. 1 3—— f— 7 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen⸗ 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Nüctipbs der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen... 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. — — „ 3„„„„ ⸗„=„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Nahezu Alles wurde dem einen Lande verliehen, dem Hesperien am Stillen Ozean, der California felix. Der glücklichſte Boden iſt ſein und die unerſchöpflichſte Erde, die mannigfaltigſte Schönheit landſchaftlicher Geſtaltung und die verſchiedenſten Arten natürlichen Reichthums. Es iſt ein Gold⸗ land in Allem und Jedem. Zu den wirklichen Schätzen des edelſten Metalles in ſeiner Erde geſellt ſich auf der nämlichen Erde eine kanaanitiſche Fülle goldigſchimmernder Ernten. Und während dicht daneben nicht minder goldige Ströme feurigen Weines gezeitigt werden, lohnt das reiche Vließ unendlicher Heerden des Viehzüchters leichteſte Mühe mit derſelben Ver⸗ ſchwendung, wie Halm und Rebe des Acker⸗ und Garten⸗ bauers Sorge. Dazu mächtig aufblühende Städte an See⸗ küſten und Stromufern, und Siedelungen, welche die breiten Thäler bis hinauf in die Wildniſſe der Sierras bedecken. Ueber dieſe Sierras aber ſchwingt ſich, als wunderbarſte Maſche jenes Eiſennetzes, in welches der Entfernungen vernichtende Genius unſerer Zeit das Feſtland des Erdballs einzuſpinnen begonnen, der Schienenweg der erſten amerikaniſchen Ueber⸗ landbahn. Und das Alles iſt das Werk eines Vierteljahrhunderts! Zum Natur⸗Märchen iſt über Nacht das Civiliſations⸗Märchen gekommen. Unwiderſtehlicher, eigenartiger, kecker, als es eine Poetenphantaſie zu erſinnen vermocht hätte, kam es dazu. Es war im Januar 1848, daß, nicht am wenigſten re⸗ volutionirend unter den vielen Revolutionsrufen jenes Jahres, zum erſten Mal das Loſungswort„Gold“ aus den pacifiſchen Thälern nach der übrigen Welt drang. Sofort erwiederte dieſe auf die neue Loſung. Und zwar mit der ſeltſamſten, ungeſtümſten und zügelloſeſten Völkerwanderung, von der man noch je vernommen. Kaum eines Jahres bedurfte es und — VIII— Kalifornien war ſeiner Weltentlegenheit, ſeiner inſelartigen Verſchollenheit für immer entriſſen. Um nie mehr davon zu laſſen, legte die Welt ihre Hand auf die von Schätzen ſtrotzende Wildniß des fernſten Weſtens. Ein Wiederverlieren war un⸗ denkbar. Die Eroberung war ebenſo ſchnell, wie vollſtändig. Man hat ſie die Argonautenhiſtorie des neunzehnten Jahr⸗ hunderts getauft. Und mit gutem Recht. Abenteuer und Gefahren fehlten Denen, welche dem neuen Kolchis,— ſei es über die endloſen Hochſteppen der Felſengebirge, ſei es auf ebenſo endloſer Meerfahrt um das Kap Horn herum,— zueilten, nicht minder, als der gülden⸗gleißende Lohn am Ende der Wagefahrt. Aber wie dort, lag auch hier dicht neben dem gülden⸗gleißenden Lohn der Untergang. Und wie jener der Fauſt der modernen Argonauten nicht vorenthalten blei⸗ ben konnte, ſo mußten ſie auch dieſem ihren unerbittlichſten Zehnten entrichten. Unerbittlich und doch heilſam und ret⸗ tend zugleich! Denn welche Welt ſich in Kalifornien aufge⸗ baut hätte, wenn das Civiliſationschaos ſeiner erſten Jahre ungehindert hätte ausgähren und ausbrauen dürfen— welcher Höllen⸗Breughel will uns das ausmalen? Glichen doch dieſe erſten Jahre einem Bacchanal alles Geſellſchaftsfeindlichen; ihre Geſtaltung der Auflöſung alles deſſen, was ſonſt den Kitt und Mörtel ſozialen Gefüges bildet; ihr Geſetz einem Katechismus unverhüllteſter Fauſtrechtsübung; ihre Gemein⸗ weſen Pandämonien. Wenn es trotz alledem für die ordnende Tüchtigkeit und die Anweſen gründende Kraft, welche dem anglo⸗germaniſchen Geiſt innewohnen, nur weniger Jahre be⸗ durfte, um über den Hexenſabbath zu triumphiren, den die Habgier und die Geſetzloſigkeit eines internationalen Auswurfs am Stillen Ozean in's Leben gerufen hatten, ſo beweist dieß nur, daß jener Tüchtigkeit und jener Kraft eben nichts zu widerſtehen vermag. Wie vollſtändig ſie auch in dem neuen Dorado zu ſiegen gewußt haben, thut heute der flüchtigſte Blick auf den mächtig emporgeblühten, zum vollſten Genuß gefeſtigter Zuſtände gereiften pacifiſchen Großſtaat der Union dar. Nicht einer Spur mehr von jenem Chaos, jenem Hexen⸗ ſabbath begegnet er. Und hätte ſich nicht— um unſer Argonautengleichniß vollkommen auszuſpinnen,— die Sage und die Dichtung jener erſten Goldſucher⸗Vergangenheit be⸗ mächtigt: der nur mit Exiſtirendem rechnende amerikaniſche Fortſchrittsgeiſt wäre längſt bis auf die Erinnerung über ſie und ihre Ungeheuerlichkeiten zur Tagesordnung der geſicherten Gegenwart übergegangen. Die Sage und die Dichtung! Und zwar die letztere in der Geſtalt und aus der Fülle einer ungewöhnlichen aus⸗ übenden Künſtlerkraft! Das Goldland, welches Alles hat, ſollte auch ſeiner poetiſchen Verklärung nicht entrathen. Seine Argonauten ſollten ihren Rhapſoden finden. Die Sonder⸗ artigkeiten, Eigengeſchicke und Leidenſchaften ſeiner erſten Ge⸗ bieter ſollten ihren darſtellungsgewaltigen Schilderer, ihren Erklärer, ihren Verſöhner haben. In Bret Harte ſollten ſie das Alles haben, in dem Manne mit dem wunderlichen Namen und dem noch wunderlichern Vermögen, mit ganz kleinen, unbarmherzigen Strichen Gemälde emporzuzaubern, welche die Rührung, das Komiſche und der Schrecken ſelbſt ſind. Um das ganz zu verſtehen, das heißt, um ſich die dich⸗ teriſche Weiſe des Mannes ganz zurecht zu legen, muß man ſie mit der Natur ſeines dichteriſchen Vaterlandes zuſammen⸗ halten. Wie dieſe, ſo iſt er! Nur in ihr vermochte der als halber Knabe den geordneten Verhältniſſen ſeiner New⸗Yorker Heimat entflohene Poet jenen Adlerblick für alles abſonder⸗ lich Geartete zu gewinnen, welcher ihn kennzeichnet. Nur in ihr, wo das Seltſame das Gewöhnliche iſt, und der Gegenſatz aufhört Gegenſatz zu ſein, konnte ſeine dichteriſch angelegte Perſönlichkeit zu dem ſchöpferiſchen Original gedeihen, das wir in ihm bewundern. Ueber der raſendſten Weltmeerbrandung wölbt ſich dort der ſonnigſte Himmel; wildeſtes Lawinen⸗ und Felſengeſtürz droht in Bergſeen hernieder, die gleich Kinder⸗ augen blicken; und noch an den grauſigſten Hochgebirgsklippen blühen unvergängliche Blumengeſchlechter hinan. Und ſo wie dieſe, die ewige Natur, tritt uns die menſchliche in Bret Harte's Dichtungen entgegen. Das Grauſamſte neben der Innigkeit, das Ausgelaſſenſte neben der Tragik, das Feindſeligſte neben der Aufopferung und das Verletzendſte neben der Verklärung ſelbſt! Und das Alles nicht etwa wie ein einander Aus⸗ ſchließendes, nur zur gegenſeitigen grellern Beleuchtung in einen Rahmen Gezwungenes, ſondern— und hierin liegt das Geheimniß ſeiner Unwiderſtehlichkeit— als ein elementar Zuſammengehörendes, ein dem nämlichen Boden urwüchſig Entſproſſenes! Dem nämlichen Boden, das heißt dem näm⸗ lichen Menſchengemüth! Aus dem Qualm der Entartung, der Verſtocktheit, der Verthiertheit ſelbſt, wie er auf dem Ur⸗ brei der früheſten kaliforniſchen Golderoberung breit und greu⸗ lich obenauf trieb, hat er es gewußt, die Flammen der mit⸗ leidvollſten Menſchlichkeit, der ſchrankenloſeſten Hingebung, der widerſtandsbarſten Hörigkeit des Menſchen zum Menſchen auf⸗ lodern zu laſſen. Und nicht etwa als flackernden und bizarren Theaterblitz, ſondern als echtes Altarfeuer, dem wir glauben, dem wir uns neigen, wie einer Enthüllung der nie irrenden Natur ſelbſt. Daß wir ihm aber glauben, daß wir uns vor ihm neigen: das iſt Bret Harte's künſtleriſches Geheimniß und iſt ſein künſtleriſcher Triumph. Das macht ſeine kleinen Skizzen und Novellen zu poetiſchen Thaten. Macht die, wie mit ſpielendem Pinſel hingeworfenen Figuren Kentuch's, Miggles', Teneſſee's, John Oakhurſt's, Jack Hamlin's und des weiblichen Abſchaums von Poker Flat zu erlösten und verklärten Geſtalten. Macht ihre ſimplen Geſchichten zu unantaſtbaren Beſiegelungen für das Eine: daß es keinen Bruch mit Menſchenadel und Menſchengeſittung gibt, in deſſen Abgrund der Alles verſöhnende Liebestrieb des Einen zum Andern nicht doch hinabdringt! Bret Harte iſt kein Pſeudonym, wie man wohl lang in Deutſchland geglaubt und zum Theil noch glauben mag. Es iſt ein ehrlicher und rechter Name, nur ein wenig abſon⸗ ſonderlich klingend, wie in einem Land, in welchem der Laune taufender Eltern gegenüber abſolut nichts— von den Benen⸗ nungen der Bibel bis zu denen der Logarithmentafel— vor der Ehre einer Patronſchaft ſicher iſt, Hunderte und Tauſende von Namen dem ausländiſchen Ohr klingen müſſen. Voll⸗ ſtändig und in dieſer Vollſtändigkeit auch für alle Zeiten aus einem Kirchenbuch Albanys, der Staatshauptſtadt von New⸗ York, zu erſehen, lautet er: Francis Bret Harte. Aber auch Namen haben ihre Schickſale. Dieſes ſittſame, leichtverſtänd⸗ liche Francis ſollte über jene ehrwürdigen Blätter und die kleine Sakriſtei, in der ſie aufbewahrt worden, nicht hinaus⸗ dringen, während das ſeltſame, räthelhafte Bret ſeitdem auf der Welt Lippe heimiſch geworden iſt. Schon die früheſten Geſpielen des Knaben bevorzugten es in ſeinem halb ſpitznamen⸗ haften Lakonismus in ſo gebieteriſcher Weiſe, daß dieſer ſelbſt — YI noch vor Verlaſſen der Schule das wohlgemeinte Francis bis auf den Klang verlernt hatte, und ſich auch ſpäter, da es gegolten hätte, ſeine erſten Muſenopfer in dieſem Namen dar⸗ zubringen, ſeiner nicht zu erinnern vermochte. So iſt er Bret Harte geblieben, und die Welt, die eben ſo ſpröde iſt, einen Namen zu lernen, wie ihn zu vergeſſen, würde jetzt nicht weniger abgeneigt ſein, das verſchollene Francis in ſeinen Rechten wiederherzuſtellen, wie einſtens die Gaſſen⸗ und Schul⸗ buben von Albany nicht geſonnen waren, ihm zu geben, was ihm doch gebührt hätte. Bret Harte iſt heut ein Mann von ſiebenunddreißig Jahren. Geboren wurde er 1839 als Sohn eines Lehrers, und gar Manches in ſeinen Arbeiten weist auf eine gute, ſelbſt das höhere Wiſſenſchaftliche in ſich begreifende erſte Er⸗ ziehung hin. Kalifornier wurde er 1854. Was bis Ende der fünfziger Jahre nach dem pacifiſchen Dorado kam, kam auch unter romantiſchen Umſtänden dorthin. Daß Bret Harte zuerſt Goldſucher im Innern des Landes war, verſteht ſich von ſelbſt. Wer wäre es zu jener Zeit nicht geweſen? Was er jedoch und wie viel des vergänglichen Mammons er da⸗ mals gefunden, wiſſen wir nicht. Wir wiſſen nur, daß es gegen den unvergänglichen Schatz lauterer Poeſie, als deren Heber er ſich anderthalb Jahrzehnte darnach ſeinen ſtaunenden Landsleuten enthüllen ſollte, ein Verſchwindendes, ein Nichts war. Auch ſehen wir ihn ſchnell genug das aller Lockungen ungeachtet ſo undankbare Handwerk mit der Miſſion eines Schullehrers und dieſe wieder mit dem Beruf eines Setzers und„Zeitungsmannes“ an einem jener journaliſtiſchen Un⸗ ternehmen vertauſchen, wie ſie in Amerika überall entſtehen, wo ſich um das erſte Dutzend feſter Häuſer das erſte Hundert Perſonen feſtgeniſtet hat. Zum Glück war er damit in ſein richtiges Fahrwaſſer, in— die Literatur gekommen, und es bedurfte nur der Erkenntniß ſeinerſeits, daß es der Wander⸗ und Irrjahre in den Camps, Flats und Runs der Sierra Nevada genug ſei, um ihn in San Franzisko— der„Bay“, wie die junge Capitale im Goldſucherjargon hieß— ein neues Heim, einen neuen Wirkungskreis und die erſten Er⸗ folge auf jenem Gebiet, deſſen Zierde er jetzt iſt, gewinnen zu laſſen. Im Sommer 1857 langte er, den Sakramento hinab⸗ reiſend, in dem erſehnten Weichbild der Bay an. Wieder war — XII— es der Setzerraum einer Zeitung, der den jungen Weltfahrer aufnahm, und zwar derjenige eines literariſchen Wochenblattes, deſſen Titel— es hieß The golden Era»— allein hin⸗ reichend war, einem begeiſterten Kalifornier die begehrens⸗ wertheſte Zukunft in Ausſicht zu ſtellen. Und es ſollte Sinn in dem guten Omen liegen. Ehe ein Jahr vergangen, wurde der junge Poet Harte vom Setzerkaſten in das Redaktions⸗ zimmer befördert, nachdem er den Eigenthümer des Blattes durch die, von ihm nicht nur dem Papier anvertrauten, ſon⸗ dern auch ſofort in ſaubern Druck übertragenen Erſtlinge ſei⸗ ner Muſe überraſcht hatte. Und wie es zehn Jahre ſpäter ein humoriſtiſches Gedicht ſein ſollte, welches ſeinen Namen plötz⸗ lich über die ganze Union trug, war es auch hier eine jener erzoriginellen Reimereien, in denen er die Eigenerſcheinungen kaliforniſchen Lebens feſtzuhalten verſteht, durch welche er ſei⸗ nen erſten Erfolg, die Verſetzung in die Atmoſphäre redaktio⸗ neller Thätigkeit, davontrug. Nicht lang und er trat an⸗ die Spitze eines eigenen Blattes:«The Californians. Manches von dem, was er damals ſchrieb, iſt aufbewahrt worden,— die Maſſe ſeiner Produktion gehörte freilich dem flüchtigen Tage, dem ja des jungen Journaliſten Feder in erſter Reihe zu dienen hatte. Doch nicht nur ein fleißiger und innerhalb ſeines Wir⸗ kungskreiſes ſchon damals gern und allgemein anerkannter Tagesſchriftſteller hatte ſich aus dem kaliforniſchen Gold⸗ und Glücksjäger im Anfang der Sechszigerjahre entpuppt. Auch ein mit allem Ungeordneten der ſpezifiſch kaliforniſchen Exiſtenz auf das Entſchiedenſte brechender Ehemann wurde in jener Zeit aus dem jungen Argonauten— eine Würde, in deren mit jedem Jahr wachſenden Sorgen auch die Erklärung zu finden iſt, daß er, ſcheinbar der Feder untreu werdend, die Stellung eines Sekretärs der Vereinigten Staaten⸗Zweigmünze in San Franzisko annahm. Da rauſchten denn noch einmal die Ströme kaliforniſchen Goldes durch ſein Leben. Noch klin⸗ gender aber rauſchte das Gold kaliforniſcher Poeſie durch des Dichters Seele. Denn jetzt, in den geregelten und geſicherten Verhältniſſen, die ihm geworden,— jetzt war es endlich, daß er genug der Mußeſtunden fand, jene erſten ſeiner, ſeitdem in die Weltliteratur übergegangenen Gedichte, Skizzen und Novellen zu ſchaffen, welche ihm zubvörderſt die kaliforniſche Leſerwelt eroberten und ihm hinreichend opferwillige Freunde — —— — XIII— erwarben, um mit ihrer Hülfe im Juli 1868 die Herausgabe des«Overland Monthly“ zu beginnen. Der Erfolg des Unternehmens war ein augenblicklicher. Als Ganzes vortrefflich redigirt, brachte es gleichzeitig in faſt jedem ſeiner Hefte als beſondere Anziehung ein Bret Harte⸗ ſches Juwel. Schon im Auguſt erſchien The Luck of Roaring Camp» und zeigte dadurch den, ſeinen San Fran⸗ ziskoer Leſern bis dahin nur durch den ſprudelnden Humor kleinerer Gedichte und Gelegenheitsſkizzen ganz nahe getretenen Poeten plötzlich im ganzen Zauber eines Beherrſchers ureigener proſaiſcher Darſtellung. Ziemlich raſch auf einander folgten jetzt:«The Outcasts of Poker Flats, Miggles', Tenessee's Partners, Brown of Calaveras»,«Highwater Mark) u. ſ. w. Dazwiſchen kamen Arbeiten in Verſen und Proſa, ſtets voll von der Wärme des unmittelbaren Menſchenlebens und dabei doch den Vorhang von einer völlig neuen Welt lüftend, immer aber mit jenem unwiderſtehlichen Hauch über Form und in⸗ neres Weſen, der, wie er auf kein unmittelbares Vorbild zu⸗ rückzuführen iſt, auch noch keinen Nachahmer, wenigſtens keinen berechtigten und erfolgreichen, gefunden. Es war vielleicht unſeres Dichters glänzendſte Zeit, welche er damals hatte. Noch ſtand keine Weltberühmtheit hinter ihm und blickte auf die Blätter hernieder, die ſich in ſtillen Nachtſtunden unter ſeiner raſtloſen Hand mit Geſchichten und Gedichten bedeckten. Noch war ſein Schaffen ein Kampf. Noch die Ausübung ſei⸗ ner Meiſterſchaft eine unbewußte, von der außerkaliforniſchen Welt nicht gekannte, ihm wohl ſelbſt noch zweifelhafte. Aber nicht lange ſollten dieſe Zweifel dauern. An einem ſchönen Herbſttage des Jahres 1871 ward ein kleines Gedicht unſeres Mannes im«Overland» flügge; flog von dort durch alle Zeitungen der Union; von da auf alle Lippen großer und kleiner amerikaniſcher Kinder— und wie gelehrig ſind dieſe amerikaniſchen Kinder!— und von dort endlich über die ganze Welt. Das war der Heathen Chineen, wie es im Munde des Volkes ſchnell genug genannt ward, oder die «Plain Language from Truthful James», wie ſie der pathe⸗ tiſchere Autor getauft hatte. Im Handumdrehen war aus dieſer„einfachen Rede des wahrhaften James“ ein Gaſſen⸗ hauer geworden, und Bret Harte durfte ſich ſagen: daß auch er jetzt den Morgen hinter ſich habe, an dem er plötliich als Berühmtheit aufgewacht ſei. — Die erſte Folge dieſer Berühmtheit war, daß ein wahrer Bret Harte⸗Hunger in der amerikaniſchen Leſerwelt ausbrach. Die zweite, daß die wirkliche Heimat den Dichter ſeinem poe⸗ tiſchen Vaterlande entführte. Der Oſten heiſchte ſeinen ge⸗ feierten Sohn zurück, und dieſer gehorchte dem lockenden Ruf. Im Frühjahr 1871 legte er die Redaktion des Overland Monthly“ ſowohl, wie die„Profeſſur der Literatur“ nieder, welche er in letzter Zeit an der kaliforniſchen Hochſchule be⸗ kleidet hatte, und ſiedelte nach New⸗York über. Als umwor⸗ benſter unter den gegenwärtigen Schriftſtellern der Vereinigten Staaten lebt er ſeitdem ein Leben reich an Erfolg und— an Thätigkeit. Eine ſtattliche Anzahl neuer Erzählungen, Skizzen und Gedichte(jüngſt in zwei Bänden geſammelt) und der 1873 unter dem Titel«Condensed Novelso erſchie⸗ nene Band köſtlicher Parodieen moderner Romandichter, haben regelmäßige Beweiſe dieſer Thätigkeit gegeben. Die Letzteren, wohl das Schneidigſte und Erheiterndſte, was die neuere paro⸗ diſtiſche Literatur hervorgebracht hat. Unter den Erſteren mehr als eine Arbeit, welche den Gaben der San Franziskoer Zeit des Poeten würdig zur Seite ſtehen. So:«The Rose of Tualumnes,«The fool of Five Forks»,«Wan Lee the Pagans», und vor allen Dingen die größere Erzählung:«An Episode of Fiddletowns». Ein Leben reich an Erfolg, Ruhm und glänzenden ma⸗ teriellen Ernten lebt der ehemalige kaliforniſche Goldſucher jetzt auf dem, von keinem Golde wiſſenden Boden ſeiner öſt⸗ lichen Heimat. Weit über die Grenzen ſeines amerikaniſchen Geburtslandes hinaus ſind ſeine Schöpfungen Gemeingut ge⸗ worden. Charles Dickens, der Chorage im Gebiet humoriſti⸗ ſcher Lebens⸗ und Menſchendarſtellung, begrüßte, ehe er ſchied, den jüngern Kunſtgenoſſen und künftigen Bewerber um das Erbe des ſelbſtgetragenen Kranzes mit einer Wärme, welche an jenes Zurückblühen in die eigene Jugend mahnte, mit dem ſich der greiſende Goethe einſt den jungen Byron zu eigen machte. In Deutſchland iſt längſt ein wahrer Sturm von Ueberſetzern auf ihn eröffnet worden, an deren Spitze— Banner⸗ und Preisträger zugleich— Freiligrath ſeine Alt⸗ meiſterſchaft umdichtender Kunſt wieder einmal in ſchier ſtu⸗ pender Weiſe bewährte. Auf der andern Seite des Rheins hat es ſich die Revue de deux Mondes» zur Ehrenſache gemacht, jede Kundgebung des amerikaniſchen Autors ſofort — XV— dem erleſenſten Leſerkreiſe Frankreichs zu vermitteln. England iſt glücklich genug, ſich des Poeten in ſeiner eigenen Mundart erfreuen zu können, und wenn er ſelbſt einmal zum Beſuch des ſprachverwandten Stammes das Weltmeer durchkreuzen ſollte, ſo wird dieſer nicht ſäumen, den Beweis zu liefern, daß er der Ehren, die bereits mehr als einer ſeiner großen Poeten in Amerika empfing, nicht vergeſſen hat. Ob Bret Harte ſeinen Höhepunkt erreicht oder ihn be⸗ reits gar überſchritten hat? Wunderliche Frage, wenn es ſich um einen Dichter von ſeiner Eigenkraft und um einen Mann von ſiebenunddreißig Jahren handelt! Und doch iſt die Frage bereits aufgeworfen, und doch finden ſich ſelbſt unter ſeinen Anerkennern ſolche, die ſie aufwerfen. Zum Glück kann man es ihm ſelbſt überlaſſen, die Antwort zu geben. Soeben tritt er mit ſeiner erſten größern Hervorbringung, dem umfang⸗ reichen Roman„Gabriel Conroy“ vor das Publikum. Der⸗ ſelbe wird ſeit dem vorigen November fortſetzungsweiſe in dem zu New⸗York erſcheinenden Scribner's Monthly» veröffent⸗ licht. Zur Stunde mag etwa die Hälfte erſchienen ſein. Aber es hätte dieſer Hälfte nicht bedurft, um die Ueberzeugung zu ſchöpfen, daß es ſich hier um eine poetiſch, wie kulturhiſtoriſch gleichbedeutende Leiſtung handelt. Poetiſch,— man leſe die erſten Kapitel, die Schilderung des Unterganges der in der Sierra eingeſchneiten Auswandererkarawane: und man wird auch nicht den leiſeſten Zweifel an der ungeſchmälerten dich⸗ teriſchen Vollgewalt des Schöpfers der Highwater Mark- und der»Outcasts of Poker Plat» in ſich aufkeimen laſſen können. Kulturhiſtoriſch— man habe nur den geringſten Blick für das plaſtiſche Geſchick, mit welchem der Autor im ganzen Verlauf ſeiner Erzählung die alte ſpaniſch⸗mexikaniſche Civiliſation Kaliforniens und deren Ueberflutung durch die anglo⸗amerikaniſche Goldeinwanderung der letzten vierziger und erſten fünfziger Jahre zur Anſchauung bringt: und man wird ſich vor der geſchichtlichen Kraft, die hier am epiſchen Web⸗ ſtuhl geſeſſen, ebenſo beugen, wie dort vor der poetiſchen Ge⸗ walt allein. Und zu dem Allen iſt das Ganze als Roman mit breiteſter und verzweigteſter Verwicklung angelegt, ſelbſt in das Gebiet des Senſationellen hinübergreifend, ſtets aber von der anſchaulichſten Lebendigkeit der Handlung, von einer Lebhaftigkeit und Originalität der Perſonen und einer Eigen⸗ art der Darſtellung, die hier im weitgeſpannten Rahmen — VI ebenſo vergebens nach dem Vorbild ſuchen laſſen, wie man ſei⸗ ner Zeit in den umfanglich kleineren Schöpfungen deſſelben Autors, welche ſeitdem ihren unbeſtrittenen Platz in der Welt⸗ literatur gefunden haben, darnach ſuchte. Aber auch ohne dieſes jüngſte Geſchenk derſelben— wer wollte glauben, daß es mit dieſer Dichterkraft zu Ende ſei? Wer, der ihn liebt, vermöchte es? Hieße es nicht, ſich ſelbſt ärmer machen? Nein— das goldene Vließ, welches Bret Harte aus dem fernen Dorado am Stillen Ozean der Welt heimgebracht, war kein jaſoniſches Dämonengut, deſſen trügeri⸗ ſcher Glanz unter anderen Sonnen erliſcht und Unheil und Enttäuſchung ſowohl Denen bringt, die es tragen, wie Denen, die an ſeine Pracht glauben. Es iſt echtes und lauteres Gut, und der Quell, dem unſeres Dichters Schaffen entſtrömt, mag wohl einmal ein wenig ſparſamer fließen, vom Verſiegen kann dort keine Rede ſein, wo die ewige Natur ſelbſt den vollſten Segen geſprochen! New⸗York. Ildo Hrachvogel. Erstes Kapitel. Draußen. Schnee. Ueberall. Soweit das Auge reichte, — fünfzig Meilen ſüdwärts von dem höchſten Gipfel des Gebirges. Erdriſſe und Abgründe auffüllend; die Wände der Cannons gleich weißen Leichentüchern überwallend; den zwiſchen den Thälern aufragenden Bergrücken die Geſtalt un⸗ geheuerlicher Gräber leihend; den Fuß rieſiger Fichten umhüllend und den jungen Baum- und Lerchennachwuchs gänzlich verſchüttend; die ſchalen⸗ artigen Ränder ſtiller und kalter Bergſeen mit Porzellan einfaſſend und in erſtarrten Rieſen⸗ wellen dem Rande des fernen Horizontes zuflutend. Schnee, jeden Zoll der kaliforniſchen Sierras am 15. März 1848 bedeckend und in immer neuen Maſſen fallend. Volle zehn Tage hatte es geſchneit; feinkörnigen Bret Harte, Gabriel Conroy. I. 1 — 2— Staub,— feuchte, ſchwammige Flocken,— leichten, gefiederten Flaum geſchneit; gleichmäßig von einem bleifarbenen Himmel,— wild und in wirbelnden Maſſen aus violetſchwarzen Wolken,— in ſchrägen Lagen gleich weißen Wurfgeſchoſſen von einem auf⸗ gewühlten, zerriſſenen Firmament hernieder geſchneit. Aber immer in tieſſtem Schweigen. So ganz und gar waren die Wälder überdeckt, waren die Zweige überladen, war Himmel und Erde eingehüllt, waren die tönenden Felſen und wiederhallenden Hügel über⸗ polſtert und eingemummt, daß jeder Klang erſtarb. Der ſtärkſte Windſtoß, der wildeſte Wirbel ver⸗ mochte nicht, den ſchneeerſtickten, ſtarren Waldgeländen einen Seufzer, eine Klage zu entlocken. Kein Krachen im Geäſt, kein Raſcheln im Unterholz wurde ver⸗ nehmbar. Die überbürdeten Zweige der Föhren und Tannen brachen nieder, ohne einen Ton von ſich zu geben. Die Stille war grenzenlos, unend⸗ lich, vollkommen! Aber auch keine äußerliche Kundgebung von Leben und Bewegung ſtörte die Erſtarrung dieſer verzauberten Landſchaft. In der Höhe, mit Aus⸗ nahme der Nacht oder des ſich gelegentlich vertie⸗ fenden Dunkels des Unwetters, kein Spiel von Licht und Schatten. In der Tiefe kein Vogel, der ſeine Schwingen zum Flug über die weiße Wüſte entfaltete, kein wildes Thier, das ſeinen Spuk in 5 dem Bezirk der dunklen Wälder trieb. Was von thieriſchem Leben in dieſer Einſamkeit heimiſch geweſen, war längſt zu niedriger gelegenen Gegen⸗ den entflohen. Nirgends eine Weg⸗ oder Pfadſpur. War je eine ſolche durch einen Fuß dieſer Unend⸗ lichkeit eingedrückt worden,— der Schnee des näch⸗ ſten Moments hatte ſie verweht, hatte ihre Sprache verwiſcht. An jedem Morgen lag die Oede in neuer Unberührtheit, neuer Jungfräulichkeit da. Millionen winziger Füßchen waren über jene Spuren dahingeſchritten und hatten ſie ausgelöſcht. Und doch gab es ein Zeugenmal menſchlichen Lebens hier im Herzen der Einſamkeit, im inner⸗ ſten Bollwerk dieſer grimmigen Feſte ſelbſt! Am Eingang zu einem der Cannons waren einige Bäume gefällt, und die friſchen Späne, welche umherlagen, erſchienen nur dürftig von Schnee über⸗ deckt. Sie dienten vielleicht nur dazu, nach einem andern Baum hinzuleiten, der ſeiner Rinde ent⸗ kleidet war und die roh zubehauene Form einer Menſchenhand trug, welche in das Cannon hin— einwies. Unter dieſer Hand war ein viereckiges Stück Leinwand ſorglich an dem Stamm feſtgenagelt, welches die nachfolgende Inſchrift zeigte: —————— „Zur Kenntniß. Die Auswandererkarawane Kapitän Conroy's hat im Schnee den Weg verloren und ihr Lager in dieſem Canon 8) genommen. Ohne Vorräthe und dem Hungertode preisgegeben! Verließ St. Joe am 8. Oktober 1847. Verließ Salt Lake City am 1. Januar 1848. Kam hier an am 1. März 1848. Verloren die Hälfte unſeres Viehs am Plattefluß. Gaben unſere Wagen am 20. Februar auf. Helft! Unſere Namen ſind: Joel MeCormick, Jane Brackett, Peter Dumphy, Gabriel Conroy, Paul Devarges, John Walker, Grace Conroy, Henry March, Olympia Conroy, Philip Aſhley, Mary Dumphy. (Darunter in kleineren Buchſtaben mit Bleiſtift): Mamie ſtarb am 8. November, Sweetwater. Minnie ſtarb am 1. Dezember, Echo Canon. Jane ſtarb am 2. Januar, Salt Lake. 3 James Brackett wurde verloren am 3. Februar. Helft!“ Die Sprache der Noth iſt nicht geeignet, zum Gegenſtand der Kunſt oder des Studiums zu wer⸗ den. Aber ich denke, keine Rhetorik würde dieſes *) Canon iſt der in den Rocky Mountains und den Sierras gang und gäbe Name für die jenen Gebirgen eigenthümlichen Steilſchluchten. 5— Schriftdenkmal eindringlicher geſtalten können. Und ſo möge es denn auch hier ſtehen, gerade wie es an jenem 15. März 1848, halb verhüllt von einem dünnen Schleier ſchwerflockigen Schnees, unter der ſchneebedeckten Hand da ſtand, die ſteif und uner⸗ bittlich, wie die Hand des Todes, in das verhäng⸗ nißvolle Canon hineinwies. Um Mittag ließ der Sturm ein wenig nach, und eine leichte Helle klärte den Himmel im Oſten. Die drohenden Umriſſe der fernen Berge traten hervor, und der ſtarre, weiße Abhang des Berges begann zu glänzen. Durch den engen Hohl⸗ weg an ſeinem Fuß bewegte ſich etwas Schwarzes. Bewegte ſich langſam und mühevoll,— bewegte ſich ſo unſicher, daß es für den erſten Augenblick ſchwer zu entſcheiden war, ob es ein Thier oder ein menſch⸗ liches Weſen ſei, welches ſich dort bald auf allen Vieren, bald aufgerichtet, bald einem Trunkenen gleich vorantaumelnd, immer aber in unverkennbarer Weiſe dem Canon zuſtrebend, vorwärtskämpfte. Es nähert ſich, und ihr erkennt einen Mann. Ein elender, zerlumpter, in ein zerſchoſſenes Büffel⸗ fell gehüllter Mann,— aber doch ein Mann und ein entſchloſſener dazu! Ein junger Mann, trotz der gebrochenen Haltung und der abgemagerten Glieder,— ein junger Mann, trotz der Falten, die Noth und Verzweiflung über ſeine Brauen und — 6— um ſeinen feſten Mund gegraben,— ein junger Mann, trotz des Ausdrucks wilden Menſchenhaſſes, den Entbehrung und Hunger an Stelle jugendlicher Vollkraft in dieſe Züge gepflanzt. Als er den Baum am Eingang des Canons erreichte, wiſchte er den Schneeüberzug von dem Leinwandanſchlag und lehnte ſich erſchöpft gegen den Stamm. Es lag in der Aufgelöstheit dieſer Stellung etwas, das ſeine gänzliche Hinfälligkeit noch zwingender ausſprach, als ſeine Züge und ſeine Geſtalt,— eine Hinfälligkeit, die kaum auf irgend heine ſichtbare Urſache zurückzuführen ſchien. Nach⸗ dem er geraſtet, brach er auf's Neue auf, in ner⸗ vöſem Ungeſtüm voranſchlotternd, ſchlurfend, zu⸗ ſammenbrechend, oder anhaltend, um die roh von Baumrinde hergeſtellten Schneeſchuhe an den Füßen, von denen ſie immer wieder herunterglitten, zu be⸗ feſtigen— immer aber von Neuem ſich aufraffend mit der Fieberhaſt Eines, der ſelbſt der eigenen Willenskraft nicht mehr traut. Eine Meile jenſeits des Baumes verengte ſich das Canon mit einer allmäligen Biegung nach Süden, und hier wurde eine dünne Wolke Rauchs ſichtbar, die ſich aus einer Schneeſpalte emporzu⸗ kräuſeln ſchien. Als er näher kam, begannen ſich die Eindrücke friſcher Fußtritte zu zeigen. Die— ſelben wurden dichter und häufiger, als er an einem — 7 kleinen Hügel ankam, von welchem jener Rauch augenſcheinlich ausging. Hier machte er Halt oder, richtiger geſagt, legte er ſich vor einer Oeffnung oder Aushöhlung in dem Schnee nieder und ſtieß einen ſchwachen Ruf aus. Ein noch ſchwächerer Gegenruf antwortete. Dann erſchien ein Geſicht in der Oeffnung und eine Geſtalt, zerlumpt wie die ſeinige,— dann noch eine,— und noch eine weitere: bis acht menſchliche Weſen, Männer und Frauen, ſich in dem Schnee um ihn geſchaart hatten, Töne gleich Thieren ausſtießen und gleich Thieren jedes menſchliche Schicklichkeits- und Anſtandsgefühl verloren zu haben ſchienen. So ausgemergelt, ſo abgezehrt, ſo verkommen, ſo ſchattengleich waren ſie,— ſo jammervoll in ihrem menſchlichen Anſehen oder vielmehr in dem, was ihnen von menſchlichem Anſehen noch geblieben war: daß man über ſie, wie ſie ſo da kauerten, hätte weinen können. Und ſo viehiſch waren ſie, ſo blöde, ſo brutal und ſo abſonderlich in ihrer Verthierung, daß man ein Lächeln über ſie nicht hätte unterdrücken können. Es waren von Haus aus Landleute, vornehmlich jener Geſellſchafts⸗ klaſſe entſtammend, deren Selbſtgefühl mehr geneigt iſt, ſich nach den Umſtänden, der Stellung und den Verhältniſſen, in denen ſie leben, zu ſtimmen, als es in perſönlicher Gemüthsſtärke oder Geiſteskraft wurzelt. In dem Drange gemeinſamer Noth war ihnen jedes Schamgefühl abhanden gekommen. Sie trugen nichts in ſich, das dazu angethan geweſen wäre, ſie angeſichts des Verluſtes ihres leiblichen Behagens aufrecht zu erhalten. Sie waren kindiſch, ohne den Ehrgeiz, ohne den Wetteifer der Kindheit. Sie waren Männer und Frauen, ohne die Würde, ohne das einfache Herz des Männer⸗ und Frauen⸗ C. thums. Alles, was ſie über das Thier erhoben hatte, war im Schnee verloren gegangen. Selbſt die Sondereigenſchaften der Geſchlechter. Ein altes Weib von ſechzig Jahren zankte, ſchlug um ſich und fluchte in den rohen Ausdrücken und mit den plumpen Handbewegungen eines Mannes. Ein junger Menſch weinte, ſeufzte und bekam Ohnmachten mit allen Anzeichen weiblicher Hyſterie. So weit ging ihre Entartung, daß der Fremde, der ſie eben aus der Erde hervorbeſchworen hatte, in ſeiner ganzen Zer⸗ lumptheit und ſeinem ganzen Elend einer andern Weſenart anzugehören ſchien. Sie waren Alle geiſtig angegriffen und zer⸗ rüttet, aber eine dieſer Perſonen, eine Frau, ſchien ihren Verſtand gänzlich verloren zu haben. Sie trug eine kleine Decke, die ſie zur Geſtalt eines Wickelkindes— die greifbare Erinnerung an ein wirkliches kleines Weſen, das wenige Tage vorher in ihren Armen verſchmachtet war,— zuſammen⸗ — 9. gerollt hatte, und wiegte es mit einem Ausdruck, der jammervoll war, hin und her. Aber noch ungleich jammervoller war die Thatſache, daß keiner ihrer Gefährten weder durch ein Zeichen von Mitleid, noch von Troſt die geringſte Kenntniß von ihrem Irrſinn nahm. Als ſie ihnen einige Minuten dar⸗ nach Stille gebot, weil„das Kind da“ ſchliefe, ſtarrten ſie ſie blöde an und fuhren in ihrem Treiben fort. Ein rothhaariger Mann, der an einem Stück Büffelhaut kaute, warf einen mör⸗ deriſchen Blick nach ihr hinüber, aber ſchon im nächſten Augenblick ſchien er über ſeiner ungleich wichtigern Beſchäftigung ihre Anweſenheit wieder vergeſſen zu haben. Der Fremde hielt einen Augenblick inne, mehr, um wieder zu Athem zu kommen, als um ſich einer ungetheiltern Aufmerkſamkeit zu verſichern. Dann fiel das eine Wort von ſeinen Lippen: „Nichts!“ „Nichts!“ wiederholten Alle gleichzeitig, aber mit ſehr verſchiedenem Klang und verſchiedener Be— tonung,— der Eine wild, der Andere traurig, noch Andere blöde oder mechaniſch. Die Frau mit dem Lumpenkind rief dieſem zu:„Er ſagt, Nichts“!“ und lachte. „Ni—chts!“ wiederholte der Sprecher.„Der Schnee von geſtern hat den alten Pfad auf's Neue verſchüttet. Das Signalfeuer auf dem Gipcfel iſt niedergebrannt. An der Kreuzung habe ich ein Zeichen hinterlaſſen.— Thu' das noch einmal, Dumphy, und ich ſchlage Deinen verwünſchten Schädel ein!“ Dumphy, der Rothhaarige, hatte eben das Weib mit dem Kind heftig beiſeite gedrängt und geſtoßen, als ſie verſucht hatte, ſich näher zu dem Sprecher heranzuſchleppen. Es war ſeine Frau,— und dieſe eheliche Kundgebung mochte zum Theil auf alter Gewohnheit beruhen. Sie ſchien auch den Hieb und Denjenigen, der ihn ihr verſetzte, gar nicht zu beachten,— war doch die Gleichgültigkeit, mit welcher dieſe Menſchen Stöße und Hiebe hin⸗ nahmen, überhaupt mehr entſetzlich als anſtößig,— ſondern ſagte, als ſie endlich an der Seite des jungen Mannes angekommen war, in zuverſichtlichem Ton: „Alſo morgen?“ Das Geſicht des jungen Mannes nahm einen mildern Ausdruck an, als er ſich anſchickte, dieſelbe Antwort zu geben, die er ſeit acht Tagen auf die⸗ ſelbe Frage ertheilt hatte: „Morgen beſtimmt!“ Sie kroch hinweg, nach wie vor den Kinder⸗ popanz ſorglich haltend, und verſchwand in der Oeffnung. — 1 „„s kommt mir vor, als ob Ihr nichts fertig bringt mit Eurem Kundſchaften.'s kommt mir vor, als wäret Ihr nicht ſo viel werth!“ ſagte das Weib mit der rauhen Stimme, indem ſie nach dem Sprecher hinüberſah.„Warum nimmt nicht Einer von euch ſeine Stelle ein? Warum vertraut ihr euer und eurer Weiber Leben denn— dem Aſhley da?“ fuhr ſie fort, indem ſich ihre Stimme zu lautem Kläffen ſteigerte. Der hyſteriſche junge Mann, Henry Conroy, der ihr zunächſt ſaß, wandte ihr ein erſchrecktes, verzerrtes Geſicht zu. Dann, als ob er befürchte, in dieſen Meinungsaustauſch hineingezogen zu wer⸗ den, verſchwand er eiligſt hinter der Frau mit dem Kinde her. Aſhley zuckte die Achſeln und erwiederte, mehr an die ganze Gruppe, denn an einen einzelnen Sprecher ſich wendend: „Wir haben nur eine Wahl. Die gleiche für Alle, ſteht ſie Allen offen. Ihr wißt, welche es iſt. Hier zu bleiben, iſt Tod. Weiterziehen kann nicht ſchlimmer ſein als das!“ Er erhob ſich und ſchritt langſam das Canon hinauf, wo ſich in der Entfernung von wenigen Ruthen ein anderer Hügel erhob, und verſchwand aus ihren Blicken. Hinter ihm her erhob ſich ein lärmendes Geſchnatter in dem kauernden Kreiſe. — 12— „Er geht, den alten Doktor und's Mädel zu ſehen. Was kümmern wir ihn!?“ 28 5 „'s ſind Zwei zu viel unter uns, Zwei zu viel!“ „Jawohl,— der verrückte Doktor und Aſh⸗ ley.“ „Was man auch ſagen mag, ſie ſind Eindring⸗ linge, alle Beide.“ „Jonahs.“ „Sagte immer,'s könnte nichts Gutes dabei rauskommen,— immer, ſeit wir ihn aufgeleſen.“ „Aber der Kapitän hat den alten Doktor in Sweetwater eingeladen und all' ſein Vieh genom⸗ men, und Aſhley hat, was er hatte, zu den allge⸗ meinen Vorräthen gethan.“ Der Sprecher war Mce. Cormick. In irgend einer verlorenen Tiefe ſeines Gewiſſens lebte noch etwas wie ein Hauch von Gerechtigkeitsgefühl! Er war hungrig, aber nicht unvernünftig. Neben⸗ bei erinnerte er ſich mit einem Seufzer der treff⸗ lichen Beſchaffenheit der Vorräthe, mit welchen Aſh⸗ ley zu ihnen geſtoßen war. „Was hat das damit zu thun?“ kreiſchte die alte Brackett.„Er hat das Unglück mit ſich gebracht. Iſt nicht mein Mann todt und lebt nicht das Stinkthier,— dieſer völlig Fremde— lebt er nicht noch?“ 8 zul — —.,——— — 13— Die Stimme war die eines Mannes,— die Logik die einer Frau. Aber in Fällen großer Er⸗ ſchöpfung, verbunden mit geiſtiger Zerrüttung, in der hoffnungsloſen Oede, welche dem Tode durch Entkräftung und Hunger vorausgeht, pflegt gerade ſie am wirkſamſten zu ſein. Auch hier ſtieß ſie auf allgemeine Zuſtimmung und fand, Dank einer wun⸗ derbaren Uebereinſtimmang des Gedankengänges ſei⸗ tens Aller, ein und denſelben Ausdruck. Derſelbe lautete einfach:„Gott verdamme ihn!“ „Was wollt ihr denn eigentlich mit ihm?“ „Ich wüßte es ſchon,— wenn ich ein Mann wäre.“ „Das Meſſer—“ „Bringt ihn um und— Der Reſt dieſes Meinungsaustauſches ging in einem intimern Gewiſper zwiſchen Mrs. Brackett und Dumphy unter. Nachdem ſie einander ihr Herz ausgeſchüttet, kauerten ſie ſich nieder und ſteckten die Köpfe zuſammen, wie zwei nicht zu einander ge⸗ hörende, aber gleich abſcheuliche chineſiſche Götzen. „Seht nur, wie ſtark er iſt. Und er iſt nicht an Arbeit gewöhnt wie wir,“ ſagte Dumphy.„Sagt mir nicht, daß er nicht regelmäßig irgend Etwas bekomme.“ „Irgend Etwas— Was?“ „Etwas— ZU ESSEN!“ 71 ——ᷣ 6 Aber ſelbſt der Druck mit den größten Anfangs⸗ buchſtaben vermag keinen Begriff von dem wilden Nachdruck zu geben, mit dem dieſe Worte ausge⸗ ſtoßen wurden. Eine furchtbare Pauſe folgte ihnen. „Laßt uns gehen und ſehen.“ „Und ihn umbringen,“ ergänzte die Brackett. In einer an Enthuſiasmus grenzenden allge⸗ meinen Erregung erhoben ſie ſich. Doch ſchon nach wenigen ſchwankenden Schritten brachen ſie wieder zuſammen. Aber ſelbſt jetzt regte ſich nicht ſo viel von einem letzten Reſt von Selbſtachtung in ihnen, daß ſie ſich über die Vereitelung ihres Vorhabens ſchämten oder ärgerten. Alle, mit Ausnahme Dum⸗ phy's, hielten ein. „Was war das doch für ein Traum, von dem Ihr uns erzählen wolltet?“ ſagte Mc. Cormick, indem er über den Plan, den ſie eben noch gehabt, mit der ſchamloſeſten Gleichgültigkeit hinwegging. „Von dem Mittageſſen in St. Joe?“ fragte die angeredete Perſon,— ein Mitglied dieſes Kreiſes, welches durch die Leiſtungen ſeiner gaſtronomiſchen Einbildungskraft ſchon oft der Segen und zugleich die Folter ſeiner derzeitigen Gefährten geweſen. „Ja.“ Gierig drängten ſie ſich Alle um Me. Cormick. Selbſt Dumphy, der im Begriff war, ſich zu ent⸗ fernen, hielt an. — 45— Wohl,“ ſagte Mr. March,„es begann mit Beef⸗ 7˙ ſteaks und Zwiebeln,— Beefſteaks, Ihr wißt ſchon, ſaftig und ganz dick geſchnitten und ſchwimmend in Fett und Zwiebeln.“ Man konnte es deutlich wahr⸗ nehmen, wie Allen in dem Kreiſe das Waſſer im Mund zuſammenlief, während Mr. March mit dem Inſtinkt des echten Erzählers, unter dem Vorwand, vergeſſen zu haben, was er eigentlich geſagt, fort⸗ fuhr:„Ganz und gar begraben in Sauce und Zwiebeln. Und Kartoffeln— geröſtete...“ „Ihr ſagtet vorher gebratene und triefend von Fett,“— unterbrach ihn Mrs. Brackett ungeſtüm. „Für Diejenigen, welche ſie gebraten liebten, gebraten,— aber geröſtete ſind beſſer,— und dann Bratwürſte und Kaffee— und kleine Pfannen⸗ kuchen!“ Bei dieſem magiſchen Wort lachten ſie auf, nicht eben heiter, aber zitternd vor Gier und Erwartung. „Weiter, weiter,“ rief es von allen Seiten. „Und kleine Pfannenkuchen.“ „Das habt Ihr ſchon einmal geſagt,“— rief Mrs. Brackett mit einem leidenſchaftlichen Aus⸗ bruch.„Weiter— Ihr Verwünſchter!“ Der Wirth dieſes Barmekiden⸗Gaſtmahls über⸗ blickte ſeine gefährliche Lage. Er ſah ſich nach Dumphy um. Doch dieſer war verſchwunden. Sweites Knpitel. Drinnen. Der Hüttenbau, in welchen Aſhley hinabſtieg, lag gleich dem„Iglook“ des Grönländers unter der Oberfläche des Schnees. Es war mehr Zufall als Abſicht, was ihm dieſen Charakter gegeben. Da ſich immer neuer Schnee vor dem Eingang anhäufte, immer neue weiße Maſſen ſich gegen die Wände ſtemmten, und da die Kräfte der erſchöpften Be⸗ wohner des Baues immer mehr ſchwanden, ſo wurde der Verkehr mit der Außenwelt nur noch durch einen einzigen ſchmalen Zugang aufrecht erhalten. Aus⸗ geſchloſſen von der friſchen Luft, war es im Innern dumpfig und drückend, aber es herrſchte wenigſtens eine Wärme, welche das dünne Blut der Bewohner mehr belebte, als Licht und Luftzug. Ein in hölzernem Rauchfang glimmendes Feuer warf einen ſchwachen Abglanz auf die Wände. Bei — 17 ſeinem Licht konnte man, auf dem Boden liegend, vier Geſtalten unterſcheiden: ein junges Weib und ein Kind von drei oder vier Jahren, Beide in eine Decke gehüllt, dicht am Feuer; zwei Männer, deren Jeder ſeine Decke hatte, in der Nähe des Eingangs. Sie hätten todt ſein können, ſo tief und regungs⸗ los war der Schlummer, in dem ſie lagen. Vielleicht war es eine derartige Furcht, was Aſhley erfüllte, als er eintrat. Denn ohne länger als nur einen Moment zu zögern und ohne ein Wort zu ſprechen, eilte er an die Seite der jungen Frau und legte, neben ihr hinknieend, ſeine Hand auf ihr Antlitz. Wie leicht auch die Berührung war, ſie genügte, ſie zu erwecken. Ich weiß nicht, welch' ein Magnetismus darin gelegen, aber ſie ergriff ſeine Hand mit der ihrigen, ſetzte ſich auf— recht und flüſterte, ehe ſie noch die Augen recht geöffnet: „Philip!“ „Grace— ſtill!“ Er drückte ihre Hand, küßte ſie und deutete warnend nach den Schläfern hinüber. „Sprich leiſe. Ich habe Dir viel zu ſagen.“ Das Mädchen ſchien zufrieden zu ſein, den Sprecher nur mit ihren Augen verſchlingen zu dürfen. „Du biſt wieder zurück,“ flüſterte ſie mit einem Bret Harte, Gabriel Conroy. I. 2 ſchwachen Lächeln und mit einem Blick, der deut⸗ licher als Alles das verrieth, was ausſchließlich herrſchend in ihrer Seele lebte.„Ich habe von Dir geträumt, Philip.“ „Theure Grace,“ und wieder küßte er ihre Hand.„Höre mich, Liebe! Ich bin zurückgekommen, aber nur mit der alten Geſchichte. Keine Spur von Hülfe, kein Anzeichen einer Rettung von außen her. Meine Vermuthung iſt,“ ſetzte er mit ſo leiſer Stimme hinzu, daß ſie nur dem aufhorchenden Ohr, dem ſeine Worte galten, vernehmbar war,— „meine Vermuthung iſt, daß wir weit ſüdlich von der gewöhnlichen Route abgeirrt ſind. Nichts als ein Wunder oder ein ähnliches Unglück wie das, welches uns betroffen, vermag eine andere Kara⸗ wane hieher zu führen. Wir ſind allein und hülf⸗ los,— in einer Gegend, welche ſelbſt die Thiere der Wildniß verlaſſen haben. Die einzige Hllfe, auf die wir rechnen können, kann nur von Innen, kann nur von uns ſelbſt kommen. Was es mit dieſer Hülfe auf ſich hat,“ ſetzte er mit einem ſelt⸗ ſamen Blick auf die beiden Schläfer hinzu,—„Du weißt es ſo gut, wie ich.“ Sie drückte ihm die Hand wie entſchuldigend, wie jeden Tadel auf ſich nehmend, aber ſie ſprach kein Wort. „Unſere Geſellſchaft iſt erſchöpft und ohne — 19— jede Disziplin,“ fuhr er fort.„Seit Dein Vater geſtorben, haben wir keinen Führer,— ich weiß, was Du ſagen willſt, Grace, Liebe,— aber ſelbſt wenn es ſo wäre, und wenn ich fähig wäre, ihr Führer zu ſein, ſie würden meine Rathſchläge doch nicht befolgen. Vielleicht iſt es gut, daß es ſo iſt. Wenn wir zuſammenbleiben, würde auch die größte Gefahr, welche uns droht, immer fortbeſtehen,— eiſe die Gefahr, die uns von uns ſelbſt droht!“ ade Er blickte ihr tief in die Augen, als er ſo ſprach, aber ſie verſtand ihn augenſcheinlich nicht. von„Grace,“ ſagte er verzweifelnd,„wenn ver⸗ hungernde Menſchen zuſammengezwungen werden, das ſind ſie zu irgend einem Opfer fähig, zu irgend rara einem Verbrechen, um dieſes elende Leben zu er— ülf⸗ halten, das ihnen in demſelben Verhältniß theurer re wird, als es an Werth verliert. Du haſt in Büchern ülfe geleſen, Grace— Gott im Himmel,— was iſt men, Dir?“ mit Wenn ſie auch das, was er meinte, nicht in ſelt⸗ Büchern geleſen hätte, ſie hätte es in dieſem Mo⸗ Du. ment in dem Geſicht leſen müſſen, welches durch den Eingang hereinblickte,— ein Geſicht, ſo fürch— gend, terlich entſchloſſen und ſo ganz und gar der Spiegel prach thieriſcher Triebe, daß ſie keiner weiteren Aufklärungen bedurfte. Ein Geſicht voll von unmenſchlicher Wild⸗ ohne 1 heit und lauernder Gier,— und doch ein in ſeiner ßzlich 20— äußern Form wohlbekanntes Geſicht,— das Geſicht Dumphy's. Aber noch mitten in der Gefahr be⸗ hauptete der raſche Inſtinkt weiblicher Faſſung und Verſtellung in ihr ſein Recht, und ohne den Grund ihres augenblicklichen Entſetzens zu verrathen, ließ ſie ihr Haupt auf Philip's Schulter ſinken und flüſterte: „Ich verſtehe!“ Als ſie ihr Haupt wieder erhob, war das Ge⸗ ſicht verſchwunden. „Genug! Es war nicht meine Abſicht, Dich zu erſchrecken, Grace, ſondern nur Dir zu zeigen, was wir zu vermeiden haben,— was zu vermei⸗ den wir noch Kraft beſitzen. Es gibt nur eine Möglichkeit des Entrinnens, Du weißt, welche,— eine verzweifelte, aber nicht verzweifelter, als dieſes widerſtandsloſe Erwarten eines ſichern Endes. Ich frage Dich wieder,— willſt Du ſie mit mir thei⸗ len? Als ich Dir zum erſten Mal davon ſprach, war ich weniger hoffnungsvoll, als ich jetzt bin. Seitdem habe ich die Gegend ſorgſam durchforſcht und das Erdreich dieſer Berge unterſucht. Es iſt eine Möglichkeit! Ich will nicht mehr ſagen.“ „Aber meine Schweſter und mein Bruder?“ „Das kleine Mädchen würde nichts als ein ver⸗ zweifeltes Hinderniß für uns ſein, ſelbſt wenn es alle Anſtrengungen und Entbehrungen überleben — — 21— könnte. Dein Bruder muß bei ihr bleiben. Sie wird aller der Kraft, die ihm noch bleibt, bedürfen, und alles Muthes, der ihn aufrecht hält. Nein, Grace, wir müſſen allein gehen. Vergiß nicht, un— ſere Rettung bedingt die ihrige. Ihre Kraft wird vorhalten, bis wir Erlöſung ſenden können; wäh⸗ rend ſie ſich in dem Verſuch, dieſelbe mit uns ge⸗ meinſam herbeizuholen, aufzehren müßte. Ich würde allein gehen,— aber ich vermag es nicht zu er— tragen, theure Grace, Dich hier zu laſſen.“ „Ich würde ſterben, wenn Du mich verließeſt,“ ſagte ſie einfach. „Ich weiß, Du würdeſt es,“ erwiederte er ebenſo einfach. „Aber können wir nicht noch warten? Hülfe mag in jedem Augenblick kommen,— morgen—“ „Morgen werden wir nur um ſo viel erſchöpfter ſein. Ich traue weder Deiner Kraft, noch meiner eigenen einen einzigen Tag länger.“ „Aber der alte Mann,— der Doktor?“ „Er wird nur zu bald jenſeits des Bereichs jeder Hülfe ſein,“ ſagte der junge Mann traurig.„Still, er bewegt ſich.“ Eine der eingewickelten Geſtalten war ein Stück vorwärts gerollt. Philip trat zum Feuer, warf ein friſches Scheit hinein und rührte in der Aſche. Die friſch aufſchlagende Helle beleuchtete das — 22 Antlitz eines alten Mannes, deſſen Augen mit fieber⸗ hafter Spannung auf den jungen Mann gerichtet waren. „Was thun Sie mit dem Feuer?“ fragte er kläglich und mit einer etwas ausländiſchen Be⸗ tonung. „Ich ſtöbere es auf.“ „Laſſen Sie es, wie es iſt.“ Philip wandte ſich verdroſſen ab. „Kommen Sie hieher,“ ſagte der alte Mann. Philip trat zu ihm. „Sie brauchen mir nichts zu ſagen,“ rief Jener nach einer Pauſe, während deren er Philip's Ge⸗ ſicht ſcharf durchmuſtert hatte.„Ich leſe Ihre Neuig keiten in Ihrem Geſicht. Die alte Geſchichte,— ich kenne ſie auswendig.“ „Wohl?“ fragte Philip. „Wohl!“ wiederholte der alte Mann halb blöde vor ſich hin. Philip wandte ſich auf's Neue ab. „Sie haben die Kiſte und die Papiere ver⸗ raben?“ fragte der alte Mann. 9 G 4 Durch den Schnee hindurch im Erdreich?“ / 7 0C*⁄ 7 „Ja. Beſtimmt?“ 72.—— „Beſtimmt.“ 23 „Wie haben Sie die Stelle bezeichnet?“ „Durch einen Steinhaufen.“ „Und die Plakate— deutſch und franzöſiſch?“ „Ich habe ſie überall angenagelt, wo es längs des alten Pfades nur möglich war.“ „Gut.“ Der ſeltſame Ausdruck in Philip's Geſicht wurde noch ſeltſamer, als er ſich auf's Neue abwandte. Bevor er jedoch den Ausgang erreichte, hielt er inne, und aus ſeiner Bruſt eine verwelkte Blume mit ein paar dürren Blättern ziehend, kehrte er zu dem alten Mann zurück und händigte ihm dieſelbe ein. „Da habe ich ein zweites Exemplar der Pflanze gefunden, nach welcher Sie ſuchten.“ Der alte Mann erhob ſich halb auf dem einen Ellenbogen, ergriff in athemloſer Erregung die Pflanze und unterſuchte ſie. „Es iſt dieſelbe,“ rief er mit einem vollen Athemzug der Genugthuung aus,„dieſelbe— und dennoch ſagen Sie, keine beſſeren Nachrichten!?“ „Darf ich fragen, was das heißt?“ fragte Phi⸗ lip mit einem halben Lächeln. „Es heißt, daß ich Recht habe, und daß Lin⸗ naeus, Darwin und Eſchholtz Unrecht haben. Es heißt, daß das hier, was Ihr eine Alpenblume nennt, keine ſolche, ſondern eine neue Gattung für ſich iſt.“ „Sehr wichtig für verhungernde Menſchen!“ ſagte Philip mit Bitterkeit. „Und es heißt noch mehr,“ fuhr der alte Mann fort, ohne ſich um Philip's Ton zu kümmern.„Es heißt, daß dieſe Blume nicht im ewigen Schnee ihre Entwicklung durchgemacht hat. Es heißt, daß ein warmer Boden ihre erſte Wiege war und eine milde Sonne auf ſie ſchien. Es heißt, daß ſie ihre Be⸗ ſtimmung auch hier unter denſelben Bedingungen erfüllt hätte, wenn Sie ſie nicht gepflückt hätten. Und es heißt, daß dort, wo Sie ſie fanden,— ja ſelbſt hier, wo wir eben liegen, in zwei Monaten Gras, ſprießen wird.“ „In zwei Monaten!“ rief das junge Mädchen und ſchlug die Hände gegeneinander. „In zwei Monaten!“ ſagte der junge Mann bitter.„In zwei Monaten werden wir fern von hier ſein oder todt.“ „Wahrſcheinlich!“ ſagte der alte Mann gelaſſen. „Aber wenn ihr meine Anweiſungen in Betreff meiner Papiere und Sammlungen ausgeführt habt, ſo werden ſie wenigſtens zur richtigen Zeit entdeckt und gerettet werden.“ Aſhley kehrte ihm ungeduldig den Rücken, und des alten Mannes Kopf ſank erſchöpft auf's Neue auf ſeinen Arm herab. Unter dem Vorwand, das Kind zu liebkoſen, trat Aſhley noch einmal zu —ÿ— 25. Grace hinüber, raunte ihr ein paar kaum hörbare Worte zu und verſchwand dann durch den Eingang in’s Freie. Nachdem er gegangen, richtete ſich der alte Mann von Neuem ein wenig auf und rief mit ſchwacher Stimme: „Grace!“ „Doktor Devarges?“ „Komm' her.“ Sie erhob ſich und trat zu ihm. „Warum hat er das Feuer aufgeſtöbert?“ fragte Devarges mit einem mißtrauiſchen Blick. „Ich weiß es nicht.“ Devarges blickte ihr in's Geſicht, als wollte er die geheimſten Gedanken des Mädchens davon ab⸗ leſen. Dann, wie beruhigt, fuhr er fort: „Nimm es jetzt aus dem Feuer und laſſe es im Schnee abkühlen.“ Das junge Mädchen ſcharrte die Aſche von der zuſammengeſunkenen Glut hinweg und legte Etwas, was ein Stein von der Geſtalt eines glühenden Hühnereis ſchien, bloß. Mit der Hülfe von zwei halbverbrannten Stöcken zog ſie es hervor und legte es in den Schnee zunächſt der Thür. Hier⸗ auf kehrte ſie an die Seite des alten Mannes zurück. „Grace!“ „Herr!“ „Ihr wollt fort.“ Grace ſchwieg. „Leugne es nicht. Ich belauſchte euch. Viel— leicht iſt es das Beſte, was ihr thun könnt. Aber, ob das Beſte oder ob nicht, ihr werdet es thun, ſicherlichthun. Grace, was weißt Du von dem Manne?“ Weder die Vertraulichkeit eines täglichen Bei⸗ ſammenſeins, noch das gemeinſame Leiden, noch die Gegenwart des bevorſtehenden Todes vermochten in Grace die weibliche Natur zu unterdrücken. Sie erhob augenblicklich ihren Schild, und begann ſo⸗ fort hinter ihm hervor mit ihren geringen Kräften den kleinen Krieg mit dem ſterbenden Mann. „Ich? Was wir Alle von ihm wiſſen, Herr. Er iſt ein treuer Freund. Ein Mann, deſſen Muth, Scharfſinn und Ausdauer wir Alle ſo viel zu verdanken haben. Und ſo gänzlich ſelbſtlos iſt er, Herr.“ „Hm— was noch?“ „Nichts,— ausgenommen, daß er ſtets Ihr ergebenſter Freund war, und dem Sie, wie ich dachte, daſſelbe wären. Haben Sie ihn doch zu uns gebracht,“ ſetzte ſie ein wenig hinterliſtig hinzu. „Ja, ich las ihn in Sweetwater auf. Aber, was weißt Du von ſeiner Geſchichte? Was hat er Dir davon geſagt?“ — — —ͤ 27— „Er iſt einem ſchlechten Stiefvater und einer Verwandtſchaft, welche er haßte, davongelaufen. Er ging nach dem Weſten, um allein zu leben,— unter den Indianern,— oder in Oregon ſein Glück zu ſuchen. Er iſt ſehr ſtolz,— wie Sie wiſſen, Herr. Er iſt uns ſo unähnlich, wie Sie, Herr,— er iſt ein Gentleman. Er iſt ein Gelehrter.“ „Ja, ich glaube, ſo nennt man das hier,— und dabei kann er nicht einmal die Blumenblätter einer Blüte von den Staubfäden unterſcheiden,“ murmelte Devarges.„Wohl! Hat er Dir ver⸗ ſprochen, Dich zu heirathen, wenn Du mit ihm fortläufſt?“ Für einen Augenblick überzog eine ſchwache Glut die Wangen des Mädchens und ihr Schild entfiel ihr. Aber ſchon im nächſten Moment hatte ſie ihn wieder aufgerafft. „O, Herr,“ ſagte die Erzheuchlerin mit ſanfter Stimme,„wie können Sie ſo grauſam ſein zu einer ſolchen Stunde? Das Leben meiner theuren Geſchwiſter, das Leben der armen Frauen da drüben hängt davon ab, daß wir gehen. Er und ich, wir ſind die Einzigen, denen Kraft genug geblieben, den Verſuch zu wagen. Ich kann ihm zur Seite ſtehen, denn wie ſtark er auch iſt, bedarf ich doch noch weniger, um meine Kraft zu erhalten. Etwas in mir ſpricht, wir werden erfolgreich ſein. Wir werden bald mit Hülfe zurückkehren. O, Herr,— es iſt jetzt keine Zeit zum Scherzen. Unſer Leben, das Ihrige, bil⸗ den den Einſatz!“ „Mein eigenes Leben,“ ſagte der alte Mann gleichgültig,„iſt bereits aufgezehrt. Ehe ihr zu⸗ rückkehrt, wenn ihr überhaupt zurückkehrt, werde ich über jede Hülfe hinaus ſein.“ Wie ein ſchmerzhafter Krampf zuckte es über ſein Geſicht. Er hielt ſich für eine kleine Weile ruhig, als wolle er ſeine Kraft auf eine ſpätere Anſtrengung aufſparen. Aber als er wieder zu ſprechen begann, klang ſeine Stimme viel hohler, und nur mit Mühe ſchien er die Laute ſondern zu können. „Grace,“ ſagte er endlich,„komm' näher, Mäd— chen,— ich habe Dir etwas zu ſagen.“ Grace zögerte. Im Lauf der letzten Minuten hatte ſich eine eigene Scheu, eine nervöſe Furcht, über die ſie ſich ſelbſt keine Rechenſchaft geben konnte, ihrer bemächtigt. Sie blickte nach ihrem ſchlafenden Bruder hinüber. „Er wird nicht aufwachen,“ ſagte Devarges, der Richtung ihrer Augen folgend.„Das Be⸗ täubungsmittel iſt noch wirkſam. Bringe mir, was Du aus dem Feuer genommen haſt.“ Grace brachte den Stein,— eine trübe, blau— graue Schlacke. Der alte Mann nahn ſie, unter⸗ ſuchte ſie und ſagte dann zu Grace: — — 29— „Reibe es mit aller Kraft an der Decke.“ Grace that es. Nach wenigen Augenblicken begann es einen ſchwachen weißen Schein von ſeiner geglätteten Oberfläche auszuſtrahlen. „Es ſieht wie Silber aus,“ ſagte Grace halb fragend. „Es iſt Silber!“ entgegnete Devarges. Grace legte es ſchleunigſt nieder und trat hinweg. „Nimm es,“ ſagte der alte Mann,„es iſt Dein! Vor einem Jahr fand ich es in dem Ge⸗ birgszug weit weſtlich von dieſem hier. Ich weiß, wo es in Maſſen liegt,— ein Vermögen, hörſt Du, Grace?— eingebettet in denſelben bläulichen Stein, den Du in letzter Nacht für mich in's Feuer gelegt haſt. Ich kann Dir ſagen, wo und wie es zu finden iſt. Ich kann Dir das Beſitz⸗ recht darauf geben,— das Recht des Entdeckers. Nimm es,— es iſt Dein!“ „Nein, nein!“ rief das Mädchen haſtig.„Be⸗ halten Sie es ſelbſt. Sie werden leben, um ſich ſeines Beſitzes zu erfreuen.“ „Niemals, Grace! Selbſt wenn ich am Leben bliebe, würde ich keinen Gebrauch davon machen. Ich habe in meinem Leben mehr davon gehabt, als auf meinen Antheil kam, und es hat mich nicht glücklich gemacht. Es hat keinen Werth für mich, — das geringfügigſte Kraut, welches darüber wächst iſt in meinen Augen koſtbarer. Nimm es. Für die Welt liegt Alles darin,— Reichthum und Stellung. Nimm es. Es wird Dich ſo ſtolz und unabhängig machen, wie Dein Liebhaber iſt,— es wird Dich auf immer in ſeinen Augen mit An— muth umkleiden,— es wird eine Faſſung für Deine Schönheit ſein— und ein Piedeſtal für Deine Tugend. Nimm es,— es iſt Dein!“ „Aber Sie haben Verwandte,— Freunde,“ ſagte das Mädchen, indem es in halb abergläu— biſcher Furcht immer weiter von dem ſchimmernden Geſtein zurücktrat.„Andere werden Anſpruch er— heben—“ 3 „Keinen ſtärkern als den Deinigen,“ unterbrach ſie der alte Mann mit der nervöſen Haſt ausgehenden Athems.„Nenne es, wenn Du willſt, eine Be⸗ lohnung. Betrachte es als eine Beſtechung, um den Mann, der Dich liebt, zur Erfüllung ſeines Ver⸗ ſprechens in Betreff meiner Manuſkripte und meiner Sammlungen anzuhalten. Denke, wenn Dir dieß Freude macht, daß es eine That der Vergeltung ſei,— daß ich wenigſtens einmal in meinem Leben ein junges Mädchen gekannt haben möchte, für deſſen Zukunft eine ſolche Gabe ein Segen iſt. Denke, — denke, was Du willſt,— aber nimm es!“ Seine Stimme war zu einem Geflüſter herab⸗ geſunken. Eine bläuliche Bläſſe hatte ſich über ſein Antlitz gelagert, und ſchwer ging ſein Athem. Grace wollte ihren Bruder rufen, aber Devarges hielt ſie mit einer Handbewegung davon ab. Mit einer ver⸗ zweifelten Anſtrengung richtete er ſich auf ſeinen Ellenbogen in die Höhe, und einen Briefumſchlag aus der Taſche ziehend, legte er dieſen in ihre Hand. „Es enthält— Karte,— Beſchreibung— des Silberlagers und der Oertlichkeit— Deines— ſage Du— willſt— es nehmen— Grace— ſage es— ſchnell——“* Sein Haupt war wieder auf den Boden zurück⸗ geſunken. Sie kauerte nieder, es aufzurichten. Aber als ſie dieß that, legte es ſich wie ein Schatten über den Eingang. Sie warf einen haſtigen Blick hinüber und erkannte— das Geſicht Dumphy's! Dieſes Mal ſchrak ſie nicht zurück. Vielmehr wandte ſie ſich mit einem plöͤtzlichen Inſtinkt zu Devarges und rief: „Ich will es!“. Dann blickte ſie entſchloſſen nach dem Eingang zurück,— das Geſicht war verſchwunden. „Danke,“ ſagte der alte Mann. Noch einmal bewegten ſich ſeine Lippen, aber ohne einen Laut zu geben. Seine Augen begannen ſich in ſeltſamer Weiſe zu umſchleiern. „Doktor Devarges!“ flüſterte Grace. Er antwortete nicht. — 32— „Er ſtirbt,“ ſprach das junge Mädchen vor ſich hin, und ein neues, plötzliches Entſetzen überkam ſie. Sie ſprang auf und eilte zu ihrem Bruder hinüber und rüttelte ihn. Ein langer Athemzug, ähnlich einem Aechzen, war die einzige Antwort. Für einen Augenblick ſah ſie wild umher, dann ſtürzte ſie nach dem Ausgang. „Philip!“ Keine Antwort. Sie klimmte durch die Spalte in's Freie. Es war nahezu dunkel, ein paar Fuß über die Hütte hinaus war nichts mehr zu unter⸗ ſcheiden. Noch einen Blick des Entſetzens warf ſie nach der Hütte, zurück, dann ſtürzte ſie, von plötz⸗ licher Verzweiflung erfaßt, in die Finſterniß hin⸗ aus. Im ſelben Augenblick tauchten aus dem Schatten jenſeits der Hütte zwei Geſtalten auf und glitten durch den Eingang in das Innere des Baues — die Brackett und Dumphy. Man hüätte ſie für das niedrigſte Raubgeſindel der Thierwelt nehmen können, ſo diebiſch, ſo gierig, ſo hinterliſtig, ſo ſchleichend und doch ſo lebhaft waren ihre Bewegungen. Sie glitten bald aufrecht, bald auf allen Vieren von einer Seite zur andern. Sie fielen in ihrer Gier übereinander und ſtießen und ſpuckten beſtienartig in der halben Dunkelheit nach einander. Sie ſuchten die Winkel ab, ſie ſtö⸗ berten in der ſterbenden Glut und unter der Aſche —₰ ——— — 33— umher, ſie wühlten die Felle und Decken auf, ſie berochen und beſchnüffelten Alles. Schließlich hielten ſie, offenbar enttäuſcht, inne und ſtarrten ſich gegen⸗ ſeitig an. „Sie müſſen's aufgegeſſen haben, die Verwünſch⸗ ten!“ ſtieß die Brackett mit heiſerem Gewiſper hervor. „Es ſah nicht wie Etwas zu eſſen aus,“ ſagte Dumphy. „Ihr ſaht es, wie ſie es vom Feuer nahmen?“ „Ja!“ „Und es rieben?“ „ Jal“ „Narr,— ſaht Ihr nicht—“ „Was?“ „Es war eine gebackene Kartoffel.“ Dumphy ſetzte ſich zerſchmettert nieder. „Warum ſollten ſie es dann aber reiben,— es hätte ja nur die geröſtete, krachende Schale weg⸗ genommen.“ „Sie haben ſo feine Mägen!“ entgegnete Mrs. Brackett mit einem Fluch. Dumphy war noch ganz befangen von der Wich⸗ tigkeit ſeiner Entdeckung. „Er ſagte, er wiſſe, wo noch mehr davon ſei,“ flüſterte er eifrig. „Wo?“ Bret Harte, Gabriel Conroy. I. 00 —— — —y —— ———— 2 — 34— „Das konnte ich nicht hören.“ „Narr, Ihr! Warum ſtürztet Ihr nicht herein und packtet ihn bei der Kehle, bis er es Euch ge⸗ ſagt hätte?“ ziſchte Mrs. Brackett in einem Sturm von betrogener Wuth und von Enttäuſchung.„Auch nicht die Fußſpitze eines Flohs ſollt Ihr bekommen. Laßt mich nur das Mädel erſt packen.— Still! Was iſt das?“ „Er rührt ſich,“ ſagte Dumphy. Nur eines Augenblicks hatte es bedurft, um die Beiden wieder in ſchleichende, heimtückiſche, erſchreckte Thiere zu verwandeln, die auf nichts als auf Flucht dachten. Und dennoch wagten ſie es nicht, ſich zu bewegen. Der alte Mann hatte ſich umgewendet und ſeine Lippen bewegten ſich im Delirium.„Grace,“ rief er. Das Weib gab ihrem Gefährten ein warnendes Zeichen. Dann beugte ſie ſich über den alten Mann. „Ja, Lieber, ich bin hier.“ „Sage ihm, daß er es ja nicht vergeſſe. Zwinge ihn, ſein Verſprechen zu halten. Und frage ihn auch, wo es vergraben iſt.“ „In, Lieber.“ „Er wird es Dir ſagen, er weiß es.“ „Jawohl!“ 4 „Am Eingang zum Monument Canon. Hun— dert Fuß nördlich von der einſamen Föhre. Es iſt nur nöthig, zwei Fuß tief unter dem Steinhaufen 3 zu graben.“ Q 4 „Ja! 3„Wo es die Wölfe nicht bekommen können.“ ◻ 7 „Ja! 4„Die Steine halten die Raubthiere davon ab.“ „Gewiß!“ „Die möchten's aufſcharren.“ „Sa!“ 15„Verhungernde Raubthiere.“ „Ja, Lieber!“ Plötzlich und wie ein ausgehendes Licht ver⸗ löſchten die umherirrenden Flammen ſeiner Augen. Sein Unterkiefer ſank herab. Er war todt. Ueber ihm aber kauerten der Mann und das Weib in grauenhafter Freude, einander mit dem erſten Lächeln anblickend, das ſich auf ihre Lippen verirrt hatte, ſeit ſie das verhängnißvolle Canon betreten. Drittes Kapitel. Gabriel. s ſtellte ſich am nächſten Morgen heraus, daß die Geſellſchaft um fünf Häupter kleiner geworden. Philip Aſhley und Grace Conroy, Peter Dumphy und Mrs. Brackett wurden vermißt. Doktor Paul Devarges war geſtorben. Der Tod des alten Mannes verurſachte nur wenig Aufſehen und gar keine Trauer. Das Verſchwinden der Anderen wurde irgend einer Rettungsbotſchaft zugeſchrieben, welche ſie in ſelbſtiſcher Weiſe den Uebrigen vor⸗ enthalten hatten, und erregte einen wahren Krampf ohnmächtigen Grimmes. Während einiger Mi⸗ nuten kannte ihre Wuth keine Grenzen. Leben und Eigenthum der Flüchtlinge wurden ſofort für ver⸗ fallen erklärt. Man machte ſich auf die Jagd,— ich glaube, etwa zwanzig Schritte weit,— in der Richtung, in der ſie entflohen ſein mußten, gab dieß jedoch ſchließlich wieder auf. — 37— Nur eine Perſon wußte, daß Philip und Grace zuſammengegangen waren,— Gabriel Conroy. Als er früh am Morgen erwachte, hatte er einen Zettel an ſeiner Decke feſtgeſteckt gefunden, auf dem mit Bleiſtift die Worte ſtanden: „Gott ſegne euch, lieber Bruder und liebe Schweſter, und erhalte euch, bis Philip und ich mit Hülfe zurückkommen.“ Dabei befanden ſich ein paar Brocken Nahrung, die ſich Grace augenſcheinlich von ihren ſchmalen Rationen abgedarbt hatte und nun als Scheidegabe zurückließ. Dieſe fügte Gabriel augenblicklich dem allgemeinen Vorrath hinzu. Dann machte er ſich an die Wartung des Kin⸗ des. Von Natur aus ſtets friſch und hoffnungs⸗ voll, beſaß er zugleich einen gewiſſen zärtlichen In⸗ ſtinkt für die Leiden und die Schwäche von Kin⸗ dern,— eine Eigenſchaft, die nicht ſo ſehr Sache ſeines Verſtandes, als vielmehr ſeines innerſten Weſens war. Er hatte alle phyſiſchen Erforder⸗ niſſe einer Wärterin,— eine ſichere und leichte Hand, eine leiſe, einſchmeichelnde Stimme, ſchmieg⸗ ſame und doch feſte Gliedmaßen. Während des end⸗ loſen Zuges hatten Frauen aus unwillkürlichem An⸗ trieb ihre Kinder ſeiner Sorge anvertraut. Die meiſten Derer, die geſtorben waren, hatten in ſeinen Armen geendet. Allen Arten und Graden von Hülf⸗ ———— 20 — 38— loſigkeit war ſeine ſanfte Hand zur Wohlthäterin geworden. Niemand hatte daran gedacht, ihm zu danken. Ich glaube, er erwartete es auch gar nicht einmal. Er ſchien ebenſo ohne moraliſche Verant⸗ wortlichkeit, wie ohne eigenes Verſtändniß für ſeine Leiſtungsfähigkeit zu ſein. Und nur zu bald machte ſich, wie es in ſolchen Fällen häufig geſchieht, unter ſeinen Gefährten die Neigung geltend, ſeine Dienſte nur gerade ſo hoch zu ſchätzen, wie er ſie ſelbſt anſchlug, bis ſich ſchließlich bei Denen, die ihm Gelegenheit gaben, ſeine barmherzigen Fähigkeiten zu entfalten, ein unverholenes Gefühl von Ueberlegen⸗ heit ihm gegenüber einſtellte. „Olly,“ ſagte er nach einer Einleitung, die in einem ſcherzhaften Stoß beſtand,„möchteſt Du wohl eine hübſche Puppe haben?“ Olly öffnete ihre großen hungrigen Augen in hoffnungsvoller Vorausnahme des ihr Gebotenen und nickte bejahend. „Eine hübſche Puppe mit einer wirklichen Mama,“ fuhr er fort,„welche damit ſpielt, wie mit einem wirklichen Kind? Möchteſt Du ihr helfen, damit zu ſpielen?“ Der Gedanke einer derartigen Theilhaberſchaft entzückte Olly augenſcheinlich durch ſeine Neuheit. „Wohl denn, Bruder Gabriel wird Dir eine verſchaffen. Aber Grace iſt fortgegangen, ſo daß die eigene Mama der Puppe kommen muß.“ Dieß berührte Olly zuerſt unangenehm, bald aber trat, wie dieß bei ihrem Geſchlecht, ganz gleich, ob angeſichts des Hungertodes oder unter anderen Umſtänden, nun einmal der Fall zu ſein pflegt, der Reiz der Neuheit wieder in ſeine Rechte. Sie fragte nur klugerweiſe: „Iſt die Puppe jemals hungrig?“ „Sie iſt niemals hungrig!“ erwiederte Gabriel mit Zuverſicht. „O!“ rief Olly mit dem Ton der Erleich⸗ terung. Hierauf ſuchte der ſchlaue Gabriel Mrs. Dum⸗ phy, die Irrſinnige, auf. „Ihr ſeid gerade daran, Euch ſelbſt mit der Wartung des Kindes da umzubringen,“ ſagte er, indem er die zuſammengerollte Decke der Frau ſtrei⸗ chelte und dem eingebildeten Kind in die Wangen kniff.„Es würde ſich lieber und beſſer bei einer Geſpielin befinden. Herr der Gnade! wie dumm es ſchon iſt. Eine Veränderung wird ihm gut thun. Bringt es zu Olly hinüber und laßt Euch von ihr in der Wartung beiſtehen bis— bis morgen.“ Dieſes„Morgen“ war die äußerſte Grenze von Mrs. Dumphy's Zukunft. —-——õꝛꝛ— ——— ——õ———— So wurde Mrs. Dumphy mit ihrem Kinder⸗ popanz an Grace's Stelle in die andere Hütte ver⸗ ſetzt und Olly glücklich gemacht. Eine feinere Na⸗ tur oder eine lebhaftere Einbildungskraft als die⸗ jenige Gabriel's, würden vor einer ſo ungeheuer⸗ lichen Kombination zurückgeſchreckt ſein. Er aber ſah nur, daß die Betreffenden zufrieden ſchienen und daß die erſte drückende Folge von Grace's Ver⸗ ſchwinden überwunden wurde. Sie nahmen ſich ab⸗ wechſelnd der großen Puppe an: das Kind, indem es Sorgen, die der Zukunft angehörten, im Voraus auf ſich nahm und die Gegenwart darüber vergaß, die Mutter, indem ſie ganz in den Erinnerungen der Vergangenheit lebte. Vielleicht wäre es tragiſch geweſen, zu ſehen, wie Beide, Olly und Mrs. Dumphy, die verſchwindend winzigen Ueberbleibſel ihrer Rationen für die Puppe aufbewahrten. Aber der Einzige, der hier hätte Zuſchauer ſein können, war einer der Schauſpieler, war Gabriel, der ſich ſelbſt an der Mummerei betheiligte,— und Tragik kann nur von den Außenſtehenden beurtheilt und empfunden werden. In der Mittagsſtunde dieſes Tages ſtarb der hyſteriſche junge Mann, Gabriel's Vetter. Gabriel ging zu der andern Hütte hinüber und verſuchte die noch übrig Gebliebenen aufzurichten. Es gelang ihm, ſie bis zu einem Grade hoffnungsvoll zu ſtimmen, daß Zunge und Einbildungskraft des Ge⸗ ſchichtenerzählers erlahmten, aber es war vier Uhr geworden und der Todte war noch nicht beerdigt. Der Abend brach herein und die Drei ſaßen an der glimmenden Aſche, als plötzlich eine eigen— thümliche Veränderung mit Mrs. Dumphy vor ſich ging. Die Deckenpuppe entglitt ihren Händen und Gabriel bemerkte, daß ihre Arme an den Seiten herniedergeſunken waren und ihre Augen in's Leere ſtarrten. Er ſprach zu ihr, aber ſie gab kein Zei⸗ chen der Erwiederung. Er rührte ſie an und fand, daß ihre Glieder ſteif und regungslos waren. Olly begann zu weinen. Der Ton ſchien die Frau zu packen. Ohne ein Glied zu bewegen, ſagte ſie mit veränderter, un⸗ natürlicher Stimme: „Horch'!“ Olly zwang auf einen Wink Gabriel's ihr Schluchzen nieder. „Sie kommen!“ ſagte Mrs. Dumphy. „Wer?“ fragte Gabriel. „Die Rettung!“ „Wo?“ „Weit, noch weit weg. Sie machen ſich eben auf den Weg. Ich ſehe ſie,— ein Dutzend Männer mit Pferden— und Vorräthen. Der Führer iſt ein Amerikaner,— die Uebrigen ſind Fremde. Sie kommen,— aber ſie ſind noch weit,— o, o, noch ſo weit.“ Gabriel blickte ſie feſt an, ſprach aber kein Wort. Nach einer todtenſtillen Pauſe fuhr ſie fort: „Die Sonne ſcheint,— die Vögel ſingen,— das Gras ſprießt, wo ſie reiten,— aber ſie ſind noch ſo weit,— o, viel zu weit.“ „Kennt Ihr ſie?“ fragte Gabriel. „Nein.“ „Kennen ſie uns?“ „Nein.“ „Warum kommen ſie denn, und woher wiſſen ſie, wo wir ſind?“ fragte Gabriel wieder. „Ihr Führer hat uns geſehen!“ „Wo?“ „In einem Traum!“ Gabriel ſtieß einen Pfiff aus und blickte auf das Deckenkind. Er war nicht abgeneigt, etwas Außergewöhnliches und ſelbſt Prophetiſches in dieſem verrückten Weibe zu erblicken. Aber eine gleich— zeitige übernatuͤrliche Anwandlung bei einem Frem⸗ den, der nicht unter den Viſionen litt, wie die Er⸗ ſchöpfung durch Hunger ſie hervorbringt,— das ging über ſein Faſſungsvermögen hinaus. Aber ſelbſt jetzt waren die Regungen des guten Humors und der Hoffnungsfreudigkeit ſtärker in ihm, und er fragte auf's Neue: „Wie werden ſie kommen?“ „Ein ſchönes Thal entlang und durch einen breiten glänzenden Fluß. Dann überſteigen ſie ein Gebirge, bis ſie in ein zweites ſchönes Thal mit ſteilen Wänden und einem rauſchenden Waſſer kommen,— einem Waſſer, ſo nahe von uns, daß ich es im Augenblick faſt hören kann. Seht Ihr es nicht? Es iſt gerade jenſeits des Schneegipfels dort. Ein grünes Thal und der Regen fällt dar⸗ auf. Seht nur,— es iſt hier.“ Sie wies gerade nordwärts in das Bereich des ungaſtlichſten Schnees hinaus. „Würdet Ihr dorthin gelangen können?“ fragte der praktiſche Gabriel. „Nein!“ „Warum nicht?“ „Ich muß auf mein Kind hier warten. Es kommt nach uns. Es will mich hier finden.“ „Wann?“ „Morgen.“ Es war das letzte Mal, daß ſie das traurige, abgenutzte Wort ausſprach, denn gleich nach Mitter⸗ nacht kam ihr Kind nach ihr,— kam mit einem plötzlichen Schimmer, den Gabriel vielleicht nicht bemerkte, der aber in ihren ſtarrglänzenden Augen widerſtrahlte,— kam ſo wahrnehmbar zu dieſer armen, ihres Witzes beraubten Kreatur, daß ſie ſich halb erhob, ihre abgezehrten, ſchmachtenden Arme darnach ausſtreckte und es empfing. Ein Leichnam! Gabriel legte die Deckenpuppe in ihre Arme und faltete dieſelben darüber. Dann rannte er haſtig nach der andern Hütte. Aus irgend einer unerklärten Urſache kam er nicht weiter als bis zu dem Eingang. Was er hier geſehen,— hat er nie mitgetheilt. Als er ſich jedoch die Strecke nach ſeiner eigenen Hütte mit ſchlotternden Gliedern zurückgekämpft hatte, war ſein Antlitz weiß und blutlos und ſeine Augen ſtarrten wild umher. Nur ein Antrieb, nur ein Gedanke blieb,— zu fliehen für immer von dieſer verfluchten Stätte. Nur ſo lange verweilte er, bis er die ſchluchzende und erſchreckte Olly aufgerafft. Dann, mit einem lauten Aufſchrei zu Gott, ihm zu helfen, — jenen Anderen zu helfen,— ſtürzte er voran und war in der Finſterniß verloren. Viertes Kapitel. Die Natur als Wegweiſer. s war ein Ausläufer des langen, wie ein Rieſengrab ſich hindehnenden Gebirgsrückens, der nördlich von dem Canon lag. An dem nackten weißen Abhang waren ſeit Mittag zwei Geſtalten lang⸗ ſam emporgeklommen, bis ſie endlich gegen Sonnen⸗ untergang auf der höchſten, von dem Himmel ſich abhebenden Scheide ſtanden. Philip und Gracel! In Anbetracht all' der Strapazen ihrer Wan⸗ derung, des Mangels an nahrhaftem Eſſen und des geſpenſtiſchen Schattens jener Leiden, denen ſie ent⸗ flohen, ſah das Antlitz Grace's, von der untergehenden Sonne überflammt, hübſch genug aus. Der Knaben⸗ anzug, den ſie entlehnt hatte, ſaß zwar äußerſt ſchlecht und ließ ihre zierliche kleine Geſtalt noch winziger erſcheinen, aber die anmuthigen Linien derſelben gänzlich zu verhüllen vermochte er doch — 346— nicht. Hier in dem roſigen Licht traten die langen Wimpern ihrer dunkeln Augen, trat das vollkom⸗ mene Oval ihres Geſichtes deutlich hervor, konnte Philip ſelbſt die wenigen ſchwachen Sommerflecken auf ihrer Oberlippe erkennen. Theils um ſie kör⸗ perlich zu ſtützen, theils um ſie zu ermuthigen, ſchlang er ſeinen Arm zärtlich um ihren Leib. Dann küßte er ſie. Es iſt möglich, daß Letzteres unwill⸗ kürlich geſchag. Wie dem auch war, es geſchah nicht, ohne daß Grace mit der ihrem Geſchlecht eigenen Konſequenz die Frage:„Liebſt Du mich, Philip?“ auf's Neue ſtellte,— eine Frage, welche ſie ſchon an ſo manchem Tage vor dieſem geſtellt und die er ebenſo oft mit einem unwandelbaren: „Ich liebe Dich!“ beantwortet hatte. Nichtsdeſtoweniger war der junge Mann zer⸗ ſtreut, ängſtlich und hungrig. Es war der vierte Tag, ſeit ſie die Hütte verlaſſen hatten. Am zweiten Tag hatten ſie einige Pinienzapfen gefunden, deren Kerne ſich unter dem Schnee friſch und unberührt erhalten hatten, und gleich darnach die Vorraths⸗ kammer eines Eichhörnchens. Am dritten Tag tödtete Philip den Eigenthümer dieſer Schätze und ſie verſpeisten ihn. Am ſelben Abend entdeckte er eine Ente, welche ihren Flug über das Canon hin nahm. In der feſten Ueberzeugung, daß irgend ein Inlandſee ihr unmittelbares Ziel ſei, verfolgte „ er erſt ihre Richtung und holte ſie dann mit einem Schuß aus ihrer Höhe hernieder. Nachdem ſie ihren Weg den Weiſungen gemäß, die ſie auf dieſe Art empfangen, abgeändert hatten, aßen ſie ihren Führer zum nächſten Frühſtück. Aber Philip war doch enttäuſcht. Der Gipfel des Gebirgsausläufers, den ſie ſo mühſam erkämpft, ließ ſie von ſeiner Höhe aus nichts Anderes er⸗ blicken, als die nämliche endloſe Aufeinanderfolge weißer, bis zum Horizont ſich hindehnender Rieſen— wellen von Schnee. Es gab keine Unterbrechung darin,— keine Spur eines Flußlaufes oder eines Sees. Nichts, was hätte anzeigen können, woher der Vogel gekommen ſei oder wohin er möglicher⸗ weiſe geſteuert habe. Und ſchon begann Philip, die Möglichkeit einer erneuten Aenderung ihres Weges in's Auge zu faſſen, als ein unerwarteter Zufall eintrat und ihn jeder weitern Erwägung überhob. Grace hatte ſich bis an den äußerſten Rand des felſigen Abhangs vorgewagt und verſuchte mit angeſtrengtem Blick über die Schneefelder hinaus⸗ zudringen, als das verrätheriſche Geſtein, auf dem ſie ſtand, plötzlich nachzugeben begann. In einem Augenblick war Philip hinter ihr und hatte ſie an der Hand ergriffen. Aber in demſelben Moment löste ſich auch gerade unter ihren Füßen ein großes — 48— Felsſtück von der Geſteinmaſſe los und ließ das Mädchen ohne jeden Halt, den ausgenommen, den ſein Griff ihr bot. Selbſt das ohnehin gelockerte Geſtein, auf dem er ſtand, wurde durch den plötz⸗ lichen Stoß erſchüttert. Ehe er noch im Stande geweſen, feſten Fuß wiederzugewinnen, zitterte, wankte, glitt und ſtürzte es, Philip und Grace mit ſich her⸗ niederführend. Zum Glück befand ſich vor ihnen die größere Maſſe von Stein und Eis. Sie glitt wuchtig in die Tiefe und pflügte, die vorſtehenden Zacken und Hervorragungen des ſteilen Abſturzes abbrechend, eine ebene, obwohl nahezu ſcheitelrechte Bahn den Bergabhang hinunter. Noch im Fallen hatte Philip Geiſtesgegenwart genug, ſich nicht an den neu entſtehenden Rand des bröckelnden Geſteins zu klammern und ſo den et⸗ waigen Nachſturz deſſelben und ihre Zerſchmetterung dadurch zu beſchleunigen. Auch erinnerte er ſich ſpäter, daß er, bevor er die Beſinnung verlor, Grace's Arm feſter gepackt und ihr Geſicht und Haupt gegen ſeine Bruſt gelehnt habe, ſo daß es ſchien, als ob er ſie noch in ſeiner Bewußtloſigkeit inſtinktiv auf die glatte Bahn oder in den„Rutſch“ hineingeleitet habe, den der ſtürzende Fels unter ihnen herſtellte. Und ſelbſt dann noch hatte er ein dumpfes Bewußtſein, als ob er plötzlich in tiefe Finſterniß und dann wieder in helles Licht ſtürze und den Eindruck brechenden und krachenden Gezweiges um ſich her, und ſelbſt das Gefühl von bürſtenartigen, ſteifen, gegen ſein Geſicht und ſeine Glieder ſtechenden Tannennadeln. Dann ein jäher Halt— und nun erſt ein allgemeiner Wirbel von Verwirrung,— eine ſcheinbare Mittheilung der Erſchütterung an ſein Gehirn— und dann endlich— die Erlöſung des vollen Vergeſſens, des Nichts. Als er ſeine Sinne wiedergewann, war ſeine erſte Empfindung die einer brennenden Hitze in ſeiner Kehle und eines Gefühls des Erwürgtwerdens. Er öffnete ſeine Augen und ſah Grace, die ſich über ihn beugte, bleich und entſetzt, und ſeine Hände und Schläfen mit Schnee reibend. Auf einer ihrer Wangen ſah er einen Blutfleck. „Du biſt verletzt, Grace!“ war das Erſte, was ſich von Philip's Lippen rang. „Nein,— mein theurer, mein tapferer Philip, nur ſo dankbar und glücklich, daß Du gerettet biſt.“ Aber ſchon im nächſten Augenblick erloſch die Farbe ihrer Wangen, und ſelbſt der von der Sonne ge⸗ küßte Umriß ihrer Oberlippe wurde blutlos, als ſie ſich gegen den Baumſtamm zurücklehnte. Philip ſah ſie nicht. Eben begannen ſeine Blicke die fremde Umgebung in ſich aufzunehmen. Er lag mitten in einem wilden Durcheinander von Tannen Bret Harte, Gabriel Conroy. I. 4 ———— —— — 50— und Aeſten und von Trümmern des geſtürzten Fel⸗ ſens. In ſein Ohr drang der Ton rauſchenden Waſſers,— und dort, kaum hundert Schritt von ihm entfernt, der brauſende Fluß ſelbſt. Dann blickte er empor. Die rothe Glut des Sonnen⸗ untergangs ſtrömte durch das zerbrochene und aus⸗ einander gebogene Gezweig des Schneedaches, wel⸗ ches ſie in ihrem Sturz durchbrochen hatten. Hier und dort längs des Fluſſes aber glomm daſſelbe Licht, durch ähnliche Lücken und Oeffnungen in den ſeltſamen Wölbungsbau fallend, der ſich über dieſem ſonnenloſen Gewäſſer emporrundete. Nun wußte er, woher die Ente gekommen. Nun wußte er, warum er den Flußlauf nicht vor⸗ her entdeckt. Und er wußte auch, woher alle dieſe Spuren von Vögeln und wilden Thieren und warum die Wälder und Canons jenſeits pfadlos! Hier endlich lag der offene Weg vor ihnen! Mit einem Schrei des Entzückens raffte er ſich auf ſeine Füße empor. „Grace, wir ſind gerettet!“ Grace blickte ihn mit Augen an, die mehr Freude über ſeine Erhaltung, als Verſtändniß für ſein Entzücken ausdrückten. „Sieh' nur, Grace,— das iſt der Natur eigener Weg,— vielleicht nur eine Gaſſe,— aber immerhin der Schlüſſel zu unſerem Pfad aus dieſer ——õ——ℳ⸗-—— ——— — — 54— Wildniß! Dem Waſſer folgend, werden wir bald in ein breiteres Thal kommen!“ „Ich weiß es,“ ſagte ſie einfach. Philip ſah ſie fragend an. „Als ich Dich aus dem Weg des fallenden Felſens und Schnees über uns ſchleppte, hatte ich einen flüchtigen Ausblick in das Thal, von dem Du ſprichſt. Ich ſah es von dort aus.“ Sie deutete in die Höhe, nach der Stelle über der Lücke, wo das große Felsſtück, welches zuerſt geſtürzt war, geſeſſen hatte. „Als Du mich herausſchleppteſt, mein Kind?“ Grace lächelte ſchwach. „Du weißt nicht, wie ſtark ich bin,“ ſagte ſie, und gab ihm ſofort einen Beweis davon,— indem ſie ohnmächtig wurde. Mit einem Satz war Philip an ihrer Seite. Dann griff er nach der koſtbaren Flaſche, welche er während aller Entbehrungen ſo heilig gehütet,— aber er fand ſie nicht. Er blickte umher. Sie lag auf dem Schnee,— leer. Zum erſten Mal während dieſer traurigen Pilgerfahrt kam ein Murren über Philip's Lippen. Bei dem Ton öffnete Grace ihre ſanften Augen. Sie ſah ihren Geliebten mit der leeren Faſche in ſeiner Hand,— und wieder umſpielte ein ſchwaches Lächeln ihre Lippen. 3 52— „Ich habe Alles— Dir in den Mund gegoſſen, Lieber,“ ſagte ſie.„Du ſahſt ſo erſchöpft aus, — ich dachte, Du ſeieſt im Begriff, zu ſterben,— vergib mir!“ „Ich war nur betäubt,— und Du, Grace,— Du—“* 4 „Ich fühle mich wieder wohler,“ entgegnete ſie, indem ſie aufzuſtehen verſuchte. Aber in demſelben Augenblick ſtieß ſie einen ſchwachen, unterdrückten Schrei aus und ſank auf's Neue zurück. Aber Philip hörte ſie nicht. Er klomm mit aller Kraft nach der Stelle empor, von der ſie geſprochen hatte. Als er zurückkehrte, ſtrahlte ſein Geſicht vor Freude. „Ich habe es auch geſehen, Grace! Es iſt nur wenige Meilen entfernt. Es iſt noch hell, und wir werden ſchon unſere nächſte Nacht dort ver⸗ bringen.“ „Ich fürchte,— nein— theurer Philip,“ ſagte Grace zweifelnd. „Warum nicht?“ fragte Philip mit einer leichten Ungeduld im Ton. „Weil,— ich glaube,— ich habe den Fuß gebrochen!“ „Grace!“ Aber ſchon lag ſie ohnmächtig in ſeinen Armen. Fünktes Vapitel. Aus dem Walde— in den Schatten. Zum Glück irrte ſich Grace. Sie hatte ſich den Fuß heftig vertreten und konnte nicht ſtehen. Philip riß ſein Hemd entzwei und hüllte ihr den geſchwollenen Knöchel in ſchneewaſſergetränkte Ver⸗ bände. Dann erlegte er im Gehölz eine Wachtel und noch eine Ente, räumte das Buſchwerk behufs Gewinnung einer Lagerſtätte hinweg, ſchichtete ein Feuer auf und bewirthete das junge Mädchen mit einer warmen Mahlzeit. Da kein Verhungern mehr zu befürchten ſtand, war die größte Gefahr vor⸗ über. Das Schlimmſte, was ſie zu erwarten hatten, waren ein paar Tage fernern gezwungenen Auf⸗ enthalts und unfreiwilliger Unthätigkeit. Die Luft war während der letzten Stunden⸗ auffallend milder geworden. Um Mitternacht machte ein feuchter Wind die Tannennadeln über ihren Häuptern erſchauern und ein eigenthümliches Ge⸗ räuſch ſchlug von außen an das Schneedach. Es war Regen. „Das iſt das Erwachen des Frühlings,“ flü⸗ ſterte Philip. Aber Grace war in keiner poetiſchen Stimmung, nicht einmal für den Geliebten. Sie ließ ihren Kopf auf ſeine Schulter fallen und ſagte dann: „Du mußt weiter gehen, Lieber, und mich hier laſſen.“ „Grace!“ „Ja, Philip! Ich kann ſehr wohl leben blei⸗ ben, bis Du wieder kommſt. Ich fürchte keine Ge⸗ fahr mehr. Um wie viel beſſer bin ich dran, als — ſie es ſind.“ Ein paar Thränen fielen auf ſeine Hand. Philip ſchwankte. Vielleicht war es das Gewiſſen, viel⸗ leicht ein Etwas in des Mädchens Ton, vielleicht der Umſtand, daß ſie ſchon früher ebenſo zu ihm geſprochen. Aber es ſetzte ſich gleichzeitig in Wider⸗ ſpruch mit jener Seite ſeines Naturells, welche er ſelbſt gern als„geſunden Menſchenverſtand“ be⸗ zeichnete. Er hielt ſich in der That für ein hoch⸗ herziges, unüberlegtes, ſtürmiſches und heißblütiges Weſen, das nur durch das Vorhandenſein jener Eigenſchaft vor gelegentlicher Selbſtzerſtörung be⸗ wahrt wurde. Y8 8 — —— Für einen Augenblick ſchwieg er. Er erwog bei ſich, wie er mit eigener Gefahr dieſes Mädchen einem plötzlichen Tod entriſſen; er dachte daran, wie er, alle Beſchwerlichkeiten auf ſich nehmend, während dieſer ganzen mühevollen Reiſe über ihr gewacht; wie glücklich er ſie gemacht; wie ſie ſelbſt ihr Glück ihm zugeſchrieben habe. Er überlegte, wie hülflos ſie eben war und wie bereit er ſei, ihretwegen die Wanderung zu unterbrechen. Er malte ſich ſogar in flüchtigen Farben eine gewiſſe geheimnißvolle, unbeſtimmte, aber an jedem Segen reiche Zukunft aus, welche er ihr zu bereiten im Begriff ſtand. Und doch konnte ſie ihn hier und im Angeſicht ihrer bevorſtehenden Errettung wegen eines Paares ſterbender Geſchöpfe plagen, welche, ohne die Dazwiſchenkunft eines Wunders, längſt todt ſein müßten, ehe man ſie erreichen konnte! Es gehörte zu Philip's unparteiiſcher Art, ſich über ſich ſelbſt Rechenſchaft zu geben,— eine Sache, auf die er ſich ſo viel zugute that,— daß er ſtets bemüht war, ſich an die Stelle der Perſon zu verſetzen, mit welcher er nicht übereinſtimmte, und ſich darüber klar zu werden, wie er in ihrer Lage handeln würde. Es iſt wohl überflüſſig, hinzuzu⸗ fügen, daß er bei ſolchen Gelegenheiten ſtets zu dem Ergebniß einer unter den gleichen Umſtänden völlig verſchiedenen Handlungsweiſe kam. Und ſo 56= gelangte er auch in dem vorliegenden Fall, ſich an Grace's Stelle denkend, zu der Ueberzeugung, daß er Alles für eine Liebe und eine Zukunft, wie ſie dieſelben von ihm zu erwarten hatte, hin⸗ geben würde. Daß ſie nicht ſo dachte, war ein Zeichen moraliſcher Schwäche oder niedrigen Blutes. Derartige Logik iſt bequem und unniderleglich. Selbſt jenſeits der Sierras iſt ſie bekannt, und zwar bei Leuten, welche phyſiſch durchaus nicht erſchöpt ſind. Nach einer Pauſe ſagte er mit veränderter Stimme zu Grace: „Laß uns ein puar Augenblicke ruhig ſpre⸗ chen und einander ganz klar werden, ehe wir rück⸗ wärts oder vorwärts gehen. Es ſind jetzt fünf Tage, ſeit wir das Lager verlaſſen haben. Selbſt wenn wir ſicher wären, unſern Wanderpfad zurück⸗ zufinden, könnten wir vor Ablauf weiterer fünf Tage nicht dorthin gelangen. Um die Zeit wird dort Alles vorüber ſein. Sie werden entweder ge⸗ rettet oder über alle Rettung hinaus ſein. Das klingt hart, Grace, aber es iſt nicht härter, als die Sachlage iſt. Wären wir geblieben,— wir hätten nur, ohne ihnen im geringſten helfen zu können, ihr Schickſal getheilt. Ich wäre in Deines Bru⸗ ders, Du in Deiner Schweſter Lage geweſen. Es iſt unſer Glück, nicht unſer Fehler, daß wir jetzt 565 nicht mit ihnen ſterbend daliegen. Es iſt Beſtim— mung, daß Du und ich gerettet werden ſollten. Es könnte ebenſo gut Beſtimmung ſein, daß wir im Verſuch, ihnen Hülfe zu bringen, untergehen ſollen, während ihnen die Rettung von einer andern Seite käme, ohne uns jemals zu erreichen.“ Um Grace's Logik ſah es nur dürftig aus, und ſie konnte nicht umhin, zu denken, daß ſie, wenn Philip ihr das Alles früher geſagt hätte, die Hütte mit den Ihrigen nicht verlaſſen haben würde. Aber ich bin überzeugt, daß der männliche Leſer ſofort das Richtige dieſer weiblichen Denkungsweiſe durchſchauen und einſehen wird, daß ſie durchaus nicht dazu angethan war, Philip's Schlußfolgerungen zu widerlegen. Sie ſah mit der Miene halben Schreckens zu ihm empor. Vielleicht waren es die Thränen, welche ihre Augen verdunkelten,— die wenigen Worte, die er eben geſprochen, ließen ihn ihr plötzlich weit entrückt erſcheinen, und zum erſten Mal kam es wie ein Gefühl der Verlaſſenheit über ſie. Sie ſtreckte verlangend ihre Arme nach ihm aus,— aber wie eine Art Scham, die ſie nie vorher empfunden, ergriff es ſie und machte ihre Hände alsbald wieder ſinken. Philip gewahrte ihre Verwirrung und erklärte ſie ſich halb. Er ließ ihren willenloſen Kopf von ſeiner Schulter herabgleiten. 1 „Wäre es nicht beſſer, wenn wir warteten, bis wir ſelbſt außer Gefahr ſind?“ fragte er mit etwas von ſeiner alten Bitterkeit.„Dieſer Unfall mag uns hier tagelang zurückhalten, und dabei wiſſen wir noch gar nicht einmal, wo wir ſind. Schlafe nun,“ ſetzte er freundlicher hinzu,„und morgen wollen wir ſehen, was gethan werden kann.“ Grace weinte ſich in den Schlaf. Arme, arme Grace! Sie hatte auf dieſe Ge⸗ legenheit gewartet, um von ſich ſelbſt, um von ihrer Zukunft zu ſprechen. Es hätte die Eröffnung ihrer vertraulichen Mittheilungen in Betreff von Doktor Devarges' Geheimniß ſein ſollen. Offen und rück⸗ haltlos hatte ſie ihm Alles, was der Doktor zu ihr geſprochen, ſagen wollen,— ſelbſt den Verdacht, den er über Philip geäußert. Und dann hätte ihr Philip zweifellos ſeine Pläne eröffnet; ſie wären mit Hülfe zurückgegangen, und Philip wäre als Held erſchienen, in dem Gabriel ſofort den richtigen Gatten für Grace erkannt hätte, und ſie Alle, Alle wären glücklich geweſen. Und nun waren ſie Alle todt, waren vielleicht mit einem Fluch für ſie auf den Lippen geſtorben, und— Philip— Philip hatte ſie nicht zur guten Nacht geküßt und ſaß düſter und allein unter dem Baum! Die matte Helle eines bleigrauen Morgens brach durch das Schneedach über ihren Häuptern. — Es regnete ſtark. Der Fluß war geſtiegen und ſtieg noch. Er war mit Bruchwerk von Baum⸗ zweigen, mit Schnee und Eis, der Laſt mancher Meile ſeines Laufes, angefüllt. Gelegentlich trieb ein ganzer Baum vorüber, ſeinem Erdreich entriſſen und die zackigen Wurzeln gleich Maſten empor⸗ ſtreckend. Plötzlich ſprang Philip, der, das Kinn in der Hand, dageſeſſen hatte, mit einem Schrei empor. Grace blickte zu ihm auf. Er deutete nach einem eben herantreibenden Baum hinüber, der dort, wo ſie ſaßen, an das Ufer anſchlug und dann für einen Augenblick längs deſſelben regungslos lag. „Grace,“ rief er mit ſeiner alten Lebhaftigkeit. „Die Natur ſelbſt hat uns in ihre Arme genom⸗ men. Wenn wir gerettet werden ſollen, ſo ge⸗ ſchieht es nur mit den Mitteln, die ſie uns zeigt. Sie brachte uns an den Rand dieſes Waſſers und nun ſendet ſie uns ein Boot, um uns weiterzu⸗ ſchaffen. Komm'!“ Ehe Grace noch ein Wort erwiedern konnte, hatte er ſie in ſeinen Armen emporgehoben und zwiſchen den aufſtarrenden Wurzeln des Baumes niedergeſetzt. Dann befeſtigte er neben ihr ſein Gewehr und die Reſte des Mahles, ſprang auf den Rücken des ſeltſamen Gefährts und ſtieß es mit einem abgebrochenen Zweig, den er gefunden, vom Ufer — 60— los. Für einen Augenblick hielt es noch am Lande, — dann, plötzlich vom Strom ergriffen, ſchoß es, einem belebten Weſen gleich, voran. Der Fluß war an der Stelle, wo ſie ihre Fahrt begannen, äußerſt ſchmal und reißend, und es er⸗ forderte für einige Minuten Philip's ganze Kraft und ungetheilteſte Aufmerkſamkeit, den Baum in⸗ mitten der Strömung zu erhalten. Grace ſaß in ſchweigender Bewunderung der Gewandtheit und Kraft ihres vor Aufregung ſtrahlenden Geliebten. Plötzlich rief ihr Philip zu: „Siehſt Du jenen Holzſtamm? Wir ſind in der Nähe einer menſchlichen Niederlaſſung!“ Ein friſchbehauener Fichtenſtamm trieb neben ihnen in der Strömung. Ein Strahl der Hoff⸗ nung ſchoß durch Grace's trübe Gedanken. Wenn ſie ſo nahe der Hülfe waren, ſollte dieſe Hülfe nicht auch die armen Nothleidenden erreichen? Aber ſie bezwang ſich und ſprach über dieſen Gegenſtand nicht wieder zu Philip, der, ohnehin ganz und gar von ſeiner neuen Beſchäftigung in Anſpruch genommen, ihrer vergeſſen zu haben ſchien. Es geſchah mit einem leiſen Aufſchrei der Freude, daß ſie ihn endlich ſich umwenden und, ſich mit ausgeſtreckten Armen im Gleichgewicht hal⸗ tend, das hurtige Fahrzeug entlang zu ihr ſchreiten ſah. Als er an ihrer Seite angelangt, ſetzte er — 61— ſich neben ſie nieder und ſagte, indem er zum erſten Mal ſeit der vorigen Nacht ihre Hand in die ſei⸗ nige nahm, freundlichen Tones: „Grace, mein Kind, ich habe Dir etwas zu ſagen.“ Grace's kleines Herz ſchlug ſchneller und für einen Augenblick wagte ſie nicht, ihre langen Wim⸗ pern emporzuheben. Ohne ihre Verwirrung zu be⸗ merken, fuhr er fort: „Noch wenige Stunden, und wir ſind nicht länger in der Wildniß, ſondern von Neuem in der Welt,— vielleicht in den Wohnungen von Men⸗ ſchen,— unter Männern und vielleicht auch Frauen. Unter Fremden allerdings,— nicht unter den Ver⸗ wandten, an welche Du gewöhnt biſt und die es an Dich ſind,— nicht unter jener Art Menſchen, mit denen wir ſo manchen Tag und ſo manche Woche gemeinſam lebten, ſondern unter einem Ge⸗ ſchlecht, das nichts von uns, nichts von dem, was wir ausgeſtanden, weiß.“ Grace blickte zu ihm empor, ſprach aber kein Wort. „Du verſtehſt, Grace, daß ſie, von allem Dem nichts wiſſend, unſerer Flucht ihre eigene Deutung beilegen möchten. Um ganz klar zu ſprechen, mein Kind, Du biſt ein junges Weib und ich ein junger Mann. Deine Schönheit, liebe Grace, verlockt zu einer ganz beſtimmten Erklärung unſerer Kamerad⸗ ſchaft, welche die Welt ſchneller annehmen wird als jede andere,— und nur zu Vielen würde die Wahrheit nicht halb ſo natürlich erſcheinen. Aus dieſem Grunde dürfen wir ſie nicht ſagen. Ich werde allein mit Hülfe zurückgehen und Dich hier in ſicheren Händen laſſen, bis ich wiederkehre. Aber ich laſſe Dich nicht als Grace Conroy hier,— Du ſollſt meinen eigenen Namen führen!“ Eine Springflut von Erglühen übergoß Gra⸗ ce's Antlitz und Hals, und athemlos, mit geöff⸗ neten Lippen, harrte ſie ſeines nächſten Wortes. Ruhig fuhr er fort: „Du ſollſt meine Schweſter ſein,— Grace Aſhley!“ Das Blut ſtrömte aus ihren Wangen zurück, ihre Augenlider ſanken nieder, und ſie begrub ihr Antlitz in ihren Händen. Als ſie es auf's Neue erhob, war es ruhig und bewegungslos,— es lag ſogar etwas wie eine flüchtige Röthe des Stolzes auf ihren Wangen, als ſie ſeinem Blick begegnete und mit einem leichten Zucken der Oberlippe ſagte: „Du haſt Recht!“ Im ſelben Augenblick brach es wie plötz⸗ liche Wärme und plöͤtzlicher Sonnenſchein auf ſie hernieder. Das Baumdickicht ſchwang ſich um eine ſcharfe Ecke und öffnete ſich in ein breites, über⸗ ——— — 63— ſchwemmtes Thal, glänzend vom Smaragd ſanft abfallender Hügelwände und ſchimmernd im Wieder⸗ ſchein der Mittagsſonne. Von der andern Seite herüber, jenſeits des kaum eine Meile entfernten Weidengehölzes, aber grüßte ſtill in die Luft em⸗ porkräuſelnd der Rauch einer Menſchenwohnung. Sechstes Kapitel. Fußſpuren. ℳs war nach vierzehn Tagen die erſte, von Wolken unverhüllte Sonne, welche über den ſcharfen Umriſſen von Monument Point emporſtieg. Die unheimliche Weiße der ſchneegepanzerten Felſen hatte in dieſen vierzehn Tagen keine Aenderung erfahren. Ebenſowenig das Ausſehen der weißen Rieſenwellen, welche ſich Reihe um Reihe dahinter erhoben, wie in der Todtenſtille, welche in der Höhe und auf der Erde herrſchte. Es war der erſte April und etwas von der Milde des kommenden Frühlings lag in der Luft, die, ohne einen Ton oder eine Regung wach⸗ zurufen, über die troſtloſe Wüſte ſtrich. Und dennoch konnte der ſchärfer Zuſchauende erkennen, daß eine leichte, verdeckte Wandlung Platz gegriffen. Die weißen Flanken der Berge waren etwas magerer; der Schnee hatte ſichtlich an ge⸗ — wiſſen Stellen dem grauen, nackt hervorſtehenden Gefelſe das Feld überlaſſen; die ſcharfen Umriſſe waren noch da, nur weniger voll und gerundet; das Gerippe begann durch das ſchwindende Fleiſch hindurch erkennbar zu werden; hie und da waren Schneemaſſen vorangerutſcht und hatten hinter ſich den unverhüllten Granit gelaſſen. Es war die letzte Wandlung ihres hippokratiſchen Geſichtes, welches die Natur dem Beſchauer zukehrte. Und doch war es die Geräuſchloſigkeit ſelbſt, unter der ſich dieſe Wandlung vollzogen,— doch war die Ein⸗ ſamkeit ungebrochen. Und dann kam plötzlich ein Tag, an dem es in dieſer Todtenſtille von dem Getön klingelnden Lebens und dem Klang menſchlicher Stimmen laut wurde. Den langgeſtreckten Paß hinunter bewegte ſich ein Zug berittener Männer und beladener Maulthiere, bald in Schneewehen tauchend, bald über Felſen dahinſprengend. Das ungewohnte Ge⸗ räuſch weckte das langentſchlafene Echo der Berge, ſchreckte kleine Lawinen von Klippen und Bäumen in die Tiefe hernieder und— lockte ſchließlich eine Menſchengeſtalt aus einem Felſenloch an die Ober⸗ fläche des Schnees hervor,— eine Geſtalt, ſo wild, ſo wüſt, ſo entſtellt und ſo ungeheuerlich, daß ſie kaum noch menſchlich war. Sie kroch mit der Scheu Bret Harte, Gabriel Conroy. I. 5 eines aufgeſtöberten Thieres auf dem Schnee voran, hinter Felſen und Steinen ſich duckend und endlich hinter einem Baumſtamm zuſammengekauert wie aus einem Hinterhalt das Herannahen des Zuges er— wartend. Zwei Männer ritten an der Spitze. Der Eine von ihnen ernſt, nachdenklich, ſchweigend. Der An⸗ dere lebhaft, beweglich, aufgeregt. Endlich ſprach der Schweigſame, aber nur leiſe und mehr wie eine Erinnerung zurückrufend, als einem Eindruck des Augenblicks Worte leihend. „Sie können jetzt nicht mehr weit ſein. Eine ſolche Stelle war es, an welcher ich ſie zuerſt ſah. Der Platz iſt mir wohl bekannt.“ „Gebe der Himmel, daß dem ſo ſei,“ rief der Andere haſtig,„denn um Ihnen die Wahrheit zu ſagen, ich zweifle, ob wir im Stande ſein werden, unſere Leute noch einen Tag länger auf dieſer wahn⸗ ſinnigen Jagd zuſammenzuhalten, wenn wir nicht bald irgend Etwas entdecken.“ „Es war hier,“ fuhr der Andere wie im Traum und ohne den Begleiter zu beachten, fort:„Es war an dieſer Stelle, wo ich die Geſtalt eines Mannes und einer Frau ſah. Wenn wir nicht hier herum auf den Steinhaufen ſtoßen, ſo will ich meinen Traum für Trug halten und mich ſelbſt für einen alten Narren erklären.“ I. I7 , p i n Pr. — 6/— „Nur irgend Etwas,— wie ich vorhin ſagte,“ nahm der Andere lachend wieder auf.„Ein Fetzen Papier, eine alte Decke, ein Splitter von einem Wagenrad würden genügen. Kolumbus hielt mit Hülfe eines Büſchels Seegras ſeinen Kurs und ſeine Mannſchaft aufrecht! Aber— was iſt das? Wonach blicken die Leute dort aus? Großer Gott, — dort drüben unter jenem Felſen bewegt ſich Etwas!“ Wie in Folge eines gemeinſamen abergläubiſchen Inſtinkts drängte ſich die ganze Geſellſchaft zuſam⸗ men,— und zwar hielten Diejenigen, die eben in der Aeußerung ihres Zweifels am lauteſten geweſen waren, zuerſt den Athem vor ängſtlicher Erwartung an und zitterten vor Aufregung,— als ſich die ſchlotternde Geſtalt, welche ſie von dem Eingang in das Canon aus beobachtet hatten, von ihrem Lager emporrichtete und, menſchliches Anſehen an⸗ nehmend, mit abſonderlichen Geberden und unter fremdartigen, heiſeren Ausrufen auf ſie zuſchwankte. Es war Dumphy! Der Führer faßte ſich zuerſt. Er ritt ein wenig voran und langte bei Dumphy auf halbem Wege an. „Wer ſeid Ihr?“ „Ein Mann.“ „Was ſeid Ihr?“ — 68— „Verhungernd!“ „Wo ſind die Uebrigen?“ Dumphy warf einen mißtrauiſchen Blick auf ihn und entgegnete: „Wer?“— „Die Anderen— Ihr ſeid doch nicht allein?“ „Ich bin es.“ „Wie kamt Ihr hieher?“ „Was geht das Euch an? Ich bin hier,— ſterbend vor Hunger. Gebt mir etwas zu eſſen und zu trinken.“ Er brach erſchöpft auf allen Vieren zuſammen. Ein Gemurmel⸗ des Mitleids durchzitterte die Gruppe. „Gebt ihm doch Etwas zu eſſen. Könnt ihr nicht ſehen, daß er nicht mehr ſtehen kann? Weniger Worte! Wo iſt der Doktor?“ Und dann bat der Jüngere dringend: „Ueberlaſſen Sie ihn mir. Es iſt meine Hülfe, deren er bedarf, gerade jetzt bedarf, mehr als der Ihrigen.“ Er goß ihm etwas Branntwein in den Mund. Dumphy ſchnappte nach Luft und raffte ſich von Neuem auf ſeine Füße empor. „Wie ſagtet Ihr, daß Ihr heißt?“ fragte der junge Arzt freundlich. ——— — —— — — 69 „Jackſon,“ ſagte Dumphy mit einem Blick un⸗ verholenen Mißtrauens. „Woher?“ „Von Miſſouri.“ „Wie kamt Ihr hieher?“ „Verloren von meinen Gefährten.“ „Und Dieſe—?“ „Weiter gegangen. Gebt mir Etwas zu eſſen!“ „Nehmt ihn nach dem Lager zurück und über⸗ gebt ihn Sanchez. Er weiß, was er mit ihm zu be⸗ ginnen hat,“ gebot der Arzt einem der Leute.„Wohl, Blunt,“ fuhr er fort, ſich zu dem Führer wendend, „jetzt iſt Ihr Unternehmen gerettet,— aber die neun Mann Ihres Traumes ſind auf einen einzigen herabgeſchmolzen. Und dieſer Eine,“ ſetzte er, mit den Augen Dumphy folgend, hinzu,—„welch' ein wenig empfehlenswerthes Exemplar!“ „Ich wünſchte, das wäre Alles, Doktor,“ ſagte Blunt einfach.„Ich wäre jetzt Willens, zurückzu⸗ gehen. Aber Etwas ſagt mir, daß wir eben erſt begonnen haben. Dieſes Eine läßt jedes Sonſtige möglich erſcheinen.— Was gibt es wieder?“ Einer von den Männern näherte ſich mit einem Blatt Papier, deſſen abgeriſſene Ecken andeuteten, daß es irgendwo angenagelt geweſen und mit Ge⸗ walt herabgenommen worden ſei. — 70— „Eine Notiz— von einem Baum— Me no sabe,“ ſagte der Bringer, ein früherer Vaquero. „Auch ich nicht,“ rief Blunt, nachdem er es ge⸗ prüft.„Das ſieht wie Deutſch aus. Ruft Glohr!“ Ein hochgewachſener Schweizer kam heran. Blunt übergab ihm das Papier. Der Mann unter⸗ ſuchte es. „Es iſt eine Angabe, auf welchem Weg ein gewiſſes Eigenthum aufzufinden iſt. Wichtiges und werthvolles Eigenthum,— in der Erde vergraben.“ „Unter einem Haufen Steine.“ Blunt und der Arzt tauſchten Blicke aus. „Führt uns nach den Angaben des Papiers!“ rief Blunt. Ein ſchweigender, eintöniger Marſch von einer Stunde folgte. Nach Ablauf dieſer Zeit erreichten ſie einen Bergvorſprung, um den herum das Ca⸗ non plötzlich abbog. Blunt ſtieß einen Schrei aus. Vor ihnen lag ein Trümmerhaufen,— ein rohes Steingefüge, urſprünglich ſymmetriſch und gleich⸗ mäßig aufragend, jetzt auseinander geworfen und zerſtreut. Der Schnee und die Erde darum herum waren aufgewühlt. Auf dem Schnee lagen ein⸗ zelne Papierblätter umher, ferner eine Mappe mit Abbildungen von Vögeln und Blumen, ein zer⸗ ſchlagener Glaskaſten mit zerbrochenen Inſekten und ——— —— 14 — 11— die loſen Federn von ein paar ausgeſtopften Vögeln. In einer kleinen Entfernung davon zeigte ſich Etwas, das auf den erſten Blick ein Bündel zerlumpter Kleider ſchien. Als der erſte Reiter es erblickte, ſchrie er auf und ſprang zur Erde. Es war Mrs. Brackett,— todt! 6 1 Siebentes Mapitel. Die Fußſpuren beginnen zu ſchwinden. Mrs. Brackett mochte eine Woche lang todt ſein. Ihre Züge ſowohl, wie ihre Kleidung, waren kaum erkennbar. Die Glieder waren vom Krampf verzerrt. Der junge Arzt beugte ſich aufmerkſam über die Leiche. „Verhungert?“ fragte Blunt. Der Arzt antwortete nicht, ſondern erhob ſich und unterſuchte die zerſtreuten Gegenſtände. Einen derſelben hob er auf und führte ihn zuerſt zur Naſe, dann zu den Lippen. Nach einer Pauſe ſagte er ruhig: „Nein,— vergiftet.“ Die Männer ſprangen von dem Körper zurück. „Zufällig vergiftet, wie ich denke,“ ſagte der Arzt kühl.„Das arme Geſchöpf wurde vom Hunger dazu getrieben, dieſe ausgeſtopften Exemplare an⸗ 3 4 * ——ny— zugreifen. Sie waren mit einer ſtarken Arſenik⸗ löſung überzogen, um ſie vor der Zerſtörung durch Würmer ſicher zu ſtellen— und dieß verhungernde Weib war das erſte Opfer, welches der Vorſicht des Sammlers fiel.“ Ein Schauer allgemeinen Entſetzens und all⸗ gemeiner Empörung ging durch die Gruppe der Männer. „Solche verwünſchte Vögel zu halten!“ rief der aufflammende Schweizer.—„Frauen umzubringen, um unnützes Geflügel zu bewahren!“ brummte ein Anderer. Der Arzt lächelte. Es wäre für Doktor Devarges der ſchlechteſt gewählte Augenblick geweſen, um ſich in dieſer Geſellſchaft einzuführen. „Wenn dieſer leidenſchaftliche Naturforſcher noch lebt, ſo hoffe ich, daß er während der nächſten Stunden unſeren Leuten da nicht begegnet,“ raunte der Arzt Blunt zu. „Wer iſt es?“ fragte Dieſer. „Ein Fremder,— ein Gelehrter von einem gewiſſen Namen in ſeinem eigenen Lande, ſollte ich vielmehr ſagen. Ich denke, ich habe den Namen ſchon früher gehört,— Devarges!“ entgegnete der Arzt, indem er einige von den aufgeleſenen Papieren durchſah.„Er ſpricht hier von verſchiedenen über⸗ raſchenden Entdeckungen, die er gemacht, und ſchätzte offenbar ſeine Sammlungen ſehr hoch.“ —1— „Sind ſie werth, auf's Neue zuſammengeleſen und bewahrt zu werden?“ fragte Blunt. „Nicht jetzt!“ rief der Arzt.„Jeder Augen⸗ blick iſt koſtbar. Erſt die Menſchlichkeit, dann die Wiſſenſchaft!“ fügte er leichten Tones hinzu, und ſie ritten davon. Und ſo wurden die Papiere und Sammlungen, welche mit ſolcher Sorge bewahrt worden waren, die Zeugenmale ſo manchen Monats voll geduldiger Studien, voll Entſagung und Anſtrengung, die Beglaubigungen wiſſenſchaftlichen Triumphs und wiſſenſchaftlicher Entdeckung,— ſo wurden ſie im Schnee zurückgelaſſen. Der Wind ſtrich an den Flanken der Bergzüge hernieder und ſchleuderte ſie wie im Zorn hierhin und dorthin, während die ſchon wärmende Sonne die Metallwände der Kiſte erhitzte und ſie tiefer in den Schnee einſinken machte, als wollte ſie ſie für immer allen Blicken entziehen. Der Reiterzug, längs jener Seite des Thales weiterziehend, auf welcher der Schnee bereits von den Bergwänden verſchwunden war, erreichte in wenigen Stunden den abgeſchälten Baum am Ein⸗ gang der verhängnißvollen Steilſchlucht. Das Plakat war noch dort, aber die Hand, welche einſt in der Richtung der in den Boden gegrabenen Hütten ge⸗ wieſen, war durch den Wind oder ſonſt einen Zu⸗ fall herniedergebeugt worden und deutete in ahnungs⸗ voller Weiſe auf den Schnee unten am Boden. Dieſer lag hier noch in ſolchen Wehen angehäuft, daß ſich die Reiter genöthigt ſahen, von ihren Pfer⸗ den zu ſteigen und zu Fuß in das Canon einzu⸗ dringen. Ohne daß ſie ſelbſt recht wußten, warum, geſchah dieß in tiefſtem Stillſchweigen, Einer hinter dem Andern bisweilen an der Wand der Schlucht emporſteigend, wo das Geſtein ein leichteres Vor⸗ dringen ermöglichte, als der Schnee auf dem Grunde, bis ſie vor einem hölzernen Rauchfang ſtanden und vor einem Dach, welches jetzt aus dem Schnee, der es früher überdeckt, herausragte. Hier machten ſie Halt und ſahen erwartungsvoll einander an. Der Führer trat an den Rauchfang, und über den Rand hineinblickend, rief er hinunter. Es erfolgte keine Antwort. Aber die Felſen des Canons nahmen den Schall auf und wieder⸗ holten ihn, und dann trat das alte Schweigen wieder ein, nur hin und wieder durch den Fall eines Eiszapfens unterbrochen, oder durch das Her⸗ abgleiten einer gelockerten Schneemaſſe aus der Höhe über ihnen. Dann war Alles ganz ſtill, bis Blunt nach einer kurzen Pauſe zögernder Ueberlegung ſich nach dem Eingang des Erdbaues wandte und in denſelben hinabſchritt. Kaum war er verſchwunden, als er auch ſchon wieder erſchien, blaß und ernſt, und den Arzt herbeiwinkte. Dieſer folgte ſofort. ———;)— — 7e Nach einer Weile ſtieg der Reſt der Geſellſchaft, Einer nach dem Andern, hinunter. Nicht lange und ſie kehrten, die Körper dreier Todten tragend, an die Oberwelt zurück. Und dann ſtiegen ſie ſchnell noch einmal hinab und kehrten noch einmal zurück, — dieſes Mal mit den einzelnen Gliedmaßen, eines Vierten. Nachdem ſie dieſelben niedergelegt, ſahen ſie ſchweigend einander an. „Es muß noch eine Hütte hier ſein!“ ſagte Blunt nach längerer Pauſe. „Dort iſt ſie,“ rief einer der Leute, nach dem Rauchfang der zweiten Hütte hinüberdeutend. Es gab kein vorhergehendes Zögern und Bangen mehr. Das Schlimmſte wußten ſie. Sie ſtürzten Alle nach dem Eingang des zweiten Baues und verſchwanden darin. Als ſie wieder zu Tage kamen, ſchloſſen ſie ſich zu einer aufgeregt flüſternden Gruppe zuſammen. Und zwar waren ſie ſo von dem, was ſie beſchäftigte, erfüllt, daß ſie gar nicht ge⸗ wahr wurden, wie ihre Geſellſchaft durch die plötz⸗ liche Gegenwart eines Fremden vermehrt wurde. ra Fußſpuren verlieren ſich. 0 h . Is war Philip Aſhley! Philip Aſhley— erſchöpft, wandermüde, hohläugig, aber er ſchritt doch in nervös aufgeregter Haſt voran— Philip, der vier Tage vorher Grace unter dem ſchützenden Dach einer gaſtlichen Halbblut-Trapperfamilie im kaliforniſchen Thal zurückgelaſſen hatte. Philip,— grollend, geärgert, ergrimmt über die Suchefahrt, auf die er ausgezogen, aber doch ſein Grace ge⸗ gebenes Verſprechen ſowie die unerbittlichen Gebote 1 ſeines eigenen Gewiſſens erfüllend. Es war Phi⸗ kip Aſhley, welcher in dieſem Augenblick, neben dem Hüttenbau ſtehend, halb herausfordernd, halb gleich⸗ gültig die Geſellſchaft anblickte. Der Arzt war der Erſte, der ihn entdecken ſollte. Mit einem Ausruf des Wiedererkennens ſprang er auf ihn zu: — „Poinſett! Arthur! Was thuſt Du hier?“ Aſhley's Geſicht glühte beim Anblick des Frem⸗ den in dunkler Röthe auf.„Still,“ rief er faſt unwillkürlich. Dann ſah er ſich haſtig in der Gruppe um und ſetzte, nicht ohne Verwirrung und mit einem gewiſſen Ungeſchick Wort für Wort her⸗ vorſtoßend, hinzu:„Ich ließ mein Pferd bei den Anderen am Eingang des Canons.“ „Ich ſehe,“ rief der Arzt.„Du biſt hier mit Hülfe erſchienen, wie wir ſelbſt. Aber Du kommſt zu ſpät. Zu ſpät!“ „Zu ſpät?“ wiederholte Aſhley. „Ja! Sie ſind Alle todt oder weiter gezogen.“ Ein eigenthümlicher Ausdruck überflog Aſhley's Geſicht. Dieß entging dem Arzt, welcher mit Blunt flüſterte. Jetzt kamen ſie vorwärts. „Kapitän Blunt, dieß iſt Lieutenant Poinſett vom fünften Infanterieregiment, ein alter Kamerad von mir, den ich ſeit zwei Jahren nicht mehr ge⸗ ſehen habe. Gleich uns befindet er ſich eines Rettungswerkes halber hier. Es ſieht ihm ähnlich.“ Der unverkennbare Timbre von guter Herkunft und von Intelligenz, der über Philip's Erſcheinung lag, und die herzliche Einführung durch den jungen Arzt nahmen die Geſellſchaft ſofort für ihn ein. Er bemerkte es, und ſeine abſonderliche Verwirrung ließ in Etwas nach. ——— —y;ÿÿÿÿꝛꝛꝛͦꝛꝛℳꝛꝛ—-- — „Wer ſind dieſe Leute?“ fragte er endlich. „Ihre Namen ſtehen auf dieſem Papier, welches wir an einen Baum feſtgenagelt fanden. Natürlich ſind wir, da wir keinen Ueberlebenden zur Hand haben, außer Stande, ſie Alle wieder zu erkennen. Nur in Betreff der von Doktor Devarges bewohnten Hütte, deſſen im Schnee vergrabenen Leichnam wir mit Hülfe ſeiner Kleider identifizirt haben, ſowie des jungen Mädchens Grace Conroy und deren kleiner Schweſter ſind wir ſicher.“ Philip blickte den Doktor an. „Woran hat man das junge Mädchen erkannt?“ „An ihrer Wäſche, welche gezeichnet war.“ Philip erinnerte ſich, daß Grace ihren Anzug gegen den eines jüngern Bruders, der geſtorben war, vertauſcht hatte. „Nur daran?“ fragte er. „Nein. Doktor Devarges hat in ſeinen Pa⸗ pieren die Namen der Bewohner der Hütte nieder⸗ geſchrieben. Wir ſind über jeden derſelben ſicher mit Ausnahme des Bruders des Mädchens und eines Menſchen, Namens Aſhley.“ „Was vermuthet Ihr von Dieſen?“ fragte Phi⸗ lip, indem ſein Geſicht ſich verfinſterte. „Sie ſind zum Teufel! Was kann man auch von dieſer Sorte Volk Anderes erwarten?“ rief der Arzt, indem er verächtlich mit den Schultern zuckte. — 80 „Was ſoll das für eine Sorte Volk ſein?“ unterbrach ihn Philip faſt wild. „Mein lieber Junge,“ ſagte der Arzt,„Du kennſt ſie ebenſo gut wie ich. Berührten ſie nicht immer das Fort, in dem wir lagen? Beteelten ſie nicht um Alles, was ſie nur bekommen konnten, und ſtahlen ſie nicht, was ſie auf andere Weiſe nicht zu erlangen vermochten, um ſich hinterher in Waſhington über die Unzulänglichkeit der Militär⸗ poſten zu beklagen? Fingen ſie nicht immer Händel mit den Indianern an und ſchlichen ſich dann fort, um uns die Rechnung ausgleichen zu laſſen? Erinnerſt Du Dich wirklich nicht dieſer Ueberland⸗ Emigrantenzüge,— die Männer hager, kränklich, gemein, mit niedrigen Manieren; die Frauen ſchmutzig, nach Tabak riechend, vorzeitig alt und vorzeitig fruchtbar?“ Philip machte einen Verſuch, dieſes Gemälde durch die Erinnerung an Grace's jugendliche Züge abzuſchwächen. Doch gelang es ihm nicht ſo recht. Während der letzten halben Stunde war das ihm angeborene wähleriſche Weſen um das Hundertfache gewachſen. Er ſah nach dem Doktor hinüber und ſagte einfach:„Ja!“. „Sicherlich,“ fuhr der Doktor fort,„war es die alte Bande. Was kannſt Du von ihnen ver⸗ langen? Menſchen, die nur in dem Grade ihrer — Er =— 8¹ phyſiſchen Stärke Charakter haben und dieſen ver⸗ lieren, ſobald ſie jener verluſtig gehen! Selbſt⸗ ſucht und Grauſamkeit haben hier das entſcheidende Wort geſprochen. Vielleicht hat es gar Mord ge⸗ geben.“ „Jawohl, jawohl,“ rief Philip haſtig.„Doch, Du ſprachſt von einem Mädchen, Grace Conroy,— was weißt Du von ihr?“ „Nichts, als daß wir ſie todt am Boden fan⸗ den, mit ihrem Namen in der Wäſche, und die Decke ihrer kleinen Schweſter im Arm, als ob die Schufte das ſterbende Kind aus der todten Schweſter Armen geſtohlen hätten. Doch, ſage Du, Arthur,— welcher Zufall führt Dich in dieſe Gegend? Biſt Du hier herum ſtationirt?“ „Nein, ich bin aus der Armee ausgetreten.“ „Gut! Und Du biſt hier—“ „Allein!“ „Laß uns darüber ſprechen, wenn wir zurück⸗ kehren. Jetzt komm' und hilf mir meinen Bericht entwerfen. Du mußt wiſſen, dieß iſt eine offizielle Expedition, die auf die Erſcheinungen hin unter⸗ nommen worden iſt, welche unſer Freund Blunt, der ein Hellſeher iſt, gehabt hat. Ich muß zugeſtehen: wir haben die Thatſache feſtgeſtellt, wenn wir auch nicht im Stande geweſen ſind, mehr zu thun.“ Hierauf entwarf der Arzt in flüchtigen Zügen Bret Harte, Gabriel Conroy. I. 6 11 82— eine Darſtellung der Expedition von ihrem erſten Urſprung an, den ſie in einem Traum Blunt's hatte,(welcher deutlich eine dem Hungertod preis⸗ gegebene Schaar von Auswanderern in der Sierra geſehen), bis zu der Begegnung mit Philip, und entwickelte hiebei ſo viel Anmuth und Schneidigkeit des Humors und ſo viel ſcherzhafte Satyre,— Eigen⸗ ſchaften, welche oft genug die Langweile des gemein⸗ ſamen Tiſches von Fort Bobadil verſcheucht hatten, — daß die beiden jungen Leute bald in ein fröh⸗ liches Gelächter verfielen. Zwei oder Drei der Leute, welche damit beſchäftigt geweſen waren, die unbegrabenen Leichen neben einander zu legen und nur leiſe miteinander ſprachen, fühlten ſich ihrer eigenen trüben Stimmung halber ein wenig verlegen, da ſie die beiden feinen Herren bemüht ſahen, durch allerlei witzige Bemerkungen das Unglück erträglich zu machen, und begannen nun auch ihrerſeits, ob⸗ ſchon ungleich weniger elegant und grammatikaliſch, die Scherzhaften zu ſpielen. Der ſtolzere Phi⸗ lip runzelte die Stirn darüber. Der Doktor hin⸗ gegen lachte nur, und bald kehrten Beide nach dem Eingang des Canons zurück, von wo ſie gemein⸗ ſam aus dem Thal herausritten. Philip's Verſchloſſenheit in Betreff ſeiner eige⸗ nen unmittelbaren Vergangenheit war zu charakte⸗ riſtiſch für ihn, um irgend welchen Verdacht oder 5 3 — 33— Staunen ſeitens ſeines Freundes wachzurufen. In Wahrheit, der Doktor freute ſich des Wieder⸗ findens und der unbezweifelbaren Annehmlichkeit, welche ihm auf's Neue aus Philip's verwandter Lebensanſchauung und ſeinem ſympathiſchen Weſen erwachſen mußten, viel zu ſehr, als daß er an an⸗ dere Dinge gedacht hätte. Er war ſtolz auf ſeinen Freund, ſtolz auf den Eindruck, den er auf die un⸗ gelehrten, rohen Männer hervorgebracht, mit denen er ſelbſt ſich auf gleichen Fuß zu ſtellen durch die Gebote demokratiſchen Grenzerlebens gezwungen war. Philip aber, obgleich noch jung, war gewohnt, ſeine Freunde auf ſich ſtolz zu wiſſen. In der That, ſo viel Zufriedenheit pflegte er mit ſich ſelbſt zu em⸗ pfinden, daß er nur ſelten daran dachte, die Vor⸗ theile jener Thatſache auszubeuten. Und ſo fühlte er auch jetzt, überzeugt davon, daß der Arzt, wenn er ihm die Wahrheit in Betreff ſeiner Verbindung mit dem unglücklichen Auswandererzug und ſeine Flucht mit Grace mitgetheilt hätte, ihn als einen Helden würde betrachtet haben, kaum irgend welche Beſchwerde darüber, daß er dieſe Thatſachen unter⸗ drückte. Ihr Weg führte an Monument Point und dem zerſtörten Steinhaufen vorüber. Philip hatte den Punkt bereits auf ſeinem Weg nach dem Canon berührt und eine Art Freude über die unerwartete Tragödie empfunden, welche ihn, wie er meinte, ausdrücklich einer Pflicht gegen den todten Natur⸗ gelehrten überhob. Dennoch konnte er eine Frage nicht unterdrücken. „Iſt irgend Etwas von dieſen Papieren und Sammlungen der Aufbewahrung unſererſeits werth?“ wandte er ſich an ſeinen Begleiter. Der Doktor, welcher ſeit Monaten keine Ge⸗ legenheit gehabt, ſeiner Neigung zum Abſprechen die Zügel ſchießen zu laſſen, war lauter Widerſpruch. „Nein!“ entgegnete er kurz.„Selbſt wenn eine Möglichkeit wäre, ſie dem lebenden Doktor Devarges zurückzuſtellen, ſo würden ſie doch nur dazu dienen, der Eitelkeit des armen Geſellen zu ſchmeicheln. Ich ſehe nichts daran, was werth wäre, ihn zu über⸗ leben.“ Der Ton klang dem des Doktors Devarges ſelbſt, wie Philip ſich ſeiner erinnerte, ſo ähnlich, daß er ſchier grimmig lächelte und erlöst aufath⸗ mete. Als ſie an der Stelle ankamen, zeigte es ſich, daß die Natur ſelber der nämlichen feindſeligen Anſicht zu ſein ſchien. Der metallene Kaſten war bereits tief in den Schnee geſunken, der Wind hatte die Papiere nach allen Seiten hin zerſtreut, und ſelbſt die Steinpyramide war in eine formloſe, jeder Bedeutung baare Trümmermaſſe zuſammengeſunken. — — 0 1 Neuntes Kapitel. Die Fußſpuren gehen für immer verloren. Line glühende Maiſonne brannte auf die Adobe)⸗ mauern des„Preſidio“ von San Ramon, erhitzte die Backſteine und trieb die Maulthiere und Vaqueros**) eines gerade angekommenen Zuges in die Schatten der langen Galerieen des viereckigen Raumes, als der„Kommandant“, der eben ſeine Sieſta hielt, von ſeinem Sekretär geweckt wurde. Während dreißig Jahren war der Mittagsſchlaf dieſes Würdenträgers nicht unterbrochen worden. Sein erſter Gedanke war der an den heidniſchen Feind, ſein erſtes Empfinden das Verlangen nach ſeiner treuen Toledoklinge. Aber, wie das bis— weilen geſchah, der Koch hatte ſich dieſelbe im Laufe *) Adobe, an der Sonne getrocknete Lehmziegeln, das im ſpaniſchen Nordamerika übliche Baumaterial. **) Maulthiertreiber. — 36— des Vormittags geborgt, um die„Tortillas“ aus dem Backofen des Preſidio hervorzuholen, ſo daß ſich Don Juan Salvatierra damit begnügen mußte, in ſtrengem Tone nach dem Grunde dieſer unge⸗ wohnten Störung zu fragen. „Eine ‚Senorita“— eine Amerikanerin— bittet um eine ſofortige Audienz.“ Don Juan entfernte das ſchwarze Seidentuch, welches er um ſeine grauen Augenbrauen gebunden hatte, und richtete ſich auf. Aber noch ehe er ſich in Poſition ſetzen konnte, wurde die Thüre zaghaft geöffnet und ein junges Mädchen trat ein. Ungeachtet aller Entſtellung durch dürftige, grobe und ſchlechtſitzende Kleider, ungeachtet des hohlen Blicks ihrer ſüßen Augen und ſelbſt der Thränen, die an ihren langen Wimpern hingen, ungeachtet all' der Leiden, die das Roth ihrer jungen Wangen ausgelöſcht und die Linien um die Winkel ihres kindlichen Mundes ſchärfer gezogen hatten,— war ſie doch noch ſo ſchön, ſo unbefangen, ſo voll Ju⸗ gend, ſo unſchuldig und ſo hülflos, daß der Kom⸗ mandant ſich hoch aufrichtete und dann eine be⸗ grüßende Verbeugung machte, welche faſt den Fuß⸗ boden berührte. Augenſcheinlich war dieſer gute Eindruck ein gegenſeitiger. Das junge Mädchen warf einen haſtigen Blick auf die hagere aber würdevolle Ge⸗ —y ——‚ 87— ſtalt vor ihr, einen zweiten auf die ernſten aber freundlichen Augen, welche über dem eiſengrauen Schnurrbart des Kommandanten leuchteten, und gab alsbald ihr zögerndes ſcheues Weſen auf, um mit lebhafter Geberde und einem leiſen Aufſchrei vor⸗ wärts zu eilen und vor ihm auf die Kniee zu fallen. Er wollte ſie freundlich emporheben, aber ſie hielt ſeine Hand feſt. „Nein, nein, hören Sie! Ich bin nur ein armes, armes Mädchen, ohne Freunde, ohne ein Heim. Vor einem Monat verließ ich meine Fa⸗ milie, die in den Bergen Hungers ſtarb, und verlor ſie bei dem Verſuch, ihr Hülfe zu ſchaffen. Mein Bruder war mit mir. Gott war gut gegen uns Arme, und nach einer langwierigen Irrfahrt von vielen Tagen fanden wir die Hütte eines Trap⸗ pers und Nahrung und Unterkommen. Von dort kehrte Philip, mein Bruder, allein zurück, den Anderen Hülfe zu bringen. Er iſt nicht wiederge⸗ kommen. O Herr, er iſt vielleicht todt. Sie mögen Alle todt ſein— Gott allein weiß es. Drei Wochen iſt es her, daß er mich verließ, drei Wochen! Das iſt eine lange Zeit, um allein zu ſein, Sen⸗ nor, allein, für eine Fremde in einem fremden Lande. Der Trapper war gut gegen mich und hat mich hieher geſendet, von Ihnen Hülfe zu erbitten. Wollen Sie mir helfen? Ich weiß, Sie wollen es. Sie werden ſie auffinden, meine Freunde, meine kleine Schweſter, meinen Bruder!“ Der Kommandant wartete, bis ſie geendigt hatte, dann hob er ſie freundlich auf und bot ihr einen Sitz zu ſeiner Rechten. Hierauf wandte er ſich nach ſeinem Sekretär um, welcher mit ein paar haſtigen Worten in ſpaniſcher Sprache die ſtumme Frage der Augen des Kommandanten beantwortete. Ein ſchneidendes Gefühl der Enttäuſchung durch⸗ zuckte das junge Mädchen, als ſie zu erkennen glaubte, daß ihr Aufruf unverſtanden verhallt ſei, und es war nicht ohne ein leichtes, ihrer Natur fremdes Mißtrauen, daß ſie ſich zu dem Sekretär wendete, da dieſer als Dolmetſcher vortrat. „Sie ſind eine Amerikanerin?“ „Ja,“ ſagte kurz das Mädchen, welches ſich von einer jener plötzlichen, ſeltſamen, inſtinktiven Abneigungen, wie ſie ihrem Geſchlecht eigen ſind, ergriffen fühlte. „Wie alt?“ „Fünfzehn Jahre.“ Der Kommandant ſtrich, faſt ohne es ſelbſt zu wiſſen, über ihre dicken Locken. „Name?“ Sie zauderte und blickte nach dem Komman— danten hinüber. „Grace,“ ſagte ſie dann. — —— —j⸗ℳ;ꝛ——BB n⸗ — 89— Wieder zauderte ſie und fügte erſt nach einem mißtrauiſchen Blick auf den Sekretär hinzu: „Grace Aſhley!“ „Nennen Sie mir die Namen einiger Perſonen, die zu Ihrer Geſellſchaft gehörten.“ Grace zauderte auf's Neue. „Philip Aſhley, Gabriel Conroy, Peter Dum⸗ phy, Mrs. Jane Dumphy,“ ſagte ſie endlich. Der Sekretär öffnete einen Schreibtiſch, nahm ein gedrucktes Dokument heraus, entfaltete es und überflog ſeinen Inhalt. Hierauf händigte er es mit dem Ausruf„Bueno“ dem Kommandanten ein. Dieſer hatte ſeinerſeits gleichfalls ein Bueno dafür und blickte freundlich und ermuthigend nach Grace hinüber. „Eine vom obern Preſidio entſendete Expe⸗ dition hat Spuren von einem amerikaniſchen Emi⸗ grantenzuge in der Sierra gefunden,“ ſagte der Sekretär in ſeiner eintönigen Weiſe.„Hier ſind ähnliche Namen.“ „Es ſind dieſelben, es iſt unſere Geſellſchaft,“ rief Grace erfreut aus. „Meinen Sie?“ ſagte der Sekretär vorſichtig. „Gewiß!“ rief Grace mit Zuverſicht. Der Sekretär ſah wieder in das Papier, dann ſagte er, Grace ſcharf anblickend: „Es iſt kein Name einer Grace Aſhley darin.“ Das heiße Blut ſchoß plötzlich in Grace's 90— Wangen, und ihre Augen ſenkten ſich. Dann hob ſie ihre Blicke beſchwörend zu dem Kommandanten empor. Hätte ſie durch ihre Worte ſelbſt ſich ihm verſtändlich machen können, ſie hätte ſich ihm zu Füßen geworfen und die unſchuldige Täuſchung, der ſie ſich ſchuldig gemacht, bekannt. Aber ſie ſchrak vor einem Geſtändniß zurück, welches ihr zuerſt durch den Verdacht, den der Sekretär ge⸗ ſchöpft hatte, nahegelegt wurde. Sie begann ſchon bei dem Gedanken zu zittern. „Es iſt ein Irrthum,“ ſagte ſie.„Aber der Name meines Bruders— Philip Aſhley— ſteht er hier?“ „Der Name Philip Aſhley ſteht hier,“ ſagte der Sekretär unfreundlich. „Und er lebt und iſt gerettet?“ rief Grace, in ihrer Freude aller frühern Verlegenheit und Verwirrung vergeſſend. „Er wurde nicht gefunden,“ ſagte der Se⸗ kretär. „Nicht gefunden?“ wiederholte Grace mit weit⸗ geöffneten Augen. „Er iſt nicht hier.“ „Nein, ſicher nicht,“ ſagte Grace mit einem nervöſen, krankhaften Lachen,„denn er war mit mir. Aber er ging wieder zurück.“ „Unter dem dreißigſten April findet ſich keine 7 * 1 4 ’ 4 4 rer ———— ——— — 014— Andeutung, das Wiederauffinden Philip Aſhley's betreffend.“ Grace ſeufzte auf und ſchlug ihre Hände zu⸗ ſammen. In der größern Angſt, welche ſie jetzt ergriff, gingen alle kleineren Befürchtungen unter. Sie ſtürzte auf den Kommandanten zu und fiel vor ihm nieder. „O Verzeihung, Sennor, aber ich ſchwöre es, ich beabſichtigte nichts Uebles. Philip iſt nicht mein Bruder, aber er iſt mir ein Freund, und ein ſo gütiger und milder. Er bat mich, ſeinen Namen anzunehmen,— der gute Gott weiß, ob er es je wieder verlangen wird— und ich that es. Mein Name iſt nicht Aſhley. Ich weiß nicht, was in jenem Papier ſteht— aber es muß über meinen Bruder Gabriel, über meine Schweſter, über Alle Auskunft geben. O Sennor, leben ſie oder ſind ſie todt? Antworten Sie mir, Sie müſſen es, denn ich— ich bin— bin Grace Conroy!“ Der Sekretär hatte das Papier zuſammenge⸗ faltet. Er öffnete es auf's Neue, blickte darüber hin, heftete dann ſeine Augen auf Grace, und reichte, auf eine beſtimmte Stelle des Dokuments mit dem Finger deutend, daſſelbe dem Kom— mandanten. Die beiden Männer wechſelten einen Blick. Der Kommandant huſtete, erhob ſich und wandte ſein Geſicht nach der den flehenden Blicken — 92— Grace's entgegengeſetzten Richtung. Ein jäher Todesſchauer rann durch ihre Glieder, als auf ein Wort des Kommandanten der Sekretär zu ihr trat und das Papier in ihre Hand legte. Grace nahm es mit zitternden Händen. Es ſchien eine in ſpaniſcher Sprache verfaßte Prokla⸗ mation zu ſein. „Ich kann es nicht leſen,“ rief ſie, in leidenſchaft⸗ licher Verzweiflung den Boden mit ihren kleinen Füßen ſtampfend.„Sagen Sie mir, was es iſt!“ Auf einen Wink entrollte der Sekretär das Papier auf's Neue. Während der Kommandant mit abgewendetem Geſicht durch das offene Fenſter hinausblickte, ſtrömte das Licht durch die tiefe, tun⸗ nelartige Wandeinfaſſung deſſelben auf die Haupt⸗ geſtalt, auf Grace mit ihrem feingeſchnittenen, leicht vorwärts geneigten Haupt, ihren halbgeöffneten Lippen und ihren in leidenſchaftlicher Erwartung auf den Kommandanten gerichteten Augen. Der Sekretär huſtete geſchäftsmäßig, um ſeine Stimme zu klären, und begann dann in dem ganzen Selbſt⸗ bewußtſein eines tadelloſen Sprachenkenners: „Bericht. „An Seine Excellenz den Kommandanten des Preſidio von San Felipe. „Ich habe die Ehre zu berichten, daß die Ex— pedition, welche ausgeſendet wurde, um gewiſſen in †½ den Wildniſſen der Sierra Nevada verirrten Aus⸗ wanderern Hülfe zu bringen, und zwar ausgeſen⸗ det wurde auf die Angaben des Don Joſe Bluent von San Geronimo hin, in einem Canon öſtlich vom Canada del Diablo die Spuren erſt kürzlich dageweſener ſolcher im Schnee vergrabener Emigran⸗ ten, ſowie die kläglichen und tief zu betrauernden Aufzeichnungen über ihre Leiden, ihre Hülfloſigkeit und ihren Tod aufgefunden hat. Ein von einem dieſer Unglücklichen und tief Bedauernswerthen be⸗ ſchriebenes Blatt Papier gibt die Geſchichte und die Namen ihrer als„Captain Conroy's Partie“ be⸗ kannten Geſellſchaft, wovon eine Abſchrift beige⸗ fügt iſt. „Die Reſte von fünf dieſer Unglücklichen wur⸗ den im Schnee aufgefunden. Aber es war unmög— lich, dieſelben bis auf Zwei, die unter allen ſich geziemenden Förmlichkeiten beerdigt wurden, zu identifiziren. „Unſere Soldaten bewährten jene ganze Tapfer— keit, Ruhe, Patriotismus, unerſchütterliche Aus⸗ dauer und grundſatztreue Ergebenheit, welche ſtets das Herz des mexikaniſchen Kriegers geſchwellt. Auch kann den freiwilligen Dienſten und Leiſtungen eines Don Arthur Poinſett, frühern Lieutenants in der Armee der Vereinigten Staaten von Nord⸗ amerika, nicht genug Anerkennung gezollt werden, ————— — — 94— der, obwohl ein Fremder, unſern Befehlshaber in ſeinen humanen Anſtrengungen auf das Erfolg⸗ reichſte unterſtützte. „Die unglücklichen Todten ſchienen durch Hunger zu Grunde gegangen zu ſein, obgleich einer derſelben offenbar das Opfer—“ Die Zunge des Ueberſetzers zögerte ein wenig, aber nur, um alsbald mit ſeiner ganzen Erhaben⸗ heit über alle Schwierigkeiten der engliſchen Sprache fortzufahren: „Ein Opfer von Fliegengift war. „Es iſt ſehr zu beklagen, daß ſich unter den zu Grunde Gegangenen der berühmte Doktor Paul Devarges, ein Naturforſcher und Sammler von ausgeſtopften Vögeln und anderen Thieren, befand, ein in der wiſſenſchaftlichen Welt hochberühmter Name.“ Wieder machte der Sekretär eine Pauſe. Er gab den anſpruchsvollen Amtston auf, erhob ſeine Augen von dem Papier und fügte Wort für Wort genau betonend hinzu: „Die beiden identifizirten Leichen waren die⸗ jenigen von Paul Devarges und Grace Conroy.“ „O nein, nein!“ rief Grace, ihre Hände heftig zuſammenſchlagend.„Es iſt ein Mißverſtändniß. Sie verſuchen nur, mich zu erſchrecken, mich, ein armes, freundloſes Mädchen! Sie wollen mich be⸗ r — — — —-—O — 95— ſtrafen, weil Sie wiſſen, daß ich Unrecht gethan, weil Sie glauben, daß ich gelogen! Erbarmen, meine Herren! Mein Gott— rette mich—— Philip!“ Und mit einem lauten Verzweiflungsſchrei ſprang ſie auf, packte wild ihre dicken Locken, hob ihre Hände empor und ſank dann, wie von plötzlichem Schlage getroffen und zerſchmettert, der Länge nach bleich und leblos auf den Boden. Der Kommandant neigte ſich über das hinge⸗ ſtreckte Mädchen.„Schickt Manuela her,“ ſagte er haſtig, indem er den hülfreich herbeieilenden Sekretär mit einer zu ſeiner ſonſtigen Gemeſſen⸗ heit in ſeltſamem Widerſpruch ſtehenden Ungeduld zur Seite ſchob und die bewußtloſe Grace in ſeinen eigenen Armen aufhob. Eine indianiſche Dienerin erſchien im nächſten Augenblick und half dem Kommandanten das be⸗ wußtloſe Mädchen auf ein Ruhebett legen. „Armes Kind,“ ſagte er, als Mannuela, ſich über Grace beugend, mit mitleidigen Frauenhänden ihr das Kleid auflöste.„Arme Kleine— und ohne einen Vater!“ „Armes Mädchen,“ flüſterte halblaut Manuela. „Und ohne einen Mann!“ Lehntes Wapitel. One Horſe Gulch. Beiſpielloſe Proſperität herrſchte in One Horſe Gulch).. Selbſt der beſcheidene Gründer des Ortes, der demſelben in einer Anwandlung von tief ge⸗ ſunkenſtem„Alkoholismus“ dieſen unglücklich ge⸗ wählten Namen gegeben, würde deſſen Ungerechtig⸗ keit zugeſtanden haben, wenn er nicht lange, ehe dieſe Proſperität über One Horſe Gulch herein⸗ brach, den zu kräftig gemiſchten Spitzgläſern San Franziskos zum Opfer gefallen wäre.„Hätte ſich Jim an reinen Whisky gehalten, ſo würde er ſein Glück gerade auf der Stelle gemacht haben, wo ſeine Bude ſtand,“ ſagte einer der Weiſen des Ortes. Aber Jim that es nicht. Nachdem er ſeine *.) One Horſe Gulch, wörtlich„Ein⸗Pferd⸗Schlucht“, über⸗ tragen„Kleine Schlucht“. ——— erſten tauſend Dollars aus ſeinem Stück Land ge— nommen, hatte er ſich nach San Franzisko aufge— macht, wo er, in prächtigen Kleidern, zwiſchen Champagner und Cognac, zwiſchen Gin und Lager⸗ bier hin und her taumelte, bis er ſeinen vergoldeten Eintags⸗Lebenstraum im Stadthoſpital zu Ende brachte. Doch wie dem auch war— One Horſe Gulch überlebte nicht nur ſeinen Taufpathen, ſondern auch alle ſchlimmen Ausſichten, die ihm ſein unverheißen⸗ der Name eröffnete. Es hatte ſein Hotel und ſeine Temperenzloge, ſein Expreßbureau, ſeine Trink⸗ ſtuben, ſeine Hauptſtraße mit zwei von niedrigen Holzhäuſern umgebenen freien Plätzen, ſeine Neſter von Hütten an den Abhängen der Hügel, ſeine friſch ausgehauenen Baumſtümpfe und ſeine eben ge⸗ klärten Bauſtellen. Jung an Jahren hatte es be⸗ reits ſeine Erinnerungen, Erfahrungen und ſelbſt ſeine Alterthümer. Das erſte, von Dan White er⸗ richtete Zelt ſtand noch. Die Kugellöcher waren noch an den Fenſterläden des Cachuchaſalons zu ſehen, wo der große Kampf zwiſchen Boſton John, Harry Worth und Thompſon von Angels ſtattge⸗ funden hatte; am Oberſtock von Wattſon's„Em⸗ porium“ ragte noch der Balken hervor, an welchem ſich vor etwa Jahresfriſt ein bekannter Bewohner des Ortes nach einer kurzen und höchſt form⸗ Bret Harte, Gabriel Conroy. I. 7 — 98— loſen Unterſuchung über den Beſitztitel gewiſſer Mauleſel, die man bei ihm entdeckte, aufgehängt fand. In der Nähe davon aber lag jener kleine unanſehnliche Hofraum, in dem die denkwürdige Volksverſammlung ſtattfand, deren Delegaten ſpäter den berühmten und ſehr ehrenwerthen Blank als Vertreter Kaliforniens in den höchſten Rath der Nation nach Waſhington erwählten. Es regnete. Nicht in der gewöhnlichen offenen, gründlichen und ſchnurgeraden Weiſe jener Berg⸗ gegenden, ſondern nur andeutungsweiſe, nichtsſagend und halb, als ſollte jeden Augenblick der Beweis geliefert werden, daß es nur Nebel oder Dunſt ſei. Es regnete gerade ſo ſehr von unten herauf, wie von oben herunter, und von den unteren Gliedmaßen der Lungerer, welche ſich um den mächtigen Ofen in der Mitte von Briggs' Waarenlager drängten, ſtrömten ganze Wolken von Dunſt aus. Die Beſucher bei Briggs beſtanden aus jener Klaſſe der Bürger von One Horſe Gulch, welche aus Mangel an Geſchmack oder dem nöthigen Kapital ſich von den Spiel⸗ und Trinkſtuben fernhielten und ſich damit begnüg⸗ ten, hin und wieder in aller Gemüthsruhe aus dem betreffenden Faß des hochherzigen Briggs kleine Zwiebacke zu annektiren, oder ihre Pfeifen aus den offenen Tabaksbüchſen zu füllen, indem ſie durch die Art und Weiſe, die ſie dabei zur Schau trugen, — ſſer ingt eine dige nten von nack lüg⸗ dem feine —— zugleich die Ueberzeugung ausdrückten, daß ihre Geſellſchaft jede Verwüſtung in den vorhandenen Waaren reichlich aufwöge. Sie rauchten ſchweigend an ihren Pfeifen, als ſich die Thüre des Hinterzimmers ſachte öffnete und Gabriel Conroy eintrat. „Wie ſteht es mit ihm, Gabe?“ fragte einer der Anweſenden. „So ſo,“ ſagte Gabriel.„Ihr werdet dieſe Bandagen noch einmal wechſeln müſſen,“ fügte er, ſich zu Briggs wendend, hinzu,„bevor der Doktor kommt. Ich würde in einer Stunde zurück ſein, aber ich muß bei Steve angehen und ſehen, wie es dort geht, und das iſt eine Geſchichte von im⸗ merhin zwei Meilen.“ „Aber er ſagt doch, daß er ſich von Nieman⸗ den als Euch will anrühren laſſen.“ „Ich weiß, er ſagt ſo,“ entgegnete Gabriel be⸗ ſchwichtigend,„aber er wird és ſchon geſchehen laſſen. Es war daſſelbe, was Stimſon ſagte, als es mit ihm ſchlechter wurde,— und doch ließ er ſich's gefallen, und ich habe ihn nicht wieder geſehen, außer um ihn für ſein Begräbniß herzu— richten.“ Die Richtigkeit des Geſagten wurde ſelbſt von Briggs zugeſtanden, obgleich es ihm augenſcheinlich nicht recht war. — 100 Gabriel ging auf die Thüre zu, als ihn plötz— lich eine neue Stimme vom Ofen her zurückrief. „O Gabe! Ihr erinnert Euch doch der Emi⸗ grantenfamilie mit dem kranken Baby, die unten in der Schlucht kampirt?“ „Ich möchte von ihnen hören,“ ſagte Gabriel mit nachdenklichem Ernſt. „Nun, das Kind ſtarb letzte Nacht, und die Frau ſitzt in einem Berge von Sorgen. Könntet Ihr nicht im Vorübergehen halten und nach ihr ſehen?“ „Ich will es,“ ſagte Gabriel noch immer in Gedanken. „Ich dachte mir, daß Ihr gerne davon hören wolltet, und ich dachte auch, daß ſie wünſchte, ich möchte es Euch ſagen,“ rief der Sprecher, indem er ſich wieder dem Ofen gegenüber zurecht rückte, wie Jemand, der eben mit großer perſönlicher An⸗ ſtrengung und Aufopferung ein Vorſehungswerk vollbracht hat. „Ihr denkt immer an Andere, Johnſon“, ſagte Briggs in bewunderndem Ton. „Nun ja,“ ſagte Johnſon mit beſcheidener Er⸗ habenheit.„Ich halte es ſtets für geziemend, daß der Kalifornier außer an ſich ſelbſt auch noch an Andere denke. Ein bischen Sorge und ein bischen vernünftige Worte meinerſeits, und dieſe Familie in — 101— da unten in der Schlucht wird durch Gabe's Be— ſuch getröſtet werden.“ Unterdeſſen war der, dem dieſe Aufmunterung ſeitens der ſelbſtloſen Biederkeit von One Horſe Gulch zu Theil geworden, hinaus in die Dunkel⸗ heit und den Regen verſchwunden. Und ſo ge⸗ wiſſenhaft erfüllte er ſeine mannigfaltigen Verpflich⸗ tungen, daß es nahezu ein Uhr war, ehe er ſein Heim am Abhang des Hügels erreichte, eine rohe Blockhütte, ſo kunſtlos und urſprünglich in ihrem Aeußern, daß ſie ſich nur wie eine ganz geringe Verbeſſerung der Natur ausnahm. Wilde Reben. wucherten in wüſter Unordnung über das Rinden⸗ dach hin; Vögel niſteten in den Riſſen der Wände; ohne Furcht und ohne Tadel vertilgte das Eich⸗ horn auf dem Firſtbalken ſeine Eicheln. Den Holzpflock, der als Riegel diente, leiſe zurückſchiebend, trat Gabriel mit der Geräuſchloſig⸗ keit und Vorſicht, die unzertrennlich von ihm waren, ein. Nachdem er an der glimmenden Aſche des erlöſchenden Feuers ein Licht angezündet, blickte er ſorgſam umher. Die Hütte war mit Hülfe einer von Wand zu Wand geſpannten und mit einem Einſchnitt als Thüre verſehenen Lein⸗ wand in zwei Abtheilungen getheilt. Auf einem Tannentiſch lagen verſchiedene Kleidungsſtücke, die augenſcheinlich einem kleinen Mädchen von ſieben — 102— oder acht Jahren gehörten,— eine ſchlimm abge⸗ tragene und abgenutzte Jacke, ein abgeſchabtes Röck⸗ chen von weißem Flanell, reichlich mit Flicken, die von einem rothen Wollenhemd ſtammten, geziert, und ein Paar ſo maſſenhaft und gründlich geſtopf⸗ ter Strümpfe, daß ſie unter den ihr ganzes Gefüge bedeckenden Pflaſtern und Ausbeſſerungen nichts mehr von ihrem urſprünglichen Gewebe erkennen ließen. Gabriel warf einen mitleidigen Blick auf dieſe Stücke, und ſachte eines nach dem andern aufnehmend, prüfte er ein jedes mit dem größten Ernſt und der größten Genauigkeit. Dann zog er Rock und Schuhe ab, und nahm, nachdem er es ſich in dieſer Weiſe bequem gemacht hatte, eine Schachtel und aus dieſer Nadel und Zwirn hervor, als er durch die hinter der Leinwand hervortönende Stimme eines Kindes in ſeinem Beginnen unter⸗ brochen wurde. „Biſt Du das, Gabe?“ „Ja! „O Gabo, ich war ſo müde und ging in mein Bett.“ „Ich ſehe, Du thateſt es,“ ſagte Gabriel trocken, indem er Nadel und Faden herauszog, welche nach einer kurzen Irrfahrt längs der Ränder eines Loches ſich hoffnungslos in die Falten des Röckchens ver⸗ loren hatten. „Ja, Gabe, ſie ſind ſo fürchterlich alt.“ ken, nach ches — 4103— „Alt?“ wiederholte Gabriel in vorwurfsvollem Ton.„Alt— ein bischen Abnutzung und Abtra⸗ gung hier und dort abgerechnet, ſind ſie gerade ſo gut, wie ſie nur je waren. Dieſer Rock iſt ſogar ſtärker,“ ſetzte er hinzu, indem er das bezeichnete Stück emporhob und die Ausbeſſerungen mit einem leichten Anflug künſtleriſchen Stolzes muſterte, „ſtärker, ſage ich, Olly, als er am erſten Tage war, da Du ihn anthateſt.“ „Aber das iſt fünf Jahre her, Gabe!“ „Wohl,“ ſagte Gabriel, ſich umwendend, mit einer gewiſſen Ungeduld gegen den Leinwandver⸗ 1 ſchlag hin.„Ich weiß das— „Und ich bin ſeitdem gewachſen.“ „Gewachſen!“ rief Gabriel auffahrend.„Und habe ich nicht die Säume ausgelaſſen, und habe ich nicht oben um die Taille drei Zoll breit der beſten Sackleinwand angeſetzt? Du wirſt mich durch Klei⸗ der noch geradezu ruiniren wollen!“ Olly lachte hinter ihrer Leinwand laut auf. Als aber keine weitere Aeußerung ſeitens des grim— migen Nadelarbeiters erfolgte, erſchien ein lockiger Kopf in dem Leinwandausſchnitt, und dann eine zarte kleine Mädchengeſtalt im dürftigſten aller Nachtanzüge, und rannte zu ihm hinüber und niſtete ſich an ſeiner Seite feſt und verſuchte ſich in ſeine weite Weſte hineinzuwickeln. — 104— „O geh,“ ſagte Gabriel mit ſtrengem Ton, aber den unverhüllteſten Anzeichen von Nachgiebigkeit im Geſicht.„Geh', geh', was kümmerſt Du Dich? Hier möchte ich wie ein Sklave mich zu Tode ar⸗ beiten, um Dich in Sammet und Seide zu kleiden, und dort draußen würdeſt Du doch in den erſten beſten Graben hineinſpringen, oder durch das erſte beſte Dorngeſtrüpp, das Dir in den Weg käme, hindurchtanzen. Du verſtehſt nichts von Kleidern. Es ſind noch keine zehn Tage, daß ich dieſes Kleid hier ſozuſagen mit Eiſenklammern und Kupfernieten befeſtigte— und ſieh' Dir es jetzt einmal an. Olly, ſieh' Dir es jetzt an!“. Und er hob es zuͤrnend vor den Augen des Kindes empor. Olly drückte, wie um einen feſten Stützpunkt zu gewinnen, ihren Kopf auf's Neue gegen die Bruſt ihres Bruders und begann ihn zu um⸗ ſchmeicheln, als wollte ſie ſich nach dem innerſten Sitz ſeiner Gefühle hindurcharbeiten. „O, Du biſt nicht böſe, Gabe,“ ſagte ſie, in— dem ſie ſich, ohne den Kopf von ſeiner Bruſt hin⸗ wegzunehmen, erſt über das eine, dann über das andere ſeiner Kniee hinwegſchob.„Du biſt nicht böſe!“. Gabriel ließ ſich zu keiner Antwort herab, ſondern fuhr fort, in würdevollem Schweigen den hinfälligen Rock auszubeſſern. — — 105— „Wen haſt Du in der Stadt unten geſehen?“ nahm die nichts weniger als eingeſchüchterte Olly das Geſpräch wieder auf. „Niemand!“ entgegnete Gabriel kurz. „Doch! Du riechſt nach Einreibungen und Pfefferminz,“ ſagte Olly mit einem entſchiedenen Kopfſchütteln.„Du biſt bei Briggs geweſen und bei der neuen Familie oben in der Schlucht.“ „Ja,“ ſagte Gabriel.„Das Bein des Mexi⸗ kaners iſt beſſer, aber das Kind iſt todt. Er⸗ innere mich morgen daran, unter der Mutter Sachen nach irgend Etwas für das arme Weib nachzu⸗ ſchauen.“ „Gabe, weißt Du, was Mrs. Markle von Dir ſagt?“ fragte Olly, plötzlich ihren Kopf auf— hebend. „Nein,“ entgegnete Gabriel, ſich gleichgültig ſtellend, was ihm, wie ſeine Verſtellungsverſuche ſtets, vollſtändig mißlang. „Sie ſagt,“ fuhr Olly fort,„daß es nöthiger wäre, nach Dir ſelber zu ſehen, als nach all' dieſen Leuten. Sie ſagt, daß Du Dich an anderes Volk geradezu wegwirfſt. Und ſie ſagt, es ſollte eine Frau im Hauſe ſein, um nach mir zu ſehen.“ Gabriel unterbrach ſeine Näherei, legte den Rock nieder und nahm Olly's Lockenkopf zwiſchen ſeine Kniee, indem er die eine Hand unter ihr Kinn — 106— ſchob, die andere auf ihren Scheitel legte und ſo ihr muthwilliges Geſicht ſich zukehrte. „Olly,“ ſagte er ernſt,„als ich Dich aus dem Schnee des ‚Hungerlagers' rettete; als ich Dich Meilen weit auf meinem Rücken trug, bis wir endlich in jenes Thal kamen; als wir dort zwei Wochen hindurch kampirten und ich Holz fällte und Nahrung von da und dort aus dem Walde oder aus dem Fluſſe, Vögel und Fiſche herbeiſchaffte: da⸗ mals, denke ich, ging es Dir gerade ſo gut— ich möchte nicht beſſer ſagen— als wenn eine Frau bei Dir geweſen wäre, um nach Dir zu ſehen. Als wir dann zu guterletzt hieher kamen und ich Dir dieſes Haus da baute, da hätte, denke ich, eine Frau ebenſowenig mehr für Dich thun können. Hätte ſie aber doch— gut, ſo will ich Unrecht haben und Mrs. Markle ſoll Recht haben.“ Olly begann, ſich nicht ganz behaglich zu füh⸗ len. Bald jedoch kam der raſche Inſtinkt ihres Ge⸗ ſchlechts ihr zu Hülfe, und ſie ging unerſchrocken zum Angriff über. „Ich meine, Mrs. Markle hat Dich gerne, Gabe.“ Gabriel ſah erſchreckt zu der kleinen Geſtalt hernieder. Es gibt gewiſſe, bereits der jüngſten weiblichen Ausgabe geläufige Dinge, welche die Weiſeſten von uns zittern machen. dem — — 107— „Gehe in Dein Bett, Olly,“ ſagte der feige Gabriel. Aber Olly wünſchte noch länger aufzubleiben. Sie änderte daher den Geſprächsgegenſtand. „Der Mexikaner, den Du behandelſt, iſt kein Mexikaner, es iſt ein Chilene. Mrs. Markle ſagt es.“ „Mag ſein. Es iſt Alles ein und daſſelbe. Ich nenne ihn nun einmal Mexikaner. Jedenfalls ſpricht er viel zu geradezu,“ ſagte Gabriel gleich⸗ gültig. „Hat er noch mehr Fragen über— über frühere Zeiten an Dich gerichtet?“ „Ja. Er wünſchte Alles, was ſich im Hunger⸗ lager zugetragen, herauszubekommen. Er iſt regel⸗ recht in die arme Grace vernarrt— fragt ganze Haufen von Fragen, die ſie betreffen, was ſie wohl angefangen, und ſchien es ebenſo übel zu empfin⸗ den wie wir, daß nie wieder eine Kunde von ihr eingetroffen. Ich habe in meinem Leben Nieman⸗ den begegnet, Olly, der an dem Unglück Anderer ſolchen Antheil nahm wie er. Du würdeſt denken, er wäre von der Partie geweſen. Auch über Doktor Devarges hat er Alles von mir herausgeholt.“ „Auch über Philip?“ fragte Olly. „Nein,“ ſagte Gabriel ein wenig kurz. „Gabriel!“ rief Olly plötzlich,„ich wünſchte, — 108— Du ſprächeſt nicht mit Jedermann über jene Tage.“ „Warum nicht?“ fragte Gabriel erſtaunt. „Weil es nicht gut iſt, darüber zu ſprechen, Gabriel, Lieber,“ antwortete das Kind mit einem leichten Zittern der Oberlippe.„Manchmal ſcheint es mir, als ob die Leute hier ganz ſonderbar nach uns ſähen. Der kleine Junge, der mit der Emi⸗ grantenfamilie hergekommen, wollte nicht mit mir ſpielen, und Mrs. Markle's kleines Mädchen ſagte, daß wir dort oben im Schnee entſetzliche Dinge gethan hätten. Sie ſagten, ich ſei eine Kanonen⸗ kugel.“ „Ein— Was?“ fragte Gabriel. „Eine Kanonenkugel! Und ſie ſagten, daß Du und ich—“ „Still!“ unterbrach ſie Gabriel heftig, und ein zorniges Roth ſchoß in ſeine ſonnenverbrannten Wangen empor.„Ich werde es dem Buben ſchon zeigen, wenn ich ihn nur hier herum wieder er⸗ wiſche.“ „Aber, Gabriel,“ fuhr Olly dringend fort, „Niemand—“ „Willſt Du wohl gleich zu Bett gehen, Olly, und Dir auf dieſem kalten Fußboden nicht den Tod holen, indem Du lauter widerſinniges und wöllig lächerliches Zeug fragſt?!“ rief Gabriel unge⸗ ene ———— — 109— ſtüm, indem er ſie auf ihre Füße niederſetzte.„Die⸗ ſes Markle's Mädchen hat überhaupt keinen Ver⸗ ſtand,— ſie iſt es, die Dich beſtändig in die Gräben*) lockt, damit Du Deine beſten Kleider ver⸗ dirbſt und mich halbe Nächte mit Flickarbeiten auf⸗ hältſt.“ In dieſer Weiſe aufgefordert, konnte Olly nicht umhin, ſich hinter die Leinwand zurückzuziehen und Gabriel Nadel und Zwirn wieder aufnehmen zu laſſen. Aber der Faden verwirrte ſich und riß immer wieder, bis Olly's Stimme auf's Neue das Schweigen unterbrach. „O Gabe!“ „Ja,“ ſagte Gabriel, die Arbeit hoffnungslos niederlegend. „Glaubſt Du,— daß Philip—— Grace aufgegeſſen hat?“ Gabriel ſprang auf und verſchwand durch den Einſchnitt in der Leinwand. Eben, als dieß ge⸗ ſchah, öffnete ſich ſachte die Thür und ein Mann trat in die Hütte. Der Ankömmling warf einen haſtigen Blick in dem ſpärlich erhellten Raume um— her und blieb dann regungslos auf der Schwelle ſtehen. Hinter der Leinwand tönten Stimmen her⸗ *) Unter Gräben, ditches, ſind hier immer die Gold⸗ gräbereien zu verſtehen. — 1440— vor. Der Fremde wartete ein wenig, dann ließ er ein leiſes Huſten vernehmen. Im nächſten Moment erſchien Gabriel wieder. Die Miene unangenehmer Ueberraſchung, mit der er den Eindringling zuerſt empfing, verwandelte ſich in diejenige ſtarren Erſtaunens, als er den Mann genauer betrachtete. Dieſer lächelte ſchwach, doch höflich, dann ſchritt er mit einem leichten Schleppen im Gang auf einen Stuhl zu, in wel— chen er ſich, mit einer um Entſchuldigung bittenden Handbewegung, niederfallen ließ. „Ich muß ſitzen— Sie werden mich entſchul— digen. Sie ſind überraſcht? Ja? Fünf, ſechs Stunden vorher nur verließen Sie mich, krank, ſehr krank im Bett,— wo Sie ſo freundlich, ſo gut gegen mich waren. Ja? Ah!? Nun ſehen Sie mich hier und ſagen, ich ſei wahnſinnig! ver⸗ rückt!“ Er hob ſeine rechte Hand mit aufwärts gekehr⸗ ten Fingern empor, machte mit ihnen eine ſchwir⸗ rende Bewegung, um die von ihm bei Gabriel vor⸗ ausgeſetzte Idee ſeiner Verrücktheit zu illuſtriren, und lächelte auf's Neue. „Hören Sie. Kommt mir da vor einer Stunde eine höchſt wichtige Nachricht. Iſt durchaus noth⸗ wendig, daß ich heute Nacht,— nein— jetzt, nach Marysville gehe. Sehen Sie wohl? Ja? Ich ſtehe — ——— — —e — 14114— auf und ziehe mich an. Hah! Ich habe Kraft ge— nug für eine ſolche Anſtrengung. Ich bin beſſer. Aber ich ſage mir ſelbſt: ‚Viktor, erſt mußt Du dem Pfleger Reſpekt bezeugen, der ſo freundlich, ſo gut gegen Dich geweſen. Du mußt dem großen edlen Goldgräber die Hand drücken, der Dich wie⸗ der hergeſtellt hat' Bueno— da bin ich.“ Er ſtreckte eine feine, nervige braune Hand aus und heftete zum erſten Mal ſeit ſeinem Eintritt die ſcharfen ſchwarzen Augen, welche bis dahin den ganzen Raum durchmuſtert und ſeine kleinſten Ein⸗ zelheiten in ſich aufgenommen hatten, feſt auf ſeinen Wirth. Gabriel, noch immer von ſtarrem Erſtau⸗ nen gebannt, konnte eben nur Luft ſchnappen. „Aber wiſſen Sie nicht, daß Sie nicht wohl genug ſind? Daß Sie noch nicht gehen können? Sie werden ſich ſelbſt umbringen!“ Der Fremde lächelte. „Ja? Sie denken— denken Sie? Sehen Sie einmal. Wartet draußen das Pferd aus dem Leih⸗ ſtall auf mich. Wie weit, glauben Sie, iſt es bis zur nächſten Stadt, wo die Poſtkutſche hält? Fünf— zehn Meilen!“ Er machte dieſe Zahl noch deut⸗ licher, indem er dreimal hintereinander die Finger ſeiner Hand ausſpreizte.„Das iſt nichts. In zwei Stunden kommt die Poſtkutſche, und ich bin dort. Ha!“ — 112— Als er ſo ſprach, mit einer Handbewegung, als fege er alle Schwierigkeiten nur ſo hinweg, blieb ſein ſcharfes Auge an dem Querbrett über dem Kamin hängen, wo ein altmodiſches Daguerreotyp⸗ futteral geöffnet ſtand. Er erhob ſich und hinkte, nachdem er unter offenbarem Schmerz den erſten ſchleppenden Schritt gethan, quer über das Zimmer nach dem Brett hinüber und nahm das Daguerreo⸗ typ von demſelben herab. „Was haben wir da?“ fragte er. „Es iſt Grace,“ ſagte Gabriel, und ſein Ge⸗ ſicht hellte ſich auf,„aufgenommen am Tage, da wir St. Jo verließen.“ „Wie lange her?“ 9 „Sechs Jahre. Sie war damals vierzehn Jahre alt,“ ſagte Gabriel, indem er das Futteral an ſich nahm und das Glas zärtlich mit der Hand ab⸗ wiſchte.„Es war kein hübſcheres Mädchen in Miſſouri,“ fügte er, mit brüderlichem Stolz und feuchtem Auge auf das Bild herniederblickend, hin⸗ zu.„Eh— was ſagten Sie?“ Der Fremde hatte ein paar haſtige, in anderer Sprache geſprochene Worte ausgeſtoßen. Aber die⸗ ſelben waren offenbar ſchmeichelhafter Natur, denn als Gabriel mit einem fragenden Blick zu ihm aufſah, lächelte er und ſagte:„Schön! engelhaft! ſehr hübſch!“ und hielt ſeine Augen feſt auf das —— Bild geheftet.„Und es iſt auch Aehnlichkeit,— ſehe ich, mit dem Geſicht des Bruders da,“ ſetzte er, ernſt die Züge des Bildes mit jenen Gabriel's vergleichend, hinzu. Gabriel blickte vergnügt drein. Jede weniger einfache Natur würde die höfliche Unwahrheit entdeckt haben. In dem eckigen, ehr⸗ lichen Geſicht des Bruders ſpiegelte ſich auch nicht der leiſeſte Zug des feinen, mädchenhaften, poetiſchen Geſichtsovals des Bildes ab. „Es iſt koſtbar,“ begann der Fremde wieder. „Und iſt es Alles?“ „Alles?“ gab Gabriel fragend zurück. „Sie haben ſonſt nichts?“ „Nichts.“ „Eine Zeile ihrer Handſchrift, ein Brief, ihre privaten Aufzeichnungen— das würde ein Schatz ſein. Eh?“ „Sie ließ uns nichts,“ ſagte Gabriel einfach, „als ihre Kleider. Sie wiſſen, ſie zog Knaben⸗ kleider— den Anzug Johnny's— an, ehe ſie uns verließ. Und gerade das iſt es, was mir nie in den Kopf will: wie ſie wiſſen konnten, wer ſie war, als ſie hinkamen und das arme Kind todt fanden.“ Der Fremde ſprach nicht und Gabriel fuhr fort: „Es war etwa ein Monat, bevor ich zurück⸗ ging. Als ich ankam, war der Schnee fort, und Bret Harte, Gabriel Conroy. I. 8 kein Anzeichen, keine Spur irgend welcher Art mehr vorhanden, dann hörte ich die Geſchichte, welche ich Ihnen bereits erzählt habe— daß eine Rettungs⸗ expedition ſie Alle todt fand— und daß unter den Todten auch Grace war. Wie das arme Kind je allein zurückkommen konnte(denn es war keine Spur und kein Anzeichen von dem Manne da, mit dem ſie geflohen war)— das iſt's, was mir keine Ruhe läßt. Das iſt meine ſtete Sorge, Mr. Ra⸗ mirez! Zu denken, daß das liebe Herz ſich zum alten Neſt zurückkämpfte— um Niemand mehr darin zu finden! Zu denken, daß ſie, wie ſie es verheißen, zu Olly und mir zurückkam, und dann fand, daß all' ihr eigenes Blut fort war— das iſt Etwas, das mich manchmal um den Verſtand bringt. Sie ſtarb nicht vor Hunger, ſie ſtarb nicht vor Kälte. Ihr Herz wurde gebrochen, Mr. Ramirez, — ihr kleines Herz wurde gebrochen!“ Der Fremde ſah ihn neugierig an, aber ſprach nicht. Nach einer kleinen Pauſe hob Gabriel ſein vorgeneigtes Geſicht von ſeinen Händen empor, trocknete ſeine Augen mit Olly's Flanellrock und fuhr fort: „Länger als ein Jahr hindurch bemühte ich mich, jenen amtlichen Bericht ſelbſt zu Geſicht zu bekommen. Dann verſuchte ich die Miſſion oder das Preſidio zu finden, von dem aus jene Hülfs⸗ mehr ſe ich ngs⸗ den d je keine mit keine Ra⸗ zum mehr ie es — — 1145— expedition ausgegangen war, und womöglich ein Mitglied der Expedition ſelbſt. Aber dann kam das Goldfieber und die Amerikaner nahmen Beſitz von den Miſſionen und Preſidios, und als ich nach San— San—“* „San Geronimo,“ unterbrach ihn Ramirez haſtig. „Nannte ich es Ihnen?“ fragte Gabriel un— ſchuldig.„Ich erinnerte mich nicht daran.“ Ramirez zeigte als haſtige Bejahung alle ſeine Zähne, und drängte durch eine Handbewegung zum Fortfahren. „Als ich endlich nach San Geronimo kam, war Niemand dort, u auch keine Aktenſtücke waren zurückgelaſſen. Hierauf gab ich einen Aufruf nach Philip Aſhley in die Zeitungen von San Fran⸗ zisko, das war der Mann, welcher ihr zu ihrer Flucht behülflich geweſen war. Aber es kam keine Antwort.“ Ramirez erhob ſich. „Sie ſind nicht reich, Freund Gabriel?“ „Nein.“ „Aber Sie erwarten, es zu werden? Eh— Sie erwarten es?“ „Wohl, ich hoffe eines Tages einen Fund zu thun wie die Uebrigen.“ „Irgendwo, mein Freund?“ — 1416— „Irgendwo,“ wiederholte Gabriel lächelnd. „Adios,“ ſagte der Fremde, der Thüre zu⸗ ſchreitend. „Adios,“ wiederholte Gabriel.„Müſſen Sie zur Nacht fort? Was drängt Sie ſo? Und ſind Sie ſicher, daß Sie ſich jetzt beſſer fühlen?“ „Beſſer?“ entgegnete Ramirez mit einem ſelt⸗ ſamen Lächeln.„Beſſer? Sehen Sie nur, wie ſtark ich bin“ Er ſtreckte ſeine Arme, dehnte ſeine Bruſt aus und ſchritt aufrechten Ganges zur Thür. „Sie haben meinem Rheumatismus den Gar⸗ aus gemacht, Freund Gabriel. Gute Nacht!“ Die Thüre ſchloß ſich hinter ihm. Im nächſten Augenblick war er im Sattel, und ſprengte ſo ſchnell davon, daß er trotz Schmutz und Finſterniß in zwei Stunden den Ort erreichte, wo die Wing⸗ dam⸗Sakramento⸗Poſtkutſche ihre Pferde wechſelte. Am Morgen darauf, als Olly und Gabriel eben ihr Frühſtück einnahmen, ſprang Mr. Viktor Ramirez behend aus der Poſtkutſche, welche vor dem Marysville⸗Hotel hielt und trat in das Bureau deſſelben. Als der Buchhalter fragend zu ihm auf⸗ ſah, händigte er ihm eine Karte ein: „Bitte, ſenden Sie dieß ſofort zu Miß Grace Conroy!“ Grace 1 1 1 1 — ——— Elftes Kapitel Madame Devarges. Mr. Ramirez folgte dem Aufwärter die Treppe hinauf und dann durch einen langen Gang, bis ſie einen geräumigern Hausflur erreichten. Hier be⸗ deutete ihm der Aufwärter, daß er warten möge, bis er zurückkehren würde, und verſchwand in dem Dunkel eines andern Ganges. Mr. Ramirez hatte hinreichend Muße, ſich von der Friſche der höl⸗ zernen Abtheilungswände und der ſpärlichen Aus⸗ ſchmückungen des Innern des International⸗Hotels zu überzeugen, bevor ſein Führer zurückkam. Mr. Ramirez mit einer Miene mürriſchen Mißtrauens zuwinkend, geleitete ihn der Aufwärter den dunklen Gang entlang, bis er an deſſen anderem Ende vor einer Thüre Halt machte und leiſe an dieſelbe pochte. Beſcheiden, wie dieſes Klopfen war, hatte es doch die wunderbare Wirkung, alle übrigen Thüren längs — 418— des Ganges ſich öffnen und in jeder einen Mannes⸗ kopf erſcheinen zu laſſen. Mr. Ramirez' Brauen zogen ſich zuſammen. Er war zur Genüge mit den Zuſtänden jener früheſten kaliforniſchen Civiliſation bekannt, um zu wiſſen, wie ſehr er als der Beſucher einer Dame der Gegenſtand neugierigen Neides und dro⸗ henden Argwohns ſeitens aller anderen Männer war. Innerhalb des Zimmers wurden leichte Schritte hörbar und die Thür öffnete ſich. Der Aufwär⸗ ter zögerte ſo lange, bis er ſich im Stande fühlte, über Art und Angebrachtheit der Begrüßung Be⸗ richt zu erſtatten, und zog ſich dann langſam zu⸗ rück. Die Thüre ſchloß ſich und Mr. Ramirez fand ſich, Angeſicht in Angeſicht, mit der Bewoh⸗ nerin des Zimmers. Es war eine kleine Blondine, welche nach dem Erlöſchen des Lächelns, das beim Oeffnen der Thüre ihr Antlitz erleuchtet hatte, für eine gewöhnliche nichtsſagende Perſon hätte gelten mögen. Und wäre es nicht um einer gewiſſen Nachgiebigkeit im Weſen halber— die, wie ich hier in aller Demuth bemerken möchte, bei einem ohnehin allmächtigen Geſchlecht beſonders zu fürchten iſt,— und einer Redeweiſe wegen geweſen, die ſtets mehr beſchwich⸗ rigend war, als die Umſtände es erforderten— ſie würde kaum die Bewunderung unſeres Geſchlechts und kaum die Furcht des eigenen erregt haben. —— — 119— Als Ramirez auf ſie zuſchritt, ihr beide Hände mit einer gewiſſen Leidenſchaftlichkeit entgegen⸗ ſtreckend, wich ſie ſcheu zurück und flüſterte, auf Wand und Decke deutend: „Leintuch und Tapeten!“ Ramirez' dunkles Geſicht wurde noch dunkler. Ein langes Stillſchweigen trat ein. Plötzlich er⸗ hellte die Dame das Dunkel, welches ſich über ihre Begegnung zu lagern ſchien, durch ihre Zähne und durch ihre Augen und ſagte, lächelnd auf einen Stuhl deutend: „Setzen Sie ſich, Viktor, und ſagen Sie mir, warum Sie ſo bald zurückkehren.“ Viktor ließ ſich mürriſch nieder. Die Dame ſah wie die Sanftheit und Nachgiebigkeit ſelbſt aus, ſagte aber kein Wort. Ramirez wollte in ſeiner Verſtimmung zuerſt das Gleiche thun, aber ſein natürliches Ungeſtüm war zu groß, und ſo brach er in die Worte aus: „Geben Sie Acht! Sie würden wohl daran thun, in dem Fremdenbuch des Hotels den Namen Grace Conroy zu ſtreichen und den eigenen dafür zu ſetzen.“ „Und warum, Viktor?“ „Sie fragt, warum?“ rief Viktor.„Mein Gott! Weil hundert Meilen von hier der Bruder und die Schweſter von Grace Conroy leben. Ich habe ſie geſehen!“ 120— „Schön.“ „Schön,“ gab Viktor zurück.„Schön iſt es? Hören Sie nicht? Sie werden gleich hören, wie ſchön es iſt.“ Er rückte ſeinen Stuhl dicht an ihre Seite und begann in leiſem, eindringlichem Ton: „Ich habe endlich den Ort, wo die Mine liegt, gefunden. Ich folgte dem deseno— der Beſchrei⸗ bung des Platzes und ſeiner Umgebungen— wie ſie in dem Papier— das— das ich fand, ange⸗ geben waren! Gut. Es iſt richtig.— Aha, nun be⸗ ginnt doch Ihr Intereſſe zu erwachen? Alles richtig, ſoweit es ſich um den Ort handelt Sehen Sie wohl? Den genauen Fleck kenne ich freilich noch nicht. Und was die Mine ſelbſt anbelangt, ſo hat man ſie bis jetzt noch nicht aufgeſchloſſen. Der Ort heißt One Horſe Gulch. Warum? Wer weiß es? Es iſt ein reiches Minenlager. Ringsherum liegen werthvolle Landlooſe, die bereits geſichert ſind. Aber die Mine auf dem Gipfel des kleinen Hügels iſt unerforſcht und noch beſitzfrei. Warum? Sie verſtehen— weil ihr Reichthum weniger als bei den übrigen Looſen an der Oberfläche liegt. Es trifft Alles z Alles, wie es hier beſchrieben iſt.“ Er nahm einen Briefumſchlag aus ſeiner Taſche und aus dieſem ein zuſammengefaltetes Papier D (daſſelbe Papier, welches einſt von Doktor De⸗ 1— varges an Grace Conroy gegeben worden) und deutete auf die Landkarte, die es enthielt. „Die Beſchreibung hier führte mich zu den Quellen des American River. Ich folgte der Kette der Vorberge, denn dort kenne ich jeden Fußbreit, jeden Schritt, und ſo kam ich an einem Tage der vorigen Woche nach One Horſe Gulch. Und ſehen Sie nur, es iſt der hier beſchriebene Gulch, die hier beſchriebene Schlucht— ganz und gar.“ Er hielt das Papier vor ſie hin, und ihre dün— nen langen Finger ſchloſſen ſich über den Ecken deſſelben wie die Krallen eines Raubvogels. „Es war nöthig, daß ich mich dort behufs Nachforſchungen vier oder fünf Tage aufhielt. Gut! Aber wie? Ich bin ein Auswärtiger, ein Fremder. Die Goldgräber haben Verdacht gegen alle Solche, und auch mir gegenüber wollten ſie nicht mit der Sprache heraus. Da höre ich von einem gewiſſen Gabriel Conroy, einem wackern Burſchen, der ſo freundlich gegen Kranke ſei. Gut! Ich werde krank, ganz plötzlich und ganz ſchwer. Mein Rheumatismus packt mich hier.“ Er deutete auf ſein Knie. „Ich bin hülflos wie ein Kind. Ich muß im Hauſe von Mr. Briggs verpflegt werden. Kommt dort Gabriel Conroy zu mir, ſetzt ſich zu mir, ſpricht zu mir und ſagt mir Alles. Bringt auch ſeine kleine Schweſter zu mir. Dann gehe ich nach ſeiner Hütte auf dem Hügel. Ich ſehe das Bild ſeiner Schweſter. Gut. Nun verſtehen Sie doch— es iſt Alles aus.“ „Warum?“ „Eh?! Sie fragt noch warum, dieſe Frau,“ rief Viktor.„Wollen Sie noch mehr wiſſen? Dann hören Sie: Das Haus von Gabriel Conroy ſteht auf dem Terrain, dem nämlichen Grund und Boden Sie verſtehen?— welcher zu der Schen⸗ kung gehört, die die Regierung einſt dem Doktor Devarges gemacht. Er, dieſer Gabriel— merken Sie auf iſt im Beſitz davon!“ „Wie? Weiß er von der Mine etwas?“ „Nein! Es iſt reiner Zufall,— was Sie Fatum nennen.“ Sie ſchritt zum Fenſter hinüber und ſtand dort, einige Augenblicke in den fallenden Regen hinaus⸗ blickend. Das Geſicht, welches ſo hinausſchaute, war ſo alt, ſo erſchöpft, ſo hart und ſcharf in ſei⸗ nen Linien, daß einer der Hotellungerer, der von dem Seitenwege aus einen flüchtigen Blick auf die hübſche fremde Franzöſin zu erhaſchen verſuchte, ſie nicht erkannte. Vielleicht war es dieſer Zwiſchen fall, der ſie zu ſich ſelbſt brachte, denn ſie wandte ſich alsbald mit einem unwiderſtehlichen Lächeln um und ſagte, an die Seite von Ramirez zurückkehrend, mit ſanfteſter Stimme: 4 — 123— 5 „Und ſo geben Sie mich auf?“ 21 4. Viktor wagte nicht, ihrem Blick zu begegnen. Er ſah gerade vor ſich hin, zuckte die Achſeln und ſagte: „Es iſt das Fatum!“ Sie faltete ihre dünnen Hände leicht vor ſich hin, und ſo vor ihrem Gefährten ſtehend, daß ihre Augen in gleicher Höhe waren, ſagte ſie: „Sie haben ein gutes Gedächtniß, Viktor.“ Er erwiederte nichts. „Laſſen Sie mich ihm zu Hülfe kommen. Es iſt nun ein Jahr, daß ich in Berlin einen Brief bekam, der von einem gewiſſen Mr. Dumphy in San Franzisko gezeichnet war, und in welchem es hieß, daß Dieſer im Beſitz wichtiger, das Eigen⸗ thum meines verſtorbenen Gatten Doktor Devarges betreffenden Papiere ſei und mich auffordere, mit ihm in Verbindung zu treten. Ich beantwortete den Brief nicht. Ich kam. Es iſt nicht meine Art, zu erwägen und zu zögern— wie wohl ein weiſer Mann thun würde. Ich bin nur ein armes, ſchwaches Weib— und ſo kam ich. Ich weiß, es war ganz und gar Unrecht. Ihr ſcharfſichtigen, kühnen, vorſichtigen Männer würdet erſt geſchrieben haben. Wohl— ich kam!“ Viktor neigte ein wenig das Haupt, ſprach aber nicht. „Ich ſah Mr. Dumphy in San Franzisko. Er zeigte mir verſchiedene Papiere, von denen er ſagte, daß er ſie in einer Art Verſteck gefunden, welches Doktor Devarges augenſcheinlich zu erhalten gewünſcht hätte. Das eine war ein Dokument über eine ſpaniſche Landſchenkung, die anderen ſprachen von einigen wichtigen Entdeckungen. Er verwies mich in Betreff weiterer Mittheilungen auf die Miſſion und das Preſidio von San Yſabel, von wo einſt jene Hülfsexpedition ausgeſendet worden. Er wan ein Händler— ein Geſchäftsmann und nichts wei⸗ ter— und ſomit handelte ſich's bei ihm nur um eine Geldfrage. Er erklärte ſich bereit, mir für einen gewiſſen Antheil beiſtehen zu wollen. Iſt es nicht ſo?“ Viktor erhob ſeine dunklen Augen zu den ihri⸗ gen und nickte. „Ich kam nach der Miſſion. Ich ſah Sie— den Sekretär des frühern Commandante— den einzigen noch Vorhandenen, welcher ſich der Expe⸗ dition erinnerte, und zugleich Denjenigen, welcher die Akten des Preſidio bewahrte. Sie zeigten mir die einzige Abſchrift des amtlichen Berichts. Auch Sie waren kühl und lediglich geſch äftsmäßig, bis ich Ihnen meine Geſchichte erzählte. Dann ſchienen Sie Antheil zu nehmen. Sie ſprachen mir von dem jungen Mädchen, jener gehe unniſollen Grace — — — — 125 Conroy, deren Name unter den Todten erſchien, und welche Sie, wie Sie ſagten, für eine Betrüge⸗ rin hielten. Sagten Sie nicht ſo?“ Viktor nickte. „Sie ſprachen mir von ihrem Entſetzen, als ihr der Bericht vorgeleſen wurde. Von ihrer Ohn macht, von der Entdeckung ihres Zuſtandes durch die Frauen, von des Commandante Barmherzig keit, von ihrem räthſelhaften Wiederverſchwinden, von des Commandante Schweigſamkeit und von Ihrem eigenen Verdacht in Betreff der Geburt eines Kindes! War es nicht ſo, Viktor?“ Er verſuchte, ihre Hand zu ergreifen. Ohne in ihrem liebenswürdigen Ton nachzulaſſen, zog ſie ihre Hand ruhig zurück und fuhr fort: „Und dann ſprachen Sie mir von der Auffin⸗ dung jenes Papiers auf dem Boden des Zimmers, in dem man des Mädchens Kleider geöffnet— des ſelben Papiers, welches Sie da in Ihrer Hand halten. Sie erklärten mir Ihre Gründe, es zu vwerheimlichen und zurückzuhalten. Und dann, Vik⸗ tor, ſchlugen Sie mir einen Plan vor, mein Eigen thum wiederzuerlangen— dieſes Mädchen vorzu⸗ ſtellen— und den Betrug durch Betrug zu über⸗ bieten. Sie forderten keinen Gewinnantheil von mir! Sie verſuchten nicht aus meiner Noth Geld herauszuſchlagen. Sie forderten nur meine Liebe 126— Wohl, wohl— wahrſcheinlich war ich nichts als eine Närrin, nichts als ein ſchwaches Weib. Es war ein verführeriſcher Preis— und ich hörte wohl mehr auf die Einflüſterungen meines Herzens, als auf meinen Nutzen. Ich verſprach Ihnen meine Hand und mein Vermögen, wenn wir erfolgreich ſein würden. Nun kommen Sie zu mir und verlangen, jener Verpflichtung entbunden zu werden. Nein, nein! Sie haben genug geſagt!“ Jetzt war die Reihe, eingeſchüchtert zu ſein, an dem Mann. Er ergriff ſie bei der Hand und warf ſich in leidenſchaftlicher Zerknirſchung vor ihr auf die Kniee. Aber mit einer gewaltigen An⸗ ſtrengung machte ſie ſich frei. „Nein, nein,“ fuhr ſie mit derſelben mild ab⸗ lehnenden Stimme fort.„Gehen Sie zu dieſem Bruder, den zu entdecken, wie es ſcheint, das Haupt⸗ ziel aller Ihrer Bemühungen war. Gehen Sie gleich zu ihm. Stellen Sie ihm dieſes Papier, welches Sie da in Ihrer Hand haben, zurück. Sagen Sie ihm, Sie ſtahlen es von ſeiner Schweſter, welche Sie im Verdacht hatten, daß ſie eine Betrügerin ſei, und von der Sie wiſſen, daß ſie die Mutter eines unehelichen Kindes iſt. Sagen Sie ihm, daß Sie, alſo handelnd, dem betrogenen und ausgeſtoße⸗ nen Weibe, das Tauſende von Meilen wanderte, um ihre Anſprüche an den Mann zu erheben, der ſie als war nehr auf and ſein 4 ’ 8 4 1 1 — — 122= hätte unterſtützen ſollen, die letzte Hoffnung nah⸗ men. Sagen Sie das Alles und dieſer Bruder wird— vorausgeſetzt, daß er der gute und wohl⸗ wollende Menſch iſt, als den Sie ihn ſchildern— aufſpringen und Sie ſegnen. Sie haben ihm dann nur noch das Eine zu ſagen, daß dieſes Papier unmöglich von irgend welchem Werth für ihn ſein kann, da das betreffende Eigenthum dem Geſetz nach dem Kinde ſeiner Schweſter, wenn daſſelbe am Leben iſt, zugehört. Und dann haben Sie ihm nur noch den amtlichen Bericht einzuhändigen, welcher erklärt, daß ſeine beiden Schweſtern todt ſind, und zugleich ſeine eigene Identität in Zweifel ſtellt, um ihm den Beweis zu liefern, welch' ein Segen über ihn gekommen iſt.“ „Verzeihen Sie mir,“ rief Viktor, von peini⸗ gender Scham und Bewunderung für die Frau vor ihm verwirrt,„verzeihen Sie mir, Julie! Ich bin ein Feigling! ein Sklave! ein Undankbarer! Ich will Alles thun, Julie; Alles, was Sie ſagen!“ Madame Devarges war zu ſcharfſinnig, um ihren Triumph noch weiter zu treiben, vielleicht auch zu vorſichtig, den ohnehin in der unvorſichtigſten Weiſe lauten Mann zu ihren Füßen noch mehr außer ſich zu bringen. Sie ſagte:„Still!“ und geſtattete ihm zugleich, ſie neben ſich zu ziehen. — 128— „Hören Sie, Viktor. Was haben Sie von dieſem Mann zu fürchten?“ fragte ſie nach einer Pauſe.„Was würde ſein Zeugniß gegen mich wie⸗ gen, das Zeugniß Eines, der im unrechtmäßigen Beſitz meines Eigenthums, meines mir geſetzmäßig zuſtehenden Eigenthums iſt, ſobald ich mich ent⸗ ſchließe, dieſe Verwandtſchaft zu verleugnen? Wer will ihn als Gabriel Conroy identifiziren, wenn ſeine einzige überlebende Verwandte es nicht wagt, ihn wiederzuerkennen, und wenn— im Falle ſie es wagte— Sie, Viktor, ſchwören können, daß ſie unter einem andern Namen ging? Oder auch, was würde das im eigenen Intereſſe abgegebene Zeugniß dieſes Bruders dem Ihrigen gegenüber, daß ich Grace Conroy ſei, die nach der Miſſion kam, zu bedeuten haben, ſowie angeſichts des Beweiſes mei⸗ ner Identität durch Peter Dumphy, einen der Ueber⸗ lebenden aus dem Hungerlager?“ „Ounphyj 2“ wiederholte Ramirez erſchreckt. „Ja, Dumphy!“ erwiederte Madame Devarges. Als er fand, daß ich, als die geſchiedene Frau des Doktor Devarges, keinen geſetzlichen Anſpruch erheben kann, erbot er ſich ſelbſt zum Zeugen für meine Identität mit Grace Conroy. Ah, Viktor! ich bin nicht muͤßig geweſen, während Sie auf ſihe als auf Hinderniſſe ſtießen.“ „Verzeihen Sie mir!“ und er faßte ihre Hände — 129 und küßte ſie leidenſchaftlich.„Ich fliege jetzt— leben Sie wohl!“ „Wohin gehen Sie?“ fragte ſie, ſich erhebend. „Nach One Horſe Gulch!“ entgegnete er. „Nein! Setzen Sie ſich wieder. Hören Sie. Sie müſſen nach San Franzisko und Dumphy von Ihrer Entdeckung unterrichten. Es wird möglicher— weiſe nothwendig werden, einen Advokaten zu neh— men. Vorher jedoch müſſen wir ſehen, wie ſtark wir eigentlich ſind. Sie müſſen unbedingt zu Tage bringen, was aus dieſem Mädchen, Grace Conroy, geworden iſt. Gehen Sie nach San Franzisko, ſehen Sie Dumphy und kehren Sie hieher zu mir zurück!“ „Aber Sie ſind hier allein und ohne Schutz. Und dieſe Männer!“ Und alle Befürchtungen einer eiferſüchtigen Natur blitzten in ſeinen Augen auf. „Glauben Sie mir, dieſe ſind für unſere Pläne ungleich weniger gefährlich als Frauen! Trauen Sie mir nicht, Viktor?“ ſagte ſie mit einem ver— führeriſchen Lächeln. Er würde ſich auf's Neue vor ihr niedergewor⸗ fen haben, aber ſie hielt ihn mit einem feſten Blick auf die Wand und einem warnend erhobenen Finger davon ab. „Gut. Gehen Sie jetzt. Doch halt,— dieſer Gabriel— iſt er verheirathet?“ Bret Harte, Gabriel Conroy. I. „Nein!“ „Adieu!“ Die Thüre ſchloß ſich hinter ſeinem dunklen leidenſchaftlichen Geſicht. Er war gegangen. Gleich darauf hörte man ein ſcharfes Klingel⸗ ziehen in Nro. 92, dem Zimmer, welches dem von Madame Devarges bewohnten zunächſt lag. Der widerwärtige Aufwärter pochte an die Thür und trat mit ausnahmsweiſem Reſpekt in das Zimmer. Ueber ſeines Bewohners Charakter konnte auch nicht der mindeſte Zweifel obwalten. Er war Jedem als Mr. Jack Hamlin, der Spieler, bekannt. „Was, zum Teufel, läßt Du mich ſo lange warten?“ rief Jack, vom Bett aus nach dem Fuß— boden langend und zornig den Stiefelknecht er⸗ greifend. Der Mann murmelte irgend eine Entſchuldigung. „Bringe mir etwas warmes Waſſer.“ Der Aufwärter wollte eben hinauseilen, als Jack ihn mit einer Verwünſchung zum Stehen brachte, „Du haſt lange genug gebraucht, um heraufzu⸗ kommen, um ſo wieder davon zu ſchießen. Wer iſt der Mann, der ſoeben das Nebenzimmer ver⸗ ließ?“ „Ich weiß es nicht, Herr.“ „Finde es heraus und laß mich's wiſſen.“ g — 131— Er warf dem Mann ein Goldſtück zu, ſchüttelte ſein Kiſſen zurecht und kehrte ſein Geſicht gegen die Wand. Der Aufwärter zögerte noch. Jack blickte ſich ſcharf um. „Noch nicht fort? Was zum Teufel—“ „Bitte um Vergebung, Herr,— wiſſen Sie nichts von ihr?“ „Nein,“ ſagte Jack, ſich auf den Ellenbogen emporrichtend.„Aber wenn ich Dich wieder um die Thüre da herumſchnüffelnd erwiſche, wie vor fünf Minuten, dann will ich—“ Hier dämpfte Mr. Hamlin ſeine Stimme und bedeutete dem Manne, daß er nicht ermangeln würde, gewiſſe für das Leben deſſelben unentbehrliche Organe mit Gewalt von ihrem Ort zu entfernen. „Geh'!“ Nachdem ſich die Thür auf's Neue geſchloſſen, lag Mr. Hamlin eine Stunde ſtillſchweigend in ſeinem Bett. Nach Ablauf dieſer Zeit erhob er ſich und begann ſich langſam anzukleiden, hin und wieder vor ſich hin ſingend, wie es ſeine Gewohnheit war, in jenem ſüßen Tenor, wegen deſſen er berühmt war. Nachdem er ſich ſo durch ſeine Toilette hin— durchgeſungen und zu einem ſeiner ſchmelzendſten Töne eine kleine Piſtole mit elfenbeinernem Griff in ſeine Bruſttaſche geſteckt hatte, ſetzte er ſeinen Hut, vielleicht ein bischen mehr zur Seite als ge— X — 432— wöhnlich, auf und trat auf den Flur hinaus. Als er ſeine Thüre heftig zuſchlug und verſchloß, machte die leichte Erſchütterung der dünnen Scheidewand die Thüre ſeiner Nachbarin weit aufſpringen, und Mr. Hamlin ſah, unwillkürlich aufblickend, die Dame, mit ihrem Taſchentuch vor den Augen, an der Kommode ſtehen. Sofort hielt Mr. Hamlin in ſeinen Trillern inne und ſtieg ernſthaft die Treppe hernieder. Am Fuße derſelben begegnete ihm der Aufwärter. Der Mann faßte an den Hut. „Er gehört nicht hieher, Herr!“ „Wer gehört nicht hieher?“ fragte Mr. Hamlin kühl. „Der Mann, nach dem Sie fragten.“ Mr. Hamlin nahm ruhig eine Cigarre hervor, zündete ſie an und blickte nach zwei oder drei Zügen dem Aufwärter ſtarr in's Geſicht und ſagte: „Ich habe Dich nach keinem Manne gefragt.“ „Ich dachte, Herr—“ „Du ſollteſt nicht ſo früh am Tage zu trinken anfangen, Michael,“ unterbrach ihn Mr. Hamlin ruhig und ohne ſeine ſchwarzen Augen von dem Geſichte des Mannes abzuwenden.„Du kannſt es bei leerem Magen nicht aushalten. Folge meinem Rath und warte bis nach dem Mittageſſen.“ — ——————— —õ—— C Swölktes Kapitel. Mrs. Markle. Olly's Anſpielungen auf Mrs. Markle wollten Gabriel während der folgenden Nacht, zu ſeinem größern oder geringern Behagen, nicht äus dem Kopf, und als er ſich am nächſten Morgen bei Zeiten erhob und an dem Tiſch ſtand, auf dem das Werk ſeiner Hände lag, begann ein unerquick⸗ licher Zweifel in Betreff ſeines Berufs für dieſen Zweig des Haushaltungsweſens ihn zu ergreifen. „Es iſt ſchon ſo, ich thue nicht, was meine Pflicht gegen das Kind iſt,“ ſagte er ſanften Tones zu ſich ſelbſt, indem er die Kleider Stück für Stück aufnahm und ſie neben das Bett der noch ſchlafen⸗ den Olly legte.„Das Zeug da iſt— abgeſehen von ſeiner Feſtigkeit und der Haltbarkeit ſeines Stoffes— doch etwas altmodiſch und nicht gut kleidend. Nicht als ob Du etwas Der⸗ artiges verlangſt,— Gott ſegne Dein liebes Ge⸗ ſicht,“ wandte er ſich an die thaufriſchen Locken und die im Schlaf glühenden Wangen des Kindes, „aber es mag leicht Bemerkungen der anderen Kin⸗ der veranlaſſen. Und die Niederlaſſung füllt ſich. Drei neue Familien in ſechs Monaten, das iſt faſt — faſt,“ und er machte eine Pauſe der Ueberlegung, um das richtige Wort zu finden,„faſt wie Ueber⸗ völkerung. Und Mrs. Markle“— Gabriel er⸗ röthete ſelbſt in der Stille und Einſamkeit ſeiner eigenen Hütte,—„zu denken, daß das kleine Mädchen hier, noch nicht neun Jahre alt, in ſolcher Weiſe von der Wittwe ſpricht. Das geht über irgend etwas hinaus. Und zu denken, wie ich gerade wegen Olly's alles Derartige aus dem Wege gehalten habe, gerade damit ſie keine Perſon um ſich herum haben ſollte, um ihr Dinge in den Kopf zu ſetzen.“ Nichtsdeſtoweniger machten ſich ihm, als er mit Olly bei ihrem einfachen Frühſtück ſaß, mannig⸗ fache Abſonderlichkeiten ihres Anzuges, die ihm früher entgangen waren, und ſelbſt verſchiedene Eigen⸗ thümlichkeiten ihres Benehmens in peinlicher Weiſe bemerklich. „Für gewöhnlich, Olly,“ bedeutete er ſie,„für gewöhnlich ſitzen kleine Mädchen in feiner Geſell⸗ ſchaft nicht mit geſpreizten Beinen auf ihrem Stuhl, — 135— und langen auch nicht alle fünf Minuten herunter, um ihre Stiefelſtrippen zurechtzuziehen.“ „Für gewöhnlich, Gabe, tragen kleine Mädchen auch keine Stiefel,“ ſagte Olly, indem ſie ſich vor⸗ wärts beugte, um ihr Brod in die Bratpfanne zu tauchen. Geſchickt die Erörterung umgehend, ob hohe Stiefel mit Gummiſtrippen ein unumgänglich noth⸗ wendiger Beſtandtheil eines Mädchenanzuges ſeien, fuhr Gabriel mit einer gewiſſen Gleichgültigkeit fort: „Ich denke, ich ſpreche heute Morgen auf meinem Wege nach der Schlucht bei Mrs. Markle vor.“ Er warf unter ſeinen Augenlidern einen Blick auf jenen Theil des Geſichtes ſeiner Schweſter, der hinter dem Stück Brod, das ſie eben verſpeiste, ſichtbar war. „Nimmſt Du mich mit Dir, Gabe?“ „Nein!“ ſagte Gabriel.„Du mußt hier bleiben und das Haus in Ordnung bringen. Und daß Du mir dran denkſt und nicht in das Gehölz hinaus⸗ läufſt, bevor Deine Arbeit gethan iſt. Ueberdieß,“ ſetzte er mit Hoheit hinzu,„habe ich etwas Ge⸗ ſchäftliches mit Mrs. Markle zu thun.“ „O Gabe!“ rief Olly mit einem von Sauce und Schlauheit über und über glänzenden Geſicht. „Ich möchte wohl wiſſen, was mit Dir los iſt, Olly,“ ſagte Gabriel mit würdevoller Strenge. — 136— „Schämſt Du Dich nicht, Gabe?“ Gabriel nahm ſich nicht die Zeit zu antworten, ſondern ſtand auf, raffte ſeine Geräthſchaften zu⸗ ſammen und nahm ſeinen Hut aus dem Winkel. Hierauf ſchritt er zur Thüre. Plötzlich jedoch hielt er inne und kehrte zu Olly zurück. „Olly,“ ſagte er, indem er ſeiner Gewohnheit gemäß ihren Kopf zwiſchen beide Hände nahm, „wenn mir zu irgend einer Zeit irgend etwas begegnen ſollte, ſo wünſchte ich, mein Liebling, daß Du immer denken möchteſt, ich that mein Beſtes für Dich, für Dich.“ Olly dachte ſofort an den Fluß. „Du gehſt doch heute nicht in's tiefe Waſſer, Gabe, gehſt Du?“ fragte ſie mit einem leichten Zittern ihrer kurzen Oberlippe. „Tief genug für mich, Olly. Indeſſen,“ ſetzte er haſtig mit einem Blick in ihr erſchrecktes Geſicht hinzu,„denke nicht daran. Ich werde ſchon ganz und wohlbehalten wieder herauskommen. Lebe wohl!“ Er küßte ſie zärtlich. Sie fuhr mit ihren Fingern durch ſeine ſandfarbenen Locken, glättete geſchickt ſeinen Bart und knüpfte ſein Halstuch. „Du hätteſt Dein anderes Hemd anziehen ſollen, Gabe. Das da iſt nicht rein,— und Du gehſt zu Mrs. Markle! Laß mich Dir Deinen Stroh⸗ hut bringen, Gabe. Warte.“ 5 * — 437— Sie rannte nach dem Verſchlag hinüber. Aber 1 als ſie zurückkam, war er fort. ⸗ Es hatte die Nacht vorher geregnet, über dem l 4 Erdboden lag eine thauige Friſche und in den Höhen t oben entfaltete ſich die Schönheit eines wolkigen 1 Himmels,— eine Schönheit, die in Kalifornien t mit Ausnahme der Regenzeit ſelten iſt. Gabriel, 1 obgleich für gewöhnlich keineswegs meteorologiſchen 3’ Einflüſſen zugänglich oder beſonders empfänglich ß 3 für die Reize der Natur, fühlte, daß es ein ſchöner 3 Morgen ſei, und war aus dieſem Grunde wohl 1 für den Zauber des Schönen überhaupt empfind⸗ 4 licher als gewöhnlich. Von der Bewunderung eines Baumes, einer Blume oder eines Sonnendurch— bruchs bis zum Nähren einer gefährlichen Empfind⸗ 1, n ſamkeit in Betreff des andern Geſchlechts iſt es, fürchte te ich, für Perſonen, deren Schutzwehr in nichts als f in beſtändiger Beſchäftigung mit rein Praktiſchem S beſteht, nur ein Schritt. Aus welchem Grunde denn 1 auch Gabriel, als er ſich der Cottage der Mrs. n Markle näherte, nur zu bald von der Natur zur e Göttin der Natur aufſah,— zu Mrs. Markle aufſah, deren kräftiges, ſtrahlendes Geſicht über den Tellern, welche ſie am Küchenfenſter wuſch, ſicht⸗ ſt bar wurde.. 3 Und hier trat eine jener weiblichen Unberechen⸗ 1 barkeiten ein, welche für einen gewöhnlichen Menſchen . — 138— ſo reizend ſind und doch bisweilen auf den ausnahms⸗ weiſen Charakter ſo gar keine Wirkung ausüben. Mrs. Markle, welche ſtets außerordentlich zuvor⸗ kommend, freundlich und ungezwungen gegen Ga⸗ briel geweſen, ſo lang er ſcheu war, verfiel plötzlich in eine gewiſſe Feindſeligkeit, als ſie ihn mit dem unverkennbaren Ausdruck unternehmender Heiterkeit im Geſicht herankommen ſah,— eine Feindſeligkeit, welche ich, wie ich hoffe, zum Beſten des Reſtes ihres Geſchlechts zu ſchildern verſuchen will. „Wenn Sie kommen, um mich zu ſehen, Gab⸗ riel Conroy,“ ſagte Mrs. Markle, indem ſie die Lauge von ihren braunen, aber hübſch geformten Armen ſpülte,„ſo müſſen Sie hier zum Ausguß herkommen, denn ich kann die Teller nicht liegen laſſen. Joe Markle pflegte ſtets zu mir zu ſagen: „Sue, wenn Du an der Arbeit biſt, ſollſt Du Deine Gedanken niemals nach anderen Dingen ſchweifen laſſen. Sal, bringe einen Stuhl für Gabriel, er kommt nicht oft genug zu uns, um einmal zur Abwechſe⸗ lung ſtehen zu müſſen. Wir ſind hart arbeitende Frauen, Du und ich, Sal, und wir haben keine Zeit, um krank zu ſein,— und Kranke ſind doch die einzige Sorte, um die ſich Mr. Conroy kümmert.“ Ganz und gar erſtaunt, wie Gabriel über dieſen ſarkaſtiſchen Empfang war, fühlte er doch eine ge— wiſſe Erleichterung für ſich darin.„Olly hat Un⸗ — 139— recht,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Die Frau da denkt nur an's Tellerwaſchen und an ihre Koſtgänger. Und doch,— wenn ſie immer ſo wäre,— und wollte immer den Mann in Ruhe laſſen, nicht be⸗ ſtändig Narrenspoſſen um ihn herum treiben, ſondern lieber beiſeite ſtehen und nur auf die Hausarbeit achten, ſo wäre es noch lange kein ſo übles Ding, ſie zu heirathen. Aber wahrſcheinlich würde ſie ſich ändern,— wer kann ſolchen Geſchöpfen trauen? Wenigſtens ſoll Olly beruhigt werden.“ Zum Glück hatte Mrs. Markle von den Ver⸗ räthereien keine Idee, welche der ſchweigende Mann da vor ihr nährte, und fuhr eifrig in ihrem Teller⸗ waſchen und in ihrem Selbſtgeſpräch fort, gelegent⸗ lich Gabriel mit dem Schaum von Beidem über— ſpritzend. „Wenn ich ſage, hart arbeitende Frauen, Sal,“ fuhr ſie, halb zu einer magern Gefährtin gewendet, fort, welche ſich darauf beſchränkte, über die Teller, welche ſie abtrocknete, hinweg Gabriel bedeutſam anzu⸗ lächeln, während ſie mit dem Rücken gegen die Haus⸗ frau daſtand,„wenn ich ſage, hart arbeitende Frauen, Sal, ſo vergeſſe ich nicht, daß es Männer gibt, die im Stande ſind, daſſelbe und mehr zu thun,— Männer, welche auf Dich und mich von oben her⸗ abſehen.“ Hier brach Mrs. Markle eine Schüſſel entzwei, dann, nach einer Pauſe, ſeufzte ſie auf, blickte um ſich herum und erklärte mit einer leichten Röthe in den Wangen und einem ſcharfen Blick ihrer ſchwarzen Augen, daß ſie„ſo nervös“ dieſen Morgen ſei, daß ſie nicht weiter könne. Ein verlegenes Stillſchweigen trat ein. Zum Glück für Gabriel nahm die magere Sal endlich den Faden des Geſprächs wieder auf, indem ſie ſich, der Hausfrau den Rücken kehrend und des Gaſtes Gegenwart gänzlich ignorirend, mit den folgenden Worten an die Wand vor ſich wendete: „Nervös mögt Ihr wohl werden, Suſan, mit Eurer Sklavenarbeit für vierzig Koſtgänger und ſo und ſo vielen Extramahlzeiten für Durchreiſende und mit Niemandem, der Euch hilft. Wenn Ihr mit Eurem Rheumatismus flach auf dem Rücken liegen würdet, wie dieß wohl kommen könnte, dann möchtet Ihr vielleicht eine hülfreiche Hand finden. Ein Todesfall in Eurer Familie würde wohl von Werth ſein, und Freunde, die ſonſt ihr Geſchäft nicht verlaſſen können, herbeibringen. Der Huſten, den die kleine Manty ſeit länger als fünf Wochen hat, kann eine Mutter ſchon in eine nervöſe Schwind⸗ ſucht hineinſchrecken.“ In dieſem Augenblick erinnerte ſich Gabriel ebenſo lebhaft, als mit einem plötzlichen Schuld⸗ bewußtſein daran, daß er die kleine Manty Markle in dem Graben unterhalb des Hauſes herumwaten : 141 geſehen und ſie in dieſer Beſchäftigung mit der Theilnahme einer möglichen zukünftigen Vaterſchaft beobachtet habe. Jetzt aber ſchien dieſe Vaterſchaft ſo unſinnig und von allen moraliſchen Geſichts⸗ punkten aus ſo unhaltbar, daß er ſich plötzlich wie ein Betrüger vorkam und ſich demgemäß verwirrt fühlte. Und zwar äußerte ſich dieſe Verwirrung auf folgende charakteriſtiſche Weiſe. Er zog einen kleinen Kamm aus der Taſche und begann mit einem verlegenen Lächeln ſeine ſandfarbenen Locken zu kämmen. Die Wittwe hatte dieſe Gewohnheit häufig an ihm beobachtet, ſie hatte ihren Grund errathen, — und nahn ſie auch jetzt als einen ihr geltenden Tribut. Sie fühlte ihre Grauſamkeit ſchwinden. Dank einem geheimen Inſtinkt weiblicher Sympathie ſollte es die andere Frau ſein, durch welche ſich dieſe plötzliche Nachgiebigkeit verrieth. „Ihr ſeid heute außer Ordnung, Suſan, und wenn Ihr auf den Rath einer dummen Perſon hören wolltet, ſo würdet Ihr ſofort die Arbeit da aufſtecken und es Euch im Wohnzimmer drinnen be⸗ quem machen und lieber den Tag mit Gabriel ver⸗ bringen. Es ſei denn, daß er darauf beſteht, hier draußen irgend etwas für die Haushaltung zu profitiren. Ich habe nie ordentlich arbeiten können, wenn ein Mann herumſtand. Ich will das Ge⸗ ſchirr fertig machen, wenn Ihr mich von der Ge— — 4142— ſellſchaft entſchuldigt, welche zu Zweien eine Ge⸗ ſellſchaft iſt und zu Dreien keine. Da, gebt mir die Schürze. Ihr habt keine Zeit, Euch zu putzen, ſag' ich Euch, und Euer Haar fällt herunter.“ Nachdem die magere Sal auf dieſe Weiſe von der Gegenwart Gabriel's Notiz genommen hatte, verſuchte ſie, die Coiffure Mrs. Markle's herzu⸗ richten, wurde jedoch von dieſer mit der ſcherzenden Bemerkung zurückgewieſen, daß ſie wirklich zu viel zu thun habe, um an ſolche Dinge zu denken. „Und es bleibt ja doch nur eine Fratze,“ fügte ſie mit herber Selbſtverleugnung hinzu.„Laß es, wie es iſt,— willſt Du wohl, Sal? Da! Ich ſagte Dir's ja,— nun haſt Du's doch gethan.“ Und ſie hatte es gethan;— die nichtswürdige Sal. Mit einem geſchickten, ihrem auf Täuſchung geſtellten Geſchlecht nur zu geläufigen Handgriff hatte ſie plötzlich den ganzen Reichthum von Mrs. Markle's ſchwarzen Haaren über die runden Schul⸗ tern derſelben herabfallen laſſen. Mrs. Markle wollte eben mit einem Lachen nach dem keuſchen Heiligthum ihres Wohnzimmers entfliehen, aber Sal, als echte Künſtlerin, hielt ſie zurück, bis ſich der volle Eindruck dieſes poetiſchen Bildes der Seele des argloſen Gabriel mitgetheilt habe. „Fratze, wahrhaftig!“ rief Sal.„Es iſt gut, daß verſchiedene Leute einen verſchiedenen Geſchmack 143— haben und daß Selbſtlob eine offene Schande iſt. Aber wenn ein Mann, wie Advokat Maxwell, erſt geſtern zu mir ſagte,— er ſaß hier an dieſem Tiſch da und ſah ſo freundlich nach Euch hinüber, als Ihr die Suppe vertheiltet und eine von Euren Flechten herunterfiel, eben hart an der Schüſſel vorüber,— wenn ein Mann, wie Advokat Maxwell, zu mir ſagte: ‚„Sal, da iſt manche Dame in Frisco*), die ihr Vermögen hergeben würde, um Suſan Markle's Haar zu haben—““ Hier wurde Sal durch die erröthende Flucht der Mrs. Markle nach dem Wohnzimmer unterbrochen. „Wißt Ihr nicht, ob Advokat Maxwell ein Geſchäft hier herum hat, Gabriel,— wißt Ihr's nicht?“ fragte Sal, ihre Arbeit wieder aufnehmend. „Nein,“ ſagte der argloſe Gabriel, der ebenſo⸗ wenig eine Ahnung von der verſchmitzten Abſicht der Frage hatte, als er eben erſt von der Gefähr— lichkeit des entfeſſelten Haares der Mrs. Markle gehabt. „Weil er jetzt um ſo viel öfter hier durchkommt als früher und bis zu fünf Mahlzeiten den Tag nimmt. Ich ſage Euch, ich dachte, daß er es ſei, als Ihr eben ankamet. Ich glaube nicht, daß Sue *) Frisco, in Kalifornien übliche Abkürzung für San Franzisko. — 444— ſich darum kümmert, daß ſie irgend welch' Gewicht auf dieſe Art von Männergeſtalt legt,“ fuhr Sal mit einem Blick auf Gabriel's mächtige Schultern und die behagliche Kraftfülle ſeiner langen Arme und Beine fort.„Wie findet Ihr, daß Sue jetzt ausſieht,— Ihr, als ein Freund, der an der Familie Antheil nimmt,— wie kommt ſie Euch vor?“ Gabriel beeilte ſich, Sal des geſunden Aus⸗ ſehens Mrs. Markle's zu verſichern, brachte aber damit nichts von ihr heraus, als einen langgezogenen Seufzer und ein Schütteln des Kopfes. „Das täuſcht, Gabriel! Niemand weiß, was das arme Geſchöpf durchmacht. Ihr Geiſteszuſtand iſt neuerdings arg erſchüttert, und in dieſer Er⸗ ſchütterung bricht ſie Allerlei entzwei. Saht Ihr ſie nicht eben die Schüſſel da zerſchlagen? Wohl — ich ſollte es vielleicht gar nicht ſagen, außer einem Freunde und Einem, der ſo im Vertrauen iſt, wie Ihr,— denn ſie würde mich umbringen, ſtolz von Natur und ſo etwas von meinem eigenen Schlage, wie ſie iſt. Auch mag es in Wirklichkeit wielleicht nichts auf ſich haben— aber ich kann es hinterher immer ganz genau ſagen, ob Ihr bei der Geſchirrbrecherei zugegen waret. Ihr waret hier,— wartet einmal— die Woche vor der letzten Woche, und beim darauffolgenden Abendeſſen waren nicht Taſſen genug da, um Alle zugleich zu bedienen.“ ——— — —— r — — 145— „Vielleicht Fieber,“ ſagte Gabriel entſetzt, ſeine ſchlimmſten Befürchtungen erfüllt zu ſehen, indem er ſich erhob.„Ich habe eine indianiſche Gallen⸗ arznei drüben in der Hütte und will eben hinüber— laufen und ſie holen oder davon herſchicken.“ Und nur an ſeinen Rückzug denkend, würde er ſchamlos entflohen ſein, wenn Sal ihn nicht mit einem Ge— ſicht voll geheimnißvollen Wehs aufgehalten hätte. „Wenn ſie jetzt hieher zurückkäme, Gabriel, und Euch nicht mehr vorfände in dem hinfälligen Zuſtand, in dem ſie ſich befindet— nervös möget Ihr es nennen, denn das iſt es,— ich würde nicht für das Leben des armen Geſchöpfes ſtehen. Wenn ſie denken müßte, daß Ihr fortgegangen wäret nach dem, was ſich heute zwiſchen ihr und Euch zuge— tragen hat,— es würde ſie auf der Stelle um— bringen.“ „Aber was iſt denn zwiſchen uns vorgegangen?“ fragte Gabriel mit einem unbeſtimmten Gefühl von Furcht. „Es iſt nicht meine Sache,“ ſagte die magere Sal mit Erhabenheit,„meine Meinung über das Benehmen Anderer auszuſprechen, oder zu ſagen, was dieß bedeutet, oder was das bedeutet, oder ein Ur— theil über die Beſuche von Leuten bei anderen Leuten zu fällen und über gebrochenes Geſchirr zu reden und über Taſchenkämme“— Gabriel fuhr Bret Harte, Gabriel Conroy. I. 10 — 4146— zuſammen,—„und über Leute, die zu apart und klug ſind, um ihren Mund vor Anderen aufzu⸗ thun! Es iſt nicht meine Sache, aufzuſtehen und zu erklären, daß, wenn eine Frau nur ganz wenig außer Ordnung iſt, und ein Mann geht ſo weit, daß er wie ein Verrückter nach Medizin für ſie fortſturzt,— daß etwas daran iſt, oder was nicht daran iſt. Ich gebe mir nur allein guten Rath und bleibe auf dieſem Wege. Wie oft hat Sue zu mir geſagt:„Wenn es je eine Frau gegeben, die es verſteht, ſich abzuſperren und den Schlüſſel fortzuwerfen, ſo biſt Du das, Sal.“ Und da ſeid Ihr, Maam, und es iſt die höchſte Zeit, einem ein⸗ fachen Dienſtboten, wie mir, das Reden zu legen, während Damen und Herren da ſind, um ſich zu unterhalten.“. Es iſt nicht erſt nöthig, zu ſagen, daß dieſer letztere Theil von Sal's Rede der Wittwe galt, welche in dieſem Augenblick auf der Schwelle des Wohnzimmers erſchien, und zwar in einem neuen Calicokleide, welches ihre rundlichen Formen vor⸗ theilhaft hervorhob, ſowie daß die magere Sal ſich alle Mühe gab, der Wichtigkeit des Schauſpiels durch ein Zurſchautragen geſteigerten Reſpekts für die handelnden Perſonen deſſelben beſondern Nach⸗ druck zu leihen. Ich hoffe, ich dränge mich nicht ſtörend in / — 147— Ihre Unterhaltung,“ ſagte die ſchlaue Wittwe, in— dem ſie mit gefliſſentlicher Bedächtigkeit auf der Schwelle ſtehen blieb.„Wenn Sie und Sal private Dinge miteinander haben,— ſo kann ich warten.“ „Ich denke nicht, daß Gabriel noch irgend etwas zu ſagen hat, was Ihr nicht hören ſolltet, Mrs. Markle,“ ſagte Sal, indem ſie deutlich durchblicken ließ, daß Gabriel ihr eben eine Mittheilung ge— macht, welche Mrs. Markle zu machen er lediglich durch eine zarte Rückſicht verhindert worden ſei. „Es iſt nicht meine Sache, vertrauliche Mittheilungen in Gefühlsangelegenheiten anzuhören.“ Es iſt ſchwer zu ſagen, was Gabriel mehr beunruhigte, die Schlauheit Mrs. Markle's oder die unheimlichen Andeutungen Sal's. Er erhob ſich. Er würde am liebſten geflohen ſein, ſelbſt auf die entſetzliche Möglichkeit hin, Mrs. Markle einem hyſteriſchen Anfall auszuſetzen. Ja, ſelbſt dem gewaltſamen Widerſtand, deſſen er Sal fähig wußte, würde er Trotz geboten haben, wenn nicht das erdrückende Gefühl, daß er bereits hoffnungslos verwickelt ſei und daß ſich doch noch eine Gelegen⸗ heit zur Erklärung bieten möchte, und vielleicht auch der ſinnverwirrende Reiz ſeiner gefährlichen Lage ſeine unſchlüſſigen Schritte dennoch nach Mrs. Markle's Wohnzimmer gelenkt hätte. Mrs. Markle bot ihm einen Stuhl. Er ſank hülflos in ihn nieder, während im Nebengelaß Sal, laut mit ihren Schüſſeln klappernd, in einen ſchrillen Geſang ausbrach, der ſo ſehr dazu angethan war, das zaghafte Pärchen von der abſoluten Un⸗ möglichkeit, in ſeinen zarten Ergüſſen belauſcht zu werden, zu überzeugen, daß Gabriel bis zu den Wurzeln ſeiner Haare erröthete.——— An dieſem Abend kehrte Gabriel von ſeiner Arbeit in der Schlucht ernſter denn gewöhnlich nach Hauſe zurück. Auf Olly's Fragen antwortete er kurz und ausweichend. Indeſſen, es war nun einmal nicht ſeine Art und Weiſe, ſelbſt in Betreff unan⸗ genehmer Dinge unmittheilſam zu bleiben, und Olly wußte ihre Zeit zu wählen. Sie kam dieſes Mal, nachdem das einfache Abendeſſen eingenommen war, — welches, ungleich dem Morgenimbiß, ohne irgend welche mäkelnde Bemerkung ſeitens Gabriel's ge⸗ ſchah,— und als Olly eine kleine Kiſte, ihren Lieblingsſitz, zwiſchen des Bruders Kniee ſchob und ſich mit dem Hinterkopf bequem gegen Gabriel's Weſte lehnte. Als Gabriel ſeine Pfeife an dem einzigen Licht, welches brannte, angezündet hatte, that er zwei oder drei vorläufige Züge und ſagte, die Pfeife wieder aus dem Munde nehmend, freundlich: „Olly, es kann nicht geſchehen.“ „Was kann nicht geſchehen, Gabe?“ fragte die verſchmitzte Olly mit ſchneller Vorausſicht der Ant⸗ 4 6 — — wort und ihren Mund zu einem gedankenvollen Lächeln faltend. „Nun das—“ „Was denn, Gabe?“ „Das Heirathen da der Mrs. Markle,“ ſagte Gabriel, indem er die Miene nichtsſagender, ge— ſchäftsmäßiger Gleichgültigkeit annahm. „Warum?“ fragte Olly. „Sie will mich nicht.“ „Was?“ ſagte Olly, ſich haſtig nach ihm umblickend. Gabriel vermied, ihren Blicken zu begegnen, und in's Feuer ſehend wiederholte er leiſe, aber mit höchſter Beſtimmtheit: „Nein; nicht als— als— als Geſchenk!“ „Sie iſt ein niedriges, auf den Kopf gefallenes, abſcheuliches altes Ding!“ rief Olly wild.„Ich möchte wohl,—— es gibt gar keinen Mann, der ſich mit Dir vergleichen kann, Gabe. Das ſieht ihrer Unverſchämtheit ähnlich.“ Gabriel machte mit ſeiner Pfeife eine beſchwich— tigende Bewegung, aber mit einem ſo unverkenn⸗ baren Ausdruck freudiger Ergebung, daß Olly ihn auf's Neue argwöhniſch anſah und fragte: „Was ſagte ſie?“ „Sie ſagte,“ entgegnete Gabriel leiſe,„daß ihr Herz— einem Andern gehöre. Ich glaube, ſie ward ſogar poetiſch und drückte ſich ſo aus: — 150— „Mein Herz iſt eines Andern, Und nimmer wird es dein's.: So war es, denke ich. Ich erinnere mich nicht ganz genau ihrer Worte,— aber Du weißt, Olly, Frauen ſtoßen bei ſolcher Gelegenheit immer Verſe aus. Genug, ſo kam das Ding zum Schluß.“ „Wer iſt es?“ fragte Olly plötzlich. „Sie ließ nichts davon durchſchimmern,“ ſagte Gabriel nicht ohne Verwirrung.„Und ich denke, es iſt ſehr ſchnurrig, nach ſo etwas zu fragen.“ „Nun“— ſagte Olly.. Gabriel wurde immer verwirrter, er blickte nieder und rutſchte auf ſeinem Stuhl herum. „Nun“— wiederholte er. „Was haſt Du ihr geſagt?“ forſchte Olly. „Nachher?“ „Nein, vorher. Wie fingſt Du es an, Gabe?“ ſagte Olly, bequem ihr Kinn in ihre Hände ſtützend und groß in ihres Bruders Geſicht blickend. „O, auf die gewöhnliche Weiſe,“ ſagte Gabriel mit einer Bewegung ſeiner Pfeife, welche die glän⸗ zenden Nichtigkeiten und Allgemeinheiten des Hof— machens illuſtriren ſollte. „Aber wie? Gabe, ſage mir Alles.“ „Wohl,“ ſagte Gabriel, nach dem Dach empor⸗ blickend.„Im Allgemeinen ſind Frauen verſchämter Natur, und es gibt nur einen Weg, auf dem ein 1„ nz en der — 151— Mann an ſie herankommen kann, das heißt, indem er die Sache möglichſt leicht nimmt und kühn iſt. Und ſo mußt Du wiſſen, Olly, daß ich, das Haus betretend, ſofort Sal unter dem Kinn ſtreichelte,— ſo, Du weißt ſchon, wie,— und dann herauf⸗ ging und meinen Arm um die Taille der Wittwe legte und ſie zwei- oder dreimal küßte, Du weißt ſchon,— gerade genug, um eine gewiſſe Geſelligkeit und Vertrautheit anzudeuten.“ „Und zu denken, daß ſie nach allem dem Dich nicht hat haben wollen, Gabe,“ ſagte Olly. „Um keinen Preis,“ ſagte Gabriel mit Be⸗ ſtimmtheit. „Das widerwärtige Ding!“ rief Olly.„Ich wünſchte wohl, daß Manty hier herum wäre nach allem dem!“ fügte ſie heftig und mit einem grim— migen Schütteln ihrer kleinen Fauſt hinzu.„Und zu denken, daß wir ihr gerade heut erſt die erſte Auswahl unter den kleinen Hunden gelaſſen haben!“ „Still, Olly, Du darfſt das nicht Wort haben,“ ſagte Gabriel haſtig.„Du darfſt Dir gegen Nie⸗ manden etwas merken laſſen. Es iſt Vertrauens⸗ ſache, Olly,— Vertrauensſache, Olly, wie ſolche Dinge es immer ſind,— zwiſchen Dir und mir. Ueberdieß,“ fuhr er gleichgültiger fort,„es iſt ja auch nichts daran. Herr im Himmel, ehe ein Mann dazu kommt, verheirathet zu ſein, hat er durch ſolche Dinge ein Dutzendmal zu gehen. Man muß es erwarten. Da war einmal Einer, den ich kannte,“ ſetzte er mit ſchamloſer Verlogenheit hinzu,„der das fünfzigmal durchgemacht hat, und er war ein beſſerer Mann als ich und konnte einer Frau tauſend Dollars in's Geſicht ſchütteln. Gott ſegne Deine Augen, Olly, aber da gibt es Männer, denen das gerade Spaß macht,— die Aufregung,— es iſt, wie nach Goldlagern ſuchen.“ „Doch, was ſagteſt Du, Gabe, zu ihr?“ fragte Olly, mit erneuter Neugierde zur Hauptſache zurück⸗ kehrend und über die Reize des Korbempfangens, wie Gabriel ſie darſtellte, hinweggehend. „Nun, ich ſagte ihr das offen: Suſan Markle, ſagte ich, der Fall iſt gerade dieſer. Da ſind Olly und ich auf dem Hügel und hier ſind Sie und Manty unten in der Schlucht, und wilde Gebirge und tiefe Thäler ſcheiden zwei liebende Herzen, und es liegt gar kein Grund vor, warum es nicht eine Familie und ein Haus und dieſes Haus das meinige ſein ſollte. Es hängt nur von Ihnen ab, zu ſagen, wann es ſein ſoll. Und dann wurde ich etwas poetiſcher und ſpielte mit dem Ring da,“ ſagte Gabriel, indem er auf einen ſchweren einfachen Goldring an ſeinem rieſigen kleinen Finger zeigte,„und küßte ſie ſofort wieder und ſtreichelte Sal von Neuem unterm Kinn. Und das iſt Alles“ b — 153— „Und ſie wollte Dich nicht haben, Gabe?“ ſagte Olly gedankenvoll.„Nach allem dem? Nun, — wer möchte ſie denn haben? Ich nicht!“ „Ich bin froh, das von Dir zu hören, Olly,“ ſagte Gabriel.„Aber Du darfſt ſie kein Wort davon merken laſſen. Sie ſpricht davon, auf den Hügel zu kommen und hier zu bauen, und möchte den Theil meines alten Grundes, wo ich im letzten Sommer nachgegraben habe, kaufen, ſo daß ſie uns nahe wäre und nach Dir ſehen könnte. Und, Olly,“ ſetzte er ernſt hinzu,„wenn ſie kommt und hier herum ihre Witze mit mir treibt, Du mußt Dich nicht drum kümmern,—'s iſt Weiberart ſo.“ „Ich möchte ſie wohl dabei erwiſchen!“ rief Olly. Gabriel blickte auf Olly mit ſchuldbewußter Genugthuung und zog ſie zu ſich heran. „Und jetzt, da Alles vorüber iſt, iſt es beſſer, daß es ſo iſt. Du und ich,— wir werden ſo hübſch miteinander fortkommen wie nur möglich. Ich ſprach vor ein paar Tagen mit den Leuten darüber, nach Marysville um eine Schulmarm*) zu ſchicken, und Mrs. Markle meint, es ſei ein guter Gedanke. Und ſo ſollſt Du zur Schule, Olly. Ich will ſelbſt nächſte Woche nach Marys⸗ *) Schoolmarm, Bezeichnung für eine Lehrerin. — 154— ville hinauf und Dir beſſere Kleider bringen, und wir werden ſo glücklich ſein wie nur je. Und dann, eines Tages, merkſt,— denn ſolche Dinge kommen immer plötz⸗ lich,— werde ich auf den Schatz in jenem Boden ſtoßen, und wir werden reich ſein. Es iſt Gold da drin, Olly, ich bin immer davon überzeugt ge⸗ weſen. Und dann wollen wir,— Du und ich,— nach San Franzisko gehen und dort ein großes Haus machen. Und ich werde Dir ganze Haufen kleine Mädchen einladen, mit Dir zu ſpielen, und Du wirſt alle Lehrer haben, welche Du brauchſt, und genug Frauen, die nach Dir ſehen werden. Und wer weiß, vielleicht macht ſich's bis dahin auch mit Mrs. Markle—“ „Niemals!“ rief Olly leidenſchaftlich. „Niemals, das gilt!“ ſagte der heuchleriſche Gabriel mit einem Strahl der Freude in ſeinen Augen und einem leichten Gewiſſensbiß in ſeiner Bruſt.„Aber nun iſt es wirklich Zeit, daß kleine Mädchen, wie Du, zu Bett gehen.“ Auf dieſe Ermahnung hin zog ſich Olly hinter die Leinwand zurück, indem ſie das einzige Licht mit ſich nahm und ihren Bruder ſeine Pfeife beim Schein des langſam erlöſchenden Feuers ausrauchen ließ. Aber ſchlafen ging ſie darum noch nicht. Eine halbe Stunde ſpäter blickte ſie durch den Olly, bevor Du etwas davon —ͦ—ꝛx;— —.— — — 155— Ausſchnitt und ſah ihren Bruder beim Feuer ſitzen mit ausgegangener Pfeife und den Kopf auf die Hand geſtützt. Sie ging leiſe zu ihm herüber und ſchreckte ihn auf, indem ſie unter einem Tropfen Waſſer zuſammenfuhr, welcher ihr auf die Hand fiel, mit der ſie ihn umſchlang. „Du kränkſt Dich doch nicht über die— Frau, Gabe?“ fragte ſie. „Nein,“ ſagte Gabriel auflachend. Olly ſah auf ihre Hand herab. Gabriel ſah zum Dach empor. „Dort iſt eine Spalte, die morgen verſtopft werden muß. Gehe zu Bett, Olly, oder Du ſchwatzſt Dir den Tod an den Hals!“ — —— — Dreizehntes Mapitel, in welchem Gabriel's Verſchlagenheit zu Tage kommt. Angeachtet der Gleichgültigkeit, welche er heuchelte, und einer gewiſſen Erleichterung, die echt war, war Gabriel weit davon entfernt, von dem Ergebniß ſeines Beſuches bei Mrs. Markle erbaut zu ſein. Was immer auch in Wirklichkeit geſchehen war, und wovon der Leſer mit Ausnahme deſſen, was Gabriel ſelbſt Olly mitgetheilt, nichts weiß, ſtimmte Gabriel's Benehmen kaum mit der Feſtigkeit und Beſtimmtheit jener Mittheilungen überein. Einen oder zwei Tage hindurch nahm er jede Anſpielung von Seiten Olly's auf die Angelegenheit übel auf. Am dritten Tage jedoch hatte er ein Geſpräch mit einem der Goldgräber von Eureka Bar, welches mit ſeinen Erlebniſſen in einem entfernten Zu⸗ ſammenhang zu ſtehen ſchien. „Da iſt neuerdings,“ begann Gabriel vorſichtig, unt. — 157— „in den Zeitungen Allerlei von Prozeſſen wegen gebrochener Eheverſprechen zu leſen. Wenn man's recht und ſchlecht betrachtet, iſt nicht viel Hoffnung für einen Burſchen, der einmal irgendwie freundlich gegen ein Mädchen geweſen iſt. Nicht ſo?“ Das angeredete Individuum, von dem das Ge⸗ rücht wiſſen wollte, daß es One Horſe Gulch als Zuflucht vor einer unliebſamen Ehehälfte aufgeſucht habe, entgegnete mit einem Schwur, daß die Weiber auf jeden Fall nichts als Närrinnen ſeien und daß ihnen nach allgemeinen Grundſätzen nicht zu trauen ſei. „Aber da muß doch in dieſer Sache ein ge⸗ wiſſes allgemein geltendes Geſetz beſtehen,“ forſchte Gabriel weiter.„Was wäre z. B. Eure Meinung, wenn Ihr in einem Falle wie dieſem in der Jury ſäßet? Die Geſchichte iſt einem Freund von mir in Frisco begegnet,“ ſchaltete er mit Betonung ein, „einem Manne, den Ihr kennen ſolltet. Es war da eine Frau— ſagen wir einmal eine Wittwe—, die zwei oder drei Jahre lang ſcharf hinter ihm her war und er hatte ihr nie etwas von Heirathen angedeutet. Eines Tages geht er nach ihrem Hauſe hinunter, ganz arglos, um ein paar Stunden zu verplaudern und geſellig zu ſein—“ „Das iſt ſchlimm,“ unterbrach ihn der Andere cyniſch. „Ja,“ ſagte Gabriel bedenklichen Tones.„Es ſieht vielleicht ſchlimm aus, aber Ihr ſeht doch, daß er gar nichts damit meinte.“ „Nun?“ fragte der Rathgeber. „Nun— das war Alles,“ ſagte Gabriel. „Alles!“ rief der Andere unwillig. „Ja, Alles. Und jetzt zeigt ihm die Frau an, daß ſie ihm einen Prozeß anhängen will, ſie zu heirathen.“ „Meine Anſicht iſt,“ ſagte der Befragte derb, „daß der Mann ein verd— Narr war und noch dazu Euch nicht die Wahrheit geſagt hat, und daß ich gegen ihn klagbar geworden wäre, weil er ſolch' ein Narr war.“ Dieſe Entſcheidung war ſür Gabriel ſo ver⸗ nichtend, daß er hoffnungslos von dannen ging. Dennoch konnte er in dem Seelenzuſtand, in dem er ſich befand, nicht umhin, weitere Nachforſchungen anzuſtellen, und ſo brachte er denn im Lauf einer allgemeinen Unterhaltung, welche am Nachmittag in Brigg's Laden ſtattfand, inmitten einer Gruppe von Rauchern geſchickt das Thema vom Hofmachen und Heirathen auf's Tapet. „Es ſind da verſchiedene Wege zu den Gefühlen einer Frau,“ ſagte der orakelhafte Johnſon, nach⸗ dem er eine anſchauliche Beſchreibung ſeiner eigenen Methode, die Herzen früherer Geliebten zu gewin⸗ — 150— nen, gegeben hatte.„ECbenſo verſchiedene Wege, wie es verſchiedene Männer und Frauen in der Welt gibt. Die Weiſe des Einen würde bei dieſer und jener Frau nicht angebracht ſein. Aber einen Weg gibt's doch, auf dem man ſo ziemlich ſicher ſein kann, ſie Alle zu fangen. Das iſt: den Gleich⸗ gültigen zu ſpielen— nie durchſcheinen zu laſſen, daß man ſie gerne hat. In einer gewiſſen allge⸗ meinen und gleichmäßigen Weiſe nach ihnen zu ſehen— ſo etwa, wie Gabe da nach ſeinen Kranken ſieht— aber nie etwas Beſonderes zu ſagen. Ihnen zu verſtehen zu geben, daß alles Hofmachen, wenn es überhaupt welches geben ſoll, von ihnen beſorgt werden muß. Was gibt's, Gabriel,— Ihr geht ſchon?“ Gabriel, der in großem Unbehagen aufgeſtanden war, murmelte etwas von„Zeit, nach Hauſe zu gehen“, ſetzte ſich aber wieder nieder und blickte, von einer Art unheimlichen Banns befangen, nach Johnſon hinüber. „Das iſt das Mittel, mit dem man hübſch ſicher ſein kann, jede Frau zu fangen,“ fuhr John⸗ ſon fort.„Und einem Manne, der es anwendet, ſollte auf die Finger geſehen werden. Es ſollte geſetzlich etwas dagegen geſchehen. Es iſt, wie ihr ſeht, ein Spiel mit den heiligſten Gefühlen, und ſolch' ein Menſch ſollte, wo man ihn findet, gekennzeichnet werden.“ „Aber kann es denn nicht ſein, daß der Mann gar nichts damit meint,— daß das nun einmal ſo ſeine Art und Weiſe iſt?“ warf Gabriel, kläglich umherblickend, ein.„Vielleicht hält er nichts von den Frauen und findet das Heirathen nicht natür⸗ lich, und das Ganze iſt nun einmal ſo ſeine Art.“ „Er ſoll auffliegen!“ rief der jähzornige John⸗ ſon aufflammend.„Nur in den Käfig mit ihm— wahrhaftig! Gerade das iſt die verſchlagenſte Art von Verſchlagenheit. Es iſt Betteln mit vollen Händen!“ Gabriel erhob ſich langſam und wendete ſich, jedem Verſuch, ihn länger aufzuhalten, widerſtehend, der Thüre zu, worauf er, mit einer Bemerkung über die drohende Beſchaffenheit des Wetters, die darauf berechnet war, die Anweſenden von ſeiner vollkommenen Gleichgültigkeit gegen das eben den Geſprächsgegenſtand bildende Thema zu überzeugen, in dem ſtrömenden Regen verſchwand, welcher wäh⸗ rend des ganzen Tages One Horſe Gulch über⸗ ſchwemmt hatte und die eine lange Straße des Ortes in einen breiten Graben voll wirbelnden gelben Waſſers verwandelte. „Der Gabe da ſcheint heute nicht in Ordnung zu ſein,“ ſagte Johnſon.„Ich hörte dieſen Mor⸗ gen Advokat Maxwell nach ihm fragen, und denke, da iſt was los. Gabe iſt kein unrechter Burſch. Er hat nicht gar zu viel Lebensart, aber er iſt ein — 164— ſehr guter Kerl, wenn's drauf ankommt, nach den Kranken zu ſehen, und ſolche Leute ſind von gewaltigem Nutzen in einem Lager wie dieſes. Ich hoffe, es iſt da nicht etwa'was, das dieſem nütz⸗ lichen Beruf ein Ende machen würde.“ „'s mag eine Frauenzimmergeſchichte ſein,“ meinte Briggs.„Er ſchien nicht wenig intereſſirt bei dem, was Ihr da gerade über den Gegenſtand ſagtet. Es gibt Leute hier herum,“ fuhr er fort, ſich vorſichtig umblickend und ſeine Stimme dämpfend, „die überzeugt ſind, daß die Olly, welche er für ſeine Schweſter ausgibt, in Wirklichkeit ſein Kind ſei. Kein Menſch würde ſolches Weſen aus einem Kinde machen und ſich ganz und gar dafür auf⸗ opfern und ſeinetwegen Frauen, Whisky, Karten und Geſellſchaft an den Nagel hängen, wenn es nicht ſein eigenes wäre. Das ſieht den Leuten in dieſem Theile des Landes nicht gleich.“ „'s iſt eine ſehr verzwickte Geſchichte auf jeden Fall, die er da erzählt— all' das Gefabel vom Hungerlager und ſeiner Flucht aus demſelben,“ warf ein Anderer ein.„Ich habe mich nie mit dergleichen fangen laſſen.“ „Es iſt ſeine eigene Sache,“ ſagte Johnſon, die Unterhaltung ſchließend.„Mich geht's auch nicht ſo viel an. Wenn ich ihm dienen kann, indem ich ihn auf Kranke aufmerkſam mache und ihm hin Bret Harte, Gabriel Conroy. I. 11 — 162— und wieder einen Wink gebe, wie er nach ihnen zu ſehen hat, ſo ſoll er mich ſtets dazu bereit finden. Im Uebrigen habe ich nichts damit zu ſchaffen, wenn er ſich in Schwierigkeiten hineinge⸗ rannt hat.“ „Und ich bin ſicher,“ ſetzte Briggs hinzu,„daß Niemand eine Verantwortlichkeit für ſeinen morali⸗ ſchen Charakter von mir verlangen wird, weil ich ihm geſtattete, hieherzukommen und nach dem kranken Mexikaner zu ſehen.“ Hier ſchnitt der Eintritt eines neuen Kunden die weiteren Erörterungen ab. Unterdeſſen hatte der unglückliche Gegenſtand dieſer Diskuſſion, indem er ſich dicht an den Häu— ſern hin hielt, den ſcharfen vom Berge hernieder⸗ wehenden Wind vermieden und endlich den kleinen Pfad erreicht, welcher durch die Schlucht hinweg nach ſeiner Hütte am entgegengeſetzten Hügelabhang führte. Hier machte Gabriel Halt. Wenn er dem Pfade folgte, mußte er hinter dem Koſthauſe der Mrs. Markle vorbei. Unter dem Eindruck der ver⸗ hängnißvollen Aufklärungen, die er ſoeben empfangen, konnte es ihm nicht anders, denn als eine Heraus⸗ forderung des Schickſals erſcheinen, wenn er ſchon ſo bald auf's Neue der Gefahr in den Rachen lief. Daß die Wittwe und Sal über ihn herfallen und ihn zum Eintritt in das Haus nöthigen würden, oder hnen ereit zu nge⸗ daß rali⸗ lich nken nden ſtand Häͤu⸗ eder⸗ einen uweg hang dem e der ver⸗ ugen, aué- ſchon lief. — — 163— daß ſein Vorübergehen ohne Beſuch die Wittwe ſo⸗ fort ihren hyſteriſchen Zuſtänden überliefern müßte: das ſchien ſeiner ſchreckerfüllten Phantaſie ſo gut wie gewiß zu ſein. Der einzige andere Weg, der nach ſeiner Hütte führte, war ein mindeſtens drei Meilen weiter Umweg, welcher ſich längs des Hügelkammes hinzog. Gabriel beſann ſich nicht lange, ſondern begann ſofort den Hügel emporzuklimmen. Es war dieß keine leichte Arbeit mit einem wüthenden Nordweſtwind im Geſicht und inmitten von Strömen niederpeitſchenden Regens, aber der ſiegreiche Kampf ſeiner Alles überwindenden Mus⸗ keln gegen die feindlichen Naturmächte und der Um⸗ ſtand, daß er etwas that, verſcheuchte ſeine alber— nen Schrecken. Als er auf dem Kamm angekom⸗ men war, wurde er zum erſten Mal die volle Wir— kung jener unmerkbaren Gewalten gewahr, welche während des ununterbrochenen Regens der letzten Woche an ihrem Werk geweſen waren. Ein dünnes, ſickerndes Rinnſal, aus dem er vor zwei Wochen auf einem mit Olly unternommenen Ausfluge ſeinen Durſt gelöſcht hatte, war jetzt in einen brauſenden Katarakt verwandelt. Der Bach, über den ſie hin⸗ weggeſprungen waren, war zum angeſchwollenen Fluß geworden. In den Thälern ſtanden Pfützen, die mehr und mehr an Umfang zunahmen, auf den fernen Ebenen zeigten ſich dunkel glänzende Flächen t — 1464— ſtehenden Gewäſſers und die Luft war von einem eintönigen Geräuſch rinnender und gurgelnder Flut erfüllt. Es war eine halbe Stunde ſpäter und zwei Meilen weiter hin, daß er auf ſeinem rauhen Wege angeſichts des von ſteilen Wänden eingefaßten, ganz engen Schlundes anlangte, welchen die Wingdam⸗ Poſtkutſche auf ihrem Wege nach Marysville zu paſſiren hatte. Als er näher kam, bemerkte er, daß das kleine Gebirgswaſſer, welches dem Wege entlang lief, bereits über die Ränder des letztern zu treten begonnen, ja daß hie und da der Weg ſelbſt unter Waſſer ſtand.„Es wird ein hübſches Stück Arbeit ſein, das Canon da hinaufzufahren,“ ſagte Gabriel bei ſich, indem er der nahezu fälligen Wingdam⸗ Poſt gedachte.„Ein Stück ſehr unangenehmer Arbeit für einen ängſtlichen Kutſcher! Aber es gibt Dinge in dieſer Welt, die noch ſchlimmer ſind,“ fügte er nachdenklich hinzu, indem ſeine Gedanken zu Mrs. Markle zurückkehrten.„Und wenn ich mit Dir tauſchen könnte, Duba Bill, und mich auf Deinen Poſtkutſchenbock und Olly in die Kutſche da hineinſetzen könnte, ich thäte es ſofort!“ In dieſem Augenblick kam das Reſervoir des Wingdam⸗Mühlenbachs in ſeinen Geſichtskreis und mit ihm eine Entdeckung, die ihn im Nu Mrs. Markle vergeſſen ließ und des Mannes ganzes — 1 — 165— nen Weſen mit einem Schlag umzuwandeln ſchien. Was Jlut war es? Offenbar kaum etwas für das Auge des gewöhnlichen Wanderers. Das Waſſer ſtand wei bis zum Rande des Dammes, und durch eine in den— dege ſelben gewaſchene Rinne ſchoß das überflüſſige mit ganz Brauſen in's Freie. Nichts als das? Doch— durch am⸗ das hinausſchießende Waſſer wurde die Maſſe hinter zu dem Damm in nichts vermindert. War das Alles? daß Nein! eine halbe Wegſtrecke weiter unten zeigte ſich ang an dem roh aus Lehm zuſammengeworfenen Damm. eten eine Stelle, wo das Waſſer durch einen ſich all— nter mälig erweiternden Spalt langſam hindurchdrang ebeit und auf die darunter befindlichen Felſen und die priel 1 noch tiefere Fahrſtraße abfloß. Der Damm des am⸗ Mühlenbachs war im Begriff zu brechen! mer 3 Den Rock und alles Hinderliche abzuwerfen, 65 von Fels zu Fels, von Stein zu Stein zu ſpringen, nd,“ ſich bald an ſchlüpfriges Rankenwerk, bald an nken morſche Baumwurzeln haltend, mit Lebens- und ch Leibesgefahr das untere Ende des Canon zu er⸗ auf reichen und dann mit Aufgebot aller Kraft zu lau⸗ da fen, um die herannahende Poſtkutſche von der Ge⸗ fahr zu benachrichtigen, ehe ſie in die enge Schlucht des ſelbſt eingelenkt— das Alles zu beſchließen und aus— und zuführen war nur, was von einem braven Mann ſers zu erwarten war. Aber alles dieß zu thun ohne . das geringſte Verſchwenden von Kraft, deren Ver⸗ — 166— brauch nicht dringend geboten war, es zu thun mit der größten Erſparniß von Anſtrengung, es zu thun mit der Behendigkeit und dem Geſchick eines Bergſteigers und der geſetzten Unwiderſtehlichkeit eines Rieſen, und es zu thun mit ſo einfacher, unmittelbarer und keinen Moment ſäumender Ent⸗ ſchloſſenheit, daß die aus ihr entſpringende Hand⸗ lung tagelang vorher vorbereitet und eingeübt ſchien, ſtatt die Eingebung eines Moments zu ſein— alles dieſes konnte nur Gabriel Conroy! Und hättet ihr ihn ſehen können, wie er in ſeinen langen, ſchwingenden Trab verfiel, und zugleich ſein ruhi— ges, feierliches, ernſtes, aber von jeder Aufregung freies Geſicht und ſein feſtes, ſtetes Auge beobachten können: ihr würdet ihn für einen von Geſundheit ſtrotzenden Rieſen genommen haben, der einfach eine gymnaſtiſche Uebung anſtellte. Er war in dieſer Weiſe noch keine halbe Meile vorwärts gekommen, als ſein ſcharfes Ohr das dumpfe Getön vorandringenden Waſſers auffing. Aber ſelbſt jetzt beſchleunigte er ſeinen ſtetig aus⸗— holenden Schritt nur um ein Geringes, als ſei es der Ueberwacher ſeiner Uebungen, der ihn anſporne und unterweiſe, und nicht der Tod, der ihm auf den Ferſen ſaß. In demſelben Augenblick wurde ein plötzliches Klirren und Schellenklingeln in dem Wege oberhalb vernehmbar. Gleich darauf erfolgte ein jähes mit zu ines hkeit ceer, Ent⸗ and⸗ hien, alles ättet gen, ruhi⸗ gung chten dheit eine Reile das ———;—x—xxx—— ᷣ--—. 3— — 16ʃ— Halten und Zurückprallen von Pferden und Wagen auf Gabriel's Warnungsſchrei hin, der, einer Kugel gleich, vor ihm her geflogen war. Aber es war zu ſpät. Schon erreichte ihn das hinter ihm ſich heranwälzende Waſſer und riß ihn mit ſich fort, um im nächſten Augenblick die Poſtkutſche und die Pferde zu erfaſſen und das Ganze als einen ver⸗ wirrten, kämpfenden, ſchwarzen Knäuel gegen die felſigen Wände des Canon zu ſchleudern. Und nun ſollte es geſchehen, daß die ungeheure, von Gabriel aufgeſparte Kraft zu ihrer Verwendung gelangen ſollte! Von der faſt unwiderſtehlichen Waſſermaſſe vorangeſtoßen, verſchwendete er keine Anſtrengung in unnützem Widerſtande, ſondern ließ ſich will⸗ kürlich hier und dort hin ſchwemmen, bis es ihm ge⸗ lang, eine über die Canonwand herniederhängende wilde Rebe zu ergreifen. Mit plötzlichem und mäch⸗ tigem Griff ſich daran feſthaltend, erhob er ſich halb über die Strömung und Wirbel der kochenden Flut. Die Poſtkutſche war fort. Wo ſie geweſen, waren nur ein paar dunkle, kämpfende, im Kreiſe umherwirbelnde, auf und nieder tauchende Geſtalten ſichtbar. Eine davon war eine Frau. Im Augen⸗ blick tauchte Gabriel auf's Neue in das gelbe Meer. Zwei⸗, dreimal mit den Armen ausgrei⸗ fend, war er ihr zur Seite. Im nächſten Augen⸗ blick umfaßte er mit ſeinem kraftſtrotzenden Arm — 168— ihre Taille und hob ihr Haupt über die Strömung empor, als er von der andern Seite her von zwei verzweifelnden Armen gefaßt wurde. Gabriel ſchüt⸗ telte dieſelben nicht ab. „Packt mich tiefer und ich will euch Beiden helfen,“ ſchrie er, indem er mit der einen ihm frei gebliebenen Hand auf's Neue nach der wilden Rebe griff. Er bekam ſie zu faſſen und ſchnellte ſich ſoweit empor, daß er ſie mit den Zähnen packen konnte, und ſo nur an ſeinen Kinnbacken hängend, hob er die an ihn feſtgeſchmiegten Ge⸗ fährten empor. Kaum hatte er die Rebe ergriffen, als ein neues, unheilverkündendes Rauſchen hör⸗ bar wurde und eine zweite Maſſe gelben Waſ⸗ ſers mit raſender Schnelle das Canon entlang ſchoß. Die Rebe begann dem Gewicht an ihr nach⸗ zugeben. Gabriel grub ſeine Finger in das ihre Wurzeln umgebende Erdreich, krallte ſich an die zackigen Ecken des darunter befindlichen Felſens an und ſchlang ſeinen Arm ſo um die Frau, daß er ſie feſt gegen die Canonwand drückte. Als die neue Flut über ſie hinwegſchoß, erklang plötzlich ein Schrei der Verzweiflung, dann ein Klatſchen in's Waſſer— und der Mann war verſchwunden. Nur Gabriel und die Frau waren geblieben. Sie waren geborgen, aber nur für einen Augen— blick. Gabriel's linke Hand, welche ſich an einen nung zwei hüt⸗ iden frei [den — õõͤͤͤͤ — — 169— nichts weniger als feſten Vorſprung feſtklammerte, war Alles, was dieſe Doppellaſt zu tragen hatte. Zum erſten Mal ſah Gabriel auf die Frau hernieder. Dann ſagte er zögernd:„Können Sie ſich eine Minute allein halten?“ „Ja!“ Selbſt in dieſem Augenblick der Gefahr durch⸗ bebte ihn ein gewiſſer ſüßer Klang ihrer Stimme. „Schließen Sie Ihre Hände feſt und ſchlingen Sie ſie dann über meinem Nacken zuſammen.“ Sie that es. Gabriel machte ſeine rechte Hand frei. Er fühlte kaum das Gewicht, das ſich ſo plötzlich ſeinen Schultern angehängt hatte, ſondern taſtete vorſichtig nach einem weitern Vorſprung in dem Felſen über ihm. Er fand einen ſolchen und ſchnellte ſich mit einer äußerſten Anſtrengung in die Höhe, bis er für ſeinen Fuß einen Halt in der von der entwurzelten Rebe hinter⸗ laſſenen Aushöhlung gewonnen. Hierauf hielt er inne. „Können Sie ſich noch eine Minute länger feſt— halten?“ „Vorwärts!“ ſagte ſie. Gabriel arbeitete weiter. Er fand einen andern Vorſprung und noch einen, bis er endlich eine kleine Plattform von etwa eines Fußes Breite nahe der Kante des Felſens erreichte. Hier hielt er auf's 170— Neue inne. Die Reihe zu ſprechen war jetzt an der Frau. „Können Sie noch bis zur Kante emporklim⸗ men?“ fragte ſie. „Ja— wenn Sie—“ „Vorwärts,“ ſagte ſie einfach. Gabriel ſetzte ſeine Kletterarbeit vorſichtig fort. In ein paar Augenblicken hatte er den Gipfel er⸗ reicht. Hier ließen ihre Hände plötzlich los, ſie wäre zu Boden geſunken, hätte Gabriel ſie nicht um die Taille gefaßt, ſie in ſeinen Armen empor⸗ gehoben und nach einer Stelle getragen, wo ein geſtürzter Föhrenbaum den feuchten Grund mit ſeinen entfärbten Nadeln überſtreut und gepolſtert hatte. Hier legte er ſie mit jener Vorſicht und jenem zarten Handgriff nieder, der ihm in der Behandlung aller Hülfloſigkeit ſo zur Gewohnheit geworden war, daß er kaum noch etwas davon wußte. Sie aber dankte ihm mit einem Lächeln, welches in ſo anmuthiger Weiſe ihre weißen Zähne enthüllte und mit einem ſo eigenen Blick ihrer dunkelgrauen Augen, daß er nicht umhin konnte, ſie auf's Neue zu betrachten. Es war eine zarte Frau mit hellen Haaren, ge⸗ ſchmackvoll und ſauber gekleidet und einer ihm unbekannten Klaſſe und Nationalität angehörend. Wäre ihr Lächeln nicht geweſen, er würde ſie kaum für hübſch gehalten haben. Aber trotz dieſes Lä⸗ — 171— t an chelns in ihrem Antlitz wurde ſie plötzlich bleich und ſank in Ohnmacht. klim⸗ Im ſelben Augenblick hörte Gabriel den Ton von Stimmen und ſah, aufblickend, zwei der Poſt⸗ kutſchenpaſſagiere, welche ſich offenbar durch Er⸗ kletterung des Felſens gerettet hatten, auf ſich zu⸗ fort. kommen. Und dann— ich weiß nicht, wie es ge⸗ e er⸗ ſchah— überfiel ihn ein plötzliches und erſchrecken⸗ ſiie des Bewußtſein ſeiner ſeltſamen und zweideutigen nicht Situation. Was würden ſie von derſelben denken? npor⸗ Würden ſie ſeinen Angaben Glauben ſchenken? o ein.. Eine peinvolle Erinnerung an⸗ die letzte Unterhal— ſeinen tung bei Briggs überkam ihn. Vor ihm tauchten hatte. 1 die entrüſteten Geſichter der magern Sal und der arten ſtattlichen Mrs. Markle auf. Selbſt die forſchen⸗ aller den Blicke der kleinen Olly ſchienen das Innerſte daß ſeiner Seele zu durchdringen, und ach— dieſer dankte Held, dieſer ſiegreiche Rieſe ſprang auf— und hiiger entfloh! einem aß er——— ſchten. , ge⸗ im örend. egum — Uierzehntes Kapitel. Einfalt gegen Schlanheit. Als Gabriel ſeine Hütte erreichte, war es be⸗ reits dunkel geworden und Olly wartete ungeduldig auf ihn. „Du biſt durch und durch naß, Du abſcheu⸗ licher Gabe und obendrein noch mit Schmutz bedeckt. Geh' und wechsle Deine Kleider oder es wird Dein Tod ſein, ſo ſicher Du als Sünder geboren biſt.“ Der Ton und die Art und Weiſe, in der dieß geſprochen wurde, waren nicht die bei Olly gewöhn⸗ lichen. Aber Gabriel war viel zu froh, weiteren Fragen zu entgehen, um ſich auf eine Kritik oder eine Zurückweiſung einzulaſſen. Als er jedoch in trockenen Kleidern auf's Neue hinter dem Leinwand⸗ vorhang hervortrat, war er nicht wenig erſtaunt, bei dem Schein des eben angezündeten Lichtes die 3 be⸗ uldig ſcheu⸗ ꝛdeckt. wird boren — 173— Wahrnehmung zu machen, daß Olly ſelbſt in ihrer äußern Erſcheinung eine entſchiedene Veränderung erfahren. Abgeſehen von einer ungewöhnlichen Sau— berkeit des Geſichts und der Hände und einem ge⸗ wiſſen, mit Hülfe eines roſa Bandes bewerkſtellig⸗ ten Bändigungsverſuche ihrer gelben Locken, zeigte ſich eine ungewohnte Nettigkeit in ihrem Anzug und das Bemühen, ſich zu putzen, in der An⸗ bringung eines zerfaſerten Spitzenkragens, den ſie unter den Sachen ihrer Mutter im Familien⸗ ſchatz gefunden, und eines veilchenfarbenen Hals⸗ bandes. „Es ſcheint mir,“ ſagte der entzückte Gabriel, „daß hier Jemand anders das Anziehen und Toi— lettemachen beſorgt hat, ſeit ich fort war. Biſt Du wieder in den Gräbereien geweſen, Olly?“ „Nein,“ ſagte Olly mit einer gewiſſen Würde in der Haltung, während ſie ſich mit der An⸗ richtung des Tiſches für das Abendeſſen beſchäf⸗ tigte. „Aber ich meine, ich hätte Dich nie vorher ſo apart geſehen, Olly. Wer iſt hier geweſen?“ ſetzte er in plötzlicher Unruhe hinzu. „Niemand,“ entgegnete Olly.„Ich denke, es gibt Leute, die ganz gut ihre Sache machen und anſtändig ausſehen können ohne die Hülfe anderer Leute, wenigſtens ſolcher wie Suſan Markle.“ — 174— Gabriel zuckte unter dieſem gefiederten Pfeil leicht zuſammen. „Sieh' hier, Olly,“ ſagte er,„Du mußt es mit dieſer Frau nicht ſo machen. Du biſt nur ein Kind, und wenn Dein Bruder gewiſſe Dinge, wie ſie ein Bruder zu ſeiner Schweſter wohl ſagen mag, im Vertrauen beſpricht, ſo ſollſt Du nichts davon weiterbringen.“ „Nichts davon weiterbringen,“ wiederholte Olly grimmig.„Glaubſt Du, ich hätte je etwas gegen die Frau geäußert? Fange mich!“ Gabriel blickte in ſchmerzlicher Bewunderung zu ſeiner Schweſter auf und fühlte im Grunde ſeiner von Gewiſſensbiſſen gepeinigten und hülfs⸗ bedürftigen Seele, wie wenig er einen ſo tapfern kleinen Vertheidiger verdiente. Für einen Augen— blick war er entſchloſſen, ihr die ganze Wahrheit zu beichten. Aber Furcht vor des Kindes Zorn und das Verlangen, ſich im Licht ihrer werkthätigen Sympathie weiter zu ſonnen, hielt ihn davon zu⸗ rück.„Ueberdieß,“ ſo ſagte er in plötzlichem, ſich blitzgleich in ihm regenden Stolz zu ſich ſelbſt,— „überdieß mag das Alles da des Mädchens eigenes Werk ſein. Schau' auf den Kragen da, Gabriel! Schau' auf das Haar da, Gabriel! All' dein Beichten würde aus dem hübſchen Kinde nicht das machen können, was das bischen Band da aus ihm gemacht.“ wie mag, avon. Olly egen rung unde ülfs⸗ pfern gen⸗ ſcheit Zoru tigen — —-— 175— Nichtsdeſtoweniger hatte Gabriel, während er ſeinem Nachteſſen ſaß, keine Ruhe vor dem Spuk jener unheilverkündenden Belehrungen und Aufklärungen, die er an dieſem Tage gehört. Als Olly ihre Mahlzeit beendet,— er hatte bemerkt, daß ſie, offenbar mit höchſter Selbſtüberwindung, es über ſich vermocht hatte, die Pfanne nicht mit ihrem Brod auszuſcheuern,— wandte er ſich ernſt zu ihr. „Wenn Du je gefragt würdeſt, ob ich Mrs. Markle Liebkoſungen erwieſen hätte,— was würdeſt Du ſagen?“ „Sagen?“ rief Olly auflodernd.„Ich würde ſagen, daß, wenn jemals eine Frau hinter einem Mann ohne alles Recht, dieß zu thun, herge⸗ laufen iſt,— dieſe Mrs. Markle,— dieſe nämliche alte, widerliche Suſan Markle es gethan hat. Das iſt's, was ich ſagen würde,— und ich würde es ihr in's Geſicht ſagen. Gabe— ſieh' hier—“ „Wohl,“ ſagte Gabe erfreut. „Wenn dieſe Schoolmarm da herkommt,— mache Dich ſogleich an ſie.“ „Olly!“ rie Gabriel erſchreckt. „Du machſt Dich gleich an ſie. Du thuſt ihr gegenüber ſofort, was Du Suſan Markle gegen⸗ über gethan. Und thuſt es, Gabe, wenn irgend möglich, gerade dann,— wenn Mrs. Markle da 176 herum iſt,— oder vor der kleinen Manty,— ſie wird ſchon gehen und es ihrer Mutter erzählen,— ſie erzählt ihr Alles. Ich habe gehört, Gabe, daß manche von dieſen Schoolmarms hübſch ſind.“ In ſeinem Verlangen, Olly irgend einen Ge⸗ fallen zu thun, würde Gabriel ihr jetzt die Ge⸗ ſchichte ſeines Abenteuers im Canon mitgetheilt haben. Aber eine unbeſtimmte Furcht, daß ſie ſo⸗ fort von ihm verlangt haben würde, daß er Hand und Herz der von ihm geretteten Frau anbieten ſolle, verſchloß ihm den Mund. Im nächſten Augen⸗ blick klopfte es an die Thüre. „Ich vergaß Dir zu ſagen, Gabe, daß Advokat Mayxwell heute hier war, um Dich zu ſehen,“ ſagte Olly,„und ich wette, er iſt an der Thüre. Wenn er von Dir haben will, daß Du Jemanden pflegen ſollſt, ſo thu' es nicht. Du haſt genug zu thun, nach mir zu ſehen.“ Mit verwirrtem Geſicht erhob ſich Gabriel und öffnete die Thür. Ein großer dunkler Mann mit ſtarkem, dicht mit Grau untermiſchtem Bart trat ein. Es lag etwas in ſeinem Auftreten und ſeinem Anzug, das, wie ſehr Beides auch mit den An⸗ ſchauungen und Gewohnheiten des Ortes überein- ſtimmte, doch einen Mann erkennen ließ, der etwas über dem Durchſchnittsmenſchen von One Horſe Gulch ſtand. Unähnlich Gabriel's früherem Abend⸗ ſie — daß Ge⸗ beſuch ſpähte er nicht in der Stube umher, ſondern heftete ein Paar ſcharfe, halb luſtig, halb fragend blickende graue Augen auf des Wirths Antlitz und ließ ſie dort ruhen. Der gewöhnliche Ausdruck ſeiner Züge war ernſt, mit Ausnahme eines ge⸗ wiſſen halb nervöſen Zuckens um ſeinen linken Mundwinkel, welches in der Regel ſo lang an hielt, bis er mit der Hand darüber hinſtrich. Der Eindruck, den dieß jedesmal auf den Beobachter machte, war der, daß er in derſelben Weiſe, in der andere Leute eine Thräne trocknen, ein Lächeln hinwegwiſchte. „Ich glaube nicht, daß ich Sie je vorher ge⸗ ſehen habe, Gabriel,“ ſagte er, vorwärts kommend und die Hand ausſtreckend.„Mein Name iſt Max⸗ well. Ich denke, Sie haben von mir gehört. Ich komme, um ein wenig über Geſchäftsſachen zu ſprechen.“. Der unverholene Schrecken, der ſich in Ga briel's Geſicht ſpiegelte, entging ihm nicht, ebenſo⸗ wenig wie die Geberde, mit welcher derſelbe Olly veranlaßte, ſich zurückzuziehen. „Es liegt auf der Hand,“ ſagte er bei ſich ſelbſt,„daß das Kind nichts von der Sache weiß oder unvorbereitet iſt. Ich habe ihn überrumpelt.“ Dann ſetzte er laut hinzu:„Ihr kleines Mädchen, Gabriel, iſt, wie ich glaube, ebenſo intereſſirt an Bret Harte, Gabriel Conroy. I. 12 — 178— der Angelegenheit wie Sie ſelbſt. Warum ſie nicht hier laſſen?“ „Nein, nein,“ ſagte Gabriel, der in dem Ab⸗ grund ſeines Schuldbewußtſeins nun vollſtändig überzeugt war, daß Marxwell als der Rechtsbei⸗ ſtand der zürnenden Mrs. Markle vor ihm ſtehe. „Nein, Olly, lauf' hinaus und hol' ein paar Späne vom Holzſchuppen für das Feuer morgen früh, „ ſu Olly trollte ſich. Maxwell blickte dem Kinde flüchtig nach, ſtrich ſich dann über den Mund und heftete, die Ellenbogen auf den Tiſch ſtützend, ſeine Augen auf Gabriel. „Ich bin heute zu Ihnen gekommen, Gabriel, um zu ſehen, ob wir eine gewiſſe Angelegenheit ohne weitere Schwierigkeiten in Ordnung bringen können, und namentlich, obgleich ich von der andern Seite engagirt bin, mit ſo wenig Hin- und Her⸗ reden wie möglich. Um aufrichtig zu ſein, ich bin mit dem Mandat eines Rechtshandels gegen Sie betraut. Da, ſehen Sie, hier! Iſt es erſt nöthig, daß ich Ihnen auseinanderſetze, welcher Art dieſer Rechtshandel iſt? Iſt es erſt nöthig, Ihnen den Namen meines Auftraggebers zu nennen?“ Gabriel ſchlug die Augen nieder, aber ſelbſt jetzt noch folgte er nur dem Inſtinkt ſeiner aufrichtigen Natur. Er erhob den Kopf und ſagte einfach: lauf nicht Ab⸗ nndig gbei⸗ ſtehe. päne fruͤh, dinde und ſeine briel, enheit ingen ndern — 179— „Nein!“ Advokat Maxwell ſtutzte einen Augenblick, aber nur einen Augenblick. „Gut,“ ſagte er nachdenklich.„Sie ſind auf— richtig. Laſſen Sie mich jetzt fragen: ob Sie zur Vermeidung von Prozeſſen, öffentlichem Aufſehen und Skandal,— und erlauben Sie mir hinzuzu⸗ ſetzen,— der faſt abſoluten Gewißheit, irgend einen gegen Sie angeſtrengten Rechtsſtreit zu verlieren, Willens wären, dieſes Haus und dieſen Grund ſo⸗ fort und als Entſchädigung für das, was in der Vergangenheit liegt, aufzugeben? Wenn Sie das wollten, ſo glaube ich, es dafür annehmen zu dür⸗ fen. Ich glaube, daß ich verſprechen könnte, ſogar die Frage einer nähern Beziehung auf ſich beruhen zu laſſen. Um kurz zu ſein: ſie könnte ſihren Namen behalten und Sie den Ihrigen, und Beide einander Fremde bleiben. Was ſagen Sie?“ Gabriel ſprang auf und erfaßte Maxwell's Hand mit zitterndem Griff.„Sie ſind ein wackerer Mann, Mr. Marxwell,“ ſagte er, des Advokaten Hand mit Macht ſchüttelnd,„ein guter Mann! Es iſt eine üble Geſchichte und Sie haben das Beſte daraus gemacht. Wenn Sie mein eigener Rechtsbeiſtand geweſen wären, ſtatt der ihre, hätten Sie nicht beſſer mit mir umgehen können. Ich will ſogleich fort von hier. Ich habe ſtets — —— — — 180— daran gedacht, ſeit dieſe Sache mir in die Quere gekommen,— aber nun will ich morgen gehen. Sie können das Haus und Alles, was darin iſt, haben. Wenn ich ſonſt noch etwas hätte, um es Ihnen für Ihre Bemühungen anzubieten, ſo würde ich es thun. Sie kann das Haus und Alles darum und daran nehmen. Und dann,— dann wird nichts darüber geſagt?“ „Nicht ein Wort,“ ſagte Maxwell, Gabriel neu⸗ gierig muſternd. „Kein Geſchwätz,— nichts in den Zeitungen?“ fuhr Gabriel fort. „Ihr Verhalten gegen ſie und Ihr Benehmen in dieſer ganzen Angelegenheit wird als tiefes Ge⸗ heimniß gewahrt werden, es ſei denn, daß es Ihnen ſelbſt begegnen ſollte, es zu verrathen. Und das wäre der einzige Grund, den ich hätte, Ihnen zum Verlaſſen des Ortes zu rathen.“ „Ich werde es thun— ſchon morgen,“ ſagte Gabriel.„Wünſchen Sie nicht ein Stück Papier von mir gezeichnet zu haben?“ „Nein, nein,“ rief der Advokat, mit der Hand über den Mund ſtreichend und Gabriel mit Augen betrachtend, als gehöre derſelbe einer ihm gänzlich neuen Gattung von Weſen an.„Laſſen Sie mich Ihnen als Freund rathen, ja kein Papier zu zeich⸗ nen, das ſpäter gegen Sie vorgebracht werden könnte. — 181— Der einfache Akt des Aufgebens dieſes Grund⸗ und Bodenanſpruchs und Hauſes genügt für unſere Zwecke. Ich will nichts Schriftliches in dem Fall vor Donnerstag ausfertigen. Bis dahin, erwarte ich, wird Niemand mehr hier gefunden werden, dem es zugeſtellt werden könnte. Sie verſtehen mich?“ Gabriel nickte und preßte mit Wärme des Ad— vokaten Hand. Maxwell ſchritt auf die Thüre zu, ſeinen Blick noch immer auf Gabriel's klares, ehrliches Auge geheftet. Auf der Schwelle blieb er ſtehen und ſagte, ſich leicht über den Mund wiſchend: „Nach Allem, was ich hören kann, Gabriel, ſind Sie ein guter, ehrlicher Kamerad, und ich geſtehe Ihnen freimüthig, ich würde Sie nie und nimmer für fähig gehalten haben, einer Frau ein Unrecht zu thun, wenn Sie es mir nicht ſelbſt zu⸗ geſtanden hätten. Ich würde glauben, irgend ein Mißverſtändniß läge der Sache zur Grunde. Ich ſitze nicht über den Beweggründen von Menſchen zu Gericht. Ich bin zu alt in meinem Beruf und zu ſehr vertraut mit Dingen dieſer Art, um über irgend ein menſchliches Motiv erſtaunt zu ſein, oder auch nur die guten und ſchlimmen Handlungen An⸗ derer nach mir ſelbſt zu beurtheilen. Jetzt aber, da wir einander verſtehen, würden Sie es wohl über ſich gewinnen, mir zu ſagen, was für Sie der — 182— Grund zu dieſem abſonderlichen und ungeheuerlichen Betruge geweſen? Verſtehen Sie mich richtig. Ich möchte nicht meine Meinung über Sie ändern, welche dahin geht, daß Sie kein ſchlechter Menſch ſind. Aber ich bin neugierig zu wiſſen, wie Sie in ſo überlegter Weiſe im Stande waren, dieſer Frau ein derartiges Unrecht zuzufügen. Was war Ihr Beweggrund?“ Gabriel's Geſicht wurde blutroth. Dann erhob er ſeine Augen und deutete nach dem Leinwand⸗ verſchlag. Der Advokat folgte der Richtung ſeines Fingers und ſah Olly im Eingang ſtehen. Advokat Maxwell lächelte.„Wie immer auch, das Geſchlecht iſt es doch,“ ſagte er zu ſich ſelbſt. „Vielleicht in einer etwas jüngern Ausgabe, als ich erwartete. Natürlich ſein eigenes Kind!“ Er nickte auf's Neue, lächelte Olly zu, und mit dem Bewußtſein, in ſeinem Beruf einen Triumph gefeiert zu haben, verbunden mit einer gewiſſen ſittlichen Genugthuung, welche ſeine Berufserfolge nicht im— mer nothwendigerweiſe begleitete, verſchwand er in der Nacht. Gabriel vermied es, mit Olly zu ſprechen, bis ſpät am Abend. Als ſie ihren gewöhnlichen Sitz zu ſeinen Füßen vor dem Feuer eingenommen, kam ſie direkt auf die Sache. „Was wollte er, Gabe?“ „Nichts Beſonderes,“ ſagte Gabriel, eine wahr⸗ haft erhabene Gleichgültigkeit heuchelnd.„Ich dachte eben daran, Olly, daß ich Dir eine Geſchichte zu erzählen habe. Es iſt lange her, daß ich Dir keine erzählt habe.“ Es war ſonſt Gabriel's Gewohnheit geweſen, dieſen koſtbaren Minuten dadurch einen höhern Reiz zu leihen, daß er die Neuigkeiten des Lagers oder das, was den Inhalt des laufenden Tages⸗ geſprächs bildete, geſchickt in das Gewand eigener Erfindung gehüllt, erzählte. Seit jedoch Mrs. Markle ſeine Gedanken zu beſchäftigen begonnen, hatte er es unterlaſſen. Olly nickte mit dem Kopf und Gabriel begann: „Es lebte einmal ein Mann, wie er gelebt hatte und leben wollte,— und das war das Beſondere an ihm,— ganz allein, außer für eine kleine Schweſter, die er gar ſehr gerne hatte. Da gab es gar nichts, was dieſer Mann ſozuſagen je zwi⸗ ſchen ſich und dieſe kleine Schweſter hineinklingen laſſen wollte, und die Berge vertraulicher Mitthei⸗ lungen und das geheime Geſchwätz über dieß und das zwiſchen dem Mann und ſeiner kleinen Schwe— ſter waren wundervoll anzuhören.“ „War es ein wirklicher Mann,— ein richtiger Mann?“ fragte Olly. „Der Mann war ein wirklicher Mann, aber — 184— die kleine Schweſter, möchte ich ſagen, war eine Art Fee, Du weißt, Olly, die alle mögliche Macht beſaß, dieſem Mann Gutes zu thun, hinter dem Rücken und in's Geſicht. Sie lebten in einer Art Palaſt im Walde, der Mann und ſeine Schweſter. Und eines Tages kam ein Berg von Aergerniß über den Mann, der ſo ſchwer war, daß er ihn aus dieſem ſchönen Palaſt vertreiben mußte, und er wußte nicht, wie er es ſeiner kleinen Schweſter bei⸗ bringen ſollte. Und ſo machte er ſich daran und ſagte zu ihr: ‚Gloriana,“ ſagte er— das war ihr Name,— ‚Gloriana,“ ſagte er, ‚wir müſſen aus dieſem ſchönen Palaſt heraus und nach fernen Lan⸗ den wandern, der Grund warum, iſt ein Geheim⸗ niß, das ich Dir nicht ſagen darf.’ Da ſpringt die kleine Schweſter auf und ſagt nur: ‚Was Dir gefällt, Bruder, gefällt auch mir, denn wir ſind einander Alles über die ganze weite Welt hinweg, und Abwechslung iſt das Gewürz des Lebens, und ich will meine Sachen morgen packen.: Und ſie that es. Denn warum, Olly? Hm, ſiehſt Du es nicht,— dieſe kleine Schweſter war eine Fee und wußte Alles, ohne daß man es ihr ſagte. Und ſie zogen fort nach einem fremden Platze, wo ſie ſich einen noch ſchönern Palaſt bauten, als der andere geweſen, und lebten dort zufrieden und glücklich alle Tage ihres Lebens.“ eine Lacht dem Art eſter. über aus d er bei⸗ und ihr aus Lan⸗ ſeim⸗ ringt Dir ſind weg, bens, cken.. iehſt eine agte. „wo der und „Und dort gab es keine alte Hexe von einer Mrs. Markle, ſie zu plagen! Wann gehſt Du, Gabe?“ fragte die praktiſche Olly. „Ich dachte, morgen,“ antwortete Gabriel, hülf⸗ los auf alle weitere Märchenſprache verzichtend und in bewunderndem Herzeleid auf ſeine Schweſter blickend.„Und zwar dachte ich, Olly, bei Zeiten nach Caſeys zu kommen, um die Nachmittagspoſt⸗ kutſche nach Marysville zu erreichen.“ „Schön,“ ſagte Olly,„dann gehe ich jetzt zu Bett.“ „Olly,“ ſagte Gabriel vorwurfsvoll, als er die kleine Geſtalt hinter der Leinwand verſchwinden ſah, „Du haſt mir noch keinen Gutenachtkuß gegeben.“ Olly kam zurück.„Du alter Gabe— Du!“ ſagte ſie im Gönnerton, als ſie mit ihren Fingern durch ſeine verwirrten Locken fuhr und ſich hernie⸗ derneigte, um auf ſeine Stirn wie aus einer uner⸗ meßlichen Höhe von ſittlicher und geiſtiger Ueberlegen⸗ heit einen Kuß zu drücken,„Du alter, langer Gabe, ich möchte wiſſen, was Du wohl ohne mich anfangen würdeſt?“ Am nächſten Morgen war Gabriel ein wenig überraſcht, als er Olly ſofort nach dem Frühſtück ſich daran machen ſah, ſich in die wenigen etwas anſehnlicheren Stücke ihrer Garderobe zu hüllen. Ueber eine weiße Muſſelinjacke, gelb und zerfaſert — 186— vor Alter, knüpfte ſie eine Kravatte von leuchtend⸗ rothem billigem Band, und darüber wieder befeſtigte ſie mit Hülfe einer rieſigen Schildpatbroſche einen großen, weiß und ſchwarz gewürfelten Shawl ihrer Mutter, der ſelbſt durch mehrfaches Zuſammenlegen nicht kleiner gemacht werden konnte. Hierauf band ſie über ihre gelben Locken einen mächtigen Stroh⸗ hut feſt, der mit weißen und gelben Maßliebchen und mattgrünem Bande verziert war, und vollen⸗ dete ihre Toilette, indem ſie über ihren Schultern einen kleinen gelben Sonnenſchirm aufſpannte. Gabriel, der dieſen Vorbereitungen mit großer Aufmerkſamkeit gefolgt war, wagte es endlich, die abſonderliche, aber niedliche kleine Geſtalt vor ſich anzureden: „Wohin gehſt Du, Olly?“ „Die Schlucht hinunter, den Reeds Mädchen Adieu zu ſagen. Es wäre nicht hübſch, den Platz zu verlaſſen, ohne die Leute etwas davon merken zu laſſen.“ „Du gehſt nicht in die Nähe von Mrs. Markle's Haus?“ fragte Gabriel in plötzlicher Unruhe. Olly warf ihrem Bruder einen Zornesblitz ihrer klaren blauen Augen zu und rief: „Das fehlte gar noch!“ Es lag etwas ſo Niederſchmetterndes in der Schnelligkeit dieſer Antwort, eine ſo jähe Enthül— htend⸗ eſtigte einen ihrer legen band troh⸗ ebchen ollen⸗ ultern g'oßer 8, die r ſich — — 4187— lung befremdlicher Entſchloſſenheit im Ausdruck von Mund und Augenbrauen, daß Gabriel nichts mehr zu ſagen vermochte. Stumm folgte ſein Blick dem gelben Sonnenſchirm und dem Strohhut mit ſeinem auf und nieder klappenden Rand und flatternden Bändern, bis ſie allmälig in dem gewundenen Wege, der von dem Hügel herabführte, verſchwanden. Und dann überkam ihn plötzlich ein ſo abſon⸗ derliches Gefühl der Abhängigkeit von dem Kinde; überkam ihn die Erkenntniß vom Vorhandenſein irgend einer verborgenen Eigenſchaft im Weſen des⸗ ſelben, von der er bisher nichts geahnt,— von etwas, das ſie jetzt bereits trennte und ſich in der Zukunft allmälig zur Kluft zwiſchen ihnen erwei⸗ tern mußte; überkam ihn mit einer ſo troſtloſen Empfindung von Verlaſſenheit, daß es unerträglich ſchien. Er wagte es nicht, in die Hütte zurückzu⸗ gehen oder nur ihr nach zurückzublicken, ſondern ſchlenderte zwecklos nach ſeinem Land auf dem Hügelrücken hinüber. Auf ſeinem Wege dahin hatte er eine alleinſtehende Rothtanne zu paſſiren, die er oft bemerkt und deren rieſige Maſſe den übri⸗ gen Wald zwerghaft erſcheinen ließ, die aber doch vermöge ihrer Vereinzelung das Bild einer gewiſſen Einſamkeit darbot, welche weit über das, was ihre mächtige Ferne predigte, hinausging. Sie ſchien ſo ungefüg, ſo zwecklos in ihrer Größe, ſo wenig — 188— den Erwartungen von etwas Nützlichem, welche ihre Maſſe erwecken mochte, entſprechend, ſo unähnlich den luſtigen Jungtannen und hübſchen kleinen Fich— ten und Lerchen, welche um ſie herumſtanden, daß Gabriel unwillkürlich ein Bild von ſich ſelbſt in ihr erblickte und ſich nur fragte, ob es irgendwo einen Ort gebe, wo alles Uebrige nach ſeinem eige— nen Kopf exiſtire.„Wenn ich dorthin gehen würde,“ ſagte er bei ſich ſelbſt,„ſo ſollte es mich doch wundern, ob ich nicht beſſer am Platz ſein ſollte als hier und für das Kind doch von einigem Nutzen ſein ſollte.“ Er arbeitete ſich einen Weg durch das Unterholz und gelangte zu der Kuppe, deren Beſitz⸗ titel er zuerſt nach ſeiner Ankunft in One Horſe Gulch erworben hatte. Es war ein wüſtes, ſteiniges Stück Land mit großen zerſtreuten Stücken eiſen⸗ grauen Gefelſes bedeckt. Gabriel lächelte bitter: „Kein Anderer als ich konnte ein ſolcher Narr ſein, ſolch' ein Stück zum Goldgraben zu belegen. Viel⸗ leicht iſt es das Beſte, daß ich es jetzt los bin,“ ſagte er, indem er umkehrte und den Hügel hinab— ſtieg nach dem andern Stück Land in der Schlucht, das er ſpäter belegt und das ihm jenen winzigen Ertrag lieferte, welchen die Goldgräberſprache als „Brocken“ oder„Bröckchen“ zu bezeichnen pflegt. Es war nahezu drei Uhr, ehe er mit ſeinem wenigen Werkzeug, das er zuſammengeleſen hatte, — 189— nach der Hütte zurückkehrte. Er fand Olly ſeiner wartend, ein leichtes Roth der Erregung auf den Wangen, ſonſt aber kein Anzeichen an ihr oder in der Hütte, daß ſie ſich irgendwie mit Vorbereitun⸗ ſelbſt in gen beſchäftigt habe. irgendwo„Mir ſcheint, Du haſt nichts gethan, was nem eige⸗ wie Packen ausſieht, Olly,“ ſagte Gabriel,— würde,„freilich iſt auch nicht viel zum Packen da.“ rich doh„Das Packen würde auch nicht am Ort ſein,“ erwiederte Olly, dem rieſigen Bruder gerade in das verlegene Geſicht blickend. „Nicht am Ort?“ wiederholte Gabriel. „Ganz und gar nicht am Ort,“ ſagte Olly mit Entſchiedenheit.„Wir gehen nicht, Gabe, und das iſt das Ende von der Geſchichte. Ich war drüben, elche ihre unähnlich nen Fich⸗ den, daß ein ſollle n Rutzn durch das en Beſitz⸗ ne Horſe ſteiniges— 1. erre Advokat Maxwell zu ſehen, und habe Alles in 8 eien DOrdnung gebracht.“ 4 läiir b Gabriel ſank ſprachlos auf den nächſten Stuhl uee, und ſtarrte ſeine Schweſter offenen Mundes an. n. Wel.„Ich habe Alles in Ordnung gebracht,“ fuhr dz bin,),. 4 1 . Olly kühl fort.„Du wirſt es ſehen. Ich bin hinc⸗ dieſen Morgen geradezu hinübergegangen und hatte Sthluch b eine kleine Unterredung mit dem Advokaten und gab winzige. ihm etwas von meiner Meinung über Mrs. Markle. nce als Das war gerade genug, die Sache in Ordnung zu yflegt bringen.“ it ſeinem„Guter Gott, Olly, was haſt Du geſagt?“ — 190— „Geſagt?“ klang es wie ein Echo von Olly's Lippen.„Ich packte ihn feſt und ſagte ihm Alles, was ich von der Perſon weiß, und ich habe Dir nicht einmal die Hälfte davon geſagt, Gabe. Ich ſagte es ihm geradezu, wie ſie nichts gethan, als hinter Dir her zu laufen, ſeit ihre Augen zum erſten Mal auf Dich gefallen, als⸗Du ihren Mann, der ſtarb, gepflegt haſt. Wie Du auch nicht ſoviel nach ihr geſehen, ſeit ich Dich darauf aufmerkſam gemacht. Wie es ihre Gewohnheit geweſen, hier herum zu ſein und herumzuſitzen und nach Dir zu ſchauen, ſo über ihre Schulter hinweg,“— hier ahmte Olly in bewunderungswürdiger Weiſe gewiſſe herausfordernde Blicke Mrs. Markle's nach, welche dieſe ſchätzbare Dame wüthend vor Zorn gemacht haben würden und ſelbſt in dieſem Augenblick dem verſchämten Gabriel die Röthe bis zu den Augen hinaufſteigen ließen,—„und wie ſie allerlei Vor⸗ wände machte, um Dich nur herüber zu ihr zu be⸗ kommen, und wie Du's immer abgeſchlagen haſt! Und was ſie für eine heuchleriſche, alte, niedrige, widerwärtige Kreatur überhaupt iſt!“ Hier endlich hielt Olly inne, um Athem zu ſchöpfen. „Und was ſagte er?“ fragte der nicht minder athemloſe Gabriel. „Zuerſt nichts. Dann lachte er und lachte und lachte, daß ich meinte, er würde berſten. Und dann — macht f dem Augen Vor⸗ u be⸗ haſt! drige/ blich inder und dann — 491— — laß mich ſehen,“ fuhr die gewiſſenhafte Olly nachdenkend fort,„dann ſagte er, hier läge eine unſinnige Albernheit und ein Mißverſtändniß vor, — gerade ſo nannte er dieſe Mrs. Markle da, Gabe— ich hoffe, Gott wird mich in der nächſten Minute umbringen, wenn dieß nicht ſeine eigenen Worte waren. Und dann fing er ſein gellendes Gelächter von vorne an und, wie es ſo kam, fing auch ich an zu lachen, und auch ſie, Gabe, ſie auch,“ und Olly lachte bei der Erinnerung ſelber laut auf. „Sie— wer ſie?“ fragte Gabriel mit dem ausgeſprochenſten Leichenbittergeſicht. „O, Gabe, Du denkſt immer, Alles muß Mrs. Markle ſein,“ rief Olly haſtig,„ſie war eine Dame, die bei Mr. Maxwell war und Alles hörte. Und was für ein Intereſſe ſie Dir an der Sache nahm— gerade wie der Advokat ſelbſt. Viel⸗ leicht,“ fuhr das Kind mit einem gewiſſen Stolz auf ihre Eigenſchaft als erfolgreiche Berichterſtatterin fort,„vielleicht war es die Art, in der ich ihm Alles vorgetragen.“ „Und was ſagte ſie?“ fragte Gabriel, noch immer kläglich vor ſich hinblickend, denn für ihn, wie für die meiſten einfachen, ernſten und jedes Sinnes für Humor ermangelnden Perſonen hatte alle dieſe unerklärliche Luſtigkeit etwas Verdächtiges. 192— „Nun, er wollte ſich gerade daran machen, ihr Alles ‚auseinanderzuſetzen'“, wie er es nannte, aber die Dame unterbrach ihn und flüſterte ihm etwas zu, das ich nicht verſtehen konnte. O, ſie muß eine beſondere Freundin von ihm ſein, Gabe— denn er that Alles, was ſie ſagte. Und ſie ſagte mir, ich ſolle nach Hauſe gehen und ſagen, daß wir gar keine Eile hätten fortzugehen. Und damit baſta!“ „Aber, ſagte er nichts mehr, Olly?“ fragte Gabriel ängſtlich. „Nein! Er fragte mich noch ein paar Fragen nach alten Zeiten und nach dem Hungerlager, und ich meinte, es ſei beſſer, mich an keines von allen den Dingen zu erinnern, wie ich Dir bereits geſagt habe, Gabe, weil ich es müde bin, mich eine ‚Ka⸗ nonenkugel' nennen zu laſſen. Und ſo wußte ich ſo ſchnell, wie er mich fragte, gerade nichts zu ant— worten, bis er dann zu der Dame ſagte: ‚Die weiß offenbar nichts davon.“ Aber die Dame hatte ihn ohnehin in ſeinen Fragen unterbrechen wollen und mir Zeichen gemacht, nichts zu ſagen.— O, ſie iſt geſcheidt, Gabe; ich konnte das vom erſten Augenblick an ſehen.“ „Wie ſah ſie aus, Olly?“ fragte Gabriel mit erheuchelter Gleichgültigkeit, aber noch keineswegs innerlich beruhigt. O, ſie hatte gar keine Aehnlichkeit mit Mrs. „O, —:—ꝛ—:——⸗—⸗—⸗—⸗—⸗——— — 193— Markle und derart Leuten.'s iſt eine kleine Frau mit weißen Zähnen, einer ſchlanken Taille und guten Kleidern. Ich habe nicht viel zu ihr geſagt, obgleich ſie ſehr freundlich gegen mich war. Ich kann nicht genau ſagen, wem ſie gleich ſah. Ich meine, hier herum ſei gar Niemand, der ihr gleich ſieht. Herr im Himmel! Gabe— da iſt ſie ſelbſt. — Da iſt ſiel“ Etwas Dunkles erſchien in der Thüre. Gabriel blickte auf und erkannte die Frau, welcher er im Canon das Leben gerettet. Es war Madame De⸗ varges! Bret Harte, Gabriel Conroy. I. 13 fünkzehntes Kapitel. Ein kaliforniſcher Pionnier von 49. Lin dichter Nebel, ſchwer, undurchdringlich, blau⸗ grau und kalt lag über der kaliforniſchen Küſte und kündigte die Ankunft des lieblichen Sommers von 1854 an. Der kurze unfertige Frühling war kaum vorüber. Es gab noch Blumen auf den San Fran⸗ zisko umgebenden Hügeln und die Bergabhänge der Contra Coſta waren noch grün. Aber Gras und Kraut lagen wie unter einem dicken Schleier von ſchwärzlicher Tuſche da und die wilden Blumen ließen die froſtigen Liebkoſungen des Nebels in kalter, wächſerner Erſtarrung über ſich ergehen. Mit einem Worte: das Wetter war ſo unerquick⸗ lich, daß der echte Kalifornier ſich mehr als je ge— neigt fühlen mußte, es dem Fremden in ſchonungs⸗ loſeſter Weiſe darzuthun, daß Nebel geſund ſeien und daß dieſes das feinſte Klima der Erde ſei. — — 195— Vielleicht war Niemand mehr dazu berufen oder mehr daran gewöhnt, dem Fremden eine derartige Ueberzeugung beizubringen, als Mr. Peter Dumphy, der Bankier und Kapitaliſt. Sein ausgeſprochener Glauben an die Gegenwart und Zukunft Kalifor⸗ niens war unbegrenzt. Seine aufrichtige Ueber⸗ zeugung, daß kein Land oder Klima je ſo vorzugs⸗ weiſe begünſtigt waren, und ſeine Unduldſamkeit jeder auf das Gegentheil hinauslaufenden Beur⸗ theilung oder Anſchauung gegenüber, machten ihn zum berufenen Vertreter des Landes. So beſtimmt und jedes Mißverſtehen ausſchließend war die ihm eigene Art, ſich über dieſe Gegenſtände auszudrücken, daß es unmöglich war, ſich längere Zeit in ſeiner Geſellſchaft zu befinden, ohne gleichfalls von der Ueberzeugung durchdrungen zu werden, daß jede Geſellſchaft, jedes Klima und jede Civiliſation, die nicht dem Boden Kaliforniens eigen waren, ein Irrthum ſeien. Fremde wurden bald nach ihrer Ankunft zu dieſer Quelle geführt, um von ihr zu trinken. Unzuverläſſige und in ihrem Glauben er⸗ ſchütterte Kalifornier hatten in den Stunden ihrer Schwäche ihren Glauben ſowohl wie ihre Sehkraft dadurch wiedergewonnen, daß ſie in dieſem von Mr. Dumphy ſtets friſchgehaltenen Wunderteich badeten. Schließlich wiederholte die Menge Mr. Dumphy's Anſichten, ohne es zu wiſſen, als die — 196— ihrigen, und ein gutes Theil der Lobhymnen, welche in Zeitungen, in öffentlichen Reden und Korreſpon⸗ denzen erſchienen, hatten ihr Stichwort von Dumphy empfangen. Dabei darf man nicht etwa denken, daß Mr. Dumphy's Entſchiedenheit in ſeinen Darſtellungen und ſeine gebieteriſche Ausdrucksweiſe ſeinem An⸗ ſehen als guter Geſellſchafter irgendwie ſchadeten. Dank dem Mißtrauen, mit welchem in jungen, an den Grenzen der Civiliſation aufſchießenden Ge⸗ meinweſen verbindliches Weſen und milde Um⸗ gangsformen aufgefaßt werden, wurde Mr. Dum⸗ phy's derbe Zwangsloſigkeit allgemein für Aufrich⸗ tigkeit genommen.„Man weiß immer, was Peter Dumphy meint,“ ſo lautete das allgemeine Urtheil. „Er würde nie eine Unwahrheit ſagen, um irgend Jemanden einen Gefallen zu thun.“ Und zu dieſer Eingebildetheit, die ſo ausgeſprochen war, um auf den Namen„Muth“ Anſpruch zu haben, und zu einer Unwiſſenheit, die ſich ſo frank und zwang⸗ los gab, um vorſichtiges und bedächtiges Wiſſen ſchwach und unmännlich erſcheinen zu laſſen, fügte Mr. Dumphy die ſeltene Eigenſchaft vollkommener, durch keine andere Tugend gefärbter oder mit einem Beigeſchmack verſehener Unbefangenheit hinzu. Ausgerüſtet mit dieſen ungewöhnlichen, zum Kampf befähigenden Eigenſchaften war es, daß Mr. — 197— Dumphy an jenem Morgen in ſeinem Privatbureau ſaß und den Nebel draußen im Allgemeinen, oder richtiger geſagt, den beſondern Einfluß deſſelben auf ſeine Kunden und die Geſellſchaft niederkämpfte. Das Geſicht, welches er dazu mitbrachte, war ein kräftiges, obgleich äußerlich glattes; denn ſeit der Leſer die Ehre hatte, ſeine Bekanntſchaft zu machen, war ſein Bart, wahrſcheinlich als ein unnöthiges Mittel, auf ſeinen Charakter ſchließen zu laſſen, unter dem Raſirmeſſer verſchwunden. Es war noch früh, aber er hatte bereits eine Menge Geſchäfte mit jener entſchloſſenen Schlagfertigkeit erledigt, die ſelbſt gelegentliche Fehler in einem heroiſchen Licht erſcheinen ließ. Er unterzeichnete eben einen Brief, den einer ſeiner Angeſtellten ihm gebracht hatte, als er plötzlich, ohne aufzuſehen, ſagte: „Schicken Sie Mr. Ramirez herein!“ Ramirez, der bereits an drei aufeinander fol⸗ genden Tagen vorgeſprochen hatte, ohne eine Audienz bei Dumphy erlangen zu können, trat in das Pri⸗ vatbureau mit dem Gefühl der Aufregung über ein erlittenes Unrecht, welches ſich indeſſen, ſo weit nach den äußeren Anzeichen geurtheilt werden konnte, ſo⸗ fort bei der Berührung mit dem hartköpfigen, kampf⸗ luſtigen und ſchlagfertigen Dumphy legte. „Wie geht's?“ ſagte Dumphy, ohne von ſeinem Schreibtiſch aufzublicken. 198— Mr. Ramirez erhob irgend einen Einwand gegen das Wetter und nahm unruhig neben Dumphy Platz. „Beginnen Sie,“ ſagte Dumphy.„Ich kann hören.“ „Ich bin es, der zu hören kommt,“ ſagte Mr. Ramirez äußerſt ſanft.„Ich wünſchte, das Neueſte zu hören.“ „Ja,“ ſagte Mr. Dumphy, ſeinen Namen unter verſchiedene Schriftſtücke ſetzend:„Ja, ja, ja!“ Er vollendete die Unterſchriften, wendete ſich plötz⸗ lich nach Ramirez um und wiederholte:„Ja!“ in ſo beſtimmtem Ton, daß des Angeredeten Zuverſicht kläglich Schiffbruch litt. „Ramirez!“ ſagte Dumphy jählings,„wie viel haben Sie in der Geſchichte ſtecken?“ Mr. Ramirez, noch immer auf einem Meer der Ungewißheit einhertreibend, konnte nur ſagen:„Ch! Ah! Was iſt es?“ „Wie tief ſtecken Sie drin? Wie viel könnten Sie verlieren?“ Mr. Ramirez verſuchte, ſeine Augen auf Dum⸗ phy's Augen feſtzuheften. „Wie— viel— ich verlieren könnte?— wenn — wie— wenn was?“ „Wie viel Geld haben Sie drin?“ ſagte Mr. Dumphy, jedes Wort ſcharf mit einem Schlag ſeiner Feder auf den Schreibtiſch hervorhebend. —.—; 199— „Gar kein Geld. Ich nehme großen Antheil an dem Erfolg der Madame Devarges!“ „Dann haben Sie eben nicht viel drin. Das iſt Ihr Glück. Leſen Sie den Brief da.— Er f ſoll kommen!“ Die letzten Worte waren die Antwort auf eine gemurmelte Anfrage des Angeſtellten, der eben ein— getreten war. Vielleicht war es ein Glück für Mr. Ramirez, daß Mr. Dumphy durch den neuen Ankömmling derartig in Anſpruch genommen wurde, daß er das Geſicht ſeines erſten Beſuchs nicht be— obachten konnte. Er war, während Ramirez den Brief las, erſt aſchfarben, dann purputroth gewor⸗ den; hierauf ſchmatzte er zwei⸗-, dreimal mit ſeinen trockenen Lippen und rief:„Eunambaz eſpan, mit flammenden Augen, wendete er ſich zu Dumphy. „Sie haben dieß geleſen?“ fragte er, den Brief nach Dumphy hinſchüttelnd. „Einen Augenblick,“ ſagte dieſer, die Unter⸗ redung mit dem zuletzt eingetretenen Beſucher be⸗ endend und ihn nach der Thüre geleitend.„Ja,“ ſagte er dann, nach ſeinem Schreibtiſch zurückkehrend und Ramirez anblickend,„ja!“ Mr. Ramirez vermochte nur, den Brief auf's Neue zu ſchütteln und Dumphy mit verzerrtem Ge⸗ ſicht anzulächeln. „Ja!“ ſagte Mr. Dumphy herüberlangend und — 200— kühl den Brief aus Ramirez' Hand nehmend.„Ja. Es ſcheint, ſie wird ſich verheirathen,“ fuhr er, in den Brief blickend, fort.„Mit dem Bruder, dem Beſitzer verheirathen. Das bringt Alles für ſie in Ordnung, wie auch die Katze fällt. Und Sie ſperrt es aus!“ Mit einer Geberde, welche andeutete, daß er die Unterredung für beendigt halte, legte Mr. Dumphy, von Ramirez' ſtarrenden Augen gefolgt, den Brief in ein Fach des Schreibtiſches zurück und ſpielte mit ſeiner Feder auf den vor ihm liegenden Papieren. „Und Sie, Sie,“ ſchnappte Ramirez heiſer, „Sie?“ „O, ich bin nicht mit einem Dollar hinein— gegangen. Und doch war es eine gute Anlage. Sie hätte einen ſtarken Rechtsfall daraus machen können. Denn waren Sie nicht im Beſitz des Grunddokuments oder des Teſtaments,— waren Sie nicht? Es war kein Beweis der Exiſtenz der andern Perſon aufzufinden,“ fuhr Mr. Dumphy mit ſeiner gewöhnlichen lauten Stimme und mit vollkommener Gleichgültigkeit die zur Vorſicht mah⸗ nenden Geberden Mr. Ramirez' überſehend, fort. „Hallo! Wie geht's?“ ſetzte er, ſich an einen an⸗ dern Beſucher wendend, hinzu:„Gerade habe ich Ihnen geſchrieben.“ Mr. Ramirez erhob ſich. Seine langen Finger⸗ ———— — 201— nägel waren in dem gelben Fleiſch ſeiner innern Hand vergraben. Sein Geſicht war blutlos und ſeine Lippen trocken. „Was eilen Sie ſo?“ ſagte Dumphy, zu ihm aufblickend.„Kommen Sie wieder her. Ich habe da noch etwas, wovon ich wünſchte, Sie ſähen mir darnach. Wir haben Geld auf einen Landanſpruch ausgeliehen, den ganz geſetzlich zu machen wir noch zwei oder drei wichtige Papiere bedürfen. Ich weiß, was ich ſage, dieſelben liegen irgendwo, wo Sie ſie finden köͤnnen. Sie können auf mich wegen der Auslagen ziehen.“ Das Alles ſagte Mr. Dumphy nicht in einem verſchmitzten Ton oder mit irgend welcher geheim⸗ nißvollen Bedeutung, ſondern mit vollkommenem Freimuth. In Wirklichkeit hieß es ſo viel als: „Du biſt ein Schuft und ich bin einer, und ob dieſer Dritte, der uns da hört, auch einer iſt oder nicht, iſt ganz gleichgültig.“ Er nahm ſeinen Sitz von Neuem ein, wendete ſich zu dem Letzten der Eingetretenen und ſchien ſeines eben ſcheidenden Be— ſuchs ganz und gar vergeſſen zu haben. Zum Glück hatte Mr. Ramirez, bis er die Straße erreichte, die Herrſchaft über ſein Geſiicht, wenn auch nicht die natürliche Farbe deſſelben wieder erlangt. Aber der Nebel, der alle Geſichter blei⸗ grau anhauchte, ließ ſein leichenblaſſes Antlitz paſ⸗ 202— ſiren, ohne daß es beſonderes Aufſehen erregte. Er ging haſtig und, wie es faſt ſchien, ohne es ſelbſt zu wiſſen, auf das Waſſer zu, dann erſt, als er die Landungsbrücke der Dampfer erreicht hatte, er⸗ kannte er, wo er war. Es ſchien ihm, als habe es ihn nur einen Schritt gekoſtet, um von Mr. Dumphy's Haus das Ufer zu erreichen. Er war ſich keines zwiſchen den Beiden liegenden Dinges bewußt. Der Zwiſchenraum hatte für ihn voll⸗ kommen aufgehört. Der nach Sakramento gehende Dampfer fuhr nicht vor acht Uhr Abends ab, und es war eben erſt zehn Uhr. Er wußte das ſehr gut, als er dieſe Richtung eingeſchlagen, aber es wäre ihm un⸗ möglich geweſen, dem Drange nach dieſer Annäherung, eine wie nichtige ſie auch war, an den Gegenſtand ſeiner Rachgier zu widerſtehen. Zehn Stunden zu warten,— zehn Stunden unthätig, müßig zu ſein, — nichts, gar nichts thun zu können! Wie ſollte er die Zeit verbringen? Er konnte ſein Meſſer ſchärfen. Er konnte ein neues kaufen. Er konnte ein beſſeres Piſtol kaufen. Er erinnerte ſich, an dem Schaufenſter eines Ge⸗ wehrhändlers mit einer glänzenden Waffenauslage vorübergekommen zu ſein. Er ſchlug den Rückweg ein und trat in den Laden, einige Augenblicke die Vorräthe des Waffenhändlers muſternd. Ein langes — — 203— breitklingiges Bowiemeſſer zog ſeine Aufmerkſamkeit beſonders auf ſich.„Eigenes Fabrikat,“ ſagte der Händler mit profeſſionellem Stolz, indem er mit einem Lederpfropfen über die Schneide des Meſſers fuhr.„Es würde einen halben Dollar ſpalten. Sehen Sie wohl?“ Er warf ein halbes Dollarſtück auf den Zahl⸗ ſtiſch und theilte es mit einem ſchnellen, geradezu geführten, niederzuckenden Hieb in zwei Theile. Mr. Ramirez war zufrieden geſtellt und äußerte den Wunſch, die Probe ſelbſt zu machen. Aber die Schneide glitt ab, machte den halben Dollar über den ganzen Laden hinwegſpringen und riß einen ſplitternden Spalt in den Tiſch. „Ihre Nerven ſind nicht in Ordnung. Und Sie ſtellen ſich viel zu ſehr dabei an,“ ſagte der Mann kühl.„Aber ſo iſt es mit euch Herren nun einmal. Ihr arbeitet euch einer Kleinigkeit wegen, wie das Ding da, in eine Hitze hinein, als hinge die Welt davon ab. Macht doch nicht ſo wiel daraus. Nehmt es leicht wie ich,—“ und mit einem raſchen, feſten, handwerksmäßigen Hiebe wiederholte er das Experiment mit demſelben Erfolge. Mr. Ramirez kaufte das Meſſer. Als der Mann es in Papier ſchlug, bemerkte er mit philo⸗ ſophiſcher Freundlichkeit: „Ich würde es dieſen Morgen nicht wieder ver⸗ — 204— ſuchen. Es iſt noch früh, und ich habe die Er⸗ fahrung gemacht, daß Herren, welche ſich die Nacht über haben gehen laſſen, am nächſten Morgen nur wenig im Stande ſind, ſich ſelbſt Gerechtigkeit zu thun. Nehmen Sie es ruhig bei ſich ſelbſt noch einmal dieſen Nachmittag vor. Denken Sie gar nicht daran, irgend etwas Großes zu thun, und Sie werden es im Nu haben!“ Als Mr. Ramirez wieder auf die Straße hin⸗ austrat, ſah er nach der Uhr. Elf Uhr! Nur eine Stunde war vorüber. Er knöpfte den Rock feſt über das Meſſer in ſeiner Bruſttaſche zuſammen und ging auf's Neue in fieberiſcher Haſt darauf los. Der Glockenſchlag Zwölf fand ihn auf dem Sand— hügel in der Nähe der Miſſion Dolores umher⸗ ſtreichend. In einer der Nebenſtraßen begegnete er einer Frau, die jener, welche alle ſeine Gedanken füllte, ſo ähnlich ſah, daß er ſich umwandte und ſie mit einem ſo unheimlichen Blick anſah, daß ſie erſchreckt davoneilte. Dieſer Zwiſchenfall und die andauernde Trockenheit ſeiner Lippen trieben ihn in eine Trinkſtube, wo er tüchtig darauf loszechte, ohne indeſſen ſeine Aufregung zu vermehren oder zu beſchwichtigen. Als er auf's Neue in das Straßengewühl hinaustrat, ſchoß er ſchnell einher, weil er ſich einbildete, daß ſein Benehmen von Anderen beobachtet werde. — 205— Verſchiedene Wege lagen vor ihm, ſich zu rächen. Der eine beſtand darin, ihr ihren Treubruch vor⸗ zuhalten und ſie dann im Sturm ſeines Zorns umzubringen. Ein anderer und verlockenderer Ge⸗ danke war der, ſie mit ihrem neuen Mitſchuldigen zu überraſchen,— denn nach Art der meiſten eifer⸗ ſüchtigen Rechner vermochte er ſie keiner höher ge⸗ arteten Beweggründe für fähig zu halten als jener, durch die ſie ihm gegenüber beſtimmt worden war, — und dann Beide zu tödten. Noch eine andere und ſpätere Idee war die, die Gewalt ſeiner mör⸗ deriſchen Leidenſchaft für den Mann allein aufzu⸗ ſparen und ſich dann an ihrem Schrecken, an der Vereitelung ihrer Pläne und womöglich an ihrem Flehen um Vergebung zu waiden. Aber immer waren es zum mindeſten zwei Tage, ehe er ſie er⸗ reichen konnte. Vielleicht waren ſie ſchon verhei⸗ rathet. Vielleicht waren ſie bereits fort! Während er ſich in dieſer wilden, leidenſchaft⸗ lichen, ſein Inneres aufwühlenden Weiſe die Wir⸗ kung ſeiner künftigen That ausmalte, ſtieg ihm auch nicht für einen Moment der geringſte Zweifel über das Recht auf, welches ihm die Sache gab. Daß er ein Angeführter war,— ein hoffnungs⸗ und hülflos Angeführter,— das genügte ihm. Seit er den Brief geleſen, hatte ſich ſein ganzes inneres Leben in einem Gedanken konzentrirt, und dieſer — 206— Gedanke wieder erhielt Ausdruck in dem einen Wort ſeiner Mutterſprache:„Boba“*). Es um⸗ klang ihn beſtändig. Er buchſtabirte es aus den Aufſchriften auf den Straßenſchildern heraus. Wie ein dumpfes, eintöniges Echo brütete es in ſeinen Ohren.„Boba!“ Ah! Sie ſollte es noch ſehen! Mittag war vorüber, und der Nebel war noch dichter geworden. Fern von der Bai her klangen Glocken und Dampfpfeifen. Wenn der Dampfer nicht gehen ſollte? Wenn die Abfahrt um Stunden verſchoben werden ſollte, wie dieß oft der Fall war? Er wollte zur Landung hinunter und Erkundi⸗ gungen einziehen. Unterdeſſen möge der Teufel den Nebel holen! Möge der heilige Bartholomäus für immer den feigen Hund von Kapitän und die mehr als hündiſche Mannſchaft verdammen, welche ſich weigerte, abzufahren. So kam er raſchen Schritts Commercial Street hinunter— und dann, gegen⸗ über dem Arkadenſalon, machte er Halt, um mit dem Inſtinkt, welcher verzweifelte Menſchen nach verzweifelten Plätzen lockt, einzutreten und heraus⸗ fordernd um ſich herzublicken. Der große Raum, hell vom Lichterglanz und ſtrahlend von Vergoldung und Spiegeln, erſchien ruhig und feierlich im Vergleich zu dem Heerwegs⸗ ) Erzdummkopf. ——— — 207— leben draußen. Es war für die gewöhnlichen Ha⸗ bitués des Ortes noch zu früh. Nur ein paar der langen Spieltiſche waren beſetzt. Eine einzige Bank war gelegt, und hier machte Ramirez mit der ſeiner Raſſe für dieſes Glücksſpiel eigenen Vorliebe Halt. Der Zufall wollte es, daß Mr. Jack Hamlin zeitweiſe die Pflichten des Bankhalters verſah und eben in unhörbarer, gewerbsmäßiger Weiſe die Karten vertheilte. Beiläufig ſei bemerkt, daß Faro ſein Hauptſpiel war. In dieſem Augenblick fungirte er nur aus reiner Freundſchaft für den abweſenden Bankhalter, der gerade in einem der oberen Zimmer ſein Mittagsmahl einnahm. Ramirez warf ein Goldſtück auf den Tiſch und verlor es. Er verſuchte ſein Glück zum zweiten Mal und verlor wieder. Er verlor ein drittes Mal. Dann machte ſich ſein kochendes Innere in dem bezeichnenden„Caramba“ Luft. Mr. Jack Hamlin blickte auf. Es war nicht der Fluch, war nicht der Ausdruck übler Stimmung,— an Beides war Mr. Hamlin, Dank ſeinem Beruf, gewöhnt genug,— ſondern ein gewiſſer eigener Ton der Stimme, der Jack's ungewöhnlich zähes Erinnerungs⸗ vermögen weckte. Er blickte empor und, um ſeinen eigenen Ausdruck zu gebrauchen,„nagelte“ den Eigenthümer der Stimme ſofort feſt. Er ließ ſich nicht das geringſte Zeichen des Wiedererkennens 208 entſchlüpfen, ſondern fuhr ruhig im Spiel fort. Das nächſte Mal gewann Ramirez. Mr. Hamlin ſtreckte ſeinen Geldrechen aus und zog Mr. Ra— mirez' Geld mit dem der Verlierer ein. Wie Mr. Hamlin zweifelsohne genau voraus⸗ geſehen, ſprang Mr. Ramirez mit einem leiden⸗ ſchaftlichen Aufſchrei der Wuth empor,— worauf ihm Mr. Hamlin ruhig und ohne aufzuſehen ſeinen Einſatz und was er dazu gewonnen hatte, hinſchob. Ramirez war, ohne es aufzunehmen, mit einem Satz an der Seite des Spielers. „Sie wollen mich inſultiren? Wollen mich be—trü— gen? Hm!? Wollen mir mein Geld wegnehmen?!“ rief er heiſer und leidenſchaftlich mit der einen Hand geſtikulirend, während er mit der andern wild in die Bruſt griff. Mr. Hamlin richtete ein Paar dunkle Augen auf den Sprecher und ſagte ruhig: „Niederſitzen, Johnny!“ Mit dem vollen Ausbruch der während der letzten Stunden in ſeinem Blut kochenden Leidenſchaft, mit dem noch vom Morgen her ſeine Seele verfinſternden Mordtrieb und mit dem brennenden, zum Wahn⸗ ſinn treibenden Gefühl einer neuen Beleidigung, würde Ramirez den Spieler niedergeſtoßen haben. Möglicherweiſe war das ſeine Abſicht, als er zu ihm hinüberſprang. Möglicherweiſe war es ſein — — 2090— feſter Wille, als er,— Viktor Ramirez,— deſſen Erſcheinen in One Horſe Gulch zwei Tage ſpäter zwei Herzen mit Entſetzen erfüllen ſollte,— ſich wie einen Buben mit„Johnny“ angeredet hörte! Aber er ſah in Mr. Hamlin's Augen und er zö⸗ gerte. Was er darin ſah,— ich vermag es nicht zu ſagen. Es war ein Paar ſchöner Augen, klar und weit geöffnet und, nach dem Urtheil verſchie⸗ dener Mitglieder des gefühl⸗ und vertrauensvollen Geſchlechts, von beſonders berückendem und zärt⸗ lichem Ausdruck. Wie dem auch war,— es war eine Thatſache, daß Mr. Ramirez nach ſeinem Sitz zurückkehrte, ohne irgend etwas zu thun. „Sie kennen dieſen Mann nicht,“ ſagte Mr. Hamlin zu den beiden ihm zunächſt ſitzenden Spie⸗ lern im Ton tiefſter Vertraulichkeit, aber immerhin laut genug, um deutlich von Allen, die ſich am Tiſch befanden, Ramirez eingeſchloſſen, verſtanden zu werden.„Sie kennen ihn nicht. Aber ich kenne ihn! Er iſt ein desperater Charakter,“ fuhr Mr. Hamlin fort, indem er nach ihm hinüberblickte und gelaſſen ſeine Karten miſchte,„ein äußerſt despe⸗ rater Charakter. Machen Sie Ihr Spiel, meine Herren! Er hält in Sonoma einen großen Vieh⸗ Rancho*) und einen Privatkirchhof, wo er Die⸗ *) Landbeſitz. Bret Harte, Gabriel Conroy. I. 14 — 240— jenigen, die er ſelbſt befördert hat, begräbt. Sie nennen ihn den ‚gelben Habicht von Sonomat. Gerade heut iſt er wieder einmal außer ſich. Hat wahrſcheinlich eben Einen dort oben umgebracht und Blut gerochen.“ Mr. Ramirez lächelte wüſt vor ſich hin und gab ſich den Anſchein, das Spiel genau und auf⸗ merkſam zu verfolgen, als Mr. Hamlin innehielt, um das Geld einzuziehen. „Er iſt verſchmitzt,— dieſer Johnny!“ fuhr Mr. Hamlin während des Kartenmiſchens in Ab⸗ ſätzen fort.„Verſchmitzt und glatt. Namentlich wenn er Blut hinter ſich hat. Seht ihn nur dort ſitzen und lächeln. Er will das Spiel nicht unter— brechen. Er weiß, daß in fünf Minuten Jim wieder unten iſt und ich frei bin. Das iſt’'s, wor⸗ auf er wartet. Das iſt's, was mit dem ‚gelben Schlächter von Sonoma' los iſt. Hat auch ſein Meſſer parat in der Bruſt. Eingepackt in braunes Papier, damit es hübſch rein bleibt. Er iſt gar eigen mit ſeinen Waffen,— der Johnny da. Hat für jeden neuen Mann ein neues Meſſer.“ Ramirez erhob ſich mit einem Verſuch, den Lu⸗ ſtigen zu ſpielen und ſteckte ſeinen Gewinnſt ein. Mr. Hamlin that, als bemerke er ihn nicht, bis er im Begriff ſtand, den Tiſch zu verlaſſen. „Er geht und wartet draußen auf mich,“ ſagte — er.„In fünf Minuten, Johnny,“ rief er dem Verſchwindenden nach.„Wenn Ihr nicht warten könnt, ſo hoffe ich, Euch nächſte Woche im Hotel in Marysville zu ſehen, Zimmer Nr. 95,— das nächſte Zimmer, Johnny— das nächſte Zimmer!“ Mr. Ramirez, welcher in dieſem Augenblick auf die dichtgefüllte Geſchäftsſtraße hinaustrat, war ſo verſchieden von jenem Ramirez, der zwanzig Mi⸗ nuten vorher den Arkadenſalon betreten hatte, daß man leicht hätte zweifeln können, ob er auch der⸗ ſelbe ſei. Er athmete nicht einmal, wie er vorhin geathmet hatte. Seine Wangen, obgleich noch im⸗ mer hager, hatten ihre Farbe wiederbekommen. Seine Augen, die vorhin ſtarr und nachdenklich geblickt, hatten die alte raſtloſe Lebhaftigkeit angenommen. Abgeſehen davon, daß er, den Salon verlaſſend, zuerſt ſchnell einherſchritt und ſich haſtig zwei⸗ oder dreimal umblickte, ob ihm irgend Jemand folge, war ſeine ganze Art und Weiſe wie ausgewechſelt. Und das Alles ohne Blutvergießen oder die Stillung einer unerſättlichen Gier nach Rache! Da ich es vorziehe, Mr. Ramirez ohne jede Affektation, mehr von dieſem Herrn zu wiſſen, als er ſelbſt von ſich wußte, zu behandeln, bin ich auch außer Stande, den Grund dieſer Veränderung in ſeinem Weſen oder dieſer plötzlichen Unterordnung ſeiner mörderiſchen Neigung beſſer zu erklären, als er dieß ſich ſelbſ gegenüber that. Vielleicht würde eine Art Schlüſſel darin zu finden ſein, wenn man erwägt, daß er ſich durch mehrere Stunden hindurch, ohne auf den mindeſten Widerſtand zu ſtoßen, auf das Ungehin⸗ dertſte hatte gehen laſſen dürfen, während er in den letzten zwanzig Minuten Grund gefunden hatte, an der Allmächtigkeit ſeiner Leidenſchaft zu zweifeln. Genau weiß ich nur das Eine: daß ſich Mr. Ra⸗ mirez bis halb Sechs darüber klar geworden war, daß Strafe an Leib und Leben nicht das wirkſamſte Mittel war, ſich an ſeinen Feinden zu rächen, und daß er— um halb Sieben zu dem weitern Ent⸗ ſchluß gekommen war, nicht mit dem Boot nach Sakramento abzugehen. Und doch habe ich allen Grund, anzunehmen, daß derſelbe Mr. Ramirez während der ſechs vorhergehenden Stunden ein ſo aufrichtiger Mörder war, wie nur je einer, der die Strafe für ſeine That zu erdulden hatte, oder dem der Zufall nicht einen Jack Hamlin in den Wurf geführt, um die angeborene Feigheit in ihm wieder die Oberhand gewinnen zu laſſen. Mr. Ramirez ſchlenderte Montgommery Street hinunter, bis er Pacific Street erreichte. An der Ecke der letztern wurde er für einen Augenblick durch ein raſſelndes Wagengeſpann aufgehalten, welches durch den Nebel in der Richtung des Dampferlandeplatzes einherjagte. Mr. Ramirez er⸗ — — 243 — kannte den Gepäck⸗ und Poſtwagen für das Sa⸗ kramentoboot. Aber er wußte nicht, daß dieſe Poſt einen Brief enthielt, der ſich folgendermaßen las: „Werthe Frau! Ihren Brief vom 20ſten em⸗ pfangen und vom Inhalt Kenntniß genommen. Ich bin willens, unſere Dienſte Ihrem Erfolg zu wid⸗ men. Wir glauben, daß Ihr gegenwärtiger Plan⸗ ſich ebenſo zufriedenſtellend bewähren wird, als der, den Sie zuerſt entworfen hatten. Möchte Ihnen den Rath ertheilen, Mr. Ramirez keine perſönliche Zuſammenkunft zu bewilligen, ſondern ihn an Mr. Gabriel Conroy zu verweiſen. Das Benehmen des Mr. Ramirez iſt derartig, daß es den Verdacht nahelegt, er ſinne auf Gewaltthätigkeit, wenn er nicht durch die Anweſenheit eines Dritten in Schran⸗ ken gehalten wird. Ihr ergebener Peter Dumphy.“ Sechzehntes Kapitel. Ein Schwarm von Zeugen. Die Straße, in welche Ramirez verſchwand, ſchien auf den erſten Blick nahezu ungangbar, und nur eine gewiſſe Regelmäßigkeit in dem Abſtande der unregelmäßigen, wunderlich gebauten Häuſer ließ vor dem ernſtlich zweifelnden Gemüth etwas wie die urſprüngliche Beſtimmung deſſelben als ein Durchweg aufdämmern. Es war eine ſchmutzige, kothige, finſtere Gaſſe. An einigen Stellen war ſie felſig und abſchüſſig, an anderen ſandig und eben. Das Niveau war zwei⸗ oder dreimal ver⸗ ändert worden, ſtets aber mit vornehmſter Nicht⸗ berückſichtigung der Häuſer, die entweder als zu⸗ fällige Nebenſachen der urſprünglichen Anlage oder als ein um jeden Preis zu überwindendes Hinder⸗ niß angeſehen wurden. Das nächſte Ergebniß dieſes großartigen Verfahrens war die vollkommene Iſo⸗ —— lirung einiger Häuſer, die Unmöglichkeit, ihnen an⸗ ders als mit Leitern beizukommen, anderer, und end⸗ lich die Erzeugung des allgemeinen Eindrucks, als habe man hier mit dem Bauen von oben ange⸗ fangen und ſei dann erſt nach unten fortgeſchritten. Ein weiteres Reſultat beſtand darin, daß das ganze Stadtviertel einem geſellſchaftlichen Bann anheim⸗ fiel und eine Art von Vehme über ſeinen Be⸗ wohnern lag. Verſchiedene der Häuſer waren ur⸗ ſprünglich von ſpaniſchen Eingeborenen bewohnt, die mit dem ihrer Raſſe eigenen konſervativen In⸗ ſtinkt an ihren Caſas feſthielten, nachdem das ame⸗ rikaniſche Element ſich längſt jenſeits derſelben neue, weniger felſige und unzugängliche Tummelplätze er— leſen. Was ja von ihnen geräumt worden war, wurde Dank jenem Naturgeſetz, welches die Ange⸗ hörigen eines im Niedergang begriffenen und poli⸗ tiſch verkommenen Stammes zu heerdenweiſer Zu⸗ ſammenniſtung und Abſonderung antreibt, ſchnell genug von anderen eingeborenen Kaliforniern mit Beſchlag belegt, ſo daß die Gegend nur unter dem Namen des ſpaniſchen Quartiers bekannt war. Daß dieſe Menſchen in Häuſern lebten, die ihren Ge⸗ wohnheiten und ihrem Geſchmack ganz und gar nicht entſprachen, und daß es ihnen unter Verhältniſſen, welche ihren Anſprüchen und früheren Gepflogen⸗ heiten ſo wenig gemäß waren, wohl zu ſein ſchien: — 216— das mußte dem nachdenklichen Beobachter nicht im mindeſten abſonderlich und Antheil fordernd er⸗ ſcheinen. Vor, oder richtiger geſagt, unter einem dieſer Gebäude machte Mr. Ramirez Halt, um eine lange leiterartige Holzſtufenflucht emporzuſteigen, die ihn endlich in die gleiche Höhe mit dem Fundament des Hauſes brachte. Von hier gelangte er auf einer zweiten, gleich hohen Außentreppe auf die Ve⸗ randa oder Galerie des zweiten Stockwerks. Und erſt von hier ſtieg er, da das Erdgeſchoß hinter einer Art Erdwall verborgen lag, auf einer ſchma⸗ lern Treppe, welche er daſelbſt entdeckte, zu dem Ein⸗ gang des Hauſes hernieder. Derſelbe ſtand offen. Auf dem Hausflur lungerten zwei oder drei Männer mit dunklen Geſichtern, Cigaritos rauchend, und trotz des kalten Nebels ſich den Luxus eines„Ne⸗ gligés“ in Hemdsärmeln und ohne Kragen geſtat⸗ tend. Am offenen Fenſter des Empfangszimmers ſaßen zwei oder drei Frauen in Röcke von ganz leichten weißen Muſſelinſtoffen gekleidet, aber mit ſchweren Shawls über Kopf und Schultern,— als ob der Frühling oberhalb ihres Gürtels, wie an einem Aequator, Halt gemacht hätte. Das Haus war ſchlecht erleuchtet, oder beſſer geſagt, die dunkle Farbe der gelbbraunen Wände und des von beſtändigem Tabaksrauch ſeines Glanzes und ſeiner Politur beraubten Hausrathes ließ es noch dunkler erſcheinen, als es an ſich war. Faſt in jedem Zimmer und auf allen Balkons war der Fußboden mit den gelben Hüllen ausgerauchter Ci⸗ garitos bedeckt. Gelbe Flecken zeigten ſich auf den Hemdsärmeln der Männer, gelbe Streifen auf den ſonſt reinen Röcken der Frauen. Daumen und Zeigfinger von Männern wie von Frauen waren bis zum erſten Gelenk gelb gefärbt. Der Geruch von verbranntem Papier und Tabak durchdrang das ganze Haus, wie Weihrauch die Räume einer Kirche; gelegentlich kämpfte ſich auch der Hauch von Knob⸗ lauch und rothem Pfeffer durch. Zwei oder drei der Lungerer redeten Ramirez in den Ausdrücken eines feierlichen Wiederſehens an. Eine der Frauen,— die ſtattlichſte,— erſchien an der Thür, indem ſie ihren Shawl mit der einen Hand feſter um die Schultern zuſammenzog, als hätte ſie allerlei gefährliche Unordnung darunter zu verbergen, und mit der andern zierlich einen ſchwarzen Fächer nach dem jungen Mann hinſchwenkte, den ſie mit großer Lebhaftigkeit und Zungenfertigkeit „Undankbarer“,„Verräther“ und„Judas“ nannte. Dann ſah ſie ihm kokett in's Geſicht. „Nach ſo langer Zeit,— und woher, kleiner Lump?“ „In Geſchäftsſachen, mein Herz und meine — 218— Seele,“ rief Ramirez mit haſtiger und gewiſſer⸗ maßen pflichtſchuldiger Galanterie aus.„Wer iſt oben?“ „Diejenigen, welche Zeugniß ablegen werden.“ „Und Don Pedro?“ „Er iſt auch da, ebenſo Sennor Perkins.“ „Gut. Ich will ſogleich hinauf,“ und er nickte ihr, ſich entſchuldigend, zu, als er eilig die Treppe hinaufſtieg. Auf dem erſten Flur hielt er an, wandte ſich ungewiß nach der nächſten Thür und klopfte nach einigem Zögern. Keine Antwort er⸗ folgte. Ramirez klopfte auf's Neue, ſtärker und beſtimmter. Dieß hatte ein ſchnelles Raſſeln am Schloß zur Folge, ein jähes Aufreißen der Thür und das plötzliche Erſcheinen eines Mannes in einem abgeſchabten Alpacarock und abgetragenen Bein⸗ kleidern. Er ſtarrte Ramirez wild an und ſagte engliſch:„Was zum Teufel! Die nächſte Thür!“ und ſchlug in ebenſo heftiger Weiſe Ramirez die Thüre vor der Naſe zu. Ramirez trat haſtig in das von dem wilden Fremden bezeichnete Zimmer und wurde zugleich von einer dicken Rauchwolke und dem Klange begrüßender Stimmen empfangen. Um einen langen, mit ſeltſam ausſehenden ge⸗ richtlichen Dokumenten, Karten und Pergamenten bedeckten Tiſch ſaß etwa ein halbes Dutzend Män⸗ ner. Die Meiſten waren über die mittleren Jahre — 219— hinaus, mit dunkeln Geſichtern und graugemiſchten Haaren, während Einer, deſſen verrunzeltes Antlitz von der Farbe und dem Gefüge von Rothtannen⸗ rinde ſchien, gebrechlich zuſammengeſunken war. „Er iſt vorgeſtern hundertundzwei Jahre ge⸗ worden. Er iſt der Hauptzeuge für die Unter⸗ ſchrift Michel Torrena's in dem Caſtro Landanſpruch,“ ſagte Don Pedro. „Iſt er im Stande, ſich zu erinnern?“ fragte Ramirez. „Wer will das wiſſen?“ entgegnete Don Pedro die Achſeln zuckend:„Er wird ſchwören. Das genügt.“ „Was für ein Thier habt ihr da im Neben⸗ zimmer?“ fragte Ramirez.„Iſt es ein Wolf oder ein Bär?“ „Es iſt der Sennor Perkins,“ ſagte Don Pedro. „Was treibt er?“ „Er überſetzt.“ Hierauf erzählte Ramirez nicht ohne Heftigkeit, wie er das richtige Zimmer verfehlt und welche un⸗ höfliche Begrüßung des Fremden ihm dieß einge⸗ tragen. Die Anweſenden hörten aufmerkſam, ja achtungsvoll zu. Eine amerikaniſche Zuhörerſchaft würde gelacht haben. Die im Zimmer befindliche Geſellſchaft verharrte in ihrer ernſten Haltung. Eine Unhöflichkeit gegen einen Gaſt war ſelbſt in den — 220— Augen dieſer zweifelhaften Perſönlichkeiten ein Ding von Bedeutung. Don Pedro begann zu erklären: „Ah, ſo muß man denn annehmen, daß Gott ihn hier heimgeſucht hat,“ und er tippte gegen ſeine Stirne.„Er iſt ſonſt gar nicht nach der Art ihres Landes. Er iſt pünktlich, verſchwiegen und ein Mann der Gewohnheit. Wenn es Drei ſchlägt, iſt er hier. Mit dem Schlag Neun iſt er fort. Sechs Stunden in dem Zimmer da zu arbeiten! Ah, Himmel! Und die Menge von Arbeit,— es iſt erſtaunlich. Ganze Foliobände! Gut— und es iſt gethan. Punkt neun Uhr nimmt er ein von ſeinem ‚Padrone' für ihn auf das Pult gelegtes Papier auf, in welches zehn Dollars, ein goldener Adler, eingewickelt ſind, und iſt für den Tag fertig. Sie ſagen, daß fünf Dollars davon am Spieltiſch draufgehen,— aber nie mehr. Die anderen fünf Dollars für's Leben,— und ein Mal wie das an— dere Mal. Immer! Immer! Er iſt ein Ge⸗ lehrter,— ſo tief und ſo bewundernswürdig! Er iſt im Spaniſchen und Franzöſiſchen perfekt. Er iſt den Advokaten ſo viel in Gold werth, als er wiegt,— Sie verſtehen,— aber er läßt ſich nicht von ihnen gebrauchen. Er ſagt ihnen einfach: ‚Ich überſetze Lügen oder was ſonſt! Wer weiß es? Mich kümmert's nicht,— aber auch nicht mehr als das.: O, er iſt wundervoll.“ Ding ären: Gott ſeine ihres d ein gt, iſt Sechs — 221— Die Erwähnung des Speeltiſches friſchte Vik⸗ tor's Gedächtniß auf und erinnerte ihn an den Zweck ſeines Beſuches.„Du haſt mir Alles dar⸗ über mitgetheilt, Don Pedro,“ ſagte er, ſeine Stimme vertraulich dämpfend,„wie die Ausſagen der Zeugen in Betreff der alten ſpaniſchen, von Gouverneuren und Alkalden herrührenden Landſchenkungen einge⸗ richtet werden. Gut. Iſt es ſo?“ Don Pedro blickte im Zimmer umher.„Von Denen, welche heute Abend hier ſind, werden fünf ſo ſchwören, wie ich ſie vorbereitet habe— Sie verſtehen,— und unter ihnen befindet ſich ein Gouverneur, ein Militärſekretär, ein Alkalde, ein Kommandant und, die Heiligen erhalten uns! ein Erzbiſchof! Es ſind Alles achtungswerthe ‚Cabal⸗ leros“. Aber ſie ſind geplündert worden— Sie verſtehen,— geplündert von den ‚Americanost. Was thut's? Sie haben eine Lektion empfangen. Sie werden nun einfach den höchſten Preis auf ihr Erinnerungsvermögen ſetzen. Eh? Sie werden es Dem verkaufen, der es am beſten bezahlt. Glau⸗ ben Sie mir, Viktor, ſo iſt es.“ „Gut,“ ſagte Viktor.„Und höre. Wenn da ein Mann wäre,— ein Räuber,— ein Ameri⸗ kaner!— der von Pico einen Landbeſitztitel er⸗ preßt hätte,— Du verſtehſt,— einen vorgebrachten und gerichtlich eingetragenen und von der Land⸗ kommiſſion gutgeheißenen Landbeſitztitel— und es käme nun Jemand,— meinetwegen ich ſelbſt, eh? — und ſagte, das Alles wäre ungültig,— mein Freund, mein Bruder— ah—“ „Von Pico?“ fragte Don Pedro. „Ja, von Pico, im Jahre 47, Viktor.„Eine Landſchenkungsurkunde.“ Don Pedro erhob ſich, öffnete einen Schreibtiſch in der Ecke und entnahm ihm verſchiedene ſchlecht bedruckte, vergilbte, aber unbeſchriebene Formulare mit Siegeln in der untern rechten Ecke. „Zollhausformulare von Monterey,“ erklärte Don Pedro,„mit Gouverneur Pico's Unterſchrift und Siegel. Verſtehſt Du, Viktor, mein Freund? Eine zweite Schenkungsurkunde iſt leicht genug zu haben.“ Viktor's Augen funkelten. „Aber zwei Urkunden für daſſelbe Land, mein Bruder?“ Don Pedro zuckte die Schultern und rollte einen neuen Cigarito. „Es gibt deren zwei faſt für jede von ſeiner verſtorbenen Excellenz gemachte Landſchenkung. Biſt Du ſicher, mein wackerer Freund, daß für diejenige, von der Du ſprichſt, nicht drei Urkunden exiſtiren? Wenn nur eine da iſt.— Heilige Mutter— das iſt ja gar nichts. Sicherlich hat das Land dann 74 antwortete 4 mein einen einer Biſt 0050 — 223— keinen Werth. Wo liegt Dein beſcheidenes Eigen⸗ thum? Wie viele Quadratmeilen umfaßt es? Komm', wir wollen uns in dieſes Privatzimmer zurückziehen und Du magſt mir ungeſtört Alles auseinander⸗ ſetzen. Da iſt auch excellente ‚Aguardiente“*), mein Viktor, komm' nur.“ Und Don Pedro ſtand auf und führte Viktor in ein kleineres Zimmer, deſſen Thür er ſorgfältig ſchloß. Etwa eine Stunde verging. Während dieſer Zeit hätte der Klang von Viktor's zu leidenſchaft⸗ lichem Vortrag geſteigerter Stimme von den In⸗ habern des größern Zimmers deutlich vernommen werden müſſen, wären ſie nicht gar ſo ſehr in ihre eigene Qualmatmoſphäre eingehüllt und vielleicht auch aus Höflichkeit gleichgültig gegen des Fremden Ge⸗ ſchäft geweſen. Sie ſchwatzten, verglichen Notizen und prüften gerichtliche Dokumente mit der lebhaften und ſelbſtgefälligen Neugierde von Leuten, denen dieſes Geſchäft und die Wichtigkeit, welche ſeine Re⸗ ſultate zur Zeit für ſie hatten, etwas Neues war. Ein paar Minuten vor neun Uhr erſchien Don Pedro mit Viktor wieder unter ihnen. Der Letz⸗ tere— ich bedaure, dieß ſagen zu müſſen,— ſei es in Folge der Reaktion nach der heftigen Auf⸗ regung des Morgens, oder der theilnehmenden Sym⸗ *) Branntwein. — 224— pathie ſeines Freundes, oder gar der nicht minder ſänftigenden Einwirkung der„Aguardiente“, etwas unzuſammenhängend, reich an Ausrufungen und übermäßig mittheilſam. Iſt es doch einmal die Wirkung in zu großer Fülle genoſſener Stimula⸗ tionsmittel auf leidenſchaftliche Naturen, wie jene Viktor's, ſie entweder zänkiſch oder zärtlich zu ma⸗ chen! Mr. Ramirez war Beides. Mit Thränen in den Augen verlangte er, zu den Damen geführt zu werden. Er wollte in der Geſellſchaft Manuela's, der üppigen, dem Leſer bereits vorgeſtellten„Donna“, jenen Herzensbalſam finden, nach dem ein gekränktes, getäuſchtes und hingebendes Gemüth, wie das ſei⸗ nige, nur zu tiefes Verlangen empfinden mußte. Auf der Treppe ſtieß er gegen einen Fremden. Es war der„Sennor Perkins“, welcher, ſauber, ſtattlich, ſorgfältig angekleidet, eben ſeine Sklaverei abſchüttelte,— eine gründlich verſchiedene Perſön⸗ lichkeit von jener, deren Bekanntſchaft er zufälliger⸗ weiſe eine Stunde vorher gemacht hatte,— und aller Vermuthung nach auf dem Wege nach dem Spieltiſch und ſeinen anderen üblichen Abendver⸗ gnügungen war. In dem umnebelten Zuſtand, in dem ſich Viktor befand, würde er gar zu gerne ſeine Anſichten über die allgemeine Falſchheit des ſchönen Geſchlechts und die traurigen Erfahrungen, welche einer wahrhaften Leidenſchaft harren, mit ihm aus⸗ — 225— nder getauſcht haben, aber Don Pedro drängte ihn haſtig was nach dem Empfangszimmer hinunter und aus dem und Bereich der zwangslos zurückweiſenden Blicke des die Sennor Perkins. Einmal im Empfangszimmer ula⸗ und im Bann der koketten Manuela, welche nach jene wie vor dicht in ihren Shawl gewickelt war, als ma⸗ ſeien die Zweifel in Betreff deſſen, was ſich von nnen Kleidungsſtücken oberhalb ihrer Taille befand, noch ührt immer nicht beſeitigt, ſank Viktor nach einigen all⸗ 9's, gemeinen Bemerkungen über die Unfähigkeit des na', Geſchlechtes, eine ſo unergründlich tiefe und wild⸗ ktes, leidenſchaftliche Natur wie die ſeinige zu verſtehen, ſei ſchließlich hülf⸗ und hoffnungslos ſchlaftrunken in e. einen mit ſchwarzem Roßhaartuch überzogenen Arm⸗ den. ſtuhl. ber,„Wir müſſen für die Nacht ein Bett für ihn verei finden,“ ſagte die theilnahmsvolle und zugleich ſön⸗ praktiſche Manuela.„Er iſt nicht im Stande, nach ger⸗ ſeinem Hotel zu gehen, der arme Tropf. Mutter und Gottes,— was iſt das?“ dem Indem ſie ihn in dem Stuhl, in welchem er mit ver⸗ einer gefährlichen Neigung, auf den Fußboden her⸗ in unterzugleiten, lag, zurechtzurücken verſuchte, war ſeine etwas aus ſeiner Bruſttaſche gefallen. Manuela nen hob es auf. Es war das Bowiemeſſer, welches er lche am Morgen gekauft hatte. 3„Ah,“ rief Manuela.„Verzweifelter kleiner üis Bret Harte, Gabriel Conroy. I. 15 — 226— ‿ Brigant! Er iſt unter den„Americanos’ geweſen. Sieh' nur, Oheim!“ Don Pedro nahm die Waffe ruhig aus den braunen Händen Manuela's und unterſuchte ſie gelaſſen. „Es iſt ganz neu, meine Nichte,“ ſagte er mit einem leichten Achſelzucken.„Noch liegt die friſche Politur auf der Klinge. Laß ihn uns zu Bett bringen!“ eſeen. den Siebenzehntes Kapitel. Die reizende Mrs. Sepulvida. Wenn es einen Flecken Erde gab, der in ſeiner regelmäßigen todten Eintönigkeit der vollkommene und natürliche Ausdruck des kaliforniſchen Jahres⸗ laufes war, ſo war das alte, ehrwürdige Pueblo*) und die Miſſion des geſegneten St. Anthony dieſer Fleck. Der wechſelloſe, wolkenloſe und ausdrucks⸗ loſe Sommerhimmel ſchien ein Sinnbild jenes ariſto⸗ kratiſchen Hängens am Herkommen, das jede Neuerung ausſchloß und ſein eigentliches Kennzeichen war. Der Fremde, welcher in ſeinem eigenen Wagen b in das Pueblo einzog— denn die Anſchauungen von San Antonio widerſprachen entſchieden der Einführung einer Poſtkutſche, welche vagabondiren⸗ des Volk in ihr Weichbild bringen konnte,— *) Pueblo, kleine Stadt, Marktflecken. las in den Geſichtern der müßigen, umherlungern⸗ den„Peonen“*) die Thatſache, daß die großen „Rancheros“**), welche die umliegenden Ländereien⸗ inne hatten, nicht geſonnen ſeien, dieſelben zu ver⸗ kaufen, noch ehe er die eine kurze, von Mauern eingefaßte Straße und den offenen Platz erreicht hatte und dort die Entdeckung machte, daß er ſich an einem Ort befand, wo es weder ein Hotel, noch eine Schenke gab, und daß er in Betreff einer Mahlzeit oder eines Nachtlagers gänzlich auf die Gaſtfreundſchaft irgend eines höflichen Bewohners des Fleckens angewieſen war. Wenn er dann in den Hof des erſten großen Adobegehöfts einlenkte und den ernſten Willkomm⸗ gruß eines fremdartigen, aber freundlichen Geſichts empfing, ſah er um ſich herum und überall auch nicht das Geringſte verändert. Die Sonne ſchien ebenſo hell und glühend auf die langen, rothen Zie⸗ gel der niedrigen Dächer herab, welche ſo aus⸗ ſahen, als ſeien ſie geradeſo mit länglichen Strei⸗ fen von Zimmetrinde gedeckt, wie es während der letzten hundert Jahre geſchienen hatte. Die mageren, wolfsartigen Hunde ſtürzten heran und bellten, wie ihre Väter und Mütter den eintretenden Reiſenden *) Peon, der Tagelöhner, halbe Leibeigene. *) Ranchero, Land⸗ und Heerdenbeſitzer. — gern⸗ oßen reien ver⸗ wern reicht ſich noch einer f die ners roßen mm⸗ ſichts auch ſchien Zie⸗ qus⸗ Ftrei⸗ d der geren, wie enden — — 229— D vor zwanzig Jahren angebellt hatten. Da ſtanden die drei oder vier halbgezähmten Muſtangs*), mit ſtarken Riemen längs der Veranda der langen, niedrigen Fonda**) befeſtigt und mit dem glitzern⸗ den Wiederſchein der Sonne auf den ſilbernen Be⸗ ſchlägen ihres Geſchirrs. Da zog ſich die breite, leere Fläche der weißgetünchten Adobewand hin, ebenſo öde und ohne jedes Erinnerungsmal darauf, wie die Tage ereignißlos vorüberzogen, ebenſo ein⸗ förmig und ausdruckslos, wie der öde ſtarrende Himmel darüber. Da waren die weißen, domarti⸗ gen Thürme der Miſſion, die aus dem Grün der Oel⸗ und Birnbäume emporſtiegen, verbogen, ge⸗ krümmt und ſchief vom Rheumatismus des Alters. Und da war der unvermeidliche Streifen ſchmalen weißen Strandes und dahinter das Meer,— wüſt, grenzenlos und immer das nämliche. Die Dampfer, welche der dunkelnden Küſtenlinie entlang zogen, glichen fernen, weſenloſen, geſpenſtiſchen Dingen. Seit die Galleone Philips im Jahre 1640 ihre bleichenden und zerſchmetterten Rippen dem Sande überliefert, hatte, ſoweit ſich Menſchen erinnerten, kein Schiff auf der offenen Rhede unterhalb der Biegung von Point of Pines und der weißen Wälle *) Muſtangs, halbwilde Pferde. **) Fonda, Gemeindehaus. 230— und zuſammengebrochenen Bronzekanonen des Pre⸗ ſidio, welches ſchutz⸗ und hoffnungslos ſeewärts blickte, Anker geworfen. Aber gevade wegen alles deſſen war das Pueblo won San Antonid das Ziel der begehrlichen Blicke der Amevikaner. Seine weiten Meilen fruchtbaren Landes, ſeine zahlloſen Viehheerden, der halbtro piſche Reichthum ſeiner Vegetation, die Geſundheit ſeines Klimas und das Vorhandenſein wunderthäti ger Mineralbrunnen waren zugleich eine Quelle der Verſuchung und der Erbitterung für die gierigen Spekulanten von San Franzisko. Zum Gluück für San Antonio befand ſich ſeine nach Quadratmeilen meſſende Gemarkung in den Händen von nur ein paar Mitgliedern des veichſten eingeborenen Beſitzer⸗ ſtandes. Die Ranchos§) des„Bären“, des„Hei⸗ ligen Fiſchers“, der„Geſegneten Oreieinigkeit“ um⸗ faßten das ganze umherliegende Land, und ihre Be⸗ ſitztitel waren den eingeborenen Eigenthuͤmern in den erſten Zeiten der amerikaniſchen Okkupation verbürgt und ſichergeſtellt worden, während ſie zu⸗ gleich ihre vergleichsweiſe Abgelegenheit von den bevölkerteren Verkehrsmittelpunkten gegen das Her⸗ anrücken der gierigen Fremden geſchuͤtzt hatte. Nur ein Sprößling amerikaniſcher Eltern hatte Beſitz *) Rancho, Land⸗ und Waidenbeſitz. — 231— und Genußrecht innerhalb dieſes kaliforniſchen Ar⸗ kadiens erlangt, und das war die Wittwe des Don Joſe Sepulvida. Vor achtzehn Monaten war der ausgezeichnete Don Sepulvida im Alter von vierund⸗ achtzig Jahren geſtorben und hatte ſeine reizende junge amerikaniſche Gattin als einzige Gebieterin ſeines weiten Beſitzes zurückgelaſſen. Daß Donna Maria, ſchön und von heiterer, die Geſellſchaft liebender Gemüthsart, wie ſie es war, einmal ihre Hand und ihre Güter an irgend einen lockern „Americano“ vergebe, der in der heuchleriſchen Geſtalt von„Verbeſſerungen“ den Ruin des her⸗ gebrachten konſervativen Lebens von San An⸗ tonio herbeiführen würde: das war ein Ereigniß, das man erwarten, fürchten und womöglich durch Gebet und Faſten verhindern mußte. Als Donna Maria von einem vierwöchentlichen Beſuch, den ſie nach Ablauf ihres Wittwenjahres in San Franzisko gemacht hatte, allein und allem Anſchein nach noch ungebunden zurückkehrte, wurde, wie man ſagt, in der Miſſionskirche ein Tedeum geſungen. Die mögliche Abtrünnigkeit der Wittwe wurde dadurch noch wichtiger für San Antonio, daß das bedeutendſte Beſitzthum im ganzen Thal, des Rancho der„Geſegneten Dreieinigkeit“, ſich gleichfalls in den Händen eines Mitgliedes dieſes unzuver⸗ läſſigen Geſchlechts befand,— der natürlichen Halb⸗ — 232— bluttochter eines frühern Gouverneurs,— die je⸗ doch glücklicherweiſe durch religiöſe Vorurtheile und die Gewohnheiten eines zurückgezogenen Lebens vor dem möglichen Geſchick der Wittwe bewahrt wurde. Daß eine ironiſche Vorſehung das Schickſal und die Zukunft von San Antonio bis zu einem ſolchen Grade von dem leichten Sinn und der Laune des wetterwendiſchen Geſchlechts abhängig gemacht hatte, verlieh dem Geklätſch des kleinen Pueblo— wenn das ernſte, förmliche Geſpräch der Sennores und Sennoras ſo genannt werden konnte,— eine ge⸗ wiſſe dunkle Färbung. Nichtsdeſtoweniger nahmen die Gläubigeren unter ihnen an, daß das Dazwi⸗ ſchentreten eines Wunders San Antonio nöthigen⸗ falls vor den„Americanos“ und dem Untergang be⸗ wahren werde, und man gab ſich der Hoffnung hin, daß der Namenspatron des Ortes, der es ſelbſt zu einer ſolchen Fertigkeit im Widerſtand gegen eine gewiſſe Art der Verſuchung gebracht hatte, auch nicht anſtehen werde, in eigener Perſon jede etwaige Schwachheit und Eitelkeit des Fleiſches in einer hülfloſen Wittwe zu bekämpfen. Aber ſelbſt die Gläubigſten und Zutrauensvollſten fühlten ihren Muth ſinken, ſobald ſie vorſichtig Schleier oder Mantilla beiſeite ſchoben, um verſtohlenerweiſe nach Donna Maria zu blicken, wie ſie in dem heidni⸗ ſchen Greuel eines pariſer Kleides und Hutes und * mit einem von Selbſtgenügen und unſchuldiger Ge⸗ nugthuung roſigen Geſicht die Kapelle betrat, und ſie erhoben ihren Blick in ſtummer Anrufung zu dem dürren, geſtrengen Patron, der auf der Chorwand über ihnen gemalt war und, auch ſeinerſeits wie zur Abwehr nach Schädel und Kruzifix greifend, die ſchöne Fremde mit nicht geringem Zagen und unter allen möglichen Zweifeln über ſeine Wider⸗ ſtandskraft dieſer neuern Verſuchung gegenüber anzuſtarren ſchien. Soweit es ſich mit der ſpaniſchen Höklichkeit vertrug, wurde Donna Maria einer Art milder Spionage unterworfen. Es wurde ſogar von be⸗ ſonders konſervativer Seite angedeutet, daß eine „Duenna“ unumgänglich nöthig für das geziemende Auftreten einer Dame ſei, die ſo große ſoziale In⸗ tereſſen repräſentirte, wie die Wittwe Sepulvida, obgleich verſchiedene Ehemänner, die bereits ihr Lehr⸗ geld für den unvollkommenen Schutz gezahlt, den dieſe Art der Ueberwachung bot, Allerlei dagegen einzuwenden hatten. Die hübſche Wittwe jedoch ſchüttelte nur den Kopf, als ihr dieſer Vorſchlag allen Ernſtes durch ihren geiſtlichen Berather ge⸗ macht wurde. „Ein Gatte iſt die beſte Duenna, Padre Felipe,“ ſagte ſie uneingeſchüchtert, und ihre Unterredung hatte ein Ende. — 234— Vielleicht war es ebenſo gut, daß das Geſchwätz von San Antonio nicht wußte, wie nahe bevor⸗ ſtehend die Gefahr ſei oder wie arg bedroht die bedeutendſten ſozialen Intereſſen des Pueblo am dritten Tage des Juni 1854 waren. Es war ein heller, klarer Morgen,— ſo klar, daß die entfernten Gipfel des San Brunogebirges ſich über Nacht dem San Antoniothal genähert zu haben ſchienen,— ſo klar, daß der Horizont des ungeheuren Pacific den halben Erdkreis zu um⸗ ſchreiben ſchien. Es war ein Morgen, kühl, rauh und feſt wie Granit und doch mit etwas vom Glanz des Glimmers darin,— ein Morgen voll geſchäfti⸗ gen thieriſchen Lebens, zu deſſen vollkommener Wür⸗ digung und vollkommenem. Genuß die körperliche Bewegung abſolut nothwendig war. Es war kaum zu verwundern, daß Donna Maria Sepulvida, welche in Begleitung eines einzigen Vaquero von einem Beſuch bei ihrem Majordomo und Aufſeher zurückkehrte, die Zügel ihrer gelbem Stute Tita über den Hals gleiten ließ und in einem wilden Galopp dem weißen Strandſtreifen entlang jagte, der ſich von der Gartenmauer der Miſſion nach dem Point of Pines, eine Meile unterhalb, hinzog. Concho, der ehrwürdige Vaquero, verſuchte vergebens mit dem feurigen Thier und der noch ungeſtümern Laune ſeiner Gebieterin Schritt zu halten. Er zuckte 5 1 — 235— die Schultern und verfiel in einen Trott, um bald zwiſchen den Dünen wehenden Sandes verloren zu gehen. Vollſtändig trunken von der erfriſchenden Morgenluft und dem Rauſch der raſenden Be⸗ wegung, erreichte Donna Maria ſchließlich mit Haaren, die ſich aus den Banden ihres kleinen Sammethutes losgeriſſen hatten, mit fliegendem grauem Reitkleid, unter deſſen wehenden Falten die ganze Form eines kleinen Fußes und, wie ich fürchte, zeitweiſe auch ein Theil des ebenmäßigen Enkels ſichtbar wurde, und hie und da mit dem flüchtigen Schaum des homeriſchen Elementes beſpritzt, den Point of Pines, mit welchem die Halbinſel abſchloß. Als jedoch die liebliche Mrs. Sepulvida ſich auf etwa hundert Ellen dem Vorſprung, den ſie zu umkreiſen beabſichtigte, genähert hatte, entdeckte ſie mit einigem Verdruß, daß die Flut im Steigen war und daß jeder Anprall der Brandung einen dünnen Sprühregen leuchtenden Waſſers bis zu den Wurzeln der Föhrenbäume ſelbſt entſendete. Zu ihrem noch größern Mißvergnügen gewahrte ſie im ſelben Augenblick, daß ein unternehmend ausſehen⸗ der Reiter eben mit ſeinem Pferd auf der andern Seite des Vorſprungs hielt und augenſcheinlich ihr Beginnen mit großem Intereſſe und, wie ſie fürch⸗ tete, nicht ohne Spaß daran zu finden, verfolgte. Zurückgehen hieße von dieſem Fremden gefolgt — 236 werden und ſich der bei allem Reſpekt läſtigen Be⸗ obachtung Concho's ausſetzen. Vorangehen war ſchlimmſten Falls gleichbedeutend mit ein wenig Naßwerden und einem kleinen luſtigen Galopp über den Bereich aller Beobachtung hinaus und aus der Nähe des Fremden hinweg, der, ohne den Anſtand zu verletzen, ihr unmöglich folgen konnte. Alles das überſah Donna Maria mit der Schrelligkeit weiblichen Inſtinkts und ſprengte, ohne irgend welche Unentſchloſſenheit in ihrem Geſicht oder ihren Be⸗ wegungen zu Tage treten zu laſſen, in die Sprüh⸗ flut unterhalb des Vorſprungs. Aber ach um dieſe weibliche Logik! Mrs. Sepulvida's Schlußfolgerungen waren vollkommen richtig,— nur ihre Vorausſetzungen waren falſch. Tita's erſter Satz war nicht wenig brav und brachte ſie halb um den Vorſprung herum; der nächſte brachte ſie jedoch kaum noch vom Boden hinweg; und dann kam ein Kampf, in dem ſie bis an die Kniee und gleich darauf bis an die Schenkel ein⸗ ſank. Sie war mitten in den Triebſand gerathen! „Laſſen Sie das Pferd gehen! Machen Sie keine Anſtrengungen weiter! Faſſen Sie das Ende Ihrer ‚Riata“*)! Werfen Sie ſich flach auf die *) Riata, aus Haaren gedrehtes Seil, mit welchem die Pferde feſtgebunden werden. — 237— nächſte Welle und laſſen Sie ſich nach der See hinaustragen!“ Donna Maria machte mechaniſch das Ende des Haarſeils los, das über ihren Sattelknopf her⸗ niederhing; dann blickte ſie ſich nach der Richtung um, von der die Stimme kam. Aber ſie konnte nichts als ein reiterloſes Pferd entdecken, das lang⸗ ſam längs des Vorſprungs einherſchritt. „Schnell! Jetzt!“ Die Stimme klang dieſes Mal von der See herüber, wo vor ihren erſchreckten Blicken Jemand zu ſchwimmen ſchien. Donna Maria zögerte nicht länger. Mit dem Zurückprall der nächſten Welle ließ ſie ſich vorwärts treiben und wurde ein paar Ellen weit fortgeriſſen. Aber nur, um wieder den verrätheriſchen Triebſand unter ſich zu fühlen. „Rühren Sie ſich nicht, ſondern packen Sie nur die Riata feſt!“ Die nächſte Welle würde ſie wieder zurückge⸗ tragen haben, aber ſie begann ihre Lage zu begrei fen, und von dem aufgelösten Sande doch immer⸗ hin ein wenig geſtützt, behauptete ſie mit angehal⸗ tenem Athem ihre Stelle, bis die zurückflutende Unterſtrömung ſie auf's Neue ein paar Ellen ſee— wärts trug. Hier war der Sand ſchon feſter. Sie trieb noch ein paar Ellen weiter und fühlte ſich am Arm ergriffen. Dann gewahrte ſie, daß Jemand = 238— ſie ſchnell durch das Waſſer ſchleifte, daß ſie aus der Brandung gezogen wurde, daß all' ihr Haar aufgelöst herniederfiel, daß ſie ihre Schuhe im Triebſand ſtecken gelaſſen, daß ihr Retter ein frem⸗ der und junger Mann war und dann— dann wurde ſie ohnmächtig. Als ſie ihre braunen Augen von Neuem öffnete, lag ſie auf dem trockenen Sand auf der andern Seite des Vorſprungs, während der junge Mann weiter unten am Waſſer ſtand, beide Pferde am Zaume haltend— das ſeinige und Tita! „Ich habe die Gelegenheit wahrgenommen, Ihr Pferd zu holen. Seiner Laſt ledig und von der ſteigenden Flut unterſtützt, brachte es ſeinen Fuß über die Riata, und Charley und ich zogen es her⸗ aus. Wenn ich mich nicht irre, ſehe ich Mrs. Se⸗ pulvida vor mir?“ Donna Maria bejahte überraſcht. „Und ich denke, das iſt Ihr Diener da, der nach Ihnen zu ſehen kommt.“ Er deutete nach Concho hinüber, der ſich langſam durch die Sand⸗ dünen auf den Vorſprung zu bewegte.„Laſſen Sie mich Ihnen wieder auf's Pferd helfen. Er braucht nicht zu wiſſen,— Niemand braucht es zu wiſſen,— wie groß Ihr Unfall geweſen.“ Donna Maria, noch immer in voller Verwir⸗ rung, geſtattete ihm, ihr in den Sattel zu helfen, 239— trotz der ſchrecklichen Entdeckung ihrer Barfüßigkeit, die ſie bei dieſer Gelegenheit machte. Dann be⸗ merkte ſie, daß ſie ihrem Retter noch nicht gedankt, und ſchickte ſich eben an, dieß in ſo befangener und ungeſchickter Weiſe zu thun, daß die Unterbrechung durch des Fremden lautes Gelächter einer vollkom⸗ menen Erlöſung gleichkam. „Sie würden mir beſſer danken, wenn Sie ſich ſofort in einen ſcharfen Galopp über dieſe ſon⸗ nengebackenen, ofenheißen Sandhügel ſetzen und ſo ein Fieber im Keim erſticken würden! Im Uebri⸗ gen,— ich bin Mr. Poinſett, einer der Rechtsfreunde Ihres verſtorbenen Gemahls, und in Geſchäften in San Antonio, die uns ſehr wahrſcheinlich des Wei⸗ tern und, wie ich beſtimmt hoffe, in angenehmerer Weiſe als dieſes Mal zuſammenbringen werden. Guten Morgen!“ Schon hatte er ſein Pferd beſtiegen und zog grüßend den Hut. Donna Maria gehörte nicht zu den durchtriebenen Frauen, aber ſie war ſchlau ge⸗ nug, um zu ſehen, daß dieſe geſchäftliche Kurz⸗ angebundenheit entweder die Maske eines Mannes war, der ſich vor den Frauen ſcheute, oder die Unverſchämtheit Eines, der zu vertraut mit ihnen war. In beiden Fällen war eine Zurechtweiſung am Ort. Und wie fing ſie das an? Guter Gott,— — 240— ſie hielt ſich an die günſtigſte der beiden Voraus⸗ ſetzungen. Sie nahm— ich bedaure es ſagen zu müſſen— die Rolle der Schmollenden an. Dann ſagte ſie: „Die Schuld trifft Sie allein!“ „Wie das?“ „Wie das,— wenn Sie ſich nicht hier aufge⸗ ſtellt hätten, nach mir zu ſehen und mich zu beob⸗ achten, ſo würde ich nicht verſucht haben, hier her⸗ um zu reiten.“ Und mit dieſem, nach Art der parthiſchen Bogen⸗ ſchützen rückwärts entſandten Pfeil ließ ſie ihren Retter inmitten eines Lächelns und einer Verbeu⸗ gung haltend ſtehen. zu in Ichtzehntes Kapitel. Padre Felipe. Als Arthur Poinſett nach einem ſtundenlangen Ritt über die glühenden Sandhügel ſchließlich vor dem Thor des Miſſionsrefektoriums anhielt, hatte er ſelbſt von ſeinem der Donna Maria ertheilten Rath hinlänglich Nutzen gezogen, um nahezu trocken zu ſein und nur noch ganz geringe äußere Anzeichen des eben erlebten Abenteuers zur Schau zu tragen. Merkwürdig genug war es, daß auch von inner⸗ lichen Spuren kaum die Rede ſein konnte. Nur wenn man das außerordentliche Selbſtgefühl Poin⸗ ſett's kannte, vermochte man das eigenartige geiſtige und moraliſche Weſen dieſes Mannes zu begreifen, der, jedem neuen und augenblicklichen Eindruck auf das Entſchiedenſte zugänglich, doch im Stande war, ſich ohne jedes Gefühl der Verantwortlichkeit oder jedes Bewußtſein von Unbeſtändigkeit alsbald wieder Bret Harte, Gabriel Conroy. I. 16 — 242— deſſelben zu entſchlagen. Daß Poinſett während ſeines Rittes der Frau, welche er gerettet, mehr als einmal gedacht hätte,— ja, daß er ſich überhaupt über die möglichen und logiſchen Folgen des Vor⸗ gangs irgend welche Skrupel gemacht: das würde Keiner, der ihn genau kannte, von ihm angenommen haben. Als er der Mrs. Sepulvida zuerſt am Point of Pines anſichtig wurde, überlegte er eben die möglichen üblen oder guten Folgen eines Wech⸗ ſels innerhalb des konſervativen Elements von San Antonio. Nachdem er ſie verlaſſen, beſchäftigte er ſich auf's Neue mit dem Gegenſtande, und derſelbe erfüllte ſeine Gedanken, bis Padre Felipe in der Thüre des Refektoriums vor ihm ſtand. Ich will damit nicht ſagen, daß er jedes Gefühls der Selbſt⸗ beglückwünſchung über ſeine Handlung ledig war, aber ich möchte die Anſicht nicht aufkommen laſſen, daß irgend eine ſeiner anderen Erwägungen dieſer Empfindung untergeordnet geweſen wäre. Wenn Donna Maria ſeine Formen im Allge⸗ meinen für ein wenig zu zwangslos gehalten hätte, ſo würde ſie über die Art, in der er den Padre Felipe begrüßte, nur um ſo erſtaunter geweſen ſein. Sein ganzes Weſen war in dasjenige höflicher, ja ſelbſt ehrfurchtsvoller Zuvorkommenheit, kindlicher Gläubigkeit und Zutraulichkeit, vollkommener Zu⸗ verſicht und Selbſtvergeſſenheit verwandelt,— und — 1 —— —— — ———— — — — — — — — — 243— mehr als das, es war durchaus aufrichtig. Sie wäre um ſo erſtaunter geweſen, als der Gegenſtand dieſes Kultus von Seiten Arthur's ein alter Mann war, und als dieſer, abgeſehen von einer gewiſſen Milde und Höflichkeit und einer feinen Haltung, unanſehnlich und altmodiſch in ſeiner äußern Er⸗ ſcheinung war, mit Schnupftabak auf den Aermeln und in ein Paar Schuhen einhergehend oder viel⸗ mehr dieſelben bewohnend, welche bis in's Unge⸗ heuerliche groß, unförmig und von allen billig an ſolchen Artikel zu ſtellenden Anforderungen ab⸗ weichend waren. Es war augenſcheinlich, daß Arthur's Benehmen bereits früher den alten Mann für ſich gewonnen hatte. Er ſtreckte dem jungen Beſucher zwei weiche braune Hände entgegen, redete ihn mit freundlichem Lächeln als„Mein Sohn“ an und hieß ihn auf der Miſſion willkommen. „Und warum nicht ſchon früher dieſen Beſuch?“ fragte Padre Felipe, als ſie auf der kleinen Ve⸗ randa, von der aus man den Miſſionsgarten über⸗ ſah, bei ihrer Chokolade und Cigaritos ſaßen. „Ich weiß überhaupt erſt ſeit vorgeſtern, daß ich zu kommen hatte. Es ſcheint, daß wieder einige neue Landſchenkungsakte des alten Exgouverneurs ent⸗ deckt worden ſind und daß um ein Patent einzu⸗ kommen iſt. Meine Geſchäftstheilhaber ſind be⸗ — 244— ſchäftigt, und ſo wurde ich entſendet, um nach der Angelegenheit zu ſehen. Die Wahrheit zu ſagen, ich bin froh, einen Grund zu haben, unſere ſchöne Klientin zu ſehen, oder ſchlimmſten Falles das Opfer derſelben Enttäuſchung zu werden, wie meine Compagnons bei ihren Verſuchen, einen Blick auf die geheimnißvolle Donna Dolores zu werfen.“ „Ah, mein theurer Don Arturo,“ ſagte der Padre mit einer leicht zurückweiſenden Bewegung ſeiner braunen Hände,„Ich fürchte, Sie werden nicht glücklicher ſein als die Anderen. Das arme Kind hält eben wieder eine Bußwoche, und zu ſol⸗ chen Zeiten weigert ſie ſich, irgend Jemanden zu empfangen, ſelbſt in Geſchäftsangelegenheiten. Glau⸗ ben Sie mir, mein lieber Junge, Sie geſtatten, gleich den Anderen,— nein, mehr als die Anderen, Ihrer Einbildungskraft, mit Ihrem Urtheil davon⸗ zurennen. Die Urſache, weßhalb Donna Dolores ihr Geſicht verbirgt, iſt nicht die Abſicht, die Neugierde der Männer zu ſteigern, ſondern ach,— armes Kind!— lediglich das Bemühen, die heidniſchen Zeichnungen zu verbergen, welche ihre Wangen entſtellen. Sie wiſſen, ſie iſt Halbblut. Glauben Sie, man irrt ſich allgemein. Es iſt thöricht, iſt— vielleicht Eitel⸗ keit,— wer weiß es? Aber ſie iſt ein Weib— was wollen Sie noch mehr?“ ſetzte der ſcharfſinnige — üüõüäüü — 245— Padre hinzu, indem er dem Wort„Weib“ durch ein Achſelzucken, würdig ſeines Schutzheiligen, einen leichten Nachdruck verlieh. „Aber man ſagt trotz alledem, daß ſie ſehr ſchön ſei,“ warf Arthur mit jenem Muthwillen hin, mit dem er gewöhnt war, dem Ernſt Anderer zu be⸗ gegnen, und den er ſelbſt dem Padre gegenüber nicht zu unterdrücken vermochte. „So, ſo! Don Arturo,— eitles Geſchwätz!“ ſagte Padre Felipe ungeduldig.„Ein indianiſches Mädchen, mit einer Wange ſo braun, wie unſere Felder im Sommer.“ Arthur machte ein Geſicht, das ebenſo gut Zu⸗ ſtimmung wie Ablehnung ausdrücken konnte. „Wohl— das heißt alſo, daß ich unſere Pa⸗ piere mit Ihnen allein zu durchmuſtern habe. Bueno! Laſſen Sie uns ſo bald als möglich dieß Geſchäft hinter uns bekommen.“ „Poco tiempo,“ ſagte Padre Felipe mit einem Lächeln. Dann ſetzte er ernſter hinzu:„Aber was iſt das? Sie ſcheinen mir nicht den Eifer für Ihren Beruf zu haben, den man bei einem jungen, aufſtrebenden Advokaten,— dem Theilhaber einer ſo großen Firma, wie die von Ihnen vertretene, vorausſetzen ſollte. Sind Sie nicht mit dem Herzen bei Ihrer Beſchäftigung, eh?“ Arthur lachte auf. „Warum nicht? Sie iſt ſo gut wie eine andere.“ „Dem Unterdrückten ſein Recht verſchaffen! Ge⸗ rechtigkeit für den ungerecht Angeklagten erzwingen! Geſchehenes Unrecht wieder gut machen— eh, mein Sohn,— das iſt etwas Edles. Das, Don Ar⸗ turo, iſt es, was Sie und Ihre Berufsgenoſſen mir ſo werth macht,— ſo werth allen Denen, welche die hülfloſen Opfer eurer Gerichtshöfe geworden ſind,— eurer Corregidores!*)“ „Ja, ja,“ unterbrach Arthur haſtig den Padre, ſein Lob in der ihm eigenen lebhaften Weiſe ab⸗ ſchneidend, die nicht ſo ſehr aus der ihm innewoh⸗ nenden Beſcheidenheit, als vielmehr aus einem ge⸗ wiſſen ſelbſtbewußten Stolz entſprang, dem jedes nicht vollkommene Lob anſtößig war.„Ja wohl, ich denke, es bezahlt auf die Dauer ebenſo gut, wenn nicht beſſer.„Ehrlichkeit iſt die beſte Poli⸗ tikt, wie einer unſerer erſten Weiſen ſagt.“ „Verzeihung— wie?“ fragte der Padre. Arthur, auf's Höchſte beluſtigt, gab eine ab⸗ ſichtlich wuchtige und wörtliche Ueberſetzung von Franklin's berühmtem Ausſpruch, und weidete ſich daran, wie Padre Felipe in frommem Widerſpruch und ſtummem Entſetzen Augen und Hände zur Decke erhob. *) Corregidores, Magiſtratsperſonen. ⁴ 1 2 „Und das ſind eure amerikaniſchen Sitten⸗ lehrer?“ ſagte er endlich. „Sie ſind es und haben uns im Verein mit den Dogmen der Manifest destiny*) und des weſtwärts wandernden Sternes unſeres Reiches“ hieher gebracht und— ſo auch mir die Ehre Ihrer Bekanntſchaft verſchafft,“ ſagte Arthur in engliſcher Sprache. Padre Felipe blickte ſeinen jungen Freund in troſtloſem Erſtaunen an. Sofort fiel Arthur in ſeine reſpektvolle Haltung und in's Spaniſche zurück. Um den Geſprächsgegenſtand zu ändern und den alten Mann aus ſeiner augenſcheinlichen Verwirrung zu erlöſen, ſprang er mit einem Satz in eine humoriſtiſche Beſchreibung ſeines Abenteuers vom vorhergehenden Morgen. Der Abſtecher ſollte nur halb gelingen. Padre Felipe intereſſirte ſich zwar ſofort für die Sache, aber er lachte nicht. Nachdem der junge Mann geendet, trat er an ihn heran und wendete ſein Geſicht in jener väterlichen Weiſe, welche ihm perſönlich wie in Folge ſeines Berufs eigen war, zu ſich empor und ſagte: *) Die Manifest destiny(offenbare Beſtimmungstheorie) verdankt ihre Entſtehung der in den Vereinigten Staaten gang und gäben Anſicht, daß der geſammte Landkomplex Nordamerikas dereinſt in die Union aufgehen werde. — 248— „Sehen Sie mich an. Ich bin ein alter Mann, Don Arturo. Verzeihen Sie mir, wenn ich glaube, Ihnen einen Rath geben zu können, der gehört zu werden verdient. Hören Sie alſo. Sie ſind einer jener Männer, denen es gegeben iſt, beſondern Eindruck auf Frauen zu machen und von Frauen beſondere Eindrücke zu empfangen. So iſt es. Noch einmal Vergebung,“ unterbrach er ſich, höflich beſchwichtigend, als trotz des Lächelns, das ebenſo ſchnell Arthur's Lippen umſpielte, ein leichtes Roth in ſeinen Wangen emporſchoß.„Iſt es nicht ſo? Schämen Sie ſich deſſen nicht, Don Arturo! Es iſt dieß kein geeigneter Ort,“— und er deu⸗ tete mit einer bezeichnenden Handgeberde nach jener Wand des Refektoriums, an der das gemalte Bild des heiligen Antonius hing,—„es iſt dieß nicht der Ort, um ihren Einfluß zu unterſchätzen oder gering von ihrer Macht zu ſprechen. Die Wittwe iſt reich— eh? Hübſch— eh? Von lebhaftem Temperament? Sie haben kein Herz für den Be⸗ ruf, dem Sie angehören. Was denn? Sie beſitzen verſchiedene jener Inſtinkte,— wie ſoll ich’s gleich nennen?— verſchiedene Fertigkeiten und an⸗ muthige Naturgaben, von denen Sie nicht glauben, daß man ſie lediglich zu praktiſchen Zwecken habe. Sie ſind der geborene Liebhaber. Verzeihung! Sie haben die vier S: Sano, solo, solicito 249— y secreto“*). Gut! Nehmen Sie den Rath eines alten Mannes und nutzen Sie ihn wohl. Machen Sie aus den Schwächen— hm? das Wort iſt wohl zu ſtark,— den Leichtfertigkeiten und Eitelkeiten Ihrer Jugend ein Bollwerk für Ihr Alter. Hm?“ Arthur lächelte überlegen. Er gedachte des Ent⸗ ſetzens, mit welchem der Greis den kurz vorher von ihm angeführten Satz aufgenommen hatte. Er warf ſich in der Stellung komiſcher Empfindſamkeit in ſeinen Stuhl zurück und ſagte mit gut geſpieltem Pathos: „Aber wie, o mein Vater! Wenn eine ganz und gar ſich hingebende, Alles erſchöpfende Leidenſchaft für irgend ein anderes Weſen bereits mein Herz füllte? Sie würden mir doch nicht rathen, ab⸗ trünnig zu werden? Verderben dem Gedanken!“ Padre Felipe lächelte nicht. Ein ſeltſamer Aus⸗ druck glitt über ſein breites, braunes, wohlraſirtes Geſicht, und der ihm gewöhnlich eigene Ausdruck kindlicher Einfachheit und nachgiebiger Höflichkeit verſchwand. Er heftete ſeine kleinen ſchwarzen Augen auf Arthur und ſagte: „Halten Sie ſich einer ſolchen Leidenſchaft für fähig, mein Sohn? Haben Sie je eine Neigung *) Geſund an Leib und Geiſt, alleinſtehend, aufmerkſam, verſchwiegen. — 250— empfunden, die mehr als dem Reiz der Neuheit oder der Selbſtſucht entſtammte?“ Arthur erhob ſich ein wenig förmlich. „Da wir von einer meiner Klientinnen und einem Ihrer Beichtkinder ſprechen, ſind wir wohl ein wenig zu ernſt geworden— nicht, mein Vater? Auf jeden Fall haben Sie mich davor zu bewahren, der Dame, mit welcher ich moͤrgen eine geſchäftliche Zuſammenkunft habe, als ein Verlegener gegenüber⸗ treten zu müſſen. Und nun zu den Pafieren, Vater!“ fügte Arthur, ſeine vorige Zwangloſigkeit wieder annehmend, hinzu.„Ich ſetze voraus, die unſichtbare Fee hat Sie mit allen nothwendigen Dokumenten und dem vollſtändigen Material für einen kurzen Bericht verſehen. Laſſen Sie uns beginnen. Ich bin ganz und gar Aufmerkſamkeit.“ „Sie ſind auf's Neue im Irrthum, mein Sohn,“ ſagte Padre Felipe.„Es iſt eine Angelegenheit, in der ſie noch mehr als die bei ihr gewöhnliche Abneigung gegen mündliche Auseinanderſetzungen zur Schau trägt. Ich glaube, ſie würde ſich ohne meine perſönliche Dazwiſchenkunft ſogar geweigert haben, den ganzen Rechtsanſpruch zu betreiben. Wie die Dinge liegen, denke ich mir nur, wünſcht ſie eine gütliche Vereinbarung mit dem Diebe,— verzeihen Sie mir,— mit dem, wie nennen Sie es doch gleich? he? mit dem Vorkäufer zu treffen. — ——————: Alle Papiere, alle Thatſachen befinden ſich in dem Beſitz Ihrer Freundin, der Mrs. Sepulvida. Sie ſind hier, um ſie zu ſehen. Glauben Sie mir, mein Freund, wenn Sie in Betreff der Bekannt⸗ ſchaft mit Ihrer indianiſchen Klientin enttäuſcht worden ſind, ſo werden Sie ſiatt ihrer einen rei⸗ zenden Erſatz— und zwar einen ſolchen von Ihrer eigenen Raſſe und Hautfarbe,— in der Donna Maria finden. Vergeſſen Sie, wenn Sie können, was ich geſagt habe. Aber Sie werden es nicht. Ach, Don Arturo, ich kenne Sie beſſer, als Sie ſich ſelbſt kennen. Kommen Sie. Laſſen Sie uns durch den Garten ſpazieren. Sie haben meine Wein⸗ reben noch nicht geſehen. Ich habe eine neue Art bekommen, ſeit Sie zum letzten Mal hier waren.“ „Ich kenne nichts Beſſeres als die alte Miſ⸗ ſionstraube*), Vater,“ ſagte Arthur, als ſie den von dichten Zweigen überhangenen Olivengang ent⸗ lang gingen. „Ah! Und doch kannten ſie die Eingeborenen nicht, und lernten ſie erſt der färbenden Eigenſchaf⸗ ten ihrer Schale wegen ſchätzen, als ſie ſie wild fanden. Aus dieſen Schalen gewannen ſie mit *) Die Miſſionstraube iſt die ſeit der erſten ſpaniſchen Anſiede⸗ lung in ganz Kalifornien heimiſche Malagatraube. Sie ſoll von den erſten Miſſionären aus Roſinenkernen gezogen worden ſein. — 252— Hülfe einer Beize, die noch heute ihr Geheimniß iſt, einen Stoff zur Bemalung ihres Körpers und zur Erhöhung der Kupferfarbe deſſelben. Sie hören nicht, Don Arturo,— und doch ſollte Sie das in⸗ tereſſiren, da es die Farbe Ihrer geheimnißvollen Klientin, der Donna Dolores iſt.“ Alſo plaudernd und ihm die verſchiedenen Dinge, welche Arthur etwa intereſſiren mochten, von den überladenen Aeſten eines ehrwürdigen Feigenbaumes bis zu dem vom letzten Erdbeben herſtammenden Riß in der Adobemauer der Kirche, mit der für ihn charakteriſtiſchen höflichen Förmlichkeit weiſend, führte Padre Felipe ſeinen jungen Freund durch den alten Garten der Miſſion. Allmälig kehrte denn auch der frühere behagliche Ton und die beiderſeitige Vertraulichkeit der Freunde zurück, und ſchon war das vollkommenſte Einvernehmen glücklich wieder⸗ hergeſtellt, als Padre Felipe ſich für einige Augenblicke entſchuldigte, um gewiſſe häusliche, durch des Gaſtes Ankunft nöthig gewordene Anordnungen zu treffen. Sich ſelbſt überlaſſen, ſchlenderte Arthur durch den Garten zurück, bis er ſich plötzlich der offenen Chorthüre der Kirche gegenüber ſah. Er machte Halt und trat, einem augenblicklichen Antriebe Folge gebend, ein. Die alte Kirche hatte ſich— wie die Dinge in San Antonio überhaupt,— während der letzten hundert Jahre in Nichts geändert. Vielleicht ————— ———— 2a — 253— gab es in ihr auch kaum Etwas, das Arthur nicht ſchon in anderen Miſſionen geſehen. Da waren die alten Deckenbalken mit ihrem barbariſchen Glanz von ſtreifenweiſer rother und brauner Bemalung; da waren die häßlichen, wächſernen, glasäugigen Heiligen, ſich hülflos und ſtarr aus ihren Niſchen herniederneigend; da war die Mutter Gottes in einem weißen Kleide und Atlaßpantoffeln, mit dem von Spitzen und langer Gewandung ſtrotzenden Erlöſerkinde auf dem Arm; und da war die Mag— dalena in dem üblichen Modekleide einer ſpaniſchen Dame des letzten Jahrhunderts. Auch die unver⸗ meidliche Menge ſchlechter Bilder war da; zuvörderſt das Porträt des Schutzheiligen ſelbſt, ſo häßlich und ohne eigentlichen Grund alt und widerwärtig, daß ſeine Verſuchung durch eine nur einigermaßen ſich ſelbſt achtende Frau mehr zum Verwundern erſchien, als ſein Widerſtand; dann die üblichen Martyrerſzenen mit ſchrecklicher Naturtreue darge— ſtellt; und endlich das nicht weniger übliche jüngſte Gericht mit einer grauenhaften Genauigkeit der Ein⸗ zelheiten. Aber noch einem Bilde begegnete Arthur in dem Schiffe der Kirche, welches ſeine Blicke bannte. Es war eine phantaſtiſche Darſtellung von Junipero Serra, wie er den Heiden predigte. Indeſſen— ich befürchte, daß es nicht die Geſtalt dieſes be— — 2374— wunderungswürdigſten und heroiſchſten Miſſionärs war, welche Arthur's Blick feſſelte. Ich bin viel⸗ mehr nahezu überzeugt, daß es nicht der moraliſche Geiſt des dargeſtellten Gegenſtandes, ſondern viel⸗ mehr die feine, anmuthige, mädchenhafte, halbnackte Geſtalt einer der indianiſchen Bekehrten war, welche in kindlicher, aber rührend ſchmerzlicher Reueandacht zu den Füßen des Padre Junipero Serra kniete. Es lag eine ſolche Tiefe reuevoller Inbrunſt in den Augen des jungen Mädchens,— einer Reue, ſo entſchieden unvereinbar mit der abſolut jungfräu⸗ lichen Unſchuld und Hülfloſigkeit der erleſenen klei⸗ nen Geſtalt, daß Arthur, während er hinſah, ſein Herz ſchneller ſchlagen fühlte. Er wandte ſich haſtig zu einem anderen Bilde,— aber er mochte hinſehen, wohin er wollte, die Blicke der jungen Beterin ſchienen ihm zu folgen und ihn zu unterjochen. Ich meine, zur Genüge angedeutet zu haben, daß Arthur's Natur nicht ſehr zu verehrungsvoller Hingabe geneigt war. Trotz ſeiner lebhaften Ein⸗ bildungskraft und ſeiner großen poetiſchen Em⸗ pfänglichkeit war es weder der eigentliche Inhalt des rührenden Bildes, auch ſelbſt nicht der Genius des Ortes, was ſeinen Kopf oder ſein Herz be⸗ rührte. Dennoch ſank er, halb ohne es zu wiſſen, in einen Sitz und ſenkte, beide Arme über der Scheidewand vor ihm zuſammenſchlagend, den Kopf — — — 255 auf das eichene Holzwerk. Plötzlich legte ſich eine ſanfte Hand auf ſeine Schulter und entriß ihn ſeinen Gedanken. Er ſah ſcharf auf und begegnete den Blicken des Padre, die mit einer Zärtlichkeit auf ihn ge⸗ richtet waren, welche ihn rührte und erzürnte zugleich. „Verzeihung,“ ſagte Padre Felipe milde.„Ich habe Sie in Ihren Gedanken unterbrochen, mein Sohn!“ Ein wenig barſcher, als dieß dem Padre gegen⸗ über ſeine Art und Weiſe war, erklärte ihm Ar⸗ thur, daß er eben— einen wichtigen Rechtsfall überdacht habe. „So!“ ſagte der Padre in ſanftem Ton.„Mit Thränen in den Augen, Don Arturo?— Nicht ſo!“ fügte er bei ſich ſelbſt hinzu, als er des jungen Mannes Arm in den ſeinigen legte und mit ihm langſam wieder in das Sonnenlicht des Gartens hinaustrat. ———— 2—— ——.—— Grey Control Chart Green Vellow Hed Magenta