Deutſche Bibliothek. — 0o=GO)= Sammlung auserleſener DOriginal⸗Romane. Unter Mitwirkung von Ludwig Bechſtein, Adolf Glaßbrenner, F. G. Kühne, F. Kürnberger, Hermann Kurz, Hermann Marggraff, Theodor Mügge, Wolfgang Müller, Otto Müller, Robert Prutz, Otto Roanette, Leopold Schefer, J. V. Scheffel, Georg Schirges, Lud. Storch, E. Willkomm u. a. m. Zehnter Band. Fritz Beutel. Eine Münchhauſeniade von Hermann Marggraff. Frankfurt a. M. Verlag von Meidinger Sohn& Cie. 1856. Druck von Auguſt Oſterrieth in Frankfurt a. M. Fritz Beutel. Eine Münchhauſeniade Hermann Marggraff. Frankfurt a. M. Verlag von Meidinger Sohn& Cie, 1856. Druck von Aug. Oſterrieth in Frankfurt a. M Briefwechſel zwiſchen Fritz Beutel und dem Herausgeber. Fritz Beutel an den Herausgeber. Hamburg, den 6. September 1847. Mein Herr! Im Begriff, zur Erholung von den ſelbſt meine ſonſt unver⸗ wüſtlichen urgebirgiſchen Nerven angreifenden deutſchen Zuſtänden eine kleine Spazierfahrt nach Amerika und darüber hinaus zu machen, begab ich mich heute Vormittags in die Leſeſäle der Börſenhalle, um mich hier zum Abſchiede mit dem nöthigen journaliſtiſchen Ballaſt zu ver⸗ ſehen, den ich, im Fall mein Schiff in Gefahr kommen ſollte unter⸗ zugehen, über Bord werfen könnte. Bei dieſer Gelegenheit ſtieß ich, beim Durchblättern des erſten Jahrgangs, unter andern auf No. 15 und No. 20 der in München erſcheinenden„Fliegenden Blätter“. Nicht wenig war ich überraſcht und erſtaunt, darin ein angebliches Portrait von mir und einen durch beide Nummern gehenden Artikel zu finden, der den Titel trug:„Fritz Beutel's wunderbare Abenteuer zu Waſſer und zu Lande“ und mit Ihrem, wie ich der Höflichkeit wegen hinzu⸗ ſetze,„geachteten“ Namen verſehen iſt. Zunächſt beklage ich mich über mein angebliches Portrait, gegen welches ſich mein ganzes Inneres empört. Ich bin dort als ein hagerer, halbverhungerter, ſchlotteriger Lump und Bummler dargeſtellt, die Hände in den Hoſentaſchen, die Weſte heraufgezogen, den Hendenlat offen, D. B. X. Fritz Beutel, v. Marggraff. —— —— — 2— die ſichtlich etwas abgebrauchte Cravatte vom Halſe weit abſtehend, die Mütze ſchief auf dem Scheitel ſitzend. Ich habe ſtets auf Anſtand und auf ſaubere Toilette gehalten, ſoweit es meine Geldmittel geſtat⸗ teten und ſelbſt wenn ſie es nicht geſtatteten. Außerdem ſehe ich nicht hager und verhungert aus, ſondern wie ein Mann, der ſich zu nähren wußte und ſich ſeine Corpulenz etwas koſten ließ; die Fleiſchpartien ſind an mir ſo wohlgerathen, wie an einem Rubens'ſchen Heiligen, und meine Formen rund und appetitlich, wie ſich für einen reſpectabeln Mann in ſeinen beſten Jahren geziemt. Jenes Portrait iſt alſo ein bloßes Phantaſiebildniß, ein Libell und Pasquill auf die Ehre meines Leibes und ein grober, durch nichts zu rechtfertigender Verſtoß gegen die geſchichtliche Wahrheit. So viel was mein Portrait anlangt. Wäre es in Farben aus⸗ geführt, ſo bin ich deſſen ſicher, daß das Roth daran ſich aus Schreck in Weiß und das Weiß aus Scham in Roth verwandeln würde. Doch genug davon! Aber auch mit den Mittheilungen, die Sie mir in dem genannten Aufſatze in den Mund legen, habe ich Urſache, meine Unzufriedenheit auszuſprechen. Sie laſſen mich darin die Thaten, die ich in meiner früheſten Kindheit ausgeführt und die Abenteuer, die ich als tapferes Mitglied der Fremdenlegion in Algerien und als Theilnehmer einer arktiſchen Expedition am Nordpol beſtanden habe, einem Kreiſe von Bekannten in einem Weinhauſe erzählen. Ganz gewiß ſind Sie der ſtille Mann und Beobachter, der im vorigen Jahre im Hôtel de Bavière in Leipzig am untern Ende der Wirthstafel ſaß, wie es ſchien, zu tief verſunken in ſich, um auf meine Erzählung Acht zu haben. Indem ich mehrmals meinen Blick unwillkürlich auf Sie rich⸗ tete, dachte ich: der erſte Menſch, der bei der Schilderung ſo wunder⸗ barer Thaten und Ereigniſſe keine Miene und keinen Geſichtsmuskel verzieht! Nur dadurch erregten Sie mein Intereſſe, denn ſonſt ſchienen Sie mir ein ziemlich unbedeutendes Subject zu ſein, womit ich Ihnen übrigens keine Beleidigung ſagen will; denn wer ſoviel erlebt, erfahren und ausgeführt hat, wie ich, dem erſcheint zuletzt Alles, was Menſch heißt, und namentlich jeder Culturmenſch, jeder gebildete Europäer als gänzlich unbedeutend. Mir iſt ſoviel Wunderbares in meinem thaten⸗ bſtehend, Anſtand e geſtat⸗ ich nicht u nähren ſchpartien Heiligen, ſpectabeln alſo ein e meines toß gegen ben aus⸗ s Schreck n würde⸗ enannten riedenheit in meiner tapferes ꝛer einer ſeiſe von Sie der otel de 3 wie es Ach zu Sie rich⸗ wunder⸗ temustkel ſchienen 9 Ihnen erſahren Menſch päͤer al mthaten⸗ — 3— reichen Leben aufgeſtoßen, daß ich ſelbſt dann bei vollkommen kaltem Blute geblieben ſein würde, wenn Sie in Geſtalt eines in ſich ver⸗ ſunkenen Krokodils mir gegenüber geſeſſen hätten. Ich würde gar nicht einmal darüber reflectirt haben, wie es zugegangen, daß ſich ein Krokodil unter die civiliſirten Gäſte in einem Leipziger Hötel miſchen konnte. Bei den geſteigerten Communicationsmitteln und der dadurch ermöglichten Vermiſchung aller Geſchöpfe, würde ich dies ganz natür⸗ lich gefunden haben. Ohnehin macht ja, wovon ich mich in Aegypten durch den Augenſchein ſelbſt überzeugt habe, die moderne Bildung und Geſittung auch unter den Krokodilen reißende und wahrhaft bedenkliche Fortſchritte. Einem Krokodil ſahen Sie nun zwar im entfernteſten nicht ähn⸗ lich, und doch waren Sie eine Art Krokodil, ein ſtoffhungriger deutſcher Schriftſteller, der einige Broſamen aus meiner Erzählung heißgierig aufgeſchnappt und durch das Organ der„Fliegenden Blätter“ in wei⸗ tern Kreiſen bekannt gemacht hat. Meine Mittheilungen waren, wie die jedes mündlichen Erzählers, fragmentariſch und deſultoriſch; Ihre Wiedererzählung trägt dieſen Charakter in noch höherem Grade, und ſo erhielten die Leſer der„Fliegenden Blätter“ durch Sie eine höchſt unvollſtändige und lückenhafte Vorſtellung von mir in den betreffenden Momenten meines Lebens. Daß mir dies nicht angenehm ſein kann, brauche ich einem einigermaßen einſichtigen Manne nicht erſt zu ſagen. Erwäge ich außerdem, daß Sie Ihr literariſches Renommé zu fördern ſuchen, indem Sie mich und meine Privatmittheilungen ausbeuten, und daß Sie das Honorar dafür in die Taſche ſtecken, ohne mir einen Kreuzer davon zukommen zu laſſen, daß Sie mit einem Worte ge⸗ erntet haben, wo Sie nicht geſäet hatten, ſo ſtieg mein Unwille über ſolche Freibeuterei zum höchſten Grade gebührender moraliſcher Ent⸗ rüſtung. Geld iſt zwar im Grunde für mich nur Chimäre; ich kann nöthigenfalls wie der Vogel in der Luſt und wie der Fiſch im Waſſer leben; aber es gibt Augenblicke— Sie verſtehen mich!— Augen⸗ blicke, wo man einer ſolchen Chimäre höchſt dringend bedarf, wenn man nicht ſelbſt zu einer Chimäre werden will. Jene verteufelten runden Dinger, die man Thaler oder Gulden oder Francs nennt, ſind einmal das einzige Hilfsmittel, um in cioiliſirten Ländern das Leben 1* mit poetiſchen Genüſſen und Zierrathen zu umgeben. Ich habe deutſche Poeten kennen gelernt, die in den höchſten Sphären der Poeſie und Selbſtvergötterung umherſchweiften, die gerade an Dichtungen arbeiteten, von denen ſie hofften, daß ſie noch mehr ſein würden als blos un⸗ ſterblich, und die ſich dabei doch höchſt hypochondriſch, niedergeſchlagen und verzweifelt gebärdeten. Sie ſangen von Champagner, von Liebe, von Freiheit, aber ſie mußten dieſe poetiſchen Gaben entbehren, weil ſie keinen Champagner bezahlen und kein herziges Kind in Sammt und Seide hüllen konnten und weil das drohende Schreckgeſpenſt der Schuldhaft jedes Gefühl freier Bewegung in ihnen ausgetilgt hatte. Ach, ſo ein Gerichtsbote iſt kein Himmelsbote der Poeſie und ein grob⸗ mahnender Gläubiger erſcheint ſelbſt in den Augen eines Poeten nicht als ein Genius', der im Stande wäre, ſeine Phantaſie zu befruchten und zu beflügeln! Ich habe dieſelben Poeten geſehen, nachdem ſie durch eine günſtige Conjunctur in den Beſitz einer Anzahl der oben genann⸗ ten runden Silberſtücke gerathen waren. O, wie ganz anders ſahen ſie dann aus, dieſe Poeten! Sie waren verſöhnt mit dem Leben, das ſie vorher verachtet hatten, ſie zogen die Welt an ihr Herz, die ſie vorher mit Füßen getreten hatten! An jedes dieſer glänzenden verlockenden Rund⸗ ſtücke, die, obſchon ſie mit einem gekrönten Haupte geſtempelt ſind, ſelbſt der fanatiſchſte Republikaner als Autorität anerkennt, knüpfte ſich ja die Ausſicht auf eine heitere Stunde, auf einen wirklichen, keinen eingebildeten Genuß! Sie werden merken, wo hinaus ich will. Ich habe die literariſche Oeffentlichkeit niemals geſucht(obſchon ich auch auf dieſem Gebiete, wie Sie ſpäter erfahren werden, meine Erfahrungen gemacht und meine Kräfte erprobt habe, und zwar im afrikaniſchen Königreiche Macomaco); Sie aber haben mich in dieſelbe wider mein Wiſſen und Wollen eingeführt. Mein Name iſt gedruckt, und ich muß anerkennen, daß er in recht großen Buchſtaben gedruckt iſt. Da es nun einmal ſo weit gekommen und da es, wie geſagt, Augenblicke gibt, wo das Geld aufhört Chimäre zu ſein und ein erkleckliches Honorar ſeine ganz angenehmen Seiten hat, ſo möchte ich wenigſtens, daß meine Lebens⸗ geſchichte unverfälſcht und vollſtändig vor das Publikum komme und ein generöſer Verleger ſich fände, der ſie verſilbert. ——„ ———— deutſche ſie und eiteten, 0s un⸗ ſchlagen Liebe, 1, weil Sammt nſt der hatte. groh⸗ nnicht ruchten durch enann⸗ hen ſie vorher er mit Rund⸗ t ſind, tnüpfte klichen, rariſche heblete, t und greiche n und ennen, inmal w das e gan lebens⸗ e und Ich ſchlage Ihnen daher Folgendes vor: ich liefere Ihnen die Roh⸗ materialien zu einer vollſtändigen Geſchichte meines Lebens und Sie mit Ihrer geübten Feder(denn mir ſelbſt fehlt es dazu an der nöthi⸗ gen Ruhe) verarbeiten ſie zu einem wohl ſtyliſirten, lesbaren, unter⸗ haltenden und unterrichtenden Buche, das ſich mit Ehren ſehen laſſen kann und meinen Namen auf die Nachwelt bringt, woran mir freilich nicht viel liegt, der Nachwelt aber ohne Zweifel ſehr viel gelegen ſein muß. Da gegenwärtiges Schreiben ungebührlich lang gerathen iſt, will ich für heute ſchließen, alles Weitere auf die Fortſetzung unſerer Correſpondenz verſparend. Ihre hoffentlich zuſtimmende Antwort adreſſiren Sie gefälligſt:„Fritz Beutel, Dr. der afrikaniſchen Rechte, zur Zeit in Newyork“. Eine weitere Angabe iſt nicht nöthig, da mich dort Jedermann kennt. In den Schranken gewöhnlicher Hochachtung verharrend Ihr ergebenſter Fritz Beutel, Dr. der afrikaniſchen Rechte. Der Herausgeber an Fritz Beutel. Heidelberg,den 2. October 1847. Verehrter Herr! Fürchten Sie nicht, daß ich in den etwas gereizten Ton verfallen werde, den Sie wenigſtens in den Einleitungsworten Ihrer verehrten Zuſchrift vom 6. September gegen mich anzuſtimmen beliebt haben. Ich werde mich einzig und allein an den geſchäftlichen Theil Ihres Schreibens halten. Sehr gern will ich mein literariſches Renommé, ſo weit es durch die öffentliche Benutzung Ihrer Mittheilungen vermehrt worden ſein ſollte, wie das für den betreffenden Artikel von mir bezogene Honorar mit Ihnen theilen, wobei ich nur bemerke, daß in dieſem Falle für keinen von uns viel von Beidem übrig bleiben würde.. — 6— Auf den von Ihnen gemachten Vorſchlag, das mir von Ihnen zu liefernde Rohmaterial zu einem Buche zu verarbeiten, gehe ich mit größtem Vergnügen ein. Das Feld des Humors wird gegenwärtig in Deutſchland leider ſehr wenig beackert. Der Humor, der gemüthliche Burſche mit den offenen, zugleich weinenden und lachenden Augen, der ſich aus Sonnenſtäubchen ein ganzes Weltſyſtem baut und ſich in einem Welt⸗ ſyſteme häuslich einrichtet wie in einem Studierzimmer, der ehedem das Recht der Freizügigkeit und Anſäſſigmachung in unbeſchränktem Maße beſaß, iſt jetzt von der Geſellſchaft unter Cenſur und die härteſten Zwangs⸗ geſetze geſtellt. Es iſt Alles ſo verbiſſen, ſo grämlich, ſo krittelig, ſo freuden⸗ und hoffnungslos! Selbſt die Weiber mahlen in dem Einerlei der klappernden Reflexrionsmühle mit den Männern um die Wette. Und nun gar unſere Recenſenten! Dennoch glaube ich, daß ein Bedürfniß nach dem Humor in Deutſchland vorhanden iſt, wie unter Anderm der Beifall beweist, welchen Adolf Glasbrenner's„Neuer Reinecke Fuchs“(ich weiß nicht, ob Sie ihn geleſen haben, jedenfalls verdient er aber von Ihnen geleſen zu werden) in den weiteſten Kreiſen ge⸗ funden hat. Auch daß die altehrliche Jobſiade noch immer ihre zahl⸗ reichen Verehrer hat, daß Eulenſpiegel und Münchhauſen noch heut⸗ zutage ſo populäre Männer ſind wie Goethe oder Schiller, ſcheint auf dies Bedürfniß hinzudeuten, eben ſo die ausgebreitete Theilnahme, deren die„Fliegenden Blätter“ gleich bei ihrem erſten Erſcheinen ſich zu erfreuen hatten, wozu jedoch, wie ich mir ſchmeichele, unſrer Beider Name das Meiſte beigetragen haben mag. Selbſt unſere großen po⸗ litiſchen Zeitungen ſind für den, der zu leſen verſteht, oft ſehr humo⸗ riſtiſch, ohne daß ſie es gerade ſein wollen; denn ſo manchem humo⸗ riſtiſchen Schriftſteller gelingt es, ſich unter der ehrbaren Maske des Ernſtes in ihre Spalten einzuſchleichen. Ich habe Sie, verehrter Herr Doctor! gar ſehr in Verdacht, febſ ſtehender Mitarbeiter an ver⸗ ſchiedenen deutſchen Zeitungen zu ſein. Ich kenne meine Leute! Es gibt alſo für den Humor noch immer ein Publikum in Deutſch⸗ land, und ich freue mich, daß Sie es über ſich gewonnen haben, dieſe gerade dem germaniſchen Weſen ſo eigenthümliche Seite in Ihre Pflege zu nehmen. Namentlich wird der Münchhauſen'ſche Humor, der ſich eine eigene fingirte Welt aufbaut, um die beſtehende Welt und zugleich nen zu ich mit nwärtig üthliche der ſich mWelt⸗ dem das n Maße zwangs⸗ elig, ſo Einerlei fe. Und dürfniß Anderm Reinecke verdient iſen ge⸗ re zahl⸗ h heut⸗ eint auf lnahme, nen ſch 8 Beider hen po⸗ humo⸗ humo⸗ aske des eer Herr an ber⸗ e! Deutſch⸗ n, dieſe e Pflege der ſch zuglich — 7— die den Deutſchen eigene Renommiſterei und Poltronerie zu ironiſiren, ſo lange zu Recht beſtehen, als überhaupt ein deutſches Volk beſteht. Sie werden, hoffe ich, neben dem ſchabernäckigen Eulenſpiegel, dem ſchlauen Reinecke Fuchs und dem Erzlügenvater, Baron Münchhauſen, einen Ehrenplatz in der deutſchen Literatur einnehmen, und Ihr Bei⸗ ſpiel und Name wird der Nachwelt unverloren ſein. Ich kenne nur zwei Schreib⸗ und Auffaſſungsweiſen, durch die der denkende Menſch ſich mit den Zuſtänden der Gegenwart abzufinden vermag: entweder muß er ſie mit dem unerbittlichſten, niederſchmetterndſten, das Jäm⸗ merliche an ihr unbarmherzig herausſtellenden tragiſchen Ernſte oder mit der leichten Laune eines Komikers und Humoriſten auffaſſen, der von oben herab die Weltdinge als ein bloßes Poſſenſpiel und eine Puppencomödie betrachtet, an die Ernſt und Entrüſtung verſchwenden die Mühe nicht lohnt. Ew. Wohlgeboren haben mit Recht das Letz⸗ tere erwählt. Ich ſehe der Ueberſendung Ihres Tagebuchs mit Vertrauen ent⸗ gegen, und verſpreche Ihren an mich gerichteten Wünſchen in Betreff der Bearbeitung deſſelben nach Kräften gerecht zu werden. Aufrichtig geſtanden, freue ich mich ſelbſt darauf, an Ihrer Hand wieder einmal das Gebiet des freien Humors betreten zu können, da die literariſchen Arbeiten, die ſonſt auf mir laſten, meiſt ziemlich trockener oder doch ernſter Natur ſind. Mit der Verſicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung bin ich ꝛc. ꝛc. Fritz Beutel an den Herausgeber. Am Bord der Diana, 30 weſtl. Länge und 10⁰ ſüdl. Breite. 16. Juni 1848. Verehrter Herr! Da das engliſche Dampfboot Diana, auf welchem ich mich in die⸗ ſem Augenblicke befinde, ſoeben einem engliſchen Poſtdampfer begegnet, welcher Briefſchaften und Packete unſerer Mannſchaft mit nach England — 3— befördern will, ſo ergreife ich dieſe Gelegenheit, Ihnen ein Packet, einen Theil meines Tagebuchs enthaltend, und gegenwärtige Zeilen zu über⸗ ſenden. Machen Sie ſich an die Arbeit und dann ſo ſchnell als mög⸗ lich an einen Verleger! Es iſt mehr als ein halbes Jahr verſtrichen, ſeitdem ich das Ver⸗ gnügen hatte, mit Ihnen in Correſpondenz zu treten; aber ich bin während dieſer Zeit ſo hin⸗ und hergeſchleudert worden, daß ich nur ſelten einen freien Augenblick hatte, um an die Aufzeichnung meiner Aventüren und Thaten denken zu können. Sobald als möglich erhal⸗ ten Sie eine weitere Sendung, vielleicht den Reſt meines Manuſcripts. Sie werden begreifen, daß ich mich heute kurz faſſen muß, da das engliſche Poſtſchiff nicht lange warten kann. Nur gegen eine, in Ihrem Schreiben vom 2. October 1847 enthaltene Annahme möcht' ich mich ſchon heute verwahren, nämlich dagegen, daß Sie mir die Abſicht un⸗ terlegen, ein humoriſtiſches Buch, vielleicht gar eine Art Münch⸗ hauſeniade ſchreiben zu wollen. Da verkennen Sie ganz meinen Cha⸗ rakter. Ich kann Sie vielmehr verſichern, daß ich der ernſthafteſte und wahrheitsliebendſte Mann bin, der je auf Erden gelebt hat. Was ich Ihnen und der Welt mitzutheilen habe, ſind keine Ausgeburten der Phantaſie, ſondern wirkliche Ereigniſſe und Geſchehniſſe, die ich mit der Wahrheitsliebe des gewiſſenhafteſten Hiſtorikers aufgezeichnet habe und in derſelben Weiſe ſtrengſter Objectivität aufzuzeichnen fortfahren werde. Zum Beweiſe, daß in meinen Memoiren Alles echt iſt, lege ich mehrere Documente in Abſchrift bei, u. A. die beutel⸗ ländiſche Reichsurkunde, mein Tombuktuer Diplom als Doctor der afrikaniſchen Rechte, meinen Trauſchein von wegen meiner Vermählung mit der Königin Krikikara, meinen Contract mit der tibetaniſchen Nation bei Uebernahme des Dalai⸗Lama⸗Poſtens u. ſ. w. Verſichern Sie dies dem Publikum, wenn es eben ſo befangen ſein ſollte als Sie, und es wird Ihnen glauben; denn was glaubt das Publikum nicht? Ich will, mit Einem Worte, nichts weiter als meinen Neben⸗ menſchen nützlich ſein, damit ſie, wenn ſie in ähnliche merkwürdige oder furchtbare Lagen kommen wie ich, ſich mit derſelben Geiſtesſtärke und Geiſtesgegenwart herauszuwickeln wiſſen. Mein Leben war zu ernſt und an gewaltigen Ereigniſſen zu reich, als daß ich daran hätte et, einen zu über⸗ ls mög⸗ das Ver⸗ ich bin ich nur Fmeiner h erhal⸗ zuſcripts. da das n Iͤhrem ich mich icht un⸗ Münch⸗ en Cha⸗ ſthafteſte tt. Was geburten die ich tzeichnet zeichnen lles echt beutel⸗ ttor der mählung Nation Sie dies und es Neben⸗ zwürdige ſesſtüke war zu an hütte —— denken können, den Humor in dem Maße, wie Sie ihn bei mir vor⸗ ausſetzen, auszubilden und ihm den Zügel ſchießen zu laſſen. Am wenigſten bin ich gerade jetzt dazu aufgelegt, wo ich an einem chimbo⸗ raſſohaften dritten Theil des Goethe'ſchen Fauſt arbeite, welcher dieſer unfertigen Dichtung erſt die wahre Vollendung geben wird. Briefe, die Sie etwa an mich zu richten haben, wollen Sie unter meiner Adreſſe Peking poste restante abgehen laſſen u. ſ. w. Fritz Beutel, Dr. Fritz Beutel an den Herausgeber. Peking, den 13. März 1851. Hierbei erhalten Sie wieder eine Sendung Manuſecript. Es wird noch eine Weile ſo fortgehen, denn das Schickſal ſorgt dafür, daß mir der Stoff unter den Händen immer mehr anſchwillt. Während ich Großes niederſchreibe, ſtößt mir immer noch Größeres zu. Ich hoffe, daß Sie in voller Arbeit ſind und bereits vorläufig mit einem Verleger Rückſprache genommen haben; aber ich bitte, wählen Sie einen, auf den Sie vollkommenes Vertrauen ſetzen. Es wäre mir lieb, wenn Sie irgend ein Ihnen intereſſantes Ka⸗ pitel aus dem bereits eingeſandten Manuſcript bearbeiten, in einer deutſchen Zeitſchrift mittheilen, und die betreffenden Nummern mir, Melbourne in Auſtralien, poste restante, zuſenden wollten, damit ich aus dieſer Probe ermeſſen kann, wie Sie das Ganze zu behandeln gedenken. Denn was Sie davon in den„Fliegenden Blättern“ mit⸗ theilten, war offen geſtanden nur lückenhaft, wie ich Ihnen ſchon früher bemerkte. Der Herausgeber an Fritz Beutel. Hamburg, den 5. September 1853. Ich habe Ihrem Wunſche, ein Kapitel aus Ihren höchſt merkwür⸗ digen Memoiren für ein deutſches Blatt zu bearbeiten, entſprochen. Sie finden den Ihre anſtaunenswürdigen Thaten in Tombuktu be⸗ —j———— — 10— treffenden Artikel in den beiliegenden Nummern 202, 207, 208 und 209 des Hamburger Correſpondenten, einer altehrwürdigen, wohlaccre⸗ ditirten Zeitung, deren neuerichtetes Feuilleton ich im gegenwärtigen Augenblicke leite. Auch ich bin, wie ich hierbei bemerke, wenn auch nur auf deutſchem Gebiete, vielfach hin⸗ und hergeſchleudert worden, und habe bei dieſen Irr- und Kreuzfahrten manche Menſchen und auch Nichtmenſchen kennen gelernt, darunter aber keinen Fritz Beutel. Es iſt ſehr zu bedauern, daß Sie ſich im Jahr 1848, wo wir uns auch einmal etwas Revolution zu machen herausnahmen, nicht auf deutſchem Boden befanden. Für einen Mann von Ihrer Erfah⸗ rung, Thatkraft und ſittlichen Gediegenheit wäre da wohl etwas ab⸗ gefallen, wenn nicht eine Krone, doch gewiß ein Krönchen; denn mit einem der damals ſehr ausgebotenen Miniſter⸗ oder Kammerpräſidenten⸗ poſten würde ſich ein Mann wie Sie wohl nicht begnügt haben. Es fehlte uns damals, wie noch jetzt häufig verſichert wird, an einem großen Genie und Charakter, und Beides würde Deutſchland, ja ich darf ſagen die europäiſche Welt in Ihnen gefunden haben. Was übrigens meine Bemerkungen über den humoriſtiſchen Cha⸗ rakter Ihrer Memoiren betrifft, ſo genehmigen Sie die Verſicherung, daß ich nicht im Entfernteſten an Ihrer ſtrengen Wahrheitsliebe und an der hiſtoriſchen Genauigkeit der von Ihnen mitgetheilten That⸗ ſachen zweifele. Ich wollte damit nur ſagen, daß Sie, einen gewiſſer⸗ maßen mit der Welt ſpielenden, ironiſchen Standpunkt feſthaltend, der Auffaſſung dieſer Thatſachen ein humoriſtiſches Colorit zu geben verſtehen, und das behaupte ich noch jetzt. Womit ich verharre u. ſ. w. Fritz Beutel an den Herausgeber. Melbourne in Auſtralien, den 1. April 1854. In den Diggings oder Goldgruben bis zum Kinne vergraben, habe ich vor acht Tagen Ihre freundliche Zuſendung erhalten. 8s und lacere⸗ ärtigen n auch vorden, en und Beutel. vo wir nicht Erfah⸗ as ah⸗ inn mit enten⸗ CEs” einem ja ich Cha⸗ erung, e und That⸗ viſſer⸗ d, der geben — 11— Mit Ihrer Bearbeitung desjenigen Theils meiner Tagebücher, welcher meine Tombuktuer Epiſode betrifft, bin ich recht ſehr einverſtanden, wobei ich jedoch vorausſetze, daß Sie einzelnes nach Journaliſtenmanier nur Angedeutete ſpäter auf Grundlage meines Manuſcripts weiter aus⸗ führen werden. Auch bitte ich, das Weinhaus, in welches Sie auch diesmal die Scene zu verlegen beliebt haben, ganz fortzulaſſen, denn eine ſolche Scenirung beeinträchtigt die hiſtoriſche Wahrheit und könnte mich außerdem in den Ruf bringen, daß ich den Freuden des Wein⸗ genuſſes in zu beträchtlichem Maße huldige. Dies iſt ſo wenig der Fall, daß ich, wenn es ſein muß, Monatelang meinen Durſt nur mit Waſſer ſtille, ja ihn als Dalai⸗Lama in Tibet ein Jahrlang nur mit Morgenthau geſtillt habe. Freilich, wenn es die Ehre gebietet, zu zeigen, was ich als Deutſcher im Trinken leiſten kann, ſo trinke ich die ganze Welt unter den Tiſch. Es kommt dabei immer nur auf Verhältniſſe und Lagen(unter andern auch auf die gute Weinlage) an. Als gewiſſenhafter Geſchäftsmann möchte ich nun mit Ihnen ein feſtes contractlich ſichergeſtelltes Verhältniß eingehen, und ich ſchlage Ihnen zu dem Zweck folgenden Vertrag vor: Art. 1. Endesunterzeichneter Fritz Beutel verpflichtet ſich, die Be⸗ gebenheiten ſeines Lebens in möglichſt vollſtändiger wahrheitsgetreuer Aufzeichnung zu geben, ſo daß kein Zeuge jemals gegen ihn auftreten kann, um ihn einer abſichtlichen Lüge oder eines unabſichtlichen Irr⸗ thums zu zeihen. Art. 2. Der endesunterzeichnete Herausgeber verpflichtet ſich, dieſen Rohſtoff zu einem durchweg intereſſanten, eben ſo unterhaltenden als lehrreichen Buche zu verarbeiten, welches dem Namen Fritz Beutel's Ehre bringt, und ihm eine unvergängliche Stellung in der deutſchen Literatur ſichert. Art. 3. Der Herausgeber verpflichtet ſich, einen Verleger zu gewin⸗ nen, der ſo viel Honorar zahlt als möglich, und wenn es angeht, noch etwas mehr. Das Honorar wird dann zwiſchen dem Lieferanten des Rohmaterials und dem Herausgeber und Bearbeiter zu zwei gleichen Hälften getheilt. Art. 4. Endesunterzeichneter Lieferant des Rohmaterials ver⸗ pflichtet ſich, alle ſeine zahlreichen Connexionen dazu zu benutzen, in — 12— allen Ländern der Welt Abnehmer für das Buch zu gewinnen, wobei jedoch dem Abnehmer nicht der Zwang auferlegt werden ſoll, auch das Buch zu leſen, wenn er nicht will. Art. 5. Endesunterzeichneter Herausgeber verpflichtet ſich ſeiner⸗ ſeits ſeine Connexionen dazu zu benutzen, daß das Buch in allen Zei⸗ tungen und Journalen gebührend empfohlen und nichts Nachtheiliges darüber geſagt wird. Sollte letzteres aber wider Erwarten dennoch ge⸗ ſchehen, ſo verpflichtet er ſich, darüber ſtill zu lächeln und ſeine eige⸗ nen Gedanken zu haben. Art. 6. Da Fritz Beutel beabſichtigt, auch die rein wiſſenſchaft⸗ lichen Reſultate ſeiner Reiſen zu veröffentlichen, ſo verpflichtet ſich der Herausgeber, auch für dieſes, die Erdkunde und ihre Hilfswiſſen⸗ ſchaften jedenfalls in ihrem Fundamente umgeſtaltende Werk ſeine literariſche Hilfsleiſtung zu gewähren, ſich bei Zeiten nach einem Ver⸗ leger umzuſehen und zugleich die für ein ſo umfangreiches Werk nöthigen hohen Protectionen zu gewinnen. Für Protectionen außer⸗ europäiſcher Fürſten, Miniſter, Behörden und hochgeſtellter Gelehrten verpflichtet ſich Fritz Beutel das Seinige zu thun. Art. 7. Der Herausgeber verpflichtet ſich, aus den klaſſiſchen Schriftſtellern des In- und Auslandes für jedes Kapitel ſolche charak⸗ teriſche Stellen als Mottos zu wählen, die ſich zugleich als Stamm— buchſentenzen brauchen laſſen und in den im Publikum verbreiteten Ausgaben dieſer Klaſſiker womöglich nicht vorkommen. Art. 8. Eine Verbeſſerung dieſes Contracts, immer möglichſt zu Gunſten des mit unterzeichneten Fritz Beutel, wird für jede nöthig ge⸗ wordene neue Auflage des Werkes vorbehalten. Endlich wünſche ich— doch mache ich dies nicht zu einer contract⸗ lichen Bedingung— daß Sie meine Lebensgeſchichte zu einem Opern⸗ texte verarbeiten, und dafür einen jener Componiſten gewinnen, welche der „Zukunft“ und nicht der Gegenwart angehören. Der Schau⸗ und Hör⸗ luſt wird dabei gewiß im reichſten Maße Genüge gethan werden kön⸗ nen. Denken Sie nur an die vielen feuerſpeienden Berge, Eisberge, Stürme, Erdbeben, Feuersbrünſte, Pulverexploſionen, Nordlichter, Kämpfe und K ſiſhe hatte n, wobei I, auch h ſeiner⸗ allen Zei⸗ ütheiliges moch ge⸗ ine eige⸗ ſenſchaft⸗ htet ſich zwiſſen⸗ k ſeine m Ver⸗ Werk außer⸗ elehrten aſſiſchen charak⸗ Stamm⸗ greiteten chſt zu ig ge⸗ ntract⸗ Opern⸗ che der dbör⸗ n kön⸗ sberge, ämpfe — 15— und Kanonaden, an die unzähligen Eisbäre, Krokodile, Schlangen, Wal⸗ fiſche, Seehunde und Affen, mit denen ich in meinem Leben zu thun hatte! Ihr ergebenſter Fritz Beutel, Dr. Fritz Beutel an den Herausgeber. Vor Sebaſtopol, den 26. September 1854. Den von Ihnen unterzeichneten Contract habe ich richtig erhalten, jedoch ohne ein Begleitſchreiben, aus dem ich entnehmen könnte, wie unſere Angelegenheiten ſtehen. Ich denke gut, denn ſonſt würden Sie den Contract nicht unterzeichnet haben. Sie erhalten hierbei eine abermalige Sendung meines Tage⸗ buchs, an dem nur noch wenige Blätter fehlen. Es reicht bis in die letzten Tage, die ſchlimm genug waren. Auch hier wie immer habe ich nur Undank geerntet. Ich hatte Sebaſtopol ſchon ganz ſicher in meinen Händen, und doch mußte mir das Ding durch den Unverſtand, die Bosheit und den Neid meiner beiden Collegen, des engliſchen und des franzöſiſchen Oberbefehlshabers, wieder entriſſen werden. Die ganze ruſſiſche Flotte war mein, alle ruſſiſche Batterien waren in meiner Hand, Fürſt Mentſchikow hatte ſich an meine Bruſt geworfen und mich beſchworen, nur um Gotteswillen dem Czaaren in St. Petersburg nichts davon zu ſagen— und nun? Doch ich deute dieſe Vorgänge hier nur an; in meinem Tagebuche werden Sie das Nähere finden. Das Publikum wird dadurch höchſt merkwürdige Aufſchlüſſe erhalten, und dieſes Publi⸗ kum, das mir früher gänzlich gleichgiltig war, iſt gegenwärtig das einzige Geſchöpf, von dem ich nicht verkannt werden möchte. Trotz meiner ſchlimmen Erfahrungen, werde ich hier noch ausharren und zuſehen, was aus dieſer ganzen Krim'ſchen Geſchichte werden wird. Leider kann ich unter dieſen Maſſen nicht ſoviel wirken, als ich in ähnlichen Lagen gewirkt habe, wenn ich mein eigener Mann war. Die Verhältniſſe ſind ſo complicirt. Mich, der ich ſchon ſo — 2 ganz andere Dinge erlebt habe, wundert nur, daß man von dieſem kleinen Scharmützeln bei Sebaſtopol ſo viel Lärm machen kann. Mir machen ſie einfach Spaß, und da mir vom vielen Denken die Stirn brennt, ſo habe ich nichts lieber als das bischen Zugluft, welche die hunderte von hin⸗ und herfliegenden Bomben verurſachen. Wenn mich ſonſt nichts trifft, oder wenn mich die ganze Geſchichte nicht zu lang⸗ weilen anfängt, gebe ich Ihnen jedenfalls noch ein Lebenszeichen von hier, vielleicht in Begleitung einer kleinen Bombe, die ich vorgeſtern in der Luft aufgefangen und in die Taſche geſteckt habe, und einer aus dem Quarantänefort herausgeſchoſſenen Schießſcharte, die gerade zu meinen Füßen niederfiel. Adieu! Ihr Fritz Beutel. Nachſchrift. Die Dinge haben für mich eine ganz merkwürdige unerwartete Wendung genommen. Ich habe mich, eingehüllt in Mentſchikow's weltgeſchichtlichen Paletot, als echter Deutſcher auf den ſoliden Boden der Neutralitätspolitik geſtellt. In dieſer unparteiiſchen Mittelſtellung zwiſchen öſtlicher Barbarei und weſtlicher Civiliſation werde ich die kommenden Dinge abwarten. Aber die Allirrten ſollen nun zu thun bekommen, ſie ſollen einſehen lernen, was ihnen fehlt, wenn Fritz Beutel fehlt! All ihre Parallelen kommen nicht in Parallele gegen mich! Das Nähere mit meiner nächſten und letzten Sendung! Der Obige. dieſem n. Mir e Stirn elche die un mich zu lang⸗ chen von orgeſtern ind einer e gerade utel. kwürdige rhüllt in auf den rieiiſchen wiliſotion ten ſollen nen fthlt Parallle Sendung! lge. — Erſtes Kapitel. — Geweiht iſt die Stätte, wo ein großer Mann geboren wurde. Jedes Sandkorn ſchimmert im Abglanz ſeiner Größe wie ein Kryſtallberg; jedes Gänſeblümchen entfaltet ſich im Nachſchimmer ſeiner Tugend zur Pracht einer Tulpe; jeder Stachelbeerſtrauch rauſcht im Hauche ſeines Geiſtes feierlich wie eine Ceder des Libanon; jede Schüſſel mit Kartoffeln dampft ſeinem Andenken Mittags und Abends Wolken von Weihrauch. Jean Paul. Große Männer waren zu jeder Zeit ſelten, nie aber ſeltener als in der unſrigen. Den einzigen großen Mann, den ſie hervorbrachte, hat ſie zu ihrem eigenen Schaden verkannt und unbeachtet gelaſſen. Ich will dieſen großen Mann, aus vielleicht tadelnswerther Beſcheiden⸗ heit, nicht nennen. Es iſt auch nicht nöthig, daß ich ihn nenne, denn Jeder, der dies Buch liest, wird ihn zu nennen wiſſen und an ihm ein Beiſpiel haben, deſſen Befolgung ihn in Stand ſetzen wird, ſich ebenfalls zu einem großen Manne auszubilden. Der Hauptzweck mei⸗ nes Buches iſt, die Befähigung hierzu allgemein zu machen und zu „populariſiren“. Der Ort, der mir ſeinen Weltruf und dem ich meine Entſtehung verdanke, heißt Schnipphauſen und liegt in einer Gegend der Mittel⸗ mark, welche ſich durch noch etwas mehr Sand, durch die vielen Bauern, welche auf die Spatzen ſchießen, durch die vielen Spatzen, welche den Bauern in die Schoten fallen und durch dieſe vielen Schoten ſelbſt vor andern mittelmärkiſchen Gegenden auszeichnet. Das Korn wächst dort ſo dünn, wie die Haare auf dem Scheitel eines Kahl⸗ — 16— köpfigen; man kann es daher auch nicht mähen, ſondern muß die Halme einzeln aus dem Boden rupfen. Die Kartoffel gedeiht und trägt wie überall ihre Knollen nach unten und ihr Kraut nach oben, weshalb ich nichts weiter von ihr zu melden habe. Bei den Bewohnern dieſer Gegenden iſt das Verhältniß ein umgekehrtes; ſie tragen, ſo zu ſagen, das Kraut nach unten und ihre Knollen, die Köpfe, die allerdings knollenartig genug ausſehen, nach oben;z ſie ſind gewiſſermaßen umge⸗ kehrte Knollengewächſe. Unter den Quadrupeden werden die Feld⸗ mäuſe und Maulwürfe am häufigſten angetroffen, und ſie ſind auch als die eigentlichen Wühler der Gegend am meiſten gefürchtet. Die zahlreichen Fröſche gehören zur Secte der Quäker und ſollen in gerader Linie von den Fröſchen des Ariſtophanes abſtammen, wie mir einmal ein ſolcher alter Quäker und bemooster Burſche mit nicht geringem Stolze in ſeiner Sprache erzählt hat. Die Bewohner dieſes geſegneten Landſtriches ſind nicht ſehr geneigt zu ſchwärmen, ſie überlaſſen dies den Mücken, die ebenfalls ſehr zahlreich und trotz ihrer Anlage zur Schwärmerei ziemlich boshafter Natur ſind. Das Gut gehörte damals dem Herrn von, zu und auf Schnipp⸗ hauſen, der ſich auch Baron nannte und in einem Schloſſe wohnte, welches in Schnipphauſen nicht Seinesgleichen hatte. Trotz ſeiner Einfachheit war es in einem ſehr zuſammengeſetzten Styl erbaut, und die Archäologen der Umgegend ſtritten über die Frage, ob die vor⸗ waltenden Motide daran ägyptiſche, aſſyriſche, römiſche oder mauriſche ſeien. Der rechte Flügel war ſo im Zopfſtyl gehalten, daß er förm⸗ lich gedreht und geflochten ausſah, während das Mittelgebäude in auf⸗ fallender Weiſe einer Perücke glich. Im Grundriß ſchien mir das Schloß ſtets mehr Riſſe als Grund zu haben. Die daran ſtoßenden Pferdeſtälle trugen den reinſten modernen Charakter, auf ſeine ein⸗ fachſten Elemente zurückgeführt. Hinter dem Schloſſe befand ſich eine Art Park und in deſſen Mitte eine Gruppe aus Gyps, Adam und Eva darſtellend, und zwar, was traurig zu ſagen iſt, völlig unbekleidet; denn das einzige Bekleidungsſtück, das hiſtoriſche Feigenblatt, war vor Alter verwittert und abgefallen. Adam legte ſeinen rechten Arm um die Hüfte ſeiner Ehehälfte und Eva ihren linken Arm auf die rechte Schulter ihres Mannes; leider aber fehlten Adam's rechter und der — — ie Halme rägt wie weshalb mm dieſer zu ſagen, llerdings n umge⸗ ie Feld⸗ ind auch tt. Die gerader einmal eringem ſegneten ſen dies age zur chnipp⸗ wohnte, ſeiner ut, und ie vor⸗ guriſche r förm⸗ in auf⸗ nir das pßenden ne ein⸗ ch eine m und kleidet; aar vor rm um rechte nd der —— — 4,— Eva linker Arm; man erblickte von beiden nur noch die Stumpfe. Auch war die Gruppe ſo mit Moos überzogen, daß ſie aus der Ferne völlig einem alten mit Moos bewachſenen Baumſtamme glich. Ein Büſchel Moos, welches von Adam's Naſe herabhing, hat mir immer beſondern Spaß gemacht. Ich fühlte ſtets ein Gelüſt, Adam daran zu zupfen, aber ein gewiſſer bibliſcher Reſpect und eine mir ange⸗ borne Pietät vor großen Männern hielt mich davon zurück. An der Mittagsſeite des Schloſſes befand ſich ein langes Spalier mit Weinreben, aus denen unſer Gutsherr zum Beweiſe, daß in der Welt nichts unmöglich ſei, jährlich ſo und ſo viel Quart Wein kel⸗ terte. Ein wegen ſeiner vielen Schnurren bei unſerm Herrn gern geſehener Weinhändler, der einmal bei ihm zu Mittag ſpeiste und mit einer Flaſche dieſes Schnipphauſener Cabinetsweins bewirthet wurde, goß, als er davon genippt hatte, mit den Worten ‚„Eſſig erſter Qua⸗ lität!“ den Wein zum Salat, was den Gutsherrn ſo verdroß, daß er ihn nie wieder zur Tafel zog. Schlimmer ging es einem benach⸗ barten Gutsbeſitzer, der wirklich eine ganze Flaſche hinunter zwang und davon auf eine Zeit contract wurde. Ueber die Heilungskoſten wurde ein langjähriger Proceß geführt, den aber unſer Herr verlor, nachdem eine aus Weinhändlern, Naturforſchern, Aerzten und Che⸗ milern zuſammengeſetzte Commiſſion ihre Entſcheidung dahin abgegeben hatte, der Schnipphauſener Wein enthalte wirklich Beſtandtheile, welche Jedermann, außer einen gebornen Schnipphauſener, contract machen, d. h. zuſammenziehen müßten. Der Herr von, zu und auf Schnipp⸗ hauſen hatte ſich durch allmäligen Genuß an den Spalierwein ge⸗ wöhnt, wie Mithridates ans Gift; ja alle Schnipphauſener vertrugen ihn, weil ſie durchaus verträglicher Natur ſind. 3 Mein Vater war der Schullehrer des Dorfes, Valentin Andreas mit Vornamen; meine Mutter war eine geborene Urſula Quaak und Tochter des Dorfſchmieds, der auch dieſe übrigens glückliche Ehe zu⸗ ſammengeſchmiedet hatte. Es waren ſchon elf Kinder beiderlei Ge⸗ ſchlechts vor mir da, und ich beſchloß, das Dutzend vollzumachen. Ich ließ mich daher geboren werden und trat an einem ſchönen Früh⸗ lingsmorgen mit den Worten: Guten Morgen, liebe Eltern! guten Morgen, liebe Geſchwiſter! an's Licht der Welt. Die Meinigen waren D. B. X. Fritz Beutel, v. Marggraff. 2 — 18— gar ſehr überraſcht von dieſer Begrüßung, erwiederten ſie jedoch auf's freundlichſte und herzlichſte. Ich erinnere mich ganz deutlich, wie ich ſogleich nach meiner Ge⸗ burt die große Familienſchüſſel mit dem Mehlbrei ergriff, der für meine elf Geſchwiſter zum Frühſtück beſtimmt war, die Schüſſel an den Mund ſetzte und bis zur Nagelprobe ausſchlürfte. Man kann ſich vorſtellen, wie meine elf Geſchwiſter auf mich losfuhren, denn ſo lieb ich ihnen war, ſo war ihnen doch der Mehlbrei noch lieber. Ich aber ergriff mit der einen Hand die Schüſſel als Schild, mit der andern den Löffel als Degen, ſtülpte auch noch den daneben ſtehenden Suppentopf als Helm auf den Kopf und ſetzte mich in Poſitur, indem ich zugleich eine Serviette wie einen Feldherrnmantel maleriſch um meine Schultern ſchlug. Meine Geſchwiſter ihrerſeits nahmen nun auch ihre Löffel zur Hand, und ſo lieferte ich damals meine erſte Schlacht. Hier parirte ich einen Hieb, dort theilte ich einen aus und bediente mich mitunter auch der Kriegsliſt, mit meinem Löffel in die Schüſſel meines Vaters zu fahren und meinen Geſchwiſtern den Mehl⸗ brei in die Augen zu ſpritzen, ſo daß ſie dieſelben nicht aufthun konnten. Meine Eltern waren zwar über meinen geſegneten Appetit anfänglich nicht wenig erſchrocken, brachen aber zuletzt in ein herzliches Gelächter aus, und mein Vater ſagte in richtiger Vorahnung meiner Größe: Dieſer Junge wird einſt dem Namen Beutel Ehre machen! Acht Tage nach meiner Geburt wurde ein großes Familienconcil gehalten, um über den Namen zu berathen, den ich in der Taufe er⸗ halten ſollte. Alle Muhmen und Vettern wurden hierzu verſammelt. Chriſtian, Chriſtoph, Chriſtlieb, Gottlob, Gottlieb, Gottfried, Trau⸗ gott, Fürchtegott, Leberecht wurden genannt und ich ſollte unter dieſen Namen die Auswahl haben, da ich ein ſo geſcheidter Junge war. Ich ſchüttelte jedoch zu allen dieſen Namen mißbilligend den Kopf, beſon⸗ ders zu dem Namen Leberecht, gegen den, ich weiß nicht welches Ge⸗ fühl, ſich in mir ſträubte. Endlich begann ich: Meine verehrten El⸗ tern! liebwerthe Vettern und Muhmen! Eigentlich hieße ich lieber gar nicht. Da dies jedoch gegen alle chriſtpolizeilichen Beſtimmungen wäre und ich nicht gleich acht Tage nach meiner Geburt als Opponent gegen Staat, Kirche und geſellſchaftliche Ordnung gelten möchte, ſo ——— — 19— doch aufs will ich mich fügen und mich auf einen Namen taufen laſſen. Nun habe ich Sie, verehrteſter Herr Vater, an den letzten Tagen oft aus einer Ge⸗ einem Buche vorleſen hören, worin die heldenmüthigen Thaten des der für großen Fritz beſchrieben waren. Die Thaten dieſes ſeltenen Mannes, hüſſel an den ich mir früher oder ſpäter zum Muſter zu nehmen erlauben werde, dan kann haben mich immer auf's Lebhafteſte intereſſirt, und da ich etwas vom denn ſo Blute des alten Fritz in mir fühle, will ich, daß man mich auf den ber. Ich Namen Fritz taufe. Dieſer Name ſoll mir ſtets ein Sporn ſein, mich mit der des Mannes, der ihn trug, würdig zu zeigen. Mein Vater drückte mir gerührt die Hand oder das Händchen und ſtehenden 1, udem ſagte: Ich ſehe, du biſt ein echtes Preußenkind, ein Patriot wie ich; eriſch um dein Wille geſchehe dir; du ſollſt Fritz heißen! men nun Es mag wohl nicht gerade häufig vorgekommen ſein, daß ſich ein eine erſte Täufling ſeinen Namen ſelbſt gewählt hat, vielleicht iſt es, außer in aus und meinem Falle, niemals ſonſt vorgekommen. Um ſo mehr verdiente fl in die dieſer Fall aufgezeichnet und dem Gedächtniß der Mit⸗ und Nachwelt den Mehl⸗ überliefert zu werden. tauftun Ich benahm mich während der Taufhandlung ſehr anſtändig; ich en Jypeit raiſonnirte nicht dagegen, wie meine Eltern befürchtet hatten; denn ich herzliches habe vor allen heiligen Handlungen ſtets allen Reſpect gehabt. Ich iche ner weinte nicht, ich lachte nicht, aber ich blickte dem Geiſtlichen mit einem 3 nen Ausdruck in's Auge, daß derſelbe nach Beendigung des Acts verwun⸗ t n deß dert äußerte: Dieſes Kind ſcheint mir ſchon jetzt auf der Höhe der nüieue er theologiſchen Erkenntniß zu ſtehen; der künftige Conſiſtorialrath blickt Luſt dl ihm aus den Augen. Einer meiner vielen Oheime, ein gedienter erſanm 5. Unteroffizier, bemerkte dagegen: Herr Paſtor! wenn Sie jemals den ſied, zin alten Marſchall Vorwärts in der Nähe geſehen hätten, wie ich, ſo nter 4 würden Sie geſagt haben, dem Jungen blickt der Feldmarſchall aus etüür. 3 den Augen! Dieſe Vorausſagung erſchien mir viel ſchmeichelhafter, pf, 4 und ich drückte meinem Oheim dankend die Hand dafür. elchs El Zu dem Taufſchmauſe hatte unſer Gutsherr aus dem Schloſſe tiuan einige Flaſchen ſeines ſelbſtgekelterten Weines, einige Pfunde ſelbſt⸗ ich lie fabricirten Runkelrübenzuckers und ein Dutzend verſchrumpfter ſelbſt⸗ ſtimmungen gezogener Pomeranzen heruntergeſchickt, und es wurde hiervon ein t 4. eer’ köſtliches Getränk bereitet, welches ich mir vorzüglich munden ließ. mh/ 3 2* ——— — — 20— Wir befanden uns ſchließlich in ſehr aufgeräumter Stimmung, und der Herr Paſtor brachte unter andern das Geſpräch auf das ſchöne Kunſtwerk Adam und Eva im herrſchaftlichen Park, indem er in ſehr feiner Anſpielung meine Eltern mit dieſem erſten Menſchenpaar verglich. Ich erlaubte mir hierbei die Bemerkung: Aber, Herr Paſtor, was würde aus der Menſchheit geworden ſein, wenn Eva ſich gegen Adam ſpröde gezeigt und dieſer in Werther'ſcher Verzweiflung ſich am näch⸗ ſten Baum, z. B. dem Baume der Erkenntniß, aufgeknüpft hätte?— Ei, erwiederte der Herr Paſtor, an dieſen immer doch möglichen, Fall habe ich wirklich noch niemals gedacht. Wie es ſcheint, würde dann allerdings die Menſchheit ſchon mit Adam und Eva ausgeſtorben ſein, und wir ſäßen hier nicht ſo fröhlich beiſammen und tränken ehrlichen Schnipphauſener. Ich will aber doch dieſe häkliche Frage bei der näch⸗ ſten Paſtoralconferenz zur Sprache bringen, vielleicht weiß einer meiner würdigen Amtsbrüder Auskunft, wie es Eva in dieſem traurigen Falle hätte anfangen müſſen, um das Menſchengeſchlecht fortzupflanzen. Meine Herren Amtsbrüder wiſſen Rath für Alles. Schließlich wurde auf meine Geſundheit und mein Gedeihen an⸗ geſtoßen, worauf ich das Glas ergriff, der Runde nach anſtieß und folgende Dankrede hielt: Hochwürdigſter Herr Paſtor! verehrte Pathen! geliebte Eltern und theure Geſchwiſter! Meinen herzlichſten Dank für die mir bewieſene Aufmerkſamkeit! Ich werde dieſen Tag ſtets zu den ſchönſten meines Lebens rechnen und mich beeifern, der Erwartungen mich würdig zu zeigen, die man von mir hegt und hegen darf. Mein körperliches Volumen berechtigt zu ſolchen Erwartungen, denn bei meiner Geburt hatte ich bereits die Größe eines vierjährigen Kindes und in den vierzehn Tagen, die ſeitdem verfloſſen ſind, habe ich die Größe eines fünfjährigen erreicht. Indeß ſehe ich ein, daß dies ſo nicht fortgeht, und ich bin entſchloſſen, von nun an mich im Wachſen zu mäßigen, um mir nicht ſelbſt über den Kopf zu wachſen. Was meine intellectuellen Fähigkeiten betrifft, ſo ſage ich mit Stolz, daß ſie mich berechtigen würden, ſchon jetzt die Univerſität zu beziehen; doch werde ich mich auch in dieſer Hinſicht dem Schnipphauſen'ſchen Normalmaß fügen, weil mir mein geſunder Verſtand ſagt, daß früh⸗ reife Früchte nicht ſehr genießbar ſind und bald abfallen. Wir ſehen — ᷣ —=B=———— ——; — g, und ſchöne in ſehr verglich. r, was Adam m näch⸗ tte?— hen, Fall de dann ben ſein, ehrlichen er näch⸗ meiner gen Falle pflanzen. ihen an⸗ ſdieß und Pathen! Ddank für S zu den artungen nf. Men denn bai Kindes e ich die dies ſo Wachſen n. Was tolz/ daß beziehen; — 21— dies an den Pomeranzen, die uns unſer gnädiger Herr zu ſchicken die Güte hatte. Die ſogenannten Wunderkinder gleichen ſolchen künſtlich gereiften verſchrumpften Pomeranzen. Ich mag nicht zu ihnen gehören und werde alſo danach ſtreben, mich nur allmälig zu entwickeln und auszubilden; ich hoffe zugleich, daß die Lehrmethode meines verehrten Herrn Vaters ganz geeignet ſein wird, die Entwickelung meiner Fähig⸗ keiten in den gebührenden Schranken zu halten. Auf die Wiſſen⸗ ſchaften werde ich mich nicht legen, um ſie durch mein Gewicht nicht zu erdrücken und ſie bei meinem ungeſtümen Charakter nicht in Gefahr zu bringen, ſo über und durcheinander geworfen zu werden, daß Keiner die, welche er ſucht, aus dem Haufen der Uebrigen herauszufinden im Stande ſein würde. Meine Wiſſenſchaft wird ſein, ein ſolches Leben zu führen, welches Wiſſen ſchafft, und zwar ein Wiſſen, welches das Geſchaffene weiß; meine Wiſſenſchaft ſoll alſo gewiſſermaßen ein Schaffwiſſen ſein. Jene mir ſo nöthigen Selbſtbeſchränkungszwecke glaube ich aber dadurch am beſten zu erreichen, daß ich mich dem in Schnipphauſen vorherrſchenden materiellen Verdauungsproceß möglichſt accommodire, über die hieſigen Zuſtände möglichſt wenig reflectire und in den Schul⸗ ſtunden, Nachmittagspredigten(mit Ihrer Erlaubniß, Herr Pfarrer!) und auch ſonſt möglichſt viel ſchlafe. Denn der Schlaf iſt das Ein⸗ zige, was man in Schnipphauſen eben ſo gut wie anderwärts, ja in beſter Qualität und aus erſter Hand haben kann, und wenn der Schlaf nirgends ſonſt wo erfunden wäre, in Schnipphauſen würde er erfunden worden ſein. Was mich betrifft, ſo fällt mir das Einſchlafen und Schlafen immer leichter als das Wachen und Erwachen, welches in Schnipphauſen ſtets ſein Unangenehmes hat und mit vielen Enttäu⸗ ſchungen verbunden iſt. Im Schlafe hört das Denken auf und der Traum beginnt, jene Götterdämmerung des Daſeins, jenes geſpenſtiſche Zerrbild des Denkens, das ſich vollendet, ohne ſich zu einem ſich ſelbſt als Object gegenüberſtellenden ſubjectiven Denken anſtrengen zu müſſen. Ich weiß nicht, ob Sie mich verſtehen, aber ich verſtehe mich ſelbſt ſehr wohl. Und nun laſſen Sie uns ſchlafen gehen, verehrte An⸗ weſende! denn der Schnipphauſen'ſche Rebenſaft wirkt auf mich wie Mohnſaft. Sie, verehrte Anweſende! werden ſchlafen und nicht träu⸗ men; und ich werde träumen und gewiſſermaßen nicht ſchlafen; ich — 22— werde im Traume mehr denken, als Sie ſich im Denken jemals ge⸗ träumt haben. Gute Nacht für einen guten Tag! Je länger ich ſprach, deſto länger wurden auch die Geſichter der Taufgäſte, ſie wurden zuletzt ſo lang, daß ſie von der Diele bis zur Stubendecke reichten und ſich recht eigentlich nach der Decke ſtreckten. Sie hatten dabei ganz verzerrte unheimliche Züge, die Augen traten ihnen aus dem Kopfe und ſtarrten mich geſpenſterhaft an, die Haare erhoben ſich borſtenähnlich auf ihren Scheiteln, ihre Ohren ſtanden fußlang vom Kopfe ab, ihre Lippen verlängerten ſich zu Tiegerrachen, Hundeſchnauzen und Elephantenrüſſeln und ihre Naſen wurden immer länger, immer ſpitziger, kamen mir näher und näher, ſtießen zuletzt von allen Seiten auf meine Bruſt und ſchienen ſich in dieſe einbohren zu wollen. Dieſer fürchterliche Moment trat jedoch erſt ein, nachdem ich mein letztes Wort geſprochen hatte. Da faßte es mich wie ein Fieber und mir vergingen die Sinne. Ich weiß nicht, ob ſich dies Alles in Wirklichkeit ſo verhielt, oder ob es nur eine durch den Genuß des Schnipphauſener Spalierweins hervorgebrachte Sinnentäuſchung war. Ich weiß auch nicht, wie ich in mein Bett gekommen bin; ich weiß nur, daß ich am andern Morgen mit ſtarkem Kopfweh und andern Symptomen ſchweren Uebelbefindens erwachte und ſogleich begriff, in welchem Zuſtande ich mich befand. Vater, rief ich ſofort, einen Häring! ein Glas Abſynth! ich habe den Katzenjammer! Inſtinctartig fand ich das richtige Wort für meinen Zuſtand, denn für dieſen gibt es nur das eine Wort; im ganzen Be⸗ reich der ſo umfangreichen deutſchen Sprache findet ſich kein anderes, welches ihn vollkommen ausdrückte und erſchöpfte. Dennoch iſt der Menſch zu bedauern, der ihn nie oder nicht zu wiederholten Malen überſtanden hat; denn nur der, welcher gelernt hat, aus dem Kampfe mit dieſem fürchterlichen Feind aller Weintrinker als Sieger hervor⸗ zugehen, wird auch für alle übrigen Kämpfe des Lebens geſtählt und gegen alle Leiden und Gefahren hieb- und nagelfeſt ſein. Darum, o Menſch, der du am Katzenjammer leideſt, verzage nicht und bedenke, daß der Himmel ſelbſt dir dieſe Prüfung auferlegt hat, um dich ſitt⸗ lich zu reinigen und zu kräftigen! Bedenke, daß auch der ehrwürdige Lot, von dem das Volk der Lotterbuben in directer Linie abſtammt, als ge⸗ ter der bis zur creckten. traten Haare ſtanden nachen, immer zuletzt nbohren nachdem wie ein lt, oder terweins wie ich Morgen efindens fand. ich habe meinen zen Be⸗ anderes/ iſt der Malen Kampfe hervor⸗ Phlt und Darum, bedenke dih ſt⸗ groltdige üſtann —23— nach jenen wein⸗ und wonneſeligen Nächten, welche das 19. Kapitel im 1. Buche Moſes beſchreibt, ohne Zweifel an demſelben Zuſtande ge⸗ litten haben wird, und daß er doch ein ſehr braver und ſehr frommer Mann voll geſunder und natürlicher Moral war und ſich nichts verſagte! Nach einigen Jahren wurde ich von meinem Vater in die Vor⸗ hallen der Wiſſenſchaft eingeführt, indem ich auf einer jener Schul⸗ bänke Platz nahm, auf denen ſchon manche Beinkleider von den Buben zum Schrecken ihrer Mütter verrutſcht worden waren; denn dieſes junge Volk kann bekanntlich nicht ſtill ſizen, was ihm auch nicht zu verdenken. Ach, es iſt eine ſchwere Aufgabe, wie angenagelt zu ſitzen auf dieſen harten Bänken, wenn man weiß, daß der grüne Raſen der Wieſe eine viel weichere Unterlage bietet, wenn die Sommerſonne ſo verlockend durch die trüben Fenſterſcheiben in das dumpfe ſchwülige Schulzimmer blickt, wenn die Eſchenbäume, durch deren Grün es ſich ſo behaglich in das klare tiefe Blau des Himmels ſchauen läßt, ſo heimlich im Winde rauſchen und in ihren Zweigen die muntern Vögel ſo luſtig ſingen, zwitſchern und trillern! Meines Vaters katechetiſche Methode war ſehr practiſch. Wenn er uns unterrichten wollte, wie die Hochgebirge in der Schweiz genannt würden, ſo fragte er uns, wie das heiße, was uns bei überladenem Magen zuweilen im Schlafe drücke, und wir antworteten: der Alp! Nun, und in der Mehrzahl? fragte er weiter. Die Alpen! Richtig, da hatten wir das Wort. Fragte er uns, welcher Stand ſich in der Schweiz am meiſten auszeichne, ſo antworteten wir unisono: der Viehſtand! und fragte er uns, welches das größte Reich in Schweden ſei, ſo waren wir raſch mit der Antwort zur Hand: Das Mineral⸗ reich! Ich für mein Theil behandelte des Vaters Fragen am liebſten von der humoriſtiſchen Seite. Davon nur eine kurze Probe. Eines Tages fragte er uns, ob wir nicht eine kleine Stadt zu nennen wüßten, welche nicht allzuweit von der Hauptſtadt entfernt liege und in der Weltgeſchichte berühmt geworden ſei. Wir nannten dann alle uns be⸗ kannten Städte und Städtchen, welche wie beſcheidene Gänſeblümchen die ſtolze Tulpe im Mittelpunkt, die Hauptſtadt, einrahmen. Oh, ihr dummen Jungen, ſagte er, ich meine das Städtchen Fehrbellin, denn —24— dort ſchlug der große Kur— Antwortet: Kur— Kur—, Kurſchmied! fiel ich ein. Ja, der große Kurſchmied! wiederholten die Andern jubelnd. Ach was, der große Kurſchmied! bemerkte mein Vater ärgerlich; es hat noch keinen Kurſchmied gegeben, der groß geweſen wäre. Wißt ihr denn nicht, was auf der langen Brücke in Berlin ſteht?— Ei, rief ich dazwiſchen, ein großer Laternenpfahl!— Ja wohl, auch ein großer Laternenpfahl; aber den meine ich nicht, ſondern die Bildſäule des großen Kurfürſten. Wen ſchlug der große Kurfürſt bei Fehrbellin? Allgemeines Stillſchweigen!— Die Schwe— Schwe-—, begann der Vater, Schwerenöther! rief ich. Warte nur, du alter Schwede! rief herauf mein Vater, und hüte dich, daß der große Kurfürſt nicht über dich kommt! wobei er drohend den Stab Wehe gegen mich erhob. Seitdem nannten wir das ſpaniſche Rohr, womit der Vater uns ſtockgelehrt zu machen be⸗ müht war, ſcherzweiſe den großen Kurfürſten. Ich aber galt meinen Schulkameraden als ein Ausbund von Scherz und Spaßmacherei, und ich that mir darauf nicht wenig zu gute. Noch heutzutage weiß ich mir kein größeres Verdienſt, als zur Erheiterung der Menſchen beizu⸗ tragen; denn der Menſch iſt nie beſſer und tugendhafter, als im Zu⸗ ſtande ſanfter Erheiterung. 4 Wenn es mich ſpäter in die Welt hinaustrieb und es mich nicht eher ruhen ließ, als bis ich den Punkt erreicht hatte, wo ſich meine Fußſohlen gegen meinen Geburtsort richteten, ſo verdanke ich dieſe Wanderluſt demſelben Mann, der die Ehre hatte, mein Vater zu ſein. Eines Tages ſagte er in der geographiſchen Stunde zu uns: Seht, ihr ſchlechten Buben! wenn ihr durch das Hinterpförtchen in Schulzens Gehöft hinausgeht und immer eurer Naſe nach gegen Norden, links von der Planke und dann wieder rechts am Froſchteich vorbei, ſo kommt ihr über verſchiedene Dörfer endlich nach der großen Stadt Berlin, die ſehr ſchön zu ſein pflegt ſelbſt an Wochentagen und in der ſich mehr Einwohner befinden, als es in Schnipphauſen Feldmäuſe gibt.(Wir ſperrten die Mäuler auf als hätten wir Luſt, ſämmtliche Berliner wie Feldmäuſe hinunterzuſchlucken. Der Vater fuhr fort:) Wenn ihr dann aus Berlin hinausgeht und immer wieder nordwärts, ſo gelangt ihr über die Feſtung Spandau, in der, wie ich fürchte, Mancher von euch dereinſt Anſäſſigmachungsrecht erwerben wird, und —— rſchmied jubelnd. rlich; es 2. Wißt 2— Ei, auch ein Bildſäͤule thrbellin? der Vater, rrauf mein mt! wobei nten wir achen be⸗ t meinen herei, und weiß ich hen beizu⸗ z im Zu⸗ mich nicht ſich meine ich dieſe er zu ein ns: Siht, Schulzenb den, links orbei, ſo — 25— über mehrere Städte, die ſehr klein ſind, nach der ebenfalls kleinen, aber dafür auch in der Priegnitz gelegenen Stadt Perleberg, die davon den Namen hat, daß es daſelbſt weder Perlen noch Berge gibt, wie das Leipziger Roſenthal ſeinen Namen davon hat, daß darin viel wilder Knoblauch wächst. Und ſo kommt ihr weiter und weiter und endlich nach der großen Stadt Hamburg, wo viel mehr Schiffe im Hafen liegen, als in Schnipphauſen Häuſer ſind, die Schweine⸗ und Hundeſtälle mit eingerechnet— jedes Schiff ſo groß, daß man den Kahn auf unſerm Froſchteich zwiſchen das Takelwerk hängen könnte und er würde gegen das Schiff nicht größer ausſehen als eine Nuß⸗ ſchale gegen unſern Kahn.(Wir öffneten unſere Mäuler noch weiter, als ſeien ſie zur Einfahrt für ſämmtliche im Hamburger Hafen liegen⸗ den Schiffe beſtimmt.) In ein ſolches Schiff ſteigt ihr ſammt und ſonders, denn ihr habt alle darin Platz, und wenn ihr auch eure Eltern und ſämmtliche Geſchwiſter mitnehmen wolltet. Auf dieſem Schiffe gelangt ihr nun in ein großes Meer, die Nordſee, gegen welche ſich unſer Froſchteich verhält wie ein Regentropfen, der Euch auf die Naſe fällt, gegen unſern Froſchteich, und dann in eine große, große Stadt, London geheißen, in der es ſo viele Häuſer gibt als in Berlin Einwohner, und nachdem ihr euch in dieſer Stadt recht müde gelaufen, beſteigt ihr das Schiff abermals, oder auch ein anderes noch größeres, und ihr ſteuert nun in ein weites, weites Meer, das ſich wieder zur Nordſee verhält, wie die Nordſee zu unſerm Froſchteich. Wenn ihr nun nicht, woran übrigens nicht viel gelegen wäre, in dieſem Meere untergeht, ſo kommt ihr an ein feſtes Land, welches darum, weil es ein Theil der Welt iſt, ein Welttheil genannt wird und mit ſeinem Vornamen Amerika heißt. Dieſer Welttheil unter⸗ ſcheidet ſich dadurch von Schnipphauſen, daß daſelbſt Menſchen wohnen, welche, weil ſie Menſchen freſſen, auch wohl Menſchenfreſſer genannt werden, und ungerathenen Buben wie euch das Fell über den Kopf ziehen, was ſie ſcalpiren nennen. Es gibt freilich auch eiviliſirte Ein⸗ wohner in Amerika, die ihren Nebenmenſchen gerade ebenſo gut das Fell über die Ohren zu ziehen wiſſen, nur daß ſie das nicht ſcalpiren, ſondern ſpeculiren nennen. Seid ihr nun zufälligerweiſe hier nicht gefreſſen worden, ſo kommt ihr auf der andern Seite von Amerika — 26— wieder in ein weites, weites Meer, welches über und über mit Inſeln beſäet iſt, die man zuſammen Auſtralien nennt. Denkt euch eure Milchſchüſſel mit recht vielen Fliegen darin, und ihr werdet ungefähr wiſſen, wie dieſes Meer mit ſeinen vielen Inſeln ausſieht. Von dieſem Weltheil, in welchem es auch viele Menſchenfreſſer gibt, ge⸗ langt man nach einem dritten Welttheil, Aſien genannt, welcher mit den beiden großen Halbinſeln Vorder⸗ und Hinterindien die Geſtalt jenes Schmetterlings hat, den ihr Schwalbenſchwanz nennt. Hier gibt es große Katzen oder Tiger, mit Schnurrbärten, um die ſie ein Hu⸗ ſarenoffizier beneiden könnte, und mächtige Elephanten, ſo groß, daß ſie ein ganzes Koſſäthenhaus auf ihrem Rücken mit ſich nehmen könnten. Beide Thiere bekämpfen einander und wenn der Tiger ſiegt, ſo geht es dem Elephanten ſehr ſchlecht, und wenn der Elephant ſiegt, dem Tiger; denn der Elephant ſchleudert ihn in die Luft und zerſtampft ihn mit den Füßen etwa wie ihr Buben eine Feldmaus. Weiter gelangt ihr übers Meer nach einem vierten Welt⸗ theil, Afrika genannt, deſſen Bewohner deßhalb über und über pech⸗ ſchwarz ſind, weil man ſie Mohren nennt. Nennte man ſie anders, ſo würden ſie freilich auch nicht weißer werden. Sie unterſcheiden ſich außerdem noch dadurch von den Bewohnern Deutſchlands, daß es bei ihnen keine Schuſter und Schneider gibt, weil ſie keine Kleider und Schuhwerk nöthig haben und ſich nicht wie wir ihrer natürlichen Haut ſchämen. Im Winter heizt man in Afrika nicht ein, weil es dort immer Sommer iſt, und im Sommer ſucht man keinen Schatten, weil es da keinen Schatten gibt. In Afrika iſt auch der grimmige Löwe zu Hauſe, von dem ihr ſchon Manches gehört haben werdet, aber man trifft ihn niemals zu Hauſe, denn er geht immer ſpazieren und brummt ſich dabei Etwas in ſeinen dicken Bart. Von dieſem merk⸗ würdigen Welttheil, der die Geſtalt einer Jungfernbirne hat, kommt ihr wieder auf eurem Schiff nach Europa zurück, welches der fünfte Welttheil und eigentlich das fünfte Rad am Wagen iſt. Dieſer Welt⸗ theil, auf dem unſer ſchönes Schnipphauſen liegt wie eine Brodkrume, welche in den Sand gefallen iſt, trägt eine Jacke, die ſich auf der Landkarte ebenſo zerriſſen und geflickt ausnimmt wie eure Jacken, ſel Sonntags, wo doch andere ordentliche Leute, wenn ſie in die Kirche tInſeln ch eure ngefähr Von öt, ge— her mit Geſtalt dier gibt ein Hu⸗ roß, daß nehmen ger fiegt, Slephant in die ben eine en Welt⸗ ber pech⸗ e anders, terſcheiden , daß 66 e Kluder atürlichen „weil 86 Schalten, grimmige det, aber eren und em merk⸗ 2 kommt de fünfte ſer Welr zrodkrume, h ruf det cken/ felſt die Kirh ——— — 27— gehen, eine ganze Jacke anzuziehen pflegen. Aber die Jacke der Jungfer Europa(denn man nennt Europa eine Jungfer, weil ſich wegen ihrer Abgeriſſenheit kein Freier zu ihr finden will) iſt freilich ſchon ſo alt, daß kein Stich mehr hält, ſo viel man an ihr auch flicken mag, und mit dem Wenden hat es bisher auch nicht recht ge⸗ lingen wollen. Und doch haben an noch keiner Jacke ſo viel Schneider und Flickſchneider(die man Diplomaten zu nennen pflegt) herumgeflickt als an dieſer. Dieſe curioſe Welt kennen zu lernen, machte mich des Vaters ge⸗ lehrter geographiſcher Vortrag im hohen Grade begierig, und ich ſpa⸗ zierte ſehr häufig durch das Hinterpförtchen in Schulzens Gehöft bis zur Planke und ſogar bis zum Froſchteich, aber weiter wagte ich mich nicht, denn jenſeits des Froſchteiches lag die Welt in all ihrer Uner⸗ meßlichkeit vor mir. Erſt einer intereſſanten Bekanntſchaft verdankte ich, daß ich ge⸗ legentlich auch über den Froſchteich hinauskam und die Erfahrung machte, daß die Welt überall einen feſten Boden hat. Von Zeit zu Zeit kam nämlich ein Gutsnachbar, der Baron von Pieſack, zu unſerm Gutsherrn auf Beſuch und mit ihm ſein einziger Sohn, Junker Hans von Pieſack, der ein toller Burſche war und ſich für die Zeit ſeines Aufenthalts immer ſehr innig an mich anſchloß. Ich muß hierbei bemerken, daß meine elf Geſchwiſter zwar ſehr gutmüthiger, aber auch ſehr unbedeutender Natur waren, mit denen ein Bube von meinem Charakter nichts aufſtellen konnte, weßhalb es für mich immer ein großer Augenblick war, wenn der mir ähnlich geartete, aus einer raub⸗ ritterſchaftlichen Familte abſtammende Junker Hans von Pieſack bei uns ans Fenſter klopfte und mir zurief: Fritz! mach ſchnell, daß du herauskommſt! Wir wollen wieder einmal den dummen Bauern zeigen, was wir für pfiffige Kerle ſind. Raſch war ich dann hinaus, und nun ging es mit lautem Halloh durchs Dorf. Die herrſchaftlichen Hunde wurden unter die Gänſe und Enten gehetzt, den Bauernjungen, die dem vornehmen Junker keinen Widerſtand zu leiſten wagten, die Jacken ein wenig ausgeklopft, an den Zäunen die Latten losgebrochen, den Wägen die Räder abge⸗ dreht, den Bauerpferden die Stränge abgeſchnitten, und nun wurde — 28— auf dieſen zum Dorfe hinausgejagt, weit weit über den Froſchteich hinaus, in die Gemüſefelder, wo wir unter den Schoten und Rüben arge Verwüſtungen anrichteten und unter andern ſämmtliche Popanze umſtürzten, welche die Bauern aus alten Kleiderfetzen und Mützen in ſehr ſinnreicher Weiſe dort aufgerichtet hatten, um die Sperlinge zu verſcheuchen. Auch den Obſtbäumen der Bauern wurde übel mitge⸗ ſpielt, denn obſchon wir Birnen, Aepfel und Pflaumen in viel beſſerer Qualität aus dem herrſchaftlichen Garten haben konnten, ſo ſchmeckte uns das Bauernobſt doch viel beſſer, weil es geſtohlen war. Wir ſtanden damals beide inſtinctmäßig auf dem Standpunkte gewiſſer franzöſiſcher Socialiſten, welche der Anſicht ſind, daß das Eigenthum im Grunde nichts weiter als Diebſtahl ſei, woraus aufs logiſchſte folgt, daß Diebſtahl nichts iſt als Wiedererlangung eines mir recht⸗ mäßig gebührenden Eigenthums. Oh, könnte ich nur einem dieſer Pariſer Socialiſten beikommen! Ich würde ihm mit größter Gemüths⸗ ruhe ſeine goldene Uhr entwenden und, im Falle er mich verklagte, vor Gericht aus ſeinen eigenen Schriften nachweiſen, daß dieſe Uhr von ihm urſprünglich der menſchlichen Geſellſchaft und mithin auch mir entwendet, durch mich aber der menſchlichen Geſellſchaft wieder zurückgeſtellt worden ſei! Die Rechte ſind auf Erden ſehr ungleich vertheilt, und wenn ich daſſelbe thue, was ein Anderer thut, der höheren Ranges iſt als ich, ſo thue ich nicht daſſelbe. Dies mußte ich in früher Jugendzeit erfahren. Der Junker, weil er Junker war, wurde wegen dieſer agrariſchen Frevel nicht zur Verantwortung gezogen, während ich dafür büßen mußte.. Die Bauern wandten ſich mit ihren Klagen an meinen Vater, und dieſer ließ nun den Stab Wehe etwas unſanft auf mich nieder⸗ fallen. Aber ich ſah mich vor und brachte an dem Körpertheil, der für die tollen Streiche, welche mein Gehirn ausgebrütet hatte, beſtraft werden ſollte, obſchon gerade er daran am unſchuldigſten war, ein mit Häckerling ausgeſtopftes Kiſſen an, ſo daß ich nur ſehr wenig oder nichts fühlte. Dennoch ſchrie ich ganz erbärmlich, um mich nicht zu verrathen. Hinterher lachte ich mir dann freilich ins Fäuſtchen. — — —— —ͤ — —-———4j—— — 20— froſchteich Mit den Thieren ſtand ich auf einem viel vertrauteren Fuße als d Rüben mit den Menſchen. Jedes Thier hat eine eigene Sprache, zu deren Popanze Verſtändniß es ebenſowohl einer beſondern Organiſation, als eines bützen in tiefen und ausdauernden Studiums bedarf. Ich verſtand alle dieſe rünge zu verſchiedenen Thierſprachen, und das wußten dieſe guten Geſchöpfe el mitge⸗ und klagten mir ihre Leiden und erzählten mir ihre Lebens⸗ und beſere Liebesgeſchichten. Ueber die Menſchen, ihre Verfolger und Tyrannen, ſchmecte äußerten ſie ſich ſehr bitter, und es gab unter ihnen kein größeres ar. Wir Schimpfwort als das Wort„Menſch!“ Mich aber betrachteten ſie eriſer als eine Ausnahme und thaten mir Alles zu Gefallen, ſelbſt die gigerthum Gänſe und Enten; denn wenn ich ſie auch zuweilen, vom Junker ugſcſe Hans dazu verführt, mit den Hunden vom Herrenhofe hetzte, ſo ent⸗ — rcch⸗ ſchuldigten ſie ſelbſt mich mit dem alten Sprüchwort, daß Jugend nir nie keine Tugend habe und ſich austoben wolle. Ich bin überzeugt, daß em uu es unter den Gänſen manche gab, die ſich für mich mit Vergnügen enüſt hätte braten laſſen und unter den ſehr ſoliden Schweinen des Dorfes mehue manches, welches es ſich zur Ehre gemacht haben würde, ſich für mich deſ uüh zu Wurſt machen zu laſſen. Wegen der Feldmäuſe gerieth ich mit ſitgin 1 un dem Gemeinderichter, der, wie alle Gemeinderichter, gerade kein ſehr aft nider weiches Herz hatte, in unangenehme Auseinanderſetzungen, denn ich — nahm mich ihrer Privilegien mit Wärme an und behauptete, ſie ſeien uem ih die geborenen Herren des Bodens, der Menſch nur Uſurpator und ſt als ih dieſer verletze die Animalität(welches Wort das unter den Thieren dugenzet bedeutet, was unter den Menſchen das Wort Humanität), wenn er ſie xgen diſe verfolge und von ihrem eigenen Grund und Boden vertreibe. Ebenſo dhrend t betrachtete ich die Sperlinge als die eigentlichen Beſitzer der Schoten⸗ felder, was mir ebenfalls von den egoiſtiſchen Bauern ſehr übel ten Vater, genommen wurde. Die Hunde biſſen ſich um die Ehre, mich zu ſich nieder⸗ begleiten; ſie gingen für mich ins Waſſer, und würden, ich zweifle rtheil, 8 nicht, für mich auch durchs Feuer gegangen ſein. Wenn ich den te, beſrnf bekannten Kinderſpruch:„Maikäfer flieg“ herſagte, ſo kamen die Mai⸗ käfer mehrere Tage früher aus der Erde, als ſie ſonſt gethan haben würden. Hielt ich eine Blume in der Hand, ſo flogen die Schmet⸗ mich nich terlinge herbei und ſetzten ſich darauf, denn ſie wußten, daß ich ihnen Füuſtcen. nichts that. Die Bienen legten ihren Honig in meine Mütze ab, was mir ſehr angenehm war; denn ich brachte die Mütze oft ganz voll Honigwaben nach Hauſe und bereitete mir und meinen Geſchwi⸗ ſtern damit einen Feſttag. Wenn ich mich unter einen Baum hin⸗ ſtreckte, ſo ſpielten die Finken, Zeiſige und Stieglitze ihre ſchönſten Flötenmelodien auf, wenn ſie aber merkten, daß ich ſchlafen wolle, ſchwiegen ſie ſämmtlich plötzlich ſtill, um mich nicht zu ſtören. Setzte ich mich an den Rand des Froſchteichs, ſo ſammelten ſich die gutmü⸗ thigen Fröſche zu Hunderten um mich, ſtreckten ihre grünen Köpfe aus dem Waſſer und quakten mir etwas vor. Wenn ich eine Spinne traf, die im Begriffe war, eine Fliege in ihre Fäden einzuſtricken und ſie auszuſaugen, ſo brauchte ich ihr nur einen ſtrafenden Blick zuzu⸗ werfen und ſie ließ ſofort ihre Beute fahren und zog ſich in ihren Schmollwinkel zurück. Dieſer moraliſchen Herrſchaft, die ich über die Thierwelt ausübte, und dieſem zärtlichen Verhältniß, in dem ich zu ihr ſtand, habe ich es, wie der Leſer ſpäter noch erfahren wird, allein zu danken, daß ich noch lebe und geſund bin, was ja doch im Leben und fürs Leben die Hauptſache bleibt. oft ganz Geſchwi⸗ aum hin⸗ ſchönſten fen wolle, n. Sezte ie gutmü⸗ Köpfe aus ne Spinne ſteicen und Blick zuzul⸗ h in ihren hüber die dem ich zu vid, allei im Leben — 31— Bweites Kapitel. Es gibt im Menſchenleben Augenblicke, Wo man daheim ſich nicht behaglich fühlt; Dann rath' ich dir, mach' ſchnell dich auf die Strümpfe, Sofern du welche haſt!... Schiller. Wer auf einer Reiſe nicht viel Ausgaben machen kann, dem iſt zu rathen, die wohlfeilſte Gelegenheit zu nehmen, die ſich ihm bietet. Goethe's Italieniſche Reiſe. Obſchon ich meinen Vater, den Schulmeiſter, bald an gelehrten Kenntniſſen übertraf, ſo kann ich doch verſichern, daß ich alle Feder⸗ fuchſerei ſo ingrimmig haßte wie der alte Blücher, und daß die Bücher an mir einen ſo erbitterten Feind hatten wie an jenem Chalifen, der die alexandriniſche Bibliothek verbrennen ließ. Alle Bücher, die mir in die Hände fielen, riß ich ſo gut herunter, wie irgend ein deutſcher Recenſent, bis kein guter Fetzen mehr daran war; ich verhängte über ſie alle nur immer denkbaren Todesſtrafen und war darin ſo erfin⸗ deriſch wie irgend ein Criminalrichter des Mittelalters: ich zerkniff, zerriß, zerſchnitt, zerſägte, zertrat, verbrannte ſie. Nur gegen ein Buch ließ ich Gnade walten, gegen den Campe'ſchen Robinſon, dem ich im Grunde Alles verdanke, was ich ſpäter geworden bin. Dieſes Buch bildete meine ganze Bibliothek, und zwar eine portative, indem ich es überall mit mir trug. Ich vertiefte mich darin häufig ſo, daß, wenn meine Mutter kam, mich von dieſer Lectüre abzuziehen, ſie von meiner Perſon ganz und gar nichts mehr erblickte; ich ſtack in dem Buche, ich war in ihm aufgegangen. Robinſon Cruſoe wurde mein Ideal, dem ich nachſtrebte. Ver⸗ ſchlagen zu werden an ein ödes unbewohntes Eiland, wie Robinſon, bis zum Tode krank und wieder geſund zu werden wie Robinſon, ein gemüthliches Lama zu halten wie Robinſon, Kartoffeln in heißer Aſche zu braten wie Robinſon, mich mit Wilden herumzuſchlagen wie Robinſon, einen Freitag zu ſinden wie Robinſon, das ſchien mir der einzige Zweck zu ſein, für den zu leben des Lebens werth ſei. Nur davor graute mir, in einem ſtillen bürgerlichen Be⸗ rufe enden zu ſollen wie Robinſon. Meine innerſte Natur ſträubte ſich dagegen, mein Leben im ehrſamen Beruf eines Tiſchlers umer Hobelſpänen hinzubringen. Den Hobelſpänen entgehen wir ja zuletzt doch nicht. So war ich, immer den Robinſon im Herzen, bis zum zwölften Lebensjahre gediehen und bereits ein ſo ſtrammer Burſche, daß mich mein Vater eines Tages ernſtlich ins Gebet nahm und an mich die Worte richtete: Fritz, ich fürchte zwar, daß aus dir nie etwas werden wird, aber wenn du etwas werden ſollteſt, was möchteſt du wohl am liebſten wünſchen geworden zu ſein? Beſcheidentlich, aber meiner Sache ſicher antwortete ich: Lieber Vater! was ich nicht werden möchte, das will ich Euch ehrlich und aufrichtig ſagen. Ich möchte kein Schulmeiſter werden wie Ihr; denn den Dorfkindern Tag aus Tag ein, Jahr aus Jahr ein und das ganze Leben hindurch das ABC und Einmaleins einpauken, das ſcheint mir beim Lichte beſehen doch ein ſehr langweiliges Geſchäft zu ſein.(Der Vater ſchmunzelte hier, als ob er mir vom Grunde ſeines Herzens ſehr Recht gäbe.) Und was habt Ihr davon? fuhr ich fort. Die Haſen laufen Euch, wenn auch nicht gerade auf den Tiſch, doch in den Kohlgarten, aber Ihr dürft ſie nicht wegputzen, weil das der gnädige Herr nicht leiden würde. Sie werden von Eurem Kohl fett, und ſo verſpeist im Grunde die Gutsherrſchaft Euren Kohl.(Der Vater ſchmunzelte noch mehr und nickte beifällig.) Ihr flickt den Jungen ihren zerlöcherten Verſtand, aber Niemand flickt Euch Eure Kleider, wenn Ihr es nicht ſelbſt thut, was doch nur dann möglich iſt, wenn Ihr Geld genug habt, Zwirn zu kaufen. Ach ja, Zwirn ſpinnt Ihr Euch wohl noch, aber niemals Seide.(Der Vater ſchmunzelte von neuem.) Das Conſiſtorium und die Ober⸗ ſchulbehörde verſichern zwar, daß Ihr Euer Brod habt, aber ich ſehe leider, daß wir ſehr oft kein Stück Brod im Hauſe haben. Wochentags Kar⸗ toffeln ohne Salz und Sonntags zur Unterbrechung Kartoffeln mit heißer Salz! Und das nennen ſie da oben Brod haben! Nun iſt mir aber ſchlagen geſagt worden, daß im Brode 20 Procent und in der Kartoffel nur 3 ſchien Procent Nahrungsſtoff enthalten iſt, mithin bleibt Euch die Ober⸗ Lebens ſchulbehörde, die Euch ins Brod oder buchſtäblicher geſagt ins Kar⸗ en Ve⸗ toffelmuß einſetzte, bei jeder Kartoffel, die Ihr eßt, 17 Procent ſträubte Nahrungsſtoff ſchuldig.(Der Vater brach in ein herzliches Gelächter 3 umer aus.) Macht doch der Oberſchulbehörde eine Rechnung! Auf das zuletzt ganze Leben veranſchlagt, müßt Ihr ja ſo viel Brod herausbekommen, dis zum daß Ihr von dem Verkauf bald der reichſte Mann im Dorfe ſein ſche, daß müßtet. Da haben die Nationalöconomen, wie Ihr mir neulich an mich erzähltet, ausgerechnet, daß in unſerm Lande täglich auf den Kopf im e etwas Durchſchnitt ein Pfund Fleiſch komme. Ei, verklagt ſie doch wegen hteſt du Unterſchlagung des uns rechtlich gebührenden Antheils am allgemeinen Fleiſchoonſum! Bei der großen Kopfzahl unſerer Familie und bei der ALeber noch größern Freigebigkeit unſerer Nationalökonomen müßte Euch ſo viel lich und Fleiſch nachgeliefert werden, daß Küche, Keller und Speiſekammer nicht r; denn Raum genug haben würden, es zu faſſen. Ach, und was für Ausſichten und das habt Ihr in die Zukunft? Seht hinaus! das ſind Eure Ausſichten! ken, das Bei dieſen Worten führte ich meinen Vater an das Fenſter und ſäft u zeigte dabei auf einige kleine von gewiſſen Feuchtigkeiten umſpülte de ſeites Hügel, wie man ſie gewöhnlich in Hofräumen ländlicher Wohnungen ih fort. findet und in deren Nähe der Städter, das Taſchentuch vor die fein⸗ a Tſſc, erzogene Naſe haltend, ſeine Schritte zu beflügeln pflegt. ecgyuben,. Der Vater brach in ein herzliches Gelächter aus. Nun, ſagte er den von lächelnd, die Ausſichten ſind doch gerade nicht ſo ganz ſchlecht und berrſhaſt nicht ohne allen Reiz. Die Birken da vor der Hofthüre ſind doch effällig⸗) ganz ſtattliche Bäume, und wenn wir ſie fällen ließen, ſo könnten and flickt wir ziemlich den ganzen Winter über eine warme Stube haben. doch at Ja, fiel ich lachend ein, wenn Ihr ſie nicht brauchtet, um die vielen rn. Ac Ruthen zu ergänzen, die Ihr jährlich auf dem dazu vom Himmel beſon⸗ b(der ders eingerichteten Körpertheil Eurer ungezogenen Schulkinder zerarbeitet! — Ober⸗ Na, du Gelbſchnabel, rief der Vater, aber immer lachend, da delie er gerade bei guter Laune war— zum Schulmeiſter biſt du sm⸗ freilich verdorben, das ſehe ich! Aber nun ſage mir, was du am i ni liebſten werden möchteſt?. jff D. B. X. Fritz Beutel, von Marggraff. 3 —— Was ich werden möchte? rief ich; und kurz und entſchieden ſetzte ich hinzu: Robinſon will ich werden! Man kann ſich denken, was für Augen mein Vater bei dieſer Erklärung machte. Ja, fuhr ich fort, wenn ich nicht Robinſon werden kann, ſo will ich lieber gar nichts werden. Schickt mich nach Hamburg, Vater! damit ich mich als Schiffsjunge verdingen kann. Alles Uebrige wird ſich finden. Wenn du drei oder vier Jahre älter ſein wirſt, ſagte mein Vater, dann läßt ſich weiter darüber reden. Bis dahin werden dir die Robinſon⸗ Gedanken wohl verflogen ſein. Mit dieſen Worten brach mein Vater unſer Geſpräch kurz ab. Vier Jahre älter! Der Gedanke wollte mir nicht aus dem Kopfe. Bloß vier Jahre älter, um befähigt zu ſein, Schiffsjunge zu wer⸗ den! Da kam mir eine prächtige Idee: Du wirſt vier Geburtstage überſpringen, ſagte ich mir, und ſchnell in meinen Entſchlüſſen, wie ich immer bin, überſprang ich ſie auch ſofort. Ich war nun plötzlich in dem Alter, in welchem man nicht mehr befürchten darf, wegen zu großer Jugend zurückgewieſen zu werden, wenn man ſich als Schiffsjunge meldet. Die Rechnung war ſo richtig, der Schluß ſo logiſch als möglichl: wenn es Einem gelingt vier Geburtstage zu überſpringen, ſo muß man ja dadurch nothwendig um vier Jahre älter geworden ſein. Wenn das Erſte gelingt, ſo kann das Zweite unmöglich ausbleiben, und mir gelang es, wie mir Alles gelingt, was ich mir einmal feſt in den Kopf geſetzt habe. Indeß ſah ich wohl ein, daß es immer noch einen tüchtigen Strauß mit dem Vater ſetzen würde, wenn ich verſuchen wollte ihn zu be⸗ wegen, mich meines Weges ruhig ziehen zu laſſen. Ich beſchloß alſo, mich heimlich aus dem Staube zu machen(und an Staub fehlt es in meiner heimathlichen Gegend durchaus nicht) und ſchon das Dunkel der nächſten Nacht zu der Ausführung meines Entſchluſſes zu benutzen. Das Einzige, was mir noch am Herzen lag— obſchon ich damals gewünſcht hätte, ſie möchte mir feſter am Herzen liegen als ſſie ſthat— war Beate Regina Cordula Veronica Pipermann, die Erbſchulzentoch⸗ ter des Dorfes, für die ich, trotz meiner Jugend, ſchon ſeit meinem zehnten Jahre eine gewiſſe zärtliche Paſſion fühlte, die ſie nur deß⸗ halb nicht erwiederte, weil, wie ſie ſagte, ich noch ein zu junges Bürſch⸗ chen ſei. Jetzt war ich ihr in Folge meines kräftigen Entſchluſſes an hieden ſetzte denken, was u, ſo will ter! damit ſich finden. mein Vater, te Robinſon⸗ kurz ab. dem Kopfe. nge zu wel— Geburtstage pläſſen, wie n plätlch i —n zu großer zunge meldet als möglichk in das Erſte ir gelang 6 fgſett habe ügen Strauß r in u e heſchlß alſ fehlt s i das Dunktl au benutzen. 1 ich damals — 33— Jahren wenigſtens gleich, und an Verſtand fühlte ich mich ihr ſchon längſt überlegen; denn ſie war damals noch ſehr dumm, faſt dümmer noch als ſie ausſah, obgleich ſie ihrem Ausſehen nach doch immer noch dümmer hätte ſein können als ſie war. Es gibt aber eine Poeſie und Romantik der Dummheit, der ſich nichts vergleichen läßt, und dieſe war es, die mich bei Beate Regina Cordula Veronica Pipermann anzog. Wenn es dir gelänge, ſie zu entführen, ſie mit dir zu nehmen— dachte ich mir— mit welchem romantiſchen Nimbus würde deine Schiffsjungenſtellung verklärt werden! Der Geiſt Robinſon's, hoffte ich, würde mir verzeihen, wenn ich mir wenigſtens dieſe Abweichung erlaubte und mich an den Strand der einſamen Inſel ausſetzen ließe in Begleitung eines weiblichen Weſens, das wenigſtens die mancherlei Flickarbeiten für mich übernehmen könnte, für die ich doch im Grunde ſehr wenig Beruf in mir ſpürte. Ich begab mich alſo noch im Lauf des Abends zu ihr und ſtellte ihr mein Anliegen vor. Ich ſchilderte ihr mit glühender Beredſamkeit, wie ſchön es ſein würde, wenn ſie in einſamer Hütte die Kartoffeln kochte und die zu Schaden gekommenen Beinkleider aus Lamafell flickte, wenn ſie neben mir den Pfad der Tugend durch die Inſel wandelte, oder, inſofern meine Tugend Scha⸗ den leiden ſollte, auch dieſe zuſammenflickte, ich malte ihr die Genüſſe aus, die es gewährt, in ſelbſtverfertigten Pelzſtiefeln ſentimental am Meeresſtrande ſpazieren zu gehen, zur Unterbrechung mitſammen bald Küſſe bald Auſtern zu ſchlürfen, und ſich dabei zärtlich ins Auge zu blicken, ich deutete auf die Möglichkeit einer durch uns mittelbar oder unmittelbar erzielten Bevölkerung der Inſel hin— aber ſie zeigte kei⸗ nen Sinn für die Romantik eines ſolchen Verhältniſſes, ſelbſt nicht für die ihr eröffneten Populationsausſichten; ſie lächelte nicht, ſie lachte— ach, ſo ſüß einfältig, daß ich die Größe der Natur bewundern mußte, auch in der Art, wie eine Erbſchulzentochter in ſolchen Fällen lacht. Für diesmal iſt es nichts, dachte ich mir, aber entgehen wirſt du mir nicht. Ich erwähne dies Verhältniß im Vorbeigehen ſchon hier, weil die⸗ ſes Weſen, wie man ſehen wird, noch ſpäter mit meinen Geſchicken in wunderbarer Weiſe verflochten werden ſollte. 3* — 36— Den Meinigen ließ ich folgenden Zettel zurück: „Theure Eltern und Geſchwiſter! Seid nicht ſo ſehr betrübt über meinen Weggang; ich bin es auch nicht. Bedenkt, daß ich im Begriff bin, als Robinſon mein Glück zu machen. Hindert mein Lebensglück nicht durch jene öffentlichen Briefe, die auch wohl Steckbriefe genannt werden, und für die Betheiligten ſehr unangenehm zu leſen ſind. Bietet die polizeiliche Macht nicht gegen mich auf, obſchon ich über⸗ zeugt bin, daß ich mit ihr eher fertig werden würde als ſie mit mir; denn, wer gegen mich ankämpft, kämpft gegen eine Macht, die höher iſt als er. Mitgenommen habe ich nichts als ein paar Speckſeiten und den Wanderpaß meines Bruders Georg, der ſo ziemlich auf mich paßt, ſeit ich Georg an Jahren eingeholt habe. Es iſt beſſer, er bleibt und ich gehe. Dafür habe ich Euch einen ſchönen Wildbraten zurück⸗ gelaſſen, den Ihr auf dem Speicher unter dem Strohe finden werdet. Lebt wohl, und beſucht mich gelegentlich in meiner neuen Heimath, über die ich Euch ſeiner Zeit Nachricht zukommen laſſen werde.“ Was den in dieſen Zeilen erwähnten Wildbraten betrifft, ſo be⸗ darf dieſer einer Erläuterung. Ich hatte nämlich in Erfahrung ge⸗ bracht, daß in einer Kammer des Förſterhauſes ein prächtiger Sechs⸗ zehnender liege, den unſer Gutsherr ſammt einigen Flaſchen ſelbſtge⸗ zogenen Landweines einem ihm befreundeten Kaufmann in Hamburg mit der Poſt zu ſchicken beabſichtigte. Im Geheimen hatte ich nun das mächtige Thier mit gewohnter Geſchicklichkeit ſo ausgeweidet, daß nur noch die Haut übrig geblieben war. In dieſe verkroch ich mich während der Nacht ſo geſchickt, daß, als am anderen Morgen die Kiſte zugenagelt wurde, Niemand bemerkte, welch ein ganz anderer Braten darin ſtak. Die Kiſte wurde nun mit gehöriger Aufſchrift verſehen, auf einem Bauernwagen nach der Stadt gebracht, und von hier mit der Poſt nach Hamburg weiterbefördert. So koſtete die Reiſe mich gar nichts. Unterwegs benutzte ich die viele Muſe, deren ich genoß, dazu, mit meinem Meſſer einige Kuck⸗ und Luftlöcher in die Kiſte zu ſchneiden, denn ich kann nicht leugnen, daß ohne dieſe geſchickt voll⸗ zogene Operation meine ſehr eingepreßte Lage trotz meiner geſunden Lunge ihr Bedenkliches für mich gehabt haben würde. Zehrung ge⸗ währten mir während des Transports die mitgenommenen Speckſeiten — 37— und meinen Durſt ſtillte ich mit dem vorgefundenen Landwein von übt über echt märkiſcher Qualität, von dem ich auch keinen Tropfen übrig ließ. Begrif Wenn ich nicht aß und trank, ſchlief ich und träumte von nichts als densglück von Kokusnüſſen und Auſterſchaalen, Lama's und Menſchenfreſſern, genannt ſelbſtverfertigten Beilen und Kleidungsſtücken und aus Pflanzenfaſern ſen ſind. bereitetem Zwirn, in den ſich meine Phantaſie förmlich einſpann. ich über⸗ So kam ich ohne weitere Gefährde nach Hamburg, dem Mekka nit mir; meines großen Propheten Robinſon. die höher Die Kiſte wurde im Hauſe des Kaufmann Schummer abgeſetzt. cpeckſeiten Die ganze Familie verſammelte ſich um das inhaltreiche und hoffnungs⸗ nuf mich volle Poſtſtück. Die Kinder jauchzten; die Hausfrau theoretiſirte im Stil⸗ er bleibt len bereits über die verſchiedenen Saucen und der Mann koſtete ſie im zurück⸗ Geheimen durch. Die Nägel wurden einer nach dem andern mit der werdet. Zange herausgezogen, der Deckel endlich abgeworfen. Die Köchin, die Heimath, Kindsmagd, der Bediente, der Kutſcher faßten das Edelwild Jeder bei 6 eeinnem Beine und begannen es zu heben. Es müſſe ein fetter Biſſen t, ſo be ſein, ſagte die Köchin, denn es ſei gewaltig ſchwer. rung ge Jetzt endlich hielt ich meine Zeit gekommen und ſteckte den Kopf cr Seht⸗ aus der Wildhaut langſam hervor, mußte aber, von dem plötzlich mein bſe⸗ Auge treffenden Tageslichte geblendet, gewaltig nießen, ein, zwei oder dreimal— ich habe es nicht gezählt— was mir meine längſt ein⸗ buubn ſtudirte Anrede für den Augenblick leider verdarb. Niemand dachte 8 1 ich nu daran, mir ein Proſit oder Helf Gott oder Geſundheit zuzurufen. Die ide, 4 Dienerſchaft ließ die Wildhaut vor Schreck aus den Händen und mich ih aſr ein wenig unſanft auf den Boden der Kiſte zurückfallen; die Herrſchaft ri in ſtand wie verſteinert mit weit aufgeriſſenen Augen; die Kinder liefen r Bra unter entſetzlichem Geſchrei davon. Ich indeß wickelte mich allmälig refte aus der Wildhaut los, trat mit artiger Verbeugung vor den Herrn hier m und die Damen des Hauſes und ſagte: Der Herr Baron und die teiſe nich Frau Baronin von, auf und zu Schnipphauſen laſſen ſich Ihnen beſtens ich luuß empfehlen und ſich für die ihnen im vergangenen Sommer in Ihrem eKiſte nu gaſtfreien Hauſe zu Theil gewordene freundliche Aufnahme durch mich chct vol⸗ herzlichſt bedanken. r grſundn Sehr wohl— aber was ſoll das bedeuten? ſtammelte Herr Schummer, ha 1 der ſich allmälig zu ſammeln und Herr der Situation zu werden begann. Epeckſe- 8 — 33— Frei Gut, freie Fahrt! erwiederte ich. Herr Schummer ſchien Zuſammenhang der ganzen Begebenheit zu auf die Frage, wer ich ſei und woher ich jedoch für den Augenblick komme? Ich bin Fritz Beutel, erwiederte ich, und hauſen. Alſo Fritz— Fritz Beutel—— des hochachtbaren Schulmeiſters Valentin Andreas Beutel in Schnipphauſen. Eine wunderliche höchſt ſeltſame Geſchichte, ſagte lachend Herr Schummer. Aber Sie ſehen einen Mann in mir, der Spaß verſteht, und nun kommen Sie und erzählen Sie! dem gemüthlichen alten Herrn, in ſein Zim⸗ hier Alles der Wahrheit gemäß und fand, jovialer Mann war, bald Entſchuldigung und Fritz Beutel, Sohn Ich mußte ihm nun, mer folgen, erzählte ihm da Herr Schummer ein Verzeihung; ja Herr Schummer zen dafür, daß ich die Flaſchen vertilgt und ihn dadurch dieſen Act zu vollziehen bei dieſen Worten eine Ahnung über den bekommen, beſchränkte ſich komme direct von Schnipp⸗ dankte mir ſchließlich recht von Her⸗ ſelbſtgezogenen märkiſchen Landweines der ſchweren Prüfung überhoben habe, ſelbſt und ſeinem Geſchäftsfreunde, dem Baron von, auf und zu Schnipphauſen, Rechenſchaft abzulegen. über die Güte des Weines Herr Schummer bewirthete mich ſogar mit einem echt Hamburger ſoliden Frühſtücke, beſtehend aus einigen Dutzend Auſtern, einigen mmern, einem mächtigen Stücke Hamburger Taſchenkrebſen und Hu Rauchfleiſch, einigen Metwürſten, einem verſchiedenen Sorten von Kä engliſcher Abſtammung, köſtlichen Portweines meine Lebensgeiſter nigen ſogar bis weſtphäliſchen Schinken und ſe holſteiniſcher, ſchweizer, holländiſcher und was in Verbindung mit der nöthigen Menge nicht wenig hob und die ſei⸗ zu einer gewiſſen Exaltation ſteigerte. Er begann, ſich für mich lebhaft zu intereſſiren und fragte mich, was mich denn nun eigentlich nach Hamburg gefüh rt habe. Ich fühlte wohl, daß ich einem nüchtern calculirenden Hamburger Kaufmann meinen Phanta zu laufen, die gute Meinung einzubüßen, ſieplan nicht offenbaren dürfe, ohne Gefahr die er von mir während des er den kte ſich her ich chnipp⸗ Valentin nd Hert verſteht, in Jim⸗ nd fand, ung und von Her⸗ indweines be, ſebſt ron von, Weines damburger 4 einigen zamburger inken und ſcher und en Menge d de ſ⸗ 3 begann, — 39— Geſprächs offenbar gewonnen hatte. Ich ſagte daher ſo im Allge⸗ meinen, daß ich wünſche, eine Seereiſe zu machen, die Welt und be⸗ ſonders fremde Länder kennen zu lernen und dabei ſelbſt etwas Ordent⸗ liches und Tüchtiges vor mich zu bringen. Zu meiner großen Freude und Ueberraſchung erklärte und verſprach er mir nun, zur Ausführung meines Projects ſelbſt die Hand zu bieten, indem in einigen Wochen ein Segelſchiff von ihm nach Nord⸗ amerika ſpedirt werden würde, auf welchem ich freie Ueberfahrt haben ſolle. Ja, er verſprach mir ſogar, einiges Geld und namentlich Em⸗ pfehlungsbriefe an ſeine Geſchäftsfreunde in mehreren nordamerikaniſchen Handelsſtädten mit auf den Weg zu geben. Viel gelernt ſchien ich ihm zwar nicht zu haben, fügte er hinzu, aber dafür ein offener Kopf zu ſein, und das ſei ein Haupterforderniß in Nordamerika, dem Lande der offenen Köpfe. O, wie dankbar ſchüttelte ich Herrn Schummer die Hand für ein ſo großmüthiges Anerbieten. Und nun, lieber junger Freund! ſagte er, als wir vom Frühſtück aufſtanden— machen Sie ſich die wenigen Wochen Ihres hieſigen Aufenthalts recht luſtig in Hamburg. Mein Geldbeutel ſteht Ihnen zur Verfügung. Thun Sie, was Ihnen beliebt! Nur Eins: kümmern Sie ſich fortan eben ſo wenig um mich, als ich mich um Ihr Thun und Laſſen kümmern werde. Ich habe meine Geheimniſſe, und Sie werden die Ihrigen haben. Es iſt daher beſſer, daß Keiner den An⸗ dern genirt. Und, wie geſagt, tummeln Sie ſich hier noch recht tüch⸗ tig aus(Herr Schummer hielt mich wegen meiner ſtrammen Leibes⸗ geſtalt offenbar für älter als ich war); denn eine ſolche Seereiſe iſt unendlich langweiliger als ſo eine Landratte ſich einbildet, und da iſt es zweckmäßig, eine recht tüchtige Fracht luſtiger Erinnerungen mit an Bord zu nehmen. Man kann denken, daß ich mir die väterlichen Rathſchläge meines Gaſtfreundes möglichſt zu nutze machte, und als Fritz Beutel mit mei⸗ nem Namensvetter, dem Beutel des Herrn Schummer, eine ſehr innige Bekanntſchaft ſchloß, die zu den angenehmſten Erinnerungen meines Lebens gehört. Ich kann verſichern, daß die feinen Auſterkeller und die etwas weniger feinen Matroſenkneipen am Spielbudenplatz, daß die — 40— Tanzſalons und das Silentiumſpiel in St. Pauli mich und meinen Namensvetter, der nur etwas lederner war als ich, gar ſehr in An⸗ ſpruch nahmen, und ſehr bald bemerkte ich, daß ich hier in einer Stunde mehr als in der Schenke von Schnipphauſen im Laufe eines Jahres ausgeben konnte und auszugeben Verſuchung hatte. Ich habe mich leider niemals mit der Bitte:„Führe uns nicht in Verſuchung“ be⸗ freunden können! Viel eher fühlte ich mich immer zu der Bitte aufge⸗ legt: Führe mich nur recht tief und oft in Verſuchung; wie ich mit Glück herauskomme, das laß meine Sorge ſein! Dieſer Verſuchungen gab es hier nun freilich mehr als in meinem Heimathsort Schnipp⸗ hauſen, wo des Nächſten Weib, Knecht, Magd, Vieh oder Alles was ſein war, in der Regel nicht ſehr einladend erſchien, um darnach zu begehren. Ich will mich hier nur in das fleiſchliche Gebiet der Früh⸗ ſtückskeller verlieren, und muß bei dieſer Gelegenheit bemerken, daß wenn man dem Hamburger Mangel an Geſchmack nachſagt, dies mir iene ſehr ehrenrührige und unverdiente Beſchuldigung zu ſein ſcheint. Was wäre denn ſchmackhafter als dieſe pfundſchweren Hummern, dieſe höchſt preiswürdigen Seezungen, Dorſche und Schellfiſche, dieſe appetit⸗ lichen, zum Einſchlürfen wie gemachten Auſtern, von denen mindeſtens ein Schock auf einen wohl organiſirten Menſchenmagen gehen, dieſe koloſſalen Alpenmaſſen Hamburger Rauchfleiſches, an denen der Braten⸗ ſaft wie erquickliches Gletſcherwaſſer hinabrinnt, dieſe weſtphäliſchen Schinken und Lachſe, die in Scheiben zerlegt ſich wie durchſichtige Roſenblätter auf dem Teller ausbreiten, dieſe wohlgerundeten Rieſen⸗ ſchlangen, welche den officiellen Namen Braunſchweiger und Göttinger Metwürſte führen? Und wie kunſtmäßig und maleriſch wiſſen die Hamburger Geſchmackskünſtler dieſe und andere Beſtandtheile, die zu einem Hamburger Frühſtück gehören, zu einzelnen Gruppen, und dieſe wieder zu einem zuſammenhängenden Ganzen harmoniſch zu ordnen! Ich frage, ob ein Gemälde von Raphael oder Titian, ob die Sirti⸗ niſche Madonna oder die Nacht von Correggio die Geſchmacksnerven in gleicher Weiſe zu befriedigen im Stande ſind als ſolch ein Büffet in einem Hamburger Frühſtückskeller? Nein, ſo lange Hamburg ſolche Künſtler wie Wilkens und Sallier und Märtens und andere Meiſter ähnlichen Ranges hat, braucht es Spanien um ſeine Murillo, Zurbaran ———— —————,— 2 —— meinen in An⸗ Stunde Jahres de mich 19“ be⸗ aufge⸗ ich mit ſchungen Schniyp⸗ les was rmach zu Früh⸗ n, daß iies mir ſcheint. rn, dieſe appetit⸗ indeſtens n, dieſe Braten⸗ häliſcen rhſichgt Rieſen⸗ Göttinger iſſen die „die zu und dieſe ordnen! ie Eiri⸗ nksnerven in Bffe urg olch Meiſte Zurbaran — 4— und Belasquez, und Italien um ſeine Leonardo da Vinci, Michel An⸗ gelo und Raphael nicht zu beneiden. Gegen dieſe Hamburger Muſeen von Fleiſch⸗, Fiſch⸗ und Delicateßwaaren ſchwinden alle Glyptotheken und Pinakotheken der Welt in ihr verdientes Nichts. Es würde nach Prahle⸗ rei ausſehen, wenn ich verſichern wollte, ich hätte unter dieſen Vor⸗ räthen eine ſolche Verwüſtung angerichtet, daß, was in Hamburg ge⸗ wiß viel ſagen will, ein empfindlicher Mangel entſtand und daß ſchleu⸗ nigſt einige Dampfboote in See gehen mußten, um zu ſeiner Deckung einige Ladungen friſcher Auſtern, Taſchenkrebſe, Sprotten, Hummern und Seefiſche herbeizuholen. Indeß, es iſt die Wahrheit, und die Wahrheit ſoll Niemand verſchweigen. Während der nöthigen Verdauungspauſen pflegte ich am Hafen auf und ab zu ſchlendern und mit den Theerjacken der ver⸗ ſchiedenen Nationen, die mir für meine künftigen Weltfahrten wün⸗ ſchenswerthen Bekanntſchaften anzuknüpfen. Bei meiner ſchnellen Auf⸗ faſſungsgabe eignete ich mir ſo im Spazierengehen nicht blos die nöthigſten Vorbegriffe der Nautik, ſondern auch die Kenntniß des Engliſchen, Fran⸗ zöſiſchen, Portugieſiſchen und Spaniſchen und unterſchiedlicher afrika⸗ niſcher und aſiatiſcher Dialekte an, was mir ſpäter ſehr zu Statten kam. Der Tag der Abreiſe war da, und ich geſtehe, daß es mir nun ordentlich ſchwer ums Herz wurde, den mir in einer Hinſicht und Herrn Schummer in anderer Hinſicht ſo theuer gewordenen Boden Hamburgs zu verlaſſen und einer Zukunft entgegen zu gehen, die, wie ich mir doch ſagen mußte, in ziemlich unbeſtimmten Umriſſen vor mir lag. Wenn(fing ich mich an zu fragen) das Schiff eigenſinnig genug iſt, nicht untergehen zu wollen? Oder wenn ein kleines unvor⸗ hergeſehenes tückiſches Ungefähr will, daß du mit zu Grunde geheſt, wenn Grund genug dazu da wäre? War es überhaupt wahrſcheinlich, daß es noch auf dem weiten Erdenrunde eine unentdeckte und unbewohnte Inſel gäbe, um darauf das Leben Robinſon's durch alle Stadien durchzu⸗ ſpielen? Und ſelbſt angenommen, daß ich meinen Zweck durchſetze, ſo überrieſelte mich jetzt ein kleiner Schauder bei der Vorſtellung, viel⸗ leicht Jahre in gänzlicher Einſamkeit und Abgeſchiedenheit hinbringen und bei ſpärlicher Kartoffelkoſt an die ſo appetitlich dampfenden Fleiſchtöpfe Hamburgs zurückdenken zu müſſen. Indeß ich hatte nun — 2— keine Wahl mehr, und vorwärts hieß die Looſung, wie ſie bei mir immer hieß. Ich verabſchiedete mich bei Herrn Schummer, der mir einige Dutzend Empfehlungsbriefe an ſeine Geſchäftsfreunde in Neu⸗York, Philadelphia, Boſton, Baltimore und andern nordamerikaniſchen Han⸗ delsplätzen einhändigte und, da er ein Deutſcher, mithin wie alle Deutſche auch ein Stück Schulmeiſter war, nicht umhin konnte, mir ſeinen wohlgemeinten Rath mit auf den Weg zu geben. Sie gehen in die Welt, ſagte er, um Ihr Glück zu machen. Hierzu iſt es aber vor Allem nöthig, daß man auch Glück habe. Verſtehen Sie mich recht— Sie müſſen den Schein zu gewinnen ſuchen, daß Sie ein Sohn des Glücks ſeien; alles Uebrige findet ſich. Die Menſchen, wie ſie einmal ſind, wollen nur mit dem Glücklichen verkehren; dem Unglücklichen gehen ſie vorſichtig aus dem Wege; denn, ſagen ſie mit Recht, wer nicht fähig iſt, ſein eigenes Glück zu machen, wie ſollte der fähig ſein, Andern Glück zu bringen? Dem Hauſe, in welchem eine anſteckende Krankheit eingekehrt iſt, geht Jeder⸗ mann vorſichtig aus dem Wege; dem Hauſe, welches mit dem Peſt⸗ hauch des Unglücks heimgeſucht iſt, weicht man mit demſelben Rechte aus; denn unter allen Seuchen iſt das Unglück die anſteckendſte. Sie glauben nicht, mein lieber junger Freund, welche ſcharfe Witterung die Menſchen in dieſer Hinſicht haben. Wer fortdauernd am Schnupfen des Unglücks leidet, iſt ein verlorner Mann, ein Ausſätziger, den die menſchliche Geſellſchaft von ſich verbannt. Man muß ſich alſo hüten, dieſen fatalen Katarrh des Unglücks ſich auf den Hals zu ziehen; hat man ihn erſt einmal, ſo hält es ſchwer ihn los zu werden, und man iſt damit leicht Zeit ſeines Lebens geplagt. Veränderung der Luft thut dann noch am beſten; d. h. hat man in Philadelphia den Schnupfen, ich will ſagen Unglück, ſo verläßt man Philadelphia und geht nach Boſton und ſo immer weiter, bis man an einen Ort kommt, wo man fühlt, daß die Krankheit weicht. Bleibt man aber in der ungünſtigen Atmoſphäre, ſo geht der Schnupfen nur zu leicht in Stockſchnupfen, d. h. das Unglück in Stockunglück über, und dies iſt ein höchſt gefährlicher, radical gar nicht mehr zu heilender Krank⸗ heitszuſtand. Um Ihr Glück zu machen, dürfen Sie nicht allzublöde, 7 bei mir r einige eu⸗YVork, en Han⸗ wie alle nte, mir machen. lck habe. gewinnen indet ſich. glücklichen Wege; Glück zu n? Dem eht Jeder⸗ dem Peſt⸗ ben Rechte ndſte. Sie Witterung Schnupfen t, den die alſo hüten, iehen; hat und man — 43— ja in manchen Fällen ſogar etwas unverſchämt ſein, wozu Sie mir auch ganz der rechte Mann zu ſein ſcheinen.(Ich verbeugte mich.) Gewiſſenhaft müſſen Sie freilich ſein, jedoch nur in Ihren eigenen Contobüchern, ſonſt ſcheeren Sie ſich nicht viel ums Gewiſſen, wenn ſie eins haben.(Ich verbeugte mich abermals.) Das Gewiſſen iſt der zudringlichſte Gläubiger, der immer wieder zu mahnen kommt, wenn man ihm nicht gleich zum erſten Male die Thüre weist. Und dabei wird der Kerl bei jedem wiederholten Beſuche ſtärker und größer. Auf Principien müſſen Sie äußerſt ſtreng halten, jedoch nicht auf jene abgenutzten Principien der Chriſten⸗ und allgemeinen Menſchenliebe, ſondern auf die geſundeſten von allen, auf Geſchäfts⸗ principien. Dabei wird es immer von Vortheil ſein, wenn Sie ſuchen, Mitglied oder Vorſtand recht vieler wohlthätiger, gemeinnütziger und chriſtlicher Geſellſchaften nnd Vereine zu werden; das vermehrt Ihr Anſehen und die Zahl Ihrer Kunden; nur müſſen Sie es ſo einzu⸗ richten wiſſen, daß dabei die eigene Kaſſe nicht in Anſpruch genommen wird. Beſuchen Sie fleißig die Kirche, halten Sie an gewiſſen Abenden zu Hauſe ſogar Conventikel— das mag einem Manne, wie Sie ſind, allerdings nicht ſehr zuſagen, aber es iſt gut fürs Geſchäft, namentlich in Nordamerika, wo man dieſen Standpunkt noch nicht wie bei uns überwunden hat. Es iſt aber, wie geſagt, nur eine Geſchäftsſache und gehört zur smartness. Sie kommen in das Land des Schwindels, junger Freund! Nun, man denke davon wie man will, ſo viel iſt gewiß, daß der Schwindel dort, wie ja auch bei uns, ſeinen Mann nährt und daß, wenn Alles ſchwindelt, im Grunde Niemand mehr ſchwindelt. Die Frage iſt dann nur, ob man es vorzieht, ſelbſt be⸗ ſchwindelt zu werden oder Andere zu beſchwindeln. Nur freilich muß der Schwindel eine Form eine anſcheinend ſolide Baſis haben; der geſchäftsmäßige Charakter muß aufrecht erhalten werden. Gerade in Nordamerika können Sie auf die verſchiedenſte Weiſe Ihr Glück machen; geht es mit einem Bleiſtift⸗ oder Zündhölzchenkram nicht, ſo legen Sie eine Dintenfabrik an; werfen Sie dabei um, ſo legen Sie ſich auf den Handel mit Univerſalpillen; mißglückt Ihnen auch dies, ſo verſuchen Sie es als Methodiſtenprediger, wobei Sie immer noch mit Pillen handeln, eine Barbierſtube adminiſtriren, ein ſocialiſtiſches — 42— Blättchen herausgeben und noch andere Zweige menſchlicher Thätigkeit in Ihrer Hand vereinigen können. Und nun leben Sie wohl! Ge⸗ denken Sie meiner ſo wenig als möglich, wie ich auch Ihrer ſo wenig als möglich gedenken werde! Heirathen Sie reich, wenn es möglich ſein ſollte, und frühſtücken Sie gut, wenn es im Grunde auch nicht möglich ſein ſollte. Gott erhalte Sie! Nach dieſer Standrede die ich mit übermenſchlicher Geduld anhörte, verſuchte ich einige Thränen der Rührung aus den Augen zu preſſen; aber Herr Schummer fuhr dazwiſchen: Nur keine Rührung! Mit der Rührung habe ich noch niemals ein Geſchäft gemacht und Sie werden damit auch keins machen! Noch ein Händedruck, und hinaus war ich. Die Segel des Dreimaſters, der mich aufnehmen ſollte und Amphitrite hieß, waren geſpannt und gewährten im Scheine der Mittagsſonne einen prächtigen Anblick. Ein kleiner Kahn, bei deſſen Beſteigen ich nicht unterließ, der deutſchen Erde mit dem rechten Fuße zum Abſchied einen Tritt zu geben, brachte mich hinüber, und bald glitt das ſtolze Fahrzeug, von einem Dampfboote geſchleppt, durch die ſpiegelglatte Fluth der Elbe, bei den impertinent ziegelrothen Dächern Altona's, den ſtattlichen Villen und Gärten hamburgiſcher Nabobs und dem hübſchen kleinen Rundgebirge von Blankeneſe vorbei, immer dem Ocean entgegen. hätigkeit I! Ge⸗ ſo wenig möglich uch nicht anhörte, preſſen; Mit der und Sie d hinaus lte und eine der i deſſen ten Fuße und bald durch die Dächern Nabobs i, immer — 45— Drittes Kapitel. Wer in Ermangelung eines Landwegs den See⸗ weg wählt, der mache ſich auf alle die Wider⸗ wärtigkeiten gefaßt, die ihm zu Lande nicht zu⸗ ſtoßen können, und trage das Unvermeidliche mit Würde. Alexander v. Humboldt. Um einem Seeſturm mit Erfolg Widerſtand leiſten zu können, iſt es zweckmäßig, meine Reiſe⸗ ſchriften geleſen zu haben und ein Eremplar davon bei ſich zu führen. Friedrich Gerſtäcker. Meine Seereiſe ging anfangs ganz gut von ſtatten und ich wüßte davon nicht viel zu erzählen. Wenn die Sonne auf der einen Seite niederging, ſtieg der Mond auf der andern Seite in die Höhe, und wenn die Sonne wieder aufgegangen war, verlor ſich der Mond wieder in ihren Strahlen, was ich ziemlich langweilig fand. Die Sterne ſpiegelten ſich freilich im Meer, aber nicht anders als ſie ſich im Gutsteiche von Schnipphauſen ſpiegelten. Waſſer iſt Waſſer und Stern iſt Stern. Ich bin niemals ein Schwärmer für ſolche Erſchei⸗ nungen geweſen. Wenn die eine Welle kam, ſo ging ſie auch wieder, und dann kam eine andere und ging auch wieder, und ſo ins Unend⸗ liche fort. Ich ſtellte mir dabei einen Menſchen vor, der Millionen Jahre lebte und die Wogen der Weltgeſchichte ſo an ſich vorüberziehen ſähe. Was uns kurzlebenden Menſchen ſchon als eine bedeutende Welle erſcheinen würde, etwa ſo ein kleines Revolutiönchen, ein kleiner Weltkrieg, eine kleine improviſirte Belagerung gleich der von Seba⸗ ſtopol, würde für einen ſolchen Millionjährigen auch nichts weiter ſein als ſo eine Welle, die man im nächſten Augenblick aus den Augen verloren und vergeſſen hat. Wie man ſich für eine ſolche Meereswelle, die ja im Grunde gar keine Eriſtenz hat und wie ſie — 46— gekommen auch zeronnen iſt, in Begeiſterung verſetzen und ſie in pomphaften Worten beſchreiben kann, iſt mir noch heutzutage unbegreiflich. An der abſcheulichen Seekrankheit habe ich nicht gelitten und wenn ich daran gelitten hätte, würde ich's nicht ſagen, ebenſowenig wie alle Beſchreiber von Seereiſen, die ſtets das Privilegium aufrecht erhalten, von dieſem Dämon verſchont geblieben zu ſein. Ein ſolcher Reiſebe⸗ ſchreiber iſt ja überall ein weit höheres Weſen als andere Menſchen. Wie könnte er auch Glauben für ſeine Schilderungen der prachtvollen Sonnenauf⸗ und Sonnenuntergänge, der herrlichen Morndſcheinabende, des Wogengewühls, des Meerleuchtens und anderer in dieſe Kategorie gehörenden Phänomene fordern, wenn er eingeſtände, daß er die lehr⸗ reiche Leidensſchule der Seekrankheit durchgemacht? Ach! wer an der Seekrankheit leidet, der beugt ſein Haupt in Demuth, wie hoch er es auch ſonſt getragen haben mag, der ſieht keine Sonne, keinen Mond mehr, der hört keinen Wellenſchlag mehr. Der Menſch befindet ſich im Zuſtande der tiefſten Erniedrigung und Hilfloſigkeit, man kann ihn zuſammen klappen wie ein Taſchenmeſſer, zuſammenrollen wie ein Stück zerleſenes Zeitungspapier, in die Ecke werfen wie ein Päckchen alter Kleidungsſtücke. Einer der ſeekranken Herren am Bord ſprach den Wunſch aus zu ſterben. Nun ſo ſterben Sie doch! ſagte ich ihm. Aber das wollte er auch nicht; er fuhr fort zu leben und ganz eigen⸗ thümliche Lebenszeichen von ſich zu geben. Eine ſeekranke junge Dame ſank in meine Arme. Ach! rief ſie, mein theuerer Bernhard! Gern⸗ hard war ihr entlaufener Bräutigam, dem ſie in Amerika eine unan⸗ genehme Ueberraſchung zu bereiten gedachte) wenn du mich ſo leiden ſäheſt, leiden um deinetwillen, dein Herz würde ſich erbarmen! Ich hielt die Laſt in meinen Armen, ich würde ſagen die„ſüße“ Laſt, wenn ſie mir in dem Augenblicke ein anderes Gefühl verurſacht hätte als das der bloßen Schwere. Was mich betrifft, ſo vertrieb ich mir jede Anwandlung der Krank⸗ heit durch ein ehrliches Glas Cognac, dem ich ſofort ein zweites und drittes nachſandte, welche den ſchon gebahnten Weg noch beſſer zu finden wußten. Einige Male wurde mir denn auch in der That etwas ſchwindelig zu Muthe; es war aber nur ein ganz gewöhnlicher deut⸗ ſcher Landeskatzenjammer, wie er bei uns zwar nicht beliebt, aber üblich iſt. d ſie in egreiflich. und wenn wie alle erhalten, Reiſebe⸗ Menſchen. achtvollen einabende, Kategorte die lehr⸗ er an der ch er es ten Mond det ſich in kann ihn wie ein n Päcch zord ſprach te ih ihm. ganz eigen⸗ uge Dame d.(Bern⸗ eine unan⸗ ſo leiden men! 3ch füße“ Laſt, rſacht ſitt — 1,— So ging die Seefahrt langweilig und gleichmäßig dahin, Tag für Tag, Nacht für Nacht. Wir mußten der Küſte von Amerika ſchon ziemlich nahe gerückt ſein, und noch immer wollte die erwartete Kata⸗ ſtrophe nicht kommen. Eine gelinde Verzweiflung erfaßte mich. Unter allen Umſtänden wünſchte ich eine Unterbrechung, welcher Art ſie auch ſei, irgend etwas Ungewöhnliches, Furchtbares, Entſetzliches herbei. Eine Seereiſe ohne Seeſturm, während es doch keinen Reiſebeſchreiber gibt, der nicht einen Sturm erlebt hätte und dem Rande des Todes nahe gebracht worden wäre! Nur einen ehrlichen Sturm— oder Land, Land, wenn auch ein unehrliches! Alle Idealphantaſien im Robinſon'ſchen Geſchmack machten ſich wieder geltend; eine Kartoffel in heißer Aſche gebraten, bildete darin den glänzenden Mittelpunkt. Des einen Morgens— wir befanden uns gerade unter einem gewiſſen Grade der Länge und einem gewiſſen Grade der Breite, über welchen der Leſer in den geographiſchen Lehrbüchern Aufſchluß erhalten wird— ging der Kapitän, Herr Kriſchan(Chriſtian) Schroop, ein Curhavener Kind, mit übereinandergeſchlagenen Armen und ſehr be⸗ denklichem Geſicht auf dem Verdecke auf und nieder. Ach, er hatte mich ſehr lieb, dieſer Herr Kriſchan Schroop, theils weil er bald er⸗ kannt hatte, daß, wenn er nirgends mehr Rath wiſſe, er ihn bei mir holen könne, theils weil ich der einzige unter den Paſſagieren war, der bei Cognac und Grog mit ihm aushielt, und das will viel ſagen. Es kam ihm nicht darauf an, ſich unter den Tiſch und wieder von hier in die Höhe zu trinken, und mir auch nicht. Nun, was gibts, Herr Kapitän? fragte ich. Ich meine, ich glaube, ja ich weiß gewiß, ſagte er mit ſehr bedenklicher Miene, daß uns ein tüchtiger Sturm bevorſteht, ein ſehr tüchtiger. Ein Sturm? Endlich! Das iſt ja prächtig! rief ich aus. Was? ſagte er verwundert, Sie lachen noch? Das Lachen könnte Ihnen wohl vergehen. Ich verliere den Muth nicht leicht, aber ein Sturm unter dieſen Breiten— Herr, das iſt keine Kleinigkeit! Um ſo beſſer! erwiderte ich. Mit Kleinigkeiten will ich auch nichts zu thun haben. Sie ſind von Sinnen, fuhr er fort; ich ſage, ein Sturm in dieſer Breite iſt keine Kleinigkeit, kein ſolcher Luftzug, wie er bei uns zu — 48— Lande den Leuten um die Naſe fächelt und weil er einige Dachziegel beſchädigt, ein Orkan genannt und in den Zeitungen des Längern und Breitern beſchrieben wird. Ein ſolcher Sturm hier, Herr, der packt anders! Und dann liegen hier ſo einige verborgene Klippen umher, und wenn wir den Cours verlieren und dieſen Klippen entgegengetrieben werden ſollten, dann iſt keine Rettung mehr und das Schiff muß mit Mann und Maus zu Grunde gehen. Mit Mann und Maus? rief ich voller Freude. Nun wahrhaftig, das iſt ja ganz charmant! Etwas Beſſeres kann uns ja gar nicht geſchehen. Sie haben heute einige Gläſer Cognac mehr zu ſich genommen, als Sie vertragen können, ſagte Kriſchan Schroop; aber warten Sie, Sie werden ſchon nüchtern werden, mich aber, beim Teufel, mich ſoll das Meer nicht nüchtern haben! Mich aber ſoll das Meer gar nicht haben, rief ich, und wenn es mich einſchluckt, ſo will ich ihm ſo viel Ungelegenheiten machen, daß es mich ſo bald als möglich wieder auswirft, um mich nur los zu werden. Damit trennten wir uns, ich, um mich an den Hauptmaſt zu ſtellen und die ſchönen Dinge, die nun kommen würden, gemüthlich abzuwarten, der Kapitän, um in allen Theilen des Schiffes die gegen einen Sturm nöthigen Vorkehrungen zu treffen. Bald war der Sturm auch da und viel plötzlicher, als der Capi⸗ tän ſelbſt erwartet hatte. In ſeinen erſten Stadien war er etwa ſo, wie ein ſolches Phänomen in allen Reiſebeſchreibungen, die von dergleichen handeln, beſchrieben wird. Ich unterlaſſe daher zu ſchildern, wie die Wogen gleich in Bewegung geſetzten Rieſenbergen ſich aufthürmten, um gleich darauf wieder höllenähnliche Abgründe zu bilden, wie der Himmel ſich mit gewitterſchwarzen Wolken bedeckte, die das Meer in eine gleiche Trauerfarbe hüllten, wie die ſchwefelgelben Blitze das Dunkel grell erleuchteten, damit die Schwärze von Himmel und Meer im nächſten Augenblicke nur um ſo geſpenſtiſcher und gräßlicher erſcheine, wie der unaufhörliche, durch das von den Wogenbergen abprallende Echo hundertfach verſtärkte geſchützähnliche Donner, das Gepfeife und Geheul der furchtbaren Windſtöße, das Flattern der Segel, das Ge⸗ klapper und Geächze der Segelſtangen, das Niederpraſſeln des ent⸗ ſetzlichen Regens, das wilde Gelärm, Geziſch, Gebrüll und Getoſe der achziegel gern und der packt umher, getrieben nuß mit ftig, das geſchehen. nommen, ten Sie, mich ſoll wenn es n, daß es werden. tmaſt zu emüthlich die gegen der capi⸗ etwa ſo ergleichen „wie die nten, um Himmel in eine 3 Dunkel Meer im erſcheine, lpralende 1 feif und das Ge⸗ des ent⸗ gttoſe de — 49— Wogen, die Befehle des Capitäns, das Gefluch der Matroſen und das Wimmern, Jammern, Beten und herzbrechende Weherufen der Paſſa⸗ giere übertönten. In dieſem hölliſchen Concerte der Elemente bewies ſich die menſchliche Stimme vollkommen unmächtig, ſelbſt die Bäſſe der Matroſen und der Generalbaß des Capitäns verloren ſich in dieſer Ouvertüre, die den ſchrecklichſten Operntext einleiten ſollte, der je von den Elementen in Muſik geſetzt worden iſt. Der Capitän hatte den Kampf gegen die erbosten Elemente aufgegeben und ſich in die Cajüte zu ſeinen Rum⸗ und Cognacvorräthen zurückgezogen, um ſein Wort zu halten, nicht im nüchternen Zuſtande eine Beute des Meeres zu werden, das mir in dieſem Augenblick auch grade in keinem ſehr nüch⸗ ternen Zuſtande zu ſein ſchien. Mich ſelbſt hielt in dieſem Aufruhr der Elemente eine mir jetzt noch unbegreifliche Kraft aufrecht. Das in dem einen Motto zu dieſem Kapitel enthaltene Recept, Gerſtäcker's Schriften geleſen haben, ſtand mir nicht zu Gebote, denn ſie waren damals noch gar nicht erſchienen; ich mußte mich alſo auf meine eigene Natur verlaſſen. Der ſtarke Hauptmaſt, an den ich mich lehnte, wurde von einem der heftigſten Windſtöße wie ein Rohr umgeknickt, ich blieb ſtehen und bildete ſo in der Mitte des Schiffs gewiſſermaßen ſeinen Maſt. Da plötzlich fuhr ein unhöflicher, ganz häßlich blaugelblicher und weißgrünlicher, wunder⸗ lich gezackter Blitz hernieder und ſchlug mir die Cigarre aus der Hand, wie im Zorn, daß ich ihm die brennende Cigarre ſo herausfordernd entgegenhielt. Nun wurde es mir doch zu arg, denn vom Blitze erſchlagen zu werden iſt und war nie meine Lieblingspaſſion. Zudem wurden die Windſtöße jetzt ſo heftig und leidenſchaftlich, daß ich mich ſelbſt kaum auf den Beinen halten konnte und da kein anderer Gegenſtand da war, mich an meinem eigenen Rock mit den Händen feſthalten mußte. Dazu bäumten ſich die Wogen förmlich über das Deck wie Ungeheuer mit gräßlich ſchäumendem Rachen und fürchterlichen Drachenkämmen, als ob ſie es darauf abgeſehen hätten, mich zu verſchlingen. Ich beſchloß alſo, mich auch in die Cajüte zu begeben, um Herrn Kriſchan Schroop bei der Cognacflaſche, die ohnehin einige Anziehungskraft auf mich äußerte, Geſellſchaft zu leiſten. D. B. X. Fritz Beutel, v. Marggraff. 4 * — 50— Eben war ich im Begriff, dies zu thun und eben hatte ich mir an einem gerade niederfahrenden Blitz eine neue Cigarre angezündet, als ich auch von den andern Himmelsgegenden her ein Brauſen ver⸗ nahm, ähnlich dem, welches dem von Norden her brauſenden Sturme vorangegangen war. Dieſes neue Phänomen feſſelte meine Auf⸗ merkſamkeit und ich beſchloß, nur einen Augenblick noch auf Deck zu bleiben und abzuwarten, was es denn nun nöch Neues geben ſolle. Das Brauſen, von allen Seiten zugleich losbrechend, kam immer näher und näher, ſchwoll immer mächtiger an; es war ein Geheul und Gelärm, gegen das der frühere Sturm mir nur wie ein bloßes Frühlingsſäuſeln erſchien. Eben hatte mich ein Windſtoß aus Norden gepackt und drohte mich umzuwerfen, als ich plötzlich, wie durch eine Zauberkraft, mich feſtgebannt fühlte, ſo daß ich keinen Arm, keine Hand, keinen Finger weder vorwärts noch rückwärts, weder nach rechts noch nach links bewegen konnte. Unbeweglich ſtand ich da. Auch das Schiff ſtand plötzlich ſtill und die Wogen, hoch zu allen Seiten ſich aufbäumend, bildeten rings um das Schiff eine feſtſtehende Mauer. Die Erſcheinang war einzig in ihrer Art, iſt aber ſehr leicht zu erklären. Indem nämlich die Stürme jetzt von allen Seiten mit gleichmäßiger Kraft kamen und bei mir als ihrem Mittelpunkte zu⸗ ſammenſtießen, hätte wohl jeder einzelne die Kraft gehabt, mich um⸗ zuwerfen, aber der ebenſo ſtarke Gegenwind von der andern Seite hielt mich aufrecht. In derſelben Lage befanden ſich auch das Schiff und die aufgethürmten Wellen; ſie konnten nicht rück⸗ und nicht vorwärts. So erklärte ich mir das Phänomen in aller Geſchwindigkeit ſchon damals; aber das Manöver war doch ſelbſt für meine Natur zu ſtark; mir vergingen die Sinne.———————— *) Ich erſuche den Setzer freundlichſt, hier am Schluſſe des Kapitels einige Zeilen mit Gedankenſtrichen zu füllen, der nothwendigen erwartungs⸗ vollen Pauſe wegen; denn ſo etwas, wie das oben Erzählte, geſchieht nicht alle Tage. Anmerkung in Fritz Beutel's Manuſeript. ich mir tzündet, en ver⸗ Sturme e Auf⸗ Viertes Kapitel. ff Deck en ſolle. immer(Ein Ruck!—— Geheul Klopſtock's Meſſiade. bloßes Ein üppig grünes Land! Durch Piſangs und 1 bloßes Bananen Norden Gleich Stricken ſchlingen ſich die Faſern der Lianen; 1 Solch eine Fülle ſah im Sachſenland man nie. uch eine Auf Blumen, koloſſal gleich runden Suppenſchüſſeln, 9 keine Hing gaukelhaft und ſog mit feingedrehten Rüſſeln 1 Den Honig draus der Schwarm der bunten Kolibri. 490 Freiligrath. Auch Seim Ich erwachte von einem furchtbaren Ruck, der zur Folge hatte, Mauer. daß ich, ſtärker als mir lieb und angenehm war, auf das Deck nieder⸗ ar leicht fiel. Ich erhob mich mühſam, mit ſchmerzenden Gliedern und blickte iun mit mit großer und, alle Umſtände in Betracht gezogen, ſehr erklärlicher nit zu⸗ Verwunderung umher. Das Schiff war an ein mir gänzlich unbe⸗ ich un⸗ kanntes Land geworfen, das in ſeiner Form und in ſeiner Vegetation n Seite unverkennbaren tropiſchen Charakter unſchwer wahrnehmen ließ. Ohne 3 Zweifel hatten die Stürme aus den drei andern Himmelsgegenden aes plötzlich nachgelaſſen und der Nordwind dieſen günſtigen Augenblick id benutzt, dem Schiffe einen gehörigen Stoß zu verſetzen und es ans R ſchon Land zu werfen. Wir mußten alſo bei jenem Orkan mit raſender ſtark; Schnelligkeit ſehr weit ſüdwärts und— was man freilich bei der A 2 entſetzlichen Finſterniß nicht wahrnehmen konnte— bis hart an dieſes — Land herangetrieben worden ſein, von dem ich freilich fürs erſte nicht wußte, ob es ein Stück terra firma oder eine Inſel ſei. grxitel 1 Dies war jedoch für den Augenblick nur eine Nebenfrage; die artungs⸗ Hauptſache war, daß ich mich gerettet, geſichert, lebend und— einige ſieht nicht von ſtarkem Fall verurſachte blaue Flecken abgerechnet— ſogar un⸗„ verletzt auf feſtem Boden befand, in einer ähnlichen Lage wie Robin⸗ uſcriyt ſon und doch in einer unendlich vortheilhaftern. Robinſon war wie 4* — 52— ein Lump ans Land geworfen, ich aber als Beſitzer eines Schiffes. Dieſes hatte zwar bei dem furchtbaren Sturm ſo manche Beſchädi⸗ gungen erlitten und namentlich ſein Steuerruder und ſeine ſämmtlichen Maſten verloren, im Uebrigen aber wegen ſeiner ſoliden Bauart den letzten Stoß ſehr gut ausgehalten, zumal das Ufer kein felſiges, ſondern mit einem leichten ſammetartigen Grasteppich bedeckt war. Im Allgemeinen wie im Beſondern muß ich aber doch ſagen, daß die Vorſtellung, mich ſo plötzlich allein und auf mich ſelbſt ange⸗ wieſen zu wiſſen, etwas Beängſtigendes für mich hatte. Seneca hat zwar einmal geſagt, er ſei niemals weniger allein geweſen, als wenn er allein war, doch das iſt nur eine Redensart. Wenn ſich Seneca in allen feinen geſellſchaftlichen Genüſſen Roms ſatt geſchwelgt hatte, dann mochte es ihm allerdings wohlthun, ſich eine Zeitlang in die Einſamkeit einer Villa zurückzuziehen. Und auf ſeiner Villa hatte er doch ſeine Bücher, ſeine Sclaven und wenn er wollte ſeine Freunde und ſogar Freundinnen. Hätte aber der alte Herr ſich in eine Ein⸗ ſamkeit wie ich verſetzt geſehen, mit der Ausſicht, vielleicht Jahre lang keinen andern menſchlichen Laut zu hören als den, welchen man ſelbſt von Zeit zu Zeit in Monologen von ſich gibt, ich glaube, er würde den Satz umgekehrt und geſagt haben: ich war nie einſamer als wenn ich mit mir allein war. Ich glaube, daß der alte blaſirte römiſche Herr, der trotz ſeiner ſtoiſchen Philoſophie an ſeinem Zöglinge Nero gerade kein Meiſterwerk der Erziehungskunſt geliefert hat, lange nicht ſo amüſant war als ich und daß, wenn er mit ſich allein umging, ſich in der langweiligſten Geſellſchaft befand, die er überhaupt wählen konnte.— Ich war in der That ſehr in Verlegenheit, womit ich nun mein⸗ einſiedleriſches Leben beginnen ſollte. Ich bewegte ein Dutzendmal den Daumen der linken Hand um den Daumen der rechten und dann wieder zur Unterbrechung eben ſo oft den Daumen der rechten Hand um den der linken. Indeß konnte ich damit doch meine ganze Zeit nicht ausfüllen. Ich holte nun aus meinem Etui meine letzte Cigarre 4 hervor und ſchlug mit Schwamm, Stein und Stahl Feuer, was, da der Schwamm ſo gut wie ich ſelbſt durchnäßt war, langſam genug von ſtatten ging und mich glücklicherweiſe wieder eine ziemlich lange Schiffes. eſchädi⸗ ntlichen art den felſiges, var. ſagen, ſt ange⸗ neeg hat ls wenn Seneca t hatte, in die hatte er Freunde ne Ein⸗ gre lang an ſelbſt r würde als wenn römiſche ge Nero age nicht umging, twählen un neti? — 53— Zeit beſchäftigte. Als nur die Cigarre erſt wieder mit unſäglicher Mühe in Brand geſetzt war, fühlte ich meine alte moraliſche Kraft wieder zurückkehren. Es fiel mir ein, daß ja noch Jemand ſo gut wie ich am Leben ſein könne, und da ich mich jedenfalls über den Zuſtand des Schiffs und die etwa geretteten Vorräthe und Habſelig⸗ keiten unterrichten wollte, begab ich mich in die Kajüte und von da in das Zwiſchendeck. Alles lag durcheinander und war ſehr durchnäßt, aber kein Menſch zu ſehen; ohne Zweifel waren einige mächtige Wellen in die Kajüte und die innern Schiffsräume gedrungen, hatten die darin Befindlichen ertränkt und aus dem Schiffe wieder zurückprallend, die Leichen mit fortgenommen und über Bord geſchwemmt. Das etwa noch übrig gebliebene Waſſer mochte durch die ſehr bedeutenden lecken Stellen des Schiffs ſeit ſeiner Landung allmälig abgefloſſen ſein. Hierauf ſtieg ich vom Schiffe, zog meine furchtbar durchnäß⸗ ten Kleider aus, bis ich, wie Vater Adam vor Erfindung des Feigenblattſchurzes(der erſten menſchlichen Erfindung überhaupt), erröthend und verſchämt vor der Natur ſtand, und hing ſie an einem der nächſten Bäume auf, der ein Tulpenbaum war, um ſie zu trocknen. Sofort nach dem letzten Windſtoße war ſchönes Wetter eingetreten. Der Himmel wölbte ſich wie eine dunkelblaue Glaskuppel über dem üppig quellenden grünen Lande; die Sonne brannte mit wahrhaft ſüdlicher Gluth, die jedoch durch kühlere Briſen von der See her ſüß gemildert wurde; die blühenden Sträucher würzten die Luft mit wahr⸗ haft berauſchendem Aroma; Papagaien in den bunteſten Farben wiegten ſich auf den Zweigen wunderbar geformter Bäume und ſchie⸗ uen mit ihrem lauten Gekrächze und Gekreiſche den Fremdling zu begrüßen, und liſtig ausſehende Affen und Aeffchen mit Wickelſchwänzen warfen mir ſchäkernd allerlei ſchmackhafte Früchte zu und ſchnitten mir Geſichter, die ich in gleicher Weiſe zu erwiedern ſuchte, was ihnen ſehr viel Spaß zu machen ſchien. Ich ſchritt nun zum wichtigen Acte der Beſitzergreifung des Landes, das ich nach einiger Orientirung mit dem mir eigenthümlichen rich⸗ tigen Inſtinkt als eine Inſel erkannte. Ich trieb demnach meinen Reiſeſtock, den ich vom Schiffe mitgenommen hatte, in die Erde, be⸗ ffeſtigte mein Schnupftuch(weiß mit blauen Blümchen) als National⸗ 3 — 54— flagge daran, nahm die Inſel in meinem eigenen Namen in Beſitz und gab ihr den Namen Beutel⸗Land. Auf deutſchen Karten iſt die Inſel freilich niemals verzeichnet worden, ohne Zweifel aus Eiferſucht der deutſchen Geographen, die einem Landsmanne, welcher nicht einmal Profeſſor war, ſo ſehr er es zu ſein verdiente, den Ruhm nicht gönnen wollen, der Entdecker einer Inſel geweſen zu ſein, von deren Exiſtenz ſie bis dahin auch nicht die leiſeſte Ahnung gehabt hatten. Ich bin überhaupt neugierig, wie lange es den deutſchen Gelehrten möglich ſein wird, meine Verdienſte um die Erd⸗ und Völkerkunde zu ignoriren. Ich will gleich an dieſer Stelle die Beſitzergreifungs⸗ und Ver⸗ faſſungsurkunde mittheilen, die ich einige Tage darauf bei größerer Muße entwarfz ſie lautete: Art. 1. Wir Fritz Beutel aus Schnipphauſen haben von dieſem von Uns entdeckten Lande feierlichſt Beſitz ergriffen, demſelben den Namen Beutelland zugelegt und ihm die Ehre angethan, es zu einem Kaiſerreiche zu erheben, inſofern von keinem früher dazu Berechtigten, der ſeine Anſprüche nachzuweiſen vermag, zu rechter Zeit Einſpruch dagegen erhoben wird. Art. 2. Alle umliegenden Inſeln, die Wir noch entdecken und in Beſitz nehmen ſollten, werden als Pertinenzien zu dieſem Lande geſchlagen und mit ihm unter dem Namen: Beutelreichiſches Kaiſer⸗ thum oder Kaiſerthum Beutelreich vereinigt werden. Art. 3. Wir ſelbſt Kraft Unſeres Willens ſetzen Uns als Herrſcher über dieſen Länder⸗ und Inſelcomplex und nehmen den Titel an: Fritz Beutel I., Kaiſer und Selbſtherrſcher von Beutelreich, allezeit Förderer und Mehrer des Reichs.(Weitere Titel werden je nach Maßgabe der zu machenden Eroberungen vorbehalten.) Art. 4. Wir vereinen in Uns alle geiſtliche und weltliche Auto⸗ rität und verfügen über alle Streitkräfte zu Waſſer und zu Lande, wie über die Leiber und Gewiſſen Unſerer Unterthanen(ſobald ſich ſolche finden ſollten) und über die Herzen Unſerer Unterthaninnen. Art. 5. Die Thronfolge iſt in männlicher Linie erblich, ſollten Wir Uns nun ſtandesgemäß mit einer Prinzeſſin aus den benachbarten Inſeln oder morganatiſch mit einer unſerer Unterthaninnen. verehlichen. n Beſtt ꝛiſ die iferſucht einmal m nich n deren hatten. elehrten kerkunde nd Ver⸗ größerer dieſem ben den zu einem chtigten, üinſpruch 1 und in n Lande Kaiſer⸗ Herrſcher Titel an: allezeit 6 nach he Auto⸗ u Lande, — 55— Art. 6. Alle Unterthanen haben das Recht, in dieſem Kaiſerreiche zu exiſtiren. Art. 7. Abgaben gibt es in Unſerm Reiche nicht; aber in Erwä⸗ gung, wie beſchränkt der Verſtand aller Unterthanen zu ſein pflegt und wie wenig ſie ſelbſt wiſſen, was ihnen gut thut, ordnen Wir an, befehlen und verfügen Wir wie folgt: Alles, was Unſere Unterthanen erwerben und verdienen, fließt in die Kaſſe des Kaiſers, der ſich vor⸗ behält zu beſtimmen, wie viel davon einem Jeden gebührt und für ſeinen Lebensunterhalt nothwendig iſt. Art. 8. Alle Unterthanen, welcher Confeſſion ſie auch ſeien, haben gleiche Rechte bis zu dem Zeitpunkte, wo es Uns gefallen ſollte, eine neue Religion zu erfinden und Unſern Unterthanen zu octroyiren. Art. 9. Eine Repräſentativ⸗Verfaſſung iſt nicht nöthig, da Wir der Kaiſer nicht bloß in der beſten Verfaſſung, ſondern auch die beſte Verfaſſung ſind. Wornach zu achten. Art. 10. Die Nationalflagge iſt blau mit weißen Blümchen, das Landeswappen ein Beutel(Reichsſäckel), aber oben nicht zugebunden. Art. 11. Die Perſon des Kaiſers iſt unverletzlich, die Perſonen der Unterthanen ſind verletzlich. Was niemals zu vergeſſen. Art. 12. Alle weiteren Geſetze, die dazu nöthig ſein werden, ein gehorſames Volk zu haben, gehen von Uns unmittelbar aus und verſprechen Wir, Uns in dieſer Hinſicht durchaus keinen Zwang anzuthun. Daß dieſe Reichsurkunde noch dürftig und roh und nicht viel mehr als ein bloßer Entwurf war, gebe ich zu. Ich hatte damals in der Kunſt zu herrſchen noch keine Erfahrung, obgleich, wie ich glaube, ſchon viele Anlage, die nur der Uebung und Ausbildung bedurfte. Ueber die beſte Art zu herrſchen habe ich dann ſpäter in den Reichen Centralafrika's ganz andere Erfahrungen gemacht, ſo daß mir darüber die Augen nicht blos auf-, ſondern zu Zeiten auch übergingen. Doch ich will dieſe Urkunde, die jetzt im britiſchen National⸗ muſeum zu London aufbewahrt, aber ihrer großen Koſtbarkeit wegen keinem Fremden vorgezeigt wird beiz Seite liegen laſſen und mich zu meinen Beſchäftigungen des erſten Tages zurückwenden. — 56— Meine nächſte Sorge nach der Beſitzergreifung war, die auf dem Schiffe vorhandenen ſehr zahlreichen Vorräthe an Kleidungsſtücken, Lebensmitteln, Getränken, Waffen und ſelbſt Lurusgegenſtänden in Augenſchein zu nehmen und zu ordnen. Vieles davon war freilcich durchnäßt und ich hatte bis Sonnenuntergang genug zu thun, es aus der Kajüte und den untern Schiffsräumen heraufzubringen und auf dem Deck auszubreiten, um es zu trocknen. Bei der außerordentlichen Dürre des Klimas und der glühenden Sonnenhitze war übrigens Alles ſehr bald getrocknet, ja es trocknete mir ſo zu ſagen unter den Händen. Räthſelhafte Menſchennatur! Wie ich ſo auf dem Verdeck ſtand und meinen Reichthum überſchaute, wandelte mich ein Gefühl des Stolzes an und ich begann auf den von mir einſt ſo hochverehrten Herrn Robinſon mit aufrichtiger Verachtung und Geringſchätzung herabzublicken. Armer Patron, ſagte ich für mich, was biſt du gegen mich? ein verächtlicher Schlucker, ein vom Meere ausgeſpieener armſeliger Bettler! Dein Ende als Hamburger Philiſter war eines ſolchen Anfangs würdig! Ich habe an⸗ ders begonnen als du, und ich werde auch anders zu enden wiſſen als du! Ja ich ſchämte mich der Verehrung, die ich dieſem Menſchen gewidmet hatte, in dem Maße, daß ich, um nicht mehr an ihn erinnert zu werden, das Exemplar meines Campe'ſchen Robinſon, das ich in der Taſche bis dahin mit mir geführt hatte, ergriff und ins Meer hinausſchleuderte. Abends nahm ich auf dem Verdeck ein den Umſtänden nach köſt⸗ liches Mahl ein, bereitete mir dann einige Gläſer Grog von der Sorte, die man in Hamburg„ſteifen“ nennt, rauchte aus dem Nach⸗ laſſe Kriſchan Schroops einige ächte Cigarren und überließ mich dabei den ſüßeſten Träumereien über meine Zukunft. Erſt ſpät zog ich mich in die Kajüte, die ich mir zu meiner Behauſung auserſehen hatte zurück, bereitete mir ein weiches Lager und ſchlummerte unter dem Plätſchern der nahen Meereswellen ſanft und friedlich ein. Tief in den Tag hinein mochte ich geſchlafen haben, als wirre und wüſte Traumbilder mich zu quälen und zu ängſtigen begannen. Bald erſchien mir Robinſons zürnender Geiſt und hielt mir die geballte Fauſt unter die Naſe, bald ſchnappte nach mir ein rieſiger Alligator mit offenem, ſchrecklich mit Zähnen beſetztem Rachen, bald ringelte ſich kalt und ſchlüpfrig eine Rieſenſchlange um meine zitternden — 57 uf dem Glieder und drohte mich in ihren Verknotungen zu zerdrücken und zu ſtücken, zermalmen; bald war ich in die Hände heißgieriger Wilden gerathen, den in die, nach meinem Fleiſche lüſtern, mich von allen Seiten mit ihren freilich Meſſern anfielen, um ein Beefſteak oder ein Fricaſſee aus mir zu es aus bereiten; bald leckte mich ein Löwe mit ſeiner ſtachlichen Zunge an nd auf der Hand, gewiſſermaßen um zu unterſuchen, ob mein Blut auch nilichen wohlſchmeckend ſei. 5 Alles Doch Himmell ich träumte nicht mehr, ich wachte oder vielmehr daͤnden. ich befand mich in jenem Halbſchlaf, der dem vollſtändigen Erwachen and und vorher zu gehen pflegt, und ich fühlte wirklich, wie die Zunge einer olzes an zottigen Beſtie ſich mit meiner Hand in bedenklicher Weiſe beſchäftigte. binſon Man ſtelle ſich mein Entſetzen vor! Ich war ja damals noch ein Armer Neuling in ſolchen Dingen. Da ich mich jedoch erinnerte geleſen zu ctlicher haben, daß es in ſolchen bedenklichen Lagen am gerathenſten ſei, ſich i Ende nicht zu rühren uud den Todten zu ſpielen, ſo zuckte ich kein Glied, zabe an⸗ keine Muskel, ja ich ſuchte ſelbſt den Athem an mich zu halten, wäh⸗ als du! rend mir aus allen Poren der Angſtſchweiß unwillkürlich hervorbrach, ewidmet wie es nicht ärger in einem ruſſiſchen Dampfbade der Fall ſein kann. werden, Nach einiger Zeit ſchien es mir jedoch, als ob das Thier in der That iſte bis keine bösartigen Abſichten haben könne, denn das Lecken ſeiner Zunge luberte war ſanft und liebevoll und ein leiſes Knurren, das ich vernahm, ih kiſr ſchien eine ganz beſondere Liebe und Zuneigung auszudrücken. Ich der wagte nun den Kopf ein wenig nach ihm zu wenden und die Augen⸗ A lider zu einem ganz kleinen Spalt zu öffnen. — dbe Wer ſchildert meine freudige Ueberraſchung, als ich in dem Thiere, o ich das mir ſo viel Beſtürzung eingeflößt hatte, den treuen Begleiter zeſſehen Kriſchan Schroops, den Neufundländer Hector erkannte, der mich wäh⸗ r unte rend der Seereiſe in beſondere Affection genommen hatte, und wer ſchildert die Scene unſers von beiden Seiten ſo wenig erhofften Wie⸗ in. irn derſehens! Hector, rief ich, Hector! und Hector ſprang mit einer ſ 8 Zärtlichkeit an mir in die Höhe, wie ich unter gleichen Umſtänden an ega n d ihm in die Höhe geſprungen ſein würde, wäre ich Hector und er Fritz r u 1 Beutel geweſen. nii Wo kommſt denn du her, alter Geſelle? fragte ich, und er ſchüttelte ſich, hen, b da 1¹ daß es rings um ihn her ſpritzte, gleich als ob er ſagen wollte: Ei, ſiehſt du ittem. — 58— nicht? ich komme aus dem Waſſer! Und noch eine ſeltenere Ueberraſchung! Zu Füßen meines Lagers befand ſich das freilich ſehr durchwäſſerte und zwar nicht blos von Campe durchwäſſerte Exemplar des Robinſon, das ich ins Meer geworfen zu haben ſchon vorher bitter bereut hatte. Ohne Zweifel war Hector bei der Sturmkataſtrophe auf eine der nahen Klippen gerathen, das Exemplar des Robinſon war von den Wellen bis dahin geführt worden, Hector, ein ſcharfſinniger Kopf, hatte das Exemplar erkannt und daraus geſchloſſen, daß ſein Beſitzer ſich in der Nähe befinden müſſe; er war von der Klippe geſprungen, hatte das Exemplar in die Schnauze genommen und war, ſeinem rich⸗ tigen Inſtinkt folgend, zu mir herüber geſchwommen. Ich war nun nicht mehr allein, ich hatte einen Freund— und welchen Freund!— ich konnte nun eine Seele mein nennen, wenn auch nur eine Hunde⸗ ſeele, die freilich ſehr häufig mehr werth iſt als eine Menſchenſeele. An dieſem Tage beſchloß ich meine erſte Excurſion in das Innere der Inſel zu machen. Ich belud meinen Begleiter mit Lebensmitteln, worunter eine anſehnliche Metwurſt, die ausdrücklich für Hector zum Mittag beſtimmt war, bewaffnete mich mit einer doppelläufigen Flinte und verſah mich mit Schroop's in der Kajüte zurückgebliebener Taſchen⸗ uhr und einem ſeidenen Schirm, der mir zugleich als Spazierſtock dienen ſollte. Ein Beil band ich, wie auch andere Geräthſchaften, auf Hector's Rücken. Einige kräftige Schluck Cognac vertrieben die böſen Geiſter und Traumgeſichte der Nacht, und ſo ging es fröhlich hinein in das grüne Land. Den Rückweg zu finden konnte ich nicht verlegen ſein, da ich mich auf Hector's Spürkraft verlaſſen konnte. Auch be⸗ haupte ich, daß jede Himmelsgegend ihren eigenen Geruch hat. Ja, ich hatte meine Witterung dafür ſchon in früher Jugend ſo ausge⸗ bildet, daß man mich mit zugebundenen Augen mitten in eine Fläche hätte ſetzen können, und doch würde ich im Stande geweſen ſein, ſofort durch den bloßen Geruch genau anzugeben, wo Weſten und Oſten, Süden und Norden, ja wo Nordnordweſt, Südſüdoſt u. ſ. w. ſei. Dieſe Gabe kam mir begreiflicherweiſe bei meinen Excurſionen durch die Inſel, wie auch ſpäter bei meinen Weltreiſen gar ſehr zu ſtatten, und ich rathe Jedermann zu prüfen, ob er dieſe Gabe beſitzt, und wenn er ſie beſitzt, ſie auszubilden. — aſchung! wäſſerte obinſon, ut hatte. auf eine var von er Kopf, Beſitzer prungen, tem rich⸗ war nun uund!— Hunde⸗ nſeele. Innere smitteln, vor zum —n Fünte Taſchen⸗ nzierſot firn, auf die böſen 3 hinein verlegen Auch be⸗ at. Ja, ausge⸗ n Fliche eſen ſein ſten und u. ſ. w. reurſonen 1 ſehr n ibe beſtbt 59 Wenn ich nicht ein wahrheitliebender Mann wäre, ſo könnte ich, da ja Niemand von den Leſern Beutelland beſucht hat, von fürchter⸗ lichen Abenteuern erzählen, und ſie müßten mir geglaubt werden. In⸗ deß iſt mein Leben an wunderbaren Ereigniſſen ſo reich, daß ich nicht nöthig habe zu lügen und mit Abenteuern zu prahlen, die ich nicht erlebt habe. Ich will demnach von vornherein erklären, daß mir auf meiner Entdeckungsreiſe durch die Inſel, die mit dem ſechsten Tage vollendet war, durchaus nichts beſonders Merkwürdiges zugeſtoßen iſt. Ich hatte nicht nöthig, mich wie Robinſon vor abgenagten menſchlichen Schädeln und Gebeinen zu entſetzen, ich hatte nicht nöthig wie andere Reiſende Kämpfe mit Alligatoren, Tigern, Löwen, Nashornen, Flußpferden, Schlangen und anderem Thiergezücht und häßlichem Gewürm zu be⸗ ſtehen. Die Inſel war gänzlich unbewohnt und beherbergte keine wilde und reißende Thiere. Sie ſtellte ein jungfräuliches Paradies voll Un⸗ ſchuld und idylliſcher Anmuth dar, ſie war ein blühender Garten, und die Thiere, die ſie bewohnten, waren von der friedlichſten Art, wenn man die oft hämiſchen Affen ausnimmt, von denen ich noch ſpäter zu erzählen haben werde. Mit den übrigen Thieren ſtand ich auf einem ſo vertrauten Fuße, wie Adam und Eva mit ihnen geſtanden haben mögen, ehe ſie ihre Unſchuld und damit ihr Paradies verloren hatten. Die in allen Re⸗ genbogenfarben ſchimmernden Vögel, die noch des Menſchen Raub⸗ und Mordgier nicht kennen gelernt hatten, ſetzten ſich mir auf die Achſeln, auf die Hand, ja auf den Kopf, und ich muß mich prächtig in dieſer ſel⸗ tenen Kopfbedeckung ausgenommen haben, wie leicht zu begreifen. Dazu ſchützten ſie mich durch ihr Gefieder und ihre oft lang herabwallenden Prachtſchweife gegen die etwas zudringlichen Strahlen der tropiſchen Sonne. Kolibris ſchimmerten und flimmerten rings um mich, wie von Wind emporgehobene und in der Luft umhergetriebene glühende Kohlen oder wie bunte von ihrem Stengel losgeriſſene Blumen. Ein allerliebſtes Kolibripärchen baute ſich in meiner rechten Rocktaſche ſein Neſt, und das Weibchen legte Eier darin, ſo klein wie Perlen und eben ſo durchſichtig, und bebrütete ſie. Die Papageien, dabei poſſierlich Kopf und Hals bewegend, plauderten und ſchwatzten in einer Sprache, — ꝗ⁴———— — 60— die ſie, der Himmel weiß woher, gelernt hatten, und die ich nicht ver⸗ ſtand. Durch ihren Schnabel erinnerten ſie mich aber ſehr lebhaft an Beate Regina Cordula Veronica Pipermann, die ebenfalls einen ſehr tüchtigen Schnabel hatte. Die Knöpfe an meinem Rock und meiner Weſte hatte ich mit wunderbar ſchönen, glänzenden Blumen beſteckt, daß ich ausſah wie ein aufrechtgeſtelltes wandelndes Blumenbeet, und da kamen denn die großen, zauberhaft farbigen Schmetterlinge und ließen ſich mit ihren ſchweren Flügeln auf dieſen Blumen nieder, und Käfer, größer als die Kolibris, mit grüngoldigen oder purpurnen Flügeldecken, umſchwirrten mich und flimmerten in den Strahlen der Sonne wie Bruchſtücke gediegenen Goldes, und das Schwirren ihrer Flügel klang ſo harmoniſch wie das Zuſammenſchlagen von feinen Silberſtäbchen und Glasglöckchen. Die wildpretartigen Thiere, eine kleine Haſenart von ungemein zierlichem Bau, und eine Gattung kleiner Hirſche, deren Gehörn wie aus Elfenbein gedrechſeltes Spielzeug aus⸗ ſah, blickten mich ſeitwärts aus blühendem Gebüſch klug und vertrau⸗ lich an. Dieſe niedlichen Geſchöpfe kamen mir häufig ſo nah, daß ich ſie greifen und mit den Händen ſtreicheln konnte, was ihnen ein ſehr angenehmes Gefühl zu ſein ſchien, denn ſie hielten ganz ſtill und rührten ſich nicht. Eichkatzen, ſo groß wie bei uns die Kälben, ſchwan⸗ gen ſich auf den breitäſtigen majeſtätiſchen Ceybabäumen hin und her und knackten an den Kokosnüſſen, die ſo groß waren wie ausge⸗ wachſene Menſchenköpfe. Sie machten mir dabei allerhand Männ⸗ chen, was bei ihrer anſehnlichen Leibesgröße ſich nur um ſo ſonderbarer ausnahm. Auch mit den Affen ſtand ich während dieſer Wanderung noch auf ganz gutem Fuße. Sie verurſachten mir mit ihren greiſen Geſichtern, die ſie zu einem grinſenden Lachen verzerrten, vielen Spaß. Zuweilen ſetzten ſie ſich, von den Bäumen herabſpringend, auf meine Schultern und krauten und zerrten mich an den Haaren, was mir gar nicht ſehr gefallen wollte. Ich ſchüttelte ſie dann nicht ohne Mühe ab, worauf ſie davoneilend und rückwärts blickend mir fürchterliche Fratzen zu ma⸗ chen pflegten— namentlich die alten Jungfern, die ich ſehr bald aus ihnen herauserkannte. Zuweilen krallte ſich einer an meinen Rock⸗ ſchoß feſt, und an ihn wieder ein anderer Affe, an dieſen zweiten ein = S— —= 2 ht ber⸗ haft an en ſehr meiner beſteck, t, und ge und er, und rpurnen hlen der en ihrer feinen e, eine kleiner ug aus⸗ vertrau⸗ daß ich ein ſehr ſill und ſchwan⸗ und her ausge⸗ Männ⸗ derbarer och auf ſchtern, zuweilen chultern icht ſehr worauf u mi- zald aus m Rock⸗ diten ein — 61 dritter und ſo fort, oft hundert hinter einander, die ich denn auch lange Strecken Weges mit mir ſchleppte, während ſie allerlei Capriolen mach⸗ ten, wunderliche Groteskſprünge nach rechts und links vollführten und ſich dabei mit ihren langen Schwänzen in höchſt komiſcher Weiſe im Gleichgewicht erhielten. Manche ſuhren wie am Tage meiner Ankunft fort, mir die köſtlichſten, ſaftigſten und gewürzreichſten Früchte, welche ich mit dem beſten Appetit verſpeiste, von den Wipfeln hoher Bäume zuzuwerfen. Da jedoch Schadenfreude ein Hauptzug im Charakter des Affen wie des Menſchen iſt, ſo erlaubten ſie ſich auch wohl den ſchlech⸗ ten Spaß, mir gewichtige Kokosnüſſe zu meinem empfindlichſten Schmerze und Aerger ins Geſicht zu werfen oder auch Eier, die ſie aus den Vogelneſtern hervorlangten, was mir noch unangenehmer war, denn da die Eier begreiflicherweiſe auf meiner Stirn zerplatzten, floß ihr In⸗ halt über meine Augen und meine Backen, und ich hatte dann immer genug zu thun, um den unwillkommenen Brei mit meinem Schnupf⸗ tuch wieder abzuwiſchen. Dann brachen ſie alle in ein wildes, wüſtes und unangenehm anzuhörendes Gewieher aus, was wohl das Lachen der Schadenfreude und des Triumphes bedeuten ſollte. Mein Hector, eine empfindende Seele, knurrte dann gewaltig, bellte an den Bäumen hinauf und zeigte den Böſewichtern grimmig, ſeine Zähne, was ſie damit erwiederten, daß auch ſie ihm ihre Zähne mit bos⸗ hafter Grimaſſe entgegenfletſchten. Ganz beſonders zeichnete ſich ein alter Affe mit langem grauen Barte aus, der wohl der Affenkönig ſein mochte. Ohne Zweifel hatte er ſich bis dahin als den Herrn der Inſel betrachtet, und glaubte nun in mir Denjenigen zu erblicken, der gekommen war, ihm die Herrſchaft zu ſchmälern oder ganz zu entreißen. Kurz, dieſer tückiſche Burſche hatte es beſonders auf meine Naſe abge⸗ ſehen, und er traf ſo geſchickt, daß er niemals fehlte, und die Naſe mir mehrmals zu bluten anfing. Er war es offenbar, der die andern gegen mich aufwiegelte, und er verfolgte mich, ſich vermittelſt ſeines lan⸗ gen haarigen Wickelſchwanzes von Baum zu Baum ſchwingend, ſo weit er konnte, bis der Wald zu Ende war. Mitch auf das offene Feld zu verfolgen, war der langhaarige häßliche Geſell viel zu klug; aber noch weithin hörte ich das widerlich kreiſchende Spott⸗ und Triumph⸗ Gelächter des Affenvolks, aus dem ſeine rauhere tiefere Baßſtimme — 62— vernehmlich heraustönte. Freilich hätte ich ihm eine Kugel auf den Pelz brennen können; aber ich hatte mir vorgenommen, für jetzt noch ſo lange als möglich den Frieden aufrecht zu erhalten und ihm mein Ultimatum erſt zu ſtellen, wenn alle Friedensverſuche und Vergleichs⸗ vorſchläge von ihm abgewieſen werden ſollten. Der Wald, den ich, um mit Otto Ludwig's„Erbförſter“ zu ſprechen, ſo eben„durchforſtet“ hatte, war zum größten Theil mit Palmen aller Art beſtanden, deren Stämme ſo glatt, ſchlank und hoch und ſelbſt höher waren als Maſtbäume. Man denke ſich den Maſten⸗ wald im Hamburger Hafen unmittelbar aus dem Erdboden hervor⸗ ragend und jeden einzelnen Maſt oben mit einer grünen Perrücke ver⸗ ſehen, und man hat das vollſtändigſte Bild ſolchen Palmenwaldes vor Augen. Will man ſeine Phantaſie noch mehr in Bewegung ſetzen, ſo denke man ſich die Schiffstaue in jene Schlinggewächſe verwandelt, welche ſich wie Seile an dieſen Palmen hinauf oder von einer zur andern ziehen und ſo ſtark, feſt und dick ſind, daß ich, um mir den Weg durch ſie hindurch zu bahnen, ſie nicht ſelten mit dem mitge⸗ nommenen Schiffsbeil mühſam durchhauen mußte. Untermiſcht waren dieſe Palmen mit Magnolien, Piſangs, Cedern, Cacao⸗, Gummi⸗, Orangen⸗ und Tulpenbäumen und andern, welche dieſer Zone eigen⸗ thümlich ſind, dann aber auch ſolchen, die ſich nur auf dieſer Inſel finden und noch keinen Namen hatten, zum Theil mit Früchten belaſtet, welche groß wie Kürbiſſe waren, deren Fleiſch wie Honig auf der Zunge zerſchmolz und deren Saft etwa ſo ſchmeckte wie das Veilchen duftet. Thurm⸗ hohe Farrnkräuter ſtanden dazwiſchen mit Stämmen, ſo dick daß die Affen daran auf und nieder krochen und mit Blätterwerk ſo zierlich, wie mit der Scheere aus grünem feinen Papiere geſchnitten. Jenſeits des Waldes gelangte ich auf eine Wieſe, deren armdickes Gras ſo hoch ſtand, daß es über meinem Kopfe zuſammenſchlug und mir den Anblick des Himmels und der Sonne entzog. Glücklicher⸗ weiſe hatte ich in einem Bache rieſengroße Krebſe angetroffen, und mit deren mächtigen fußlangen Scheeren mähte ich das Gras vor meinen Füßen im Geſchwindſchritt nieder, um mir einen Weg zu bahnen. Weiter gelangte ich in einen Wald, der aus baumhohen Ananas, Cactus⸗ und Aloepflanzen gebildet war, in deren Schatten ff den t noch mein leichs⸗ -“ zu il mit dhoch aſten⸗ gervor⸗ ke ber⸗ es bor en, ſo andelt, er zur ir den mitge⸗ waren ummi⸗, eigen⸗ finden gegraß ſchmolz Thurm⸗ daß die ierlic, mdickes ug und clicher⸗ en, und 16 vor geg zu mhohen Schatten — 63— ſich allerliebſte buntſchillernde Schlangen wie aus funkelnden Edel⸗ ſteinen gebildete Ketten hin und herwanden. Ich ſah ihnen ſehr bald an, daß ſie nicht giftiger Art waren, und ſchlang mir einige derſelben um meinen Kopf, was mir eine höchſt angenehme Kühlung verurſachte. Kenner der Mythologie, wenn welche dageweſen wären, würden mich für die wiedererſtandene Meduſe gehalten haben. Inmitten dieſes Aloe⸗ und Cactushaines befand ſich ein ſpiegel⸗ klarer, ſtahlblauer See, der mit den wunderbarſten Waſſerpflanzen be⸗ deckt war. Auf ihren rieſengroßen Blättern, die auf die Waſſeerfläche hingelegt ſchienen wie koloſſale Teller auf ein ſauberes Tiſchtuch, ſonn⸗ ten ſich Schaaren allerliebſt geformter Waſſereidechſen, deren glitzernde Augen eingefügten Diamanten glichen, und auf ihren ſchneeweißen Blumen, deren gelber Kern allein wohl ſo groß war wie ein halb Dutzend an einander geſtellte Vollmondſcheiben, ſtanden in philoſophi⸗ ſcher Ruhe, das eine Bein an den Leib gezogen, mächtige Kraniche, oder brüteten ſchwanengleiche Vögel, die ſich mit den Blumen auf und ab wiegten und ſchaukelten, bald mit ihnen in's Waſſer tauchten, bald ſich mit ihnen wieder in die Luft ſchnellten, und ſo immer regel⸗ mäßig auf und nieder. An den Ranken, welche dieſe Pflanzen nach allen Richtungen über den See hinausſandten, hingen wie koſtbares Geſchmeide die ſeltſamſten Muſcheln und Schnecken von wunderbarſter Form und in allen metalliſchen Farben ſo prächtig ſchillernd, daß daran alle Schilderung erlahmt und das Auge von den glänzenden Farbenſpielen faſt geblendet wurde. Hin und her fuhren in der kry⸗ ſtalliſchen Fluth größere und kleinere Fiſche, deren Schuppenpanzer von gediegenem Golde zu ſein ſchienen und die wie glänzende Metall⸗ platten durch die klaren Wellen dahinſchoſſen. Ich ſtreute ihnen Schiffszwieback in den See und ſie verzehrten ihn mit großem Appetit, worauf ſie ſich mit halbem Leibe aus dem Waſſer erhoben und dann ſich nach vorwärts wieder hinabließen, gleichſam als wollten ſie mir durch einen Bückling für meine Gabe danken. Inzwiſchen war die Sonne geſunken und mit jener Plötzlichkeit, wie in dieſen Zonen immer der Fall iſt, die Nacht herangebrochen. Dafür ſtieg der Mond am unbewölkten Himmel empor und durch⸗ drang die Fluthen, die Blumen, die ſaftig durchſichtigen Blätter der — 64— Cactus und Aloe mit ſeinem ſilbernen Licht. In ſeinem Schimmer badete ich meine erhitzten Glieder in der weichen Fluth, wobei mir Hector Geſellſchaft leiſtete, und richtete mich dann zur Nacht auf der großen Waſſerblume ein, welche den Mittelpunkt des Sees bildete und zu der mir und meinem Hector eine der fußbreiten balkenähnlichen Ranken der Waſſerpflanze den bequemen Uebergang bot. Von Tau⸗ ſenden von Leuchtkäfern, die mich förmlich in einen Brillantfeuerregen hüllten, rings umſchwärmt, nahm ich hier meinen Abendimbiß, und ſtreckte mich dann— Hector zur Seite— in den Kelch der Blume nieder, deren Blumenblätter ſich auch ſofort wie zu einem Himmelbett über mir ſchloſſen. Ich habe in einem Daunenbett nie weicher geſchlafen, nur waren wir, Hector und ich, als ſich bei den erſten Strahlen der Morgenſonne die Blume wieder erſchloß und wir uns von unſerm Lager erhoben, von dem Blumenſtaub etwas gelb gepudert. hhimmer bei mir auf der ete und onlichen n Tau⸗ nerregen iß, und Blume mmelbett r waren genſonne erhoben, Fünftes Kapitel. Im Gefechte bleibt der Feind immer das Ob⸗ ject, das man nicht aus den Augen verlieren darf. Ehe die Fernröhre, Perſpective und Operngucker erfunden waren, mußte ſich der Feldherr auf ſeine zwei geſunden oder nicht geſunden Augen ver⸗ laſſen. Daher wird der Feldherr, welcher ſiegt ohne einen Operngucker zu beſitzen, jedenfalls eine höhere Stelle in der Kriegsgeſchichte einnehmen, als ein Feldherr, der einen Operngucker beſitzt und trotz⸗ dem geſchlagen wird. von Clauſewitz. Furchtbarer Anblick——— ein Geripp——— als ob es lebte!“ Victor Hugo. Wenn ich oder der Herausgeber meiner Memoiren zu den gewöhn⸗ lichen Bücherfabrikanten gehörten, die, wenn ſie einmal ſo glücklich ſind, einen Stoff zu haben, ihn in die Ewigkeit von drei oder mehr dicken Bänden ausſpinnen, ſo würde ich mein Reiſejournal mit der⸗ ſelben Ausführlichkeit fortführen, mit der ich den erſten Tag meiner Expedition behandelt habe. Aber ich beabſichtige nicht, meinem Ver⸗ leger und meinen Leſern unnütze Ausgaben zu verurſachen; ich will daher nur ſagen, daß der zweite Tag ſo ziemlich dem erſten, der dritte dem zweiten, der vierte dem dritten, der fünfte dem vierten und der ſechste allen früheren glich, daß die gute Meinung, die mir die Inſel bisher eingeflößt hatte, von Tag zu Tag mehr beſtätigt und beſtärkt wurde und daß ich am ſechsten Tage Mittags an dem entgegengeſetzten Ufer der Inſel, mithin an der Grenze meines Reichs angekommen war, ohne in irgend eines jener Abenteuer verwickelt worden zu ſein, welche mein Leben ſonſt in ſo wunderbarer Weiſe auszeichnen. Da ich nirgends eine Spur davon wahrnahm, daß auf dieſer geſegneten Inſel Gattungen wilder und reißender Thiere oder giftiger Amphibien D. B. X. Fritz Beutel, v. Marggraff. 5 — 66— beſtänden— was ohne Zweifel davon herrührte, daß noch keines Menſchen Fuß dieſen jungfräulichen Boden betreten hatte, und das Gift des Menſchen mithin noch nicht auf die Thiere übergegangen war— ſo konnte ich Nachts mein Haupt in den Schooß dieſer Inſel ganz unbeſorgt niederlegen. Die Nächte waren mild und warm, und an einem weichen Lager fehlte es nicht. Es gibt dort nämlich eine Schaafart, welche ihr Fell, das den feinſten Merino an Weiche über⸗ trifft, alljährlich ablegt und dann ein neues erhält. Die abgelegten Pelze liegen dann zu ganzen Dutzenden unter den Bäumen, an deren Stämmen die Schaafe ſich zur Mauſerzeit das Fell abzuſtreifen pfle⸗ gen, und auf dieſe Pelze bettete ich mich, mein Hector wie immer mir zur Seite. Abgeſehen von den mitgenommenen reichlichen Lebensmitteln gab es auf der Inſel genug zu ſchmauſen. Von den Früchten, die bei einem leiſen Regen des Windes oft wie ein dichter Hagel von den Bäumen fielen, will ich gar nicht einmal ſprechen; denn auf Beutel⸗ land gibt es noch ganz andere Genüſſe als die tropiſchen, auf der Zunge wie Butter zerſchmelzenden Früchte. Die Mutterſchaafe pflegen ſich hier ſelbſt zu melken und ich hatte nur nöthig, mich auf den Rücken zu ſtrecken und unter ſie zu legen, um mir den Strom der ſüßeſten Milch in den Mund rinnen zu laſſen. Wilde Bienen, die aber zahmer und gebildeter ſind als bei uns die gezähmten Bienen, niſteten in allen Löchern der Baumſtämme, von denen der Honig, würziger als der berühmte Schweizer, wie geſchmolzenes Gold nieder⸗ ſtrömte. Wenn es auf den Südſeeinſeln Brodbäume gibt, ſo gibt es auf Beutelland eine Gattung Bäume, aus deren Früchten ſich ein Teig bereiten läßt, der, eine Zeitlang in die Sonne gelegt, ſich in das wohlſchmeckendſte Gebäck verwandelt. Ich nannte ſie daher Semmel⸗ und die beſte Sorte darunter Kuchenbäume. O wie zufrieden würde das kuchenliebende Sachſen ſein, wenn auf ſeinen Bäumen ſtatt der ſchönen Mädchen, ſolcher Kuchenteig wüchſe! Von dem beutelländiſchen Zuckerrohr ſtäubt ohnehin der Zucker ſchon in raffinirter Geſtalt und in feinſten Körnern ab, ſo daß es mir keinen Augenblick an dem be⸗ liebten Leipziger„Streuſelkuchen“ fehlte. Aus den Schooten der beutelländiſchen Kaffeebäume floß der aromatiſchſte Kaffee ſchon deſtillirt — — cch keines und das rgegangen eſer Inſel aarm, und mlich eine iche über⸗ abgelegten an deren eifen pfle⸗ vie immer itteln gab „die bei von den f Beutel⸗ ,, auf der ffe pflegen c auf den 3 Strom de Bienen, ten Bienen, der Honig, old nieder⸗ ſo gibt es n ſich 6 t, ſich elan eden würde n ſiatt der elländiſche geſtolt ſt und an dem be⸗ teoin de pon deſilin — 67— ab, und es war mir ein hoher Genuß, zu dieſem Kaffee eine beutel⸗ ländiſche Cigarre zu rauchen, die ich mir ſo im Spazierengehen aus den Blättern der Tabakspflanzen gedreht hatte, welche an der Sonne gedörrt an den Stauden hingen. Dieſe Cigarren waren ſo duftig, daß ſie die Luft im Umfang einer Stunde mit einem wahren Weih⸗ raucharom erfüllten und ſogar den ſtarken Duft der Blumen über⸗ dufteten. Endlich muß ich noch der beutelländiſchen Weintraube er⸗ wähnen, deren Saft, in ein Gefäß oder eine Muſchelſchaale gedrückt, ſich in Friſt einer Stunde in den köſtlichſten Moſt und dann in nicht viel längerer Zeit in einen Wein verwandelt, gegen den ſich der Stein⸗ berger Cabinet etwa ſo verhält, wie der Meißner Ausbruch zum Stein⸗ berger. Wenn Fürſt Metternich meinen von mir ſpäter angelegten Weinkeller beſucht hätte, er würde niemals mehr den Muth gehabt haben, ſeinen diplomatiſchen Gäſten eine Flaſche jenes ſchaalen ſauren Getränks vorzuſetzen, das unter dem Namen Johannisberger deshalb berühmt iſt, weil man in Europa eben keine beſſere Sorte Weines hat. So weit war nun Alles recht gut, aber auf dem Rückwege ſollte ich ſehr bittere Erfahrungen machen, die in mein bis dahin ſo freund⸗ liches und klares Verhältniß zur Inſel einen düſtern Schatten werfen ſollten. Als ich nämlich wieder an den oben geſchilderten See gelangte und den Fiſchen Krumen von Schiffszwieback ſtreuen wollte, wichen dieſe ſcheu aus und fuhren pfeilſchnell in die dunkelblaue Fluth zurück. Die Kraniche flogen mit gellendem Geſchrei um mich her und ſtreiften mir die Backen empfindlich mit ihren Flügeln, die Schwäne hackten mit ihren Schnäbeln nach meinen Beinen oder ſchüttelten, wenn ich in ihre Nähe kam, ihr Gefieder mit ſolcher Gewalt, daß meine Kleider von oben bis unten durchnäßt wurden. Im Walde der Cactus und Alos ſtreckten mir die Schlangen, ihre Köpfe hoch gegen mich empor⸗ hebend, die ſpitzigen Zungen ziſchend entgegen, und wenn ich ſie zu haſchen mich bemühte, ſchlüpften ſie mit wunderbarer Schrelligkeit unter das dichte Geſtäude und verkrochen ſich im feuchten Erdſchlamm. Ich wußte in der That nicht, was ich mir von dieſer veränderten Stimmung der Thiere denken und wie ſie auslegen ſollte. Aber es ſoollte noch ärger kommen. 5* — 6s— Während ich mich dem Palmenwalde näherte, begrüßte mich ein wildes, wüſtes, tauſendſtimmiges Geſchrei, Gekreiſch und Gewieher, das einen wahrhaft teufliſchen Ausdruck hatte, und aus der Unterwelt ſelbſt zu kommen ſchien. Die Papageien, ihre Schnäbel gegen mich aufſperrend und wie böſe zänkiſche Jungfern ihre Hälſe und Köpfe ſchüttelnd und vorſtreckend, ſchrieen in fremden Worten, die offenbar Schimpfworte waren, auf mich los; ja zu meinem Erſtaunen hörte ich deutlich einige deutſche Schmähworte wie:„ſchlechter Kerl“,„Lump“, „Lüderjan“,„Herumſtreicher“,„Tagedieb“,„Schuft“,„dummer Junge“ heraus, und ich zerbrach mir vergebens den Kopf, woher ſie dieſe Ausdrücke gelernt und ſich zu eigen gemacht haben konnten, zumal ja meines Wiſſens noch nicht ein„allgemeines deutſches Schimpfwörter⸗ buch“ beſteht, obſchon doch dieſe Aufgabe für unſere darin nicht wenig bewanderten deutſchen Gelehrten etwas Verlockendes zu haben ſcheint. Am meiſten ärgerte mich aber eine junge, kecke und naſeweiſe gelb⸗ ſchnablige Papageiin, die mir, wahrſcheinlich mit Anſpielung auf mei⸗ nen Adoptivnamen, unabläſſig„Windbeutel, Windbeutel“, dann auch wohl„Renommiſt“,„Aufſchneider“,„Zweiter Münchhauſen“,„Lügen⸗ beutel“, und andere Ehrentitel zurief, die mir um ſo unangenehmer waren, je mehr ich mir bewußt war, daß ich zhäufig ſelbſt zu meinem Schaden immer nur die ſtrengſte Wahrheit geredet habez, was mir Allle bezeugen werden, die das Vergnügen hatten, mit mir näher be⸗ kannt zu werden. Möchten in dieſer Hinſicht Alle ſo rein und lauter daſtehen als ich! Es war kein Zweifel, daß der boshafte alte Affenkönig dieſe erſt ſo friedfertigen Thiere in der Zwiſchenzeit gegen mich aufgewiegelt hatte. Denn wie der Affe auch der Geſtalt nach dem Menſchen das ähnlichſte Geſchlecht iſt, ſo zeigt er ſich ihm auch darin am verwandteſten, daß er zugleich das boshafteſte, hämiſchſte und tückiſchſte Geſchöpf auf Erden iſt. Die ſchändlichen Affen warfen mir, als ich durch den Wald ging, nicht mehr blos Früchte und Eier an den Kopf, ſondern ſelbſt verdorrte Baumzweige, Steine, Staub und Sand und noch andere häßliche Stoffe, die mir der Wohlanſtand, auf den ich von jeher gehalten habe, zu nennen verbietet. Auch liebten ſie es, ſich 4 von den Bäumen herablaſſend, mir mit ihren langen haarigen Schwän⸗ e mich ein Gewieher, Unterwelt gegen mich und Köpfe e offenbar nen hörte „„Lump’, ner Junge“ er ſie dieſe „zumal ja mpfwörter⸗ icht wenig en ſcheint. weiſe gelb— g auf mei⸗ dann auch , KLügen⸗ angenehmer zu meinem , was mit näher be⸗ und lauter F dieſ aif ufgewiegel nien das wandteſten eſchüpf auf durch den f ſonder dund noch dn ih von fee en Schwn zen ins Geſicht zu fahren und mir noch andere garſtige Poſſen zu ſpielen. Das böſe Gezücht verfolgte mich mit Geheul und Hohngeſchrei bis gegen den Ausgang das Waldes, wo mir plötzlich ein halb Dutzend Affen mit hochgeſchwungenen Baumäſten in den Weg traten, darunter Einer, der trotz ſeiner jugendlich ſchlanken Geſtalt in ſeiner Fratze eine nicht zu verkennende Aehnlichkeit mit dem alten Affenkönig verrieth. Es mochte wohl einer ſeiner zahlreichen Söhne, vielleicht ſein Lieblings⸗ ſohn ſein, denn er war offenbar der beherzteſte und ritterlichſte unter allen. Zu gleicher Zeit erſchien auf dem Wipfel des höchſten Palm⸗ baums der Affenkönig ſelbſt, wildverzerrten Geſichts, mit ächter Teu⸗ felslarve, und die jungen Affen drunten mit kreiſchendem Geſchrei und Hurrahrufen zum Kampfe aufhetzend. Jetzt war Gefahr im Verzuge, denn meine Gegner ſahen kräftig genug aus, und die Knüppel, die ſie in den Vorderhänden führten, hatten eine bedenkliche Dicke und Stärke. In dieſem kritiſchen Augen⸗ blicke würde ich mich meiner Schießwaffe jedenfalls bedient haben, wenn nicht der Affenfürſt plötzlich Schaaren von Käfern und Schmet⸗ terlingen gegen mich entſandt hätte, die mir mit ihren Flügeln in die Augen ſchlugen und Alles um mich her verfinſterten, ſo daß es mir unmöglich geweſen ſein würde, einen der borſtigen Kerle aufs Korn zu nehmen. Das Beil war meinem Hector auf den Rücken gebunden und überhaupt hatte ich, eines ſolchen Ueberfalls nicht gewärtig, mich auf keinen wirklichen Kampf vorbereitet. In ſelbem Augenblicke ſchien mir die eine Affengeſtalt, ſo weit ich durch das dichte Gewölk der mich umſchärmenden Käfer und andern Inſecten zu erkennen vermochte, ganz nahe getreten zu ſein und mit dem Aſt gegen mich zum Schlage ausholen zu wollen. Los! los! rief ich meinem Hector zu, der auch ſogleich, obſchon ſelbſt von den Inſecten ſchwer bedrängt, mit lautem Gebell nach vor⸗ wärts ſtürzte, während ich noch gerade Zeit genug hatte, von einer nächſt⸗ ſtehenven Aloe ein wie ein Spieß ſpitziges Blatt loszubrechen und damit gegen die dunkel vor mir ſtehende Geſtalt einen kräftigen Stoß zu führen. Er traf nur zu ſicher. Das Aloeblatt hatte ſich dem jungen Affen, des Affenkönigs Sohne, gerade durch das Herz gebohrt und zwar — 70— mit ſolcher Gewalt, daß die Spitze zum Rücken hinausgedrungen war und das bemitleidenswerthe Geſchöpf, welches einen Schrei ausſtieß, der mir ſelbſt ins Herz und durch den Rücken wieder hinaus zu dringen ſchien, todt zu Boden ſtürzte. Es war dies, ſo zu ſagen, mein erſter Mord, der mich deßhalb, weil er mein erſter war, auch einigermaßen erſchütterte, obſchon er mir durch das Gebot der Nothwehr auferlegt war. Aber ich dachte daran, welche Hoffnungen, welche Talente mit dieſem Jünglinge vielleicht dahin waren, wie möglicherweiſe das Herz einer Affenjungfrau, die ihn liebte und vielleicht bereits mit ihm verlobt war, darüber brechen würde— und dieſer Gedanke that mir wehe, denn bei aller Seelenſtärke beſitze ich doch ein ſehr wei⸗ ches Herz.. Zu gleicher Zeit hatte mein Hector das Seinige gethan, einem Affen die Gurgel durchgebiſſen und zwei andere ſo zugerichtet, daß ſie nur mühſam, ſchmerzlich wimmernd und ächzend, ſich im nahen Ge⸗ büſch verkriechen konnten, worauf die zwei letzten unverwundet geblie⸗ benen Affen eiligſt ſich davon machten und auf den nächſtſtehenden Tulpenbaum ſich vermittelſt ihrer Schwänze emporſchwangen. An das Wuth⸗ und Wehegeheul, welches bei dieſem Anblick der Affenkönig erhob, werde ich mein Lebtag denken. Es war ein ent⸗ ſchieden thieriſches Geheul, und doch lag wieder etwas Menſchliches, etwas wie von tieferer Empfindung darin, was mich mächtig erſchüt⸗ terte. Er ſprang mit wüthender Haſt von Baum zu Baum und ſchien mit gewaltigem Geſchrei ſeine Schaaren, die in den tollſten ohrbe⸗ täubenden Tönen ſein Zeter⸗ und Rachegeſchrei erwiederten, zum Ver⸗ nichtungskampſe gegen mich aufzuwiegeln. Er erſchien mir in dieſem Augenblicke, einige Unterſchiede natürlich nicht in Betracht gezogen, wie der Cherusker Fürſt Hermann, als dieſer von einem Gau zum an⸗ dern eilte, um die deutſchen Volksſtämme gegen die Römer zu gemein⸗ ſamer That in Bewegung zu ſetzen. Und ſo ſehr ich mich auch auf meinen Muth, meine Geſchicklichkeit, meine Waffen und meinen Hector verlaſſen konnte, ſo ſchien es mir doch immer nichts Kleines, ohne Allianzen den Myriaden von Affen und den mit ihnen allirten Thieren der Inſel im Kampfe gegenüberzuſtehen. Indeß ich vertrat ja, um im jetzigen Style weſtmächtlicher Zeitungsrhetorik zu ſprechen, ungen war i ausſtieß, zu dringen nein erſter igermaßen auferlegt alente mit das Herz mit ihm danke that ſehr wei⸗ m, einem t, daß ſie nahen Ge⸗ det geblie⸗ ſtſtehenden Anblick der 1 ein ent⸗ enſchliches, ig erſchüt⸗ und ſchien ſten ohrbe⸗ zum Ver⸗ in dieſem ogen, wie zum af⸗ u grmein auch auf ten Heckot nes, ohne 1 allürten ic vertrat u ſpretha — 71 die Intereſſen der Civiliſation gegen Uncultur und Wildheit, und die⸗ ſes Bewußtſein verlieh mir jenen moraliſchen Muth, der meinen Geg⸗ nern abging. Inzwiſchen hatte ich das offene Feld erreicht und glaubte mit Recht, nun nichts mehr von den Verfolgungen meiner ergrimmten Gegner befürchten zu dürfen. Auch ereignete ſich, bis zu meiner Ankunft am Schiffe, nichts mehr von Wichtigkeit. Nur wichen mir die vorher ſo zuthulichen Haſen und Hirſche aus dem Wege, ſobald ſie meiner an⸗ ſichtig wurden, und flohen verſchüchtert dem Walde zu als ob ſie hier unter dem Schutze ihrer häßlichen Alliirten, der Affen, Rettung vor mir ſuchten. So vermag ein einziger tückiſcher Aufwiegler und Rä⸗ delsführer eine ganze Welt von Unſchuld zu vergiften und Liebe in Furcht zu verwandeln! Dieſe Nacht brachte ich— und zwar ermüdet wie ich war im köſtlichſten Schlummer— in meinem Regierungspalaſt, dem Schiffe zu, was mir nach den unter freiem Himmel zugebrachten Nächten doch wieder ordentlich wohl that; denn der Menſch iſt einmal dazu da, ſei⸗ nes Lebens und auch ſeines Schlafes erſt unter Dach und Fach recht froh zu werden. Der Menſch will vier Wände— inſofern es nicht Schulſtuben- und Kerkerwände ſind— um ſich und eine Decke über ſich ſehen, die ihn von der erdrückenden Unendlichkeit des Himmels ab⸗ ſchließt. Freilich erkläre ich mir dieſen Hang auch aus dem Umſtande, das der Menſch zu den Raubthieren gehört und daher, wie alle Raub⸗ thiere, gern ein Verſteck ſucht, um in ſeinen räuberiſchen Machinatio⸗ nen nicht geſtört oder beobachtet zu werden. Als ich folgenden Morgens mit meinem treuen Begleiter, der Hundeſeele Hector, auf das Verdeck trat, erwartete mich ein ganz eigenthümlicher Anblick. In weiter Ferne erblickte ich nämlich un⸗ zählige, wohl tauſendmal tauſend ſchwarze Pünktchen, die auf der Ebene, und zwar immerwährend in der Richtung des Schiffes, wie kleine Erdflöhe vorwärts ſprangen. Wer beſchreibt mein Erſtaunen, als ich in ihnen nach einiger Zeit Myriaden von Affen erkannte, die, zum Theil unbewaffnet, zum Theil mit Knütteln, Baumäſten und Steinen bewehrt, ſich gegen das Schiff als das Object ihres Anmarſches auf allen Vieren vorwärts bewegten. Sofort erkannte ich ihre Abſicht, 2 — 2— und bereitete mich zur hartnäckigen Gegenwehr vor, beſchloß jedoch aus Menſchlichkeitsgründen, die ja auch immer die eigentlichen Klugheits⸗ gründe ſind, mich ſo lange als möglich auf der Defenſive zu halten. Ich legte alſo mein Beil neben mich, lud den Doppellauf meiner Flinte und ein paar Sackpiſtolen und bedeutete meinen Kampfgefährten, ſich bereit zu halten. Bald war das Gewimmel der häßlichen, haarigen kleineren und größeren Teufel beim Schiffe angelangt, und ich kann ſagen, daß ich kaum je ein ſcheußlicheres Schauſpiel mit angeſehen habe. Man denke ſich dies Gewühl von vielleicht zwanzig bis dreißigtauſend Affen, mit ihren wild verzerrten Fratzen, ihren halb poſſierlichen halb widerlichen Gebärden, ihrem theils aus niedriger Feigheit, theils aus teufliſchem Grimm gemiſchten Geſichtsausdruck, dann dieſe zehntauſend und aber⸗ zehntauſend bald häßlich behaarter, bald widrig nackter Wickelſchwänze, mit denen ſie vor Wuth im Sande wühlten oder in der Luft hin- und herwackelten oder die ſie unter einander zu garſtigen Knoten verſchlan⸗ gen! Oft bildete ein Halbhundert dieſer Ungethümen einen ſcheinbar aneinandergewachſenen Knäuel und Klumpen, indem ſie ſich mit ihren Schwänzen verwickelt hatten und dann über einander ſtürzten und ver⸗ gebens ſich Einer vom Andern loszumachen ſtrebten. So garſtig dieſer Anblick war, ſo poſſierlich war er auch, und unwillkürlich mußte ich in ein lautes herzliches Gelächter ausbrechen, wodurch ihr Grimm und ihre Wuth nur noch geſteigert wurden. Der Affen⸗Aelteſte ordnete die Schlacht an und beſehligte die Le⸗ gionen, wobei er ſich jedoch wohlweislich in reſpectabler Entfernung hielt. Es ſchien als habe er in der Affenſprache eben das Commando⸗ wort: Freiwillige vor! ertönen laſſen, denn plötzlich trat eine gute Anzahl meiſt jüngerer Affen aus dem ungeheuren Knäuel heraus, drängte ſich gegen das Schiff und begann von allen Seiten die Schiffs⸗ wände heranzuklettern. Ich machte mir den Scherz, den Inhalt einiger mit Waſſer gefüllten Kübel über die Anſtürmenden zu entleeren und es machte mir einen rechten Spaß, wenn ſie von der Gewalt des Waſſers herab geworfen unten im Graſe übereinanderſtürzten, Kobolde ſchoſſen und wie galvaniſirte Fröſche zappelten. Viele, die am ent⸗ gegengeſetzten Schiffsende heraufzuklettern verſuchten, kugelten dann b — 72— ledoch aus das hier etwas abſchüſſige Ufer hinab und kamen in den über ſie Klugheit⸗ zuſammenſchlagenden Wellen der See elendiglich um, und es gewährte zu halten. ein höchſt verwunderliches Schauſpiel, wenn dann nur noch die if meiner Schwänze, zappelnd und die Wogen peitſchend, über das Meer hinaus⸗ geführten, ragten. Hector war unterdeſſen auch nicht müßig, aber als ob er meine Intentionen inſtinctmäßig begriffe, biß er keines der zottigen eren und Ungeheuer zu Tode, ſondern packte ſie nur an der Gurgel, ſchüttelte „daß ich ſie tüchtig und warf ſie dann vom Hochbord hinab. Durch unſere Nan denke vereinten Bemühungen wurde denn auch dieſer erſte Sturm glücklich fffen, mit und ohne beſondere Gefahr abgeſchlagen. widerlichen Als der Affenkönig die Freiwilligen die Flucht ergreifen ſah, fing teufliſchem er fürchterlich an zu toben, zu ſchäumen und zu wüthen, ſchwang und aber⸗ ſeinen krummen Baumaſt wie einen Huſarenſäbel über ſich und trieb ſccwänge, ſeinen Schwarm, mit dem Aſt wie mit ſeinem langen haarloſen bin⸗ und Schwanze nach rechts und links mächtige Schläge austheilend, maſſen⸗ berſchlan⸗ weiſe gegen das Schiff. Das gab ein Gewimmele und Gekrabbele! ſceinbar Hunderte ja Tauſende ſuchten nun zu gleicher Zeit das Schiff zu nit ihten erklettern, indem ſie ſich einer auf des andern Schultern ſtellten und und vr⸗ vermittelſt ihrer langen, bei ihnen eine ſo große Rolle ſpielenden fig dieſe Schwänze an den Flanken des Schiffs emporſchnellten. Jetzt wurde ußt ih die Sache mir denn doch bedenklich, da die Ungeheuer von allen 1 und Seiten über Bord ſtiegen und mich durch ihre Menge zu überwältigen rimm drohten. Hector that zwar ſein Möglichſtes und hatte, den Ernſt der ge⸗ Situation begreifend, ganze Hügel von Affenleichen um ſich her aufge⸗ d di 1, häuft, über die jedoch die Nachdringenden mit dem Muthe der aßenun VVerzweiflung emporkletterten. Jetzt galt es eine große entſcheidende Mum That! Ma Durch den gewaltigen Andrang war inzwiſchen auch der Affen⸗ könig dem Schiffe ganz nahe gebracht worden und mit grimmigem Zähnefletſchen ſtand er unten am Kiel in unheimlicher Nähe, die ge⸗ ballten Vorderhände gegen mich emporſtreckend. Dieſen Augenblick nahm ich wahr. Einen Schuß Pulver war mir der Kerl nicht werth; e Schiff⸗ it einiger zeren und des walt ad cch haßte und verachtete ihn zu ſehr. Ich ergriff alſo eine Ruder⸗ 1, Kobo 1 4 ſtange und verſetzte ihm einen ſolchen Schlag vor den Bruſtkaſten, am en daß er, niederfallend, für den Augenblick das Aufſtehen vergaß; ſten danl — 74— gräßlich wälzte er die Augen im Kopfe umher und in Todesangſt peitſchte er den Uferſand mit dem Schwanze, daß eine dichte Staub⸗ wolke ihn bald vor meinen Blicken verbarg. Zu gleicher Zeit hörte ich aber meinen Kampfgenoſſen ein klägliches Geheul ausſtoßen und mich umwendend ſah ich, wie ein garſtiger Affe ſich auf ſeinen Rücken geſchwungen hatte und ſein Gebiß in ſeinen Nacken ſchlug, während zwei andere ſich zu beiden Seiten in ſein Fell feſtgekrallt hatten; ein anderer zottiger Burſch ſuchte mir eben ſeinen Schweif um den Hals zu ſchlingen, wahrſcheinlich um mich auf das Deck niederzuziehen. Da ergriff ich flugs eine meiner Piſtolen, ſchoß meinen Angreifer nieder, packte das Beil mit beiden Händen, ſpaltete dem, der ſich meinem Hector auf den Rücken geworfen hatte, das Rückgrath der Länge nach, worauf die beiden anderen Affen ihn freiwillig losließen, nahm alsdann meine doppelläufige Flinte und feuerte in den dichten Haufen der auf dem Schiffsdeck verſammelten Feinde zwei Kugeln, deren jede ſechs Affen hintereinander gerade durchs Herz ging, packte ſodann das Ruder mit beiden Armen und droſch furchtbar auf den Haufen los, während Hector, von der erhaltenen Verletzung wüthend gemacht, unter lautem Geheul ein entſetzliches Blutbad unter ihnen anrichtete. Der Fall des Oberbefehlshabers und Oberſten dieſer haarigen Teufel, der ihnen ungewohnte Knall und Pulverblitz des Feuergewehrs, die Wuth und das Geheul Hectors, das entſetzliche Gemetzel, das wir unter ihnen anrichteten— das Alles, zu gleicher Zeit und im Nu eines Augenblicks ſtattfindend, warf einen ſolchen Schreck unter die ſchändlichen, gegen den Repräſentanten der Civiliſation ohne Cultur⸗ bewußtſein anſtürmenden Beſtien, daß ſie, um mich im modernen diplo⸗ matiſch militäriſchen Bulletinſtyl auszudrücken, ſich ſofort nach rückwärts zu concentriren begannen, d. h. in wildeſter Flucht haſt du nicht kannſt du nicht ihren Rückzug oder ihr Avanciren nach Hauſe antraten. Die Ungethüme nahmen ſich nicht einmal Zeit hinabzuklettern, ſondern ſprangen Hals über Kopf von Bord herab, ſchleuderten dabei ihre Glieder, die allen Zuſammenhang verloren zu haben ſchienen, wie Zieh- und Zappelmänner in der Luft umher und blieben auch zum Theil auf dem Erdboden mit zerbrochenen Beinen, Nippen und Hälſen todt oder halbtodt liegen. — 75— esangſt Auch das garſtige Geſindel auf der Ebene ergoß ſich nun in Staub⸗ wilder Flucht nach rückwärts, auf allen Vieren davon trabend. Einer örte ich der ſtärkſten nahm den Affen⸗Oberſten, den Anſtifter des Blutver⸗ d nic gießens, auf dem Rücken mit ſich, ihn mit ſeinem fürchterlich langen Rücken Schweife umſchlingend und feſthaltend. Der ſchändliche Böſewicht ährend lebte noch, und ich gönnte ihm ſein elendes Leben, damit er Zeit n. ein habe, über das von ihm angeſtiftete Unheil nachzudenken und darüber zai zu mit ſich ins Gewiſſen zu gehen. da Dem Gezücht ein paar Kugeln nachzuſenden, dachte ich zu groß⸗ ich 1 müthig und ritterlich, aber meinem Kampfgenoſſen konnte ich die Ge⸗ nugthuung nicht verſagen, das fliehende Affenheer weithin zu verfolgen une und bald dieſem bald jenem mit ſeinem ſcharfen Gebiß Eins anzu⸗ Ling hängen. Die Elenden, die ſich erfrecht hatten, gegen den Vorkämpfer dleßen der Civiliſation aufzutreten, wagten nun nicht einmal, Zehntauſend digan gegen Einen, nur auf einen Augenblick gegen ihren Verfolger Front lunn zu machen.. 2 Das Deck des Schiffs gewährte einen gräßlichen Anblick. Ueberall auf de lagen Zerfleiſchte, Todte, Sterbende umher, abgetrennte Glieder, abge⸗ henacht, kneipte Wickelſchwänze und andere Körpertheile. Ich mochte mich mit wichtete dem ſchmutzigen Geſindel nicht befaſſen und überließ es meinem helden⸗ Vuüſf müthigen Kameraden, den ich für ſeine Tapferkeit und die ihm durch rs, di ſeine glücklicherweiſe nur leichte Wunde verurſachten Schmerzen mit a6 w einem köſtlichen Schinkenknochen belohnte, die Cadaver in die See zu im Nu ſchaffen, wobei er freilich zwiſchen den Todten und etwa noch Lebenden nter die einen Unterſchied zu machen ſich nicht Zeit ließ, was ihm auch nicht Gultur⸗ zu verdenken. diylo⸗ Nach vollendetem ſiegreichen Kampfe bemerkte ich einen in kau⸗ chwürts ernder Stellung den Rücken an ein Faß lehnenden, recht hübſchen u richt Affen, der mit freundlich bittenden Augen, aus denen er ſich eine ntraten. Thräne wiſchte, faſt in menſchlicher Weiſe mich anblickte. Er gehörte ſonden zu der ungeſchwänzten Art, welche die Minorität auf der Inſel bildete bei ihre und von den geſchwänzten Affen im Helotenzuſtande gehalten wurde. en, wie Ohne Zweifel waren ſie in einem mit den ſtärkeren und größeren uch zun geſchwänzten Affen unglücklich geführten Kriege beſiegt und dann in Hälſen Selaverei gebracht worden; denn ſie wurden, wie ich ſchon früher bei — 6— meiner Excurſion wahrgenommen, zu den niedrigſten Knechtsdienſten gebraucht und mit Püffen, Stößen, Schlägen, Ohrenzauſen, Biſſen und Beintritten ſehr übel behandelt. Jedenfalls ſtanden ſie aber auf einer weit höheren Stufe der Civiliſation und der Herzensbildung; ſie waren körperlich und mithin auch geiſtig viel zarter organiſirt, und es verbreitete ſich über ihr ganzes Weſen ein Hauch zarter Melancholie und Träumerei, welcher mich unwillkürlich an gewiſſe deutſche Lyriker Prevorſtiſch⸗ tiſchrückeriſchen Andenkens erinnerte. Hierüber will ich mich jedoch nicht weiter verbreiten, um den Gang der Erzählung nicht zu ſehr zu unterbrechen, behalte mir jedoch vor, dieſes Kapitel künftig einmal in einem der deutſchen Literaturblätter zu be⸗ handeln, nachdem gegenwärtiges Buch das Licht der Welt erblickt und mir jene wiſſenſchaftliche Autorität verliehen haben wird, die bekannt⸗ lich immer dazu nöthig iſt, um in die ehrwürdige Prieſterſchaft der deutſchen Journaliſten aufgenommen zu werden. Schon während der Schlacht hatte ich bemerkt, daß dieſe unge⸗ ſchwänzten Affen durchaus nicht aus eigenem Antriebe an dem An⸗ griff Theil nahmen, ſondern mit Schlägen und Stößen dazu getrieben werden mußten. Was nun die kleine Griſeldis betrifft— wie ich ſpäter das zierliche Aeffchen nannte, denn es war weiblichen Ge⸗ ſchlechts— ſo erinnerte ich mich bei dem näheren Anblicke der Aeffin, daß ſie es geweſen, die mich vielleicht von Tod und Untergang er⸗ rettet hatte. Denn als jener große gewaltige Affe, von dem ich oben ſprach, Anſtalten machte, ſeinen Schweif wie eine Schlinge um meinen Hals zu werfen und mich niederzuziehen, hatte die kleine Griſeldis ſich mit ihrem Gebiß an die Spitze ſeines Schwanzes gehängt und mir dadurch Zeit verſchafft, meinem Gegner den Garaus zu machen. Ich bedeutete, dankbar und weichfühlend wie ich immer war und noch in dieſem Augenblicke bin, durch nicht mißzuverſtehende Pantomimen der Aeffin, daß ich für einige Zeit ihr Protector und Freund ſein wolle und beſiegelte dieſe Zuſage durch eine Portion Mandelkerne, die ich ihr darreichte und die ſie mit dem größten Appetit und in zierlichſter Weiſe verſpeiste. Durch die poſſierlichſten Gebärden ſuchte ſie mir nun ihren Dank und ihre Ergebenheit auszudrücken, und ich muß ſagen, daß ſie, ſo lange ich auf der Inſel weilte, ſehr viel zu meiner Er⸗ ienſten Biſſen er auf ldung; niſirt, zarter gewiſſe te. ang der dieſes zu be⸗ kt und kannt⸗ aft der unge⸗ m An⸗ trieben wie ich n Ge⸗ Aeffn, ang er⸗ ch oben meinen dis ſic d mir . 3ch noch in ꝛen der wolle die ich rlichſter iir nun ſgen dr Er⸗ ———— — 277— heiterung beigetragen hat, faſt mehr als die deutſchen Lyriker, von denen ſich, wie man ſpäter erfahren wird, ſelbſt hieher eine Spur ver⸗ loren hatte. Mein Verhältniß zur Thierwelt dieſer Inſel war von nun an gänzlich verändert. Die Thiere hatten ſich zuletzt ſo gänzlich rückſichts⸗ los gegen mich benommen, daß ich alle diplomatiſchen Beziehungen mit ihnen abbrach, ohne jedoch den Einzelnen, die ſich mir gefällig und dienſtbar zeigten, meine Liebe und Freundſchaft zu verſagen. Mit der Flinte in der Hand durchſtreifte ich nun die Inſel, übte mein Jagd⸗ recht, ohne mir irgend Zwang anzuthun, verſorgte meine Tafel mit manchem köſtlichen Wildbraten und lag auch fleißig dem Geſchäft des Angelns ob, ſo daß von da an meine Tafelgenüſſe den Charakter jener Mannigfaltigkeit gewannen, welchen ich mit der künſtleriſch ge⸗ ſchickten Vertheilung von Licht, Halbdunkel und Schatten auf vorzüg⸗ lichen Gemälden vergleichen möchte. Hierzu trugen die vielen koſt⸗ baren Gewürze und die feinen Gemüſe weſentlich bei; ja ſelbſt das mit roſenartigen Prachtblumen geſchmückte Kraut der beutelländiſchen Kartoffel gab gut zubereitet ein Gemüſe, welches an Wohlgeſchmack unſern ſavoyer und ſelbſt Roſenkohl weit übertraf. Eine Fiſchpaſtete aus beutelländiſchen Hechten und Goldſchleien würde dem verſtorbenen Herrn von Rumohr die merkwürdigſten Geſichtspunkte zur Anknüpfung einer Reihe ungeahnter gaſtronomiſcher Vorſtellungen eröffnet und ihm einen ganz neuen„Geiſt der Kochkunſt“ eingeblaſen haben. Vorzüg⸗ lich waren auch die beutelländiſchen Rieſenkrebſe, deren Scheeren allein ein Quantum von dem Volumen eines weſtphäliſchen Schinkens ent⸗ hielten, woͤbei ich bemerke, daß ich dieſelben Scheeren wegen ihrer Schärfe ſpäter namentlich als Baumſcheeren benutzt habe. Wie geſagt, ich befand mich ſeit Erklärung des Kriegszuſtandes in einer weit gemüthlicheren Stimmung und einer vortheilhaftern Lage als vorher; denn bei Lichte beſehen, iſt nicht der Friede, ſondern der Kampf die Hauptaufgabe oder wenigſtens die Würze des Lebens. Ich weiß nicht, ob man vor Langweile ſterben kann, aber ich für meinen Theil bin überzeugt, daß ich den ſchmählichen Tod der Langeweile ge⸗ ſtorben ſein würde ohne dieſen unterhaltenden Krieg mit allen vier⸗, zwei⸗ und, wenn ich die gern auf einem Beine ſtehende Kraniche hin⸗ — 78— zurechne, einbeinigen Geſchöpfen der Inſel. Auch mein Hector, der früher den Kopf zuweilen recht melancholiſch hängen ließ, war jetzt ſo zu ſagen ein ganz anderer Menſch geworden. Wie der bekannte fabelhafte muntere Seifenſieder Johann die Sonne mit Geſang be⸗ grüßte(den nicht mit angehört zu haben ich für mein Theil übrigens ſehr froh bin), ſo begrüßte er fortan die Sonne mit freudigem Gebell, weil er wußte, daß es mein erſtes Geſchäft ſein würde, ins Innere zu gehen und mir für den Mittagstiſch einen guten Braten zu erjagen. Da ich mich jedoch auch jetzt der Verfolgten und Unterdrückten unter den Thieren mit größtem und uneigennützigſtem Eifer annahm, ſo fehlte es mir unter ihnen nicht an Freunden, die ſich mir mit der aufopferndſten Liebe widmeten, und mir ihre Sympathien in aller Weiſe zu erkennen gaben. Ganz beſonders galt dies von den unge⸗ ſchwänzten Affen. Das Oberhaupt der geſchwänzten Affen war einige Tage ſpäter an den Folgen des ihm von mir verſetzten Stoßes auf die Bruſt wirklich geſtorben. Seine Stammgenoſſen und Unterthanen hatten ihn unter ſeinem Lieblingspalmbaum verſcharrt; ich habe das markdurchdringende Klaggeheul, das ſie dabei ausſtießen, an einem ſchönen Mondſcheinabende mit geheimem Schauder ſelbſt gehört, und ich habe noch mehrere Tage darauf ſeine vielen Weiber um ſein Grab ſitzen ſehen, wehklagend und ſich mit ihren Tatzen Hals und Bruſt zerfleiſchend, was einen höchſt ſchauerlichen Anblick gewährte. Seitdem und ſeit der gegen mich erlittenen Niederlage war der Muth ſeines Volkes gebrochen, und ich kam dem unterdrückten und ſchlechtbehan⸗ delten Stamm der ungeſchwänzten Affen fortwährend zu Hilfe, indem ich unter ihren Bedrückern mit meinem Feuergewehr furchtbar aufräumte, bis ſich die ungeſchwänzten ermannten, das ihnen auferlegte Joch ab⸗ ſchüttelten, ihre Unterdrücker angriffen, ſie aus dem Palmenwalde hinausſchlugen und ſich nun hier als Herren feſtſetzten. Es war eine dreitägige Schlacht, und furchtbar war das Geziſche, Geheul, Gekreiſche, Gewinſel, womit die unter einander ſich durch Beißen und Kratzen zerfleiſchenden Parteien die Inſel erfüllten. Mein Hector und ich mit meiner Flinte waren fleißig dabei und thaten vielleicht das Meiſte, indem wir Hunderten den Garaus machten. Der Reſt der Beſiegten zog ſich in einen fernen Theil der Inſel zurück. 1 d, der ar jetzt ekannte ng be⸗ brigens Gebell, Innere erjagen. druͤckten annahm, mit der in aller munge⸗ r einige ßes auf erthanen abe das n einem kt, und ein Grab d Bruſt Seitdem ih ſeines üübehim⸗ ndem ich nenwalde war eine ckreiſche, Kratzen ih m Meiſte Beſiegten — 79— Unter den Liebkoſungen der Befreiten wäre ich beinahe erlegen. Die Aeffinnen wanden mir Palmenkronen, ſetzten ſie mir aufs Haupt und tanzten in wildpoſſierlichen Sprüngen um mich her, ja die ſchönſten und jüngſten umarmten und küßten mich, was mir gar nicht ſo angenehm war, als es ihnen ſein mochte. Als ich folgenden Mor⸗ gens vom Lager aufſtand und auf das Verdeck trat, fand ich das ganze Schiff mit Blumenguirlanden umhangen, und eine Deputation junger Aeffinnen begrüßte mich mit einem ganz curioſen, in den höchſten Tonlagen und Fiſteltönen vibrirenden Geſchrei, das wohl eine Feſthymne vorſtellen ſollte. Eine derſelben trat dann hervor, ſtammelte eine Reihe von ſeltſamen Tönen und begleitete ſie mit Gebärden, daß ich nicht zweifeln konnte, es ſei dies die Declamation eines in der Affenſprache verfaßten Preis⸗ und Lobgedichts, das für den, der es verſtand, einen ſehr tiefen Sinn haben mochte, mich aber um ſo mehr zum Lachen reitzte, da die Vortragende ſich eine auf dem Schiffe vor⸗ gefundene Nachtmütze aufgeſetzt und ein paar Glacéhandſchuhe an die Tatzen gezogen hatte, mit denen dieſes Naturkind in einer Weiſe zu coquettiren wußte, welche einer europäiſchen Salondame nicht zur Unehre gereicht haben würde.. Im Laufe deſſelben Tages machte ich noch eine merkwürdige Ent⸗ deckung. Die Spur eines Wildes verfolgend ſtieß ich plötzlich in einem bis dahin von mir nicht betretenen Theil der Inſel auf eine Art Bau, aus Pfählen und aufeinandergelegten Steinen in roheſter Weiſe errichtet und mit einem niedrigen Eingang verſehen, der mir beim Hineinſchauen einen Anblick gewährte, welcher mir unwillkür⸗ lich einen ſolchen Schrecken einflößte, daß ich entſetzt zurückfuhr. Was ich erblickte, war nämlich ein ſchon ſehr zerfallenes bemooſtes menſch⸗ liches Gerippe, und jeder Leſer wird es ſehr natürlich finden, daß ein ſolcher unerwarteter Gegenſtand in dieſer Einſamkeit einen für den erſten Augenblick höchſt unheimlichen ſchreckhaften Eindruck auf mich machen mußte. Alſo doch Menſchenfreſſer, wenn nicht auf dieſer, doch auf einer benachbarten Inſel! war der erſte Gedanke, der mir einfiel. Da der Bau aus mehreren Abtheilungen beſtand und ich nicht wiſſen konnte, ob nicht etwa auch ein lebendes Weſen, vielleicht ein Kanibale, darin hauſe, ſo drang ich nur mit äußerſter Vorſicht in das Innere, — 80— immer meinen Hector voranſchickend. Ich fand in der erſten Abthei⸗ lung eine Art Vorrichtung, welche als Kochherd benutzt worden zu ſein ſchien, in der zweiten eine Steinbank, die dem Eigenthümer als Lager gedient haben mochte, und in der dritten eine Anzahl roh aus Holz oder Steinen gearbeiteter Waffen: Bogen, Pfeile, eine Schleuder und Aehnliches. Auf einem an der Wand befeſtigten Brett lag, neben einigen Gefäßen aus Holz, ein Buch, ſehr zerleſen, das ich haſtig er⸗ griff; es war, wer ſollte es denken? ein Buch in deutſcher Sprache, eine poetiſche Blumenleſe aus dem Anfange unſeres Jahrhunderts! Bei näherer Anſicht begegnete mein Blick auf der innern Seite des Buchdeckels einigen faſt erloſchenen Zeilen, offenbar mit Bleiſtift geſchriebene, den der Verunglückte beim Schiffbruch bei ſich geführt und bis zu ſeinem Tode aufbewahrt haben mochte. Es koſtete mir Mühe, noch einige Worte und zwar folgende herauszubringen:„Ich Michael Schöpplitz, Seifenſiedergeſelle aus...... 10. Mai 1804...... Schiffbruch...... hier zugebracht...... Gewiſſensbiſſe...... dem Ende nahe.... Gebeine...... ehrliches Begräbniß...... Palmbaum hinter...... 4 Das war Alles, was ich mit größter Mühe herausbringen konnte. Offenbar hatte der Unglückliche am 10. Mai 1804 hier Schiffbruch gelitten, eine Reihe von Jahren auf der Inſel„zugebracht“,„Gewiſſens⸗ biſſe“ über ſein Fortgehen nach Amerika gehabt, dann„dem Ende nahe“ dieſe Zeilen geſchrieben und den, der ſeine„Gebeine“ etwa fände, gebeten, ihnen ein„ehrliches Begräbniß“ unter dem„Palm⸗ baum hinter“ der Behauſung zu geben. Da ich gerade nicht mit den nöthigen Werkzeugen zur Bereitung einer Gruft verſehen war— denn wer denkt auch an ſo etwas?— beſchloß ich, ein andermal den letzten Willen des Unglücklichen zu erfüllen; für heute begab ich mich jedoch zu meinem Schiffe zurück, da dieſer Vorfall mir für den Augen⸗ blick alle Luſt zur Fortſetzung meiner Jagd benommen hatte. Die Gefäße und Waffen, die der Unglückliche ſelbſt verfertigt, und das Buch, das er nicht verfertigt hatte, nahm ich als Andenken mit mir. Jetzt wurde es mir auch mit einem Mal klar, woher die Papageien die deutſchen Schimpfworte aufgeſchnappt hatten, die ich von ihnen zu meinem großen Verdruß und Aerger hören mußte. Ohne Zweifel 8 n Abthei⸗ vorden zu üümer als roh aus Schleuder ag, neben haſtig er⸗ Sprache, aderts! em Seite t Bleiſtift führt und nir Mühe, Michael .. .. en konnte. Schifbruch gewiſſens⸗ dem Ende ne“ etwa n„Palm⸗ t mit den war ermal den ich mich en Augen⸗ tke. Dt und das mit mir, Papageien ihnen zu e zueſſl — 31— hatte Michael Schöpplitz in Stunden des Mißmuths deutſche Fluch⸗ und Schmähworte ausgeſtoßen, die vielleicht(wie ich wenigſtens damals annahm) auf irgend eine entfernte Perſon gemünzt waren, welche ihn übervortheilt, betrogen, gekränkt und vielleicht zu dem Entſchluſſe, in Amerika ſein Glück zu ſuchen, veranlaßt hatte. Die Papageien, die Großeltern der jetzigen, hatten ſie ſich gemerkt; ihre Kinder ſie ihnen und ihre Enkel ſie wieder dieſen abgelernt. So erklärte ſich mir, was mir anfangs ſo räthſelhaft ſchien, nun auf die einfachſte Weiſe. Und in dieſer einfachen Weiſe erklärt ſich zuletzt Alles in der Welt. Aber in dieſem Falle ſollte es ſich ſpäter doch noch etwas anders erklären. D. B. X. Fritz Beutel, v. Marggraff. 6 Sechstes Kapitel. Die Auſter iſt eine Welt für ſich, kühl, tief, gedankenvoll, eine harmoniſche, ungegliederte, ge⸗ genſatzloſe Einheit So iſt auch ihr Geſchmack ein durchaus gegenſatzloſer, harmoniſcher, einheit⸗ licher, am reinſten, wenn man ſie in ihrem Na⸗ turzuſtande genießt, nicht nachdem ſie durch die verſchiedenen Stadien der künſtlichen Zubereitung, des Schmorens oder Backens hindurch getrieben worden. Mit jeder Auſter, die du ſchlürfſt, ſchlürfſt du auch deinen Antheil am Ocean. Ein Denkmal dem Wohlthäter der Menſchheit, der zuerſt die Auſtern genießbar fand— ein Denkmal auf einem Piedeſtal von Auſterſchaalen! Ich ſelbſt ſubſcribire darauf mit einem Dutzend Auſtern. Rumohr's„⸗Geiſt der Kochkunſt.“ Es gibt— und nicht blos in des Himmels Höhen, Nein, auf der Erde ſchon— ein Wiederſehen, Bei dem man halb ſich freut und halb erſchrickt. Tiedge. Die Inſel war mir in Folge dieſer Entdeckung für die nächſten Tage doch ein wenig verleidet. Sich in der Nähe eines Menſchen⸗ gerippes zu wiſſen, wenn man ſonſt von aller menſchlichen Geſellſchaft abgeſchloſſen iſt, hat etwas Unbehagliches und Unheimliches, zumal ſich mir der Gedanke, dereinſt vielleicht auch ſo einſam und verlaſſen ſterben zu müſſen, zum erſten Male lebhaft aufdrängte. Mehr als einmal war ich im Begriff, mit einer Kohlenſchaufel verſehen(denn ein anderes Werkzeug beſaß ich für dieſen Zweck nicht) mich auf den Weg zu machen, um meinem und meiner Leſer unglücklichen Lands⸗ mann die letzte Stätte zu bereiten, und immer wieder hielt mich eine geheime Macht davon zurück. Ich brachte alſo die nächſten Tage auf dem Schiffe zu, ſtudirte in dem aufgefundenen löſchpapiernen Buche deutſche Lyrik, lernte ſo „kühl, titf gliederte, ge⸗ eſchmack cher, inheit⸗ n ihrem Na⸗ ſe durch die ein Denkmal er zuetſt die al auf einem ſt ſubſcibite schkunſt.“ mels Höhtn/ edetſehen, alb erſchiick. Tiedge. ie nächſten Menſchen⸗ Gefelſchft — 83— und ſo viel Gedichte auswendig, weil ich nichts Beſſeres zu thun wußte, und begriff damals zuerſt, daß die deutſche Poeſie doch zu etwas nütze ſei. Auch Hector mit ſeiner Treue und Dienſtfertigkeit und die kleine Griſeldis mit ihren poſſierlichen Geberden und Sprüngen, thaten das Ihrige zu meiner Zerſtreuung. Noch mehr aber zog mich das Meer mit ſeiner ewigen rollenden Bewegung und ſeiner erhabenen Unermeßlichkeit von meinen trüben Vorſtellungen ab, deren düſteren Mittelpunkt ſtets das häßliche bemooste Todtengerippe bildete.— Die See ſah mit ihrem tiefdunkelblauen Auge ſo verlockend und verführeriſch zu mir empor, daß ich endlich der Verſuchung nicht wider⸗ ſtehen konnte, einen Ausflug in ſie hinaus zu wagen. Ich habe näm⸗ lich vergeſſen zu berichten, daß das große Rettungsboot, und zwar in vollkommen erhaltenem Zuſtande, ebenfalls an das Land geworfen war. Dieſes machte ich flott, verſah es mit den nöthigen Lebensmitteln, beſtieg es in Geſellſchaft meiner beiden Freunde, Griſeldis und Hector, und ruderte auf einen entfernten Punkt los, der, ſoweit ich mit mei⸗ nem vortrefflichen Geſicht zu erkennen vermochte, ein kleines Felſen⸗ eiland war. So etwas Aehnliches war es auch, wenn auch nicht ganz. Die Wirklichkeit entſpricht niemals unſern Vorſtellungen genau, ich möchte ſagen ſie deckt ſie nicht ſo, wie in einem Buche das nachfolgende Blatt das vorhergegangene deckt. Was ich für ein Felſeneiland gehalten hatte, war nichts als eine Gruppe aus dem Meere hervorragender höher Klippen mit einer Art kleinem Vorland, welches aber— wer ſchildert meine freudige Ueberraſchung!— im Grunde nichts mehr und nichts weniger war als eine Auſternbank von enormer Ausdeh⸗ nung; ja, als ich die Klippen näher betrachtete, erkannte ich, daß auch ſie aus nichts Anderem beſtanden als aus thurmhoch über einander geſchichteten, zu den wunderlichſten, pittoreskeſten Formen gruppirten Auſtern. Auf der Inſel hatte ich vergebens nach ihnen geforſcht, und hier traf ich ſie in zahlloſer Menge, eine ganze Gebirgswelt von Auſtern. Ihre Schaalen waren ſo durchſichtig wie zwei mit den in⸗ nern Flächen aneinander gelegte Glasteller, ſo daß man durch ſie hin⸗ durch das ſüße quabbelige Geſchöpfchen in all ſeiner Appetitlichkeit erblicken konnte. Ja, ſie waren ſo dünn, daß man zu ihrer Oeffnung 6* — 8&— leines Meſſers bedurfte und daß es hinreichte, ſie mit einem Hauche des Mundes aufzublaſen wie Mohnblättchen. Den Geſchmack dieſer Auſtern will ich nicht ſchildern, denn ſo etwas will eben geſchmeckt ſein und kann nicht beſchrieben werden. Ueberhaupt halte ich mit allen Koryphäen der Gaſtronomie und Gaſtroſophle, mit einem Grafen d'Orſay, Lord Marcus Hill, W. Stuart, Sir Alexander Grant, Lady Morgan, mit den ehrwürdigen Verfaſſe⸗ rinnen des Leipziger und des Augsburger Kochbuchs den Geſchmack für den höchſten der menſchlichen Sinne. Der Dichter kann uns eine Gegend mit aller Anſchaulichkeit ſchildern, er kann uns durch Worte das Rollen des Donners, das Heulen des Sturmwinds, das Brauſen des Waſſerfalls, das Säuſeln der Abendluft vor das Ohr zaubern, er kann uns ſogar ſagen, wie eine Blume duftet, aber wie eine Auſter ſchmeckt, das zu ſchildern iſt ihm nicht möglich, und wäre er zwanzig Mal ein Dante, Milton oder Klopſtock. Daher ſtehen mir aber auch die Herren von Rumohr und von Vaerſt viel höher als dieſe Dichter, als Shakſpeare, Goethe und Schiller, weil ſie Prieſter waren in der allein ſelig machenden Kirche der feinern äſthetiſchen Kochkunſt, obſchon ſie zu jenem Volke, dem deutſchen, gehörten, von welchem jener fran⸗ zöſiſche Koch in Dresden als Erwiderung auf die Frage, warum er während ſeines Aufenthalts von achtzehn Jahren kein Wort Deutſch gelernt habe, richtig oder unrichtig bemerkte:„A quoi bon apprendre la langue d'un peuple qui ne possède pas une cuisine 2 Eo⸗ viel iſt richtig, daß die Eroberungszüge der franzöſiſchen Sprache mit den Eroberungszügen der franzöſiſchen Küche im genaueſten Zu⸗ ſammenhang ſtehen, da ja beide es mit der Zunge zu thun haben, und daß die Machtſtellung eines Volkes durchaus von der Macht⸗ ſtellung ſeiner Küche abhängig iſt. Man crobert die Welt nicht mit Sauerkraut, aber mit feinen poetiſchen Saucen, Fricaſſées und Paſteten. Nachdem lich meinem Magen mit einigen hundert Stück Auſtern ein vorzügliches Feſt bereitet und auch mein alles nachahmendes klei⸗ nes Aeſſchen unter poſſierlichen Verzerrungen der Geſichtsmuskeln einige Dutzend geſchlürft hatte, ſchritt ich zur Beſitznahme auch dieſes köſtlichen Fleckchens und nannte es Erzherzogthum Klein⸗Auſtria, auche dieſer mmeckt und tuart, faſſe⸗ mack eine Vorte auſen bbern, uiſter anzig auch ſichter, n der ſſchon fran⸗ um er eutſch endre Eo⸗ he mit Zu⸗ haben, Nacht⸗ nich s und luſtern z klei⸗ uskeln dieſes kuſtria, -85— wozu mir das Wort Auſter durch ſeinen Klang Anleitung gab. So legte ich meinem kaiſerlichen Titel einen neuen erzherzoglichen zu. Eben wollte ich meinen Stock mit der beutelländiſchen Flagge in einer lockern Schicht Auſtern aufpflanzen, als ich zu meinem höchſten, in meiner Eigenſchaft als Kaiſer muß ich ſagen allerhöchſten Erſtaunen, von der Höhe der einen Auſternklippe mir die Worte zurufen hörte: Alter Junge! Alter Junge! Wie kommt Ihr denn hierher? Vor Erſtaunen ließ ich den Stock mit der Reichsflagge aus der Hand fallen— was mir kein günſtiges Omen zu ſein ſchien— und blickte nach der Stelle, von wo dieſe ſo zutraulichen Worte herabtönten. Da ſtand Kriſchan Schroop, wie er leibte und lebte, nur ein we⸗ nig abgezehrt, bleich und hohläugig. Indeß war ich niemals der Mann, mich von einer Situation, ſo unerwartet ſie auch ſein mochte, überraſchen und in Verwirrung ſetzen zu laſſen. Zwei Umſtände waren es, die mir die Freude, welche mir dieſes Wiederſehen unleugbar gewährte, nicht wenig verbitterten. Zu⸗ vörderſt mißfiel mir der zu vertrauliche Ton, den ich mir nicht ge⸗ fallen laſſen durfte, ohne mich in meiner jetzigen Stellung erheblich zu compromittiren. Sehr wahrſcheinlich glaubte Kriſchan Schroop, daß gemeinſames Unglück alle Unterſchiede der Verhältniſſe aufhebe, und daß ſein vertrauliches Ihr mir daher ganz angenehm ins Ohr klingen werde, was aber, wie bemerkt, keineswegs der Fall war. Als⸗ dann begriff ich, daß Herr Schroop an ſein Schiff Anſprüche erheben würde, die ich der Sachlage nach als erloſchen betrachtete und be⸗ trachten durfte. Ich gab mir daher die Miene, als könnte mir der Zuruf Schroop's gar nicht gegolten haben, wendete mich um und bückte mich, um noch einige Auſtern aufzuleſen und zu verſpeiſen. Dieſe erkünſtelte Gleichgiltigkeit hatte den erwarteten Erfolg; denn mit ängſtlicher, faſt ſchmerzlicher Stimme rief Kriſchan mir zu: Aber beſter, liebwertheſter Herr Beutel, kennen Sie mich nicht mehr oder wollen Sie mich nicht kennen? Haben Sie denn meine Ihnen gezeigte Freundſchaft ganz und gar vergeſſen? Bedenken Sie doch die elende Lage, in der ich mich befinde, und thun Sie, ich bitte Sie flehentlich, zu meiner Erlöſung, was Sie thun können. Noch — 86— ein theures Weſen wird ſeine holde Stimme mit der meinen vereinen. Warten Sie nur einen Augenblick! Damit trat er in eine runde Höhlung zurück und erſchien bald darauf mit einem zitternden halb ohnmächtigen Frauenzimmer, das bittend, aber unfähig zu ſprechen, ſeine Arme nach mir ausſtreckte. Zu meinem ganz beſondern Erſtaunen erkannte ich in dieſer weiblichen Geſtalt jenes Frauenzimmer, das, wie ſchon früher erzählt, ein Anfall von Seekrankheit einmal in meine Arme geführt hatte. Herr Beutel, rief Schroop, laſſen Sie dieſe Thränen, die aus den reinſten Augen fließen, Ihr ſo menſchenfreundliches Herz rühren! Den⸗ ken Sie an die Cognac's, mit denen ich Sie, ohne Bezahlung zu fordern, während unſerer bis zuletzt ſo vergnüglichen Seefahrt bewirthet habe. Es iſt Marie Windelmeier, es iſt meine mir nun verlobte Braut, die ich die Ehre habe Ihnen vorzuſtellen. Gegen Damen, zumal wenn ſie ſich im Unglück befanden, habe ich mich ſtets mit geziemender Ritterlichkeit benommen. Ich verbeugte mich aufs artigſte, zog ſogar meine Mütze und ſagte: Gratulire! Indeß, Herr Kapitän, die Verhältniſſe haben ſich ein wenig geändert, ſeit ich zum letzten Male die Ehre hatte, Sie zu ſehen. Ich bin nicht mehr der einfache Fritz Beutel, als welchen Sie mich kennen lernten; ich bin jetzt einer von„Gottes Gnaden“, kaiſer⸗ liche Majeſtät, Erbkaiſer von Beutelreich, Erzherzog von Klein⸗Auſtria, und Selbſtherr aller Beutelreicher. Ich muß Sie daher erſuchen, Herr Kapitän, mich in, allen Reichsangelegenheiten— zu denen ich Ihre und Ihrer Mamſell Braut Anſäſſigmachung in meinen Reichslanden rechne— mit dem mir geziemenden Titel„Sire“ oder„Ew. Majeſtät“ anzureden! Auf dieſe im Gefühle meines Rechts und meiner kaiſerlichen Würde mit feſter Stimme vorgetragene Anſprache riß Kriſchan Schroop zwar die Augen weit auf, aber da er wußte, daß mit mir nicht zu ſpaßen ſei, und da ihm vor Allem daran lag, aus ſeiner kläglichen Lage be⸗ freit zu werden, antwortete er mit kluger Faſſung: Sire, ich werde mich glücklich ſchätzen, mich zu Ihren Unterthanen rechnen zu dürfen, aber damit ich dies kann, bitte und beſchwöre ich Ew. kaiſerliche Majeſtät, mich aus dieſem verdammten Winkel zu be⸗ rreinen. n bald , das treckte. blichen Anfall us den Den⸗ ung zu wirthet erlobte habe rbeugte ich ein Sie zu en Sie kaiſer⸗ kuſtria, , Hetr Ihre landen jeſtät Würde 9 zwar ſpaßen ge be⸗ thanen ire ich zu be⸗ —8/= freien, in dem ich nun bereits ſeit vierzehn Tagen das elendſte, nur durch die Gegenwart dieſes himmliſchen Geſchöpfes(auf Marie Win⸗ delmeier weiſend) etwas verſüßte Leben geführt habe— ein Leben wie nie ein Schiffskapitän es geführt hat. Ich begreife ganz Ew. Majeſtät Stellung, haben Sie aber auch, Sire, die Gnade, meine ganz erbärmliche Lage zu begreifen. Gut, Herr Kapitän! erwiederte ich, ich bin durchaus nicht abge⸗ neigt, Sie Ihrer übeln Lage zu entreißen und Ihnen auf meinem Boote einen Platz zu gönnen. Vorher aber müſſen Sie verſprechen, unter Zuſicherung künftiger Eidesleiſtung, keinen Anſpruch zu erheben auf Alles, was auf der Inſel liegt! Ich brauche wohl nicht erſt hinzuzufügen, daß Kriſchan Schroop ſich höchſt bereitwillig dazu finden ließ, mir dieſe Zuſicherung zu geben, worauf ich ihm winkte, von der Auſternklippe herabzuſteigen, was er dann auch in Begleitung ſeiner Herzallerliebſten that. Als er unten angekommen war, ging ich ihm aufs freundſchaft⸗ lichſte entgegen, forderte an Eidesſtatt ſeinen Handſchlag und ſagte dann: Kriſchan! Es freut mich herzlich, Euch gerettet zu erblicken und mich in Eurer mir ſo lieb gewordenen Geſellſchaft, wie in Ihrer, Fräu⸗ lein Windelmeier! wiederzufinden. Wir wollen jetzt das Ceremoniell ablegen, und ich nehme Euer zutrauliches„Ihr“ an, aber wohl be⸗ merkt, nur für den gewöhnlichen Verkehr. In allen Reichsverhand⸗ lungen und rein ceremoniellen Angelegenheiten müßt Ihr aber meine Stellung reſpectiren und die mir gebührenden formellen Rückſichten beobachten. Im Uebrigen bin ich Euer wohlgewogener Herr und Kai⸗ ſer und ernenne Euch hiermit zu Sr. Excellenz meinem Marinemi⸗ niſter, erſtem Admiral meines Reichs und Generalinſpector meiner Häfen, Schiffswerfte und Seefeſtungen! Ich glaube, daß ihm bei dieſen Worten ganz wirbelig und ſchwin⸗ delhaft zu Muthe wurde, denn er blickte mich ganz duſelig an, meine kaiſerliche Geſtalt von Kopf bis zu den Füßen muſternd, und er würde mich wahrſcheinlich ſo noch längere Zeit angeblickt haben, wenn nicht Hector zu ſeiner höchſten Freude und Ueberraſchung an ihm emporge⸗ ſprungen wäre und ihm ſeinem alten Herrn, die Freude über dieſes — 8 unverhoffte Wiederſehen aufs lebhafteſte ausgedrückt hätte. Indeß kehrte das Thier, wie von Reue ergriffen, ſehr bald wieder zu mir zurück, um mir ſeine Anhänglichkeit in wo möglich noch lebhaftern Aeußerungen zu bezeugen. Schroop ſah im Ganzen wie im Einzelnen begreiflicher Weiſe ſo heruntergekommen aus, daß mich das tiefſte Mitleid mit ihm ergriff; aber wie leuchtete ſein Auge, wie hob ſich ſeine ganze Geſtalt, wie rötheten ſich ſeine Wangen, als ich eine Flaſche mit Cognac, ſeinem Lieblingsgetränk, aus der Taſche zog und ſie ihm in Begleitung eini⸗ ger Schiffszwiebacke mit den Worten darreichte: Da, nehmt, Kriſchan! das iſt Herzens⸗ und Magenſtärkung zugleich! Ihr ſeht ja ganz miſerabel aus, daß es zum Erbarmen iſt. Stärkt Euch zu den hohen Functionen, zu denen ich Euch berufen habe! Der gefühlvolle Menſch träufelte zuvörderſt ſeiner Braut einige Tropfen auf ein Stück Schiffszwieback, was ihr außerordentlich wohl zu bekommen ſchien, nahm dann ſelbſt einige Schluck, ſchüttelte ſich, nahm wieder einige, ſchüttelte ſich von Neuem, nahm dann noch ſein paar, ſchüttelte ſich zum drittenmal— und die Flaſche war leer. Iſt mir doch, ſagte er ſchmunzelnd, als wäre das von meinem Cognac. So einen guten alten führte kein anderer als ich auf ſei⸗ nem Schiffe.— Er hatte eine feine Zunge, der wackere Kriſchan Schroop, und dabei ein ganz beſonderes Unterſcheidungsvermögen für ſein Eigenthum! Nachdem ich halb ſcherzhaft gefragt, ob ſie auch Habſeligkeiten mitzunehmen hätten? und dies von Kriſchan Schroop mit halb komi⸗ ſcher halb weinerlicher Miene verneint worden war, ſtiegen wir, nach⸗ dem wir uns noch mit einer tüchtigen Ladung von Auſtern verſehen, alleſammt ins Boot und ſtießen ab. Die kleine Griſeldis ſchmiegte ſich, wie ich ſah, ſofort ſehr herzlich an die Frau Marineminiſterin an und ich ſtellte ſie ihr als ihre künftige Kammerjungfer vor, was die Miniſterin als Scherz aufnahm, ich aber ganz in Ernſt gemeint hatte, denn ich kannte die Gelehrigkeit und die mancherlei Talente der kleinen Aeffin, die bei vielen Gelegenheiten ihre Putzſucht darge⸗ than hatte, mithin ſich zu einer Kammerjungfer ganz beſonders zu qualificiren ſchien. Indeß mir aftern iſe ſo grifß wie einem eini⸗ gleich Stärkt anige wohl 3 ſich, ein einem f ſei⸗ hroop, ſein gkeiten komi⸗ nach⸗ ſehen, niegte ſſterin was meint alente dargk⸗ 9s 34 89 Während der Fahrt erzählte mir Kriſchan Schroop ſeine letzten Schickſale. Was zuletzt mit und auf dem Schiffe vorgegangen, wuß⸗ ten Beide nicht mehr, denn ſie waren von dem Getobe der Elemente, der Angſt und Todesfurcht und Kriſchan Schroop von noch etwas Anderem betäubt. Beide erwachten aus ihrer Ohnmacht mitten in der See und fanden ſich zu ihrem Schreck wie zu ihrem Erſtaunen, mit den Geſichtern gegen einander gekehrt, rittlings auf einer Tonne ſitzen, die wie von einer geheimen Macht auf den Wellen flott ge⸗ halten und den Auſternklippen entgegengetrieben wurde. Die Tonne wurde an die Auſternbank geſpült und ſie ſtiegen von ihrem ſeltſamen Roſſe ab, Beide ſo erſchöpft, daß, wie ſie verſicherten, ihre Kräfte, ſich oben zu halten, nur für wenige Minuten noch ausgereicht haben wür⸗ den. Hier friſteten ſie ihr Daſein von Auſtern und einer Art See⸗ tang, der auch roh genießbar war, etwa wie bei uns der Schnittlauch, und auch nicht viel beſſer ſchmeckt. Die größte Wohlthat war für ſie die mit Trinkwaſſer für die Seereiſe gefüllte Tonne, die aber, eine Viertelſtunde vor meiner Ankunft, von einem wüthend gewordenen Haifiſche, der ſich zu lange auf der Oberfläche des Meeres gehalten und dadurch den Sonnenſtich bekommen hatte, mit einem furchtbaren Schlage ſeines Schwanzes in lauter Stücke zertrümmert worden war. Sie ſelbſt hatten gegen Wind, Wetter und Sonnengluth in jener Auſternhöhle Schutz gefunden, die ſie ſich allmälig ſelbſt mit außeror⸗ dentlicher Mühe gebildet hatten, indem ſie die Auſtern mit größter Vor⸗ ſicht ablösten, bis eine Höhlung entſtanden war, tief genug, um ſich darin auszuſtrecken. Da ſie die Auſtern, welche gerade an dieſer Stelle am ſchmackhafteſten waren, zugleich ausgeſchlürft hatten, ſo kann man mit Wahrheit ſagen, daß ſie ſich in den Auſternberg im wört⸗ lichſten Sinne hineingegeſſen hatten. Die erhabene Stelle hatten ſie zur Bereitung der Höhle deßhalb gewählt, weil ſie hier vor den Haifiſchen am ſicherſten zu ſein glaubten. Dieſe pflegten ſich nämlich um die Auſternbank in großen Schaaren aufzuhalten und fühlten ſich von der köſtlichen Witterung von Menſchenfleiſch ſo angezogen, daß ſie ſich mit erſtaunlicher Kraft nicht ſelten auf Entfernungen mehrerer Ellen auf die Auſternbank ſchleuderten, hier furchtbar herumwirthſchaf⸗ teten, aus Wuth, ihr Ziel nicht erreicht zu haben, einige tauſend — 90— Auſtern mit ihrem gewaltigen Gebiß zerknackten und ſich dann wieder ins Meer zurückſchnellten. Die Fahrt bis zur Inſel ging vortrefflich von ſtatten, und wenn ich erwähne, daß ich unterwegs einige Dutzend uns angreifender Haifiſche mit dem Ruder dermaßen zurichtete, daß ſie das Wieder⸗ auftauchen vergaſſen, ſo erwähne ich dies nur der hiſtoriſchen Ge⸗ nauigkeit wegen. Wir legten endlich an der Amphitrite an, die von Kriſchan Schroop ſchon in weiter Entfernung mit geſpannteſter Aufmerkſamkeit betrachtet worden war. Als er aber nun nicht mehr in Zweifel ſein konnte, das Schiff ſei kein anderes als ſeine verloren geglaubte„Amphitrite“, brach er in einen mehr als Schroop'ſchen Jubel aus und unter Freu⸗ denthränen rief er einmal über das anderemal: Ach, meine Amphitrite! meine Amphitrite! Mehr wußte er nicht vorzubringen, und es war auch vollkommen genug. Mit geſetzter Würde bemerkte ich ihm: Kriſchan Schroop! Ihr habt mir Euren Handſchlag darauf gegeben, auf nichts Anſpruch zu machen, was auf dieſer Inſel liegt! Und Eure„Amphitrite“ liegt, Ihr ſeht es, auf der Inſel! 2 Ein Mann, ein Wort! ſagte, aber ſeufzend und mit niedergeſchla⸗ gener Miene, Kriſchan Schroop. » Siebentes Kapitel. Der Grad des Beſitzrechts richiet ſich nach dem Beſitze ſelbſt. Iſt ein Beſitzthum an Umfang klein, ſo iſt natürlich auch das Beſitzrecht an Um⸗ fang klein; es erweitert ſich, jenachdem ſich der Beſitz erweitert. Die Hauptſache iſt, daß man zu beſitzen ſucht; alles Uebrige findet ſich. Denn das Recht erzeugt nicht den Beſitz, ſondern der Beſitz das Recht. Thibaut. Ein herrliches Geſchäft— das des Recenſenten wie das des Todtengräbers! Der Recenſent deckt die Sünden Anderer auf, der Todtengräber zu. Wolfgang Menzel. Das Boot ſtieß ab. Marryat. Ueber die nächſten Tage darf ich mich kurz faſſen, da ſie fein bür⸗ gerlich und ohne beſonderen Zwiſchenfall verliefen. Marie Windel⸗ meier hatte ſehr viel zu thun, zu ſtopfen, zu ſtricken, zu nähen, zu kochen, und da ſie wie alle deutſche Mädchen in gewiſſen Jahren(ſie hatte bereits gegen drei Decennien hinter ſich) den Brautſtand von der praktiſchen Seite nahm, ſo verrichtete ſie dieſe Dinge mit jener Emſigkeit und Unverdroſſenheit, wodurch ſich deutſche Bräute in ſolchen Geſchäften auszuzeichnen pflegen. Wenn wir Mittags von der Jagd mit einem Hunger, der uns alle Ehre machte, an Bord zurückkehrten, fanden wir ſtets ein nach den Principien europäiſcher Kochkunſt lecker bereitetes Mahl vor, um das uns, die Qualität der beutelländiſchen Vegetabilien und Animalien in Anſchlag gebracht, die verwöhnteſten Feinſchmecker Europa's beneidet haben würden. Dann wurde Sieſta gehalten, hierauf eine Schaale feinſten beutelländiſchen Kaffees geſchlürft! und der Abend in heitern Geſprächen bei einer Bowle Grogs auf dem Verdeck zugebracht. Nachdem dies vollbracht, wankte der Herr Bräutigam, ſeiner Füße nicht mehr ganz ſicher, ſeinem Lager zu, wäh⸗ — 92— rend ich mich in meine Koje begab, um, wie ich vorgab, noch eine Stunde im Cabinet zu arbeiten und Regierungsgeſchäfte zu erledigen, in der That aber, um auch mein ſo vielfach in Anſpruch genommenes Haupt auf den Pfühl niederzulegen und ihm die wohlverdiente Ruhe zu gönnen. Kriſchan Schroop zeigte ſich übrigens etwas ſchwer von Be⸗ griffen, wenn es darauf ankam, ihn über ſeine wie über meine poli⸗ tiſche Stellung aufzuklären. Namentlich waren ſeine Eigenthumsbe⸗ griffe ganz beſonderer Art, ſo lange er ſich im nüchternen Zuſtande befand. Seine Zweifel an der Rechlichkeit meines Beſitzthums nieder⸗ zuſchlagen gelang mir auch in der That mehr mit der Alles überwäl⸗ tigenden Ueberzeugungskraft ſeines feurigen Lieblingsgetränks als mit meinen ohne Zweifel höchſt ſtichhaltigen und ſcharfſinnigen Argumenten. Ihr bezweifelt, ſagte ich ihm eines Abends, mein Anrecht an dieſer Inſel, meine kaiſerlichen Privilegien. Nun ſeht, Kriſchan! Als der erſte Menſch, als Adam geboren, d. h. aus einem Erdenkloß geknetet wurde, hatte er doch wohl ein Recht, das Recht des erſten Beſitzer⸗ greifens, an Allem was er um ſich ſah. Eden war ſein Eigenthum, denn es war Niemand da, der es ihm ſtreitig machen konnte. Was da kroch und flog, was da blühte und Früchte trug, das Alles war ſein. Ja, die ganze Welt war ſein, und hätte er meinen hochfliegen⸗ den Geiſt beſeſſen, ſo würde er die ganze Erde etwa unter dem Titel Kaiſerthum Erdreich und alle nach ihm kommenden Menſchen als ſeine Unterthanen, etwa unter dem Namen Erdreicher nach der Analogie des Wortes Oeſterreicher, zu ſeinem Eigenthume erklärt haben. Indeß er hatte dieſen Ehrgeiz nicht, er war ein bürgerlicher Philiſter und er freute ſich nur über ſeine Eva, und gewiß mit Recht, da ſie ohne Zweifel ein ſehr hübſches und verführeriſches Frauenzimmer war, auch durch Kochen nicht ihre Hände und durch Romanleſen nicht ihre Phantaſie verdorben hatte, ſondern ſich in der Liebe einfach an die Sache hielt. Er war mit ſeinem Garten Eden zufrieden, darum ver⸗ lor er ihn, denn um etwas, was man hat, auf die Dauer zu beſitzen, muß man immer mehr haben wollen. Das iſt mein Grundſatz, deſſen Richtigkeit tauſend Beiſpiele in der Becker'ſchen Allgemeinen Weltge⸗ ſchichte wie im bürgerlichen Leben beweiſen. Nun ſeht, Kriſchan! ich — 93— bin der Adam dieſer Inſel. Ich habe von ihr Beſitz ergriffen, weil Niemand in ihrem Beſitze war, und es wird nur darauf ankommen, daß und wie ich mich in ihrem Beſitze zu erhalten weiß. Schon recht, bemerkte Kriſchan hierauf; auch wollte ich Euch die Inſel gern überlaſſen; aber daß Ihr ſo ohne Weiteres auch meine Amphitrite als Euer Eigenthum betrachtet, das will mir doch nicht in den Kopf. Ei, Kriſchan! erwiederte ich, da müßt Ihr doch einen recht dicken Kopf haben. Die Inſel iſt mein, das gebt Ihr ja ſelbſt zu, nun ſo iſt auch Alles mein, was an ihren Strand geworfen wird. Ohne daß Euer Schiff— inſofern es wirklich das Eurige ſein ſollte— an dieſe Inſel geworfen worden wäre, würde es ja doch elendiglich zu Grunde gegangen ſein. Außerdem, wie könnt Ihr beweiſen, daß das Euer Schiff iſt? In einem wohlorganiſirten Staate wie Beutelreich— und dieſer Staat bin ich ſelbſt, l'état c'est moi— muß man auf Ordnung, auf Päſſe, Eigenthumsdeclarationen, Legitimationen halten. Ihr aber habt ja keine Papiere, Ihr könnt Euch ja kaum ſelbſt aus⸗ weiſen, wer Ihr ſeid, wie viel weniger, daß Euch dieſes Schiff gehört. Ihr ſolltet froh ſein, wenn ich auf guten Glauben annahm: Ihr wäret der Kriſchan Schroop, mit dem mich einmal der Zufall zuſam⸗ mengeführt hat, und während Ihr Euch ſelbſt nicht einmal durch die erforderlichen Legitimationspapiere ausweiſen könnt, daß Ihr beſagter Kriſchan Schroop oder wer Ihr überhaupt ſeid, geht Ihr ſogar ſo weit zu behaupten, dieſes herrenloſe, an den Strand meiner Inſel getriebene Schiff ſei das Eure und nicht das meine! Bedenkt, ich werde noch genug zu thun haben, um vor den Behörden meines Reichs nur die Legitimation Eurer eigenen Perſon durchzuſetzen! Das wirkte, zumal da Kriſchan inzwiſchen das gehörige Quantum des ihn allein ſeligmachenden Getränks zu ſich genommen und ſeine Begriffsfähigkeit in genügendem Grunde erweitert hatte. Ja, die Papiere, ſagte er kleinlaut, ſchon ein wenig ſtammelnd, die Papiere! Wer konnte in dem entſetzlichen Sturm auch an die Brieftaſche denken? Mochte ſie zum Henker gehen, da ich ja ſelbſt zum Henker zu gehen meinte! Nun, Sire!(ſo redete mich Kriſchan in der Regel in dieſem Stadium beginnender Verklärung an) nichts für —— — 94— ungut! nichts für ungut! Papiere hin, Schiff hin, Alles hin! Weiß, bin jetzt ein Bettler, ein Nichtsnutz, ein Lump. Excellenz! fiel ich ihm ins Wort, wie vermögen Sie in dieſen unwürdigen Ausdrücken von ſich ſelbſt zu ſprechen, Sie, mein Marine⸗ miniſter und erſter Admiral? Vergeben Sie nichts Ihrer Würde, auch vor mir nicht, Excellenz!. Ach, Sirel ſo ein lumpiger Marineminiſter, ſo eine erbärmliche Excellenz— halten zu Gnaden!— Wenn ſich's überall ſo marineminiſtert wie hier, dann iſt's Lumperei damit. Ein Marineminiſter ohne Marine, ein Admiral ohne Flotte, ein Generalinſpector der Häfen ohne Häfen! Allen Reſpect vor Ew. kaiſerlichen Majeſtät, aber vor einem ſolchen Marineminiſter, und wenn ich's ſelbſt wäre, habe ich keinen Reſpect, mit Reſpect zu ſagen. Wie ich Ew. Excellenz ſchon erklärt habe, bemerkte ich, meine Häfen, Schiffswerften und Seefeſtungen befinden ſich auf der entgegen⸗ geſetzten Seite der Inſel. Es iſt aber ein wildes Volk, das dort wohnt, ein Geſindel von Menſchenfreſſern, das jeden Weißen, der wie Ew. Excellenz ſeine Legitimationspapiere nicht mitbringt, todtſchlägt und mit beſtem Appetit verſpeist. Die Polizeibeamten jenes Volkes halten entſetzlich viel auf ſolche Papiere, und es thut mir außeror⸗ dentlich leid, daß Ew. Excellenz Ihre Documente und Ihren Paß verloren haben. Nun frage ich, ob ich, der ich jenes Volks ſelbſt noch nicht ganz ſicher bin und es nur durch ſo ſchreckhafte Blicke, wie ſie mir allein zu Gebote ſtehen, im Zaume zu halten vermag, se wagen darf, Ew. Excellenz ſchon jetzt jenem menſchenfreſſeriſchen Volke als ſeinen künftigen Marineminiſter vorzuſtellen? Aber wenn Ew. Exeellenz durchaus gefreſſen ſein wollen.— Ums Himmels willen nicht! rief Schroop entſetzt. Nur nicht ge⸗ freſſen werden! Und bei lebendigem Leibe, warf ich dazwiſchen, aber der Menſch gewöhnt ſich an Alles! Iſt man einmal gefreſſen, dann ſchadets das zweite Mal nicht mehr! Nein, Bruder Kaiſerchen, antwortete Schroop, der bereits in ein ſehr erhöhtes Stadium der Seligkeit und Zutraulichkeit getreten war, lieber hier bleiben und Grog trinken ſo viel Ihr wollt. Ich bin * ———-— — 9s ja auch ganz zufrieden, Sirchen! Wenn ich es alle Tage ſo gut haben kann wie heute und dann ſpäter noch ein gutes ſtandesmäßiges Gehalt dazu bekomme, um mich ordentlich einzurichten, ſo will ich Marineminiſterei treiben, daß es eine Art hat. Ein Kerl wie ich als Marineminiſter ohne Flotte iſt hundertmal mehr werth, als eine Flotte ohne Marineminiſter. Und dann haben wir ja unſer Admiral⸗ ſchiff, unſere Amphitrite. Ach, daß ich ſie wieder gefunden habe, die gute liebe Amphitrite(Kriſchan brach in einen Strom von Thränen aus) und daß ich meine Marie habe und daß ſie mich hat und daß wir uns Alle mit einander haben, und daß ich von der verdammten Auſterklippe los bin, wo ich zuletzt ſelbſt eine Auſter geworden wäre, und daß ich nicht mehr rohen Seetang ſpeiſen darf, nein ſaftigen Wildbraten und Beefſteaks und Fiſchpaſteten— Bruderherz, Maje⸗ ſtätchen! das Alles verdanke ich Euch. Ich will Euch auch dankbar ſein in Ewigkeit, denn die Dankbarkeit, Gott weiß es, hat immer zu meinen vielen Laſtern gehört.(Kriſchan wiſchte ſich eine Thräne aus den Augen.) Laßt uns anſtoßen, Brüderchen! Auf gute Kameradſchaft! Da Kriſchan jedoch bald darauf zu jammern begann, daß das Schiff unter unſern Füßen vom Strande zu laufen, und ſich auf den Wellen zu ſchaukeln beginne und der gefürchteten Auſterklippe zutreibe, ſo erkannte ich, daß es die höchſte Zeit ſei, ihn zu Bette zu bringen, was denn auch geſchah. Folgenden Morgens ſtießen ihm zwar wieder allerlei Zweifel gegen meine Mittheilungen auf, ja er ſprach wiederholt den Wunſch aus, allen Menſchenfreſſern zum Trotz meine Beſitzungen, Häfen und Seefeſtungen auf der entgegengeſetzten Küſte kennen zu lernen und zu beſichtigen. Ich unternahm daher, um ſeinen Zweifel niederzuſchlagen, eine dreitägige Wanderung bis nach jenem Theile der Inſel, wohin ſich die geſchwänzten Affen zurückgezogen hatten. Kaum erblickten ſie mich in weiter Ferne, ſo erhoben ſie aus dem Dickicht ein ſo ent⸗ ſetzliches wüthendes Geheul, Gebrüll und Geziſche, daß uns die Ohren davon gellten und Kriſchan, der ganz blaß geworden, mich entſetzt und fragend anblickte. Sehr ernſt ſagte ich ihm: Kriſchan! habt Ihr Muth mit mir zu gehen? Hört Ihr das Geheul der Tauſende von Menſchenfreſſern, — g6— von denen ich Euch erzählte? Folgt mir, wenn's Euch gelüſtet. Ich werde ihnen einige ernſte Blicke zuwerfen, und vielleicht verſchonen ſie Euch; aber große Hoffnung habe ich nicht. Es iſt ſchon einige Zeit her, daß ſie keine Gelegenheit hatten, einen Weißen zu verſpeiſen, und ich werde ihren Hunger nach weißem Menſchenfleiſch nicht bändigen können. Erinnert Euch an das Geripp, das Ihr geſtern ſahet! Es iſt das jenes unglücklichen Menſchen, der ihrer Gier zuletzt zum Opfer fiel. Ich hatte nämlich meinen Kameraden Tags vorher abſichtlich bei der ehemaligen Behauſung des Seifenſiedergeſellen Schöpplitz vorbei⸗ geführt, und durch den Schauder, den ihm der unheimliche Anblick des Skeletts erregt hatte, war ſein Gemüth den Eindrücken der Furcht jetzt doppelt empfänglich. Kriſchan zog mich am Arme nach rückwärts. Thut, was Ihr wollt, rief er, aber mich laßt aus dem Spiele! Ich gehe keinen Schritt weiter. Mein Fleiſch iſt mir zu lieb, um es Canalllen, die ſo fürchterlich ſchreien können, feil zu bieten. Ich beſchwöre Euch, kehrt mit mir zurück, und führt mich nie wieder an dieſe abſcheuliche Stelle! Ich hatte ſomit meinen Zweck erreicht, und wir begaben uns auf den Rückweg. Als wir nächſten Tags wieder bei der Villa Schöpplitz vorbei kamen, ſtellte ich meinem Gefährten die Pflicht der Pietät, den Ge⸗ beinen unſers unglücklichen Landsmanns die letzte Stätte zu bereiten, ſo eindringlich vor, daß er darin willigte, mir Beiſtand zu leiſten. Wir trugen demnach das Gerippe aus dem feuchten modrigen Stein⸗ bau nach dem in dem letzten Willen des Verſtorbenen bezeichneten Palmbaum, der ſich hinter der Villa befand, und begannen im Schatten des Baumes mit den zu dieſem Zwecke mitgenommenen zwei Kohlen⸗ ſchaufeln ein Grab aufzuwühlen, was freilich einigermaßen langſam von ſtatten ging. Wer aber beſchreibt unſer mit einigem Schauder gemiſchtes Erſtaunen, als wir plötzlich mit unſern Kohlenſchaufeln auf noch ein Menſchengerippe und— als ob es an dieſem Skelett nicht vollkommen genug wäre— gleich darauf auf noch eins ſtießen, das ich an ſeinem kleineren zartern Bau ſehr bald als ein weibliches er⸗ — 9,— kannte, ja, als bald darauf ein zierliches Gerippchen zum Vorſchein kam, das offenbar von einem ſehr jung verſtorbenen Kinde herrührte. Jedes der vermöge der chemiſchen Beſtandtheile des Erdbodens ſehr wohlerhaltenen Gerippe hatte einen Strick um den Hals geſchlungen, und an dem Schädel des größern männlichen Skeletts klaffte ein gräßlicher Spalt, der ohne Zweifel von der Schärfe eines beilähnlichen Werkzeugs hervorgebracht war. Meinem Scharfſinne entzog ſich der Zuſammenhang zwiſchen dieſen Skeletten und dem in der Villa Schöpplitz gefundenen nicht. Offenbar hatten hier drei Perſonen, zwei männliche und ein weibliches, Schiff⸗ bruch gelitten und ſich in dem Steinbau häuslich eingerichtet. Das eine der männlichen Individuen hatte mit dem weiblichen ein Ver⸗ hältniß angeknüpft, und die Frucht dieſes Verhältniſſes war ein Spröß⸗ ling geweſen, deſſen Gerippchen hier vor uns lag. Der Seifenſieder⸗ geſelle Schöpplitz, der das Weib ebenfalls lieb hatte ohne auf Erwie⸗ derungen zu ſtoßen, hatte, in einem Anfalle wahnſinniger Eiferſucht, ſeinen Nebenbuhler, deſſen Geliebte und Beider Kind im Schlafe über⸗ fallen, eins nach dem andern ſtrangulirt und dem Manne, der viel⸗ leicht noch Zeichen ſeines Lebens von ſich gab, zu guter Letzt einen Hieb in den Schädel beigebracht. Dieſe Victor Hugo'ſche Tragödie las ich von den vier Gerippen wie aus einem wohl und klar ſtyliſirten Buche ab und theilte meine Vermuthungen meinem Genoſſen Todten⸗ gräber mit. Der Seifenſiedergeſelle Schöpplitz war in ſeiner Einſamkeit, wahr⸗ ſcheinlich unmittelbar nach ſeiner Unthat, von Gewiſſensbiſſen gequält worden, hatte ſich ſelbſt entleibt und kurz vor dem Selbſtentleibungsact, mit dem er ſein Daſein tragiſch ſchloß, jene Zeilen niedergeſchrieben, deren Bedeutung und Zuſammenhang nun IJeder ſehr leicht errathen wird. Meinen Genoſſen ließ ich jedoch bei dem Glauben, daß Schöpp⸗ litz zur Strafe für ſeine That von den Wilden verſpeist worden ſei. Von Entſetzen ergriffen, bereiteten wir ſchweigend das Grab, thaten Gebein zu Gebein, den Mörder mit ſeinen unglücklichen Opfern zu⸗ ſammen. 44 Als ſich die Erde über den Gebeinen unſerer Landsleute geſchloſſen, betete der wackere Schroop ſtill für ſich hin, blickte mich dann bedeu⸗ D. B. X. Fritz Beutel, v. Marggraff. 7 — 98— tungsvoll an, ſagte treuherzig, mir die Hand reichend: Keiner den Andern todtſchlagen! nahm dann einen tüchtigen Schluck Cognac, ſchüttelte ſich und bemerkte: Jetzt iſt Alles in Ordnung! Nun laßt uns gehen! In einer etwas eigenthümlichen Stimmung kamen wir am Bord wieder an, verſchwiegen aber der Braut Kriſchan's, die in großen Aengſten auf unſere Wiederkehr gewartet hatte, den ſeltſamen Vorfall. Wir verbrachten auf der Inſel etwa zwei oder drei Jahre ohne beſondere Zwiſchenfälle, die aufgezeichnet zu werden verdienten, außer daß, wie vorauszuſehen, unſer Kreis eines ſchönen Morgens durch die Ankunft eines kleinen Weltbürgers erweitert wurde, den wir in See⸗ waſſer tauften und Johann nannten. Ich kann verſichern, daß der gemüthliche Kriſchan über ſein Hänschen eine wahrhaft kindliche Freude empfand und äußerte. Was mich betrifft, ſo unternahm ich von Zeit zu Zeit Ausflüge in das Innere, blieb dann einige Nächte aus, und erzählte nach meiner Zurückkunft aus meinen fernen Beſitzungen allerlei Schnurren und Wunderdinge, um meinen Genoſſen beim rechten Glauben an meine Beſitzthümer am Südrande der Inſel zu erhalten. Es ſind die einzigen Lügen, die ich mir in meinem Leben geſtattete; aber in der Politik gibt es im Grunde keine Lügen, inſofern ſie für das einmal angenommene Syſtem nothwendig ſind. Inzwiſchen fing uns dieſes gleichmäßige Leben an allmälig zu lang⸗ weilen, und ich begann ernſtlich meine Gedanken auf ein großes Unter⸗ nehmen zur See zu richten. Einer jemer wunderbaren Vorfälle, an denen mein Leben ſo reich iſt, gab meinen Gedanken eine beſtimmtere Richtung. Als ich eines Tages am Strande ſaß und über meinen Plan brütete, bemerkte ich, wie eine Flaſche an das Ufer geſpielt wurde, die oben feſt verkorkt war und ein Blatt Papier als ihren Inhalt durchſchimmern ließ. Ich hatte nichts Eiligeres zu thun, als die Flaſche zu zer⸗ ſchlagen und das Papier herauszuziehen und zu leſen. Wer beſchreibt mein Erſtaunen, als mir folgende Worte entgegentraten: „Geliebter Fritz! „In einigen Minuten werde ich nicht mehr ſein. Das Schiff, auf dem ich mich befinde, droht in einem entſetzlichen Sturme unterzu⸗ lang⸗ nter⸗ reich Plan urde, nhalt zer⸗ reibt auf 1 —— 99— gehen. Ich habe nur noch ſo viel Zeit und Beſinnung, dieſe wenigen Zeilen durch Peter Silje, den Sohn des Schnipphauſener Nachtwächters, auf das Papier werfen zu laſſen und das Blatt wohlverwahrt in einer Flaſche den Wellen anzuvertrauen, indem ich hoffe, daß ſie ſo freundlich ſein werden, Dir meinen Abſchiedsgruß zuzuführen; ich habe ja keine andere Gelegenheit. Erfahre denn, daß ich nach Deinem Weggange plötzlich fühlte, was ich mit Dir verloren. Die Sehnſucht nach Dir wuchs mit jedem Tage. Endlich konnte ich meinem Verlangen nicht mehr wider⸗ ſtehen. Ich reiste Dir nach, und beſtieg in Bremerhaven ein Schiff, das nach Amerika befrachtet war. Peter Silje war mein Begleiter. Der ſtille Menſch ſehnte ſich aus Schnipphauſen auch hinweg und wollte als alter Schulfreund mich nicht allein reiſen laſſen. Mehr kann ich für den Augenblick nicht ſchreiben, denn der Moment iſt herangerückt, wo das Schiff untergehen muß und ich nur noch Zeit habe, dieſes Blatt unter Couvert, d. h. in die Flaſche zu bringen. Die Seekrank⸗ heit habe ich übrigens nicht gehabt, was mir ſehr lieb iſt und auch Dir zum Troſte gereichen wird. Um Dein freundliches An⸗ denken und ſtilles Beileid bittend, im Tode wie im Leben Deine treue Dich liebende Beate Regina Cordula Veronika Pipermann.“ Darunter ſtanden noch folgende Worte: „Ich, Peter Silje, der„ſtille Menſch“, in deſſen Seele es aber ſehr unruhig ausſieht, habe im Auftrag der Mamſell Pipermann dieſe Zeilen geſchrieben, ihre Gedanken in Ordnung und Form ge⸗ bracht und rufe meinem alten Schulkameraden Gruß und Lebewohl zu, während Sturm und Wogen ſich um unſer Schiff ſtreiten! Gott ſei uns gnädig!“ Nun litt es mich hier nicht mehr. Von Nordweſt war die Flaſche herangeſchwommen, nach Nordweſt mußte alſo die Richtung einge⸗ ſchlagen werden. Vielleicht war die Geliebte doch gerettet, vielleicht war ſie wie ich an eine einſame Inſel verſchlagen worden. Sie hatte nicht einmal die Seekrankheit gehabt, das vortreffliche Mädchen. Oh, eine robuſte Natur war ſie immer geweſen, und das gab mir die Hoffnung, daß ſie die Kraft gehabt haben werde, auch den Untergang des Schiffs zu überſtehen. 7* — 100— Ich theilte Kriſchan Schroop den Plan mit, und dieſer, der langen Nuhe ſchon längſt überdrüſſig, ging mit großem Eifer auf den Plan ein. Das große Boot wurde nun ausgerüſtet, mit Maſt und Segel verſehen und mit Waſſer wie mit Lebensmittel aller Art beladen. Da wir uns in der letzten Zeit ſtark auf Pulverbereitung gelegt hatten, ſo beſaßen wir Pulver in Maſſe— ja, um mit jenem Böſewicht von der Karl Moor'ſchen Mörderbande zu ſprechen, Pulver genug, um die Erde gegen den Mond und, wenn es darauf angekommen wäre, den Mond wieder gegen die Erde zu ſprengen. Eines herrlichen Morgens, den Vortheil einer ſehr günſtigen Briſe aus Südweſten benutzend, ſtiegen wir in das Boot: ich mit dem treuen Hector und der kleinen Griſeldis, Kriſchan Schroop und Maria Windelmeier, jetzige Madam Schroop, mit ihrem Hans. So trieben wir einem ungewiſſen Ziel entgegen, das mir aber ſo beſtimmt vorſchwebte wie dem unerſchrockenen Columbus ſein Amerika, das entſtehen gemußt hätte, auch wenn es nicht vorhanden geweſen wäre: in ſo beſtimmten Umriſſen lag es in ſeinem Geiſte vorgebildet. — 101— Achtes Kapitel. Um die Ecke biegend lief ſie ihm gerade in die Arme, indem ſie ihren Verfolgern zu entgehen trachtete. A. Dumas. Im Kampfe iſt der Erfolg ſtets das Entſchei⸗ dende. Venturini. Nachdem wir uns drei Tage nebſt den dazu gehörigen Nächten ohne Gefährde auf den ſanften Wellen des Occans fortgeſchaukelt, erblickten wir plötzlich beim Anbruch des vierten Tages eine gebirgige Inſel vor uns, deren wunderbar gezackte Berggipfel, zum Theil in Schneemäntel gehüllt, hoch in den Himmel ragten, von der Frühſonne wie mit Schamröthe übergoſſen, als errötheten ſie vor uns bei dem Gedanken, daß wir ſie in früher Morgenſtunde ſo in ihrem Negligé überraſchten. Wir begrüßten den prächtigen Anblick mit jubelnder Freude. Ich ruderte mächtiger darauf los, Kriſchan Schroop nahm vor Entzücken einen Schluck Cognac ohne Anfang und Ende, Madame Schroop ſchob ſich die Nachthaube aus den Augen, um beſſer ſehen zu können, Hänschen ſchrie an der Mutter Bruſt im dreimal geſtrichenen f, Hector bellte ſeine ganze Tonleiter durch und Griſeldis kletterte, poſ⸗ ſierliche Geſichter ſchneidend, am Maſt empor bis zu ſeiner höchſten Spitze, wo ſie, die Vorderarme ausbreitend, wie eine aus Bronze gegoſſene Victoria auf einem Fuße. ſchwebend, ſtehen blieb, bis wir landeten. Wir legten an und waren eben im Begriff, mit unſern Flinten bewaffnet, das neue Land zu inſpiciren, als wir in einiger Entfernung ein wildes Geſchrei und mitten aus dem Getöſe heraus eine ängſt⸗ liche weibliche Stimme, bald ſogar— wer beſchreibt unſer Erſtaunen? — die deutſchen in herzzerſchneidender Angſt herausgeſtoßenen Worte vernahmen: ‚Fritz! Fritz! Wo biſt du? zu Hilfe! zu Hilfe!“ — 102— Fritz iſt da, ſagte ich halblaut zu mir, er iſt immer da, wo man ihn braucht. Und zu meinem Genoſſen mich wendend, rief ich dieſem zu: Kriſchan Schroop! hier gilts der Rettung einer Landsmännin, deren Stimme ich zu erkennen glaube. Vorwärts, das Gewehr in Anſchlag! In Gottes Namen vorwärts! Während Madame Schroop zurückblieb, um das Boot im Auge zu behalten, drangen wir beide mit Hector muthig in die bewaldete Schlucht, die ſich vor uns öffnete und aus welcher der Hilferuf kam, beide entſchloſſen, unſer Leben für die Landsmännin in die Schanze zu ſchlagen, was jedoch nur figürlich zu nehmen iſt, denn eine Schanze war nicht da, in die wir unſer Leben hätten ſchlagen können. Wir waren etwa zweihundert Schritt nach allen Regeln der Stra⸗ tegie wie der Tactik avancirt, als plötzlich um einen Vorhügel her ein weibliches Weſen, athemlos und kaum noch mächtig, ſich auf den Füßen zu halten, mit lang nachflatterndem Haar auf uns los und mir gerade in die Arme ſtürzte! Beate! rief ich; Fritz! rief ſie. Zu weiterer Erörterung hatten wir keine Zeit, denn in kurzem Abſtande ſah ich einen Haufen häß⸗ licher, kupferrother, über und über tättowirter, halbnackter Kerle mit hochgeſchwungenen Beilen und Tomahawks gerade auf uns losſtürmen. Auch flogen uns einige Pfeile entgegen, die ich ſofort in der Luft auffing„und ſie mit ſo großer Geſchicklichkeit auf unſere Angreifer zurückſchleuderte, daß zwei derſelben in Unterleib oder Bruſt getroffen niederſtürzten, worüber die Wilden nicht wenig erſtaunten und ſtutzten. Dieſe Pauſe benutzte ich, bettete Beate Pipermann ſanft in das ſchwellende Gras, ergriff ſodann meine Flinte, legte an, drückte los, mein Genoſſe. folgte dem Beiſpiel— mehrere Wilde, darunter der durch einen ſtattlichen Federaufſatz kenntliche, von mir getroffene Häupt⸗ ling, wälzten ſich in ihrem ſündigen ſchwarzen Blute. Der Pulver⸗ blitz, der Knall, die unmittelbar tödtliche Wirkung, endlich der ſtechende, Alles durchbohrende und dabei verächtliche Blick, den ich ihnen zu⸗ warf— das Alles machte einen ſo entſetzlichen Eindruck auf dieſe rothhäutigen Schufte, daß ſie ihre Waffen fortwerfend auf und davon rannten unter dem kreiſchenden Geſchrei: Kra—lu— la— tma— ti— wa⸗ — 103— hittam! was in ihrer Sprache böſer Geiſt und Bru— bro— bra—⸗ kroll— krall—krull—marmurmi! was Donnergott bedeutet. Beate Pipermann hatte ſich unterdeß erholt, berichtete uns in aller Kürze, daß noch hundert Landsleute, und außer ihnen ein ſchwarz⸗ haariger Italiener, der ſehr gut ſingen und die Guitarre ſpielen könne, ſich in den Händen der Wilden befänden und ganz gewiß ſehr bald dem Kriegsgott der Wilden geopfert oder als Leckerbiſſen von den Kannibalen verſpeist werden würden, wenn wir ihnen nicht ſofort Rettung brächten. Hilf⸗ und wehrlos nach dem Untergange des Schiffes an den Strand geworfen, ſeien ſie von einigen tauſend Wilden plötz⸗ lich überfallen und da ſie keinen Widerſtand leiſten konnten, an Händen und Füßen gebunden worden, um für einen ſchmählichen Tod aufbe⸗ wahrt zu werden. Nur ſie, für die ſich der nun erſchoſſene Häuptling intereſſirt, ſei nicht gebunden worden und ſo ſei es ihr gelungen, in einem unbewachten Augenblick ihren kannibaliſchen Wächtern zu ent⸗ kommen. Unſer Entſchluß: unſere unglücklichen Landsleute um jeden Preis zu befreien, war bald gefaßt, indem wir uns mit Recht darauf ver⸗ ließen, daß das den Wilden ungewohnte Phänomen des Schieß⸗ gewehrs ſchon ſeine gehörige Wirkung thun werde. Wir gingen alſo in Gottes Namen vorwärts, geleitet von dem heldenmüthigen Mädchen, das ſich ſeinerſeits mit meiner geladenen Doppelpiſtole bewaffnet hatte. Schroop's Piſtole hatte Heckor in die Schnauze genommen, um auch ſie beim Angriff mit den Zähnen abzudrücken. Vorher ſchnitt ich je⸗ doch dem Häuptling noch den Kopf ab und ſteckte ihn zu mir. Es dauerte etwa eine Viertelſtunde, als wir hinter dem Gebüſch ein Gewimmel von nackten bronzefarbenen Geſtalten ſich hin und her bewegen und in lebhafter Converſation begriffen ſahen. Ohne Zweifel hatten die von uns in ſchimpfliche Flucht Geſchla⸗ genen den Zurückgebliebenen erzählt, was ihnen inzwiſchen wider⸗ fahren ſei, und daß der böſe Geiſt und der Donnergott einige der Ihrigen, darunter den Häuptling, durch den Blitz erſchlagen habe. Die andern Wilden ſchienen der Erzählung keinen Glauben beimeſſen zu wollen, ſondern ſchüttelten den Kopf, lachten ſpöttiſch und wieſen auf die gebundenen Europäer, als ob ſie damit ſagen wollten, es ſei — 101— nun Zeit, das Frühſtück zu bereiten und dazu einige der Unglücklichen zuzurichten. Ich ergriff nun den abgeſchnittenen Kopf des Häuptlings, befeſtigte ihn an einer aufgefundenen Schleuder und warf ihn mit rieſiger Kraft über das Gebüſch mitten unter die Kannibalen. Meine Kriegs⸗ liſt gelang. Alle drängten ſich, tobend, ſchreiend, Entſetzens⸗ und Nacherufe ausſtoßend in einen dichten Knäuel um den Kopf ihres Häuptlings. Dieſen Augenblick nahm ich wahr, durch eine etwas lich⸗ tere Stelle im Gehölz vordringend, commandirte ich Feuer! und mitten in den zuſammengedrängten Knäuel hinein ſchoſſen wir unſere doppel⸗ läufigen Gewehre und Beate und Hector ihre Piſtolen ab. Mit dem Ruf des Schreckens und Entſetzens: Kra— lu— la— tma— ti-—wahittam! und Bru— bro— bra-— kroll— krall—krull—marmurmi! ſtoben die Elen⸗ den auseinander. Noch einmal geladen, noch einmal abgefeuert— dann ſtürzten wir mit lautem Kriegsrufe, Hector mit wüthendem Ge⸗ bell, Beate wie eine Rachegöttin mit hochgeſchwungenem Beile mitten unter die Menſchenfreſſer, die rathlos hin und wieder liefen, und ſich wie verſchüchterte Fledermäuſe im Dickicht zu verbergen ſuchten, während Hector mit Kriegsgebell den Flüchtigen auf den Ferſen war und bald den Einen, bald den Andern faßte, zerfetzte und niederwarf. Die Wahlſtatt— eine faſt runde offene Stelle im Urwald— war unſer und mit einer großen Zahl Verwundeter, Getödteter oder von Hector's Gebiß Zerfleiſchter bedeckt. Mit Schaudern erblickten wir in der Mitte eine Art Opferaltar aus Steinen, auf dem unſe⸗ ren unglücklichen Landsleuten die Leiber auf oder die Kehlen abge⸗ ſchnitten werden ſollten, und daneben einen Holzſtoß, an dem man ſie zum Frühſtück zu braten gedachte. In unmittelbarer Nähe, Angeſichts dieſer fürchterlichen Anſtalten, lagen unſere unglücklichen Landsleute ſammt dem ſchwarzhaarigen Italiener gefeſſelt, jetzt aber dankbare Blicke zum Himmel emporſendend und uns, ihren Rettern aus ſo gräßlicher Gefahr, mit den rührendſten und innigſten Worten dankend. Beate übernahm das Geſchäft, ihnen die Feſſeln zu löſen, auch dem vermaledeiten Italiener(hätten die Wilden doch ihn wenigſtens ge⸗ freſſen!), bei dem ſie ſich, wie es mir ſchien, länger aufhielt als ge⸗ lücklichen efeſtigte rieſiger Kriegs⸗ 5⸗ und f ihres as lich⸗ mitten doppel⸗ ſit dem hittam! Elen⸗ m Ge⸗ mitten , und ſuchten, Ferſen te und d— er oder blickten unſe⸗ abge⸗ an ſie eſichts ssleute nkbare us ſo kkend. dem 6 ge⸗ ge⸗ 105 rade nöthig war. Die Befreiten bewaffneten ſich ſoſort mit den Waffen der Wilden, gingen nun auch ihrerſeits auf dieſe los und richteten unter ihren Quälern ein furchtbares Blutbad an, bis der Reſt vor mir auf die Kniee fiel und mit dem Wort: Woo— Gum— ſi— kna— kno— buh! Woo— Gum— ſi— kna— kno— buh! d. h. Gnade! Gnade! ſeine Unterwerfung anbot und um ſein Leben flehte. Sofort that ich dem Blutvergießen wenn auch nicht ohne Mühe Einhalt, indem ich meinen wüthend gewordenen Landsleuten vorſtellte, daß es einem gemüthlichen Deutſchen nicht zieme, Leute ſo ungemüth⸗ lich abzuſchlachten, die auf jeden Widerſtand Verzicht geleiſtet hätten. Zugleich machte ich ihnen bemerklich, daß wir ja doch Arbeiter und Diener haben müßten und daß ſich dieſe Menſchenfreſſer hierzu vor⸗ trefflich eignen würden. Denn unter uns Weißen befände ſich wohl Keiner, der nicht lieber den Herren als den Diener ſpielen würde, was ihnen auch ſofort einleuchtete. Die Wilden wurden ſonach in eine große geräumige Höhle einge⸗ ſperrt, der Eingang mit Baumſtämmen verrammelt und zwei der Un⸗ ſern als Schildwache davorgeſtellt, welche zugleich den Befehl erhielten, mit ihren Piſtolen bei entſtehendem Lärm ſofort unter die Beſtien in Menſchengeſtalt zu feuern, was dann auch mehrmals geſchah, ehe ſie das große Wort, daß Ruhe die erſte Bürgerpflicht ſei, in richtigem Sinne auffaſſen und befolgen lernten. Da wir nicht hinlänglich Lebens⸗ mittel hatten, ſo überließen wir ihnen ſelbſt die Mühe, ſich zu ver⸗ köſtigen, was ſie denn auch in ihrer Weiſe thaten. Denn, als wir ſie am andern Morgen herausließen und muſterten, fehlte gerade ein Dutzend davon, und es waren von ihnen nur die langen unverdaulichen Haarzöpfe übrig geblieben. Ich ſchritt nun zu dem wichtigen Acte, von der Inſel Beſitz zu ergreifen, die ich meiner Mamſell Liebſten zu Ehren Pipermannland oder Pipermannien nannte und zu einem Königreiche erhob. Hierauf ließ ich mich, der Form wegen, durch freie Abſtimmung zum Kaiſer von Beutelland, Erzherzog von Klein⸗Auſtria und Könige von Piper⸗ mannland erwählen, und zwar auf dem Subſcriptionswege. Ich ließ nämlich die Staatsurkunde, die ich für alle Fälle mit mir zu nehmen die Vorſicht gehabt hatte, bei meinen Unterthanen herum⸗ — 106— gehen und ihre Namen unterzeichnen, was, beiläufig geſagt, mit Blutgeſchah, das wir einem der Wilden abgezapft hatten. Obſchon ich ihnen durch⸗ aus keine härtere Alternative geſtellt hatte, als entweder zu unterſchrei⸗ ben oder erſchoſſen zu werden, unterzeichneten ſie doch Alle ohne Aus⸗ nahme. Die Wahl konnte nicht freier, das ganze Verfahren nicht loyaler ſein. Nachdem ich meine Unterthanen in meiner Taſche hatte, dachte ich daran, mein Miniſterium zu vervollſtändigen;z indeß waren mir bis dahin die Eigenſchaften nur eines meiner Unterthanen bekannt, meines Schulfreundes Peter Silje, den ich ſeiner gelehrten Kenntniſſe wegen (konnte er doch ſchon in der Schule zu Schnipphauſen die zehn Gebote, die drei Glaubensartikel und die ſieben Bitten viel beſſer als ich) zu meinem Miniſter der geiſtlichen und Schulangelegenheiten ernannte. Der blonde blaſſe Jüngling hatte auch in der That während aller die⸗ ſer wichtigen Vorgänge, auf einem Feldſtein ſitzend, ſich mit der Lec⸗ türe eines Buches beſchäftigt, das er in der Taſche ſeines Oberrocks mit ſich genommen hatte. Es war„Abällino der große Bandit“, worin er ſociale Studien machte. Zum Miniſter der Medicinalange⸗ legenheiten ernannte ich dann ſpäter noch den Schiffswundarzt Winkerle. Meinen Regierungsſitz beſchloß ich fürs erſte wieder auf Beutel⸗ land zu nehmen, weil dieſes fruchtbarer war als das größtentheils gebirgige Pipermannland, das, wie ich jedoch ſehr bald erkannte, an mineraliſchen Schätzen, edeln Metallen und edeln Steinen ungemein reich war. Wenn man von Goldadern und Silberſtufen ſpricht, ſo galt dies im buchſtäblichen Sinne von Pipermannland. Die Felſen⸗ berge waren mit Adern von Gold wie durchflochten und mächtige Stu⸗ fen von Silber führten zu ihren Gipfeln hinauf. Schöpfte man aus einem Bergſtrom Waſſer in einen Becher, ſo fand man den Boden zollhoch mit reinſtem Goldſand bedeckt. Wohin man ſah, flimmerte und ſchimmerte es, daß das Auge faſt geblendet wurde. Von den Bergwänden bröckelten ſich glänzende Saphire, Smaragde, Rubine und Topaſe in ganzen Maſſen los und Diamanten waren auf Pipermann⸗ land ſo gemein, wie bei uns die Kieſelſteine. Dennoch, wie geſagt, zog ich Beutelland vor, weil es idylliſcher und mir durch langen Aufent⸗ halt ſolche die B Nerkel T Pyper denke Es licher Die meit Che und Hoft Ober Ober rh Hof ge eſchal, durch⸗ erſchrei⸗ e Aus⸗ nicht chte ich nr bis meines wegen Gebote, ich) zu nannte. er die⸗ er Lec⸗ berrocks andit“, alange⸗ zundarzt Beutel tentheils nte, al ngemein icht, o Felſen⸗ ge Stu⸗ an aus Boden mmerle zon den ine und ermann⸗ 1 giu Aufeut⸗ 107— halt lieb und vertraut geworden war. Auch haben, aufrichtig geſagt, ſolche todte Schätze niemals großen Werth für mich gehabt, lsceen ich die Bedeutung nicht verkannte, welche ſie für mein junges Reich im Verkehr mit andern Ländern ſpäter gewinnen konnten. Die Beſorgung der nöthigen Regierungsgeſchäfte hielt mich auf Pipermannland mehrere Wochen zurück. Zuvörderſt mußte ich darauf denken, mir und meiner Beate einen glänzenden Hofſtaat zu bilden. Es befanden ſich unter meinen Unterthanen fünfzehn Perſonen weib⸗ lichen Geſchlechts, die ich an ebenſoviele Unterthanen verheirathete. Die Ehen ſegnete ich, der ich mich ja auch als geiſtliches Oberhaupt meines Reiches proclamirt hatte, ſelbſt ein, wie ich ſchon vorher meine Ehe mit der Pipermann eingeſegnet hatte. Dieſe ſämmtlichen älteren und jüngeren Weiber wurden von mir ſofort auch zum Range von Hofdamen erhoben. Wir hatten eine Geheime⸗Ober⸗Reichsköchin, eine Ober⸗Hof⸗Stubenreinigerin, eine. Ober⸗Hof⸗Beinkleider⸗Flickerin, eine Ober⸗Hof⸗Strümpfe⸗Stopferin, eine Wirkliche Geheime⸗Ober⸗Waſch⸗ räthin, eine Geheime⸗Ober⸗Hof⸗Grogbereiterin, eine Geheime⸗Ober⸗ Hof⸗Klatſchmeiſterin, welche das Amt hatte, meiner Gemahlin täglich die Chronique scandaleuse des Reichs zuzutragen und zu der ich natürlich diejenige auswählte, welche mir dazu die beſte Anlage und das loſeſte Mundwerk zu beſitzen ſchien. Ich errichtete eine Leibgarde, einen hohen, mittlern und niedern Adel und verſchiedene Orden, z. B. den militäriſchen Orden Beutelkreuz, der auf der Bruſt, und den Civilverdienſtorden vom Pavian, der auf dem Rücken, den Peter⸗Siljen⸗ orden für Kunſt und Wiſſenſchaft, der am Strumpfband, und das Verdienſtkreuz für beſte Wäſche, der von den Damen an einem an der linken Hüfte befeſtigten Strumpf getragen wurde. Eine Zahl Unterthanen wurden zu dem Range von Kammerherrn erhoben und auf dem Rücken mit großen Hausſchlüſſeln verſehen, welche einige ſehr vorſichtige Auswanderer bei ſich trugen, vermuthlich um nicht auf den Nachtwächter, inſofern ſie zur Rückkehr in ihre Heimath genöthigt werden ſollten, lange warten zu dürfen, ſondern ſofort ihre alte Woh⸗ nung öffnen zu können. Da ich erkannt hatte, daß der Strand der Inſel zum größten Theil, wie nach Ehrenberg's Forſchungen der Boden von Berlin, aus Infuſorien beſtand und ich immer auf ſolche Winke ſſaures Geſicht und äußerte zu mir, ſie hätte ihn am liebſten in un⸗ 108 der Natur beſonders geachtet habe, ſo legte ich mich auf die Infuſo⸗ rienzucht, indem ich die Verheirathungen, die Anſäſſigmachung und Freizügigkeit unter dieſen Miniaturgeſchöpfen möglichſt beförderte und vollſtändige Gewerbefreiheit unter ihnen einführte, und ich hatte die Freude, noch vor meiner Abreiſe die Inſel um einige Quadratmeilen Landes vergrößert zu ſehen. Außerdem ließ ich Münzen nach der Reichswährung prägen, auf der einen Seite mit meinem Bildniß, auf der andern Seite mit dem Reichswappen, dem oben nicht zugebundenen Reichsſäckel, und mit dem Oxenſtjern'ſchen Regierungsſatze:„Parva sapientia regitur mundus“ als Umſchrift. Solches war die geſegnete Wirkſamkeit, die ich in dieſem Theile meines Reiches ausübte. Ich beſchloß nun, ſechzig meiner Unterthanen nebſt zwei Drittheilen der Wilden nach Beutelland zu verpflanzen, vierzig Europäer und den Reſt der⸗Wilden aber auf Pipermannland zu laſſen, um hier vorzugsweiſe den Bergbau zu betreiben und die Schätze der Inſel an edeln Metallen und Steinen auszubeuten. Beutel⸗ land ſollte in ſechzig und Pipermannland in vierzig ganz gleiche OQuadratſtücke getheilt, und über jedes derſelben ein Staatsangehöriger geſetzt werden, jedoch mit der Beſtimmung, daß der Ertrag davon ohne Ausnahme in das kaiſerliche Reichsmagazin abzuliefern ſei. Eine Commiſſion, die ich zu wählen und bei der ich ſammt meiner Ge⸗ mahlin den Vorſitz zu führen haben ſollte, hatte dann laut der Reichs⸗ urkunde ihr Gutachten darüber abzugeben, wie viel davon für das kaiſerliche Haus gehöre und wie viel wieder en die einzelnen Unter⸗ thanen zurückzufließen habe. In der That, man wird finden, daß dieſe Verwaltungsmethode die einſacffe untrüglichſte und patriarcha⸗ liſchſte von der Welt iſt. Ich glaubte Grund zu haben, die Entfernung des mir ſehr ver⸗ dächtigen Italieners, Signore Rackerino Rackerini mit Namen, von der Perſon meiner Gemahlin wünſchen zu müſſen. Ich traf daher den Ausweg, ihm während meiner Abweſenheit die Oberaufſicht über Pipermannland anzuvertrauen und ihn zu Sr. Excellenz dem Vice⸗ gouverneur der Inſel zu ernennen. Beate machte dazu ein ziemlich ſerer⸗ ſpiels, im Ar Land ſie ſo hoch i mit de Lied letzten Nacke einfä nich Woot tonnte meiner thane ſeldie heim treu Infuſo⸗ ung und derte und hatte die ratmeilen gen, auf mit dem mit dem mundus“ m Theile erthanen pflanzen, nannland und die Veutel⸗ z gleiche gehöriger g dabon ſel Eine iner Ge⸗ er Reicht⸗ für das n Unter⸗ den, daß ütiarcha⸗ ſeht ber⸗ nen, bon af daher ict üle em Vic⸗ emlih n in un⸗ — 109— ſerer Nähe gehabt, wegen ſeiner ſchönen Stimme und ſeines Guitarre⸗ ſpiels, und nun ſchilderte ſie mit großer Erregtheit, ja mit Thränen im Auge, wie Rackerino Rackerini, als ſie nach dem Schiffbruch ans Land ſchwammen, ſeinen rechten Arm um ihren Leib geſchlungen und ſie ſo vor dem Unterſinken geſchützt, mit der rechten aber die Guitarre hoch in die Höhe gehoben, ja ſogar, um ſie guten Muths zu erhalten, mit den Fingern eine ſüße Melodie geklimpert und ein gar ſchönes Lied dazu geſungen habe. Ueberhaupt hatte ſich Beate in Folge ihrer letzten merkwürdigen Schickſale und ihres Umgangs mit Rackerino Nackerini außerordentlich geändert, ſie ſah gar nicht mehr ſo rührend einfältig aus wie ehedem; mir kam ſie ſogar ſehr vielfältig vor. Nachdem ich alles dies und noch Anderes ausgerichtet, beſchloß ich mich auf die Heimfahrt nach Beutelland zu begeben. Da jedoch unſer Boot nicht alle von mir nach Beutelland beſtimmten Individuen faſſen konnte, ſo ſchiffte ich mich fürs erſte mit meiner kaiſerlichen Gemahlin, meinen Miniſtern und deren Frauen und noch zehn meiner Unter⸗ thanen ein, um die Uebrigen ſpäter nach und nach abzuholen. Gri⸗ ſeldis, die ich zur Geheimen⸗Ober⸗Hofäffin, und Hector, den ich zum Ge⸗ heimen⸗Ober⸗Hofhund ernannt und mit dem militäriſchen Orden Beutel⸗ kreuz für bewieſene Tapferkeit decorirt hatte, durfte natürlich nicht fehlen. Während wir vom Lande abſtießen, ſang Rackerino Rackerini, am Strande ſitzend, ein ſchmelzendes italieniſches Lied zur Guitarre im Dreivierteltact, welches meine Beate, obſchon ſie von den Worten nichts verſtand, bis zu Thränen rührte, die leider mir nicht galten. Die Thränen rollten dahin, im Ocean; ich konnte ſie mit den Augen verfolgen, ſo dick waren ſie. Glücklicherweiſe ſog gerade ein Haifiſch tine Menge Waſſer in ſich und ſchlürfte die Zähren mit hinein. Die buhleriſchen Thränen meiner Gattin im Bauche eines Haifiſches— » Ironie! o Nemeſis! dachte ich. Es war ein Glück für die Welt, haß der Haifiſch ſie verſchluckte; denn dieſe Thränen würden den Ocean vergiftet haben und Alles was darin lebt. Auch ſchien der Hai ſie nicht verdauen zu können. In convulſiviſchen Zuckungen hob er ſich tinige Mal über das Meer, fiel zurück und ſchwamm dann auf der Ober⸗ fläche der See wie ein abgeſtandener Fiſch auf dem Rücken. Was mich betrifft, ſo wußte ich nun, was ich zunächſt zu thun haben würde. — 110— Neuntes Kapitel. Der einzige Unterſchied zwiſchen dem Hunde und dem Menſchen beſteht darin, daß man ſich in Noth und Gefahr auf dieſen niemals, auf jenen aber immer verlaſſen kann. Buffon O treulos Weib! ich kenne dieſe Thränen; Der Italiener war's, der dich verführt— Du ſelbſt biſt ſchuldlos! Friedrich Halm. Als wir nach glücklich bewerkſtelligter Fahrt die Küſte der Inſel Beutelland zu Geſicht bekamen, erſchrak ich, als ich die Amphitrite nicht mehr am Strande erblickte. Auch Kriſchan Schroop und ſeine Eheliebſte machten große Augen, und beſorgt unſere drei Köpfe ſchüt⸗ telnd ſahen wir einander an und wußten nicht, wie wir uns das Ver⸗ ſchwinden des Schiffes erklären ſollten. Die See ging ruhig. Wir⸗ kungen eines vorhergegangenen Sturmes waren nicht wahrzunehmen. Als wir jedoch an der Stelle, wo die Amphitrite gelegen hatte, ge⸗ landet waren, erblickten wir verbrannte Theile des Schiffes, die theils auf den Wellen trieben, theils am Strande lagen. Es war keine Frage, daß eine boshafte Hand Feuer an das Schiff gelegt hatte. Wie ſehr wünſchte ich mir jetzt zu meiner Vorſicht Glück, die mir ge⸗ rathen hatte, alle auf der Amphitrite befindlich geweſenen Vorräthe vor meiner Seeexpedition auf das Boot überzuladen! Die Löſung des Räthſels ließ jedoch nicht lange auf ſich warten. Denn als ich ſofort eine Recognoscirung landwärts vornahm und am Saume des Palmenwaldes angekommen war, ſah ich mich bald von einer Schaar der mir befreundeten ungeſchwänzten Affen umgeben, die ihre Freude ausdrückten mich wiederzuſehen, aber auch durch ihre kläg⸗ lichen Geberden andeuteten, daß inzwiſchen etwas Großes, Ungeheures uu vorgefallen ſein müſſe. Sie wieſen mich nach dem Innern des Wal⸗ des, wo ich eine andere Schaar der Ihrigen damit beſchäftigt ſah, eine Menge Todte zu beſtatten, wobei ſie jammervolle Geſichter ſchnit⸗ ten und langgezogene Klagetöne ausſtießen. Sehr bald erkannte ich den Zuſammenhang der Dinge. Die geſchwänzten Affen, welche ſich ſeit ihrer Niederlage bemüht hatten, ſich auf's fruchtbarſte zu ver⸗ mehren, hatten meine Abweſenheit benutzt, meine Alliirten überfallen und geſchlagen, ſich ſo den Weg durch den Palmenwald gebahnt und den ſchon früher gehegten Plan ausgeführt, die Amphitrite in Brand zu ſtecken. Dieſer teufliſche Plan war ihnen nur zu gut gelungen; das prächtige Admiralſchiff war unwiederbringlich dahin. Inzwiſchen hatten ſich meine Alliirten wieder ermannt und ihre Gegner tapfer angegriffen und weithin verfolgt, wie die Leichen bewieſen, die jenſeits des Palmenwaldes die Rückzugslinie der Schwanzaffen bezeichneten. Mein Entſchluß war gefaßt; ausrotten wollte ich das tückiſche Ge⸗ ſindel, vertilgen wollte ich ſie vom Erdboden, den ſie verunzierten, und mir kein menſchliches Gefühl in mein Rachewerk Einſprache thun laſſen, bis es vollbracht ſei. Ich theilte Kriſchan Schroop in geheimnißvoller Weiſe mit, daß eine mit der Verbrennung des Schiffes in Verbindung ſtehende Ex⸗ pedition gegen meine jenſeitigen Unterthanen mich einige Tage fern halten werde, und beauftragte ihn, währenddem für meine dieſſeitigen Unterthanen und für ihr Unterkommen ſo gut es ginge, Fürſorge zu tragen. Alsdann brach ich, nur in Begleitung meines Hectors, gegen meine unverſöhnlichen Feinde auf. Der dritte Tag brachte mich in ihre Nähe. Alsbald wurde der ganze Wald unruhig. Diejenigen unter dieſen Ungethümen, welche ſchon früher die tödtlichen Wirkungen meines Feuergewehres und das ſcharfe Gebiß Hectors kennen gelernt hatten, ſuchten ſich mit allen Zeichen des Schreckens und der Reue im Dickicht zu verbergen; die andern aber ſchnitten mir Grimaſſen, verhöhnten mich, indem ſie ſich Cigarren gedreht hatten und mit wichtiger Miene etwa in meiner Weiſe den Rauch von ſich blieſen, oder machten mit hämiſchem Ge⸗ ſichtsausdruck und biſſigem Lächeln die Pantomime des Reibens zweier ——— ners. Ich hörte das eigenthümliche Kniſtern brennenden Graſes immer — 112— Hölzer aneinander, um damit anzudeuten, in welcher Weiſe es ihnen gelungen ſei, das Schiff in Brand zu ſtecken. Böſewichter! ich will euch auch ein Feuer anzünden, an dem ihr zu riechen haben werdet! dachte ich, häufte trocknes Reiſig, dürre Binſen und Baumzweige übereinander, ſchlug Feuer an und ſetzte den Stoß in Flammen, die bald an den nächſten Baumſtämmen mit feu⸗ rigen vielſpaltigen Zungen emporleckten und von Baum zu Baum ſpringend und auch das Unterholz erfaſſend, ſich mehr und mehr über den ganzen Wald ausdehnten. Es war ein prächtiger Anblick, wie die ſchlanken Palmenſchäfte gleich eben ſo vielen tauſend Flammen⸗ ſäulen mit Flammenkapitälen daſtanden und wie eine dicke Rauchwolke, unten brandigroth gefärbt, ſich über den ganzen Wald ausdehnte und den Horizont in Finſterniß hüllte. Der Wind trieb die Flammen nach dem Meere zu, dem die Affen entgegengetrieben wurden. Heulend und ziſchend, die Augen verdrehend, mit den Schwänzen um ſich ſchla⸗ gend, mit dem Gebiß fletſchend, ſuchten ſie den Flammen zu entkom⸗ men, die ihnen oft die Schwänze hinten wegſengten, und ſtürzten und ſprangen in zuſammengewickelten Schaaren von Baum zu Baum, im⸗ mer von dem grimmig um ſich freſſenden Elemente verfolgt, das zu⸗ letzt ſchneller war als ſie. Die große Mehrzahl erſtickte im Rauch oder ſtürzte in das Flammenmeer, nur ein kleiner Theil erreichte die See, um in Klumpen herabſtürzend in den Wellen zu verſchwinden. Mein Schwur war erfüllt, kein einziger dieſer Civiliſationsfeinde und Brandſtifter blieb übrig. Unglücklicherweiſe aber hatte ſich die Flamme dem ausgedörrten Geſträuch und Wieſengraſe mitgetheilt und bald fühlte ich mich ſelbſt in dicke Rauchwolken eingehüllt und rings von Flammen umgeben. Der Brandgeruch, aus dem ich faſt die verſchiedenen Holzarten heraus⸗ zuerkennen vermochte, betäubte mich, die Gluth ſetzte ſogar die ſchönſten Partien meines Haupthaars in Flammen. Der Augenblick war ſehr kritiſch, kritiſcher vielleicht als ich bis dahin einen beſtanden hatte. Aber mein treuer Hector wußte Rath. Er bot mir ſeinen hohen Rücken zum Aufſitzen dar, ich ſchwang mich auf ihn und fort trabte das herrliche Thier mit der Geſchwindigkeit eines engliſchen Wettren⸗ ———„»„ es ihnen dem ihr g3, dürre ſetzte den mit feu⸗ Baum ehr über glic,, wie lammen⸗ uchwolke, onte und nen nach Heulend ich ſchla⸗ ntkom⸗ zten und zum, im⸗ das zu⸗ n Nauch richte die chwinden. einde und ggedörrten ich ſelbſt umgeben. heraus⸗ ſchönſten war ſehr hatte. en hohm ürt trabte Wettrel⸗ 23 immer — 118— dicht hinter mir, der Rauch betäubte mich und verſetzte mir den Athem, aber Hector, der eine übermenſchliche oder beſſer zu ſagen eine überhündiſche Kraft entwickelte, war der Gluth immer einige Schritte voran, bis wir auf einen freiſtehenden grasloſen Hügel gelangten und uns für gerettet halten durften. Zu meinen Füßen und ſo weit ich ſehen konnte, war Alles ein Feuermeer. Hirſche zu ganzen Ru⸗ deln jagten, ihren Leib ſtreckend, daß er faſt durchſichtig ſchien, mitten durch die Flammen dahin, vergebens einen Ausweg ſuchendz denn ſie verſchwanden bald in Gluth und Rauch. Hunderte von Vögeln, aus ihren Neſtern aufgejagt, ängſtlich und im Zickzack darüber hinflatternd, wurden im Fluge ſelbſt von der Gluth erfaßt und ſanken in die Flammen, die von ſelbſterzeugtem Winde gepeitſcht wurden, mit lodernden Fittigen hinab. Schlangen reckten, mit hervorgequollenen Augen und ziſchenden Zungen, ihre Häupter aus dem Brande in die Höhe und ſanken dann in die Flammen zurück, nachdem ihre Leiber von unten auf verkohlt waren, und flammenden Inſeln gleich traten brennende Obſthaine über die Gluthfläche hervor. Das Verderben ſchien die ganze Inſel erfaſſen zu wollen und mit Schrecken erkannte ich nun, was ich in meinem übertriebenen Racheeifer angerichtet hatte. Glücklicherweiſe erreichte der Brand jetzt das Quellengebiet der Inſel und konnte hier wegen der friſchen und ewig feuchten Vegetation nicht in derſelben Schnelligkeit weiter freſſen wie bisher. Endlich ſtand er an dem See und den benachbarten zahlloſen Quellen ganz ſtill. Der ſchönſte und fruchtbarſte Theil der Inſel war gerettet. Was das Feuer erfaßt hatte, verkohlte allmälig und als ich am andern Morgen — denn ich war gezwungen, die Nacht auf der Höhe des Hügels zuzubringen— erwachte, ſah ich rings um mich eine gräuliche ver⸗ aſchte Wüſtenei, bis dahin wo mehr nördlich eine üppige Vegetation den Anfang der Quellenregion bezeichnete. Ohne Gefährde konnten wir nun unſern Rückweg antreten. Man kann ſich denken, mit welcher Freude wir von Kriſchan Schroop, den übrigen Miniſtern und meinen Unterthanen empfangen wurden. Sie hatten uns verloren geglaubt, denn die fürchterliche Gluth und die Dampfwolken waren von ihnen wahrgenommen worden und der Brandgeruch hatte ſich bis zu dieſem Theile der Duſe verbreitet. D. B. X. Fritz Beutel, v. Marggraff. — 114— Einen Vortheil hatte ich davon: ich erzählte Kriſchan Schroop, eine daß ich meine Unterthanen auf der Siüdſeite der Inſel im vollen und Aufſtande angetroffen und einen fürchterlichen Kampf mit ihnen be⸗ ſich ſtanden hätte, in welchem ſämmtliche Schiffe und Schiffswerfte in durc Brand gerathen wären. Das Feuer habe ſich ihren Ortſchaften und den zunächſtliegenden Waldungen mitgetheilt, die ganze Bevölkerung zu. G V ſei in den Flammen untergegangen und nur mit genauer Noth hätte Gs ich mich ſelbſt und Hector aus der entſetzlichen Kataſtrophe retten M können. Somit entging ich jeder weiteren Nachfrage nach meinen gat Beſitzungen im Südtheile der Inſel und erntete nur das Bedauern Je und die Freude, die man mir für die ausgeſtandene Gefahr und die al glückliche Rettung bewies. In der That waren auch meine Haare e vom Scheitel wie weggeſengt, mein Bart ſchwer mitgenommen und zu meine Kleider von Brandlöchern ſo durchſiebt, daß ich keiner Magi⸗ den ſtratsausweiſung bedurft hätte, um in Deutſchland„auf den Brand“ ver betteln zu gehen. 1 Indeß auch' dieſe Epiſode war bald vergeſſen, wie ſich Alles im nc Leben bald vergißt. Wir dachten jetzt daran, uns möglichſt häuslich m einzurichten, und machten uns demnach an die Errichtung von Woh⸗ d nungen, unter denen die kaiſerliche Reſidenz, die Miniſterhotels, eine R Leibgrenadierkaſerne, ein Gaſthof erſten Ranges und— was für clvi⸗ 5 liſirte Staaten unerläßlich iſt— ein Polizei⸗ und Paßbureau, ein t Zucht⸗ und Correctionshaus obenanſtanden, wie an den Bau noch 1 mehrerer Boote, die wir aus Gummi conſtruirten. Es iſt dies eine ſ vorzügliche Bauart, denn da der Gummi kein Waſſer einläßt, kann 5 ein ſolches Gummiboot natürlich auch nicht leck werden, überhaupt 3 wegen ſeiner großen Leichtigkeit nicht wohl unterſinken. Auch der m Bau eines großen Gummi⸗Linienſchiffs wurde von uns in Angriff 1 genommen, welches das Admiralſchiff der ganzen beutelländiſchen Flotte werden ſollte. d Da nun die Regenzeit vor der Thür ſtand, wurden auch mehrere I Häuſer aus Gummi errichtet und Gummihemden, Gummiröcke, Gum⸗ 6 mibeinkleider, Gummiſtrümpfe, Gummiſchuhe, Gummihüte und Gummi⸗ ſ regenſchirme verfertigt. Kriſchan Schroop galt dabei als Model. Er wurde von Kopf bis zu Füßen in Gummi gekleidet, und gewährte ſo — hroop, vollen en be⸗ fte in en und kerung hätte retten neinen dauern nd die Haare und Magi⸗ rand s im äuslich Woh⸗ 3, eine rlvi⸗ u, ein rehrere Gum⸗ ummi⸗ 1 Er rie ſo — 115— einen ſehr poſſierlichen Anblick. Auch die Gummifracks für Hoffeſte und die Gummihauben und die Gummicorſets unſerer Frauen machten ſich gar nicht übel. Dieſe Gummitracht wurde für die Regenſaiſon durch ein Decret von mir zur Reichstracht erhoben. Die noch übrige kurze Friſt bis zur Regenzeit gedachte ich dazu zu benutzen, um meine Unterthanen von Pipermannland abzuholen. Es wurde daher eins der Gummiboote ſeefertig gemacht und mit fünf Mann bewehrt, worunter Kriſchan Schroop und Peter Silje. Ich gab meinen Miniſtern einen Geheimbefehl mit, dahin lautend, daß Jeder, der in meinem Reiche italieniſche Lieder zur Guitarre ſänge, als ein Majeſtätsverbrecher, Landesverräther und Volksverführer anzu⸗ ſehen, vor Gericht zu ſtellen und zu einem noch zu errichtenden Galgen zu verurtheilen, ſeine Guitarre aber auf öffentlichem Platze unter dem Geläute einer ebenfalls noch zu verfertigenden Schandglocke zu verbrennen ſei. Die Tendenz dieſes Geſetzes war ohne Zweifel deutlich genug, und hätte meine Frau Gemahlin darum gewußt, ich weiß nicht, welchen Auftritt ich mit ihr gehabt haben würde. Warf ſie mir doch täglich vor, daß ich ſo unmuſikaliſch ſei, und daß es nur eine Intrigue von meiner Seite geweſen, wenn ich den Signor Rackerino Rackerini zum Vicegouverneur von Pipermannland ernannt habe. Sie hatte darin gar nicht ſo unrecht, aber ich durfte es ihr nur nicht zugeben; ich berief mich darauf, daß gerade der Italiener für die wilden Zuſtände jener Inſel ſich eigne, um ſie durch die ſüßen Klänge ſeiner Guitarre zu civiliſiren. Ach was, pflegte ſie dann zu ſagen, es iſt beſſer er civiliſirt mich als ſo eine rohe Inſel. Zugleich gab ich meinen Geſandten den Auftrag mit, den auf Piper⸗ mannland von mir beſtellten goldgeſtickten Kaiſermantel nebſt Krone, Neichsſcepter und Reichsapfel nach Beutelland zu überbringen. Das Boot ſegelte ab, und es dauerte acht, es dauerte vierzehn Tage, es dauerte mehrere Wochen, und kein Boot ließ ſich ſehen. Wir hatten uns bereits in Gummiüberzüge gehüllt, und in unſere Gummihäuſer zurückgezogen und gingen mit unſern Gummiregen⸗ ſchirmen ſpazieren, da der tropiſche Regen in fürchterlichen Maſſen herabfiel. Die herabgießende Fluth war ſo ſtark, daß der menſchliche Körper unfehlbar ein Leck hätte bekommen oder wie Seife ſich hätte 8* 116 auflöſen müſſen, wenn er nicht über und über in Gummi gekleidet geweſen wäre. Wir ſahen Alle aus wie wandelnde Gummibäume. Unter unſern Gummiregenſchirmen gingen wir jedoch ſo ſicher, daß uns kein Tropfen traf, und eben ſo wenig drang einer durch unſere Gummihäuſer und in unſere Gummibetten. Als ſich das Wetter nach Verlauf mehrerer Wochen wieder auf⸗ zuklären begann und wir wieder in der Lage waren, uns nun ſo zu ſagen zu entgummien, traf ein Boot zwar allerdings ein, aber nicht das abgeſandte Gummiboot, ſondern ein aus gewöhnlichem Holze ziemlich kunſtlos gefertigtes, das ſich auf der Londoner Induſtrie⸗ ausſtellung ſchwerlich eine Preismedaille verdient haben würde. Auf dieſem Boote befand ſich, außer einem mir ſonſt ſehr gleichgiltigen Pipermannländer, nur Kriſchan Schroop, der ſehr niedergeſchlagen, bleich und verkümmert ausſah. Ich ahnte Unheil, ich ahnte es in dem Umfange, wie es ſich aus der Erzählung Schroop's bald herausſtellte. Kaum war nämlich Schroop mit den Seinen auf Pipermannland ans Land geſtiegen und hatte dem Vicegouverneur den Geheimbefehl übergeben, als dieſer mit lautem ſpöttiſchen Gelächter rief: Mir Ge⸗ ſetze vorſchreiben? mir das Singen verbieten? mir die Ausſicht auf einen noch zu errichtenden Galgen eröffnen? meiner Guitarre die Schand⸗ glocke läuten? Auf, meine Getreuen! Tod dem Tyrannen! Es lebe die Freiheit! Es lebe die Conſtitution! Es lebe Rackerino Rackerini I.! Darauf hätten, erzählte Kriſchan weiter, die Pipermannländer, vor dem Italiener ſich wahrſcheinlich ſihrer Mutterſprache ſchämend, in etwas verdorbenem Italieniſch wie toll gerufen: Pereatissime imperatore Federigo Beutelino! Sturcio dem scheuselio Tyranno, dem Lumpio! Viva republicanismo und constitutionalismo! Viva com- munismo, pauperismo und gleichmacherischera Volksbeglückeria! Viva Guitarria! Vivatissime und tutovitassime constitutionalis- simo governatore, imperatore und usurpatore Rackerino Racke- rini primo! Hierauf ſeien ſie über meine beiden Miniſter und ihre drei Begleiter hergefallen und hätten ſie in ein tiefes als Staatsge⸗ fängniß dienendes Felſenloch geworfen, an das ſie ſich gar nicht hätten gewöhnen können, obſchon ſich der Menſch doch ſonſt an Alless gewöhne. Die drei Nichtminiſter hätten ſich denn auch ſehr bald zu den Piper⸗ ———— Hd—= elleidet äume. , daß unſere rauf⸗ un ſo aber Holze uſtrie⸗ Auf iltigen agen, ſtellte. nland befehl r Ge⸗ ht auf chand⸗ be die ni I. r dem etwas atore dem com 6 rial nalis- acke- ihre atsge hätten vöhne. ier N— 117— mannländern geſchlagen und verſprochen, treue Unterthanen des Uſur⸗ pators zu ſein; auch Peter Silje ſei abtrünnig geworden, aber nur zum Schein, um die erſte ſich darbietende Gelegenheit zum Sturze Rackerini's zu benutzen, und habe es bei dieſem ausgewirkt, daß er, Kriſchan Schroop, nach Beutelland geſandt werde, um mir die Kunde von dieſen beklagenswerthen Vorfällen zu überbringen. Als er vom Lande abgeſtoßen, ſei ſein gegenwärtiger Begleiter in das Boot nach⸗ geſprungen und habe ihn angefleht, ihn nach Beutelland mitzunehmen, da er es unter der drückenden Herrſchaft des Uſurpators nicht auszu⸗ halten vermöge. Kriſchan Schroop geſtand mir noch, daß er Urfehde habe ſchwören müſſen, niemals die bewaffnete Hand wieder Rackerino Rackerini zu erheben, was ihn jedoch nicht abhalten ſolle, bei gelegener Zeit ſeine unbewaffnete Hand mit dem Rücken des giftigen Italieners in möglichſt nahe Beziehung zu bringen. Er erzählte mir noch ferner, daß auf den Werften von Pipermannland große Thätigkeit herrſche und an der Herrichtung vieler größerer und kleinerer Boote gearbeitet würde, wahrſcheinlich in der Abſicht, einen Angriff auf Beutelland zu unternehmen. In Betreff des Krönungsmantels und der Reichs⸗ inſignien ließ mir der unverſchämte Italiener ſagen: Der Krönungs⸗ mantel ſei zufällig zu klein gemacht und paſſe beſſer für ſeine ſchlanke Taille als für die meine; die Krone dagegen ſei zu groß ausgefallen, als daß ich ſie tragen könnte; mit dem Reichsſcepter habe er ſchon den Rücken einiger widerſpenſtigen Unterthanen bearbeitet und den Reichs⸗ apfel einigen Re⸗ und Widerbellern an den Kopf geworfen, und er werde dieſe Gegenſtände auch ferner zu gleichen Zwecken gebrauchen, könne ſie mir mithin nicht abtreten. Dieſe Dinge waren mir begreiflicherweiſe nicht ſehr angenehm zu hören. Pipermannland, das ſah ich wohl ein, war für den Augen⸗ blick für mich verloren, aber ich rechnete auf innere Zerwürfniſſe und auf die Geſchicklichkeit Peter Silje's, ſie zu benutzen, da er ja doch ein gelehrter Mann war und den Abällino aus dem Grunde ſtudirt hatte. Was aber einen Angriff auf Beutelland betraf, ſo glaubte ich ihn gerade nicht ſehr fürchten zu dürfen, denn ich war vorſichtig genug geweſen, auf Pipermannland nur eine geringe Quantität Pulver zu⸗ rückzulaſſen, welche, wie mir Schroop erzählte, ſchon längſt verpufft 118 ſei. Mein reichlicher Vorrath Schießproviant gab mir trotz der geringen Zahl Leute, die mir zu Gebote ſtand, ein bedeutendes Uebergewicht, und es ſchien mir nur darauf anzukommen, die Küſte gehörig zu über⸗ wachen und mich nicht überraſchen zu laſſen. Größere Sorge machte mir meine, leider noch immer von mir ge⸗ liebte Gemahlin, die ſeit Schroop's Wiederkunft von Tage zu Tage mehr den Kopf hängen ließ oder träumeriſch die Melodien italieniſcher Lieder vor ſich hinmurmelte— in der That Lieder ohne Worte, denn vom Italieniſchen verſtand ſie nichts, oder ſie ſetzte es in den Schnipp⸗ hauſen'ſchen Dialect um, was poſſierlich genug anzuhören war. Der dämoniſche Italiener hatte es ihr offenbar angethan. Dieſe Erkaltung meiner Gemahlin gegen mich’war mir um ſo unerklärlicher und ſchmerz⸗ licher, da ſie mir inzwiſchen ein Töchterlein geboren hatte, welches ich mit dem Namen Guitarria Cichoria Cigarretta taufte. Auf den Na⸗ men Guitarria und Cichoria hatte meine Gemahlin ausdrücklich beſtan⸗ den; Cigarretta war jedoch der Name, bei dem die kleine Prinzeſſin ge⸗ rufen wurde. In einer herrlichen, echt tropiſchen Nacht, als es mir in meinem Reſidenzſchloſſe zu ſchwül geworden, hatte ich mich in meiner Hänge⸗ matte, die zwiſchen zwei Palmen an der Oſtwand des Schloſſes be⸗ feſtigt war, dem Schlafe und meinem treuen Hector die Sorge über⸗ laſſen, für mich zu wachen. Ich mochte, mein Gewehr in Arm, etwa zwei Stunden geſchlafen haben, als ich durch ein Geplätſcher in den Wogen des Meeres erwachte und zugleich Guitarrentöne und ein ſchmela zendes Lied vernahm. Das Aroma der Blumen um mich her hatte mich ſo betäubt, daß ich erſt nach längerer Zeit zum Bewußtſein über mich ſelbſt und meine Umgebungen gelangte, und da erblickte ich denn zu meinem Schrecken ein Boot, welches eben vom Lande abſtieß und in welchem die Umriſſe von drei menſchlichen Geſtalten ganz deutlich zu erkennen waren. Der Mond ſchien ja ſo hell, daß man die Tan nitz'ſche Ausgabe eines griechiſchen Klaſſikers ohne Beſchwerde leſen können. Verrath! Verrath! war mein erſter Gedanke, und in blinder Wuth ergriff ich mein Gewehr und drückte es in der Richtung des Bootes ab. Aber die blinde Wuth iſt eben blind, ich fehlte, und man antwortete mir mit einem lauten Gelächter, in das ſich deutlich ingen wicht, über⸗ einem änge⸗ 3 be⸗ über⸗ etwa n den hmel⸗ hatte über denn und utlich auch⸗ hätte din gtung und utlich — 119— das leiſe Kichern einer weiblichen Stimme miſchte. Das Boot war wohl auch bereits ſo weit vom Lande entfernt, um außer Schußweite zu ſein. Zum erſtenmale ſtieß ich beleidigende Worte— denn ſelbſt in dieſem Augenblicke hielt mich mein mir angeborenes Anſtandsge⸗ fühl von bloßen Schimpfworten zurück— gegen meinen Hector aus. Warum war er ſo ſtumm? Warum richtete er ſich nicht auf? Hatte auch dieſe ehrliche Hundeſeele von dem ſonſt nur dem Menſchen und Katzengeſchlechte zuſtehenden Privilegium, Verrath zu üben und treulos zu ſein, Gebrauch gemacht? Ich rief ihn, aber er antwortete nicht mit ſeinem gewöhnlichen traulichen Gebell; ich ſuchte ihn; da fand ich ihn hingeſtreckt an dem Fuße der einen Palme— er war kalt, er war eine Leiche. Mein treuer Begleiter in ſo vielen Nöthen, mein Retter in ſo vielen Gefahren war mir entriſſen— auf immer, wie es ſchien. Eine einſame Thräne ſchlich ſich langſam und vorſichtig aus meinem rechten Auge(denn wenn ich weine, ſo weine ich nur mit dieſem, während mein linkes mit ſeiner gewöhnlichen Ruhe in die Welt blickt) und blieb dann an der Wimper hängen, bis ein warmer Hauch der tropiſchen Luft ſie trocknete. Ich glaube der Mond weinte mit, denn er machte ein ſehr jämmerliches Geſicht, und an ſeiner linken Backe erſchien ebenfalls ein Dunſtbläschen, das ohne Zweifel nichts Anderes war als eine Thräne, welche er dem großen Dahingeſchiedenen nachweinte. Es war mir nun Alles klar. Der mit herübergekommene Piper⸗ mannländer war ein Unterhändler zwiſchen dem tückiſchen Italiener und meiner Gattin geweſen; er hatte ihr die Nacht bezeichnet, in wel⸗ cher Rackerino Rackerini herüberkommen werde, um ſie zu entführen; und um ihr ſcheußliches Werk zu krönen, hatte meine treuloſe Gattin dem treuen Hector eine vergiftete Speiſe gereicht, zu welcher ihr Rackerino Rackerini das Recept geſchrieben hatte. Die Ruchloſe, die durch mich aus dem Erbſchulzenſtande zu einer Kaiſerin erhoben wor⸗ den war, hatte ſogar die Schändlichkeit begangen, mein geliebtes Töch⸗ terchen, die kleine Prinzeſſin Guitarria Cichoria Cigarretta, mit zu entführen. Wenn jemals ein Entſchluß in der Welt gefaßt worden iſt, ſo war es der, welchen ich am folgenden Tage faßte. An dieſem ver⸗ — 120— rätheriſchen Gezücht Rache zu nehmen, Pipermannland mit aller Macht anzugreiſen, den ruchloſen Italiener, der ſo viel ich weiß ſogav ein Neapolitaner war, ſammt dem treuloſen Weibe im Meere zu verſenken, wo es am tiefſten iſt, das war der Entſchluß, den mein glühender Kopf in der heißen tropiſchen Sonne ausbrütete. Mit dieſem Plane beſchäftigt, ſchweifte ich folgenden Tags auf der Inſel uͤmher. Es lag eine fürchterliche unheimliche Schwüle über ihr, die Schwüle eines Backofens. Die Luft roch nach brennendem Pech und Schwefel. Eine eigenthümliche Ermattung und Abſpannung be⸗ mächtigte ſich meines Geiſtes wie meines Körpers. Die Füße hingen mir wie Bleigewichte am Leibe. Der Kopf drückte von oben wie ein ſchwerer glühender Erzklumpen. Widerſtandlos ſtreckte ich mich in das Gras, den Kopf unter meinen Gummiſonnenſchirm verbergend. Ein fürchterliches Brauſen, Toben und Rollen erweckte mich, zu⸗ gleich fühlte ich, daß der Schirm mir aus der Hand entriſſen und weit in die Luft getragen wurde. Es war ſtockfinſter um mich; doch nahm ich ſo viel wahr, daß ein ganzer Wald dicht über mich hinweg⸗ getragen wurde, ſo daß die feuchten Wurzeln der Bäume mein Geſicht ſtreiften, und mir dadurch eine keineswegs ſehr angenehme Empfindung verurſachten. Einer jener berüchtigten Tornados oder Wir⸗ belwinde, die in jenen Himmelsgegenden zuweilen vorkommen, war über die Inſel mit verzehrender Gewalt hereingebrochen, verbunden mit einem Erdbeben, wie ich an den entſetzlichen Rollſtößen unter mir und an den wellenförmigen Bewegungen des Erdbodens wahrnehmen konnte. Dieſer begann ſich an der Stelle, auf der ich lag, ſichtlich zu heben, immer höher und höher. Ein Berggipfel wurde, das fühlte ich, von der unterirdiſchen Gewalt emporgetrieben. Ich klammerte mich an ihn mit aller Macht. Der Gipfel ſchwoll mehr und mehr in die Luft, und hatte bald eine Höhe erreicht, von der aus ich die Finſterniß, die Wet⸗ terwolke, das Verderben, das Uebereinanderſtürzen der Wälder und Hügel tief zu meinen Füßen erblicken konnte. So wurde ich wohl mehrere tauſend Fuß mit dem werdenden Berge in die Luft getragen. Da ſtand er ſtill und begann nun, aber auch die Inſel mit ihm, zu ſinken, immer tiefer in den Schooß des Meeres. Mein Untergang ſchien beſiegelt zu ſein, als ſich plötzlich ein trichterförmiger Spalt un⸗ Macht ar ein enken, hender ff der ihr, Pech g be⸗ jingen ie ein n das „ zu⸗ n und doch nweg⸗ mein nehme Wir⸗ r über n mit ir und konnte. heben, , von in ihn t und Wet⸗ er und wohl tragen. hm, zu tergang alt un⸗ — 21— ter meinen Füßen öffnete, in den ich, wieder mehrere tauſend Fuß, allmälig hinabglitt, bis ich unten auf einem plötzlich ſich vorſchieben⸗ den gewaltigen Felsblock ſtehen blieb. Ich fühlte, wie die Inſel immer noch im Sinken war, und es war mir zu Muthe, wie es Einem ſein muß, der ſich in einer niedergehen⸗ den Taucherglocke befindet. Mit Entſetzen ſah ich dem Augenblick ent⸗ gegen, wo auch der Gipfel unter der Oberfläche des Meeres verſchwin⸗ den und die Fluthen in den Trichter hereinbrechen würden, um mich zu ertränken. Da plötzlich gab es einen furchtbaren Ruck— und die Inſel ſtand ſtill; ſie war auf dem Boden des Meeres angekommen, von dem die furchtbare Wirkung der vulkaniſchen Kraft ſie losgeriſſen hatte; der Gipfel des Berges, in deſſen Bauche ich eingeſchloſſen war, ragte aber über die Oberfläche des Meeres hinaus, wie ich daraus ſchloß, daß der Trichter ſich nicht mit Waſſer füllte. Mühſam kletterte ich den Trichter hinauf, was mir um ſo beſchwer⸗ licher fiel, da ich in meiner Rechten die Flinte hielt, und nachdem ich oben angelangt, befand ich mich wieder auf der Spitze des Berges, die eben nur unmittelbar über die Fluth hinausreichte und von allen Seiten von der unermeßlichen Fläche des Oceans umgeben war. Ein ſchreckliches Gefühl, ſo an einem Fleckchen Erde über dem Geſchäume und Gerolle der Wogen zu hängen! Doch, troſtreicher Anblick— auch das Rettungsboot hing am Gipfel feſt, und ich that, was ich nicht laſſen konnte, ich beſtieg es und überließ mich aufs Gerathewohl dem Spiel der Winde und Wogen und meinem Schickſal. Behntes Kapitel. Es gibt zwei Weſen, die dem Schuldner oder dem Schuldigen ſtets auf den Ferſen ſind und ihre Forderungen ſo lange betreiben, bis ſie be⸗ friedigt ſind— ein Gläubiger und die Nemeſis. Herder. In der zottigen Bruſt eines Eisbären ſchlägt oft ein menſchlicheres Herz als in der Bruſt des Menſchen. Seume. So befand ich mich denn wieder auf mich allein angewieſen, auf dem kleinen hin und hergeworfenem Boote zwiſchen Himmel und Meer. Die Inſel, die ich beherrſcht hatte, ruhte mit allem Lebendigen im Schooße des Oceans. Glücklicher Weiſe hatte ich jedoch die Reichsur⸗ kunde ſammt der Subſcriptionsliſte meiner Unterthanen bei mir, durch die ich mein Anrecht an die Inſel beweiſen konnte, wenn ſie je wieder aus der Tiefe emportauchen ſollte. Ich war jedoch der Mann nicht, um mich lange mit müßigen Gedanken an das Vergangene zu beſchäf⸗ tigen; mit der mir eigenen Schnellkraft verſetzte ich mich ſofort in den Mittelpunkt der Situation, in der ich mich befand. Was gibt es zu beißen? was zu trinken? Dieſe Fragen drängten ſich mir zunächſt auf. Indeß hatte ein günſtiges Schickſal auch dafür geſorgt. Das Boot war in letzter Zeit vielfach dazu benutzt worden, um von Klein⸗Auſtria Vorräthe von Auſtern und allerlei Seefiſchen herbei⸗ zuholen, die wegen des großen Salzgehaltes der See um jene Klippe ſchon vollſtändig eingeſalzen im Meere herumſchwimmen. Mit ſolchen Vorräthen war eine ganze Hälfte des Boots gefüllt; außerdem befand ſich auch eine anſehnliche Quantität Mehlteig von den Sem⸗ mel⸗ und Kuchenbäumen der Inſel auf dem Boote und zu meiner großen Freude entdeckte ich unter dem Auſternhaufen auch einige Dutzend Flaſchen Beutelländer Ausbruch, die wahrſcheinlich mein Ober⸗ 123— Hofküchenmeiſter darunter zu eigenem Gebrauche verſteckt und ſo den haushälteriſchen Blicken meiner Frau Liebſten entzogen hatte. Aus der vulkaniſchen Kataſtrophe meiner Inſel hatte ſich ein ſehr ſtarker, aber gleichmäßig wehender Südwind entwickelt, der das mit einem Segel verſehene Boot raſch vorwärts trieb, und durch meine Geſchicklichkeit im Rudern und Steuern erhielt ich das Boot, trotz der heftigen Briſe, in gerader Richtung; ich beherrſchte die Wellen und Winde ſtatt ſie mich. Bald trat die gebirgige Küſte von Pipermannland in Sicht. Wel⸗ ches großartige Schauſpiel eröffnete ſich meinen Blicken! Alle Berg⸗ gipfel waren zu Vulkanan geworden und ſchleuderten Feuergarben in den Himmel; Rauchſäulen, hunderte an Zahl, ſtiegen majeſtätiſch in die Luft empor und vereinigten ſich oben zu einer Rauchdecke, die ſich über die ganze Inſel und weit über das Meer ausbreitete und durch welche die Sonne wie eine glühende halbſterſtickte Kohle hindurchſchim⸗ merte; die Metalle floſſen, in der Lava geſchmolzen, in feurigen Strö⸗ men von den Seiten der Berge hinab in das Meer, mit dem ſie einen furchbaren elementariſchen Kampf zu beſtehen hatten. Die Lava und die geſchmolzenen Metallmaſſen drängten das Meer weit zurück und bauten ſich zu gewaltigen Wänden auf, an denen die Fluth des Oceans emporſchäumte und abprallte, kaum aber waren die glühenden Maſſen erkaltet, ſo ſtürzte das zum Weichen gebrachte Meer wieder über ſie her, ohne doch ihre feſtgewordenen Glieder löſen und zerreißen zu kön⸗ nen. Die ganze Inſel war ein einziger gewaltiger Gluth⸗ und Dampf⸗ keſſel, das Meer ein einziger kochender und ſiedender Strudel, und das Gelärm ſo furchtbar, als ob zwanzig Sebaſtopol's in einem fortdauern⸗ den Geſchützfeuer gegen einander begriffen ſeien. Es bedurfte meiner ganzen moraliſchen Kraft und meiner ganzen genialen Berechnung, um mich in dieſem Gewirbel, Geſtrudel und Getobe mit meinem Boote flott zu erhalten. Als ich aber auf einer vorſpringenden Klippe die Geſtalt meiner Beate, geborne Pipermann, erblickte, wie Loreley mit weit hinten nachflatterndem Gelock daſitzend, in Verzweiflung die Hände ringend und nach mir die Arme um Hilfe und Rettung ausſtreckend, da hätte ich beinah meinen ſittlichen Halt verloren. In der That verſuchte ich, mein Boot durch die ſich hoch — 124— bäumenden Wogen hindurchzuzwängen, aber zu einem ſolchen Wagniß reichte meine Kraft doch nicht hin; ich wurde immer wieder zurückge⸗ ſchleudert und ſah mich genöthigt, Beate ihrem Schickſale zu überlaſſen. Der Südwind packte das Segel meines Boots und trieb mich wieder von der Inſel ab. Ich glaubte, Beate würde wie Sappho enden und ſich von der Klippe ins Meer ſtürzen; ich erkannte jedoch mit meinen ſcharfen Augen, daß ihr eine hinter ihr ſtehende männliche Geſtalt ein Fläſchchen reichte, aus dem ſie einen kräftigen Zug that, worauf ſie beruhigter ſchien. Gift war es ohne Zweifel nicht; die Farbe des Getränks glich— Dank meinen geſunden Augen— derjenigen edeln alten Cognacs. Kein Zweifel, Kriſchan Schroop war der hinter ihr ſtehende Mann und in einem vierbeinigen Geſchöpf, das an ihm em⸗ porſprang, glaubte ich den treuen Hund Hector zu erkennen. Aber, wie war Schroop ſo plötzlich nach Pipermannland gekommen? Wie hatte ſich Hector wieder ins Leben verirrt? Oder war die ganze Ge⸗ ſellſchaft nur ein Phantaſiebild, eine Gruppe weſenloſer Spukgeſtalten? Indeß hatte ich keine Luſt, mir darüber den Kopf zu zerbrechen; dazu war mir mein Kopf viel zu lieb. Ich gönnte meiner treuloſen Ehe⸗ hälfte die Herzensſtärkung, die ſie zu ſich genommen, und mit etwas beruhigterem Gemüth ruderte ich weiter. Noch war ich nicht weit aus dem Wogenwirbel heraus, als eine rückprallende Welle mir einen abgeriſſenen Menſchenarm, der eine Guitarre feſthielt, in das Boot ſpülte. Es war der rechte Arm Ra⸗ ckerino Rackerini's! Die Strafe für ſeine Frevelthaten hatte ihn er⸗ reicht. Den Arm nahm ich, und präſentirte ihn höflichſt einem Hai⸗ fiſch, der gerade in dieſem Augenblick nach mir ſchnappte und ſich mit dieſem traurigen Biſſen befriedigt erklärte; denn er tauchte an dem Arm kauend wieder in das Meer zurück. Ich hohnlachte über beide, ſowohl über Rackerino Rackerini als über den Hai, der ſich in dieſer Weiſe abſpeiſen ließ. Rackerini's bleiches Haupt mit der Krone darauf, und ſeinen blutigen verſtümmelten Rumpf im Hermelinmantel, ſah ich ſpäter in einiger Entfernung aus den Wellen emportauchen. Beide Arme fehlten. Wahrſcheinlich hatte ſie ihm ein grimmiger Hai abgeriſſen. Die Guitarre, ſo Unſägliches ſie mir auch zu Leide gethan, behielt ich bei mir, ſie war ja nur ein unſchuldiges Inſtrument in der Hand Jagniß rückge⸗ „aſſen. wieder n und neinen Geſtalt vorauf be des edeln ter ihr n em⸗ Aber, Wie e Ge⸗ alten? zdazu Ehe⸗ etwas ls eine er eine m Ra⸗ ihn er⸗ Hai⸗ ch mit n dem beide, dieſer darauf, ſah ich Arne iſen. behielt Hand — 125— des ruchloſen Italieners geweſen. Und obſchon zwiſchen der Guitarre und mir der Unterſchied beſtand, daß meine Exiſtenz für den Augenblick gar keinen Boden, die ihre doch wenigſtens einen Reſonanzboden hatte, ſo war ſie doch eben ſo verlaſſen als ich, und Verlaſſene pflegen einander nicht zu verlaſſen. Eine reinere Hand ſollte nun ihren Saiten einen reineren Geiſt einhauchen und den böſen Dämon aus ihnen vertreiben, der ihnen eben ſo Ohr als Ehe zerreißende Töne eingeflößt hatte. Sie leiſtete mir auch während der Weiterfahrt gute Dienſte, dieſe Guitarre; ſie vertrieb mir manche langweilige Stunde, denn da ich nichts zu thun hatte, legte ich mich auf die Muſik, und vermöge der außerordentlichen mir angebornen Fähigkeit, es in jedem Zweige menſch⸗ licher Hanthierung und Kunſtübung in erſtaunlich ſchneller Zeit zur Vollkommenheit zu bringen, erreichte ich bald im Geſang und Guitarren⸗ ſpiel einen ganz eigenthümlichen Grad von Meiſteerſchaft. Ich wurde weiter und weiter getrieben, immer nordwärts, immer in gleichmäßigem Curs, immer mit demſelben Südwind. Woche an Woche ging darüber hinz aber es wollte ſich kein Land ſehen laſſen. Meine Vorräthe nahmen zum Entſetzen abz ich mußte darauf denken, mir Nahrungsmittel, auf welche Weiſe es auch ſei, zu verſchaffen. Glücklicherweiſe wimmelte es von Vögeln in jener Gegend, die oft in dichten Schwärmen über mein Boot dahinzogen, ſo dicht, daß ſie ein förmliches Schutzdach gegen den Regen gewährten, der ſchon ſeit ei⸗ nigen Tagen vom Himmel herabſtrömte. Mich nach hinten überbiegend brauchte ich nur eine Ladung Schrot in den Haufen zu entſenden, worauf ſie zu ganzen Dutzenden in das Boot niederfielen. Nun er⸗ innerte ich mich, daß die Kalmücken dadurch das Fleiſch mürbe zu machen pflegen, indem ſie es auf ihren Ritten unter den Sattel legen. Dieſe Reminiscenz aus dem Gebiete der höheren Kochkunſt leitete mich auf das richtige Verfahren, das ich in meiner Lage anzuwenden hatte. Meine Beinkleider— wenn es von ihnen zu ſprechen erlaubt iſt— waren von meiner Beate an einem hier nicht weiter zu nennenden Theile mit einem tüchtigen Stück Leder verſehen worden, um ſie recht dauerhaft zu machen. Ich legte nun zwiſchen das Brett, auf dem ich ſaß, und oben bemeldeten gut verſohlten Theil meiner Beinkleider das erlegte Geflügel und rutſchte dann ſo lange darauf hin und her, bis — 126— es mürbe und eßbar war. Anfangs wollte mir zwar die Koſt aus dieſer Garküche nicht recht munden, aber Noth lehrt nicht blos beten ſondern auch eſſen, und nach einiger Zeit fand ich das ſo zubereitete Ge⸗ flügel, das ich mit Pulver zu würzen pflegte, außerordentlich ſchmackhaft. Es wurde allmälig kalt, recht kalt und von Tage zu Tage kälter; einzelne Eisſchollen begannen bereits bei dem Boot vorüberzutreiben, und hätte ich mich nicht noch immer in der Strömung des Südwindes be⸗ funden, ſo würde ich mich in meiner dünnen tropiſchen Kleidung ſehr übel befunden haben. Namentlich waren die Nächte außerordentlich kalt; ich verkroch mich dann in den Berg von Federn, welche ich den erſchoſſenen Seevögeln allmälig ausgerupft hatte, und ſchlief darunter ganz prächtig. Hatte ich vor dem Schlafengehen noch einige Tropfen des Beutelländiſchen Ausbruch genommen, ſo transpirirte ich ſogar und indem ſich die Federn in meine Transpirenz(ich empfehle dieſes Wort für das unfaſhionable„Schweiß“) feſtſetzten, ſtand ich förmlich als Vogel auf, an welchem die eingefederten Arme die Flügel bedeu⸗ teten. Ich fühlte mich ordentlich zum Fliegen aufgelegt, was mir je⸗ doch, trotz allem in die Höhe Springen, nicht gelingen wollte, wogegen die Vögel mich für Ihresgleichen anſahen und ſich mir ſo zutraulich näherten, daß ich ſie mit den Händen greifen und dutzendweiſe fangen konnte. Die Zeichen mehrten ſich, daß ich bereits in die arktiſche Region verſetzt war. Auf dem Meere trieben Eisſchollen und Eisinſeln und bald ſah ich mich auch von mächtigen Eisbergen umgeben, die in den groteskeſten Formen ſich hunderte von Fuß in die Luft erhoben. Bald bildeten ſie gothiſche, wie aus blauem und grünem Glaſe errichtete Thurmpyramiden, bald Triumphpforten, bald Brücken, bald lang aus⸗ gehölte Grotten oder Tunnels, durch die ich hindurch fuhr, bald gli⸗ chen ihre Zacken einer langen Front von Bayonnett⸗ und Lanzenſpitzen, die im Scheine der Sonne, das Auge faſt blendend, wunderbar ſchim⸗ merten. Es war ein prächtiger aber mir gerade nicht ſehr erfreulicher Anblick; denn die Eiskälte, die mich jetzt von allen Seiten anwehte, drang durch meine leichte Kleidung bis auf mein Gebein und der warme Hauch des ſüdlichen Luftſtromes konnte dieſen mächtigern Gegen⸗ wirkungen nicht mehr Widerſtand leiſten. gegen aulich angen Legion — 127— Zu dieſem Schrecken der Eiswelt geſellten ſich bald noch andere Schrecken und Gefahren; denn als ich eines Morgens mich aus mei⸗ nem Federbette erhob, ſah ich mein Boot zu meinem Entſetzen von einem Dutzend weißzottiger Ungeheuer umringt, welche den mit ſchar⸗ fen Zähnen wie mit Palliſaden beſetzten Rachen gegen mich aufſperrten und mich mit blutgerötheten Augen heißgierig anglotzten. Ich ſchlug zwar einigen mit dem Ruder dermaßen auf den Kopf, daß ſie im Meere Kobold ſchoſſen und in die Tiefe, mehr todt als lebendig, nie⸗ dertauchten; aber die Zahl meiner gefährlichen Gegner wuchs zuſehends, mehrere hatten ſchon die Zähne in die Planken des Boots geſchlagen und ſuchten ſich ſo in das Boot, das dadurch in bedenklicher Weiſe ſein Gleichgewicht verlor, hinaufzuſchwingen. Ich befand mich ſo in jener häßlichen Situation, welche dem Pariſer Maler Biard, dem ich ſpäter die Geſchichte erzählte, den Stoff zu ſeinem unter dem Namen „Der Kampf mit den Eisbären“ berühmten Bilde gab. Ich ſah keine Rettung mehr, und in meiner Seelenangſt und wie von einem wunder⸗ baren Inſtinkt getrieben, ergriff ich die Guitarre und ſpielte die Me⸗ lodie„blühe, liebes Veilchen“, indem ich ſie mit meiner ſehr ſchmel⸗ zenden Baßſtimme accompagnirte. Sofort ging eine wunderbare Veränderung mit den Thieren vor; ſie ließen, von der wunderbaren Macht der Töne ergriffen, die Köpfe hängen, ſpitzten die Ohren, begleiteten ruhig ſchwimmend das Boot und klatſchten mit ihren Vordertatzen Beifall. Als ich geendet hatte, nickten ſie mit ihren Köpfen, als wollten ſie ſagen:„noch mehr!“ oder„Da Capo!“ und ich mußte wieder anfangen. Einer der Eis⸗ bären, offenbar der größte Muſikenthuſiaſt unter ihnen, fuhr aus Ent⸗ zückung über meinen Vortrag aus der Haut, worauf ich nichts Beſſeres zu thun wußte, als ſofort in ſie hineinzufahren, was mir ſehr wohl⸗ that; denn dieſer Pelz ſicherte mich gegen jede Einwirkung der arkti⸗ ſchen Kälte vollkommen. Ich weiß ſeitdem, wie es einem Eisbären in ſeiner Haut zu Muthe iſt, und ich muß ſagen, nicht übel, wenig⸗ ſtens ſehr bärenmäßig. Die übrigen Eisbären fanden ſich wenigſtens an den Nerven ſo angegriffen, daß ſie immer träger und träger nebenher ſchwammen und zuletzt gänzlich einſchliefen. Was weiter aus ihnen ge⸗ worden, weiß ich nicht; denn ich ruderte nach überſtandener Gefahr weiter. — 128— Noch im Laufe deſſelben Tages fuhr ich an eine Eisinſel an, auf der ich unverweilt ausſtieg, einen ſo traurigen Aufenthalt ſie auch ge⸗ währte. Ich hatte aber doch wenigſtens einen feſten, und nicht einmal ſehr glatten Boden unter mir, da das Eis überall mit einer dünnen Schichte Schnee überdeckt war. Des ewigen Ruderns auf dem Meere in dem ſchmalen Boote war ich herzlich müde, und ich beſchloß, mich bis auf Weiteres auf dieſer Inſel anzuſiedeln und was nun weiter zu thun ſei ruhig zu überlegen. Ich kann nicht ſagen, wie wohl es mir that, wieder einmal tüchtig und auf weitere Strecken ausſchreiten und den Freuden der Jagd obliegen zu können; denn es fehlte hier nicht an Thieren, wie ſie der arktiſchen Zone eigenthümlich ſind, und die durch irgend einen Zufall hierher verſchlagen waren. Auch an Treib⸗ holz mangelte es nicht. Aber wie ſollte ich das feuchte, durch⸗ und übereiste Holz in Brand ſetzen? Die Noth macht jedoch erfinderiſch, und kurz geſagt, ich legte mich auf die Verfertigung von Brennſpiegeln. Ich fand das Eis auf dieſer Inſel ganz glasartig; es war durchſichtig wie Glas, es zerſprang wie Glas, man konnte es ſchneiden wie Glas, kurz es hatte alle Eigenſchaften des Glaſes. Ich nahm nun eine Eisſcheibe und verſuchte mit meinem Demantmeſſer, welches ich noch von Pipermannland mitgenommen, ſie ſo zu bearbeiten, daß ſie die Wirkungen eines Brennſpiegels hervorbrächte. Das gelang mir zwar gleich anfangs nicht, aber an Eis hatte ich eben ſo wenig Mangel als an Zeit und Geduld, und nach vielen fortgeſetzten Verſuchen, war das Meiſterſtück fertig. Ich ſtellte die Eisſcheibe gegen die Mittags⸗ ſonne, und ich hatte die Freude, daß eine Parthie Treibholz, auf welche ſich die Strahlen der Sonne vermittelſt des Brennſpiegels concentrirten, nach kurzer Zeit in Brand gerieth. Ich will gleich hier bemerken, daß ich es in der Bereitung von Eisbrennſpiegeln durch weitere Verſuche zu einer außerordentlichen Vollkommenheit brachte. Ich verfertigte Brenn⸗ ſpiegel von fünfzig Fuß Durchmeſſer, mit denen ich, wie ich glaube, Schiffe und Häuſer hätte in Brand ſetzen können. Noch fehlte es mir an einer Wohnung, indeß ſollte ich auch zu dieſer durch einen merkwürdigen Zufall gelangen. Eines Tages näm⸗ lich ſah ich einen breiten Rücken wie den Rücken eines Hügels aus dem Meere emportauchen, der ſich meinem gegenwärtigen Aufenthaltsort „auf h ge⸗ inmal unnen Meere mich er zu mir n und nicht id die Treib⸗ und ciſch tegeln. ſichtig Glas, eine noch ſie die zwar dangel , war ttags⸗ welche erten, iß ich che zu Brenn⸗ laube, uch zu näm⸗ 3 aus altsort — o— zuwälzte, und ich erkannte bald, daß es ein ganz rieſenhafter Wallfiſch war. Wahrſcheinlich hatte er die Inſel nicht wahrgenommen, denn er lief gerade auf ihren Südrand auf, ſo daß die Eismaſſe, auf der ich mich befand, förmlich kippte, obſchon ſie wohl mehrere hundert Fuß in den Ocean hinunterreichte. Da lag der Koloß da, unfähig ſich zu rühren und in meine Gewalt gegeben. Wie aber dieſen lebenden Fleiſchberg tödten? Ich wußte jedoch bald Rath und pflanzte meinen wirkungsreichſten Brennſpiegel ſo auf, daß die concentrirten Sonnen⸗ ſtrahlen gerade die Stelle trafen, wo ich ſein Herz klopfen hörte. Die Procedur war nicht ſo grauſam, als es ſcheinen mag; denn kaum traf das Sonnenfeuer ſeine Haut, ſo war er auch ſchon mitten durchge⸗ brannt wie ein Strohhalm. In ſeinem aufgeſperrten Rachen, den ich mit einigen tüchtigen Kloben Treibholz ſtützte und auseinanderhielt und deſſen Seiten ich mit Holzwerk austäfelte, ſchlug ich nun meine Wohnung auf, errichtete darin einen Kochherd aus Eisſtücken, wie ich denn auch meine Meubles: Sopha, Tiſche, Seſſel u. ſ. w., ja ſelbſt meine Kochgeſchirre aus hundertjährigem und daher der Wirkung des Feuers unzugänglichem Eiſe verfertigte, und bereitete mir darin aus Eisfuchsfellen und Eiderdaunen ein ſehr bequemes Nachtlager. Als Schornſtein für den Abzug des Rauches dienten mir die Augen des Wallfiſches, die ich ausgegraben und zu denen ich aus dem Rachen des Thieres einen Kanal eröffnet hatte. Seine Speckſchinken, die ich auf dem Kochherde in des Thieres Rachen briet, gewährten mir ein vorzügliches Nahrungsmittel. Daß ein Kadaver in dieſen Breiten nicht in Verweſung übergeht, brauche ich wohl nicht zu bemerken, und ich hätte Jahrelang von dem Fleiſche des Wallfiſches zehren können, wenn es dem Schickſal gefallen hätte, mich ſo lange auf dieſer Eis⸗ maſſe feſtzuhalten. Indeß gefiel es ſo dem Schickſale nicht, was mir auch ganz angenehm war. Zwar herrſchte jetzt in dieſen Regionen der Sommer, der jedoch ſehr kurz iſt und ſelbſt durch die künſtlichſten Mittel nicht verlängert werden kann; und wie ſollte ich den langen lichtloſen Winter zubringen, in dieſer furchtbaren Einſamkeit, ohne Feuerung(da mir ja die Brennſpiegel im Winter keinen Nutzen ge⸗ währen konnten), auf der allen Winden ausgeſetzten, rings vom Meere umfloſſenen Eisſcholle? Nur unter Menſchen, dch te ich, ſollten D. B. X. Fritz Beutel, von Marggraff. 130 es auch Samojeden, Eskimos oder Grönländer ſein! Freilich hatte ich die Hoffnung, daß die Eisinſel durch hinzufrierende Eismaſſen mit dem Feſtlande verbunden werden könnte, aber wer mag es wagen, in der Winterfinſterniß ſich weit von ſeinem Lagerplatze zu entfernen? Wagte ich doch ſelbſt jetzt nicht, auf meinem Boote in die Eis⸗ und Waſſerwüſte hinauszuſteuern! Das Schickſal oder die mir verbündeten Elemente und Gewalten kamen mir zu Hilfe. Eines Tages ſah ich eine lange Reihe ſchwimmender Eisberge ſich gegen die Inſel plötzlich in Bewegung ſetzen, und ſie gewährten einen höchſt prachtvollen und majeſtätiſchen, aber auch für mich ſehr bedenk⸗ lichen Anblick. Denn ich frage jeden Touriſten, der von der Terraſſe in Bern die Hochalpen bewundert, was er dazu ſagen würde, wenn dieſe Berge, Gletſcher und Schneekoloſſe, die Jungfrau voran, ſich plötzlich gegen ſeinen Standpunkt in Bewegung ſetzen und ihm näher und näher rücken ſollten— ich frage ihn, was er dazu ſagen würde? Das Einzige, was ich thun konnte, war, mich mit Geduld zu wappnen und in mein Schickſal zu ergeben. Die Eisberge ſtießen mit furchtbarer Gewalt an den Südrand der Inſel, welche dabei entſetzlich ſchwankte, aber den Stoß der erſten kleineren Berge aushielt. Dieſe zerdrückten mein Boot, brachen aber, da ſie von ſehr mürber Subſtanz waren, an der Eismaſſe, die ich be⸗ wohnte, krachend zuſammen und hüllten die ganze Inſel und mich ſelbſt in eine dichte Wolke von Eisſplittern, von denen glücklicherweiſe mich keiner traf. Jetzt aber ſtießen die mächtigeren und feſteren Eis⸗ berge an die Inſel— Ein Ruck, Ein Stoß, und die Inſel ſelbſt ſetzte ſich in Bewegung, indem ſie von den Eisbergen immer vor ſich hergeſcho⸗ ben wurde, etwa wie ein Dampfwagenzug von einer hinter ihm ange⸗ brachten Locomotive. Auch die Schnelligkeit der Bewegung war etwa dieſelbe. Es dauerte nicht ſehr lange, ſo gab es einen neuen Stoß, und die ganze Eismaſſe ſtand ſtill. Wir waren an ein Eisfeld von ſo mächtiger Ausdehnung gerathen, daß ich ſeinen Umfang, nach einem raſchen Ueberblick, auf mehrere hundert Quadratmeilen ſchätzte. — ch hatte ſen mit gen, in fernen? 8⸗ und ewalten rge ſch n einen bedenk⸗ Terraſſe „wenn n, ſch n näher würde? vappnen Südrand r erſten en aber, ich be⸗ nd mich herweiſe n Eis⸗ ebte ſich rgeſcho⸗ n ange⸗ ar etwa 5, und von ſo j einem 2 — 131— Ich beſann mich nicht lange, ergriff meine Flinte und einen mei⸗ ner beſten Brennſpiegel, verſah meine Jagdtaſche mit den nöthigen Vorräthen und begab mich, in meine Eisbärenhaut gehüllt, auf eine Excurſion weiter nach Norden. Wie erſtaunte ich, als ich gegen Abend plötzlich in einiger Entfernung einen ſtattlichen Dreimaſter erblickte, der hier eingefroren lag und auf dem die engliſche Flagge aufgehißt war. Ich that, was Jeder in meiner Lage auch gethan haben würde— ich ſchritt dem Schiffe freudig klopfenden Herzens entgegen. Elftes Kapitel. Im Laufe dieſes Tages erblickte unſere Mann⸗ ſchaft einen Eisbären, wie er auf ſeinen zwei Hinter⸗ füßen gerade auf das Admiralſchiff losrückte. Meine Leute entluden ihre Gewehre gegen ihn, ohne daß die Kugeln der Beſtie Schaden thaten, was uns ſehr verwunderte. Noch mehrerſtaunten wir, als das vermeintliche Thier ſeine Kopfbedeckung nach hinten zurückſchlug, und wir in ihm einen Menſchen er⸗ kannten. Er nannte ſich Fritz Beutel aus Schnipp⸗ hauſen und leiſtete mir einige vortreffliche Dienſte. Da er jedoch ein bloßer Deutſcher war, glaube ich dieſe Verdienſte nicht näher namhaft machen zu dürfen. Admiral Roß in der Beſchreibung ſeiner Nordpolerpedition. Ich ſetze zu Anfang dieſes Kapitels die Wanderung fort, die ich am Schluſſe des vorigen begonnen habe; möge dem Leſer das Herz bei der Lectüre eben ſo freudig klopfen, als es mir bei der Wanderung ſelbſt klopfte! Freilich wäre mir mein Eisbärenfell beinah ſehr ſchlecht bekommen. Offenbar hielt mich die Schiffsmannſchaft für einen auf ſeinen zwei Hinterbeinen daherſchreitenden Eisbären; denn plötzlich fand ich mich von einem wahrhaften Kugelregen umſaust, der ſo dicht fiel, daß ich 9* — 132— immerwährend pruſten mußte und Mühe hatte, die Kugeln abzuſchüt⸗ teln. Fielen ſie aber dicht, ſo war mein Fell nicht minder dicht, und ich kann mir jetzt denken, warum der Eisbär einen ſo hohen Grad von Muth beſitzt. Sein Fell iſt ihm ſeine Feſtung und bombenfeſte Kaſematte. Als ich dem Schiffe näher kam, nahm ich meine Guitarre, griff einige volle Accorde und ſang dann, um den Leuten zu beweiſen, daß ich ein menſchliches und menſchlich empfindendes Weſen ſei, mein Lieb⸗ lingslied aus den Jugendjahren:„Ich bin liederlich, du biſt liederlich, ſind wir nicht liederliche Leute?“ Dieſes ſehr zu Herzen ſprechende Lied mit ſeiner eben ſo rührenden Melodie ſchien den Leuten auf dem Schiffe außerordentlich zu gefallen, denn ſielſtellten das Feuern ein und ſchickten mir eine Deputation entgegen, die mich in meinem allerdings ſeltſa⸗ men Anzuge(man denke: ein Eisbär mit Guitarre!) verwundert an⸗ ſtaunte. Ich ſetzte ihnen im ſchönſten Engliſch, wie ich es in Ham⸗ burg von den Matroſen auf dem Hamburger Berge gelernt hatte, meine Schickſale auseinander, und wir wurden bald die zärtlichſten Freunde. Ihre Zärtlichkeit gaben ſie mir namentlich dadurch zu er⸗ kennen, daß ſie mich zu einer Boxcrparthie aufforderten, die ich natür⸗ lich nicht ausſchlagen konnte. Ich boxte mich durch die ganze Schiffs⸗ mannſchaft hindurch, und obſchon ich auch manche Kniffel und Puffe erhielt und namentlich mein rechtes Auge durch einen Schlag ſo colorirt wurde, daß kein Maler den Regenbogen täuſchender in Farben darſtellen könnte, ſo blieb ich zuletzt doch Herr und borxte ſie alle der Reihe nach auf das Eis nieder. Jetzt war ich ihr Mann, und auf ihren Schul⸗ tern trugen ſie mich im Triumphe an Bord. Der Führer dieſer Nordpolexpedition, der bekannte Admiral John Roß, forderte mich ſofort auch zu einer Boxerparthie auf und obſchon ich ihm einige rechtſchaffene Stöße verſetzte, ließ ich mich doch zuletzt aus Politik niederwerſen. Hierdurch hatte ich ihn gleich gewonnen, denn er betrachtete ſich nun als den ſtärkſten Mann im Schiffe und fühlte ſich von dieſem Gedanken außerordentlich geſchmeichelt. Er tractirte mich mit Pökelfleiſch, Schiffszwieback und einigen Gläſern guten Madeiras und theilte mir mit, daß er auf einer Expedition begriffen ſei, um die nordweſtliche Durchfahrt zu entdecken, daß er aber ſchon ſeit einigen ————— —————r— bzuſchüt⸗ icht, und en Grad mbenfeſte re, grif iſen, daß ein Lieb⸗ liederlich, ende Lied m Echiffe ſchicken z ſeltſa⸗ dert an⸗ in Ham⸗ nt hatte, tlichſten h zu er⸗ h natür⸗ Schiffs⸗ Fe erhielt t wurde, darſtellen iihe nach r Schul⸗ al John ſchon ich lett aus en, denn d fühlt urte mic Madeitas ſei, um ſteinigen — 133— Tagen zwiſchen Eisfeldern und Bergen, die ſich gerade an dieſer Stelle ein gemüthliches Rendezvous gegeben hätten, feſtgepfählt ſei und nicht loskommen könne. Er geſtand mir, daß ihm dies um ſo verdrießlicher ſei, da wir(uns noch ziemlich in der Mitte des arktiſchen Sommers befänden, und er noch gerne einige Grade weiter nördlich gekommen wäre. Ich erklärte ihm mit der ruhigſten Miene von der Welt, daß ich am folgenden Tage einen Verſuch anſtellen wolle, ſein Fahrzeug wieder flott zu machen. Er ſah mich verwundert und kopfſchüttelnd an und meinte, ich ſei wohl von Sinnen oder nähme mir einen Spaß mit ihm heraus, den er gar nicht am rechten Orte angebracht finden wollte. Ich bblieb aber bei lmeiner Behauptung, wie zer bei ſeinem Kopfſchütteln. Als nun am nächſten Tage die Sonne auf ihrer höchſten Höhe ſtand, richtete ich meinen Brennſpiegel in der Entfernung von etwa einer Viertelmeile vom Schiffe ſo auf, daß die Strahlen ſich auf einem Punkte concentrirten, wo, wie ich bemerkte, der Zuſammenhang des Eiſes loſe war. Der Aufthauungsact ging an dieſer Stelle ſehr ſchnell vor ſich und bewies mir die Richtigkeit meines Verfahrens. Ich ver⸗ fertigte nun aus altem Eiſe, welches hie und da in Blöcken über das jüngere hinausragte, noch einige Dutzend Brennſpiegel und ſtellte ſie in gleicher Entfernung rings um das Admiralſchiff auf. Ich unter⸗ ſtützte die Wirkung der Brenn⸗ und Schmelzhitze noch dadurch, daß ich in gewiſſer Entfernung tiefe Löcher in das Eis bohrte und einige Körner von meinem beutelländiſchen Pulver erſter Qualität hineinthat, die dann vermittelſt eines Brennſpiegels entzündet wurden. Ich habe nämlich vergeſſen, daß es mir gelungen war, aus ggewiſſen nur auf Beutelland und Pipermannland befindlichen vulkaniſchen Stoffen eine zerſtörende Maſſe in Körnerform herzuſtellen, deren Wirkungen von der vernichtendſten Art ſind. Ein einziges Korn dieſer Maſſe kam in dieſer Hinſicht einem ganzen Centner des gewöhnlichen Pulvers gleich. Es war dies, kurz geſagt, eine Maſſe, in der ſich alle deſtructiven Ge⸗ walten zdieſer Erde, alle Stürme, alle Blitze, alle Donner, alle Feuers⸗ brünſte und alle Erdbeben concentrirt zu haben ſchienen. Wenn einige dieſer Körner in einem Eistrichter explodirten, wobei freilich in der Regel auch der darauf wirkende Brennſpiegel zu Grunde ging, ſo glich — 134— die Exploſion dem Losbrechen eines kleinen Vulkans, und mit don⸗ nerndem Getöſe ähnlich wie bei einem Eisgange klüftete ſich das Eis dann auf Strecken von der Länge einer engliſchen Meile auseinander. Nachdem ich drei Tage in dieſer mühſamen Arbeit(denn die zu Grunde gegangenen Brennſpiegel mußten immer wieder erſetzt werden) zugebracht hatte, war das Eis endlich auf ſo weiten Strecken geſpaltet und zerklüftet und ließ ſogar ſo viele Stellen offnen Waſſers zu Tage treten, daß der Admiral daran denken konnte, das Schiff in Bewegung zu ſetzen und die treibenden Eisſchollen, in welche ſich die Eisſchicht aufgelöst hatte, zu durchbrechen. Fuhren wir wieder an ein Eisfeld an, ſo begann ich meine Procedur von Neuem, und als ſich einſt ein ge⸗ waltiger Eisberg vorgeſchoben hatte, brannte ich vermittelſt eines mei⸗ ner vorzüglichſten Brennſpiegel an ſeiner Baſis einen Tunnel mitten durch ihn hindurch, der uns eine ziemlich bequeme Durchfahrt geſtattete, nur daß die Maſten niedergelaſſen werden mußten. Nach etwa acht Tagen erreichten wir wieder offenes Waſſer und gelangten auf dieſem in nördliche Breiten, wo bis dahin kein menſchlicher Laut die ewige ſchauerliche Grabesſtille unterbrochen hatte. Allmälig war es ſo kalt geworden, daß ſelbſt die Worte, die man ſprach, zu Eis erſtarrten und gefroren in der Luft ſtehen blieben, ſo daß man ſie wie aus einem Buche ableſen konnte; ja einigemale er⸗ reichte die Kälte ſogar einen ſolchen Grad, daß ſelbſt die Flamme auf dem Herde in Eis verwandelt wurde und dann wieder mit dem ſo eben an ihm gekochten ſiedenden Waſſer aufgethaut werden mußte. Wir mußten daher immer Feuer auf dem Herde haben, um das Waſſer ſiedend zu machen, und immer wieder Waſſer ſiedend machen, nm das Feuer damit aufzuthauen. Dieſer Proceß ging, wie wir bald bemerken konnten, ganz gleichmäßig vor ſich, erforderte aber eine höchſt genaue und peinliche Aufſicht. In der Regel froren wir über Nacht ein, wovor ich ſelbſt in mei⸗ nem Eisbärenfell nicht geſichert war, und ich muß leider geſtehen, daß wenn die Eisbärenhaut mit meiner Menſchenhaut zuſammenfror, ich allerlei Gelüſte wie der Eisbär ſelbſt verſpürte, namentlich nach Fleiſch und ſogar Menſchenfleiſch. Ich träumte dann von Seehühnern oder Polarhaſen, an deren Fleiſch und Blut ich mich ſättigte, oder von nit don⸗ das Cis einander. n die zu werden) geſpaltet zu Tage ewegung isſchicht ſſeld an, ein ge⸗ tes mei⸗ mitten eſtatteie, wa acht f dieſem je ewige die man eben, ſo male er⸗ ame auf dem ſo mußte. um das hen, nm emerken genaue — 135— einigen namhaften deutſchen Kritikern, die, nicht hinlänglich ſatt von dem Blutbade, welches ſie ſo eben unter einer Schaar von Hähnen und Hennen der deutſchen Lyrik und Romanproduction angerichtet, auf mich losſtürmten, um auch mich zu verſpeiſen, die ich aber dann ſelbſt verſpeiste, ohne jedoch ihrem harten und zähen Fleiſche gro⸗ ßen Geſchmack abgewinnen zu können. Ganz beſonders aber träumte ich von einer ſchönen anmuthigen Eisbärin, die mir bei meinem früheren Kampfe in die Augen gefallen war, weil ihr Pelz ſo weiß glänzte und ihr röthliches Auge eine ſo zärtliche Sehnſucht nach meinem Herzblute ausdrückte. Im Traume verwandelte ſich mir dann ihr weißes Fell in ein weißes ſeidenes Gewand, ihre Vordertatzen in zierliche mit Glacéhandſchuhen bedeckte Damenhände, und ihr Antlitz nahm allmälig die Geſichtsform meiner Beate an. Ich aber fraß ſie als ächter Eisbär dann vor Liebe auf. Wie geſagt, wir froren in der Nacht ſo zuſammen, daß man uns in ein Antikencabinet hätte aufſtellen können, und wir würden an Starrheit und Unbeweglichkeit den vollendetſten Antiken Ehre gemacht, man würde alle Apollo⸗ und Bachusſtatuen über uns vergeſſen haben. Was mich betrifft, ſo fror ich a posteriori, nicht a priori, oder viel⸗ mehr nur von hinten nicht vor vorn, jedenfalls aber in meiner Idee als Fritz Beutel ein. Von dieſer Idee aus thaute ich auch allmälig wieder mich ſelbſt auf, ergriff alsdann mein beſtes Brennglas, ging mit ihm von Einem zum Andern und thaute zuvörderſt den Admiral mit ihm auf, dann die Offiziere, den Steuermann, den Hochboots⸗ mann, den Koch, die Matroſen und Alle der Reihe und Rangordnung nach. Ich muß noch bemerken, daß in dieſen hohen Breiten gerade das Erfrieren im Grunde der eigentliche normale Zuſtand iſt und wunderbar belebend und erquickend auf die Nerven wirkt. Man kann ſagen, daß man in dieſen Breiten gerade durch das Erfrieren vor dem Erfrieren geſchützt wird. Admiral Roß hat freilich dieſer Dienſte, die ich ihm und ſeiner Expedition geleiſtet, in ſeiner Reiſebeſchreibung nur beiläufig Erwäh⸗ nung gethan. Ueberhaupt bemerkte ich bald, daß man auf mich neidiſch und eiferſüchtig war und mir meine Dienſte mit offenem Undank lohnte. — 136— Alſo eines Morgens— wir lagen gerade in einer Bucht vor Anker— ſagte ich zu mir: Fritz Beutel, ſelbſt iſt der Mann! ver⸗ ließ die undankbare Geſellſchaft ganz in der Stille und begab mich ans Land, um auf eigene Fauſt den Nordpol zu entdecken. Ich ſchritt immer darauf los, von Eisberg zu Eisberg wie eine Gemſe ſpringend, und ich glaube, daß ich nur dieſer ewigen energiſchen Bewegung es zu danken hatte, daß mein Blut in Bewegung blieb und in ſeinen Kanälen nicht gänzlich zu Eis erſtarrte. In Folge eines Fehltritts glitt ich zwar auf einem dieſer Berge aus und ſtürzte hinab; glück⸗ licherweiſe war dies aber gerade eine ſo kalte Stelle, daß die Luft einige Fuß unterhalb des Berggipfels zu Eis erſtarrt war, ſo daß ich auf dieſer feſtgefrorenen Luftſchicht unbeſchädigt liegen blieb und meine Wanderung bis zum nächſten Berge, ohne Gefahr einzubrechen, fort⸗ ſetzen konnte. Es wurde Nacht und dieſe Nacht wollte kein Ende nehmen die Sterne ſchimmerten überaus hell, die Nordlichter kniſterten und fun⸗ kelten um mich her wie Bienenkörbe, Raketen und Schwärmer bei einem Feuerwerk. Ich ſelbſt bildete einen integrirenden Beſtandtheil des Nordlichts. Aus allen Theilen meines Körpers kniſterten Funkenz meine Hände glühten bald purpur⸗ bald roſenroth, bald gelb, bald grün, meinen Fingern entſtrömten die prächtigſten Lichtſtreifen, die bloße Verlängerungen dieſer Finger zu ſein ſchienen; meinem Munde entquoll eine fortgeſetzte Gluthwolke elektriſchen Dampfes; meine Augen waren rollende Feuerräder und von meinem Scheitel ſtieg rieſenhoch eine ſchimmernde Lichtſäule in die Luft. Man hat zu der Zeit ſelbſt unter ſehr entfernten Graden ſüdlicher Breite ſo prächtige Nordlichter beobachtet wie niemals zuvor und niemals ſpäter; kein Wunder, da ſich meine animaliſch magnetiſch⸗elektriſche Kraft mit der des Nordlichts verband und ſeine Wirkung um das Doppelte erhöhte. Auch wollte man an verſchiedenen Punkten, von denen aus das Nordlicht geſehen wurde, im Kerne des Nordlichts die Geſtalt eines feurigen Mannes bemerkt haben, der eine Cigarre rauchend darin gemüthlich ſpazieren ging. Es war dies ohne Zweifel meine Geſtalt, die auf den elektriſchen Dampfgewölken reflectirte. ucht vor inn! ver⸗ ggab mich ſtrt ppringend, egung es in ſeinen Fehltritts 5; glück⸗ die Luft daß ich nd meine en, fort⸗ nen die und fun⸗ rmer bei ſtandtheil Funken; elb, bald ffen, die Munde meine ieel ſtie t zu der rrächtige er; kein wit der erhöhte. aus das alt eines 5 darin Geſtalt N— 137— Die lange, die ewig lange arktiſche Winternacht war angebrochen; doch Dank dem Nordlichte und dem eigenen von mir ausſtrahlenden Lichte war es rings um mich ſo hell wie am Tage. Eigentliche Wärme gab dieſe Aurora borealis allerdings nicht, aber wo Licht iſt, iſt auch Wärme, wenn auch eine kalte. Ich hatte mich allmälig akklimatiſirt und eine ſchneeweiße Haut bekommen; denn in jenen Gegenden iſt Alles weiß, weil die allein farbenſpendende Sonne dort, wie ein deutſcher Heldenſpieler auf einem Provinzialtheater, nur vor⸗ übergehende Gaſtrollen gibt. Die Weisheit der Natur bewährt ſich auch in dieſer Einrichtung. Was weiß iſt, iſt zwar kalt an der Oberfläche, läßt aber die Wärme aus dem Innern nicht heraus. So gefriert ja der Schnee an der Oberfläche, während er in der Tiefe eigentlich warm iſt. Hätte Jemand meine jetzt ſchneeweiße Haut mit warmen Fingern betaſtet, ſo würde er ſie mit Schaudern zurückgezogen haben, denn ohne Zweifel war meine Haut kalt wie gefrorner Schnee. Die Lebenswärme in meinem Innern war aber um ſo condenſirter, da ſie nicht ausſtrahlen konnte. Nach etwa vierzehntägiger Wanderung war ich nicht wenig über⸗ raſcht, als mein ſtählernes Meſſer und mein Feuerſtahl plötzlich aus meiner Seitentaſche heraus und in einem gewaltigen Bogen weit von mir wegſprangen, bis ſie meinem Geſichtskreiſe entſchwunden waren. Ich lief ihnen in der Richtung, die ſie eingeſchlagen hatten, nach und je weiter ich kam, deſto ſchneller ſetzten ſich meine Füße, wie von einer mächtigen geheimnißvollen Kraft angezogen, in Bewegung— zuletzt ſo ſchnell, daß mein Oberkörper meinen Füßen kaum zu folgen vermochte und nur mit Mühe ſich im Gleichgewichte erhielt. Plötzlich fühlte ich mich unten feſtgehalten, und unbeweglich ſtand ich da. Wie ſehr ich mich auch anſtrengte, mich loszureißen, es war nicht möglich. Ich betrachtete den Fleck, wo ich ſtand und bemerkte, daß meine Füße auf einem ſchwarzdunkeln Gegenſtande hafteten, der nur ſehr wenig aus dem Schnee hervorragte und an dem ich zugleich meinen Feuerſtahl und mein Meſſer wie angelöthet hängen ſah. Es wurde mir nun Alles klar: ich ſtand direct auf dem Nordpol. Mein Schuhwerk war mit ſtählernen Zwecken beſchlagen, und der Pol hatte auf dieſe eine ſolche magnetiſche Kraft ausgeübt, daß das Schuhwerk 138 mit mir davon gelaufen war, wie es jetzt mit mir am Pol feſthaftete. Hier war guter Rath theuer, und der theuerſte wäre wielleicht nicht gut geweſen. Ich that jedoch das Einzige was hier zu thun war: ich ſuchte aus meinen Stiefeln loszukommen, was mir denn auch endlich nach unſäglicher Mühe gelang. In bloßen Füßen im Schnee zu waten, wäre freilich nicht rathſam geweſen und ich machte mich daher daran, aus den Hinterpfoten des Eisbärenfells, die bis dahin maleriſch an meinem Körper herabgehangen hatten, mir neues Schuhwerk zu bereiten, womit ich nach einigen Stunden mühſeliger Arbeit zu Stande kam. Jetzt war ich vollkommner Eisbär, denn die Vorder⸗ tatzen hatte ich ſchon früher zu Handſchuhen verarbeitet und ange⸗ zogen. Dem tückiſchen Nordpol widmete ich nur einige ſehr kurze Betrach⸗ tungen. Dieſer dunkele unſcheinbare Gegenſtand war alſo das mäch⸗ tige Ding, dem ſich die Magnetnadeln in der ganzen Nordhälfte der Welt zuwenden! Wie ganz anders hatte ich ihn mir gedacht, wenig⸗ ſtens in der Geſtalt einer ungeheuren, mehrere Stunden im Umfang haltenden Magnetmaſſe, von Nordlichtern umſpielt und ſchauerlich in die majeſtätiſche Oede und Eiswüſte hingelagert! Und wie ärmlich lag das Ding nun vor mir da! Doch es geht uns ja auch ſo mit den meiſten menſchlichen Größen, wenn wir ihnen perſönlich näher treten— ich ſelbſt etwa ausgenommen, der, wie man mich verſichert, bei näherer perſönlicher Bekanntſchaft nur gewinnt, wovon ich auch vollkommen überzeugt bin. Stahl und Meſſer dem Pol zu entreißen war mir unmöglich. Obſchon ich die mir zu Gebote ſtehende magnetiſche Kraft in vollſtem Maße anwandte, bewieß ſich der telluriſche Magnetismus doch ſtärker als mein animaliſcher. Ich ließ alſo Stiefel, Meſſer und Stahl am Pol hängen, wo ſie ohne Zweifel noch hängen und demjenigen, der einmal dieſen Punkt ſpäter erreichen ſollte, als Beweisſtücke dienen werden, daß Fritz Beutel ſchon vorher an dieſem Punkte verweilt hat. Mit unſaglich vernichtender Verachtung wandte ich dem Pol den Rücken und begab mich von ihm weg, auf gut Glück die Richtung nach Süden einſchlagend. Pol nicht : ich hlich e zu daher eriſch ſk zu it zu order⸗ angk⸗ rach⸗ mäch⸗ te der venig⸗ nfang ich in unlich ſ mit näher ſchert, h auch glich⸗ llſtem ſtärker hl am n, der dienen lt hat. l den chtung — 139— Eins will ich gleich noch hier bemerken. Man hat in jenen Jahren eine große Unruhe an den Magnetnadeln, Compaſſen und Bouſſolen wahrgenommen und die ſcharfſinnigſten Hypotheſen darüber angeſtellt. Dies erklärt ſich jedoch aufs einfachſte daher, daß ich durch die Einwirkung des Nordpols und meiner Berührung mit ihm eine unglaubliche Quantität magnetiſcher Kraft eingeſogen hatte, ſo daß die Magnetnadeln nicht wußten, wohin ſie ſich wenden ſollten, ob nach mir oder nach dem Nordpol, der für mehrere Jahre in eben dem Maße an magnetiſcher Kraft verloren als ich an magretiſcher Kraft gewonnen hatte. Da ich nun zu jener Zeit immer auf Wan⸗ derſchaft begriffen war, ſo verſteht es ſich von ſelbſt, daß damals die Magnetnadeln in großer Unruhe waren, indem ſie mich auf meinen Hin⸗ und Herzügen begleiteten und ſich immer dem Punkte zuwandten, auf dem ich mich gerade befand. Bwölftes Kapitel. Die Eskimos ſind ein Volk, welches leichter als die Deutſchen in den Fall kommt, in den Thran zu treten. Karl Ritter. Es iſt recht ſchlimm, daß ſie Prinzeſſin iſt— Die Leonore mein' ich, lieber Taſſo! Wenn ſie ein Mädchen wär aus niederm Stand, Das ſich mit Sticken, Flicken oder Stricken Ihr Brod verdiente, ja, dann rieth ich ſelbſt:] Greif zu, mein Taſſo! Goethe's Torquato Taſſo. Nach kurzer Wanderung erblickte ich eine kegelförmige Anhöhe, die ich erſtieg, um eine Umſchau über das Gelände zu halten. Auf dem Gipfel angelangt, empfand ich eine angenehme Wärme und er⸗ blickte mich am Rande eines Keſſels, in deſſen Innerm eine kleine Flamme brannte. Lange hatte kein Feuer meine gefrornen Gebeine erwärmt, und ich konnte der Verſuchung nicht widerſtehen, mich in den Schlund des kleinen Vulkans herabzulaſſen, um auf einem großen Felsblocke meinen Sitz aufzuſchlagen und mich ein wenig zu wärmen. Es war hier ganz behaglich, und ich beſchloß den arktiſchen Winter hier zuzubringen, wobei mir der Block zugleich als Kochherd dienen ſollte, da die Flamme an der einen Seite deſſelben unmittelbar am Rande hervorſchlug. Zwar war mir in dieſer höchſten Nordregion ſeit einigen Tagen ſchon kein lebendes Geſchöpf mehr zu Geſicht ge⸗ kommen; aber ich hatte mich für dieſen Fall vorgeſehen und in der innern Seite meines Eisbärenpelzes Säcke und Taſchen in großer Zahl angebracht und ſie auf dem Schiffe, ehe ich es verließ, mit Speiſevorräthen allerlei Art gefüllt, ſo daß ich mich mit Recht als eine wandelnde Speiſekammer betrachten durfte. Auch einiges Geflügel, das ich in den erſten Tagen meiner Wanderung erlegt hatte, befand * aThran amme värmt, chlund zblocke Winter dienen ar am region ht ge⸗ in der großer mit ht als fügel befand — 141— ſich darunter, durch den Froſt wohl conſervirt. Bei ſparſamer Ein⸗ theilung konnte ich mit Recht darauf rechnen, den Winter über aus⸗ zureichen. Es iſt ſo ſchön, wenn man nach langem Umherſchweifen wieder an einem Herde ſitzt, den man ſein nennen kann. So war auch mir zu Muthe, und ich pflog ſofort mit mir„Unterhaltungen am häuslichen Herd“, welche Gutzkow, dem ich ſie ſpäter mittheilte, die erſte Anregung zu ſeinem unter dieſem Titel laufenden Journale gegeben haben. Indeß hatten die ungewohnte Wärme und der unabläſſige heiße Qualm auf meine Gebeine, deren Mark ohne Zweifel bereits in Schnee verwandelt ſein mußte, eine eigenthümliche Wirkung. Nach einem ziemlich reichlichen Mahle verſank ich in Betäubung, in eine Art Halbſchlaf, ich fühlte wie ich mich, gleich den Bären im Winter⸗ ſchlaf, auf meinem Felsblock unwillkürlich zuſammekrümmte. In dieſer Stellung lag ich da, Monate lang; nur zuweilen wurde mein Schlaf von Momenten eines aufdämmernden Bewußtſeins unterbrochen, das aber bald wieder erloſch. Ich weiß nicht, ob es ſo ſich wirklich ver⸗ hielt oder ob ich nur davon träumte: kurz ich glaube während mei⸗ nes Winterſchlafs an meinen eigenen Tatzen wie ein echter Bär geſogen zu haben. Ich will das zwar gerade nicht behaupten, aber auch nicht in Abrede ſtellen, wenn ein Gelehrter behaupten ſollte, daß es ſo der Fall geweſen. Ein entſetzlicher Stoß weckte mich plötzlich auf, ich fühlte mich, indem ich mir verwundert die Augen rieb, unter donnerähnlichem Ge⸗ töſe emporgehoben und mit dem Steine, auf dem ich ſaß, hoch in die Luft geſchleudert. Der Vulcan hatte explodirt und zwar mit ſo furcht⸗ barer Gewalt, daß ich mit dem Felsblock wohl hundert Stunden weit nach Süden fortgetragen wurde. Hier fiel mein Flugwerk, der Block, auf einer abſchüſſigen Schneeebene nieder, auf der ich wohl wieder hundert Stunden weit mit erſtaunlicher Schnelle rutſchend hinunterglitt, denn der Schnee war feſtgefroren wie Eis. Jenſeits des unermeßlichen Schneefeldes angekommen, erblickte ich mich in einer etwas minder rauhen Gegend, ja wer beſchreibt mein Erſtaunen, in der unmittelbaren Nähe eines Eskimodorfes. Der — 12— arktiſche Sommer war inzwiſchen angebrochen;z die Sonne ſtand am Himmel und hatte ſogar ſchon ganze Streifen Landes vom Schnee bloßgelegt. Ich ſchritt luſtig auf das Dorf los und fand mich bald von einer Schaar klein geſtalteter, wunderlich in Rennthierfelle ge⸗ kleideter Eskimos umgeben. Sie machten auf mich Jagd und ſuchten mich einzufangen, weil ſie mich für einen leibhaftigen Eisbären an⸗ ſahen. Ich ſchlug das Bärenhaupt wie eine Mönchskaputze zurück, um mich in meiner menſchlichen Geſtalt zu zeigen; ich rief ihnen auf deutſch zu: Leute, kennt ihr mich nicht? Ich bin ja der Fritz Beutel aus Schnipphauſen! Aber ſie fuhren in ihren drohenden Bewegungen fort, indem ſie unabläſſig Kax, Kax! und dann wieder Kux, Kux! riefen. Bald merkte ich, daß dieſe armſeligen Creaturen in ihrer Sprache nur dieſe beiden Worte hatten, und meine Situation be⸗ greifend, rief ich mit ihnen zur Wette Kax, Kax! und Kur, Kux! Die Eskimos, offenbar erſtaunt und erfreut darüber, daß ich ihre Sprache ſo ſchnell weghatte, nahten ſich mir nun freundlich, begrüßten mich, indem ſie mit ihrer Naſenſpitze die meinige berührten, und reichten mir zur Beſiegelung ihrer Freundſchaft ein Gefäß mit Thran, den ich, grimmige Grimaſſen ſchneidend, hinunterſchluckte, um es mit ihnen nicht zu verderben. Wir wanderten nun gemüthlich und kamerad⸗ ſchaftlich dem Dorfe zu. Ehe ich in meiner Erzählung fortfahre, will ich einige den deut⸗ ſchen Gelehrten ohne Zweifel ſehr willkommene Notizen über dieſen am weiteſten nach Norden vorgeſchobenen Vorpoſten des Menſchen⸗ geſchlechts mittheilen. Der Stamm der Eskimos, unter den ich ge⸗ rathen war, heißt die Kuxuſen, und führt den Namen daher, weil dieſe Leute für alle Dinge, Perſonen, Oertlichkeiten und Begriffe nur jene beiden Worte Kax und Kux haben. Kax bedeutet alles Helle, Freudige, Geſunde, Lebendige, Farbige, Kux alles Dunkele, Traurige, Kranke, Todte und Farbloſe; Kax bedeutet Licht oder Tag, Kux Finſterniß oder Nacht, Kax Schönheit, Kux Häßlichkeit, Kax Tugend, Kur Laſter, Kax Geſundheit und Leben, Kux Krankheit und Tod, Kar Reichthum, Kux Armuth, Kax unverdorbenen, Kux verdorbenen Thran, Kax friſche, Kux faule Fiſche. Hier zwei Coßdverſationsproben. Zwei Kuruſen begegnen einander. Erſter Kuxuſe: Kax(d. h. es freut mi nd am Schnee ch bald lle ge⸗ ſuchten en an⸗ ck, um n auf Beutel gungen „Kurl ich ihre grüßten n, und Thran, es mit merad⸗ deut⸗ dieſen enſchen⸗ ich ge⸗ „weil fe nur helle aurige, Kux / ugend, , Kar Thran, zwei t mi — 143— Sie bei guter Geſundheit zu ſehen); zweiter Kuxuſe: Kux(d. h. nicht ſo ganz, leider habe ich Kopfweh); erſter Kuxuſe: Kux(d. h. bedauere; Kopfweh iſt eine üble Angewohnheit; wie haben Sie ſich's zugezogen?); zweiter Kuxuſe: Kux(d. h. ich habe geſtern zu Mittag Fiſche gegeſſen, die leider faul waren, und keinen Nordhäuſer darauf geſetzt); erſter Kuxuſe: Kax(d. h. damit kann ich Ihnen dienen; nehmen Sie hier einen Schluck!); Zweiter, indem er aus der ihm dargereichten Flaſche einen Schluck thut, und dann wieder einen und dann noch einen: Kax (d. h. ei, der iſt von vortrefflicher Qualität); Erſter: Kux(d. h. zum Henker! der Menſch läßt ja keinen Tropfen darin!). Oder ein kuruſiſcher Jüngling trifft eine kuxuſiſche Jungfrau auf der Straße und es entſpinnt ſich folgendes Geſpräch. Jüngling: Kax(d. h. etwa: ſchönes Fräulein, darf ich wagen, Arm und Geleit Ihnen anzutragen?); Jungfrau: Kux(d. h. etwa: Bin weder Fräulein, weder ſchön, kann ungeleitet nach Hauſe gehen); Jüngling: Kux(d. h. Sie zerreißen mein Herz; ſeien Sie nicht ſo grauſam); Jungfrau: Kax(d. h. grau⸗ ſam will ich nicht ſein; aber bitte, ſprechen Sie recht bald mit meiner Mutter!) Jüngling(für ſich): Kux(d. h. da bin ich in eine ſchöne Geſchichte gerathen). Die Braut redet ihren Verlobten an: Kax! (d. h.: Angebeteter! oder ſüßes Leben! oder Herz meines Herzens!); nach ihrer Verheirathung ſchilt ſie ihn: Kux!(d. h. Lump! oder Faullenzer! oder Tagedieb!). Dieſe wenigen Proben werden genügen, um von der Grammatik der Kuruſenſprache einen Begriff zu geben. Wie es hiernach ſcheint, würde es den Miſſionären nur wenig Mühe machen, die Bücher der heiligen Schrift in die Landesſprache dieſes Völkleins zu übertragen, da ja die Ueberſetzung aus lauter Kaxen und Kuren zu beſtehen haben würde. Aber man darf nicht vergeſſen, daß die Eingebornen in dieſe zwei einfachen Worte durch Dehnung, Kürzung, Schärfung, Dämpfung oder Verſtärkung eine unendliche Menge durch Regel und Gebrauch feſtgeſtellter Nüancen zu legen wiſſen. Kux, in einem gewiſſen Tone und mit einem gewiſſen Accente ausgeſprochen, enthält vielleicht nur einen ſehr harmloſen Scherz; anders accen⸗ tuirt und ausgeſprochen dagegen eine Injurie, für die der Beleidigte ſeinen Beleidiger beim oberſten Landesgerichtshof belangen oder ihn auf einen Gang ſcharfgeſchliffener Eiszapfen fordern darf. — 144— Die Kuxuſen tragen nämlich an ihrer Seite ſtatt der Degen meh⸗ rere Fuß lange Eiszapfen, die ſie durch künſtliche Mittel ſo zu ver⸗ dicken und zu verhärten wiſſen, daß ſie ſelbſt im Sommer nicht ſchmel⸗ zen und gegen nicht allzuharte Gegenſtände angewendet einigermaßen den Dienſt einer Waffe verrichten. So ſind auch die Spitzen der Spieße und Pfeile aus Eis verfertigt. Man wählt dazu recht alte Eiszapfen, wie ſie von Gießbächen und Waſſerſtürzen gebildet, an den Felſen des Landes hängen, oft in der Stärke und Dicke eines Mannes⸗ ſchenkels und nach dem Muſter des meinigen. Man kann in allen Reiſebeſchreibungen, welche von den arktiſchen Regionen handeln, von dem ewigen Eiſe leſen, welches ſich dort befindet. Es iſt alſo logiſch, daß ewiges Eis auch nicht im Sommer ſchmilzt, obſchon man aller⸗ dings in den dortigen Gegenden der größeren Vorſicht wegen im Sommer entweder nur im Schatten kämpft, zu welchem Zwecke jeder Krieger einen Sonnenſchirm mit ſich führt, um dahinter die Eiswaffe zu verbergen, oder das Kriegführen lieber ganz bleiben läßt. Man ſpricht daher dort in militäriſcher Hinſicht von Sommerquartieren, wie man bei uns von Winterquartieren ſpricht oder wenigſtens zu einer Zeit ſprach, wo man noch nicht ſo grauſam dachte, die Soldaten den Kampf mit den Elementen ſelbſt beſtehen zu laſſen, wie dies jetzt geſchieht. Ich muß bemerken, daß das Eis im Kuruſenlande ein ſehr wohlfeiler, Holz und Metall dagegen ein ſehr theurer Artikel iſt. Die Garde der Kuruſen führt übrigens Spieße und Pfeile, deren Spitzen aus Splittern der Seehundknochen verfertigt werden. Ueberhaupt könnte der Kuxuſe ohne den Seehund gar nicht be⸗ ſtehen. Aus ſeinem Felle bereitet er ſeine Kleidung wie ſeine Zelte, aus ſeinen Sehnen verfertigt er Zwirn, aus ſeinen Knochen drechſelt er allerlei kunſtvolle Gegenſtände und Hausgeräthſchaften, mit ſeinem Thran verſorgt er ſein Nachtlämpchen, mit ſeinen Knochenüberreſten ſpeist er das Herdfeuer und als Fenſter bringt er in oval zugeſchnitte⸗ nen Oeffnungen die Augenhäute des Thieres an, die dazu in eigen⸗ thümlicher Weiſe zubereitet und gegerbt werden. Der Seehundsthran dient theils zur Erleuchtung, theils iſt er bei den Kuxuſen National⸗ getränk wie das Bier bei den Deutſchen, und mit Talg vermengt, bereitet man daraus ein ſehr ſchönes Gebäck, welches Wind und ——— j— gen meh⸗ zu ver⸗ t ſchmel⸗ germaßen tzen der cht alte an den Mannes⸗ in allen eln, von o logiſch, an aller⸗ im ece zeder Eiswaffe t. Man artieren, gſtens zu Soldaten dies jett ein ſehr ſſt. Die Spiten nicht he ne Zelte, drechſelt u ſeinem überriſten iſcnitt⸗ in eigen⸗ ndsthran National vermengt dind und — 145— Wetter trotzt und wie man ſogar im Converſationslexikon leſen kann, Pemmikan genannt wird. Ich vermuthe wenigſtens, daß dieſer kuxuſiſche Kuchen ſehr vortrefflich ſchmeckt, denn die Kuxuſen und die Kuxuſinnen machten, wenn ſie ihn aßen, immer ganz eigenthümlich vergnügte, ich möchte ſagen verliebte Geſichter, gerade wie die Leipziger, wenn ſie ſich im großen oder kleinen Kuchengarten an einer Portion Streuſel⸗ kuchen gütlich thun. In ſolchen Augenblicken hätte ich wetten mögen, ich befände mich unter einem Trupp junger Leipziger Dandies und ihrer Schönen, die für Kuchen Alles wagen und thun. Was mich betrifft, ſo habe ich den Pemmikan, ſo oft ich auch von liebenswürdi⸗ gen Kuruſinnen dazu eingeladen wurde, niemals berührt; er war wider meine Natur. Ich verſicherte den Schönen, daß ihr reizender Anblick mich vollkommen geſättigt habe, und ſie waren von dieſem Compliment ſtets außerordentlich bezaubert. Sie konnten mir nicht oft genug Pemmikan anbieten, um nur recht oft dies Compliment zu hören. Ich ſprach dann das Kax mit jener Weichheit aus, die dazu gehört, um den Kuruſinnen klar zu machen, was ich damit ſagen wollte. Nur dies eine muß ich noch bemerken, daß das Wort Pemmikan aus der allgemeinen Eskimoſprache in die Sprache der Kuxuſen übergegangen, mithin eine weſentliche Bereicherung der Kuruſenſprache iſt. Bei feier⸗ lichen Gelegenheiten wird dazu möglichſt viel Nordhäuſer, eine Sorte ſtarken gebrannten Waſſers, getrunken. Es iſt zwar nicht der ge⸗ wöhnliche Nordhäuſer, aber ich nannte ihn ſo, weil wir doch hier ſo recht im Norden hausten. Ich hatte ſehr bald Gelegenheit durch den Augenſchein zu erfahren, was die Eiswaffen der Kuxuſen in militäriſcher Anwendung werth ſind. Die Kuxuſen lagen gerade im Kriege mit den Gurkchuſen, einem nnehr ſüdlichen Eskimoſtamme. Es fand ausnahmsweiſe ein Sommer⸗ feldzug ſtatt, und unſer Dorf, die Hauptſtadt des Landes, erwartete einen Ueberfall. Man hatte mir das Vertrauen geſchenkt, das ich ver⸗ diene, und mir die Anordnung der Vertheidigungsanſtalten übertragen. Ich ließ nun große mächtige Schnee⸗ und Eiswälle um das Dorf aufwerfen, Schießſcharten darin anbringen und Baſtionen aufwerfen, die einander deckten, ich ließ Eiskanonen und Eiskugeln, die für dieſe Geſchütze beſtimmt waren, anfertigen, ich ließ eine große Zahl Schnee⸗ D. B. X. Fritz Beutel, v. Marggraff. 10 — 146— männer auf den. Eiswällen aufrichten und mit Pelzen aus Seehunds⸗ fell und Pelzmützen verſehen, damit der Feind ſie für lebende kuruſiſche Krieger und uns für ſtärker halte als wir wirklich waren; endlich er⸗ richtete ich eine Schwadron Kuiraſſiere, die mit Eiskeulen bewaffnet und mit Eispanzern und Eishelmen verſehen waren und auf einer Gattung Biſamochſen ritten, welche in jener Gegend heimiſch iſt. Und ſo erwarteten wir den Angriff. Dieſer ließ auch nicht lange auf ſich warten. Die Gurkchuſen rückten an, zwar auch meiſt nur mit Eisſpießen, dann aber auch mit Schwertern aus Seehundsknochen bewaffnet, und drei-⸗ oder viermal an Zahl den Unſrigen überlegen. Ich ließ nun einen Theil unſerer Mann⸗ ſchaft einen Ausfall aus unſerm Sebaſtopol machen, obſchon, ehrlich ge⸗ ſtanden, im Grunde nur, um zu ſehen, wie es bei einem ſolchen Kampfe der Eskimos Mann gegen Mann hergehe. Die Eispfeile und Eislanzen thaten freilich den Leibern weniger als den Pelzen Schaden, worauf auch die Bulletins vorzüglich Rückſicht nehmen, indem es z. B. in dieſen heißt:„Den Feinden wurden in dieſer denkwürdigen Schlacht zwölf Pelze beſchädigt und ſechs gänzlich unbrauchbar gemacht.“ Kurz, nachdem beide Parteien einander ſo und ſo viele Pelze verdorben hatten, zogen ſich die Unſrigen in ziemlich ungeordneter Flucht hinter die Eiswälle zurück, um nicht von der Uebermacht der Feinde erdrückt zu werden. Die Gurkchuſen drängten nach, ſtutzten aber, als ſie unſere vielen Schneemänner auf den Wällen erblickten. Dieſen Augenblick benutzend protzte ich raſch hinter einander meine Eiskanonen ab, und die Gurk⸗ chuſen erſtaunten nicht wenig, als dieſe 32 fündigen Eiskugeln in ihre dichtgedrängten Glieder fuhren und einige Dutzend der ihrigen todt oder verwundet zu Boden ſtreckten. Daß es ſo an das Leben, ſtatt an die Pelze ging, war ihnen doch zu viel; ihre Reihen wankten und lösten ſich. Jetzt ließ ich meine Gardekuiraſſiere einhauen. Ich bemerke hier, daß das Fell der Biſamochſen, auf welchen ſie ritten, einen ſo penetranten Geruch von ſich gibt, daß nur diejenigen, die wie die Kuxuſen und ich ſich daran gewöhnt hatten, ihn vertragen können. Die Gurkchuſen jedoch konnten ihn nicht vertragen; ſie nahmen vor ihm Reißaus oder fielen nach rechts und links ohnmächtig und betäubt —————— Seebunds kuruſiſche endlich er bewaffnet auf einer iſt, Und orkchuſen auch mit ermal an er Mann hrlich ge Kampfe anzen „worauf 3. B. in Schlacht Kurz, verdorben ht hinter erdrückt ere vielen benutzend ie Gur⸗ ggeln in ibrigen 3 Leben, wankten en. Ic je ritten/ die wie können. men vor hetäͤubt — 147— zu Boden, ſo daß wir ſie haufenweiſe vom Schnee aufleſen konnten. Nachdem ſie wieder von ihrer Betäubung ſich erholt hatten, ſperrten wir ſie in das allgemeine Landesgefängniß, einen ſehr geräumigen, aber nicht gerade ſehr gemüthlichen Eiskeller. Als Trophäen brachten die Unſrigen eine Menge Pelzmützen zurück, von denen die ſchönſte mir verehrt wurde, ſammt einem edeln Renn⸗ thier und einem ſehr wohlerzogenen Seehund. Man ernannte mich zum Generaliſſimus und ſchmückte mich mit dem Orden der Treue zum Nordpol, der aus einem runden Eisſtück beſtand, welches an ei⸗ nem Streifen Seehundsfell auf der linken Seite der Bruſt getragen wird und bei den Kuruſen in eben ſolcher Achtung ſteht, wie in Oeſterreich das Thereſienkreuz oder in Preußen der ſchwarze Adler. Hierauf wurde zur Feier des Siegs das ganze Dorf mit Thran⸗ lämpchen erleuchtet und ein feſtlicher Schmaus gehalten. Den erſten Gang bildete eine Suppe aus abgekochtem Thran, den zweiten ein Gericht getrockneter Fiſche mit Thran, den dritten gedörrte Seehunds⸗ leber mit Thran, den vierten Rennthiercottelete mit Thran, den fünften geröſteter Wallfiſchſpeck mit Thran, und das Deſert bildete das genannte Gebäck aus Talg mit Seehundsthran. Es war ohne Zweifel ein ſehr köſtliches Diner, denn alle Anweſende, Kuxuſen ſowohl als Kuxuſinnen, ſchnalzten dabei mit der Zunge und ſtreichelten ſich den Magen. An die beutelländiſche feine Küche gewöhnt, genoß ich jedoch davon nichts, practicirte vielmehr mit großer Geſchicklichkeit alle Speiſen, die mir vorgeſetzt wurden, in die weiten Taſchen, was mir um ſo leichter wurde, da der reichlich genoſſene Nordhäuſer ſehr bald die Speiſenden in eine Stimmung verſetzte, in der ſie auf meine Taſchenſpielerkunſt⸗ ſtücke nicht Acht hatten. Den Nordhäuſer ließ ich mir jedoch ſehr wohl behagenz auch entging mir nicht, daß Prinzeſſin Kax, die Tochter des Häuptlings Kux(ieder Häuptling wird als eine gefürchtete Perſon Kux, jede Häuptlingstochter als eine ungefürchtete Kar genannt) mir ganz eigenthümliche Blicke zuwarf, die ich wohl zu deuten wußte. Sie war, wie ich bemerkte, für eine Kuruſin keine ganz üble Perſon, ob⸗ ſchon bereits etwas ältlich. Aufgefordert, wie es bei ſolchen feierlichen Gelegenheiten immer der Fall iſt, das Wort zu ergreifen, hielt ich folgende Anrede: Kay! 10* — —— — 148— (Allgemeine Spannung). Kax!(Freudiger Zuruf). Kax!(Enthu⸗ ſiaſtiſcher Beifall). Kax!(Wüthender Beifall). Kux!(Unterbrechung vom entgegengeſetzten Ende der Tafel, Ziſchen). Kax!(Augennieder⸗ ſchlagen der Damen). Kax!(Donnernder Jubel. Allgemeine Um⸗ armung). In unſere etwas weitläufigere deutſche Sprache überſetzt, lautet dieſe Rede:„Verehrte Herren und Damen! Es iſt nicht zu leugnen, und die Weltgeſchichte wird es in ihre Tafeln einzeichnen, daß wir einen glänzenden Sieg erfochten haben, gegen welchen die Siege von Marathon und Salamis, Arbela und Gaugamela, Cannä und Zama, Leuthen und Auſterlitz wie eine bloße Wirthshausſchlägerei erſcheinen. Ich glaube nur beſcheiden zu ſein, wenn ich mich einem Cyrus und Alexander dem Großen, einem Scipio und Hannibal, einem Karl und Otto dem Großen, einem Friedrich dem Großen und Napoleon einfach nur gleich und nicht über ſie ſtelle. Und mit welchem geringen Verluſt haben wir dieſen weltgeſchichtlichen Sieg erkauft! Doch muß ich auch dieſer Opfer in Betrübniß gedenken! Die Pelze dreier Gemeinen ſind zu Grunde gerichtet, der Pelz unſeres verehrten Oberſtlieutenants erhielt zwei und mein Eisbärenpelz ſogar drei Löcher!“ Hier kam von der entgegengeſetzten Tafel, wie ſchon angedeutet, eine Unterbrechung, indem eine Stimme rief: Kux! d. h. der Unter⸗ ofſizier Kux der Fünfhundertſte(die Gemeinen und Unteroffiziere heißen nämlich bei den Kuxuſen ſämmtlich Kux und ſind, um ſie von ein⸗ ander zu unterſcheiden, numerirt) hat in der Baſtion Guſtav Adolf die rechte Ohrenklappe an ſeiner Pelzmütze durch einen Pfeil verloren. Ueber dieſe Unterbrechung entſtand allgemeines Ziſchen, das ich jedoch beſchwichtigte, indem ich mit großer Faſſung und Geiſtesgegenwart fortfuhr: „Ehre auch dieſem Tapfern! Ich ernenne ihn hiermit zum ſtell⸗ vertretenden Major in meinem Generalſtabe. Ich trage nun darauf an, daß dieſer Schade auf dem Wege der Nationalſubſcription wieder⸗ hergeſtellt und eine allgemeine Landestrauer angeordnet werde. Was mich betrifft, ſo würde ich ſo erhabene Thaten nicht haben vollbringen können, wenn nicht die Augen der ſchönen Kuxuſinnen auf mir geruht und mich mit Begeiſterung nnd Todesverachtung erfüllt hätten. Ich (Enihu brechung nnieder⸗ ie Um⸗ lautet eugnen, aß wir ege von Zama, ſcheinen. rus und arl und einfach Verluſt ich auch nen ſind sethielt gedeutet, Unter⸗ heißen po ein⸗ Aholf zerloken⸗ ſedoch enwart m ſtel⸗ darauf wieder⸗ Was bringen N— 149— werde nun die ſchändlichen Feinde in ihrem eigenen Lande angreifen, ſchlagen, vernichten und mich ihrer Thranvorräthe bemächtigen. Dann aber laßt uns an die Intereſſen der Civiliſation denken, deren Vor⸗ kämpfer ich bin, und Kunſt und Wiſſenſchaft in unſere Pflege nehmen, damit wir uns rühmen dürfen, nicht blos im Kriegsweſen die Erſten zu ſein, ſondern auch an der Spitze der Civiliſation zu ſchreiten. Ich leere dieſes Glas auf die Wohlfahrt des edeln und großen Volkes der Kuruſen!“ Dieſen meiner Beſcheidenheit Ehre machenden Worten folgte, wie ſchon bemerkt, allgemeiner Jubel. Alle Männer und Damen kamen der Reihe nach zu mir und berührten mit ihren Naſenſpitzen die meine, küßten und umarmten mich. Da die Kuxuſiſchen Damen keine Taſchentücher mit ſich führen, um ſie ſchwenken zu können, ſo zogen ſie ihre Bruſtlätzchen, in Seehundsfellen beſtehend, hervor, und fuhren damit in der Luft umher, während mir die Prinzeſſin Kax die ſchmachtendſten und verführeriſchſten Blicke zuwarf wie buntbefiederte Liebespfeile. Die Augenſprache iſt ja die überall verſtändliche, und in dem in dieſer Sprache verfaßten Univerſalwerke, an welchem jedes Frauenzimmer der Welt Mitarbeiterin iſt(weßhalb es auch der dickſte Foliant iſt, den es gibt) kann Jeder ſelbſt ohne Brille leſen, ſollte er auch für ſeine eigene Perſon nicht fähig ſein, in dieſer an den ver⸗ wickeltſten Conſtructionen reichen Sprache ein Geſpräch zu führen. Merkwürdig, daß noch keine Grammatik und kein Wörterbuch dieſer Univerſalſprache beſteht! Das wäre doch noch eine Aufgabe für die Gebrüder Grimm und Compagnie! Indeß ließ ich für heute Abend die Prinzeſſin noch ſitzen, indem ich ſelbſt aufſtand und mich heimlich entfernte. Es war gerade ein Augenblick allgemeiner Verwirrung eingetreten, die Tafel war aufge⸗ hoben worden und das allgemeine Zechgelage begann. An dieſem pflegen ſich auch die Kuxuſiſchen Damen ſehr lebhaft zu betheiligen, und wenn man die Oede und Einförmigkeit jener Regionen bedenkt, ſo wird man es ihnen billigerweiſe nicht verdenken können, wenn ſie auf dieſem Wege ihrer innern Welt bunte Bilder, Phantaſien und Vorſpiegelungen zuführen, die ihnen die äußere nicht bietet. In der That hatten die Augen der Damen bereits einen etwas eigenthüm⸗ — ———;—— —ä — 150— lichen gläſernen Ausdruck angenommen, als ich mich entfernte, wie große Herren in ſolchen Augenblicken immer zu thun pflegen. Ich muß freilich geſtehen, daß ich mich auf dem Wege nach meinem Hotel— welches allerdings auch nur aus Seehundsfellen beſtand und Schlaf⸗, Wohn⸗ und Putzzimmer, Studierſtube, Küche und Speiſeſalon Alles in einem Raume umfaßte— nicht gerade ſehr als großer Herr fühlte. Das genoſſene geiſtige Getränk, die Aufre⸗ gung, das Bombardement, dem ich aus den Augen der liebens⸗ würdigen Prinzeſſin Kax fortdauernd ausgeſetzt war, hatten ihre Wir⸗ kung nicht verfehlt: ich, der ich ſonſt in allen Stürmen des Lebens und der Elemente feſtſtand, ſchwankte und fühlte mich dieſem Sturm der verſchiedenartigſten Eindrücke nicht gewachſen. Ich ſchwankte nach rechts und nach links, ich ſchwankte ſogar nach vorwärts, ich glaube ſelbſt nach oben; ich ſchwankte nach allen vier Himmelsgegenden; ich fühlte mich aus dem Norden nach dem Süden, aus dem Süden nach dem Weſten und aus dieſem nach dem Oſten geworfen und begann dann wieder von neuem durch die ganze Windroſe hin- und herzu⸗ ſchwanken. Einen Mittelpunkt gab es für mich nicht mehr. Meine Beine gehorchten mir nicht, oder ich gehorchte meinen Beinen nicht, und ich wußte kaum noch, ob ſie zu mir gehörten, und ob ich noch ein körperliches Anrecht an ſie hätte. Glückliches Volk der Kuruſen, welches ſich einem ſolchen Zuſtande naiv hingibt, während wir Reprä⸗ ſentanten der europäiſchen Civiliſation nicht umhin können, Betrach⸗ tungen darüber anzuſtellen, die, weil ſie ſelbſt keinen Mittelpunkt haben, uns erſt recht nach allen vier Weltgegenden hin und her werfen! Dieſe Reflexionen waren denn auch ſchuld, daß ich plötzlich in eine wenig feſte, gallertartig hin und her ſchlappende Maſſe gerieth, die ich allmälig als wirklichen Seehundsthran erkannte. Ich muß nämlich bemerken, daß der Thran in dieſen Regionen nicht auf dem gewöhn⸗ lichen Wege durch Zerſetzung der Fettheile gewonnen wird, ſondern daß die weiblichen Robben den Thran mit ſich führen und gemolken werden, wie bei uns die Kühe, nur daß ſie dann nicht Milch, ſondern Thran geben. Ich war nun auf einen freien Platz des Dorfes ge⸗ rathen, wo die Seehundsmelkerinnen, die hier wie die Sennerinnen in der Schweiz eine eigene Corporation bilden, ihr Werk am Morgen — nte, wie ge nach dsfellen Küche ade ſehr Aufre liebens⸗ re Wir⸗ Lebens n; ich den nach begann herzu⸗ Meine en nicht, ich noch duxuſen, Reprä⸗ Betrach telpunkt wer fen 1 in cine th, die nämlich gewöhn⸗ ſondern emolken ſondern fes ge⸗ erinnen Morgen — 151— verrichtet hatten. In dieſen Thran trat ich, und ſeitdem iſt für gewiſſe Zuſtände der Ausdruck:„er hat in den Thran getreten“ in Deutſchland gang und gebe geworden. Mit den Zuſtänden des andern Tages will ich mich nicht beſchäf⸗ tigen, da ſie ſich hinlänglich mit mir beſchäftigt haben, ja mit dem ganzen Dorfe. Alle Einwohner des Dorfes lagen krank, und ſelbſt Prinzeſſin Kax meldete ſich krank. Niemand ſprach heute das Wort Kax aus, wohin man kam hörte man in ſehr abgedämpftem Laute das Wort Kux, was an dieſem Tage nichts Höheres und nichts Ge⸗ ringeres als Katzenjammer bedeuten wollte. Es wurde nun ein großer marinirter Wallfiſch in das Dorf geſchleppt und an dieſem entäußerte man ſich ſeines Katzenjammers, immer in Begleitung des naturge⸗ mäßen Quantums von Liqueur, bis man ſich wieder in dem Zuſtande befand, in welchem man geſtern war. So ging es mehrere Tage fort. Als die Kuxuſen ſich endlich ernüchtert und eben ſo viele Tage und Nächte geſchlafen als vorher gezecht hatten, trieb ich mit der mir gewöhnlichen Energie zum Aufbruche gegen die Gurkchuſen. Ich ſtellte den Kuxuſen vor, wie die Gurkchuſen, ſchon mehr im Süden wohnend, viel beſſere Weideplätze hätten, als wir, und wie es ja doch für uns viel zweckmäßiger und nützlicher ſei, daß wir in dem Beſitze dieſer Weideplätze ſeien, als die Gurkchuſen. Ich machte ihnen deutlich, wie entmuthigt die Gurkchuſen durch ihre letzte Niederlage ſein müßten und wie ſie ohne Zweifel bei meinem Anblicke und bei dem erſten Knalle unſerer Eiskanonen davon laufen würden. Da mich die Kuruſen wie ein Weſen höherer Art verehrten, ſo fiel es mir nicht ſchwer, ſie meinem großartigen Plane geneigt zu machen. Der ganze Stamm machte ſich nun zum Aufbruche fertig. Die Weiber und Kinder und was das Völkchen ſonſt noch an beweglichem Eigenthume hatte, wurden auf Schlitten geladen, welche mit dreſſirten Seehunden beſpannt waren. Die Männer gingen zu Fuße; ich ſelbſt beſtieg mein edles Rennthier. Unſere Eiskanonen von ſchwerem Kaliber wurden von Biſamochſen, die von leichterem Kaliber von Rennthieren*) **) Fritz Beutel verſteht hierunter das Carabou, das nordamerikaniſche Rennthier. 7 —— — 152— gezogen. Am Tage vor dem Aufbruche hielt ich, umgeben von mei⸗ nem Stabe, eine glänzende Parade ab, welche den berühmten Paraden der preußiſchen Garde unter den Linden ſchwerlich viel nachgab, indem namentlich das von mir errichtete Muſikcorps Meiſterhaftes leiſtete. Unſere Trommeln aus Seehundsfellen und unſere Tamtams und Triangeln aus Seehundsknochen, die kunſtmäßig gegen einander ge⸗ ſchlagen wurden, machten einen gewaltigen Lärm, bei dem es mehr auf kriegeriſchen Eindruck als auf Tact abgeſehen war. Ich bemerke noch, daß ich für militäriſche Gegenſtände den Kuxuſen allmälig, wenn auch nicht ohne Mühe, die bei uns üblichen Kunſtausdrücke beigebracht hatte, wie denn überhaupt durch mich bei den Kuxuſen die Grundlage zu einer höheren Civiliſation und ſelbſt literariſchen Bildung vorberei⸗ tet war. Folgenden Tages brachen wir auf. Der Marſch ging begreiflicher⸗ weiſe nicht ſehr raſch von ſtatten, da namentlich die Seehunde ſich zu Lande nur langſam fortbewegen konnten und immerwährend mit auf gethautem Schneewaſſer übergoſſen werden mußten. Indeß vorwärts kamen wir trotzdem und am vierzehnten Tage ſtanden wir vor dem Hauptlagerplatze der Gurkchuſen. Ein dichter Nebel hatte dieſen unſere Annäherung verborgen und von ihm begünſtigt ordnete ich meine Heerſchaar zum Angriffe. Plötz lich, es war gerade um die Mittagszeit, zertheilte ſich der Nebel, und die Sonne fing an ſehr warm auf unſere Pelze zu brennen und die in ihnen vorhandenen Eistheile aufzuthauen, ſodaß von jedem Manne eine wahre Rauchſäule in die Luft ſtieg und die ganze Schaar einer langen Reihe von rauchenden Schornſteinen glich. Das Zelt des Häuptlings der Gurkchuſen hatte ich bald an ſeiner hervorragenden Größe und an dem auf der Spitze angebrachten See⸗ hundskopfe erkannt. Ich richtete alſo meine Hauptkanone gerade auf dieſes Zelt und protzte los. Die Eiskugel ſauste dahin, drang, den Seehundskopf fortreißend, mitten in den Zeltgiebel und fiel, wie ich ſpäter erfuhr, gerade in die mit Thran angefüllte Mittagsſchüſſel, um welche die Familie des Häuptlings verſammelt war. Hierauf eröffnete ich aus allen meinen Batterien ein entſetzliches Maſſenfeuer. ·— von mei⸗ Paraden ab, indem leiſtete. ams und ander ge⸗ mehr auf erke noch, venn auch acht hatte, ndlage zu vorberei reiflicher de ſich zu mit auf rgen und f Plötz ebel, und und die n Manne zar einer 19 an ſeiner ten See⸗ rade auf ng, den wie ich ſſel, um eröffnete — 153— Dieſe unerwartete und ich gebe zu keineswegs ſehr angenehme Be⸗ grüßung richtete nicht nur unter den Mittagsſchüſſeln der Gurkchuſen, ſondern auch unter dieſen ſelbſt eine furchtbare Verwirrung an, die ſich noch dadurch ſteigerte, daß der Häuptling des Stammes, dem von dem Aufſchlag der Kugel der heiße Brei in die Augen geſpritzt war, längere Zeit nicht ſehen konnte, was um ihn her vorging. Es fehlte daher an einer Oberleitung. Eine Anzahl entſchloſſener Burſche— und an perſönlichem Muth fehlt es den Gurkchuſen nicht— wagte jedoch einen Ausfall gegen uns. Da aber die Sonne gerade unge⸗ wöhnlich heiß ſchien, ſo fingen die Eisſpitzen ihrer Lanzen an zu thauen und wegzuſchmelzen, während unſere, aus unvergänglichem Nordpoleiſe verfertigt, der Gluth der Sonne Widerſtand leiſteten. Sie waren daher bald genöthigt ſich zu ergeben, und ihr Anführer über⸗ reichte mir zum Zeichen der Unterwerfung mit betrübter Miene ſeinen Degen aus Seehundsknochen. Die Uebrigen ſtreckten die Waffen. Die Capitulationsbedingungen wurden nun verabredet. Wer von den Gurkchuſen bleiben wollte, durfte bleiben als Rennthiertreiber und Seehundsaufſucher. Denen, welche es vorzogen, ſich in einer anderen Gegend anzuſiedeln, gab ich, dem Zuge meines menſchlichen Gefühls folgend, einige ihrer Rennthiere und die nothwendigſten Geräthſchaften mit auf den Weg. Das Uebrige wurde von uns als Kriegsbeute be⸗ trachtet und in Beſchlag genommen, und wir richteten uns nun in ihren Wohnungen, die viel comfortabler eingerichtet waren als die der Kuruſen, recht gemüthlich ein. Als der Winter anbrach, wurde durch Volksbeſchluß in der Mitte des Dorfes mir zu Ehren eine Statue aus Schnee errichtet, welche mich in ganzer Leibesgeſtalt darſtellte. Da ſie an einer ſchattigen Stelle, hinter einer die Sonnenſtrahlen abwehrenden Anhöhe, aufgeſtellt, mit Waſſer, welches ſofort gefror, häufig übergoſſen und daher mit einem wahren Erzpanzer belegt wurde, ſo darf ich annehmen, daß ſie noch dortſteht, um mein Andenken künftigen Geſchlechtern zu erhalten. Die langen traurigen Winterabende verkürzte ich mir und der Prinzeſſin Kax mit der Lectüre des Goethe'ſchen Werther, den ich jetzt zum erſtenmale kennen lernte und der mich in gleichem Grade feſſelte wie ehemals Robinſon Eruſoe. Ein Exemplar deſſelben, frei⸗ — 154— lich nur eine engliſche Ueberſetzung, hatte ſich, ich weiß nicht wie, aus des Admirals Roß Bibliothek und Speiſekammer zugleich mit einem Schinken in eine meiner vielen Taſchen verirrt und war darin ſtecken geblieben. Jetzt kam mir das Eremplar ſehr zu ſtatten, denn ich wäre ſonſt in der langen Winternacht verzweifelt. Es hatte freilich ſeine Schwierigkeit, mit der verſchiedenen Nüancirung des Kax und Kux der Prinzeſſin jede Phraſe des Buchs deutlich zu machen, aber es gelang mir doch über Erwarten gut. Auch hatte ſie— denn die Liebe macht die Frauen ungemein ſcharfſinnig und gelehrig— ſich eine ziemliche Menge deutſcher Worte von mir angeeignet, ſo daß ich mir in man⸗ chen zweifelhaften Fällen mit dieſen helfen konnte. Thatſache iſt, daß wir den Werther laſen und daß die Prinzeſſin für ihn wie für die deutſche Nation, aus deren Schooße der Mann mit der gelben Weſte hervorgegangen war, im reinſten und naivſten Enthuſiasmus ſchwärmte. Ach, ſagte ſie, welch eine liebenswürdige Nation, die deutſche! Unter uns Kuxuſen denkt kein Jüngling daran, ſich um eines Frauenzim⸗ mers willen todtzuſchießen. Sehr erklärlich, gnädigſte Prinzeſſin! erwiederte ich, da Ihre Na⸗ tion keine Piſtolen hat, ſich mithin auch mit keiner Piſtole todtſchießen kann. Nun, meinte ſie naiv, wenn man den feſten und ehrlichen Willen hat, ſich um eines Frauenzimmers willen das Leben zu nehmen, ſo gibt's noch andere Mittel genug. Man kann ſich ja vermittelſt der gedörrten Gedärme eines Seehunds, die wir als Stricke brauchen, an einen Poſten aufhängen oder in einem Thranfaß ertränken oder ſich einen Eiszapfen ins Herz bohren! Dagegen war nichts zu ſagen; umſomehr hatte ich gegen ihre glü⸗ hende Neigung zu mir einzuwenden, denn dieſe geſtaltete ſich immer ernſter und bedenklicher, während es mir durchaus nicht darum zu thnn war, der Gemahl einer Kuxuſenprinzeſſin zu werden, und mein Leben unter Thran, getrockneten Fiſchen und Seehunden zuzubringen. Zu ſelbiger Zeit beſuchte uns öfters der Häuptlingsſohn eines benachbarten Stammes, der Tſchugatſchen, den der Ruf unſerer glor⸗ reichen Kriegsthaten angezogen hatte. Die beiderſeitigen Väter beab⸗ ſichtigten eine Verbindung der beiderſeitigen Kinder, und der Vortheil ſie, aus einem ſtecken ch wäre c ſeine Kux der gelang e macht ziemliche in man⸗ iſt, daß für die Weſte wärmte. ¹ Unter ruenzim hre Na⸗ tſchießen Willen men, ſo ttelſt der ichen, an oder ſich gre glü H immer rum zü nd mein bringen. in eints rer Jlor⸗ tr beal⸗ Varthel — 155— einer ſolchen Verbindung mußte jedem wahrhaftem Patrioten und Politiker einleuchten. Die Gurkchuſen, mächtig an Zahl, ſannen ohne Zweifel auf Rache, und es war daher ganz ſtaatsmänniſch von dem Häuptlinge der Kuxuſen gedacht, wenn er durch eine ſolche Liaiſon den mächtigen Stamm der Tſchugatſchen als ſeine Verbündeten gewin⸗ nen konnte. Knitſchogarsk, wie jener junge Mann hieß, bewunderte mich zwar als Feldherrn, aber ſeine Eiferſucht war noch ſtärker. Er erblickte in mir das einzige Hinderniß, welches der beabſichtigten Ver⸗ bindung im Wege ſtand. Außerdem war ich ein Fremdling und ich bemerkte bald, daß, nachdem der erſte Rauſch der Dankbarkeit vorüber war, die Kuxuſen darauf ſannen, mich auf gute Manier los zu werden. Knitſchogarsk forderte mich zuletzt auf einen Gang krummer Säbel aus Seehundsknochen. Da mir die Sache lächerlich war und ich mich auch auf dieſe Waffe nicht verſtand, ſchlug ich den Zweikampf aus. Er verhöhnte und beleidigte mich nun, nannte mich vor Allen einen Feigling und Poltron und wiegelte die Kuxuſen gegen mich auf. Sie brachten mir Abends Charivari's und höhnten mich aus, wenn ich mich öffentlich ſehen ließ. Prinzeſſin Kax, die noch vor kurzem das Anſinnen an mich geſtellt hatte, daß ich ſie entführen und in das gefühlvolle Vaterland der Werther, Lotten und ſentimentalen Butterbrode mitnehmen ſollte, ſtellte mich zur Rede und fragte mich: ob es wahr ſei, daß ich mich für ſie nicht ſchlagen wolle? Nein, antwortete ich, niemals! Ein Angehöriger der Nation, welche das Pulver erfunden hat, ſchlägt ſich nicht mit dem Angehörigen einer Nation, welche nicht das Pulver erfunden hat. Sie brach in einen Strom von Thränen aus, geſtand, daß ſie ſich in mir geirrt und verrechnet habe, und erklärte, daß ſie nun dem ritterlichen Knitſchogarsk die Hand reichen werde. Nach dieſen Vorgängen war meine Stellung unter den Kuxuſen, wie ich wohl einſah, unhaltbar geworden. In der nächſten Nacht— der Sommer war darüber herangekommen— ſattelte ich mein Rennthier, verſah mich mit dem Nöthigſten und ſprengte davon, immer dem Süden entgegen. Was ein ſolches Rennthier laufen — 156— kann, wenn es nicht mit einem Seehundsgeſpann gleichen Schritt halten muß, grenzt ans Unglaubliche, und nach wenigen Tagen langte ich in einer der ruſſiſchen Niederlaſſungen an der Weſtküſte von Amerika an. Hier verkaufte ich mein Rennthier und meinen Eisbärenpelz, den ich bis dahin immer noch getragen hatte, ſchaffte mir für den Erlös Kleider nach ruſſiſchem Schnitt an und legte mich dann in die Sonne, um die letzten Eistheile, die in meinem Blute und meinen Gebeinen noch vorhanden waren, aufthauen zu laſſen. In der That dunſtete ich dabei ſo, daß ich förmlich wie in eine Dampfwolke gehüllt war, welche von fernwohnenden Leuten für aufſteigender Nebel gehalten und auf bevorſtehendes Regenwetter gedeutet wurde. Nachdem der Ausfrierungs⸗ proceß nicht ohne Mühe vollzogen war, brach ich plötzlich und un⸗ willkürlich in ein viertelſtiindiges lautes Gelächter aus. Es hatte ſich nämlich unter den Kuxuſen unendlicher Lachſtoff in mir geſammelt, da aber bis dahin meine Lachmuskeln zuſammengefroren waren, hatte ich ihm trotz aller Anſtrengungen nicht Luft machen können. Jetzt nach aufgethauten Lachmuskeln entlud ſich der in mir zuſammen⸗ gepreßte Lachſtoff auf einmal und mit unwiderſtehlicher Gewalt. ————— tt halten angte ich erika an. ez, den n Erlös Sonne, Gebeinen nſtete ich r, welche und auf tierungs⸗ und un⸗ hatte ammelk, n, hatte n. Jebt ſammen⸗ ſt. Dreizehntes Hapitel. 2 Meiſt zieren nur die Orden den Mann, und äußerſt ſelten ſind die Fälle, wo der Mann die Orden ziert. Ich kenne nur Einen, einen Deut ſchen, Namens Fritz Beutel, der die drei höchſten ruſſiſchen Orden, welche ich ihm anbot, mit einer Ungenirtheit und einem Selbſtbewußtſein einſteckte, wie ich niemals zuvor und niemals ſpäter erlebt habe. Dieſes Selbſtbewußtſein wäre einer beſſern Sache würdig geweſen. Mémoires de M. Michailo witsch Andrejewitsch Karabatchew. Man hüte ſich vor dem kaliforniſchen Golde! Es kommt uns ſehr verdächtig vor und ſcheint uns nicht ganz echt zu ſein. Leitartikel der Dimes vom 1. Sept. 1849. Der ruſſiſche Gouverneur, Michailowitſch Andrejewitſch Karabatſchew, hatte ſchon von meinen gegen die Gurkchuſen ausgeübten Thaten ge⸗ hört und lud mich zu einem ſplendiden diplomatiſchen Diner ein. Gewiß war es ein diplomatiſches, dieſes Diner, wenn auch nur téte-à-téte. Der Ruſſe ſuchte mich während deſſelben über die Ver⸗ hältniſſe und die Zuſtände bei den Kuxuſen und Tſchugatſchen auszu⸗ holen, ſprach über die allgemeine Weltlage und über die politiſche Zu⸗ kunft der Eskimos und ließ nicht undeutlich merken, daß es der Regie⸗ rung in St. Petersburg und der ruſſiſchen Compagnie ungemein angenehm ſein würde, einen Mann wie mich zu einer politiſchen Func⸗ tion bei den Eskimos zu verwenden. Er ging nämlich mit dem groß⸗ artigen Plane um, alle Eskimos unter dem Banner einer untheilbaren Republik zu vereinigen, um in ihnen ein Gegengewicht gegen die eng⸗ liſche Herrſchaft in Nordamerika zu haben. Die Eskimos ſollten ein Nationalparlament erhalten und wer nicht hinein wollte, ſollte von einigen dazu dreſſirten Seehunden hineingehetzt werden. Niemand ſollte — 158— in dieſem Parlament den Mund aufthun dürfen; die Deputirten ſollten alljährlich drei oder vier Monate ſtumm daſitzen und dann wieder auseinander gehen. Aber die republikaniſche oder wenigſtens parla⸗ mentariſche Form hielt er für nothwendig, damit es ausſähe, als ver⸗ walteten die Eskimos ſich ſelbſt und die Engländer ſomit keinen Anlaß hätten, zu interveniren. Ich ſelbſt ſollte Präſident dieſer untheilbaren Republik der Eskimos werden, und als Präſidentengehalt verbürgte mir der Gouverneur zehn Tonnen Seehundsthran, ebenſoviel Tonnen Fiſchthran, drei Tonnen Wallfiſchſpeck und täglich ein Quart Wutky, Prügel außerdem ſoviel ich haben wollte. Die ruſſiſchen Diplomaten ſind wegen ihrer außerordentlichen Schlau⸗ heit bekannt. Michailowitſch Andrejewitſch Karabatſchew machte von ihnen keine Ausnahme. Denn als beim ſechsten Gang neue Teller ſervirt wurden und ich die Serviette aufhob, fand ich auf dem Teller nichts Geringeres als den St. Annenorden erſter Klaſſe liegen. Bitte, bedienen Sie ſich! ſagte Michailowitſch Andrejewitſch Karabatſchew; langen Sie zu! Thun Sie Ihrem Appetit keinen Zwang an! Da der Orden in Brillanten gefaßt war, that ich allerdings meinem Appetit keinen Zwang an, ſondern ſteckte den Orden in die Taſche. Der ſiebente Gang kam; ich lüftete die Serviette und fand darunter zu meiner Ueberraſchung den St. Wladimirorden. Darf ich bitten? ſagte verbindlich Michailowitſch Andrejewitſch Karabatſchew. Es wird faſt zu viel, Excellenz! erwiederte ich, und that den St. Wladimir⸗ orden zu dem andern. Nun kam das Deſert, darunter köſtliche Apfelſinen. Ich langte, wie ſich von ſelbſt verſteht, nach der größten, denn ich war immer für das Größte und bin es noch heutzutage. Wie überraſcht war ich, als die Apfelſine ſofort in zwei Hälften zerfiel und zwiſchen beiden der Alexander⸗Newsky⸗Orden lag! Geniren Sie ſich nicht, mein Herr! ſagte Michailowitſch Andrejewitſch Karabatſchew. Kaum bin ich's noch im Stande, Excellenz; erwiederte ich, indeſee——, und damit that ich auch den Alexander⸗Newsky⸗Orden, der einige tauſend Rubel werth zu ſein ſchien, zu den andern. Das Diner war zu Ende; wir erhoben uns und ich machte dem Gouperneur einige Schmeicheleien über ſein koſtbares Diner. un ollten vieder arla⸗ ver⸗ Anlaß baren ürgte onnen Jutky, Bitte, ſchew; a der ppett runter 210n? itten: wird dimir⸗ angte, mmer war iſchen mein 1 ich's damit Rubel b dem. — 1⁵— Ach, erwiederte er, wir ſpeiſen ſo alle Tage, es iſt Hausmanns⸗ koſt. Aber was ſagen Sie zu meinem Vorſchlage, Herr Beutel? fügte er lauernd hinzu, dürfen wir auf Sie rechnen? Ich hätte nur das eine Bedenken, bemerkte ich, daß man bei den Eskimos gar nicht aus dem Thrane herauskomme, ich wolle jedoch die Sache in Erwägung ziehen und bäte mir drei Tage Bedenk⸗ zeit aus. Daß man ſo Etwas in Ueberlegung zieht, erwiederte Michailowitſch Andrejewitſch Karabatſchew, verſteht ſich von ſelbſt, ſchon der Form wegen. Wenn indeſſen Andere zu überlegen wiſſen, ſo wiſſen wir, Ruſſen überzulegen— er machte eine Pantomine, die nicht mißzu⸗ verſtehen war— und ich fühle mich verpflichtet, Sie freundſchaft⸗ lichſt darauf aufmerkſam zu machen. Im Ueberlegen leiſten wir Ruſſen etwas. Ich danke unterthänigſt für den Wink, Excellenz! antwortete ich, und empfahl mich. Die Sache ging mir im Kopfe herum. So viel ſtand freilich bei mir feſt, unter die Eskimos und ihre Seehunde nicht wieder zurück⸗ zukehren; aber was mir Michailowitſch Andrejewitſch Karabatſchew durch ſeine Pantomime in Ausſicht ſtellte, war doch auch zu bedenken. Wie nun dieſer Alternative entgehen? Glücklicherweiſe war gerade ein däniſcher Wallfiſchfänger im Hafen eingelaufen. Ich machte die Bekanntſchaft des Kapitäns, Jens Magnuſſen, und accordirte mit ihm. Er ließ ſich um ſo bereitwilliger finden, mich mitzunehmen, da er aus meinen Geſprächen bald merkte, wie genau ich die Natur der Wallfiſche aus näherem vertrauteren Umgange mit ihnen kannte und wie ich der Mann ſei, ihm in zweifelhaften Fällen guten Rath zu ertheilen. Folgenden Morgens, um es kurz zu machen, befand ich mich bereits auf hoher See. Zwar ſchickte uns der Gouverneur ein ruſſiſches Linien⸗ ſchiff nach, um meiner wieder habhaft zu werden, wir hatten aber einen bedeutenden Vorſprung und unſer Schiff war ein Schnellſegler. Die Fahrt ging am erſten Tage ganz glücklich von ſtatten; aber am zweiten geſchah ein Unglück. — 160— Hatte ich durch meine Sympathie für die ſchleswig⸗ holſteiniſche Sache, die ich ſchon damals bekundete, den Zorn der däniſchen Matro⸗ ſen erregt; oder waren ſie nach meinen ruſſiſchen Orden lüſtern, die ſie immerfort in meiner Taſche klappern hörten— kurz, als ich gerade meine Cigarre rauchend auf dem Deck ſpazieren ging, ſah ich ſie mit Meſſern bewaffnet und wüthendes Geſchrei erhebend, auf mich losſtürzen. Der Anführer trat drohend auf mich zu und forderte mir meine ruſ⸗ ſiſchen Orden ab. Nicht einen Stüber ſollſt du erhalten, rief ich, aber einen Naſen⸗ ſtüber! Damit gab ich ihm einen und zwar einen ſo mächtigen, daß er rücklings auf das Verdeck niederſtürzte. In demſelben Augenblicke fühlte ich, wie das Fahrzeug plötzlich durch eine unbekannte Macht am Vordercaſtell in die Höhe gehoben wurde. Im nächſten Augenblicke kugelte es um, ſo daß die Maſten nach unten ins Waſſer tauchten und wir alle ein ſehr unfreiwilliges Bad nehmen mußten. Das Fahrzeug war von einem coloſſalen Wallfiſch unterlaufen und umgeſtürzt worden. Ich behielt noch Geiſtesgegenwart genug, meine Flinte, die ich gegen den Maſt gelehnt hatte, zu ergreifen, auf den Schwanz des Fleiſchcoloſſes zu klettern und von hier aus ſeinen Rücken zu beſteigen, der wie ein Berg ſich aus den Wellen erhob. Da ſaß ich nun, zwar gerettet, aber doch in einer ſehr bedenklichen Lage, wie jeder Leſer zu⸗ geben wird, der ſich jemals in einer gleichen Situation befunden haben ſollte. Die Moral davon iſt, daß ſich Niemand, der ſchleswig⸗holſteiniſche Sympathien im Herzen und drei ruſſiſche Orden in der Taſche trägt, mit einem däniſchen Wallfiſchfänger einlaſſen ſoll. Die Sache hat ihr ſehr Bedenkliches. Den Verſchwörern bekam übrigens das Bad ſehr ſchlecht; ich ſah ſie ſämmtlich unter den Wellen verſchwinden. Der Wallfiſch trieb fort nach Süden, und da dieſes Thier bekannt⸗ lich ſchneller ſchwimmt als ein Vogel fliegt, ſo kam ich ſehr raſch mit ihm vorwärts. Als einzige Nahrung diente mir ſein Speck, den ich ihm ſtreifenweiſe aus den Seiten herausſchnitt, was das Thier gar nicht zu merken ſchien, denn es that keinen Muck. Wenn das Unge⸗ teiniſche Matro⸗ n, die gerade ſie mit ſtürzen. ne ruſ Naſen daß er plötlich p gehoben Maſte W illige 8 erlaufen die ich unz des eſteigen, , zwar eſer zu haben jelniſche trägt, he hat ich ſch gekaunt iſch mit den ic dier gi Ung. — 161— thüm, wie der Wallfiſch gern thut, einen Satz über die Oberfläche der See machen wollte, ſo griff ich ſchnell in die Saiten meiner Guitarre und beſchwichtigte das gute Geſchöpf mit ihren himmliſchen Klängen. Wer mich ſo geſehen hätte, würde wahrſcheinlich geglaubt haben, Arion und ſeinen Delphin zu erblicken; nur daß ſich Arion gegen mich ver⸗ halten haben mag, wie ſein Delphin gegen meinen Wallfiſch. Das Schlimmſte war, daß ich mich hüten mußte, einzuſchlafen, um nicht von dem breiten, aber gewölbten Rücken des Thieres auszugleiten und ins Waſſer zu fallen. Endlich aber, in der dritten Nacht— an der warmen Lufttemperatur merkte ich, daß wir ſchon in ſehr ſüdliche Breitegrade gelangt ſein mußten— vermochte ſelbſt meine ſonſt Alles was ſie will durchſetzende Natur nicht länger dem mächtigen Bedürf⸗ niß des Schlafs Widerſtand zu leiſten. Die Flinte in den Arm neh⸗ mend, ſtreckte ich mich auf den Rücken des Thieres hin, ergab mich in mein Schickſal und entſchlummerte. Plötzlich bei Tagesanbruch fühlte ich, wie ich durch einen ent⸗ ſetzlichen Ruck hinabgeſchleudert wurde und gerade mitten in ein von mehreren Männern beſetztes Boot niederfiel. Mein Erſtaunen war aber noch größer, als mich einer der Männer mit den Worten begrüßte: Alter Freund! alter Freund! wo kommt Ihr denn her? Es war dieſelbe Stimme und es waren dieſelben Worte, welche mich früher von der Auſternklippe her in gleicher Weiſe überraſcht hatten— Kriſchan Schroop ſtand vor mir. Unſere Freude war, wie ſich denken, aber nicht in Worten ſchildern läßt, beiderſeits ſehr groß. Er theilte mir in aller Kürze mit, daß wir uns hier in der Nähe der kaliforniſchen Küſte befänden, wo er eine Farm beſitze. Er ſei gerade mit Männern aus der Nachbarſchaft auf den Wallfiſchfang ausgegangen, den er ſehr liebe, zumal da ſeine Gattin Marie, geborne Windelmeier, immer erkläre, daß ſie der Welt keine beſſern Seiten abzugewinnen vermöge, als Speckſeiten. Kriſchan Schroop und ſeine Begleiter hatten, während ich ſchlief, den Wallfiſch harpunirt und ſprangen nun mit dem getödteten Rieſen⸗ thiere um, wie dies immer der Fall iſt. Das Thier wurde in Stücke zerlegt, die Stücke wurden in Fäſſer verpackt, die Fäſſer ins Unter⸗ D. B. X. Fritz Beutel, v. Marggraff. 11 — 162— deck gebracht, und nachdem dies geſchehen, die Segel gelichtet. Wir ſteuerten der kaliforniſchen Küſte zu. Bald hatten wir dieſe und mit ihr die nahe an der Küſte gele⸗ gene Farm des ehrenwerthen Herrn Schroop,„Kriſchansruhe“ genannt, erreicht, um ſeiner inzwiſchen recht behaglich und rundlich gewordenen Frau die einzigen Seiten zu überbringen, die ſie dem Leben abzuge⸗ winnen vermochte. Hänschen, ein derber, deutſch ausſehender flachs⸗ haariger Bube, ſprang uns entgegen und bald darauf trat auch Ma⸗ riechen, ein kleines Töchterchen an der Bruſt, in die Thür und hieß uns willkommen. Ueber mein plötzliches Wiedererſcheinen ſich zu wun⸗ dern hatte ſie keine Zeit, da ſie darüber zu wachen hatte, daß ſie bei der Vertheilung der mitgebrachten Speckvorräthe von den andern Männern nicht übervortheilt würde. Ich fragte ſie ſchalkhaft, ob ſie ihren ehemaligen Verlobten Bernhard angetroffen habe; ſie aber ant⸗ wortete zerſtreut:„Speck iſt mir lieber!“ und damit rannte ſie nach dem Schiffe, um bei der Ausladung und Vertheilung der Vorräthe gegenwärtig zu ſein. Ein recht herzliches Wiederſehen fand zwiſchen mir und Hector ſtatt. Er war inzwiſchen etwas fettleibig geworden und ſchien ſich, wie alle allzucorpulenten Perſonen, vor zu heftigen Gemüthsbewegungen in Acht zu nehmen, denn er begab ſich nach den erſten conventionellen Begrüßungsförmlichkeiten auf ſein Lager zurück. Alſo auch bei einem Hunde hält der ſchöne ideale Schwung und der hingebende naive En⸗ thuſiasmus der Jugend nicht Stich! Alle ihm ſonſt ſo eigene lyriſche Erregbarkeit ſchien von ihm gewichen und zur behaglichen epiſchen Breite und Ruhe abgedämpft zu ſein. Er war nicht mehr Goethe, der den Werther, ſondern Goethe, der Hermann und Dorothea dichtet. Sein ſchönes wohlwollendes Gemüth ſprach ſich freilich immer noch in einzelnen rührenden Zügen aus, namentlich in ſeinem Verhältniß zu dem kleinen Hans. Dieſer konnte ſich auf ihn ſetzen, ihn an den Vorderbeinen hin und herziehen, kurz, alle mögliche Kurzweil mit ihm treiben, und er ließ ſich Alles gefallen; er knurrte höchſtens, denn das Bellen ſchien ſeine Nerven ſehr anzugreifen. Abends(wie ſich bei Kriſchan von ſelbſt verſteht, bei einem Glaſe Grog) theilten wir uns unſere Schickſale mit. Da ich jedoch in Wir e gele⸗ enannt, rrdenen bzuge⸗ flachs⸗ h Ma⸗ ad hieß nwun⸗ ſie bei andern oh ſie er an⸗ ſie nach orräthe Hector ſch, wie egungen lonellen einem ibe En⸗ hyriſch epiſchen Goethe, dichtet. noch in ltmiß du an den mit ihm , denn m Glaß tdoch — 163— dieſem Buche die Hauptperſon bin und es in meinem Intereſſe liegt, die große Theilnahme, welche der Leſer für mich empfindet, nicht auf andere Perſonen allzuſehr abzulenken, auch Kriſchan Schroop über das, was hinter ihm lag, niemals viel Worte zu machen pflegte, ſo be⸗ ſchränke ich mich hier nur auf das Hauptſächlichſte, ſo viel gerade nöthig ſcheint, um in meiner Erzählung keine Lücke zu laſſen. Als ich am Morgen nach der Entführung meiner Gemahlin Rache brütend in das Innere von Beutelland aufgebrochen war, hatte Kriſchan mich aufſuchen wollen und war dabei auf den wie todt hingeſtreckten Hector geſtoßen. Er rief nun meinen Miniſter der Medicinalangele⸗ genheiten, den ehemaligen Schiffswundarzt Winkerle herbei, und dieſer erklärte, daß Hector wohl noch nicht völlig zu ſeinen Vätern hinüber⸗ geſchlummert und noch Ausſicht auf Rettung ſei. Hector habe zwar, er⸗ klärte Winkerle weiter, Gift erhalten, dieſes ihn aber nur betäubt. Nun habe Winkerle ihm eine Ader geöffnet, Umſchläge um den Kopf gemacht und ihm ein Gegengift eingeflößt, welches er aus einer Pflanze der Inſel gewonnen habe, deren Saft gegen Alles gut ſei. Gleich darauf ſei Hector zur Beſinnung gekommen und habe ſich auf ſeinen vier Beinen wieder emporgerichtet; doch habe er ſeine alte Lebhaf⸗ tigkeit nie wieder gewonnen und, wie ich wahrnehmen könne, ſeitdem eine beſondere Anlage zum Fettwerden entwickelt. Bald darauf ſei jene furchtbare Kataſtrophe eingetreten, welche die Inſel Beutelland in die Tiefe des Meeres verſenkte. Der entſetzliche Tornado und das Erdbeben hätten die Uferſtrecke, worauf ſich Kriſchan und ſeine Familie nebſt dem Hunde Hector und dem Miniſter Winkerle befanden, von der Inſel abgelöst und ein entſetzlicher Windſtoß habe dieſes Land ſammt Bäumen und Geſträuchen übers Meer, über die Auſternklippe hinweg bis nach Pipermannland getragen, wo es an einer Anhöhe hängen geblieben. Auch hier hätten ſie Alles in Verwirrung ange⸗ troffen, denn alle Berge der Inſel hätten, offenbar im Zuſammenhange mit der Beutelländiſchen Kataſtrophe, ihre Schlünde und Schlote ge⸗ öffnet, Feuer und Dampf ausgeworfen und einen Lärm gemacht, daß er noch lange Zeit an Schwerhörigkeit gelitten habe. Rackerino Racke⸗ rini ſei mit ſeinen getreuſten Anhängern, zum gerechten Lohne für ſeine und der Seinen ſchwarze Thaten, ins Meer hinaus geſchleudert 11* 4 164 worden und wahrſcheinlich ſeien ſie Alle in den Wogen des Meeres umgekommen; denn man habe von ihnen niemals wieder etwas gehört oder geſehen; Peter Silje und meine Gattin Beate Regina Cordula Veronica geborne Pipermann, nebſt der kleinen Prinzeſſin Guitarria Cichoria Cigarretta ſeien am Leben erhalten worden. Erſt nach acht Tagen hätten die Vulkane der Inſel ihr Feuer eingeſtellt, und nun habe er, Kriſchan Schroop, ein noch vorhandenes großes Boot ſeefertig gemacht und mit dieſem ſeien ſie nach der Richtung des Feſtlands von Amerika losgeſteuert; denn auf der ausgebrannten Inſel Pipermann⸗ land ſei für ſie kein Bleibens geweſen; alle Metallmaſſen hätten ſich in glühendem Fluſſe befunden und der Boden noch fortdauernd ru⸗ mort. Sie ſeien endlich auch glücklich auf der Küſte von Florida ge⸗ landet, nur meiner Gemahlin Beate ſei unterwegs ein Unglück zuge⸗ ſtoßen. Von Reue gefoltert und nach mir ſehnſüchtig verlangend, habe ſie immer am Nande des Bootes geſeſſen, die Hände nach mir ausge⸗ ſtreckt, und in herzzerreißenden Tönen gerufen:„Fritz, Fritz, vergib mir! ich komme! ich bin die Deine!“ und ſo ſei ſie eines Tages mit der kleinen Prinzeſſin im Arme in das Meer geſtürzt. Dank den weiten Kleidern, die ſie gerade getragen, ſei ſie jedoch nicht unterge⸗ ſunken, ſondern eine weite Strecke von den Wellen fortgeführt und von einem Schiffe, das eine ihm unbekannte Flagge geführt in dem er jedoch ein nach der afrikaniſchen Küſte ſegelndes, zum Sclaven⸗ handel beſtimmtes ſpaniſches Schiff zu erkennen gemeint' habe, nebſt der kleinen Prinzeſſin aufgefiſcht worden. Das Schiff habc ſich als⸗ dann entfernt, und er könne nicht ſagen, was aus ihr geworden. Die Uebrigen hätten nach ihrer Landung auf der Küſte von Florida ver⸗ ſchiedene Richtungen eingeſchlagen und er wiſſe nicht, wo Peter Silje und Winkerle ein Ende genommen;z er ſelbſt habe mancherlei Schick⸗ ſale durchgemacht und habe endlich, wie der Augenſchein lehre, hier einen feſten Wohnſitz gefunden, den er auch nicht wieder zu verlaſſen gedenke. Hieraus erfuhr ich wenigſtens, daß meine Gemahlin und mein Töchterchen, inſofern ihnen ſpäter kein Unglück zugeſtoßen, gerettet waren. Aber wo ſollte ich ſie ſuchen, da das Schiff, welches ſie auf⸗ genommen, eine ganz entgegengeſetzte Richtung und zwar der Aus⸗ Meres s gehört Cordula Zuitarria ach acht nd nun ſeefertig nds von ermann⸗ tten ſich rnd ru⸗ rda ge Ug d, b abe ausge⸗ „bergib ges mit ank den unterge⸗ art und in dem zclaven⸗ — nebſt ch als⸗ en. Die da ver⸗ Silhe Schick⸗ e, hier erlaſſen d mein gerette ſe ꝛif⸗ r Aus — 165— ſage Schroop's gemäß die nach der afrikaniſchen Küſte eingeſchlagen hatte? Ich that, was mir unter dieſen Umſtänden das Zweckmäßigſte zu ſein ſchien: ich ſchickte an das Leipziger Tageblatt eine Annonce, worin ich meine mir abhanden gekommene Gemahlin aufforderte, mir durch daſſelbe berühmte Organ Kunde von ihrem gegenwärtigen Aufent⸗ halt zu geben. Da nämlich anzunehmen iſt, daß Leipziger Stadtkinder über alle Welt zerſtreut ſind, ein Leipziger aber ohne Speckkuchen und Schweinsknöchelchen nicht wohl leben kann, und das Leipziger Tage⸗ blatt als das einzige officielle Organ für dieſe Genüſſe ohne Zweifel von jedem Leipziger in der Welt gehalten wird, ſo konnte ich wohl darauf rechnen, auf dieſem Wege ſicherer als auf jedem andern die gewünſchte Auskunft zu erhalten. Im Uebrigen konnte ich freilich nicht wiſſen, ob ſich Alles ſo ver⸗ hielt, denn die Schiffskapitäne pflegen fürchterlich aufzuſchneiden. Ich habe Schiffskapitäne kennen gelernt, die ſo viel Wind machten, daß er ſich förmlich in die Segel ſetzte und zur Beſchleunigung der Fahrt weſentlich beitrug. Von meinem Aufenthalt auf dieſem Punkte der Welt habe ich ſonſt nicht gerade viel zu berichten. Wir beſuchten unter andern unſern Nachbar(denn in dieſem damals noch ſehr dünn bevölkerten Lande nennt jeder Farmer den andern ſeinen Nachbar, und wenn ſie Hunderte von Meilen von einander entfernt wohnen), den auch in Reiſebeſchreibungen viel genannten Badner Sutter auf ſeiner weitläu⸗ figen und wohleingerichteten Farm. Ein kleiner Spaß, den ich mir mit ihm erlaubte, hat ſpäter eine welthiſtoriſche Wichtigkeit erlangt. Ich hatte nämlich aus einem eigenthümlichen Mineral, welches ſich dort in großen Maſſen vorfindet, durch Zufall eine Tinctur ausziehen gelernt, von der einige Tropfen hinreichen, einem Centner Blei oder Eiſen das vollkommene Anſehen von Gold zu geben. Auf die Leicht⸗ gläubigkeit Sutters bauend, hatte ich einige Tonnen mit dieſer Tinctur gefüllt, ſie auf Büffeln an verſchiedene Punkte Kaliforniens geführt, und dann ihren Inhalt in die Flüſſe und Bergbäche auslaufen laſſen. Dieſe Tinctur hat dem Märchen von dem kaliforniſchen Golde ſeine Entſtehung gegeben; denn ſie durchdrang das kaliforniſche Erd⸗ — 166— reich nach allen Richtungen und verwandelte alle metalliſchen Beſtand⸗ theile deſſelben anſcheinend in Gold. Wenige Tage darauf ſchöpfte Sutter auf einer Jagdparthie Waſſer in ſeinen Trinkbecher und war nicht wenig überraſcht, als auf dem Boden des Bechers eine Schicht von Gold⸗ körnern übrig blieb. Sutter, zu erfreut um das Geheimniß für ſich zu behalten, machte Lärm von der Sache, und ſo geſchah es, daß ſeitdem Tauſende und aber Tauſende nach Kalifornien ſtrömten, um dort nach Golde zu graben, was aber nichts weiter iſt als elendes durch meine Tinctur gelb gefärbtes Blei oder Galmei. Man wird meiner Mittheilung keinen Glauben ſchenken, aber es verhält ſich ſo wie ich geſagt habe. Ich gebe den aus dieſem vermeintlichen Golde geprägten Ducaten und Sovereigns höchſtens noch zehn Jahre Zeit; dann werden ſie in ihrer natürlichen Geſtalt erſcheinen als bloße Blei⸗ ſtücke und außer Cours geſetzt werden müſſen. Es möge ſich daher Jeder, der ſolche Goldſtücke beſitzt, bei Zeiten warnen laſſen! Das Hauptvergnügen, dem wir zu unſerer Zerſtreuung oblagen, war die Büffeljagd. Dieſe iſt aber in der Weiſe, wie ſie in der Regel betrieben wird, ſehr umſtändlich und beſchwerlich. Daher ſann ich darauf, die Methode des Einfangens zu erleichtern und zu vereinfachen. Dies bewerkſtelligte ich auf folgende Art. Da ich in den arktiſchen Breiten, wie ſchon erzählt, in der Bereitung von Spiegeln eine große Meiſterſchaft erlangt hatte, legte ich eine Glashütte an, die erſte in jenen Landſtrichen und daher den Farmern begreiflicherweiſe ſehr will⸗ kommen. Ich verfertigte nun gewaltige Hohlſpiegel von mehreren Fuß im Durchmeſſer, in denen ſich jeder Gegenſtand in umgekehrter Stel⸗ lung abſpiegelte. Mit dieſen Spiegeln betrieb ich nun die Büffeljagd, nämlich ſo: Ich trat mit meinem Hohlſpiegel dem Büffel, der durch die zu Pferde ihn verfolgenden Jäger gegen mich gehetzt wurde, ruhig ent⸗ gegen und hielt ihm meinen Hohlſpiegel vor die Augen. Da nun das dumme Thier ſeinen Kopf ſammt den Hörnern im Hohlſpiegel in umgekehrter Lage erblickte, bildete es ſich ein, es liege auf dem Rücken. Um, wie es vermeinte wieder auf ſeine Beine zu kommen, warf es ſich zu Boden, lag nun wirklich auf dem Rücken und ſtreckte ſeine vier Beine in die Luft, die dann ohne alle Mühe dand⸗ zöpfte nicht Gold⸗ r ſcc / daß „um lendes wird ſich ſo Golde geit; Blei daher blagen, rRegel inn ich nfachen. kktiſchen e große erſte in hr wil⸗ en Fuf er Stl ffeljagd die 3 hig en Da nü hlſpiege auf de komm ken un. le M. — 167— und Beſchwerde mit Stricken gefeſſelt werden konnten. Sutter nannte mich vor Freuden einen Blitzkerl und meinte, es ſei doch lächerlich, daß noch Niemand vor mir auf eine ſo höchſt einfache und unfehlbare Jagdmethode gerathen ſei. Bei allen Thieren möchte dieſe Methode freilich nicht angewandt ſein, aber der Büffel iſt von Geburt wie von Erziehung dumm, und auf die Dummheit muß der Pfiffige ſtets ſpeculiren. Indeß durch den häufigen Erfolg ſicher und verwegen gemacht, verſah ich eines Tages den richtigen Moment. Der gehetzte Büffel war mir zu nahe gekommen, zertrümmerte mit ſeinen gewaltigen Hör⸗ nern den Hohlſpiegel und ſenkte nun ſein viereckiges Haupt, um mich von unten auf in die Höhe zu heben. Es blieb mir nun nichts anders übrig, als mich über ſeine Hörner hinweg auf ſeinen Rücken zu ſchwingen und mich an ſeinen dicken über ſeinen Nacken ſich der Länge nach hinziehenden Haarwulſt feſtzuhalten. In gewaltigen Sprüngen raste nun das Thier, von einer ganzen Büffelheerde gefolgt, über weite endloſe Prairieen, immer nach Weſten dahin und immer weiter und weiter. Es war ein entſetzlicher Ritt, bei dem dem Büffel die Haarwulſt und auch mir die Haare zu Berge ſtanden und deſſen Aus⸗ gang und Ende das folgende Kapitel erzählen wird. — 168— Vierzehntes Kapitel. Gewalt geht über Recht, aber Liſt über Gewalt. Die Liſt iſt die natürliche Waffe aller widerrecht⸗ lich Verfolgten, und wem man ſonſt nichts auf⸗ binden kann, dem bindet man einen Bären auf. Eduard Gans. Wer von meinen geehrten Leſern jemals in die Lage gekommen ſein ſollte, auf einem wüthend gewordenen Büffel zu reiten ohne Zaum, Sattel und Steigbügel, wird wiſſen, was ein ſolcher Ritt ſagen will. Mit niedergebeugtem Kopfe und hochgehobenem Schweife galoppirte der Büffel immer in kurzen Dreivierteltactſätzen über die unermeßliche Fläche der Prairieen dahin in einer Schnelligkeit, daß ich mich nur mit Mühe auf ſeinem nicht eben ſehr weich gepolſterten Rücken erhalten konnte. Hinter ihm, dem Zug⸗ und Leitſtier, trabte die ganze Heerde in kurzem Abſtande. Wir kamen an einen Fluß, ich glaube den Coldoradoè, und der Büffel, von der übrigen Heerde gefolgt, ſtürzte ſich in den Fluß und ſchwamm durch ihn hindurch; doch gewann ich Zeit, mit der linken Hand einiges Waſſer zu ſchöpfen und meine brennenden Lippen damit zu benetzen. Zu Zeiten kamen wir auch durch niedriges Ge⸗ ſträuch, deſſen Zweige mit ſaftigen Beeren belaſtet waren, und da die Zweige ſehr niedrig hingen, vermochte ich mit meinem Munde im raſchen Durchritt die Früchte abzuſtreifen. Das war ein großes Glück, denn ſonſt würde ich, da der Ritt mehrere Tage dauerte, unfehlbar Hungers geſtorben ſein. Endlich nahm das Prairiengebiet ein glückliches Ende und ich er⸗ blickte einen dichten Wald vor mir, der mit mächtigen Kaſtanienbäumen beſtanden war. Mit niedergeſtrecktem Gehörn und in vollſter Furie ging der raſende Büffel auf einen der breitſtämmigen Bäume los und wir ſtanden ſtill. Der Büffel hatte ſich mit ſeinem Gehörn in dem der läche Nühe onnte. urzem und Fluß t der — 169— Stamme feſtgerannt, und konnte trotz aller Anſtrengungen ſich nicht wieder davon losmachen. Die übrigen Büffel, die Alles zu thun gewohnt waren, was der Zugſtier that, hatten nichts Eiligeres zu thun, als ſofort ebenfalls jeder auf einen Baum loszurennen und ihr Gehörn darin feſtzunageln. Da ſtand nun der ganze Trupp und war in meiner Gewalt— ich war Heerdenbeſitzer. Nun ſage man noch, daß mein Leben nicht an den außerordentlichſten Wechſelfällen reich geweſen! Nachdem ich meinen hilfsbedürftigen Magen mit dem nöthigen „Stoffwechſel“, wie man es jetzt nennt, verſehen(er beſtand in einigen nahrungskräftigen Maiskolben, Früchten und Erdbeeren) ſtreckte ich mich ins Gras nieder, um von meinem fürchterlichen Ritt, gegen welchen Lenorens berühmter Ritt auf dem geſpenſtiſchen Roſſe in nichts verſchwindet(dann ſie hatte doch wenigſtens einen Sattel unter ſich), verdientermaßen auszuruhen. Ich ſchlief auch ſehr bald ein, ohne daß ich nöthig gehabt hätte, mich durch die Lectüre eines vierbändigen deutſchen Romans einzuſchläfern. Ich ſchlief den Schlaf des Ge⸗ rechten, und wenn es auch ein Schlaf des Ungerechten geweſen wäre, ſo würde ich mir in dieſem Augenblicke nichts daraus ge⸗ macht haben. Als ich erwachte, neigte ſich die Sonne ſchon etwas gegen Abend; meine Heerde aber ſtand noch wie feſtgewurzelt. Ich beſchloß, da die Gegend ſehr hübſch war, hier zu bleiben und mir aus Baumſtämmen ein Blockhaus als Interimswohnung zu erbauen. Daher ergriff ich mein Beil, welches ich für ſolche Fälle in Kalifornien immer bei mir zu führen pflegte und an meine linke Hüfte gebunden hatte, und machte mich an die Arbeit. In Kurzem hatte ich einige tüchtige Stämme gefällt. Wie groß war aber meine Ueberraſchung, als plötz⸗ lich drei Männer auf mich zutraten und mit vorgehaltenen Flinten auf engliſch mich aufforderten, beim Bezirksrichter zu erſcheinen, da mich der Eigenthümer des Waldes bei ihm wegen Eigenthumsverletzung und Beraubung verklagt hätte. Die Uebermacht war gegen mich; auch machte mir die Sache Spaß, und ich beſchloß keinen Widerſtand zu leiſten; ich folgte den Männern. — 170— Ich wurde in ein benachbartes Blockhaus gebracht und fand hier einen etwas breitſchulterigen, hochſtämmigen und brutal ausſehenden Herrn in der bekannten Farmertracht hinter einem aus Brettern roh zuſammengeſchlagenen Tiſche ſtehen, der mich barſch folgendermaßen anredete: Sir!(die Gerichtsverhandlung wurde begreiflicherweiſe in eng⸗ liſcher Sprache geführt) Ihr ſeid von dem Eigenthümer dieſes Grundes und Bodens angeklagt, ſein Ameublement muthwillig und räuberiſch beſchädigt, verdorben und zertrümmert zu haben. Ich machte die Augen groß auf. Ameublement? fragte ich ver⸗ wundert. Allerdings— Ameublement, und nicht nur Ameublement, ſondern auch Ställe, Fenſter, Thüren und Kellerthüren. Die Sache erſchien mir ſo komiſch und ich brach in ein ſo lautes Gelächter aus, daß ich mich nicht wundern ſollte, wenn hier⸗ durch die freilich ſehr beſcheidenen Meubles und Geräthſchaften des Blockhauſes wirklich Schaden erlitten haben ſollten. Ich verbitte mir vor Gericht jedes Gelächter, ſagte der Farmer mit rauher Stimme; Ihr werdet am beſten wiſſen, was Ihr gethan habt, und durch fortgeſetztes Leugnen würdet Ihr Eure Sache nur ſchlimmer machen. Wer iſt der Eigenthümer, der mich verklagt hat? ſagte ich. Der bin ich, erwiederte der Farmer. Und wer iſt der Richter? Der bin ich auch, lautete die Antwort des Breitſchulterigen. Das Fragen iſt übrigens an mir, und nicht an Euch. Ich frage Euch alſo hiermit, ob ihr Euch ſchuldig bekennt? Fragt mich doch lieber, antwortete ich, ob ich mich ſchuldig bekennen will, Euch die Ohren abgeſchnitten zu haben. Lang genug wären ſie dazu! Ihr ſeid ein hartnäckiger Verbrecher, Sir! ſagte hierauf der Far⸗ mer. Es iſt übrigens hieſigem Bezirksgericht höchſt gleichgiltig, ob Ihr Euch ſchuldig bekennt oder nicht; denn hier ſtehen drei Zeugen (er wies dabei auf meine Begleiter), welche es eidlich erhärten können, mit welcher Rückſichtsloſigkeit Ihr gegen meine Meubles, Ställe, Fenſter, 8 T ad hier ehenden Zeettern rmaßen n eng⸗ grundes uberiſch ich ver⸗ ſondern ſo a hier⸗ ten des Farmer t gethan che nur bekennen g wären der Fan ilttg, 9 Zeug t könni iſ 1 Fe — 171— Thüren und Kellerthüren gewüthet habt. Das Gericht verurtheilt Euch ſomit zur Zahlung einer Entſchädigungsſumme, und zwar: 1) für ein gänzlich zu Grunde gerichtetes Sopha 100 Dollar; 2) für einen muthwillig zertrümmerten runden Tiſch 60 Dollar; 3) für einen zerbrochenen Klapptiſch 30 Dollar; 4) für ein beſchädigtes Dutzend Stühle 40 Dollarz 5) für einen umgebrochenen Stall 120 Dollar; 6) für Beſchädigung an diverſen Fenſtern, Thüren und Keller⸗ thüren 25 Dollar; macht in Summa 275 Dollar, die Ihr ſofort zu erlegen oder nach texaniſchem Recht Gefängnißſtrafe nebſt einiger Lynchung zu ge⸗ wärtigen habt. Ich lade hiermit die Zeugen vor, ihre Ausſagen eid⸗ lich zu erhärten. Es läßt ſich denken, daß ich auf dieſe Ausſagen nicht wenig ge⸗ ſpannt war; weniger läßt ſich denken— obſchon es bei mir begreiflich iſt— daß mir die Sache ungeheuren Spaß machte. Einer der Genoſſen des Farmers trat nun vor und ſagte, wie ich im Walde den großen Baum, aus deſſen Holz der Farmer ein Sopha und einen runden Tiſch zu verfertigen beabſichtigt habe, gefällt und zu eigenem Gebrauch behauen und zerſtückt hätte. Aehnlich lauteten die Ausſagen der beiden andern Männer in Betreff der übrigen Gegenſtände. Die Beſchädigungen an Stühlen, Fenſter, Thüren und Kellerthüren ſollten durch meine Büffel hervor⸗ gebracht ſein, indem dieſe ihr Gehörn in die Bäume gebohrt und dadurch das für dieſe Gegenſtände beſtimmte Holz verdorben hätten. Das Räthſel war nun gelöst; da ich jedoch einſah, daß ich gegen ein ſolches willkürliches Recht, wie es in Texas üblich, mit allen Rechtseinwänden nichts ausrichten könne und eine zu bedeutende Ueber⸗ macht mir gegenüberſtand, beſchloß ich, den Weg der Unterhandlung zu betreten, da es, wie ich einſah, nur auf eine Gelderpreſſung unter einer gewiſſen Scheinform des Rechts abgeſehen war. Glücklicherweiſe führte ich noch einige Stücke des von mir künſt⸗ lich bereiteten kaliforniſchen Goldes bei mir, die ich dem Geſindel an Zahlungsſtatt anbot. — 12— Der Farmer verſchlang den Goldglanz mit gierigen Blicken, und nachdem er die Stücke geprüft, bemerkte er: er wolle ſie für die Hälfte der Summe, in die ich rechtskräftig verurtheilt ſei, annehmen; wie aber ſtehe es mit der andern Hälfte? Ich antwortete, daß ich weiter an Baarem nichts beſitze und beim beſten Willen die zweite Hälfte nicht bezahlen könne. Ich hatte ſchon längſt bemerkt, daß dem Farmer meine ſehr ſchöne Flinte in die Augen geſtochen hatte und war daher durchaus nicht überraſcht, als mein Widerpart mir den Vorſchlag machte, ihm die Flinte an Zahlungsſtatt zu überlaſſen; dann wollte er mir kein Hin⸗ derniß weiter in den Weg legen und mich ruhig meines Weges ziehen laſſen. Ich ſetzte mich in Poſitur und rief mit einer donnernden Stimme, ſo daß die Balken des Blockhauſes in ihren Fugen knackten und der Tiſch vor Schreck in die Höhe ſprang: Wagt's, mir die Flinte zu entreißen; aber dem Erſten, der mir naht, mache ich mit derſelben Flinte den Garaus, ihr Schurken! Dieſe Erklärung, mit aller Feſtigkeit eines in ſeinem Rechte ſich gekränkt fühlenden und zu Allem entſchloſſenen Mannes abgegeben, machte die Schufte ſichtlich beſtürzt und etwas kleinlaut äußerte der Breitſchulterige, er wolle mir die Flinte laſſen, zumal er einſähe, daß ich ſie zu meiner Vertheidigung nothwendig brauche; was ich ihm aber fonſt an Zahlungsſtatt bieten könne? Sir! erwiederte ich, da Ihr Vernunft anzunehmen ſcheint, will ich, um jedes Blutvergießen zu vermeiden, Euch einen Vorſchlag machen. Ihr wißt, Sir! daß ich hier mit einer ſtattlichen Büffelheerde angekommen bin. Ich will Euch nun den ſchönſten meiner Büffel⸗ ochſen an Zahlungsſtatt für die zweite Hälfte der Summe überlaſſen, und damit, denke ich, könnt Ihr zufrieden ſein und jedem weitern Anſpruch entſagen. Der Farmer ging auf meinen Vorſchlag ein und ſagte, er wolle ſofort mit mir gehen, um den Büffel zu holen, denn ſeine drei Ge⸗ fährten müßten im Blockhauſe zurückbleiben, weil ſeit einigen Tagen verdächtiges Indianervolk in der Nähe herumſtreife und man ſich jede „ und Hälfte ie aber beim ſchöne s nicht im die Hin⸗ Weges mme, er mir 1 ͤte ſich egeben, rte der ſe, daß ch ihm ill , wi rſchlag weitern wolle i Ge⸗ Tagel ch jede — 173— Nacht auf einen Angriff derſelben gegen das Blockhaus gefaßt machen müſſe. Ich war's zufrieden. Der Farmer bewaffnete ſich mit einem Ge⸗ wehr, und wir ſchritten fürbaß. Inzwiſchen brach die Dämmerung ein und als wir an den Wald⸗ rand gelangten, war es bereits ſtockfinſtere Nacht geworden. Nun muß ich erwähnen, daß ich im Laufe des Tages einen ame⸗ rikaniſchen Bären, welcher einem meiner Büffel auf den Rücken ge⸗ ſprungen war, um ihn zu zerreißen, von hinten gefaßt, ihm die Hinter⸗ beine, und als ich ihn zu Boden geworfen, auch die Vorderbeine gebunden hatte und ihn dann liegen ließ, um zu überlegen, was ich weiter mit ihm anfangen ſolle. Der Bär war vor Langweile einge⸗ ſchlafen, und als wir an die Stelle gelangt waren, ſchlief er, wie es mir ſchien, noch immer. Dieſen Bären ergriff ich, packte und band ihn auf die breiten Schultern des Farmers, der in der Finſterniß nicht wahrnehmen konnte, was für ein Thier es ſei, und ſagte dabei: Wahrlich ein ſchöner fetter Büffel! es thut mir leid, ihn verlieren zu müſſen. Werdet Ihr aber auch Kraft genug haben, Sir, das ſtattliche Thier bis zum Blockhaus zu ſchleppen? Habt keine Beſorgniß, Sir! erwiederte der Farmer; bei unſerm Leben in der Wildniß gewöhnen ſich die Schultern an die ſtärkeſten Laſten! Mit dieſen Worten zog er ab, unter ſeiner ſchweren Laſt keuchend und ſchnaufend. Er mochte kaum fünfzig Schritt gegangen ſein, als ich ihn fürchter⸗ lich ſchreien und verzweiflungsvoll um Hilfe rufen hörte. Ahnend, was geſchehen ſei, folgte ich ihm. Der Mond war eben aufgegangen und verſilberte Prairie und Waldung. In ſeinem Scheine erkannte ich, daß der Bär, von der ſtarken Bewegung und dem An⸗ ſchlagen des Gewehrs an ſeine Füße aufgewacht, den Farmer unter ſehr verdächtigem Brummen tüchtig abzauste und ihm bereits den Strohhut vom Kopfe geriſſen hatte, den er mit ſeinem Gebiß zer⸗ malmte, wobei freilich auch eine Partie Haare von des Farmers Scheitel mit in den Schlund des Unthiers gerathen war. — 174— Ihr habt mir da einen ſchönen Bären aufgebunden!*) rief er, ſchießt die Beſtie todt, ſonſt bin ich verloren! Entſchuldigt, Sir! ſagte ich höflich, daß ich mich vergriffen und Euch einen Bären ſtatt einen Büffel aufgebunden habe. Es war auch gar zu finſter. Schießt nur, ſchießt! rief er in Todesangſt. Wohl, Sir! antwortete ich im Tone des Gleichmuths, aber nur, wenn Ihr mir das Verſprechen gebt, mir morgen früh Euer beſtes Reitpferd abzutreten. Ich werde dann dieſe ſchuftige Gegend ſofort verlaſſen und Ihr habt dann noch die ganze Büffelheerde, mit der Ihr anfangen könnt, was Ihr wollt. Goddam, Sir! Alles was Ihr haben wollt! rief er verzweifelt, ſchießt nur, ſchießt! Ich ſetzte nun den Lauf meiner Flinte dem Ungeheuer an den Kopf, drückte los und das Thier hauchte um ſo zu ſagen ſeine zottige Exiſtenz aus. Nachdem ich dem Farmer das entſeelte Thier von ſeinem Rücken gelöſt hatte, trennten wir uns und ich begab mich zu der Wald⸗ ſtelle zurück, auf der meine Büffelheerde noch wie angenagelt ſtand. Ihm dieſe zurückzulaſſen fiel mir gar nicht ein. Ich machte mich alſo ans Werk, hieb allen Büffeln der Reihe nach mit dem Beile vor den Kopf, bis ſie todt waren, zog ihnen das Fell ab und zer⸗ hackte dieſes in lauter kleine zu nichts mehr dienliche Stückchen und Bißchen. Die abgeſchundenen Thiere ließ ich aber vor den Bäumen ſtehen, wie ſie ſtanden. Folgenden Morgens begab ich mich ſofort zum Blockhaus und er⸗ hielt hier richtig ein Reitpferd ausgeliefert, deſſen Güte ich nicht weiter unterſuchte, weil es mir daran lag, ſo ſchnell als möglich fortzukommen. Das Pferd war gut, aber es war nicht das beſte von denen, welche der Farmer beſaß. *) Wir brauchen wohl nicht ausdrücklich zu erwähnen, daß ſich das Bonmot:„Jemand einen Bären aufbinden“ von dieſem Vorfall herſchreibt. Anmerkung Fritz Beutel's. r nur, beſtes ſofort nit der weifelt, mn den zottige Rücken Vah⸗ ſtand. hte mich m Beile und zel⸗ chen und Bäumen und er t weitet kommen ,, welch ſch erſchrel — 175— Ich mochte ungefähr eine engliſche Meile geritten ſein, als ich hinter mir ein Getrabe und Geſtampfe hörte, das mir näher und immer näher kam. Ich blickte um und nahm den Farmer und ſeine drei Gefährten wahr, die mir auf ihren Pferden nachſetzten und mich faſt ſchon eingeholt hatten. Ohne Zweifel waren ſie ſofort nach meinem Wegritt nach dem Walde geeilt, hatten hier die Beſcheerung, die ich ihnen zurückließ, eine Reihe geſchundener todter Büffel erblickt, und ſetzten mir nun nach, um mich zur Rechenſchaft zu ziehen und vielleicht ſo mit mir zu verfahren, wie ich mit den Büffeln verfahren. Glücklicherweiſe ritten die Schurken, je nach der Güte ihrer Pferde, ſo dicht hinter einander, daß der Kopf des zweiten Pferdes den Schwanz des erſten berührte und ſofort. Ich wandte daher, ſchnell entſchloſſen, mein Pferd, und warf mich mit aller Gewalt auf den erſten Reiter, welcher die Spitze des Zuges einnahm. Das Pferd kugelte nach hinten über auf das zweite, das zweite eben ſo ſchnell auf das dritte und das dritte auf das vierte. Die Reiter krabbelten nun mit ihren Pferden im Sande, auch mochte es wohl an einigen Beinverrenkungen und Beinbrüchen nicht fehlen, denn ſie dachten nicht weiter daran, mich, der ſich ihnen überhaupt bisher in Allem überlegen gezeigt hatte, zu verfolgen. So entkam ich und ſprengte fort, immer der Richtung nach, wo, wie ich glaubte die eigentlichen Vereinigten Staaten liegen müßten. — 176— Fünfzehntes Kapitel. Jeder Tugendhafte meide das Würfel⸗ und Kartenſpiel— es gibt nichts Verruchteres. Wenn man aber das Unglück hat, unverſehens in eine Spielergeſellſchaft zu gerathen, ſo ſuche man ſeinen Widerpart möglichſt auszubeuteln, um ihm durch den Verluſt, den man ihm zufügt, die Augen über ſein verderbliches Treiben zu öffnen und ihn da⸗ durch auf beſſere Wege zu bringen. Garve. Wenn ein Indianermädchen einen Weißen liebt, ſo folgt daraus immer noch nicht, daß auch der Weiße das Indianermädchen liebt. Chateaubriand. Es war an einem Nachmittage als ich nach mehrtägigem Ritte in das Labyrinth einer wilden Gebirgslandſchaft gerieth, die, wie ich glaube, zu dem Tract der berüchtigten Rocky Mountains gehörte. Ich ritt einen ſchmalen Bergpfad hinauf, an deſſen einer Seite mäch⸗ tige überhängende Felsmaſſen aufgepfeilert waren, während auf der andern ein Abgrund klaffte, der ſich in eine ſchwindelerregende nächt⸗ liche Tiefe niederſtreckte. Das Geröll wich unter den Hufen meines Pferdes fortdauernd und erhöhte nicht wenig die Gefahren meiner Lage. Glücklicherweiſe ſchlen aber meine Stute an ſolche Bergparthien gewöhnt zu ſein, denn ſie ſchritt mit der Sicherheit eines Maulthiers hart an dem Rande des Abgrunds fürbaß. Endlich ſenkte ſich der Pfad, und nun begannen die Schwierigkeiten erſt recht. Es ging oft ſo ſteil abwärts, daß mein Roß das Klügſte that, was es thun konnte, ſich auf ſein Hintertheil ſetzte und nun die ſteilſten Strecken hinab⸗ rutſchte, ein Manöver, welches mein Herabkommen nicht wenig förderte. Es war inzwiſchen Abend geworden; doch erhellte der Mond, der eben über die Berggipfel jenſeits der Schlucht hinaufſtieg, meinen — em Ritte „wie ich gehörte te mäch⸗ auf der de nächt⸗ n meines meiner arthien aulthiers ſcch der ging ff n konnte, n hinab⸗ fürdeti dond, de 1 meine — 177— ſchauerlichen Pfad, der ſich jetzt nur noch in geringer Höhe über der Thalſohle erhob. Um eine Felsecke biegend, erſtaunte ich nicht wenig, als ich zu meinen Füßen ein hell und hoch aufloderndes Feuer erblickte, welches maleriſche Reflexe gegen die Felsgebilde zu meinen Füßen warf, und um welches einige Dutzend menſchliche Geſtalten zechend, würfelnd und lärmend gelagert waren. Als ſie mich, durch das Geräuſch der herabrollenden Steine auf⸗ merkſam gemacht, über ihren Häuptern erblickten, ſprangen ſie auf und einige machten ſich den Spaß— denn ein Spaß und nichts weiter ſollte es doch wohl ſein— ihre Büchſen gegen mich abzufeuern. Die Bergluft hatte jedoch meine Lunge wunderbar geſtärkt, und wenn ich eine Kugel gegen mich herfliegen ſah, ſammelte ich ſchnell den Athem in meiner Lunge und ſtieß ihn dann wie ein mächtiger Blasbalg mit aller Gewalt von mir, der Kugel gerade entgegen. Dieſe, dem Sturm⸗ wind meines Athems begegnend und von ihm zurückgetrieben, fiel dann mitten unter die Geſellſchaft machtlos zurück, was dieſe nicht wenig Wunder zu nehmen ſchien. Nachdem ich ein Dutzend Ku⸗ geln auf dieſe Weiſe zurückgeblaſen hatte, ließen ſie von ihrem Scherze ab, der einem Andern als mir ohne Zweifel ſehr übel bekommen ſein würde. Bald war ich mitten unter dem Trupp, welcher aus Trappers oder Biberjägern beſtand und mich, der von den Männern wahr⸗ ſcheinlich für einen Zauberer gehalten wurde, ſcheu und wild anblickte. Durch mein gemüthliches Weſen, meinen herzlichen guten Abend und meinen biedern Händedruck hatte ich ſie jedoch bald für mich gewonnen und wurde von ihnen eingeladen, an ihrer Abendmahlzeit, in einem kräftigen und ſaftigen Wildbraten beſtehend, Theil zu nehmen. Ich ließ mich nicht lange nöthigen und langte in einer Weiſe zu, die ihre Achtung vor mir nur vermehren konnte. Dazu kreiste die Flaſche und da ſie bald wahrnahmen, daß ich auch in dieſem Geſchäft etwas Ungewöhnliches leiſtete, zollten ſie mir offen die Bewunderung, die ich nur zu ſehr verdiene. Dieſe Männer mit ihren durchwetterten, wie verſchrumpftes Per⸗ gament ausſehenden Geſichtern, ließen hierauf nicht eher ab, bis ich D. B. X. Fritz Beutel, v. Marggraff. 12 — 178— einwilligte, an ihrem Würfelſpiel Theil zu nehmen, für welches die Trappers bekanntlich leidenſchaftlich eingenommen ſind. Sie ſagten mir dabei offen ins Geſicht, daß ſie mich für die Ehre, ihre Bekannt⸗ ſchaft gemacht zu haben, rupfen wollten. Um ihnen Vertrauen ein⸗ zuflößen, ließ ich ſie anfangs gewinnen und verlor an ſie mein Pferd, meine Flinte, und zuletzt meinen ſchönen Schnurrbart, auf den es einer der Trappers abgeſehen hatte, weil er, wie er ſagte, dieſes koſt⸗ bare Stück ſeiner Frau oder„Squaw“ als Trophäe mit heimbringen wollte. Er ſprang auch ſofort auf, um ſich meines Bartes zu bemäch⸗ tigen; ich widerſetzte mich jedoch und bemerkte: daß wir das Glück erſt weiter verſuchen wollten, um am Schluſſe des Spiels über Ge⸗ winn und Verluſt Abrechnung zu halten. Er weigerte ſich darauf einzugehen und es kam darüber zwiſchen ihm und einem Jäger, der ſich auf meine Seite ſtellte, zu einem heftigen Streit, in welchem ſie zuletzt ihre Bowie⸗knives, jene langen und breiten Meſſer, welche die Trappers am Gürtel zu tragen pflegen, entblößten und damit auf einander losgingen. Sofort bildete ſich um die Kämpfenden ein Kreis, der dem blutigen Streite wie einem Luſtſpiele zuſah und jeden glück⸗ lich geführten Stoß mit wieherndem Jubel begrüßte. Beide Käm⸗ pfenden bluteten bereits aus mehreren Wunden, als plötzlich der An⸗ fänger des Zwiſtes einen ſo kräftigen Stoß mit dem Meſſer zwiſchen die Rippen erhielt, daß er mit einem Schrei zu Boden ſank und es ganz unmöglich fand, wieder aufzuſtehen, aus dem einfachen Grunde, weil er eine Leiche war. Der Kreis der Zuſchauer löste ſich ſofort; der Getödtete wurde in den nahen Bergſtrom geworfen und man ſetzte ſich, als ob gar nichts vorgefallen ſei, wieder zum Spiele. Ich gab dieſem nun eine andere Wendung und gewann nicht nur mein Pferd und meine Flinte zurück, ſondern auch eine Menge von Biberfellen, ſämmtliche Büchſen und ſogar drei oder vier Squaws(ſo nennen ſie ihre Weiber), welche einige der tollſten Spieler eingeſetzt hatten. So war ich plötzlich im Beſitze von mehreren hoffentlich liebenswürdigen Trappersfrauen und die Verlierenden verſäumten nicht, mit der Ehrlichkeit profeſſioneller Spieler, mir die Orte zu nennen, wo ich ſie finden und abholen könnte. elches die ate ſagten Bekannt⸗ wen ein⸗ in Pferd, den es ſes koſt⸗ möringen bemäch⸗ as Glück über Ge⸗ S darauf ger, der chem fe elche die amit auf in Kreis, en glück⸗ de Käm⸗ der An⸗ zwiſchen k und s Grunde, te wurde z ob gar nun eine ne Fünte Büchſen J), welcht ttzlich Win auen um eſionel abtole — 179— Ich hatte Alle rein ausgeplündert, ſo daß ſie nichts mehr einzu⸗ ſetzen hatten. Da rief Einer: ich ſetze mein Beinkleid! und alle Uebrigen folgten ſeinem Beiſpiel. Wir würfelten weiter, und das Glück wollte mir ſo wohl, daß ich ihnen zuletzt auch die Beinkleider abgewonnen hatte, deren ſie ſich auch ſofort mit größter Gemüthsruhe entledigten. Lieben Freunde! ſagte ich hierauf, ihr habt mich ausziehen wollen, und ich habe euch ausgezogen, im buchſtäblichſten Sinne. Zur Strafe für eure Abſicht, mich, euren Gaſtfreund, zu rupfen, werde ich eure Beinkleider behalten; in dieſer Wildniß habt ihr euch vor Niemand zu ſchämen und da wir ſchönes warmes Wetter haben, auch keine Erkältung zu befürchten. Auf eure Biberfelle und Büchſen, die mir ohnehin eine zu ſchwere Laſt ſein würden, als daß ich ſie fortbringen könnte, verzichte ich. Diejenigen eurer Squaws, die das Glück mir zugewürfelt hat, werde ich, wenn ich ſie treffen ſollte, von ihren Ehe⸗ männern freundlichſt grüßen. Und ſomit Gott befohlen, ihr Herren! Ich hatte inzwiſchen die meiſt noch neuen, aus feinſtem Biberfell gearbeiteten Beinkleider— mit denen ich, beiläufig ſei es geſagt, eine Speculation im Sinne hatte— in ein großes Tuch gebunden und auf den Rücken meines Pferdes feſtgeſchnallt. Ich ſchwang mich nun in den Sattel und ſprengte, da inzwiſchen der Morgen angebrochen war und die Gegend im hellen Schimmer der Frühſonne vor mir lag, davon, die Richtung nach Oſten einſchlagend. Die Trappers ließ ich über meine Großmuth und mein plötzliches Erſcheinen und Ver⸗ ſchwingen ganz verwundert zurück, und ich verdenke es ihnen nicht, wenn ſie, wie es ſchien, der Vermuthung Raum gaben, daß irgend ein gelangweilter Berggeiſt menſchliche Geſtalt angenommen und ſich einen Spaß mit ihnen geſtattet habe. Mühevoll arbeitete ich mich mit, meinem Klepper durch mehrere Bergbäche, überſprang mit ihm eine Zahl Abgründe und ritt einen ſchwierigen Bergpfad entlang, bis ich plötzlich am Rande einer ſteilen hohen Felſenwand ſtand, von der ich die Ausſicht in die Prairie hatte, die ſich wie eine unermeßliche mit grünem Tuche bedeckte glatte Tafel vor meinem Blicke ausbreitete. Was nun anfangen? Umzu⸗ kehren war niemals meine Art, auch mußte ich beſorgen, in dem Fel⸗ 12* — 180— ſenlabyrinth mich zu verirren oder gelegentlich Hals und Beine zu brechen. Vorwärts hieß alſo die Loſung! Ich überließ das Thier ſich ſelbſt und jagte es in die Berge zurück, was es ſich auch, ohne über ſein Schickſal weiter zu reflectiren, recht gern gefallen ließ. Es machte einige gewaltige Sprünge, und ver⸗ ſchwand bald meinen Blicken. Nun band ich mir das Packet mit den Beinkleidern, das ich ihm vorher abgeſchnallt hatte, ſo vor, daß davon Unterleib, Bruſt und Geſicht bedeckt wurden, gab meinem Körper einen gewaltigen Schwung, und ſprang von der Felswand hinab. Während des Sprungs balancirte ich und regierte ich das Packet ſo geſchickt mit den ausgebreiteten Armen, daß ich wie auf einem Fall⸗ ſchirm in die Tiefe gelangte. Ich plumpte zwar etwas ſtark auf; aber kein Körpertheil berührte den ohnehin durch ein Bergwaſſer durch⸗ weichten und mit hohem Graſe dicht bewachſenen Boden!, und ſo geſchah mir kein Leidz auch nicht ein Finger that mir weh. Ich löste nun meinen Körper von dem Packete losz, verringerte es um ein Bedeutendes, indem ich die weniger gut erhaltenen Bein⸗ kleider als unnützen Ballaſt wegwarf, nahm das um die Hälfte er⸗ leichterte Pack auf den Rücken und ſchritt in Gottes Namen darauf los, mich meiner Flinte dabei als Stock bedienend. Aber es war ein ſaurer Marſch. Kein Baum, kein Strauch ge⸗ währte mir Schutz gegen die heißen Sonnenſtrahlen, kein Bach einen kühlenden Trunk für meine ausgedörrte lechzende Zunge. Es blieb mir nichts Anderes übrig als einige Prairienvögel zu erlegen und ihnen das Blut auszuſaugen. Gegen Mittag fühlte ich mich ſo ermattet und erſchöpft, daß ich mich ins Gras hinſtreckte und, was auch ge⸗ ſchehen möge, mich dem Schlafe überließ. Ein wildes Stimmengewirr und Geheule erweckte mich. Ich ſchlug die Augen auf und ſah mich von einem zahlreichen Haufen von Roth⸗ häuten umgeben, die keine gute Meinung von mir oder keine gute Abſicht mit mir zu haben ſchienen; denn ſie ſchwangen ihre Toma⸗ hawks gegen mich und machten entſetzliche Grimaſſen, worauf ich nichts Beſſeres zu thun wußte als ihnen wieder Grimaſſen zu machen, was ihre Wuth nur vermehrte. Sie ſchlugen mich zwar nicht todt— denn ſonſt würde ich dieſe Memoiren nicht ſchreiben können— aber ſie ine zu zurück ,, recht dd ver⸗ et mit r, daß Körper hinab. acket ſo ringerte Bein⸗ lfte er⸗ darauf uch ge⸗ h einen 6 blieb en und ermattet uch ge⸗ ſchlug Roth⸗ ne gut Toma h ricchts n, wal — den aber ſ — 181 nahmen mich in ihre Mitte, zwangen mich, mit ihnen zu gehen, und führten mich in ihr nahes unter Bäumen und Geſträuchen wie in einer Daſe gelegenes Dorf und in den Wigwam ihres Häuptlings, genannt Rah⸗Ge⸗Gah⸗Bah⸗Wo⸗Hu, d. h. der Prairienwolf. Der Wigwam gefiel mir nicht ſonderlich, denn er war über und über mit Kopfhäuten von Weißen ausgeſchmückt, die bei dieſen India⸗ nern zur Zierrath der Wohnungen dienen, wie bei uns die Lithogra⸗ phien und Kupcferſtiche, auf mich aber einen ſehr unangenehmen Ein⸗ druck machten. Auch ſchienen meine Begleiter, den Häuptling, der wahrſcheinlich im Scalpiren eine beſondere Virtuoſität beſaß, mit ihrem wilden Geſchrei aufzufordern, an mir dieſelbe Operation vorzunehmen. Einer und der Andere machte auch mit ſeinem Tomahawk einen Ge⸗ ſtus, den ich nicht mißverſtehen konnte. Ich für meinen Theil hatte beſchloſſen, mein koſtbares Leben ſo theuer zu verkaufen als möglich, bewahrte jedoch meine den Wilden offenbar imponirende Gemüthsruhe in der Hoffnung, daß eine jener glücklichen Wendungen eintreten werde, wie ſie bisher in meinen fatalſten Lebenslagen nie ausge⸗ blieben waren. Rah⸗Ge⸗Gah⸗Bah⸗Wo⸗Hu, ein ernſter würdevoller Mann in vor⸗ gerückten Jahren, erhob ſich im Hintergrunde von ſeiner Hängematte, ſchritt auf mich zu, betaſtete meinen Schädel und ſagte in gebrochenem Engliſch halb für ſich: Wird einen ſchönen Scalp geben! Wieder eine ſündhafte Yankee⸗ haut mehr— das iſt Labſal für das Herz des Prairienwolfs. Ich bin kein Yankee, erwiederte ich auf engliſch, ich bin ein Na⸗ tionaldeutſcher, heiße Fritz Beutel und ſtamme aus Schnipphauſen. Ein Deutſcher! rief der Prairienwolf mit einem ſolchen Ausdruck von Freude, als es dem ſonſt immer phlegmatiſchen Kupferfarbigen nur möglich iſt— ein Deutſcher! Und zu den Seinen ſich wendend, fügte er im befehlenden Tone hinzu: Daß Keiner mir an dieſen weißen Mann die Hand lege! Auf dieſe Wendung war ich nicht vorbereitet. Sollten, dachte ich, die Deutſchen unter dieſen Wilden in ſolchem Anſehen ſtehen? Sollte der Prairienwolf in mir den Repräſentanten jener Nation reſpectiren — 182— wollen, welche zuerſt den Dampf in Anwendung brachte, wenn auch nur zur Bereitung bairiſcher Dampfnudeln? Der Prairienwolf hatte inzwiſchen ſeinen gewohnten Ernſt wieder angenommen, reichte mir, während die Uebrigen in ehrfurchtsvollem Schweigen ſich zurückzogen, die Friedenspfeife und ſagte: Ich freue mich, in dir, weißer Mann! einen Angehörigen des⸗ jenigen Volks kennen zu lernen, das ich unter allen Nationen der Erde am Meiſten liebe. Einer von euren Dichtern, Seume, hat die edle That eines kanadiſchen Wilden gefeiert, der mein Vorfahr war. Aus den kanadiſchen Wäldern von den verruchten Engliſhmen verdrängt, hat ſich unſer Stamm in dieſe traurigen Einöden zurückziehen müſſen. Darum haſſen wir die Engländer und die Yankees, die uns wie Raub⸗ Pthiere das Wild hetzen, aufs Grimmigſte. Aber die Deutſchen haben uns nichts gethan, und wir thun ihnen auch nichts. Wir fragen dich nicht einmal um deinen Paß, deine Sitten⸗ und Schulzeugniſſe oder ob du bereits militärfrei biſt. Indem ich dich in meinen Schutz und meine Obhut nehme, preiſe ich mich glücklich, meine Dankbarkeit einem Landsmann des Dichters Seume darthun zu können. Wie lautet doch das Gedicht? Glücklicherweiſe hatte ich Seume's Gedicht„Der Wilde“ in der Blumenleſe gefunden, die mir auf Beutelland durch einen ſo wunder⸗ baren Zufall in die Hände gerathen war, und da ich es in meinen Muſeſtunden auswendig gelernt hatte, fiel es mir nicht ſchwer, es ſo gut es ging engliſch zu wiederholen.„Und er ſchlug ſich ſeitwärts in die Büſche“, ſchloß ich. „Und er ſchlug ſich ſeitwärts in die Büſche“, wiederholte der Prairien⸗ wolf ernſt und nachdenkend, und mit einer Art liebenswürdiger Wild⸗ heit fügte er hinzu: O, hätte ich euren Seume bekommen können, ich würde ihn aus Liebe ſcalpirt und ſeine Kopfhaut in meinen Wigwam aufgehängt haben, mir und ihm zur Ehre und meinen En⸗ keln und Urenkeln zur Erinnerung an ſein ſchönes, indianiſchgeſinn⸗ tes Herz. Ich blieb nun mehrere Wochen unter dieſen Wilden und erwarb mir ihre Liebe und Verehrung durch bedeutende Dienſte, die ich ihnen in ihren Feldzügen gegen feindliche Stämme leiſtete; denn ſo närriſch venn auch nſt wieder chtsvollem igen des⸗ onen der e, hat die fahr war. verdrängt, n müſſen. wie Raub⸗ zen haben keit einem autet doch e in der wunder⸗ in meinen ver, es p twärts in Prairien⸗ aer Wild⸗ n können, in meinen einen En⸗ icgeſim⸗ r nd erwat eich ihna ſo närriſt — 183— ſind dieſe Wilden, daß ſie, die gegen die Yankees zuſammenhalten ſollten, ſich unter einander zerfleiſchen, gerade wie dies die Deutſchen zu Zeiten auch gethan haben. Unter andern ſtreckte ich in einem Tref⸗ fen durch einen wohlgerichteten Schuß aus meiner Doppelflinte den feindlichen Häuptling nieder und zum Lohne dafür wurde mir der Scalp deſſelben in feierlicher Verſammlung als Trophäe überreicht. Dieſer Scalp dient mir noch jetzt als Hutfutter und zeigt ſich ſehr dauerhaft. Eines Vorfalls aus dieſer Epiſode meines Lebens muß ich hier noch gedenken. Eine junge Indianerin hatte mir ſchon längſt unzweideu⸗ tige Beweiſe ihrer Zuneigung gegeben. Sie hieß Ma⸗Nu⸗La⸗Hit⸗Tih, (die Falkin), zeichnete ſich durch ihre Sanftmuth aus und fühlte ſich durch mein ritterliches gebildetes Weſen zu mir hingezogen. Ohne Zweifel hatte meine ſchmelzende Baßſtimme das Ihrige beigetragen, dies Kind der Wildniß für mich zu bezaubern. Denn Abends pflegte ich mich auf einen Stein vor dem Wigwam zu ſetzen und zu den Tönen meiner Guitarre zarte Studenten⸗ und Commerslieder zu ſin⸗ gen, und die jungen Damen des Dorfes verſammelten ſich dann um mich her und flüſterten: Welche ſüßen Töne! Sie hingen mit ihren Ohren förmlich an meinen Lippen. Eines Tages, als ich mich gerade in der Hängematte dehnte, höre ich ein durchdringendes Geſchrei, in welchem ich die Stimme des Mädchens zu erkennen glaubte. Ich eile hinaus, und erblicke hinter dem Wigwam eine ſich an einem einzeln ſtehenden Baume emporrich⸗ tende Rieſenſchlange, aus derem Bauche das Geſchrei herauszudringen ſchien. Wer ſchildert mein Entſetzen— ein Entſetzen, wie ich es nie empfunden habe!— als ich wahrnahm, daß das arme Mädchen be⸗ reits im Schlunde des Ungeheuers ſteckte und immer tiefer und tiefer darin verſank, während ihre Weh⸗ und Angſtrufe aus dem gräßlich geöffneten Rachen der Schlange herzzerſchneidend empordrangen. Dies hören, auf die Schlange zuſpringen, ihr mit meinem Tomahawk den Leib der Länge nach aufſpalten und die Unglückliche aus ihrem von Fleiſchwänden gebildeten Kerker befreien, war das Werk eines Augen⸗ blicks. Ohnmächtig kam Ma⸗Nu⸗La⸗Hit⸗Tih ans Tageslicht, doch er⸗ holte ſie ſich bald wieder und bewies mir fortan eine grenzenloſe Hin⸗ 184 gebung und Anhänglichkeit, wie das Käthchen von Heilbronn ihrem geliebten Ritter. Die Haut der Schlange ſtopfte ich, um, außer der Hingebung des Mädchens, doch etwas für meine That zu haben, aufs kunſtvollſte aus. Aber mein Trieb, die Welt kennen zu lernen und neue Abenteuer aufzuſuchen, ließen mir das Leben unter dieſen Wilden bald langweilig erſcheinen. Ich trat daher vor den Prairienwolf und erklärte ihm kurz und bündig, daß ich entſchloſſen ſei, mein Glück wo anders zu verſuchen und nächſten Tags in der Morgenfrühe das Dorf zu verlaſſen. Der Prairienwolf willigte nur ungern ein. Als ich ihm jedoch ver⸗ ſichert hatte, daß ich, nach Deutſchland zurückgekommen, ſeine an mir geübte Großmuth unfehlbar in einem Gedicht verherrlichen und mich des„Frankfurter Intelligenzblattes“ als Organ bedienen werde, um die Intereſſen der Indianer gegen die Verfolgungen der Yankees in Schutz zu nehmen, ſo leuchteten ihm die Vortheile, welche dieſe Zuſage ihm in Ausſicht ſtellte, ſehr bald ein, und er ließ mich nicht nur ziehen, ſondern gab mir auch noch ſein beſtes Pferd und einen Sack mit Lebensmitteln mit auf den Weg. Als ich folgenden Morgens zu Pferde ſtieg, trat der Prairienwolf zu mir heran, reichte mir die Hand und ſagte: Biederer deutſcher Freund! Grüße deine ſchönen Landsmänninnen von mir, empfiehl mich den Re⸗ dacteuren ſämmtlicher Intelligenz⸗, Tage⸗ und Wochenblätter, vermelde auch den ehrwürdigen Lyrikern deines zwar fernen, aber meinem Her⸗ zen ſehr naheſtehenden Vaterlandes meinen Reſpect und ſage ihnen, daß der Prairienwolf ſich ſeines von Seume beſungenen Vorfahren würdig gezeigt hat und jeder Zeit bereit ſein wird, den Feinden deut⸗ ſcher Lyrik und Journaliſtik verdientermaßen die Haut über den Kopf zu ziehen und mit ihren Scalpen die Wände ſeines Wigwams aus⸗ zutapezieren. Der große Geiſt reite mit dir! Und er bleibe bei dir, Papa Prairienwolf! erwiederte ich, und ſprengte davon. Kaum war ich aus dem Dorf heraus, als die„Falkin“ aus einem Gebüſche mit ausgebreiteten Armen auf mich zueilte und mich flehentlich bat, ſie mit mir zu nehmen, da ſie ohne mich nicht leben un ihrem bung des llſte aus. Abenteuer angweilig arte ihm » anders Dorf zu edoch ver⸗ ean mir und mich um 3 in e Zuſage nicht nur nen Sack trienwolf Freund! den Re⸗ bermelde em Her⸗ z ihnen, porfahren en deut⸗ en Kopf as aus⸗ ſprengi iin” aus und mich ht leben — 1ss könne. Ach, die„Falkin“ weinte, und Weiberthränen hat mein wei⸗ ches Herz niemals widerſtehen können. Ich lud ſie ein, ſich hinter mich auf das Pferd zu ſchwingen und mich mit ihren bronzefarbigen Armen zu umſchlingen. Dieſen Tag und auch den folgenden ſtieß uns nichts beſonders Merkwürdiges zu, aber wohl den dritten. Ich hatte nämlich die vom Prairienwolf angegebene Richtung ver⸗ fehlt und war in einen Sumpf gerathen, der bei den Indianern unter dem Namen des„Schlangenlochs“ übel berüchtigt iſt. Glücklicherweiſe hatte die furchtbare Hitze einen ſich durch den Sumpf hindurchziehen⸗ den erhöhten Strich trocken gelegt, welcher dem Pferde einen feſten Tritt geſtattete. Dieſer mäßige Erdrücken wie der ganze Sumpf war mit einem förmlichen Walde von rieſenhohen Pilzen beſtanden, deren Stiele hoch und ſtark wie Baumſtämme waren, und deren Köpfe un⸗ geheuren Regenſchirmen glichen. Zu beiden Seiten des Dammes bot ſich ein entſetzliches Schauſpiel dar. Im Sumpfe wühlten die Vipern, Nattern und Schlangen knäuelartig durcheinander; unten mit den Schwänzen und den Leibern wie in einander verſlochten, reckten ſie die Köpfe zu Tauſenden in die Höhe, und gräßlich klang das Geziſch ihrer flammenartig hin und her ſpielenden Zungen. Sie bekämpften ſich unter einander, ſtachen ſich gegenſeitig zutodt, und die größeren ver⸗ ſchlangen und verſpeisten die kleineren. Es war ein Anblick, wie er ekelhafter und widriger nicht gedacht werden kann. Trotz der Nähe dieſer ſcheußlichen Geſellſchaft, konnten wir der Verſuchung nicht widerſtehen, uns unter dem Dache eines Rieſenpilzes niederzuſtrecken, um wieder einmal des zwei Tage lang entbehrten Genuſſes theilhaftig zu werden, unſern Mittagsſchlaf im Schatten halten zu können. Denn auf der Strecke, die wir bis dahin durch⸗ ritten hatten, war von uns kein Strauch, kein Baum, kein Fels an⸗ getroffen worden, der uns auch nur vorübergehenden Schutz gegen die Gluth der Sonnenſtrahlen gewährt hätte. Die„Falkin“ erklärte, eine Weile ruhen zu müſſen, und wenn es ihr Tod ſei. Wir ſuchten auf dem Damme die erhabenſte Stelle aus, die ſich ſo weit über den Sumpf erhob, daß wir uns mit Recht vor dem Angriffe einer der Sumpfpvipern geſchützt glauben durften. Leider aber hatten wir ver⸗ — 186— geſſen, den durchlöcherten Stamm des Pilzes zu unterſuchen, in deſſen Schatten wir uns niederlegten. Wir mochten nun wenige Augenblicke geſchlummert haben, als mich ein ängſtlicher Schrei erweckte, der aus dem ſchönen Munde der „Falkin“ kam. Ich erhob mich ſofort, und ſah, wie die Unglückliche mit dem Ausdruck des Entſetzens und einem krampfhaften Zittern aller Glieder eine fußlange, dünne, gelblich gefärbte Natter abzuſchütteln ſuchte, welche ſich in ihren bronzefarbenen Arm verbiſſen hatte; die Schlange hatte ſich ſo feſt eingebohrt, daß, als ich ſie mit aller Ge⸗ walt hinten ergriff, mir zwar ihr ſchlüpfriger Leib in den Händen, ihr Kopf aber im Fleiſche der„Falkin“ ſtecken blieb. Das iſt die Pilzſchlange, ſtöhnte das Mädchen, die giftigſte von allen. Ich muß ſterben. Kein Menſch muß müſſen, erwiederte ich; aber ſage mir, liebes Herz! zu welcher Species gehört dieſe Schlange und welchen lateiniſchen Namen führt ſie? O, quäle mich nicht, wehklagte ſie; mit mir geht es zu Ende. Ich muß dies wiſſen, ſagte ich, denn jede Species hat ihr eige⸗ nes Gegengift. Es muß Alles nach dem Syſtem und der Regel gehen. Für das Gift der Pilzſchlange, ſüßer weißer Freund, wimmerte ſie, gibt es kein Gegengift. Für alles Gift, mein Schatz, ſagte ich, gibt es auch ein Gegen⸗ gift; für jede alte häßliche Jungfer gibt es eine jugendliche Schön⸗ heit als Gegengift; ſo wird auch gegen das Gift der Pilzſchlange ein Kraut gewachſen ſein. Inzwiſchen ſah ich an dem Antlitz der„Falkin“ eine große Aen⸗ derung vorgehen. Ihre Glieder flogen und zitterten, ihre Augen ſan⸗ ken in ihre Höhlen zurück, ſie ſtammelte nur noch die Worte: Fritz! ich ſterbe in deinen Armen— dieſer Tod ſchmerzt nicht. Damit ſtreckte ſie ihre Glieder; ſie war todt. Ich war Manns genug, auch dieſen Gram zu überwinden; aber mich von dem ſchönen bronzenen Bilde zu trennen, war mir unmöglich; ich nahm, als ich das Pferd beſtieg, die ſüße Leiche vor mir auf den Schooß und ſprengte, um von dieſer ſcheußlichen Stätte fortzukommen, im wilden Carriere in deſſn en, als unde der glückliche ern aller ſchütteln atte; die aller Ge⸗ nden, ihr laſte bon jebes teir iſchen Ende. ihr eige⸗ er Regel wimmerte n Gegen⸗ r Manne m ſchönen als ic / ſprengie Carrie — 187 den Damm entlang, zu deſſen Ausgang ich in ein Neſt häßlicher mich grimmig anziſchender Schlangen gerieth, die aber von meinem wackern Roß mit den Hufen zertreten und zermalmt wurden. Das Gift der Pilzſchlange, wie ich nun wahrnahm, hat die eigen⸗ thümliche Wirkung, daß es alle Säfte im menſchlichen Körper aufſaugt und austrocknet. Der Leichnam meiner ſchönen Freundin verwandelte ſich unter meinen Händen in eine Mumie und war zuletzt ſo leicht und zugleich ſo durchſichtig wie ein Stück mit Oel getränktes Per⸗ gament. Nach abermals zwei Tagen gelangte ich in eine Gegend, welche, je weiter ich kam, deſto mehr Spuren von Cultur und Anbau zeigte. Einzelne Blockhäuſer, Farmen, Gärten, Maisfelder und Aecker ſchwan⸗ den bei mir wie ein in Bewegung geſetztes Panorama vorbei. Endlich erblickte ich gerade vor mir, hinter Gebüſch auftauchend, eine nicht un⸗ anſehnliche Stadt, und auf dieſe ſprengte ich mit verhängten Zügel los, während die ſchmächtigen Feldarbeiter und die wohlbeleibten Farmer am Wege ſtehen blieben und den tollen Reiter verwundert anſtarrten. Auch als ich in die Stadt einritt, erregte ich nicht wenig Aufſehen. Man denke ſich einen Reiter, an der Hüfte ein Beil, über die Schul⸗ tern eine Flinte und eine Guitarre, hinter ſich ein anſehnliches Bün⸗ del mit Beinkleidern, vor ſich den ausgeſtopften Balg einer Rieſen⸗ ſchlange und eine weibliche Mumie, der ich den Scalp des von mir getödteten indianiſchen Häuptlings wie eine Nachtmütze auf den Schei⸗ tel geſtülpt hatte, endlich an der Seite des Pferdes herabhängend ein Sack mit Lebensmitteln— und man wird es gewiß ſehr natürlich finden, wenn die Leute ſtehen blieben und mich mit weitgeöffneten Augen muſterten. Selbſt die eingebornen Amerikaner müßigten ihrer Geſchäftseile einige Augenblicke ab, um einen fragenden oder verwun⸗ derten Blick auf mich zu werfen, indeß geſchah dies ſtets nur vorüber⸗ gehend, denn der Amerikaner hat immer Eile und nicht genug Zeit, um ſich zu verwundern und neugierig zu ſein. Ganz anders meine lieben deutſchen Landsleute, welche die Mehr⸗ zahl der Stadtbevölkerung bildeten, und die ich gleich an ihren gut⸗ müthigen, ſimpeln Geſichtern erkannte, wiewohl ich ſehr bald wahrnahm, daß ſie es trotz dieſer anſcheinenden Einfalt recht dick hinter den Ohren — 188— hatten. Mit der müßigen dummen Neugier, wie ſie den Deutſchen eigen iſt, ſtanden ſie da und gafften mir mit offenen Mäulern nach, bis ich ihren Blicken verſchwunden war. Und ich glaube, ſelbſt dann noch waren ſie lange Zeit nicht vermögend, ſich vom Platze zu rühren. Nur die flachshaarigen Buben liefen mir jubelnd und ſchreiend nach, während die alten Weiber über das reitende Wunder die Hände über dem Kopfe zuſammenſchlugen. Aber irgendwo mußte ich doch abſteigen. Ich redete daher eine Gruppe von deutſchen Gaffern, welche an der nächſten Straßenecke ſtanden, mit den Worten an: Liebe Landsleute! wo gibt's hier ein Abſteigequartir für einen be⸗ rittenen Gentleman? Die Leute brauchten nicht wenig Zeit, ihre vor Verwunderung offenen Mäuler zu ſchließen und in Ordnung zu bringen, worauf dann endlich einer der Männer Geiſtesgegenwart genug hatte, mir folgende Auskunft zu geben: Wir haben hier halt ſo ein Wirthshäusle„Zur deutſchen Ein⸗ tracht“, wo's alle Sonntage die ſchönſten Keile gibt. Iſt auch ein Stall dabei, um mein Pferd unterzubringen? fragte ich weiter. Einen Stall möcht's freilich nicht geben, erwiederte der Landsmann, aber es iſt halt eine Kegelbahn dabei und die iſt geräumig genug, daß man derweile ein Rößle darin unterbringen könnte. Ich ließ mir nun das Wirthshäusle„Zur deutſchen Eintracht“, wo es alle Sonntage die ſchönſten Keile gab, zeigen und fragte dann nach dem Namen der Stadt. „Schnipphauſionopel“, war die Antwort. Ich war ſehr verwundert. Wo hat denn das Neſt den Namen her? fragte ich. Das wiſſen wir nicht, war die einſtimmige Antwort. Den Namen hatte das Städtle ſchon, als wir hierherkamen, fügte der Eine hinzu. Mit dieſem Räthſel beladen, das mir zu löſen unmöglich war, ritt ich nach dem Gaſthofe, ſtieg hier vom Pferde und fragte: ob ich Unterkunft finden könne. ———— 2 Deutſchen lern nach, lbſt dann u rühren. end nach, inde über aher eine traßeneck einen be⸗ underung orauf Ate, mir hen Ein⸗ 7 fragte ndsmann, g genug, lntracht“, gte dann Namen Den der t. fügte lich wal⸗ „ ob ic N— 189— Der dicke Wirth ſah mich wegen meines ganzen Aufzugs etwas verwundert an, und ſagte nach langer Muſterung: das könne ſchon ſein, da ein Zimmer im Hauſe leer ſtehe; aber er habe kein Obdach für das„Gäule“. Ich bemerkte ihm, daß dieſes„derweile“ ja in der Kegelbahn un⸗ tergebracht werden könne, worauf der Wirth mit ſeiner inzwiſchen dazu getretenen Frau eine längere Berathung pflog, nach deren Beendigung er mir erklärte: das würde ſich allerdings machen laſſen, da man das Pferd im Kegelzimmer ja ſo anbringen könne, daß die Kegelgäſte nicht allzuſehr durch daſſelbe genirt würden. Während das Pferd in der Kegelbahn untergebracht wurde und ich mit Hilfe des Hausknechts meine Habſeligkeiten und Curioſitäten in das leerſtehende, aufs einfachſte möblirte Zimmer brachte, ſah ich mich von einem halb Dutzend blauäugiger Kinder umringt, welche ſich die Worte zuflüſterten: Ein Raritätenmann! ein Raritätenmann! Das Beſte, meinte eins aus dem jungen Volke, wird wohl im Bündel und im Sacke ſtecken. Ich hatte nun Zeit genug zu überlegen, was weiter zu thun ſei. Geld hatte ich nicht bei mir. Die drei ruſſiſchen Orden, die ich fort⸗ dauernd in der Taſche bei mir trug, hätte ich zwar bei einem Gold⸗ arbeiter verkaufen können; aber ich hatte mit ihnen größere Pläne im Sinne und wußte, daß ſie mir in Ländern, wo man ſolche Deco⸗ rationen nach ihrem ganzen ſittlichen Werth zu ſchätzen weiß, noch große Dienſte leiſten könnten. Es ſchien mir alſo für den Augenblick nichts weiter übrig zu bleiben, als zu verſuchen, ob es nicht möglich ſei, für meinen Vorrath an hirſchledernen Beinkleidern im Orte Käu⸗ fer zu finden. Hierzu war aber nöthig, eine Anzeige in ein öffent⸗ liches Blatt einzurücken. Ich erkundigte mich demnach bei dem Wirthe, ob nicht in der Stadt ein vielgeleſenes Blatt erſcheine, in das ich eine Annonce rücken laſſen könne. Er erwiederte, daß in Schnipphauſionopel zwei Blätter erſchienen, ein engliſches und ein deutſches. Das letztere halte er mit; aber erſt übermorgen erſcheine eine neue Nummer, und von den älte⸗ ren ſei keine mehr vorhanden, da ſeine Frau ſie zu Wirthſchaftszwecken verwendet habe. Die Expedition des Blattes befände ſich gleich am N— 190— Ende der Straße. Den Titel deſſelben könne er ſich nicht merken; er ſei gar ſo curios. Folgenden Tags begab ich mich in aller Frühe in die Zeitungs⸗ expedition, wo ich eine ſeltene Ueberraſchung erlebte, die ich mir jedoch der größeren Spannung wegen, für das nächſte Kapitel aufſpare. Sechszehntes Kapitel. Der Journalismus iſt, recht benutzt, der Haupt⸗ hebel des Emporkommens für Thierbudeninhaber und Miniſteraſpiranten. Während ſie ſchlafen, eſſen oder nichts thun, arbeitet für ſie die Annonce oder der Leitartikel. Guizot. Der Magen iſt das Hauptorgan der Innern Miſſion, indem er das Central⸗Innere des Men⸗ ſchen bildet. In ihn muß der Sitz der Innern Miſſion verlegt werden. Wichern. Das Haus, in welchem ſich die Zeitungserpedition befand, hatte ich ohne große Mühe aufgefunden; denn es zeichnete ſich durch ein mächtiges Schild aus mit der Inſchrift: „Hier erſcheint der Minotaurus im Labyrinth der Zeitfragen. Schnipphauſionopolitaniſches Organ des unaufhaltſamen Fortſchritts, Expedition, Redaction und Druckerei gleich im Hofe rechts.“ Dieſe Inſchrift machte mich nicht wenig darauf geſpannt, den Eigenthümer und Redacteur dieſes mörderiſchen Blattes kennen zu lernen. Bald ſtand ich im Redactionszimmer des Minotaurus, welches zugleich auch das Expeditions⸗, Setz⸗ und Drucklocal war. Noch vor kurzem mochte es wohl als Holzſchuppen gedient haben, und um vieles beſſer war es auch jetzt noch nicht. Ein Mann, den Rücken mir zu⸗ kehrend, war eben mit Setzen beſchäftigt. Er drehte ſich um. rken; er eitungs⸗ ir jedoch are. d, hatte zurch ein eitfragen riſchrits mt, den unen zl welchet Joch vol um ditlt mir z — 191— Fritz! rief er. Peter! rief ich. Fritz Beutel! rief er. Peter Silje! rief ich. Wer führt dich hierher? fragte er. Wer hat dich hierher geführt? fragte ich. Und ſo gingen die Fragen und Ausrufungen noch lange Zeit un⸗ regelmäßig hin und wieder, ehe wir in die Stimmung kamen, ein ordentliches Geſpräch zu führen. Er berichtete mir über ſeine Lebens⸗ ſchickſale und ich über die meinen. Vor ſeinem ehemaligen Cultus⸗ miniſter ſtand jetzt deſſen ehemaliger Herr und Kaiſer in einer ge⸗ wiſſermaßen traurigen Geſtalt, als ein Menſch, der von den Kindern für einen„Raritätenmann“ gehalten wurde, während Peter Silje es doch bis zur Redaction eines Blattes gebracht hatte, mit dem er die öffentliche Meinung der Schnipphauſionopolitaner beherrſchte und leitete. An Abonnenten fehlte es dem Blatte nicht; er klagte nur über die Säumigkeit im Zahlen. Viele der lieben guten deutſchen Landsleute trügen ihm, wie er mir erzählte, das Abonnementsgeld in Eiern, Würſten, Speck, Käſe und andern eßbaren Gegenſtänden ab. Uebri⸗ gens war er Redacteur, Expeditor, Corrector, Setzer und Drucker in einer Perſon. Seine eigenen Artikel, darunter auch die politiſchen Leitartikel, ſetzte er ſofort aus dem Kopfe, ohne ſie vorher nieder⸗ geſchrieben zu haben. Es iſt als ob die nordamerikaniſche Atmoſphäre die menſchlichen Fähigkeiten in praktiſcher Richtung aufs wunderbarſte entwickele, denn ein europäiſcher Redacteur ſollte ſo etwas wohl bleiben laſſen. Eine meiner erſten Fragen war, wie dieſe Stadt zu dem Namen Schnipphauſionopolis gekommen ſei. Sieh, ſagte er, als ich hierher kam, hatte das Neſt noch gar keinen Namen, und damals waren die Bewohner lauter Deutſche, die noch ziemlich zerſtreut wohnten. Die Gaſſen waren abgeſteckt, aber nur hier und da ſah man ein Haus. Indeß füllten ſich die leeren Räume von Woche zu Woche mit der Geſchwindigkeit, mit der hier Alles vor ſich geht. Die Ortſchaft ſollte nun einen Namen erhalten und es wurde dazu eine öffentliche Volksverſammlung ausgeſchrieben. Du 192 kannſt dir denken, wie darüber geſtritten wurde; es waren ja Deutſche! Jeder ſchlug den Namen ſeines Geburtsorts vor, man hörte Lowoſitz, Meſeritz, Kyritz, Connewitz, Frankfurt, Ochſenfurt, Schweinfurt, Nürn⸗ berg, Perleberg, Grünberg, Müncheberg. Niemand wollte nachgeben und es fehlte nicht viel, ſo hätten ſich die erhitzten Geiſter in Klopf⸗ geiſter verwandelt. Endlich beantragte einer der Anweſenden, einen recht aparten Namen zu erfinden, der für Keinen eine Zurückſetzung ſei. Ich ſchlug Germanopolis vor. Das ſei freilich etwas Apartes, meinte derſelbe Mann, aber etwas Deutſches müſſe doch dabei ſein. Nun, ſo nennt das Neſt Schnipphauſionopolis, da habt ihr etwas ganz Apartes, und doch etwas Deutſches dabei, ſagte ich. Mein Vorſchlag war im Grunde nur ſpaßhaft gemeint und ich erſtaunte nicht wenig, als bei der Abſtimmung dieſer Name mit großer Mehr⸗ heit durchging, worauf Ruhe im Lande war. Hierauf kam er auf meine eigene Lage zu ſprechen, die, wie er zart andeutete, wohl nicht die allergünſtigſte ſein könne. Er fragte mich, ob ich ihm nicht bei ſeinen Redactionsgeſchäften zur Hand gehen wolle, da er eines Gehilfen bedürfe, oder ob ich nicht wenigſtens Luſf habe, einige Kapitel aus meinem ereignißvollen Leben für ſein Feuille⸗ ton zu liefern? Ich fragte ihn, wie viel Buchſtaben ich etwa wohl zu ſchreiben habe, um einen Dollar zu verdienen, und er antwartete: nun, ſo etwa viertauſend, einige mehr oder weniger, welcher tröſtlichen Nach⸗ richt er noch die Bemerkung hinzufügte, daß er die Hälfte des Hono⸗ rars in Naturalien auszuzahlen pflege. Ich ſchüttelte mich. Nein, ſagte ich, da hacke ich lieber Holz; das iſt doch wenigſtens eine geſunde Arbeit, die das Blut in Bewegung erhält. Ach, ſagte Peter Silje, mit dem Geſchäft iſt es in Schnipphau⸗ ſionopel nichts; hier hackt Jeder ſein Holz ſelbſt. Aber ſo geſchickt wie ich gewiß Keiner, fiel ich ein, ich hacke aus einem Klafter Holz immer drei heraus. Indeß will ich weder Holz noch Sylben ſpalten, weder Scheite noch Perioden ſchichten, weder Klötze noch Gedanken klein ſägen. Ich haſſe ſolche Arbeit, die ſich ſo aus lauter kleinen Stückchen zuſammenſetzt. Ich liebe alles Große — Deutſche Lowoſtt, Nürn⸗ rachgeben Klopf⸗ , einen ſcſetzung Apartes, bei ſein. r etwas Mein erſtaunte Mehr⸗ wie er r fungte d gehen ens Luff Feuille⸗ wohl zu e: nun, en Nach⸗ Hono⸗ t das wegung ipphau⸗ icke aus er Hol weden 4„ die ſch „Große — 1992 und Maſſige. Es iſt eine ganz andere Speculation, die ich im Sinne habe. Eine Speculation? fragte Peter Silje; laß hören, wir leben hier im Lande der Speculation. Nun, ich habe zwei Dutzend— verlegen hielt ich inne, ich ſchämte mich, mit meinem Project herauszurücken. Zwei Dutzend? fragte er neugierig. Ja, was weiter— zwei Dutzend Paar hirſchlederne Beinkleider, die ich hier an den Mann bringen möchte. Peter Silje lachte laut auf. Zwei Dutzend hirſchlederne Bein⸗ kleider? Das iſt nichts, das iſt keine Speculation! Jetzt wurde ich warm und begann, durch den Widerſpruch gereizt, für den Gegenſtand meiner Speculation zu ſchwärmen, und ich ſagte: Sie ſind aber ſehr ſchön, dauerhaft, faſt funkelnagelneu, ſage ich dir, ſie funkeln in der That wie neue Nägel. Nun erzählte ich mein Abenteuer mit den Trappers. Er nahm jetzt eine ernſte Miene an, ſtand, den Zeigefinger an die Stirn gelegt, eine Zeitlang ſinnend da und äußerte hierauf: Bei Licht beſehen, iſt das Unternehmen nicht ſo übel. Wenn man die Sache recht angreift, könnte man aus jedem Paar wohl 5 oder 6 Dollar herausſchlagen, das würde eine Summe von 120 bis 144 Dol⸗ lar abwerfen, und damit läßt ſich hier zu Lande ſchon etwas anfangen. Gedulde dich nur eine Weile, lieber Freund, und verhalte dich einige Minuten ſtill, denn ich muß jetzt meine Gedanken concentriren. Damit begab er ſich zum Setzkaſten, langte ſeine größten Lettern heraus und begann zu ſetzen. Nachdem er alle weiteren Proceduren gemacht, begab er ſich zu ſeiner Handpreſſe und nach wenigen Minuten hatte ich einen bedruckten Streifen Papier in der Hand, worauf ich Folgendes las: „Höchſt wichtige Nachricht! „Der berühmte Trapper Fritz Beutel iſt ſo eben aus den Rocky Mountains hierſelbſt eingetroffen und offerirt dem hieſigen Publikum einen Vorrath von wildledernen Beinkleidern erſter Qualität. Das Leder iſt auf eine ganz neue Weiſe aus dem Felle eines Thieres zu⸗ bereitet, welches erſt in der letzten Zeit in den Schluchten der Rocky D. B. X. Fritz Beutel, v. Marggraff. 13 194 Mountains entdeckt worden iſt. Dieſes merkwürdige Thier iſt ein viertel Bär, ein viertel Hirſch, ein viertel Biber und ein viertel Büffel und ſein Fell vereinigt demnach alle vorzüglichen Eigenſchaften, wie ſie an den Fellen der genannten Thiere einzeln gefunden werden. Der Beſitzer garantirt den Käufern dieſer Beinkleider fünfzig Jahre und verpflichtet ſich den vollen Preis zurückzuzahlen, wenn ſie vor dieſer Zeit Schaden leiden und Löcher oder Riſſe erhalten ſollten. Das Publikum wolle ſich beeilen, von dieſer Offerte Gebrauch zu machen, da der Beſitzer ſich in hieſiger Stadt nur einige Tage auf⸗ halten wird. Der Preis für das Stück— 6 Dollar— iſt einzig und allein im Intereſſe der Menſchheit ſo niedrig geſtellt.“ Ich war mit dieſer Anzeige ſehr zufrieden, ſie ſchien mir ganz amerikaniſch zu ſein und ich verſprach mir von ihr den beſten Erfolg. Da ich ihm im Laufe des Geſprächs auch von meinen übrigen Raritäten und den drei ruſſiſchen Orden erzählte, ſo leuchtete im Ge⸗ hirn Peter Silje's ein neuer Gedanke auf und er rief, nachdem er mehrmals, mit dem rechten Arm in der Luft hin⸗ und herfahrend, auf⸗ und niedergegangen war: Fritz! Fritz! Das gibt ein richtiges Unternehmen! Wir eröffnen ein Muſeum thieriſcher und menſchlicher Wunder! Gedulde dich einen Augenblick! Ich werde mit der Anzeige gleich fertig ſein. Damit begab ſich Peter Silje zu ſeinem Setzkaſten, ſetzte und druckte, und gab mir einen neuen Streifen Papier, auf dem ich Fol⸗ gendes las: „Zugleich verbinden wir hiermit die Anzeige, daß in denſelben Räumen des Hotels„zur deutſchen Eintracht“ Ein Muſeum thieriſcher und menſchlicher Wunder eröffnet iſt, beſtehend 1) aus dem Scalp des berühmten Indianer⸗ häuptlings Ta⸗Bu⸗To⸗Ba⸗Bumpfi, welchen Fritz Beutel mit eigener Hand erlegte; 2) aus dem Balg einer Prairienſchlange, einer noch unbekannten Species von Rieſenſchlangen angehörig, welcher Fritz Beutel mit dem Tomahawk den Leib aufſchlitzte, als ſie das Indianermädchen Ma⸗Nu⸗ La⸗Hit⸗Tih verſchlungen hatte; er iſt ein tel Biffel ften, wie werden. zig Jahre n ſie vor ſollten. brauch zu Tage alf⸗ enzig und mir ganz n Erfolg. übrigen eim Ge⸗ achdem er gerfahrend, r eröffnen dich einen ſette und 14. gol⸗ n ich dol⸗ denſelben nder Indianer⸗ nit eigene nbekannten mit den 1 Ma⸗R 195— 3) aus dem zur Mumie eingetrockneten Leichnam dieſes Mädchens, welches zwar aus dem Bauche der beſagten Prairienrieſenſchlange durch Fritz Beutel glücklich befreit wurde, dann aber dem Biß der höchſt giftigen Pilzſchlange erlag; 4) aus dem Kopfe dieſer Pilzſchlange, welcher im Arme ihres unglücklichen Opfers ſtecken geblieben iſt; 5) 6) und 7) aus drei ruſſiſchen Orden, welche der General Miloradowitſch trug, als er bei der Revolution der ruſſiſchen Garden im Jahre 1825 meuchleriſch getödtet wurde, und an denen noch meh⸗ rere Blutſpuren wahrzunehmen ſind, welche jene höchſt blutige Kata⸗ ſtrophe in all ihrer Furchtbarkeit dem Beſchauer ins Gedächtniß zu⸗ rückrufen werden. Der Eigenthümer dieſer koſtbaren Gegenſtände, ein liebenswürdiger Gentleman von beſter Geburt und Erziehung, wird ſich beeifern, das Intereſſe an dieſen Gegenſtänden durch ſeinen anziehenden Vortrag zu erhöhen. Der Eintrittspreis iſt im Intereſſe der Wiſſenſchaft auf nur 12 Cent feſtgeſetzt. Wer eins der oben bemerkten Beinkleider kauft, hat den Beſuch des Muſeums umſonſt.“ Dieſe verlockende Anzeige erſchien am zweiten Tage darauf ſowohl im„Minotaurus“ als in der engliſchen Zeitung. Auch wurden ellen⸗ lange Ankündigungszettel an die Straßenecken, an die öffentlichen Brunnen und an die Thüren des Gaſthauſes„zur deutſchen Eintracht“ geklebt. Mein Pferd behing ich ebenfalls mit ſolchen Zetteln und ließ es vom Hausknecht des Gaſthofes in den Straßen der Stadt herumführen. Mein Zimmer hatte ich zum Muſeum eingerichtet, die Gegenſtände möglichſt maleriſch geordnet, die ruſſiſchen Orden in einen Glaskaſten gethan, auch nicht verſäumt, an ihnen vermittelſt Rinder⸗ blut die nöthigen Blutſpuren anzubringen. Die Beſucher konnten nun kommen— und ſie kamen in dichten Schaaren. Das Gedränge war ſo ungeheuer, daß ich in aller Eile eins der auf die Straße ſich öffnenden Fenſter zur Thür erweitern mußte, ſo daß der Strom der Sehbegierigen ſich regelmäßig fortbewegen konnte, nämlich durch die in den Hausflur führende Thüre in das Muſeum hinein und aus dieſem durch die neue Thür wieder auf die Straße hinaus. Mein lebhafter ergreifender Vortrag, der, ich muß es ge⸗ 13* — 196— ſtehen, nicht ganz ſo bei der Wahrheit blieb wie in dieſem Buche, trug das Seinige dazu bei, immer neue Zuſchauer herbeizuziehen und mein Freund Peter Silje mochte nicht unrecht haben, als er in ſeinem Bericht über dieſen glänzenden Erfolg behauptete, daß meine Erklärungen allein ihre 12 Cent werth ſeien. Unter den Beſuchern riefen die Angloamerikaner immer nur„Re- markable! wonderful!“ wogegen die deutſchen Landsleute ihren Ge⸗ fühlen in breitern Ergüſſen Luft machten:„Wenn manss nicht ſähe, würde man's nicht glauben!“„Nein, ſo was lebt nicht!“„Was in der Welt nicht Alles möglich iſt!“ u. ſ. w. Die Sachſen ließen ein Mal über das andere Mal ihr„Herr Jeechens!“ hören und ein Schneider aus Berlin bemerkte„Jott! des is ja'ne ſcheußliche Je⸗ ſchichte! wenn das unglückliche weibliche Opfer in ſeinem verſchrumpften Zuſtande man nicht eben ſo eklig ausſähe, wie das unappetitliche Beeſt! Mich wird ganz ſchwimelig zu Muthe!“ Den Beinkleidervorrath hatte ich noch im Laufe des erſten Tages abgeſetzt, und ich vermochte den vielen Nachfragen nur mit der Ver⸗ ſicherung zu begegnen, daß ein größerer Vorrath bereits unterwegs ſei und in den nächſten Wochen eintreffen würde. Der Beſuch meines Muſeums blieb auch in den folgenden Tagen noch ſehr anſehnlich, da die Farmer mit ihren Familien oft aus ſehr weiter Entfernung herbei⸗ ſtrömten, um meine Raritäten in Augenſchein zu nehmen. Doch wie Alles ein Ende hat, ſo hatte etwa nach Verlauf einer Woche auch der Beſuch ein Ende; die Neugierde war geſtillt; ja man begann allmälig, mein Muſeum ſcharf zu kritiſiren und gegen die Glaub⸗ würdigkeit meiner Mittheilungen allerlei Zweifel zu äußern. Ich hatte inzwiſchen ein ſehr ſchönes Geſchäft gemacht, und daß ich mich gegen meinen Freund Peter Silje dankbar bewies, läßt ſich von mir erwarten. Peter Silje rieth mir, mit meinem Muſeum auch anderwärts mein Glück zu verſuchen und von Stadt zu Stadt zu wandern; aber ich war der Sache ſchon vollkommen überdrüſſig; die Rolle eines Raritätenmannes oder„Showman“ ſagte mir nicht zu, und ich war ſehr erfreut, als eines Tages ein junger Mann ſich bei mir meldete und mir für mein Muſeum eine beträͤchtliche Summe bot. Wir wurden wenigſtens über das Indianermädel und die Rieſen⸗ — 197— ſchlange einig; dagegen behielt ich meine drei ruſſiſchen Orden, auf die ich mir etwas einzubilden anfing, und die mir ja noch von ſehr großem Nutzen ſein konnten, und den Scalp des Indianerhäuptlings, an welchem dem Käufer nichts lag, weil er, wie er verſicherte, davon ſchon einige Dutzend beſitze und dieſer Artikel durch die große Con⸗ currenz bei dem Publikum und dadurch auch bei den„Showmen“ außer Cours gekommen ſei. Ich bemerkte übrigens bald, daß ich mit einem ſehr geriebenen Manne zu thun hatte, was den Leſer auch nicht Wunder nehmen wird, wenn ich ihm ſage, daß dieſer angehende talentvolle„Show mans kein Anderer war, als der ſpäter ſo berühmt gewordene Phineas Barnum, der Vater und Geſetzgeber des nordamerikaniſchen Humbug. Er ſoll auch mit meiner Indianerjungfrau eine Zeitlang gute Geſchäfte gemacht haben und brachte die Verbeſſerung an, daß er ſie in den Rachen der Schlange ſteckte und nur ihren Kopf und ihre ausgebreiteten Arme, als ob ſie um Hilfe rufe, daraus hervorhängen ließ, was den Effect der Gruppe bedeutend ſteigerte. Einen großen Theil des Erworbenen ſteckte ich in den„Minotau⸗ rus“; es wurde ein neues Drucklokal gebaut, eine Dampfpreſſe an⸗ geſchafft und das Format des Blattes um das Doppelte vergrößert. An den Redactionsgeſchäften nahm ich jedoch nicht Theil, ſondern ſpielte den großen Herrn, richtete mich in einer hübſchen Privatwohnung elegant und comfortabel ein, aß ſehr gut und trank wo möglich noch beſſer. Mein Leib nahm dabei an Umfang beträchtlich zu, aber meine Börſe in demſelben Verhältniß ab. Da wir außerdem den Preis für den Minotaurus erhöht hatten und ihm durch ein neu begründetes noch radicaleres und dabei ſehr wohlfeiles Blatt Concurrenz ge⸗ macht wurde, ſo verloren wir in kurzer Zeit die Hälfte der Abon⸗ nenten und bald deckte der Minotaurus nicht einmal mehr die Aus⸗ lagekoſten. Dieſe Hiobspoſt theilte mir Peter Silje eines Tages mit und ſie machte mich nicht wenig betroffen. Doch da wir gerade bei einer Flaſche Sect ſaßen, ſo brachte mich dieſer auf einen wie ich hoffte glücklichen und fruchtbaren Gedanken. Ich ſprang plötzlich auf und rief: Peter, ich werde eine Secte ſtiften und Chef dieſer Secte werden! — 198— Er ſah mich zuerſt verwundert an, ich wußte ihm jedoch mein Project mit meiner gewöhnlichen Ueberredungskraft bald plauſibel zu machen; auch begriff er, daß dieſe neue Bewegung dem„Minotaurus“ als ihrem Organe wenigſtens für den Augenblick ſehr zu ſtatten kommen könne, und ſo erſchien denn in der nächſten Nummer des „Minotaurus“ folgende von uns gemeinſam redigirte geheimnißvolle Aufforderung: „Nicht zu überſehende und wohl zu beachtende Aufforderung. „An alle deutſchen Einwohner hieſiger Stadt, die es mit ihrem und der Ihrigen Wohl wie mit dem ſittlichen Heile der Menſchheit redlich und gut meinen, ergeht hiermit der ernſte Rath, ſich am Freitag Abends in dem Tanzſaale des Hotels„zur deutſchen Eintracht“ einzufinden, wo ein hochwichtiger, die ganze Menſchheit betreffender Gegenſtand in Berathung gezogen werden ſoll. Der Nichterſcheinende würde ſich bei allen Gutgeſinnten dem Verdacht ausſetzen, gegen die höchſten und heiligſten Intereſſen der Menſchheit gleichgiltig, und, um es mit republikaniſcher Offenheit herauszuſagen, mit einer undurchdringlichen Büffelhaut gepanzert zu ſein.“ Bis zum Freitag blieb mir noch Zeit genug, meinen Anhang ge⸗ hörig zu bearbeiten. Dieſer beſtand aus faſt allen jüngeren Leuten der Stadt und mehreren profeſſionellen Wirthshausfreunden und rhei⸗ niſchen Schoppenſtechern, mit welchen ich meine Abende. luſtig bei Becherklang und Rundgeſang wie bei allerleif löblichen und lieblichen Geſprächen hinzubringen pflegte. Von dem eigentlichen Gegenſtande des Meeting ſagte ich ihnen nichts, hüllte ihn vielmehr in den Schleier des Geheimniſſes; mir genügte vollkommen ihre Zuſage, daß ſie durch ihren Beiſall jede Gegendemonſtration erſticken und unbedingt für mich ſtimmen würden. Der Freitag Abend erſchien; der Saal war gedrängt voll, wie ſich nach jener Anzeige und meiner großen Bekanntſchaft erwar⸗ ten ließ. Ich trat auf das Gerüſtz, das ſonſt für die Muſikanten beſtimmt war und mir nun als Tribune diente, überflog die Verſammlung mit einem gebietenden Blick und begann mit mächtiger Stimme: mein el zu urus ſatten r des gvolle n und 3 mit glichen ng ge⸗ Leuten — rhei⸗ g bei blichen nſtande Schleier durch 199 „Verehrte Mitbürger! „Indem ich Sie vor mir ſehe, erhebt mich einerſeits der Gedanke, daß jeder einzeln von Ihnen als Individuum vollkommen wahr und richtig fühlt; aber anderſeits ſchlägt mich auch der Gedanke ebenſo tief nieder, daß, wie man ſagt, die Deutſchen ſehr ſchwer unter Einen Hut zu bringen ſeien. Indeß habe ich von vornherein dafür geſorgt, daß Sie noch vor dem Anfang unſerer Berathung unter Einen Hut ge⸗ bracht ſind, und ich erſuche Sie deßhalb, Ihre Blicke auf die Decke zu richten!“ Ich hatte nämlich oben an der Decke einen herabhängenden alten Filzhut angebracht, auf den ſich nun begreiflicherweiſe Aller Blicke höchlichſt verwundert richteten. Ich aber fuhr eben ſo unbefangen als pathetiſch fort: „Betrachten Sie dieſen Hut, der fortan immer über unſern künfti⸗ gen Verſammlungen ſchweben wird, als das Symbol der Einheit und Einigkeit, die unter uns waltet und walten muß, wenn wir die große Aufgabe erfüllen ſollen, die ich Ihnen heute Abend ans Herz zu legen gedenke. Dieſer Hut iſt das Wahrzeichen, daß es mir gelungen iſt, was noch Keinem gelang: eine Verſammlung von einigen hundert Deutſchen ohne ihr Wiſſen und Ahnen noch vor der Debatte unter Einen Hut zu bringen. Unter dieſem Hute und von ihm behütet werden wir, ich hoffe, einſtimmige Beſchlüſſe faſſen; denn Gegenſtimmen ſind unter dieſem Symbol unmöglich.“ Viele der Anweſenden wußten freilich nicht, was ſie von dieſem Eingange denken und zu ihm ſagen ſolltenz aber mein Anhang be— gegnete ſofort jeder Mißbilligung, die ſich etwa Luft zu machen ſuchen ſollte, mit einem wahrhaften Orkan von Beifall, der das Haus er⸗ zittern machte. Nachdem ſich der Beifallsſturm gelegt, begann ich von neuem: „Meine Herren! ein Theil von Ihnen gehört der römiſch⸗katholiſchen Kirche an, ein anderer iſt lutheriſch, ein dritter iſt calviniſtiſch, ein vierter mennonitiſch, ein fünfter herrnhutiſch, und ſo gibt es vielleicht noch zwanzig Secten, in welche ſich dieſe Verſammlung ſpaltet, unge⸗ rechnet diejenigen, die der Hegel'ſchen Linken angehören, und diejenigen, welche gern eine Synagoge beſuchen würden, wenn es eine in Schnipp⸗ —— V V — 200— hauſionopolis gäbe. Es iſt dies, wie Sie mir zugeben werden, ein ſehr trauriger zerriſſener Zuſtand, dem wir nur dadurch abhelfen können, wenn wir eine neue allgemeine Secte ſtiften, welche geeignet iſt, alle übrigen in ſich zu ſchließen und alle Unterſchiede zu verwiſchen. Ja es handelt ſich bei unſerer heutigen Verſammlung, damit ich es kurz mache, um die Stiftung einer neuen Secte, und ich beantrage hiermit, zuerſt darüber abzuſtimmen: ob die Verſammlung überhaupt für rath⸗ ſam, zweckmäßig oder nothwendig findet, zur Stiftung einer neuen Secte zu ſchreiten? Wer dagegen iſt, bleibe ſitzen; wer dafür iſt, ſtehe auf!“ Sofort erhob ſich mein ganzer Anhang wie Ein Mann, und da er über den ganzen Saal vertheilt war, ſo richtete jeder meiner An⸗ hänger verabredetermaßen den zunächſt Sitzenden, der etwa Platz behalten zu wollen ſchien, durch einen kräftigen Ruck in die Höhe, ſo daß die ganze Verſammlung zuletzt ſich von ihren Plätzen erhoben hatte, aus⸗ genommen eine kleine Gruppe rechts in der Ecke. „Sie meine Herren da in der Ecke rechts! donnerte ich dieſe an; unſere Abſtimmung geſchieht zwar ohne allen moraliſchen Zwang, aber ich werde es nicht dulden, daß innerhalb dieſer Räume eine ſo geringe Minorität ſich erlauben ſollte, Oppoſition gegen den ſo deutlich aus⸗ geſprochenen Geſammtwillen der Verſammlung zu machen.“ Werft ſie hinaus, werft ſie hinaus! Nehmt ſie am Kragen! riefen meine Anhänger tumultuariſch. „Ich bitte aber dabei in den ſtrengſten Formen der Höflichkeit zu verfahren, redete ich dazwiſchen; überhaupt ſoll Höflichkeit und Cour⸗ toiſie ein Hauptgebot unſerer neuen Secte ſein, und wenn ſchon ich in dieſem Lande der Freiheit, wo Jeder thun und laſſen kann, was er will, nicht für jeden Fall eine gelinde nützliche Ohrfeige oder einen zu Humanitätszwecken dienlichen Backenſtreich ausſchließen möchte, ſo ſoll dies doch nicht geſchehen, ohne daß der Unternehmer der Ohrfeige vorher um Erlaubniß gebeten hat oder ſich doch nachher als chevale⸗ resker Mann artig entſchuldigt. Begleiten Sie alſo jene Widerſpenſtigen, die ſich herausnahmen, gegen die Geſammtabſtimmung zu opponiren und vielleicht Einem oder dem Andern durch ihr verderbliches Beiſpiel moraliſchen Zwang anzuthun, unter allen Formen der Höflichkeit hinaus!“ eſe an 9 aber geringe h aus⸗ riefen kkeit zu Cour⸗ pon ich was einen te, ſo ihrfeige hebale⸗ nſtigen, poniren Geiſpit naus — 201— Jene Männer— übrigens wie ſich ergab Anglo⸗Amerikaner, die nur aus Neugier gekommen waren und von meiner Rede wahrſchein⸗ lich gar nichts verſtanden hatten— wurden nun höflichſt hinausbegleitet, wobei es jedoch, da ſie dieſe Höflichkeit nicht begriffen und ſich wider⸗ ſetzten, einige zerriſſene Aermel und Rockſchöße gab. Hierauf ergriff ich das Wort und ſagte:„Wir haben dieſe anglo⸗ amerikaniſchen Eindringlinge beſeitigt und damit das Beiſpiel einer Volksjuſtiz gegeben, die ebenſo prompt als erfolgreich iſt und unſern Feinden zeigen wird, daß, wenn ſie mit uns anbinden wollen, ſie mit Männern zu thun haben werden.(Ungeheurer Beifall.) Ich gehe nun zu dem eigentlichen Gegenſtande unſerer Berathung über. „Wenn wir eine Secte ſtiften, ſo müſſen wir auch einen Cultus haben, wir müſſen etwas verehren. Aber was ſollen wir verehren? Ich würde ſagen die Idee, oder, da dieſe noch zu materiell iſt, die Idee der Idee. Ja dieſe Idee der Idee wollen wir verehren, aber jeder im Stillen. Für den allgemeinen Cultus brauchen wir jedoch ein ſichtbares körperliches Symbol, und es kommt nun nur darauf an, einen Gegenſtand zu finden, in welchem ſich dieſe Idee der Idee am anſchaulichſten verkörpert. Wer, der hungern muß, hat eine Idee oder gar eine Idee von der Idee? Die Ideen ſind nur die Gaſe eines wohlverſorgten Magens; wird dieſer nicht ordentlich geſpeist, ſo hören auch die Gaſe auf. Um aber den Magen ordentlich zu pflegen, bedarf man jenes Mediums, das man im gemeinen Leben Geld, money, nennt. Es gibt aber eigentlich kein Geld, ſondern nur Geld⸗ ſorten, Friedrichsd'or, Ducaten, Thaler, Groſchen, Kreuzer, Pfennige, Papiergeld. Sorten können für den Cultus nicht gebraucht werden; man kann nicht Madonnen verehren, ſondern nur eine Madonna. Wir müſſen alſo nach einem Gegenſtand ſuchen, der in ſich individuell ge⸗ rundet iſt und ein Bild gewährt. Meine Herren! ich glaube es gibt nichts Gerundeteres als einen Geldbeutel, der ohnehin mit dem Magen etwas Verwandtes hat, indem dieſer im Grunde ja auch nur ein Beutel iſt. Nun, ein ſolcher Beutel ſoll, ſchlage ich vor, der Gegenſtand unſeres gemeinſamen Cultus ſein, wobei es Niemanden verwehrt ſein ſoll, auch an mich zu denken als denjenigen, der den Namen Beutel mit Ehren trägt und Stifter der neuen Beutelreligion und der Secte der Beuteliſten — 202— iſt. Es wird demnach ein geräumiger, mit Quaſten verzierter lederner Beutel der Zielpunkt unſeres gemeinſamen Cultus ſein; derſelbe wird an der Wand befeſtigt werden, genau über meinem Kopfe und es wird allen Gläubigen zur Pflicht gemacht, nach Beendigung jeder Beutel⸗ feier dieſes Symbol unſeres Glaubens mit einem Opfer zu verſehen, je nach Maßgabe des Vermögens und Einkommens. Dieſer Beutel⸗ cultus ſoll ein Cultus der Freude ſein, es ſollen um dieſen Beutel Tänze als z. B. Galoppaden und Polkas aufgeführt werden und auch der Magen ſoll dabei in den gehörigen Stand geſetzt werden, die nöthigen Gaſe, ich will ſagen Ideen zu entwickeln.(Rauſchender Beifall meiner Anhänger, namentlich der alten Schoppenſtecher.) Sie werden mir Recht geben, meine Herren! daß der Magen der Sitz aller Tugen⸗ den und Laſter iſt, denn wer geſättigt iſt und Ausſicht auf lange Tage der Sättigung hat, liebt neben ſich auch die Menſchheit, nur der Hung⸗ rige betrügt, ſtiehlt, raubt und mordet. Sehen Sie unſere Schoppen⸗ ſtecher an!(Betäubender Beifall.) Wie gemüthlich, menſchenfreundlich ſehen ſie aus, welche Strahlen, ſonnenähnlich, entſenden ihre Geſichter nach allen Seiten. Und wie häuslich, wie regelmäßig leben ſie, wie zurückgezogen, wie weltverachtend in ihrem Weinhauſe, in welchem jeder ordentliche und ordnungsliebende Menſch ſie zur feſtgeſetzten Stunde finden kann.(Wiederholter Beifall.) Ja, ſie leben in dieſer Hinſicht mit einer Regelmäßigkeit, die ich faſt pedantiſch nennen könnte. Ich bemerke nur noch, daß dieſe neue Religion auf Actien gegründet wer⸗ den wird, worüber ich Ihnen einen gedruckten Plan zukommen laſſen werde. Schreiten wir jetzt zur Abſtimmung!(Großer Beifall.) Ich ſtelle ſomit die Frage———“ Soweit war ich gekommen, als wir plötzlich von der Straße her ein wildes Getümmel, das Gebrüll des Yankee⸗Duddle und heulende Hurrahrufe vernahmen. Die hinausgeworfenen Anglo⸗Amerikaner hatten ihre Landsleute herbeigerufen und ſich mit einem Trupp breitſchulte⸗ riger und derbfauſtiger Farmer vereinigt, die ſich gerade an dieſem Tage in großer Zahl in der Stadt befanden zum Zwecke eines Vieh⸗ und Pferdemarkts, der am folgenden Tage abgehalten werden ſollte. Bald ſtürmten ſie auch, nachdem ſie die Thüren erbrochen hatten, in den Saal, mit Knütteln, Meſſern, ja zum Theil ſelbſt Revolvern be⸗ lederner lbe wind und es Beutel⸗ erſehen, Beutel⸗ Beutel nd auch en, die Beifall werden Tugen⸗ he Tage oppen⸗ undlich Heſichter ſie, wie welchem Stunde 203 waffnet und mit dem Rufe: Lyncht ihn! Lyncht ihn! was mir keines⸗ wegs angenehm zu hören war. Die Deutſchen, auf eine ſolche Kataſtrophe nicht vorbereitet, waren gänzlich unbewaffnet und beſtanden zum Theil aus„Gevatter Schneidern und Handſchuhmachern“, von denen bei einer Klopferei im großen Style nicht viel zu erwarten war, und auch auf meine älteren Freunde, die Schoppenſtecher, konnte ich mich nicht ſehr verlaſſen, da ſie wie alle Schoppenſtecher zwar höchſt raiſonnirluſtige, aber auch äußerſt fried⸗ fertige Leute waren und nur den einen Ehrgeiz kannten, recht viele Schoppen, aber ſonſt Niemand auszuſtechen. Trotz des offenbar un⸗ gleichen Kampfes ſetzten ſich aber doch die jungen Leute und eine An⸗ zahl kräftiger Handarbeiter zur Wehre, brachen Tiſchen, Stühlen und Bänken die Beine aus und gingen mit dieſer improviſirten Waffe auf die Angreifer los. Da ich jedoch vorausſah, wohin der Kampf ſich ſchließlich wenden mußte, ſo benutzte ich die allgemeine Verwirrung und entſchlüpfte durch eine Hinterthür, welche auf eine Gallerie hinausführte, die an dem einen Ende mit einer Treppe verſehen war. Auf dieſer gelangte ich gerade in den Hof und durch einige Gärten— wobhei ich freilich mehrere Zäune und Hecken überklettern mußte— in meine nicht fern gelegene Wohnung, die zu ebener Erde lag. Das Fenſter nach dem Hofe zu war geöffnet und durch dieſes ſtieg ich in mein Wohnzimmer, da ich mir mit meinem gewöhnlichen Scharfblick denken konnte, daß die von innen verſchloſſene Thüre für den möglichen Fall meines Entkommens beſetzt ſein würde. Dieſe Vermuthung erhob ſich zur Gewißheit, indem ich auf dem Hausflur das Geflüſter und Gemurmel mehrerer männlichen Stimmen vernahm. Ich ſteckte nun den Reſt meiner Baarſchaft, den Scalp und die ruſſiſchen Orden zu mir, warf meine Flinte über die Schulter, nahm meine Guitarre in die linke und meinen Tomahawk in die rechte Hand und wollte eben meine Flucht durch das Fenſter ergreifen, als drei Männer vor demſelben erſchienen und in das Zimmer ſpähende Blicke warfen. Meine Be⸗ lagerer mußten alſo doch von meiner Heimkehr etwas gewittert haben. Ich war alſo genöthigt, meine Operationen zu ändern. Da ich annehmen konnte, daß die andern Männer am Schlüſſelloch lauſchen 201 würden, drehte ich den Schlüſſel ſo leiſe und ſchnell als möglich im Schlüſſelloch um und ſtieß die Thüre mit einer ſo furchtbaren Gewalt auf, daß die drei noch im Hausflur befindlichen Männer über einander ſtürzten. Ich gab ihnen noch in aller Eile einige tüchtige Tritte, ohne gerade dabei zu überlegen, wohin ſie trafen, und ſtürmte nun gegen die in den Hofraum führende geöffnete Thüre los, denn es war mir vor Allem darum zu thun, den Stall zu erreichen und mich meines Pferdes zu bemächtigen. Natürlich traten mir die drei Männer, welche mich vom Fenſter aus belagerten, in den Weg. Schnell entſchloſſen nahm ich den Scalp, ſtülpte ihn einem der Männer ſo über den Kopf, daß er für eine Weile nicht aus den Augen ſehen konnte, ergriff dann meine Guitarre, die ich bis hierher durch ſo viele Fährlichkeiten gerettet hatte, ſchlug ſie dem Erſten, der mir entgegentrat, um die Schläfe, daß ihm für eine Weile Hören und Sehen verging, wobei aber auch die Guitarre in hundert Stücke zerflog, und ging dann mit dem Schlachtrufe des Mephiſtopheles: Die Zither iſt entzwei, an der iſt nichts zu halten,. Nun geht es an ein Schädelſpalten! auf den letzten noch übrigen der Männer los, mit geſchwungenem Tomahawk und einer ſo wüthenden Geberde, daß er mir entſetzt aus⸗ wich und mir Zeit ließ, in den Stall zu gelangen. Mit bewunderns⸗ werther Schnelligkeit koppelte ich mein Pferd los, ſattelte und zäumte es, ſchwang mich in den Sattel und ſprengte durch die Hinterthür des Hofes ins Freie. Es wurden mir zwar aus einem doppelläufigen Revolver zwei Kugeln nachgeſendet, aber ich ſpottete ihrer mit lautem höhniſchen Lachen. Ich war gerettet und betrachtete dieſe Flucht als einen glorreichen Sieg des deutſchen Elements über das anglo⸗amerlkaniſche oder nati⸗ viſtiſche, da es die Yankees in ihrer lächerlichen Wuth gerade auf meine Perſon abgeſehen hatten, ohne mir doch einen Finger zu krümmen und mich an meiner Flucht hindern zu können. Es gereichte mir zur innigſten Genugthuung, wenn ich an die langen Naſen dachte, mit denen meine ſchändlichen Widerſacher folgenden Tages in den Gaſſen von Schnipp⸗ hauſionopolis umherſpazieren würden. nöglich im en Gewalt r einander ritte ohne nun gegen war mir h meines er, welche niſchloſſen den Kopf, grif dann n gerettet Schläft, er auch mit dem ungenem ſetzt aus⸗ zunderns⸗ d zäumtt rthür des ver zwi öhniſchen erreichen der nati⸗ if meine nen und innigſtn mn meine Schnixf⸗ Siſebenzehntes Kapitel. In der Kirche können die leeren Bänke noch am beſten die Wahrheit vertragen. Schleiermacher. Weiß man wer in einer Gegend, wo es viele Pferdediebe gibt, noch am glücklichſten daran iſt?— Derjenige, der keine Pferde beſitzt. Walter Scott. An einem jener ſchönen Spätherbſttage, die man in Nordamerika den Indianerſommer zu nennen pflegt, gelangte ich nach mehrtägigem Ritt in eine Anſiedlung, die eine durchaus deutſche Phyſiognomie trug. Nachdem ich die Hauptſtraße ein wenig weiter hinauf geritten war, erblickte ich einen Gaſthof mit einem Schilde, von welchem mich das grobgepinſelte Porträt eines ſchnurrbärtigen Mannes ſehr ſeltſam an⸗ ſtierte. Unter dem Portrait las ich zu meinem höchlichſten Erſtaunen die Inſchrift„zum Fritz Beutel“. Jeder meiner Leſer wird es begreiflich finden, daß ich ſofort in dieſem Gaſthof abſtieg, worauf ich meinen Gaul in den Stall bringen und mir ſelbſt ein Zimmer anweiſen ließ. Sofort begab ich mich in die allgemeine Gaſtſtube, um mir ein Abendeſſen mit einer Flaſche Wein geben zu laſſen, und fand hier den Wirth, einen dicken gemüth⸗ lichen Schwaben mit rundlichem Geſicht, das wie eine kleine Sonne ſtrahlte und das etwas finſtere Zimmer mit Licht und Glanz erfüllte. Nachdem ich auf meine Frage, wie die Ortſchaft heiße, die Ant⸗ nort erhalten hatte: Beutelfurt, lieber Herr! richtete ich weiter die Frage an ihn, wie der Ort zu dieſem Namen und ſein Gaſthof zu ſeiner mir ſo auffälligen Firma gekommen ſei. Er unterrichtete mich nun, daß ein Mann Namens Winkerle dieſen Gaſthof beſeſſen und ihm den beſagten Namen wie der Ort⸗ — 206— ſchaft den Namen Beutelfurt gegeben habe. Dieſer Mann ſei hier der erſte Anſiedler geweſen und„habe den Gaſthof an dem Knoten⸗ punkt mehrerer belebten Straßen angelegt, worauf ſich dann allmälig andere Anſiedler in der fruchtbaren Gegend niedergelaſſen hätten. Winkerle habe auch eine Barbierſtube beſeſſen und nebenbei die chirur⸗ giſche Praxis geübt. Aber er habe zu luſtig gelebt, ſein Geſchäft vernachläſſigt, als Wirth zu viel und als Chirurg oft zu wenig ge⸗ ſchnitten und ſei endlich, um ſeinen Gläubigern zu entgehen, heimlich durchgebrannt. Er, der jetzige Wirth, habe dann als Hauptgläubiger den Gaſthof acquirirt und er ſei auch ziemlich zufrieden, obſchon das Land doch immer kein gemüthliches Schwaben ſei. Auf meine weitere Frage, ob er nicht wiſſe, was weiter aus Winkerle geworden, antwortete er: Nein, das wiſſe er nicht. Meine Neugierde war geſtillt; ich wußte nun, daß mein Freund und ehemaliger Miniſter der Medieinalangelegenheiten es geweſen, der meinen Namen hier ſo ſinnreich verewigt hatte. War aber meine Neugierde einigermaßen befriedigt, ſo begann jetzt „„ die des Gaſtwirths zum Durchbruch zu kommen. Mir gegenüberſitzend und die Arme verſchränkt auf die Tiſchplatte legend, nahm er mich ins Verhör und fragte mich, woher ich komme? Ich antwortete, meine letzte Station ſei Schnipphauſionopolis geweſen. Von dieſem Orte, meinte er, habe er noch nichts gehört, er müſſe wohl ſehr weit von Beutelfurt entfernt ſein. Nur etwa 300 Meilen, erwiederte ich, kürzere Stationen mache ich niemals. Wie die Geſchäfte in Schnipphauſionopolis gingen, fragte er weiter, während ſeine Zipfelmütze fortfuhr, ſich wie ein weißes Fragezeichen gegen mich zu bewegen. Einige, antwortete ich, gehen gut, einige ſchlecht, andere gar nicht. Hier in Beutelfurt, bemerkte er hierauf, gingen manche Geſchäfte ganz ausgezeichnet und es laſſe ſich hier etwas machen. Offenbar wollte er mich ausholen, um zu erfahren, in welchen Geſchäften ich hierher gekommen ſei. Ach, antwortete ich, das Geſchäft, in dem ich mache, wird in Beutelfurt wohl ſehr lahm gehen. Ich reiſe in Miſſionsgeſchäften. ſei hier Knoten⸗ allmälig hätten. te chirur⸗ Geſchäft venig ge⸗ heimlich gläubigen ſchon dar eiter aus veſen, der gann jet überſize n er mic ete, mein er miſ nen mai er weit agezeiche age nich gar m Geſch 1 in wenn witd 4 geſch — 207— Ich habe den Völkerſchaften in den Steppen jenſeits der Rocky Mountains das Evangelium gepredigt und etwa ein Dutzend heidniſche Stämme zu veritabeln Chriſten gemacht. Wenn ſie jetzt einander auf⸗ freſſen, ſo thun ſie das nicht mehr im heidniſchen, ſondern in mehr chriſtlichem Sinne— aus Liebe. Der dicke Wirth ſah mich verwundert an. Meine ganze Erſchei⸗ nung, meine Flinte, mein Schnurrbart mochten ſehr wenig mit den Vorſtellungen übereinſtimmen, die er ſich von einem Miſſionär ge⸗ bildet hatte. Ich kam daher ſeinen nächſten Fragen zuvor und ſagte: Was meinen Schnurrbart, meinen Tomahawk, meine Flinte be⸗ trifft, Herr Gaſtgeber! ſo mögen Sie nicht vergeſſen, daß dieſe Gegen⸗ ſtände dem Miſſionär unter dieſen Stämmen höchſt nothwendig ſind. Unbärtig wie die Indianer ſind, betrachten ſie gerade den Schnurrbart als das deutlichſte Zeichen chriſtlicher Civiliſation, wie ſie ſich denn auch die Apoſtel nie unter einer andern Form denken können, als unter derjenigen eines ungariſchen Nationalhuſaren, und daß man die geladene Flinte bei dem Unterrichte in den Artikeln des Glaubens immer mit geſpanntem Hahn neben ſich haben muß, läßt ſich wohl einſehen. Nun, ſagte der Wirth, wenn Sie wirklich ein Miſſionär ſind, ſo läßt ſich wohl ein Geſchäft entriren. Wir ſind hier um einen Geiſt⸗ lichen verlegen, da ſich der frühere Schulden halber mit Winkerle zugleich aus dem Staube gemacht hat. Etwas Chriſtenthum muß man aber doch haben, wenn auch nicht zu viel, doch ſo viel, als man gerade fürs Haus gebraucht. Ich bin ein angeſehener Mann hier in Beutel⸗ furt und könnte es durch meine Fürſprache wohl durchſetzen, daß Sie zum Ortsgeiſtlichen gewählt werden. Wenn Sie mir daher ver⸗ ſprechen wollen, mir von Ihrem Gehalt zehn Procent abzutreten— Der Gedanke, mich auch als Geiſtlichen zu verſuchen, reizte mich, und ich fiel ihm ins Wort. Lieber Mann! mit Vergnügen zehn Procent! Auch verſpreche ich Ihnen, Ihr täglicher Stammgaſt zu ſein und meinen Bedarf an Ge⸗ tränken nur von Ihnen holen zu laſſen. Na, das Geſchäft iſt gemacht, ſagte er, ein Mann, ein Wort! Er reichte mir ſeine derbe Hand, und ich ſchlug ein. — — 208— Ich machte in den folgenden Tagen den Honoratioren des Orts meine Aufwartung und hielt am nächſten Sonntage meine Probe⸗ predigt, die bei der mir zu Gebote ſtehenden natürlichen Beredſamkeit außerordentlich glänzend ausfiel. Ich ſprach von der Vorſehung und erläuterte ihr Walten an meinem eigenen Leben. Die jungen Mäd⸗ chen feſſelte ich durch die anziehende Darſtellung meines Verhältniſſes zu Beate Regina Cordula Veronica Pipermann und zu der Kuxuſen⸗ prinzeſſin Kax, die jungen unternehmungsluſtigen Männer durch die energiſche Schilderung meiner kriegeriſchen Abenteuer, die Geſchäfts⸗ leute durch die Erzählung, wie ich den texaniſchen Farmer mit dem Bären und dann mit den geſchundenen Büffeln betrog, die alten Weiber durch ſo manche rührende Epiſoden, an denen, wie der Leſer ja weiß, mein Leben ſo reich war. Für die Frommen hatte ich immer Bibelſprüche bereit, wie ſie mir gerade in den Sinn fielen, wobei es mir freilich nicht gerade immer darauf ankam, ob ſie auch auf den Fall genau paßten. Kurz, ich wurde gewählt, ſtellte jedoch die Be⸗ dingung, meinen Schnurrbart nicht opfern zu dürfen. Entweder— oder, erklärte ich. Die Kirchenpatrone hielten hierüber Berathung und entſchieden ſich dann mit großer Mehrheit dahin, daß in Beutelfurt ein Schnurrbart kein Hinderniß ſei, warum Jemand zum Geiſtlichen nicht gewählt werden dürfe. Ich war nun Geiſtlicher und habe dieſes Amt den ganzen Winter über in Beutelfurt verwaltet. Da jedoch die Einkünfte für meine Bedürfniſſe nicht hinreichten und der zehnte Theil davon contractlich — denn wir hatten ſpäter darüber einen ſchriftlichen Vertrag ge⸗ ſchloſſen— dem Wirthe zum Fritz Beutel zufiel, hatte ich noch einige Entrepriſen nebenbei unternommen. Eine dieſer Entrepriſen beſtand in einer Lotterie, in welcher es keine Nieten gab; denn ſelbſt die ge⸗ ringſten Gewinne beſtanden doch in einem Bartpinſel oder einem Stückchen Waſchſeife oder in einem Paar alter Stiefelſchäfte. Der Hauptgewinn ſollte auf mein Pferd fallen, ich hatte es jedoch unter der Hand an einen durchreiſenden Roßhändler verkauft, behauptete aber zuverſichtlich, daß es mir aus dem Stalle geſtohlen worden ſei. Da es nun ſehr viele Pferdediebe in Beutelfurt gab, ſo zweifelte man an meiner Ausſage durchaus nicht, und die öffentliche Meinung ‿ᷣ———— des Otts e Probe⸗ redſamkeit hung und en Mäͤd⸗ hältniſſes Kuruſen⸗ durch die Geſchäfts⸗ mit dem die alten der Leſer c immer wobei es auf den die Be⸗ weder— bung und Beutelfurt geiſtlichen en Winter ür meint ontractlich ttrag ge⸗ ich einige heſtand t die ge⸗ et einen ſte. Di och unter hehaupteie orden ſe felte mo⸗ Meinun — 209— bezeichnete bald dieſen bald jenen als den Räuber. Dies machte mir ſehr vielen Spaß und gab mir nächſten Sonntags prächtigen Stoff zu einer Predigt, in welcher ich die Scheußlichkeit der Liebhaberei, Pferde zu ſtehlen und ſogar den heiligen Stall des Geiſtlichen nicht unangetaſtet zu laſſen, mit den energiſchſten Worten ausmalte, ſo daß allen denen, welche Pferde geſtohlen hatten, die Augen dabei in Thränen ſchwammen. Außerdem legte ich einen Kramladen an und empfahl ihn in der Zeitung mit den Worten:„daß ich zu jeder Zeit in Stand geſetzt ſei, den Kunden die Waaren um einen billigern Preis abzulaſſen als jeder Andere.“ Dies war mir in der That möglich, da die gebrannten Bohnen, die ich unter die Kaffeebohnen, die gedörrten Kartoffelkrautblätter, die ich unter den Tabak, die getrockneten Feld⸗ blumenblätter, die ich unter den Thee miſchte, und die Heidelbeeren, womit ich den ſogenannten Rothwein färbte, mich ſo gut wie gar nichts koſteten. Dies war kein Schwindel. Aechte Waaren konnte man um den Preis, für den ich ſie verkaufte, nicht haben, mithin mußten meine Kunden im Voraus wiſſen, daß ſie bei mir nur unächte Waare erhalten könnten. Es war ſomit ein ganz ehrliches, eines Geiſtlichen würdiges Geſchäft. Endlich errichtete ich eine Leihbibliothek, zu welchem Zweck ich durch einen Unterhändler in St. Louis aus den dortigen Leihbiblio⸗ theken eine Parthie ſolcher Bücher erſtanden hatte, die dort ſeit drei oder vier Jahren nicht mehr geleſen wurden. Es waren lauter Geiſter⸗, Ritter⸗ und Räuberromane, in denen es auch an verliebten Scenen nicht fehlte, wie die junge Welt ſie liebt und auch die Alten ſie gern leſen. Die Leihbibliothek, zu welcher der Wirth zum Fritz Beutel ſeinen Namen als Entrepreneur herlieh, wurde als eine„Auswahl des Schönſten, Beſten und Erhabenſten aus der deutſchen Literatur“ ange⸗ kündigt. Auf der Kanzel eiferte ich ſonntäglich dagegen als eine ver⸗ führeriſche unſittliche Lektüre, weil ich dann gewiß war, daß ſie nur um ſo eifriger benutzt werden würde. Zuweilen empfahl ich auch die Anſtalt, und motivirte meine Empfehlung dadurch, daß man dergleichen geleſen haben müſſe, um die Ausſchreitungen in der Liebe und anderen höchſt verderblichen Leidenſchaften kennen zu lernen und ſich vor ihnen in Acht zu nehmen. D. B. X. Fritz Beutel, v. Marggraff. 14 — 210— So weit ging Alles recht gut; aber die mir angeborene eulen⸗ ſpiegeliſche oder mephiſtopholiſche Laune ſpielte mir bald Streiche über Streiche. Meine Tauf⸗, Trau⸗ und Begräbnißreden nahmen allmälig einen immer eigenthümlichern Charakter an. Bei der Beſtattung eines reichen und höchſt angeſehenen Mannes, eines ſogenannten Ehren⸗ mannes, hielt ich z. B. folgende Rede: Wir ſtehen hier an dem Grabe eines Mannes, dem wir alles Mögliche ins Grab nachwünſchen. Er war ein Vater, nicht der Armen, ſondern verſchiedener Kinder, die ſogar verſchiedene Mütter hatten. Er pflegte, wenn auch nicht Künſte und Wiſſenſchaften, doch ſeinen Magen, der ihm man möchte ſagen förmlich ans Herz gewachſen war. Er widmete, wenn auch nicht den Waiſen und Wittwen, doch ſeinem eigenen Intereſſe die zarteſte Sorgfalt. Er liebte, wenn auch nicht das menſchliche Geſchlecht, doch die ſchönere Hälfte deſſelben. Er bedrückte Nie⸗ manden, außer diejenigen, von denen er einen Vortheil zu erpreſſen hoffen durfte. Er verdammte und verfolgte mit heiligem Zorn jedes Laſter— an jedem Andern. Er war unerbittlich ſtreng gegen ſich ſelbſt, wo es darauf ankam, zu genießen und zu erwerben. Kurz er war das Muſter eines Mannes und Bürgers, wie ſeine lachenden Erben bezeugen werden. Dieſe Rede, von der ich nur nach der Erinnerung einen Auszug gebe, erregte zwar Aufſehen, zog mir aber keine Unannehmlichkeiten zu, da der Verſtorbene wirklich bei der Bürgerſchaft nicht beliebt geweſen war, und ſelbſt die lachenden Erben fühlten keine Veranlaſſung, weniger zu lachen als ſie vorher gelacht hatten. Bald darauf ſollte ich jedoch eine Traurede halten, und da der Bräutigam ſich erlaubt hatte, unter die Surrogate von Thee, Kaffee und Tabak noch weniger Aechtes zu miſchen und daher den Preis noch geringer zu ſtellen als ich, ſo fühlte ich mich durchaus nicht ver⸗ anlaßt, ſeine und der Braut Tugenden in dem Style zu preiſen, wie dies ſonſt gewöhnlich iſt. Zwar hob ich im Eingange der Traurede hervor, daß beide Brautleute ohne Zweifel entſchloſſen ſein würden, einander die größten Opfer zu bringen und bis zum Tode treu zu. bleiben, daß ſie ſich ganz gewiß auf die allervergnügteſten und aller⸗ ſeligſten Schäferſtunden Rechnung machen würden, was ihnen auch nicht zu verdenken, aber ich fuhr alsdann fort: eulen⸗ ze über Umälig Jeines Ehren⸗ alles Armen, hatten. ſeinen en war. ſeinem ht das te Nie hoffen aſter— wo es Muſter werden. ug gebe, zu, da ſen war, ſniger zu hda der , Kaffee Preis cht ver⸗ en, wie Traurede würden treu zu nd alle nen nh — 211— Indeß, meine verehrten Brautleute! ich muß Sie um Ihres eigenen Heiles willen darauf aufmerkſam machen, daß ſolche Illuſionen gegen die Wirklichkeit nicht Stich halten. Nehmen Sie nur noch immer mehr getrocknetes Kartoffelkraut unter den Tabak, gebrannte Bohnen unter die Kaffeebohnen und gedörrte Feldblumenblätter unter den Thee— aber bedenken Sie, daß Alles ſeine Grenzen hat, daß man doch nicht lauter Bohnen für Kaffeebohnen, Feldblumenblätter für Thee und Kartoffelkraut für Tabak geben kann. Die Kunden ſind zwar ſehr dumm, aber auch dieſe Dummheit hat ihre Grenze. Was dann? Sie werden dem Bankerott entgegenſchwanken, es wird am Nöthigſten im Hausweſen fehlen, die Frau Gemahlin wird kochen wollen und der Herr Ehegemahl wird nichts hergeben können, wovon ſie kochen kann, außer Bohnen ſtatt Kaffeebohnen und Feldblumen⸗ blätter ſtatt Thee. Es wird häusliche Scenen geben, Scenen der ausgeſprochenſten und nach beiden Seiten effectvollſten Art. Die Backen werden zuweilen roth werden in Folge gegenſeitiger lebhaften Berüh⸗ rungen, die aber der empfangende Theil nicht für Küſſe halten wird. Der Herr Gemahl möge ſich eine Perücke anſchaffen, damit ſeine eigenen Haare dabei nicht in Gefahr kommen, und die Frau Gemahlin möge vorher ſorgfältig jeden Gegenſtand entfernen, der nach einem Stock ausſieht! Der Herr Gemahl wird zu dem Univerſalmittel für allen häuslichen Gram ſeine Zuflucht nehmen, das im Gaſthofe„Zum Fritz Beutel“ zu haben iſt, und die Frau Gemahlin wird ihm vor⸗ werfen, daß dieſe Arznei zu viel koſte. So wird man durch das Wein⸗, Spiel⸗ und Leihhaus und andere Häuſer hindurch endlich in das Zucht⸗ und Correctionshaus und von da ins Leichenhaus gelangen, nachdem der Herr Gemahl ſich durch die Verlängerung eines Strickes das Leben gekürzt und die Frau Gemahlin im Miſſiſſippi ein Bad genommen hat, in welchem ſie ſich ohne Rückſicht auf ihre Geſundheit zu lange aufhielt. Das Alles kommt daher, wenn man einige Feld⸗ blumenblätter mehr unter den Thee und einiges Kartoffelkraut mehr als in einem ſoliden Geſchäft nöthig iſt unter den Tabak miſcht. Drum gehen Sie noch zur rechten Zeit in ſich, verlaſſen Sie den böſen Weg, der mit Surrogaten allzuſtark gepflaſtert iſt, und Alles kann noch gut werden! 14* 212 Hierauf ſegnete ich in aller Kürze die Ehe ein und ſchritt mit gevietenden Blicken und ſtarken Schritten hinaus, während das junge copulirte Paar und die Trauzeugen zurückblieben, ohne zu wiſſen, was ſie thun und ſagen ſollten. Ein andermal ſollte ich eine Taufhandlung verrichten, und da der Papa kurz vorher mein Lotterieunternehmen in einem öffentlichen Blatte als lauter Schwindel, Betrug und Humbug gebrandmarkt hatte, ſo fand ich auch hier keine. Veranlaſſung, mit der Wahrheit zurückzuhalten. Nachdem ich geſchildert, welche Hoffnungen die Eltern und die geehrten Taufzeugen ohne Zweifel auf den jungen Weltbürger ſetzen, wie ſie in ihm den Stolz und die Freude des Hauſes, vielleicht den Chef einer berühmten Handlungsfirma, einen Senator oder gar den Gouverneur der Provinz erblicken würden, fuhr ich fort: Indeß der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, das iſt eine alte Wahrheit. Ein Knäblein, welches einen Calumnianten zum Papa hat, wird im beſten Falle auch nichts ſweiter werden als ein Taugenichts und Straßenläufer, als ein Rowdy und Loafer, als eink Brandmal des menſchlichen Geſchlechts. Dieſes Bürſchchen iſt allerdings ſeinem Vater wie aus den Augen geſchnitten, denn es hat höchſt tückiſche, ſchielende und boshafte Augen. Es wird eine ſehr wilde Range wer⸗ den, es wird Ihnen, verehrte ſaber ſehr bedauernswerthe Eltern, bei Nacht und Nebel davon laufen und in der Welt als ein Nichtsnutz herumabenteuern, es wird Andern das Brod und die Ehre abſchneiden, es wird in die öffentlichen Blätter Injurien gegen rechtſchaffene Leute einrücken laſſen, es wird verſchiedene Diebſtähle, mitunter auch Pferde⸗ diebſtähle begehen und dafür mit Fug und Recht gelyncht werden, und irre ich nicht, ſo ſehe ich im fernen Kalifornien einen einſam ſtehenden Baum und daran einen Menſchen hängen, der ſo ausſieht, wie nur der Sohn eines ſolchen Vaters und ehrabſchneideriſchen Ca⸗ lumnianten ausſehen kann. In dieſer Weiſe wollte ich noch fortfahren, als die Großmutter, ein noch handfeſtes reſolutes Weib, auf mich zuſprang, mir das Kind aus den Armen riß, alle Schleußen ihrer natürlichen Beredſamkeit öffnete und mich mit einer Fluth der ehrenrührigſten Ausdrücke übergoß. tt mit junge ,, was da der tlichen dmarkt ahrheit nd die ſeten, ht den er den e alte da hat, enichts andmal ſeinem ickſche, e wer⸗ n, bei htsnutz neiden, Leute Pferde⸗ eerden, Anſam esſteht, m Ca⸗ mutter, 6 3 Kind ſamkei henjoß — 213— Die ganze Geſellſchaft kam in Aufruhr; der Vater brüllte, die Tauf⸗ zeugen tobten, das Kind ſchrie entſetzlich. Ich hielt es unter dieſen Umſtänden für das Zweckmäßigſte, das Zimmer zu verlaſſen, wendete mich aber in der Thür noch einmal um und rief: Der Baum, von dem ich ſprach, ſteht doch, und zwar am Ufer des Coloradofluſſes. Er hat einen langgeſtreckten Aſt, ganz geeignet, ſolche Früchtchen zu tragen wie das dort! Und damit empfahl ich mich. Die durch dieſe Rede betroffenen Familien ließen es nun nicht an den ſchändlichſten Intriguen gegen mich fehlen und veranſtalteten es, daß mir an einem der nächſten Abende ein Charivari mit höchſt voll⸗ ſtändig beſetztem Orcheſter gebracht wurde. Ich hatte jedoch hiervon zur rechten Zeit Witterung erhalten, mich aus meiner Wohnung ent⸗ fernt und mich, in meinen Mantel gehüllt, unter die Virtuoſen ge⸗ miſcht. Ich bearbeitete meine metallene Bratpfanne mit einem Mör⸗ ſerſtößer ſo gewandt und geſchickt, daß ich allgemeines Aufſehen erregte und für meinen Eifer die ſchmeichelhafteſten Complimente in Empfang nahm. Wenn ſie im Begriffe waren aufzuhören, begann ich immer von Neuem, bis ſie gänzlich ermüdet waren und erklärten: es ſei nun genug. Hierauf ſchlug ich meinen Mantel zurück und ſagte: Meine Herren! Ich freue mich um ſo mehr, als bloßer Volontär den Beifall ſo geübter Virtuoſen errungen zu haben, da ich ſelbſt, wie Sie ſehen, der Pfarrer Fritz Beutel bin. Wollen Sie auch die Güte haben, mir die Fenſter einzuwerfen, was ich ganz in der Ordnung finde, ſo offe⸗ rire ich Ihnen hiermit eine Parthie tüchtiger Steine, die ich in meinen Mantel⸗ und Rocktaſchen bei mir führe. Ich empfehle Ihnen das um ſo mehr, da, wie ich bemerke, ſich der verehrte Herr Glaſermeiſter Schuwalsky unter Ihnen befindet, dem ich gern einen kleinen Verdienſt gönnen möchte, um ſo mehr, da er allabendlich mein getreuſter Kum⸗ pan im ,Fritz Beutel“ iſt und es ihm ohne Zweifel große Ueberwin⸗ dung gekoſtet hat, heute die gewöhnliche Bierſtunde zu verſäumen, um an der mir gebrachten Huldigung Theil zu nehmen. Auf dieſe, im verbindlichſten Tone geſprochene Anrede ſchlich ſich ein großer Theil der Katzenmuſikanten, worunter Herr Schuwalsky ſelbſt, etwas beſchämt hinweg, während die Uebrigen in lauten Jubel ausbrachen, mich auf ihren Schultern ins Haus trugen und mir ehr⸗ — 214— lich geſtanden, daß ſie einen ſolchen Geiſtlichen noch nicht gehabt hätten. Ich bewirthete ſie nun mit einer Bowle Punſch, wobei auch ſehr ſchöne ehrbare Rundgeſänge angeſtimmt wurden, und ich hätte ohne Zweifel Geiſtlicher von Beutelfurt bleiben können, wenn es mir darum zu thun geweſen wäre. Aber ich ſelbſt war des Geſchäfts ſatt und reichte meine Demiſſion ein, die auch natürlich bewilligt wurde. Am nächſten Sonntage hielt ich noch eine Abſchiedsrede, in der ich unter Anderm ſagte: Verehrte Brüder und Schweſtern in Fritz Beutel! Ich nehme heute von euch Abſchied, weil ich nicht wünſche, euch an dieſer Stätte mehr gegenüberzuſtehen. Ich glaube euch ein gutes Beiſpiel gegeben zu haben. Ich habe zwar allerlei geſundes Kraut unter den Tabak und den Thee gemiſcht, aber niemals in größeren Quan⸗ titäten als gerade nöthig, um ein ſolides Verhältniß zwiſchen mir und den verehrten Kunden aufrecht zu erhalten, nicht ſo wenig, um bei dem bil⸗ ligen Preiſe ſelbſt zu Schaden zu kommen, aber auch nicht ſo viel, um mich auf Koſten der Gemeinde zu bereichern. Auch in der Re⸗ ligion, die ich euch ſpendete, habe ich ſo wenig Surrogate als möglich eingemiſcht. Ich habe das chriſtliche Problem gelöst, eine Lotterie zu veranſtalten, bei der Niemand eine Miete zog. Ich habe Niemanden etwas geſtohlen oder veruntreut, ſelbſt wenn ich dazu die beſte Gele⸗ genheit hatte. Ich habe gegen das ſchändliche, in der neuerrichteten Leihbibliothek enthaltene Gift geeifert, obſchon ihr Inhaber mein Freund iſt. Ich habe demſelben Freunde mit größter Gewiſſenhaftigkeit mein Gelöbniß gehalten, allabendlich mein Glas Bier nur bei ihm zu trin⸗ ken, obſchon die Verſuchung nahe lag, auch an andern Orten, wo beſſeres Bier verſchenkt wird, einzukehren. Mein Beiſpiel hat nicht Nachahmung genug gefunden und meine uneigennützigen Beſtrebungen ſind ſogar verdächtigt worden. Leute, die ich nicht nennen mag, haben ihre Waaren mit Surrogaten verſetzt, die ich gleichfalls nicht nennen mag, und ich fürchte, daß man nach mir die Religion ebenfalls mit Surrogaten verſetzen wird, durch welche ihre Kunden ſchmählich hinter⸗ gangen werden. Mein Lotterieunternehmen, das ſo feſt genietet war, weil es ohne Nieten war, iſt aufs Schändlichſte verunglimpft und öffentlich an den Pranger geſtellt worden, obſchon ich es dabei einzig und allein auf das allgemeine Wohl und den allgemeinen Nutzen ab⸗ hätten. ſchöne zweifel mthun meine n der Fiit ünſche, ich ein Kraut Quan⸗ nd den l, um r Re⸗ möglich terie zu manden Gele⸗ rchteten Freund it mein u trin⸗ en, wo t nicht bungen haben nennen ls mit hinten — 215— geſehen hatte. Wiewohl ich niemals etwas geſtohlen oder veruntreut habe, iſt doch geſtohlen und veruntreut worden, daß darüber mein Herz blutete, inſofern nicht das Blut vor großem Schreck über ſolche Ver⸗ derbniß geronnen war. Trotz meiner chriſtlichen Warnungen hat man fortgefahren, die ſchändlichſten Bücher der Leihbibliothek zu leſen, nein, was ſage ich, ſo zu zerleſen, daß von vielen nur der Deckel des Bu⸗ ches übrig geblieben iſt. Obſchon ich mit rühmlicher Selbſtentſagung und trotz der dadurch verurſachten Magen⸗ und Kopfſchmerzen nur das Hotel„Zum Fritz Beutei“ beſuchte, haben unzählige Andere die⸗ jenigen Tabagien beſucht, in denen beſſeres Bier verſchenkt wurde, und ſie haben dadurch an den Tag gelegt, daß es ihnen einzig und allein um den Magen und nicht um höhere Güter und um die Tugend der Selbſtentſagung zu thun iſt. Indeß verzeihe ich hiermit allen Calum⸗ nianten, allen Dieben und Pferdedieben und Allen, die meinem Bei⸗ ſpiele nicht nachgefolgt ſind. Thränen über ſie, aber keinen Bannſpruch, kein unchriſtliches Verdammungsurtheil! Wir ſind ja allzumal Sünder und ermangeln des Ruhms. Nur das möchte ich einer chriſtlichen Ver⸗ ſammlung ans Herz legen, daß ich als wohlhabender Mann hierher gekommen bin, daß ich mein Vermögen im Dienſte der Stadt zuge⸗ ſetzt habe und daß ich nun hinausziehen ſoll zu Fuß, während ich in Beutelfurt doch ſtolz zu Roſſe eingezogen bin. Solches werden chriſt⸗ liche Seelen nicht dulden wollen. Irgend Einer hat mir meinen Gaul entwendet, und ich kenne ihn, es iſt der, gegen deſſen Kopf ich jetzt mein Geſangbuch werfen werde; denn jeder Pferdedieb dieſer Stadt iſt mir bekannt wie mein eigener Bruder. Alle, die im Geruche ſtanden, Pferdediebe zu ſein, bückten ſich bei dieſen Worten unwillkürlich, denn Keiner war ſeiner Sache ſo recht ſicher; Jedem ſchlug das Gewiſſen. Gutl ergriff ich wieder das Wort, ich will keinen Einzelnen compromit⸗ tiren; die ganze verehrte Corporation der Pferdediebe iſt ſolidariſch verant⸗ wortlich, und ſie werden mir mit ihrer Ehre dafür haften, daß mir mein Schaden erſetzt werde. Ich ſchließe alſo nicht mit den Worten: Laſſet die Kindlein, ſondern mit den Worten: Laſſet die Pferdlein zu mir kommen! Am frühen Morgen des folgenden Tags ſtand ein ſchön geſattel⸗ tes Reitpferd vor meiner Thüre, welches mir die Zunft der Pferde⸗ — — 216— diebe, um meiner Zunge Schweigen aufzulegen, zur Verfügung geſtellt hatte. Mit einer anſehnlichen Baarſchaft, dem Ertrag meiner man⸗ cherlei Unternehmungen verſehen, ritt ich aus Beutelfurt hinweg, um anderswo mein Glück zu verſuchen. Alle ehrſame als Pferdediebe be⸗ kannten Einwohner der Stadt gaben mir zu Roß das Geleit bis zum nächſten Gaſthof an der Landſtraße, wo auf ihre Koſten ein ſehr ſchmack⸗ haftes Frühſtück unſerer wartete. Das Pferd, das ich ritt, koſtete ſie natürlich nichts, denn es war, wie mir Einer derſelben geſtand, von einer Farm in der Nachbarſchaft durch gemeinſames Wirken geſtohlen worden. Achtzehntes Kapitel. Auch in der Chirurgie ſollte man darauf ſehen, daß der Eindruck, den eine Operation macht, ſtets ein angenehmer, den höheren Gefetzen der Aeſthetik entſprechender ſei. Dieffenbach. Wenn man mich fragt: wen ich am liebſten befriedigen möchte, meinen Gaumen oder meine Gläubiger, ſo werde ich unbedenklich ſagen: meinen Gaumen; denn dieſer geht mich ſehr viel an, die Gläubiger aber gehen mich gar nichts an. Graf d'Orſay. Die nächſte Stadt, in der ich Station machte, war St. Louis, ein ſchon damals ſehr blühender Ort, der Jedermann bekannt und auf jeder Karte der Union zu finden iſt. Schnipphauſionopel und Beutel⸗ furt wird man freilich auf der Karte und in den geographiſchen Hand⸗ büchern vergebens ſuchen, entweder weil die Karto⸗ und Geographen den Namen beider Städte aus Mißgunſt gegen mich unterdrückt haben, oder weil ihnen im Laufe der Jahre aus einer oder der andern Ur⸗ ſache andere Namen beigelegt worden ſind, was in jenem Lande des Wechſels und der Neuerungsluſt gar nicht ſo ſelten geſchieht. geſtellt er man⸗ veg, um iebe be⸗ bis zum ſchmack⸗ ſtete ſie d, von geſtohlen m liebſten oder meine n: meinen iel an, die — 217— Ich bitte alſo den Leſer, mit mir gefälligſt in St. Louis einzu⸗ reiten und ſich mit mir, da mein Bart unterwegs ſehr verwildert iſt und wie ein Urwald der Klärung bedarf, nach einer Barbierſtube um⸗ zuſehen. Er möge alſo die Gefälligkeit haben, mit mir die Chesnut⸗ ſtreet hinaufzureiten und vor einem niedrigen Gebäude zu halten, auf deſſen über der Thüre angebrachtem Schilde die Worte zu leſen ſind: „Schnellſte Raſiermethode! Auf beiden Seiten zugleich!“ Während ich hineingehe, möge der Leſer die Geduld haben, draußen, wo ich mein Pferd an den Laternenpfahl binde, zu warten, bis ich wieder herauskomme. Sollte es ihm jedoch kein unangenehmer An⸗ blick ſein, einen Menſchen raſieren zu ſehen, ſo habe ich meinerſeits auch nichts dagegen, wenn er mich in das Haus begleiten will. Er wird mich alſo, mit vorgebundener Serviette, auf einem Seſſel Platz nehmen, und zwei junge elegant gekleidete Barbiergehilfen auf mich zuſpringen ſehen, die, jeder auf ſeiner Seite, mich einzuſeifen begannen und der Eine rechts, der Andere links meine Bartforſtung(den ein für allemal für unverletzlich erklärten Schnauzbart ausgenommen) mit un⸗ glaublicher Schnelligkeit abnahmen. Sie waren Beide in dieſer Dop⸗ pelraſiermethode ſo eingeübt, daß ihre Meſſer nicht ein einzigesmal mit einander in Berührung kamen und das Geſchäft in unglaublich kurzer Friſt beſorgt war. Bei der ſonſt üblichen einſeitigen Raſiermethode iſt es unvermeidlich, daß auf der zuerſt abraſierten Seite der Bart, wenn auch in noch ſo unkennbarer Weiſe wieder zu wachſen beginnt, während das Meſſer die andere Seite bearbeitet. Auch dieſem Uebel⸗ ſtande war durch dieſe doppelſeitige Raſiermethode vorgebeugt. Als ich eben im Begriffe war, aufzuſtehen und mich mit dem Handtuch abzutrocknen, ſehe ich die in ein Seitenzimmer führende Thüre aufgehen und einen feinen Mann eintreten, der kein Anderer war als mein ehemaliger Miniſter der Medicinalangelegenheiten, Herr Winkerle. Die freudige Ueberraſchung fand, wie vorher das Raſiren, auf beiden Seiten ſtatt und dauerte vielleicht deßhalb kürzere Zeit als ſonſt der Fall geweſen ſein würde. In einem ereignißreichen Leben wie das meinige gewöhnt man ſich an ſolche Ueberraſchungen ſo gut wie an den Gedanken, daß man überhaupt lebt. Denn gewiß gibt es keinen — 218— wunderbareren Gedanken als den, daß man erxiſtirt, und keine größere Ueberraſchung als die, geboren zu werden. Winkerle befand ſich, wie er mir ſagte, als Inhaber dieſer Barbier⸗ ſtube ganz gut und hatte wegen der von ihm eingeführten zweiſeitigen Raſiermethode vielen Zuſpruch. Aber er brauchte viel, denn er war ein munterer Kumpan und lebte luſtig in den Tag oder vielmehr in die Nacht hinein. Nun hatte er zwar manche recht niedliche Idee, wie ſein Doppelraſierſyſtem bewies; aber es fehlte ihm doch an eigent⸗ lichem Schwung; er knauſerte, wo es nicht angebracht war, verſäumte aber anderſeits ſein chirurgiſches Geſchäft in den Blättern zweckmäßig annonciren zu laſſen. Um ihm nun zu Hilfe zu kommen, aſſociirte ich mich mit ihm und ließ in den nächſten Tagen folgendes Inſerat in die Blätter einrücken: „Nur wer geſunde Glieder hat, kann es zu Etwas bringen, und bringen muß es der Menſch zu Etwas. Ein krankes Glied iſt immer ein Hinderniß, und wenn man es beſeitigt, ſo hat man damit ein Hinderniß beſeitigt, welches die Arbeit und Thätigkeit des Menſchen hemmt. Es bleibt ſomit nur die Frage übrig, wie man ſich am ſchnellſten und ſchmerzloſeſten ſeiner kranken Glieder entledigt? Dies kann ohne Zweifel bei Franz Xaver Winkerle, Chesnutſtreet Nr. 260 am beſten geſchehen. Kranke Glieder als: Zähne, Arme, Beine werden in deſſen chirurgiſcher Anſtalt auf eine ſo ſchmerzloſe, ja wahrhaft wohlthuende Weiſe entfernt, daß es ſchon viele Leute gegeben hat, die ſich geſunde Zähne ausreißen und geſunde Arme und Beine ablöſen ließen, nur um den angenehmen Eindruck einer Operation zu haben, wie ſie in dieſer Annehmlichkeit einzig und allein in der chirurgiſchen Anſtalt von Franz Xaver Winkerle und ſonſt nirgends ausgeführt wird. Liebhaber ſolcher Operationen werden daher wohlthun, ſich mit Umgehung aller Charlatane an einen Operateur zu wenden, der ſeine Kunſt nicht vom gewöhnlichen Handwerkerſtandpunkte, ſondern vom Standpunkte der höhern Aeſthetik betreibt, wie denn auch der genannte Franz Paver Winkerle im Begriff iſt, eine Aeſthetik der Gliederbeſei⸗ tigungs⸗ und Fleiſch⸗Schneidekunſt, ſonſt auch Chirurgie genannt, herauszugeben, wozu die berühmteſten Künſtler Illuſtrationen zu liefern ſich anheiſchig gemacht haben. groͤßere Barbier⸗ eiſeitigen er war mehr in he Idee, meigent⸗ erſäumte ecmäßig aſſociirte Inſerat und t immer amit ein Menſchen ſcch an 2 Dies Nr. 260 ee werden wahrhaft hat, die ablöſen zu haben — 219— Es iſt jedoch nicht hinreichend, ſich krank gewordene Glieder auf äſthetiſchem Wege bloß ausreißen und ablöſen zu laſſen, ſondern man muß vom höhern menſchlichen Standpunkt, der über den äſthetiſchen geht, auch dafür ſorgen, das kein Glied einem ungeſunden Zuſtande verfalle. Zu dieſem Zwecke hat ſich Dr. med. Fritz Beutel, ehemaliger Leibarzt an einem durchaus kranken deutſchen Hofe, mit Franz Paver Winkerle zur Gründung einer chirurgiſch⸗mediciniſch⸗prophylaktiſchen Anſtalt nach äſthetiſchen Grundſätzen verbunden. Dr. med. und Hof⸗ rath Fritz Beutel empfiehlt folgende Medicamente, die von ihm erfun⸗ den ſind, deren Gebrauch jede Krankheit unmöglich macht und deren Zuſammenſetzung auf Negation alles unangenehm Schmeckenden und Unäſthetiſchen beruht: 1. Univerſalſalbe, gegen alle Schäden, Verrenkungen, Brüche, ſelbſt Contract⸗ und Ehebrüche. Sie iſt auch anwendbar gegen Buckel. Bei welcher Perſon man die Anlage zu einem ſolchen Auswuchs ſpürt, deren Buckel beſtreiche man täglich vor dem Schlafengehen mit dieſer Salbe bis ins fünfzehnte Jahr, und man wird alsdann unfehl⸗ bar merken, daß der betreffende Buckel noch größer geworden ſein würde, wenn man die Salbe nicht gebraucht hätte. Nur laſſe man ſich die Mühe nicht verdrießen. Je mehr, je beſſer! 2. Aeſthetiſche Pillen. Helfen gegen alle Krankheiten, welcher Art ſie auch ſein mögen, dadurch, daß ſie alle unäſthetiſchen Stoffe aus dem menſchlichen Körper nach den Geſetzen des Schönheitsſinnes gelind fortſchaffen. Unterſtützt wird die Wirkung durch gewählte äſthe⸗— tiſche Lectüre, zu welchem Zwecke mit der genannten chirurgiſch⸗medici⸗ niſch⸗prophylaktiſchen Anſtalt eine Leihbibliothek verbunden iſt, in welche nur die zarteſten Blüthen deutſcher Lyrik und Romanliteratur aufge⸗ nommen werden, mit Ausſchluß alles Kritiſchen, weil das zu bitter ſchmeckt und zu ſtark abführt. 3. Kosmopolitiſches Pflaſter, ſo genannt, weil es nach den Grundſätzen des geläutertſten deutſchen Kosmopolitismus bereitet iſt, ohne Rückſicht darauf, welcher Nation der Verwundete und der Ver⸗ wundende angehören, und weil es zugleich auch alle Herzens⸗ und Seelenwunden in kürzeſter Zeit ſchließt und heilt. — 220— 4. Kronenelixir, ſo genannt, weil es die Krone aller Elirire iſt. Wer daſſelbe zu rechter Zeit braucht(aber wohlgemerkt, zu rechter Zeit!) iſt ſicher vor gelbem Fieber, vor der Cholera, vor der Peſt, vor Alterſchwäche, vor Hungersnoth bei äſthetiſchen Theekränzchen, vor den tödtlichen Folgen des Selbſtmords, vor der Gefahr, das Bein oder den Arm zu brechen, den Knöchel zu verſtauchen, vom Dache oder vom Thurme zu fallen, kurz gegen alle Schäden und Gefahrniſſe Leibes oder der Seele. Wer z. B. zu ertrinken im Begriff iſt, nehme ſchnell ein paar Tropfen dieſes wunderwürdigen Elixirs auf Zucker und er wird ſo leicht über dem Waſſer ſchwimmen, wie eine Hauſen⸗ blaſe. NB. Auch Verbrechern zu empfehlen, die gehängt werden ſollen. Die Tropfen ſind dann 5 Minuten vor der Execution zu nehmen. 5. Cerebral⸗ und Educations⸗ oder Gehirn⸗ und Er⸗ ziehungspulver. Von wunderbar anregender Wirkung auf das Cerebralſyſtem, ſtärkt das Gedächtniß(in doppelter Doſis genommen auch die Fähigkeit, zu vergeſſen) hilft beim Auswendiglernen und iſt daher namentlich Erziehungsinſtituten zu empfehlen. Man gibt den Zöglingen jeden Morgen ein Pulver und miſcht ihnen Mittags eins in die Suppe. Abends vor dem Schlafengehen genommen erregt es während des Schlafs die paradieſiſchſten Träume. Wer ein verwickeltes Rechenexempel zu löſen hat, verſchlucke ſchnell ein ſolches Pulver, mit oder ohne Waſſer, und das Exempel wird ſich von ſelbſt rechnen. In die Tinte gemiſcht, ſteigert es die Schnelligkeit des Schreibens aufs Doppelte. Es wird daher gut ſein, wenn dieſes Pulver auf Comptoirs und Bureaus maſſenweiſe in Vorrath gehalten wird. Mit ſchwarzem Kaffee oder chineſiſchem Thee vermengt, führt es dem Gehirn die groß⸗ artigſten Projecte und Pläne von ſelbſt zu und zwar nur ſolche, welche ſich auch ausführen laſſen. Wer Geld aufzunehmen oder ſein Capital ſicher und mit Vortheil anzubringen wünſcht, wird nach dem Genuſſe von einem Dutzend ſolcher Pulver ſofort wiſſen, wo er den rechten Mann findet, der ihm Geld leiht oder ſein Geld ſicher unterbringt. 6. Kosmetiſche oder Schönheitstinctur. Aus den ſeltenſten und feinſten Kräutern der tropiſchen Zone gewonnen, tilgt nach fort⸗ geſetztem Gebrauch nicht nur alle Sommerſproſſen, Wärzchen und Leber⸗ Eltrire iſt. zu rechter Peſt, bor , vor den Bein oder Dache oder gefahrniſſe iſt, nehme zuf Zucker e Hauſen⸗ gt werden ꝛrution zu Er auf das genommen in und iſt n gibt den tags ein erregt d verwickelte⸗ ulver, mit ſhnen. 3 ibens auft Comptoin ſchwarzen die groß he, welche n Capit n Genuſ en rechie arbringt⸗ ſeltenſte nach f und de — 221— flecken, macht nicht nur die Haut geſchmeidig, ſammetweich und lilien⸗ weiß, ſelbſt im höchſten Alter, ſondern kann auch durch jahrelangen Gebrauch weſentlich dazu beitragen, eine mißgeformte Naſe oder ein verſchrumpftes Ohr auf Form und Maaß normaler Schönheit zurück⸗ zuführen und z. B. eine eingedrückte Naſe allmälig in eine ächt grie⸗ chiſche zu verwandeln. Allzumagere Hände und Finger nehmen eine runde, und allzufette eine zierliche Form an, wenn man ſie drei Jahre lang täglich Morgens und Abends mit dieſer Tinctur beſtreicht. Ja ſelbſt gegen allzuplumpe Form der Füße hat ſich dieſe Tinctur in einzelnen Fällen wirkſam gezeigt. 7. Eſſige und Oele zur Erregung oder Temperirung der Leidenſchaften. Jeder Menſch iſt im Beſitze von Leidenſchaften, die er nicht, oder wenigſtens nicht in dieſem Grade zu beſitzen wünſcht, während er an andern, die ihm in gewiſſen Fällen von großem Nutzen ſein könnten, empfindlichen Mangel leidet. Dem Hofrath Fritz Beutel iſt es nun auf höchſt künſtlichem Wege gelungen, Eſſige und Oele zu bereiten, deren vorſchriftsmäßiger Gebrauch jede beliebige Leiden⸗ ſchaft entweder erzeugt und erhöht oder temperirt und unterdrückt. Er verkauft Eſſige zur Erregung des Ehrgeizes, des Erwerbsſinnes, des militäriſchen Geiſtes, des Muthes, des Zornes, des Haſſes, der Liebe, wie anderſeits Oele zur Temperirung derſelben Leidenſchaften. Durch verſtändigen abwechſelnden Gebrauch des Erregungseſſigs und des ent⸗ ſprechenden Beſänftigungsöls kann man dahin gelangen, jede Leiden⸗ ſchaft auf ein normales Maaß zu bringen und ſie ſo zu beherrſchen, daß ſie je nach Bedürfniß bald in geſteigerter, bald in geringerer Potenz die gewünſchten Dienſte leiſtet. Man kann dieſes Ziel auch durch den fortgeſetzten Genuß von Salaten erreichen, zu deren Berei⸗ teng ſich dieſe Eſſige und Oele vorzüglich eignen. Ein gedruckter Jettel, der gratis zu haben iſt, gibt hierzu die Anweiſung. 8. Haarbalſam für Kahlköpfige, aus Körnern einer Pflanze beſtehend, welche Fritz Beutel auf einer von ihm entdeckten oceaniſchen Inſel angetroffen hat. So viel Körner als man auf die kahle Stelle des Kopfes ſtreut, ſo viel Haare wachſen nach, blonde, braune oder ſtwarze, wie man ſie haben will. Man fährt damit fort, bis die kihle Stelle mit dem üppigſten Haarwuchs bedeckt iſt. Auch für die — 222— Erzeugung von Bärten höchſt brauchbar. Hofrath Fritz Beutel ver⸗ dankt ſeinen vielbewunderten Normal⸗Schnauzbart einzig und allein dem Gebrauche dieſes wunderbaren Haarſamens.“ 8 Unter dem Inſerat, das mich ſeiner Länge mwegen ein hübſches Geld koſtete, prangte das Abbild meines Schnauzbarts im Holzſchnitt mit der Unterſchrift:„Fritz Beutel's Schnauzbart in ſeiner natürlichen Größe! Segen des Haarſamens!“ Meine Salben, Pillen, Pflaſter, Mixturen, Eſſige und Oele und namentlich der Haarſamen gingen reißend ab. Auch Winkerle machte mit ſeinen Operationen ein glänzendes Geſchäft, zumal da um jene Zeit gerade mehrere wettfahrende Miſſiſſippidampfboote in die Luft ge⸗ ſprungen waren, was eine Menge Brandwunden, Arm⸗ und Bein⸗ brüche und Verrenkungen aller Art zur Folge hatte. Freilich iſt der Fall niemals vorgekommen, daß, wer ſich ein erſtes Mal von Winkerle operiren ließ, ein zweites Mal zu ihm ſeine Zuflucht genommen hätte. Klagten ſie übrigens über zu große Schmerzen, ſo hatte er immer eine Aus⸗ rede, z. B. ſie bildeten ſich die Schmerzen nur ein, indem ſie die Operation zu ſubjectiv⸗lyriſch auffaßten, oder: das nächſte Mal werde es ſchon beſſer gehen, der Menſch müſſe ſich eben an Alles gewöhnen. Die Projecte fliegen Einem in dieſem Lande an.— Ich erſtand ein Etabliſſement in der Nähe der Stadt, welches früher eine Fabrik geweſen war, und errichtete darin ein„Beuteleum“, eine Art Sanitäts⸗ anſtalt, zu dem von mir in den Blättern angekündigten Zwecke, die Leidenſchaften derjenigen, welche ſich darin aufnehmen ließen, durch Diät, geregeltes Leben und Gebrauch meiner Arzneien zu reinigen und mit einander in Uebereinſtimmung zu bringen. Die Grundlagen waren gewißermaßen communiſtiſcher Art. Jeder Aufzunehmende ſchoß eine gleiche Summe ein, und erhielt dafür die regelmäßige Koſt und Verpflegung. Die Speiſen waren für jeden dieſelben und die Portionen mit größter Genauigkeit bis aufs Quentchen abgewogen und abgemeſſen. Corpulente Leute erhielten gewiſſe Arzneien, welche die Wirkung des Rhabarber hatten, ſo lange, bis ſie zu der normalen Leibesſtärke ab⸗ gemagert waren, und magere Leute wurden mit fetten Subſtanzen ſo lange gefüttert, bis auch ihre Taille das vorſchriftsmäßige Volumen erlangt hatte. Zu demſelben Zwecke wurden in jenen durch künſtlich — e Beutel ver⸗ allein dem ſſches Geld ſchnitt mit natürlichen Oele und erle macht mum jent ie Luft ge und Bein ſt der Fall le operiren e. Klagter eine Aus em ſie d Mal werd gewöhnen 36 erſtan eine Fabti Sanität Zweck/ ßen, dum uu reinig Grundlag ende ſche Koſt un Portio — 223— bereiteten Aerger die mehr aufreibenden Leidenſchaften genährt, während von dieſen jedes Object, das ſie in blut⸗- und fettverzehrende Aufregung bringen konnte, mit zärtlichſter Sorgfalt fern gehalten wurde. Man wird dieſen Gedanken ohne Zweifel ebenſo ſinnreich als praktiſch finden. Alles ging nach der Uhr, Wachen wie Schlafen, Arbeiten wie Sich erholen, Eſſen wie Verdauen, ſelbſt die Strümpfe, Stiefeln, Weſten u. ſ. w. wurden auf militäriſches Commando angezogen. Abends war großer Biercomment in der Brauerei, welche ich dem Etabliſſement hinzugefügt hatte, doch erhielt Jeder nur eine beſtimmte Anzahl Marken, die er abtrank, wollte er über dieſes Maß hinausgehen, ſo bedurfte es einer beſondern Licenz, die jedoch nur gegen eine beſondere Abgabe zu er⸗ langen war. Das Bier wurde ebenfalls auf Commando getrunken. Sprechen durfte nur, wer vorher um das Wort gebeten hatte. Es brauchte auch Niemand zu ſprechen, denn ich ſprach ſelbſt genug. Indeß komme Einer gegen die Schwachheit und Vorurtheile der Menſchen auf! Meine philantropiſchen Abſichten wurden verkannt und verdächtigt, und ehe ich noch meinen großen Zweck, alle Aſſociirten zu einem gleichmäßigen Körpervolumen und einer vollſtändigen Harmonie der Leidenſchaften zurückzubringen, erreicht hatte, ging die ganze Ge⸗ ſellſchaft auseinander. Das ſei ja eine Kaſerne, ein Lazareth, ein Trappiſtenkloſter, ein Alt⸗Weiberſpittel, aber kein Verein freier Männer, ſagten ſie. Die phlegmatiſchen Dickleibigen ärgerten ſich zu wenig und die Magern zu viel, und dieſe zehrten trotz der fetten Nahrung nur immermehr ab. Es trat Einer nach dem Andern aus dem Inſtitut. Aber ich hatte mich für dieſen Fall vorgeſehen und in einem Para⸗ graphen des Statuts beſtimmt, daß der Einſchuß eines Jeden, der vor Ablauf von drei Jahren aus der Anſtalt ſchiede, dem gemeinſamen Capital anheimzufallen habe. Und doch traten ſie ſämmtlich aus, ſo daß ich mich beim Schluß der Anſtalt wider Willen im Beſitze aller eingeſchoſſenen Gelder befand. Man ſage nicht, daß ich darauf ſpecu⸗ lirt hätte! Die Theilnehmer durften ja nur ihre drei Jahre ausharren, und daß ſie dies nicht thaten, war ihre und nicht meine Sache. Aber das Geſchäft war gut und ich konnte mich als einen reichen Mann betrachten; die Capitalien, in deren Beſitz ich mich ſah, waren auf die redlichſte Weiſe und noch dazu mit vielem Aerger und noch 224 größerer Langweile erworben. Ich hatte in dieſer Hinſicht der An⸗ ſtalt ſo viele Opfer gebracht, daß mir dieſe Entſchädigung wohl zu gönnen war. Leider dachte ich immer nur daran, meine Mitmenſchen, nicht mich zu bereichern. Das Geld unter die Leute zu bringen verſtand Keiner ſo gut als ich. Auch war der Umgang mit dem lockern Win⸗ kerle, der für jeden Cent, den er einnahm, ſechs wieder veraus⸗ gabte, meiner Moralität in keiner Hinſicht förderlich. Was er von derjenigen Hälfte, des menſchlichen Geſchlechts verdiente, welche ſich raſiren läßt, verthat er ſechsfach wieder an diejenige, welche aus nahe liegenden Gründen ſich nicht raſiren läßt. Böſes Beiſpiel ſagt man, verdirbt gute Sitten, und ſo verdarb auch der böſe Winkerle den guten Fritz Beutel. So viel, was die Beziehungen zu der unraſirten Hälfte des menſchlichen Geſchlechts betrifft; denn in dieſer Hinſicht bin ich ſehr discret, und die Myſterien von St. Louis zu ſchreiben, fällt mir nicht ein, da ich eine zu hohe Meinung von der Aufgabe des Schrift⸗ ſtellers habe. Ach, die guten Geſchöpfe, mit denen mich Winkerle in ein ferneres oder näheres Verhältniß brachte, liegen vielleicht längſt ſchon im Grabe; warum ſollte ich ihr Gedächtniß und ihren ehrlichen Namen verunglimpfen? Gegen eine ſolche Undankbarkeit ſträubt ſich mein menſchlich empfindendes Herz; dazu gehört eine ſo verdorbene, gemüthloſe und undankbare Seele wie die Leihbibliothekenſeele Eugen Sue's! Das Schlimmſte war, daß die beutelländiſche Küche meinen Gaumen an zu feine Genüſſe gewöhnt hatte, und daß dieſe durch den Thran der Kurxuſen unterdrückten culinariſchen Reminiscenzen jetzt wieder lebhafter als je in mir auftauchten. Beutelland lag im Schooße des Meeres; da war jetzt nichts mehr zu machen. Aber auch ohne Beutelland bietet die Welt bekanntlich noch Genüſſe genug. Ich ſtellte daher an den verſchiedenen Hauptpunkten der Gourmandiſe Agenten an, die mir die ſeltenſten landesüblichen Gaumenerzeugniſſe zukommen laſſen mußten. Ich hatte ſolche Agenten in Berlin für Stinte, in München für Dampfnudeln, die mir telegraphiſch brühwarm zuge⸗ mittelt wurden, in Wien für Schnitzel und gebackene Händl, in Hamburg für hamburger Rauchfleiſch, in Kiel für Sprotten, in Riga für Kaviar, in Frankfurt, Gotha und Braunſchweig für Würſte, in 1 1 hit der An⸗ ng wohl zu , nicht mich ſtand Keiner ſckern Win⸗ der veraus⸗ Was er von welche ſich he aus nahe l ſagt man, le den guten irten Hälfte cht bin ich a, fällt mir des Schrift⸗ Winkerle in leict lingſ nn ehrlichen ſträubt ſich verdorbent, ſeele Eugen lche meinen ſe durc den eenzen jet in Schvoße auch ohne Ic ſtellt ſe Aonnn e zukomme Stinte, i — 225— Straßburg für Gänſeleberpaſteten, in Neapel für Maccaroni, in Ve⸗ nedig für Sardellen, Auſtern und Polenta, in Chioggia für Kalb⸗ fleiſch, in Mailand für Polpette, Vitelle alla Caſſola und Strac⸗ chino, in Peſth für Gulatſchfleiſch und Paprikahändl, dann aber auch in Petersburg, London, Paris, Mexiko, Lima, Kalkutta, Hongkong, Ispahan, Cairo u. ſ. w., die mir die Koſtbarkeiten des Landes um⸗ gehend, durch den elektriſchen Telegraphen(der freilich dazumal noch nicht officiell, ſondern blos zu meinem Handgebrauche thätig war) zuzu⸗ mitteln beauftragt und dafür mit einem anſehnlichen Jahresgehalt beſoldet waren. Für ein indianiſches Vogelneſt oder einen Havelſtint, oder eine bairiſche Dampfnudel 100 oder 200 Dollars zu zahlen, war mir eine Kleinigkeit, und für ein Bischen Schnepfendreck, ſo groß wie eine Meſſerſpitze voll, zahlte ich meine 50 Dollars, mir nichts, dir nichts, und um ſo zu ſagen dem Schnepfendreck auch nichts. In den vorzüglichſten Weinproductionsländern hatte ich ebenfalls meine Agenten, nicht etwa in Naumburg, Meißen oder Grüneberg, aber wohl in Köln und Mainz für die Moſel⸗ und Rheinweine, in Epernay für die Champagnerweine, in Bordeaux für die franzöſiſchen Nothweine, in Oporto für die portugieſiſchen und ſpaniſchen Weine, in Venedig für die Samos⸗ Cypern⸗ und italieniſchen Weine, in der Kapſtadt für die Kapweine. Mit dem fürſtlichen Beſitzer des Johan⸗ nisbergs trat ich dieſerhalb in directe Beziehungen, wie ich wegen des beſten Kaviars bereits mit Neſſelrode in Verbindung getreten war. Die beſte Sorte Falerner beſorgte mir ein römiſcher Kardinal gegen ein angemeſſenes Douceur. Zwar ſchmeckten mir alle dieſe Weine gegen den beutelländiſchen anfangs wie Eſſig, indeß machte ſich auch in dieſem Falle meine alte Erfahrung geltend, daß ſich der Menſch zuletzt in Alles gewöhnt, ſogar an ſich ſelbſt. Ohne dieſe allmälige Gewöh⸗ nung an ſich ſelbſt, würde ſich der Menſch ohne Zweifel unaus⸗ ſtehlich finden. Je mehr Schiffe für mich mit den Köſtlichkeiten aller Länder be⸗ laden in den Neu⸗Yorker Hafen einliefen und je mehr der Telegraph mir bairiſche Dampfnudeln und leipziger Lerchen zuſpielte, deſto mehr nahm mein Baarvorrath ab und zuletzt auch mein Credit. Selbſt Metternich und Neſſelrode wollten nichts mehr pumpen und ich mußte D. B. X. Fritz Beutel, v. Marggraff. 15 — 226— wieder daran denken, irgend Etwas zu entriren, nicht etwa um die Mah⸗ nungen meines Gewiſſens, die bei mir niemals bedeutend waren, ſon⸗ dern die meines Magens zu beſchwichtigen. Mit meinen Medica⸗ menten war in St. Louis ſelbſt nichts mehr anzufangen, weil, ich will nicht behaupten alle Kranken dadurch hergeſtellt waren, ſondern weil das Publikum eingeſehen haben wollte, daß die Pillen aus nichts als aus Maismehl und Waſſer beſtänden, und daß meine Mixturen und Tincturen aus dem gewöhnlichſten Unkraut, z. B. Quecken und Neſſeln, abdeſtillirt ſeien. Die Kahlköpfigen beklagten ſich, daß ihnen trotz des Haarſamens keine Haare nachwachſen wollten, und es half nichts, wenn ich ihnen vorſtellte, daß der Haarſamen auf unfruchtbaren Boden gefallen ſei, daß mithin der Nichterfolg an ihren dicken Köpfen und nicht an dem Samen liege. Ich beſchloß daher mit meinen Medicamenten im Lande herumzu⸗ reiſen und vermochte meinen Freund Winkerle, mir bei der Bereitung eines Vorraths von Arzneimitteln zur Hand zu gehen, indem ich ver⸗ ſprach, zu geeigneter Zeit wieder zurückzukehren und den Gewinn mit ihm zu theilen; denn auch ihm ging es nicht mehr zum beſten, da ſich jetzt alle Barbiere in St. Louis auf die Doppelraſirmethode ver⸗ legt hatten. Es wurden nun ganze Wochen mit der Präparirung von allerlei Medicamenten zugebracht und dieſe in Kiſten verpackt, die ich, als ich ſchließlich St. Louis verließ, wohl zuſammengebunden hinter mir auf dem Rücken des Pferdes aufbauen ließ, ſo hoch wie ich ſelber, ſo daß ich an ihnen zugleich eine ſehr bequeme Lehne hatte. Mehrere mit Pillen gefüllte Säcke hingen an den Seiten des Pferdes herab, und ich brauchte nur hineinzugreifen, um meine Kunden, wenn ſich deren auf der Landſtraße finden ſollten, ſofort damit zu verſehen. Ein mächtiges Plakat mit dem ellenlangen Verzeichniß meiner Medica⸗ mente und ihrer wunderbaren Wirkungen war vorn an der Bruſt des Pferdes angebracht. So ritt ich denn in Gottes Namen aus St. Louis hinaus, meinem guten Stern vertrauend. 2 Ich machte auch in der That ſowohl unterwegs auf den Land⸗ ſtraßen als in den einzelnen Städten und Ortſchaften, wo ich Quar⸗ tier nahm und meine Arzneimittel ankündigte, ſehr gute Geſchäfte. Ich ritt ſo immer in Gedanken fort, daß ich das Umkehren nach St⸗ * die Mah⸗ aren, ſon⸗ Medica⸗ l, ich will dern weil nichts als uren und d Neſſeln, trotz des af nichts, ren Boden öpfen und herumzu⸗ Bereitung n ich ver⸗ twinn mit beſten, da thode bet⸗ irung vonn t, die ich den hinte ich ſelber Mehrir des berah wenn ſch eben. Ein Mediea Bruſt de St. Loui den Len ich Dur Geſbift nach 8 — 227— Louis vergaß, obſchon ich es meinem Freund Winkerle verſprochen hatte. Indeß wer kann für ſeine Vergeßlichkeit? So kam ich, ohne es eigentlich zu wollen und zu beabſichtigen, nach Cincinnati, und hier war mein Vorrath ſchon ſo ziemlich erſchöpft, wiewohl ich mich tüchtig vorgeſehen hatte. Ich dachte bereits daran, mich hier wieder auf die Präparation neuer Medicamente zu legen, um die leeren Spatien in meinen Medieinkäſtchen und Medicinſäcken wieder zu füllen. Indeß ſollte hier mein Schickſal eine ganz unerwartete Wen⸗ dung nehmen, wie der Leſer aus dem folgenden Kapitel erſehen wird. Achtzehntes Kapitel. Im Umgange mit Präſidenten und Staats⸗ beamten von Freiſtaaten befleißige man ſich der größten Einfachheit und mache nicht viel Com⸗ plimente. Knigge's„Umgang mit Menſchen“. Bei der Zuſammenſetzung von Freicorps ſehe man nicht auf körperliche Schönheit, da ſie meiſt doch nur Kanonenfutter ſind. Am beſten iſt es, folche Leute zu wählen, deren Körpervolumen den feindlichen Kugeln keine große Fläche bietet. Clauſewitz. Erſt ſeit wenigen Tagen hatte ich mich in einem deutſchen Hotel einquartirt, als mir der New York Herald mit folgendem mir ſofort in die Augen fallenden Inſerat zur Hand kam: „Herr Fritz Beutel aus Schnipphauſen wird hiermit freundlichſt aufgefordert, ſeinen gegenwärtigen bisher nicht zu ermittelnden Wohn⸗ ſitz dem Präſidenten der Republik anzuzeigen, der ihm eine höchſt er⸗ freuliche Mittheilung zu machen hat. Auch werden alle Bürger der Vereinigten Staaten aufgefordert, was ſie von des beſagten Fritz Beutel gegenwärtigen Verhältniſſen wiſſen ſollten, ſofort dem Präſi⸗ 15* —ÿ—ÿ—x—ꝛ———’— — 228— denten der Republik zur Anzeige zu bringen, weil dies zu wiſſen bei der augenblicklichen Stellung der Union zu Frankreich von äußerſter Wichtigkeit iſt.“ Eben hatte ich die Stirne reibend, um die Gedanken dahinter klar zu machen, das Zeitungsblatt voll Erſtaunen aus der Hand gelegt, als unter meinem Fenſter ein großer Auflauf geſchah. Ich öffnete das Fenſter, ſah hinaus und erblickte in Begleitung zweier Regierungs⸗ beamten einen öffentlichen Ausrufer, der, nachdem er mit der Schelle Ruhe geboten, Folgendes mit ſonorer Stimme ausrief: „Im Namen des Präſidenten der Republik! Wer von den Cin⸗ wohnern hieſiger Stadt etwas Näheres von dem gegenwärtigen Aufent⸗ halt eines Mannes genannt Fritz Beutel aus Schnipphauſen weiß, der habe die Güte, Näheres darüber der Regierung zu Washington mitzutheilen. Für verſäumte Zeit wird eine angemeſſene Entſchädigung zugeſagt.“ Da richtete ich mich, die Arme ausbreitend, mächtig und erhaben am Fenſter auf und rief herab: Meine Herren! Der, den ihr ſucht, ſteht hier vor euch— Fritz Beutel aus Schnipphauſen! Die Menge betrachtete mich verwundert; der Ausrufer blickte mich eine Weile erſtaunt an, und kam dann in Begleitung zweier Beamten der Republik zu mir ins Zimmer. Die Regierungsbeamten geſtanden mir unter den Verſicherungen höchſter Verehrung wie angenehmſter Ueberraſchung, daß ſie zwar in meine Ausſage keinen Zweifel ſetzten, und daß auch mein Ausſehen und meine achtunggebietenden Manieren vollkommen der Vorſtellung entſprächen, die man ſich von mir in Washington gemacht habe; daß ich aber wohl nichts dagegen einzuwenden haben würde, wenn ſie mich erſuchten, was ich etwa an Legitimationspapieren bei mir führe, ihnen vorzu⸗ legen. Dies geſchehe nur der Ordnung wegen, und weil ſo vieles Lumpengeſindel nach Amerika herüber komme. Mit dem Ausdruck der Verachtung blickte ich bei dieſen Worten auf ſie nieder; da ich jedoch einſah, daß ſie als Regierungsbeamte nicht anders hardeln könnten, zeigte ich ihnen meine Papiere, die ich der größern Sicherheit wegen unter dem Bruſtlatz meines Hemdes trug, vor, darunter auch den auf meinen Bruder ausgeſtellten Paß, ſſſen bei äußerſter nter klar gelegt, nete das ierungs⸗ Schelle en Cin⸗ Aufent⸗ en weiß, ethaben or ſucht, cte mich Beamten herungen. zwar in Ausſchen rſtellung Fich aber ſuchten, vorzu⸗ ſo vieles Worten gebeamie „die ich Hemdis mm Ti — 229— mit dem Bemerken, daß ich freilich nach einer längern Reihe von Jahren ganz anders ausſehe, als zu der Zeit, da der Paß ausgeſtellt wurde, was ſie auch als gebildete Männer ſogleich einſahen. Sie ſagten mir nun, daß ſie hiervon durch einen Courier ſofort Mittheilung nach Washington machen würden, und daß ich die Gewo⸗ genheit haben möge, die Stadt nicht eher zu verlaſſen, als bis aus Washington die übrigens bei der Wichtigkeit der Angelegenheit umge⸗ hend zu erwartende Rückantwort eingetroffen ſei. Uebrigens ſolle ich mir nichts abgehen laſſen, da die Hotelrechnung auf Koſten der Re⸗ gierung beſtritten und auch ſonſt Alles gethan werden würde, um mir den Aufenthalt in hieſiger Stadt möglichſt angenehm zu machen. Hierauf empfahlen ſie ſich, nachdem ſie mich noch erſucht hatten, ihrer beim Präſidenten der Republik vorkommenden Falls freundlichſt zu gedenken und ihnen auch ſonſt meine Huld angedeihen zu laſſen. Daß ich mir der mir gewordenen Weiſung gemäß auf Koſten der Republik gehörig gütlich that, brauche ich wohl nicht erſt zu ſagen; indeß da es jetzt ſo viele Zweifler gibt, die vielleicht auch daran zwei⸗ feln möchten, ſo mag dies ausdrücklich bemerkt ſein. Was ein Ein⸗ zelner im Verzehren und Trinken auf Staatskoſten leiſten kann, das habe ich damals bewieſen und der deutſchen Nation Ehre gemacht. Nach einigen Tagen, die mir eine Ewigkeit zu ſein ſchienen, traf das Schreiben des Präſidenten mit dem großen Regierungsſiegel aus Washington ein. Es enthielt, außer einer auf das erſte Handlungs⸗ haus in Cincinnati lautenden Anweiſung im Betrage von 2000 Dol⸗ lars, einen eigenhändigen Brief des Präſidenten, der folgendermaßen lautete: „Dear Sir! Es gereicht mir zur größten Genugthuung, mit einem Manne von Ihren Verdienſten in Verbindung treten und Ihnen ein Aner⸗ bieten machen zu können, das, wenn auch nicht vollkommen, doch, wie ich mir ſchmeichle, einigermaßen Ihren Verdienſten gemäß iſt. Indeß würde hierzu eine perſönliche Beſprechung nöthig ſein und am ſchnellſten zum Ziele führen, weßhalb ich Sie erſuche, falls Sie nichts Größeres vorhaben, zu mir nach Washington herüberzukommen. Es werden Ihnen zu Ihrer Hierherbeförderung Regierungsdampfwagen 230 zur Verfügung geſtellt werden, auch erlaube ich mir, in der Voraus⸗ ſetzung, daß ich Sie dadurch nicht beleidige, eine Anweiſung auf eine Summe von 2000 Dollars mit zu überſenden, womit Sie, wie ich hoffe, Ihre Verzehrungskoſten und ſonſtigen Bedürfniſſe zu beſtreiten im Stande ſein werden. Alles iſt hier zu Ihrer Aufnahme bereit. Sie werden, wenn Sie dies nicht genirt, bei mir wohnen, und ich kann Ihnen ſchließlich nur die Verſicherung geben, daß meine Frau und meine Töchter Ihrer An⸗ kunft mit geſpannteſter Erwartung entgegenſehen und Alles thun werden, um Ihnen den Aufenthalt hierſelbſt nach Kräften angenehm zu machen. I have the honour to be, Sir, Your obedient servant.“ (Hier folgte die Unterſchrift des damaligen Präſidenten, die aber ſo unleſerlich war, daß ich, um nicht etwa einen Irrthum zu begehen, den Namen hier weglaſſe.) Neine Spannung ſtieg begreiflicherweiſe noch nach Durchleſung dieſes Schreibens. Ich beeilte mich demnach, meine Geldgeſchäfte ſo eilig als möglich zu beſorgen und mich hierauf durch einen Extrazug nach Washington befördern zu laſſen. Als ich mich dem Weichbilde dieſer Stadt näherte, war ich nicht wenig überraſcht, mit allen Glocken von den Kirchthürmen der Stadt läuten zu hören, was, wie ich mir mit Recht ſagen durfte, nur meiner Ankunft gelten konnte. Vor der Stadt empfing mich ein Zug weiß⸗ gekleideter Jungfrauen, welche mir auf einem Sammetkiſſen ein Gedicht überreichten und dann im Chor den Yankee⸗Duddle anſtimmten, in den ich ſelbſt mit meiner famoſen Baßſtimme einfſiel, womit ich ſofort Aller Herzen gewann. In der Equipage des Präſidenten fuhr ich nun durch das Thor, über welchem das Sternenbanner wehte, in die Stadt ein, während dieſelben Jungfrauen vor dem Wagen einherſchritten und Blumen auf den Weg ſtreuten. An den Stiegen, die zur Präſidentenwohnung hinaufführten, empfing mich der Präſident, von allen Miniſtern und hohen Beamten der Re⸗ publik umgeben, drückte mir die Hand und pries die Stunde glücklich, die es ihm vergönnte, meine perſönliche Bekanntſchaft zu machen. Voraus⸗ auf eine ,, wie ich beſtreiten venn Sie ßlich nur hrer An⸗ lles thun angenehm ber ſo begehen, Reh urchleſung ſchäfte ſo Ertrazug ich nicht der Stadt ur meiner zug weiß⸗ in Gedicht mten, in ch ſofort ich nun die Stadt dtten und , empfin der N glücklit chen. — 231— Sodann begaben wir uns, der Präſident und ich, in des Präſiden⸗ ten Cabinet, und hier überreichte er mir nach einigen Bemerkungen über mein trotz der anſtrengenden Reiſe vortreffliches Ausſehen, ein an ihn gerichtetes Schreiben des franzöſiſchen Generalgouverneurs von Algerien, Damremont, worin dieſer dem Präſidenten meldete, daß er ſo eben zu einer Expedition gegen Conſtantine Vorbereitungen treffe. Es hieß dann weiter: „Sie werden begreifen, Herr Präſident! daß man zu einem ſolchen Unternehmen viel Kanonenfutter braucht, d. h. Geſindel, mit deſſen Leichen man die Gräben füllt, damit die Sturmcolonnen darüber hin⸗ wegſchreiten können. Ich beabſichtige daher, die Fremdenlegion um ein neues Bataillon zu vermehren. Sie werden mir ohne Zweifel mit Vergnügen geſtatten, hierzu in den Vereinigten Staaten zu werben, da ja genug Geſindel aus Europa nach der Union kommt, welches Sie gern los ſein werden. Nun dient gegenwärtig in der Fremdenlegion ein Eskimo, vom Stamme der Kuruſen, der, wenn ich nicht irre, ſogar ein Prinz iſt. Derſelbe hat mir Wunderdinge berichtet über einen deutſchen Mann Fritz Beutel aus Schnipphauſen, welcher in einem Feldzuge die Gurk⸗ chuſen beſiegte und dabei ein Feldherrntalent entwickelte, das ſeines Gleichen in der Kriegsgeſchichte nicht hat. Dieſer Fritz Beutel wäre mein Mann, und ihm möchte ich die Anwerbung des neu zu errichtenden Bataillons der Fremdenlegion an⸗ vertrauen. Da ich nun zu vermuthen Grund habe, daß beſagter Herr Fritz Beutel ſich gegenwärtig in den Vereinigten Staaten aufhält, ſo würden Sie, Herr Präſident! mir und Frankreich einen unſchätzbaren Dienſt erweiſen, wenn Sie die nöthigen Schritte ergreifen wollten, um ſeinem jetzigen Aufenthaltsort auf die Spur zu kommen. Ich bezweifle nicht, daß beſagter Herr Fritz Beutel gern auf meinen Antrag eingehen wird, da mit der Annahme deſſelben der Rang und Titel eines Oberſten, das Commando über das Bataillon und das Kreuz der Ehrenlegion verbunden ſind, ſich demſelben auch in Algerien ein ausgezeichnetes Terrain zur Entwickelung ſeiner Feldherrntalente darbietet. — 232— Meine Regierung wird ſich Ihnen, Herr Präſident! ohne Zweifel durch das Zugeſtändniß bedeutender Handelsvortheile erkenntlich be⸗ weiſen, mit deren Bewilligung es ſonſt ſehr eklich ausſehen würde.“ So freudig überraſcht ich auch innerlich war, ſtellte ich mich doch möglichſt gleichgiltig, machte mancherlei Einwendungen und äußerte, daß ich die Angelegenheit eigentlich doch in Erwägung ziehen müßte, da mir in dieſem Augenblicke auch von anderer Seite ſehr annehm⸗ bare Anträge Bemacht worden ſeien. Unter andern hätte ich nach Liechtenſtein⸗Vaduz den Ruf als Kriegsminiſter und Generaliſſimus der Liechenſteinſchen Arigee erhalten, welcher Vorſchlag um ſo verlockender erſchiene, da dieſer Paſten ohne Zweifel der friedlichſte und gefahrloſeſte in der Welt ſei. Der Präſident war durch dieſe Mittheilung betreten, geſtand offen, daß, wenn ihm dieſer Antrag gemacht würde, er ſelbſt ſehr in Verlegenheit kommen würde, ob es nicht beſſer ſei, den Poſten eines Präſidenten der Union gegen den Poſten eines Generaliſſimus der Liechtenſteinſchen Streitkräfte zu vertauſchen, bemerkte aber dann, daß die Verbindung, in die mich die Annahme des Damremontſchen Antrags mit Frankreich und den Vereinigten Staaten bringen würde, die weltgeſchichtliche Stellung als Miteroberer von Conſtantine und die Ausſicht auf den franzöſiſchen Marſchallsſtab doch auch ihr Ver⸗ lockendes hätten. I Ich beſann mich eine Weile und ſagte dann: Topp, Herr Präſi⸗ dent! ich erkläre mich bereit, den Antrag des Marſchalls anzunehmen, indeß hauptſächlich aus Rückſicht auf Sie und die Vereinigten Staaten, mit denen auf einem freundſchaftlichen Fuß zu ſtehen mir von hohem Werth iſt. Was an mir liegt, ſoll gewiß geſchehen, um das gute Einvernehmen zwiſchen Frankreich und den Vereinigten Staaten unge⸗ ſtört aufrecht zu erhalten. Ich danke Ihnen, ſagte hierauf erfreut der Präſident, indem er mir herzlich die Hand drückte; Sie haben als mein Freund gehandelt. Ver⸗ gelt's Ihnen Gott! Er theilte mir hierauf aus einem ſpätern Briefe mit, daß im Hafen von Neuyork eine franzöſiſche Fregatte bereit liege, beſtimmt, mich und das von mir anzuwerbende Bataillon aufzunehmen und nach der afrikaniſchen Küſte hinüberzuſchaffen. 2 — 233— Nachdem das Hauptgeſchäft hiermit erledigt war, begaben wir uns zum Diner, vor deſſen Beginn mir der Präſident ſeine Gattin und ſeine ſieben Töchter, die alle wie Orgelpfeifen an einander gereiht ſtanden(ohne jedoch zu pfeifen), vorzuſtellen die Ehre hatte. Die Frau Präſidentin richtete, indem ſie ihre Blicke die Front ihrer Töchter entlang ſtreifen ließ, die Frage an mich: Bieber Fritz Beutel! ſnn Sie verheirathet oder ledig? (Ich merkte, wohinaus ſie mit dieſer Frage wollte, und da ich nicht beabſichtigte, mich von neuem zu binden, antworteterich: Halb und halb, d. h. meine Frau iſt mirsunterwegs verloren gegangen; ich habe jedoch in das Leipziger Tageblatt eine Anzeige ein⸗ rücken laſſen und ſie darin aufgefordert, mir Kunde von ihrem Aufent⸗ haltsort zu geben. Dieſe Anzeige, erwiederte ſie, muß ich, die ich ja früher Ihren Namen nicht kannte, überſehen haben, ſonſt hätte ich eine ſo indiscrete Frage gewiß nicht gethan. Ich war ſehr verwundert und fragte: Halten Sie denn das Leipziger Tageblatt, Madame? Zufällig, war ihre Antwort; mein Mann hat eine Zeitlang in Leipzig ſtudirt und hält aus alter Gewohnheit das dortige Tage⸗ blatt, welches noch immer ſeine Lieblingslectüre iſt, weßhalb ich es auch nicht als Maculatur und zu Wirthſchaftszwecken verkaufen darf. Sie ließ nun von ihrer Aelteſten mehrere frühere Jahrgänge des Tageblatts herbeiholen, in denen wir ſo lange herumſuchten, bis wir auf meine Annonce ſtießen, die ich ſelbſt heute zum erſten Male las. Merkwürdigerweiſe befand ſich in derſelben Nummer gleich darunter folgende Anzeige: „Mein geliebter Mann Fritz, der durch ein grauſames Geſchick von meiner Seite geriſſen wurde, wird von mir, ſeinem tiefbetrübten Weibe, hiermit aufgefordert, mir durch dieſes Organ ſeinen jetzigen Aufenthaltgort anzuzeigen, damit ich in ſeine Arme eilen kann. Beate Regina Cordula Veronika Beutel, geb. Pipermann.“ In der Eile hatte aber das gute Geſchöpf vergeſſen, den eigenen Aufenthaltsort beizufügen, und auch ich hatte dies in der Zerſtreuung — 234— verſäumt. Wir befanden uns alſo Beide auf dem alten Flecke der Ungewißheit. Es iſt recht ſchmerzlich, lieber Herr Beutel! ſagte hierauf die Frau Präſidentin. Sollte jedoch das Schickſal es wollen, daß Sie Ihre Frau nichtz wieder fänden, ſo betrachten Sie dieſes als eine höhere Fügung und denken Sie daran, daß es noch Mütter genug gibt, die mehr Töchter haben, als ſie an den Mann zu bringen vermögen. Ich küßte der Frau Präſidentin hierauf die Hand und bemerkte: Ich danke für dieſen, ich darf ſagen, mütterlichen Troſt. Ich betonte das Wort„mütterliche“ in einer Weiſe, daß ſie die Anſpielung nicht mißverſtehen konnte, und ein dankender Blick ihres Auges traf den meinigen. Nachdem ich einige Tage im Hauſe des Präſidenten recht vergnügt zugebracht, reiste ich von Washington wieder ab, um zuvörderſt in Neuyork mit dem Commandeur der franzöſiſchen Fregatte Rückſprache zu nehmen. Beim Abſchiede bemerkte ich der Frau Präſidentin, daß mir die Trennung ſehr ſchwer falle und daß ich ſie bäte, mich nicht zu vergeſſen, wie auch ich ſie nicht vergeſſen werde, worauf ſie ſagte: Ach, lieber Herr Beutel! Eine Mutter mit ſieben Töchtern hat wohl Urſache an Sie zu denken. Der Präſident aber drückte mir die Hand und ſprach: Vergeſſen Sie die Vereinigten Staaten nicht und nehmen Sie ihr Intereſſe auch jenſeits des Oceans wahr! Schreiben Sie mir wo möglich von der Breſche von Conſtantine. Vielleicht ge⸗ winnen Sie dazu während des Sturmes doch einige Augenblicke Zeit. Es wäre mir dies wegen gewiſſer Speculationen von der äußerſten Wichtigkeit. Ich ſagte ihm dies zu, wir drückten uns die Hände und einige Thränen aus den Augen und ſo ſchieden wir. In Neuyork begann ich, nachdem ich mit dem franzöſiſchen Fregatten⸗ commandeur Rückſprache genommen, ſogleich meine Werbuugen, und da gerade eine große Anzahl Auswandererſchiffe angekommen waren und es in Neuyork von Emigranten wimmelte, die, kaum ans Land geſtiegen, bereits von allen Mitteln entblößt waren und ihre Haut ſelbſt dem Teufel verkauft haben würden, ſo hatte ich in kurzer Zeit mein Bataillon beiſammen, ohne daß ich das Weichbild der Stadt ver⸗ laſſen ganz ich n lige, verhä hung und kann, des ſper Mee entſe wurd gabe eine Uhn ein Bat ſchi — 235— laſſen durfte. Es befand ſich darunter eine ziemlich große Anzahl ganz ſtattlicher martialiſcher Geſtalten, aber noch mehr Krüppel(die ich natürlich wohlfeiler hatte), Einäugige, Säbelbeinige, Lahme, Buck⸗ lige, fürchterlich Wohlbeleibte, wahre Fleiſchberge, und um dies Miß⸗ verhältniß wieder auszugleichen, auch fürchterlich Magere und Ausge⸗ hungerte, wahrhaftige Gerippe. Trinken konnten ſie aber alle gut, und das war die Hauptſache; denn wer einen tüchtigen Hieb nehmen kann, der wird auch im Stande ſein, tüchtige Hiebe auszutheilen. Die Ueberfahrt ging ohne weitere Störungen von ſtatten, nur daß des einen Tages die vielbeſprochene große Waſſerſchlange mit aufge⸗ ſperrtem Rachen gegen uns losgeſchwommen kam. Indem ſie das Meerwaſſer tonnenweiſe in ſich hineinſchlürfte, erregte ſie eine ſolche entſetzliche Stprömung, daß wir gerade in ihren Rachen hinein getrieben wurden und kaum Zeit hatten, die Maſten vorher zu kappen. Wir gaben uns verloren. Aber die Fregatte ſuhr mitten durch ihren wohl eine engliſche Meile langen Leib wie durch einen Tunnel hindurch und hinten wieder heraus. Die famoſe Waſſerſchlange mochte aber doch ein gewiſſes Kitzeln verſpürt haben, denn als das Schiff aus ihrem Bauche wieder heraus war, ſah ſie ſich verwundert nach uns um und ſchüttelte den Kopf. Bei der Ausſchiffung am Quai von Algier wurden wir vom Mar⸗ ſchall Damremont und ſeinem glänzenden Generalſtabe empfangen. Der Marſchall reichte mir die Hand und ſagte: Herr Oberſt! ich heiße Sie im Namen Frankreichs willkommen. Fechten Sie ſo unter unter dem franzöſiſchen Banner, wie Sie unter dem Banner der Kuxuſen gefochten haben, und ich trete Ihnen einen Theil meiner militäriſchen Unſterb⸗ lichkeit mit Vergnügen ab! Stolz erwiederte ich: Ich bedarf nicht einen Theil der Unſterblich⸗ keit, denn ich bin die Unſterblichkeit ſelbſt. Aber verlaſſen Sie ſich darauf, Herr Marſchall! daß ich meine Pflicht thun werde. Nun wurden meine Leute ausgeſchifft. Die erſten Mannſchaften gefielen dem Marſchall ungemein. Das haben Sie gut gemacht, Herr Oberſt! ſagte er. Prächtige Burſche! Hauptkerle! Nun kamen aber die Krüppel, die Fettbäuche und Gerippe. Der Marſchall ſchüttelte mißbilligend das Haupt, ſah mich verwundert an und fragte: Aber, Herr Oberſt! was fangen wir mit dieſem krumm⸗ — 236— gewachſenen Volke, dieſen Schmeerbäuchen und Kirchthurmſpindeln an? Herr Marſchall! ſagte ich, jeder dieſer Leute hat ſeine beſondern Vortheile, die ich zu benutzen wiſſen werde. Welchen Vortheil kann dieſes verwahrloste Säbelbein da haben? fragte der Marſchall. Seine Beine, Herr Marſchall! erwiederte ich, bilden, wie Sie ſehen, ein vollkommen rundes ſcheibengroßes Loch, gerade wie wenn man zwei halbe Reifen an einander ſtellt. Das iſt nicht ſchön fürs Auge, aber ein großer Vortheil für den Soldaten; denn er hat die Ausſicht, daß die Kanonenkugeln durch die von ſeinen Beinen gebildete Oeffnung hindurchfahren, ohne ihn zu verletzen. Ich benutze dieſe Oeffnungen auch als Schießſcharten für die dahinter liegenden Schützen, und habe daher eine ganze Compagnie ſolcher Säbelbeinigen ange⸗ worben. Und dieſer Einäugige, dem das linke Auge fehlt? fragte der Marſchall. Hat auch ſeinen beſondern Vortheil. Andere drücken beim An⸗ legen der Büchſe das linke Ange zu, um mit dem rechten beſſer zu viſiren; das hat dieſer Einäugige nicht nöthig. Bei andern Schützen verläßt ſich zu ſeinem Schaden wohl auch ein Auge auf das andere, was bei dieſem Manne nicht ſtattfindet. Aber dort der Lahme? fragte Damremont. Das iſt erſt der rechte Mann; er muß ſtehen wo er ſteht; denn da ihm ſeine Beine jede raſche Bewegung unmöglich machen, darf er niemals daran denken, die Flucht zu ergreifen. Dort der Bucklige? Vortrefflich auf dem Marſch, um ihm Torniſter und anderes Ge⸗ päck aufzuladen, damit die tüchtigere Mannſchaft beſſer marſchiren kann und nicht ermüdet. Ich habe auch davon eine ganze Compagnie, die mir alle Bagagewagen, welche in der Wüſte nicht einmal immer zu haben ſind, und im Gebirgskrieg ſo manche Maulthiere erſparen wird. Jener Schmeerbauch? Braucht erſtens nicht ſo viel Koſt, weil er im Nothfall von ſei⸗ nem eigenen Fette leben kann; ſodann ſtelle ich dieſe Schmeerbäuche WI — 237— als einen Wall auf, welcher im Gefecht meinen Schützen zur Deckung dient. Zumal in der Wüſte, wo es ſo wenig Buſchwerk gibt, werden dieſe Fleiſchſchanzen vom größten Nutzen ſein. Nun aber jene Hopfenſtangen? Da liegen doch die Vortheile auf der Hand. Ich möchte den Schützen ſehen, der einen ſolchen Bindfaden treffen will! Doch wie geſagt, Herr Marſchall! jeder dieſer Leute iſt für ſich allein genom⸗ men, ein ziemlich unnützer Patron; aber bei der Verwendung im Ganzen füllt er ſeinen Platz aufs zweckmäßigſte aus. Laſſen Sie mich nur machen! Herr Oberſt! ergriff der Marſchall wieder das Wort, ich ſetze ein ſo großes Vertrauen auf Sie, und Sie haben ſchon ſo Außerordent⸗ liches mit Ihrem Syſtem geleiſtet, daß ich mir keine weiteren Bemer⸗ kungen geſtatten will. Frankreich rechnet auf Sie, die franzöſiſche Nation blickt auf Sie, die Kabylen zittern vor Ihrem Namen, die Weltgeſchichte ſtreckt ihren Arm aus, um Sie mit dem Lorbeer ewigen Ruhms zu kränzen; Sie werden daher am Beſten wiſſen, was Sie zu thun haben. Sollte ſich Ihr Syſtem bewähren, ſo würde ich der Erſte ſein, es in der franzöſiſchen Armee einzuführen. Und nun, Herr Oberſt, machen Sie ſich's bequem in Algier! Damit ſprengte er ſammt ſeinem Stabe hinweg. Meine Leute wurden nun in der großen Kaſerne untergebracht, während ich mich nach der Kasbah hinaufbegab, wo ich die Wohnzim⸗ mer des frühern Dey von Algier im prächtigſten orientaliſchen Ge⸗ ſchmack für mich eingerichtet fand. Ueunzehntes Kapitel. So zuſammengewürfelt die Fremdenlegion auch ausſieht, ſo iſt ſie doch eine ganz vortreffliche Truppe. Lachend greiſt ſie den Feind an, lachend ſchlägt ſie ihn aus dem Felde. Beſonders das vom Oberſten Fritz Beutel befehligte Bataillon beſteht aus lauter Teufelskerlen, deren bloßen Anblick der Feind nicht ertragen kann Franzöſiſcher Kriegsbericht. Sie war mein Weib, doch falſch— es gibt nichts Falſcher's— Und corpulent dazu. Oh, dick und falſch— Wo iſt ein Ehemann, der das ertrüge? Altengliſches Schauſpiel. Nachdem ich meine Leute, Jeden nach ſeinen Fähigkeiten eingeübt hatte, erhielten wir Befehl zum Aufbruch. In den Vorbereitungen zur Conſtantiner Expedition war ein unvorhergeſehener Stillſtand ein⸗ getreten, einige Kabylenſtämme hatten ſich empört, und gegen dieſe ſollten wir zuvörderſt verwandt werden, um uns durch den kleinen Krieg für den großen geſchickt zu machen. Der Tag des Ausmarſches kam, Damremont und ſein Stab wohnten ihm zu Pferde bei, und Tauſende von franzöſiſche Soldaten und Ein⸗ gebornen waren am Thore verſammelt, um das merkwürdige Schau⸗ ſpiel mit anzuſehen. Die Spitze des Marſches bildeten meine Auserleſene, lauter ſtäm⸗ mige martialiſch ausſehende Soldaten, welche allgemeine Bewunderung erregten. Hierauf kam die Compagnie der Fettbäuche, hinter dieſer, des Contraſtes wegen, die der Magern, dann die der Einäugigen und Buckligen, und die Compagnieen der Lahmen und Säbelbeinigen hum⸗ pelten in einigem Abſtande hinten nach. Ich kann nicht leugnen, daß jede dieſer Abtheilungen mit einem ſchallenden Gelächter begrüßt wurde, über weg and Sch hyr über das ich mich jedesmal(mit einem Sprunge meines Pferdes) hin⸗ wegſetzte. Auch einige ſehr zweckmäßige Neuerungen fielen auf. Unter andern hatten meine Leute auf meinen Befehl große in Eſſig getauchte Schwämme vor den Mund gebunden, um ihre Lippen und Zungen in der brennenden Wüſte anzufeuchten. Ich ließ nun, um das Gelächter endlich zum Schweigen zu brin⸗ gen, meine Leute folgende von mir gedichtete und componirte Kriegs⸗ hymne anſtimmen: Was geh'n uns die Kabylen an, Uns arme verwachſene Leute? Wir fechten zwar, ſo gut man kann, Doch Andre gewinnen die Beute. Wohl ſchreien ſie: Triumph, Triumph! Die Franzoſen ſo keck und munter; Wir aber kommen nicht auf den Strumpf, Wir kommen vielmehr herunter. Mit doppelter Kreide, die niemals irrt,. Schreibt an der Marketender; Kein Wunder, wenn man da täglich wird Verdrießlicher und elender. Und wenn er zuletzt uns nicht mehr pumpt, Verſetzen wir noch die Hoſen, Und gehen dann grade ſo zerlumpt, Wie weiland die Franzoſen. Der Henker hole den ganzen Spaß! Wir fühlen bei dieſer Hitze, Bei dieſem ganz erbärmlichen Fraß: Wir ſind auf der Welt nichts nütze. O, wären wir daheime doch, Wir ſchlechtes Kanonenfutter, Und ſäßen vor dem Ofenloch, Und brieten uns Speck auf Butter! Die Franzoſen hörten nur die Worte:„Kabylen“,„Triumph“ und „Franzoſen“ heraus, und meinten, es würde in dem Liede der„Triumph“ — 240— der„Franzoſen“ über die„Kabylen“ gefeiert. Dieſe vermeintliche Huldigung rührte und entzückte ſie und mit der ihnen eigenen Leb⸗ haftigkeit die Stimmung raſch wechſelnd, überließen ſie ſich den enthuſiaſtiſchſten Freudenbezeugungen, klatſchten in die Hände und rie⸗ fen Bravo und Da Capoz denn meine Leute ſangen ſehr ſchön, zumal da ihre etwas barſche Stimmen durch die vorgebundenen Schwämme gemildert und gedämpft wurden. Der Marſch durch die algeriſche ſonnenverbrannte Fläche ging nun freilich etwas langſam von ſtatten und mehrmals ſandte der gegen die Kabylen befehligende General Adjutanten an mich mit dem Auf⸗ trage, den Marſch zu beſchleunigen. Ich erwiederte dann:„Immer nur ſachte, wie wir Deutſche ſagen!“ oder„Eile mit Weile!“ zuweilen auch umgekehrt„Weile mit Eile!“ was ja etwa daſſelbe iſt. Kurz, ich ließ mich nicht aus meiner Contenance bringen, und der franzöſiſche General, der auf dieſe Verſtärkung wartete, war genöthigt, ſeine Ope⸗ rationen einzuſtellen und ſich auf die Defenſive zu beſchränken. Endlich erreichten wir das franzöſiſche Lager am Fuße des Atlas, und ich ließ, den General mit meinem Degen ſalutirend, meine Leute bei dem franzöſiſchen Befehlshaber im Paradeſchritt vorbeidefiliren. Der General drehte mehrmals ſeinen Schnauzbart, ſchüttelte den Kopf und richtete ſodann die Frage an mich: Und vor dieſen Leuten, Herr Oberſt, meinen Sie, würden die Kabylen Reißaus nehmen? Gewiß werden ſie vor dieſen Leuten Reiß ausnehmen— aus ihren Schüſſeln, erwiederte ich. 4 Dieſes Wortſpiel gefiel dem General, der ein Elſaſſer war und mich deutſch angeredet hatte, ungeheuer, und er bemerkte: Nun, wenn Sie auch kein großer General ſein ſollten, ſo ſind Sie doch ein witziger Kopf. Schade nur, daß man mit Wortſpielen nicht den Feind vertreibt.— Aber die Grillen, die uns oft ärger zuſetzen als die Ka⸗ bylen, erwiederte ich. Der General lachte und wir waren ſofort die beſten Freunde. Gleich nächſten Tages hatte ich Gelegenheit, die Tüchtigkeit meiner Truppe ins glänzendſte Licht zu ſtellen, was keine Hyperbel iſt, denn das Licht der algeriſchen Sonne iſt ſehr glänzend, und was man an dieſes Licht ſtellt, glänzt natürlich auch.— — 241— Die Kabylen machten uns einen Morgenbeſuch und nahmen ſich wie ſie auf ihren ſchlanken Berberroſſen gegen uns losſprengten, in ihren weißen hinten weit nachflatternden Mänteln höchſt maleriſch aus. Mein Bataillon ſtand in erſter Linie: die Säbelbeinigen als Schieß⸗ ſcharten voran; dann die Lahmen, die durch die Beine der Erſtern hindurch ſchießen ſollten;z dann die Buckligen, deren Buckel den da⸗ hintenſtehenden Magern dienten, um ihre Flinten darauf zu legen und ſicherer zu zielen; dann die Einäugigen und Fetten als Fleiſchſchanze für meine Elitetruppen. Als die Kabylen meine Krüppel vor ſich erblickten, brachen ſie, die ernſten Leute, in ein ſchallendes Gelächter aus, und wußten nicht, ob ſie angreifen ſollten oder nicht. Sie ſtutzten, ſprengten von neuem an, ſtutzten wieder, lachten von neuem und immer ſtärker je näher ſie kamen, endlich als ſie uns ganz nahe waren, ſo ſtark, daß es ihnen unmöglich war, mit ihren Säbeln auf uns loszuhacken, Jetzt be⸗ gannen auch meine Leute unwillkürlich in ein lautes ſchallendes Gelächter auszubrechen, welches zuletzt beide feindlichen Armeen ſo anſteckte, daß an ein Gefecht gar nicht mehr zu denken war. Viele Kabylen fielen vor Lachen aus ihren Sätteln und lachten noch immer, als ſie ſchon im Sande lagen. Endlich, den rechten Augenblick wahr⸗ nehmend und die Blöße, die der Feind gegeben hatte, benützend, rief ich: Wer zuletzt lacht, lacht am beſten! und nun lachte ich, der ich bis dahin ganz ernſt geblieben war, ſo erſchütternd, daß die Kabylen, Alles verloren gebend, aber immer wie toll lachend, die Flucht er⸗ griffen und den Bergen zuſprengten, um ſich hier von ihrem Lachen wieder zu ſammeln. Die Schlacht war gewonnen, und wir erbeuteten ſehr viele Waffen und Fahnen, welche die Kabylen vor Lachen ver⸗ loren hatten. Der General lobte mich nach der Schlacht höchlich, riß ſich das eigene Kreuz der Ehrenlegion von der Bruſt und heftete es an meine Uniform, indem er bemerkte: Sie haben das Außerordentlichſte geleiſtet, lieber Herr Oberſt! Nur meine Schuldigkeit! erwiederte ich. Damit war die Sache abgemacht und es wurde nicht weiter davon geſprochen. D. B. X. Fritz Beutel, von Marggraff. 16 — 242— Wir trieben nun die Kabylen von Poſition zu Poſition bis ins tieſſte Gebirge, denn jedesmal, wenn ſie meine Säbelbeinigen und dahinter die Lahmen und Buckligen wahrnahmen, wurden ſie von jenem krampfhaften Lachen ergriffen, wodurch ſie ihre erſte Schlacht verloren hatten. Endlich aber wandten ſie die Kriegsliſt an, daß ſie, um meine Krüppel nicht zu ſehen, rückwärts gegen uns anſprengten und auch rückwärts ihre Flinten gegen uns abfeuerten, wobei wir begreif⸗ licherweiſe immer im Vortheile waren. Indeß tödteten ſie uns doch manchen braven Mann, und zuletzt empörten ſich einige Compagnien meines Bataillons, weil ſie behaupteten, daß ich ſie ausdrücklich als „Kanonenfutter“ angeworben habe; nun hätten aber die Kabylen gar keine Kanonen, und ſomit ſei die Stipulation verletzt. Sie ruhten auch nicht eher, bis ſie einen neuen Werbelohn erhalten hatten und in den neuen Contract ausdrücklich die Clauſel eingeſchoben war, daß ſie auch als„Flintenfutter“ angeworben ſeien. Ein neuer Beweis dafür, wie ſehr der Deutſche auf den Buchſtaben hält! Der Feldzug war übrigens ſo gut wie gewonnen, weshalb wir nun ein verſchanztes Lager jenſeits des Atlas bezogen. Das Leben würde uns hier ſehr langweilig geworden ſein, wenn nicht die Löwen⸗ jagd uns ſehr vielen Spaß gemacht hätte, wobei ich geſtehen muß, daß ich es lieber mit einem afrikaniſchen Löwen als mit einem deut⸗ ſchen Haſen zu thun habe. Hier nur ein Beiſpiel von einem mär⸗ kiſchen Haſen, das ich in meiner Kindheit erlebte. Mit der Büchſe des Oberförſters bewaffnet, hatte ich als achtjähriger Knabe— und was ich als achtjähriger Knabe ſchon zu bedeuten hatte, weiß die Welt— einen ſchnipphauſen'ſchen Haſen verfolgt und bis aufs äußerſte gebracht, als dieſer plötzlich, in Wuth geſetzt, Kehrt machte, mir nichts dir nichts meinen Jagdhund aus dem Felde und zuletzt ſogar aus ſeinem Pelze herausbiß, mir mit großer Gewalt zwiſchen die Beine ſprang und mich in den Sand ſtreckte. Als ich mich, den Sand(und zwar märkiſchen!) aus meinen Augen reibend, verblüfft emporraffte, ſaß der Haſe vor mir und machte mir Männchen, um mich, wie ich ganz deutlich wahrnahm, zu verſpotten und auszuhöhnen. Solche mephiſtopheliſche Bosheit habe ich niemals bei einem afrikaniſchen Löwen erlebt. N— 243— Um einen Löwen zu tödten, hatte ich eine ſehr leichte Jagdmethode erfunden. Man denke ſich einen ungeheuren hungrigen Löwen, der im Gebüſch auf Beute lauert. Es iſt Nacht, aber die Augen des Unthiers funkeln wie zwei Gaslaternen und der Sand der Wüſte gibt das Sonnenlicht, das er am Tage eingeſogen hat, ſo ohne allen Ab⸗ zug wieder, daß es rings um den Löwen hell iſt wie am lichten Tage. Ich nähere mich dem Thiere, es wird unruhig, denn es wittert Menſchen⸗ fleiſch, und namentlich auf die Deutſchen iſt der Löwe außerordentlich erpicht, weil ihr Fleiſch in Folge der vielen äſthetiſchen Lectüre außer⸗ ordentlich fein, zart und ſchmackhaft ſein ſoll. Es gibt Löwen, die ſehr genau zu unterſcheiden wiſſen, wer bei dieſem oder jenem Pro⸗ feſſor Aeſthetik gehört hat, dieſen oder jenen Lyriker am liebſten liest; nur das Fleiſch der Tendenzpoeten ſoll er als etwas ranzig verſchmähen, und mit dem vorgehaltenen Stück Fleiſch eines Recenſenten, namentlich Theater⸗Recenſenten ſoll man ihn ſogar auf hundert Schritte Wegs vertreiben können. Die Kabylen wünſchen ſich daher Glück dazu, wenn es ihnen gelingt, eines deutſchen Recenſenten habhaft zu werden. Sie zerreißen ihn ſofort in Stücke, vertheilen dieſe untereinander und jeder heftet ſein Stück Recenſentenfleiſch an die Thüre ſeiner Wohnung und zwar für diejenigen Löwen, welche durch irgend einen Umſtand um ihre Witterung gekommen ſein ſollten, mit der Unterſchrift:„Das iſt ein Stück deutſches Recenſentenfleiſch!“ Wenn der Löwe dieſe Schreckens⸗ worte erblickt, ſo nimmt er gewiß den Schwanz zwiſchen die Beine, läuft davon und läßt ſich niemals wieder in dieſer Gegend blicken. Ich erwähne dieſes zur Warnung für alle dieſes Buch herunterreißenden Recenſenten, welche etwa Neigung haben ſollten, nach Afrika zu reiſen. Es würde ihnen dort ſehr übel mitgeſpielt werden. Doch ich kehre zu meinem Löwen zurück. Je mehr ich mich ihm nähere, deſto lauter brüllt er, grimmiger als irgend ein deutſcher Heldenſpieler oder ein deutſches Ständekammermitglied; er ſchlägt mit dem Schweife um ſich, er blinzelt mit den Augen und rüſtet ſich zum Sprunge. Jetzt iſt der Moment daz die Beſtie macht einen furcht⸗ baren Satz— lang wie ein Satz im Buche eines deutſchen Gelehrten, aber vielleicht doch nicht ſo lang— gerade auf mich zu. In dem Augenblick werfe ich mich auf den Rücken, paſſe den Moment ab, wo 16* — 244— das Thier, im Sprunge begriffen, über mir ſchwebt und jage ihm eine Kugel durch den Leib. Der Löwe iſt einmal im Schuß, ſetzt ſeinen Sprung fort, und fällt etwa zwanzig Schritte von mir mauſetodt nieder, obwohl ich weiß, daß„mauſetodt“ eigentlich eine Beleidigung für einen Löwen iſt, weshalb ich hiermit alle wirklich gebildeten Löwen Afrika's um Verzeihung bitte. Dies Verfahren trügt nie; ich habe auf dieſe Weiſe wohl hundert der ſtärkſten Löwen getödtet, und jedesmal ging die Kugel gerade in der Mitte des Leibes durch, unten hinein, oben wieder heraus. Ja, ich habe auf dieſe Weiſe einmal drei Löwen, welche zufällig über ein⸗ ander wegſprangen, mit einer und derſelben Kugel getödtet; und die Aeſer lagen auch richtig todt da, eins über dem andern, wie abgepaßt. Man hätte ſie, durch die von der Kugel verurſachten Löcher mit einem Stock hindurchſtoßend, aneinander reihen können wie Leipziger Lerchen. Die Löwen ſind aber bei aller ihrer Dummheit doch ſehr kluge Thiere, und da ſie merken, daß den Jägern in der Nacht beſonders ihre funkelnden Augen zu Zielpunkten dienen, ſo haben ſie ſich in der letzten Zeit angewöhnt, ihre Augen zuzukneipen oder immer nur nach hinten zu ſehen. Im Uebrigen ſind die Löwen in der Atlasregion ſehr zähmbarer Natur und gehören recht eigentlich zu den Hausthieren; nur iſt es nöthig ſie ſehr frühzeitig, ehe ſie noch die Süßigkeiten eines aben⸗ teuerlichen Lebens in der Wüſte gekoſtet haben, und wo möglich von der Mutterbruſt, um ſo zu ſagen, wegzufangen. Viele kabyliſche Damen halten ſie als Schooßhunde, und es iſt daher keine Lüge oder Ueber⸗ treibung, wenn Caligula im„Fechter von Ravenna“ von ſeinen„hyr⸗ kaniſchen Schooßhündchen“ ſpricht. Man fängt die kleinen Löwen⸗ ſäuglinge ein, ſchnürt ſie in Windeln, dingt für ſie eine möglichſt pflegmatiſche nordeuropäiſche Amme, die ſie ſäugen muß, füttert ſie mit Bonbons und Liqueurs, engagirt für ſie einen deutſchen Haus⸗ lehrer, der die Geſchicklichkeit beſitzt, ihren aufſtrebenden Geiſt und ſo⸗ mit auch ihr körperliches Wachsthum zu unterdrücken, kurz gibt ihnen eine ganz ſtandesgemäße Verwahrloſung, und das Löwchen wird und bleibt ewig nur ein Miniaturlöwe, eine Lurus⸗ und Taſchenausgabe von einer Beſtie, welche alle löblichen und unlöblichen Eigenſchaften — 245— eines in vornehmer Familie erzogenen Möpschens entwickelt. Ich habe in einigen kabyliſchen Adelsfamilien mehrere deutſche Löwenerzieher kennen gelernt. Sie waren ſehr gelehrte, wenn auch für mich nicht ſehr amüſante Leute, die Abends beim Thee die Honneurs machten und mir die verwickelte Lehre von den griechiſchen Partikeln beizubringen ſuchten. Mehrere derſelben waren in der That ſo zu einer griechiſchen Partikel eingeſchrumpft, daß ſie der ſelige Philipp Buttmann ganz dreiſt in ſeine griechiſche Grammatik hätte aufnehmen können. Auch entdeckte ich einen unter ihnen, der zum Circumflex geworden war und einen ſehr eigenthümlichen Anblick gewährte. Eine Epiſode muß ich hier noch erwähnen, die den Leſer ohne Zweifel ſehr überraſchen wird, mich aber, der ich auf Alles gefaßt bin, nicht im Geringſten überraſchte. Eines Tages begab ich mich in ein kabyliſches Wirthshaus, welches ſich in einiger Entfernung vom Lager befand und von den Soldaten der Fremdenlegion ſtark frequentirt wurde. Ich muß bemerken, daß der Wein am Südabhange des Atlas zwar nicht den würzhaften Geſchmack des Beutelländiſchen hat, aber von ungeheurer Stärke iſt. Wer eine Flaſche dieſes Atlasweines getrunken hat, vermeide es ja, ſich auf einen Wagen zu ſetzen, denn er würde bei der Kraft des Weines offenbar Gefahr laufen, mit dem Wagen umgeworfen zu werden, da der Geiſt des Weines von dem Fahrenden auf das Geſpann überzu⸗ gehen pflegt. Ich habe mit eigenen Augen geſehen, wie ein ganzes Cavallerieregiment in den Sand geſetzt wurde, weil ein Feldwebel des Regiments zufällig ein Glas zu viel zu ſich genommen hatte. Vor⸗ ſichtige Trinker pflegen daher an dem Weine, der zum Theil aus Aether beſteht, nur zu riechen, was ſeine Wirkung bedeutend ſchwächt; ein guter deutſcher Trinker iſt im Stande, eine Flaſche des Atlasweins etwa im Laufe einer Stunde auszuriechen. Man ſagt daher auch bei Zech⸗ gelagen dort nicht:„ich trinke dir“, ſondern„ich rieche dir ein Glas vor.“ Auch von der Art des Bezahlens möchte ich gleich hier etwas Nä⸗ heres ſagen. Herr Wirth! eine Flaſche Wein! ruft man. Der Wirth bringt das Verlangte. Man fragt nach der Bezahlung. Viertehalb Francs oder viertehalb Menſchenköpfe! lautet die Antwort. Man greift in den Sack, den man zu dem Ende ſtets bei ſich führt, läßt — 246— vier Beduinenköpfe auf den Tiſch rollen und bekommt darauf einen halben Menſchenkopf wieder heraus. Dies iſt die gewöhnliche Art der Bezahlung in dieſer Gegend. Die Beduinenköpſe ſind ſo wohlfeil und ſtehen ſo niedrig im Preiſe, daß jeder nur einen Franc gilt. War meine Börſe, d. h. mein Sack, der freilich die Länge und den Umfang eines Mehlſacks hatte, leer, ſo ritt ich hinaus in die Wüſte, fing mir ein halbes Dutzend Beduinen ein, knüpfte drei davon rechts, drei links an die Spitze meines Knebelbarts und ritt mit ihnen gemüthlich durch die Wüſte in das Lager wieder zurück. Hier lieferte ich meine Gefangenen in die ſogenannte Feldmünze, nämlich in die Anſtalt, wo ſie vorſchriftsmäßig zu Gelde gemacht, d. h. ihnen die Köpfe abgelöst und dieſen am Vorderkopfe das Bildniß des Königs der Franzoſen und am Hinterkopfe das Wappen Frank⸗ reichs eingebrannt wurden. Die Stempelgebühren koſteten nichts. Alſo ich gehe in das Wirthshaus, laſſe mich in eine der Oleander⸗ lauben nieder, welche den Hofraum von drei Seiten einfaßten, und rufe nach dem Wirth. Der Wirth kommt nicht. In der Laube nebenan höre ich ein lebhaftes Geplauder, einen Wechſelaustauſch zwiſchen einer weiblichen und einer männlichen Stimme, die mir beide bekannt zu ſein ſchienen; doch da das Geſpräch ziemlich gedämpft geführt wurde, war ich nicht im Stande, einzelne Worte zu verſtehen. Nachdem der Wirth auf mehrmaliges Rufen nicht erſchienen war, ſchlug ich mit dem Säbel auf den Tiſch und fluchte ein ſoldatiſches Donnerwetter über das andere. e Das half. Der Wirth, ein langer hagerer Beduine, ſtürzte fuchs⸗ wild aus dem Hauſe herbei und rief in gebrochenem Deutſch, das er ohne Zweifel von den in der Fremdenlegion dienenden Deutſchen und den Elſaſſern gelernt! hatte: Wo iſt denn der Sakermenter, die Beate?— Sie muß mir gleich morgen aus dem Hauſe— der deutſche Racker! Oh, noch heute gleich auf der Stelle, Herr Wirth! rief ein in dieſem Augenblicke aus der Nebenlaube hervortretendes Frauenzimmer mit ſchnippiſcher Stimme. Ich horchte hoch auf, ich blickte der Kell⸗ nerin ins Geſicht und erkannte— die Leſer werden ſchon ahnen wen— meine Ex⸗Gattin Beate. Einem Andern wäre der Verſtand in dieſem Augenblicke ſtill geſtanden oder davon gelaufen, mir aber lief er d enan einer 1 ſein war Lirth bäͤbel ndere. fuchs⸗ und gleich ein in mmer Kell⸗ den— dieſem jef er — 247— weder davon noch ſtand er mir ſtill; ich erwartete mit himmliſcher Ruhe, was nun weiter kommen würde. Ja, und daß Sie's nur wiſſen, Herr Wirth! fuhr Beate fort; ich heirathe den Prinzen Knitſchogarsk, Sergeanten im erſten Bataillon der Fremdenlegion, den Sie kennen und der bei Ihnen ſo manches Schöppchen vertilgt vat. Wir haben uns eben verlobt. Und wenn Sie mich einen Sakermenter und deutſchen Racker ſchimpfen wollen, Sie langer unabſehbarer Kabyle, ſo wird Ihnen mein Bräutigam zeigen, was es heißt, die Verlobte eines Prinzen und franzöſiſchen Sergeanten zu beſchimpfen. Ich war ſchon einmal Kaiſerin, daß Sie's wiſſen, und werde nun Königin der Tſchugatſchen werden und in einem Schloſſe wohnen, gegen das Ihre Tabagie eine bloße Hunde⸗ hütte iſt; ich werde von goldenen Schüſſeln eſſen, und von Pagen bedient werden, und ein Schleppkleid von Gros de Naples tragen und in einem Gallawagen mit Vieren fahren. Der Schwindler! dachte ich im Stillen— mit Vieren? vielleicht mit vier Seehunden! Der kleine ſtämmige Prinz der Tſchugatſchen, Knitſchogarsk, mit dem breiten plattgedrückten Geſicht erſchien nun auch, drehte ſich den Schnurrbart, ſchlug an ſeinen Säbel und rief: So iſt's! dieſe Jungfer iſt meine Braut und wird mit mir den Thron meiner Väter beſteigen! Ei du Schwindler! dachte ich wieder— was für ein Thron wird das ſein? etwa ein Kehrigthaufen mit einem Seehundsfell darauf. Ich glaubte nun den Zeitpunkt gekommen, wo auch ich eine Rolle in dieſer Komödie ſpielen könne, trat meinerſeits vor, ſtellte mich vor Beata hin und rief: Beata Regina Cordula Veronica Pipermann! Verworfenes Exem⸗ plar von einer Erbſchulzentochter! Kennſt du mich noch, Treuloſe? Sinke in Ohnmacht, ſo tief es ſein kann— Ehrvergeſſene, die du nicht werth biſt, eine Schnipphauſerin zu heißen! Sie fuhr vor mir wie vor einem Geſpenſte zurück, ſank wirklich in Ohnmacht, wie ſich dies in ſolchen Augenblicken von ſelbſt verſteht, und wurde von den Armen ihres Verlobten aufgefangen, wie ſich dies auch von ſelbſt verſteht. — 248— Prinz Knitſchogarsk ſchleppte nun mit Hilfe des Wirths ſeine ich will nicht ſagen ſüße, jedenfalls aber ſchwer ins Gewicht fallende Laſt ins Gaſtzimmer, um die Ohnmächtige mit Eſſenzen ins Leben zurück zu rufen; doch rief er mir noch im Weggehen die Worte zu: Wir werden uns meſſen, mein Herr! Ich kenne Sie! Sie ſind mir noch Genugthuung ſchuldig, von dazumal! Morgen früh ſechs Uhr am Palmenwäldchen! Ohne Zeugen! Ich werde zur Stelle ſein, antwortete ich, ſetzte mich in meine Laube, und roch einige Flaſchen Atlasweins erſter Qualität aus, worauf ich mich ſehr vergnügt im Zickzack nach dem Lager zurückbewegte. Folgenden Morgens war ich zur beſtimmten Stunde am Palmen⸗ wäldchen und fand bereits meinen Gegner zur Stelle. Er hatte Degen, krumme Säbel und Piſtolen mit und überließ mir die Wahl der Waffen. Ich aber ſagte: Durchlauchtiger Prinz! Sie haben mich geſtern aufgefordert, mich mit Ihnen zu meſſen. Ich habe daher Ihren Worten entſprechend— ich zog dabei unter meinem Rocke eine Elle hervor— ein Werkzeug mitgebracht, um Sie zu meſſen, es Ihnen anheimgebend, auch mich wieder zu meſſen. Kaum geſagt, ergriff ich die Elle und fing an den kurzdicken Knirps gehörig mit ihr zu bearbeiten. Er ſchrie gewaltig, aber ich antwortete: Prinz! Ihr durchlauchtiger Rücken iſt ſo breit, daß es mir Mühe koſtet, ihn auszumeſſen. Warten Sie nur noch einen Augenblick! Damit maß ich ihn weiter. Ich weiß nicht, wie lange ich noch ſeinen Rücken nach allen Rich⸗ tungen ausgemeſſen haben würde, wenn nicht in dieſem Augenblick meine frühere Gattin Beate, jetzige Verlobte des Prinzen Knitſcho⸗ garsk, aus dem Dickigt des Palmenwäldchens herbeigeeilt und mir in die Arme gefallen wäre. Als ritterlicher Charakter, der ich immer war, ſenkte ich vor ihr meine Waffe und überreichte ſie ihr mit den Worten: Madame, ich bin Ihr Gefangener! Sie entriß mir das Inſtrument und rief freudig: Ach eine Elle, die kann ich jetzt gerade brauchen, da ich eben ein neues Kleid aus⸗ zumeſſen habe. Danke ſchönſtens, lieber Fritz! — 249— Mich rührte die ſchöne Naivetät, die ſich in dieſen Worten aus⸗ ſprach, und ich ſagte: Liebe Beate! Die Elle iſt ſehr gut und es läßt ſich mit ihr vortrefflich meſſen, wie ich eben geſehen habe. Der Rücken des Prinzen Knitſchogarsk wird genau eine halbe Elle lang und dreiviertel Ellen breit ſein. Du wirſt vielleicht ſpäter in den Fall kommen, mir nachzumeſſen und du wirſt dieſe Angabe beſtätigt finden. Prinz Knitſchogarsk rieb ſich den Rücken. Ich aber ergriff Beider Hände, legte ſie in einander und ſagte: Mein Prinz! Ich habe Ihren Rücken ſoweit ausgemeſſen, daß ich weiß und ſagen kann, er iſt breit genug, um das Chejoch, ſo breit es auch ſein mag, auf ſich zu nehmen. Laßt uns nun gute Freunde ſein! Ich ſcheide mich hiermit von meiner Frau kraft der Conſtitutionsurkunde von Beutelland Artikel 4, wonach ich als geiſtliches Oberhaupt die Gewalt über alle Gewiſſen, mithin auch über die Ehebündniſſe und Eheſcheidungen habe, und trete ſomit meine Frau mit allen Rechten und Unrechten an Sie, durchlauchtiger Prinz, ab, nur noch den Wunſch hinzufügend, daß, falls es Ihrer künftigen Gattin in den Sinn kommen ſollte, Ihren Rücken zu meſſen, ſie ihn wenigſtens nach der kurzen und nicht wie ich nach der langen meſſen wolle. Außerdem wünſche ich noch, daß Ihr väterlicher Thron nicht unter dieſer Laſt(indem ich auf Beate wies) zuſammenbrechen möge! Ich muß nämlich bemerken, daß ſich Beatens immer etwas ſtäm⸗ miger Körper nach allen Richtungen der Windroſe hin ausgedehnt hatte, und daß dies eine Urſache war, weßhalb es mir nicht ſchwer fiel, auf ihren Beſitz Verzicht zu leiſten, da dieſer Beſitz gerade nicht zu den liegenden Gründen gehörte, von denen ich Gebrauch zu machen wünſchte. Beate erhob zwar, nachdem ſie mich mit ihrem Prinz Knirps ver⸗ glichen haben mochte, einige Einwendungen: die Sache habe ja keine ſo große Eile gehabt, ſie ſei ja noch zu überlegen geweſen, ihr ſchneller Entſchluß ſei nur durch das Auftreten des Kabylenwirths herbeigeführt worden und kein unwiderruflicher u. ſ. w. Indeß blieb ich dabei, daß ſie durchaus Tſchugatſchenkönigin werden müſſe, und malte ihr die dortigen Seehunds⸗ und Thranzuſtände in einem ſo verführeriſchen — 250— Lichte aus, daß ſie ſich zuletzt fügte, mich dabei mit ſehr zärtlichen und ſchmachtenden Blicken anſehend. Auch den Prinzen Knitſchogarsk hatte ich für mich gewonnen, theils durch das ſeinen vaterländiſchen Zuſtänden geſpendete Lob, theils durch die gefühlvolle Ausmeſſung mit der Elle, die mir ſeine ganze Achtung erworben hatte. Ich machte nun, nachdem Alles in Ordnung und Richtigkeit ge⸗ bracht war, den Vorſchlag, mitſammen in die Kabylentabagie zu gehen und einige Flaſchen Atlasweins auszuriechen, was denn auch geſchah. Hierbei theilten wir uns unſere gegenſeitigen Lebensereigniſſe mit. Beate wollte nicht recht mit der Sprache heraus, und ich wünſchte mir Glück, kein bindendes Verhältniß mehr zu dieſer merkwürdigen Perſon zu haben, die von einer Kaiſerin zu einer Kellnerin herabge⸗ ſunken war; denn Einiges, was ſie andeutete, ſchien ſich mir nicht ganz mit meinen hohen Begriffen von ſittlicher Lebensordnung zu vertragen. Als ich ſie nach unſerm beiderſeitigen Töchterchen Guitarria Cichoria Cigarretta fragte, antwortete ſie mir mit einer gewiſſen Gleich⸗ giltigkeit: Auf dem Schiff, mit dem ſie nach Afrika gekommen, habe ſich eines Tages ein fliegender Fiſch niedergelaſſen; die kleine Gui⸗ tarria Cichoria Cigarretta habe gerade auf dem Verdeck geſpielt, ſie habe ſich im Spiel auf den Rücken des Fiſches niedergelaſſen und ſei von dieſem über das Meer fortgeführt worden, ſie wiſſe nicht wohin. Nicht minder zurückhaltend war Prinz Knitſchogarsk, doch ging mir aus ſeinen Mittheilungen ſo viel hervor, daß die Tſchugatſchen auf Preßfreiheit und Conſtitution Anſprüche gemacht hätten, die er mit ſeiner Autorität nicht verträglich gefunden habe; ſie hätten ſogar verlangt, daß er ſeine Hofſeehunde entlaſſen ſolle; ſie hätten ge⸗ fordert, daß er über die Verwendung ſeines Seehundsthrans jährlich Rechnung abzulegen habe; und auf ſeine Weigerung, und weil er ſei⸗ nen Miniſter des Auswärtigen nicht entlaſſen gewollt, ſei ein allge⸗ meiner Aufruhr entſtanden, dem er ausgewichen ſei. Die Tſchugatſchen hätten hierauf, unter geheimer Mitwirkung der Gurkchuſen, die Re⸗ publik proclamirt und mitten im Lande eine allgemeine Staatsguillo⸗ tine errichtet; aber man ſei jetzt, wie er durch den franzöſiſchen Mi⸗ niſter des Auswärtigen erfahren, der Republik überdrüßig; eine Contrerevolution bereite ſich vor und mit ihrer Hilfe wie mit Unter⸗ ſtützu Väte Seite wozul zeſſin Tſch des aufz cher Grn das Prin Fre Bec wa ſch ren ger an He ein ſol leich nen rtlichen ogarsk diſchen ig mit it ge⸗ gehen ſſchah. mit. ünſchte digen ralge⸗ nicht g zu tarrig JNlich⸗ „habe Gui⸗ lt, ſie nd ſei wohin. ging aiſchen die er ſogar — 251— ſtützung der Kuxuſen hoffe er nun, ſich wieder auf den Thron ſeiner Väter zu ſchwingen— wogegen ich nur bemerkte, daß dies an der Seite ſeiner etwas corpulenten Beate ſeine Schwierigkeiten haben würde, wozu er diplomatiſch den Kopf bewegte. Als ich ihn fragte, was aus ſeiner Gemahlin, der früheren Prin⸗ zeſſin Kax geworden, wurde er, auf Beate blickend, blutroth, wie es eben ein Tſchugatſche werden kann, und erwiederte: dieſe habe ſich in die Lectüre des„Werther“ ſo vertieft, daß es nicht möglich geweſen, ſie wieder aufzufinden, obgleich man in das Exemplar des„Werther“ eine Tau⸗ cherglocke niedergelaſſen habe. Mit einem Senkblei habe man keinen Grund finden können— ſo tief ſei die Dichtung. Ich konnte natürlich nicht wiſſen, was daran geflunkert ſei; denn das Flunkern verſtehen die Eskimoprinzen gerade eben ſo gut wie die Prinzen in civiliſirten Ländern. Am dritten Tage bereits wurde die Ehe vom Feldgeiſtlichen der Fremdenlegion eingeſegnet. Ich ſelbſt betrieb die Heirath, um es Beaten unmöglich zu machen, wieder andern Sinnes zu werden. Es war mir lieb, jedes Band als das der allgemeinen Menſchenliebe zwi⸗ ſchen uns gelöst zu ſehen, denn ſie war, wie ich verſichern kann, wäh⸗ rend ihres abenteuerlichen Lebens zwar um vieles breiter, aber nicht gerade hübſcher geworden, und ich ſelbſt war, ſo lange ich mich noch an ſie gebunden glaubte, bei meinen ſtrengen Anſchauungen von der Heiligkeit der Ehe, im Umgange mit dem ſchönen Geſchlecht zu oft in einen peinlichen Kampf gerathen, als daß es mir nicht hätte erwünſcht ſein ſollen, dieſes Band von mir zu ſtreifen. Ich fühlte mich auch ſo er⸗ leichtert, daß ich mich mit den oft recht verführeriſchen Marketenderin⸗ nen des franzöſiſchen Heeres ſofort auf einen ganz andern Fuß ſetzte und mit ihnen eben ſo oft Blicke, als mit den Kabylen Kugeln wechſelte. Die Trauungsceremonie ging auch im Allgemeinen recht glücklich von ſtatten, nur fiel es den Zeugen wie dem Geiſtlichen im Beſon⸗ dern etwas auf, daß Prinz Knitſchogarsk während der Ceremonie nicht umhin konnte, ſich wiederholt den Rücken zu reiben, der gerade in der Heilung begriffen war. Auf meinen Betrieb erhielt Beate, jetzige Prinzeſſin Knitſchogarsk, die Erlaubniß, eine Marketenderwirthſchaft anzulegen, und ich ſelbſt 252— habe an ihrem ambulanten Büffet ſehr oft ein Gläschen Abſynth ge⸗ nippt, der mir aber eben ſo verfälſcht zu ſein ſchien, wie ihr falſches Herz. Inzwiſchen war ich mit den zahlreichen Löwen der Umgegend in ein ſehr vertrauliches Verhältniß getreten. Man weiß, wie ſehr ſich der Löwe durch den menſchlichen Blick, wenn er ein richtiger, ich möchte ſagen ein Urblick iſt, leiten und beſänftigen läßt, und mein Blick hatte immer für Menſchen und Vieh etwas Bezauberndes. Ich bedauere, daß gegenwärtiges Buch ohne Illuſtration erſcheint, ich würde ſonſt einen meiner Blicke in Holzſchnitt ausführen laſſen, um denjenigen Leſern, die mich nicht kennen, von ſeiner Gewalt einen Begriff zu ge⸗ ben. Außerdem hatte ich, wie der Leſer ja weiß, ſchon ſo viel mit Beſtien zu thun gehabt, daß ich mich daran gewöhnt hatte, alle ihre zarten Herzensbedürfniſſe zu belauſchen und zu befriedigen. Kurz, die Löwen des ganzen Atlasgebirgs attachirten ſich ſo an mich, daß ich nicht ausgehen konnte, ohne von ganzen Rudeln begleitet zu werden, und oft, namentlich Sonntags, beſuchten mich welche aus den fernſten Gegenden der Sahara und trugen mir das ſeltenſte Wildpret aus Inner⸗Afrika zu. Im Umgange mit dieſen vortrefflichen Geſchöpfen lernte ich immer mehr erkennen, daß nicht der Menſch, ſondern das Thier das edelſte unter den Weſen iſt, welche die Erde bewohnen. Ein tugendhafter Jagdhund wird niemals ſeinen Herrn um ſchnöden Gewinns willen verlaſſen; er verleumdet, er verräth, er übervortheilt, er betrügt ihn nicht; ja ſelbſt wenn Zärtlichkeit zu einer Stammesgenoſſin ſein Herz feſſelt, geht ihm doch die Pflicht gegen ſeinen Herrn über ſeine Zärt⸗ lichkeit. Wie oft hatte ſich Beate der Untreue gegen mich ſchuldig gemacht, und wie ſehr ging das meinen Löwen zu Herzen! Sie ver⸗ achteten Beate und wenn ſie dieſelbe erblickten, machten ſie ihr ein grimmiges Geſicht, rümpften ſpöttiſch die Naſe, oder wandten ihr ver⸗ ächtlich den Rücken. So tief empfinden ſie das Unrecht menſchlicher Untreue! Oh gewiß, die Frivolität, der Leichtſinn, die Genußſucht, die Treuloſigkeit, die unter den Menſchen ſo gemein ſind, trifft man unter gebildeten Thieren nicht an, und erſt in ihrem Umgange lernt man wieder an chriſtliche Liebe und Moral glauben. Und wenn der Löwe — 253— auch einmal einen Menſchen, der ihm gerade in den Weg kommt, zer⸗ reißt, ſo thut er dies durchaus nicht in böſer Abſicht, ſondern nur um den Paragraphen des auf deutſchen Kathedern gelehrten Naturrechts die nothwendige praktiſche Anwendung zu geben. Die Humanität der Atlaslöwen findet auch noch einen beſondern Erklärungsgrund. In einer Höhle des Atlas war es oder ſoll es ge⸗ weſen ſein, wo jener römiſche politiſche Flüchtling einem klagenden Löwen den Dorn ausriß, der ſich in ſeine Tatze eingebohrt hatte. Dieſe edle That wurde damals auch bald unter den übrigen Löwen be⸗ kannt. Auch die Thiere haben ihre Traditionen. Von Geſchlecht zu Geſchlecht erbte dieſe Geſchichte fort. Mir theilte ſie mein Lieblings⸗ löwe vermittelſt der Augenſprache mit, denn in dieſer unterhielt ich mich mit ihm. Unterſtützt wurde dieſe Augenſprache durch die ver⸗ ſchiedenen Stellungen der Mundwinkel, gewiſſe Geſichtspantomimen und mancherlei Bewegungen mit dem Schweife, deren jede ein beſonderes Wort oder einen beſonderen Begriff ausdrückte. Im Laufe der Zeit brachte ich den Löwen auch die Schreibekunſt bei, indem ſie von mir lernten, ganze Worte und Sätze mit ihren Tatzen in den Wüſtenſand zu ſchreiben. Ich errichtete nun eine berittene Löwengarde und wählte zu Rei⸗ tern die Cohorte meiner Säbelbeinigen, indem die Form ihrer Schen⸗ kel einen trefflichen Anſchluß an die runden Planken der Löwen ge⸗ währte. Es konnte keinen prächtigeren Anblick geben, als die Fronte dieſer Hunderte von Löwen mit ihren Reitern! Und wenn es nun im Carriere ging— wie großartig nahm es ſich aus, wenn meine Löwen ihre taktmäßigen Sätze von zehn bis zwölf Ellen Länge machten, und dann wieder wie eine goldgelbe Mauer plötzlich ſtillſtanden, während ich auf meinem Reitlöwen, von meinem Stabe gefolgt, ihre lange Fronte hinunterſprengte! Ich ſetze bei jedem meiner Leſer ſoviel Phan⸗ taſie voraus, um ſich dies impoſante militäriſche Schauſpiel in all ſei⸗ ner Großartigkeit vorſtellen zu können. Außerdem hatte ich ihnen mit vieler Mühe die chromatiſche Tonleiter beigebracht und meinen Geſangs⸗ unterricht ſo weit ausgedehnt, daß ſie gelernt hatten, die Melodie der Marſeillaiſe zu brüllen, was bei der Stärke ihrer Stimmen einen wahrhaft hinreißenden und überwältigenden Effect machte. — 254— Endlich war der Zeitpunkt gekommen, wo Conſtantine geſtürmt werden ſollte. Ich will meine Leſer, weil ich ſie ſowohl liebe als verehre, mit den militäriſchen Operationen, welche der Erſtürmung vorangingen, nicht ermüden; ich bemerke nur, daß ſie ſehr langweilig waren und viel kurzweiliger ausgefallen ſein würden, wenn es der franzöſiſchen Regierung gefallen hätte, ihre Leitung mir anzuvertrauen. Aber meinen Antheil an dieſer Waffenthat kann ich nicht übergehen, da er ohnehin zu laut für ſich ſpricht und meinen Nuhm für alle Zeiten feſtſtellen muß. Wir ſtanden vor dem Felſenneſt; es galt, die Feſtungsgräben an⸗ zufüllen, und der Ruf erſcholl: Kanonenfutter vor! Die Batalllone der Fremdenlegion mußten nun vor, um ſich todtſchießen zu laſſen und über die Gräben mit ihren Leichen Brücken zu bauen, darunter auch mein Fußvolk, meine prächtigen Krüppel, die eines beſſern Looſes wür⸗ dig waren. Nur Wenige entkamen dem Blutbade. Das Blut floß in ſolchen Strömen, daß wenn nicht Myriaden von blutdürſtigen Scha⸗ kalen und Hyänen herbeigeeilt wären und es vom Boden abgeleckt hätten, wir ohne Zweifel Alle in dieſem Blutocean, der uns bereits bis zum Gürtel reichte, hätten ertrinken müſſen. Ueber die Leichen hinweg ſtürmten nun die franzöſiſchen Bataillone gegen die Breſche. Sie wurden zurückgeſchlagen, mit derſelben Schnel⸗ ligkeit, womit man im Ballſpiel einen Ball zurückſchlägt. In dieſem kritiſchen Augenblicke kam Dantremont, der bereits die Kanonenkugel, welche ihm den Tod brachte, in ſeinen Eingeweiden trug, dies aber in der Hitze des Kampfes nicht merkte, mit ſeiner ganzen Suite an mich herangeſprengt, und rief: Beſter Herr Oberſt! Sie ſehen, wie verzweifelt unſere Angelegen⸗ heiten ſtehen; Sie ſind unſere ultima ratio. Getrauen Sie ſich, mit Ihrer Löwengarde das Hauptthor zu nehmen? Eine Kleinigkeit! erwiederte ich; von ſolchen Bagatellſachen ſpricht man eigentlich gar nicht in anſtändiger Geſellſchaft. Ich muß nämlich bemerken, daß ich mit meinen Elitetruppen und meiner Löwengarde in Reſerve ſtand, weil Damremont wußte, daß der letzte Stoß von keiner andern Truppe als von meiner Garde geführt werden könne. hint Dug den Löwe viert viel gebe Pa zu Uni gew Spf Rne for N— 255— Meine Löwen, an dem Ausdruck meines Auges erkennend, daß es ſich jetzt um etwas Großes handele, ſchüttelten die Mähnen, daß von dem dadurch entſtandenen Sturmwinde mehrere Palmenbäume in der Nähe entwurzelt wurden, wühlten mit ihren Schweifen den Sand auf, daß dichte Staubwolken den Horizont einhüllten, und begannen ſchließ⸗ lich die Marſeillaiſe zu brüllen und mit den Tatzen dazu den Tact zu ſchlagen. 3 Vorwärts, Löwengarde! rief ich, vorwärts, Freiwillige! Sofort ſetzten ſich ein halb Dutzend Kerle von meiner Elitengarde hinter mir auf den Löwen auf, den ich ſelbſt ritt; ein anderes halb Dutzend hing ſich an die Mähnen und ein weiteres halb Dutzend an den mächtigen Schweif. In drei gewaltigen Sprüngen war mein Löwe an dem ſo lange vergebens beſtürmten Hauptthor, mit dem vierten darüber hinweg. Ich hatte während des Sprunges nur ſo viel Zeit, um meinem dem Präſidenten der Vereinigten Staaten ge⸗ gebenen Verſprechen gemäß ein paar Zeilen mit Bleiſtift auf ein Blatt Papier zu werfen und es dem zufällig am Wege ſtehenden Poſtboten zu überreichen, der es ſofort weiter beförderte. Der Präſident der Union hat, wie ich ſpäter hörte, dadurch eine halbe Million Dollars gewonnen. Ich ſchrieb ihm ganz kurz:„Herr Präſident! Vierter Sprung mit dem Löwen gerade über dem Hauptthor von Conſtan⸗ tine! Alles gewonnen! Fritz Beutel und die Vereinigten Staaten for ever!“ So war ich plötzlich mitten in Conſtantine. Ich und die Meinen hieben ſo blind um uns, daß wir von einem Feinde gar nichts vor uns ſahen. Vielleicht hatte er aus Schreck ſchon die Flucht ergriffen. Ich weiß es nicht. Man kümmert ſich in ſolcher Aufregung viel um eine Lumperei und Kleinigkeit, wie die iſt, ob man einen Feind vor ſich hat oder nicht. Kurz, wir ſchlugen um uns, und dies that ſeine Wirkung, zumal, da jetzt meine Löwenreiter einer nach den andern über, das Thor hinwegſetzten und nun auch darauf los ſchlugen— wohin, das wußten ſie ſelbſt nicht. Kurz, auf dieſe Weiſe und keine andere, was auch die Kriegsberichte ſagen mögen, wurde Con⸗ ſtantine erobert; denn die Franzoſen drangen nun auch ihrerſeits ein und ernteten die Früchte deutſcher Tapferkeit und Löwenmüthigkeit. — 256— Damremont konnte die Kugel, die er im Leibe trug, leider nicht verdauen. Er ſtarb. Bevor er aber ſtarb, ließ er mich zu ſich rufen, drückte mir die Hand und ſagte: Marſchallſtab! Marſchallſtab! Damit ſtarb er. Leider hatte auch mein Reitlöwe mehrere Kanonenkugeln erhalten, und da ich dem Thiere begreiflicherweiſe ſehr zugethan war, fragte ich nach dem beſten Feldchirurgus. Das ſei ein Deutſcher, antworteten mir die Franzoſen, und bald brachten ſie mir ihn. Es war kein An⸗ derer als Winkerle, der ſich freute, mich wiederzuſehen, was ihm auch nicht zu verdenken; denn die Ehre war ganz auf ſeiner Seite. Um ſeine alten Schulden nicht zu bezahlen, hatte er St. Louis verlaſſen, und um neue zu machen, war er hierher gekommen. Glücklicherweiſe hatte er ein neues Zugpflaſter erfunden, welches ſo ſtark war, daß es die ſtärkſten Kugeln aus dem Körper herauszog, und ſo gelang es ihm, auch meinen Löwen von den Kugeln zu befreien, durch die ſein Fell, wenn auch nicht ſeine Seele, weſentlich gelitten hatte. Mein Löwe genas und bedankte ſich bei Herrn Winkerle ſchönſtens. Ich ſelbſt hatte keine Verletzung davon getragen; aber allerdings hatte eine feindliche vierundzwanzigpfündige Kanonenkugel ſich in die Falten meines Burnus ſo verwickelt, daß es mir einige Mühe koſtete, ſie wieder herauszuwickeln. Sie wird jetzt im Pariſer Invalidenhaus verwahrt, aber weil ſie ein Unicum iſt, nur gegen ein Trinkgeld von zwölf Sous gezeigt. Metallene Abgüſſe davon ſind beim Haushofmeiſter des Invalidenhauſes ebenfalls zu haben. Nach drei oder vier, vielleicht auch fünf Wochen verlautete es im Lager, daß der Marſchallſtab per Poſt an mich angekommen ſei. Er wurde mir, wer ſollte es denken! unterſchlagen. Eines Tages als ſich derſelbe— nämlich der Tag— ſchon zur Rüſte neigte, gehe ich um die Wälle von Conſtantine ſpazieren. Da begegnet mir der neue Generalgouverneur, ganz allein, ſich auf ſeinen Spazierſtock ſtützend. Ich betrachte dieſen und ſehe darauf in Emallle die Buchſtaben F. B., die offenbar„Fritz Beutel“ bedeuten ſollten, und darüber eine goldene Lorbeerkrone. Ein Marſchallsſtab als Spazierſtock! So etwas iſt noch nicht vorgekommen. genug, A gehört 3 dem T märkte ſtäben T warun eben ( Stoc Aehn und ſtäbe grabe 8 hier n unter überh der ſein Mein Ich hatte alten „fe haus von eiſter im Er 1 zur Da einen naille llten, als — 257— Ich trete an den Generalgouverneur heran und ſage: Guten Abend! Guten Abend! erwiederte der Generalgouverneur. Sie haben da einen ſchönen Spazierſtock, bemerkte ich. Weniger ſchön, als dauerhaft, erwiederte er. Erlauben Ew. Excellenz! ſagte ich. Der Unverſchämte war dreiſt genug, mir den Stab hinzureichen, als ſei er ſeiner Sache ganz ſicher. Ah, ich glaube, rief ich, den Stock unterſuchend, dieſer Stab gehört mir! Ihnen? erwiederte er. Ih, ich habe ja den Stock in Algier auf dem letzten Jahrmarkte gekauft. Marſchallſtäbe, erwiederte ich, verkauft man doch nicht auf Jahr⸗ märkten. Oder ſollte es wirklich ein Pariſer Lager von Marſchall⸗ ſtäben geben? Wir haben in Paris Waarenlager für Alles, antwortete er, und warum nicht auch für Marſchallſtäbe? Wir kaufen ſie, wo wir ſie eben am wohlfeilſten haben können. Ei, ſagte ich hierauf, ſo ſoll wohl auch das F. B. auf dem Stocke nicht„Frédéric Beutel“, ſondern„Fi, bouere!“ oder was Aehnliches heißen? Wie ſoll ich das nehmen? fragte er gereizt. Nehmen Sie's, wie Sie es wollen! antwortete ich. Damit wandt' ich ihm den Rücken und ging, indem ich zugleich, um allen franzöſiſchen Marſchall⸗ ſtäben meine Verachtung zu bezeugen, den Stab in den Feſtungs⸗ graben ſchleuderte. So viel ſah ich ein, daß nach dieſem Rencontre meines Bleibens hier nicht mehr ſein könne. Ich kannte den neuen Generalgouverneur: unter ſeiner ſchwarzen Weſte ſchlug ein noch ſchwärzeres Herz, wenn überhaupt eins darunter ſchlug. Er beneidete mich um meinen Ruhm, der namentlich unter den Arabern ſelbſt ſehr groß war, indem ſie mich faſt wie ein übermenſchliches Weſen verehrten. Auch lautete damals ihre Betheuerungsformel nicht: Allah iſt groß! ſondern: Allah iſt groß, aber Fritz Beutel iſt noch größer! Ich ſattelte daher meinen Gelben, wie ich meinen Reitlöwen nannte, ſteckte meine Koſtbarkeiten zu mir, verſah mich mit Geld— D. B. X. Fritz Beutel, v. Marggraff. 17 — 258— unter das ſich zufällig und ganz gegen meine Abſicht auch der Be⸗ ſtand der Bataillonskaſſe verirrte— ſchlang um den Hals meines Löwen einen mit Wein gefüllten Schlauch und ein ſchönes Halsband, das aus Würſten und Schinken geflochten war, und ſprengte aus einer mir bekannten Seitenpforte von Conſtantine ins Freie, gerade auf den Mittelpunkt von Afrika los. Bwanzigſtes Kapitel. Nach Tombuktu, nach Tombuktu, Wo die garſt'gen Häuſer ſtehen, Aus den Fenſtern nackte ſchmutz'ge Mohren und Mohrinnen ſehen— Dahin ſehnt mein Herz ſich ſehr! Clemens Brentano. O Königin! und wenn du täglich auch Das Blut in Eimern ſchlürfteſt, dennoch würd' ich Am Kopf dich faſſen und dich herzen müſſen. Friedrich Hebbel. Begreiflicherweiſe hatte ich in Conſtantine nicht Zeit gehabt, dar⸗ über nachzudenken, wo ich meine erſte Station machen und was ich überhaupt in Centralafrika beginnen ſolle. Hierüber meinen Entſchluß zu faſſen, blieb mir während des Rittes ja Zeit genug. Nun fiel mir nach den erſten gewaltigen Sätzen meines Gelben von ungefähr ein, daß in Tombuktu eine Univerſität beſtehe, auf wel⸗ cher namentlich die afrikaniſchen Rechtsſtudien florirten;z und zu glei⸗ cher Zeit fiel mir ein, daß mir zu einem vollkommen gebildeten Manne, der ſich dereinſt in den anſtändigen Cirkeln Deutſchlands ſehen laſſen könne, das Doctordiplom fehle. Des Tombuktu'ſchen war ich ohnehin ziemlich mächtig, da ich in Conſtantine einen gebornen Tombuktuer zu meinem Stiefelputzer gehabt hatte. Ich beſchloß daher, Doctor der afrikaniſchen Rechte zu werden und auf Tombuktu loszureiten. —— r Ve⸗ neines band, 2 aus ſerade Helben f wel⸗ glei⸗ ildeten hlands n war bornen daher, rreiten. — 259— Ich rief alſo meinem Gelben zu: Tombuktu! und mein Löwe verſtand mich. Er wußte, wo Tombuktu lag, er hatte mir bereits durch die Augenſprache mitgetheilt, daß er aus der Gegend von Tom⸗ buktu ſtamme, daß er aber in früher Jugendzeit mit ſeinen Eltern ausgewandert ſei, um anderwärts beſſere Nahrung zu ſuchen. Auf meine Anrede nickte mein Löwe bejahend mit dem Kopfe, und wir ſchlugen nun die Richtung nach Tombuktu ein. Die afrikaniſche Wüſte iſt ſchon ſo oft geſchildert worden, daß man mir erlaſſen wird, meinen Ritt im Detail zu beſchreiben. Sehr angenehm und unterhaltend iſt ein Wüſtenritt nicht; das kann ich verſichern. Die Sonne brennt da gewaltig, und hätte ich nicht aus Vorſorge ſchon früher an beiden Seiten des Sattels mit Erde ge⸗ füllte Kübel angebracht, in welchen mächtige Oleanderſträucher wuch⸗ ſen, die mich in Schatten hüllten, ſo würde unter meinem Schädel, ſo graniten er iſt, mein Gehirn wahrſcheinlich vertrocknet ſein. Zu⸗ weilen ſcheuchten wir ganze Heerden von Giraffen, Gazellen und Straußen auf, welche in dichten Rudeln vor uns herflohen, was mir noch die meiſte Unterhaltung gewährte, zumal mein Löwe nicht umhin konnte, ſich dann und wann einen fetten Biſſen herauszuholen und mit gutem Appetit zu verſpeiſen. Oft war ich kaum im Stande, mich im Sattel zu halten, wenn mein Löwe einer gefleckten Giraffe auf den Nacken ſprang, und dann das arme blutende Thier mit uns eine Strecke weit dahin galoppirte, bis es zuſammenbrach. Ich habe ſpäter Freiligrath's„Löwenritt“ geleſen und fand das Gedicht ziem⸗ lich hübſch; indeß würde es eine noch viel großartigere Wirkung her⸗ vorbringen, wenn er mir als Drittem im Bunde darin eine Stelle gegönnt hätte. Er konnte dies wiſſen, da mein Ritt ſpäter von mir in der Tombuktuer Hofzeitung beſchrieben und dann von einem be⸗ rühmten Tombuktuer Poeten in Form einer Ballade behandelt wor⸗ den iſt, welche in Tombuktu auf allen Gaſſen geſungen wird. Als meine Schinken und Würſte verzehrt oder in der Sonnenhitze verdor⸗ ben waren, nährte ich mich vorzüglich von Straußeneiern, die zu Tauſenden ſchon geſotten unter der Oberfläche der heißen Wüſten⸗ aſche lagen, woher es auch kommt, daß an den heißeſten Tagen die jungen Strauße meiſt ſchon gebraten und gebacken aus den Ciern 17* — 260— kriechen. So mütterlich ſorgt die Natur überall für ihre ungezogen⸗ ſten Kinder, die Menſchen! Bei einem Samun frellich ſind dieſe Eier den Reiſenden ſehr beſchwerlich, da ſie ihnen durch den Sturm zu Dutzenden an den Kopf geſchleudert werden. Eines Tages bemerkte ich eine Taube, die in größter Schnelligkeit ihre Richtung ebenfalls nach Tombuktu nahm, und die mir, ich weiß ſelbſt nicht warum, ſehr verdächtig, ich möchte ſagen polizeimäßig vor⸗ kam. Warte! dachte ich, ergriff mein Schießgewehr, drückte ab und mit eingezogenen Flügeln ſank der Vogel zu den Füßen meines Löwen nieder. Meine Ahnung hatte mich nicht betrogen. Ich er⸗ blickte unter ihrem rechten Flügel ein zuſammengefaltetes Papier, das ich ſofort entrollte. Es enthielt, wer ſollte es denken? einen gegen mich vom Militär⸗Commando von Conſtantine erlaſſenen Steckbrief, worin alle Civil⸗ und Militärbehörden Afrika's aufgefordert wurden, auf mich als einen Fahnenflüchtigen und Kaſſendieb zu vigiliren und, falls man meiner habhaft werden könnte, mich ſofort zu arretiren und nach Conſtantine abzuliefern, da, wie es zum Schluſſe hieß, dem algieriſchen Gouvernement an meiner Perſon ungemein viel gelegen ſei. Die Dankbarkeit Frankreichs und ein anſehnliches Douceur wur⸗ den dem, der mich wieder einbrächte, zugeſagt. Aus dieſer einen Taube, die ſich bis in die Gegend von Tombuktu verirrt hatte, konnte ich auf die Menge von Tauben ſchließen, welche die oberſte Militär⸗ behörde mit ähnlichen unangenehmen Briefen nach allen Richtungen entſandt haben mochte. Am empfindlichſten fühlte ich mich durch die Beſchuldigung des Kaſſendiebſtahls verletzt, da ja die Militärbehörde in Anbetracht meiner ſtets bewieſenen Redlichkeit überzeugt ſein mußte, daß die Bataillonskaſſe ſich nur durch einen unerklärlichen Zufall in meinen Reiſekoffer verirrt haben könne. Ich erkannte in dieſer Be⸗ ſchuldigung den Einfluß des tückiſchen Generalgouverneurs, meines erbarmungsloſen Verfolgers, der in ſeiner Unmoralität ja ſogar ſoweit gegangen war, unſchuldige Tauben als Polizeiagenten zu mißbrauchen und dadurch die Keime des Verderbens in ihr unſchuldiges Herz zu legen. Endlich nach wochenlangem Ritt lag im Scheine der Abendſonne Tombuktu in weiter Ausdehnung vor mir. Wir ſtanden am Thore, und eben war ich im Begriff, mit meinem Löwen hineinzureiten, als — 21— mir eine Tafel in die Augen fiel, auf welcher zu leſen war:„Löwen dürfen bei anſehnlicher Geld⸗ oder verhältnißmäßiger Gefängnißſtrafe nicht in die Stadt mitgenommen werden.“ Traurig ſtand ich da und theilte das Geleſene meinem treuen Löwen mit, der darüber ebenfalls traurig den Kopf ſinken ließ. In dieſem betrübten Augenblicke traten mehrere Löwen aus einem Seitengebüſch, umſprangen meinen Gelben mit den Ausdrücken der herzlichſten Freude und küßten ihn zärtlich auf die Schnauze. Es waren Vettern und Muhmen meines Löwen, die ihn ſofort erkannt hatten, weil ſie Jugendfreunde geweſen waren. Sie ſahen ſehr wohlgenährt aus, und dies bewies, daß es den Löwen jetzt in der Gegend von Tombuktu nicht an Nahrung fehlte. Dieſes unverhoffte Wiederſehen tröſtete meinen Gelben über die Trennung von mir, er drückte die Tatzen ſeiner Vettern der Reihe nach aufs Herzlichſte. Auffallend zärtlich benahm er ſich gegen eine Couſine, die ihm einige feurige Blicke zugeworfen hatte und die er nun innig ans Herz preßte. Nachdem ich den Koffer und Sattel von ſeinem Rücken losgeſchnallt hatte, trabte er an der Seite ſeiner Couſine, mir noch einigemal aus der Ferne freundlich zunickend, einem Palmen⸗ walde zu. Ich zweifle nicht, daß Beide ein glückliches Paar geworden ſind. gie ich nun ſo bei meinem Koffer ſtand und nicht wußte, was ich thun ſollte, ſtürzte plötzlich ein Gewimmel ſchwarzer Geſtalten aus dem Thore auf mich zu, in denen ich bald theils Lohnbediente, theils Packträger erkannte. Es war ein fürchterliches Geſchnatter von Stimmen. Der Eine ſchlug mir dieſes, der Andere jenes Hötel vor; endlich wählte ich den Gaſthof:„Zum bayeriſchen Schöppchen“, weil ich da doch auf einen guten Trank rechnen durfte. Wir zogen mit dem Gepäck in die Stadt. Unterwegs erzählte mir der Lohnbediente auf mein Befragen, daß vor zehn Jahren ein bayeriſcher Bierbrauer⸗ geſell nach Tombuktu gekommen ſei und angefangen habe, das be⸗ liebte Palmbier auf bayeriſche Art zu brauen, was großen Beifall gefunden habe. Er hätte ſich mit einer Bürgerstochter, natürlich einer Schwarzen, verheirathet, ſei aber vor einem Jahre geſtorben und ſeine Wittwe führe nun das Geſchäft fort. Ich kehrte alſo im Hôtel„zum bayeriſchen Schöppchen“ ein, wo⸗ bei ich jedoch bemerke, daß man ſich unter einem Tombuktuer Hötel — ͦ— —— 1 — — 262— kein rheiniſches zu denken hat. Es war blos aus Lehm aufgeführt und enthielt in ſeinem Innern nur einen einzigen Raum, der als Wohn⸗, Speiſe⸗ und Schlafzimmer für alle Gäſte dienen mußte. Aber der Empfang Seitens der Wirthin, die erfreut war, nach lan⸗ ger Zeit wieder einmal einen Deutſchen bei ſich zu beherbergen, war herzlich und der Trank ein guter. Man kann ſich denken, wie viel ich davon hineinſchütten mußte, um meine in Folge des langen Wüſten⸗ ritts ganz zuſammengetrocknete Zunge wieder aufzuweichen. Andern Tages meldete ich mich beim Rector Magnificus, um mich inſcribiren zu laſſen. Obſchon er nichts weiter am Körper trug, als einen rothen engliſchen Militärfrack und um den Hals ein paar mäch⸗ tige Vatermörder, trat er mir doch mit all der Grandezza entgegen, wie ſie jedem Rector Magnificus eigen iſt, fragte, ob ich mich ſchon bei der Polizei gemeldet habe, und zuckte, als ich dies verneinte, mit den Achſeln, indem er bemerkte, daß dem Acte der Inſcription die polizeiliche Meldung vorangehen müſſe. Ich erkannte hierin, daß ich mich in einem cioiliſirten Staate befand. Ich begab mich alſo auf das Polizei⸗Bureau; als ich jedoch den Paß meines Bruders hervorlangen wollte, fand ich, daß er mir fehlte, und mußte annehmen, daß ich ihn während des Ritts leider verloren haben müſſe. Auf mein gutes Glück vertrauend, reichte ich alſo dem Polizei⸗Officianten meinen Steckbrief hin, und ich bemerkte bald, daß man von einem Steckbriefe in Tombuktu keine Vorſtellung habe und daß der Polizei⸗Officiant nur ſo viel Franzöſiſch wiſſe, um nothdürftig das Signalement entziffern zu können. Er verglich dieſes mit meiner Perſon. Alſo: Haare: löwenmähnig, ächtes Goldgelb. Stirn: majeſtätiſch gewölbt. Naſe: keck in die Welt hervorſpringender Erkerbau auf breiteſter Grundlage. Mund: dictatoriſch, imperatoriſch, cäſariſch. Augen: reinſtes Himmelblau, für gewöhnlich ſanft, in Augen⸗ blicken des Zornes durchbohrend, niederblitzend, gewitterhaft. Schnurrbart: dunkelblond, von einer Spitze zur andern 2 Fuß meſſend. D den E enthal Recton Beden Alma ein p 9. problen zu hau 9 punkt als! auch habe Recht d brech 8 die S 1* wid, litten hat u hiegen 100 Schad 1 frelle — 263— Das Signalement traf richtig zu. Der Polizei⸗Officiant heftete den Steckbrief in ein Volumen von Päſſen und ſtellte mir eine Auf⸗ enthaltskarte für ein ganzes Jahr aus, worauf ich mich wieder zum Rector Magnificus begab, der mir nun meine Matwrikel ohne weitere Bedenklichkeiten ausfertigte. Ich ward ſomit akademiſcher Bürger der Alma mater von Tombuktu und hörte Collegien bei dem großen Rechtsgelehrten Ziburri. Hier ſeine Hauptgrundſätze: §. 1. Jedes Recht beſteht in demjenigen Unrecht, welches ich habe, jedes Unrecht in demjenigen Recht, welches Andere haben. §. 2. Wir Afrikaner theilen das Recht in ein wirkliches und in ein problematiſches Recht. §. 3. Das wirkliche Recht iſt dasjenige, welches ich habe, das problematiſche dasjenige, welches alle Uebrigen außer mir haben oder zu haben glauben. §. 4. Da mithin jedes Recht eines Andern von meinem Stand⸗ punkt nur ein problematiſches iſt, ſo muß ich ſoviel zu kriegen ſuchen, als möglich iſt, mich aber ſelbſt nicht kriegen laſſen. §. 5. Von dem Augenblick an, wo ich etwas kriege, habe ich auch ein Recht daran; wenn ich mich ſelbſt aber kriegen laſſe, ſo habe ich auch jenes Recht verloren und man verfährt mit mir, wie Rechtens. §. 6. Wer ſich nicht kriegen läßt, iſt auch kein Verbrecher, Ver⸗ brecher iſt nur, wer ſich kriegen läßt. §. 7. Das Verbrechen des Sichkriegenlaſſens zieht folgerecht auch die Strafe nach ſich. §. 8. Der Grad der Strafe für denjenigen, welcher gekriegt wird, richtet ſich nach dem Grade des Schadens, den er dadurch er⸗ litten hat, daß er ſich kriegen ließ. Wer z. B. 10 Ducaten geſtohlen hat und ſein Recht daran dadurch verliert, daß er ſich ertappen und kriegen läßt, wird nicht ſo hart beſtraft, als der Entwender von 100 Ducaten, der ſich ertappen und kriegen läßt und dadurch einen Schaden von 100 Ducaten erleidet. Zu unſerm Troſt fügte Profeſſor Ziburri hinzu: Es laſſen ſich freilich gegen dieſe Beſtrafung auch mancherlei Rechtseinwände erheben, 264— wenn man nur einen geſchickten Advocaten findet, weshalb ich mich Ihnen, meine Herren! für ſolche Fälle beſtens empfehle. Mir gefiel dieſer Mann außerordentlich, und als ich einmal in einen ſolchen Fall kam, hatte ich nichts Eiligeres zu thun, als die Rechtshilfe des Herrn Profeſſors Ziburri in Anſpruch zu nehmen. Ich hatte nämlich eines Tages, nach Ziburri's Grundſätzen, das Recht eines Andern an ſein Pferd in mein Recht an daſſelbe Pferd verwandelt, war aber bedroht, wieder mein Recht daran zu verlieren und für dieſe Einbuße beſtraft zu werden, weil ich mich hatte ertappen laſſen. Ziburri bewies nun aber vor Gericht durch allerlei Rechts⸗ kniffe, die ich nicht weiter anführen will, daß nicht nur dieſes Pferd mein Eigenthum ſei und es bleiben müſſe, ſondern daß der frühere Beſitzer mir auch widerrechtlich ein Füllen vorenthalte, welches dem Naturrecht gemäß zu dieſem Pferde gehöre. Der Ausgang des Pro⸗ zeſſes war der, daß mir das Gericht zuletzt wirklich auch das Füllen zuerkannte. Man kann ſich denken, welche Verehrung ich fortan für dieſen ſeltenen Mann hegte! Auch hörte ich bei Ziburri Collegien über das afrikaniſche Staats⸗ recht, welches wenigſtens den Vorzug hat, ganz national und dabei ſehr einfach und gemeinverſtändlich zu ſein. Der oberſte Rechtsgrund⸗ ſatz lautet:„Der Herrſcher von Tombuktu kann in ſeinem Lande und mit ſeinen Unterthanen anfangen, was er will; alle Einwohner ſind werth, geköpft, geſpießt oder gehangen zu werden; wer daher in Tombuktu am Leben bleibt, hat dies, außer ſeiner geſunden Conſtitu⸗ tion, der Gnade des Herrſchers zu verdanken, und wer Morgens auf⸗ ſteht, ohne während der Nacht geköpft, geſpießt oder gehangen zu ſein, empfängt täglich ſein Leben gewiſſermaßen von Neuem aus des Herr⸗ ſchers Hand als ein Gnadengeſchenk.“ Schon damals dachte ich: wenn du doch Herrſcher von Tombuktu ſein könnteſt! wie gut muß es ſich hier regieren laſſen! welches patriarchaliſche Verhältniß muß bei ſolchen Grundſätzen zwiſchen dem Fürſten und ſeinen Unterthanen obwalten! Ich bemerke übrigens, daß zu der Zeit über Tombuktu die Köni⸗ gin Krikikara regierte, und zwar nach den oben angeführten Grund⸗ ſätzen, die ſie in einer Weiſe in Anwendung brachte, welche mein gan dort wen. Nadh ſehr mich rund⸗ Lande ohner zer in iſtitu⸗ auf⸗ Herr⸗ buktu gelches mdem Köni⸗ rund⸗ mein — 265— ganzes Intereſſe für dieſe erhabene Perſon erregte. Bald da, bald dort in meiner Nachbarſchaft hatte Einer Grund ſich zu wundern, wenn er Morgens nicht wieder aufſtehen konnte, weil ihm in der Nacht im Bette der Kopf abgeſchnitten worden war. Ich ſehnte mich ſehr, ſie von Angeſicht zu Angeſicht kennen zu lernen, und eher, als ich glaubte, ſollte mein Wunſch erfüllt werden. Ich kam eben von einem Commerſch meiner Landsmannſchaft, die „Senegambier“ genannt. Ich muß nämlich bemerken, daß es auf der Univerſität von Tombuktu ganz wie in Deutſchland Studentenverbin⸗ dungen gibt, die ſich durch Abzeichen von einander unterſcheiden, bei ihren geſelligen Vereinen unendlich viel Palmbier trinken, und zwar aus großen Waſſereimern, mit denen man möglichſt lärmhaft zuſam⸗ menklappert, und dabei Rundgeſänge anſtimmen, in denen man ſein Liebchen leben läßt, auch wenn ſie nicht leben will. Außerdem raucht man bei dieſen Commerſchen ein betäubendes Kraut, welches ſoviel Dampf entwickelt, daß Erſtickungsfälle gar nicht ſelten waren. Die Mitglieder dieſer landsmannſchaftlichen Verbindungen werden von der Regierung von Tombuktu ſehr bevorzugt, weil ſie meiſt nicht viel lernen, Körper und Geiſt bald abnutzen und daher im Staatsdienſt am beſten zu verwenden ſind. Eine andere Verbindung dagegen— mit der wir Landsmannſchafter in ſtätem Hader lagen und täglich Paukereien hatten— zählte meiſt ſehr fleißige und ſittliche junge Männer zu ihren Mitgliedern; da ſie aber ſtatt des Liebchens das Vaterland hoch leben ließen und im Geheimen den Plan verfolgten, die ſich immerdar bekämpfenden Stämme Inner⸗Afrika's zu Einem Volke zu verſchmelzen und ihnen eine liberale Verfaſſung zu Theil werden zu laſſen, ſo wurden ſie in aller Weiſe zurückgeſetzt, relegirt, verfolgt, zuweilen auch ins Gefängniß und von da nach löblichem tombuktuſchen Landesbrauch an den Spieß geſteckt. Was kümmerte mich aber die mittelafrikaniſche Einheit? Ich blieb bei meinen Landsmannſchaftern, mit denen es ſich äußerſt fidel leben ließ. Alſo ich komme von unſerm Commerſch und mache einen Spazier⸗ gang in den Promenaden, die ſich um die innere Stadt herziehen und denen eine Schattenſeite nicht zum Vorwurf zu machen iſt, da man ſich auf ihnen vergebens nach Bäumen umſieht, obſchon es an Platz — 266— dazu nicht fehlt. Ich trug die landsmannſchaftliche Tracht der„Sene⸗ gambier“, einen leichten Hut aus Reisſtroh mit grünem Bande, eine mächtige Halsbinde, einen bunten Schurz aus Straußenfedern um die Höüften und gewaltige Stulpenſtiefeln mit Sporen an den ſonſt gänz⸗ lich nackten Beinen. Wie ich ſo gehe und eigentlich an nichts denke, ſehe ich einen Zug von Hofequipagen auf mich zukommen, die, wie dies hier gewöhnlich der Fall iſt, mit ſehr fettbäuchigen Schweinen beſpannt waren, aber freilich mit Hofſchweinen aus den Marſtällen Ihrer Majeſtät der Königin. Voraus eilte, ebenfalls auf einem Hof⸗ ſchweine, ein Hofcavalier mit einem langen Schwerte, womit er Allen, welche dem Zuge unverſehens in den Weg kamen, ohne Weiteres die Köpfe abhieb. Trotzdem ging ich dem Zuge nicht aus dem Wege, ſondern warf dem kopfabſchneideriſchen Cavalier einen ſo niederſchmet⸗ ternden Blick zu, daß er das Schwert nicht gegen mich zu erheben wagte. Ich hatte einige Eimer Palmbier zu mir genommen, und ſo fehlte es mir an Muth und Entſchloſſenheit nicht. Der Zug ſtockte. Die Königin, welche im dritten, mit acht Hof⸗ ſchweinen beſpannten Wagen fuhr, den ſie wegen ihrer anſehnlichen Leibesſtärke ganz ausfüllte, blickte verwundert aus dem Wagenfenſter und fragte in ärgerlichem Tone, was es gebe? Sofort nähere ich mich ihr in der nur mir eigenen ritterlichen Weiſe, verbeuge mich, ziehe meinen Strohhut, ſelbſt auf die Gefahr, den Sonnenſtich zu bekommen, und ſage in herzgewinnendem Tone: Madame, wer Sie ſind, weiß ich nicht; denn ich bin Fremdling hier am Orte und ein ehrlicher Deutſcher; aber Madame haben ein königliches Anſehen, und ſo wie Sie, denke ich mir, muß Ihre Maje⸗ ſtät die Königin Krikikara ausſehen; denn ein ſolches Ausſehen hat kein gewöhnliches Menſchenkind— jeder Zoll eine Königin! Jeder Zoll eine Königin! ſagte ſie, gut geſagt, wenn es nur nicht aus dem Shakeſpeare geſtohlen wäre. Oh, auch Wir haben den Lear in tombuktu'ſcher Ueberſetzung geleſen! Aber die Anwendung der Stelle iſt gut— jeder Zoll eine Königin, iſt gut. Man könnte auch ſagen, erwiederte ich, jeder Zoll iſt königlich, denn jeder Zoll fließt in die königliche Kaſſe. . b 1 n Ob, üren Dan leſen wa nachts L Sie Zug ab. 3ch her un ſollte. Königit Ind tonen, mittheile Um Renne zur R haben del die ihres Na guten ſich w Freund und ge fhreri Körigir etwa a Landes beglück der La hen üb einmal W daß de 20602— Oh, Sie Schalk, ſagte ſie, und verſetzte mir einen Schlag mit ihrem Palmenfächer. Beſuchen Sie mich doch, liebes Herz! Damit überreichte ſie mir eine lithographirte Karte, worauf zu „ leſen war:„Krikikara, Königin von Tombuktu. Zu ſprechen Mitter⸗ nachts von 12 Uhr an.“ Sie nickte mir noch einmal huldvoll zu, dann trollte der ganze Zug ab. Ich drehte mehrmals die Karte zwiſchen meinen Fingern hin und her und wußte nicht, ob ich das Ganze für einen Traum halten ſollte. Denn in der That, ſo etwas, wie dieſe Schweine und dieſe Königin, erlebt man nicht, ſondern träumt ſie nur. Indem ich ſo nachdenklich daſtehe, kommt einer meiner Commili⸗ tonen, ebenfalls ein„Senegambier“, daher, dem ich mein Abenteuer mittheile. Um Himmelswillen! ruft er, Bruder, laß dich darauf nicht ein. Renne nicht ins Verderben! Eine Einladung zur Königin Krikikara zur Mitternachtzeit iſt dein Tod! Schon Hunderte von jungen Leuten haben ſich in ihren Armen den Tod geholt. Die Gerippe und Schä⸗ del dieſer unglücklichen Opfer bilden die Wände und das Pflaſter ihres Palaſtes. Nachdem er mich noch, wie ſich dies von ſelbſt verſteht, für ſeinen guten Rath angepumpt, ergriff er mich beim Arme und zog mich mit ſich wieder in das Hôtel„zum bayeriſchen Schöppchen“, wo unſere Freunde noch verſammelt waren. Es wurde wieder geſungen, gelärmt und gezecht, aber ich„bemoostes Haupt“ war ſehr träumeriſch. Ver⸗ führeriſche Bilder künftiger Größe umgaukelten mich. Nicht die dicke Königin bezauberte mich— denn ſo corpulent wie ſie war Beate etwa auch, als ich ſie zum letzten Male ſah— ſondern die Ausſicht, Landesvater einer ſolchen Nation zu werden— einer Nation, die ſich beglückt fühlte, geköpft, geſpießt und gehangen zu werden, wenn dies der Landesmutter gerade Spaß machte. An Witzen und derben Spä⸗ ßen über meine träumeriſche Stimmung fehlte es nicht, und mehr als einmal ließ man meine dicke Schöne, die Königin Krikikara, hoch leben. Wir trennten uns etwa gegen Mitternacht. Gerade der Umſtand, daß der Königin Palaſt zum Theil aus den Schädeln ihrer Liebhaber — —— —— — 268— gebaut ſein ſollte, ſteigerte mein Intereſſe an ihr. Ein ungewöhn⸗ liches Weib mußte ſie jedenfalls ſein, und auch ich war ungewöhnlich! Wie ſehr paßten wir zu einander! Ich war— ich muß es zugeben— ſehr träumeriſch, ſo träume⸗ riſch, daß ich an der nächſten Straßenecke zu Boden ſank und plötzlich einſchlief. Ich hatte noch niemals ſo viel Palmbier zu mir genom⸗ men. Vergebens rüttelte mich der Nachtwächter— ich ſchlief. Der Nachtwächter ging von dannen und brummte, und ich brummte auch. Die ganze Welt, glaube ich, brummte; mir wenigſtens brummte ſie. Etwa eine Stunde mochte ich geſchlafen haben, als ich mich von einem Dutzend roher ſchwarzer Fäuſte ergriffen und trotz meiner Proteſtationen in einen Wagen oder Karren gehoben fühlte. Zur Königin Krikikara! befahl der Kutſcher. In dieſem Zuſtande? rief ich, ohne Tollette gemacht zu haben? Ich erhob mich im Wagen, um durch die Thür hinauszuſpringen, fühlte mich aber von demſelben Dutzend roher ſchwarzer Fäuſte auf meinen Sitz niedergedrückt. Die Fahrt nahm ihren langſamen Ver⸗ lauf, denn es waren Kofſchweine, welche den Wagen zogen. Wir näherten uns der königlichen Hofburg. Der Mond ſchien ſehr ſchön, und die Fahrt ging, da die Schweine ungemein fettbäuchig waren, ſehr langſam, ſo daß ich Muße hatte, Alles genau zu unter⸗ ſcheiden und zu beobachten. Wäre ich ein romantiſcher Aufſchneider, ſo könnte ich von goldenen mit reichen Teppichen geſchmückten Gemächern, von kühlen Marmor⸗ höfen, von plätſchernden Springbrunnen, von duftigen Roſen⸗ und ſchattigen Palmengärten, von reizenden Odalisken und anderen präch⸗ tigen Ausgeburten der europäiſchen Phantaſie erzählen. Ich berichte jedoch nur die nackte Wahrheit, und in Afrika iſt bekanntlich Alles nackt. Wir geriethen plötzlich auf ein ganz eigenthümlich holperiges Pflaſter, und als ich zum Wagenfenſter hinausblickte, bemerkte ich, daß der Boden mit lauter Todtenköpfen gepflaſtert war, die traurig und bemitleidend zu mir hinaufblickten. Es war der Weg, der zur königlichen Hofburg hinaufführte. Ich kann nicht leugnen, daß mich zu ſchaudern und zu frieren begann, wie bei einem Fieberanfall. Die Gebeine hoſtutſc Der enfall lich durc beſtand, königliche Lehm, Gedeckt Porticue alle arc Thüren bildet. Seiten! und der Eindruch ſich ein Spießen welche vielleich blick we druck, al würde. Un. gen To die Dan konnte nd dab es ſtark ber wöhn⸗ ünlich! aäume⸗ lötlich enom⸗ Der auch. ingen, ie auf Ver⸗ ſchien äuchig unter⸗ lenen rmor⸗ und räch⸗ erichte nack. eriges E ich aurig r zur nich Die — 269— Gebeine klapperten mir wie die Todtenbeine unter den Rädern der Hofkutſche, Der Wagen fuhr nun zwiſchen zwei langen Mauern hin, die ebenfalls aus Todtengebeinen und Todtenſchädeln errichtet waren, end⸗ lich durch ein Thor, welches aus dem gleichen ſchauerlichen Material beſtand, in den Schloßhof, an deſſen gegenüberſtehender Seite ſich der königliche Palaſt hinzog, der, wie alle Gebäude in Tombuktu, aus Lehm, nur aus einer feinern und koſtbarern Sorte erbaut war. Gedeckt war aber der Palaſt mit Todtenſchädeln, die Säulen des Porticus beſtanden aus übereinander geſchichteten Todtenſchädeln, und alle architektoniſchen Zierrathen, die Krag- und Schlußſteine an den Thüren und Fenſtern waren aus Todtengebeinen höchſt künſtlich ge⸗ bildet. Aus ihren Augenhöhlen ſtarrten mich die Schädel von allen Seiten her, ich weiß nicht, mit welchen gedankenvollen Blicken an, und der milchweiße Schimmer des Mondes ſteigerte den unheimlichen Eindruck zum Entſetzlichen. Vor den Seitenflügeln des Schloſſes zog ſich eine eigenthümlich ſchauerliche Allee hin; denn hier hingen an Spießen noch die vollſtändigen ziemlich friſchen Gerippe derjenigen, welche hier vor Kurzem aus irgend einer oder der andern Urſache, vielleicht auch aus gar keiner aufgeſpießt worden waren. Dieſer An⸗ blick war mir beſonders unangenehm und erregte in mir den Ein⸗ druck, als ob durch meinen Körper bereits ein Spieß hindurchgetrieben würde. Unmöglich, ſagte ich mir jedoch im Stillen, können dieſe unzähli⸗ gen Todtenſchädel und Gerippe bloß von denjenigen herrühren, welche die Dame zur Mitternachtzeit zu ſich geladen hat. Dieſes Material konnte nur im Laufe von Jahrhunderten angehäuft worden ſein. Auch gab es unter den Todtenſchädeln und Todtengebeinen ſehr viele, die ſtark verwittert waren. Dieſen Gedanken nachhängend ermannte ich mich allmälig, und mit ziemlicher Faſſung folgte ich meinen bewaffne⸗ ten Führern durch mehrere lange Gänge in das Staatszimmer der Königin, das durch eine an der Decke hängende Ampel matt erleuch⸗ tet war. Einen ganz beſondern Geſchmack hatte dieſe würdige Dame freilich. Der Boden war mit langen Reihen von Todtenſchädeln gedielt, und N— 270— die Wände waren ebenfalls mit demſelben unheimlichen Material ge⸗ täfelt. Sie ſelbſt aber empfing mich ſitzend auf einem Thron, deſſen Hauptmaterial ebenfalls aus ſolchen Reſten unglücklicher Menſchen be⸗ ſtand, und um den Hals trug ſie eine Kette, deren Glieder höchſt fein und zierlich aus Menſchenknochen gedrechſelt waren. Daß ihr Diadem, gegen deſſen blendende Weiße ihr ſchwarzes Antlitz höchſt ſchauerlich abſtach, aus demſelben Stoffe verfertigt war, brauche ich nach allem Dieſen wohl nicht erſt zu ſagen. Sie empfing mich jedoch ſehr liebreich, winkte mir, näher zu tre⸗ ten, und lud mich ein, auf dem Rücken einer auf ihren Befehl nieder⸗ knieenden Sclavin Platz zu nehmen, während eine zweite Sclavin mir in einer aus Todtengebein gearbeiteten Schale ein Getränk reichte, das aus einem heißen Gemiſch von berauſchendem Palmſaft und Blut — ich ſage es mit Schaudern: Menſchenblut!— beſtand. Indeß überwand ich meinen Widerwillen, leerte die Schaale mit einem ein⸗ zigen kräftigen Zuge, und ich muß ſagen, daß ſich hierauf ein ganz eigenes wildes Feuer durch meine Adern ergoß und daß die Todten⸗ ſchädel umher plötzlich den frühern unheimlichen Eindruck für mich verloren hatten, mir vielmehr für die Stimmung, in welche mich der Trank verſetzt hatte, die entſprechendſte Umgebung zu ſein ſchienen. Auch die Herrſcherin ließ ſich eine Schaale reichen; aber die Sela⸗ vin, welche dieſen Dienſt verrichtete, hatte. das Ungkück, einige Tropfen auf den Shawl, in welchen Ihre Majeſtät eingewickelt war, zu ver⸗ gießen. Sofort winkte die Königin, der Scharfrichter, den Ihre Ma⸗ jeſtät ihren„lieben Freund“ nannte, trat vor und der Kopf der Un⸗ glücklichen rollte zu den Füßen der Königin. Einer zweiten und dritten Sclavin fiel das nämliche Loos; denn die armen Geſchöpfe zitterten vor Angſt wie Espenlaub. In meiner jetzigen Stimmung erſchien mir das Verfahren der Königin ganz natürlich und der Situation entſprechend, und ich würde damals, glaube ich, in gleichem Falle nicht anders gehandelt haben. Mit ſüßer wohlwollender Miene begann nun die Königin Krikikara: Schöner Fremdling! Zittre nicht! Dieſe Umgebungen werden deinem feinen europäiſchen Geſchmack freilich nicht ganz zuſagen, aber du wirſt dich daran gewöhnen, und, wenn du dich erſt acclimatiſirt lal ge⸗ deſſen hen be⸗ hüchſt aß ihr häcſt iche ich zu tre⸗ nieder⸗ ein mir reichte, )Blut Indeß m ein⸗ in gan Todten⸗ ir mich nich der nen. e Sela⸗ Tropfen zu ber⸗ e M⸗ der Un⸗ und ſſchöpfe ren der würde aben. gkikara: werden n, aber matiſtt — 271— haſt, finden, ſowohl wie geſchmackvoll, wie künſtleriſch vollendet dieſe Todtenbeine arrangirt ſind, als welche Kühlung ſich von dieſer Wand⸗ und Fußbodenbekleidung über die Gemächer verbreitet. Auch kann ich dich verſichern, daß es bei uns kein wohlfeileres Material gibt als dieſes, was vom nationalöconomiſchen Standpunkte ja auch nicht zu verachten iſt. Man hat mir übrigens geſagt, daß mehrere deutſche Nationalöconomen bereits einen Standpunkt erreicht haben, der ihnen erlaubt, dieſe Wahrheit einzuſehen, zu begreifen, daß dieſes Material wegen ſeiner Wohlfeilheit ſich für den Chauſſeebau und die Straßen⸗ pflaſterung ganz vorzüglich eignet. Majeſtät! ſagte ich, ſo weit ich unſere Nationalöconomen kenne, werden ſie mit größtem Vergnügen ihre Knochen im Intereſſe des Chauſſeebaus und der Straßenpflaſterung herleihen. Sie ſind ge⸗ wohnt, den Werth des Menſchen nur nach dem Quantum Kalk und Mörtel abzuſchätzen, das in ſeinen Gebeinen enthalten iſt, und wenn irgend ein Umſtand ſie bewegen kann, die Kriege trotz ihrer Koſtſpielig⸗ keit nicht ganz verwerflich zu finden, ſo iſt es der, daß durch ſie die Felder gedüngt werden. Da ſind dieſe trefflichen Nationalöconomen ganz meiner Anſicht, erwiederte die Königin, eine beſſere und wohlfeilere Felderdüngung als die mit Blut und Knochen gibt es nicht. Indeß, mein theurer Freund, brechen wir von dieſen ſehr langweiligen nationalöconomiſchen Erörterungen ab und kommen wir zur Sache. Ich war ſo geſpannt, daß man mich als Darmſaite auf eine Violine hätte aufziehen können. Die Königin Krikikara, die während der ganzen Unterhaltung mit den herabhängenden Ohren ihres Favoritſchweines anmuthig ſpielte, fuhr nun fort: Ich habe dich rufen laſſen, Fremdling, weil ich in dir einen Repräſentanten der europäiſchen Civiliſation erblicke, für die ich, wie du auch aus allen meinen Maßregeln erkennen magſt, ſtets ein großes Intereſſe gefühlt habe. In frühern Jahren, als ich noch Prinzeſſin war, befand ſich in Tombuktu ein würdiger Repräſentant eurer Civi⸗ liſation, der bayeriſche Bierbrauer Franz Xaver Schindelmaier. Dieſer beſaß ein Exemplar eines Trauerſpiels, welches ein Landsmann von — 272— dir, ein gewiſſer Schiller, geſchrieben hat. Dieſes Trauerſpiel hieß „Die Räuber“ und hat mir einen großen Reſpect vor eurer Civili⸗ ſation eingeflößt, ſo daß ich die Zeit nicht mehr fern glaube, wo dieſe weſtliche Civiliſation geharniſcht und mit eingelegter Lanze gegen die Barbarei des Oſtens in die Schranken reiten wird. Sie iſt es werth, daß Ströme Blutes um ſie vergoſſen werden und Mord und Zer⸗ ſtörung ihren Weg bezeichnen. Ein blutdürſtiger Bandit, der eine große Stadt einäſchert, der nach Herzenluſt ſengt und brennt, mordet und würgt, plündert und ſtiehlt, und dabei ſo zarten Gefühls iſt, daß er die Sonne nicht untergehen ſehen kann, ohne in Thränen hinzu⸗ ſchmelzen— oh es iſt ein rührendes, herz⸗ und nierenergreifendes Bild eurer Civiliſation! Ich habe mir dieſen Karl Moor zum Vor⸗ bild genommen und handle ganz nach ſeinen Grundſätzen. Wenn Jemand z. B. in einer Stadt meines Reiches eine königliche Kaſſe beſtiehlt, ſo laſſe ich ſofort allen Einwohnern die Köpfe abſchlagen, weil ich doch dann ſicher weiß, daß der Dieb von der Strafe mit⸗ getroffen wurde. Mein ſehnlichſter Wunſch iſt erfüllt; ich ſehe den würdigſten Repräſentanten der wackern gemüthvollen deutſchen Nation vor mir und werde ihm zu Ehren ſofort decretiren: Erſter und einziger Artikel: Die weltberühmte deutſche Gemüth⸗ lichkeit iſt fortan in meinen Reichen eingeführt; wer nicht gemüthlich ſein will, wird geköpft!— Lebt euer wackerer Karl Moor noch? Nein, erhabene Königin! erwiederte ich; Karl Moor, der Edle, hat, ſo viel ich weiß, auf dem Rade ſeine gemüthliche Seele aus⸗ gehaucht. Schade um ihn! Er war eines beſſern Looſes würdig! klagte die Königin. Lebte er noch, ſo würde ich ihm die Hand reichen. In Ermangelung eines Karl Moor kann ich nichts Anderes thun, als dich, ſchöner Fremdling, zu meinem Gemahl zu erheben. Dieſer Antrag machte mich ein wenig beſtürzt; ich wußte nicht, ob ich nein oder ja ſagen ſollte, zumal ein etwas penetranter Blutgeruch aus den Nebenzimmern drang und meine Geruchsnerven afficirte. Ich ſtammelte einige Entſchuldigungen von„zu großer Chre“, „daß ich armer Wurm nicht würdig ſei, ein ſo hohes Glück aus der Köni den Sela Hoch Blut ihre Obe zuvo reich in n den Knie Lebe blie ſtor übe unſe beſa⸗ mun dieſ Pan Flie 6, Gen — 273— Königin Hand in Empfang zu nehmen“,„daß ein gewiſſer Duft aus den Nebenzimmern meinen Sinn betäube“ u. ſ. w. Kinderei! fiel ſie gereizt ein; es werden eben nur einige Dutzend Selaven und Sclavinnen geſchlachtet, um aus ihrem Blut das nöthige Hochzeitsgetränk zu bereiten. Fremdling! Geliebter Fritz! du haſt den Bluttrank mit mir getrunken; du biſt mein! Im Uebrigen— und ihre Stimme nahm ihren ſchmelzendſten Ton an— hier ſteht der Ober⸗Hofconſiſtorialrath, und dort der Hofſcharfrichter. Wähle! Doch zuvor noch einen Trunk! Es wurde mir nun abermals eine Schaale heißen Getränks ge⸗ reicht, die ich haſtig leerte. Ein unheimliches Feuer begann ſofort in meinem Innern aufzulodern. Ich erhob mich von meinem leben⸗ den Sitz, näherte mich der Königin, ließ mich vor ihr auf meine Kniee nieder und rief: Blutmenſch! Ich bin dein! Laß uns zuſammen in Blut durch's Leben waten! Sofort wickelte ſie mich in ihren Shawl mit ein, die Trompeter blieſen auf ihren Wink einen luſtigen Tuſch, und der Ober⸗Hofconſi⸗ ſtorialrath ſegnete unſere Ehe, indem er einen Eimer Menſchenbluts über unſern beiderſeitigen Häuptern entleerte. Ueberhaupt floß bei unſerer Hochzeit zwar nicht Wein, aber Blut in Strömen, und ich befand mich acht Tage lang darauf in einer ſo blutdürſtigen Stim⸗ mung, daß ich, um meinen Blutdurſt einigermaßen zu ſtillen, während dieſer acht Tage Tauſende von Fliegen und Mosquitos mit meinem Pantoffel maſſacirt habe. Die Mosquitos fielen wie Helden, die Fliegen wie Fliegen— die Elenden! Acht weitere Tage bedurfte es, um die Leichen der Gefallenen auf Karren aus den königlichen Gemächern fortzuſchaffen. D. B. X. Fritz Beutel, v. Marggraff. 18 Einundzwanzigſtes Kapitel. Bei der Gründung eines neuen Staats iſt im⸗ mer von dem Grundſatz auszugehen, daß jeder Unterthan entweder von Geburt oder Erziehung ein Böſewicht iſt und, wenn er heute kein Ver⸗ brechen begeht, doch morgen eins begehen könnte. Die prophylaktiſche Methode muß daher allen Staatseinrichtungen zum Grunde liegen, doch mit möglichſter Gemüthlichkeit gepaart, damit ſie nicht allzuläſtig werde. Macaulay. Centralafrika iſt jenes weite Gebiet im Innern von Afrika, über welches der Aequator wie ein Bügel hinweggeht. Daß bei dieſer geographiſchen Lage die Leidenſchaften der Bewohner oft eine koloſſale Form annehmen, braucht man einem ver⸗ nünftigen Leſer nicht erſt zu ſagen. Carl Ritter. Ich war nun„Königin⸗Gemahl“ und befand mich ſomit in einer Stellung, in welcher der Menſch bei Lichte beſehen weder Fiſch noch Fleiſch, weder Etwas noch Nichts, weder Unterthan noch Regent iſt. Um doch Etwas zu ſein, ließ ich den Rector Magnificcus wiſſen, daß ich wünſche, zum Doctor der Rechte creirt zu werden, und daß er gut thun würde, dieſen Wunſch als Befehl zu nehmen. Gleich am folgen⸗ den Tage wurde mir das Diplom überbracht— ein Pergament von 12 Ellen Länge, welches von acht Univerſitätsdienern getragen wurde, zugleich in Begleitung einer kleinen Copie für den Hausgebrauch, welche in einer goldenen, höchſt kleinen aber zierlichen Kapſel einge⸗ ſchloſſen war. Dieſes Miniaturdiplom verwahre ich noch, und wer daran zweifeln ſollte, kann es bei mir in Augenſchein nehmen. Ich habe daſſelbe unter Glas und Rahmen gebracht, und zwar unter ein Vergrößerungsglas, weil es ſeiner Diminutivform und Diminutivſchrift wegen ſonſt nicht geſehen und geleſen werden könnte, und legt Hä und Lan hier — 275 Glücklicherweiſe war meine Gemahlin, wie geſagt, ſehr corpulent und nahm täglich an Maſſe zu. Mit jedem Zoll, den ſie zunahm, legte ſie auch irgend eins der Regierungsgeſchäfte nieder und in meine Hände, ſo daß ich mehr und mehr an politiſchem Einfluß gewann und, da ich nicht Luſt hatte, mich zu afrikaniſiren, daran denken durfte, Land und Hof zu europäiſiren. In dem Todtenbeinhaus, welches man hier den königlichen Palaſt nannte, befand ich mich gar nicht wohl, und ich ſuchte die Königin zu überreden, das Schloß ihrer Väter zu verlaſſen und einen neuen freundlicheren Palaſt zu beziehen, den ich unter der Hand auf einer die Stadt überragenden mit Palmen be⸗ wachſenen Anhöhe hatte aufführen laſſen. Sie dazu zu überreden, war nicht leicht; als ich ihr jedoch vorſtellte, wie bei ihrer zunehmenden Leibescorpulenz die kleinen Zimmer im alten Palaſt bald nicht mehr zureichen würden, ihre Geſtalt zu faſſen, willigte ſie endlich ein, in den neuen Palaſt zu ziehen oder ſich vielmehr ziehen zu laſſen; denn gehen konnte ſie wegen ihrer Corpulenz ſchon lange nicht mehr. Als ſie jedoch bemerkte, daß ſie ſich in den geräumigen Zimmern des neuen Palaſtes viel beſſer als früher nach allen Richtungen ſtrecken konnte, daß die marmornen Wände und Fußböden mehr Kühlung als die Todtenbeinfournirungen in der alten Königsburg verbreiteten, und daß die Roſen⸗ und Oleanderbüſche ſüßern Duft aushauchten als die Lachen menſchlichen Blutes, da ſprach ſie ihre volle Zufriedenheit aus und ſagte zu mir: Liebes Doctorchen!(ſo nannte ſie mich ſtets, wenn ſie bei guter Laune war) Du haſt mir eine rechte Freude bereitet. Ich fühle erſt jetzt, was Civiliſation heißt. In unſern Naturſtaaten lebt man doch gar zu natürlich, wenn auch wohlfeil. Als ich aber nach einiger Zeit mit den Baurechnungen vor ſie trat, machte ſie ein eben ſo verwundertes als verdrießliches Geſicht und kam auf ihren alten Satz zurück, daß Menſchenknochen doch immer das vorzüglichſte und wohlfeilſte Baumaterial blieben. Solche Rückfälle in die alte Barbarei waren bei ihr überhaupt ſehr häufig und machten mich um die Zukunft nicht wenig beſorgt. Freilich kann ich nicht leugnen, daß die Rech⸗ nungen etwas hoch aufgelaufen waren, weil ich einige tauſend Marmor⸗ platten mehr, als wirklich gebraucht worden, auf Rechnung geſetzt hatte. In der Stellung eines Königin⸗Gemahls gelten alle Vortheile. 18* — 276— Im Uebrigen gehören meine Erinnerungen aus jener Zeit zu den ſchwärzeſten meines Lebens. Ich kann ſie wohl ſchwarz nennen. Gleich früh Morgens beim erſten Erwachen fiel mein Blick auf einen ſchwar⸗ zen Gegenſtand, der, wie ich ſchon mittheilte, ausnehmend corpulent war und den ich mich oft verſucht fühlte, für einen Sack voll Stein⸗ kohlen zu halten— auf meine Gemahlin, Ihre Majeſtät die Königin Krikikara von Tombuktu. Kaum, nachdem ich mich von meinem Lager erhoben, erſchien die ſchwarze Geheime⸗Ober⸗Hof⸗Waſchwaſſer⸗Verwal⸗ terin mit einem Kruge etwas ſchwärzlichen Ciſternenwaſſers und ſchwar⸗ zer Seife; alsdann die ſchwarze Geheime⸗Ober⸗Hof⸗Kaffeebereiterin mit einigen Schaalen ſchwarzen Kaffee's; ſodann der ſchwarze Ober⸗Geheime Hof⸗Kleiderreiniger und Ober⸗Geheime⸗Hof⸗Stiefelputzer mit ſeiner ſchwarzen Glanzwichſe; hierauf der ſchwarze Geheime⸗Ober⸗Hof⸗Schweine⸗ junge mit ſchwarzer Farbe, um den Favoritſchweinen der Königin die unerläßlich ſchwarze Glanzfarbe zu ertheilen; hierauf der ſchwarze Geheime⸗Ober⸗Hof⸗Bartkräusler, um meinem Schnauzbart mit ſchwarzer Bartwichſe nachzuhelfen; hierauf der ſchwarze Geheime⸗Ober⸗Hof⸗Scharf⸗ richter in ſchwarzem Talar, um die Liſte derjenigen Einwohner von Tom⸗ buktu zu empfangen, welche im Laufe des Tages diderſer Gründe wegen um einen Kopf kürzer gemacht werden ſollten; hierauf der ſchwarze Geheime⸗Ober⸗Hof⸗Staatsſecretär mit ſchwarzer Tinte, um die Liſte der Todescandidaten für den folgenden Morgen anzufertigen— und ſo den ganzen Tag durch. Zum Tagesſchluß pflegte ich dann ſo viel Tombuktuer Braunbier einzunehmen, bis ich ſelbſt ganz„ſchwarz“ war, ſo ſchwarz, daß mir ſogar meine königliche Gemahlin— Gott habe ſie ſelig!— als ein Lichtpunkt in dieſer ſchwarzen Welt oder Weltſchwärze erſchien. An civiliſirten Vergnügungen und ritterlichen Uebungen fehlte es übrigens nicht. So gab es z. B. Herren⸗Schweinerennen, und bald hatte ich mich mit meiner gewohnten Geſchicklichkeit ſoweit eingeritten, daß ich ſelbſt in Perſon an einem ſolchen Theil nehmen konnte. Wir ritten, wie ich bemerken muß, der entſetzlichen Sonnenhitze wegen mit Schirmen, die wir mit der linken Hand über den Kopf hielten. Mehrere Herren wurden, da die Thiere unter poſſierlichen Sprüngen und ſehr melodiſchem Grunzen mit ihnen durchgingen oder bockten, auf den Sand geſe kum Gre Sc ritt 8 T „N Ban — 277— geſetzt, zum ungeheuren Vergnügen des zahlreich verſammelten Publi⸗ kums. Nur ein junger Hofcavalier und Garde⸗Cavallerielieutenant, der Graf von Quiquiqua, hielt mit mir aus, indem er ein ſehr ſchönes Schulſchwein, die„Emilia“(vom„Bucephalus“ und der„Euryanthe“) ritt; hierauf kam ich mit der„Atalanta“(vom„Cäſar“ und der „Diana“), einem hochbeinigen, ſchlank gebauten Thiere, alsdann der Baron Pipurra mit dem„Boreas“(von dem„Zephyr“ und der „Flora“). Da aber die„Emilia“ ſich mit einigen auf der Bahn lie⸗ genden Kohlſtrünken lebhaft zu beſchäftigen anfing, ſo ſchlug meine „Atalanta“ ſie um eine viertel RüſſellInge und den„Boreas“ um eine ganze Schweinelänge, worauf mir der Preis, eine mit verzuckertem dicken Milchreis gefüllte hölzerne Trinkſchale und eine von den vor⸗ nehmſten Damen Tombuktu's geſtickte baumwollene Nachtmütze, zu⸗ erkannt wurde. Abends hatten wir Ballet, das, wie ich verſichern kann, ganz famos war. Namentlich zeichnete ſich unter den Tänzerinnen Fräulein Roſa de Tepita(übrigens ein angenommener nach dem Spaniſchen gebildeter Name, denn in Wirklichkeit hieß ſie Matſcha⸗Schnoka) durch ihre ganz merkwürdigen, einem gebildeten Europäer unbegreiflichen Sprünge, Stellungen und Geſticulationen aus. Sie war ſchwarz wie eine Ge⸗ witternacht und ihr Blick ſo funkelnd wie Wetterleuchten. Angebetet von den Herren, war ſie ein Gegenſtand des Haſſes für die Frauen, denen ſie die Herzen ihrer Gatten allabendlich dutzendweiſe abwendig machte. Man trug ſie buchſtäblich auf den Händen, d. h. Abends nach der Vorſtellung nach Hauſe; der Tombuktuer Liederkranz brachte ihr Ständchen, wobei man auf den Jungfernkranz„Ueb' immer Treu und Redlichkeit“ folgen ließ; und die Hof⸗ und Staatszeitung enthielt unter ihren Inſeraten die zärtlichſten Gedichte an Roſa de Tepita, an ihre Augen und ihr Wollenhaar, an ihre Fußſpitzen, an ihren Shawl, an die glückliche Fliege, die ſich auf ihre Naſe geſetzt hatte und die man um ihren köſtlichen Sitz beneidete. Auch die Leiſtungen der k. Hofcapelle waren einzig in ihrer Art. Man hatte ſich allmälig in den Beſitz einer Anzahl europäiſcher eiſerner Töpfe, zinnerner Bier⸗ kannen, meſſingener Theekeſſel, kupferner Bratpfannen u. ſ. w. geſetzt, mit denen man, indem man ſie mit Bratſpießen tüchtig behandelte, — 278— unter Begleitung einheimiſcher Trommeln und Pfeifen, einen den Ohren ſehr angenehmen Lärmen vollführte. Da gab es einen erſten und zweiten Bratpfannenſchläger, einen Baß⸗ und einen Diskant⸗CTheekeſſel, und weil man davon gehört hatte, daß die europäiſchen Muſikſtücke aus einem Schlüſſel gingen, dies aber wörtlich nahm, ſo wurde dazu auf einem wirklichen Schlüſſel geblaſen, wozu die k. Kammerherren die ihrigen herleihen mußten. Der k. Hof⸗Operncomponiſt ſetzte zu dieſen Inſtrumenten die Muſik, in der, wie ich verſichern kann, die unauf⸗ gelösten Diſſonanzen vorwalteten— Diſſonanzen, aus denen die k. Hof⸗ Aeſthetiker die tiefſten philoſophiſchen Ideen und weltgeſchichtlichen Ten⸗ denzen zu abſtrahiren wußten. Ich ſagte mir oft: wenn irgendwo, ſo iſt der„Kunſt der Zukunft“ in Tombuktu eine Stätte bereitet. Als Gemahl der regierenden Königin ließ ich es an durchgreifenden Reformen nicht fehlen. Unter andern ſtellte ich Tombuktu, nachdem ich es durch den unvermeidlichen proviſoriſchen Belagerungszuſtand dazu genügend vorbereitet hatte, in die Reihe der conſtitutionellen Staaten, indem ich eine Verfaſſung octroyirte, wonach fortan eine könig⸗ liche Hof-Ständeverſammlung bei den Landesangelegenheiten zu Rathe gezogen werden ſolle. Dieſe Ständeverſammlung beſtand aus mir, den königlichen Prinzen(Seitenverwandten der Königin), den Miniſtern, dem königlichen Geheimen⸗Ober⸗Hof⸗Küchenmeiſter und dem königlichen Hof⸗Kellermeiſter. Denn die Speiſe⸗ und Trankangelegenheiten des Landes und namentlich des Hofes ſchienen mir vor allen der durch⸗ greifendſten Reformen benöthigt zu ſein. Die Thronreden, welche die Königin bei Anfang und Schluß der Seſſion zu halten hatte, waren kurz und bündig und lauteten etwa:„Hohe Verſammlung! Es gewährt mir Genugthuung, Sie wieder um mich verſammelt zu ſehen und Ihnen ſagen zu können, daß ſich Tombuktu niemals in einem blühenderen Zuſtande des Wohlſeins befunden hat und daß ich von den Nachbar⸗ ſtaaten fortdauernd die Zuſicherungen aufrichtigſter Freundſchaft und Friedensliebe erhalte. Es befindet ſich Alles im vollkommenſten Zu⸗ ſtande. Nur die Küchen⸗ und Kellerangelegenheiten des königlichen Hauſes haben ſich allein noch nicht auf die Höhe europäiſcher Voll⸗ kommenheit erhoben und bedürfen dringender und ſchleuniger Reformen. Eine neue Landesſteuer iſt hierzu unerläßlich. Sie, als die aus einem —— dazu erren ieſen — 279— liberalen Wahlgeſetze hervorgegangenen Repräſentanten der glorreichen Nation von Tombuktu, werden das Nöthige veranlaſſen, und meine Nation, die ich mütterlich liebe, wird ſich beeilen, zum Dank für die ihr verliehene freiſinnige Verfaſſung Ihrem billigen Anſinnen zu ent⸗ ſprechen.“ Es wurde nun eine„Steuer⸗Steuer“ ausgeſchrieben, d. h. alle Beſteuerten wurden dafür, daß ſie beſteuert waren, nach einer ge⸗ wiſſen Scala nochmals beſteuert; ferner eine„Gedankenſteuer“:— Es wurden nämlich alle Einwohner Tombuktu's, die auf Bildung Anſpruch machten, vor die obere Steuerbehörde beſchieden und hier die Frage an ſie gerichtet: ob ſie ſchon je in ihrem Leben einen klugen Gedanken gehabt hätten? Da ſie ſich nun ſchämten, dieſe Frage zu verneinen, ſo wurde dieſer Gedanke mit einer Steuer belegt. Zugleich wurden ſie zu Ober⸗Hof⸗Denkräthen erhoben und mußten für das Diplom, wie für die Ertheilung des damit verbundenen Ordens eine gewiſſe Abgabe erlegen. Sie befanden ſich aber bei der Ehre, die ihnen daraus erwuchs, recht wohl und Küche und Keller des königlichen Hofes auch. Ich bildete ein neues Miniſterium und wählte zum Miniſter der Schul⸗ und Geiſtlichen Angelegenheiten einen verdorbenen Schulamts⸗ candidaten, der ſich bei unſern Commerſchen durch allerlei joviale Streiche hervorgethan hatte und ſtets behauptete, die beſte Religion ſei die, keine zu haben; zum Kriegsminiſter einen Schuhflicker aus der Vorſtadt, deſſen Beine ſo gewachſen waren, daß ſie einem vollkom⸗ menen O glichen; zum Miniſter der Finanzen einen Kaufmann, welcher bereits zwölfmal Bankrot gemacht hatte und von dem ich mit Recht erwarten konnte, daß unter ſeiner Fürſorge ein zwölfmaliger Bankrot den Staatsfinanzen recht ſehr zu ſtatten kommen würde; zum Miniſter der Medicinalangelegenheiten einen Bartſcheerer, der ſchon ſo manchen Kranken von ſeinen Leiden befreit hatte, freilich auf einem der Geneſung entgegengeſetzten Wege, und zum Miniſter des Innern einen Gaſthofsbeſitzer, deſſen ſchmackhafte Gazellencotteletten und Anti⸗ lopenbeefſteaks mir die Ueberzeugung verſchafft hatten, daß er auch für das Innere des Staats vortrefflich zu ſorgen wiſſen werde. Zugleich erhöhte ich den Glanz des Hofes durch neue Hofchargen. Ich errichtete z. B. den Poſten eines Geheimen⸗Ober⸗Hof⸗Pfeifenſtopfers, welcher den Auftrag hatte, mir jeden Morgen die dreißig Pfeifen zu — 280— ſtofpen, welche ich des Tages über zu rauchen gedachte und die einen Hauptſchmuck meines Staatszimmers bildeten, ſowie den Poſten eines Geheimen⸗Ober⸗Hof⸗Steckbriefverfertigers, der bald eine der wichtigſten Perſonen im Staate wurde. Ich nahm an, daß jeder Tombuktuer ein geborner Schuft und zu jeder Art Verbrechen fähig ſei; für den Fall nun, daß er wirklich ein Verbrechen beging und flüchtig wurde, lag der auf ihn lautende Steckbrief ſchon fertig auf der Polizei— eine Einrichtung, deren Nutzen man in Europa nicht verkennen wird und die ich zur Nachahmung empfehlen möchte. Da mit Ausfertigung der Steckbriefe ſelbſtverſtändlich auch eine Abgabe verbunden, jeder Tombuktuer aber verpflichtet war, einen ſolchen Steckbrief auf ſeine eigene Perſon und jedes Mitglied ſeiner Familie zu entnehmen, ſo hatten wir für Küche und Keller, für Tabak und Wein wieder eine neue hübſche Zubuße. Auch verordnete ich, daß jeder Tombuktuer vor der Bruſt ein meſſingenes Schild tragen mußte, worauf ſein Name und ſein Stand verzeichnet waren— ſo daß in Tombuktu Jedermann wußte, wer Jedermann war. Kurz einen wohlorganiſirteren Staat als Tombuktu konnte es zu keiner Zeit geben; es war ein Muſterſtaat, wie man ihn heutzutage leider nicht mehr findet. Um die Frauen für mich zu gewinnen, errichtete ich ferner den Orden der Geheimen⸗Ober⸗Hof⸗Kaffeeſchweſtern, die als Abzeichen eine aus Kaffeebohnen zierlich zuſammengeſetzte Halskette erhielten und von denen täglich eine Deputation von ſechs Mitgliederinnen bei Hofe zu erſcheinen hatte, um ein gnädiges Kopfnicken in Empfang zu nehmen und dafür eine Münze in einen bereit ſtehenden Almoſenkaſten für die Armen fallen zu laſſen. Dieſe Armen waren aber ich und meine Gemahlin, Königin Krikikara. Da ich nun manche ſtille Liebhabereien hatte, von denen ich nichts merken laſſen wollte, meine etwas geizige Gemahlin mich aber ſehr knapp hielt, ſo mußte ich noch auf andere Mittel ſinnen, meine Finanzen zu verbeſſern. Unter andern errichtete ich eine königliche Hof⸗Staats⸗Kegelbahn und lud die Hof⸗Cavaliere und reichſten Män⸗ ner der Stadt jeden Nachmittag zu einer Partie Kegel ein. Kam nun an mich die Reihe, ſo war durch eine leicht anzubringende Vor⸗ richtung dafür geſorgt, daß ſtets alle Neun fielen. Der Geheime⸗ einen eines ſtigſten er ein r den vurde, ei— wird igung jeder f ſeine n, ſo eine r vor Name rmann Staat erſtaat, er den n eine d von ofe zu nehmen n für meine nichts e ſehr meine igliche Män⸗ Kam Vor⸗ heime⸗ A — 281— Ober⸗Hof⸗Kegeljunge war natürlich in meinem Geheimniß und ſo ſtrich ich, neben dem gewonnenen Einſatz, auch noch den Zoll der Be⸗ wunderung für meine Geſchicklichkeit mit großer Gemüthsruhe ein. Außerdem veranſtaltete ich Abends Kartenpartien, hatte aber durch die Ständeverſammlung ein Geſetz ſanctioniren laſſen, wonach ich als Gemahl der Königin für Lebenszeit das Privilegium haben ſollte, ſtets aus meiner Karte Trumpf zu machen, auch nicht Farbe bedienen zu müſſen wie meine Mitſpielenden. So fehlte es mir nie an Taſchen⸗ geld für meine menus plaisirs. Endlich ſollte ich auch Vaterfreuden genießen. Meine Gemahlin machte mir eines Tages die Freude, mich mit Zwillingsprinzen zu beſchenken, von denen der eine auf der ganzen rechten Seite und der Andere auf der ganzen oberen Hälfte ſeines Körpers das reinſte euro⸗ päiſche Weiß zeigte. Alſo doch endlich, außer mir, etwas Weißes in dieſer pechſchwarzen Menſchennatur! Und die Natur— ſoll ich ſie Mutter nennen?— alſo„Mutter Natur“ hatte dieſes Halbirungs⸗ ſyſtem an dem erſten ſo conſequent durchgeführt, daß ſelbſt ſein Haar davon keine Ausnahme machte, ſondern auf der linken Seite das üppigſte lockige Mohrenhaar, auf der rechten Seite das langgeſchlichtete blonde der Nord⸗Europäer blicken ließ. Was mich betrifft, ſo bin ich in äſthetiſcher Beziehung für alles Blonde. Die berühmteſten Maler haben von jeher alle Teufel mit ſchwarzen, alle Engel mit blonden Haaren dargeſtellt, und eben darum verehre ich auch in mir einen Engel, weil ich von„Mutter Natur“ mit blonden Haaren ge⸗ ſchmückt worden bin, ſo daß mich von den Raphaelſchen Engeln nichts weiter unterſcheidet als— der Schnurrbart. Meine Prinzen waren ohne Zweifel eine merkwürdige Spielart und zwar in doppelter Beziehung. Die Natur hatte mit ihnen geſpielt, und ſie ſpielten mit der Natur. Ich werde ewig der ſchönen Stunden gedenken, wo ſie um mich im milden Strahle der afrikaniſchen Sonne im Sande herum krabbelten, der hinlänglich warm war, um ihr Wachsthum und ihre Entwickelung zu befördern. Sie ſchoſſen beide ſo ſchnell auf, daß ich ſie nicht bloß wachſen ſehen, ſondern ſogar wachſen hören konnte und eine eigene Preßmaſchine erfinden mußte, um ihrem Wachsthum wenigſtens einigermaßen Einhalt zu thun. — 282— Kein idylliſcheres Bild, als wenn ich, meine kurze Pfeife ſchmauchend, mit den königlichen Buben im Sande mich wälzte, denn ich hatte mich an die afrikaniſche Sonne gar bald ſo gewöhnt, daß mir ſchon der leiſeſte Schatten einer Dattelpalme das Gefühl empfindlicher Kühle verurſachte. Wurde mir aber die Hitze zu arg, ſo zog ich meinen Pelz aus Fiſch⸗ otter an; denn theoretiſch genommen, dachte ich, müſſe ja ein Pelz eben ſo gut die Hitze abhalten, wie er die Kälte abhält, und in praktiſcher Anwendung bewies ſich meine Theorie auch als vollkommen richtig. Die Zwillingsprinzen mochten bereits vier Jahre alt ſein(und in dieſer Beziehung überholte Keiner den Andern), als der der Länge nach Halbirte— Tobacco war ſein Name, Pfeiffio hieß der andere— des einen Tags ſchreiend nach der Tabakspfeife verlangte, um ſelbſt einige Züge gegen die Sonne zu dampfen. Da ich ihm ſeine etwas ſtürmiſch vorgetragene Bitte abſchlug, wurde der kleine Kerl ganz un⸗ gebärdig, ſtampfte mit den Füßen und warf ſich zuletzt auf die Erde, mit Beinen und Händen in den Lüften arbeitend. Zu meiner Ueber⸗ raſchung ſah ich ſeine weiße rechte Seite immer gelblicher werden, und als er endlich ſich beruhigt hatte und wieder vom Boden aufſtand, da hatte ich die Beſcheerung! Seine weiße rechte Seite, das Haar auf derſelben Seite mit inbegriffen, war vor Aerger gelb geworden wie eine Citrone: er war ſchwarzgelb! Bis dahin hatten ſich die beiden Prinzen prächtig vertragen. Damit war es nun vorbei. Sie lagen ſich nicht mehr wie früher in den Armen, ſondern in den Haaren. Keiner gönnte mehr dem Andern etwas. Um jede Cocosnuß, um jede Dattel, um jedes Reismüßchen gab es Keilereien im großartigſten Style. Schwarz⸗Weißer! rief To⸗ bacco dem Pfeiffio, Schwarz⸗Gelber! Pfeiffio dem Tobacco zu. Ab⸗ trünniger! ich will dir dein Gelb ſchon ausklopfen! ſchrie Pfeiffio. Schändlicher! ich will dir dein Weiß ſchon vergelben! ſchrie Tobacco — und alsbald droſch Pfeiffio auf das Gelb des Tobacco, und To⸗ bacco auf das Weiß des Pfeiffio los. Hatten ſie ſo lange auf ein⸗ ander losgeſchlagen, bis Pfeiffio an der obern weißen und Tobacco auf der rechten gelben Hälfte ganz blau waren, dann umarmten ſie ſich und waren für eine kurze Zeit die beſten Freunde. hend, mich iſeſte achte. iſch⸗ Pelz in men — 283— Dies war der Stand der Angelegenheiten, als mein Stiefſohn (ich habe vergeſſen zu ſagen, daß meine Gattin bereits in erſter Ehe einem Prinzen das Leben geſchenkt hatte), ein langer, ungeſchlachter pechſchwarzer Burſche von ſeiner„großen Tour“ durch Central⸗Afrika nach der Burg ſeiner Väter zurückkehrte, um, da er mündig geworden, nach dortigem Landesgeſetz die Zügel der Regierung ſelbſt in die Hand zu nehmen. An dieſe Rückkehr des Prinzen Känkrino knüpften ſich, wie ſich denken läßt, neue Verwickelungen und neue Intriguen. Prinz Känkrino war gar nicht ſehr erbaut davon, zwei mit vieler Intelligenz begabte und ſchon ziemlich aufgeſchoſſene Prinzen vorzu⸗ finden, von deren Daſein er bis dahin noch keine Ahnung gehabt. Ich unterließ begreiflicherweiſe nicht, meine beiden Sprößlinge gegen den Prinzen Känkrino aufzuhetzen, und ſie begriffen ſehr ſchnell, daß es ihr gemeinſamer Vortheil erheiſche, gegen dieſes uns Allen ſehr wenig angenehme pechſchwarze Familienglied zuſammenzuhalten und nach dem Grundſatz„viribus unitis“ zu verfahren. Mit ihrer Un⸗ terſtützung— indem ſie die Lieblinge der Mutter waren— gelang es mir auch, den Huldigungstag von Monat zu Monat aufzuſchieben, worüber Prinz Känkrino mir bitter zu ſchmollen begann. Bald theilte ſich auch die ganze Bevölkerung des Reichs in zwei Parteien, in die Beuteliſten und die Känkriniſten, d. h. in die conſtitutionelle und die abſoluſtitiſche Partei. Inzwiſchen hatte ich mit der ſchon genannten Tänzerin Roſa de Tepita eine Art Verhältniß angeknüpft, ohne mir dabei etwas Arges zu denken. War ja doch Fritz Beutels Treue ſchon unter den Mar⸗ ketenderinnen der franzöſiſchen Armee in Algier ſprichwörtlich geworden! Aber ich wußte von Europa her, daß es gewiſſermaßen zu den noth⸗ wendigen Erforderniſſen großer Herren gehört,„noblen Paſſionen”“ zu huldigen und hochgefeierten Künſtlerinnen, welche der Oeffentlichkeit angehören, den Hof zu machen. Dieſes unſchuldige, nur als cavaliermäßige Ehrenſache betriebene Verhältniß wurde mein Verderben. Der abſcheuliche, Rache brütende Prinz Känkrino ſetzte meine königliche Gemahlin davon in Kenntniß. Er war dahinter gekommen, daß ein in der Staatszeitung anonym erſchienenes Gedicht an Roſa de Tepita von mir verfaßt ſei. — 284— Welcher Eiferſucht ein Mohr fähig iſt, weiß man aus Shakeſpeare's „Othello“. Aber nun gar die Eiferſucht einer Mohrin, einer ſchwarzen Königin! Um es kurz zu machen, wie es auch Krikikara machte: ich wurde auf ihren Befehl in Ketten gelegt und, mit den beiden Prinzen in den Armen(ſo weit ging die Rachſucht des zornigen, ſeiner Sinne nicht mehr mächtigen Weibes!) auf die Zinne des großen Pulverthurms geſetzt, die Lunte angelegt und— Dreihunderttauſend Centner Pulver nebſt diverſen Shrapnells, Kar⸗ tätſchen, Raketen, Granaten, Kanonenkugeln und Bomben ziſchten, praſſelten, donnerten, blitzten, flammten wie ein hölliſches Feuer um mich her, ſo, daß ich nur noch ſo viel Zeit und Beſinnung hatte, auf die Menſchenmenge, die Königin, die Stadt zu meinen Füßen einen Blick der Verachtung zu werfen und ſchaudernd zu erkennen, wie die Stadt über einander ſtürzte und Tauſende von Menſchen, die Königin ſammt ihrem ränkevollen Sohne voran, mit zerriſſenen Gliedern gegen den Himmel flogen— weit über meinen Kopf hinweg, den ich auch unter ſolchen Umſtänden nicht verlor! Man hatte nicht daran gedacht, daß der Thurm mit einer Platte gedeckt war aus einem Metall, welches von keiner elementariſchen Macht zu zerſtören iſt. Dieſes Metall wird nur dort zu Lande ge⸗ funden, wie ſo manches Andere auch. Dieſe umfangreiche Metallplatte wurde zwar einige Meilen hoch in die Luft geſchleudert, widerſtand aber der Gewalt des Pulvers, und trug mich wie ein Luftballon nach dem etwa hundert Stunden ent⸗ fernten Königreiche Macomaco. Dort ließ ſich die Platte nieder. Meine unverwüſtliche Körperconſtitution hatte auch dieſer furcht baren Kataſtrophe widerſtanden; ach, aber meine Prinzen waren, zart⸗ nerviger wie ich, von dem ungeheuren Luftdruck und dem die Sonne ſelbſt erſtickenden Dampf in meinen Armen getödtet! Das minuten⸗ lange Erlöſchen der Sonne hat man damals in Europa einer Sonnen⸗ finſterniß zugeſchrieben, welche der Kalender anzuführen vergeſſen habe. Etwas ſchwarz geräuchert, aber bei vollkommener Beſinnung ſtieg ich, auf dem Boden angekommen, mit einem deutſchen„Donnerwetter, das ging über den Spaß!“ von meiner Metallplatte. Wie war ich — über und Sie Sie erſch mein der eine an Sti Aug alte Geh ſteif — 285 überraſcht, als plötzlich ein Herr im ſchwarzen Frack auf mich zutrat und mir ein Blatt Papier entgegenhielt mit den Worten: Mein Herr! Sie ſprechen deutſch? Oh bitte, bitte! abonniren und pränumeriren Sie doch gefälligſt auf ein neues Theaterjournal, welches in Hamburg erſcheinen wird und wofür ich in Afrika Abonnenten ſammle! Aber, mein Herr— Vorausbezahhung auf ein Jahr! * Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Eine Philoſophie der Theatergeſchichte würde auch eine Philoſophie der Weltgeſchichte ſein; denn jene iſt nur das, was die Weltgeſchichte hinter den Ohren hat. Hegel. Wohin man im Völkerleben auch tritt, überall tritt man auf gebrochene Eide und Verträge, ge brochene Arme und Beine, gebrochene Augen ſammt Balken und Splittern darin, gebrochene Hälſe und Herzen. O, Wanderer, du denkſt auf einen Pflaſter⸗ ſtein zu treten, und du trittſt vielleicht auf ein Herz, das du ſelbſt gebrochen haſt. Jean Paul. Unerwarteter iſt mir niemals eine Frage gekommen als die, mit der ich in dieſem Augenblicke überraſcht wurde. Wer denkt auch in einem ſolchen Augenblicke an ein Hamburger Theaterjournal oder gar an Vorausbezahlung! Meine Ueberraſchung wurde noch dadurch vermehrt, daß mir die Stimme bekannt vorkam. Ich rieb mir einige Pulverkörner aus den Augen, betrachtete meinen Mann näher, und erkannte in ihm meinen, alten Freund— Peter Silje! 3 Peter! rief ich, biſt du wie ich ein Niederſchlag der Luft oder ein Gebilde des Abgrunds? Er erkannte mich an meiner Stimme, ſtand einige Augenblicke ſteif wie Loth's Weib, als ſie zur Salzſäule erſtarrte, und ſagte dann: — 286— Ein ſolches Wiederſehen hier in Afrika!— So Etwas kann kein Romanſchreiber erfinden, ſo Etwas kann nur erlebt werden! Als ich dich ſo herunterfahren ſah, glaubte ich einen Luftfahrer zu erblicken, der ſich auf einem Fallſchirme herabließe, und ich meinte, der würde ſchon aus Freude über ſeine glückliche Fahrt pränumeriren. Nachdem wir uns von unſerem Erſtaunen erholt, theilten wir einander unſere letzten Lebensſchickſale mit. Die ſeinigen waren ſehr einfach. Nach jener ſchändlichen Emeute, die mich aus Schnipp⸗ hauſionopolis vertrieb, hatte ſich auch Peter Silje in dieſer Stadt nicht mehr als Journaliſt halten können. Er hatte unſere Druckerei und den Minotaurus verkauft und ſich wieder nach Deutſchland ein⸗ geſchifft. In Hamburg war er mit einem Literaten und einem Drucker bekannt geworden, welche ſich zur Herausgabe eines neuen Theater⸗ journals verſchworen hatten und in ihrem Auftrage bereiste er nun die afrikaniſchen Staaten, um, wie die Leſer bereits wiſſen, hier Pränu⸗ meranten zu ſammeln. Ich fragte ihn, wie das Geſchäft hier ginge? und er zeigte ſich damit ſehr zufrieden. Es ſei, verſicherte er, in dieſen Ländern viel mehr Bildung und Intereſſe am Theater vorhanden, als er geglaubt habe,„Centralafrika beſitze mehrere kunſtliebende Fürſten, von denen einzelne gleich auf hunderte von Exemplaren pränumerirt hätten, um ſie unter ihre Unterthanen vertheilen zu laſſen, weßhalb er auch vor⸗ habe, Ausgaben des Journals in den Hauptſprachen Centralafrika's zu veranſtalten. Namentlich rühmte er die Kunſtliebe des Sultans von Macomaco, auf deſſen Gebiete wir uns gerade befänden. Dieſer kunſtſinnige Fürſt halte ſogar eine italieniſche Oper, ſei leider gerade verreist, werde aber in der nächſten Zeit zurückerwartet. Dieſe Mit⸗ theilungen intereſſirten mich ſehr, und ich fragte, warum Se. Majeſtät verreist ſei. Ach, erwiederte er, die berühmte Sängerin Angela Clabaſteroni war ihm durchgebrannt, und da ihn noch andere Intereſſen als das Intereſſe an ihrer Stimme an ſie feſſeln, ſo iſt er ihr nachgereist, um ihrer wieder habhaft zu werden. Die Clabaſteroni war nämlich mit dem Prinzen eines benachbarten Hofes durchgegangen, nachdem der König von ſc viel aubt enen um vor⸗ lkals tans feſer rade Mit⸗ eſůt war reſſe ieder inzen von ** — — 287— Macomaco ihre Todfeindin und jüngere Rivalin, Miranda Cleiſterazzi, engagirt hatte. Das ſind ja recht artige Sachen, ſagte ich. Wer iſt denn der be⸗ nachbarte Prinz? Er iſt vom Stamme der Nebus, jener geſchwänzten Neger, von denen auch in europäiſchen Journalen die Rede geweſen iſt. Man glaubt, es werde wegen dieſer Angelegenheit zu einem Kriege zwiſchen dem Königreiche Macomaco und dem der Nebus kommen. Nun, du wirſt die letztern ja auch kennen lernen! Und obl erwiederte ich., Im Uebrigen, fuhr Peter Silje fort, ſoll der Sultan von Maco⸗ maco ein Landsmann von uns ſein, weßhalb ſeine Vorliebe für Tän⸗ zerinnen und Sängerinnen wohl erklärlich iſt. Denke dir nur, der Sultan von Macomaco ein geborner Deutſcher! Nun, erwiederte ich, wir ſind ja auch geborne Deutſche. Es iſt freilich wunderlich genug, als Deutſcher geboren zu werden; aber was hilft's? Man muß ſich auch in dieſes Unglück zu ſchicken wiſſen. Man kann ja doch einmal nicht aus ſeiner deutſchen Haut, die gemeinhin auch ehrlich iſt, herausfahren, und wenn man ſechs Gäule vorſpannte; ich hab's verſucht, aber es iſt das Einzige, was mir nicht gelungen iſt. Doch, lieber Peter! fuhr ich fort, fällt dir denn gar nichts ein? Was ſollte mir einfallen? antwortete er; ſeit ich aus den Ver⸗ einigten Staaten fort bin, iſt mir nichts eingefallen als etwa meine Backen. Es fehlt ſonſt überall die rechte Luft zum Schwindel. Wir wollen auch nicht ſchwindeln, lieber Peter! ſagte ich, das ſei fern von uns; wir wollen vielmehr ein höchſt ehrliches und ſolides Geſchäft unternehmen, wir wollen ein Centralorgan für die mittel⸗ afrikaniſchen Theaterangelegenheiten gründen. Wir ſchicken alsdann den Pränumeranten, die du auf das Hamburger Theaterjournal geſammelt haſt, das unſrige zu, und es wird ihnen gewiß willkommen ſein, mehr von den afrikaniſchen Theatern als vom ſtädtiſchen Theater und dem Thaliatheater zu Hamburg zu leſen. Peter Silje gab zu, daß der Gedanke ein ſehr vortrefflicher ſei, und wir beſchloſſen, ſofort nach der Hauptſtadt von Macomaco aufzu⸗ brechen, um hier die nöthigen Schritte zu thun. — 288— Wir beſtiegen daher das einhöckrige Kameel, mit dem Peter Silje die centralafrikaniſchen Staaten beritt, und galoppirten geradeswegs auf die Hauptſtadt los, in der wir am dritten Tage eintrafen und das vornehmſte Hotel, das„zum feinen Leipziger“, als Abſteigequartier wählten. Mein erſtes Geſchäft war hier, die Leichen meiner beiden unglücklichen verſchrumpften Prinzen in Spiritus zu ſetzen, um meiner Vaterpflicht Genüge zu thun, ſie dem dortigen Muſeum zu ſchenken, wo ſie ſich wahrſcheinlich noch befinden, und mich dann zu dem Hof⸗ buchdrucker zu begeben und mit ihm das Nöthige über unſer Theater⸗ journal zu verabreden. Acht Tage darauf erſchien die Probenummer unter dem Titel: „Plauderalia; Centralorgan für die mittelafrikaniſchen Bühnen“. Das Blatt fand auch allgemeinen Beifall und war bald in allen gebildeten und auch ſehr vielen ungebildeten Familien Mittelafrika's eingeführt. Peter Silje beſorgte die techniſche Leitung und ich die Redaction, und da ich die meiſten Artikel ſelbſt ſchrieb, ſo kann man ſich denken, daß die„Plauderalia“ außerordentlich pikant war und namentlich auch von mir mit größtem Intereſſe geleſen wurde. Ich hatte, zumal im Hin⸗ blick auf die möglichen Verfolgungen von Seiten Frankreichs, Gründe genug, meine Pſeudonymität zu wahren und nannte mich als Ober⸗ redacteur Hugo von Moorbrand. Begreiflicherweiſe ließen es ſich die Mitglieder der italieniſchen Oper und des afeikaniſchen Schauſpiels ſehr angelegen ſein, meine Gunſt zu gewinnen, denn ich führte eine ſehr ſcharfe, ſpitzige Feder gegen Alle, welche ſich meine Ungnade zugezogen hatten. Signora Cleiſterazzi verfertigte mit eigenen Händen für mich einen koſtbaren Teppich(wenigſtens war er durch ihre Hände gegangen, denn ſie hatte ihn, wie ich ſpäter erfuhr, im vornehmſten Waarenmagazin der Stadt gekauft), Signora Lispelini ſchenkte mir ein herrliches Ruhekiſſen, der Tenorſänger Fiſtolani ein ſilbernes Schreibzeug, der Baritoniſt Brülloni eine Buſennadel mit Brillanten und der Baſſiſt Brummanti eine gol⸗ dene Feder. Fräulein Cleiſterazzi ging ſpäter noch weiter, ſie ſchickte mir von jeder neuen Oper das Textbuch zu, und beim Durch⸗ blättern, fand ich immer zwiſchen je zwei Seiten einen preußiſchen ſchen neine Feder nora aren hatte Siadt der lloni gol⸗ hickte urch⸗ ſchen — 289— Fünfzigthalerſchein. Ich habe niemals ein Buch mit ſo großem Ver⸗ gnügen durchgeblättert als dieſe Textbücher. Man ſpreche hier nicht von Beſtechlichkeit! die Welt kennt zu wenig die Mühen und den Zeitaufwand eines Theaterrecenſenten. Drei und mehr Stunden Abends im Theater zubringen und Stücke zum zwölften⸗ mal anſehen zu müſſen, die man ſchon beim erſten Male ſatt hatte, dann nach dem Theater bis in die Nacht mit Schauſpielern und Lite⸗ raten ſchmauſen und zechen zu müſſen, was ſich gar nicht umgehen läßt, am andern Morgen Kopfweh zu haben und doch genöthigt zu ſein, eine Recenſion zu ſchreiben, hierauf einer oder der andern Sängerin oder Schauſpielerin die Aufwartung machen oder mit den Zechgenoſſen von geſtern ein Frühſtück einnehmen zu müſſen, was wieder Geld und Zeit koſtet— in der That, es gibt kein mühevolleres, aufreibenderes und koſtſpieligeres Leben! Wie ſoll man dieſen Aufwand mit dem bloßen Honorar für Recenſionen beſtreiten? Die Welt ſollte doch wenigſtens ſo viel einſehen, daß ſolche Geſchenke nicht in die Ka⸗ tegorie der Beſtechungen fallen, daß ſie nur eine Entſchädigung ſind für den Verluſt an Zeit und Geld, welchen das Geſchäft eines Theater⸗ referenten nothwendig mit ſich bringt! Sprechſtunden waren bei mir nur gegen ein Eintrittsgeld zu er⸗ halten. Eine Viertelſtunde koſtete fünf Piaſter, eine halbe das Dop⸗ pelte und ſo fort. Ich erreichte dadurch meinen Zweck: von den mich beſuchenden Schauſpielern nicht allzulange durch Erörterungen über ihre Auffaſſung dieſer oder jener Rolle oder durch langweilige Klagen über die Intriguen und Schlechtigkeiten ihrer Collegen beläſtigt zu werden. Sie beſchränkten ſich meiſt nur auf das Nöthigſte, verwandten keine Blicke von der Uhr, und empfahlen ſich in der Regel genau mit dem Ab⸗ laufe einer Viertelſtunde. Ich empfehle dieſe vortreffliche Einrichtung allen deutſchen Theaterreferenten, denn wer kann ihnen zumuthen, ihre koſtbare Zeit den„Mimen“ zu opfern und ſich von ihnen langweilen zu laſſen? Inzwiſchen befand ſich Sultan PieſackIo ſammt ſeinem ganzen Mi⸗ niſterium noch immer in der Hauptſtadt der Nebus, um die Aus⸗ lieferung der Clabaſteroni zu betreiben. Diplomatiſche Noten wurden gewechſelt und die wichtigſten geheimen Conferenzen gehalten, von denen D. B. X. Fritz Beutel, v. Marggraff. 19 — 290— nur Einzelnes ins Publikum gelangte. Der Portier des Palaſtes, in welchem die Conferenzen ſtattfanden, war eine wichtige Perſon ge⸗ worden, denn Jedermann wandte ſich an ihn, um Auskunft zu er⸗ halten. Nach ſeinen Mittheilungen ſanken oder hoben ſich die Actien, wurde auf der Börſe auf die Hauſſe oder Baiſſe ſpeculirt. Beide Reiche befanden ſich in der größten Aufregung; die Gewerbe ſtockten; die Capitalien wurden zurückgehalten; die bedeutendſten Unternehmungen wurden fallen gelaſſen; denn Niemand wußte, was der nächſte Augen⸗ blick bringen werde. Der Nebu⸗Prinz Marabu hatte der Clabaſteroni die Ehe verſprochen, wie man eben in ſchwachen Augenblicken ſo etwas verſpricht, und das ehrgeizige Weib glaubte ihm und weigerte ſich, nach dem Königreich Macomaco zurückzukehren. Als Sultan Pieſacko einſah, daß er auf dem Wege der Unterhandlungen ſeinen Zweck zu erreichen keine Ausſicht habe, entſchloß er ſich kurz, überfiel mit den Seinen und unter Beihilfe einiger beſtochenen Nebus nächtlicherweile die Clabaſteroni, ließ ſie, wie ſie war, von ihrem Lager reißen, ſie auf gut afrikaniſch knebeln, dann auf ein Dromedar ſetzen, und fort ging es mit ihr unter dem Schleier der Nacht der Grenze von Ma⸗ comaco entgegen. Dieſe Gewaltthat erregte unter den Nebus und unter den höchſt zahlreichen Prinzen ihres Herrſchergeſchlechts eine furchtbare Erbitterung. Sie begannen zu rüſten, und auch Macomaco rüſtete. Aber vorher wurde, wie dies gebräuchlich, noch einmal der Weg der Güte verſucht. Es folgte ein Ultimatum nach dem andern, endlich ein Ultimatiſſimum, dann noch eins, dann ein drittes, viertes, bis es auch die Ultimatiſſima auf ein volles Dutzend gebracht hatten. Hierüber verſtrich ein ganzes Jahr und die Theaterangelegenheiten des Reiches Macomaco hatten Zeit genug, ſich aufs Glänzendſte zu entwickeln; denn auch das unheilvolle Zerwürfniß zwiſchen der Cla⸗ baſteroni einerſeits und dem Sultan Pieſacko andererſeits hatte ſich im Laufe der Zeit ausgeglichen. Zwar weigerte ſich die Clabaſteroni An⸗ fangs aufs Entſchiedenſte, wieder aufzutreten und zu ſingen, und ſie mußte das erſtemal ſogar von ſechs Grenadieren mit geladenen Ge⸗ wehren ins Theater escortirt werden. Der Himmel weiß, wozu noch gekommen wäre, wenn ich mich nicht zufällig in der Dam * N— 291— garderobe befunden hätte. Hier hatte ich nämlich Zutritt, um die Schminkkunſt, die Methode der Damen beim Anlegen der Kleider und andere Geheimniſſe der Kunſt und naiven Weiblichkeit gründlich zu ſtudiren, wie dies ja wohl für einen Theaterreferenten nothwendig iſt. Als Signora Clabaſteroni mich erblickte, warf ſie mir ſofort einen der feurigſten Blicke zu, die je das Herz eines Mannes mit Brandwunden bedeckt haben, und erklärte plötzlich zum Erſtaunen Aller und nament⸗ lich der ſechs Grenadiere, die ſie immer noch gepackt hielten und ſogar den Befehl hatten, hinter ihr auf der Bühne aufzumarſchiren: Ich ergebe mich freiwillig, ich werde ſingen, ich werde hierbleiben! Einen ſolchen Eindruck hatte ich auf dieſes nur zu empfängliche Weſen ge⸗ macht! Sie ſang auch dieſen Abend meiſterhaft und entzückender, als ſie jemals früher geſungen hatte; und ich wußte, daß ihr Geſang eigentlich mir gelte. An dieſem Abend erblickte ich auch zum erſtenmal den Sultan Pieſacko in ſeiner Loge. Er hatte allerdings ganz deutſchen Typus und Geſichtsſchnitt, auch kein Wollenhaar wie die Mohren, ſondern ſchlichtes, und konnte hiernach wohl als ein Deutſcher angeſehen wer⸗ den. Was mich aber wieder irre machte, war die ganz negerhafte Schwärze ſeines Geſichts und ſeiner Hände. Das konnte denn doch wohl kein Deutſcher ſein. Nichts deſtoweniger brachte mir ſeine Er⸗ ſcheinung unwillkürlich eine alte Jugendfreundſchaft, die mit Hans von Pieſack, ins Gedächtniß. Und dieſer Sultan hieß Pieſacko! Am folgenden Morgen hielt an der Thür meiner Wohnung ein mit vier prächtigen Antilopen beſpannter Wagen, aus Elfenbein höchſt zierlich gearbeitet und innen vergoldet. Es war ein Geſchenk der Cla⸗ baſteroni, die mich zugleich zu ſich einladen ließ. Man kann ſich den⸗ ken, daß ich meinen Bericht über die Leiſtung der Clabaſteroni ganz nach dem Werthe eines ſo koſtbaren Geſchenks einrichtete; denn eine Liebe iſt der andern werth. Den Zorn der Cleiſterazzi konnte ich verſchmerzen, da ich einſah, daß ihre Rivalin ſie an Freigebigkeit noch weit übertraf. Ich verfehlte auch nicht, der Clabaſteroni meine Aufwartung zu machen, und ſchon bei meinem zwelten Beſuch legte ſie mir Einiges ſehr nahe, wonach ein Anderer, der unbeſonnener als ich geweſen wäre, 19* 292 ohne Bedenken zugelangt hätte. Indeß da ich wußte, wie ſehr neuer⸗ dings Sultan Pieſacko für die Signora ſchwärmte und ich ja erſt vor Kurzem in Tombuktu erfahren hatte, wie gefährlich es ſei, die Eifer⸗ ſucht eines Negerherzens rege zu machen, ſo that ich als ob ich zu unſchuldig ſei, ihre Anſpielungen zu verſtehen, was der Hexe in An⸗ betracht meines ellenlangen Schnurrbarts ohne Zweifel höchſt auffällig ſein mußte. Endlich aber ſollte es in Folge eines höchſt unerwarteten Ereig⸗ niſſes zwiſchen uns zum Bruche kommen. Eines Abends ſitze ich in meinem Arbeitszimmer(meine Wohnung befand ſich in einem ſehr alterthümlichen, thurmartigen Gebäude, wel⸗ ches einen Theil der Befeſtigungswerke bildete) und meditire, über den Charakter des Hamlet. Da höre ich gerade unter meinen Füßen ein ſtarkes Pochen. Ich erſchrecke, denn ſo etwas hat zur Mitternachtſtunde immer etwas Unheimliches. Plötzlich fühlte ich unter meinen Füßen ſogar das Getäfel des Bodens ſich heben. Jetzt erſt bemerkte ich, daß meine Füße auf einer Fallthüre ruhten, die mit Gewalt aufgedrängt und gehoben wurde. Ich vermuthete einen Ueberfall und glaubte, daß die Clabaſteroni Bewaffnete abgeſchickt habe, um mich mit Gewalt ent⸗ führen, wo nicht gar aus Rache für meine Kälte morden zu laſſen. Indeß hatte dieſe Befürchtung, die mich ſchon nach meinen Waffen greifen ließ, ſehr bald ein Ende, da ich in demſelben Augenblick unter mir ein ſchmerzliches Stöhnen und von weiblichen Stimmen die Worte vernahm: O, Fritz, Fritz! all dies Unglück haſt du angerichtet! Man ſtelle ſich mein Erſtaunen vor! Sofort ſpring' ich auf und helfe dem unbekannten Geſchöpfe die Fallthüre öffnen. Aus dem Ab⸗ grunde ſteigt nun ein ſchwarzes aber holdes Weſen, das, furchtbar abge⸗ magert, erſchöpft, am Körper blutig geritzt, dennoch einige graciöſe Pirouetten und Beinſchwenkungen vor mir zu machen ſucht. Es war Roſa de Tepita, die Tänzerin! Das Tanzen war ihr ſo zur zweiten Natur geworden, daß ſie nicht umhin konnte, ſogar in(dieſem ver⸗ zweifelten Zuſtande ihre Freude, mich wiederzuſehen, durch Pas und Beintriller auszudrücken. Holde Roſa! ſagte ich, Sie ſind entſetzlich angegriffen; Sie müſſen fürchterlich geduldet haben! Ruhen Sie ſich aus! ſen daß ingt daß ent⸗ ſſen. xfen nier korte — 293 Wie gebrochen ſank ſie in die Ecke des Divans nieder; ſie konnte nicht mehr ſprechen; ſie wies mit ſchmerzlichen Geberden nur auf die Magengegend. Ich begriff die Bewegung das arme Geſchöpf wurde von gräßlichem Hunger gequält. Ich richtete ihr alſo, ſo ſchnell es ging, auf meiner Kochmaſchine einige Beefſteaks zu, und nachdem ſie etwa ein halbes Dutzend ver⸗ zehrt und eine Flaſche Wein dazu getrunken hatte, fühlte ſie ſich des Gebrauchs ihrer Sprache wieder mächtig. Dem Himmel ſei Dank! ſagte Roſa, daß ich Sie wieder finde, lieber Fritz. Sie ſind alſo auch der fürchterlichen Kataſtrophe von Tombuktu entgangen? Darf ich fragen wie? Davon ſpäter, himmliſche Roſa! erwiederte ich; es ſcheint mir der gegenwärtigen Situation entſprechender, daß Sie zuerſt erzählen, was ſich mit Ihnen zugetragen hat. Mein Schickſal kommt gegen das Ihrige gar nicht in Betracht. Roſa erzählte mir nun, daß Sie auf Befehl der Königin Kriki⸗ kara in ein unterirdiſches Verließ hinabgelaſſen worden ſei, ohne Nah⸗ rung, ohne Licht und ohne Luft. Nicht lange darauf habe ſie ein Gepraſſel gehört wie von tauſend über einanderſtürzenden Gebäuden, und ſie habe ſogleich geahnt, daß in dieſem Augenblick Tombuktu untergehe. Durch dieſe Erſchütterung hätten ſich von der einen Seite des Verließes mehrere Quaderſteine abgelöst, und es ſei eine Oeff⸗ nung entſtanden; ſie habe der Oeffnung nachgetaſtet und ſei in einen dunkeln niedrigen Gang gerathen, und weiter und immer weiter. Sie hätte geglaubt, der Gang müſſe ſie doch endlich ans Tageslicht führen, aber er habe kein Ende nehmen wollen. Ihren Hunger habe ſie mit den Mauerſchlangen geſtillt, von denen es darin gewimmelt; es ſei glücklicherweiſe eine jener eßbaren Schlangenarten geweſen, an deren Genuß man in Afrika gewöhnt ſei. Mit der von den Wänden nieder⸗ rinnenden Feuchtigkeit habe ſie ihren Durſt geſtillt. Oft ſei der Gang ſo niedrig geweſen, daß ſie ſich auf den Händen habe fortſchleppen müſſen, und oft ſo eng, daß ihre Haut blutig geritzt worden ſei. Nur der Geſchmeidigkeit ihrer Glieder habe ſie es zu danken, daß es ihr gelungen ſei, ſich durch die ſchmalen Oeffnungen herabgefallener Stein⸗ maſſen, die oft faſt den Gang verſtopft hätten, durchzuwinden. Mo⸗ — 294— nate lang müſſe dieſe Wanderung gewährt haben, und ſchon habe ſie verzweifeln wollen, als der Tunnel plötzlich viel geräumiger geworden und es zuletzt ein paar Stufen aufwärts gegangen ſei. Endlich, mit den Händen nach oben taſtend, habe ſie Etwas wie eine hölzerne Thüre geſpürt und ſie könne nicht beſchreiben, wie groß ihre Freude geweſen, als ſich die Thüre, nachdem ſie ſich mit dem Aufwand ihrer letzten Kräfte gegen ſie geſtemmt, ein wenig gehoben habe und in die Fin⸗ ſterniß ein ſchwacher Lichtſtrahl gedrungen ſei. So weit Roſa de Tepita. Die beiden Königreiche Macomaco und Tombuktu waren alſo in alter Zeit durch einen unterirdiſchen Gang verbunden geweſen, ich habe freilich nie erfahren können, zu welchem Zwecke. Aber die Thatſache ſelbſt iſt unbeſtreitbar, und Roſa de Tepita verdankt ihr ihre Rettung aus dem fürchterlichen Verließ, in dem ſie ohne Zweifel hätte verſchmachten müſſen, da der Zugang dazu durch Maſſen übereinandergeſtürzten Mauerwerks gänzlich verſperrt, und menſchliche Hilfe überhaupt nicht da war. Roſa blieb nun bei mir wohnen, und ich kann nicht leugnen, daß es mir ſehr angenehm war, wieder einmal weibliche Geſellſchaft um mich zu haben. Ich erfüllte, ſo gut ich konnte, alle ihre Wünſche, und ſie beſorgte dafür meine häuslichen Angelegenheiten. Von ihren Drangſalen hatte ſie ſich bald durch tüchtige Koſt wieder erholt und war bei aller Zierlichkeit ihrer Glieder wieder rund und üppig ge⸗ worden, eine ächte Königin der Nacht. Die Clabaſteroni ſchäumte vor Zorn und Eiſerſucht, als ſie von meinem Verhältniß zu Roſa Kunde erhielt! Einem ſolchen„Nachtſtück der Menſchheit“ geopfert zu werden— ſoll ſie geſagt haben— das könne ſie nicht ertragen. Als ich dies hörte, ließ ich einen Aufſatz in die„Plauderalia“ einrücken, worin ich die Vorzüge der ſchwarzen Schönheiten vor den weißen hervorhob und unter andern bemerkte: die Haut einer ſchönen Mohrin ſei zwar ſchwarz wie Sammet, aber auch weich wie Sammet; die Haut einer Europäerin ſei zwar weiß wie Leinwand, aber auch rauh wie Leinwand. Dieſe Bemerkung fiel wie ein ziſchender und platzender Schwärmer unter die weißen Sänge⸗ vinnen. Signora Cleiſterazzi und Signora Clabaſteroni reichten ſich verſöhnt die Hände, und als ich bei der Theaterintendantur um ein Engagement li — 295— meiner Roſa als erſten Ballettänzerin nachſuchte, geſellte ſich ihnen die bisherige erſte Ballettiſtin, Signora Tripellini, bei. In der That eine furchtbare Tripelallianz! An ein Engagement meiner Roſa auf dem königlichen Hof⸗ und Nationaltheater war nun nicht mehr zu denken. Ich gründete daher ein Sommertheater, auf welchem Roſa tanzte und ſich ſo aufzunehmen und zu ſchwingen wußte, daß auch das Theater ſehr bald in Aufnahme und Schwung kam, und dem königlichen Theater empfindliche Concurrenz machte. Um ſich an mir zu rächen, näherte ſich Signora Clabaſte⸗ roni dem Sultan Pieſacko immer mehr, bis ſie mit ihm ganz Eins war und ihn ſo in die Gewalt bekam, daß er nach einer hübſchen Nacht den Befehl ergehen ließ, das Sommertheater ſollte ſiſtirt werden und die„Plauderalia“ zu erſcheinen aufhören. Man ſagt, daß ihm dieſe Angelegenheit mehr Unruhe gemacht und mehr Kopfzerbrechen gekoſtet habe, als das immer drohender ſich geſtaltende Verhältniß zu den Nebus. Glücklicherweiſe kam der Sultan noch am letzten Abend, bevor das Sommertheater geſchloſſen werden ſollte, auf den Einfall, unſere Vorſtellungen zu beſuchen, um doch das„Wunder der Hauptſtadt“, meine Roſa, auch einmal geſehen zu haben. Sie bezauberte auch ihn, und wie! Er zerklatſchte ſechs Dutzend paar Glacéhandſchuhe, nicht mehr und nicht weniger; ſo behauptete wenigſtens der Hofgarderoben⸗ meiſter, der freilich auch einige paar Handſchuh mehr als der Fürſt wirklich durch Klatſchen zu Grunde richtete, auf Rechnung geſetzt haben mag. Nach der Vorſtellung ließ mich der Monarch rufen und ſagte: Roſa excellent! gazellenhaft! Sommertheater bleiben! Plauderalia ver⸗ boten ſein! Allerunterthänigſt erlaubte ich mir zu fragen, warum die„Plau⸗ deralia“ verboten ſein ſolle. Zu viel Oppoſition gegen das königliche Theater machen, erwie⸗ derte der Sultan. Kein Theater dabei beſtehen! Letztes Mittel, die Polizei! Liberalſte Intendanten zuletzt ſich an die Polizei wenden! Fürchterlich ſchwer traitable Perſonen, die Clabaſteroni und die Tripel⸗ lini! Glaube, daß Roſa ein viel zarteres menſchlicheres Gemüth! — 296— Kennen dieſe Signoras nicht, lieber von Moorbrand! Apropos! haben einen deutſchen Namen! ſind wohl gar ſelbſt in der Verlegenheit, ein Deutſcher zu ſein? Ach, erwiederte ich, entſchuldigen Ew. Majeſtät! Wäre ich nicht ein Deutſcher geboren, ich würde es mir niemals wieder gefallen laſſen. Aber ich kannte die deutſchen Verhältniſſe nicht, als ich geboren wurde; ſonſt hätte ich Proteſt eingelegt. Nichts von Proteſt! bemerkte der Sultan; Proteſt ein ſchlechtes Wort, verboten in meinen Reichen. Alles nehmen, wie's kommt, ohne Oppoſition, ohne Proteſt, ſelbſt wenn man als Deutſcher geboren wird. Nehme auch Alles wie's kommt! Bin auch als Deutſcher ge⸗ boren! Schickung! Hab's hingenommen. Sultan geworden— obſchon ein Deutſcher, ſogar ein Schnipphauſener! Ein Schnipphauſener! Mein Gott! dachte ich, ſollte es dennoch wahr ſein? Sollte dieſer Sultan Pieſacko kein anderer ſein, als Hans von Pieſack, der ſo tolle Streiche machte? Und er ſieht ſo ſchwarz aus! Freilich hatte ſeine Ausſprache der Macomaco⸗Sprache ei⸗ nen etwas fremdländiſchen, etwas deutſchen Accent. Ich ſuchte in ſeinen Geſichtszügen zu leſen; dieſe Züge kamen mir allerdings be⸗ kannt vor, obſchon ſie mir durch die Jahre ein wenig verwiſcht zu ſein ſchienen. Majeſtät! Ein Schnipphauſener? erwiederte ich; ich erlaube mir auch ein Schnipphauſener zu ſein, und was für einer! Vielleicht Fritz Beutel? fragte der Sultan; der tolle Fritz, Sohn des Schulmeiſters? Hab's ſchon lange gedacht. Schade! Bürgerlicher! was fängt man mit Bürgerlichen an! Von Moorbrand, allen Reſpect! Aber Fritz Beutel— wie vulgär! Fritze ohne von kann ich in mei⸗ nen Staaten nicht brauchen! Wer weiß, Majeſtät! antwortete ich; aber wie kommen Majeſtät zu der ſchwarzen Farbe? Braucht Niemand zu wiſſen, erwiederte ziemlich ungnädig der Sultan Pieſacko; indeß aus alter Kameradſchaft: Einmal als Stu⸗ dent bis über die Ohren in die Tinte gekommen; ſeitdem ſchwarz geblieben. Geheimnißvoller Naturproceß! Indeß langweiliges Geſpräch! Blaſirt ſein, Alles langweilig finden müſſen, ſchon als Staats⸗ und — 297— Haremsbeſitzer. Worte nur einzeln herausſtoßen müſſen— afrikaniſch ſultanmäßig. Uebrigens gemüthlicher wohlgeneigter Deutſcher. Adieu! Damit war ich verabſchiedet. Kein Zweifel, dieſer Sultan Pieſacko war kein anderer als Hans von Pieſack, der, Gott weiß auf welchem Wege hierher gekommen und Sultan von Macomaco geworden war. Ich habe auch nie etwas Näheres darüber erfahren können. Daß ſeine Haut auf die von ihm angegebene Weiſe ihre Negerſchwärze er⸗ halten haben ſollte, iſt ſchwer zu glauben; es gibt davon wenig⸗ ſtens kein zweites Beiſpiel. Vermuthlich hatte er irgend ein chemi⸗ ſches Geheimpräparat entdeckt, vermittelſt deſſen es ihm gelungen war, ſeine Haut ſo ſchwarz zu färben und nun als Mohr zu gelten. In der That ſchien mir ſeine Haut einen künſtlichen Ueberzug wie von einer Art dick aufgelegter ſchwarzer Schminke zu haben; Peter Silje aber wollte behaupten, Pieſacko ſtecke in einem feinen Futerale, das aus ſchwarz gefärbter Hauſenblaſe verfertigt ſei. Wie dem auch ſei, ich fand es ſehr abſcheulich, ſeine ehrliche deutſche Haut zu einem bloßen politiſchen Zwecke ſo anzuſchwärzen. Gerade weil wir Deutſche ſo weiß ſind, daß wir wie die pure Unſchuld ausſehen, ſollten wir auch um ſo mehr darauf bedacht ſein, dieſes Symbol unſerer Unſchuld unentweiht zu halten. Was mich am meiſten in Pieſacko's Reden verdroß, war ſeine Behauptung, daß er mich als Bürgerlichen uicht brauchen könne. Warte nur, Pieſack! dachte ich, die Zeit wird ſchon kommen, wo du zu deiner Beſchämung einſehen wirſt, wie ſehr ich zu brauchen bin. Und dieſe Zeit kam— ſie kam früher, als ich glaubte. Auch das zwölfte Ultimatiſſimum des Nebu'ſchen Cabinets war von dem macomaco'ſchen Hofe verworfen worden, und da jenes gleich bei dem erſten Ultimatiſſimum erklärt hatte, daß es die Verwerfung des zwölften als den unmittelbaren casus belli anſehen werde, ſo rückten die Schaaren der Nebus unverweilt ein und überſchwemmten, da ſie ſehr zahlreich waren, das Reich Macamaco. Da Pieſacko in der letzten Zeit den Kopf mit Theater⸗ und Ballettangelegenheiten zu voll gehabt, hatte er verſäumt, trotz der drohenden Lage, die dieſer Situation voll⸗ kommen entſprechenden Vorkehrungen zu treffen, und unſere Truppen wurden in einer großen Feldſchlacht beſiegt, ſo daß ſie, obſchon ſie . — 298— nicht auf die Beine, ſondern aufs Haupt geſchlagen wurden, jene, nämlich die Beine, in eine überaus ſchnelle Bewegung nach rückwärts ſetzten. Flüchtig trafen unſere Vaterlandsvertheidiger in der Haupt⸗ ſtadt ein und mit ihnen faſt zu gleicher Zeit die unabſehbaren Schwärme der Nebus vor den Thoren. Alles war in Beſtürzung und Verzweiflung; ich allein blieb ruhig und gefaßt und dachte nur: warte, Pieſack! Ich ahnte, daß meine Zeit gekommen war. Und richtig, des einen Morgens, nachdem unſere Truppen den Abend vorher einen höchſt un⸗ glücklichen Ausfall gemacht hatten, kam eine Deputation von Hof⸗ beamten zu mir, die mir unter den tiefſten Bücklingen und dann knieend eine nagelneue, bereits mit vielen Orden geſpickte Feldmarſchalls⸗ uniform überreichten und mir den Befehl überbrachten, in dieſer ſobald als möglich vor dem Sultan zu erſcheinen. Des Zuſammenhangs wegen muß ich hier erwähnen, daß ich in der letzten Zeit in Verbindung mit Peter Silje ein encyklopädiſches Unternehmen begründet hatte, zu dem Zwecke, die Wiſſenſchaften in Afrika zu populariſiren, wie ſchon aus den Titeln der einzelnen Werke: „Das Hegel'ſche Syſtem in der Weſtentaſche“,„das Ganze der Aeſthetik im Knopfloche“ u. ſ. w. hervorgeht. Einen Theil dieſer Bibliothek bildete ein Werk:„Populäre Strategie und Taktik, erläutert an den Kriegsthaten Alexanders des Großen, Julius Cäſars, Friedrichs des Großen, Napoleons und Fritz Beutels“. Dieſes Werk war vom Kriegs⸗ miniſter geleſen worden und hatte dermaßen ſeine Bewunderung erregt, daß er dem Sultan erklärte, wenn Einer das Reich Macomaco vom Untergange retten könne, ſo ſei dies Fritz Beutel; leider aber werde dieſer ſeltene General nicht zu haben ſein. Er war nun ſehr ver⸗ wundert, als ihm der Sultan mittheilte, ſelbiger Fritz Beutel lebe gegenwärtig in Macomaco und ſei kein Anderer als dieſer Hugo von Moorbrand, wie ſich der Verfaſſer auf dem Titel des Werkes nenne. Der Kriegsminiſter vergoß ſofort einen unendlichen Strom von Freudenthränen, womit er mehrere Zuber füllte, und der Sultan ſagte: Nicht weinen, lieber Miniſter!— Thränen nicht leiden können, die Clabaſteroni mir genug Thränen vorgeweint habend— daher blaſirt, abgeſtumpft! Der Miniſter fragte hierauf, ob Majeſtät be⸗ — 299— föhlen, die vergoſſenen Thränen wieder zurückzuweinen, worauf Pieſacko lächelte und, hiervon überraſcht, bemerkte: Doch noch lächeln können— trotz Blaſirtheit! Auf dieſe Weiſe kam ich in die Feldmarſchallsuniform und in dieſer in den kaiſerlichen Palaſt. Sultan Pieſacko empfing mich in der größten Aufregung. Lieber Fritz! ſagte er, gratulire zum Feldmarſchall! Wieder einmal ſchön in der Tinte ſitzen— noch ſchwärzer werden! Die ſchändlichen Nebus die Unverſchämtheit gehabt, meine Truppen zu ſchlagen. Viel Gutes von dir gehört! Den Oberbefehl übernehmen! Haben mitſammen manchen Jugendſtreich ausgeführt— jetzt von Neuem einen Streich führen gegen die Nebus. Ich bemerkte, daß ich mit meinem Feldzugsplan bereits völlig im Reinen ſei. Schön! erwiederte Pieſacko, aber mich bei dem Plane möglichſt aus dem Spiele laſſen. Schon genug zu thun haben mit der Cla⸗ baſteroni und Cleiſterazzi. Wieder einmal an einander oder vielmehr in einander gerathen ſein, das heißt in die Haare. Maulſchellen hinter den Couliſſen— ſelbſt in meiner Loge klatſchen gehört; die Cleiſterazzi ganz rothe Backen gehabt! Scandal das, empörender, welthiſtoriſcher Scandal! Ew. Majeſtät Aufgabe, bemerkte ich, iſt allerdings ſchwieriger als die meine. Ich getraue mir zu, mit den Nebus fertig zu werden, aber nicht mit dieſen Weibern. Siehſt du, Fritz? ſagte er, ſchmerzlich ſeufzend. Die Clabaſteroni ein wahrer Teufel, aber ein ſchöner. Werde jedoch ein Erxempel ſtatuiren— ſie nicht mehr ſingen, aber im Harem brummen laſſen. Ich fürchte nur, erwiederte ich, daß ſie Ew. Majeſtät etwas Ge⸗ höriges vorbrummen wird. Das iſt's ja eben, antwortete er niedergeſchlagen; müſſen ſehen, wie wir's machen. Schwere Regentenpflichten! Jeder Unterthan glück⸗ licher als ich. Ich fragte ihn, ob ich ihn von meinem Feldzugsplan unterrichten ſollte. Er antwortete mit der Hand abwehrend: Nein! nein! keine Zeit haben! Einkäufe im Bazar machen— ſonſt keine Ruhe haben — 300— vor den Frauenzimmern. Und die Hand auf meine Schultern legend, fragte er: Lieber Fritz! wann die Nebus geſchlagen ſein? Schon nach Ablauf von acht Tagen, verſicherte ich, wird kein Nebus mehr vor den Thoren der Hauptſtadt ſtehen; wie viele davor liegen werden, das kann ich freilich im Voraus nicht ſagen. Hab's immer gedacht, daß in dir was ſteckte. Sehr erkenntlich ſein! Zulangen! Hiermit öffnete er ſeine Chatouille, welche mit lauter Goldpiaſtern gefüllt war, und ich ſtopfte mir alle Taſchen meiner Marſchalls⸗ uniform damit voll. Mit dieſer ſehr glücklichen Wendung ſchloß unſere Unterredung. Nun muß ich von ciner Körpereigenthümlichkeit der Nebus etwas erzählen, worauf ich meinen Kriegsplan berechnet hatte. Es verlängert ſich nämlich ihr Rückenwirbel in der Art, daß er in ſeiner Verlänge⸗ rung einen ganz ſtattlichen, mehrere Fuß langen Wickelſchwanz bildet, auf den ſie nicht wenig ſtolz ſind. Seine Spitze verzieren ſie mit prächtigen Blumenſträußen, und von der Wurzel bis zur Spitze ſchmücken ſie ihn mit allerlei Zierrathen, Ketten, Ringen und(wer welche hat) Orden und Ehrenzeichen. Den Grad der Bildung beur⸗ theilt man bei den Nebus nach dem Grade von Anſtand, womit ein Nebu dieſen Wickelſchwanz zu tragen weiß. Sie ſchlafen daher, um dieſe ihre ſtolzeſte Zierde nicht in Unordnung zu bringen, auf dem Bauche ſtatt auf dem Rücken und zwar, wenn ſie im Felde ſind, reglementsmäßig immer zu Rotten von zwölf Mann in einer Reihe. Auf dieſen Gebrauch baſirte ich meinen Kriegsplan. Es iſt be⸗ kannt, daß in Mittelafrika während der Nacht ein ſehr ſtarker Thau fällt. Dieſen hatte ich auf eine Methode, die mein Geheimniß iſt, bevor er fiel, mit einem gewiſſen narkotiſchen einſchläfernden Safte verſetzt. In der auf den Abend, an welchem dieſes von mir voll⸗ bracht war, folgenden Nacht ſchliefen die uns belagernden Nebus wie todt. Ich hatte nun ſehr lange Scheeren verfertigen laſſen, die je eine von vier Männern gehandhabt wurde, und begab mich mit eini⸗ gen hundert Soldaten, die mit ſolchen Scheeren bewaffnet waren, in das feindliche Lager hinaus. Man kann ſich das Uebrige denken. Schnipp! und zwölf Wickelſchwänze der Nebus waren von jeder Scheere weggeſe den S mit de Dieſe Heeres; ten die unſern die ab dann Wänd gelung und de zwei N die Ge men genden der ah mir e voran und l ſchwä T der w der M langen und) oft w. hofe weckte Mutt dreize — 301 weggeſchnippſt. Hierüber erwachten ſie freilich, und liefen, die bluten⸗ den Stellen, an denen früher ihre Wickelſchwänze feſtgeſeſſen hatten, mit den Händen zuhaltend, heulend und wie toll im Felde umher. Dieſe Operation gelang uns jedoch nur bei etwa der Hälfte des Heeres; denn von dem fürchterlichen Geheul der Verwundeten erwach⸗ ten die Uebrigen aus dem Schlafe und griffen zu den Waffen. Wir mit unſern Scheeren machten nun, daß wir fortkamen, hatten jedoch noch Zeit, die abgeſchnittenen Wickelſchwänze zu ſammeln und als Trophäen, die dann im Zeughauſe zu ſehr ſchönen Garnituren längs der innern Wände benutzt wurden, in die Hauptſtadt mitzunehmen. Mir war es gelungen, zwölf Generälen auf einmal die Wickelſchwänze abzuknipſen und dieſe hingen von Orden und Ehrenzeichen ſo voll, daß immer zwei Mann je einen tragen mußten. Dies iſt auch der Grund, warum die Generäle der Nebus ſich zu Fuße nur ſehr langſam fortbewegen können, und ſich in Portechaiſen, die ſie aus Dresden beziehen, in die Schlacht tragen laſſen. Nach dieſer glorreichen Kriegsthat waren wir den Nebus vollkom⸗ men gewachſen; denn die Hälfte des feindlichen Heeres war am fol⸗ genden Tage kriegsunfähig. Sie verſuchten zwar noch einen Sturm, der aber vollſtändig abgeſchlagen wurde, worauf die inzwiſchen von mir errichtete Straußengarde, ich auf meinem prächtigen Schlachtſtrauß voran, die Flüchtigen bis zu dem Negerdorfe Quiquamqui verfolgte und bei dieſer glänzenden Affaire noch eine große Zahl von Wickel⸗ ſchwänzen als Trophäen erbeutete.. Während dieſer Verfolgung zeigte ſich mir eine Fata Morgana der wunderbarſten elegiſchſten Art: ich erblickte mein Heimathdorf, in der Mitte die Kirche mit dem viereckigen hölzernen Thurme und der langen Spille darauf, das Herrenhaus ſammt der gipſernen Eva⸗ und Adamgruppe, das Wirthshaus des Dorfes, in dem ich mich ſo oft wohl und zuweilen auch übel befunden hatte, und auf dem Kirch⸗ hofe dreizehn friſche Gräber, die in mir höchſt traurige Gedanken er⸗ weckten. Elf Geſchwiſter hatte ich, und wie Jedermann Vater und Mutter, ohne die einmal Niemand zum Menſchen wird— das ſind dreizehn Perſonen. Und gerade dreizehn Gräber! Ich wurde ſehr — 302— melancholiſch und eine unüberwindliche Sehnſucht nach meiner Heimath bemächtigte ſich meiner. Es war mir ein Troſt, daß, ſobald ich mich bei Gelde befunden hatte, niemals von mir verſäumt worden war, mit den freundſchaft⸗ lichſten Grüßen eine Geldſendung nach Hauſe zu machen, wie ich denn auch nach meiner Rückkehr nach der Hauptſtadt von Macomaco ſofort mit der nächſten Karavane eine beträchtliche Summe nach Schnipp⸗ hauſen abgehen ließ. Ach, ich mußte befürchten, daß dieſe Sendung die Meinigen nicht mehr am Leben treffen werde! Mein Herz blutete, denn ich bin immer ein liebender Sohn und ein treuer Bruder meiner Geſchwiſter geweſen. Ganz gewiß, man kann ſich in dieſer Hinſicht auf mein Wort verlaſſen! Nach dieſem Siege wurde mir zu Ehren die Hauptſtadt feſtlich erleuchtet; es wurde an demſelben Abend ein Feſtſpiel mit Geſang und Muſik aufgeführt, wobei die Clabaſteroni und Cleiſterazzi genöthigt waren, zum Schluß meine Büſte zu bekränzen; mich aber ernannte der Sultan Pieſacko zum Fürſten von Quiquamqui und ſchickte mir zum Geſchenk einen Schuppenpanzer, deſſen Schuppen aus lauter Doppel⸗ goldpiaſtern beſtanden, ein Paar Ritterſporen aus Gold, deren Räder jedes aus einem Pieſackod'or(à 100 Thlr. preußiſch an Werth) ge⸗ bildet waren, und ein paar rothſammtne Beinkleider, zu beiden Seiten, wie die Weſte, der Länge nach mit Diamantknöpfen beſetzt. Ich hätte ſomit glücklich ſein können, wenn jenes Fata⸗Morgana⸗Gebilde nicht mein Gemüth mit dem tiefſten Heimweh erfüllt hätte. Doch mußten noch einige beſondere Vorfälle hinzukommen, ehe ich meinen Entſchluß, Macomaco zu verlaſſen, zur Ausführung brachte. Schon ſeit längerer Zeit beſtürmte mich Roſa de Tepita, die mich wirklich liebte, mit dem Anſinnen, ſie zu ehelichen; ſonſt könnte es, ſetzte ſie hinzu, ein Unglück geben. Liebes Kind! erwiederte ich hierauf, du ſagſt, daß es ein Unglück geben könne, wenn ich dich nicht heirathe; iich aber ſage, wenn ich dich heirathe, ſo gibt es gewiß ein Unglück. Im erſten Falle iſt, nach deinen Worten, ein Unglück möglich, im zweiten Falle aber gewiß. Ich halte mich daher an das Gewiſſe und werde nicht heirathen. Wer zweimal den Hals gebrochen hat, hütet ſich gewiß, ihn zum dritten Mal zu brechen. Ich will nun gar nicht behau die G gewiſe darübe — 303— behaupten, daß die Ehe nothwendig Halsbrechen nach ſich ziehe, aber die Gefahr von Ehebrüchen liegt um ſo näher, und die ſind in gewiſſem Sinne ſchlimmer als Halsbrüche; denn das Herz bricht darüber. Das Herz bricht darüber! ſagte Roſa bedeutungsvoll und ließ das Köpfchen hängen, wie eine Blume, deren Stengel geknickt iſt. Als ich eines Abends in meine Wohnung zurückkehre, fällt mir ein ſilberner Teller in die Augen mit einer Glasglocke darüber und einem Zettel daneben. Unter der Glasglocke lag— wer ſollte es glauben?— ein mitten durchbrochenes menſchliches Herz! Schaudernd und ahnend ergreife ich den Zettel und leſe die Worte: „Geliebteſter Fritz! Deine grauſame Härte hat mir das Herz gebrochen. Um Dich da⸗ von zu überzeugen, habe ich es mir aus meiner Bruſt herausgeriſſen und hinterlaſſe es Dir zur ewigen Erinnerung an Deine Dich auch jenſeits des Grabes fortliebende Noſa de Tepita. N. S. Entſchuldige die Kürze dieſer Zeilen, denn ich muß eilen, mich unter dem Palmenbaum hinter unſerer Wohnung einzuſcharren.“ Ich ließ ſofort an der bezeichneten Stelle nachgraben, und da fand man denn unter einer Schicht Erde den Leichnam der armen Roſa. An der Stelle, wo ſonſt ihr zärtliches Herz ſchlug, klaffte eine weite Oeffnung, die ſie ſich, wie man deutlich erkennen konnte, mit eignen Händen in die Bruſt gewühlt hatte! Ob, die brennende Aequatorſonne brütet ganz andere Dinge aus, als unſere kühle Schulweisheit ſich träumen läßt! Ich würde ganz melancholiſch geworden ſein, wenn nicht ein anderer Zwiſchenfall meine Gedanken von dieſem traurigen Ereigniß abge⸗ zogen hätte. In Algier hatte man nämlich Witterung erhalten, daß ich mich in der Hauptſtadt von Macomaco befände, und mein Neider und Verfolger, der jetzige Generalgouverneur, hatte nicht verſäumt, darüber nach Paris zu berichten. Die franzöſiſche Regierung hatte ſofort ver⸗ fügt, daß eine militäriſche Geſandtſchaft nach Macomaco geſchickt werde, — 304— um meine Auslieferung zu fordern. Dieſe Geſandtſchaft traf denn auch, uns ganz unerwartet, in der Hauptſtadt ein; doch mit ſehr ge⸗ lichtetem Perſonal, denn die Hälfte deſſelben war während der Reiſe durch die Wüſte in purem Schweiß aufgegangen. Sultan Pieſacko ließ mich zu ſich beſcheiden und Se. Majeſtät geruhten, ein ſehr bedenkliches ungnädiges Geſicht zu machen. Viel⸗ leicht kam ihm auch dieſe günſtige Gelegenheit, mich los zu werden, ſehr erwünſcht; denn meine ſteigende Popularität machte ihn eiferſüch⸗ tig und beſorgt. Schöne Geſchichten das! fuhr Pieſacko mich an; mich mit Frank⸗ reich überwerfen! Deſerteur ſein! Gegen die Militärdisciplin gefrevelt! Das nicht gewußt haben! Immer noch dumme Streiche machen, wie in Schnipphauſen! Nicht zu Verſtand gekommen! Solche Abenteurer nicht reglementsmäßig ſein in meinen Staaten! Unter dieſen Umſtänden glaubte ich ihm keinen Reſpect mehr ſchul⸗ dig zu ſein, und ich erwiederte: Hans! Sprich zu mir nicht in dieſem Tone, oder bei den Manen meiner ſeligen Roſa und ihrem gebrochenen Herzen! ich kneble dir hier mit dieſem meinem Barte die Kehle zu! Damit drehte ich meinen Schnauzbart in einer Weiſe, daß er nach jeder Seite um ein paar Schuh länger wurde. An allen Gliedern zitternd wich Pieſacko bei dieſer Anrede und dieſem Anblick vor mir zurück, und durch das ſchwarze Futteral, worin daſſelbe auch beſtanden haben möge, ſah ich ſeine natürliche weiße Haut todtenbleich werden. Beſchwichtigend fuhr ich hierauf fort: Indeß ſei ruhig, Genoſſe meiner Jugendſtreiche! fürchte auch nicht, daß ich dir dein ſchwarzes Futteral vom Leibe ziehe und dich als Betrüger vor dem Volke hin⸗ ſtelle! Ich werde ſelbſt gehen, freiwillig, und dich deinem Schickſale überlaſſen, das dich wegen der mir bewieſenen Undankbarkeit früher oder ſpäter ereilen wird! Großmüthigſte Seele! rief Pieſacko, und wollte mir ſeine Hand reichen, die ich aber entrüſtet von mir wies; nichts übel nehmen! nicht ſo böſe gemeint haben! man ſo dhun, wie treffend Berliner ſagt: Einmal Sultan ſein, Majeſtät repräſentiren— daher kurz ab, bär⸗ beiig! ſtällen Reiſege Ic derte i Frankr Nation unmög D Nebus werden und e minder Wahle fallen kratiſc durch, aufzu Ein der C keine würd undſi deme närel Necht Zweck und d Verei Vedie einna es al und über D. 305 beißig! Freiwillig Macomaco verlaſſen wollen? Oh, aus den Mar⸗ ſtällen beſtes Kameel zur Verfügung ſtellen! Ehrenescorte mitgeben! Reiſegeld— Ueberſiedlungskoſten— mich nicht lumpen laſſen. Ich bin mir ſelbſt genug und brauche deine Escorte nicht, erwie⸗ derte ich ſtolz; wenn ich übrigens gehe, ſo thue ich dies nicht, um Frankreich nachzugeben, ſondern weil ich die Langweiligkeiten deines Nationalparlaments, über das du übrigens noch den Hals brechen wirſt, unmöglich länger aushalten kann. Dem Sultan Pieſacko war nämlich in Folge des Sieges über die Nebus die ſtolze Idee gekommen, Wahlkaiſer von Centralafrika zu werden; er hatte daher ein Parlament nach ſeiner Hauptſtadt berufen und es hatten auch wirklich die unterworfenen Nebus und mehrere minder kleinere Staaten in der Nähe Repräſentanten geſchickt. Die Wahlen waren jedoch gar nicht ſehr im Sinne des Sultans ausge⸗ fallen; die meiſten Repräſentanten gehörten vielmehr der ultrademo⸗ kratiſchen Richtung an; ſie waren roth über und über, durch und durch, und ſtatt die Kaiſerwahl ſofort vorzunehmen und eine Verfaſſung aufzuſtellen, beriethen ſie zuvörderſt die centralafrikaniſchen Grundrechte. Ein halbes Jahr hatten ſie bereits über den erſten Paragraphen:„Je⸗ der Centralafrikaner hat das Recht zu exiſtiren,“ berathen, und es war keine Ausſicht, daß ſie damit binnen Jahresfriſt zu Ende kommen würden. Denn es waren im Ganzen zu dieſem Paragraphen vier⸗ undſiebenzig Amendements und hundertundachtundzwanzig Unteramen⸗ dements eingebracht, und von dieſen war erſt das von einem reactio⸗ nären Profeſſor eingebrachte erſte:„Kein Centralafrikaner hat das Recht zu exiſtiren, wenn er nicht einen Exiſtenzſchein löst, zu welchem Zwecke eine Exiſtenzſchein⸗Ausfertigungsbehörde errichtet wird“, berathen und ſammt einem Dutzend Unteramendements verworfen worden. Ich ſelbſt befand mich unter den Vertretern der centralafrikaniſchen Vereinigten Staaten und hatte es zugleich bewirkt, daß auch mein Bedienter zum Vertreter gewählt wurde, der ſeinen Platz neben mir einnahm. Während der ſehr langweiligen Reden ſchlief ich, ſobald es aber zur Abſtimmung kam, mußte mich mein Bedienter wecken und ich ſtimmte dann beharrlich mit„Nein“, weil ich ja doch feſt überzeugt ſein konnte, daß das Amendement oder Unteramendement D. B. X. Fritz Beutel, v. Marggraff. 20 — 306— nichts taugte. Jedermann in der Hauptſtadt politiſitre und debattirte, ſelbſt die Clabaſteroni, jetzt die Favoritſultanin, und die ehemalige Cleiſterazzi, jetzige Madame Peter⸗Silje⸗Cleiſterazzi; kurz es war ein Zuſtand, der mir vollkommen unerträglich wurde, und meinen Ent⸗ ſchluß, Macomaco zu verlaſſen, zur Reife brachte. Vorher erlaubte ich mir noch einen niedlichen Scherz mit dem Ge⸗ neral, welcher an der Spitze der franzöſiſchen Miſſion ſtand. Ich überfiel ihn in ſeinem Hotel mit einer Schaar meiner Getreuen, ſteckte ihn in einen Sack, der ſofort oben zugebunden wurde, und drohte ihm, falls er ſich rühre oder einen Laut von ſich gebe, ihm ſofort eine kräf⸗ tige Baſtonnade ertheilen zu laſſen. In dieſem Sacke brachte ich ihn nach einer nahgelegenen Wind⸗ mühle, ließ die Müllerknechte rufen und ſagte ihnen: ſie ſollten das in dieſem Sacke befindliche Mehl vor meinen Augen mahlen, es ſei aber eine beſondere Art Mehl, welches im Sacke ſelbſt gemahlen wer⸗ den müſſe. Zugleich verſprach ich ihnen eine ausgezeichnete Belohnung. Die Müllerknechte, die wohl etwas von dem wirklichen Inhalt des Sackes ahnen mochten, grinsten freundlich und machten ohne Weiters Anſtalt, den Sack zwiſchen die Mühlſteine zu zwängen. In dieſem Augenblicke ſchrie mein General aufs Verzweifeltſte: Nur nicht zwiſchen die Mühlſteine! lieber die Baſtonnade! Ich ließ ihn noch einige Augenblicke im Sacke zappeln, öffnete dann den Sack, verbeugte mich aufs Artigſte und ſagte: Herr General! für diesmal ſind Sie noch mit dem bloßen Schreck davon gekommen; treff' ich Sie aber noch einmal auf meiner Fährte, ſo laß ich Sie, bei meinem Barte! ohne Gnade kleinmahlen. Sagen Sie aber Frankreich und Ihrem ſaubern Generalgouverneur, daß ich, falls ſie mich nicht in Ruhe laſſen, beide in den Sack ſtecken werde, wie ich es ſo eben mit Ihnen gethan habe.. Der folgende Tag ſah mich in meinem Schuppenpanzer aus Gold⸗ piaſtern auf meinem Lieblingsreitſtrauß durch die Wüſte mehr dahin fliegen als galloppiren. Einen Abſchiedsbeſuch bei dem Sultan Pie⸗ ſacko oder irgend einem Andern zu machen, hatte ich nicht für nöthig gehalten; denn was hätte ich ihnen ſagen ſollen, außer daß ſie ſammt und ſonders verdienten in Macomaco zu bleiben? Nur von meinem Freun ſich i ſtände Bürea det, u glänze und ſ die H nächſ — 307— Freunde Peter Silje nahm ich gerührten Abſchied. Derſelbe befand ſich wie ſeine Gattin, frühere Signora Cleiſterazzi, in geſegneten Um⸗ ſtänden; denn er hatte auf meinen Rath und nach meinem Plan ein Büreau für Anfertigung diplomatiſcher Noten und Ultimatums begrün⸗ det, und da dieſer Artikel in Centralafrika ſehr gut geht, machte er glänzende Geſchäfte. Ich rieth ihm jedoch, auf Alles gefaßt zu ſein und ſein Säckel zu füllen, da(fügte ich hinzu) vorauszuſehen ſei, daß die Herrſchaft des Sultans Pieſacko oder des Hans von Pieſack dem⸗ nächſt mit Schrecken ein Ende nehmen müſſe. 20* — 398— Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Die Hieroglyphenſchrift iſt ſchon deshalb die geeignetſte Schrift für Liebesbriefe, weil ſie ſich der Bilder bedient und gewiſſermaßen durch die Blume ſpricht; ſie verdiente daher in weiblichen Erziehungsanſtalten eingeführt zu werden. Champollion. O wenn eine ſolche gebräunte Mumie, vielleicht die Tochter eines ägyptiſchen Stadtverordneten oder Bürgermeiſters oder gar eines ägyptiſchen Finanzraths. Miniſters oder Dynaſten, ihren Mund aufthun könnte, welche Aufklärungen würde ſie uns verſchaffen können! Man ſollte einen Preis ausſetzen für die Erfindung eines Mittels, wodurch es möglich wäre, dieſe Mumien aufzuweichen und dadurch ins Leben zurückzubringen. Lepſius. = Eine prächtigere Reiſemethode als den Ritt auf einem Strauße gibt es nicht. Mein Strauß ſtreifte mit ſeinen Füßen kaum die Erde, und doch flog er auch nicht; es war eine Mittelbewegung zwiſchen Fliegen und Laufen und dabei ausnehmend ſanft und gleichmäßig. Seiner kurzen Schwingen bediente er ſich dabei als Segel und zugleich als Balancirſtangen, um ſich im Gleichgewicht zu erhalten. Ein be⸗ ſonderer Vortheil für mich war es, daß mein Strauß kein männlicher Strauß, ſondern eine Sträußin war und während meines langen Ritts durch die Wüſte von Zeit zu Zeit Cier fallen ließ, welche mir in Noth⸗ fällen zur Nahrung dienten. Endlich ſtand er mit mir ſtill vor einer bis dahin unentdeckten Pyramide in der lybiſchen Wüſte, duckte ſich, ließ mich abſteigen, erhob ſich wieder, nachdem ich den kleinen zierlichen Reiſekoffer aus feinſtem Gazellenleder von ſeinem Rücken geſchnallt hatte, nickte wie zum Abſchiede mit ſeinem langen Halſe und wandte ſich eiligen Laufes nach der mittelafrikaniſchen Wüſte zurück. fr 7 daß d und fandi wobei drig. taſtete G Ouad matt licht welche kannte und i Ichb ehrwi ſo ſth eine ich, die ſe alyph W einig ſehr Scha Alter Ih mir ein einge b5 genon Die auße — 309— Da ſtand ich nun und hatte das Nachſehen. Ich ſagte mir jedoch, daß dies ganze Verſahren etwas Beſonderes zu bedeuten haben müſſe, und umging und unterſuchte das altehrwürdige Bauwerk. Endlich fand ich eine dreieckige Oeffnung, die als Thür diente, und trat hinein, wobei ich mich jedoch bücken mußte, denn die Oeffnung war ſehr nie⸗ drig. Ich fühlte daß einige Stufen nach oben führten und ſtieg und taſtete mich hinauf, denn es herrſchte völlige Dunkelheit um mich her. Endlich gelangte ich in einen weiten Raum, der die Geſtalt eines Quadrats hatte und durch einige nach Süden ſich öffnende Fenſter matt und dämmerhaft erleuchtet war. In dieſem faſt ſpuckhaften Zwie⸗ licht erblickte ich an der einen Wand aufgerichtet einen Sarkophag, in welchem ſich eine Mumie befand, die ich ſofort als eine weibliche er⸗ kannte. Ihre Züge waren, obſchon ſtarr, doch ſehr fein und reizend und ich fühlte mich zu ihr, ich weiß nicht weshalb, mächtig hingezogen. Ich beſchloß daher, hier Station zu machen und mich in dieſem ſtillen ehrwürdigen Raum häuslich einzurichten;z denn ich empfand nach einem ſo ſtürmiſchen ruheloſen Leben in der That das Bedürfniß, mich für eine Zeit ruhiger Contemplation hinzugeben. Zu dieſem Zwecke beſchloß ich, mich dem Studium der Hieroglyphik zu widmen, wozu ich hier die ſchönſte Gelegenheit hatte, denn alle Wände waren dicht mit Hiero⸗ glyphen und altägyptiſchen Symbolen überdeckt. Lebensmittel hatte ich noch in meinem kleinen Reiſekoffer nebſt einigen Flaſchen Weines von den Weinbergen des Mondgebirges, der ſehr ſtark und von vorzüglicher Qualität iſt. Auch erblickte ich einige Schaalen mit eingemachten Früchten umherſtehen, die freilich durch ihr Alter von mehreren tauſend Jahren ganz und gar eingetrocknet waren. Ich ſuchte ſie mit meinem Wein ſaufzuweichen, und ſiehe es gelang mir über die Maßen gut. Die Früchte quollen auf, und es war mir ein eigenthümlich pikanter Genuß, dieſe vor ſo vielen tauſend Jahren eingemachten, höchſt erquicklichen Früchte zu mir zu nehmen, und— ſo Hunger und Durſt zugleich zu ſtillen. Zum Nachtlager diente mir der Sarkophag, den ich von der Wand genommen und auf den marmorgetäfelten Boden niedergelegt hatte. Die Mumie bildete ſomit meine Unterlage und ich ſchlief tief und feſt, außer gegen Morgen, wo ich von meiner Mumie träumte, die mir — 310— (im Traume nämlich) als ein liebreizendes Geſchöpf entgegentrat und mir mit einer Lotosblume freundlich zuwinkte. Die Sonne ſtand ſchon ziemlich hoch, als ich aus meinem Traum erwachte und mich wieder in meiner höchſt eigenthümlichen Umgebung erblickte. Um die Geſichtszüge meiner Mumie beſſer in Augenſchein nehmen zu können, ergriff ich den Sarkophag, in welchem ſie lag, und hielt die Mumie gegen die ſchräg hereinfallenden Sonnenſtrahlen. Da begab ſich ein unerhörtes Wunder! Die Sonne mochte ihr in der Naſe Kitzel erregen und ſie nieste— nieste kräftig wie ein lebendes Menſchenkind, nieste ein zweites, nieste ein drittes Mal und ſchien dabei mit den Augen zu blinzeln. Proſit! ſagte ich. Danke ſchön! erwiederte leiſe meine Mumie. Ich kann nicht leugnen, daß mich ein wenig ſchauderte. Indeß nahmen die Geſichtszüge der Mumie wieder ihren ſtarren Ausdruck an, und ich überredete mich, daß ich geträumt hätte. Ich legte meine Mumie wieder hin, ſuchte nicht mehr an ſie zu denken und vertrieb mir die größte Zeit des Tages mit dem Studium der Hieroglyphen, welche die Wand bedeckten. Ich machte bereits im Laufe dieſes Tages bei dem mir von Natur angebornen inſtinctiven Scharfſinn bedeutende Fortſchritte in der Erkenntniß dieſer geheimnißvollen Schrift. Gegen Abend begab ich mich zur Pyramide hinaus und machte in den nächſten Umgebungen Jagd auf Strauße und Antilopen, die hier ſehr zahlreich ſind und von denen ich mehrere erlegte. Dieſem Ver⸗ gnügen, welches mir zugleich zur nöthigen Leibesbewegung diente, habe ich, ſo lange ich dieſes Aſyl bewohnte, täglich obgelegen. Nachts ſchlief ich wieder im Sarkophage meiner Mumie, ohne an etwas Beſonderes zu denken. Gegen Morgen erwachte ich jedoch, früher als ſonſt, denn es rührte und ſchüttelte ſich etwas unter mir. Nicht wenig erſchrocken ſprang ich vom Lager auf, und wer beſchreibt mein Erſtaunen, als ich meine Mumie den Kopf aus dem Sarko⸗ phage erheben und ſich ängſtlich bemühen ſah, ſich aus ihren Hüllen loszumachen. So überraſcht und erſchrocken ich auch war, verließ mich meine Courtoiſie doch ſelbſt in dieſem Augenblicke nicht; ich bückte mich und half ihr, ſich aus ihren Hüllen zu befreien, worauf die Schar und e G nun nach Müne verwi W Folge bin Herr⸗ das T im ge gewac Gefa haber ich Ihre ſchen iſt; ( ſend eund iſt d Jahr denn vora⸗ früh dabe jae nd — 311— Schamhafte ſofort nach einem Seſſel von altägyptiſcher Form ſprang und eiligſt in die Gewänder ſchlüpfte, die auf deſſen Lehne hingen. Eine reizende Jungfrau von höchſtens achtzehn Jahren ſtand ſie nun vor mir, die Calantica über Haupt und Schultern mit jenen nach rückwärts gekrümmten Läppchen daran, welche offenbar den Münchner Riegelhäubchen zum Muſter gedient haben. Ich war ſehr verwirrt, verlegen, und ſie war es auch. Wo bin ich, ſagte ſie in altägyptiſcher Sprache, die ich jedoch in Folge meiner hieroglyphiſchen Studien ſchon ſo ziemlich verſtand. Wo bin ich? Ich muß recht lange geſchlafen haben. Und mit einem Herrn allein? Mein Herr! wie haben Sie wagen können, ſich in das Schlafgemach eines jungen unerfahrenen Mädchens einzudrängen? Befürchten Sie nichts, denn ich bin ein Deutſcher, antwortete ich im gebrochenen Altägyptiſch, ich habe nur am Lager Ihrer Unſchuld gewacht; meine Erfahrenheit ſoll Ihre Unerfahrenheit in keinerlei Gefahr bringen, wenn Sie ſelbſt nicht wollen. Aber, Fräulein, Sie haben einen langen, einen tauſend— tauſendjährigen Schlaf gethan; ich darf Ihnen dieſe Wahrheit nicht verhehlen; und wenn Sie von Ihrem Schlafe aufgewacht ſind, ſo verdanken Sie dies der animali⸗ ſchen Wärme, die von mir während der Nacht auf Sie ausgeſtrömt iſt; denn ich bin ſehr elektromagnetiſcher Natur. Sie erblickte den Sarkophag— ſie begriff, ſie ſchauderte. Tau⸗ ſend Jahre? fragte ſie entſetzt. Tauſend Jahre, und noch tauſend und abermals tauſend Jahre, eund ich weiß nicht, wie viel tauſend Jahre, erwiederte ich. Indeß es iſt vollkommen gleich, ob der Menſch nur eine Nacht oder tauſend Jahre ſchläft, wenn er nur überhaupt erwacht und dann geſund iſt. Ich fragte ſie hierauf, ob ich ihr ein Frühſtück bereiten ſolle; denn da ſie ſo viele tauſend Jahre nichts zu ſich genommen habe, ſei vorauszuſetzen, daß ſie hungrig ſein werde. Ich fühle kein Bedürfniß, erwiederte ſie, ich weiß gar nicht, was frühſtücken iſt. Aber hier herum iſt mir ſo leer, ſagte ſie und wies dabei auf die Stirn, meine Stirn verlangt nach etwas. Doch da iſt ja eine Lotosblume; es wuchſen ſo viele Lotosblumen in meines Va⸗ —õmmʒ — 312— ters Garten; ich pflückte Sträuße davon und roch an ihnen; das ihat mir ſo wohl. Die Mumie griff nach einer vertrockneten Lotosblume, die im Sarkophage lag und roch daran. Ach, ſagte ſie traurig, die Blume hat ihren Duft verloren. Ich begriff den Hergang. Mumien haben, wie ich mich erinnerte, keine Eingeweide; mithin bedurfte das gute Geſchöpf keiner Nahrung. Es war Blumenduft, wonach ſie verlangte; Blumenduft war die Speiſe, die ſie nöthig hatte, um am Leben erhalten zu werden. Schnell ſchlug ich einer Weinflaſche den Hals ab und ſetzte die Lotosblume mit ihrem Stengel in den aromatiſchen Wein, der, wie ich bereits erfahren, die Kraft hatte, vertrocknete Früchte aufquellen zu machen und mit Saft zu füllen. Ah, mir wird ſo ohnmächtig zu Muthe, klagte die Mumie. Inzwiſchen hatte ſich die Lotosblume ent⸗ faltet und füllte das Gemach mit ſüßem würzigem Duft. Die Mumie ſog ihn begierig ein; ihr Auge leuchtete. Ach, wie thut das ſo wohl! ſagte ſie. Ich bat ſie nun, ihre Lebensgeſchichte zu erzählen. Die Mumie fuhr mit der Hand über die Stirn und begann: Mir fangen an einzelne Erinnerungen aufzutauchen; ich will ver⸗ ſuchen, ſie zuſammenzuleſen. Es muß lange, ſehr lange her ſein— mein Vater war der Pharao von Aegypten, Rhamnutis der Dritte, und er hatte mich ſehr lieb. Da begab es ſich, daß ein jüdiſcher Jüngling, mit Namen Joſeph— Joſeph? rief ich verwundert aus, ich bin ſehr begierig. Ja, er hieß Joſeph, war von ſeinen ſchlechten Brüdern verkauft worden und ein ſehr ſchöner junger Menſch. Ich ſah ihn oft, wenn ich im Garten Blumen pflückte, denn er wohnte neben an, im Hauſe des Kämmerers Potiphar, der den Joſeph gekauft und ein ſchönes Stück Geld für ihn gegeben hatte. Joſeph brachte mir manchen Strauß, unterrichtete mich im Hebräiſchen und machte mir an meinem ſechzehnten Geburtstage ein ſehr ſchönes hebräiſches Gedicht; ich könnte es noch herſagen. Um Vergebung, verehrteſte Prinzeß, wann waren Sie geboren? fragte ich. — 313— Im Jahre 10530 vor Chriſto am 12. Auguſt, glaube ich, ant⸗ wortete die Mumie. Wie konnten Sie aber nach chriſtlichem Datum rechnen, da ja Chriſtus damals noch gar nicht geboren war? Unſere Gelehrten hatten dieſe Zeitrechnung einmal eingeführt, und ſo kamen wir mit jedem Jahre Chriſti Geburt näher, antwortete die Mumie. Und zehntauſend Jahre vor Chriſto? frug ich weiter. Unſere Gelehrten ſetzen das Datum, wo Joſeph lebte, in viel ſpätere Zeit. Oh, da ſind die jetzigen Gelehrten ſehr auf dem Holzwege, ant⸗ wortete die Mumie. Ich weiß, was ich weiß. Ich bin 10530 vor Chriſto geboren und ſtarb 10512 vor Chriſto. Hiernach können Sie ausrechnen, wie alt ich war, als ich ſtarb. Entſchuldigen Sie meine Zwiſchenfragen, verehrteſte Prinzeſſin, und haben Sie die Güte fortzufahren, ſagte ich. Ich werde es thun, obſchon die Erinnerung an jene Zeit für mich eine ſehr traurige iſt, ſagte die Mumie. Der ſchöne jüdiſche Jüng⸗ ling erweckte ganz eigene Gefühle in mir; ich muß es geſtehen mit all der Schüchternheit, die man von einem unſchuldigen Mädchen bei ſolchen Geſtändniſſen erwarten darf. Und auch Joſeph ſchenkte mir ſeine Neigung. Ich weiß eigentlich nicht, wer von uns Beiden damit zuerſt angefangen hat; das iſt ja auch gleichgiltig; kurz, wir liebten uns mit all der glühenden Schwärmerei, die jungen unentweihten Herzen in ſolchen Fällen eigen iſt. Doch der ſchöne Traum ſollte nur zu bald ein Ende nehmen. Des Kämmerers Potiphar Frau, die ſehr häßlich und eine böſe Sieben war— Sie haben alſo dieſe Perſon gekannt? rief ich verwundert aus. Wer hätte in Aegypten nicht die Madame Potiphar gekannt? Sie hatte ſchon ſo viele galante Abenteuer gehabt, daß Jedermann mit Fingern auf ſie wies und ſich über ihren einfältigen Gatten wunderte, weil er ſich nicht von ihr ſcheiden laſſen wollte; aber er ſtand völlig unter ihrem Pantoffel, wobei ich übrigens bemerke, daß ſie Holzpantoffeln trug und damit im Hauſe treppauf treppab einen gewaltigen Lärm machte. Kurz, ſie ſuchte den unſchuldigen Jüngling in ihr Netz zu ziehen, und da er widerſtand und den Mantel auf — 314— ihrem Lager ließ, beſchuldigte ſie ihn arger Dinge und Joſeph wurde arretirt und ins Stockhaus eingeſperrt. Oh, der arme Menſch! wie es ihm ſpäter nur ergangen ſein mag? denn ich habe ſeine Befreiung nicht mehr erlebt. Die Mumie weinte, ſie weinte ſo, daß ihre Thrä⸗ nen zuletzt den Kelch der Lotosblume füllten. Beruhigen Sie ſich, verehrteſte Prinzeſſin! ſagte ich beſchwichtigend; Ihr Joſeph wurde ſpäter aus dem Gefängniß befreit und gelangte noch zu hohen Würden und Ehren im Aegypterlande. Oh Iſis und Oſiris! Wäre es möglich? rief die Mumie erfreut und trocknete ſich mit dem rechten Zipfel ihrer Calantica die Thrä⸗ nen ab. Ganz gewiß! verſicherte ich. So ſteht es im erſten Buch Moſe, Kapitel 41. Es iſt eine der rührendſten Geſchichten in der ganzen heiligen Schrift. Ich habe ſie, von wegen der Potiphar, in meiner Kindheit ſtets ſehr gern geleſen; nur malte ſich meine Phantaſie die Madame Potiphar immer als eine ſchöne Perſon aus, und ich dachte dann: Fritz, wenn du an Joſeph's Stelle geweſen wäreſt! Nänlich, Prinzeſſin, wegen des Mantels! Ich hatte keinen, und ich verdachte es Joſeph ſehr, daß er ſeinen Mantel im Stich laſſen konnte. Aber wie hätte ich mir jemals träumen laſſen, in meinem Leben mit einer jungen reizenden Dame zuſammenzutreffen, welche Joſeph und Madame Potiphar noch perſönlich gekannt hat! Geruhen Sie fortzufahren, ſchöne Prinzeſſin! Ihre Geſchichte erweckt meinen lebhafteſten Antheil! Ach! ſeufzte die Mumie, was nun folgt, wird Ihre vielleicht zu hoch geſteigerten Erwartungen ſchwerlich befriedigen. Ich will mich kurz faſſen. Als ich von des guten Joſeph's Verhaftung hörte, war ich untröſtlich. Ich wußte, daß er unſchuldig war; ich lief zu meinem Vater, dem Pharao, und geſtand ihm, daß ich Joſeph liebe, daß er ihn freilaſſen müſſe, wenn es kein Unglück geben ſolle, und daß ich nur Joſeph und keinen Anderen zu ehelichen entſchloſſen ſei. Entar⸗ tetes Geſchöpf! brauste mein Vater, der Pharao, auf, ſchlage dir dieſe Gedanken aus dem Kopfe oder gewärtige, daß ich dich verſtoße! Niemals werde ich darein einwilligen, daß meine Tochter, die Tochter eines Pharao, das Weib eines hergelaufenen Judenjünglings werde. Niemals wird Rhamnutis der Dritte eine ſolche Mesalliance zugeben! nie 7 3165— Verzweifelt rannte ich an den Strand des Nils und hoffnungslos, wie ich war, ſtürzte ich mich in die Fluth. Ich ertrank. Man muß meine Leiche aufgefiſcht haben, denn ſonſt wäre ich nicht Mumie. Dort an der Wand erblicke ich die Inſchrift:„Der trauernde Rham⸗ nutis, ſeines Namens der Dritte, ſeiner geliebten Tochter Pumphitta, dem Opfer eines unglücklichen Mißverſtändniſſes.“ So erzählte Prinzeſſin Pumphitta, die Mumie. Ich ſuchte ſie zu tröſten, ſo gut es ging, und es ging beſſer, als ich dachte, ſo gut, daß ſie ihren Joſeph bald gänzlich vergeſſen hatte. Wenn ich von der Straußenjagd zurückkehrte, ruhte ich in ihren Ar⸗ men, an ihrem Herzen aus. Sie erzählte mir von den Thaten Djom's, des ägyptiſchen Herkules, von der Hathor oder der ägyptiſchen Venus, und andern altägyptiſchen Gottheiten männlichen und weib⸗ lichen Geſchlechts, am liebſten aber von der genannten Hathor und ihren vielen Liebesabenteuern; ſie weihte mich in die Geheimniſſe der Hieroglyphik ein, und das Wenige, was ich davon dem berühmten Gelehrten Lepſius mittheilte, hat dieſen in Stand geſetzt, in Aegypten jene Entdeckungen zu machen, mit denen er die gelehrte Welt überraſchte. So verſtrich ein halbes Jahr, und ſo ſüß mir auch der Verkehr mit dieſem naiven reizenden Geſchöpfe war, fing ich doch an, mich aus dieſer Einſamkeit wieder in die große Welt zurückzuſehnen. Als ſie dies merkte, wurde ſie ſehr traurig; ſie erklärte, mir folgen zu wollen, wohin ich ginge, und als ich eines Tages von der Jagd zurückkehrte, fand ich ſie auf dem Rande ihres Sarkophages weinend ſſitzen, den Kopf in die Hände geſtützt. Ich richtete ihr Haupt in die Höhe; ſie ſah mich halb weinend, halb lächelnd an und ſagte: Fritz! Wie ſteht es mit dem Heirathen? Das war mir doch zu viel; der Gedanke, durch die Ehe an eine ehemalige Mumie für immer gefeſſelt zu ſein, erregte mir Entſetzen. Lieben, rief ich, ſoviel du willſt, Pumphitta! Aber heirathen— niemals! Ich erſchrak ſelbſt über meine Worte, ſo rauh hatte ich ſie heraus⸗ geſtoßen. Das zarte Geſchöpf konnte dieſe harte Begegnung nicht — 316— ertragen. Pumphitta ſtieß einen Seufzer aus, ſo klagend, ſo durch⸗ dringend, daß ich im Innerſten erbebte; ſie zuckte, ſie ſchrumpfte zu⸗ ſammen; ſie wurde von Minute zu Minute mehr und mehr Mumie, ſie lag im Sarkophage ausgeſtreckt, ſie war zu braunem Pergament geworden; nur um ihre Lippen ſpielte ein tiefſchmerzliches Lächeln. Da erwachte meine Liebe von Neuem mit aller Gewalt. Ich beugte mich zu ihr nieder, ich rief: Pumphitta! Pumphitta! Ich will dich ja heirathen— ich will alle weiblichen Mumien Aegyptens und Lybiens heirathen—— nur komm wieder zu dir! Wache! Lebe! Sei glücklich, glücklich als Madame Beutel! Die ganze Nacht brachte ich damit zu, ſie zu wärmen und elektromagnetiſch auf ſie zu wirken— vergebens! In der Morgenfrühe verſuchte ich noch das letzte Mittel, ich hielt ſie gegen die Sonnenſtrahlen— aber ſie nieste nicht! Sie war und blieb Mumie! Nun hielt es mich hier nicht länger. Ich packte meinen Reiſe⸗ koffer, ſchwang mich auf einen Strauß, den ich inzwiſchen dreſſirt hatte, und trabte auf ihm in der Richtung von dannen, wo, wie ich mir ſagte, der Nil fließen mußte. bef jen dun Rht An. abe daß Str ein von — 317— Vierundzwanzigſtes Kapitel. Es kann darüber kein Zweifel ſein, daß man in früheren Zeiten ſowohl die Zähmungs⸗ als die Reitkunſt beſſer verſtanden hat als heutzutage; denn bekanntlich iſt der heilige Pachomius auf ei⸗ nem Krokodil aus der Wüſte gen Alexandrien ge⸗ ritten. Das ſollte auch der beſte Reiter in unſern Tagen wohl bleiben laſſen. Zum leichten Cava⸗ leriedienſt möchten ſich übrigens die Krokodile, Nil⸗ pferde und Nashorne wohl zu keiner Zeit geeignet haben. Fürſt Pückler⸗Muskau. Der Vicekönig hält auch einen Marſtall und einen Harem, die beide mit den vorzüglichſten aus Kreuzung der Racen hervorgegangenen Crem⸗ plaren ausgeſtattet ſind. Der allgemeinen Füt terung im Marſtall wohnte ich bei, zu der im Ha⸗ rem wurde ich nicht zugelaſſen. Derſelbe. Wer von meinen Leſern ſich im Jahre 18.. in Cairo auf Beſuch befunden haben ſollte, wird ſich erinnern, welches Aufſehen daſelbſt in jenem Jahre ein ſtattlicher Mann erregte, den auf ſeinen Gängen durch die engen und winkeligen Gaſſen der Stadt ein Nilpferd, ein Rhinoceros und ein Krokodil wie dreſſirte Hunde begleiteten. Dieſer Mann war kein Anderer als ich, und es konnte auch kein Anderer ſein. Daß ich mich zu jener Zeit in Cairo befand, weiß der Leſer nun, aber noch nicht, wie ich dorthin kam; er weiß im Allgemeinen nur, daß ich vor der Pyramide in der lybiſchen Wüſte einen geſattelten Strauß beſtieg und auf ihm davon ſprengte. Der Strauß leidet in Folge der furchtbaren Hitze nicht ſelten an einer Krankheit, deren Endreſultat iſt, daß ſich das Fleiſch allmälig von ſeinen Knochen abblättert, mir nichts dir nichts, wie Blätterteig. — 318— Leider wurde mein Strauß während des Ritts von dieſer eigenthüm⸗ lichen Unpäßlichkeit befallen, doch ließ er ſich davon nicht ſtören, ſon⸗ dern ſetzte ſeinen Trab gleichmäßig fort. Zuletzt war er nur noch ein bloßes Geripp, da er aber einmal im Schuſſe war, trug er mich wei⸗ ter und weiter, bis mir endlich durch dunkles Sycomorengebüſch der Spiegel eines Fluſſes entgegenglänzte, der nach meiner Annahme kein anderer ſein konnte, als der alte heilige Nil, und es auch war. Der Schimmel, der ihn längs ſeiner Uferwände bedeckte, bezeugte ſein Alter. Hier hielt das Gerippe meines Straußes ſtill, ich ſtieg ab und errichtete mir zwiſchen einigen Dattelpalmen ein Zelt und eine Hängematte, wozu ich das nöthige Material im Reiſekoffer mit mir führte. Es dauerte gar nicht lange, ſo verſammelten ſich vermöge der Anziehungskraft, welche ich auf die Thierwelt ausübte, Schaaren von Nilpferden und Rhinoceroſſen um mich und leckten mir die Hände, und zu Hunderten kamen die Krokodile an das Ufer und wechſelten mit mir die freundlichſten Blicke. Ich erlaube mir hierbei die gelehrte Bemerkung, daß in der Gegend von Aegypten und Nubien die Urwelt geſtanden haben muß; denn dieſe Ungeheuer ſind offenbar nach dem Muͤſter der urweltlichen Thiere angefertigt und ihre nächſten Nach⸗ kommen und Vettern. Nach einigen Tagen brach ich von dieſem Ruheplatz auf, indem ich ein ſehr ſauberes Rhinoceros als Reitpferd benutzte und mich außerdem von einem Nilpferde begleiten ließ, welches mir beſondere Anhänglichkeit bewieſen hatte und mir überall hin folgte wie ein Hündchen. Die Krokodile verſammelten ſich um mich und vergoſſen die reichlichſten Thränen— zwar Krokodilsthränen, aber nicht in der gewöhnlichen gehäſſigen Bedeutung; denn ſie ſtammten aus dem rein⸗ ſten Gemüth. Ich warf ihnen mein oſtindiſches Taſchentuch zu und ſie trockneten ſich damit ihre Thränen, indem ſie es eins dem andern mit ihren Tatzen darreichten und ſo die Runde machen ließen. Wäh⸗ rend ich auf dem linken Nilufer vorwärts ritt, begleiteten ſie mich noch eine lange Strecke, ja ein hübſches liebenswürdiges Krokodil, welches auf den Namen„Mimili“ hörte, ließ ſich nicht zurückweiſen; es begleitete mich ſchwimmend, bis wir gen Cairo kamen. Es war ein Rück er h ſchwe einen Schu Wiert Alles von ſtand Mac prägt in d Zuwe ſtatt mair Cai liefe ſelbſt kodi Aug (s d unker nen — 319— ein Abkömmling jenes gefühlvollen Krokodils, auf deſſen ſchuppigem Rücken ſich der heilige Pachomius nach Alexandria tragen ließ, als er hierher kam, um die ſchöne Sünderin Thais fromm zu machen. In Cairo fiel es mir allerdings wegen meiner ſonderbaren Suite ſchwer, Unterkunft in einem Gaſthofe zu erhalten. Endlich fand ich einen Gaſtwirth, der ſich dazu verſtand, nachdem ich von meinem Schuppenpanzer eine Reihe Goldpiaſter abgebrochen und ihm für ein Vierteljahr die Miethe vorausbezahlt hatte. Auch ſpäter habe ich Alles, was ich verzehrte, mit den Goldpiaſtern bezahlt, die ich ſofort von meinem Schuppenpanzer ablöste. Die Lücken, die dadurch ent⸗ ſtanden, erſetzte ich(den Münzſtempel hatte ich vorſichtigerweiſe aus Macomaco mitgenommen), mit falſchen Goldpiaſtern, die ich ſelbſt prägte, ſo daß mein Panzer immer vollſtändig blieb, und ich dadurch in den Geruch kam, ein Schwarzkünſtler und Goldmacher zu ſein. Zuweilen mag ich mich wohl vergriffen und ein unächtes Goldſtück ſtatt eines ächten ausgegeben haben; indeß geſchah dies gewiß wider meine Abſicht; denn ich bin ein rechtlicher Mann. Mit meiner thieriſchen Begleitung brachte ich die ganze Stadt Cairo in Aufruhr; wo ich mich mit meinen Ungethümen ſehen ließ, liefen die Kinder heulend, die Frauen die Hände ringend davon, und ſelbſt die Männer ſuchten das Weite. Namentlich war es das Kro⸗ kodil, dem ſie aus dem Wege gingen; denn es machte ſo fürchterliche Augen, daß ſich Jedermann vor ihm entſetzte. Der Lärm darüber erreichte nach einigen Tagen einen Grad, daß es die Oberpolizeibehörde für nöthig erachtete, mich citiren zu laſſen, unker der ausdrücklichen Verwarnung, daß ich ohne die Thiere erſchei⸗ nen ſolle. Der Polizeipräſident ſelbſt war es, der mich ins Verhör nahm. Mein Herr! fuhr er mich an, obſchon Ihre Papiere nicht ganz in Ordnung ſind, ſteht doch bei unſern nur allzuliberalen Grundſätzen Ihrem Aufenthalte in dieſer Hauptſtadt nichts im Wege; aber den Ungeheuern, die Sie mitgebracht haben, können wir keine Aufenthalts⸗ erlaubniß ertheilen. Niemand wagt mehr in Cairo auszugehen wegen dieſer ganz und gar polizeiwidrigen Ungeheuer. 5 — 320— Ach, Sie beziehen ſich auf meine kleinen Schooßhündchen, Herr Präſident! erwiederte ich. Darf man hier in Cairo keine Hunde halten?. Was, Hunde! brauste der Polizeichef auf, ſchöne Hunde das, dieſe Beſtien! Ich bitte, nicht ſo wegwerfend und beleidigend von meinen Hünd⸗ chen zu ſprechen, entgegnete ich in einem Tone, der ſeines Eindrucks auf den dicken und brutalen Polizeichef nicht verfehlte. Uebrigens will ich gern die hier gebräuchliche Hundeſteuer bezahlen und zwar um ſoviel erhöht, als meine Köter größer ſind als die gewöhnlichen Hunde. Der Polizeichef grinste nach dieſen Worten ſehr freundlich, mur⸗ melte etwas mit den neben ihm ſitzenden Unterchefs, die ebenfalls möglichſt freundlich grinsten, und nun machten ſie mir eine Hunde⸗ rechnung, daß ich nicht nur meinen ganzen goldenen Schuppenpanzer bis auf die Drähte entleeren, ſondern mir auch noch die beiden Pieſacko⸗d'Ors von meinen Stiefeln abſchnallen mußte. Glücklicher⸗ weiſe beſtand bereits mein Panzer zur Hälfte aus falſchen Piaſtern, auch hatte ich ſchon früher die gewiß nur zu billigende Vorſicht ge⸗ braucht, die beiden Pieſacko⸗d'Ors von meinen Sporen durch nach⸗ gemachte zu erſetzen; denn die betrügeriſche Unerſättlichkeit der Beam⸗ ten in dieſen Ländern war mir ſchon längſt bekannt. Nachdem dies geſchehen, fragte ich: Nun haben meine Hunde doch die Erlaubniß, ſich hier aufhalten zu dürfen? Ja, im Hundeſtall gehalten zu werden, ſagte trocken der Präſident, aber nicht, ſich auf der Straße ſehen zu laſſen. Das iſt ja ganz orientaliſch⸗ägyptiſche Juſtiz, rief ich entrüſtet. Was haben Ihnen meine Hunde gethan? Sie haben noch Keinem ſo vielen Schaden zugefügt, als die hochlöbliche Polizei von Cairo Tauſenden von Leuten, die ſich hier ruhig ernähren wollten, von ihr aber aus der Stadt gewieſen und um ihre Exiſtenzmittel gebracht wurden. Meine Hunde haben noch Keinen aus der Stadt heraus⸗ gebiſſen, und nun will hochlöbliche Polizei ſie herausbeißen. Wer iſt da mehr Hund, meine kleinen Köter oder hochlöbliche Polizei? 8 die P gebüßt bewaff um S gewiſſ bringen N ich ha ſchen nieder dem Plan; pferde auftrei dieſe vom artige L Panze läufig der a geplü wenig Vieek eingel Staa — 321— Mein Herr! rief der Polizeipräſident, ſolche Beleidigungen gegen die Polizei von Cairo werden mit einer Strafe von 1000 Piaſtern gebüßt, die Sie morgen erlegen werden, widrigenfalls die ſämmtliche bewaffnete Macht der Hauptſtadt gegen Sie aufgeboten werden wird, um Sie ſammt Ihren Ungeheuern zu verhaften. Wir haben hier ſo gewiſſe Vorrichtungen, um Raiſonneurs wie Sie zu der Vernunft zu bringen, wie ſie hier zu Lande vorgeſchrieben iſt. Meinen Grimm hinunterſchluckend begab ich mich hinweg, denn ich hatte keine große Luſt, das Wortgefecht mit dieſen brutalen Bur⸗ ſchen weiter fortzuſetzen; ich warf ihnen beim Abſchiede nur einen ſo niederſchmetternden Blick zu, daß ſie ſich vor Schreck aufs eiligſte unter dem Tiſche verkrochen. Ich brütete nun über einem furchtbaren Plan; ich beſchloß, an den Ober⸗Nil zurückzukehren, hier alle Nil⸗ pferde, Rhinoceroſſe und Krokodile um mich zu ſammeln, ſoviel ich auftreiben konnte, und dann mit ihnen gegen die Stadt zu rücken, dieſe mit Sturm zu nehmen und die ganze Brut, die ſie bewohnt, vom Erdboden zu vertilgen. Der Plan hatte gewiß etwas Groß⸗ artiges, er ſollte jedoch nicht zur Ausführung kommen. Denn als ich Abends in meinem Hotel beſchäftigt war, meinen Panzer wieder mit neuen Goldpiaſtern zu verſehen(unter denen, bei⸗ läufig bemerkt, ſich jetzt keine ächten mehr befanden, da ich den Reſt der ächten in Verwahrung gebracht hatte, um nicht gänzlich aus⸗ geplündert zu werden), als ich alſo mit dieſer künſtlichen und nicht wenig mühſamen Arbeit beſchäftigt war, wurde mir der Secretär des Vicekönigs gemeldet, der mir den Auftrag überbrachte, mich folgenden Tages um 11 Uhr Vormittags zu dem Vicekönig zu verfügen, um eine Angelegenheit zu beſprechen, die, wie der Secretär hinzufügte, ein für uns Beide hoffentlich erfreuliches Ergebniß haben werde. Da ich eigentlich ſchon längſt gewünſcht und bea bſichtigt hatte, eine Audienz beim Vicekönig zu erhalten, ſo ſagte ich unbedenklich zu. Folgenden Tags Schlag 11 Uhr befand ich mich im Vorſaale des Vicekönigs und wurde auch unverweilt in ſein Geheimcabinet eingelaſſen, während mehrere Geſandte europäiſcher wie afrikaniſcher Staaten genöthigt waren zu warten, was ihnen gar nicht ſehr ange⸗ nehm zu ſein ſchien. D. B. X. Fritz Beutel, v. Marggraff. 21 — 322— Der Vicekönig nickte mir freundlich zu, winkte mir, mich auf einen Divan niederzulaſſen und befahl, mir eine Taſſe ſtarken Kaffees und den Tſchibuck zu bringen, wie das in jenen Ländern gebräuchlich iſt. Nun that er erſt einen Zug, dann ich einen, dann wieder er einen, dann wieder ich, und nachdem wir ſo etwa ſechzig Züge ab⸗ wechſelnd und ohne zu ſprechen aus der Pfeife gethan hatten, öffnete er den Mund, um mich zu fragen, welcher Nation ich angehöre? Ich gehöre derjenigen Nation an, welche keine iſt, Hoheit! erwie⸗ derte ich. Eine Nation, welche keine iſt! murmelte er, den Kopf ſchüttelnd; aha, jetzt weiß ich's; Sie ſind ein Deutſcher, mein Herr! Allerdings, Hoheit! ſagte ich, und ich habe alle Urſache, deshalb um Verzeihung zu bitten. Ohne Zweifel ſind Sie auch Schriftſteller, fuhr der Vicekönig fort, denn alle Deutſche, welche Aegypten beſucht haben, waren Schriftſteller und kamen hierher, um ein Buch über Aegypten zu ſchreiben. Gewiß ſind auch Sie in derſelben Abſicht hierher gekom⸗ men, und ich ſetze voraus, daß Sie mich und meine Regierungsweiſe gehörig herausſtreichen werden. Mein Kaffee iſt gut, mein Tabak iſt gut, und was mich betrifft, ſo mache ich Ihnen ein ſo freundliches Geſicht, als es immer nur möglich iſt. Sie werden dieſe Winke ver⸗ ſtehen. Sollten Sie für deutſche Blätter correſpondiren, ſo werde ich Ihnen mit Vergnügen dazu die nöthigen Materialien esſcgaſtn Ich will hoffen, daß es Ihnen in Cairo gefällt. Außerordentlich, wenigſtens in Ihrer Geſellſchaft, Hoheit! ſagte ich. Und nun erzählte ich ihm meinen Confürt mit der oberſten Polizeibehörde. Entrüſtet fuhr der Vicekönig auf. Beim Propheten! rief er, das iſt empörend! Man ſoll Ihnen Abbitte leiſten! Dieſe Leute ſind geſchworne Feinde aller genialen Männer, aller aus der Art ſchla⸗ genden Erſcheinungen. Und ich will Ihnen nur geſtehen, daß ich ge⸗ rade wegen Ihrer gezähmten Ungeheuer Sie zu mir beſcheiden ließ. Würde es Ihnen ſchwer fallen, dieſe liebenswürdigen Geſchöpfe, von denen ich ſo vieles Intereſſante gehört habe, mir zu überlaſſen? aus Aegy des werd nicht önig aren n zu kom⸗ weiſe rabak liches ber⸗ e ich Ich — 323— Ich trenne mich ſehr ungern von ihnen, denn ich habe ſie lieb gewonnen. Wenn ich Ihnen jedoch einen Gefallen damit erzeigen kann, Hoheit, ſo ſtehen Sie Ihnen zu Dienſten. Oh, ich verlange ſie nicht umſonſt, ſagte der Vicekönig. Ich über⸗ laſſe Ihnen dafür drei Weiber aus meinem Harem, die ich ausran⸗ girt habe. Der Mund wäſſerte mir. Zwar ausrangirt, aber doch Weiber aus des Vicekönigs Harem!: Der Harem eines Vicekönigs von Aegypten, dachte ich mir, wird doch ohne Zweifel die ſchönſten Perlen des Morgenlandes bergen, und ſelbſt die Perlen, die er wegwirft, werden noch gut genug ſein für Unſereinen. Der Handel ſchien mir nicht übel. Ich erklärte mich bereit, auf den Tauſchhandel einzugehen, worauf er bemerkte, er habe eins der Weiber zur Probe im Nebengemache und werde daſſelbe ſogleich herbeirufen. Er pfiff und ſofort öffnete ſich die Thür des Nebenzimmers, und ein verſchleiertes Frauenzimmer trat ein, das auf ſein Geheiß den Schleier zurückſchlug, um mir ihr Geſicht zu präſentiren. Jemand, der bei wolkenloſem Himmel vom Blitz erſchlagen wird, kann davon nicht ſo überraſcht ſein als ich bei dem Anblick dieſer Perſon— denn ſie war keine andere, als meine frühere Ehehälfte oder beſſer Eheviertel, Beate Regina Cordula Veronica, die Erb⸗ ſchulzenstochter aus Schnipphauſen. Auch ſie ſtand wie verſteinert und ſtarrte mich mit gläſernen Augen und offenem Munde an. Dieſe Zeichen der Ueberraſchung mochte der Vicekönig auf ganz andere Gefühle deuten, denn er fuhr ganz ruhig fort: Dieſes Weib hat meinen Erwartungen nicht entſprochen, ich habe ſie nicht wegen ihrer Jugend und Schönheit, denn Beides fehlt ihr, ſondern wegen ihrer Corpulenz in meinen Harem aufgenommen; ich beabſichtigte, ſie der Curioſität wegen zu einer Art Monſtrum aufzufüttern; ich habe mich dieſes Erperiment etwas koſten laſſen; aber es war Alles ver⸗ gebens. Statt noch mehr zuzunehmen, magerte ſie von Monat zu Monat mehr ab, indem ſie behauptete, an einer Krankheit zu leiden, die man bei ihr zu Lande das Heimweh nennt; denn ſie iſt eine Deutſche. Eine Landsmännin wird Ihnen doppelt willkom⸗ 21* — 324— men ſein, Herr Beutel! Ich trete ſie Ihnen mit Vergnügen für Ihr der i zahmes Krokodil ab! wegen Dieſes treuloſe verrätheriſche Krokodil, rief ich entſetzt, für mein Entw liebes gutes Krokodil, das mir ſo anhänglich iſt? Nein, Hoheit, bei aſſen; einem ſolchen Tauſch würde ich zu ſehr im Nachtheil ſein. Perſo Kaum hatte ich dieſe harten Worte ausgeſprochen, als Beate in weh Thränen und in ein krampfhaftes Schluchzen ausbrach. Gegen Weiber⸗ wie d thränen bin ich widerſtandslos; ihr Anblick rührte mich, und ich ſagter: ich w Hoheit, dieſes Weib da nannte ich vordem meine Gattin! nach Wäre es möglich? rief der Vicekönig. Ja, lieber Herr Beutel! nung das ändert die Sache; da muß ich Sie wohl allein laſſen, um die Freude des Wiederſehens, die mir freilich nicht allzugroß zu ſein ſcheint, Thra nicht zu ſtören. Jedenfalls werden Sie wünſchen, ſich mit Ihrer ehe⸗ L maligen Frau auszuſprechen. ſten( Der gutmüthige alte Herr begab ſich nach dieſen Worten hinaus, Beka und ich ſtand der Perſon, die ehemals die Ehre gehabt hatte, ſich meine Gattin nennen zu dürfen, allein gegenüber. Ich ſuchte zur Herrſchaft über meine tumultuariſchen Gefühle zu gelangen und ſagte: Bea Beate, müſſen wir uns ſo und an dieſer Stelle wiederſehen? Wie Knit kommſt du hierher? Biſt du deinem Manne, dem Prinzen Knitſcho⸗ richt garsk, oder iſt er dir entlaufen? erkla Ach, rief ſie, der Schwindler! Denke dir nur, Fritz! Als wir eine denn Zeitlang verheirathet waren’, mußte ich zu meinem Entſetzen wahr⸗ tieff nehmen, daß er den Thran, der den Soldaten geliefert wurde, um in ihre Stiefel geſchmeidig zu machen, alle Morgen früh ſelbſt mit größter mer Begierde hinunter ſchlürfte. Zuletzt wollte er mich zwingen, das den Gleiche zu thun. Er verſccherte, es gäbe kein köſtlicheres Labſal als funke Thran, und er beſtand mit Hartnäckigkeit darauf, daß ich mich bei Zeiten an dieſen Nahrungsſtoff gewöhnen ſolle; denn bei ihm zu Hauſe auf gebe es zum Frühſtück, zum Mittag⸗ und Abendbrod nichts als Fiſch⸗, ähn und zur Abwechſelung auch wohl Seehundsthran. Dies war mir zu älle ſtark; ich ſah mich in meinen ſchönſten Hoffnungen betrogen, aufs empörendſte getäuſcht, ſchiffte mich eines Morgens in Algier auf einer 1 wor ägyptiſchen Feluke nach Alexandrien ein, gerieth hier in die feingelegten w Schlingen eines Sklavenhändlers und ſo in den Harem des Vicekönigs, Pr — 225— der mich gut behandelte, aber mich, des dir bekannten Experiments wegen, mäſten wollte, wie man in Pommern eine Gans mäſtet. Dieſe Entwürdigung ging mir zu Herzen; ich fühlte mich einſam und ver⸗ laſſen; mit den ungebildeten orientaliſchen Haremsweibern war einer Perſon von meiner Bildung jede Unterhaltung unmöglich; das Heim⸗ weh ergriff mich und zehrte mich ſo ab, daß es mich nur wundert, wie du mich ſofort doch wieder erkannteſt. O Fritz, ich verſpreche dir, ich will jetzt eine ganz ordentliche Perſon werden; bringe mich nur nach Schnipphauſen zurück; ich habe weiter keinen Wunſch, keine Hoff⸗ nung mehr! Du hätteſt aber doch deinen Mann nicht verlaſſen ſollen, trotz des Thrans, bemerkte ich in väterlichem Tone. O, ſagte Beate hierauf, darüber brauche ich mir nicht die gering⸗ ſten Gewiſſensbiſſe zu machen. In Alexandrien erzählte mir ein alter Bekannter von der Fremdenlegion— Ach ſo— ein alter Bekannter! warf ich dazwiſchen. Oder ein junger, wenigſtens einer in ſeinen beſten Jahren, fuhr Beate fort. Nun, der erzählte mir, die erſte Frau des Prinzen Knitſchogarsk ſei noch am Leben, habe ihn reclamirt und bei den Ge⸗ richten zu Algier wegen Bigamie verklagt. Knitſchogarsk habe nun erklärt, wie er nicht glauben könne, daß die Kax noch am Leben ſei, denn er habe ſie mit eignen Augen im„Werther“, da wo er am tiefſten ſei, nämlich zwiſchen Seite 199 und 200, untergehen und ſich in den Tiefen der Dichtung verlieren ſehen, worauf ihm jedoch be⸗ merkt wurde, ein Goethe⸗Interpret habe ſich mit der Taucherglocke in den„Werther“ hinabgelaſſen und die ganz und gar im Buche Ver⸗ ſunkene wieder heraufgeholt. Knitſchogarsk iſt ein Flunkerer und Schwindler, bemerkte ich hier⸗ auf; da es mir jedoch in meiner Kindheit mit dem Robinſon ganz ähnlich gegangen iſt, ſo weiß ich keinen Grund, weshalb ich dieſen allerdings merkwürdigen Fall nicht für möglich halten ſollte. Währenddem war mein guter dicker Vicekönig wieder hereingetreten, worauf Beate nach Art der Haremsweiber ihre Arme über der Bruſt kreuzte, ſich verbeugte und in das Nebenzimmer zurücktrat. Auf ſein Verlangen mußte ich nun dem Vicekönig über mein Verhältniß und 326 meine Erlebniſſe mit Beate berichten, worüber er in ein ſo herzliches Lachen ausbrach, daß ihm der Bauch ſchütterte. Allah iſt groß, rief er am Schluſſe meiner Erzählung, und die Schickſale der Menſchen ſind wunderbar! was ich ihm nur beſtätigen konnte. Plötzlich wurde er ernſt und ſagte: Sie ſind nicht der, der Sie hier ſcheinen wollen; ich habe bisher Ihr Incognito geachtet, aber ich weiß recht gut, daß Sie Se. Durchlaucht der Fürſt von Qui⸗ quamqui ſind, deſſen Heldenthaten gegen die Nebus ganz Mittelafrika mit ihrem Schalle erfüllen. Sie ſollten ſich mir gegenüber doch ja nicht geniren! Allah iſt groß! wie ich mir ſchon erlaubte zu bemerken, und ich glaube, Sie ſind nicht viel kleiner. Es würde mir zur höch⸗ ſten Freude gereichen, wenn Durchlaucht— natürlich gegen ein ange⸗ meſſenes Gehalt— in meine Dienſte treten und den Oberbefehl über meine Landmacht übernehmen wollten. Die orientaliſche Frage wird immer verwickelter und nimmt von Tage zu Tage größere Dimen⸗ ſionen an. Ich glaube, daß Durchlaucht von der Vorſehung beſtimmt ſind, in dieſer Frage eine wichtige entſcheidende Rolle zu ſpielen, und ich bin feſt überzeugt, daß Sie dem Schickſal unter die Arme greifen würden, wenn Sie ſich entſchließen könnten, in meine Dienſte zu treten. Ueberlegen Sie ſich mein Anerbieten, Fürſt von Quiquamqui! Ich drückte ihm meine Ueberraſchung, wie meinen Dank für ſein ehrenvolles Anerbieten aus, blieb jedoch auf meinem einmal gefaßten Entſchluß beſtehen, für jetzt in Begleitung Beatens nach meiner Hei⸗ math zurückzukehren. Wunderliche Leute ſeid ihr Deutſchen doch, bemerkte hierauf der Vicekönig; ihr klagt, daß ihr kein Vaterland habt, und doch ſehnt ihr euch nach dieſem Vaterland, welches doch keins iſt, immer wieder zurück. Aber nicht wahr, Sie verſprechen mir, ſobald Sie es möglich machen können, wieder hieher zurückzukehren? Ich habe in Ihnen den Mann erkannt, der fähig iſt, die Krokodile meines Landes auf eine höhere Stufe der Civiliſation zu erheben und meinen Nilpferden und Rhinoceroſſen eine geachtetere ſociale Stellung zu verſchaffen. Nachdem ich ihm dies beim Barte des Propheten und da dies ihm nicht genügte, bei meinem eigenen zugeſchworen, ihm auch einige ſehr wichtige Fingerzeige in Betreff der orientaliſchen Frage gegeben hatte, verabſch Abreiſe Wicekö Marſt des Lc Stadtr überret Spitze Geld, Rückz lieb; einleu C ſehr Frau ſchif, Dam und wollt keinen — 327— verabſchiedete ich mich von ihm, um die nöthigen Vorbereitungen zur Abreiſe zu treffen. In meinen Gaſthof zurückgekehrt, ließ ich es meine erſte Sorge ſein, dem Vicekönig meine Thiere unter Aufſicht eines verläßlichen Mannes zuzuſchicken. Sie dauerten mich, denn die Thiere waren ſehr gerührt und ließen den Kopf hängen und„Mimili“, das Krokodil, vergoß auf dem ganzen Wege einen Strom von Thränen. Indeß den höheren politiſchen Zwecken müſſen alle Privatſympathien weichen. Eine halbe Stunde darauf erſchien ein Cawaß oder Sendbote des Vicekönigs, und überbrachte mir ein prachtvolles Reitpferd aus deſſen Marſtall, eine Kaſſette mit Piaſtern gefüllt und den höchſten Orden des Landes. Eine halbe Stunde ſpäter ließ ſich eine Deputation von Stadträthen melden, die mir das Diplom als Ehrenbürger der Stadt überreichte. Noch eine halbe Stunde ſpäter, und es erſchienen die Spitzen der ſtädtiſchen Polizei, um mir Abbitte zu leiſten und mir das Geld, um das ſie mich übervortheilt hatten, zurückzuerſtatten. Die Rückzahlung geſchah in ehrlichen ägyptiſchen Piaſtern, was mir ſehr lieb war, aus Gründen, die dem Leſer nach dem Vorhergegangenen einleuchten werden. 3 Eine Ehrenescorte begleitete mich bis Alexandrien. Es lag mir ſehr wenig daran, die ganze Seereiſe in Begleitung meiner ehemaligen Frau zu machen; ich beſtieg alſo ein nach Neapel beſtimmtes Segel⸗ ſchiff, während Beate mit einem am folgenden Tage abfahrenden Lloyd⸗ Dampfer nach Trieſt abſegeln ſollte. Ich ſelbſt löste ihr ein Billet und überreichte es ihr in Begleitung einer wohlgefüllten Börſe. Sie wollte mir dafür mit einem Kuſſe danken, ich aber erklärte, davon keinen Gebrauch machen zu können. Damit ſchieden wir. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Neapel ſehen, und dann— ſterben? Nein, ſon⸗ dern Macaroni eſſen! Gräfin Hahn⸗Hahn. Ein nach den Regeln der diplomatiſchen Koch⸗ kunſt wohl combinirtes diplomatiſches Diner iſt der höchſte Triumph des menſchlichen Geiſtes. Geutz. Mich ärgert mein Fleiſch: es koſtet zu viel An Champagner, Auſtern und Rheinwein. Ich wollt', ich wär' ein bloßes Skelett— Dann braucht' ich nicht Trüffeln noch Steinwein. Heinrich Heine. Ueber Neapel und den Golf von Neapel, der gar nicht übel iſt, über den Veſuv und das was er auswirft, über die gemüthlichen Lazzaroni, mit denen ich bald im beſten Einvernehmen ſtand, über Pompeji und Herkulanum, welche nach meinen geologiſchen Unter⸗ ſuchungen nicht von einer Ueber⸗Aſchung überraſcht wurden und nicht mit vulkaniſchen Experimenten, ſondern mit Reſten weggeworfener, von der Sonne zu Aſche gedörrter Macaroni bedeckt ſind, ließe ſich ſehr Vieles berichten; ich halte mich jedoch nur an das Intereſſanteſte und dieſes war zu der Zeit, als ich mich in Neapel befand, jedenfalls ich ſelbſt. In Neapel trat ich aus Gründen der höhern europäiſchen Politik, die mir der Paſcha von Aegypten in meiner letzten Unterredung mit ihm beigebracht hatte, als Fürſt Dimitri Närrſchikow auf, that meine ruſſiſche Orden und den ägyptiſchen Stern für militäriſche Tapferkeit an und bezog eine Villa am Fuße des Veſuv, die wegen der Diners, welche ich veranſtaltete, bald der Sammelpunkt der Nobilis und der diplomatiſchen Welt wurde. Durch allerlei von mir erfundene chemi⸗ ſche Mittel war es mir gelungen, den Speiſen und Getränken einen doch⸗ — 329— beſonders pikanten Beigeſchmack zu verleihen, der allgemeine Bewun⸗ derung fand. Dieſe diplomatiſchen Diners waren für mich im hohen Grade lehr⸗ reich und intereſſant und führten mich in die Geheimniſſe der euro⸗ päiſchen Fragen ein. Die Unterhaltung wurde natürlich franzöſiſch geführt, und ich lernte bald alle Feinheiten der diplomatiſchen Sprache; ich merkte, daß wenn die Geſandten der drei Oſtmächte von„Beef⸗ ſteak“ ſprachen, ſie darunter England verſtanden, und umgekehrt die Geſandten der Weſtmächte von„Kaviar“ ſprachen, wenn ſie Rußland im Sinne hatten. Aeußerte z. B. der ruſſiſche Geſandte zum öſtreichi⸗ ſchen:„dieſes Beefſteak muß durch unſere Cooperation vertilgt werden“, ſo wußte ich ſofort, daß in dieſem Augenblick ein geheimer Plan gegen England veradredet wurde, und äußerte der engliſche Geſandte zum franzöſiſchen:„dieſer Kaviarſemmel gegenüber gilt es, unſere entente cordiale aufrecht zu erhalten“, ſo wußte ich, und der Leſer nun ge⸗ wiß auch, was damit eigentlich gemeint ſei. Aeußerte dagegen der ruſſiſche Geſandte zum engliſchen:„Excellenz, laſſen Sie uns dieſe türkiſche Zuckermelone theilen“, ſo erkannte ich auf der Stelle, daß eine Wendung in der Politik eingetreten ſei und es ſich zwiſchen dem Hofe von St. Petersburg und dem von St. James um ein Theilungsproject in Be⸗ treff der Türkei handele. Man wird daraus erkennen, von welcher außerordentlichen europäiſchen Wichtigkeit dieſe diplomatiſchen Diners ſind. Meine Gaſtfreiheit nahm jedoch meine pecuniären Mittel gewaltig in Anſpruch, zumal ich keine Koſten ſcheute, um meinen Gäſten die außerordentlichſten Schauſpiele zum Beſten zu geben. So veranſtaltete ich z. B. am Schluſſe jedes meiner hochberühmten Bälle, oder„veſu⸗ viſchen Nächte“, wie ich ſie nannte, einen Ausbruch des Veſuv. Man kann ſich denken, daß die Herbeiſchaffung und Bereitung der Stoffe, mit denen ich die Eingeweide des Berges entzündete, und derjenigen, mit denen ich dem Ausbruch zu rechter Zeit wieder Einhalt that, die enormſten Summen verſchlang. So etwas geht begreiflicherweiſe nur eine Zeitlang, und dann verbietet es ſich von ſelbſt. Ich ſah mich zuletzt genöthigt, die Demantknöpfe von meinen roth⸗ ſammetnen Beinkleidern, dem Geſchenke des Sultans Pieſacko, ſo wie meinen ägyptiſchen Orden an einen Juwelier zu verkaufen; aber der 330 Erlös reichte eben nur für einen einzigen Ballabend mit Veſuv⸗Aus⸗ bruch hin. Dies war gewiſſermaßen meine Henkermahlzeit, aber eine wahrhaft großartige. Ich hatte einen künſtlichen Lavaſtrom bis ganz nahe an meine Villa geleitet und dadurch meine Gäſte, Herren wie Damen, ſo in Schrecken geſetzt, daß ſie trotz meiner Verſicherung, die Lava ſei bereits zum Stehen gebracht, aufs eiligſte zu Pferde und zu Wagen flüchteten. Bei dieſer großen Haſt waren freilich einige Bril⸗ lantſchmucke liegen geblieben, welche ich in Verwahrung nahm und folgenden Tags aus bloßem Verſehen mit einigen meiner Röcke, in deren Taſchen ſie ohne meine Abſicht gerathen waren, bei einem jüdi⸗ ſchen Geldverleiher verſetzte. Ich war übrigens ſo ehrlich, den Eigen⸗ thümern ſofort die Pfandzettel zuzuſenden und mich bei ihnen wegen dieſes Verſehens zu entſchuldigen. Ich beſchloß nun, in den nächſten Tagen dieſen vulkaniſchen, unter meinen Füßen brennenden Boden zu verlaſſen; aber der ruſſiſche Ge⸗ ſandte, Graf Schuftigow, kam mir zuvor. Er hatte ſchon ſeit einiger Zeit das miſerable Gerücht ausgeſprengt, daß ich ein Abenteurer ſei, da es, ſo weit er die ruſſiſche. Ariſtokratie kenne, im ganzen Umfange des ruſſiſchen Reichs keine Fürſtenfamilie Närrſchikow gebe. Das Verſehen mit dem Verſatz der liegen gebliebenen Brillant⸗ ſchmucke kam nun hinzu und bereitete mir einen höchſt fatalen Auftritt. In einer der nächſten Nächte überfiel mich Graf Schuftigow in Begleitung ſeiner bewaffneten Dienerſchaft in meiner Villa und ließ mich vom Lager reißen. Schuftigow ſelbſt ſtand mit grimmigem Ge⸗ ſicht und mit geſchwungenem Kantſchu vor mir und fragte: Schewatschno Knetschunin knollikow prapuschnin? Da ich kein Ruſſiſch verſtand, ſchüttelte ich den Kopf. Mit noch grimmigerer Stimme fuhr er dann fort: Keilikow, keilikow, Hurrah!— Hurrah, Hurrah! keilikow! Hurrah riefen ſeine Diener; er ſelbſt holte mit dem Kantſchu gegen mich aus, ich aber unterlief ihn raſch, entwand ihm den Kantſchu und ver⸗ ſetzte ihm, ſelbſt Hurrah, Hurrah! rufend, einige tüchtige Streiche, worauf eine ganz merkwürdige Aenderung in ſeinem Benehmen vorzu⸗ gehen ſchien. Er wurde freundlicher und ſagte in der Sprache der Diplomatie, der franzöſiſchen: G Sie Ruſſe riſſſe es no wahre das) Koch orgau und noch zviſch man Doch tersbe mät ſehr Mei Dine erthe fern, ſch jetzt Czar licher ſch hande Spri ganz Küch ſch ——-——— — 331— Ein Ruſſe ſind Sie nicht, denn Sie verſtehen kein Ruſſiſch, aber Sie wiſſen den Kantſchu zu handhaben wie ein geborner oder gelernter Ruſſe und das freut mich, freut mich außerordentlich. Sie ſind kein ruſſiſcher Fürſt, verdienten aber einer zu ſein. Vielleicht werden Sie es noch, denn in Rußland kann man Alles werden, Rußland iſt die wahre organiſirte Republik, vertreten in der Perſon des Czaren, der das Privilegium hat, einen Koch zum Fürſten und einen Fürſten zum Koch zu machen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ſolche paradieſiſche organiſirte Republiken auch eine Hölle für die Verworfenen haben, und wenn die organiſirte Republik Frankreich Cayenne hat, ſo hat die noch organiſirtere Republik Rußland ihr Sibirien; ſollte es wirklich zwiſchen den beiden Höllen einen Unterſchied geben, ſo iſt es der, daß man in der einen vor Hitze und in der andern vor Kälte verſchmachtet. Doch genug davon. Ich habe den Auftrag, Sie ſofort nach St. Pe⸗ tersburg fortzuſchaffen, wo Sie den Poſten eines Leibkochs des Czaren mit Geheimrathsrang übernehmen ſollen, was, bei Lichte beſehen, eine ſehr ehrenwerthe und für Sie vollkommen geeignete Stellung iſt. Mein allergnädigſter Herr, der Czar, der von Ihren diplomatiſchen Diners und veſuviſchen Nächten vernommen hat, hat mir den Befehl ertheilt, ihm ein ſo ausgezeichnetes Kochgenie lebend oder todt zu lie⸗ fern, falls ich überhaupt noch Geſandter bleiben wolle. Wenn Sie ſich gut aufführen, ſo können Sie auch das noch werden, was Sie jetzt noch nicht ſind, nämlich Fürſt, wobei Sie immer noch für den Czaren und die kaiſerliche Familie kochen und dadurch zu Ihrem fürſt⸗ lichen Gehalt noch etwas dazu verdienen können. So etwas verträgt ſich bei uns ganz gut neben einander. Die Kunſt den Kantſchu zu handhaben verſtehen Sie außerdem meiſterhaft; und ein ruſſiſches Sprichwort ſagt: Mit dem Kantſchu in der Hand kommt man durchs ganze Land. Der Czar prügelt Sie, aber Sie prügeln wieder die Küchenjungen und Küchenmamſellen, ganz nach Belieben; ſo gleicht ſich bei uns Alles wieder aus. Widerſetzen Sie ſich Ihrem Glücke nicht! die Uebermacht iſt gegen Sie! ſeien Sie vernünftig, ziehen Sie ſich an, und beſteigen Sie den Wagen, der draußen auf Sie wartet! Hier haben Sie übrigens den Gehalt für das ganze erſte Jahr voraus — 4000 Silberrubel, was, denke ich, eine ganz artige Summe iſt, 332 ungerechnet das, was Sie ſich unter der Hand machen könnenz denn darin nimmt man es in dem liberalen Rußland nicht ſehr genau. Ich fand dieſe Summe allerdings ganz artig und annehmbar, verſprach mich zu fügen, zog mich an, ſteckte die 4000 Silberrubel und was ich noch ſonſt an Baarem beſaß zu mir und langte dann noch meine drei ruſſiſchen Orden hervor. Sofort ſtreckte Graf Schuf⸗ tigow die Hand darnach aus und rief: Her damit! wie ſind Sie zu dieſen Orden gekommen, Herr Oberküchenmeiſter? Ich theilte ihm nun in der Kürze mit, wie ich zu dieſen Orden gekommen ſei, worauf er ſie mit den Blicken eines Kenners unter⸗ ſuchte und dann bemerkte. Mein Herr, Sie thun mir leid, Sie ſind arg betrogen worden! Karabatſchew war immer ein Gauner. Die Steine ſind nicht ächt; die ächten wird er herausgenommen haben. Ueberhaupt wollte ich Ihnen freundſchaftlichſt rathen, ja recht vorſichtig zu ſein und einen Juwelier zu Rathe zu ziehen, wenn Ihnen in St. Petersburg ein Orden angeboten werden ſollte. Man kann ſich in dieſer Hinſicht bei uns nicht genug in Acht nehmen. Dieſe drei Orden ſind, wie geſagt, bis auf die Emaille nichts werth, und ich habe daher keine Urſache, ſie in Verwahrung zu nehmen. Aber ein Schlaukopf bleibt er doch, der Karabatſchew! Nun, dann will ich den ganzen Kram auch nicht! rief ich, nachdem ich mich durch nähere Prüfung ſelbſt überzeugt hatte, daß die Bril⸗ lanten nicht ächt waren, worauf der Kammerdiener des Grafen vor⸗ trat, und auf franzöſiſch erklärte, er wolle die Orden als Spielzeug für ſeine Kinder mitnehmen, damit ſie ſich bei Zeiten an das jetzt unvermeidliche Tragen von Orden gewöhnen möchten. Ich überließ ſie ihm und ſetzte mich nun ohne weiteres Sträuben in den vor dem Hauſe haltenden Wagen, auf deſſen Rückſitz, mir gegenüber, ein Oberſt und ein Major, jeder eine geladene Piſtole mit geſpanntem Hahn in der Rechten, Platz nahmen. Der Kutſcher knallte mit der Peitſche und fluchte, der Graf fluchte, der Oberſt fluchte, der Major fluchte, der Kammerdiener fluchte, die zwei Koſaken, welche an beiden Seiten der Chaiſe daherritten, fluchten, und der Wagen fuhr ab mit einer Schnelligkeit, daß er in allen Fugen und Gelenken knackte. — 333— Mein Entſchluß war aber ein und für allemal gefaßt; ich war entſchloſſen, mich nicht nach Rußland transportiren zu laſſen, weil es der gefürchteten Region der Zobel und ſibiriſchen Bergwerke gar zu gefährlich nahe liegt, ſondern die 4000 Rubel meinem deutſchen Va⸗ terlande zuzuwenden. Wer hat nicht ſchon etwas von einem„betäubenden Lärm“ gehört? Nun, dieſes Mittel fiel mir noch zur rechten Zeit für den beabſich⸗ tigten Fluchtverſuch ein. Wir waren ſchon mehrere Tage und Nächte gefahren, als ich, in der Nähe einer norditalieniſchen Stadt ange⸗ kommen, plötzlich ſo fürchterlich zu brüllen, mit den Füßen zu ſtampfen, die Wagenfenſter kurz und klein zu ſchlagen, kurz einen ſo inferna⸗ liſchen Lärm zu machen begann, daß trotz allen Ohrenzuhaltens erſt der Oberſt, dann der Major betäubt in die Ecke ihres Wagenſitzes ſanken. Ich fuhr nun mit Lärmmachen aus allen Kräften fort, bis auch der Kutſcher vom Bocke und die Koſaken von ihren Pferden zu Boden fielen, und nun ſchlüpfte ich vorſichtig aus dem Wagen und lief ſpornſtreichs querfeldein, denn das konnte ich mir wohl ſagen, daß meine Ruſſen ſehr bald aus ihrer Betäubung erwachen würden. Wer ſich übrigens dieſen Vorfall nicht erklären kann, der möge ſich erin⸗ nern, daß in mir einer jener homeriſchen Helden wieder aufgelebt iſt, welche ſchreien konnten„wie zehntauſend Achaier“. Ich übertreffe aber in dieſem Punkte die homeriſchen Helden noch weit, denn ich kann, wenn es darauf ankommt, ſchreien wie zehntauſend Mittelmärker, wenn ſie im Kruge Trumpf ausſpielen. Und das will etwas ſagen. Eine Mauer hemmte meine Flucht; doch traf ich bald auf ein nur angelehntes Gitterthor, welches ſich öffnete. Ich erblickte mich auf einem Kirchhofe. Der Abend war hereingebrochen, dünnes Gewölk hatte ſchleierartig den Himmel umzogen und ein feiner Regen rieſelte herab. Mich gegen dieſen zu ſchützen nahm ich meine Zuflucht in ein Todtengewölbe, welches ſich weit unter der Erde hinſtreckte. Bei den Strahlen des hier und da durch das Gewölk hindurchbrechenden Mondes ſah ich in langen Reihen Sarg an Sarg geſtellt und erkannte an den filbergeſtickten Fürſtenkronen, womit die ſchwarzſammtnen Sargtücher geſchmückt waren, daß ich mich in der Nähe ſehr ariſtokratiſcher Gebeine befand, wozu ich mir nur Glück wünſchen konnte. Denn vornehme Leute — 8334— ſchnarchen nicht, und ſo durfte ich annehmen, daß auch ihre Gebeine nicht ſchnarchen und mir eine ruhige Nacht laſſen würden. Ich zog von mehreren Särgen die Bahrtücher herunter, bereitete mir von ihnen ein Lager ſammt Kopfkiſſen, ſtreckte mich darauf hin und ſchlief, ermüdet wie ich von den Stößen des Wagens war, auch ſehr bald ein. Ich mochte nur wenige Stunden geſchlummert haben, als ich plötzlich durch ein gewaltiges Geklapper und Gepolter aus dem Schlafe erweckt wurde und nun einen Anblick hatte, der jedem Andern als mir das Blut in den Adern in Eis verwandelt haben würde. Ich ſah nämlich wie die Gerippe die Deckel von ihren Särgen abwarfen, ſich erhoben, aus den Särgen herausſchritten, einander die knöchernen Hände drückten, knirten oder ſich verbeugten und ſich einen guten Abend! Sehr erfreut, Sie zu ſehen! Wohlgeruht? Wie be⸗ finden ſich Signora? Abſcheuliches Wetter draußen! und ähnliche Phraſen zuflüſterten. Die weiblichen Gerippe trugen ſeidene, auf der Bruſt ſehr weit ausgeſchnittene Kleider, meiſt ohne Aermel, die männ⸗ lichen theils ſchwarze oder purpurne Sammtmäntel aus älterer Zeit, theils Fracks aus der Rococo⸗ und aus der neuen Zeit, wobei mir nur auf⸗ fiel, daß ihnen die Beinkleider fehlten, was mich ſofort auf die Ver⸗ muthung brachte, daß ſie auf ihre ſchlanken weißen Beinknochen ſich etwas einbildeten. Sie hatten goldene Ketten um die Hälſe und gol⸗ dene Siegelringe an den Händen, mehrere auch Diademe oder Fürſten⸗ kronen auf den Häuptern. Dabei verbreitete ſich über das Ganze ein fahles bläuliches Licht, das von den Gerippen auszugehen ſchien, und mir jede ihrer Bewegungen genau zu verfolgen erlaubte. Einige hatten auch wohl einen Bruſt⸗, Arm⸗ oder Beinknochen verloren, den ſie nun ängſtlich in ihrem Sarge hervorſuchten und ſich an der Stelle, wo er fehlte, einfügten. Hierbei kamen freilich einige Verwechſelungen zwiſchen Mein und Dein vor, indem Einzelne ſich die beſſer erhaltenen Bruſt⸗ oder Hüftknochen der Nachbarn aneigneten, was zu manchen höchſt draſtiſchen Zank⸗ und Raufſcenen Veranlaſſung gab. Was ich nun mit anſah, war ſehr wunderbarer Art. Einige Ge⸗ rippe ſchoben eine Anzahl Särge an der Wand wie zu einer Muſik⸗ bühne zuſammen, ſtellten ſich darauf und begannen eine bairiſche Ga⸗ lop So Re klei und unt Lie e — 335— loppade zu brüllen, die höchſt ſchauerlich durch das Gewölbe klang. Sofort ordneten ſich die Gerippe paarweiſe zum Tanz und der wilde Reigen begann. Es war entſetzlich mit anzuſchauen, wie die Schlepp⸗ kleider ſich bauſchten, wie die Sammtmäntel ſich von einander thaten und die langen knöchernen Beine ſich darunter hervorſtreckten und mit unheimlicher Gelenkigkeit und Schnelligkeit hin⸗ und herwirbelten. Ein Liebespaar hatte aber inzwiſchen auf einem Sarge in meiner Nähe Platz genommen und tauſchte Liebesſchwüre und Küſſe mit einander und hielt ſich umſtrickt mit den bleichen Knochenarmen. Wie ſchön du biſt, ſüße Angiolina! flüſterte ſchmachtend das Gerippe des Jüng⸗ lings, indem es mit ſeiner knöchernen Hand über ihren knöchernen Arm hinwegſtreichelte— wie ſchlank und zierlich ſind deine Gebeine, weiß und fein wie Elfenbein! Das Gerippe der Jungfrau aber drückte zärtlich des Geliebten knöcherne Hand und ſagte: Fernando! wie glänzen deine Gelenke ſo rein, gebleicht im Mondenſchein! Oh wie ich ſie liebe, dieſe weißen Gelenke meines Fernando! Und dann herzten ſie einander und flüſterten ſüße Liebesworte und citirten ſchöne Strophen aus Arioſt und Taſſo. Unglücklicherweiſe kam im wilden Wirbel ein Paar meinem Lager zu nahe, ſtrauchelte und ſtürzte über mich hinweg, was mir bei der Eiſeskälte ihrer Gebeine ein keineswegs ſehr angenehmes Gefühl ver⸗ urſachte. Das Geripp des männlichen Tänzers raffte ſich zuerſt wie⸗ der empor, ſchnaufte gewaltig und rief mit kreiſchender Stimme: Ka⸗ meraden, ich athme die unerträglichſte Wärme von Menſchenfleiſch! Zu Hilfe, zu Hilfe! Zieht ihm das Fleiſch ab, daß er werde wie Unſereiner! Da ſtockte der Tanz, und in wildem Gewirre ſtürzte das Geſindel auf mein Lager los, die Zähne fletſchend und die knöchernen Arme gegen mich erhebend. Er hat uns unſere Sargtücher geſtohlen! rief ein Geripp im Herzogsmantel; er iſt ein Bandit, denn er iſt ein Menſch! Und nun begannen ſie an den Bahrtüchern, auf die ich mich gebettet hatte, zu zerren und ſuchten ſie mir zu entreißen, während ich mich bemühte ſie mit aller Gewalt feſtzuhalten. Ich weiß nicht, wie dieſer Kampf geendet haben würde, wenn mir nicht plötzlich Hilfe gekommen wäre von einer Seite, von der ich ſie am wenigſten erwartete. — 336— Vom Kirchhof her drang plötzlich ein entſetzliches Gebrüll und Geheule in mein Ohr, und nicht lange, ſo quoll eine Schaar von Gerippen in das Todtengewölbe, welche meiſt mit Lumpen bekleidet und auch ſonſt ſehr ſchmutzig anzuſehen waren. Moder und Erde hingen an ihren Gebeinen, Gras hatte ſich in den Gelenken feſtgeſetzt und in ihren Augenhöhlen hatten ſich Spinnen und anderes Gewürm ein⸗ geniſtet. Es war offenbar eine ſehr unſaubere Geſellſchaft,„Ca⸗ naille“ wie mans nennt, niederer Pöbel, der ſich ſo eben aus den Gräbern herausgewühlt hatte, ungeſtüm in ſeinem Benehmen und mit roſtigen Schwertern, Baumäſten und Fragmenten von Grabſteinen be⸗ waffnet. Einige mochten wohl Herwegh's Gedichte geleſen haben, denn ſie hatten, deſſen tactiſche Vorſchrift befolgend, die Kreuze aus der Erde geriſſen und ſchwangen ſie drohend über ihren Knochenhäuptern. Grimmig riefen ſie: Freiheit und Gleichheit! nieder mit den Ariſto⸗ kraten! Würgt ſie mitten in den Genüſſen ihres nächtlichen Bacchanals! und wie ſie ſo riefen und Steine gegen die Schädel der Ariſtokraten ſchleuderten, ſchienen ihre Knochenantlitze förmlich Leben und Bewe⸗ gung zu gewinnen und ſich zu verzerren, als hätten ſie Fleiſch und Mus⸗ keln. Da die Rebellen bewaffnet, die Angegriffenen aber unbewaffnet waren, ſo war der Kampf in kurzer Zeit entſchieden. Die Knochen⸗ glieder der ariſtokratiſchen Gerippe wurden förmlich zerhackt. Dort flog ein Arm aus ſeinem Schultergelenk, dort wurde ein Bein, dort ein Schädel zerſchmettert. Die Aufſtändiſchen ließen keinen Knochen am andern, ſie zerſtreuten die Gebeine der Ariſtokraten auf dem Mar⸗ morboden und traten mit ihren knöchernen Beinen auf ihnen herum, was einen ſchauerlichen Eindruck machte. Auch Angiolina und Fer⸗ nando wurden mitten in ihrer Umarmung zerhackt und zermalmt; ihre Gerippe ſtarben einen ſchönen Tod, Bruſt an Bruſt, und ſeine und ihre Knochen wurden dann unter einander gemengt, was ihnen ohne Zweifel ſehr lieb war. Hierauf ſetzten ſich die ſiegenden Rebellen gruppenweiſe auf die Särge umher, hüllten ſich in die ſeidenen und ſammtnen Gewänder der Unterlegenen und ließen eine Graburne von Mund zu Mund krei⸗ ſen; doch konnte ich nicht ſehen, was ſie daraus und wohin ſie es tranken. Nur bemerkte ich bald, daß das Getränk ſeine Wirkung nicht 337— verfehlte; denn ſie ſchwatzten allerlei confuſes Zeug, von der Gleich⸗ berechtigung aller Gerippe, von der Einſetzung einer proviſoriſchen Re⸗ gierung und von der Wahl eines Präſidenten. Aber ſie kamen nicht dazu. Denn nachdem ſie noch das ſchöne Lied:„Was kommt dort von der Höh?“ gebrüllt hatten, wurden ihnen die Schädel ſehr ſchwer; ſie ſtrauchelten eins über des andern Füße, ſuchten einander zu ſtützen, fielen aber zu Boden, blieben liegen und ſtreckten und dehnten ihre Knochenglieder in höchſt ſchauerlicher Weiſe. Nur Einige behielten ihre Beſinnung, und ein unglückliches Ungefähr wollte, daß ſie mich in meinem Winkel entdeckten. Was für ein abſcheuliches Geſchöpf! riefen ſie. Man erblickt ja an ihm nichts als Fleiſch? Wie zierlich ſehen wir gegen ſolch ein plumpes Fleiſchbündel aus! Um ſie los zu werden oder zu beſchwichtigen, bot ich ihnen aus meinem Etui der Reihe nach feine Havannahcigarren an, die ſie mit dem größten Dank in Empfang nahmen, worauf wir die beſten Freunde wurden. Die Gerippe zündeten ihre Cigarren an, und es ſah poſſierlich genug aus, wie ſie die dampfenden Cigarren zwiſchen den Zähnen hielten und wie alte Raucher ganz kunſtfertig ſchmauchten. Sie forderten mich auf bei ihnen zu bleiben und verſprachen mir, ſich jede Nacht hier einzufinden, um mit mir eine Cigarre zu rauchen und einen Schluck guten Magenbittern zu trinken, und ſie geſtanden mir, daß ich ein höchſt poſſierliches Ausſehen habe und daß ſie lachen müßten, wenn ſie mich nur anblickten. Und dann lachten ſie ſo ausgelaſſen, daß ſie ſich die Seiten halten mußten, und alle ihre Gebeine hin⸗ und her⸗ klapperten. Ich lachte dann auch, aber es kam mir ehrlich geſtanden nicht von Herzen; denn die Situation, in der ich mich befand, war eher unheimlich als luſtig, und meine knöchernen Kumpane machten mir lange nicht ſo viel Spaß als ich ihnen zu machen ſchien. Werde Unſersgleichens! ſagte eins der Gerippe. Ich antwortete, daß ich dazu noch lange keine Luſt habe. Nun, ſo trink wenigſtens Eins! Laß uns Brüderſchaft trinken! Auf Du und Du! fuhr das Gerippe fort, aber der Inhalt der Todtenurne verbreitete einen ſo erdigen und modrigen Duft, daß es mir unmöglich war davon zu verſuchen. Ich entſchul⸗ digte mich, daß ich nichts vertragen könne. Das Gerippe brummte mir hierauf einen ‚dummen Jungen“ auf. Dies war mir denn doch D. B. X. Fritz Beutel, v. Marggraff. 22 — 338— zu viel, denn auf Ehre habe ich ſtets gehalten, und ſchnell entſchloſſen verſetzte ich ihm einen Backenſtreich, daß ihm der Schädel wackelte. Hierauf ging die allgemeine Schlägerei los; da ſie aber ſämmtlich ſchon eben ſo ſchwer in den Köpfen als ſchwach in den Beinen waren, ſo wurde ich endlich aller ſechs Gerippe Herr, warf ſie eins nach dem andern in einen offenſtehenden Sarg, ſtülpte den Deckel darüber, ſetzte mich darauf und ließ ſie ſo lange darinnen rumoren, bis ſie endlich ſtill und wahrſcheinlich ſelbſt vor Ermüdung und Trunkenheit in Schlaf verſunken waren. Auch ich verſank nun in eine Art Betäubung. Als ich erwachte, fand ich mich lang auf den Deckel des Sarges hingeſtreckt. Die Sonne mochte ſchon hoch ſtehen, wie ich an den Streiflichtern zu erkennen glaubte, die durch das Gitterfenſter in das unheimliche Todtengewölbe fielen. Mir kam das Erlebte wie ein Traum vor, und doch erblickte ich um mich genug Zeichen ſowohl des Baccha⸗ nals als des Kampfes, der den Ball unterbrochen hatte. Zwar die Gerippe lagen nicht mehr umher. Wohin ſie gekommen, weiß ich nicht, überlaſſe es vielmehr dem Scharfſinn des Leſers, hierüber ſich ſeine eigenen Gedanken zu machen. Aber da lagen zerſtückte Herzogs⸗ mäntel, da lagen abgeriſſene Brüſſeler Spitzen, da lagen goldene Ket⸗ ten und Ringe und Spangen und Ordenskreuze. Nur nicht blöde ſein! ſagte ich zu mir, und ſteckte mir von den Pretioſen alle Taſchen voll, was jeder vernünftige Mann an meiner Stelle auch gethan haben würde. Es war ja herrenloſes Gut. Von hier begab ich mich in die Stadt, die keine andere war als das altberühmte Ferrara, und ſuchte ſofort ein Mitglied jener höchſt nützlichen Menſchenklaſſe auf, welche es ſich zur uneigennützigen Auf⸗ gabe macht, Pretioſen und Werthſachen aller Art anzukaufen, ohne zu fragen, wie der Verkäufer dazu gekommen iſt. Mein Mann war ein Jude, mit einem pfiffigen Ausdruck im Geſicht, den ich faſt ehrwürdig nennen möchte. Ich deutete ihm an, doß es mit den Koſtbarkeiten, die ich ihm zum Kaufe anbot, ſeine eigene Bewandtniß habe, und er antwortete in Vertrauen erweckender Weiſe: Verlaſſen ſich der Herr auf meine Chrlichkeit! Der Gott meiner Väter bewahre mich davor, daß ich ſuchen ſollte einzudringen in ein ſolches Geheimniß undd beflecken ſollte mein Gewiſſen, indem ich zuwiderhandelte allen Grundſätzen red⸗ — 339— licher Geſchäftspraxis. Der Menſch weiß ja nicht, von wannen der Wind kommt und wohin er gehtz; ſo will ich auch nicht wiſſen, von wannen dieſe Dinge kommen, wie ja auch der Herr nicht werden wiſſen wollen, wohin ſie gehen. Was er mir dafür zahlte, war, wie er verſicherte, das Aeußerſte, was er dafür zahlen könne, obſchon, wie man ſich denken kann, etwas ſtark unter dem Werthe meiner Koſtbarkeiten. Er verkaufte ſie noch an demſelben Tage mit bedeutendem Vortheil an einen Glaubensge⸗ noſſen und dieſer wieder mit noch bedeutenderem an einen chriſtlichen Handelsmann. Dieſem aber erging es ſchlecht; denn er war ein Chriſt und kein Jude. Man fand ihn am folgenden Morgen todt auf ſei⸗ nem Lager. An ſeinem Halſe und Genick waren tiefe Eindrücke wie von knöchernen Fingern wahrzunehmen, an denen man erkannte, daß er erwürgt worden war. Mehrere Finger, die er ſeinen Mördern im nächtlichen Kampfe abgebrochen haben mochte, wurden auf ſeinem Lager gefunden, es waren aber knöcherne Finger, und ganz Ferrara zerbrach ſich über dieſen wunderlichen Umſtand den Kopf. Der einzige Mann, der allenfalls darüber Aufklärung geben konnte, ſchwieg— nämlich ich. Mein Jude, den ich fragte, ob man nicht meine Koſtbarkeiten bei dem Ermordeten vorgefunden habe, antwortete: Dergleichen ſeien nicht bei ihm gefunden worden, und er verſicherte, daß ihm in ſeiner Geſchäftspraxis ſo etwas noch nicht vorgekommen ſei. Die drei knö⸗ chernen Finger wurden von den Gerichten in Beſchlag genommen; ein Eigenthümer dazu hat ſich nicht gemeldet, aber wohl waren ſie des einen Morgens auf eine Allen unbegreifliche Weiſe aus der Gerichts⸗ kanzelei verſchwunden. 22* Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Süße Heimath meiner Jugend, Wo mein Gänſeblümchen ſtand, Wo ich im Gefühl der Tugend Duft'ge Veilchenſträuße band, Wo ich, recht nach Kinderſitte, Manchen ſchönen Frühlingstag In der ſtillen Hundehütte, Einen Hund mich dünkend, lag. Matthiſſon. Meines Bleibens in Ferrara war nicht ſehr lange; denn mich ver⸗ langte nach der Heimath. Ich beſchloß die Wanderung zu Fuße zu machen, theils um mich einmal recht auszulaufen, theils um die Schön⸗ heiten der Gegenden, die zwiſchen Ferrara und Schnipphauſen liegen, beſſer genießen zu können. Man muß doch auch etwas für die Natur fühlen.. Nun wußte ich ſo gut wie jeder Mathematiker, daß der kürzeſte Weg zwiſchen zwei Punkten die gerade Linie ſei. Ich nahm daher eine Landkarte, zog von Ferrara bis Schnipphauſen mitten durch das lombardiſch-venetianiſche Königreich und die Schweiz mit Tinte einen dicken geraden Strich, und beſchloß nun, dieſe Route einzuſchlagen und von ihr weder nach rechts noch nach links in irgend erheblicher Diſtanz abzuweichen. Der gerade Weg iſt der beſte, dachte ich mir. So lange mich meine geradlinige Wanderung durch die Lombardei führte, ſtieß ich auf keine Hinderniſſe, die zu überwinden einem Manne von meinen Fähigkeiten beſonders ſchwer angekommen wäre. Nun aber kam die Schweiz mit ihren, wie ich bei näherer Unterſuchung fand, gar nicht unerheblichen Bergen, Schlünden, Klüften und Gletſchern. Ich muß geſtehen, daß mir bei dem Anblick dieſer etwas hohen Alpen⸗ mauer doch ein wenig bange wurde. Indeß was ein Mann ſich vor⸗ —,— —— — 341— geſetzt hat, das ſoll er ausführen, oder er muß ſich verachten. Ich begann alſo, auf mein gutes Glück, meine körperliche Kraft und Ge⸗ wandheit und meinen Scharfſinn vertrauend, mitten durch die Schweiz gerade auf Schaffhauſen loszumarſchiren, indem ich dabei meine Spe⸗ cialkarte mit dem dicken Tintenſtrich bei jeder zweifelhaften Stelle zu Rathe zog. In die Details meiner höchſt merkwürdigen Wanderung kann ich mich hier nicht einlaſſen, nur einige wenige Hilfsmittel, deren ich mich zur Löſung meiner großartigen Aufgabe bediente, will ich hier anführen, um darzuthun, wie ich möglich machte, was jedem Andern unmöglich geweſen wäre. Gelangte ich an einen hohen Berg von der reſpectablen Höhe von zehn- oder zwölftauſend Fuß oder darüber— denn von niedrigern Bergen zu ſprechen halte ich unter meiner Würde— ſo wartete ich ſo lange, bis ein Lämmergeier, der in eine Schafheerde gefallen war, mit ſeiner Beute wieder dem Gipfel zuflog. Den Moment, wo er aufſtieg, nahm ich dann ſehr geſchickt wahr, packte ihn an ſeinen Füßen und ließ mich von ihm ganz gemächlich auf den Berg hinauftragen. Ich hatte das— ich gebe zu— ſeltene Glück, immer an ungewöhn⸗ lich kräftige Lämmergeier zu gerathen, die ſich ein Vergnügen und eine Ehre daraus machten, ein ſo merkwürdiges Individuum wie mich auf die Alpengipfel, auf denen ſie hausten, hinaufzuſchaffen. Befand ich mich nun oben auf dem Gipfel, ſo wartete ich ſo lange, bis eine La⸗ vine abrutſchte; ich ſtreckte mich alsdann auf ſie hin, und abwärts fuhr ich, daß mir dabei oft ſelbſt Sehen und Hören verging; aber herunter kam ich mit ihr— das war gewiß. Galt's eine ſelbſt für mich zu breite Kluft zu überſpringen, ſo verbarg ich mich hinter eine Felswand und pfiff, wie die Gemſe pfeift, wenn ſie die Ihrigen locken will. Alsbald kamen ſie zu Dutzenden herbei. Nun ſprang ich her⸗ vor, trieb die erſchreckten Thiere gegen den Rand der Kluft, ſchwang mich auf den Rücken der letzten Gemſe und gelangte mit ihr im Sprunge auf den Felsrand gegenüber. Zuweilen warf ich auch meinen Tor⸗ niſter hinüber, faßte ihn in demſelben Augenblick, wo er mir aus den Händen flog, wieder mit dieſen und wurde ſo von ihm oder vielmehr von mir mit hinübergeworfen. Es bedarf dazu freilich eben ſo viel Kraft im Werfen als Geſchwindigkeit im Zufaſſen und einem Andern — 342— als mir möchte das Experiment nicht gelingen. Glück muß der Menſch ohnehin in allen Dingen haben, und das hatte ich. So kam ich ſchneller als ich dachte an den Rheinfall von Schafſ⸗ hauſen, der gerade, weil ich dort zur Zeit der Schneeſchmelze eintraf, zum Ueberlaufen voll war(er lief auch wirklich über) und einen merk⸗ würdigen Spektakel machte. Um an das jenſeitige Ufer zu gelangen, hatte ich nichts weiter zu thun, als mitten durch das ſtürzende Waſſer, alſo in der Mitte des Falls, hindurchzuſchwimmen, was ich auch that. Am jenſeitigen Ufer angelangt, ſah ich einen langgezogenen Engländer auf mich zutreten, der mir vor Freude über mein Unternehmen eine Tauſendpfundnote in die Hand und einige Tropfen aus meinen durch⸗ näßten Kleidern in ein kleines Fläſchchen drückte, das er dann zum Andenken an meine That nach England mitgenommen hat. Er bat mich auch, ihm Unterricht im Schwimmen zu ertheilen und dieſen Unterricht ſofort zu beginnen, wobei er mir für jede Stunde die⸗ ſelbe Summe verſprach; aber ich antwortete, daß ich zwar Meiſter im Schwimmen, aber kein Schwimmmeiſter ſei und überhaupt Eile habe. Ich reiste dann wie ein gewöhnliches Menſchenkind mit der Poſt nach Mannheim, wo ich von dem Chef eines Handlungshauſes, der meine Kenntniſſe und Gewandtheit bewundern lernte, im Auftrage eines Neuyorker Hauſes] als Auswanderungsagent engagirt, wurde. Unſer Contract lautete, daß ich„für jeden Kopf“ einen Karolin erhal⸗ ten ſollte. Auf der Stelle machte ich nun Reiſen nach Düſſeldorf, München, und andern deutſchen Kunſtſtädten und kaufte hier alle Porträts auf, die ich in den verſchiedenen Künſtlerateliers vorfand, bei welchem Han⸗ del ich auch Gelegenheit hatte, um einen wohlfeilen Preis mancherlei ſchlechte Genrebilder und Landſchaften aufzukaufen, die aber für den Geſchmack der Yankee's, ſo weit ich ihn kannte, immer noch gut genug waren. Dieſe Kunſtſchätze ſandte ich fürs erſte nach Hamburg und gab ſie einem Spediteur in Verwahrung. Ich ſelbſt aber ſetzte meine Reiſe nach Schnipphauſen fort. In Leipzig nahm ich einen längeren Aufenthalt und hier war es, wo der Herausgeber dieſes Buches die Ehre hatte, mich kennen zu lernen. Die Gerüchte über meine Thaten hatten ſich inzwiſchen weit — 343— über das deutſche Vaterland verbreitet und die Aufmerkſamkeit auf mich gelenkt. Mehrere berühmte Naturforſcher wandten ſich an mich, um über die Flora und Fauna Beutellands und über die Geſtalt des Nordpols von mir Auskunft zu erhalten; ein Dutzend Geſchichts⸗ profeſſoren erſuchten mich um die Aufzeichnung meiner Thaten, um einige neue Bände ihrer„Weltgeſchichten“ damit füllen zu können; die Romanſchriftſteller und Novellenſchreiber Leipzigs zogen wie der Schweif eines Kometen in den Gaſſen Leipzigs hinter mir her, um aus meinen Mittheilungen neues Futter in die leere Krippe ihrer Phantaſie aufzufüllen und ihrem ausgehungerten Pegaſus wieder ein⸗ mal einen feſtlichen Schmaus zu bereiten u. ſ. w. Ein deutſcher Fürſt beauftragte einen berühmten Künſtler, mit den Darſtellungen meiner Thaten al fresco eine Reihe ſeiner Gemächer zu ſchmücken; aber die ein⸗ geſandten Cartons mißfielen mir wegen ihrer allzu ſymboliſch⸗allegoriſch⸗ metaphyſiſchen Auffaſſung; denn der Künſtler beabſichtigte mich als Ur⸗ menſchen, welcher die gegenſtändliche Natur überwindet, zur Anſchauung zu bringen und hatte mich daher— man denke— unbekleidet darge⸗ ſtellt, was mein Anſtandsgefühl höchlichſt verletzte. Ich proteſtirte da⸗ gegen und drohte mit einer öffentlichen Erklärung in der„Allgemeinen Zeitung“, und ſo zerſchlug ſich die Sache. Giacomo Meyerino Beerini, jüdiſchen Stammes, deutſcher Geburt, italieniſcher Muſikbildung, fran⸗ zöſiſcher Praxis und kosmopolitiſchen Reichthums, bot mir eine hohe Summe, wenn ich ihm meine Thaten zur Anfertigung und Componirung eines Operntextes überlaſſen wolle; ich erwiederte jedoch, daß nur der zu erwartende„dramatiſche Meſſias“ würdig ſei, dieſe Aufgabe zu löſen, und erklärte, damit bis zur Ankunft dieſes Meſſias warten zu wollen. Doch trug ich mich ſchon damals mit dem Plane, meine Memoiren zu ſchreiben, denn die literariſche Luft Leipzigs hatte mich mit ihren Miasmen ange⸗ ſteckt. Ich wandte mich dieſerhalb an einen Buchhändler, der mein Freund geworden war. Er aber antwortete: Lieber Doctor!(ſo ließ ich mich in Deutſchland am liebſten nennen) Sie ſind mein Freund. Ich aber verlege aus Princip nur von meinen Feinden oder mir ganz gleichgiltigen Perſonen, weil ich bei den Honoraren, die ich zahle, meine Freunde unglücklich machen würde. Ein anderer Verleger bot mir als Honorar ſämmtliche Maculatur, die er bis dahin verlegt hatte; ich weiß nicht mehr, wie viele tauſend Centner es waren. Ich ging auf dieſen Vorſchlag nicht ein, und gab meine Idee für den Augen⸗ blick auf. Auch beabſichtigte ich damals einen„Fauſt“ zu ſchreiben, weil ja zu der Zeit Jeder, welcher darauf Anſpruch machte, auf der Höhe der Zeit zu ſtehen, einen„Fauſt“ geſchrieben haben mußte. Der Teufel ſollte darin als ein ſehr gemüthliches, gefühlvolles, namentlich für Tiedge's„Urania“ und die„Stunden der Andacht“ ſchwärmendes Bürſchen erſcheinen, der, als Fauſt des Lebens überdrüſſig iſt und auf Erfüllung des Contracts dringt, ſich entſchieden weigert, ihm den Hals umzudrehen, weil ſich ein gebildeter Teufel mit ſo etwas nicht abgeben könne, worauf Fauſt zum lieben Gott läuft und den Teufel bei dieſem als einen Contractbrüchigen verklagt. Die Darſtellung des dadurch ſich entſpinnenden, mit allen juriſtiſchen Chikanen vor dem oberſten himm⸗ liſchen Gerichte geführten eigenthümlichen Proceſſes ſollte den Haupt⸗ kern dieſer dramatiſchen Darſtellung bilden. Dieſe gewiß neue Idee iſt damals nicht zur Ausführung gekommen; ich hoffe jedoch ſpäter die Welt damit zu beglücken. Die höchſte Anerkennung aber, die mir während meines Leipziger Aufenthalts zu Theil wurde, kam mir von einer Seite, von der ich es am wenigſten erwartet hätte. Von einer Wanderung in den wildromantiſchen Schluchten des Thonberges(ein paar Haſenſprünge von Leipzig!) ſpät Abends nach meinem Hotel zurückgekehrt, wurde mir vom Portier ein Brief einge⸗ händigt, der ihm, wie der Portier erzählte, von einem ihm gänzlich unbekannten, etwas fremdartig ausſehenden Manne übergeben worden ſei. Der Mann, ſo weit er, der Portier, in der Dämmerung zu er⸗ kennen im Stande geweſen, habe ein eigenthümlich bleiches, von einem wilden Barte eingerahmtes Geſicht und ein unheimlich ſtechendes Auge gehabt. Seine Sprache ſei hohl und dumpf, ſein Schritt ungewöhn⸗ lich ſchwer geweſen, ſo ſchwer, daß das ganze Hotel gewackelt habe. Auf ſeinem Haupte habe er einen Helm, an ſeinen Reiterſtiefeln mächtig klirrende Sporen getragen, und unter ſeinem Mantel habe etwas wie ein Panzer geblitzt und ein langes Schwert darunter her⸗ vorgeragt. Der Mann habe nicht viel Sache gemacht, ſondern mit — 727— — ⏑—,— +— AA — 345 hohler Stimme und im barſchen Tone geſagt: Gleich zu beſorgen! und damit ſei er plötzlich verſchwunden. Ich ließ mir ſofort ein Licht auf mein Zimmer bringen und be⸗ trachtete das jedenfalls ſehr räthſelhafte Billet, das ich dann erbrach. Ich bemerke, daß der Brief mit einem Petſchaft verſiegelt war, das mir Aehnlichkeit mit dem alten deutſchen Reichsſiegel zu haben ſchien. Die Aufſchrift beſtand in einem wunderlichen dickſtrichigen Gekritzel, welches ein faſt runenhaft gothiſches oder der Mönchsſchrift verwandtes Anſehen hatte, aus dem ich jedoch meine Adreſſe und den Zuſatz„cito, citissime!“ herauszuerkennen glaubte. Noch mehr Kopfzerbrechen machte mir der Inhalt des Briefs ſelbſt, bis ich Folgendes herausgeleſen zu haben glaubte:„Herr Doctor Fritz Beutel wird freundlichſt erſucht, ſich in einer der nächſten Nächte zur Mitternachtsſtunde am(konnte auch heißen:„im“) Kyffhäuſer zu einer für beide Theile ſehr wichti⸗ gen Beſprechung einzufinden.“ Unterzeichnet war das Billet mit der räthſelhaften Unterſchrift: F. d. R. in gothiſchen Buchſtaben. Sofort nehme ich Extrapoſt, fahre ununterbrochen mit doppeltem Vorſpann und befinde mich ſchon in der folgenden Nacht zur angege⸗ benen Stunde am Eingange des Kyffhäuſer. Hier ſtand ein Mann mit einer Hellebarde, der etwa ſo ausſah, wie der Portier des Hotel de Baviere den Briefboten geſchildert hatte, und der mir die Frage entgegenflüſterte: Sind Sie der Herr Doctor aus Leipzig, welchen mein Herr erwartet? Doctor Fritz Beutel! antwortete ich. Der Hellebardierer ergriff mich ſofort bei der Hand, die er mit einer Gewalt drückte, als wäre ſeine eigene Hand von Marmelſtein, daß ich faſt laut hätte aufſchreien mögen, wenn ich mich nicht geſchämt hätte. Er führte mich in die Höhlung, die von einem eigenthümlichen Lichte erfüllt war, und ſtellte mich einer rieſenmäßigen Geſtalt vor mit den Worten„Herr Doctor Fritz Beutel aus Leipzig!“ Fliegen die Raben noch um den Berg? redete mich die Geſtalt gegenüber mit markerſchütternder, aber dumpfer Stimme an. Wohl fliegen die Raben noch um den Berg! antwortete ich. Das iſt ſchlimm! murmelte die Geſtalt und verſank auf eine Weile in ein dumpfes Hinbrüten. — 346— Ich betrachtete mir nun die Geſtalt näher und konnte nicht zweifeln, daß ich vor Friedrich Barbaroſſa ſtände. Die Unterſchriſt des Briefes wurde mir nun klar; die Initialen F. d. R. ſollten„Friedrich der Rothbart“ bedeuten. Der Kaiſer ſaß im Purpurmantel da, den rechten Arm geſtützt auf einen Granitblock, durch deſſen Fugen ſein roth⸗ gelber Bart wie Schlingkraut lang, lang hindurchgewachſen war. Seine Züge waren blaß, aber etwas ermüdet und abgeſpannt; ſeine Augen brannten aber wie feurige Kohlen und bezeugten den Heldengeiſt, der in dieſer ehrwürdigen Geſtalt lebte. Lieber Herr Doctor! begann Barbaroſſa nach einer Pauſe, während welcher er mich durch eine Lorgnette, die er nach Art unſerer Dandies mit dem rechten zuſammengekniffenen Auge hielt, aufmerkſam vom Kopf bis zu den Füßen gemuſtert hatte, es fängt mir allmälig an, ſehr langweilig zu werden, hier zu ſitzen und nur ab und zu etwas von der Oberwelt zu hören, was mir einige alte Schäfer der Um⸗ gegend zutragen, mit denen ich bekannt bin. Wenigſtens möchte ich mich gern einmal raſiren laſſen. Sehen Sie nur, wie wüſt mein Bart ausſieht! Oh, kaiſerliche Majeſtät, ſagte ich, da kann ich helfen; ich trage zufällig mein Raſirzeug bei mir! Und damit fuhr ich in meine rechte Rocktaſche, um mein Reiſeraſirzeug herauszulangen. Seife, Bartpinſel, Raſirmeſſer— Alles da! Barbaroſſa lachte, daß der Kyffhäuſer in ſeinen Grundfeſten er⸗ ſchüttert wurde. Nein, verehrter Herr Doctor, ſo iſt es nicht gemeint, ſagte er. Den Bart muß ich behalten, bis ich wieder aufſteige zur Oberwelt, um ich dem Volke in meiner Herrlichkeit zu zeigen. Das Volk hat von meinem Barte ſo viel gehört, daß es nicht glauben würde, ich ſei der Barbaroſſa, wenn ich mit glattem Kinn unter ihm erſchiene. Nein, es iſt etwas ganz Anderes, worüber ich mit Ihnen zu ſprechen wünſche. Was halten Sie von meinem Project, dem deutſchen Volke die Ein⸗ heit wiederzubringen? I Majeſtät, antwortete ich, aufrichtig geſagt, ſehr wenig. Kein Deutſcher iſt einig mit ſich ſelbſt, und wenn zwei ſich zuſammen ſetzen, ſo gehen ſie ſo gut wie vier auseinander. — 347— Nun, man muß nicht alle Hoffnung verlieren, bemerkte Nothbart, und ich muß Ihnen geſtehen, daß ich eigentlich auf Sie alle meine Hoffnung geſetzt habe. Barbaroſſa winkte mir, neben ihm auf einem Stein Platz zu nehmen, und entwickelte mir ſeinen Plan und zwar folgenden— Doch daß ich ein Narr wäre, ihn mitzutheilen, damit ein Anderer ihn ausführe! Ich erwähne nur, daß Barbaroſſa die Wirren von 1848 vorausſah, aber gleich bemerkte, daß daraus nichts hervorgehen werde außer einem penſionirten Marinerath ohne Marine, der als der einzige ehrwürdige Reſt dieſer Confuſion übrig bleiben werde. Bar⸗ baroſſa's Plan bezog ſich auf eine etwas ſpätere Zeit, er hängt mit der orientaliſchen Frage zuſammen und greift nach Konſtantinopel hinüber; ſeine Ausführung beginnt, wo die orientaliſche Frage endet. Mit dieſer Andeutung möge ſich der Leſer für diesmal genügen laſſen. Nachdem mir Barbaroſſa ſeinen Plan mitgetheilt, winkte er mir abzutreten und bemerkte: Es iſt Schlafenszeit! Die Paſſivität, zu der ich verdammt bin, wirkt ermüdender als alle Activität und macht fürchterlich blaſirt. Hier haben Sie noch ein Haar aus meinem Barte; es iſt das Bundeszeichen, welches Tauſende meiner Anhänger, deren Chef Sie nun ſein werden, bereits in und außer Deutſchland tragen, und zwar für jetzt noch in ihren Portefeuilles; zu geeigneter Zeit aber werden ſie es im zweiten Knopfloche von oben, rechts, oder als Einfaſſung der Cravatte tragen. Fragt Sie inzwiſchen Jemand: Haben Sie ein Haar darin gefunden? ſo antworten Sie: ein fuchs⸗ rothes. Daran erkennen ſich in der Stunde der Noth die Mitglieder des Bundes. Leben Sie wohl, Herr Doctor! und grüßen Sie mir meinen Freund Friedrich Rückert und meine übrigen Hofpoeten, die mich angeſungen haben! Hier drückte mir Kaiſer Barbaroſſa die Hand, daß mir alle Gelenke knackten und blaue Flecken noch wochenlang an meinen Fin⸗ gern zurückblieben, und der Hellebardierer geleitete mich in die Nacht hinaus, mich neugierig fragend: Nun, wird's bald? worauf ich zu ſeiner Freude entgegnete: Freilich wird's bald; wo Fritz Beutel dabei iſt, wird Alles bald. — 348— Nach Leipzig wieder zurückgekehrt, löste ich eine Preisaufgabe in einer Weiſe, welche in der gelehrten und mediciniſchen Welt großes Aufſehen erregte. Eine deutſche medeciniſche Akademie hatte einen Preis ausgeſchrieben auf das beſte Mittel zur Beſeitigung der Kahl⸗ köpfe. Ich ſetzte mich ſofort hin und ſchrieb: Man erfinde ein ſtäh⸗ lernes Meſſer ſo fein, daß es Haare zu ſpalten vermag. Angenommen, daß ein Menſch auch nur noch ein einziges Haar auf dem Kopfe hat, ſo theilt man dies der Länge nach in zwei Hälften. So hat beſagter Menſch ſchon zwei Haare. Nun ſpalte man dieſe zwei in vier, dieſe vier in acht, dieſe acht in ſechszehn, dieſe ſechszehn in zwei und dreißig, dieſe zwei und dreißig in vier und ſechszig, dieſe vier und ſechszig in hundert acht und zwanzig und ſo in gleicher Progreſſion fort, und es liegt auf der Hand, daß beſagter Menſch zuletzt Millionen Haare auf dem Kopfe haben muß, womit die geſtellte Frage gelöst iſt. Die be⸗ treffende mediciniſche Facultät erkannte mir die Hälfte des Preiſes zu und erklärte, mir auch die andere Hälfte zu bewilligen, ſobald es mir nur gelungen ſein würde, auch das Meſſer zu erfinden. Nachdem ich der Leipziger Nationalnahrung, den Schweinsknöchelchen, ſo ſtarken Abbruch gethan hatte, daß in dieſem Artikel empfindlicher Mangel entſtand und mir zur Vorkehrung größern Unheils die Aufent⸗ haltserlaubniß entzogen wurde, begab ich mich auf den Heimweg nach Schnipphauſen, unter ganz eigenthümlichen Gefühlen, die ich gern einem deutſchen Lyriker abtreten will, wenn er mir eine anſtändige Summe dafür bietet. Er würde damit einen ſchönen Band lyriſcher Gedichte in Duodezformat füllen können. Auch Reime habe ich genug vorräthig, und die will ich ihm noch gratis ablaſſen. Wie wird dir zu Muthe ſein, ſagte ich unterwegs zu mir, wenn du zuerſt wieder den hölzernen viereckigen Kirchthurm erblickſt, mit der langen Spindel darauf? Als ich mich aber Schnipphauſen näherte, ſchaute ich vergebens nach meinem lieben alten hölzernen Kirchthurm aus; aber wohl erhob ſich aus der Mitte des Dorfes ein dünner ſtei⸗ nerner Bau, mit einer ſehr kurzen ſteinernen Pyramide darauf, flan⸗ kirt von vier ganz kleinen Thürmchen, die man als Spielzeug hätte in die Taſche ſtecken können. Dieſer Steinpfeiler ſollte ohne Zweifel einen Kirchthurm im modern gothiſche Geſchmack vorſtellen. Auch — 349— alles Uebrige fand ich verändert. Vergebens ſah ich mich nach der Planke um, jenen Brettern, womit mir in meiner früheſten Kindheit die Welt an dieſer Stelle vernagelt zu ſein ſchien; vergebens nach dem Froſchteich! er war ausgefüllt, und ich ſtellte trübſinnige Betrach⸗ tungen darüber an, welches Schickſal meine lieben Freunde, die Fröſche, betroffen haben möge. Dieſe alten bemoosten Häupter waren unter dem Schutte mitbegraben— ein ganzes einſt glückliches, nun ausgerottetes Volk. Nur in einem Tümpel neben an quakte ein alter Froſch, ſehr melancholiſch; es waren Klagelieder auf den Trümmern Jeruſalems, Nänien auf den Untergang ſeines ehemals ſo blühenden Volkes, deſſen letzter Nachkomme er war. Durch die Hinterthür begab ich mich in den herrſchaftlichen Park und ſuchte vor allem nach meiner Adam⸗ und Evagruppe. Sie war nicht mehr vorhanden. An ihrer Stelle ſtand der elegante Bronceabguß einer Canova'ſchen Venus mit dem Amor, und ich hörte ſpäter, daß man ſeit der Aufſtellung dieſer ver⸗ führiſchen Gruppe leider eine Verſchlechterung der Sitten unter der Dorfbevölkerung wahrnehme. Von dem alten, in ſeiner Verworrenheit und ſeinem Zerfall ſo maleriſchen Schloſſe erblickte ich nicht eine Spur mehr. Ein vierſtöckiges, kaſernenartiges Gebäude mit einem hohen Dampfſchornſtein, welcher dem modernen gothiſchen Kirchthurm weit über die Schultern reichte, erhob ſich an deſſen Stelle. Ich erkundigte mich bei einem auf dem Hofe ſtehenden Manne nach dem Baron von, zu und auf Schnipphauſen. Der habe ſeit Jahren Bankrot gemacht und das Gut ſei einem jüdiſchen Geldmakler, der ihm die Capitalien gekündigt, in die Hände gefallen; das Schloß ſei nun eine Fabrik, und der jetzige Beſitzer lebe meiſt in der Haupt⸗ ſtadt und komme nur ſehr ſelten nach Schnipphauſen. An dieſen Neuerungen ſah ich, daß ich inzwiſchen alt geworden war; bis dahin hatte mich dieſer Gedanke noch nicht beſchlichen. Ich blickte in den Hofteich, worauf einige Schwäne ſtolz hin und herſchwammen, und ein ziemlich ältliches faltenreiches Geſicht, leider mein eigenes, blickte mir daraus entgegen. Ich trat fremd vor mir ſelbſt zurück. Lange ſtrich ich tief in Gedanken und doch ohne zu denken um das Fabrikgebäude und im Park umherv; ich konnte mich nicht über⸗ winden, das Schulhaus aufzuſuchen, worin ich und mein Großvater — 350— und Urgroßvater das Licht dieſer ziemlich miſerabeln Welt erblickt hatten. Ich kam mir wie ein ganz anderer Menſch, mein ganzes Leben mir wie ein Traumbild vor. Endlich entſchloß ich mich und richtete meine Schritte nach dem Schulhauſe. Der Weg führte mich an der Pfarrwohnung vorbei; ſie war neu, und auch der Pfarrer, der gerade aus einem Fenſter blickte, war neu und hatte ein bleiches etwas blaſirtes Geſicht, nicht das volle friſche des alten Pfarrherrn, jenes wackern Mannes, der zwar nicht, wie ſehr wahrſcheinlich dieſer junge Geiſtliche, den Ehrgeiz hatte, Conſiſto⸗ rialrath zu werden, der ſich aber gefreut haben würde, wenn ich einer geworden wäre. Das Schulhaus war wenigſtens neu angeſtrichen und mit Ziegeln ſtatt wie ehemals mit Stroh gedeckt. Die Birkenbäume ſtanden nicht mehr vor dem Hauſez ich weiß nicht ob ſie inzwiſchen zu Ruthen verbraucht oder, um dem Hauſe' mehr Licht zu gewähren, gefällt worden waren; denn wir leben in der Zeit des Klar⸗ und Gleichmachens. Ich trete in die niedere Stubenthür. Ein junges geſchwätziges Weib ſitzt auf dem Stuhl und reicht ihrem Kinde die Bruſt, ohne ſich durch meinen Eintritt bei ihrem mütterlichen Geſchäft ſtören zu laſſen. Ich gebe mich zu erkennen, frage nach meinen Eltern, nach meinen Geſchwiſtern. Ach, ſo wiſſen Sie nicht? ruft ſie aus, die ſind ja Alle todt.—. Wie iſt das möglich? fragte ich halb erſtaunt, halb ſchmerzlich bewegt; es waren doch elf Geſchwiſter und zwei Eltern, beide noch vollſtändig. Und keines mehr übrig? Ach, ſagte die Frau, gerade wenn eine Familie ſo zahlreich iſt, da hat der Tod ſeine Luſt daran; er bricht herein, wie der Wolf in einen Schafſtall, und geht nicht eher fort, als bis er ſich geſättigt hat. Zwei von Ihren Brüdern nahmen Schwalbenneſter aus auf dem Kirchthurm; da glitt der eine aus, fiel, faßte den andern am Rock und zog ihn mit hinab. Unglücklicherweiſe ſtanden zwei andere Brüder unten und jedem ſtürzte einer der Brüder, die vom Thurme fielen, gerade auf den Kopf. Das waren ſchon vier, die ſo erbärmlich ums Leben kamen. Nicht lange darauf mähte ein anderer Bruder von Ihnen Heu auf der Schulwieſe, nachdem er kurz vorher wegen Nichts⸗ lict nzes und neu, neu ſche wie ſſto⸗ aner und ume chen ren, und biges ohne n zu nach rzlich noch da f in altigt auf ram ndere urme mlich von ihts⸗ — 951— thuerei von der Wanderſchaft zurückgekehrt war— ich glaube er hieß Görgel— nun der mähte gerade Heu, bemerkte aber leider nicht, daß Ihre ſechs Schweſtern hinter dem langen Graſe ſaßen und ſchlug ihnen allen mit einem einzigen Hiebe der Senſe die Köpfe ab, worauf er aus Verzweiflung die Senſe ſich an den Hals ſetzte und dieſen vom Rumpfe trennte. Ihre Eltern ſtarben darüber aus Schreck; ſie hätten's auch nicht lange mehr machen können, denn ſie waren ſchon ſehr alt. Aber gefreut haben ſie ſich immer, wenn Sie aus Amerika oder Afrika Geld ſchickten, und ſie haben ſtets bis in ihre alten Tage darauf gewartet, daß Sie Ihnen einmal eine Equipage ſchicken würden, um ſie nach Amerika oder Afrika abholen zu laſſen. Ihr Herr Vater hat ſich auch immer recht groß mit Ihnen gethan vor den Bauern und dann ſcherzend geſagt: Sie ſeien ihm freilich davon gelaufen, aber er werde Sie ſchon wieder einkriegen, trotz ſeiner alten Beine. Mein Mann könnte Ihnen wohl noch mehr erzählen; aber er iſt ge⸗ rade im Kruge und erklärt den Bauern die politiſche Zeitung; denn er iſt ſehr gelehrt in der Politik, obſchon der Herr Prediger davon nichts wiſſen will und bereits Anzeige bei der Oberſchulbehörde gemacht hat. Denn Sie müſſen wiſſen, daß unſer Prediger nach der Haupt⸗ ſtadt verſetzt werden möchte, und da ſchadet es nicht, wenn man An⸗ dere anzeigt und ins Unglück bringt. Mein Mann aber läßt ſich nicht ſtören; denn er ſagt, er ſei ein Republikaner, und Republikaner dürften ſich in nichts nicht ſtören laſſen. So ſagt er, und es hilft nichts, daß ich ihn warne, denn er hat ſeinen republikaniſchen Kopf für ſich und meint, er wolle Märtyrer der Freiheit werden, was jetzt ein ſehr ehrenvolles Geſchäft ſei, und wodurch man in die Zeitungen komme, woraus ich mir aber ganz und gar nichts mache, den—— Ich hatte die„denn's“ der geſchwätzigen Frau Schulmeiſterin ſatt, und fragte nur noch nach der Erbſchulzenstochter, Beate Regina Cor⸗ dula Veronica Pipermann, und ob dieſe wieder in Schnipphauſen eingetroffen ſei. Ach, ſagte hierauf die Schulmeiſterin, die liederliche Perſon! fort iſt ſie, Ihnen nachgelaufen, und hat noch den Peter Silje, den Sohn des frühern Nachtwächters, überredet, mit fortzugehen, und darüber ſind der Nachtwächter und ſeine Frau und der Erbſchulze und ſeine — 352— Frau aus Gram geſtorben; denn ſo etwas verträgt kein Menſch nicht, wenn er nicht Republikaner iſt, den—— Aber iſt Beate nicht in der letzten Zeit wieder zurückgekehrt? fragte ich. Nichts iſt zurückgekehrt! antwortete ſie. So eine liederliche ver⸗ laufene Frauensperſon würde auch von der Gemeinde im Dorfe nicht geduldet werden, des böſen Beiſpiels wegen; denn es iſt etwas ganz Anderes, wenn eine Mannsperſon liederlich iſt und fortläuft; denn—— Ich hatte nun genug, und machte, daß ich aus der Stube kam. Ich begab mich nach dem Kirchhofe, unterwegs darüber nachdenkend, was aus Beaten wohl geworden oder was ſie abgehalten haben möge, nach Schnipphauſen zurückzukehren. Aber ich vermochte mir dieſes Räthſel nicht zu erklären. Auf dem Kirchhof angekommen, erblickte ich die dreizehn Gräber gerade, wie ſie mir die Fata Morgana in der Wüſte gezeigt hatte. Ich ließ mich auf dem Grabe meines Vaters nieder, das ſich durch ein Kreuz mit Inſchrift auszeichnete, welches ihm noch der frühere Beſitzer des Gutes Schnipphauſen geſetzt hatte. Ich las dieſe wür⸗ digen Bibelſprüche und die ſchönen Geſangbuchverſe und lernte ſie auswendig. Meine Gedanken waren ſehr betrübter Art. Dreizehn Gräber, dachte ich; wird ſich ihnen ein vierzehntes Grab anreihen? Nein, rief ich entſchloſſen aus, und würdeſt du ſo alt wie Methu⸗ ſalem, der Schnipphauſen'ſche Sand ſoll nicht die Ehre haben, deine Gebeine zu bergen; ſie ſind zu koſtbar für dieſen Sandboden. So lange der Menſch handelt, ſo lange lebt er auch, und nur ſo lange und nicht länger. Auf, Fritz Beutel! Was ſollte ich auch in Deutſchland anfangen? Sollte ich die Baſchkirenſchwärme der deutſchen Lyriker unter meinem Scepter ver⸗ ſammeln und einen Schnipphauſen'ſchen Muſenalmanach herausgeben? Sollte ich mich als Oppoſitionsmitglied in eine der zahlreichen Kam⸗ mern oder als Aelteſten in eine deutſchkatholiſche Gemeinde wählen laſſen? Oder ſollte ich mich, was ja doch das Ende vom Liede iſt, in einen Spittel für deutſche Männer einkaufen? Jedermann, der bis hierher mein⸗Buch geleſen hat, wird wiſſen, daß Deutſchland nicht kam. kend, öge, eſes üͤber aüte. durch ihere wür⸗ tfie hzehn 1 ethu⸗ deine So unge die ver⸗ ben? Kam⸗ äͤhlen e it, — 353— der Boden war, auf dem ſich meine Talente zu ihrem höchſten Glanze zu entwickeln vermochten. Ich reiste daher gleich folgenden Tages nach Hamburg, ließ meine angekauften Bilder in das Zwiſchendeck eines Auswanderſchiffes bringen, und ſegelte, nachdem ich noch an den Herausgeber dieſes Buches den wichtigen, im Eingange dieſes Werkes mitgetheilten Brief geſchrieben hatte, nach Nordamerika ab. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Die ganze Weltgeſchichte iſt zuſammengeſchwin⸗ delt worden. Alle großen Staatsmänner, Feld⸗ herrn, Sectenſtifter, Philoſophen und Dichter in alter und neuer Zeit waren mehr oder weniger geniale Schwindler. Alles treibt Humbug; der Frühling treibt ihn, wenn er mit Millionen Blü⸗ then prahlt, die niemals zur Frucht reifen; der Sommer treibt ihn, wenn er Millionen Halme reift, deren Aehren hohl ſind. Den Schein auf⸗ recht erhalten, wenn man auch nichts iſt und nichts weiß und nichts beſitzt— das iſt der Kern aller Lebensmoral. Die Menſchheit theilt ſich in zwei Hälften, von denen die eine ſchwindelt, die andere ſich beſchwindeln läßt. Ich für mein Theil ziehe vor, zur erſtern zu gehören. Phineas Barnum. Eine alte Erfahrung lehrt, daß der Menſch, je mehr er in die höhern Jahre kommt, auch um ſo weniger Abenteuer zu erleben pflegt. Es iſt, als ob das ſonſt ſehr wenige Rückſichten nehmende Schickſal einſähe, daß der Menſch nun mehr und mehr der Ruhe bedürfe. Ich will damit durchaus nicht ſagen, daß der letzte Abſchnitt meines Erden⸗ lebens an großen Thaten und Ereigniſſen arm geweſen, aber ſie kamen in größeren Zwiſchenräumen, nicht mehr platzregenartig, ſondern tropfenweiſe wie der Regen nach einem Gewitter, wenn es ſich allmälig ausregnet. D. B. X. Fritz Beutel, v. Marggraff. 23 354— So geſchah mir auch während meiner diesmaligen Ueberfahrt nach der weſtlichen Hemiſphäre nichts, was von Bedeutung geweſen wäre und in die Annalen der Weltgeſchichte eingezeichnet zu werden ver⸗ diente. Als ich in Neu⸗York eintraf, war der mexaniſche Krieg in der Hauptſache bereits entſchieden und ich ſah zu meiner Betrübniß ein, daß mein ärgerliches Heimweh nach Schnipphauſen mir einen fatalen Streich geſpielt und mich einer außerordentlich günſtigen Gelegenheit zur Ausführung weltgeſchichtlicher Thaten beraubt hatte. In den wirklich einſichtsvollen politiſchen Kreiſen Washingtons und Neu⸗Yorks wurde es übrigens höchlichſt bedauert, daß man nicht mich zum Oberfeldherrn gehabt habe. Bekanntlich berichteten die Zeitungen über die Einnahme der Stadt Mexiko die fürchterlichſten Dinge, wie aus jedem Dachſtubenfenſterchen ein Zweiunddreißig⸗Pfünder geragt habe, wie jeder Pflaſterſtein unterminirt geweſen und ganze Häuſer⸗ carrés und halbe Straßen in die Luft geſprengt worden wären u. ſ. w. Alle dieſe Erzählungen wieſen ſich ſpäter als ächt münchhauſen'ſche Lügen aus. Nun war aber Jedermann überzeugt, daß, wenn ich zu der Zeit in Amerika geweſen wäre und mit meinem Geiſt die beiden kriegführenden Parteien befruchtet hätte, alle dieſe Münchhauſeniaden zur Wahrheit geworden ſein würden. Als ich ſpäter mit dem General Taylor, dem Sieger von Buena Viſta und Matamoras zuſammentraf, geſtand mir dieſer, er habe in manchem kritiſchen Augenblicke gerufen: wollte Gott, der Abend wäre da, oder Fritz Beutel käme! Und jedesmal, wenn er ſich meines Namens und meiner Thaten erinnert, ſei es wie die Eingebung eines Genius über ihn gekommen; irgend eines meiner berühmten Kriegs⸗ manöver ſei ihm eingefallen; er habe es angewendet und auch ſofort den Sieg an das Sternenbanner gefeſſelt. Auch der Oberfeldherr, General Scott, geſtand mir: Lieber Herr Beutel! ich bin zwar dies⸗ mal auch ohne Sie fertig geworden, aber fragen Sie nur nicht wie? Ohne Sie laß ich mich in ſolche halsbrecheriſche Geſchichten nicht wie⸗ der ein! Ich befand mich alſo in Neu⸗York, und ließ ſofort dem Chef des Handlungshauſes, für das ich meine Auswanderer beſorgt hatte, mel⸗ den: ich ſei mit meinen 400 Auswandrern daz ich habe ſie alle in — 355— meinem Hotel untergebracht und erwarte nun ſeinen Beſuch, um das Nähere mit ihm verabreden zu können. Der Chef des Handlungshauſes mochte von dieſer eigenthümlichen Meldung nicht wenig überraſcht worden ſein; ich merkte dies an dem langen Geſichte, das er noch machte, als er mich wirklich zu be⸗ ſuchen kam. Ich führte ihn nun in einen geräumigen Saal, wo ich meine vier⸗ hundert Porträts aufgeſtellt hatte, zeigte ihm dieſe und ſagte: das ſind meine Auswanderer, alle wohl erhalten; nicht einmal die See⸗ krankheit haben ſie gehabt; keinem von ihnen iſt übel geworden, ob⸗ ſchon Manchem, der ſie ſah, bei ihrem Anblicke übel wurde. Die Koſten für die Ueberfahrt dieſer Zwiſchendeckpaſſagiere habe ich be⸗ zahlt; es iſt nun an Ihnen, mir einen Karolin für den Kopf zu zahlen, wie im Contract ausbedungen iſt. Der Schelm aber weigerte ſich; ich aber wandte mich an die Ge⸗ richte, wies meinen Contract vor, demonſtrirte, daß dies„Auswanderer aus Deutſchland“ ſeien und berief mich auf den Wortlaut des Contracts, wonach„für jeden Kopf“ ein Karolin zugeſagt ſei; es ſeien lauter „Köpfe“, die ich zur Auswanderung angeworben, wie man ſich durch den Augenſchein überzeugen könne. Trotz aller Einreden meines Gegners gewann ich den Proceß, da die nordamerikaniſchen Gerichte gewohnt ſind, ſich einzig und allein an den Buchſtaben zu halten. Nun veranſtaltete ich zu Gunſten meiner ärmern Landsleute eine große Ausſtellung, indem ich die beſſern Porträts auswählte und mit ihnen meine in den Ateliers deutſcher Künſtler angekauften Landſchafts⸗ und Genrebilder vereinigte. Der Katalog, den ich darüber drucken ließ, war ganz nach dem Geſchmacke der Nankees eingerichtet; es hieß darin z. B. unter Anderm: Nr. 33. Gewitterlandſchaft von Leſſing. Von überraſchendſter Natur⸗ treue. Der Regen fällt ſo naß, daß jeder Beſucher daran wohlthun wird, nicht ohne Regenſchirm vor dieſes Bild zu treten, um nicht durch⸗ näßt zu werden. Uebrigens werden auch Schirme im Ausſtellungslocale ſelbſt à 3 Cent ausgeliehen. 23*† — 356— Nr. 96. Aegyptiſche Landſchaft von Hildebrand. Die Wirkung der ägyptiſchen Sonne iſt auf dieſem Bilde ſo energiſch dargeſtellt, daß Ladies von ſehr zarter Complexion wohl thun werden, ſich dieſer Wir⸗ kung nicht zu lange auszuſetzen, um nicht Sommerſproſſen zu bekommen. Durch ein Brennglas concentrirt, entzündet dieſes gemalte Sonnenlicht den Schwamm auf einer Pfeife wie auch alle übrigen leicht brenn⸗ baren Stoffe. Gegen die glühende Hitze, welche der auf dieſem Bilde dargeſtellte Wüſtenſand aushaucht, bediene man ſich der Palmenfächer, welche auf dem folgenden Bilde vorkommen. Nr. 97. Oſtindiſche Scene: Ein Nabob, welchem im Schlafe eine Schaar lieblicher Bayaderen mit Palmenfächer Kühlung zufächelt. Die hier dargeſtellten Palmenfächer ſind diejenigen, deren ſich der Beſchauer bedienen möge, um ſich gegen die Gluth auf Nr. 96 zu ſchützen. NB. Zur Beruhigung keuſcher Ladies iſt zu bemerken, daß die Bayaderen ſehr decent gekleidet ſind und daß auch der Nabob keinen Anſtoß erregt. Nr. 155. Bürger's Lenore von Kaulbach. Lenore dargeſtellt, wie ſie eben in einem Fiacre für 5 Silbergroſchen„ums Morgenroth“ fährt. Nr. 199. Seeſturm von Achenbach. Die Wirkung dieſes Bildes iſt ſo naturgetreu, daß man dabei unwillkürlich Anwandlungen der Seekrankheit verſpürt. Eine unglücklich Liebende, welche ſich zu er⸗ tränken beabſichtigte, wählte leider dieſes Bild zum Schauplatz ihrer jammervollen That, ſtürzte ſich in die gemalten Wellen und iſt nicht wieder geſehen worden. Nr. 200. Stillleben: Würſte und Schinken, von einem Düſſel⸗ dorfer. Dieſes Bildes wegen iſt es verboten, Hunde in das Ausſtellungs⸗ local mitzubringen; denn da bereits ein Bologneſer Hündchen die eine Wurſt herausgefreſſen hat, gebietet es das Intereſſe der Kunſt, wenig⸗ ſtens noch die übrigen Schinken und Würſte zu retten. Nr. 250. Porträt des berühmten Componiſten***. Originelle Auffaſſung. Der Künſtler iſt von hinten gemalt, um die Rückſeite des Virtuoſenthums und zugleich die haarſträubende Wirkung ſeines Spiels zur Anſchauung zu bringen; denn die Haare ſtehen ihm alle zu Berge. Dieſes Bildniß bezeichnet einen bedeutſamen Fortſchritt, eine vollkom⸗ ——— à— ———— — 357— mene Umkehr der Porträtmalereiz; denn Jemanden von vorn ſo ab⸗ bilden, daß man ihn erkennt, das kann Jeder; aber von hinten, das will Etwas ſagen! Nr. 370. Hiſtoriſches Bild: Der Urſprung des Hauſes Rothſchild, von einem Münchner Meiſter. Man erblickt auf dieſem ſinnreichen Bilde nichts als die Windeln, in welche der Stifter des Banquier⸗ geſchäftes Rothſchild eingewickelt war, jedoch in geſäubertem Zuſtande. Darüber ſchweben allegoriſche Figuren, worunter das goldene Kalb in dem Stadium, wie es ſich gerade zum Ochſen entwickelt. Ich brauche nicht erſt zu ſagen, daß der Beſuch meiner Ausſtellung ein ſehr zahlreicher war, wie ich denn auch ſpäter meine Bilder an die Neu⸗Yorker Kunſtfreunde um ſehr hohe Preiſe verkaufte. Den Ertrag habe ich redlich mit meinen ärmern Landsleuten getheilt. Ueberhaupt arbeitete ich damals viel im Fache der Philanthropie. Den ſpäter ſo be⸗ rühmt gewordenen Roman„Onkel Toms Hütte“ hat kein Anderer geſchrieben als ich. Die Beecher Stowe befand ſich dazumal gerade in Neu⸗York, und ich las ihr das Manuſcript bei einem ihrer äſtheti⸗ ſchen Thees vor. Sie war entzückt davon und ich überließ es ihr, da es mir dabei nur um die Sache zu thun war, gegen die einzige Bedingung, daß ich bei ihr Zeit meines Lebens frei Theetrinken haben ſolle. Später ließ ſie das Buch unter ihrem Namen erſcheinen, jedoch mit allerlei frommen Zuſätzen, die nicht von mir herrühren, wogegen ich mir bei meinen ſpäteren Beſuchen der Vereinigten Staaten erlauben werde, zu dem Thee, den ich bei ihr zu genießen gedenke, allerlei un⸗ fromme Zuſätze, beſtehend in Rothwein, Rum oder Cognac, zu machen. Ueberhaupt muß ich mich gegen die damals laut gewordene Ver⸗ dächtigung, daß ich Mitglied des Mäßigkeitsvereins geworden ſei, aufs entſchiedenſte verwahren. Ich haſſe das ennuyante Genre und ich habe immer gefunden, daß Menſchen, welche die Gottesgabe des Weins und anderer begeiſternder Getränke verſchmähen, auch meiſt höchſt lang⸗ weilige, ſelbſtbewußt docirende, eitle und egoiſtiſche Naturen ſind. Der Egoismus iſt immer nüchtern und kenntz keine Hingabe an einen rauſch⸗ ähnlichen Zuſtand, welcher Art er auch ſei. Die ganze Mäßigkeits⸗ bewegung dient nur zur Unterſtützung der nordamerikaniſchen Specu⸗ lationswuth und des Nativismus; denn der vom Wein ſanft Angeregte — 358— umarmt die ganze Welt, iſt Kosmopolit und nimmt es mit den Zahlen nicht ſehr genau. Was mich betrifft, iſt mir ein berauſchter Engel lieber als ein Teufel in ſeiner infernalen Nüchternheit. Ich diene meinem Schöpfer ſchlecht, wenn ich ſeine Werke und Gaben von vorn⸗ herein als Satanswerke und Satansgaben verabſcheue. Er wird am beſten gewußt haben, warum er dem Weinſtock Eigenſchaften verliehen hat, deren unweiſer Genuß allerdings den Menſchen ebenſo tief unter ſein Niveau zu erniedrigen, als ihr weiſer Genuß ihn über ſein Niveau zu erheben vermag. Freilich können nicht Alle Jedes, und nicht Jeder kann Alles vertragen; er müßte denn die Urverdauungskraft in Perſon ſein wie ich. Dieſe Erklärung war ich mir und der Welt ſchuldig, damit Niemand mich für einen Mäßigkeitsvereinler halte und ſich genire, vorkommenden Falls mir eine Flaſche Sect oder auch mehrere vorzuſetzen. Die von mir gegen meine ärmeren Landsleute bewieſene Freigebig⸗ keit begann inzwiſchen meine pecuniären Mittel anzugreifen und ich mußte darauf denken, ihnen durch einträgliche Unternehmungen wieder aufzuhelfen. Die eine mißlang gänzlich, weil ich dabei einen mora⸗ liſchen Factor, die Mutterliebe, mit ins Spiel gezogen hatte. Ich alter Menſchenkenner verrechnete mich dabei gänzlich! Ich hatte eine Leih⸗ anſtalt errichtet und angezeigt, daß auch Säuglinge als Pfänder angenommen würden. Ich lieh auf den Säugling 100 Dollar für den Monat, wovon ich jedoch ſofort 10 Procent abzog; auch ſollten bei der Wiedereinlöſung zugleich die Verpflegungskoſten vergütet wer⸗ den; denn ich hatte eine entſprechende Anzahl Ammen engagirt. Die Anſtalt war verſuchsweiſe auf fünfzig Säuglinge berechnet. Der Zu⸗ drang war unglaublich. Der Platz vor meinem Inſtitute wimmelte Kopf an Kopf von Frauenzimmern, welche ihre Säuglinge bei mir verſetzen wollten. Ich mußte ſie zu Hunderten wieder zurückſchicken; denn in wenigen Stunden waren ſämmtliche fünfzig Plätze beſetzt. Der erſte Monat war um, aber keine Mutter kam, um ihren Säug⸗ ling wieder einzulöſen oder den Pfandzettel verlängern zu laſſen; ſie ließen mir die ſchreienden armen Würmchen auf dem Halſe. Juwelen, Ketten und andere Schmuckſachen würden ſie wohl eingelöst haben, aber nicht ihre Kinder; ich ſah mit Schaudern, daß ſie froh waren, — 2—- ——y44 —— 359— ſie auf dieſe Weiſe los geworden zu ſein. Meine öfefentliche Anzeige, daß ich auf alle Entſchädigung verzichte, daß ich nur bäte, die Säug⸗ linge wieder abzuholen, hatte keinen Erfolg. Ich mußte den Schaden tragen, und hatte den Spott noch dazu. Meine Bekanntſchaft mit der Beecher Stowe war mir jedoch in dieſem Falle von großem Vor⸗ theil. Sie war es, die mir in meiner großen Verlegenheit zu Hilfe kam und ſich dafür bemühte, die Säuglinge bei menſchenfreundlichen Familien unterzubringen. So wurde ich von einer Laſt erlöst, die ich mir freilich ſelbſt aufgeladen hatte im Vertrauen darauf, daß es keine Mutter geben könne, die ihr Kind im Stiche zu laſſen im Stande ſei. Ein Naturwunder, drei an den Schultern zuſammengewachſene Mädchen, welche, wenn man ſie auf die Füße ſtellte, vollkommen die Gruppe der drei Grazien darſtellten, verkaufte ich ſpäter an den ſchlauen, bereits damals als showman berühmt gewordenen Phineas Barnum. Dieſer lachte mich weidlich über mein Unternehmen aus und meinte, daß ich wenigſtens den Verſuch hätte machen ſollen, mit meinen 50 Säuglingen eine Kinderausſtellung zu eröffnen. Da geht mir eine Idee auf, fügte er hinzu, die ich früher oder ſpäter ausführen werde. Er hat ſie auch ausgeführt. Die Zeitungen haben über die Kinder⸗ ausſtellung berichtet, welche dieſer pfiffige Patron ſeinen Landsleuten zum Beſten gegeben hat. Ein zweites von mir verſuchtes Unternehmen war ein Heiraths⸗ bureau, das einen beſſern Fortgang nahm, weil es auf keinen ſittlichen Factor berechnet war. Von allen Seiten liefen Adreſſen ein, und ſo hatten meine männlichen und weiblichen Kunden in der That immer die beſte und mannigfaltigſte Auswahl. Jeder Heirathscandidat und jede Heirathscandidatin waren zugleich verpflichtet, ihre daguerrotypirten Porträts mit einzuſenden, die ich dann an den Wänden meines Bureau in ſchönen goldenen Rahmen aufhing, jedes mit einem Zettel ver⸗ ſehen, worauf die ſonſtigen Qualitäten der Perſon, als: Alter, Rang, Stand, Temperament, Vermögensverhältniſſe verzeichnet waren. So ſahen ſich meine Kunden ſtets aufs ehrlichſte bedient und es kamen, in Begleitung oft ſehr unterhaltender Epiſoden, zahlreiche Heirathen zu Stande, von denen ih meine nicht unbeträchtlichen Procente zog. — 360— Eines Tages ließ ſich ein Frauenzimmer melden und mir durch den Secretär ſagen: ſie möchte ſich gerne verheirathen und komme in Perſon, weil ihr das Schreiben ſchwer falle und es ihr an Geld fehle, ſich daguerrotypiren zu laſſen. Ich fragte meinen Secretär, wie die Perſon ausſähe; denn, dachte ich, wenn ſie nicht einmal recht ſchreiben kann und kein Geld hat, ſo muß ſie wenigſtens außergewöhnlich jung und reizend ſein, um trotzdem den Muth zu haben, ſich in einem wohlaſſortirten Heirathsbureau zu melden. Auf meine Frage lachte der Secretär und ſagte: nun, die Perſon ſteht in einem Alter, wo auch die größte Schönheit anfängt, ſchimmelig zu werden. Trotz dieſer wenig empfehlenden Bemerkung ließ ich das Frauenzimmer eintreten, weil ich wenigſtens einer luſtigen Scene glaubte entgegenſehen zu dürfen. Bin ich hier recht, wo man einen Mann kriegen kann? fragte die Perſon, als ſie eintrat. Kreuz Donner——— l ich hätte in dieſem Augenblicke beinahe geflucht; da mir aber ſolche Ausbrüche roher Naturen in der Seele verhaßt ſind, brach ich in der Mitte ab, ließ das„Wetter“ bei Seite und rief: Aber Beate! Unbegreifliches, unergründliches Geſchöpf! Wo kommſt du her, und welcher Dämon blies dir den Gedanken ein, in deinen Jahren noch einmal heirathen zu wollen? Wenn ich den ewigen Juden wo wohnen wüßte, ſo müßte der dich heirathen; denn der iſt gerade ein ſolcher Landſtreicher wie du! An deſſen Seite verdienteſt du durch den Erdkreis zu wandeln! Ach Fritz! rief ſie weinend, das Wandern habe ich jetzt herzlich ſatt— nein, wirklich! du kannſt es mir glauben. Darum eben möchte ich heirathen, um nun endlich einmal zur Ruhe zu kommen; und zwar einen recht geſetzten Mann. Und wenn er das Podagra hätte, dann um ſo beſſer. Dann müßte er doch ſitzen bleiben, wo er ſäße, und ich mit ihm. Das haſt du ſchon oft verſprochen, bemerkte ich hierauf, aber nie⸗ mals gehalten. Wo haſt du dich inzwiſchen herumgetrieben? Warum biſt du nicht mit dem Lloyddampfer nach Trieſt gefahren? Ich habe wieder eine ſehr bittere Erfahrung gemacht, die mich für immer geheilt hat, antwortete ſie. Siehſt du, ich lernte in Ale⸗ — 361— xandrien einen nordamerikaniſchen Schiffskapitän kennen, der mir ich weiß nicht was Alles vorſpiegelte und mich überredete, mit ihm hier⸗ her zu ſegeln. Ich bin ein ſo ſchwaches Geſchöpf und ließ mich dazu überreden. Er trieb aber nur ſeinen Spaß mit mir, denn er hat mich hier ſitzen laſſen und ſich nicht weiter um mich bekümmert. Ich habe mich, ſoweit es ging, ehrlich durchgebracht, aber mich noch weiter durch⸗ zubringen, nachdem alles Uebrige durchgebracht iſt, bin ich außer Stande. Daß ich übrigens eine haushälteriſche Perſon bin, kannſt du mir glauben. Ich habe auch noch das Billet für die Ueberfahrt nach Trieſt aufbewahrt, um es, wenn ich wieder nach Alexandrien käme, benutzen zu können. Damit fing ſie an, in ihrem Strickbeutel nach dem Billet zu kramen. Laß es nur gut ſein, Beate! ſagte ich, wir wollen ſehen, was weiter zu thun iſt. Ich ließ es mir noch im Laufe deſſelben Tages angelegen ſein, ſie in einer anſtändigen Wohnung unterzubringen; denn bis dahin hatte ſie in dem verlornen Bettlerwinkel der five points ihre Herberge gehabt. Ein glücklicher Zufall wollte es, daß ſich einige Tage darauf ein neuer Heirathscandidat meldete, der kein Anderer war, als der Tſchu⸗ gatſchenprinz Knitſchogarsk, der ſich jetzt Agent für mehrere Thran⸗ handlungshäuſer nannte. Ich beſchied ihn zu mir und hatte in mei⸗ nem Bureau eine Unterredung mit ihm, aus der ich erfuhr, daß die Prinzeſſin Kax nun wirklich geſtorben ſei, wie er anführte, zum zwei⸗ ten und letzten Male, und daß er ein leidliches Auskommen habe, auch mit der Anfertigung eines Katalogs für eine Centralinduſtrie⸗ ausſtellung ſämmtlicher Eskimoſtämme beſchäftigt ſei. Auf meine Frage, welche Induſtriegegenſtände auf dieſer Ausſtellung zu ſehen ſein würden, ſagte er: nun, die Kuruſen haben eine ſchöne Pelz⸗ mütze und das in Seehundsleder gebundene Exemplar des„Werther“ zu liefern verſprochen, die Gurkhuſen haben ein Paar Pelzſtiefeln und die Tſchugatſchen einen Weiberunterrock aus Rennthierfell zugeſagt, außerdem werden einige zwanzig Sorten Thran feinſter Qualität ausgeſtellt werden, die Jedermann gleich auf der Stelle proben kann, außerdem—. Ich unterbrach ihn mit der Bemerkung, ich wiſſe nun — 362— genug, habe aber noch eine ſehr wichtige Angelegenheit mit ihm zu beſprechen, und brachte nun die Unterhaltung auf Beate. Ich be⸗ merkte bald, daß die alte Liebe im Herzen Knitſchogarsk's noch nicht eingeroſtet ſei, und es fiel mir keineswegs ſchwer, ihn zu einer Be⸗ ſprechung mit Beate zu überreden. Dieſes Zuſammentreffen fand im Laufe des nächſten Tags in mei⸗ nem Bureau und in meiner Gegenwart ſtatt. Ich ſtellte Beiden vor, wie die wunderbare Art ihres jetzigen Sichwiederfindens recht deutlich beweiſe, daß ſie vom Himmel für einander beſtimmt ſeien; ich machte dem Prinzen bemerklich, daß Beate in ihrer Heimath zwar ſo ziem⸗ lich als eine veritable Eskimo gelten, unter den Eskimos ſelbſt aber als eine Gelehrte angeſtaunt werden würde, da ſie ihren Namen ziem⸗ lich leſerlich ſchreiben und deutſche Räuberromane in der Urſprache recht fertig leſen könne; Beaten aber führte ich zu Gemüthe, daß Knitſchogarsk, wie er mir bereits geſtern geſtanden, häufig am Poda⸗ gra leide, mithin einer ihrer Hauptwünſche erfüllt ſei. Sie kam frei⸗ lich, wie Weiber ſind, immer wieder auf den Abſcheu zurück, den ſie gegen Knitſchogarsk's Vorliebe für den Thran hege; als ich jedoch in den Heirathscontract die Klauſel aufnahm, daß Knitſchogarsk zwar täglich ſeine Ration an Thran haben, niemals aber von ſeiner Gattin verlangen ſolle, an ſeinem Thranfrühſtück Theil zu nehmen, war ſie's auch zufrieden. Beide wurden nun zum zweiten Male zu einem Ehepaare zuſam⸗ mengelöthet und führten mit einander eine recht glückliche Ehe. Er beſorgte ſeine Thrangeſchäfte, wobei manches Kännchen für ihn abfiel, und„Mutter Beate“ wuſch und kochte für einige Junggeſellen, die in demſelben geſetzten Alter ſtanden wie ſie, weshalb ich an nichts Arges denken mag. Der harmloſe Eskimo wenigſtens dachte an nichts dergleichen; er dachte über⸗ haupt an nichts als an das fünfte Element aller Eskimos, den Thran. Wenig ſpäter machte ich einen kleinen Ausflug nach San Fran⸗ cisco, und zwar in folgender gewiß originellen Weiſe. Von zwanzig zu zwanzig engliſchen Meilen ließ ich gewaltige Pfähle errichten und von einem Pfahl zum andern eine Maſſe Gummi mit aller Gewalt ſo ausſpannen, daß ſie in der Stärke und Form eines Schifftaus von einem Pfahl zum andern reichte. Nun ſetzte ich mich rittlings auf dieſes Gummiſeil, ließ es knapp hinter mir durchſchneiden, und ſchnurr! 5 — 363— ſchnappte das Gummiſeil bis zum nächſten Diſtanzpfahl zuſammen, und ich war um zwanzig engliſche Meilen vorgerückt. Eine ſchnellere Reiſemethode gibt es gewiß nicht. Dennoch möchte ich ſie nicht zum allgemeinen Gebrauche empfehlen; denn das Ziehen der Gummiſeile von New⸗York bis San Francisco nahm ein ganzes Jahr in An⸗ ſpruch, ehe ich daran denken konnte, meine Reiſe anzutreten, und koſtete mich beträchtliche Summen. Im Uebrigen muß ich bemerken, daß ich dieſe Idee einem Geſpräche mit dem ſeligen Herloßſohn ent⸗ lehnt hatte, der jedoch dabei nur die Diſtanz von ſeiner Wohnung in der Hainſtraße zu Leipzig bis zum Schweizerhäuschen im Roſenthale im Sinne hatte, und ſelbſt für dieſe kurze Strecke kam er mit der Ausführung der Idee nicht zu Stande. Aus gewiſſen topographiſchen und territorialen Gründen hatte ich mein Gummiſeil über den Coloradofluß legen laſſen. Hier angekom⸗ men, wurde meine Aufmerkſamkeit durch eine Scene gefeſſelt, die mir keineswegs ein wohlgefälliger Anblick war, obgleich ſie mir neuerdings bewies, welch ein prophetiſcher Blick in die Zukunft mir zu Gebote ſtehe. Es wurde nämlich gerade ein junger Menſch gelyncht, das heißt an den Aſt eines Baumes aufgeknüpft, nachdem das Volk über ihn zu Gericht geſeſſen hatte. Bei näherer Erkundigung erfuhr ich, daß der Burſche mehrere gewaltſame Einbrüche in der Umgegend und dabei auch einige Todtſchläge verübt hatte, die denen, welche davon betroffen wurden, ſehr ungelegen gekommen waren. Man machte daher kurzen Proceß mit ihm, denn lange pflegt man ſich in jenen Gegenden bei ſolchen Bagatellſachen nicht aufzuhalten:„Time is money“; und wenn man damit fertig iſt, geht man wieder mit größ⸗ ter Gemüthsruhe an ſeine bürgerlichen Geſchäfte, als ob nichts weiter geſchehen wäre. Wer ſich übrigens nicht fangen läßt, kommt auch dort, wie in Nürnberg, mit heiler Haut davon; denn man hat auch in Californien noch Niemand gehängt, bevor man ihn gehabt hätte. Als ich mich nach dem Namen des Delinquenten erkundigte und mir dieſer genannt wurde, erſchrak ich; denn ich durfte nun nicht mehr zweifeln, daß dieſer Burſche derſelbe ſei, dem ich bei ſeiner Taufe in Beutelfurt dieſes Schickſal vorausgeſagt hatte. Da war nun der „langgeſtreckte Aſt“, welcher das„Früchtchen“ trug! 6 — 364— Was ich eigentlich in Californien wollte, wußte ich ſelbſt nicht recht. Das Goldwaſchen und Goldgraben hatte ſeit einiger Zeit in größerem Maßſtabe begonnen, und es machte mir Spaß, dieſem tollen dämoniſchen Wühlen nach einem Metall zuzuſehen, welches, wie der Leſer weiß, von mir verfälſcht war. Da dieſes falſche Gold aber einmal als ächtes angeſehen wurde und bereits in geprägten Münzen curſirte, ſo ſah ich nicht ein, warum ich den Schwindel nicht mit⸗ machen und meinen Vortheil davon ziehen ſollte. Begreiflicherweiſe mußte ich wiſſen, wo die größten Maſſen verborgen waren, und ſo wurde mein Hacken und Schaufeln und Graben und Waſchen mit einem Erfolge gekrönt, der die Begriffe Aller überſtieg und mir den Neid, den Haß und die Verfolgung der übrigen Minengräber zuzog. Um nicht ein klein wenig gelyncht zu werden, begab ich mich nach San Francisco und tauſchte meinen Goldvorrath gegen ehrliche alte Ducaten um. Dann ging ich wieder auf einige Tage nach den Gold⸗ minen zurück und machte mir den Scherz, Abends bald da, bald dort in den Bergſchluchten ein furchtbares höhniſches Gelächter anzuſtim⸗ men und damit die Goldgräber zu ſchrecken und von Platz zu Platz zu vertreiben. Denn es verbreitete ſich der Aberglaube, daß dieſes Gelächter von einem hämiſchen Kobolde herrühre, welcher in den Mi⸗ nen herumſpuke. Mir gewährte es aber die höchſte Genugthuung, dieſe wahnſinnigen Goldſucher einmal recht nach Verdienſt ausgelacht und mein Herz dadurch erleichtert zu haben. Es geht in gewiſſen Fällen nichts über ein Hohngelächter, ſo recht aus voller Bruſt! In San Francisco ſchwankte ich übrigens längere Zeit, ob ich Steine⸗, Kleider⸗ oder Geiſterklopfer werden ſollte, denn dieſe Ge⸗ ſchäfte gingen zu der Zeit gleich gut, und in der Kunſt des Geiſter⸗ klopfens hätte ich mir ja die literariſchen Geiſterklopfereien unſerer Gelehrten und Kritiker zum Vorbild nehmen können. Es gelüſtete mich auch ſtark, den Yankees den Geiſt des verſtorbenen Nachtwächters von Schnipphauſen und überhaupt den Geiſt, den ſie nicht haben, heraufzubeſchwören. Aber dieſer neueſte Yankee⸗Schwindel war mir doch zu ſtark! Ich habe mich, wie der Leſer weiß, immer nur auf ſolide und der Menſchheit nützliche Unternehmungen eingelaſſen. ber nach zehr chine will nen Hal For dieſe bem Kor ſelh nich daß Por ihr beſſ Achtundzwanzigſtes Kapitel. Um als religiöſes Oberhaupt Erfolg zu haben, ſind folgende Eigenſchaften erforderlich: eine ſtatt⸗ liche imponirende Leibesgeſtalt, eine ſonore Stimme, Talent zur Mimik, viel Glück bei den Frauen und möglichſt viel Unverſchämtheit. Macchiavelli. Es iſt der Welt ſchon ſo viel vorgemacht wor⸗ den, daß man nur nachzumachen braucht, um etwas zu werden. 4 N — N. Ein Oſtindienfahrer, der gerade in San Francisco zur Abfahrt bereit lag, brachte mich eines ſchönen Morgens auf den Gedanken, nach Calcutta zu ſegeln, um hier meine Ducaten als Nabob zu ver⸗ zehren. Ich habe alſo in dieſem Kapitel von meiner auſtraliaco⸗indo⸗ chino⸗tibetaniſchen Periode zu ſprechen. Die Fahrt ging ohne beſondere Zwiſchenfälle von ſtatten, und ich will nur erwähnen, daß die Königin Pomare, der ich unterwegs mei⸗ nen Beſuch abſtattete, große Neigung zu mir faßte und mir ihre Hand anbot. Ich erklärte ihr jedoch in der nöthigen chevaleresken Form, niemals mehr eine Königin heirathen zu wollen, weil ich in dieſem Geſchäft bereits die bitterſten Erfahrungen gemacht habe. Sie bemerkte hierauf, daß ſie es nicht für möglich gehalten, von mir einen Korb zu bekommen, da ja ihr ehemaliger Freund Ludwig Philipp ſelbſt ihr einmal unter der Hand habe ſagen laſſen, daß, wenn er nicht verheirathet wäre, er keine Andere als ſie heirathen würde, und daß ſowohl Lord Palmerſton, als Lord John Ruſſell, deſſen reizendes Portrait ſie aus dem Londoner„Punch“ kenne, in ähnlicher Weiſe ihr Bedauern ausgedrückt hätten, ſie nicht zur zweiten und zwar beſſeren Hälfte ihres Ich machen zu können. Trotzdem blieb ich feſt und bemerkte nur: Beleidigen Eure Majeſtät mich nicht durch ſolche - 66— Zuſammenſtellungen! Ihr ehemaliger Freund Ludwig Philipp iſt ge⸗ ſtürzt, Ihre eben ſo edlen Freunde Palmerſtonchen und Johnny ſind ſchon mehrmals geſtürzt und werden noch öfter ſtürzen, ohne ſich frei⸗ lich daraus etwas zu machen, denn ſie fallen immer auf den Hoſen⸗ bandorden, und der ſchützt ſie vor Knieverletzungen; ich aber, Fritz Beutel, ein Nachkomme Teut's, ich bin immer derjenige, welcher ich war und ſtets ſein werde. Mich bringt Niemand zu Fall, oder ich würde die Welt in meinen Fall mit niederreißen. Ich hänge nicht vom Winde der Volksgunſt ab, denn ich habe meinen eigenen Wind, und der iſt mächtiger als alle anderen Winde. Dieſe Worte, in vollem Mannesbewußtſein ausgeſprochen, konnten die Verehrung der Königin Pomare für mich nur vermehren; aber ich blieb meinem Vorſatze treu und ſegelte ab. Wie ich höre, iſt ſeit⸗ dem das vierte Buch der Aeneide ihre Lieblingslectüre, jenes Buch, worin Dido dargeſtellt iſt, wie ſie ihrem Aeneas die bitterſten Thrä⸗ nen nachweint und ſich zuletzt ſelbſt entleibt und entrumpft. Sie ſoll aber dieſes Buch nur in der Blumauer'ſchen Traveſtie leſen, und da⸗ her mag es wohl kommen, daß ſie ſich noch nicht entrumpft hat, und wenn ſie ſich hängt— an den Hals eines Andern hängt. Kaum war ich abgeſegelt, als ein wunderbarer Gegenſtand meine Blicke auf ſich zog. Es flatterte Etwas über den Ocean daher, wel⸗ ches mir ein ſehr großer fliegender Fiſch zu ſein ſchienz aber auf dem Rücken des Fiſches befand ſich noch ein Ewas, das einer menſchlichen und zwar weiblichen Geſtalt auf ein Haar ähnlich und in weiße weit nachflatternde Gazekleider eingehüllt war. Das Compoſitum von Fiſch, Vogel und Menſch kam näher und näher, und bald erkannte ich, daß der Fiſch ein wirkliches weibliches Weſen auf ſeinem Rücken trug. Endlich erkannte ich Züge in dem Antlitz der Reiterin, welche die Züge Beatens waren, aber durch die meinen weſentlich modificirt und idealiſirt. Unwillkürlich rief ich: Guitarria Cichoria Cigarretta! und auf dieſen Ruf lenkte ſie, nämlich die Reiterin, ihren Fiſch gerade auf unſer Fahrzeug zu und ließ ſich auf dem Deck mit ihm nieder. Sie ſtieg ab, und der Fiſch blieb zappelnd liegen, worauf die Ama⸗ zone ſofort einen Eimer mit Waſſer ergriff und den Inhalt deſſelben auf ihn entlud, um ihn nicht verſchmachten zu laſſen. — — 367— Mit der Energie, die ihrem ganzen Weſen eigen zu ſein ſchien, ſank nicht, ſondern ſtürzte ſie in meine Arme. Mein Vater! Niemand anders kann mein Vater ſein als du! Und Niemand anders kann meine Tochter ſein als du, Cigarrettchen! rief ich. Und aus der Umarmung ging es ans Erzählen. Doch war ihre Geſchichte ſo lang und an wunderbaren Ereigniſſen ſo reich, daß ich ſie mir auf eine Fortſetzung dieſer Memoiren, die das Publikum ohne Zweifel verlan⸗ gen wird, verſparen muß, und ich hier nur das Nothdürftigſte geben kann. Es war Cigarretta, meine erſtgeborne Tochter. Sie war an einen König der Südſeeinſulaner verheirathet, der eine bisher noch allen Südſeefahrern unbekannte Inſel beherrſchte; auch hatte ſie be⸗ reits einen Prinzen ans Licht der Welt geſetzt; und zwar ohne Heb⸗ amme, wie ſie ausdrücklich bemerkte, denn das Ereigniß ſei ihr wider⸗ fahren, als ſie gerade einen kleinen Spazierflug nach Neu⸗Seeland gemacht habe. Als ſie mir den Wunſch zu erkennen gab, daß ich ſie nach ihrem Reiche begleiten ſolle, ſagte ich: davon ſpäter! und als ich ihr meinen Wunſch ausdrückte, daß ſie mich begleiten ſolle, ſagte auch ſie: davon ſpäter! Sie erklärte mir, daß es für ſie kein grö⸗ ßeres Vergnügen gäbe, als auf einem ihrer fliegenden Fiſche, von denen ſie ganze Schaaren halte, den Ocean und die auſtraliſche Inſel⸗ welt zu durchſtreifen; denn daran ſei ſie von früheſter Jugend an gewöhnt; wenn ich aber einmal in Noth kommen ſolle, ſo werde ſie mit den Ihrigen zur Hand ſein. Dieſes Wiederſehen war ſo kurz als erbaulich. Cigarretta geſtand, daß ſie auf dem Schiffe nicht mehr auszudauern vermöge. Dieſe Bewegung ſei ihr zu langſam; zwiſchen Ocean und Himmel dahin zu fliegen, das ſei ein Vergnügen, und damit ſchwang ſie ſich auf ihren Fiſch, gab dieſem einen Klaps und ſchwebte mit ihm davon, mir noch aus der Ferne ſehr graciös einige Kußhände zuwerfend. Die ganze Erſcheinung huſchte mir wie ein Traumgebild vorüber. In Calcutta angekommen, kaufte ich mir in der Nähe der Stadt eine prächtige Villa, welche gerade feil war, und richtete mich auf den Fuß eines indiſchen Nabob ein. Vor allen Dingen nahm ich ein Dutzend Bayaderen, ſo jung und reizend ich ſie bekommen konnte, in meinen Dienſt, welche mir abwechſelnd, wenn ich in der Veranda meine — 368— Sieſta hielt, mit Palmenfächern und Pfauenwedeln Kühlung zufächeln und die Mosquitos abwehren mußten. Oefters veranſtaltete ich große Jagdpartien weit ins Land, zu welchen ich die Offciere ſämmtlicher in der Präſidentſchaft Calcutta ſtationirender engliſcher Regimenter einlud. Häufig erlegte ich dabei mit eigener Hand Hunderte von Tigern, Leoparden, Panthern, wilden Elephanten und Rieſenſchlangen. Man ſtaunte meine Thaten an, ohne ſie begreifen zu können. Der Generalgouverneur und ſeine Stabsofficiere und höchſten Beamten wurden meine täglichen oder viemehr nächtlichen Gäſte; denn Tags wurde meiſt geſchlafen und Nachts dafür geſchwärmt. In den nie aufhörenden Streitigkeiten mit den einheimiſchen Hindufürſten über⸗ nahm ich nicht ſelten die Vermittlerrolle, und wenn es während der letzten Jahre vergleichsweiſe in den Beſitzungen der oſtindiſchen Geſell⸗ ſchaft ſo ruhig geblieben iſt, ſo verdankt man dies hauptſächlich meinen weiſen Rathſchlägen. Die oſtindiſche Compagnie bewies mir auch ihre Erkenntlichkeit, indem ſie mir aus London ein mit höchſter typogra⸗ phiſcher Pracht ausgeſtattetes Diplom zuſchickte, durch welches ich zum Ehrenmitgliede des oſtindiſchen Directoriums ernannt wurde. Inzwiſchen hatte ſich in Tibet das Gerücht verbreitet, daß der Gott Buddha abermals eine Incarnation erlebt habe und daß ich dieſe Incarnation ſei. Ich erſtaunte nicht wenig— ſoweit ich über⸗ haupt noch über Etwas erſtaunen konnte— als ich eines Tags ſich eine unendlich lange Proceſſion gegen meine Veranda bewegen ſah, beſtehend aus Hunderten tibetaniſcher Großen und Oberprieſter, die auf Elephanten ritten oder in Palankins getragen wurden. Voran ſchritt der Reichselephant, der über und über mit den köſtlichſten, mit Gold geſtickten Teppichen behangen war. An meiner Villa angekommen, ſtiegen die Abgeſandten der tibe⸗ taniſchen Nation von ihren Elephanten oder aus ihren Sänften, fie⸗ len vor mir, der ich gerade in der Veranda ſaß und meine Cigarre rauchte, aufs Angeſicht nieder und riefen: Mächtiger, erhabener Gott Buddha, zertritt uns nicht mit der Elephantenſchwere deiner heiligen Füße! Mächtiger, erhabener Gott Buddha, vernichte uns nicht mit dem verzehrenden Blick deiner Augen! — 369— Mächtiger, erhabener Gott Buddha, blaſe uns nicht weg mit dem Hauche deines Mundes und ſei unſer Dalai⸗Lama! Erbärmliches Erdgewürm! Scrophulöſes Geſindel! gänzlich über⸗ flüſſige Bummler aus Tibet! antwortete ich. Allerdings könnte ich euch wegblaſen mit einem Hauche meines Mundes, denn ihr wiegt vor mir ſo leicht wie eine Feder! Damit fing ich an meine Backen aufzublaſen, als wollte ich puſten, und als ſie dies ſahen, ſchlugen ſie dreimal mit den Köpfen gegen den Erdboden und riefen: Gnade, Gnade! ſchone uns, furchtbarer Buddha! Ich aber fuhr fort: Cnade ſoll euch werden, nicht weil ihr ſie verdient, ſondern aus Mitleid. Ich habe incognito bleiben wollen, aber ich ſehe, daß ich er⸗ kannt bin. Ja, ich bin Gott Buddha, und was für einer! Rein aus Mitleid für euch Nichtsnutze habe ich mich wieder einmal ſo weit herabgelaſſen und mich in dieſes Futteral gebrechlichen Menſchenfleiſches geſteckt; ich bin der eingefleiſchte Buddha. Fritz Beutel iſt, Alles in Allem gerechnet, ſeit Beginn der Welt meine dreitauſendſte Incarnation. Würdigt dieſe Gnade, mit der ich mich zu euch herablaſſe, und ſchrumpft in euer Nichts zuſammen! Ich will wieder einmal mit euch einen Ver⸗ ſuch machen und euer Dalai⸗Lama ſein, aber nur unter der Bedingung, daß ich meine zwölf Bayaderen mit mir nehmen darf und daß wir einen Contract ſchließen in Betreff des Gehalts und anderer Leiſtungen. Denn wer kann euch Schelmen trauen? ihr ſeid im Stande, Gott Buddha ſelbſt zu betrügen. Was gebt ihr mir zu eſſen und zu trinken? Ich erinnere mich an den Küchenzettel eines Dalai⸗Lama nicht mehr; denn es iſt lange Zeit her, ſeit ich zum letztenmal tibetaniſcher Dalai⸗ Lama vor. Alle Dalai⸗Lamas ſeit dreihundert Jahren ſind unechte geweſen, Lügner, Erzſchelme und Betrüger! Alſo, ihr Rüpel, was gebt ihr mir zu eſſen und zu trinken? Antwortet! Stotternd und zitternd ergriff endlich der Oberprieſter das Wort und ſagte: Als Getränk dient unſerm Dalai⸗Lama nur der Thau, der allmorgentlich von gewiſſen Gebirgskräutern eingeſammelt wird, übri⸗ gens ſehr gewürzig, geſund und erfriſchend iſt; als Nahrung nur Reis⸗ kuchen und Früchte, dieſe jedoch von feinſter Qualität. D. B. X. Fritz Beutel, v. Marggraff. 24 -— 370— Ein etwas einfacher Küchenzettel! bemerkte ich hierauf, eine halbe Hungerkur! Indeß habe ich mir in der letzten Zeit leider den Magen verdorben und leide an Kolik und Indigeſtionen. Dieſe Diät wird mir gut thun, und ich erkläre mich bereit, auf dieſe Vorſchriften ein⸗ zugehen. Wir kamen über dieſen Punkt, wie über die Bedingungen in Be⸗ treff des Gehalts und unſerer ſonſtigen gegenſeitigen Pflichten und Rechte überein, wobei die Abgeſandten erklärten, daß ſie in meine hohen Honorarforderungen nur willigten, um doch endlich wieder ein⸗ mal einen incarnirten Buddha zum Dalai⸗Lama zu haben, und wir ſetzten darüber einen Contract auf. Nur der einen Bedingung, daß ich mich niemals einer Lüge ſchuldig machen dürfe, ließ ich die Klau⸗ ſel hinzufügen: außer in den Fällen, wenn ich Jemanden fände, der meinen Lügen auch Glauben beimeſſe. Nachdem dies geſchehen, nah⸗ men ſie ſofort einen etwas weniger demüthigen Ton gegen mich an, theils weil ſie nun meiner ſicher zu ſein glaubten, theils weil ſie dafür hielten, daß ſie ſelbſt mit einem Buddha, der ſich ſo gut bezahlen ließe, nicht allzureſpectvoll verfahren dürften. Der Zug ging nun nach Tibet zurück, mitten durch Indien hin⸗ durch, über einen Paß des Himalaya hinweg. Ich ritt auf dem Reichs⸗ elephanten, auf dem auch in langer Reihe meine zwölf Bayaderen Platz nahmen, gleich hinter mir die jüngſte und ſchönſte, die auch am Beſten geeignet war, mir auf der weiten Reiſe die Langeweile zu ver⸗ treiben durch ihr ſüßes Geplauder und ihr pikantes Geklatſch über die Familiengeheimniſſe und Liebesabenteuer dieſes oder jenes indiſchen Na⸗ bob oder engliſchen Land⸗ oder See⸗Offiziers. Denn auf dem Felde war ſie zu Hauſe, weshalb ich ihr auch rieth, ihre jungen Erinnerungen und Erfahrungen unter dem Titel„Memoiren einer Bayadere“ heraus⸗ zugeben, welche unfehlbar großes Aufſehen erregen würden. In meiner geiſtlichen Reſidenz in Tibet angekommen, ſah ich mich aufs allerfeſtlichſte empfangen. Die ganze Stadt ſtrahlte von benga⸗ liſchem Feuerwerk und dem bunten Licht chineſiſcher Lampen; gluth— äugige und ſchlankgliedrige Weiber führten vor mir die verführeriſch⸗ ſten Tänze auf, denn ſie meinten wahrſcheinlich, daß an einem einge⸗ fleiſchten Gott nichts mehr lzu verführen ſei, und unzählige Inſtru⸗ halbe agen wird ein⸗ Be⸗ und neine ein⸗ wir daß dlau⸗ der nah⸗ an, dafür ließe, hin⸗ tichs⸗ aderen ch am u ber⸗ er die 1' Ma⸗ ewar ungen eraus⸗ h mich benga⸗ gluth⸗ reriſch⸗ einge⸗ Iine 321— mente, Doppelpauken, Tſchongs(Seemuſcheln), Gongs(Flöten aus Menſchenſchenkeln), Trompeten, Cymbeln und Hoboen machten einen wahrhaften Höllenlärm. Wie glücklich würde ſich Giacomo Meye⸗ rino Beerini ſchätzen, wenn er jemals über ein ſolches infernaliſches Orcheſter verfügen könnte! Im Ganzen hatte ich als Dalai⸗Lama ein ſehr bequemes Leben. Zwar die Küche war einfach und ich hielt mein in dieſer Hinſicht ge⸗ gebenes Verſprechen. Es wurden mir nur Reiskuchen und Früchte auf die Tafel gebracht. Doch war es mir ſehr bald gelungen, den Küchenmeiſter in mein Vertrauen zu ziehen, und wenn ich die oft ſehr koloſſalen Früchte zerlegte, ſo fand ich darin bald ein gebratenes Täub⸗ chen, oder ein gebratenes Repphühnchen, oder eine köſtliche Fiſch⸗ oder Fleiſchpaſtete und dergleichen mehr. Da ich der Vorſchrift gemäß allein ſpeiste, ſo ſah dies Niemand. Dagegen genoß ich, ſo lange ich Dalai⸗Lama war, als Getränk in der That nichts als den von aroma⸗ tiſchen Gebirgskräutern in Kryſtallflaſchen eingeſammelten Morgenthau, der durch Eis friſch und kühl gehalten wurde. Er übertraf jedes andere in Tibet bereitete Getränk an Wohlgeſchmack und bekam mir ſehr gut, ſo daß ich von Tag zu Tag mich mehr verjüngte. Mein Teint wurde wieder jugendfriſch, meine Runzeln und Falten glätteten ſich und meine Bayaderen geſtanden, daß ſie noch nie einen ſchöneren Mann geſehen hätten. Was aber meine Bayaderen ſagten, darauf konnte ich mich verlaſſen als ſagte ich es ſelbſt. Meine Functionen waren ſehr einfacher Art. Sie beſtanden darin, daß ich alle Vierteljahre auf dem Rücken der großen Reichsſchildkröte nach der allgemeinen Landespagode reiten mußte, um hier gewiſſe Ceremonien zu vollziehen. Da dieſe Pagode jedoch von meiner Reſi⸗ denz ziemlich entfernt lag, der Gang einer Schildkröte bekanntlich aber etwas langſam iſt, ſo war ich genöthigt, meinen Ritt ſchon vier Wo⸗ chen vor jedem Vierteljahresſchluß anzutreten. Außerdem war es mein Amtsgeſchäft, alle Feiertage, deren es in Tibet eine ſehr große Zahl gibt, auf einem hierzu abgerichteten und für gewöhnlich in einem goldenen Käfig gehaltenen Himalaya⸗Adler über der Reſidenzſtadt bis zu einer gewiſſen Höhe emporzuſteigen, die heiligen Reliquien, welche ich in einem elfenbeinernen Käſtchen auf meinem Schooße vor mir hatte, 24* 32— hervorzulangen und der andächtigen Volksmenge zu zeigen und zum Schluſſe der feierlichen Handlung unter dem betäubenden Schalle von Pauken, Drommeten und Flöten die Hände ſegnend über die Stadt zu breiten. Ich vollzog alles dies mit einer Würde und Grazie, daß namentlich die Frauen ganz entzückt von mir waren und einmal über das anderemal ausriefen: Nein, ſo ein ſchöner Dalai⸗Lama muß auf der Welt nicht mehr gefunden werden! Es that mir leid um die Weiber; denn nachdem ich ein Jahr lang Dalai⸗Lama geweſen war, fing mir dieſes Leben mit ſeinem ermüden⸗ den Einerlei an langweilig zu werden und ich beſchloß, mich davon zu machen. An einem Feiertage— ich hatte gerade Tags vorher meinen Gehalt für ein ganzes Jahr, dem Contract gemäß, pränumerando erhalten und das Reliquienkäſtchen ſtatt der Reliquien damit gefüllt— ſtieg ich wieder mit meinem Adler in die Luft empor. Auf einer gewiſſen Höhe angekommen, hielt ich, wie immer, meinen Adler an, erhob meine mächtige Stimme und rief auf die nicht wenig überraſchte Volksmenge herab: Höchſt einfältiges Volk von Tibet! Meinem Contracte gemäß durfte ich als Dalai⸗Lama nur in ſolchen Fällen lügen, wo ich Jemand fände, der meinen Lügen auch Glauben beimaß. Ich habe dieſen Punkt des Contracts getreulich gehalten. Ich fand ein ganzes Volk, welches mei⸗ nen Lügen glaubte, und darum habe ich gelogen. Ich bin nicht der eingefleiſchte Gott Buddha; ich bin Fritz Beutel aus Schnipphauſen. Es war übrigens für euch eine große Chre, daß ich mich dazu herge⸗ geben habe, euer Dalai⸗Lama zu ſein. Ich habe es jedoch ſatt, mich ferner unter euch zu langweilen. Verharrt in eurer Dummheit, denn wenn ihr nicht dumm wäret, ſo würde es unter euch vor langer Weile gar nicht auszuhalten ſein. So aber iſt eure Dummheit für einen gebildeten Mann ein immerhin intereſſantes Schauſpiel, wie das⸗ jenige euch ſein wird, welches ich ſo eben zum Beſten geben werde. Damit gab ich meinem Adler einen Schenkeldruck in die Flanken und die Richtung nach Oſten, und das edle Thier, zum Gefühl der Freiheit plötzlich wieder erwachend, durchſchnitt mit mir die Luft ſchnell wie ein befiederter Pfeil. — 373— Bald erblickte ich China unter meinen Füßen. Dieſes ebene Land kam mir aus dieſer wahrhaften Vogelperſpective vor wie ein Nipptiſch mit allerlei zierlich gearbeiteten Putz⸗ und Spielſachen. Hier ein ge⸗ radliniges Kanälchen, darüber ein zierliches Brückchen, dort ein Gärt⸗ chen, mit verſtutzten Zwergbäumchen, hier ein Pagödchen, wie aus Pappe geſchnitzt, dort ein Häuschen, mit kleinen Glöckchen daran, hier ein Haufen Chineſen, die wie gypſerne Püppchen ausſahen und einander mit ihren kahlen bezopften Köpfen zunickten, dort ein Mandarinchen, der einem Verbrecherchen einige Hiebe mit dem Bambusröhrchen ver⸗ abreichte und dazwiſchen ganz gemüthlich ein Schälchen Thee ſchlürfte. Die in regelmäßige Quadrate getheilten Städte erſchienen mir wie Schachbrette und die Menſchen darin wie elfenbeinerne Schachfiguren, und ich erwartete immer, daß ſich zwei Rieſen, der eine an dieſes, der andere an jenes Ende der Stadt feten und das Spiel mit den Figür⸗ chen beginnen würden. Mein Adler ließ ſich eendlich vor einem großen Garten nieder, der auf einer Anhöhe lag, von welcher ſich mir die Ausſicht auf eine unermeßliche Stadt eröffnete. Dieſe Stadt war keine andere als Peking, und der Garten kein anderer als des Kaiſers Garten. Nachdem ich von des Adlers Rücken geſtiegen, ſchwang er ſich in die Lüfte empor und entſchwand meinen Blicken. Was konnte er auch Beſſeres thun? Ich trat durch den Thorweg in den Garten, ohne in dieſem Augen⸗ blick zu wiſſen, wem der Garten gehöre. Kaum befand ich mich darin, als zwei Mandarine, der eine ein Mandarin mit dem Rubinknopf, der andere ein Mandarin mit der Pfauenfeder, auf mich zutraten, mich am Aermel faßten, und von denen der mit dem Rubinknopf zu mir ſagte: Quang⸗Yanga, Quang⸗Yanga!(Fremdling, Fremdling!) dieſer Eintritt in den Garten iſt auch der Austritt aus deinem Leben! und der an⸗ dere mit der Pfauenfeder: Quang⸗Yanga, Quang⸗Yanga! an welcher Ecke dieſes Gartens willſt du begraben ſein? Damit ſchwangen ſie ihre Bambusſtöcke gegen mich, die mir jetzt gar nicht ſo zierlich vor⸗ kamen als ſie mir aus der Vogelperſpective erſchienen waren. Gemach, gemach! antwortete ich in chineſiſcher Sprache, die ich in Tibet erlernt hatte, davon wird ſich ja wohl noch ſpäter ſprechen laſſen. Und ich warf Beiden einen Blick zu, daß ſie ihre Bambusſtöcke fallen — 374— ließen und dabei mehrere Goldorangen abſchlugen, was ſie noch be⸗ ſtürzter machte; denn ſie ſahen für dieſe unverzeihliche Ungeſchicklich⸗ keit ſelbſt einer kleinen Baſtonnade entgegen. Wer iſt der Herr dieſes Gartens? fragte ich. Die Sonne der Vernunft! der Mittelpunkt im Reiche der Blume der Mitte! der Sohn des Himmels! das Sein des Werdens in ſeiner höchſten Potenz— unſer Herr der Kaiſer! antwortete der Mandarin mit dem Rubinknopf. Vertrockneſt du nicht, wie eine Priſe Schnupftabak, wenn ſie der Sonne zu lange ausgeſetzt wird? fragte der Mandarin mit der Pfauen⸗ feder. Nein, rief ich entſchloſſen, führt mich zu eurem Herrn, oder das Donnerwetter——— Bei dieſen Worten zuckten die Mandarinen vor Schreck zuſammen, als wären ſie vom Blitz getroffen; ſie beſprachen ſich heimlich und eröffneten mir dann, daß ſie mich zu der„Sonne der Ver⸗ nunft“ führen wollten, nur müſſe ich mir die Augen verbinden laſſen. Ich verſtand ſofort, was ſie beabſichtigten; ſie wollten mir die Augen verbinden, weil ſie meinen Blick nicht ertragen konnten, und beabſichtigten ohne Zweifel, mir unterwegs mit ihren Bambusſtöcken den Reſt zu geben. Ich ſagte Quod non! worauf der Mandarin mit dem Rubinknopf ausrief: Sie kennen meinen Namen? Ja, das iſt etwas Anderes! Allerdings heiße ich Quod⸗Non⸗Quod, und der Man⸗ darin mit der Pfauenfeder bemerkte: Und ich heiße Non⸗Quod⸗Non; denn wir ſind Vettern. Wir kamen hierauf überein, daß ich zwar rückwärts, aber mit unverbundenen Augen in das Palais des Kaiſers geführt würde, was denn auch geſchah. Im Bereich des kaiſerlichen Palais angekommen, mußte ich ziemlich lange warten, bis die beiden Mandarine wieder zurückkehrten und mir die Nachricht brachten: der Kaiſer geruhe mich ſprechen zu wollen, er ſei ſo eben im Opium⸗Collegium und es werde ihm lieb ſein, wenn ich daran Theil nehmen wolle. Nur ſtelle er, mir die Bedingungt: entweder rauche ich ihn nieder, dann ſolle ich ſein Schwiegerſohn und der Gemahl ſeiner fünfzigälteſten Tochter werden(denn der Kaiſer 3753 hatte von ſeinen unzähligen Gemahlinnen bereits 250 Töchter), oder er rauche mich nieder, und dann, ſo leid es ihm thue, müſſe ich einen Kopf kürzer gemacht werden, nur um einen, da ich ja leider nicht mehr als einen beſitze. Obſchon ich noch niemals Opium geraucht hatte, nahm ich dieſe Bedingungen doch an und ſetzte dadurch meine Freunde, die Man⸗ darine, in nicht geringe Verwunderung. Na, ſagte Quod-Non⸗Quod, da werden Sie etwas zu thun be⸗ kommen; unſer Kaiſer iſt ein Hauptraucher; und Non⸗Quod⸗Non ſagte: Ich rauche auch wohl mal gern ein Pfeifchen, aber ins Opium⸗ Collegium bringt mich Keiner. Einmal war ich drin, aber ich wurde gehörig ausgelacht, weil ich alles durch einander ſchwatzte, dem Kaiſer drohte, ihm für ſeine vielen Dummheiten die Baſtonnade geben zu laſſen, mich zuletzt ſelbſt für eine Pfeife anſah und die Opiumkörner ſtatt in die Pfeife gleich in meinen Mund ſtopfte; denn ich hielt dieſen für den Pfeifenkopf und meinen Leib für das Pfeifenrohr. Andern Tages glaubte ich, eine Baſtonnade ſei mir ſicher; aber mein. Herr, der Kaiſer, war ſehr gnädig, und geſtand mir, daß er Zeit ſeines Le⸗ bens nicht ſo viel gelacht habe als geſtern. Im Uebrigen dauern Sie mich, denn unmöglich werden Sie mit dieſem ausgelernten Raucher Stich zu halten im Stande ſein. Es iſt doch ſonderbar: jetzt gehen wir noch ſo gemüthlich zuſammen hier durchs Portal, und morgen ſoll Ihr Kopf darauf an einer Stange ausgeſtellt ſein. Denn ſo wird's kommen, und anders nicht. Nun wir wollen es abwarten, ſagte ich. Um den Kopf nicht zu verlieren, muß man ihn eben nicht verlieren; und ich verliere den Kopf niemals. Unter dieſem Geplauder waren wir beim Opium⸗Collegium ange⸗ kommen und ich wurde hineingeführt. Es war ein längliches ſehr räucheriges Gemach, an deſſen Wänden hölzerne Bänke hinliefen, auf welchen der Kaiſer(dieſer der Thüre gegenüber) und ſeine Generäle, Miniſter und Kammerherren ſaßen, opiumrauchend und ſämmtlich wie tactmäßig mit den Köpfen nickend. Der Kaiſer, der ein langes, über und über mit Drachenköpfen geſticktes, gelbſeidenes Gewand trug und — 376— glücklicherweiſe ſchon ein wenig von Opium beduſelt zu ſein ſchien, redete mich an: Fremdling, bitteſt du nicht um die Gnade, daß ich dir einen Fußtritt verſetze? Nein, himmliche Majeſtät, das werde ich niemals thun, antwortete ich ſtolz, indem ich mein Käſtchen mit meinem Baarvorrath auf der Bank rechts niederſetzte. Du gefällſt mir, Fremdling! Bei Opiumrauchern liebe ich dieſen Freimuth; denn wir ſind hier ganz entre nous. Du kennſt die Be⸗ dingungen, die ich dir ſtellen ließ? fragte er weiter. Ich kenne ſie, und acceptire ſie, antwortete ich. Nun ſo ſetze dich hier an meine Seite und zeige was du vermagſt! Es wurde mir nun eine Pfeife gebracht; und ich rauchte wie ein Alter, indem ich wie die Uebrigen immerwährend mit dem Kopfe nickte. Geſprochen wurde ſehr wenig, aber deſto mehr geraucht, Pfeife auf Pfeife. Ich hielt wacker aus und blies dem Kaiſer möglichſt den Dampf ins Geſicht, um ihn noch mehr zu betäuben. Es war ſchon ſpät in der Nacht und bereits lag mehr als ein Opiumraucher auf der Bank und ſchlief oder ſprach verwirrtes Zeug, was nicht von dieſer Welt war. Zuletzt blieben der Kaiſer und ich allein auf dem Platze. 3 Fremdling, du biſt ein ganz famoſer Kerl, ſagte endlich der Kaiſer zu mir, indem er mich auf die Schulter klopfte. Welcher Na⸗ tion gehörſt du an? Der Schnipphauſen'ſchen, antwortete ich kurz, immer mit dem Kopfe nickend. Allen Reſpect vor der ſchnipphauſenſchen Nation! ſagte der Kaiſer. Mir wird bereits, ich weiß nicht wie. Ich glaube ich fliege— ich bin ein Paradiesvogel. Damit ſtand er auf, breitete die Arme aus und verſuchte zu fliegen, fiel aber platt hin und lag am Boden. Ich richtete ihn wieder auf und nun glaubte er eine Bachſtelze zu ſein und hüpfte immer mit beiden Beinen zugleich, bis er wieder zu Boden ſtürzte. Abermals von mir aufgerichtet, bildete er ſich ein, ein Froſch zu ſein, indem er wie ein Froſch hin und her hüpfte und dabei ———⸗- e quakte. Dann meinte er wieder ein Pfau zu ſein, ſpreizte und brü⸗ ſtete ſich, reckte und drehte Hals und Kopf ſo weit es ging in die Höhe und ſuchte mit ſeinem ſeidenen Gewande hinten ein Pfauenrad zu ſchlagen. Hierauf war er wieder ein Fiſch, legte ſich platt auf den Bauch, machte die Bewegungen eines Schwimmenden und ſchnappte mit dem Munde wie ein Karpfen, was ſehr poſſierlich anzuſehen war. Endlich ſagte der Kaiſer ſtammelnd: Ich glaube, die Sonne der Vernunft fängt an ſich zu verdunkeln, und der Mond der Unvernunft in ſeinem erſten Viertel beginnt zu leuchten. Es iſt Zeit zu Bette zu gehen! Jemand hat mir meine Beine geſtohlen, ſetzt ihm nach, dem Diebe! Jemand hat meinen Kopf in die Taſche geſteckt— alle Taſchen in China ſollen durchſucht werden! Es iſt keine Ehrlichkeit mehr in der Welt; Glauben und Treue ſind an den Schandpfahl genagelt, und Ungerechtigkeit, Untreue, Beſtechlichkeit und Verrath ſind die Herren der Welt und gehen in purpurnen Gewändern. Das Raub⸗ thier zerreißt das Thier aus Hunger, nur der Menſch den Menſchen aus bloßer Luſt! Gold⸗, Blut⸗ und Liebesdurſt verwirrt die Sinne Aller! Es wachſen mehr Sünder in der Welt, als Bambusröhre, ſie zu züchtigen. Wären die Gotteshäuſer ſo voll als die Zuchthäuſer, dann wäre es eine Luſt, Geiſtlicher zu ſein, und wäre die ganze Welt ein Opium⸗Collegium oder ein Harem, und gäbe es keine Diplomaten und orientaliſche Fragen, ſo wäre es das beſte Geſchäft Kaiſer zu ſein. Wer mir ſagt, daß ich Kaiſer von China ſet, beleidigt mich; ich bin nichts als ein liberaler deutſcher Nachtwächter! Und damit fing er an zu tuten und ſich ſelbſt in den Schlaf zu tuten, bis ich den transcendental philoſophirenden Kaiſer auf den Arm nahm und ihn wie ein Kind auf die Bank legte, wo er einſchlief und nicht wenig ſchnarchte. Aber auch bei mir fing die„Sonne der Vernunft“ an ſich zu verdunkeln. Ich bildete mir ein, ſämmtliche ſchlechten Gedichte ſammt allen ſchlechten Recenſionen über ſie, die ſeit Guttenberg gedruckt worden ſind, verfaßt zu haben, und ich gab mir dafür eine kräftige Ohrfeige auf die linke Backe. Ich glaubte nun, daß mir der Kaiſer den Schlag verſetzt habe, und ich applicirte ihm dafür einen Backen⸗ ſtreich, daß er im Schlafe laut aufſchrie und rief: Süßes Mädchen! — 378— wenn du mir die Backen ſtreichelſt, ſo ſtreichele ſie wenigſtens mit deinen eigenen Sammethändchen und nicht mit einer Bürſte! Ich taumelte nun in den Garten hinaus, um die friſche Nachtluft einzuathmen. Aber die Hecken und Zwergbäume, die in den chineſiſchen Gärten bekanntlich zu allerlei Thiergeſtalten zugeſtutzt ſind, machten mir die fürchterlichſten Grimaſſen und die Drachenhäupter an den Dächern der Gartenhäuſer ſperrten ihre Mäuler gegen mich auf und ſtreckten mir ihre Zungen entgegen und ich that gegen ſie daſſelbe, weil ich mir plötzlich ſelbſt einbildete, ein Drache zu ſein. Indeß kam ich allmälig im Hauche der kühlen Nachtluft zur Beſinnung, und als die Morgenröthe heraufzudämmern begann, fühlte ich mich vollkommen vernünftig und nüchtern. Als ich in die Opiumhöhle zurückkehrte, fand ich den Sohn des Himmels, den Kaiſer China's, eben im Erwachen, gähnend, ſich ſchüt⸗ telnd und ſtreckend und mich mit gläſerner Augen anſtierend. Ich ergriff alsbald meine Pfeife, ſchüttete mir Opiumkörner darauf, ſetzte ſie in Brand und ſagte: Nun, Majeſtätchen! wie iſt's? Noch ein Morgenpfeifchen? Oh, ſtöhnte Se. Majeſtät, mir iſt ſehr übel zu Muthe. Lege die Pfeife bei Seite, unbegreiflicher Fremdling! Schon der bloße Anblick erregt in mir Gefühle als müßt' ich mich um meinen eigenen Zopf drehen! Daß ich es kurz mache: Ich erhielt die Hand der Prinzeſſin Sitſch⸗Li⸗Fi, worin ich jedoch nur willigte, nachdem man die mir ge⸗ ſtellte Bedingung, mir mein üppiges Kopfhaar abſchneiden und mir nur einen Zopf ſtehen zu laſſen, zurückgenommen hatte. Dafür wurde ir an meinem Rockkragen ein aufrechtſtehender Zopf angenäht, der hoch und ſtattlich über meinen Kopf hinausragte. Meine junge Gattin gefiel mir übrigens im Ganzen wie im Ein⸗ zelnen gar nicht übel, zumal Sitſch⸗Li⸗Fi wegen ihrer kleinen Füße immer zu Hauſe bleiben mußte und ich dadurch dem Leiden aller europäiſchen Ehemänner entging, die Frau bei ihren Ausgängen immer am Arme haben zu müſſen. In den Gemächern unſerer Wohnung bediente ſich Sitſch⸗Li⸗Fi einer Art Rollſtuhl, auf dem ſie mir von —2 F 1 ———— η—̈ 379— Zimmer zu Zimmer nachzurutſchen pflegte, wenn ſie das Bedürfniß fühlte, mir die Backen zu ſtreicheln oder einen Kuß zu geben. Zugleich wurde ich zum Miniſter der äſthetiſchen Angelegenheiten ernannt, denn dieſe befanden ſich in einem Zuſtande großer Verwahr⸗ loſung und bedurften einer gründlichen Reorganiſation. Es war ſeit langen Jahren kein großer Dichter aufgetreten, während doch in unſerm geſegneten Deutſchland mit jedem neuen Frühjahr neue unſterbliche Dichter zu Hunderten aus den Druckereien hervorkriechen wie Maikäfer aus ihren Erdlöchern nach einem warmen Frühlingsregen. In welchem Sinne ich meine Aufgabe erfaßte, davon wird folgendes Preisaus⸗ ſchreiben den beſten Beweis geben. „Seit einer Reihe von Jahren iſt in China ein empfindlicher Mangel an großen Tragödien und Epopöen bemerkbar geweſen. Der Grund davon liegt offenbar im Stoffmangel. Alle klaſſiſchen Tra⸗ gödien haben es mit großen Verbrechen, mit erſchütternden Criminal⸗ fällen, mit Blut, Mord und Raub zu thun. Nun gibt es zwar Verbrecher genug in China, ſo viele, daß ihnen der doch ſonſt ſo üppig wachſende Bambus nicht vollkommen gewachſen iſt. Aber es fehlt an wahrhaft poetiſchen Verbrechern, und darum haben wir auch keine wahrhaft großen Dichter; denn beide gehen mit einander Hand in Hand, ſind Nachbarsleute und Spießgeſellen. Die Phantaſie der Dichter iſt gewiſſermaßen ein Ackerfeld, welches mit Blut gedüngt werden muß. Das Miniſterium der äſthetiſchen Angelegenheiten ſieht ſich daher veranlaßt, Preiſe und Acceſſite auf ſolche großartige oder pikante complicirte Verbrechen auszuſchreiben, welche dazu angethan ſind, ſowohl den Geſchmack an ordinären Verbrechen, wie ſie in China leider an der Tagesordnung ſind, nach und nach zu beſeitigen, als auch unſern producirenden Talente fruchtbare und für poetiſche Behand⸗ lung beſonders gut geeignete Stoffe zu liefern.“ An dieſe allgemeine Einleitung ſchloſſen ſich die nähern Bedin⸗ gungen und Beſtimmungen. Den Erfolg meines Preisausſchreibens konnte ich leider nicht ab⸗ warten, da ein Zwiſchenfall eintrat, welcher mich von der Stätte meiner Wirkſamkeit entfernte, die ohne Zweifel für die chineſiſche Poeſie die allererſprießlichſte zu werden verſprach. — 380— Unter allen Klaſſen in Peking ſtieg nämlich die Gährung darüber, daß ich mir das Haupthaar nicht ſcheeren und mir keinen Zopf wachſen laſſen wollte; denn der Zopf iſt das unerläßliche Requiſit jedes Chi⸗ neſen und das Symbol alles Chineſenthums. Wo ich mich auch ſehen ließ, rief man: Nieder mit dem rothſtruppigen Barbaren, der uns Alle rothſtruppig machen will! Der Thron meines Schwiegervaters war ernſtlich gefährdet; kein Wunder, wenn er in ſeiner Weiſe Schritte that, um mein Haupthaar auf dem Altare des Vaterlandes und des chineſiſchen Zopfthums niederzulegen. Eines Abends erſchienen bei mir die früher genannten Manda⸗ rine Quod⸗Non⸗Quod und Non⸗Quod⸗Non in Begleitung mehrerer anderer Mandarine, ſämmtlich bewaffnet, und erklärten mir, daß ſie von meinem Schwiegervater den Auftrag erhalten hätten, mich zu ſcheeren, worauf ich bemerkte, man verſtünde in China ſehr gut zu ſcheeren, und mich ferner bereit erklärte, mich ſcheeren zu laſſen ſo viel man wolle; es ſchiene mir aber, als ob ein Pfeiſchen Opium vor der Operation gar nicht von Uebel ſei. Dies ſchien nun den Herren auch, und wir ſetzten uns und rauchten ein Pfeiſchen nach dem andern. Als ich den Herren, von denen ich bereits wußte, daß ſie nicht viel vertragen könnten, zu ihrem Zopfe noch einen gehörigen Zopf angehängt und ſie in einen Zuſtand verſetzt hatte, der zu meinem Zwecke nichts weiter zu wünſchen übrig ließ, ſchlüpfte ich zum Fenſter hinaus, drückte mich durch die kaiſerlichen Gärten, eilte zum Fluß und beſtieg hier meine Privat⸗Dſchonke, mit der ich den Fluß hinabruderte bis zu deſſen Mündung. Am Ufer des chineſiſchen Meeres angekommen, war ich nicht wenig überraſcht, als ich meine Tochter Guitarria Cichoria Cigarretta auf ihrem ſtiegenden Fiſche erblickte und von ihr aufgefordert wurde, hinter ihr aufzuſitzen, denn der Fiſch, wie ſie weiter bemerkte, ſei ſtark und breitrückig genug, um uns Beide zu tragen. Cigarrettchen! rief ich, welch ein Engel biſt du, und wie glücklich machſt du deinen Vater durch deine zarte Aufmerkſamkeit! Nur keine deutſche Sentimentalität! ſagte ſie etwas ungeſtüm. Auf⸗ geſtiegen! ich bringe dich nach Melbourne! China, das wußte ich, war für einen Mann von deiner Genialität nicht das geeignete Landz du g den Urzu und orden Thei und verſe das hare regic Gol ſo die Gli eine inde den zog nre — 381— du gehörſt nicht in das Land des Zopfes und der Verkrüppelung. In den Minendiſtricten Auſtraliens iſt ein flottes, geniales Leben; da ſind Urzuſtände und da findeſt du, was die Hauptſache iſt, Gold in Hülle und Fülle. Ich ſchwang mich alſo auf den fliegenden Fiſch, den ſie mit außer⸗ ordentlicher Geſchicklichkeit leitete, und ſo gelangten wir über dieſen Theil des Oceans nach Auſtralien, an deſſen Küſte ſie mich ausſetzte. Lebe wohl! ſagte ſie. Du wirſt noch eine große Rolle ſpielen und wenn du mich brauchſt, werde ich da ſein! Mit dieſen Worten verſchwand ſie mit ihrem fliegenden Fiſche meinen Blicken und ich hatte das Nachſehen. Es iſt merkwürdig, wie kurz angebunden dieſes wunder⸗ bare Weſen war. Kaum ans Land geſtiegen, begab ich mich auch ſofort in die Gold⸗ region, und ſoweit ich Kenner bin, glaube ich, daß das auſtraliſche Gold echt iſt. Dafür ſtehen mag ich freilich nicht in einer Zeit, wo ſo viel Schwindel getrieben wird und es ſo viele Spaßvögel gibt. Ich hatte enormes Glück; ich ſteckte förmlich im Golde bis über die Ohren; eine ganze Goldmauer hatte ſich um mich gebildet. Dieſes Glück zog mir Neider und Verfolger zu und eines Morgens ſogar einen Angriff auf mich; aber ich wehrte die Angreifenden glücklich ab, indem ich ihnen Goldſtücke von hundert Pfund Schwere und mehr an den Kopf warf, ſo daß ſie ſich mit blutenden Köpfen ſchließlich zurück⸗ zogen, leider freilich auch die Goldſtücke mitzunehmen unverſchämt ge⸗ nug waren. Während ich ſo in der beſten Arbeit war, erhielt ich einen Brief von einer höchſten Perſon in Paris, worin mir dieſelbe ſchrieb: „Verehrter College! Vergeſſen Sie das Unrecht, was ohne Frankreichs Wiſſen und Mitwirkung ein früherer Gouverneur von Algerien an Ihnen begangen hat. Laſſen Sie alles Gold, was Sie erworben haben, ſtehen und liegen, oder wenn es Ihnen möglich iſt, ſo bringen Sie es mit, denn wir können es brauchen. Die weſtliche Civiliſation appellirt an Sie: es gilt einen Kampf dieſer Cioiliſation gegen die öſtliche Barbarei. Sie werden gegen dieſe Appellation an Ihre Sym⸗ pathie für die weſtliche Civiliſation nicht taub ſein. Begeben Sie ſich nach Konſtantinopel, wo Sie den Ihnen ſchändlicher Weiſe unterſchla⸗ — 382— genen und aus dem Feſtungsgraben von Conſtantine geretteten Mar⸗ ſchallsſtab auf der franzöſiſchen Geſandtſchaft abholen können. Wir rechnen auf Sie! Rechnen Sie auch auf uns! 8 N. Ich hatte hierauf nichts weiter zu thun, als das nächſte nach dem arabiſchen Meere abgehende Schiff zu beſteigen, mein Gold darauf zu packen und mich über Suez nach Konſtantinopel zu begeben. Ueunundzwanzigſtes Kapitel. Der Diplomat fpreche möglichſt viel, wenn er nichts ſagen will, und möglichſt wenig, wenn er viel ſagen will. Talleyrand. Sehen und ſofort ſiegen iſt die Hauptſache. Der größte Feldherr würde aber der ſein, der den Feind immerfort ſchlüge, ohne ihn jemals zu Ge⸗ ſicht zu bekommen. Julius Cäſar„De bello Gallico.“ Roth iſt meine Lieblingsfarbe— denn Roth iſt die Farbe des Bluts. Lettres du Maréchal de St. Arnaud. Richtet man die orientaliſche Frage an mich, ſo habe ich dafür nur Eine Antwort, ein diplo⸗ matiſches Achſelzucken, welches man nehmen kann wie man will. Lord John Ruſſell. In der türkiſchen Hauptſtadt angekommen, richtete ich meine Schritte und zwar in feinen lackirten Stiefeln, das Kreuz der Ehrenlegion, welches ich im Feldzuge gegen die Kabylen erworben hatte, auf der Bruſt, zuvörderſt nach dem Hotel der franzöſiſchen Geſandtſchaft und wurde auch ſofort bei Sr. Excellenz vorgelaſſen. em ner Ner ann — 383— Der Geſandte empfing mich mit jener Liebenswürdigkeit, wie ſie allen Franzoſen, und mit jener zugleich viel⸗ und nichtsſagenden Glätte, wie ſie allen Diplomaten eigen iſt. Kommen Sie endlich, Freund in der Noth? rief er aus. Die ganze orientaliſche Frage war ſchon in eine Sackgaſſe gerathen, aus der wir nicht aus noch ein wußten. Nun aber hoffe ich, werden wir ein gutes Stück weiterkommen. Ihre Ernennung zum Ober⸗Geheim⸗ Feldmarſchall liegt in Paris ſchon ausgefertigt, und ich erwarte ſie mit jedem Tage. Iſt das eine neue Würde:„Ober⸗Geheim⸗Feldmarſchall“? fragte ich einigermaßen verwundert— oder iſt dies nur ein Schmutztitel, wie bei gewiſſen Büchern? Ohnfehlbar eine neue militäriſche Würde! erwiederte der Geſandte; aber zugleich auch eine Erhöhung der Feldmarſchallswürde; gerade wie iein Geheimrath mehr iſt als ein einfacher Rath. Ich fand mich jedoch hierdurch durchaus nicht befriedigt, ſondern witterte unter dem ungewöhnlichen Zuſatz„geheim“ eine beſondere Ab⸗ ſicht. Ich drang daher nicht gerade mit diplomatiſcher Feinheit, aber mit der Ehrlichkeit und Entſchiedenheit eines Kurmärkers, eines gebor⸗ nen Schnipphauſeners in den Geſandten, bis dieſer erklärte: Allerdings—— in Folge der beſondern Conſtellationen, der ver⸗ wickelten Verhältniſſe, der vielen ehrgeizigen Perſonen— ſehen Sie! —— wir ſind ſelbſt in der größten Verlegenheit— wir müſſen diplo⸗ matiſch verfahren— wir würden, bedenken Sie das, zu viele Ambi⸗ tionen vor den Kopf ſtoßen, zu viele Anciennitätsanſprüche verletzen, wenn wir Sie geradezu als Oberfeldherr en chef an die Spitze der franzöſiſchen Truppen ſtellen wollten. Sie werden die Gewogenheit haben, dies einzuſehen. Wir haben daher den Ausweg getroffen, Sie zum Ober⸗Geheim⸗Feldmarſchall zu ernennen, ſo zwar, daß dieſe Er⸗ nennung ganz unter uns bleibt, die wir darum wiſſen. Nämlich nur bis auf Weiteres, bis die Umſtände geſtatten, mit Ihrer Ernennung vor die franzöſiſche Armee und die Welt zu treten. In Wirklichkeit aber ſind und bleiben Ew. Excellenz der wirkliche commandirende Ge⸗ neral en chef. Der Marſchall St. Arnaud iſt dahin angewieſen— und bei dem Gefühl ſeiner Unzulänglichkeit für eine ſo ungeheure Auf⸗ — 384— gabe iſt er auch vollkommen damit einverſtanden— nur von Ihnen ausgehende Befehle auszuführen als wären es ſeine eigenen. Und wenn ich Ihnen außerdem verſichere, daß Sie ein Feldmarſchallgehalt beziehen werden, wie es noch keinem Marſchall vor Ihnen zu Theil geworden iſt, ſo werden Ew. Excellenz, ich zweifle nicht, ein Aner⸗ bieten nicht von der Hand weiſen, deſſen Annahme Sie in den Stand ſetzen wird, der Civiliſation ſolche Dienſte zu leiſten, wie ſie dieſer heiligen Angelegenheit noch niemals geleiſtet worden ſind. Das Gehalt und die ſonſtigen Emolumente bleiben ja doch immer die Hauptſache, wenigſtens wie wir praktiſchen Franzoſen ſolche Geſchäftsverhältniſſe anſehen. Nur praktiſch, lieber Marſchall, nur keinen deutſchen Trans⸗ cendentalismus und Idealismus in ſolchen Angelegenheiten! Der Geſandte wiſchte ſich den Schweiß von der Stirn, als er mit dieſen Explicationen glücklich zu Ende war; und er hat ſpäter in ver⸗ trauten Kreiſen geſtanden, daß die ſchwierigſten diplomatiſchen Auf⸗ träge ihm noch niemals ſolche Verlegenheit bereitet hätten, wie der ihm gewordene, mir dieſes Anerbieten plauſibel zu machen. Den Schweiß, den er bei dieſer Gelegenheit im Dienſte ſeines Landes und der Civi⸗ liſation vergoß, hat er auch der franzöſiſchen Regierung in Rechnung gebracht und dieſe ihm dafür auch eine Entſchädigung bewilligt; denn jeder Tropfen Schweiß, den ein Diplomat vergießt, iſt Goldes werth. Nun, ſagte ich hierauf, es wird Alles auf die eontractlichen Be⸗ dingungen ankommen, denn ſchwarz auf weiß muß ich ſo Etwas haben. Wie aber ſteht es mit dem Marſchallsſtabe, den ich mir in Ihrem Hotel abholen ſollte? Ach, Excellenz! erwiederte der Geſandte etwas verlegen, ſo weit ein Diplomat jemals verlegen ſein kann; mit dem Marſchallsſtab iſt mir ein ganz eigenes Malheur paſſirt— ein Malheur, ich wollte lieber, daß uns die Ruſſen aufs Haupt geſchlagen hätten. Denken Sie nur, mein vierjähriger Bube hat ſich geſtern während meiner Abweſenheit den Stock zu Nutze gemacht, iſt darauf herumgeritten, und der Stab iſt dabei mitten auseinander gebrochen. Die Geſchichte iſt höchſt ärgerlich, zumal ſie ſich gerade in meiner eigenen Familie zutragen mußte. Ueberhaupt hat der Junge nicht die geringſte Anlage zum Diplomaten, wiewohl ich beabſichtige, mein Geſchäft durch ihn — 385— bei meinem Tod fortſetzen zu laſſen; er ſchlägt alles kurz und klein. Denken Sie nur! neulich zertrümmert mir der Unhold ein koſtbares porzellanenes Thee⸗ und Kaffeeſervice, welches mir als einem Vor⸗ kämpfer der weſtlichen Civiliſation die großherzigen Redactionen ver⸗ ſchiedener deutſchen liberalen Zeitungen verehrt hatten! Iſt das diplo⸗ matiſch? Und wenn jene Redactionen dies erfahren, werden ſie nicht allerlei Schlüſſe daraus ziehen, die meiner Geſinnung nachtheilig lauten könnten? Es iſt allerdings nicht diplomatiſch, zu zertrümmern, ſondern zu flicken, und ſo hätte auch Ew. Excellenz wohl den Marſchallſtab wieder zuſammenleimen laſſen können! ſagte ich. Ach, ein Unglück kommt ſelten allein! meinte der Geſandte. Die Feuerung iſt in Konſtantinopel ſo koſtſpielig und meine Frau ſo haus⸗ hälteriſch. Stellen Sie ſich meinen Schreck vor, als ich beide Stücke des Marſchallsſtabs zum Tiſchler ſchicken will, und meine Frau mir berichtet, ſie vabe ſie im Kamin verbrannt und den Nachmittagskaffee dabei gekocht. Mir wäre ja lieber geweſen, Fürſt Mentſchikoff wäre mit der Kibitke vorgefahren und hätte mich nach Sibirien gebracht! Was wird die liberale deutſche Preſſe zu dieſem untoward event ſagen! Allerdings, bemerkte ich hierauf, iſt dieſes ärgerliche Ereigniß nur zu geeignet, in Deutſchland eine höchſt ungünſtige Anſicht über die Führung der orientaliſchen Angelegenheiten Seitens der Weſtmächte zu verbreiten und die deutſchen Mächte in ihrer Neutralitätspolitik zu beſtärken. Jedermann weiß, mit welcher Energie und Eiferſucht die deutſchen Regkerungen darauf halten, daß keinem ihrer Angehörigen im Auslande Unrecht geſchieht. Es iſt aber auch zu arg: Der Eine be⸗ nutzt meinen Marſchallſtab als Spazierſtock und der Andere läßt es geſchehen, daß ſich ſein Junge ſeiner als Steckenpferd bedient! Beſtimmen Sie nur, welche Genugthuung Ihnen Frankreich geben ſoll! ſagte hierauf der Geſandte mit ängſtlicher Miene. Soll ich meine Frau in Ihrer Gegenwart abkanzeln und meinem kleinen Louis ein paar aus dem ff überziehen? Nein, Excellenz! erwiederte ich; ich bin ein ebenſo großer Verehrer des weiblichen Geſchlechts als zärtlicher Kinderfreund. Auch ich bin Vater und habe nicht umſonſt den Weißiſchen Kinderfreund geleſen. D. B. X. Fritz Beutel, von Marggraff. 25 — 386— Dieſer Edelmuth iſt Ihrer würdig! ſagte der Geſandte. Ich werde auch ſofort nach Paris ſchreiben und Ihnen einen neuen Marſchallſtab beſorgen laſſen. Thun Sie das, lieber Graf! ſagte ich, und grüßen Sie mir Ihren Herrn, den Kaiſer, und meinen künftigen Kriegskameraden, den Marſchall St. Arnaud! Folgenden Tags hatte ich eine Conferenz mit dem türkiſchen Miniſter des Auswärtigen und dem des Kriegs. Jener richtete an mich die Frage, was ich überhaupt von der orientaliſchen Frage halte. Dieſe Frage iſt freilich ſo allgemein geſtellt, bemerkte ich hierauf, daß ſie von mir nur in gleich allgemeiner Form beantwortet werden kann. Die orientaliſche Frage läßt ſich eigentlich bis auf die Strei⸗ tigkeiten der Israeliten mit den Amalekitern, ja bis zum Feigen⸗ blatt der Mutter Eva verfolgen, das auch eine rein orientaliſche Frage war. Im jetzigen Stadium dieſer Angelegenheit handelt es ſich darum, daß die öſtliche Barbarei— unter der ich mit Ihrer Erlaubniß auch die türkiſche mitbegreife— ein Feigenblatt vornimmt, um ihre Blöße zu decken. Dieſes Feigenblatt hat ſie vom Baume der weſtlichen Ci⸗ viliſation zu pflücken. An einen wahren Frieden iſt gar nicht zu denken, bis ſich die Gegenſätze ausgeglichen haben, d. h. bis die weſt⸗ liche Civiliſation eben ſo viel an die öſtliche Barbarei, als dieſe wieder an die weſtliche Civiliſation abgegeben haben wird. Dann erſt wird die elektriſche Spannung zwiſchen beiden Gegenſätzen ein Ende haben und Frieden auf Erden ſein. Es handelt ſich alſo, kurzgeſagt, um eine Civiliſirung der öſtlichen Barbarei und um eine Barbariſirung der weſtlichen Civiliſation. Der türkiſche Miniſter des Aeußern griff dieſen Gedanken mit Eifer auf und bemerkte: Allerdings wird die Türkei ſich niemals dazu ver⸗ ſtehen, die öſtliche Civiliſation mit all ihren Alterſchwächen, die ſie unter den Lächerlichkeiten eines greiſen Gecken zu verbergen bemüht iſt, und all ihren überfirnißten Schäden bei ſich einzuführen. Wir beabſichtigen allerdings, im Bunde mit den Weſtmächten uns den Ruſſen vom Leibe zu halten, wenn unſere Alliirten es uns aber zu arg machen, ſo koſtet es uns nur ein Wort, vielleicht auch nur eine Provinz, und wir ſchlagen mit dem Ruſſen im Arm auf die Weſt⸗ — 387— mächte los. Sollen wir einmal verfaulen, ſo iſt es beſſer wir ver⸗ faulen— ich hätte beinahe geſagt in unſerm eigenen Unrath, doch das wäre barbariſch— als im weſtmächtlichen. Die Parlaments⸗ und Kammerdebatten und die Leitartikel der weſtmächtlichen Zeitungen be⸗ weiſen klar, wie ſchlimm es da drüben ſteht: jede Partei beſchuldigt die andere der Niederträchtigkeit, der Schurkerei und der moraliſchen Verkommenheit und Fäulniß. Das kann unſer Vertrauen nicht er⸗ wecken. Wenn ich in meinem Harem ſitze, ſo preiſe ich Allah, denn ich betrachte und genieße die ſchönſten ſeiner Werke. Und denken Sie nur, die Weſtmächte verlangen, daß wir, wir Staatsbeamte, für die beabſichtigte neueſte Anleihe unſere Harems verpfänden ſollen. Die Anleihe können wir nicht zurückzahlen, das iſt ausgemacht; folglich würden unſere Haremsfrauen in den Händen der Weſtmächte bleiben und wir könnten ſehen, wo wir wieder ſolche hübſche Dinger her⸗ kriegten. Die Weſtmächte ſuchen alſo bei der ganzen Geſchichte nichts weiter als unſere wohl ausgeſtatteten Harems in die Hände zu be⸗ kommen. Alles Uebrige, die freie Donauſchifffahrt, die Zerſtörung der ruſſiſchen Flotte, die Gleichſtellung der Rajah mit den Gläubigen, iſt nur Vorwand. Und dieſem Spiel ſollen wir ruhig zuſehen? Nun, wir wollen abwarten, wer zuletzt den Andern überliſtet. Bis auf Weiteres freilich müſſen wir mit den Weſtmächten gehen; aber in das Heiligthum unſerer Harems werden wir dieſe Ungläubigen nicht ein⸗ dringen laſſen. Total mit Ew. Excellenz einverſtanden! bemerkte ich. Der Kriegsminiſter ſuchte mich nun über meinen Kriegsplan aus⸗ zufragen, und ich antwortete: Ich werde den Krieg nicht ſowohl im mephiſtopheliſch infernaliſchen als im fauſtiſch idealen Sinne führen, mit Einmiſchung einiger der weſentlichſten Elemente aus Tiedge's Urania. Leider kenne ich dieſes ſtrategiſche Werk nicht, ſagte hierauf der Kriegsminiſter, und ich muß Sie erſuchen, ſich deutlicher zu expliciren. Ich glaubte wahrzunehmen, daß mir der Kriegsminiſter nur meinen Plan ablocken wollte, um ihn vielleicht durch einen Andern ausführen zu laſſen, und ich antwortete: 25* — 388— Das Hauptſächlichſte bleibt immer der Scharfblick des Feldherrn, der Alles und Alle durchſchaut. Der Sinn und die Bedeutung meiner Worte ſchienen dem Türken nicht zu entgehen, denn er ſchlug verwirrt und verlegen ſeine Augen nieder. So lange ich übrigens den Feind nicht vor mir geſehen habe, fuhr ich fort, bin ich auch außer Stande, einen Kriegsplan zu entwerfen, ſo wie auch ein Arzt nicht eher eine richtige Kur auf Tod und Leben vornehmen kann, ehe er nicht ſeinen Kranken geſehen hat. Zudem kenne ich ja die Hilfsmittel nicht, die Sie mir zur Verfügung ſtellen werden. Geben Sie mir nur 50,000 Mann, ſo muß ich mich damit einzurichten ſuchen, geben Sie mir aber das Dreifache, ſo kann ich was an Menſchenleben daraufgehen laſſen. Kaput mache ich die Moskows ſo oder ſo; darauf verlaſſen Sie ſich! Das Ende der Conferenz war, daß mir der Kriegsminiſter zuſagte, mir ein Verzeichniß ſämmtlicher Streitkräfte und ſämmtlichen Kriegs⸗ materials, wie auch die nöthigen Landkarten zukommen zu laſſen und mich ſo bald als möglich auf das Kriegstheater an der Donau zu entſenden. Mit der Haltung, die ich in dieſer Conferenz beobachtet; hatte, war ich ſelbſt außerordentlich zufrieden; ich hatte mich möglichſt all⸗ gemein und ausweichend ausgedrückt; ich hatte bewieſen, daß ich auch zum Diplomaten das nöthige Zeug habe. Mochte der Boden glatt ſein, auf dem ich ſtand, ſo war ich noch glatter; waren die Hände dieſer Diplomaten ſchlüpfrig, ſo war ich noch ſchlüpfriger, ſo daß ſie mich nicht faſſen konnten. Ich blieb in dieſem diplomatiſchen Aal⸗ greifen offenbar Sieger. Nach Beendigung der Conferenz ſtellte mich der Miniſter des Auswärtigen ſeinem Geheimſecretär vor, der, wie mir der Miniſter mittheilte, alle die ſchönen Noten verfaßt habe, welche von der hohen Pforte in dieſer Angelegenheit ausgegangen ſeien. Als mir der ſehr feine, aber jetzt etwas corpulente Mann vorgeſtellt wurde, war ich nicht wenig überraſcht, in ihm einen alten lieben Be⸗ kannten zu finden— Peter Silje aus Macomaco. — 389— Meine Divinationsgabe hatte ſich auch in Betreff des Sultans Pieſacko glänzend bewährt, und was ich ihm in meiner Abſchieds⸗ audienz prophezeit hatte, war richtig eingetroffen. Die Linke des centralafrikaniſchen Nationalparlaments in Macomaco hatte einen Aufruhr angezettelt, und Pieſacko war dadurch genöthigt worden, ſich nächtlicherweile durch ein Hinterpförtchen ſeines Palaſtes— und er liebte immer die Hinterpförtchen— aus dem Staube zu machen. Seine Favoritſultanin, Signora Clabaſteroni, hatte Anſtellung in dem Nationalharem gefunden, welches die Linke zu ihrem Vergnügen angelegt hatte, und Pieſacko war gegenwärtig, wie das Gerücht ging, Anführer einer Horde Baſchi Bojuts in Kleinaſien, hatte aber ſeine ſchwarze Haut in Afrika zurückgelaſſen. Meinem Freunde Peter Silje ging es in Konſtantinopel, wohin er ſich nach jener Kataſtrophe begeben hatte, ſehr wohl; denn er hatte ſein früher betriebenes Geſchäft der Notenanfertigung hierher verlegt und alle europäiſchen Mächte durch ein Rundſchreiben eingeladen, die von ihnen zu erlaſſenden Noten durch ſein Bureau zu beziehen, indem er zugleich die prompteſte Bedienung verſprach. Das Bedürfniß nach diplomatiſchen Noten wuchs mit jedem Tage, die Regierungen hatten alle Hände voll zu thun, und ſo gingen ſie gern auf dieſen Vorſchlag ein und ließen ſich Proben einſenden, welche durchweg preiswürdig gefunden wurden. Denn Peter Silje beſaß ein ganz eigenes Geſchick, ſich auf den Standpunkt jedes Staats zu erheben und darnach die anzufertigenden Noten einzurichten. In Dutzenden konnte jede Regie⸗ rung ſie wohlfeiler haben. Peter Silje ſpielte als Inhaber dieſes „diplomatiſchen Noten⸗Verfertigungsbureau“ eine ſehr wichtige Rolle, denn da ſein eigener Vortheil mit der kriegeriſchen Geſtaltung der orientaliſchen Frage Hand in Hand ging, ſo verfaßte er die Noten in einem Geiſte, durch welchen die Frage immer mehr verwickelt und die Staaten gegen einander gehetzt wurden. So unſchuldig ſie oft auch ausſahen, ſo enthielten ſie doch immer irgend eine Wendung, welche ihm Gelegenheit gab, in die nächſte Gegennote eine ſcharfe Phraſe einzufügen, welche wieder zu einer noch ſchärferen in der nächſten Gegen⸗Gegennote die Handhabe bot. Außerdem hatte er das Ver⸗ trauen mehrerer Regierungen anfangs ſo zu gewinnen gewußt, daß ſie — 390— ſich die Noten gar nicht mehr zuſenden ließen, ſondern, um ſich die Koſten für die Telegraphie zu erſparen, meinem Freunde die Anwei⸗ ſung ertheilten, die Noten ſofort von Konſtantinopel an die betreffen⸗ den Höfe zu adreſſiren. Alle Noten, welche ſeit Beginn der orienta⸗ liſchen Frage zwiſchen den Höfen von Konſtantinopel, Paris, London, St. Petersburg und Wien gewechſelt worden ſind, ſind von meinem Freunde Peter Silje, diejenigen aber für die neutralen Höfe und na⸗ mentlich den deutſchen Bund von ſeiner Frau, ehemaligen Cleiſterazzi, verfaßt worden. Man wird ſich der Mittheilungen erinnern, die mir Friedrich der Rothbart in Betreff eines Geheimbundes machte, deſſen Mitglieder ein⸗ ander an der Frage:„Haben Sie ein Haar darin gefunden?“ und an der darauf folgenden Antwort:„ein fuchsrothes!“ erkennen ſoll⸗ ten. Auch wird man ſich erinnern, wie beſagter Herr mich in Betreff dieſes Bundes beſonders auf Konſtantinopel verwies. Um dem Be⸗ ſtande und Zuſammenhange dieſes Bundes auf die Spur zu kommen, unterließ ich nicht, wo es mir immer nur angebracht zu ſein ſchien, dieſe Frage zu thun; aber Niemand gab mir darauf die ſtatuten⸗ mäßige Antwort, man lachte mir vielmehr ins Geſicht, was mich nicht wenig verdroß. Ich hatte deshalb einige Dutzend Duelle, bei denen ich es jedoch immer ſo einzurichten wußte, daß dabei weniger Blut, als zur Verſöhnung Champagner floß. Eines Tages richtete ich auch an den Vertreter einer deutſchen Macht in dem Augenblicke, wo ich mich von ihm verabſchiedete, die Frage:„Haben Sie ein Haar darin gefunden?“ Er ſah mich höchſt verwundert anz; ich faßte mich jedoch und fügte wie ergänzend hinzu: Ich meine, ob Eure Excellenz in der orientaliſchen Frage ein Haar gefunden haben? Oh, erwiederte er, mehr als eines, ſo viel, daß ich allen meinen Collegen einen wohl⸗ verdienten Zopf flechten könnte. Ich ſprach meine Bewunderung für ſeinen guten Humor aus, und damit war die Sache an dieſer Stelle glücklich erledigt. In eine ſchlimmere Verlegenheit, an die ich all mein Lebtage denken werde, gerieth ich bei dem Vertreter einer andern deutſchen Macht, als ich gerade bei ihm dinirte. Wir waren eben bei der Suppe, und es kam mir, ich weiß nicht was in die Kehle, ſo daß — ·——— +—X— ⏑ — 391— ich unwillkürlich mein Geſicht aufs fürchterlichſte verzog.„Haben Sie ein Haar darin(nämlich in der Suppe) gefunden?“ fragte mich der Geſandte. Ah, dachte ich, das iſt dein Mann, und ich erwiederte unbefangen und ſehr laut: Ein ſuchsrothes! Zufälliger⸗, aber unglücklicherweiſe hatte das Haar der Hausfrau eine ſehr ſtark röth⸗ liche Farbe, und Jedermann ſchien in meinen Worten eine bewußt oder unbewußt impertinente Anſpielung auf das Haar der Dame vom Hauſe zu finden. Die Dame ſelbſt wurde im Geſicht faſt ſo roth als ihre Haare; die Gäſte ſahen ſich verſtohlen an oder verbargen ihr Geſicht hinter der Serviette, um nicht in ein lautes Lachen auszu⸗ brechen, und der Herr Geſandte ſchien ſich zu einer empfindlichen, vielleicht beleidigenden oder diplomatiſch-beißenden Bemerkung zu prä⸗ pariren. Ich begriff meine Ungeſchicklichkeit, riß eiligſt, ſo daß es Niemand wahrnehmen konnte, ein Haar aus meinem Barte und zeigte es dem Herrn Geſandten mit den Worten: Entſchuldigen Ew. Ex⸗ cellenz, es iſt ein Haar aus meinem eigenen im Laufe der Jahre röthlich gewordenen Barte; aber da fällt mir eine koſtbare Bartanek⸗ dote ein, und nun erzählte ich eine Reihe wunderbarer Geſchichten, die ſich meiner Verſicherung nach an meinen Bart knüpften und ſo luſtig waren, daß ſich Alle aufs prächtigſte amüſirten und den Vor⸗ fall bald gänzlich vergeſſen hatten. Ein andermal ſpeiste ich in einem Peraer Höôtel mit einem im türkiſchen Heere dienenden Oberſten, einem geborenen Deutſchen, dem wirklich aus ſeinem rothen Barte ein Haar in die Suppe gefallen war. Sehen Sie nur, da habe ich wieder ein Haar darin gefunden— ein fuchsrothes. Ach, dachte ich, das iſt einer von den Verſchworenen und will auf den Buſch ſchlagen. Sie haben ein Haar darin gefunden? ſagte ich, ſo kennen auch Sie wohl den Alten? Welchen Alten? ſragte er; ich kenne manchen Alten! Nun, den in Thüringen— Sie werden ſchon wiſſen, war meine Antwort, den mit dem langen Barte! Ich weiß ſchon, wen Sie meinen, ſagte der Oberſt—— ein flotter alter Burſche; er hat in ſeiner Jugend viele luſtige Streiche gemacht. — 392 Ja, in ſeiner Jugend! fiel ich ein; aber jetzt iſt er doch gewiß ſolide. Der, und ſolide! ſagte der Oberſt; dem iſt niemals zu trauen, denn er iſt ſelten nüchtern. Wär's möglich? rief ich verwundert, ſo ein alter Herr! Aber was halten Sie von dem Geheimniß? Sie meinen das Geheimniß in Betreff ſeiner jungen Frau! Oh, das iſt eine ſehr dunkle Geſchichte! ſagte der Oberſt. Der alte Herr hat alſo noch in ſeinen alten Tagen geheirathet? fragte ich. Er hat mir doch ſeine junge Frau nicht vorgeſtellt! Das wird er wohl bleiben laſſen, fuhr der Oberſt fort; er ſoll ſie entführt haben unter Umſtänden, die nicht die ehrenvollſten für ihn ſind. Man ſollte es von einem ſo bejahrten Oberforſtmeiſter in der That nicht erwarten. Aber Thorheit ſchützt vor Alter nicht und Alter nicht vor Thorheit. Ich merkte erſt jetzt, daß der Oberſt nicht von dem Kaiſer Bar⸗ baroſſa ſprach, und ließ den Gegenſtand des Geſpräches fallen. Kein Wunder, wenn ich nach ſolchen Erfahrungen den alten Fried⸗ rich Barbaroſſa in Verdacht hatte, ſich mit mir nur einen Spaß er⸗ laubt zu haben und ein bloßer Faxenmacher und Schwindler zu ſein. Man kann ſich in unſerer Zeit vor Niemand, und ſäh' er noch ſo ehrwürdig aus und habe er einen noch ſo guten Ruf, in dieſer Hin⸗ ſicht genug hüten. Indeß enthalte ich mich jedes Urtheils, da das Ende des orientaliſchen Krieges, an welches Barbaroſſa die Verwirk⸗ lichung ſeines Projects geknüpft hatte, noch nicht da iſt, und inzwi⸗ ſchen andere Anzeichen mir die Exiſtenz eines ſolchen Geheimniſſes zu beſtätigen ſcheinen. Bis auf Weiteres will ich daher den alten Herrn zu verdächtigen mich enthalten. Nach einigen Wochen reiste ich in das Hauptquartier an der Donau ab und kam gerade zur Schlacht bei Kalafat zurecht. Das Treffen ſtand im Wendepunkte und für die Türken ſehr ſchlimm. Omer Paſcha kam mit ſeinem Stabe an mich herangeritten und rief: General! Wenn Sie nicht noch Rettung wiſſen, ſo iſt unſere Sache verloren, und die verdammten Moskowiter behaupten das Feld. —— r⸗ — 393— Ich warf einen verächtlichen Seitenblick auf das Schlachtfeld, ſprengte dann ganz nahe an die ruſſiſche Linie heran, beſtrich ſie mit einem meiner ſchärfſten Blicke und bemerkte mit Genugthuung, daß die Ruſſen vor Scham und Beſtürzung die Augen niederſchlugen. Jetzt eingehauen! rief ich, und die türkiſche Reiterei, die ſich, von mir gedeckt, wieder geſammelt hatte, hieb auf die Ruſſen ein, die nicht aufzublicken wagten. Ich unterſtützte die Reiterei, ſo gut ich konnte. Bald ſchmetterte ich eine feindliche Batterie, bald bohrte ich ein Quarré, bald ſtach ich ein Dragonerregiment mit meinen Blicken nieder. Einer meiner Blicke ricochettirte und hatte auch ſo noch die Kraft, einen ruſſiſchen Oberſt vom Pferde zu werfen; denn durch lange Praxis hatte ich die Fähigkeit erlangt, in entſcheidenden Mo⸗ menten Hunderte von Blicken in einen einzigen überwältigenden und tödtlichen Maſſenblick zu concentriren. Endlich gerieth die ganze ruſ⸗ ſiſche Armee in Auflöſung und ergriff in wildeſter Verwirrung die Flucht. Sie ſind ein ganzer Kerl! ſagte Omer Paſcha zu mir, als wir Abends in ſeinem Zelte ein paar Flaſchen Sect mit einander aus⸗ ſtachen. Ich habe heut gerade meinen guten Tag gehabt, erwiederte ich trocken. Uebrigens hatte ich in der Schlacht bei Kalafat meine Blicke ſo verausgabt, daß ich acht Tage lang gänzlich blicklos war. Das hat man davon!*) Auch bei der Vertheidigung von Siliſtria leiſtete ich ſpäter die außerordentlichſten Dienſte, und ich benutze die Gelegenheit, um einen *) Um zu begreifen, wie es mir möglich iſt, mit bloßen concentrirten Maſſenblicken ganze feindliche Heere niederzuſchmettern, muß man nicht ver⸗ geſſen, daß ich ein Urmenſch bin wie jene alten Helden, deren Thaten uns die ſerbiſchen Epopöen berichten. Der berühmte Serbenheld Marco ſchlug durch ein bloßes Stirnrunzeln, durch ein bloßes Zuſammenziehen ſeiner Augenbrauen mehr als einmal Haufen von drei⸗ bis fünfhundert Türken aus dem Felde, daß ſie wie Spreu zerſtiebten. Marco war auch ſo ein Urmenſch wie ich. Aumerk. Fritz Beutel's im Mannſeript. 394 weit verbreiteten Irrthum zu berichtigen. Gewöhnlich wird ein ge⸗ wiſſer Grach aus Trier als der eigentliche Vertheidiger Siliſtrias ge⸗ nannt. Dieſer Grach iſt aber eine rein mythiſche Figur, oder viel⸗ mehr, ich ſelbſt bin dieſer Grach. Weil ich die Gewohnheit hatte, bei dem Losbrennen jeder Kanone zu meinem Vergnügen„Krach!“ zu rufen, ſo nannten mich die Soldaten den„General Krach“, ließen ſich aber durch die ſächſiſche Ausſprache einiger im türkiſchen Heere dienender Deutſchen, die aus Borna und Zwenkau gebürtig waren, verleiten,„Grach“ ſtatt„Krach“ zu ſprechen, und ſo entſtand die Fabel vom Grach, dem Vertheidiger von Siliſtria. Ich habe ge⸗ glaubt, dieſe Berichtigung der Wahrheit im Allgemeinen und der Weltgeſchichte im Beſondern ſchuldig zu ſein. Es war nämlich kein Anderer als Omer Paſcha, welcher durch die von ihm bezahlten Jouraliſten und Zeitungscorreſpondenten die Fabel vom„Grach“ verbreiten ließ, um mich um meinen wohlver⸗ dienten Ruhmesantheil zu bringen und die Aufmerkſamkeit der Welt von meiner Perſon abzulenken. Je mehr mein Anſehen in der Ar⸗ mee ſtieg, um ſo mehr nahmen auch ſein Neid und ſeine Eiferſucht zu. Er ließ in den Kaffeehäuſern von Varna und Konſtantinopel allerlei lügenhafte Gerüchte über mich ausſprengen, die mich an mei⸗ ner Ehre angriffen und ſchließlich nöthigten, ihn zu fordern, und zwar ſchlug ich vor, daß wir nicht Kugeln, aber zwölf der ſchärfſten Blicke mit einander wechſeln wollten. Omer Paſcha ließ mir hierauf erklären: auf dieſe Waffe verſtehe er ſich nicht; aber auf krumme Säbel, und möchten ſie ſo krumm ſein, wie ſie wollten, ſtehe er mir zu Dienſten. Ich ließ ihm zurückſagen: gerade Blicke ſcheine er frei⸗ lich nicht vertragen zu können, aber auf alles Krumme verſtehe er ſich um ſo beſſer. Omer Paſcha denuncirte mich nun beim Sultan. Nächſter Tage erhielt ich ein vom Sultan eigenhändig aufgeſetztes Schreiben, worin er ſein allerhöchſtes Bedauern darüber ausſprach, daß es zwiſchen mir und Omer Paſcha zu einem ſolchen Zerwürfniß gekommen ſei. Er ſähe ſich dadurch in die größte Verlegenheit ge⸗ ſetzt. Er fühle tief, wie ſehr er und das türkiſche Vaterland mir ver⸗ ſchuldet ſeien. Bereits habe er, um mir eine kleine Belohnung für meine Dienſte zu Theil werden zu laſſen, das Köſtlichſte, was er be⸗ — 395— ſitze, ſeinen Harem, eingepackt gehabt, um ihn mir zu überſchicken; aber bei meiner jetzigen Stellung zu Omer Paſcha würde eine ſo eclatante Auszeichnung zu viel böſes Blut im Hauptquartier machen, und ſo habe er ſich genöthigt geſehen, ſeinen Harem wieder aus⸗ packen zu laſſen. Leider ſähe er ſich gezwungen, unter allerhöchſter Anerkennung unſerer ſonſtigen Verdienſte, uns Beiden eine Naſe zu ſchicken, in die wir uns theilen möchten, damit auf Keinen zu viel komme; und erſuche er mich, mir meinen Antheil an dieſer Naſe im Hauptquartier abzuholen. Gerade in dieſe Zeit fiel die Expedition nach der Krim, und man kann ſich denken, mit welcher Freude ich unter dieſen Umſtänden dem an mich ergangenen Rufe folgte, als Ober⸗Geheim⸗Feldmarſchall daran Theil zu nehmen. Meine Miſſion war, der Mittelsmann zwiſchen Lord Raglan und dem Marſchall St. Arnaud zu ſein, ihre Differen⸗ zen auszugleichen und wieder gut zu machen, was der Eine oder der Andere oder Beide zuſammen verderben würden. Vom Augenblick der Einſchiffung an ließ mich St. Arnaud nicht von ſeiner Seite; der engliſche Obergeneral zeigte ſich zwar darüber ein wenig ungehalten, aber der franzöſiſche Marſchall erklärte, ſo leidend zu ſein, daß er nothwendig einer Stütze bedürfe. So kränklich er bereits war, ſo tiegerhaft war ſeine Natur; er war ein ächter Zuaven⸗General. Nur recht viel Blut, lieber Freund! ſagte er zu mir; ich werde bald da⸗ hin ſein; aber vorher will ich noch ein ordentliches Blutbad nehmen, vielleicht erfriſcht mich das wieder. Alſo, Freundchen, nur recht viel Blut! Mit Blut ſchreibt man ſeinen Namen in die Annalen der Weltgeſchichte! Dreißigſtes Kapitel. Die türkiſche Botſchaft in Wien hat am 30. Sept. eine Depeſche erhalten, kraft welcher Sebaſtopol mit ſeinem ganzen Material, die geſammte Flotte und die Beſatzung ſich den alliirten Truppen über⸗ geben hat. Es wird noch hinzugefügt, daß man der Beſatzung ſpäter den Abzug geſtatten wollte, aber daß ſie ſich ſelbſt die Kriegsgefangenſchaft ausgebeten hat. Extrablatt deutſcher Zeitungen vom 2. October 1854. Am 23. September iſt Sebaſtopol ſelbſt von den Alliirten genommen worden. Schleſiſche Zeitung, telegraphiſche Depeſche aus Bukareſt vom 28. Sept. Eine auf der Mittheilung eines Schiffscapitäns beruhende, Omer⸗Paſcha zugekommene Nachricht meldet die Einnahme Sebaſtopols von der Land“ und Waſſerſeite. Oeſterreichiſche Correſpondenz. Die Ausſchiffung unſerer Truppen an der krim'ſchen Küſte ging ſehr glücklich von ſtatten; denn die Ruſſen, welche ſich wahrſcheinlich vor meinem erſten Auftreten auf ruſſiſchem Boden fürchteten, ließen ſich nirgends blicken, und nur zahlreiche Schwärme von blutgierigen Mücken und Stechfliegen ſchienen uns die Beſitznahme des Terrains ſtreitig machen zu wollen. Ich beneidete die Ruſſen nicht um ſolche Verbündete. Dem Marſchall St. Arnaud, dem ich ad latus beigegeben war, gefiel dieſe undramatiſche, jeden höheren Effects entbehrende Ausſchiſſung gar nicht. Er machte ein grimmiges Geſicht und rief: Dieſe Memmen! Sie können nicht einmal den Anblick franzöſiſcher Soldaten vertragen! Auch nicht ein Tropfen Blut! Was wird man in —392 Paris zu einem Bulletin ſagen, in welchem von keinem Blutvergießen die Rede iſt? Ich werde mit meinem erſten Bulletin ſehr ſchlecht debutiren, man wird es in Paris nicht leſen wollen und man wird auf die Ab⸗ ſetzung eines Feldherrn dringen, der den Pariſern gleich mit dem er⸗ ſten Bulletin Langeweile macht. In dieſem Augenblicke ſetzte ſich eine ungeheuer große Stechfliege auf ſeine rechte Wange und er rief: Teufel! wo kommt der Stich mit der Koſakenlanze her? Ich, der ich zu ſeiner Linken ſtand, ſchlug mit der Hand die Stechfliege auf ſeiner Backe todt, ſo daß das Blut des Inſects eine förmliche Blutlache in der Vertiefung ſeiner ausgehöhlten Wange bildete. Excellenz, bemerkte ich, es war nur eine Stechfliege, eine geſchworne Feindin der weſtlichen Civiliſation! Mein Schlag war aber etwas kräftig ausgefallen, denn ſeine Backe lief davon an, und ärgerlich fragte der Marſchall: Ernſt oder Spaß? Die Wahrheit liegt in der Mitte, erwiederte ich. Eine ziemlich fühlbare Wahrheit! bemerkte Lord Raglan trocken. Wenigſtens können Sie nun, Herr Marſchall! ſagte ich weiter, in Ihr Bulletin die Phraſe einfügen, daß bei der Ausſchiffung auch Blut gefloſſen und Ihre rechte Wange davon beſpritzt worden ſei. Haben Sie nicht Luſt, ſofort einige Razzien zu unternehmen, Herr Marſchall? fügte ich hinzu. Sein Geſicht glänzte vor Grimm und Vergnügen. O, eine Razzie! rief er, das iſt doch noch dramatiſch! das iſt nervenaufregend! das iſt Leben! Aber in Conſtantine, wenn ich mich recht erinnere, waren Sie ſtets ein Gegner dieſer Razzien und verdammten ſie, beſchränkter gut⸗ müthiger Deutſcher, der Sie ſind, als inhuman. O, erwiederte ich, im Dienſt der weſtlichen Civiliſation iſt Alles erlaubt, Plündern und Morden, Sengen und Brennen! Sie ſind mein Mann, Herr Ober⸗Geheim ⸗Feldmarſchall! rief St. Arnaud, und klopfte mir auf die Schultern; ich hoffe, wir wer⸗ den uns verſtehen. Folgenden Tags unternahm ich für meine Perſon eine Recognos⸗ cirung gegen die ruſſiſche Stellung und traf bald auf einen vereinzel⸗ — 398— ten Poſten, einen Tſcherkeſſen, deſſen prächtiger Panzerrock mir nicht wenig in die Augen ſtach. Auch ſeine ſchöne Bewaffnung und ſein ſtattliches Pferd gefielen mir, und ich fühlte mit einiger Beſchämung, daß ich gegen dieſen Sohn der Berge eine ſehr traurige Figur ſpielte; denn ich trug gerade meine ziemlich unſcheinbare Felduniform und ritt einen Klepper, der in Folge der Ueberfahrt und vieler Strapazen ſehr herunter gekommen war. Ich ritt zu ihm heran und ſagte auf ruſſiſch: Guten Tag, Ka⸗ merad! Guten Tag! erwiederte er. Kennſt du den Homer, Kamerad? fragte ich. Er antwortete, daß er den Homer nicht kenne, worüber ich mit⸗ leidig die Achſeln zuckte. Ich explicirte ihm nun in aller Kürze die Ilias, kam an die Stelle, wo zwei Helden, ein griechiſcher und troja⸗ niſcher, aus ritterlicher Höflichkeit ihre Rüſtungen und Waffen gegen einander austauſchten, und wußte ſeine Phantaſie für die Nachahmung einer ſolchen ritterlichen Handlung ſo zu entflammen, daß er, als ich ihm anbot, Uniformen und Pferde gegen einander auszutauſchen, ſofort einwilligte, um wie er ſagte, ſich von den Helden Homers nicht an Großmuth und Edelſinn übertreffen zu laſſen. Wir ſtiegen alſo von unſern Pferden, entkleideten uns auf der Stelle und er zog meine Felduniform und ich ſeinen ſchimmernden Waffenrock an. Eben ſo tauſchten wir unſere Waffenſtücke und unſere Hengſte aus. Das Kleid macht den Mann, das fühlte ich jetzt deutlich. Meine Anſchauungen wurden plötzlich ganz entſchieden tſcherkeſſiſch, während der Tſcherkeſſe auf gut deutſch den Kopf hängen ließ, ſich trübſelig von oben bis unten betrachtete und mit kläglicher Stimme bemerkte: Aber Kamerad, was wird nun aus mir? zu den Ruſſen, aus denen ich mir ohnehin nichts mache und die ſich am Ende auch aus mir nicht viel machen werden, kann ich doch in dieſem Aufzuge nicht wieder zurück. Das ſollſt du auch nicht, Kamerad! ſagte ich, begleite mich in das Hauptquartier der Verbündeten! — 399— Wir ritten nun in das Hauptquartier zurück, wo ich mit meiner Erzählung des Vorgefallenen meinen beiden Collegen, den Marſchällen, außerordentlich viel Spaß machte. Selbſt St. Arnaud lachte, indem er bemerkte: Einer ſolchen homeriſchen Epiſode gebührt auch ein home⸗ riſches Gelächter! Ueberhaupt kommt mir unſere ganze Affaire höchſt homeriſch vor. Ich bitte mir auf jeden Fall aus, Achilles zu ſein, Sie lieber Lord Raglan ſind mein Patroklus, Herr Fritz Beutel iſt Ajax und Neſtor zugleich, Fürſt Mentſchikoff iſt, mit einiger poetiſchen Licenz, Prinz Hector, die Helena, um die wir kämpfen, iſt die weſt⸗ liche Civiliſation, und Sebaſtopol iſt Troja. Unſer Homer wird ſich ja unter den vielen epiſchen Lyrikern Ihres Vaterlandes gewiß finden, lieber Beutel! 8 EEin ſchlimmes Omen, bemerkte ich, wenn wir zehn Jahre lang vor Sebaſtopol liegen müßten, wie die Griechen vor Troja. Indeß haben die deutſchen lyriſchen Epiker oder epiſchen Lyriker nicht Zeit, einen zehnjährigen Krieg zu beſingen; ihre Heldengedichte dürfen höch⸗ ſtens den Raum eines Weihnachtsbüchleins füllen; und ſo werden wir uns ſchon um ihretwillen beeilen müſſen. — Wie vor Conſtantine! ſagte St. Arnaud; heute Laufgräben gezogen, morgen Bombardement, übermorgen Breſche, Sturm, Einnahme, allge⸗ meines Blutvergießen! Der Tſcherkeſſe, der zu dieſem ſehr intereſſanten Geſpräch Anlaß gegeben, trat bei mir als Bedienter und Stiefelputzer in Dienſt, denn, ſagte er, ſeit er in dieſer knappen grauen europäiſchen Uniform ſtecke, komme er ſich ganz lakaienmäßig vor, und Bedienter zu werden ſei ſein höchſter Ehrgeiz. Es war am 20. September, als wir vor den Höhen der Alma ſtanden und die ungeheuer feſte Stellung durch unſere Fernröhre be⸗ obachteten. Das Anſehen ſtand uns frei; leider aber erkannten wir, daß dieſe Stellung auf gewöhnlichem Wege nicht zu nehmen ſei. Da fiel mir ein Gedanke ein. Laſſen Sie mich nur machen, meine Herren Collegen! ſagte ich. Wie Sie wollen, bemerkten dieſe, denn wir erklären uns außer Stande, gegen eine ſolche uneinnehmbare Stellung etwas auszu⸗ richten. — 400— Mein Entſchluß war gefaßt, ich zog die Uniform meines Tſcher⸗ keſſen an, ritt langſam die Anhöhen hinauf und meldete mich bei den Vorpoſten als Tſcherkeſſen ſo und ſo, der in Kriegsgefangen⸗ ſchaft gerathen ſei und ſich ranzionirt habe. Ich wurde nun vor den Fürſten Mentſchikoff gebracht, der mich gehörig ausfragte. Ich gab ihm immer die Antworten, die ihm, wie ich wußte, die erwünſchteſten ſein mußten, und ich verſetzte ihn dadurch in eine ſehr joviale Stim⸗ mung, der er mit einigen Schlucken aus ſeiner Feldflaſche aufs Beſte nachhalf. Mich für einen Andern als den zu halten, der ich zu ſein vorgab, war unmöglich. Der Tſcherkeſſe trug einen eben ſo langen Bart als ich, und ſeine Geſichtszüge hatte ich mir vollkommen einſtudirt. Ich beſitze die Kunſt, mich Andern ſo ähnlich zu machen, daß ich mich häufig ſelbſt mit dem von mir Dargeſtellten verwechſelt habe, z. B. mit dem Beſitzer dieſes oder jenes Eigenthums, das mir in meinen Hän⸗ den beſſer untergebracht zu ſein ſchien als in ſeinen. Am Schluß der Unterredung erſuchte ich den Fürſten, meinen Kameraden eine Freude bereiten zu dürfen, indem ich einen Vorrath des köſtlichſten Schnupftabaks mitgebracht habe, der vorzüglich geeignet ſei, die Lebenskräfte auch mitten in der Schlacht aufrecht zu erhalten. Der General ließ mich zu ſeinen Lieblingsregimentern escortiren, die auf einer Anhöhe aufgeſtellt waren, welche den Schlüſſel der ruſſi— ſchen Poſition bildeten, und ich ließ hier meine Doſe von Hand zu Hand gehen, indem ich ſie immer wieder aus einer mächtigen Papier⸗ düte auffüllte. Als mein Vorrath zu Ende war, erſah ich den geeig⸗ neten Augenblick, wandte mein Pfeid um, drückte ihm die Sporen in die Seite, und ſprengte wie im Sturmfluge die Höhen abwärts, gerade in das Hauptquartier der Verbündeten.. Hier forderte ich meine Collegen auf, den Sturm unverweilt zu unternehmen, und bezeichnete die Stelle, gegen die er zu richten ſei. Auf meine Verantwortung! ſagte ich. 2 Nun ging es im Sturmſchritt vorwärts und unſere Soldaten ver⸗ wunderten ſich nicht wenig, daß gerade von der Anhöhe, gegen die ſie losſtürmten, keine Schüſſe fielen. Noch verwunderter aber waren ſie, als ſie, in der Nähe angekommen, eine Fronte von vier oder fünf ſe ünf — 401— Regimentern erblickten, die in einem fortwährenden fürchterlichen Nieſen begriffen waren und daher nicht daran denken konnten, ſich ihrer Schießgewehre zu bedienen. Aehnlich ging es den Mannſchaften eini⸗ ger hier aufgeſtellten Batterien. Proſit! Proſit! riefen unſere Sol⸗ daten, denen dieſer Anblick keinen geringen Spaß machte. Die Poſition wurde ſomit im erſten Anlauf genommen, die ruſſiſche Stellung war durchbrochen, die Schlacht gewonnen, und nur hieraus erklärt ſich der große Menſchenverluſt der Ruſſen, der den unſern unverhältnißmäßig überſtieg. In dieſer Schlacht kam der gewiß ſeltene, vielleicht nie dageweſene Fall vor, daß einzelne ruſſiſche Regimenter hunderte von Todten mehr auf dem Platze ließen, als lebend in ihren Reihen gegen uns geſtan⸗ den hatten. So ſehr überſtieg das Gemetzel, das wir unter den Ruſſen anrichteten, allen Glauben! Uns aber ſchadeten die feindlichen Kugeln nicht ſehr, da wir ſo gedrängt ſtanden, daß ſie meiſt ohne Nachtheil für uns auf unſern Schultern liegen blieben. Zur Erklärung meines genialen militäriſchen Manövers muß ich bemerken, daß ich mich während des Donaufeldzugs in meinen ſehr zahlreichen Mußeſtunden mit der Bereitung von Schnupftabak be⸗ ſchäftigt hatte und daß es mir gelungen war, durch gewiſſe chemiſche Mittel einen Tabak herzuſtellen, der zwar nicht augenblicklich wirkt, dann aber auch ein mindeſtens halbſtündiges ununterbrochenes Nieſen zur Folge hat. So und in keiner anderen Weiſe wurde die Schlacht an der Alma gewonnen, was auch die im Intereſſe St. Arnaud's verfaßten fran⸗ zöſiſchen Kriegsberichte ſagen mögen. Der Wahrheit die Ehre! dem beſcheidenen Verdienſte ſeine Krone! Fürſt Mentſchikoff zog ſich nun mit den Trümmern ſeiner Regimenter, unter denen Einzelne noch bis mitten in die Feſtung hinein niesten— Hals über Kopf hinter die Mauern von Sebaſtopol zurück, hinter denen er verſchwand wie das Mäuschen im Mauſeloch. Wir drangen ihm auf dem Fuße nach, bis uns das Feſtungsthor vor der Naſe zugeſchlagen wurde, was wir ſehr unhöflich fanden; denn ich und meine Collegen hatten mit Fug und Recht erwartet, Fürſt Mentſchikoff werde als artiger und gebildeter Mann am Thore ſtehen und uns einladen, ob es uns nicht gefällig ſei, mit hineinzuſpazieren und ein Gabelfrühſtück bei ihm einzunehmen. Die unerwartete Unhöflichkeit, mit der man uns begegnete, kam uns D. B. X. Fritz Beutel, v. Marggraff. 26 — 4⁰2— ächt ruſſiſch vor, um ſo deutlicher aber erkannten wir die uns aufer⸗ legte Miſſion, dieſer öſtlichen Barbarei für immer ein Ende zu ma⸗ chen, damit ſo etwas in künftigen Kriegen nicht wieder vorkommen könne. Wenn man ſich in ſolchen Fällen als gebildeter Menſch auf die Artigkeit und Humanität eines feindlichen Feldherrn verläßt und ſieht ſich dann ſchändlich betrogen, ſo iſt dies bei militäriſchen Operationen immer im hohen Grade ſtörend. So ſtanden denn auch wir drei Mar⸗ ſchälle, ich als Mittelsperſon zwiſchen Beiden, eine Zeitlang wie an⸗ gedonnert da, zuckten über dieſen offenbaren Verſtoß gegen alle Sitte verächtlich die Achſeln, und St. Arnaud murmelte: Die Grobiane! Doch, was half's? Man mußte überlegen, was nun weiter zu thun ſei. Die Marſchälle behaupteten, die Feſtung werde ſich nicht nehmen laſſen, ohne daß man ſie vorher umzüngelt habe, worauf ich bemerkte: Wenn alle unſere Soldaten, wir mit inbegriffen, unſere Zungen gegen die Feſtung herausſtreckten, ſo wäre ſie gerade umzüngelt genug, und wir würden dadurch zugleich den Ruſſen die Verachtung bezeigen, die ſie für ihre unartige Weiſe, uns zu behandeln, verdient haben. Nur fürchte ich, würde uns das wenig helfen. Was meinen Sie dazu, Herr College? fragte St. Arnaud den engliſchen Marſchall. Ich denke auch, wie unſer verehrter Herr College, ſagte Lord Raglan, daß uns dies wenig helfen und wahrſcheinlich ruſſiſcher Seits nur das entſprechende Gegenmanöver zur Folge haben würde. Aber der Gedanke iſt gut, ſagte St. Arnaud und leckte mit der Zunge grimmig an ſeinen Lippen, ich muß Blut lecken von dieſen Thoren, von dieſen Mauern! Die Berathung ſchloß wie gewöhnlich damit, daß meine Collegen die Führung der Operationen gegen die Feſtung in meine Hände legten. Wenn ich erſt auf meine eigene Kraft angewieſen bin, ſo weiß ich auch, was ich zu thun habe. Ich ſtieg alſo auf eine Anhöhe, ſammelte eine Parthie meiner zündendſten Blicke, ſchleuderte ſie auf die Flotte ſo, daß die Pulver⸗ kammern davon getroffen wurden und ſofort ſprangen drei Linienſchiffe, — 403— vier Fregatten und ich weiß nicht wie viele Corvetten und Boote mit anſehnlichem Getöſe in die Luft. Ihre Trümmer ſtopften den Ein⸗ gang des Hafens, und es hat ſich in Folge deſſen das Gerücht ge⸗ bildet, daß die Ruſſen eine Anzahl Linienſchiffe und Fregatten ver⸗ ſenkt hätten, um den Eingang zu ſperren. Ich hätte die ganze Flotte in Brand geſteckt, aber ich fühlte, daß mit dieſer ungeheuren Kraft⸗ entwicklung das Zündfeuer meiner Blicke erloſchen war. Gegen die Kanonen der Feſtung richtete ich unſere Geſchütze ſo, daß ihre Kugeln eine nach der andern gerade in die Mündungen der feindlichen Ge⸗ ſchütze flogen, bis ihre Röhren vollſtändig damit gefüllt waren, ſo daß daraus nicht mehr geſchoſſen werden konnte. Endlich ſchritt ich zu meinem Hauptmanöver: ich hatte die gewandte⸗ ſten unſerer Soldaten darauf einexerzirt, ſich rittlings auf die Kanonenröhre gerade vorn an der Mündung zu ſetzen und in dem Augenblicke, wo die Kugel beim Abprotzen hinausfuhr, ſich auf die Kugel zu ſchwingen, wobei ich bemerke, daß wir nur Geſchütze vom ſtärkſten Kaliber und die Kugeln mithin einen ſolchen Umfang hatten, daß ſie recht wohl ihren Mann tragen konnten. So ſchoß ich einige tauſend Mann in die Feſtung und zuletzt ließ ich mich ſelbſt hinein ſchießen. Die Kugel flog glücklicher- oder unglücklicherweiſe dem ge⸗ rade zum Theater heraustretenden Admiral Kornilow vor den Kopf und mit der mir gewöhnlichen Artigkeit rief ich ihm zu: Entſchuldigen Sie, Herr Admiral! es war nicht meine Abſicht! Oh, ich bitte, ſagte ſein Kopf im Abfliegen, es hat gar nichts zu bedeuten! Während dem ſtürmten die Engländer und Franzoſen von außen, aber die Ruſſen ſtanden wie Mauern auf den Mauern und wie Schießlöcher vor den Schießlöchern und der Sturm wurde mit Eclat abgeſchlagen. Wir in der Stadt befanden uns nun in höchſt fataler Lage. Wir hatten uns auf dem Platze vor dem Theater, in welchem ſich gerade das ruſſiſche Hauptquartier befand, geſammelt und ſtanden einem ſibiriſchen Regiment gegenüber, das aus lauter rieſenmäßigen Leuten beſtand, welche fürchterliche Augen machten und grimmige Geſichter ſchnitten. Aber ſchon drangen neue Bataillone aus den Seitengaſſen uns in Rücken und Flanke, und ich muß ſagen, daß nur mein Herz⸗ 26* 404 klopfen die Feinde von einem überwältigenden Angriffe abhielt, denn es klopfte ſo ſtark, daß die Ruſſen ſeine Schläge für Kanonenſchüſſe hielten und ſich entſetzt nach den Kugeln umſahen, die wie ſie fürch⸗ teten von irgend einer Seite her nun in ihre dichten Reihen einſchlagen müßten. In dieſem Augenblicke zeigte ſich eine ſeltſame Erſcheinung am Himmel. Er verfinſterte ſich und man erblickte ein Gewühl wunderlich geformter Geſchöpfe, welche von den Ruſſen für rieſenmäßige Heu⸗ ſchrecken angeſehen wurden. Dieſes ungewöhnliche Schauſpiel zog Aller Blicke ſo auf ſich, daß wir ſowohl als die Ruſſen Gewehr im Arm daſtanden und erwarteten, was aus dieſem Phänomen werden ſolle. Ich mit meinem ſcharfen Auge erkannte bald, daß dies Ge⸗ wimmel Sucurs, war, welchen meine Tochter mir zuführte. Rieſen⸗ hafte fliegende Fiſche aus Polyneſien waren es und gewaltige fliegende Waſſereidechſen. Auf jedem dieſer grotesk geformten Luftpferde ſaß ein Krieger, im Geſicht tättowirt und mit langen Speeren, Bogen und Köchern bewaffnet. Voran ritt Cigaretta, die ſich ganz allerliebſt ausnahm. Sie trug auf ihren goldfarbenen lang herabwallenden Locken, die mit Perlenſchnüren durchflochten waren, ein rothſammtenes Barett, mit einem weit hinten nach wehenden Federſchmuck aus der Schwinge des Paradiesvogels, ein ſchwarzſammtnes knapp anliegendes Mieder und ein durch einen goldenen Gürtel zuſammengehaltenes, weißes faltenreiches Gewand, welches wellenartig an ihrem Unterkörper herabfloß bis zu den Spitzen ihrer rothſaffianenen Schuhe. Mit der einen Hand leitete ſie ihren Fiſch an einem goldenen Zaum, in der andern führte ſie einen ſchlanken biegſamen Speer. Guten Tag, Papa! rief ſie mir zu; nur immer drauf! Ich helfe dir! Ihre Trompeter und Horniſten blieſen nun auf ihren gewun⸗ denen Muſchelhörnern eine luſtige Kriegsfanfare, und ihre Leute ent⸗ luden eine Wolke von Pfeilen auf die höchlichſt verwunderten Ruſſen oder ſtießen mit ihren langen Speeren nach ihren Köpfen. Aber es iſt merkwürdig, wie die Ruſſenz ſtehen, wenn ſie keine Stühle zum Sitzen haben. Nur ein Phanariote, Fürſt Kantſchukeno, der als Oberſt in der griechiſchen Legion diente, ſtand nicht, ſondern kniete auf offenem Platze nieder und rief, die Hände gegen Cigarretta aus⸗ — 405— ſtreckend: Himmliches Weſen! ſei meine Gattin, oder gib mir den Gnadenſtoß! Ich bemerkte, daß meine Tochter, als ſie des ſchönen Mannes anſichtig' wurde, zuſammenzuckte und darüber vergaß, den Ihrigen die nöthigen Befehle zu ertheilen, ſo daß die Reihen ihres fliegenden Heeres in Unordnung geriethen. Viele Krieger, von ruſ⸗ ſiſchen Kugeln getroffen, ſtürzten und manche Fiſche und Eidechſen, denen die Kraft oder der letzte Tropfen Waſſers in den Floſſen aus⸗ gegangen war, fielen auf den Erdboden, zappelten hier erbärmlich und wurden ſammt ihren Reitern von den Ruſſen mit Bayonnetten nieder⸗ geſtochen. Ich aber mit den Meinen ſah mich von allen Seiten her ſchwer bedrängt. In dieſer äußerſten Noth fiel mir ein letztes äußerſtes Mittel ein. In den Seitentaſchen meines Waffenrocks trug ich einige Hefte der „Grenzboten“, mit deren unterhaltender Lectüre ich mich während meiner Mußeſtunden zu beſchäftigen pflegte. Dieſe fielen mir noch zu rechter Zeit ein, und da ich an ihrer Wirkſamkeit in wirklich kri⸗ tiſchen Augenblicken nicht zweifelte, zog ich einige derſelben heraus und warf ſie entſchloſſen mitten in das Quarré der Ruſſen. Als die Ruſſen das Zeichen ſah'n Fiel ſie an der Verzweiflung Wahn— Sie glaubten ſich ſchon in der Hölle! Kurz die Ruſſen ſchrieen entſetzt: die Grenzboten! die Grenzboten! und ſtoben nach allen Seiten auseinander. Wir ſtießen, wohin wir auch mit unſern Bayonnetten ſtießen, nun auf keinen Widerſtand mehr*). Als Fürſt Mentſchikoff, der ſich im Theatergebäude befand, dieſes militäriſche Manöver und ſeine fürchterlichen Wirkungen wahrnahm, mochte er Alles verloren geben; denn er trat, ganz bleich im Geſicchte, in die Säulenhalle und rief mir zu: *) Wenn ich mich vor zwanzig Jahren in derſelben kritiſchen Lage be⸗ funden hätte, würde ich das gleiche Manöver mit dem Menzel'ſchen„Literatur⸗ blatt“ verſucht haben, und ich zweifle nicht, daß es dieſelbe entſcheidende Wirkuug auf die Ruſſen hervorgebracht haben würde. Anmerkung Fritz Beutel's im Manuſcript. — 406— Marſchall von Beutel! Laſſen ſich Ew. Excellenz herbei, die drei unterſten Stufen heraufzuſteigen, wie ich mich herbeilaſſen werde, die drei oberſten Stufen herunterzuſteigen. Laſſen Sie uns auf der Mittelſtufe über die Uebergabe der Feſtung conferiren! Nur bitte ich: keine„Grenzboten“ mehr! ſetzte er ſchaudernd hinzu, als er ſah, daß ich Anſtalten machte, den davon laufenden Ruſſen auch die beiden letzten Hefte meiner„Grenzboten“ nachzufeuern. Ich verſtand mich dazu, dem Fürſten drei Stufen entgegenzu⸗ kommen, denn ich ſah ein, daß der Fürſt ſich erniedrigte, nicht ich, indem er ja herab⸗ ich aber hinaufſtieg. Schon dadurch befand ich mich augenſcheinlich im Vortheil. Als Jeder ſeinen Fuß auf die Mittelſtufe geſetzt hatte und wir einander gegenüberſtanden, ſagte der Fürſt: Excellenz! Sie haben uns auch gar zu arg mitgeſpielt! Alles andere hätten Sie uns an den Kopf werfen können, nur dieſe furchtbaren„Grenzboten“ nicht, und ich weiß nicht, ob es nach dem Kriegsrecht erlaubt iſt!, ein ſo vernichtendes Mittel im Kriege anzuwenden. Indeß fühle ich, daß ich leider nicht in der Lage bin, Ew. Excellenz hierüber Vorſtellungen zu machen. Wir ſind in Ihrer Gewalt, die Sie jedoch, ſoweit ich Ihre edle Geſinnung kenne, nicht mißbrauchen werden. Die Fort⸗ ſetzung phyſiſchen Widerſtands iſt uns nach Ihrem letzten Manöver unmöglich, und aus einem moraliſchen Widerſtande würden Sie ſich nichts machen. Unterhandeln wir alſo über die Uebergabe der Feſtung, wenn es Ew. Excellenz genehm iſt. Ich entgegnete dem Fürſten mit gleicher Artigkeit, bedauerte, daß im Dienſte der weſtlichen Civiliſation die Anwendung auch der barbariſchſten Mittel erlaubt ſein müſſe, und da dem Fürſten die Sache eben ſo langweilig zu ſein ſchien, als ſie mir war, ſo wurden wir bald über die Capitulationsbedingungen einig. Hiernach wurde die Feſtung ſammt allem Kriegs⸗ und Mund⸗ vorrath, ſammt allem Material und ſammt der ganzen Flotte, ſo viel ich davon ührig gelaſſen hatte, den Verbündeten ohne weitere Bedin⸗ gungen übergeben. Wir wollten eben die Feder anſetzen, um das Actenſtück zu unter⸗ zeichnen, als eine Deputation ruſſiſcher Offiziere, mit einem General — 407— an der Spitze, in das Theatergebäude Einlaß begehrte und erhielt. Sie wurden mir vorgeführt und der General redete mich folgender⸗ maßen an: Excellenz! die geſammte Garniſon Sebaſtopols läßt Sie aufs dringendſte erſuchen, ſie ſämmtlich zu Kriegsgefangenen machen zu wollen. Es würde uns dies zur höchſten Ehre und zum ſchönſten Vergnügen gereichen. Wir können unſere Soldaten kaum noch halten, ſo ſehr verlangt es ſie, ſich in die Arme der weſtlichen Civiliſation zu ſtürzen, vorausgeſetzt, daß ſie dazu nichts weiter zu lernen brauchen. Wir haben gehört, daß mit dieſer Civiliſation ein ſehr gutes Leben verbunden iſt, und wir wünſchen daher, in die Capitulation die Be⸗ dingung aufgenommen zu ſehen, daß ſich die Garniſon kriegsgefangen ergibt, doch mit der ausdrücklich hinzugefügten Klauſel„des guten Lebens wegen“, damit darüber ſpäter kein Irrthum obwalten kann. Ich bin ein menſchenfreundlicher Mann und gönne Jedem und namentlich mir ſelbſt ein gutes Leben; ich willigte daher ein, und nahm in die Capitulation den weiteren Artikel auf: Die Beſatzung von Sebaſtopol ergibt ſich als kriegsgefangen, unter der ausdrücklichen Bedingung: des guten Lebens wegen. Da ich nun dieſe Capitulation doch nicht einſeitig abſchließen konnte, ſo beſchloß ich, mit dem Actenſtück ſofort in das Hauptquartier der Verbündeten zurückzureiten, um die Unterſchrift meiner Col⸗ legen, der beiden Marſchälle, zu erhalten. Als ich aus dem Theatergebäude auf den offenen Platz wieder hinaustrat, ſah ich die Krieger meiner Tochter damit beſchäftigt, ihre fliegenden Fiſche und Waſſereidechſen in den Fluthen des Hafenbaſſins zu baden und zu erfriſchen. Cigarretta ſelbſt aber ſtand in der Mitte des Platzes und plauderte ſehr vertraulich mit dem jungen Phanario⸗ ten Michael Kantſchukeno, was mich einigermaßen befremdete. Kaum nahm Kantſchukeno mich wahr, als er ſofort auf mich zutrat und ſagte: Excellenz, erlauben Sie mir, mich Ihren Sohn nennen zu dürfen, indem ich hiermit um die Hand Ihrer reizenden Tochter, der verwittweten Königin von Tua⸗Hateine, anhalte. Meiner Tochter einen ſtrafenden Blick zuwerfend, antwortete ich: Hat das ſo große Eile? Ergibt ſich meine Tochter ſo ſchnell, wie — 4⁰8— Stadt und Feſtung Sebaſtopol? Das hätte ich von meiner Tochter, der Tochter Fritz Beutel's, nicht erwartet. Ich bin nicht erobert worden, Vater! ſagte Cigarretta, ſondern ich habe erobert— das iſt der Unterſchied. Der Eroberte, derjenige, der capitulirt hat, bin ich, ſagte Fürſt Michael. Niemals, mein Herr! rief ich. Niemals werde ich meine Tochter einem Manne geben, der für die öſtliche Barbarei kämpft— niemals! Cigarretta ſtampfte mit ihren kleinen ſaffianbeſchuhten Füßen auf den Boden und erklärte mit der ihr eigenen Energie: Nun erſt recht! Ich ſelbſt bin Barbarenkönigin, und ich rechne es mir zur Ehre an, dies zu ſein. Geht mir mit eurer ſchlaffen, raffinirten, ausgemergel⸗ ten Civiliſation, die ſelbſt den Krieg nur noch mit Maſchinen zu füh⸗ ren weiß, den Mann möglichſt der Gefahr entrückt und immer nur darauf ſinnt, mit ihren Geſchützen aus Entfernungen zu wirken, wo⸗ hin die Geſchütze des Feindes nicht reichen. Fort mit dieſer feigen hinterliſtigen Civiliſation! Nur in der Barbarei iſt Wahrheit, Muth, Poeſie, Straffheit und Lebensfülle! Fürſt Michael, ich werde Ihr Weib! Im Grunde gefiel mir dieſer Trotz, dieſe Entſchiedenheit; ich be⸗ merkte mit Freuden, daß Cigarretta ein Urcharakter ſei, wie ich ſelbſt, und ich fühlte in dieſem Augenblicke in der That, daß Urmenſchen, wie ich und meine Tochter, Stoffe in ſich trügen, die mehr mit der Barbarei als der Civiliſation verwandt ſeien. Indeß hatte ich keine Zeit, mich mit meiner Tochter in längere Auseinanderſetzungen einzulaſſen, ich ritt daher weiter und rief meiner Tochter nur zu: Thue, was du willſt, Kind Beutel's und der Natur! Im Hauptquartier angekommen, fand ich die beiden Marſchälle in entſetzlicher Wuth über das Mißlingen eines zweiten Sturms, den ſie, unkundig der Dinge, welche im Innern der Stadt vorgegangen waren, inzwiſchen unternommen hatten. Wie riſſen ſie die Augen auf, als ich ihnen das Vorgefallene erzählte und ihnen das Actenſtück mit den Capitulationsbedingungen überreichte! Flunkerei! ſagte erſt St. Arnaud, Schwindelei! Lord Raglan, Aufſchneiderei! St. Arnaud, Narrenspoſſen! Lord Raglan. — 409— Als ſie aber das Actenſtück näher prüften, konnten ſie an der Wahrheit nicht mehr zweifeln. Aber ſie nahmen es gar nicht mit der Freundlichkeit auf, die ich erwartet hatte; Eiferſucht, Neid, ge⸗ kränkter Ehrgeiz, verbiſſener Aerger malten ſich in ihren cioiliſirten Zügen, durch die jedoch die innere Barbarei dämoniſch hindurchblickte. Sie gönnten mir den Ruhm meiner Thaten nicht, lieber verſchmähten ſie die koſtbare Beute, die ich ihnen zu Füßen legte. Wie kann ich aus dem, was Sie uns erzählen, ein regelrechtes Bülletin machen, das nach dem Geſchmack der Pariſer wäre? rief St. Arnaud; ſchon deshalb kann ich dieſe Capitulation nicht ratifi⸗ ciren. Es iſt überhaupt noch nicht ſo viel Blut vergoſſen, als in meinem Feldzugsplane und im Intereſſe der Pariſer liegt. Ehe mir nicht das Blut bis zur Taille reicht, eher nehme ich keine Capitulation an— Blut bis zur Taille! Blut bis zur Taille! Lord Raglan aber ſagte: Kriegsgefangen? die ganze Beſatzung? Und zwar damit wir ihr ein gutes Leben verſchaffen? Wo iſt es erhört, daß man Kriegsgefangenen ein gutes Leben verſchafft? England ſteckt ſchon bis über die Ohren in Schulden, und nun ſoll wohl das Parlament noch Gelder für Porter, Ale, Champagner und Delicateß⸗ waaren bewilligen, um dieſe Barbaren auf Koſten der weſtlichen Civi⸗ liſation zu füttern. Denken Sie denn, daß die Kaufleute der City ihr Geld auf der Straße finden? Fürchten Sie ſich nicht vor den niederſchmetternden Leitartikeln der Times? Dieſe Barbaren— und wollen ein gutes Leben haben! God save the Queen! In ſeiner Wuth fing Lord Raglan an, God save the Queen zu ſingen, wobei er höchſt komiſche Grimaſſen machte, da er gerade kein großes Geſangstalent beſaß. Ich hatte den Lord nie in einer ſo fürchterlichen Aufregung geſehen, denn für gewöhnlich war er ſehr wortkarg. Alſo wollen Sie den Vertrag nicht ratificiren, Sie barbariſcher Vertreter der weſtlichen Civiliſation? rief ich. Blut bis zur Taille! Blut bis zur Taille! rief St. Arnaud; God save the Queen! ſang Lord Raglan. Non, non! No, no! riefen ſie dann. Oui, oui! Yes, yes! rief ich; Blut bis zur Taille! Blut bis zur Taille! rief wieder St. Arnaud, in gewohnter Weiſe — 41— mit der Zunge grimmig an der Lippe leckend, God save the Queen! ſang Lord Raglan mit wuthunterdrückter Stimme und ärgerlich die Cravatte in die Höhe zupfend, in die zuletzt ſein ganzes Geſicht ver⸗ ſank, daß davon nichts mehr zu ſehen war, als die Naſenſpitze, die unheimlich aus der ſchwarzen Verſchanzung hervorblickte. Sind Sie mit Ihrem Liede noch nicht zu Ende? fragte ich, mir ſcheint es in der That Lied am Ende zu ſein. Sie wollen alſo nicht? Non, non!— No, no! Nun, ſo falle auf Sie die Verantwortung, Sie Barbaren⸗Marſchälle in der Civiliſationsmaske! rief ich, wandte mein Pferd und ſprengte in die Feſtung zurück. So kam es, daß die von mir eroberte Feſtung in den Händen der Ruſſen blieb. Die berühmte oder berüchtigte Tartarennachricht aber hatte nicht gelogen, die Welt iſt nicht getäuſcht worden, die Wiener Zeitungen haben ſich auch in dieſem Falle, wie immer, als untrügliche Quellen hiſtoriſcher Wahrheit ausgewieſen. Die Nachricht von der Uebergabe der Feſtung hatte ſich inzwiſchen verbreitet. Ein Karpfen hatte ſie aufgeſchnappt, nämlich das Actenſtück, das ich in einem Anfalle gerechter Entrüſtung in das Hafenbaſſin geworfen hatte; er war bis vor den Eingang des Hafens geſchwommen, wurde hier aufgefiſcht und zu einem Diner zubereitet, welches ein engliſcher Schiffs⸗ kapitän kurz vor ſeiner Abfahrt ſeinen Freunden gab. Beim Zerlegen des Fiſches hatte man das noch ziemlich leſerliche Actenſtück gefunden; ein anweſender Lord, der es in ſeiner einſamen Villa als den köſtlich⸗ ſten Schatz ſeiner hiſtoriſchen Curioſitätenſammlung verwahrt, hatte es dem Schiffskapitän um die Summe von 10,000 Pfund Sterling ab⸗ gekauft, der Schiffskapitän aber die Nachricht davon nach Varna ge⸗ bracht, von wo ſich die Kunde durch den berühmten Tartaren weiter verbreitete. Die Kunde von der Uebergabe Sebaſtopols hat ſomit auf die natürlichſte Weiſe, die es geben kann, ihren Weg in die Län⸗ der des Weſtens gefunden. Als ich über den Platz vor dem Theatergebäude dahinſprengte, ſtand Cigarretta mit dem Fürſten Michael Kantſchukeno noch immer in der Mitte des Platzes, wo ſie ſchon in dem Augenblicke geſtanden hatten, als ich aus Sebaſtopol wegritt. m — 411— Kinder! rief ich ihnen zu, eurer Vermählung ſteht nun auch von meiner Seite nichts mehr entgegen. Heirathet euch barbariſch und liebt euch civiliſirt, oder umgekehrt— ich habe ja doch nichts davon. Nadelgeld ſollſt du von mir erhalten, Cigarretta; ſo viel Nadeln du in der Wirthſchaft brauchſt, will ich gern bezahlen. Sonſt macht euch auf keine Ausſtattung weiter Rechnung, aber empfangt meinen väter⸗ lichen Segen, an dem ja doch Alles gelegen iſt. Dem ſehr natürlichen Ausdrucke ihres Dankgefühls ausweichend, ſprengte ich raſch bei ihnen vorüber, dem Theatergebäude zu. Der Aeußerung vom Nadelgeld habe ich Erwähnung gethan, weil Cigarretta— eine würdige Tochter ihres Vaters— mir ſpäter das Nadelholz in Rechnung brachte, womit ſie ihre Zimmer heizte; denn ſie behauptete, das ſeien ja auch Nadeln, die ſie in der Wirthſchaft brauche, obſchon bloße Tannennadeln. Ich lachte und zahlte. Vom Pferde abgeſtiegen, begab ich mich in das Theatergebäude zu meinem angehenden Freunde Mentſchikoff und ſagte: Fürſt! mit unſerem Vertrag iſt es nichts; meine Collegen, die Marſchälle, wollen ihn nicht anerkennen. Die— ich hätte bald etwas geſagt, erwiederte Mentſchikoff. Nun, mir iſt's recht, mir iſt alles Eins, wie die Wiener ſagen. Es wird Alles darauf ankommen, was Sie nach einer ſolchen Bloßſtellung zu thun gedenken. Bleiben Sie und der Himmel neutral, dann will ich mit unſern Belagerern ſchon fertig werden. Allerdings werde ich neutral bleiben, erwiederte ich, ohnehin bin ich ein Deutſcher, und es iſt der natürliche Beruf des Deutſchen, im⸗ mer nur neutral zu ſein.„Was geht das mich an? Ich habe ja doch nichts davon!“ iſt eine Lieblingsphraſe meiner Landsleute. Soll ich hiervon eine Ausnahme machen? Verehrter Freund! rief Mentſchikoff entzückt, jetzt ſtehen Sie auf der Höhe der deutſchen Politik! So wollen wir Ruſſen den Deutſchen. Ach, der Deutſche iſt ſo liebenswürdig in ſeiner Neutralität, er begreift es gar nicht. Womit kann ich mich Ihnen erkenntlich zeigen? Fürſt! erwiederte ich, wollen Sie mir eine Freude bereiten, ſo verehren Sie mir Ihren berühmten weltgeſchichtlichen Paletot, der ja doch die ganze Geſchichte eigentlich veranlaßt hat. Wenn ich wieder — 412— nach New⸗York komme und eine Ausſtellung unternehme, ſo wird er das Hauptſtück ſein und mich zu einem ſteinreichen Mann machen. Schade daß Sie von dieſem Paletot nicht mehrere Exemplare beſitzen. Oh, nehmen Sie! ſagte Mentſchikoff, und mit der liebenswürdig⸗ ſten Bereitwilligkeit zog er den Paletot, den er zufällig trug, ſofort aus und überreichte ihn mir; er wird Sie in Ihrer Neutralitätspolitik beſtärken, er iſt gut gegen Regen und Sonnenſchein⸗und hält jedes Wetter ab! Ich bemerkte, daß noch der Alexander⸗Newski⸗Orden daran ſaß und machte den Fürſten darauf aufmerkſam.. Thut nichts! ſagte der Fürſt, eine Kleinigkeit! ich laſſe mir einen neuen kommen. Haben Sie doch alle Orden der Welt verdient! Wäre ich der Czar, ſo würde ich einen neuen Orden, den Orden der heiligen Neutralität, ſtiften und Sie zum erſten Ritter und Comthur deſſelben ernennen. Ich habe nur noch Weniges hinzuzufügen. Ich blieb neutral wie ich dem Fürſten verſprochen hatte. Ich bezog mit meiner Tochter und ihrem jungen Gemahl ein prächtiges Luſtſchloß in der Nähe von Baktſchiſarai, der alten Hauptſtadt der Khane. Meine Tochter gab den Ruſſen ihre Heerſchaar in Dienſt, und dieſe hat bei der Verthei⸗ digung von Sebaſtopol wacker mitgewirkt, ebenſo ihre fliegenden Fiſche und Waſſereidechſen. Dieſe wurden erſt ins Hafenbaſſin getaucht, tüchtig getränkt und dann gegen das feindliche Lager getrieben, wo ſie den Alliirten gegen die Köpfe flogen oder aus ihren Floſſen das Waſſer in die Laufgräben rinnen ließen und dieſe bis zum Rande füllten. Die Berichte der Alliirten ſprechen daher häufig von fürch⸗ terlichen Mosquitos und verderblichen Regengüſſen; ſie wollen die Wahrheit nicht eingeſtehen. Der Gang, den die Belagerung von Sebaſtopol genommen hat, iſt in ſeinen äußern Thatſachen bekannt, aber nicht die innere Ge⸗ ſchichte dieſer merkwürdigen Belagerung. Wer über dieſe zu hiſtori⸗ ſchen Zwecken unterrichtet ſein will, wende ſich in portofreien Briefen an mich und lege einen Louisd'or beiz ich werde ihm ſo viele Auf⸗ klärungen und Enthüllungen verſchaffen, daß ihn der Louisd'or nicht reuen wird. mi La — 413— Meine Collegen, Marſchall St. Arnaud und Lord Raglan, ſtarben aus Gram, Eiferſucht und Aerger. Von den Feldherren der erſten Periode der Belagerung bin ich allein noch übrig, ich verdanke dies namentlich meiner umſichtigen Neutralitätspolitik, die freilich auch in einem kerngeſunden Körper wohnt, was nicht immer der Fall iſt. Allen Verlockungen, die darauf berechnet waren, mich für die eine oder andere Seite zu gewinnen, habe ich mit ſeltener Beharrlichkeit widerſtanden. Frankreich bot mir nicht Einen, ſondern gleich ein Dutzend Marſchallſtäbe an, und England ſchickte mir Atlaszeug, um mir daraus drei Dutzend Ordensbänder des Hoſenbandordens fertigen zu laſſen; ich ſchickte aber das Präſent wieder heim, und bemerkte im. Briefe nur:„mit Verachtung vom Neutralitätsſtandpunkte zurück;“ mit gleicher Entſchiedenheit wies ich aber auch alle Zumuthungen Rußlands von mir, obſchon es mir unter der Hand die Zuſage machen ließ, daß ich nach glücklicher Beendigung des Kriegs zum General⸗Aufſeher aller ſibiriſchen Zobel mit Großfürſtenrang ernannt werden ſollte. Meine Ländereien in der Krim ſind neutral erklärt, kein Ruſſe darf ſie ohne meine ausdrückliche Erlaubniß betreten oder auch nur zu betreten beabſichtigen, und wenn es den Alliirten die Seeveſte Sebaſtopol wirklich zu nehmen gelingen und es ihnen alsdann gelüſten ſollte, das Neutralitätsprivilegium meiner Beſitzungen zu verletzen, ſo ſollen ſie erkennen, mit wem ſie es zu thun haben. Indeß dürfte doch ſehr bald der Augenblick gekommen ſein, der es mir geſtattet, aus meiner Neutralitätspolitik herauszutreten und in den Welthändeln eine active Rolle zu ſpielen. Ich bin in der letzten Zeit mit Hunderten von Kirgiſen und Baſchkiren zuſammengetroffen, die Alle ein feines rothes Haar, welches ohne Zweifel aus dem Barte des Kaiſers Friedrich Barbaroſſa ſtammt, im zweiten Knopfloche von oben rechts trugen. Es iſt dies, wie die Leſer wiſſen, das Zeichen des Geheimbundes, welchen Friedrich der Rothbart geſtiftet und zu deſſen künftigem Oberhaupt er mich auserſehen hat. Leider wußten mir die Leute auf meine Frage nur in baſchkiriſchen und kirgiſiſchen Lauten zu antworten, doch das ſchadet nichts, wenn ſie nur ſonſt gut deutſch geſinnt ſind. Wer aber könnte für Barbaroſſa's deutſchen Ein⸗ heitsplan fürchten, wenn ſelbſt die Söhne der kirgiſiſchen Steppen für — 414— ihn ſchwärmen und wie ich leider an mir ſelbſt erfahren mußte, gele⸗ gentlich auch ſtehlen! Hiermit ſchließe ich meine Memoiren. Ich habe meine Freunde und Verwandte in einer Weiſe untergebracht, wie dies auch dem erfin⸗ dungsreichſten Romanſchriftſteller, der dabei nur ſeine Phantaſie zu Rathe zöge, ſchwerlich gelingen würde. Kriſchan Schroop iſt im fernen Kalifornien glücklicher Farmer und als gelegentlicher Wallfiſchfänger ſeiner Frau fortwährend behilflich, dem Leben die beſten Seiten, die es bietet, ſolide Speckſeiten abzugewinnen. Meine erſte Gattin, Beate Regina Cordula Veronica Pipermann, beſorgt, wie man weiß, in New⸗ York decenten alten Junggeſellen die Wäſche, während ihr Gatte, Prinz Knitſchogarsk, als Hauptthranhandlungsagent bereits ein hübſches Ka⸗ pitälchen zuſammengebracht haben ſoll. Freund Winkerle, faſt ver⸗ ſchollenen Andenkens, iſt Türke beſter Qualität geworden, wobei frei⸗ lich das Türkenthum ebenſo wenig gewonnen als das Chriſtenthum verloren haben mag, und hat in Varna eine Barbier⸗, Bade⸗ und Wirthſchaftsſtube für Angehörige aller Religionen, jedoch mit beſon⸗ derer Berückſichtigung der Beſtzahlenden angelegt. Hans von Pieſack hat den Dienſt bei den Baſchi Bojuts, nachdem ſeine eigenen Leute ihn rein ausgeplündert, quittirt, ſteht jetzt in Sebaſtopol, wo ich ihn ſelbſt ſprach, als Oberkanonier in der Baſtion Nr. 3 Nordſeite und wird es wohl auch noch, obſchon er nicht mehr jung iſt, vor ſeinem Lebens⸗ ende bis zum Offizier bringen, falls nicht eine feindliche Kanonenkugel ſeinem verfehlten Leben vorher ein Ende macht, was er ſehr zu wünſchen ſcheint, um feines Himmelsbrod ſtatt des unverdaulichen ruſſiſchen Kommißbrodes eſſen zu können. Peter Silje gedeiht als Geheimſecretär des türkiſchen Miniſters des Auswärtigen und als Be⸗ ſitzer des diplomatiſchen Notenverfertigungsbureau und hat von neu⸗ tralen Staaten, die ſeine beſten Kunden ſind, wieder einige Aufträge erhalten, klagt aber doch im Allgemeinen ſehr über Abnahme des Geſchäfts, und ſeine Frau klagt natürlich noch mehr, zumal ſie jetzt die größte Arbeit hat, da ſie das neutrale Fach verwaltet. Meine Tochter, verwittwete Königin von Tua⸗Hateine, habe ich in brillanten Verhältniſſen als krim'ſche Fürſtin untergebracht und ſie hat mir dafür zum Danke ſo eben einen kleinen Enkel in die Arme gelegt, der ſeine unpe und Grac ſo b polit iſt, zugle ſchile ſo l nur nach und mög vor Aus ſond Buc wird man — 415— ſeinem Großvater höchſt ähnlich zu werden verſpricht. Endlich bin ich unparteiiſch genug geweſen, ſowohl über meine Rivalen St. Arnaud und Lord Raglan als über meine beiden Eltern und elf Geſchwiſter Gras wachſen zu laſſen— kann ich mehr thun? Was mich betrifft, ſo beobachte ich von der hohen Warte der ironiſirenden Neulralitäts⸗ politik den Gang der Weltereigniſſe, um, wenn meine Zeit gekommen iſt, von Neuem in das Räderwerk der Weltgeſchichte einzugreifen. Wo ich in dieſem Buche gedichtet zu haben ſcheine, habe ich auch zugleich die Wirklichkeit geſchildert, und wo ich die Wirklichkeit ge⸗ ſchildert zu haben ſcheine, habe ich zugleich auch gedichtet. Nur wer, ſo lange er lebt, ſein Leben mit⸗ und durchdichtet, lebt wirklich, und nur was ſich nie und nirgends begeben hat, das allein veraltet nicht, nach dem Ausſpruch eines großen Dichtern, das allein alſo iſt wirklich und dauernd. Was heute nicht möglich ſcheint, war vielleicht geſtern möglich oder wird morgen möglich ſein. Alle erleben Dinge, die ſie vorher gar nicht für möglich hielten, und hundertmal hört man den Ausruf: das iſt nicht möglich! und doch iſt es nicht blos möglich, ſondern es iſt wirklich geſchehen. Wenn der Leſer zum Schluſſe des Buchs auch ſagen ſollte: So etwas iſt noch nicht erlebt worden, ſo wird er eben ſo gern geſtehen: So etwas kann erlebt werden, wenn man eben— Fritz Beutel iſt. Inhaltsverzeichniß. Erſtes Kapitel. Beſchreibung Schnipphauſen's und ſeiner Ein⸗ wohner und Naturproducte. Wunderbare Geſchichte der Geburt Fritz Beutel's. Sein erſter Kampf. Er gibt ſich ſelbſt ſeinen Taufnamen und hält beim Taufſchmauſe eine ſchöne Rede. Phantasmagorieen und erſter Katzenjammer Fritz Beutel's. Un⸗ terrichtsmethode ſeines Vaters, Valentin Andreas Beutel. Erſte Entdeckungsreiſen Fritz Beutel's bis zur Planke. Raubritter⸗ ſchaftliche Vergnügungen mit dem Junker Hans von Pieſack. Innige Beziehungen zu der Schnipphauſen'ſchen Thierwelt. S. 15 Bweites Kapitel. Wie ſich Fritz Beutel, nach einem merkwür⸗ digen Geſpräch mit ſeinem Vater, dem Schullehrer zu Schnipp⸗ hauſen, vier Jahre älter macht, wie er von Beate Regina Cordula Veronica Pipermann Abſchied nimmt, wie er ſich als Poſtſtück nach Hamburg ſpediren läßt, wie er ſich in Herrn Schummer's Familie einführt und von dieſem nach Amerika Rathſchläge auf den Weg mitbekommt, die ſich auch der verehrte Leſer zu Nutze machen kann...... S. 31 Drittes Kapitel. Abfahrt auf der Amphitrite. Romantiſche Scene mit Marie Windelmeier. Kapitän Kriſchan Schroop. Entſetzliche Kataſtrophe wie ſolche nie dageweſen, aber von Fritz Beutel überſtanden wird........ S. 45 Viertes Kapitel. Fritz Beutel gründet das Kaiſerthum Beutel⸗ reich und entwirft eine Reichsurkunde. Furchtbarer Traum mit fröhlichem Ende. Det Hund Hector. Erſte Excurſion Fritz ———— 417— Beutel's in das Innere des Reichs. Beſchreibung der Thiere und Pflanzen auf Beutelland, ſehr lehrreich und nützlich für Zoologen und Botaniker. Erſtes Nachtlager auf der Waſſerblume. S. 57 Fünftes Kapitel. Fortſetzung der Excurſion. Plötzlich verän⸗ derte politiſche Stellung zu den animaliſchen Bewohnern Beutel⸗ lands. Aufſtand der geſchwänzten Affen. Furchtbare Kämpfe mit denſelben. Ihre Niederlage. Deputation der ungeſchwänzten Affen und Schutz⸗ und Trutzbündniß mit dieſen. Griſeldis. Grauenhafte Entdeckung in Betreff eines Seifenſiedergeſellen aus Glückſtadt. Verirrte Spuren deutſcher Lyrik... S. 65 Sechstes Kapitel. Seeexpedition. Entdeckung des Erzherzog⸗ thums Klein⸗Auſtria. Höchſt merkwürdige Begegnung mit Kri⸗ ſchan Schroop und Marie Windelmeier. Schickſale derſelben. Rückkehr nach Beutelland......... S. 82 Siebentes Kapitel. Bedeutungsvolle Unterhaltungen des Kaiſers Fritz Beutel mit ſeinem Marineminiſter Kriſchan Schroop über das Beſitz⸗ und Eigenthumsrecht und den alten Adam, für Juriſten von größter Wichtigkeit. Excurſion mit Kriſchan Schroop ins Innere Noch grauenhaftere Entdeckung in Betreff des Seifenſiedergeſellen. Ein Brief in einer Flaſche. Abermalige Seeexcurſion S. 91 Achtes Kapitel. Entdeckung von Pipermannland. Wunderbares Wiederfinden Peter Silje's und der Mamſell Pipermann. Kampf mit den Menſchenfreſſern. Merkwürdige Rettung deutſcher Lands⸗ leute. Der italieniſche Sänger Rackerino Rackerini. Regierungs⸗ maßregeln, Ergänzung des Miniſteriums und Creirung von Hof⸗ chargen. Rückkehr nach Beutelland..... S. 101 Neuntes Kapitel. Neuer Kampf mit den Schwanzaffen und Ausrottung derſelben. Wald⸗ und Prairienbrand und Rettung Fritz Beutel's durch Hector. Reichsgummitracht. Decret gegen Rackerino Rackerini. Empörung deſſelben auf Pipermannland. Schändliche Entführung der Kaiſerin Beate ſammt der Prinzeſſin Guitarria Cichoria Cigarretta. Furchtbare Rachepläne Fritz Beu⸗ tel's. Wirbelwind und allgemeines Erdbeben. Untergang Beutel⸗ lands. Wunderbare Rettung Fritz Beutel's.... S. 110 D. B. X. Fritz Beutel, v. Marggraff. 27 — 418— Behntes Kapitel. Fahrt in den Ocean. Merkwürdiger Anblick von Pipermannland. Rackerino Rackerini's Ende. Ankunft Fritzens in der arktiſchen Region. Kampf mit den Eisbären und Be⸗ ſchwichtigung derſelben. Landung auf der Eisinſel. Häusliche Einrichtung Fritz Beutel's in einem Wallfiſchrachen. Die Eisinſel macht ſich auf den Weg......... S. 122 Elftes Kapitel. Zuſammentreffen mit der Nordpolexpedition des Admirals John Roß. Wie Fritz Beutel das Admiralsſchiff wieder flott macht. Merkwürdige Operation mit neu erfundenen Brenn⸗ ſpiegeln. Fritz Beutel trennt ſich von Admiral Roß und geräth in ein Nordlicht, das er verſtärkt. Er entdeckt den Nordpol. Was an dieſem eigentlich iſt und was von Fritz Beutel daran hängen bleibt. Fritz Beutel zieht die Aufmerkſamkeit aller Magnet⸗ nadeln auf ſich........... S. 134 Zwölftes Kapitel. Fritz Beutel's Winterſchlaf in einem Vulkan. Seine unerwartete Beförderung in das Land der Kuxuſen. Be⸗ ſchreibung des Volkes. Schlacht zwiſchen den Kuxuſen und Gurk⸗ chuſen. Fritz Beutel Generaliſſimus. Seine Feſt⸗ und Siegesrede. Er liest mit der Prinzeſſin Kax den Werther in der Landesſprache und ſoll dieſe ehelichen. Drohende Stellung des Prinzen Knitſcho⸗ garsk. Flucht Fritz Beutel's auf einem Rennthier und Ankunft in einem engliſchen Fort......... S. 140 Dreizehntes Kapitel. Diplomatiſches Diner bei dem ruſſiſchen Gouverneur Michailowitſch Andrejewitſch Karabatſchew. Aben⸗ teuer mit däniſchen Matroſen und einem Wallfiſch. Wiederzu⸗ ſammentreffen mit Kriſchan Schroop und dem Hunde Hector auf Kriſchansruhe. Merkwürdige Mittheilungen Kriſchan Schroop's. Das Märchen von dem californiſchen Golde und beachtenswerthe Warnung davor. Fritz Beutel erfindet eine neue Methode, Büffel zu fangen. Wunderbarer Ritt auf einem Büffel.. S. 157 Vierzehntes Kapitel. Fritz Beutel wird auf ſeltſame Art Heerdenbeſitzer, kommt wegen angeblicher Eigenthumsbeſchädigung in Fatalitäten, bindet Jemanden einen Bären auf, läßt ſeine Heerde im Stich und reitet davon, wobei er vier Farmer aus dem Sattel wirft. S. 168 — — 419— Fünfzehntes Kapitel. Fritz Beutel geräth in den Rocky Moun⸗ tains unter eine Geſellſchaft von Trappers, die er auszieht, worauf er wieder davon reitet. Kühner Sprung und Ritt durch die Prairie. Zuſammentreffen mit dem Prairienwolf. Fritz Beutel rettet das Indianermädchen Ma⸗Nu⸗La⸗Hit⸗Tih aus dem Schlunde einer Rieſenſchlange. Was ſich weiter mit ihm und dem In⸗ dianermädchen in dem Schlangenloche behit Ankunft in Schnipp⸗ hauſionopolis........... S. 176 Sechzehntes Kapitel. Peter Silje als Redacteur des„Mino⸗ taurus“ und Fritz Beutel als Beſitzer eines Muſeum thieriſcher und menſchlicher Wunder. Er gründet im Tanzſaale des Gaſt⸗ hauſes„zur deutſchen Eintracht“ eine religiöſe Secte. Conflict mit Nativiſten. Fritz Beutel ie liehem über das nativiſtiſche Element........ St. 190 Siebenzehntes Kapitel. Fritz Beutel wimngt nach Beutelfurt und ſteigt im Hotel„zum Fritz Beutel“ ab. Wird Geiſtlicher und betreibt noch andre Geſchäfte, wobei der Leſer erfährt, wie weit man in der Anfertigung von Surrogaten gehen darf. Pro⸗ ben Fritz Beutel'ſcher Begräbniß⸗, Trau⸗ und Taufreden. Bringt ſich ſelbſt eine Katzenmuſik und legt ſein Amt nieder. Seine Abſchiedspredigt und Ausſöhnung mit den Pferdedieben. S. 205 Achtzehntes Kapitel. Fritz Beutel kommt nach St. Louis, wo er ſich bei Freund Winkerle nach der Doppelraſiermethode raſieren läßt. Wird Pillen⸗ und Eſſenzenverkäufer, gründet das ſani⸗ tätiſche Beuteleum nach communiſtiſchen Principien, errichtet Agenturen zur Befriedigung culinariſcher Genüſſe und macht ſich als wandernder Medicamentenverkäufer davon.— Fritz Beutel in Cincinnati. Aufforderung im Namen des Präſidenten der Republik an Fritz Beutel, der in Folgen davon Cincinnati verläßt und nach Waſhington reist, wo er eine denkwürdige Beſprechung mit dem Präſidenten hat und von der Frau Präſidentin nebſt deren ſieben Töchtern ſehr freundlich aufgenommen wird. Fritz Beutel wirbt in New⸗York eine Fremdenlegion für den Gouverneur von Algerien, die aus ſehr merkwürdigen Exemplaren beſteht, ſegelt — 420— mit ihr nach Algier und führt ſeine Legion dem Generalgouver⸗ neur vor..... 3.... S. 216 Neunzehntes Kapitel. Ausmarſch aus Algier und Feldzug gegen die Kabylen. Wie dieſe Reißaus nehmen und wie Fritz Beutel Löwen jagt, auch mit den Löwen in ein näheres Verhältniß tritt. Sehr intereſſantes Zuſammentreffen mit dem Tſchugatſchen⸗ prinzen Knitſchogarsk und mit Beate Pipermann. Fritz Beutel mißt ſich mit dem Prinzen und ſtiftet zwiſchen ihm und Beate eine Ehe. Er errichtet eine Löwengarde und erſtürmt Conſtantine. Unterſchlagung des ihm zugedachten Marſchallſtabs. Höchſt fatales Rencontre mit dem neuen Gouverneur, worauf er mit ſeinem Reitlöwen auf den Mittelpunkt Afrikas losſprengt. S. 238 Zwanzigſtes Kapitel. Fritz Beutel gelangt nach Tombuktu, legitimirt ſich hier durch einen Steckbrief und ſtudirt die afrika⸗ niſchen Rechte. Rechtsgrundſätze des Profeſſors Zibari. Fritz zieht die Augen der Königin Krikikara auf ſich und wird nach einem Commerſch im Wirthshauſe„zum baieriſchen Schöppchen“ nach der Königsburg abgeholt, wo die Königin Krikikara mit ihm ein intereſſantes Geſpräch über die europäiſche Civiliſation, über Nationalökonomie und Heirathsangelegenheiten hält. Fritz Beutel wird hierauf Königin⸗Gemahl....... S. 258 Einundzwanzigſtes Kapitel. Fritz Beutel organiſirt den Staat Tombuktu und wird zum Doctor promovirt. Seine Regierungs⸗ ſorgen und unſchuldigen Vergnügungen. Die Tänzerin Matſcha Schnoka, genannt Roſa de Tepita. Schwarzgelbes und ſchwarz⸗ weißes Naturſpiel an ſeinen Kindern. Intriguen des Prinzen Känkrino. Furchtbarer Ausbruch der Eiferſucht bei der Königin Krikikara. Entſetzliche Kataſtrophe. Höchſt wunderſame Rettung Fritz Beutel's. Peter Silje als Pränumerantenſammler S. 274 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Fritz Beutel gründet mit Peter Silje in Macomaco ein Theaterjournal. Staatsgefährlicher Partei⸗ kampf zwiſchen den Sängerinnen Clabaſteroni und Cleiſterazzi. Der Sultan Pieſacko. Ueberraſchung durch die Tänzerin Roſa. Fort⸗ gang der Theaterwirren. Fritz Beutel beſiegt die Nebus und 1221— wird Herzog von Quiquamqui. Seltſame Fata Morgana. Mehr⸗ fache inhaltreiche Unterredungen mit dem Sultan Pieſacko, in welchem Fritz Beutel einen alten Bekannten wieder erkennt. Wie Roſa ihm ein gebrochenes Herz hinterläßt. Militäriſche Miſſion aus Frankreich. Wie Fritz Beutel den franzöſiſchen General in den Sack ſteckt. Zerwürfniß mit dem Sultan Pieſacko und Flucht Frih Beutel's..... S. 285 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Straußenritt durch die Wüſte. Sommeraufenthalt in einer Pyramide. Hieroglyphiſche Studien. Noch nie dageweſenes Abenteuer mit einer Mumie, der Prinzeſſin Pumphitta, die höchſt merkwürdige Aufſchlüſſe über den keuſchen Joſeph und Madame Potiphar macht. Tragiſches Ende des Verhältniſſes mit der Mumie... S. 308 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Fritz Beutel in Aegypten. Er kommt mit einem ſehr wunderbaren Gefolge nach Cairo und geräth in Conflict mit der oberſten Polizeibehörde. Seine Au⸗ dienz beim Vicekönig und Begegnung mit Beate. Der Vickkönig ſucht Fritz Beutel für die orientaliſchen Angelegenheiten zu ge⸗ winnenz Fritz Beutel aber reist nach Schnipphauſen, wohin ihm Beate folgen ſoll, aber nicht ſolgt....... S. 317 Fünfundzmanzigſtes Kapitel. Fritz Beutel als Fürſt Närr⸗ ſchikow in Neapel. Er gibt diplomatiſche Diners und veſuviſche Nächte, und geräth in Unordnung mit ſeinen Finanzen. Ver⸗ hängnißvolles Rencontre mit dem ruſſiſchen Geſandten. Er ſoll als Oberküchenmeiſter nach St. Petersburg befördert werden, macht aber einen entſetzlichen Lärmen und entzieht ſich dadurch der an⸗ gedrohten Beförderung. Abermals noch nie dageweſenes Erlebniß in einem Todtengewölbe zu Ferrara....... S. 328 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Fritz Beutel macht einen Strich quer durch Italien und die Schweiz und kommt auf dieſem nach Deutſchland, wo er im Auftrage einer Auswanderungs⸗Agentur vierhundert„Köpfe“ nach Nordamerika wirbt. Er knüpft in Leipzig buchhändleriſche und literariſche und im Kyffhäuſer mit Friedrich dem Rothbart politiſche Verbindungen an, löst auch eine medi⸗ — 422— ciniſche Preisfrage in höchſt wiſſenſchaftlicher Weiſe. Fritz Beutel in der Schulſtube und auf dem Kirchhofe in Schnipphauſen. Abfahrt nach Amerika........... S 340 iebenundzwanzigſtes Kapitel. Ankunft in New⸗York, wo man ſeine langjährige Abweſenheit höchlichſt bedauert. Kommt mit dem Chef der Agentur in einen Proceß und ſtellt ſeine Aus⸗ wanderer aus, womit er gute Geſchäfte macht. Er errichtet ein Leihhaus und ein Heirathsbureau, wodurch er wieder mit Beate und dem Prinzen Knitſchogarsk in Verbindung kommt, reist dann mit Gummibahn nach Kalifornien und findet hier eine alte Prophezeihung von ihm eingetroffen...... S. 353 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Fahrt nach Calcutta, Beſuch bei der Königin Pomare und Begegnung mit Guitarria Cichoria Cigarretta, ſeiner Tochter. Lebt als Nabob in Oſtindien und wird als eine Verkörperung Gott Buddha's von einer tibetaniſchen Deputation nach Tibet abgeholt, wo er als Dalai Lama die große Landesſchildkröte reitet. Er ſattelt den Reichsadler und entſchwebt. Wie China aus der Vogelperſpective ausſieht. Fritz Beutel ſteigt in den kaiſerlichen Gärten von Pecking ab, nimmt am kaiſerlichen Opiumcollegium Theil und raucht den Kaiſer nieder, worauf er die Prinzeſſin Sitſch⸗Li⸗Fi heirathet und für eine Weile wieder ein gemachter Mann iſt. Sein Edict zur Hebung der äſthetiſchen Angelegenheiten China's. Zopfrevolution. Fritz Beutel wird durch Guitarria Cichoria Cigarretta nach Auſtra⸗ lien gerettet, wo er Gold gräbt. Ein Schreiben mit N. unter⸗ zeichnet ruft ihn nach Konſtantinopel..... S. 365 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Fritz Beutel in Konſtantinopel. Diplomatiſche Conferenzen mit dem franzöſiſchen Geſandten und den türkiſchen Miniſtern über die orientaliſchen Angelegenheiten. Fritz Beutel erhält den Poſten eines Ober⸗Geheim⸗Feldmarſchalls bei den Alliirten. Peter Silje's Bureau zur Anfertigung diplo⸗ matiſcher Noten. Mittheilungen über Hans von Pieſack. Allerlei Verlegenheiten in diplomatiſchen Cirkeln. Fritz Beutel gewinnt die Schlacht von Kalafat und vertheidigt Siliſtria. Zerwürfniß 123 mit Omer Paſcha. Fritz Beutel wird dem Marſchall St. Arnaud ad latus beigegeben und geht nach der Krim... S. 382 Dreißigſtes Kapitel. Landung auf der tauriſchen Halbinſel. Homeriſche Begegnung mit einem Tſcherkeſſen. Fritz Beutel ge⸗ winnt die Schlacht an der Alma und ſtürmt Sebaſtopol, indem ihm Guitarria Cichoria Cigarretta zu Hilfe kommt. Fürſt Ment⸗ ſchikow übergibt Sebaſtopol und die Flotte an Fritz Beutel, der Vertrag wird aber von den Marſchällen der Alliirten nicht ra⸗ tificirt. Wortwechſel darüber mit den Marſchällen, während die Tartarennachricht ihren Weg nach Wien findet. Fritz Beutel erklärt ſich neutral, hüllt ſich in Fürſt Mentſchikow's Paletot und wird Schwiegervater des Fürſten Kantſchukeno, auch Großvater. Schwarz⸗roth⸗goldne Sympathieen unter den Kirgiſen und Baſch⸗ kiren. Schluß....... S. 396 ſou& Grey ESortroſ Chart Green vellow Hed Magenta 7 8 * 4 —, 7 1 2 6