fernen, wo alles in mir niederſchlagende Erinnerungen weckte, als ich hinter einem Baume Zumio bemerkte, der ſich mit dem hübſcheſten kleinen Perſönchen unterhielt, das ich mein Lebetage geſehen hatte; mein Erſtaunen war ungemein, da näherte ſich mir Zumio und ſprach: Herr, Sie ſehen mich noch hier, weil ich mir vorgenommen habe, mich an Sie anzuſchließen und Sie nicht mehr zu verlaſſen: was dieſe junge Schönheit anbelangt, ſie wird Ihnen ſelbſt ihre Geſchichte erzählen, wenn Sie es ver⸗ langen. O ja, rief ich. Bei dieſen Worten lächelte die liebenswürdige Unbekannte; ich ſetzte mich an ihre Seite, und drang in ſie, mit Vertrauen zu mir zu ſprechen und mich zu belehren, warum ſie darauf beſtünde, in dieſem Gar⸗ ten zu bleiben. Alle meine Gefährtinnen, erwiederte ſie, hatten ihre Gatten oder Liebhaber, welche wiederzuſehen ſie vor Sehnſucht brannten; ich bewundere ihre Beſtän⸗ digkeit, aber mir fällt es nicht ein, ihrem Beiſpiel zu folgen. Weil Sie demnach, mein Herr, mich kennen lernen wollen, ſo hören Sie die Erzählung meiner Abentheuer: — — ich habe eine ſehr lebhafte Einbildungskraft, eine ſehr gefühlvolle Seele, und ein außerordentliches Zartgefühl; es iſt leicht mir zu gefallen, ſogar mein Herz zu rühren, allein es iſt ſchwer mich zu feſſeln. Wenn ich anfange, an Jemanden Theil zu nehmen, ſehe ich alles im ſchön⸗ ſten Licht, ich mache eine Art von Gottheit aus dem Ge⸗ genſtand meiner Liebe; und ſobald Umſtände oder Vor⸗ fälle mich aus dieſer Täuſchung reißen, ſehe ich daß ich nichts als meine Schimäre liebte, und ich mache mich los, oder beſſer geſagt, ich erwache aus meinem Traum, den die Wirklichkeit verſcheucht; und man iſt ungerecht genug, dieſen Act meines Verſtandes Unbeſtändigkeit zu nennen! Ich wechsle nicht aus Laune, aus Überdruß; ich täuſche mich, und berichtige wieder meinen Irrthum. Nun, es ſind jetzt zwei Jahre, daß ich unglücklicher Weiſe Prudinens Nebenbuhlerin ward: ſeit drei Mona⸗ ten war ich einzig mit einer neuen Liebſchaft beſchäftigt; da ſetzte ſich's Prudine in den Kopf, ſich für meinen Liebhaber zu intereſſiren, und dieß koſtete mir die Frei⸗ heit; ſie entführte mich, und brachte mich hieher; wir ſchritten durch dieſen Garten; ſie hielt mich an der Hand, ich weinte, ich war in Verzweiflung. Beruhigen Sie ſich, ſagte ſie, Agelie; meine Rache wird nicht grauſam — 22—. ſeyn. Sie ſind anziehend, liebenswürdig; haͤtten Sie etwas weniger Flatterhaftigkeit, Sie würden alles feſe ſeln; demnach will ich es verſuchen, da ich mich wider Willen für Sie intereſſire, Sie vielmehr zu beſſern als zu beſtrafen. —— Dieſe Spötterei der Fee beruhigte mich nicht; wir ſchritten immer vorwärts; endlich verſchwand Gebüſche, Bäume, Garten, alles vor unſern Augen, und wir be⸗ fanden uns auf einer endloſen Ebene, die von allen Sei⸗ ten durch nichts begränzt wurde, als durch den Horizont. Dieß ungefähr iſt die Ausſicht, die man auf einem Schiffe haben kann, das auf offner See geht; allein die— Bewegung und das Geräuſch der Fluthen, die Abwechs⸗ lung des Lichtes, welche die Sonne hervorbringt, wenn 1 ſie ſich auf der Oberfläche des Waſſers ſpiegelt, geben dieſem Bilde eine Art von Leben, w ährend auf der Ebe⸗ ne, wo wir uns befanden, nichts die erſtaunende und vollkommene E införmigkeit des impoſanten und monoto⸗ 4 nen Schauſpiels unterbrach, das ſich unſern Blicken dar⸗ bot. Man ſah auf dieſer weiten Fläche weder Bäume, noch Sträuche, noch Blumen; ſie war. nach ihrer gan⸗ zen Ausdehnung mit einem zarten Raſen vom ſchönſten Grün bedeckt, der aber nur aus einer Gattung Pflanzen — — 23— beſtand; eine tiefe Stille, ein ewiges Schweigen herrſch⸗ te in dieſer ungeheuren Einſamkeit; man ſah da kein ein⸗ ziges Inſect, keinen Vogel; und der Hiumel von lich⸗ tem Blaue, war rein und ohne Gewölke. 1 Der Anblick dieſer unendlichen Wüſte brachte Anfangs in mir das angenehmſte Gefühl hervor; betreten, von Bewunderung ergriffen ſtand ich unbeweglich, verſenkt in eine Art von Entzücken; Ich bin erfreut, ſagte die Fee zu mir, daß Ihnen dieſer Ort gefällt; ſeiner Natur gemäß muß er die Lebhaftigkeit einer zu glühenden Ein⸗ bildungskraft mildern; aber dieß iſt eine Wirkung, die man nur von der Zeit und dem Nachdenken erwarten darf. Drum will ich, daß Sie hier verbleiben: Sie werden hier niemals die geringſte Veränderung wahrneh⸗ men; dieſer Himmel wird für Sie immer gleich heiter ſeyn; nie wird das geringſte Wölkchen ſeine Reinheit trüben; Sie werden in Zukunft weder Nacht noch Mor⸗ genroth ſehen; Sie werden nie unter der Veränderlich⸗ keit der Jahreszeiten leiden; dieſes Grün iſt unverwelk⸗ lich, und das Licht, welches hier kagt, wird ewig gleich glänzend ſeyn. Nachdem die Fee geendet hatte, verur⸗ theilte ſie mich mit einem immer gleichen und majeſtäti⸗ ſchen Schritt dreißig Jahre lang auf dieſem bezauberten — haber aufhöre mich zu lieben, ohne daß ich die geringſte Ahnung davon habe. Sie verſchwand, und in dem Augenblick fand ich mich gezwungen mit der größten Langſamkeit einherzuge⸗ hen, ohne Möglichkeit, rechts oder links abzuweichen⸗ und ohne meinen Schritt zu beſchleunigen oder zu verzögern, ohne ſtille ſtehen und mich niederſetzen zu können. Die⸗ ſer Zwang, immer eine gerade Linie zu beſchreiben, in⸗ dem ich immer einen gleich langſamen Schritt hielt, ſchien mir gleich vom erſten Augenblicke an ſehr drückend; 1 allein ich war weit entfernt das ganze Schreckliche meiner La⸗ ge zu fühlen. Ich betrachtete noch immer dieſen endloſen grünen Teppich, der am Horizont durch einen azurnen 5 Gürtel von blendendem Glanz bekränzt ward, mit Ent⸗ zücken. Iſt es möglich, ſagte ich bei mir ſelbſt, daß Blau und Grün, Himmel und Gras ein ſo außerordent⸗ liches, ein ſo prachtvolles Schauſpiel geben können! Größe und Einfalt, dieß iſt die Mutter des Erhabenen.. Dieſe philoſophiſchen Betrachtungen, das Andenken an meinen Geliebten, die Hoffnung, daß es nicht moͤg⸗ Raſenplatz herumzuſpazieren; es ſey denn, ſetzte ſie nach ihrer gewöhnlichen Formel hinzu, daß einer meiner Lieb⸗ — 25— ich wäre, daß die Fee nicht ſollte betrogen werden, ieſe verſchiedenen Gedanken machten, daß ich meine zinſamkeit einige Stunden lang mit großer Geduld er⸗ rug; allein meine Bewunderung für den Ort meines Aufenthalts kühlte ſich bald ab; überdruß folgte auf neinen Enthuſiasmus; die majeſtätiſche Unendlichkeit die⸗ ſes ewigen Naſens, die mir auf den erſten Blick ſo viel lüberraſchung verurſacht hatte, zeigte mir jetzt nichts als in eben ſo langweiliges als abgeſchmacktes und einför⸗ ſaibe Schauſpiel; ich hatte zu aller Unterhaltung nichts anders, als eine unglückliche Leidenſchaft; aber die Er⸗ inerung daran erloſch nach und nach, meine abgekühlte —— inbildungskraft mahlte mir die Gegenſtände nur mehr nit ſchwachen Farben, ich hatte nichts mehr als flüchtige Gedanken und matte Träumereyen; alle angenehmen Täuſchungen verließen mich; der Gott der Liebe entfloh us meiner Einſamkeit, und ich fand mich allein auf der anzen Welt. Wenn die Vernunft gefährliche Irrthümer verſcheucht, enießt man ſeinen Sieg; man iſt glücklich, daran iſt — 3 ein Zweifel. Aber wenn es ruhmvoll iſt, und befriedi⸗ . nd ſeine Leidenſchaften zu beſiegen, ſo iſt es dagegen 2 — ſichrealich, wahrzunehmen, daß ſie uns verlaſſen, daß . 3 .— 26— ſie zu nichte werden, weil das Feuer unſerer Einbi dungskraft erliſcht und unſer Herz austrocknet. O! wie iſt dieſe fürchterliche Lage zu vermeiden, wenn es einen an Muth fehlt? welche Leidenſchaften können von Dauere ſeyn? Entweder muß uns die Vernunft davon frei ma⸗ chen, oder die Zeit ſie verzehren. In dieſem grauſamen Zuſtand verfolgte ich nieder⸗ 1 geſchlagen meine gerade Linie; ich weinte nicht mehrz iich gähnte; ich hatte nicht mehr Kraft mich zu betrüben, ich war erdrückt, vernichtet unter der unerträglichen Laſt der Langenweile. Das einzig wahrhaft lebhafte ne. gen, das ich übrig behalten hatte, war ein Blick auf lebendige Weſen, Bäume, Häuſer und Gebirge. Der bloße Anblick eines Gewölks hätte mir Freude verurſacht; ein Ungewitter, Donner und Regen hatten mich vor Ent⸗ zücken außer mich geſetzt. Wie ſehr ſehnte ich mich nach der Nacht, dem Mondenlicht und den Sternen! Kurz die geringſte Abwechslung wäre für mich die glücklichſi Begebenheit geweſen; und ich fühlte, daß die ſcharffiu⸗ nige und eiferſüchtige Prudine, indem ſie mich zu dieſer fonderbaren Qual verurtheilte, die grauſamſte Art a funden hatte, mich für die Unbeſtändigkeit zu ſtrafen, die ſie mir vorwarf. — 27— Denken Sie ſich mein Vergnügen, Herr, fuhr Age⸗ lie fort, als ich, Dank ſey es Ihrer Tapferkeit, auf einmal die Fähigkeit wieder erlangte, zu laufen und ſtill zu ſtehen, und als ich mich wieder in dieſem Garten befand! Sie können ſich jetzt leicht vorſtellen, warum ich drinn zurückgeblieben bin: ich hatte keine Eile, einen Ge⸗ liebten wieder aufzuſuchen, der aufgehört hat mir zu ge⸗ fallen, und von dem ich ohne Zweifel vergeſſen bin, da wir nun ſchon ſeit achtzehn Monaten getrennt ſind. Hät⸗ te er auch zufälligerweiſe mir ſeine Treue erhalten, ſo könnte ich ſeine Klagen, ſeine Vorwürfe nicht anhören: es iſt mir alſo unmöglich, in meine Heimath zurückzukeh⸗ ren; jedes andere Land gilt mir gleich: vorausgeſetzt, daß ich darin weder eine Ebene noch einen Raſenteppich ſehe, werde ich mich ohne Widerwillen an was für ei⸗ nem Orte immer niederlaſſen. Kaum hatte Agelie dieſe Erzählung geendet, als ich mich erhob, und indem ich mit meinem Stabe einen Kreis in der Luft beſchrieb, ich den Garten und den Pallaſt der Prudine in das prachtvollſte Schloß verwan⸗ delte, das auf der Spitze eines Berges lag. Wir befan⸗ den uns auf einer Terraſſe, von wo aus man die ange⸗ nehmſte und abwechſelndſte Ausſicht von der Welt wahr⸗ nahm. Agelie ſchien entzückt über den Wiederanblich von Cascaden, Felſen, Abgründen, Ruinen, Strohhüt⸗ en, Herden und dem Meere; denn ich hatte in dieſem Raum alles vereinigt, was die Natur an majeſtätiſchen und heitern Gegenſtänden aufweiſen kann. Agelie war in einem unausſprechlichen Entzücken. Herrſchen Sie hier, ſagte ich zu ihr; wenn meine Ge⸗ genwart Ihnen läſtig iſt, ſprechen Sie, ſchöne Agelie: wie viel es mich auch koſten mag, ich will mich von Ihnen entfernen; Ihre Ruhe iſt mir theurer als mein Glück, Agelie antwortete Anfangs auf dieſe Art von Erklärung mit eben ſo viel Rührung als Verlegenheit; bald aber 5 ſiel ſie wieder in einen ſcherzhaften Ton, ſie behielt ih⸗ re Fröhlichkeit einen Theil des Tages hindurch, und am Abende verfiel ſie in eine ſanfte Schwermuth, die ihr neue Reize verlieh, und ſie ſo anziehend machte, daß ſie mir ganz den Kopf verdrehte. Nach dem Abendeſſen führte ich ſie auf die Terraſſe; als ſie den Himmel mit Sternen beſäet erblickte, zitter⸗ te Agelie vor Freude, ſie ſtand ſtill und betrachtete den rief ſie aus. In dieſem Augenblick fiel ich ihr zu Füßen, Himmel mit Entzücken. O bezauberndes Schauſpiel! und wagte es ihr alle Gefuͤhle zu ſchildern, die ſie min V . — 29— einflößte. Agelie hörte mir zu, ohne mich zu unterbre⸗ chen; ich ſah ſie gerührt, ich ſah ihre Thränen ließen. Ich drang in ſie um eine Antwort; ſie beobachtete einen Augenblick tiefes Stillſchweigen; endlich ſagte ſie ihre Thränen trocknend: Phanor, ich bin nicht unempfindlich gegen Ihre Wohlthaten, und vor allem gegen Ihre Zärtlichkeit; allein laſſen Sie mir Zeit, Sie kennen zu lernen und mein Herz zu prüfen. Mit dieſen Worten verließ mich Agelie. Ich zog meinen koſtbaren Türkisring zu Rathe, und erkannte mit Entzücken, daß ich ſchon geliebt wurde. Den folgenden Morgen beſchwor ich Agelien, ſich zu er⸗ klären. Wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll, erwiederte ſie, ſo bin ich in Furcht mich zu täuſchen und Sie zu betrügen.... Nein, reizende Agelie, rief ich, indem ich zu ihren Füßen ſtürzte, nein, Sie lieben mich; ich kann nicht mehr zweifeln an meinem Glück.... Ich hielt ein, denn ich merkte, daß Agelie meine Zuverſicht⸗ lichkeit außerordentlich lächerlich fand. In der That, dieſes Selbſtvertrauen ſah etwas geckenhaft aus; Agelie ſchmollte, behandelte mich kalt, mit Geringſchätzung; ich ſuchte meine Unvorſichtigkeit gut zu machen, ich ſtellte mich, alle Hoffnung verloren zu haben. Agelie ließ ſich —.* 4 — 30— beſänftigen, ſie geſtand mir endlich, daß ſie meine Em⸗ pfindungen theile; ſie willigte ein, den Tag zu beſtimmen, wo Hymen auf ewig zwei Herzen aneinander feſſeln ſoll⸗ te, welche Amor ſo ſchnell verbunden hatte. Am Abende vor jenem glücklichen Tage war ich mit Agelien auf der Terraſſe; ſie hatte ihre Augen aufs Meer geheftet, welches die Mauern der Terraſſe beſpülte; ſie war in Nachdenken verſunken, und ich hatte mit Beun⸗ ruhigung wahrgenommen, daß ſie ſeit zwei Tagen zer⸗ ſtreut und weniger zärtlich zu ſeyn ſchien, als gewöhn⸗ lich; indeß ich konnte nicht ernſthaft darüber beſorgt ſeyn, denn mein Ring war noch immer vom ſchönſten Blau in der Welt. Nach einem Augenblick des Stillſchweigens nahm Agelie das Wort und ſagte: Da Ihrer Kunſt al⸗ les möglich iſt, ſollten Sie doch durch einen Schlag Ih⸗ res Stabes dieſe zwei Berge ebnen, und dieſe Felſen verſchwinden laſſen; dieſe Landſchaft iſt zu überladen; das Auge findet nirgends einen Gegenſtand, auf dem es angenehm ausruhen kann: Sie haben zu viel Waſſerfäl⸗ le darum angebracht; dieſe Abgründe erfüllen die Ein⸗ bildungskraft mit Schaudern, und das Nauſchen der Ströme und des Meers hat etwas Trauriges an ſich, was einem das Herz zuſchnürt. Ey, wie ſo! Agelie, — — 31—. verſetzte ich ſeufzend, dieſe Gegenden haben ſchon aufge⸗ hört, Ihnen zu gefallen? Sie haben ſie doch ſo reizend gefunden!... Sie ſollen verſchwinden vor Ihren Au⸗ gen, wenn Sie es ſo befehlen, allein ſie ſind mir⸗theu⸗ er: hier war es, wo Agelie die Güte hatte, mir zu ver⸗ ſprechen, ihr Schickſal mit dem meinigen zu verbinden. Agelie gab keine Antwort; ſie warf den zärtlichſten Blick auf mich, und reichte mir die Hand. Ich küßte dieſe Hand mit Entzücken; in dieſem Augenblick hefteten ſich Ageliens Augen auf meinen Ning; mit einer zerſtreu⸗ ten und nachläßigen Miene zog ſie ihn mir vom Finger, was mir einige Verwirrung verurſachte; allein da ich bei ihr keinen Argwohn erregen wollte, durfte ich mich ihrem Verlangen, ihn näher zu unterſuchen, nicht wider⸗ ſetzen. Ich kann die Türkiſſe nicht leiden, ſagte Agelie, dieſer hier iſt von ſchönem Blau; allein der Ring iſt ab⸗ ſcheulich und gefaßt zum Schrecken! Mit dieſen Worten hob Agelie ihren Arm, und ohne daß es mir möglich war ſie zu hindern, oder beſſer geſagt, es vorher zu ſehen, ſchleuderte ſie dieſes in meinen Augen unſchätzbare Kleii nod, dieſen koſtbaren Ring, deſſen Beſitz mir ſo theuer war, ins Meer. Meine äußerſte Überraſchung machte mich Anfang unbeweglich; Agelie blickte mich boshaft an; endlich brach ich aus, und überhäufte Agelien mit Vorwürfen, ich klagte ſie der Treuloſigkeit an, und ohne Schonung brachte ich alles Bittere vor, was der heftigſte Zorn. eingeben kann. Agelie hörte mich ruhig an; als ich auf⸗ gehört hatte zu ſprechen, ſagte ſie: Ich geſtehe, die Ei⸗ genſchaften dieſes niederträchtigen Ringes waren mir nicht unbekannt; ſeit einigen Tagen hegte ich in dieſer Hinſicht einen dunkeln Verdacht, und ich wußte geſchickt genug dem Zumio das Geheimniß zu entreißen.... Ach, treuloſer Zumio, rief ich aus! Er glaubte nicht dadurch einen Verrath an Ihnen zu begehen, erwiederte Agelie: ich machte ihm weiß, ich ſey von der Sache unterrich⸗ tet, es fehlte ihm nicht an Verſchwiegenheit, er hat kei⸗ ne andere Schuld, als daß er ſich von einem Weibe be— —,— rücken ließ. Dieß iſt ein Unglück, wovor die menſchlich Klugheit und die magiſche Kunſt bis dieſen Tag, nicht einmal die Philoſophen und die erhabenſten Genien be⸗ wahren konnten. Übrigens, Herr, fuhr Agelie fort, wenn Sie meinerwegen den Verluſt ihres Türkis ſo bit⸗ ter beklagen, ſo Hat Ihre Betrübniß keinen Grund; denn ich verſichere Sie, ich habe gar keine Luſt, Sie zu 1 taͤuſchen. Und warum, Grauſame, unterbrach ich ſie, — 33— haben Sie mir dieſen koſtbaren Talisman geraubt, der 8 allen Zweifeln zuvorkam, der alle Verſicherungen der Treue überflüßig machte?.... Ja, Herr, erwieder⸗ . te Agelie, ich weiß, dieſer Ning ließ mir nichts zu ſa⸗. gen übrig; allein ich liebe zu ſprechen, und übrigens wer⸗ den Sie es wohl ſelbſt eingeſtehen, daß die Sicherheit, die er Ihnen einflößte, eben nicht dazu gemacht war, mir viel zu ſchmeicheln. Endlich, finden Sie, daß es groß⸗ 4 müthig und delicat gehandelt, jeden Augenblick dieſen Ning zu Rathe zu ziehen, um zu wiſſen, ob Sie den Be⸗ theurungen meiner Zärtlichkeit Glauben beimeſſen ſollen? * Was mich anbelangt, ich hatte keinen Talisman, und glaubte Ihnen dennoch! Wollen Sie wiſſen, wie man liebt? In dem Augenblick, wo Sie mir das Geſtänd⸗ 6 niß meiner Liebe entriſſen, hätten Sie mir dieſen angeb⸗ lichen Schatz opfern, den verhaßten Ring ins Meer wer⸗ fen und ſagen ſollen: Die Liebe und das Zutrau⸗ ein, das ſie mir einflößt, machen ihn über⸗ füffig. Bei dieſen Worten fühlte ich mich beſchämt, ich ſtüirzte zu Ageliens Füßen, ich flehte ſie um Nachſicht und Verzeihung an. Nachſicht, entgegnete ſie! Sie ken⸗ 3 nen den Werth davon nicht. Alles Unrecht, das ich Ih⸗ ich benetzte ſie mit meinen Thränen. Aus Mitleid, rief Nun ſehen Sie,, entgegnete ſie, ob es Ihnen um Ihren Ring leid ſeyn darf! die Wahrheit erſcheint Ihnen ſo ſchmerzlich, daß Sie dieſelbe nicht ertragen können, daß Sie mich beſchwören, Sie zu täuſchen!... Ohne Zweifel muß uns daran gelegen ſeyn, uns von Täuſchun⸗ f gen zu befreien, die uns auf Irrwege bringen können; — 3½— neu vorzuwerfen hatte,— war ich nicht großmüthig ge⸗ nug, es zu entſchuldigen? Als ich Ihren Ring ins Meer warf, hätten Sie ſich daran erinnern ſollen, er hatte noch ſeine Farbe nicht verändert; allein die Wuth, die unanſtändige Aufgebrachtheit, die Sie gegen mich an den Tag legten.... Halten Sie ein, Agelie, Sie durch⸗ bohren mein Herz.— Nein, Herr, ich werde Sie bei der Unmöglichkeit, in der Sie jetzt ſind, in meinem — Herzen täuſchen; mein Wort iſt ſo zuverläßig, als alle Talismane in der Welt. Ich habe aufgehört Sie zu lieben, und zwar ohne Wiederkehr, auf immer. Die Kaltblütigkeit, womit Agelie dieſe Khrecklchen. Worte ausſprach, ließ mich nicht an meinem Unglück zweifeln; ich liebte ſie ſterblich, und überließ mich der fürchterlichſten Verzweiflung; ich lag zu ihren Füßen, ich, beglücken Sie mich wenigſtens mit einiger Hoffnung. A — 35— allein wozu die zerſtören wollen, die zu unſerer Beruhi⸗ gung dienen!.... Glauben Sie mir, Herr, und wen⸗ den Sie in Zukunft Ihre Kunſt nicht dazu an, einen ähnlichen Talisman zu verfertigen, als der war, von dem ich Sie befreite, Sie würden nichts anders thun, als ſich neues Unglück bereiten. Prüfen Sie die Menſchen, lernen Sie ſie kennen, mißtrauen Sie ihnen im Allge⸗ meinen; aber Ihrer Geliebten und Ihrem Freunde, ra⸗ the ich Ihnen, Ihr Zutrauen blindlings zu ſchenken. Dieſer Rath war vernünftig, und unglücklicherweiſe machte ich Feinen Gebrauch davon. Agelie war unerbitt⸗ lich, nichts konnte mix ihr Herz wieder gewinnen; nie⸗ dergeſchlagen, verzweifelnd entfernte ich mich von ihr, ich zog mich in eine Einöde zurück, wo ich mehrere Mo⸗ nate, einzig mit meinem Schmerz beſchäftigt, zubrachte. Zumio war mir gefolgt; wiewohl er die unſchuldige Ur⸗ ſache meines Unglücks war, ſo machte doch ſeine Anhäng⸗ lichkeit an mich, ſeine Fröhlichkeit und natürliche Sanft⸗ muth, daß mir ſeine Geſellſchaft angenehm war, übri⸗ gens kannte er ja Agelien, und ich konnte mit ihm von ihr ſprechen. Zumio hatte ſehr viel gereiſt, er erzählte mit Vergnügen und Anmuth; und um mich zu zerſtreu⸗ Dinge, die er auf ſeinen Reiſen geſehen hatte. — 36— en, erzählte er mir jeden Abend verſchiedene intereſſante Er ſprach häufig mit mir von einer Prinzeſſin Ar⸗ palice, die er mit ſo großen Lobeserhebungen erwähnte, daß er endlich meine Neugierde rege machte. Ich fragte ihn, ob ſie eben ſo liebenswürdig wäre als Agelie. Schön! erwiederte Zumio, hätten Sie nur die göttliche Arpalice geſehen, nie hätten Sie ſich in die kleine Agelie verliebt, die zwar, ich gebe es zu, anziehend genug iſt, und zu⸗ weilen auch erträglich ſchwätzt, aber im Grunde nichts anders vorſtellt, als einen kleinen Sauſewind, voller Launen und Leichtſinn, während die Prinzeſſin Arpalice das vollkommenſte Muſter aller Tugenden iſt. Sie wür⸗ — den geblendet werden von ihrer Schönheit, bezaubert von der Tiefe ihres Geiſtes, von ihren Tugenden, von ih⸗ ren Talenten, von dem Umfang ihrer Kenntniſſe;.... und eine Seele!... eine Empfindſamkeit!... Wenn Zumio war über dieſen Gegenſtand unerſchöpflich; ſeine täglich wiederholten Lobeserhebungen flößten mir am Ende das lebhafteſte Verlangen ein, dieſe wunder⸗. bare Prinzeſſin kennen zu lernen. Unterdeſſen wünſchte ich mir immer, trotz dem Nathe Ageliens, mit bitterer langer Ungewißheit und vielem Nachdenken begab ich mich zu ihm, und beſchwor ihn, mir einen Pallaſt zu erbauen, und darüber einen Zauber zu verbreiten, wel⸗ cher alle, die ihn beträten, zwänge, ſobald ſie reden wollten, ohne irgend eine Verſtellung, ihre geheimſten Gedanken zu ſagen. Ich als Beſitzer des Pallaſtes, verlangte allein von dieſem allgemeinen Geſetze ausge⸗ nommen zu ſeyn; denn, ſetzte ich hinzu, ein Liebhaber muß verſchwiegen ſeyn, und ich will mich nicht der Ge⸗ — fahr ausſetzen, in dieſer Hinſicht die geringſte Unbeſon⸗ nenheit zu begehen. Kurz, fuhr ich fort, ich wünſche in dieſem Pallaſte die Gegenſtände ſo zu ſehen, wie ſie ſind, und nur aufrichtige Reden zu vernehmen; es ſey daher der Sprechende unumgänglich gezwungen, ſeine wah⸗ re Empſindungen auszudrücken; zugleich aber ſoll derje⸗ nige, der es vorhat, die Wahrheit zu umgehen oder zu entſtellen, es nicht bemerken, daß er das Gegentheil von dem ſagt, was er ſagen wollte; daß er ſich alſo ſelbſt nicht verſtehe, ſondern überzeugt ſey, er habe die betrüg⸗ lichen Worte geſprochen, mit denen er ſich ſchmeichelt Andere zu berücken. Ohne dieſen doppelten Zauber, wür⸗ Pallaſt d. W. 3 — 338 3 de jeder die Gorſicht anwenden, tiefes gen in beobachten, ich würde nur halbe Säͤbe veruehmen, nie aber eine vollkommene Unterredung. Der Genie ſeufzte; Unvorſichtiger Phanor, ſagte er, was verlangen Sie von mir? Doch mein Eid läͤßt es mir nicht zu, Ihrem Verlangen nicht zu willfahren. Gehen Sie, kehren Sie in Ihre Staaten zurück; an der Stelle des Pallaſtes, den Sie bis jetzt bewohnt ha⸗ ben, werden Sie denjenigen treffen, den Sie zu verlar⸗ gen thöricht genug ſind. Hier fuhr der Genie fort, ha⸗ ben Sie eine Büchſe, die Sie vor dem Zauber bewah⸗ ren wird, welcher mit dem gefährlichen Pallaſte verbun⸗ 9 den iſt; ſo oft Sie ſie bei ſich tragen, werden Sie nichts ſagen, als was zu ſagen Ihre Abſicht iſt; wenn Sie dieſe Büchſe jemanden leihen wollen, wird ſie auf einen andern dieſelbe Wirkung äußern; allein ich kann nur Einen Talisman von dieſer Gattung machen; es ig mir nicht möglich Ihnen einen zweiten ähnlichen zu verleihen. Bei dieſen Worten empfing ich aus der Hand des Genie die Büchſe, die er mir anbot; und nachdem ich ihm meine ganze Erkenntlichkeit dafür bezeugt hatte, begab ich mich auf der Stelle in meine neue Wohnung. 3 Ich fand einen Pallaſt, deſſen Anblick mich blendete — 39— und eaugerte; er iſt aus einer Maſſe gebaut, die ſich durch ihre Dauer, ihre Härte und Durchſichtigkeit mit dem reinſten und glänzendſten Diamant meſſen kann; die Bauart desſelben iſt zugleich majeſtätiſch und leicht, alle Zierrathen ſind geſchmückt mit Opalen, Rubinen und Perlen, und an den goldnen Pforten dieſes pracht⸗ vollen Gebäudes las man damals die Inſchrift:»Pal⸗ laſt der Wahrheit.« Bei meinem Eintritt berührte ich die Pforten mit meinem Stabe, indem ich dieſe Wor⸗ te ausſprach: Wer in Zukunft in dieſen erhabenen Pal⸗ laſt eintritt, ſoll ihn nicht eher verlaſſen können, als bis er drei Monate drinn zugebracht hat; und ich ſchwöre bei meiner Kunſt, ein unwiederruflicher Schwur, nie dieſes Geſetz aufzuheben. Hierauf ließ ich die Pforten des Pallaſtes öffnen, und befahl alle hinein zu laſſen, die dort ihren Aufenthalt nehmen wollten. Gleich am erſten Tage hatte ich Gelegenheit zu be⸗ merken, wie gefährlich der Aufenthalt im Pallaſte der Wahrheit waͤre; ich ſtellte Fragen an meine Selaven, und da ſie gezwungen waren, mir mit vollkommener Aufrichtigkeit zu antworten, verurſachten mir ihre Aus⸗ ſagen ſo viel Argerniß, daß ich alle fortſchickte, und ich muß geſtehen, daß ich auch ſeitdem noch keine treueren 3* — 4⁰— und anhaͤnglicheren getroffen habe. Andrerſeits verlor ich viel von meiner Freundſchaft für Zumio; ich ſah ihn, wie er war, ich erkannte, daß es ihm eben ſo ſehr an Geſchmack als Feſtigkeit des Characters fehlte; er er⸗ laubte ſich manchmal in der Unterredung Witz und Wort⸗ ſpiele, die damals aufhörten mich zu unterhalten, und erſtaunte ſogar, daß mir jemals ſolch eine Art von Wiß gefallen hätte können; ich fand an Zumio tauſend kleine Mängel, die ich bis dieſen Augenblick nicht bemerkt hat⸗ te, übrigens fand ich ihn äußerſt unhöflich; er war mir in allem immer entgegen, er gab mir faſt nie Recht, und ſprach zu mir mit einer empörenden Frechheit undz Unartigkeit. Indeß, da er noch immer ſagte, er hege Freundſchaft für mich, zertrug ich mich mit ihm, aber ich ſchalt und fuhr ihn faſt immer an; er antwortete mir keck, ich hätte eine unerträgliche Aufgeblaſenheit; ich legte ihm Stillſchweigen auf; er zuckte die Achſeln, begegnete mir mit Spott, und zeigte abwechſelnd bald Zorn, bald üble Laune, kurz wir verlebten unſere Tage, indem wir entweder ſchmollten oder mit einander zankten. Überdrüßig unſers einſamen Beyſammenſeyns hoſſte ich immer auf einige Reiſende, die angezogen von dem glänzenden Anblick meines Pallaſtes, ein Verlangen . 2. 4. fühlen würden, einzutreten; aber die Vorübergehenden waren zufrieden ihn zu bewundern, ſie näherten ſich ihm mit Eile, aber kaum hatten ſie einon Blick auf die In⸗ ſchrift geworfen, ſo entfernten ſie ſich, und ſetzten ihren Weg fort. Eines Tages, als ich mit Zumio auf einem Balkon ſtand, bemerkten wir in der Ferne einen pracht⸗ vollen Wagen, der auf den Pallaſt zu kam; meine Kunſt ließ mich erkennen, daß der Wagen von einem König gelenkt werde, der ein Gefolge von ſieben oder acht Hofleuten mit ſich hatte; der Wagen näherte ſich, und Zumio ſprach: Für dießmal ſchmeichele ich mir, daß wir einen Beſuch bekommen werden; das wird mir recht angenehm ſeyn, denn ich fühle ſchreckliche Langeweile, ſeitdem wir hier ſind.... Kaum hatte Zumio dieſe Worte ausgeſprochen, als der Wagen vor dem Thore ſtill hielt, der König las die Inſchrift, und ſeine erſte Bewegung war, vorwärts zu ſchreiten und in den Pal⸗ laſt einzutreten. Allein die Hofleute erblaßten und hiel⸗ ten ihn zitternd zurück: der König widerſteht ihnen ei⸗ nige Minuten; endlich läßt er ſich überreden, er weicht zurück; die Hofleute athmen wieder auf, ſchnell wenden ſie den Wagen um, und bald verloren wir ſie aus dem Geſichte. — 42— Da ſind ſie wieder fort, rief Zumio mit Betrüͤb⸗ niß! So lange Sie auf dem Thore dieſe vermaledeite Inſchrift ſtehen laſſen, bekommen wir keinen einzigen Beſuch; Sie haben aber auch einen Eigenſinn!.... Nie habe ich einen beſchränkteren und ſtarrköpfigeren Ge⸗ nie geſehen....— Aber, Zumio, Deine Frechheit kennt keine Gränzen mehr!..— Ah! recht, Sie wollen Wahrheit und zugleich Complimente!.. Wirklich, mit Ihnen iſts nicht mehr ganz richtig. Sie ſind in manchen Augenblicken eben ſo unvernünftig und albern, als aufgeblaſen. Gereizt durch die übermäßige Grobheit Zumios, war ich im Begriff ihn fortzujagen,z als ich eine Geſtalt bemerkte, die meine ganze Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich zog, und machte, daß ich meinen Zorn vergaß: es war ein ehrwürdiger Greis; die Majeſtät, die über ſeine ganze Geſtalt verbreitet war, flößte Ehr⸗ furcht ein, und die Sanftmuth ſeiner Mienen erfüllte das Herz mit einer Zuneigung gegen ihn, von der es— unmöglich war ſich loszuſagen. Dieſer Greis hielt ein Buch in der Hand, und las indem er einherging: als er an den Pforten des Pallaſtes angelangt war, erhob er die Augen und las die Inſchrift: O, du, rief er aus, die ich ſchon ſeit vierzig Jahren ſuche, himmliſche Wahr⸗ — 43- heit, vor meiner letzten Stunde ſehe ich pich doch endlich ohne Wolken!.... Mit dieſen Worten eilt der Greis auf die Pforte los, und tritt in den Pallaſt. Nun iſt einmal einer da! rief Zumio! Mit dieſen Worten verließ er mich ungeſtümm, um dem Fremden entgegen zu kommen. Ich folgte ſelbſt meinem kleinen rap⸗ pelköpfiſchen Sylphen, und wir fanden bald den Greis; Zumio flog ihm entgegen: Kommen Sie, lieber Mann, rief er ihm zu: ſeyen Sie willkommen, beſonders wenn Sie uns die Langeweile zu vertreiben wiſſen; Sie ſind alt; Sie müſſen viel in der Welt geſehen haben; Sie wer⸗ den uns Geſchichten erzählen; ſagen Sie uns nur erſt, wie heißen Sie?... Gelanor iſt mein Name, erwie⸗ derte der Greis; ich habe meine ganze Jugendzeit im Umgang mit der Welt zugebracht, ich habe erſtaunlich viel gereiſt, und ſeit zwanzig Jahren lebe ich in der Ein⸗ ſamkeit... Ahl! ich verſtehe Sie, unterbrach ihn Zu⸗ mio, Sie ſind ein Philoſoph; das wird uns wenig Un⸗ terhaltung machen..... Und Sie, Sie werden auch hier Ihre Rechnung nicht ſinden, denn die Philoſophen ſind forſchbegierig. Sie ſtellen ſtch ohne Zweifel vor, Sie werden hier die Menſchen ſtudieren können, und doch werden Sie in dieſem Pallaſte Niemanden ſinden, ——— 5 — 1 4 als den Genie, meinen Herrn, und mich, Phanor, wie Sie ſehen, iſt nicht geſprächig, und übrigens hat er auch, nichts Originelles in ſeinem Charaeter; was mich anbe⸗ langt, ich bin in der That voll Geiſt, ein Inbegriff al⸗ ler Tugenden und Annehmlichkeiten, allein Sie werden wenig Zeit nöthig haben, mir bis in die Seele zu ſe⸗ hen.... Wirklich, verſetzte Gelanor lächelnd, ich ken⸗ ne Sie ſchon von dieſem Augenblick an viel beſſer, als Sie ſich ſelber kennen. Hier nahm nun auch ich das Wort, und fragte den Philoſophen, welche Meinung er von ſich ſelbſt habe. Ich bin gut, ſagte er, aber unvollkommen; ich kann nicht begreifen, wie es möglich iſt, daß ich, nachdem ich mein ganzes Leben mit Nachdenken und Bildung meiner ſelbſt zugebracht habe, noch immer ſo viele Mängel und Schwächen an mir habe; wenigſtens bewahrt mich die Erinnerung hieran, die mir immer gegenwärtig iſt, vor allem Stolz, und macht mich nachſichtig gegen andere. Meine öffentlichen und geheimen Handlungen ſind unta⸗ delich; allein ich fühle oft in mir Triebe, die mich de⸗ müthigen. Wenn ich von allen Gedanken, die in meinem Geiſte aufſteigen, einen genauen und umſtändlichen Be⸗ richt abſtatten follte, ſo würde man finden, daß ich um 8 — 45— 4 1 nichts wei er ſey, als ein gewöhnlicher Menſch. Bei die⸗ ſen Worten ging ich auf Gelanor los, und indem ich ihn mit ehrfurchtsvoller Zärtlichkeit umarmte, rief ich aus: O mein Vater, Sie erfüllen mich mit Bewunde⸗ rung, Sie ſind ein wahrer Philoſoph; ewig werde ich alle ehren und lieben, welche Ihnen ähnlich ſeyn werden. Einige Tage nach dieſer Unterredung entſchloß ich mich die Aufſchrift, die über den Pforten meines Palla⸗ ſtes eingegraben ſtand, abnehmen zu laſſen: dann ver⸗ ließ ich Gelanor und Zumio, und ohne dieſelben mein Vorhaben wiſſen zu laſſen, reiſte ich ab. Von der Neu⸗ gierde getrieben, welche mir Zumios Berichte eingeflößt hatten, begab ich mich in die Staaten der Prinzeſſin Ar⸗ palice. Da ich die Unbeſonnenheit Zumios fürchtete, hatte ich ihn nicht mitnehmen wollen, noch ihm meinen Plan entdecken. Endlich bekam ich dieſe berühmte Prin⸗ zeſſin zu ſehen; ſie gewährte mir nicht früher Zutritt, als am Abende; man führte mich in einen prachtvollen Salon, der auf die angenehmſte Art beleuchtet war: alle Kerzen ſtanden hinter Kryſtallen, die mit weißem Flor bedeckt waren; oder man hatte ſie in alabaſterne Vaſen geſtellt; durch welche Vorrichtung ein ſanftes Licht hervorgebracht wurde, das ungefähr einem ſchönen — 46— Mondlicht ähnlich ſah. Die Prinzeſſin ſaß auf einem Throne von Gold, bedeckt von einem Himmel, der mit einer Bekleidung von Silberflor geſchmückt war, Roſen⸗ guirlanden bildeten zierliche Kränze und Schlingen über dem Haupte Arpalicens. Dieſe Prinzeſſin, bekleidet mit einem prachtvollen Oberkleid, das mit Juwelen geſchmückt war, erſchien mir in einem blendenden Glanz und majeſtätiſcher re⸗ gelmäßiger Schönheit, wiewohl ſie nicht mehr in den erſten Jahren ihrer Jugend ſtand. Ich bewunderte ih⸗ ren Wuchs, ihre edle Stellung, die überraſchende Wei⸗ ße ihrer Geſichtsfarbe, und war bezaubert von ihrem Geſpräch. Den andern Tag wuchs meine Bewunderung noch mehr; die Prinzeſſin ließ mich in eine Gallerie füh⸗ ren, die voll Gemählde war, und ich erfuhr, daß alle dieſe Gemählde von der Hand Arpalicens waren; ſie ſtellten nichts als die anziehendſten Gegenſtände vor: Tempel der Freundſchaft, Opfer der Freundſchaft, den Triumph der Freundſchaft über die Liebe, die Zeit, wel⸗ che die Freundſchaft kuönt und verſchönert, oder aber Altäre der Wohlthätigkeit, die Wohlthätigleit erleuchtet durch die Tugend, das Mitleid, welches die Wohlthä⸗ tigkeit zu ſeinem Gefolge hat, u. ſ. f. Kurz, man konn⸗ —:— — — 3— 47— te dieſe Gallerie nicht verlaſſen, als mit der überzeu⸗ gung, Arpalice ſey die gefühlvollſte und tugendhafteſte Prinzeſſin von der Welt. Man führte mich auch in das Laborarorium der Prinzeſſin; und nachdem ich von allen dieſen Gängen zurückkam, raunte mir mein Führer ins Ohr, die Prinzeſſin beſchäftige ſich mit eben ſo viel Er⸗ folg mit der Sternkunde und Mathematik; da ich nun eine beſondere Vorliebe für dieſe beiden Wiſſenſchaften hege, ſo war ich entzückt über dieſe Entdeckung, und die hohe Meinung, die ich von der Prinzeſſin gefaßt hat⸗ te, erreichte den höchſten Gipfel. Abends war Muſik; verſchiedene Künſtler führten eine reizende Symphonie von Arpalicens Compoſition aus. Die Prinzeſſin ſetzte ſich hierauf ans Clavier, und ſang; ihre Stimme ſchien mir nicht ſehr ausgezeichnet, und zwar um ſo mehr, da ſie alle Inſtrumente, die ſie begleiteten, faſt ganz deckten; allein ein vortrefflicher Mu⸗ ſikus, der an meiner Seite ſtand, verſicherte mich, daß ſie ein vorzügliches Talent beſäße; und in der That, ich ſah wohl, er müſſe Recht haben, denn alle Zuhörer Ar⸗ palieens waren in Entzücken. 1 Nach dem Abendeſſen machte man Endreime und Charaden; dieß gab der Prinzeſſin Gelegenheit, ihren .— 48— Geiſt ganz zu zeigen; ich konnte vor Erſtaunen nicht zu mir ſelbſt kommen, ich war betäubt, und ich fühlte, daß ich bei einer ſo vollendeten Prinzeſſin nicht lange würde meine Freiheit behaupten können. Um Mitternacht entfernten ſich alle, nur ich blieb mit Arpalice und Telaire, ihrer vertrauten Freundin, allein zurück; die beiden Freundinnen waren auf ein Ru⸗ hebett hingegoſſen, und lagen zärtlich einander in den Armen, was einen entzückenden Anblick gab. Ich ſah ihnen ſtillſchweigend zu, ſie ſagten einander alles, was die Freundſchaft Edles eingeben kann, und Arpalice machte mir eine ſo lebendige und rührende Schilderung von ihrem Gefühl für Telaire, daß ich davon bis zu Thränen gerührt ward. Ich konnke mich nicht enthalten, ihr einen Theil der Bewunderung zu bezeugen, die ſie mir einflößte; ich lob⸗ te ihre Talente, ihre Bildung, und brachte das Geſpräch auf die Meßkunſt und Sternkunde; allein Arpalice ſprach im beſcheidenſten Ton von der Welt: Es iſt mir ſehr leid, Herr, daß man Ihnen weiß gemacht, ich beſchäf⸗ tige mich mit Studien, die ſich ſo wenig für ein Frau⸗ enzimmer ſchicken; und wenn es auch wahr wäre, daß ich Geſchmack an ſo was fände, und die Kenntniſſe beſäße, „— 409— die Sie bei mir vermuthen, ſo würde ich es mir zum Geſetz gemacht haben, mich nie dazu zu bekennen. Pe⸗ danterie und Affectation ſind ja meinem ganzen Weſen ſo fremd!. Ich mache ſo wenige Anſprüche!... Dieſe ſeltne Beſcheidenheit riß mich ganz hin. Be⸗ zaubert, entzückt begab ich mich in meine Wohnung um mich einzig nur mit Arpalicen zu beſchäftigen. Ich brach⸗ te einen Theil der Nacht damit zu, ihr zu ſchreiben, und Verſe auf ſie zu machen. Ich gab ihr die ſinnreich⸗ ſten und glänzendſten Feſte; ſie ſchien gegen meine Be⸗ mühungen nicht unempfindlich, ich erklärte ihr meine Liebe, und ſie geſtand mir, daß wenn mein Rang und meine Macht nicht waͤre, ſie meine Gefühle theilen wür⸗ de, aber daß ſie aus einem unbeſiegbaren Zartgefühl ſich nicht entſchließen könnte, einen Genie zum Gemahl an⸗ zunehmen. Sie könnten das, ſetzte ſie hinzu, in der Folge dem Ehrgeiz zuſchreiben, wozu ich mich bloß aus Liebe verſtehen könnte. Ach! warum ſind Sie nicht in ei⸗ nem weniger erhabenen Range geboren!. Dieſe Gefühle bezauberken nich, und brachten mich zu gleicher Zeit zur Verzweiflung. Zu einer andern Zeit rühmte mir Arpalice wieder 5, die Annehmlichkeiten ihrer gegenwärtigen Lage: Ich ken⸗ ne keinen Ehrgeiz, ſagte ſie; die Freundſchaft macht das. Glüch meines Lebens; Liebe habe ich nie empfunden, ich fürchte, mich ihrer Herrſchaft zu überlaſſen; ich habe ei⸗ ne ſo empfindungsvolle Seele! ein ſo zartes Gefühl! Ich bin glücklich und ruhig; ſchmeicheln Sie ſich nicht, daß ich mich je entſchließen könnte, Ihnen ein ſo reines und vollkommenes Glück aufzuopfern. Nein, Herr, unfähig mich zu verſtellen oder den geringſten Trieb zur Gefall⸗ ſucht zu fühlen, will ich Ihnen keine täuſchenden Hoſſnun⸗ gen laſſen. Verlaſſen Sie dieſe Gegend, fliehen Sie ſie Ihrer... und meiner Ruhe willen. 3 Endlich ſiegte die Liebe, Arpalice ließ ſich rühren, und willigte ein, meine Hand anzunehmen. Sie bewies mir eine Zärtlichkeit, die mich innigſt rührte; indeß Prudine hatte mich ſo mißtrauiſch gemacht, daß ich den Entſchluß faßte, mich nicht früher mit der göttlichen Ar⸗ palice zu verbinden, als bis ich ſie im Pallaſte der Wahr⸗ heit zum Sprechen gebracht hätte. Ich zweifelte nicht an ihrer Aufrichtigkeit, allein es war mir unmöglich ihr das Opfer zu bringen, ſie im Pallaſte nicht auf die Pro⸗ be zu ſtellen. Ich erklärte ihr, ich könnte ſie nicht hei⸗ rathen als in meinem Reiche. Ich hütete mich wohl ihr — 52— von dem beunruhigenden Zauber etwas zu ſagen, der mit meinem Pallaſte verbunden iſt: ſie willigte mit Freu⸗ den ein, mir zu folgen; ſie verlangte bloß, Telaire ſoll⸗ te von der Geſellſchaft ſeyn, indem ſie, wie ſie ſagte, ſich nicht ohne Verzweiflung von einer ſo theuren Freun⸗ din trennen könnte. Wir machten uns alſo alle drei auf den Weg, und in wenig Stunden befanden wir uns an den Eingang des Pallaſtes verſetzt. Der Anblick dieſes furchtbaren Ortes verurſachte in mir eine bange Bewegung, wenn ich dachte, daß ich im Begriff ſey, das Herz ohne Hülle zu ſehen, das ich lieb⸗ te. Ach! ſagte ich, wenn ſie das iſt, wofür ich ſie hielt, welche Vorwürfe werde ich mir machen, daß ich die Pro⸗ be des Pallaſtes für nothwendig hielt. Wenn ich mich aber in ihr irrte, welche ſüße Täuſchung bin ich in Ge⸗ fahr zu verlieren!.... Endlich traten wir ein in den Pallaſt; da warf ich zitternd meine Augen auf die Prin⸗ zeſſin; aber wie groß war meine überraſchung, als ich entdeckte, daß die himmliſche Arpalice acht und vierzig Jahre hatte, weißgeſchminkt war, mit gefärbten Augen⸗ braunen und falſchem Leib; kurz ich ſah ſie kahl, bräun⸗ lich, alt und ausgewachſen. Zumio, der mir im voraus entgegen gelaufen kam, konnte ſie in dieſem traurigen Zuſtande nicht erkennen, daher ſchlug er ein lautes Ge⸗ lächter auf, als er dieſe lächerliche Geſtalt bemerkte, welche ſich mit triumphirender Miene auf meinen Arm ſtützte; ich war ſo verlegen, daß ich die Prinzeſſin plöt⸗ 4 2 lich verließ, ohne mich viel darum zu bekümmern, was ſie ſich von mir denken mochte. Zumio folgte mir, und ſagte: Herr, ich preiſe Sie glücklich, daß Sie einen ſo guten Fang gemacht haben; Sie bringen uns da eine ſeltene Schönheit: die Erobe⸗ rung iſt glänzend; dieſe Wahl beweiſt wenigſtens die Gründlichkeit Ihres Geſchmacks, und ſchützt Sie vor al⸗ ler Unruhe, welche Nebenbuhler oder Eiferſucht verur⸗ ſachen können. Ein einziges Wort benahm Zumio ſeine ganze gute Laune; ich nannte ihm Arpalice, und er ſtand betäubt, verſteinert da. Nach einem Augenblick des Stillſchweigens ſprach er: Herr, ich kann wohl Ihren Arger und Ihren Unwillen begreifen; indeß, wenn die⸗ ſe Prinzeſſin auch nur eine geborgte Schönheit hatte, wenn ſie auch nur der Kunſt dieſen Glanz, dieſe Haare und dieſen Wuchs verdankte, welche uns bezauberten; ſo wage ich mir doch wenigſtens noch immer zu ſchmei⸗ cheln, daß wir uns nicht in Hinſicht ihres Gemüths, ih⸗ res Geiſtes und ihrer Talente getäuſcht haben; und da — 53— ſie Ihnen geſagt hat, ſie liebe Sie, ſo bin ich überzeugt, Sie werden mit ihren Geſinnungen zufrieden ſeyn. Aber was fällt Dir ein, Zumio, rief ich aus? Was ſoll ich anfangen, wenn ich das Unglück gehabt habe, einer ſol⸗ chen Geſtalt eine Leidenſchaft für mich einzuflößen. Die einzige Hoffnung, die mir übrig bleibt, iſt die, ſie treu⸗ los zu finden. In dieſem Augenblicke zeigte man mir an, daß die Prinzeſſin nach mir frage, und der Wohlſtand nöthigte mich, mich zu ihr zu begeben. Ich fand ſie allein in einem Cabinet; ſie lag auf einem Ruhebett, und hielt ein Schnupftuch und NRiech⸗ fläſchchen in der Hand: ſobald ſie mich bemerkte, machte ſie die ſonderbarſten Verrenkungen, und hielt das Schnupf⸗ tuch vor die Augen: Was fehlt Ihnen, Madame, frag⸗ te ich? Sie antwortete nichts, und da ſie mit ihren krampfhaften Bewegungen fortfuhr, wiederholte ich mei⸗ ne Frage. Da ſah ſie mich ſchmachtend an, und ſagte: Ich ſtelle mich, einen Nervenzufall zu haben.— Das ſeh' ich wohl, erwiederte ich.— Wie, Grauſamer, und ſie werden davon nicht gerührt?— Um Vergebung, aber warum haben Sie einen Nervenzufall?..— Weil Sie mich bei dem Eintritte in dieſen Pallaſt ſo kaltſin⸗ nig verlaſſen haben, und drum will ich Sie glauben ma⸗ —— ———— — 55— chen, ich hätte eine außerordentliche Reizbarkeit, und liebe Sie leidenſchaftlich....— Lieben Sie mich denn wirklich?..— Nicht im geringſten. Ich liebe nichts. Bei dieſen Worten machte die Prinzeſſin, welche glaub⸗ te, mir die zärtlichſten Dinge von der Welt geſagt zu haben, eine Miene, als ob ſie weinte, und trocknete ſich die Augen. Ich athmete wieder freyer; da ich meiner Unruhe los war, woltte ich eine Unterredung weiter fortſetzen, die mich unterhielt; und indem ich Arpalicens Hand ergriff, ſagte ich zu ihr: Sie rühren mich; wer könnte auch bei ſolchen Reizen und ſo großer Liebe un⸗ empfindlich bleiben!.. Allein wie zittert doch Ihre Hand! — Ja, erwiederte ſie, ich thue dieß mit Fleiß, um Sie auf den Gedanken zu bringen, es ſeyen kleine krampf⸗ hafte Bewegungen...— Das muß Sie ja ſehr er⸗ müden?.— Nicht im geringſten, ich habe es darinn ſchon zu einer großen Fertigkeit gebracht!... Aber Sie ſollen gleich noch ganz andere Dinge ſehen! ich wer⸗ de mein ganzes Spiel entfalten, am Ende des Geſprächs werde ich in Ohnmacht fallen.— Sagen Sie mir doch, ich bitte, was iſt aus Telai⸗ ren geworden?— Wir haben uns zertragen.— Wie? Jetzt ſchon.— Ja, und meine Abſicht iſt, Sie zu .— 55— äberreden, daß Telaire eines Theils ſchuld iſt an dem Zuſtande, in dem Sie mich ſehen.— Was iſt denn alſo zwiſchen Ihnen vorgegangen?....— Sie hat mir un⸗ erhörte Dinge geſagt; ich ſey falſch, eigenſüchtig, neidiſch, gefühllos, ich habe einen Stolz ohne Gränzen, eine uner⸗ ſättliche Ehrſucht; ich meinerſeits antwortete, ich hätte ſie nie anders geliebt, als um damit Staat zu machen; und wäre ſie hübſcher und liebenswürdiger geweſen, ſo hät⸗ te ſie in mir Neid und Eiferſucht erregt; ich ſetzte hin⸗ zu, ich fühlte nicht das Geringſte für ſie, und würde für ſie nicht das leichteſte Opfer briggen..— Und ſie wurde hierüber aufgebracht? das iſt unbegreiflich.. — Sie hat ſich in Wuth von mir entfernt.— Hatten Sie denn Zutrauen zu ihr?..— Ich hatte nie zu irgend einem Menſchen welches. Ich wünſche mir keine Freunde; ich brauche nichts als Pinſel und Sclaven. Indeß habe ich in meinem Leben ſo manche Eröffnungen im Vertrauen gemacht, alles aber nur aus Eitelkeit, und immer, indem ich die Thatſachen änderte oder ent⸗ ſtellte, oder mit Hinzufügung anderer Umſtände; denn um mich geltend zu machen, koſten mich die Lügen nichts. — Sie ſind in der That anbetungswerth! Und dazu noch Ihre Wohlthätigkeit!— Ja, Pracht und Aufwand 66 liebe ich bis zum Unſinn.— Wenn wir einmal verbun⸗ den ſeyn werden, können Sie mit allen meinen Schätzen frei ſchalten. Wie viele Unglückliche werden durch Sie Unterſtützung finden!— O! gewiß alles werde ich für mich behalten!...— Himmliſche Arpalice, Sie be⸗ zaubern mich! Welch erſtaunliche Vereinigung von Tu⸗ genden, Talenten, Bildung! denn Sie läugnen es ver⸗ gebens, Sie ſind eben ſo gelehrt als ſchön; Ihre Hof⸗ leute verrathen Ihr Geheimniß, das Sie daraus ma⸗ chen wollen. Noch den Abend vor unſerer Abreiſe verſi⸗ cherten ſie mich, es gebe in Ihrem Lande keinen Aſtro⸗ nomen oder Mathematiker, der ſo geſchickt wäre, wie Sie.— Sie werden auch bezahlt dafür, daß ſie das ſagen.— Wie?— Sie würden gleich in Ungnade fal⸗ len, wenn ſie anders ſprächen. Ich bin vollkommen un⸗ wiſſend, will aber den Ruhm haben alles zu wiſſen.— Welche Beſcheidenheit!.. Und Ihre Gemählde!... — Die hat Zolphir gemacht.— Und die bezaubernden Symphonien die Sie mich hören ließen!..— Die hat Geraſtes componirt.— Sie ſind einzig auf dieſer Welt. — Es iſt wahr, Niemand hatte noch je ſo viel Geiſt, Feinheit, Genie, und Niemand hat es auch noch ſo weit gebracht in der Kunſt ſich zu verſtellen, und die un⸗ .— 37— terrichtetſten und einſichtsvollſten Leute zum Beſten zu haben. Arpalice glaubte ohne Zweifel, als ſie dieſen Satz ausſprach, eine Antwort voll Beſcheidenheit und Demuth hören zu laſſen; denn ſie nahm eine verſchämte Miene an, ſchlug die Augen nieder, und machte ſo komiſche und lächerliche Bewegungen, daß ich viel zu thun hatte, um mich nicht zum Lachen bringen zu laſſen. Ihre Ziererei, und der Ton, zu dem ſie ſich zwang, paßten ſo übel zu den Dingen, die ſie ſagte, und bildeten mit ihren Reden einen ſo ſonderbaren und ſcherzhaften Contraſt, daß ich fühlte, es würde mir unmöglich ſeyn, dieſe Unterredung länger auszuhalten. Ich erhob mich alſo um ſie zu ver⸗ laſſen: ſie rief mich mit einer ſchwachen Stimme zurück, indem ſie mich im voraus davon benachrichtigte, daß ſie die Augen ſchließen, in Ohnmacht fallen und ſchreckliche Krämpfe bekommen würde. Ich ging den Augenblick hinaus, Gelanor und Zumio aufzuſuchen, um ihnen dieß Abentheuer zu erzählen. Nun, ſagte ich zum Philoſophen, Sie, Gelenor, 3 behaupten, dieſer Pallaſt könne mir nur Unannehmlich⸗ keiten verurſachen, und ſo lange ich in der Welt lebte, nie zu irgend etwas nützen; mit einem Wort, er gehöre — 58— nur für ein Weſen, welches durch ſeine Vernunft ſich über alle Möglichkeit einer Täuſchung erhoben, und auf immer von allen menſchlichen Leidenſchaften frei gemacht habe. Indeß ſehen Sie, wie nützlich er eben für mich geworden iſt; hätte ich Arpalice nicht hieher geführt, ſo wäre ich mit einem alten, häßlichen, hinterliſtigen, ehrſüchtigen, falſchen und boshaften Weibe eine Heirath eingegangen. Jedoch hätten Sie, Herr, antwortete Gelanor, oh⸗ ne einen Fuß in dieſen Pallaſt zu ſetzen, leicht ſelbſt die: ſes Weib in ſeiner wahren Geſtalt erblicken können, wenn Sie nicht ſo geneigt wären, ſich in voraus für Jemanden einnehmen zu laſſen, und wenn Sie etwas weniger Eigenliebe beſäßen. Lernen Sie mit eigenen Augen ſehen und ſelbſt urtheilen, nicht aber nach der Meinung Anderer; glau⸗ ben Sie nicht ſo leicht, daß es unmöglich ſey, Sie nicht zu lieben, wenn Sie Liebe zeigen; und ich verſiche⸗ re, Sie werden an keinem Orte der Welt durch die Kunſtgriffe und die Liſt ſolcher Weiber, welche Ihrer Arpalice ähnlich ſind, bei der Naſe herumgeführt werden⸗ Rechnen Sie das für nichts, erwiederte ich etwas verſtimmt, daß ich den Vortheil habe, einen Philoſo⸗ ge Leute hier. Die Geſellſchaft iſt zahlreich, aber Ein⸗ — 59— phen mit ſo viel Freimüthigkeit reden zu hören?— Wenn Sie die Wahrheit nicht mit Gewalt von ſich ſtoßen, verſetzte Gelanor, wird ſie immer bis zu Ihnen gelan⸗ gen. Sie iſt nicht bloß in den Umkreis dieſes Pallaſtes eingeſchloſſen, ſie iſt verbreitet auf der ganzen Oberflä⸗ che der Erde; ſie zeigt ſich daſelbſt mehr oder weniger verkleidet, je nachdem ſie mehr oder weniger Schwäche und Stolz auf ihrem Wege antrifft. Kein Sterblicher könnte ſie ertragen, wenn ſie ſich in jedem Augenblicke des Lebens ohne Schleyer zeigte. So aber ſieht man ſie hier in dieſem Pallaſte. Hier zerſtört ſie ohne Unterſchied die unſchuldigen und ſüßen Taͤuſchungen eben ſo, wie die gefährlichen Irrthümer; ſie erſcheint hier in einer ſo wilden Geſtalt; ſie iſt hier ſo unbarmherzig, hart und ungeſchliffen, daß ſie beleidigt und empört, ſelbſt da, wo ſie nützlich ſeyn könnte. Dieſe Betrachtungen änder⸗ ten meine Meinung nicht. Nur die Erfahrung konnte mich weiſe machen. Ich befragte Zumio über alles, was ſich während meiner Abweſenheit im Pallaſte zugetragen hatte. Seit die Inſchrift weggenommen iſt, antwortete Zumio, will alle Welt hereinkommen, und es gibt immer eine Men⸗ 3 — 60— tracht iſt es eben nicht, was ihr Reiz verleiht; man hoͤrt nichts als Streitigkeiten, Zänkereyen, und oft ſehr gro⸗ be Beleidigungen; die Höflichkeit iſt ein für allemal daraus verbannt; einer macht ſich über den andern luſtig„ohne Feinheit und Schonung; man kann nicht verläumden, aber die beißendſte Zungendreſcherey entſchädigt hinrei⸗ chend dafür; man haßt ſich offenbar, man ſchreit, man ſchilt einander aus, man zerträgt ſich, das iſt ein Lärm, ein Getümmel, daß Sie ſich davon keinen Begriff ma⸗ chen können.— Und die Frauenzimmer, wie betragen ſich dieſe?..— Sie ſind im Ganzen genommen noch lächerlicher, als die Männer. Sie haſſen einander tödt⸗. lich aus ſo nichtigen Urſachen! Sie entfalten eine ſo über⸗ legte Bosheit, und oft ſo kindiſche Kunſtgriſſe!.. 1 Die Eine ſagt, ſie wolle uns weiß machen, es werde ihr übel, wenn ſie Jonquillen ſieht; die Andere thut uns zu wiſſen, daß ſie ſich über den Anblick eines Katers er⸗ ſchreckt ſtelle; endlich wenn ſie auch kein Intereſſe haben uns zu täuſchen, ſo betrügen ſie dennoch(wenigſtens iſt es ihre Abſicht) um ſich zu üben und zu unterhalten. Al⸗ lein das Empörendſte, fuhr Zumio fort, was hier zu ſehen iſt, ſind die Coquetten; ſie zeigen eine Unverſchämt⸗ heit, und eine Geſinnung ſo voll Verkehrtheit.... —.,— — 61— — Wie! Alſo noch kein einziges tugendhaftes Frau⸗ enzimmer hat dieſen Pallaſt betreten? O, um Verge⸗ bung... Es iſt eine hier, beſonders... Hier hielt Zumio inne, und ſchien verlegen. Was fehlt dir Zumio, ſing ich wieder an? Warum geräthſt Du in Verwir⸗ rung?... Sprich, ich will es.— Der Umſtand iſt nur, erwiederte Zumio, daß ich verliebt bin; und ich ſterbe faſt vor Furcht, Sie werden mein Nebenbuhler werden...— Nun, und dann, Zumio, würdeſt Du mir nicht deine Liebe aufopfern?...— Nein, das ge⸗ wiß nicht.— Du, der Du mich neulich verſicherteſt, Opfer wäre Dir zu ſchwer, wenn es für mich ſeyn ollte....— Da habe ich die Sache viel übertrieben; ich bin Ihnen ſehr zugethan, allein wenn ich könnte, keinen Augenblick würde ich anſtehen, Sie Roſamiren zu Liebe zu betrügen..— Ein ſüßes, zärtliches Ge⸗ ſtändniß!... Alſo ſie iſt wohl recht reizend, dieſe Ro⸗ ſamire?...— Das reizendſte Geſchöpf auf ganzer Welt. Ihre Seele iſt rein und gut, mit einem Wort: würdig der Liebe eines Sylphen.— Und liebt ſie dich auch?...— Die Reinheit meiner Geſinnungen gefällt ihr, und ſie hat mir geſagt, ſie fühle eine Zuneigung zu mir.— Wenn ſie dich liebt, was kannſt Du da fürch⸗ * 4 ten? Wenn ſie auch die Ehrſucht zu meinen Gunſten ein⸗ nähme, ſo wäre es ihr, da ſie gezwungen iſt, die Wahr⸗ heit zu reden, doch nicht möglich, mich zu überreden, daß ſie mich liebe.— O in ihr Herz ſetze ich keinen Zweifel; ich fürchte nur, ſie wird Ihnen den Kopf ver⸗ drehen, und Sie dann unſer Glück ſtören.... Beru⸗ hige dich hierüber, Zumio⸗ ich bin kein Tyrann. Übri⸗ gens habe ich auch gar keine Luſt, Dein Nebenbuhler zu werden; und ich betheure Dir, daß ich ohne Verwir⸗ rung und Gefahr dieſes junge Frauenzimmer ſehen wer⸗ de, wenn es auch noch ſo reizend wäre, nachdem ihr He einmal vergeben iſt.— Wenn Sie ſie denn einmal für allemal ſehen wollen, ſo erlauben Sie, daß ich ſie* aufzuſuchen gehe, um erſt mit ihr zu ſprechen...— Wozu das?2..— Es iſt nur...— Nunl! ant⸗ worte doch?...— Es iſt mir nur darum zu thun, ſie erſt gegen Sie ein wenig einzunehmen, indem ich ihr einen umſtändlichen Bericht von allen Ihren Feh⸗ lern gebe.— Zu viel Güte. Allein ich überhebe Dich dieſes Geſchäfts. Sage mir nur, ob ſie dieſen Pallaſt kennt?— Das ohne Zweifel. Sie bewohnt ihn ſeit ſechs Wochen, und es iſt unmöglich über ſeine Kraft laͤn⸗ 3 ger als zwei oder drei Tage im Dunkeln zu ſeyn. 4 — — 63— Bei dieſen Worten ging ich in Begleitung des be⸗ trübten und eiferſüchtigen Zumio Roſamiren aufzuſuchen, als wir Arpalicen kommen ſahen; ſo bald ſie mich bemerk⸗ te, rief ſie: Mein Herr, an was für einen Ort haben Sie mich geführt! Was für eine Geſellſchaft haben Sie in dieſem Pallaſt verſammelt! Ich war nur einen Au⸗ genblick im Salon: ich fand da die ſchlechteſte Geſell⸗ ſchaft von der Welt!... Frauenzimmer von einer Dumm⸗ heit, Männer von einer Pinſelhaftigkeit!..., von ei⸗ ner Grobheit!... Was für Sitten! welcher Toͤn, ge⸗ rechter Himmel!... Wenn Sie den Schimpf wüßten, den man mir angethan hat! Ich war in Verzweiflung, als ich ſah, daß alle Männer eine junge Dame bewun⸗ derten, welche man Roſamire nennt; und da ich mein Mißvergnügen darüber verbergen wollte, rief ich: Meine Herren, ich bin in allem übertrieben; beſchäftigen Sie ſich doch mit mir, blöcken Sie mich an, kommen Sie hieher; verlaſſen Sie dieſe junge Schönheit, die ich ver⸗ abſcheue, weil ſie Ihnen gefällt und Sie an ſich zieht... Bei dieſen Worten fing man an in ein lautes Gelächter auszubrechen, mich zu verhöhnen, zu verſpotten, als ob ich die ſonderbarſte und lächerlichſte Sache von der Welt geſagt hätte... Da erklärte ich, ich ſey die Herrin die⸗ —— — 64— ſes Pallaſtes, und ich werde morgen ihre Huldigung an⸗ vehmen. Da fing das Hohngelächter von neuem an, und man trieb die Grobheit ſo weit, mich eine aite Närrin zu nennen!... Herr, rächen Sie mich, ver⸗ jagen Sie Roſamiren aus dieſem Pallaſt....— Sie haben ſich alſo beſonders über ſie zu beklagen?...— Sie iſt die Einzige, die mir keinen Schimpf angethan hat; allein mein Haß gegen ſie iſt nur um ſo ſtärker; ſie zog ſich durch ihre Sanftmuth und Beſcheidenheit neue Lobſprüche zu; und dazu iſt ſie ſo ſchön!... Ich ſu⸗ che ſie bei Ihnen ſo viel möglich zu verſchwärzen... Herr, antworten Sie mir doch; machen meine 9.3 doch einigen Eindruck auf Sie?...— Den größten... und Sie zeigen mir ſo viel Gerechtigkeitsliebe und Maͤ⸗ ßigung, daß ich auf der Stelle gehe, um Roſamiren zu Herr, ſehen Sie ſie nicht; ſie wird Sie verführen... — Beruhigen Sie ſich gütigſt. Zumio, führe die Prin⸗ zeſſin in ihr Zimmer. ſagen, was ich über ihr Betragen denke...— Ach, Mit dieſen Worten entfernte ich mich ohne eine Ant⸗ wort zu erwarten. Ich flog zu Roſamiren, ich fand ſie wirklich ſo, wie Liebe und Neid ſie mir eben geſchildert hatten; ſie war von hinreißender Schönheit, und hatte 6 — 65— eben ſo viel Geiſt und Veſcheidenheit als körperliche Reize. Als ich ſie ſah, als ich ſie hörte, beneidete ich Zumio; allein da ich, im Beſitz der Büchſe, die der König der Genien mir gegeben hatte, im Stande war meine Geſin⸗ nungen zu verbergen, ſo erklärte ich mich nicht gegen Roſamiren über den lebhaften Eindruck, den ſie auf mein Herz machte; ich war zufrieden in dem ihrigen zu leſen. Ich fragte ſie aus, und ſie entdeckte mir, ſie ſey weder gefallſüchtig noch unbeſtändig, Zumio ſey der erſte Ge⸗ genſtand ihrer Liebe, ſie habe zwar noch keine rechte Lei⸗ denſchaft für ihn, allein ſie fühle wohl, ſie würde bald die Liebe mit ihm theilen, die er für ſie empfände. Ich verließ Roſamiren bezaubert durch ihre Schön⸗ heit, ihren Geiſt, ihren Character; am. Abend war ich übler Laune, und dieß beſonders gegen Zumio; er be⸗ klagte ſich darüber, ich wurde böſe, ich verjagte ihn aus meiner Gegenwart; einen Augenblick darnach rief ich ihn zurück, nicht um mich mit ihm auszuſöhnen, ſondern um ihn zu verhindern, bei Roſamiren zu ſeyn. Ich fühlte, daß ich ungerecht und tyranniſch werde; die Liebe allein hätte dieſe Wirkung nicht hervorbringen können; allein Zumio trieb mich aufs Außerſte durch die Härte ſeiner Ausdruͤcke und Vorwürfe. 3—* . 4 —ÿ—ÿ—ͦ—U—ↄ————ÿyü—— — — 66—- Der weiſe Gelanor verſuchte es umſonſt uns zu be⸗ ſänftigen, und den Frieden zwiſchen uns wieder herzuſtel⸗ len. Ach! ſagte er, wenn Sie nicht in dieſem Pallaſte 3 wären und ſich in derſelben Lage befänden, würde Zu⸗ mio ſeine kränkenden Beſorgniſſe und das Üübermaß ſei⸗ nes Unwillens verbergen; er würde ſich ſanft und gemä⸗ ßigt zeigen; und Sie mein Herr, würden dann gerecht und edelmüthig geſinnt ſeyn. Bedenken Sie nur, mein Herr, daß er gezwungen iſt, Ihnen alles zu offenbaren, was in ſeiner Seele vorgeht; bedenken Sie, daß ihn die Leidenſchaft, daß ihn der Zorn beherrſcht, und daß er morgen nicht ſo denken wird, wie er heute denkt; we⸗ nigſtens fragen Sie ihn nur nicht aus. Sehen Sie nicht, rief Zumio, daß Phanor nichts als einen Vorwand ſucht, mich aus dieſem Pallaſte zu verbannen, um mich von Roſamiren zu entfernen?... denn glauben Sie nur nicht, er ſey, wie wir, gezwungen, alles zu ſagen, was er denkt: ſeine Kunſt ſchützt ihn ge⸗ gen dieſen Zwang; er will es nur aus natürlichem Miß⸗ trauen nicht eingeſtehen; aber ich habe ihn ſchon mehr als zwanzigmal auf Lügen erkappt. Während er wider unſern Willen im Grunde unſeres Herzens lieſt, iſt uns das ſeinige verſchloſſen!... Welche Feigheit! welch un⸗ würdige Niederträchtigkeit!. Dieſer Vorwurf, den ich nur zu ſehr verdient hat⸗ te, verſetzte mich in einen ſolchen Anfall von Zorn, daß ich, ohne Gelanor, mich gewiß zu einer gewaltſamen Handlung hätte hinreißen laſſen. Haltet ein, Unſinniger, rief der Philoſoph, haltet ein, entehret Euch nicht ganz, indem Ihr Euch an einem Nebenbuhler vergreift, der ſich nicht vertheidigen kann.... Die gebietende Stimme der Tugend brachte mich zu mir ſelbſt zurück; allein Gelanor hatte mich nicht belehren können, ohne mich zum Zorn zu reizen. Ich verließ ihn ungeſtümm, und verſchloß mich allein in mein Zimmer, um mich oh⸗ ne Zwang meinem Mißmuth und meiner üteln Laune zu überlaſſen.. 3 Indeß ward ich trübſinnig, 9ung, aufahrend, floh die Geſellſchaft, irrte traurig in meinem Pallaſt oſamtren. Sie ver⸗ wolte ſah genheit, daß ich es nicht wagte ſie Abends fand ich ſie allein in einer de Gartens; ſie ſaß verſunken in das adentn — —õ— entdeckte in ihren Augen einige Bewegungen der Freude. — 63— Ich näherte mich ihr, und da ich bemerkte, ſie habe eben geweint, fragte ich ſie um die Urſache ihrer Be⸗ trübniß. Sie ſeufzte. Zumio verläͤßt mich eben, antwor⸗ 6 tete ſie; ich habe ihn unzufrieden geſehen mit mir, und darüber betrübe ich mich.... Er iſt unzufrieden, wie⸗ derholte ich mit dem größten Vergnügen! und warum das?.. Bei dieſer Frage ſah mich Roſamire mit Un⸗ willen an, und antwortete nichts. Ich mochte in ſie drin⸗ gen, ſie ausfragen wie immer, ſie beſtand hartnäckig auf ihrem Stillſchweigen. Die Hoffnung ſchlich ſich in mein Herz: Zumio iſt unzufrieden, Roſamire wagt es nicht mit mir zu ſprechen; ich dachte, ſie habe meine Ge⸗ fühle errathen, und ſey davon gerührt. Ich vergaß alle f meine feſten Vorſätze, und was ich der Anhänglichkeit Zumios ſchuldig ſey; ich ſtürzte zu den Füßen Roſami⸗ rens, und erklärte ihr meine Liebe in den leidenſchaft⸗ lichſten Ausdrücken. Es war mir unmöglich, eine Ant⸗ wort von ihr zu erhalten. Allein ich ſah keinen Zug des Zorns auf dem ſchönen Geſichte Roſamirens, und ich In dieſem Augenblick verlangte ich von ihr mit neuem Eifer eine Antwort. Roſamire noch immer ſtumm, mach⸗ te eine Bewegung um aufzuſtehen und mich zu fliehen 5. — 69— ich in Furcht ihr zu mißfallen, wollte ihr nicht länger 3 läſtig ſeyn, und verließ ſie. Erfüllt von Hoffnung, oder, beſſer geſagt, nicht mehr in Ungewißheit über mein Glück, begab ich mich in die Einſamkeit, um meine Gedanken mit Roſamiren zu beſchäftigen. Ich wandelte ſchon zwei Stunden lang herum, als plötzlich Zumio erſchien; er war vom hef⸗ tigſten Zorn erfüllt. Nun! Treuloſer, rief er aus, Sie ——=-— haben alſo Roſamiren verführt? Seit einigen Tagen fand ich ſie nachdenkend, wortarm; allein endlich hat ſich mein Schickſal entſchieden; eben erklärte ſie mir, ſie liebe mich nicht mehr, und bete Sie an.... Ach! Zumio, was bringſt Du mir für eine Nach⸗ richt!... Mein theurer Zumio, wie ſehr beklage ich dich!... Ach! ſey doch ſo großmüthig, und opfre mir deine Liebe auf..— Die muß ich wohl aufopfern; allein zugleich verliere ich alle Freundſchaft, die ich für Sie hatte....— Theurer Zumio!....— Sie ſind es nicht werth, daß man Ihnen zugethan iſt; und was mich anbelangt, ich werde nie eine ſo ſchwarze Ver⸗ rätherei vergeſſen.— Zumio, ich habe dich nicht verra⸗ then; haſt Du dich denn mir vertraut? Nein, gewiß nicht. Du haſt Argwohn gegen mich gefaßt, ehe ch noch anfangs mit viel Verwirrung; allein wie groß war das — 70— an Roſamiren dachte; ohne Deine ungerechte Eiferſucht, Deine Beleidigungen und Deine Heftigkeit wäre Phanor nie Dein Nebenbuhler geworden. Du haſt mich beſchimpft, geärgert, bis aufs Außerſte getrieben; mit einem Wort, ſo viele Kränkungen haben das Andenken an unſere Freund⸗ ſchaft einen Augenblick bei mir in Vergeſſenheit gebracht. Ich war ſchwach, aber nicht treulos. Ubrigens, indem ich Dir das Herz Roſamirens entziehe, zerreiße ich kei⸗ ne geheiligten Bande. Roſamire hatte Dir noch nicht ihr Verſprechen gegeben, Du hatteſt von ihr noch nichts als Hoffnungen empfangen. Daher beſiege Deinen Groll, mein theurer Zumio; übertreibe nicht mein Unrecht ge⸗ gen Dich. Roſamire hat ihr Herz geändert; vergiß ſie, und ſtöre nicht mein Glück durch Klagen, die mich be⸗ trüben würden. Mit dieſen Worten ging ich auf Zumio los um ihn zu umarmen; allein er ſtieß mich mit Schau⸗ dern zurück, indem er ſagte: Ich verabſcheue Sie; und auf der Stelle verſchwand er. Mein Erſtaunen war nicht zu beſchreiben. Indeß ich war glücklich: ſo entſchuldigte ich dieſe Heftigkeit: und ohne mich länger damit zu beſchäftigen, flog ich zu den Füßen der reizenden Roſamire. Sie empfing mich — * — 71— übermaß meiner Freude, als Roſamire erröthend ge⸗ ſtand, ſie liebe mich einzig; ſie habe für Zumio kein an⸗ deres Gefühl gehegt, als daß ſie ihn Andern vorgezogen; für mich aber fühle ſie eine wahre Leidenſchaft!.... Wie! rief ich aus, Sie lieben mich alſo um mein ſelbſt willen? Sind Sie ſicher, daß nicht Ehrgeiz!... Welch einem Gedanken geben Sie Raum, unterbrach mich Ro⸗ ſamire? Ach! Herr, verbannen Sie auf ewig einen ſo entehrenden Argwohn. Ich kenne keinen andern Ehrgeiz, als Ihnen zu gefallen; und hätten Sie, ſtatt dieſes glän⸗ zenden Pallaſtes, mir nichts als eine Strohhütte anzu⸗ bieten, ſo würde ich Sie doch allen andern Königen und Genien der Welt vorziehen. Denken Sie ſich das Entzücken, das in mir ein ſolch Geſtändniß im Pallaſte der Wahrheit verurſachen mußte! Wie glücklich pries ich mich, ihn zu beſitzen, dieſen Pallaſt, der mir ein ſo reines Glück gewährte? Denn am Ende, ſagte ich, wenn wir nicht hier wären, könnte ich überzeugt ſeyn, daß in dieſen Worten keine Übertreibung ſey?.... Ich konnte mich nicht trennen von Roſamiren, als um die Vorbereitungen zu der Ver⸗ mäͤhlung anzuordnen, die uns den folgenden Tag verbin⸗ den ſollte. Der Pallaſt war bald voll von dieſer Neuig⸗ S——ʒʒ— — 72— keit. Arpalice kannte nach einem Verlauf von mehr als vierzehn Tagen endlich die Kraft des Zauberpallaſtes, in den ich ſie geführt hatte; ſie entzog ſich den Augen al⸗ ler Anweſenden, ſchloß ſich in ihr Gemach ein, und ver⸗ barg dort ihre Schande und ihre Wuth, indem ſie mit unbeſchreiblicher Ungeduld den Verlauf der drei Monate erwartete, die man gezwungen war, ſich in dieſem Pal⸗ laſte aufzuhalten. Zumio, der mein Feind geworden, hatte ſich mit ihr eingeſchloſſen. Was mich anbelangt, 1 der ich einzig mit Roſamiren beſchäftigt war, ich war weder im Stande ein Unrecht zu bereuen, oder das Un⸗ glück zu fühlen, daß ich mit Recht gehaßt werde. Wie lang kam mir die Nacht vor! Hymens Fackel ſollte erſt mit dem Tageslicht für mich aufflammen!. Ich heirathete die ſchönſte und liebenswürdigſte Perſon auf der Welt; ich war überzeugt von ihrer Tugend, ih⸗ rer Rechtſchaffenheit, ihrer ſtandhaften Geſinnung und Seelenreinheit; ich war gewiß, daß ich leidenſchaftlich geliebt werde; ich fand jene Glückſeligkeit wieder, welche die reizende Agelie mich einen Augenblick koſten laſſen; und Roſamire weniger lebhaft, weniger reizbar als Age⸗ lie, hatte weder ihre Launen noch ihre Sonderban 4 3 — 73— kelt, und ſchien mir ein ſichereres und dauernderes Glück zu verſprechen. Sobald die erſten Strahlen der Morgenröthe her⸗ vorbrachen, konnte ich nicht länger meine Ungeduld be⸗ zwingen; ich machte mich unſichtbar, und flog in das Zim⸗ mer Roſamirens; ich wollte ihr einen Korb mit Blumen und Juwelen bringen, worunter ich ein Billet gelegt hatte, welches ſie bei ihrem Erwachen finden ſollte; ich drang in ihr Zimmer, ohne geſehen oder gehört zu wer⸗ den. Roſamire lag noch und ſchlief; nachdem ich das Körbchen zu ihren Füßen geſtellt hatte, blieb ich einen Augenblick ſtehen, um Roſamiren zu betrachten. Endlich wollte ich mich wegbegeben, als zufälligerweiſe meine Au⸗ gen auf einen Tiſch ſielen, der neben Roſamiren ſtand; doch was ging in mir vor, als ich auf dieſem Tiſche die Büchſe bemerkte, den Talisman, welchen mir der Genie gegeben hatte, um mich vor dem Zauber des Pallaſtes der Wahrheit zu bewahren! Anfangs glaub⸗ te ich, eine täuſchende Ahnlichkeit leite mich irre; ich ſuche in meiner Taſche, und finde da meine Büchſe; ich athme wieder auf, ich beruhige mich wieder, ich unter⸗ ſuche ſie genau; ich glaube ſie als dieſelbe zu erkennen; in⸗ deß nehme ich die andere Büchſe von Noſamirens Tiſch; Pallaſt d. W. 5 Taſche hatte, nur eine Nachahmung davon ſey. Beſtürzt, ſtellte die andere Büchſe auf Roſamirens Tiſch, ich trug viel war gewiß, ſie hatte ihn mir zu keinem andern Zwecl 7— 74— und nun— kann ich nicht mehr an meinem Unglück zweifeln; bei der Vergleichung finde ich, daß Roſami⸗ rens Büchſe die meine, und die andere, die ich in der in Verzweiflung, ohne dieſen Vorfall begreifen zu kön⸗ nen, bemächtigte ich mich des wahren Talismans 1 und meinen Korb zurück, damit ſie auch keine Ahnung von der Verwechslung habe, und begab mich in der Stille hinweg. Ich will Ihnen nicht meinen Schmerz, meinen Zorn ſchildern; ich wußte nicht, wie und wann Roſamire ſich meines Talismans hatte bemächtigen können; allein ſo geraubt, als um eine Verrätherei zu begehen. Alſo die ganze Kunſt der Feerei kann einem gegen die Treuloſig⸗ keit der Weiber keinen Schutz verleihen! Sogar in die⸗ ſem Pallaſte findet ein Weib das Geheimniß zu betrügen! Sobald Roſamire erwacht war, begab ich mich zi ihr. Meine innere Bewegung ſtieg aufs Außerſte. Re ſamire überraſcht von der Veränderung, die ſie in mät nen Zügen wahrnahm, befragte mich über die urſache meiner Unruhe. Ich bin auf traurige Betrachtungen 4 73 verfallen, ſagte ich zu ihr, und ich muß Ihnen geſtehen, ich bin auf Zumio eiferſüchtig. Sie haben Unrecht, er⸗ wiederte Roſamire, und laſſen mir nicht Gerechtigkeit widerfahren. Dieſe Worte entzückten mich, und gaben mir faſt mein ganzes voriges Glück zurück; als Roſami⸗ re wieder das Wort nahm und fortfuhr: Sie können ewig auf meine Treue ſich verlaſſen; meine Tugend iſt ſtandhaft, unerſchütterlich: Sie werden bald das feierli⸗ che Verſprechen meiner Treue erhalten; lieber würde ich den Tod wählen, als Sie verrathen. Ich habe dem Zu⸗ mio nichts verſprochen; ich konnte ihm entſagen ohne die geringſte Schuld auf mich zu laden; ich habe meine Lie⸗ be dem Ehrgeiz aufgeopfert... Was ſagen Sie, gerech⸗ ter Himmel, rief ich aus!— Warum ſind Sie ſo be⸗ wegt, erwiederte Roſamire erſtaunt? Sind ſie nicht über⸗ zeugt, daß ich Sie leidenſchaftlich liebe!...— Soll ich das wirklich glauben?..— Ach! ich fühle keine Viebe für Sie, und ich liebe noch immer Zumio; jedoch wird meine Tugend leicht über dieſe Neigung ſiegen. Ich werde Zumio nicht mehr ſehen, und mich ganz an Sie anſchließen. Erkenntlichkeit und Pflicht vermögen alles über mein Herz; Sie haben viel Stolz; ich bin tugend⸗ haft; ich werde Sie leicht überreden, daß ich Sie anbete. 5* — 76— Bei dieſen Worten war es mir unmöglich, länger an mich zu halten; ich fuhr damit heraus, und entdeckte . Roſamiren, daß ich meinen Talisman wieder zurückge⸗ nommen habe, den ſie mir entwendet hatte. Ach! rief ſie, Zumio iſt an ſeiner ehrgeizigen Geliebten und an ſeinem treuloſen Feinde gerochen. Der Himmel iſt ge⸗ recht!... Ja— Herr Ehrgeiz hatte meine Seele ver⸗ führt. Da ich durch Zumio von Ihrer Liebe unterrichtet war, konnte ich es nicht verhehlen, daß ich mir den Rang und die Macht wünſchte, welche die Ehe Ihrer Gattin verhieß. Zumio, aufgebracht darüber, überhäuf⸗ te mich mit Vorwürfen; er reizte meinen Unwillen. Ich befahl ihm mich allein zu laſſen; den nächſten Augenblick darauf erſchienen Sie, da ich meine Geſinnung nicht laut werden laſſen wollte, beſtand ich hartnäckig auf meinem Stillſchweigen. Kaum hatten Sie mich verlaſſen, als ich auf dem Raſen dieſen unglücklichen Talisman ſchimmern ſah, der Ihnen wahrſcheinlich in dem Augenblick aus der Taſche gefallen iſt, als Sie mir zu Füßen fielen. Durch einen ſonderbaren Zufall beſaß ich eine kleine Büchſe von Bergkryſtall, die vollkommen Ihrem Talisman ähnlich war: ich glaubte Anfangs meine Büchſe von der Erde aufzuheben, allein da ich ſie näher unterluchte, entdeckt⸗ — — — — -— 77— ich die geheimnißvollen Züge, welche auf dem Deckel ein⸗ gegraben ſind; da zweifelte ich nicht mehr daran, daß dieſe Büchſe ein Talisman ſey. Zumio hatte mir geſagt, die Kraft dieſes Pallaſtes wirke nicht auf Sie. Ich kam auf den Gedanken, es ſey vielleicht dieſe Büchſe das Mit⸗ tel, welches Sie vor dieſem gefährlichen Zauber bewah⸗ re. Auf der Stelle eilte ich auf mein Zimmer, und fand die Büchſe, die der Ihrigen ſo ähnlich war. Mit der Spitze eines Diamants grub ich die magiſchen Züge ein, indem ich ſie vollkommen nachahmte. Kaum war ich mit der Arbeit fertig, als Zumio daherkam; ich verſuchte an ihm die Kraft Ihres Talismans. Ich war im Stande Zumio zu ſagen, daß ich ihn nicht mehr liebe, und ich ſehe endlich, daß dieſe Büchſe mir die Fähigkeit verleiht, meine Geſinnungen zu verhehlen. Ich entließ Zumio voll Verzweiflung; ich ſuchte, ich fand Sie; jetzt hatte ich nur eine Beſorgniß, nämlich die, Sie möchten von meinem Naub unterrichket ſeyn, wiewohl ſeitdem erſt zwei Stunden verfloſſen waren. Endlich benahmen Sie mir meine Beſorgniß; während Sie mit mir ſprachen, ließ ich geſchickt die Cryſtallbüchſe in Ihre Taſche ſchlüpfen, und behielt die Ihrige. Ich ſah wohl, daß Sie, wenn wir hier blieben, mit der Zeit dieſen Betruͤg entdecken — 4 — 78— müßten; allein ich ſchmeichelte mir, Sie leicht dazu be⸗ wegen zu können, daß Sie ſchnell dieſen Pallaſt verlie⸗ ßen. Übrigens, die Gelegenheit führte mich in Verſuchung, der Ehrgeiz trieb mich, und ich hatte nicht Zeit, alle Betrachtungen anzuſtellen, welche mich von dieſem Un⸗ ternehmen hätten abwendig machen können. Jetzt wiſſen Sie alles, mein Herr; ich mache mir Vorwürfe, daß ich Sie betrogen habe; beſonders aber mache ich mir daraus ein Vergehen, daß ich Zumio auf⸗ geopfert habe. Allein am Ende habe ich doch keine La⸗ ſterhaftigkeit bewieſen; ich bin nicht verachtungswerth; ohne den Talisman, den ich Ihnen entwendet hatte, kann ich noch immer behaupten, daß mir die Tugend theuer iſt, und daß ich nie die heiligen Pflichten, die — ſie auferlegt, außer Acht gelaſſen hätte, wenn meine Liſt geglückt, und ich mit Ihnen auf ewig verbunden worden wäre. Gezwungen, die ehrgeizige Roſamire hochzuachten, durchdrungen von ſchmerzlichen Gefühlen, von Verzweif⸗ lung zu Boden gedrückt, und mehr als jemals von Lie⸗ be erfüllt, warf ich mich bei dieſen Worten ihr zu Fü⸗ ßen. O Roſamire, rief ich, es iſt mir unmöglich die Lieb⸗ zu bezwingen, die Sie doch nicht mit mir theilen — können? Ich werde nicht geliebt.... Allein geben Sie mir wenigſtens das Recht, Sie immer zu lieben; haben Sie die Güte einzuwilligen, und auch ferner noch in dieſem Pallaſte zu regieren; möge Hymen auf ewig mein Schickſal mit dem Ihrigen verbinden; ich bin be⸗ reit Sie zum Altare zu führen; kommen Sie..— Mein Herr, antwortete Roſamire, ich habe zwar keinen heroiſchen Character, aber auch keine niedrige Seele. Hätte ich Sie aus Ehrgeiz geheirathet, ſo hätte ich die Sache wieder gut gemacht, indem ich Ihr Glück beför⸗ dert hätte. Jetzt habe ich keine Hoffnung mehr dazu, und ſo entſage ich Ihnen. Ich hewunderte dieſes achtungswerthe Zarkgefühl No⸗ ſamirens, und verſuchte umſonſt es zu bekämpfen. No⸗ ſamire beſtand auf ihrer abſchlägigen Antwort: ſie ſah Zumio wieder und unterrichtete ihn von allem; ſie faßte den Vorſatz, noch denſelben Tag den Pallaſt der Wahr⸗ heit zu verkaſſen, und Zumio erklärte mir, er fey ent⸗ ſchloſſen ihr zu folgen. Ich ſchmeichle mir, ſetzte er hin⸗ zu, daß von dem Augenblick an, wo wir aus dieſem ver⸗ maledeiten Pallaſt hinaus ſeyn werden, Roſamire mich wird überreden können, daß es nur eine Kleinigkeit ſey, was ſie gegen mich ſich zu ſchulden kommen laſſen, und 360 daß ich es vergeſſen müſſe. Leben Sie wohl, mein Herr, und zwar, wenn Sie hier bleiben, auf immer; denn ich ſchwöre einen Eid, daß ich nie mehr hieher zurück⸗ kommen will.— Ach! Zumio! wie, du willſt mich ver⸗ laſſen?— Ich haſſe Sie nicht mehr, da Roſamire Sie nicht liebt, allein ich hege noch immer einen lebhaften Groll; könnte ich ihn vor Ihnen verbergen, ſo wäre ich im Stande, da ich im Grunde meiner Seele noch immer Anhänglichkeit für Sie habe, und Sie mein Mitleid rege machen, Ihnen ein Weib aufzuopfern, die am Ende mich doch auch ſelbſt aufgsopfert hat. Allein Sie leſen in mei⸗ nem Herzen: ich kann Ihnen nichts verbergen; es iſt 4 mir unmöglich, mich großmüthiger und weniger rachgie⸗ rig zu zeigen, als ich es wirklich bin; übrigens, wenn ich es in der Folge vielleicht bereute, ſolch ein Opfer gebracht zu haben, ſo würden Sie es im Augenblick wiſſen, und ich das ganze Verdienſt verlieren. Alſo, leben Sie wohl, mein Herr! wenn Sie ſich Freunde erhalten wollen, ſo folgen Sie meinem Rath, und wäh⸗ len Sie ſich einen andern Wohnort. Zumio verließ mich. Ich hatte den bittern Schmeri, ihn mit Roſamiren abreiſen zu ſehen, und verlor auf ü einmal an dieſem unglücklichen Tage Freund und Gelieb⸗ — 81— te. Gelanor blieb mir noch übrig; denn die Wißbegier⸗ de hielt ihn an einem Orte zurück, der einem Philoſo⸗ phen ſo vielen Anlaß zu Betrachtungen gab. Gerührt von meiner tiefen Betrübniß drang er in mich, meinen Pallaſt zu verlaſſen. Nein, Gelanor, ſagte ich zu ihm, nein, ich will hier bleiben, bis ich ein liebenswürdiges, tugendhaftes und gefühlvolles Weib gefunden haben wer⸗ de, das mich für all den Schmerz entſchädigen kann, den mir die Liebe bis jetzt verurſacht hat. Eines Tages, als ich allein in einem Wäldchen von Myrthen und Orangenbäumen luſtwandelte, kam Gela⸗ nor mich aufzuſuchen, und ſprach: Ich küͤndige Ihnen zwei neue Gäſte an, einen Mann und eine Frau von reizender Geſtalt, die eben unbeſonnenerweiſe in dieſen Pallaſt eintraten, und ſich dann ſehr mißmuthig zeigten, als ſie erfuhren, daß ſie drei Monate hier verweilen müß⸗ ten. Sie halten Rath mitſammen, und mich dünkt, ſie werden Erlaubniß verlangen, ſich hier zu verehelichen... Allein es iſt wahrſcheinlich, daß ſie nach einer Unterre⸗ dung von einer Viertelſtunde dieſe Luſt verlieren werden; denn mehr Zeit braucht es nicht, um in dieſem Pallaſte die zärtlichſten Verliebten zu entzweien. Kaum hatte Gelanor geendet, als wir den jungen * — — Mann bemerkten, der auf uns loskam; ich näherte mich derte er, und dieſer Vorſatz wird um ſo unveränderlicher ihm und fragte ihn, ob er noch auf dem Entſchluß be⸗ ſtünde, ſeine Geliebte zu heirathen. Ja, Herr, erwie⸗ ſeyn, da es nicht Liebe iſt, was ihn mir eingibt.— Wie! Sie ſind nicht verliebt?.— Nein, Herr. Einſt liebte ich dieſelbe Perſon leidenſchaftlich; ſie theilte mei⸗ ne Gefühle; ein außerordentlicher Zufall trennte uns; meine Geliebte wurde mir entführt; man entriß ſie mir zu keinem andern Zweck, als um ſie zu verfolgen. Ich wußte es„aber zugleich war es mir ganz unbekannt, an welchen Ort der Welt man ſie führte; indeß legte mir Liebe die Pflicht auf, ſie zu ſuchen, und ich verließ mein Vaterland, indem ich einen Schwur that, nie mehr in — dasſelbe zurückzukehren, als bis ich die gefunden hätte, die ich anbetete. Meine Wanderungen dauerten über drei Jahre. Die Liebe folgte mir oder führte mich vielmehr; ſie leitete mich auf den Weg, den ich im erſten Jahre durchlief; aber endlich war ihr der Weg zu lang; ſie verließ mich; ich ließ ſie gehen, und wiewohl ſie mich verlaſſen hatte, ſetzte ich doch meine Reiſe fort; indeß ging ich etwas langſamer vorwärts, ich blieb öfters ſtehen, endlich hielt ich mich zu lange auf, und wurde untreu. —— — 83— 3 Ehrgefühl und Freundſchaft riefen mir meinen Schwur ins Gedächtniß zurück; ich ſing wieder meine Reiſe an; und fand ſie auf, die ich ſo leidenſchaftlich geliebt hatte, und die nun in meinen Augen nichts anders mehr war, als eine anziehende und theure Freundin. Sie war tief gerührt über das, was ich für ſie gethan hatte; allein da es ihr unmöglich war, mich zu täuſchen, geſtand ſie mir, es ſtehe nicht mehr in ihrer Macht, die Liebe mit mir zu theilen, von welcher ſie glaubte, daß ich ſie noch immer für ſie hege, und es habe während meiner Abwe⸗ ſenheit ein anderer Gegenſtand ihr Herz zu rühren ge⸗ wußt. Gegenwärtig, ſetzte ſte hinzu, habe ich meine Freiheit wieder erlangt; ich fühle, daß ich auf immer vor den Verſuchungen der Liebe in Sicherheit bin; we⸗ nigſtens beweiſe Ihnen meine Aufrichtigkeit, o Nadir, wie erkenntlich ich für Ihre Bemühungen bin; wenn Sie mich nach dieſem Geſtändniſſe noch immer lieben, ſo bin ich bereit Ihnen mein Leben zu weihen. Sie haben eine leidenſchaftliche Geliebte verloren, aber Sie können in mir eine treue Gattin und die zärtlichſte Freundin ſinden. Dieſe Sprache bezauberte mich; ich hörte auch auf, vor ihr irgend ein Geheimniß zu behalten; ich öffnete dieſer eben ſo großmüthigen als liebenswürdigen Freun⸗ 4 — 34— din meine Seele; ich drang in ſie, ihr Schickſal mit dem meinigen zu verbinden, und ſie verſprach mir mei⸗ ne Gattin zu werden, ſobald wir in unſerm Vaterlande angekommen ſeyn würden. Wir machten uns auf der Stelle auf den Weg. Am Ende eines Monats näherten wir uns jenem theuren Orte, wo wir das Licht der Welt erblickt hatten, als ſich dieſer glänzende Pallaſt unſern Blicken darbot; von Neugierde getrieben traten wir ein; allein da wir drei Monate hier zubringen ſollen, ſo be⸗ ſchwöre ich Sie, mein Herr, es zuzugeben, daß wir uns hier durch das Band der Ehe miteinander verbinden.— Ich gebe es zu, antwortete ich, wenn es Ihre Geliebte wünſcht.— Sehen Sie, Herr, da kommt ſie, erwie⸗ derte Nadir; ſie kommt auf uns zu, belieben Sie ſie zu fragen. Bei dieſen Worten wende ich mich um, und bemer⸗ ke wirklich dieſe junge Perſon... Ich zittere vor Freude, mein Herz ſchlägt heftig; ich ſtürze ihr entge⸗ gen.. Himmel! rief ich aus, es iſt Agelie!... Ich täuſchte mich nicht; ſie war es ſelbſt. Die Überraſchung, innere Beklemmung, ein unbeſchreibliches mit Schmerz gemiſchtes Gefühl, ÄArger und Freude, ſo verſchiedene Empfindungen, die mit ſolcher Heftigkeit wirkten, ma⸗ — 65— chen mich unbeweglich. Agelie ſchwieg einen Augenblick; endlich brach ſie in ein lautes Gelächter aus, und ſagte: Ei mein Herr! Sie ſind alſo unverbeſſerlich?... denn jetzt lerne ich eben die Kraft dieſes Pallaſtes kennen.. Wie alſo dieß iſt die ganze Frucht meiner Lehren und Nathſchläge? Ich konnte dieſen Scherz nicht ertragen, und beſonders die luſtige Miene und den leichtſinnigen Ton, womit Agelie ihn vorbrachte; aufs Außerſte ge⸗ bracht, in Verzweiflung antwortete ich nichts, und ging eilends fort, um ihr die Verwirrung zu verbergen, die ich in ihrer Gegenwart wider meinen Willen an den Tag legte. Ich hatte bis dahin Niemanden wahrhaft geliebt, als Agelien; dieſe Leidenſchaft, die ſo wahr, ſo heftig geweſen war, brach in neue Flammen aus;: ich ſah Age⸗ lien noch einmal; ich fand ſie liebenswürdiger und rei⸗ zender als jemals: ſie hatte ſo viel Natürlichkeit, Unge⸗ zwungenheit und Geiſt, daß es unmöglich war, daß ihr der Pallaſt der Wahrheit hätte etwas von ihren Reizen und ihrer Anmuth rauben ſollen. Nadir war nicht mehr in ſie verliebt; Agelie fühlte für Nadir nichts als Freundſchaft; die Hoffnung begann mich zu locken; ich ſprach mit ihr, ich beſchwor Agelien, dem gleichgültigen Nadir,einen leidenſchaſtlichen Liebha⸗ — 95— ber vorzuziehen. Bedenken Sie, rief ich, daß Nadir keine Liebe mehr fühlt, und daß ich Sie anbete. Herr, erwiederte Agelie, die Liebe vergeht; allein die Erinne⸗ rung an die Behandlung, die man erfahren hat, an das Betragen bleibt; und nur hierdurch wird eine dauernde Verbindung geknüpft. Die Liebe Nadirs gegen mich ha⸗ be ich vergeſſen können, aber nie werde ich es vergeſſen, daß er für mich ſich ſelbſt aus ſeinem Vaterlande ver⸗ bannt hat, daß er drei Jahre lang die ganze Welt durch⸗ laufen hat, mich aufzuſuchen, mir zu Hülfe zu kom⸗ men.— Wie! Sie könnten ſo grauſam ſeyn, Na⸗ dirn zu heirathen, und vor meinen Augen?... Sie würden mich in Verzweiflung ſtürzen?...— Dieſe Verzweiflung ſelbſt würde nichts als eine Grille ſeyn. Können Sie im Ernſt verlangen, daß ich Ihnen einen ſo treuen, ſo großmüthigen Freund opfere, Sie, die Sie nicht einmal das kleine Verdienſt hatten(denn auch dieß iſt immer nur ein unwillkührliches), während eines ziemlichen Zeitraumes mich nur wenigſtens zu vermiſſen, mich, Ihre Geliebte, die Sie durch eigne Schuld ver⸗ loren hatten? Die Bewohner dieſes Pallaſtes ſind nicht ſo gar verſchwiegen; ich habe ſie befragt; alfo können Sie ſich wohl vorſtellen, daß ich nach Hörenſagen auch * — 37— Arpalicen und Roſamiren kenne. Sprechen Sie alſo nicht mehr zu mir von einer Leidenſchaft, die auf mich keinen Eindruck macht; öffnen Sie Ihre Augen, mein Herr; Sie ſind von Natur tugendhaft, Sie ſind liebenswür⸗ dig; allein ſo lang Sie dieſes beleidigende Mißtrauen, und dieſe unkluge Neugierde beibehalten werden, welche Sie auszeichnen, werden Sie weder Ruhe noch Glück kennen. Sehen Sie, Herr, was Sie ſchon dieſe ſchreck⸗ liche Wuth gekoſtet hat, in die geheimſten Falten des Herzens Ihrer Geliebten eindringen zu wollen; ohne von mir zu ſprechen, denken Sie nur an dieſe reizende Ro⸗ ſamire: ſie iſt rechtſchaffen, tugendhaft, für Wohlthaten 4 erkenntlich; an jedem andern Orte, als in dieſem Pal⸗ laſt, hätte ſie als Ihre Gattin Sie vollkommen gluͤcklich machen können. Und dieſer liebenswürdige kleine Zumio, der Ihnen ſo zugethan war! Sie haben ihn gezwungen, Sie zu verlaſſen!.. Ach! Herr, hören Sie auf, noth⸗ wendige Täuſchungen zerſtören zu wollen; verlaſſen Sie dieſen anglücklichen Pallaſt, oder entſagen Sie auf ewig der Freundſchaft, der Liebe, dem Umgang mit Andern, endlich allen Empfindungen und Freuden, welche das Glück und den Zauber des Lebens ausmachen. 3 Dieſe Worte machten auf mein Herz einen um ſo — 388— tieferen Eindruck, da Agelie mit unerſchütterlicher Fe⸗ ſtigkeit auf dem Entſchluſſe beſtand, ſich mit Nadir zu vermählen. Da ich ein ſo grauſames Schauſpiel nicht ertragen konnte, faßte ich endlich meinen Entſchluß; und da ich wenigſtens die Achtung Ageliens mit mir nehmen wollte, überhäufte ich Nadir mit Wohlthaten, und ver⸗ ſprach Agelien, daß mich Mißtrauen, Unruhe und Ei⸗ ferſucht nicht mehr in den Pallaſt der Wahrheit zurück⸗ bringen ſollten. Es würde noch weiſer von Ihnen ſeyn, verſetzte Agelie, wenn Sie den Vorſatz faßten, nie mehr in denſelben zurückzukehren. Zu dieſem Verſprechen kann ich mich nicht verſtehen, antwortete ich; aber um Ihnen zu beweiſen, daß es meine Abſicht iſt nur ſelten hieher zu kommen, und mich nur wenig hier aufzuhalten, ſo gebe ich Ihnen, theure Agelie, dieſen Talisman, den mir die ehrgeizige Roſamire geraubt hatte; dieſe Büch⸗ ſe iſt, wie Sie wiſſen, ein Mittel gegen den Zauber des Pallaſtes: Sie müſſen faſt noch drei Monate hier verweilen; während dieſer Zeit kann ſie von einigem Nu⸗ tzen für Sie ſeyn; ſie iſt Ihr Eigenthum, behalten Sie dieſelbe; ich mache nie mehr einen Anſpruch darauf. Ich werde Sie annehmen, erwiederte Agelie, unter der Be⸗ dingung, daß Sie mir erlauben, ſie Nadir zu ſchenken. — 89— Es koſtet immer viel Überwindung, andere zu täuſchen; es iſt oft ſo ſüß ſich ſelbſt täuſchen zu laſſen!... Wenn ich mit Nadir zufrieden bin, fürchte ich mich nie in mei⸗ nem Herzen leſen zu laſſen... Erlauben Sie, daß ich ihm dieſen Talisman anvertraue...— Sie haben darüber zu gebieten; zu Ihrem Glück wollte ich Ihnen denſelben übergeben. Jetzt, da er in Ihren Handen iſt, leihen Sie zum letztenmal dem Ausdruck der Gefühle, die Sie mir einflößen, Ihr Ohr. Agelie, ach! ich habe noch nichts ſo geliebt, wie Sie.. Ich werde Sie nie vergeſſen.... Leben Sie wohl... Bedauern Sie den unglücklichen Phanor... Ihr Mitleid und Ihre Achtung iſt der einzige Troſt, der ſeinen Schmerz lin⸗ dern kann. Bei dieſen Worten ſah ich die liebenswürdige und gefühlvolle Agelie Thränen vergießen; ſie war zu gerührt, um mir zu antworten, und reichte mir nur die eine SHand, die ich in meinen Thränen badete.... Endlich riß ich mich von ihrer Seite los, verließ ſie auf immer, zund ging aus dem Pallaſte der Wahrheit, den ich ſeit jenem Augenblick nie wieder betreten habe. * — 90— Dieß iſt meine Geſchichte, ſetzte der Genie hinzu, dieß iſt das wichtige Geheimniß, welches ich den Muth, hatte, Ihnen ſeit mehr als ſechzehn Jahren zu verber⸗ gen. Theure Altemire, ich habe nie an Ihrer Tugend, nie an Ihrer Zärtlichkeit gezweifelt; der Pallaſt der Wahr⸗ heit kann meine Achtung für Sie nicht vermehren, und könnte doch einige Augenblicke lang die wahre Zuneigung, welche uns mit einander verbindet, ſchwächen, oder we⸗ nigſtens nachtheiligen Einfluß auf Sie haben; wenn Sie meinem Rathe folgen wollen, ſo werden wir dieſe ge⸗ fahrvolle Reiſe unterlaſſen. Nein, Phanor, erwiederte die Königin; ich will das Glück genießen, es Ihnen im Pallaſte der Wahrheit zu wiederholen, daß ich immer nur Sie geliebt habe. Der Genie war im Grunde nicht böſe, daß die Kö⸗ nigin eine Beharrlichkeit in ihrem Entſchluße zeigte, wei⸗ che ein ſo ſchöner Beweis ihrer Tugend war; indeß ver⸗ langte er doch von ihr, ſie möchte ihren Entſchluß ſechs Monate lang reiflich überlegen; wenn Sie nach Verlauf dieſer Zeit, ſetzte er hinzu, Ihren Vorſatz noch nicht ge⸗ ändert haben, ſo reiſen wir auf der Stelle ab. Als die ſechs Monate verfloſſen waren, wollte die Königin ab⸗ reiſen, und ihre Tochter nebſt Philamir, dem jungen 2 — 91— Prinzen, der Zeolidens Gatte werden ſollte, mit ſich nehmen. Meine Tochter, ſagte die Königin, iſt über⸗ zeugt, daß Philamirs Herz für ſie allein ſchlägt, allein ſie wünſcht, daß er in ihrer Seele möge leſen können, und ehe er ihre Hand empfängt, ihre wahre Geſinnung überzeugend kennen lerne. Der Prinz iſt von dem Zau⸗ ber, der mit dem Pallaſte verbunden iſt, unterrichtet, und brennt vor Verlangen uns zu folgen. Zeolide wünſcht, daß ich auch ihre Freundin, die liebenswürdige Palmis, die uns ſo theuer iſt, mitnehme; und ich habe mir vor⸗ genommen, ſie noch dieſen Abend von der Eigenthüm⸗ lichkeit des Pallaſtes zu benachrichtigen. Ich habe auch vor, entgegnete der Genie, drei oder vier Hofleute mit⸗ zunehmen, die ich nicht übel Willens wäre, etwas näher kennen zu lernen; es ſoll ihnen unbekannt bleiben, wie ſchrecklich der Ort für ſie ſey, an den ich ſie führen will; denn ſagte ich ihnen vorher was davon, ſo glaube ich, würden ſie wahrſcheinlich einen Vorwand aufzufinden wiſ⸗ ſen, um ſich von dieſer Reiſe auszuſchließen. Alſo ſchaͤr⸗ fen Sie Zeoliden, Philamire und Palmis fein ein, rei⸗ nen Mund zu halten. Denſelben Abend noch vertraute die Koͤnigin und die Prinzeſſin ihrer Freundin das Geheimniß. Palmis zeig⸗ — 9²— te Anfangs mehr Beſtürzung als Eile, die Neiſe mitzu⸗ machen; indeß nach einem Augenblick von Überlegung vorzuwerfen, worin ich gegen Sie gefehlt hätte; ich bin Ihnen wahrhaft ergeben, und ſomit bereit, Ihnen zu folgen. Palmis verband mit dieſem Verſprechen die Er⸗ ſagte ſie: Was habe ich auch am Ende mir im Grunde öffnung eines Geheimniſſes;; ſie liebte einen jungen Mann vom Hofe, mit Namen Chriſal, ſie fürchtete ſeine na⸗ kürliche Flatterhaftigkeit; Chriſal war ein junger Herr nach der Mode; dieſer Vorzug flößt eben nicht viel Zu⸗ trauen in Hinſicht der Liebe ein; Palmis wünſchte, daß auch Chriſal von der Geſellſchaft wäre, und der Genie willigte ein. -— Am Ende trat man die Reiſe an; der Genie, die Königin, die junge Prinzeſſin, Philamir und Palmis kannten allein den Pallaſt der Wahrheit, und je näher ſie ihm kamen, um ſo mehr verlor ſich ihre Heiterkeit; Traurigkeit und Unruhe bemächtigte ſich ihrer Herzen. Zeolide war am ruhigſten; allein der junge Prinz ward zerſtreut und nachdenkend, Palmis ward ſichtbar traurig, und die Königin ward beſtürzt, als ſie Pyanors Verwir⸗ rung bemerkte. Die Hofleute, die in das Geheimniß nicht eingeweiht waren, bemühten ſich umſonſt, die ent⸗ —-— 93— flohene Munterkeit des Genie, der Königin und Zeoli⸗ dens wieder neu zu beleben. Palmis Geliebter, der lie⸗ benswürdige und glänzende Chriſal, hatte nie mehr Ver⸗ langen zu gefallen, nie mehr Anmuth entwickelt; und wenn er mit Palmis allein ſich unterhielt, ſchilderte er ihr ſeine Leidenſchaft mit ſo viel Gefühl und Feuer, daß Palmis nicht umhin konnte, ſich über ihre Zweifel und — Beſorgniſſe ſelbſt Vorwürfe zu machen. unter den Hofleuten, welche unter der Begleitung des Genie waren, gab es auch einen Menſchen von ſon⸗ derbarem Character, und wie man ſie nur ſelten an Hö⸗ fen antrifft. Ariſteus(dieß war der Name dieſes Man⸗ nes) hatte dem Staate große Dienſte geleiſtet; als er durch ſein bloßes Verdienſt die höchſten Ebrenſtellen er⸗ ſtiegen hatte, war er bei ſeinem Erſcheinen am Hofe nicht mehr jung; er brachte ein rauhes Betragen, und eine gewiſſe Ungeſchliffenheit mit ſich, was ihm einen An⸗ ſchein von Originalität gab, der um ſo mehr die Auf⸗ merkſamkeit auf ſich zog, jemehr ſolch ein Weſen gegen die Manieren der übrigen Leute abſtach, die man daſelbſt ſah. Es war keine Ausſicht, daß ein bitterer und mür⸗ riſcher Hofmann Günſtling werden würde; aus dieſem Grunde allein machte er Anfangs ziemlich allgemein Glück. Man unterhielt ſich mit dem Sonderling, aber bald nahmt man wahr, daß er eben ſo viel Geiſt als üble Laune ha⸗. be; jetzt ſuchte man ihn zu entfernen; allein er hatte ſchon feſten Fuß gefaßt; der Genie und die Königin ſchätzten ihn; er blied am Hofe; und was noch auffallen⸗ der war er verläugnete dort ſeinen Character nicht; er erlaubte ſich nicks nur niemals eine Schmeichelei, ſon⸗ dern auch nicht einmal ein Lob kam je aus ſeinem Munde; kurz, wiewohl er im Stande war, ſeinen Freunden durch ſeine Bemühungen zu dienen, ſo ſagte er doch nie einem von ihnen etwas Angenehmes oder Verbindliches, nie ließ er Freundſchaftsbetheuerungen aus ſeinem Munde⸗ vernehmen⸗ Mittlerweile naͤherte man ſich dem Pallaſte der Wahr⸗ heit; der Genie hatte eine beſondere Unterredung mit der Königin, und ſagte: Ich muß Ihnen geſtehen, ich betrete dieſen Pallaſt nicht ohne einen gewiſſen Wider⸗ willen, da er für mich ſchon an ſo viel Unangenehmem Urſache war, und ich kann es mir nicht verhehlen, daß ich von Ihrer Seite ſehr auf Nachſicht werde Anſpruch machen müſſen. Welcher Gatte hat ſich während eines. Verlaufs von ſiebzehn Jahren nicht manche Ungerechtig⸗ keit zu Schulden kommen laſſen? Sie würden mich ſeh betrüben, wenn Sie mich umſtändlich über mein vergan⸗ genes Leben befragen wollten.... Nun gut! mein Herr, erwiederte Altemire etwas mißgelaunt, ich ver⸗ ſpreche Ihnen, Sie mit keinen Fragen zu beläſeigen... Dieſelbe Gefälligkeit will ich mir zur Pflicht machen, unterbrach ſie der Genie. Nein, verſetzte die Königin; ich, mein Herr, habe mir nichts vorzuwerfen, und fürch⸗ te Ihre Neugierde nicht. Und ich, entgegnete der Ge⸗ nie, ich bin in Angſt vor der Ihrigen, ich werde mich gezwungen ſehen, mit der pünctlichſten Aufrichtigkeit zu antworten.... Geſtehen Sie nur, ſagte die Königin, daß es Sie gegenwärtig ſehr teuet, dieſer reizenden Age⸗ lie, die Sie ſo ſehr liebten, den koſtbaren Talisman zum Opfer gebracht zu haben, der Ihnen die glückliche Mög⸗ lichkeit verſchaffte, mitten im Pallaſte der Wahrheit Ihre Geſinnungen zu verhehlen? Phanor ſeufzte und antwor⸗ eete nichts; und die Königin verſank in ein düſteres Nach⸗ denken. Endlich erblickte man die ſchimmernden Mauern des Zauberpallaſtes; mehr als Ein Herz kam in Bewegung, allein man fühlte zu ſpät alle Folgen dieſer gefährlichen Reiſe. Man ſteigt ab von den Wägen, man geht vor⸗ wärts, man überſchreitet die ſchicklalsvollen Schwellen. .— 96— Beim Eingang in den Pallaſt war der erſte Gegenſtand, der den Blicken des Genie begegnete, der ehrwürdige 1 Gelanor, jener tugendhafte Philoſoph, den er vor mehr als achtzehn Jahren im Pallaſte der Wahrheit zurückge⸗ laſſen hatte. Phanor verließ auf einmal die Königin, und erfreut darüber, daß er einen Vorwand hatte, ſich von ihr zu entfernen, lief er um Gelanor zu umarmen, und führte ihn mit ſich in den Garten. Ach! Herr, rief der Greis, mit wem kommen Sie in dieſen Pallaſt?.. — Mit meiner Gemahlin...— Mit Ihrer Gemah⸗ lin, o Himmel! was fiel Ihnen ein, mein Herr?... — Ich bin überzeugt von ihrer Tugend..— Ei,) mein Herr, jetzt ſind es neunzehn Jahre, daß ich dieſen Pallaſt bewohne, ich habe ſo viele Ehemänner voll Si⸗ cherheit hieherkommen und eines Beſſern belehrt abreiſen ſehen!...— Ich kann dieſe Furcht nicht hegen, da Al⸗ temire Kenntniß hatte von der Eigenthümlichkeit dieſes Pallaſtes, und ihn doch bewohnen wollte; ich bin nicht im geringſten in Unruhe wegen dem, was ich von ihr. erfahren werde, aber wohl fürchte ich das, was ſie mich zwingen wird zu ſagen. Allein befriedigen Sie doch zur Güte, o weiſer Greis, meine Neugierde; die Zeit hat noch immer Agelie nicht —— aus meinem Andenken verwiſchen können; und an dieſem Orte ruft mir alles wieder ſie ins Gedächtniß zurück!... Sagen Sie mir doch, ob ſie wohl nach meiner Abreiſe Nadirn geheirathet hat... Ja, Herr, und noch den nämlichen Tag überlieferte ſie Nadirn den Talisman, den ſie von Ihnen hatte. Nadir tief ergriffen von einem ſo edelmüthigen und zartſinnigen Betragen machte es ſich zum Geſetz, ſeine Gattin nie auszufragen; auf dieſe Weiſe verlebten ſie die drei Monate ihres Hierſeyns im voll⸗ kommenſten Einverſtändniß; folgen Sie dieſem Beiſpiel, mein Herr,— ich bin bereit dazu, wenn nur auch die Königin einwilligt. Während Phanor ſich mit dem Philoſophen unter⸗ hielt, machte Zeolide ihrerſeits mit ihrer Mutter und den übrigen von der Reiſegeſellſchaft einen Spaziergang. Die junge Prinzeſſin ging voran, und Philamir ihr zur Seite. Nach einem Augenblick des Stillſchweigens, nahm Philamir das Wort und ſagte: Seitdem wir hier ſind empfinde ich eine unbeſiegbare Verwirrung.. Ich wa⸗ ge es nicht mit Ihnen von meinen Gefühlen zu ſprechen, aus Furcht, daß Ihnen meine Ausdrücke nicht zärtlich. genug ſcheinen möchten....— Sie haben alſo die Sache übertrieben, ehe wir in dieſen Pallaſt kamen?.. 3 6 — 98— — IZch fürchte, daß dieß der Fall ſey...— Undank⸗ barer!.. Und ich, ich habe Ihnen bis zu dieſem Au⸗ genblick nur die Hälfte der Zärtlichkeit merken laſſen, die Sie mir einflößen..— Ach! Zeolide!... Welch reizendes Geſtändniß!...— Sagen Sie mir alſo, — daß Sie mich lieben...— Ja, ich habe immer Sie allein geliebt, und bloß Sie können mir das Glück mei⸗ nes Lebens gewähren.— Ach! rief Zeolide, ich bin es zufrieden!... Wir wollen einen Beweis liefern, mein theurer Philamir, daß dieſer Pallaſt wahren Liebenden nicht gefährlich ſeyn kann, und daß er, ſtatt die Liebe zu zerſtören, ſie vielmehr verſtärke, indem er alle Zwei⸗ fel verſcheucht, welche ein zartfühlendes feurigliebendes Herz ſo oft erzeugt. Als Zeolide dieſe Worte ausſprach, näherte ſich ihr die Königin und Palmis; Philamir entfernte ſich, und die Prinzeſſinnen trennten ſich von der Geſellſchaft der Hofleute, die ſich im Garten zerſtreute; Philamir und Chri⸗ ſal nahmen den Weg nach einem kleinen Gehölz, an deſ⸗ ſen Eingang ſie eine junge Perſon auf einer Raſenbank ſitzend fanden; ſie war hübſch; Chriſal wollte ſie auf je⸗ den Fall, näher ſehen und mit ihr ſprechen; der Prinz merkte gleich im erſten Augenblick aus ihren Reden, daß — 99 dieſe junge Perſon eben angekommen ſey, und es eben do wenig wiſſe als Chriſal, wie unmöglich es ihr ſey, ih⸗ re Geſinnung zu verbergen; er fragte nach ihrem Na⸗ men, ſie antwortete, ſie heiße Azema. Sie beſitzen, ſag⸗ te Chriſal zu ihr, die Miene von einem kleinen Zieräff⸗ chen, die nicht übel läßt. Chriſal, welcher glaubte, ihr etwas übertrieben Schmeichelhaftes geſagt zu haben, war außerordentlich erſtaunt über die mißfällige Miene, wo⸗ mit Azema dieſe Höflichkeit aufnahm. Wie, fing er aufs neue an, Sie ſind ein Frauenzimmer, und die Schmei⸗ chelei verführt Sie nicht— Sie nennen das Schmei⸗ — chelei! Sie finden mich alſo häßlich— Häßlich! habe ich Ihnen denn nicht eben geſagt, daß ich nie ſo was Reizendes geſehen habe als Siee— In Wahr⸗ heit, Sie ſind nicht recht bei Sinnen; übrigens liegt mir wenig daran: denn trotz meiner Gefallſucht füh⸗ le ich doch keinen Wunſch, Sie für mich einzunehmen. ...— Nun das nenne ich mir einmal Offenherzigkeit und natürliches Weſen.— Sie glauben, ich ſey natürlich? Ei über Ihren Scharfſinn!..— Wenig⸗ ſtens ſind Sie aufrichtig...— Ich ſage nie ein wah⸗ *res Wort, allein ich weiß mir wirklich eine natürliche * daran gelegen ſeyn, antwortete Philamir lachend... — 100—. Miene zu geben, und den Leuten weiß zu machen⸗ ich ſey die Offenherzigkeit ſelbſt. Bei dieſen Worten ſchlug Chriſal ein lautes Geläch⸗ ter auf; Azema aber wendete ſich zu Philamir und ſprach: Und Sie mein Herr, warum beobachten Sie doch dieß hartnäckige Stillſchweigen?...— Was kann Ihnen — Ihre Geſtalt zieht mich an.— Und ich habe nie eine geſehen, die einen lebhaftern Eindruck auf mich gemacht hätte, als die Ihre.— Wirklich, Sie gefallen mir ſehrz ich wollte wetten, Sie ſind ſehr gefühlvoll, ſehr leicht⸗ gläubig— In der That, ich weiß zu lieben... — Ja, ſo wie ein Kind, ich bin überzeugt davon. Könn⸗ 48 ten Sie denn auch vielleicht eine große Leidenſchaft füh⸗ len?— Eine Leidenſchaft wird das Schickſal meines Le⸗ bens entſcheiden..— Das dacht' ich wohl, und dieß bezaubert mich..— Und warum das, ich bitte?... — Ich habe meine Freude daran, großen Leidenſchaften einen Strich durch die Rechnung zu machen. Und befin⸗ det ſich der Gegenſtand Ihrer Liebe hier?— Ja... — Ich will Ihre Geliebte ſehen, und wenn ſie ſchön genug iſt, um meine Eigenliebe zu reizen, will ich Sie 4 ihr untreu machen. Dieſen Abend werde ich im Orangen⸗ — 101— wäldchen einen Spaziergang unternehmen; ich ſage es Ihnen ausdrücklich, damit Sie mich dort aufſuchen. Bei dieſen Worten ſtand Azema auf; Philamir woll⸗ te ſie zurückhalten; ſie ſagte: Laſſen Sie mich; ich will das Anſehen haben, als ob ich Sie gefährlich fände und Sie fliehen wollte. Da nahm Azema eine ernſthafte und beſcheidene Haltung an, machte eine tiefe Verbeugung und entfernte ſich. Nun ſehe man einmal, rief Chriſal aus, ob dieß nicht das närriſcheſte und ſonderbarſte Per⸗ ſönchen von der Welt iſt!.. Die Weiber ſind alle ge⸗ fallſüchtig und voll Intriguen, aber dieſe da iſt die ein⸗ zige, die ich noch je geſehen habe, die es mit ſo vieler Unbeſonnenheit eingeſteht. Dieß Verlangen zu verführen und zu betrügen, verbunden mit einer ſo unbegreiflichen Unklugheit, macht ſie in der That eben ſo anziehend als originell. Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, mein Herr, ſo würde ich nicht ermangeln, mich heute Abends im Orangenwäldchen einzufinden.— Was fällt Ihnen ein, Chriſal?— Nun! Vielleicht weil Sie in die Prinzeſſin verliebt ſind? Was für ein Kind ſind Sie doch! Sie machen ſich was aus dieſen kleinen Bedenklichkeiten... — Glauben Sie denn, fragte Philamir, daß es mög⸗ lich ſey, einer Coquerte vom Character einer Azema das * — 102— Köpfchen zu verdrehen?— Gewiß, erwiederte Chriſab, wenn Sie Ihre Sache gut machen, ſo gelangen Sie zum Zweck.— Ich, erwiederte der Peinz, habe in der That keinen ſolchen Plan... Aber das muß ich geſtehen, daß dieſes Stell dich ein meine Neugierde reizt.... Palmis, welche auf einmal an der Ecke einer Al⸗ lee erſchien, unterbrach dieſe Unterredung; ſie hatte noch keine Gelegenheit finden können, ſich ohne Zeugen mit Chriſal zu unterhalten. Sobald ſie ihn bemerkte, näher⸗ te ſie ſich ihm, und der Prinz ließ ſie unter vier Augen allein. Palmis war tiefbewegt, ſie fürchtete ſich ihren Geliebten auszufragen; Chriſal hingegen, zerſtreut und mit andern Gedanken beſchäftigt, bemerkte weder ihre 4 Verwirrung, noch ihre Verlegenheit. Endlich ſtieß Pal⸗ mis einen tiefen Seufzer aus, und ſagte: Chriſal, Sie ſchweigen; aber Sie denken doch wenigſtens an mich? Auf dieſe Frage nahm Chriſal die leidenſchaftlichſte Mie⸗ ne von der Welt an, und indem er Palmis Hand zärt⸗ lich küßte, ſprach er: O nein, ganz und gar nicht, und ich beſchäftige mich auch nie mit Ihnen, ich kann es Ih⸗ nen betheuern— Wie! iſt es möglich, rief Pal⸗ mis?— Undankbare, können Sie daran zweifeln, un⸗ terbrach ſie Chriſal lebhaft? Ach! Palmis, wie unge⸗ — 103— recht ſind Sie! Ja, fuhr er fort, indem er ſich ihr zu Füßen warf, ich habe nie an was anderes gedacht, als Sie zu hintergehen. Bloß Ehrgeiz und Eitelkeit feſſeln mich an Sie. Palmis, laſſen Sie Ihrem Geliebten Ge⸗ rechtigkeit widerfahren, er iſt unfähig zu lieben. Beru⸗ higen Sie ſich demnach, und mögen dieſe wahrhaften Betheuerungen in Ihre Seele den Frieden zurückführen. Allein was ſeh' ich! Welch ein lebhafter Zorn mahlt ſich auf Ihrem Geſichte? Was fehlt Ihnen? Welch eine Grille verhindert Sie, heute meinen Worten Glauben beizu⸗ meſſen? Wollen Sie alſo Schwüre? Dieſe koſten mich nichts. Treuloſer, rief Palmis. Sie konnte nicht wei⸗ ter reden: Thränen unterbrachen ihre Worte; niederge⸗ beugt von Schmerz ſank ſie auf eine Naſenbank hin. Chri⸗ ſal, noch immer zu ihren Füßen, ſtellte ſich, als ob er Thränen vergöße, und ſagte: Sie ſehen es ſelbſt, daß ich mich weinend ſtelle. Schöne Palmis, Sie bringen mich aufs Außerſte; und wiewohl Sie von Natur aus eben ſo unvernünftig als abgeſchmackt ſind, ſo ſind Sie mir doch noch nie ſo tödtlich langweilig vorgekommen. Bei dieſen Worten ſtieß ihn Palmis mit Unwillen zurück, und rief: Entfernen Sie ſich von mir, Sie er⸗ regen meinen Abſcheu.... Gewiß, erwiederte Chri⸗ — 104— fal, ſteckt da was dahinter; das iſt nicht natürlich. Eh nu! fuhr er mit einer ſorgloſen Miene fort, verſtändigen wir uns gegen einander; haben Sie Luſt mit mir zu brechen? Wollen Sie mich verlaſſen?... Dazu iſt es gar nicht nöthig, ſo tragiſche Geſichter zu ſchneiden. Blei⸗ ben wir wenigſtens Freunde. Ich wünſche dieß; denn durch Ihre Gunſt und Ihren Einfluß können Sie mir noch einmal zu meinem Glücke behülflich ſeyn. Statt aller Antwort ſtand Palmis mit einer heftigen Bewegung auf, und indem ſie einen ſchrecklichen Blick auf Chriſal ſchleuderte, entfernte ſie ſich eilends. Chriſal blieb in Verlegenheit zurück. Wie er über dieß Abentheuer nachdachte, hörte er einen großen Lärm von Stimmen. Er ging auf die Gegend zu, von wo der Lärm kam, und trat in einen Saal von grünem Gebüſch ein, den er mit Reiſenden angefüllt fand, die eben in ——— den Pallaſt eingetreten waren. Es waren nahe an drei⸗ ßig Perfonen, welche an Raſenbänken ſaßen und um den weiſen Gelanor einen Kreis bildeten. Chriſal fragte bei ſeinem Eintreten, wozu alle dieſe Fremden verſammelt waren. Herr, antwortete Gelanor, ſeit neunzehn Jah⸗ ren bin ich damit beauftragt, in dieſem Pallaſte die Stel⸗ le des Hauherrn zu vertreten; ich unterlaſſe nichts, was — X⸗ — 105— den Aufenthalt in dieſem Pallaſte für Fremde angenehm machen kann, und verlange von ihnen nur Eins: näm⸗ lich, noch den Tag ihrer Ankunft mir in dieſen Saal zu folgen, und auf eine einzige Frage zu antworten, die ich einer jeden Perſon vorlege...— Worin beſteht dieſe Frage?— Ich wünſche zu wiſſen, ob ſie ſich glück⸗ lich fühlen.— Nun! haben Sie ſchon viele gefunden, die mit ihrem Schickſale zufrieden ſind?— Ich ſchreibe ihre Namen in ein Buch, und bin noch immer auf der erſten Seite. Ach! und man darf ſich nicht wundern darü⸗ ber, da Tugend und Vernunft allein die Quellen der Glückſeligkeit ſindd.— Haben Sie Ihren Verhör für heute ſchon angefangen?...— Ja, und ich habe ſchon ſo ziemlich die Hälfte dieſer Verſammlung befragt. Aber, mein Herr, wollen Sie mir nicht auch antworten?— Von Herzen gern. Ich bin mit dem glänzendſten Erfolg in der Welt und am Hofe aufgetreten, ich habe mir ein großes Vermögen erworben, und mehr als zehn Weiber in Gennde gerichtet, die vor meiner Bekanntſchaft, im vortrefflicſſten Rufe ſtanden; bei alle dem bin ich doch nicht glücklich; ich fühle Langeweile, ich wünſche was ich nicht habe, und was ich habe, gewährt mir kein Vergnü⸗ uns einen Talisman gab, in welchen dieſe Worte einge⸗ — 106— gen.— Genug für jetzt, erwiederte Gelanor, gehen wir zu einem andern über. Und Sie, ernſter Fremdling, fuhr der Greis fort, zu einem kleinen Mann gewendet, deſſen Geſicht eben ſo viel Geringſchätzung anderer zeigte, als es verbrannt B ausſah, in welchem Zuſtande befinden Sie ſich?— Man nennt mich einen Philoſophen, erwiederte der Fremde V mit einem gebieteriſchen und abſprechenden Ton.— Nun wohlan! Amtsgenoſſe, entgegnete Gelanor lächelnd, Sie V fühlen ſich doch wohl glücklich?..— Ich? Nicht im geringſten.— Wer hindert Sie daran, es zu ſeyn?— Die Aufgeblaſenheit. Ich war mit einigen Perſonen von meinem Character eine Verbindung eingegangen; wit hatten einen großen und weitausſehenden Plan gefaßt; wir wollten herrſchen, über die Geiſter regieren; wir hatten einen berühmten Zauberer zu unſerm Haupt, der graben waren: Formalität, Beſchränktheit, Aberglaube. Meine Freunde, ſagte der Zauberer, die Kraft dieſer Worte iſt ſo groß, daß um zum Zweck zu gelangen, Sie nichts zu thun brauchen, als ſie ohne Aufhören zu wieder⸗ holen, und ihrem Haupte treu ergeben und unterthänig † zu bleiben. Mit dieſem Talisman und meinem Schutzt — 107— brauchen Sie weder Talente noch Genie; Sie können kühnlich allen Unſinn, der Ihnen in den Kopf kommt, 1 die Welt hineinſchreiben; Sie werden das ausſchlie⸗ bende Recht haben, Ungereimtheiten vorzubringen, ver⸗ kehrte Schlüſſe zu machen, vernünftige Einrichtungen über den Haufen zu werfen, die Lehren der Sittlichkeit iin entſtellen, die Sitten zu untergraben, ohne jedoch an Ihrem Anſehen zu verlieren. Wenn man Sie angreift, antworten Sie auf keinen Einwurf; nehmen Sie ſich wohl in Acht, mit Ihren Gegnern den Kampfplatz der geſunden Vernunft zu betreten. Schimpfwörter, ſinnlo⸗ „ſes Gewäſche laſſe ich Ihnen zu, aber nur keine vernünf⸗ Y tige Unterſuchung; wiederholen Sie nur immer dieſelbe Sache: Formalität, Beſchränktheit, Aberglaube. Wenn man Ihnen beweiſt, dieß heiße ſich ſeiner ſittlichen Wür⸗ de entäußern, ſo ſchreien Sie nur noch ſtärker und hart⸗ näckiger, als je, und wiederholen Sie dieſe drei gehei⸗ ligten Zauberworte: Formalität, Beſchränktheit, Aber⸗ b glaube; und ſie werden über alle Ihre Gegner triumphi⸗ ten, wenigſtens ſo lange ich noch was vermag. So ſprach dieſer berühmte Magus. Seine Verſprechungen waren richt ohne Wirkung; aber ach! der entgegengeſetzte Geiſt hat ſchon zu jehr Wurzel gefaßt, unſer Talisman ver⸗ liert täglich mehr an ſeiner Kraft, und die Welt will — 108— mit Gewalt vernünftig ſeyn; wir ſinken in die Dunkil heit zurück, aus der wir hervortraten, bedeckt mit Schan⸗ de und Verachtung, und unſer eignes Herz beſtätigt das Urtheil der Welt über unſere Unternehmung!.. Bei dieſen Worten ſtieß der vermeintliche Philoſoph einen tiefen Seufzer aus. 3 3 In dieſem Augenblicke trat Zoram, einer von den Hofleuten des Genie in den Saal, da rief Chriſal, in⸗ dem er ſich an Gelanor wandte: Sehen Sie da! wenn Sie einen glücklichen Menſchen kennen lernen wollen, o fragen Sie dieſen hier; er hat eine Luſtigkeit, ein näre riſches Weſen!... unterhält ſich mit allem in der Welt, er ergreift alles mit Leidenſchaft, mit Enthuſiasmus... Habe ich nicht Recht, Zoram?— Ja, antwortete Zo⸗ ram: das iſt's eben was ich der Welt glauben machen will..— Wie! Du liebſt Muſik, Jagd, Gemäͤhlde nicht bis zur Raſerei?— Die Jagd ermüdet mich; die beſte Muſik iſt für mich nichts als ein verwirrter Lärm; ich finde keinen Geſchmack mehr an der Mahlerei.. Aber ich halte mir ein ganzes Jagdgefolge, Muſiker, ein Cabinet von Gemählden; ich richte mein Vermögen zu Grunde, um Andern weiß zu machen, daß ich mich — 8 3 T — 109— unterhalte und glücklich bin.— Ei was! höre auf, Scherz . zu treiben, und antworte doch im Ernſt. Es iſt genug, verſetzte Gelanor: laſſen Sie mich jetzt dieſe Frau befragen, die uns gegenüberſitzt mitten unter dieſer artigen Gruppe junger Mädchen und Knaben. Madame, fuhr der Philoſoph fort, Sie ſind Mutter— Sie ſehen mich umgeben von allen meinen Kindern.— Fühlen Sie ſich glücklich?—— Meine Kinder, ſagte die Fremde, dieſe Frage geht Euch an: antwortet darauf. Bei dieſen Worten warfen ſich die beiden Mädchen ge⸗ rührt in die Arme ihrer Mutter mit dem Ausdruck der innigſten Erkenntlichkeit, und alle Kinder ſchrieen auf einmal: Ja, ja, ſie iſt glücklich! ſie iſt mit uns zufrie⸗ den, und wir lieben ſie von ganzem Herzen. Der Himmel ſey geprieſen, rief Gelanor, daß mei⸗ ne Augen heute einen Menſchen zu ſehen bekamen, der mit ſeinem Geſchicke zufrieden iſt! Sagen Sie mir doch, Madame, zur Güte Ihren Namen?— Ich nenne mich Eudämonie.— Ich wünſchte noch einen umſtändlicheren Bericht über Ihre Lage. Seit wann genießen Sie ſchon dieß reine und rührende Glück, deſſen reizendes Bild ſich eben unſern Augen darbot?— Seitdem ich Mutter bin.— Was für eine Lebensart führen Sie?— Ich le⸗ Pallaſt d. W. 7 auf ſie rechnen.— Sind Sie reich?— Ich bin es nicht — 110— be in Zurückgezogenheit, ich widme meinen Kindern die Hälfte eines jeden Tages, die andere Hälfte gehört weib⸗ lichen Arbeiten und der Freundſchaft.— Haben Sie viele Freunde?— Nein, ich habe wenige; aber ich kann und kann es auch nicht ſeyn.— Warum das?— Ich haſſe äußere Pracht, und Geld würde mir kein anderes Vergnügen verſchaffen, als das, zu geben.— Beſitzen Sie Ehrgeiz?— Ich habe ihn nicht einmal für meine Kinder, denn Erfahrung und Vernunft lehren mich, daß Ehrenſtellen und Reichthümer nichts beitragen zur Glück⸗ ſeligkeit. Wie dieſe gute Mutter dieſe Worte ausſprach, zog Gelanor ſein Taſchenbuch hervor, und ſchrieb in ſein Buch den Namen Eudämonie, Chriſal und Zoram ver⸗ ließen das Gebüſch, und nahmen ihren Weg nach dem Pallaſte. Der ganze kleine Hof des Genius verſammelte ſich im Salon. Ariſteus, dieſer bittere und tadelſüchtige Hof⸗ mann, von dem ſchon geſprochen worden, unterhielt ſich mit der Königin, die erſtaunt war, einen viel weniger rauhen Ton, ein viel gefälligeres Betragen in ihm zu) finden, und aus ſeinem Munde verbindliche Dinge zu — 111— hören. Als Zoram und Chriſal in den Salon eintraten, wollte die Prinzeſſin gerade etwas auf ihrer Harfe ſpie⸗ len; ſie ſtimmte ſie und Philamir ſtand ihr zur Seite; die betrübte, unglückliche Palmis, ganz ermattet an ei⸗ ne Säule gelehnt, dachte an den treuloſen Chriſal, und beobachtete ein düſteres Stillſchweigen. Chriſal näherte ſich dem Genie, der nachdenkend umherging; da er der Königin etwas Schmeichelhaftes ſagen wollte, ſo blieb er auf einmal, wie er dem Genie nachfolgte, als er Al⸗ temiren nahe genug war, um von ihr verſtanden zu wer⸗ den, ſtehen, und ſagte mit einem gefälligen Blick auf ſie indem er ſich zum Genie wandte: Wie man aber der Königin es heute ſo recht anſteht, daß ſie ſchon ihr. Al⸗ ker hat!... Es wäre unmöglich, ſie nicht wenigſtens auf acht und dreißig zu ſchätzen. Altemire, wiewohl noch ſchön genug, legte doch keinen Werth auf ihre Geſtalt, ſie lächelte und ſagte: Sie ſchmeicheln mir.— Ja, Ma⸗ dame, verſetzte Chriſal lebhaft, das iſt auch ganz meine Abſicht.— Wie finden Sie meinen Anzug?..— Nach dem ſchlechteſten Geſchmack, und viel, viel zu jugendlich für Ihre Majeſtät? Nachdem Chriſal dieſe Antwort in einem ſanften verbindlichen Ton ausgeſprochen hatte, entfernte er ſich höchſt zufrieden mit ſich und dem, was — 112— er geantwortet zu haben glaubte, und ſchloß ſich wieder an Phanor an. Andrerſeits näherte ſich Zoram der ſchönen Palmis, und da er ſie auf eine angenehme Weiſe aus ihrem Nachdenken wecken wollte, ſagte er: Ach! mein Gott, Madame was haben Sie doch für matte Augen, und was für eine rothe Naſe? Sie ſind dieſen Abend aber auch nicht im geringſten hübſch. Geben Sie ſich keine ſo vornehme Miene; nehmen Sie das, was ich Ihnen eben ſagte, nicht für eine Abgeſchmacktheit; denn ich ver⸗ ſichere Sie, es iſt die nackte Wahrheit. In dieſem Augenblick ſetzte ſich die Prinzeſſin, und fing an zu präludieren: Zoram, um ſich in ſeinem An⸗ ſehen als. Kenner und leidenſchaftlicher Freund der Mu⸗ ſik zu erhalten, näherte ſich eilend Zevliden mit allen Zeichen des lebhafteſten Vergnügens; die Prinzeſſin ſang indem ſie ſich ſelbſt begleitete, Zoram hörte ihr zu, in⸗. dem er den Tact falſch dazu ſchlug; von Zeit zu Zeit —ꝛᷓ—— rief er ihr Beifall zu, als ob er außer ſich wäre; mit⸗ ten in einer Arie ſchrie er auf einmal auf, indem er ſein Beifallklatſchen verdoppelte: Ach! iſt das langwei⸗ lig! iſt das langweilig! Zeolide, etwas aus ihrer Faſ⸗ ſung gebracht, hielt inne. Da rief er: Es freut mich — —— ꝛ——— —— —e—— — 113— unendlich, daß Madame ſich von meinem aſſectirten Ent⸗ zücken hintergehen laſſen: ich wollte bloß den Enthuſia⸗ ſten ſpielen, und darum ließ ich dieß laute Beifallklat⸗ ſchen vernehmen. Dieſe Worte verurſachten bei den übri⸗ gen Hofleuten ein unbeſchreibliches Erſtaunen. Man glaubte, der arme Zoram habe den Kopf verloren, und ſey närriſch geworden; Chriſal, der in beſonders genau⸗ er Verbindung mit ihm ſtand, wollte über ſein Unglück betrübt ſcheinen, und nahm daher eine mitleidige beſtürz⸗ te Miene an: Armer Zoram, rief er, dieſe Begeben⸗ heit macht mir großes Vergnügen; ich werde meinen Vortheil daraus zu ziehen wiſſen; ich werde noch dieſen Abend bei Phanor um ſeine Stelle anhalten. Mit dieſen Worten näherte er ſich Zoram, zog ihn mit Gewalt aus dem Salon hinaus, und verſchwand mit ihm. Da fragte Zeolidi Philamiren lächelnd, ob er auch wie Zoram dächte und die Arie langweilig fände, die ſie eben geſungen? Ich, erwiederte Philamir, ganz und gar nicht; ich habe ſie nicht angehört, ich war zerſtreut. Die Prinzeſſin erröthete vor Ärger; und Ariſteus ſagte, indem er das Wort nahm: Was mich anbelangt, ich habe keinen Ton davon verloren; die Arie iſt ſehr ange⸗ kehm, und die Stimme von Madame iſt bezaubernd! 1 — 114—. — Wie kommt das, Ariſteus, unterbrach ihn der Ge⸗ nie, Sie werden ja faſt galant!— Das iſt aber gewiß nicht meine Abſicht, entgegnete Ariſteus; ich bin nicht ſo biſſig und kalt, als ich es zu ſeyn ſcheine. Allein ich habe zuweilen üble Laune, und das Verlangen, den Sonderling zu ſpielen; ich bringe mein Leben mit Ta⸗ deln, mit Kritiſtren zu, und dieß bloß aus Widerſpre⸗ chungsgeiſt; außerdem habe ich es mir zum Geſetz ge⸗ macht, nie irgend was offenbar zu lieben, und nur ver⸗ ſteckt und bei wichtigen Gelegenheiten zu ſchmeicheln. — Aha, ich verſtehe. Sagen Sie mir doch gefälligſt, haben Sie mir wohl jemals geſchmeichelt?— Sie ſchä⸗ tzen mich gerade, weil Sie glauben, daß ich Ihnen nicht ſchmeichle, und Sie lieben mich, eben weil ich Ihnen ſchmeichle. Sie glauben treuherzig, daß ein Menſch von einem rauhen Ton und ungeſchlachten Sitten kein Schmeich⸗ ler ſeyn könne; Sie hegen Mißtrauen gegen die übrigen Hofleute, und gegen mich ſind Sie voll Sicherheit. Al⸗ lein die Schmeichelei nimmt ſo unzählige Geſtalten an! Es gibt nur ein einziges Mittel, ihren Schlingen zu entgehen; nämlich wahrhaft unempfindlich gegen dieſelbe zu bleiben; Sie lieben ſie, und ich wende ſie bei Ihnen 7 mit Glück an; von Natur aus haſſe ich ſie; würden Sie — 115— dieſelbe verachten, ſo würde ich mich nie ſo weit erniedri⸗ gen, und ſie mir vorzuwerfen haben; ich konnte nur um dieſen Preis Ihr Vertrauen gewinnen: und wenn ich Sie? zuweilen täuſche, ſo ſind Sie es ſelbſt, der mich dazu zwingt; weil Sie mich verdorben haben, täuſche ich Sie. Ich fühle meine Erniederung, ich ſeufze darüber ich werde aufgebracht gegen Sie, und diene Ihnen, oh⸗ ne Sie zu lieben.— Kühner Frevler, rief der Genie mit Augen, die vor Wuth glühten, fort von mir, und wage es nie mehr, Dich vor meinen Augen zu zeigen. Bei dieſen fürchterlichen Worten ſtand die junge Prinzeſſin voll Schrecken auf; und begleitet von Palmis ging ſie eilends hinaus, und begab ſich in den Garten hinab. Ach! rief Zeolide, jetzt fange ich an, es einzuſe⸗ hen, wie gefährlich dieſer Pallaſt ſey; dieſer unglückliche Ariſteus, der dem Staat ſo große Dienſte geleiſtet hat, jeßtzt iſt er verloren!... Und auch ich, habe ich wohl⸗ Urſache mit Philamirn zufrieden zu ſeyn?... Wie hat er mir geantwortet!... Er war es bloß, für den ich ſang, und er würdigte mich nicht einmal des Anhörens!... An was dachte er denn alſo?2... Ach! wenn ich es gewagt hätte, ihn zu fragen!... Palmis, nehmen Sie wohl Antheil an meinem Mißvergnügen?— Ich finde — kalt.— Wie! dieſe Gleichgültigkeit, dieſe grauſame Ver⸗ nicht!..Ach! es iſt ohne Zweifel unmöglich, in dem 3— 116— V Sie ganz und gar nicht zu beklagen, antwortete Palmis V 3 nachläſſigung Philamirs...— Sie haben aber eine lächerliche Empfindlichkeit.— Das iſt ein ſonderbarer Ausdruck!...— Ach! ich bin nicht mehr im Stande, ſie zu wählen!... Verzeihen Sie, Madame.— Mein Kummer rührt Sie nicht; ich ſehe es, Sie lieben mich Rang, in welchem ich mich befinde, um ſein ſelbſt wil⸗ len geliebt zu werden; wie unglücklich bin ich doch!.. Bei dieſen Worten konnte ſich die Prinzeſſin der vn nen nicht enthalten, 4 Sie ſind ungerecht, begann Palmis aufs neue: läͤ⸗ ſtern Sie nicht ſo die menſchliche Natur. Will ein Prinz wiſſen, ob die Huldigungen, die man ihm darbringt, aufrichtig ſind, und ob er wahrhaft geliebt wird? ſo ſteige er hinab in die Tiefen ſeines eigenen Herzens! er fälle ſelbſt uber ſich ein Urtheil. Verſchmäht er die Schmei⸗ chelei; iſt er im Stande, für Jemand Zuneigung zu faſ⸗ ſen, ſo kann er überzeugt ſeyn, daß er zärtliche und treue Freunde beſitzt...— Nun gut! Palmis, ich 2 verabſcheue die Schmeichelei; ich liebe Sie...— Nun gut! Madame, ich habe auch keine Freundin, die mir ſo theuer wäre als Sie! Statt aller Antwort umarmte Zeolide Palmis mit Entzücken. Seyen Sie demnach für die Zukunft ſicher, ſetzte Palmis hinzu, daß Ihr Rang den Gefühlen nicht ſchaden kann, welche einzuflößen Sie geſchaffen ſind. Bei unſern vertrauten Unterredungen ſtellt Ihre Freundſchaft, Ihr Vertrauen die vollkommenſte Gleichheit unter uns feſt; Sie ſind liebenswürdig und gefühlvoll; ich wurde von Ihnen mit Wohlthaten überhäuft: Neigung und Er⸗ kenntlichkeit ſind demnach die theuren und geheiligten Bande, welche mich auf ewig mit Ihnen verbinden. O meine theure Palmis, rief Zeolide aus, wie glücklich machen Sie mich! Sie können jetzt nicht mehr an meiner Ergebenheit zweifeln, begann Palmis aufs neue; indeß fürchte ich noch immer dieſen Pallaſt; bedenken Sie, Ma⸗ dame, daß ohne Nachgeben, ohne die zarten Rückſichten und die Schonung, welche aus dem Herzen entſpringt, keine Freundſchaft beſtehen kann. Zeolide verſicherte Pal⸗ mis, daß in Zukunft nichts mehr ihrer Zärtliühteit für ſie würde Eintrag thun können. Während ſich die beiden Freundinnen auf ſolche Weiſe mit einander unterhielten, vergaß es Philamir * — 118— N . 3 nicht, daß ihm die Kokette Azema im Orangenwäldchen eine Zuſangnenkunft verſprochen hatte; es ſchien ihm ſo anziehend und unterhaltend, im Herzen eines Weibes voon dieſem Character leſen zu können, daß er nicht den Muth hatte, dieſer Verſuchung zu widerſtehen; übrigens bin ich ja ſicher, ſagte er, daß Azema mich nicht wird verführen können; Zeolide wird von dieſem Abentheuer nichts erfahren, und folglich wird ſie mir auch darüber keine Fragen vorlegen; dieſer letzte Gedanke beſtimmte den Prinzen, und auf der Stelle begab er ſich auf den Weg nach dem Wäldchen. Er fand Azema nachläßig auf ein Raſenbett hingegoſſen; ſie hatte eine Stellung ange⸗ 4 nommen, in der ſie einen reizenden Fuß, und die Hälfte eines ſehr ſchönen Beines ſehen laſſen konnte. Sie hatte die Augen niedergeſchlagen, ſie ſchien in ein tiefes Nachdenken ver⸗ ſunken zu ſeyn, und hatte gar nicht die Miene, als ob ſie den Prinzen bemerkte, der ſich ihr leiſe näherte. 5 Als Philamir an ihrer Seite ſtand, ſtieß Azema einen kleinen Schrey aus, und ſtand plötzlich auf. Wie, ſagte der Prinz, ich erſchrecke Sie? Ich ſtelle die Überra⸗ ſchung und Beſcheidenheit vor, ſagte Azema, allein ich. erwartete Sie ſchon ſeit einer Stunde in der Stellung, in der Sie mich gefunden haben; ich ſchmeichle mir, — 119— ſetzte ſie hinzu, indem ſie die Augen mit verwirrter Mie⸗ ne niederſchlug, daß Sie meinen Fuß und meinen Schen⸗ kel bemerkt haben werden. Philamir lächelte, und ver⸗ ſicherte ſie, er habe nie was Reizenderes geſehen. Aze⸗ ma verbarg ihr Geſicht hinter ihrem Fächer. Was ma⸗ chen Sie denn, fragte der Prinz?— Es iſt nur, um Ihnen glauben zu machen, daß ich erröthe.— Ich wünſch⸗ te gerne zu wiſſen, was für eine Art von Gefühl ich Ihnen einflöße 2...— Sie gefallen mir, und ich ha⸗ be das größte Verlangen, Ihnen den Kopf zu verdre⸗ hen.— Wenn ich nicht von einer ſo wahren Leidenſchaft im voraus eingenommen wäre...— Nun dann?— Je dann... würde dieſer Augenblick nicht ohne Gefahr für mich ſeyn...— Gefahr! iſt nicht übel.— Ich glaube, es iſt viel damit verbunden, wenn ich Sie liebe; ich habe ein empfindſames Herz...— Und ich eine lebhafte Einbildungskraft; das wird herrlich zuſammen⸗ paſſen. Ich werde Sie verführen, daran iſt kein Zwei⸗ fel...— Ihre Zuverſicht verſetzt mich in Furcht.. — Was iſt das? Sie antworten mir auf meine Gedan⸗ ken?— Ich habe gerade heute dieſe Gabe.— Ich muß ſchon, ohne Affeckation, unter dem Vorwand, daß es zu warm iſt, meine Handſchuhe ausziehen, um Ihnen — 120 meine Hände ſehen zu laſſen...— Sie ſind unver⸗ gleichlich ſchön, ſagte Philamir, indem er eine von den Händen Azemas faßte. Ich werde mich, begann Azema aufs neue, über dieſe Freiheit ungehalten ſtellen, und mit Ihnen ſchmollen; drauf werde ich wieder eine empfind⸗ ſame Miene annehmen. Und Azema zog wirklich ihre Hand mit einer gewſs ſen Würde zurück, und kehrte Philamirn den Rücken zu. Werden Sie lange mit mir ſchmollen, ſagte der — Prinz? Wenigſtens lang genug, erwiederte Azema, um Ihnen Zeit zu laſſen, meine Haare und meinen Wuchs — zu bemerken. Was für ſchöne Locken! rief Philamir in⸗ 8½ dem er aus den Kunſtgriffen Azemas ſich einen Scherz machte und ſich damit unterhielt. Indeß konnte der Prinz ſich doch nicht enthalten, zu finden, daß ſie ſchöne Haare, einen zierlichen Wuchs, und das artigſte Geſicht⸗ chen von der Welt habe. Nach einigen Stillſchweigen nahm Azema wieder das Wort und ſagte: Wenn Sie geſunden Menſchenverſtand hätten, ſo würden Sie dieſen Augenblick benützen, und mir zu Füßen fallen; ich würde mich rühren laſſen... Philamir konnte ſeiner lebhaften Neugierde zu ſehen, wie ſich Azema benehmen würde, indem ſie ſich gerührt ſtellte, — —= 121— nicht widerſtehen, und warf ſich ihr zu Füßen. Ah! da ſind Sie ja, rief Azema? Neizende Azema, begann Phi⸗ lamir aufs neue, ſagen Sie mir doch, was geht jetzt in „Ihrer Seele vor?. Ich bin bezaubert, verſetzte Aze⸗ ma... Ich habe Zeoliden geſehen, ich verabſcheue ſie!... Wie groß wird ihr Arger ſeyn, wenn ſie erfahren wird, daß ich ihr ihren Geliebten raube; denn das wird ſie bald wiſſen; ich will es ihr ſelbſt hinterbringen! Wie ſüß wird es für mich ſeyn, ſie zur Verzweiflung zu trei⸗ ben!... Sie iſt gar ſo ſchön! und man ſpricht hier von nichts als von ihrer Güte, von ihrer Tugend; al⸗ lein ich will ihr ſchon Ubles nachreden; ich werde ihr, wenn ich kann, dieſen guten Namen rauben.... Als Azema dieſe Worte ausſprach, war ſie erſtaunt über den Unwillen, der ſich auf Philamirs Geſicht mahl⸗ te. Wie! Prinz ſagte ſie, könnten Sie mich im Ver⸗ dacht der Falſchheit haben? Finden Sie in den heroiſchen Gefühlen, die ich mich zwinge zu zeigen, vielleicht eine übertreibung? Ach! rief Philamir, indem er aufſtand, möchte es doch dem Himmel gefallen, alle Ungeheuer, die Ihnen ähnlich ſind, zu zwingen, daß ſie mit gleicher Aufrichtigkeit ihre Geſinnungen an den Tag legten! ſie würden dann nur Verachtung und Abſchen einfloͤßen. — 122— Mit dieſen Worten ging Philamir eilends fort; er dachte bei ſich ſelbſt über dieß Abentheuer nach. Auf wel⸗ che Irrwege, ſagte er bei ſich ſelbſt, kann die bloße Neu⸗ gierde einen jungen Menſchen von meinem Alter brin⸗ gen! Ich wollte ſehen, wie weit es dieſes Weib mit mir treiben würde, und ich befand mich zu ihren Füßen; ich verachtete ſie, ich durchſchaute ihre Kniffe; allein ſie un⸗ terhielt mich, ſie erſchien mir reizend; und hätte ſie mir keine ſo ſchwarze und niederträchtige Seele gezeigt, ſo hätte ich vielleicht für, einen Augenblick Zeoliden vergeſſen können!... Mit dieſen Gedanken kehrte der Prinz betrübt in den Pallaſt zurück, als Gelanor, der aus einem Gebü⸗ ſche hervortrat, ihm entgegen kam: Kommen Sie, Herr, ſagte der Philoſoph, kommen Sie, und verhindern Sie es, wenn es möglich iſt, daß Chriſal und Zoram ſich nicht den Hals abſchneiden..— Was ſagen Sie?— Vor ohngefähr zwei Stunden gingen ſie mit einander in den Garten, indem ſie ſich gegenſeitig der Narrheit anklagten; ſie begegneten einem der Reiſenden, der ſie von der Eigenſchaft des Pallaſtes unterrichtete, da gin⸗ gen ſie, voll Schrecken über das, was ſie dem Genie und der Königin geſagt haben mochten, uum ſich zuſam⸗ ⁴ — 123— men einzuſchließen, und ſich über die Maßregeln zu be⸗ rathſchlagen, die ſie zu nehmen hätten. Dieſe beſondere Unterredung mit einander belehrte ſie, daß der Eine an dem Schickſale des Andern gar keinen Antheil nehme; ſie ſtellten Fragen an einander, und waren gezwungen, ſich gegenſeitig mehrere ältere und neuere Beleidigungen au geſtehen, und endlich faßten ſie den Vorſatz, ſich zu ſchlagen. Sie ſind auf dem Rundplatze nur zwei Schrit⸗ te von hier. Führen Sie mich hin, ſagte Philamir, ich will es verſuchen ſie zu begütigen.... Ach! Herr, un⸗ terbrach ihn der Philoſoph, Sie wiſſen ja wohl, wie ſchwer es iſt, in dieſem Pallaſte ſich mit Jemanden zu verſöhnen. Der Prinz trat in dem Augenblick auf den freien Platz, wo Chriſal und Zoram die Hand an den Degen legten. Der Prinz warf ſich zwiſchen ſie, und die zwei Spflinge erklärten, ſie hätten gar keine Luſt ſich zu ſchlagen, vielmehr wäre es ihnen ſehr anganehm, wenn man ſie mit einander ausſöhnen könnte. Nun gut! ſag⸗ te der Prinz, ſo vergeſſen Sie, was vorgegangen iſt, und umarmen Sie ſich. Auf dieſe Worte näherte ſich Chriſal mit dem beſten Willen dem Zoram, der ihn mit offenen Armen entgegen kam; Zoram, rief der erſtere mit läͤchelnder Miene: ich ſchwöre Ihnen ewigen — 124— Haß.— Und ich auch, antwortete Zoram.— Was ſa⸗ gen Sie, ſchrie Philamir?— Sie hören den Böſewicht, ſagte Zoram, und doch kam ich ihm mit denſelben Em⸗ pfindungen entgegen!.... Um des Himmels Willen, unterbrach ſie Philamir, ſchweigen Sie.... und be⸗ ruhigen Sie ſich.— Herr erwiederte Chriſal, wäre es mir möglich, mich zu verſtellen, ich würde es verſuchen, dieſen Schurken zu täuſchen; allein wir ſind gezwungen zu ſagen, was wir denken, wir können ein⸗ ander unſern gegenſeitigen Groll nicht verbergen; ich ſe⸗ he es, daß es vergeblich iſt, gegen die unüberwindliche Kraft dieſes Pallaſtes anzukämpfen, da auch ich gezwun⸗ gen bin, die Wahrheit zu ſagen, der ich doch die Kunſt der Verſtellung ſo weit getrieben habe! Ich verliere heu⸗ te die ganze Frucht eines Studiums von zehn Jahren!.. — Sie ſind es Chriſal, verſetzte der Prinz, der zuerſt beleidigt hat; verſuchen Sie es, zu Zoram ein einziges Wort der Entſchuldigung zu ſagen, der, ich bin es über⸗ zeugt, Mäßigung genug haben wird, um damit zufrie⸗ den zu ſeyn.— Ich kann nicht, erwiederte Chriſal; wenn ich es verſuchte, Worte an ihn zu richten, ſo würde ich nur die Beſchimpfungen vermebren, die er bereits von mir erhalten hat.— Wohlan, rief Zoram, auf! wit —— 1 — 125—. müſſen uns ſchlagen: die Ehre fordert es. Prinz, ge⸗ ruhen Sie, Zeuge des Kampfes zu ſeyn; ich ſchmeichle mir, daß Sie bei der erſten Verwundung, ſey ſie auch noch ſo gering, ſich bemühen werden, uns auseinander zu brengen. Auf dieſe Worte ergreifen die beiden Feinde ihre Degen, und der Kampf beginnt. Nach einigen Mi⸗ nuten erhielt Chriſal eing kleine Wunde an der Hand. Es iſt genug, rief der Prinz; halten Sie ein, halten Sie ein.— Ich verlange nichts anderes, entgegnete Chriſal; indeß, Prinz, erklären Sie ſich; wenn Sie glauben, daß wir verbunden ſind fortzufahren; ich bin bereit von vorne anzufangen; ich haͤnge ſehr an dem Le⸗ ben, aber die Ehre hat in meinen Augen einen noch bei weitem größeren Werth. Der Meinung bin ich eben auch, ſetzte Zoram hinzu.— Es iſt genug, unterbrach ſie der Prinz; die Ehre hat ihr Recht erhalten; trennen Sie ſich. Bei dieſen Worten traten Chriſal und Zoram agus dem Nundplatze hinaus, und der Prinz kehrte in den Pallaſt zurück. Der Genie und die Königin hatten gerade mit ein⸗ ander einen ſehr lebhaften Auftritt gehabt; Altemire hat⸗ te, trotz ihren Verſprechungen, ſich nicht enthalten kön⸗ gen, an Phanor Fragen zu ſtellen; ſeine Antworten verurſachten bei der Königin eben ſo viel Überraſchung als Unwillen, und die beiden Ehegatten uneinig und faſt ganz zerworfen ſchmollten und redeten kein Wort zu ein⸗ ander. Andrerſeits ſchien Zeolide Philamirn ſo betrübt und kaltſinnig zu ſeyn, daß er befürchtete, ſie möchte von dem Abentheuer im Wäldchen etwas erfahren haben. Beim Abendeſſen herrſchte keine Heiterkeit; der unglück⸗ liche Ariſteus wagte es nicht zu erſcheinen, und Zoram und Chriſal hatten nicht die geringſte Eile, ihren Hof zu machen; Palmis noch immer von Schmerz niederge⸗ drückt, beobachtete ein düſteres Stillſchweigen, der Ge⸗ nie und die Königin waren in tiefes Nachdenken verſun⸗ ken, und Philamir, von Unruhe verzehrt, ſprach nur mit Zittern vor Zeoliden, die ihn kaum einer Antwort würdigte. Den folgenden Morgen entſchloß ſich endlich Phila⸗ mir, der die ganze Nacht mit Nachdenken über ſeine Lage zugebracht hatte, von der Prinzeſſin eine Erklä⸗ rung zu verlangen; er ging ſie aufzuſuchen, und als er ſich mit ihr und Palmis allein befand, warf er ſich ihr zu Füßen, und ſagte: O Zeolide, gewähren Sie mir eine Bitte. Ich ſehe wohl, Sie ſind von der Sache un⸗ terrichtet; alſo will ich Ihnen alles geſtehen....— — — — 1227— Unterrichtet, unterbrach ihn Zeolide und wovon?... — Von meinem Abentheuer mit Azema.— Das iſt mir unbekannt; aber ich wünſche es zu erfahren, und zwar ſo umſtändlich, als möglich.— Bei dieſen Wor⸗ ten bereute Philamir lebhaft ſeine Geſchwätzigkeit; allein er mußte die eiferſüchtige Neugierde der Prinzeſſin be⸗ friedigen, er war gezwungen zu bekennen, daß ihn Aze⸗ ma auf einen Augenblick hätte verführen können, wenn ſie nicht ein ſo abſcheuliches Herz, und eine ſolche Ver⸗ kehrtheit gezeigt hätte. Alſo, erwiederte Zeolide, wenn Sie nicht in dieſem Pallaſte geweſen wären, wenn die⸗ Sie mir untreu machen können!..Ach! Zeolide, ſes Weib im Stande geweſen wäre, Ihnen die Nieder⸗ trächtigkeit ihrer Seele zu verbergen, wenn ſie Ihnen nicht eine ſo verderbte Geſinnung gezeigt hätte, hätte ſie rief Philamir, vergeſſen Sie eine vorübergehende Ver⸗ irrung; ich empfinde die aufrichtigſte Reue. Ich liebe Sie, und kann Niemand andern lieben, als Sie.— Und ich, entgegnete die Prinzeſſin aufgebracht, ich verachte Sie auf ewig: Sie ſind mein nicht mehr würdig, und 1io, ich entſage Ihnen auf immer. Mit dieſen Worte fuite die Prinzeſſin an das andere Ende des Taneeh von Ihrer Leidenſchaft beherrſchen, und ich kann nicht die ge⸗ und eilte ſich in ihr Cabinet einzuſchließen; Palmis folg⸗ te ihr nach. Nun ließ Zeolide ihren Thränen freyen Lauf, und wiederhohlte tauſendmal, Philamir ſey ein undankbarer ——— Menſch, ein Ungeheuer; ſie wollte ihn in ihrem Leben nicht wieder ſehen. Palmis ſchwieg; endlich, als ſie ſich gezwungen ſah, der Prinzeſſin zu antworten; ſo ſagte. ſie: Ach! Madame, was ſoll ich ſagen! Wären wir nicht hier, ſo würde ich Miene machen, als ob ich mit Ihnen gleicher Meinung wäre; ſo würde ich Sie vorbereiten, damit Sie mir Gehör gäben, und dann wollte ich Sie nach und nach beruhigen, und Sie unvermerkt zur Vernunſt 4 zurückführen.— Wie! zur Vernunft, rief die Prinzeſſin, Sie finden mich alſo unvernünftig?— Ja, Madame.— Sie müſſen doch wirklich gar wenig Zartgefühl haben.— Nein, ſondern ich beſitze mehr Erfahrung, als Sie.— Die⸗ ſe Denkart vermindert ſehr meine Achtung für Sie.— Ich ärgere, ich erzürne Sie, das ſah ich vorher. Sie laſſen ſich hörige Schonung anwenden, die Ihr Zuſtand verlangt.— Wie ſehr ermüden Sie meine Geduld!... Alleein ich bitte. Sie, verſuchen Sie es doch mir zu beweiſen, daß Phr lamir zu entſchuldigen ſey....— In dieſem Augen⸗ ſ V blick bin ich das nicht gleich im Stande; erlauben Sie mir, daß ich ſchweige.— Nein, ich will, daß Sie mir alles ſagen, was Sie denken.— Nun gutl! ich finde bei dieſer Gelegenheit, daß es Ihnen an geſundem Men⸗ ſchenverſtand fehlt. Philamir hat nicht mehr als zwan⸗ zig Jahre; eine ſehr verzeihliche Neugierde, nicht aber die Abſicht, Ihnen untreu zu werden, hat ihn zu dieſer Zuſammenkunft verlockt. Dieſe Kokette iſt reizend; er hat ſich einen Augenblick vergeſſen, darin hatte er Un⸗ recht; allein er fühlt es und bereuet es; dieſe Verirrung —— iſt die erſte, die man ihm vorwerfen kann, ſeit er Sie liebt; er kennt jetzt die Koketten, er verachtet ſie von ganzem Herzen; er hat für Sie die reinſte Leidenſchaft; er verdient wohl, das ihm verziehen werde.— Das ſoll aber nie geſchehen.— Hätten Sie alſo die Narrheit, von Ihrem Geliebten eine vollkommene und ängſtliche Treue zu fordern?— Ja dieſe Narrheit habe ich. Kein Gefühl kann dauern, wenn ſeine Erwiederung nicht auf⸗ richtig iſt.— Das iſt wahr, und eben darin liegt die Urſache, warum die Liebe ſo kurze Zeit dauert. Es iſt unmöglich, daß ein Mann das Zartgefühl eines recht⸗ ſchaffenen und gefühlvollen Frauenzimmers haben könne; man zerfaͤllt bald mit dem zärtlichſten Liebhaber, wenn lich Sie zu beklagen.— Wenn man ſeine Neigung auf — 130— es einem an Nachſicht oder Leichtgläubigkeit fehlt.— Sie finden mich alſo mit einem Wort romanhaft?— Und das außerordentlich.— Sie beklagen mich nicht?— Es thut mir leid, Sie leiden zu ſehen; wenn ich aber Ihre Lage mit der meinigen vergleiche, ſo iſt es mir unmög⸗ —— einen Gecken wirft, ſo verdient man kein beſſeres Schick⸗ ſal, als Sie erfahren haben.— Wenn man einem Ge⸗ liebten ſeine Neigung zuwendet, der noch keine zwanzig Jahre hat, ſo muß man ſich auf viel gegründetere Ur⸗ ſachen, ſich zu beſchweren, gefaßt machen, als die ſind, über welche Sie ſeufzſen...— Welch ein— Welch eine Hartherzigkeit!...— Sie haben ja an⸗ gefangen...Ich habe nicht die Abſicht gehabt, Sie zu kränken; ich habe ohne Rückſicht geſagt, was ich dach⸗ I te.— Und Sie haben mich grauſam beleidigt!. Ich werde es lange Zeit nicht vergeſſen können!..— Und ich werde mich ewig an die Gefühlloſigkeit erinnern, die Sie mir bewieſen haben..— Sie ſind eben ſo wenig gerecht, als vernünftig.— Genug, unterbrach ſie Zeolide mit Heftigkeit; verlaſſen Sie mich; ich erwar⸗ tete von Ihnen Troſt, und Sie machen mein Leiden nur ärger! verlaſſen Sie mich. Auf dieſe Worte ſtand — 131— Palmis mißvergnügt auf, und ging auf der Stelle hin⸗ 1 aus, ohne auch nur ein Wort zu antworten. Alſo, rief die Prinzeſſin mit einem Thränenguß, Philamir verräth mich, und Palmis liebt mich nicht mehr! Ich verliere auf einmal alles!.. Aber was ſage ich, bleibt mir nicht noch eine Mutter übrig, ich will fort ſie aufzu⸗ begab ſich auf der Stelle in das Zimmer der Königin. 3 Die Königin war die beſte und zärtlichſte Mutter von der Welt. Zeolide öffnete ihr ihr Herz, und die Königin theilte ihren Kummer ja ſogar ihren Unwillen. 4 Wie ſchuldig erſchien vor allen Philamir in ihren Au⸗ gen! Er hatte einen Augenblick Zeoliden vergeſſen kön⸗ nen!.. So ſind die Männer, ſagte ſie. Ach! wenn Du alle die Geſtändniſſe wüßteſt, die ich Deinem Vater entlockt habe!... Aber Philamir iſt in meinen Augen ſooch tauſendmal weniger zu entſchuldigen! O meine Toch⸗ ter! Die größte Kränkung, die man mir anthun kann, iſt die, Dich zu betrüben: Dein Schmerz iſt der einzige, V den zu ertragen ich Kicht Muth genug habe; er zerreißt 3 mir mein Herz... Ach! meine Mutter, rief Zeolide, f ich finde in Ihnen all die Zärtlichkeit, die Sie mir be⸗ „wieſen, ehe wir noch dieſen Pallaſt betraten. Sie ſind ſuchen. Hiermit trocknete Zeolide ihre Thränen, und . — 132— die einzige, die gegen mich ihre Sprache nicht geändert hat! Ja, meine theure Zeolide! erwiederte die Königin, keine Täuſchung kann ſich mit den Empfindungen der Natur vermiſchen; eine gute Mutter iſt nicht im Stan⸗ de, ihre Zärtlichkeit zu übertreiben, oder ſie lebendiger und leidenſchaftlicher zu ſchildern, als ſie dieſelbe fühlt. Bei dieſen Worten ſtürzte Zeolide, durchdrungen von Empfindungen der Dankbarkeit, zu den Füßen ihrer Mut⸗ ter, die Königin umfaßte ſie mit ihren Armen; ihre Thränen floßen in den mütterlichen Schooß, und ſie fühlte ihren Schmerz gelindert. Die beiden Prinzeſſinnen brachten mehrere Tage mit einander ſo eingeſchloſſen zu; endlich kamen ſie vue ein, den weiſen und tugendhaften Gelanor bei ſich vor⸗ V zulaſſen. Der Philoſoph wußte ſie zur Nachſicht zu ſtim⸗ men. Die Königin ſah Phanorn wieder, und Zeolide ſuchte Palmis ſelbſt auf; die beiden Freundinnen umarm⸗ ten einander aufs zärtlichſte. Indeß konnte eine Verſtän⸗ digung, die im Pallaſte der Wahrheit vorfiel, doch nicht alle Wolken zerſtreuen, welche ſich zwiſchen ihnen erho⸗ ben hatte. Gelanor führte Palmirn zu den Füßen Zeo⸗ 4 lidens; die Prinzeſſin wünſchte Philamirn verſichern zu können, daß ſie das Vergangene vergeſſen habe; allein — 133— ſie war gezwungen, ihm zu bekennen, daß ſie ihn etwas weniger liebe, und daß ſie noch Groll und Mißtrauen gegen ihn hege. Der Prinz betrübte ſich darüber, und konnte ſich nicht enthalten, einzugeſtehen, daß er etwas verdrießlich wäre; und ohne die Zureden und Nathſchlä⸗ 9 Gelanors hätten ſich die beiden Geliebten aufs neue gezankt. Sie zankten ſi ſich zwar nicht, aber nichts konn⸗ te zwiſchen ihnen ein vollkommenes Einverſtändniß wie⸗ der herſtellen. Der Genie, nachdem er Ariſteus umſtändlich be⸗ fragt hatte, ſah, daß wenn er auch nicht in jedem auch dem kleinſten Puncte tugendhaft wäre, er doch ſchätzba⸗ re Eigenſchaften, Rechtſchaffenheit und wahre Vaterlands⸗ liebe beſäße; er entdeckte in Chriſal einen ſchmeichleri⸗ ſchen und ehrgeizigen Hofmann, aber einen treuen Un⸗ . terthan; und er konnte ſich nicht bergen, daß Zoram 4 mehr lächerliche als laſterhafte Eigenſchaften an ſich ha⸗ be. Folgen Sie mir, ſagte Gelanor zum Genie, und behandeln Sie dieſe drei Höflinge mit Nachſicht, ſchen⸗ 3 ken Sie ihnen kein blindes Zutrauen; mögen Sie für die Zukunft die Überzeugung hegen, daß das einzige Mik⸗ ffae s Ihre Gunſt zu erlangen, Tugend und Geradheit n ſey; und Sie werden aus ihnen gleich andere Menſchen 8 . — 134 machen. Wenn die Fürſten ihre erſte Jugend überſatt ten haben, ſo ſind ſie bis zum Ende ihrer Regierung 3 ahren Lehrmeiſter ihrer Hofleute; ſie ſelbſt ſind 6 dann, die ſie verderben oder tugendhaft machen. Phanor folgte dem Rathe des Philofophen; er rif die drei Hofleute zurück, welche ſich in einen Winkel 6 Pallaſtes zurückgezogen hatten; allein die Geſellſchaft wur⸗ de dadurch um nichts angenehmer; vielmehr wagte Ni⸗ mand den Mund zu öffnen, aus Furcht eine Grobheit zu ſagen; wenn man gezwungen war, dieſes hartnäckig Stillſchweigen zu unterbrechen, ſo ſprach man nur mit Zittern, und man ſagte faſt nichts, was nicht beleidigen oder am unrechten Orte angebracht zu ſeyn ſchien. Je⸗ der verfluchte den Pallaſt; und das einzige Vergnügen, welches man darin genießen konnte, war, ſich mit da Reiſenden zu unterhalten, von denen er voll war. Eines Abends ging Philamir, unzufriedener mit Zeoliden und trauriger als gewöhnlich, Gelanor aufji⸗ ſuchen, um ihm ſeinen neuen Kummer zu erzählen. Da Prinz war noch nie in der Wohnung des ehrwürdigen Alten geweſen: er ließ ſich hinführen; angekommen bä dem Zimmer, welches der Philoſoph bewohnt, offma er die Thüre, und tritt hinein; er ſieht ein junges Frau⸗ V 4 — 135 enzimmer von der oolkonmenſien Schönheit, in einen langen Traueranzug gekleidet, welche zur Seite dos Phi⸗ loſophen ſitzend, ein Buch in der Hand hielt, und ganz laut las. Gelanor ſchien beim Anblick des Prinzen in Verlegenheit zu gerathen. Philamir überraſcht ging auf die ſchöne Geſtalt zu, und fragte, ob ſie erſt heute oder geſtern Abends angekommen ſey. Herr, antwortete die Unbekannte, ich bewohne dieſen Pallaſt bereits ſeit ſechs Wochen.— Seit ſechs Wochen! Und Niemand hat mir noch ein Wort von Ihnen geſagt. Ohne Zweifel haben Sie ſich noch nicht gezeigt? Sie können nur, wenn Sie ſich verbergen, unbekannt bleiben.— Meine Lage treibt mich an, die Geſellſchaft zu fliehen, und mein eigener Geſchmack bewegt mich die Einſamkeit zu ſuchen. Ich ſe⸗ he hier ſonſt Niemand als Gelanor; ich höre ihn an, ich unterrichte mich mit ihm, und ich verlange nach kei⸗ nem andern Vergnügen.... Es iſt genug, Mirza, unterbrach ſie der Philoſoph mit einem rauhen Ton: der Prinz will mit mir ſprechen...— Ich habe Ih⸗ nen eben nichts Dringendes zu ſagen, entgegnete Phila⸗ mir.— Mir aber, verſetzte Gelanor, wäre es ſehr lieb, Sie auf der Stelle anzuhören. Mirza verlaſſen Sie uns. Auf dieſe Worte legte die ſchöne Mirza ihr Buch auf 36 einen riſch; und nach einer tiefe Verbeugung entfernte ſie ſich. Wie reizend ſie iſt! rief Philamir, welche Beſchei⸗ denheit! welche Anmuth!... Allein warum iſt ſie in Trauer?.„— Sie iſt Wittwe.— Seit wann?— Seit einem Monate. Ihr Mann kam ſehr krank hier an, und ſtarb nach vierzehn Tagen.— Ich wollte wet⸗ ten, ſie hat ſo viel Geiſt, als ſie ſchön iſt?... Sie antworten nichts?...— Wozu alle dieſe Fragen?— Es iſt bloße Neugierde.— Herr, Sie ſollten gegen die Neugierde auf Ihrer Huth ſeyn, die Ihrem Alter zwar natürlich iſt, aber ſehr weit führen kann...— Die⸗ ſe hier iſt wohl ſehr unſchuldig.. Antworten Sie mir, Gelanor: Hat Mirza Geiſt?— Ja, ſehr viel.— Sie beſitzt alſo alle Vollkommenheiten?...— Aber, mein Herr, ſind Sie zu mir gekommen um mit mir über Mir⸗ za zu ſprechen?— Was ich Ihnen zu ſagen habe, iſt von keiner großen Bedeutung.. Immer das alte Lied, ich bin unzufrieden... Zeolide iſt nicht mehr zu kiteinen, ſie iſt immer voll Mißmuth, voll übler Lau⸗ .Ein Nichts beleidigt ſie, reizt ſie... Ewige Vnrmürfe... Ich habe Langeweile... Mirrza hat ei⸗ ne ſo ſanfte, zärtliche Miene!... Iſt ſie wohl auf⸗ — 137— geweckten Geiſtes?...— Ei, ei Herr, was liegt Ih⸗ nen hieran? gprechens wir von der Prinzeſſin. Seit ich dieſen Pallaſt bewohne, habe ich nie in einer edleren, reineren und gefühlvolleren Seele geleſen, als die ihri⸗ ge iſt. Ich möchte wohl wiſſen, ob ſie auch ihren Mann geliebt hat?— Wie! von wem ſprechen Sie denn?— Von Mirza.— In der That, mein Herr, Sie ſind nicht werth, das Herz der reizendſten Prinzeſſin der Welt au beſitzen. Welch ein Unterſchied zwiſchen Ihren Gefühlen, b und denen, welche Sie Zeoliden einflößen! Unter den Maͤnnern, die in dieſem Pallaſte verſammelt ſind, giebt 4 es liebenswürdige; und Zeolide ſieht Niemanden als Sie! Sie zieht aller Blicke auf ſich. Ich kenne zwei oder drei Prinzen, welche ſterblich in ſie verliebt ſind; bloß Zeo⸗ lide weiß es nicht, oder denkt wenigſtens nie daran... Ich liebe ſie aber auch einzig, verſetzte der Prinz; und da ich weiß, daß ich ihre Eiferſucht reizen würde, wenn ich Mirza widerſähe, ſo verſpreche ich Ihnen, Gelanor, nicht mehr in dieß Zimmer zu kommen. Der Philoſoph lobte dieſen Entſchluß, und Philamir hielt ihn treulich. Nachdem der Prinz den Greis verlaſſen hatte, be⸗ 1 gab er ſich zu Palmis; er hatte ſehr viel Freundſchaft für ſie gefaßt. Palmis hatte nicht ſo viele Empfindlich⸗ Aber...— Antworten Sie: ich verlange es.— Wir und dann gegen wem?— Sie vergeſſen Madame, daß — 138— keit als Zeolide; folglich war es unmöglich, daß ſie im Grunde ihres Herzens der Prinzeſſin immer hätte Beifall geben ſollen; und da ſie gezwungen war, zu ſagen, was ſie dachte, ſo konnte Palmis, wenn ſich Philamir über Zeolide beklagte, wiewohl ungern, doch nicht enthalten, es einzugeſtehen, daß ſie Zeolidens Betragen unvernünf⸗ tig finde. Philamir und Palmis ſprachen mit einander, als plötzlich Zeolide dazu kam; der Prinz und Palmis errö⸗ theten. Wie! ſagte Zeolide; ich komme Ihnen ungele⸗ gen?— Ja, Madame, antwortete Palmis.— Was war denn der Gegenſtand Ihres Geſprächs?..— 4 ſprachen von Ihnen. Der Prinz beklagte ſich über Ihre üble Laune.— Und was ſagten Sie dazu, Palmis!— Daß er Recht hätte und daß Sie unerträglich würden... — Alſo hetzen Sie Philamirn noch auf gegen mich.. Und wäre ich auch wirklich launenhaft, ungereimt in mei⸗ nem Betragen, ſollte das meine Freundin eingeſtehn, wir im Pallaſte der Wahrheit ſind. Wenn ich meine Gedanken verfehlen könnte, ſo würde ich mich mit nichts anderm beſchäftigen, als damit, den Prinzen zu überre⸗ — 139— den, daß er immer Unrecht hat, wenn er mit Ihnen un⸗ zufrieden iſt. Zeolide hatte nichts zu antworten: ſie ward mißmu⸗ thig, und ſchwieg ſtille. Philamir und Palmis unter⸗ ſtanden ſich kein Wort zu ſprechen; endlich ſtieß die Prin⸗ zeſſin einen tiefen Seufzer aus, indem ſie ſagte: In der That, Sie leiſten einem, Eines ſowohl als das Andere, vortreffliche Geſellſchaft!... An was denken Sie, Phi⸗ lamir?— An Mirza.— Mirza!... Wer iſt dieſe Mirza?..— Eine junge und reizende Wittwe, die ich heute zufälligerweiſe bei Gelanor gefunden habe. — Und in die ſind Sie ohne Zweifel verliebt.— Ich liebe nur Sie, Zeolide....— Aber Sie werden die⸗ ſe reizende Mirza wiederſehen?— Nein: ich opfere Ih⸗ nen das Vergnügen, das ich in ihrer Geſellſchaft finde. — Wie! alſo Sie glauben, ich ſey eiferſüchtigg.— Das iſt wahr...— Ach! ich kann Sie nicht verſichern, daß ich zu viel Stolz beſitze, ein ſolches Gefühl zu he⸗ gen. Wider meinen Willen kennen Sie alle meine Schwä⸗. chen. Bei dieſen Worten konnte ſich die Prinzeſſin der Chraͤnen nicht enthalten. Nichts als Vorwürfe und Thrä⸗ nen, rief Philamir.- Kaum hatte or dieſe Worte ausgeſprocen, als er 3 — 140—. fühlte, welche Wirkung ſie auf das Herz Zeolidens ma⸗ chen mußten, und ihr zu Füßen fiel. Zeolide ſtieß ihn voll Zorn zurück, und ſagte: Ihr Kaltſinn iſt empö⸗ rend!.. Nein, Sie lieben mich nicht, oder wenigſtens ſind Sie nicht im Stande zu lieben, wie ich Sie liebe... Wagen Sie das Gegentheil zu behaupten?...— Ach! wenn ich es könnte!... Sie geſtehen es alſo, daß Sie mich nicht lieben?— O Zeolide, drücken Sie mich nicht ganz zu Boden!... Ich habe keine ſo reine, keine ſo zart⸗ fühlende Seele, wie die Ihre; allein ich fühle alle die Zu⸗ neigung für Sie, die ich nur haben kann...— Ich verſte⸗ he... Sie haben für mich nichts als Achtung.— 4 Wenn ich das Wort Liebe nicht ausſprach, ſo geſchah dieß darum, weil Sie mir ſelbſt dieſen Ausdruck unter⸗ ſagt hatten...— Ja, ehe wir noch in dieſem Palla⸗ ſte waren... Bei dieſen Worten erröthete Zeolide, und wendete ſich weg, um ihre Verwirrung zu verber⸗ gen. Philamir lächelte, und indem er die eine von den Händen den Prinzeſſin ergriff, ſchloß er ſie zärtlich in die ſeinigen; Zeolide zog ihre Hand zurück und ſprach: Sa⸗ gen Sie mir, ich bitte Sie, wie iſt es möglich, daß Sie, während Sie jenes ſchöne Frauenzimmer nur erſt einmal geſehen haben, ſo ſehnlich wünſchen, ſie wieder du ſehen?— Ich wünſche es ja nicht ſehnlich.— Allein Sie haben geſagt, daß Sie, indem Sie es ſich verſa⸗ gen, ſie wieder zu ſehen, ein Opfer bringen?— Das iſt wahr; wenn es in meiner Macht geſtanden hätte, einen andern Ausdruck zu brauchen, ſo hätte ich dieſen nicht angewendet.— Kurz, Sie bringen ein Opfer, wenn Sie dieſe Fremde nicht aufſuchen.— Ja; ſie iſt liebenswürdig, geiſtreich; ihre Geſellſchaft wäre mir an⸗ genehm vorgekommen; ich wünſche ſie zurück, und ich inde Ihre Eiferſucht...— Meine Eiferſucht, unter⸗ brach ihn Zeolide mit dem äußerſten Unwillen! welch ein Ausdruck! welch eine Sprache!... Doch ach! es iſt nur zu wahr, ich habe Ihnen eine lächerliche Eiferſucht gezeigt; ich mißbillige ſelbſt dieſe Bewegung meiner See⸗ le; wären wir nicht in dieſem unglücklichen Pallaſte, nie hätten Sie dieſelbe kennen lernen ſollen! Einige Tage nach dieſer Unterredung bemerkte Phi⸗ 4 lamir, als er, wie gewöhnlich, eines Morgens in einer Palmenallee luſtwandelte, in der Ferne die ſchöne Mir⸗ za, welche ſehr bewegt zu ſeyn ſchien. Sie näherte ſich dem Prinzen, und ſagte mit unruhiger und furchtſamer Miene: Ach! Herr, verzeihen Sie... Ich bin in ei⸗ ner Unruhe!.. Ich ſuche ſeit einer Stunde ein Ta⸗ — 142— ſchenbuch, das ich verloren habe; haben nicht Sie s vielleicht gefunden?... Nein, erwiederte der Prinz, es thut mir recht leid, da ich ſehe, wie ſehr Sie ſich darum bekümmern...— Es enthält mein Geheim⸗ niß...— Ihr Geheimniß!..— Ich war ſo un⸗ vorſichtig, in dieß Buch umſtändlich meine Gefühle nie⸗ derzuſchreiben... Allein ich will nichts weiter davon ſagen. Leben Sie wohl, mein Herr. Wenn Sie viel⸗ leicht mein Taſchenbuch finden, haben Sie doch die Gü⸗ te, mir zu verſprechen, mir es zurückzuſtellen, und vor allem, es ja nicht zu öffnen.— Dazu mache ich mich verbindlich; allein wenn ich ſo glücklich bin es zu finden, wo treffe ich Sie an, um es Ihnen wieder zuzuſtellen?— Ich werde mich morgen wieder in dieſer nämlichen Allee ein⸗ finden. Bei dieſen Worten entfernt ſich Mirza, und wen⸗ dete im Fortgehen noch zweimal den Kopf um, den Prinzen anzuſehen, der ihr mit den Augen folgte, und ſeufzte, als er ſie aus den Augen verlor. 1 Indeß machte ſich Philamir daran, das Taſchenbuch zu ſuchen; er durchlief alle Gärten; allein vergeblich: er fand nichts, und um Mittag ſchlug er den Weg nach dem Pallaſte ein; er fand die drei Höflinge, Ariſteus, Chriſal und Zoram, welche ſich mit einander im Ge 2 —— Schriftſteller eben angekommen; er hat es im Sinn, ſie — 143— ſpräch unterhielten. Erſtaunt daruͤber, ſie in ſo gutem Einvernehmen zu ſehen, näherte er ſich ihnen, und wünſch⸗ te ihnen dazu Glück. Ach! Herr, rief Chrifal, es iſt unſere gemeinſchaftliche Gefahr, welche uns vereint.— Wie ſo?— Hätten wir den Staat verrathen, ſo wären wir in keiner größeren Gefahr.... Nichts kann uns retten; wir ſind ohne Hälfe verloren!...— Aber, ich bitte, erkläͤren Sie ſich...— Der Genie will uns dieſen Abend verſammeln, um uns ein Drama von ſei⸗ ner Hand vorzuleſen...— Vielleicht wird das Stück gut ſeyn.— Unglücklicherweiſe iſt es erbärmlich, wir haben es vor ſechs Monaten gehört, und Phanor damals weiß gemacht, es wäre ein Meiſterſtück.— Jetzt begrei⸗ fe ich Ihre Verlegenheit. Waͤhrſcheinlich geſchieht es um Sie zu prüfen, daß der Genie verlangt, Sie ſollen ei⸗ ner neuen Vorleſung beiwohnen.— Bewahre; was das Schlimmſte bei der Sache iſt, er befindet ſich in dieſem Punct in vollkommener Sicherheit; er glaubt, wir hät⸗ ten ihm in jeder andern Hinſicht geſchmeichelt, nur in dieſer nicht.— Warum will er Ihnen denn alſo ein Werk vorleſen, das Sie bereits kennen?— Er hat meh⸗ reres daran verändert; außerdem ſind zwei berühmte 244— in Erſtaunen zu ſetzen, ſie zu beſchämen, indem er Ih⸗ nen dieß Erzeugniß ſeiner Feder vorlieſt.— Nun gut! Da wird er es mit den Schriftſtellern zu thun gaben. und Sie über Ihre Meinung gar nicht befragen.— Ja, aber weinen und lachen wird man müſſen bei dieſem ver⸗ maledeiten Stück; da iſt aber kein Mittel dazu; in die⸗ ſem Pallaſte ſieht man es wohl, ob die Thränen falſch oder aufrichtig ſind.— Glauben Sie denn, daß man einen Autor hierin nicht ſollte täuſchen können? Es iſt wahr, ſagte Ariſteus, iſt es wohl glaublich, daß es ein ſo mächtiges Verwahrungsmittel gebe gegen den Betrug, welches einen Autor verhindern ſollte, ſich von den Bei⸗ fallsbezeigungen täuſchen zu laſſen, welche ihm Höflich⸗ keit oder Schmeichelei zu Theil werden läßt? Meine Freunde, beruhigen wir uns, ſchweigen wir, wenn wir können, und ich hoffe, der Genie wird auf unſern Ge⸗ ſichtern nicht leſen können. Übrigens, ſetzte Philamir hinzu, wird ohnehin ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf die fremden Schriftſteller gerichtet ſeyn, welche eben gekom⸗ men ſind, ſein ganzer Zorn wird ſich gegen ſie wenden; ſie werden ohne Rückhalt ſprechen; denn ich glaube, ſie werden den Zauber des Pallaſtes wohl ſchwerlich noch kennen.— Nein, Herr; und damit ſie vor dem Vorle⸗ — — 145— ſen nicht davon Kunde erhalten, hat man ſie in Zimmer —— gefuhrt, welche von den übrigen Reiſenden weit entfernt liegen.— Sind dieſe Herren mit einander angekommen? — Nein, und man weiß ſogar ſchon, daß ſie einander nicht lieben; drum hat man auch einem jeden eine eige⸗ ne Wohnung angewieſen. Wie Zoram dieſe Worte ausſprach, erſchien der Ge⸗ nie und man aͤnderte den Gegenſtand des Geſpräͤchs. Phanot trat auf ſie zu, und ſagte: Ich wollte wetten, Sie ſprechen von meinem Stück!— Ja, Herr, antwor⸗ tete Zoram mit Zittern.— Das weiß ich wohl, daß Sie nichts Böſes werden davon geſagt haben. Ich werde mich ewig an den Zuſtand erinnern, in dem ich Sie alle drei beim erſten Vorleſen desſelben ſah. Erſt heute werden Sie in Entzücken darüber gerathen! Ich habe köſtliche Veraͤnderungen darin gemacht. Dieſe Schriftſteller wer⸗ den, glaub⸗ ich, wohl ein wenig große Augen machen!.. Da ſie dieſen Pallaſt nicht kennen, ſo werden ſie mit vollkommener Freiheit ſprechen, und ich ſtehe Ihnen gut dafür, ſie werden eben ſo viel Erſtaunen als Eiferſucht ſehen laſſen. Was meinen Sie dazu?— In Wahrheit, Herr, kein Autor hat Urſache über Ihre Talente eiferſüchtig zu werden.— Ja, wegen mei Palfaſt d. W. 9 4— 146— nem Nang, meinen Sie, nicht wahr? Aber ich verſiche⸗ re Sie, das aͤndert in der Sache nichts. Jetzt wird es ein Jahr ſeyn, daß ich das nämliche Stück einem Mann von ſehr viel Geiſt vorlas, der jedoch auch als Schrift⸗ ſteller arbeitet; aber da hätte man ſehen ſollen! es war ihm unmöglich, ſeine Eiferſucht zu verbergen; er lobte mich kalt, auf eine linkiſche Weiſe, mit unendlicher Ver⸗ legenheit: er dauerte mich; es koſtete ihm gar ſo viel! Eine ſonderbare Sache um die Eigenliebe eines Au⸗ tors!... Was mich anbelangt, ich laſſe mir nur Ge⸗ rahtegrei widerfahren, und täuſche mich nicht 1e3a5 man hat mich oft in meinem Leben hintergangen, aber hierin hat man mir nicht geſchmeichelt. Und warum das? eben weil es unmöglich war. Dieſe Reden und dieß Selbſtvertrauen erfüllten die Hofleute mit Entſetzen; endlich ging man in den padlaſt hinein, und nach der Mittagsmahlzeit ließ Phanor dem Learch und Tarſis(ſo hießen die beiden Autoren) zu nn ſen thun, daß er bereit wäre, ſie zu empfangen. Learch kam zuerſt; Phanor that einige Fragen an ihn über Tar⸗ ſis; Learch antwortete: Ich verabſcheue ihn; indeß zwingt mich das Motiv meines Haßes ihn geſchickt zu verber⸗ gen; ich wünſcht Zerecht gegen ihn zu erſcheinen; ich bze —.— —;—-—ꝛ4—— — 147— ihn im Geheimen herab, und lobe ihn vor der ganzen Welt, aber auf eine hinterliſtige Weiſe; meine Abſicht iſt nicht ihm Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, ſondern nur die Welt glauben zu machen, daß ich ſie ihm nicht ganz verſage. Bei dieſen Worten neigte ſich der Genie mit einer ſchlauen Miene gegen Chriſal, und ſagte ihm ins Ohr: Da hören Sie ihn! da haben Sie die Wir⸗ kung des Neides, von der ich vor Kurzem geſprochen ha⸗ be; nun ſehen Sie, ob ich das menſchliche Herz kenne oder nicht! In dem Augenblick trat Tarſis herein; Phanor zog nach einer kurzen vorläufigen Unterredung, ſein Manu⸗ ſeript hervor; die zwei Schriftſteller nahmen ihm gegen⸗ über Platz, die Hofleute und Philamir umgaben den Ge⸗ nie, und Phanor nahm das Wort und ſagte: Ich muß Ihnen im voraus ſagen, daß dieß kleine Werk ein Mei⸗ ſterſtück iſt.— Ja, das iſt gewöhnlich, erwiederte Le⸗ arch, man fängt nie an, ein Werk vorzuleſen, ohne eine A Redensart, die ohngefähr eben ſo viel bedeutet. Übrigens können Sie verſichert ſeyn, mein Herr, daß wir kein Wort von dem ſagen werden, was wir denken, und daß wir bereit ſeyen„Sie mit Lobſprüchen zu uͤberhäufen. Dieſe Antwort ſetzte Tarſis in Verwirrung, da er nicht 9* — 148— begreifen konnte, wie Learch die Kühnheit und Unbeſon⸗ nenheit ſo weit treiben könne. Der Genie ſagte lächelnd: Ja, ich verlaſſe mich ganz auf Ihre Aufrichtigkeit, und ich bin in der That gewiß, daß Sie gezwungen werden ſeyn, dieß Werk zu loben. Sie müſſen alſo wiſſen, mei⸗ ne Herren, daß Sie während dem erſten und zweiten Act in Thränen zerfließen, im dritten und vierten in ein unbändiges Gelächter ausbrechen, und den fünften erha⸗ ben finden werden; übrigens iſt die Schreibart dieſes Stücks gewählt und rein, die Charactere ſind natürlich und gut gehalten, die Verknüpfung mit Kunſt durchge⸗ führt, und die Entwicklung bewundernswürdig.— Nun — das nenne ich einmal offenherzig ſeyn rief Tarſis! gewöhn⸗ lich denkt und ſpricht man auch ſo, aber auf eine ſchwer⸗ verſtändliche gekünſtelte Weiſe. Da lobe ich mir ſchon dieſe Art Stolz, die Sie haben, mein Herr: wenig⸗ ſtens iſt ſie komiſch und kann einem Geſchmack an der Beſcheidenheit beibringen.— Das iſt wahr, verſette Phanor, wenn ich zu Hauſe bin, ſo kann ich mich nicht enthalten, ohne alle Verſtellung zu ſprechen. Ich begrei⸗ fe wohl, wie einen meine Sprache in Erſtaunen egen mag; allein Sie werden ſehen, daß ich, indem ich mi —-— 149— rühme, fern bin von aller übertreibung. Nun öffnete der Genie ſein Manufcript und fing an. Da man während der zwei erſten Acte weinen ſoll⸗ te, ſo zogen die Hofleute gleich bei der erſten Scene ihre Schnupftücher aus den Taſchen, und bedeckten ſich damit das Geſicht ganz. Der Genie unterbrach ſich ſelbſt, und hielt faſt bei jedem Vers inne: Bemerken Sie, ſag⸗ te er, wie das tiefgedacht, wie neu dieſer Gedanke, wie philoſophiſch dieſe Betrachtung iſt. Während dieſer Un⸗ terbrechungen und der Stillſtandspuncte von einem Act zum andern, ſprach und lobte ſich Phanor immer ſo, daß den Zuhörern durchaus nichts zu ſagen übrig blieb. Die zwei Schriftſteller gaben ſich Mühe, eine aufmerk⸗ ſame und nachdenkende Miene anzunehmen, und da ſie das Mittel, welches die Hofleute ausgedacht hatten, ſehr ſinnreich fanden, ſo bedienten ſie ſich desſelben auch und verhüllten das Geſicht. Phanor triumphirte als er drei Schnupftuͤcher in der Luft ſah, indem er beim drit⸗ ten Acte war, dann rief er; Nun wohlan! trocknen Sie Ihre Thränen, jetzt will ich Sie erluſtigen. Jetzt kam es darauf an zu lachen: Phanor ging mit ſeinem Beiſpiele voran. Iſt das ſpaßhaft!. Iſt das komiſch!... rief er alle Augenblicke: es ſind — — 150— zwar etliche etwas kecke Züge und falſcher Witz drinn: aber das iſt der heutige Geſchmack; man bringt ohne ſo was die Leute nicht mehr zum Lachen. Es iſt gar zu ſchwer, Schicklichkeit und Luſtigkeit mit einander zu ver⸗ einigen; was mich anbelangt, ich will nichts als reizen und unterhalten; folglich mache ich mir nicht viel aus der Moral und den guten Sitten, ich opfere ſie ohne Anſtand, ſo oft ein witziger Einfall oder ein verführeri⸗ ſches Gemählde mir dazu Anlaß gibt.— Das iſt natür⸗ lich, erwiederte Learch, das iſt gerade auch unſere Art zu denken; indeß der Form wegen, iſt es doch gut, in ſein Werk(wenn es auch noch ſo ausgelaſſen iſt) eine gewiſſe Anzahl kleiner pomphafter und ſittlichklingender Redensarten einzuſchalten. Nach einem recht freien und unzüchtigen Gemählde iſt man erfreut ein Lob der Tu⸗ gend zu hören; vernünftigerweiſe hätte man ſo was nicht erwarten ſollen; das Ungereimte davon verurſacht eine angenehme überraſchung...— Verſteht ſich, erwie⸗ derte Phanor, und Sie werden ſehen, daß ich die Fein⸗ heit dieſes Kunſtgriffes gefühlt habe; mein Stück endet mit vier Verſen, worin ich den Zuſchauern zu wiſſen thue, daß ich einen moraliſchen Zweck dabei hat⸗ te; und doch kann ich Sie verſichern, ohne mir darauf „ —., N 2̈ʃ̈—⏑—— — 151— gerade was zu Gute zu thun, daß ich keinen andern Zweck hatte, als zu unterhalten und ein Talent zu zei⸗ gen, das ſeinesgleichen nicht ſo leicht finden mag. Doch gehen wir wieder zu meinem vierten Aet.— Herr, frag⸗ te Tarſis, werden wir noch lachen müſſen?— Ach, das verſpreche ich Ihnen, ſagte Phanor, doch ſtille: hören Sie zu. Während den drei Scenen, womit dieſer Aet ſchloß, verſuchte es Learch und Tarſis etlichemal in ein lautes Gelächter auszubrechen; und der Genie, indem er ſich ſtille gegen Zoram hinneigte, ſagte ganz leiſe: Merken Sie, wie ſie nicht anders lachen können, als nur mit den äußerſten Lippen? Der Neid nagt an ihnen. Dieß iſt ſchmeichelhafter für mich als alle Lobſprüche, die ſie mir geben könnten; denn meine Eigenliebe iſt eben ſo aufgeklärt als zartfühlend. Als das Vorleſen vorüber war, ſtand der Genie auf und rieb ſich die Hände. Nun ſagte er lächelnd, werden dieſe Herren ſich erklären, und wir werden hören, was ihre Seele verbirgt.— Herr, ſagte Learch, ich beſinde mich in der tödtlichſten Verle⸗ genheit.— Ich ebenfalls, ſetzte Tarſis, hinzu.— Das dacht' ich wohl, das dacht⸗ ich wohl, rief Phanor bos⸗ haft...— Herr! es iſt ſchwer, Sie zu loben.— Das — 152— heißt, es fehlen Ihnen Ausdrücke; nun ſehen Sie, das 1 i*ſt ſchon ein Lobſpruch, der wohl ſo viel werth iſt, als irgend einer.— Herr, ich habe noch nie ſo was Son⸗ derbares, ſo was Närriſches...— Ja, als mein dritter und vierter Aet iſt? O! das iſt wahr; ich habe alſo nichts übertrieben, als ich ſagte, Sie würden darin eine wahrhaft närriſche Luſtigkeit finden. Chriſal, ſetzte der Genie hinzu, indem er ſich zu ſeinen Hofleuten wen⸗ dete, geſtehen Sie, daß es doch eine Freude iſt, ſich das alles im Pallaſte der Wahrheit ſagen zu laſſen! Und Sie Tarſis, fuhr Phanor fort, Sie ſagen nichts?— Herr, antwortete Tarſis mit beſtürzter Miene, trotz meinem Beſtreben.— Aha, rief der Genie außer ſich vor Freude, nun Zoram, hatte ich es Ihnen nicht vorher geſagt? Sie verſtehen, aus Neid beſtrebt er ſich ſeinen Beifall zu verhehlen... Der Neid verzehrt ihn... Doch ich will nicht länger die Nothwendigkeit mißbrau⸗ chen, in der ſich dieſe armen Leute befinden, uns in ih⸗ rem Herzen leſen zu laſſen; ich kann zufrieden ſeyn, und man muß ſeinesgleichen nicht unnützerweiſe demüthigen. Nach dieſer Bemerkung entließ Phanor die Schrift⸗ ſteller. Nach ihrer Entkernung ſchwätzte der Genie noch einige Zeit mit ſeinen Hofleuten: er that keine einzige — 153— Frage an ſie; er hatte nicht den geringſten Zweifel; er unterhielt ſie von nichts anderm, als ſeinem Ruhm, dem glänzenden Erfolg, welchen ſein Stück eben gehabt hatte; die Hofleute kamen dießmal mit der bloßen Furcht weg; und als ſie ſich allein befanden, ſagte Ariſteus: Hatte ich alſo Unrecht, die Hoffnung zu hegen, daß wir dieſer Gefahr entgehen würden? Alle Täuſchungen ver⸗ ſchwinden hier; nur der Stolz iſt mächtiger als alle Zau⸗ berer; und was iſt die Verblendung der Eigenliebe an ſich, verglichen mit der eines Schriftſtellers, der ſich durch Schmeichelei und Eitelkeit bethören läßt? Den folgenden Tag begab ſich Philamir gleich beim Anbruch des Tages in die Palmenallee; er ſand Mirza noch nicht dort, und ging bis zu ihrer Ankunſt auf und ab. Nach einer Viertelſtunde bemerkte er auf dem Raſen ein Blatt Papier: er ſah eine artige Frauenhandſchrift darauf, er lieſt; und wie groß iſt ſeine Üüberraſchung, da er reizende Verſe lieſt, worin Mirza ſpricht, und für Philamir die heftigſte Leidenſchaft ausdrückt! O un⸗ glückliche, und nur zu liebenswürdige Mirza! rief der Prinz, ohne Zweifel iſt dieß ein Blatt von dem Taſchen⸗ buch, das du mit ſolcher Unruhe geſucht haſt!... Der Wind wird das Papier in dieſe Allee getragen haben.. * 1 2 1 1 2 3 — 154— Ach! 1... da iſt es nun, das Geheimniß, welches mir mnlen verbergen wollte!... Ach! wie gefaͤhrlich iſt es In dem Augenblick bemerkte Philamir Mirza, er flog ihrer Ankunft entgegen.... Ach! Herr, rief Mir⸗ 1 za aus, eben habe ich meine Taſchenblätter wieder gefun⸗ den, aber es fehlt ein Blatt. Gott! was ſeh' ich! fuhr ſie fort! Dieſes Blatt in Ihren Händen?.. Haben Sie es geleſen?... Unglückliche Mirza! mein Unglück hat ſeinen Gipfel erreicht!... Bei dieſen Wor⸗ ten fiel⸗Mirza auf den Raſen nieder, und ſchien in Ohn⸗ macht zu fallen. Der Prinz erſchüttert, außer ſich, ſetz⸗ te das eine Knis auf die Erde und rief mit gebrochener Stimme: O Mirza, in welche ſchreckliche Verwirrung ſtürzen Sie mich!. Wie! iſt es möglich?... Sie 8 lieben mich!..— Grauſamer, antwortete Mirza, da Sie einmal das Blatt geleſen haben, ſo kann das Stillſchweigen, das ich mir auferlegt hatte, für die Zu⸗ kunft nicht mehr meine Schwäche verbergen... Ja ich bete Sie an. Ach! Sie waren es allein, der mich die heftigſte, die gebietheriſcheſte aller Leidenſchaften kennen ehrte; ich werde ſie nicht beſiegen können, das fühle ich wohl; ſie wird mich ins Grab begleiten, in das ſie mich * . — 155— bald ſtürzen wird. Ich kann nicht die Ihrige ſeyn: Ih⸗ re Hand gehört ſchon einer andern, und Sie wiſſen mein Geheimniß; mir bleibt nichts mehr übrig, als zu ſter⸗ ben!— Zu ſterben! o Himmel! rief Philamir; wer, ich, ich wäre die Urſache Ihres Todes!... O eher!.. O Mirza, begreifen Sie das Fürchterliche meiner Lage?. Das heiligſte Verſprechen bindet mich.. Ich weiß es nur zu wohl, unterbrach ihn Mirza; und wäre es auch möglich, es zu brechen, ich würde es nicht zugeben. Zeolide verdient es, Ihr Glück zu machen; die Liebe macht mich nicht ungerecht. Gela⸗ nor hat oft mit mir über die Prinzeſſin geſprochen; der Gegenſtand des Geſprächs zog mich an. Da ich es nicht wagte Ihr Lob hören zu laſſen, ſo hörte ich doch mit Vergnügen das Lob einer Perſon, die Ihnen ſo theuer iſt; ich kann Zeoliden nicht haſſen, da ſie Sie liebt!... — Welche Geſinnung!... Wie! Sie haſſen Ihre Ne⸗ benbuhlerin nicht?...— Ohne ſie könnten Sie nicht glücklich ſeyn; drum gäbe ich, wenn es noͤthig wäre, mein Leben hin, um das ihrige zu erhalten..— Ach! Mirza, welche Bewunderung flößen Sie mir ein!.. — Leben Sie wohl, Herr, Sie haben in meiner Seele geleſen, ich kann mich nicht enkhalten, Ihnen zu ſage“ — 1856—. (und bedenken Sie, daß es im Pallaſte der Wahrheik geſchieht), daß ich Sie bis zu meinem letzten Athemzug lieben, und daß Sie ewig in einem Herzen herrſchen werden, welches eben ſo tugendhaft, als rein, edelge⸗ ſinnt und gefühlvoll iſt. Fern von Ehrgeiz, von Eifer⸗ ſucht hätte ich Ihr Glück machen koͤnnen, wenn.... Doch leben Sie wohl, theurer Prinz....— O, das iſt zu viel, unterbrach ſie Philamir, anbetungswürdige Mirza!... Ach! wie, und Sie haben die Abſicht noch heute dieſen Pallaſt zu verlaſſen? Ich weiß, daß die drei Monate Ihres Aufenthalts verfloſſen ſind, und ich vin gezwungen, noch drei Wochen hier zu bleiben!... Herr, antwortete Mirza, ich würde ohne Aufſchub ab⸗ reiſen, wenn Gelanor nicht krank wäre; er bedarf mei⸗ ner Pflege, und ſo bleibe ich. Allein ich verlange von Ihnen, daß Sie nicht zu Gelanor kommen, und zugleich, daß Sie Niemand das Geheimniß mittheilen, welches Sie mir entriſſen haben. Man kann hier keine Lüge ſa⸗ gen, aber man kann ſchweigen und gar nichts antwor⸗ ten. Leben Sie wohl, mein Herr, zum Letztenmal. Mit dieſen Worten entfernte ſich Mirza mit der größten Eil⸗ fertigkeit. Der Prinz will ſie zurückhalten, allein Mir⸗ za befiehlt ihm mit gebieteriſchem und erhabenem Ton, — rathen, Zeoliden ſo viel als möglich. Zeolide bemerkte —- 157— ihr nicht zu folgen, und Philamir iſt gezwungen, ihr zu gehorchen. 3 Bewunderung und Mittleid, Schöͤnheit und Geiſt, alles an Mirza trug dazu bei, im Herzen Philamirs die Treue zu bekämpfen, die er Zeoliden ſchuldig war; übri⸗ gens fand ſich ſeine Eigenliebe ſehr geſchmeichelt. Einer ſo heroiſch tugendhaften Perſon eine ſo heftige Leiden⸗ ſchaft einzuflößen, ſchien Philamirn ein eben ſo ſüßer als ſchmeichelhafter Triumph. Endlich konnte die Liebe der ſchönen und erhabenen Mirza das Leben koſten; daran zweifelte der Prinz nicht, und Zeolide konnte ſich ja trö⸗ ſten! Dieſer Gedanke ſtieg in Philamirs Geiſte auf; in⸗ deß liebte er noch immer Zeoliden. Er geſtand ſich ſelbſt, daß die Prinzeſſin weit unter ihrer Nebenbuhlerin ſtün⸗ de, und zugleich fand er an Zeoliden einen unbeſchreib⸗ lichen Zauber, welchen Mirza nicht hatte. Zeolide zog an, ſtahl ſich in ſein Herz, ließ einen tiefen Eindruck darin zurück; Mirza blendete ihn, regte ſeine Einbil⸗ dungskraft auf, machte ihm den Kopf warm; allein ſie ſtand zu weit über ihm, ſie erregte zu ſehr ſeine Hoch⸗ achtung, als daß ſie ihn haäͤtte bezaubern koͤnnen. In⸗ deß vermied er aus Furcht, Mirzas Geheimniß zu ver⸗ — 158— bald, daß Philamir ſich bis in den Tod furchtete, mit ihr allein zu ſeyn: Vernunft und Selbſtgefühl riethen ihr, einem Liebhaber nicht länger nachzugehen, der ſie floh. Nach ſo viel Mißmuth, Unruhe, Qual und Kampf mit ſich ſelbſt, ſing Zeolide an, weniger zu leiden; ſie hatte ſchon zu viele ſchöne Träume aufgeben müſſen, als daß in ihrem Herzen die Liebe nicht hätte faſt ganz erlo⸗ ſchen ſeyn ſollen. Endlich waren die drei noch übrigen Wochen ver⸗ floſſen, und Philamir ſah den Tag anbrechen, wo man den Pallaſt der Wahrheit verlaſſen ſollte. Bis die Prin⸗ zeſſin aufſtehen würde, begab ſich Philamir zum Letzten⸗ mal in die Palmenallee; er fühlte das lebhafteſte Ver⸗ langen, Mirza wieder zu ſehen; er hatte ihr ſogar ge⸗ ſchrieben, um ſie zu beſchwören, ſie möchte ſich in dieſer Allee wieder einſinden; er wagte es nicht zu hoffen, daß die ſtrenge Mirza ſich dazu verſtehen würde, ſein letztes Lebewohl zu vernehmem; wie groß war ſeine Freude als er ſie auf einmal erſcheinen ſah! Mirza zeigte die größte Üüberraſchung, als ſie den Prinzen bemerkte: ſie wollte fliehen, Philamir hielt ſie zurück. Ach! Herr, ſagte ſie, ich dachte, Sie hätten dieſen Pallaſt ſchon verlaſſen, und ich kam zurück an dieſen Ort, der mei⸗ nem Herzen ſo theuer iſt!..— Wie! alſo Sie ha⸗ ben mein Billet nicht erhalten?— Rein, Herr, ich nicht. Philamir war betrübt, daß er das Glück, Mirza wieder zu ſehen, nur dem Zufall verdanke; er ſagte ihr alles, was die Theilnahme Zärtliches eingeben konnte. Mirza vergoß Thränen, und zeigte ſo heroiſche Geſin⸗ nungen, zugleich aber eine ſolche Leidenſchaft, daß der Prinz entzückt ihr zu Füßen ſiel, und ihr ſeine Bewun⸗ derung nicht anders zeigen konnte, als durch Thränen!.. In dieſem Augenblick hört der Prinz hinter ſich in den Blättern ein leiſes Geräuſch; er ſieht zurück, und wie groß war ſeine Verwirrung oder vielmehr ſein Entſetzen, als er Zeoliden zwei Schritte von ſich entfernt ſah!... Die Prinzeſſin unbeweglich vor Üüberraſchung, beobach⸗ tete ein tiefes Stillſchweigen; Philamir beſchämt wagte es nicht dasſelbe zu unterbrechen; endlich nahm Mirza das Wort, und erzählte zur Prinzeſſin gewendet, der⸗ ſelben ihre ganze Geſchichte! Sie ſehen, Madame, fuhr ſie fort, daß ich mir nichts vorzuwerfen habe; ich fürch⸗ te nicht einmal, daß meine Nebenbuhlerin in meiner Seele leſen könne; nicht nur haſſe ich Sie nicht, ſon⸗ dern ich fühle es lebhaft mit, was in dieſem Augenblick in Ihnen vorgehen muß; ich leide bei Ihrem Unglück — 160— ſo viel, als bei dem meinen. Philamir trennt ſich ſchwer von mir, wir können es Ihnen nicht verhehlen; allein er liebt Sie noch immer; und wenn er in Verſuchung geriethe, meinetwegen eine Verbindung zu brechen, wel⸗ che ihn an Sie knüpft, ſo würde ich mich widerſetzen. Ich werd' ihn nicht mehr ſehen!... Dieſer Entſchluß wird mir das Leben koſten!... Allein meine Pflicht iſt mir noch theurer als meine Liebe!... Und wie iſt es möglich, ſagte Zeolide, daß eine Leidenſchaft, welche die Vernunft nicht billigt, in einem ſolchen Herzen, wie das Ihrige iſt, ſo heftig werden konnte?... Leben Sie wohl, Philamir, fuhr die Prinzeſſin fort; ich gebe Ihnen Ihre Freiheit, und ich nehme endlich die meinige zurück; indem ich Ihnen entſage, entſage ich zugleich auf ewig dem Glück, das Hymen verleiht!... Leben Sie wohl, mögen Sie glücklich werden! Zeolide, halten Sie ein, rief Philamir außer ſich geſetzt.— Gehen Sie, Herr, ſagte Mirza mit ſchmach⸗ tender Stimme! ſuchen Sie ſie auf; verlaſſen Sie die unglückliche Mirza; meine Nebenbuhlerin liebt Sie nicht mehr und Sie beten ſie an!... Ach! warum kann ich nicht, und koſtete es mein Blut, Ihnen ihr Herz wie⸗ der geben, da Sie ohne ſie nicht leben können!— O — 161— Mirza! welche erhabene Geſinnungen!... Ja, Sie verdienen allein!... Aber Zeolide!... Ach ich kann es mir ſelbſt nicht klar machen, was im Grunde meiner Seele vorgeht... Ach! Grauſamer, rief Mirza, kön⸗ nen Sie unſchlüßig ſeyn zwiſchen einem Weib zu wäh⸗ len, die Sie verlaſſen hat, und zwiſchen der zärtlichen und ungluͤcklichen Mirza!... Jetzt, nachdem ſich die Hoffnung in mein Herz geſtohlen, muß ich, auf den Fall, daß Sie mich verlaſſen, vor Ihren Augen ſterben!.. Doch was ſage ich, o Himmel? fuhr Mirza fort, ich verirre mich: ach! ich kann Ihnen meine geheimſten Ge⸗ danken nicht verbergen; laſſen Sie mich fliehen vor Ih⸗ nen...— Nein, nein, unterbrach ſie der Prinz, ich werde nicht ſo grauſam ſeyn, und das liebenswürdigſte und tugendhafteſte Herz auf der Welt den Tod überlaſ⸗ ſen.— Großer Gott, was ſagen Sie, erwiederte Mir⸗ za? Wenn Sie wollen, daß ich fortleben ſoll, derſpre⸗ chen Sie mir alſo Ihre Liebe?... Der Prinz war au⸗ ßer Stande zu antworten; ſeins Thräͤnen erſtickten ſeine Worte. Nun wohlan! theurer Philamir, ſetzte Mirza lebhaft hinzu, verlaſſen wir dieſen Pallaſt, eilen wir, zogern wir nicht laͤnger. Mit dieſen Worten verdoppelt Mirza, ganz außer lich ibre Schritte, und zieht den Prinzen mit ſich, der — 162— einen Strom von Thränen vergießt. Sie näherten ſich den ſchickſalsvollen Pforten des Pallaſtes, als plötzlich der ehrwürdige Gelanor ſich ihren Blicken zeigte; Mirza zitterte tiefjbewegt und rief: O! Prinz, fliehen wir; hören Sie dieſen Alten nicht an...— Halt, rief der Philoſoph, halt, die Flucht iſt vergeblich: die Pforten ſind verſchloſſen! Bei dieſen ſchrecklichen Worten erblaßte Mirza, ihre zitternden Knie ſanken unter ihr ein; Ge⸗ lanor nähert ſich, und indem er ſie beim Arme faßt, ſpricht er: Treuloſe! geben Sie mir den Talisman zu⸗ rück, den ich Ihnen anvertraut habe, ſonſt verklage ich Sie und überliefere Sie der Rache Phanors. Auf dieſe Worte ſtand Mirza nicht länger an; ſie zog aus ihrer Taſche eine Büchſe von Kryſtall, und gab ſie Gelanor. Da wendete ſich der Philoſoph an Philamir, und ſagte: „Hören Sie jetzt dieſes Weib, dem Sie Zeoliden geopfert haben! Sprechen Sie, Mirza, fuhr der Greis fort, ſprechen Sie; ich befehle es Ihnen.— Nun ſo ſey es! ſagte Mirza, ich hatte nichts als die Maske der Tugend; und bloß Ehrgeiz und Eitelkeit haben mir den Wunſch eingeflößt, dieſen ſchwachen und leichtgläubigen Prinzen zu verführen.— Das iſt genug, erwiederte Gelanor.— Mirza, Sie ſind frei. Mirza verſchwand, und der Prinz ſprach mit gen 8 — 163— Himmel gerichtetem Blick: Zeolide! Ich Unglücklicher! was habe ich gethan! Allein, war es möglich, ſich eines ſo natürlichen Mitleids zu enthalten?...— Wiſſen Sie, was Ihr Mitleid ſo hoch ſteigerte? Es war der Stolz. Mit etwas weniger Eitelkeit, hätten Sie bedacht, daß, wenn gleich die Liebe ein gefährliches Übel iſt, man wenigſtens davon nicht ſtirbt. Endlich hätten Sie ſich ſelbſt geſagt, daß Mitleid einen nicht verführen darf, ge⸗ heiligte Verbindlichkeiten zu verletze...— Ach! Ge⸗ lanor, was ſoll ich jetzt anfangen? Geben Sie mir einen Rath; ſeyen Sie mein Beſchützer, mein Führer... — Es iſt noch nicht alles verloren. Phanor iſt von der Sache unterrichtet; eben jetzt gibt er ſich Mühe, die Prin⸗ zeſſin zu beſänftigen, und ſie dazu zu bewegen, daß ſie Ihnen großmüthig Verzeihung ſchenke. Sobald Sie er⸗ ſchéinen werden können, wird er Sie hohlen laſſen. Bis dahin, entgegnete Philamir, haben Sie die Güte mir zu ſagen, wie dieſer Talisman, den Phanor einſt der ſchönen Agelie gegeben hatte, in die Hände der hin⸗ terliſtigen Mirza gekommen iſt. Das will ich Ihnen, verſetzte der Greis, mit zwei Worten ſagen. Als Agelie dieſen Ort verließ und an der Pforte des Pallaſtes ſtand, nahm ſie dieſe koſtbare Büchſe aus Nadirs Hand wieder zurück, und reichte ſie mir mit die⸗ — 164— ſen Worten dar: Gelanor, nehmen Sie dieſen Talisman, aber unter der Bedingung, daß Sie ihn Phanor nie mehr zurück geben, und daß Sie ihn Frauenzimmern leihen, ſo oft Sie dieſelben dadurch vor einer großen Gefahr bewahren können. Seyen Sie von nun an in dieſem Pallaſte der Schutzgeiſt des ſchwächern Geſchlechts; wenn Sie die Schuldigen verachten, ſo bedauern Sie dieſelben vor allen Dingen, und retten Sie ſie, wenn es möglich iſt. So ſprach die liebenswürdige Agelie. Ich empfing den Talisman, und erfüllte die wohlwollenden Abſichten Ageliens. Wie viel Weiher ſind ſeit achtzehn Jahren durch mich vor dem Zorn und der Rache ihrer — Ehegatten beſchützt worden! Ich lieh ihnen den Talisman; öheg ſie hatten zu viel Urſache, reinen Mund zu halten, als daß ich von ihrer Seite die geringſte Unbeſonnenheit hät⸗ te befürchten ſollen; jedes Frauenzimmer, dem ich die Büchſe übergeben hatte, ſtellte ſie mir bei ihrer Abreiſe zurück, und kein Mann hat bis dieſen Tag den Schleier dieſes Geheimniſſes gelüftet. Es werden jetzt ohngefähr vier Monate ſeyn, daß ich beim Herumgehen in dieſem Garten ein ſchönes Frau⸗ enzimmer bemerkte, welches eine Fluth von Thraͤnen ver⸗ goß; es war Mirza; ſie ſagte mir, ſie ſey erſt denſelben Worgen angekommen, und ein Zufall habe ihr die Er⸗ 4— —. 165— genſchaft des Pallaſtes bekannt gemacht; ich habe einen Mann, fuhr ſie fort, der an einer entkräftenden Krank⸗ heit darniederliegt; er hat nur wenige Zeit mehr zu le⸗ ben; ich habe ihn glücklich gemacht, allein ich habe ihn betrogen; wenn er mich ausfragt, werden ſeine letzten Augenblicke ſchrecklich ſeyn; ehe er ſtirbt, wird er ſich vielleicht rächen wollen!... Ich beruhigte Mirza über ihre Beſorgniſſe, indem ich ihr den Talisman anvertrau⸗ te; einen Monat darauf ſtarb ihr Mann, indem er ſanft in ihren Armen ſeinen Geiſt aushauchte, und den Him⸗ mel ſegnete, daß er, wie er ſagte, das tugendhafteſte Frauenzimmer zur Lebensgefährtin gehabt habe. Mirza, die nun Witwe geworden war, beſchwor mich ihr den Talisman bis zu ihrer Abreiſe zu laſſen, um ihren gu⸗ ten Namen zu erhalten, welchen ihr eine einzige neugie⸗ rige Frage in dieſem Pallaſte rauben könnte, wenn ſie nicht mehr dieß koſtbare Gegenmittel beſäße. Mirza ſchien großen Antheil an mir zu nehmen; ſie iſt liebenswürdig und geiſtreich: ihre Geſellſchaft war nicht ohne Reize für mich; indeß fühlte ich doch, wie ge⸗ fährlich ſie für jeden andern werden könnte, weil ſie bei ſo viel Geiſt und Schönheit allein im Stande war, ſich zu verſtellen und ihre wahre Geſinnung zu verbergen; ich verlangte von ihr, daß ſie in der Einſamkeit leben X — 166— ſollte, und als Sie ankamen, befahl ich ihr, Sie zu vermeiden. Ich kannte ihr Geheimniß, ſie fürchtete mich; ſie war gezwungen, mir zu gehorchen. Endlich fiel ich in eine Krankheit; Mirza, unter dem Vorwand, mich zu pflegen, verlängerte ihren Aufenthalt hier. Geſtern ſah ich ſie in großer Bewegung; ich hatte einigen Ver⸗ dacht; doch beobachtete ich Stillſchweigen. Der Arzt hat⸗ te mir verordnet, noch einige Tage im Bette zu bleiben, und Mirza wußte es; allein dieſen Morgen ſtand ich auf; ich beſuchte die Prinzeſſin, die mir alles erzählt hat. Ich ſuchte auf der Stelle den Genie auf, der die Pforten des Pallaſtes ſchließen ließ. Die Prinzeſſin kennt Mirzas Treuloſigkeit nicht; ich bin mit Phanor darin übereingekommen, daß er ihr nichts vom Talisman ſa⸗ gen ſoll, damit Sie, mein Herr, wenn Sie es wünſchen, ſich desſelben Talismans bedienen könner, um Zeolidens Herz wieder zu gewinnen. Nachdem er mit dieſem Bericht zu Ende war, über⸗ reichte der Philoſoph dem Prinzen die Lzüchſe von Kry⸗ ſtall. In dem Augenblick kam ein Seleive von Seiten des Genies, welcher Philamir ſuchte, der, voll Unruhe und Verwirrung, zu Zeoliden flog. Katim bemerkte er die Prinzeſſin, ſo warf er ſich ihr zu Füßen; er entdeckte ihr Mirzas Hinterliſt, zeigte ihr den Talisman, und — — 165— indem er ihn auf einen Sr legte, ſagte er: Ich hätte Ihnen dieſe Geſchichte verſchweigen, den Talisman be⸗ halten und Sie überreden können, ich ſey Mirza nicht gefolgt, und habe all ihren Lockungen widerſtanden; al⸗ lein, wiewohl ich Ihrer Hand nicht entſagen kann, oh⸗ ne meinem Glück zu entſagen; ſo will ich doch noch immer Sie lieber verlieren, als Sie täuſchen. Ja, Zeolide, ich war verführt, hingeriſſen; ich habe nicht mehr jene blinde Leidenſchaft für Sie, jenes heftige Ge⸗ fühl, das Sie mir vor unſerer Ankunft in dieſem Pal⸗ laſt einflößten; allein ich liebe Sie, wie ich Sie mein ganzes Leben hindurch lieben werde; ohne Sie kann ich nicht glücklich ſeyn, und Sie allein ſind im Stande, mir auf der Welt mein Glück zu gewähren. Bei dieſen Worten reichte die liebenswürdige Zeo⸗ lide Philamir die eine Hand, welche er mit Entzücken empfing. Die Geſinnung, ſagte ſie, die Sie mir zeigen, iſt hinreichend für mein Glück; wenn dieſer Pallaſt nur die Täuſchungen zerſtörte, welche der Liebe Nahrung geben, ſo würde ich es nicht bereuen ihn bewohnt ha⸗ ben zu wollen; allein die Luft, die man hier athmet, iſt ſogar für die Freundſchaft tödtlich! Kommen Sie, Philamir, kommen Sie; verlaſſen wir auf ewig dieſen gefährlichen Aufenthalt. Mit dieſen Worten ſtand die — * — 158— Prinzeſſin auf, Philamir folgte ihr; die beiden Lieben-⸗ den ſuchen die Königin und den Genie auf; und man beſteigt die Wägen. Endlich war man im Begriff den traurigen Pallaſt der Wahrheit zu verlaſſen, als man mit unbeſchreiblicher Beſtürzung wahrnahm, daß die kryſtallenen Mauern ſi ſich trübten, ſich färbten, ihre Durchſichtigkeit verloren, und ſich auf einmal in Porphyr und Marmor von glänzen⸗ der Weiße verwandelten. In den Augenblick erſchien der König der Geiſter, und indem er ſich an die jungen Liebenden wandte, ſprach er: Der Zauber iſt zerſtört; Sie können von nun an ohne Gefahr in dieſem neuen Pallaſte bleiben: Sie werden hier alle Täuſchungen fin⸗ den die zum Glücke nothwendig ſind. Möge Sie das Andenken an den Pallaſt der Wahrheit auf ewig vor kräͤnkendem Mißtrauen bewahren, und Sie die Bewe⸗ gungen einer unbeſonnenen Neugierde unterdrücken leh⸗ ren; endlich vergeſſen Sie nicht, daß blindes Zutrauen und liebenswürdige Nachſicht die füßeſten Bande knüpfen, wodurch die Herzen zu dauerndem Glück vereinigt werden. — F * *