—— „9 Leihbibliothek 3 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 vo Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3 1 . 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wirr. 5 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:.. für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————jj auf 1 Monat: 4 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren erkes, ſo iſt der Leſer ſun Erſatz des Ganzen verpflichtet. 1 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. . — Die Battuecas, oder das ſtille Thal und die andere Welt. —;—;— Nach dem Franzöſiſchen der Frau von Genlis. Zweyter Theil. Peſth 1817, bey K. A. Hartleben. Die Battuecas, oder das ſtiſle Thal und die andere Welt. (Nach dem Franzöſiſchen der Frau von Genlis.) Zweyter Theil. Die Battuecas, 2. Thl. 1 — Verwegene Freude! eitle Hoffnung eines ungetrübten Glücks hienieden, wie gefährlich iſt der Rauſch eurer voreiligen Wonne! In ſüßem Zauber flogen mir die Stunden dieſes Tages hin, doch trübte ſelbſt dieſen augen⸗ blicklichen Genuß die innere Gährung meiner Unruhe, ich dachte nur ewig auf den kom⸗ menden Montag, den Tag unſerer bevorſte⸗ henden Trauung. Wie oft entſchlüpfte dieſer Montag meinem Munde, ein Tag, an deſ⸗ ſen künftige Erſcheinung ſich die Sphäre meiner Hoffnungen und Wünſche, die ganze Gegenwart meines fühlenden Daſeyns knüpf⸗ te! Für jeden anderen Gegenſtand war meine Empfindung todt, nur die Erwartung dieſes überſchwenglichen Glücks, dem meine Phan⸗ taſie die ſtrahlende Gluth der lebhafteſten Farben lieh, hielt meinen Athem rege. Plötz⸗ 1* A, ne lich zog ich Bianca in die Schloßcapelle. Mit heiligem Schauer überraſchte uns der Ein⸗ tritt in die einſame Halle dieſes Tempels, wo unſere künftige Verbindung feyerlich ge⸗ ſchloſſen werden ſollte. Schon waren wir im Angeſichte des feſtlichen Hochaltars, vor deſ⸗ ſen Stufen die Herzenslaute unſers ewigen unauflöslichen Schwurs zu dem Throne der Wahrheit empor wallen ſollten, mit ſüßen Thränen füllten ſich unſre begegnenden Bli⸗ cke, ein und derſelbe beſeligende Gedanke malte ſich in unſerm Auge, ſchon wollten wir auf unſere Knie ſtürzen, ich hielt Bianca's Hand, ſie drückte ſanft die meinige. Gewiß iſt es, es gibt angenehme Empfindungen, deren überſchwenglichem Genuſſe unſere ſchwa⸗ chen Organe unterliegen würden, denn nach dem Übermaße meines damaligen Wonnege⸗ fühls zu urtheilen, glaube ich, daß, wenn der Himmel den bloßen Traum meines Glücks damals gleich verwirklicht hätte, ich auf der⸗ ſelben Stelle mein Daſeyn, oder wenigſtens meine Vernunft unwiederbringlich verloren hätte. Bevor wir die Schloßcapelle verließen, r, urre wollte Bianca noch den Hochaltar, auf wel⸗ chem vier alabaſterne Vaſen ſtanden, ſchmü⸗ cken. Sie füllet ſie mit Roſen, Myrthen und Lilien, den Blumen der Freude, Unſchuld und Liebe, und jeden Morgen wollten wir dort friſche Blumen opfern. Abends kam der Pfarrer. Er ſagte, er habe in geheim mit Donna Bianca zu ſpre⸗ chen. Man erwiederte, er könne, ohne An⸗ ſtand, in meiner Gegenwart ſprechen.„Seit acht Tagen,“— hub er an,—„wartete ich, guädige Gebietherinn, mit Ungeduld auf Ihre Ankunft. Ich habe Ihnen ein gutes Werk vorzuſchlagen. Seltſame Dinge gehen auf dem Schloſſe Ihres Nachbars, Dom Dinigo, vor.“—„Aber,“— unterbrach ihn Bianca,—„Dom Dinigo iſt zu St. Ilde⸗ phonſo bey dem Könige.“—„Ja, Gnädige, er iſt in Hofdienſten daſelbſt, man erwartet ihn erſt in einem Monathe. Waͤhrend ſeiner Abweſenheit herrſchte beſtändig eine einzige Aufſeherinn im Schloſſe, doch ſeit ungefähr zehn Tagen iſt noch eine andere Weibsperſon mit einem Briefe des Dom Dinigo dort ein⸗ 6 MrrA getroffen, worin der letzteren die vorige Pförtnerinn alle ihre bisherigen Verrichtun⸗ gen abzutreten angewieſen ward. Es entſtand ein Gezänk unter dieſen zwey Weibern. Bey dieſer Gelegenheit ließ die neuangekommene, ſie heißt Iſabella, Worte entſchlüpfen, die unter den Dorfbewohnern ſehr ſonderbare Gerüchte verbreiteten. Man ſprach von Zau⸗ berey, von Entheiligung, von nächtlichen Auftritten, und geheimnißvollen Verbrechen. Man behauptete, daß jede Nacht in dem Thurme, deſſen Gitterfenſter auf den großen Teich die Ausſicht haben, Sabbath gehalten würde. Der gute Müller Diego, ein Mann, deſſen natürliche Unbefangenheit Sie kennen, war eines Nachts mit zweyen ſeiner Söhne auf einem kleinen Nachen knapp vor dieſem Thurme. Er kam zu mir, und betheuerte, er habe Leichengeſang vernommen, und durch das eiſerne Gitter ein Leichenbegängniß feyern geſehen, wobey ſchwarze Phantome mit bren⸗ nenden Wachskerzen in der Hand erſchienen. Vier Nächte nach einander ſey er dann wie⸗ der auf demſelben Poſten geweſen, und je⸗ 7 A des Mal habe ſich dieſes ſeltſame Schauſpiel und zwar um dieſelbe Stunde erneuert.“ „Da ich an Diego's Wahrheitsliebe nicht zweifeln durfte,“— fuhr der Pfarrer fort, —„ſo dachte ich, daß dieſes auffallende Er⸗ eigniß näher unterſucht zu werden verdiente. Ich ging daher ſelbſt mit Diego auf den Teich, und ſah mit eigenen Augen menſch⸗ liche Geſtalten mit langem Trauerflor und brennenden Kerzen hart am Gitter vorüber wallen; ſie ſangen geiſtliche Lieder, zwar nicht die gewöhnlichen Kirchenpſalmen, ſon⸗ dern eine eigene ſeltſame Arie mit einem Texte in der Landesſprache; es ſchienen mir Gebete zu ſeyn. Ich fand an dieſer lnächt⸗ lichen Ceremonie, welche nichts weniger als ein Leichenbegängniß war, zwar kei Ver⸗ brechen, doch ſchien mir das Geheimniß ver⸗ dächtig.“ „Ich ſchickte nach Iſabellen, und ſtellte ſie zur Rede; ihre Verlegenheit, ihr Stot⸗ tern, und die abgebrochenen Sätze, die ihr entfuhren, ließen mich deutlich wahrnehmen⸗ daß dieler ſcheinbare Act der Andacht zum MA 8 9 Deckmantel eines verbrecheriſchen Aberglau⸗ bens dienen mochte. Sie geſtand zuletzt, daß im Thurme wirklich eine ärgerliche Entwei⸗ hung in ſehr ſträflichen Abſichten getrieben werde, und daß die alte Pförtnerinn allein dieſe nächtliche Verſchwörung leite. Wuͤrde ich ſie rufen laſſen, ſo würde ſie alles läug⸗ nen, und wollte ich mich ſelbſt in's Schloß verfügen, ſo würde ich nichts wahrzunehmen finden, denn ſie würde gleich dafür ſorgen, daß der ſchwarze Trauerflor, die Todtenköpfe und der Sarg, welche eine Gerüſtkammer des Schloßthurms füllten, bey Seite geſchafft würden. Da ich dieſe einzelnen Geſtändniſſe ihr nur mit Mühe entribß, ſo drohte ich ihr, die ganze Sache der Inquiſition zu hinter⸗ bringen. Sie erwiederte hierauf, da ſie wüß⸗ te, wie gut und großmüthig Sie, meine Gnädige, ſich zeigen, ſo wolle ſte nur Ihnen dieſe furchtbaren Geheimniſſe entdecken, denn ſie ſey daun überzeugt, Sie würden ſie ge⸗ gen die mächtigen Feinde zu ſchützen wiſſen, welche ihr aufrichtiges Geſtändniß gegen ſie wecken werde. Ich bin deßwegen hier, 9 N gnädige Frau, Sie zu bitten, dieſe Frau morgen in's Verhör zu nehmen.“ Wiewohl dieſe Erzählung zum Theil Bianca's Neugierde reitzte, ſo konnte ſie doch nicht umhin, zu zeigen, daß ſie ſich nur ſehr ungern in dieſen ſonderbaren Handel miſche. Endlich aber entſchloß ſie ſich dazu, um Iſa⸗ bellens Anklage vor der Inquiſition zu hin⸗ dern, und verſprach, ſie am andern Tage zur Rede zu ſtellen. Ich fragte, welchen Cha⸗ rakter Dom Dinigo habe.„Er iſt ein Mann von fünf und vierzig Jahren,“— verſetzte Donna Bianca,— ver hat eine ernſte, bey⸗ nahe Achtung gebiethende Außenſeite, doch iſt ſein Ruf nicht der beſte. Man ſagt, er habe heftige Leidenſchaften, eine glühende Phan⸗ taſie und nicht allzu reine Sitten, übrigens kenne ich ihn nicht, empfange keine Beſuche von ihm, und treffe ihn ſelten.“ Der Pfar⸗ rer entfernte ſich, und gleich nach ihm kam Dom Pedro, dem wir dieſes ungewöhnliche Abenteuer erzählten. Er machte den Vor⸗ ſchlag, uns gleich die nämliche Nacht zu dem Teiche am Thurme zu verfügen, und wir rrs IO u, willigten ein. Wir ſtiegen Abends um zehn Uhr in einen Wagen, der uns zum Teiche führte, und den wir ſammt der Dienerſchaft am Eingange eines kleinen Gehölzes zurück ließen; von da gingen wir zu Fuß an das Ufer des Teichs, wo bereits Diego mit einem Nachen uns erwartete. Die Nacht war außer⸗ ordentlich dunkel, ich ſaß im Nachen zwiſchen Donna Bianca und Dom Pedro. Ich fühlte Donna Bianca's Hand in meiner zittern, ich weiß nicht, welcher eiskalte Schauer mich er⸗ griff, ich bebte.„Placide,“— fragte mit ge⸗ brochenem Tone Bianca,—„was fehlt dir 2 —„Ach,“— erwiederte ich,—„hier ſiehſt du mich in der Mitte zweyer Weſen, deren Bruſt jede meiner Empfindungen theilt! Ich ſollte mich wohl den glücklichſten Sterblichen nennen, ich bin es auch, doch immer endet mit Schmerzen meine Rührung. Was ſollen wir um Mitternacht hier vollbringen? Keh⸗ ren wir lieber in's Schloß zurück. Dom Pe⸗ dro! Sie ſchweigen!“ Er fing zu lachen an. „Ihr ſeyd doch wahrlich Kinder, jeden Ge⸗ genſtand bezieht ihr nur auf eure Liebe, und * 1 1 N bemühet euch, überall düſtere Ahnungen und ſchlimme Vorhedeutungen zu erblicken. Noch nie habe ich zwey ſo furchtſame Liebende ge⸗ ſehen.“—„Weil Sie auch noch nie ein ſo zärtlich liebendes Paar gefunden haben.“— Als ich dieß ſagte, hielt der Nachen dem Thurme gegenüber ſtill. In dichten nächtli⸗ chen Schleyer hüllte ſich tiefe Stille. Endlich entdeckten wir nach einigen Minuten im er⸗ ſten Stockwerke drey ſchwarz gekleidete Ge⸗ ſtalten, die mit ſchwach flimmernden Kerzen langſam nahten. Bald darauf begann der geiſtliche Geſang. Eine einzige Stimme, die ſich hören ließ, machte mich beben. Ich war einer Ohnmacht nahe. O wie theuer büßte ich in dieſem Augenblicke den Rauſch der Wonne, die ich empfunden hatte, als ich das erſte Mal Donna Bianca meine Ode ſingen hörte! Unwiederbringlich war mein ganzes Glück vernichtet, alle meine Hoffnungen ſchwanden auf ewig hin. Fürchterliche Nacht, deren Schooß auf einmal die ſchwachen Trüm⸗ mer meiner Seligkeit begraben, und mir bange Tage voll herzzerreißender fruchtloſer rr, 12 Trauer verkünden ſollte! Ich vernahm die mir bekannten Töne der Thalbewohner, und unterſchied die kunſtloſe reine Stimme mei⸗ ner ehemaligen Geliebten. Ines ſang die geiſtliche Hgymne, wozu ich die Muſik und den Text verfertigt hatte. Bey dieſem Ge⸗ ſange und dieſer Ceremonie, deſſen Zweck ich mir nicht erklären konnte, trat Ines in ihrer ganzen Unſchuld mir wieder vor die Augen. Plötzlich ſtieg in mir der Gedanke auf, daß ſie vielleicht nicht durch Verführung, ſondern bloß durch Täuſchung in dieſes Schloß ge⸗ bracht, und darin durch Kunſtgriffe der Bos⸗ heit zurück gehalten werde, deſſen ungeachtet aber ihre reine Unſchuld treu bewahre. So war das zerriſſene Band gegen meine Erwar⸗ tung von neuem geknüpft, und Bianca auf ewig für mich verloren. Die duntle Nacht verbarg ihr meine heftige Gemüthsbewegung, und während ich die Beute der ſchmerzvoll⸗ ſten Unruhe geworden war, ſaß ſie in heite⸗ rer neidenswerther Ruhe an meiner Seite. „Wahrhaftig, mein lieber Placide, mir ge⸗ fällt dieſer ſonderbare Geſang, und die Stim⸗ 13 wn me dieſes jungen Landmädchens. Zwar ver⸗ ſtehen wir kaum ihre Worte, aber ſie ſcheinen mir ungemein rührend. Morgen wird ſich al⸗ les zeigen.“—„Wohl,“— ſchrie ich,— „wird ſich morgen alles enthüllen. Ach! noch einmal laß mein trunkenes Herz das Geſtänd⸗ niß deiner Liebe aus dem Roſendufte deiner Lippen ſaugen! Ach! gönne deinem unglück⸗ lichen Placide nur den einzigen Göttergenuß dieſes flüchtigen Augenblicks!“—„Großer Gott!“— rief Bianca,—„was bedeutet dieſe ungewöhnliche Sprache? Ob ich dich liebe, kannſt du daran zweifeln? Habe ich dir nicht mein ganzes Leben gewidmet? Iſt nicht mein ganzes Daſeyn dein? Weißt du nicht mehr, daß ohne dich meine Tage mir nur eine unerträgliche Bürde wären?“— „Nur eine unerträgliche Bürde? Ach!“— rief ich mit dem Ausdrucke der heftigſten Wehmuth,—„verfolge nicht weiter deine ſo zärtlich rührende, und doch ſo grauſame Re⸗ de. Jedes deiner Worte dringt wie ein ſchnei⸗ dender Dolch in mein Herz.“—„O Dom Pedro! Seine Vernunft muß gelitten ha⸗ rrA 14 rren ben.“—„Ach! ich Unglücklicher, nur zu we⸗ nig hat meine Vernunft gelitten! Ja, dieſe barbariſche Vernunft iſt es, die mein Glück mordet; ſie iſt es, die ein ſo ungeheures Opfer von meinem liebekranken Herzen for⸗ dert. So vernehme denn mein Schickſal. So eben erkenne ich den Geſang und die Stim⸗ me der Ines, Ines iſt die Bewohnerinn die⸗ ſes einſamen Thurmes. Sie iſt unſchuldig.“ — Mit feſtem Tone der Entſchloſſenheit er⸗ wiederte Bianca:„So mußt du ſie retten! Theurer Placide,“— fuhr ſie fort,—„Menſch⸗ lichkeit, Pflichtgefühl, Religion und Ehre ge⸗ biethen uns, mit raſchem Eifer zu handeln. Nicht weibiſche Thränen ziemen dieſem Au⸗ genblick. Üben wir unſre Pflicht, und wir ſind erhaben über die Verfolgungen des feindlichen Geſchicks.“— Dieſe Worte fach⸗ ten in meiner Seele die göttliche Flamme der Tugend wieder an, ich fand mein Glück in der Bewunderung, die mir dieſes unüber⸗ treffliche Weib entlockte, ja dieſe Bewunde⸗ rung erhöhte noch meine Liebe, und gad mir zugleich jene Charakterſtärke wieder, deren 7Nw I5 ewn ich in dieſem Augenblicke bedurfte. Dom Pe⸗ dro und ich ſtürzten zu ihren Füßen, auch erſterer empfand ungeachtet ſeiner natürlichen Kälte die Gluth des höchſten heiligſten En⸗ thuſtasmus in ſeinem Buſen lodern, denn das Gefühl der Freundſchaft, welche ſie ein⸗ flößte, gränzte an das Himmelsgebieth der Liebe. Ich verſprach ihr zu gehorchen, das heißt, ich verpflichtete mich, der erhabenſten Tugend als Führerinn zu folgen. Sie erklär⸗ te, ſie wolle ſchlechterdings noch an demſel⸗ ben Abend in Dom Dinigo's Schloß ſich ver⸗ fügen, und Ines daraus befreyen. Es war jedoch ſchon Mitternacht, und alle Leute ſchliefen. Dom Pedro verfiel auf ein Mittel, in das Schloß zu dringen, welches vollkom⸗ men gelang. Wir eilten wieder unſerm Wagen zu, der uns bis auf eine betraächtliche Entfer⸗ nung dem Schloſſe zuführte. Dort ſtie⸗ gen wir ab, und gingen mit dem Gefolge zweyer Bedienten an das vergitterte Schloß⸗ thor. Wir läuteten, und der Pförtner er⸗ ſchien. Dom Pedro nannte Bianca's Na⸗ we, 16 we men, ſo vortheilhaft bekannt im Lande. Er bath für ſie um gaſtfreye Aufnahme und ſchützte einen Unfall vor, der am Wagen be⸗ gegnet wäre. Ohne Anſtand führte uns der Pförtner in's Schloß, und ging die neue Schloßwärterinn Iſabella zu holen. Dieſe ver⸗ ließ, als ſie Bianca's Namen hörte, eilends das Bett, und kam in wenigen Minuten in den Saal, wo wir uns verſammelt hatten. Ohne Umſchweife wendete ſich Donna Bianca an letztere:„Ich weiß,“ ſagte ſie,„nur zu beſtimmt, daß ein junges Mädchen, das mir ſo theuer als meine eigene Schweſter iſt, in dem Thurme dieſes Schloſſes eingeſperrt ihre Tage verſchmachten muß. Ich will ſchlechter⸗ dings ſie ſehen, und ſie in dieſem Augenblick noch ſprechen. Ich rechne auf eure ſchnelle Willfährigkeit, wo nicht, führe ich euch mit mir fort. Auf jeden Fall könnet ihr entgegen auf meinen Schutz und meine Großmuth rechnen. Ich werde euch ein unabhängiges Loos zu verſchaffen wiſſenn— Treuherzig verſprach dann Iſabella, alles zu thun, was man nur verlangen würde. Sie geſtand, daß rro 17 in der That ein junges Mäadchen ſeit unge⸗ fähr acht Tagen den Thurm bewohne, daß Dom Dinigo, ohne daß ſie es ſelbſt nur ferne ahne, ſie leidenſchaftlich liebe, und den Plan zu einer ſeltſamen Verführung auserſonnen ha⸗ be, den er gleich nach ſeiner Entfernung vom Hofe auszuführen Willens ſey. Iſabella fügte bey, daß in demſelben Augenblicke das junge Mädchen unter der Aufſicht der alten Schloß⸗ wärterinn ſchlafen gegangen ſey, daß die Thurmthüre von innen mit großen Riegeln verſperrt, und es daher nicht leicht möglich ſey, hinein zu kommen. Dom Pedro ſchlug Iſabellen vor, die Perſon durch Pochen und Schellen an der Thüre zu wecken und vorzu⸗ geben, daß ein Courier von Dom Dinigo ihr einen Brief zu überbringen habe. Iſa⸗ bella ſtimmte ein, und wir ſchlichen uns ſachte an die Thüre. Iſahella rief die Aufſe⸗ herinn, ſprach durch die halb geöffnete Thüre, und als letztere ſie vernommen hatte, wurde geöffnet. Hurtig ſchwang ſich Dom Pedro in den Thurm, faßte mit gewaltiger Fauſt die niederträchtige Duenna, und zwang ſie durch * 2 4 w 18 wnr ſeine Drohungen zum Schweigen, ſagte uns, er führe ſie in's Schloß, leiſte Bürgſchaft für ſie, und werde uns im Saale erwarten, wo Iſabella alſogleich wieder mit ihm zuſammen kommen ſollte, ſobald ſie Donna Bianca auf das Zimmer der Ines geführt hätte. Als Schildwachen ſtellte er unſere zwey Bedien⸗ ten an dem Thore auf. So hatten wir die Übermacht im Schloſſe, und konnten nach Gefallen ſchalten, da nur drey bis vier männ⸗ liche und einige weibliche Domeſtiken daſelbſt verweilten. Ich folgte Donna Bianca in je⸗ nen düſtern Thurm, doch wurden wir einig, daß ich nicht ſogleich in Ines Zimmer eintre⸗ ten ſollte, um ihr nicht einen gefährlichen Schrecken zu verurſachen. Ich blieb bey der halb geöffneten Thüre ſtehen, und harrte daſelbſt, über eine halbe Stunde, in einem Zuſtande von Angſt und Rührung, der ſich nicht beſchreiben läßt. Mir entging nicht eine einzige Sylbe von dem, was ſie ſprachen. Zuerſt trat Iſabella ganz allein hinein; Ines lag zu Bette, eine bren⸗ nende Lampe neben ihrem Nachtlager. Als A 19 A ſte erwachte, fragte ſie erſchrocken, was Iſa⸗ bella verlange. Letztere antwortete, daß eine junge reitzende Dame ihr folge, welche augenblicklich erſcheinen, und ihr außeror⸗ dentlich angenehme Nachrichten melden wer⸗ de.„Angenehme?“— verſetzte Ines,— »Solche gibt es keine mehr für mich auf die⸗ ſer Welt.“—„Hier iſt ſie,“ ſagte endlich Iſabella, entfernte ſich, und ging zu Dom Pedro. Mit offenen Armen, und mit in Thränen ſchwimmenden Augen, tritt Bianca in das Zimmer. Bey ihrem Anblicke ſchien ſich eine fanfte Überraſchung meiner Ines zu bemächtigen. Donna Bianca ſetzte ſich auf ihr Bett, ſchlang ihre beyden Arme um ih⸗ ren Hals und herzte ſie mit der lebhafteſten Wärme der Empfindung.„Ach, liebe Frau!“ — ſagte Ines, und erwiederte koſend ihre Umarmung,— ‚„wie ſehr Sie mich beklagen! Sie kennen mich alſo?»—„Ja, ich kenne dich, theure Ines; doch laß uns keinen einzi⸗ gen koflbaren Augenblick verlieren. Ich habe ſo vieles dir zu fagen. Weißt du wohl, wo du biſt?“—„Ich bin in einem Nonnenklo⸗ A 20 N ſter, wo ich den Schleyer nahm, und in ei⸗ nem Jahre bin ich Nonne.“—„Und wo ſind denn deine künftigen Ordensſchweſtern?“— „Dort im großen Gebäude: ich bin erſt No⸗ vize, und wohne in dieſem Thurme, wo ich während dieſes Zuſtandes eingezogen mich verhalten muß, und niemand andern als zwey Mitſchweſtern und die Frau Priorinn ſehen darf.“—„Nun was führſt du hier für eine Lebensart?“—„Ich bethe und weine.“ —„Du hältſt ja Prozeſſionen bey der Nacht.“ —„Ja, früh Morgens und am Abend. Dieſe Prozeſſionen habe ich eingeführt, um dabey eine Hymne zu ſingen, die meinem Herzen doppelt theuer iſt, weil ſie Gottes Ruhm verherrlicht, und zugleich von einem Verfaſ⸗ ſer herrührt, der mich ehemals liebte.— „Liebe, ſanfte Ines, kann man aufhören, dich zu lieben? Doch fahre fort, daß ich ganz den Himmelsreitz deiner ſchönen Seele ſchaue. Sage mir, wer verſchalte dir dieſe Zuflucht?“ —„Dom Dinigo.“—„Wie haſt du ihn ken⸗ nen gelernt?“—„Da Sie mich kennen, ſo wiſſen Sie ja, wo ich geboren bin.“—„In MNN 21 M dem Thale der Battuecas.“—„Recht ſo; mein Freund war abweſend, der Augenblick ſeiner Wiederkehr war verſtrichen, ich wurde unruhig. Dom Dinigo kam in unſer Thal, ich bemerkte ihn, er ſchien mir ein vereh⸗ rungswürdiger Greis, er hat ja auch ſchnee⸗ weiße Haare. Ich traf ihn am Waſſerfall des Thalbaches, ich entſchloß mich, ihn zu fragen, ob er keine Nachrichten von meinem Freunde wüßte, und als ich mich ihm nahte, empfing er mich mit ſo vieler Leutſeligkeit, daß ich Muth und Vertrauen zu ihm gewann. Ich fragte ihn alſo, und er ſagte mir, daß mein Freund mich vergeſſen habe, eine andere hei⸗ rathe, und nicht mehr kommen werde. Ich weinte bitterlich, und ſeufzte: Ach! wo er iſt, dort will ich wenigſtens ſterben. Gibt es nicht Klöſter bey euch? Ich will Nonne werden.“ Dom Dinigo, ein ehen ſo frommer Mann, als Pater Iſidor, machte mir das Anerbie⸗ then, mich in ein heiliges Kloſter zu führen. Ich nahm das Anerbiethen an, jedoch ver⸗ barg ich meine Abſicht, in der Furcht, man würde mich daran verhindern wollen, und TA 22 M flüchtete mich mit Anbruch des folgenden Ta⸗ ges. Ungeachtet der Verehrung, die mir Dom Dinigo einflößte, war mir doch nicht allzu wohl zu Muthe, wenn ich dachte, daß ich al⸗ lein bey einem Manne ſaß. Als wir uns drey Stunden vom Thale entfernt hatten, hielten wir in einer Stadt, und da beſchwor ich Dom Dinigo, er möchte mir eine Frau zur Geſell⸗ ſchafterinn bis Madrid nehmen. Auch fand er eine, welche die ganze Reiſe mit uns machte. Von Madrid ſchickte er mich dann alſogleich in dieſes Gott geweyhte Haus, und Iſabella führte mich bey der Frau Priorinn auf. Ohne Dom Dinigo's beſondere Fürſprache, wäre ich gewiß nicht aufgenommen worden, denn hier werden keine Fremden zu Nonnen zuge⸗ laſſen. Er will ſogar eigends eine Reiſe un⸗ ternehmen, um die Frau Priorinn vollends zu beſtimmen, da ſie noch Schwierigkeiten hinſichtlich meines Gelübdes macht.“ Während dieſer naiven Erzählung ba⸗ dete ich mich in Thränen, und als Donna Bianca wieder zu ſprechen anfing, konnte ich an ihrer Stimme deutlich wahrnehmen, daß vr 23 A auch ſie Thränen vergoß.„Ach! du liebe un⸗ ſchuldige Ines,“— ſagte ſie endlich,—„man hat dich betrogen, doch wachte des Himmels Gnade über deinem Haupte.“—„Wie, man hat mich betrogen?“—„Du biſt in keinem Kloſter hier, und die niederträchtige Creatur, von welcher du aufgenommen wurdeſt, iſt weder Priorinn, noch Nonne.“—„Aber, gnädige Frau, ſie iſt ſo fromm, hat ein ſchwarzes Kleid und einen Schleyer.“— »Sie iſt nicht Nonne, ſage ich dir noch ein⸗ mal.“—„Doch die zwey andern Schweſtern im Noviziat?».—„Sind zwey weibliche Dienſtbothen.“—„Und Dom Dinigo?— „Iſt ein Betrieger.“—»Wie? ein Betrieger? hat ſo weiße Haare, und führt ſo gottesfürch⸗ tige Reden. Auf dieſe Art hat mich auch Iſa⸗ bella hintergangen?2—„Ja, doch hat ſie's bereut, und mir alles geſtanden. Du kennſt nicht einmal alle Lügenkünſte des Dom Di⸗ nigo. Dein Freund iſt nicht verheirathet, und liebt dich noch immer zärtlich.“—„Iſt es möglich?“— ſchrie Ines, und ein Strom von Thränen ergoß ſich über ihre Wangen. . MM 24 MA —„Ach! wie ich Sie liebe, gnädige Frau,“ ſprach ſie, und warf ſich der Donna Bianca in die Arme, die ſie feſt an ihren Buſen drückte. Lange vermählten ſich ſtill ihre Thrä⸗ nen, beynahe gleiche Empfindungen regten ſich für beyde in meinem Herzen, es war mir als liebte ich in ihnen ein und dasſelbe We⸗ ſen. Endlich ſagte Bianca zu Ines, ſie wolle ſie auf der Stelle mitnehmen. Ines ſtand haſtig auf und kleidete ſich als Nonne, da ſie keine anderen Kleider hatte. Nach einer kleinen Weile kündete ihr Bianca an, daß ich mich im Schloſſe befände, und als Ines ganz gekleidet war, wurde ich gerufen. Ich flog, mich den himmliſchen Geſchöpfen zu Füßen zu werfen. Donna Bianca hob mich auf, und indem ſie Ines Hand ergriff, legte ſie ſie in meine zitternde Rechte, und ſprach, an meinen Arm gelehnt:„Nun ſuchen wir Dom Pedro auf.“ Außerordentlich war die Rührung dieſes treuen redlichen Freundes, als er uns alle drey bemerkte. Er ſchloß mich in ſeine Arme, ohne auch nur eine einzige Sylbe ſprechen zu konnen, und zog uns ſchweigend aus dieſem verhaßten Orte. Die Schloßaufſeherinn überließ er der gerechten Strafe ihres Gewiſſens. Iſabella folgte uns, wir ſtiegen alle in den Wagen, und als wir im Schloſſe angelangt waren, verſchwand Bianca mit Ines, und führte ſie in ein an das ihrige anſtoßendes Zimmer. Ich blieb bey Dom Pedro. Lebhaft fühlte ich das Bedürf⸗ niß, mich mit ihm allein zu wiſſen, ihm alles Vorgegangene zu erzählen, von meinen wech⸗ ſelnden und oft ſchmerzlichen Empfindungen Rechenſchaft abzulegen, mein Erſtaunen über Dom Dinigo's unbegreifliche Laſterhaftigkeit zu bezeugen, vorzüglich aber endlich einmal meinen eigenen Thräͤnen freyen Lauf zu laſ⸗ ſen. Ich legte mich nicht einmal zu Bette, und ſchmerzhaft waren für mich die erſten heranbrechenden Strahlen des Morgens. Ich war feſt entſchloſſen, mich noch am nämlichen Tage zu entfernen, und wollte Donna Bianca zum ietzten Mal ſehen, um ihr mein letztes ewiges Lebewohl zu ſagen. Um acht Uhr Mor⸗ gens ließ ſie mich und Dom Pedro zu ſich rufen. Soghleich verfügten wir uns in ihr Die Battuecas, 2. Thl. 2 r 26 ,) Gemach, ſie war allein. Leichte Bläſſe über⸗ flog ihre Wangen, als ſie mich ſah. Dom Pedro nahte ſich zuerſt, küßte ihre Hand und ſagte, nur des Saums ihrer Kleidung ſey un⸗ ſer Kuß würdig.„Wir haben alle unſere Schuldigkeit gethan,“— verſetzte ſie,— „Ihr Freund rechtfertigt die Geſinnungen der Liebe, Achtung und Verehrung, die ich bis zum letzten Hauche meines Athemzugs für ihn hege. O Placide, die Nacht, welche ſo eben verfloß, hat alle unſere Pläne ver⸗ rückt und unſere ganze Beſtimmung verän⸗ dert. Doch wird gerade das Andenken an dieſe Nacht in der Folge für uns die ſüßeſte Erinnerung werden. Wir haben Unſchuld und Tugend von den häßlichen Fallſtricken des Laſters befreyt, haben ein junges reitzen⸗ des Geſchöpf, voll Liebenswürdigkeit und rei⸗ nem Gefühl, ihrer glücklichen Beſtimmung wiedergegeben. Wohl waren wir ſelbſt die Opfer unſerer edlen Handlungen, und ha⸗ ben der Befriedigung unſerer zärtlichſten Ge⸗ fühle, der Erfüllung unſerer ſchönſten Hoff⸗ nungen entſagt. Nun wohlan, iſt nicht dieſer — NNN 27 rM einzige Gedanke lohnend? Soll uns ein ſo großes Verdienſt, das wir uns erworben ha⸗ ben, in Trauer verſetzen?“— Hiermit ent⸗ fernte ſie ſich, ohne eine Antwort abzuwar⸗ ten, und ich ſtürzte mich an Dom Pedro's Bruſt, deſſen Thränen meine Wangen netz⸗ ten. Wenige Minuten darauf vernahmen wir ein Geräuſch, wir trockneten unſre Au⸗ gen. Es öffnete ſich die Thuͤre, und Bianca trat ein mit Ines an der Hand. Donna Bianca hatte Ines in ein einfaches weißes Gewand gekleidet. Die Grazie ihres Anzugs machte ſelbſt auf mich den lebhafteſten Ein⸗ druck.„Hier erblicke deine Gattinn,“— ſprach Bianca,—„einige Augenblicke darfſt du ſie nur hören und ſehen, und du wirſt ſie lieben. Sie hat dir rührende Beweiſe ihrer Zärtlich⸗ keit gegeben, du wirſt nicht länger widerſte⸗ hen, der lockenden Gewalt ihrer Reitze, dem Zauber ihrer Unſchuld und ihrem liebevollen Herzen deine aufrichtige Huldigung zollen. Mitten in dem nagendſten Kummer blieb ſich die ſanfte Seele gleich, keine Klage ent⸗ weihte den frommen Mund der Dulderinn, 2* 1 ,, 28 r ſie wollte ihren Schmerz begraben, der ſie bey aller ihrer Ergebung verzehrte. Ach! welch glückliches Paar müßt ihr beyde wer⸗ den! ja, dieſer Gedanke ſey mein ſchönſtes Glück. Lebt wohl,“— fuhr ſie fort mit leiſe⸗ rer Stimme;—„Dom Pedro, Ihrer Freund⸗ ſchaft vertraue ich ihr Schickſal, und den Schutz dieſes Bundes. Lebt wohl!“— In der Bläſſe meines Angeſichts verkündete ſich die Beſtürzung, welche dieſer Abſchied in meine Adern goß, es war mir, als ob die Erde unter mir zuſammenſänke.„Ach, liebe, gnädige Frau„— ſagte die weinende Ines, und fiel ihr in die Arme,—„ach! wie weh mir wird, wenn ich denke, daß ich Sie ver⸗ laſſen ſoll. Sie ſind ſo gut.“—„»Ines 5— ſagte ich, von einem Funken ſchnell erwa⸗ hender Begeiſterung ergriffen,—»zu ihren Füßen müſſen wir danken,“— und wir ſtürz⸗ ten beyde auf unſere Knie. Noch einmal reichte ſie uns die Hand, noch einmal durfte ich dieſe theuere Hand in die meinige drücken, ſie mit einer Thräͤne benetzen. Sie wollte ſprechen, doch jede Sylbe ſtarb auf ihrem —— MN 29 rwe Munde. Endlich ließ ſie den Schleyer ſinken, der auf ewig mir ihr göttliches Angeſicht ber⸗ gen ſollte. Ach! welch tiefe, ewige Wunde fühlte ich an meinem Herzen bluten! Dom Pedro nahm mich in ſeine Arme, und zog mich fort, Ines folgte uns. Mein Kopf war verloren, ich ſtieg, oder vielmehr man teug mich in den Wagen. So war die graufame Scene unſers Abſchieds. Ich wurde mit Ines zu Madrid in der Hauscapelle des Dom Pe⸗ dro getraut. 8. Am Hochzeitstage erhielt Dom Pedro ei⸗ nen Courier von Donna Bianca. Er brachte einen Brief von ihr, den er mir zeigte. »Lieber Freund! Wenden Sie allen Ivbhren Einſluß über dieſes edle Paar an, um ſie von der Rückkehr in das Thal ab⸗ zuhalten: ſie ſollen ſich zwar, wenn ſte wollen, in eine ländliche Einſtedeley be⸗ geben, doch kann ich unmöglich den Ge⸗ danken ertragen, daß ſie in bloßen Baum⸗ hütten wohnen ſollen. Mehrere gute Grände vereinigen ſich, daß ich nicht das Scoloß meines gegenwartigen Aufenthalts ¹ M 30 MA in Vorſchlag bringe, aber ich beſchwöre ſie, eines meiner Güter, welches ich in dem Königreiche von Granada beſitze, an⸗ zunehmen. Erwirken Sie mir dieſen Be⸗ weis der fortwährenden Anhänglichkeit des jungen Paars.“ „Sagen Sie Placide, daß ich mich aller Rechte, welche die Geſinnungen einer Mutter oder Schweſter mir über ſeine Handlungen einräumen dürften, be⸗ diene, um in ihn zu dringen, daß er ja keine ſeiner wiſſenſchaftlichen Beſchäfti⸗ gungen vernachläſſige, ſondern im Gegen⸗ theile alle ſeine Studien mit Eifer fort⸗ ſehe, und ſich insbeſondere auf Malerey und Dichtkunſt fleißig verlege. Geben Sie ihm, wenn er fortreist, alle Buͤcher und alle anderen Hülfsmittel, deren er bedarf⸗ um Künſte und Wiſſenſchaften mit Erfolg zu pflegen.“ „Ich bin vergnügt und ruhig, denn ich ſehe das Glück unſers jungen Paares für die Zukunft begründet, darf auf ihre Freundſchaft rechnen, und habe daher ——— 2 Mer 31 trrs auch vollen Grund, mich glücklich zu nen⸗ nen. Ganz die Ihrige. In der Lage, in der ich war, konnte der Vorſchlag, mich im Königreiche von Granada niederzulaſſen, keine Verſuchung für mich werden, ich blieb daher feſt bey meinem Vor⸗ ſatze ſtehen, wieder in mein Thal zurückzukeh⸗ ren; aber ich ließ es mir gefallen, noch drey Wochen bey Dom Pedro zu bleiben. Seit dem Augenblicke, als der Schwur ewiger Treue mich mit Ines verband, hörte ich auf⸗ mich mit der Erinnerung an die Vergangen⸗ heit, oder mit meinem eigenen Seibſt und dem Schickſale meiner Zukunft zu quälen. So gleichgültig war mir mein eigener Zu⸗ ſtand geworden, doch machte mir Bianca's Loos lebhafte Beſorgniſſe. Ich ſah ſie jetzt einſam und verlaſſen, ich hatte es nue zu ſehr kennen lernen, dieſes gefühlvolle Herz, das nicht ohne ſüße Bande der Zuneigung blei⸗ ben konnte. Soll ich's geſtehen, ſelbſt der Gedanke, daß vielleicht eine andere Verbin⸗ dung mich aus ihrem Herzen drängen dürfte, ww 32 quälte mich ſo, daß zuletzt eine einzige Lieb⸗ lingsidee mich beherrſchte. Sie fühlte tiefe Achtung gegen Dom Pedro, zu dieſer Ach⸗ tung geſellte ſich die innigſte Freundſchaft, und er war von aufrichtiger Bewunderung ihrer liebenswürdigen Vorzüge durchdrungen. Ich dachte mit Recht, daß ihre eheliche Ver⸗ bindung ihnen jenen ſtillen glücklichen Zu⸗ ſtand ſichern würde, deſſen reine Seligkeit die Fortſchritte der Zeit nur mehren können. Ich ſchrieb zuletzt an Donna Bianca ſelbſt, und eröffnete ihr ohne Rückhalt meine Ge⸗ danken. Ich ſchilderte ihr meine Unruhe und Beſorgniß, geſtand ihr meine Schwachheit, und wiederholte meine Betheuerung, daß das Bild ihrer Reitze nicht eher aufhören könne, mich zu verfolgen, und meine See⸗ lenruhe zu gefährden, als bis ich ſie in dem Schooße einer ihrer Achtung und zärtlichen Anhänglichkeit in ſo vollem Maße würdigen Familie erblickte. Immer würde dann die Gattinn meines Freundes zwar der Ge⸗ genſtand meiner innigſten Verehrung, nie aber meiner verirrten Phantaſie mehr ge⸗ 1 V 33 Merre fährlich ſeyn. Dieſe Vorſtellungen verfehlten auf Donna Bianca's Herz den Eindruck nicht, den ich wünſchte. Ohne ſich gerade in eine beſtimmte Verpflichtung einzulaſſen, wies ſie in ihrer Antwort dieſe Eingebung, welche mir meine Vernunft, ſo wie mein Herz zugefliſtert hatten, nicht ſchlechterdings ab, ſondern ließ einen leichten Schein von Hoffnung ſchimmern. Ich unterrichtete Dom Pedro genau von allem, was vorgegangen war, und ſein Entzücken glich ſeiner Uberra⸗ ſchung. So bereitete ich die glückliche Ver⸗ bindung zweyer Perſonen, die mir gleich theuer waren. Ich kehrte ſodann in mein ein⸗ ſames Thal zurück, wohin uns Dom Pedro begleitete, und acht Tage bey uns verweilte. Nach achtzehn Monathen erhielt ich die Nach⸗ richt von Dom Pedro's und Donna Bianca's Trauung.„Endlich habe ich,“— fuhr er feufzend fort,— ‚„wieder Seelenruhe, dieß höchſte Gut, errungen. Ich bin Vater gewor⸗ den, meine liebe zärtliche Ines macht das Glück meines Lebens aus, und die Kunſt ver⸗ edelt mein Daſeyn. Überdieß genieße ich der — fr 34 TTA ſichern Hoffnung, meine Freunde wieder zu ſehen. Gonzale, dieſer ehrwürdige Greis, iſt unlängſt geſtorben, Donna Bianca hat die junge Thereſa zu ſich genommen, und Dom Pedro tritt mir jenes liebliche Häuschen ab, wo ich den Traum ſo ſeliger Augenblicke er⸗ lebte. Wir haben ausgemacht, daß ich es erſt in fünf bis ſechs Jahren beziehen werde. Hier will ich die erſte Erziehung meines Soh⸗ nes vollenden, und dann gehe ich in einigen Jahren mich mit meiner kleinen Familie in jener reitzenden Zufluchtsſtätte niederzulaſſen, die einſt zartfühlende Wohlthätigkeit der Kunſt und Freundſchaft widmete, und wo ich mit Vergnügen meinen bleibenden Wohnſitz, und das letzte Ziel meiner Tage finden werde.“ Mit der lebhafteſten Theilnahme hatte der junge Adolph Placide's Erzählung ver⸗ nommen. Sie war für ihn zum Theil die Schilderung ſeiner eigenen Gefühle, und fachte tief in ſeinem Innern die Gluth bren⸗ nender Unruhe über ſeine grauſame Tren⸗ nung an. Der Marquis ſtellte mehrere Fra⸗ gen an Placide, und unter andern auch die⸗ † WN 35 er⸗ ſe, ob er mit Dom Pedro in regelmäßigem Briefwechſel ſtehe.„Nein,“— antwortete Placide,—„unſere unverbrüchliche Freund⸗ ſchaft iſt keine gewöhnliche Verbindung. Über⸗ zeugt, daß ſie nie geſchwächt werden wird, iſt zwiſchen uns deren wiederholte Verſiche⸗ rung überflüßig. Ich folgte dem weiſen Ra⸗ the des Pater Iſtdor, und traf mit Dom Pe⸗ dro die Verabredung, daß wir uns einige Jahre hindurch gar nicht ſchreiben, ſondern uns ungefähr alle halben Jahre durch Pater Iſidor Nachrichten geben wollten, da letzterer in Ordensangelegenheiten von Zeit zu Zeit einige Mönche nach Madrid ſendet.“—„Ach!“ — ſagte Adolph,—„wie peinlich muß ein ſo anhaltendes Schweigen ſeyn! Doch ſehen Sie ſich wieder.—„Ja, in mehreren Jahren,“ — verſetzte mit tiefem Seufzer Placide. Er hörte auf zu ſprechen, und ſenkte ſein Auge. Adolph ergriff ſeine Hand, und drückte ſie mit ſolcher Innigkeit, daß ſich Placide leb⸗ haft gerührt fühlte, und ihm freundlich wie⸗ der in's Auge blickend, ſeinen Händedruck er⸗ wiederte. Placide fand, daß ſein und Adolphs v, 36 vree Herz ſich verſtanden, und in der That hatte letzterer ſo warme Anhänglichkeit an ihn ge⸗ faßt, daß auf ſein inſtändiges Bitten der Marquis einwilligte, noch acht Tage im Thale zu bleiben. Jeden Morgen verließen beyde mit dem erſten aufbrechenden Sonnenſtrahie ihr Lager, um die entfernteſten und wüſteſten Gegenden des Thals zu durchwandern. Oft ſaßen ſie auf einem einſamen Felſen, und unterhielten ſich von ihren Gefühlen und Lei⸗ den. Adolph zeigte Placide den erſten Brief, den er von Caliſta erhalten hatte. Dem letz⸗ teren war der feyerliche und geheimnißvolle Ton in dieſem Briefe, ſo wie dieſes ganze ſeltſame Abenteuer auffallend. Gerührt weinte er mit Adolph.„Wer kann wohl beſſer als ich,“— ſeufzte er,—„die Schmerzen hoff⸗ nungsloſer Liebe theilen! Indeß entbehren Sie nicht eines mächtigen Troſtes: ſie ſchreibt Ihnen, Sie wiſſen ſich geliebt!. Doch ich, nie ſehe ich ſie wieder!.. Sie lebt, ihr Herz iſt unverändert, Sie ſind beyde frey, und der Himmel wird Sie endlich doch vereini⸗ gen.“— 4 —-— Ar, 37 rr, So mancher Morgen verſtrich in ähnli⸗ chen Unterredungen, die für Placide einen immer höheren Reitz gewannen. Denn das Vergnügen gegenſeitiger Mittheilung war ihm fremd geworden, und einzig dieſes Ver⸗ gnügens wegen kann man ungern die Welt vermiſſen, wenn man mit helldenkendem Geiſte und zartfühlendem Gemüthe die glän⸗ zenden Zerſtreuungen ihrer Zirkel mit der friedlichen Stille ländlicher Einſamkeit ver⸗ tauſcht. Alle anderen Vergnügen, die man mit ihr verläßt, ſchweben nur als abgeſchmack⸗ te, oft unbegreifliche Thorheiten, den Blicken unſerer unbefangenen Erinnerung vor. Doch läßt ſich keine Entſchädigung für die ſüͤße Hingebung finden, mit welcher man oft ei⸗ nem theilnehmenden Geſellſchafter das Ge⸗ heimniß ſeiner Bruſt, oder die genialiſche Frucht der Begeiſterung in traulicher Unter⸗ redung aufſchließt. Eine vollſtändige Einſam⸗ keit wäre leichter als der fortwährende Um⸗ gang mit Leuten zu ertragen, welche weder für den Reitz geiſtreicher Gedanken, noch für 3,8 den feinen Genuß des regen Zartgefühls empfäͤnglich ſind. Der Aufenthalt des Marquis und ſeines Sohnes im Thate der Battuecas verſchaffte Placide noch ein anderes großes Vergnügen: er konnte ihnen ſeine Gemälde zeigen, und ſeine Gedichte leſen. Alle Abende brachte er mit ihnen bey Pater Iſidor zu, und jedes Mal, wenn er Abſchied nahm, fühlte er die Lücke, die in ihrer Abweſenheit in ſeinem Daſeyn ſich zeigte. Adolph verſprach, ihm jedes Mal, als er einen Brief von Caliſta erhalten würde, nämlich alle fünf bis ſechs Monathe einen Bothen zu ſenden. Nach ih⸗ rer Abreiſe ſank Placide in eine Art von Schwermuth, welche wohl Ines und ihres Kindes Gegenwart zerſtreuen konnte, die er aber ſchwer bemeiſterte, wenn er allein war, und doch war er ſo gern allein. Seit ſeiner Heirath war er von dem Gegenſtande ſeiner Anbethung achtzehn Monathe entfernt, doch war ihm dieſe Zeit ohne Unruhe verfloſſen. Er hatte in der innern Stimme der Zufrie⸗ denheit, welche jede tugendhafte Aufopferung wrne 39, begleitet, den mächtigſten Troſt gefunden, zumal da er wußte, daß ſeine ehemalige Ge⸗ liebte den vollen Umfang ſeines Opfers wür⸗ digte. In der That mußte ein Herz wie das ſeine, in dem Gefühle der Bewunderung, welches er bey Donna Bianca erregt hatte, in der Freundſchaft und dem Dankgefühle des Dom Pedro, in der Achtung des Pater Iſidor, in der Zärtlichkeit ſeiner Ines, in dem Glücke, Vater eines liebenswürdigen Kindes zu feyn, lohnende Entſchädigung fin⸗ den. Doch hatte er durch ſeine Erzählung alle die Eindrücke und Empfindungen erneuert, welche die mannigfaltigen Scenen einer eben ſo unglücklichen als heftigen Leidenſchaft erre⸗ gen mußten. Diefe gefährlichen lebhaft ge⸗ zeichneten Erinnerungen weckten den Aufruhr, der in ſeiner Phantaſie und ſeinem Herzen ſchlummerte. Die Abreife dieſer zwey Frem⸗ den, welche an ſeinem Unglück ſo viele Theil⸗ nahme bewieſen, mußte vollends ſeinen Muth erſchüttern. Pater Iſidor war zu ſtrenge und zu alt für ihn, um in ſeiner Geſellſchaft Er⸗ holung zu ſuchen. Schon hatte die Zeit den ꝙ☛ 4 0 4744łQ4h Reitz der Neuheit abgeſtreift, welcher ihm anfangs die unbefangene Offenheit, die Ein⸗ falt und Unwiſſenheit ſeiner Ines ſo liebens⸗ würdig machte. Mit Rührung hatte er das friedliche Thal, in welchem die glücklichen Tage ſeiner Kindheit verfloſſen waren, wie⸗ der geſehen, und empfand nach den ſchnellen heftigen übergängen all der wechſelnden Ge⸗ fühle, die ſein Herz theilten, vor allem das Bedürfniß der Ruhe, ein Bedürfniß, welches ſich bey einem mit ſich ſelbſt einigem Gewiſ⸗ ſen fo leicht und angenehm befriedigen läßt. Jeder Anblick im Thale both das Bild dieſer heißerſehnten Ruhe, und es ſchien von der Natur eigends beſeſtigt, um zur Wohnſtätte des ewigen Friedens zu dienen. Doch dieſe glücklichen Hülfsquellen der erſten günſtigen Eindrücke waren erſchöpft, und mit Schre⸗ cken wurde er gewahr, daß er nun ungleich mehr als ſelbſt in jenen erſten Augenblicken zu beklagen war, wo er auf einmal von dem Gipfel ſeines höchſten Glückes ſtürzte, und der Tugend ein ſo ruhmvolles, aber auch zu⸗ gleich ſo ſchmerzhaftes Opfer brachte. woon 4l Awn, Im Thale erhob ſich ein Felſen, den Ci⸗ tronen⸗ und Feigenbäume kränzten. Male⸗ riſch war die Form ſeines Umriſſes, majeſtä⸗ tiſch der Anblick ſeiner Höhe. Auf dem Gipfel dieſes Felſens hatte Placide in dem erſten Feuer ſeiner jugendlichen Begeiſterung eine Menge Verſe, und unter andern auch jene Ode gedichtet, welcher er dann den ſchönſten Augenblick ſeines Lebens zu danken hatte, dieſelbe, die Bianca geſungen, und zu wel⸗ cher ſie die Melodie verfertigt hatte. Seit ſeiner Rückkehr in das Thal wagte es Placi⸗ de, dieſes Andenken fürchtend, nicht, jenen einſamen Gipfel zu beſteigen. Aber nach der Abreiſe Adolphs konnte er der Verſuchung nicht widerſtehen, endlich einmal ſein vorma⸗ liges Lieblingsplätzchen zu beſuchen. Die Höͤhe dieſes Felſens war ſo außerordentlich, daß wenige junge Leute im Thale ſie leicht erſtie⸗ gen hätten, und keinem die Luſt dazu anwan⸗ 3 deelte. In dieſer Einſamkeit war er gegen alle laͤſtigen Be⸗ uche geſichert, und ſuchte dort eine gefaͤhrliche Freyſtatte für ſeine ſchwer⸗ müthigen Schwärmereyen zu finden. X Eines Morgens, bey Aurorens erſtem Schimmer, entſchloß er ſich, dieſen einſamen Gang zu wagen, und enteilte in dieſer Ab⸗ ſicht ſeiner Hütte. Nach ſeinem eiligen und doch ſchwankenden Schritte, nach der in je⸗ dem ſeiner Geſichtszüge und in jeder Bewe⸗ gung ſichtbaren Verwirrung und Verlegen⸗ heit zu urtheilen, hätte man glauben ſollen, er ginge einer ſtrafbaren Zuſammenkunft entgegen. Eine der Gewiſſensangſt ähnliche, unbeſtimmte Unruhe geſellte ſich zu ſeiner Rührung, welche dadurch zu einem noch hö⸗ heren Grade von Heftigkeit ſtieg. Endlich kam er an den Gipfel dieſes ungeheuern ſtei⸗ len Felſens. Gelehnt an einen alten Feigen⸗ baum blieb er einige Augenblicke unbeweglich ſtehen, und betrachtete mit überſchwenglichem Entzücken das herrliche Schauſpiel, welches ſich vor ſeinem Blicke entfaltete, und gerade für ihn begonnen zu haben ſchien: denn ſo wie er den Gipfel erſtieg, leuchteten die er⸗ ſten Strahlen der hervorbrechenden Morgen⸗ ſonne über ihm empor. Von da beherrſchte ſein Auge beynahe den ganzen Umfang ſeines ,3, Thals, in einen Blick umfaßte er liebliche Luſtwäldchen, zahlreiche Herden, friedliche Hütten, fruchtbare Felder, und das hell ſchimmernde Band der Gewaͤſſer. Er überſah den größten Theil der prächtigen Felſenfeſte, welche alle dieſe Schätze der Natur verſchloß, und ſie gegen die Angriffe des Ehrgeitzes und der Habſucht ſicherte.„»„O glückliches Thal! o mein Vaterland!“— rief er aus,—„ach! warum habe ich dich verlaſſen! Was hatte ich ſeliges Kind der Natur unter jenen geiſtvol⸗ len Menſchen zu ſuchen, deren verführeriſche Künſte die Gränzen ihres Daſeyns nur auf Koſten ihrer Ruhe. erweiteren. Sanft ent⸗ gleitet uns hier der Strom des Lebens, uns beſchäftigt ſeine reitzende Ausſicht mehr, als die einförmige Stille ſeines Lauſes, wo hin⸗ gegen jene verfeinerten Menſchen ſich mit unbeſonnenem Ungeſtüm in dieſen Strom ſtürzen, nur die nahe Umgebung des Ufers kränzen, und ſeine Klippen abſichtlich ſuchen. Und welches Scheinglück ſie ſich oft träumen! Ein Ideal allzu ſtürmiſch, um nur den Ge⸗ nuß eines einzigen Augenblicks reiner Freude e, 44 zu gönnen, aber auch allzu berauſchend, um von Dauer zu ſeyn.“* 4 So ſchwang er die Geißel der Satyre über eine Welt, deren angenehme Täuſchun⸗ gen er doch ſehr ungern vermißte; bald aber wußte er nicht länger ſeine eigene Schwach⸗ heit ſich zu bergen, und geſtand ſich ſelbſt ei⸗ nen Theit der unglücklichen Lage, in welcher er vergebens ſchmachtete; denn es gibt ſo manchen Kummer, den ein edles Herz ſich ſelbſt zu verbergen ſucht. Unaufhörlich blutet die Wunde des Grams, welchen Pflicht und Vernunft verdammen, verhüllt in unſerm Buſen; nicht heftig, doch deſſen ungeachtet verzehrend nagt ihr Schmerz. Trauernde Blicke heftete Placide auf die Gegenſtände, die ihn umgaben.„Ach!— ſeufzte er,—„wie hat ſich alles ſeit jener Zeit geändert, wo ich auf dieſer Stelle von meinem Thale Abſchied nahm! Ach! in dieſem kurzen Zeitraume habe ich die Frucht vom Baume der Erkenntniß des Guten und Bö⸗ ſen gekoſtet, und von Edens friedlichem Ge⸗ filde iſt für mich der Zauber dahin geſchwun⸗ wen, L den. Nur als ein Fremdling, ein Entweih⸗ ter, wandle ich darin. In meinem eigenen Vaterlande finde ich mich verwieſen, und zähle die Tage meiner Verbannung. Schon ſind zwey Jahre verfloſſen, und noch ſoll ich Jahre fern von aller Geſellſchaft hier zu⸗ bringen, und die traulichen Unterredungen entbehren, die der vorzüglichſte Reitz des Le⸗ bens ſind! In dieſer Zwiſchenzeit ſoll ich kei⸗ ner Mittheilung von Gedanken, Meinungen, keines ſüßen Tauſches von Empfindungen mich erfreuen! Auf den Genuß in der Be⸗ trachtung fremder, oder in gelungener Aus⸗ übung eigener Kunſttalente, und auf die Schätze der Beleſenheit, welche durch vor⸗ theilhafte gegenſeitige Auswechſelung wu⸗ chern, Verzicht leiſten? Keiner Aufmunte⸗ rung in meinen wiſſenſchaftlichen Bemühun⸗ gen genießen? Ich werde denken und em⸗ pfinden, und kein Freund wird mich verſte⸗ hen! Werde durch thätige Pflege die Künſte ehren, und kein Beyfall wird mich lohnen 1... Doch ich werde meinen Sohn heranwachſen ſehenl...* —— —;— — , 46 ee Dieſer letzte Gedanke beſänftigte die Un⸗ ruhe Placide's, und gab ihm wieder einigen Muth. Seufzend ſtieg er in das Thal hinab, kehrte in ſeine Hütte zurück, und überall trug er jene Gedanken mit ſich. Nur für ihn ſchien der Flug der Zeit bleyerne Schwingen zu haben! Indeß beſchäftigte er ſich ohne Unter⸗ laß, trieb Muſik, Poeſie und Malerey, und hatte er ein Gedicht, oder ein Gemälde verfertigt, ſo ſagte er traurig zu ſich ſelbſt: „Wer wird über meinen Werth urtheilen 2..“ Tugend iſt ſich ſelbſt genug, doch die Kunſt bedarf der Ermunterung, des Beyfalls und Ruhms. Außer dem reinen Vergnügen, wel⸗ ches die Zufriedenheit unſers eigenen Gewiſ⸗ ſens gewährt, heruhet jedes andere auf Ei⸗ telkeit und Täuſchung. Der einzige Troſt für ihn lag in dem Gedanken, einſt Dom Pedro alle ſeine Werke zu widmen; ſie Donna Bianca zu widmen, erlaubhte er ſich noch nicht einmal zu denken. Alle fünf oder ſechs Monathe ſah Plaeide regelmäßig einen Bothen Adolphs kommen. Letzterer meldete ihm, daß er noch immer ⸗ 47 Mr Briefe von Caliſta auf dieſelbe geheimniß⸗ volle Art erhalte. Plaeide benützte die Gele⸗ genheit, ſeinem unrnhigen und mit ſo quã⸗ lenden Gedanken ringenden Herzen Luft zu machen. Seine Antworten füllten eine Reihe von fünfzehn bis zwanzig Seiten, und er wurde nicht müde, den Bothen über alles, was in Madrid und der dortigen Gegend ſich ereignete, auszufragen. Dieſer Bothe, ein gemeiner Reitknecht, wußte um ſo weniger Beſcheid zu geben, als er weder Dom Pe⸗ dro, noch Donna Bianca kannte. Doch kam er aus der andern Welt, und trug ein ſpaniſches Kleid; ſchon einzig dieſe Tracht, die ihn ſo vortheilhaft von der im Thale üblichen groben Bekleidung unterſchied, machte ihn in den Augen des armen Placide zu einem intereſſanten Menſchen. Vorzüglich peinigte ihn der Gedanke, daß er beynahe mit jedem Tage immer mehr und mehr außer aller Be⸗ rührung mit jener ſeinem Herzen ſo theueren Familie kam.„Großer Gott!“— dachte er ſich,—„wenn wir uns wieder ſehen, wie fremd werde ich dann jedem Gegenſtande ih⸗ 8 r 4 8 rrN rer Unruhe, ihrer Entwürfe, oder ihrer Hoff⸗ nungen ſeyn! Wie kann die alte Vertrau⸗ lichkeit unter uns dann hergeſtellt werden? Gewiß haben ſich ihre Umgebungen erneuert, und ich finde einen Freund, an dem ſie mir den Eifer ſeiner Freundſchaft, die Zartheit ſeines Benehmens, und was die Welt wich⸗ tige Dienſte zu nennen pflegt, rühmen werden, das heißt, daß er einige Goldſtücke herlieh, daß er ſich einige Schritte nicht ver⸗ drießen ließ, um einen Titel zu verſchaffen, oder das Recht, ein Stückchen Band da an der Seite zu tragen, denn das iſt der Kin⸗ dertand, dem man Erkenntlichkeit zollt! Und womit werde ich mich rühmen können? Wer⸗ de ich meines treuen Andenkens und unver⸗ änderten Gefühls, werde ich der Thränen, die ich vergoß, der Leiden, die ich ſtill ertrug, erwähnen dürfen? Muß ich nicht vielmehr die Folter meiner Schmerzen tief in meinen Bu⸗ ſen hüllen? Ach! könnte ich ſie nur mir ſelbſt verbergen!... So werde ich nur zu einem gemeinen Freunde für ſie herabſinken, und als ſolcher glücklichere Nebenbuhler finden. r 49 ere Wird Liebe getheilt, ſo verräth ſich leiſe ihr Gefühl in jeder unſerer Handlungen, oft ſagt ein einziges Wort, ein verſtohlener Blick, ein geheimer Seufzer dasſelbe, was ſelbſt ihr heiligſter Schwur und ihre höchſte Aufopfe⸗ rung bedeutet; doch Freundſchaft will andere Beweiſe, und was könnte ich für ſie thun? Ach! für immer iſt mein Glück dahin!”“— Dieſe Gedanken verbreiteten tiefe Wehmuth in ſeinem Herzen. So floſſen drey Jahre hin; nach dieſer Zeit gab ihm Pater Iſidor ein Billet in wenigen Zeilen von Dom Pedro: letzterer ſchrieb, daß Donna Bianca endlich des Glückes, ſich Mutter zu fühlen, genieße. Bey dieſer Nachricht und bey dem Anblicke dieſes theuern Namens, den Dom Pedro's Hand gezeichnet hatte, zerſchmolz Placide in Thränen, und rief:„Ach, wäre ich nicht ſchon vergeſſen, ſo würde mich dieſes Kind auf im⸗ 3 mer ganz aus ihrem Gedächtniſſe löſchen; von nun an liebt ſie niemanden außer ihm! Nun wohlan!“— fuhr er fort,—„habe ich nicht auch einen Sohn? Nun ſo will ich mich ausſchließend nur mit ihm beſchäftigen.“ Die Battuecas, 2. Thl. 3 50 Mrr Theophila war einer von Bianca's Tauf⸗ namen, auf einen Augenblick hatte einſt Pla⸗ cide den Namen Theophil angenommen. Die⸗ ſen Namen gab er ſeinem Sohne. Er war ein reitzendes Kind, das ſich durch ſeine Schön⸗ heit, ſo wie durch ſeine rege Empfindſamkeit und die Vorzüge ſeines Geiſtes auszeichnete. Placide faßte den Entſchluß, ſich keinen ein⸗ zigen Augenblick mehr von ihm zu trennen. Thevphil war noch nicht fünf Jahre alt, und ſchon trug er mit Anmuth ſeines Vaters Dich⸗ tungen vor, lernte zeichnen, den Bogen ſpan⸗ nen, und Felſen erklimmen. Leidenſchaftlich liebte ihn Placide, und rief zuweilen, gerührt über ſein kuͤnftiges Schickſal, aus:„O theu⸗ res Kind, während ich dich an dieſen verfüh⸗ reriſchen Künſten Geſchmack finden lehre, opfere ich dich väterlicher Eitelkeit! Einſt wirſt du wohl glänzen, aber auf Unkoſten deines Glücks. Ach! hätte ich deine Erziehung nicht deinem beſtändigen Aufenthalte in dieſem Thale widmen, hätte ich mich nicht ſelbſt bis an mein Grab darin verſchließen ſollen!“ Oft beſchäftigte ihn dieſer Gedanke, den jedoch rTT 51 Mrr ſeine Einbildungskraft allzu lebhaft beſtritt, als daß er tiefere Wurzeln hätte faſſen kön⸗ nen. Indeß vermehrte die Zärtlichkeit für ſeinen Sohn auch jene, welche er für die Mutter dieſes ihm ſo theuern Kindes fühlte, ja die Bande der Anhänglichkeit, welche ihn an Ines knüpften, waren tiefer und inniger, als er ſelbſt glaubte, nur gefährliche Erinne⸗ rungen hatten ſeine Phantaſie verſtrickt, und eine traurige Täuſchung ließ ihn die Gefühle ſeines eigenen Herzens verwechſeln; die Hef⸗ tigkeit ſeines Charakters, und die wilde Un⸗ ordnung ſeiner Ideen geſtatteten ihm nicht, ſich einen unveränderlichen Plan vorzuzeich⸗ nen, oder die Gefühle ſeines eigenen Her⸗ zens zu entwickeln. Er befand ſich in dieſem Zuſtande, als gegen den Anfang des Jahres 1804 Adolph, noch immer in derſelben Ungewißheit über das Schickſal ſeiner Caliſta, ihm ſchrieb, er habe Spanien verlaſſen, um nach Frankreich zurückzukehren. Die Art, mit welcher er Ca⸗ liſtens in ſeinem Briefe erwähnte, zeigte deutlich, daß die Zeit auch auf ihn ihre un⸗ 3* ——— —õÿ—,— ——-——— y — — —ÿõ— h de, fehlbare Wirkung hervorgebracht, und die große Leidenſchaft, die ihn ſo unglücklich machte, geheilt hatte.„O! wie neide ich ihn,“ — rief er aus,—„er kann des Siegs über eine Empfindung ſich rühmen, welcher die Vernunft ihren Beyfall verſagt! Oder iſt vielleicht in dieſer rauſchenden Welt trauernde Erinnerung nur deßwegen von ſo kurzer Dauer, weil ſie die immerwährende Schau⸗ bühne des ſchnellſten Wechſels der Gefühle iſt? Ach! nur in dem Umkreiſe dieſes Thals, nur in der einſamen Stille dieſer unzugäng⸗ lichen Einöde iſt trauernde Erinnerung ewig. Kein fremder Gegenſtand zerſtreut die Bilder der Vergangenheit, die ſie hier beſchaftigen, feſt kleden ſie an dem Abgrunde dieſer Felſen⸗ klüfte, ſo ruht der Funke geheim im tiefen Schooße des kalten Kieſels.“ Placide wurde in der Folge gewahr, daß die Beſtaͤndigkeit der Freundſchaft ihren ewigen Thron im Her⸗ zen, doch jene der Liebe oft das ſchimmernde Traumſchloß einiger Augenblicke nur in un⸗ ſerer Phantaſie errichte. Drey Monathe nach Adolphs Abreiſe ging Placide an einem — rr, 53 Morgen gegen ſeine Gewohnheit ohne Thro⸗ phil allein ſpazieren. Träumendes Nachden⸗ ken führte ihn an eine Quelle, deren Sturz von einer hohen Felſenſpitze ſich ergoß, und den ſchönſten Waſſerfall im Thale bildete. Der Boden hektete, als er der Quelle nahete, ſeine Blicke; auf einmal überfällt ihn ein leichter Schauer, er fährt zuſammen, hält plötzlich ſtill, und bleibt dann unbeweglich ſtehen. Noch war kein Weib der Fremde bis in dieſes Thal gedrungen, und auf einmal ſieht er Spuren eines niedlichen kleinen Frauenſchuhes, die ſich im Sande bilden. Nur grobe Sandalen trugen die Bewohner des Thales, und hier erblickte er die feine Form eines Fußes, der dem Zauberkreiſe der gebildeten Welt gehörte. Vergebens ſuchte er ſein Auge von dieſer lieblichen Form zu trennen. Sie ſchien ihm ſo zart, daß nur Bianca's ſo oft bewunderter Zephyrſchritt dieſe Spur hinterlaſſen haben konnte. Voll Entzücken, unwillkührlich hingeriſſen, folgte er dieſer Zauberſpur. Er kam zur Quelle. Er fand eine Chiffre, mit einem Meſſer —— ——— rr 5l, rwen neuerdings in den Felſen gegraben, und die⸗ ſer Buchſtabe war P... Kaum vermag er zu athmen, ungewiß wanken ſeine Schritte, bald entfernt er ſich, bald nähert er ſich der Quelle, endlich ſteht er ſtille, und horcht... Er glaubt, er höre ſchon Bianca's Stimme, und ſeine Gemüthsbewegung wird ſo heftig, daß er ſich an den Stamm eines umgehaue⸗ nen Baumes lehnt. In dieſem Augenblicke zeilt ein junger Battueras hart an ihm vor⸗ bey, und ſagt, zwey Fremde, ein Mann und ein blendend ſchönes Weib ſeyen ſo eben im Thale angekommen, ſie hätten gefragt, wo Ines wohne, und wären in dieſem Augen⸗ blicke ſchon in ſeiner Hütte! Bey dieſen Wor⸗ zten hat Placide keinen Zweifel mehr.„Sie iſt's, ſie iſt's,“ rief er mit lauter Stimme. „Großer Gott, aus welcher Abſicht mag ſie kommen! Wie werde ich nach ſechs Jahren ihren Blick ertragen?. Meine Verbannung ſollte noch fünf bis ſechs Jahre dauern, und um eine volle Hälfte kürzt ſie dieſe Friſt! Und ſie ſelbſt ſucht mich die erſte auf! Was ſoll dieſer Schritt bedeuten? Glaubt ſie denn, . rr 55 rrn ich könne ſie ſo ohne alle Vorbereitung in Dom Pedro's und in Ines Gegenwart ſe⸗ hen? Und in dieſen Felſen grub ſie den er⸗ ſten Buchſtaben meines Namens! Himmel, iſt es möglich! Bianca wäre hier, hier in meiner Hütte. Ach! nein, vergebens würde ich es verſuchen, den erſten Himmelsſtrahl ihres Blickes zu ſchauen. Käme ſie, mir ewige Trennung zu verkünden, mir ihr letztes Lebe⸗ wohl zu ſagen?2... Nein, gewiß, dieß über⸗ lebte ich nicht. Doch am Ende, was liegt daran; ich will mein Schickſal kennen lernen,⸗ und demſelben mit Muth entgegen gehen...“ Mit dieſen Worten ſchlug ſein ſchwankender Gang den Weg zur Hütte ein, und ſo wie er ihr näher kommt, verdoppelt ſich ſeine Angſt, ſchneller klopft der Puls in ſeinen Adern, und das Herz in ſeinem tief beweg⸗ ten Buſen. Bleich, entſtellt, mit irrem Schritte langt er endlich an, tritt ein, und ſieht mit unbeſchreiblicher Uberraſchung Ines zwiſchen zwey ihm gänzlich unbekannten Per⸗ ſonen! Er blieb einen Augenblick wie ver⸗ ſteinert ſtehen, und ſank dann auf einen en 56 e Stuhl, indem er als Urſache des an ihm er⸗ ſichtlichen Zuſtandes die Muüdigkeit vorſchütz⸗ te, in welche ihn ſein eilender Lauf verſetzt habe. Der Vorwand wird genehmigt, und der Unbekannte ſteht auf, geht ihm entgegen, und ſagt:»Ich bin Baron d'Olmar, ein Verwandter des jungen Adolph von Pal⸗ mene, und der Freund ſeines Vaters. Spa⸗ niſcher Abkunft iſt meine geſammte Familie, und da mich demnach Geſchäfte nach Madrid führten, habe ich auch einige kleine Auftraͤge an Sie von Adolph übernommen. Er hegt noch immer die zärtlichſte Freundſchaft für Sie, meine Nichte Leontine, deren Vor⸗ mund ich bin, wollte mir durchaus folgen. Hier führe ich ſie auf.“— Dieſe vorläufigen kurzen Worte benützte Placide, ſich von ſei⸗ ner erſten Verwirrung zu erholen. Nach ei⸗ ner Pauſe von einigen Minuten fragte er, ob ihm Adolph geſchrieben hätte.„Leider!“ — verſetzte der Baron,—„war er ſeit der Zeit ſehr zu beklagen, als er aufgehört hatte, Ihnen zu ſchreiben!“—„Wie?„—„Sie werden alles erfahren, nur bitte ich, mich an r 57 a einen Ort zu führen, wo ich Ihnen ohne Beſorgniß, unterbrochen zu werden, dieſe wahrhaft traurige Begebenheit erzählen kann. Üübrigens,“— fuhr er fort,—„beruhigen Sie ſich über Adolphs Schickſal; wohl gibt es eine eben ſo ſchreckliche, als für ihn rührende Erinnerung, welche er nie vergeſſen wird; indeß kann er zuletzt noch glücklich ſeyn.“— Während er ſo ſprach, kam Ines, die auf einen Augenblick weggegangen war, mit ei⸗ nem Korbe voll der ſchönſten Früchte. Der Baron bath um die Erlaubniß, ihr ſeine Nichte zu vertrauen, nahm dann Placide beym Arm, und verließ mit ihm die Hätte. Placide's gefühlvolle Seele war tief bewegt, er führte den Baron in ein entlegenes einſa⸗ mes Wäldchen, lagerte ſich mit ihm auf wei⸗ ches Moos, und hörte ihn dann mit geſpann⸗ ter Theilnahme folgende Geſchichte erzählen: „Acht Jahre hindurch wurde Adolph über Caliſtens trauriges Loos in täuſchendem Wahne erhalten. Ein unverbrüchlicher Eid nöthigte mich, dieſe Täuſchung zu nähren, und ſogar eine Fabel zu erdichten, um ihn E 22, B we, zu hintergehen. Alles, was er Ihnen erzähl⸗ te, war nur ein in der Abſicht zaſammenge⸗ ſetzter Roman, um eine ſchauerliche Cataſtrophe vor ihm zu bergen. Vernehmen Sie die wahre Geſchichte eines der theilnahmwürdig⸗ ſten Schlachtopfer der franzöſiſchen Revolu⸗ tion:“ „Seit dem Jahre 1789 hätte ich, wenn es möglich geweſen wäre, Frankreich verlaſſen, doch ohne Geld kounte ich es nicht thun. Ei⸗ nige Trümmer eines vorher beträchtlichen Vermögens, und zumal jenes meiner Nichte, wollte ich retten, denn mit Recht betrachtete ich letzteres als ein heiliges Pfand, das mei⸗ ner redlichen Sorgfalt anvertraut war. Da ich mich in der möglichſten Entfernung von der damaligen blutigen Schaubühne zu halten ſtrebte, ſo hoffte ich der Verfolgung durch die Verborgenheit meines Namens zu entgehen, doch bald erregten andere Gegenſtände mei⸗ ne Beſorgniß. Ich war in enger Verbindung mit einem damals noch ſehr jungen Manne, dem einzigen Sohne eines Advocaten, der gro⸗ ßes Vermögen von ſeinem Vater erbte. Mel⸗ vrn 59 e vil, ſo war ſein Name, hatte die Studien mit Erfolg zurückgelegt, er war geiſtreich, liebenswürdig und vorzüglich ſehr beleſen, doch leider auch ein Brauſekopf voll unge⸗ ſtümer Leidenſchaften und beſonders voll an⸗ maßender Eigenliebe. Eben ſo erſtickte ſeine Leſewuth, welche mitunter auch ſo manches nichtswürdige Zeug verſchlang, vollends alle vernünftigen Grundſätze, zu denen ſeine frü⸗ here Erziehung den Keim gelegt hatte, und es war daher, bey aller Rechtlichkeit und Groß⸗ muth ſeines natürlichen Charakters, leicht, ihn in alle möglichen Ausſchweifungen zu ſtürzen. Ich war im Jahre 1791 mit einer Sendung nach Spanien beauftragt geweſen; dieſe hatte ich benützt, um einige Gelder für mich und meinen Freund, Marquis de Palmene, an⸗ zulegen. Bey meiner Rückkehr traf ich ſchon den völligen Umſturz des Throns und den Marquis ſeit zwey Monathen auf dem Ster⸗ bebette. Ich hatte in meiner Sendung Frank⸗ relch wichtige Dienſte geleiſtet, Melvil wußte ſie geltend zu machen, und überdieß hatten wir das Glück, die habſüchtigen Republikaner 80 ww ſo weit zu hintergehen, daß wir ſie von dem Verluſte unſers ganzen Vmnögens überrede⸗ ten. So konnten wir, zumal unter dem wirk⸗ ſamen Schutze Melvils, ruhig leben. Der Marquis wurde endlich doch wieder herge⸗ ſtellt, und ich nahm mit ihm, mit Adolph, der Marquiſe d'Auberive, mit Caliſten, ih⸗ rer Tochter, und mit meiner Nichte Leontine meinen Aufenthalt in einem kleinen Land⸗ hauſe, oder vielmehr in einer Hütte unweit Paris. Dort lebten wir einſam, ſtellten uns ſehr arm, und ſuchten uns in unſerer Ge⸗ meinde beliebt zu machen. In grober Ver⸗ kleidung hatte ſich, verbannt aus dem Pal⸗ laſte, die Schmeicheley in die Clubbs, in die Wirthshäuſer und unter Strohdächer geflüch⸗ tet, die Fürſten hatten keine Höflinge mehr, nur Bauern und dem Volke ſuchte man zu gefallen. Melvil kam oft uns zu beſuchen, ſeit dem erſten Augenblicke der Revolution hatte er ſich als Demokrat erklärt. Darüber wunderte ich mich am wenigſten, er war nicht adelig von Geburt, und nie vertrug ſein Stolz irgend eine Art Herabſetzung. Freudig s, Ol vore 4 faßte er daher nicht nur alle liberalen Ideen jener Zeiten auf, ſondern ſuchte auch ſo frey⸗ gebig ihr Gebieth zu erweitern, daß er ſelbſt die lächerlichſten Geburten philoſophiſcher Thorheiten in Schutz nahm.“ »Gegen das Ende des Jahres 1792, da ich noch auf ſeine Freundſchaft rechnete, bath ich ihn, ſeinen Einfluß zur Erleichterung unſerer Flucht zu verwenden. Doch wie traurig war meine Überraſchung, als er mir die leiden⸗ ſchaftliche Liebe, welche meine Nichte Leon⸗ tine ihm eingeflößt hatte, erklärte. Ich be⸗ ſchränkte meine Antwort darauf, daß ich ihm ihre bekannte entſchiedene Abneigung gegen jede eheliche Verbindung, und unſre gegen⸗ wärtige Criſe vorſtellte, in welcher zumal ein Frauenzimmer nur aus einem Lande, wo alle Umſtände die drohenden Vorbothen ſchreckli⸗ cher Ereigniſſe ſchienen, zu entkommen ſuchen müßte.„Sprechen wir aufrichtig,“— unter⸗ brach er mich,—„Leontine, von Kindheit auf in den Vorurtherlen ihres Standes er⸗ zogen, kann nur mit Abſcheu an jede Miß⸗ heirath denken, doch nur um dieſen Preis n, 62 verpflichte ich mich, Sie alle zu retten. Es iſt keine Zeit zu verlieren, ich verhehle Ihnen nicht, daß Ihre ganze Familie in der größ⸗ ten Gefahr ſchwebt, und daß ich bisher, um Ihre Freyheit zu retten, alle meine Thätig⸗ keit, Geld und Intriguen aufbiethen mußte. Ich gebe Ihnen vier und zwanzig Stunden Bedenkzeit.“ Er verſchwand mit dieſem letz⸗ ten Worte. Mit tödtlicher Angſt gab ich Leon⸗ tinen Rechenſchaft von dieſer peinlichen Un⸗ terredung. Sie wurde bleich, und hörte mich, ohne mich zu unterbrechen. Nach einer langen Pauſe nahm ſie dann das Wort.„Ich haſſe Melvil,“— ſagte ſie,—„doch was iſt an meinem eigenen Gefühle hier, wo es ſich um Aller Rettung handelt, gelegen, ich zaudere alſo nicht, morgen will ich mit dieſem verhaß⸗ ten Menſchen reden. Nur dürfen Adolph und Caliſte ſeine verwegene Abſicht nicht er⸗ fahren, ich nehme alles auf mich, und bitte Sie, ſich zu beruhigen.“ Sie ſelbſt lud Mel⸗ vil ein zu kommen, und eilend folgte er ih⸗ rem Winke. Sie empfing ihn in einem Saa⸗ le, nachdem ſie mich gebethen hatte, in einem 1 uu, 63 vre, kleinen durch eine dünne Zwiſchenwand ge⸗ trennten Seitencabinet zu verweilen. Ich verlor kein einziges Wort ihrer ſeltſamen Un⸗ terredung. Trotz ſeiner Kühnheit, ſchien Mel⸗ vil zitternd und verlegen vor dem Angeſichte Leontinens, welche erſt ſiebenzehn Jahre zählte. Doch liebte er aufrichtig, und ſeine Seele war noch nicht ganz verdorben. Leon⸗ tine brach zuerſt das Stillſchweigen.„Mein Onkel,»— ſagte ſie,—„kündigt mir Be⸗ dingniſſe an, die Sie für unſre Rettung ſe⸗ ben. Um zwölf Jahre älter als ich, ſind Sie Zeuge meines erſten Daſeyns, und kennen alſo die Freymüthigkeit meines Charakters, die ich nie verläugnete, und von welcher ich Ihnen in dieſem Augenblicke den letzten Be⸗ weis dadurch geben werde, daß ich mich in der wichtigſten Lage meines Lebens frey ge⸗ gen Sie erkläre. Ich verabſcheue Ihre Grund⸗ ſätze, Ihre Meinungen, Ihr Betragen und die laſterhaften Menſchen, welche Sie Ihre Freunde nennen. Ich habe eine unüberwind⸗ liche Abneigung gegen jede eheliche Verbin⸗ dung, und hege gegen jede Mißheirath noch ren 6 rurs 3 tiefere Verachtung, doch retten Sie jene, die ich liebe, ſo gebe ich Ihnen meine Hand.“— „Ich verſpreche, ſie alle außer Gefahr zu ſe⸗ tzen,“— rief Melvil,—„ſobald Sie ſich mit mir trauen laſſen; ſie ſollen alle ſammt Ihnen nach Spanien reiſen, denn ich will ſchlechterdings nicht, daß Sie während der Schreckensſcenen, welche gegenwärtig vorbe⸗ reitet werden, hier verweilen. Ich bleibe al⸗ lein hier, und werde Sie mit Vergnügen abreiſen ſehen, ſobald Sie mir den ſtolzen Titel Ihres Gatten ſchenken.“—„Nein, nein,“ — verſetzte Leontine,— ynicht ſo war es ge⸗ meint, nicht auf dieſe Art will ich ſolche Bande ſchließen, nur erſt dann gebe ich Ihnen meine 8 Hand, wenn mein Onkel, Adolph, Frau von Auberive und ihre Tochter über die Gränze gekommen ſind.“—„Alſo nur des Verſpre⸗ chens Ihrer Hand darf ich mich bis dahin er⸗ freuen?“—„Und ich dächte, mein Verſpre⸗ chen ſollte Ihnen wohl genügen. Doch noch bey weitem mehr will ich thun, ich reiſe nicht mit ihnen.“—„Himmel, was höre ich?“— „Habe ich die volle Gewißheit, daß meine 7 rr 63 lb Freunde außer Ge fahr ſiad, bin ich dann nicht die Ihre, und iſt es dann nicht meine Pflicht, Ihre Gefahren zu theilen?“—„An⸗ bethungswürdige Leontine!..“ Mit dieſen Worten entſtürzten Thränen ſeinem Auge, und er ſank zu ihren Füßen. Leontine ſtieß ihn zurück:„Halten Sie ein,“— rief ſie laut,—„in meinen Augen ſind Sie nur ein ehrgeitziger Verſchwörer.“—„Wie, Sie wagten es, allein hier zurück zu bleiben?“ —„Ja, feſt bin ich dazu entſchloſſen.“— »Sie wagten es, ſich mitten unter dieſen blu⸗ tigen Cataſtrophen zu finden?“—„Wohl wagte ich mehr, wenn ich Sie zum Gatten nehme, ohne der Rettung meiner Freunde gewiß zu ſeyn, denn tauſend unvorhergeſe⸗ hene Ereigniſſe können Ihre bereitwilligſte Theilnahme an ihrem Schickſale vereiteln. Wenn Ihnen Ihr Rektungsplan mißlingt, wenn ſie unterliegen, ſo will ich zwar zugleich mit ihnen ſterben, doch einen fleckenloſen Na⸗ men mit mir in das Grab nehmen.“— „Sollten Sie wohl nicht ſelbſt aus Rückſicht für Ihre Ihnen ſo theure Verwandte Ihrem & 66 me, einzigen ſchützenden Genius etwas mindere Verachtung zeigen!“—„Ich kann alles für meine Verwandte thun, nur nicht betriegen.“ —„So kann denn nichts den Abſcheu mil⸗ dern, den ich Unglücklicher Ihnen einflößen muß!“—„Sind Sie der Befreyer all mei⸗ ner Lieben, und daher mein Gatte, ſo habe ich nicht mehr das Recht, Sie zu richten. Gehen Sie nun, und dienen Sie all denen, die ich liebe, Sie können dann auf die Er⸗ füllung meines Verſprechens rechnen.“— Mit dieſen Worten verließ ſie ihn.“ „Nachdem ich dieſe Unterredung vernom⸗ men hatte, blieb ich unbeweglich vor Bewun⸗ derung und Schmerz; nicht ohne innige Wehmuth konnte ich dieſen Engel ſich für uns opfern ſehen! Ich ſträubte mich ſelbſt hartnäckig gegen ihr Vorhaben, doch blieb ſie mit ſo vieler Standhaftigkeit dabey, daß ich mich ſogar üherredete, daß ſie vielleicht im Herzen eine geheime Leidenſchaft für Melvil hegte. Auch empfahl ſte mir dringend, un⸗ ſern Freunden die Verpflichtung, welche ſie⸗ eingegangen war, zu bergen. Ich verſprach r 67, es, und hielt Wort. Einige Tage darauf ſagte uns Melvil, daß wir uns binnen vier⸗ zehn Tagen zur Abreiſe fertig halten ſollten. Die Marquiſe d'Auberive und ihre Tochter wollten einiger Geſchäfte wegen nach Paris, ich begleitete ſie mit geontinen. Es wurde verabredet, daß wir fünf Tage vor unſrer Abreiſe wieder auf das Land zurückkehrten, und Caliſte mit Adolph am Vorabende unſe⸗ rer Flucht heimlich getraut werden follte. Ein redlicher Prieſter, der ſich in unſerer Nach⸗ barſchaft verborgen hielt, verſprach, dem jungen Brautpaare den prieſterlichen Segen zu geben. Nachdem wir uns eilf Tage in Pa⸗ ris aufgehalten hatten, ſchickten wir uns ei⸗ nes Abends zur Zurückreiſe auf das Land an, wo Marquis Palmene mit ſeinem Sohne uns erwartete, als auf einmal Melvil kam, und mich allein zu ſprechen wünſchte. Ich war mit Leontine, die mir in mein Zimmer folg⸗ te; dort erklärte uns Melvil, die Marquiſe d'Auberive würde in acht und vierzig Stun⸗ den verhaftet, nichts könne ſie dann retten, und ſie müſſe daher ohne den geringſten Ver⸗ 68 ver⸗ zug gleich fortgeſchafft werden. Leontine er⸗ bleichte bey dieſen Worten.„Und was ſoll mit dem Marquis von Palmene werden?“ fragte ſie weiter.—„Für ihn iſt gegenwärtig nichts zu fürchten,“— erwiederte Melvil, —„in wenigen Tagen ſtehen mir ſichere Mit⸗ tel zu Gebothe, ſeine Flucht zu befördern; doch gegen Frau von Auberive fand eine An⸗ zeige Statt: ſie hat an einem mächtigen Man⸗ ne, deſſen leidenſchaftliche Bewerbungen Ca⸗ liſte verſchmähte, einen perſönlichen Feind. Auf der Stelle reiſe ſie ab,“— fuhr er fort, indem er ſich gegen mich wendete;—„doch nur mit Ihnen und unter erborgten Namen darf ſie es wagen; Caliſte borgt den Namen ihrer Nichte, und ihre Mutter wird fuͤr ihre Gouvernante ausgegeben; hier ſind die Päſſe; haben Sie nicht Geld, ſo bringe ich wel⸗ ches...“—„Wie? ich!“— ſchrie ich auf, —„ich ſollte meine Nichte, deren Vormund ich bin, verlaſſen? Nein, nie.“—„Wenn Sie zaudern, ſo gehen Sie alle zu Grunde.“ —„Bedenken Sie ſich nicht,“— verſetzte Leon⸗ tine;—„gehen Sie gleich, und reiſen Sie nach Spanien.“— Und du Leontine, wo wirſt du dich hinflüchten können?“—„Zu der guten, ehrlichen Frau Miller(ſie war eine Nähterinn, und lebte ſehr eingezogen), in dunkler Sicherheit und Verborgenheit will ich dort leben— und wenn ich für Sie alle keiner Unruhe mehr Gehör geben darf, wenn ich ſicher weiß, daß Sie alle fünf in Spa⸗ nien ſind— ſo will ich mein Verſprechen hal⸗ ten.“— Bey dieſen Worten wollte Melvil voll Entzücken eine ihrer Hände faſſen, doch mit einer Art Befremdung fuhr Leontine ha⸗ ſtig zurück.„Noch bin ich nur als Geißel die Ihrige, und wenn ich mich, wahrſcheinlich auf immer, von allem, was ich liebe, trenne, ſo bitte ich, mit Achtung meinem gerechten Schmerze zu begegnen. Ich verbiethe Ihnen, einer Empfindung zu erwähnen, die ich nicht zu theilen im Stande bin, und eine meinem Auge ſo häßliche Freude blicken zu laſſen.“ »Dieſe Worte, und die ſtolze Verachtung, welche in ihrem Tone lag, überzeugten mich, daß ich mich irrte, als ich eine geheime Liebe zwiſchen Leontine und Melvil ahnete. Dann M 7 0 NI aber kämpfte ich mit deſto großerem Nach⸗ drucke gegen ihren Entſchluß, und ſuchte ſelbſt das Gefühl der Großmuth bey Melovil zu wecken. Leontine unterbrach mich, und in⸗ dem ſie ſich gegen Melvil wendete, ſagte ſie: „Hören Sie ihn nicht, machen Sie, daß ſie abreiſen, und dann retten Sie die beyden andern, Ihnen iſt dann der Reſt meiner Tage gewidmet.“—„Ach, könnte ich!“— rief Melvil,—„ſogar Ihrem Haſſe würde ich meine Liebe opfern, aber es wäre mir nicht möglich, Sie vor den andern abreiſen zu ſe⸗ hen.“—„Und ſelbſt wenn ich könnte, würde ich keinen Gebrauch davon machen, ich will ſie alle außer Gefahr ſehen.. Gehen Sie, und bereiten Sie Frau von Auberive und Caliſten vor, in einer Stunde zu fliehen: ſagen Sie ihnen, mein Onkel werde ihr Füh⸗ rer ſeyn; gehen Sie.. Sind Sie fortge⸗ reist, ſo führen Sie mich unter einem frem⸗ den Namen zu Frau Miller; gehen Sie.“ — Melvil hob die Augen zum Himmel,beugte. ſchweigend ein Knie vor Leontinen, erhob ſich haſtig wieder, und entfernte ſich in Eile. , 7 1 rrrren Als er weg war, beſchwor mich Leontine, ohne Verzug gleich auf der Stelle die zu meiner Abreiſe nöthigen Anſtalten zu treffen. „Nein,“— rief ich,—„Leontine! nein, ich kann mich nicht entſchließen, ohne dich abzu⸗ reiſen, dich zu verlaſſen, dir einen Mann als Gatten zu geben, welcher unſre Achtung ver⸗ lor... Ich dachte einen Augenblick, du wäreſt ihm nicht abgeneigt, dieſer Gedanke hätte den Schmerz über eine ſo grauſame Tren⸗ nung gemildert, und da im Grunde Melvil nicht verdorben iſt, ſo konnte ich hoffen, daß die Liebe alle ſeine natürlichen Tugenden wie⸗ der in ihm erwecken dürfte. Doch ich ſehe, daß du ihn nicht liebſt, und ich gebe es nie zu, dich auf eine ſo grauſame Art zu opfern.“ —»Mein Opfer iſt vollendet,“— erwiederte ſeufzend Leontine,—„ich habe mein Wort gegeben“—„Doch nicht ich das meinige, und von mir hängſt du ab, ich nehme dich ſchlechterdings Nit. Ich nehme es auf mich, ſelbſt Melvil zu ſeiner Einwilligung zu über⸗ reden, du nimmſt die Kleidung eines Jokey, du biſt eine vortreffliche Reiterinn, und wirſt A jg veA 5 uns alſo unter dieſer Verkleidung folgen.“— „Ach! laſſen Sie mich, laſſen Sie mich,“— bath mit gefalteten Händen und einem reich⸗ lichen Strome von Thränen Leontine. Von dieſer Bewegung überraſcht, betrachtete ich ſie ſchweigend einen Augenblick, ſie weinte bitterlich fort.—„Aber um Gottes willen,“ — verſetzte ich,—„welcher mächtige Beweg⸗ grund kann dich hier feſſeln?“—„Ach! ein Gegenſtand, mir theurer als mein Leben.“ —„»Nun, ſo erkläre dich.“—„Ach, ich ver⸗ mag es nicht... Suchen Sie nicht in das Geheimniß eines blutenden Herzens zu drin⸗ gen, welches, ſeit es ſich kannte, litt!“— „Sollte ſich dieſes Herz ohne meine Zuſtim⸗ mung vergeben haben?“—„Ach leider! ohne Ihre und ohne meine eigene, nicht durch die Flucht könnte ich dem Gegenſtande, der es ohne ſelbſt zu wollen verführte, ent⸗ gehen.“—„Du liebſt nicht Melvil?“—„Ich haſſe ihn. Ach! lieber Oazl,“— fuhr ſie fort,—„Sie können glauben, auch für Sie allein hätte ich ohne Bedenken mein Glück und mein Leben geopfert, doch geſtehe ich, noch eine andere Empfindung miſcht ſich in dieſes Opfer, ein Gefühl, welches meine ganze Seele durchdringt, doch tief in meine Bruſt verborgen werden muß; in ſchmerzli⸗ cher Todesangſt findet es neue Nahrung, und nur dann, wenn ich frey von aller Unruhe bin, kann ich es beſiegen.... Während ſie ſo ſprach, hörten wir Geräuſch; Melvil kam zurück und meldete, daß Frau von Auberive nach mir verlangte. Voll Unruhe und Verwir⸗ rung eilte ich aus dem Cabinete, und hieß Leontinen mich erwarten. Ich fand Frau von Auberive in tiefſter Beſtürzung über Caliſtens Verzweiflung; man kann ſich wohl den Schmerz eines Mädchens denken, welches noch an demſelben Abend mit ihrem Geliebten ge⸗ traut werden ſollte, und ſich nun eben ſo ſchnell als hoffnungslos von ihm zu trennen gezwungen ſieht, und fliehend die folternde Unruhe mit ſich im Buſen tragen muß, ihn drohenden Gefahren Preis gegeben zu ſehen. Vergebens wendete ich länger als eine Vier⸗ telſtunde alle möglichen Troſtgründe an, die ſich meinem Geiſte darbothen. Sie horte Die Battuecas, 2. Tyl. 4 —— 74 ron 7 mich nicht, und zerfloß in Thraͤnen.... End⸗ lich kam man und meldete uns, daß alles in Bereitſchaft ſtand. Zuletzt erſchien Melvil, und wiederholte die Verſicherung, daß kein einziger Augenblick zu verſäumen, und die Reiſe auf der Stelle anzutreten wäre. Ich rief Leontinen.„Sie iſt nicht mehr zugegen,“ erwiederte Melvil und übergab mir ein Bil⸗ let. Schaudernd erbreche ich den Brief, und finde folgende Zeilen: „Lieber Onkel! Nun iſt es das erſte Mal, daß ich nicht gehorche, doch wage ich es nur für Ihre und für die Rettung un⸗ ſerer unglücklichen Familie. Laſſen Sie Caliſten ſagen, daß mich ausſchließend die Sorge beſchäftige, die Flucht unferer Freunde zu ſichern, und daß letztere gleich folgen werden. Für mich haben Sie nichts zu fürchten, der Himmel wird die Waiſe ſchützen, die ſich Ihrer Rettung opfert. Ich gehe erſt in zwey Tagen zu der Frau Miller, und bin indeſſen in einem anſtän⸗ digen ſichern Zufluchtsorte; vergebens wäre jede Bemühung, denſelben auszu⸗ 75 ro forſchen.— Kniend bitte ich Sie daher noch einmal, reiſen Sie auf der Stelle ab.— Adieu! lieber Onkel. Geben Sie mir Ihren Segen, laſſen Sie uns auf die Vorſehung vertrauen, und Himmels⸗ glaube ſtähle unſern Muth.“ Mit heißen Thränen netzte ich diefes Schreiben, und gab es Caliſten zu leſen.„Ach theure Leontine!' rief ſie aus,„alſo muß auch die Angſt um dich mich quälen!„Seufzer hemm⸗ ten ihre Worte, doch fand ſie Troſt in dem Gedanken, auch über Adolphs Tage würde dieſe treue Freundinn wachen, denn ſie wußte, wie mächtig ihr Einfluß auf Melvils Geiſt und Herz ſich äußerte. Überdieß glaubte ſie, Leontine komme mit dem Marquis von Pal⸗ mene und ſeinem Sohne nach, ſie ahnete bey weitem nicht nach ſeinem Umfange das Opfer Leontinens. Endlich drang Meloil im⸗ mer lebhafter in uns, und wir reisten Abends um eilf Uhr von Paris, wo wir drey unſerm Herzen ſo theure Angehörige laſſen mußten, daß wir beynahe Gewiſſensangſt litten, als wir dieſe unglückliche Stadt verließen. Wie 4* 7 we ich ſchon ſagte, Caliſte war auf der Reiſe meine Nichte, und Frau von Auberive ihre Gouver⸗ nante. Melvils Anſehen verſchaffte mir den Auftrag einer neuen Sendung nach Spanien, unſere Reiſe ſollte alſo ungeſtört von Statten gehen; auch langten wir ohne Hinderniſſe zu Bayonne an; doch wurde hier Frau d'Au⸗ berive, die ſeit drey Tagen an einem leichten Fieber litt, ſo krank, daß wir uns dort auf⸗ halten mußten. Am andern Tage ſtellte ſich ein förmliches Nervenfieber im vollen Gefolge aller drohenden Symptome ein. Wir riefen einen Arzt, und er verkündigte uns, daß ſie in der größten Lebensgefahr ſchwebte. Am neunzehnten Tage ihrer Krankheit fragte ſie um einen Prieſter, keiner war zu finden. Un⸗ ſere Lage war gränzenlos elend; in einer Stadt, wo blutdürſtige Menſchen ſich die öffentliche Gewalt angemaßt hatten, ſetzte uns jeder län⸗ gere Aufenthalt den augenſcheinlichſten Ge⸗ fahren aus. Ealiſte war nur mit dem Zuſtande ihrer Mutter beſchäftigt, jede andere Vor⸗ ſtelung ſchien aus ihrem Bewußtſeyn ver⸗ ſchwunden. Doch nur zu deutlich ſah ich von 77 rre Ferne das Ungewitter, welches über unſere Häupter losbrechen ſollte. Der Arzt, ein wü⸗ thender Jacobiner, und daher ein eben ſo ſtarker Geiſt, gerieth ſogar in Unwillen über die fromme Andacht der Frau von Auberive, denn ſie hielt beſtändig ein kleines Crucifix in der Hand, welches ſie ſich vom Halſe ab⸗ genommen hatte. Gottloſe Reden entfuhren ſeinem Munde: wiswohl beynahe ſchon ſter⸗ bend, fand jetzt Frau von Auberive ihre Kraäfte wieder, um ihn aus ihrem Zimmer mit dem Zuſatze zu verweiſen, daß er es ja nie mehr elrete. In haſtiger Wuth eilte der Arzt, uns anzugeben. Er kündigte uns ſeinem Clubb als Fanatiker, als Feinde der Freyheit und des Volkes an. Zwey Stunden nach ſeiner Entfernung ſtellten ſich die Zuckungen des Todes bey ihr ein, ohne ihr ihr volles Bewußtſeyn zu be⸗ nehmen. Die unglückliche Caliſte ſtürzte auf die Knie vor ihrem Bette, nahm ihren Se⸗ gen hin und bethete. In demſelben Augen⸗ blicke hören wir ungewöhnliches Geräuſch im Gaſthofe. Erſchrocken eilte die Wirthinn uns r ee zu berichten, daß wir verhaftet werden ſoll⸗ ten.„Ach!“ ſeufzte ſterbend Frau von Aube⸗ rive,„ihrem Angriffe bin ich entronnen, aber ihr! wie wird es euch ergehen? Hier meine Tochter! nimm das Zeichen des heiligen Kreu⸗ tzes, dein Buſen ſchütze es vor entweihender Hand! Ungefähr zwanzig Menſchen dran⸗ gen ungeſtüm in unſer Zimmer. Caliſte, gebadet in Thränen, ſtürzte ihrer ſterbenden Mutter in die Arme, doch wurde ſie ſelbſt aus dieſer heiligen Zufluchtsſtätte gewaltſam fortgeriſſen.»Ach! Barbaren,“ ſchrie Frau von Auberive, nicht den letzten ſterbenden Hauch der Mutter gönnt ihr meiner Toch⸗ ter,“ doch blieben ſie taub ſelbſt gegen dieſe Stimme der Natur; Caliſte ſank in Ohn⸗ macht: meiner hatten ſich wüthend zehn Men⸗ ſchen bemächtigt, denn um Caliſten zu Hülfe zu kommen, hatte ich deren zwey zu Boden geſtreckt.„O mein Gott!» ſo war das letzte Geſchrey der unglücklichen ſterbenden Mut⸗ ter,—„ſeyd geſeguet, ihr reichet mir die Mar⸗ tyrkrone, ich nehme ſie, und danke euch.“ Mit dieſen Worten verſchied ſie. Wir wurden 79 rren ins Gefängniß geſchleppt, und ich erwirkte wenigſtens, daß wir nicht getrennt werden durften.“ An dieſer Stelle konnte Placide nicht laͤnger den Ausbruch ſeines Unwillens zuruͤck⸗ halten, und rief mit heftiger Stimme:„von welchem Volke iſt denn die Rede? Kann denn dieſe Nation auch nur die oberflächlichſten Be⸗ griffe von der chriſtlichen Religion, oder von dem Zuſtande eines civiliſirten Volks beſitzen?“ —»Nun,“ verſetzte der Baron,„haben Sie denn in Ihrem Leben nichts von der franzö⸗ ſiſchen Revolution reden gehört?“— Hier weiß man nicht, was in andern Welttheilen vorgeht; bey Dom Pedro war nie Politik an der Tagesordnung; indeß ſchöpfte ich aus ein⸗ zelnen Worten, die der geſellſchaftlichen Un⸗ terredung entſchlüpften, die dunkle Vorſtel⸗ lung, daß es ein Volk auf Erden gäbe, deſ⸗ ſen Land Frankreich hieß, und daß dieſes Volk ſich gegen ſeinen Landesherrn empörte; aber konnte ich mir darum all die Ausſchweifun⸗ gen der kühnſten Tollheit und den Gräuel, denken, den Sie ſchildern? Denn wahrlich, wwe 80 Ihre Schilderung ſcheint gänzlich außer dem Gebiethe der Wahrſcheinlichkeit zu liegen.— Ja leider! und doch war dieſes Volk einſt das ſanfteſte und zugleich das geiſtreichſte und liebenswürdigſte in ganz Europa.— Welche Urſache liegt alſo dieſer entſetzlichen Umwand⸗ lung zum Grunde?— Mangel an Gottes⸗ furcht und Frömmigkeit. Hören Sie nur, wie ſich der Knoten dieſer ſchrecklichen Begeben⸗ heit entwirrte..) „Als die unglückliche Caliſte wieder zum Gebrauche ihrer Sinne kam, mußt' ich ihr die Nachricht beybringen, daß die Mutter nicht meyr am Leben wäre. Der Ausbruch ih⸗ rer Verzweiflung gränzte an Wahnſinn, und nachdem der Zuſtand gänzlicher Erſchöpfung an die Stelle der Aufwallungen ihres Un⸗ muths trat, rief ich die Gefühle frommer An⸗ dacht, die wir ihrer früheſten Erziehung ein⸗ geprägt hatten, in ihr Herz. Sie reichte mir dann die Hand.„Ja,“ ſagte ſie,„wir müſſen uns in den Willen der göttlichen Vorſehung ergeben, und ſollte mir dieſes nicht mein Glaube gebiethen, ſo geböthe es mir mein ee, 31„ere, Herz, und der Dank, den ich Ihnen ſchuldig bin, denn wären Sie nicht mit den Unglück⸗ lichen, die Sie nicht verlaſſen wollten, in Bayonne geblieben, ſo wären Sie nun ſchon in Spanien außer aller Gefahr. O Mutter! Mutter!— ſchluchzte ſie laut, und vergoß einen neuen Strom von Thränen— in der letzten Stunde des milden Troſtes der Natur und Religion beraubt, in welchen fürchterlichen Zuckungen des Todes mußteſt du ein ſo tu⸗ gendhaftes heiliges Leben enden! Mit dem letzten Blicke deines ſterbenden Auges mußteſt du deine Tochter ins Gefängniß ſchleppen ſe⸗ hen, den letzten deiner frommen Seufzer mit⸗ ten unter den Qualen folternder Seelenangſt verhauchen. Dafür wirſt du nun den Lohn all deiner Leiden genießen.“— Noch eine andere herzzerreißende Ungewißheit geſellte ſich zu ih⸗ rem tiefen Schmerze: ſchaudernd dachte ſie die Möglichkeit, daß vielleicht der Marquis von Palmene und ſein Sohn verhaftet wur⸗ den. Ich befreyte ſie von dieſer ſchrecklichen Angſt, und bemerkte, ich ſey feſt überzeugt, daß ſie beyde über die Gränze kamen. Sie rrn, 82 rrn waren zwar in Spanien, doch hatte ich keine ſichere Nachricht.“ »Noch immer ſchmeichelte ich mich mit der Erwartung, daß ich nur die Papiere, welche meine Sendung nach Spanien beurkundeten, vorzuzeigen brauchte, um ſchnell meine Frey⸗ heit wieder zu erlangen, indeß verlängerte ein trauriger Vorfall meine Gefangenſchaft. Nach dem Tode der Marquiſe hatte man alle ihre Papiere in Beſchlag genommen, und einige Briefe, die ſie unvorſichtiger Weiſe bey ſich behielt, führten auf die Entdeckung ihres wahren Nahmens und des Umſtandes, daß Caliſte keineswegs meine Nichte war. Man trennte mich von ihr, zwey Tage darauf wurde ſie unter ſicherem Geleite nach Paris geſchickt, und ich wurde in Bayonne in Ver⸗ haft gehalten. Caliſtens Führer brachten ſie. bey ihrer Ankunft in Paris in ein Gefängniß, wo ſie einige Zeit beynahe in Vergeſſenheit gerieth; denn die Menge der Schlachtopfer war ſo ungebeuer groß, daß die blutduͤrſtigen Tyrannen ſie nicht einmal zählen mochten, ja ſogar die geſpannteſte Thätigkeit und das ver⸗ vr, 83 ,, brechenſchwangere Gedächtniß barbariſcher Wüthriche kaum zureichte, ſie in ununterbro⸗ chener Reihe dem Blutgerüſt zu überliefern. Caliſte täuſchte ſich keineswegs über ihr bevor⸗ ſtehendes Schickſal, ſie beſchäftigte nur eine Idee und ein Entwurf, den ſie ſogleich be⸗ werkſtelligte In dem Zuſtande vollkommener Ergebung, in welchem ſie ſich befand, hatte ſie ſchon der Religion ihr Leben geopfert, doch wurde ihr Herz durch den Gedanken an Adolphs Verzweiflung, wenn er eine ſo ent⸗ ſetzliche Cataſtrophe vernehmen ſollte, zerriſ⸗ ſen. Sie dachte, er müßte unter einem ſo ſchrecklichen und unerwarteten Streiche des Schickſals erliegen, und nahm ſich vor, ihm das erſte Entſetzen in ſeiner ganzen Größe zu erſparen. Zu dieſem Ende bereitete ſie das unfehlbare Heilmittel gegen alle Übel, wel⸗ ches einzig die Zeit verſchaffen kann. Sie be⸗ ſaß einen diamantenen Ring, welchen ſie ſammt dem kleinen Crucifixe ihrer Mutter in den Buſen verſteckt hatte, und gab ihn dem Kerkermeiſter, daß er ihr Tinte, Papier und Federn dafür verſchaffte. Hierauf fing ſie an, n,, we, jene vorhin in datirten Briefe zu ſchreiben, die erſt nach ihrem Tode an ihren Beſtim⸗ mungsort gelangen ſollten.“ „Meine Nichte Leontine lebte indeß in ſtiller Dunkelheit bey der braven Nähterinn, die ihr die Zuflucht gönnte. Melvil war durch den Ausſchuß der Revolutionsmänner mit ei⸗ nem geheimen Auftrage nach Rouen geſendet worden, und ſchon über vierzehn Tage abwe⸗ ſend. Mit einer ſchaudervollen Unruhe harrte Leontine ſeiner Ankunft: ſie wünſchte ihn wieder zu ſehen, weil ſie von ihm die Nach⸗ richt zu erhalten hatte, daß wir alle in Spa⸗ nien in Sicherheit waͤren, denn er hatte uns ein ſicheres Mittel an die Hand gegeben, ihm unſere Lage zu hinterbringen. Doch ehe noch Melvil zurückgekommen war, erfuhr ſle mit Entſetzen, daß Caliſte ſeit zehn Tagen in Pa⸗ ris, und ich in Bayonne im Kerker ſchmach⸗ tete. Voll Verzweiflung eilt ſie in Caliſtens Gefaͤngniß, und erhält die Erlaubniß, ihre unglückliche Freundinn zu beſuchen. Bleich, zitternd, wirft ſie ſich ihr in die Arme, und fragt außer ſich:„was iſt aus Adolph gewor⸗ 2, 85 wee den 2 Erſtaunt heftet Caliſte einen forſchen⸗ den Blick auf ihre Freundinn. Ein plötzliches Licht geht ihr bey dieſer lebhaften Frage auf. Sie entdeckte in dieſem Augenblicke ein Ver⸗ hältniß, welches Leontine ihr nie vertraute, und nicht einmal ahnen ließ, eine Neben⸗ buhlerinn mußte ſie an ihrer zärtlichſten, groß⸗ müthigſten Freundinn erkennen. In der That liebte Leontine Adolph auf das leidenſchaft⸗ lichſte. Mit ganzer Zärtlichkeit drückte ihr die unglückliche Caliſte die Hand, und gab ihr die ſchnelle Verſicherung, er ſey in Sicherheit, und befinde ſich mit ſeinem Vater in Spa⸗ nien. Dann erzählte ſie ihr ihre unglückliche Geſchichte, und geontine hinwieder das, was ſie für unſere Rettung verſucht hatte. Caliſte bewunderte um ſo mehr ihr Benehmen, als ſie ihre geheime Leidenſchaft kannte, inzwi⸗ ſchen barg ſie ihr dieſe neue Entdeckung. Leon⸗ tine ſagte, ſie habe einen Bothen nach Mel⸗ vil abgeſandt, um ſeine Rückkehr zu beſchleu⸗ nigen; er kehre alſo gewiß wieder zurück, und ſie werde dann ihre Freyheit erwirken.„Wird er das können?“ antwortete Caliſte,„wenig⸗ ſtens iſt es noch zweifelhaft, und in dieſer Un⸗ gewißheit mußt du mir, theure Leontine, verſprechen, daß du in dem Falle, als ich un⸗ terliege, meine Aufträge treu erfüllen wirſt.“ „Wehre dem Strome deiner Thränen,“ fuhr ſie fort,„in meiner gegenwärtigen Lage iſt jeder Augenblick koſtbar, laß uns alſo keinen einzigen verlieren, und höre mich! O Freun⸗ dinn, alles iſt möglich der Liebe. In den bit⸗ teren Drangſalen unſerer Zeiten, wo die Wuth des Freyheitsſchwindels und unbezähmte Gottloſigkeit ſich täglich im Blute baden, in Mitte der Schaffotte die aus den Trümmern des Throns und der Altäre aufſteigen, habe ich ein Mittel entdeckt, in einer Rückſicht dem Tode zu entgehen, indem ich für ihn fortlebe, dem ich mein gandzes Daſeyn gewidmet hatte! ... Ich habe ſchon Briefe in dunkeln Aus⸗ drücken geſchrieben, und jeden neuern um ſechs Monate ſpäter datirt; dieſe Briefe ſoll er auch in gleichen Zeitfriſten nach und nach erhalten. Sie ſollen ihm auf eine Art zugemittelt wer⸗ den, ohne daß er erfahre, wer ſie ſende, oder von wo er ſie erhalte; dein Onkel wird ihm 87 we ſchreiben, daß wir ihn plötzlich verließen, und uns mitten in der Nacht retteten, ohne daß er unſern Aufenthalt wüßte. Nach der pein⸗ lichen Unruhe, welche er über die Unfälle, die mir zugeſtoßen ſeyn möchten, empfinden mag, wird er ſich glücklich fühlen, wenn er hört, daß ich noch lebe. Dieſe Täuſchung ſoll ſeine Phantaſte vor Verzweiflung und den grauſamen Verfolgungen eines ununterbro⸗ chen ſich erneuernden ſchaudervollen Schre⸗ ckenbild bewahren. Unvermerkt wird er ſich an meine Abweſenheit gewöhnen; ohne mich aus ſeinem Gedächtniſſe zu verbannen, wird die Zeit ihn tröſten, und nach einigen Jah⸗ ren eine neue Wahl ihn beglücken können.”“ —„»Nein, nein,“ rief Leontine,„nur du al⸗ lein, theure Caliſte, kannſt ihn beglücken, keine andere iſt zu dieſem ſchönen Loos beru⸗ fen, nur deiner eben ſo ſinnreichen als erha⸗ benen Zaͤrtlichkeit wird das Verdienſt der Er⸗ ſindung eines ſo zart ausgedachten Romans bleiben, Adolph wird es einſt erfahren, und du mußt ihm um ſo theurer werden. Doch dieſe Briefe, welche deine Freundſchaft meinen , 38 ⸗ Händen anvertrauen will, werden wohl uͤber⸗ flüſſig ſeyn, denn höre, du ſollſt leben; wäh⸗ rend du noch ſprachſt, habe ich ein Mittel er⸗ ſonnen, welches tauſendmal mit Erfolg an⸗ gewendet wurde, und dir von dieſem Augen⸗ blicke an die Freyheit wieder verſchaffen kann. — Wie?— Schon neigt ſich der Tag, in nächtliches Dunkel hüllt ſich der Himmel, laß uns unſere Kleider tauſchen, wir ſind von gleicher Größe, mein Geſicht barg ein Schleyer, ohne das geringſte Hinderniß kannſt du ent⸗ kommen, und ich bleibe ſtatt deiner hier.— Großer Gott! wer? du?— Ja, ich, denn du biſt in Gefahr, nicht ich. Melvil wird ge⸗ wiß ſeine Rückkehr beſchleunigen, ſeine Lei⸗ denſchaft iſt mir Bürge meiner perſönlichen Sicherheit.— Ach! kein Bürge läßt ſich für perſönliche Sicherheit in dieſer Zeit denken. — Ich beſchwöre dich bey deiner Liebe zu Adolph und bey unſerer Freundſchaft, mei⸗ nen Antrag zu genehmigen. Die Frau Mil⸗ ler wohnt zwey Schritte von hier, ſie hat eben ſo viele Anhänglichkeit an deine, wie an meine Perſon, ſie wird dich dieſe Nacht hin⸗ w 89 r durch auf ihrem kleinen Landhaus bey ſich be⸗ halten. Doch laß uns eilen, ſonſt wird die Zeit zu kurz.“— Während ſie noch ſprach, fing ſie ſchon an, ſich zu entkleiden.„ Halt, halt,“ rief Caliſte,„ich ſollte, meine Tage zu retten, dein eigenes Leben Preis gegeben ſe⸗ hen?“ Leontine ſetzte dieſer Einwendung ver⸗ doppelte dringende Bitten entgegen, beſchwor ſie, doch vergebens. Nicht müde, beſtürmte ſie Leontine mit neuem lebhaften Flehen. End⸗ lich ſprach Caliſte:„Würde ich in deinen allzu heldenmüthigen Antrag willigen, ſo wareſt nur du der zäͤrtlichen Leidenſchaft meines Adolph würdig.“— Bey dieſen Worten ſtand Leontine ab, ſie ſah, daß ſie vergebens in ſie dringen würde. Die beyden Freundinnen trennten ſich, und unverſiegbar floßen ihre Thränen, traurige Ahnungen verkundigten ihnen nur allzu laut die ſchreckliche Cataſtro⸗ phe, welche ſie bald auf immer trennen ſollte. Leontine nahm die erwähnten zehn Briefe mit ſich, die ihr Caliſte ſchlechterdings ver⸗ trauen wollte, und zu leſen empfahl. Auch ließ ſich letztere das Verſprechen geben, daß * r 9⁰ Mrn dieſe Briefe im Falle eines unglücklichen Er⸗ eigniſſes, Adolph mit der vorgezeichneten Vor⸗ ſicht zugeſtellt würden. Die Lectüre dieſer Briefe vollendete die Bewunderung, welche Leontine der unglücklichen Caliſte zollte; ſie fand nicht eine einzige Unwahrheit, in kei⸗ nem Briefe den deutlich ausgeſprochenen Satz: ich lebe. Doch für den, der die ſchreckliche Wahrheit kennt, ſchließt jedes Wort eine tref⸗ fende Bedeutung, jeder Ausdruck eine Em⸗ pfindung in ſich, welche tief die Seele er⸗ greift. So z. B. wenn ſie zu Adolph ſagt: bis jenſeits des Grabes werde ſie ihn lieben, und wenn ſie ein andersmal der tiefen Friedensſtille ihrer Zu⸗ fluchsſtätte erwähnt. Die Liebe, welche in ihren Briefen athmet, iſt ſo rein und er⸗ haben, daß ſie etwas überirdiſches hat. Nie führte das tiefſte zärtlichſte Gefühl eine ſo rührende, ſo feurige Sprache. Vier Tage wartete Leontine vergebens auf Meloils An⸗ kunft: der Bothe, der nach ihrer Verfügung ſpornſtreichs nach Rouen eilte, ſtürzte mitten in der Nacht vom Pferde, und brach, rn 9¹ rrn wie ſie ſpaͤter vernahm, einen Fuß. Erſt vier dis fünf Stunden nach dieſem Unfalle kam man ihm zu Hülfe, und trug ihn auf einen Meierhof, wo er mehrere Tage ohne Beſin⸗ nung blieb, und ſo konnte Melvil weder den Brief, noch eine Bothſchaft erhalten.“ »Von heftiger Unruhe gequält, konnte Leontine erſt ſechs Tage nach dem erſten Beſu⸗ che bey ihrer gefangenen Freundinn die Erlaub⸗ niß erhalten, dieſen Beſuch zu erneuern. Sie fand Caliſten voll ruhiger Ergebung, nachden⸗ kend und ſchweigend. Die Engelſprache ihres Blicks, und die andachtvolle Sammlung ihrer Miene überraſchten ſie, Sie ſagte ihr, ſie habe einen zweyten Bothen an Melvil geſendet. Bey dieſen Worten ſeufzte Caliſte, und ſenkte die Augen, ohne zu antworten. Nach einigen Mi⸗ nuten nahm ſie wieder das Wort, Religion und der tröſtende Muth, welchen ſie ſelbſt in den verzweiflungsvollſten Umſtänden gewährt, war einzig der Inhalt ihres Geſprächs. Leon⸗ tine hörte ihr mit unbeſchreiblicher Rührung zu. Als ſie ſich trennten, gab ihr Caliſte noch ſechs Briefe an Adolph.„Nun haſt du deren rr 9² AAb ſechszehn,“ ſagte ſie,„und dieſe reichen ge⸗ rade auf acht Jahre hin; bevor dieſe Zeit ver⸗ geht, wird er Troſt finden, der ſeiner würdig iſt.“„Leſe,“ fuhr ſie fort,„meinen letzten Brief, ich kündige ihm darin an, daß ich ihm nicht mehr ſchreibe. Ohne daher Nachrichten von mir zu erhalten, wird er immer vorausſe⸗ tzen können, daß ich lebe, und ich wünſche, daß ihn dieſer Gedanke nie verlaſſe.“„Ach! welche Sprache!“ unterbrach Leontine,„ſte zerreißt mir das Herz, warum willſt du der Hoffnung ganz entſagen? Nein, du wirſt nicht ſterben. Du biſt der angebethete Gegen⸗ ſtand, und dieſes Glück weisſaget dir eine hei⸗ tere beglückte Zukunft. Ich habe einen zwey⸗ ten Bothen an Melvil abgefertigt, und die⸗ ſer muß nothwendig noch dieſe Nacht, oder ſpäteſtens morgen ihn treffen. Er wird dich rerten.“ Mehr vermochte ſie nicht zu ſprechen, der Kerkermeiſter kam herbey, und nöthigte ſie zu gehen. Caliſte umarmte ſie noch einmal, und drückte ſie mit Heftigkeit an ihre Bruſt, dann entriß ſie ſich plötzlich ihren Armen, und in Thränen ſchwimmend wurde Leontine fort⸗ 9O.3 e gezogen. Als ſie in ihre Wohnung gelangte, öffnete ſie das Packet, welches ihr Caliſte gegeben hatte, und las die rührenden Briefe, die ihre Freundinn noch am Rande des Gra⸗ bes geſchrieben hatte. Sie netzte ſie mit ihren Thränen, und fand mit ſchmerzhafter Über⸗ raſchung, daß ſte ihrer mehrmals erwaͤhnten, und ſie als die Nachfolgerinn Caliſtens in Adolphs Herzen bezeichneten. Hier iſt der letzte ihrer Briefe, den mir Adolph ſelbſt anver⸗ traute, um ihn Ihnen zu zeigen.“* Mit dieſen Worten zog der Baron ein Porte⸗feuille aus ſeiner Taſche, in welchem er einen Brief trug. Er entfaltete ihn, und ſagte:„Bevor Sie noch den Inhalt hören, müſſen Sie einen Umſtand bemerken, wel⸗ chen Caliſte ihrer Freundinn barg. Sie war des Morgens in ihrem Gefängniſſe verhört worden, und man verkündigte ihr, ſie würde am folgenden Tage vor dem Blutgerichte er⸗ ſcheinen. Sie wußte, daß ſie zum Tode ver⸗ urtheilt werden ſollte. Da man entdeckte, daß ihre Mutter, weit entfernt, einen Verluſt ihres Wohlſtandes erlitten zu haben, noch ein Aw 94 we großes Vermögen beſaß, ſo wurden alle ihre Güter eingezogen. Nachdem Caliſte mit vol⸗ ler Gewißheit erfahren hatte, daß ihr Unter⸗ gang beſchloſſen war, hatte ſie den Reſt des Morgens dazu verwendet, ihren letzten Brirf zu ſchreiben. Hören Sie: »Nun iſts geſchehen lieber Adolph! Un⸗ widerruflich iſt mein Verhängniß ausge⸗ ſprochen, nun werde ich dir keinen Brief mehr ſchreiben!. Vernichtet ſind für mich alle Täuſchungen, die das Gaukel⸗ ſpiel unſers Daſeyns umflattern, doch nicht taͤuſchendes Gaukelſpiel iſt das heilige Gefühl der Liebe! Nie wird ihre reine, zärtliche Flamme erlöſchen. Getrennt von dir auf ewig, werde ich doch nie aufhö⸗ ren, dich zu lieben! Caliſtens Schriftzüge wirſt du nicht mehr leſen, keine einzige ihrer irdiſchen Spuren wird dir ihre Erinnerung zeichnen, keinen Traum der Hoffnung, keinen Kranz der Freude wird ſie mit dir theilen! Keine deiner Thränen wird meine Hand trocknen. Die Seligkeit werde ich miſ⸗ ſen, die Sprache deines von Zärtlichkeit rr 95 ero überwallenden Herzens zu verſtehen, dir die unermeßliche Bürde deines flüchtigen Da⸗ ſeyns zu exrleichtern. In den Schooß der Religion geflüchtet, werde ich die eitlen Freuden der Welt vergeſſen, doch jede edle Empfindung, die mich an dieſes Leben feſ⸗ ſelte, treu bewahren. O theurer Adolph! ich werde für dich zur ewigen Barmher⸗ zigkeit flehen! laß deine Seele und die meinige ſich vereinen; nicht alle unſere Bande ſind gelöst; im Gegentheile kann gerade nur das wahre heilige Band inni⸗ ger Liebe zur Tugend unaufhörlich dauern, ohne je durch die Macht des Todes ge⸗ ſprengt zu werden. O unausſprechlich rüh⸗ rendes und erhabenes Wunder unſerer hei⸗ ligen Religion! Unzertrennlich ſind zwey fromme Seelen! In brünſtigem Gebethe vereinigen ſie ſich, und hätte ſie ihr Schick⸗ ſal beyde auf die entgegengeſetzten End⸗ puncte dieſes ungeheuren Weltalls hinge⸗ ſtellt, vor dem Throne des Ewigen, und in den Vaterarmen ſeiner allumfaſſenden Liebe begegnen ſie ſich, wirken wechſelſeitig 8 96 zu ihrem gemeinſchaftlichen Glücke, ihre frommen Seufzer dringen bis zum Sitze des Allmächtigen, der ſie erhört.“ „»Lieber Adolph! die Vorſehung hat dir, dich zu tröſten, auf dieſer Erde einen En⸗ gel an die Seite geſtellt, der mir Bürge deiner kommenden Tage iſt! Leontine hat ſich für uns geopfert, doch die Freyheit, welche ſie für uns hinzugeben Willens war, iſt ihr geblieben. Zwar beſitze ich nicht ihre heldenmüthige Seele, doch unſre Herzen ſind ſich ähnlich! und gleich dem meinigen hat der Himmel ihr Herz geſchaffen, damit du trotz der Schläge des feindlichen Schick⸗ ſals ſtets eine treue, zärkliche Gefährtinn an deiner Seite erblickeſt. Sie wird mich dir erſetzen, ohne dich meiner vergeſſen zu laſſen, oder, noch richtiger, je lebhafter und reiner ihre Zartlichkeit ſeyn wird, um ſo treuer wird ſie dich der meinigen erin⸗ nern. Immer wird meine Seele die euri⸗ gen begleiten! möge ſüße Schwärmerey ſie euch bey euern Unterredungen, oder euren einſamen Spaziergängen als den dritten Zeugen zwiſchen euch, und als den Schutzgeiſt darſtellen, welcher über die Wiege eurer Kinder wacht! Theurer Freund, lebe wohl! Doch wiſſe, dieß feyer⸗ liche Lebewohl, welches dieſe letzten Zeilen zeichnen, gilt nicht nur dir, es gilt mit dir der ganzen Welt, mit dir entſage ich meinem ganzen irdiſchen Seyn. Das Welt⸗ all verſchwindet meinem Blicke, da ich dich nicht mehr darin finde! In einen weiten ungeheuern Trauerſchleyer hüllt es ſich für mein Auge, wage ich es, ihn zu lüften, ſo lacht kein üppiges Thal, kein Blüthenſegen lieblicher Frucht entgegen, zwey ſtille Saͤrge nur blühen empor, die ich mit reiner Luſt beſchaue. Aus dem feindlichen Schooße des Grabes werden unfre Seelen zu dem Himmelsglanze der Verklärung empor ſchweben, und ſo ſich vereinigen, um ſich nie mehr zu laſſen..... Doch lange mö⸗ geſt du noch den Traum des Lebens genie⸗ ßen! moge er wenigſtens eben ſo ſchön als ſtüchtig ſeyn! mögeſt du ihn, deinen Pflich⸗ ten treu, an der Seite einer geliebten Gat⸗ Die Battuecas, 2. Thl. 5 Ve, 98 tinn träumen!..Meine Laufbahn iſt vollbracht! Mögen Stunden, Tage und Jahre verfließen, nicht näher dir wird ihr eilender Strom mich bringen, für mich verſiegt des Lebens Quelle, ſtill ſteht für mich die ewig wandernde Zeit, nur an die Ewigkeit darf ich denken. O erhabener, entzückender Gedanke! In der Ewigkeit lohnt das ſelige Bewußtſeyn, die Unge⸗ rechtigkeit der Menſchen und die Qualen einer kurzen Verbannung in ſtiller Erge⸗ bung erlitten zu haben, ohne Uberwindung bethet man dort für ſeine Feinde, nur dort iſt reine, gränzenlofe Liebe! O mein Freund! traure nicht um mich, nicht mit dir, doch bey Gott bin ich nun, und nichts vermag mich mehr von ihm zu trennen!“* Als der Baron dieſen Brief geleſen hatte, trocknete Placide ſein thränenvolles Auge, und bemerkte, nur einen Mann hätte er für ſo überſchwengliche Liebe empfänglich gedacht. —„ Und ich, erwiederte der Baron,„ich dachte ſtets, daß nur ein weibliches Herz ſolcher Liebe fähig wäre; aber es iſt auch wahr, nicht in rn 99 einem für die Welt unzugänglichen Thale habe ich mein Leben zugebracht.“ Nach die⸗ ſer kurzen Betrachtung verfolgte der Baron von neuem den Faden der Erzählung.„Leon⸗ tine,“ ſprach er,„beſtürmt von traurigen Ge⸗ danken, konnte die ganze Nacht kein Auge ſchließen. Sie flog mit dem erſten Morgen⸗ ſtrahle von ihrem Nachtlager auf, und eilte in das Gefängniß zu Caliſten. Wie ſchmerz⸗ voll traf ſie da die Nachricht, daß man ſo eben die Unglückliche vor das Blutgericht führe! Betäubt, und nur der lauten Stimme ihres Herzens, nur den Eingebungen ihrer erhitzten Einbildungskraft folgend, eilte ſie jenem Gerichte zu, daß durch ſeine blutigen Entſcheidungen nicht minder, als durch de⸗ ren ſchnelle Vollziehung berüchtigt war. End⸗ lich langte ſie an; noch verhörte man Caliſten. Sanft und ruhig war jede Antwort, die ſie gab, man war gerade auf den Gegenſtand ihrer Flucht gekommen.„Ich ſtand,“ erwie⸗ derte ſie,„unter dem Befehle meiner Mut⸗ ter, ſie reiste ab, ich mußte folgen.“—„Ihr hättet bleiben ſollen,“ bemerkte ſtreng der Rich⸗ 5* rvy I00 MM ter, jeder Bürger gehört dem Vaterlande. Ferner werdet ihr des Mangels an Bürger⸗ ſinn und überdieß des Fanatismus angeklagt.“ „Nennet ihr Fanatismus,“ entgegnete mit fe⸗ ſter Entſchloſſenheit und in ſteigendem, be⸗ herzten Tone Caliſte,»treu die wahre Reli⸗ gion, die Religion des heiligen Ludwig und unſerer Väter, die heilige katholiſche, apoſto⸗ liſche und römiſche Kirche lieben, ſo mögt ihr mich fanatiſch nennen. Ich bedaure den Ruch⸗ loſen und flehe für ihn zu Gottes Barmher⸗ zigkeit, doch verabſcheue ich die Ruchloſigkeit felbſt, und die täglichen Gottesläſterungen, welche mein Vaterland entweihen, und der⸗ einſt über dieſes unglückliche Frankreich den Fluch der härteſten Drangſale beingen.“... „Ihr höret,“ unterbrach ſie der Richter,„ſie fluchet dem Vaterlande, erklärt ſich als Fein⸗ dinn der Freyheit und der Patrioten.... Man ſammle die Stimme! man ſammle!— „Halt!“ ſchrie eae⸗heenn mir nicht das Wort!“ Das Feuer ihrer Geberde, der Zauber ihrer Jugendreitze, und die himmli⸗ ſche Schönheit ihres Angeſichts beſtürzten — rrrran 101 MrrF dieſe menſchlichen Ungeheuer, welche ſchwei⸗ gend horchten. Herrſchend war dazumal bey⸗ nahe in allen Gemüthern eine eigene aufbrau⸗ ſende Gährung und beſondere Vorliebe für die gewaltige Erſchütterung heftiger Auftritte mochten ſie auf was immer für eine Art erregt worden ſeyn. Verachtet war Mäßigung und kluge Beſcheidenheit, doch deſto ſicherer zog jede Handlung allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſich, die ſich durch ein echtes, oder bloß ſchim⸗ merndes Gepräge muthiger Seelenkraft an⸗ kündigte.“. „»Leontine wandte ſich geradezu an die Richter,„Haltet ein, begeht kein nutzloſes Ver⸗ brechen,“ ſagte ſie.„Was that dieſe Unglück⸗ liche gegen eure Geſetze? Ihre Reiſe war Ent⸗ führung, und nicht Flucht; die Confiscation raubte ihr ihr ganzes Vermögen; alle Glücks⸗ güter ſind ihr entzogen; was verliert ihr alſo dabey, wenn ihr ihre Unſchuld erkennet? Doch ich bin noch reich, mein Leben biethe ich, das ihrige zu retten, und wahrlich biethe ich euch alsdann kein Opfer: Schande, die ich nicht länger ertrage, iſt mein ungekränk⸗ wer, 102 A tes Daſeyn unter euch. Ein ſtolzer ruhmvol⸗ ler Titel wird das Urtheil eurer Verdammung, ihr habt das Blutgerüſt zu einer glänzenden Schaubühne des Ehrgefühls erhoben. Führt mich hin, und ſchont der Tage meiner Freun⸗ dinn.“—„Was fängſt du an,“ ſchrie laut Caliſte,„mich retteſt du nicht, und dich ſtür⸗ zeſt du ins Verderben.“—„Kann ich dich nicht retten, ſo iſt mein einziger Troſt, dein Loos zu theilen.“— Sie verurtheilen mich bloß, weil ich mein Glaubensbekenntniß ab⸗ legte; laſſe ſie mir die Palme des Martyr⸗ thums reichen.—„Ich folge dir, ich bin des Lebens müde.— Noch länger mußt du leben, bittere Thränen zu trocknen.— Nicht ver⸗ mag ich es, ſüßen Troſt zu bereiten, und ſterbe ich mit dir, ſo trage ich wenigſtens zärt⸗ liches Bedauern davon!“ Man unterbrach die⸗ ſen rührenden Wortwechſel, ließ Leontinen von Henkersknechten ergreifen, und auch ſie ins Gefängniß ſchleppen. Caliſte ſchwang ſich in ihre Arme.„Lebe wohl, allzu großmüthige Freundinn, lebe wohl, du wirſt leben, Gott, deſſen Gnade mich ruft, läßt mir dieſe letzte Ver 103 rrrr Hoffnung auf Erden. Bedaure mich, doch beweine mich nicht! Keine deiner Thränen trübe die Glorie meiner Verklaͤrung.“— Mit barbariſcher Gewalt riß man bey dieſen Wor⸗ ten unſre beyden Freundinnen einander aus den Armen. In laute Seufzer ergoß ſich Leon⸗ tinens Klage, Caliſte, von überirdiſchen Ge⸗ fühlen begeiſtert, rief ihr nach:„Siehſt du nicht der Engel und Martyrer triumphirende Gruppe! Sie eröffnet den ſtrahlenden Zug, dem ich folge!“ So eilte ſie dem Schaffotte entgegen. Nicht nöthig war es, Troſt und Mauth ihr zuzuſprechen, eine ſelige Himmels⸗ geſtalt, der Lohn ihrer Unſchuld und from⸗ men Andacht, warf plötzlich einen Schleyer über alle Schrecken des Todes und ſeines ſchauderhaften Gepränges. Purpur erglühte auf ihrer Wange, als ſie das Blutgerüſte beſtieg, die Sprache des Entzückens und reiner Freude, die in jeder ihrer Mienen, in jeder ihrer Ge⸗ berden zu leſen, gab ihrer edlen Geſtalt ei⸗ nen hinreißenden Ausdruck der Ergebung. Einen auf Wolken ſchwimmenden Thron des Lichtes glaubte ſie zu ſehen.„O göttliche Ma⸗ , T04 jeſtät, welch ſterbliches Auge kann deinen Glanz ertragen! Welch duftender Wohlge⸗ ruch, welche Harmonie! Ach möge ewig des Ewigen Lobgeſang aus den unendlichen Hal⸗ len ſeiner geheiligten Welt erſchallen!» Mit dieſen Worten ſchloß ſich ihr Auge, und him⸗ melwärts falteten ſich ihre Arme. Schon war. ſie nicht mehr auf Erden, man trug ſie auf das Blutgerüſte. Jetzt rief ſie mit hellem Sil⸗ berton:„Zum Himmel ſchwingt ihr mich, unſterbliche Jungfrauen! zu ewigem namen⸗ loſen Glücke, mein Gott!“ Dieß waren ihre letzten Worte. In dieſem Zuſtande des Ent⸗ zückens, Dankes und der Liebe empfing ſie den letzten Streich des Todes.* Hier unterbrach Placide noch einmal den Baron.„O wohlthätige, o göttliche Reli⸗ gion!”“— rirf er aus,—„in himmliſche Freuden wandelſt du die Leiden, welche die Ruchloſigkeit hienieden über die Tugend ver⸗ hängt! o anbethungswürdiges Wunder der Allmacht und Gnade, welches dem Verbre⸗ cher jede Rache gegen den Tugendhaften ent⸗ reißt. Während man dieſen ſterblichen Engel wwo 105 w⸗ das Blutgerüſt beſteigen ſah, klagte man die Vorſicht an, ſeufzte man über die Schreck⸗ niſſe der Seelenangſt dieſes unſchuldsvollen Geſchöpfs, und indeß ſchwebte ſie ſchon im Himmel. Gewiß hat ſich dieſes Wunder mehr als einmal während jener blutigen Drang⸗ ſale erneuert. Für ein unſchuldsvolles from⸗ mes Herz iſt der Tod nur das glückliche Ziel einer trauervollen Wanderſchaft, und das Blutgerüſte, wie Caliſte es ſah, iſt ein in Strahlen ſchwimmender Thron des Lichtes, um welchen lächelnde Engel flattern... Doch verzeihen Sie dieſe unwillkührliche Unterbre⸗ chung, und fahren Sie in Ihrer intereſſanten Erzählung fort. Was geſchah mit Leontinen nach dieſem traurigen Ereigniß?»—„Leon⸗ tine,“— verſetzte der Baron,—„erfuhr es im Gefängniß wenige Stunden darauf. Ihr Unwille ſtieg bis zur Verzweiflung. Jeden Augenblick erwartete ſie den Tod. Sie flehte zu ihrer Freundinn, daß ſie ſie aufnehme in ihre himmliſchen Freuden, denn ſie fühlte ihre Ruhe durch den Schmerz über ihren Tod, und durch den ſchreckensvollen Anblick Werr, 106 NA ihrer Mörder geſtört. Bethend durchwachte ſie die Nacht, und als ſie am andern Mor⸗ gen die Thüre ihres Kerkers öffnen hörte, glaubte ſie, ſie werde ſchon zum Tode ge⸗ führt. Wie groß war ihre Überraſchung, als ſte auf einmal Melvil eintreten ſah!„Kom⸗ men Sie, Sie ſind frey,“— kündigte er ihr an.—„Dieſe Nacht bin ich angekommen, und habe alles erfahren. Schon war das Ur⸗ theil Ihres Todes geſprochen, doch als Gat⸗ tinn ſorderte ich Sie, und es wurde wider⸗ rufen. So ſollen Sie leben, und zwar für mich!“—„Geh, Nichtswürdiger, und rüh⸗ me dich deines Einfluſſes im Kreiſe deiner mitverſchworenen Verbrecher. Wohl konnte ich fuͤr theure Angehörige um deinen Schutz fleben, doch für mich ſelbſt verachte und ver⸗ werfe ich ihn mit vollendetem Abſcheu! Wagſt du es, dich für meinen Befreyer zu halten, während du mir ein ſchimpfliches Daſeyn bietheſt? Kann ein ungewiſſes, van beſtändi⸗ gen Gefahren bedrohtes, hinfälliges, elendes Leben, welches den Launen der verächtlichſten Tyrannen fröhnen müßte, meine Wünſche 107 rrr feſſeln? Kann ich trauernd dieſe Welt ver⸗ miſſen, wo Verbrechen und Laſter herrſchen, wo Ungeheuer gedeihen, und wo du ſtolz in ihrer Reihe wandelſt, während meine helden⸗ müthige Freundinn auf dem Blutgerüſte ſter⸗ ben mußte? Einen fürchterlichen Eid löſet ihr Tod, er gab mir mich ſelbſt wieder, und auch ich werde zu ſterben wiſſen. Biethe ander⸗ wärts deinen frechen Schutz, ich brauch' ihn nicht; ich verabſcheue dich. Kehre zurück zu ienem ſchaudervollen Gerichte„deſſen würdi⸗ ges Mitglied du biſt, ziehe wieder hin zu ſei⸗ nen blutigen Schranken, vor welchen der Un⸗ ſchuld und der erhabenſten Frömmigkeit das Urtheil ewiger Verbannung droht! Dort in der Mitte jener Henker iſt dein Platz.“— Bey dieſer heftigen Rede blieb Melvil, ſtarr und vernichtet, einige Augenblicke ohne Spra⸗ che und Bewegung. Endlich hefteten ſich ſeine irren Blicke auf Leontinen.„Wie? ſelbſt das Blutgerüſte wären Sie im Stande mir vor⸗ zuziehen?“—„O ja! tauſend Mal zöge ich es vor! und ſollt' ich nicht? Iſt es nicht durch das Blut der erlauchteſten und liebenswür⸗ M 108 WAA digſten Opfer rein gewaſchen und geheiligt? Ich haſſe und verachte Sie, und wäͤren Sie ſogar großmüthig und tugendhaft, ſo könnte ich Sie nicht lieben, denn ſchon lange habe ich kein Herz mehr zu vergeben!..— „»Wahrlich, dieſer letzte Streich fehlte noch!“ — rief Melvil mit ſchwacher erlöſchender Stimme.—„Nun ſo leben Sie wohl! Le⸗ ben Sie wohl!“— Mit dieſem Worte drehte er ſich ab, ging mit ſchwankendem Schritte gegen die Thüre, öffnete ſie leiſe mit zittern⸗ der Hand, und verſchwand.. Leontine blieb betroffen ſtehen, ſein letztes Lebewohl, ſeine allzu ſichtbare tiefe Beſtürzung, die trauernde⸗ Bläſſe ſeiner Wangen, und der wehmuthsvolle Ton ſeiner Stimme verkündeten nicht Zorn noch drohende Rache, ſondern verriethen dumpfe düſtere Verzweiflung. Leontine konnte ſich einer Regung von Mitleid nicht erweh⸗ ren für dieſen Unglücklichen, den der ſchlüͤpf⸗ rige Abgrund des Verbrechens fortriß, in deſſen Charakter ſie aber dennoch einen un⸗ verkennbaren Zug von Großmuth bemerkte, und deſſen Herz zu lieben wußte!—„Er hat AN 109 mir Dienſte geleiſtet,“— ſagte ſie ſich ſelbſt, — ver würde ſein eigenes Leben für Caliſte geopfert haben, und waͤre er zugegen gewe⸗ ſen, ſo wäre ſie gewiß nicht hingerichtet wor⸗ den. Es iſt wohl allerdings wahr, nach den Bedingniſſen, die ich ihm auferlegt habe, konnte er nur dann auf meine Hand Anſpruch machen, wenn er alle meine Freunde rettete, und Caliſte lebt nicht mehr! Doch hätte ich ſeine Anträge zurückweiſen ſollen, ohne ihn ſelbſt zu beſchimpfen.“— Wäaͤhrend Leontine ſich dieſen Betrachtungen überließ, kam die Einladung des Kerkermeiſters, das Gefäng⸗ niß zu verlaſſen, mit. der Bemerkung, daß ein Wagen am Thore ſie erwarte. Leontine eilte aus dem Gefängniſſe, ſtieg in den Wa⸗ gen, und fuhr zur Frau Miller, die ſie mit außerordentlicher Freude empfing, nachdem ſie zwey volle Tage in fortwährender Angſt geſchwebt hatte, ſie würde dem Urtheile ih⸗ res Todes nicht entgehen koönnen. Leontine rechnete darauf, noch am naͤmlichen Tage ei⸗ nen zweyten Beſuch von Melvil zu empfan⸗ gen, doch kam er auch am folgenden Tage . n 110 nicht. Endlich erhielt ſie am dritten Tage ei⸗ nen Brief mit dieſen Worten:„Ich habe für „Ihre Sicherheit alle nöthige Vorſicht ge⸗ „troffen; ruhig mögen Sie Ihre Tage an »dem Zufluchtsorte hinbringen, den Sie »wählten. Leben Sie wohi auf ewig.“ »Lebhaft wurde Leontine von einer Groß⸗ muth gerührt, in welche weder Vorwürfe, noch Klage ſich miſchten. Eben ſo ſonderbar ſchien ihr die lakoniſche Kürze ſeines Styls. Sie fragte ſeinen Bedienten, und dieſer ſagte aus: ſein Herr ſcheine ihm krank, er habe die Miene eines Leidenden; nachdem er die⸗ ſen ganzen Morgen und den größten Theil der vorhergehenden Tage außer dem Hauſe zugebracht hatte, kam er, dieſes Billet zu ſchreiben, ſchloß ſich dann gegen ſeine Ge⸗ wohnheit in ſeine Zimmer ein, ließ das Mit⸗ tagseffen abſagen, und verboth allen ſeinen Leuten, ihn unter was immer für einem Vorwande zu ſtören. Dieſe Erzählung ſetzte Leontinen in die lebhafteſte Beſorgniß, ſie ergriff den Arm des Bedienten, und bath ihn, ſie zu ſeinem Herren zu führen. Als ſie A 111 MM ankommen, pocht man vergebens an ſein Zimmer, keine Stimme läßt ſich hören. Voll Schrecken ruft ſie ihn laut bey ſeinem Na⸗ men, man hört eine kleine Bewegung, end⸗ lich öffnet ſich die Thüre. Sie tritt ein, eis⸗ kalter Schauer ergreift ſie, als ſie den un⸗ glücklichen Melvil, Todesbläſſe im Geſichte, zitternd, und mit zerrauften Haaren erblickt. Kaum vermögen ihn ſeine Füße zu ſchleppen. Er führte ſie in ſein Zimmer, und ſank ent⸗ kräftet auf einen Lehnſtuhl hin.„Nicht wi⸗ derſtehen konnte ich dem Laute Ihrer Stim⸗ me, die ich erkannte,“— hob er endlich an, —„doch was wollen Sie von mir? Kom⸗ men Sie, mich zu tröſten? Da kommt ihr Mitleid zu ſpät. Ach, fliehen Sie, es iſt zu ſpät...—„Um Gottes willen, was ſa⸗ gen Sie, was haben Sie vor?»—„»Mein Vorhaben iſt zu Ende...“—„»Was haben Sie gethan?»—„Mein jammernswuͤrdiges Schickfal habe ich geendet.“—„Großer Gott!“—„Ich habe Gift genommen.“— 4„Urglüͤdlicher: 5/— ſchrie Leontine laut auf und ſtürzte zu ſeinen Füßen,—„ach! haben Sie 112 ◻ mich je geliebt, ſo erlauben Sie mir, daß ich Sie rette.“—„Was wünſchen Sie?“— „Ihre Genehmigung ſchnelle Hülfe herbeyzu⸗ ſchaffen und Sie reuig in den Schooß der Religion zurück zu führen.“—„Sie haſſen mich, ich kann nicht Reue fühlen.“—„Mit der zärtlichſten Freundſchaft werde ich Ihre willige Ergebung lohnen.“—„Das Leben iſt für mich nur eine Bürde, es iſt erlaubt, läſtige Ketten zu zerſprengen.“—„Welch fürchterliches Vergehen, welch entſetzlicher Wahnſinn, die ſchmale ſchlüpfrige Bahn zu kürzen, die in den dunkeln Schooß der Ewig⸗ keit führt! Unglücklicher! was hoffen Sie?“ —„Hinſinken in's ewige Nichts, oder Ver⸗ gebung.“—„Wer iſt Ihnen für eines oder das andere Bürge 2 Können. Sie in der Nacht dieſes fürchterlichen Zweiſels noch län⸗ ger weilen?...“—„Welk iſt die Kraft mei⸗ nes Buſens. Nur der Hauch der Verzweiflung könnte den glimmenden Lebensfunken wieder in mir erwecken! Laſſen Sie mich mit Gleich⸗ muth und verſchloſſenen Augen in den Ra⸗ chen des Abgrunds ſtürzen!.»—„Nein, rrrn 1 1 3 frre ich verlaſſe Sie nicht, die Gefühle, welche in dieſem Augenblicke ſich in meinem Buſen drängen, heben mich über jede Furcht em⸗ por.“—„Haben nicht Sie, Barbarinn! das Gift, das in meinen Adern rollt, bereitet 2 Entfliehen Sie! Fürchten Sie die Furie der Verzweiflung am Rande des Grabes.“— »Nur Ihren Verluſt, nur Ihr ewiges Ungluͤck kann ich in dieſem Augenblicke fürchten. Ich will Sie retten.“—„Ach! ich flehe, laſſen Sie mich, Sie zerbeißen mir das Herz.*— „Ich will Sie retten...—„Das iſt zu viel... Leontine weinend zu meinen Füßen! Nun ſo ſchalten Sie über mich nach Gut⸗ dünken.“— Leontine ſtand auf, und eilte, die Dienerſchaft herbey zu rufen. Einige Be⸗ diente wurden um Ärzte geſchickt. Nach einer Viertelſtunde kam einer der letztern, und gab Hoffnung. Nachdem ſie den Leidenden die vorgeſchriebenen Gegengifte nehmen ſah, die ſie ihm mit eigener Hand gereicht hatte, ver⸗ ließ ſie ihn mit dem Verſprechen, bald wie⸗ der zurück zu kommen. Voll Schrecken und Unruhe kam ſie auch wirklich nach einer Vier⸗ * o LI4 eelſtunde mit einem Prieſter. Melvil konnte der Allgewalt ihres Einfluſſes nicht widerſte⸗ hen, und fügte ſich in ihren Willen. Sein Leben war nicht zu retten, doch gelang ſeine aufrichtige Bekehrung. Er kehrte in den Schooß der Religion wieder zurück, gab Be⸗ weiſe ſeiner herzlichſten Reue, und verſchied gegen Mitternacht.“ „Einige Monathe nachher wurde Robes⸗ pierre geſtärzt. Ich erhielt durch Leontinens thätige Vermittlung meine Freyheit wieder, da ſie mein Schickſal nie aus dem Auge ver⸗ loren, und durch Melvils Einfluß zu verhin⸗ dern gewußt, daß ich weder vor Gericht ge⸗ fordert, noch nach Paris geſendet wurde. Ich kehrte dann in letztere Stadt zurück, und wurde wieder in den Beſitz meines ſämmtli⸗ chen Vermögens geſetzt. Sie können ſich die Freude denken, mit welcher ich meine Nichte wieder umarmte, die mir ſtets ſo theuer ge⸗ weſen war, und deren bewunderungswürdi⸗ ges Betragen jetzt noch um ſo mehr meine ganze Zärtlichkeit in Anſpruch nehmen mußte. Sie zeigte mir die Briefe der unglücklichen . 1I3 we Caliſte, und wir waren von der Stunde an nur mit dem Gedanken beſchäftigt, ein Mit⸗ tel ausfindig zu machen, daß Adolph alle halbe Jahre einen dieſer Briefe erhielte. Es währte lange, bis wir mit Gewißheit ſeinen Aufenthaltsort in Spanien entdecken konn⸗ ten. Endlich fanden wir Gelegenheit, ihm den erſten Brief ſeiner zartfühlenden Freun⸗ dinn zu ſchicken. So fuhren wir waͤhrend ſei⸗ nes achtjährigen Aufenthalts in. Spanien fort, ihm alle halbe Jahre einen Brief zu ſenden. Nach dieſer Zeit kehrte er mit ſeinem Vater nach Frankreich zurück. Caliſtens Briefe waren alle abgeſendet, bis auf den letzten, den ich Ihnen geleſen habe. Aus dem Über⸗ maß von Freude, welches Adolph bey dem Wiederſehon Leontinens blicken ließ, konnte ich leicht entnehmen, daß Caliſtens letzter Wunſch Erhörung, und er in Leontinen eben ſo ſchnellen als vollſtändigen Erſatz finden werde; denn die Zeit hatte bereits auf ſeine Gefühle jene unfehlbare Wiekung geäußert, welche die Liebe nie vorher zu ſehen pflegt. Tiefere Spuren hatte der Freundſchaft rei⸗ ⸗. n l6 r, nere Empfindung in Leontinens Heizen zu⸗ rückgelaſſen. Sie war Zeuge von Caliſtens Tod und ihren Handlungen geweſen, und dieſe Erinnerung wirkte ſo mächtig auf ihren Geiſt, daß ſie Adolph ſeine anſcheinende Gleichgültigkeit und ſeinen ſchmerzloſen Zu⸗ ſtand ſchlechterdings nicht verzeihen konnte. Sie dachte, ſie würde ihn, wo nicht untröſt⸗ lich, doch in tiefer Beſtürzung finden, und in dieſem Falle hätte ſie ſich mit Recht einer Eroberung rühmen können, wenn ſie wieder die Bande des Lebens um ihn geſchlungen hätte; aber im Gegentheile, ſie fand ihn gleich in den erſten Augenblicken ihres Wiederſe⸗ hens heiter und ruhig, und ganz bereit, ſich in ſie zu verlieben, Leontine, voll romanti⸗ ſcher Empfindſamkeit, entrüſtete ſuh über das, was ſie den ſträflichſten Leichtſinn nannte, und erklärte mir in geheim, nie würde ſie ihre Hand einem Manne ſchenken, deſſen entarteter Charakter ihre Bewunderung nicht mehr verdiene. Umſonſt ſtellte ich ihr vor, wie natürlich es wäre, wenn Adolph nach ei⸗ ner ſo langen Trennung von acht Jahren, A 1 17 6 wo er Caliſtens Tod niht mehr bezweifeln konnte, ſich endlich u einem beſtimmten Schritte entſchlöſſe.„Dey jedem andern,“— erwiederte ſie,—„würde mir dieſes Betra⸗ gen nicht auffallen; doch an ihm, den ich mir weit erhaben nwer andere junge Männer dachte, muß es um ſo auffallender erſchek⸗ nen! Kurz, wenn ich gewollt hätte, ſo würde er mir bereits eine vollſtändige Liebes⸗ erklärung gemacht haben! Iſt ſo ein Betra⸗ gen nicht empörend?“—„Wie? du liebſt ihn leidenſchaftlich, und machſt ihm Gegen⸗ liebe zum Verbrechen!“—„Ja, mein lie⸗ ber Onkel, und zwar zu einem unverzeihli⸗ chen Verbrechen. Auf ewig hätte er der Liebe entſagen, oder ſich wenigſtens, ihr entſagt zu haben, einbilden ſollen. Wie theuer wäre er dann meinem Herzen geworden!“—„Nun, ich glaube, Leontine, du täuſcheſt dich über die Art von Anhänglichkeit, die er gegen dich blicken läßt.“—„Wie ſo?“—„Ich glaube, er iſt nicht in dich verliebt.“—„So d ächten Sie, ich gefalle ihm nicht, er hätte eine Ab⸗ neigung gegen mich?“— Dieſe Frage ge⸗ 118 b ſchah in einem ſo lewhaften, unwilligem To⸗ ne, um mich erkennenzu laſſen, daß gerade die verliebteſten Mädchm von Eigenliebe am wenigſten frey ſind. Ich vonnte nicht umhin zu laͤcheln.„Nein, liebe Leontine,“— ver⸗ ſetzte ich,—„ich bin im Gegentheile über⸗ zeugt, er ziehe dich allen andera vor, doch fühlt er nicht Liebe, und mit dieſer verwech⸗ ſelſt du ſeine zärtliche Freundſchaft gegen dich. Fühlte er wahrhaft Liebe, ohne eine Erklä⸗ rung gegen dich zu wagen, ſo würde ihn doch nichts hindern, ſie mir anzuvertrauen. Ich ſuchte ihm ſogar dieſes vertrauliche Geſtänd⸗ niß in einer unſerer Unterredungen zu entlo⸗ cken, und wurde deutlich den erſchöpften Zu⸗ ſtand ſeines Herzens gewahr; ich muß alſo ſchließen, daß es nie einer großen Leidenſchaft mehr fähig iſt.“—„Nie?“— wiederholte Leontine;—„übrigens werde am wenigſten ich eine Neigung ihm einzuflößen ſuchen, die auch in meinem eigenen Herzen ſchon ſchwä⸗ cher, und, ich fühle es, beynahe ganz erlo⸗ ſchen iſt.“— Jetzt am Ende unſerer Unterre⸗ dung waren wir beyde mit einander nicht , 119 mehr aufrichtig; denn ich wußte nur zu wohl, daß Adolph ſie ſchon leidenſchaftlich liebte, und die Unruhe, die ich Leontinen beygebracht hatte, verſcheuchte plötzlich ihre grillenhaften romanesken Ideen. Seit dieſem Tage fand ich ſie nachſichtsvoller und liebenswürdiger für Adolph; ohne eine ausdrückliche Erklä⸗ rung verſtanden ſich beyde ſehr bald, und Leontine bemerkte ohne Widerwillen, daß ſie dem angebetheten Gegenſtande ihres Herzens Liebe eingeflößt hatte.“ »Indeß hatten wir noch den letzten Brief an Adolph abzugeben, jenen rührenden Brief, in welchem Caliſte ihn zugleich in dem Wah⸗ ne ließ, als ob ſie noch lebte, und ihm ihr ewiges Stillſchweigen ankündigte. Nach lan⸗ ger Übertegung gab mir Leontine ihren Ent⸗ ſchluß zu erkennen, Adolphen die ganze Wahr⸗ heit zu entdecken. Ich ſtellte ihr vor, daß ſie dann gegen Caliſtens erklärten Willen han⸗ delte.„Wohl wahr,“— entgegnete Leontine, —„doch ohne dieſe Aufklärung wird Adolph ſich nur unvollkommene Begriffe von dem Muthe, der Empfindſamkeit und dem He⸗ rrh 120 NWM roismus dieſes himmliſchen Geſchöpfes bil⸗ den. Nie würde er den Umfang ſeines ihr ewig ſchuldigen Dankes kennen lernen; ich werde feinen Schmerz erneuern; jedoch Ca⸗ liſten vollſtändig zeigen, wie ſie war, iſt die ſchönſte Huldigung, die ich ihrem Andenken ſchuldig bin.“ „Leontine hatte nicht Stärke genug zu dieſer Erzählung, ich nahm es auf mich, den letzten Brief Adolphen einzuhändigen, ihn dann gehörig vorzubereiten, und ihm endlich alles umſtändlich zu entziffern. Ich übergab ihm alſo den Brief, und ſagte, er wäre an mich adreſſirt worden; er las ihn mit außer⸗ ordentlicher Rührung, unaufhörlich floſſen ſeine Thränen. Indeſſen ahnete er keines⸗ wegs ihren Tod; denn gleich in der erſten Zeit ihrer Gefangenſchaft hatte ſie alle nöthi⸗ gen Maßregeln getroffen, welche ihr die ſichere Beruhigung gewähren konnten, daß ſie im äußerſten Falle in keiner Liſte unter ihrem wahren Namen erſcheinen konnte. Er gab mir dann den Brief, und bath mich, ihn zu leſen. Ich nahm ihn ſchweigend, ohne ei⸗ AA 121 Nr nen Blick in denſelben zu werfen.„»Dieſer Brief,“— ſagte ich nach einigen Minuten, —»der dich in eine ſo gerechte Rührung ver⸗ ſetzt, iſt noch tauſend Mal rührender als du glaubſt.“—„Wie ſo? haben Sie ihn gele⸗ ſen?“—„O ja!“—„Doch wann?“— »Schon lange.“—„Schon lange?—„»Vor ungefähr fünf Jahren.“—„Was wollen Sie damit ſagen? Iſt nicht das Datum erſt ſechs Monate alt?»—„Ja wohl, ſo wie das Datum aller übrigen Briefe, die du erhalten haſt; doch war dasſelbe ſchon vorhinein bey alten früheren geſchehen. Alle dieſe Briefe wurden im Jahre 1795 geſchrieben.“— Bey dieſen Worten wurde Adolph todtenblaß, ich wagte nicht, meine Erläuterung fortzuſetzen. —„Großer Gott!“— ſchrie er auf,—„was laſſen Sie mich ahnen?»—„Eine ſchreckliche Wahrheit, und dabey die erhabenſte zartfüh⸗ lendſte Borſicht, welche je die Liebe im An⸗ geſichte des Todes eingeben konnte.“—„Hal⸗ ten Sie ein,“— rief Adolph,—„Sie zer⸗ fleiſchen mein Herz, und entreißen mir mein Leben.“— Plöͤtzlich ſchloſſen ſich ſeine Augen, Die Battuecas, 2. Thl. 6 122 Mrrr und er fiel in Ohnmacht. Ich rief ſeine Leu⸗ te, und ſie halfen mir, ihn auf ſein Bett tra⸗ gen. Sein Vater, der von Allem unterrich⸗ tet war, eilte herbey. Adolph kam wieder zu ſich, doch nur um ſich den lebhafteſten und rührendſten Außerungen ſeines Schmerzes zu überlaſſen. Er erkundigte ſich genau nach allen Umſtänden dieſer traurigen Begeben⸗ heit, in welcher zwar auch Leontinens Groß⸗ muth eine ſo ſchöne Rolle ſpielte, doch nur Caliſtens tragiſches Ende und der erhabene Triumph ihrer Zärtlichkeit ihn überraſchte. Er ließ ſich die Chatouille, welche ihre Briefe verſchloß, geben, noch einmal las er ſie alle, und vergoß einen Strom von Thränen. Ihm war, als ob er ſie nun das erſte Mal laͤſe, ſo neu und empfindungsvoll ſchien ihre Spra⸗ che.„Engel des Himmels!“— rief er laut, —„ſelbſt dich überlebte noch die reinſte hel⸗ denmüthigſte Liebe, um mich vor dem Ab⸗ grunde der Verzweiflung zu retten! Unſchul⸗ diges Schlachtopfer barbariſcher Wuth! Wäh⸗ rend du ſchon den Tod im Gefolge all ſeiner Schreckniſle erwarteteſt, zeichnete noch voll . w 123„wrr⸗ Liebe deine Hand dieſe letzten Zeilen! Selbſt dem Schooße der Ewigkeit entquoll ſo viele Jahre hindurch der Troſt deiner Worte! Ach! bis zu meinem letzten Athemzug werde ich jene anbethen, die mich wahrhaft noch jen⸗ ſeits des Grabes zu lieben wußte.“ „Leontine harrte indeß mit lebhafter Un⸗ geduld in einem Seitenzimmer, um von mir den Ausgang dieſer Unterredung zu hören. Indeß vernahm ſie von unſern Bedienten Adolphs Ohnmacht, und theilte aufrichtig ſeine ſchmerzvolle Empfindung. Gegen Mit⸗ tag verließ ich ihn, acht Stunden hindurch entſchlüpfte Leontinens Name auch nicht ein einziges Mal ſeinem Munde. Letztere forſch⸗ te, als ſie mich wieder ſah, voll lebhafter Unruhe:„Hat er nach mir gefragt?“— »Nein, er erwaͤhnt nur der unglücklichen Ca⸗ liſte, er iſt ganz ſeinem Schmerze hingege⸗ ben.“—„Auch ich verdiente mit Recht einen Theil daran zu haben.“ »Es lag etwas Bitteres in dieſen letzteren Worten, und ſie fragte mich, ob ich Adol⸗ phen zu ſagen vergaß, daß ſie ihr eigenes 0* rm 12 4. var⸗ geben für Caliſte opfern wollte. Ich verſicher⸗ te, keinen Zug ihres edlen Betragens ihm verſchwiegen zu haben.—„Und meiner wurde mit keiner Sylbe von ihm erwähnt, nicht wahr?“”—„Ich wiederhole es dir, in dieſem Augenblicke waren alle ſeine Gedanken nur mit der unglücklichen Caliſte beſchäftigt. Er⸗ innere dich, Leontine, daß er dir einſt zu we⸗ nig traurig ſchien; jetzt, da er alles weiß, iſt ſein Schmerz untröſtlich, und deiner vollkom⸗ menen Achtung würdig.“— Leontine verſetzte kein Wort. In demfelben Augenblicke ließ mich der Marquis von Palmene rufen, der über den Zuſtand ſeines Sohnes unruhig war. Ich fand Adolphen mit einem hitzigen Fieber im Bette. Man holte einen Arzt, und ungeachtet letzterer alle Mittel ſeiner Kunſt anwendete, blieb doch die Krankheit eben ſo hartnäckig, als gefährlich. In ſchrecklichem Fieberwahne ſprach er nur von Caliſte, und ſah nur ihre Geſtalt vor ſeinem Auge ſchwe⸗ ben. Da wir in demſelben Hauſe wohnten, ſo ging Leontine oft an die Thüre ſeines Zim⸗ mers, horchte, hörte nur immer Caliſtens A 1 25 MwrA Namen aus ſeinem Munde, und kehrte dann in ihr einſames Gemach zurück, wo ſie in Thränen zerfloß!“ »Am ein und zwanzigſten Tage ſeiner Krankheit fiel Adolph mit einbrechender Nacht in eine tiefe Schlafſucht, aus welcher nichts ihn rütteln konnte, und welche man für tödt⸗ lich hielt. Leontine, nach fünf angſtvoll durchwachten Nächten von ihrem Schmerze zu ſeinem Zimmer hingezogen, betrat es jetze zum erſten Male. Schaudernd nahte ſie ſich ſeinem Bette, und mit bebender durch Seuf⸗ zer unterbrochener Stimme rief ſie ihn wie⸗: derholt. Adolph fuhr zuſammen, und ohne ein Auge zu öffnen, läßt er vernehmen:„Jg, ich kenne dich, göttliche Stimme! O Caliſte! liebend ſtreckſt du mir deine Arme vom Him⸗ mel hernieder! Ja, ich folge dir, und bleibe bey dir!“— 11..— ſeufzte Leontine,— „ſchon iſt ſeine Seele bey der ihrigen!.. Könnte doch auch die meinige mit beyden ſich vereinigen!“ Mit dieſen Worten ſtürzte ſie an ſeinem Kopfkiſſen auf ihre Knie, Tief hallt in Adolphs Herzen ihr lautes wehmuthsvol⸗ rn, 126 rrr les Stöhnen, er öffnet die Augen, und er⸗ blickt Leontinen:„Ach! ſo ſehe ich dich wie⸗ der,“ ruft er aus.„Erkennſt du Leonti⸗ nen?“—„Du ſprichſt von Leontinen! ach! höre auf, ſie zu fürchten..— Nein, nein, Caliſte, du haſt keine Nebenbuhlerinn mehr.“ Bey dieſen Worten heftete Leontine ſchwei⸗ gend und erſtarrt einen langen thränenſchwe⸗ ren Blick auf Adolph.— Adolph faßte ihre Hand, drückte ſie an ſeinen Buſen, und ſprach:„Ich ſchr zre bey dieſer Hand, die du mir ſchenken wollteſt, ich ſchwöre, meiner „erſten Liebe treu zu ſeyn... Doch welche Bläſſe deckt dein Geſicht, das ſich in Thränen badet? Ach! das iſt dein letztes Lebewohl. Man will dich auf das Blutgerüſt ſchleppen, doch ich vertheidige dich! Barbaren, haltet ein!“ Mit dieſen Worten richtete er ſich wü⸗ thend empor, um aus dem Bette zu ſprin⸗ gen, ſank aber erſchöpft und ohne Bewußt⸗ ſeyn wieder auf dasſelbe zurück. Leontine wähnte ihn ſeinem Ende nahe, ſie fühlte, daß auch ſie ihre Kräfte verließen, und mit dem Ausrufe:„Wenigſtens!wird das Grab — 127 Wfwd uns vereinigen!“ verlor ſie gleichfalls den Gebrauch ihrer Sinne.“ »Indeß war dieſe erſchütternde Scene für Adolph eine heilſame Criſis, welche ſeine Lebensgeiſter wieder weckte./Am andern Tage verkündete uns der Arzt, er wäre außer al⸗ ler Gefahr. Da Leontine ihre peinliche Un⸗ ruhe verlor, ſo wurde ſie von einer andern traurigen Empfindung gequält. Mit Schau⸗ dern dachte ſie ſich die fürchterliche Scene, wo Adolph im Fieberwahne ihre Hand an ſein Herz drückte, und ihr ſelbſt, ſie ewig zu vergeſſen, und ſie aufzuopfern, ſchwor!— Sie klagte ſeinen Undank an, ihr Stolz und ihr Herz waren gleich beleidigt. Dem dun⸗ keln Schooße des Grabes entſchwebte ihr in Caliſte eine Nebenbuhlerinn, ſelbſt gefährli⸗ cher, als ſie es je in ihrem Leben geweſen war.“ „Während der Geneſung ließ ſich Adolph ein einziges Mal um ihr Befinden erkundi⸗ gen. Kalt ließ ſie ihm zurückſagen, ſie beſinde ſich vollkommen wohl.”* „Sobald Adolph ſich ankleiden konn⸗ te, trug er tiefe Trauer, und reiste wenige rrr 12 8 A Tage darauf unvermuthet auf ein kleines Landgut, zehn Stunden von Paris, ab, wel⸗ ches ſein Vater ihm geſchenkt hatte. Dieſe ſchnelle Reiſe, welcher kein Lebewohl voran⸗ gegangen war, vollendete Leontinens nieder⸗ ſchlagenden Kummer. Oft rief ſie aus:„Nicht zufrieden, mir gänzlich zu entſagen, ſetzt er noch alle Rückſichten hintan, welche wenig⸗ ſtens ſein Zartgefühl derjenigen zollen ſollte, die ſich in ſo vielfacher Beziehung für ihn und die theuren Angehörigen ſeines Herzens opfern wollte. Oder fürchtet er, in mir die Leidenſchaft zu erwecken, die meine Schwach⸗ heit ihm verrieth? Ha, welche Schande! Er⸗ loſchen iſt jeder Funke dieſer Leidenſchaft in meiner eigenen Bruſt, wenn ſein Buſen keine ähnliche Flamme nährt. Wer muß jedoch bef⸗ ſer als er kennen, was die bloße Freundſchaft über mein Herz vermag! Wie? nicht einmal ſeine Achtung hätte ich errungen? ſeine ver⸗ ächtliche Behandlung ſollte ich dulden? Nein, das iſt zu viel. Auch ich will ihn vergeſſen lernen, und hoffe, meine Bemühung werde mir gelingen. Was hat am Ende ſie, de⸗ rTr 129 ye ren Andenken er mit ſo begeiſterungsvoller Anbethung ehrt, für ihn gethan? ihre Idee war allerdings ſinnreich, doch that ſie weiter nichts. Und ich ſagte, um meine Freunde zu retten, meine Hand ſogar dem Manne zu, den ich von ganzer Seele haßte. Während der ganzen Schreckenszeit der blutigſten Anar⸗ chte blieb ich freywillig und ganz allein in Pa⸗ ris, und both mein Leben als Opfer gerade für diejenige, die nun der Gegenſtand ſeines heftigſten Bedauerns und ſeiner leidenſchaft⸗ lichſten Verzweiflung iſt! Freylich haben wir noch keine beſtimmte wechſelſeitige Verpflich⸗ tung geſchloſſen, noch habe ich kein förmli⸗ ches Geſtändniß abgelegt, doch weiß ich nur allzu wohl, er hat in mein Herz geblickt. Hätte ich aber auch dazumal nicht glauben ſollen, daß ſeine Bruſt jede Regung meines Herzens theilte, ſelbſt bevor er alle Umſtände meines Betragens kannte. Und doch wie kalt iſt ſein Benehmen, wie befremdend ſein Ton, wie undankbar ſein Gedächtniz! Dieſem erniedri⸗ genden Zuſtande muß ich ein Ende machen, und ich hoffe, die Mittel dazu zu finden.“ o 130 wr⸗ »So ſtritten Liebe, Stolz und Empfind⸗ lichkeit in Leontinens Herzen, welches, ſich in fruchtloſen Klagen verzehrend, tauſend ge⸗ waltſame Entſchlüſſe ſchuf.“ „»Am andern Tage nach Adolphs Abreiſe ſchrieb mir einer meiner Bekannten, ein vorneh⸗ mer Grande von Spanien, und warb um Leon⸗ tinens Hand. Er war ſeit einigen Monaten in Paris, und leidenſchaftlich in Leontine verliebt, jung, liebenswürdig, und zugleich im Beſitze eines anſehnlichen Vermögens. Ich zeigte Leontinen ſeinen Brief, denn ich war ſelbſt gegen Adolphen ſehr aufgebracht. Kalt und flüchtig las Leontine den Brief, und ſtellte mir ihn zurück.„Nein, mein lieber Onkel,“ ſagte ſie,„Pflicht und Gefühl feſſeln mich an Ihre Seite, hoher Rang und großes Ver⸗ mögen können mich nicht beſtimmen, Sie zu verlaſſen; doch findet ſich für mich ein recht⸗ ſchaffener Mann, ein Franzoſe, der auch zu⸗ gleich Ihnen anſtändig iſt, ſo heirathe ich ihn.““ „»Theure Leontine,“ erwiederte ich,„»wir wol⸗ leu uns Zeit laſſen. Zwar begreife ich Adolphs Betragen nicht, doch liebſt du ihn noch im⸗ rr I31 mer.“ Bey dieſen Worten füllte ſich ihr Auge mit Thränen, und ein leiſer Händedruck war ihre Antwort. Auch mich rührte das Ver⸗ hängniß einer ſo unglücklichen Liebe.„Ich werde über dieſe Leidenſchaft ſiegen,— ſprach ſie endlich— wenigſtens werde ich ihrer Er⸗ innerung mich nicht ſchämen dürfen, denn bey aller ihrer Dauer und Kraft glaube ich nie vergeſſen zu haben, was ich mir ſelbſt ſchuldig bin.“* 4 „Noch an demſelben Tage brachte man mir beym Schlafengehen ein Packet, mit zwey Briefen von Adolphen; der eine war für mich, der andere für Leontinen beſtimmt. Außer mir vor Freude, flog ich auf Leontinens Zim⸗ mer. Ich gab ihr Adolphs Brief, er enthielt folgende Zeilen: »Ich bin abgereist, ohne Sie zu ſe⸗ hen. Doch, brauchte ich Sie zu ſprechen, um verſtanden zu werden, und Ihnen zu zeigen, was in meinem Herzen vorgeht? Theure und großmüthige Leontine! Sie die Ihr eigenes Leben opfern wollten ſie zu „retten! Sie bedürfen dieſes Schreibens Trrn 132 IA nicht, für Sie kann es nichts Neues ent⸗ halten.“ »Gewöhnliche Freundſchaften haben kein höheres Beſtreben, als ſich gegenſeitig zu errathen. Wir thun beſſer, uns beſeelt nur ein Gedanke; will ich Ihren Gedan⸗ ken finden, ſo erforſche ich mein eigenes Herz, und bin dann überzeugt, mich nicht zu täuſchen. Es war mir um eine aufrich⸗ tige Trauer zu thun, und war mir dieß möglich an Ihrer Seite?.... Welche bit⸗ tere Thränen ich vergieße! Ich verlor meine Geliebte, und Sie ſehe ich nicht! Nicht ſammeln konnten wir die theure Aſche der Unvergeßlichen, deren letzter Wille der fromme Hauch einer göttlichen Eingebung war, da ſie Ihnen ihre Rechte und meine Zärtlichkeit als Vermaͤchtniß ließ!... We⸗ nigſtens wollen wir noch ihr Andenken durch eine freywillige tiefe Einſamkeit⸗ und durch bittere Thränen ehren! In ſechs Monaten ſehen wir uns wieder, ohne uns dann— um uns nie mehr zu trennen.“ „Dieſer Brief rechtfertigte Adolphen, und w 133 ß) verſchaffte Leontinen die Überzeugung ſich ge⸗ liebt zu wiſſen. Adolph zeigte ihr bey dieſer Gelegenheit eine überlegene Seelengröße, die ſie gewiſſer Maßen kränkte, und die Gluth ihrer neu erwachenden Leidenſchaft dämpfte. Unſere ſchönen Handlungen mögen an ſich noch ſo lauter ſeyn, ſo iſt am Ende doch eine über⸗ ſpannte Eigenliebe, wo nicht der Beweggrund, doch wenigſtens die Wirkung davon. Nicht gerne läßt man ſich ſtatt der Hauptrolle, in welcher man früher aufgetreten war, eine Ne⸗ benrolle gefallen. Leontine war überraſcht, ge⸗ tröſtet, und zugleich gekränkt, nur die Zeit konnte die Spuren dieſes Eindrucks verwi⸗ ſchen. Indeß kam Adolph nach einer halbjäh⸗ rigen Trauer wieder zurück, ſeine Bläſſe und Schwermuth rührten Leontinen, ihre Anhäng⸗ lichkeit an ihn war ſo innig, daß Adolph wie⸗ der in den vollen Beſitz ihres Herzens ge⸗ langte. Anfangs war nur die unglückliche Ca⸗ liſte der Inhalt ihres Geſprächs, doch wäh⸗ rend ſie ihren Verluſt mit einander beweinten, tröſteten ſie ſich vollends darüber. Um dieſe Zeit riefen mich Familienangelegenheiten nach nr, 13 h w Spanien, wo ich Verwandte hatte, und ich kündigte an, ich würde dieſe Reiſe in fünf Wochen antreten, und drey Monate ausblei⸗ ben. Adolph beſchwor mich jetzt, ſein Glück vor meiner Abreife zu ſichern; ſein Vater ver⸗ band ſich mit ihm, um mich dazu zu beſtim⸗ men, nur deontine verſagte ihre Einwilligung. Ich glaube ein kleiner Reſt von Empfindlich⸗ keit über Adolphs freywillige Abweſenheit mochte etwas zu dieſem Entſchluſſe beygetra⸗ gen haben. Dem ſey wie ihm wolle, ſie er⸗ klärte ihre entſchiedene Abſicht, mir zu folgen, ſie fügte hinzu, daß mir ihre ſorgfältige Pflege bey einer ſo großen Reiſe unentbehr⸗ lich werden dürfte, und daß ſie mich um al⸗ les in der Welt in einem Augenblicke nicht verlaſſen könnte, in welchem ich gerade ihrer liebevollen Sorgfalt an meiſten bedürfte. Bitter klagte Adolph.„Kennen Sie nicht am beſten, ſagte ihm Leontine,„das edle Macht⸗ geboth der Pflicht? brachten Sie nicht ſelbſt, theurer Adolph, aus bloßem Zartgefühl ſechs volle Monate zu, ohne mich zu ſehen, wäh⸗ rend ich bey der gegenwaͤrtigen Veranlaſſung M 135 rr nicht nur eine meinem Herzen theure, ſondern auch dem Gegenſtande, für welchen ich mich opfere, vortheilhafte Pflicht übe?“ Adolph fühlte bey weitem nicht alle die Vorwürfe, welche dieſe Antwort in ſich faßte, denn Leon⸗ tine hatte ſich wohl in Acht genommen, ihm alles dasjenige zu geſtehen, was ſie vor und unmittelbar bey ſeiner Abreiſe empfand. Wahrhafte Freundſchaft iſt unverſchloſſen und ohne Rückhalt, doch in der Liebe gibt es be⸗ ſtändig Geheimniſſe, deren Enthüllung bey⸗ nahe unmöglich iſt. Adolph war alſo gezwun⸗ gen, ſich in ſein Schickſal zu fügen, und Leontine reiſte mit mir ab. Meine Geſchäfte, die ich nun beendet habe, hinderten mich frü⸗ her Ihnen Nachrichten von Adolph zu brin⸗ gen. Leontine liebt das Außerordentliche, ſie wußte, daß noch kein weibliches Weſen die ſteilen Felſen überſtiegen hatte, die dieſes Thal von dem übrigen Spanien trennen, ſie entſchloß ſich alſo, die Battuecas zu beſuchen; überdieß wünſchte ſie auch den Freund zu ſe⸗ hen, deſſen Adolph ſo oft mit Begeiſterung erwaͤhnt hatte. Morgen reiſen wir ab, und w 136 eer ich hoffe, Sie werden mir einen Brief an Adolph mitgeben.“ Hier endete die Erzählung des Barons. „Ach,“ ſeufzte Placide,„wie glücklich iſt Adolph, da ſein Herz noch für eine zweyte Liebe em⸗ pfänglich iſt, wenn dieß anders im Reiche der Möglichkeit liegt!“— Nach dieſer kurzen Be⸗ trachtung, welche ihm aus vollem Herzen floß, dankte er dem Baron für ſeinen Beſuch, und für die rührende Erzählung, welche er ver⸗ nommen hatte, und kehrte mit ihm in ſeine Hütte zurück. Mit neuer Theilnahme ſahPlacide Leontinen, ſetzte ſich an ihre Seite, und ſtellte einige Fragen an ſie über die ſtürmiſchen Auf⸗ trirte in ihrem Leben. Während Leontine um⸗ ſtändlich antwortete, ſenkte Plaeide ſein Auge, und gerieth in eine ſo namenloſe Verwirrung, daß er außer Stande war, ihr zuzuhören. Verſtohlen betrachtete er ihren zarten Fuß, und den Saum ihres ſchönen weißen Ge⸗ wandes; er ſchwelgte in dem Wohlgeruch, den jede Falte ihrer Kleidung aushauchte, und wähnte ſich an Bianca's Seite. Dieſe Täu⸗ ſchung, weit entfernt, ihm wenigſtens auf rA 137 rrA einige Augenblicke ſein voriges Gluͤck zu ſchen⸗ ken, weckte in ihm Erinnerungen, welche ſein Herz zerriſſen. Er konnte den Lauf ſeiner Thrä⸗ nen nicht hemmen, doch wurden ſie Leonti⸗ nens Erzählungen beygemeſſen.“ Gegen Abend führte Placide den Ba⸗ ron in das Ordenskloſter, wo ſie beyde über⸗ nachteten, Leontine blieb mit Ines in der Hütte. Am folgenden Morgen nahmen die zwey Fremden Abſchied von ihren Wirthen, und Placide begleitete ſie bis an das äußerſte Ende des Thals. Alle jungen Battuecas eil⸗ ten aus ihren Hütten, und verfolgten hau⸗ fenweiſe ihre Schritte, um ſie zu ſehen. Naiv war der Ausdruck ihres Staunens und ihrer Bewunderung. Einer unter ihnen, den Pla⸗ cide liebte, hatte ſich ſehr nahe herangeſchli⸗ chen. Sanft wies ihn Placide zurück, und flü⸗ ſterte ihm zu:»Nimm dich in Acht, und ſieh ſte nicht an: denn ein eigener Zauber liegt in den Blicken jener Frauen und Mädchen aus der andern Welt.9—, Die Warnung kommt zu ſpät,“ verſetzte der junge Mann,„das Übel iſt ſchon geſchehen.“—„Wie dauerſt du mich.“ 2 n, 13,8 rr⸗ rief Placide,„denn das iſt ein Übel, das ſich nicht heilen läßt.“ Die Erſcheinung dieſer zwey fremden Perſonen vermehrte noch die geheime Unruͤhe und Verwirrung bey Placide. Kann man ſeine Einbildungskraft nicht mebr bemeiſtern, ſo wächſt der Kummer unſers Herzens mit je⸗ dem Tage: man wiederhohlt ſich unaufhör⸗ lich den Gedanken, wie unglücklich man ſey, und wird es auf ſolche Art in der That: die Leidenſchaft nimmt zu, und wilde Unord⸗ nung ſchlägt tief in unſrer Seele ihren Wohn⸗ ſitz auf. Iſt man auch ſo glücklich, einige Grund⸗ ſätze zu retten, ſo geräth man doch in Wi⸗ derſpruch mit ſich ſelbſt, das wahre Glück geht verloren, das Glück die Tugend ſo ſchön und liebenswürdig zu finden, als ſie achtbar iſt; man bewundert ſie, ohne ſie zu lieben, ſie iſt keine erhabene milde Tröſterinn mehr, drohend wird ihre Sprache, und flößt nichts als Schmerz oder Angſt ein, murrend, und mit peinlicher Überwindung gehorcht man ihr. In dieſe traurige Lage kam Placide. Der Un⸗ glückliche fand weder an wiſſenſchaftlichen, ren 139 Ar5 noch anderen Gegenſtänden ſeiner früheren Beſchäftigung mehr Vergnügen. überzeugt, daß Donna Bianca, ſeit ſie Mutter wurde. nicht mehr an ihn denke, und er ſelbſt in ih⸗ rer und Dom Pedro's Geſellſchaft nicht mehr den ſüßen Genuß inniger echter Freundſchaft finden werde, war er jenes mächtigen Sporns beraubt, welcher ihn zur Ausbildung ſeines Geiſtes und ſeiner Talente aneiferte, und ihm darin Genuß finden ließ.„ Wozu,“ ſagte er,„ſollte ich nun nach Ruhm geitzen, da in meinem Ruhm kein Weſen auf der Erde mehr ſeinen Stolz findet! O wie theuer wäre mir ein weltgeprieſener Name geworden, wenn er ihr Glückhätte mehren können! Wie ſchwelgt, wie berauſcht man ſich in dem allgemeinen Beyfall, wenn man weiß, daß er im Her⸗ zensgrunde desGegenſtandes uͤnfrer Liebe wie⸗ derhallt! Was liegt mir an dem Weihrauch, welchen rauſchende Bewunderung mir ſtreut, wenn ſie ihn nicht mit lächelndem Entzücken ſammelt! Ohne Entwürfe, ohne Ehrgeitz, ohne Hoffnung, wird mein gehaltloſes, und doch von der Geißel der Unruhe verfolgtes Daſeyn in — A L,O e ſchwankender Ungewißheit und verzehren⸗ der Langeweile verfließen. Welk iſt mein Glück, und nie mehr wird es blühen, ich kann es nicht mehr von einer Freundſchaft erwar⸗ ten, deren Bande ſich unmerklich in Bian⸗ ca's Buſen löſen, deren Verluſt mir aber das Herz zerreißt. Soll die kalte Zärtlichkeit mei⸗ ner ſanften Ines mich für meinen Verluſt ent⸗ ſchädigen? Ich habe einen reitzenden Knaben, doch weiß ich, wie ich ihn erziehen ſoll? Soll es ſeyn, daß er in gänzlicher Vergeſſenheit ſeine Tage hier in dieſem traurigen Thale zu⸗ bringe? Oder daß ich ihn in jene triegeriſche Welt führe, wo nichts als Täuſchung iſt, wo die Beſtändigkeit für Chimäre gilt, und de⸗ een Andenken unſere einſamen Tage vergif⸗ tet? Nein, ich werde dieſes Thal nicht ver⸗ laſſen; gekürzt durch Leiden, werden in Ver⸗ geſſenheit meine Tage hier enden..... Tief in dumpfe Muthloſigkeit verſunken, während ſiedendes Blut in meinen Adern ſprudelt, will ich mein ſeltſames Verhängniß erfüllen. Der Gebirgsblume gleich, welche Preis gege⸗ ben tobendem Gewitter, vor der Zeit vom hef⸗ 141 tigen Hauche des Nords entblättert wird, wenn ſie die Geburtsſtätte ihres Felſens nicht verläßt, muß ich in dieſer Einöde ein ſturm⸗ erfülltes Pflanzenleben ausdauern, und mich in Unruhe und Muthloſigkeit verzehren“ Solches vergebliches und ſträfliches Leid naͤhrte Placide in ſeiner irregeführten glü⸗ henden Einbildungskraft, und ſo gab er ſich dem tiefſten Lebensüberdruſſe hin. Indeß verbrei⸗ tete noch ein mächtiges Intereſſe einigen Le⸗ bensreitz in ſein Daſeyn, denn er erhielt zu⸗ weilen durch Pater Iſidor Nachrichten von Dom Pedro, und auf ſolche Art mittelbar von Donna Bianca. Wenn er dieſen Nach⸗ richten entgegen ſah, ging er jeden Tag in das Kloſter des Ordens. Eines Abends langte er zu gleicher Zeit mit Dom Pedro's Bothen dort an, und vernahm mit unbeſchreiblichem Verdruſſe, daß letzterer mit ſeiner Gattinn nach Frankreich reiſen wollte, um daſelbſt ſich eine Zeit lang aufzuhalten. Sie ſchienen ihn auf dieſer Reiſe gleichſam gänzlich zu verlaſ⸗ ſen, und ſeine Traurigkeit wurde gränzenlos. Voll Unruhe, Erbitterung und Verwirrung n r2, 7 blieb er nur die Abende hindurch in ſeiner Hütte. Einige Stunden lang irrte er mit dem kleinen Theophil im Thale, brachte ihn dann ſeiner Mutter zurück, und beſtieg darauf gleich wieder ſeinen Felſen, um bis Einbruch der Nacht ſich ohne Zerſtreuung ſeinen gefähr⸗ lichen Schwärmereyen zu überlaſſen. Nur einzig der Geſchmack an Dichtkunſt hatte ihn nicht ganz verlaſſen, willkommen war es ihm, die ſchwankenden ſchmerzlichen Empfindungen ſeines Buſens in Verſen auszuhauchen. Auch dichtete er lange trauernde Romanzen, oft ſang er ſie auf Theophiles Bitte in ſeiner Hütte, und begleitete den Geſang mit einer Guitarre, welche er von Madrid mitgebracht hatte. Ein neues Unglück wälzte ſich über ſein Haupt. Pater Iſidor wurde krank und ſein Zuſtand wurde ſehr bedenklich. Placide wich Tag und Nacht nicht von ſeiner Seite. Er fühlte ſein Herz bey dem Gedanken bre⸗ chen, daß er ſeinen einzigen Freund im Thale verlieren, und zugleich nach ſeinem Tode kein Mittel mehr beſitzen ſollte, Nachrichten von Donna Bianca zu erfahren!— Als er end⸗ rw L4. J, lich bemerkte, daß dieſer ehrwürdige Prieſter, ungeachtet er bey vollem Bewuͤßtſeyn blieb, ſeinem letzten Ende nahte, war es ihm nicht mehr möglich, dem Übermaße ſeiner Beſtür⸗ zung Schranken zu ſetzen. Pater Iſidor hörte deutlich ſeine Seufzer, und rief ihn an ſein Bett.„Wozu mein Sohn,“ ſagte er ihm, »wozu dieſer heftige Schmerz? Ich bin ſechs und ſechzig Jahre alt, habe ich nicht meine Laufbahn vollbracht? und wäre ich auch in der Blüthe meiner Jahre, ſo würde ich mich nicht grämen, ihr Ende zu erblicken, wenn ich nur ihre kurze Friſt der Tugend widmete. Wollen wir auf die ungewiſſe Zu⸗ kunft unſer Auge werfen, ſo frage ich dich, was können wir wohl anders, als ſchwache, oft allzu hinfällige Entwürfe ihrem Schooße anvertrauen! nur in der unwiderruflichen Ver⸗ gangenheit bewahren ſich die wahren Schätze des Gerechten. Weit entfernt, die mir ent⸗ ſchwundenen Jahre zu bedauern, erinnere ich mich ihrer mit Vergnägen, und ſelbſt die ſchmerzlichſten Opfer, welche ſie mir in das Gedächtniß zurück rufen, verwandeln ſich für 146 e mich in reinen Genuß der Seligkeit. Lebe wohl, mein Sohn, mäßige das leidenſchaftliche Feuer deiner Empfindſamkeit, und nur in ſanften geſetzlichen Banden, nur in tugendhaften Nei⸗ gungen und in der Ruhe des Gewiſſens ſuche dein Glück!“— Statt zu antworten, zerfloß Placide in Thränen. Pater Iſidor gab ihm ſeinen letzten Segen, darauf gehörte ſein Geiſt ganz der Religion an, und trennte ſich von allen irdiſchen Gegenſtänden; ſchon im vor⸗ aus ſchwang ſich ſeine Seele in den Schooß des Ewigen, und blieb bis zum letzten Athemzuge in deſſen Anſchauen verloren. Sanft ent⸗ ſchlummerte er am andern Tage in Placide's Armen. 1 Dieſe traurige Begebenheit vollendete das Maß von Placides Leiden; er fand zu⸗ gleich Troſt darin, ſeinen tiefen Kummer nicht mehr zu bergen, der Tod des Pater Iſidor war ein Vorwand, die allzu ſichtbare Verän⸗ derung ſeiner Gemüthsſtimmung und ſeines Charaktens zu rechtfertigen. Mehr als je ent⸗ ſchloſſen, auf ſeinem einſamen ſteilen Felſen ſeine Tage hinzubringen, baute er ſich eine r 145 kleine Hütte daſelbſt, um ſich gegen Regen und Wind zu ſchützen. Als dieſe Arbeit fertig war, lebte er über drey Monate lang bey⸗ nahe ausſchließend in dieſer Zelle. Hier be⸗ ſchäftigte ihn nur Donna Bianca. Sie hatte, wie er gar nicht zweifelte, ihr Kind mit ſich genommen, er wußte, daß es ein Knabe von ungefähr vier Jahren war, und bey aller Ei⸗ ferſucht, mit der er dieſem Kinde die Liebkoſun⸗ gen ſeiner Mutter neidete, konnte er ſich doch nicht lebhafter Theilnahme an ihm erwehren; gern malte er ſich ſein Bild, denn ſeine Ein⸗ bildungskraft lieh ihm willig jeden Zug und jede Grazie ſeiner Mutter. Eines Tages wollte er ſich ſpäter als ge⸗ wöhnlich auf ſeinem einſamen Felſen nieder⸗ laſſen, und fand daſelbſt in ſeiner kleinen Hütte den überraſchendſten Gegenſtand, den es im Thale geben konnte, ein ovales Ohlge⸗ mälde, das mit einer Guirlande friſcher Na⸗ turblumen bekränzt war. Bey dieſem Anblicke lieb er einen Augenblick bewegungslos, und als er das Bild näher betrachtete, verdoppelte ſich ſein Erſtaunen, er erkannte das Porträt Die Battuecas, 2. Thl. 7 3 rrr„ 146, feines Sohnes!— Die Ähnlichkeit war voll⸗ kommen, das Gemälde, wenn gleich kein Meiſterwerk, doch gefällig..... Von wo kam dieſes Gemälde dahin? wer hatte es ge⸗ malt? wer dorthin geſtellt? Wie war es mög⸗ lich, Theophil lange und oft genug zu ſehen, um ihn ſo regelmäßig zu malen? Die Ähn⸗ lichkeit ſchien ein Beweis, daß der Knabe ſaß. Es gab daher einen Maler im Thale, doch wer mochte wohl dieſer geheimnißvolle Ma⸗ ler ſeyn? In dieſe und ähnliche Gedanken war Placide verloren. Er beſchloß, auf der Stelle Ines und ſeinen Sohn zur Rede zu ſtellen. Eilend verließ er den Felſen, und kehrte in ſeine Hütte zurück. Seit ſeiner Hei⸗ rath hatte er ſeine Wohnung ungemein er⸗ weitert, vorzüglich in der Abſicht, um, wenn er ſich mit Muſik unterhielt, von außen nicht behorcht, und von läſtiger Neugierde nicht geſtört zu werden. Er öffnet die Schranken, mit welchen er ſeine Hütte umflochten hatte, tritt ein in letztere, und bleibt überraſcht vor dem innerſten Gemach ſtehen. Er hört eine liebliche Stimme, die in Begleitung einer erren 147 A Guitarre eine ſeiner Romanzen ſingt. Außer ſich reißt er die Thür auf, und erblickt Ines, deren Geſang er ſo eben vernommen hatte; ſie war allein mit ſeinem Sohne. Letzterer, dazumal gerade ſieben Jahre alt, ſchrie auf: Ach! liebe Mutter! nun ſind alle unſere Ge⸗ heimniſſe verrathen! Ines erröthete, ließ ih⸗ ren zitternden Händen die Guitarre entglei⸗ ten, ſenkte ihre Blicke, und ſchwieg.— Pla⸗ cide fühlte ſein Herz ſo mächtig ſchlagen, daß er kaum zu ſprechen vermochte, ſtützte ſich an einen Tiſch, und fragte Theophil mit gebro⸗ chener Stimme: Und dein Porträt, mein Sohn?—„Hat meine Mutter gemalt, und oben am Berge aufgehangen. Es hat ſie Mühe gekoſtet, ſie kam dafür auch mit ganz wunden Füßen zurück.“ Bey dieſen Worten ſtürzte Pla⸗ cide, in Thränen gebadet, vor Ines nieder. Sie hatte ſich für ihn in ein ganz anderes Weſen umgewandelt, er fand nicht mehr die kalte, gleichgültige Ines, ſondern ein himm⸗ liſches Weib an ihr, welches lieben, und um ihre Liebe zu beweiſen, beynahe Wunder wir⸗ ken konnte! Nachdem Placide ſein Staunen 7* 1 rr 148 rr und das Gefühl ſeines Dankes in der ganzen Verwirrung ſeiner lebhaften Rührung aus⸗ gedrückt hatte, ſetzte er ſich zu Ines Seite, faßte ihre beyden Hände in die ſeinigen, und ſtellte ſte umſtändlich zur Rede:„Wie konn⸗ teſt du dir,» fragte er,„ohne Meiſter ſolche Talente erwerben?“—„Durch das Streben, dir zu gefallen, und mit Hülfe der Zeit. Seit fünf Jahren vorzüglich arbeite ich ohne Un⸗ terlaß. Ich höͤrte dich alle Tage ſingen und Guitarre ſpielen, ich horchte mit der größten Aufmerkſamkeit zu, auswendig wußte ich deine Lieblings⸗Romanze, ſie war auch mir die liebſte. Die Worte bezeichnen den Schmerz der Abweſenheit; ſo viele Stunden brachte ich zu, ohne dich zu ſehen! Mir ſchien die Romanze für mich gedichtet, um von mir ge⸗ ſungen zu werden. Durch vielen Fleiß und Geduld brachte ich es dahin, daß ich ſie ſo ziemlich in Begleitung einer Guitarre ſang.“— O meine theure Ines, von dieſem Augen⸗ blicke an paßt ſie nicht mehr auf dich: ich will nicht mehr von deiner Seite weichen! Doch welche Anſtrengung mußt' es dich koſten, ſo , 149 rra ſchön zu malen, ſo wahr und richtig zu zeich⸗ nen!“—„Ich hatte alles, was ich brauchte, ohne daß du's gewahr werden konnteſt. Du hatteſt mich beauftragt, eine ungeheure Kiſte zu leeren, die mit allen nöthigen Materia⸗ lien zum Zeichnen und Malen angefüllt war, und die dir Dom Pedro geſendet hatte; ich legte einen guten Theil davon für mich bey Seite; dieſer kleine Raub konnte bey einer ſo großen Menge nicht bemerkbar werden. Ich ſah dich malen, ſo lernte ich die Farbenmi⸗ ſchung und die erſten Regeln des Zeichnens; nur zwey Köpfe wünſchte ich malen zu kön⸗ nen! Millionen Verſuche koſtete es mich, und am Ende bin ich doch ſo weit gekommen. Als ich dann erfuhr, daß du dir eine Hütte auf dem Berge errichtet hatteſt, wollte ich dazu beytragen, dein Lieblingsplätzchen zu verſchö⸗ nern, ich ſagte zu mir ſelbſt, wenn er das Bild unſers Kindes ſehen wird, wird er wohl zuweilen an mich denken.... Da ich wußte, daß du heute einige Stunden in einem andern Theile des Thals verweilen würdeſt, ſo wählte ich dieſen Zeitpunct.“„Gerechter Himmel!“ wrarr 150 r rief Placide,„du ſelbſt, theure Ines, du er⸗ ſtiegſt, nicht ohne Gefahr, dieſen ſteilen Berg, und kletterteſt über alle die ſtarren Felſenſpi⸗ tzen!“—„Meine größte Sorge war nur um unſern Theophil. Er weinte am Fuße des Berges, als ich ihn dort verlaſſen mußte. Ich hatte ihm verbothen, mir zu folgen, jeden Au⸗ genblick rief er mir mit wehmüthiger lauter Stimme nach, das that mir in die Seele weh! Ungeachtet all meiner Eile und ſeiner natürlichen Folgſamkeit konnte er doch am Ende ſeine Unruhe nicht überwinden, und als ich zurückkehrte, begegnete er mir, müh⸗ ſam ſchleppte er ſich mit ſeinen kleinen bluten⸗ den Haͤndchen fort, mit welchen er ſchon den vierten Theil des Berges erklettert hatte.“ Keine Feder vermöchte den Eindruck zu ſchildern, den dieſes Geſpräch in Placide's ge⸗ fühlvoller Seele weckte.— Von unwiderſteh⸗ licher Bewunderung hingeriſſen, und zugleich von geheimen Vorwürfen ſeines Gewiſſens angeklagt, ſeufzte er über die Verirrungen ſeines Herzens, welches die Wohlthaten der Vorſicht ſo häufig verkannt hatte. Wechſelnd 1 r betrachtete er Ines, und wieder ſeinen Sohn, drückte ſie beyde innig an ſeine Bruſt, und da er ſich eben ſo ſträflich, als ſein bisheriges Betragen widerſinnig fand, empfand er eine ſo lebhafte und zugleich ſo ſchmerzvolle Regung ſeines Herzens, daß er nicht wußte, ob er ſich ſelbſt für den glucklichſten aller Menſchen hal⸗ ten ſollte. Als er Theophil darum lobte, daß er die Geheimniſſe ſeiner Mutter nicht ver⸗ rieth, erwiederte Ines:„Ich hatte ihm nur Schweigen aufgelegt, hätteſt du ihm nur eine einzige Frage über meine Beſchäftigungen während deiner Abweſenheit geſtellt, ſo war ihm befohlen, dir alles zu entdecken. Aber, fuhr ſie fort, noch weißt du nicht alles, was ich that, doch will ich dir nun nichts mehr ver⸗ hehlen.“ Mit dieſen Worten hob ſie eine Matte, die im Innern der Hätte als Tapete diente, und enthüllte ihr Meiſterſtück, ſein eigenes trefflich gelungenes Bildniß.—„Die⸗ ſes,“ ſagte ſie, und deutete auf dasſelbe,„be⸗ trachtete ich, wenn du auf dem Berge weilteſt; da du heute zum erſten Mal früher kamſt, öff⸗ neteſt du ſo haſtig die Thüre, daß durch dieſe o 152 rr, Erſchütterung die Decke über dein Bildniß wieder herab fiel, und eben darum war es bey deiner Erſcheinung verſchleyert. Abends um die Stunde, wo ich dich ſelbſt erwartete, trug ich Sorge, den Vorhang wieder herab zu rollen, oder wohl auch mit einer Nadel anzu⸗ heften.„Während Ines ſprach, heftete Placide thränenvolle Blicke auf ſein Bild, und rief dann mit gegen Himmel gefalteten Hän⸗ den:„O rührendes Wunder der reinſten zärt⸗ lichſten Liebe!“ Mehr vermochte er nicht zu ſprechen, Seufzer erſtickten ſeine Stimme. Die ſanfte gefühlvolle Ines ſchien eben ſo er⸗ ſchreckt als gerührt bey ſeinem Zuſtande. Jede heftige Bewegung des Gemüths war ihrem ſanftmüthigen Charakter fremd; ſo erhaben ſie ſich durch ihre Geſinnungen und durch jene Seelenſtärke zeigte, die zu einer edlen Aus⸗ dauer muthvoller Entſchlüſſe erfordert wird, eben ſo war auch ihre ſtille Gutmüthigkeit und unerſchopfliche Geduld zu bewundern. Von Weisheit geleitet war dasSpiel ihrerPhantaſie, rein und zart ihre Seele. Voll Ruhe und Er⸗ gebung ſchimmerte ſelbſt durch den Schleyer 153 e ihrer Wehmuth eine Art von Heiterkeit. Nie hatte ſie ſich geſtanden, daß ſie ſich ſelbſt be⸗ klagenswerth fand, denn das wäre eine Art Anklage gegen Placide geworden; weit ent⸗ ferat, ſich ihr eigenes Leiden übertrieben dar⸗ zuſtellen, getraute ſie ſich nicht einmal aus Achtung und unbegränzter Zärtlichkeit für ihn, es ſcharf in's Auge zu faſſen, und darüber nachzudenken; nie entſchlüpfte eine Klage ih⸗ rem Munde, ohne Bitterkeit floſſen ihre Thrä⸗ nen, unbeſtimmter Kummer drückte ſie, wenn ſie ſich oft ſagen mußte:„Ich bin traurig, er iſt nicht da!“ Doch ſah ſie ihn, ſo war ſie voll⸗ kommen zufrieden, nie hatte Placide an ihr auch das fernſte Zeichen von Mißmuth wahr⸗ genommen. Den Reſt der Tage brachte Pla⸗ cide mit Ines zu, und am andern Morgen fagte er ihr, er gehe das letzte Mal auf den Berg bloß in der Abſicht, um Theophils Por⸗ trät zu holen, und die Hütte zu zerſtören. Als er wieder oben auf dem Berge war, em⸗ pfand er ganz andere Gefühle als jene, die ihn vorher an demſelben Orte ſo mächtig durch⸗ drungen hatten.„Ach!“ ſagte er zu ſich ſelbſt⸗ 1 rr, 154 rr, „hier war es, wo ich Ines vergaß, waͤhrend ihre Engelſeele nur mit mir beſchäftigt war, während ſie mit einer Unverdroſſenheit, deren nur ſie faͤhig iſt, mit ſo mühevoller Anſtren⸗ gung jene überraſchenden Talente errang, die ſie bloß der Liebe und Geduld verdankt!— Frey iſt ihr Geiſt von überſpannung jeder Art, jede ihrer Handlungen iſt der reine Aus⸗ fluß ihres ſchönen Herzens; zwar verſteht ſie nicht die Kunſt, ihre Gefühle in eine vor⸗ theilhafte Sprache zu kleiden, doch um ſo le⸗ bendiger weiß ſie ſie in der Wirklichkeit dar⸗ zuthun! O wie blind und ſträflich ich war!“ Als Placide auf immer dem Berge, ſeit ſechs Jahren dem einzigen geheimen Vertrau⸗ ten all ſeiner Gedanken und Gefühle, entſagte, fühlte er eine ſchmerzhafte Beklemmung im Buſen, ihm ſchien, als müßte er ſich zum zweyten Mal und nun auf ewig von Bianda trennen. Er ſtützte ſich auf einen Felſen, und indem er auf die wilden Feigenbäume und die Orangen, deren ſchimmerndes Grün die Trümmer ſeiner zerſtörten Hütte deckte, noch die letzten Blicke warf, rief er laut:„Lebe ☛ 1 55 N wohl, du ſtürmiſche Geburtsſtätte meiner erſte Verſe. Hier auf dieſen Felſen, wo die Mit⸗ tagswinde glühend ſtürmen, mitten unter tobenden Gewittern wehte mich der erſte Hauch der Begeiſterung an, eine traurige Vorbedeutung des brauſenden Seelenſturms, der die Tage meiner Jugend verheeren ſollte!“ Mit dieſen Worten, die ein tiefer Seufzer begleitete, ſtieg Placide vom Berge herab; er hielt das Porträt ſeines Sohnes, betrachtete es, und die geheime Unruhe ſeiner Seele ſchwand. Noch ein neues und zwar das ſtärkſte Recht erwarb ſich ſeit dieſem Tage Ines auf die Zärt⸗ lichkeit ihres Gatten, ſie wurde ſeine Schule⸗ rinn. Täglich gab er ihr regelmäßigen Unter⸗ richt in Muſik und Zeichnen, ihr Fleiß machte eben ſo raſche als ſeltene Fortſchritte. Wie liebte ſte Talente, die ihrem Placide gefielen, und ihn an ihrer Seite feſſelten! Er lernte endlich wahres Glück, nämlich jenes kennen, welches die geſetzlichen Bande treuer Liebe, und die beſeligende Harmonie gleicher Zartlichkeit, gleicher Grundfätze und Pflichten ven, 156 we gewähren. Zwar gelang es ihm nicht ganz, Bianca's Bild aus ſeinem Andenken zu ver⸗ drängen, noch immer miſchte ſich in dieſe Er⸗ innerung ein leichter Anfall ſchwermüthiger Empfindung, tief verwahrte ſein Buſen noch immer die innigſte Anhänglichkeit für ſeine ehemalige Geliehte, doch wurde ſeine Ruhe durch dieſes Gefühl nicht mehr geſtört. Länger ſchon als ein Jahr war Placide wieder ganz zu ſich ſelbſt gekommen, und fühlte nur den einzigen Kummer, von Dom Pedro und Donna Bianca nichts mehr zu hö⸗ ren. Die Vernunft hatte wieder alle ihre Rechte über ihn gewonnen, und flößte ihm wieder jene Zuneigung für Dom Pedro ein, auf welche ſeine Freundſchaft Anſpruch ma⸗ chen konnte; das Andenken an dieſen redli⸗ chen Freund geſellte ſich in ſeiner Phantaſie nun immer zu jenem an Donna Bianca. Ihn beſeelten beynahe gleiche Empfindungen für beyde. Seit dem Tode des Pater Iſidor war kein Ordensgeiſtlicher aus dem Thale gekom⸗ men: endlich hörte Placide, daß ein junger Novize binnen wenig Tagen nach Madrid vrr 157 vra reiſen follte. Placide gab ihm Dom Pedro's Adreſſe, und beauftragte ihn, Nachrichten von ihm einzuholen. Voll Ungeduld harrte er der Rückkunft dieſes jungen Geiſtlichen, deſſen Abweſenheit einen Monat dauern ſollte, welcher aber ſchon nach fünf bis ſechs Tagen eilends zurückkehrte. Placide befand ſich bey ſeiner Rückkehr zufällig im Kloſter. Überraſcht, ihn ſobald wieder zu ſehen, fragte ihn Pla⸗ cide um die Urſache, und vernahm mit Schre⸗ cken, daß ein blutiger äußerer und innerer Krieg ſeit achtzehn Monaten ganz Spanien verwüſtete, daß der Weg, der nach Madrid führte, mit Truppen angefüllt war, und daß es ſchlechterdings unmöglich ſchien, dahin zu reiſen, ohne ſich den augenſcheinlichſten Ge⸗ fahren auszuſetzen:„Großer Gott!“ rief Pla⸗ cide,„iſt Donna Bianca zurückgekehrt, ſo ſind vielleicht ihre Tage mitten unter die⸗ ſem fürchterlichen Aufruhr, ſo wie Dom Pe⸗ dro's Leben in Gefahr!“ Dieſer Gedanke flößte ihm auf der Stelle den Entſchluß ein, nach Madrid zu gehen. Er gab dem Ordensprior des Kloſters den Rath, dieſe traurigen Nach⸗ ree 158 vrre richten nicht unter den Thalbewohnern zu ver⸗ breiten, denen ſie übrigens auch ſehr leicht geheim gehalten werden konnten, denn ſie fragten und kümmerten ſich um nichts, was außer ihrem Thale vorging. Placide wünſchte, daß vorzüglich Ines nichts Umſtändlicheres von dieſer Begebenheit erfahren möchte. Das Geheimniß wurde vollſtändig beobachtet, und als Plaeide zu Ines ſagte: ein Brief⸗ welchen er von Dom Pedro erhalten habe, zwinge ihn, eine kleine Reiſe nach Madrid zu machen, maß ſie dieſem Vorwande Glau⸗ ben bey; nur der Gedanke, zwey Monate ſich von ihm trennen zu müſſen, machte ſie traurig. Placide hatte die Kleider, welche er von Madrid mitgebracht hatte, und einen Beutel aufbewahrt, in welchem einige Gold⸗ und Sil⸗ berſtücke enthalten waren, die ihm Dom Pe⸗ dro einſt gegeben hatte. Ohne Verzug brach er auf, kleidete ſich drey Stunden vor Ta⸗ gesanbruch an, nahm ſeine Börſe und einen großen Knotenſtock, ſagte ein Lebewohl der trauernden Gattinn, küßte ſeinen ſchlum⸗ 159 rrr mernden Sohn, verließ die Hütte, durch⸗ wanderte das Thal, und war bereits mit den erſten Strahlen der aufbrechenden Morgen⸗ ſonne außerhalb den friedlichen Gränzen ſei⸗ nes Vaterlandes.„Ach!“”— ſeufzte er, und warf einen trauernden Blick auf die das Thal ſchirmenden ungeheuern Felſenmaſſen,— „ſieben Jahre ſind es nun, als voll unwiſſen⸗ der Neugierde, und chimeriſcher Hoffnung ich mich auf demſelben Platze mit Dom Pe⸗ dro befand! Mit allzu voreiligem Entzücken ſuchte ich ſie auf, jene feinen gebildeten Men⸗ ſchen, von welchen ich eine ſo hohe Meinung hatte!— Ol wie bin ich ſeit dem alt gewor⸗ den! Jede der reitzenden Täuſchungen, die mich froh umgaukelten, ging verloren! und jede Schattenſeite des Lebens, durch welche die menſchliche Geſellſchaft uns verhaßt wer⸗ den muß, ſoll ich nun noch vollends kennen lernen! all den blutigen Gräuel mit eigenen Augen ſehen, welchen Ehrgeitz, Stolz, Ra⸗ che und Zwietracht verbreiten! Doch ich gehe, wenigſtens wird der Anblick dieſer Schreck⸗ niſſe dazu beytragen, mich noch inniger an das ure, 160 mwr, felige Thal der Battuecas zu feſſeln!“— Mit dieſen Worten machte er ſich auf. Die Jahrs⸗ zeit neigte ſich gerade ſchon gegen die letzten Tage des Herbſtes. Nach zwey Stunden kam Placide in einem Dorfe an, er fand eine Lohnkutſche, die ihn nach Salamanca führte. Dieſe Stadt liegt nur fünf und dreyßig Stun⸗ den von Madrid. nichts deſto weniger wollte kein Kutſcher ihn dahin fahren; die ganze Stadt war in Bewegung, man ſprach nur von der Annaͤherung des Feindes, und ver⸗ ſicherte, daß alle Wege nach Madrid mit Truppen verſchiedener Mächte beynahe üher⸗ ſchwemmt wären. Nichts vermochte Placide aufzuhalten; er war wohl genöthigt, in Sa⸗ lamanca zu übernachten, doch verließ er dieſe Stadt ſchon am andern Tage mit dem frühe⸗ ſten Morgen, holte die nöthigen Erkundi⸗ gungen ein, und ſetzte ſeine Reiſe allein zu Fuße fort. Nachdem er drey Stunden We⸗ ges zurückgelegt hatte, zwang ihn brennen⸗ der Durſt ſtille zu halten, um eine Quelle oder einen Bach zu erſpähen; in einer Ent⸗ fernung von zwey hundert Schritten entdeckte r 1 6 1 er ein junges Mädchen von ungefähr fünf⸗ zehn bis ſechszehn Jahren, mit einem Hir⸗ tenknaben beynahe von gleichem Alter; er rief ſie herbey, ſie eilten auf ihn zu, und in demſelben Augenblicke wendete Placide zu⸗ fällig ſein Auge rechts; er entdeckte eine zur Hälfte in Gebüſch verſteckte Ciſterne, näherte ſich derſelben, und wollte trinken, als die jungen Hirten, die ihn erreicht hatten, ihn zurückhielten, und ihn mit Lebhaftigkeit warn⸗ ten:„Trinkt dieſes Waſſer nicht.“—„Wa⸗ rum?“ fragte Placide.—„Es iſt ja ver⸗ giftet.“—„Vergiftet? gerechter Gott!“— »Nun ja, doch nicht für euch, ſondern für die Feinde. Wir haben gleich, als ihr uns rieft, entdeckt, daß ihr ein Spanier ſeyd, und ich wollte euch retten.“—„Dieſe Ciſterne iſt vergiftet!“— wiederholte ſchaudernd Plaei⸗ de,—„und durch wen 2*½— Durch uns beyde, nach dem ausdruͤcklichen Befehle unſerer Al⸗ tern, und das mit Recht, denn wir thaten es in der Abſicht, uns von dem Feinde zu be⸗ freyen, der unſere Kirchen plündert, und überall Raub, Mord und Verwüſtung ver⸗ A* rF 162, breitet!“ Placide gerieth vor Schrecken und Abſcheu beynahe außer ſich.„O gräßliche Ent⸗ artung der Menſchheit!“— rief er aus,— „fluchwürdige Frucht des Kriegs und des Völkerhaſſes! Selbſt Kinder ſind im Stande, unerhörte Grauſamkeiten zu begehen! Ihre Unſchuld dient ihnen zu weiter nichts, als daß ſie ſie hindert, die Abſcheulichkeit ihrer Verbrechen einzuſehen, und ſie vor Gewiſ⸗ ſensbiſſen bewahrt!“—„Aber worüber ſchimpfſt du ſo?“— ſagte das junge Mäd⸗ chen,—„biſt du alſo kein Spanier?“— »Nein, dem Himmel ſey Dank,“— erwie⸗ derte Placide,—„fliehet Ungeheuer, die kaum der bildenden Hand der Natur ſich ent⸗ windend ſchon auf die letzte Stufe der Ver⸗ dorbenheit ſanken! Fliehet unglückliche Opfer der allgemeinen ſchrecklichen Entartung!“— Bey dieſen Worten floyen voll Schrecken die Hirten, und bereuten es, daß ſie ihn nicht aus dem vergifteten Brunnen hatten trinken laſſen. Placide verſtand etwas franzöſiſch; er hatte eine Sprachlehre ſtudiert, die ihm rrn 1 63 rra Adolph bey ſeiner Abreiſe hinterlaſſen hatte. Er zog aus ſeiner Taſche ein Meſſer, und grub mit großen Buchſtaben auf den Stein der Ciſterne folgende Warnung:„Trinkt dieſes Waſſer nicht, es tödtet. Pla⸗ cide, ein Battuecas.“ Nach dieſer Handlung ſetzte Placide mit erleichtertem Herzen ſeinen Weg fort. Noch immer von Durſt gequält, ſuchten ſeine Augen eine Hütte, und nachdem er über zwey Stunden vergebens herumgeirrt hatte, entdeckte er endlich eine, die in einer reitzenden Gegend lag. Als er dieſer artigen Behauſung naͤher kam, bemerkte er, daß alle Thüren derſelben geöffnet waren, er trat ein, und war nicht wenig erſtaunt, keinen Menſchen darin zu finden. In diefem Augenblicke hörte er von ferne rollenden Kanonendonner, und nun war ihm die menſchenleere Hütte kein Räth⸗ ſel mehr.„O!“— rief er aus,—„mit wel⸗ cher Freude würde ich in mein glückliches Thal zurückkehren, deſſen friedliche Stille ich nun erſt vollkommen ſchätzen lerne, wenn ich über Dom Pedro's und Donna Bianca's we 1614 Wo 3 Schickſal mich beruhigen könnte.“ Mit dieſen Worten verließ er die Hütte, und machte ſich wieder auf den Weg. Allmählich verlor ſich der Kanonendonner, die Sonne neigte ihre Strahlen, Placide verierte ſich, und fand ſich gegen acht Uhr Abends nicht weit von einem alten ungeheuern Schloſſe. Nur ſchwa⸗ cher Schimmer des Mondes beleuchtete die⸗ ſes ehrwürdige Gebäude, kein anderes Licht war daran zu entdecken, tiefes Schweigen herrſchte ringsherum. Placide dachte ſich die⸗ ſes Schloß auch verlaſſen, und beſchloß, den folgenden Morgen darin zu erwarten; er fand die Thore halb geöffnet, trat ein, und als er über den Hof ging, hörte er große Hunde bellen. Er ſah um ſich, und wurde in der That zwey ungeheure Doggen gewahr, die an einer Kette lagen; er ſchloß nicht ohne Grund, daß man während des Tages das Schloß verlaſſen hatte, ohne ſich die Zeit zu nehmen, die Hunde los zu binden. Er ging indeß immer weiter, kam in einen Vorhof, und dann an eine Stiege, die ihn in einſa⸗ me gothiſch meublirte Gemächer führte. Plötz⸗ 2 163 Me lich hält er ſtill: er vernimmt harmoniſche Töne; eine ſüße Überraſchung bemächtigt ſich ſeiner, denn immer rief ihn der ſüße Laut der Melodie Bianca's Erinnerung zurück. Er ſtürzt einer Thüre zu, öffnet ſie, und ein un⸗ erwartetes Schauſpiel biethet ſich ſeinen Bli⸗ cken dar. Er ſieht einen achtzigjährigen Greis, der, gelähmt vom Schlage, in einem Bette liegt; neben ſeinem Lager ſpielen zwey liebli⸗ che, neunjährige Zwillingsſchweſtern die Laute. Bey dem Anblicke Placide's ſchrie voll Angſt und Entſetzen der Greis:„O! verſchonet wenigſtens die Kindheit!“ und die zwey Mädchen wanden ſich kniend zu Placide's Füßen, und flehten für das Leben ihres Großvaters. Tief im Herzen bewegt konnte Placide nicht ſeinen Thränen wehren.„Ge⸗ rechter Himmel!“— rief er aus,—„ihr hal⸗ tet mich für einen jener Barbaren, welche Spanien verwüſten! Beruhiget euch;... ich würde im Nothfalle ſogar den letzten Bluts⸗ tropfen vergießen, um euch zu vertheidigen.“ Mit rührendem Tone begleitete er dieſe Ver⸗ ſicherung, der Greis und ſeine beyden En⸗ nn 66 wee kelinnen ſegneten die Vorſicht und den groß⸗ müthigen Fremdling, und erſterer erzählte, daß er durch eine zwölfſtündige Kanonade ſo in Schrecken verſetzt worden, daß er des Morgens ſeine zwey treueſten Diener auf Erkundigungen aus dem Hauſe ſchickte; ver⸗ gebens habe er ihrer Rückkunft entgegen ge⸗ harrt, und hierauf hätten ſich alle andern, und ſelbſt die Maͤgde, während des Tages ge⸗ flüchtet. Nun wurde Placide befragt. Er ant⸗ wortete, er habe nach Madrid gehen wollen, um ſich wegen des Schickſals eines Freundes zu erkundigen, von dem er ſchon lange nichts vernommen habe; und als er Dom Pedro's Namen nannte, ſo rief der Alte:„»O wie glücklich fühle ich mich, Ihnen dieſe gefährli⸗ che Reiſe erſparen zu können, und Sie in Betreff dieſes Freundes zu beruhigen, mit welchem ich ſeit ſeiner Verehelichung mit Donna Bianca verſchwägert bin. Dom Pe⸗ dro und ſeine Gattinn ſind noch immer in Paris, wo ſie ſich bis zur Beendigung der Unruhen aufhalten wollen. Ich habe ihm vor 187 I fünf Jahren dieſes alte Schloß gekauft, und ſtehe noch mit ſeinem Banquier in Verrech⸗ nung, von welchem ich vor einigen Tagen ei⸗ nen Brief erhielt. Ich will Ihnen dieſen Brief zeigen, Sie werden daraus erſehen, daß er noch in Frankreich iſt, und zugleich, daß der Banquier Tags darauf, als er mir geſchrie⸗ ben, ebenfalls Madrid verließ. Sie würden ihn nicht mehr finden: was würden Sie alſo dort thun?“ Dieſe Erklärung zerſtreute alle Unruhe Placide's. Er las den Brief, und entſagte mit Freude dem Vorſatze, nach Madrid zu gehen, zufrieden, in ſein glückliches Thal wieder zurückkehren zu können. Indeß ent⸗ ſchloß er ſich, ſo lange bey dem Alten zu bleiben, als deſſen verlaſſener Zuſtand dauern mochte. Er wagte mehrere Fragen um Don⸗ na Bianca, doch auf keine konnte ihm der Alte eine befriedigende Antwort geben. Schon ſeit ſieben Jahren hatte letzterer an Schlag⸗ flüſſen gelitten, und da er ſtets in tiefer Ein⸗ ſamkeit lebte, ſo konnte ſein geſchwächter Geiſt nur einzelne Namen und die Vorſtel⸗ 4 169— zang einiger Tagsbegebenheiten behalten. Übrigens war er allen näheren Beziehungen mit der Welt und allen Vorfällen außer ſei⸗ nem Schloſſe fremd geworden. Placide ge⸗ wann ſein ganzes Vertrauen, und wurde beynahe der Herr im Schloſſe. Die erſte Verfügung, welche er traf, beſtand darin, daß er alle Thore verſchloß, und den bey⸗ den Zwillingsſchweſtern ſelbſt an die Hand ging, ein Abendeſſen zu bereiten, welches alle Gäſte vortrefflich fanden. Am Schluſſe der Mahlzeit machten beyde Schweſtern Mu⸗ ſik, auch Placide griff, da ihn die Reihe traf, nach einer Laute, und bezauberte durch ſein Spiel, ſo wie durch ſeinen Geſang den Alten und die Mädchen. Placide brachte die Nacht unentkleidet auf einem Kanapee in dem Zimmer des Al⸗ ten zu. Mit Anbruch des Tages wurde er durch einen ſchrecklichen Lärm geweckt. Heftig wurde an die Thore des Schloſſes geſchla⸗ gen. Der Alte und Placide zweifelten nicht, daß irgend eine feindliche Truppe einen An⸗ griff unternähm; letzterer war der Meinung⸗ , 169 rrrT die jungen Mädchen zu verſtecken, dann ru⸗ hig die Thore zu öffnen, und den Soldaten zu geben, was ſie verlangen würden.„Ich werde immer bey Ihnen bleiben,“— fuhr er fort,—„und ſollten die Feinde ihre Grau⸗ ſamkeit ſo weit treiben, daß ſie ſogar Ihr Le⸗ ben bedrohen wollten, ſo würde ich Sie bis auf meinen letzten Athemzug vertheidigen.“ Indeß zerſtreuten die beyden Schweſtern ſehr bald dieſe augenblickliche Beſorgniß, da ſie in das Zimmer traten, und die Nachricht brach⸗ ten, Sie hätten, horchend, die Stimmen der vorher entflohenen Dienerſchaft erkannt. Plaecide ſtieg ſogleich hinab, und öffnete die Thore; es drängten ſich die Flüchtlinge wie⸗ der herein, und erzählten, daß die feindlichen Truppen in ihren Bewegungen eine ganz andere Richtung eingeſchlagen, welche nichts mehr beſorgen ließe. Placide wollte alſo von ſeinem ehrwürdigen Wirthe Abſchied neh⸗ men, doch ließ er ſich auf wiederholtes Bit⸗ ten bewegen, noch den Reſt des Tages und die folgende Nacht bey ihm zu bleiben. Am früheſten Morgen des andern Tages trat er, Die Battuecas, 2. Thl. 8 170 MW von dem zärtlichſten Lebewohl des Alten und der beyden Mädchen begleitet, ſeinen Marſch an. Man drang ihm das Geleite eines Be⸗ dienten auf, von dem er ſich jedoch nicht wei⸗ ter als bis zu der großen Fahrſtraße nach Salamanca führen ließ. Kaum war er auf der letzteren eine Strecke gegangen, als er in einer Entfernung von drey hundert Schrit⸗ ten ein einſam gelegenes Haus in vollen Flammen ſah, zugleich konnte er deutlich ei⸗ ne Truppe Soldaten wahrnehmen, welche das Feuer angelegt hatten. In vollem Laufe eilten ſeine Schritte dem Hauſe zu, endlich hielt er ſtill, und vernahm wehmüthiges Ge⸗ ſchrey.„Ein lebendes Weſen hier!“— ſchrie er auf voll ängſtlicher Empfindung,—„ich will es retten, wenn es möglich iſt!“ Mit dieſen Worten ſtürzte er in das Haus, und machte ſich mitten durch die Flammen einen Weg. Er kam in einen Saal, wo er eine Frau auf den Fußboden hingeſtreckt fand, ein Theil des Plafond war über ſie zuſam⸗ mengeſtürzt, und hatte ſie verwundet; ein kleines Mädchen, ungefähr ſechszehn bis ſie⸗ 85 171 errer benzehn Monate alt, lag koſend und wei⸗ nend ihr im Schooße. In dem Augenblicke, als Placide erſchien, ſeufzte ſie mit erſterben⸗ der Stimme:„Ach! mein Kind! und hauchte gleich mit dieſem Schmerzensſeufzer ihr Le⸗ ben aus. Placide ergriff das Kind, das ſich mit dem Geſchrey:„Mutter! Mutter!“ ſei⸗ nen Händen zu entwinden ſuchte, und ent⸗ riß es der Wuth der herannahenden Flam⸗ men, welchen er ſogar mit ſeinem Hute und ſeinen Händen wehren mußte. Es gelang ihm, der brennenden Verheerungsſtätte zu entkommen, ſeine Haare und Kleider waren halb verſengt. Entzückt dankte er dem Him⸗ mel, und drückte das unſchuldige kleine Ge⸗ ſchöpf an ſein Herz, welches er ſo glücklich gerettet hatte, daß es nicht die geringſte Ver⸗ letzung trug. Endlich ſah er ſich in der Ge⸗ gend um, um den mordbrenneriſchen Sol⸗ daten auszuweichen Er ging auf eine Wieſe zu, die mit Birn⸗ und Granatäpfelbäumen eingefaßt war. Er pflückte Früchte, gab wel⸗ che dem Kinde, das mit Gierigkeit aß, und ſetzte dann ſeinen Weg im Vertrauen auf die 8 3 8* A 172 rrr göttliche Vorſicht weiter fort. Er betrat ge⸗ rade eine große Fahrſtraße, als auf einmal ein dumpfes Getöſe einer heranrückenden Schar von Kriegern und wiehernden Roſſen ſein Ohr betäubte. Für ihn war dieſes Ge⸗ räuſch das Signal drohender Verwüſtung und Blutvergießung; er blieb ſtehen, be⸗ trachtete das und, deſſen adoptirter Vater er geworden war, und ſchauderte.—„O Gott! habe ich nur darum dieſes Kind geret⸗ tet, um es in meinen eigenen Armen nieder⸗ metzeln zu ſehen!“ Von tödtlicher Unruhe er⸗ griffen, ſann er einen Augenblick nach, und da ihm im nahen Gehölze ein dicker hoh⸗ ler Baumſtamm in die Augen fiel, verbarg er das Kind in dieſe Höhlung, verſorgte es mit Früchten, bereitete ihm ein weiches Bette von Moos, überdeckte den Stamm mit Blät⸗ tern, und kehrte auf die Landſtraße zurück, um die Bewegungen der Truppen zu beob⸗ achten.„Wenigſtens,“— dachte er,—„iſt das Kind geborgen, wenn ich den Soldaten nicht entfliehen kann, und von ihnen erreicht werden ſollte! O Gott! der du die Waiſen r, 173— ſchützeſt, wache über dieſes arme verlaſſene Weſen! O möge ein mitleidsvoller Wande⸗ rer es finden, daß an dieſer durch ſo viele Verbrechen entweihten Stelle menſchliches Gefühl nicht umſonſt gehandelt habe! Indeſſen rückte die Schar der Krieger immer näher. Placide, ſo ſchnell und ge⸗ wandt im Laufen, hätte ihr wohl ausweichen können, wenn er auf die entgegengeſetzte Seite eilend ſich geflüchtet hätte, doch konnte er ſich nicht entſchließen, den Baum, dem er das Kind anvertraut hatte, aus dem Auge zu verlieren. Während er ſich beſann, ſpran⸗ gen auf einmal drey Soldaten, welche aus den Reihen ihres Regiments traten, über eine Hecke, ungefähr fünfzig Schritte von ihm entfernt, und riefen ihm zu, ſie hätten von ferne bemerkt, er habe in den hohlen Baumſtamm einen Pack verſteckt, den ſie ha⸗ ben wollten:„Nur mit meinem Leben,“— ſchrie Placide,—„ſollt ihr das, was ihr verlangt, erhalten!“ Bey dieſen Worten ſtürzte einer der Soldaten mit dem bloßen Säbel auf ihn los: doch mit kräftiger Fauſt ˙ rn 174 n entriß ihm Placide die Waffe, und ſtreckte ihn mit der andern zu Boden; die andern zwey Soldaten wollten gerade über ihn her⸗ fallen, als ein junger Mann zu Pferde in vollem Galopp heranſprengte, und ihnen rief:„Haltet, haltet ein, ich befehle es euch, und zwar unter Todesſtrafe.“ Unbeweglich blieben die Soldaten ſtehen, und Placide warf die eroberte Waffe weg. Den Offizier hatte bald ſein ganzes Regiment, welches hinter ihm folgte, erreicht, er wandte ſich an die Soldaten, und ſagte ihnen mit ſtrengem Tone:„Ihr ſolltet euch nicht aus euern Rei⸗ hen entfernen, und noch weniger auf einen friedlichen unbewaffneten Wanderer euten Angriff richten. Ihr kennt den feſten Charak⸗ ter eures Oberſten, er duldet weder Verge⸗ hen gegen die Disciplin, noch feige nieder⸗ trächtige Handlungen.“—„Dieſer Menſch iſt ein Spion,“— erwiederte einer der Sol⸗ daten,—„wir haben ihn einen Pack verſte⸗ cken geſehen, und ohne Zweifel waren es Briefe, die er in den hohlen Baum verbarg.“ 4 —„Nun ſo hättet ihr ihn zu mir führen ſol⸗ 175 A len,“— bemerkte der Officier. Letzterer wandte ſich dann an Placide, und betrachtete ihn mit Erſtaunen; Placide's edle Geſtalt, die ſchönen regelmäßigen Züge in deſſen Ge⸗ ſichte, deſſen ſtolze Haltung, die Unordnung in der halbverſengten Kleidung und dem ver⸗ brannten Haare, überraſchten ihn.„Junger Mann,“— fragte er ihn,—„wer ſeyd Ihr? Wo kommt Ihr her?“—„Ich bin,“— ent⸗ gegnete Placide,—„ein Fremder, der ſich glücklich ſchätzen würde, wenn er nie eine Reiſe unternommen hätte.“ Inzwiſchen erho⸗ ben ſich unker dem Officiercorps einige Stim⸗ men, und drangen darauf, daß der von dem Soldaten bezeichnete Baum unterſucht wer⸗ den ſollte, weil es möglich wäre, daß er wirklich einige wichtige Papiere enthalten dürfte. Beruhigt führte Placide die vorneh⸗ meren Officiere zu jenem Baume hin, ſchob die Blätter aus einander, und zog aus dem hohlen Stamme das Kind hervor, das die Arme nach ihm ausſtreckte:„Hier,“— ſprach er,—„ſehen Sie den Schatz, den ich ver⸗ borgen habe.“—„Sie können verſichert 176 ſeyn,“— erwiederte der Chef des Batail⸗ lons,—„daß dieſer Schatz unter uns keine Gefahr zu fürchten hat. Indeß,“— fuhr er fort,—„ſagen Sie uns ohne Umſchweife, wer Sie ſind?“—„Ich bin ein Battuecas.“ —„Ein Battuecas 2— wiederholten lebhaft alle Officiere,—„und Ihr Name?“—„Ich heiße Placide.“—„Placide! Großer Gott, er ſelbſt, er iſt's.“ Mit dieſem Ausrufe um⸗ ringten ihn alle Officiere, und zogen ihn beynahe mit Gewalt an die Spitze des Regi⸗ ments, ſie riefen:„Soldaten, hier ſeht ihr euern Retter, hier jenen braven Battuecas, mit Namen Placide, deſſen heilſame auf der vergifteten Ciſterne eingegrabene Warnung uns heute früh alle vom Tode rettete!... Sogleich berichte man es dem Oberſten, der nur in kleiner Entfernung mit ſeiner Avant⸗ garde ſteht.“— Auf der Stelle ſprengte ein Officier mit verhängtem Zügel fort, voll Ent⸗ zücken ſchloſſen alle Soldaten einen Kreis um Placide, und überhäuften ihn mit Lieb⸗ koſungen; jeder wünſchte, ihm ein Geſchenk machen zu können, alle nahmen ſich vor, eine MA, 1 7 7 Summe Geldes für ihn zuſammen zu ſchie⸗ ßen. Dieſer Enthuſtasmus dankbarer Erkennt⸗ lichkeit, mit aller dem franzöſiſchen Charakter eigenen Lebhaftigkeit und Freymüthigkeit ausgeſprochen, machte einen rührenden Ein⸗ druck auf Placide. Immer das Kind an ſeine Bruſt gedrückt, ſchlug er alle Anerbiethungen aus, dankte jedoch mit vollem Erguſſe ſeines Herzens.„Großmüthige Krieger,“— rief er aus,—„eure Geſchenke würden mir nichts nützen, aber eurer Menſchlichkeit empfehle ich die Weiber, die Greiſe und die Kinder!“ Man lud ihn ein, der Truppe zu folgen, die ihrem Oberſten entgegen ging. Bald wurde man ihn gewahr, wie er in geſtrecktem Ga⸗ lopp geritten kam. Welche angenehme über⸗ raſchung für Placide, als er den Offizier be⸗ trachtete! Letzterer ſprang vom Pferde herab, und ſchwang ſich in die Arme ſeines Freun⸗ des, der in ihm Adolph von Palmene er⸗ kannte. Der Oberſte befahl ſeiner Truppe, ihren Marſch fortzuſetzen, es war ein Infanterie⸗ regiment, und er konnte darauf rechnen, daß oö An 178 3 er es bald wieder erreichen würde. In weni⸗ gen Worten unterrichtete er Placide, er habe Leontinen geheirathet, und würde ſich für den glücklichſten Sterblichen halten, wenn nicht dieſer unſelige Krieg ausgebrochen wäre, an dem er, ſo wie die meiſten ſeiner Lands⸗ leute, wider Willen Theil nehmen müſſe, und der ihn von ſeiner Gattinn und ſeinem Vaterlande entfernt hielte.— Placide ver⸗ hehlte ihm keineswegs den ſchaudervollen Ein⸗ druck, und die Anwandlung von Menſchen⸗ haß, welche die Schreckensſcenen, die ſeit drey Tagen unter ſeinen Augen vorgingen, in ihm erweckten Dieſer Abſcheu machte ihm ſelbſt den kriegeriſchen Prunk, in welchem er Adolph und ſeine Umgebungen erblickte, auf einmal ſo verhaßt, daß er letzterem haſtig zum Lebewohl die Hand drückte, ihm dann ſchnell den Rucken kehrte, und ſich mit ſolcher Eile von ihm entfernte, daß ſelbſt der ſchnellſte Reiter ihn nicht hätte einholen können. Er ſetzte über Hecken und Gräben, und ließ ſich ſelbſt durch das Geſchrey des furchtſamen Kindes nicht aufhalten, ſo lange ihm noch 179 r eine rufende Stimme in die Ohren ſchallte. Er wollte keinen Krieger, keinen Menſchen ſehen, Einſamkeit war ihm Bedürfniß, eine wüſte Einöde wäre ihm der köſtlichſte Zu⸗ fluchtsort geweſen.— Endlich kühlte tiefes Schweigen rings um ihn und ein friſcher ſchöner Abend das ko⸗ chende Blut in ſeinen Adern und die Unruhe ſeiner entflammten Einbildungskraft. Auf ein weiches Bett von Stroh und Blättern lagerte er ſein kleines Mädchen, lächelnd dankte es ihm, und entſchlief. Noch hatte ſich Placide nicht die Zeit genommen, es näher zu betrach⸗ ten, und nun hing mit innigem Behagen ſein Blick an dieſem lieblichen Geſchöpfe. Er wurde von einem kleinen emailirten Kreuz überraſcht, das an einer zarten goldenen Kette um des MädchensHals hing. Er bewunderte das ſchöne friſche Kind, den Zauberreitz des Friedens und der Unſchuld, der ſich in den Zügen ei⸗ nes ſchlummereden Kindes ſo rührend ſpie⸗ gelt.„Himmliſches Kind!“— rief Placide,— „Placidia will ich dich nennen! O! wie theuer wirſt du mir ſeyn!— Du wirſt die Gattinn —— ar 180 meines Theophil werden, ihr werdet beyde das ungetrübteſte Glück genießen; und in euerm Glücke werde ich mich troſten, das mei⸗ nige verloren zu haben.“ Nachdem er ſelbſt eine Weile ausgeruht hatte, verfolgte er wieder die Straße von Salamanca, bis er endlich nach achttägliger Abweſenheit das Thal der Battuecas erreichte, ohne daß ihm auf ſeiner Wanderſchaft ein wei⸗ teres Abenteuer aufgeſtoßen wäre. MitEntzü⸗ cken und Ehrfurcht betrat er wieder dieſes heili⸗ ge noch von keinem Frevel entweihte Thal, die⸗ ſen reinen Boden, den noch kein Menſchen⸗ blut getränkt, kein Verbrechen des Ehrgeitzes beſudelt hatte. Sein Vorſatz war Spaniens ſchaudervollen Zuſtand ſeiner Gattinn zu ber⸗ gen, um ihre reine Engelsphantaſie nicht durch die Erzählung dieſer Gräuel mit ſchwar⸗ zen Bildern zu füllen. Er vertraute die kleine Placidia ihren Armen, und ſagte ihr nur, daß ſie eine arme Waiſe wäre, welcher er ſich an⸗ zunehmen bewogen gefunden. Mit zärtlicher Freude wurde ſie von Ines aufgenommen, und nicht minder froh dankte Theophil ſeinem Trrrr I 8 1 vv. Vater, daß er ihm eine Schweſter mitge⸗ bracht hatte.— W Placide wurde ſo ruhig, und zugleich wieder ſo vernünftig, daß er ganz zu ſeinen vorigen Lieblingsbeſchäftigungen in Kunſt und Wiſſenſchaften zurückkehrte. Beglückt durch Ines und durch die Zärtlichkeit, welche er fuͤr ſeinen Sohn und für die mit jedem Tage ihm werthere kleine Plaeidia fühlte, lernte er endlich den ſanften Reitz einer reinen und ſtillen Glückſeligkeit kennen, welche durch die Vernunft gebilligt, und durch die gewiſſen⸗ hafte Ausübung unſerer Pflichten geadelt und geheiligt wird. Köſtlich war für ihn der Ge⸗ nuß jener inneren Ruhe, die ſich auf Ein⸗ klang reiner Gefühle, Grundſätze und Mei⸗ nungen gründet. Dieſe Ruhe wurde durch Bianca's unauslöſchliches Bild nicht mehr ge⸗ trübt, doch machte es ihn traurig, wenn er ſich ſelbſt ganz aus ihrem Gedächtniſſe ver⸗ ſchwunden dachte, er fühlte, daß ihn nichts hindern konnte, bis an ſeinen letzten Athem⸗ zug nach einer Freundſchaft ſich zu ſehnen, die ◻☛☛ 1 8 2 1᷑Q ſo weſentlich zur Vervollſtändigung ſeines Glückes gehörte. Schon ſeit fünf Monaten war Placide wieder in ſein Thal zurückgekehrt, als er von dem guten alten Beſitzer des Schloſſes, in welchem er auf ſeiner letzten Reiſe übernach⸗ tet hatte, einen Brief erhielt. Der Inhalt war folgender. „Ich will Sie, lieber junger Mann, verſtändigen, daß Sie uns ſelbſt nach Ih⸗ rer Abreiſe ſchützten. Noch an dem Tage Ihres letzten Lebewohls wollte eine meiner Enkelinnen, die ein wenig Zeichnen lernte, aus der Erinnerung ihr Porträt entwer⸗ fen; es gelang ihr ziemlich, doch fand ihre Schweſter die AÄhnlichkeit nicht allzu ge⸗ nau und glücklich ausgeführt, und rieth ihr daher, mit großen Buchſtaben die Un⸗ terſchrift beyzuſetzen: die ß iſt unſer Freund Placide. Sie that es. Ein al⸗ tes Gemälde kam bey dieſer Gelegenheit um ſeinen neuen Namen, und mußte zur Einfaſſung Ihres Bildniſſes dienen, mit der wir es feyerlich im Sagle aufhingen. 183 vrrn Drey Monate nachher wurde unſer Schloß durch ein feindliches Regiment, unter den Befehlen des jungen Marquis Adolph de Palmene, beſetzt. Mit Ungeſtüm drangen die Truppen in das Schloß, doch verboth der Oberſte, zu plündern. Deſſen ungeach⸗ tet zerſtreuten ſich die Soldaten gegen ſein Wiſſen und Willen ordnungslos in die Zimmerz; zitternd verſteckten ſich meine En⸗ kelinnen unter die Decke meines Bettes; ich flehte für ſie zur göttlichen Vorſicht, als ſich meine Thüre öffnete, und ich den Oberſten eintreten ſah, der mich über die Bedeutung Ihres Bildes fragte. Kaum habe ich geantwortet, es ſtelle Placide, ei⸗ nen Battuecas vor, ſo verläßt er mich, um ſeine Soldaten zu haranguiren. Im Augen⸗ blick höre ich ausrufen: es lebe Pla⸗ cidel und eben ſo ſchnell kehrte alles zur Ruhe und Ordnung zurück: ich wurde verſichert, keiner, der unter Placides Freunde ſich rechnen dürfe, habe von ih⸗ nen etwas zu fürchten. Weit entfernt alſo, daß wir irgend ein Ungemach erlitten hät⸗ — ——— ——y————õõ———yyy— ren, erfuhren wir jetzt von den Gemeinen dieſelbe menſchliche Behandlung, wie von ihrem großmüthigen Oberſten ſelbſt; letzte⸗ rer ließ mir bey ſeinem Abmarſch eine von ihm eigenhändig verfertigte, und von al⸗ len Officieren ſeines Regiments unterzeich⸗ nete Schrift zurück, die uns gegen jede Mißhandlung ſichert, wenn in der Folge andere franzöſiſche Truppen hier durchzie⸗ hen dürften; der Oberſte hat mir angele⸗ gentlich aufgetragen, Sie von allen die⸗ ſen Umſtänden genau zu unterrichten. Und dieß iſt eine Pflicht, deren ich mich mit Vergnügen entledige.“ „Dom Pedro iſt noch immer in Frank⸗ reich, wo er, in der Hoffnung, der könig⸗ lichen Familie zu nützen, ſich noch lange aufhalten wird; es geſchieht auf geheimen Befehl unſerer unglücklichen Prinzen, daß er ſeinen Aufenthalt daſelbſt ſo verlängert. Dom Pedro iſt ein allzu rechtſchaffener Mann, um nicht auch zugleich ein treuer Unterthan zu ſeyn.“ „Leben Sie wohl, mein junger Freund, rrre 105 nehmen Sie den zaͤrtlichen Segen eines Greiſes hin, der Ihnen ſeine Ruhe ver⸗ dankt.“ 2 Lebhaft wurde Placide durch dieſen Brief gerührt, und es reute ihn, den dankbaren und liebenswürdigen Adolph ſo haſtig verlaſ⸗ ſen zu haben. Er antwortete dem Alten, und ſchickte ihm zugleich einen langen Brief an Adolph, mit der inſtändigen Bitte, ihn ge⸗ wiß an ſeine Beſtimmung gelangen zu laſſen. Seit dieſem Tage hoffte Placide vergebens auf Nachrichten von ſeinen Freunden und von dem Zuſtande Spaniens. Die Ordens⸗ geiſtlichen waren durch den Krieg, der die Straßen unſicher machte, ſo erſchreckt, daß ſie ſich nicht mehr aus dem Thale hinaus ge⸗ trauten, und beynahe drey Jahre hindurch blieb Placide in gänzlicher Unwiſſenheit über alles, was in Spanien und Europa geſchah. Er wurde von Tag zu Tag unruhiger, und ſo wie die Monate verſloſſen malte ihm ſeine Phantaſie mit immer lebhafteren Farben die Trauerſcenen, deren Zeuge er geweſen war. Er ſtellte ſich das unglückliche Spanien als * wirn 180 era den Schauplatz der Verheerung und als ein trauriges Opfer aller Gräuel des Krieges vor, und nur mit einer Art heimlicher Ge⸗ wiſſensunruhe konnte er dann des tiefen Frie⸗ dens im Thale der Battuecas genießen. Mehr als einmal fühlte er die Verſuchung, ſich den muthvollen Reihen der Landesvertheidiger an⸗ zuſchließen, aber immer wurde er von dem Gedanken zurückgehalten, daß er weder die Macht, noch das Recht beſäße, ſchreckliche Vergeltungsmittel zu hindern, und von ſei⸗ nen Gefährten ſogar gezwungen werden dürf⸗ te, der Mitſchuldige ihrer Grauſamkeit und Gewalthaten zu werden. Mitten unter die⸗ ſer quälenden Unruhe war es für ihn ein tröſtender Gedanke, daß wenigſtens Dom Pedro und ſeine Gattinn ſich außer aller Ge⸗ fahr in Frankreich befanden. Doch gab er auch zuweilen der angenehmen Vorſtellung Raum, daß vielleicht der Friede Spanien wieder ge⸗ ſchenkt worden ſeyn, und daß Donna Bianca in minderer Ferne ruhig in Madrid im Schooße ihrer Familie leben könnte. Iſt dieſe Vor⸗ ausſetzung keine Chimäre, dachte er ſich, ſo err 1 8 7 A bin ich wenigſtens ganz aus ihrem Andenken verſchwunden! wer weiß, ob ſie nicht ſogar in eine Art Verlegenheit verfiele, wenn ich mich in ihr Gedächtniß zurück rufen wollte, doch ich will ſelbſt die Flüchtigkeit ihrer frü⸗ heren Empfindungen ehren, nie ſoll ſie von mir mehr ſprechen hören. Hatte ich Starke genug meine Liebe zu opfern, ſo werde ich wohl auch jene beſitzen, ohne ihre Freundſchaft zu leben, und von ihr vergeſſen zu ſeyn!— Indeß, was liegt am Ende daran, wenn ſie nur ſelbſt glücklich iſt. Dieſe und ähnliche Betrachtungen hinter⸗ ließen oft bittere Empfſindungen in ſeiner Seele, doch war er nichts weniger als gleich⸗ gültig gegen die Vorzüge und Tugenden ſei⸗ ner Ines, die für ihn die liebenswürdigſte Gefährtinn wurde, und fühlte ganz den ſü⸗ ßen Lebensreitz, den er ihrer Zärtlichkeit, ih⸗ ren Talenten, und ihrer bezaubernden An⸗ muth, ſo wie ſelbſt der Liebenswürdigkeit und den hoffnungsvollen Anlagen ſeines Sohns und der kleinen Placidia zu danken hatte. Rührend war die Neigung, die beyde Kinder v, 188 gegenſeitig fühlten, und welche für Placide, der ſie beyde für einander beſtimmte, die Quelle eines eigenen ſtillen Genuſſes wurde. Placidia trat in ihr fünftes Jahr, und ihre Schönheit war ſchon ſo auffallend, daß ſie oft Placide ganze Stunden ſchweigend be⸗ trachtete; er fühlte ſich dann von ſeltſamer geheimer Regung ergriffen. Ihr reitzendes Geſichtchen erinnerte ihn an ein himmliſches Antlitz, welches nur allzu treu in ſeiner Erin⸗ nerung ſchwebte!— Schon zehn Jahre von Bianca getrennt, hatte endlich Placide aller Hoffnung entſagt, je wieder in ihre Nähe zu kommen, als auf einmal ein unerwartetes Ereigniß plötzlich alle ſeine Entwürfe änderte. Ein Bothe langte eines Morgens im Thale an, er berichtete, der Krieg habe aufgehört, und überreichte Placide ein Schreiben Dom Pedro's. Jener öffnet mit der lebhafteſten Bewegung den Brief, und liest: „Seit acht Tagen ſind wir wieder zu⸗ rück und bedürfen deiner, denn wir ſind ſehr unglücklich! Wir haben unſer einziges 1 8 9 Cr Kind verloren! Mein Weib befindet ſich in einem bedauernswürdigen Zuſtande! Ich weiß, wie treu und muthig deine Freundſchaft iſt. Die zwey Zwillingsſchwe⸗ ſtern, denen dein Schutz ſo heilſam war, haben mir von deiner zärtlichen Sorgfalt für uns genaue Rechenſchaft abgelegt. Komm: der einzige Troſt, deſſen ich fähig bin, iſt, mit einem wahren Freunde trauern zu können; bringe Ines und deine Kinder mit. Dein Aſyl ſey jenes, das du ſelbſt be⸗ zeichneteſt, nämlich das Haus von Gon⸗ zala, du wirſt dich noch erinnern. Es wurde⸗ zwar geplündert und verheert, doch wer⸗ den ſchon die nöthigen Verbeſſerungen vorgenommen, und ſind in einem Mo⸗ nate vollendet. Inzwiſchen wirſt du auf dem Landgute bey uns bleiben, wo wir uns gegenwärtig aufhalten. Außer dem Umkreiſe des Thals wirſt du einen Wagen finden, und der Bothe, den ich dir ſende, wird dir zum Wegweiſer dienen. Ich bitte dich alſo, komm um Himmels willen ohne Verzug zu uns.“ —— — errrn 190 rr „Großer Gott!“ rief Placide,„ſie haben ihren Sohn verloren, er war erſt neun Jahre alt, untröſtlich und vielleicht ſchon dem Tode nahe werde ich Bianca finden!“— Dieſe Vor⸗ ſtellung koſtete ihm einen Strom von Thrä⸗ nen. Er beſann ſich keinen Augenblick, mit ſeiner Familie abzureiſen. Um keinen Auftritt zu veranlaſſen, der die Neugierde der Bat⸗ tuecas hätte rege machen können, reiſte er nicht während des Tages, ſondern mitten in der Nacht mit Ines und den zwey Kindern ab. Dieſe geheimnißvolle ſchnelle Entfernung, welche eine Flucht zu ſeyn ſchien, ſchreckte die ſanfte Ines, und machte ſelbſt auf die beyden Kinder einen ähnlichen Eindruck, denn ſie wa⸗ ren in der innigen Überzeugung aufgewach⸗ ſen, daß ſie das Thal, außer welchem kein Glück auf Erden wäre, nie verlaſſen dürften. Auch Placide wurde ſchmerzhaft gerührt, als er ſeine Hütte verließ. Er brach in den erſter Tagen des Junius auf, heiter und rein war der Himmel, Placide trug Placidien im Ar⸗ me, welche ſchluchzend ihr Köpfchen an ſeine Bruſt lehnte. Ines, Theophil an ihrer Seite r 191 MA führend, weinte im Stillen. Langſamen Schrit⸗ tes ging Placide, wandte ſich noch einmal ge⸗ gen die vom Mond beleuchtete Hütte um, und rief aus:„Lebe wohl, ſelige Wohnſtätte, in die keine Ehrſucht, keine blutige Zwietracht und Goldgierde drangen! In deinen ſtillen Um⸗ kreis flüchtete ſich der Friede, verbannt von aller Erde.... und ich gehe! ich verlaſſe dich auf immer!“ So ſprach er, und verfolgte das Oliven und Orangen⸗ Ufer des Baches, der das Thal durchfloß; heiter ſpiegelte ſich der Mond in der reinen, nie getrübten Welle? »Reitzendes Ufer,” fuhr Placide fort,„dich verlaſſe ich, um mich einem ſtürmiſchen Meere anzuvertrauen, das nur durch ſeine Klippen und zahlreichen Schiffbrüche ſo berühmt ge⸗ worden iſt, und dieß zu einer Zeit, wo ich alle Hoffnungen, alle lieblichen Täuſchungen verloren habe, die uns gegen die Gefahren mit Muth ſtäͤhlen, und Reitz auf die trügende ſchimmernde Ausſicht einer chimäriſchen Zu⸗ kunft ſtreuen!“ Während ſich Placide dieſen düſtern Gedanken überließ, geſtand er ſich ſelbſt deren wahre Urſache nicht; nur Dom Pe⸗ rb 19² wen dro drückte ſein Verlangen aus, ihn wieder zu ſehen, nicht Donna Bianea! In ihrem tiefſten Kummer fühlte ſie kein Bedürfniß, mit ihm zu weinen! er konnte ſich keine Hoffnung machen ihren Schmerz zu verſfüßen! Aber Dom Pedro war unglücklich, verlangte leb⸗ haft nach ihm, und Placide ſchwankte nicht in ſeinem Entſchluſſe, ihm ſeine Ruhe aufzu⸗ opfern. 4 Still ſeufzten Ines und Theophil, als ſie aus dem Thale traten, Placide vernahm es, und empfand ſelbſt ein peinliches Gefühl. Sie ſtiegen in einen vierſpännigen Wagen. Mit Wolken deckte ſich der Himmel, es blitzte. Erſchrocken ſchlang Ines ihre beyden Arme um Placide, und ſeufzte mit ſtotternder Stim⸗ me:„Ach! mein Trauter, ſchon naht ein Un⸗ gewitter!» Zugleich verurſachte die Bewegung des Wagens der kleinen Placidia einen ſo leb⸗ haften Schrecken, daß ſie zu ſchreyen anfing; ſchaukelnd und beſtürzt hielt ſich Theophil bald an ſeinen Vater bald an Ines an. Endlich ſchliefen nach einer halben Stunde die beyden Kinder ein, und wurden nur mit Anbruch 193, des Tages wieder wach. Dann ſtiegen ſie in einem Hauſe ab, wo ſie ein treffliches Früh⸗ ſtück fanden. Der Wegweiſer, den Dom Pe⸗ dro geſendet hatte, zog aus einem Coffer für Placide und ſeine Familie Kleider, die ſie ge⸗ gen ihr gröberes Gewand der Thalbewohner vertauſchten. Dieſer Tauſch behagte vorzüg⸗ lich der kleinen Placidig, ſie gewann ihre vo⸗ rige heitere Laune, da ſie das Mouſſelin⸗ Gewand und den ſchönen Shawl umwarf, den man ihr reichte, und als ſie ſich ſo artig ge⸗ putzt im Spiegel beſah. Plaecide lächelte und ſeufzte, als er ſie betrachtete:„Der magiſche Put hat ſie ganz verändert, ſie iſt nicht mehr ein Mädchen des Thals!“ ſagte er; aber ſie war auch in ihrem neuen Anzuge ſo ſchön, daß alle Leute im Hauſe herbeyeilten, um ſie zu ſehen. Der Reſt der Reiſe ging glücklich vor⸗ uͤber. Die Neugierde und überraſchung der beyden Kinder hätten Placide Stoff zur Un⸗ terhaltung gegeben, wenn er weniger durch den Gedanken beunruhigt worden wäre, daß er nun Donna Bianca wiederſehen, ſo höchſt ½ Die Battuecas, 2. Tyl. 9 rte 1 9 7. M unglücklich wiederſehen, und für ihn gleich⸗ gültig geworden treffen ſollte. Er fagte es ſich zu, ſie ſchlechterdings nicht zu ſehen, wenn es ihm halbwegs möglich wäre, und nur mit Dom Pedro ſich einzuſchließen. Dieſer Ent⸗ ſchluß that wenigſtens ſeinem wunden Herzen wohl, war aber im Grunde nicht aufrichtig, ſo wenig als gewöhnlich alle Entwürfe, welche ihr Daſeyn nur dem Stachel gereitzter Eigen⸗ liebe und ihrer veränderlichen Laune ver⸗ danken. 3— Endlich langten ſie nach vier Tagen auf Dom Pedro's Landgute an. Bey dem An⸗ blicke des Schloſſes fühlte Plaeide einen leich⸗ ten Schauer, und ſein Auge füllte ſich mit Thränen. Donna Bianca, einſt der Gegen⸗ ſtand einer ſo heftigen Liebe und nun ſo zärt⸗ lichen Freundſchaft, wohnte in dieſer Behau⸗ ſung. Troſtlos ſchmachtend ſchien ſie ihm in ſeiner Phantaſie, er vergaß jede Regung ſei⸗ nes eigenen geheimen Grams, erblickte nur ſte, dachte nur an ihr Unglück, und blutend brach ſein Herz! Es war acht Uhr Morgens, Dom Pedro eilte ihnen aus dem Schloſſe 195 entgegen. Haſtig ſtürzte ſich Placide in ſeine Arme, keiner vermochte zu ſprechen, weinend lagen ſie einander in den Armen. Endlich machte ſich Dom Pedro auf, und führte Ines mit den Kindern in das für ſie zugerichtete Ge⸗ mach. Dom Pedro warf nur einen Blick auf Theophil und zwar mit außerordentlicher Rüh⸗ rung; dann führte er Placide in ſein eigenes Zimmer, ließ ihn an ſeine Seite ſetzen, und ſprach: Freund! wie ſehr bin ich zu beklagen! erſt ſeit vierzehn Tagen hat meine Frau ihr Unglück erfahren, und hat ungeachtet all mei⸗ ner getroffenen Vorſichtsmaßregeln ſeinen traurigen Umfang kennen gelernt!.... Er⸗ laſſe mir in dieſem Augenblicke die tragiſche Schilderung der naͤheren Umſtände, und wenn ich dir alles ſage, wirſt du gewiß Mitleiden mit unſerm Schmerze fühlen. Nur von Bianca darf heute unter uns die Rede ſeyn; Freund, ihr Leben iſt in Gefahr!— Gerech⸗ ker Gott!— Mit der frommen Ergebung ei⸗ nes Engels, läßt ſie keine Klage ihrem Munde, keine Thräne ihrem Auge entſchlü⸗ pfen, aber ihr Herz iſt jedem Troſte, und je⸗. 9* —qä —— 196 n der vertraulichen Mittheilung verſchloſſen. Sie ſcheint vom Grunde ihrer Seele der Erde bereits ein ewiges Lebewohl zu ſagen, gleichgültig iſt ſie für alles, was um ſie her⸗ um geſchieht, nichts vermag ſie aus dieſem Zuſtande der Vernichtung und dumpfen Be⸗ täubung zu wecken. Der Schlaf flieht ihre Augen, mit jedem Tage wird ihre Bläſſe, ihre Abgezehrtheit beunruhigender. Der Arzt er⸗ klärt, ſie müſſe ſchlechterdings aus dieſer tie⸗ fen Fühlloſigkeit durch irgend eine heftige Bewegung geriſſen, wieder zu Theilnah⸗ me und Thraͤnen vermocht werden. Nichts kann dieſe gewaltſame Bewegung wirkſamer in ihr hervorbringen, als dein und deines Kindes Anblick. Sie iſt bereits von deiner Ankunft in Kenntniß geſetzt, und harret dei⸗ ner— rufe Theophil und komm.—„»Nein, nein,“ antwortete Placide,„Theophil'n ſoll ſie heute nicht ſehen; ich kann mich nicht ent⸗ ſchließen, ſie nur deßwegen zu ſehen, um ihr Herz zu durchbohren.“ Während er ſo ſprach, kam ein Kammerdiener mit der Nachricht, daß Donna Bianca nach Placide und ſeinen Kin⸗ r 197 r dern verlangte, er mußte alſo gehorchen. In 3 unausſprechlicher Verwirrung ging er die Kinder aufzuſuchen. Dom Pedro wollte ſich den Schmerz erſparen, Zeuge einer herzzer⸗ reißenden Scene zu werden, und blieb auf ſeinem Zimmer. 8 Indeß faßte Placide Theophil und die kleine Placidia bey der Hand, und näherte ſich dem Gemache der Donna Bianca.„Gro⸗ ßer Gott!“ ſprach er zu ſich,„ſo ſoll ich denn all die Heftigkeit ihres Schmerzes dadurch erneuern, daß ich meinen Sohn ihr zeige, ein Kind in gleichem Alter mit jenem, welches ſie verlor! Nein, Theophil darf nicht er⸗ ſcheinen, nur Placidia will ich ihr zeigen und vielleicht werde ich beyde ſogar in einigen Tagen erſt bey ihr einführen!*— Von dieſen Gedanken ergriffen, langte Placide in dem Zimmer vor dem Cabinet an, wo Donna Bianca ihn erwartete. Er ſtellte die beyden Kinder hinter eine Thüre, und befahl ihnen, ſich ſtill zu halten, bis er wieder kommen und ſie aufſuchen würde, trat dann mit Thränen in den Augen ein, und ſah Bianca auf ein re 198 Canape gelehnt, neben welchem eine ihrer Frauen ſaß. Donna Bianca lehnte mit dem Rücken gegen die Thür, er nahm von ihrem Geſichte nichts als die großen, nachläſſig auf⸗ gewundenen Locken aus. Zitternd trat er ihr näher, endlich entdeckte er ihr Antlitz, ent⸗ deckte jeden einzelnen ſeinem Herzen ſo tief eingeprägten Zug; doch verſchwunden war die erſte Jugendblüthe ihrer Schönheit, die vorher jede andere überſtrahlte, nur ein rei⸗ tzender Schatten, jeden Augenblick bereit zu erlöſchen, war noch übrig. Er ſtützte ſich ge⸗ gen einen Seſſel, kaum vermögend ſich zu hal⸗ ten; das Wort erſtarb ihm auf den Lippen. Donna Bianca, für jede Rührung erſchöpft, richtet ihr ſchweres mattes Auge empor, und bittet ihn mit erſtorbener Stimme, ſich nieder⸗ zulaſſen. Er gehorcht... mit unausſprechli⸗ cher Rührung betrachtet er ſie, vergebens ſucht er in dieſem theuern Antlitz jenen ausdruck⸗ vollen Zauber, der ſo hellen Glanz der Schön⸗ heit über ſie vorher verbreitet hatte, nicht einmal den Ausdruck des Schmerzes glaubt er finden zu können. Noch tragen ihre edlen, 199 MA regelmäßigen Züge das Himmelsgepräge zarter Sitte und Tugend, doch entfärbt und unbeweglich, wie eine Statue von Alabaſter, ſcheint ſie von Leben verlaſſen, vom Hauche der Empfindung nicht mehr beſeelt!— Nach langem Schweigen hob ſie an:„Ich weiß, Ihre Kinder ſind hier. Ich wünſchte ſie zu ſehen.“ So kalt ſprach ſie dieſe kurzen Worte⸗ daß Placide die Beſorgniß des ſchmerzlichen Eindrucks verlor, den Theophils Gegenwart ihr verurſachen könnte. Er holte die Kinder, Placidien führte er an der Hand, Theophil folgteihnen. Kaum hat Bianca einen Blick auf das kleine Mädchen geworfen, ſo ſcheint die Bewegung in ihr zu erwachen, ihr Auge verweilt auf dem Kinde, ihre Wangen färben ſich, ihre Arme ſtrecken ſich aus, Placidia fliegt mit rührender Grazie an ihren Hals⸗ Bianea drückt ſie an ihre Bruſt, betrachtet ſie von neuem. Ihre Züge gewinnen wieder ihre vorige ausdruckvolle Sprache, Thränen ent⸗ rollen ihrem Auge.„O! welche Ähnlichkeit!“ ruft ſie aus!..„Wie alt iſt ſte?— Ich glaube vier bis fünf Jahre.“— Wie, Sie glauben — 200 nur, Sie wiſſen nicht, wie alt ſie iſt?—„Rein, ſie iſt meine Tochter nicht, ſondern ein Mäd⸗ chen unbekannter Herkunft, welches ich wäh⸗ rend der Schreckensſcenen des Kriegs aus einer Feuersbrunſt rettete....“ Dieſe Worte ſchienen Bianca eine übernatürliche Kraft ein⸗ zuflößen: ſie erhebt ſich vom Soffa, ſtürzt auf ihre Knie, und, beyde Haͤnde gefaltet, mit ei⸗ ner leidenſchaftlichen Bewegung bricht ſie aus: „»O mein Gott! wer bin ich ſchwaches Ge⸗ ſchöpf, um von dir ein Wunder zu erflehen! und doch beynahe ſollte ich es glauben. O allmächtiger Himmel! erhöre die Wuͤnſche ei⸗ ner liebenden Mutter, verwirkliche den ſchö⸗ nen Traum ihrer Hoffnung, und laſſe ſie durch ein ſeliges Wunder aus dem Abgrunde des tiefſten Schmerzes an das Licht der rein⸗ ſten Wonne treten!“ Nach dieſem Gebeth G richtete ſie ſich wieder empor, ſetzte ſich, und forſchte nach dem Orte, wo Placide das Kind gefunden habe. Seine Antwort vermehrte ihr Entzücken.„Und hatte ſie nicht eine gol⸗ dene Kette am Halſe?“— fragte ſie weiter. —„Ja,“— erwiederte Placide,—„und A 201 M dieſe Kette traͤgt ſie noch immer, hier ſehen Sie ſie unter ihrem Shawl ſammt dem email⸗ lirten Kreutze.“—„Sie iſt's, ſie iſt's,“ un⸗ terbrach ihn Bianca.„O göttliche Vorſehung! o mein Gott!“ Mehr vermochte ſie nicht zu ſprechen, ſie ſank in eine Ohnmacht. Voll Unruhe und Verwirrung ruft Placide mit verdoppelter Stimme nach Dom Pedro, man läuft ihn zu holen, im ganzen Schloſſe wiederhallt det allgemeine Ruf: Das Kind iſt nicht todt, es iſt wieder gefun⸗ den! Mitten unter dieſem zunehmenden Geräuſche beſchäftigte Placiden nichts als Donna Bianca, wie ſie ohne Bewußtſeyn und Bewegung vor ihm liegt. Alle mögliche Hülfe wurde aufgebothen; es dauert nicht lange, ſo öffnet ſie ihr Auge, und kommt im eigentlichen Sinne in's Leben zurück, indem ſie jede Empfindung, welche uns dasſelbe theuer macht, wieder in ſich rege werden fühlt. Ihr erſter Blick ſucht Placidien: Meine Tochter! Meine Tochter! ſind die erſten Worte, die über ihre Lippen fliegen. In dieſem Augenblicke ſtürzt Dom rrh 202 Mr. Pedro, außer ſich vor Freude, ein, und auf ſeine Gattinn zu.„O mein Freund,— ruft ſie ihm entgegen,—„vor ihm nieder wollen wir uns werfen! Placide iſt der Retter unſe⸗ res Kindes, er gab ſie uns wieder, hier ſiehſt du ſie!“ In ſeinem Entzücken findet Dom Pedro keinen Ausdruck für ſeine Gefühle. Die Trunkenheit der Freude ließ das Klee⸗ blatt zu keiner vollſtändigen Erklärung kom⸗ men. Noch immer hielt Donns Bianca Pla⸗ cidien feſt an ihren Bufen gedrückt, als fürchtete ſie, das Kind noch einmal zu verlie⸗ ren.— Dom Pedro und Placide verweilten in der Betrachtung dieſer glücklichen Mutter, dankten dem Himmel, und vergoſſen einen ſüßen Strom von Thränen.— Theophil hatte ſich bis daher ſtaunend in einem Win⸗ kel des Zimmers entfernt gehalten, jetzt ſchlich er ſich trauernd heran und brach in ſeine Kla⸗ gen aus.„O mein Vater! ſo ſoll Placidia mir nicht mehr Schweſter ſeyn?“—„Theu⸗ res Kind,“— erwiederte Dom Pedro in ſei⸗ nem Entzücken,—„deine Gattinn wird ſie ſeyn!“—„Ja,“— verſetzte Donna Bianca, , ad. —„und der Gedanke dieſer Verbindung war der Wunſch unſerer Herzen, bevor noch un⸗ ſer Dankgefühl uns die Erfüllung dieſes Wuanſches als Pflicht auferlegte.“ Bey dieſen Worten ſtiegen die freudige Rührung und das Glück Placide's auf ihren höchſten Gi⸗ pfel. Der Arzt unterbrach dieſe herzerſchüttern⸗ de Scene, er beſchwor Donna Bianca, ſich nieder zu legen, und geboth ihr für den vol⸗ len Reſt des Tages gänzliche Ruhe und Stille. Sie ließ ſich's gefallen, doch nur unter der Bedingung, ſie nicht einen Augenblick von ihrer Tochter zu trennen. Der Arzt wies Dom Pedro und Placide aus dem Zimmer, ſie gingen mit Theophil zu Ines. Letztere theilte die Freude und Verwunderung ihres Gatten, und nachdem man ſich ein wenig er⸗ holt hatte, verlangte Placide von Dom Pe⸗ dro zu erfahren, durch welche ſeltſame Ver⸗ kettung von Umſtänden er ſtatt eines neun⸗ jährigen Sohnes, deſſen Geburt er dem Pa⸗ ter Iſidor gemeldet hatte, nun eine fünfjah⸗ 3 rige Tochter beſäße.„Ach!“— erwiederte Dom Pedro,—„ich war in der That Vater NrrA 204 7 eines Sohnes, doch ſtarb er ſchon ſechs Mo⸗ nathe nach ſeiner Gebuxt. Wir wollten dir dieſe traurige Nachricht nicht ſchreiben, du warſt zu kurze Zeit im Thale, als daß wir deine Zurückkunft hätten verlangen ſollen, wir beſchloſſen daher, dir den Gram zu er⸗ ſparen, den die Vorſtellung unſeres eigenen in dir erregt haben würde. Nach einigen Jahren ſegnete der Himmel unſere Ehe wie⸗ der, und gab Donna Bianca die Hoffnung des erſehnten Glückes, eine Tochter zu be⸗ ſitzen. Der Himmel erhörte ihre Wünſche. Zwar meldete ich dem Pater Iſidor dieſes Ereigniß, doch kam der Bothe ohne Antwort zurück, und ich habe ſeit dem erfahren, daß weder dieſe, noch einige ſpaͤtere Nachrichten zu dir gelangten. Donna Bianca ſäugte ihre Tochter ſelbſt, letztere war zehn Monathe alt, und wurde gerade abgeſtillt, als dringende Geſchäfte mich nach Frankreich riefen. Der Krieg war ſchon erklärt, wir waren indeß weit entfernt, voraus zu ſehen, daß er mit ſolcher barbariſcher Wuth geführt werden ſollte. Ich dachte, ſie außer aller Gefahr in 205 M einem Schloſſe zurück zu laſſen, das durch ſeine Lage keinem feindlichen Einfalle ausge⸗ ſetzt ſchien. Überdieß war ich geſonnen, mich in Paris nur wenige Monathe aufzuhalten. Ich wuͤnſchte, meine Gattinn mitzunehmen, ſie willigte ein. Sie vertraute ihre Tochter der Aufſicht einer Wärterinn, deren Anhäng⸗ lichkeit und Klugheit ſie kannte, deſſen unge⸗ achtet trennte ſie ſich nur mit tiefem Schmerze von dieſem angebetheten Kinde, welches ſchon in ſeinem frühen Alter den blühenden Reitz der Schönheit ſeiner Mutter verrieth. Drey Monathe nachher hatte ſchon der Krieg in Spanien einen ſo wüthenden Charakter angenommen, daß jeder einzelne Zug Schau⸗ der erregte. Die Feinde drangen in die Pro⸗ vinz, wo der Zufluchtsort meiner Tochter lag. Die Wärterinn flüchtete ſich, und nahm das ihr anvertraute Kind mit ſich; ſie begab ſich in das Haus einer ihrer Brüder, wo ſie er⸗ krankte. Sie konnte das Bett nicht verlaſſen, als die raſchen Fortſchritte des Feindes fämmt⸗ liche übrige Hausbewohner zu ſchneller Flucht nöthigten. Die Feinde zündeten das Haus 206 an, und die Vorſehung, welche über unfer Kind wachte, ſendete in dir den Retter. In unſerer Macht ſteht es nicht, dieſe Wohlthat zu lohnen, nur Gott allein iſt es möglich.“ —„»Ach!»*— ſagte Placide, und drückte Dom Pedro's Hand,—„welchen Lohn könnte ich mit jenem vergleichen, euch Glück und Ruhe wieder verſchafft zu haben!... Doch ſagen Sie mir, wie konnten Sie mehrere Jahre hindurch dieſe Begebenheit vor Donna Bianca verbergen?“—„Lange wußte ich es ſelber nicht, da jede Gattung von Verkehr dazumal unterbrochen war. Wäͤre ich auch nicht von meinen Geſchäften zurückgehalten worden, ſo hätte die Unſicherheit der Straßen mich ver⸗ hindert, mit Donna Bianca nach Spanien zurückzukehren. Indeß litt ihre Geſundheit durch die Unruhe über ihr Kind, von deſſen Schichſal ſie keine Rachricht horte, und ſie verfiel beynahe in eine Art von Verzehrung. Jetzt verſuchte ich ſie zu täuſchen; durch aller⸗ hand Kunſtgriffe gelang es mir, ſie zu beru⸗ higen, und ſie gewann ihre vorige Geſund⸗ heit wieder. In dieſem Wahne wußte ich ſie ——— . r 207 87A. während unſres ganzen Aufenthalts in Frank⸗ reich zu erhalten. Als wir nach Spanien zu⸗ rückkamen, mußte ich ſie wohl mit unſerm Unglück bekannter machen, doch that ich es ſo, daß ihr die traurige Art, auf welche ſie um ihr Kind gekommen, verborgen blieb. Aber alle Vorſichtsmaßregeln, welche ich dießfalls ergriffen hatte, wurden durch die Unbeſon⸗ nenheit eines neu aufgenommenen Dieners vereitelt, der meine Befehle vergaß, und ihr ein Schreiben einhändigte, woraus ſie er⸗ ſah, daß ihre Tochter ſammt der Wärterinn unter den einſtürzenden Trümmern eines in Brand geſteckten Hauſes ſtarb. Dann kannte ihr Schmerz und ihre Trauer keine Gränze mehr, und ohne dich, theurer Placide, wäre ſie gewiß ein Opfer ihrer Wehmuth gewor⸗ den; dir danke ich alſo ihr und meines Kin⸗ des Leben.“ Als Dom Pedro dieſe Erzäͤhlung vollen⸗ det hatte, kam man überein, daß Placide die Schilderung ſeiner eigenen Begebenhei⸗ ten auf den kommenden Tag ſparen ſollte, ☛ 2 08 MNA um auch Donna Bianca daran Theil nehmen zu laſſen. Ines ward zu Donna Bianca gerufen, welche ſie zu umarmen, ihr herzlich zu dan⸗ ken, und ſie vorzüglich auch deßwegen um ſich zu haben wünſchte, weil die kleine Placidia weinte, und ſtets nach ihr fragte. Plaeide war während dieſes Tages über Donna Bianca's Befinden allzu unruhig und be⸗ ſorgt, um den vollen Umfang ſeines Glücks zu fühlen, doch empfand er inniges Behagen, als er Dom Pedro den jungen Theophil ko⸗ ſen ſah.„Ich wußte,“— ſagte erſterer,— »alle näheren Umſtände, die deinen liebens⸗ würdigen Sohn betrafen, ich forſchte bey Pater Iſidor darnach, und alles, was wir über ſeine Erziehung, ſeinen Charakter und ſein Äußeres vernahmen, flößten Donna Bianca einen Wunſch ein, den ich theilte, ſo bald ich ihn aus ihrem Munde vernom⸗ men hatte.“ Dieſe vertrauliche Mittheilung weckte in Placide's Buſen die größte Freude und Erkenntlichkeit, und er machte ſich jetzt lebhafte Vorwürfe, daß er auch nur einen — öö-— — 4 Nrrn 209 o Augenblick an einer ſo zarten und großmuͤ⸗ thigen Freundſchaft hatte zweifeln können. Er legte ſich gar nicht ſchlafen, denn er wollte ſich durch den Schlaf auch nicht eine einzige Stunde dieſes köſtlichen Daſeyns rauben laſ⸗ ſen. Er brachte die ganze Nacht im Schloß⸗ garten zu; einſam, in m. tternächtlicher Stil⸗ le, fragte er im Angeſichte des ſternenflam⸗ menden Himmels ſein Gewiſſen, durchforſchte jede verborgene Falte ſeines Herzens, und fand darin ſo viele Anhaͤnglichkeit an Ines, ſo wahrhafte Zuneigung für Dom Pedro und ſo reine Freundſchaft für Donna Bianca, daß ihm die Erinnerung ſeiner frühern Liebe bey⸗ nahe peinlich ward, Donna Bianca war in ſeinen Augen ein ſo achtbar geheiligter Ge⸗ genſtand geworden, daß er ſie vielmehr bloß als eine Schweſter geliebt zu haben wünſchte. »O du treue Gattinn des redlichſten Man⸗ nes,“— rief er aus,—„Gattinn meines Freundes, zärtliche Mutter meines Sohnes, den ſie als den ihrigen annimmt! nie werde ich mit einem unheiligen Blicke dich entwei⸗ hen, nie an deiner Schönheit mein Auge .. ern 210 d⸗ weiden. Geläutert iſt durch Dankbarkeit und das ehrwürdige Band, welches uns jetzt vereinigt, mein Gefühl; jede eitle Idee, welche an deine Grazie und deine Talente mich erinnern könnte, will ich aus meiner Phantaſie verbannen, und nur deine Tugen⸗ den anbethen lernen.“ In dieſer ſüßen Schwärmerey überraſchte ihn die Morgenſonne. Dom Pedro ſuchte ihn im Garten, und führte ihn zu Donna Bian⸗ ca. Sie war nicht mehr zu kennen, ſo hatte ſie ihre Kräfte, ihre Lebhaftigkeit und beynahe ihre ganze vorige Geſundheit wieder gewon⸗ nen. An Bezauberung gränzte dieſer Tag. Placidia, von ihrer Mutter Hand geſchmückt und ſchön gleich einem Engel, war, ſo wie ihr großmüthiger Retter, der Gegenſtand all⸗ gemeiner Bewunderung. Alle Leute wurden in den Saal eingelaſſen, um ſie zu ſehen, Nachbarn, Dienerſchaft, und die Landleute aus dem Meierhofe des Schloſſes. Dom Pedro und Donna Bianca wurden nicht mü⸗ de zu wiederholene„Placide, der iſt es, der ſie uns wieder geſchenkt, und mit eigener Le⸗ rr 21I om bensgefahr ſie gerettet hat!“ Als ſie Abends im traulichen Familienzirkel wieder beyſam⸗ men waren, erzählte Placide, zwiſchen Ines und Donna Bianca ſitzend, die Geſchichte ſeiner Reiſen während des Kriegs in Spa⸗ nien. Dieſe Erzahlung, welche Ines in ſchreck⸗ bares Staunen verſetzte, erregte unbeſchreib⸗ liche Rührung bey Dom Pedro und ſeiner Gattinn. Nur um Mitternacht trennte ſich die Geſellſchaft. Placide, im höchſten Ge⸗ nuſſe des Glückes, ſtieg wieder in den Gar⸗ ten, nicht, um nochmals eine ganze Nacht dort zuzubringen, ſondern nur um einen Au⸗ genblick ſich zu ſammeln und in all den füßen Erinnerungen dieſes merkwürdigen Tages noch einmal ungeſtört zu ſchwelgen.„O flüch⸗ tiger betäubender Rauſch der Leidenſchaft,“ — rief er aus,—„o unruhiger und ver⸗ gänglicher Traum der Liebe! wie dürftig er⸗ ſcheint euer Gluͤck neben der lautern unaus⸗ ſprechlichen Freude, mit welcher reines Ge⸗ fühl der Natur, treue Freundſchaft und Tu⸗ gend uns beſeligen!“ 4 Ende. In demſelben Formar mit ähnlichen Kupfern und Umſchlag iſt erſchienen: Leonie, oder das Grab der Mut⸗ ter. Nach dem Franzöſiſchen der Verfaſſerinn von Anatole. Zwey Theile. Mit Kupfern und Um⸗ ſchlag. 12. 1317. Dieſer Roman, ein würdiges Seitenſtück zu dem mit ſo allgemeinem Beyfall aufge⸗ nommenen romantiſchen Gemälde:„Anatole“ derſelben Verfaſſerinn, enthält das Tagebuch eines ſiebenzehnjährigen Mädchens, das aus klöſterlicher Erziehung plötzlich in die große Welt eingeführt, anfangs den Rathſchlägen eines erfahrnen Vaters mit Selbſtdünkel Hohn ſpricht und ſich ihre Bahn durch die Labyrin⸗ the der Leidenſchaften ſelbſt entwickeln zu können dünkt, bis ſie in tauſendfältige Täu⸗ ſchungen und Folgewidrigkeiten des Herzens und Verſtandes verſtrickt, keinen andern Ausweg zur klarern Anſicht des Lebens fin⸗ det, als in dem Spiegel des Schickſals ihrer früh verlorenen, auch ſelbſt geſchaffenen Ge⸗ müthsqualen zum Opfer gefallenen Mutter, und an der Hand jenes wohlwollenden Va⸗ ters, der ſie ſo lange als ein unſichtbarer En⸗ gel an den Abgründen der Irrwege erhal⸗ tend hingängelte, bis Selbſterkenntniß und wieder gewonnenes Vertrauen der Tochter ihn auffordern, ſich als ihren Schußgeiſt zu zeigen, und ſie, aus ſeinen Armen noch ein⸗ mal die Gefahren ihres Eigendünkels über⸗ blickend, ihm, dem Retter, den rührenden Dank ſeiner unermüdeten Zärtlichkeit zollt. Wenn zarte, vielſeitige und doch natürliche Verkettung, raſcher Gang und fortſchreitende Entwickelung der Begebenheiten, Eigenthüm⸗ lichkeit und feſte Haltung der Charaktere, ſtrenge Moralität und deutlich ausgeſprochene Bekanntſchaft mit dem höheren Converſa⸗ tionston ſowohl in dem Original als in der Überſetzung, eine Lectüre dieſer Art empfeh⸗ lungswerth machen, ſo können wir dieſes Werkchen gewiß nicht unter die gleichgültigen Erſcheinungen unſerer deutſchen romantiſchen Literatur gerechnet ſehen. Bey demſelben Verleger ſind erſchienen: Vivian, oder der Mann ohne Cha⸗ rakter. Aus dem Engl. der Miß Edgeworth. 2 Bände mit ſchönen Kupfern. 1814. 2 Rthlr. 16 Gr. Emilie oder der Frauenzwiſt. Aus dem Engl. der Miß Edgeworth. Mit Kupfer. 3. 1816. 1 Rihlr. Dieſe beiden Romane gehören zu einer Reihe Scenen aus der großen Welt, wie ſie die Verfaſſerinn betitelt, und die zu den geſchätzteſten Producten aus der frucht⸗ baren Feder der Miß Edgeworth gerechnet werden. In Vivian iſt es die Männer⸗ und man möchte ſagen die miniſterielle Welt der Britten, die feltſame Verkettung des öffentlichen und Privatlebens der Gent⸗ leman's, in welche die Verfaſſerinn forſchen⸗ de Blicke wirft und aus der ſie ſich ihre Zeich⸗ nungen in die Feder dictiren läßt; in dem zweyten aber iſt es beſonders die Frauenwelt ihrer Nation, in welcher ſich die geübte Be⸗ obachterinn umſieht, und aus der ſie uns ei⸗ 8 nige der treffendſten Charakterſchilderungen gibt. Gewiß nur eine Schriftſtellerinn konnte hen, daß ſie in ihren Dialogen die geheim⸗ ſten Falten der Charaktere mit einer unnach⸗ ahmlichen Klarheit zu entwickeln verſeeht. Die graue Frau, oder die Familie Beauchamp. Aus dem Franz. Mit Kupfer. 3. 1317. 3 1 Rthlr. Das franzöſiſche Original:„La dame sgrise,“ von einer geiſtreichen Schriftſtellerinn, die zartes Gefühl mit lebhafter Einbildungs⸗ kraft verbindet, hat in Frankreich und Deutſch⸗ land eine ſo ermunternde Aufnahme gefun⸗ den, daß ſich dieſe gelungene Überſetzung ge⸗ wiß eines gleichen Beyfalls erfreuen wird. Adriane, oder die Leidenſchaften einer Italienerinn. Von Dur⸗ dent. 2 Theile. Mit Kupfern. 3. 1817. 3 Dieſer Roman wird ein zahlreiches Pu⸗ blicum intereſſiren, da ſeine Charaktere aus einer Welt genommen und auf die Bühne eines Landes geſtellt ſind, wo ſie ſich in höch⸗ ſter Leidenſchaft und ſteter Lebendigkeit bewe⸗ gen. Der Verfaſſer läßt viel geſchehen, ohne die Begebenheiten unnatürlich und unwahr⸗ ſcheinlich zu häufen. Er weiß ſie intereſſant zu verwickeln, aber auch den raſchgeſchürzten Knoten natürlich wieder zu löſen, und ſcheint „ ⸗ mit großer Behutſamkeit die gewöhnlichen Behelfe der Romanenſchriftſteller zu vermei⸗ den. Geiſt deutſcher Klaſſiker. Eine Blu⸗ menleſe ihrer geiſtreichſten und gemüthlich⸗ ſten Gedanken, Maximen und Ausſprüche, für Freunde echter Lebensweisheit zur Be⸗ ſchäftigung des Nachdenkens in einſamen Stunden. Sechs Baͤndchen. Mit ſchönen Vign. Taſchenformat. 1816. Geb. 4 Rthlr. Enthält: Jean Paul, Fr. Richter, Le⸗ bensbilder. Aus deſſen Schriften geſogon. 16 Gr. Benzel Sternau, Graf v., Weltanſich⸗ ten. Aus deſſen Schriften gezogen. 16 Gr. Pockels, K. F., Charakter⸗ und Umgangs⸗ gemälde. Aus deſſen Schriften gezogen. 3 16 Gr. Hippel, Th. G. von, Geiſtes⸗ und Her⸗ zensergießungen. Aus deſſen Schriften ge⸗ zogen. 3 16 Gr. Bouterwek„Fr., Blicke ins Menſchenle⸗ ben. Aus deſſen Schriften gezogen. 16 Gr. Lichtenberg, G. Chr., Spiele des Witzes und der Laune. Aus deſſen Schriften ge⸗ zogen.— 16 Gr. Herder empfiehlt Sammlungen dieſer Art, und nennt ihre Lektüre eine Konverſa⸗ tion der Geiſter, wo ein Gedanke in der Seele des Leſers oft viele neue entzündet und ſtärket, die ohne dem Hielleicht nie ge⸗ weckt worden wären. Da man außerdem bei der gegenwärtigen die Abſicht hatte, mit ei⸗ nigen unſerer erſten deutſchen Claſſiker ein größeres Publicum vertraut zu machen„das ſich bisher durch die Mannigfaltigkeit, die Bändezahl und den koſtſpieligen Ankauf ih⸗ rer Werke davon abſchrecken ließ, ſo ſind die ausgewählten Gedanken eines jeden in einem eigenen Bändchen unter einem paſſenden Ti⸗ tel zuſammengeſtellt worden, und die ganze Sammlung beſteht folglich aus ſechs verſchie⸗ denen Werkchen, aus denen der Liebhaber nach Gutdünken ſeine Wahl treffen kann. Miniaturgemälde aus der Länder⸗ und Völkerkunde, von den Sitten, Gebrau⸗ —chen, der Lebensart und den Coſtümen der verſchiedenen Volkerſchaften aller Welt⸗ theile. Mit Landſchafts⸗ und Städte⸗Pro⸗ ſpecten, Anſichten von Palläſten, und Ab⸗ bildungen anderer merkwürdiger Denkmä⸗ . ler der älteren und neueren Baukunſt überhaupt. Nach dem Franzöſiſchen deutſch 1 bearbeitet und mit Originalgemälden ver⸗ mehrt, herausgegeben von Au guſt Eh⸗ renſtein. Mit vielen Kupfern. Taſchen⸗ format. 1816. In eigenen zierlichen Um⸗ ſchlägen geheftet. Erſte Lieferung: Rußland. 6 Bändchen mit 110 Kupfern. 6 Rchlr. Zweyte Lieferung: Illyrien und Da li a⸗ 1 tien. 2 Bändchen mit 36 Kpfern. 2 Rthlr. . 16 Gr. — , Dritte Lieferung: Afrika, das weſtli⸗ ce. 4 Baͤndchen mit 47 Kupfern. 4 Rthlr. Vierte Lieferung: Agypten. 4 Bandchen mit 67 Kupfern. fffffffffffffffffffſ S *