———— ——— ——— ᷑ 5 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Cießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 1 gegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat 1 Mk./— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mrk.— Pf. „ 3 5 3 4 3 3„ 3„„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruͤckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verldrene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ₰ t den angenommen. 1. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Ent Marianne oder Um Liebe leiden. Erſler Theil. Marianne oder Um Liebe leiden. Roman von . Heinrich Koenig. Erſter Theil. M‿ * „ SFrankfurt. Verlag von Meidinger Sohn& Comp. 1858. Inhalt. Erſtes Buch. Erstes Kapitel: Die neue Gouvernante Zweites Kapitel: Herkunft und Schule Drittes Kapitel: Pfarrer und Metropolitan. Viertes Kapitel: Ein Heirathsplan Fünftes Kapitel: Ein Veilchenzauber Sechstes Kapitel: Vieles knüpft ſich an Siebentes Kapitel: Glück und Warnung Achtes Kapitel: Verabredungen. Neuntes Kapitel: Begegniſſe im Walde Zehntes Kapitel: Ein Hauskonzert Elftes Kapitel: Bei Heimberger Zweites Buch. Erstes Kapitel: Albert's Erklärung Zweites Kapitel: Marianne„repräſentirt“. Drittes Kapitel: Unter dem Abendſtern Viertes Kapitel: Gute Nacht! Fünſtes Kapitel: Die Frau Generalin Sechstes Kapitel: Verſchiedene Artigkeiten Erſtes Zuch. —,—* Koenig, Marianne. I. 1 4 Erſtes Kapitel. Die neue Gouvernante. Die verwitwete Gräfin Wallberg ſaß über ihrem Stickrahmen, etwas aufgeregt, wie es ſchien, von einer unbeſtimmten Erwartung. Endlich zog ſie die Schelle, und bald darauf trat Chriſtian, der alte Kammerdiener ein, noch mit Zuknöpfen und Zupfen an der Livree be⸗ ſchäftigt, die er eilig mit dem Hausrocke vertauſcht hatte. „Es iſt ein Wagen angefahren, Chriſtian!“ erinnerte die Gräfin im Ton eines leiſen Vorwurfes. „Die neue Gouvernante iſt angekommen, Ew. Gnaden.“ „So? Aber es iſt ſchon eine Weile her, Chriſtian?“ „Verzeihung, Ew. Gnaden! Der Herr Pfarrer— fage ich Metropolitan, wollt die Demoiſelle vorher ſprechen, ehe ſie ſich vorſtellte. Ich habe zu ihm geſchickt; er ſcheint nicht zu Hauſe zu ſein.“ „So? der Pfarrer hat...?“ erwiderte die Gräfin mit ungehaltenem Kopfſchütteln. Und— wie ſieht die Gouvernante aus, Chriſtian?“ „Eine ſehr angenehme Perſon; ich ſchätze ſie ein⸗, drei⸗ bis vierundzwanzig. Ob Ew. Gnaden ſie eigentlich ſchön finden werden, ſteht dahin; aber ſie hat etwas Einneh⸗ mendes, feine Manieren, ganz vornehme Art, möchte ich ſagen.“ „Bringe Er ſie herauf, Chriſtian!“ Sie erhob ſich, barg die farbigen Garne in dem ſchmucken Nähkorbe, der neben dem Rahmengeſtelle ſtand, und ließ ſich, einem hohen Spiegel gegenüber, in das gelb⸗ ſeidene Sopha nieder. Der Spiegel zeigte eine ſtolzbe⸗ queme Frau in den erſten Vierzigen, von angenehmer Fülle des Körpers.—„Es iſt und bleibt ein anmaßliches Volk, dieſe Paſtoren!“ ſagte ſie halblaut.„Aber ich werde darauf denken, Herr Pfarrer Delius, daß Sie mir nicht zu weit um ſich greifen, wenn ich Sie vielleicht nicht ganz entbehren kann.“ Die Gräfin war von dem eintretenden Frauenzimmer, ſelbſt nach der ſo günſtigen Ankündigung des Kammer⸗ dieners, angenehm überraſcht, nicht blos von der edeln Geſtalt und heitern Anmuth der Geſichtszüge, enh 4 vielleicht noch mehr von der freien, bequemen Art ſi darzuſtellen. Sie mußte ſich erinnern, daß es die Gou⸗ vernante ihrer kleinen Tochter ſei, um ſie nicht als Dame von haltu nehm nante ſich o heiten Gegen Stun ſehr zbſiſch Freuu 7 etwas räfin öt die drei ſchön lleicht mmer, mmer⸗ edeln * 5 von Stand zu empfangen. Dieſe gefliſſentliche Zurück⸗ haltung legte freilich ihrem gewöhnlich ſehr bewußten Be nehmen noch ein Gewicht mehr zu. Sie erwiederte die deutſche Anſprache der Gouver⸗ nante franzöſiſch, deutete ihr ein Tabouret an, und ließ ſich ohne Weiteres über die Gaben, Vorzüge und Eigen⸗ heiten der kleinen Comteſſe Adele aus. Sie beſtimmte die Gegenſtände des Unterrichts und die Eintheilung der Stunden gemäß der ländlichen Hausordnung, und da ſie ſehr bald inne wurde, daß die Gouvernante das Fran⸗ zöſiſche feiner als ſie ſelber ſprach, fuhr ſie mit mehr Freundlichkeit auf deutſch fort: „Es iſt mir lieb Mademoiſelle Weikart, daß Sie etwas früher eingetroffen ſind; ich ſehe meine Adele nicht gern ohne Aufſicht, nicht gern unbeſchäftigt. Ich habe ſie auf einige Tage in die Nachbarſchaft, auf Schloß Dahnſtein, gegeben, werde ſie aber morgen her⸗ überholen laſſen. Auf viel Lernen, muß ich Ihnen ſagen, lege ich keinen zu großen Werth. Sehen Sie auf ein gutes Franzöſich und auf ein feines Benehmen. Die Comteſſe iſt ſehr lebhaft; achten Sie ja darauf, daß ſie nach und nach die gute Haltung ihres Standes gewinne und ſich nie vergeſſe. Ich deute Ihnen gleich das äußerſte Ziel meiner Abſichten an, das Sie ſich zum Zweck Ihrer Beſtrebungen nehmen müſſen: ich wünſche meine Tochter an den Hof zu bringen, wo ich 2 6 gute Verbindungen habe. Die vorige Gouvernante hatte zaa keinen Begriff davon, aber Sie— nun ja, es ſcheint, ſij daß ich Ihnen gerade für das, woran mir ſo viel liegt, ſchm mehr Vertrauen ſchenken kann. Ihren Zeugniſſen nach b beĩd ſprechen Sie auch das Engliſche; darauf habe ich für velni meine Tochter— wenigſtens vorerſt— nicht gerechnet. voll Ich ſelbſt verſtehe es nicht, und die Worte klingen mir mitg immer wie klapperndes Geld. Aber meinem Stiefſohne, wund dem Grafen Albert, wird es angenehm ſein, ſich ge⸗ heim legentlich in dieſer Sprache mit Ihnen üben zu können. zum Wir erwarten ihn von ſeinen Reiſen direct aus„di England.“ des Sie hatte geklingelt und wies den Kammerdiener blic an, Demoiſelle Weikart in ihre Wohnung einzuführen. vär — Kaum aber waren beide hinaus, als ſie den Diener zwei noch einmal zurückrief und, an ihrem Korbe beſchäftigt, Läu ſo nebenſächlich hinſprach: Machen Sie doch die gute Sti Weikart ein wenig mit dem Ton unſeres Hauſes be⸗ gew kannt, Chriſtian! Sie ſagt:„Frau Gräfin““ und Her dergleichen. Sie wiſſen ja, Chriſtian!“ Es war ein altes Familienſchloß, durch neue An⸗ mit bauten im Geſchmack der Zeit erweitert und modern etw eingerichtet. Die Vorderſeite mit einem reichen Gie gh dache und zwei Eckthürmen ſah von hohem öſtlichem Gr Ufer auf einen ziemlich ausgedehnten Landſee, der ſich van in ſüdweſtlicher Richtung und zwiſchen anmuthigen „Hier die waldrauſchende, frühlingsduftige Einſamkeit des Parkes, und hier rechts der See mit dem Räthſel⸗ Waldbergen verlor. Der angebaute neue Flügel ſtreckte ſich in den Park und gab von den Zimmern aus einen ſchmalen Seitenblick nach dem See. Hieher, in die beiden äußerſten Gemächer, brachte Chriſtian die Gou⸗ vernante. Die Einrichtung war einfach, aber geſehmack⸗ voll und bequem, und da Marianne ſogleich auch ihre mitgebrachten Sachen erblickte: ſo fühlte ſie ſich zuerſt wunderbar angeheimelt.—„Ach, wie traulich und heimlich iſt es hier!“ rief ſie aus, und ging von einem zum andern Fenſter, indem ſie hinausblickend bemerkte: blick in die weite Welt. Das Dorf verſteckt ſich thal⸗ wärts hinter dem Parke; man ſieht nur die Spitzen zweier Thürme. Läuten wird man wohl hören, und Läuten hör' ich immer gern, es ſind die hehrſten Stimmen aus dem Menſchenleben. Ach! hier— o, gewiß werde ich hier glücklich ſein! Nicht wahr, lieber Herr—?“ „Chriſtian Horſt iſt mein Name,“ verſetzte der Alte mit etwas mehr Freundlichkeit in ſeiner ſonſt immer etwas ſeierlichen Haltung.„Ich merke ſchon, Made⸗ moiſelle haben den Geſchmack unſers jungen Herrn Grafen und ſind alſo mit Recht hier eingethan. Das waren ſeine Zimmer, als er noch viel las und muſi⸗ cirte. Hier im Futteral ſtand ſeine Violine, hier überm Sopha hing ſein Bild. Jetzt hat es— die Frau Gräfin hinüberbringen laſſen, wo er nun die ſchönen Zimmer ſeines hochſeligen Herrn Vaters bewohnen wird. Ei, daß dich„„Frau Gräfin““ ſagt' ich eben: gut, daß ſie's nicht gehört hat!„„Ihro Gna⸗ den““ und„„Eure Gnaden,““ Beides nach Umſtänden, iſt zu ſagen, Mademoiſelle! Merken wir uns das! Aber nun will ich Ihnen vor Allem eine Collation herauf ſchicken. Sie werden hungrig und durſtig ſein. Sagen Sie mir, was zu dieſer Tageszeit nach Ihrem Geſchmack oder was Ihre Gewohnheit iſt.“ „Ich danke Ihnen, beſter Herr Horſt,“ antwortete ſie: ich bin weder hungrig noch müde; meine Fahrt war heute nicht lang und nicht beſchwerlich. Aber— wenn Sie mir das Haus ein wenig zeigen wollten? Ich möchte mich gern recht bald zurecht finden und keine Unſchicklichkeiten begehen.“ „Sehr gern!“ verſetzte er.„Die Zimmer werden eben gelüftet und ſtehen offen. Wir erwarten nämlich den jungen Herrn Grafen aus England und ſind des⸗ halb auch etwas früher aufs Land heraus gezogen. Der junge Herr will ſich erſt ausruhen, ehe er ſich in der Reſidenz einführt.“ 4 Der Zuſammenhang des Alten und Neuen, des Oben und Unten durch Gänge und Treppen war ein wenig verwickelt; die innere Einrichtung der Zimmer, Säle un etwas u Weikart, Chriſtian Es daß Ma keit deſſe Geſicht: Mund w meriſches unverken „Gl von den es iſt ſo s Antritte antwort ſchlanke Abbild was de edlen S Stirn! die dochſel Frau chönen vohnen ich Gna inden, Säle und Cabinette gab ſich durchaus reich, vielleicht etwas überladen.—„Sehen Sie, Mademeiſelle Weikart, da hangen der junge Herr Graf!“ erinnerte Chriſtian. Es war ein großes Oelbild, ſo glücklich ausgeführt, daß Marianne beim erſten Hinblick über die Lebhaftig⸗ keit deſſelben ordentlich erſchrak,— ein ausdrucksvolles Geſicht mit ungemein tiefen, ſinnigen Augen; der ernſte Mund wie zum Sprechen etwas geöffnet und das reiche dunkle Haar in maleriſcher Unordnung. Etwas Schwär⸗ meriſches in Haltung und Ausdruck des Kopfes war unverkennbar, aber um ſo einnehmender. „Gleicht es, lieber Herr Horſt?“ fragte Marianne, von dem Bilde gefeſſelt.„Doch ja, es muß gleichen: es iſt ſo— wie ſoll ich ſagen?— ſo eigen!“ „Es glich ungemein, als der gnädige Herr es beim Antritte ſeiner Reiſen vor zwei Jahren zurück ließ,“ antwortete der Diener.„Graf Albert iſt bis auf die ſchlanke Geſtalt, die er vom ſeligen Vater hat, das Abbild ſeiner früher verſtorbenen Mutter, nicht bloß was den Geſichts⸗Ausdruck, ſondern auch den hohen, edlen Sinn betrifft.“ „Dieſes Letztere, meine ich, ſpricht ſich doch an Stirn und Augen aus,“ ſagte Marianne mit Wärme. Die Stirn hat doch auch etwas vom Stolze des Hochſeligen,“ erklärte Chriſtian.„Aber, wiſſen Sie, es zugleich eine war kein Stolz, der Anderen wehe that und der Andere herabſetzte. Unſere jetzige Frau Gräfin...“ Er erſchrak vor dem, was er eben ausſprechen wollte und wandte es raſch zu einem Tadel ſeiner ſeblſt, indem er fortfuhr: Frau Gräfin! viel Vorzüge, und „Sage ich ſchon wieder: Ich wollte ſagen: Ihro Gnaden beſitzen doch Sie werden es auch bald ſelbſt finden, Mademoiſelle.“ Er führte Mariannen weiter, indem er ſie nicht ohne Selbſtgefühl in die Gegenwart der Familie ein⸗ weihte. Es lag etwas Herablaſſendes in dieſer Mit⸗ theilſamkeit des ſonſt ſehr ſchweigſamen Dieners, womit er ſogar ſeine überſchritt Seine Miene verrieth etwas von noch nicht erloſchener Empfänglichkeit für ſo viel jugendliche Anmuth, für dieſes reizende Lächeln gewohnte Bedachtſamkeit Mariannens, hinter welchem eigentlich der Schalk eines fröhlichen Mädchenherzens lauerte. Denn für Mariannen war dieſer Domeſtiken⸗ Stolz, der ſich im Dienſte einer hochadeligen Familie fühlte, etwas Neues, woran ſie ihr Wohlgefallen und neckiſche Laune fand. Die Schelmerei ihres Staunens und ihrer wunderlichen Fragen hätte für den guten Alten eine gefährliche Verſuchung ſeiner ſtolzen Verſchwiegenheit werden können, wäre Marianne welterfahrener und ſchlauer geweſen, als ſie es war. So hätte ſie es auch für eine beſondere Gunſt an⸗ 1 ſehen dür Zimmer als Haus jungfer i „Ich daß es Jenem.“ „Sie Horſt,“ doch, w Aengſtli Ihnen „Jo . Freund ſer Mit womit berſchritt ſchener für welchem herzens meſtiken Familie llen und gelme rei hätte ſeiner ſehen dürfen, daß er ihr nach der Rückkehr auf ihr Zimmer in Perſon einige Erfriſchungen brachte, was er als Hausmeiſter ſonſt dem Bedienten oder der Kammer⸗ jungfer übertragen hätte. „Ich komme ſelber,“ ſagte er,„weil ich wünſche, daß es Ihnen bei uns gefgallen möge, trotz Dem und Jenem.“ h. „Sie ſind ſehr freundlich und gut, lieber Herr Horſt,“ erwiederte ſie mit Lächeln.„Ach, ich fühle doch, was es werth iſt, unter lauter Fremden eine wohlmeinende Seele zu kennen. Eben als ich mich hier ausruhte und ſo allein nach dem erſten frohen Ein⸗ drucke dieſer ſtillen Gemächer mit der Exinnerung an —„Ihro Gnaden“ die Frau Gräfin eine wunderſame Aengſtlichkeit empfand, ſagte ich mir, daß ich gewiß an Ihnen einen Freund gewinnen würde.“ „Ja, ja, mein gutes Kind—, einen väterlichen Freund ſollen Sie an mir haben,“ flüſterte der Alte. „Ich weiß nicht warum ich eben an meine Tochter denken muß.“ „Ei, Sie haben eine Tochter?“ „Wundert Sie das?“ ſchmunzelte er, und ſtrich mit der Hand über ſeine Falten und dunkelrothen Backen. Mein Ausſehen iſt freilich ein wenig hinter meinen Jahren zurück geblieben, und wenn man ſo glückliche Jugend vor ſich ſiehet, möchte man auch noch einmal 12 jung ſein; allein— ich habe doch eine Tochter, viel— leicht ſogar etwas älter, als Sie ſind. Heißt das, ich hatte ſie, ehe ſie ſich mit dem Kutſcher meines gnä⸗ digen Herrn nach Amerika fortmachte. Ihre Mutter war ſchon vorher geſtorben, und ſo bin ich denn— wie Sie mich da ſehen!“ „Ich auch, beſter Herr Horſt,— wie Sie mich da ſehen, vater- und mutterlos. Wir wollen uns alſo zuſammen halten, als Tochter und Vater. Führen Sie mich in dieſem gräflichen Hauſe, wo mich ſchon heut ein ſeltſames Heimweh— mich, die Heimathloſe— überſchleichen will.“ Sie reichte ihm, wehmüthig lächelnd, ihre kleine and, die er zwiſchen ſeinen beiden Händen ſtreichelte 7 7 7 indem er ſprach:„Sie ſind ein gutes Kind. Faſſen Sie haben ſo B. vor der letzten Gouvernante, die wir nur drei Viertel Jahre hatten, und dürfen ſchon mit Zuverſicht auftreten. Sie Muth, und es wird ſchon gehen! viel voraus, z. Hören Sie! Manieren, ſtolz im Herzen! Unterwürfig in Merken Sie ſich das! Wenn ſich's paßt, geb ich Ihnen wohl einen Wink. Nur berühren meine Winke ſtets ein Familien⸗Ge⸗ heimniß, und Sie müſſen dann—.“ Er tippte mit zwei Fingern auf ihren Mund, und da ſich von außen eben ein ankommender Huſten hören ließ, eilte er nach der Thür, indem er mit warnender Geberde j ein wenig Er ö Vorten: Herr Mei kleine feichelte, Faſſen aben ſo te, die ſchon ürfig in c das! Wink. een⸗Ge⸗ n hören arnender 4 Geberde flüſterte:„Vor dem da reſerviren Sie ſich. ein wenig.“ Er öffnete und begrüßte den Eintretenden mit den Worten:„Hier finden Sie unſere neue Gouvernante, Herr Metropolitan Delius!“ Zweites Kapitel. Herkunft und Schule. Der Geiſtliche, von Geſtalt und Geſichtsbildung ein hübſcher Mann, begrüßte Mariannen mit herablaſſender Artigkeit und hieß ſie mit ſalbungsvollen Worten will— kommen. Sie, durch den Wink des alten Dieners ein wenig eingeſchüchtert, empfing ihn mit deſto höflicherer Zurückhaltung; doch ſeine Stimme war ihr angenehm, und ſein freundliches Befragen um ihre Reiſe gewann ihr ſehr bald ihre natürliche Unbefangenheit ab. Er ſprach, wahrſcheinlich um ſie vertraulicher zu ſtimmen, zuerſt mehr von ſich ſelbſt, indem er ſeine reiz⸗ bare Geſundheit für ein ſo ſorgenvolles Amt beklagte, und wie viel unter der ſo materiellen, genußſüchtigen— unchriſtlichen Richtung der Zeit ſein Gemüth und ſeine Nerven zu leiden hätten. Ein leichter Fluß anmuthiger Worte verrieth den gewandten Kanzelredner, und die Att, wie er mit gefaltet then, daß gefiel. Marian ſicht beobach beredſamen prieſterlich ſiß und ſar Gutſchmecke „Hier, mei wir haben Und Offenh zuſammen Jran Gräf und glaubt veſen ſein. Bidungsg Junen erh zil Ihren vor uns d Eigentl ds Pfarre fin, ich n Art, wie er im tiefen Seſſel ruhend und auf den Knieen mit gefalteten Händen vorgebeugt ſprach, ließ vermu⸗ then, daß er ſich zugleich als ſein eigener Zuhörer gefiel. Marianne, ihrer Sinnesart nach, weniger mit Ab⸗ ſicht beobachtend als fein empfindend, bemerkte an dem beredſamen Manne einen wunderlichen Widerſpruch der prieſterlich auf- und niedergeſchlagenen Augen mit den ſüß und ſaugend bewegten Lippen, wie ſolche mehr einem Gutſchmecker eigen zu ſein pflegen. Indem nun der Pfarrer unvermerkt auf ſeine Stel⸗ lung zum gräflichen Hauſe kam, ſagte er zutraulich leiſe: „Hier, meine Liebe, berühren ſich unſere Lebenskreiſe; wir haben gemeinſchaftlich zu wirken, müſſen Vertrauen und O zuſammen zu halten— zu chriſtlichen Abſichten. Die Frau Gräfin iſt ſehr zufrieden mit Ihrem Franzöſiſch und glaubt, Sie müßten einige Zeit in Frankreich ge⸗ ffenheit zu einander faſſen und thun auch wohl, weſen ſein. Sie wünſcht überhaupt etwas von Ihrem Bildungsgange zu wiſſen. Die Zeugniſſe, die wir von Ihnen erhalten haben, geben uns nur das ſchon erreichte Ziel Ihrer Vorbildung zu erkennen. Sie ſtehen fertig vor uns da. Eigentlich war dies nur ein verſtecktes Verlangen des Pfarrers ſelbſt. Es lag nicht im Stolze der Grä⸗ fin, ſich um ihre dienenden Leute weiter zu bekümmern, als ſie dieſelben brauchte; allein dem geiſtlichen Herrn mochte daran liegen, eine liebenswürdige und begabte Gouvernante, die bei der Gräfin leicht zu Vertrauen und Einfluß kommen konnte, nach ihrer Herkunft und Verbindung ſo genau wie möglich zu kennen. Kenntniß iſt Macht, wußte er. Mariannen fiel es wohl auf, daß die Gräfin ſie durch eine dritte Perſon befragen ließ. Allein die ſo theilnehmende Frage traf ihr Herz. Leidmüthige Erin⸗ nerungen kamen über ſie und verriethen ſich in dem weichen Ton, womit ſie verſetzte: 7 „Der Weg meiner Bildung iſt einfacher oder liegt näher, als unſere gnädige Frau vermuthet. Er beginnt in der Dorfſchule meines ſeligen Vaters, oder vielmehr von ſeinen Knieen, auf deren ſchwarzem Plüſch ich meine erſten Bilderbücher ausbreitete,— in der heiteren Hütte, im luſtigen Gras⸗ und Obſtgarten des Schul⸗ meiſters in Nettlingen, wo ich, das einzige Kind von Vater und Mutter, in Gehorſam und Liebe zehn „Jahre alt wurde. Da ſtarben meine Eltern raſch hin⸗ ter einander an einem herrſchenden Typhus. Ich kam zu einem mütterlichen Oheim in der Reſidenz, der mich bei in Sprachen, in Muſik und Zeichnen für den Beruf — gutem Einkommen, neben ſeinen Kindern erzog und einer Erzieherin ausbilden ließ. Ich war nicht ohne Gaben und hatte in ſteter Erinnerung an Vater und * * 17 Mutter den lebhafteſten Eifer. So brachte ich es bald dahin, daß ich in einem großen Inſtitut, beſonders für junge Engländerinnen, als Unterlehrerin eintreten konnte. Hier fand ich Gelegenheit, im Verkehr mit einem für die franzöſiſche Converſation aus Nancy verſchriebenen Frauenzimmer, mich in reiner Ausſprache und eigen⸗ thümlichen Wendungen des Franzöſiſchen zu vervoll⸗ kommnen und zugleich mit meinen jungen Engländerin⸗ nen beim Unterricht im Deutſchen das Engliſche zu üben. Mit der Mutter einer jungen Dame aus Lon— don machte ich letzten Sommer als Geſellſchafterin noch eine Reiſe ins Bad und in die Schweiz. Sehen Sie, das ſind die heimatlichen Regionen für meine fremden Sprachen. Nebenher habe ich gezeichnet, ohne es weiter gebracht zu haben, als zur Bildung meines Auges für Gemälde, und in der Muſik bin ich eben auch nicht bis zur Virtuoſin gekommen. Ich habe es mehr auf ge⸗ ſchmackvollen als auf brillanten Vortrag abgeſehen, und meine Stimme hatte auch mehr Beruf für die Kam⸗ mer, als für den Concertſaal. Aber die Art und Weiſe, wie ich das alles lernte und betreiben mußte, hat mir vielleicht eine gewiſſe Uebung und Fertigkeit im Lehren für Anfänger gegeben. Dies iſt es, Herr Metropoli⸗ tan, was Sie der gnädigen Gräfin berichten und mit Ihrer günſtigen Erklärung begleiten wollen. Bemerken 8 Sie ihr auch, daß ich in Kreiſe ihres Standes noch 4 ¹ Koenig, Marianne I. 2 18 nicht gekommen bin. Sie wird Nachſicht mit meiner bürgerlichen Unbeholfenheit haben.“ „Mit der wärmſten Anerkennung Ihrer ſchönen Vor⸗ züge werde ich es thun, liebes Fräulein Marianne,“ verſetzte er;„ich wünſchte es nur auch mit Ihrer ein fachen Anmuth zu können. Aber dieſe vornehmen Leute, die ſo gern Alles wiſſen wollen, ohne ſich mit Fragen etwas zu vergeben, kommen überall um das Beſte, was man eben aus den friſchen, unmittelbaren Ergüſſen des Lebens, zumal der menſchlichen Seele, ſchöpft. Sie ha⸗ ben alſo ſchon einen Weg der Fügung, der Unterord⸗ nung gemacht, meine Freundin, und das wird Ihnen für Ihre jetzige Stellung zu Gut kommen. Es iſt ein reiches ſtolzes Haus, in das Sie eintreten mit Ihrer heitern, erwartungsvollen Jugend, mit dieſem 4 Drange des Herzens, das ſich, ſo empfänglich für Alles, über Alles ergießen und ausbreiten möchte, und überall nur an kalte, ſchroffe Felſen ſchlägt, auf denen hochmü⸗ thige Burgen prangen. O ja, man ſtößt hier leicht an und kann es leicht verderben. Ich ſelbſt habe mir jedoch mein Anſehn, meine Geltung geſichert. Schließen Sie ſich uns mit Vertrauen an! Meine Töchter, trefflich begabt, ſind noch ein wenig— Kindsköpfe; aber meine Frau wird Ihnen gern eine ältere, wohlwollende Freun⸗ din werden. Meine Suſanne iſt eine ausgezeichnete Wirthin. Wie könnten wir uns auch ſonſt bei ſehr D wam dem Ob flich eine eun⸗ ben hatte, mit feierlich ausgebreiteten Armen Ob Marianne dieſen Eindruck hatte, ſteht dahin; der 19 mäßigem Einkommen frei von Anfechtungen der Noth, wenigſtens der Sorgen halten? Da gewinnen Sie denn gleich eine neue Schule: denn nun Sie das Ziel Ihres dienenden Berufs ereicht haben, dürfen Sie daran denken, ſich für einen eigenen Herd vorzubereiten, der uns oft, bei allen Vorzügen und hinter den ſchönſten Erwartungen her, doch von der Vorſehung nur als ein Sparherd zugetheilt wird. Aber Sie werden ſehen, wie man auch dabei vergnügt ſein kann. Der Ton un⸗ ſeres Hauſes wird Ihnen zuſagen. Wir leben ſtill und einfach, mäßig in Genüſſen, reich in Liebe,— chriſtlich, wenn Sie wollen. Das Wort ſagt Al die Verbindung, die wir mit dem gräflic ben, und es gibt den Einklang, durch den wirauns in der Harmonie mit der hohen Familie halten können. Denn—“ fuhr er, nachdem er ſich zum Abſchied erho⸗ nes bezeichnet „bei Ihro Guaden gilt auch das ſchöne Wortz und mein Haus wollen dem Herrn dienen!“ Hier geſchah ihm aber etwas ſehr Drolliges. In⸗ dem er nämlich bei den Worten:„dem Herrn dienen,“ die beiden flachen Hände gegen die Bruſt gepreßt, be⸗ haglich an ſeiner Wohlbeleibtheit hinabgleiten ließ, ge⸗ wann es das komiſche Anſehen, als ob er ſich ſelbſt mit dem Herrn meine, dem die Gräfin und ihr Haus diene. 20 Geiſtliche aber bemerkte bei ſeinem Abſchiedsgruſſe ihr heimliches, höchſt ſchalkhaftes Lächeln und kam auf die Vermuthung, daß er mit ſeiner feierlichen Geberde der Gouvernante einen lächerlichen Eindruck gemacht habe. Sie erröthete bei ſeinem verwunderten Blicke; dieſes beſtätigte ihn in ſeinem Verdachte, und er erröthete nun auch, griff verwirrt nach Hut und Stock und ſchied mit ſtummer, etwas linkiſcher Verbeugung. Dieſe Haſt der Verlegenheit ſchloß wie ein ſchriller Mißton die gemüthliche Unterhaltung und ließ Marian⸗ nen ärgerl ich über ſich ſelbſt und in der Beſorgniß zu⸗ rück, daß wohl auf lange mit dem geiſtlichen Herrn a en habe. Doch ſie mußte ſich jetzt dar⸗ über hinausſetzen, und da ſie noch am Abende zur Grä⸗ fin beſchieden zu werden erwartete, ſo kleidete ſie ſich danach um. Die Dämmerung trat aber ein, ohne daß ſie gerufen wurde. In einiger Unruhe, auf jede Regung lauſchend, vernahm ſie von Weitem einen bekannten Choral, auf einer kleinen Orgel geſpielt. Sie trat auf den Corridor hinaus und hörte nun den Geſang deut⸗ licher vom Mittelbau her, wo auch einige Fenſter er⸗ leuchtet waren. Nach einer 7“ erſchien der alte Chriſtian und löſte das Räthſ „Sie ſind vic nicht eingeladen worden?“ ſagte er. Ihro Gnaden haben Sie wahrſcheinlich für zu ermüdet ſen ief und den Sie M G von der Reiſe gehalten. Es iſt juſt heute der Wochen⸗ tag, an welchem der Pfarrer, der vorhin bei Ihnen war, eine Hausandacht hält. Das iſt ſo ein Haken, mit dem ſich der Schlaukopf bei uns feſtzuhalten weiß. Der ſelige Herr Graf, wiſſen Sie, mochte die Schwarz⸗ röcke nicht gern um ſich leiden; jetzt aber hat der Herr Pfarrer ſich hier eingeniſtet, und ſucht das fromme We⸗ ſen zu einem Hausbedürfniß zu machen, weil er die Lieferung hat. Mit dem Choral iſt die Andacht aus, und es geht nun an ein feines Abendbrod. Ich habe den Dienſt dabei und ſchicke es Ihnen herauf. Machen Sie ſich einſtweilen Licht.“—— Am andern Morgen nach dem Frühſtücke wurde Marianne zur Gräfin gerufen. 8 „Meine Adele kommt heute noch nicht,“ ſagte ſie, „die Gräfin Dahn will ſie morgen ſelbſt herüber brin⸗ gen, und der Graf wird mitkommen. Sie werden dann auch die Comteſſe Eugenie kennen lernen, Mademoiſelle Weikart. Meine Pathe iſt ein vortreffliches Mädchen, durch Schönheit und Bildung ausgezeichnet. Sie würde eine Zierde an unſerem Hofe ſein; allein die Eltern haben ſchon anders über ſie verfügt. Ich ſage Ihnen ſo viel davon, weil ich wünſche, Sie möchten ſie zum Vorbilde für meine Tochter nehmen. Benutzen Sie übrigens den heutigen Morgen, ſich einzurichten und vor Allem einen Beſuch beim Pfarrer zu machen. Er 22 war bei Ihnen, und ich wünſche, daß Sie ſich recht mit ihm verſtändigen, um mit ihm zu wirken— in ſeinem chriſtlichen Sinne, meine ich. Ein forſchender Blick, den die Gräfin bei dieſen Worten auf die Gouvernante richtete, erinnerte dieſe an ihr geſtern-abendliches Lächeln. Gewiß hatte der Pfar⸗ rer ſeinen Bericht über ſie aus der Tonart ſeines Ab⸗ ſchieds gemacht. Sie erröthete ein wenig, doch lächelte ſie heute die Sorge ſchnell hinweg. Mit ihrer heitern Sinnesart kam ſie leicht über vieles hinaus, was, an ſich unwichtig, nur ängſtliche oder engherzige Menſchen verwirren kann. Doch wollte ſie die leiſe Andeutung nicht unbemerkt vorüber gehen laſſen und ſagte mit an⸗ muthigem Lächeln: „Ich danke Ew. Gnaden, und werde mich mit dem geiſtlichen Herrn bald einverſtändigt haben. Ich bin ja eine Schulmeiſters-Tochter und dicht an einem Pfarr⸗ hauſe aufgewachſen. Uebrigens halte ich es ſehr mit der religiöſen Grundlage des Lebens, mithin auch der Bildung für das Leben. Daher bin ich auch den Männern mit hoher Achtung zugethan, die zu dieſem hohen Zwecke wirken, ohne daß ſie ihn in ihre Perſon verlegen, und die im Namen ihrer hohen Beſtimmung nicht herrſchen, ſondern dienen wollen.“ Die Gräfin blickte Mariannen mit Verwunderung an und ſchüttelte dann ein wenig den Kopf. Sie fand — 3 den Gedanken richtig und in Bezug auf den Pfarrer auch treffend; aber es mißfiel ihr, daß die Gouver⸗ nante dieſe Bemerkung ſo bald gemacht hatte und ſie ſo freimüthig herausſagte. Doch entließ ſie Marian⸗ nen ohne weitere Erinnerung und nicht unfreundlich. Drittes Kapitel. Pfarrer und Metropolitan. Es war Mariannen ganz angenehm, den heutigen Tag noch für ſich zu haben. Sie richtete ihre Woh⸗ nung und die daran ſtoßenden beiden Zimmer ein, in welchen, nach der Anordnung der Gräfin, die Comteſſe Adele unter Aufſicht der Gouvernante wohnen, ler⸗ nen und ſich auf dem Flügel üben ſollte. Dann durchwandelte ſie den höchſt anmuthigen Park, der ſich eben frühlingig belaubte, Blüthenkätzchen und Knospen trieb und ſich mit Lenzblumen ſchmückte. Die Anlagen, nicht ſehr ausgedehnt, aber auf unebenem Boden mit Sinn und Geſchmack ausgeführt, zogen ſich vom Schloß, dem Höhepunkte des Seeufers, hin ter einem Treib⸗ und Gewächshauſe ſanft abwärts nach dem Dorfe. ℳ 25 aus dem Parke zwiſchen Hecken und über die Brücke eines klaren und ſtarken Baches. Dieſen Pfad durch das Pförtchen nahm Ma⸗ rianne, um den Geiſtlichen zu beſuchen. Auf einem Hügel erhob ſich die Kirche, und Ma rianne vermuthete in der Nähe derſelben das Pfarr haus. Da ſich aber die Wege theilten, fragte ſie eine Magd am Brunnen, wo der Herr Pfarrer wohne, und ward nach dem nächſten freundlichen kleinen Hauſe beſchieden. Einige Stufen nach dem Staket hinauf öffnete ſich der Blumengarten, und ſie kam zwiſchen blühen den Tulpen, Ranunkeln und Kaiſerkronen nach der Wohnung. Ein heiterer, bequem gekleideter Mann⸗ trat ihr entgegen. Aber es war ein ganz anderer, als den ſie geſtern bei ſich geſehen, ob er gleich auch ein etwas geiſtliches Ausſehen hatte. „Verzeihung! Ich bin wohl irre?“ ſagte ſie„Es ſcheinen zwei Pfarrrer im Orte zu ſein?“ „Eigentlich nicht, mein Fräulein!“ antwortete er; „aber ich verſtehe ſchon: Sie wollen zu Herrn Me tropolitan Delius?“ „Ja, ſo iſt es! Ich habe ihn geſtern Abends im Schloſſe geſehen und weiß daher, daß Sie es nicht ſind.“ „Ah, im Schloſſe!“ entgegnete er.*†* Delius . „* 4 26 wohnt dort oben, einige Stufen unter der Kirche. Aber wollen Sie nicht einen Augenblick eintreten, da mit ich Ihnen die Bewandniß Ihres Irrthums er⸗ kläre. „Recht gern! Irrthümer muß man ſo ſchnell wie möglich los zu werden ſuchen, lächelte ſie. „Gewiß, und Sie kommen dann um eine ſolche Laſt leichter den Berg hinauf,“ lachte er mit, reichte ihr artig die Hand und führte ſie in ſein Zimmer auf das Sopha.—„Ich vermuthe in Ihnen die er⸗ wartete Erzieherin für Comteſſe Adele,“ ſagte er.„Hal⸗ ten Sie mich aber ja nicht für neubegierig und mein etwas hartes Sopha für eine Folterbank. Ich ſtehe in einiger Verbindung mit der Familie. Ich heiße Heim⸗ berger und war früher Patronatspfarrer des ſeligen Grafen auf ſeinen Beſitzungen in Schleſien, wurde als Erzieher des Grafen Albert hieher berufen, führte den jungen Herrn auf die Univerſität, und wohne nun hier ohne beſonderes Amt. Die Leute nennen mich immer noch den Pfarrer, und Herr Delius macht daher gern den Metropolitan geltend, um nicht mit mir ver⸗ wechſelt zu werden. Da haben Sie nun wahrſcheinlich nach dem Herrn Pfarrer gefragt und ſind zu mir ge⸗ wieſen worden. Die Leute, ſehen Sie, haben mich lieb, und weiſen mir gern was Liebes zu. „Sie ſind ſehr freundlich!“ lächelte Marianne.„Die 27 Gräfin ſagte mir: Beſuchen Sie den Herrn Pfarrer, und ſo.. l“ „Dabei hat ſie freilich nicht an mich gedacht, mein Fräulein,“ fiel Heimberger ein.„Deſto eher wird der junge Herr an mich denken. Er wird ja erwartet, nicht wahr?“ „So höre ich!“ antwortete ſie,„und Sie können mir vielleicht das Genauere ſagen. Von Ihrer Woh⸗ nung aus ſieht ſich das Schloß ſo hübſch an, und was darin vorgeht, nimmt ſich da vielleicht beſſer aus, als wenn man mitten drin ſteht?“ Das ſchelmiſche Lächeln, womit ſie dieſe Bemerkung begleitete, nahm mit dem Zauber ihres ſeelenvollen Ge⸗ ſichtes den Pfarrer für die neue Erſcheinung ein. Er glaubte zugleich darin ein feines Verſtändniß ſeiner Be⸗ ziehungen zur gräflichen Familie zu finden, und faßte eine gute Meinung vom Scharfſinne der jungen Gou⸗ vernante. Zwei heitere Naturen begegneten ſich eben mit dem ſympathetiſchen Zuge des Vertrauens. Ein ſcherzhaft inniges Geſpräch entſpann ſich, wie es zwiſchen Men⸗ ſchen vorkommt, die, für Scherz und Ernſt auf gleiche Tonart geſtimmt, einander verſtehen, als ob ſie ſeit Jahren zuſammengelebt hätten. Ein Spaß lockte den andern, und wenn ein herzliches Lachen die Schale des Scherzes brach, fiel der Kern eines edlen Gedankens 2 8 4ℳ heraus. Heimberger rief ſeine Frau herbei und ſtellte ihr Mariannen vor. „Der Zufall hat uns das Fräulein zugeführt,“ ſagte er,„und wir wollen es als eine freundliche Be⸗ ſcheerung annehmen, liebe Friederike.“ „Die Pfarrerin, hübſcher von Wuchs als von Ge⸗ ſicht, häuslichen Ausſehens und anmuthiger Freundlich⸗ keit, mochte ſo tief in den Dreißigen, als der Mann in den Vierzigen ſtehen. Einfach und reinlich ſah es umher aus, und das ganze Benehmen der Frau ver⸗ rieth, daß ſie es an Bewunderung ſo wenig, als an Pflege für ihren Mann fehlen ließ. Aber auch gegen Marianne ſprach ſich bald ein gefälliges Wohlwollen aus; wie ſie denn auch alsbald ein kleines Frühſtück geſchäftig herbeibrachte. Marianne ließ auf ſo freundliche Weiſe ſich gern feſthalten; ſie hoffte aus ſo gutem Munde manches über die Verhältniſſe der Familie zum eigenen Beſten zu vernehmen. „Sie werden juſt keine ſchlimme Frau an der Grä— fin finden,“ ſagte im Laufe der Unterhaltung der Pfar⸗ rer,„wenigſtens iſt ſie nicht engherzig, nicht kleinlich oder mißwollend. Die Pfahlwurzel ihres Weſens iſt Stolz,— freilich Adel-, Rang- und Ahnenſtolz, eine Wurzel, die Edles, aber auch Ungerechtes aus dem Lebensboden ziehen kann. Wenn es, wie wir Beide R — 29 — wiſſen, eine Aufgabe der Erziehung iſt, die natürlichen 1 Fehler der Menſchen zu entſprechenden Tugenden um— zubeugen: ſo findet es ſich noch öfter, daß man tu⸗ gendhafte Anlagen eine ſchlimme Richtung nehmen läßt. Der heitere Stolz der Gräfin ſtimmt ihr Herz leicht zu Wohlwollen, zu Gunſt, zu Allem, was ſie generös nennt. Wie weit aber ein verletzter, gekränkter oder durchkreuzter Stolz oder Hochmuth gehen kann, weiß ich von ihr ſelbſt nicht, wohl aber aus anderen Er⸗ fahrungen meines Lebens. Sie, liebes Fräulein,— oder darf ich vielleicht Freundin ſagen? Beſte Frau, wollen wir nicht Freundin ſagen? Ich meine— wir 114 verſtehen uns ſo gut Marianne reichte Beiden gerührt die Hand, und der Pfarrer fuhr fort: 1 72— Sie kommen, wie ich glaube, zu einer recht gün⸗ ſtigen Zeit ins Schloß. Die Gräfin lebt jetzt hoff⸗ nungsvoll und betriebſam erregt, in dem einen großen 1 Projecte, den Stiefſohn mit der einzigen Tochter des Grafen Dahn auf Dahnſtein zu vermählen. Die Grä⸗ fin Dahn hat viel Gutmüthiges und Freundliches. Der Graf iſt galant und ein humoriſtiſcher Spötter. 1 ¹ Aber halten Sie ſich bei ſeinen Späßchen als zerſtreute Zuhörerin, die auch eines oder das andere überhören kann. Beide Gräfinnen kennen ſich von Hofe her, ſtehen auf Du und Du, und ſind jetzt ſo innig, als V 30 ſie einſt eiferſüchtig gegen einander waren. Mit dem Stolz und der Freundſchaft dieſes Heiraths⸗Projektes verknüpft ſich aber auch noch der Vortheil des Reich⸗ thums für den Fall, daß unſere Gräfin Schloß und Güter an den nun ſchon mündigen Stiefſohn abtre⸗ ten muß. Sie wird mit der Verlobung manche Be⸗ günſtigung für ſich und ihr Töchterchen zu bedingen wiſſen. Sehen Sie, wenn nun Graf Albert mit der alten Zuneigung für Eugenie zurückkehrt, ſo werden Sie unſere Gräfin recht in ihrer Herrlichkeit erblicken. Herr⸗ lichkeit— ja, das iſt das Wort: denn Vertraulichkeit, die Ihrem gebildeten Herzen wohlthuender wäre, liebe Freundin, dürfen Sie auch dann nicht erwarten. Aber da plaudere ich hin, und— Sie müſſen jetzt wirk⸗ lich zum Metropolitan, wenn Sie ihn vor Tiſche tref⸗ fen wollen.“ „Aber, beſter Lorenz! daß Du das Fräulein fort⸗ gehen heißeſt!“ erinnerte die Hausfrau. „Ich weiß ſchon, wie's gemeint iſt!“ ſagte Ma⸗ rianne, und reichte zum Abſchiede die Hand. Der Pfarrer, der mit ſeiner Frau ſie begleitete, ſetzte hinzu: „Und es könnte Ihnen übel genommen werden, wenn Sie bloß den Unrechten beſucht hätten. 77 merkte Marianne unterwegs,„ſo ſagen a Sie mich begleiten, verehrter Freund,“ be⸗ Sie mir noch un etwas von unſerem jungen Grafen! Ich habe ſein Bild geſehen: ein edler, ſeelenvoller Ausdruck!“ „Mein Albert?“ rief Heimberger.„Ja, edel, ſee⸗ lenvoll,— etwas ſchwärmeriſch, wenn ihn der eng⸗ liſche Kohlendampf nicht ein wenig realiſtiſch angeflo⸗ gen hat, was 1 nicht wünſche. Er war eine gern bewundernde Natur, wie ſie heute bei unſern jüngern Männern ſelten vorkommt. Das Staunen über die materiellen Großthaten der Gegenwart macht allzu früh ſtumpf für das Ideelle, blaſirt, wie ſie's nennen. Aber, ſehen Sie, Marianne, wenn alles Forſchen und Streben des menſchlichen Geiſtes beim Verwundern anhebt, und alle Weiheit des Alters dahin führt, ſich über nichts mehr zu wundern: ſo liegt doch das reinſte Glück der Jugend und eines nie alternden Herzens im Bewundern— alles Hohen, Edeln und Schönen auf Erden.“ „Das iſt ſelbſt ſehr edel und ſchön gedacht, lieber Freund,“ ſagte Marianne,„und ich nehm' es als Ihr Gaſtgeſchenk mit. Und nun gehe ich...?“ „Hier zwiſchen den Gärten hinauf,“ antwortete er, und kommen recht bald wieder dort über das Brück— chen herüber. Nicht wahr?“ Die Familie Delius ſaß ſchon bei Tiſche und kam über den angemeldeten Beſuch in einige Unruhe. Ab⸗ weiſen, gleich das erſte Mal, mochte man die neue 32 Gouvernante nicht, die ja des Pfarrers Hausordnung noch nicht kannte, nach welcher Niemand angenommen wurde, der die chriſtliche Familie von Vater, Mutter und zwei heranwachſenden Töchtern bei ihrem allzu einfachen Mahle ſtören wollte. Abzuräumen war aber auch nicht mehr: zwei Gerichte waren ſchon verzehrt, und die Hauptſchüſſel wurde eben von der Mutter aus der Küche herein gebracht. Die beiden Mädchen, die ſich an der Verwirrung des Vaters ergötzten, wur den daher abgeſchickt, Mariannen freundlich in des Vaters Studirſtube zu führen. Die Pfarrerin, am wenigſten beunruhigt, hob mit bedeutſamem Kopfſchüt teln ihre Küchenſchürze als Signalfahne empor, daß ſie ſelbſt nicht erſcheinen könne. Inzwiſchen hatte der Metropolitan den Mund ab gewiſcht und ſeine vorgeſteckte Serviette abgelegt. Er brachte das Geſicht in ernſthafte Mienen und eilte den Töchtern nach, Mademoiſelle Weikart ſehr herzlich zu begrüßen und ſeine liebe Frau mit Zahnweh zu entſchuldigen. „Meine gute Suſanne hat den Morgen beim Herd feuer zugebracht,“ ſagte er,„und das reizt immer ihr ie ſelbſt das agd mit der altes Leiden auf. Aber leider muß ſ Kochen beſorgen, da unſere einzige M Hausarbeit und dem auf dem Lande ſo unentbehr lichen Vieh zu ſchaffen hat. Sie ſehen, wie man ſich ſeine von Ernj 335 einrichteen muß, wenn man bei mäßigem Einkommen doch auch für chriſtliche Wohlthätigkeit an ſeinen lieben Nächſten etwas erübrigen will.“ Er ſah bei dieſen Worten mit einiger Befangenheit ſeine Töchter an, und die ältere, eine hübſche Blondine von ſechzehn bis ſiebzehn Jahren, verſetzte mit einem Ernſte, den ein ſchelmiſcher Blick durchkreuzte: „Ja, Fräulein Weikart, Sie glauben nicht, wie ſehr Vater es ſich angelegen ſein läßt, daß es— ſeinen Nächſten wohl ergehe.“ In der Verlegenheit ihrer Schelmerei zog ſie ihre jüngere Schweſter zärtlich an ſich. Dieſe kicherte in ihr geſticktes Schnupftüchlein. 8. Delius, der darüber an Mariannens ſchalkhaftes Lächeln von geſtern denken mochte, ſchalt mit mißbilli⸗ gendem Kopfſchütteln: „Fränzchen, Fränzchen, kannſt Du keinen Augenblick den Kindskopf bei Seite laſſen? Ja, Mademoiſelle Weikart, das iſt unſer Lachtäubchen im Haus. Aber der kleine Schelm hat eigentlich ein Anliegen an Sie, das er mir nun heraus lachen möchte, weil ich ihm verboten habe, es heraus zu ſagen. Ich habe den Mädchen nämlich erzählt, wie ſtark Mademoiſelle Wei— kart im Franzöſiſchen und Engliſchen ſei, und Beide haben eine große Vorliebe fürs Engliſche. Aber ſtill davon jetzt, Kinder! Laßt unſere hochgeſchätzte Freun⸗ Koenig, Marianne. I. 3 34 din vor Allem ſich hier zurecht finden und ſich erſt in unſerem freundſchaftlichem Hauſe ein bischen heimiſch fühlen. Man muß nie zuerſt an ſich denken.“ Marianne, die ſich bei dem ſonderbaren Benehmen zwiſchen Vater und Töchtern etwas unheimlich fühlte, dankte für die gute Abſicht und Einladung des Me⸗ tropolitans und erhob ſich. „Ich habe Sie bei Ihrem frugalen Mahle geſtört,“ ſagte ſie,„und komme, wenn Sie mir's erlauben, zu einer gelegneren Stunde auf länger. Bitte, der Frau Pfarrer mein Bedauern auszudrücken.“ Alle Drei begleiteten Sie an die Hausthür, und Emmy, die ältere Tochter, ſagte, als Marianne fort war: „Beſonders ſchön find' ich ſie nicht, Väterchen, aber ſehr lieb ſieht ſie aus; ſie kann mir gefallen.“ „Schönheit und Witz, das ſind Deine Trümpfe!“ ſchalt der Vater.„Aber ich bitte mir wenigſtens aus, daß Du Deine Witze an Dich hältſt, und nicht gegen mich ausſpielſt!“ „Hab' ich denn das, Vater?“ rief Emmy. War ich nicht ganz ernſthaft bei meiner Anerkennung Deiner Nächſtenliebe? Wir Beide und die Mutter ſind ja Deine Nächſten. Aber die Fränz da lacht meine ver⸗ ſteckten Witze immer aus, heißt das, heraus, daß man ſie gewahr wird.“ , ℳ „Ja, Du kleiner Lachaffe,“ fuhr der Vater fort, indem er das Töchterchen herzte,„gewöhne Dir das muthwillige Lachen ab. Ich und Emmy verſtehen uns ſchon.“ „Und ich?“ trotzte Fränzchen.„Würde ich denn lachen, wenn ich Eure Finten nicht verſtände?“ Hiermit waren ſie an den Tiſch zurückgekehrt, wo indeß die Mutter nicht unthätig geweſen war. Sie hatte von einer Haſelhühner⸗Paſtete den gebackenen Deckel abgehoben und eine Schüſſel mit gerollten Nu⸗ deln zum Warmhalten zugedeckt. „Ha, die Mama!“ rief Emmy.„Sie hat Deine gute Ermahnung nicht gehört, Väterchen,— daß man nicht zuerſt an ſich denken ſoll. Ich ſehe da einen Mont blanc von Macaroni auf ihrem Teller.“ Fränzchen lachte mit den Worten: „Und am Fuße des Mont blanc ein Schlachtfeld von abgenagten Knöchelchen,— ihrem Zahnweh zum Trotz.“ „Zahnweh? Was habt Ihr mit Zahnweh?“ fragte die Mutter. „Still, Kinder!“ rief Delius.„Schweigen wir über das Opfer der Wahrheit, das uns die Küchen⸗ ſchürze einer vortrefflichen Mutter abgenöthigt hat. Aber, Sannchen, Du trägſt hier neben Deiner edeln Naſe ein Zeugniß in Kohlenſtaub über Deine talent⸗ 3* volle Thätigkeit. Komm, Mütterchen, wir bedürfen ſolchen Atteſtes nicht.“ Er wiſchte ihr mit ſeiner Serviette den Staub weg, indem er, ihre Wange küſſend, ſagte: „Fort mit der Schrift! Hier halten wir uns an die Tradition, an Deine Küchenüberlieferung!“ „Und an die Werke, Väterchen!“ rief Emmy. „Gib Deinen Teller, ich will Dir gute Stücke vorle— gen. Denn Du haſt drüben prächtig extemporirt,— mit dem Engliſchlernen. Wir haben nicht daran ge⸗ dacht.“ „Wenn nur der kleine Grasaffe nicht gelacht hätte,“ verſetzte der Papa, indem er eine geſiegelte Flaſche Me⸗ doc öffnete. „Was? Ich ſoll nicht lachen, wenn Du ſo gut ſpielſt?“ rief Fränzchen. „Naſeweis! Aber in allem Ernſt, Kinder, nehmt Euch zuſammen! Euer Vater hat immer ſeine chriſt⸗ lichen Abſichten, wenn er etwas ſo oder ſo ſagt. Be⸗ ſonders benehmt Euch klug gegen die Gouvernante,— das rathe ich Euch Beiden! Die Weikart iſt pfiffig ſo viel hab' ich bereits weg; ſie iſt aus Merkshauſen.“ Fränzchen erwiderte, mit feierlichem Ernſte decla⸗ mirend: Die Schulmeiſterin aus Merkshauſen, Sie merkt des Vaters Flauſen. 2 „Du kannſt es hernach auf Noten ſetzen, Emmy, und ich ſing's. „Ungezogene Dinger!“ rief der Vater, aufſtehend und mit der Serviette drohend.„Laß mich ſo was noch einmal hören! Du haſt mir da ſchöne Pröbchen von Töchtern geboren, Suſanne!“ ieber Delius, ich habe ſie von Dir,“ antwortete die Mutter und reichte ihm ihr Weinglas hin.„Komm heran mit Deiner Entſiegelten! Du ſollſt Deinen Näch⸗ ſten lieben als wie Dich ſelbſt! Ich bitte mir etwas von dem Text aus, Willibald! Viertes Kapitel. Ein Heirathsplan. 5 Am andern Morgen war große Bewegung im Schloſſe. Die Einfahrt ſtand geöffnet, die Fenſterläden zurückgeſchlagen. Die Dienerſchaft erſchien in der guten Livree; die Sandwege des Parkes wurden aufgeharkt, und um den großen Heerd in der Küche herrſchte eine lebhafte Thätigkeit. Marianne war frühzeitig in den Garten gegangen, vom herrlichen Frühlingsmorgen ge⸗ lockt, der unter dem Zwitſchern der Sperlinge in ihre Fenſter fiel.—— Ihr Herz war wunderbar bewegt von Träumen und Hoffnungen eines ſchönen Jahres. Die Veilchenbeete dufteten, und ſie brach reichlich daraus zu einem Kranze, den ſie in einer Schaale mit Waſſer auf ihr Spiegeltiſchchen ſetzte. Die Gräfin hatte bereits nach ihr geſchickt, und ſie mußte eilen, ihren Anzug zu vollenden. 3 4 3 1 1 e n e gt 1 5 39 Die Familie Dahn auf Dahnſtein pflegte bei ihren Beſuchen eine Stunde vor Mittag mit einem ſtattlichen Viergeſpann einzutreffen. Die Gräfin erwartete ſie um dieſe Zeit im Geſellſchaftszimmer mit Mariannen, die ihr aus dem letzten Theile der Memoiren von Georg Sand vorlas. Die Gräfin, ſo gern ſie ſich durch ihren Rang in der Geſellſchaft hervorthat, verſchmähte doch nicht, in ihrem Putz und Anzuge mit allen Frauen zu wetteifern, die aus was immer für einem Stande ſich unter der Herrſchaft der Mode für gleichberechtigt halten. Heute ſaß ſie in einem ſehr weiten Kleide von brochirtem dun⸗ kelgrünem Seidenſtoffe mit halblangen Aermeln, einen ſchwarzen Taffet⸗Burnus mit Capuchon und Troddeln über die Lehne des Seſſels geworfen. Marianne war in ihrem ſchwarzen Atlaß ohne Aus⸗ putz und ohne ungewöhnliche Unterkleidung. Die zu⸗ rückgelegten Manchetten an den Unterärmeln von weißer Gaze entſprachen der Stickerei am kleinen Halskrägelchen. Sie zeigte ſo ihren Geſchmack in Uebereinſtimmung mit ihrer untergeordneten Stellung, und es lag wenigſtens außer ihrer Abſicht, wenn gerade durch ſolche Einfachheit ihre höchſt edle Geſtalt reiner hervor trat und ihr etwas blaſſes Geſicht unter dem leichten dunkelrothen Schmuck ihres reichen, glänzenden Haares an Ausdruck gewann. 40 Die Herrſchaft von Dahnſtein kam angefahren. Die 3 wechſelſeitigen Begrüßungen waren von Seiten der g empfangenden Dame mehr ernſt und gemeſſen, von Seiten der angekommenen Gräfin aber ſehr lebhaft und zärtlich. Die kleine Adele, an der Hand der Comteſſe 5 b Eugenie, wäre der Mutter gern an den Hals ge— ſprungen, wurde aber an das Schickliche erinnert und 1 an die neue Gouvernante verwieſen, die jetzt vorgeſtellt wurde. Mariannens Erſcheinung ſchien Eindruck zu machen, und die Art, wie ſie ihren kleinen Zögling raſch für ſich einnahm, gewann ihr die Freundlichkeit und das heim⸗— liche Wohlwollen der Mutter. Unter leichten, abſpringenden Fragen und Mitthei⸗ lungen muſterten die Damen ihre Anzüge mit Blicken, ohne ſo geringfügige Dinge anders als ſo beiläufig zur —— Sprache zu bringen. Dennoch ſchien keine geringe Sorg⸗ falt auf dieſelben verwendet. Mutter und Tochter hul— digten dem neueſten Geſchmacke, der durch bauſchige Unterlagen die ausſtaffirten Perſonen ins Unnatürliche erweitert. Dieſes war beſonders der Fall bei der Mutter, einer heiter ausſehenden Blondine in den Jahren, worin die Natur ſelbſt den Frauen eine be⸗ hagliche Fülle des Körpers verleiht und ihnen viel äußere Zuthaten entbehrlich zu machen ſcheint. Die Gräfin aber, keine Freundin von dieſem Vorzuge ihrer Jahre, ſuchte die Wirklichkeit der Natur lieber dem guten Schein der Mode aufzubürden. Weniger auffallend, weil etwas mager aufgeſchoſſen, ſtellte ſich ihre Tochter dar, ungeachtet der beiden ſehr weiten Röcke, über welche ein Kleid von Roſagaze mit weißer Stickerei, rundem, knapp anliegendem Leibchen und weißſeidengeſtickten Nonnen⸗Aermeln floß. Der etwas magere Arm zog durch allzu reichen Schmuck der Armbänder faſt zu viel Aufmerkſamkeit auf ſich. Sonſt war Comteſſe Eugenie— wofür ſie auch galt— eine Schönheit. Kopf und Geſichtsbildung hätten einem Bildner in Marmor die würdigſte Aufgabe geboten, und nicht weniger hätte die kalte Ruhe der Züge auch den Pinſel des Malers für die Auffaſſung der Aehnlich⸗ keit begünſtigt. Zwiſchen Gemahlin und Tochter ſchien es Graf Dahn mit ſich ſelbſt auf den Contraſt von Selbſtver⸗ nachläſſigung abgeſehen zu haben. Er gab damit aber nur ſeinem ländlichen Hang für Bequemlichkeit nach, in dem Maße, als er ehedem in der Uniform des Garde-Officiers und des Kammerherrn ſich durch das Geſchniegelte und Gezwängte genug gethan hatte. Dieſer äußere Zwang ſeiner Vergangenheit war jetzt vollſtändig überwunden; in ſeiner Unterhaltung aber ſchlug zuweilen noch der Geſchmack an den Scherzen der Wachtſtube vor, wenn auch etwas gemäßigt durch 42 den leiſeren und verblümteren Ton des Vorzimmers; ſo daß der natürliche Witz des Grafen mit der Miene eines ſchalkhaften Ernſtes zum Vorſchein kam. Dies war beſonders der Fall, wenn er ſich gern in Wider⸗ part mit allem ſetzte, was von Anderen mit verdientem Enthuſiasmus behandelt wurde. Während der leichten Unterhaltung hatte die kleine Adele ſehr ſchnell ſo viel Zutrauen zu Mariannen ge⸗ faßt, daß ſie ihr zuflüſterte: rianne, ich will Ihnen drüben den Kuß geben, den mir „Kommen Sie liebe Ma⸗ Mama nicht abgenommen hat.“ Beide verließen das Zimmer, und der Graf, der Mariannen im Auge behalten hatte, rief nach ihrem Abgang aus:„Hören Sie, meine Gnädigſte, die neue Demoiſelle ſcheint von guter Familie; wo iſt ſie her?“ „Ihre Zeugniſſe nennen bloß ihren Geburtsort, Graf,“ antwortete Gräfin Wallberg.„Nach ihrer Fa⸗ milie habe ich noch nicht gefragt; aber ich glaube, daß ſie ſelber ſehr brauchbar iſt. Sie ſpricht ein charmantes Franzöſiſch, und auch ihr Engliſch wird gerühmt.“ „Apropos! Da ſtehen wir ja bei unſerem engli⸗ ſchen Reiſenden! Sie haben keine neueren Briefe von Albert?“ „Ich denke, er iſt unterweges,“ meinte die Gräfin. „Haſt Du gehört, Eugenie, daß bei Hofe viel von ihm geſprochen worden iſt?“ fragte die Gräfin Dahn, 44 . 4 2 und dor Graf fiel ein:„Ja, ſeine Aufnahme in den 4— Londoner Kreiſen und beſonders bei der Königin hat 8 Eindruck bei unſeren Herrſchaften gemacht. Man fragt, b ob er ſich wohl zur Diplomatie entſchließen werde. 1 Und allerdings ſo viel Vermögen bei ſo viel Perſönlich— keit und Bildung... Meinen Sie nicht?“ ſ„Ich fürchte nur, Graf, es verſchlägt gegen unſere 6 Abſichten, wenn wir Albert...“ Die Gräfin Wallberg unterbrach ſich, indem ſie mit r einem flüchtigen Blick auf Eugenie deren befangenes, aufhorchendes Lächeln bemerkte.—„Liebchen,“ ſagte ſie, 7—„geh doch und ſieh einmal zu, was die Weikart mit m meiner Adele treibt. Du kannſt engliſch mit ihr an ue knüpfen und verſuchen, wie ihr euer klapperndes Geld 4 gegen einander auswechſelt.“ Es galt der Gräfin nicht darum, die fortgeſchickte Eugenie dem Gegenſtande des Geſprächs zu entziehen: ſie wollte dieſelbe nur nicht in ihr Spiel blicken laſſen. Denn es war der Comteſſe längſt kein Geheimniß mehr, daß man damit umging, ſie dem jungen Grafen zu ver mählen. Beide hatten frühere Sommer gemeinſam ver lebt und eine große Zärtlichkeit für einander gezeigt. So unbefangen, wie dieſer Verkehr geweſen, beſprachen die Alten jetzt, auch in Eugeniens Gegenwart, eine ernſte Verbindung; wobei ſie mit guter Zuverſicht vor⸗ ausſetzten, die Wechſelneigung der Kinder werde nach * 1 44 der Unterbrechung einiger Jahre zu ſchöner Liebe er⸗ wachſen ſein. Als Eugenie hinaus war, rückten die Drei vertrau⸗ licher zuſammen. Gräfin Wallberg erinnerte an die etwas ſchwärmeriſche Richtung Albert's, die leider von ſeinem Erzieher ſo ungeſchickter Weiſe begünſtigt worden ſei. Sie ſprach die Beſorgniß aus, wenn man ihn ſo bald nach ſeiner Rückkehr in die große Welt und in die verdeckten Geſchäfte der Diplomatie hingäbe, würde er ſobald nicht zu einer herzlichen Verbindung kommen, oder noch ſchlimmer in fremde Abſichten fallen.—„Ich kenne Albert,“ ſagte ſie;„er hat nichts Stürmiſches in ſeinen Neigungen; er wird eher feſthalten, als raſch anfaſſen. Darum dachte ich ihn hier auf einige Zeit einzuheimſen, und wir ſetzten ihn gelaſſen in täglichen traulichen Verkehr mit unſerer charmanten Eugenie. Wäre er auf ſeinen Reiſen vielleicht reſoluter geworden: deſto beſſer, und ſein Herz wird ſich deſto eher ent⸗ ſcheiden.“ „Er benahm ſich früher ſehr zärtlich gegen unſere Tochter,“ bemerkte Gräfin Dahn,„und wir rechnen gerade darauf; vergeſſen wir aber nicht— Eugenie war allerdings noch ein Kind, und ſeine Zuthätigkeit war anderer Art, als wir ſie jetzt wünſchen.“ „Gewiß!“ ſtimmte die Wallberg bei;„aber eine Entwicklung iſt die andere werth, und Albert wird über⸗ 45 raſcht ſein, wie prächtig das kleine Mädchen ſich gemacht 9 hat. Ich habe mir ſo den Gang beider Herzen ausge el⸗ dacht: Eugenie, denke ich, bringt ihm ihr Bischen 2 die Engliſch entgegen, und mit dieſer Sprache, für die er. vor immer ſchwärmte, kann er ſich dann gleich anhäkeln. den Man glaubt nicht, was man oft durch eine fremde p Sprache ſo vertraut wird!“ die„O, ich weiß, lachte der Graf, was mein Freund „ Wallberg einſt mit ſeinem ſüßen Franzöſiſch ausrichten 1 konnte!“ 19„O, ich hörte auch ſein ſchleſiſches Deutſch gern!“ — lächelte die Gräfin und fuhr dann fort:„Ich rechne 3 auch darauf, daß Eugenie noch Anfängerin im Engli⸗ ſh ſchen iſt, ſo daß Albert, der friſch aus London kommt, ei an ihrer Ausſprache viel zu verbeſſern finden wird. en Sehen Sie, das iſt eben, was dann Beide innerlich hr. aufregt und äußerlich annähert. Albert tadelt, Eugenie en. erröthet; das th ſoll im Engliſchen ſchwer auszuſprechen nt ſein; beide ſpitzen den Mund gegen einander), Albert vorbildend, Eugenie nachmachend— und Beide lachen ere zuſammen. Geſtehen Sie mir, Graf, daß ihr Männer nen gar zu gern belehrt! Und daher mag's auch kommen, var daß zwiſchen Lehrer und Schülerin nur allzu oft eine dal Liebesgeſchichte entſteht.“— „Ich bewundere Ihre Menſchenkenntniß, meine Gnä⸗ digſte,“ lachte der Graf.„Aber freilich,— je mehr 46 ein Mann auch von ſeiner Weisheit ausgiebt, deſto mehr Raum gewinnt er für die Thorheiten des Herzens.“ „Sie dürfen es ſchon ſo nennen, mein Freund,“ erwiederte Frau von Wallberg:„Sie gehören ja mit in das Compagnie-Geſchäft, das bei unſerm Albert auf die Thorheit des Herzens ſpeculirt.“ „Ganz recht!“ lachte der Graf.„Aber— beiläufig zu bemerken— Sie rechnen auf eine Schwäche der Männer und vergeſſen darüber eine Schwäche der Frauen. Wenn wir denn einmal für ſo belehrungs⸗ ſüchtig gelten ſollen— warum wollen die Damen ge⸗ rade im Hauptcapitel ihres Lebens, in der Liebe, die Vorſtudien mißbilligen, die wir machen müſſen, um gute Lehrmeiſter in der Ehe zu werden?“ Ein ſchalkhafter Blick, den er bei dieſer leichtfertigen Bemerkung auf ſeine Gemahlin warf, regte dieſe zu der lebhaften Entgegnung auf:„Hab' ich mich je um Deine Vorſtudien bekümmert, Bodo?“ Nie, liebe Beatrix, niemals! Wir kamen beide / 7 wohl unterrichtet zuſammen, und fragten nicht woher wir's haben. So iſt es, und nun wollen wir's aber auch mit Dank erkennen, Liebſte, daß unſere beſte Freundin da die Summe unſerer Liebesweisheit, die ſich in unſerer Eugenie darſtellt, ſo wünſchenswerth an⸗ zulegen bemüht iſt. Aber wiſſen Sie auch, meine Gnä⸗ dige, daß es gerade in Ihrem Intereſſe gemeint war, 47 als ich Albert in die Diplomatie wünſchte? Sie blieben dann Herrin auf ſeinen Beſitzungen, beſonders hier auf dieſem allerliebſten Landſitze, den Sie ungern verlaſſen würden, und der eigentlich doch für zwei Familien, für einen doppelten Haushalt, nicht ange⸗ legt iſt.“ „Ei nun, unſere freundſchaftlichen Abſichten ver⸗ tragen ſich vielleicht,“ lächelte die Wallberg.„Ich ſorge als gute Stiefmutter für Albert's häusliches Glück, und Sie— machen ihn dann zum Diplomaten und ſchicken ihn in die Welt!“ „Glücklich im Haus, um ihn daraus zu vertrei⸗ ben?“ dachte bei ſich der Graf, und rief mit ſpötti— ſchem Lächeln:„Das iſt ja charmant!“ Eben hörte man aus einiger Ferne ein Poſthorn, und zugleich kamen die Comteſſe Eugenie, Marianne und die kleine Adele zurück und meldeten, daß ein vierſpänniger Reiſewagen die Höhe herabkomme. „Erwarteſt Du Beſuch, Eugenie?“ fragte Gräfin Dahn. „Erwarten, nein!“ erwiederte die Dame des Hauſes. „Und doch kann es nur mir gelten, denn die Land⸗ ſtraße geht nicht weiter.“ Man trat auf die Altane hinaus, wo man die am See heranziehende Straße überſehen konnte. Der an⸗ kommende Wagen wandte ſchon zur Einfahrt. Ein 48 junger Mann blickte aus dem Schlage und die Grä⸗ fin Wallberg, die ihn zuerſt erkannte, rief:„Albert! Er iſt es! Welche Ueberraſchung!“ Man eilte ihm entgegen. Nur die Comteſſe und Marianne blieben im Zimmer zurück. Fünftes Kapitel. Ein Veilchenzauber. Albert, der es darauf angelegt hatte, die Seinigen angenehm zu überraſchen, war beim erſten Aufblick aus dem Wagen widerwärtig betroffen. Es ſchien ihm eine große Geſellſchaft verſammelt, ihn zu empfangen, und er begriff nicht, woher man von ſeiner Ankunft wiſſe. Er ſtieg zögernd und nicht ohne Verdruß aus, faßte ſich aber, als ihm zuerſt Graf Dahn entgegen kam und Adele ihm jubelnd in die Arme ſprang. Oben empfingen ihn beide Gräfinnen.— Wie an— genehm überraſcheſt Du uns, Albert!“ ſagte die Mutter, indem ſie ihn umarmte. Die Gräfin Dahn freute ſich, gerade heut zu Be⸗ ſuch gekommen zu ſein.„Ei ja doch! Das hat eine Ahnung, eine Eingebung gethan!“ lachte ihr Gemahl. „Wer von uns hat ſie denn gehabt?“ Koenig, Marianne. I. 4 50 „Du nicht, Bodo,“ antwortete ſie;„Eingebungen, weißt Du, ſind Deine Liebhabereien nicht. Unſere Eugenie hat den erſten Gedanken gehabt!“ „Seht doch, das liebe Kind!“ Mit ſchalkhaftem Lächeln öffnete bei dieſem Aus⸗ rufe Graf Dahn das Zimmer. Albert eilte Eugenien entgegen; ſie bot ihm die Hand, und er rief mit Ver⸗ wunderung:„Mein Gott, Comteſſe— ich hätte Sie anderswo nicht wieder erkannt!“ „Nicht wahr, die Jugendfreundin iſt Dir aus dem Du herausgewachſen?“ erinnerte Gräfin Wallberg mit leiſem Winke. „Ja, Mama, über alle Vertraulichkeit hinaus und in den weiteſten Umfang von Reſpect hinein!“ antwor⸗ tete Albert, wobei er den Blick an den weiten Ge⸗ wändern Eugeniens hinabgleiten ließ. „Aha, ſeht Ihr, Der iſt auch nicht für Eure Mode!“ lachte Graf Dahn.„Umfang! habt Ihr's gehört? Ja wohl lieber Albert! Unſere Damen ſehen aus wie wandelnde Glocken! Nicht wahr? Aber Sie kommen von Reiſen und müſſen wiſſen, das hängt mit unſerer deutſchen Chriſtlichkeit zuſammen. Man kann mit allem Recht von Ausbreitung des Crino⸗ linenthums reden. Und glauben Sie nicht auch, daß die Crinoline eine innere Miſſion hat?“ Albert, der die leichtfertige Scherzhaftigkeit des 51 Grafen kannte, lächelte mit abwehrender Hand, und erblickte jetztt Mariannen. Er verneigte ſich grüßend und wandte den heiteren, fragenden Blick nach der Mutter. Dieſe ſagte leicht hin! „Marianne Weikart, Adelens neue Gouvernante, ſeit vorgeſtern angekommen.“ Jetzt ſprang Adele zu ihr und hüpfte an ihr empor.— Albert trat nochmals grüßend, hinzu.— „Laſſen Sie es ſich bei uns gefallen, Fräulein,“ ſagte er, und halten Sie den kleinen Wildfang da recht kurz. Die kleine Unruhe ſpringt wie ein Eichhörnchen den Leuten gleich an den Hals.“ Er ſtreichelte dabei Adelen, die ſich zärtlich an ihn anſchmiegte, indem ſie ſagte:„Nur denen, Albert, die ich lieb habe, und wenn ich einmal größer bin, brauch ich nicht mehr zu ſpringen.“ „Ja, es iſt eine liebreiche Natur, Herr Graf, ſagte Marianne. Ein Vögelchen, das in ſeiner erſten Frühlingsluſt gern von Zweig zu Zweig hüpft. Und die lieben Angehörigen ſind ja die Hauptäſte an ſeinem Lebensbaum.“ Das eigenthümliche Lächeln, womit die Mutter nach ihrer Freundin Dahn blickte, verrieth ihr Befremden über ſolche Sprache der Gouvernante.—„Ich habe unten im kleinen Saal decken laſſen, ſagte ſie dann zu Albert. Ich denke, es wird nicht zu kühl ſein. 4* Aber Du, Eugenie, nimm Deinen Burnuß mit hinab!“ Albert bat um Erlaub, ſich vorher ein wenig um— zukleiden und eilte durch die nächſten Zimmer. „Wie blühend er ausſieht!“ „Er iſt auch etwas ſtärker geworder, männlicher!“ „Und wie ſtolz und doch anmuthig er ſich bewegt!“ Dieſe Ausrufungen wurden hinter dem Fortgeeilten laut.—— . Dieſer ſelbſt ſchritt mit der Aufregung eines an— 2 genehmen Eindrucks, deſſen er unbewußt war, ſeiner 4 ehemaligen Wohnung zu. Wie ſtand er aber betroffen dda, als er die trauten Zimmer bewohnt fand! Erſt blieb er noch in der Thür ſtehen, dann zog es ihn doch hinein. Marianne, die ihren Anzug beeilen mußte. hatte eine kleine Unordnung mit Sachen hinterlaſſen, die ſonſt einem unverheiratheten Manne nicht zu Ge⸗ ſichte kommen. Auch mochte die erſte, myſteriöſe An⸗ wandlung, die mit dem Veilchengeruche des Gemaches den Eingetretenen überkam, der Empfindung eines Bräutigams gleichen, der, ſeine Verlobte ſuchend, un⸗ I erwartete ihr Ankleidezimmer betritt. Eine Aengſtlich⸗ keit, aber eine ſolche, die eher feſſelt als abſchreckt, regte ſich, und im Augenblicke fiel ihm ein, daß wohl die neue Gouvernante hier eingewieſen ſei. Raſch wandte er ſich nach der offenen Thür. Aber da ſtieg 3 in ihm die Erinnerung an die hier verlebten Tage auf und feſſelte ſeinen Schritt. Mit wunderbarem Behagen über⸗ blickte er noch einmal den heimlichen Raum. Wehmü⸗ thige Träume zogen herauf: die innigſten Stunden, alle die ſehnſüchtigen Empfindungen ſeiner Vergangenheit ſchienen wieder wie duftende Veilchen aufzublühen. Er verlor ſich eine Minute lang in jene glückliche Zeit, die jetzt hinter ſeinen Reiſe-Erlebniſſen wie ein verlornes Paradies lag. So überhörte er ſanft herankommende Schritte. Es war Marianne, und ſie fuhr erſchrocken und entrüſtet zurück, als ſie den Beſuch erblickte.— — O, Herr Graf! rief ſie im Tone der Kränkung und des Vorwurfs zugleich. Graf Albert empfand Beides, und es lag nicht in ſeiner Denkungsart, ſich im Bewußtſein ſeines Standes und mit der Gewandtheit ſeiner Weltbildung darüber hinaus zu ſetzen. Indem er ſchnell das Zimmer ver⸗ ließ, entſchuldigte er ſich mit der Befangenheit eines edeln Herzens.—„Ich ſuchte meine ehemalige Woh⸗ nung auf,“ ſagte er.„Man hat mir nichts von der neuen Anordnung geſagt. Und als ich da ſo befremdet umherblickte, empfingen mich liebe Erinnerungen mit der ſüßen Würze Ihrer friſchen Veilchen. Vergeben ſie mir Fräulein— ich habe ihren Zunamen vergeſſen— Fräulein Marianne! Wenn Sie wüßten, welche heim⸗ lich frohe Stunden ich hier verlebt, welche Bilder 54 meiner Zukunft ich hier verträumt habe—! Um dieſes Andenkens willen vergeben Sie einem eben Heimgekehr⸗ ten, nicht wahr?“ Er reichte ſeine Hand hin, und ſie, ängſtlich und verwirrt, legte die ihrige zur Hälfte hinein, indem ſie den lächelnden Blick nickend zu ihm aufſchlug. Er hob die kleine, zarte Hand ſeinen Lippen entgegen mit den innigen Worten:„Mögen Sie in dieſen Zimmern ſich recht lange ſo glücklich finden, als ich es war! Auf Wiederſehen bei Tiſche!“ Er verneigte ſich mit freundlichem Ernſt und eilte zurück. Marianne, aufs tiefſte bewegt, ſtürzte in das Zim mer, das ſie hinter ſich verſchloß. Eine Weile ſtand ſie wie ſich beſinnend, bis ſie, umher blickend, ihre zerſtreuten Sachen erkannte.—„Und das alles hat er geſehen?“ flüſterte ſie und ſchauerte zuſammen. Sie wankte nach dem Sopha, barg ihr Geſicht in die Kiſſen und brach in helles Weinen aus!— Aber von ihrer eigenen Stimme betroffen, nahm ſie ſich zuſammen, ſtand auf, und unter dem Wegſtreichen der Thränen glitt ein erröthendes Lächeln über ihr Geſicht.„Mag er doch!“ lachte ſie leicht hin.„O, er iſt ein edler Menſch! Und ich ſoll hier ſo glücklich werden, wie er es war? Ach ja! ich will hier zwiſchen ſeine Exinne⸗ rungen— auf den Goldgrund ſeiner Träume, die dun⸗ 55 keln Bilder meiner Zukunft dämmern.—— Wie lieb er ſpricht!— Und mich hat er hier ſo unordentlich gefunden, was ſoll er von mir denken? Und hat— — Das geſehen, und Das und—.“ Sie raffte mit verſchämtem Kichern ein Stück um das andere ihrer Unterkleider auf, rollte es zuſammen und verſteckte es mit kindlicher Anmuth in die Sopha⸗ Ecke, als ob er es eben erſt ſehen könnte. Dann preßte ſie beide Hände vor die Augen und rief leiſe:„Fräu— lein— ich habe den Zunamen vergeſſen— Fräulein Marianne, ſchäme dich!“ Plötzlich aber breitete ſie die Arme aus einander, indem ſie lauter ſprach:„Er wird es vergeſſen! Er iſt ſo edel!“ Und dann mit gebieteriſcher Heftigkeit:„Er muß es vergeſſen! Ich will nichts Geheimes mit dem Gra⸗ fen haben!“ Sie erſchrak bei dieſen Worten, und die Augen niederſchlagend flüſterte ſie:„Aber, Marianne,— jetzt ſchäme dich erſt in dein thöricht Herz hinein!“ Unruhig und ſuchend ging ſie umher:„Was wollt ich denn doch? Wozu kam ich denn nur?—— Ja ſo, meinen Shawl zu Tiſche holen!—— Shayl, wo biſt du?—— Hal das klingt ja wie: Adam, wo biſt du? O, komm nur hervor! Du haſt ja noch nicht geſündigt, und deine Eva wirft auch den ver⸗ führeriſchen Apfel ihrer Gedanken von ſich.— Da biſt du ja!l Komm und hülle ſiebenfach dieſen Uebermuth meiner Bruſt ein, dieſes Herz, das ſo heftig ſchlägt, wie das Herz einer Närrin!“ Sie warf den Shawl um und trat vor den Spie⸗ gel, ihr Haar und ihre Gedanken zu ordnen. Dann ging ſie, hoch geſtreckt, mit dem ganzen Stolz einer ſiegreichen Mädchenſeele nach dem Geſellſchaftszimmer zurück. Sechſtes Kapitel. Vieles knüpft ſich an. Die Dämmerung rückte ſchon heran, als die Fa⸗ milie Dahn zur Heimfahrt aufbrach. „Mein Gott,“ rief die Gräfin, während Albert ihr den Caſhemir⸗Shawl gegen die Abendkühle umlegte, „wo iſt nur der ſchöne Nachmittag hingekommen!“ „Ei, meine Liebe,“ entgegnete der Gemahl,„man glaubt gar nicht, wie ſich die Zeit hinweg ſtiehlt, die man ohne⸗Abſichten, ohne Berechnung hinbringt.“ Er ſtichelte damit auf die Befliſſenheit, womit ſie ſich um Albert bemüht hatte. Sie beſaß nämlich von Hofe her eine große Feinheit, Menſchen, auf die ſie es abſah, mit Artigkeiten zu behandeln, die nicht dafür gelten wollten und keine Erwiederung oder nur Aner— kennung verlangten. Der Graf aber, der ſie dafür kannte, ließ nicht leicht eine Gelegenheit vorüber gehen, 58 ohne ihre Fineſſen zu durchkreuzen, ſo oft ſie ihm, wie heute wieder, in ſeiner ſpaßhaften Laune ſchnöde begegnet war. Man hatte die Abreiſenden aus dem untern klei— nen Saal an den Wagen begleitet, und als dieſer da⸗ von rollte, führte Graf Albert die Mutter ins Geſell— ſchaftszimmer zurück, wo er ſich in vertraulichem Ge⸗ ſpräche zu ihr ſetzte. Ueber einige Familienangelegen⸗ heiten leicht hinausgehend, hätte ſie gar gern gehört, welchen Eindruck Eugenie auf ihn gemacht habe. Er ſprach ſich aber nur über ihre ſchöne äußere Entwick lung aus, und ſchien von dem Benehmen beider Eltern wenig erbaut. „Allerdings kann der Graf in ſeiner Art zu ſcher⸗ zen, manchmal recht unleidlich ſein,“ erwiderte ſie,„wie⸗ 1 wohl ich die Ungeduld meiner Freundin darüber auch nicht billigen will. Und heut zumal haben ſich Beide erdenklich bemüht, Dich mit ſolcher Liebenswürdigkeit zu empfangen. Aber Engenie iſt ein vortreffliches Mäd⸗ chen. Ich wünſche nur, meine Pathe recht bald dem väterlichen Hauſe entziehen zu können. Ihre Talente, ihr einnehmendes Weſen ſind berufen und wären ein rechter Gewinn für die große Welt, freilich an der Seite eines gleich ausgezeichneten Mannes, den ſie lieben und achten müßte.“ Albert ſchwieg, und die Gräfin hielt es heut für genug der Winke. 4 zul eute har. 59 „Du wirſt recht müde ſein, Albert,“ ſagte ſie. „Ruhe Dich ein wenig aus, ich ſelbſt bedarf ein Vier— telſtündchen Erholung.“ Sie verließ ihn und zog ſich auf ihre Zimmer zurück. Albert, wenn auch gerade nicht von ſeiner frühen Fahrt körperlich ermüdet, fand ſich doch in ſeiner Stimmung gedrückt. Sehr widerſprechende Empfin dungen, von denen keine ausbeben konnte, und eine die andere durchkreuzte, tönten in ſeinem beweglichen In⸗ nern durch einander. Auf einem Langſeſſel ausgeſtreckt, ſuchte er durch Nachdenken und Rückerinnerung ſeiner Stimmung be⸗ wußt und Herr zu werden. Schon daß er wider Er⸗ warten Geſellſchaft angetroffen, hatte ihn gleich gegen alles eingenommen, was ſich an ſeinen Empfang knüpfte, und hinterließ, auch als er nachher erfuhr, daß der Beſuch keineswegs ſeinem Empfang gegolten, eine kleine Abſpannung. Von Eungenien ſchien er wenig befriedigt, und wenn er vergangener Tage gedachte, wandelte ihn eine Leidmüthigkeit an. Ihre Lebhaftigkeit über Tiſch, dieſe übereilten Gedanken, einſeitigen Urtheile, leichten Anſichten, vorgefaßten Meinungen, mit Selbſtzufrieden⸗ heit vorgebracht und von den Eltern mit Zuſtimmung aufgenommen, hatten ihn eher verletzt, als erfreut, und 60 ließen ihn wenig befriedigende Entwickelung hoffen. So kam es ihm vor, als ob ihr früheres liebes Weſen als Kind ſich bloß in äußere Schönheit entfaltet und darin erſchöpft hätte. Und hinter all' dieſem wurden ihm nun ſo manche Andeutungen in den Briefen ſeiner Mutter hinſichtlich ſeiner künftigen Häuslichkeit durch das entgegenkommende Benehmen der Gräfin Dahn in Erinnerung gebracht, und bedrohten ihn mit ängſtlichen Verhandlungen. Welche ganz andere Seele hatte ſich ihm unerwar tet in der durchaus einfach edeln Erſcheinung der Gou⸗ vernante und in den wenigen Aeußerungen zu erkennen gegeben, die ſie aus Beſcheidenheit ihrer Stellung über Tiſche ſich erlaubt hatte! In ſo manchem, was er als Beobachtung und Lebensanſicht ausgeſprochen, ſchien ſie allein ihn verſtanden zu haben. Und wo die Andern den Enthuſiasmus belächelt hatten, mit dem er man⸗ ches Erlebniß erzählte und manches Vorhaben auszu führen hoffte, war ihm nur in Mariannens Blicken ein Mitempfinden, ein leuchtendes Erwarten begegnet, und ihr Erröthen hatte ihm etwas von der Sympa⸗ thie verrathen, die ſie mit ſeiner unbefriedigten Lage zu empfinden ſchien. Aber wo war ſie denn eben? Sie wird ſich auf ihr Zimmer zurückgezogen haben, dachte er, und plötzlich trat ihm ſein Begegniß mit ihr von dieſem Morgen 61 vor die Seele. Faſt lebhafter oder bewußter, als er es in jenen Augenblicken wahrgenommen, erblickte er in der Erinnerung Alles, was Marianne auf Tiſch und Stühlen liegen gelaſſen, und es ward ihm jetzt erſt recht klar, was ſie durch ſein Eindringen ſo verletzend empfunden hatte. Er faßte eine hohe Meinung von ihrem Zartgefühl, und nahm ſich vor, ſie durch Auf merkſamkeit zu ehren. Eben kehrte Marianne mit der kleinen Adele zu rück. Sie hatten, um ſich von dem langen, ſchwülen Mittagstiſche an der Abendluft zu erquicken, einen Lauf durch den Park gemacht. Albert erhob ſich aus ſeiner liegenden Bequemlichkeit, und das Schweſterchen hüpfte ihm in die Arme. „Aber, Comteſſe wir ſtören. Kommen ſie!“ ſagte Marianne franzöſiſch, und Albert erwiderte freundlich: „O laſſen ſie nur— das Vögelchen! Nicht wahr, Du willſt Dich wieder auf einen Zweig ſetzen? So komm nur!“ Er nahm die Kleine auf ſeine Kniee, und ſie ſchmiegte ſich müde an ſeine Seite. „Nehmen Sie nur auch Platz, Fräulein!“ ſagte er. „Wir bedürfen Alle einigen Ausruhens.“ „Zumal Sie, Herr Graf, von Ihrer Reiſe. Da⸗ rum wird es Ihnen wohl thun, ich nehme die kleine Unruhe von Ihnen fort.“ .- 62 „O ſehen Sie doch, wie ruhig ſich das Bachſtelz— * chen hält! Ich glaube, es ſchlummert ein. Wenn Sie mir aber doch wohl thun wollen—. Haben Sie dort am offnen Flügel geſpielt?“ „Ah, Herr Graf,— Sie lieben Muſik! Wenn es Ihnen wohl thut, unter Muſik auszuruhen 2 „Aber,— ich bin ſehr unbeſcheiden, liebe Ma— rianne!“ „Ach nein! Sie müſſen nur Nachſicht haben!“ Es war Mariannen ſelbſt erwünſcht, ſich aus ihrer Befangenheit hinter den Flügel zu retten. Sie ſuchte unter den Muſikalien, die reichlich auf einem Mahagonigeſtell lagen, ein Potpouri hervor, in welchem die ſchönſten Melodien aus bekannten Opern ſo geiſtreich und ſinnig an einander gewebt waren, daß darin gleichſam die Geſchichte eines liebenden Herzens mit all ſeinem Bangen und Hoffen, Zweifeln und Kämpfen, Jubeln und Verzagen, eine ausdrucksvolle Sprache fand. Marianne liebte dieſe Compoſition, weil ihr die einzelnen Melodien lieb waren; diesmal aber ſpielte ſie das Ganze mit höchſt eigenthümlichem Aus⸗ druck, indem ſie da und dort ihre eigene Empfindung hineinlegte, dann aber auch wieder aus Aengſtlichkeit ſich zu verrathen, zu ſehr eilte. Als ſie geendigt hatte, ſagte Albert, mit Hinweis auf die eingeſchlummerte Kleine, etwas leiſer: —— 63 „Sie haben mich recht angenehm überraſcht, Fräu⸗ lein Marianne. Die Melodieen ſind mir alle bekannt und doch in dieſer Aufeinanderfolge iſt es mir eine ganz neue Dichtung. Und recht ſchön, meiner augen⸗ blicklichen Stimmung ſehr zuſagend, beſonders in Ihrem „ zarten, ausdruckvollen Vortrage. Haben Sie herzlichen Dank! Ich freue mich darauf, zuweilen ſo ein echtes, inniges Lied zu hören. Was haben wir doch für un— endlich viele innige und ſeelenvolle Lieder im lieben Deutſchland! Jeder Gau, jedes Waldeckchen unſeres ſchönen Vaterlandes ertönt von beſonderen Worten und Weiſen des Herzens. Das fühlt man recht, wenn man aus dem unmuſikaliſchen England kommt. Aber — nun rechne ich gleich auf Sie, Fräulein Marianne! Ich liebe die Muſik, ich lebe gern in Muſik. Früher hat es mir immer ſchwer gehalten, ein ordentliches Quartett zuſammen zu bringen. Ich ſelbſt kratze nämlich ein wenig auf der Geige; mein ehemaliger Erzieher Heimberger aber ſpielt das Cello ganz vor⸗ trefflich und unſer Schulmeiſter im Ort handhabt ganz leidlich die Bratſche. Ich habe ſchöne Sachen für Clavier und Violin und Cello. Ach, wir wollen's uns prächtig machen. Ich denke, Sie verſtehen mich in all dergleichen. Wir wollen das ewige Boſton und L'hombre und Alles aus unſern Geſellſchaften hinausgeigen! Nicht wahr?“ 64 Er ſchwieg. Doch ehe Marianne, bewegt wie ſie war, etwas erwidern konnte, kehrte die Gräfin von ihrem Ruheſtündchen zurück, und Adele erwachte vom Aufſtehen des Bruders.—— Die nächſten Tage verliefen ziemlich ſtille. Der junge Graf richtete ſich nach ſeinem Geſchmack und, wie es ſchien, für einen längern Aufenthalt ein. Die Gräfin hatte die ſchöne Zimmerreihe nach dem See, die ſie bei Lebzeiten ihres Gemahls inne gehabt, freiwillig geräumt und dem Stiefſohn überlaſſen, der nun den Beſitz antrat und ſich nach ihrem ſtillen Wunſche verheirathen ſollte. Aber das Ueberladene, allzu Prunkhafte der Gemächer war nicht nach Al berts Geſchmack. Er nahm zwar die Räume an, wußte aber, unter dem Schein artiger Aufmerkſamkeit, einen Austauſch mancher Möbel und Verzierungen einzuleiten, die nach dem Wohlgefallen der Gräfin angeſchafft wa ren. So gewann er zu ſeinem Behagen die Zufrie⸗ denheit der Stiefmutter, die ſich ſo reſpektirt fand. Mit dieſer Zufriedenheit bemerkte ſie auch die An⸗ ſtalten, die auf ein längeres Verweilen Alberts hindeu⸗ teten. Sie brauchte nun nichts zu übereilen, und konnte mit deſto mehr Zuverſicht des Erfolges Albert und die Comteſſe in ihrer beiderſeitigen Annäherung gewäh⸗ ren laſſen, indem ſie ſich das Beſte von ihrem länd⸗ lichen Verkehr und von der Stimmung des Frühlings verſprach, der ſich ja, wie ſie meinte, nicht bloß in Knospen und Blüthen, ſondern auch in jungen Herzen rege und treibe. Beide ſchienen ihr, wie für einander geſchaffen: Beide im richtigen Verhältniß des Alters, durch körperliche Vorzüge einander anziehend, durch adlige Sitten einnehmend, und durch die Vortheile des Standes und eines bedeutenden Vermögens, das Albert beſaß, nach allen Seiten frei, gehoben, getragen für die glänzendſte Zukunft. Daß eine ſolche, wie durch höheres Geſchick beſtimmte Verbindung nicht zu Stande kommen ſollte, war ihr gar nicht denkbar, zumal jede weitere Beſorgniß gehoben ſchien. Ueber Tafel mit feſſelnden Reiſebekanntſchaften geneckt, hatte nämlich Albert mit ſeiner edeln Unbefangenheit erklärt, daß er viele lie⸗ benswürdige Damen, aber unter allen keine ihm wün⸗ ſchenswerthe kennen gelernt habe. So weit ſich die Gräfin in der adligen Nachbarſchaft umſah, ließ ſich auch kein Fräulein finden, das mit Engenien hätte wetteifern können. Eine unadlige Verbindung aber kam ihr bei Albert gar nicht in den Sinn. Und brachte ſie vollends ihr eigenes Intereſſe, worüber ſie mit Eugeniens Eltern im Reinen war, bei der gewünſchten Heirath in Anſchlag, ſo durfte dieſelbe gar nicht un— terbleiben. Dieſe erwartungsfrohe Zufriedenheit kam vor allen auch Mariannen zu gut. Allerdings fand die Gräfin Koenig, Marianne. I. 5 ihre Anſprüche auch von dieſer Seite auf das Schönſte befriedigt, ja übertroffen. Denn ſo gewinnend Ma⸗ rianne durch ihre Erſcheinung für ſich ſelbſt war, ſo tüchtig erwies ſie ſich ſehr bald als Erzieherin,— gebil⸗ det, um zu bilden, wie die Gräfin meinte. Adele hing vom erſten Tage an mit kindlicher Schwärmerei an ihr, und betrug ſich, von Mariannens Blicken und Winken beherrſcht, ſo manierlich, wie es die Mutter nur wünſchen konnte. Dieſe, eingehend, wie ſie ſich jetzt getrieben fühlte, wohnte mancher Unterrichtsſtunde bei, und erſtaunte über Mariannens Gabe, dem Kinde alles faßlich zu machen. Adele las offenbar das Franzöſiſche ſchon viel beſſer und behielt die feineren Wendungen der Sprache im Gedächtniß. Hätte die Gräfin ahnen können, welche Empfindung, welche Bewegung des Herzens die Gouvernante ſo befähigte! Es war, als ob die Selbſtbeherrſchung, womit Marianne ſich über dem neuen, hohen Gefühl ihrer Seele zuſammennahm, ihr auch eine neue Gewalt über andere verliehen hätte. Uebrigens war auch Adele ein gutartiges und nicht unbegabtes Kind, das bisher unter falſcher Behandlung, beſonders auch der Mutter, eine fehlerhafte Richtung genommen hatte. Die liebevolle Beſchäftigung Mariannens mit dem Kinde half ihr indeß doch nicht über die freudig⸗ängſt⸗ lichen Gedanken ihres Herzens hinaus. Die innigen Vorſätze, hinſichtlich ihres Benehmens gegen den Gra⸗ fen, jeden Morgen in ihrem Frühgebet erneuert, konn⸗ ten nur die Empfindungen wach erhalten, die Marianne eben zu überwachen ſuchte. Das Gefühl ſelbſt zu über⸗ winden, in welchem ſie ein ſo wehmüthig ſtolzes Glück empfand, fiel ihr nicht ein; ſie unterhielt den Kampf, weil ihr der Feind ſo lieb war, und zu keiner Stunde kehrte ſie von irgend einem Geſchäft in ihre ſtille Wohnung zurück, ohne daß ſie jenes Begegniſſes mit dem Grafen gedacht hätte. Seine edle Geſtalt ſtand vor ihr, die ſeelenvollen Augen ſahen auf ſie herab, und in ihrem Herzen klangen die lieben Worte wieder: „Mögen Sie in dieſen Zimmern recht lange ſo glück⸗ lich ſein, wie ich es war!“—— Graf Albert ſelbſt beſchäftigte ſich indeß mit ſeiner Einrichtung und mit Entwürfen für ſeine Zukunft. Dieſe Abſichten und die Vorſätze Mariannens gingen weit genug auseinander. Wer hätte ahnen mögen, daß ſie ſich begegnen könnten? Am erſten Morgen nach Alberts Ankunft ließ der Metropolitan ſich zur Aufwartung melden. Einem Manne, wie Delius, lag Alles daran, bei dem jungen Grafen, dem nunmehrigen Herrn der Beſitzung, gut angeſchrieben zu ſtehen. Beide kannten einander noch 5 nicht. Delius war erſt ſeit anderthalb Jahren, wäh⸗ rend Albert reiſte, an die Pfarrei gekommen. Albert hatte den frühen Beſuch nicht erwartet. Aus den Briefen ſeiner Mutter ſchwebte ihm eine be⸗ denklichere Meinung von dem Pfarrer und deſſen Rich⸗ tung vor, als ſolche beabſichtgt war. Er nahm ihn daher nicht an, ſondern ließ ſich als unangekleidet mit der Artigkeit entſchuldigen, er würde dem Herrn Me⸗ tropolitan noch heute den Gegenbeſuch machen. Es galt Alberten daxrum, ſich beim erſten Begeg⸗ nen mit einem Geiſtlichen von Einfluß bei ſeiner Mut⸗ ter und der Gemeinde ins rechte Verhältniß zu ſetzen, wozu er von ſeinem ehemaligen Lehrer, Pfarrer Heim⸗ berger, ein unparteiliches Urtheil über ihn erwarten durfte. Sein erſter Ausgang war nach jenem freund⸗ lichen Gartenhauſe, wohin vorgeſtern Marianne um dieſelbe Zeit ſich verirrt hatte. Heimberger ſah Alberten über das Brückchen her⸗ überkommen. Wie gern hätte er ihm aus der Garten⸗ thür die Hand entgegen gereicht: da jedoch verſchiedene Nachbarinnen um den Brunnen ſtanden, zog er ſich ins Haus zurück, um es Niemanden wahrnehmen zu laſſen, wie vertraulich ihn der junge Herr umarmen würde. „Ich war ſchon unterwegs zu Ihnen, Herr Graf“ — bemerkte nach den erſten freundlichen Begrüßungen der Pfarrer.— n 69 „Haben Sie meinen Vornamen vergeſſen, lieber Heimberger?“ fiel ihm Albert ins Wort. „Doch nicht!“ lächelte Jener.„Das Alphabet mei⸗ nes dankbaren Herzens fängt mit— Albert an. War unterwegs zu Ihnen, lieber Albert, ſage ich; ich beglei⸗ tete meine Frau, die unſere kranke Gevatterin beſucht; aber der Metropolitan Delius hatte zwanzig Schritte voraus, und ſo kehrte ich zurück. Es ſieht heutzutag viel weniger bedenklich aus, wenn zwei Aerzte, als wenn zweierlei Pfaffen zu einem kommen!“ „Ich hab' ihn auch nicht angenommen,“ lächelte der Graf.„Ich wollte erſt von Ihnen hören.— Den Briefen meiner Mutter nach iſt er ein wahrer Aus⸗ bund von Chriſtenthum. Nun ſagen Sie mir vor Allem,— auf welchem Packet iſt er denn ein ſolcher Muſterknopf?“ „Bei den Geiſtlichen unſerer fromm wirkſamen Par⸗ tei,“ lächelte Heimberger,„kann man nur auf die Knopfmacherarbeit des bei ihr giltigen Bekenntniſſes ſehen. Ob dies Bekenntniß auch im Packet ſteckt, oder nur auf demſelben, bleibt dahin geſtellt.“ „Alſo gehört Delius zu dieſer Partei? Ich dachte mir's wohl.“ „Ob er zu ihr gehört, weiß ich abermals nicht gewiß, aber er bekennt ſich zu ihr, und iſt darauf hin an dieſe Pfarrei geſetzt. Sie wiſſen ja, es liegen 70 hier umher verſchiedene Adelſitze, und zwiſchen denſel⸗ ben handirt ein bodenloſes Völkchen,— ich meine, das keinen Grund und Boden beſitzt, und daher ge⸗ fährlich ausſieht. Und dieſen Abgrund wollen nun un⸗ ſere Frommen mit Chriſtenthum ausgleichen, ſtatt mit Eigenthum.“ „Sehen Sie, mein lieber Heimberger, da bringen Sie mich nun gleich auf meinen Grund und Boden,“ erklärte lebhaft der Graf.„Ich trage mich nämlich damit, einen Theil meines Grundbeſitzes von Gottes Gnaden zur Verbeſſerung der Lage des bodenloſen Völkchens zu verwenden. Ich habe ja von Ihnen ge⸗ lernt, daß moraliſche Beſſerung erſt in bürgerlicher Verbeſſerung recht Wurzel faßt. Meine Beſitzung hat ausgedehnte Triften und Hutgerechtſame für eine zahl⸗ reiche Herde. Ich werde meine Schafe, wie jetzt die großen Herren ihre Soldaten, reduciren, und ein Theil meiner Triften wird Korn und Kartoffeln für nahr⸗ hafte Bauernhütten tragen. Wo jetzt junge Lämmer hüpfen, ſollen pausbäckige Bauernkinder gedeihen. So⸗ dann kommen aus unſern Bergwäldern lebhafte und unverſiegbare Bäche herab: hier läßt ſich mancherlei Mannfacturbetrieb anlegen, der mit Waſſerkraft billiger als mit Dampf arbeitet. Ich ſchwärme zwar nicht für das Leben einer Fabrikenbevölkerung, mein Freund, ich habe dies menſchenunwürdige Daſein nahe genug und „ 71 oft mit tiefer Betrübniß angeſehen,— dieſe Tauſende, die an Leib und Seele verkommen, um Das hervor⸗ zubringen, woran ſich dann, wie zur Wiedervergeltung, ihre reicheren Brüder und Schweſtern durch Putz und Tand abarbeiten. Der rohe Stoff, der Abgott der Ge⸗ meinheit, wird hundertfältig verfeinert, meiſt nur, um in glänzenden Theophanien auch edle Seelen, hohe Geiſter zu ſeiner Abgötterei zu verlocken und herabzuziehen. Ich weiß Das, aber ich weiß auch, daß der Stoff, auf rechte Weiſe verarbeitet und veredelt, unſer Daſein verſchönern und den menſchlichen Geiſt befreien kann, um höhere Gedanken zu faſſen. Meine Abſicht geht nicht weiter, als daß hier ein Theil von Dem fabricirt werde, was unſere Bauern brauchen; wogegen jene Ar⸗ beiter Das verzehren helfen, was der Bauer erntet. So bildet ſich durch Austauſch ein Wohlſtand, der dann ein beſſerer Boden für chriſtliches Leben wird, als es der jetzige Zuſtand der Bevölkerung um uns her iſt. Und ſo hoffe ich von meinem Schloß aus wirkſamer zu predigen, als es dermal, wie ich höre, von den Kanzeln geſchieht. Mit freundlichem Nicken die Hände reibend, ſagte nach einem Weilchen der bedenkliche Pfarrer: „Recht ſchön, recht lieb! Aber rechnen Sie denn auch dabei auf Ihre Standesgenoſſen und auf den nächſten,— den Grafen Dahn?“ „Auf dieſen vielleicht am wenigſten,“ antwortete Albert. Ich bin aber generös und laſſe ihn dabei ge⸗ winnen. Ich gebe ihm Gelegenheit zu einigen guten Wachtſtubenwitzen und feinen Antichambre⸗Bemerkungen. Sehen Sie, ſo vielſeitig ſind die Vortheile meines Vorhabens!“ „Deſto mehr wird die Comteſſe für den volksfreund⸗ lichen jungen Grafen ſchwärmen?“ warf mit ſchalkhaft forſchendem Blicke Heimberger hin. Anmuthig in den Seſſel zurückgelehnt, verſetzte Al— bert mit ſinnendem Lächeln: „Das heißt— ſeinem Beichtkind auf den Zahn gefühlt? Schwärmen! Du lieber Himmel, unſere jungen Damen können ja nicht mehr ſchwärmen! Oder — meinen Sie denn, dieſe weiten Gewänder, dieſe durchrippten Unterkleider wären zum Fliegen gemacht? Vielleicht, weil man die Falbeln— Volants nennt? Ach nein, zum Schwärmen haben unſere Frauen zu viel mit dem Stoffwechſel um ſich her zu ſchaffen; ſie ſtecken zu tief in einem Pantheon des Stoffes. Fiſch⸗ bein, lieber Freund, Fiſchbein!— Doch Ihre Frage meint eigentlich auch was Anderes, und— ich glaube, Sie haben richtig bemerkt. O, man— geht ja auch mit der Abſicht zu meiner Verheirathung deutlich, ver⸗ ſtändlich genug heraus, ſelbſt für den Fernſtehenden. Man beſchränkt ſich ja nicht auf heimliche Wünſche, — 73 auf ein zulächelndes Abwarten,— und nöthigt mich dadurch zu einem unverhohlneren Benehmen. Es hat mir eine unruhige Nacht gemacht, aber— ich bin kla⸗ rer, einiger mit mir ſelbſt geworden. Ich erwartete bei meiner geſtrigen Ankunft nicht empfangen zu wer⸗ den, und hatte gleich den Eindruck eines Entgegenkom⸗ mens. Die Comteſſe überraſchte mich doppelt: durch Schönheit und durch ein Mißfallen daran. Wie waren wir einſt einander zugethan! Allein, Eugenie in einer Penſion, ich auf Reiſen,— ich glaube, wir ſind ſehr auseinander gekommen! Ein großes Stück meiner durch⸗ reiſten Welt iſt zwiſchen uns gefallen, und wir haben unſere innere Richtung verändert. Werden wir uns wieder begegnen?“ „Begegnen?“ antwortete Heimberger mit Ernſt und Wärme.„Auseinandergehende begegnen ſich nicht. Und Umkehren, Eins dem Andern nacheilen,— wer von Ihnen Beiden wird es thun— aus Erkenntniß des Beſſern? Sie denken ſo Bedeutendes hier ins Werk zu ſetzen, und die Comteſſe ſchmückt ſich, um draußen in der Welt zu glänzen: wie wird ſich das übereinbringen laſſen? Ich weiß es nicht. Je nun! Thun Sie denn einmal Ihre erſten Schritte, und— ſehen Sie zu! Nur Eines möchte ich Ihnen ganz im Allgemeinen ſagen: wollen Sie glücklich werden durch die Liebe, mein edler junger Freund, ſo wählen Sie 74 ein Herz, das eine Welt für Sie aufgeben kann, oder eines, das eine Welt durch Sie gewinnt. Das Letztere wäre mir lieber; es erweitert, verdoppelt unſer Daſein und macht glücklich durch Beglücken. Es iſt das Glück einer Gottheit!“ „Das iſt es, ja das iſt es!“ rief der junge Graf. „Daran will ich feſthalten, und— Sie ſollen mir immer rathen!“ Er erhob ſich zu gehen, und bat die liebe Frau zu grüßen. Vielleicht fände er ſich den Abend zum Thee ein. Auf dem Gartenwege kam er noch einmal auf den Metropolitan zurück. „Er iſt einer von den ſchwachen, genußſüchtigen Menſchen,“ erklärte Heimberger,„die das Gute wollen, aber dem Böſen nie in den Weg treten, die nach un— ten ſtets gute Ermahnungen, nach oben aber nie eine Meinung haben. So erzieht er auch ſeine beiden Mädchen, die ihm mit loſen Worten und Witzen über den Kopf wachſen. Die Frau kocht vortrefflich, und der Herd, glaube ich, iſt auch der Altar ihrer ehelichen Liebe.“ „Gut! nun weiß ich ihn ſchon zu behandeln,“ ſagte Albert.„Ich möchte ihn für meine Abſichten bei der Mama und bei den Einwohnern nicht zum heimlichen Gegner haben.“ „O ſorgen Sie nur, ihm bei Ihren Arbeiten ein Gewinnchen in Ausſicht zu ſtellen, oder geben ihm dann und wann etwas für Arme und Nothleidende, für— die chriſtlichen Nächſten!“ Albert nickte lächelnd und reichte die Hand zum Abſchied. Siebentes Kapitel. Glück und Warnung. Als nach einer halben Stunde Graf Albert, von Delius bis auf die Freitreppe des hochgelegenen Pfarr⸗ hauſes begleitet, zurück kehrte, und am Schulhauſe vor⸗ über kam, erblickte er den Magiſter mit ſeiner jungen Frau im Garten, wo ſie Mariannen umher führten. Magiſter Klippmüller eilte herbei ihn mit Bücklingen zu empfangen. „Ich wollte Ihnen guten Tag ſagen, lieber Magi⸗ ſter,“ redete ihn Albert an,„und die neue Frau Ma⸗ giſterin begrüßen.“. Bei dieſen Worten nahm er gegen Marianne ge⸗ wendet, den Hut ab. „Ew. Gnaden bringen uns Glück in's Haus!“ verſetzte die junge hübſche Frau unter zierlichen Ver⸗ neigungen. „Ich will das Glück wenigſtens von Herzen mit⸗ begrüßen,“ antwortete Albert,„denn Ihr ſeht mir eben beide darnach aus, als ob Ihr's ſchon hättet.“ Es war die zweite Frau des Lehrers, aber— wie er behauptete— ſeine früheſte Neigung, als Chriſtine noch ein Schulmädchen geweſen ſei. Nach einigen theil⸗ nehmenden Erkundigungen fragte der Graf Mariannen: „Haben Sie ihm ſchon geſagt, daß wir wieder auf ſeine Bratſche zählen?“ „Verzeihung! Herr Graf, antwortete ſie bewegt,— ich habe, recht ſelbſtſüchtig, nur an mich gedacht,— nur mich empfunden. Der Garten erinnerte mich ſo lebhaft an die Umgebung des Schulhauſes in Nettlin⸗ gen. Nicht wahr, liebe Frau—?“ Sie reichte Chri⸗ ſtinen die Hand.— „In Nettlingen? Waren Sie dort?“ fragte Albert. „Im Garten meines ſeligen Vaters?“ erwiederte Marianna mit befangenem Lächeln, und eine wunder⸗ bare Bewegung ging in ihrem Innern vor. Als ob ſie mit dem Bekenntniß ihrer Herkunft all' ihre über⸗ müthigen Empfindungen und Träume verbüßen oder abthun könnte, ſagte ſie gehoben:„Ich bin ja eine Schulmeiſterstochter, Herr Graf!“ Aber dies Wort verklang doch leidmüthig, als ob ſie damit den ver⸗ borgenſten Schatz ihrer Zukunft für immer verwirkt hätte. Oder es drangen wohl auch ſo ſchmerzliche Fa⸗ milien-Erinnerungen auf ſie ein, daß ſie ganz ihre Faſſung verlor, und erſchüttert in die Arme der Schul— meiſterin ſank. Das Ehepaar und der Graf ſahen einander be⸗ troffen an, und Albert verſetzte: „O ja, Das bewegt unſer Herz tief, wenn man in der Fremde unerwartet an ſein glückliches Daſein, an das Paradies ſeiner Kindheit erinnert wird. Ich kenne Das, Fräulein Marianne, ich hab' es empfunden, zu⸗ meiſt in England, wo uns ſo viel Wunderwerke der Macht und des Reichthums befremden, hab' ich es empfunden, und empfinde es mit Ihnen.“ „O Sie ſind gut, Herr Graf!“ rief Marianne ſich aufrichtend und dieſer Deutung ihrer Worte froh. „Verzeihen Sie nur, liebe Freundin! Ich habe Sie recht erſchreckt, nicht wahr?—— Aber nun adieu! Die Frau Gräfin wird von ihrer Spazierfahrt zurück ſein. Adieu, lieber Herr Klippmüller! In ihrer Aufregung und Befangenheit kam ihr der Name lächerlich vor, und die innere Spannung ſchlug in Lachen um. Doch raſch, wie zur Abbitte, reichte ſie dem Lehrer freundlich die Hand mit den Worten: „Herr Magiſter, wollte ich ſagen. Nicht wahr, das hören Sie lieber?“ 2. Sie verneigte ſich mit anmuthigem Ernſt gegen den Grafen, der ſich nun auch mit den Worten empfahl: „Warten Sie, Fräulein, wir gehen ja denſelben Weg!“ Nun auch Das noch! Es war als ob das neue mächtige Gefühl der Liebe, das über Marianne ge⸗ kommen war, und dem ſie widerſtrebte, nun von allen Seiten ſeinen Angriff verſuche, ſich geltend zu machen und der ſtolzen Selbſtbeherrſchung einer Gouvernante zu ſpotten. Dieſe raſchen Wechſel der Empfindungen waren wie ein Sturm, der ihr Herz vom gewohnten Alltagsboden aufhob und ſchwebend fort trug. Dies ſprach ſich ſelbſt in der Haltung aus, mit welcher ſie an des Grafen Seite das Dorf entlang wandelte. Albert, mit dem herzlichen Tone des Vertrauens das er für Marianne gefaßt hatte, erzählte, wie er es im Pfarrhauſe getroffen habe. Sie hörte mit ſtrah— lender Freundlichkeit zu, aber ſie überhörte die Worte; ſie verſtand nichts, ſie dachte nichts, ſie fühlte nur das unausſprechliche Glück, Schritt mit ihm zu halten, — in eine ſonnige Welt hinein, nach dem Takt eines jubelnden Marſches, der von Flöten und Poſaunen— ſie wußte nicht ob aus hohen Lüften oder aus ihrem eignen Herzen erklang. Es waren keine Träume, keine Wünſche, nur das reinſte Glück des Augenblicks, was ihre Seele erfüllte. Die Nachbarn ſtanden umher, den jungen gnädigen Herrn zu erwarten, der von ſeinen Reiſen heimgekehrt war. Und als man ihn ſah, fragte man einander, ob er etwa verlobt ſei? Nur einige wußten von einer neu angekommenen Gouvernante. Halb vertraulich, halb ehrerbietig blickten ſie ihm ent— gegen: und wenn ſie rechts und links ſich verneigten, und der Graf nickte, und den einen oder den andern bei Namen nannte, lächelte Marianne und grüßte mit; es war ihr, als ob ſie einen Antheil an Dem hätte, was dieſe guten Leute verehrten; ſie glaubte noch nie ſo rechtſchaffene Bauern geſehen zu haben. In dieſer Empfindung ward ſie an der Wirths⸗ haustreppe einen elenden Menſchen von bettelhaftem Ausſehen gewahr, der mit tückiſcher Miene den Hut abzog. Sie redete den Grafen, der nach der andern Seite blickte, mit den Worten an: „Hier, Herr Graf,— der Menſch da iſt der ein⸗ zige, der nach einem Almoſen ausſieht!“ Sie hätte gern alle Welt beſchenkt, und hatte nichts bei ſich, und fühlte doch, es müſſe hier etwas Gräf⸗ liches geſchehen. Albert blieb ſtehen, maß den Burſchen mit finſterm Blick, und ſagte laut, den Umſtehenden zu Gehör: „Ich kenne den Leonard Hinkel, den„unnützen Lenerd,““ wie er weit umher heißt. Der hat meinem Vater Sorge genug gemacht mit ſeiner Faulheit, und 81 war dann doch im Frühjahr 48 der Erſte, der mit den Unnützen„theilen“ wollte, was die Fleißigen er⸗ ſpart hatten. Damals—! Du wirſt Dich erinnern. — Nur dem Fräulein, das Dich nicht kennt, verdankſt Du dies Almoſen.“ Er warf ihm ein Zehngroſchenſtück hin, und ſagte im Weitergehen: „Sie lächeln, Fräulein: finden Sie meine Aeuße⸗ rung zu hart?“ „Verzeihung, Herr GrafW! erwiederte ſie erröthend. Ich lächle über mich ſelbſt, über meine— vorlaute Albernheit. Ich war— an Ihrer Seite ſo erfreut über die Ehrerbietung dieſer guten Merſchen gegen Sie, daß ich gern auch dieſen Bettler ſemn hätte. Aber, ich habe die Lehre erhalten, daß man ſich nicht über ſeinen Lebenskreis erheben, nicht über ſeine Ord⸗ nung hinaus fühlen und denken ſoll.“ Mit lebhaftem, erfreuten Blick erwiderte Albert: „Sie nehmen das kleine Begegniß zu bedeutſam, zu hoch, Marianne! Nun ja! Sie vertreten die rein⸗ menſchliche Empfindung, und— wäre denn gerade das nicht innerhalb des Lebenskreiſes edler Frauen gethan? Gewiß! Nur daß wir Männer nicht immer ſo glück⸗ lich ſind, und es dürfen gelten laſſen, was liebens⸗ würdige Frauen in der Ordnung finden. Denn leider müſſen wir oft in die Unordnungen des Lebens ein⸗ Koenig, Marianne. I. 6 . 8 00 2 greifen, gegen die Störungen rein menſchlichen Da⸗ ſeins handeln, ſei es mit Thun oder Laſſen. Aber glücklich, wenn der Mann eine Lebensgefährtin, oder Freundin zur Seite hat, die ihn dann und wann des Menſchlichen mahnt, damit er nicht z hinausgehe; die— ſoll ich ſagen— ſeine Uhr zuwei⸗ len nach der Sonne regelt, wenn ſie im Alltagsleben uweit darüber zu ſehr abweicht.“ Wie ſie bei dieſen Worten das Brückchen über den Bach betraten, erblickten ſie den Wagen der Gräfin von der Höhe herabkommend. Der milde, heitre Tag hatte ſie mit Adelen weiter als gewöhnlich gelockt, und ſie war zu ängſtlich, um der Verſpätung wegen raſcher bergab zu uuak Marianne eilte auf ihr Zimmer, Hut und Shawl abzulegen.“ Sie drückte ſich einige Augenblicke, die Hände vor das Geſicht gepreßt, in die Sophaecke, ſich zu ſammeln, ſich ihrer ſelbſt zu beſinnen. Welches hohe, reine Glück hatte ſie genoſſen,— an der Seite des edeln, lieben Mannes zu wandeln, ihm äußerlich angehörig und innerlich von ihm ſelbſt erhöht im Au⸗ genblick, als ſie ſich ihrer Ueberhebung zu belächeln gehabt! Ach! rief es in ihrer Bruſt,— wird er für ſich ſelbſt auch die Gefährtin finden, die ihn im rechten Augenblicke an das Reinmenſchliche erinnert, ihm ſeine Werkeltagsuhr nach der Sonne des Ewigen richtet? 83 Sie ließ die Hände gefaltet in den Schooß ſinken, und ein ſeliger, feuchter Blick nach oben ſah wie ein Gebet für Alberts Glück aus.— Ueber Tiſche, da die Gräfin den Stiefſohn unge⸗ wöhnlich aufgelegt und mittheilſam fand, brachte ſie ihn endlich dahin, die ſchicklichen Beſuche in der Nach⸗ barſchaft zu machen, und gleich morgen mit Schloß Dahnſtein anzufangen. Ein Reitender wurde dahin ge⸗ ſchickt, den Beſuch anzumelden, da es die Familie liebte, für ſolchen Fall ein paar Gäſte zu Tiſche zu laden. Albert hatte bisher mit dieſen Beſuchen gezögert, und die Gräfin irrte vielleicht nicht, wenn ſie hinter ſeinem Vorwande, ſich vor allem behaglich einzurichten, einen kleinen Widerwillen zu bemerken glaubte, den ſie jedoch nicht im Entfernteſten auf die Conkeſſe bezog, ſondern nur dem Grafen Dahn in Rechnung brachte, mit deſſen Art zu ſpaßen und zu ſpötteln ſie ſelbſt gar wenig zufrieden war. Um unter dieſer Mißſtimmung Alberts ihre ge⸗ heime Abſicht auf die Comteſſe nicht in Gefahr ge⸗ rathen zu laſſen, hatte ſie bereits brieflich mit ihrer Freundin die Verabredung getroffen, einen Beſuch den der Graf in der Reſidenz zu machen hatte jetzt mit ihm vorzunehmen, die Tochter aber unter dem vertrau⸗ lichen Vorwande zurückzulaſſen, daß ein ſehr angeneh⸗ * 6 84 mer Mann, dem eine bedeutende Zukunft bevorſtehe, eine Neigung für Eugenie gefaßt habe und ſich um ihre Hand bewerbe. Die Gräfin wollte dann die liebe Pathe als Gaſt mit herüber nehmen. So hoffte ſie die beſte Gelegenheit und zugleich einen Sporn für Albert zur Bewerbung um die bereits ſo begehrte Schönheit zu gewinnen. Adele, die vor kurzem erſt auf Dahnſtein geweſen war, ſollte morgen nicht mit— genommen werden; ſo daß denn auch Marianne zurück bleiben mußte. Die Gräfin übertrug ihr insgeheim die Einrichtung zweier Zimmer für den Fall, daß etwa Comteſſe Eugenie mit herüber käme. Es war ein ungemein anmuthiger Aprilmorgen, an⸗ welchem Graf Albert mit der Mutter abgefahren war. Marianne ließ die beiden auf dem Flügel neben Ade— lens Wohnung noch übrigen Zimmer einrichten, und hielt dann, im Park umherwandelnd, eine franzöſiſche Stunde mit der Kleinen, als gegen Mittag Emmy, die ältere Tochter des Metropolitans, den Doctor Kohlhepp brachte, der als kürzlich beſtellter Amtsphy⸗ ſikus im Schloſſe ſeine Aufwartung machen wollte. Der Arzt von Geſtalt und Geſichtsbildung ein ganz angenehmer Mann bis auf ein grünlich helles Auge, das tief unter einer breiten Stirn hervorſtach, und für Mariannen etwas Unheimliches hatte. Auch entging ihrem Zartgefühl nicht, daß er in ſorgfältigem Anzuge 85 und mit unterwürfiger Miene gekommen, bei der Nach⸗ richt von der Abweſenheit der Herrſchaft ſofort ſeine ehrerbietige Haltung, wie ein umgeworfenes Gewand, fallen, und ſich in leichtfertigen Manieren gehen ließ. Und doch ſchien auch dieſe ſtudentiſche Schönthuerei, womit er der zierlichen, pikanten Emmy huldigte, mehr geſucht, als ſeinem Alter angemeſſen, und war vielleicht aus dieſem Bewußtſein von den lauernden Blicken be⸗ gleitet, mit denen er Mariannen im Auge hielt. Emmy nahm ſeine Zuthätigkeit mit jener ſchnippi⸗ ſchen Koketterie auf, die wohl einen blöden Jüngling leicht abſchreckt, für einen erfahrenen Mann aber, wie der Doctor war, eher etwas Herausforderndes hat. Emmy war allerdings eine anziehende Erſcheinung. Sie ſtand eben in jener duftigen, aufknospenden Ju⸗ gend, in welcher lebhafte Mädchen für geſetztere Män⸗ ner ſo reizend, als für die Aufmerkſamkeit derſelben empfänglich ſind, in jenem Alter, gegen welches die Neigung der Männer noch wie eine Tändelei mit dem Kind ausſieht, und mit ſpielender Miene nur um ſo täppiſcher und verwegener wird. Marianne, ungehalten über dieſen Verkehr, ſchickte Adelen mit den Büchern fort, und nun ſagte Emmy zum Doctor:. „Sie ſind ja ein Botaniker, Kohlhepp: ſehen Sie ſich doch einmal nach den fremden Gewächſen im 86 Treibhauſe um; ich habe dem Fräulein etwas zu ſagen, was Sie nicht zu hören brauchen. Aber erwarten Sie mich dann! „Um dieſe Zeit blüht die ſchöne Amarylllis, reizende Emmy, antwortete er, ich gehe einen Vergleich anzu ſtellen zwiſchen Dem, was ich verlaſſe, und Dem, was ich finde! „Da haben Sie ja einen rechten Verehrer, Emmy!“ bemerkte Marianne, als er entfernt genug war. „Es iſt ein artiger und ſehr geſcheiter Mann,“ er widerte ſie. Er kam hierher auf ſeinen neuen Poſten aus der Reſidenz und brachte Empfehlungen angeſehener Männer an Vater. Er hat ſeine Braut durch den Tod verloren. Sie konnten ſich nicht heirathen, weil er ſich zu gering ſtand, und— ich weiß nicht, was ſonſt noch vorgefallen iſt. Hier verbeſſert er ſich, und hofft auch als Arzt der gräflichen Familie das artige Fixum zu erhalten, das der frühere Doctor bezog. Und dann—.“ „Dann wird Fräulein Emmy die zweite Braut des Doctors Kohlhepp werden?“ „O Sie meinen!“ lachte das Mädchen.„Nein, ich glaube er ſchmeichelt mir ſo, um den Vater als Vermittler bei den Gräflichen zu gewinnen.“ „Beſte Emmy!“ rief Marianne verwundert,„ſo jung und ſo— nüchtern?“ „O Fräulein Weikart, gar nicht ſo nüchtern! Im Gegentheil, ich bin eine Schwärmerin, wie mir Vater immer ſagt. Aber dabei kann man doch immer die Welt kennen, und eine Pfarrerstochter hat Gelegenheit genug dazu. Sehen Sie, wenn man ſo viel Leute aus⸗ und eingehen ſieht, die zweierlei Geſichter machen, und wenn man ſeinen eigenen Papa morgens im Talar von der Kanzel hört und dann im Hausrocke bei Tiſch genießt; dann ſage ich Ihnen, dann—. Aber, Vater meint es doch ſehr ehrlich bei alle Dem. Sie wiſſen ja Fräulein, daß bei uns ohne officielle Chriſtlichkeit kein Paſtor mehr fett werden kann, wie Vater ſagt. Wahrhaftig! Aber— daß ich auch ſchwärmen kann, liebſtes, beſtes Fräulein:— wollen Sie wiſſen für wen ich eben recht ſchwärme?“ „Nun?“ Emmy warf ſich erröthend an Mariannens Hals und flüſterte ihr in's Ohr:„Für den Grafen Albert.“ Marianne erſchrak. Sie ſchob das kecke Geſchöpf von ſich, und blickte es mit mißbilligendem Erſtaunen an. Wie ward ſie aber noch mehr betroffen, als Emmy, unempfänglich für den Ausdruck dieſer vor⸗ wurfsvollen Miene, ſich in haſtigen Worten und mit ſtrahlenden Blicken über die Schönheit und Liebens⸗ würdigkeit des Grafen ausließ. War Marianne zuerſt über ſolch' ein unerwartetes 88 Bekenntniß erſchrocken, als ob ihre eigne heimlichſte Empfindung laut werden wollte: ſo ward ihr nun dieſe leidenſchaftliche Hingebung eines erwachenden Mäd⸗ chenherzens wahrhaft peinigend. Sie fühlte ſich durch die Gemeinſchaft ihrer eignen hochgetragnen Neigung mit den natürlichen Regungen eines verwahrloſten Ge⸗ ſchöpfes auf's tiefſte beſchämt. „Woher kennen Sie denn nur den Grafen?“ fragte Marianne etwas ungehalten, als Emmy ſchwieg und erwartungsvoll lächelte. „Er war bei Vater,“ antwortete ſie,„er hat uns den erſten Beſuch gemacht. Nicht wahr das iſt recht artig? Vater führte ihn in die gute Stube; die Mutter hatte wieder— ihr Zahnweh, heißt das, die ewige Küchenſchürze vor. Ich ſchlich neben an, und guckte durch's Schlüſſelloch gerade auf das Kanape, wo der Graf ſaß. Ich ſah, wie er lächelnd ſprach und den Vater ſo von der Seite anblickte. Welch' ein ſeelentiefer Blick, theure Freundin! Und ſeine Stimme— iſt lauter Herz,— ſo tief, ſo voll wie ein rechtſchaffenes Mannesherz!“ Dieſe Bemerkung ſtimmte ſchon mehr zu Dem, was Marianne bei des Grafen Blick und Ton ſelbſt empfunden hatte, und nöthigte ihr, ſo ſehr es ſie beunruhigte, einige Theilnahme für das argloſe Mäd⸗ chen ab. „Und denken Sie,“ fuhr Emmy fort,„er will den armen Hüttnern Stücke Landes von ſeinen Hutweiden ablaſſen und einige Gewerke anlegen, um den müßigen Händen, die im Sommer auswärts Arbeit ſuchen müſſen, dauernde Beſchäftigung zu geben. Vater war ganz hingeriſſen von dem Edelſinn des Grafen. Auch Vater ſoll dazu mitwirken und— ich weiß nicht welchen Vortheil davon haben. Aber er iſt nur in Beſorgniß, was die Frau Gräfin und der nachbarliche Adel dazu ſagen wird, oder ob man's auch in der Reſidenz gern ſieht.“ Eben kam Adele wieder zurück, und Marianne brach die Unterhaltung ab.——„Wir haben jetzt Muſikſtunde,“ ſagte ſie;„hoffe aber, Sie beſuchen mich bald wieder, gute Emmy. Sie müſſen ſich jetzt recht ernſthaft beſchäftigen, ihren kleinen Schwärmereien nicht nachgeben: Sie hatten ja Luſt zum Engliſchen? Nun, wir ſprechen einmal bald darüber! Adieu!—— Aber, noch Eins! Ich ſehe dort den Doctor auf Sie warten: ſeien Sie vorſichtig, liebes Kind! Er hat etwas Leichtfertiges in ſeinem Benehmen, und Sie müſſen ſich keine Unart von ihm gefallen laſſen, ſonſt verlieren Sie an Achtung bei ihm. Bemerken Sie nur,— er hat etwas Unheimliches im Blicke.“ „Glauben Sie?“ erwiederte Emmy, und ſetzte ver⸗ traulich und lächelnd hinzu:„Er iſt doch von den Strenggläubigen gar ſehr empfohlen. Vielleicht, daß er's nöthig hat, und in einen böſen Handel verwickelt war. Ich will auch nicht mit ihm gehen; ich will 1[74 ihm davon laufen Sie lachte muthwillig, und eilte hinter einer Gruppe junger Fichten fort.— Marianne aber be⸗ reute jetzt ihre übereilte Aeußerung. Wie gern hätte ſie dieſelbe wieder zurück genommen! Daran, daß ſie eine ſtille Wahrnehmung als Warnung für ein unbe⸗ dachtes Mädchen hatte laut werden laſſen, erkannte ſie nun ſelbſt, daß ſie an dem ihr erſt ſo abſtoßenden Weſen doch ein unerwartetes Intereſſe nahm.— Armes Ding, dachte ſie bei ſich,— ſo ſchön begabt, und mit ſo heißer Phantaſie und reizbarem Herzen ſich ſelbſt überlaſſen! So wenig behütet, daß es das Treiben jener Partei durchblickt und den ſchönen Glau⸗ ben an Wahrheit ſchon als Kind einbüßt! Inzwiſchen war Emmy wirklich mit mädchenhaftem Muthwillen dem lauernden Docter auf einem Seiten⸗ wege des Parkes entlaufen. Aber er holte ſie ſehr leicht ein, und da er ſie ſchelmiſch lachen ſah, ward er nur noch zudringlicher. Sie hüllte ſich mit kokettem Unwillen in ihr Tuch, indem ſie ſagte: „Kommen Sie mir nicht zu nahe, Herr Doctor Kohlhepp! Ich bin eben vor Ihnen gewarnt worden.“ „Gewarnt?“ fragte er betroffen.„Ha, von dieſer 91 Gouvernante? Wie kommt die Perſon dazu? Ich kenne ſie nicht: was kann ſie gegen mich haben?“ „Sie wird Schlimmes genug von Ihnen wiſſen!“ erwiderte die Schelmin.„Kommen Sie'mal daher, und ſehen mir in's Geſicht!“ Er that es; ſie blickte ihm in's Auge und rief dann mit affectirtem Schauer abgewendet: Hu, wahrlich, Sie haben etwas Unheimliches im & Auge! Gehen Sie fort, ich fürchte mich vor Ihnen!“ Der Doctor blieb betroffen ſtehen, und ſtarrte das muthwillige Mädchen an. Ihr ſchalkhaftes Lachen ſchien ihn jedoch nicht zu beruhigen. Erfunden von Emmy konnte dieſe Beſchuldigung nicht ſein, und da er weniger Mißtrauen in ſeine Blicke als in ſeine Er— innerungen ſetzen mochte, wendete er ſich mit Zweifel und Groll gegen das Schloß zurück, als ob er auf der Stelle Rechenſchaft fordern möchte. Es war aber nur der Gedanke, der ihm aufſtieg, ob ihm die Gou⸗ vernante bei der Gräfin nicht ſchaden könnte. Mit dieſer Unruhe folgte er Emmy, und begleitete ſie ſehr kleinlaut und verſtimmt. Achtes Kapitel. Verabredungen. Comteſſe Eugenie war nun wirklich mitgekommen, und hatte die beiden Zimmer bezogen, die von Ma⸗ riannens Wohnung durch das Schulzimmer der kleinen Adele getrennt waren. Am folgenden Morgen ließ die Gräfin Mariannen zum Frühſtück rufen, und empffing ſie ſehr freundlich, — zum erſtenmal mit dargebotner Hand. Sie ſchickte Adelen fort Eugenie zu rufen, und ſagte dann ver⸗ traulich: Ich habe Sie mit uns zu frühſtücken rufen laſſen, meine gute Weikart, um Sie der Comteſſe näher zu ſtellen. Meine Pathe iſt ein vortreffliches, ausgezeich⸗ netes Mädchen, und Sie begreifen, daß ich ihr gern all' das Gute gönne, das ſie im Umgang mit Ihnen noch gewinnen kann. Mit dem Franzöſiſchen 93 geht es ſchon, ob es gleich noch ein wenig das ſcharfe grammatikaliſche Gepräge zeigt, und der geſellſchaftlichen Glätte entbehrt. Doch, das muß eben die Geſellſchaft ſelbſt abſchleifen. Nun aber hätte ich gern, daß Sie ſich mit ihr des Engliſchen ein wenig annähmen. Mein Sohn, der ſonſt für das Engliſche ſchwärmte, hat ſich darin noch gar nicht hören laſſen, und weiß doch, daß Sie es reden. Er findet es wahrſcheinlich nicht paſſend eine Converſation zu machen, die kein Drittes zum Zeugen hat. Ich will ſagen, an der ich als dritte Perſon keinen Theil nehmen kann. Ich liebe dieſe quatſchelige Sprache nicht,— verzeihen Sie das häßliche Wort!— und ich bringe ſogar ein Opfer, wenn ich mich von der Unterhaltung ausſchließe: allein mein Sohn, der ſich für die Diplomatie berufen fühlt, geht vielleicht, unter den Beziehungen unſeres Hofes zu England, wieder dahin und Eugenie— liebt die Sprache, und wer kann wiſſen, wozu es ihr einmal gut iſt, ſie fertig zu reden. Ich höre ſie kommen. Stellen Sie ſich nur auf ganz unbefangenen Fuß mit ihr,— durchaus nicht als Gouvernante. Sie ver⸗ ſtehen mich ſchon!“ Eugenie trat ein, und eilte in die Arme der Gräfin. „Hier, mein Herzchen, ſagte dieſe, Mademoiſelle Weikert, die Du ſchon keunſt, und ich wünſche, ihr ſollt noch bekannter mit einander werden.“ . 94 Die Comteſſe reichte Mariannen die Hand, und ſagte ihr einige recht freundliche Worte. An geſell⸗ ſchaftlicher Anmuth fehlte es ihr nicht, und ſie hatte dabei den freundlichen Blick ihrer Mutter. Ehe aber Marianne dazu kam, etwas zu erwidern, erſchien Albert, und der alte Chriſtian trug das Frühſtück auf. „Ich habe eben eine Verſchwörnng gegen Dich au— gezettelt, Albert!“ ſagte die Gräfin in heiterſter Laune, „eine Verſchwörung von der ich mich aber ſelbſt vor⸗ ſichtigerweiſe ausſchließe, falls ſie etwa gefährlich werden ſollte. Die gute Weikart wird Dir im Roth⸗ wälſch der Verſchwornen die Eröffnung machen, und ich werde Euch dabei mit Kaffee bedienen.“ Der Graf neigte ſich mit fragendem Blick gegen Mariannen, und ſie antwortete mit ſchalkhafter Anmuth der Gräfin zu Gehör: „Ich bin zwar eine Mitverſchworene, Herr Graf, aber die Gefahr liegt, glaub' ich, auf Seite der Com— teſſe. Machen Sie daher die Cröffnung,“ ſetzte ſie gegen die Comteſſe, in engliſcher Sprache hinzu,„bitte! und übernehmen Sie die Gefahr der Anwerbung eines Mitverſchworenen!“ Eugenie erröthete, aber ſie folgte, nicht ohne gute Zuverſicht auf ihr Engliſch, der Aufforderung. Dies Selbſtvertrauen reizte Mariannen, ſo daß ſie ſich an der Beſprechung immer lebhafter und mit einem Wett⸗ 95 eifer betheiligte, hinter welchem ſich eine Mädcheneitel⸗ keit des Beſſerkönnens, vielleicht auch einige Eiferſucht des Herzens verſteckte. Albert hörte mit einnehmender Freundlichkeit zu, und warf dann und wann ein anregendes Wort ein. So entſpann ſich ein Geſpräch, unter welchem die Gräfin Mutter mit ihren hübſchen Augen räthſelnd und höchſt vergnügt am Munde der Comteſſe hing, während Albert bei den weniger engliſchen Wendungen und Betonungen Eugeniens zuweilen einen ſchalkhaften, einverſtandenen Blick auf Mariannen warf, wenn dieſe, Wort und Wendung der Comteſſe verbeſſernd, einfiel. „Aber Schade, liebe Mutter,“ brach endlich Albert das Geſpräch ab, recht Schade, daß Sie an unſerm Turnier keinen Antheil nehmen können!“ „Ich habe mich als Zuſchauerin eines Geſpräches doch recht gut unterhalten,“ erwiderte ſie.„Und was ſagſt Du zu unſerer lieben Eugenie, Albert?“ „Ich bin erſtaunt, wie muthig ſie ihren Engländer tummelt!“ antwortete er ſchalkhaft, ſetzte aber gleich und mit artiger Verneigung gegen Eugenie gewendet hinzu: „Wirklich, Comteſſe, Sie haben einen großen Wort⸗ reichthum, und müſſen nur darauf denken, Ihren Schatz mehr und mehr unter engliſcher Präge zu ver⸗ münzen. Ihr Engliſch klingt noch ein wenig zu ſehr 96 in der helleren deutſchen Luft: die engliſchen Vocale, wiſſen Sie, wollen immer wie durch einen guten alt⸗ engliſchen Nebel gehört werden.— Seitdem knüpfte Marianne gern mit der Comteſſe in engliſcher Sprache an, und die Gräfin⸗Mutter war voll gnädigen Wohlwollens für ſie. Die vortreffliche Gouvernante ihrer Tochter erſchien lihr zugleich als die beſte Vermittlerin ihrer Abſichten mit dem Stiefſohne. In dieſer Zufriedenheit mit ſich ſelbſt freute ſie ſich innig, ſo oft ſie nur engliſch reden hörte, und ahnte nicht, welche Wer ſehiwiernn ſie eigentlich gegen ſich ſelbſt und gegen ihren geheimen Plan angezettelt hatte. Albert nämlich, bei weitem nicht mehr, wie früher, für das Engliſche eingenommen, bediente ſich dieſer Sprache gegen beide Mädchen auf eine Weiſe, die un— überlegt mehr ſeine innere Entzweiung als ein Ein⸗ verſtändniß mit der Mutter beförderte. Es trieb ihn nämlich gar nicht, ein ernſtes Geſpräch mit der Com⸗ teſſe engliſch zu führen; er ſcherzte nur in dieſer Sprache mit ihr über Das, was ihm eben an ihr nicht zuſagte, und entfremdete ſich ihr dadurch in der fremden Sprache. Dagegen beſprach er gern mit Mariannen in derſelben Mundart alles, was ihn als beſonderes Anliegen beſchäftigte, und was er doch dem Verſtändniß derer entziehen mochte, bei denen er, wie bei der Gräfin Mutter, keine rechte Theilnahme vor⸗ voale, alt⸗ nteſſe war ffliche 8 die ſohne. e ſich ahnte ſich hatte. üher, dieſer e un⸗ Ein⸗ ihn Com⸗ dieſer m ihr in der nmit n als dem wie vor⸗ 97 ausſetzte. Und ſo vermittelte dieſelbe Sprache hier eine größere Vertraulichkeit, wozu ſpäterhin noch kam, daß Mittheilungen, oft ganz gleichgültiger Art, durch das Verſteck, das ſie ſuchten, einen heimlichen Weg zum Herzen fanden; während auch wieder das, was in der Mutterſprache zu herzlich geklungen, und die Sprechenden verſchüchtert hätte, in den fremden Accen⸗ ten alle Aengſtlichkeit ablegte. Indeß war es doch nicht dies zweideutige Engliſch, ſondern gerade das artigſte Deutſch Alberts, was ſehr bald die Gräfin Walberg zu beunruhigen anfing. Sie hatte zuerſt mit lebhafter Zufriedenheit bemerkt, wie auszeichnend und aufmerkſam ihr Sohn Eugenien, den lieben Gaſt, behandelte; bald aber kam es ihr vor, als ob Albert, anſtatt wie ſie es erwartete, nach und nach herzlicher und hingebender gegen die Comteſſe zu werden, ſich hinter die Formen einer beeifertſten Er⸗ gebenheit mehr und mehr zurückzöge. Unzufrieden mit etwas, was ſie an ſich nicht tadeln konnte, forſchte ſie dem Grunde nach, und kam auf die Frage, ob nicht in Eugeniens Betragen etwas liege, was Alberten un angenehm berühre, und ſie glaubte es bejahen zu müſ⸗ ſen. Dieſe im Benehmen und Urtheilen ſo unbefan— gene Zuverſicht eines Jungen Mädchens, das eben aus einer adeligen Penſion mit rühmenden Zeugniſſen ge kommen, ſich in der Welt zu fühlen anfängt, ſchien Koenig, Marianne. I. 7 98 der feinen Frau allerdings nicht gemacht, einem jungen Manne von gediegener Bildung und weltmänniſcher Sicherheit zu imponiren. Worüber eine ältere Dame wohlwollend lächeln konnte, mochte wohl dem ernſten Albert, der aus der beſten Geſellſchaft kam, wenig anziehend erſcheinen. Auch konnte ſich die Gräfin dar⸗ über nicht täuſchen, daß Eugenie gerade durch zu viel Selbſtvertrauen im Urtheilen manche Blöße der Ein ſicht und des Herzens gab. Sie entſchloß ſich daher die Comteſſe aufmerkſam zu machen, und that dies im nächſten vertraulichen Stündchen. Der Gegenſtand war zarter Natur für ein junges Mädchen, allein die Zu neigung Eugeniens für Albert war zwiſchen ihr und beiden Müttern ausgeſprochen, eine Verbindung des jungen Paares, ſo zu ſagen hergebracht, und man ſcheute ſich nicht, von einem Verhältniß zu reden, wo⸗ mit man Eugenien ſchon als Kind geneckt hatte. „Liebes Kind,“ ſagte die Gräfin,„du mußt dich in manchem Stück anders benehmen, wenn du Alberten gefallen willſt. Du biſt zu unbefangen, ſprichſt dich zu lebhaft aus. So liebenswürdig dies an ſich iſt, gefällt es doch nicht allen. Du haſt damit die jungen Offiziere von der Garde eingenommen, die Euch dein Bruder zuführt. Soldaten gefällt das Hervortretende, Herausfordernde, was ihnen einen Kampf anbietet, in dem ſie zu ſiegen hoffen. Albert aber iſt von ru⸗ 99 ungen higem Naturel, von nachdenklichem Geiſt, und liebt iiſcher mehr— was er auch künftig braucht— die feineren Dame Formen eines, nicht zum Kampfe, ſondern zum Un⸗ ruſten terhandeln führenden Lebensberufes,— ein freundliches wenig Zurückhalten, ein Errathen, und Errathenlaſſen.— dar⸗ Solch' ein Charakter wird mehr durch weibliche In⸗ u viel nerlichkeit, durch ſchüchterne, vertrauende Hingebung Ein⸗ gewonnen.“ daher„Aber, wie ſoll ich denn das machen?“ fragte die es im Comteſſe empfindlich.„Ich dächte, ein ruhiger, nach⸗ dwar denklicher Mann müſſe gerade gern ermuntert und e Zu⸗ angeregt ſein wollen. Wer ſagte doch neulich bei uns r und zu Hauſe: Ein Diplomat, der gute Geſchäfte machen g dos wolle, müſſe eine Frau haben, die ihm ſeine Gegner man gewinne, gerade eine recht lebhafte, einnehmende Frau.“ n, wo—„Ganz recht, Liebchen!“ erwiederte die Gräfin,„jetzt gilt es ggher, den Diplomaten ſelbſt, nicht ſeine Geg⸗ ich in ner zu erobern. Dein lebhaftes Naturel ſollſt du auch, bberten und kannſt es nicht ablegen. Du wirſt dich aber t dich damit erſt am Platze finden, wenn du an deinem ch it, Manne eine Poſition in der Geſellſchaft haſt. Jetzt aber⸗ pungen ſiehſt du, reißt dich die liebenswürdigſte Lebhaftigkeit H den zu manchen Urtheilen über vieles hin, was Albert erade beſſer weiß. Indem du es aber mit zu viel Selbſtver⸗ trauen thuſt, muß er beſorgen, in ſeiner künftigen Häuslichkeit Wiederſpruch, und Mangel an Ueberein⸗ 7 ſtimmung zu finden. Er zieht ſich bedenklich zurück, und bildet ſich eine falſche Vorſtellung von dir ſelbſt, und ſeinem häuslichen Leben mit dir. Viel beſſer, du ſprichſt fortan etwas ſchüchterner deine Meinungen aus oder noch beſſer, du fragſt zutraulich, und bitteſt an ſchmiegend um ſeine Belehrung. Sieh', das zieht ſolche Gemüther, wie Alberts an, und nimmt ein Herz gefangen, das bei vorlautem Weſen ſich leicht zurück— zieht. Warum ſtellſt du dich nicht mit deiner liebens⸗ würdigen Anmuth auf den alten Fuß euerer Kinder⸗ freundſchaft, und läſſeſt dich von ihm führen, und heben, wie er es einſt als ſtärkerer Knabe wirklich gethan hat?“ „Gnädige Tante,— ſo habe ich Sie ja damals auch: genannt!— Sie vergeſſen, daß eben Albert bei ſei⸗ ner Zurückkunft mich zuerſt mit Sie angeredet, und als Fremde behandelt hat.“ „Vergiß Du nicht mein Kind, wie das kam! Du warſt ihm unerwartet über die alte Erinnerung hinaus⸗ gewachſen. Deine imponirende Geſtalt, deine glänzende Darſtellung, die ganz neue Erſcheinung überraſchten ihn. Die Sprache der vornehmen Welt ſaß ihm noch auf der Zunge, und übereilte die Empfindungen ver⸗ gangener Jahre. Hätteſt du dich nur gleich gefaßt, und dagegen proteſtirt. Ich gab dir ja einen Wink!“ „Wie konnt' ich denn das!“ rief die Comteſſe mit 101 einer gewiſſen ärgerlichen Leidmüthigkeit.„Sie und die Mutter hatten ſoviel von der Zukunft geſprochen, daß ich ja mit der Vergangenheit in Verlegenheit kommen mußte. Ich war ja doch nicht groß geworden, und zugleich ein klein Mädchen geblieben. Und wenn die Vorzüge, in die ich hineingewachſen bin, und die ihn ſo überraſchten wie Sie ſagen,— wenn die mir ſeine Liebe nicht erobern konnten, ei nun,— als ſein ehe⸗ maliges Spielkamerädchen kann ich ihn doch nicht heirathen?“ „Darin haſt du Recht,“ lächelte die Gräfin,„und das iſt eine reizende Bemerkung, mein Liebchen! Komm, das verdient einen Kuß! Ei freilich müſſen deine Vorzüge die Sache machen, und ſie werden es auch, wenn ſie nur recht anſpruchslos wirken können. In dieſer Hinſicht iſt es mir auch ganz lieb, daß Albert muſikaliſche Abende vorhat. Er iſt ſehr empfänglich für Spiel und Geſang, und du biſt ausgezeichnet in beidem. Allerdings wäre mir's lieber geweſen, Albert hätte es bei ſeiner Violine zur Begleitung deines Spiels auf dem Piano gelaſſen, und dieſer Schul⸗ meiſter und Pfarrer Heimberger wären aus unſerem Salon weggeblieben; allein wir wollen uns durch ſeine Liebhaberei nicht verſtimmen laſſen. Ich erinnere mich daß auch bei Hofe zu den Konzerten der Fürſtlich⸗ keiten bürgerliche Virtuoſen gezogen wurden, und der 102 Hofmarſchall von Barchim ſagte mir damals mit ſei⸗ nem ironiſchen Lächeln: Die Muſik, meine Gnädigſte, hat das Vorrecht, Diſſonanzen zu löſen; muſikaliſche Noten, und Banknoten vertragen ſich mit Standes⸗ Intervallen.“ „Charmant!“ rief Eugenie, und die Gräfin fuhr fort: „Wir wollen uns ſogar eingeladene Zuhörer deines Spiels gefallen laſſen, um mit ihrem Beifall Alberts Herz zu bombardiren. Du haſt doch eingeübte Sachen mitgebracht?“ „Nur eingeübte!“ war die Antwort.„Dieſen Morgen habe ich La cascade von Paur vor der Weikart geſpielt: ſie hat ſich nicht wenig verwundert.“ „Die Weikart hat Geſchmack,“ entgegnete die Gräfin. „Wir wollen ihr recht freundlich ſein, mein Kind, und ich muß darauf denken, ſie nächſtens mit einem hüb⸗ ſchen Geſchenk zu erfreuen. Ich bin recht froh, eine ſo tüchtige Perſon bekommen zu haben. Man kann ſie überall brauchen. Ich glaube, wenn ſie von Stand wäre, ſie könnte charmant repräſentiren! Was lächelſt du?“ „Kann denn eine Bürgerliche nicht repräſentiren?“ fragte die Comteſſe? „Was denn repräſentiren?“ ſchalt die Gräfin.„Um zu repräſentiren miß man doch etwas ſein, Dumm⸗ köpfchen, du!“ Neuntes Kapitel. Begegniſſe im Walde. Aber ſonderbar, gerade dasjenige, was die Gräfin ſich als den Schlußaccord der muſikaliſchen Abende verſprach,— das Einverſtändniß eines liebenden Paa⸗ res, bildete die Verſtimmung, die Diſſonanz, die Al⸗ bert auf demſelben Wege, wenn nicht zu löſen, doch zu beruhigen hoffte. Er fühlte nämlich, mit jedem Tage beunruhigter, das Bemühen der Gräfin Mutter, von ſeiner Seite eine Annäherung, eine Erklärung mit Eugenien herbeizuführen. Die Art und Weiſe, wie ſie ihn auf jede Bewegung, auf jede Aeußerung der Comteſſe aufmerkſam machte, wie ſie den Takt und die Einſicht derſelben für die Formen der großen Ge— ſellſchaft rühmte, und ihm mit verſtohlener Vertrau⸗ lichkeit eine geheimnißvolle Bewerbung aus der Reſi⸗ denz um ihre Hand zu vermuthen gab, ließ ihm keinen 104 Zweifel über die ungeduldige Betriebſamkeit und Er⸗ wartung ſeiner Mutter. Dabei fiel ihm auf, daß Eugenie plötzlich den Ton gegen ihn geändert hatte, indem ſie ihn um eines und das andre befragte, eng⸗ liſch mit ihm leſen wollte, um die rechte Ausſprache zu gewinnen, und ihn dabei an dies und jenes ihrer früheren Kindereien und Spiele erinnerte,— alles mit einer Naivetät, die ihn für ſie ſelbſt verlegen machte, da ihre Unbefangenheit ſo erkünſtelt heraus kam. Unwillkürlich mußte er ihr Thun und Laſſen, ſo wie alles, was die Gräfin an ihr rühmte, mit Mari⸗ annen vergleichen, wenn auch nur, um ſich gegen zu⸗ dringliche Abſichten zu rechtfertigen, die ihn mit Ver⸗ legenheit und Verdruß bedrohten. Da fiel ihm immer wieder ein, wie ungern er gleich bei ſeiner Ankunft die Familie Dahn getroffen hatte. Der Beſuch war freilich, wie er nun wußte, ganz zufällig geweſen; um ſo geneig⸗ ter fand er ſich, den übeln Eindruck, den er zuerſt empfangen, als eine Ahnung des Mißverhältniſſes zu betrachten, in das er mit den Leuten kommen ſollte. Die Beſuche in der Nachbarſchaft, zu denen Albert zuerſt ſeine Zuflucht genommen hatte, ließen auch kein heitres Einverſtändniß mit ſeinen Standesgenoſſen er⸗ warten. Nach den flüchtigen paar Jahren ſeiner Studien und Reiſen glaubte er in eine umgewandelte Welt zu treten. Einige der adeligen Familien lagen mit der 105 Regierung im Streit wegen verſchiedener Gerechtſame, die zum Wohl des Landes in Anſpruch genommen wur⸗ den; andere, verſchuldet und in Sorge um das Fort⸗ kommen ihrer inzwiſchen herangewachſenen Söhne und Töchter, ſchmiegten ſich unter die Gunſt einer einfluß⸗ reichen Hofpartei, die mit engherziger, unduldſamer Rechtgläubigkeit nach weltlicher Macht ſtrebte. Indem nun der junge Graf nach beiden Seiten unabhängig auftrat, ward ihm von beiden mit mißtrauendem Rück⸗ halt begegnet. So fand er ſich hinter der frohen Erwartung her, mit welcher er die ſchönen Beſitzungen angetreten hatte, nur allzubald in und außer dem Hauſe verſtimmt und unbehaglich geſetzt. Es konnte für den ſinnbildlichen Ausdruck ſeines Bedürfniſſes befriedigender Lebensaccorde gelten, daß er mit Verlangen auf die Muſik verfiel, und Vorbereitungen zu muſikaliſchen Abenden traf. Ein paar regneriſche Apriltage dienten ihm ſeinen Salon dafür einzurichten und geeignete Stücke einſtudiren zu laſſen. Den erſten heitern Morgen aber benutzte er zu einem ſeiner letzten Beſuche. Auch die Gräfin nahm der lockenden Nachmittag⸗ ſonne wahr, um mit ihrem lieben Gaſt und Adelen auf einer weitern Ausfahrt einige alte Damen heimzuſuchen. Marianne benutzte dieſe freien Stunden, um bei Freund Heimberger ein Muſikſtück einzuüben, zu dem er ihr Klavierſpiel mit ſeiner Gambe begleiten ſollte. 106 Es lief vortrefflich ab, und ſie ſchlug einen Spaziergang vor. Heimberger wollte nur noch einen Geburtstags⸗ brief zu dem kleinen Geſchenke ſchreiben, das ſeine Frau eben für den Amtsboten verpackte, und ließ die Freundin einſtweilen vorauswandeln. Der bequeme Pfad führte den öſtlichen Höhenzug empor durch einen prächtigen Tannenwalt, der unter dieſer feuchtlauen Luft aus jungen Frühlingsſproſſen ſein balſamiſches Harz verhauchte. Die Sonne fiel gaukelnd zwiſchen den leiſe bewegten Aeſten auf den ſchwammigen Boden, aus dem bereits Orchideen und andere Wald⸗ pflanzen hervortrieben. Zwiſchen der hochſtämmigen Waldſteige und der links abſchüſſigen Wand junger, dicht verwachſener Fichten ſchlang ſich eng und enger der feſte Raſenweg hin. Die tiefe Einſamkeit ward gerade recht fühlbar durch die Stimmen einzelner Vögel, die ebenfalls ihr Frühlingskonzert einübten. Da, bei einer kurzen Wendung des Pfades, trat Mariannen, faſt ſchreckhaft, eine weibliche Geſtalt entgegen, auffallend durch ihren Anzug, der aus unzuſammengehörigen Stücken abgelegter Mode beſtehend, zwar ſauber gehalten, doch zu weiter Fußwanderung aufgeſchürzt war, wozu denn auch ein Strohhut mit vorragendem Schirm paßte. Die Frau wanderte mit einem Stock gerüſtet, der ihr dreifache Dienſte that: als Stütze beim Bergſteigen, als Haken einen mit Frühlingskräutern gefüllten Henkel⸗ 2 ℳ* korb Abt nich und trof une 107 korb abwechſelnd auf dem Rücken zu tragen, und zur Abwehr biſſiger Hofhunde, die eine ſo auffallende Geſtalt nicht leicht unangefochten vorüber ließen. Indem ſie bei Mariannens Anblicke ſtehen blieb und ihr entgegen lächelte, fühlte die Freundin ſich be— troffen von dem tückiſchen Ausdruck eines ſonſt nicht unebenen Geſichtes. „Schönen Tag, geehrte Mademoiſelle Gouvernante,“ rief ſie mit einem zierlichen Knix.„Das nenn' ich mir eine glückliche Beſcheerung, Ihnen hier zu begegnen! Ich habe mich von einem zum andern Tage genirt, Sie im Schloß zu beſuchen, und habe doch gar ein Anliegen und alles Vertrauen auf Ihr liebes, gutes Geſicht, Ich bin die Frau Schappers, wiſſen Sie; mein Mann war chirurgiſcher Barbier, und ich eine Zeit lang Hebamme in der Stadt. Nun bin ich kürzlich hierher gezogen zu einer alten, wohlhabenden Baſe, und ſehen Sie! ſammle da Kräuter für die Apotheker. Ich kenne das alles und verſtehe mich auch ſelbſt auf Thee und Salben und Latwerge zu bereiten für arme Leute. Ich laſſe mich auch als Krankenpflegerin finden, bin ſehr erfahren bei Wöchnerinnen, thue auch leidende Glie⸗ der verbinden und Augen operiren, heißt das Hühner⸗ augen, oder was man Leichdörner nennt. Sie werden ſolche wohl vom Hörenſagen kennen: ſo ein allerliebſtes Füßchen iſt davon wohl nicht im Beſitz. nd ſehen * 108 Sie, ich bin ſehr geſucht, und nur im gräflichen Schloß noch nicht empfohlen. Die hohen Herrſchaften aber, wiſſen Sie ja, machen aus jedem kleinen Gebrechen ein groß Geheimniß, und dabei ſteht man ſich beſſer. So ein ausgeſchnittenes Hühnerauge z. B., auf das eine gewöhnliche Bauersfrau kaum einen Silbergroſchen legt, wird an einem gräflichen Fuß nur mit einem preußiſchen Thaler zugedeckt. Nun, da wollt' ich Sie denn ſchön gebeten haben, ein gut's Wort beim Herrn Grafen für mich einzulegen. Es wird ſich ſchon ſo ein lieb's Viertel⸗ ſtündchen finden, wo er Ihnen nichts abſchlägt. Ich kenne das ja, und— wie ich Sie letzt mit dem aller⸗ liebſten jungen Herrn das Dorf herab kommen ſah, und Ihre lieben, lachenden Augen dazu, da wußt' ich gleich, wie das hangt und langt. Nicht wahr Sie— Gräfliche Gnaden—?“ Das ſchalkhaft freche Geſicht und kichernde Lachen des Weibes konnte auch die jungfräulichſte Seele, ſelbſt wenn ſie nicht ſchon, wie Marianne, im ängſtlichſten Gewiſſen ihrer Neigung gelebt hätte, nicht ohne Ahnung des Argwohns laſſen, der ſich in ſolchen Worten aus⸗ ſprach. Marianne erſchrak ſo heftig, daß einige Augenblicke lang ihr Herz ſtille ſtand. Sie wankte, und es war ihr, als empfände ſie einen Stich um den Knöchel des linken Wbes. Sie würde niedergeſunken ſein, hätte 4 4 we 109 das Weib ſie nicht am Arme gefaßt und aufrecht ge⸗ halten.—„Herz'ges Jungfräulein,“ ſagte ſie,„erſchrecken Sie nicht! Ueber meine Lippen kommt kein Sterbens⸗ wörtchen nicht! Ei, bei Leibe! Sie müſſen mich nur kennen! Entſetzt von der Berührung, mit einem tiefen Athem⸗ zuge der belebenden Waldluft, hatte ſich Marianne gefaßt, ſtieß den Arm der widerwärtigen Perſon von ſich und ſprach mit Entrüſtung: „Rühre mich nicht an! Fort, Elende! Ich verab⸗ ſcheue Deinen ruchloſen Wahnſinn!“ Sie eilte mit klopfendem Herzen weiter, doch nur wenige Schritte, und ſie brach in lautes Weinen aus. Frau Schappers ſah ihr betroffen nach, indem ſie, ihren Schnupftaback hervorlangend, vor ſich hin ſprach: „Hu, hu, was für hochbeinige Redensarten! Nun ja doch, ſeht nur: tritt ſie nicht wie eine Gräfin auf?— — Aber, Frau Schappers, das hat ſie ungeſchickt ange⸗ fangen, Sie alte Vettel! Recht plump und—! Und doch weiß ich nun, wie's eigentlich hangt und langt! die Mamſell liebt den jungen Herrn, und er mag ſie nicht! Da habt ihr's! Ich kann ihr das Zörnchen nicht übel nehmen!“ Indeß hatte Marianne den nahen Ausgang des Waldes erreicht, und der prachtvollſte Ausblick gab ihrem ſtürmiſch bewegten Herzen Anhalt und Erhebung. 110 Die Waldhöhe fiel rechts hinaus auf verwittertem Kalkfelſen jäh ab, und ſenkte ſich links in das Langthal, wohin der Waldweg hinab lief. Drüben, auf etliche Stündchen entfernt, zog im Wechſel bewaldeter Kuppen mit nackten Felsgipfeln das reizende Gebirge hin. Ein kleiner Fluß bewäſſerte das wieſenreiche Thal; man erblickte einige Dörfer, Meierhöfe zwiſchen Obſtſtücken und zerſtreute Vorwerke auf den Vorhügeln des Ge⸗ birges. Das friſche Grün der Saatfelder war von blühenden Rebsbeeten durchſetzt. Menſchen und Vieh 7 mit Ackern und Eggen beſchäftigt, brachten gelaſſ'ne Thätigkeit in dies Stillleben der Frühlingsnatur. Da wo ſich das Ganze in ein ſchönes Bild zuſammen⸗ faſſen ließ, ſtand eine bretterne Halle mit Tiſch und Bänken errichtet, um den Wanderer, oder eine kleine Geſellſchaft, gegen Sonne oder Wind geſchützt, im Aus— blick dieſer Herrlichkeit aufzunehmen. Auch Marianne, die es auf dieſe Einſiedelei abgeſehen hatte, ließ ſich da nieder, und eine wehmüthige Beruhigung kehrte nach und nach in ihre Bruſt ein. Die Sonne brach eben abſinkend in vollem Glanze hervor und ſetzte mit ziehen— den Häufelwölkchen den Gebirgsabhang in einen Wechſel von Licht und Schatten; ein ſanfter Abendwind durch⸗ zog mit duftendem Säuſeln den Tannenwald umher. Marianne überließ ſich all' dieſen Eindrücken, die ihr den ſittlichen Schreck ihrer Seels beſänftigen halfen. 111 Unter den wechſelnden Bildern dieſer ewigen Natur löſten ſich die Empfindungen eines wandelbaren Menſchen⸗ herzens, und das erſte herzlähmende Entſetzen ſchmolz in ein ſanfteres Leid. Der Schmerz einer edeln Seele über eigene Verletzung nahm unter dieſen erhebenden Anſchauungen etwas von Mitleid gegen die Menſchen auf, die eine reine, hohe Liebe ſo wenig faſſen können. Bald aber fühlte ſie ſich doch auch gedemüthigt, und erkannte den Argwohn jenes unglücklichen Weibes als eine Strafe für den heimlichen Stolz, den ſie an Alberts Seite empfunden hatte. Ihr ſtrahlendes Lächeln war damals in ein unreines Gemüth gefallen, durch ein Auge, das die Schmach ihres Geſchlechtes kannte. Oder— hatte die Bettlerin ihre Vermuthung vielleicht nur erfunden und ein eitles leichtfertiges Mädchenherz damit zu gewinnen oder zu locken geſucht? Es war etwas von Selbſtliebe dabei, daß Mari⸗ anne in dieſem Gedanken einige Beruhigung fand, ohne zu erwägen, daß jenes Weib dadurch um nichts beſſer wurde. Sie nahm ſich vor, Erkundigungen nach jener ſonſt vielleicht brauchbaren Perſon einzuziehen und ſie nach Befund derſelben dem ſtolzen Mitleid der Gräfin zu empfehlen. Darin wollte ſie eine chriſtliche Vergel⸗ tung üben.— Ihr ſelbſt aber ſollte das Erlebniß zur Warnung dienen, um im Verkehr mit dem Grafen doppelt behutſam zu ſein. Heimlich war ihr aber zu Muth, als ob ihr Albert noch theurer geworden ſei durch dieſe ſchmerzhafte Stunde, die ſie um ſeinetwillen gelitten hatte. Von fern läutete eine Abendglocke. Marianne erhob ſich und in's Freie herausgetreten, mit gefalteten Händen aufblickend hofſte ſie, der Himmel werde ihr beiſtehen, das Herz in ihrer Bruſt umzuwandeln, das in ſeiner thörichten Empfindung ſein unausſprechliches Glück fand. Und wie ſie nun ſich wendete die Halle zu ver— laſſen, erblickte ſie den ſanften Weg links herauf zwei Reiter kommen, und erkannte Albert mit Franz, ſeinem reitenden Diener. Sie erſchrak. Was war aber zu thun? Verſchwinden konnte ſie nicht, und der Graf hatte ſie ſchon erkannt, und grüßte von weitem herauf mit gelüpftem Hute. Es blieb ihr nur, ſich in unbe— fangener Würde zu faſſen. Und doch erröthete ſie, als ſie umher blickend ſich auf dem Gedanken ertappte, daß doch ja Niemand ihr bei dieſem Zuſammentreffen be⸗ gegnen möchte. „Alſo kennen Sie auch ſchon dies allerliebſte Plätz⸗ chen, Fräulein Weikart?“ redete Albert die Harrende an, und ſchwang ſich vom Pferde, das er dem raſch herangerittenen Diener mit den Worten überließ:„Reite nur langſam voraus!“ Mit ſichtlicher Aengſtlichkeit fiel Marianne ein: „Herr und Frau Pfarrer wollten nachkommen: Sie e 113 reiten ja dort vorüber, Franz, ſagen Sie ihnen doch, daß wir ſie erwarten.“ Und auf's Neue über dies ungeziemende„Wir“ be⸗ troffen, verbeſſerte ſie es mit:—„der Herr Graf ſie erwarte.“ Etwas in ſich gekehrt, die Hände rückwärts in einander gefügt, ſprach neben Mariannen wandelnd Graf Albert: „Wie ſchön, daß ich Sie abermal an einem lieben Plätzchen meiner Lebenserinnerungen antreffe! Mein Vater, wiſſen Sie, hat dieſe Halle geſtiftet, und— ach wie manches glückliche Stündchen hab' ich hier träumend oder mit einem lieben Buche hingebracht! Das Beſte von unſerm Göthe hab' ich da wieder und wieder geleſen, und die Weihe des höhern Lebens, das uns der Dichter ſo wunderbar aufſchließt, kam gerade hier recht feierlich über mich, wo von dieſer erhabenen Einſamkeit aus ein Abbild derſelben in der herrlichen Landſchaft unter mir lag. Oder— Sie lieben vielleicht Göthen nicht?“ „Doch, Herr Graf!“ antwortete, ihre Bewegung unter Lächeln verbergend, Marianne. Im Vertrauen dieſer heiligen Waldeinſamkeit darf ich bekennen, daß ich ſo unchriſtlich bin, Göthen zu leſen und zu lieben. Ja, er iſt meine Zuflucht in Freud und Leid, trägt mich in jener, erhebt mich in dieſem. Und wenn ich einmal ſo unglücklich bin, weder Freud' noch Leid zu haben, dann Koenig, Marianne. I. 8 —;—ꝛx———————— —— 114 erkenn' ich erſt recht, daß ich doch ihn habe, der alle Wüſten eines Menſchenlebens mit ſeiner ewigen Schö⸗ pfung ausfüllt.“. „O wie lieb iſt das!“ rief Albert.„Laſſen Sie mich Ihnen die Hand drücken für dies Bekenntniß, theure— darf ich Freundin ſagen? Aber hier bei uns ſollen Sie doch keine ſolche Stunden der Herzenswüſte haben, Marianne! Lieber will ich Ihnen gleich den ganzen vierzigbändigen Göthe in Saffian gebunden auf Ihr Zimmer ſtellen! Hilf, Samiel! werden dann gewiſſe Leute rufen. Wahrlich, am guten Willen unſerer From⸗ men liegt es nicht, daß nicht über Nacht eine chriſtliche Barbarei hereinbreche, wie ein Londoner Nebel, aus dem uns alle Menſchenverachtung und egoiſtiſcher Hochmuth feuchtkalt und ſteinkohlenſchweflich anhauche. O ja, ich habe ſchon auf meinen Beſuchen dies Rabenkrächzen zu hören bekommen, und werde meine Noth mit ihnen haben gerade da, wo ich etwas Humanes, etwas Chriſtliches in's Werk richten möchte. Doch davon ein andermal, Marianne! Ich möchte uns nicht den herrlichen Abend verderben, der— ſehen Sie einmal, wie er da mit Gold und Purpur ſtrahlend durch die hohen Schafte der Fichten glüht, wie ein Allerheiligſtes durch Tempel⸗ ſäulen.“ Sie blieben ein Weilchen ſtehen, und blickten in den Sonnenuntergang, ſchweigend zu dem Flüſtern, das wie ille Gebet durch die Düibten wipfel ging. Dann weiter ſchrei⸗ tend ſagte Marianne „Ich kenne ſcon etwas von Ihren edlen Abſichteu, Herr Graf, und kann mir denken, daß Sie auch mit Ihren Standesgenoſſen in Wideſrpruch kommen werden.“ „So? Sie wiſſen— und gewiß von mißbilligenden Stimmen?“ fragte er. Herr Graf, im Gegentheil von einer S „Verzeihung, kleinen Schwärmerin für Sie, von der Tochter des Metropolitans.“ „Ei, eine Schwärmerin aus dieſem Neſte?“ lächelte Albert. Schwärmen ſchwebend erhalten; wir Männer aber fallen „Nun ja, junge Mädchen können ſich ſchon im oft hart heraus, und werden lahm auf dem Boden des Wirkens. Was bleibt uns zuletzt gegen geſchloß'nen Widerſpruch übrig, als— Aufgeben!“ „Ich ſehe Sie mißmuthig, Herr Graf,“ ſagte mit innigem Ausdrucke Marianne.„Das ſchmerzt mich. Denn, wiſſen Sie, ich habe— aus den Fenſtern der Einſamkeit heraus, wo Sie einſt, ſagten Sie ja, Ihre Zukunft träumten, habe mich auf das Glück gefreut, das werden und wachſen zu ſehen, was Sie umher ſchaf⸗ fen wollen. O Sie dürfen Nichts, gar Nichts davon aufgeben, um keines Menſchen, um keines Königs willen. Welche Wüſte würde Ihnen dann übrig bleiben, welche Oede des Mißmuths, aus der Ihnen kein Göthe helfen 8* 116 könnte; denn Sie mit edelm Sinn und reichen Mitteln ſind ja keine verlaß'ne Schulmeiſterstochter, wie ich, die ſich muß auf fremden Schwingen tragen laſſen. Und dann,— vergeſſen Sie nicht: Das Beſte, was ein Menſch vermag, iſt er ſeiner Zeit ſchuldig.“ „Marianne!“ rief Albert. Woher haben Sie dies Wort? Doch nein, verzeihen Sie die alberne Frage! Ich wollte ſagen— Sie geben mir eine Loſung, und beantworten damit eine Frage, die ich eben an mein Mißgeſchick gethan hatte. Sehen Sie, als ich ſo recht ſchwer von Verdruß über meinen heutigen Beſuch und— über ſo Manches dort herauf ritt, rief es in meinem Innern: Und keine Seele, die dich verſteht und dir ver⸗ traut? In dieſem Augenblick treten Sie aus der bretternen Hütte hervor, und ich erkenne Sie. Ich denke mir Nichts dabei: es wird mir nur augenblicklich recht heiter im Herzen. Nun aber bringen Sie mir das be⸗ deutende Wort entgegen, die edle Parole, mit der ich den Ueberfall der Muthloſigkeit und eine Welt des Widerſpruchs beſiegen kann. Sehen Sie, darum fragte ich, woher Sie das Wort haben. O Sie haben es aus der Eingebung Ihres Herzens, und ich danke Ihnen. Wahrlich, das Beſte, was ich vermag, will ich der Zeit ſchuldig ſein!“ Wer weiß, wie weit noch im Einverſtändniß zwei ſo aufgeregte Herzen, beſondes unter der Begünſtigung 117 des dämmernden Waldes, gekommen wären, hätten nicht grüßende Stimmen das vertrauliche Paar erſt erſchreckt und dann erfreut. Heimberger und ſeine Frau riefen Guten Abend, und Marianne, tief aufathmend, eilte in die Arme der Freundin, entzückt, wie ſie ſagte, von dem herrlichen Abendhimmel. Albert aber, männlich unbefangener, ſprach ſich über den edeln Gedanken aus, den ihm Fräulein Marianne eben zur Aufmunterung ſeines Muthes geſpendet habe. Er erzählte, mehr leidmüthig als entrüſtet, ein unan⸗ genehmes Begegniß, das er heut' mit dem Baron Bardewitz gehabt, jedoch um der Ehrlichkeit des alten Polterers willen bei ſeinem Scheiden ausgeglichen habe. Nun kenne er aber das Mißtrauen und den lauernden Widerwillen ſo mancher ſeiner adeligen Nachbarn, und müſſe ſich auch noch auf die heuchleriſche Unſelbſtändig— keit der Landbeamten und auf die ſalbungsvolle Ge⸗ häſſigkeit der Landpfarrer gefaßt machen.—„Und wahrlich! man ſoll mich auch gefaßt finden!“ rief er aus. Ich habe hundertmal das ſtolze Wort gehört: Noblesse oblige; nun aber iſt mir auch ein Inhalt für dieſe vieldeutige Redensart gegeben. Was ich Gutes vermag, bin ich der Zeit, bin ich meiner nächſten Welt ſchuldig. Das iſt es!“ „Ja,“ verſetzte Heimberger und das iſt bei Ihren r m. perſönlichen und Glückesgaben viel. Sollte uns nun — — p — 118 aber dieſer Inhalt nicht auch auf den Begriff der noblesse zurückführen, wodurch wir den ganzen Umkreis der„Obligirten“, der Verbindlichen kennen lernten? Vielleicht dürften wir ſagen:— Die Bildung und Frei— heit, etwas Ideales im Leben zu verwirklichen, mache den Menſchen adelig?“ Nach einigen Augenblicken der Ueberlegung erwiderte Albert: Auch abgeſehen, lieber Heimberger, von dem Stan— 77 desadel, der auch ohne dies ſeine geſchichtliche und geſellſchaftliche Berechtigung hat, ſcheint mir Ihre Er⸗ klärung doch mehr nur die rein menſchliche Beſtimmung unſeres Lebens überhaupt zu bezeichnen. Das etwa, was der Engländer einen Gentleman nennt, was aber, ob es gleich die beſchränkte, abhängige Maſſe der Men⸗ ſchen ausſchließt, doch vielleicht noch nicht für einen abſonderlichen menſchlichen Adel gelten dürfte. Was ſagen Sie dazu, Fräulein Marianne?“— Man war eben aus dem Walde getreten und beging den ſanft abſchüſſigen Anger; unten ſchimmerte der See, und die dunkle Maſſe des Schloſſes lag im röthlichen Abendhimmel wie von einem Lichtkranz eingefaßt. Marianne antwortete bewegt, aber lächelnd: „Entſchuldigen Sie mich, Herr Graf! Ich fühle im Augenblicke, daß ich noch nicht einmal zu denen gehöre, für welche unſer lieber Freund Heimberger rei⸗ ache erte an⸗ und 119 noblesse in Anſpruch nimmt. Es fehlt mir aller⸗ wenigſtens an der dazu gehörigen Unabhängigkeit. Ich werde Alles geſagt haben, wenn ich um die Erlaubniß bitte voraus zu eilen: ich fürchte Ihre Gnaden die Frau Gräfin iſt vor mir zurück und wartet auf mich.“ Mit zierlicher Verneigung eilte ſie fort. Die Andern ſahen ihr lächelnd nach, und zum erſten Mal, wie es ſchien, machte die einnehmende Erſcheinung Marian nens,— ihre edle Geſtalt, der elaſtiſche Schritt, die ſchwebende Anmuth ihrer Haltung, einen bewußten Ein⸗ druck auf das Herz des jungen Grafen. Zehntes Kapitel. Ein Hauskonzert. — Schon der verſtorbene Graf, Alberts Vater, hatte als Freund und Kenner der Muſik zuweilen kleine Konzerte für ſeine oft zahlreichen Gäſte gegeben. Dazu war aber nie der große Geſellſchaftsſaal verwendet worden, deſſen überladene Verzierungen an Fenſtern und Wänden ohnehin auch die Töne der Muſik leicht verſchlungen hätten; ſondern die Geſellſchaft begab ſich zur rechten Zeit durch einige anſtoßende Spielzimmer nach einem hinteren, einfach eingerichteten Sälchen. Hier hatte denn auch Albert ſeine muſikaliſchen Abende angeordnet, und ließ die wenigen Zuhörer, die geladen waren, gleich hier einführen. Da er den Standesſtolz ſeiner Mutter kannte und ihr um ſo lieber mit Aufmerkſamkeit entgegen kam, als er in andern Stücken gerade ihren angelegenſten Wünſchen 121 auszuweichen ſuchte: ſo hatte er es ſo eingerichtet, daß die Gouvernante ſeine Gäſte empfing und unterhielt, bis alle beiſammen waren. Dann erſt brachte er ſelbſt die Gräfin am Arme geführt und von der Comteſſe und Adelen begleitet in den Saal, wo drei Seſſel für dieſelben, etwas rechts vor den Sitzen der Gäſte, bereit ſtanden. Auf einer kleinen Erhöhung war der Flügel zwiſchen den Pulten und Stühlen der Spielenden an— gebracht. Nur in Einem hatte es der junge Graf bei ſeiner klugen Abſicht verſehen: die vornehme Abſonderung der Gräfin bewirkte ſogleich eine Scheidung unter den Gäſten, die ſich denn auch nach einer eingebildeten Rangordnung in ihrer erſten Miſchung trennten. Der Metropolitan mit Frau und Töchtern zog ſich vom Pfarrer Heimberger und deſſen Frau,— der Amtmann vom Actuar und deſſen alter Mutter zurück; der Ma⸗ giſter mit ſeinem hübſchen Frauchen blickte rechts und links nach einem geeigneten Platze umher, indeß einige bürgerliche Gutsbeſitzer aus dem Ort und der Nachbar— ſchaft unbedenklich die hinterſten Stühle ergriffen, die wie die vorderen um kleine, runde Tiſche geſtellt waren. Marianne, ſobald ſie dieſe gerinnende Bewegung in der kleinen Verſammlung bemerkte und errieth, nahm raſch ihre Freundinnen, die Frau des Pfarres Heim⸗ berger und die anmuthige Magiſterin, am Arm und nöthigte ſie an das der Gräfin zunächſt geſtellte Tiſch⸗ chen. Nun wandelte nur der Doktor Kohlhepp, der in Folge ſeiner wiederholten Aufwartung im Schloſſe eben⸗ falls eingeladen war, geſprächig von einem zum andern Tiſchchen; nicht als ob er ſeinen angemeſſenen Platz ſuche, ſondern weil er Alle, Vornehm und Gering, für gleichberechtigt anſah gelegentlich einmal krank und von ihm behandelt zu werden. Nur die Gouvernante ver⸗ mied er, und warf zuweilen einen mißtrauiſchen Blick nach ihr, beſonders als ſie ſich ſehr vertraut mit Emmy unterhielt, um die er ſich fortwährend bewarb. Kaum hatte er endlich einen Sitz und von dem angebotenen Thee mit Backwerk genommen, als Mari⸗ anne an ihn herantrat und mit einer beſonders ernſten Miene ſich nach Frau Schappers erkundigte. Sie war von der Erinnerung an dieſe Perſon ſelbſt zu befangen, um der Betroffenheit des Arztes über dieſe Frage zu achten. „Frau Schappers?“ erwiderte er.„Wiſſen Sie Etwas von ihr?“ „Das nicht, Herr Doktor; aber ſie will bei der Herrſchaft empfohlen ſein, und hat ſich—“ „Hat ſich dabei auf mich berufen?“ fiel er beun⸗ ruhigt ein. „Auch das nicht,“ fuhr Marianne fort,„ſondern hat ſich zur gelegentlichen Krankenpflege angetragen. Nun ☛‿ wiſſen Sie, wie ſehr unſer Patient, der gute Kammer⸗ diener Horſt, der aufmerkſamſten Pflege bedarf, und ich habe bemerkt, daß die Dienſtboten, denen ſie auf⸗ getragen iſt, ihn ſehr vernachläſſigen. Könnte ich alſo wohl die beſagte Frau bei Ihro Gnaden der Gräfin als Aufwärterin empfehlen?“ „O merklich erheitert.„Die Frau iſt ſehr tüchtig und er⸗ ja, das. können Sie unbedenklich!“ verſetzte er, fahren. Ich kenne ſie ſchon von früher her aus der Stadt und aus der Klinik, und habe ſie ſelbſt bei ſchweren Kranken gebraucht— heißt das, beobachtet.“ Er brach raſch ab, als fürchte er über jene früheren Beziehungen Argwohn zu erregen, und Marianne ſagte: „Das iſt mir lieb zu hören. Der gute Vater Horſt liegt mir ſehr am Herzen, und ich will nachher mit der Frau Gräfin reden. Wird ſie es genehmigen, ſo laſſe ich die Frau gleich rufen, und Sie ſind wohl ſo gefällig und geben ihr draußen die nöthige Anweiſung.“ Eben war Pfarrer Heimberger herangetreten, ſie abzuholen.—„Wir ſollen anfangen!“ ſagte er, und führte ſie zum Flügel, neben den er ſich mit ſeinem Cello ſetzte. Das Piano hatte nur eine einfach anmuthige Be⸗ gleitung zu den reichen und ſchwierigen Sonatepaſſagen uder Kniegeige; die Gräfin ſprach ſich aber nur über arianne mit Lob aus, und zwar laut genug, um den 124 reſpektvollen Zuhörern Muth zu Beifallsäußerung zu machen, auf die ſie hernach für die Comteſſe rechnete. Dieſe wurde denn nach kurzer Pauſe von Albert an den Flügel geführt, wo ſie la cascade von Pauer ausführte. Kaum hatte ſie angefangen, als die Gräfin den Metropolitan zu ſich winkte.—„Vortrefflich, nicht wahr?“ flüſterte ſie.„Ein Kenner, wie Sie, weiß die Schwierigkeiten zu ſchätzen, die das Muſikſtück mit ſich bringt. Ich bin ſo ſtolz auf die Talente meiner Pathe wie eine Mutter, habe dabei aber den Vortheil es freier ausſprechen zu dürfen, als es ſich für die wirkliche Mutter ſchicken würde. Wir wollen ſie auch recht er⸗ muntern, damit ſie Muth faſſe.“ Delius ließ es denn auch nicht fehlen, und kaum hatte der letzte Accord ausgetönt, als er mit Hand und Mund den lauteſten Beifall aufregte. Er eilte der Comteſſe, wie ſie die drei Tritte der Bühne herab hüpfte, mit den Worten entgegen: „Ganz vortrefflich, gnädige Comteſſe! Man muß die ſchwierigen Paſſagen kennen, um zu erſtaunen, wie leicht, wie perlend Sie Alles vorgetragen. Und wie haben Sie das Hauptmotiv in ausdrucksvoller Weiſe hervorgehoben! Ganz zum Erſtaunen!“ Die Damen umgaben Eungenien mit einem Kranze von Lobesverneigungen, während die Gräfin Muts 1 den nicht kaum und 13 125 ihrem Sohne aufmunternd zulächelte.—„Das ſind charmante Abende, Albert!“ ſagte ſie,„die znüſſen wir recht oft wiederholen!“—„Aber, Liebchen,“ fuhr ſie gegen die Comteſſe fort,„biſt Du nicht zu müde? Ich höre von Albert, Du wirſt uns noch mit einem Geſang beſchenken?“ „Nur ein paar Augenblicke!“ bat Eugenie, und die Gräfin meinte, ob nicht die gute Weikart vorher etwas geben wolle. „Verzeihung, gnädige Mama!“ trat Albert dazwi⸗ ſchen,„das iſt zum Schluſſe beſtimmt, es eignet ſich zum Schluß; die brillante Arie der Comteſſe muß doch vorausgehen.“ „Ja, lieber Albert, komm'!“ rief ſich erhebend die Comtkeſſe. Dieſe vertrauliche Anrede, abſichtlos aus auf— geregter Empfindung und alter Gewohnheit entſchlüpft, befremdete Alberten, der ihr, ſeltſam lächelnd, die Hand 5 reichte. Marianne erblaſſte unbemerkt, und ein S D L tich ging ihr durch's Herz. ies Herz, ſo ſchweſterlich ge⸗ ſtimmt für alle, die Albert liebten, empfand einen Widerwillen gegen die Comteſſe, die wieder geliebt ſein wollte. Doch ehe ſie ihrer Empfindungen klar werden konnte, ſtand Eugenie neben dem Flügel, auf welchem der Magiſter die Einleitung der großen Arie aus Fauſt ſpielte, die ſie mit ſtarker, klangvoller Stimme ſang. 126 —₰½ Der Vortrag war ſchulgerecht, und weniger des Schmelzes, als des leidenſchaftlichen Ausdrucks entbeh⸗ rend. Der Geſang wirkte, wie er es überhaupt thut, noch lebhafter, als ihr voriges Clavierſpiel, auf die gemiſchten Zuhörer. Die Gräfin konnte zufrieden mit dem allgemeinen Beifall ſein, und ſie war in der That auf das Gnädigſte geſtimmt. Denn als der Magiſter zu ſeiner Frau trat, näherte ſie ſich ihr zu ſagen, wie viel Dank ſie ihrem Manne um der Comteſſe Eugenie willen ſchuldig ſei. Sie nahm dabei eine hübſche Vorſtecknadel von ihrer Bruſt, und reichte ſie Mariannen mit den Wor⸗ ten hin:„Stecken Sie doch dem guten Frauchen das aufgegangene Tüchelchen ein wenig feſter!“ Und der überraſchten Frau ſelbſt ſagte ſie freund⸗ lich:„Behalten Sie die Kleinigkeit zum Andenken an den ſchönen Abend!“ Zum Beſchluſſe des Konzerts führte Heimberger noch einmal Mariannen zum Flügel und begleitete ſie wieder mit ſeiner Gambe zu Schuberts Ave Maria. Dies Spiel war ganz gemacht, ein inniges Ent⸗ zücken zurückzulaſſen. Hiermit ſtimmte auch die Aner— kennung Alberts überein, der ſich mit zartem Takte gegen Marianne, ſo oft ſie etwas ſpielte, ſtets nur lobend über das vorgetragene Muſikſtück äußerte; wäh⸗ 127 rend er gegen die Comteſſe mit Artigkeit ihr perſön⸗ liches Leiſten hervorhob. Ein kleines Abendbrot mit Wein wurde umher ge reicht, und belebte die verſchiedene Unterhaltung an den Di getrennten Tiſchchen. e Gräfin brachte es in ihrer Umgebung auf die Hausmuſik in England, und Albert ſcherzte über die bewußte Befliſſenheit der engliſchen Familien, Muſik auch ohne Talent zu treiben, und den Muſiker von Profeſſion gut zu bezahlen, ohne ihn fein ſinnig zu behandeln.— Dem Volk im Ganzen, meinte er, geht gar ſehr der rechte Sinn für die idealen Künſte ab. Die Vornehmen ſind reich, ſie kaufen das Schöne, und ſchätzen es nach dem Beſitze; mit dem Künſtler finden ſie ſich durch die Bezahlung ab. Den Geſchäftsleuten aber, deren Arbeitskraft in Er⸗ ſtaunen ſetzt und erſtaunliche Gewinnſte bringt, geht leicht der Begriff und die Schätzung für das Kunſt⸗ werk aus, das ja den Sieg des Gedankens über die Arbeit feiert, und ſo achten ſie den Künſtler gering, der nicht recht arbeitet, und doch gutes Geld verlangt. Reichthum und Nützlichkeit ſtehen begreiflich in höchſter Geltung bei einem Volke, das ſich mit vieler Selbſt gefälligkeit ein praktiſches Volk nennt. „Und, nicht wahr, der Unterſchied der Stände iſt da noch ſehr reſpectirt?“ fragte die Gräfin.„Ich meine, anders als in Frankreich. Iſt es nicht ſonder⸗ 128 bar, daß wir die gute Conoerſation noch gern fran⸗ zöſiſch machen, während doch dort die gute Geſellſchaft — wie ſoll ich ſagen 2 Sie ſah bei dieſen Worten zufällig Heimbergern an, den ſie ſonſt nicht leicht in die Unterhaltung zog, und er verſetzte lächelnd: „Ew. Gnaden könnten vielleicht, wenn auch anders gemeint, ſagen was jener Ruſſe, der von Paris nach Petersburg zurückkam, einer Fürſtin, die ihn fragte, wie ihm dort die gute Geſellſchaft gefallen habe, antwortete: Pour la bonne Société, Madame, je ne la con- nois pas; mais la mauvaise est excellente.“ Man lachte, und der Metropolitan, um in der Unterhaltung nicht zurück zu bleiben, rief mit Salbung. Ja, jene chriſtliche Ordnung in der menſchlichen Geſellſchaft, nach der Ew. Gnaden fragen, verſchwindet dort mehr und mehr. Hoffentlich aber haben wir uns unabhängiger in der Nachahmung einer Nation gemacht, deren Herrſcher nicht mehr— der allerchriſtlichſte heißt. „Allerdings, liebe Mutter,“ ſprach Albert,„wird die hohe Ariſtokratie nirgends mehr, als in England reſpectirt; allein Sie wiſſen ja auch, daß das Bürger⸗ thum dort in die Ariſtokratie emporwachſen kann, und die Ariſtokratie wieder Abſenker in bürgerlichen Boden wachſen läßt. Uebrigens liebt man es jetzt bei uns, manches als chriſtlich zu bezeichnen, was ſich eben h fran ſchaft n an, „und 129 nur in chriſtlichen Jahrhunderten ausgebildet hat, ohne gerade im Weſen des Chriſtenthums zu liegen. Wie wollte man den Standesunterſchied der Menſchen chriſt⸗ lich nennen, da doch das Chriſtenthum eine Gleichheit aller Menſchen lehrt?“ „Freilich eine Gleichheit vor Gott!“ bemerkte Heim⸗ berger,„nicht im Staat und in der Geſellſchaft.“ „Und wenn Sie mir eine Bemerkung erlauben,“ wendete Marianne flüchtig erröthend ein,„ſo ſind die Menſchen nicht einmal in ihrem Verhältniß zum Gött⸗ lichen einander gleich, weder an Tiefe der Erkenntniß, noch an Innigkeit der Verehrung. Eine Gleichheit der Menſchen vor Gott kann mithin nur bedeuten, daß⸗ weder die verſchiedenen Vorſtellungen, die ſie ſich von ihm, dem durchaus Unbegreiflichen bilden, noch die ver⸗ ſchiedenen Formen unter denen ſie ihn anbeten, in ſeinen Augen einen Unterſchied machen. In dieſem Sinne läßt Goethe ſeinen Paria beten: „Aber du, du ſollſt uns achten, Denn du könnteſt Alle ſchelten!“ Während auf dieſe Worte der Metropolitan, mit Hinblick auf die Gräfin, lebhaft mißbilligend den Kopf ſchüttelte, rief Albert: „Ganz recht, Fräulein Weikart! Wir werden mit⸗ hin auch in der höchſten Region unſeres Daſeins auf die urſprüngliche Ungleichheit der Menſchen in ihren Koenig, Marianne. I. 9 130 Gaben und Neigungen, in ihrer Kraft und Richtung hingewieſen. Dieſe natürliche Ungleichheit bringt dann für das Zuſammenleben der Menſchen auch eine Un⸗ gleichheit ihrer Leiſtungen und Bedürfniſſe mit ſich und führt ſo zu einer Ungleichheit der Stellung, der Bil⸗ dung, ja ſelbſt deſſen was man Glück nennt, und was meiſt mit Takt und Thätigkeit eines Menſchen inniger zuſammenhangt, als man es bemerken kann; ſo daß wir eher uns ſelbſt, als das Glück blind nennen ſollten.“ „Ganz einverſtanden, Herr Graf!“ fiel Heimberger ein.„Ich bin auch gar nicht für eine mißverſtandene „Gleichheit“ mit ihren wunderlichen und verwerflichen Anſprüchen, mit denen alle Selbſtbeſcheidung und Zu⸗ friedenheit aus der Geſellſchaft der Menſchen zu ſchwin⸗ den droht. Keiner will mehr den natürlichen und noth⸗ wendigen Unterſchied der Stellung im Leben anerkennen, wenn es darum gilt, ſich mit dem mehr oder minder beſchränkten Antheil an den Lebensgütern und Berech⸗ tigungen zu begnügen, der mit jedem Stande verknüpft iſt. Der gemeinſte Arbeiter, der vielleicht von einem einzigen Handgriff oder rohen Werkzeuge lebt, aber einen Paletot, ein Beinkleid nach demſelben Zuſchnitte trägt wie der Baron, der Banquier, der Profeſſor, wundert ſich oder murrt, daß er nicht auch gleiche Ehre, gleiche Genüſſe und Vortheile im Staatsleben haben ſoll, wie dieſe. Dadurch, daß man aufhört in den 780 tung dann dene lichen Zu⸗ hwin⸗ noth⸗ Sitten, Gewohnheiten und Rechten ſeines Standes das äußere, achtbare Maaß für ſeine Bedürfniſſe und An⸗ ſprüche feſt zu halten, entſteht das moderne Proletariat, das für ſeine Einbildungen und Gelüſte Maß an ſeinem Egoismus nimmt, in deſſen Natur es liegt, ſich in nichts zu beſchränken und keine Schranken anzuerkennen.“ Nach einem Weilchen ſagte Marianne: „Wie aber dann, wenn ein Menſch nicht mit ſtraf⸗ barem Begehren nach fremden Rechten, Ehren und Genüſſen, ſondern im Gefühl ſeiner Talente, ſeiner Kraft und Bildung über die Schranken ſeiner unterge⸗ ordneten Stellung hinausſtrebt?“ „Da treffen Sie den Punkt, auf den es ankommt,“ verſetzte mit beifälliger Geberde der Graf,— den Punkt von dem nicht mit Unrecht die Beſchwerden ge⸗ gen die Einrichtungen im Staat, gegen die Vorurtheile der Geſellſchaft ausgehen,— Ueberlieferungen, die beiden zum Nachtheile gereichen. Solchem Streben muß Raum gegeben werden; die Stände müſſen ge— ſchloſſen, aber nicht ausſchließend ſein. Von Natur ſind die Menſchen ungleich, aber mit der Natur ſind ſie es nicht. Gibt man zu, daß die Glückſeligkeit des Menſchen in der Uebereinſtimmung ſeines— ich muß mich ſo ausdrücken— ſeines Genius mit ſeiner Le bensaufgabe beſtehe: ſo hangt alles von der Erkenntniß ſeines Berufs und der Wahl ſeines Standes ab. Wahl 9* 132 muß mithin eben ſowohl gegeben ſein, als Selbſtbeſchei— dung neben derſelben geboten bleibt. Indem aber der vergnügte Sprecher die Ungeduld der Gräfin bemerkte, ſetzte er raſch hinzu: Aber, ihr Herren, wir vergeſſen dabei, daß es 77* auch eine Selbſtbeſchränkung für die Converſation gibt. Nicht wahr?— Liebe Mutter—!“ Die Gräfin hatte ſich erhoben, und gab das Zeichen zum Aufbruch. Albert bot ihr den Arm, die Com— teſſe ſchloß ſich zu ſeiner Linken an, und Marianne folgte mit Adelen. Hinter ihnen hörte man Heimber— ger ſagen: Und ja wohl bleibt bei aller Freiheit im Staat, bei aller Bildung in der Geſellſchaft noch immer an den Sympathien und Antipathien der Menſchen, an der Ungunſt der Zuſtände im Gemeindeleben, an der Unberechenbarkeit der Weltereigniſſe gar viel und vie⸗ lerlei zurück, was auch den Beſten und gerade dieſen eine traurige Selbſtbeſcheidung, ja das ſchmerzlichſte Entbehren auferlegt,— ein Feld für die ausgleichende Liebe. „Das iſt es, Herr Collega!“ antwortete Delius halblaut.„Ich war immer der Meinung, daß der Demokratie der bethörenden Gleichheit nur die Dia⸗ konie chriſtlicher Liebe entgegen wirken könne.“ „Die Nächſtenliebe, Papa!“ flüſterte Emmy, und machte ſich mit dem Ellbogen breit gegen den heran— tretenden Doctor Kohlhepp.— Marianne kam bewegt auf ihr Zimmer. Das Fenſter nach dem Parke ſtand noch geöffnet, und ſie Der Vollmond ſpielte in blickte träumeriſch hinaus. den ſanft bewegten Wipfeln der Bäume. voll wie er, webte der Gedanke einer ausgleichenden Geheimniß⸗ Liebe in den aufſteigenden Empfindungen ihres Her⸗ zens, und ſie athmete mit der milden Frühlingsluft in tiefen Zügen eine freudige Sehnſucht ein. Aus einem entfernten Gebüſche ließ ſich zum erſtenmal eine Nachtigall hören. Marianne erſchrak ordentlich, als vernehme ſie einen Zuruf, daß ſie verſtanden würde.— Elftes Kapitel. Bei Heimberger. Der heitere Abend hatte doch am andern Morgen bei der Gräfin einen kleinen Niederſchlag verdrießlicher Stimmung hinterlaſſen. Sie blieb auch nicht unklar über den Grund ihrer Unzufriedenheit. Die Bewir⸗ thung einer ſo gemiſchten Zuhörerſchaft war urſprünglich nicht nach ihrem Sinn geweſen, und nun fand ſie ſich darin beſtätigt:— es war ja wirklich etwas daraus hervorgegangen, wozu der Abend nicht beſtimmt ge⸗ weſen,— eine ungehörige, verwilderte Converſation, wie ſie es nannte. Sie erinnerte ſich einer Aeußerung ihres alten Freundes vom Hofe her, des Hofmar⸗ ſchalls von Barchim, auf deſſen kluge Gedanken oder abſonderliche Einfälle ſie ſich mit Vorliebe berief.— Die Menſchen haben vieles mit den Hunden gemein, hatte er behauptet: wenn man ſie hinter den Ohren kraut, kuſchen ſie, giebt man ihnen aber zu freſſen, ſo werden ſie überluſtig. Gebt euern bürgerlichen Gäſten Muſik zu hören; aber ohne Bewirthung; denn die Menſchen ſind wunderliche Geſchöpfe: wenn man ſie füttert, werden ſie gemüthlich, und geben zum Dank für das, was ſie ſchlucken, das tollſte Zeug von ſich; ja ſie laſſen, wenn ſie dabei auch noch zu trinken bekommen, alles hoch leben, was man viel lieber heut als morgen zum Kuckuk wünſchen möchte. Schon den Gegenſtand der Unterhaltung fand ſie verwerflich. Den Unterſchied der Stände, die hohe Geltung des Adels, ſollte man gar nicht prüfen und aus Gründen billigen, ſondern als beſtehend mit Still⸗ ſchweigen anerkennen,— veneriren, nicht philoſophiren. Darin halte ich es mit dem Papſte, meinte ſie:— man ſoll meine Lehre gar nicht als vernünftig beweiſen wollen, man ſoll ſie glauben, auch auf die Gefahr an Unvernunft feſtzuhalten. Was dabei die Gräfin noch beſonders verdroß, war das Benehmen Alberts. Sie zweifelte nicht an ſeinem gerechten Stolz, und überredete ſich, daß er nur dieſen Leuten zu gefallen den Freiſinnigen geſpielt habe. Offenbar aber liebte er gelehrte Erörterungen, geiſt⸗ reiche Geſichtspunkte, ſentimentale Phantaſien, und das hatte er nur von dem fatalen Heimberger, ſeinem Er⸗ zieher. Sie konnte nicht verwinden, daß ihr dadurch 136 der ganze Abend verdorben war, von dem ſie ſich einen entſcheidenden Eindruck auf Alberts Herz zu Gunſten Eugeniens verſprochen hatte. Statt deſſen war er viel aufmerkſamer für die ſchulmeiſterlichen Einfälle dieſer Weikart geweſen. Sie ſetzte dies, verblendet von ihrem Stolze, nur auf Rechnung ſeines falſchen Geſchmacks, und nahm ſich vor ihn auf dieſen unadlichen Sinn aufmerkſam zu machen, um ſo mehr, als ſie damit ſeinem unentſchloſſinen Herzen einen Antrieb zu geben hoffte. Unter dieſen Betrachtungen empfing ſie die Ihrigen zum Frühſtück, aufgeräumt von Ausſehen, was ſie innerlich am wenigſten war. „Ihr habt wohl alle gut geſchlafen?“ ſagte ſie. „Es war ein gar ſchöner Abend. Nur wirſt auch Du, lieber Albert, eine Erfahrung gemacht haben, die wir uns für ein andermal merken wollen. Es waren doch etliche Perſonen da, die mehr Geſchmack für das ver— riethen, was nach der Muſik folgte. Das verdarb doch einigermaßen die Nachwirkung eures vortrefflichen Spiels. Von unſern nachbarlichen Landwirthen will ich nicht reden: denen wollteſt Du einmal eine Freund⸗ lichkeit erweiſen, und ſolche mußte freilich mehr auf Schüſſeln und Flaſchen, als auf Noten geſetzt ſein. Aber,— wie gefällt Dir der neue Doctor?“ „In ſeinem Benehmen, meinen Sie?“ antwortete it 1 137 Albert.„Ich geſtehe, daß ich wenig auf ihn geachtet — habe. Er ſcheint aber ein guter Chemiker zu ſein; er macht Experimente in einem eigenen kleinen Labora⸗ torium, und dies ſoll mir für manches Unternehmen zu gut kommen.“ „Das mag ſein,“ fuhr die Gräfin fort;„aber er bringt auch etwas von ſeiner Scheidekunſt mit in den Salon: in's Geſicht ſehr unterwürfig mit frommer Miene, ſobald er ſich aber unbemerkt glaubt, keck und verwegen. Ich geſtehe, er ſagt mir nicht zu.“ „Schon ſein Blick hat etwas Lauerndes, Unheim⸗ liches,“ bemerkte Marianne. „Aber auch Sie, Weikart,“ fuhr die Gräſin auf, „ſchleppen Sie ſich nicht ſoviel mit der Tochter des Pfarrers, mit dieſer Emmy: das ſcheint mir ein ſehr vorlautes, unmanierliches Ding!“ „Ja wohl, Ew. Gnaden,“ erwiederte Marianne, etwas betroffen;„aber das Mädchen iſt ſehr begabt, und ſcheint mir guter Winke und Zurechtweiſungen recht bedürftig— von Haus aus. Die Kleine dauert mich.“ „Dann hätten Sie geſtern auch etwas ſingen ſollen,“ ſprach die Gräfin weiter,„gerade zur Abwechslung mit Ihrer Altſtimme. Sie halten ſo mit Ihrem Geſang zurück; eine Altſtimme kann ſich immer neben dem brillanteſten Sopran hören laſſen. Sie discutiren lieber —— 138 über gelehrte Materien: das wollen wir den Männern überlaſſen, die darin meiſt ſchon zu viel thun.“ Indem ſie mit dieſen Worten nach Eugenien um⸗ blickte, die im Arbeitskorbe der Gräfin kramte, ſah Albert, Mariannen vertraulich an, und lächelte ihr er⸗ munternd zu, als ob er ſagen wollte: Laſſen Sie ſich von keiner böſen Laune anfechten! „Wann iſt Deiner Tante Geburtstag, Eugenie,— der Tante Edesheim?“ fragte die Gräfin. „Den 3. Mai, gnädige Pathe?“ war die Antwort. „Dann haben wir nicht viel Zeit mehr!“ ſprach die Gräfin weiter.„Du erinnerſt Dich, Albert, der Ge⸗ neralin Edesheim, noch von ihren letzten Beſuche auf Schloß Dahnſtein. „Ja wohl!“ antwortete er lächelnd.„Aber— Tante?“ „Nun ja!“ verſetzte ſie.„Der General Edesheim war doch ein Stiefbruder von Eugeniens Mutter.“ „Die Generalin iſt bürgerlicher Herkunft, nicht wahr?“ fragte Albert. „Das hat ſich inzwiſchen ziemlich vergeſſen gemacht,“ antwortete ſie.„Aber ſie beſitzt ein charmantes Ver⸗ mögen, kinderlos, und unſere liebe Eugenie iſt ihr Liebling.“ „Ah!“ lächelte Albert,„und iſt nun auch Witwe geworden?“ 139 Ja, wie ich Dir geſchrieben, und iſt nach Nien⸗ ſtedt gezogen, wo ihr Schwager als Präſident ſteht. Im Sommer bezieht ſie das Gut drunten am See, das allerliebſte Schweizerhaus. Nun haben in den beiden letzten Jahren Eugeniens Eltern den Geburts⸗ tag bei ihr gefeiert, und ſie dann mit nach ihrem Sommeraufenthalt genommen. Die Generalin war ſo erfreut davon, daß ſie es ſich für alle Jahre ausge— beten hat. Da nun unſere Dahn's noch in der Re— ſidenz ſind, und Eugenie unſer Gaſt iſt: ſo habe ich mir ausgedacht, daß wir diesmal hinfahren, und zwar möchte ich einige Tage früher, da ich verſchiedene Ein⸗ käufe zu machen habe. Wir nehmen dann die Gene⸗ ralin mit hierher, machen ihr einen kleinen angenehmen Aufenthalt, und bringen ſie nach ihrem Schweizerhauſe, wo bereits, wie ich höre Einrichtung zu ihrem Em⸗ pfange getroffen wird. Eugenie war entzückt über dies Vorhaben, während Albert ſchweigſam und nachdenklich geworden war. Die Gräfin aber, die bei ihrem etwas gebieteriſchen Charakter in Dingen, die zu ihrer Berechnung ge⸗ hörten, nicht leicht Widerſpruch erwartete, nahm auch Alberts Schweigen für Zuſtimmung, während er ſelbſt nur an ſich hielt, um ſich einer annehm— baren Ausflucht zu beſinnen, da er nicht mitzugehen dachte.— 140 „Geh'n wir auch mit,— Mademoiſelle Weikart und ich?“ fragte lebhaft die kleine Adele. „Zu ſo vielen dürfen wir nicht kommen, mein Kind!“ verſetzte die Mutter,„zumal noch von andern Seiten Gäſte dort eintreffen. Indeß nach Dir wird die Generalin fragen. Mademoiſelle Weikart hält in⸗ deß hier Haus, und ich ſchreibe Ihnen wegen der Ein⸗ richtung die für uns und die Mitkommenden zu machen iſt. Dann aber thun Sie mir auch den Gefallen, meine Gute, und üben ſich einige Geſangſtücke ein. Ich denke nämlich, lieber Albert, während der An— weſenheit der Generalin geben wir einen zweiten muſi— kaliſchen Abend und— für beſſere Zuhörer. Gib mir den Kalender, Eugenie!“ Sie ſchlug ihn auf und rechnete: der 3. Mai fällt auf Montag, Kreuzerfindung.— Kreuzerfindung un⸗ berufen!— Heut haben wir den 23. So gehen wir, denk' ich, nächſte Mittwoche früh, fahren bis zur Eiſen⸗ bahn, und erreichen Nienſtedt noch zeitig vor Mittag. Hoffentlich haben wir bis dahin auch noch einmal Briefe von den Eltern, Eugenie, und ich hoffe, bis zu unſerm Konzert ſind ſie wieder zurück. Albert, in Beſorgniß noch mit ſeiner ausdrücklichen Erklärung in die Ueberlegung des Vorhabens mit hin⸗ ein gezogen zu werden, ſtand auf, indem er ſagte: „Ich werde unſere ausführbaren Muſikalien durch⸗ 141 gehen, und auf ein recht anſprechendes Programm für jenen Abend denken. Suchen Sie ſich ſelbſt ein paar Lieder aus, Fräulein Weikart, die wir dann einüben. Und Sie, Comteſſe, bringen wieder etwas recht Glän⸗ zendes, Hinreißendes. Wir überlegen das zuſammen, und nehmen den vortrefflichen Magiſter Klippmüller zu Hülfe beim Einüben.——“ Es trieb ihn nach den einſamſten Anlagen des Parkes. Zu ſeiner urſprünglichen Abneigung vor der Mitreiſe nach der Provinzialſtadt war nun der Um⸗ ſtand gekommen, daß Marianne zurück bleiben ſollte. Dieſe Fügung, die ihm ſo glückliche Tage vertraulichen Umgangs verſprach, ängſtigte ihn doch auch auf einen Vorwand zu ſinnen, der ihn nicht in den Verdacht ſetze, daß er um Mariannens willen zurückbleiben wolle. Es war zum erſten Mal, daß ihm eine ſolche bewußte Vorſicht aufſtieg, nachdem er ſich bisher in andern Stücken unüberlegt, mit gutem Takt, gegen die Gouvernante benommen hatte. Dieſe Ueberlegung erſchwerte ihm auf der einen Seite jede Ausflucht, die ihm ſonſt wohl zu einer Entſchuldigung genügt hätte, trieb ihn aber auch wieder um ſo entſchiedener zu dem Muthe an, um alles das Glück feſt zu halten, das ſich ihm für ſein Zurückbleiben darbot. So kam er zuletzt auf die Betrachtung, daß er ja gar keiner Ent⸗ ſchuldigung bedürfe, daß er ſein eigener Herr ſei, und 142 die gewohnten Rückſichten für ſeine Stiefmutter da einmal überſehen dürfe, wo ſie ſelbſt auch mehr ihre eigenen Berechnungen, als ſeine Wünſche im Auge habe. Zugleich ſchien es der ſchönen Erwartungen die er ſich machte würdiger zu ſein, wenn er ſie durch offene Wahrheit verdiente, ſtatt ſie unter täuſchenden Vorwänden zu erſchleichen. Er wollte es der Gräfin offen bekennen, warum er das Feſt der Generalin und die Stimmung ihrer vielleicht allzuluſtigen Gäſte zu ver⸗ meiden dächte. Indem er nun mit dieſer innern Erhebung über⸗ dachte, was er denn eigentlich von den erwünſchten Stunden ſo Frohes und Liebes erwarte, empfand er ein unbeſchreiblich heiteres Vertrauen, dem er ſich einmal mit voller Seele hingeben wollte. Er überlegte, wie vom erſten Augenblicke der Einkehr in ſeine Beſitzung ſich ihm mehr und mehr alle Verhältniſſe verrückten, innerhalb deren er die Aufgabe und das Glück ſeines Lebens zu finden und raſch zu ergreifen geträumt hatte. Nicht einmal ein erſtes ſeliges Stündchen war ihm ge⸗ gönnt worden, ſo daß er, von ſeinen Angehörigſten um armt, geherzt, gehegt, zwiſchen ihnen traulich ruhend, zugleich rück- und vorwärts blickend, mit einem tiefen Athemzuge des Heimathgefühls ſeine Vergangenheit und ſeine Zukunft in einem unerſchöpflichen Augenblick em⸗ pfunden hätte. Solch' eine Stunde wäre ihm von einer 143 rechten Mutter bereitet worden; ſtatt deſſen führte die Stiefmutter ihm ein ſtrahlendes, anſpruchvolles Weſen entgegen, das in jenem erſten reizbaren Augenblick ihm wie ein kalter Würfel über ſeine Zukunft auf das Herz gefallen war. Graf Albert erſcheint uns als ein ungewöhnlich inniger Menſch ſeines Standes, den ſeine Studien und Reiſen eher verwöhnt, als verwildert hatten. Ein zartes Empfindungsvermögen war vorherrſchend; ſeine beſten Gedanken kamen aus dem erregbaren Gemüthe, und obgleich er mit denſelben in das Weſen ſeiner Begegniſſe oft raſcher und tiefer eindrang, als ein Anderer es mit dem Scharfblicke des Weltverſtandes vermocht hätte: ſo kam ihm das Empfundene doch manchmal langſamer zur vollen Klarheit des Bewußtſeins und der abwägen⸗ den Beſonnenheit. Dazu trübten ihn auch manche Vorurtheile oder Gewohnheiten ſeines Standes, die auf dem Wege ſeiner Bildung und Erfahrung ſich nur ſoweit gelöſt hatten, um mit ihrem Niederſchlag in unbewußter Seele fortzuwirken. Und gerade daher kam es, daß er die innige Neigung, die er für Mariannen gefaßt hatte, noch immer nicht für Liebe erkannte; was um ſo leichter geſchehen konnte, als ihm bei mildem Temperament und hochſtrebſamer Seele ein ſinnliches Wohlgefallen und die daraus entſpringenden Abſichten entfernt lagen. Die Liebe wuchs in ſeinem Herzen, wie 4 —. 144 ein verſteckter Schatz, den ein dunkles Standesgefühl hütete. Nicht, als ob er an einem Vorurtheil gegen die Verbindung eines jungen Grafen mit der Gouver⸗ nante ſeiner Schweſter Bedenken gehabt und Anſtoß genommen hätte: ſondern ſeine Gedanken hatten noch keinen Zug dahin; es hatte ihn noch nicht angewandelt ein ſolches Verhältniß zu empfinden und zu einer Frage zu erheben. Früher hatte er ſeine Prüfung des Begriffes der„Mißheirathen“ damit abgeſchloſſen, daß es ſolche allerdings gäbe, wenn auch nicht aus der Vermiſchung edleren Blutes mit unedelm, doch daraus entſpringend, daß die Gewohnheiten, Bedürfniſſe und Richtungen, ja der Geſchmack und die Denkungsart der verſchiedenen Stände nur allzu leicht einem recht innigen Durchdringen der Seelen hinderlich blieben und die Harmonie der Herzen ſtörten; aber er hatte noch nicht daran gedacht, von jener allgemeinen Vorausſetzung eine Anwendung auf ſeinen gegebenen Fall zu machen. ◻ 8 er erſte Eindruck, den ihm Mariannens Erſcheinung gegeben, täuſchte ihn fortwährend über die Verwandlung, die damit in ſeinem Herzen vorging. Damals, als er bei ſeiner Ankunft, über den anweſenden Beſuch be⸗ troffen, vor Comteſſe Eugenie und unter den lauernden Blicken der Angehörigen ſtand, hatte er die zurückgetretene Gouvernante nicht eher bemerkt, als bis ſie ihm vor⸗ geſtellt, ſich innerlich bewegt, und ſanft erröthend ver⸗ 145 neigte. Da war ſie ihm als die einzige gegen ihn nicht verſchworene Perſon erſchienen; ihr ſeelenvolles Auge hatte ihm die heimlichſte Theilnahme für ſeinen pein⸗ lichen Zuſtand entgegen geblickt, und er einen Zug ſeines innerſten Weſens zu ihr wie zu ſeiner Rettung empfunden. Und ſeitdem— wie war ſeine verworrene Lage immer noch peinigender geworden, und Mariannens Verſtändniß— wie vielfach hatte es ſich nun ausge⸗ ſprochen und ſeine erſte Empfindung ſich beſtätigt! So gefiel ſich denn ſeine wachſende Zuneigung noch immer im Gewande des Vertrauens, worin ſie ihn beſchlichen hatte, und was Andere Gegenliebe genannt hätten, ſuchte er unter dem Namen ihres Verſtändniſſes. — Ja, ſie ſollte ihn nun auch in ſeiner Bedrängniß und Verwirrung erkennen, wie ſie ihn allein in ſeinem Denken und Trachten recht verſtanden hatte. Was wollte er in jenen glücklichen Tagen nicht Alles mit ihr beſprechen! Er wollte ihr Alles bekennen und klagen, was ihn peinigte und ihm ſeine Zukunft zu verkümmern drohte. Sie hatte immer ſo muthige Empfindungen, ſo edle Anſchauungen ausgeſprochen, hohe Gedanken, die ihm alles Leidige überwunden, alles Frohe mit erhöht zeigten. Ihr beiderſeitiges Einverſtändniß ſollte dann in Göthe und Mozart ſeinen Jubel feiern. Sie wollten zuſammen leſen, zuſammen ſpielen und— was alles! Unter ſolchen Erwartungen beſuchte Albert jeden Koenig, Marianne I. 10 146 Nachmittag ſeinen väterlichen Freund Heimberger. Er wußte, daß während der Spazierfahrt ſeiner Mutter Marianne dorthin kam. Das gab jedesmal ein paar innerlich ſehr reiche Stündchen. Der unterrichtete geiſt— und gemüthvolle Mann führte gewöhnlich die Unter haltung. Albert und Marianne, durch ihre wechſelſeitige Gegenwart, durch ihre verſchwiegene Beziehung zu einan der befriedigt, überließen es ihm, was er nach ſeiner eigenen Stimmung mit Ernſt oder Scherz vorbringen mochte; denn ſie gingen auf Beides ein, waren für Alles empfänglich, und ſchienen mit ihrer Lebhaftigkeit der Beſprechung nur bemüht, den jedesmaligen Gegen— ſtand klar genug zu machen, um darin das Bild ihres Herzens für einander abzuſpiegeln. Wenn zwei für einander einverſtandene Herzen am beredteſten ohne Zeugen ſind: ſo findet eine unausge ſprochene Wechſelneigung gerade durch die Gegenwart eines dritten, ahnungsloſen Menſchen die unbefangene Sicherheit, um in hoher Stimmung ſich über Alles auszuſprechen, worin man ſich gefällt, um zu gefallen. Da breitet die Liebe ihr echtes Gefieder aus, und nur die Freude an den eigenen Schwingen läßt die Seele nicht dazu kommen, den Gegenſtand ihres Aufſchwungs an ſeinen Federn zu prüfen. Uebrigens nahm die Unterhaltung in dem kleinen, befreundeten Kreiſe einen ganz eigenthümlichen Ausdruck 147 an. Auch die freieſte innere Lebhaftigkeit des jungen Grafen behielt das äußerlich vornehme Gepräge ſeines Standesz während Marianne das Bewußtſein ihrer untergeordneten Stellung handhabte, wie zuweilen ihr gewirktes Umſchlagtuch, das ſie, ohne es gerade abzulegen, in anmuthigen Falten von der Schulter hinab gleiten ließ, wenn es ihr zu warm wurde. Den innern Gehalt der Geſpräche bezeichnete aber der heitere Pfarrer, als er einmal nach einem lebhaften Wortwechſel lächelnd zu ſeiner Frau ſagte: „Nun, Erneſtine, wie gefällt Dir das? Da ſtreiten die Beiden ani heftigſte, nur um den Punkt zu finden, wo ſie einig ſind.“ „Ic wenn lieber Lorenz! antwortete ſie.„Ich habe auch ſchon bei mir gedacht, wenn's nur die Eheleute ſo machten, die gewöhnlich nur mit einander rechten,— Jedes um Recht zu behalten.“ „Aber, beſter Heimberger,“ wendete Albert ein,„und ie, verehrte Frau, übervortheilen Sie mir die Freundin nicht! Das iſt nur Mariannens unſchätzbarer Vorzug, daß ſie auch meinen oft ſehr dürftigen Gedanken etwas in die Taſche ſchiebt, wodurch dieſelben einiges Fort kommen finden.“ — „O bitte, Herr Graf,“ verſetzte Marianne,„thun Sie ſich nicht zu nahe! Ihre ſeelentiefen Anſichten ſind von ſolchem Umfang, daß ich immerhin ein Plätzchen 10 148 daran finde, wo ich mein Bündelchen mädchenhafter Ein⸗ fälle niederlegen kann.“ „Bündelchen? Oh!“ erwiederte Albert.„Aber dann erlauben Sie mir, daß ich Ihnen zu Ihrem Geburtstage ein paſſendes Beſteck verehre, den Inhalt Ihres Bündel— chens würdiger unterzubringen. Meine Gedanken ſtehen dann als Pfeilertiſchchen zur Verfügung.“ So vergingen mit Ernſt und Scherz die flüchtigen Stündchen, und der lauſchende Frühling ſchüttelte ſeine Pfirſich⸗ und Aprikoſenblüthen hinein. Eines Abends, da die Gräfin einige adelige Damen aus der Nachbarſchaft zum Thee bei ſich hatte, blieb auch Marianne länger, und übte mit Albert für das ſpätere Konzert die fünfte Serenade von Louis für Piano und Violine über Motive aus Bellini's Nachtwandlerin. Als ſie zu des Pfarrers und ihrer eigenen Zufriedenheit geendigt hatten, fragte Albert Mariannen, ob ſie ſich Etwas zu ſingen ausgeſucht habe.—„Gewiß,“ ſagte er,„haben Sie ein oder das andere Lieblingslied, das Sie nicht blos Andern, ſondern ſich ſelbſt zu Lieb' ſingen.“ Nach einiger Ueberlegung antwortete ſie etwas bewegt: „Ich habe zwei Lieder, die ich aber nur im Kreiſe der liebſten Menſchen ſinge. Denn ſie ſind ſo voll— ich darf ſagen— heiliger Erinnerungen für mich, daß ſie tigen ſeine 149 mein Herz leicht mit einer Gewalt überfallen, mit einer Rührung, worin ich mich nicht gern von Jedermann erblicken laſſe. In dem Konzert? Nein, in einem Konzerte könnt' ich ſie nicht ſingen.“ „Aber uns, nicht wahr, uns zählen Sie zu den lieben Menſchen, denen Sie ſolche ſingen?“ ſagte Albert in bittendem Tone.„Und von wem ſind die Lieder?“ „Es hat damit eine eigene Bewandtniß,“ antwortete ſie nicht ohne Befangenheit.„Meine ſelige Mutter, müſſen Sie wiſſen, ſang ſehr ſchön; ſie war eine aus⸗ gezeichnete Altiſtin. Ich habe Etwas vom Klang ihrer Stimme geerbt, bei weitem aber nicht die Stärke und den Umfang derſelben. In ihren letzten Jahren unter⸗ lag ſie einer krankhaften Gemüthstraurigkeit, und dann ſang ſie gern ihrer Stimmung Entſprechendes, dies aber auch mit ihrer ganzen Kraft. Zufällig kam ſie auf zwei kleine Gedichte Göthe's, die ſie ſo tief bewegten, daß ſie ſelbſt die ergreifendſten Melodien dazu erfand. Mein Vater, ziemlich gründlich in der Muſik, brachte dieſelben auf Noten mit einiger Correction der Melodien. Mich erinnern ſie ſtets an leidvoll⸗ſelige Stunden, in denen ich ſie gehört. Erſt nach der Mutter Tode wagte ich's, ſie ihr, zur Weihe der Erinnerung, nachzuſingen, und ſo—“ Ihre Stimme bebte; ſie wendete ſich ab und raſch nach dem Piano. Schon die kleine Introduction wirkte 1 1 1 1 150 ergreifend auf die leiſe ſich Setzenden, noch mehr Ma⸗ riannens edle Stimme, als ſie ſang: „Der du von dem Himmel biſt, Alles Leid und Schmerzen ſtilleſt, Den, der doppelt elend iſt, Doppelt mit Erquickung fülleſt, Ach ich bin des Treibens müde! Was ſoll all' der Schmerz und Luſt? Süßer Friede, Komm', ach komm' in meine Bruſt!“ Melodie und Begleitung waren höchſt einfach, aber friſch, und aus jedem Ton und Accord drang die ganze Fülle und Tiefe der Empfindung, die in den Worten iegt. Marianne blieb ſitzen, ihr Tuch einige Augenblicke an die Augen gedrückt. Albert trat leiſe an ſie heran, indem er mit bewegter Stimme ſagte: „Es ergreift Sie zu ſehr, Marianne! Aber, wie iſt Ihre Stimme ſo ſtark geworden, ſeit ich Sie zuletzt gehört!“ Sie wendete ſich mit feuchtglänzenden Augen um, indem ſie lächelnd erwiederte: „Ich finde es ſelber, Herr Graf, zu meiner Ueber⸗ raſchung; ich kann mir's aber nicht erklären. Es iſt mir, als ſei in meiner Bruſt ein neuer Lebensmai ein⸗ gekehrt, und ich müßte mit den Nachtigallen wetteifern. Aber laſſen Sie mich doch das zweite Lied ſingen; es 151 .* iſt heiterer. Hören Sie's gefälligſt dort am Fenſter, Ma⸗ und blicken dabei nach dem Wald hinauf.“ Der Graf that es, indem er das Fenſter öffnete. Draußen war die Dämmerung eingetreten, und eine Lenzesſtille herrſchte. Marianne ſang: „Ueber allen Gipfeln Iſt Ruh', In allen Wipfeln Spüreſt du Kaum einen Hauch; Die Vöglein ſchweigen im Walde. aber Warte nur, balde Ruheſt du auch.“ ganze ganz Die tiefſte Stille war der Beifall der bewegten orten Zuhörer. Marianne erhob ſich; Erneſtine ging ihr entgegen und umarmte ſie. Der Graf kam jetzt herbei, indem er ungewöhnlich erregt ausrief: Hernn„Nein, liebſte Marianne, dieſe Lieder ſingen Sie nicht im Konzert. Das ganze Pack iſt deſſen nicht „wie werth! Die ſollen Sie nur mir ſingen,— nur uns, zuletz ſage ich, uns allein, nicht wahr, Heimberger, Mann Gottes? Uns allein! Und hier unſere verehrte Freun⸗ mum, din Erneſtine ſoll jedesmal erſt beſtimmen, wenn ein Fremdes da iſt, ob es einen Antheil davon haben ſoll, leber⸗ ob es uns lieb genug dazu iſt. Verſprechen Sie uns Es iſt das, Marianne, in dieſer unvergeßlichen Stunde! bitte!“ ii ein Er reichte ſeine Hand hin; ſie legte nickend die ihrige eifern. hinein, die er an Mund und Stirne drückte. 152 Marianne bebte, und wendete ſich nach dem dunkeln Hintergrunde des Zimmers, indem ſie ihren Shawl umwerfend flüſterte: „Aber,— es iſt Zeit geworden.“— „O wie ſchade,“ rief Albert,„daß es Zeit gibt! daß die Zeit ſo unter den Erſcheinungen des Unver⸗ geßlichen, des Ewigen dahineilt!“ Er ſuchte und nahm ſeinen Hut. Marianne mit einer ablehnenden Bewegung ſagte: „Eine Bitte, Herr Graf! Begleiten Sie mich nicht! Ich bin nicht in der Faſſung—; ich brauche jetzt ein Viertelſtündchen für mich allein,— dieſe gold'ne Stunde in ihr Behälter zu legen, mich zu beſinnen, daß ich— daß Dienen mein Halsgeſchmeide iſt.— Gut' Nacht!“ Sie eilte fort. Albert, den Pfarrer umarmend, rief: „Beſter Heimberger,— Marianne,— es gibt ihres⸗ gleichen nicht! Adieu, Frau Erneſtine! Marianne eilt ſehr, und ich will langſam nachgehen: vielleicht daß ich im Luftſtrom wandle, den ſie hinterläßt. So— wiſſen Sie, wenn Nachts ein Schiff in See geht, da ſieht man lange hinter'ihm her die Furche leuchten. Ich hab's geſehen. Nun gut' Nacht, Ihr Herzensggark Wie man die Gartenthür zugeſchlagen hörte, faßte Heimberger ſeine Frau an beiden Händen, mit ſchmerz⸗ lich bewegter Stimme flüſternd: „Erneſtine!“ mit icht! ein unde „Beſter Lorenz!“ antwortete ſie, und ſank weinend an ſeine Bruſt. „Wir verſtehen uns!“ fuhr er fort.„Ach,— ein großes Unglück!“ „Liebſter Mann—?“ „Ja, Erneſtine!“ „Was? Zweifelſt Du, Lorenz, an Alberts echter, edler, Gegenliebe? Denn daß Marianne ihn im tiefſten Herzen liebt, ſah ich längſt, ſchwieg aber ſelbſt gegen Dich. Nun aber,— beſter Mann, wo wäre denn das Unglück, da offenbar auch er ſie liebt? Biſt Du gegen ſo ungleiche Heirathen, Lorenz?“ „Nein, liebes Kind, ich wüßte kein für einander paſſenderes Paar: allein das Ungewöhnliche, dem ſich ſo mächtiger Widerſpruch entgegenſtellt, Liſt und Bos⸗ heit ſich in den Weg legt, will durchgekämpft ſein. Albert— trauſt Du ihm Muth und Ausdauer genug zu für Etwas, was ihn vielleich ſchon erſchrecken wird, ſobald er es erkennt? Denn— mir ſcheint, er liebt und hat es noch gar nicht bedacht!“ „Wie wäre das möglich, Lorenz,— ich bitte Dich!. „Siehſt Du, Erneſtine, die Abneigung Alberts gegen die ihm zugedachte, ihm allerwärts in den Weg geſtellte Comteſſe und die Aengſtlichkeit um ſie herum zu kommen, nehmen, ſcheint mir, ſeine Seele ſo ganz ein, daß er 154 mit entſprechender Unruhe nach allem faßt, was ihn dagegen aufrecht hält und zerſtreut. Und er, der bis jetzt noch nicht den Muth hatte rund heraus zu ſagen: Gnädige Mama, laß nur alle die Künſte, ich will Deine charmante Pathe nicht!— Der ſollte den Nach— druck haben gegen die Mama und die ganze Sippſchaft zu erklären: Ich nehme Mariannen, die Gouvernante, die Schulmeiſterstochter von Nettlingen, und mache ſie zur Gräfin Wallberg?“ „O wir müſſen ihm beiſtehen, mein lieber Lorenz!“ „Nicht rühr' an, Erneſtine! Halten können wir nicht mehr, führen dürfen wir nicht,— ob vielleicht aufrichten, wenn Eines von beiden darnieder liegt?—“ Und indem er ſich mit ausgebreiteten Armen erhob, rief er feierlich; „Die du von dem Himmel biſt, alles Leid und Schmerzen ſtilleſt“— Liebe du, jetzt erprobe dich! Hilf dir ſelbſt, mache dich geltend auf dieſem Boden, auf dem die Adelsſchlöſſer und die Häuschen der Schulmeiſter ſtehen! Kämpfe und laß es nicht dahin kommen, daß Eines von ihnen jammere: Ach ich bin des Treibens müde! Süßer Friede, Komm', ach komm' in meine Bruſt!“ Zweites Zuch. Erſtes Kapitel. Albert's Erklärung. Die zur Abreiſe nach der Provinzialſtadt beſtimmte Mittwoche ſtand bevor. Der Gräfin war nicht ent⸗ gangen, daß Albert ſich in dieſen Tagen ihrer Geſell— ſchaft mehr als ſonſt entzogen— und wo er es nicht konnte, die abſpringendſte Unterhaltung gemacht hatte. Am Tage vorher blieb er ſogar mit Entſchuldigung vom Frühſtücke weg. Die Gräfin ließ nur ihren heimlichen Verdruß ein wenig vorübergehen, um dann Alberten in ſeinem Ka⸗ binet aufzuſuchen. Sie fand ihn am Schreibtiſche mit Karten und Zeichnungen umgeben.—„Es thut mir recht leid, lieber Albert,“ ſagte ſie,„daß Du Dich, unſerer Reiſe wegen, ſo abarbeiten mußt. Hat's denn nicht Zeit damit, bis wir wiederkommen?“ Er war von dieſer raſch zur Entſcheidung drän⸗ 58 genden Frage etwas betroffen, und antwortete, indem er die Mutter zum Sopha führte, ausweichend, um ſich zu ſammeln: „Es ſind verſchiedene Riſſe, Anſchläge und Berech⸗ nungen über das Gut, theure Mamma. Vermeſſungen müſſen vorgenommen werden, und ich wollte gern alles vorbereitet haben, um den Landmeſſer, wenn er mit ſeinen Leuten ankommt, nicht aufzuhalten, da er jetzt vielfach in Anſpruch genommen wird. Allein ſo eilig iſt die Sache nicht, und wenn Sie mich zu Ihren Vorbereitungen brauchen, bin ich ganz zu Dienſten.“ „Danke, lieber Albert! Biſt Du denn ſchon mit den Deinigen fertig?“ „Ah ſo!“ verſetzte er.„Ich habe Ihnen noch nicht geſagt, daß ich nicht mitgehe.“ „Was? Nicht mit?“ rief ſie.„Nein, das haſt Du mir noch nicht geſagt, und— wahrlich! ich habe auch nichts weniger erwartet. Und— was iſt denn ge⸗ ſchehen? Was hat Dich denn ſo plötzlich verwandelt?“ „Verwandelt gar nichts. Es war urſprünglich meine Abſicht nicht mitzureiſen; ich fand nur den ſchick⸗ lichen Augenblick nicht, es Ihnen unter vier Augen zu ſagen.“ „Alſo ein Geheimniß! Ich bin ſehr verlangend und — ſehr verwundert. Wahrlich, Herr Graf, ſehr ver⸗ wundert! Darf ich es nun hören? Du haſt Dir bis 159 jetzt Zeit genommen, Deine Entſchuldigungen vorzube reiten, und ſo wirſt Du mir etwas recht Glaubliches mitzutheilen haben.“ „Es thut mir recht leid, Sie ungehalten zu ſehen, gnädige Mamma, und noch leider, daß Sie mir die Selbſtvergeſſenheit zutrauen, Ihnen mit leeren Vor wänden und Ausflüchten zu begegnen. Ich dächte, mein einfaches Nichtwollen wäre ſchon hinreichend. Warum ich aber nicht will, wird Ihnen gar nicht ſchwer zu glauben ſein, ſelbſt wenn Sie— noch nicht daran ge dacht hätten. Ich kenne nämlich, wie ſie wiſſen, die Generalin von Edesheim. Als ich ſie vor meiner Reiſe perſönlich auf Dahnſtein kennen lernte, hatte ſie eben die ſeitdem ſchon wieder geſchiedene Heirath des Frei⸗ herrn von Dahlen mit der liebenswürdigen Couſine der Gräfin Dahn zu Stande gebracht. Dieſe ſchlimme Er⸗ fahrung hat indeß die Generalin, wie ich höre, noch nicht von ihrem bekannten Hang abgeſchreckt, Heirathen zu ſtiften, wo ſie nur irgend zweierlei ledige Hände er reichen kann. Seitdem ſie nun Witwe iſt, ſoll die un ruhige und nicht ſehr zart fühlende Frau ein förmliches Geſchäft daraus machen, und man ſagt ſcherzweiſe, ſie habe es nach dem Tod ihres Mannes, des Kriegsmi niſters, in die Hand genommen, Allianzen auf Krieg und Frieden im häuslichen Leben, eheliche Schutz- und Trutzbündniſſe zu ſchließen. Finden Sie es nun ſo 160 unglaublich, gnädige Mamma, daß ich mich nicht ent⸗ ſchließen kann mit der Comteſſe zugleich dort zu er⸗ ſcheinen? Zum Ueberfluſſe iſt mir auch noch eingefal⸗ len, daß die Generalin damals auf Dahnſtein, wäh⸗ rend ich mit Eugenien in einer Fenſterniſche plauderte, laut genug, daß ich es hören und Eungenie erröthen konnte, Ihnen und der Gräfin Dahn zuflüſterte:„Das iſt ein gemachtes Paar! Gerade nun, weil wir noch kein Paar ſind, wird ſie, ſchon um ihrer Prophezei⸗ ung willen, eilen es zu machen. Sie haben das ge⸗ wiß vergeſſen, theure Mutter, und überhaupt dieſe Schwäche der Generalin nicht bedacht, als Sie uns dorthin bringen wollten. Laſſen Sie mich das wenig⸗ ſtens glauben!“ Die Gräfin, ſo unvermuthet ihr dieſe Wendung kam, und ſo lebhaft ſie den verſteckten Vorwurf des Soh⸗ nes empfand, blieb doch gefaßt genug, um eine noch kühnere Abwehr zu verſuchen, als ſein Angriff war. „Ich begreife Deine Entſchuldigung,“ ſagte ſie,„und doch finde ich noch etwas Unglaubliches in Deiner Weigerung der Mitreiſe. Wie? Du fürchteſt in Deiner Neigung für Eugenien erkannt, und vielleicht beglück⸗ wünſcht zu werden? Und wenn ich wirklich daran ge⸗ dacht hätte, daß die Generalin allerdings einen feinen Blick für zarte Herzensverhältniſſe beſitzt: ſo wäre mir doch nicht eingefallen, euch beide darum nicht zu ihrem 161 . Feſte mitzubringen; ich hätte mir höchſtens geſagt, daß die Generalin Recht gehabt habe,— ihr wär't ein ge— machtes Paar. Zwiſchen euch iſt ja nichts zu veran⸗ ſtalten, nichts zu ſtiften, denke ich. Und warum denn noch ein Geheimniß daraus machen, daß ihr euch liebt? Es iſt ja eine alte Geſchichte.“ „Daß wir uns lieben, Mama, kann in der That und in dem Sinne wie Sie es meinen kein Geheim⸗ niß ſein,“ rief Albert lebhaft;„denn es iſt zur Zeit nur eine Vorausſetzung von Ihnen, eine Voraus⸗ ſetzung Ihres gütigen Herzens. Sie wünſchen mich glücklich zu ſehen: ich bin gerührt davon; aber gönnen Sie mir Zeit es zu werden. Es hat ſich recht dan⸗ kenswerth gefügt, daß Eugenie eine Zeitlang unſer Gaſt iſt: wir können einander kennen lernen nach allem was die letzten Jahre an uns verwandelt haben. Es waren ja doch die Jahre der Entwicklung. Nun laſſen Sie uns denn gewähren und zur Erkenntniß darüber kom⸗ men, ob wir für ein ganzes Leben zuſammen halten mögen, wie wir es in der Kindheit gethan. Erſt wenn ich die Comteſſe wieder aus einer gewiſſen Ferne be⸗ trachte, werde ich klar über das werden, was ich für ſie empfinde, von ihr halte; erſt wenn ich ſie in ihrem Lebenskreis aufſuche, wird es ſich zeigen, ob die Herz— lichkeit mit der ſie mir begegnet, aus einer wirklichen Neigung fließt, oder nur als artige Freundlichkeit dem Koenig, Marianne. I. 11 Wirthe gilt, merkſamkeit behandelt. Geſtehen Sie mir aber, daß es bedenklich iſt, in ſolcher Gemüthsverfaſſung der der ſie als ſeinen Gaſt mit aller Auf⸗ Generalin unter die Augen zu kommen, einer Frau, die ſo ſcharf miſſtert und mit ſo ungemeiner Kühnheit Herren und Damen— zu Paaren treibt.“ In dieſer mit einiger Wärme vorgebrachten Erklä rung Alberts lag etwas Ehrliches, was den Unmuth der Gräfin beſchwichtigen konnte. Es ſchien ihr doch keines⸗ wegs Alles verloren, obgleich oder weil ſie ſeinem Benehmen nicht auf den Grund ſah.— Der junge Mann hatte jedoch offenbar nicht Muth genug oder zu viel Schonung für die Mutter gehabt, um eine letzte abweiſende Erklärung wegen Enai zu geben, zumal ſie noch im gaſtlichen Hauſe war. r ſchwehte vielleicht auch zu ſehr in Zweifeln über 69 ſelbſt, um dies zu thun. Der Gedanke einer Verbindung mit Eugenie hatte ein altes Herkommen und alle äußere Empfehlung für ſich, ſo daß ihm ſein innerer Widerwille manchmal wie eine unbillige Auflehnung gegen eine Familienüber⸗ lieferung erſcheinen mochte. Ja, das Widerwärtige, mit dem er ſich bei ſeiner Unentſchloſſenheit ſo lang be⸗ ſchäftigte, übte zuletzt ſelbſt eine beſtrickende Gewalt über ſein Gemüth. Oder es trat auch, im Hinter⸗ grunde ſeiner Seele, die Beſorgniß hervor, er möchte durch entſchiedene Ablehnung eine Scene herbeiführen, die der Gräfin die morgende Fahrt verleide und ihm das ſtillgehoffte Glück der nächſten Tage in Mißmuth und Uneinigkeit verkehre. Der Gräfin blieb dieſe Unentſchloſſenheit, dieſes Schwanken Alberts nicht unbemerkt. Nun ja, überlegte ſie raſch, ſolche Charaktere müſſen ſo oder ſo gewendet und angeſtoßen werden; jedes kleinſte Bedenken ſpielt mit ihrem Entſchluſſe. So war ſie raſch entſchloſſen die Stimmung des Momentes nicht unbenutzt vorüber gehen zu laſſen.——„Ich hätte nicht gedacht, lieber Albert,“ ſagte ſie,„daß Deine alte Neigung für die liebenswürdige Eugenie Dir noch ſo viel Aengſtlichkeit um eine endliche Erklärung machen würde. Aber freilich, das iſt ſo zarten und edeln Gemüthern eigen, und ich muß Dich vielmehr darum loben, daß Du es mit einem Schritt für das ganze Leben, mit einer Bewerbung um ein Dich ſo innig liebendes Herz recht ernſt nimmſt. Du haſt neulich bei anderm Anlaß einen Gedanken ausgeſprochen, der auch hier ſehr treffend iſt, daß nämlich ein Bau, je höher aufwärts er aufgeführt werden ſoll, ein deſto tieferes Fundament verl ange. Indeß, lieber Sohn, nicht die Länge der Ueberle legung, ſondern die innige Empfindung, eine innere oft angenblickliche Wahrnehmung zeigt uns die Tiefe des Fundamentes für ein dauerndes häusliches Glück. Uebrigens haſt Du darin Recht, daß es ſich anſtändiger macht, die Rückkehr 11* 164 Eugeniens nach Hauſe abzuwarten, um Deine Bewer⸗ bung im Kreiſe ihrer Eltern anzubringen. Dies wird nun in der Kürze geſchehen können, da bis zu unſerer Ankunft mit der Generalin auch die Dahn'ſchen aus der Reſidenz zurück ſein werden. Eugenie verläßt uns dann.“ So hatte es Albert freilich mit Eugeniens Entfernung nicht gemeint; aber auch die Gräfin hatte einen ganz andern Rückhaltsgedanken dabei. Sie hoffte, daß ſo Manches, was Alberten an der Comteſſe zu mißfallen ſchien, ihm mit ihr ſelbſt aus den Augen gerückt würde, ihre Schönheit und anmuthige Lebhaftigkeit aber aus der Ferne nur deſto lebhafter auf Phantaſie und Herz wirken müßte. Er wird ſie entbehren, wenn ſie fort iſt, dachte ſie, und die bedächtige Gewohnheit des Um⸗ gangs wird ſich in ein entſchloſſ'nes Verlangen nach ihr umwandeln. Mit dieſer angenehmen Beruhigung erhob ſie ſich. —„Es iſt mir gar lieb,“ ſagte ſie,„daß die Sache einmal unter uns zur Sprache gekommen iſt. Sie beſchäftigt mich ſchon lang im Stillen; denn ich ſtehe ja Euch Beiden nahe genug, um Euer Glück zu meiner Sorge zu machen, und doch auch wieder entfernter, als eine rechte Mutter, die oft aus zu großer Beeiferung in ihren Abſichten irrt. Ich bin durchaus nicht vorein⸗ genommen, wenn ich Eugenie für ein ſeltenes und Dir 165 wie vorbeſtimmtes Weſen halte, zumal für Deine künftige Laufbahn in der großen Welt, für die unſere Eugenie alle Begabung und Vorliebe beſitzt. Von der Macht ihrer Schönheit und Talente will ich nicht reden; aber ſie hat einen merkwürdigen Blick und Takt für große Verhältniſſe, die ſie als Frau ſehr bald mit bezaubernder Freiheit behandeln würde. Alle Begabung zugleich mit aller im Hofleben errungenen Fertigkeit der Mutter iſt wie angeerbt auf Eugenien überkommen. Und was ich dabei nicht genug bewundern kann,— ſie beſitzt es ſo unbefangen, ſie übt es ſo unbewußt, daß man manchmal wünſchen möchte, ſie wäre mehr im Zug ihres Alters und etwas kokett. Aber freilich, wer ihr Herz kennt, wie ich, kann ſich auch dies erklären: ſie zweifelt nämlich an dem Einen zu wenig, um es auf Viele abzuſehen!“ Mit ſchalkhaftem Lächeln reichte ſie bei dem Wort „dem Einen“ Alberten die Hand, und ging ohne Ahnung, in welcher Unruhe von Zweifeln und Widerwillen ſie ihn zurückließ, dem ſie einen glücklichen Anſtoß gegeben zu haben dachte. Zweites Kapitel. Marianne„repräſentirt.“ Als am andern Morgen Albert den Abreiſenden in den Wagen geholfen, reichte ihm die Gräfin noch einmal die Hand, indem ſie mit faſt gerührtem Blicke ſagte: „Adieu, lieber Albert! Vergiß nicht, Du bleibſt uns dafür, daß Du uns zu begleiten verſchmähſt, einen deſto erfreulicheren Empfang ſchuldig.“ Er küßte die Hand mit Verneigung gegen Eugenien, wozu das Schweſterchen ihn noch einmal über den Schlag umhalste, blickte dem Wagen nach, bis er aus der Einfahrt wendete, und ſchritt dann, gedankenvoll und eigens bewegt, die breite Schloßtreppe hinauf. Er hatte die Mutter verſtanden, und die Abneigung gegen ihr noch einmal in Erinnerung gebrachtes An⸗ liegen nahm jetzt, hinter ihrer Entfernung her, eine 167 gewiſſe Rührung an, bis der Gedanke an Marianne wie ein Sonnenblick in dieſen weichmüthigen Schauer fiel. So trat er an das Fenſter im Saal, aus dem man den Fahrweg eine Strecke überblickte, und hätte draußen ein Abbild ſeines Innern erkennen können: ein Sprühregen zog vom Walde her über den See, und die Morgenſonne lachte hinein. Eine Lerche wirbelte empor, und freute ſich des 28. April. Nun allein und ſeinen Tag überlegend, verlangte es ihn und bangte er doch Mariannen zu begrüßen, die nach den Befehlen der Gräfin, Anordnungen im Hauſe traf und den kranken Horſt beſuchte. Er wünſchte ihr eine Erklärung zu geben, warum er zurückgeblieben; denn es war ihm vorgekommen, als ob ſie ſich darüber beunruhige. Indem er dies über⸗ legte, erſchien der Jäger, der Gärtner, der Hausmeiſter Befehle 7 2 zu empfangen, und der reitende Bote lieferte Briefe und Zeitungen ab. Darüber war wohl eine gute Stunde vergangen, als unerwartet ein dreiſpän⸗ niger Reiſewagen angefahren kam, und ſich von weitem an dem Bedienten, neben der Kammerjungfer auf dem Bock, die Livrée der Familie von Dahnſtein erkennen ließ. Albert eilte hinaus, Mariannen zu ſuchen, und ſie begegnete ihm ſchon auf dem Gang.—„Die Dahn⸗ ſchen kommen“, ſagte er,„erwarten Sie die Gräfin 168 im Empfangzimmer. Sie ſtellen jetzt die Dame des Hauſes vor. Und— wir werden doch etwas für den alten Wohlſchmecker haben?“ „Beruhigen Sie ſich, Herr Graf,“ verſetzte ſie, „ich werde für alles ſorgen.“ Die Ueberraſchung gerade von dieſer Familie kam dem jungen Grafen ſo quer, daß er den Ausſteigenden nicht ohne eine gewiſſe Unruhe und Befangenheit ent⸗ gegen trat. Wenigſtens fiel ſeine Haltung und der Ton womit er die Abreiſe der Mutter und der Com⸗ teſſe meldete, der Gräfin auf.—„Wir kommen eben aus der Reſidenz,“ ſagte ſie,„und das Verlangen, unſere Lieben zu ſehen und ihnen manche Nachrichten zu überliefern, ließ uns den Umweg über hier nicht ſcheuen, und nun ſind ſie fort, zur Generalin, wegen der wir auch Rückſprache nehmen wollten.“ „Nun, wir laſſen uns ein Mittagseſſen gefallen,“ fiel Graf Bodo ein,„unſer Freund leiht uns dann Pferde, denn der Poſtillon muß zurück, und wir ſind ſo vor Abend zu Hauſe.“ Wie heimlich gereizt die Gräfin Beatrix über die Abreiſe der Tochter ohne Albert war, verrieth ſich, als ſie an ſeinem Arme das Zimmer betretend ſich uner⸗ wartet von der Gouvernante empfangen ſah: ſie konnte ein höhniſches Lachen nicht zurückhalten. Doch ſchnell ſich faſſend, eilte ſie Mariannen entgegen, ſie zu be— grüßen.—„Sie ſehen, wie angenehm es mich über— raſcht, von einem weiblichen Weſen empfangen zu werden,“ ſagte ſie.„Ich fürchtete ſchon, mich mit einem einſiedleriſchen, menſchenfeindlichen jungen Herrn vertragen zu müſſen. Sie ſind alſo auch nicht mit, meine Beſte?“ Bei dieſen letzten Worten ſah ſie ſich nach ihrem Gemahl um, der ihr denn auch das erwartete Einver— ſtändniß entgegen lächelte. Dieſer ungewöhnliche Fall einer Uebereinſtimmung des ſtets ſo uneinigen Paares ſetzte ſich dann, wie verabredet, in der Art und Weiſe fort, wie beide mit unverkennbar ſpöttiſcher Artigkeit Mariannen als Dame von Stand behandelten. Ma⸗ rianne, die es gar wohl empfand, ließ es ſich nicht verdrießen; ſie verlor nichts von ihrer heitern Faſſung, ſondern überbot mit edlem Stolze dies gräfliche Beneh⸗ men durch ihre Haltung auf dem vornehmſten Fuß. Albert war heimlich entzückt darüber; ſo oft er es verſtohlen konnte, lächelte er ihr beifällig zu, und die Wahrnehmung, mit welcher Anmuth und Sicherheit ſie ihre Rolle durchführte, ſetzte ihn immer behaglicher. Denn er ſo wenig wie Marianne ſchien eine Ahnung von dem Argwohn zu haben, der dem Uebermuthe der Gräfin zu Grunde lag; ſie ſahen wohl nur eine Aeuße— rung des Hochmuthes gegen die Gouvernante darin, die in dem ſeidnen Anzuge, worin ſie ihrer Gräfin Lebewohl geſagt hatte, jetzt für die Herrin gelten ſollte. Marianne bot nach einer Weile der Gräfin zu ihrer d 5 etwaigen Erh holung von der Reiſe ein Zimmer an, und ſchickte ihr die Kammerjungfer. Es galt ihr zugleich darum, während Albert den Grafen unterhielt, in der Küche anzuordnen, und die Vorräthe zu einem feinen Mittagstiſche aufzubieten. An ſolchen fehlte es denn auch nicht. Es fand ſich, was der Monat April Beſtes mit ſich bringt: neben dem Fleiſche von Hausthieren gab es, zu dem jetzt aus⸗ gehenden Kapphühnergeflügel, Haſelhühner und Wald⸗ ſchnepfen; neben Lachs blieb zwiſchen Forellen und 5 einem prächtigen Hechte die Wahl, ja ſo nahe am Mai ließen konnte mit legen. ſich ſchon Krebſe wagen, und der Gärtner Spargeln und jungen Artiſchoken Ehre ein⸗ Während dieſer verſprechenden Vorkehrungen unter⸗ hielt Graf Bodo bei einem leichten Frühſtücke den jungen Freund mit Neuigkeiten aus der Reſidenz.—„Was mich beſonders zu unſerm heutigen Beſuch aus dem Stegreif mit bewogen,“ ſagte er,„ich wollte Ihnen ſtecken, daß Sie bekommen einen Wink dazu, und das iſt doch nicht angenehm. Sie ſich bei Hofe präſentiren müſſen, oder Der König will von Ihrem Beſuche am engliſchen Hofe hören, und der Miniſter des Auswär⸗ tigen trägt ſich mit einer kleinen Sendung, womit Sie Ihre Laufbahn beginnen ſollen.“ „Meine Laufbahn?“ lachte Albert.„Ich habe für meinen Geſchmack genug gelaufen; ich verlange vor der Hand nach nichts, als mein eigener Herr zu bleiben. Dem Könige muß ich mich freilich vorſtellen; ſo gern ich noch eine Weile incognito geblieben wäre.“ Der Graf verſchwieg, daß er ſelbſt eigentlich die Dienſtberufes für Albert angeregt hatte, und zwar mit der Miene eines leiſen Auftrags von dem jungen Grafen. Er eilte daher über deſſen Aeuße⸗ Sache eines rung hinweg und rieth ihm nur, auf irgend eine Weiſe ſeine Aufwartung bei Hofe in nahe Ausſicht zu ſtellen. Er kam dann mehr und mehr mit dem Bunterlei ſeiner Geſchichtchen in Zug, und Albert hörte ihm mit gutem Humor zu, ſo wenig er ſich ſowohl vom Gehalte als vom Tone der Mittheilungen angeſprochen fand. Denn alles was Graf Bodo vorbrachte, war von Stand⸗ punkten aufgefaßt, die er einſt als Gardeoffizier und Kammerherr leichtfertig genug eingenommen hatte. Fra⸗ gen der höheren Politik oder des kirchlichen Einfluſſes einer ſehr thätigen Partei lagen ihm fern. Nur die Standesvortheile, die man dort betrieb, ließ er ſich näher angehen. Einige Hofgeſchichten und Vorfälle in höhern Kreiſen intreſſirten indeß Albert in ſofern, als ſie ihm neben den Geſichtspunkten, aus denen Graf Bodo ſie 172 mit ſchalkhaft-lüſternen Augen betrachtete, einen Durch⸗ blick in tiefere Beziehungen gewährten. So zog ihn auch beſonders an, was derſelbe über die Tochter des Miniſters von Bruchleben berichtete, von der Albert ſo manches Abenteuerliche gehört hatte. Graf Bodo ſchwärmte für ſie ganz im Tone der Gardelieutenants, die von den eigenthümlichen Reizen der Baroneſſe, von dem was ſie„Race“ nannten, eingenommen waren. Denn im gewöhnlichen Sinne des Wortes konnte Sidonie von Bruchleben keine Schönheit heißen,— nicht groß und etwas ſchmächtig, wiewohl nicht ohne reizende Formen gebaut, von der intereſſanten Bläſſe einer feu⸗ rigen Seele, mit dunkeln, orientaliſch geſchlitzten Augen und einer Fülle glänzend gelockten Haares.—„Sie iſt hinreißend und doch im Reſpekt haltend, wie keine,“ „Ich wagte es nicht, und doch juckte es mich immer in der Hand, ihr einmal über den Rücken zu ſtreichen: ich wette, ſie ſprüht Funken von ſich, electriſche. Der Major von Dillfeld nennt ſie auch nur die lebendige Electriſirmaſchine. Verſtehen rief der Graf aus. Sie, weil ſie auch andere gewiſſermaßen electriſirt.“ Die Gräfin, die eben von ihrer Toilette zurück kam, ſprach in anderm Tone von ihr.—„Allerdings,“ ſagte ſie,„iſt Sidonie eine höchſt eigenthümliche Er⸗ ſcheinung. Aber, freilich, die Männer lieben einige Zeit lang das— wenn auch nur Auffallende, fü nc und daß Sidonie die Reiſegefährtin der geiſtreichen Prinzeſſin Mathilde war, und noch ihre Vertraute auch in Herzeusangelegenheiten iſt, ſetzt ſie denn in der hohen Geſellſchaft ohnehin auf einen aparten Stuhl. Indeß, wenn ihr Aeußeres höchſt anziehend für die Männer bleibt: ſo wandelt uns Frauen eine eigne Rückhaltung vor ihrem Innern an. Hinter das Auffällige ihrer Er⸗ ſcheinung zieht ſich eine geheimnißvolle Seele zurück. Sehr bezeichnend für dieſe beiden Richtungen ihres Weſens hat man zu ihrem Namen Sidonie ein Bei— wort gefunden, und nennt ſie, nach einem älteren Theaterſtücke, doppelſinnig—„„die Zauberin Sidonia““. „Und ſie wird ſich davon doppelt geſchmeichelt fühlen, meine Gnädigſte?“ fragte Albert. „Gewiß!“ erwiderte ſie.„Sie kennt dieſen Bei— namen, und iſt innerlich kühl genug, ſich über ihrer Bezauberung frei zu halten.“ „Kühl, ſagen Sie? Und der Graf nennt ſie feurig?“ „Ja, Lieber!“ lächelte ſie.„Es wiederholt ſich immer nur der erſte Widerſpruch zwiſchen ihrem Aeußern und Innern. Die Männer empfinden nur die ausſtrömende Wärme eines jugendlichen Temperaments; den Frauen aber bleibt die kühle Beſonnenheit der dahinter wohnenden Seele nicht unbemerkt. Und da Sidonie begreiflicherweiſe keine Hingebung für die von ihren Reizen Bezauberten hat, ſo thut ſie ſich deſto mehr darauf zu gut als geiſtige Zauberin zu er⸗ ſcheinen. Sie unterhält, wie man ſich zuflüſtert, ge⸗ heime Beziehungen, um Verborgnes zu erfahren, Ver⸗ wickeltes zu löſen, Auseinandergehaltnes zu vereinigen und— vielleicht zuweilen auch Verbundenes zu entzweien. Sie liebt es, hier wo ſie etwas insgeheim Vorbereitetes vorausſagt, dort wo ſie mit etwas Unerwartetem über⸗ raſcht, durch beides in den Augen der Geſellſchaft un⸗ begreiflich zu erſcheinen. Sie ſetzt aber nicht immer in heitre Bewunderung ihres feinen Verſtandes, ſondern zuweilen auch in einer Beklommenheit vor den heimlichen Verbindungen, ohne welche ſie doch gar manches nicht zu Stand bringen könnte. Und, um alles zu ſagen, ſo weiß man am Ende nicht, ob ſie bei ſolchen Zau⸗ bereien nicht manches opfert, was mehr werth iſt, als was ſie dabei gewinnt.“ „Höchſt intereſſant, meine Gnädige,“ rief Albert aus, und mit feinem Blick abgewogen! „Ich bin beſcheiden genug, lieber Graf,“ entgegnete ſie„Ihnen zu geſtehen, daß andre Augen als mein Vlick es abgewogen; ich bin wenig mit der Zauberin in Berührung gekommen.“ „Wiſſen Sie, was dieſer Zauberin Sidonie zur Strafe oder zur Beſſerung widerfahren müſte?“ fragte Albert.„Sie müſte einem Manne begegnen, den ſie zu bezaubern wünſchte, dem ſie aber nur mit ihren llbert ignete mein berin — 2 ⅓ Zauberkünſten für eine ganz andere Neigung diente. Vielleicht büßte ſie dabei ihre ganze Kunſt ein;— oder viemehr ganz gewiß! ſie zaubert ja nur mit kühlem Herzen, wie Sie mir ſagten.“ „Derſelbe Gedanke, den der Major von Dillfeld hatte!“ rief die Gräfin, und ihr Gemahl fiel neckend ein: „Ah, ſieh da, der Herr Major! Seien Sie uns willkommen, Herr von Dillfeld! Angenehme Ueber⸗ raſchung! Ihr Rival, lieber Graf, um eine ſchöne— Idee.“ Er lachte ſeine Frau vergnügt an, verſtummte aber, als er ihren verbiſſenen Aerger bemerkte. „Nun, Herr Graf,“ fuhr ſie ihn an, wollen Sie nicht ausreden? Es wird unſerm lieben Freunde noch einiges unverſtändlich an Ihren geiſtreichen Anſpielungen ſein.“ „Ei nun, Spaß bei Seite!“ entgegnete er.„Der Major gilt alles beim Könige, lieber Al Albert, er wird große Carrière machen. Dabei iſt Dillfeld ein liebens⸗ würdiger Mann, beſonders für die Damen. Ich ſage Ihnen, lieber Albert, ſie ſind alle wie vernarrt in ihn, zumal wenn ſie erwachſene Töchter haben. Ich glaube nur, weil Dill ein Küchengewürz iſt und beim Ein— machen gebraucht wird. Sie kennen ihn wohl nicht? Ich meine den Major. Von Familie iſt er eigentlich nicht: ſein Großvater war Stallmeiſter, hieß noch Dill 176 44 und hat bei ſeiner Nobilitirung das„Feld“ dazu be⸗ kommen. Der Major war letzten Winter mit meinem Sohne bei uns zur Jagd, ganze vier Wochen.“ Albert errieth jetzt, dem uneinigen Paar unvermuthet, etwas von dem Grund ihres augenblicklichen Zwiſtes. Seine Mutter hatte noch jüngſt, wahrſcheinlich um ihn für Eugenien anzuſpornen, aus einem Briefe der Gräfin Dahn die Mittheilung fallen laßen, daß ein liebenswürdiger Stabsoffizier von„großer Carrière“ ſich um die Comteſſe bewerbe. Offenbar war dieſer Dillfeld gemeint und ſtand, wie es ſchien, bei der Mutter mehr als beim Vater in Gunſt. Im Stillen freute ſich Albert dieſer Entdeckung. Er hoffte der liebenswürdige Major würde auch Eugenien nicht gerade mißfallen und dann behielten ihre Eltern an ihm einen guten Trumpf zum Ausſpielen zurück, wenn er ſelber auf die Vorhand verzichten würde. Im Augenblick aber hatte der Gegenſtand das gräf⸗ liche Paar ein wenig geärgert, und als nun Albert auch noch den angelegentlichen Vorſchag der Gräfin— morgen oder übermorgen noch mit zum Feſte der Ge⸗ neralin zu fahren, ſehr entſchieden ablehnte, brachte dies einige Verſtimmung in die Unterhaltung vor Tiſche. Es war daher dem jungen Grafen ſehr angenehm, daß Marianne den Pfarrer Heimberger mit Frau zu Mittag gebeten hatte. Dieſe Gäſte, die anregende ¹ be⸗ einem uthet, wiſtes. um e der ß ein Unterhaltung des Mannes, die artige Unterthänigkeit der Pfarrerin wirkten zerſtreuend auf das gräfliche Paar. Die guten Schüſſeln nahmen den Grafen ein, Mariannens liebenswürdige Haltung beſchäftigte im Stillen die Gräfin; ſo daß Albert, ſeelenver⸗ gnügt, und mit ſeinen beſten Weinen bemüht, die Heiterkeit anzufeuern, zuletzt ſelber nicht ohne hohe Stimmung in ſeiner gemüthlichen Weiſe blieb. Inzwiſchen war es im Freien ſo mailich geworden, daß man ſich entſchloß, den Kaffee in der Vorhalle des Gewächshauſes zu nehmen. Hier hatte man den Blick zugleich in den Park und unter die tropiſchen Pflanzen der Glashalle. Die Gräfin ſaß zwiſchen Albert und dem Pfarrer, der Graf zwiſchen Ernſtine und Mariannen. Dieſe beiden begleiteten ihn auch, als er die Gewächſe zu beſehen ſich erhob. Faſt alle Camellien und Eriken ſtanden in Blüthe; auch die Cyclamien urd Acacien hatten ſich hervorgethan. Der Graf bewunderte die Pflanzenkenntniß ſeiner Begleite— rinnen, und die ſeltenen Gewächſe. Marianne brachte einiges davon heraus, und ſtellte es vor die Gräfin, die träumeriſch in ihrem Seſſel ruhte. Als ſie ſich wieder entfernt hatte, ließ die Gräfin, mit fein lau— ſchendem Blicke gegen Albert, ſich zu ihrem Lob her⸗ aus.—„Ich bin ganz charmirt von der Gouvernante,“ ſagte ſie,„und begreife jetzt, daß meine kluge Freundin Koenig, Marianne. I. 12 ſie bei Ihnen zurück gelaſſen: es iſt eine ganz zuver⸗ läſſige Perſon,— in allem bewandert, und die Ihnen recht an die Hand gehen kann.“ „Vortrefflich in ihrem Fach, Eure Gnaden,“ fiel Heimberger ein,—„ſehr unterrichtet und voll Gabe zu unterrichten und zu bilden.“ „Das hat mir ſchon meine Freundin gerühmt,“ entgegnete ſie;„aber das meine ich eben nicht: ich bin vielmehr erſtaunt, wie ſie auch heut die Wirthin, die Dame des Hauſes macht, und— wie ſie ſich darin fühlt, mit Anmuth und Sicherheit, mit ſo viel Ver⸗ ſtand für die Sachen und Takt für die Perſonen.“ Albert, höchſt erfreut über dieſe eben ſo ironiſche als verlockende Anerkennung, ließ ſich zur wärmſten Auseinanderſetzung der Eigenſchaften und Vorzüge Ma⸗ riannens verleiten. Heimberger, der bei ſeiner Beſon⸗ nenheit Blick genug für Alberts Herz und für das Auge der Gräfin hatte, bemühte ſich vergebens, durch geſchickte Wendungen das Lob des jungen Freundes zu deuten oder zu beſchränken und deſſen Selbſtvergeſſenheit vor der Argliſt der Dame zu decken. In der Auf⸗ regung des Herzens, und eingenommen von ungewohn⸗ tem Weingenuß, ereiferte ſich Albert nur noch mehr an ſolchem Widerſpruche, und als er endlich doch eine Warnung darin erkannte, ward auch noch ſein betroffenes Erröthen zum Verräther ſeiner Selbſtvergeſſenheit. D T ie Gräfin, die ſehr erfreut geweſen wäre, wenn Albert mit halb ſoviel Empfindung, als er für die Gouvernante gezeigt, von ihrer Tochter Eugenie ge⸗ ſprochen hätte, fand ſich nun in dem Verdachte beſtätigt, der ihr beim erſten Anblicke Mariannens aufgeſtiegen war. Nur mit aller Faſſung konnte ſie ſich in der lächelnden Ruhe behaupten, die ſie angenommen hatte, bis ſie ſich von Heimberger beobachtet merkte; da ſie denn lebhaft mit den Worten aufſtand:„Aber mein Mann vergißt ganz unkere Heimfahrt.“ Eben trat er mit Marianne aus dem Glashauſe, und ſie ſetzte mit anzüglichem Lächeln gegen Albert hinzu: „Sehen Sie nur, auch ihn hat unſere liebens⸗ würdige und vortreffliche Wirthin ganz eingenommen und alles vergeſſen gemacht.— Haſt Du denn wegen der Pferde, lieber Bodo— 2“ „Ich werde ſogleich ſelbſt Ihre Befehle, meine Gnädigſte—!“ fiel Albert ein, und eilte fort. Die Gräfin, am Arm ihres Gemahls, wandelte gegen das Schloß, indem ſie leiſe und gereizt fragte: „Nun, wir nehmen wohl eine gemeinſchaftliche Ent⸗ deckung mit?“ „Und welche, meine holdſelige Gemahlin?“ „Ei, ich denke doch, Du haſt in Deinem vertrauten Geſpräche die Mamſell gefragt, warum Albert zurück— geblieben iſt?“ 180 „Ah ſo! Und da meinſt Du, ſie hätte mir gouver⸗ nantenehrlich geantwortet: Nur, weil auch ich zurück⸗ geblieben! Wir haben uns ja gleich bei unſerer Ankunft auf dieſe Vermuthung verſtanden, meine ſcharfſinnige Beatrix; aber— wir haben uns auch beide übereilt.“ „Uebereilt? Du wirſt es eben wieder klug angefangen haben!“ „Ganz klug, wenn Sie einige Nachſicht haben wollen! Ich habe die Gouvernante im Vertrauen gebeten mir zu ſagen, was etwa zwiſchen der Gräfin und ihrem Sohne vorgefallen ſei, damit wir bei unſerer Zuſammen⸗ kunft mit ihr keine Unſchicklichkeit, keine Bétiſe begehen möchten. Es ſei durchaus nichts vorgefallen, hat ſie mir geantwortet, hat mir von dem herrlichen Konzert erzählt, das jüngſt hier ſtattgefunden, und worin die Comteſſe und„der Herr Graf“ zum Entzücken geſpielt hätten. Vor der Abreiſe habe die gnädige Gräfin eine lange Conferenz mit dem Sohne gehabt, und darauf ihr, der Gouvernante, ſehr vergnügte Befehle zu Ein⸗ richtung von Zimmern für die Frau Generalin von Edesheim gegeben, die hierher kommen und ein Familien⸗ feſt veranlaſſen werde. Verſtehen Sie, theure Gemahlin, was ein von der Generalin commandirtes Familienfeſt heißen will?“ „Die Generalin?“ wiederholte nachdenklich die Grä⸗ fin.„Freilich, das iſt ein Umſtand, den die Mamſell 181 nicht aus den Fingern ſaugen konnte. Nun ja, ich d⸗ will mich ja gern geirrt haben,— wenn—“. „Geirrt in unſerer Vermuthung?“ 3„Vielmehr in dem was ich nachher entdeckt habe, 1, und was nichts weniger als ein Verhältniß Alberts mit der Gouvernante zu bedeuten ſchien. Aber freilich, V Albert war aufgeregt, und konnte— wer weiß was 8 dabei im Sinn haben.“ 8„Ein Verhältniß? Oh! die Gräfin hat ſo ſchöne und ſo kluge Augen, wie Du, und würde die Gouver— 5 nante zurücklaſſen, wenn—! Oh, gnädige Beatrix, das 4 haben Sie auch nicht klug angefangen!“ Worauf die hen Gräfin lebhaft verſetzte: le„Mit ihren ſchönen und klugen Augen bemerkt ſie 5 nichts, gar nichts, was ſich hinter ihrem hohen Standes— 2⁴ de ſtolze verſteckt. Eine bürgerliche Neigung Alberts, die jelt gerade von ihm nur ernſtlich gemeint ſein könnte, iſt ne ihr eine baare Unmöglichkeit.“ auff„Nun, nun, beruhigen Sie ſich, meine Holde. in⸗ Aber, meinen Sie nicht, daß ich dem Major Dillfeld, von Ihrem Begünſtigten, ſchreibe, und ihn zum Feſte der en⸗ Generalin einlade? Wenn er denn auch bei Eugenien lin, überflüſſig iſt, können wir ihn vielleicht in der Küche feſt brauchen.“ Die Gräfin flüſterte ihm ärgerlich etwas in's Ohr, was freilich nicht gemacht ſein mochte, von anderen ge⸗ hört zu werden. Er nahm in dem guten Humor ſeines angetrunkenen Spitzes die Mütze ab, und küßte ſeiner Gemahlin die Hand.—— Eben kehrte Albert zurück, und meldete, daß ſeine Pferde augenblicklich angeſpannt würden. Heimberger und ſeine Gattin empfahlen ſich. Albert begleitete das gräfliche Paar zum Wagen, und Marianne beſorgte die kleinen Sachen der Dame. Nicht lange, ſo brauſte der Wagen mit dem Vier⸗ geſpann von Alberts überkreuz gepaarten Rappen und Schimmeln aus dem Schloßhofe. D drittes Kapitel. Unter dem Abendſtern. Beim Einſteigen der Herrſchaft in den Wagen hatte ſich Marianne zurück gezogen, und verlor ſich in die Einſamkeit des Parkes. Das Bedürfniß allein zu ſein und in ſich einkehrend, ihr aufgehobenes Selbſt wieder zu finden, war mächtig über ſie gekommen. Einen Vor⸗ und Nachmittag lang hatte ſie—„repräſentirt“, einen Stolz aufgewendet, der ihr nicht eigen war, und ihrer gewohnten Stellung nicht zukam. Eine bittere Selbſtüberwindung hatte ſie dazu genöthigt, und nun, im Augenblicke, wo dieſe Gräflichen den Fuß von dem gleichen Boden mit ihr aufhoben, brach ihre Kraft zu⸗ ſammen, und eine unaufhaltſame Wehmuth ſtürzte über ſie herein.„Ach ſie war des Treibens müde!“ verſteckten Hügel zu, wo itze und von einem jungen Sie wendete ſich man auf einem bequen Fichtengehölze geſchützt, ein Stück des Sees fern zwiſchen waldigen Höhen erblickte. Hier ruhend, entſchug ſie ſich allen Nachbetrachtungen, um in der einſamen Stille und Empfindung dieſes weichen Frühlingsabendes alles Leidige zu verſchmerzen, und des erhabenen Bibelwortes froh zu werden:„Die Seligkeit wohnt in euch ſelbſt.“ Dieſer Erquickung war ſie um ſo ſicherer, als die ganze Naturumgebung mit den bebenden Saiten ihres Herzens übereinklang,— dieſe Heimlichkeit umher, die weiche Luft dieſer ſäuſelnden, balſamiſch athmenden Fichten, die Lerche die ſich mit ihrem Abendgebet in die Lüfte ſchwang, das ferne Gewäſſer, das zwiſchen den Bergwälderu wie grauer Atlaß ſchimmerte, und nach einer Weile die Abendglocke, die aus einem und dem andern Dorfe herüber tönte. Wie alles das durch Ohr und Auge in ihre Bruſt drang, athmete ſie tief und tiefer auf von den Cere⸗ monien des Anſtandes, unter denem ihr Innerſtes ſich verſchloſſen hatte. Ihr feuchter Blick ſank, wie einer Schlummernden, auf die gefalteten Hände, die in ihrem Schoße ruhten, und zog ſich mehr und mehr in ihr träumendes Innere zurück. Frohe und wehmüthig Tage heſpielen der Jugend, iſchwebte ſie, nickend gingen an ihrer Seele vorüber;, ein Reigen lieber Menſchen und grüßend, als wollten j erſäumte Heiligthum des Herzens wieder einwei er ein geheimnißvolles 185 n Feſt bereiten, zu dem man ihr bedeutſam winkte. Ihre e Hände löſten ſich, ſie ſtrich an ihrem ſeidnen Gewande e hinab und lächelte, daß ſie ja feſtlich angezogen ſei. 8 Doch zeigten ſich von fern her auch widerwärtige Ge⸗ 8 ſtalten, die höhniſch lächelnd über die Schulter nach 4 ihr blickten. Sie wollte ihnen eben entfliehen, als ſie, 6 wirklich von ihrem Sitze aufgeſtanden, ſich an der Hand 8 gefaßt fühlte, und heftig erwachend, Alberten vor ſich e erblickte. n„Verzeihung!“ ſagte er, von ihrem Schauer betrof⸗ n fen.„Ich habe Sie erſchreckt. Ich fand Sie ſchlum⸗ m mernd, wie Sie eben mit geſchloſſenen Augen aufſtanden, d— eine Traumwandlerin?“ „Nein, Herr Graf!“ lächelte ſie mit verſchämtem Erröthen,„das nicht! Ich war ein wenig müde; aber 1 ich muß nur einen Augenblick ſo geſchlummert haben: da ſchwebt noch dieſelbe Lerche, die ich aufſteigen ge⸗ 9 ſehen, und die Glocke vom See herüber klingt eben aus.“ „Ich kenne das, liebe Marianne,“ erwiderte er. „Im Traum gibt' keine Zeit, die Folgen erſcheinen oft — vor ihren Urſachen, die wunderbarſten Ereigniſſe fallen vor im Schlummer einer Minute; ein Wanſthenſede — begibt ſich, während der Zeiger an der Wanduhr kaum ein Strichlein weiter gerückt iſt.⸗ „Ja wohl, keine Zeit und keine Vernunft!“ verſetzte 186 Marianne.„Wie verkehrt geht's oft nicht in unſern Träumen zu! Und doch wenn uns die tollſten Wider⸗ ſprüche, die unſinnigſten Verwechslungen vorkommen, findet es der Träumende ganz in der Ordnung. Aber Eines iſt mir ſchon aufgefallen: während im Traum der Verſtand oft genug abdankt und den Unſinn herr⸗ ſchen läßt, irrt man doch im Moraliſchen nicht und läßt Unrecht nie für Recht und die Sünde nie für etwas Sittliches gelten; ſelbſt das bloß Unſchickliche kann uns recht peinigen. Es ſcheint alſo doch, als ob unſer Wille tiefer in unſerm Weſen liege, als ſelbſt die Vernunft.“ „Ihre Wahrnehmung iſt mir neu, Marianne, und ſehr intereſſant,“ entgegnete Albert.„Auch ſtimmt Ihre Vermuthung mit jenen Philoſophen überein, die den Willen für unſer eigentliches Weſen erklären, das an unſerm Erkenntnißvermögen ſich nur ein Werk⸗ Jeug ſchaffe, um ſich mit unſerm irdiſchen Daſein zu vermitteln. Doch davon ein andermal, liebe Freun⸗ din! Jetzt drängt es mich— und als ich hörte, Sie ſeien in den Park gewandelt, habe ich Sie auf⸗ geſucht, um Ihnen aus vollen Herzen für den heutigen Tag zu danken. Wie ſchön war für Alles geſorgt— für Leib und Seele! Mit welchen Verſtand und feinen Takte haben Sie— Nun ja, ich gehorche Ihrer Ab⸗ wehr! Ich weiß Sie lieben dergleichen nicht, was wie e für cliche als ſelbſt 187 ein Lob ausſieht; aber um meinetwillen muß ich es doch anerkennen, und Sie müſſen es mich ausſprechen laſſen, daß es mir der erſte, ungeſtört, unbeängſtigt glückliche Tag iſt, deſſen ich ſeit meiner Heimkehr froh geworden bin. Vielleicht ſind Sie mir ſo gut, Marianne, daß Sie in dieſem meinem Glück einige Entſchädigung für Ihre Ermüdung und vielleicht auch für Das finden, was ſonſt für Sie Betrübendes dabei war.“ „Laſſen wir Das vergeſſen ſein, Herr Graf!“ antwortete ſie.„Ich bin glücklich, wenn ich— dankbar für das zarte Wohlwollen, womit Sie meine Stellung in Ihrem Hauſe ſo froh machen,— wenn ich ſo weit in Ihre Welt eingehen konnte, um Ihnen etwas zu leiſten, was Sie eben an dem Tage brauchten.“ „In meine Welt eingehen—? Mein Gott, das Wort ruft mir einen Gedanken unſeres lieben Heim⸗ berger in's Gedächtniß. Doch, ich komme immer wieder von meinem Anliegen ab, woran mich ſchon unſer Be— ſuch geſtört hat. Ich mußte Ihnen ſchon früher ſagen, warum ich nicht mit nach Nienſtedt gereiſt bin.“ „Bewahre, Herr Graf! Sie beſchämen mich! Wie ſollte ich das erwarten. Aber freilich, lieb wäre mir's geweſen, wenn ich dem Grafen Dahn etwas darüber hätte ſagen können. Er fragte ſo zudringlich und mit einem recht häßlichen Lächeln darnach, und meinte, ob 188 etwa zwiſchen Ihnen und der gnädigen Gräfin ein Zwiſt vorgefallen ſei. Im Gegentheil, ſagte ich ihm, und eerzählte von dem ſchönen Konzert, worin die Comteſſe alles entzückt habe, und daß Sie zurückgeblieben ſeien, um hier die Frau Generalin zu empfangen und ein häus⸗ liches Feſt vorzubereiten. Ein häusliches Feſt? fragte er verwundert, und ſchien ſehr zufrieden damit. Albert, von dem Tone, von dem ganzen bebenden Weſen Mariannens mit bewegt, ſtand einige Augenblicke nachdenklich, dann ſagte er: „Setzen wir uns noch ein wenig, liebe Marianne. Ich hatte mich recht auf dieſen Tag gefreut, und daher kam mir der Beſuch höchſt verdrießlich. Ich hätte nicht geahnt, daß ich den ſchönſten Gewinn davon haben ſollte.“ Marianne ſah ihm fragend, mit vergnügtem Lächeln, in die Augen. Seine Mittheilung ſchien von ihr ſelbſt abzulenken, und ſo ließ auch ihr heimliches Bangen nach. „Nicht wahr, ich gebe Ihnen Räthſel auf?“ ſprach Albert weiter.„Doch erſt hören Sie, warum ich hier zurückgeblieben bin! Die Generalin iſt eine unzarte Frau, wofür ſie auch ſchon das äußere Gepräge hat, und darauf verſeſſen, Ehen zu ſtiften. Vor Jahren, da Comteſſe Eugenie und ich noch eine jugendliche Zärt⸗ lichkeit für einander hatten, ſah ſie uns ſchon für ein vorbeſtimmtes Paar an; und nun ſie weiß, daß man eine ernſte Verbindung zwiſchen uns heimlich wünſcht und— faſt unheimlich betreibt, würde es ihr Erſtes geweſen ſein, uns als ein Paar ihren Gäſten vorzu⸗ ſtellen, und ſich zu unſerer Vermählung einzuladen. Stellen Sie ſich einmal unſere Lage vor, Marianne. Meine, der ich nicht hätte Ja ſagen können, und dann die vernichtende Pein der guten Engenie, die weder ja noch nein ſagen konnte. Sagen Sie nun ſelbſt,— war es da nicht das Einfachſte für mich, gar nicht mitzugehen?“ „Freilich,— wenn Sie nicht ja ſagen konnten!“ antwortete ſie, aber ſo beklommen, daß ſie, um es zu verbergen, ſich zum Fortgehen erhob. „Noch einen Augenblick, Marianne, bitte!“ flehte Albert, und faßte ihre bebende Hand.——„Nein, liebe herzliche Freundin,— ich hätte nicht Ja ſagen können, und doch wär' es für mich von unausſprech⸗ lichem Leid geweſen, daß ich es nicht gekonnt. Sie werden das nicht recht begreifen, Marianne. Sehen Sie, es iſt ſo aus unſerer Kindheit hergebracht, daß wir für einander gehörten,— es iſt eine Familien— überlieferung. Wirklich waren wir auch einander ſehr zugethan. Ich ſchied noch, als ich auf die Univerſität ging, mit aller Zärtlichkeit von Eugenien. Wie ich zurückkam, befand ſie ſich in einer auswärtigen Penſion. 190 Ich ging auf Reiſen, und— Sie waren ja dabei, Marianne, als ich heimkehrend die Comteſſe zum erſten⸗ mal wieder ſah. Mein Gott, ich fühlte mich ſehr verändert! Aber die Herzen der Frauen erleiden vielleicht keine ſo großen Verwandlungen durch das Leben, und bewahren die alten Empfindungen. Und nun ſagen Sie mir, Marianne,— bleiben denn für uns jene verſprechenden Zuneigungen der jugendlichſten Jahre, über die Umwandlung unſeres Herzens hinaus, noch verbindlich?“ Marianne, kaum ihrer Empfindungen mächtig, rief aus: „O Herr Graf, das iſt ja keine Frage für mich: fragen Sie Ihr eignes Herz!“ „Mein Herz? Mein umgewandeltes Herz?“ ent⸗ gegnete er.„Und wenn ich es frage, ſagt es mir, daß doch auch die Comteſſe ſich verändert hat; wenn auch nicht gegen mich, doch in ſo vielen Stücken, die nicht für mich wären, wenn es gälte, mit ihr glück— lich zu ſein. Sie kennen ſie ja, Marianne: ſagen Sie ſelbſt, ob man mit Eugenien glücklich ſein koͤnnte? Ob ich?“ „O Herr Graf, fragen Sie das nicht! Ich weiß nicht,— ich darf nichts gegen die Comteſſe ſa⸗ gen, ich nicht, nein ich nicht! Sie— begreifen das nicht!“ 191 „Glücklich?“ ſeufzete er.„Nein, ich weiß es, von heut an weiß ich's, nein, ich würde es nimmer—!“ „Nicht?“ fragte ſie mit erſchrocknem Aufblick. Doch ſchnell ſenkte ſich ihr ſchweres Auge; ſie preßte die ge⸗ falteten Hände gegen die Bruſt, ihre Lippen bebten, ſie bewegte ſanft und wie beklagend den Kopf und ſchmerzlichen Blicks gegen Albert rief ſie mit erſtickender Stimme: „Nicht glücklich, und doch wollen Sie, oder=—2 —— O Herr Graf,— der Himmel ſegne Sie! Ich flehe täglich zu Gott, daß Sie— daß Ihnen —! Lieber Albert, daß Sie nicht unglücklich werden!“ Thränen ſtürzten aus ihren Augen; ſie wollte ſich abwenden, all' ihr Leid verbergen, und ſank in Alberts Arme. Ob er ſie erfaßt, ob ſie ſich hingegeben: es war kein Zeuge da, der es ausgeſagt hätte, und Niemand, der die Minuten zählte, in denen Mariannens thränen⸗ lächelnder Aufblick und Alberts ſeligglänzendes Auge ſich verſtanden, die Lippen wieder und wieder das ſtumme Verſtändniß beſiegelten, und mit Du und Du die neue Sprache der Herzen laut wurde. Und was hatten ſie nun nicht, in dieſer neuen Sprache, Eines dem Andern zu bekennen! Marianne, wie lang ſie ihn ſchon geliebt und es mit ſeliger Angſt verborgen habe, Albert,— wie ſpät ihm erſt und durch die wunderlichſte Neckerei des Zufalls, der innigſte und feierlichſte Zug ſeines Herzens als Liebe zu Mariannen offenbar geworden ſei.—„Das muß ich Dir erzählen,“ ſagte er,„und Du wirſt mich auslachen. Man zeichnet den Amor als einen liſtigen ſchalkhaften Knaben, der Liebe erweckt: mich, in dem er ſie erwecken wollte, hat er erſt wieder zu einem töppiſchen, gedankenloſen Knaben gemacht. Die Liebe, glaub' ich, ſucht den Menſchen am liebſten von der Seite auf, wo er eine Noth, ein Bedürfniß hat. Ich ſehnte mich nach Verſtändniß, nach Vertrauen, die ich bei meinen Angehörigſten vergebens ſuchte und bei Dir, theure Marianne fand. Könnt' ich Dir ſagen, wie beglückt und befriedigt ich mich in dieſer Hingebung fühlte! Alle Gewinnſte des Herzens, die ich im Verkehr mit Dir, in Gedanken an Dich machte, trug ich ſeelenvergnügt unter der Rubrik des Vertrauens in mein Lebensbuch. Eine täuſchende Stim⸗ me,— ſtatt„Du liebſt, Du liebſt,“ rief immer nur in meinem ſelbſtſüchtigen Herzen: Du wirſt verſtanden, glücklicher Albert. So ging es mir wie einem gedanken⸗ loſen Spieler, der am grünen Tiſche ſeinen ſilbernen Thaler auf der einen Nummer des Glücksrades ſtehen läßt, bis er eine Summe gewonnen, die ihm dann in Gold ausgezahlt wird. Und nun höre, wie mir mein Vertrauen ſich in Liebe ſummirt' und umgewechſelt hat! Nämlich, wie Du die Ankommenden heut empfingſt, te und jannen ählen,“ eichnet n, der te, hat Knaben enſchen ih, ein ;, nach gebens Stim⸗ er nur ſtanden, danken⸗ lbernen ſtehen ann in er mein wechſel pfingſt die Lächelnden behandelteſt, den Hochmüthigen Dich überhobſt, da rief es plötzlich in meinem Innern: Sieh', das iſt die Gräfin Marianne! Ich erſchrak ordentlich, daß ich eine Gräfin hatte, ſobald die Comteſſe fort war. Ich erkannte zugleich, daß in all' Deinem Leiſten auch Deine Liebe waltete. Von dieſem Augenblicke ſah ich Dich als die Meine an, und mir bangte nur, während ich Dich im Park ſuchte, wie ich den Ueber— gang von Eugenien zu Dir thun dürfe.—— Aber, Marianne, Du blickſt mich ſo ſchmerzlich an: habe ich Dir mit meinem Bekenntniß wehe gethan?“ Sie verneinte mit Kopfbewegung und lehnte ſich traulich an ſeine Bruſt. „Mißverſtehe mich nicht, Marianne,“ ſprach er weiter, „und glaube ja nicht, daß mich ein Vorurtheil meines Standes befange! Nein, aber die Vorurtheile, die wir mit der Vernunft aus dem Felde ſchlagen, flüchten ſich erſt noch in die Gewohnheit unſeres täglichen Lebens und machen ſich noch geltend in den gedanken⸗ loſen Vorausſetzungen unſeres abgeſchloſſenen Daſeins. Und aus dieſem Schlupfwinkel ſind ſie oft viel ſchwerer zu vertreiben. Gib nur Acht, liebes Herz: Du auch haſt Deine Vorurtheile! Mit welchem Nachdrucke haſt Du Dich nicht wieder und wieder„die Schulmeiſters⸗ tochter aus Nettlingen“ genannt? Es iſt ein Vor⸗ urtheil Deiner Beſcheidenheit, und es fiel mir ein, Koenig, Marianne. I. 13 ———— 194 als ich Dich ſuchte; ich fürchtete, es könnte mir darin mit all' Deiner Liebe ein abweiſender Stolz Deiner untergeordneten Herkunft begegnen. Nein, Marianne, fort damit! Wir haben uns gefunden, und nun laß uns dieſem ſtillen, heiligen Abend unſere Vorurtheile, unſere falſchen Stimmungen zum Opfer bringen „O nein, Albert, das iſt es nicht, was ich em⸗ pfinde, was mich— nicht um mich, fondern um Dich bewegt. Ich wäre ſtolz genug darauf, nicht eine ge⸗ borne, ſondern nur Deine erwählte Gräfin zu ſein, 11“ edler Mann, und muthig genug die Welt zu verdienen, in die Du mich einführſt. Aber das Lächeln dieſer Hochmüthigen, an das Du mich erinnerſt und das mich erniedrigen ſollte,— nun Du mich liebſt und erwählſt, wird ſich in giftigen Haß verwandeln und Dir durch Widerwärtigkeiten aller Art den Frieden und das fröhliche Schaffen Deiner Zukunft verderben. Nein, Albert, nein, ich will Dich ja nicht verlieren, indem ich Dich um Dein edles Selbſt bringe! Ich liebe ja nicht mich, ſondern Dich, und könnte dieſes Glückes meiner Liebe froh ſein, auch wenn ich Dich in Deiner edlen, ungehemmten, ungekränkten Thätigkeit nur immer ſchaffen und ſtreben ſähe. O laß mir dieſes Glück, laß mich zurück bleiben in meiner dienenden Stellung, wo mein Herz, Dir nahe oder fern, von der ewigen Erinnerung an Dich und Deine Liebe lebt.“ ſe in, 195 „Nichts da von Reſignation, Marianne!“ rief Albert. „Her damit zu den Vorurtheilen, die wir abthuͤn und opfern! Wie könnteſt Du denn eben jetzt mich lieben ohne das Vertrauen, ich ſei all' dem was Du fürchteſt gewachſen um Deinetwillen und mit deinem Beiſtand? Wohl uns, Marianne, wenn wir einſt' unter dem Wal⸗ ten jener unbegreiflichen Macht, unter der das Menſchen⸗ herz ohnmächtig iſt, Hand in Hand den Muth und Troſt gewinnen uns zu demüthigen: doch Schmach über den Mann, der vor dem Wahn und der Wuth der Menſchen zurück bebt, und das Glück des Herzens fahren läßt, das er erkannt hat, und das ſich ihm frei darbietet! Würdeſt Du nicht dann erſt mich ver— lieren, wenn Du mich ſo unmännlich fändeſt? Nein, Marianne, hier unterm Zublinken des Abendſternes, der dort ſichtbar wird und gerade mit zunehmender Dunkelheit ſtrahlender herab leuchtet, ſchwöre ich Dir und gelobſt Du mir, daß wir treu zu einander halten, — bereit mit heiterm Muth allem zu ſtehen, was von Kampf oder Bosheit unſerm Bund entgegen treten mag. Nichts darf Deinen Glauben an mich, nichts ſoll mein Veytrauen zu Dir auch nur einen Augenblick trüben oder wankend machen. Deine Tugend und meine Ehre ſind über Alles erhaben, was die Tücke der Menſchen gegen ſie aufbringen mag. Du biſt mein, und unter dieſem Worte wird das verächtliche Lächeln 13 196 ſchwinden, das heute Dich gekränkt hat und über das Du Dich eben— als Gräfin Marianne erhoben haſt. Und nun komm', Marianne! Auf dies Gelöbniß ſoll unſer Freund Heimberger unſere Verlobung ſegnen!“ Hand in Hand wendeten ſie ſich dem Ausgang des Parkes nach dem Dorfe zu. Viertes Kapitel. Gute Uacht! Ein leiſes Flüſtern ging durch die Bäume, unter denen das glückliche Paar hinſchwebte, und als ſie draußen die Brücke über den Bach betraten, lag oben der Hügel und das Gartenhaus des Pfarrers im roſigen Abglanze des Abendhimmels. Heimberger, Arm in Arm mit ſeiner Erneſtine, wan⸗ delte vor dem Hauſe auf und nieder. Sie hatten ſich eben noch über die Folgen beſprochen, die etwa die aus⸗ forſchende Liſt der Gräfin Dahn, und die Unbedachtſam⸗ keit Alberts für Mariannen herbeiführen dürfte, als ſie das Paar bemerkten, das beim Eintritt in den Garten die unterwegs losgelaß'nen Hände wieder ineinander fügte. Heimberger war davon ſo betroffen, daß er augenblick— lich nicht wußte, ob er die Vertraulichkeit überſehen, oder berufen ſollte. Albertzader dieſe befangene Verwunderung ———— 198 bemerkte, blickte ihn lächlend an, indem er in ſeiner fröhlichen Laune halb ſingend ausrief: Und er weiß nicht, was er ſagen ſoll! „Aber, wendete mit deſto ernſterer Miene der Geiſt⸗ liche ein,„er ahnet was er hören ſoll, und bittet, es nicht hier unter freiem Himmel, ſondern zwiſchen ver⸗ trauten Wänden laut werden zu laſſen.“ Im Zimmer umarmte der Graf den würdigen Bildner ſeiner Jugend mit den etwas feierlichen Worten: Sie, mein väterlicher Freund, haben mir einmal 2— 7 geſagt, ich möchte bei meiner Wahl auf eine Seele achten, die eine Welt für mich aufgeben, oder eine Welt durch mich gewinnnen könnte. Ich habe nun eine Seele gefunden, von der ich ſtatt„oder“—„und“ ſagen kann,— eine Seele für beides, für Aufgeben und Gewinnen.“ Er zog Mariannen herbei, indem er ausrief: „Segnen Sie unſer Verlöbniß! „Nein,“ fiel Marianne ein,„ſo unbedingt war's nicht gemeint; ſondern erſt entſcheiden ſollen Sie mit dem Ernſt Ihres heiligen Amtes und Ihrer wahren Freund⸗ ſchaft für uns beide, ob ich dem Geliebten die Mit— gift meiner Herkunft, und hiermit Unfrieden und Wirr⸗ niß in ſeine Welt bringen darf.“ „Ein Erkenntniß ſetzt Kenntniß voraus,“ lächelte Heim⸗ 74 berger,„eine Abſolution die Beige Setzen wir uns! 199 iner Und ſo ließ denn das bekennende Paar ſich in leb⸗ hafter Wechſelrede über ihre Liebe und Lage aus. Der Muth und die Entſchloſſenheit des jungen Grafen, das eiſt edle Selbſtgefühl Mariannens, gepaart mit der echt es weiblichen Bereitwilligkeit, ſich würdig zum Geliebten ver zu halten, oder mit Würde zurückzutreten, erfreute und verſöhnte den geiſtlichen Herrn mit dem ſo unerwar⸗ ſden tetem Bund, und verſetzte ihn, ſo wie ſeine Gattin in die heiterſte Stimmung. „Ich geſtehe,“ ſagte er,„ es hat mich recht betroffen gemacht, als ich Euch ſo Hand in Hand herankommen ſah, nachdem ich eben meiner Frau unſere wunderliche Unterhaltung mit der Gräfin über Mariannens Lie⸗ 4 benswürdigkeit erzählt hatte. Sie haben ihre ausfor⸗ ſchende Liſt nicht bemerkt, Albert; aber ich ſehe nun, daß doch nicht bloß jene Liſt, ſondern auch Ihre arg⸗ loſe Schwärmerei zum Ziel gekommen iſt. Ich hatte jenen bänglichen Augenblicken den reizenden Humor nicht angemerkt, der ſich hinter denſelben verſteckte. Unſere Marianne nämlich, mußte ihr liebenswürdiges Selbſt bei Seit legen, und Albert hob es ſchnell auf; ſie mußte ein vornehmes Selbſt annehmen, und Al⸗ bert konnte nun beide gegen einander austauſchen. 3 Die Kämpfe, die Albert noch zu beſtehen haben wird,— wer möchte ſich darüber täuſchen!— iſt er ja zu beſtehen bereit, und in dieſem Turnier mag 200 er denn noch recht zum Manne werden. Er wird leichter ſiegen, wenn ihm eine ſolche Dame des Her⸗ zens den Kampfpreis empor hält. Einer Liebe Alberts, die ſolche Wahl getroffen, ſchenke ich alles Vertrauen und die Ihrige Marianne, die im Stillen ein ſo tief⸗ inniges Fundament gelegt hat, als Erneſtine und ich gar wohl bemerkt haben, wird ſich unerſchütterlich be⸗ bewähren. Freilich eine„Meſalliance“ wird Euer Bund in der hohen Geſellſchaft heißen; ich habe jedoch ſchon ein beruhigendes Orakel über den wahren Sinn dieſes Wortes gefunden, Ich erinnerte mich einer Stelle in Göthe's ſiebentem Buche von Wilhelm Mei— ſters Lehrjahren.“ 4 Heimberger nahm das Buch vom Pulte, und las die mit einem eingelegten Blättchen bezeichnete Stelle: „Die Vermiſchung der Stände durch Heirathen verdienen nur inſofern Mißheirathen genannt zu werden, als der eine Theil an der angeborenen, angewohnten, und gleichſam nothwendig gewor⸗ denen Exiſtenz des anderen keinen Theil nehmen kann. Die verſchiedenen Klaſſen haben verſchie⸗ dene Lebensweiſen, die ſie nicht mit einander thei⸗ len und verwechſeln können, und das iſt's, warum Verbindungen dieſer Art beſſer nicht geſchloſſen werden; aber Ausnahmen, und recht glückliche Ausnahmen ſind möglich.“ 201 wird„Und die glücklichſte dieſer Ausnahmen denk' ich, Her⸗ haben wir vor uns,“ ſprach Heimberger, das Buch lberts, ſchließend, weiter.„Denn hier erfüllt ſich auch noch 1 trauen die beiderſeitige Exiſtenz innerlich durch entſprechende tief⸗ Bildung und Geſinnung, durch verwandte Denkungs⸗ nd ich und Anſchauungsweiſe, ja durch Geſchmack und Talent. ch be Wo fände ſich eine Comteſſe, die unſern Albert leichter Euer verſtände, richtiger faßte, edler unterſtützte und in jeder 1 jedoch Richtung ſeines Lebens heiterer begleitete? Seht, ſo Sinn macht ihr einen gebornen Lebensaccord aus, und es einer wird nichts ſchaden, wenn derſelbe erſt nach einigen 1 Mei Diſſonanzen in dur euern Bund in moll ſchließt. Und alſo ſegne ich denn mit Gottvertrauen euer Verlöbniß.“ d las So ſchlicht und heiter der würdige Mann dies Stelle alles, ohne gemachte Salbung, hingeſprochen l hatte, ſo athen hinterließen die Worte doch eine ſanfte Rührung. Man unt zu umarmte ſich, oder drückte einander die Hände. Dann renen, lenkte Albert mit der heitern Aufforderung ein. Uovor„Laßt uns in dieſer Herzlichkeit den Abend zuſam⸗ Vinen men bleiben, und unſere Verlobung feiern! Marianne rſchie beſorgt ein kleines Mahl von den beſten Ueberbleibſeln eh unſeres Mittags, mit einigen Flaſchen der Sorte, die Fani unſer Freund da dieſen Mittag beſonders zu ſchätzen lefe wußte. Sie, Frau Erneſtine, ſchicken wohl die Magd icliche mit einem Korbe ins Schloß, nicht wahr?“ „Ich laſſe mir das heut einmal gefallen, Herr 202 Graf, verſetzt ſie heiter, ſowohl aus begreiflichen Küchen umſtänden, als zum Ausdruck Ihres überfließenden Glück's. Marianne ſchrieb ein Billet, Sobald ſie zurückkehrte, und die Hausfrau ging die Magd abzuſchicken. rief Heimberger: „Und nun vor allem ein ſchönes Lied, Bruſt verſchloſſenen Freude eine reine und gebt ſo der in unſerer Flamme!“ „Eines von den zwei Bundesliedern, bat Albert. Und Marianne, wir ſind unter uns!“ Marianne, halb ſingend halb ſprechend, fragte: „Nicht wahr, lieber Albert, du meinſt: „Ueber allen Gipfeln Iſt Ruh',—— Die Vög'lein ſchlummern im Walde?“ Haſt Du „Ja, mein Herz!“ antwortete er.„Haſt Marianne?“ u denn auch die Vög'lein ſchon ſchlummern ſehen, „Gewiß, Albert!“ antwortete ſie: Hollunderbaum im Nettlinger Schulgarten, auf den gro⸗ en Aeſten, die herauf an mein Kämmerlein reichten.“ Und mit gerührter Erinnerung fuhr ſie fort: „Es war ein prächtiger Baum, Albert, breit und „auf dem alten Ho ß jedes Jahr überſchüttet mit duftigen Dolden; der blaue durch die Zweige, wenn ich, im hohen Johannisblumen und Butterblumen zu⸗ Himmel lachte G Graſe ſpielend, ſam ili die rau den glſſ chen nden 203 ſammen band. Und die ſchönſten weißen und gelben Lilien ſtanden um mich her, und Federnelken ſäumten die Rabatte. Der Vater ſaß dann vor der Thür und rauchte ſeine Pfeife, die Mutter neben ihm, und pflückte den Lattich zum Sonntagabend. O wie waren wir zuſammen ſo glücklich! Und doch! Ach daß die Mutter ſo früh— des Treibens müde ward! Und der Vater mochte dann auch nicht allein zurück bleiben. Da kam die erlöſende Krankheit!—— O wenn ſie jetzt noch Schloß hinüber gekommen, zu ſtaunen und zu beten, und hülfen mir das lebten, und wären einmal zu uns in's Glück tragen, das zu groß für mich allein iſt! O mein Albert!“ Sie ſank an ſeine Bruſt. Heimberger ging ſeine Gambe zu holen, und lud Mariannen zu einer Sonate ein. Dadurch, und vollends über Tiſch, in heitern Geſprächen, glich die vielfach bewegte Stimmung der Gemüther ſich nach und nach aus, bis doch die ſpäte Stunde zum Aufbruch mahnte. Wie der Graf und Marianne ſich erhoben, ſagte Frau Erneſtine: „Ich habe durch die Magd noch Etwas für Sie mitbringen laſſen, liebe Marianne:— Ihre Nachtſachen. Ich denke doch, daß ſie während der Abweſenheit der gnädigen Gräfin bei uns bleiben und unſer Gaſtſtübchen beziehen. Nicht wahr?“ — — 204 „Erneſtine,“ rief Heimberger,„das verdient einen Kuß! Es lag mir doch ſo was im Gemüth, und Du haſt es gefunden. Wir wollen aber gar nichts weiter darüber ſagen, als daß unſer Häuschen den erſten Ge⸗ winn davon hat, daß ich euch geſegnet habe. Ja, ſehen Sie, Albert,— wir Pfaffen thun Nichts umſonſt!“ Alle fühlten im Stillen das Richtige des Frauen— blicks, und Marianne ſprach: „Dann wollen wir aber Albert eine Strecke begleiten!“ Und das geſchah. Draußen war eine ſtille, ſternhelle Nacht; ein ſanftes Lüftchen athmete vom ſchlummernden Walde nieder. Man wandelte, leiſe ſprechend, den Garten und den Fahrweg hinab bis an das Brückchen über den Bach. Hier blieb man ſtehen, und das Scheiden ward Allen ſchwer. Heimberger löſte die Gemüther durch einen Aufblick, indem er mit ſeiner klangvoll tiefen Stimme ſprach: „Heilige Frühlingsnacht! Du ruhſt brütend über dieſen Thälern. Welch' tauſendfältiges Leben, welche Hoffnungen all' einer geſegneten Zukunft erwachen unter deinen warmen Flügeln, in den unzähligen Hälmchen und Knospen und Menſchenherzen! Ueber allen Gipfeln und Giebeln iſt Ruh'. Nur drüben im Park verſucht eine Nachtigall ihr Mailied, und dort unten rauſcht der Bach über das Mühlrad.“ rauen. 10 eiten! ſanftes nieder. Allen einen Stimme m unter llmchen Gipfeln verſucht rauſſcht 205 „Warte nur, balde ſchlummerſt auch Du!“ ſagte Marianne, und umarmte Albert zum Abſchied. 74 „Schwerlich ſo„balde,“ mein Herz!“ antwortete er, und auch Du wirſt wohl wachen und warten, und meine ſüßeſten Gedanken werden Dich finden dort unter dem lieben Dache!“ „Und mein Gebet, Albert, wird über Deine Schläfe hin zum Himmel gehen.“ „Nun gut' Nacht, ſeliger Albert!“ rief Heimberger. —„Gut' Nacht!“ rief Frau Erneſtine.“ „Gut' Nacht, ihr Goldmenſchen!“ antwortete er, und eilte fort. Seine Schritte hallten über die Brücke, und als er hinter den Hecken verſchwand, hörte man ihn ſingen: Gute Nacht, gute Nacht, ſchöne Anna Dorothe, ſchlaf' wohl! Fünftes Kapitel. Die Frau Generalin. Schon unterwegs vom Schloſſe Wallberg ließ die Gräfin Dahn einiges von der Beruhigung fallen, die ſie auf ihres Mannes Verſicherung über Alberts Ver⸗ hältniß zur Gouvernante gefaßt hatte. Wenn man ohnehin geneigt iſt, Dasjenige was man mit eigenen Augen wahrgenommen, weniger zu bezweifeln, als was uns der liebſte Meuſch verſichert: ſo lag es noch be⸗ ſonders in dem ſtarken Selbſtvertrauen der Gräfin Beatrix, daß ſie eine abſichtliche Beobachtung nicht ſo leicht gegen die Ermittlungen ihres Gemahls aufgeben mochte, deſſen Scharfſinn ſie ohnehin nicht zu hoch an⸗ ſchlug. Mit der Entfernung nahmen ihre Zweifel und ihre Beſorgniß zu. In dieſer Stimmung gönnte ſie ſich und dem Grafen kaum anderthalb Tage, um das Dringendſte, was zu Hauſe auf ihre Rückkehr gewartet n mant eigenenn lls was och be Gräftn 207 hatte, zu erledigen. Es drängte ſie nach Nienſtedt zu kommen, wo ſie ſich in vertrauter Beſprechung mit ihrer Freundin in’s Klare zu ſetzen hoffte. Eigentlich verſteckte ſich aber hinter dieſer Erwartung das etwas ärgerliche Verlangen, die Freundin ſelbſt mit ihrer Nachricht über Albert zu überraſchen. Dies Letztere gelang ihr indeß in ſofern nicht, als die Gräfin Wallberg eher geſtimmt war, die Vermu⸗ thung der Freundin eingebildet und lächerlich zu finden. Es bedurfte der lebhafteſten Betheuerung und umſtänd⸗ lichſten Erzählung von dem„anmaßlichen“ Betragen der Gouvernante und der ſchwärmeriſchen Selbſtver⸗ geſſenheit Alberts, ehe die Mutter bedenklich wurde. Und auch dann war es doch zumeiſt der Umſtand, daß Heimberger mit bei Tiſche geweſen und Alberts Unbe⸗ dachtſamkeit zu decken geſucht hatte, was ihr einige Beſorgniß erregte. Dieſem„Querkopfe“ und„unchriſt⸗ lichen Demokraten“ traute ſie mit ſeinem Einfluß auf Albert das Schlimmſte zu. Doch gab ſie es nicht auf, Alberten noch zur Beſinnung zu bringen und ſeinen natürlichen Stolz aufzurufen.— Er iſt gewiß nur bethört, verſicherte ſie, und wird ſich zurecht⸗ finden. Die Generalin ward in's Vertrauen gezogen. Die barſche Frau war ſehr für entſchiedene Schritte, wäh⸗ rend beſonders die Mutter Alberts nur das vorſich⸗ ———L—V—L—F—B—ꝛ—ꝛ—ꝛ:——.— tigſte Einlenken gerathen fand. Rir dürfen ſeinen Stolz nicht gegen uns herausfordern,“ ſagte ſie,„ſon⸗ dern müſſen ihn auf die Verführerin lenken.“ Zuletzt vereinigte man ſich dahin, daß nur die Gene⸗ ralin mit nach Wallberg reiſe, die Dahn'ſchen aber geradenwegs nach Hauſe zurückkehren und nicht nur Eugenien, ſondern auch die kleine Adele mit ſich neh— men ſollten, indem ja doch bei dem leiſeſten Grunde zu Beſorgniß die Gouvernante ſofort entfernt werden müſſe. Die liſtige Perſon ſollte ſich nicht etwa noch an das Kind anklammern, das ſo leidenſchaftlich an ihr, wie an Albert, hing. Auch wollte man jede Scene und Plackerei vermeiden, und es wo möglich zu gar keiner Erörterung kommen laſſen. Im Sinn dieſes Vorhabens unterließ es die Gräfin Wallberg auch, den Tag ihrer Ankunft mit der Gene⸗ ralin anzumelden. Man wollte lieber einen Tag früher als erwartet eintreffen, um die Ueberraſchung auszu⸗ beuten. Es war ein milder, aber mit Regenſchauern ab⸗ wechſelnder Maitag. Der Geometer mit ſeinen Ge⸗ hülfen war ſeit vorgeſtern beſchäftigt, die an der wal⸗ digen Höhe hinziehende Trift zu vermeſſen und in Par⸗ zellen zu theilen. Graf Albert hielt ſich viel dabei auf, und nahm gewöhnlich den gebildeten jungen Mann während die Gehülfen und Tage⸗ mit ſich zu Tiſche; löhn ſeinen ſon „ Gräfin Gene⸗ früher 209 löhner im Wirthshauſe des Dorfes ihren Mittag hiel⸗ ten. Nach Tiſche trank er gern ſeinen Kaffe bei Heim⸗ berger. Heute, wie durch eine unbewußte Sympathie des Sprüchwortes vom Haſen, der beſprochen aus dem nächſten Gehölze kommt, fiel die Unterhaltung beim Pfarrer auf die Generalin. Heimberger, bei aller Hu— manität für die Schwächen der Menſchen, beſaß doch einen milden Humor, womit er die geſellſchaftlichen Wunderlichkeiten und alles lächerlich Engherzige gar ergötzlich betrachten konnte.—— Machen Sie ſich nur auf eine ſehr ſeltene Erſcheinung gefaßt, theuere Freundin!“ ſagte er zu Marianne.„Die Generalin iſt als Witwe, wahrſcheinlich aus Kummer, noch ſtärker geworden und hat jetzt ganz das Ausſehen einer Statue, die bekanntlich in koloſſalem Maßſtabe ausgeführt wird. Auch iſt ihre Geſichtsfarbe ein wenig bronzirt. Den⸗ noch habe ich ſie vor ihrer Verheirathung als ganz hübſch gekannt. Sie war damals noch ſchlank; die Ge⸗ fühle ihrer Bruſt legten ſich noch nicht in ihrer jetzi⸗ gen Stärke an den Tag; das Herz ſpielte noch in angenehmer Lebhaftigkeit der Züge und viel klarerem Teint. Jetzt ſcheint die Leber mehr Einfluß gewonnen zu haben, und ſtört, wie in unſerer Adelskammer, von der rechten Seite aus die Conſtitution. Ich habe auch noch ihre erſte Liebe gekannt; denn der ſelige Koenig, Marianne. I. 14 ——— ——— 210 General war ihre zweite. Sie galt nämlich für eine gute Partie. Ihr Vater, der Maurermeiſter Schel⸗ wig, hatte gute Zeiten und einiges Glück in der terie ſo wie in ſeinen Bauſpeculationen gehabt. Seine einzige Tochter Margarethe, oder wie ſie ſich in ihrer poetiſchen Zeit nannte— Laura, war viel begehrt, Lot⸗ hatte aber eine wunderliche Neigung für einen jungen Candidaten der Theologie gefaßt, der ihr in der Zei⸗ tung der Reſidenz einige Sonnette gewidmet und ſich ihren Petrarca genannt hatte. Dergleichen ging da— mals noch, ſo unthunlich es heut für theologiſche Can⸗ didaten wäre. Es war ein kleiner, ſchmächtiger Menſch, der unter ihrem ausgeſtreckten Arm, wie unter einem Schlagbaum, durchſchlüpfen konnte. Der Vater war durchaus gegen die Neigung, und beide Liebende konn⸗ ten ſich nur in verſtohlenen Augenblicken ſehen. Eines ſehr ſchwülen Nachmittags hatte ihm Gretchen⸗Laura durch einen in's Fenſter des Seitengäßchens ausge⸗ hängten kleinen tyroler Teppich das bekannte Zeichen gegeben, daß ſie allein ſei, und er ſchlüpfte durch die Hofthür und die Hintertreppe hinauf,— aller ſpäter erſt vom Profeſſor Stahl erkannten„göttlichen Ord⸗ nungen und Gliederungen“ ver reſſend. Aber ſein Ver⸗ hängniß erreichte ihn auch in derſelben Stunde. Laura ſtand eben neben einer großen Schachtel feiner Putz⸗ ſachen und eines eleganten Sommerhutes. Sie hatte ging da che Can Menſch, er einen ater war ne kond Eines en⸗Laut ausge Zeiche durch die fer ſpälet dieſelbe, als ſie anklopfen hörte, auf den Boden geſetzt, und reichte dem Eintretenden die bewillkommende Hand. Er faßte die liebe Hand, küßte ſie und drückte ſie an ſein Herz. Und wie nun Laura, etwas echauf⸗ firt, mit rothen Lippen zu ihm niederlächelte, konnte er der Sehnſucht nach dieſem roſigen Munde nicht widerſtehen, und wollte ſich, das hohe Ziel zu erreichen, mit einem Fuß auf die Schachtel tretend emporſchwin⸗ gen, ſank aber ſogleich mit dem einbrechenden Deckel in die verborgene Welt der Eitelkeit. Ein halblauter Schrei des Entſetzens kam von den unerreichten Lippen. Ohnmächtig wurde Laura nicht, dafür beſaß ſie, von Meiſter Schelwig, ihrem Vater her, ein zu haltbares Fundament und Mauerwerk; aber mit einem Schauer von Widerwillen erkannte ſie doch ihren Petrarca in ſeiner wahren— Unzulänglichkeit. Zugleich war ihr in ihrer mädchenhaften Verſchämtheit der Blick für das richtige Größenmaß eines liebenden Mannes aufgegangen. Dies beſaß der Hauptmann von Edes⸗ B heim in der Garde. Die alte Burg ſeiner Väter war längſt zuſammengebrochen, und er wendete ſich an den Maurermeiſter Schelwig. Der ſtattliche Offizier über⸗ ragte Gretchen um einen halben Kopf, und es kam ihr ungemein ſchmeichelhaft vor, daß der Edelmann ſich zu demſelben Ziel ein wenig bücken mußte, das der Poet mit ſeinem verderblichen Aufſchwung nicht 14* ——— 212 erreicht hatte. Der Hauptmann war damals noch ſchlank; aber bis er Major und Oberſt wurde, ver⸗ riethen beide Eheleute durch zunehmende Beleibtheit, wie ſehr die Harmonie der Seelen glücklich verhei— rathete einander ähnlich werden läßt. In dieſer Liebe theilten ſie ſich auch in das Commando: ſie übernahm es im Hauſe, und er erweiterte das Seinige durch Avancement in der Armee. Ich bin recht begierig, ob ſie vielleicht in ihrem Witwenſtande die Commando— ſtimme auf halben Sold herabgeſetzt hat und mit hier⸗ her bringen wird. Ehe noch Albert aus ſeinem Lachen etwas erwie⸗ dern konnte, klopfte es an die Thür, und ſein Kam⸗ merdiener trat mit der Meldung ein,„Ihro Gnaden die Frau Gräfin und die Frau Generalin von Edes⸗ heim Excellenz ſeien eben im Schloß angekommen.“ „Den Augenblick werde ich erſcheinen!“ ſagte Albert und trat, ſobald der Diener fort war, zu Mariannen, die ſich blaß und bebend erhoben hatte.—„Nur Muth, mein Herz!“— rief er.„Es bleibt bei dem, was wir verabredet. Komm' nur langſam nach, und bis hin⸗ über wirſt Du Dich gefaßt haben.“ Er umarmte ſie mit einem Kuß auf ihre kalte Stirne. In der Thüre rief er noch:„Sieh, Mariane, ein Sonnenblick bricht durch die Regenwolke!“ Inzwiſchen hatte die Gräfin Wallberg gleich bei 8 noch de, ver⸗ leibtheit verhei er Liebe bernahm ſe durch nmando⸗ nit hier⸗ erwie n Kam⸗ Gnaden n Edes⸗ e Albert riannen, r Muth, was wir Mariant eich bi gefragt, und vernommen, der Herr Graf ſei gleich nach Tiſche mit dem Geometer fortgegangen, Made— moiſelle Weikart aber wohne, ſeit Ihro Gnaden abge— reiſt, als Gaſt bei Herrn Heimberger und komme nur herüber, um im Schloſſe nachzuſehen. „Sehen Sie,— alles in Ordnung!“ bemerkte, als beide Damen die Schloßtreppe betraten, die Generalin in einem Tone, den ſie für Flüſtern ausgab; worauf aber die Gräfin nur mit einem warnenden Blick ant⸗ wortete. Erſt als ſie ſich im Geſellſchaftszimmer mit der Generalin allein ſah, ſagte ſie mit nachdenklicher Miene: „Sie mögen recht haben, liebe Generalin. Wenig— ſtens kann ich mir kein ernſtes Liebesverhältniß denken, das ſchon ſo entſchieden wäre, daß die Mamſell aus Rückſichten des öffentlichen Anſtandes in meiner Ab⸗ weſenheit Wohnung außerhalb des Schloſſes genommen hätte. „Und noch Eines, Liebſte!“ erwiderte die Generalin. „Sie hat ja noch am ſelben Tage,“ ſagte der Be⸗ diente,„das Schloß verlaſſen, und hätte mithin ſchon eine ſolche Amourſchaft vorher haben müſſen, für die Sie aber, meine Beſte, gewiß nicht ſo ſtaarblind ge— weſen wären.“ „Frau Generalin,— nein!“ rief die Gräfin über ihrer Ankunft lebhaft nach Albert und der Gouvernante ——— 214 die Ausdrucksweiſe der heftigen Frau etwas empfind⸗ lich. Und im Fall eines leichtfertigen Liebeshandels wäre die Perſon gar nicht ausgezogen,“ ſprach die Generalin weiter,„ſondern beide hätten ſich zuſammen, als ein gepaarter Eremit, die liebe Einſamkeit gefallen laſſen. Je näher, je lieber! Das kennt man ja!“ „Ich mache zwar keinen Anſpruch darauf, das zu kennen,“ fiel die Gräfin ein;„aber vom Grafen Albert darf ich ein ſolches Verhältniß gar nicht annehmen. Dafür kennen wir ihn!“ „Nun wollen wir aber dafür ſorgen, meine Theure, daß auch nicht werde, was noch nicht iſt. Wir füh⸗ ren ein ganz neues Bataillon in's Feld.“ „Ja nichts übereilt! Halten Sie es noch in Re— ſerve, Frau Generalin! die Liebe läßt ſich nicht com⸗ mandiren!“ „Doch, doch, liebſte Gräfin! denn ſie iſt zwiſchen Albert und Eugenien ohne Zweifel ſchon auf Wache gezogen und ſteht gewiß bereits in Reihe und Glied, aber aller Wahrſcheinlichkeit nach in zu träumeriſchen Gedanken. Sehen Sie, d'rum iſt auch beim Militär das erſte Commando ſtets: Achtung! und dann erſt kommt: Präſentirt! Ich werd' ihm aber gleich zurufen: Zur Attake vorwärts, Herz!— Aha, da iſt er ja gleich! Sehen Sie, wie er parirt!“ empfind— Shandels rach die ſammen, gefallen ja!“ das zu n Albert mehmen. Theure, Zir füh in Re⸗ cht comm zwiſchen Wa⸗ che d Glied, neriſchen Militan ann ellſt murufent zuruf ſt er ſ Albert erſchien, und begrüßte beide Damen mit der lächelnden Artigkeit, zu der er ſich unterwegs zu⸗ ſammen genommen, und worin der Anblick der Ge⸗ neralin ihm, in Erinnerung an Heimbergers launige Mittheilung, recht zu Hülfe kam. Er ließ ſich von der Generalin ausſchelten, daß er ſich vergebens habe erwarten laſſen.— Und ich hatte eine Pracht⸗Diviſion von jungen Damen aufge⸗ ſtellt,“ ſagte ſie,„die alle rechts nach dem liebens⸗ würdigen Reiſenden ausſchauten, dem die Königin Vic⸗ toria gelächelt hatte.“ „Das war's eben, Excellenz, was ich fürchtete!“ verſetzte er.„Ich weiß ſchon, Sie ſind ein Magnet für die liebenswürdigen Damen, nicht bloß für die jungen, nein, für alle, die es noch nicht aufgegeben haben, Hand und Herz zu verſchenken. Und was hätte mir's da geholfen, wenn ich mich auch an die Gene— ralin des Feſtes gehalten hätte, deren Liebenswürdig⸗ keit,— um mich eines königlichen Ausdrucks zu be⸗ dienen— ſtabilirt iſt, wie ein Rocher von Bronze? Ihr mächtiges Commandowort hätte mich vielleicht zu einer Victoria commandirt, die doch nicht die Rechte geweſen wäre, die ich bereits im verſchwiegenen Herzen trage. „Hallo, Gräfchen, ſteht's ſo damit?“ lachte die Generalin.„Alſo die Rechte iſt da? Garniſonirt im — —— ——— — 216 verſchwiegenen Herzen? Aber nun keine lange Reſerve! Heraus aus der Garniſon,— in's Feld, zur Parade! Ich commandire: Die Rechte vorrücken!“ Eben trat Marianne ein, und eilte die Gräfin zu begrüßen. Dieſe empfing ſie freundlich aber noch vor⸗ nehmer als ſonſt, und die Generalin richtete ein Paar ſcharfe Augen über die Schulter auf ſie. „Und die liebe Adele, Ew. Gnaden?“ fragte Ma— rianne. „Wir haben ſie mit nach Dahnſtein gehen laſſen,“ ſagte die Gräfin.„Auf ein paar Tage. Haben Sie die Zimmer für unſere liebe Generalin beſorgt?“ „Für die gnädige Frau?“ erwiderte Marianne mit fragendem Blick auf die finſtere Fremde.„Alles in Ordnung. Befehlen Sie nur daß ich Sie hinbegleite.“ „Sie haben Ihro Excellenz richtig erkannt, Fräu⸗ lein Weikart,“ lächelte Albert.„Entſchuldigen Sie, daß ich verſäumt, Sie der Frau Generalin vorzu⸗ ſtellen.“ Er that es jetzt förmlich, nahm aber um Marian⸗ nens Befangenheit zu verſtecken, einen noch luſtigeren Ton an, indem er ſagte: 2 „Wir haben freilich eine gute Beſchreibung von Ihnen, meine Gnädigſte, wornach Fräulein Weikart Ew. Excellenz leicht erkennen konnte.“ „Wer, wer hat mich beſchrieben?“ fragte ſie lebhaft. Reſervel Paradel äfin zu ch vor⸗ n Paar e Ma⸗ laſſen,“ en Sie 2 Larian⸗ ſtigeren g von. Veikart ebhaft 217 „Ein gewiſſer geiſtlicher Herr, den Sie als meinen Erzieher kennen,“ antwortete er,„und der Sie ſchon in ihrer gefährlichen Zeit gekannt hat, wo ſich alles von unten und von oben um Sie bemühte.“ Die Generalin ſah ihn mit drohendem Nicken und gehobenem Finger an, erhob ſich und nahm ſeinen Arm mit den Worten: „Bringen Sie mich in meine Wohnung! Und Sie, Mamſell, ſchaffen mein kleines gelbes Köfferchen, die Hutſchachtel und den Reiſeſack herauf!“ „Das haben ſchon alles— die Dienſtboten be⸗ ſorgt, Excellenz!“ antwortete Marianne. Sechstes Kapitel. Verſchiedene Artigkeiten. 1 Ihrem Empfange nach und aus dem Benehmen Alberts gegen Marianne am Abend und folgenden al Tage ſchöpfte die Gräfin Wallberg ein neues Vertrauen. 11 Sie glaubte um ſo lieber und leichter, daß ihre Freun⸗ b din Dahn ſich geirrt habe, als ſie dem Argwohn der⸗ ſelben höchſt ungern ein Zugeſtändniß gemacht und ihrem ſtolzen Vorurtheile gegen jede erniedrigende Ver⸗ ſ bindung Alberts nicht ohne Empfindlichkeit ein Opfer gebracht hatte. Sie freute ſich ſogar im Stillen über die Art, wie Marianne die etwas brutale Begegnung der Generalin mit ſtolzer Ruhe unbeachtet ließ, oder 5 entſchieden abwehrte. Es verdroß ſie doch, daß dieſe ungeſtüme Frau bei ihrem Eifer der eignen bürgerlichen Abkunft ſo ganz vergeſſen konnte. Eine Aeußerung ihres Freundes, des Hofmarſchalls, fiel ihr wieder ein, jehmen genden trauen. Freun⸗ on der⸗ 219 der einmal geſagt hatte:„Es gehört etwas Unverſchämt⸗ heit dazu, ſein Neuſilber neben alten, echten Beſtecken ſo klappernd auf die Tafel zu legen.“ Nun hielt die Gräfin auch nicht länger mit den Geſchenken zurück, die ſie vor der Ankunft der Dahn'— ſchen in Nienſtedt gekauft und für die Gouvernante beſtimmt hatte. Es waren ſeidene Kleiderſtoffe, kleine Putzſachen, ein Paar geſchmackvolle Armbänder, nebſt einer Buſennadel. Die Comteſſe Eugenie hatte, zur Erinnerung an ihre engliſchen Converſationsſtunden, das von Albert ſehr gerühmte Leben Göthe's von Lewes beigefügt. Marianne empfing dieſe für ſie ſehr reichen Gaben mehr mit erſchrockener, als mit erfreuter Ueberraſchung. Das ängſtliche Geheimniß, mit welchem ſie vor Alberts Mutter ſtand, laſtete wie ein Betrug auf ihrem Herzen in dieſem Augenblicke, wo ſie ſich ſagen mußte, daß ſie, aus demſelben hervortretend, ſtatt mit ſolcher Güte, vielmehr mit den ungnädigſten Vorwürfen würde über⸗ häuft werden. Sie ſchwankte einige Augenblicke vor der Gräfin nieder zu ſinken und ihr Alles zu bekennen, nicht um Alberten aufzugeben, ſondern nur um die ihr aus unverdientem Vertrauen zugewendete Gunſt von ſich abzuwehren.—„O das— alles das?“ rief ſie mit abwehrenden Händen blaß und bebend.„O nein, — nur heute nicht, Ew. Gnaden! Jetzt noch nicht, bis ich ſo viel Güte erſt mehr verdient habe,— bis Sie mich beſſer kennen und mir— wer weiß was Alles vergeben haben!“ Eine Frau von mehr Kenntniß des menſchlichen Herzens wäre vielleicht von ſolcher, dem Anlaß nicht angemeſſ'ner Erſchütterung betroffen und in ihr auf⸗ gegebenes Mißtrauen zurückgeworfen worden: doch die Gräfin, die bloß Weltkenntniß beſaß und von einem hohen Selbſtgefühl herabſah, nahm dieſe Rührung einer dienenden Perſon als den Ausdruck einer lebhaften Dankbarkeit wohlgefällig auf.—„Sie müſſen mir nicht wehren wollen, meine gute Weikart,“ ſagte ſie,„daß ich mich Ihnen auf meine Weiſe erkenntlich zeige. Auch kann ſich in der Kürze bei uns Manches ereignen, woran Sie durch einigen Aufwand in Ihrer Erſcheinung gern einen ſchicklichen Antheil nehmen mögen. Ich weiß ja wohl, Sie kleiden ſich mit ſehr viel Geſchmack: es kommen aber Feſte, die auch Putz verlangen, ſelbſt wenn man ihn nicht liebt; wie es ja die Männer auch bei beſonderen Gelegenheiten nicht ohne Champagner thun.“ Marianne mußte ſich fügen und an ſich nehmen, was ſie viel ſchwerer auf dem Herzen, als mit den Händen forttrug, und was dagegen die Gräfin in ihrem Stolz um vieles erleichterte. So fand ſich nun Frau von Wallberg aufgeräumt chlichen znicht r auf⸗ ich die einem g einer öhaften r nicht „daß Auch eignen, eeinung ch weiß ack: es t wenn ich bei thun.“ ehmen, it den ihrem eräumt 221 genug, der unruhigen Generalin nur noch lächelnd zu wehren, wenn ſie auf Albert einzuſtürmen verlangte. Wiederholt, und ſchon auf dem erſten Gang, als der junge Graf ſie nach ihren Zimmern führte, hatte die Generalin an ſein Herz geklopft; er war aber immer wieder mit lächelnder Artigkeit ihren halbverſteckten Angriffen entſchlüpft. Seine mit Heimberger beſprochene Abſicht ging nämlich dahin, erſt nach der Abreiſe der Generalin ſich der Mutter zu entdecken. Er konnte ſich nicht über die Aufnahme täuſchen, die er bei ihr mit der Erklärung ſeiner Verlobung finden würde, und wollte, mehr Mariannens als ſeiner ſelbſt wegen, ab— warten, daß ſie allein ſei und ſich mit ihrem Unwillen wie die Generalin, anlehnen und dadurch in ihrem Widerſpruch ſteigern könne. Für die Generalin fehlte aber nur noch, daß ſie ſich in ihrem Vorhaben von der Gräfin zweifelhaft belächelt glaubte, um es für ein Signal zum vollen Angriffe zu nehmen. Die Stunde dazu kam eines Nachmittags, als man nach Tiſche länger beiſammen ſitzen blieb, dies und jenes aus den Briefen beſprechend, die der reitende Bote überbracht hatte. Die Generalin, der es bei ihrer Unruhe doch nicht an Verſchlagenheit fehlte, las aus dem Brief einer Freundin in der Reſidenz die Mitthei⸗ lung vor, die eigentlich nicht darin ſtand, daß der — — ——— — — Major von Dillfeld in der Kürze einen Beſuch auf Schloß Dahnſtein beabſichtige. Sie ſtieß dabei, ihre Schelmerei zu verſtecken, den kleinen duftenden Blumen⸗ ſtrauß, der täglich auf ihrer Serviette lag, mit Schnüffeln an ihr Stumpfnäschen, indem ſie dann ausrief: „Ich denke wir verſchieben nun unſern Beſuch nicht länger und fahren gleich morgen hinüber zu Dahn⸗ ſteins! Sonſt kommt uns gar der Dillfeld zuvor.“ Die Gräfin, die ihr Zublinzen verſtand, erwiderte: „In Gottes Namen, wenn's Ihnen doch bei uns zu langweilig iſt! Sie, Weikart, gehen morgen auch mit. Ich hätte Sie ſchon früher einmal dort hin⸗ bringen müſſen. Wir holen bei dieſem Beſuch zugleich meine Adele ab. Kommen Sie, wir wollen gleich einige Vorkehrungen treffen!“ Sie erhob ſich lebhaft und ging. Marianne folgte mit zögernder Bangigkeit. Die unheimlichen Blicke und Mienen beider Frauen waren ihr nicht entgangen, und ſie hatte das Vorgefühl, daß etwas Verabredetes im Werke ſei. Auch Albert traute dem Alleinbleiben mit der Generalin nicht, und ſtand auf. Sie hielt ihn aber mit der Anrede zurück: „Noch ein Wort, liebſter Graf! Wie ſieht's denn mit dem brillanten Konzert aus, auf das ich ſchon h auf „ ihre umen⸗ „ mit dann⸗ nicht Dahn⸗ derte: i uns auch hin⸗ ugleich eingeladen bin. Ich ſpitze mich darauf, müſſen Sie wiſſen.“ Albert hätte ihr nicht entgegenkommender antworten können, als mit den unbedachten Worten, es ſei Alles vorbereitet bis auf das, was die Comteſſe Eugenie ſpielen oder ſingen wolle. Worauf die Generalin raſch erwiderte: „Eugenie, ſagen Sie? Wo denken Sie hin, Herzens⸗ graf! Wie kann die Comteſſe an dieſem Tag unter den Executirenden auftreten? Das Konzert, denk' ich, iſt ja doch auf ſie gemünzt. Sie geben es ja zur Vorfeier der Verlobung meiner charmanten Nichte?“ „Das war damals die Beſtimmung nicht, Frau Generalin,“ antwortete er ausweichend.„Es ſollte nur ein zweites Konzert ſein, glänzender und für einen ausgewählteren Kreis, als das erſte war.“ „So? Damals?“ entgegnete ſie mit ſchalkhaftem Lachen.„Aber die Zeiten ändern ſich: geben Sie alſo nun dem Konzert dieſe Beſtimmung, und bedanken Sie den artigen Gedanken, den ich Ihnen an die — h für han gebe.“ ‚Mit Vergnügen, Excellenz! Nur hat es dann frei⸗ lich keine Eile, und wir können weiter davon reden!“ Er erhob ſich abermal, um das Zimmer zu verlaſſen; aber die Generalin rief: „Halt da, Deſerteur! Ich befehle Ihnen, endlich —ÿ——— 3—.— 224 einmal Stand zu halten, daß wir die Sache zu Ende bringen. Keine Eile, ſagen Sie? Warum hätte es keine Eile? Ich will dem Konzert beiwohnen, und bin ſo lang nicht mehr Ihr Gaſt.“ „Ohl das thut mir leid, meine Gnädige!“ verſetzte Albert mit innerer Ungeduld.„Aber, machen Sie das mit Ihrem Brief aus. Sie haben uns mitgetheilt, daß der Major von Dillfeld in der Kürze auf Schloß Dahnſtein erwartet werde. Das wäre denn freilich bald; allein er wird doch wahrſcheinlich nicht mit der Thür in's Haus fallen. Und wenn auch die Gräfin ſeiner Bewerbung um Eugenien hold genug iſt: ſo wird er doch erſt auch den weniger geneigten Papa gewinnen müſſen, ehe er ſein Wort anbringt und uns Gelegenheit zu Ihrem vortrefflichen Gedanken eines Verlobungs⸗ Konzertes gibt.“ Die Generalin, ganz verblüfft von dieſer Wendung, ſtarrte ihn eenige Augenblicke an, ehe ſie zu den Worten kam: „Graf? Sind Sie auf dem Holzweg, oder— ſind Sie ein Schalk? Doch nein! Halt da, jetzt verſtehe ich Ihre verbiß'ne Miene, und— Ihr bisher ſo un— begreifliches Benehmen! Sie ſind eiferſüchtig! Ha, ha! es iſt zum Todtlachen! Aber— kein Wort darüber! Ich müßte Sie für— ich weiß nicht wofür halten, wenn Sie nicht hätten merken ſollen, daß Eugenie Sie ugs⸗ du ug, orten ſind liebt und daß man auf Schloß Dahnſtein längſt nur Ihre Erklärung erwartet, um eben die Bewerbung des Majors abzuwenden und dem liebevollen Kind, das nichts von ihm wiſſen will, ſein Hofmachen zu erſparen. Sehen Sie, ſo ſteht die Sache mit dem Major! Ich gebe Ihnen mein Wort. Und nun verlieren Sie mir keine Silbe mehr darüber! Wir fahren morgen hinüber, und Sie bringen Ihr Wort an. Die Dahn'ſhen er⸗ warten es. Ich rede als ehrliche Freundin offen mit Ihnen: Wiſſenz Sie, Albert, Sie ſind ſchon allzulang um das liebreiche Geſchöpf herum gegangen. Als Eu— genie noch hier bei Ihnen war, wollten Sie nur abwarten, bis ſie wieder zu Hauſe ſei. Soweit war noch ver⸗ nünftiges Zartgefühl dabei. Nun aber iſt ſie zu Hauſe, und Alles iſt erwartend, und Sie können morgen dort nicht erſcheinen, ohne Ihr letztes Wort, Ihre entſchiedene Bewerbung anzubringen.“ „Ich kann alſo nicht mitgehen!“ erklärte Albert hart und entſchieden. Was dem Grafen dies durchſchlagende Wort entriß, war nicht bloß die Ungeduld über eine ſo zudringliche Frau, ſondern auch eine flüchtige Betrachtung, die ihn vollends entrüſtete. Seine Mutter hatte mithin die Unterredung, die er vor ihrer Abreiſe mit ihr gehabt, nicht als eine Ausflucht erkannt, aber auch vermeintlich als ſeinen endlichen Entſchluß nicht mit Discretion Koenig, Marianne. I. 15 226 behandelt, ſondern der Generalin mitgetheilt. Das empörte ihn auf's Tiefſte, um ſo mehr, als er glauben mußte, daß auch die Dahn'ſchen davon wüßten. Darauf zielte ja offenbar die Aeußerung der Generalin: Die Gräflichen erwarten es. Seine Unzufriedenheit zu ver— bittern mußte er ſich auch noch den Vorwurf machen, daß er ſelbſt durch ſeine Unentſchiedenheit und hinhaltende Erklärung gegen die Mutter all' dieſe Mißverſtändniſſe verſchuldet habe. Alles dieß, lebhafter empfundemals überdacht, ängſtigte ihn noch zu ſeinem Verdruß, und riß ihn zu der jähen Erklärung hin: „Ich kann alſo nicht mitgehen!“ Nur einen Augenblick betroffen, rief die Generalin faſt unwillig: „Graf Wallberg, was? Sie können nicht, oder Sie wollen nicht?“ „Frau Generalin,“ antwortete er mit Aufwallung, „ich bemühe Sie zu ſehr mit ſo barſchen Fragen. Genug, ich ſage Ihnen ein für allemal: Ich gehe nicht mit, denn ich bin ſchon verlobt. Wiſſen Sie das!“ Die Generalin ſtarrte ihn einige Augenblicke an, wie verſtummt vor einem Ereigniß, das urplötzlich ihr ganzes Gedankenſpiel zerrüttet hatte. Bald aber beſann ſie ſich der aufgegebenen Vermuthung.—„Was?“ rief ſie, „verlobt? Alſo doch? Aber— verlobt? Was man ver⸗ ichen, tende dniſſe dacht, jihn wie anzes n ſie ef ſie, man 227 verlobt nennt,— in Ehren und Verbindlichkeit, und mit dieſer Perſon?“ „Mit Fräulein Marianne Weikart, Frau Generalin!“ ſagte er mit warnendem Nachdrucke. „Verlobt? Alſo heirathen? Pfui!“ „Vergeſſen Sie ſich nicht, Frau Generalin, und vor allem— vergeſſen Sie meiner nicht! Ich muß bitten!“ „Ich ſoll Ihnen mein Erſtaunen nicht ausdrücken, Graf,— meinen Unwillen, meine Mißbilligung einer ſolchen Heirath mit dieſer Gouvernante?“ „Sie werden ſich dieſer außerordentlichen Anſtrengung überheben, Frau Generalin, wenn Sie Mariannen, meine Braut, mit der chriſtlichen Billigkeit brtrachten wollen, auf die Sie einſt gerechnet haben, als ſich der Gardehauptmann von Edesheim mit Margaretha Schel⸗ wig verlobte.“ ³ „Graf!“ rief ſie heftig,„wollen Sie mir damit eine Impertinenz ſagen? Wollen Sie mich damit be⸗ leidigen? Ich war nie eine dienſtbare Perſon, müſſen Sie wiſſen. Und ich habe meinem Bräutigam damals Das zugebracht, was ſeinem alten Adel ein neues Fundament gab, und wodurch er ſich erſt geltend machen konnte. Dadurch war oder ward ich ſeines⸗ gleichen. Ueberdies war es in einer Zeit, da der Adel erſt wieder ſich zu heben anfing. Ihnen aber in Ihrer 15 — — — 228 Lage und jetzt geziemte es, in die großen Beſtrebungen Ihrer Standesgenoſſen einzugehen, und wenn Sie ſtatt einer Ebenbürtigen von den Reizen und Vorzügen der Comteſſe Eugenie ſich zu einer Schulmeiſterstochter, zur Gouvernante Ihrer Schweſter herablaſſen: ſo iſt und bleibt das eine Schmach für Ihre Familie. Und dann— wozu denn gleich dieſen Aufwand, dieſe Roman— tik eines Eheverſprechens? Wenn ich das Perſönchen auch mit den günſtigſten Augen betrachte: hätte ſie Ihnen denn nicht herzensgern alle Unterhaltung gewährt, ohne Anſpruch an Ihre Hand und an Ihren Rang? Und warum haben Sie's denn nicht dabei gelaſſen? Welche Sentimentalität, die Schäferin Ihrer länd⸗ lichen Zärtlichkeit in's Schloß zu führen und auf den rothſammtnen Seſſel unter der Grafenkrone zu betten?“ Albert, empört über dieſe Vorausſetzungen, wußte ſich kaum zu faſſen; blaß, mit zuckenden Händen ſtand er da; Verachtung der Gemeinheik dieſer Frau kämpfte mit ſeiner Entrüſtung über ihre Anmaßlichkeit um das Wort. Aber er faßte ſich, und ſprach mit tiefer, bebender Stimme: „Frau Generalin, Sie geben mir auf ſehr unwürdige Weiſe zu erkennen, wie wenig Sie ſich in meinem Hauſe gefallen. Es thut mir leid, und iſt mir nur lieb, daß Ihre Beſitzung ſo nahe liegt und ich gute Pferde habe, gen ſtatt Sie dahin zu bringen. Ich werde meinem Kutſcher ſagen, daß er Ihre Befehle zu erwarten habe.“ Er verneigte ſich, und verließ das Zimmer. Mit feſten Schritten erreichte er die Wohnung der Gräfin. Sein Ausſehen erſchreckte Mariannen, die auf einen Wink von ihm das Gemach verließ.—„Gnädige Mamma,“ ſagte er,„die Frau Generalin hat mich zum Aeußerſten gebracht. Dies nöthigt mich Sie mit Etwas zu erſchrecken, was ich auf eine beſſere Stunde vor⸗ behalten hatte. Allein Sie ſollen es doch nicht zuerſt aus dem Munde dieſes entſetzlichen Weibes, ſondern von mir ſelber hören. Ich habe mich in den letzten Tagen mit Marianne Weikart verlobt, und werde ſie heirathen. Jetzt keine Verhandlungen darüber! Ich werde Ihre gute Faſſung abwarten, um Ihnen meine Verlobte vor⸗ zuſtellen.“ „Nie, Herr Graf, nie!“ rief ſie auf's heftigſte, und ließ ſich in den Seſſel ſinken. „Nün,— dann auch nie, gnädige Gräfin!“ ent⸗ gegnete er. Ich höre die Generalin heranſtürmen. Entſchuldigen Sie! Weiter will ich auch nichts von ihr hören, als ihren Sturmſchritt.“ Er verneigte ſich, und nahm, um der Eintretenden nicht zu begegnen, ſeinen Weg durch ein Seitenzimmer auf den Gang zu ſeinen Gemächern. 230 Dort fand er ſeinen Hut und Paletot, und eilte zu Mariannen, um ſie abzuholen. Zum Erſtaunen der Dienerſchaft führte er ſie am Arme die Schloß— treppe hinab und durch den Park nach dem friedlich⸗ heitern Gartenhäuschen des Pfarrers Heimberger. eilte men loß⸗ lich⸗ Leipzig, Druck von Gieſecke& Devrient. 1 Colour&drey Sortrol Chart Cyan Green Vellow Hed Magenta 64 7 t 4 — 5 „ * 8 — 3 2