LTaa AArATarrar Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. Täaglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. „„ franz. od engl.„ 2 Kr Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher 4 Bücher 2 Bücher ——— Mannae eneeee l 5——— auf 6 Monat 2 fl. 30 Kr. 2 fl.— Kr. 1 fl. 12 Kr. „ 3 1„ 30 1 12—„ 45 2 36 27 18 Wagngaaanagagagagngnganenenannnenennnenennnnnennnn Pahanannnnhananahenananananahannn Hiaanananannaagnn — Marianne oder Um Liebe leiden. Zweiler Cheil. Um Liebe leiden. Roman von Heinrich Koenig. Zweiter Theil. —O—O—ę—ę—Q—Q—Q—Q—Q—Q—Q—QQOęOQCQLLQõůꝑᷓ˖;eſ— Frankfurt ⁄a. Verlag von Meidinger Sohn& Comp. 1858. 2 ᷣ—0 e Inhalt. Drittes Buch. Erstes Kapitel: Rathſchläge.. Zweites Kapitel: Erhebung und Fall Drittes Kapitel: Bedenkliche Abſichten Viertes Kapitel: Mienen und Grimaſſen Fünſtes Kapitel: Albert's Abſchied. Sechstes Kapitel: Audienz und Aufwartung Siebentes Kapitel: Ein diplomatiſcher Kopf Achtes Kapitel: Ein Arzt in Petto Neuntes Kapitel: Die Zauberin Sidonia. 2 5. S d N Zehntes Kapitel: Hangen und Verlangen Elſtes Kapitel: Eine Falle der Freundſchaft Swölſtes Kapitel: Ein Arzt zum Heirathen Viertes Buch. Erstes Kapitel: Im Landkrankenhauſe Zweites Kapitel: Der Arzt als Patient Drittes Kapitel: Bekenntniſſe und Vorſätze. Viertes Kapitel: Ein Beſuch. Fünftes Kapitel: Tage der Roſen Sechstes Kapitel: Ein ſchwüler Morgen 141 153 165 181 196 Siebentes Kapitel: Beſuch und Betrug 221 Achtes Kapitel: Verluſt und Gewinn 235 Neuntes Kapitel: In Wildbad. 251 Zehntes Kapitel: Das letzte Mittel 259 Elftes Kapitel: Wiederſehen 272 Zwölftes Kapitel: Vermählungen. 279 —ͤᷣ—;:— — Drittes Zuch. Erſtes Kapitel. Rathſchläge. Nach einer höchſt leidenſchaftlichen Verhandlung mit der Gräfin hatte die Generalin das Schloß Wallberg in einer alten Kaleſche verlaſſen, die beim Gaſtwirthe des Dorfes zu haben war. In ihrer gewaltthätigen Entrüſtung über den Grafen, der heut zum erſtenmal, und gerade gegen ſie, den neuen Herrn der Beſitzung mit ſolchem Nachdrucke geltend gemacht, hatte ſie ſeinen Wagen und Pferde verſchmäht. Der Gemüthszuſtand, worin nach ſo heftigen Er⸗ örterungen beide Frauen ſich trennten, war ſehr ver⸗ ſchieden. Die Generalin hatte ſich in ihrer Weiſe aus⸗ geſchüttet, und fuhr über den bewaldeten Berg im Ge⸗ fühl einer Siegerin; während die Gräfin, bei aller Gemeinſamkeit der Entrüſtung über Albert, doch von den allzu derben Aeußerungen der Scheidenden verletzt, 12 4 in zweifacher Niedergeſchlagenheit zurückblieb. Jener kam die Bewegung in friſcher Luft zu Statten; dieſe fand ſich in ihrem Mißmuthe ſelbſt noch von der Ein ſamkeit ihres Zimmers gedrückt. Und eine neue Sorge und Beunruhigung kam hinzu. Die Generalin war ja mit der ausgeſprochenen Abſicht fortgefahren, daß ſie gleich morgen nach Schloß Dahnſtein„machen“ wolle, um Eugenien's Eltern zu entſchiedenen Schritten zu bewegen. Das liebenswürdige Mädchen, hatte ſie er klärt, ihre charmante Nichte, müſſe ein für alle Mal dem Schein und Ruf einer Verſchmähung von Albert dadurch entzogen werden, daß dem Major Dillfeld Muth gemacht und eine glänzende Verlobung raſch herbei geführt werde; es müſſe das Anſehen gewinnen, daß dieſe jämmerliche Heirath des Grafen mit einer Gouvernante eine Deſperationsheirath und aus dem Korbe genommen ſei, den ihm Eugenie gegeben. So zog, wie nach einer gemeinſam verlorenen Schlacht, die Generalin mit dem alten, ungebrochenen Muthe, Heirathen zu ſtiften auf ein neues Unterneh⸗ men aus, mit welchem ſie nun gar als Gegnerin ihrer bisherigen Bundesgenoſſin dieſe mit einer entſcheidenden Niederlage und mit dem Verluſt all' der ſchönen in Ausſicht genommenen Vortheile bedrohte. Dieſe Be⸗ trachtung ſetzte der viel gekränkte Gräfin, je länger ſie derſelben nachhing, deſto beunruhigender zu. Dabei fiel, zum Uebergewicht, noch der Gedanke an ihren Abgott Adele mit in die Erwägung. Sollte ſie nun das Kind noch länger auf Dahnſtein laſſen, oder es zurück nehmen? Letzteres war ſehr bedenklich, da das liebe, unſchuldige Geſchöpf mit in den Zwieſpalt des Hauſes gezogen würde. Durfte es denn Mariannen noch als Gouvernante anſehen, oder welche Stellung hatte dieſe Perſon jetzt in der Familie einzunehmen? Alle Zerwürfniſſe mußten erſt wieder ſo oder ſo ge— ordnet ſein, ehe der Liebling ſchicklichen Boden fände. Und doch konnte die Kleine auch nicht auf die Dauer dort bleiben, wenn beſonders die Dahn'ſchen, von Alberts Schritten beleidigt, vielleicht gar auf den Vor— ſchlag der Generalin eingehen würden, was die Gräfin für einen förmlichen Bruch mit denſelben anſehen müßte. Nach lang hin⸗ und herwandelnder Ueberlegung kam ihr plötzlich ein vermittelnder Gedanke. Sie eilte an ihren Schreibtiſch. Dem dortigen Beſuche der Ge— neralin wollte ſie über Nacht durch einen reitenden Boten zuvorkommen, und warf, darauf berechnet, ein Schreiben auf das Papier, worin ſie der Freundin Dahn Nachricht von den unangenehmen Vorfällen gab. Sie ſtellte vor allem die Erklärung Alberts mehr als eine trotzige Aeußerung ſeines Unwillens gegen die Zu⸗ dringlichkeit der geborenen Margarethe Schelwig hin.— Ganz ohne mag es freilich mit Alberts Thorheit nicht ſein, ſchrieb ſie weiter, und ich muß nun leider! Deinem Scharfblicke, meine liebe Beatrix, mehr, als ich vorher geneigt war, Gerechtigkeit wiederfahren laſ⸗ ſen. Gewiß iſt es aber, wie ich Albert kenne, nur eine flüchtige Liebelei, eine Selbſtvergeſſenheit gegen dieſe verſteckte Perſon, die ihn wahrſcheinlich durch eine für ſeinen Geſchmack ſo anziehende Schwärmerei bethört, oder ſich ihm gar in anderer Weiſe durch Entgegen kommen bequem gemacht hat. Daß unter den Um⸗ ſtänden dieſe emporgekommene Generalin ein mitbethö rendes Beiſpiel für ein ſo verſchlagenes Bürgermädchen war, ſehe ich nun auch zu ſpät ein; dennoch ereifert gerade ſie ſich am ungeberdigſten über die Kinderei meines Sohnes. Aber ich hoffe Alberten bald von ſeiner Thorheit und Uebereilung zurück zu bringen, und er wird beide dann um ſo ſchneller durch den vernünf⸗ tigen Schritt gut zu machen ſuchen, den wir alle ſo herzlich wünſchen. Sie warnte zum Schluſſe noch vor dem tollen Einfall der Generalin, die damit nur ihrem angebo renen Gelüſt Heirathen zu ſtiften ein Genüge thun möchte, wenn auch auf die Gefahr hin, eine flüchtige Thorheit durch eine bleibende gut zu machen. Die Abenddämmerung war ſchon eingetreten, als der reitende Bote mit dieſem Brief aus dem Schloßhofe trabte. In der Frühe des andern Tages ließ die Gräfin den Metropolitan Delius zu ſich bitten. Seine Ver⸗ wunderung darüber ſteigerte ſich noch, als er, durch den Park gekommen, in der Halle des Schloſſes die männliche und weibliche Dienerſchaft in angelegentlicher Beſprechung erblickte. Etwas Außerordentliches mußte vorgefallen ſein. Er wurde gemeldet, und betrat nicht ohne jene Befangenheit, die ſo ſchillernden Charakteren eigen iſt, das Kabinett, das keine Thür auf den Cor⸗ ridor hatte, und daher nicht behorcht werden konnte. Die Gräfin ließ ſeinen ängſtlich umſpähenden Blick unbemerkt, winkte ihm zu einem Sitze, und ſprach dann leiſe und vertraulich: „Sie finden mich in einer gewiſſen Zerknirſchung, mein geiſtlicher Freund, in jenem Gefühl einer Sün— derin, die von dem warnenden Finger ihres Heilandes gebeugt iſt. Wir haben ja ſeit Alberts Ankunft unſere Erbauungsſtunden nur allzuſehr vergeſſen, und nun ſtraft mich der Himmel durch dieſen Albert ſelbſt.— Doch ja, ich muß lieber erſt einen Theil meiner Schuld gut machen, um meine Beichte zu erleichtern.“ Sie nahm aus ihrem Pult eine zurecht gelegte Rolle Geld, die ſie dem Pfarrer mit den Worten dar⸗ reichte: „Laſſen Sie die Armen und Kranken Fürſprecher für mich in dem Augenblicke ſein, wo ich mich der unchriſtlichſten Selbſtvergeſſenheit anzuklagen habe. Ge⸗ wiß hat die Frühjahrsſtimmung Alte und Schwache genug darniedergeworfen: warum aber auch mahnen Sie mich nicht an chriſtliche Nächſtenliebe, wenn mich die ſchnöden Weltſorgen allzuſehr einnehmen?— Doch laſſen wir das, und mich ſelbſt, durch Vertrauen, Vertrauen verdienen!“ Sie erzählte ihm nun, ſoweit und wie es ihr eben paßte, den Vorfall mit der abgereiſten Generalin, und fuhr dann fort: „Jedenfalls beſteht, wie Sie ſehen, ein Liebesver hältniß meines Sohnes mit dieſer Gouvernante, über die Sie mir gleich am Abend ihrer Ankunft einen war— nenden Wink gegeben. Nun beſtätigt ſich mir Ihr guter Blick, und ich muß annehmen, daß die ſchlaue Perſon den Grafen zu gewiſſen Verſprechungen bewogen oder verlockt hat. Wie wär's nun, wenn Sie in meinem Auftrage eine herzliche aber ernſte Beſprechung mit ihm hielten? Ueber die Grundlagen derſelben brauchen wir uns nicht zu verſtändigen. Wir ſind längſt einverſtan⸗ den ſowohl über das Unchriſtliche ſolcher Mißheirathen, als über die revolutionäre Stellung, in die dieſer Schritt ihn zu ſeiner hohen Weltbeſtimmung verſetzen würde. Es muß Ihnen gelingen, Albert zu erſchüttern und zur Einſicht über ſeine unbegreifliche Thorheit zu führen. Sie wiſſen ja, er hat ein empfängliches Herz, edeln Willen und einen oft bewährten adeligen Stolz. An dieſen müſſen Sie beſonders anknüpfen, und ihn erin⸗ nern, wie unſere Freunde in der Reſidenz darüber denken! Delius fand ſich in eine Klemme gerathen; aber er verrieth es durch keine Miene. Auf dem Wege ſeines guten Fortkommens hatte er ſich geübt, jeder Anforde— rung von irgend einer einflußreichen Seite mit bereit⸗ williger Freundlichkeit entgegen zu blicken, bis er der Zumuthung, wenn ſie eben Muth verlangte, eine Seite abgewann, wo er ohne Nachtheil oder mit gutem Schein entſchlüpfen konnte. Hier war er nun unerwartet auf einen Widerſpruch geſetzt zwiſchen der Gräfin, deren Beſtechung ihn durch die Weſtentaſche drückte, und dem Grafen mit dem er es um der Zukunft willen, nicht verderben durfte. Er nickte in ernſter Ueberlegung der aufgeregten Dame beiſtimmend zu, und nahm dann das Wort: „Ew. Gnaden faſſen die Angelegenheit gleich mit doppeltem Nachdrucke, als Mutter und Gräfin an, und ich, Amte mich mit dieſem doppelten Gewicht ausgerüſtet kraft Ihres Auftrags, dürfte in meinem heiligen fühlen. Aber gerade im Reſpect vor Ihrem gnädigen Vertrauen bleibt mir zu bedenken, daß eine hohe Kraft nicht bloß hebend, ſondern auch zerſtörend wirkeg kann. Ew. Gnaden äußerten vorhin, daß Sie das wahre Verhältniß des Herrn Grafen mit der Demoiſelle ſo genau nicht kennen. Mit dem ſchweren Worte„Ver⸗ lobt,“ gegen die Generalin geſprochen, könnte der Herr Graf eine zu ſtarke Farbe eingeſetzt haben, die zudring liche Dame ein für allemal abzutrumpfen, um wenig ſtens den Trick zu haben, da ihm die Honneurs ab— gehen. Erſcheine ich nun, wenn auch beauftragt, doch als Fremder mit einer wichtigen Miene in einer ihm vielleicht geringfügigen Sache, ſo ſetze ich ihn damit in Verlegenheit; er wird verletzt, empfindlich, ich ziehe mir eine ſchnöde Abweiſung zu und gebe ihm Anlaß ſich ge gen Ew. Gnaden zu beſchweren. Ein Verirrter, wenn er ſich verletzt findet, trotzt leicht, und das Verhältniß wird nur verſtockter, während er ſich zu Dank ver⸗ pflichtet ſieht, wenn man ihm alles Geſtändniß erſpa— rend aus ſeiner Verwirrung hilft. „Gut! Aber wie das, Herr Pfarrer, wie ihm ſo ſtill aus der Verlegenheit helfen? Wie?“ „Ganz einfach, Ew. Gnaden! Entfernen Sie die Gouvernante, die ja in Ihrem Dienſte ſteht, und war⸗ ten es ab, ob Albert ſich beſchämt mit ihr abfindet, oder mit einem Bekenntniß ſeiner ernſten Abſicht für Mariannen beharrlich hervortritt. Denn was er Ihnen ſelbſt darüber ausgeſprochen, ſcheint doch mehr nur in der augenblicklichen Aufregung und mit Bezug auf ſeine Abfertigung der Generalin geſagt. Ich halte es für 11 ein bloß leichtfertiges, unſittliches Verhältniß, aber noch für keines, das ſich über den chriſtlichen Unterſchied der Stände ſoweit hinaus ſetze.“ Ich bin allerdings auch geneigt, lieber eine unge⸗ ziemende Liaiſon anzunehmen, erwiderte die Gräfin, ſo wenig ich auch Alberten für dergleichen kenne. Indeß liegt ſeiner Jugend doch ſo was näher, als ſeinem Stolze dieſe Mißheirath, und am Ende iſt ja ſolch' ein unſittliches Verhältniß leicht zu vergeben, während eine unchriſtliche Heirath unverzeihlich bleibt. So denke ich von Albert, oder ich habe mich gänzlich in ihm geirrt.“ „Gewiß nicht!“ betheuerte Delius.„Jedenfalls er⸗ fodert die chriſtliche Klugheit zuerſt den gelinderen Weg zu verſuchen, der vielleicht ohne weitere Erörterungen zum Ziele führt, wodurch Euern Gnaden zugleich alle ſtörende Aufregung erſpart würde. Der Herr Graf, von ſolcher Schonung beſchämt, wird leichter zur Er⸗ kenntniß kommen, ſich ſtill von der Mademoiſelle ab⸗ thun und wegen der allenfallſigen Folgen ſeines Um⸗ gangs ſich mit ihr abfinden. Sie Sache macht dann weiter kein Aufſehen und ſtört beſonders auch die Be⸗ werbung um die Comteſſe Dahn nicht.“ Dieſer letzte Geſichtspunkt entſchied vollends das Schwanken der Gräfin. Sie erkannte die Vorſicht des Metropolitans an, dankte ihm ſehr freundlich und ent⸗ ließ ihn mit der Bitte um ſeinen Beiſtand, wenn ihr Sohn etwa doch für die Gouvernante hervor treten würde. Soweit wie Delius war die aufgeregte Frau in ihren Vorausſetzungen gegen Mariannen noch nicht ge⸗ gangen. Was er ſo leichtfertig hingeworfen, kam ihr nun aber zu Statten. Seine Vermuthungen boten ihr Handhaben für die Unterhaltung mit ihr. Dennoch konnte die Gräfin bei dieſer innern Beruhigung nicht ſogleich einig mit ſich über die Haltung werden, mit der ſie die Gouvernante empfangen wollte. Die Weltdame hatte es gewöhnlich nur mit geſelli— gen Verhältniſſen und Verlegenheiten zu thun gehabt, und ſich dabei nicht leicht von ihrem feinen Verſtand und Takte verlaſſen gefühlt. In dem jetzigen, mehr rein menſchlichen Verhältniſſe fand ſie nicht ſogleich den rechten Ton der Herrin gegen eine Gouvernante, die durch ein Verhältniß zum Stiefſohn in eine ſchiefe Stel⸗ lung zu ihr gerückt war. Güte und Stolz lagen mit einander im Streit. Eben, wo ſie ſoviel Gunſt für Mariannen gefaßt hatte, mußte ihr das Aergerniß be gegnen. Sie überlegte, wie ſie vielleicht durch den Schein mütterlichen Wohlwollens für ein elternloſes Mädchen von ſo ſchöner Begabung auf Mariannens Herz wirken möchte. Damit war vielleicht ein ſtilleres Abkommen ſelbſt gegen Alberts Wünſche zu treffen. Sie würde dann die Reumüthige nicht entlaſſen, ohne für ihr gutes Fortkommen zu ſorgen; wozu es ihr an den beſten Verbindungen in der Reſidenz nicht fehlte. Bald aber regte ihr der Stolz Bedenken dagegen auf. Sie fürchtete gegen ein liſtiges und verſtocktes Mädchen ſich eine Blöße zu geben, und von einer Schulmeiſters⸗ tochter heimlich verlacht zu werden, daß ſie ihr die ſchöne Beute ihrer Klugheit mit gräflich ſentimentalen Redensarten abjagen wolle. Dieſe innere Uneinigkeit verdarb ihr den ganzen Tag. Sie konnte ſich nicht entſchtießen den Sohn zu ſehen und noch weniger die Gouvernante zu em⸗ pfangen. Am andern Morgen erſchien der Kammerdiener Horſt, ſich für die gute Pflege, die er durch das Wohlwollen von Ihro Gnaden gehabt habe, zu be⸗ danken, und ſeinen Dienſt wieder anzutreten. Die Gräfin fragte ihn nach dem Arzt und der Kranken⸗ pflegerin. Chriſtian rühmte die Tüchtigkeit beider.— „Aber es ſind ganz abſonderliche Menſchen, Ew. Gna⸗ den!“ ſetzte er hinzu.„Geſchickt, reſolut, gewandt, voll Blick und Sorgfalt, was ihr Geſchäft betrifft; der Arzt hat ſehr wirkſame Mittel, die Frau ſehr leichte Handgriffe; dabei aber ſind beide leichtfertig, verſteckt, ſchalkhaft und der Herr Metropolitan würde ſagen— — gottlos. Sie müſſen auch beide ſchon früher manches ausgeführt, und zuſammen in einer Klemme geſteckt haben: einigemal wenn ſie mich ſchlafend glaub ten, führten ſie ſehr bezügliche und ſchelmiſche Reden, machten ſich über hohe Perſonen in der Reſidenz luſtig, und einmal hörte ich den Doctor ſagen: Wofür ſind dieſe Frommen da, als daß ſie den Gottloſen aus der Patſche helfen. Nehmen Ew. Gnaden das nicht für ungut: hochdieſelben wiſſen ja, ich bin kein Zuträger; allein wir müſſen ſolche neue Leute kennen, die im Schloß aus und eingehen, und ſoviel iſt gewiß: in Krankheiten ſind ſie vortrefflich. „Schon gut, Chriſtian!“ lächelte ſie,„aber auch dazu wollen wir ſie ſo wenig wie möglich brauchen. Halte Er ſich nur vorſichtig! Er ſieht noch angegrif— fen aus. Ich bin dieſen Vormittag nicht zu ſprechen; ich habe Briefe zu ſchreiben, und ſpeiſe auf dem Zimmer. Kurt ſoll ſich bereit halten über Mittag nach der Eiſenbahnſtation zu reiten. Der Alte ging, hatte aber der neugierig-umher⸗ lauernden Dienerſchaft wirklich nichts zu berichten, auch wenn er derſelben nicht ſchon als treuverſchwiegen bekannt geweſen wäre. Die räthſelhaften Vorgänge im Schloß beſchäftigten nämlich das halbmüßige Völkchen; es lauſchte in den Gängen umher, und hätte durch alle Spalten in das Geheimniß blicken mögen, das wie eine anſchwellende Blaſe doch nirgends platzen wollte. Es war nicht bloße Dienſtboten⸗Neugierde; ſondern es galt um die Klugheit des Benehmens zwiſchen der alten und der neuen Herrſchaft, wenn beide ſich entzweiten.— Ueber die Gräfin ſelbſt ſchien eine heitere Ent⸗ ſchloſſenheit gekommen. Sie ging lebhaft hin und wieder, und öffnete wirklich ihren Schreibtiſch, um Briefpapier zurecht zu legen. Es war ihr nämlich begegnet, was man im Leben nicht ſelten an ſich ſelbſt erfährt, daß uns bei verworrenem Seelenzu⸗ ſtande, gerade in Augenblicken wo wir unſerer Sor⸗ gen vergeſſend auf etwas Aeußerliches achten, uner⸗ wartet ein hülfreicher Gedanke, wie eine Eingebung aufblitzt. So war ihr unter der Beſprechung mit dem alten Chriſtian, vielleicht durch das Wort: vor⸗ nehme Perſonen in der Reſidenz plötzlich einge⸗ fallen, ſich an ihren vertrauten Freund in der Um⸗ gebung des Königs, an den Hofmarſchall von Bar⸗ chim, zu wenden, ihm ihre Verlegenheit wegen Alberts mitzutheilen und ihn zu irgend einer klugen Vermitt⸗ lung anzuregen. Sie deutete auf eine Einberufung Alberts, wodurch er dem widerwärtigen Verhältniß raſch entzogen würde. So konnte ihm der Abſchied von Mariannen erleichtert, oder im andern Falle ſein Widerſtand auf die einfachſte Weiſe gebrochen werden. Von dieſem Schritte gab ſie zugleich ihrer Freun— din Dahn Nachricht, indem ſie ihr überließ, was 16 auch ſie zu demſelben Zwecke etwa von ihrer Seite thun möchte. Dieſer Angelegenheit ledig, zögerte die Gräfin doch noch über den nächſten Tag, ehe ſie durch den alten Kammerdiener konnte, ſchon Gouvernante d Mariannen zu ſich beſcheiden ließ. Sie Anſtandes halber, ihr Verhältniß zur och nicht länger in Ungewißheit laſſen, und war zugleich verlangend, wieweit ſie mit ihr, ohne Albert, zu einem Abkommen gelangen könnte. Zweites Kapitel. Erhebung und Fall. Als der alte Kammerdiener in Heimbergers Garten⸗ hauſe erſchien, um die Gouvernante zu Ihro gräflichen Gnaden zu befehlen, fand er den Grafen Albert an— weſend, und änderte den Ausdruck„befehlen“ in das Wort„einladen“. Auch auf den alten, treuen Chriſtian Horſt ſchien etwas vom Schwanken der Dienerſchaft übergegangen, die ſich zwiſchen der alten und der neuen Herrſchaft ſo vorſichtig hin und her bewegte. Marianne, etwas erblaßt, was ſie Alberten zu ver— bergen ſuchte, hätte gern nach der Stimmung der Gräfin geforſcht: im Beiſein Alberts wagte ſie es nicht, und dieſem ſelbſt konnte ſolche Frage an den Diener nicht in den Sinn kommen. Während Marianne ſich bänglich zögernd zu dem Koenig, Marianne. II. 18 Gang anſchickte, ſprach der Graf ihr Muth zu, bereit ſie ſelber nach dem Schloſſe zu führen. Man hatte in dieſen Tagen unter Heimbergers Beirath das Verhältniß Mariannens zur Gräfin nach allen Seiten beſprochen. In ihrer Stellung als Gou vernante konnte ſie ſich der Mutter Adelens nicht ver ſagen. Dies dienſtliche Verhältniß zu löſen, wollte Albert ihrer eigenen Selbſtändigkeit überlaſſen, und hielt ſie durch jene Beſprechungen auch auf jede Wen dung der Verhandlung gefaßt. Er fand es ſeiner Stellung und den Rückſichten für die Mutter nicht angemeſſen, in dieſer Angelegenheit perſönlich mit auf zutreten, und Marianne ſelbſt, ſo bänglich ſie dieſer Stunde entgegen ſah, wünſchte nicht, ſeines Beiſtandes vor der Gräfin bedürftig zu erſcheinen. Auch hegte Albert das Vertrauen, daß ſie gegen jede Stimmung der Mutter das rechte Wort und die würdige Haltung finden werde. Wie ſicher hatte ſie ſich gegen die Familie Dahn benommen, wie fein und treffend die Brutalität der Generalin abgefertigt! „In Selbſtbeſcheidung gegen meine Mutter wirſt Du gewiß nicht zu wenig thun, Marianne,“ ſagte er unterwegs:„dafür kenne ich Dich; vergiß nur nicht, D was Du Deinem künftigen Manne ſchuldig biſt. Es iſt eine eigene Lage, liebes Herz: wir wandeln eben, l ſo zu ſagen, zwiſchen dem Schulhauſe von Nettlingen 19 zund dem Schloſſe Wallberg. Aber— nicht wahr, mein bläßlich Frauchen, dem Schloſſe ſind wir doch ſchon etwas näher? Wir betreten ja eben den Park!“ Marianne wandelte an Alberts Arm, und die Dienerſchaft, die ſich in heimlicher Erwartung geſchäftig auf den Gängen des Schloſſes umher trieb, ließ es nicht an Ehrerbietung fehlen, von der ja die alte Gräfin eben keine Kenntniß nehmen konnte. Der Graf brachte Mariannen bis an die Thür der Mutter, und ſagte hier, den Hut abnehmend und während der Diener eintrat ſie anzumelden: „Ich wandle indeß im Park, Marianne, und Du findeſt mich dort, wo ich Dich gefunden. Nur Muth, mein Herz!“ Die Gräfin empfing die Gouvernante auf dem: Sopha, über welchem, ſeit der Veränderung der Mo— bilien, Alberts Bildniß hing. Sie ſaß in einem Anzuge, der an Halbtrauer erinnerte. Wenigſtens hatte Ma⸗ rianne dieſen Eindruck, und er war in der That auch von der Gräfin beabſichtigt. Der Brief nach der Reſi denz, die gute Erwartung, die ſie ſich von dieſem Schritt machte und— wer weiß welche anmuthigen Erinne— rungen an den alten vertrauten Freund, die ihre Feder begleitet hatten, machten ſie geneigt, es mit Güte und einer gewiſſen Rührung gegen Marianne zu verſuchen. Sie hatte dieſelbe ja öfter ſehr erregbar und von den 2* 20 jüngſten Geſchenken ganz erſchüttert gefunden. Eine mütterliche Großmuth, mit dem Gewicht ihres hohen Standes verbunden, konnte, ihrer Ueberlegung nach, der eindringlichſten Wirkung auf ein elternloſes Mädchen herz nicht verfehlen. Allein die Schauſtellung einer Empfindſamkeit, die nicht in der Wahrheit des Herzens ruhte, war zu ſchwach, das Gewicht eines natürlichen Stolzes zu tragen. Sobald die Gräfin Mariannen erblickte fiel ihr ein, daß ſie einer untergeordneten Perſon zu Ge fallen Augenblicke hörte ſie Mariannen den Eindruck aus — eine Rolle ſpielen wolle. In demſelben ſprechen, den ſie eben aufgab: es verſtimmte ſie auf's tiefſte. Marianne nämlich, beim Anblicke der Trauernden erſchüttert, eilte auf ſie zu, indem ſie mit faſt knie fälliger Verneigung ausrief: „Vergebung, gnädige Frau, daß ich Ihnen gerade mit meinem unverdienten Glück dieſen Kummer ver⸗ urſache! Um Alberts willen verzeihen Sie mir!“ „Unverdient? So? Erkennen Sie das doch ſelbſt, Mamſell Weikart?“ entgegnete die Dame etwas ſcharf. Eigentlich habe ich Sie nur Ihres Dienſtes wegen rufen laſſen; da mein Anblick indeß Ihr wahrſcheinlich ſehr verſchuldetes Herz trifft: ſo will ich mich dieſem reumüthigen Entgegenkommen nicht verſchließen. Wohlan 21 denn, Marianne, laſſen Sie ein unverdientes Glück fahren, und begnügen ſich mit einem verdienten, zu dem ich Ihnen gern verhelfen will.“ Nur einen Augenblick lang war Marianne weniger von der Wendung, als vom Tone der Gräfin befremdet und erwiderte mit einem Aufblick nach dem Bildniß: „Unverdient, ſagte ich, Ew. Gnaden, und meinte damit die äußern Vortheile Ihres bevorzugten Standes. Jede Stunde wäre ich bereit, ſie aufzugeben, die mir nach der Geburt zu Theil werden ſollen, wie ſie es Andern durch die Geburt werden. Dieſen freilich auch eigentlich unverdient, jedoch als ein Glück, eine Gunſt, die ſie im Bereich ihres Standes finden. Was man aber eben wohl aus der Geburt mitbringt, ohne daß es einem bevorzugten Stande geſchenkt wird,— die beſondern Gaben einer Perſönlichkeit, kann ich nicht ſo fahren laſſen, Ew. Gnaden: mit dieſen bin ich an Albert verlobt, und er wird Ihnen ſagen, ſie gehörten zu ſeinem Glücke.“ „Ich bin Ihnen ſehr dankbar für die gute Lection, Mamſell Weikart,“ erwiderte die Gräfin,„und gönne mir eigennütziger Weiſe die gute Belehrung lieber, als daß Sie dieſelbe ſpäterhin meiner Adele beigebracht hätten. Dürfte ich aber zu Ihrem Chapitre eine kleine Anmerkung geben, ſo möchte ich Sie erinnern, daß die Glücksgaben, auf die Sie zu verzichten ſo bereit ſind, zu den Unentbehrlichkeiten für Albert gehören, und daß er die ſogenannten Gaben der Perſönlichkeit im Bereich ſeines Standes zu ſuchen hat.“ „Ganz gewiß, Ew. Gnaden!“ antwortete Marianne; „aber Albert ſagt, er habe ſie da nicht gefunden.“ „Ich kann nicht mit Ihnen ſtreiten, Mamſell Wei kart,— es kommt mir nicht zu mit Ihnen zu philoſo phiren,“ fiel die Gräfin etwas barſch ein.„Sie haben freilich dafür auch einige Vortheile der Geburt; ich habe das Glück nicht gehabt, in einem ſo guten Schul hauſe zur Welt zu kommen.“ Marianne blickte lächelnd nach dem Bild auf, und die Gräfin, der beides, das Lächeln und der Außblick nicht entging, ſprach nur noch ärgerlicher über die un überlegte Wahl ihres Sitzes weiter: „Albert hat leider! durch ſeinen Erzieher Geſchmack an ſolchen Sophiſtereien genommen, und vielleicht ge⸗ hören ſie zu dem, was er als ſein Bedürfniß an Ihnen findet; wenn es nicht etwa Bedürfniſſe der Jugend, Forderungen der Leidenſchaft ſind, deren Befriedigung mein Sohn freilich innerhalb des Kreiſes einer ſtandes gemäßen Bewerbung nicht ſohin finden kann, die ihm da nicht ſo entgegen gebracht wird.“ Marianne zuckte zuſammen; eine hohe Röthe ergoß ſich über ihr Geſicht und wechſelte mit Todtenbläſſe; ihre Lippen bebten, die Sprache ſchien ihr zu verſagen, 23 ſie ſchwieg und heftete nur einen feuchten, unausſprechlich ſchmerzlichen Blick auf Alberts Bildniß. Die Gräfin, als bemerkte ſie es nicht, ſpielte mit ihrem Taſchentuche. Ein tiefe Stille währte eine Minute lang, dann ſprach ſie weiter und etwas freundlicher: „Ich kann mir denken, Mamſell Weikart, daß die Zuneigung eines jungen, vornehmen Mannes, wie mein Albert iſt, für Sie viel Schmeichelhaftes, Verlockendes haben mußte. Sie ſind jung, beſitzen viel Phantaſie, es fehlt Ihnen nicht an dem, was auch den Grafen in der Einſamkeit ſeiner jetzigen Ruheſtation beſchäftigt und durch Neuheit der Empfindungen einnimmt. Ob Sie aber auch bedacht haben, wie vorübergehend ſolche Aufwallungen junger, adeliger Herren gegen bürgerliche Reize ſind; ob Sie ein Verſtändniß davon haben, wie lange Das, was Sie Alberten gewähren, vorzuhalten pflegt, und— wenn Sie es dabei immerhin auch edel meinen— ob es die Verluſte deckt, die er während ſolcher Tändelei ſeinem Berufe, ſeiner höhern Be⸗ ſtimmung bringt: Das weiß ich nicht; aber ich bezweifle es; denn es ſind Fragen einer über ihren Lebenskreis hinaus gehenden Erziehungskunſt. Ich halte Sie bis jetzt noch für gewiſſenhaft genug, Marianne, eine ſolche Prüfung nicht von ſich zu ſtoßen, ſondern in Erinnerung an die guten Lehren, die Sie im Schulhauſe zu— Dings— zu Nettlingen gewiß empfangen haben, mit d 5 d d d 24 ſich oder einem ehrlichen Freunde zu Rathe zu gehen. Und, ſehen Sie, dazu will ich Ihnen gern entgegen kommen. Nehmen Sie dieſen Seſſel! Ich ſehe, daß Sie angegriffen ſind, und das gibt mir einiges Ver trauen.——— Unſer Verhältniß iſt begreiflicherweiſe gelöst. Ich beklage es aufrichtig; denn ich war ſehr zufrieden mit Ihnen in Betreff meiner lieben Adele. Nehmen Sie es als ein kleines Zeichen meiner Aner kennung Ihrer Bemühungen, daß ich Ihnen den ganzen Jahresgehalt hier bereit gelegt habe. Hier bleiben können Sie nicht; Sie haben hier keine Stellung und kein Heimathrecht; aber Ihr gutes Fortkommen bleibt meine Sorge. Ich habe Verbindungen und werde ſie benutzen, Ihnen einen Platz zu verſchaffen, wo Sie beſchäftigt, geſchätzt, befriedigt ſind und— vergeſſen können.“ „Ich bin gerührt von Ihrer Güte,“ erwiderte Ma⸗ rianne im Ton kalter Höflichkeit;„aber in meinem Verhältniß zu Albert kann ich ohne ſeine Zuſtimmung zu meinem Gehen oder Bleiben oder Unterkommen nichts verſprechen.“ „Sie haben mich mißverſtanden, Mamſell Weikart!“ verſetzte etwas lebhafter die Gräfin.„Sie ſollen ſich aus eignem Entſchluß, aus Gründen der Vernunft,— gerade um Alberts willen, eine Verbannung auferlegen, ſollen in der Entfernung prüfen, wie viel Ernſt in Alberts 25 Neigung und wie viel Selbſttäuſchung in Ihren Erwar⸗ tungen ſei, enfin, Sie ſollen edel handeln und es Alberten erleichtern, ſich zu beſinnen und ſeine Verirrung gut zu machen.“ Marianne ſchwieg. Sie war zu tief verletzt und fand den Ton nicht, um auch nur mit höflicher Ent⸗ ſchiedenheit zu antworten. Ein ſchmerzliches Weinen ſtand ihr nahe, und ſie fürchtete, daß es ihr als Reue ausgelegt würde. In was für Erörterungen hätte ſie ſich auch einlaſſen müſſen, für welche es der Gräfin an Verſtändniß und gutem Willen fehlte! Ihr Herz zuckte fortwährend, und ſie hatte alles aufzuwenden, um ſich mit Würde aufrecht zu halten. Auch nur kör— perlich aufrecht: denn ſie hatte den ihr ſo ſpät angebotnen Sitz nicht angenommen, ſondern ſtützte ſich nur mit dem einen Arm ein wenig auf die Lehne des Seſſels. Die Gräfin, die das Schweigen mißnehmen mochte, fuhr über ein Weilchen fort: „Ich kann einem Mädchen von Ihren Gaben nicht verargen, daß es ſich Anſprüche an die Welt bildet und ſein Glück zu machen ſucht. Ich bin nicht unbillig, ſehen Sie, und fände es zu entſchuldigen, wenn Sie ſich von ſo manchen ſchönen Erwartungen, oder vielleicht gar von Verbindlichkeiten meines Sohnes nicht ſohin trennen möchten. Ich bin glücklicherweiſe nicht ohne Herz und Vermögen, für meinen Sohn einzutreten und 26 Ihnen eine Entſchädigung anzuhieten, die— zu Ihren ſchönen Gaben gezählt— Sie zu einer ſehr begehrens werthen Partie innerhalb Ihres bürgerlichen Standes und Lebenskreiſes machen würde.“ 14 „Pfui über Ihr ſchnödes Geld!“ rief Marianne mit Aufwallung.„O daß Sie keinen Sinn haben für Das, was mir Albert iſt, ich ihm bin, und was uns unauflöslich verbindet.“ Sie wendete ſich, das Zimmer zu verlaſſen; allein die Gräfin rief: „Halt da! Sie bleiben! Alſo das iſt es wirklich? Und wie zart ausgedrückt! Keinen Sinn habe ich für Ihre— Leichtfertigkeit, und— Sie geben mir's alſo durch die Blume zuverkoſten? Alſo unauflöslich, meinen Sie? Aber Sie haben ſich in Ihrer eignen Schlinge gefangen: mit Ihrer„Hoffnung“ verlieren Sie Alberts Achtung, und— das Uebrige— iſt mit Geld abzumachen, gerade mit ſchnödem Geld!*. Marianne ſchrak zuſammen, fühlte daß ſie wanke, faßte ſich am Seſſel, und barg das Geſicht in ihr Tuch. Ein triumphirender Blick der Gräfin ruhte auf der bebenden Geſtalt; dann ſagte ſie kalt und kurz: „Ich werde nun mit dem Grafen reden,— was mit Ihnen geſchehen ſoll. Rüſten Sie ſich das Schloß zu verlaſſen! Im Uebrigen— nun, ich denke Sie ſelbſt haben Grund genug ein Geheimniß aus Ihrem Zuſtande zu machen.—— Nicht wahr, ich bin doch nicht ſo ganz ohne Sinn für Das, womit Sie meinen Sohn„unauflöslich“ zu feſſeln dachten. Ich ſehe, Sie haben mich verſtanden!“ Jetzt richtete ſich Marianne mit einem Blickngoll Verachtung auf, und ihre bebende Stimme wurde bald feſt und voll, als ſie ſprach: — „Verſtanden? O Sie wiſſen ſich auszudrücken! Sie ſi ſind adelig und chriſtlich genug, Schmach auf ein armes Herz zu häufen. Doch über uns, Gräfin Wallberg. — waltet in dieſer Stunde Ihres Hochmuths ein ewiges Auge,— Zeuge und Richter zwiſchen Ihrem Adel und meiner Unſchuld! Ja, ichthabe Sie verſtanden, Sie aber mich nicht. Ich habe Ihre Schmä⸗ hung nicht zu verſtehen; ich w nicht gehört haben, was Alberts Mutter erſinnen und ſagen konnte: doch— t es iſt jg nur ſeine Stiefmutter!———— Ich darf mich k für entlaſſen anſehen:— Ihr Herz ſcheint ja befriedigt; aber Ihren Zweck haben Sie nicht erreicht: Sie haben mich erniedrigen wollen, Gräfin Wallberg; Sie haben mir aber nur zu dem Theil des Selbſtgefühls meiner Würde verholfen, der mir noch fehlte. Ich wußte nur, daß ich nicht adelig bin: nun habe ich aber mit Stolz empfunden, daß ich für Alberts Glück und um eine würdige Wallberg zu heißen,— ſo nicht adelig ſein darf, wie Sie es ſind!“ 28 Sie verneigte ſich und ging. Draußen, von einer Mahnung ihrer Schwäche getrieben, wendete ſie ſich. nach ihren Zimmern im Flügelbau. Die umher lauernde Dienerſchaft ſah ſie wanten, und hörte von dorther einen Fall: doch keiner eilte zu Hülfe; alle zogen ſich von der Thüre zurück, aus welcher die Gräfin erſcheinen konnte. Nur der alte Chriſtian, der, eben die Treppe herauf kommend, hörte, was geſchehen ſei, lief dorthin, und fand Mariannen 1 ilber dienchwelle ihres Zimmers geſunken auf dem Boden liegen. 4 6 Eben erwachte ſiengus eigkr Ohnmacht, lächelte ihn aan, und reichte die Gaud ikch ſeinem Beiſtande. „Ichs kann nich f den linken Fuß treten ohne ſtechenden Schüͦt 3 Ite ſie;„helfen Sie mir auf das Sopha ſapachen 5 Der Alte, zitternd in eigner Schwäche und vor theilnehmendem Eifer, that das Seinige, dieunkende 7 7 7 13 dahin zu bringen.—„O Gott, was iſt geſchehen?“ 8// 7 ächzete er.„Ich ahne es. Arme Marianne,— ich ſage Fräulein Weikart! Ihro Gnaden, nicht wahr— haben—? Und ſo, daß Sie gefallen ſind? Der linke Fuß, ſagen Sie? Da müſſen wir gleich—“ „Sei ruhig, Vater Chriſtian!“ ſagte Marianne, ruhend und lächelnd, körperlich wunderbar ab⸗-— und geiſtig aufgeſpannt.„Ich habe Ihro Gnaden erſt nie tf 29 dergeworfen, ehe ich ſelbſt gefallen bin. Ich bin ge⸗ ſchlagen, Väterchen, aber ich habe den Sieg. Ja, ja, Vater Chriſtian, Du haſt Unglück mit Deinen Töch⸗ tern: die Eine läuft mit ihrem Geliebten fort, die Andere kommt im gräflichen Hauſe zum Fall! Ha, ha! Wirklich, Väterchen, die edle Dame hat mich ge⸗ ſchmäht, und iſt zur Prophetin geworden. Dort, wo meine Liebe anfängt, bin ich gefallen.“ „O nicht doch, Fräulein Weikart!“ exwiderte kopf⸗ ſchüttelnd der Alte,„es thut nicht wohl, daß Sie ſo aufgeräumt ſind!“ „Aufgeräumt, ja, ſa dasiſt das Wort!“ Oaieh habe alles, alles ausgeſcht Uidn, as meine Bruſt zer Du, iſt esmruhig, 6 ſprengen wollte. Und nun, und ſo friedlich hier, und li iſt Alles ſo glatt und hell, wie ein gebohntes Eſtrich, auf denmein Hochzeitreigen.— Aber, Albert! O beſter Vaterriſtian,— lieber Herr Horſt, eilen Sie doch hinab,“ und rufen den Grafen! Ererwartet mich im Parke, auf dem kleinen Fichtenberg. Und ſchicken Sie mir auch iſe Kammerjungfer!“ Den Arzt ſchick' ich Ihnen,“ ſagte er von ſeinem Stuhl aufſtehend,„aber keine Kammerjungfer, ſondern die Frau Schappers; die ſoll Sie bedienen und pflegen.“ „Die widerwärtige Frau? Nein, Väterchen, ja nicht!“ „Rechnen Sie doch nicht auf das gleißneriſche Völk⸗ 30 chen im Hauſe!“ erwiederte der alte Horſt mit einem anſtändigen Unwillen, Sie kennen es ja ſelbſt, und ſeit es die Betſtunden drüben beſucht hat, taugt es gar nichts mehr. Die Frommen ruhen nicht bis ſie wieder einen leibhaftigen Teufel haben, und nun hat er ſie. Die Schappers aber iſt tüchtig nnd reſolut. Es iſt wahr, ſie hat auch eine Art von Teufel im Leib; aber — hören Sie, liebe Marianne Weikart, wir leben in Zeiten, wo man ſich gegen Teufel wehren muß mit Hülfe des Belzebub, wie's in der Schrift heißt. Ich rufe den Herrn Grafen und den Doctor und die Schappers. Hiermit eilte der Alts fort, aufgeregt, wie ihn Marianne noch nicht Drittes Kapitel. Bedenkliche Abſichten. Die nächſten Tage vergingen ſehr ſtill und abge⸗ ſchloſſen in zwei nebeneinanderliegenden Lebenskreiſen, die ſich um zwei ſehr verſchieden geſtimmte Frauenher⸗ zen bewegten. Wie zuweilen im Schauſpiel die Bühne getheilt erſcheint; und den Zuſchauer in zweierlei Haus— haltungen blicken läßt, worin das Abſtechendſte vorgeht und ſich doch auf einander bezieht: ſo lag jetzt im Schloſſe Wallberg das Kabinet der Gräfin mit ihren Monologen und das Krankenzimmer Mariannens mit wechſelnden Auftritten nicht weit von einander. Albert hätte ſeine Verlobte viel lieber im Heimber⸗ ger'ſchen Gartenhauſe, in jenem von ihr verlaß'nen Gaſtſtübchen und in der Pflege der vortrefflichen Haus⸗ frau gewußt: der Arzt aber rieth davon ab, ſie jetzt 3 5 3 gleich dahin zu bringen, aus Beſorgniß die roſenartige Entzündung, die ſich um den Knöchel des linken Fußes bildete, möchte bei der eingetretenen unfreundlichen Wit terung einen gefährlichen Einfluß nehmen. Dieſe Für ſorge und das ganze ernſthaft-ehrerbietige Benehmen⸗ 1 des Doctors flößte dem Grafen alles Vertrauen in die richtige Behandlung des Leidens ein, das ſich nach der Behauptung des Arztes mit ungewöhnlichen Symptomen hervorthat. In Alberts Abweſenheit fiel der Doctor freilich gern in ſeine leichtfertige, nach Witz jagende Laune zurück, die durch ſeinen ſtechenden Blick noch widerwärtiger wurde. Auch war es Mariannen unan genehm, daß er zu gleicher Zeit die Gräfin zu behan⸗ deln hatte, und ſeine erſte darauf bezügliche Aeußerung kam ihr wahrhaft ſchauerlich vor. Er ſagte nämlich bei ſeinem zweiten Beſuche: „Ich komme eben von der alten Gräfin,“— und er lächelte bei dem Worte„alten“ Mariannen, bhezüglich der künftigen neuen Gräfin, ſchalkhaft an;— ſie hat ſich, wie ſie ſagt, einer gehabten Alteration wegen et⸗ was Niederſchlagendes verſchreiben laſſen. Sie erkun⸗ digte ſich auch einigermaßen nach Ihnen, Fräulein Weikart, und ich mußte im Stillen die Betrachtung machen, was doch ſo ein Frühling für verſchiedene Ge⸗ wächſe hervortreibe. Sie z. B. haben eine Roſe, bei der Alten bildet ſich, glaube ich— eine Diſtel,— eine von der Species die man Katzenpfötchen nennt, und die niemals welkt. Marianne aber, bei allem jetzigen Humor ihrer etwas aufgeſpannten Seelenſtimmung, begünſtigte den n Arzt in ſeiner Spaßhaftigkeit durchaus nicht; ſie behan⸗ delte ihn vielmehr mit einer gewiſſen Zurückhaltung, die r wie Mißtrauen ausſah, und ihn befangen oder zuweilen n gar widerwillig machte. Mit Frau Schappers konnte Marianne ſchon eher zufrieden ſein. Die Frau beſaß einen zuvorkommenden h Blick für die Bedürfniſſe eines Kranken und eine leiſe, gewandte Hand für Behandlung eines leidenden Körper⸗ theiles. Dabei hütete ſie ſich, eingedenk ihres erſten g Begegniſſes mit Mariannen, vor allen leichtfertigen h Aeußerungen und Anſpielungen. Hätte nur das Lächeln, .—2.——2... womit ſie ihr Thun und Laſſen begleitete, nicht an ihre d frühere Zudringlichkeit im Wald erinnert, und ihr h ſchelmiſcher Blick, ſo oft der junge Graf erſchien, at nicht einen ſtillen Triumph ihres Scharfſinns ver⸗ t⸗ rathen! n⸗ Ein wohlthuenderes Paar erſchien, vereint oder n vereinzelt, zu Mariannens Unterhaltung in den Freun⸗ g den Heimberger und ſeiner Erneſtine. Um es beiden zu erleichtern, ließ Albert eine bisher verſchloſſene und mit Geräth verſperrte Treppe des Flügelbaues in den Park öffnen und reinigen; ſo daß die Beſuchenden nicht Koenig, Marianne. II. 3 2 durch das Schloß und über die langen Gänge zu kommen brauchten. In dieſer Ruhe und ſanften Erregung wohlthuenden Verkehrs fand Marianne bald wieder mehr Gleich gewicht zwiſchen dem erſchöpften Körper und der über ſpannten Empfindung; wiewohl etwas von jenem Humor, der über Schmerz und Freude lächelnd ſchwebt, dann und wann laut in ihr wurde. So ſagte ſie einmal bei Erinnerung an ihren Fall: Ja, ihr lieben Freunde, Das gehört mit zu den Vorrechten des Adels,— alles, alles, auch das Gift, das ſie uns in die Seele werfen, trägt ihnen Roſen. Nicht in ſo glücklicher Stimmung befand ſich die Gräfin. Sie war wirklich nach Mariannens bildlichem Ausdrucke— niedergeworfen. In das Sopha zurück geſunken, das Bild des Sohnes ſiegreich über ihren Häupten, fühlte ſie ſich wie überwältigt von dem ſtolzen Worte der Gouvernante— eine würdigere Wallberg zu werden. Dabei konnte ſie ſich der Ueberzeugung nicht erwehren, daß es ſich doch um eine reinere und ernſtere Liebe Alberts zu Mariannen handle, und daß ihre übereilte Vermuthung als beabſichtigte Schmach erſcheine, wofür ſie ſich gegen die Gouvernante zu hoch und ſtolz empfand, und was ihr gegen Albert die bitterſte Beſchämung erregte. So war die der Gouvernante zugemeſſ'ne D 2 emüthi⸗ m thi 35 gung auf die hochmüthige Herrin zurückgefallen und hatte ihr zugleich die Erwartung benommen, daß eine ſo verdrießliche Verbindung durch eine Abfindung werde zu löſen ſein. Ihre ſtolze Erhebung lag vernichtet, all' ihre kluge Berechnung durchſtrichen vor ihr da. Die tiefſte Verbitterung, ein grimmiger Haß regte ſich in ihrem Herzen, und eine Rachſucht ringelte ſich aus dem Gefühl ihrer Verlaſſenheit hervor. Die Freunde hatten ſich von ihr abgewendet oder waren entfernt, und da ſie mit der Verletzung Mariannens die Abſichten Alberts mit gekränkt hatte, ſo mußte ſie es auch aufgeben, die Vermittlung des Metropolitans anzuſprechen, den ſie eben noch mit einer ſchönen Summe, unter dem Couvert der Nächſtenliebe, beſtochen hatte. Wie ein leidendes Glied unſeres Körpers den Ein⸗ flüſſen des Luftkreiſes ausgeſetzt iſt: ſo ſcheint ein tief gekränktes Herz allen Einflüſterungen zugänglich, die aus der Atmoſphäre der Seele kommen können. Die Gräfin hatte vom Arzte gehört, daß Marianne eine roſenartige Entzündung von ungewöhnlicher Heftig⸗ keit um den Knöchel des linken Fußes habe. Der Doctor, der ſich dabei mit ſeiner Einſicht und Gründ⸗ lichkeit empfehlen wollte, hatte ſich zugleich über die Gefahr und ſchlimmen Folgen ausgelaſſen, die aus Vernachläſſigung oder falſcher Behandlung eines ſolchen Uebels entſtehen könnten. Nun traten bei der Gräfin 3* 3 dieſe Beſorgniſſe in Einklang mit den Empfindungen ihres Herzens, das von Rachſucht bewegt, ſeine Be⸗ friedigung ſuchte. Schadenfrohe Gedanken erwachten in der Seele der gekränkten Frau, und wagten ſich gerade in dieſer Einſamkeit des Kabinets, in der Ver laſſenheit von allen Freunden, kühner hervor. Bei näherer Betrachtung gaben ſie ſich als die einzigen Freunde in drängender Noth zu erkennen: indem ſie dem beleidigten Stolz eine Genugthuung und ihren zu rückgewieſenen Abſichten einen neuen Ausweg verſprachen. Dieſer letzteren Erwartung lag der Gedanke zu Grunde, daß Albert, mit ſeiner reizbaren Empfindlichkeit, ſich am Ende doch ſchwerlich entſchließen werde, ein auch noch ſo liebenswürdiges Mädchen zu heirathen, dem zu ſeiner bürgerlichen Herkunft auch noch ein körperliches Gebrechen anhafte. Nur die Ausführung dieſer Wünſche erregte ein ängſtliches Bedenken. War ja doch die bloße Anerkennung derſelben ſchon ſo beſchämend: wie konnten ſie ausge⸗ ſprochen und mitgetheilt werden? Die Ausführung derſelben durch käufliche Perſonen brachte überdies etwas Erniedrigendes mit ſich, und ſetzte den Stolz, der nach Genugthuung verlangte, auf dieſem Wege der * Befriedigung mit ſich ſelbſt in Widerſpruch. Und doch blieb der Gräfin kein anderer Weg der Auskunft aus ihrem Groll und zu ihren Hoffnungen. Da fiel ihr ein, daß ſelbſt die Gouvernante den neuen Arzt ſchon früher einen unheimlichen Menſchen genannt hatte, und noch näher lagen ihr die Mittheilungen und Vermuthungen des alten Chriſtian, die auf ein früheres verſchwiegenes Einverſtändniß zwiſchen dem Arzt und der Krankenwärterin zurückwieſen. Eine vollends ver⸗ lockende, ſpitzfindig trügeriſche Betrachtung trat hinzu. Sollte die Gräfin ſich ſelbſt oder ihr Kind, im Fall einer Erkrankung, dieſem Arzt anvertrauen, den ſelbſt ſo untergeordnete Perſonen als unzuverläſſig erkannt hatten und den gerade ſeine Geſchicklichkeit um ſo ge⸗ fährlicher machte? Es ſchien einer Probe werth zu ſein, ob er ſich von der Gräfin zu einem— Kunſt⸗ ſtückchen gewinnen laſſe und mithin auch gegen ſie ſelbſt zu gewinnen ſei.—— Ich bin es mir ſelber ſchuldig, ſagte ſie in lebhafter Aufwallung, zu verſuchen, ob man dem Manne durch Mißtrauen Unrecht thue, oder ob ich ihn ſo finde, daß ich mir ihn ein für allemal vom Leibe halten muß. Sie war entſchloſſen: aber wie ſollte ſie es an⸗ greifen? Ehe jedoch die vorſichtige Dame über den vorzu nehmenden Verſuch einig mit ſich ſelber wurde, lief eine Antwort ihres Freundes, des Hofmarſchalls, ein, der ganz unvermuthete Ausſichten gab. Er meldete ihr nämlich im engſten Vertrauen, daß in den erſten Tagen Graf Albert einen unvermeidlichen Wink erhalten werde, bei Hofe und vor dem König zu erſcheinen; dort werde ihm dann ein geheimer, aber ſehr ehrenvoller Auftrag auf ſo ſchmeichelhafte Weiſe beigebracht werden, daß der junge Mann ſich nicht verſagen könne; da denn an Machen eine ſo baldige Rückkehr nicht zu denken ſei.—„N Sie ſich um alles keine Sorge, theuerſte Eugenie, um die lächerliche Liebesgeſchichte Ihres Albert,“ ſchrieb er: „der König ſelbſt würde nöthigenfalls das Gewicht ſeiner perſönlichen Abneigung gegen ſolche Mißheirathen ſeines erſten Adels, beſonders des einzigen Sohnes der Familie einlegen. Dagegen ſoll es uns höchſt willkommen ſein, daß der fahrende Ritter als ein ſolcher romantiſcher Schwärmer zurückgekehrt iſt. Wir gewinnen an ihm einen rechten Leckerbiſſen für unſere Zauberin Sidonia, die eben ſeit geraumer Zeit nach einer ruhmwürdigen Beute hungert. Im Vertrauen geſagt, gehen wir längſt damit um, die Zauberin in ihren eigenen Künſten zu fangen, und ihr Vater ſelbſt, der ſich nach einem reichen und brauchbaren Schwiegerſohn umthut, iſt mit uns einverſtanden.„Was ich durch unſere liebe Dahn über Albert vernommen, zeigt mir ihn als den richtigen Mann für unſere Abſichten, bei denen er doch auch ſelbſt die glänzendſten Ausſichten fände. Und nun kommt noch ſeine jetzige Stimmung hinzu, wie wir ſie nicht günſtiger wünſchen könnten— aus viel Liebes⸗ 39 39 verlangen und etwas Trennungsſchmerz gemiſcht. Nur Eins, meine theure Freundin: geben Sie den Gedanken an ihre Pathe Eugenie in Gottes Namen auf, und laſſen Sie den guten Dillfeld auf gut Dahniſch glücklich werden. Wir treiben ihn bereits an, den jetzigen Augenblick zu benutzen. Und dann noch Eins: ſchaffen Sie die verführeriſche Gouvernante fort, verſteht ſich, ohne Aufſehen, und wir werden ſie überwachen laſſen, damit ſie uns mit keinen falſchen Schritten in den Weg komme. Geben Sie mir ja recht pünktliche Nachricht von dem, was Sie thun, damit wir Alberten demnächſt vor ihr und ihrer etwaigen Zudinglichkeit hüten können. Und ſo leben Sie für heute wohl, Eugenie! Ich denke daran, wenn unſere Herrſchaften den Sommer reiſen, auf ein paar Tage zu Ihnen zu kommen. Mit Ihren Schriftzügen iſt die Erinnerung an vergangene glückliche Stündchen unwiderſtehlich über mich ge— kommen.“ B. v. B. Viertes Kapitel. Mienen und Grimaſſen. Der Gräfin in ihrer Niedergeſchlagenheit hätte nichts willkommener ſein können, als dieſer Brief, der ſie mit neuen Erwartungen aufrichtete. Dennoch hätte man die anmuthigen Erinnerungen, mit denen das Schreiben ſchloß, näher kennen müſſen, um zu begreifen, daß die ſonſt ſo eigenwillige Frau ohne weiteres auf ſolche ganz abweichende Anſchläge einging. Sie hatte nicht den leiſeſten Widerſpruch gegen den alten Freund, und fand auch mit raſchem Blick aus ſeinen halb ſchalkhaften Abſichten ihre eigenen Triumphe heraus. So führte ja nun, wenn ſie eines um das andere betrachtete, eine baldige Verlobung der Comteſſe Eu⸗ genie mit dem Major von Dillfeld durchaus nichts mehr mit ſich, was ihren Albert blaß geſtellt hätte; 2 er erſchien nicht mehr als der Verſchmähte, wenn er r 41 an Sidoniens Hand eine hohe Laufbahn betrat; im Gegentheile gewann es das Anſehen, als ob er dieſe Hand und dieſen Weg insgeheim im Auge gehabt hätte. Die perſönlichen Vortheile, auf welche die Gräfin bei jener frühern Verbindung gerechnet, und beſonders den Beſitz des eben bewohnten Gutes mitgezählt hatte, blieben ihr jetzt noch geſicherter; indem Albert durch die neue Bekanntſchaft viel gewiſſer in die Diplomatie, an den Hof, oder in die höhern Staatsämter gezogen würde, als wenn er mit Eugenien ſeiner Neigung hätte nachgeben können und ein Bauernfürſt, ein—„Land⸗ graf,“ wie ſie es ſcherzhaft nannte, geworden wäre. Und dann Albert, wenn er von ſeiner„Don Quixo⸗ terie“ mit dieſer„Dulcinea von Nettlingen“ ſchnell genug zurückkommen ſollte, mußte er nicht von ihr ent— fernt und in den Zauberkreis eines genialen und mit ungewöhnlichen Reizen ausgeſtatteten Mädchens geführt werden? Und welch' ein Triumph war Das über ſeinen verirrten Geſchmack und zugleich über dies anmaßliche Geſchöpf, das— eine würdigere Wallberg ſpielen wollte! Ja, dieſe Närrin mußte fort. Aber nicht bloß fort, ſondern ſie mußte gezüchtigt werden,— gezeichnet, ſie durfte nicht ohne ein Gedenkzeichen ihrer Ueberhebung das Schloß Wallberg verlaſſen. Ein bleibendes Uebel etwa, ein hinkender oder entſtellter Fuß, wäre 42 das rechte Zuchtmittel für den übermüthigen Kopf einer Gouvernante, und— könnte zugleich dazu dienen, ihrem Albert, wenn er noch einen Funken von Zärtlichkeit für ſie im Herzen behielte, einen körperlichen Widerwillen gegen ſie einzuflößen. 5 So brach zum Schluß ihrer Betrachtungen der zurückgetretene Haß ihrer Seele immer wieder hervor, und ſtellte ſich an die Spitze der neuen Triumphe. Ein Zufall kam dem böſen Gedanken entgegen,— der Ab ſicht, die ſich kaum mittheilen ließ. Als nämlich die erregte Frau, den Shawl um—⸗ geworfen, das Zimmer verlaſſen wollte, ging eben Frau Schappers, auf einem Gang aus der Küche, auf dem Corridor vorüber, und blieb mit unterwürfigen Ver⸗ neigungen ſtehen. Die Gräfin, wie von einer Ein⸗ gebung betroffen, trat mit einem verſtohlenen Wink in's Zimmer zurück, und die Frau folgte ihr. Der ſcharfe, forſchende Blick der Gräfin, der ein Weilchen auf der wunderlichen Perſon ruhte, ſetzte ſie in Unruhe und in wiederholte lächerliche Verneigungen. ——„Es iſt mir lieb,“ ſprach endlich die Frau von Wallberg,„daß Sie mir begegnet,— Frau— Wie heißt Sie?“ „Schappers, Ew. Gnaden. Mein ſeliger Andreas hieß Schappers und war chirurgiſcher Barbier, zu Dienſten, Ew. Gnaden.“ 43 „Sie hat meinen braven, alten Chriſtian gut ge⸗ pflegt, Frau Schappers,“ fuhr die Gräfin mit ihrem Schnupftuche ſpielend fort, und ich möchte Ihr meine Zufriedenheit damit zeigen. Komme Sie morgen früh gegen elf Uhr. Sie hält ſich zwar nett und reinlich, wie ich ſehe: es wird ihr aber doch wohl Mühe machen, ſich mit einer kleinen Garderobe ſo zu halten. Ich habe abgelegte Sachen, die Sie ſehr gut wird benutzen können. Ich liebe es, daß meine Leute gut ausſehen, und— Sie gehört ja faſt in's Schloß, da Sie eben wieder die— unglückliche Perſon, die Gouvernante, zu beſorgen hat.——— Recht widerwärtige Geſchichte, die mir hätte erſpart werden ſollen!“ ſetzte ſie halb laut, wie vor ſich hin geſagt, hinzu, indem ſie ſo heftig am Taſchentuche zupfte, daß es riß. Sie warf es fort und ſtand auf. „Alſo morgen früh, Frau Schappers!“ ſagte ſie, und wartete es nur ab, bis die Frau, unter Knixen rückwärts gehend, die Thür erreicht hatte; dann rief ſie ihr noch einmal und ſprach vertraulich weiter: „Sie hat mich eben ungeduldig geſehen: kein Wort darüber, Frau! Ich verlange überhaupt, wenn Sie ſich bei mir halten will, unbedingtes Schweigen über alles, was Sie von mir zu ſehen und zu hören bekommt. Doch, ich weiß, Sie verſteht ſich auf Geheimniſſe. Sie und der Arzt,— ihr habt auch manches zu ver⸗ — —— — 44 ſchweigen. Geht mich aber vor der Hand nichts gn. —— Sie hat mich ärgerlich über dieſe Gouvernante geſehen. Nun ja, Sie wird von der Sache gehört haben: denn das Aergerniß iſt zu meinem großen Kummer laut genug geworden. Eine ganz— unchriſt⸗ liche Geſchichte!“ „Unchriſtlich, Ew. Gnaden, das iſt das rechte Wort!“ flüſterte die Frau. „Ich wollte nur, die dumme Geſchichte wäre glücklich abgethan,“ fuhr die Gräfin, gedankenvoll umherwandelnd fort.„Nun iſt aber, wie mir der Arzt zu verſtehen gab, das vom Himmel über die Perſon verhängte Uebel nicht unbedenklich, und kann, je nachdem es behandelt wird, zu einem bleibenden Leiden ausarten. So viel Herzeleid mir nun auch das übermüthige Geſchöpf be⸗ reitet hat, ſo möcht' ich um Alles doch nicht, daß meine geweſene Gouvernante ſolch' ein Leiden mit aus dem Schloſſe nähme. Es macht mir Sorge, ohne daß ich es beſſern kann. Daher möchte ich ſie lieber, mit Zuſtimmung des Arztes, in eine auswärtige Pflege bringen laſſen. Rede Sie doch vorher mit dem Doctor in dem guten Vertrauen, wie ihr zuſammen ſteht. Wenn er das Seinige thut, daß das Uebel zu einem erwünſchten Ausgang geführt werde, ſo wird dadurch ein Familien— ärgerniß am leichteſten gehoben. Und das wäre mir alles werth. Mein Sohn wird nun in der Kürze ——ęO————— — 45 verreiſen; ich fürchte aber, daß er noch einen kleinen Hang für die Kranke behalten könnte, und weiß daß er am eheſten von ihr laſſen würde, wenn ihr eine körperliche Makel anhaften bliebe: allein darum darf ich doch um alles nicht wünſchen, daß es ſo komme, verſteht Sie mich, und ich dringe lieber darauf, daß die Kranke ſobald wie thunlich von hier fortgebracht werde; damit, wenn allenfalls ſolcher ſchlimme Ausgang unver⸗ meidlich wäre,—— Was wollt' ich doch ſagen? Nun ja, Sie verſteht mich ſchon, Frau Schappers! Das Unglück greift mich doch ſehr an! Aber wie verändert erſchien mit einem Mal die ſtill unterwürfige Frau, als die Gräfin ſie erwartungs⸗ voll anblickte! Ihre demüthigen Geberden verwandelten ſich in Grimaſſen; indem ſie mit haſtigen Zeichen an die Stirne, den Mund, die Bruſt, in die Höhe und Ferne ihr Verſtändniß, ihre Verſchwiegenheit zu be⸗ theuern, und Entfernung, Geheimniß und wer weiß was alles anzudeuten ſuchte. Die Gräfin erröthete; ſie fühlte ſich von dieſen Zuckungen und gräulichen Blicken angewidert, und durch die Vertraulichkeit des ihr ganz nahe getretenen Weibes erniedrigt. Sie hatte vielleicht erwartet, mit ſo unſchuldigem Geſichte verſtanden zu werden, als ſie ſich geoffenbart hatte; ſtatt deſſen traten ihr nun die angenommenen Mienen ihres müt⸗ terlichen Kummers aus dem Benehmen des einverſtan⸗ 46 denen Weibes, wie aus einem Hohlſpiegel, mit den Zügen des Verbrechens entgegen.——„Ruhig, ruhig denn doch, Sie— ſonderbare Frau!“ flüſterte ſie ab wehrend ängſtlich.„Rede Sie mit dem Doctor! Er ſoll überlegen, in welche Anſtalt zur Verpflegung wir die Gouvernante bringen, ſobald mein Sohn abgereiſt iſt. Vielleicht kennt er einen Arzt, der in der richtigen Kur fortfährt. Alles auf meine Koſten, verſteht ſich, Alles. Und nun mache Sie ſich fort, Frau! Ich hoffe, Sie wird vernünftig ſein, und— das ſage ich Ihr—!“ Raſch wendete ſich die Gräfin mit drohendem Fin⸗ ger ab, um die Schappers nicht noch einmal in be G theuernde Zuckungen gerathen zu ſehen. Aergerlich, und muthig, unzufrieden mit ſich ſelbſt, ſchritt ſie durch das Zimmer, und wie ſie vor den Spiegel trat, er ſchrak ſie vor ſich ſelbſt ob der wilden Röthe und IIh leidenſchaftlichen Züge, die ihr Geſicht angenommen V hatte. Der ſchreckhafte Schauer des Gewiſſens, den die 1 1 Gräfin aus den geheimthuenden Grimaſſen der Frau Schappers genommen hatte, wirkte dagegen auf dieſe leichtfertige Perſon nur in's Lächerliche zurück.—„Das war ein hochgräflich Geſicht, wie's nicht ſo leicht ein Graf oder Fürſt zu ſehen bekommt,“ murmelte ſie auf dem Gange zu Mariannens Zimmer vor ſich hin. „Nur unſer Eins ſieht ſo vornehme Masken. O das 47 höchmüthige Pack! Wir ſind ihnen gut genug, ihre ſchlimmen Rathſchläge auszuführen: könnten ſie uns dieſelben nur auch gleich mit Stockprügeln beibringen, oder wenn wir ſie ausgeführt, die Erinnerung an ihre Herablaſſung uns aus der Seele klopfen! O ich weiß auch was fein iſt: ich hätte die gnädige Dame gleich⸗ ſam nicht verſtehen, und hernach mit dem glücklichen Unglück überraſchen ſollen. Dann hätte ſie ein chriſt⸗ liches Verhängniß, eine Züchtigung des Himmels dar⸗ aus machen können, und wir hätten einen reichlichen Gotteslohn davon getragen. Aber nein! Bezahlen ſollen Ew. Gnaden und wiſſen, daß wir's auf Beſtellung geliefert haben!“ Eben kam der Arzt von Mariannen. Die Schap⸗ pers nahm ihn mit geheimnißvollem Winke bei Seite nach dem entfernten Fenſter, und machte ihm ihre flüſternde Mittheilung. Dieſe fiel ihr leichter, als ſie der Gräfin geworden war, und der Doctor vernahm ſie ruhiger, die ſpielende Hand am Backenbart und den Blick unverwandt nach der entfernten Waldhöhe gerichtet.— Als ſie fertig war, ſagte er, unruhig hin und her blickend, leiſe: „Ich verſtehe ſchon,— die edle Dame will mir in's Handwerk pfuſchen. Sie meint— Hlllenſtein⸗ ſalbe wäre beſſer, als—.“ „Höllenſtein, richtig, Doctor! Chriſtlich präparirt!“ lachte die Schappers. „Und der Graf verreiſe?“ fragte er. „Die Alte ſagt es,“ antwortete ſie. „Nun ja,— dann! Aber auch nur dann! Er bleibt, ſie geht ab, und er würde keinen Spaß ver⸗ ſtehen.“ „Und die Alte will's ja auch ſelbſt nicht im Hauſe,“ bemerkte die Schappers:„die Gouvernante ſoll auch erſt fort.“ „Nun ja, die kommt nach Nienſtedt in's Land⸗ krankenhaus. 27— chen,“ dem Doctor Fecht? Hm?“ 474 jerum!“ rief ſie,—„zum„Freundchen, Freund⸗ „Ja, Fecht,— der gern zecht.“ „Und, noch Eins Doctor! Accordiren wir erſt?“ „Bewahre! Schapperſin, wo denkt Sie hin! Wir haben's mit einer generöſen Frau zu thun. Wo hat Sie denn Ihre Praxis gelaſſen, Frau Quackſalberin? Haben wir nicht das Geheimniß— als Zugpflaſter? Wir warten's aber erſt ab mit dem Grafen. Das Gouvernantenfüßchen läuft uns nicht fort, und die Roſe blüht noch nicht ab. Auch will die Sach' über— legt ſein. Wir haben ohnehin noch Dreck am Stecken, um mich zart auszudrücken!“ Fünftes Kapitel. Albert's Abſchied. Wenig fehlte, ſo wäre die briefliche Nachricht des Hofmarſchalls von der Vorladung des Grafen Albert nach der Reſidenz durch den Telegraphen überholt worden. Man hatte dieſen Weg einer Aufforderung Alberts vielleicht weniger der Eile wegen, als zur Ver— meidung des Curialſtils gewählt, den man weder auf einen„Befehl,“ noch auf eine„Einladung“ formuliren mochte. Als ein Reitender von der nächſten Eiſenbahn⸗ ſtation das Telegramm überbrachte, erſchrak Albert doch ein wenig. Er hatte über die Angelegenheit ſeines Herzens gänzlich des Vorhabens vergeſſen, ſich bei Gönnern zu einem baldigen Beſuch in der Reſidenz anzumelden. Um ſo weniger durfte er jetzt noch zö⸗ Koenig, Marianne. II. 4 50 gern; ſo unerwünſcht ihm gerade jetzt, während Mariannens Krankheit und der Spannung mit der Mutter, eine ſolche Ehrenpflicht kommen mußte. Den— noch berührte ihn kein Argwohn, daß vielleicht die Gräfin ihre Hand dabei im Spiel habe; da ihm ja Graf Dahn ſchon früher einen Wink wegen einer ſolchen Einberufung gegeben hatte. Er fürchtete nur Mariannen zu erſchrecken, und beſprach ſich deshalb mit Heimberger, der es übernahm, ſie gleich zu beſuchen und vorzubereiten. Allein die Kranke, ſo beherzt als herzlich wie ſie war, nahm die Nachricht ſogar mit einer gewiſſen Zufriedenheit auf. „Es iſt mir lieb, mein Albert,“ ſagte ſie,„daß Du durch eine höhere Angelegenheit in Anſpruch genommen wirſt, als die Sorge um mein kleines Leiden iſt. Nein, Albert, was ich auch durch Deine Entfernung entbehre: für Dich paßt es doch nicht ſo gänzlich in meiner Pflege und Unterhaltung aufzugehen. Nein, reiſe Du heiter hin, verbrauche die edle Zeit, die mir in Abwarten müßig hingeht, zu guten Zwecken und in edlem Genuß. Bereite Dein künftiges Wirken und Schaffen vor; mir hinterläſſeſt Du ja mit Deiner Liebe den unerſchöpflich ſten Stoff, von dieſer Zukunft zu träumen, und mich klar über alles zu machen, was ſie für mich zu leiſten und glücklich zu ſein mit ſich bringen wird. Bei Deiner Wiederkehr denke ich Dir entgegen zu gehen, und wenn 51 mein Fuß noch ſchwach wäre, kommt ihm Dein Arm zu Hülfe.“ „Nur übereile ja nichts, Marianne! Es iſt ein Uebel, das ſich gern wiederholt.“ „Aber die Witterung hilft, lieber Albert, und hof⸗ fentlich auch das neue Mittel des Arztes. Es brennt zwar ſehr, der Doctor meint aber, die Heilkraft künde ſich oft mit lebhafteren Schmerzen an.“ „O ja, das hab' ich mehr gehört, liebe Marianne,“ erwiderte Albert.„Im Uebrigen habe ich mit Heim⸗ N berger und dem Doctor verabredet, daß Du in den ß erſten Tagen hinüber gebracht wirſt. Der Gedanke, Dich von Frau Erneſtine gepflegt, von Heimberger unterhalten zu wiſſen, gibt mir eine freudige Beru⸗ higung für meine Reiſe.“ „Und, nicht wahr, Albert, Du ſchreibſt mir, ſo oft Du kannſt? Die Briefe geben mir Dein inneres Bild und die Gegenwart Deines Herzens.“ „Ja, Marianne, das ſollen ſie. Ich freue mich ſelbſt auf ſolchen mir neuen Verkehr, wenn er auch, wie ich hoffe, nicht allzulang dauern wird. Ein Brief— wechſel gehört, glaube ich, zum vollen Glück eines Brautſtandes; nur muß er aus dem Herzen kommen wie ein Bach aus dem Gebirge, durch deſſen kryſtal lene Flut man die Kieſel und die Glimmerblättchen auf dem Boden zählen kann; ein Liebesmai, dem Früh⸗ 1 ling gleich, der den Baum mit fruchtbringenden Blü⸗ then überſchüttet; ehe dieſer noch die dauernden Blätter getrieben hat. Die Briefe zweier Liebenden, unter den Pulſen eines von Sehnſucht bewegten, von Phantaſie getragenen Herzens geſchrieben, gleichen, im Verhältniß zu dem ernſten, perſönlichen Umgange, den Liedern eines Dichters, dem man in der Geſellſchaft, an ſeinem ängſtlichen, befangenen Benehmen, eben auch den freien, hohen Flug der Seele nicht anmerken kann.“ In ſolcher hohen Stimmung ſprachen beide ein Stündchen länger und heiterer, als es Albert erwartet hatte. Sie gingen abſichtlos auf alles ein, was ſie für die Zeit der Trennung und der Wiedervereinigung empfanden oder auf dem Herzen hatten. Selbſt die Vorbereitungen zu ihrer Verbindung kamen zur Sprache. Albert wollte den Aufenthalt in der Reſidenz auch zu dieſem Zwecke nicht unbenutzt laſſen. Eines beklagte er: daß er kein Bild von Mariannen für die trauten Stündchen ſeiner Erinnerungsfeier mitzunehmen hatte. „Und auch keinen Trauring,“ lächelte Marianne, „den Du als Talisman gegen Anfechtungen Deines Herzens am Finger trügeſt, und der Dir im Augen⸗ blicke der Vergeſſenheit einen Stich verſetzte, wie der Dorn einer Roſe.“ „Deine Roſe wird mir Dornes genug ſein, Ma rianne!“ antwortete er. 53 Zärtlichkeiten und Gelöbniſſe knüpften ſich an ihre Neckereien, enthüllten ſich aus ihren Scherzen. Endlich ſagte Albert mit einer gewiſſen verzagten Freund⸗ lichkeit: „Aber nun, mein Herz, ſo wie wir jetzt Hand in Hand, Herz im Herzen ſind, finden wir vielleicht keinen Augenblick wieder vor meiner Abreiſe. Ich dachte Dir erſt morgen früh Lebewohl zu ſagen: laß es mich gleich jetzt thun, und ich reiſe dann lieber noch vor Nacht ab. Es trifft ja gegen Mitternacht ein Bahnzug, an unſerer nächſten Station ein, und der Faden der Er⸗ innerung, an dein Herz geknüpft, ſpinnt ſich glänzen⸗ der in der Nacht fort, und ich flattere daran, wie Dein Maikäfer!“ Sie nickte gerührt zu ihm auf, und er ſprach weiter: „So lebe wohl, Du meine Seele, und der Himmel behüte Dich!“ Er neigte ſich über ſie her, und ſie umſchlang ihn mit beiden Armen. Ihr Auge ſchwamm in Thränen, der Mund bebte, aber ein Lächeln überwand das zuckende Leid.——„Und wenn Du mir ſchreibſt,“ ſagte ſie,„ſo nenne mich, wie mündlich,„Herzchen:“ denn jetzt, Albert, bin ich nur Herz,— ab vom Auge, das ſich eben noch Deines Bildes freut, bis zu meiner„Roſe,“ die mir als Zeichen gilt, daß ich 54 Dein auch in allen Leiden des Lebens bleibe. Und haſt Du mich zuweilen„Frauchen“ genannt, ſo nehme ich es als Verſicherung daß Du, auch wie weit ent⸗ fernt, mir treu und verbunden biſt, wie durch ein Sakrament!“ 144 „Ewig, ewig, Marianne!“ rief er.„Die Welt hat viel Schlimmes, aber ſie ſoll nichts auffinden und er ſinnen, womit ſie uns trennen könnte.“ „Gewiß, Albert! Und nun noch den letzten Kuß, und dann Ade, und alles Frohe, alles Gute Dir zum Geleit! Gott mit Dir!“ Er erhob ſich von dieſer letzten Umarmung, und behielt noch, zu ihr niederlächelnd ihre Hand. „Ach, daß ich Dich auch gar nicht ein Streckchen begleiten kann!“ ſagte ſie.„Nicht einmal bis dorthin an die Thür.—— Weißt Du noch, wie wir uns dort, in der erſten Stunde Deiner Ankunft, begegnet ſind? Du ſuchteſt Deine alte Wohnung und fandeſt die neue Gouvernante; und ſo fand ich Dich und er⸗ ſchrak, denn ich dachte,——— Und war recht ent⸗ rüſtet über Dich. Und weißt Du auch warum ich es war?“ „Nun, mein Herz, warum?“ „Weil ich Dich heimlich lieb haben wollte, und fürchtete, Du wärſt nicht lieb.—— Aber nun geh', Albert! ſonſt fang' ich wieder von vorn an, wie ein Kind, Geh'! Und wenn Du dort über die Schwelle trittſt,— dort fängt meine Liebe an, dort hab' ich ſie beſiegelt mit meinem Fall, dort wachſen— Ver— gißmeinnicht!— Lebe wohl, Albert, lebe wohl!“ Albert, innig bewegt, küßte die Hand, die er los— gab, und eilte fort. Als er die Thür öffnete, rief 8 7 7 Marianne noch einmal heftig:„Albert!“ Er wendete ſich erſchrocken, mit fragendem Blick um, und ſie ſagte: „Ach, es wurde ſo dunkel um Dich her, Albert; mir war, als ſchiedeſt Du in Nacht. Aber es war nur in meinem Augen. So—“ Sie wiſchte Ihre Thränen ab— „So, nun geh! Auf Wiederſehen, mein Albert! Jetzt iſt's hell um Dich her!“ Wie er noch einmal zurücknickte, ſtreckte ſie ihm beide Arme nach, umfaßte dann, als er verſchwunden war, laut weinend das Flaumenkiſſen ihres Lagers, oreßte das Geſicht hinein, und ein Strom von Thrä⸗ ht h) nen netzte die grüne Seide. Albert traf auf ſeinem Zimmer den Kammerdiener mit Einpacken beſchäftigt, und ordnete nun die erſt auf 7 8/ morgen früh beſtimmte Abreiſe noch zur einbrechenden 3 d Nacht an. Er hatte, was mitgenommen werden ſollte ). ſchon bezeichnet,— das Nothwendigſte nur, was mit Rückſicht auf ſeine Aufwartungen bei Hofe, auf unver— meidliche Beſuche und einige Bequemlichkeit im Gaſthofe nicht zu entbehren war. Er dachte bei dieſer Beſchrän⸗ kung an einen kurzen Aufenthalt, zugleich aber auch daran, in den Augen Anderer für ſeine eilige Rückkehr entſchuldigt zu erſcheinen. Das Lebewohl bei Mariannen, vor dem er ein wenig gebangt hatte, war nun ſo erhebend vorüber, und Nichts hielt ihn mehr zurück. Jede Viertelſtunde, die er voraus nahm, erſchien ihm als Gewinnſt für das Wiederſehen und für ſeine Vereinigung mit der Geliebten. Nur der Abſchied von ſeiner Mutter, die ſich ihm bis jetzt entzogen hatte, lag ihm noch drückend auf, und ſo kurz er ſich dabei zu faſſen und nur den Anſtand zu wahren dachte, hatte er doch von Mariannen nicht einmal dafür die rechte Stimmung mitgebracht. Er entſchloß ſich Heimbergern noch einmal zu ſehen und durch dieſen Umweg den Uebergang zu jener kälteren Schicklichkeit zu nehmen. Vorher ließ er ſich auf ſieben Uhr bei ihr anmelden, und beſtimmte den elben Schlag der Schloßuhr zu ſeiner Abfahrt. Aus dem Zimmer der Mutter wollte er den Wagen beſteigen. Sie ſollte füh⸗ len, daß er bloß dem Anſtand eine Rückſicht ſchenke. Es fügte ſich, daß Albert durch dieſen Verzug nicht bloß ſich ſelbſt, ſondern auch die Gräfin für ein ver— legenes Scheiden erleichterte. Denn gegen ſieben ließ der Arzt ſich bei ihr anmelden, und es war ihr ganz recht, 57 für die bängliche Erwartung, die ſie ſich von ſeinem zur Unzeit kommenden Beſuch machte, mit ihrer Zeit ein wenig bedrängt zu ſein. Der Doctor verſtand ſich ſchon beſſer, als die Wär⸗ terin, auf den richtigen Ton für ſolch' eine bedenkliche Verhandlung mit einer vornehmen Dame. Die Gräfin empfing ihn im geheimen Kabinet; er ſelbſt aber that gar nicht geheimnißvoll, ſondern ſagte mit ruhiger Ehr⸗ erbietung: „Die Hebamme Schappers ſagte mir, Ew. Gnaden wünſchten über den Zuſtand Ihrer leidenden Gouver⸗ nante unterrichtet zu ſein. Ich komme daher, ohne leider! viel Gutes berichten zu können. Das Uebel verſchlimmert ſich unter meinen Mitteln, die ich für dieſen Fall in meinem Laboratorium ſelbſt bereitet habe, und ich fange an zu fürchten, daß es ein bleibendes Leiden werde.“ „Mein Gott, wie Sie mich erſchrecken, beſter Doc— tor!“ rief die Gräfin, und ließ ſich in einen Seſſel ſinken.„Sie wollen mich doch wohl nicht gar auf die Nothwendigkeit einer Amputation vorbereiten?“ Der Arzt erſchrak ſichtlich.„Oh!“ ſtotterte er, wär's nicht ſchlimm genug, wenn es mit einiger De⸗ formität des Fußes,— mit etwas Hinken ausginge?“ „Sie mißverſtehen mich, Doctor!“ erwiderte ſie, nicht ohne einige Verlegenheit.„Mich ängſtigt nur 2 58 fortwährend, daß— gerade bei mir, im Schloſſe, noch mehr Widerwärtiges von dieſer Seite vorgehen könnte. ——— Im Vertrauen, lieber Doctor! Ich ſehe, Sie ſind ein verſtändiger, theilnehmender Mann. Sie wiſſen, daß ich eine Verhandlung mit der Gouvernante ß gehabt. Der Gegenſtand iſt leider! kein Geheimniß, nicht einmal ein Räthſel unter meinen Leuten haien Nicht meine Schuld, Doctor! Eben ſo wenig die darauf — nicht einmal in meinen Zimmern erfolgte Ohnmacht. Als Menſchenkenner werden Sie wiſſen, wie ſolche Perſonen in ſolchen Verhältniſſen ſich trotzhaft— über— müthig betragen, und wir haben es in dieſem, wörtlich ſo zu nehmenden„Fall“ mit einer jener Züchtigungen zu thun, die ohne fremde Schuld im natürlichen Ver laufe, im Verhängniß menſchlicher Dinge liegen; wie es ja ſchon in der Schrift heißt,„wer ſich überhebt, wird erniedrigt werden.“ Wovor ich aber dennoch bange, iſt die ſchlechte Sſnmnnas und üble Nachrede der Welt, ſobald die Folgen dieſes Verhängniſſes unter unſerm Dach ausbrechen und das Mitleid der Men— ſchen herausfordern, die dann oft für ihre Theilnahme nichts beſitzen, als böſe Zungen. Es könnte leicht heißen, das bleibende Uebel der Gouvernante wäre mir ganz recht, weil es meinem Sohne, bei ſeiner ernſten Neigung für ſie, einen lurperlichen Widerwillen gegen 7 ein Mädchen beibrächte, das er ſonſt vielleicht geheirathet ⁵ 59 Doetor Doctor, hätte. Die Wahrheit wär's allerdings, beſter: was den Einfluß auf meinen Sohn betrifft; aber mir ſelbſt thäte man Unrecht, und Sie ſehen daher, in welcher Sorge ich bin, und daß die Kranke mithin ſchnell aus dem Schloſſe fort muß. Aber—— ließe es ſich nicht etwa machen,— ſage ich erwarten, daß das Leiden, wenn's auch eine Zeit lang währte und ſich verſchlimmerte, doch ſpäter durch kräftige Mittel wieder gehoben würde?“ „Wenn wir Das ſo in der Hand hätten, Ew. Gnaden!“ lachte der Doctor, etwas ſchalkhaft.„Indeß, — ein Gedanke aus ſo gütigem Herzen fordert den Arzt zum Nachdenken heraus! Ich werd' es in Ueber⸗ legung nehmen.“ „Und, was haben Sie ſich ausgedacht, Doctor?“ fragte die Gräfin, mit der Miene zerſtreuter Gleich⸗ gültigkeit;— worauf der Arzt leiſe und mit einer gewiſſen Unruhe in Blick und Bewegung erwiderte: „Es liegt im Wunſch und Intereſſe Ew. Gnaden, daß das Uebel ſich nicht im Schloß entwickle. Ich habe dem Herrn Grafen, der mir vorhin begegnete, wieder⸗ holt verſprochen, die Demoiſelle hinüber zu Heimberger bringen zu laſſen und noch einen Arzt aus der Nach⸗ barſchaft zuzuziehen. Ew. Gnaden ſehen ein, daß ich es mit dem Herrn Grafen nicht verderben darf. Ihm und Ew. Gnaden zugleich— in ſo widerſprechenden 60 Erwartungen— kann ich nicht dienen. Ich bin aber Un bereit, mich Ihren Abſichten zu widmen; doch ſo, daß ſeh ich ſcheinbar aus dem Spiele bleibe. Ich mache daher wi folgenden Vorſchlag. Ich reite morgen in Geſchäften aus, und verabrede mit einem Freunde, dem Doctor ge Fecht in Nienſtedte die Aufnahme und Behandlung der ſch Gouvernante im dortigen Landkrankenhauſe. Von da zurückgekehrt, erlaube ich für den andern Abend den lie Ueberzug der Kranken in Heimbergers Gartenhaus, und D verreiſe auf zwei Tage. Gegen Abend trifft Doctor n 1 Fecht mit einem eigenen Wagen und zwei Krankenwär⸗ i tern ein, die er aber im Wirthshaus an der Straße zurück läßt. Er meldet ſich bei Ew. Gnaden, und Sie übertragen ihm, da ich abweſend bin, die Fortſchaffung t der Gouvernante mit ihren Sachen in ſeinem Wagen, vorgeblich nach Heimbergers Wohnung. Er fährt aber, ſtatt durch das Dorf, die Straße gerade aus, nimmt am Wirthshauſe zu ſeinem Beiſtande die beiden Wärter auf, und die einbrechende Nacht begünſtigt die Entfüh⸗ rung. Niemand weiß, wohin die Gouvernante gebracht worden; ich komme andern Tags zurück, und weiß natürlich von allem nichts. Wer dürfte auch Ew. Gnaden zur Rede ſtellen? Zum Ueberfluß könnnen Sie verreiſen, vielleicht nach Schloß Dahnſtein, und das Weitere ergibt ſich nach den eintretenden Umſtänden, und läßt ſich insgeheim unter uns beſprechen, Zu dieſen 61 Umſtänden gehört z. B. der Fall, daß der Herr Graf ſehr bald durch Pfarrer Heimberger Nachricht erhalten wird.“— Die Gräfin hatte zuhörend dann und wann beifällig genickt, und ſagte jetzt, ein wenig beunruhigt, wie es ſchien: „Vortrefflich ausgedacht, Doctor! Es iſt mir nur lieb, daß Sie ſo gut für ſich ſelbſt geſorgt haben. Doch,— es iſt wahr, Sie haben Recht,— ich für meine Perſon muß die Sache durchführen, ich, und ja, ich will es!“ „Das Einzige, Ew. Gnaden, wäre noch, ob die Weikart— die Koſten der dortigen Behandlung beſtrei⸗ ten kann,“ erinnerte der Arzt etwas verlegen.„Sie iſt eine Fremde für jene Anſtalt, und Doctor Fecht wird dafür in Anſpruch genommen.“— Die Gräfin, die ſeine verſteckte Abſicht durchblickte, verſetzte lächelnd: „Ueberlaſſen Sie doch alle Koſten und— alle Er— kenntlichkeit immerhin der Gräfin Wallberg, die ja ohnehin vor den Riß tritt! Ich habe dabei nicht bloß den leidenden Fuß meiner geweſenen Gouvernante im Auge, ſondern vielmehr die Heilung meines Sohnes von ſeiner Thorheit, und Sie werden mich dafür klugen und verſchwiegenen Aerzten ſehr dankbar finden. Für den Doctor Fecht geb' ich Ihnen Vorſchuß mit.— 62 Indeß,— mein Sohn wird gleich hier erſcheinen: gehen Sie alſo und kommen morgen, ehe Sie wegreiſen, noch einmal zu mir. Ich muß mir ohnehin Ihren Plan noch genauer bedenken, und habe vielleicht noch einiges zu fragen.— Kommen Sie hierher!“ Sie öffnete im Nebengemach eine Tapetenthür zu einer verſteckten Treppe in's untere Haus.—„Mein Sohn könnte Ihnen begegnen,“ ſagte ſie.„Ziehen Sie unten die Ausgangsthür hinter ſich zu!“ Die Gräfin hatte es getroffen: wie ſie durch das Kabinet in ihr Zimmer zurück trat, erſchien Albert. Sie ging ihm freundlich entgegen, und er verneigte ſich auf die dargebotene Hand, indem er ſagte: „Ich komme Ihnen ein kurzes Lebewohl zu ſagen, gnädige Mamma. Sie werden gehört haben, daß ich nach der Reſidenz reiſe?“ „Ja, lieber Albert,“ antwortete ſie,„ich freue mich ſehr, und hoffe viel davon, daß Du gerade jetzt auf den glücklichen Gedanken gekommen biſt.“ „Gebracht worden bin, müſſen Sie ſagen,“ erwiderte er.„Ausweichen kann ich dem Anlaß nicht, ob er mir gleich gerade jetzt nicht erwünſcht kommt.“ „Du haſt Unrecht, Albert,“ verſetzte ſie,— aber, willſt Du nicht Platz nehmen?“ „Verzeihung! Der Wagen iſt ſchon vorgefahren. Ich will nämlich mit dem Nachtzuge gehen, und daher die Station nicht verſäumen. „Ich ſagte, Du haſt Unrecht,“ fuhr ſie fort;— „ein junger Mann von Deiner Stellung und Bega— bung darf höheren Angelegenheiten, bedeutenderen Ge⸗ ſellſchaftsberührungen, einem großen Wirkungskreiſe und umfaſſenderen Lebensblicken nicht aus dem Wege gehen, wozu Du bisher, ſo viel Neigung zeigteſt. Ich bin überzeugt, Du wirſt auf jenen Höhen der großen Welt tiefer aufathmen und in einem weitern Umblicke manches überſehen, was uns in der Einſamkeit eines ländlichen Aufenthalts allzuſehr einnimmt. Ein ſolches Stillleben wie es Dir hier behagen wollte, verengt und erſchöpft einen jungen Mann viel zu ſehr; es wird Dir erſt geziemen und zugleich wohlthun, wenn Du mit Erin— nerungen an eine große, verdienſtvolle Thätigkeit hier einkehrſt, um von würdigen Anſtrengungen, hinter ſtol— D' zen Zielen, auszuruhen. rum ſehe ich Dich mit Freude gehen, und zweifle nicht,— Du wirſt ganz umgewandelt zurückkehren.“ „Wenn Sie mich nur wiedererkennen, Mamma!“ lächelte er wegwerfend. „In ſolcher Umwandlung werd ich den Grafen Wallberg gewiß eher wieder erkennen, als ich ihn in den letzten Tagen erkannt habe,“ antwortete ſie, ☛—— — — 64 etwas empfindlich; worauf Albert kalt ablenkend ent⸗ gegnete: „Aufträge haben Sie nicht? Kann ich Ihnen nichts beſorgen?“ „Ich wüßte nichts, oder— wenn mir was ein⸗ fällt ſchreibe ich Dir. Doch Eines! Du ſiehſt den Hofmarſchall: grüße ihn recht altfreundſchaftlich von mir, und ſage ihm, er dürfte auch wieder einmal brief— lich von ſich hören laſſen. Vergiß es nicht, Albert!“ „Nein! Alſo leben Sie wohl, Mammal! Halten Sie ſich heiter! der Himmel behüte Sie!“ „Auf Wiederſehen, lieber Albert!“ Sie umarmte ihn; er küßte ihre Hand, und ging. Nach einigen Minuten hörte man einen leichten Wagen aus dem Schloßhofe fahren. Sechstes Kapitel. Audienz und Auſwartung. Albert, als er ſich beeilte, die Nacht zu ſeiner Reiſe zu nehmen, hatte ohne Ueberlegung das ihm ſelbſt Dienliche getroffen. Der Himmel war umwölkt, und der Mond, der ſich gegen Neulicht verſpätete, wirkte nach Mitternacht nur ſchwach; ſo daß der Fah⸗ rende, zuerſt in ſeiner Kutſche und dann im Coupé der erſten Wagenklaſſe auf der Eiſenbahn allein, recht ungeſtört, und unverlockt ſeinen Erinnerungen und Em⸗ pfindungen nachhangen konnte. Dies kam ihm für ſein Vorhaben zu Statten. Denn da die Reiſe ſelbſt und ſeine Abfahrt ihn eigentlich überraſcht hatten, bedurfte er gerade ſolcher Einſamkeit und Einkehr in ſich ſelbſt, um ſein Herz und ſeine Gedanken von Allem aufzu— räumen, was ungelöſt zurück geblieben war, und womit Koenig, Marianne. II. 5 er für neue Eindrücke verſtimmt oder unempfänglich in der Reſidenz angelangt wäre. Hier ward er von alten Gönnern ſehr aufmerkſam empfangen und hatte nicht lang auf eine Audienz beim Könige zu warten. Der Monarch, mit ſeiner gewohnten Freundlichkeit, wollte ſich des jungen Grafen von der einmaligen Vor⸗ ſtellung her noch erinnern, die Albert gehabt hatte, als er vor ſeiner Reiſe, um ſich mit ſeiner Mil litärpflicht abzufinden, in der Reſidenz und bei Hof erſchienen war. Der König unterhielt ſich in zutraulicher Weiſe mit dem jungen Mann, deſſen Antworten den gewin⸗ nenden Eindruck ſeiner Perſönlichkeit zu vervollſtändigen ſchienen. Die Anterrſüſ ging hauptſächlich um das Leben in England. Der König ließ ſich von der Au— dienz berichten, die Albert bei der Königin gehabt hatte, und fragte nach verſchiedenen Perſonen ihrer Umgebung. Er kannte den dortigen Hof, und nickte beifällig, oder bejahte die Beobachtungen Alberts, die mit ſeinen eige— nen übereinſtimmten. Albert mußte auch von den Sehenswürdigkeiten erzählen, die ihn beſonders ange zogen hatten, und konnte mancher Veränderungen, manches Neuen gedenken, was ſeit des Königs Beſuch entſtanden war. Der König ſchien von allem ſehr be⸗ friedigt; nur Eines befremdete ihn, daß Albert von ſo viel Erſtaunlichem, was er richtig zu bezeichnen wußte, doch nicht nach der Art junger Reiſenden ſchwärmeriſch eingenommen ſchien. „Und doch,“ ſagte der König,„iſt das Außeror⸗ dentliche auf dem verhältnißmäßig engen Raume jenes Reiches ſo gewaltig zuſammen gedrängt, daß unſer Gemüth nur mit der lebhafteſten Bewunderung Wider⸗ ſtand leiſten kann. Um nur Eines zu erwähnen: be⸗ denken Sie, daß die Fabriken Großbritanniens, ihrer leiſtenden Kraft nach, 600 Millionen Menſchen reprä⸗ ſentiren! „Wahr, Ew. Majeſtät!“ verſetzte Albert.„Soll ich aber dieſe hölzerne und eiſerne, von Dampf bbelebte Bevölkerung lieben,— jene ſchaffenden Maſchinen, die ſich von beſeelten Weſen bedienen laſſen? Unſer armes Geſchlecht, das hinter ſich ein verlorenes Paradies hat, erwartet von jeder neuen Entdeckung, die ſeine genialen Brüder machen, ein Erſatz⸗ oder Vergütungs⸗ paradies. So hoffte man, als die unermüdlichen Axme, die der Dampf in Bewegung ſetzt, ſich zu regeflhe⸗ gannen, die Menſchheit werde, von Müh' und AMeit erlöſt, in ein Sansſouci des freien Geiſtes verſetzt und von Naturkräften bedient werden Doch wie anders iſt es gekommen! Mir wenigſtens erſcheint der Menſch, der mit ſeinen Werkzeugen im Kampfe mit den feind— ſeligen Naturkräften liegt, immer noch ein Held gegen * 5 — . X 68 den Arbeiter, den die Maſchine zu ihrem Sklavendienſt erniedrigt. Und wird nicht gerade da, wo die Ma⸗ ſchinenherrſchaft am ausgebreitetſten iſt, doch am an— geſtrengteſten gearbeitet,— in England, deſſen Bevöl kerung theils unter dem Tagelohn der Maſchine, theils unter dem Genuß oder unter dem Vertrieb ihres her vorgebrachten Ueberfluſſes ſeufzet, und wo ſelbſt der Ruhetag des Sabbaths zur Bet- und Bibelarbeit beſtimmt iſt? Nein, Ew. Majeſtät, da lob' ich mir unſer gemüthlich deutſches Leben, wenigſtens da, wo es in ſeiner Woche, wie im Schooß einer Lilie blüht mit ſeinen ſechs Staubfäden ſchaffender Wochentage und dem einen hohen Griffel des Sonntags, der von Andacht und Freude, von Geſelligkeit und Muſik be fruchtet wird. Denn auch die Freude veredelt, macht human und iſt echt chriſtlich! Der König, ſehr vergnügt über des jungen Mannes lebhafte Ausdrucksweiſe, ſagte: „Es freut mich Graf, daß Sie ſoviel Vaterlands⸗ asge zurückgebracht haben!“ Meider ganz ſoviel als ich mitgenommen hatte, Ew. Majeſtät!“ lächelte Albert.„Ich hätte gern et was davon in den dort angeſeſſenen deutſchen Fami lien zurück gelaſſen: allein ich habe faſt keine gefunden, e lieben Di die etwas davon hätten brauchen können. deutſchen Frauen zumal ſind da viel zu ſehr bemüht, 69 wo möglich noch engliſcher zu thun, als die geborenen Engländerinnen ſelbſt, und in hundert Lappalien, über die wir lachen, ja recht„genteel“ zu erſcheinen. „Das Leben einer engliſchen Dame verläuft auch, ſoviel ich weiß, an gar viel wichtigen Kleinigkeiten,“ bemerkte der König. „Ja wohl Ew. Majeſtät, und die alle ſehr ernſt und ſehr methodiſch zu nehmen ſind. Schon die Klei— dung hat im Tagsverlauf ihre Stationen,— des rich⸗ tigen Negligée's, in welchem gefrühſtückt wird;— des Anzugs worin man die Kaufläden zur Beſichtigung, wenn auch nicht gerade zum Kaufen beſucht; und— der großen Toilette, in der man zu Tiſch erſcheint, und des Abends, wo der Thee genommen und Klavier geſchlagen wird. „Ja,“ lachte der König,„von Muſik machen ſie viel Aufhebens, nicht wahr?“ „Im Hauſe, Ew. Majeſtät, von Muſik und Singen und auf der Straße mit ihren Kleidern.“ Der König lachte, indem er ſagte: „Zu Letzterem haben ſie einigen Grund mehr an dem ſchmutzigen Pflaſter.“ Er fragte noch flüchtig nach Einem und dem An⸗ dern, und entließ dann Alberten mit freundlicher Hand und den Worten: „Wir werden noch manches darüber zu reden haben, 70 Graf Wallberg. Laſſen Sie es ſich recht lange bei uns gefallen. Ich denke auch Ihre guten Dienſte noch in Anſpruch zu nehmen.—— 4 Dies letzte Wort war kein geringer Schreck für Albert, und überwog alle Zufriedenheit mit ſeinem huld— vollen Empfang, womit er ſonſt das Schloß verlaſſen hätte. Er war Willens geweſen, gleich auch noch zum Miniſter von Bruchleben zu fahren, um ſich recht bald gegen jede Zumuthung eines Geſchäftes zu erklären. Nun er aber ſah, daß ein ſolcher Auftrag vom Könige ſelbſt ausging, fand er ſich kleinmüthig und zugleich verdrießlicher, als er es hätte verrathen dürfen, und unterließ den Beſuch. Doch blieb ihm nicht lang Zeit zu trotzen. Schon auf den folgenden Tag wurde er,— wie man es aus zudrücken pflegt— zur königlichen Tafel befohlen, und hatte zu erwarten, daß er dort mit dem Miniſter des Auswärtigen und des königlichen Hauſes zuſammen treffen werde. Er beeilte ſich alſo vorher an der Woh⸗ nung deſſelben vorzufahren, und die Schuld des An⸗ ſtandes abzutragen. Er wurde angenommen, und wie er die innere Treppe emporſtieg, huſchte ein junges Frauenzimmer über den Corridor nach einer halb off'nen Thür, in der ſi d e, zurückgewendet, einige Augenblicke ſtehen blieb, um en Ankommenden mit großem, feurigem Auge zu 4½ 71 meſſen. Albert grüßte, und ſie verſchwand mit Ver⸗ neigung. Die Zauberin Sidonia! rief es in ſeinem Innern, und er beſann ſich nun der intereſſanten Mittheilun⸗ gen, die ihm die Gräfin Dahn von der Tochter des Hauſes gemacht, und deren er ſeitdem faſt ganz ver⸗ geſſen hatte. Wie eine Sylphide war ſie vorüber ge⸗ ſchwebt, leicht und anmuthig, als ob nicht der Fuß, ſondern nur das lange Gewand den Boden berührte, und ein Gemiſch von Erinnerungen und Empfindungen waren davon in Alberts Seele aufgewirbelt. Könnte ſie Dir Mariannen herzaubern, dieſe Sidonie, wenn ich länger hier bleiben müßte! dachte er, und betrat in einer eigens weichen Stimmung das Kabinet des Miniſters. Ein feiner, ſchlank gebauter Mann, in ſeinen Ma⸗ nieren ein Höfling, mit der phantaſievollen Phyſiog⸗ nomie eines Künſtlers, empfing Alberten mit auszeich⸗ nender Artigkeit,— vielleicht etwas zu beweglich für ſeine hohe Stellung, jedenfalls deſto abſtechender gegen die einfache Haltung des jüngeren Mannes. Man hätte ihm anmerken können, daß er von Alberts Er— ſcheinung den angenehmſten Eindruck hatte, und be⸗ müht war, ſich auch ihm günſtig darzuſtellen. Er wußte eine leichte, lebhafte Unterhaltung zu führen; indem er, als ein Mann der viel gelernt und gelebt — —— —— 72 hatte, mit geiſtreichen oder artigen Uebergängen die verſchiedenſten Gegenſtände berührte, in der doppelten Abſicht, ſich ſelbſt angenehm hören zu laſſen, und da bei von dem Geiſt und der Geſinnung des Andern Probe zu nehmen. Albert war mit dieſen Proben in ſeiner Weiſe nicht zurückhaltend, und ſo verflog eine halbe Stunde, ohne daß von Geſchäften die Rede geweſen wäre. Erſt als der junge Graf ſich erhob, kam der Miniſter mit ' der Miene beſonderer Vertraulichkeit auf das Anliegen, G das— wie er ſagte,— Se. Majeſtät ſehr beſchäf tige. Es betrifft ein zartes, geheimes Herzensverhält niß unſerer geiſtreichen Prinzeſſin Mathilde mit dem — apanagirten und— dem fürſtlichen Range nach ge wiſſermaßen nicht ebenbürtigen Prinzen Alexander, er klärte Bruchleben. Beide haben ſich auf ihren Reiſen kennen gelernt, und wollen nun auch für ihre ganze Lebensfahrt nicht von einander laſſen. Die Prinzeſſin, 3 früh verwaiſt und ſelbſtſtändig geworden, fühlt ſich in ihrer Unabhängigkeit. Sie betreibt eine Verbindung, gegen welche unſere Politik viel zu erinnern hat, ohne daß ſie gegen das entſchiedene Herz der liebenswür⸗ digen Fürſtin aufkommen könnte. Da zeigt ſich endlich Se. Majeſtät geneigt, der geſchätzten Nichte nachzuge⸗ ben unter gewiſſen Bedingungen, in die der Prinz einwilligen muß. Es iſt auch kein Zweifel, daß er es thut, Formalitäten. Zu dieſen ganz geheimen Verhandlungen und ſo handelt es ſich eigentlich nur um hat uns lange der richtige Mann gefehlt,— ein Mann, hinter deſſen Stellung zum Hofe man keine geheimen Aufträge ſucht, und deſſen Perſönlichkeit man doch mit dem geheimſten und zarteſten Geſchäfte be⸗ trauen kann. Der König glaubt ihn jetzt gefunden zu haben, ſetzte der Miniſter mit artiger Verneigung gegen Albert hinzu, und Sie, Herr Graf, würden ſich um Se. Majeſtät um ſo— ich darf ſagen— verdienter machen, als Sie, wie wir gar wohl wiſſen, nicht dar— auf ausgehen, ſich für Ihre Perſon und zu irgend einer Gunſt zu empfehlen. Daß wir Sie mit einiger Gewalt haben hierher ziehen müſſen, hat Sie als ſel— tene Ausnahme im Andrang um die Nummern des Hofglücks nur noch feſter im Vertrauen unſeres gnä— digſten Herrn geſetzt. So kam durch kluge Wendung des Miniſters zu dieſer unliebſamen Aufforderung mehreres als Zuthat hinzu, was dieſelbe für Alberten einigermaßen zuſagen⸗ der machte, wie zuweilen eine Sauce den Braten ver— beſſert. Seine Standeserziehung brachte eine unbe⸗ dingte Bereitwilligkeit dem Könige zu dienen mit ſich, wenn man auch in den Dienſt des Königs oder des Staates zu treten aufgegeben hatte. Zugleich war aber ſeinem perſönlichen Stolze durch die Anerkennung ge⸗ 74 ſchmeichelt, daß er zu dieſem vorübergehenden Dienſte geſucht werde, ohne dabei für ſich ſelbſt einen Vortheil zu ſuchen. Außerdem ſtimmte der Auftrag ſelbſt, indem er ein geheimes und gehemmtes Liebesverhältniß betraf, mit einer gewiſſermaßen ſo verwandten Angelegenheit ſeines Herzens überein, daß er ſich als für den ihm zugedachten Auftrag vorbeſtimmt und eigens berufen anſehen mochte. Dieſe letzte heimliche Empfindung lieh denn auch ſeiner endlichen Zuſage eine gewiſſe Freudigkeit, die ſonſt einer bloßen Berufung auf ſeinen Gehorſam gegen Se. Majeſtät vielleicht gefehlt haben würde. „Ich freue mich dem Könige Ihren Eifer anrühmen zu können,“ ſagte, ſich erhebend, der Miniſter.„Wir ſehen uns ja bei Tafel. Stoßen Sie ſich aber nicht daran, wenn der König ſich unter den Augen ſeiner Gäſte gegen Sie mehr zurück hält, als Sie nach meiner geheimen Mittheilung erwarten möchten. Und nun, mein Herr Graf, noch eine eigennützige Bitte! Jede Mittwoche iſt bei mir Abendgeſellſchaft; ſehen Sie ſich ein für alle Mal als eingeladen und erwünſcht an! Meine Tochter aber hat morgen Abend einen kleinen Kreis in ihrem Geſchmack um ſich. Sie wiſſen, meine Sidonie iſt die Vertraute der Prinzeſſin Ma⸗ thilde, und für die beſprochene Angelegenheit beſonders beauftragt. Sie werden mit ihr über manches, wor⸗ über die Prinzeſſin ſelbſt ſich nicht ausſprechen kann, zu verhandeln haben, und ich möchte daher recht bald die beiden Diplomaten eines Herzensgeſchäftes mit ein⸗ ander bekannt machen. Nicht wahr, ich darf Sie auf morgen Abend ankündigen?“ Albert nahm mit einigen artigen Worten die Ein— ladung an. Er glaubte darin einen Wink zu erkennen, daß er einen förmlichen Beſuch bei Sidonien aus Rück— ſicht für das Geheimniß unterlaſſen möchte, und ſchied mit dem Händedruck des Miniſters doch zufriedener, als er es bei ſeinem Eintritte ſich hätte verſprechen mögen. Siebentes Kapitel. Ein diplomatiſcher Kopf. Kaum hatte Sidonie durch das Fenſtergitter den Grafen in den Wagen ſteigen ſehen, als ſie zu ihrem Vater zurückkehrte, den ſie bei Anmeldung des Beſuches verlaſſen hatte. Sie traf ihn mit ſeinem Anzuge be⸗ ſchäftigt, da es Zeit war, in's Miniſterium und nach Hofe zu fahren. Die Anweſenheit des Kammerdieners ſtörte nicht; denn die Unterhaltung wurde dann fran— zöſiſch geführt. Der Miniſter, als hübſcher Mann und Witwer noch beſtrebt den Frauen zu gefallen, huldigte darum auch der kleinen Eitelkeit, die ſich bei der Toilette befriedigt. Sonderbarerweiſe war gerade in dieſes Stündchen die Beſprechung mit ſeiner Tochter über die vertraulichſten Angelegenheiten verlegt. Allerdings brachte der Miniſter in die ſpätere Zuſammenkunft mit derſelben ſo viel auswärtige Angelegenheiten mit, und die Abende fielen in der Regel zwiſchen Geſellſchaften, Beſuchen, Theater, Hofcirkeln und dergleichen ſo zertheilt aus, daß nur ein Morgenſtündchen zur Sammlung für die innern häus— lichen und herzlichen Anliegen übrig blieb, für die man, wie es der Miniſter leider ſehr treffend ausdrückte,— nüchtern ſein mußte. Das war es aber nicht allein, was dem Miniſter gerade das Toilettenſtündchen für die Beſprechung mit der Tochter ſo erwünſcht machte: er ſprach auch gern franzöſiſch, was dann im Beiſein des Kammerdieners nothwendig war. Er gefiel ſich nicht nur in der Sprache ſeiner amtlichen Stellung zu den fremden Geſandten, ſondern ſein eigenſtes Naturell fand in dieſem Idiom das ausgeprägte Courant für ſeine Art von Gemüthlich⸗ keit. Wenn er vertraulich oder zärtlich ſein wollte, ſprach er franzöſiſch, und ward artig und galant, da ihm für den deutſchen Ausdruck die deutſche Innigkeit abging. Dieſe fehlte freilich auch dem ganzen Verhältniſſe zwiſchen Vater und Tochter. Sidonie, als bezauberndes Kind ſehr verwöhnt und als Jungfrau eben ſo ſelbſtändig geworde en, und Baron von Bruchleben, der ſich in manchen Schwächen und Neigungen von der Tochter durchſchaut ſah, fanden Beide in der Weltſprache des Franzöſiſchen den rechten Ton, ſich gegen einander in — 1 anſtändiger Entfernung und in jenen gefälligen Wen⸗ dungen zu halten, die höchſtens einen leichten Spott, aber keine durchſchlagende Verletzung aufnahmen. Beide gingen in ihrem Geſchmack, in ihren Neigungen und Abſichten ziemlich auseinander; ſo daß es keinem von ihnen leid geweſen wäre, auf eine in den Augen der Welt annehmliche Weiſe ſich gänzlich zu trennen. Eine gute Partie für Sidonien war daher gerade der Gegen⸗ ſtand, in welchem Vater und Tochter ſich noch am eheſten einverſtändigten, weil ſie ſich auf dieſem Wege am ſchicklichſten trennen konnten. Und doch nicht unbedingt; wenigſtens hatte ſich bis jetzt noch kein Mann genähert, den Beide zugleich annehmbar gefunden hätten. Denn wenn der Vater auch mit irgend einem Schwiegerſohne von höherem Stand und bedeutendem Vermögen ganz zufrieden ge⸗ weſen wäre: ſo ging doch Sidonie zwar nicht neben dieſen Erforderniſſen hin, wohl aber darüber hinaus, und verlangte zugleich einen jungen und einnehmenden Mann, den ſie auch lieben könnte, ja nicht bloß könnte, ſondern ſchon wirklich liebte, und zwar in jener ſchwär⸗ meriſchen Weiſe, für die ſie geſtimmt war, und mit der ſie ſich auch in den Augen der etwas hochgeſpannten Prinzeſſin Mathilde gefallen wollte. Hierauf bezog es ſich, als der Baron der eintretenden Tochter franzöſiſch zurief: 79 „Wohlan, Sidonie, ich glaube wir haben den Rechten gefunden, und noch mehr gefunden, mein Engel, als erwartet.“ Nicht wahr, Papa?“ antwortete ſie, aus ihrer 171— 5 träumeriſchen Nachempfindung auflodernd.„Ich habe es ihm angeſehen: ſein Blick, ſeine— verzeih', ich hab' ein wenig an der Thüre gelauſcht!— ſeine Stimme, ja ſein Gang, ſeine Haltung—!“ „Und hinter dem Blick, hinter der Stirne— Geiſt, Kenntniſſe; unter der Stimme— Geſinnung, Enthuſias⸗ mus!“ rühmte der Miniſter.„Nun ja, viel Idealismus mit der Meinung praktiſch zu ſein: wirklich praktiſch aber— durch ſeinen Stand und in ſeinem bedeutenden Vermögen. Herrliche Beſitzungen, ſage ich Dir, ein Paar kleine Schlöſſer, mit denen man in der Reſidenz ein großes Haus machen kann. Mit den Realitäten des Grafen bin ich alſo in Ordnung, Sidonie, und es bleibt nun Deine Sache, ihn aus den Banden der Gouvernante zu zaubern, den verwandelten Prinzen aus ſeinem Banne zu löſen. Hm?“ Sidonie lachte mit einer wegwerfenden Kopfbewegung, die eine Gleichgültigkeit gegen den ſpöttiſchen Vater in Betreff ihrer Neigung, oder auch einen Uebermuth ihres Selbſtvertrauens ausdrücken konnte. Ihr plötzliches Erröthen aber verrieth, daß doch auch ihr banges und verſchämtes Mädchenherz mit im Spiele war. Der Miniſter, aus ſeinem Pudermantel aufblickend — denn er ließ eben ſein Haar ſtutzen und friſiren— reichte lächelnd ſeine Hand nach der Tochter, und zog ſie an ſich heran vor den großen Spiegel.—„Sieh', ſieh' da!“ lachte er,„Herz iſt Farbe! Wir machen den Stich und gewinnen den Robber mit allen Béten!“ Sidonie, halb lachend, halb verſchämt, entwand ſich ſeinem Arme, faßte ihn mit beiden Händen am Kopf, und rieb die zierlich angeordneten Locken wild durch⸗ einander, indem ſie mit den Worten: Verwirrt, Papa, Du biſt im Kopfe verwirrt! davon ſprang und ihn mit komiſchen Geberden ausziſchte. „O gnädige Baroneſſe!“ murrte der Kammerdiener, — 7:. a„ „was machen Sie! Ei, ei, wir haben keine Zeit zu verlieren.“ „Du haſt Recht, Walther,“ rief der Miniſter, indem er aufſtand, und ſich von hinten und vorn im Spiegel 8. 8 8. 9.5. 3 1— betrachtend, ſeine Empfindlichkeit hinter einen Scherz zu verbergen ſuchte.„Iſt das ein Kopf für einen Mi— niſter des Auswärtigen? Iſt das ein Zuſtand, der — unſere Politik repräſentirt? Diable! Du haſt mich nun vollends in die Situation des Zuwartens geworfen, Sidonie, die ich in allen diplomatiſchen Biegungen er— ſchöpft glaubte! Aber, nun ſpute Dich, Alter!“ „Ei ja, Excellenz!“ erwiderte der Diener.„Die 7 Kohlen wollen ausgehen, meine Eiſen ſind kalt. Was ſo eine Damenhand im Nu verwirrt, kann kein Walther unter einer Stunde wieder gut machen!“ „Du haſt ganz Recht, Walther!“ ſagte der Miniſter. „Aber nimm Dich zuſammen. Da ſiehſt Du, wie wir Diplomaten von einem Staatsſtreich, von einer uner⸗ warteten Revolte decontenancirt werden können. Das Perſönchen da erinnert ganz an die Zeit, wo ein Damen händchen in Paris die Politik von Europa in Ver⸗ wirrung bringen konnte. Schilt nur immerhin! Weißt Du was? Gib ihr Deinen beſten Kammerdienerfluch! Ja, Walther!“ „Excellenz?“ lächelte Walther.„Oh! ich wollte— ich, das liebende Herz der gnädigen Baroneſſe müßte einmal in ſolche Verwirrung mit ſeinen Verlockungen ge⸗ rathen, und— die Kohlen müßten ausgegangen ſein, und keine Gouvernante,— ſage ich, Kammerjungfer könnte die Brenneiſen—“ „Schweig', Walther!“ fiel Sidonie ein.„Was, Gouvernante—? Geh', hole friſche Kohlen, und ich bring indeß den zuwartenden Kopf wieder in Ordnung!“ Der Alte ging. Sidonie ergriff den großen Kamm von Schildpatt, durchſtrich das Haar und theilte es ab, wobei ſie ſo eifrig und leiſe, als ſie den Kamm führte, dem Vater nach dem linken Ohre zuflüſterte: „Vielleicht, Papa, hat der Hofmarſchall heut früh weitere Nachricht, wie's mit der Entfernung der Gou⸗ II. 6 Koenig, Marianne. 82 vernante gelungen iſt. Ich fürchte nur Eines, lieber Vater: wenn der Graf Nachricht davon erhält, wird nichts mit ihm anzufangen ſein. Ich meine— wegen der Angelegenheit unſerer Prinzeſſin! War ſeine Nei— gung für das arme Ding nur halbwegs ernſtlich gemeint, und iſt er ſelbſt nur halb ſo edelmüthig, als wir von ihm hören, ſo wird er ſich nicht beruhigen. Ja, wenn man im Gegentheil mit der Gouvernante recht zart und generös zu Werke gegangen wäre! Nun aber muß er ſich ja aufgefordert fühlen, für ſie zu handeln, ihre Lage zu verbeſſern, für ihre Herſtellung zu ſorgen, — alles dies, ſelbſt wenn er geneigt geweſen wäre von ihr loszukommen. Wer weiß, wie ſich da ſein Intereſſe für ſie auf's Neue befeſtigt! Was können Sie da mit ihm machen, Papa? Ich meine wegen der Prinzeſſin?“ Sie erröthete, und hielt dem Vater, der fortwährend mit Lächeln die hinter ihm ſtehende Tochter im Spiegel beobachtete, die linke Hand vor die Augen. „So laß doch! Sei kein Kind!“ wehrte er un⸗ geduldig das Händchen ab.„Du faſſeſt das ganz richtig auf, meine Tochter. Die Gräfin iſt in ihrer Leidenſchaft ſehr ungeſchickt zu Werk gegangen. Deſto feiner müſſen wir's angreifen. Ich will Dir ſagen, wie ich als Di plomat handeln würde; freilich aber bedarf es in der Ausführung eines weiblichen Zaubers, und— daran fehlt es ja meiner Sidonie nicht. So höre! Ich würde mich, als edle Freundin, auf zarte Weiſe in ſein Ge⸗ heimniß drängen, und die innigſte Theilnahme zeigen. Er wird vielleicht ſobald nicht in Erfahrung bringen, wohin ſein Schätzchen entfernt worden iſt. Du ſelbſt weißt es, kannſt ſo oder ſo für ihn handeln, ihn beruhigen, vielleicht in ſeinem Namen für die Perſon ganz ehrlich das Rechte thun. Das iſt die beſte Art ihn von der Du ein Plätzchen findeſt, wo —2 De as geſchieht durch Ver ſelben abzubringen, wenn er an Dir hangen bleibt. trauen. Je mehr Albert und je wärmer er Dir von ſeiner frühern Liebe ſpricht, deſto mehr trägt er von ſeinem Herzen auf Dich über. Vertrauen, meine Tochter, iſt ein Meiſenſchlag, eine ſüße Falle, die Du mit einem Schlupfloche dicht an Dein Herz rückſt: der Vogel geht hinein, und— kann nicht anders, als in Dein Herz überſchlüpfen.“ „Geh', Vater, ich ſchäme mich Deiner Argliſt!“ rief Sidonie mit Empfindung, indem ſie ihm um den Hals fiel und ihr erröthetes Geſicht verbarg. „Laß das um Gotteswillen Niemanden hören, Papa⸗ chen!“ „Schämſt dich?“ lachte er.„Ei, Sidonie, bedenke doch—! was waren denn all' Deine bisherigen Zauber künſte, mein Engel? Und jetzt, wo Du für dich ſelbſt—“ 84 „Das iſt es ja gerade, Vater, daß ich ſo was für mich ſelbſt, oder vielmehr an mir ſelbſt thun ſoll! Ich kann die ganze Welt, wenn ſie's nicht beſſer haben will, foppen und zum Narren halten: aber mich ſelbſt,— ſoll ich denn mich ſelbſt und mein Herz und mein Glück in's Spiel bringen und als eine Lockſpeiſe dahin wer⸗ fen, wo vielleicht ein geliebter Mann, ein ſtolzer Graf ſeinen geſpornten Stiefel d'rauf ſetzt? Ich will nicht!“ Walther kehrte zurück.„Jetzt geh', mein Kind,“ ſagte der Miniſter franzöſiſch.„Ueberlege Dir's, und Du wirſt keine Thörin ſein mit kindiſchen Empfindungen, wo es Deine ganze und— welch' herrliche Zukunft gilt! Die Größe des Spiels beſtimmt ſeinen Werth. Und zu dieſem Spiel haſt Du Karten in der Hand, wie Du ſie für kein anderes Spiel ſo leicht wieder zwiſchen die niedlichen Finger bekommſt. Wenn Du hübſch aufmerkſt, was ich Dir in die Hand ſpiele, wenn Du auf meine—„Invitationen“ achteſt: ſo machen wir groß Schlemm. Schämen? Geh' doch! Biſt Du noch nicht confirmirt? Wozu wird ein Mädchen confirmirt, als zur Befeſtigung ſeines Glaubens an ſich, an ſeine Liebe und an ſeine Hoffnung! Es iſt ja reines Whiſt, wobei kein Wort geſprochen, kein Bild, kein Honneur verrathen wird. Nicht wahr? Gut alſo! Adieu, Sidonie!— Apropos! der Graf kommt morgen Abend in Deinen kleinen Circel; er hat mir zugeſagt für Deinen äſthetiſchen Thee.“ „Vraiment?“ rief ſie vergnügt, und ſetzte bänglich hinzu: „O mon Dieu!“ Achtes Kapitel. Ein Arzt in Petto. Ehe jedoch Sidonie mit dieſem widerſprechenden Gefühle der Erwartung und des Bangens das Zimmer des Vaters verließ, hatte ſich vor dem ihrigen ein junger Mann mit der Kammerjungfer eingefunden, die ihn melden ſollte. Sie fanden aber die Thür mittelſt umgedrehten Schlüſſels zu; doch litt der junge Mann nicht, daß die Jungfer ihn im Zimmer des Miniſters anmelde, ſondern wünſchte die Rückkehr der Baroneſſe abzuwarten. Die Kammerjungfer, die ſein Verhältniß zum Hauſe kannte, ließ ihn alſo allein. Es war ein ſchlanfer junger Mann von gewinnen⸗ dem Ausſehen, in ganz neuem Civilanzuge; das edle, etwas nervös blaſſe Geſicht von dunklem Haar und Schnurrbart belebt. Er war dem Hauſe, wie bemerkt, nicht fremd, indem ihn Dankbarkeit an die Familie des Miniſters knüpfte. Seine Mutter nämlich, vor ihrer Verheirathung mit einem Amtswundarzte Hoß⸗ bach, war bei der nun verſtorbenen Baronin Bruch⸗ leben Kammerjungfer geweſen, und hatte, nach dem frühen Verluſt ihres Mannes, an einem Stipendium, das der Miniſter verſchaffte, und an kleinen Zuſchüſſen der Baroneſſe Sidonie die Mittel gefunden, ihren ſehr begabten Karl Medizin ſtudiren zu laſſen. Ein paar Jahre hatte derſelbe dann in einem Regiment als Compagnie⸗Arzt gedient, und jetzt—— trat er Sido⸗ nien, die träumeriſch herankam, mit ehrerbietiger Ver⸗ neigung entgegen. Einen Augenblick verdrießlich, bis ſie aus ihrer Zerſtreuung den Begrüßenden erkannte, ſagte ſie leb⸗ haft und freundlich: „Ach! Sie ſind es, Karl? Ich hatte Sie in dem funkelneuen Civilkleide nicht gleich erkannt. Kommen Sie mit herein, Doctor und praktiſcher Arzt!“ Ihre Anrede mit Karl hatte auch in ihrem ſcherz— haften Tone nichts Vertrauliches, ſondern etwas Her⸗ ablaſſendes, oder noch eher— Hergebrachtes gegen einen beſcheidenen Menſchen, der in jüngeren Jahren viel in's Haus gekommen war. Karl, indem er Sidonien folgte, ſagte lächelnd: „Gnädige Baroneſſe kennen ihre Verwandelten nicht? Auf Ihre Verwendung bin ich eben doch ſo verwandelt, und ich komme ſo früh Ihnen zu danken, ehe die heu— tige Zeitung die amtliche Nachricht bringt, daß Doctor Hoßbach aus dem Militär ausgeſchieden und mit der Bewilligung der ärztlichen Praxis begnadigt worden iſt. „Sie nöthigen mir, lieber Hoßbach, durch Ihren Dank einen gottloſen Wunſch ab,“ ſagte ſie ſcherzend, „nämlich den, daß Sie nun recht viel Kranke bekom⸗ men möchten!“ „Ich nehme den gottloſen Wunſch doch mit Dank an,“ erwiderte er,„und beruhige mich mit der gött— lichen Einrichtung im unermeßlichen Reiche der Erd⸗ geſchöpfe. Ein Geſchlecht, wiſſen Sie ja, lebt immer vom andern, auf deſſen Koſten und von deſſen Leiden. So der Arzt von ſeinen Patienten.“ „Es iſt wahr, Doctor,“ lächelte ſie,„aber es iſt traurig. Laſſen Sie mich d'rum lieber ſagen: Ich wünſche Ihnen viel Glück! Das bedeutet wenigſtens, daß Ihre Kranken doch wieder auf die Beine kommen. Zugleich erinnere ich Sie damit an die liebenswürdige Beſcheidenheit, womit ihr von ärztlichem Glück redet, mithin doch nicht denkt, mit euerm Pulsbefühlen und Zungenbeſchaun, mit euerm Examiniren und Recepti⸗ ren würd' es gemacht, ſondern ihr wäret nur ſo ge ſchickt, euch bei einer höhern Macht unbekannterweiſe beſtens zu empfehlen. Sei Ihnen alſo dieſe geheime Macht immer recht günſtig! Uebrigens werd' ich an h) 89 82 Sie denken, Karl. enn Eines haben Sie von vielen andern voraus, wie mir Papa geſagt hat, der immer viel Antheil an Ihnen nimmt,— den guten ärztlichen Blick nämlich, oder wie nennt ihrs auf Gelehrt,— Diagonale?“ „Diagnoſe, gnädige.—“ „Laſſen Sie doch das Gnädige weg, wenn ich, in Erinnerung an die gute Mutter,—„Karl“ zu Ihnen ſage!“ verſetzte ſie empfindlich über ihren Mißgriff. „Alſo Glück zum Blick! Und nun noch Eins: haben Sie denn auch den andern rechten Blick,— den Her⸗ zensblick? Sie werden doch jetzt an's Heirathen denken? Sie ſehen darnach aus, Karl, ein recht angenehmer Frauendoctor zu werden, und für unſere Geheimniſſe muß ein Arzt die Prieſterweihe der Ehe haben.“ „Oh!“ lachte der Doctor.„Mein Deſerviten⸗ oder Patientenbuch iſt noch viel neuer, als dieſer ſchwarze Viſitenfrack. In dem da ſteckt doch ſchon ein Menſch, in jenem ſteht noch kein Name. Das Buch hat nur erſt noch feine blaue und rothe Linien, und wenn ich eine Frau davor führte, fände ſie eine leere Krippe. Nein, ein junger Arzt muß erſt ein Geſchock Gräber zu ſeinen Werken zählen, über die er ſeine Frau in's Haus führt.“ Sidonie lachte laut.„Schrecklicher Doctor!“ ſagte ſie.„Aber,— damit kommen Sie nicht los; Sie 90 müſſen Ihre Beichte vollenden. Herzensgeſchichten in⸗ tereſſiren mich, wiſſen Sie ja. Wer ſteht denn we⸗ nigſtens jenſeit der 60 idealen Gräber, hold und gewärtig über dieſelben abgeholt zu werden? Seien Sie ſo offenherzig, als ich neugierig bin! Ich habe doch ſchon davon gehört, müſſen Sie wiſſen!“ Der junge Mann ſah ſie betroffen und verlegen an, und ſie ſetzte leiſe hinzu: „Sie lächeln ſo trübſelig? Sie haben doch nicht etwa einen Korb—? Wie?“ Leicht erröthet und mit niedergeſchlagenem Blick verſetzte er: „In der That, Baroneſſe,—— Sie können— — Sie beſitzen einen durchſchauenden Blick! Ja, ich habe einen— erhalten, einen Korb. Heraus mit dem A S Wort! Was brauch' ich mich für eine unwerthe Ge liebte zu ſchämen! Nein, aber daß ich mich ſo täu⸗ ſchen konnte! Ein ſchönes Jahr lang hat ſie mit mir Gh geſchwärmt, Sidonie,— in allen Höhen, und ſo kühn. O wie war's ihr nur möglich mit ſolchem Gefieder! Denn als ſie ſich nun mit mir in einem trauten Daheim niederlaſſen ſollte, zeigte ſie mir die Federn — einer Gans. Verzeihung, verehrte Sidonie! Es iſt mir ein entrüſteter Ausdruck entſchlüpft. Zur Strafe will ich nun auch ihren Namen nicht nennen, damit's nicht ausſieht, als wollt' ich ſie jetzt noch rupfen.“ enn 91 „Oh! Das thut mir leid, lieber Karl!“ ſagte ſie, und reichte ihm die Hand, die er mit verhaltener Be— wegung an die Lippen drückte. Nicht leid, daß Sie um eine Gans gekommen ſind,— im Gegentheil, ich wünſche Ihnen Glück dazu. Aber, daß Sie eine ſolche Erfah— rung machen mußten! Und ſo früh— vor Martini! Doch, es iſt ſchon manchem guten Geſellen ſo gegangen, lieber Doctor, daß er für ein„Maßliebchen“ ſchwärmte, und zu ſpät erfuhr, daß das Gänſeblümchen auch den ſchönen Namen hat, ja das rechte Maßliebchen iſt. Indeß, beruhigen Sie ſich, ich zaubere Ihnen ein lie— bevolleres Geſchöpf herbei, und zwar vor die ſechzig Gräber.“ „Nein, gnädige Baroneß,“ lächelte er mit leiſem Kopfſchütteln,„ich will's abwarten, ich will's an mich kommen laſſen. Es iſt eben eine traurige, öde Zeit. Unſere Mädchen wiſſen nicht mehr, was Liebe heißt, was man um Liebe thun, um Liebe entbehren kann. Sie behängen ſich mit zuviel Außenwerk; alle Bil— dung, aller ideale Sinn verwächſt und verwuchert ſo in das ſteife Blätterwerk des Putzes, das für Duft und Blüthe hingebender, alles vergeſſender Liebe keine Kraft des Herzens übrig bleibt. Und ein Putzeeſtell ohne Seele, weite Außenwerke ohne innere Feſtigkeit der Geſinnung kann ich nicht brauchen. Doch, ver⸗ zeihen Sie, theure, edle Baroneſſe, daß ich eine hohe, ſchöne Ausnahme überſehe, indem ich Ihr Geſchlecht in einer Regel verwerfe. Ich ſpreche auch nur von unſerer bürgerlichen Klaſſe.“ Er erhob ſich zu gehen. V„Allerdings kennen Sie auch die Baroneſſen und die Comteſſen und die ſämmtlichen Fineſſen weniger, lieber Doctor!“ lächelte Sidonie.„Sie wollen fort? Nun denn adieu, Karl! Gott mit Ihnen, guter Doc— tor! Verſchreiben Sie ſich eine Doſis Vergeſſen⸗ heit, damit Sie Raum in Ihrem Herzen gewinnen, — ſich auf etwas Beſſeres zu beſinnen. Auf Wieder ſehen!“ — — Ehe der junge Mann aber die Thür erreicht hatte, rief ſie noch einmal ſeinen Namen, und er kehrte mit fragendem Blick um. Sie ging ihm mit überlegender Miene entgegen, indem ſie ſprach: „Wollt' ich Ihnen denn nicht etwas ſagen? Mein Gott, was war's denn nur?“ Sie wandelte mit den Fingerſpitzen beider Hände an der ſchönen runden Stirne durch das Zimmer. „Nein, es fällt mir nicht ein,“ ſagte ſie etwas ärger⸗ lich.„Nicht möglich, daß ich mich darauf beſinne. V Verzeihen Sie, Karl! Oder— wär's vielleicht etwas, was mir bevorſteht, und ich empfänd' es als etwas was hinter mir läge? Iſt Ihnen das auch ſchon be gegnet, Doctor? Mir öfter ſchon, daß ich nämlich von etwas ein Vorgefühl hatte, und hielt es für etwas Vergeſſ'nes?“ „Mir noch nicht, gnädige Baroneſſe,“ antwortete er.„Ich habe noch nicht ſo auf mich Acht gegeben. Auch haben Sie eine ſelten tiefe, geheimnißvolle Seele. Indeß wünſche ich, was Sie mir ſagen wollten möchte für mich beides ſein: Glück, das Sie vorempfin⸗ den, und Vergeſſenheit deſſen, was ich Ihnen ſo übereilt und ungeſchickt ausgeſprochen habe.“ „Karl!“ rief Sidonie lebhaft,„wie können Sie mir eine Indiscretion gegen Sie zutrauen?“ O nein, gnädige Baroneſſe!“ antwortete er.„Ich 27 2 meine unter dem Vergeſſen nur, daß Sie mir's ver⸗ geben!“ Er verneigte ſich und ging. . Neuntes Kapitel. Die Zauberin Sidonia. Sidonie gab ſich nicht immer in dieſer ſanften, eingehenden Liebenswürdigkeit. Wahrſcheinlich hatte die Unterhaltung mit dem jungen Doctor eine ſtille Erin— nerung an die Vergangenheit ihrer ſeligen Mutter bei ihr erweckt, an jene Zeit, da der kleine Karl ihr guter Kamerad und zuweilen ihr Schützling geweſen war. Denn Sidonie, mit ihrer feinen, reizbaren Conſti tution, hing nur allzuſehr von augenblicklichen Ein⸗ drücken ab; ſo daß ſie eben ſo leicht höchſt erregt, als in träumeriſches Empfinden verinnerlicht werden konnte. In jenem Zuſtande war ſie überſprudelnd von witzigen Einfällen und nicht ſelten ganz überraſchenden Gedanken⸗ verbindungen. Man konnte ſie genial nennen, inſofern ſie den gewöhnlichſten Gegenſtänden, die ſich der Be⸗ ſprechung darboten, ganz unvermuthete, oft höchſt be⸗ 95 deutſame Geſichtspunkte oder Beziehungen abgewann. Im Umgang verrieth ſie einen lebhaften Seelenblick für die Hintergedanken der Menſchen, und konnte ſelten widerſtehen ſolche muthwillig anzutippen, beſonders wenn ſie ſich mit ſelbſtſüchtiger Blöße hinter täuſchenden Re— densarten zu verſtecken ſuchten. Dadurch hatte ſie ſich viel heimliche Abneigung zugezogen, und die Frauen zu— mal waren ängſtlich auf ihrer Hut, wenn ſie ſich aus Rückſicht für die Stellung und Verbindungen Sidoniens nicht gänzlich vor ihr hüten konnten. Bei ſolcher Reizbarkeit, wie ſie oft mit beſonders feiner Seelenbegabung verbunden zu ſein pflegt, war Sidonie leicht verſtimmbar und in der Verſtimmung zuweilen ſcharf und verletzend. Dies begegnete ihr be⸗ ſonders wenn Empfindungen und Geſinnungen, für welche ſie ſelbſt die innigſte Empfänglichkeit beſaß, ihr als gemacht und unwahr vorkamen. Und doch war dieſe Leidenſchaft für Wahrheit und gegen Heuchelei keine— ſo zu ſagen, rein gefaßte Quelle, ſondern ließ wildes Waſſer von Eitelkeit und Gefallſucht zu, die ſo weit gingen, daß Sidonie aus Anwandlungen von Neid oder Eiferſucht thätig, und mithin ſelbſt unwahr wer⸗ den konnte. Mit dieſen Eigenthümlichkeiten, die ſich in ſolchem Vereine bei begabten und gebildeten Frauen vielleicht nicht ſo gar ſelten finden, hatte ſich aber auf dem ab— — — — 96 ſonderlichen Lebensgange Sidoniens ein Charakterzug ausgebildet, der ſchwerer zu begreifen war. Sie kannte nämlich ſich ſelbſt für ihre leicht wechſelnden Stim⸗ mungen mit ſoviel Klarheit, daß ſie dieſelben berechnen konnte, und ſich dadurch im voraus zur Gebieterin der Empfindungen machte, denen ſie doch, ſobald dieſelben über ſie kamen, wieder unterlag. So gab es Gedichte, Muſikſtücke, Gemälde die ihr Herz in tiefe Rührung oder in lebhaftes Entzücken unbedingt und immer wier der verſetzten; es gab auch Manieren, Gewohnheiten, ſelbſt körperliche Mängel der Menſchen, die ihr unver⸗ ſöhnlich zuwider blieben, und ihren Unwillen, Spott oder Lachen erregten. In all' dieſem kannte ſie ſich, und wenn ſie ihre kleinen Geſellſchaften gab, war ſie im Stande die Unterhaltung darnach anzuordnen, und Herren und Frauen in der Abſicht einzuladen, um dieſe oder jene Eindrücke zu empfangen, die ihr eben Be⸗ dürfniß waren, oder mit denen ſie es auf einen beſon⸗ deren Zweck abſah. Dies war heut der Fall mit der kleinen Abendge⸗ ſellſchaft, für welche Graf Albert zugeſagt hatte, und die nun mit Rückſicht auf ihn angeordnet wurde. Es war ein ſogenannter„äſthetiſcher Abend,“ ganz i⸗ G in dem Zuſchnitte, in welchem ſolche Abende für donien ſelbſt den Gegenſtand des unermüdlichen Witzes abgaben. Man brachte etwas Muſik,— ein Quartett, eine Sonate, ein paar Geſangſtücke vor; dazwiſchen wurde ein Monolog aus einem klaſſiſchen Drama frei vorge⸗ tragen, oder eine Scene von Mehreren geleſen, manchmal geſpielt.— Einige junge Künſtler, die auch einmal ihre Malerjupe und das Raphael-⸗Barett für einen geſelligen Abend ablegen konnten, und den Frack mit Handſchuhen nicht verſchworen hatten, gehörten zu den Schützlingen der Baroneſſe, und ſchickten zuweilen ein neues Bild zur Ausſtellung an dieſen Abenden ein. Bei ſolcher Gelegen— heit gab Sidonie den Künſtlern einen gelehrten Pedanten zum Beſten, der eingeladen wurde, der Geſellſchaft das Bild zu expliciren, was die ſchalkhafte Baroneſſe— mortificiren nannte. Denn dieſer Gelehrte gehörte zu jenen Kunſtkennern, die dem einfachſten Bilde Gewalt anthun, und es mit ihren barbariſchen Redensarten in ſeiner lebendigen Anſprache geradezu erſticken. Man mußte dann das ſchalkhafte Lächeln ſehen, das Sidonie während dieſer Execution hinter dem Rücken des Scharf⸗ richters mit den Künſtlern wechſelte. Für dieſe Vertraulichkeit bekamen freilich auch die Künſtler gelegentlich ſelbſt etwas ab. Sie nannte dieſe Maler und Muſiker, die zu den äſthetiſchen Abenden beitrugen, ſcherzweiſe ihre Affen, die zur Unterhaltung der Geſellſchaft ihre Sprünge machten. Aber, ſetzte ſie gleich lachend hinzu, man muß eben ſelbſt eine Meer— katze ſein, um mit ihnen zu ſpielen. Und wenn ihr Koenig, Marianne. II. 7 -——— — 98 mich auf dem Flügel herum taſten, oder die Palette um meinen linken Daumen ſchwingen ſeht, ſo könnt ihr nur ſagen: jetzt hüpft ſie mit den Pavianen auf den Bäumen umher! Es lag gerade nichts Böswilliges oder auch bloß Leichtfertiges in ſolchen Aeußerungen Sidoniens; viel⸗ mehr ſchien es ihr ein ganz eigenes Seelenbedürfniß zu ſein, allem, was einen wahren Enthuſiasmus bei ihr fand, auch wieder einmal einen kleinen Spott anzuhängen, als ob ſie nur dadurch einer Uebermacht des Hohen und Schönen auf ihr Gemüth ſich erwehren könnte. Zu ihrer jungen Geſellſchaft lud Sidonie gewöhnlich ein paar ältere Herren ein, die ſie ihre Ehrendamen nannte,— einen ausgedienten Kammerherrn, den ſie gelegentlich auf Hofanekdoten brachte, die als oft ver nommen, belacht wurden, und einen Gerichtspräſidenten, einen Mann von Geiſt und ausgebreiteten Kenntniſſen, mit dem ſich zur rechten Zeit ein literariſcher Streifzug machen ließ. Es verſteht ſich, daß Sidonie die Richtung ſolcher Ausflüge beſtimmte und daher zu denſelben vorher ihr Pferdchen gut zu ſatteln verſtand. Sah man ſie nun an ſolchen Abenden in der ganzen Lebhaftigkeit und Grazie ihres geiſtigen Weſens,— wie ſie alles anregte, alles hervorrief, alles zur Geltung brachte, und doch wieder von allem, was ſie hervor⸗ zauberte, am innigſten ergriffen wurde: ſo blieb es 99 ſchwer zu begreifen, wie die Beſonnenheit, womit der Abend angelegt war, die Schöpferin nicht um alle Em— pfänglichkeit für ihr Geſchaffenes bringen mußte. Allein zu ihrer reichen Begabung gehörte die faſt wunderbare Stärke des Willens und der Phantaſie, ſich aus ihren Abſichten, ſobald ſie gefaßt waren, heraus zu ſchälen, ihrer Berechnungen gänzlich zu vergeſſen, und mit be⸗ freiter Seele ſich in jene Entfernung von ihren Anſtalten zu verſetzen, in welchen Ton und Wort, Gefühl und Gedanke wie friſch und fremd auf ihr reizbares Gemüth, auf ihr empfängliches Herz wirkten. ſ Es gab vielleicht in der ganzen Reſidenz nur einen Menſchen, der Sidonien in ihrem räthſelhaften Weſen recht begriffen hatte,— den Prinzen Hermann nämlich, den Bruder der Prinzeſſin Mathilde. Er hatte ſie einſt leidenſchaftlich geliebt, war aber zurückgetreten, ſobald er ſie in der unheimlichen Tiefe ihrer Seele zu erkennen glaubte und für die Opfer, die er ihr, um entſprechende Liebe, zu bringen entſchloſſen war, nur in die Berechnun⸗ r gen ihrer Eitelkeit und Abſichten verſtrickt zu werden fürchtete. Er kanunte die Einflüſſe, die Sidoniens wider⸗ ſpruchvolles Weſen ſo eigens entwickelt hatten. Ihre herrlichen Gaben nämlich, von der edeln Mutter zuerſt erweckt und zum Guten gelenkt, fielen nach dem allzüfrühen Tode derſelben unter die eitle Liebe und Verwöhnung des Vaters; wo denn in jugendlicher Unge⸗ 7 100 bundenheit, unter der unglücklichen Wahrnehmung der väterlichen Unordnungen, alle Unarten, als das Unkraut einer reichen Begabung, üppig aufſchießen konnten. Früh zeitig aber, um ihrer Vorzüge willen, zur Geſellſchaft der Prinzeſſin Mathilde heran gezogen, genöthigt ſich in die Formen der Hofſitte zu fügen und dabei zu ſtiller Beobachtung, von Natur begabt, nahm ſie nach und nach jene kühle Beſonnenheit, jene bewachende Klugheit an, die ſie doch nur wieder wie ein Hofkleid betrachtete, das man für die hohen Herrſchaften anlegt, ohne es zur Herrſchaft über ſich ſelbſt, über ſeine altgewohnten Stimmungen und Phantaſien, gelangen zu laſſen. So ſtand nun Sidonie fertig, als ihre eigene Herrin da, mit der Macht ihrer reichen Begabung und mit der Empfänglichkeit für ihre Gaben. Aber eine ganz neue Erſcheinung entfaltete ſich heut in Sidoniens Haltung und Benehmen. Sie hatte den Grafen Albert geſtern die Treppe herauf kommen und in den Wagen ſteigen ſehen. Er hatte einen ungewöhn lichen Eindruck auf ſie gemacht, der vielleicht durch mancherlei Vorausſetzungen vorbereitet war. Jetzt, in ſeiner unmittelbaren Gegenwart, unter dieſen Blicken, bei dieſer Stimme ward ſie von dem Ausdruck einer reinen, hohen Männlichkeit ſo lebhaft ergriffen, daß ſie plötzlich aus ihren Abſichten und Erwartungen heraus fiel. So kam es, daß ſie gegen ihr ſonſtiges Selbſtgefühl 101 mit allem, was ſie vorbrachte und was ſie als vorbereitet der Geſellſchaft entlockte, ſich in unbeſchreiblicher Anmuth unter den Blick und das„Wort des Grafen Albert ſchmiegte. In dieſem Thun und Laſſen, in ihrem ganzen ſchwebenden, ſtrahlenden Weſen lag ſolche Hingebung und Huldigung, ſoviel bängliches Verlangen, als nur in der erſten wahren Liebe ein unbewußtes Mädchenherz empfinden und verrathen mag. Zur Strafe für die ſonſtige Berechnung ihrer Stimmungen ſchien es Si⸗ donien beſchieden zu ſein, ſolche Selbſtvergeſſenheit zur Schau zu tragen. In den Augen der Geſellſchaft galt es aber an der hundertblättrigen Roſe ihres Herzens nur für ein Blatt mehr, deſſen zarter Duft in der Atmoſphäre des Salons nicht rein empfunden ward. Der junge Graf, dem eigentlich alles galt, was um ihn her vorging, war nicht geſammelt genug für all' das Anmuthige und Seelenvolle, das ſich ihm darbot und für das es ihm ſonſt nicht an Lmdſänalichktit gefehlt hätte. Die Erinnerung hielt ſich ſeinem Herzen zu nahe, und verwandelte, was unter andern Umſtänden ſo ein⸗ nehmend für ihn geweſen wäre, in heimliche Rührung. Er bewunderte Sidonien, er empfand den Zauber ihres Weſens, wie man etwas anerkennt, ohne daß man ihm Macht über die Seele einräumt. Er dachte nicht daran ſelbſt zu gefallen; er wünſchte nur erkenntlich für ſo viel 102 Aufmerkſamkeit und Gunſt von Leuten ſeines Alters und Standes zu erſcheinen. Als daher Sidonie auf ſeinen ausdrücklichen Wunſch etwas geſungen hatte, was über das heimliche Programm ihres Abends hinaus ging, erhob er ſich ihr zu danken. „Ich habe mich nicht bloß über ihren Geſang, ich habe mich ſchon über Ihre Stimme gefreut, liebe Baroneſſe,“ ſagte er in ſeiner Zerſtreuung.„Sie ſingen auch Alt! „Auch, Graf Wallberg? Wie wer denn ſonſt?“ fragte ſie freundlich. „Wie— ja wie Fräulein Weikart bei uns zu Hauſe,“ antwortete er, etwas befangen darüber, wie er Marian⸗ nen vor den Anweſenden bezeichnen ſolle. Sidonie erröthete. Sie ſchien ſehr verletzt, daß er in dieſem Augenblick an die Gouvernante denken mochte. „So?“ erwiderte ſie.„Singt die Gouvernante zu Haus bei Ihnen auch? Ohne Zweifel ſehr ſchön, Herr Graf?“ Albert, ohne des Nachdrucks zu achten, den ſie auf die Worte Gouvernante und Graf legte, entgegnete in der Befangenheit zwiſchen Herz und Ueberlegung: „Zwei Lieder beſonders, theure Sidonie,— zwei Lieder von Goethe, für welche ſie ihre eigenen, ſehr ergreifenden Melodien hat.“ „Die müſſen ſie mir verſchaffen, Graf,“ rief ſie lebhaft und dringlich. 103 „Verſchaffen?“ verſetzte er, und dachte aller Anfor⸗ derung zu entkommen, indem er ſagte: — 12 Ach ja! Kommen Sie!“ Sie eilte nach dem [74 ich— könnte ſie Ihnen ſpielen Flügel. „Verzeihung, Baroneſſe! Ich ſpiele nicht Piano. Eine Violine!“ rief er den Muſikern zu, die das Quar⸗ tett geſpielt hatten. Albert hatte an den lieben Abenden bei Heimberger die Melodien zur Begleitung Marian⸗ nens eingeübt. Man brachte ihm eine Violine, er bat aber um die Altgeige, um die Bratſche, die der Altſtimme mehr entſpräche. Das Inſtrument wurde geſtimmt, und Albert trug beide Lieder mit einem Ausdrucke vor, bei welchem ihm Mariannens Geſang vorſchweben mochte. Die Geſellſchaft war von dem ſo unerwarteten Spiele des Grafen überraſcht, Sidonie aber beſonders von dem zweiten Liede:„Der du von dem Himmel biſt“— zu Thränen gerührt. Eine Stille war entſtanden, die beunruhigend zu werden anfing, als recht glücklich ein Diener an die Baroneſſe herankam, das aufgetragene Abendbrod anzu⸗ kündigen und dann die Flügelthür zum nächſten Zimmer zu öffnen. Doch Sidonie, hochgeſpannt von ihrer Empfindung und mit der raſch gefaßten Abſicht, die Lieder ſür den Grafen einzuüben, rief einen der Muſiker herbei, riß aus einem Muſikhefte ein linirtes Blatt, das ſie dem Muſiker zur Notirung der Melodien hinreichte, und bat Alber ten, beide noch einmal zu ſpielen. Albert, von der Leidenſchaftlichkeit des Verlangens betroffen, wollte ausweichen: aber wer konnte ſich Sidonien entziehen, wenn ſie etwas verlangte? Auch fand er eigentlich, ſelbſt in Erinnerung an Mgrianne, keinen Grund, es abzulehnen: es war ja nur ausge macht, daß ſie ſelbſt die Lieder vor keinem Fremden ſingen ſolle, nicht aber, daß er ſie nicht ſpielen dürfe. Er that dies alſo noch einmal flüchtiger, und der Muſiker punktirte die Melodien.—„Nun, Herr Ap pun,“ ſagte ſie freundlich,„arrangiren Sie mir beide mit paſſender Klavierbegleitung!“ Sie reichte dann vergnügt dem Grafen den Arm, ſich zu Tiſche führen zu laſſen, wo ſie zwiſchen ihm und dem alten Präſidenten den obern Platz hinter der Theemaſchine einnahm.„Darf ich Ihnen eine Taſſe Thee geben, lieber Graf,“ fragte ſie,„oder nehmen Sie lieber Wein?“ Albert bat um Thee, und Sidonie mit einem lä chelnden Blick über den Tiſch, ſagte: „Sie werden ſich überzeugen, Herr Graf, daß Sie unter keine Anhänger des Materialismus gerathen ſind: hinter unſern geiſtigen Genüſſen her werden Sie den 105 leiblichen ſehr einfache Zugeſtändniſſe gemacht finden, und ſolche Abende nennen wir äſthetiſch.“ Sie hob das Wort„äſthetiſch“ mit Nachdruck hervor, und brachte richtig damit den alten Kammer⸗ herrn auf eine ſchon oft erzählte Anekdote von einer alten, ſchwerhörenden Hofdame, die bei dieſem Wort geglaubt hatte es ſei vom Theetiſche die Rede. Der eigentliche Spaß lag aber in dem vermeintlichen Witze, den er als Tiſchnachbar jener Dame darauf erwidert hatte, und den er auch mit allem Behagen jetzt wieder vorbrachte. Die Noten zum Lachen im Chor ſtanden auf allen Geſichtern; Sidonie aber kam der Intonation mit den Worten zuvor: Dieſer vortreffliche Witz, lieber Graf, iſt ein alter guter Bekannter des Hauſes. Ich bitte, meine Herren, — bringen Sie unſerm lieben Kammerherrn auf ſeine Geſundheit, und dem erzählten Witze auf ſein weiteres gutes Fortkommen ein Glas! Unter Lachen wurde eingeſchenkt, und der belachte alte Herr erhob ſich und ſprach: „Ja, ihr verehrten Freunde, auf das Fortkommen meines Witzes und auf ein langes Dableiben unſerer liebenswürdigen Wirthin, der Zauberin Sidonia ein Hoch!“ 106 Man ſtieß mit Lachen und Lebehoch an, indem 7 7 7 man ſich feierlich erhob. Der Abend verlief in fröhlicher neckiſcher Unterhal⸗ tung. Auch Albert wurde ſpäter, auf einige Gläſer Wein, ſo munter, daß er einen recht artigen Vers 7/ 7 auf die Zauberin der Liebe vorbrachte, den Sidonie 8 7 ſehr vergnügt aufnahm. ) 8 Als er ſich bei ihr empfahl, ſagte ſie vertraulich: „Morgen, Graf Wallberg, müſſen wir unſer Ge ſchäft beſprechen. Ich war heut bei der Prirzeſſin. Morgen Mittag vor Tiſche nicht wahr?“ Sie reichte ihm die kleine Hand, die er mit zuſa— gender Verneigung an den Mund drückte. Wie ſehr Zehntes Kapitel. Hangen und Verlangen. hatte ſich aber die Stimmung beider verändert, ehe ſie am andern Mittage zu der verab⸗ redeten Verhandlung über die Herzensangelegenheit der Prinzeſſin Mathilde zuſammen kamen! Ihre eigenen Herzen fielen nur allzuſchwer in's Gewicht. Sidonie war mit Herzklopfen zu Bette I 4¼ gegangen, und erſt ſpät, als die ſtürmiſchen Pulſe ein wenig nachließen, in unruhigen Schlaf gefallen. Unter leiden⸗ ſchaftlichen Empfindungen hatte ſie ihre Lage und Zu— kunft bedacht. Sie glaubte noch nie einer echten Her— zensneigung ſo klar und gewiß geweſen zu ſein, wenig— ſtens noch keiner, die ſich ihr ſo tief und eigen zu empfinden gegeben hatte. ³ Was herigen Huldigungen, die ſie Männern empfangen, gegen waren ſelbſt dieſe ſtillanziehende Inner⸗ alle die bis⸗ von fürſtlichen —; 108 lichkeit Alberts geweſen, wenn ſie jene nur allzuflüch— tigen Anwandlungen befriedigter Eitelkeit und ſelbſtge⸗ fälligen Stolzes mit dem Gefühle der Hingebung und Unterwerfung verglich, das von Alberts edler Perſön⸗ lichkeit über ſie gekommen war! Dort hatte ſie nur ſich empfunden, hier ſich ſelbſt völlig vergeſſen. Wie wohl war ihr in dieſer Fremdangehörigkeit geweſen! Doch dieſe Selbſtvergeſſenheit gegen den ſeelenvollen jungen Grafen ſchien ſeine perſönliche Gegenwart nicht überdauert zu haben. Hinter ihm her, mit der Ahnung von etwas Unvergänglichem in der wahren Liebe, faßte Sidonie in dieſem heftig klopfenden Herzen die Leiden— ſchaft, ihn ſelbſt auch zu beſitzen, ihn an ſich zu ziehen und nicht wieder aufzugeben. Eine brennende Eifer ſucht loderte in ihrer Bruſt bei der Erinnerung auf, daß in demſelben Augenblicke, wo ſie in ſeligem Ge— fühl der Demuth ein Schmachten nach Glück und Liebe empfunden hatte, der Mann, vor dem ſie ſich hätte hinwerfen mögen, nur um von ihm aufgehoben zu werden, an die entfernte Gouvernante denken konnte, und daß ihre bebende Stimme nur ſeine Sehnſucht nach einer vergeſſ'nen Seele erweckt hatte. Sie brach in Thränen aus über die Betrachtung, daß ſie nicht einmal ſo viel Reiz, ſo viel Geheimniß in ſeinen Au⸗ gen haben ſollte, um ſein Herz nur ein Stündchen lebendiger Gegenwart lang zu feſſeln, dies Herz, das ſie dennoch und für immer einnehmen mußte, weil all' ihr Leben, all' ihr Glück, alle Seligkeit ihrer Zu— kunft darin verſchloſſen lag. Sie gab ihren Thränen nach, und fand endlich einige Beruhigung in dem Gedanken, daß vielleicht eben nur die Entfernung, das Unglück der Geliebten Alberts edles Herz ſo gefangen halte, unempfänglich für eine Liebe, für eine Verbindung, wie ſie ihm ſolche bieten könnte.—— Oder, wer müßte denn dieſe Marianne ſein, die einen Mann wie Albert für immer und in jeder Berührung mit andern Frauen feſſeln könnte,— auch einer Sidonie zum Trotz! Der Zau berin Sidonie! lachte ſie herausfodernd auf, und er⸗ ſchrak vor ihrer eigenen Stimme in der ſtillen Nacht. —— Sie mußte dieſe Marianne ſehen, ſich mit ihr meſſen, ſie auf eine oder die andere Art— Nun, was denn? wie denn? Eine Reihe unbeſtimmter, ſuchender, einander ja— gender Gedanken durchſtürmten Sidoniens Bruſt. Sie überlegte hin und her, wie ſie die unglückliche Gou— vernante, Alberts Geliebte, aus ſeinem Herzen ent⸗ fernen ſollte, auf welche Weiſe ſie ihn dann ſelbſt an ſich ziehen und einnehmen könnte, und ob ſie erſt dieſes oder erſt jenes verſuchen müſſe. Sie ſann, ſie ängſtigte ſich darüber bis ſie zuletzt erſchöpft und ver⸗ wirrt in einen unruhigen Schlaf verſank, der mit — — 110 den Regungen ihres Herzens in ſinnloſen Bildern ſortſpielte. Sie war nach angebrochenem Morgen mit ödem, ſchmerzendem Kopfe kaum ery um ſich auf alles zu beſinnen, was in ihre mi wild unter ein⸗ ander lag, als ihr Vater u Brief in der Hand erſchien. Wie er denſen am Couvert hoch ge⸗ tragen als eine Siegsſtandarte gegen die„Langſchläferin“ heranbrachte, ahnte ihr Herz, erfüllt und bewegt, wie es eben war, den ihm verwandten Inhalt des Schreibens. Lebhaft verlangend, und ohne des Vaters neuen, ſehr eleganten Schlafrock mit der türkiſchen Quaſten⸗ mütze zu beachten, ſtreckte ſie ihm die Hand, an der ſich ein ungemein ſchöner Arm entblößte, mit ihrem Morgengruß entgegen. Der Miniſter verſtand wohl, daß ihr lebhaftes Verlangen dem Brief gelte; um aber ſeinem väterlichen Anſpruche nichts zu vergeben, ergriff er die Hand, die er mit ſchmeichelnder Zärt⸗ lichkeit küßte, und legte dann erſt den Brief hinein, indem er mit geheimnißvoller Miene ſagte: „Von der Gräfin Wallberg an den Hofmarſchall. Lies ihn aber nachher mit Muße, liebe Sidonie, und Du wirſt dann leichter manches Verſteckte bemerken, wenn ich Dir den Inhalt vorher mündlich mitgetheilt D habe. Die Gouvernante iſt fortgebracht; der Brief 111 ſagt Dir wohin und auf welche pfiffige Weiſe. Aber die bloße Pfiffigkeit, weißt Du, reicht ſelten aus in der Welt: viel weiter bringt es uns, wenn wir hinter der offenen Thür der Wahrheit ein feines Verſteck für unſere Heimlichkeiten einzurichten verſtehen. Nie⸗ mand ſoll wiſſen, wohin die arme Perſon gebracht worden. Der Arzt, der Spitzbube, hat es in ſeiner Abweſenheit den entfernten Hoſpitalsdoctor ausführen laſſen und ſpielt nun den Getäuſchten. Die Gräfin ſelbſt, die doch dem guten Ausgang nicht trauen mag, iſt nach Schloß Dahnſtein abgereiſt. Sie rechnet dar⸗— auf, daß ihr Sohn, wenn er zurückkehrt, ſie um ſo weniger dahin verfolgen werde, als inzwiſchen auch der Major von Dillfeld dort als Bewerber angekommen iſt. Wird Graf Albert dies dennoch nicht ſcheuen: ſo denkt ſie ſich auf das Gut der Generalin von Edes⸗ heim zu retten, die dem Grafen jeden Zutritt verwei⸗ gern würde, wenn auch nur um ihn zu erinnern, wie artig er ihr ſeinen Kutſcher zu Befehl geſtellt habe. Genug, die Gräfin redet ſich ein, eine verſteckte Per⸗ ſon werde leichter vergeſſen, ſtatt daß ſie ſich ſagen ſollte, eine verſteckte Perſon werde deſto eifriger geſucht.“ „Und fürchtet ſie denn nicht,“ fiel Sidonie ein, „wenn der Graf die Polizei zu Nachforſchungen aufregt, daß ſie die erſte Perſon iſt, die befragt wird? „Sie denkt wohl, ihr Albert, bei ſeiner rückſicht⸗ 112 vollen Geſinnung, werde ſolchen Schritt gegen die Mutter ſobald nicht thun.“ „Stiefmutter, Papa!“ rief Sidone. „Ja, Sidonie, gerade deshalb um ſo weniger. Eine Stiefmutter nimmt unter Umſtänden mehr Rück⸗ ſichten des geſellſchaftlichen Anſtandes in Anſpruch, als eine rechte Mutter, weil ſie zwiſchen den natürlichen Gefühlen von Liebe oder Haß in einer anſtändigen Entfernung ſteht.“ „Aber, wie lang denn das alles, Papa?“ „Ei nun, bis die Gouvernante, denk' ich, von ihrem Uebel, oder Graf Albert von der Gouvernante geheilt iſt.“„Ich fürchte nämlich, Sidonie“ fuhr er leiſer fort—„und bin verlangend, ob auch Du es zwiſchen den Zeilen herausleſen wirſt, daß der Arzt gewonnen iſt, das Uebel des armen Mädchens zu einem chroniſchen, einem bleibenden Leiden zu cu⸗ riren.“ „Heiliger Gott! Und Graf Albert ſoll dieſen Kummer, dies Unglück erleben!“ ſchrie Sidonie, ſich und alles vergeſſend, und würde, die Bettdecke zurück— geworfen, herausgeſprungen ſein, hätte ihr Vater ſie nicht zurückgehalten und das Flaumenkiſſen wieder über ihre Kniee gezogen.——„Ruhig, ruhig, mein Kind!“ flüſterte er.„Dieſe Schlechtigkeit ficht uns nicht an, da ſie verdeckt liegt, und unſere feine Naſe nicht als Anklägerin zu fürchten hat. Lies nur erſt ſelbſt, rieche die Fäulniß und laß Dich anwidern, meine Tochter: dann aber befrage Dich wegen unſeres Antheils bei der Sache. Wie wird's mit dem Grafen gehen? Was wird er thun, wenn er's erführe? Und was wirſt Du thun, ehe er's erfahren kann?“ „Laſſen Sie mich allein, Vater!“ antwortete ſie in zerſtreuter Aufregung, ich muß aufſteh'n,„ich verbrenne unter der Decke.“ „Gut, mein Kind!“ ſagte er, ſich aus dem niedern Seſſel erhebend;„aber hüte mir nur Dein auflo derndes Herz, damit die Spinnmaſchine des Verſtandes nicht mit in Brand gerathe. Unſere Abſichten, meine Pläne, Deine Zukunft ſind dort angeknüpft, aber noch nicht— aſſecurirt. Ich gehe, die ausgefertigte In ſtruction für den Grafen beſiegeln zu laſſen. Du er hälſt ſie, bevor er den Mittag kommt. Betrachte ſie als das Band ihn feſtzuhalten, und bedenke, daß wir ihn nicht fortlaſſen dürfen, ohne darum doch den König oder die Prinzeſſin als Schlagbaum ihm in den Weg zu ſchieben, wenn er durchaus fort wollte. Du haſt es gleich ganz richtig errathen: Albert darf ſolches 74 Leid nicht erleben; ſonſt. „Geh', Vater, verlaß mich!“ unterbrach ſie ihn. „So hab' ich's nicht gemeint,— an mich hab' ich dabei nicht gedacht! Du verdirbſt mir immer—. Ja, geh'!“ 8 Koenig, Marianne. II. 114 „Thu' mir nicht Unrecht, liebes Kind!“ erwiderte der Miniſter.„Meinſt Du, ich verkenne Deine edeln Empfindungen, Dein erhabenes Herz? Nein, Sidonie, nein! Aber, fühle Du auch, wie verwandt, wie Eines D 82 mit den reinſten Empfindungen einer Seele die ge rechten Wünſche Deines Mädchenherzens ſind. Was Du von Leid, von Störung dem geliebten Mann er ſparſt, wird zum Gewinn für Dich ſelbſt. Was wäre denn das auch für eine Liebe, mein Engel, die nicht mit unſerm echten Glück im Bund ſtände? Oder auch, was wäre das für ein Glück, dem die Bürgſchaft der Liebe fehlte? Ich gehe, Sidonie, mit der freudigen Ueberzeugung, daß Du den Grafen wahr und innig liebſt. Dadurch werden ja ebenwohl auch meine väter lichen Wünſche und meine Abſichten als Staatsmann gerechtfertigt. Ich könnte mir ja einen Schwiegerſohn, einen Beamten in meinem Departement wünſchen, ohne an Deine Liebe zu denken: Du ſiehſt aber, Alles iſt d'accord, im Einklang, im Dreiklang! Nun wirſt Du aber auch meinen frühern Rath günſtiger anſehen. Du mußt als uneigennützige Freundin ſein Geheimniß und ſeine Sorgen in die Hand nehmen. So lang er wegen dieſer Marianne nicht beruhigt iſt, bleibt er unempfänglich für eine würdigere Neigung. „Gut, genug, lieber Vater! ich bin eben nicht in g 115 der Stimmung für Ihre Klugheit. Ueberlaſſen Sie mich mir ſelbſt!“ „Nun denn adien, mein Engel!“ lächelte er. „Werde nur erſt ruhig, und Du wirſt auch wieder zu einem Mädchen werden, das noch ſeinen Himmel ſucht.“ Indem er fortgehend ſeinen Schlafrock zuſammen nahm, ſagte er lachend: „Aber, Sidonie, Du biſt ſo hoch geſtimmt, daß Du meinen neuen Schlaf- oder Hausrock gar nicht bemerkſt. Was ſagſt Du denn zu dem koſtbaren Ding? Wie ſteht er mir denn?“ Aergerlich bis zum Spott, verſetzte ſie: „Das ſieht ja ganz orientaliſch aus.“ „Orientaliſch, Sidonie, ganz recht,“ prahlte er, „orientaliſch vom untern Saum bis zur Quaſte der türkiſchen Mütze. Türkiſch-orientaliſch!“ „Das gefällt mir Papa,— türkiſch aus chriſtlicher Geſinnung!“ „Wie meinſt Du das, Sidonie?“ „Ei nun, ich denke Ew. Excellenz des Auswärtigen tragen fortan Ihre Schlafröcke immer orientaliſch zur Buße, daß Sie früher die orientaliſche Angelegenheit als Schlafrock getragen haben.“ Sie lachte kurz und bitter auf. „Charmant!“ rief der Miniſter, etwas empfindlich. 8* — —äü— 116 „Das iſt ein guter Witz, Sidonie, und gibt die richtige Stimmung ab, in die Du kommen mußt. Jetzt haſt Du dem edeln Herzen eine kleine Befriedigung gegeben mit einem fanften Geißelhieb auf den Friedensminiſter, und wirſt nun auch die rechte Mädchenſtimmung finden den liebenswürdigen Grafen Wallberg zu empfangen.— Adieu! Auf Wiederſehen nach der Conferenz!“ Eilftes Kapitel. Eine Jalle der Freundſchaft. Es war ohne Zweifel kein bloßer witziger Einfall des Miniſters, ſondern kam aus ſeiner tiefern Kenntniß der edeln, aber leidenſchaftlichen Tochter, als er die Er wartung ausſprach, die Engelsſeele Sidoniens werde bald wieder zum Mädchenherzen herabkommen. Jedenfalls bildete dieſe Entzweiung in ihrem Weſen den innern Kampf der nächſten Stunden, der ſich wunder ſamerweiſe in ihrem äußern Thun ſo zu ſagen verſinnbild lichte. Sie ſchickte nämlich die Kammerjungfer, die zu ihrer Bedienung bei der Toilette herein kam, wieder fort, und wollte ſich allein anziehen. In ihrer Aufgeregtheit gegen das Mädchen über das Schickliche fürchtete ſie 7 hinaus ungeduldig zu werden, oder ſich in ihrer Gewohn⸗ — — — 118 heit laut redend zu vergeſſen. Insgeheim mochte ſie vielleicht auch fühlen, daß ſie, in ihrer Uneinigkeit mit ſich ſelbſt über die Wahl ihres Anzugs zum Empfang deß Grafen, ſogar nicht einmal ordentlich befehlen könnte. Indem ſich nun aber Sidonie an ihr Ankleiden begab, kam zu ihrer aufgeregten Phantaſie und den ſtürmiſchen Empfindungen des Herzens eine daraus hervorgehende Haſt und die Ungewohntheit ſich ſelbſt zu bedienen hinzu. Und ſo geſchah es, daß ſie ſich in manchen Stücken ver griff, manches verkehrt anbrachte, oder gar in Gedanken das wieder auszog, was ſie eben anzulegen meinte. Schade, daß da kein verſteckter Maler oder vielmehr Bildhauer ſie belauſchen konnte! Denn es verrieth ſich der reinſte, edelſte Bau einer Mädchengeſtalt, die größte Zartheit mit der angemeſſenſten Fülle der Glieder, in der Glätte und Feinheit des Elfenbeins mit dem friſcheſten Incarnat, In dieſem Wechſeln und Aendern der Anzugsſtücke legten ſich nun, wie bemerkt, die innern Wandlungen ihrer Empfindungen und Abſichten zu Tag; dies jedoch in ſo umgekehrter Weiſe, daß ſie in der Maße, als ihre Stimmung von dem Engelhaften zur Mädchen eitelkeit herunter kam, ihren Anzug leichter und durch ſichtiger wählte. Eine ganz abſichtloſe Theilnahme für den Grafen Albert hätte vielleicht ebenſo unbedacht alles Reizende ihrer Erſcheinung unter die weitbauſchige Mode 119 des Tags verſteckt, in der ſich kein ſchwebender Engel gut ausnehmen würde. Indeß hielt es freilich der gute Geſchmack Sidoniens überhaupt nicht mit der Mode der Zeit. Sie verſtand ſich kaum dazu, dieſer launenhaften Beherrſcherin ihres Geſchlechtes auch nur von weitem zu folgen. Wenn ſie freilich bei Hof erſchien, konnte ſie nicht auffallend von der Mode abweichen, der ſich die Fürſtlichkeiten ſelbſt unterwarfen. Es würde wie eine Auflehnung gegen die ſchuldige Ehrfurcht und den geſetzgebenden Geſchmack der hohen Herrſchaften ausgeſehen haben. Deſto mehr erlaubte ſich Sidonie in Privatgeſellſchaften, ihren Wider⸗ willen gegen die entſtellenden, in's Unförmliche getriebenen Unterlagen des Putzes und Verpackungen des Natur⸗ gebildes zur Schau zu tragen; dies ſelbſt auf die Gefahr hin, für geſucht oder auf ihre ſchönen Formen eingebildet zu gelten, ja ſelbſt in's Lächerliche zu fallen. Denn, ſonderbar genug, bringt es die Mode mit ſich, daß ein erſtes Lächeln über etwas Uebertrieben⸗Unnatürliches ſpäter, wenn dies dennoch ſich durchgeſetzt hat, auf den frühern beſſern Geſchmack unabwendbar zurück fällt. Und ſo findet man ja ſchon die auftragende Crinoline viel weniger lächerlich, als das anſpruchloſe glatte Ge⸗ wand auch der ſchönſten Frau erſcheinen würde. Dieſem Lächerlichen zum Trotz blieb Sidonie, nach mancherlei Verſuchen und Bedenken, bei ſolch' einem 120 leichten, reizenden Gewande beruhigt ſtehen. Und der ſchalkhafte Vater hätte nur die innern und äußern Wand lungen der Tochter beobachten müſſen, um mit Bezug auf ſeinen frühern Einfall zu erklären, Sidonie habe, wie einſt Jakob, derSohn Iſaaks, bei Nacht mit einem Engel gerungen, und ſei für ihren Mädchenübermuth, wenn auch nicht, wie Jakob, mit einer hinkenden Hüfte, doch galanterweiſe mit einer reizenden Taille heimgeſchickt worden. Statt deſſen ſchickte der Miniſter die für den Grafen Albert ausgefertigte Vollmacht und Inſtruction mit dem großen Kabinetsſiegel, und nicht lang darauf ward, un erwartet früh, Albert ſelbſt gemeldet. Sein zerſtreutes Ausſehen und die Haſt ſeines Benehmens ſchien einen unangenehmen Grund ſeiner Eile zu verrathen, und Sidonie empfing ihn mit der lebhaften Empfindung einer Beſorgniß. „Entſchuldigen Sie mein zu frühes Erſcheinen!“ ſagte er;„ich wünſchte aber jeden entſcheidenden Schritten in der bewußten Angelegenheit zuvor zu kommen, und eiliger zu erſcheinen, als mein Auftrag. Ich habe über Nacht Briefe von Haus erhalten, und muß vor allem auf einige Tage dahin. Sie müſſen mir rathen, beſte Baroneſſe, wie ich das am Schicklichſten an fange, und ob Sie die Gnade haben wollen, es zu vermitteln?“ Sidonie war höchſt betroffen. Sie wußte nun, was es war, und was den lieben Mann ſo bewegte. Gerade Das aber ſetzte ſie außer Faſſung. Sie war noch un einig mit ſich ſelbſt über ihr Benehmen gegen den Grafen und noch unverſöhnt mitsdem verführeriſchen Rath ihres Vaters. Das niedergeſchlagene Ausſehen des Grafen rührte ſie und kränkte zugleich ihr hoffendes Herz. In ihrer zärtlichen Theilnahme für ihn und von ſeinem Vertrauen zu ihr gerührt, vermochte ſie es nicht einmal ihm gerade heraus zu ſagen, es gehe nicht, daß er jetzt nach Hauſe reiſe. Doch in demſelben Augenblicke fiel das Leid, das ſie ihm gern gemildert hätte, doppelt auf ſie ſelbſt zurück mit der Angſt, daß er dennoch ab— reiſen könnte. Sie hatte ihn mit bewegter Miene zu einem Sitz eingeladen, mit einer ſtummen Handbewegung ſich Ueber⸗ legung ausgebeten, und ergriff jetzt den großen Brief für ihn, mit welchem ſie ſich vertraulich neben ihm niederließ. Dieſe Nähe, ſein ſeelenvoller, auf ihr ruhen⸗ der Blick wurden entſcheidend: mit einem flüchtigen Erröthen ſchwand ihr zartes Bedenken dahin. In der lebhaften Empfindung er dürfe um alles nicht fort— ſagte ſie mit aller Freundlic hkeit ihres leuchtenden Auges und mit dem Ton herzlichen Bedauerns: „Da halt' ich aber ſchon Ihre Vollmacht und In⸗ †44 ſtruction in Händen, lieber Graf! 122 „Mein Gott, wie eilig!“ ſeufzte er, im Tone des Mißmuths ſich vergeſſend. „Im Gewande dieſer Eile erſcheint diesmal eine königliche Gnade,“ erinnerte ſie;„die entgegenkommende Zufriedenheit mit Ihrem bereitwilligen Eifer verdiente ſolche Anerkennung.“ „Aber doch ein paar Tage Urlaub, gnädige Baro neſſe? Ich bin zu einer größern Reiſe in ſo hohem Auftrage, nicht einmal mit dem Nöthigen verſehen. Ich erwartete mir dergleichen durchaus nicht. Wie meinen Sie? Wie ließe ſich das am Schicklichſten machen?“ Nach einigen Augenblicken, in welchen Sidonie nach denklich den großen Brief bald nach der Adreſſe, bald nach dem Siegel wendete, ſagte ſie mit Empfindung, in vertraulichem Ton: „Unſere Bekanntſchaft, Graf Wallberg, iſt zwar kaum einen Tag alt; aber Ihr Vertrauen zu mir iſt mir ſo ſchätzbar, und entgegenkommende Offenheit liegt ſo ſehr in meiner Art von Zutrauen für einen Mann von ſo edelm Gepräge, daß ich Ihnen im Drang der Lage glaube anbieten zu dürfen, was Ihnen zwiſchen dem Anliegen Ihres Herzens und der verwandten An⸗ gelegenheit einer Prinzeſſin jetzt einzig Noth thut und helfen kann.“ „Und das wäre, meine Gnädige?“ fragte Albert geſpannt. „Eine Freundin, Graf Albert!“ Sie bot ihm ihre Hand dar. Er ergriff ſie zögernd mit der Miene angenehmen Befremdens, indem er aus⸗ rief: e„Gnädige Baroneſſe—?“ „Weg mit dieſen ſteifen Titeln, mein Freund, wenn Sie mein Vertrauen nicht beſchämen wollen!“ ſagte ſie. „Gewiß nicht, nimmermehr!“ rief er, und drückte ) ihre Hand an die Lippen. „Ich weiß, warum Sie nach Hauſe wollen,“ lächelte 3 ſie.„Sie haben betrübende Nachrichten von dort.“ „Sie wiſſen—? Wie iſt das möglich,— Sidonie?“ „Bei der Möglichkeit wollen wir uns nicht auf halten, Graf Albert, da ich Ihnen mit der Wirklichkeit an's Herz rücke. Geſtern Abend konnten wir noch ſo fröhlich werden, daß Sie ein Glas auf die Zauberin Sidonia ausbrachten. Ich kann mich heut als ſolche dankbar erweiſen. Nicht wahr, man hat ein liebens⸗ würdiges, leidendes Mädchen, deſſen Sie ſich in ſeiner gedrückten Lage edelmüthig angenommen, für das Ihr wohlwollendes Herz noch Sorgen hat,— man hat es vom Schloſſe weggebracht, und Sie wiſſen nicht wohin? Ich weiß es!“ Eine Bewegung, ein Ausruf freudiger Ueberraſchung entfuhr Alberten. Aber er deutete ihr nur an, daß ſie weiter reden möge. „Was wollen Sie mit einem Urlaub von ein paar Tagen, Albert?“ fuhr Sidonie fort.„Ihre Mutter, die leidenſchaftliche Frau, iſt fort. Sie werden ihr nicht dahin folgen wollen, wo ſie verweilt, und wo Sie es D bei der augenblicklichen Bewerbung des Majors Dillfeld um die Hand der Comteſſe Dahn ſehr unangenehm treffen würden. Oder wollten Sie die Behörde gegen die Gräfin Wallberg in Thätigkeit ſetzen? Welchen Ver druß würden Sie ſich machen,— welches Aufſehen erregen! Sie ſehen, bei mir kommen Sie kürzer, ſtiller und befriedigender zum Ziel.“ „O Dank, Sidonie, tauſend Dank!“ rief Albert. „Und wo iſt Marianne?“ Sidonie, einmal ſo weit über ihre ängſtlichen Be denken hinausgegangen, erwiderte mit liebenswürdiger Laune: „Alle Zauberei, lieber Graf,— Sie verzeihen mir Scherz in einer für Sie ſo betrübten Geſchichte!— alle Zauberei bedarf des Geheimniſſes! Wenn man einen Schatz heben will, wiſſen Sie ja, darf kein Wort laut werden, oder er verſchwindet in unerreichbare Tiefe. — Ihr Schützling iſt im Inlande,— ſoviel darf ich Ihnen ſagen,— erreichbar von unſern Geſetzen und Behörden. Beruhigen Sie ſich! Ich verſchaffe Ihnen Nachricht von dem armen Mädchen, für deſſen Schickſal Sie ſich ſo edelmüthig intereſſiren.“ 125 „Aber,— in weſſen Händen,— und wie wird ſie behandelt,— wie iſt für ſie geſorgt? Hat ſie einen Arzt?“ „Ha, mein Gott!“ rief Sidonie ſo jäh aus, daß Albert erſchrak. Sie erinnerte ſich nämlich der beargwohnten Be⸗ handlung der Kranken und zugleich des jungen Doctors. „Verzeihung!“ ſagte ſie. Da fällt mir plötzlich ein, was ich Karln— einem geſchickten jungen Arzt— mein Gott, wie ſonderbar! Ich beſann mich auf etwas Vergeß'nes, was mir jetzt erſt—! Verzeihung, lieber Graf! Aber ich überlege mir's eben mit einem jungen, ausgezeichneten Arzte. Ja, ja! Den ſchicke ich hin: er unterſucht das Leiden, prüft den Arzt, der die Gouver⸗ nante behandelt,— ich weiß ſie wird behandelt, aber wie? Er trifft alle Fürſorge und— wenn er'’s für nöthig findet, bleibt er und übernimmt ſelbſt die Cur. Ja, ſo geht's. Und er berichtet mir über die Lage der Kranken und fügt von Dieſer ſelbſt, wenn Sie es wünſchen, einige Zeilen zu Ihrer Beruhigung bei! Nicht wahr?“ Albert nickte nachdenklich und unentſchloſſen. Sidonie fuhr fort: „Inzwiſchen ordnen wir die Angelegenheit der Prin⸗ zeſſin; Sie laſſen ſich, um keine Zeit zu verlieren, durch Ihren Kammerdiener von Hauſe holen, was Ihnen zur —— ——— 126 Reiſe fehlt, und ehe Sie dieſe antreten, haben wir Nachrichten von dem lieben Mädchen. Bis Sie dann zurückkehren, iſt die arme Marianne hergeſtellt, um nach Ihrer Beſtimmung jeden weitern Beruf anzutreten.“ Mit dieſer letzten Aeußerung ging Sidonie in ihrer ſchlauen Abſicht doch etwas zu weit heraus. Durch die leichte Art, wie ſie das wahre Verhältniß des Grafen zu Marianne als etwas ganz Undenkbares ignorirte, fühlte ſich Albert in Verlegenheit geſetzt. Es drängte ihn ſich offen darüber zu erklären; dennoch hielt ihn die Beſorgniß zurück, er könnte ſich dadurch um die ange⸗ botene Vermittlung, um die Bereitwilligkeit der adel⸗ ſtolzen Baroneſſe bringen. So fühlte er ſich von zwei Seiten gedrückt, bis die letzte Aeußerung Sidoniens ihm ein entſchiedenes Mißtrauen gegen ſie einflößte. Er hatte früher ſo manches Bedenkliche über ſie gehört, und auch jetzt hüllte ſie ſich gegen ihn mit ſchalkhafter Miene in ein Geheimniß. Wozu das, wenn ſie aus bloßem Wohl— wollen für Marianne oder aus Freundſchaft für ihn zu handeln dachte? Vielleicht aber— mit welchen Perſonen und zu welchen Abſichten ſie in Verbindung ſtand? Dieſe Frage drängte ſich ihm auf.— Näher erwägen konnte er im Augenblicke dieſe Zweifel nicht, die ihm raſch durch die Seele gingen. Das Dringendſte blieb ihm,— zu erfahren wo Marianne ſei. Dann konnte er ſich leicht aus den verdeckten Hän⸗ 127 den befreien, die ihn führen wollten. Die Angſt um ſie, die ihn gegen ſeine Natur mißtrauiſch machte, gab ihm auch in ſeiner jetzigen Bedrängniß eine gewiſſe verſteckte Klugheit ein. Er wollte nun ſeinen Auftrag ohne weiteres übernehmen, in der Hoffnung, auf ſeiner Reiſe nach der ſüddeutſchen Reſidenz, wenn auch auf einem Umwege, zu Mariannen zu gelangen. So ging er auf Sidoniens Vorſchlag ein, wobei er, ihre Hand faſſend, ſeine Freude und Dankbarkeit auf das Lebhafteſte ausſprach und ſie um ihre fortdauernde Freundſchaft bat. Er legte die ganze Angelegenheit wegen Mariannens in ihre Hände, an ihr freundſchaft⸗ liches Herz, und fragte nur nach dem Arzte, den ſie zu verſchicken dachte. Aus dieſem machte ſie kein Geheimniß, um ſo weniger, als ſie Alberten überzeugen wollte, daß derſelbe noch ohne Patienten und auch auf längere Zeit abkömmlich ſei. Sie nannte Karl Hoßbach, deutete ihm an, welche Ver bindlichkeiten derſelbe ihr und dem Miniſter ſchulde, und fand es natürlich in der Ordnung, als der Graf anbot, den jungen Mann mit den nöthigen Geldern zur Reiſe und den ſonſtigen Auslagen zu verſehen.— „Da Sie einen beſondern Werth darauf legen, liebe Sidonie,“ ſagte er,„die Sache in Ihre ausſchließende Hand zu nehmen: ſo verzichte ich darauf, dem Doctor Briefe an Marianne mitzugeben. Nur drei Worte als —— — ——— 128 Vollmacht für den Arzt müſſen Sie mir erlauben, weil ſonſt die arme Kranke Mißtrauen gegen den fremden Doctor faſſen könnte. Sie hat ja Urſache genug, ängſt lich zu ſein.“ Er bat ſich einen Briefbogen aus, und ſchrieb darauf mit ſeiner Namensunterſchrift:„Ueberbringer, Dr. Hoß bach, kommt mit meinem Auftrag, und verdient unbe dingtes Vertrauen.“ Er las Sidonien die paar Worte vor und wünſchte Licht zum Verſiegeln. Während ſie ſelbſt vergnügt ein Wachslicht holte und anzündete, warf Albert noch raſch mit Bleifeder die Worte auf das Papier: „Laß unſern Heimberger alsbald Deinen Aufenthalt wiſſen. Vertraue und habe Muth!“ Er faltete das Papier, ſchloß es mit ſeinem Siegel ring, und überſchrieb es: An Fräulein Marianne Weikart zu? Mit einem großen Fragezeichen wollte er ihr andeuten, daß ihm ihr Aufenthaltsort nicht bekannt ſei. Indem er nun den Brief Sidonien übergab, ſagte „Wie wäre es nun, meine liebe Freundin, wenn Sie vor allem den jungen Doctor abfertigten? Ich ginge nach Haus, das Reiſegeld zu beſorgen, und wir „ 5 u. 129 Albert eilte fort, nähmen unſere Berathung deſto ruhiger und befriedigter und die Baroneſſe zog die Schelle, den jungen Arzt rufen zu beil— erſt gegen Abend vor?“ den. . Sidonie ſtimmte gſt laſſen. uf oß be hte ein. ſch alt el mne ihr int gte un ch Koenig, Marianne. Zwölftes Kapitel. Ein Arzt zum Heirathen. Die Nachricht die Albert von Haus erhalten, kam von ſeinem väterlichen Freunde Heimberger. Sie war dadurch etwas verſpätet, daß der wackere Mann erſt zu ermitteln geſucht hatte, wohin Marianne an jenem Abende gebracht worden ſei. Am Morgen des Tages war nämlich Doctor Kohl⸗ hepp an Heimberger's Garten angeritten, ihn zu be⸗ nachrichtigen, daß Marianne mit einbrechender Nacht in einem gräflichen Wagen herüberkommen würde. Er ſelbſt verreiſe in Phyſikatsgeſchäften, und würde erſt am morgenden Abend zurückkommen, zugleich aber einen zweiten Arzt mitbringen, wie es der Herr Graf zur Behandlung der Gouvernante befohlen habe. Ver⸗ gebens aber wartete das Heimberger'ſche Paar den langen Abend auf den lieben Gaſt, und erfuhren erſt ſpät, als ſie nach dem Schloſſe ſchickten,— ein frem— der Doctor habe, nach langer Berathung mit der Gräfin, Mariannen in ſeinem Wagen mitgenommen. Niemand konnte ſagen wohin. Heimberger, in ſeiner ängſtlichen Beſorgniß, ließ ſich in der Frühe des nächſten Tages bei der Gräfin melden, um ſie in Alberts Namen zur Rede zu ſtellen, und wegen Mariannens zu befragen. Er wurde auf eine Stunde ſpäter beſchieden, und als er wiederkehrte, war die Gräfin abgereiſt. Entrüſtet und bekümmert, glaubte der Geiſtliche doch erſt noch die Rückkunft des Doctors abwarten zu müſſen; da derſelbe, dem Ver⸗ nehmen nach, in den letzten Tagen wiederholt bei der Gräfin geweſen war, und vielleicht Vermuthungen hatte. Wie vorausgeſagt kam er auch mit einem benachbarten Arzte zu Pferd, und verlangte zu Mariannen. So lebhaft er nun erſchrak zu hören was geſchehen war, und nicht begreifen wollte wie es gekommen, wer der fremde Arzt ſein könnte und wohin ſeine Kranke ge⸗ bracht worden: ſo faßte der Pfarrer aus dem ganzen Geberdenaufwande doch nur neues Mißtrauen. Er theilte ohnehin die Abneigung Mariannens gegen den unheimlichen Menſchen, den jetzt auch der fremde Doc⸗ tor mit ſcheuen Blicken muſterte; die Umſtände ſchienen ihm künſtlich angelegt, und wenn er die leidvollbedenk⸗ lichen Mienen, womit ihm der alte Kammerdiener 9* Horſt die Abreiſe der Gräfin eröffnete, dazu nahm: ſo blieb ihm kein Zweifel darüber, daß es ein abge 7 1 7 kartetes Spiel gelte. Nun hatte der beſorgte Mann nichts Eiligeres zu thun, als dem Grafen Nachricht zu geben, und in Erwartung der Antwort oder Rückkehr deſſelben das Mögliche zu verſuchen, um wenigſtens auf einige Spur der Entführung zu kommen. Seine Theilnahme, noch angefachter durch die Angſt ſeiner Erneſtine, war zu lebhaft, als daß nicht einiges von ſeinem Argwohn gegen die Gräfin und den Arzt in ſeine Zeilen mit eingefloſſen wäre. Dies eben hatte den Grafen in die Aufregung verſetzt, mit welcher er zu Sidonien geeilt war, ihm aber auch ihren Vorſchlag wegen Abſchickung des jungen Arztes ſo zuſagend gemacht. Nun in ſeinen Gaſthof zurückgekehrt, eilte er bei ſeinem Banquier eine beträchtliche Summe in Gold und inländiſchen Schatzſcheinen für den Arzt aufzu nehmen und an Sidonien zu überſchicken, um dann ſogleich ſeinen väterlichen Freund zu beruhigen. Er ver traute ihm das Allgemeinſte von ſeiner bevorſtehenden Sendung und der mit Sidonien getroffenen Ver⸗ abredung, und bat ihn, ſobald er Nachricht von Mariannen über ihr Verſteck erhalte, ihm weiter zu ſchreiben. Den Brief übergab er ſeinem Kammer hm: 133 diener, den er ſofort nach Hauſe ſchickte, um das zur Reiſe noch Erfoderliche abzuholen. Inzwiſchen hatte der junge Arzt ſich bei Sidonien eingefunden. Sie empfing ihn mit etwas zerſtreuter, ihr Inneres und ihre Mittheilung überwachender Freundlichkeit.——„Kaum hab' ich Ihnen lieber Doctor, viel Patienten gewünſcht,“ lächelte ſie,„ſo bin ich ſchon ſo glücklich, Ihnen den erſten Namen in Ihr Kundenbuch zu liefern. Sie müſſen aber eben ſoviel Diplomat, als Arzt ſein. Und noch mehr! Ich rechne dabei auf die Abnleigung vor neuer Liebe, die Sie mir bekannt haben; ſonſt müßte ich Bedenken tragen Ihr Herz in ſolche Gefahr zu bringen, als ich es eben vorhabe. Es iſt nämlich um eine höchſt liebenswür⸗ dige Patientin zu thun. Was ich Ihnen aber darüber mittheile, bleibt unter uns. Ich rechne darauf!“ Sie reichte ihre Hand hin, und Karl drückte mit etwas zweifelhafter Miene das Verſprechen der Ver⸗ ſchwiegenheit hinein. Dann ſprach ſie weiter: „Die Gräfin Wallberg hatte vor Kurzem ein vor⸗ zügliches, hochgebildetes Mädchen zur Gouvernante ihrer kleinen Tochter erhalten, als ihr Stiefſohn, Graf Albert, der jetzt für geheime Aufträge des Königs hier iſt, von ſeinen Reiſen zurückkehrte. Er fand in der ländlichen Einſamkeit des Schloſſes an dem Mädchen die einzige Perſon zu einer Unterhaltung in ſeinem gebildeten Geſchmack, zumal er mit ihr ſein liebes Eng— liſch plaudern konnte. Sie faßte, wie es ſcheint, eine heimliche Neigung für den einnehmenden jungen Mann, die jedoch der welterfahrnen Gräfin nicht unbemerkt blieb. Sie können ſich denken, wie ihr das gefiel, und da ſie in einer Gegenneigung des Grafen die Erklärung zu finden glaubte, warum er ſich gegen eine ihm zuge— dachte Partie ſträubte: ſo ward ſie höchſt aufgebracht, Es kam zwiſchen ihr und der Gouvernante zu einer ſehr heftigen Scene, in Folge welcher die Gouvernante ohn⸗ mächtig niederſank und ſich im Fallen eine Roſe um den Knöchel des linken Fußes zuzog.“ „Die heftige Gemüthsbewegung und einige Dis⸗ poſition dazu wird's gethan haben, guädige—“ „Gut, das müſſen Sie freilich beſſer verſtehen!“ fiel Sidonie ein.„Marianne Weikart, wie ſie heißt, wurde in die Behandlung des dortigen Phyſikatsarztes Namens— Kohlhepp glaub' ich— gegeben, und—“ „Kohlhepps—? Mein Gott!“ rief Karl bedenklich, und Sidonie verſetzte; Nicht wahr, das iſt nicht gut? Sie kennen . ihn?“ „Ich weiß von ihm!“ antwortete er.„Doch, bitte, reden Sie weiter!“ „Graf Wallberg iſt nun wegen des dauernden Leidens ſehr beunruhigt; er macht ſich Vorwürfe, und ſieht ſich nen dafür an, daß er das Uebel, wenn auch nicht verſchuldet, doch veranlaßt habe. Er hält es, zartfühlend wie er iſt, für ſeine dringendſte Pflicht, zu ſorgen, daß die Kranke bald und beſtens hergeſtellt werde. Die Gräfin aber, ſehr leidenſchaftlich, benutzte ſeine Hierherberufung, um die Gouvernante heimlich fortbringen zu laſſen. Niemand weiß wohin, als— ſehr wahrſcheinlich— Doctor Kohl— hepp. Aber auch Sidonie weiß es, die ja— wiſſen Sie— alles weiß! Die Kranke liegt nämlich im Land— krankenhauſe zu Nienſtedt. Graf Albert iſt nun außer ſich, daß er gehindert iſt, ſich ſeines Schützlings anzu⸗ nehmen. Da bin ich denn in's Mittel getreten. Ich— Sie ſehen mich an, und fragen, warum ich? Sie ſollen es hören, Sie werden es begreifen. Für mich ſelbſt habe ich kein Intereſſe dabei, lieber Karl, wahrlich nicht! aber— die Geſchäfte des Grafen betreffen die Prinzeſſiin Mathilde,— ſage ich Ihnen ganz im Ver— trauen,— und ich, als eben die Vertraute Ihrer Hoheit, muß nun hier auch— das Schickliche thun. Nicht wahr? Aber weiter! Da wir nun der Behandlung jener Aerzte, die von der Gräfin bezahlt werden, nicht trauen, ſo müſſen ſie alsbald dorthin, Doctor, die Be⸗ handlung unterſuchen, und— wenn Sie es nöthig, oder nur räthlich finden— ſelbſt übernehmen.“ Der junge Arzt ſchwieg eine Weile in Ueberlegung, bis Sidonie lebhaft genug ausrief: 136 „Nun, Herr Doctor? Ich hoffe nicht, daß Sie ſich auf Ausflüchte beſinnen?“ K b„Nein, gnädige Baroneſſe!“ antwortete er.„Ich überlegte nur, wie ich einige Kleinigkeiten am ſchnellſten beſeitigen möchte, da meine Reiſe doch ſo eilt. Nein, V ich freue mich nicht nur, Ihnen in einer Angelegenheit dienen zu können, für die Sie ein ſo lebhaftes Intereſſe zu tragen ſcheinen; ſondern der Ausflug ſelbſt, in dieſer ſchönen Jahreszeit, iſt mir angenehm und ſoll mir bei .„— 1,..„ 6 meiner Stimmung wohl thun. Ich bin ja glücklicher weiſe frei,— für Sie und für mich!“ „Ja wohl, lieber Karl!“ rief ſie vergnügt.„Ich danke Ihnen für Ihre Bereitwilligkeit! Und hier über⸗ . 3.—„ gebe ich Ihnen— vom Grafen eine Summe, die Ihnen alles erleichtert. Sie reiſen alſo noch mit dem Abend zuge und geben mir recht bald Nachricht,— genaue, Karl, hören Sie! umſtändliche, über Alles, was Ma⸗ riannen angeht, beſonders auch über ihr Ausſehen, über ihre ganze Perſönlichkeit. Es intereſſirt mich zu wiſſen, wie ſie vom Grafen ſpricht und was ſie nach ihrer Herſtellung zu thun gedenkt. Setzen Sie ſich in ihr 8 Vertrauen! Sie wiſſen ja, Doctor, daß ich ein wenig das Geheimnißvolle liebe, heißt das, was Andern ge⸗ iG—,.... heimnifvoll ausſieht. Helfen Sie mir hier ein wenig — Geheimniß machen! Der Graf weiß nämlich ſelbſt nicht, wo die Kranke hingekommen iſt, und begreift nicht, woher ich es weiß. Sehen Sie,— ſo was macht mir Spaß! Es iſt Kinderei, lieber Karl, ich weiß es: aber die Societät von heut gibt ſich ſo fade, ſo ſaftlos, ſo abgeſchmackt, daß man es mit ihr machen muß, wie der ruſſiſche Geſandte, der zu den beſten Diners ſeinen eigenen Senf mitbringt. Ja, lieber Karl, ich geſtehe Ihnen, ich bin zum Vortheil meiner Zauberkünſte ſo egoiſtiſch, daß ich nicht ſcheue, Sie in dem vorliegenden Fall ſelbſt in die Gefahr einer Zauberin zu bringen.“ „O gnädige Baroneſſe,“ lachte der Doctor bitter, „für meinen bürgerlichen Geſchmack verliert eine Gouver⸗ nante in Herzensverhältniſſen mit einem Grafen gar leicht ihre Bezauberung!“ „Karl!“ rief Sidonie feierlich.„Gehen Sie mit keinem Vorurtheil zu Ihrer Kranken! Sie werden an ihr ein rechtſchaffenes, ſchuldloſes, edles und gebildetes Mädchen finden. Es iſt von keinem Verhältniß des Grafen mit ihr die Rede, das einen ſo zartfühlenden Mann, wie Sie, im Entfernteſten abhalten könnte, dieſer Marianne Hand und Herz anzubieten, wenn— Sie verſtehen mich! Der Graf iſt ein ſo hoher, edler Mann, eine ſo einzige Ausnahme von allen, daß ich—— nun was wollt ich doch ſagen?— ja, daß ich mich innig für ihn freuen würde, wenn ſein um Mariannens Schickſal ſo be⸗ ſorgtes Herz auf eine für ſie ſelbſt ſo beglückende Weiſe erleichtert würde, als eine paſſende Heirath wäre.“— 138 „Das iſt ſelbſt ſehr warm und theilnehmend von Ihnen empfunden, verehrte Baroneſſe,“ lächelte der Doctor.„Ich beklage nur, daß ich gerade kein Herzens⸗ arzt bin, ſtehe aber ganz zu Dienſten, wenn der Herr Graf einmal von einem Magendruck oder dergleichen zu erleich⸗ tern wäre. Ich bin leider! nur Arzt, aber keine Arznei.“ Er verneigte ſich zu gehen. Empfindlichkeit und ſagte: „Noch Eines, edler Doctor! Sidonie überwand ihre Hier iſt ein Schreiben des Grafen an die Kranke. d Der Graf fürchtet, daß die arme Verfolgte leicht könnte eingeſchüchtert und miß⸗ Es enthält nur drei Worte ‿ r Beglaubigung für Sie. trauiſch geworden ſein. Sehr begreiflich! Aber ſeine Hand und ſein Siegel werden Ihnen ihr Zutrauen auf⸗ ſchließen.—— Und nun adieu, Doctor! Reiſen Sie mit Gott und gutem Glück! Halten Sie ſich unbefangen, damit Sie rein beobachten und mit gutem Humor ſchreiben kön⸗ nen. Und zwar, wie geſagt,— recht umſtändlich! Adieu!“ „Sie ſollen zufrieden mit mir ſein, Baroneſſe Sido⸗ nie!“ lächelte er.„Ich werde mich ſo unbezaubert halten, daß ich Ihnen reichen Stoff für Ihre Zauberkunſt liefern kann.“ Er verneigte ſich und ging. Sidonie ſah ihm mit dem Bedenken nach, ob er wohl mit dieſen Worten, mit die— ſem Lächeln auf ihr Herz, auf ihre Abſichten gezielt habe? Viertes Zuch. — — —— Erſtes Kapitel. Im Tandkrankenhauſe. Nienſtedt lag am Fuß eines ſanft anſteigenden Höhenzuges. So lang die Stadt nur noch durch wohl⸗ unterhaltene Landſtraßen nach Süd und Nord und durch den Zug des ſchiffbaren Fluſſes an der Weſtſeite mit der entfernteren Welt im Verkehr ſtand, ging es in der öſtlichen Vorſtadt am ruhigſten zu. Hier wurde Land⸗ und Gartenwirthſchaft betrieben, und jene Ge— werbe, die, wie Brauereien, Spinnereien u. d. gl. viel Raum erfodern, hatten ihn hier gefunden. Seit aber zu jenen Weltverbindungen die Eiſenbahn hinzu⸗ gekommen und unter dem Höhenzuge hingeführt war, ſtrömte mehr ſtädtiſches Leben auch nach dieſer Seite. So ſtand jetzt auch hier, dicht an den Gärten der letzten vorſtädtiſchen Häuſer, ein neuer Gaſthof, dem Landkrankenhauſe ſchräg gegenüber, das in früherer — — 142 Zeit ebenwohl in dieſer ſtillen und höhern Lage mit ſeinen Baulichkeiten und Gärten einen geräumigen Platz gefunden hatte. Dieſes neuen Vortheils lebhafterer Bewegung hatte der Landkrankenhausarzt, wenn auch nicht für ſeine Anſtalt, doch zu ſeinem eigenen Vergnügen wahrge⸗ nommen, und in der obern Mauerecke des großen Hausgartens eine hohe Laube, eine Veranda angelegt, aus der er gern in den Stationsſtunden der Bahn⸗ züge dem Ab⸗ und Zugehen der Menſchen und Fuhr⸗ werke, ſeine feine Cigarre rauchend, zuſah. Doctor Fecht war ein Lebemann, wofür man ihn alsbald an ſeiner ganzen Erſcheinung erkannte,— klein, weichlichrund, elaſtiſchbeweglich, mit einem vergnüglich⸗ ſchmunzelnden, hochgefärbten Geſichte, in welchem ſich ein blondes Schnurrbärtchen feſtgeſetzt hatte und eine feine Stahlbrille ab; und zuging. Der lebhafte Mann wiegte im Gehen den Kopf, tänzelte mit den ſtark auswärts geſetzten lackirten Füßen, brummte oder pfiff ein Liedchen vor ſich hin, und focht mit einem ele— ganten Stöckchen in die Luft. Ein hohes Bewußtſein des Berufs, ein Ernſt der Lebensführung, ja nur eine tiefere Empfänglichkeit für die ſchmerzlichen Eindrücke ſeiner ärztlichen Stunden ließen aus ſolchem Hüpfen und Wiegen ſich nicht vermuthen, und mit ſeinem Pfeifen und Fechten ſchien er ſich auch mancher Vor⸗ mit latz atte eine würfe, die ihm aus ſeinen Mißgriffen und Ueberei⸗ lungen, ja vielleicht aus mancher Geviſſenloſigkeit ent— ſprangen, in die Luft und in Vergeſſenheit zu entle⸗ digen,— in der Art, wie die Knaben gern Lehm— kügelchen an einer ſchwanken Ruthe in die Luft ſchwippen. Es war ein reizender Maitag, an welchem er heut nach Tiſche ſein Ruheſtündchen hielt, und den erſten Nachmittagszug bei ſeiner Taſſe Kaffe und Havanna⸗ Cigarre in der Laube abwartete. Eine Weibsperſon, die ſich in den abgelegten Kleidern der Gräfin Wall⸗ berg kaum noch als die alte Frau Schappers wieder erkennen läßt, erſchien mit einem Briefe. In die fei⸗ neren Stoffe und in das Geheimniß einer Intrigue gekleidet, hatte ſie zugleich eine eingebildete Miene und einen ſchwänzelnden Gang angenommen. Sie war, nach Verabredung der Gräfin mit dem Doctor, der ent⸗ führten Gouvernante nachgeſchickt worden, und unter dem Vorgeben, ihr aus heimlicher Theilnahme und Anhänglichkeit gefolgt zu ſein, mit dem geheimen Auf⸗ trag angekommen, Mariannen zu überwachen, daß ſie nicht etwa eine Krankenwärterin zur Beſorgung von Briefen und heimlichen Aufträgen gewinne. Alle von der Kranken abgehenden oder an ſie ankommenden Briefe ſollten zurückbehalten und der Gräfin überſchickt werden. Der von der Schappers eben abgelieferte 144 Brief war der dritte, den Marianne in ihrer Noth⸗ abſchickte. Zweimal hatte ſie an Albert nach der Re⸗ ſidenz geſchrieben, wobei ſie vorausſetzte, daß die Poſt den Grafen auch ohne nähere Adreſſe gewiß auffinden werde. Marianne, wenn ſie auch bei dem Erſcheinen der ihr ſo widerwärtigen Frau in dem unter ihrer erſten Pflege gefaßten Vertrauen wieder zweifelhaft geworden war, ließ ſich doch in ihrer Verlaſſenheit, durch die liſtigen Mittheilungen des Weibes, wieder irre machen. Was blieb ihr auch in der troſtloſen Lage ihrer ban genden, bebenden Seele, nachdem auf ihr erſtes, dem Arzte ſelbſt anempfohlenes Schreiben keine Antwort erfolgte, noch übrig, als mit dem zweiten und heut wieder mit einem Brief an Heimberger ſich der einzigen Per⸗ ſon anzuvertrauen, die zu ihrer Bedienung um ihr Lager war, und die ſie durch Bitten und gute Ver⸗ ſprechungen zu gewinnen dachte. Frau Schappers aber, eine praktiſche Frau, war nicht geſtimmt, das Gewiſſe für etwas Unſicheres d'ran zu ſetzen. Doch kam es ihr gegen die geängſtigte Kranke auf eine Handvoll verſprechender Geberden nicht an, und ſo nahm ſie denn mit nickenden Zuſagen auch dieſen Brief an den Pfarrer raſch an ſich, verſteckte ihn mit ſchlauem Lächeln unterm Halstuche, und ſchlen⸗ derte in den Garten hinab nach der Laube, wo ſie ihn mit den lachenden Worten übergab: 145 „Beſorgen Sie denn auch Briefe an einen Seelen— arzt, Herr Leibdoctor?“ „Ah!“ lachte der Doctor, nachdem er die Adreſſe geleſen.„Soll der Paſtor ihr mit chriſtlichem Zuſpruch unter der Amputation beiſtehen? Hat ſie ſich endlich d'rein ergeben?“ „Bei Leibe nicht!“ lachte die Frau.„Sie wird nicht ſtillhalten, ſie proteſtirt mit zwei Händen und einem Fuß gegen alle Angriffe auf den andern.“ „So?“ erwiderte Fecht.„Zappelt alſo nur nach Hülfe zwiſchen Grafen und Pfaffen?“ „Das reimt ſich ja, Doctorchen!“ „Reimt ſich, aber ſchlecht, Schapperſinn. Grafen und Pfaffen vertragen ſich heutzutage beſſer, als ſie ſich reimen.„Pfaff“ hat ein F zu viel für„Graf,“ — wie ſich denn dieſe Herren jetzt in allem über⸗ nehmen.—— Alſo, ſie will noch nicht, Schapper⸗ ſinn? Und Ihr habt ihr doch ordentlich zugeſprochen: Es thut nicht weh', Herzchen! Eins, zwei, drei— und es iſt vorbei? Wehrt ſich noch, ſagt Ihr? Aber, mit zunehmender Angſt doch? Nicht wahr? Ei natür⸗ lich! Muß alſo fortgeſetzt werden, Schapperſinn,— die Angſt. Alle zwei Stunden einen Löffel voll, hübſch aufgeſchüttelt!— Seht Ihr, alle ſtarken Affecte dauern nicht, weder Entzücken noch Verzweiflung: am Ende gibt man ein Bein her, nur um der Angſt los zu Koenig, Marianne. II. 10 146 werden. Auch warte ich noch auf Freund Kohlhepp di und die Befehle der Gräfin.“ fr Der diaboliſche Pfiff der Locomotive war zu dieſem menſchenfreundlichen Geſpräche mit dem Oſtwinde ſchon von weitem gehört worden, und eben fuhren die erſten li Wagen mit⸗Menſchen und Gepäcke der Stadt zu. Ein 1 Fiacker hielt am Gaſthofe gegenüber an. Ein junger, hübſcher Mann ſtieg aus, und betrachtete, während ſein Koffer, Reiſeſack und Hutſchachtel abgeladen wur⸗ den, mit großer Aufmerkſamkeit das Landkrankenhaus. d Als er den Doctor in der Laube erblickte, befragte er- den Kellner, überließ ihm das Gepäck und eilte hin— über. Doctor Fecht ſtand auf, den Ankommenden zu empfangen. In Ueberlegung ob er ihn abwarten oder ihm entgegen gehen ſollte, rückte er an der Brille, wühlte an ſeinem Lockenkopf, drehte am Bärtchen und ſchickte die Schappers in's Haus.—— Es war dem von Sidonien abgeordneten Doctor unterwegs zu ſpät eingefallen, daß er eigentlich durch keine Legitimation berechtiget ſei, in das Landkranken⸗ haus einzudringen, und eine Kranke, gegen allenfall⸗ ſigen Widerſpruch des Hausarztes, zu behandeln. Es war ihm daher lieb, daß ihn der Arzt, den ihm der Kellner nannte, eben ankommen ſah. Er mußte ihn überraſchen, um dadurch vielleicht zum Ziel zu kommen. Mit einer gewiſſen höflichen Vornehmigkeit trat er in 147 die Laube, nannte ſeinen Namen Doctor Hoßbach, und fragte, ob er die Ehre habe, Herrn Doctor Fecht— „Ich bin Doctor Fecht!“ „Sehr erfreut! Derſelbe“— ſetzte Haßbach vertrau⸗ lich hinzu— der die Gouvernante der Gräfin Wall⸗ berg hierher gebracht hat?“ Die Frage überraſchte den Doctor. Er verneigte ſich bejahend,— ungewiß ob er nein ſagen dürfe. „Sehr angenehm!“ fuhr Hoßbach fort.„Wir haben uh darſiber zu berathen. Die Sache ſoll anders ange— griffen werden, lieber Collega. Meine Papiere ſind aber noch im Koffer; ich eilte nur herüber Sie zu begrüßen, und Sie zu bitten, mich die Perſon einen Augenblick unbekannterweiſe ſehen zu laſſen, damit ich vor allem einen Eindruck von ihr habe. Sie beſtim⸗ men mir dann eine Stunde zur Berathung.“ „Aber,“— wendete Fecht ein, ängſtlich was er zugeben oder verweigern dürfe,—„aber, wie ſoll ich Sie denn bei ihr einführen, mein geehrter Herr?“ „Ei nun,— vielleicht als reiſenden Arzt, dem Sie ganze Einrichtung des Hauſes zeigen.“ „Ah! Nun wohl, ſo geht's. Kommen Sie!“ Unter allerlei taſtenden und forſchenden Fragen des Arztes, die der junge Mann zerſtreut umherblickend beantwortete, kamen ſie zu Mariannens Zelle im Gar⸗ tenbau. Karl Hoßbach fand es ſchicklich voraus ange— 10* meldet zu werden; allein der Arzt hielt es für über— flüſſig.„Sie liegt auf dem Sopha,“ ſagte er, und öffnete die Thür. Marianne erſchrak ſichtlich beim Eintreten des Fremden mit dem ihr verhaßten Hausarzte; der Ge⸗ danke an eine Operation, der ſie bei Tag und Nacht verfolgte, entſetzte ſie in dieſem Augenblicke ſo, daß ſie einer Ohnmacht nahe war.—„Erſchrecken Sie nicht,“ ſagte Doctor Fecht,„der Herr iſt nur reiſender Arzt, der ſich unſere Anſtalt beſieht. Ihr Fuß kommt nicht in Betracht.“ „Ich bitte um Verzeihung, daß wir Sie ſo über⸗ raſchen!“ ſagte der junge Mann, ſelbſt überraſcht von der Erſcheinung, eines ſo edeln Geſichtsausdruckes und der unter leichter Decke hingeſtreckten Geſtalt.„Ich denke es auf der Stelle gut zu machen, daß ich Sie ſo erſchreckt habe. Irre ich nicht,— Sie ſind Fräu— lein Marianne Weikart vom Schloſſe Wallberg? fragte er „ während er ſeine Brieftaſche öffnete, und ein Schreiben herausnahm.“ Die Stimme, das ganze Ausſehen des jungen Mannes wirkte mit dieſer Frage wie eine winkende Hoffnung auf Mariannens Herz. Sie richtete ſich etwas mehr empor, indem ſie mit bebenden Lippen antwortete: „Ja, ich bin die Unglückliche, mein Herr! Haben 149 Sie vielleicht noch etwas mehr für mich, als dieſe theilnehmende Frage und den gerührten Blick?“ „Das hab' ich, Fräulein! hier!“ Er übergab ihr das Schreiben des Grafen. „O mein Gott, von Albert!“ rief Marianne. Sie drückte den Brief an Bruſt und Lippen, hob' ihn dann mit beiden Händen gen Himmel und ſprach: „Ich danke Dir, gütiger Gott! O vergib', daß ich mich ſchon verlaſſen glaubte!“ „Was ſoll das? Wer ſind Sie? Von wem kom⸗ men Sie?“— trat Doctor Fecht hervor, und machte Miene den Brief an ſich zu reißen. Mit feſtem, entſchiedenem Tone erwiederte der junge Mann, indem er zwiſchen den Arzt und Mariannen trat: „Beruhigen Sie ſich, Herr Doctor! Es iſt nur meine Legitimation für das Fräulein. Für Sie werd' ich mich noch rechtfertigen.“ Marianne hatte das Schreiben geöffnet und die wenigen Zeilen geleſen. Mit thränendem Blicke reichte ſie die Hand nach dem jungen Doctor und ſagte: „Lieber, guter Doctor, hier ſteht, ich ſoll Ihnen vertrauen. Gewiß, ich vertraue Ihnen!— Nicht wahr, Sie helfen mir? Und mein Fuß braucht nicht ampu tirt zu werden?“ „Wollten Sie mir ihn zeigen?“ 150 „Während Marianne ſich zurecht ſetzte, um ver⸗ ſchämt und ängſtlich zugleich den Fuß, ſoweit ſie es für nöthig hielt, unter dem Kolter hervorzubringen, hatte der Arzt, in ſeinem böſen Gewiſſen von Hoß⸗ bachs Benehmen verwirrt und entmuthigt, ſich an die Stubenthür zurückgezogen, ſie geöffnet, und die lau⸗ ſchende Schappers herein gewinkt. Er flüſterte ihr einige Worte in's Ohr, worauf ſie ſich nach dem Tiſchchen am Bette ſtahl, um etwas heraus zu nehmen. Im Augenblicke wo ſie ſich damit fortſchleichen wollte, richtete ſich der junge Arzt von der Beſchauung des Fußes erſchrocken auf. Marianne rief voll Angſt: „Alſo doch, beſter Doctor, muß der Fuß doch—?“ Statt einer Antwort faßte Hoßbach die Schappers am Arme.—„Was verſtecken Sie da, Frau?“ fragte er heftig. Er entriß ihr eine blecherne Büchſe, prüfte den In⸗ halt und ſchalt: „Ha, das iſt die verfluchte Salbe die man hier an⸗ gewendet hat. Haben Sie dieſe verordnet, Doctor Fecht?“ „Ich?“ antwortete er mit angenommener, aber faſt athemloſer Unbefangenheit.—„Nein, nein, durchaus nicht, verehrter Herr! Ich bin hier überhaupt nicht der verordnende Arzt, ich. Die Kranke iſt bloß hier einge⸗ miethet— auf fremde Koſten.— „Gut!“ fuhr Hoßbach fort, indem er die Büchſe einſteckte.„Aber die Frau Stipizerin da ſcheint in einem 4 böſen Einverſtändniß. Es wird ſich finden mit wem. Jetzt ſchaffen Sie einmal auf der Stelle zwei Kranken⸗ wärter mit einer Portechaiſe herauf. Aber ſchnell,— — Beruhigen Sie ſich, Fräulein Weikart,“ ſprach er dann in milden Tone weiter,„und richten ſich ein, mit mir in den Gaſthof hinüber zu ziehen. Wir wollen Sie anders einmiethen, da Sie doch hier nur in Miethe ſind, und kein verordnender Arzt da iſt, wie eben der Herr Doctor erklärt hat. Sind Sie im Stand, Fräulein? Können Sie? Sind Sie gefaßt 1 genug?“. „O mit der Kraft der Erlöſung, der Hoffnung ver⸗ mag ich es, o Sie Bote der Rettung!“ „So kommen Sie, Doctor,“ wendete ſich der junge Mann an Doctor Fecht,„laſſen Sie uns hinaustreten, damit das Fräulein aufſtehe. Wenn Sie doch der ver⸗ ordnende Arzt nicht ſind,— Hülfe, oder eigentlich Abhülfe iſt dringend— ſo überlaſſen Sie mir nur einſtweilen die Kranke, bis der Mann kommt, der dieſe Salbe erfunden hat. Ich werde mich wegen meines Eingriffs rechtfertigen, und will mich recht gern über ein Mittel belehren laſſen, das eine vor— übergehende Krankheit durch eine neue, bleibende heben ſoll.“ A 152 Vor der Stubenthür ſprach ſich der junge Doctor noch nachdrücklicher, ja ſo entrüſtet aus, daß der ge— ängſtigte Arzt, um ſeiner Verwirrung zu entkommen, unter dem Vorwande die Portechaiſe zu beeilen, ſich auf⸗ und davon machte. Zweites Kapitel. Der Arzt als Patient. Die ſcheinbare Gefälligkeit des Arztes erwies ſich unerwartet als einen guten Dienſt. Denn Frau Schap⸗ pers hatte die Beſtellung einer Sänfte ganz unterlaſſen, und nichts Eiligeres zu thun gehabt, als ihre Siebenſachen zuſammen zu packen, um das Weite zu ſuchen, ehe ſie feſtgenommen würde. Sie war mit der Salbenbüchſe ertappt worden, der Arzt,„das Freundchen,“ hatte ſich ihr eben nicht ſehr entſchloſſen gezeigt, und ſo ſpiegelte ihr das böſe Gewiſſen die allernächſten Gefahren vor. Dem Arzte ſelbſt, der ſie bei dieſen Vorkehrungen zur Flucht auf ihrer Stube überraſchte, war ihr Vor⸗ haben ganz recht; indem er raſch erwog, daß man einer Entfernten, einer Entflohenen manches aufbürden könnte, was man ſelber nicht gern auf ſich nehmen möchte. Die 154 ihm unbekannte Vollmacht des jungen Mannes, die ihn zuerſt eingeſchüchtert hatte, ließ ihn jetzt auf alle mög⸗ lichen Ausflüchte denken. In dieſem Sinn einer Vorſorge für ſich ſelbſt war auch das Schreiben entworfen, das er der Frau Schap⸗ pers mitgab, und worin er ſeinen Freund, den Doctor Kohlhepp, von dem Ereigniß benachrichtigte. Im Gefühl ſeines unentſchoſſenen Benehmens übertrieb er das An⸗ ſehen und Auftreten des„aus der Reſidenz“ abgeordneten Doctors, und ließ deutlich genug merken, daß er ſelbſt im Fall einer Unterſuchung, alle Verantwortung auf ihn, als den verordnenden Arzt, ſchieben werde. Er ſtellte zugleich der zurückkehrenden Schappers Mariannens Brief an den Pfarrer Heimberger wieder zu, um ihn entweder an die Gräfin, oder nach Gutfinden an die Adreſſe abzuliefern, da es jetzt vielleicht gerathen ſei, ſich wieder beim Anhange des jungen Grafen in's Vertrauen zu ſetzen. Inzwiſchen war Doctor Hoßbach mit ſeiner Kranken im Gaſthof angekommen. Er ließ ihr ein ſtilles Zimmer im Gartenbau herrichten, und nahm eine nochmalige Unterſuchung des Uebels mit Rückſicht auf den Verlauf und die ſeitherige Behandlung deſſelben vor. Die ver⸗ dächtige Salbe war nicht in jener Apotheke bereitet worden, die im laufenden Quartale für das Landkranken⸗ haus dispenſirte, und Marianne hielt ſie auch für dieſelbe, 155 die der Arzt Kohlhepp verordnet und wahrſcheinlich ſelbſt bereitet hatte. Doch dieſe Angelegenheit konnte unſer Arzt nicht verfolgen: er hatte ſich nur ſeiner Kranken zu widmen. Marianne ſchien über ihren Zuſtand noch immer in einiger Beſorgniß zu ſein. Der junge Mann ſuchte ſie daher vor allem darüber zu beruhigen.„An Amputation iſt nicht zu denken,“ ſagte er;„im Gegentheil, ich hoffe eine baldige Herſtellung des Fußes zu bewirken. Ich bin noch zeitig genug eingetroffen, ehe der Zuſtand, der durch Reizmittel hervorgerufen worden, in's Schlimmſte ausgeartet iſt, worauf es ohne Zweifel abgeſehen war. Ein Zellengewebsbrand, eine Entartung der Haut war ſchon eingeleitet. Die noch friſche Entzündung ſoll bald gehoben ſein. Gute Pflege, geſunde Luft müſſen dann heilſam mitwirken. Ich werde mich heute noch nach einer ländlichen Wohnung umthun; denn ich rechne auf eine Molkenkur. Vor allem aber müſſen Sie ſelbſt, Fräulein Weikart, durch Gemüthserheiterung und Froh⸗ muth das Ihrige zur Geneſung mitwirken.“ „O lieber, beſter Doctor,“ rief Marianne mit freu⸗ diger Rührung,„die haben Sie mir ja ſelbſt ſchon mit⸗ gebracht. Sie ſind mir ja zuerſt als Seelenarzt er⸗ ſchienen, um mein Leiden ſo recht von innen heraus zu heben. Hier halt' ich Ihr erſtes Rezept, und— nicht wahr, Sie verlaſſen mich nicht wieder, Sie ſind mir zugeſchickt mich vor der Verfolgung einer böſen, böſen Frau zu ſchützen?“ Sie hielt ihm den mitgebrachten Brief Alberts entgegen, und erwartete nun mündliche Nachrichten von ihm. Der Doctor aber verſetzte kurz und etwas ver⸗ ſtimmt: „Beruhigen Sie ſich wegen Ihrer Verfolger! Die Schurkerei ſelbſt wird Ihnen zum Schutz: das auf— gebotene Pack wird ſich drücken, da es ſich ſelbſt vor der öffentlichen Gerechtigkeit zu fürchten hat.“ „O laſſen wir ſie unverfolgt, lieber Doctor!“ ant⸗ wortete Marianne.„Die Bosheit der Menſchen, wenn man ſie glücklich beſtanden hat, erſcheint,— wenigſtens mir, wie ein Verhängniß, an dem man ſich erbaut, aber keine Vergeltung ſucht. Ich habe in wenigen Tagen das Schmerzlichſte erlitten, nicht ſowohl am Fuß, als am Herzen, und ich habe damit, glaub' ich, noch eine gute Schulklaſſe des Lebens zu meinem Beſten zurück— gelegt. Aber nun—?“ Sie wollte jetzt ausdrücklich nach dem Grafen fragen: die befangene Miene, die ſuchende Unruhe des jungen Mannes aber ſchüchterte ſie ein. Sie blickte ihn lächelnd an, und erröthete. Vergebens aber erwartete ſie, daß er ihren Wunſch, ihr Verlangen errathen ſollte. Sie konnte nicht anders denken, als er ſei ihr vom Grafen zugeſchickt, und 157 en werde die wenigen Zeilen, die Albert in der Eile des Augenblicks zu ſeiner Beglaubigung hingeworfen, münd 8 lich zu ergänzen haben. Wie hätte ſie vermuthen ſollen, on daß der mit dem Schreiben des Grafen Gekommene -⸗ ihn perſönlich gar nicht kenne! Und noch weniger hatte ſie eine Ahnung von dem Widerſtreite der Empfindungen, ie in den der junge Mann eben verſetzt war. f Mariannens Erſcheinung, wenn auch günſtig er or wartet, hatte ihn doch durch ihre Eigenthümlichkeit überraſcht. Er hatte ſich an der Geliebten eines jungen t⸗ Grafen eine mehr in die Sinne fallende, reizende Schön⸗ in heit gedacht, nicht dieſen hohen, edeln Ausdruck, dieſen 18 ſeelenvollen Blick, dieſe Anmuth der Züge, dieſe Fülle er des Herzens in Ton und Sprache.— Kummer und en Krankheit hatten ſie allerdings angegriffen; aber gerade s Das wußte der Arzt in Abzug zu bringen, während er ne nicht bedachte, wie ſehr er ſelbſt, durch ſein freude— 3 bringendes Erſcheinen, jene innere Schönheit ihres Weſens erfriſcht hatte. en Karl Hoßbach war nicht unempfänglich für ſolchen 86 geiſtigen Zauber; ja im Hintergrunde ſeines jüngſt ver⸗ te ſchmähten Herzens lag eine Weichmüthigkeit, die ihn für ſolchen Seelenwerth noch reizbarer machte. Freilich auch um ſo empfindlicher für ein Verhältniß, wie er es zwiſchen Mariannen und dem jungen Grafen vor⸗ ausſetzte. Und indem er ſich bei dem guten Eindrucke, — ——— 158 den die neue Bekanntſchaft auf ihn machte, an die Gun Warnung Sidoniens erinnerte, verdroß ihn die günſtige wer Empfindung, die ihn bewegte, ſchon weil ſie ihm vor⸗ ſch ausgeſagt war, noch mehr aber durch die kränkende 11 Betrachtung, die dazu kam. un Er kannte Sidonien aus längerer ſtiller Beobach⸗ ple tung in ihrer vertrauenden Nähe. Ihr jüngſtes Be⸗ de nehmen gegen ihn hatte ihn auf die Vermuthung gebracht, ſie habe es in allem Ernſt auf den Grafen 9 Wallberg abgeſehen, ja ſogar angelegt, und gehe darauf aus, ihm die Bewerbung um ihre Hand dadurch zu d erleichtern, daß ſie ſeine Geliebte auf eine anſtändige he Weiſe unterbrächte. Ein junger Arzt für die Leidende ze ſchien der rechte Mann dafür,— der nächſte, beſte. Durch ihre neckiſche Warnung vor der liebenswürdigen Patientin hatte ſie ihre Abſicht auf ihn verrathen, indem ſie dieſelbe einzuleiten ſuchte. Dies empörte Karln um ſo lebhafter, als er ſich Sidonien auf mehr als eine Weiſe zu Dank verpflichtet fühlte und glauben mußte, ſie erwarte jetzt ſeinen Dank.— Und doch hatte ſie Recht gehabt mit ihrer Warnung. Wie ſehr fand er es zu bedauern, daß ein ſo liebreizen— des Geſchöpf durch ſeine Verirrung ſich der liebevollen Bewerbung würdiger Männer entzogen hatte!—— b Der junge Arzt kam fortan, je öfter er ſich mit Ma— riannen beſchäftigte, deſto lebhafter auf dies Bedauern 159 zurück, als müſſe er einig darüber mit ſich ſelber werden, ob ſie mehr zu verdammen oder mehr zu ent⸗ ſchuldigen ſei. Mit jenem wandelte ihn eine leiſe Wehmuth an, mit dieſem überkam ihn eine ſtille Angſt um ſich ſelbſt, und er erſchrak ordentlich, als ihm plötzlich die Bibelworte einfielen: Wer viel geliebt hat, dem wird viel vergeben.—— Unter ſolchen Betrachtungen ritt Nachmittags Karl Hoßbach auf dem Miethpferde des Gaſthofbeſitzers thal⸗ aufwärts nach dem Dorfe Heimbach, das ein Stündchen von der Stadt unter nordöſtlichem Ueberhang eines hohen Tannenwaldes lag. Hier herauf reichten einzelne zerſtreute Landhäuſer wohlhabender Familien, und im Dorfe ſelbſt waren Miethwohnungen für Diejenigen eingerichtet, die ohne ſolchen Beſitz doch während des Sommers einen ländlichen Aufenthalt liebten, oder aus Rückſichten der Geſundheit die friſchere Bergluft ſuchten. Etwas außerhalb des Dorfes, in einem kleinen Gras⸗ und Gemüſegarten hatte der junge Arzt ein freundliches Haus mit Stallung bemerkt, und vernahm im Wirthshauſe, daß es einer Witwe gehöre, die eben wohl zwei kleine Stuben zu vermiethen habe. Er fand an der Beſitzerin eine heitere, manierliche Frau, die ſich gebildet ausſprach, mit einem recht hübſchen Töch⸗ terchen im Confirmationsalter. Er brachte ſein Anliegen vor, und beſprach die Einrichtung für ſeine Patientin. Beſſer hätte er es nicht treffen können,— ſonnige Zimmer in freier Gartenluft, weibliche Pflege und Unterhaltung, die Milch einer Kuh und einer Ziege im 1 Stall und die Hausfrau ſelbſt mit der Zubereitung von Molken bekannt. So zufrieden über alles, was ſich zu ſeinem Zwecke 1 zuſammen fand, war unſer Doctor um ſo lieber ent⸗ 1 ſchloſſen, ſich ſelbſt auf die Dauer ſeiner ärztlichen Behandlung Mariannens im Orte niederzulaſſen, als die ganze Umgebung ihn lebhaft anmuthete,— die b baumreichen blühenden Obſtgärten, der weite Ausblick 1 in die Ebene, ein rauſchender Bach, der kryſtallhell von b den Bergen herabkam, und ſo manche ſeltene Pflanze, b die den Botaniker nach jenen Wäldern hinauf lockte. Marianne vernahm die Veränderung ihrer Lage, die ſchon« nächſten Morgen vor ſich gehen ſollte, mit getheilter Zufriedenheit. Ja, wenn ſie in Heimbergers Gartenhaus hätte einkehren können! Sie ſah aber ein, daß die Reiſe dorthin jetzt noch nicht gewagt werden durfte und daß es in ihrem neuen Glück unbeſcheiden ſei, auch ſofort alles Wünſchenswerthe zu verlangen. Für dieſe Ergebung aber nahm ſie ſich den Muth heraus, die Koſten ihres Aufenthaltes zur Sprache zu bringen und nach den Aufträgen des Arztes zu fragen. Alberts Zeilen waren ihr bei wiederholter Betrach⸗ das Fragezeichen am tung aufgefallen. Auf der Adreſſe 161 Platze des Ortsnamens, und die mit Bleifeder hinge worfene Aufforderung, ihren Aufenthaltsort dem Pfarrer Heimberger zu ſchreiben, regten ihr unbeſtimmte Zweifel auf, hinter denen ihr nun auch des Doctors Benehmen gegen ſie befremdend vorkam; indem er es bei aller zarten Behandlung doch, wie ſie meinte, an jenem Reſpecte fehlen ließ, den ſie als Verlobte des Grafen von einem Abgeordneten deſſelben erwarten durfte. Er ſchien ſie dafür nicht zu kennen, und von ihrer Stel— lung weniger, als ſie ſelbſt,— von ihrem Aufenthalte jedoch mehr, als der Graf zu wiſſen. Dieſer Wider⸗ ſpruch machte ſie ſo befangen, daß ſie, ohne Albert zu nennen, ganz im Allgemeinen nach den Aufträgen fragte, die— der Doctor an ſie habe. Dieſe Frage trug einen Theil der Verſegenheit, aus der ſie kam, auf den Befragten über. Estlag, wie er wußte, in Sidoniens Abſichten, daß die Kranke möglichſt wenig vom Grafen erfahre und nur mit ihr ſelbſt in Bezug ſtehen ſollte. Allein die innige Theilnahme, die er für Marianne gefaßt hatte, trieb ihn an, wahr gegen ſie zu ſein, wenn auch eben nicht weiter, als es ihre Frage verlangte. Er mußte ihr alſo geſtehen, daß er vom Grafen ſelbſt keine Aufträge habe, ſondern von der Tochter des Miniſters Bruchleben, der Baroneſſe Sidonie, geſchickt ſei, die— er wiſſe ſelbſt nicht woher — die Lage und den Zuſtand Mariannens kenne.— Koenig, Marianne. II. 11 162 Und nun konnte er freilich nicht unbemerkt laſſen, daß es zu den Eigenheiten dieſer ſo vielfach ausgezeich⸗ neten jungen Dame gehöre, aus Allem, was Andere intereſſire oder beunruhige, ein Geheimniß zu machen; daher ſie denn wahrſcheinlich auch den Herrn Grafen Wallberg aus bloßem Muthwillen in Ungewißheit über die Gouvernante ſeiner Schweſter halte. 8 71— Marianne lebhaft erregt ein.„Der Graf hat uns vor ich weiß von dieſer„Zauberin Sidonie“!“ fiel ſeiner Abreiſe nach der Reſidenz bei Pfarrer Heimberger von ihr erzählt. Aber— daß nun auch er, der ſie kennt, mit ſich ſpielen läßt, ſogar wo es mich gilt—? Mich — Sie ſcheinen nicht zu wiſſen, beſter Doctor, daß ich des Grafen Verlobte bin und daß unſer Verlöbniß von Alberts würdigem Erzieher, dem Pfarrer Heimberger eingeſegnet iſt. Das iſt es ja, warum ich von der leiden⸗ ſchaftlichen Gräfin ſo verfolgt werde.“ Dieſe Mittheilung, mit ſo edelm Bewußtſein aus geſprochen, verwirrte im erſten Augenblicke den jungen Mann. Er verneigte ſich ehrerbietig, als ob er für ſeine falſche Vorausſetzung über ihr Verhältniß zum Grafen Abbitte thun müſſe. Zugleich überkam ihn ein wunder⸗ barer Wechſel von Freude, daß er ein ſo liebenswürdiges Mädchen nun auch ſchuldlos finde, und von Leid, daß ſie ihm dadurch fo fern gerückt war. Wie viel träumende 163 Hoffnung ſchwand ihm damit hin, daß er ihr nichts mehr zu verzeihen hatte! Ehe er ſich recht faſſen konnte, ſprach Marianne weiter: „Ich werde nun aus meiner ländlichen Wohnung an Albert ſchreiben. Warum den Umweg durch Heim⸗ berger? An Den habe ich eben erſt geſchrieben, und er kennt mithin meinen Aufenthalt. Seien Sie nur ſo gut, beſter Doctor, und beſtellen auf der Poſt, daß die Briefe an mich nicht etwa in's Landkrankenhaus kommen!“ „Thun Sie das nicht, Fräulein Weikart,“ bat der Doctor,„ſchreiben Sie nicht! Der Herr Graf hat gewiß ſeinen Grund, warum er Sie an den Pfarrer verweiſt. Er hat nämlich in geheimen Angelegenheiten der Prinzeſſin Mathilde auf des Königs Wunſch oder — Befehl, wenn Sie wollen, eine Sendung über⸗ nommen, und iſt vielleicht ſchon abgereiſt. Oder er wünſcht auch lieber Ihre Briefe durch den Pfarrer, als durch die Hände der Baroneſſe zu empfangen. Sie iſt nämlich die Unterhändlerin in dem geheimen Geſchäft; von ihr bin ich geſendet, und habe ihr umſtändlich über Sie, mein Fräulein, und über Ihren Zuſtand zu berichten. Das thue ich nun morgen, und wir warten das Weitere ab. Gönnen Sie immerhin der Baroneſſe, zu ihren ſo herrlichen Gaben und Reizen, die kleine Eitelkeit des Geheimthuns gegen den Grafen, in deſſen Augen ſie 11* gern etwas gelten möchte, oder dem ſie ſich aufmerkſam erweiſen, oder den ſie mit Ihren Leiden nicht betrüben will. Ohne Zweifel kennt ſie auch das Verhältniß des Herrn Grafen zu Ihnen, wovon ſie mir nichts geſagt hat. Die Befangenheit womit er dies—„Ohne Zwei— fel“ vorbrachte, ſetzte Mariannen erſt recht in Zweifel. Unbeſtimmte Befürchtungen regten ſich bei dieſen Mit⸗ theilungen in ihrem Herzen, und gaben der Aeußerung des Arztes— Albert wünſche vielleicht ihre Briefe nicht durch Sidoniens Vermittlung zu erhalten— einen be— ängſtigenden Sinn. Die Empfindung, Albert könne, wenn auch nur aus Rückſichten höfiſcher Klugheit, ſeine Verlobung verſchweigen, und ſich in jenen adlichen Krei⸗ ſen, wenn auch abſichtslos, für eine wünſchenswerthe Partie gelten laſſen, zog wie ein großer Schmerz durch ihre Bruſt. Sie hatte ſo viel gelitten; ſie fühlte ſich ſo verlaſſen, daß ihr ſonſt ſo heiteres, unbefangenes Herz Beſorgniſſe faſſen konnte, für die es früher keinen Raum gehabt hätte. Dieſer heimliche Schmerz ſchien ſich bei ihr auf die Dauer einrichten zu wollen. Wenigſtens ſetzte er ſich mit ihr in die Sänfte, in der ſie am andern Morgen das ſchöne Thal hinan gen Heimbach und in die länd— liche Wohnung der Frau Lehmann gebracht wurde. Drittes Kapitel. Bekenntniſſe und Vorſätze. D 2 er erſte Bericht des jungen Arztes an Sidonien traf eben bei ihr ein, als Graf Albert von einer Be⸗ rathung mit dem Miniſter herübergekommen war, ſie ſtatt des Vaters in die Oper zu begleiten. Sie wußte von dieſem Beſuche voraus, und empfing den Erwarte⸗ ten heiter in vollem Putze, als kurz hinter ihm ein Diener eintrat, und den Brief überreichte! Sie er⸗ kannte Karls Handſchrift, nannte den Schreiber zur Entſchuldigung, daß ſie das auch für den Grafen wich⸗ tige Schreiben alsbald erbrach, und warf unbedachter⸗ weiſe den Umſchag auf das Sophatiſchchen. Albert, in Erwartung ihrer Mittheilung, nahm nach einer Weile, mehr aus Unruhe als Abſicht, das Cou— vert unvermerkt auf, betrachtete das Siegel, die Adreſſe und dem Poſtſtempel. So erfuhr ρ r durch Zufall, was 1 166 man ihm bisher ſcherzweiſe verheimlicht hatte, und rief erſchrocken und ſich ſelbſt vergeſſend aus: „Nienſtedt? Wer iſt— bei wem in Nienſtedt? Um des Himmels Willen! man hat doch Mariannen nicht gar ins Landkrankenhaus gebracht?“ Sidonie, aufblickend, ſah das Couvert in ſeinen Händen und erkannte ihre Unbedachtſamkeit, fühlte aber noch lebhafter mit, was in der Seele des Grafen vor ging, und ſprach, nicht ohne wirkliche Theilnahme: „Mein Gott, daß Sie nun doch noch erfahren müſſen!— Aber, Sie können ſich völlig beruhigen, lieber Graf: in dieſem Augenblick iſt Marianne nicht mehr in dem unglücklichen Hauſe. Doctor Hoßbach hat ſie— meiner Weiſung zufolge, ſofort noch in der Stunde ſeiner Ankunft, aus der Anſtalt genommen, und ſchreibt mir da eben, wie angenehm und zu ihrer Zufriedenheit er ſie in einem heitern und geſunden Gebirgsorte, bei einer gebildeten Witwe, auf einem traulichen Gartenſitze untergebracht hat. Die Beſitzerin leiſtet ihr Pflege und Geſellſchaft, und Karl verordnet eine Molkenkur. Alles geht vortrefflich, und er ver⸗ ſpricht eine baldige, völlige Herſtellung. Von Alberts nachdenklichem Schweigen beunruhigt, ſetzte ſie hinzu: „Ich konnte mir denken, mein theurer Freund, wie ſehr der fatale Mißgriff Sie ſchmerzen würde. 167 Nun ſehen Sie auch ein, warum ich Ihnen ein Ge⸗ heimniß aus dem Aufenthalt machte, und die Abreiſe meines Doctors ſo beeilte. Wahrlich, lieber, herzlicher Mann, ich zaubere und geheimniſſe nicht immer ohne Herz! Glauben Sie mir!“ 5 — 21— Hand ſchüttelnd,„Sie ſind gut und herrlich! Und nein, Sidonie!“ antwortete er, ihre dargebotene doch,— laſſen Sie mir den Troſt, daß Sie einen unmerklichen Zauber üben: denn ich begreife ſonſt nicht, wie ich unter Ihrem früheren Zuſpruche die Entfüh⸗ rung Mariannens ſo leicht nehmen, mich ſo leicht be— ruhigen konnte, und daß mein Herz ſo ganz von jeder Ahnung ihres Mißgeſchicks verlaſſen war. Ql die arme, mißhandelte Marianne! Und nun bin ich in dieſe Ge⸗ ſchäfte, in dieſe meinem Herzen ſo fremde Geſchichte verwickelt! Ja, geſtehen Sie mir nur, Sidonie,— dies Hofceremoniel, dieſe verwünſchten Faxen ſind ganz dazu gemacht, unſere Seele aus ihrer Innerlichkeit, aus allen Berührungen mit verwandten Seelen her⸗ aus zu reißen, um uns auf der Oberfläche des Lebens zu zerſtreuen und ſo abzuhetzen, daß wir uns am Ende in den Albernheiten, ſogar noch gefallen. Doch, Ver⸗ zeihung!— Was ſteht denn für mich in dem Briefe des Doctors? Und iſt denn kein Beiſchluß für mich—?“ Nach einem Blick der Ueberlegung in den Brief antwortete ſie: 168 „Ja, doch! Eine Entſchuldigung: Karl hat den Umzug ſehr beeilt, und die Kranke war auch zu er— müdet. Unſer beſorgter Doctor hat ihr alle Beruhi⸗ gung Ihretwegen, lieber Graf, gegeben, und wünſcht auch, ihr jede Gemüthsbewegung zu verhüten. Nur bei innerer und äußerlicher Ruhe kann ſie.—“ „Aber, mein Gott! iſt denn das Uebel ſchlimmer geworden?“ fiel Albert ein.„Der Wallberger Arzt war ja gar nicht beſorgt, und der Fuß auf dem be— ſten Wege! Wie hätt' ich denn ſonſt ſo ruhig bleiben können? Hat man mich denn wirklich nicht getäuſcht, Sidonie? Nein, ich darf nicht länger ſo—; ich muß Gewißheit haben, ich muß ſelber ſehen! Keine Prin— eſſin der Welt ſoll mich— Verzeihen Sie, Sidonie, a fällt der Landjunker heraus! Aber, es geht ſchon, liebe Baroneſſe. Ich reiſe gleich morgen, über morgen, und nehme den Umweg über Nienſtedt. Auf ein paar Tage kommt's nicht an, und mit meiner Thätigkeit bringe ich die Zeit wieder ein! Nicht wahr, ſo geht's?“ Dieſer Entſchluß verſchlug gegen alle Abſichten Sidoniens, er drohte all' ihre Entwürfe, ihr ganzes Verfahren zu zerſtören. In ihrer Empfindlichkeit über Alberts Aufwallung für Mariannen war ſie entſchloſ⸗ ſen, ſeinen Beſuch, was es auch koſte, zu hindern. Sie ſah aber im Augenblicke keinen andern Weg, als 169 gerade mit Dem hervorzutreten, was ſie dem Grafen zu verheimlichen ſich eben, unter der Leſung des Briefes, entſchloſſen hatte; wie Gift unter Umſtänden als Heil— mittel dient. „Allerdings, lieber Graf,“ ſagte ſie mit Ueberle— gung,—„zu Ihrer Beruhigung, wenn Sie ſolche noch nöthig hätten, wäre es das Beſte, was Sie thun könn— ten. Auch würde es wohl der Kranken ſo viel nicht ſchaden, als unſer junger beſorgter Arzt zu fürchten ſcheint. Den neuen Zufluchtsort, den Karl vor lauter Eifer nicht nahmhaft gemacht, der aber wohl nicht gar zu weit von Nienſtedt entfernt ſein wird, könnten Sie beim Landkrankenhausarzt erfragen, wenn nicht—. Aber gerade da ſtehen wir vor einem ſehr fatalen— Wenn nicht. Sie können den Landkrankenhausarzt nicht ſehen, nicht ſprechen.— Sehen Sie mich nicht ſo zweifel— haft an, mein theurer Freund. Wenn ich Ihnen wie⸗ der geheimnißvoll ausſehe, ſo iſt es mehr der Eindruck den das eben aus dem Brief entnommene Geheimniß auf mich ſelbſt gemacht hat, als den ich auf Sie machen will. Ich möchte es Ihnen erſparen, beſter Graf,— aber Sie ſollen mir nicht noch einmal ſagen, daß ich Sie täuſchen könnte. Keine Entſchuldigung, Albert! Ich begreife Ihre Theinahme an dem unglücklichen Mädchen, und bin für ſolches Mißtrauen nicht empfindlich. Sie würden es mir aber auch nie vergeben, wenn ich Sie tillſchweigend jenen Schurken von Arzt ſehen und freund⸗ 1 9) 5 3 lich befragen ließe. So erfahren Sie denn vor allem F das leidige Geheimniß! Ihr Arzt in Wallberg hat ſich t gewinnen laſſen, den erkrankten Fuß der Gouvernante durch giftige Mittel unheilbar und zu einem entſtellen— u den Gebrechen zu machen. Ich habe es nicht glauben b wollen, nicht begreifen können: was hat denn das arme ſ Mädchen, das doch in ſeinem Berufe ſoviel Befriedigung gab,— was hat es nur verbrochen, daß man ſo rach⸗ 1 ſüchtig gegen es verfährt? Aber es iſt ſo; der Arzt be— 1 ſtätigt es hier in ſeinem Bericht. Er hat den Land⸗ 5 krankenhausarzt überraſcht und ſogar die Salbe vorge⸗ funden, die man angewendet hat.“ m Albert, ganz entſetzt, hatte ſich erhoben: er wollte auf der Stelle fort,— dorthin. Auch Sidonie war aufgeſtanden, um ihm einzureden, ihn zu halten. Sie hatte ſeine Unzufriedenheit über ihre etwas unfreiwillige Mittheilung erwartet, und ſah ihn vielmehr von der Sorge um Mariannen hingeriſſen. Statt ſeiner Vor⸗ würfe empfing ſie ihre Strafe, und mit dieſer Empfind⸗ lichkeit ſprach ſie weiter:— „Was wollen Sie thun, beſter Graf? Wo denken Sie hin! Kommen Sie zur Ueberlegung, lieber, edler Freund! Wollen Sie das Verbrechen verfolgen, daß ich Ihnen entdeckt habe? Bedenken Sie, von wem es aus— gegangen, und welche Rückſichten Sie für die Anſtifterin gung rach⸗ vollte war haben! Ich brauche ſie Ihnen nicht zu nennen. Der Frevel iſt glücklicherweiſe nicht gelungen: um ſo vorſich— tiger haben Sie den Verſuch des Verbrechens zu behan— deln. Oder— wollen Sie bloß der unglücklichen Gou— vernante zu Hülfe kommen? Sie iſt ja geborgen, in der beſten Behandlung, auf dem Wege zur Geneſung. Und ſie darf auch, um ihrer Geneſung, ja um ihres Her— zens Willen, nichts von dem böſen Verſuch und— wer ihn angeregt hat erfahren.— Kommen Sie, ſetzen wir uns! Ich habe gehofft, das arme Mädchen ſollte ganz hergeſtellt ſein, ehe ich Ihnen von dieſer Betrübniß etwas mitzutheilen nöthig hätte. Nun iſt es ſo gekom— men, und es iſt auch gut. Ich wenigſtens ſehe Sie mit deſto freierem Herzen reiſen, und auch Sie können das jetzt. Sie werden von meinem Vater gehört haben, daß die Angelegenheit der Prinzeſſin dringender gewor⸗ den iſt. Prinz Alexander ſteht in beſonderer Gunſt der Kaiſerin von Rußland und ehe die hohe Frau zum wie— derholten Gebrauche des Wildbades eintrifft, ſoll dieſe Heirathsangelegenheit, für die ſie lebhaft eingenommen iſt, politiſch geordnet ſein. Mithin bleibt Ihnen auch keine Zeit zu einem Abſtecher nach Nienſtedt und wei⸗ terhin. Was würde der König dazu ſagen, wenn Sie um der freundlichen Theilnahme für eine Gouvernante willen einen Ehrenauftrag des beſondern Vertrauens auch nur um einen Tag hintanſetzen wollten? Albert hatte nachdenklich ſeinen Sitz wieder einge⸗ nommen. Nach einer Weile der Ueberlegung ſagte er: „Ich danke Ihnen, Baroneſſe,— liebe Sidonie! Sie haben Recht, und ſind glücklicherweiſe der Umſtände beſonnener, als ich es eben ſein konnte. Es wäre auch undankbar von mir, wenn ich mich bei Ihrer liebens⸗ würdigen Fürſorge für Marianne nicht beruhigen wollte. Ich verſtehe zwar recht gut, wie Sie es damit meinen: Sie denken bloß, mich in einer Ehrenſchuld gegen die von— der Gräfin Wallberg mißhandelte Gouvernante zu erleichtern— aus Intereſſe für Ihre Prinzeſſin. Ich bin aber ſo gerührt davon, als ob Sie es aus reiner Freundſchaft für mich gethan hätten. Und nun hoffe ich Sie auch für dieſen Beweggrund noch zu ge⸗ winnen, wenn ich Sie im herzlichſten Vertrauen mit meinem perſönlichen Verhältniß zu Mariannen bekannt mache. Wie die Sachen jetzt an unſerm Hofe liegen, die Anſichten, die Beſtrebungen unſeres„chriſtlichen“ Adels, habe ich um meiner Ruhe und meines Auftrages willen ein Geheimniß daraus gemacht. Wiſſen Sie aber, was ich dem Könige ſagen würde, wenn ich mich, wie Sie vorhin den Fall ſetzten, wegen meiner Theil— nahme für Marianne zu verantworten hätte? Majeſtät, würde ich ſagen, dieſe Theilnahme gilt nicht der gewe⸗ ſenen Gouvernante meiner kleinen Schweſter: ſie gilt meiner Verlobten, der künftigen Gräfin Wallberg. Und inen: die ante eſſin. egen, chen“ rages 173 es wird dem Abgeordneten der Prinzeſſin Mathilde nicht ſchaden, wenn er die Sorgen der Liebe kennt.“ Lächelnd und mit einer Bewegung beider Hände, die ſoviel bedeutete, als: Da haben Sie's, ſo iſt es, meine ſchöne Baroneſſe! verneigte er ſich gegen Sidonien. Sie konnte ihm kaum und nur gezwungen entgegen lächeln. Denn obgleich das Bekenntniß des Grafen, ſein vermeintliches Geheimniß, für ſelbſt keines war, ie und ſie ſehr wohl wußte, daß Marianne gerade um dieſes Verhältniſſes willen verfolgt wurde: ſo fand ſie ſich doch durch Alberts Erklärung auf eine ſchmerzliche Selbſttäuſchung zurückgewieſen, die ſie ungewöhnlich beſtürzt machte. Nicht ohne Abſicht hatte ſie bisher von Mariannen nie anders, als in Bezug auf die untergeordnete Stellung und dienſtbare Zukunft derſelben und in den Ausdrücken —„das liebe Mädchen“,„die arme Perſon“, die un⸗ glückliche Gouvernante“ u. dgl. geſprochen, und daß Graf Albert ſo beharrlich dazu geſchwiegen, hatte ſie mehr und mehr in der Erwartung beſtärkt, er fühle ſich in ſeinem„übereilten“ Verhältniß zu ihr heimlich beſchämt, die Verbindung mit einer übel behandelten Gouvernante ſei ihm bereits ſo ziemlich verleidet, und er werde ſie löſen, ſobald er ſich für den öffentlichen Dienſt beſtimmt habe. Statt deſſen hatte er ſich eben mit einer Entſchiedenheit zu ihr bekannt, die für Sidonien — keine Täuſchung und keine Erwartung mehr übrig zu d 7 5 laſſen ſchien. Sie konnte ihre Empfindlichkeit kaum verbergen, und fand zur Erwiderung nur ein erheucheltes Staunen.—„Was Sie mir ſagen, beſter Graf?“ rief ſie aus.„Marianne Ihre Verlobte? Ernſtlich ge⸗ meint? Ohne Uebertreibung Ihres Mitleids mit der unglücklichen Gouvernante?“ „Ja, liebe Baroneſſe!“ lächelte er mit dem anmuthigen Zuge von Ironie um den Mund.„Denken Sie— ganz im Ernſt, ohne Mitleid für Marianne, aber nicht ganz ohne Uebermuth in meinem Glück! Aber Sie wiſſen ja, und Sie mehr als Manche, liebe Sidonie, daß es Dinge gibt, die geſellſchaftlich ſo unbegreiflich erſcheinen, als ſie menſchlich nahe liegen. Solch' ein Wunder, liebe Freundin, iſt in dieſem Frühjahr, auf dem ſtillen, reizenden Schloſſe Wallberg, zwiſchen einem ganz gewöhnlichen Grafen und einer ſehr ungewöhnlichen Schulmeiſterstochter vom Himmel gefallen. Unſere Frommen, denk' ich, werden es gelegentlich eines Bet⸗ und Bußtages anerkennen. Ich kann Ihnen jetzt nicht erzählen, wie das ſich ſo gemacht hat. Ein andermal! Auch müßten Sie Mariannen kennen—“ „O ich bin höchſt verlangend,“ fiel ihm Sidonie in's Wort, obſchoͤn ich ſie eigentlich in der Einſamkeit und in der Beleuchtung Ihres ländlichen Schloſſes mit dem Herzen eines vom Frühling erregten Männerherzens g zu kaum eltes rief 175 kennen lernen müßte, um das Wunder gründlich zu be⸗ greifen; wenn es nicht etwa frevelhaft wäre, ein Wunder begreifen zu wollen. Inzwiſchen, lieber Albert, gebe ich Ihnen Alles zu, auch daß wir das Verlöbniß vorerſt noch in ſeine Heimlichkeit eingewickelt laſſen,— dieß ſchon wegen Ihres Auftrags für die Prinzeſſiin. Der König, wiſſen Sie, iſt witzig, und könnte leicht eine überraſchende Beziehung darin finden, daß zwei Liebende über eine Herzensangelegenheit in ſo verſchiedener Rich⸗ tung zuſammen kommen,— ein junger Graf, der ſich zu einer Gouvernante herabläßt, und ein Prinz, der über ſeine Apanage hinaus liebt.“ „Ah, wie fein bemerkt, Baroneſſe!“ rief Albert. „Doch glaube ich nicht die geringere Rolle dabei zu ſpielen: ich heirathe nicht unter Protection einer hohen Gebieterin, und habe mich keinen Bedingungen zu unter⸗ werfen; ich bin mein eigener König in der Verhandlung wegen meiner Heirath, und die vermittelnde Zauberin iſt meine Verlobte ſelbſt.“ „Laſſen wir Das, lieber Graf!“ verſetzte Sidonie. Sie hatte raſch überlegt, daß ſie es doch nicht zu einem Bruche mit ihm dürfe kommen laſſen, und daß ſich vielleicht noch ein Weg zu ihren Abſichten finde, wenn ſie ſich ſein Vertrauen zu erhalten wiſſe. In dieſem Sinne ſprach ſie weiter: „Wenn Sie mich nun auch von Ihrem Bekenntniß — 176 überraſcht geſehen haben,— geſellſchaftlich über— raſcht, ſo müſſen Sie mir doch zugeſtehen, daß mir die Sache Ihrer Marianne„menſchlich nahe“ gelegen hat. Nicht wahr, und meine Verwunderung wird mich nicht um Ihr ferneres Vertrauen bringen?“ „Gewiß nicht, Sidonie!“ antwortete er.„Sie haben es vielmehr verdoppelt, und ich reiſe nun ruhiger mit meiner Sendung. Und— nicht wahr, ich weiß nun auch alles, was Mariannens Lage betrifft? Geben Sie, wie wir jetzt Vertrauen gegen Vertrauen ſtehen, unſerer Freundſchaft das Vorrecht, daß Sie gegen mich Ihren Zaubermantel ablegen und ſich mir im Hauskleid Ihrer natürlichen Liebenswürdigkeit zeigen!“ „Nun ja!“ lachte ſie.„Da ich Sie durch Ihre Marianne ſo gefeit weiß, darf ich Sie ſchon der Gefahr meiner hinreißenden Liebenswürdigkeit ausſetzen. Aber, ernſtlich, lieber Freund, beruhigen Sie mich darüber, daß Sie mich in meiner Kinderei mit Geheimthun nicht verkennen. Gerade Sie nicht! Einem glücklichen ſo Bräutigam darf ich ſchon geſtehen, daß Sie der erſte und einzige Mann ſind, von dem ich mit meinem ganzen ſuchenden, unbefriedigten Herzen verſtanden ſein möchte. O ich ſpiele ja nur mit dieſen hohlen Nüſſen unſerer Geſellſchaft, die aiweilen— zu einer Chriſtbeſcheerung — mit Goldſchaum belegt ſind; zaubere aus Verzweif⸗ lung, mit meiner verlangenden Seele nirgends, nirgends über r die legen mich haben rmit nun Heben tehen, mich über, nicht lichen erſte anzen öchte. eine Bezauberung zu erleben! O gönnen Sie, theurer Albert, neben Ihrer Marianne ein kleines, allerkleinſtes Plätzchen Ihres edeln Herzens der klagenden Freundin Sidonie!“ Sie warf ſich, in Thränen ausbrechend, an ſeine Bruſt. Die bänglichſten Empfindungen durchrieſelten ihn, wie er die zarte, aber feſte Sylphidengeſtalt in ſeinen Armen hielt. Er bedachte nicht, was er alles empfand, und ſprach, und Sidonien fühlen ließ, daß er wirklich nur durch ſeinen Bund mit Mariannen vor ihrem Zauber geſchützt ſei. Sie ſchlug das große, dunkle Auge feuchtglänzend zu ihm auf, und indem ſie ſich nach ſeinem Mund emporſtreckte, flüſterte ſie: „Gehn wir nun noch in die Oper, Albert?“ Die Frage kam ihm wie eine Loſung, ſich von ihr los zu machen, indem er ſagte: „Ich denke doch! Die Mozart'ſchen Melodien, das prächtige Finale werden uns wohlthun und beruhigen.“ Sie ergab ſich raſch auch darein, ob ſie gleich er wartet hatte, er werde lieber bleiben wollen. Sie be⸗ ſann ſich, welches Aufſehen es machen werde, wenn ſie ſo ſpät, mit dem Grafen allein, in die Loge träte. Nach der Niederlage, die ihr hoffendes Herz erlitten, fand ſie wenigſtens einigen Erſatz in dieſem täuſchenden Triumph. Und ſie hatte ſich nicht verrechnet, als ſien die Lorgnetten zählte, die aus allen Logen wiederholt und Koenig, Marianne. II. 12 178 umher geliehen auf ſie und den Grafen gerichtet wurden. Dieſe günſtige Lage durch anſchmiegende Vertraulichkeit auszubeuten, verſtand Sidonie und dachte daran.— „Hören Sie, Graf Albert,“ ſagte ſie im letzten Zwiſchen⸗ akte, Eines fällt mir nun noch ſehr auf's Herz. Da ich mir jetzt die lebhafteſte Vorſtellung von einem bür gerlichen Mädchen mache, das einen Grafen Wallberg aus allen Vortheilen und Vorurtheilen ſeines Standes heraus und an ſich ziehen konnte: ſo bangt mir recht um unſern jungen, liebenswürdigen Doctor. Sein Herz iſt zumal für ſolchen Zauber in der empfänglichſten Stimmung. Er hat von ſeiner ſchwärmeriſch Geliebten kürzlich einen Korb bekommen,— einen ganz kleinen Korb, der ihn wahrſcheinlich an den Brodkorb ſeines ſchmalen Einkommens erinnern ſollte, der aber groß genug iſt, um ein anderes, liebenswürdigeres Herz hin— ein zu legen. Und nun bringe ich den guten, ſeelenvollen Burſchen in die zarteſte und vertrauteſte Berührung mit einer erſten und einzigen Patientin. Er iſt aller dings ein ehrlicher, einnehmender und gebildeter junger Mann, dem die liebenswürdigſte Frau zu wünſchen wäre. Aber freilich— Marianne—?“ Sie ſah den Grafen lächelnd an; aber Albert lächelte nur wie mitleidig. Dies verdroß Sidonien, und ſie ſagte: „Etwas Gutes wird es doch haben, wenn er ſich verliebt: er wird ſich um ſo mehr angelegen ſein laſſen, chen Da bür lbberg indes recht Herz hſten ebten einen eines groß hin vollen jrung aller unger ſchen 179 Marianne von ihrem ſchlimmen Fuße herzuſtellen, um deſto eher auf guten Fuß mit ihr zu kommen!“ Dieſer leichtfertige Witz zuckte wie ein Dolchſtich durch Alberts Seele. Er wendete ſich mit einer Bewe⸗ gung des Unwillens ab. Indem er nun aber in dieſer Verſtimmung ſich den Eindrücken der Muſik und des Geſanges hingab, fand er doch die wohlthuende Beru— higung nicht, die er ſich verſprochen hatte; vielmehr wurde von dem melodiereichen, melodienwechſelnden Finale ſein träumendes Herz wie ein ſteuerloſes Fahrzeug hin und her getrieben.— Es war keine Eiferſucht gegen einen ihm unbekannten Mann, was er über Sidoniens Mit⸗ theilung empfand; dennoch ſchlich ſich die Betrachtung bei ihm ein, Marianne, durch ihre Leiden herabgeſtimmt, von den Verfolgungen ſeiner Stiefmutter empört oder ermüdet, könnte ſich nach einem ſtillen, friedlichen Lebens⸗ kreiſe ſehnen, oder wohl auch aus dem alten Stolze der Schulmeiſterstochter von Nettlingen die dargebotne Hand eines bürgerlichen Arztes ergreifen, um— von jugend⸗ lichen Träumen, von hochgetragenen Empfindungen zu geneſen. Seine Liebe ward zu einem tiefen Schmerze bei dem Gedanken, Marianne, in ihrer traurigen Ver⸗ bannung, könnte ſie für einen Irrthum des Herzens halten.——— Was ſollte er aber thun? Pflicht und Ehre nahmen ihn und ſein rächſes Handeln in Anſpruch; Marianne 12* 180 mußte ihr Leiden durchkämpfen. Wer konnte es ihr auch abnehmen? So hielt er zuletzt an der Betrachtung feſt, nur die bewährte, in ſich ſelbſt befeſtigte Liebe Marian⸗ nens könnte ihn unter allen Wandlungen des Lebens G beglücken, er ſelbſt aber auch nur durch unbedingtes Vertrauen zu ihr ſolche Treue verdienen.——— Es blieb ihm nun nichts übrig, als Mariannen der weitern 1 Fürſorge Sidoniens zu überlaſſen. Die bizarren, zu weilen verletzenden Einfälle und Stimmungen der unbefriedigten Freundin ſollte ihn an ihrer ſchon be⸗ wieſenen edeln Geſinnung nicht irre machen. Uebrigens war ſie ihm ja um der Angelegenheit willen, die er durch ihre Vermittlung übernommen hatte, verpflichtet. Dieſen Aufträgen wollte er ſich nun mit aller Hin⸗ gebung widmen, und damit alle öffentlichen Verpflich⸗ I d tungen für immer abtragen, um dann für immer ſich ſelbſt und Mariannen anzugehören. Daß er von Heimberger noch keine Nachricht hatte, befremdete ihn. Er konnte ihn nun aber ſelbſt auf die Spur von Mariannen bringen, und nahm ſich vor, es gleich morgen zu thun. So fielen ſeine beruhigenden Vorſätze zuletzt doch mit den Sch hlußaccorden des Finale zuſammen, und er brachte mit Faſſung und ziemlicher Heiterkeit Sidonien in ihre Wohnung zurück. auch Viertes Kapitel. Ein Beſuch. Inzwiſchen hatte Mariannens Zuſtand ſich um vieles erheitert. Ihr Leiden war fühlbar auf dem Wege der Beſſerung, wozu alles umher beitrug.— Die Frühlingsſonne beſchien das Haus von der Mit⸗ tag⸗ und Abendſeite; durch die Fenſter drang eine friſche, belebende Luft, bald über blühende Stauden, Obſt⸗ und Zierbäume, bald mit der Würze der Wäl⸗ der vom Gebirge her, in ihre Zimmer; das Bild der Landſchaft breitete ſich reich unter ihren Blicken aus, dorthinab in die Weite, hier am Höhenzuge hin, und erweiterte oder erhob das Gemüth. Alles dies unter⸗ ſtützte die Mittel des Arztes, die unter der Pflege und Unterhaltung der Hauswirthin auf das Beſte an— ſchlugen. — — —— — 182 Zu den ſchönen Gaben, die— möchte man ſagen — eine günſtige Fee in Mariannens Wiege gelegt hatte, gehörte der abſichtloſe Zauber, bei lieben Menſchen, wie wir es ſchon bei Heimberger geſehen, ein raſches Vertrauen zu erwecken. So ward ihr auch jetzt die ländliche Hausfrau nach wenig Stunden mit der freundlichſten Offenheit zugethan, obgleich es ſonſt nicht im Weſen der Frau Thereſe Lehmann lag, ſich über ihr Leben und Schickſal leichthin mitzutheilen. Sie war die Tochter eines Profeſſors am Gym naſium zu Nienſtedt, und hatte die ſorgfältigſte Er— ziehung genoſſen, nur wie es ſchien um in der unglücklichſten Ehe mit dem ſehr wohlſtehenden Kauf⸗ manne Lehmann die ſchmerzlichſten Erfahrungen, die eine zartfühlende Frau im Bunde mit einem eingebil⸗ deten, rohſinnlichen und durch bürgerliches Zurückkom men launenhaften Manne machen kann, deſto tiefer zu empfinden. Glücklicherweiſe war Lehmann nicht alt genug geworden, um ihre Kräfte zu erſchöpfen, und hatte ihr für häuslichen Verſtand das kleine Landgut, für ihr gebildetes Herz ein anmuthiges Töchterchen hinterlaſſen. Nun kamen ſelbſt ſolche betrübenden Mittheilungen Mariannen zu gut, die bei Vergleichung ihrer beider⸗ ſeitigen Leiden ſich geſtehen durfte, daß ſie doch eigent⸗ lich nichts ſo Seelenerniedrigendes erdultet, ſondern ſich durch ihre äußern und innern Schmerzen eher er hoben und ermuthigt fühlen durfte. Marianne gab ſich gern mit Betty, der kleinen Tochter ab, die viel Begabung für Muſik, und Stimme D für Geſang verrieth. Das gute Piano der Mutter war heraufgeſchafft und genau geſtimmt worden. Hier wurde manches Abendſtündchen gemeinſam zugebracht. Betty ſpielte was ſie unter Mariannens Leitung ein geübt hatte, und wenn der junge Doctor kam, brachte er ein gutes Buch mit, und machte den gefälligen Vorleſer. So kam es bald dahin, daß Marianne ein paar Mittagſtündchen in den Garten gebracht werden durfte. Um aber ihren Fuß noch zu ſchonen, bildete der Doctor und Frau Thereſe mit ihren verſchlungenen Händen eine natürliche Sänfte, auf der ſie die ängſt liche, lachende Kranke hinabtrugen.——„Sehen Sie,“ rief der Doctor, als Marianne das erſte Mal auf dieſer Schwebe, ihre Arme um die Schultern beider Träger geſchlungen, ſaß,—„ſoweit ſind wir doch ſchon gekommen!“ „Aber einen Fortſchritt in meiner Beſſerung dür fen wir's doch'nicht nennen, lieber Doctor,“ ſcherzte Marianne,„da die Füße noch ſuſpendirt ſind, wie in deutſchen Landen die Fortſchrittsmänner im Staats dienſte aus dem Jahre 1848.“ 184 „Nein, meine Liebenswürdige Patientin,“ antwor⸗ tete Karl,„Sie befinden ſich mehr, mit fürſtlichem Vorrecht, in einer Austrägal⸗Inſtanz, die aber zum Fortſchritte führt, wie es das fürſtliche Treiben zuweilen auch gegen alle Erwartung thut. Zufällig beim erſten Austragen, und wie zur Feier dieſer heitern, hoffnungsvollen Stunde trat zu jubelnder Ueberraſchung Mariannens Heimberger, der väterliche Freund, in den Garten. Marianne ſtreckte ihm aus ihrem Seſſel beide Arme entgegen, und ſank, weinend und lachend, an die Bruſt des zu ihr ge⸗ beugten, tief bewegten Mannes. Es war eine feierliche Stille, wie um ein Heilig— thum, das in Geheimniſſen ruht. Auf einen Wink Thereſens verließ der Doctor mit ihr die Laube, die vom Weihrauche blühenden Flieders durchhaucht war. Marianne blickte dem alten Freunde, der ihre Hand gefaßt und neben ihr Platz genommen, alle die ver⸗ langenden Fragen entgegen, für welche ihre Rührung und die Ueberfülle des Augenblicks nach Worten ſuchte. Heimberger hatte Mariannens Schreiben nicht er— halten, wie ſie es doch voraus ſetzte, ſondern war zu— erſt durch Emmy, die Tochter des Metropolitans auf Mariannens Spuren gekommen. Das leidenſchaftliche Mädchen, für Marianne und deren Liebe zum Gra⸗ fen ſchwärmeriſch eingenommen, hatte ſich eines Abends wor⸗ chem 185 verſtohlen bei ihm eingefunden, um ihm Mariannens Aufenthalt zu verrathen und ſeine Hülfe aufzufordern. Sie hatte in ihrer alten Unart wieder einmal an der Thür gehorcht, als Doctor Kohlhepp mit der eben zurückgekehrten Frau Schappers zu einer ängſt⸗ lich-heimlichen Berathung mit ihrem Vater gekom— men war, und hatte, wenn auch nichts von dem verbrecheriſchen Geheimniß, doch die im Munde der Sprechenden unverfänglichen Worte—„Nienſtedt,“ „Landkrankenhaus“ und„Doctor Fecht“ erſchnappt. Dabei hatte Heimberger das verwahrloſte Mädchen in einer Ueberſpannung geſehen, die er hätte belächeln mögen, wenn ſie nicht zu bedauern geweſen wäre. In ihrem Unwillen über„Vater,“ der Mariannens Liebe zum Grafen unchriſtlich geſcholten, und ſein häusliches Verhältniß als Vorbild ehelichen Glücks geprieſen, hatte ſie ihm geſagt: Du weißt ja gar nicht, was Liebe iſt, Vater! Du ſprichſt wohl von Deiner„geliebten“ Suſanne, aber eigentlich liebſt Du nicht Deine Suſanne, ſondern ihre Bratpfanne. Was ihm Emmy mitgetheilt, war dem wackeren Geiſtlichen genug geweſen, um ſofort ſich aufzumachen, und— wie er ſich ausdrückte— ſein Herz auf Abenteuer zu führen, Im Augenblick, als er ſein Haus verließ, erhielt er aber auch noch den Brief Alberts, und erfuhr — — 186 dadurch auch noch weiter den Ueberzug Mariannens auf's Land. Er zweifelte nicht, ſie auch dorthin zu erfragen, und erfuhr wirklich gleich bei ſeiner Ein— kehr von der Eiſenbahn im Gaſthofe, auf die erſte Anſprache des Wirthes nach Doctor Karl Hoßbach, den nahen Aufenthalt der Geſuchten. Von Albert ſelbſt hatte er nur Allgemeines mit⸗ zutheilen, was nicht weit über den geheimen Auftrag hinausging, mit welchem ſich der Graf nun bereits auf der Reiſe nach dem ſüdlichen Deutſchlande befand. Mariannen ließ Albert ſeiner innigſten Liebe, ſo wie ſeines Vertrauens zu Doctor Hoßbach verſichern, und hoffte ſie nach ſeinen erledigten Geſchäften geneſen und froh— am liebſten in Heimbergers Gaſtſtübchen zu finden. Er beklagte, daß er bei den vorausſicht⸗ lichen Wechſeln ſeines Aufenthalts auf den Troſt und die Erquickung des verabredeten Briefwechſels, wenig— ſtens vorerſt, verzichten müſſe; er werde aber über alles, was ſich in ſeiner Lage verändere, Nachricht von ſich geben. Das Betrübende, ja Schmerzliche was für Marianne in dieſen ihr durch einen Dritten zukommenden Ver⸗ ſicherungen lag, ward wenigſtens für dieſe Stunde durch die frohe Gegenwart und den freundlichen Mund dieſes Dritten gemildert. Und was Heimberger zur Erklärung dieſer freilich nur ſcheinbaren Kälte des 187 Geliebten hätte hinzufügen können, war ſeiner gewiſ⸗ ſenhaften Verſchwiegenheit anempfohlen, ſchien ihm ſelbſt aber auch wenig geeignet, die Kranke zu be— friedigen. Alberts Brief war nämlich aus der an jenem Abende bei Sidonien und in der Oper gefaßten Stim— mung niedergeſchrieben worden, und der Schreibende, in der Befangenheit ſeines Gemüths und im Drang ſeiner Abreiſe ſelbſt nicht ganz klar über ſich, hatte nicht überall den beſtimmteſten Ausdruck gefunden. Sidoniens Mittheilungen über den jungen Arzt und die Möglichkeit daß Marianne ſich durch ihre Leiden und ſchmerzliche Erfahrungen in ihrer Geſinnung und Seelenſtimmung verändert habe, hatten den Grafen zu jenem Entſchluſſe gebracht, der in dem ſchwanken⸗ den Ausdruck eines widerſpruchsvollen Herzens und ſelbſt in den Schriftzügen einer eilenden Feder ſich räthſelhaft ausſprach, und einen entfernt und auf ruhigen Erinnerungen ſtehenden Mann, wie Heimberger, allerdings bedenklich machen konnte. Hatte der lebens— kundige Erzieher Alberts ſchon früher an dem ent⸗ ſchloſſenen und beharrlichen Muthe ſeines, wenn auch von Herzen edeln Zöglings zuweilen gezweifelt: ſo wollte es ihm jetzt bedünken, als ob derſelbe bei ſeinem Vorſchlage, daß für Marianne auf alle Weiſe geſorgt, ihr aber eine ländliche Einſamkeit zur Prü⸗ 188 fung des Herzens gelaſſen werde, mehr an ſich ſelbſt gedacht habe; daß er für ſich ſelbſt eine Prüfungs⸗ zeit wünſche; wenn der Vorſchlag nicht gar nur ein Vorwand ſei, mit welchem ſich Albert über ſeine eigenen veränderten Empfindungen und Abſichten zu täuſchen ſuche. Heimberger erinnerte ſich dabei des Abends, an welchem Albert, vor ſeiner Berufung nach Hofe, in heiterer Laune von Sidonien, der Zauberin, erzählt hatte. Ein Herz, eine Phantaſie, wie er beide an ſeinem Zögling kannte, ſchienen ihm für ſolche Künſte einer reizenden Baroneſſe nicht ſo unempfänglich, daß man keinem Zweifel Raum geben dürfe. Ohnehin war ihm Alberts Berufung bedenklich vorgekommen. Als guter und erfahrener Beobachter kannte er zu genau das Beſtreben und die Unermüdlichkeit der frommen, reactionären Partei, als daß er ihre Be⸗ mühungen um einen jungen Mann von Alberts Stand, Vermögen und Begabung nicht hätte fürchten ſollen. Mit dieſen verſchwiegenen Gedanken hatte er ſeiner Erneſtine Lebewohl geſagt, ſich aber deſto mehr un⸗ terwegs ſeinen betrübenden Zweifeln überlaſſen, und nicht ohne ängſtliche Erwartung Mariannen aufge⸗ ſucht. Schon die erſte vertraute Unterhaltung mit ihr offenbarte ihm die ganze Fülle von Treue und An⸗ 189 gehörigkeit, die ſie für Albert bewahrt, durch ihre Leiden bewährt, und in ihren Kränkungen erhöht hatte. Seine heimliche Freude darüber blieb doch nicht ohne einen Anflug von Wehmuth, wenn er bedachte, was ein ſolches Herz verdiene, und was es doch denkbarerweiſe von dem Wankelmuthe des Verlobten zu verſchmerzen bekommen könnte. Er mußte ſich Gewalt anthun, um bei den unbefriedigenden Mittheilungen, die er über Albert hatte, die liebe Seele in Heiterkeit und Hoffnung zu erhalten. Dagegen konnte er nun ohne Mißdeutung und mit Zufriedenheit das Lob und herzliche Wohlwollen anhören, das Marianne für ihren jetzigen Arzt ausſprach. Heim berger war mit ungünſtiger Erwartung von ihm ange kommen, und ließ ſich nun, bei dem anſprechenden Aeußern deſſelben, hinter Mariannens Anerkennung, um ſo lieber für ihn einnehmen. Dazu bot ſich freilich auch ein ver trauter Umgang, indem er ſich für eine Woche ſeines D D Aufenthaltes im Wirthshauſe neben dem Doctor ein richtete, und an deſſen täglichen Wanderungen und botaniſchen Streifzügen Antheil nahm. Früh, wenn Marianne noch der Ruhe pflegen mußte, und Nachmit tags, wo ihr ein Schläfchen anempfohlen und die Be ſchäftigung mit Betty lieb war, wandelten beide Männer nach dem Hochwalde, freuten ſich, Pflanzen ſuchend, am Schlag unzähliger Finken, Amſeln und Droſſeln, oder zählten, mit lächelndem Aberglauben, die Rufe des 190 Kuckucks. Nebenbei wetteiferten ſie mit einander, die ſchönſten Wald⸗ und Wieſenblumen und farbige Sproſſen von zarten Nadelhölzern zu Sträußen für Marianne zu ſammeln. Nicht ſo unbefangen aber, wie mit dieſem lieblichen Bekenutniß von Wohlwollen und Liebe zu Mariannen, gingen ſie mit ihren Hinterhaltsgedanken, die ſich auf dieſelbe Perſon bezogen, gegen einander heraus. Heim⸗ berger hatte nämlich den Verkehr Sidoniens mit Albert und des Doctors Neigung zu Mariannen im Sinn, und Karl, der ſich mehr und mehr zu ſeiner Kranken gezogen fühlte, von der er bereits auch eine viel höhere Meinung gefaßt hatte, war doch ſeiner Scrupel über ihr Verhältniß mit dem Grafen noch nicht ganz los geworden, ſo oft er ſelbſt ſich auch darüber tadelte. Erſt nach einigen Tagen, in einer recht heitern Morgenſtunde, brachte Heimberger das Geſpräch auf Sidonien von Bruchleben. Der Ton und manches ſcherzhaft anzügliche Wort ſeiner Fragen verrieth dem Arzte den heimlichen Widerwillen des Geiſtlichen gegen die„Zauberin“. Nach einigem Bedenken erzählte Karl, ſtatt einer Antwort, von ſeiner Verbindung mit dem Hauſe des Miniſters und von all' dem Guten, das er Sidonien perſönlich zu danken habe. Als er ſchwieg, erwiderte Heimberger freundlich: „Ich verſtehe Sie, lieber junger Freund, und achte 191 Sie um ſo mehr für die dankbare Geſinnung, in die Sie Ihr Urtheil und vielleicht ein Geheimniß einhüllen. Geben Sie mir Ihre Hand! Der Himmel ſtehe meinem lieben Albert bei gegen die Künſte und Abſichten eines weiblichen Weſens, das nach Umſtänden auch wieder ſo lieb und gut ſein kann.“ Schnell ergriff nun Karl die Gelegenheit für ſein heimliches Anliegen.—„Durch Sie, mein verehrter Freund, lerne ich nun auch den jungen Grafen recht kennen,“ ſagte er.„Erſt als mir Sidonie die ärztliche Behandlung— der„leidenden Gouvernante“ auftrug, hörte ich von ihm, kenne ihn aber noch nicht von Perſon. Nun möchte ich Sie um eine recht vertrauliche Mitthei⸗ lung über Mariannen und— den Grafen bitten. Es iſt mir zur Behandlung der Kranken und ihres Leidens zu wiſſen nöthig, welcherlei Erinnerungen und Empfin⸗ dungen ihr Herz bewegen, und wie lang dieſe frohen oder ſchmerzlichen Einflüſſe auf ihre Geſundheit gewirkt haben.“ Heimberger, indem er dieſe Fragen eines gründlichen Arztes ganz berechtigt fand, fühlte doch aus dem Ton, aus den befangenen Blicken und Mienen des Fragenden etwas von dem Mißtrauen deſſelben gegen Mariannen heraus. So empfindlich ihm dies im erſten Augenblicke war: ſo kannte er doch die Geſichtspunkte der Alltags⸗ welt, die nach dem Schein urtheilt, zu genau, als daß er dies nicht am liebſten noch einem Liebenden nach⸗ 192 geſehen hätte, der ſein innigſtes Gefühl nur dem ganz Reinen und Edeln widmen mag. Er erzählte daher vielleicht mit etwas mehr Wärme und mit dem ganzen Wohlgefühl ſo liebender Erinnerungen die kurze Ge⸗ ſchichte Mariannens auf Schloß Wallberg, und ihre Erlebniſſe von Liebe und Haß bis zu Alberts Abreiſe und ihrer Entführung. Karl nahm dieſe Mittheilungen als Erklärung zu den Ahnungen, die er bereits im Verkehr mit ſeiner Patientin von ihrem edeln Weſen gefaßt hatte. Ihr Bild ſtand nun hoch und verklärt vor ſeiner Seele. Er war ſo bewegt von Leid und Freude, daß er, alles ver⸗ geſſend, Heimbergers Hand ergriff und wie in das Ohr eines Beichtigers ein Bekenntniß ſeines frühern Argwohns und ſeiner jetzigen Bewunderurg ablegte. Ja, er hielt nicht mit dem für Heimberger freilich ſehr überflüſſigen Bekenntniß zurück, welch' unausſprechliches Glück es für ihn ſein würde, von— einer ſolchen Seele geliebt zu werden, einem ſolchen Weſen ſein ganzes Leben zu widmen. Heimberger ſah dem erröthenden jungen Manne mit freundlichem Zunicken in's Auge, indem er ſprach: „Schlagen Sie den Blick nicht zu Boden, mein junger Freund. Ich liebe Sie um ſolcher Empfindung willen, mit der Sie ſich ſo im Gefühl des Rechten 7 ine finden, daß Sie nicht den Namen, ſondern nur das Bild Ihrer Neigung verrathen. Sie wiſſen es alſo und erkennen es an, daß Marianne mit dem hohen Werth, den Sie nun an ihr kennen, einein würdigen Manne bereits angehört. Und wenn Sie, vielleicht nach manchen falſchen Meinungen, die Sie über den jungen Grafen gehört haben, ihn ſelbſt nicht einmal für dieſen würdigen Mann hielten: ſo bedenken Sie doch, mein ſchätzbarer Freund, welche Schmerzen von Mariannen erſt überſtan⸗ den und überlebt werden müßten, ehe ſolch' ein Herz ſich einem andern Manne zuwenden könnte, ſelbſt wenn er ein beſſerer wäre. Sie fühlen ſich zu Mariannen hin— gezogen: ſeien Sie ja Ihrer Neigung auf der Hut! Suchen Sie immerhin der Liebe einer ſolchen weiblichen Seele werth zu ſein: es wird Ihnen irgendwo zu gut kommen. Machen Sie ſich Mariannen lieb;— wieviel iſt nicht ſolch' uneigennütziges Glück ſchon werth!— und warten Sie es ab, wie ſich nach ihrer Herſtellung und nach der Rückkehr des Grafen die Dinge geſtalten werden. Hoffen Sie ja auf keine Wandlungen der Herzen; rühren Sie keine Mißverſtändniſſe an, die vielleicht unvermerkt an einer edeln Seele vorüber gehen. Wenn ſich aber durch ſchmerzliche Fügung Mariannens Lage ändern ſollte: ſo ſtehen Sie ihr mit Einſicht und Wohlwollen bei! Laſſen Sie ſchweigend nur Ihren ſtillen innern ſtil Werth, aber ja kein voreiliges Bekenntniß für die Wün⸗ Koenig, Marianne. II. 194 ſche Ihres Herzens werben. Legen Sie Ihr Anliegen in den Schooß der Zeit und ſehen zu, ob für Mariannens Herz ein zweiter Frühling kommt!——— Verſprechen Sie mir Das, mein wackerer junger Freund! Ich will Ihnen dieſe Zuſage abkaufen!“ Es waltete in dieſer Stunde ein eigenthümliches Mißverſtändniß zwiſchen beiden befreundeten Männern. Heimberger bildete ſich ein, der junge Arzt hüte hinter ſeinem beſcheidenen Schweigen eine nähere Kenntniß von den Abſichten Sidoniens auf Albert; der junge Freund aber bezog die behutſamen Worte und Warnungen des Geiſtlichen auf den Grafen und deſſen Sinnesänderung gegen Mariannen. Und ſo reichte er, von Heimbergers feierlichem Ernſte mehr gerührt, als überzeugt, beide 1 Hände, wie zuſagend, jedoch ohne ein gelobendes Wort hin. Heimberger aber ergriff ſie im Sinn eines Ver⸗ ſprechens mit vergnügtem Zunicken, und indem er ſeinen Blumenſtrauß hinein legte, ſagte er lächelnd: „Und für dieſe rechtſchaffene Zuſage ſchenke ich Ihnen dieſe Blumen! Sie ſehen, heut' bin ich glück licher geweſen, als Sie. Hier habe ich ſelbſt zwei Seltenheiten: dieſe Ophrys, auf deren Blüthe eine Mücke zu ſitzen ſcheint, und hier„Frauenſchuh“,„Ma rienſchuh“, wie das Waldpflänzchen im Volke heißt, oder nach dem botaniſchen Ausdruck: Cypripedium calceolus—„Pantöffelchen für Cypris⸗-Füßchen.“— 195 Das hat für mich keine Vorbedeutung mehr. Meine liebe Erneſtine ſucht ihre Frauenſchuhe in keinem Wald; ſie verliert ihren Pantoffel nicht zwiſchen Hei⸗ delbeerſtauden. Nehmen Sie, lieber Doctor, und brin— gen heute ganz allein unſerer lieben Marianne ihre lieben Blumen mit! Sie ſollen heut allein in ihren Augen gelten!“ Fünftes Kapitel. Tage der Koſen. Als Heimberger nach ſo herzlichen und traulichen Tagen Abſchied von Mariannen nehmen mußte, brachte dieſe letzte Stunde für beide doch eine ſehr weiche Stimmung mit ſich. Sie hatten ſich ſo viel zu ſagen gehabt, und behielten doch ſo manches auf dem Her⸗ zen, was ſich nicht ausſprechen ließ, und was auch nicht auszuſprechen war. Seit der vertraulichen Unterredung mit dem jun⸗ D 2 gen Doctor trug Heimberger eine heimliche Unzufrie⸗ denheit mit ſich ſelbſt umher; indem er glaubte, ſeinen Beforgniſſen wegen eines Bruches Mariannens mit Albert bei ſich ſelbſt zuviel Raum und— gegen einen Mann, deſſen Neigung ſich dabei betheiligen konnte, zuviel Worte gegeben zu haben. Er nahm daher ge⸗ gen die Freundin, zumal er ſie wieder ſehr beküm— 197 mert fand, deſto lebhafter Alberts Partei.—„Laſſen Sie ſich, liebe Marianne, durch ſein bloßes Schwei⸗ gen, durch eine ſcheinbare Zurückhaltung ja nicht an ſeiner Geſinnung und Liebe irre machen!“ ſagte er. Albert gedenkt dieſes Schweigens in ſeinem Briefe und gibt nicht ohne Mißmuth zu verſtehen, wie ſehr ihn ſeine augenblickliche Stellung und ſein Auftrag mit ſo viel daran geknüpften Rückſichten in Anſpruch nehme und ihm die Stimmung für einen herzlichen und vertraulichen Briefwechſel verderbe.——„Sagen Sie, Marianne,— wenn unſer Albert flüchtig und verſtimmt ſchriebe,— würden Sie es nicht noch leidvoller empfinden?“ Dies mag er wohl fürchten. Auch lann ich mir denken, wie gerade die beabſich⸗ tigte Abwehr aller weitern Verbindungen und Ver⸗ pflichtungen für die Zukunft ihm die Gegenwart ver⸗ leidet. Dazu kommt, wie ich aus ſeinem letzten Schreiben heraus fühle, eine gewiſſe Bedenklichkeit darüber, welche Umſtimmung vielleicht Ihr Herz durch die Erlittenheiten und Empfindungen der letzten Wo⸗ chen könnte erfahren haben,— ob der Haß ſeiner Stiefmutter, die Geſinnung ſeiner Standesgenoſſen Sie nicht etwa bang und beſorgt wegen Ihrer Zu⸗ kunft gemacht hätte. Albert ſcheint zu wünſchen,— ich ſage ſcheint: denn vielleicht iſt es auch nur eine alberne Vermuthung von mir— Sie möchten in ——,:,Q⏑O⏑˖—’V—:—ꝛ—ꝛ—ꝛ———„....ji 198 dieſer ſtillen Abgeſchiedenheit, hier an der geſundheit⸗ athmenden Bruſt einer hohen, heitern Natur, nicht bloß zu Ihrer körperlichen Geneſung, ſondern auch zu nochmaliger Prüfung Ihres Herzens kommen. Die Treue, liebe Marianne, iſt gewiß eine herrliche Tu⸗ gend, ſie iſt die weſentliche Tugend des Weibes: den⸗ noch kann ich mir denken, wie wohl es einem Manne, wie Albert, thun würde, ſeine Geliebte, nach manchen Prüfungen, nicht bloß dem alten Gelöbniß treu, um der Treue Willen, ſondern in unwandelbarer Neigung und unanfechtbarer Liebe wieder zu finden. Dieſe Mittheilungen betrübten einigermaßen, aber beruhigten doch auch Mariannen. Es waren ja viel leicht bloße Vermuthungen des lieben Freundes, der von ihr ſchied; auch vergab ſie Alberts Zweifel an ihr leichter um der Zweifel Willen, die ſich im eigenen Herzen gegen ihn zu regen begonnen hatten. Sie ſuchte ſich in das Herz eines Mannes einzufühlen, der nicht aus Mangel an Liebe, ſondern nur aus Edel muth und zartfühlendem Stolz an ihrer Neigung zwei⸗ feln konnte. Im Uebrigen wurden die nächſten Einrichtungen für Marianne mit Zuziehung des Arztes beſprochen. Dieſer gab ein flüchtiges Bild des Verlaufs der Hei⸗ lung,— wie die Schmerzen nachlaſſen, die Empfind⸗ lichkeit ſich verlieren und nur eine leichte, erethiſche 199 Röthe länger dauern werde. Den Gebrauch eines Bades zur völligen Herſtellung und Erkräftigung be⸗ hielt er ſeinem Gutachten vor; denn insgeheim hing er ja von den Anordnungen Sidoniens ab.——„Die künftige Stellung meiner Patientin verlangt ihre gründ⸗ lichſte Herſtellung,“ ſagte er,„und ich bin es überdieß meinen Aufträgen und meiner Ehre als Arzt ſchuldig nichts zu dieſem Zwecke zu verſäumen. Die Farbe, das ganze Ausſehen der Geſundheit ſtellen ſich ſchon ein. Ich habe die mir— ſo am Herzen liegende Kranke früher nicht gekannt: aber Sie, Herr Pfarrer, ſollen mir demnächſt ausſagen können, daß Fräulein Marianne nie blühender und wohler geweſen, als ich ſie Ihnen zuführen werde.“ Dieß Zuführen bezog ſich auf den ausgeſprochenen Wunſch Mariannens, recht bald zu Heimberger in das liebe Gartenſtübchen zu kommen. Dies ablehnend ſetzte er hinzu: „So lange Sie noch des Arztes bedürfen, geht das nicht. Denn wenn ich Sie auch gern dahin be⸗ gleiten möchte und Sie dort wie hier behandeln könnte, ſo darf ich es nicht und zwar um Ihres frühern Arztes Kohlhepp Willen. Ich müßte als ſein Ankläger auftreten, wozu ich aber vorher die Beſtimmung des Herrn Grafen abzuwarten habe. Sie begreifen daß — —— 200 dieſe Sache mit der größten Behutſamkeit zu behan⸗ deln iſt. Dieſe Bedenklichkeit und leiſe Hindeutung auf die alte Gräfin war entſcheidend. Heimberger und Ma rianne gaben nun gern ihre Wünſche auf. Dieſe entſchloſſ'ne und ehrliche Handlungsweiſe des jungen Arztes hatte ihm vollends Mariannens Wohl wollen gewonnen, und ſie trug nach Heimbergers Ab reiſe die ganze heitere und hingebende Freundlichkeit, die ihr gegen dieſen geläufig war, auf den jungen, ihr auf ſo ernſtbeſcheidene Weiſe ergebenen Freund über. Sie ahnte freilich nicht, welchen Aufruhr ſie damit in ſeinem Herzen anrichtete, indem ſie ſeine Rechtſchaf⸗ fenheit in Widerſtreit mit ſeiner jugendlichen Eigenliebe ſetzte. Ein lebhafter Briefwechſel des Doctors, oder vielmehr ein Wechſel von Berichten an Sidonie und von ihren Erlaſſen an ihn unterhielt dieſen heimlichen Kampf ſeiner Seele. Anfänglich neckte ihn Sidonie mit ſeiner Bewun⸗ derung für die Kranke, foderte ihn aber mit den ſprunghafteſten Fragen immer wieder zu neuer Beob⸗ achtung und Anerkennung Mariannens heraus. Dann theilte ſie ihm vertraulich die Vermuthung mit, daß der Graf ſeine Abſichten auf Marianne wahrſcheinlich aufgeben werde, und trieb ihn an, ſich eines ſo ſeelen vollen und tugendſamen Weſens zu verſichern. Sie behan⸗ 201 machte ihm für dieſen Fall Hoffnung auf das Phyſi— kat zu Wallberg, vorausgeſetzt, daß der Graf ſich in Hof⸗ oder Staatsdienſt begebe; ſo daß zwiſchen der Phyſikatsgegenwart und der gräflichen Vergangenheit keine Colliſion entſtehe. In einem ſpätern Schreiben foderte ſie ihn auf, Marianne mit dem Gedanken einer Löſung ihres Verhältniſſes vertraut zu machen, und auf den Abbruch deſſelben ſeinen eigenen Hausplan zu entwerfen. So verkümmerte Sidonie dem gerade jetzt etwas überſpannten Doctor durch den leichtfertigen Ton und Witz ihrer Zeilen alles wieder, was ihre Winke für ſeine heimliche Herzensneigung Schmeichelhaftes ent⸗ hielten. Seine verſchwiegene Liebe und ihre ſich hinter Scherze verſteckende Abſicht verſtanden einander ſchlecht. Und da ihm ihre Mittheilungen zu lieb waren, um ſie zu bezweifeln, ſo warf er ſein Mißtrauen lieber auf ihre Mittel und Wege. Und nun trieb er ſich in lauter Widerſprüchen umher. Er wies Sidoniens Zumuthung, Mariannen auf eine Löſung ihres Verhältniſſes zum Grafen vorzube⸗ reiten, entſchieden zurück; aber er beſuchte doch ſeine Kranke nie ohne die ſtille Abſicht, ihr von Sidoniens Reizen und Künſten und von ihrer Zuthätigkeit für den Grafen Wallberg zu erzählen. Er machte ſich weiß, ſeine ehrliche Freundſchaft für ſie lege ihm das 202 auf; wobei er ſich doch auch einbildete, er gewinne ſo viel mehr Raum in ihrem Herzen, als er dem Grafen entziehe und mit eigenem Wohlwollen belege. Sobald er aber mit Mariannen auf dies Kapitel kam, wendete ſein liebendes Herz, faſt wieder ſeinen Willen, jedes Wort in ſeinem Munde zu Alberts Gunſten und wider Sidonien. Er ſprach lieber von dem, was ihm an der Baroneſſe mißfiel, und hielt ſelbſt mit dem Tadel nicht zurück, den ihm ſonſt ſeine Dankbarkeit unterſagt hätte. Sie ſei auch, behauptete er, durchaus nicht nach Schrot und Korn— ſondern nur im geſell ſchaftlichen Umlauf— liebenswürdig,— aimable, aber nicht digne d'ètre aimée, und kein ernſter in die Tiefe blickender Mann werde ſich von ihr täuſchen laſſen. Wenn er dann am ſpäten Abende, ärgerlich über ſich ſelbſt, Mariannen verließ, fühlte er doch, wie ſie gegen ihn, gerade um Alberts Willen, zutraulicher, herzlicher, hingebender geweſen ſei. Er weidete, ſo zu ſagen, ſeine Hoffnung ab, um ſeine Liebe groß zu zie⸗ hen, und mit der Ahnung hiervon ergriff ihn eine tiefe Wehmuth. Dann fand er keine Ruhe; er wußte nicht für welche Erwartung er ſich ſchlafen legen ſollte, und ſaß über Mitternacht auf dem Altane ſeiner Woh⸗ nung, dem Monde zuzuſehen, wie er über die Gipfel der Wälder wandelte. Die Gegend lag zauberhell, 203 ſein Inneres im Dämmerſchein der Liebe: aber nicht, wie dort über allen Wipfeln, war Ruhe über ſeinen Träumen, über ſeinen Wünſchen. So verliefen die nächſten ſtillen Wochen der ab⸗ geblühten Kornfelder, der blühenden Weizenäcker und der langen, ſüßen Abende, die ſich auf purpurnen Wölkchen des Sonnenuntergangs wiegen, und die Würze der gemähten Bergwieſen athmen. Marianne konnte jetzt im Garten wandeln; ſie blühte wunderbar zu einer ganz neuen Schönheit auf. Ihr Auge glänzte von ſehnſüchtiger Freude; ihre Hal⸗ tung, wenn ſie mit Schonung des Fußes wandelte, hatte den ganzen Adel, zu dem ſich die Braut Al— berts aus dem Fall der Gouvernante erhoben hatte. Wenn ſie dann ſo zwiſchen den gelben und weißen Lilien des kleinen Gartens ſtand, kam von jenſeit des hohen Waldes die liebe Erinnerung an Nett⸗ lingen über ſie,— an jene Sonntagnachmittage, da ihr Vater, ſeine Pfeife rauchend, im Schatten des Hollunderbaumes ſaß, und die Mutter neben ihm den Lattig zu den Ciern belas, denen die eigenen Hühner nachgegackſet hatten. Oder wenn ſie in Ge⸗ danken ſich vergeſſend, was ſie ſonſt nie that,— die ſchönſte Moosroſe brach und vor die ſelige Bruſt heftete, trat das prächtige Schloß Wallberg vor ihre Seele, und verſprach eine duftende, glänzende Zu⸗ 204 kunft, die ſich ihr aus Kummer und Leiden mit hun— dert rothen Blättern entfalten werde. In ſolchem Glücke war ihr die Ahnung eines Ereigniſſes verſagt, das alle jene lieblichen Träume zu vernichten, oder auch raſcher zu verwirklichen, un— erwartet herantrat. —— — .— — Sechstes Kapitel. Ein ſchwüler Morgen. D Der junge Doctor war in der Frühe nach dem Wald hinauf gewandelt. Der Geruch von Tannen und Fichten kam ihm ungewöhnlich ſtark entgegen; nur ſpärlicher Thau hing an den Grashalmen, und die Sonne ſchien matt durch dunſtiges Gewölk, in⸗ deß die Luft ſchwül und unbewegt ſtand. Karl pro⸗ phezeite dem Tag ein Gewitter. Auf dem Rückwege beſuchte er, wie alle Morgen, ſeine Kranke, ob er ſie gleich als eine Geneſene be— grüßen durfte. Sie wandelte ſchon im Garten, und war eben daran, das Frühſtück, heut auch für ihn mit, zu bereiten. Er überreichte ſeinen Waldblumen⸗ ſtrauß, und ſie löſte, um ihn vorzuſtecken, eine auf⸗ brechende Roſe mit zwei gleichen Knospen von ihrer leicht verhüllten Bruſt.—„Tauſchen wir!“ ſagte ſie 206 mit anmuthigem Lächeln, und bot ihm ihren einfachen Gartenſchmuck. Eine wunderſame Empfindung überkam ihn, als er den warmen Stiel erfaßte. Mit einem dankenden Blick auf die ſo friſch wieder aufblühende Geſtalt der Spenderin erſchien ihm die Roſe mit den beiden Knospen als ein Sinnbild derſelben, und mit ihrem Geſchenk ward ihm, wie durch einen Zauber, eine Sehnſucht, ein Verlangen angethan, die Sinn und Seele in ihr Geheimniß zogen.— „Theilen?“ rief er, ſich und ſeinen Beruf vergeſſend. Dieſe Roſe von Ihrem Herzen, dieſe Blumen aus „ meiner Hand: wären ſie doch Sinnbilder eines inner⸗ lichen Theilens und Tauſches! Herz und Hand— „Lieber Doctor!“ fiel ſie lächelnd, aber im Tone verwarnenden Ernſtes ihm in's Wort.„Sie dürfen den ärztlichen Freund ja nicht mit dem galanten vertauſchen. Ja nicht, lieber Herr Hoßbach!“ „Lieber, lieber!“— rief er, des verdienten Vor⸗ wurfs etwas empfindlich.„Es klingt ſchmeichelhaft, iſt aber eine laufende Redensart. Sie haben mich ja doch nicht lieb.“ „Lieb haben?“ antwortete ſie.„Nein, beſter Doc⸗ tor! Aber Sie ſind mir lieb, und das iſt keine Re⸗ densart.“ „Dieſen Unterſchied— verzeihen Sie!— verſtehe ich nicht!“ ſagte er. 207 „Und doch beſteht er,“ lächelte ſie;„ob richtig ge⸗ dacht, weiß ich nicht: aber gewiß richtig empfunden. Nehmen Sie die Tropfen meiner Weisheit mit dieſer Taſſe Kaffe ein!“ Sie reichte ihm die gefüllte Taſſe, und ſprach weiter: „Sehen Sie, was man an einem Menſchen in Wahrheit liebt, iſt das Ewige, das Göttliche in der eigenthümlichen Erſcheinung ſeiner Perſönlichkeit. So verſchieden nun die Menſchen durch innere und äußere Begabung in der Liebenswürdigkeit erſcheinen: ſo ver⸗ ſchieden ſind ſie auch wieder in ihrer Empfänglichkeit und für das Bedürfniß ihres Herzens, und gerade darin liegt das Glück und Unglück der Liebe, inſofern die verſchiedenſten Menſchen einander finden, und manche doch auch vergebens ſuchen. Da nun, wo man in einem Menſchen das Ewige liebt, hat man auch das uns angenehme Aeußere: das heißt man hat ihn lieb. Wo uns aber ein Menſch liebenswürdig nach ſeinem Innern, oder angenehm in ſeiner Erſcheinung vor⸗ kommt,— lieb durch Geſinnung und Handeln, ohne daß man ihn eigentlich liebt, ohne daß er uns eben angehört, da iſt er uns lieb. Meinen Sie nicht auch, D 55 — lieber Doctor?“ „Ich weiß noch nicht,“ antwortete er, mehr weh⸗ müthig, als empfindlich. Er fühlte nämlich mit der Erklärung zugleich ſeine Stellung zu Mariannen be⸗ 208 ſtimmt. Er ſuchte ſich zu faſſen, und ſprach dann weiter: „Ich will mir's überlegen. Es ſind alſo auch in der Liebe, wie in der Sprache, zwei Hülfszeitwörter des „Haben“ und„Sein“! Indeß können doch, wie mir ſcheint, beide in zwei Menſchen gegen einander verſchieden ſein, und ſo darf ich, der ich Ihnen nur lieb bin, doch mit Wahrheit ſagen, ich—— habe Sie lieb, Ma— rianne!“ Er hatte dies aus beklommener Bruſt geſprochen, erhob ſich aber jetzt, als ſein heimliches Leid laut zu werden drohte, und trat vor die Laube, den Blick nach Di dem Gebirge gerichtet. e Hausfrau kam heran, und er ſuchte ſich mit den Worten zu faſſen: 4 „Wir bekommen heut Gewitter, Frau Roſer! Es iſt mir ſo ſchwül, ich bin etwas unruhig!“ Er trat mit ihr in die Laube zurück, ſetzte der Frau einen Stuhl zurecht, und ſagte: „Nehmen Sie Platz, liebe Frau Roſer!—— Ja, Fräulein Marianne, Frau Roſer iſt mir eine liebe Frau!“ In dieſer Gemüthsſtimmung,— niedergeſchlagen durch Mariannens Erklärung und doch auch durch ſein Geſtändniß aufgeregt, kam er in ſein Wirthshaus, und vernahm, daß eine fremde, ſehr geputzte Dame von Nienſtedt mit einem Einſpänner herauf gekommen ſei, und ihn auf Nummer 1 erwarte. dann 209 Er eilte nach dem bezeichneten Zimmer. Das„Her⸗ ein“ auf ſein Anklopfen klang von bekannter Stimme; dennoch erſchrak er heftig, als er in der ihm entgegen tretenden Geſtalt— Sidonien erkannte. „Nicht wahr, wir ſind etwas perplex, ein wenig verblüfft, aber auf's Angenehmſte überraſcht, lieber Karl und praktiſcher Arzt?“ ſagte ſie lachend. verhofft kommt oft, wiſſen Sie!“ „Aber un⸗ Karl betrachtete ſie von oben bis unten. Sie war gegen ihren ſonſtigen Geſchmack allzu bunt und über— laden gekleidet, was aber zu ihrem aufgeregten, geſpann⸗ ten Weſen ganz gut zu paſſen ſchien. Sie mochte ſein Befremden als erwartet und nicht ohne Wohlgefallen errathen, und ſagte lachend: „Nun, gefalle ich dem lieben Doctor ſo nicht?“ Das„lieb“ gab ihm einen Stich in's Herz: es war ihm, als ob die Zauberin die eben empfangene Lection belauſcht haben könnte. Doch ſchon die nächſten Worte Sidoniens ſchreckten ihn aus der augenblicklichen Täu⸗ ſchung auf.—„Ich will auch ſo Deiner Marianne eben nicht gefallen,“ ſagte ſie. „Baroneſſe!“ rief er höchſt betroffen.„Ich habe keine Marianne, ich; aber— Sie wollen doch wohl nicht—“ „Gewiß will ich, mein erſchrockener Held!“ unter⸗ brach ſie ihn.„Doch beruhige Dich Deiner ſelbſt Koenig, Marianne. II. 14 . * 2] , 1 210 wegen! Ich will ſo viel, daß Dir gar nichts übrig l bleibt, und Du ſollſt bloß nicht wollen.“ Sie betrachtete den ganz beſtürzten jungen Mann, der ſelbſt nicht wußte, ob das Unbegreifliche oder eine Ahnung ihrer Abſicht ihn mehr verwirre. Sie lachte hell auf, ſchritt bald hin und wieder, bald ſetzte ſie ſich, entweder um den jungen Freund, oder um ſich ſelbſt 4 65 1 C.; zur Ruhe kommen zu laſſen. In ihrer Unruhe ſchien 41 :: 5 g..».. 84* noch die Leidenſchaft fortzubranden, die in ihr ſtürmte — 6 und ſie hierher getrieben hatte. Endlich ſagte ſie: A C 7 7 8 „Sehen Sie doch einmal aus der Stubenthür, lieber 4 5„.„ tt 2 Hoßbach, daß nicht gelauſcht wird; dann ſollen Sie 1 hören, was ich alles will.“ hören, Und als er von der Thür zurückkehrte, und ſich auf 8 ihren Wink neben ihr geſetzt hatte, fuhr ſie fort: „Zuerſt ſagen Sie mir, Doctor, um welche Zeit Marianne am ruhigſten zu ſprechen wäre? Voraus⸗ geſetzt, daß ihr Arzt es mir erlaubt!“ „Nachmittags, Baroneſſe, wenn ſie geruht hat und mit der kleinen Tochter des Hauſes Muſik auf dem Flügel treibt.“ Alſo hat ſie ein Inſtrument auf dem Zimmer? 77é Das iſt ja prächtig für meine Lieder! Sie kennen ja die beiden Goethe'ſchen Lieder, die Marianne ſo herrlich ſingen ſoll. Sie haben ſie bei mir gehört. Ich habe ſie vom Grafen. Im Vertrauen! Es gilt mir um lachte ſie ſich, hſelbſt ſchien ſtürmte immer? unen ja herrlich ch habe nir umn einen Wettgeſang, Doctor. Ich ſinge ja auch Alt, wie mir Albert bemerkte. Ha, ha! Alſo Nachmittags, ſagen Sie, Karl? Nachmittags— vier Uhr etwa? Nun hören Sie! Zu dem Mancherlei, was ich hier will, gehören zuerſt die Geldrollen dort auf dem Schreib⸗ tiſche. Der Graf will, Marianne ſoll das Bad brau⸗ chen, das Sie für gut halten, Sie ſollen ſie begleiten, aber nicht ohne eine Frauensperſon, die als Ehrendame vielleicht auch die kleine Bedienung beſorgen kann. So— dann trieb es mich, die Perſon zu kennen, auf die Sie, lieber Karl, ſoviel Vortrefflichkeit häufen. Sind Sie unzufrieden über mein Kommen, ſo klopfen Sie an Ihr Herz und rufen: Meine Schuld! Ja, wiſſen Sie nur, — obgleich ich bisher keine beſondere Herzensneigung für Sie gehabt habe, kann ich doch eiferſüchtig auf Ihre künftige Frau ſein. Und Sie haben's zu verantworten.“ „Spotten Sie nicht, Baroneſſe!“ rief er mit ver⸗ haltenem Unwillen,„und trauen Sie mir ſoviel Blick zu, daß ich beſſer weiß, auf wen ſich Ihre Eiferſucht bezieht.“ In ihrer Aufwallung raſch ſich beſinnend, verſetzte ſie: „Ahl Sieh da! Sie ſtimmen einen recht freund⸗ ſchaftlichen Ton an, guter Karl, und das laſſ' ich mir heut ſchon gefallen. Reden Sie ganz aufrichtig! Es erleichtert mich mit dem heimlichen Gepäck auf meinem 14* 212 Herzen. Wir brauchen einander in dieſer Stunde, und kennen uns aus frühern Tagen. Ich geb' Ihnen alſo gleich zu, daß ich nicht bloß um Ihre künftige Frau kennen zu lernen gekommen bin, ſondern——“ Sie winkte ihm vor die Thür zu blicken, und fuhr, als es geſchehen, fort: „Ich will auch ſchätzen lernen,— was Graf Albert bei ſeinem Herzenswechſel für Einbuße leidet, und um welchen Preis ich ſo Entſetzliches unternehme, als—. O mein Gott, ja, es iſt wirklich entſetzlich, daß ich Das kann, daß ich mich ſo weit vergeſſen, ſo weit verlieren kann!“ Sie ſank in die Kiſſen des Sopha zurück, und preßte ihr geſticktes Schnupftuch vor das Geſicht. Dann ſtand ſie raſch auf und rief: „Nein, Kinderei! Es iſt ein Spaß, es wird vorüber gehen. Ei, es iſt eine tollkühne Eroberung, es iſt meine letzte Zauberei—! Ich ſprenge die Bank und— habe Alles!“ „Um Gott, Sidonie!“ rief Karl, und trat ihr jäh in den Weg. Sie wollen doch Mariannen nicht— ver⸗ giften?“ „Karl!“ ſchrie ſie entrüſtet, und maß ihn mit einem verächtlichen Blicke; ſetzte dann aber, als hätte das Wort„vergiften“ doch auch eine moraliſche Bedeutung, kleinlaut und begütigend hinzu: ihr lih — bel⸗ einem 213 „Was ich ihr— beibringen will, iſt kein Gift, lieber Karl; nein, Du biſt es,— Du ſelbſt, Doctor,— Heil⸗ trank für uns Alle. Wahrhaftig, Karl! Ja, ſiehſt Du,— Graf Albert wird nur durch ſein Verlöbniß mit Marianne abgehalten, ſich mir zuzuwenden. Wahr⸗ lich, Doctor! Ich weiß Das von ihm ſelbſt. Nicht die Liebe, nur noch die Ehre iſt im Spiel. Siehſt D da muß ich handeln, ich muß etwas thun, etwas, was nur die Liebe kann, und— ich liebe ihn, Karl, liebe, liebe! Und ich habe gejubelt, als ich aus Deinen Brie⸗ fen ſah, daß auch Du liebſt,— ſie, dieſe Marianne! —— Aber, mißverſtehe mich nicht, Karl! Nicht ge— jubelt, weil ich durch Dich das Hinderniß meines Glückes zu heben dachte: nein, Karl, ich bin einer edleren Freude fähig; ſondern,— wie ſoll ich mich ausdrücken?— weil ich dem vortrefflichen Mädchen einen ihm geeigne— teren Erſatz geboten, und Dir,—— aber Das muß ich lachend ſagen, Karl!— Dir eine prächtige Henne in Deinen„Korb“ zufliegen ſah. Und noch mehr! Mein Jubel war noch idealer, Karl! Ich freute mich ſchon darum allein, weil Du eben liebteſt, alſo ein Verſtänd⸗ niß, ein Mitgefühl für Das haſt, was Liebe iſt, was Liebe thun, was Liebe ſich vergeben kann.“ Der junge Arzt war erſchüttert von der Leidenſchaft⸗ lichkeit Sidoniens in Sprache, Blicken und Geberden. In der Weichmüthigkeit, die er aus der Laube mitgebracht 214 hatte, überwältigte ihn dabei die Empfindung, wie zugleich ſein eigenes Herzensgeſchick mit in die wilden Strudel dieſer Leidenſchaft geriſſen wurde. Er ſank in einen Seſſel, und konnte den Thränen nicht wehren, die ihm aus den Augen ſtürzten. Sidonie erhob ſich nun etwas beruhigter, um ſelbſt auf den Hausgang hinaus zu blicken. Leiſer ſprach ſie dann: „Ueberſpannen wir uns nicht, lieber Freund! Ich muß alſo Mariannen ſehen und mit ihr reden. Dazu bin ich gekommen.“ „Theure Baroneſſe,“ erwiderte Karl nach einiger Ueberlegung.„Gehen Sie noch einmal mit ſich zu Rathe. Marianne kennt die„Zauberin Sidonie“ aus Mittheilungen des Grafen. Und wenn Die6eſer ſelbſt vielleicht auch, nach ſeiner perſönlichen Bekanntſchaft, jetzt eine ganz andere Meinung von Ihnen hat, als er früher ausgeſprochen zu haben ſcheint:— Marianne haftet doch an ihren früheren Vorſtellungen. Gehen Sie nicht zu ihr: Sie gewinnen keinen Einfluß bei ihr, und verlieren vielleicht— an Achtung.“ „Wofür haben Sie mich denn zuerſt ſo befremdet angeſehen, Doctor?“ erwiderte Sidonie,„Wo haben Sie Ihren gerühmten Blick? Wann haben Sie Sido⸗ nien ſo gekleidet geſehen? Ich ſage Ihnen alſo jetzt aus⸗ drücklich: Sie haben keine berüchtigte Zauberin,— Sie ggleich trudel einen p 1' e ihm rianne Gehen ei ihr, 215 haben die berühmte Sängerin Uffenheimer vor ſich. Als ſolche beſuche ich Marianne, und mit dieſer Sän⸗ gerin haben Sie Ihre Rolle zu ſpielen.“ „Nimmermehr, Sidonie!“ rief Karl entſchloſſen aus. Betrügen, täuſchen helf' ich Mariannen nicht. Laſſen Sie ja mich nur aus dem Spiel! Ich würde es Ihnen verderben, wenn ich ſelbſt mitſpielen wollte; aber ich will nicht, und Ihre Zumuthung paßt ſehr wenig zu meiner hieſigen Beſtimmung, die ich doch von Ihnen habe.“ „Reden Sie ſchicklicher zu mir, Doctor Hoßbach!“ entgegnete Sidonie.„Sie haben mich nicht für die Sängerin Uffenheimer erkannt, ich ſtehe mithin noch als Ihre alte Wohlthäterin vor Ihnen.—— Aber, nein, das wollt' ich nicht ſagen. Ich habe mich vergeſſen, Karl: geben Sie mir die Hand! Vergib, was ich in dieſem Anzug einer Theaterperſonage ſagen konnte. Kleider machen Leute,— auch im ſchlimmen Sinne, weißt Du! Nein, ich habe mehr Achtung für Sie, guter Doctor, als Sie mir zutrauen. Ich weiß, wie wahr und ehrlich ſie Mariannen lieben, und reſpectire dies Herz. Ich verlange nichts von Ihnen, was dieſer Liebe widerſpräche. Sie ſollen mich nicht bei Mariannen ein⸗ führen, mich für keine Sängerin bei ihr ausgeben: Sie ſollen nur nichts von mir wiſſen, mich ignoriren. Ich hätte gern ohne Ihr Vorwiſſen gehandelt, wäre ich ſicher geweſen, Ihnen nicht zu begegnen und durch Ihre Ver⸗ legenheit und Verwirrung um meinen ganzen Plan zu kommen, der auch auf Ihr Glück mitberechnet iſt. Und darum iſt Schweigen⸗ das Wenigſte, was Sie für ſich ſelbſt thun können. Ich gehe alſo zu Mariannen; ich will ſchon zu ihr kommen. Sie folgen mir auf einem Umwege zu Ihrer Patientin, hören im Hauſe, daß eine fremde Dame bei ihr iſt, halten die Hausfrau mit Ihrer Beſprechung zurück, oder laſſen ſie, falls ſie bei Ma⸗ riannen wäre, herausrufen, um ſie wegen des Beſuches zu befragen. Ich muß nämlich mit Mariannen unter vier Augen reden. Wie Sie dann wieder hinwegkommen wollen, überlaſſe ich Ihnen. Wir ſprechen uns dann wieder hier, ehe ich mit der Dämmerung nach der Stadt zurück fahre.“ Auf ihre fragenden Blicke erfolgte keine Antwort des jungen Mannes. Er verſtumnite unter dem Zwie⸗ ſpalt ſeines Gemüths, zwiſchen den Zweifeln ſeines Gewiſſens und den Wünſchen ſeines Herzens. Es war 7.— ſo wenig, was Sidonie von ihm verlangte, und es galt dafür Alles, was er wünſchte, und was zwiſchen„Lieb⸗ ſein“ und„Liebhaben“ vielleicht noch zu erreichen blieb. Nach einigen Augenblicken fuhr Sidonie fort: „Alſo einverſtanden, Karl, und nun ſollen ſie auch das Weitere hören, was hinter uns und vor uns liegt 1— Die Angelegenheit der Prinzeſſin Mathilde iſt auf 217 das Erwünſchteſte geordnet, Graf Albert aber noch nicht entlaſſen, und wird es auch noch nicht ſobald, ſondern wird den Prinzen Alexander nach Wildbad begleiten, wohin die Kaiſerin bereits unterwegs über Stuttgart iſt. Auch meine Prinzeſſin geht mit ihrer mütterlichen Tante und ihren Hofdamen dahin, und ich habe mich nur auf einige Tage von ihr getrennt, um den Umweg über Nienſtedt zu nehmen, wo ich die Kammerjungfer und den Bedienten, meinen Reiſemarſchall, zurückgelaſſen habe. In Stuttgart treffe ich wieder mit ihr zuſammen, und gehe mit ihr nach Wildbad. Hier ſoll ihre Ver⸗ lobung mit dem Prinzen Alerander ſtatt finden.“ „Verlobung? In Wildbad?“ fragte der Doctor. „Sie haben Recht,“ antwortete Sidonie,„es iſt ein wenig abweichend, ein wenig eigenthümlich; es liegt aber in den eigenthümlichen Umſtänden. Der Prinz ſteht in ruſſiſchen Dienſten, die Kaiſerin begünſtigt das liebens⸗ würdige Paar, und die Verlobung nimmt den Schein eines glücklichen Begegniſſes, eines ländlichen Feſtes an. Bei dieſer Gelegenheit wird nun Graf Albert ſeine Anerkennung finden, durch Orden und Gunſtbezeigungen hervorgehoben werden, und dürfte unter gnädigen Blicken und Fragen der Kaiſerin und der Prinzeſſin— vielleicht auch gern als Bräutigam erſcheinen mögen. Es wird ſich nur fragen, wer die Braut wäre. Ich ſelbſt—— intereſſire mich für ſein Glück ſo lebhaft, daß ich mich mit ſchwerem Kampf überwunden habe, über hier zu reiſen, um zu ſehen, ob Marianne wirklich ſeine Verlobte iſt, und ob die Sache ſo liegt, daß—— wie ſoll ich ſagen?— daß ſie es auch bleiben muß.“ Sie wollte weiter reden; allein der junge Freund, ſo befangen mehr zu hören, als ſie es war ſich noch deutlicher zu erklären, kam ihren geſuchten Worten zuvor, indem er ziemlich jäh verſetzte: „Ich verſtehe Sie nicht recht, Baroneſſe; allein, laſſen Sie mich lieber in der Unwiſſenheit über die Abſicht Ihres Beſuches. Ihre Verkleidung beunruhigt mich ohnehin ſchon. Doch denk' ich, Ihr edles Herz wird Sie zu Mariannen begleiten, und das Wort führen. Ich weiß aus Erfahrung, daß man auch mit vorgefaßter Abſicht ihr nicht weh thun kann.“ Sidonie fand ſich von dieſer Aeußerung noch mehr verwirrt. Sie hätte ſich gern über ihr Vorhaben aus⸗ geſprochen. Ihr nicht falſches Herz machte ihr Vorwürfe über die Leidenſchaft, der ſie gefolgt war, während ihr berechnender Verſtand doch nicht aufgeben mochte, was ſie ſich dabei vorgeſetzt hatte. Mit dieſem innern Zwie⸗ ſpalt nahm ſie ihre Zuflucht zu einer Selbſttäuſchung, indem ſie erwartete, der junge Doctor, den ſie bei ihrem Unternehmen betheiligte, werde ihr die Zuſtimmung entgegen bringen, die ihr innerlich fehlte. Nun er ſich aber zurückzog und jede nähere Mittheilung abwehrte, erlobte ſoll ich ward ſie noch ängſtlicher mit ſich ſelbſt, aber auch un— williger über ihn, den ſie mit ihrem guten Verſtande in ſeiner ganz ähnlichen Selbſttäuſchung durchblickte. Mit aller Lebhaftigkeit ihres Verdruſſes ſagte ſie ihm: „O wir kennen uns, guter Doctor Hoßbach! Sie wollen von meinem Vorhaben nichts wiſſen, weil ſie es ſchon errathen, und haben den Seelenmuth nicht, es zu mißbilligen, weil ſie Ihren eigenen Gewinn da⸗ bei nicht aufgeben mögen. Nicht war, Karl? Den Frommen, denken Sie, gibt's der Herr im Schlaf, und ſo machen Sie die Augen zu, als ob Sie ſchlie— fen und ganz fromm wären. Aber, guter Freund, ich ſehe Sie blinzen, während ich handle. Und— ich werde handeln. Die Sängerin Uffenhenheimer gibt ihr Debüt nicht auf. Abonnement ſuſpendü für Doctor Hoßbach. Aber, ich bin generös, Karl: ich breche mir den Juwel aus Mariannens Trauring und laſſe Ihnen den goldenen Reif. Greifen Sie zu, ſobald ich von ihr gehe. Es iſt vielleicht der günſtigſte Augenblick für Sie, ihre Hand zu gewinnen. Sie ſehen, bei all' Ihrer Vergeſſenheit gegen mich bin ich noch großmü⸗ thig genug, Ihr Glück zu befördern.“ „Ich bewundere Ihre Großmuth, Baroneſſe Sidonie!“ antwortete er unwillig.„Sie möchten mir um Alles die Hand eines edeln Mädchens zu wenden, die eben 1 noch den Grafen von Wallberg feſthält!“ 220 Sidonie erröthete und ſchwieg einen Augenblick be⸗ troffen; dann ſagte ſie mit ihrer leichten, lächelnden Faſſung: „Nun ja, Karl, wir verſtehen uns, und verſtehen auch das laufende Leben, und nehmen's, wie es eben iſt. Wir haben uns beide um zwei Herzen beworben, und wollen uns nun nicht ſchämen zu geſtehen, daß wir einander in die Hände arbeiteten.—— Und nun gehen Sie, Karl, und laſſen den Wirth unter'm Gar⸗ tenzelte unſer Mittageſſen auftragen. Ich habe für uns beide beſtellt. Es iſt heut ſo ſchwül in den Zim— mern, und wir haben uns zum Ueberfluß auch noch echauffirt!“ Siebentes Kapitel. Beſuch und Betrug. Das ſchon in der Frühe vermuthete Gewitter ſam— melte ſich gegen Abend am ſüdweſtlichen Himmel, und zog gegen das Gebirge herauf. Frau Roſer, die auf Mariannens Wohnzimmer der Clavierſtunde ihrer klei⸗ nen Betty beiwohnte und eine heimliche Furcht vor Gewittern hatte, trat wiederholt an's Fenſter, nach den Wolken umzuſchauen die mit beängſtigenden Maſ⸗ ſen, lichtgrau und ſchwarz durchſetzt, in ſchweren Schichten herabhingen. Bei dieſer Gelegenheit bemerkte ſie ein geputztes junges Frauenzimmer im Garten wandeln, bald zu den Blumen gebückt, bald nach der Gegend ausblickend. Die Fenſter ſtanden, der friſcheren Luft wegen und bei überzogenem Himmel, geöffnet und ſo vernahm die 222 Fremde das Clavier, näherte ſich dem Hauſe, ſah her— auf und grüßte. Frau Roſer verließ leiſe das Zimmer, um die Fremde zu empfangen. Dieſe pries mit vornehmer Zutraulichkeit die Lage des Gartenhauſes und fragte, ob ſie hier nicht Woh— nung für mehrere Sommerwochen haben könnte. Frau Roſer hatte allerdings noch ein angenehmes Zimmer mit Cabinet frei, die aber geweißt und neu tapezirt werden mußten. Glücklicherweiſe war die Fremde nicht eilig, ſie hatte noch eine kleine Reiſe vor, wünſchte aber die Wohnung zu beſehen. Frau Roſer bat ſie einzutreten, und zeigte ihr die Räumlichkeiten. Lage und Einrichtung gefielen ihr, ſie vernahm den Preis und die Bequemlichkeiten die ſie haben konnte, und ſchien mit allem ſehr zufrieden. Das Clavierſpiel gab ihr Anlaß, ſich nach der Beſetzung der anſtoßenden Zimmer zu erkundigen. Frau Roſer nannte die junge, liebens⸗ würdige Dame, die ſo freundlich ihrem Töchterchen Unterricht gäbe, und ſprach mit ſolchem Lobe von ihr, daß die Fremde gar herzlich wünſchte, alsbald die Be⸗ kanntſchaft ihrer künftigen Nachbarin zu machen. Frau Roſer ging, ſie bei Mariannen anzumelden. Marianne, ſo unerwünſcht ihr der Beſuch eines ihr unbekannten Frauenzimmers war, wollte doch dem Vortheil ihrer Wirthin nicht entgegen ſein. Sie hob den Fuß, der heut wieder ein wenig ſchmerzte, von 8 und ſchien ihr mmer ebens⸗ terchen 1' ihr, eines dem e hob von 223 dem Tabouret, auf dem ſie ihn ruhen ließ, um die Eintretende zu empfangen. Der kleine Verdruß den ſie über ihre Störung empfand, mochte ſie dazu reizen, daß ſie den über— ladenen Anzug der hübſchen Fremden belächelte. Aber ſo empfindlich ſcheinen die Frauen in Bezug auf ihre Toilette zu ſein, daß Sidonie, ſtatt mit dem Ein— druck auf den ſie es bei der Wahl des Anzugs ab⸗ geſehen, heimlich zufrieden zu ſein, doch dies Lächeln im erſten Augenblicke ärgerlich aufnahm. Vielleicht ging aber auch die ganze Erſcheinung Mariannens, — ihr blühendes Ausſehen, das phantaſievolle Ge— ſicht, der reine, ſeelenvolle Blick, die edle, natürlich⸗ vornehme Haltung über Sidoniens Vorausſetzung hin⸗ aus, und verſtimmte ſie. Dieſer zurückgehaltene Ver⸗ druß war keine gute Loſung für dieſe Stunde. Schnell verlor ſich aus Sidoniens Bruſt die Anwandlung von Aengſtlichkeit und Reue, die ihr aus dem Garten heimlich gefolgt waren; ſie fühlte nur um ſo leb⸗ hafter was ſie gegen ſolche Vorzüge aufzubieten habe, und war entſchloſſen, die einmal übernommene Rolle, als ihre letzte Waffe, durchzuſpielen. Dieſe Stimmung drang ihrem ſonſt ſo einnehmenden Weſen ein erzwun⸗ genes Betragen auf, das in Uebereinſtimmung mit dem überladenen Anzuge Mariannen, ehe ſie noch 224 etwas von der Fremden wußte, den Eindruck einer reiſenden Comödiantin gab. So bildete ſich zwiſchen beiden Gemüthern, wie in der Atmoſphäre, eine Spannung, die über eine Kleinigkeit zum Ausbruch kommen, und da oder dort⸗ hin Verderben bringen konnte.— Die Fremde hatte Platz genommen. Sie ſchmei⸗ chelte Betty an ſich, ließ ſie etwas ſpielen, und freute ſich, daß die Kleine auch eine gute Singſtimme verrathe.——„Sie ſingen wohl auch, Fräulein Marianne?“ fragte ſie. Marianne, empfindlich bei ihrem Vornamen ge⸗ nannt zu werden, antwortete kurz: „Ein wenig, Mademoiſelle!“ „Sie ſingen wohl auch Alt?“ fuhr Sidonie fort, und konnte in Erinnerung an dieſe Worte des Gra— fen Albert, die an jenem äſthetiſchen Abend an ſie ge— richtet waren, ein bezügliches, aber für Marianne un— verſtändliches Lachen nicht unterdrücken. Marianne blickte ſie verwundert an, und antwortete nicht. Sie faßte eine ungünſtige Meinung von dem ſchönen, zudringlichen Geſchöpf. Indeß ſprach Sidonie weiter: „Ich verſtehe mich ein wenig auf Stimmen Ich will Ihnen nicht verſchweigen, daß ich die bekannte Sän⸗ gerin Uffenheimer bin. Ich gehe nach Stuttgart, wo einer une un⸗ twortete Sidonie Ich Sän⸗ †. wo aart, u ich bei Hofe vor der Kaiſerin Mutter aus Rußland ſingen ſoll.“ Sie ſprach dies mit ſoviel Selbſtgefühl und Selbſt⸗ gefälligkeit, daß Marianne, die freilich nicht ahnen konnte wie ſehr Sidonie ſolcher Selbſtermunterung be— durfte, vollends den Eindruck einer leichtfertigen, miß— ächtlichen Perſon von ihr hatte, mit der ſie um keinen Preis auf demſelben Hausgang wohnen möchte. In dieſem Augenblick öffnete die Magd die Stuben⸗ thür und winkte Frau Roſer hinaus. Dieſe nahm ihre Betty an der Hand, und verließ mit der Bitte um Entſchuldigung das Zimmer. Sidonie, nicht ohne Herzklopfen, rückte ihren Stuhl näher zu Mariannen, die wie in Geduld ergeben, ſich in ihrem Seſſel bequem machte. Sie nahm, bei ihrer Meinung von der Fremden, keinen Anſtand, den Fuß wieder auf das Tabouret zu legen, und ihr leichtes Tuch von der Schulter zu löſen, da ihr bei innerer Aufregung die Schwüle der Luft allzuläſtig wurde. Sidonie, in ihrer Beklommenheit einigemal aufſeuf⸗ zend, ſuchte ihrer Befangenheit eine andere Deutung zu geben, und ſagte: „Es iſt nicht ſo wohl die Gewitterluft, die mich ſo einnimmt, ſondern— ich kann Ihnen gar nicht ſagen, wie wohl mir, nach ſchmerzlichen Wochen, wie⸗ der einmal bei Ihnen wird. Dieſe reizende Einſam⸗ Koenig, Marianne. II. 15 4 — ’ 1 1 226 keit und die Hoffnung einige Sommermonate hier mit Ihnen zu verleben,— dies Glück kommt mir ſo un⸗ erwartet, daß es mich ganz überwältigt. Ihre ein⸗ nehmende Erſcheinung, liebe Freundin, regte im erſten Augenblicke, wie durch einen Zauber— Sie erſchrak vor dieſem anzüglichen Wort und verbeſſerte ſich: wie durch eine Gunſt des Him⸗ mels, mein Herz zum innigſten Zutrauen an. „Ich werde freilich nicht lange mehr hier verwei⸗ len können,“ fiel Marianne ein, und ermunterte ſich ordentlich, etwas ſo Unerwünſchtes ſchnell von ſich ab zuwehren. Ich litt an einem kranken Fuß, der zwar heut wieder ein wenig ſchmerzt, wahrſcheinlich vom Einfluß des Gewitters; ſonſt dächte ich es ſtände mir etwas Leidiges bevor. Man wird ordentlich aber⸗ gläubig, Mademoiſelle, wenn man von den Folgen ſittlicher oder ſocialer Erlebniſſe, von Haß und Hoch⸗ muth der Menſchen leidet.“ Betroffen, aber ſich zuſammen nehmend, verſetzte Sidonie: O wie würd' ich's beklagen, wenn Sie ſo bald 7— G fortzögen! Sie gehen wahrſcheinlich,— ſich zu ver⸗ heirathen? Sie ſehen mich an, als ob ich es errathen hätte. Ich weiß ſelbſt nicht, wie ich eben auf den Gedanken komme: aber Sie ſehen mir ſo innerlich er mit ſo un⸗ ſre ein erſten froh und befriedigt aus, wie eine glückliche Braut, oder ich komme auf den Einfall weil ich ſelbſt— „Wenigſtens fühle ich mich nach ſo manchen Leiden wieder recht froh und glücklich,“ antwortete Marianne, als Jene ſo plötzlich ſchwieg.„Doch will ich's nicht berufen!“— „O wie gönne ich Ihnen das!“ r rief Sidonie, und faßte zudringlich Mariannens Hand, ſie zu drücken. „Der Himmel behüte Sie vor andern Le eiden, als die uns ein verletzter Fuß macht! Ein verletztes Herz trägt ſich und heilt viel ſchwerer. Ich hab's erfahren, und das Bitterſte ſteht mir noch bevor. In Stuttgart, wohin ich berufen bin, ſoll ich dem Manne begegnen, ſoll ich ihn unter meinen Zuhörern erblicken, den ein bürgerliches Mädchenherz ſo unausſprechlich liebt, dem es unaufhörlich ſchlägt, für den es lebt und leidet, 7 und den man nun mit einer adlichen, ebenbürtigen jungen Dame zu verheirathen ſucht, die freilich nicht ohne Wirkung ihre Zauber an ihn verſchwendet hat. — Glauben Sie mir!— Kein Wort, das nicht die Wahrheit wäre!“ Mit dieſer letzten, ſonderbaren Entſchuldigung über⸗ redete ſich die Sophiſtin nur ſelbſt, daß ſie Mariannen nicht täuſche, weil Sie deren wirklichen Zuſtand ge ſchildert hatte. „Aber— ſo gehen Sie nicht hin!“ verſetzte Marianne. — — 228 Warum ziehen Sie Ihren Schmerzen nach, ſuchen ſie 4/ auf, und ſind nicht zu ſtolz, mit gekränktem Herzen vor ihm zu ſingen?“ „Ich ſehe, meine liebe, ehrliche Freundin, wie wenig Sie das Loos einer Sängerin kennen,“ erklärte die Gefragte.„Vor einer Kaiſerin ſoll ich ſingen, vor einer Gebieterin von dort, wo es keine Nachtigallen gibt! Ich will nicht ſagen,— das ſei eben das dienſtbare Verhäng⸗ niß einer Künſtlerin; nein, ich will ſtolz ſein, wie Sie es verlangen, und ſagen: Auch im Unglück gilt uns noch der Ruhm!„Das Leben iſt der Güter höchſtes nicht,“ ſagt Schiller, viel weniger alſo ein Mädchenherz, das zu leiden beſtimmt ſcheint und im Leiden um Liebe eine höhere Seligkeit finden kann,— ein neues, dem Höchſten, was wir kennen,— der Liebe, dem ewigen Weh der Liebe geweihtes Leben. Nicht wahr? Sagen Sie mir zur Beruhigung, Marianne, daß auch Sie ſo fühlen, daß auch Sie vom Unglück der Liebe nicht zu kränken wären?“ „Nein, nicht vom Unglück der Liebe, aber von der Bosheit, vom Haß der Menſchen!“ entgegnete Marianne ſanft und mit der träumeriſchen Miene der Erinnerung. „Sie haben Recht,“ rief die Sängerin, ſich leiden⸗ ſchaftlich erhebend,—„Sie haben Recht, und ich werde mich auch rächen. Ihm werd' ich verzeihen, aber mich rächen an dieſer Sidonie! Ich werde feſt halten an dem Geliebten, auch wenn ich ihn fahren laſſe!“ l ſie Herzen wenig te die weiner ¹ Ich rhang⸗ 229 „Sidonie—?“ fragte Marianne betroffen, und ſich aus ihrer ruhenden Lage ein wenig aufrichtend.„Sie kommen aus der Reſidenz: meinen Sie— Sidonien, die Tochter des Miniſters von—?“ „Kennen Sie die Baroneſſe von Bruchleben?“ „Nein, aber— ich weiß von ihr, und— „Sie heirathet, ſagt man, und zwar—“ Ein dumpfer Donner rollte kurz und fern. Die Sängerin kam ängſtlich gegen Marianne heran, indem ſie leiſe ſagte: (△ Oeo 77— as Gewitter kommt. Ich will doch lieber nach meinem Wirthshauſe—.“ „O es iſt noch fern,“ verſetzte Marianne.„Sie können es hier abwarten. Sie wollten mir ſagen, Sidonie heirathe—?“ „Es heißt ſo,“ antwortete die Sängerin zerſtreut und überlegend, indem ſie ihren Stuhl wieder einnahm. „Ich behaupte nicht, daß es gewiß iſt. Aber man wünſcht es, man arbeitet daran, man findet es paſſend. Die Sache liegt nämlich ſo! Unſere Prinzeſſin Ma⸗ thilde vermählt ſich dem Prinzen Alexander. Es iſt kein Geheimniß mehr; denn die bisherigen Hinderniſſe ſind gehoben, was man zum Theil auch der geſchickten Unterhandlung des Grafen Albert v. Wallberg verdankt. Nun möchte man aber, bei Gelegenheit der nahen Ver— lobung des fürſtlichen Paares, wobei man auch dem 230 Grafen einige Auszeichnung zugedacht hat, ihn auch ſtandesmäßig verlobt wiſſen. Man hat ihm eine be⸗ deutende Zukunft zugedacht und möchte ihn dafür in ſchicklichen Verbindungen ſehen.“ Sidonie ſtand wieder auf und trat an's Fenſter, ſcheinbar um nach dem Wetter umzuſchauen, denn es blitzte ſtark und der Donner murrte und grollte unaufhör⸗ lich; eigentlich aber zögerte ſie aus einer ängſtlichen Empfindung weiter zu reden,— ſei es aus mädchenhaftem Zartgefühl für ſich ſelbſt, oder aus einer Regung des Mitleids für Marianne. Dieſe aber hatte bereits zu viel gehört, um nicht weiter zu fragen, ob es alſo dieſe Sidonie ſei, die man dem Grafen zugedacht habe, und ob der Graf ſelbſt— Sie konnte nicht weiter reden, ihre Empfindung drohte ſie zu verrathen. „Zugedacht, ja!“ antwortete Sidonie leichthin, und ich weiß auch, daß ſie ihn nicht abweiſen würde, wenn—“ Wie ſie Mariannen in den Seſſel zurückſinken hörte, wendete ſie ſich vom Fenſter raſch um, und der Eindruck ihrer hingeworfenen Mittheilung auf die erblaßte Kranke entging ihr nicht. Es war kein Triumph, was ſie im Augenblick empfand; ihr Herz hegte ja keinen eigentlichen Groll gegen Marianne und ihre Eiferſucht war vor der anziehenden Erſcheinung derſelben bald zurückgetreten: aber Sidonie erfuhr heut, und vielleicht nicht zum erſten auc allch druck ndi˖ 1' Mal, wenn auch nicht im Ausdruck, eine Lüge— zur Geißel daß ein ausgeſprochenes Wort,— im Sinn, wird, die den Menſchen auf dem betretenen Pfade vor⸗ wärts treibt. Der lebhafte Verſtand, den ſie ſchon oft gegen ihre edleren Regungen zu Hülfe gerufen, ſagte ihr, daß ſie jetzt vollenden müſſe, wenn nicht das Leid, das nun doch Mariannen getroffen, für ſie ſelbſt ohne Frucht bleiben und zu ihrer Schuld auch noch eine Albernheit begangen werden ſollte. Und ſo trat ſie zu Mariannen mit den Worten: „Ich ſehe Ihnen an, theuerſte Freundin, welchen zarten Antheil ſie an meinem Unglück nehmen. Eine Sängerin iſt allerdings keine Partie für einen zu großer Wirkſamkeit berufenen und begabten jungen Grafen, und daß er uns in ſüßen Stunden geliebt, ſich uns hin— gegeben hat, reicht nicht an die hohen Anſprüche, die das Leben, die Welt, das Vaterland an ihn ſtellen. Zu dieſem ſchmerzlichen Troſt erhebe ich mich zuweilen in den Stunden der Exinnerung. Glauben Sie nicht auch, edle Freundin, daß es groß und ſchön von mir iſt, wenn ich dem Grafen all' ſeine Verſprechungen zurückgebe, wenn ich ihm abſchreibe? Würden Sie in einem ſolchen Falle nicht ebenſo handeln?“ Und da Marianne, ihr Tuch vor das Geſicht ge⸗ preßt, ſchwieg, fuhr Sidonie in überſpanntem Tone fort: „Ja, gewiß würden Sie! Und das will ich auch! Schreiben will ich ihm! Wie dank' ich dem Himmel, der mich in den Garten hierher und zu Ihnen geleitet hat, wo der edlere Theil in mir mächtiger, als je auf— lodert; wo ich bei Ihrer tiefen Theilnahme an meinem Mißgeſchick die Ueberzeugung faſſe, wie auch Sie in ſolchem Leide handeln würden. O mir bleibt ja noch die Erinnerung an trauliche Abende, bleiben zwei herrliche Lieder, die er, glaub' ich, ſelbſt componirt und mir auf der Violine eingeübt hat, die ich ihm wieder und wieder vorſingen mußte!“ Sie ſtürzte ſich an das offene Klavier, und mit den Worten:„O Sie ſingen ja ebenfalls Alt!“ ſpielte ſie eine kurze Einleitung, und ſang in Mariannens Melodie das Goethe'ſche Lied:„Ueber allen Gipfeln iſt Ruh'.“ Bei den Schlußverſen: „Warte nur, balde Ruheſt du auch!“ zuckte ein greller Blitz, und ein krachender Donner folgte in abſtürzenden Schlägen, daß das leicht gebaute Haus ſchütterte. Sidonie war mit einem Aufſchrei emporgefahren, und ſah Mariannen, von ihrem Seſſel herabgeglitten, mit dem Geſicht auf dem Sitze liegen, leiſe bebend, ſtill weinend. Einige Momente war es todtſtille im Zimmer und draußen. Sidonie ſtand in peinigender Verlegen ummel, geleitet e auf neinem Sie in och die rrliche 22 233 heit, nicht wiſſend, was ſie thun oder nur ſagen ſollte. Sie dachte an das zweite Lied, das ſie noch hatte ſingen wollen, und an den Donner, deſſen Wiederholung ſie fürchtete. Und ſo ſprach ſie, um nur irgend etwas an zuregen, mit einem Accordanſchlag auf dem Klavier halblaut: „Der du von dem Himmel biſt“—. Da erhob ſich raſch Marianne; blaß und das Geſicht von dem durchweinten Tuche genetzt, trat ſie mit edler Haltung gegen Sidonien vor und ſprach: „Verlaſſen Sie mich, Mademoiſelle Uffenheimer! Ich will jetzt allein ſein. Ich pflege zu beten, wenn der Himmel in Wettern über uns waltet. Gehen Sie! Wenn Sie ſich nicht mehr hinüber wagen, verweilen Sie unten bei Frau Roſer; aber hier laſſen ſie mich allein! Gehen Sie!“ Es lag eine Hoheit auf der Stirne, eine Verachtung im Auge und ein Stolz im Ton der Stimme, daß die Baroneſſe, ohne ein Wort zu erwidern, ſich verneigte und das Zimmer verließ. Hinter ihr ſchob Marianne den Riegel vor, wankte gegen das offene Fenſter, wo ſie auf die Knie geſunken, mit Aufblick nach den blitzenden Wolken, halb ſingend, halb ſprechend mit dem Ausdrucke tiefſten Schmerzes flehte: „Der du von dem Himmel biſt, Alles Leid und Schmerzen ſtilleſt, 234 Den, der doppelt elend iſt, Doppelt mit Erquickung fülleſt, Ach ich bin des Treibens müde! Was ſoll all' der Schmerz und Luſt? Süßer Friede Komm', ach komm' in meine Bruſt!“ Kaum ausgeſprochen, und ein ſtrömender Regenguß rauſchte durch den breiten Nußbaum neben dem Fenſter herab. Ein Strom von Wohlgerüchen drang zugleich mit den ſtürmenden Lüften durch das Fenſter herein. Marianne erhob ſich, erquickt wie von erflehtem Segen, und ließ, ob es gleich herein regnete, für die Gnaden des Himmels das Fenſter offen. Blitz auf Blitz zuckte, Schlag auf Schlag des Donners hallte oben in den Wäldern wieder. Es klang ihr als ein Strafgericht des Allwaltenden. Doch, wie ſie an Albert dachte, faltete ſie die Hände nach oben; ihre Lippen bebten ſtill, und leiſe rannen ihre Thränen. Achtes Kapitel. Verluſt und Gewinn. Doch Thränen und Regen erſchöpfen ſich und hören allmählig auf. Marianne ſtand, die Hände gefaltet, am offenen Fenſter, und ſah mit verweintem Blick in die durch⸗ witterte Natur. Das Wetter war mit leichterem Ge⸗ wölk über die Berge gezogen; der Donner ging fern, und endlich leuchtete es nur dann und wann noch über den Wäldern. Langſam hoben ſich die Wolken, und himmelblaue Felder, mit Federwölkchen durchzogen, traten hervor. Nur tief im Weſten lagerte eine dunkle Schicht, und wie die ſinkende Sonne darunter hervor⸗ trat, lachte ſie wie ein ſchelmiſches Auge unter finſterer Braue. Ein Regenbogen ſpannte ſich über den Bergen aus, und die Wipfel der Bäume glänzten im Abendgolde. Auch in Mariannens Bruſt war es ruhig und klarer 236 geworden. Sie war zu einem Entſchluß gekommen, der den Sturm ihrer Seele verſöhnte. Es klopfte⸗ wiederholt an ihre Thür, und die Haus⸗ frau rief ihren Namen. Marianne wollte für heut allein bleiben; ſie verſicherte, daß ſie wohl ſei und dankte für Abendbrod. Der Schmerz in ihrem Fuße war mit einer leichten Ausſcheidung an der gerötheten Stelle gewichen. Sie wandelte in träumeriſcher Unruhe zwiſchen dem geöffneten Klavier und dem offenen Fenſter hin und wieder. Bald trieb es ſie einzelne Accorde anzu⸗ ſchlagen, dann lockte es ſie wieder in die dämmernde Nacht hinaus zu blicken. Ein Abendlüftchen erhob ſich, und regte die Aeſte des Nußbaumes an; tauſend Regen⸗ tropfen fielen von Blatt zu Blatt, und Marianne lauſchte träumend dieſem traulichen Plaudern ihres alten, lieben Nachbars. Ein lichtgelber Saum umzog thalwärts den Abendhimmel; eine weißleuchtende Stelle ſtand hoch über ihr am Himmel, und verklärte die Höhe des Sommers, wie die Tonſur das Haupt eines ſegnenden Weltprieſters! So ſchlug ihre Pendeluhr Mitternacht, als ſie, mit dem letzten tiefen Athemzug in den duftigen Garten, ihr Fenſter ſchloß und Licht anzündete, um den Schlaf zu verſuchen. Ziemlich früh am andern Morgen ſtellte ſich der junge Arzt zuerſt bei der Hausfrau ein. Er hoffte von 237 ihr über Mariannen, ſie von ihm über die Sängerin Näheres zu hören. Er war es nämlich geweſen, der Frau Roſer aus Mariannens Zimmer rufen ließ. Beide, im Geſpräch über den Beſuch, hatten dann in Erwartung des Ausgangs unvermuthet und zu ihrer Verwunderung die Fremde durch den Garten eilen ſehen, um noch dem Regen zuvor zu kommen, der ſich eben mit großen Tropfen ankündigte. Der Dockor war ihr mit einem Regenſchirm nachgeſprungen; der Platzregen aber hatte Beide unter dem kleinen Schutzdache arg durchnäßt, ehe ſie das Wirthshaus erreichten. Hier mußte Sidonie, wie der Arzt, die Kleider wech⸗ ſeln. Sie war mit ihrer Rolle durchgefallen, und eilte um ſo mehr die Sängerin wieder mit der Baroneſſe zu vertauſchen, die ſie aus dem mitgebrachten Koffer nahm. Weniger jedoch verſtimmt als aufgeregt und hoch geſpannt, war ſie den Fragen des Doctors aus⸗ gewichen, und was ſie mit einer gewiſſen Feierlichkeit geantwortet, hatte ihn eher verwirrt, als über das Vor⸗ gefallene aufgeklärt. Sie war dann auch, wie das Wetter nur einigermaßen nachließ, mit ihrem Einſpänner nach Nienſtedt zurückgekehrt. Nach dem nun, was die Hausfrau von Mariannens Benehmen am Vorabend berichtete, konnte er nicht ohne ängſtliche Erwartung ihr Zimmer betreten. Sie empfing ihn mit der Freundlichkeit eines ernſten, aber entſchloſſenen 238 Herzens. Sobald ſie über die neue Erſcheinung an ihrem Fuße ſeine Erklärung, ſeine Beruhigung und Verordnung empfangen, wendete ſie ſich an den„lieben Freund“. Sie faßte ihre Erklärung einfach, ruhig und mehr in's Allgemeine, und verlangte ſeinen ehrlichen, anſpruchloſen Dienſt. Sie fühlte ſich weder geſtimmt, noch fand ſie es ſchicklich ihr ganzes Leid gegen ihn aus⸗ zuſprechen, und ſuchtelhes lieber in milden Scherz zu verkleiden.„Laſſen Sie uns einander lieb ſein,“ ſagte ſie lächelnd,„und ſtehen ſie mir in meiner jetzigen Ver⸗ laſſenheit bei. Ich habe über Nacht alles verloren, oder— gebe alles auf. Haben gilt daher nicht mehr für uns— weder in der Liebe für mich, noch in der Hoffnung für Sie. Aber, wenn man etwas iſt, vermag man viel— über ſich ſelbſt und für Andere. Bringen Sie mich nach Nettlingen in meine Heimath. Dort aus dem Gaſthauſe hat man den Blick in den Garten des Schulhauſes,— da blühen jetzt meine Roſenſtöcke, wenn auch der Hollunderbaum über das kleine Fenſter meines Kämmerleins hinaus gewachſen wäre. Die Koſten der Reiſe kann ich noch mit gutem Gewiſſen aus den Ihnen übergebenen Mitteln annehmen. Ich war mit der Gräfin übereingekommen, daß ſie, wenn wir einander nicht gefielen, auch meine Rückreiſe zu beſtreiten habe. Und— wir haben einander nicht ge⸗ fallen!“ ig all Der Arzt, von dem Ton wie von dem Verlangen und betroffen, blickte ſie eine Weile gerührt an, dann er⸗ lieben widerte er: g und„Und— in Nettlingen, was wollen Sie dort, Ma⸗ llichen, rianne? Verzeihen Sie mir den vertraulichen Namen!“ timmt,„Dort— will ich geneſen, Karl,“ antwortete ſie, maus⸗—„nach Ihrem guten Rathe mich herſtellen, und dann erz zu wieder dienen und den ſchweretTraum vom Schloſſe ſagte Wallberg vergeſſen. Ich werde meinen Platz wieder Ver⸗ finden im Bereich meiner Kenntniſſe und meines rloren, Herzens.“ mehr„O den haben Sie gefunden, Marianne!“ rief Karl in der hingeriſſen aus.„Und ich kenne einen rechtſchaffenen ermag Menſchen, der es nicht zu beſchwören braucht, daß in ringen dieſem Bereiche auch ein ſtilles, aber treues, treues Dort Glück für Sie läge!“ Harten„O lieber, beſter Karl— nicht das!“ ſagte ſie litöce mit Kopfſchütteln.„Fühlen Sie denn nicht, lieber Freund, daß es nicht einmal die Stunde dazu wäre.“ Fenſter de„Verzeihen Sie mir!“ erwiderte er.„Sie haben Kiſtt Recht! Aber was mich ſo ganz erfüllt, überwältigte mich h eben. Doch nein,— ich achte die Stunde! van„Und die Zukunft, Karl!“ ſetzte ſie hinzu.„Wenn Sie mir nur um Lohn, ſei's auch bloß um den Sold der Hoffnung, dienen wollen: ſo laſſen Sie mich lieber allein ziehen! Ich bin Ihnen Offenheit ſchuldig, denn 240 ich will eben das Edelſte von Ihnen,— die anſpruch⸗ loſe Freundſchaft eines Mannes der Liebe verlangt, weil er Liebe hat, und der Liebe werth iſt. Aber— ich kann nicht, Karl! Nie mehr, auch wenn einmal alles überſtanden und verwunden ſein wird. Denn — ſehen Sie, das Ewige, Göttliche in der Menſch⸗ heit, das in einer eigenthümlich geſchaffenen Menſchen⸗ ſeele die Liebe erweckerſcheint uns gerade in dieſer individuellen Geſtalt. In dieſer einen Perſönlichkeit faſſen und begreifen wir die Liebe; und wenn ſie in uns ſelbſt ſo wahr und ewig iſt, als ſie uns in dieſer Geſtalt erſchien; ſo finden wir ſie in keiner andern wieder. Wenn ſich mir die Roſe abblättert, in der ich allein die Seele der Natur begriffen habe, ſo kann ich, ſtatt ihrer, keine Lilie vor die Bruſt ſtecken. Wie könnte denn Liebe auch ewig ſein, wenn ſie nicht zu⸗ gleich eines ewigen Schmerzes werth wäre? Hoffen Sie nicht, Karl, aber helfen Sie mir!“ Nach einer ſtillen Weile, in der ſich der junge Freund zu faſſen ſuchte, ſagte er: „Sie geben alſo den Grafen auf, Ihren Verlobten?“ „Sobald wir unſere Reiſe beſtimmt haben, ſchreibe 144 ich ihm ab!“ antwortete ſie.„Nicht um ihn wiſſen zu laſſen wohin ich gehe: nein, dies gerade nicht; nur will ich die Sache, die innerlich beſchloſſen iſt, erſt auch äußerlich beſtimmt wiſſen.“ ber— einmal Denn Menſch⸗ enſchen⸗ dieſer lichkeit ſie in dieſer 241 O „Oamein Gott! was hat Ihnen denn nur dieſer Beſuch ſo Unglückliches gebracht, Marianne?“ Er ſagte„BVeſuch,“ weil er zu ehrlich war Sän⸗ gerin zu ſagen. „Laſſen wir das,— wenigſtens jetzt, lieber Doc⸗ tor antwortete ſie.„Genug, was ſie mir geſagt, davon hat ſie mich auch überzeugt, ohne es zu wiſſen und zu wollen, ohne es um meinetwillen zu thun, da ſie mich nicht kannte.“ Bei dieſen letzten Wortenandie alles auf die Spitze einer Täuſchung zu ſtellen ſchienen, erſchrak der junge Freund, und ſuchte weiter zu forſchen. Marianne aber wich ihm aus, und er glaubte durchzufühlen, daß es aus Zartgefühl für den Grafen geſchehe, auf den ſie, in ſeinen Augen, nichts Tadelnswerthes möchte kommen laſſen. Er beſtätigte ſich in dieſer Vermu⸗ thung durch die leiſen Fragen Mariannens nach dem was er vom Grafen wiſſe, den er aber nicht kannte, und in welchem Rufe die Sängerin Uffenheimer ſtehe, — was er umging, weil es ihn insgeheim peinigte, Sidonien für dieſe Sängerin gelten zu laſſen. Zuletzt machte der Doctor den Vorſchlag, Ma⸗ riannen ſtatt nach Nettlingen in ein ihr heilſames Bad zu begleiten. Das lehnte ſie aber entſchieden ab, und hielt auch nicht mit ihrem Weigerungsgrunde zurück; indem ſie erklärte, daß ihr dazu die Mittel fehlten, Koenig. Marianne. II. 16 242 und ſie ſolche auch nicht mehr vom Grafen annehmen könnte. Vergebens ſetzte er ihr auseinander, daß ihre Heilung, ihre völlige Herſtellung eine Schuld der Grä⸗ fin Wallberg ſer, für welche der Sohn, ſelbſt abge⸗ ſehen von ſeiner Mitſchuld, einſtehen müſſe. „Sie mögen in der Sache recht haben,“ erwiderte Marianne,—„Sie können auch meinen Verſtand überzeugen: aber dasmollles widerlegt mein Herz nicht, und es geht gegen mein Gefühl. Dieſem Gewiſſen muß ich aber folgen henn wenn ich alles fahren laſſe, lieber Freund, muß ich mir wenigſtens die Zu⸗ friedenheit mit mir ſelbſt erhalten, weil ich ja ſonſt keinen Halt mehr in der Welt hätte.“ Eine Stille der Ueberlegung und der Erwartung von beiden Seiten entſtand. Der junge Mann war nicht eigentlich unentſchloſſen; allein die Lage der Dinge, die zum Handeln aufforderte, zeigte ſich doch ſo unklar und undurchſichtig, es ſchwebte ſo viel Un⸗ aufgelöſtes darin, und er ſelbſt hielt nicht ohne eigene Vorwürfe mit Dem zurück, was zur Aufklärung füh ren konnte, daß er ſich im Augenblicke keinen Rath wußte, keinen Entſchluß für ſich, keinen Vorſatz für Mariannen faſſen konnte. Da er dieſe aber unter ſeinem nachdenklichen Schweigen ängſtlicher werden ſah, und ſelbſt nicht mißverſtanden ſein wollte: ſo ſagte er mit dem herzlichſten Nachdrucke, ja mit einer gewiſſen Rührung alles zu, was ſie von ihm fordern iß ihre werde; nur ſollte ſie jede briefliche Erklärung gegen Gri⸗ den Grafen noch hinausſetzen, und mit ihm auf Mittel abge⸗ denken, ein Bad zu beſuchen. Er machte hierzu aller⸗ hand Vorſchläge, indem er ſelbſt ſcherzhaft ſich bereit widerte erklärte, ihr ein Anlehn zu machen gegen bloße Hand⸗ erſtand ſchrift mit Verzicht auf die Hand ſelbſt. Auch kam znicht, er auf Freund Heimberger, der gewiß gern den nö— ewiſſen thigen Betrag für ihre Perſon vorſchießen werde, und fahren die Auslagen für ſeine eigene Perſon wollte der Doc⸗ ie Zu⸗ tor mit Freuden tragen. z ſonſt Dadurch brachte er Mariannen wenigſtens dahin, daß ſie ſich in Abwartung eines Entſchluſſes zu beruhigen artung verſprach. n war So gingen mehrere Tage vorüber, in denen der der junge Arzt unter der Behandlung der neuen Erſchei⸗ doch nung am kranken Fuße immer wieder auf die Noth⸗ d Un wendigkeit einer Badecur zurück kam. Ohne alle Ne⸗ rele benabſicht blieb er dabei doch nicht. Seit er von ui Sidonien wußte, daß Graf Albert mit den Herrſchaf— Rnth ten nach Wildbad komme, hatte er dieſe ſo beſuchten fir Thermen im Sinn, und in das ärztliche Erkenntniß 1 miſchte ſich etwas von Politik des Herzens. vi⸗ Indem er nämlich, nach dem gewöhnlichen Lauf hie der Dinge, nicht erwartete, daß der junge Graf ſo hohen Einflüſſen und ſchmeichelhaften Bewerbungen zu einer 16* — 244 Gunſten einer ſtandesmäßigen Heirath und verlockenden Beförderung werde widerſtehen können, hoffte er von einer perſönlichen Verhandlung zwiſchen Albert und Marianne eine ruhigere Löſung ihres Verhältniſſes. Er verſprach ſich davon eine gewiſſe Ernüchterung Ma⸗ riannens, die jetzt nur in der Entfernung von dem Ver⸗ lobten, durch Aufregung des Herzens und der Phantaſie, an ſo überſpannten Anſichten von Liebe und ewigem Leid der Liebe feſt halte. Er zweifelte nicht, wohin dann eine ruhige Wahl ihr Herz lenken, und daß ſolche zwiſchen dem von leidigen Erinnerungen umgebenen Be⸗ ruf einer Gouvernante, und dem ſtillen, friedlichen Glück einer Häuslichkeit, wie ihr ſeine anerkannte Liebe biete, zu ſeinen Gunſten ausfallen werde. Nur wollte er vor allem wiſſen, was zwiſchen Si⸗ donien und Mariannen verhandelt worden ſei; da ihm ſeine Patientin doch zu lieb war, um ihr unbedachter⸗ weiſe vielleicht eine Demüthigung zu bereiten, die ihm ſelbſt ihre gerechte Entrüſtung zuziehen könnte. Marianne hatte ſelbſt gegen Frau Roſer aus der unglücklichen Stunde mit der Sängerin ein Geheimniß gemacht. Die gute Frau wußte nur durch den Arzt, daß es darum gelte, dem Grafen eine ſtandesmäßige Frau, wahrſcheinlich in der reizenden Baroneſſe Sidonie, zu vermitteln. In dieſer Vorausſetzung hielt ſie, ſobald ihr Marianne nur einigermaßen gefaßter ſchien, mit lkockenden er von ert und altniſſes. ng Ma⸗ em Ver⸗ hantaſie, ewigem wohin ß ſolche nen Be⸗ jedlichen te Liebe da ihm dachter die ihm us der geimniß u Arzt, mäßige idonie, ſobald 1, mit 1/ 245 ihrem guten Rathe nicht zurück.— Ich begreife aller⸗ dings Ihre Beſorgniſſe, liebe junge Freundin,“ ſagte ſie, „aber nicht Ihren Entſchluß dem Grafen abzuſchreiben. Sie ſind wohl in der Gefahr zu verlieren, aber durch⸗ aus nicht in der Lage um aufzugeben. Sie ſind dem Grafen verlobt, Sie haben gute Rechte: ei, ſo beſtehen Sie denn auf Ihren offenbaren Anſprüchen, machen Sie Ihr Recht geltend; ſelbſt der König muß es reſpec— tiren durch ſeine Gerichte. „Aber, beſte Frau Roſer,“ erwiderte Marianne milden Lächelns,„will ich denn um jeden Preis einen Mann, einen Grafen, ſei er ſelber auch— wie er wolle? Bin ich mir nicht mehr werth, als mir eine ſolche Hand, oder in der Hand eine Abfindung zu erſtreiten? Nein, Doctor, dazu wollen wir uns keine rothen Wangen in einem Bade holen, gewiß nicht!“ Hiermit gab es aber die wohlgeſinnte Frau nicht auf, für Mariannen nachzudenken, und ſo kam ſie eines Nachmittags, während bei Regenwetter der junge Arzt Mariannen auf ihrem Zimmer vorlas, lebhaft herein, und rief mit der geſpannten Miene zu über⸗ raſchen: „Wiſſen Sie denn nun, wer die Sängerin war?“ Karl erſchrak, und nur Marianne fragte wer ſie denn geweſen. „Wer von Perſon, weiß ich gerade nicht,“ antwor⸗ 246 tete Frau Roſer;„in der Sache aber,— und darauf möcht' ich alles wetten,— in der Heimlichkeit war's eine Betrügerin von der alten feindſeligen Gräfin ge⸗ ſchickt, Ihnen eine falſche Nachricht in's Ohr zu ſetzen, und Sie zu einem Abſagebrief zu bewegen. Und bei⸗ nahe wär' es ihr ja auch gelungen.“ Der Gedanke ſtellte ſich Mariannen nach einiger Ueberlegung durchaus nicht verwerflich dar. Indem ſie ſich den ganzen Gang der Unterhaltung mit der Frem den wieder vor die Seele führte, erkannte ſie das Ueberlegte, Berechnete alles deſſen, was die vorgebliche Sängerin vorgebracht hatte. Dies verrieth ſich beſon⸗ ders in der ſo nachdrücklichen Schauſtellung und an die Hand gegebenen Aufforderung zum Verzicht, zum Ent⸗ ſagen, zum Abſchreiben gegen Albert aus Achtung vor ſeinem hohen Weltberufe. Gerade ſo hatte früher die Gräfin geſprochen. Eine ſo gemeine Perſon konnte auch ſolche Empfindungen nicht in der eigenen Seele aufgeleſen haben,— ſie waren ihr eingelernt. Eines nur ſprach dagegen,— die zwei Lieder, die nur in Heimbergers frohem Hauſe laut geworden, und nun von der Fremden doch ſo richtig waren geſungen worden. „Und was iſt Das mit den Liedern?“ fragte Frau Roſer. In ihrem Eifer für die Wahrheit vergaß Ma⸗ rianne heut der frühern Rückſicht für den Grafen. Sie darauf t war's ifin ge⸗ jſetzen, nd bei⸗ einiger dem ſie Frem ſie das gebliche beſon⸗ an die Eines nur in d nun vorden. e Fraul 247 bezeichnete die Lieder, und hielt nicht mit dem Selbſt⸗ bekenntniſſe der Sängerin zurück, die ſolche, im ver⸗ trauteſten Umgang mit dem Grafen, von ihm wollte mitgetheilt erhalten haben. Tiefbewegt ſprach es Ma⸗ rianne aus, daß die Selbſtvergeſſenheit Alberts gegen eine ſolche Perſon, daß der Verrath jener Lieder an eine Unwürdige, daß die Entweihung der Melodien, die ſie ſelbſt nur für ihn, nur in heiligen Momen⸗ ten des Andenkens an die ſelige Mutter und des Aus⸗ drucks ihrer reinen Liebe zu ihm geſungen habe, den unheilbaren Bruch herbeigeführt hätten.——„Das iſt es, warum ich ihn aufgebe!“ rief ſie feierlich, „nicht daß er Sidonien heirathen möchte. Wenn er aufhören will der Fürſt ſeines eigenen Schaffens zu ſein und lieber ein Diener des Königs werden will: ſo mag er'’s thun, und ſeine Gefährtin dazu nehmen woher er ſie will! Aber, daß mein Hinken vielleicht der bleibende Ausdruck ſeines tiefen ſittlichen Falles iſt—! O nein, er ſoll mich nicht und nirgends mehr finden; er ſoll keinen körperlichen Widerwillen an mir faſſen und ſeine Untreue damit beſchönigen. Oder doch—! O ſagt mir, ihr Freunde, ſoll ich ihn vielleicht gerade darum noch einmal ſehen, damit er dieſen Widerwillen nehme, und ſo ſein Herz leich— ter beruhige, für welches die Stunden der Reue und der Vorwürfe nicht ausbleiben werden?“ 248 Im Sturme dieſer auf's Neue erregten Empfin⸗ dungen ward ſie plötzlich von dem jungen Arzt unter— brochen, der von ſeinem Stuhl aufſpringend ihre Hand ergriff, und heftig bewegt ausrief:„Nein, nein, Mar rianne! O halten Sie ein! Sie thun ſich und dem Grafen Unrecht! Man hat Sie getäuſcht,— jetzt durchſchaue ich den Betrug! Aber nicht Ihr Albert hat es, nein, die Baroneſſe Sidonie! Sie war die Sängerin, ſie ſelbſt,— verkleidet. O verzeihen Sie mir, daß ich darüber ſchweigen konnte! Aber mit dem Gewicht ihrer Wohlthaten hatte ſie mir Schweigen auf— erlegt, dieſe Sängerin Sidonie. Auch ließ ſie mich auf der Meinung, ſie wolle nur Ihre Bekanntſchaft machen, nur zuſehen, ob ſie ſelbſt ihre Erwartungen von Albert aufgeben müſſe, oder ob Marianne zurück⸗ treten könnte. Und ſo ſchwieg ich, und wollt' es ab— . warten. Nun ich aber ſehe, welcher Selbſtentwür digung ſie fähig war, welcher Verdächtigung Alberts und welcher Täuſchung gegen Sie, Marianne, mit den Liedern—! Wiſſen Sie, dieſe Lieder hat ſie allerdings von Albert. An einem ihrer äſthetiſchen Abende, da auch er etwas vortragen ſollte, hat er ſie auf der Violine geſpielt. Mit dem innigſten Andenken an Sie, Marianne, hat er dabei bemerkt, wie herrlich Sie die Lieder ſängen, und Sie ſängen auch Alt, wie die Ba⸗ roneſſe. So hat Sidonie die Melodien von einem an⸗ it dem weſenden Muſiker auf der Stelle nach dem Gehör— notiren laſſen, und ſie Alberten zu Lieb ſich nachher eingeübt. Nein, Marianne, ſie ſind kein Verrath, dieſe Lieder: ſie ſind ein herzliches Bekenntniß zu Ihnen, in einer Stunde abgelegt, wo ihn die Zauberin Sidonie mit ihren Reizen und Künſten lockte!“ Er ſchwieg. Marianne, bebend, ſuchte nach Wor⸗ ten, und rief, ſeine beiden Händen faſſend, zwiſchen Lachen und Weinen: „Karl? Iſt es ſo? Ja es iſt ſo! O ich erkenne meinen Albert wieder, und Du haſt es ja geſagt, Karl!— O Du biſt gewiß wahr, weil Du mir das ſagen konnteſt! O lieber, lieber Karl, Arzt meiner Seele! O allen Dank der Welt! Könnt' ich Ihnen nur ein Herz ſchenken, wie Sie es verdienen! Wir bleiben Freunde für immer, Karl! Und Du biſt ein edler— ein lieber Menſch!“ Sie ſchüttelte dabei fort und fort ſeine beiden Hände, und all' ihr Leid und Jubel—„all' der Schmerz und Luſt“ zuckte darin aus. Karl ſelbſt, überraſcht von ſeiner Ehrlichkeit und wie beſchämt von ihrem Dank, zugleich etwas wehmü⸗ thig über das Glück das er— gegeben, erwiderte, ſobald er mit feſter Stimme reden konnte: „Behalten Sie mich lieb, Marianne! Und— nicht wahr, ich durfte ſagen: Ich habe Sie lieb? O ja, 250 ich habe— gehabt! Und doch, Marianne, habe ich noch etwas für Sie, was ich noch ein Weilchen für mich behalte.—— Wir gehen nun, wie es auch der Graf will, in das Bad, das ich für das beſte halte. Wir gehen nach— Wildbad. Es gibt kein heilſame⸗ res für Sie, als Wildbad. Aber Frau Roſer muß uns begleiten, als Ehrendame und— damit Sie mich nicht gar zu lieb bekommen, Marianne!“ Neuntes Kapitel. In Wildbad. Vor dem Badehotel in Wildbad ſpielte die Muſik. Es war einer jener milden, erquicklichen Abende, wie ſie mit der Würze der Föhrenwälder und mit allem Frieden der Welt ſich im ſchmalen Thale der Enz, zwiſchen den hellgrünen Halden niederlaſſen, wenn nach einem Frühregen die Sonne, hinter den weſtlichen Zug der Berge geſunken, nur noch den Kamm der öſtlichen Wälder vergoldet, und das Flüßchen in ſeinem Felſen— bette immer lauter zu rauſchen beginnt. Im Abglanze des Abendhimmels ſaßen geſchmückte Damen und Herren unter den Arkaden des Hötelflü⸗ gels; andere wandelten auf dem kleinen Platze hin und wieder, oder tranken an der Brunnentreppe des Bade⸗ flügels ein Glas warmer Quelle. Dazwiſchen ſtellte ein Photograph ſeine tragbare 252 Dunkelkammer den Arkaden gegenüber auf, um bei ſo günſtiger Beleuchtung den Bau mit den ruhenden Grup⸗ pen der Geſellſchaft aufzunehmen. Die Wandelnden auf dem Platze blieben aus Gefälligkeit die wenigen Minuten ſtehen, die der Künſtler mit einer Handbewegung abzählte, oder ſtellten ſich, um mit aufgenommen zu werden, in den Lichtbereich für ein Bild, das, wenn es gelang, ſeinen Käufer fand. Der eifrige, unterwürfige Mann machte ganz leidliche Geſchäfte; denn Einzelne, Familien, Badebekannte ließen ſich aufnehmen und beſchenkten einander mit ſolchen Andenken. Plötzlich entſtand aber von der nahen Kirche her eine feierlichere Bewegung. Die ruſſiſche Kaiſerin kam von den Anlagen hinter dem Kurſaale her die ſteile Gaſſe herab, in einer Sänfte von zwei Würtemberger Lakeien getragen. Herren und Damen umgaben ſie oder folgten, und hinter denſelben ſtießen zwei ſtattliche Ruſſen in blauen Ueberröcken und Mützen einen Rollwagen vor ſich her, mit welchem die ruhende Gebieterin nach Be⸗ lieben wechſeln konnte. Die Männer des Gefolges gingen im leichten Civil— rocke mit runden Hüten; nur die Haltung und der Schnitt des Bartes verriethen den Militär im Civilrocke. Die Umherſtehenden zeigten einander den Prinzen Alexander und die Prinzeſſin Mathilde. Man ſprach von der venigen wegung nen zu wenn Ruſſen gen vor ach Be — Civil Schnitt Die xander n der on 253 bevorſtehenden Verlobung Beider, und einige wollten wiſſen, daß es ſoweit auch mit dem jungen, hübſchen Grafen und der reizenden, lebhaften Baroneſſe richtig ſei,— jenen Beiden, die eben ſo traulich zuſammen plauderten. Die Kaiſerin ließ ſich an den Brunnen tragen, ein Glas Waſſer zu trinken, während deſſen ſie einige Damen, die ſich erhoben hatten, mit freundlicher Anrede empfing. Darüber kam eine neue Bewegung unter die umher⸗ ſtehenden Zuſchauer, als man die Straße herauf die grelle Peitſche des Poſtillons vernahm, der den Eilwagen von der Eiſenbahnſtation Mühlacker brachte. Es gehörte hier, wie in allen Bädern, zu der Müßiggangsbeſchäf⸗ tigung der Badegäſte, die neuen Ankömmlinge zu muſtern; und ſo eilte man jetzt über den Platz an die Poſt, wo der Wagen eben anfuhr. Im Coupé ſaßen zwei Damen, und ein junger Mann verließ raſch das Innere des Wagens, um jenen Beiden beim Ausſteigen Hand zu bieten. Die Aeltere kam leicht herab; die Jüngere aber verweilte auf dem obern Austritte mit geſpanntem Blicke nach dem ungewöhnlichen Aufzuge der Kaiſerin, die eben vom Brunnen fort um die Ecke des Baues getragen wurde. Die Ausſteigende hatte nämlich den Grafen Wallberg— ihren Albert erkannt, blickte jetzt mit freudiger Aufregung nach ihren Reiſegefährten, und glaubte zu fliegen, als ſie von 254 Beiden unterſtützt mit Schonung ihres Fußes nieder⸗ ſchwebte. Marianne wußte ſeit ihrer Abreiſe von dem Doctor, was ſie hier zu erwarten habe; ſonſt wäre ſie wohl weniger achtſam geweſen, den Geliebten unter den vielen Menſchen zu entdecken, oder mehr erſchüttert worden, ihn unvermuthet zu erblicken. Die drei Angekommenen wurden in das nächſte, an ſehnliche Haus gewieſen, und ſchon erſchien auch der junge Kaufmann, bei welchem, in unſeres Doctors Auftrage, der Badearzt Wohnung beſtellt hatte. Er führte die Frauen in ſein Haus, indeß der Doctor zurück blieb, das Gepäck zu beſorgen. Die Kaiſerin mit ihrem zahlreichen Gefolge hatte nicht nur das ganze Hotel Bellevue für ihren Hofhalt, ſondern überdieß in den beiden andern großen Gaſt höfen Zimmer theils für ruſſiſche Familien ihrer Um gebung, theils für die ab- und zugehenden fürſtlichen Beſuche belegt, die ſie als ihre Gäſte empfing. In den Gaſthöfen war daher ſchwerer unterzukommen; doch hatte noch aus andern Rückſichten der Doctor ein Privathaus vorgezogen, das mehr Ruhe und Rückhalt für Marianne verſprach. Wirklich gab die Wohnung auch alle Befriedigung. Sie war höchſt anſtändig und eine Treppe hoch ſehr bequem. Man hatte das Badehotel gegenüber, mithin 7 7 7 d octor, e wohl Nvielen die Bäder nur wenige Schritte entfernt. Die Morgen⸗ und Abendmuſik ſpielte unter den Fenſtern, die tief herabgehend angenehme Sitze zum Ausſchauen darboten. Die Arkaden gegenüber waren der Sammelplatz für die Trinkenden am Vormittag und für die Abendgeſell⸗ ſchaften in großer Toilette. Das Städtchen ſah noch jetzt nach dem feſtlichen Empfange der Kaiſerin aus. Die Hauptſtraße war noch mit Fichtenbäumchen beſteckt, die ſtatt der Birken als Maie gedient hatten; verwelkte Blumengewinde hingen unter den Fenſtern der alten Häuſer, und große Fahnen mit den würtemberger und ruſſiſchen Farben wehten von den Dächern der Gaſthäuſer herab. Der feſtliche Eindruck des belebten Ortes, die heim— liche Erwartung unſerer Reiſenden ließ die Ermüdung nicht aufkommen, die ſonſt von einer längern Fahrt bei heißem Wetter mitgebracht wird. Am meiſten für die neuen Eindrücke offen zeigte ſich Frau Roſer, Ma⸗ riannens Ehrendame. Sie war freilich bei dem ängſtlichen Vorhaben der Reiſe am Entfernteſten betheiligt, wußte ihr Haus und Kind unter der Fürſorge einer verſtändigen Schweſter aus Nienſtedt, und freute ſich ihrer erſten größern Reiſe, zumal an einem glänzenden Badeort, wo ſie überdies auch, nach der Verſchreibung des Doctors, in einer neuen Toilette erſcheinen konnte. Sie fand, hinter den traurigen Jahren ihrer Ehe her, im Herzen 256 noch einen Rückſtand hoffender Jugend, womit ſie ſich deſto inniger an Mariannen anſchloß, die, in eine reiche Zukunft träumend, nur vor dem nächſten Uebergange noch heimlich bangte. Unſern Doctor beſchäftigten zunächſt die am Ort anweſenden Fremden, mit denen ſich Mariannens Ge⸗ ſchick berühren konnte. Er nahm die gedruckten Bade⸗ liſten vor, und befragte ſich beim Hauswirthe, der um alle Vorgänge am Ort wußte. Die Prinzeſſin Mathilde war von der Kaiſerin ſelbſt in deren Hôtel aufgenommen worden. Prinz Alexander wohnte als Gaſt der hohen Herrin im Kurhauſe. Er hatte die Balconzimmer über dem Kaiſerbad inne, und liebte es zwiſchen den aus⸗ geſtellten Gewächſen der großen Altane ſeine Cigarre in freier Luft zu rauchen. Am andern Ende des Flügels war Graf Wallberg untergebracht, und bei ſeinem Ver⸗ hältniß zum Prinzen lag es nahe, daß er demſelben wohl auch Geſellſchaft auf dem Balkon leiſten werde, da er dann Mariannen oder ſie ihm in's Auge fallen mußte. Dieſer Erkennungsmoment, der unter andern Um⸗ ſtänden die herrlichſte Ueberraſchung verſprochen hätte, ſchien doch unſerm diplomatiſchen Doctor ſo lange nicht wünſchenswerth, als das Verhältniß Alberts zu Sidonien noch im Unklaren lag. Ueberhaupt kam es ihm jetzt, wo der Arzt hinter den Diplomaten zurücktrat, erſt recht zur Erkenntniß, ſie ſich e reiche eergange der um Nathilde nommen er hohen ner über den aus— Eigarre Flügels em Ver ben wohl , da er n mußte. ern Um tt hinter renntuih, 257 was er mit ſeiner Badeverordnung doch Gewagtes unter⸗ nommen hatte und was ſeiner Patientin bei der beab⸗ ſichtigten Heilung ihres nachſchmerzenden Fußes Nieder⸗ ſchlagendes für ihr Herz begegnen könnte. Er empfand dieß um ſo lebhafter, als er es aufgegeben hatte, an ſolch' ein trauriges Erlebniß einige Hoffnung für ſich zu knüpfen, ſo daß ſeine Theilnahme an Mariannen ungetrübter war. Wie ſollte er es nun anfaſſen?—— Den jungen Grafen beſuchen, und ihm Mariannens Anyeſenheit melden? Er kannte ihn weder von Ausſehen, noch ſeiner Gemüthsart nach. Welche Aufnahme hatte er zu er⸗ warten, wenn er dem jungen Herrn vielleicht eine bereute Verlobte in die Quere neuer, brennender Abſichten brächte? Um ſo mehr als er ſich ſelber ſagen mußte, daß er eigentlich übereilt und unbedacht gehandelt habe, ſcheute er ſich, vor einen Mann zu treten, der ihm dieſen Vorwurf laut und mit dem ganzen Gewichte ſeines Standes und Stolzes machen konnte. Nein, dem wollte er ſich ein für allemal nicht ausſetzen. Oder ſollte er Sidonien aufwarten und ſie mit der Nachricht erfreuen, daß ſeine Patientin— auch Alt ſänge? Von ihr hatte er ſeine Aufträge, und doch ohne ihr Vorwiſſen ſeine Reiſe mit Marianne hierher angetreten, wo er ſie anweſend wußte. Und zu dieſem in Ausſicht ſtehenden Vorwurf kam noch der andere, Koenig, Marianne. II. 17 258 den er ſich ſelber machte, daß er— die„falſche Catalani“ verrathen habe. Nein! Er war vor Kurzem wohl mit ihr in den Regen gekommen: aber in ihre Traufe wollte er nun doch nicht gerathen. Alberts Benehmen konnte ihm räthlich machen das Bad mit Mariannen zu ver⸗ laſſen: Sidonie konnte es ihm am Ende gar befehlen. Denn von ihr oder wenigſtens durch ſie hatte er die Mittel erhalten, die er jetzt gegen ihr Intereſſe ver⸗ wendete: wie, wenn man ſie ihm abforderte? Er fürchtete dieß oder dergleichen um ſo mehr, als ihr Vater, der Miniſter, erwartet wurde, um im Auftrage des Königs der Verlobung der Prinzeſſin Mathilde beizuwohnen, oder als Miniſter des Hauſes Act davon zu nehmen. Dennoch mußte etwas geſchehen: der junge Mann konnte es nicht dem Zufall überlaſſen, daß Marianne dem Grafen— vielleicht mit Sidonien am Arme— oder im Gefolge der Kaiſerin begegne; er durfte ſie keiner ſo erſchütternden Scene, keiner möglichen Kränkung oder Demüthigung ausſetzen. Der junge Arzt hatte noch nie ſo lebhaft die Pein des Schwankens empfunden, welches entſteht, wenn in der einen Wageſchale ein Nichtsthun und in der andern ein Nichtsunterlaſſen liegt. konnt Königs wohnen, nehmen. Mann darianne Zehntes Kapitel. Das letzte Wittel. Inzwiſchen konnte er doch, in Abwartung eines klugen Entſchluſſes, Mariannen nicht eingeſperrt hal⸗ ten, da ja ſelbſt zwiſchen ihrem Fenſter und dem nach⸗ barlichen Balkon dem Zufall ein Spielranm gegeben war. Und von außen lockte eine neue Welt. Unter dem feſten Schirmdache vor dem Badehotel, gegen Sonne und Regen aufgeſpannt, unter dieſem„En tout cas“ der Muſik hatte der frühe Tag mit einem Choral be⸗ gonnen. Marianne hatte ſich mit der Andacht zu einer ewig waltenden Macht erhoben, Frau Roſer zwiſchen den Fenſtervorhängen hinausgeſchielt. Da bewegten ſich Frauen und Männer unter den Arkaden in Morgen⸗ anzügen; die Brunnenmädchen bedienten mit warmer Quelle; die Pferde des Kronprinzen, im Dienſte der 47* 260 Kaiſerin, wurden vorübergeführt; Alles war in Bewe— guͤng, und die Unruhe ging auf beide Frauen über: ſie verlangten des heitern Tages, der anmuthigen, waldduftigen Umgebung froh zu werden. Der Doctor mußte nun doch dem Zufall einiges Zugeſtändniß machen. Er rechnete dabei aber insge⸗ heim auf ſein ſcharfes Auge, mit welchem er denſelben aus der Ferne ein wenig zu beherrſchen dachte. Nach dem Frühſtücke führte er beide Frauen über das geſchmückte Enzbrückchen vor das Hotel. Alles lag hier noch ſtill um die ruhende Kaiſerin; nur der Gärtner beſchäftigte ſich die Wege zu ſäubern, und die Blumenrabatten längs des Stutzmäuerchens zu begießen, das den Hügel des Hotels gegen den vor⸗ überziehenden. Weg umfaßt. Das ſtattliche Haus und der Seitenpavillon mit dem Vorbau der hohen Treppe waren mit Zierpflanzen und tropiſchen Gewächſen aus den Hofgärten des Königs beſetzt und geſchmückt. Am Ende des Gartens betraten unſere Freunde die herrliche Anlage, die zu beiden Seiten des lebhaft ſtrömenden Gebirgsfluſſes hinzieht. Sie athmeten die reine, bewegte Luft in den ſchattigen Hallen mächtiger Kaſtanien, durch deren wiegende Aeſte nur einzelne Sonnenblicke gaukeln. Tiſche und Bänke ſtehen an allen guten Plätzen. Man kommt, um hier nicht bloß zu wan⸗ deln, ſondern auch ſtundenlang zu ruhen, mit leichter Bewe 261 Arbeit oder leichter Lectüre beſchäftigt; wenn man es nicht vorzieht, unter dieſem Flüſtern der Bäume, unter dieſem Rauſchen des Waſſers von allem Lieben und Guten der Welt zu träumen. Weiterhin entwickelt ſich eine wahre Romantik von bemooſten Treppen und verſchlungenen Pfaden nach der Höhe, von bretternen Hallen und Thürmchen auf vorſpringenden Felſen, neben einem Springquell und einem Röhrbrunnen, der von dem köſtlichſten kalten Trinkwaſſer überfließt. Und was bleibt den Freunden noch alles aufbewahrt, wenn ſie die waldigen Pfade zu den hohen Berghalden— auf der einen Seite des ſchmalen Thales in der Mor⸗ genkühle, auf der andern unter den Abendſchatten ver⸗ ſuchen werden! Als ſie von dieſem Morgenwandel zurückkehrten, ſpielte die Bademuſik vor dem Gaſthofe zum Bären. Der Doctor der ſich beim Wirth erkundigte, wem dieſe Begrüßung gelte, erfuhr, daß der Miniſter von Bruchleben am geſtrigen Spätabende angekommen ſei. Prinz Alexander und andere Herren ſeien oben bei ihm, und er ſtehe im Begriff zur Kaiſerin hinüber zu gehen. Dies war eben genug, um den Doctor vor dem Hauſe wegzutreiben. Unter den aufwartenden Herren konnte auch Graf Albert ſein. Er führte die Freun⸗ dinnen nach den Geſellſchaftsräumen im Curhauſe. 262 Der prächtige Saal war um dieſe Stunde noch un— beſucht bis auf ein Paar junger Damen, die ſich am aufgeſtellten Flügel übten. Von außen rauſchte der Springbrunnen, der ſein reichliches Waſſer über Stufenbecken ergießt, und ein kleines Amphitheater von Ruheplätzen unter Rankengewächſen kühl erhält. Hier ließen ſich unſere Freunde nieder, da Ma— rianne zu ermüdeten Fußes war, um die Berganlage zu beſuchen, die von hier in gewundenen Pfaden hoch hinauf in den Wald führt. Auf dem kleinen Platze vor dem Springbrunnen hatte der Photograph ſein tragbares Attelier aufge⸗ ſtellt, und erwartete die Geſellſchaft, die ihm hier ſitzen wollten. Da kam dem Doctor ein ahnungs⸗ voller Gedanke.—„Sehen wir doch einmal zu, was der ſo freundlich herauf lächelnde Künſtler kann!“ flüſterte er Mariannen zu.„Laſſen Sie ſich aufnehmen: es iſt ja ſchnell geſchehen, und wir ſind noch allein!“ Und ohne ihre beſtimmte Antwort abzuwarten, eilte er zu dem Manne, und beſprach ſeinen Einfall mit Di D ihm. ieſer war zu dergleichen Anforderungen vorbe⸗ reitet, und Marianne heiter genug keine Umſtände zu machen. Sie ließ den geſchäftigen Künſtler ihren Stuhl und ſich ſelbſt zurecht rücken in der Haltung einer Leſerin, die über einen off'nen Brief hinaus mit froher Erwartung in die Ferne blickt. ch un ſich auſchte r über theater Während ſie nun ſo mit der Aufmerkſamkeit auf ſich ſelbſt daſaß, kamen zwei junge Damen in gewähl⸗ teſten Morgenanzügen den gewundenen Weg von der Anlage herab, Hand in Hand und das letzte ſteile Streck⸗ chen in kurzen, raſchen Schrittchen laufend. Der Doctor hatte ſich mit Frau Roſer von Mariannen zurück und etwas bei Seite geſtellt, ſo daß er den Herabkommenden in ihrer letzten Wendung entgegen ſah. Wie erſchrak er, als er die eine der beiden Damen durch die Spitzen⸗ einfaſſung des Sommerhutes für Sidonien erkannte. Auch ſie hatte ihn ſchon in's Auge gefaßt, ſtarrte Frau Roſer an, und warf einen Seitenblick nach der Sitzenden, die ſich nicht regte. Sie mochte Mariannen erkennen und ſich vielleicht ihrer mißlungenen Rolle als Sängerin erinnern; denn ſichtlich betroffen eilte ſie der Prinzeſſin nach, die bereits durch die Fenſterthür in den Kurſaal getreten war. Frau Roſer, die ebenwohl Sidonien wieder erkannt hatte, ſah den Doctor beunruhigt und fragend an, erhielt aber raſch einen Wink zu ſchweigen. Zugleich trat der Photograph aus den Vorhängen ſeiner Dunkelkammer mit Verneigung hervor, und erklärte, die Aufnahme des Lichtbildes ſei ſehr gelungen, und er werde es noch im Laufe des Tages fertig und gefaßt abliefern. Er zeigte Mariannen mehrere Sorten kleiner Rahmen zur Aus⸗ wahl vor, und ſie nahm den einfachſten. 264 Die Prinzeſſin, wenig aufmerkſam für unbekannte Menſchen, hatte das ſtumme Ereigniß nicht wahrge⸗ nommen, das nun in der höchſt aufgeregten Seele ihrer Begleiterin, wie ein unſichtbares Geſpenſt, neben ihr ging. Sie dachte nur an ihren geliebten Alexander, der durch des Miniſters Ankunft ihr ſoviel näher gerückt war, und den ſie auf der Anlage erwartet hatte. So gewann Sidonie unbeachtet ihre Faſſung wieder, noch ehe ſie den Saal verlaſſend die innere Treppe zurück legten, die hinab unter die Arkaden führt. Hier kam ihnen der Prinz mit dem Grafen Albert entgegen, ihre Verſpätung entſchuldigend, mit dem Vor⸗ ſchlage die Damen wieder nach der Anlage zurück zu begleiten. Ein neuer Schreck für Sidonien. Der Prinzeſſin vorgreifend rief ſie jäh: „Es wird ſchon zu heiß auf dem Berge. Suchen wir einen kühleren Ort!“ „Um die Fontaine, dächt' ich, wär's doch ſchattig und kühl?“ erinnerte Albert. Sie ſah ihn mißtraniſch an, ob er etwa wiſſe, wer dort ſaß. Als aber die Prinzeſſin äußerte, dort wär's ſchon beſetzt, ſagte Sidonie: „Ja, und der alte zudringliche Photograph arbeitet dort.“ „Ah. lachte der Prinz.„Sie ſcheinen ja ganz ärger ekannte ahrge⸗ lich uber den guten Menſchen? Halten Sie ſich an den Grafen Albert! Aber dem alten, ſeltſamen Kauze ſollen Sie doch nicht entgehen, Baroneſſe Sidonie,— dem Pho⸗ tographen, meine ich. Ich habe ihn auf den Nachmittag vor den Pavillon beſtellt: er ſoll einmal die ganze Tiſch⸗ geſellſchaft, in Gruppen ſtehend und ſitzend, aufnehmen, und wir vier wollen uns einen guten Platz wählen. Wir nehmen das Bild als Andenken an die lieben Wildbader Stündchen mit, und der arme Teufel verdient etwas dabei!“ Unter dieſen Worten ſetzten ſich beide Paare in Be⸗ wegung und wendeten ſich den Anlagen am Flüßchen zu. Als ſie das Brückchen überſchritten, kam eben der Miniſter aus dem Hotel herab. Die Prinzeſſin hatte ihn noch nicht geſehen und blieb ſtehen, ihn zu empfangen. Bruchleben beklagte, Ihre Hoheit nicht getroffen zu haben, er ſei eben an ihren Zimmern geweſen. „Haben Sie beſondere Befehle des Königs,“ ſagte ſie,„ſo bin ich bereit—“. „Entſchuldigung!“ verſetzte er,„die Kaiſerin er— wartet Sie bereits: es iſt eben nach Ew. Hoheit aus⸗ geſchickt.“ Sie ſah den Prinzen an, und forderte ihn auf, ſie zu begleiten. Beide eilten nach dem Holel. Inzwiſchen hatte Sidonie aus ihrer Zerſtreuung einen Gedanken gefaßt, den ſie auch in ihrer⸗ Weiſe 266 raſch ausführte.—„Ich habe ein dringendes Anliegen, Papa,“ ſagte ſie.„Treten wir dort unter das Zelt! Aber kommen Sie nur mit, lieber Graf, unſere Conferenz iſt von keiner Dauer, und vielleicht—“. Sie hielt an ſich, und lenkte raſch nach dem Zelt im Garten des Hotels hinter dem Pavillon. Hier nahm Albert auf ihren lächelnden Wink einen Seſſel, und ſie führte den Vater unter die etwas entfernten ſchattigen Bäume. Hin und her wandelnd ſagte ſie ſo leiſe als erregt: „Denken Sie, Papa,— die fatale Gouvernante iſt hier! Sie ſaß hinter'm Kurhauſe, als ich eben mit der Prinzeſſin vorüber kam!“ „Die Gouvernante? Dort unſeres Grafen— Ver⸗ lobte? Kennſt Du ſie denn, Sidonie? Woher—?“ fragte der Miniſter verwundert. Sidonie erſchrak über ihre Vergeſſenheit und Ueber⸗ eilung. Sie hatte ihm freilich ihren mißlungenen Beſuch bei Mariannen noch nicht geſtehen mögen. Schnell gefaßt fuhr ſie fort: „Ich erkannte ſie durch Doctor Hoßbach, der mit ihr war, nebſt einer Frauensperſon, die ich für die länd⸗ liche Wirthin halte, zu der ſie aus dem Landkranken⸗ hauſe— Sie wiſſen ja! Ich hatte Karln erlaubt, ſeine Patientin nach einem Badeort zu bringen, und nun ſchleppt er ſie gerade hierher, wo er uns weiß— nliegen, den Grafen und mich. Ich war auch im erſten Augen⸗ blicke ganz aufgebracht gegen ihn: aber ich begreife ihn jetzt. Er liebt die Perſon, wie ich Ihnen erzählt, und iſt in's Tolle von ihr eingenommen. Ich habe auch Grund zu glauben, daß er einen guten Augenblick ge⸗ funden, ſie über den Grafen zu täuſchen,— heißt das, zu enttäuſchen, hat ſich dann, ſcheint es, erklärt und ſie gewonnen. Nun hofft er ihr Verhältniß mit Albert hier am Orte raſcher zum Bruche zu bringen, rechnet vielleicht auch auf eine Abfindung von Seite des Ver— lobten,— u. ſ. w. Ich fürchte aber, Papa, der Graf bei ſeiner Art zu denken und ſich von Empfindungen beſtimmen zu laſſen,— Sie verſtehen mich ſchon! Wer weiß auch, welche Scene ſie ihm doch noch macht! Denn—— ſie ſieht wieder ſehr hübſch aus, hat ſehr viel Einnehmendes, und— ich glaube überhaupt, Papa, dergleichen bricht ſich leichter brieflich ab, als unter vier Augen?“ Der Miniſter, der ſeine Bedenklichkeiten gern unter einen Scherz verſteckte, verſetzte darauf: „Du haſt ganz Recht, Sidonie! Blaue Augen wir⸗ ken ganz anders auf das Herz, als die jetzt ſo beliebte blaue Dinte. Oder hat die Perſon gar ſchwarze? Ueberhaupt aber kam mir der Graf geſtern Abend, in vertrauter Beſprechung, zu einem Bruche—— wie ſoll ich ſagen?— noch gar nicht geknickt' genug vor. 268 Ich bemerke Dir Das ungern, meine Tochter. Vielleicht iſt auch nur ſein Auftrag Schuld daran. Anfänger nehmen die Geſchäfte allzuſchwer, und Albert zumal iſt für diplomatiſche Angelegenheiten noch viel zu ernſt. Aber, was meinſt Du denn nun zu thun? Sehen ſollen ſie einander alſo nicht: aber— 2“ „Nein, Papa!“ erklärte ſie.„Ich dachte mit Karln zu reden, und ihn mit der Geliebten fortzuſchaffen.“ „Fortzuſchaffen? Willſt Du im Nothfalle die Bade⸗ polizei zu Hülfe nehmen? Geht nicht, mein Kind! Nur nie Widerſpruch in Liebesangelegenheiten, mein Engel! Fördert nicht! Im Gegentheil! Nein, man ſtiehlt ſich lieber in ein Herz, macht ſich breit darin und füllt es aus. Aber,—— wenn wir lieber den Grafen fortſchafften,— auf eine Weile? Nicht wahr? Ich ſehe wohl ich muß Dir wieder aus meinem Portefeuille beiſtehen! Höre, Sidonie! Heut Morgen werden ſich Beide nicht mehr treffen. Dann iſt gewöhnliche Tafel bei der Kaiſerin, und nach Tiſche ſoll in ſechs Wagen nach— Enzklöſterchen, oder wie's heißt, gefahren werden. Albert iſt bei Allem von der Partie. Dann findet morgen die Verlobung ſtatt; Gratulation in Gala um zwölf Uhr. Den feierlichen Act darüber entwerfe ich noch heut voraus, ſo daß er morgen raſcher ausgefertigt werden kann, und damit ſende ich Albert an den König. Bis er wiederkehrt, haſt Du die Sache mit Karl ſchicklich bielleicht fanger t zumal zu ernſt. en ſollen it Karln affen.“ e Bade⸗ Nur — Engell ſtiehlt und füllt Grafen r? Ich tefeuille den ſich he Tafel 6 Wagen werden. n findet Gala um verfe ich fertigt König⸗ ſchicklich 269 geordnet und ſeine Liebe in's richtige Gleis gelenkt. Darüber ſprechen wir noch. Ich ſehe Dir an den Augen an, daß Du einverſtanden biſt. Gehen wir zum Grafen!“ Sie traten unter das Zelt zurück, und nahmen Albert in die Mitte. Der Miniſter erzählte auf's Heiterſte ſeine Aufnahme bei der Kaiſerin und die Verhandlung wegen der nun verabredeten Ceremonien der Verlobung, zu welcher bereits aus Karlsruhe und Stuttgart fürſtliche Perſonen und hohe Würdenträger mittelſt des Telegraphen geladen ſeien.——„Wegen Ihres Platzes dabei habe ich mit Ihnen geſprochen, lieber Graf!“ ſagte er.„Aber Eines ändert ſich ab: Sie müſſen ſich bereit halten, wenn nicht morgen Abend, doch mit dem früheſten Uebermorgen meine Sendung dem König zu Handen zu bringen.“ „Ich, Excellenz?“ fragte Albert betroffen.„Warum nicht der Sekretär?“ „Es iſt ein Ausnahmsfall, lieber Graf,“ antwortete der Miniſter,„etwas Apartes, was hier zu verſteckt und einfach vorgeht, und wofür ich daher etwas luxuriös in den Umſtänden ſein möchte. Ueberdieß kann ich meinen Bericht nur ſehr kurz faſſen, und der König wird das Umſtändliche am liebſten aus Ihrem Munde vernehmen. In ein paar Tagen können Sie wieder hier ſein. Die Damen freilich werde ich mir auf den Hals laden; allein ich werde mich geſchickt heraus ziehen durch meine Abreiſe nach Karlsruhe, wo ich Ge⸗ ſchäfte habe.“ „Ich geſtehe Ew. Excellenz,“ ſagte Albert etwas verdrießlich,„dieſe Weiterung meines Weſchäftes ver⸗ ſchlägt ſehr gegen meine Erwartung. Ich hoffte viel⸗ mehr von Ihnen gänzlich losgeſprochen zu werden. Ich bin ſchon allzulang meinen eigenen Geſchäften entzogen, und dachte mit der Zufriedenheit unſeres Königs die zurückgeſtellten Angelegenheiten meiner eigenen Wirth⸗ ſchaft ſchnell wieder aufzunehmen.“ Der Miniſter ſah ihn, als er ſchwieg, mit forſchen⸗ dem Blick an, indem er mit zögerndem Nachdrucke ſagte: „Freilich, wenn gar nichts hier iſt, was Sie feſ— ſelt, oder wieder hierher zurückzieht—!“ Ehe noch Albert eine artige Wendung auf dieſe verfängliche Aeußerung fand, näherte ſich vom Hotel her mit kleiner Umgebung die Kaiſerin, die Sänfte und der Rollwagen hinter ihr, zu einem Morgenſpa⸗ ziergang. Sie lud den Miniſter ein, ſie eine Strecke zu begleiten. Sidonie, in ihrer Befangenheit, ſchloß ſich an die Prinzeſſin an. So fand ſich Albert unvermerkt allein unter dem Zelte, und wie lebhaft er auch eben den Wunſch fort— zukommen ausgeſprochen hatte, überkam ihm doch jetzt D D das wehmüthige Gefühl der Verlaſſenheit. as, was ich Ge⸗ eben ſich von ihm abwendete, gab ihm den Eindruck deſſen, was ihm fehlte.——„Ach ich bin des Trei⸗ 1 Awos bens müde!“ klang es in ſeinem Herzen, und er ath— tes ver⸗ mete tief auf, als wäre er plötzlich in den Lebenskreis ffte viel⸗ verſetzt, nach dem er ſich ſehnte. den. Ich Träumend und lächelnd wandelte er hinab nach entzogen, ſeiner Wohnung. nigs die Wirth forſchen⸗ achdrucke Sie feſ⸗ uf dieſe Hotel Sänfte rgenſpa⸗ Strecke , ſchloß ter dem ſch for⸗ och jetzt 16 was 15, Eilftes Kapitel. Wiederſehen. Bald genug fand unſer Reiſearzt, daß er noch mehr, als vor der zufälligen Begegnung einiger Perſonen, Mariannen vor gefliſſentlicher Aufmerkſamkeit der Bade⸗ geſellſchaft zu hüten habe. Ihre ganze Erſcheinung war gemacht ſolche zu erregen. Hatte ſie immer ſchon ſehr bedeutend ausgeſehen, ſo kam jetzt noch ein neuer Schimmer von erfriſchter Geſundheit und in ihrem Be— tragen ein durch Erlebniſſe gehobenes Selbſtgefühl hin⸗ zu, ihre Perſönlichkeit auszuzeichnen. Das Adſonder⸗ liche an Frauen reizt oft mehr, als ungewöhnliche Schönheit, und fordert zumal in Bädern die Neugierde heraus, die oft genug von leichtfertigen Vermuthungen begleitet wird. Dies war hier doppelt zu fürchten, einmal weil hinter Mariannen in der That eine inter⸗ eſſante Herzensgeſchichte lag, die ja von dem jungen mer ſchon neuer brem Be⸗ refühl hiu⸗ Adſonder⸗ rewöhnliche Neugierde muthungen fürchten, ne inter n jungen Doctor ſelbſt zuerſt beargwohnt worden, und dann weil es am Ort nicht an vornehmen Ruſſen, an ab- und zugehenden Fürſten und Diplomaten fehlte, denen nicht ſelten beſtellte Freundinnen oder verſuchende Abenteu— rerinnen nachziehen. Der Doctor vermied daher gern die vornehme Ge⸗ ſellſchaft, und zog darum auch den Mittagtiſch in einem Gaſthofe zweiten Ranges der Wirthstafel in den beiden großen Hotels vor. Dort fanden ſich Gäſte aus den mittleren Klaſſen der Geſellſchaft, in Munterkeit unbe— fangen ein, und zumeiſt waren es auch Schwaben, die iſtt i ſchon vor dem feinen Norddeutſch ihre Fühlhörner zu⸗ rückziehen. Hier vernahmen unſere Freunde, daß man nachmittags das nahe Wirthshaus„zum Windhof,“ ein Viertelſtündchen anmuthigen Wieſenweges von den Anlagen am Flüßchen entfernt, zu beſuchen pflege. Sie entſchloſſen ſich daher dort ihren Kaffe zu nehmen. Während Marianne ſich vorher ein wenig ausruhte, beſprach der Doctor mit Frau Roſer die überraſchende D Erſcheinung Sidoniens, in welcher ſie die Sängerin gleich wieder erkannt hatte. Die Zweifel und Unent⸗ ſchloſſenheit des jungen Mannes ängſtigten nun auch die gute Frau, die ſich in dieſen erſten Stunden nur in all' das Neue der Umgebung ſorglos zerſtreut hatte. Sie wußte freilich auch keinen beſtimmten Rath, meinte aber, daß es am Ende doch beſſer ſei, etwas Ueber⸗ Koenig, Marianne. II. 18 274 legtes zu wagen, als es auf einen täppiſchen Zufall ankommen zu laſſen. Als unſere Freunde ſich nach dem Windhof in Bewe— gung ſetzten, bemerkten ſie auf dem Wege nach den Anlagen ein Gedränge von Menſchen da, wo man über das Stutz mäuerchen den Garten unter dem Pavillon des Hotels der Kaiſerin überblickt. Zur Seite des Baues ließ ſich die vortreffliche Hornmuſik der reitenden Garde hören, die aus Stuttgart herüber zum morgenden Hof feſte befohlen war, und heut zur Tafel ſpielte. Aus dem Pavillon erſchienen auf dem Vorbau der breiten Freitreppe die heutigen Gäſte der Kaiſerin, Herren und Damen, die zwiſchen dem tropiſchen Pflanzenſchmucke, in Gruppen ſitzend oder ſtehend, mit Kaffe bedient wurden. Nur die Livreen waren bunt, die Herren ohne Uniform in bürgerlichem Frack mit rundem Hute, die Damen in mäßigem Schmuck, die Haltung der Geſellſchaft unbefangen und heiter, oft laut und mun⸗ ter. Alle ſchienen ihren Spaß an der Anordnung zu finden, die ein ſchöner, hochgewachſener Mann,— es war Prinz Alexander— mit den Herren und Damen zur Aufnahme eines Lichtbildes traf. Wirklich bemerkte man das Atelier des alten Photographen zwiſchen den Bäumen des Gartens angebracht; er ſelbſt war, etwas Vergeſſenes zu holen, nach ſeiner Wohnung geeilt. Unſere Freunde hatten ſich vorſichtig unter die Zu⸗ Zufall in Bewe⸗ n Anlagen Stutz 8 Hotels aues ließ Garde er breiten erren und ſſchmucke, f bedient: Herren n Hute, ltung der nd mun⸗ zung zu es Damen bemerkte n den 275 ſchauer am Wege gemiſcht, und hörten manche Namen der hochgeſtellten und eben auch hochſtehenden Perſonen, die man einander nannte. Beim Namen des Grafen Wallberg blickte der Doctor nach Mariannen um. Sie hatte eben mit Frau Roſer leiſe geſprochen, ſah ſehr erregt aus, und wendete ſich mit lächelndem Zunicken an ihn. Indem ſie ihn gegen das Mäuerchen vor wärts drängte, flüſterſte ſie:„Sehen Sie, Doctor, der dort an der off'nen Thür, neben der alten Dame im Seſſel, er hat den Hut in der Linken und ſtützt die Rechte auf die Lehne des Seſſels, etwas gebückt im Sprechen,— der iſt es!“ „Graf Albert?“ „Ja doch! Albert!“ Eben arbeitete ſich der alte Photograph durch das Gedränge, um an die Treppenſtufen zu kommen, die durch eine Oeffnung des Mäuerchens zum Garten em— por gehen. Wie er den Doctor ſanft bei Seite drückte, erkannte er ihn und Mariannen.—„Ah!“ ſagte er, „Ew. Gnaden ſind's! Ich war in Ihrer Wohnung: hier iſt das fertige Bild!“ Er hatte es aus der Bruſttaſche genommen, und übergab es Mariannen. Einen Blick darauf geworfen, erröthete ſie, und reichte es weiter mit den Worten: lieber Doctor?“ „Bin ich's, „Unverkennbar!“ rief er.„Nur die Farben fehlen, — der Teint, aber die Seele iſt darin!“ Er drängte ſich dem Künſtler nach, ihm die Be⸗ zahlung anzubieten; im Augenblick aber blitzte ihm ein Gedanke auf, und er ſagte ſtatt deſſen: „Sehen Sie dort den jungen hübſchen Mann an der off'nen Thür, neben der Dame im Seſſel?“ „Ja wohl, Graf Wallberg?“ war die Antwort. „So? Sie kennen ihn? Gut! Stellen Sie ihm doch unvermerkt das Bild zu, und wenn er fragt,— ſagen Sie ihm, was Sie wiſſen!“ Der Alte nahm's mit gefälligem Nicken und eilte der Pavillontreppe zu.—„Was, um Gotteswillen, thun Sie, Karl?“ redete ihn Marianne, ſeinen Arm erfaſſend an, als könnte ſie ihn noch zurückhalten. „Jacta est alea!“ rief er aufgeregt,„der Würfel rollt,— zählen wir die„Augen!“ „Kommen Sie, Frau Roſer! Laſſen Sie uns fort⸗ gehen!“ wendete ſich Marianne höchſt beunruhigt zur Freundin, und zog ſie mit ſich dem nahen Eingang in die Anlagen zu,— doch nicht ohne unverwandt nach dem Pavillon zurück zu blicken, als erwarte ſie zugleich und bezweifle, was nun wirkl fch geſchah. Der Graf, beim Anblicke des Bildes lebhaft betrof— fen, nahm den Photographen bei Seite. Man ſah, wie der Alte nach den Zuſchauern hinab wies, und un an wie er jetzt mit dem Grafen die Freitreppe herab kam. Karl war ſtehen geblieben, und blickte dem Ankom— menden mit dem angſtvollen Trotz entgegen, als nahe ſich ihm, nach ſeinem Fehlſchuſſe, der Duellgegner mit geſpannten Piſtole auf drei Schritt Schußweite. Jetzt trat der Graf mit höflichem Gruß an ihn heran.—„Von Ihnen, mein Herr, kommt mir dies Bild zu?“ fragte er. „Ja wohl, Herr Graf, von mir!“ „Und— darf ich um Ihren Namen bitten?“ „Doctor Karl Hoßbach, den die Baroneſſe Si— donie—.“ „Ahl Sind Sie es, mein lieber, beſter Doctor!“ erwiderte Albert und bot ihm die Hand.„Sehr er⸗ 7 freut! Und— Sie haben Wanrumnen mit ſich?—* Der Doctor, in ſeiner geſpannten Erwartung, hatte nur dem Bilde nachgeſehen, und ſah ſich jetzt verwun— dert nach dem verſchwundenen Original um. Den Umherſtehenden war der ganze Vorfall nicht unbemerkt geblieben, und eine ältere Frau, mit dem ſelbſtzufriedenen Lächeln ihres unbe zweifelbaren Welt⸗ blickes, ſagte, etwas anzüglich im Ton: „Die junge, ſchöne Frauensperſon iſt ſchon voraus dort unter die dunkeln Bäume geeilt! Dort wird ſie ſich finden laſſen!“ — 278 Raſch ſchritt der Graf mit dem Doctor der An⸗ lage zu. Neugierige folgten. Nicht weit hinein, auf der erſten Bank unter den Buchen, die in doppelter Reihe zwei Spazierwege ſchei⸗ den, hatte ſich Marianne niedergelaſſen, und ſaß, mit beiden Händen die Hand der Freundin gefaßt, blaß und ängſtlich in ſich verſunken, bis ſie Alberten her⸗ ankommen ſah. Aber nicht bloß ihr Auge ſah ihn kommen: ihr Herz ſagte ihr auch mit welcher Geſin— nung er komme. Und ſo erhob ſie ſich erröthend und mit Entzücken; ſie breitete die Arme aus, als ſeien es Flügel, und eilte mit allem Jubel des Namens Albert ihm entgegen. „Wiederſeh'n, Wenn Erd' und Himmel rings vergehn, Wiederſeh'n!“ e ſchei⸗ aß, mit t, blaß n her⸗ ah ihn Geſin⸗ d und Zwölftes Kapitel. Vermählungen. So erwies ſich denn jene ſchreckhafte Anwandlung, die Mariannne bei Alberts Abſchied an ihrem Kran⸗ kenbette gehabt, als eine Art von Vorgeſicht des ge⸗ genwärtigen Erlebniſſes: durch Thränen hatte ſein Bild ſich ihr verdunkelt; jetzt waren ihre Leiden gehoben, und er ſtand in vollem Lichte der Liebe vor ihr. Die Neugierde der Umſtehenden fiel doch wie ein Dämpfer auf die bebenden Saiten des Wiederſehens. Die Liebenden ſammelten ſich in herzlichen Worten. Sie ſehnten ſich für die Fülle des Augenblickes nach einer weniger bedrängten Umgebung.— Albert wollte nur nach dem Hotel zurückeilen, ſich von der Abend⸗ fahrt frei machen, und auf den Windhof nachkommen. „Wir haben ſo vieles auszutauſchen,“ ſagte er,„ſo manches zu verabreden. Suchen Sie ein trauliches 280 Plätzchen, Doctor! Und was den Gebrauch der hieſi— gen Bäder betrifft, ſo müſſen Sie mir vor allem—. lieber Freund, begleiten Sie mich die 7 Kommen Sie, paar Schritte zurück!“ Die kurze Strecke nöthigte zu raſcher Beſprechung. —„Hat Marianne das Bad wirklich nöthig?“ fragte Albert.„Sie ſieht ſo prächtig aus.“ „Nöthig? Nein! ich hielt es anfangs für räthlich; ſpäter galt es mir mehr darum, ihre Seelenſtimmung, ihr Herzensbangen in Wildbad zu heben.“ „Ich verſtehe was Sie meinen. Sie wußten alſo, daß ich hier war?“ „Ich wußte es durch Sidonien.“ „Haben Sie die Baroneſſe hier ſchon geſehen?“ „Geſehen, aber nicht geſprochen, und ſuche es auch zu vermeiden.“ „So? Sie ſchweigen? Reden Sie ganz offen, lieber Doctor.“ „Ich glaube, ich muß es, Herr Graf, ſelbſt Ihret halben. Ich laſſe es hingeſtellt ſein, was die Baro⸗ neſſe beabſichtigte; aber ſie nahm ihre Hierherreiſe über Nienſtedt, ſuchte Fräulein Marianne auf, gab ſich für eine Sängerin und täuſchte ſie über ein Verhältniß mit Ihnen durch jene zwei Lieder, die ſie von Ihnen hat, und auf Mariannens Zimmer ſang.“ „Heiliger Gott!“ rief Albert, und wollte zu Ma⸗ riannen zurückkehren. Der Doctor hielt ihn aber ab, und beruhigte ihn durch kurzen Bericht über Das, was er ſelbſt zur Aufklärung jener Täuſchung gethan.— „Marianne iſt klar und beruhigt,“ ſagte er,„und ich glaube, Sie werden Dringenderes und Erfreulicheres mit ihr zu beſprechen haben, Herr Graf, als jene be⸗ dauerliche Geſchichte. Ich hoffe?“ Sie ſtanden am Eingang in den Hotelgarten. Al⸗ bert drückte dem Doctor die Hand, und ſchied mit freundlichem Zunicken. Er war aber nicht in der Stimmung, Sidonien zu bemerken, die ihn auf dem Seitenwege herankommen ſah..— Sie ſelbſt, unacht⸗ ſam auf den Photographen mit dem Bild, hatte den Vorfall erſt wahrgenommen, als Albert den Garten verließ, und am Wege mit einem Manne ſprach, den ſie ſogleich für ihren jungen Doctor erkannte. Und als ſie beide nach den Anlagen gehen ſah, blieb ihr kein Zweifel, daß Karl, als Mariannens Abgeordneter, den Grafen in Anſpruch genommen habe. Nun kam er zurück, aber— wie gedankenvoll, wie niedergeſchlagen! Offenbar war ihm nichts Erfreuliches mit der Verlobten begegnet. Sie dachte an ihre Rolle als Sängerin und an den Gewitterregen, und las in Alberts Miene— nicht den Verrath ihres Geheim⸗ niſſes, ſondern die Nachwirkung deſſelben auf Marian⸗ nens Empfang des Grafen. Ein ſchmerzlicher Vor⸗ —y— 282 wurf durchzuckte ihre Bruſt. Doch nur einen Augen⸗ blick; denn ihre aufgeregten Gedanken ſtürmten weiter. Sie ſah in ihrer Phantaſie den jungen Doctor mit hoffender Seele zwiſchen den Entzweiten ſtehen, und glaubte ſich darüber nicht zu täuſchen, daß die Unter⸗ handlung zwiſchen den Verlobten keinen guten Ausgang verſpreche. Die morgende Verlobungsfeier werde den Grafen noch recht zu einem ſtolzen Selbſtgefühl erhe— ben, dachte ſie, und ſah es für ihre liebevollſte Theil⸗ nahme an, wenn ſie ihn durch ihres Vaters Abſendung ſo ſchnell wie möglich aus ſeiner peinvollen Situation erlöſe. Die Kürze der Zeit ſollte zu einem Entſchluß drängen, und den Bruch erleichtern. Inzwiſchen hatte ſich Graf Albert mit einem klei⸗ nen Unwohlſein von der Abendfahrt entſchuldigt, und war nach ſeiner Wohnung geeilt, den Anzug zu wech⸗ ſeln, und einige Briefe einzuſtecken, mit denen er nach dem Windhofe wandelte. Hier hatte der Doctor, mit den Freundinnen über den Wieſenweg ankommend, die länglichen Hallen, die den Wirthsgarten gegen die Mittag- und Abendſonne umſchließen, bereits ſehr beſetzt gefunden, und daher die vereinzelte Laube in Beſchlag genommen, in der ſich ein herzliches Geſpräch recht vertraulich führen ließ. Kaum hatten ſie es ſich bequem gemacht, als Graf Augen⸗ weiter. mit , und Unter⸗ usgang de den tuation ttſchluß en, die ndſonne daher der ſich ließ. 2 Graſ 283 Albert auf dem kürzeren Wege der Landſtraße ſich zu ihnen fand. Auch er mußte ſich hier am ländlichen Tiſche vor allem gegen die zwei ihm neuen Menſchen bequem ſetzen. Manches war noch zu erörtern, zu befragen, und Marianne, wahrhaft bezaubernd im Gefühl ihres alten und neuen Glückes, in der ausgleichenden Schwebe zwiſchen Erinnerung und Hoffnung, vermittelte leicht und anmuthig das heiterſte Vertrauen und Verſtändniß. Die Briefe des Grafen enthielten umſtändliche Nach⸗ richten von Heimberger, der ja noch als ein lieber Bekannter des Doctors und der Frau Roſer im beſten Andenken ſtand. Für beide war auch manche jener Neuigkeiten von vertrautem Intereſſe. So die Mitthei⸗ lung über den Arzt Kohlhepp. Auf Verwendung der Gräfin hatte ihm die einflußreiche Partei der Reſidenz eine Berufung nach Rußland als Regimentsarzt zuwege⸗ gebracht. Man hatte die Sache um ſo mehr beeilt, als eine früher niedergeſchlagene Unterſuchung gegen denſelben ſich wieder zu regen begonnen, und die neue, gegen Marianne erfundene Salbe nicht gemacht ſchien, jenen alten Schaden zu heilen. Der Metropolitan Delius war ſeit Kurzem auch etwas blöder geworden. Er beklagte ſein Befinden und daß es ihm an den Mitteln fehle, Karlsbad oder Kiſ⸗ ſingen zu beſuchen. Das Klima von Wallberg ſchien 284 ihm nicht zuzuſagen. Er mochte ſich durch den ver⸗ trauten Umgang mit Kohlhepp bloß geſtellt fühlen, und ließ erwarten, daß auch ihm aus der ungläubigen Luft von Wallberg fortgeholfen werde. Die Frau Gräfin,— wie Albert jetzt die Stief—⸗ mutter nannte— war von Dahnſtein wieder nach Schloß Wallberg zurückgekehrt. Ein Brief von ihr an Albert, im Ton geſchrieben, als ob kein Wäſſerchen getrübt worden, gab Nachricht von der Verlobung der Comteſſe Eugenie mit dem Major Dillfeld, dem der Oberſt-Lieutenant blühe. Sie erkundigte ſich nach der charmanten Baroneſſe Sidonie, und war entzückt von dem Glück und der Auszeichnung die Albert in hohen und höchſten Kreiſen erfahre. „Das Neueſte von Wildbad ahnt ſie noch nicht!“ ſagte Albert, indem er Mariannen liebevoll zulächelnd die Hand reichte. Ich halte es aber nun für meine angenehmſte Schuldigkeit, ſie von meinem wirklichen Glücke zu benachrichtigen. Ich werde ihr ſchreiben, daß Marianne Weikart, durch den vortrefflichen Arzt der Zauberin Sidonie von der geheimnißvollen Salbe des Doctors Kohlhepp glücklich hergeſtellt, ſich der blühend⸗ ſten Geſundheit erfreue, ſo daß ſie recht bald als Grä⸗ fin Wallberg die Zimmer beziehen könne, wo ihr edles Dabei werde ich ſie benachrichtigen, daß Schloß Blek⸗ 7 1 ct von hohen 4111 nicht! 285 kede— die Beſitzung die ihr teſtamentariſch als Witwen⸗ ſitz gehört— ſich im beſten Zuſtand befinde, da ich annehmen dürfe, daß die Frau Gräfin den Sommer dort am zufriedenſten mit ſich ſelbſt zubringen möchte. „Lieber Albert—!“ wendete Marianne fürbittend ein; doch, er unterbrach ſie mit den Worten: „Nein, Mariannel Anklagen kann ich die Stiefmutter nicht. Gegenüber Deinem blühenden Ausſehen würde auch ſelbſt des Arztes Schuld nur für den Verſuch eines Verbrechens gelten. Aber verbannen muß ich die Frau Gräfin aus unſerm glücklichen Lebenskreiſe, und mit dieſer Verbannung ihrem Hochmuthe zuvorkommen, Dich nicht empfangen zu wollen.———„Doch, nun kommt auch eine Verbannung an Dich, mein Herz!“ ſetzte er lächelnd hinzu.„Wäre ich heute ſchon ganz wieder mein eigener Herr, ſo wüßte ich, was ich am liebſten thäte. Allein, ich kann mich der morgenden Verlobung nicht entziehen, und werde vielleicht auch eine Miſſion nach der Reſidenz auf übermorgen nicht ableh— nen können. Ja, ich will es jetzt auch nicht, da ich mich doch beim Könige zu verabſchieden habe und mich dabei über meine Heirath erklären kann. Nun wünſche ich aber nicht, daß Du während meiner Abvyeſenheit hier bliebeſt, und unſer Doctor hält auch den Gebrauch gerade dieſes Bades nicht für nöthig. Wie wär's, wenn ihr zuſammen nach dem reizenden Baden⸗Baden hinüber 286 führet? Ich möchte Dich, Marianne, und ſelbſt den Doctor jeder Begegnung mit der Baroneſſe Sidonie entziehen, die mit der Prinzeſſin Mathilde noch hier verweilen wird. Dies iſt Dir gewiß auch lieb, Ma⸗ rianne, ſetzte er lächelnd hinzu, Du weißt ja: Zwei Altiſtinnen zuſammen geben kein gutes Konzert. Nicht wahr? Aus der Reſidenz reiſe ich dann nach Hauſe, bringe alles in Ordnung, und der Doctor geleitet Dich, ſobald ich ſchreibe, nach Wallberg. Du kehrſt in Heim⸗ bergers liebem Gaſtſtübchen ein, und ſollſt dort mit allem Blumenſchmuck ſeines Gartens und meines Ge⸗ wächshauſes empfangen werden. Von dort, mit einem Strauß an der Bruſt und mit dem Segen des prie— ſterlichen Freundes, hole ich Dich ab, und führe Dich in unſer Schloß.“ Mariannne konnte in dieſer Umgebung nur mit dar⸗ gereichten Händen und einem ſeligen Blick ihr bewegtes Herz ſagen laſſen: Ich bin Dein für ein Leben voll Liebe und für weiter hinaus, als dies Herz ſchlägt! Die beiden Zeugen dieſes Verſpruches erhoben ſich mit Glückwünſchen; der Graf aber ſagte: „Nicht jetzt, meine Freunde! Morgen Abend brin⸗ gen wir zuſammen zu, und feiern Verlobung vor meiner Abreiſe. Wie meinſt Du, Marianne,— ſoll ich im Frack und mit den Orden kommen, die mir, wie ich merke, morgen beim Feſte verliehen werden? 27 287 „Gewiß, Albert, ich freue mich Dich ſo geſchmückt zu ſehen!“ ſagte ſie. „Geh' doch!“ erwiderte er.„Das iſt Dein Ernſt nicht?“ „Doch, mein völliger Ernſt, Albert! Es ſind Spie⸗ lereien, ich weiß es: aber ein edler, hochgeſinnter Mann muß auch human nach oben ſein. Und ich halte es für human, von Hohen und Herrſchenden Das anzu⸗ nehmen, worin ſie ſich eben mächtig und gnädig fühlen. Wir erweitern ſo das Bibelwort— Gebt dem Kaiſer, indem wir hinzuſetzen: Und nehmt vom Kaiſer, was des Kaiſers iſt.“ „Ah! Das iſt ſchön gedacht, Marianne!“ rief Albert, —„recht echt, und einer Gräfin Wallberg angemeſſen! Ich dachte ſchon, Du wollteſt mich auf den erbaulichen Geſichtspunkt verweiſen, daß ein chriſtlicher Mann ſich nicht zu ſtolz fühlen dürfe, jenen Unzählbaren anzu⸗ gehören, die mit unſerm rothen Habichtorden ausge⸗ zeichnet werden.“ Während ſo die Unterhaltung in der Laube um ſo heiterer und freier im Ausdruck wurde, als ſie ſich im Inhalt vertiefte, entſtand mit einem Maß eine Bewe⸗ gung unter den Gäſten der Halle. Ein rothgekleideter Vorreiter auf der Landſtraße kündigte den Wagen der Kaiſerin an, der von der nordiſchen Majeſtät und dem zu verlobenden Paare eingenommen, den nachfolgenden 288 —+¼ mit Damen und Herren beſetzten Wagen den leichten Staub der Straße hinterließ. „Der Tag iſt herrlich zu einer frohen Fahrt,“ bemerkte Albert, als ſie ſich wieder geſetzt hatten. Ich wollte wir vier ſäßen auch ſo in einem offenen Wagen, und würden von vier Pferden über Berg und Thal geführt,— aber heimwärts. Mit der herrlichen Luft, die über dieſe Föhrenwälder herein weht, athmet meine Bruſt an Deiner Seite, Marianne, ein ſüßes Heimweh. Eben ſo friſch und belebend ſpielt die Luft der Wälder und des See's um Schloß Wallberg, nicht wahr, Ma⸗ rianne? Welchen Frieden werden wir dort athmen, „ und welch' Verſtändniß des Lebens wird dort unſer Herz beſeligen! Wir haben die letzte Schuͤlklaſſe zurück— gelegt. Du, Schulmeiſterskind aus Nettlingen, biſt noch durch die Selecta des Schmerzes gegangen; Du haſt aus der Tiefe des Lebens Dir ſelbſt einen Perlenſchmuck geholt, wie ihn keine Comteſſe zu tragen beſitzt. Und für mich war es vielleicht nicht überflüſſig, den glänzenden Schaum, das Rauſchgold der hohen Geſellſchaft wieder zu prüfen, auch nur, um den Werth Deiner Perlen zu ſchätzen. Mit ſo reicher Erkenntniß verknüpfen wir unſere Herzen, errannd für ein in ſich ſelbſt gefaßtes Leben. Darum ſoll aber dieß Leben doch nicht auf uns ſelbſt abgeſchloſſen bleiben: nein, wir wollen unſer Glück fruchtbar werden laſſen für die Welt. Wir wollen einen engern Kreis vertrauter Freunde um uns ziehen, r die im Mitgenuß eines ſchönen Glückes für das Wohl eines weitern Menſchenkreiſes mit uns wirken und Fahrt, 1. Jch ſchaffen. Zweie wünſcht' ich mir beſonders an die Wagen Seite: einen Arzt, der nicht vom Blödſinne des Ma⸗ d dul terialismus eingenommen ſei, und einen Geiſtlichen, der n Luft ſich frei vom Wahnſinn der Rechtgläubigkeit zu halten d nrr wiſſe,— keinen der Tollköpfe, die auf's Neue wieder Heimweh die ausgedroſchenen Garben des Kirchenglaubens auf Wilder die Tenne der Zeit breiten, aus denen kein nährendes Korn mehr für die lebende Bildung der Welt ſpringt, wie heftig auch die„Flegel“ d'rauf ſchlagen. Einen eorss Aiie richtigen Geiſtlichen habe ich an Heimberger, den Sie „ ait ja kennen, lieber Doctor: wie wär's, wenn Sie ſich 3 r 1 entſchlöſſen, ihm als der gewünſchte Arzt an die Seite 14 8 zu treten?“ h„Ach ja, lieber Doctor!“ fiel Marianne ein.„Und md ich prophezeie Ihnen gleich, daß ſich auch Jemand fin⸗ n 4 den wird, den Sie— lieb haben können.“ zende „Ihre Stellung bei uns ſoll Ihnen leicht und an⸗ genehm werden,“ fuhr Albert fort, auch wenn ich Ihnen das durch Kohlhepp erledigte Phyſikat nicht erwirken könnte.“ „Ich bin gerührt von Ihrer Güte,“ antwortete der junge Mann; verlangen Sie aber im Augenblicke keine entſcheidende Antwort von mir! Mein Herz iſt in zir wollel Koeni.g, Marianne. II. 19 290 dieſer Stunde ſo bewegt vom Glück Ihrer Zukunft, daß ich nicht unbefangen genug bin, über die meinige zu entſcheiden. Ich begleite ja Fräulein Weikart dahin, und— ſehe dann zu, wie's dort iſt.“ Albert, indem er ihm die Hand reichte, ſprach: wird ρ ⁸ „Schön! Dabei bleibt es! Ich hoffe Ihnen bei uns gefallen, und wir behalten Sie als einen der Unſerigen.“ Dieſe Erwartung erfüllte ſich denn auch bald, nach⸗ „dem, vier Wochen ſpäter, Marianne in ſeiner und der Frau Roſer Begleitung in Wallberg eingetroffen war. Die Natur umher zog den jungen Mann an, einige Menſchen wurden ihm lieb, und um auch eine Seele lieb zu haben, begegnete ſein reizbares Herz der auf das Einnehmendſte verwandelten Tochter des Metro⸗ politans,— der uns bekannten Emmy. Ihre früher allzuvorlaute Lebhaftigkeit zeigte ſich zu heiterer Anmuth entwickelt, und die ſchöne Begabung ihres im Grund ehrlichen Herzens, das nur im Widerſpruche mit der Unwahrheit des väterlichen Hauſes ſo widerwärtig er⸗ ſcheinen konnte, war beſonders auch durch ihre an Doctor Kohlhepp erlebte Täuſchung zu ſchöner, jungfräulicher Beſonnenheit gereift. Und ein Arzt ſchien ihr einmal vorbeſtimmt. . X . 2 2*εᷣ Zukunft,. meinige dahin, d, nach und der en war. „einige e Seele der auf Metro e früher Anmuth rau. licher einmal Paares wurden lebhaft betrieben. 291 Di D ie Vorkehrungen zur Vermählung des gräflichen Der Taͤg der Hoch⸗ zeit war ein Feſt für den Ort— Jahrmarkt und Kirchweih zugleich. Die Trauung geſchah in der Kirche zwiſchen zwei jungen Paaren aus der Gemeinde, die von dem Grafen ausgeſtattet wurden. Die geputzten Kinder, die mit zur Kirche zogen, wurden beſchenkt. Zu Mittag war auf einem geſchornen Grasplatz im Schloßpark eine offene Tafel für die Frauen und Männer der Gemeinde gedeckt, und für das junge Volk ſpielte Nachmittags freie Muſik zum Tanz und Freibier unter der Linde. Aus der Kirche hatte der wackere Heimberger das vermählte Paar in die Schloßkapelle geleitet, und hielt hier in vertrautem Kreiſe die Feſtrede. Er ſprach über die Vermählung der Forſchung mit dem Glauben. Er nannte die Forſchung eine Schulmeiſterstochter, die heute wieder von der hoch⸗ müthigen Rechtgläubigkeit in aller Weiſe verfolgt werde, und erkannte das Beſtreben der Zeit und Zukunft darin, daß die Offenbarungen des Göttlichen in der Geſchichte ſich mit den Ergebniſſen der Naturwiſſenſchaft verbinden wollten.——„Eine uralte Mythe,“ ſprach er,„läßt die Söhne des Himmels zu den Töchtern der Erde herabſteigen und eine lebenskräftige Bevölkerung er⸗ So werden ſich die Offenbarungen des Himmels 19* zeugen. — ͤͤn 292 im Menſchengeiſte mit den mannbar werdenden Natur⸗ wiſſenſchaften vermählen, um uns neue Ueberzeugungen zu geben. Die Wahrheit des Göttlichen iſt nämlich unſichtbar und unerfaßlich. Sie offenbart ſich im Geiſte der Menſchheit und im Leben des Weltalls. Im Ge⸗ müthe des Menſchen ruht die Ahnung dieſer Unerfaß⸗ lichkeit des Göttlichen; indem aber der Verſtand es dennoch im Lehrſatze begreifen will, und die ganze Vahrheit erfaßt zu haben wähnt, ruft er den ewigen Hader und Streit des Mißverſtandes und der Recht⸗ haberei hervor. Dagegen offenbart ſich im Weltall, im Werden der Dinge, die Wahrheit in der Beſchrän⸗ kung des Wahrnehmbaren, mit dem wir uns au⸗ genblicklich begnügen und fortſtrebend erweitern ſollen. Darum haben wir die Forſchung nach dem Göttlichen, wie es im ewigen Verlauf der Dinge erſcheint, als die Gefährtin des Glaubens zu betrachten. Sie be friedigt, wie eine anmuthige Frau, das ungemeſſene Streben des Mannes dadurch, daß ſie es mäßigt. In dieſer Ueberzeugung lebt das echte Chriſtenthum. Wir weihen ihm heut, am Feſte der Vermählung eines in Liebe und Leiden bewährten Paares, dieſe Kapelle in r Hoffnung, daß die unſichtbare Gemeinde dieſes Glau⸗ bens ſich mehr und mehr erkenne und ſichtbar werde.— Ein entfernter Freund hat auch bereits ein Geſang— büchlein für dieſelbe erſcheinen laſſen, das in den Händen Natur⸗ ugungen nämlich Recht⸗ Weltall, zeſchrän⸗ uns all⸗ ſollen. n. Wi eines in apelle in 5 Glau⸗ erde.— Geſang⸗ Händent 1 N 293 4 1] aller wahrhaft religiös Geſinnten nicht fehlen ſollte,— die„Lieder der unſichtbaren Gemeinde“ von F. M. Heſſemer. Dort rufen die Neuverbündeten zum Himmel: „Haſt du doch es zugelaſſen, Daß in mannichfacher Art Wir verſuchen aufzufaſſen, Was ſich ewig offenbart. Ob dir Jubelhymnen ſchallen, Ob ſich bang bekreuzt dein Knecht, Naht doch deinem Geiſt von Allen Keiner ganz und Jeder recht.“ Ja, meine Freunde, Jeder, der mit der Wahrheit ſeines Herzens anbetet. Für Die aber, die keinen Beruf haben, oder denen die Begabung fehlt, des Forſchens Wege zu wandeln, für Die bleibt das Chriſtenthum der Liebe, und ihnen rufen wir mit dem genannten Dichter zu: „O kehre du von dieſen Wegen In deiner Liebe Hütten heim; Da ſchaue du dem Licht entgegen, Und ſegne ſelbſt dir deinen Segen, — Des Friedens gold'nen Honigſeim. Daß dir, dem ew'gen Schickſal fügſam, So reich du biſt, ſich doch genügſam, In Liebe jede Pflicht verklärt. Dies ſuche, ſuche du nur Dieſes, Das uns das Glück des Paradieſes Verheißt und endlich auch gewährt.“ Leipzig, ruck von Gieſecke& Devrient. D Coſour& Grey Control Chart 32e Green vellow Hed Magenta