Leihbibliothek Ditſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————————:——— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Die Bauern lagen unter dem Drucke von Abgaben und Aberglauben; ihr Gemeindevermögen verſickerte großen⸗ theils durch die Finger der verwaltenden Beamten. Die Bürger, untergeordnet und beſchränkt, lahmten an dem herrlichen Strome von den Stockungen des Handels und Verkehrs. Theilweiſe Armuth und allgemeine Unwiſſen⸗ heit laſteten ſo ſchwer, daß man den Hochmuth und die Vorrechte des Adels gar nicht einmal als Druck empfand, und daß da, wo man ſo wenig an Geldeswerth beſaß, eine bürgerliche Meinung, ein geſellſchaftlicher Anſpruch gar keine Geltung hatten. Nur die höhern Beamten bürgerlicher Herkunft kamen in einige Berührung mit dem ſtiftsfähigen Adel; inſofern dieſer, auf die höhern Staatsämter zunächſt berechtigt, die mit denſelben ver⸗ 1* bundne Laſten gern auf bürgerliche Schultern legte, um ſich für die ſocialen Vorzüge und excluſiven Genüſſe, die er allein zu tragen hatte, einigermaßen zu erleichtern. In Betracht dieſes Zuſtandes möchte man es für eine höhere Fügung anſehen, daß der vorletzte mainzer Kurfürſt ein Mann von bürgerlichem Sinn und Geſchmack war, der durch ſeine menſchliche Perſönlichkeit wie durch ſeine fürſtlichen Beſtrebungen in den bürgerlichen Kreiſen ein höheres Bewußtſein erweckte, und ſie für die neuen Ideen und Anſprüche der Zeit vorbildete. Wenn Emmerich Joſeph's Vater, der Freiherr Da⸗ mian v. Breitenbach, ausdrücklich glaubte, neugeborne Kinder nähmen durch ſympathetiſche Verbindung etwas vom Taufpathen an: ſo war dies für ſeine abergläubige Zeit weniger zu verwundern, als daß er gerade aus die⸗ ſem Grunde zur Taufe ſeines ſechsten Sohnes, gegen alles Standesherkommen, ſich in der That einen bürger⸗ lichen Pathen, den ehrlichen Emmerich Oehlinger in Koblenz, ausſuchte. Und die gewagte Sympathie be⸗ thätigte ſich nicht bloß in dem derben Geſchmacke des Fürſten für bürgerliche Koſt von Hülſenfrüchten und Möh⸗ ren, von Schöpſenfleiſch und Schinken, von Sauerkraut und Nudeln; ſondern auch in dem vereinfachten Hof⸗ halte, der zwiſchen den Anfoderungen der Doppelwürde eines Kurfürſten-Erzbiſchofs und den haussväterlichen Rückſichten auf einen verſchuldeten Staat ſich ſchicklich zu halten ſuchte; ſte bethätigte ſich in dem ganzen ehrlichen, volksfreundlichen Gemüthe des geiſtlichen Regenten. Em⸗ merich Joſeph ritt oft mit der Morgendämmerung aus, ſeine Freude an allem zu finden, was ſich mit der Früh⸗ 2 ſonne regte. Er knüpfte gern mit den Landleuten an, und wohnte ihren Vergnügungen bei,— ihren Geſän⸗ gen, ihren luſtig jauchzenden Tänzen. Näher oder ent⸗ fernter hegte er ſeine Lieblingsplätze auf luſtigen Höhen oder an ſchattigen Quellen. Flaſchen aus dem Hofkeller, Freunde aus der Stadt wurden mit dahin genommen; ein guter Spaß brauchte nicht blöde zu thun, ein derber Witz ward nicht abgewieſen. Der Fürſt hatte gern einen guten Vers zu einer guten Flaſche, liebte das Reimen beim— Leimen, wie er das Trinken nannte. Sollte aber die Luſt ganz voll anſchwellend überlaufen: ſo muß⸗ ten ſich Blas⸗Inſtrumente aus einiger Ferne hören laſſen. Der herrliche Höhepunkt an der Rheinhalde über der Stadt, die jetzt ſogenannte ſchöne Ausſicht, war damals ein kurfürſtlicher Landſitz mit Schlößchen, Alleen und Gärten— die Favorite. Sonntags wurde ſie auch den Bürgern geöffnet. Da zog der Handwerker mit Fa⸗ milie hinaus; die Magd trug den Henkelkorb mit Fla⸗ ſchen und kalter Küche, der Lehrjunge ſchleppte das kleinſte Kind. Und wenn nun alles im Schatten der Baume gelagert recht luſtig war, da trat wohl, wie eine Er⸗ ſcheinung, ein heitrer Mann im Violett-Talar mit dem Demantkreuze auf der Bruſt aus dem Buſchwerk hervor, verkoſtete des Meiſters Wein, und gab vom Seinigen aus dem Hofkeller zu verſuchen. War das nicht Revolution im Gewand einer Idylle? Aber, wenn es dem erweckten bürgerlichen Selbſtgefühle, dieſen neuen Anſichten ohne Anſprüche, noch an innerer Kraft ſich aufzurichten fehlte: ſo ließ es Emmerich Joſeph auch nicht bei ſolchen Erweiſen eines menſchenfreundlichen Herzens bewenden: er ſchaffte auch einen neuen Boden des Wohlſtandes, und rief die Thätigkeiten auf, die ein höheres Volksbewußtſein erwecken, indem ſie es erfor⸗ dern. Und hier am Eingang in die Lebenskreiſe ſeiner öffentlichen Wirkſamkeit tritt uns in einem prachtvollen Augenblicke eine bedeutſam verknüpfte Erſcheinung entge⸗ gen. Neun Monate nach Emmerich Joſeph's Wahl, noch unter dem Wiederhall eines unermeßlichen Bolksjubels, ſehen wir den neuen Kurfürſten nach Frankfurt fahren, um am 3. April 1764 den römiſchen König Joſeph zu krönen. Joſeph und Emmerich, der König und der Erz⸗ kanzler des Reiches— welch' ein Doppelſtern der Volks⸗ aufklärung und Volkswohlfahrt ſo kurz vor dem Falle des Reiches, aber auch— beide trüb untergehend! Gut vorgebildet kam Emmerich Joſeph auf den main— zer Stuhl. Schon von Rheims aus, wo er ſeine trie⸗ rer und mainzer Studien vollendet hatte, war er in mehreren Städten Frankreichs auf Handel und Induſtrie aufmerkſam geweſen. Später in's Kapitel getreten, und um ſeiner ſtatiſtiſchen, kameraliſtiſchen und adminiſtra⸗ tiven Kenntniſſe willen vom Kurfürſten von Oſtein zum Regierungs⸗Präſidenten beſtellt, hatte er an der Hin⸗ terlaſſenſchaft der Kriegszeit— an Landesſchulden, Ver⸗ wirrung in der Verwaltung und Volksverarmung ein Feld für ehrlich-eifrige Thätigkeit gefunden. Endlich er⸗ weiterten ſich ihm als Kurfürſten die Kreiſe materieller Verbeſſerung durch Minderung des Militärſtandes, durch umfaſſende Bauunternehmungen, Anlegung von Kunſt⸗ ein le ſtraßen, Flußdämmen, Erweiterung von Salinen, Hüt⸗ terwerken und Manufacturen. Doch dies galt ihm alles nur als die Grundlage geiſtiger und ſittlicher Kultur, worin das mainzer Land ungemein zurück geblieben war. Leider! ſtanden ihm zu einer Umgeſtaltung der Volksſchule die Jeſuiten im Wege, in deren Händen die höhern und niedern Schu⸗ len waren, und hinter deren Rücken der Klerus ſich ſehr gern allen Beiträgen zur Schulverbeſſerung entzog, das Mönchthum noch lieber ſein Element, den Aberglauben, zu erhalten ſuchte. Da konnte es dem edeln Fürſten nur erwünſcht kommen, daß im Jahre 1773, nach dem erſten Jahrzehent ſeiner Regierung, die Jeſuiten aufgehoben wurden. Es ward, wenn auch kein außerordentlicher Fonds, wenigſtens doch freies Feld gewonnen. Allein, wie überall ließ der vertriebene Orden ſeinen Fluch und ſeinen Anhang zurück. So ſetzten ſich auch kryptogamiſche Jeſuiten in Mainz feſt,— auf Hemmen und Zerſtören erbittert. Doch ging nun die gründliche Umgeſtaltung der Volksſchule in Stadt und Land vor ſich. Neue Leh⸗ rer und neue Lehrgegenſtände wurden aufgenommen,— deutſche Sprache mit Leſeſtücken aus unſerer damaligen Frühlings⸗Literatur, Erdkunde, Welt⸗ und Naturge⸗ ſchichte, Mathematik, Zeichnen, Lehre vom Landbau u. d. gl. In den höheren Schulen war die Leibnitz-Wolf'ſche Phi⸗ loſophie eingeführt. Am Miniſter von Groſchlag und Kanzler von Bentzel hatte der Fürſt vortreffliche Diener ſeiner guten Abſichten; beſonders widmete ſich Bentzel, der Vater unſeres geiſtvollen Schriftſtellers Grafen Bentzel⸗ Sternau, mit raſtloſer Thätigkeit dem geſammten öffent⸗ 8 lichen Unterrichtsweſen, und Steigenteſch, ein tüchtiger Schulmann, leitete nach neu verfaßten Schulbüchern die Volksſchule. Bald konnten die mainzer Lehranſtalten für das katholiſche Deutſchland und ſelbſt für manche prote⸗ ſtantiſche Länder als Vorbild dienen. Zugleich ließ aber der Fürſt ſich auch die Förderung des ſittlichen Volkslebens überhaupt angelegen ſein. Die zahlreichen Feiertage wurden vermindert, die Wallfahrten nach wunderthätigen Orten verboten, die Erbſchleichereien der Geiſtlichkeit, das Umherlungern der Mönche bei pfaf⸗ fenſeligen Familien unterſagt, die Krämerei mit Reliquien und Bildern, mit geweihten Geißeln zur Teufelsabwehr, mit Ablaß und Amuletten abgeſchafft. Rückſichtslos ſtreng gegen die verbreitete Unſittlichkeit der Geiſtlichen, gab Emmerich Joſeph ſelbſt keine Blößen, ohne darum im Verkehr mit Frauen ein Sauertopf zu ſein. Vielmehr hatte er ſeine launigen Gedanken, menn er, wie einſt, zwiſchen der wohlbeleibten Frau von Wamboll und der hagern Frau von Greifenklau geſeſſen, einem lächelnden Herrn zuflüſterte: Kann man ſich beſſer unterbringen, als zwiſchen Fleiſch und Geiſt? Zu den Bildungsanſtalten im Volksleben rechnete der Fürſt beſonders das Theater, und ſuchte es zu he⸗ hen. Er hielt das Repertorium im Auge, ließ für ſich ſelbſt eine Loge einrichten, und gab ſeine Kammermuſik in's Orcheſter. Er ermunterte die Stiftsherrn und Welt⸗ geiſtlichen, dieſe Predigten aus dem menſchlichen Leben nicht zu verſäumen. Und wirklich erwieſen ſich Männer wie Bentzel, Graf Wartensleben, die Dalberge und von Hoheneck zuthätig in Mitbeſorgung der Theaterſtücke, —I— 5 chtiger en die en für prote⸗ erung Die hrten ereien pfaf⸗ quien wehr, treng gab im nehr einſt, der nden gen, nete he⸗ ſich uſlk elt⸗ eben aner von icke 9 Opernmuſiken, der Scenerie und des Koſtüms; indem ſie zugleich die Mitglieder der Bühne, unter denen auch Schröder auftrat, an ſich zogen, und durch Artigkeiten anfeuerten. Sogar das Extemporiren hatte mit Ausſchluß des religiöſen Gebiets freien Spielraum, und Emmerich Joſeph ſelbſt nahm die ihn treffenden Abfälle lächelnd hin. Wenig von dem, was damals in deutſchen Landen für Volksaufklärung und Bildung geſchah, läßt ſich mit dem umfaſſenden Sinn und Beſtreben dieſes humanen Prieſterfürſten vergleichen. Auch ſchien für ſeine vielver⸗ ſprechenden Abſichten nichts zu wünſchen übrig, als eine erkleckliche Dauer ſeiner Thätigkeit. Niemand erkannte das beſſer, als die Jeſuitenpartei, die dem Fürſten im Stillen entgegen arbeitete, bald aber berechnen mochte, daß ſie gegen den Frühlingsſegen der Aufklärung mit ihren Maulwurfsarbeiten zu kurz kommen werde. Em⸗ merich Joſeph, wenn ſchon ein Sechziger, war doch ein rüſtiger Mann, als er auf Himmelfahrtstag 1774 plötz⸗ lich erkrankte. Er hatte eine Suppe mit Leberklöschen nur zur Hälfte genoſſen, als er dem aufwartenden Hei⸗ ducken befahl: Nimm die Suppe weg, ſte ſchmeckt ſchlecht! aufſtand, und in ſein Kabinet ging. Mangel an Schlaf und Eßluſt, Herzklopfen und Beklemmungen traten ein. Die AÄrzte wurden beſorgt, die Stadt beängſtigt. Man ſchöpfte Argwohn. Der Fürſt kränkelte bis zum 11. Juni, an welchem Tag er, um ſich auf Zureden dem beunru⸗ higten Volke zu zeigen, den Wagen vorfahren ließ, aber auf den Domherrn von Frankenſtein geſtützt, doch nur die Treppe erreichte; wo er zuſammenbrechend mit einem frommen Ausruf für ſeine Feinde verſchied. 10 Wie Zeitgenoſſen erzählen, wäre den Ärzten, welche die herkömmliche Einbalſamirung zu beſorgen hatten, zur Pflicht gemacht worden, im Leichname nichts zu fin⸗ den, was das Volk beunruhigen könnte. Dennoch war das Gerücht von einer Vergiftung verbreitet, und wurde geglaubt. Denn es war ſchon früher ausgekommen; indem ſchon vor dem Ableben des Fürſten, und ehe ſich einzelne Freunde der Hofärzte auf deren vertrauliche Mit⸗ theilung berufen konnten, Nachforſchungen unter den Küchenperſonen ſtattgefunden, und auf ein hinter jener Suppenſchüſſel verſchwundenes Subjekt geführt hatten. Ein getaufter Jude, Ignaz Herz, war nämlich früher in der Küche der Jeſuiten als Handlanger gebraucht worden, und nach Aufhebung des Ordens bei den Er⸗ jeſuiten, beſonders einem Pater Joſeph Goldhagen, dienſt⸗ bar geblieben. Seit kurzem in der Hofküche, niemand wußte durch wen, eingeführt und als Handlanger ge⸗ braucht, hatte er an jenem Himmelfahrtstage die Suppe dem Kammerlakaien zur Hand beſorgt, und war nicht mehr zu ſehen, nicht mehr aufzufinden geweſen. Was die Goldhagen'ſche Jüngerſchaft vorbereitet hatte, brach ſchnell zur Todtenfeier Emmerich Joſeph's aus. Die Maulwurfsarbeit warf ihre Siegeshügel auf, und kam an's Licht. Noch am Sterbetage verbreitete ſich die Nachricht, daß der Domkapitular, Baron von Erthal, die Stimmenmehrheit für den Kurſtuhl erhalten habe, und ein Pöbeltumult der ſchmählichſten Art erhob ſich, die Stadt durchraſend. Die Jeſuiten boten ihren Anhang, die Mönche— wie ſich ein Zeitgenoſſe aus⸗ drück Unfl der unter verfo der wohl im henk erbl für Add Toll liger fürf aber die hag feit 11 elche drückt— v»ihre Bettelſuppenkundſchaft« zum ſcheußlichſten zur Unfug auf. Die Miniſter und Geheimräthe wurden in fin⸗ der erſten Stunde der Zwiſchenherrſchaft des Domkapitels war unter Goldhagen's Einfluß abgeſetzt, und vom Pöbel zuurde verfolgt. Groſchlag und Bentzel retteten ſich aus Mainz. nen; Der Schuldirector Steigenteſch, auf ſeiner Flucht von ſich wohldenkenden Bürgern der Mönchsmeute entzogen, ward Mit⸗ im Bild eines Strohmannes auf öffentlichem Platz ge⸗ den henkt und verbrannt. Schullehrer⸗Candidaten, die ſich jener erblicken ließen, wurden mißhandelt. Man nahm Rache ntten. für den»Jeſusſpott«, wie die Jeſuiten dem Volke das üher Additionskreuz der Mathematik bezeichnet hatten, und die nucht Tollheit raſ'te bis in die Nacht; da ſie denn in unzäh— Er⸗ ligem Vivat vor der Wohnung des neuerwählten Kur⸗ enſt⸗ fürſten erſtickte.— So endigte der trauervolle Sonn⸗ abend des Ablebens, und in der Frühe des Sonntags, nand ge⸗ die neue Auferſtehung zu feiern, trat Pater Joſeph Gold⸗ uppe hagen als neuer Schuldirector ſeine reactionäre Thätig⸗ richt keit an. Die Volksbildung war alſo das Hauptärgerniß ge⸗ weſen. Sie hatte freilich offne und verſteckte Feinde rate genug, damals wie heut. Wie wahr ſagt Forſter in ephs dem Aufſatze über gelehrten Zunftzwang(Sämmtl. Schften. auf 5r Bd. S. 302): tütt»Auf die Erhaltung der Unwiſſenheit ſcheint von aan jeher eine größere Anzahl Menſchen bedacht geweſen zu „ ſein, als auf die Erweiterung der Grenzen menſchlicher 4 Erfahrung; wenigſtens giebt die Geſchichte von den älte— tho ſten bis auf unſere Zeiten das merkwürdige Zeugniß, ihren aus⸗ daß, wo man von der Verbindung des Eigennutzes mit 12 der Macht die eifrigſte Betriebſamkeit um Berichtigung und Vermehrung der gemeinſamen Maſſe von Kenntniſſen hätte erwarten ſollen, gerade dort der gänzlich fehlende Willen mehrentheils dieſe Erwartungen kläglich getäuſcht habe.« Auch war die Volksſchule das Opfer, welches Er⸗ thal ſeiner Erwählung auf den mainzer Stuhl voraus⸗ gelobt hatte,— der Sohn Iſak, dem er das gehorſame Meſſer an die Kehle legte; wofür Pater Goldhagen als Widder oder Bock losgelaſſen wurde. Kapitular von Erthal war bis jetzt kurmainzer Ge⸗ ſandter in Wien geweſen. Seine Gegner hatten ihn da⸗ hin zu entfernen gewußt, wo er mit ſeinem zweideutigen Weſen eben ſo wenig Kaiſer Joſeph's Vertrauen und Gunſt gewann. Deſto beſſer ſtand er bei der Jeſuitenpartei in Wien und in Mainz, und erhielt früh genug einen vertraulichen Wink über Emmerich Joſeph's Erkrankung, um mit Urlaub, wegen oorgeblicher Kränklichkeit, nach Mainz zu eilen. Weltklug, verſchlagen, ehrgeizig und ſchon auf der Schule zu Rheims mit ſtaatsviſſenſchaft⸗ lichen Studien auf das hohe Ziel gerichtet, das jetzt zu verdienen oder zu erſchleichen war, ſtellte er ſich mit der geringen Hoffnung, die er im Domkapitel für ſeine Wahl hatte, aber mit deſto mehr Heuchelei an die Spitze der Unzufriednen und vor die Springfedern des geheimthä⸗ tigen Jeſuitismus. Er ſpielte den Kränklichen, den Frommen, den Eiferer gegen die kirchlichen und ſocialen Verirrungen und monarchiſchen Übergriffe Emmerich Jo⸗ ſeph's, ſo wie gegen das Verderbniß der Religion durch die neuen Lehren der Schulen; er ſprach ſich btigung ntniſſen fehlende hetäuſcht hes Er⸗ voraus⸗ horſame gen als zer Ge⸗ ihn da⸗ deutigen d Gunſt artei in zeinen ankung, t, nach zig und enſchaft⸗ jetzt zu mit der Wahl itze der eimthä⸗ n, den ſocialen rich Jo⸗ Religion rach ſich nachdrücklich für die Nothwendigkeit aus, die kurfürſt⸗ liche Gewalt durch erweiterte Rechte des Kapitels zu beſchränken. Hinter ſeinem Rücken thaten dann die Jeſuiten das Ihrige, dieſen vortrefflichen,— wie ſie behaupteten, von Öſtreich, von Frankreich, ja von Preu⸗ ßen gewünſchten Kopf doch ja unter den mainzer Kurhut zu bringen. Es gelang. Erthal hatte den Weg gefun⸗ den, der ihn hinter ſeinen Gegnern her auf den mainzer Stuhl führte. Noch eine Zeitlang fügte er ſich darein, gebückt zu gehen, auch nachdem er das Geſuchte gefunden hatte. Da war Erthal der ſparſame Fürſt, der den Mar⸗ ſtal, Keller und Küche, ſeine Hauskapelle und das Thea— ter einſchränkte, war der eifrige Erzbiſchof, der Prieſter weihte, das Volk firmelte, Fußwaſchungen auf Gründon⸗ nerstag verrichtete, bei Prozeſſionen das Hochwürdige trug, und keine Abendkirche verſäumte. Und die Heu⸗ chelei, bei Hof anſteckend wie der Schnupfen, ergriff den Adel und die mainzer Geſellſchaft ſo, daß alles aus Ge⸗ betbüchern nieſ'te. Wie ſonſt in's Theater, eilte die vornehme Welt jetzt nach den Kirchen, die Hände mit koſtbaren Roſenkränzen umwunden. In der Frühe des Tages wurde aus allen adeligen Häuſern beim Hof⸗ marſchall Erkundigung wegen der Kirche eingezogen, die Se. kurfürſtliche Gnaden heute beſuchen würde, und man wetteiferte dann mit den ſammtnen Kniekiſſen um die Nähe des»frommen Herrchens«, dem die kluge»Lang— naſe« über die betenden Lippen hing. Nie war auf dem volkbeglückenden Fürſtenſitze Humanität von Heuchelei ſo raſch überholt worden. 14 Aber Sinnlichkeit und Ehrgeiz bei frivolem Geiſt halten ſolches nicht lange aus. Erthal fing allmählich an ſich aufzurichten. Anfangs mögen ihm die Jeſuiten, wie zur Erinnerung, leiſe auf's Rückkreuz geklopft haben allein biegſam genug ſich einzudrängen, war er auch glatt genug zu entſchlüpfen. Es koſtete gar keine beſon⸗ dere Verpuppung, ſo war die fromme Raupe in den luſtigſten Schmetterling verwandelt. Die fürſtliche Spar⸗ ſamkeit ſchlug in die üppigſte Hofhaltung, die Frömmelei in ſchwelgeriſches Genußleben, der kirchliche Eifer in etwas Freigeiſterei um. Statt der Abendandachten trug eine ſpätere Stunde ein feines Souper fuüͤr eine vertraute Ge⸗ noſſenſchaft auf, zu der manchmal auch Künſtler, poeti⸗ ſche und witzige Köpfe gezogen wurden. Die Betkiſſen blieben als Fußſchemel vor den londner und pariſer Lotterbetten liegen. Statt der Wallfahrten durch die Gaſſen nahm der Adel wieder die ſogenannten Pirut⸗ ſchaden auf; da man dann in 40 bis 50»Pirutſchen« vor dem gaffenden Volke durch die Stadt und die Alleen fuhr. Waſchungen und Handauflegungen hatten ſich— wer weiß mit welchen Ceremonien— in die innerſten Gemächer der Martinsburg zurückgezogen, hinter das Flüſtern des Rheins und— des Publikums. Die theo⸗ logiſchen Unterhaltungen mit Goldhagen waren durch Beſprechungen mit Heinſe über deſſen Roman»Ardin⸗ ghello« verdrängt, und ſtatt des frühern Diakons aus dem Meßbuche las die ſchöne Frau von Coudenhove dem franzöſiſch plaudernden Freunde Voltaire's Pucelle und die lettres persannes vor,— ſie ſelbſt gebaut und gekleidet, daß es ihrem Zuhörer leicht ward, ſtatt des —— Erb 15 Erbaulichen ſich an's Beſchauliche zu halten, und ſtatt des ſonſt vom Diakon dargebotenen Evangeliums— die Leſerin ſelbſt zu küſſen. Der Geſchmack im Prachtaufwande hatte ſogar ſein Miniſterium, in ſo fern der Miniſter Graf v. Sickingen, in Staatsgeſchäften durchaus unbrauchbar, im Lurus von Livreen, von Wagen und Pferden, von Schmuck und Geräthen, in Schlittenfahrten und Gaſtereien tonangebend und Vorbild war. Eine Bekanntſchaft des Kurfürſten von Wien her, bewies er ſich doch ſo unnütz für Ge⸗ ſchafte, daß der elegante Wagenlenker endlich abfahren mußte. Im Übrigen lagen die Staatsangelegenheiten zum Theil in thätigen und nicht untüchtigen Händen, die jedoch, nach dem Herkommen an geiſtlichen Höfen, für die eigne Sippſchaft mitzuſorgen pflegten. So Staats⸗ rath o. Strauß, im Departement des Weltlichen, ein unermüdliches Laſtthier, das ſich aber unter gewiſſen Zu⸗ muthungen doch einmal ſchüttelte, und in Ungnade fiel; ſo in der Abtheilung des Geiſtlichen Heimes, ein Bauern⸗ ſohn von Kopf und Charakter, der Achtung einflößte, und es durch Erthal's Gunſt zum Weihbiſchof und zu guten Pfründen brachte,— nicht gerade für Rom, aber für Prieſtervorrechte ein Eiferer. Andre Geſchäfte wurden auch wieder unter Frauen⸗ einfluß mit Leichtſinn und Unbeſonnenheit geführt. Oder es bemächtigten ſich auch Männer von Kopf, an denen es nicht fehlte, gerade der kleinlichſten Angelegenheiten, und betrieben ſie mit der vom Kurfürſten gern zur 16 Schau getragenen hohen Politik. Jene verzupften das Wichtige, dieſe bauſchten das Unbedeutende auf. Dieſe hohe Politik hing mit dem Fürſtenbunde zu⸗ ſammen, für welchen der Kurfürſt, in ſeiner perſönlichen Abneigung gegen Kaiſer Joſeph, ſich im Jahre 1787 von Preußen hatte gewinnen laſſen. Zu dieſer gegen öſtreichs Übermacht gerichteten Politik hatte ſich auch der kurz vorher in demſelben Jahre erwählte Coadjutor Dal⸗ berg bekannt. Der Fürſtenbund— die damalige preu⸗ ßiſche Union— war das Loſungswort ſelbſt für die bei Hofe mitregierenden Frauen. Wer ihnen mißfiel, wurde als öſtreichiſch geſinnt, als ſchwarzgelb bezeichnet. Die Hauptperſon dieſes Einfluſſes, auf welchem das welkende Herz des alten Fürſten ſchaukelte, war Frau Generalin von Coudenhove. Eine geborne von Hatzfeld, war ſie mit dieſer zahlreichen gräflichen, unſerm Erthal verwandten Familie nach Mainz gekommen, und hatte den kurfürſtlichen Hof durch neue Stellen für die Vetter— ſchaft erweitern helfen. Die reizende Frau und Kabinets⸗ freundin des Kurfürſten vertrat an dieſem geiſtlich⸗ehe⸗ loſen Hofe, der doch des Frauenbeſuches nicht entbehren mochte, die Stelle einer Oberhofmeiſterin. Voll liebens⸗ würdiger Schwächen und nicht ohne Standesvorurtheile, die weltlichen Händchen in die geiſtlichen Finanzen ein⸗ geweiht, beſaß ſie für einen prieſterlichen Hof kleiner und zahlreicher Intriken Schlauheit und Unbeſonnenheit in der rechten Miſchung, um eigne Netze zu ſtellen und darüber in fremde zu fallen. Die Diplomaten ihrer Schule, in die auch Fürſt Metternich damals als junger M Menſch blickte, nahmen gern etwas der Galanterie an. Ihre Baſe, Frau von Ferette(Pfürdt), ſaß in der von ihrem Biſam andern Herzkammer des Fürſten, und ſpielte die zweite Violine als Kammerfreundin und Hofdame, um einem Doppelherrn,— einem Reichs⸗ und Kirchenfürſten, auch in der Freundſchaft die Wechſellaune von Braun und Blond zu laſſen. Und mit dieſer Laune, mit dieſem Blut⸗ wechſel in den Herzkammern, wechſelte auch manches Eh⸗ renfeſt in den prachtvoll eingerichteten Schlöſſern und in den verſchwiegnen Luſtgärten zu Mainz und Aſchaffenburg, zwiſchen denen der genußſüchtige Hofhalt ebenwohl wech⸗ ſelte. Hier wie dort fehlte es nicht an duftigen Lauben und kühlen Grotten, wenn nach der Tafel die Höflinge den Fräulein ſchalkhafte Gedichtchen von Voltaire und Greſſet vorlaſen, oder die Prälaten auf die Waden der ſchönen Frauen wetteten, um ſie mit dem Band ihres Kapitelkreuzes meſſen zu dürfen. Deſto ſteifer ging es an den großen Hoffeſten zu. Militär in ſtracker, gepuderter Dreſſur machte Spalier. Der bürgerliche Hauptmann blieb in Reihe und Glied, wenn der adlige Lieutenant austrat und ſich unter die Gäſte miſchte. Es fehlte nicht an hohen Offizieren neben den Domherrn. Die kurfürſtliche Armee, wenn auch nur 3000 Mann ſtark, hatte doch zwölf Generale. Selbſt die kurheſſiſche Armee hat es ſpäter in ihrer Formation ſo weit nicht gebracht.— Die ältern Herrn verzierten ihre Anmaßungen mit albernen Späßen, der jüngere Adel von einiger Bildungsbeſtrebung ſchmückte ſeine Anſprüche mit etwas frivolen Gedanken. Auf 2 eigenthümliche Weiſe miſchte ſich franzöſiſche Converſation mit der deutſchen Steifheit. Schon auf den Kinder⸗ bällen, die auf dem eölibatären Eſtrich des Schloſſes zuweilen auch ſtattfanden, zwitſcherte die adlige Brut franzöſiſch, zählte mit ſteifgehaltnen Köpfchen die Schritte ab, und ließ ſich vom Papa im Violett-Talar aus der Bonbonniere füttern. Merkwürdig war das Augenſpiel an dieſem Hofe. Der Kurfürſt ſuchte mit majeſtätiſch geſpannten Blicken zu imponiren; ſein Bruder, der Ober⸗ hofmeiſter von Erthal, ſonſt rechtlich und harmlos, ah⸗ nenſtolz und wohlthätig, zwiſchen Papageien und Kupfer⸗ ſtichen ein Hageſtolz, pflegte bürgerliche Begrüßungen nur mit auf⸗ und niedergezogenen Augenbrauen zu er⸗ wiedern, und alle anderen bedeutenden Perſonen blinzel⸗ ten und kreuzten mit den Augen, wie Leute, die gern ſpähten, aber nicht durchſpäht ſein möchten, Einen andern Einfluß neben den Weibern, und der mehr die Schlauheit des alten Herrn als deſſen Herz in Bewegung ſetzte, übten die Mitglieder des Domkapi⸗ tels. Durch perſönliche Begabung und Eigenheiten ver⸗ ſchieden,— wie denn einzelne ehrgeizig und reich nach hohen Würden ſtrebten, andre mit ihren Finanzen ent⸗ zweit, zu Cabalen und Intriken geneigt waren, noch andre als Dummköpfe um ihrer Stimmen willen zum politiſchen Spiel der übrigen geſucht wurden,— theilten ſie ſich auch in verſchiedene Parteien. Der jeſuitiſchen, durch welche Erthal empor gekommen war, entgegen, hatte ſich nach dem Namen und im Geiſte ſeines Vor⸗ gängers eine emmerizianiſche Partei als Oppoſition gebildet. Vielleicht eine Verwandlung der mit dem Jahre rſation Kinder⸗ chloſſes Brut Schritte nus der genſpiel ſſtätiſch Ober⸗ s, ah⸗ Kupfer⸗ ißungen zu er⸗ blinzel⸗ ie gern und der n Herz omkapi⸗ ten ver⸗ ich nach zen ent⸗ 1, noch en zum theilten iitiſchen, ntgegen, es Vor⸗ ppoſttion hre m Jn 1786 auseinander gegangenen Geſellſchaft der Illumi⸗ naten. An ihrer Spitze, gelehnt an den öſtreichiſchen und ruſſiſchen Geſandten, ſtand der Domherr von Wal⸗ derdorf. Sie hielten es mit Kaiſer Joſeph's Reformen und verbanden ſich mit den zum Illuminatismus neigen— den Profeſſoren und höhern Staatsbeamten. Zu dieſen Profeſſoren zählten die nachmaligen Clubiſten Blau, Wedekind, Hofmann, Metternich u. a. Die Univerſität war einigermaßen ihr Arſenal; beſonders ſeit der groß⸗ artigen Umgeſtaltung und Beſetzung derſelben, nach wel⸗ cher ſie im Sommer 1784 unter prunkhafter, von andern Hochſchulen beſchickter Feierlichkeit eingeweiht wor⸗ den. Wirklich hatte Erthal an den gelehrten Anſtalten die jeſuitiſche Sünde, die er an der Volksſchule began⸗ gen, wieder gut zu machen geſucht. So befriedigte er, indem er der wiſſenſchaftlichen Bewegung der Zeit ent⸗ ſprach, noch mehr ſeinen fürſtlichen Ehrgeiz. Bei dieſer Gelegenheit war Bentzel aus ſeiner ländlichen Zurückge⸗ zogenheit zum Kanzler der Univerſität mit dem Prädicat Excellenz berufen worden. Die Lehrfächer wurden auf das Verzweigteſte und theilweiſe mit Männern von lite⸗ rariſchem Namen beſetzt. Das Glaänzendſte ſollte erreicht werden. Und ſo weit ging Erthal's Umwandlung, daß er, der anfangs die Schule den Pfaffen geopfert, jetzt, um Fonds zu gewinnen, drei reiche Klöſter der Hoch⸗ ſchule zum Opfer brachte, 17 Kanonikate zum Unigverſi⸗ tätsvermögen ſchlug, und die 12 beſten Pfarreien für Doctoren der Theologie beſtimmte. Die Univerſität hatte ihren Schweif an einer großen Leſegeſellſchaft für Zeitungen und Journale. Anfangs im Lottohauſe auf dem ſogenannten Höfgen eingerichtet, galt ſte ſchon früher für ein wenig durch Klatſcherei an⸗ lie rüchig; ein Urtheil, welches aus dem Kabinet des Kur⸗ fürſten herrühren mochte, wo man freilich den Nachhall der Oppoſition ſo ungern vernehmen mochte, wie etwas da ſpäter das Echo, das die pariſer Revolution in denſelben an Räumen fand. Es war eben jene Zeit und Stimmung, ner die Weitzel als mainzer Student erlebte.»Bei großem Ei Wohlſtande herrſchte ziemlich allgemeines Mißvergnügen, de und bei einer wirklich ſeltnen und ungewohnten Freiheit 6. hörte man Klagen und Murren über Druck und Will⸗ do kür. Selbſt Leute, die bei jedem Wechſel nur verlieren bi konnten, ſchienen ſich nach einer Veränderung zu ſehnen, we die das langweilige Einerlei ihres Wohlſeins unterbreche, und ſtatt des wirklichen Glückes in der hellen Gegen⸗ eir wart, ihren phantaſtiſchen Wünſchen und Hoffnungen ein B eingebildetes in der dunkeln Ferne zeigte.« 8 Auch einige journaliſtiſche Thätigkeit regte ſich im 1 Lebenskreiſe der Univerſität. Eine Geſellſchaft von Ge⸗ ſt lehrten gab eine theologiſche Monatsſchrift heraus und r ein»politiſcher Merkur« vermittelte die neueſten Staats⸗ 3 begebenheiten, über die man denn die»Geſpräche im Reiche der Todten« las. G Als Mäkler der literariſchen Unterhaltung führte ein u aufgeklärter Jude Ingelheim eine gute Leihbibliothek, und S verdrängte in den bürgerlichen Wohnungen die zerlesnen 3 »Haimonskinder«, den»gehörnten Siegfried«, die»un⸗ A ſ glückliche Genoveva« und den»curiöſen Antiquarius über alle vier Welttheile.« Selbſt eine poetiſche Feder in chtet, ian⸗ Kur⸗ hhall twas ſellben nung, oßem ügen, eiheit Will⸗ lieren hnen, reche, egen⸗ ein h im Ge⸗ und taaté⸗ he im te ein und esnen „un⸗ über der in Frauenhand fand ſich in Mainz: eine Demoiſelle Weikard lieferte Theaterſtücke. Wirklich hatte das fromme Herrchen ſeit ſeiner Be⸗ kehrung oder Verkehrung in ein luſtiges Herrchen auch das Theater wieder in Gnaden aufgenommen, und ſogar einen Muſentempel errichtet, dürftig ausſehend, aber in⸗ nerlich von den Geſtalten des klaſſiſchen Drama belebt. Ein Dalberg war Intendant, mit beſſerer Vorbedeutung des Namens, als der Theaterdichter, genannt Schmieder. Großmann als Bühnendirector hatte aus den beſten Glie⸗ dern verſchiedner Geſellſchaften ein tüchtiges Enſemble ge⸗ bildet, deſſen Darſtellungen eine Zeitlang mit Frankfurt wechſelten. Und hier im Parterre begegnen wir denn auch noch einmal dem mainzer Bürgerſtande. Dieſe Klaſſe der Bevölkerung war nun beſſer dran, als vor Emmerich Joſeph's Regierung. Weitzel bezeugt, wie leicht es dem Bürger fiel, ſich und die Seinigen ohne beſondre An— ſtrengung zu ernähren.»Der Hof, der Adel, die zahl— reiche Geiſtlichkeit, die es ſich alle beqguem und angenehm zu machen wußten, die verſchiednen Collegien der Ver⸗ waltung, die Univerſität, das Militär ſetzten ein ſchönes Geld in Umlauf, und gaben jedem, der beſchäftigt ſein wollte, ein gemächliches Auskommen. Überdies war die Stadt von vielen Laſten frei, die auf dem Lande lagen. Im geſelligen Umgang herrſchte wenig Zwang. Ein fröh— liches Wohlleben war allgemein verbreitet, und die an— geborne Offenheit, das ſorgloſe Weſen des Rheinländers, wie die herrliche Natur, die ihn umgiebt, unterhielten eine rege Bewegung in Luſt und Freude.« 22 Die Signatur der geiſtlichen Hirtenſchaft, die gei⸗ ſtige Unmündigkeit und Unfreiheit im Denken und Han⸗ deln, ſaß freilich noch kenntlich auf dieſer Wolle der Wohlhabenheit; aber in dem Maße als dieſe wuchs, ver⸗ blaßten jene Zeichen. Dicker und deutlicher haftete dieſe Theerſchrift an der Landbevölkerung, die freilich auch tie⸗ fer geſchoren war. Herrſchte dennoch ein Mißbehagen auch unter jenen Wohllebenden: ſo lag es vielleicht mit darin, daß der Wohlſtand zu leicht gefunden ward. Der Genuß ſtand nicht im Gleichgewicht mit der Thätigkeit, ihn zu ver— dienen. Mainz war ein überſättigtes Haus noch immer ohne eigentlichen Weltverkehr.— Doch ging freilich auch in weiteren deutſchen Kreiſen eine ſchwüle, ahnungsvolle, umher ſuchende Unruhe der großen Erſchütterung voraus, die ſo nahe und drohend bevorſtand. Häuslichkeit und Weltweisheit. In dieſen eigenthümlich beſtellten Boden, in dies wunderſam gemiſchte Klima wurde Forſter verpflanzt. Was wird hier aus ihm werden, wie wird er gedeihen? Er, der auf ſeiner frühen Weltfahrt nicht bloß eine Krankheit empfangen, die ihn auf ſein ganzes Leben reiz⸗ bar für jeden Wechſel der Atmoſphäre gemacht hat, ſon— dern deſſen Geiſt und Herz auch empfänglicher füͤr alle jenen der ſtand ver⸗ mmer auch — olle, raus, dies lanzt. hen? eine 1 reiz⸗ ſon⸗ t alle 23 Einflüſſe des Weltlebens auf das öffentliche Wohl der Völker geworden ſind. Forſter wurde, wie manche Fruchtbäume, im Herbſte verſetzt. Am 27. September 1788 abends 11 Uhr traf er zu Frankfurt im Weidenhof ein. Mit den Seinigen hier auszuruhen kündigte er ſich auf ein paar Tage ſpä⸗ ter bei Sömmering zum Mittageſſen an. Legationsſe⸗ cretair Huber, der ihn aufſuchte, ſcheint eigens von Mainz herüber gekommen zu ſein, die Familie zu be⸗ grüßen. Er war, wie er kurz vorher einem Freunde geſchrieben, auf den Umgang mit Forſter's, beſonders auch auf Thereſen ſehr geſpannt, die viel Geiſt haben ſollte. Und da in der Regel die Abſicht,»mit gewiſſen Menſchen einen Umgang zu ſtiften«, ihn etwas unſicher machte, und in weniger vortheilhafter Geſtalt ſehen ließ: ſo bezeigte er ſich gegen denſelben Freund doppelt ver⸗ gnügt, bei dieſem Beſuche nichts gefunden zu haben, »was ſeine Hoffnung ſtörte.« Forſter brachte zur Miterziehung neben ſeinem Rös⸗ chen eine kleine Schwägerin aus ſeines Schwiegervaters zweiter Ehe,— Jeanettchen Heyne mit. Unter ſeiner häuslichen Einrichtung zu Anfang Octobers belebte ihn auf's Neue die freudige Zuverſicht, daß der literariſche und häusliche, der öffentliche und Privatmenſch in ihm ſich in Mainz beſſer, als im wilden unholden Litthauen, im ſteifen, ungeſelligen Göttingen, befinden werde. Hier an demſelben Prachtbande des Rheinſtroms, das an Ja— cobi's düſſeldorfer Wohnung vorüber wäſſerte, überkam ihn die lebhafteſte Erinnerung an ſeine erſte Einkehr in jenem glücklichen Hauſe, und die alte warme Verehrung erneuerte ſich in ſeinem gerührten Herzen. Mit dem Freund an einem Fluſſe zu wohnen, ſchien ihm eine Art von electriſcher Communikation, weil das Waſſer ein guter Conductor ſei. Und ſo ließ ihn der verbindende Strom auch ein baldiges Wiederſehen hoffen, in welcher Erwartung er einſtweil den erſchlafften Briefwechſel wieder anzog.—»Wie auch das Schickſal mich umhergeworfen, ſchrieb er in den erſten Octobertagen, fühle ich doch, daß ich in der Wurzel noch immer derſelbe bin, den Sie in Düſſeldorf und Kaſſel kannten, und ſo lange auch un⸗ ſere Correſpondenz geruht hat, war doch meine Liebe und Verehrung unverändert.« Ein Glück für Forſter, daß gemüthliche Erinnerung ſich ſo früh als Hausgenoſſin mit einfand! Sie beſeelte ſein mainzer Leben, das bald genug ſtill und einſam zu werden ausſah. Mit dem Ade!, der hier aus verſchied⸗ nen Provinzen des Reichs zuſammenfloß, war, wie wir ſchon gehört, kein Umgang zu pflegen. Zwar in Dal⸗ berg's Umgebung wurde mit weimarer Sympathien und mit der Einſicht in die vorausgeſchrittne norddeutſche Bildung proteſtantiſche Vorliebe theilweiſe gehegt, theil— weiſe wenigſtens ausgehängt, und man ſchätzte Literatur und Literaten: allein des Coadjutors Anhang war klein und aus Standes- und Hofrückſichten beengt. Dabei lag es nicht in Forſter's Art, ſeine Perſon geſellſchaftlich vorzudrängen, oder ſich auch nur, etwa durch naturwiſ⸗ ſenſchaftliche Vorträge, dem jungen, für Bildung beſtrebten Adel zu nähern, und ſo mit der Hofwelt in Verbindung zu kommen. In den bürgerlichen, rein mainzer Kreiſen fand die Veru daß kame dung nicht liter ſand pfle⸗ Krei ſcha⸗ ball geiſt den. ihm der ken etwe das t dem n eine er ein ndende velcher wieder orfen, , daß n Sie ch un⸗ Liebe nerung eſeelte am zu ſchied⸗ e wir Dal⸗ n und eutſche theil⸗ eratur klein. Dabei aftlich urwiſ⸗ rebten ndung nd die Berufung proteſtantiſcher Profeſſoren ſo wenig Beifall, daß manche böswillige Äußerungen bis zu Forſter's Ohr kamen. Und da es dem Mittelſtand an aller Bil⸗ dung fehlte: ſo milderte ſich auch der katholiſche Eifer nicht an der perſönlichen Geltung wiſſenſchaftlich oder literariſch anerkannter Männer. Bloß die fremden Ge— ſandten aus Dresden, Berlin, Hannover und dem Haag pflegten ausgezeichnete Talente in ihre weltgebildeten Kreiſe zu ziehen, um ſie auch durch Kunſt und Wiſſen— ſchaft zu bereichern und zu verſchönern. So beſchränkte ſich des Weltumſeglers Haus ſehr bald auf wenige Freunde, die ſich abends zu heitrer und geiſtreicher Unterhaltung an Thereſen's Theetiſch einfan⸗ den. Forſter hatte eine Vorliebe für den Thee; ſo daß ihm auch das bei den Herrnhutern ſtatt der Liebesmahle der erſten Chriſten eingeführte gemeinſchaftliche Theetrin⸗ ken ehrwürdig erſchien.— Eigentlich war doch auch etwas Excluſives um dieſe Abende; indem ſie wenigſtens das Anſehen gewannen, als beabſichtige man nur, ſich durch den Ton der Unterhaltung, durch die Gegenſtände des Geſpräches und die einfache Bewirthung von den mainzer Kreiſen ſchärfer abzuſchneiden, oder doch ſich als abgeſchnitten zu empfinden. Thereſen's Geſchmack und Okonomie thaten das Ihrige dazu; indem ſie ſich von der mainzer Tafel und den mainzer Landpartien gleich anfangs zurückzogen. Doch erfriſchten durchreiſende Fremde, auch fremder Nationen, nicht ſelten den abgeſchloßnen Kreis, und erquickten durch ihre Anerkennung Forſter's Selbſtver⸗ trauen, das nicht immer der äußern Stütze entbehren „* 26 mochte. Der Ruf ſeiner Weltfahrt, der ſonſt ſo ange— zogen hatte, fing in Deutſchland an zu verduften; jene Blüthe aus der Südſee fiel in's Abwelken; während die Reife ſeines Geiſtes und ſeiner Geſinnung ſich erſt ver⸗ ſchloß, um bald in ſeinem gelungenſten Werke und in ſeiner kühnſten That zur Erſcheinung durchzubrechen. Sein Amt hatte Forſter alsbald angetreten; es gab ihm aber wenig zu thun. Die Bibliothek lag eigentlich im Staube; indem es an geeignetem Raume, ſie brauch⸗ bar aufzuſtellen, fehlte. Die Univerſität entbehrte gar ſehr dieſer Bücher, aber auch des nöthigen Geldes zur Einrichtung irgend eines der vorhandnen Gebäude, und ſelbſt über ein ſolches wurde man nicht einig. Der Coadjutor war gleich für die Jeſuitenkirche, aber die Jeſuitiſchen arbeiteten entgegen. Forſter ließ es an Er⸗ innerungen, an Vorſtellungen und Klagen nicht fehlen; der Kurfürſt gab ihm Recht; aber die Sache lag im Kampfe der Parteien, die ſich hier für die Einrichtung der Bibliothek, dort für die Herſtellung eines Hospitals ſtritten. Die Mißwollenden, an denen es für dieſen Gegenſtand auch nicht fehlte, unterhielten insgeheim dieſe Widerſprüche; wodurch ſie am einfachſten ihre eigne Abſicht erreichten, nämlich den an geiſtlichen Höfen ſo beliebten alten Zuſtand, den Status quo, zu erhalten. Forſter benutzte die Zeit zu literariſchen Arbeiten. Schon anfangs November war er früh von 5 bis 7 Uhr eifrig an der Überſetzung der für die Kenntniß des Men— ſchen ſo intereſſanten Geſchichte des Schiffbruchs einiger Engländer auf den Pelews⸗Inſeln. So kreuzte er nun wenigſtens mit der überſetzenden Feder in der Nähe jener lehnt Geog was ſamn ters Auff Dien Oſte geli hol tern Abſ zu! beka ſo ange⸗ en; jene rend die erſt ver⸗ und in en. es gab gentlich brauch⸗ zrte gar ldes zur de, und Der an Er⸗ fehlen; lag im richtung dospitals r dieſen im dieſe eigne öfen ſo rhalten rbeiten 7 Uhr 6 Men⸗ einiger er nun r Nähe jener Philippinen, nach denen er zu ſteuern früher abge⸗ lehnt hatte. Weiter beſchäftigte ihn eine vollſtändige Geographie der Südſee⸗Inſeln, die alles Alte und Neue, was zwiſchen China und Peru je entdeckt worden, zu⸗ ſammenfaſſen ſollte. Auch dachte er im Laufe des Win— ters die in Magazinen und Merkuren zerſtreuten kleinen Aufſätze verbeſſert in einem Bändchen zuſammen zu ſtellen. Dies und die Überſetzung der Pelews-Inſeln ſollten zu Oſtern fertig ſein. Zu einer verzweifelten Arbeit, die auf den Tag geliefert werden mußte, hatte ihn gleich anfangs Archen— holz durch das Verlangen veranlaßt, zu dem neuen Un— ternehmen brittiſcher Annalen vom Jahre 1788 einen Abſchnitt über engliſche Literatur und Kunſt auf 5 Bogen zu liefern. Ohne Materialien, wie Forſter ſeinem Jacobi bekannte, ließ er ſich darauf ein, und ſah ſich ſo auf einmal—»den zünftigen Schriftſtellern angehörig, die da Waare für Geld liefern.« Mit dieſem Kopfſchütteln über ſich ſelbſt ſchrieb er die Abhandlung. In dieſem doch immerhin geiſtreichen Aufſatze(geſ. Schften. 5 Bde.) bewegt ſich der Autor allerdings haupt⸗ ſächlich in allgemeinen Betrachtungen über den Zuſammen⸗ hang der wiſſenſchaftlichen Fortſchritte eines Volkes mit ſei— nen politiſchen und ſittlichen Verhältniſſen, über die Trieb⸗ kraft einer lebenden Sprache in neuen Wörtern, über die Ephemeren von Ausdrücken wechſelnden Luxus bei geſitte⸗ ten und üppigen Nationen, über die Wandlungen und Fortſchritte des Stils und der Geſtalt wiſſenſchaftlicher Kenntniſſe, über die Beförderungsmittel der Literatur durch Reichthum, Anſtalten und Stiftungen. Doch geht 28 er auch auf einzelne poetiſche und wiſſenſchaftliche Leiſtun⸗ gen ein, und verräth jedenfalls, wie aufmerkſam er bis⸗ her dem Gange des geiſtigen Lebens in England, auch ohne Abſicht auf ſeine Arbeit, gefolgt war. Dennoch blieb ihm die Art und Weiſe, wie er dieſelbe über⸗ nommen und geſtellt hatte, ſehr drückend. So unwan⸗ delbar zeigte ſich der Magnet ſeines auf das Edle und Geiſtesfreie gerichteten Gefühls, daß die frühen Ab⸗ weichungen der Knabenfeder und die ſpätern Inclina⸗ tionen des literariſchen Erwerbs ihn doch nicht zum eigentlichen Lohnarbeiter verkehren konnten. Wie aber Forſter's Seele, wenn ſie aus tiefem Mißmuthe ſich erhob, leicht das dunkle Gebiet ſeines Lebensverhängniſſes anſtreifte: ſo gilt uns dies auch jetzt, wenn er nach jenem Bekenntniſſe gegen Jacobi ſeine Stimmung ausſpricht.— »Ich habe meine Stunden, ſchrieb er, wo ich mir es wünſche, gar nicht ſchreiben zu dürfen; es iſt mir des Schreibens zu viel und des Handelns zu wenig in der Welt, und unter dem Wuſt geht nicht nur das nahr⸗ hafte Korn verloren, ſondern um nur einigermaßen gang⸗ bare Münze zu liefern, muß man das Gepräge der Zeit darauf ſtempeln, welches nicht immer das ſchönſte iſt.« Werden wir ihn demnach ſo leicht verdammen dür⸗ fen, wenn eine Weltbewegung ihn zum Handeln mit ſich fortreißt, dahin, wo Recht und Unglück, Noth und Irrthum ſich der prüfenden Vernunft, der abwägenden Klugheit entziehen?— Wie rührend, wenn er ſich an⸗ klagt, nicht den zehnten Theil von dem zu wiſſen, was man wiſſen müßte, um ſchreiben zu dürfen! Indem er aber bedenkt, daß von denen die da ſchreiben, hunderte e6 umf wie wär unc Ha und ſton do te de ich iſt Leiſtun⸗ er bis⸗ d, auch Dennoch e über⸗ unwan⸗ dle und en Ab⸗ Inclina⸗ bt zum je aber the ſich aniſſes jenem icht.— mir es nir des in der znahr⸗ n gang— eer Zeit je iſt en dür⸗ n mit th und agenden ich an⸗ n, was ndem er zunderte 29 es noch weniger dürften: beruhigt er ſich durch eine umfaſſende Anſicht in ſeiner Weiſe.»Das Jahrhundert, wie das Menſchengeſchlecht überhaupt, rückt nicht vor— wärts in einem regelmäßigen Schritte, ſondern in einer unaufhörlichen Rotation. Der Ball wird von unzähligen Händen geſchlagen, geworfen, geſtoßen, geſtreift, berührt, und alle dieſe verſchiednen kleinen und großen Impul— ſionen treiben ihn fort.—— Mein Scherflein muß doch beigetragen werden. Nun kommen noch die Pflich— ten des engern häuslichen Kreiſes hinzu, und ſo ſteht der complete Schriftſteller des 18. Jahrhunderts, und ich muß hinzufügen, deutſcher Nation, denn dieſe Species iſt ſehr auszeichnend, vor uns da!«— Wenn Forſter bei allem Reichthume ſeines um— faſſenden und lebendigen Wiſſens doch die Lücken deſſel⸗ ben beklagte: ſo lag darin keine falſche, aber auch keine faule Beſcheidenheit; denn er ſtrebte mitten im Drange ſeiner Pflichten und Arbeiten ſich durch neue Studien zu ergänzen. Und da ſtieß er denn vor allem auf einen ſpecifiſch deutſchen Schriftſteller des 18. Jahrhunderts, deſſen Feder nicht durch enge häusliche Sorgen beſtimmt wurde, ſondern der zu einer wahren Weltbewegung in der Wiſſenſchaft damals eben den Anſtoß gegeben hatte. Kant, ſeit acht Jahren mit ſeiner»Kritik der reinen Vernunft« hervorgetreten, ſteuerte gleich einem Welt⸗ umſegler mit philoſophiſchem Kiel im unermeßlichen Ge⸗ biete der Gedanken, um die Grenzen des feſten Landes gegen das Überſinnliche zu entdecken und zu chartiren. Viel umfaſſender, als die Revolution zu Ende deſſelben Jahrzehents die Volksrechte gegen das abſolute König⸗ beſo thum der Geburt von Gottes Gnaden beſtimmte und und beſtätigte, hatte er die demokratiſchen Anſprüche der Er⸗ Uns fahrung gegen die ſogenannten angebornen Ideen nach⸗ in gewieſen. Die großen, neuen Gedanken, die ungewohnte Me Richtung eines eigenthümlichen Geiſtes, nachdem ſie in ſop ſchwerfälliger, ſchulgemäßer Trockenheit erſt Befremden und D dann Widerſpruch erregt hatten, fingen allmählich an, in ge alle Wiſſensgebiete einzudringen, und alle Wiſſenſchaften, der die exacten, wie die theologiſchen, umzugeſtalten. Denn u ſogar die Naturwiſſenſchaften, dieſſeits der Grenze der S Philoſophie, gewannen durch Kant die Anerkennung eines n Vorrechts der Erfahrung gegen den ſeitherigen Einfluß A mancher alten metaphyſiſchen Vorurtheile. ge Auch Forſter, früher der Speculation abgeneigt, ſahr Pr jetzt ein, daß er der neuen philoſophiſchen Strömung ſich nicht entziehen könne. Es war die von Kant ange⸗ li regte, und er ließ ſich darin auch nicht durch Urtheile, l 1 wie z. B. Heyne's, irre machen. Dieſer fand nur die ü G Kunſtſprache, den philoſophiſchen Jargon Kant's neu, b ſonſt aber»nichts in dieſer Philoſophie aufgeſtellt, was nicht der Bonſens einem Jeden, der ohne Brille ſah, längſt gelehrt hätte.«— Wie richtig trifft hier Goethe's 6 Bemerkung,»daß kein Gelehrter ungeſtraft jene große philoſophiſche Bewegung, die durch Kant begonnen, von 1 ſich abgewieſen, ſich ihr widerſetzt, ſie verachtet habe, außer etwa die echten Alterthumsforſcher, welche durch 1 die Eigenheit ihres Studiums vor allen andern Men⸗ ſchen vorzüglich begünſtigt zu ſein ſcheinen.« Forſter gab ſich den Winter viel mit Jacobi's Schriften ab, onig⸗ und Er⸗ nach⸗ ohnte ie in und n, in uften Denn e der eines nfluß 31 beſonders mit deſſen David Hume über den Glauben,“ und bekannte dem Freunde»ſeine Unwiſſenheit und ſeinen Unverſtand« in philoſophiſchen Dingen, und wie er auch in ſeinem frühern Streite gegen Kant in Betreff der Menſchen⸗Racen, zum Theil eben aus Mangel an philo⸗ ſophiſchen Vorkenntniſſen, manche Blöße gegeben habe. „Mein nächſtes Studium, ſchrieb er, wenn ich Muße gewinnen kann, ſoll ſein die kantiſche Philoſophie, mit der ich gar gern auf's Reine wäre. Noch kenne ich ſie nur, ſo zu reden, durch den dritten Mann, nämlich nach Sulzer's und Reinhold's Darlegung, und ſehe einſtweilen nur ſoviel ein, daß der Mann eigentlich noch keinen Widerſacher gefunden hat, der ihm gewachſen wäre. Sie gehen alle um den Brei und fürchten ſich vor dem Ver⸗ brennen.« Er charakteriſirt dann kurz und treffend die dama— ligen Gegner Kant's und ihre Schwächen,— den gar lieben Mann Eberhard, Federn, der Kant's Schuhriemen nicht auflöſ't, Meiners, der nur polternd ſeinen unge⸗ heuern Colectaneenſack von Cruditäten in's Publikum ausleert, ja Herdern, deſſen Göttin Phantaſie ein hüb⸗ ſches Kind iſt, das man küſſen, und dem man wider beßre überzeugung den Willen thun muß. Jacobi's Angriffe gegen Kant waren Forſtern ſehr einleuchtend, wie denn ſo glänzende und geiſtreiche Anſichten, an— ſprechend in der Schreibart und das Gefühl angehend, ſich bei Nicht-⸗Philoſophen ſehr angenehm machten. In mehreren Briefen aus dem Januar 1789 entwickelt unſer angehender Kantianer flüchtige, aber tüchtige Gedanken über Raum und Zeit, über die Idee Gottes und die verſchiednen Volksanſichten von Gott, über Freiheit und Nothwendigkeit u. d. gl. An dieſen Fragen damaligen Forſchens ſuchte ſein ſpeculatives Talent die erſten Spor⸗ nen zu verdienen, ohne doch mit ſeinen ganz braven Sätzen über Jacobi's Dilettantismus hinaus zu ſpren⸗ gen; wie er es denn dieſem Freunde als große Leiſtung anrechnet, daß deſſen Philoſophie der Empfindung zurückgegeben, was die Denkkraft uſurpirt habe. Wenn nun auch zu dieſer neuen Gedankenrichtung Jacobi's Schriften die äußere Anregung gaben: ſo er⸗ ſcheint dieſe ſpeculative Theilnahme doch nichts deſto weniger als ein Bedürfniß von des Freundes innern Geiſtesreife. Er ſcheint dies auch ſelbſt erkannt zu haben, als er an Jacobi ſchrieb:»Sie müſſen nur bedenken, daß ich über dreißig Jahre alt war, ehe ich ein Com⸗ pendium der Logik in die Hände bekam, und nun mußte ich zu gleicher Zeit meine Vorleſungen lateiniſch aus— arbeiten, polniſch lernen, eine andre Wirthſchaft, einen Haushalt in Litthauen anfangen, ein Weib nehmen u. ſ. w.; da kommt man wohl in der practiſchen Phi⸗ loſophie weiter, aber nicht ſo leicht in der Speculation.« Nun getraut er ſich auch nicht mehr, wie früher, die Metaphyſik als unnütz, zeitverderblich und unfrucht⸗ bar zu verwerfen; dennoch hält ſie der practiſche Mann als bloße Abrichtung der Geiſteskräfte für ziemlich ent⸗ behrlich im Leben, und wirft ihr als das Schlimmſte vor, ſie gewöhne den Geiſt ſo ſehr an einen gewiſſen entfernten, alles umfaſſenden Geſichtspunkt, daß man ſich hernach zu den gewöhnlichen Verhältniſſen des Daſeins unter unſerm Monde ordentlich herablaſſen müſſe. ſchenl gegen Geiſt jeden auch „Ei der, ſein t und aligen Spor⸗ rraven ſpren⸗ iſtung ung htung o er⸗ deſto nnern aben, nken, Com⸗ nußte aus⸗ einen hmen Phi⸗ ſon.« iher, ucht⸗ dann ent⸗ unſte iſſen ſich ſeins 33 Mit dieſem treuen Herzen für das wirkliche Men⸗ ſchenleben bewahrte ſich Forſter denn auch ſeine Freiheit gegen die Speculation, die bereits anfing die vornehmen Geiſter mehr und mehr an ſich zu locken. Wie gegen jeden Deſpotismus ſprach er ſich auf's Nachdrücklichſte auch gegen jede Tyrannei allgültiger Principien aus. „Eine allein ſeligmachende Philoſophie iſt mir ſo zuwi⸗ der, wie ein allein ſeligmachender Glaube!«— Dies iſt ſein köſtliches Wort. Freiheit. Mit dem Aufgange des Rheins zu Anfang Februar 1789, mit den abziehenden Gewäſſern, die bis zur Mauer des Favorite⸗Gartens angeſchwollen waren, ſchöpfte Forſter Frühlingsausſichten. Er ging muthig an den Real⸗Catalog der Bibliothek, dem er täglich vier Stun⸗ den widmete, in der Hoffnung, die Maſſe des Un⸗ brauchbaren herauszuſcheiden. Er rechnete auf das der⸗ einſtige Erbarmen des Coadjutors; denn der Kurfürſt ſelbſt ſchien bereits an ſeinen großen Unternehmungen Verdruß zu finden. Auch die Univerſität entſprach ſeinen Erwartungen nicht. Er hörte nicht einmal mehr gern von ihr ſprechen. Bentzel war geſtorben, und ſeitdem fand ſich keine Seele, die ihn bei ſeinem beſten Willen unterſtützt hätte. Dieſer großgeſinnte Curator, bei der 3 34 Einrichtung der Hochſchule und mit der Anzahl der beſtellten Profeſſoren weit über ſeine Mittel hinausge⸗ gangen, hatte ſich zuletzt im Widerſpruche mit der Adminiſtration der Fonds geſehen, die nur ſein Werk in's Stocken zu bringen beſtrebt war. Sein letztes Mittel, die fehlenden Fonds durch weitre Aufhebung von Klöſtern zu beſchaffen, war nicht mehr durchzuſetzen ge— weſen. Und nachdem das Geld anfangs an Nebendinge verſchleudert, manches auch veruntreut worden war, hielt es die unzufriedne Adminiſtration für angemeſſen, die Univerſität zu tyranniſtren, und die Bibliothek für die begangnen Fehler büßen zu laſſen. So erreichte, nach Forſter's Anſicht, die Partei der Übelwollenden ihren Zweck, Thätigkeit, Arbeitſamkeit und Aufklärung zu hem⸗ men, und die berufnen fremden Profeſſoren auf alle Weiſe zu behindern und in falſches Licht zu ſetzen. Mit der aufgehenden Witterung empfand Forſter auch bald die Nachwirkung ſeines verſeßnen Winterfleißes durch Schnupfen und Schlafloſigkeit. Kälte war ſein Tod, wie er ſagte, und Näſſe lähmte ſeine körperlichen und geiſtigen Kräfte. Indem er ſich nun ſeiner Ver— ſtimmung überließ, verglich er ſich, jetzt ſo lahmen, unbeholfnen Geiſtes, mit jenen Menſchen—»bei denen die Ideen ein eignes Leben haben, immer unaufgerufen, von ſelbſt im Kopf herumſpuken, ſich kreuzen, anſtoßen, wider einander rennen, ſich gatten und junge Ideen hecken, kurz, einen regen lebendigen Verkehr bilden, und in einem beſtändigen Streben ſind auszufließen oder auszuſtrömen.« Solche Beweglichkeit vermißte er an ſeinen Ideen; er mußte ſie aufſtöbern, aus ihren Schlupf⸗ winke wollt und ſeine Miß hand über nich aus mit no ſei hin ndinge hielt 1, die ur die nach ihren hem⸗ f alle Forſter fleißes r ſein rlichen Ver⸗ hmen, denen rufen, toßen, Ideen „und oder er an chlupf 35 winkeln heraustreiben, und wenn er ſie aneinander reihen wollte, äußerten ſie keine Zuneigung zu einander, waren und blieben unfruchtbar. Er ſchrieb es der Zähigkeit ſeines Gehirns zu, und empfand einen niederdrückenden Mißmuth darüber. Er konnte eine Sache, die er be⸗ handelte, nie im ganzen Zuſammenhange, im Detail überſehen, und alle Operationen ſeines Gehirns gingen nicht über die zweite oder dritte Schlußverbindung hin⸗ aus. Dabei wollte er wahrgenommen haben, daß es mit der Kopfthätigkeit gerade bei einigem Unwohlſein noch am beſten ginge, daß ein kränklicher Nervenreiz ſeinem Geiſte behülflich wäre, wenn auch auf die Gefahr hin, daß ſeine Geſundheit ſich dadurch verſchlimmre. Dieſer Kampf zwiſchen Geiſt und Körper war ihm nicht recht. Der Geiſt ſollte herrſchen, erſchien aber für ihn nur als der Gegner des Genuſſes; ſo daß er ein mechaniſches, inſtinctmäßiges Hinleben, von Denken nur auf's Flüchtigſte durchwürzt, für ſich am meiſten zuſagend fand. Der Genuß aber, dem ja in ſeiner unüberlegen⸗ den Hingebung Raum und Zeit verſchwanden, erſchien ihm ſchon dadurch als der höhere Zuſtand des Menſchen, als ein Zuſtand urſprünglicher Vereinigung, die eben nur durch das alles trennende Bewußtſein und durch das Gefühl der Perſönlichkeit geſtört und aufge— hoben werde. Daher galt ihm die Perſönlichkeit, als auf Einſchränkung beruhend, für das Ungöttliche am Men⸗ ſchen, deſſen Unvollkommenheit eben darin läge, daß er nur mit und durch Perſönlichkeit genießen könne. Mit dieſer Anſicht berief er ſich auf jene frommen Schwärmer aller Jahrhunderte, welche die Seligkeit in den Zuſtand 3* — 36 der in die Gottheit aufgelöſ'ten Selbſtigkeit ſetzten, wie denn auch Chriſtus von der Gottheit keinen reineren Begriff, als den der alles in ſich auflöſenden Liebe gege⸗ ben habe. Bei ſolcher Gelegenheit verſtieg ſich der von kränk⸗ lichem Nervenreiz angeregte Denker bis zur himmelblauen oder nebelgrauen Frage von Geiſt und Materie. Er konnte vom Intellectuellen ausgehend die Materie,— von dieſer als etwas Realem aus, das Unkörperliche nicht begreifen, dennoch aber auch zwei getrennte Welten, des Geiſtes und des Stoffes, und ihr Zuſammenwirken nicht verſtehen. Hier lag ihm der alte Streit, den Nie⸗ mand entſcheiden könne, und nur die Wahrnehmung fiel ihm wieder auf, wie man bei kränklichem Befinden mehr, als bei gedeihlichem Körper, zum Denken aufgelegt ſei. Eine humoriſtiſche Laune wandelte ihn darüber an.»Ihr habt es gut, ihr dürren Herrn! ruft er aus. Ihr wart ja von jeher auch die ſcharfſinnigſten Denker; Euer Geiſt fliegt mit Euerm Minimum von Materie davon, als ob es nichts wäre. Aber wartet nur, ich werde auch noch die Zeit erleben, wo ich das überflüſſige Phlegma ver⸗ dünſten, und ganz abſetzen werde; dann wollen wir ſehen!« Doch der warme, feierliche Ernſt des Herzens ſchlägt bei Forſtern ſtets vor. Von dem verdrießlichen Wider⸗ ſpruche zwiſchen Wohlſein und Denken erhebt er ſich über die Räthſel von Geiſt und Materie, Bewußtſein und Genuß, Liebe und Leben, in der menſchlichen Per⸗ ſönlichkeit verbunden und beſchränkt, zur Frage der Un⸗ ſterblichkeit. Und indem er überlegt, daß Raum und wie ineren gege⸗ kränk⸗ blauen Er 2.— verliche Velten, wirken n Nie⸗ g fiel mehr, gt ſei. Ihr wart Geiſt als ob h noch ; ver⸗ —wir chlägt Lider⸗ r ſic ußtſein Per⸗ r Un⸗ n und 37 Zeit, nach kantiſcher Darſtellung, nur als unſere be⸗ dingte Eriſtenz, nicht aber an ſich ſelbſt vorhanden ſind, daß mithin die Aufeinanderfolge der Dinge in der Erſcheinungswelt wirklich bloßer Schein, und nur auf die Dauer unſerer perſönlichen, d. h. eingeſchränkten Exiſtenz gültig iſt, läuft ihm die Frage der Unſterblich⸗ keit auf ein bloßes Wortſpiel hinaus.»Nehmt doch nur die Einſchränkung hinweg, und ihr ſeid wieder in dem urſprünglichen freien, unbeſchränkten, vollkommnen Daſein einer Allgemeinſchaft; Alles löſ't ſich aus ſeiner ſcheinbaren Abſonderlichkeit in einem unendlichen Daſein auf.——— Darum aber auch kein Grübeln und kein Streiten über jenes uns unerfaßliche Ewige und ſogenannte überſinnliche. Freiheit: ruft er dann aus, grenzenloſe Freiheit in allem, was über das durch erfahrungsgemäße Anſchauung des Gegebenen hinausgeht. Jeder wähle ſich ſeinen Weg, ohne daß es auf ſeine politiſchen Verhältniſſe Einfluß habe; jeder glaube ſo wenig oder ſo viel er kann; jeder ſage frei und ohne Furcht, was er glaubt; keiner freue ſich bloß der Duldung, ſondern jeder des anerkannten Rechts zu denken, wie und was ſein gan⸗ zes Weſen mit ſich bringt; nur Der ſei ausgeſchloſſen von unſerm Bunde, der auf allein ſeligmachendem Wege zu gehen und das compelle intrare(den Pfercheintrieb) zu mißbrauchen ſich unterſteht: denn er iſt der Feind Aller, und deswegen ſei jedermanns Hand wider ihn!« Da haben wir wieder unſern alten, ſeelengeſunden Forſter, der nie herrlicher iſt, als wenn er die tropi⸗ ſchen Früchte ſeiner freien und weiten Gedanken in die abſtändigen, dumpfigen Verhältniſſe unſeres bürgerlichen Lebens bringt und zur Erfriſchung darbietet. Nichts iſt dieſem edeln Herzen ſo zuwider, als jedweder Deſpotis⸗ mus im Glauben wie im Wiſſen und Wollen, jede cerlaine Science, ſie mag herkommen aus Rom oder aus Berlin.“⸗— Von ſeinen Verſtimmungen ſuchte Forſter immer noch gern ſich durch einen kürzern oder weitern Ausflug in die Welt wieder herzuſtellen. Und wirklich liegt ja für Jedermann in den umfaſſenderen Lebensgebieten irgend eine Abhülfe für irgend eine der mannichfachen häuslichen Verkümmerungen. Jetzt benutzte er die Oſterferien im April zu einem Beſuche Jacobi's im Pempelfort. Thereſe und Sömmering begleiteten ihn. Sie brachten dort bei leidlichem Frühlingswetter neun vergnügte Tage zu. For⸗ ſter wäre gern länger geblieben, zumal er ſich in den letzten Tagen heimlich unwohl fühlte: allein der Kurfürſt hatte ihm in einer Geſchäfts⸗Audienz die Ferienzeit auf 14 Tage beſchränkt, nur, wie der unwillige Freund meinte, um den Herrn de mauvaise grace zu ſpielen; wie denn auch die vorbeſtimmte Sitzung in Bibliotheks⸗ angelegenheit hernach wirklich nicht gehalten wurde.— Die Liebenswürdigkeit Jacobi's nahm Forſtern immer wieder ein, ſo oft ihn auch irgend eine Schrift oder eine abſprechende Anſicht deſſelben verdroſſen hatte. Ja, bei einer brieflichen Mißdeutung, die Forſtern auf's tiefſte kränkte, kam er nach jenem Beſuche dem ariſtokratiſchen Philoſophen mit verſöhnungbietender Hand entgegen; weil Verſchiedenheit der Meinungen die Freundſchaft nicht ſtören dürfte, die ja ſonſt nicht eher möglich wäre, bis jede oder mmer sflug gt ja rgend glichen n im hereſe t bei For⸗ den rfürſt t auf reund jelen; theks⸗ nmer oder Ja, tiefſte iiſchen egen) nicht bis die Natur alle Indioidualität aufgehoben hätte. Auch Spinoza war diesmal kein Dorn geweſen; vielmehr hatten die um die Hälfte vermehrten Briefe Jacobi's über dieſen ungläubigen Denker unſeres Freundes Beifall in dem Grade, daß er ſie für das Beſte, was Jacobi geſchrie⸗ ben, und ihn ſelbſt für den hellſten und tiefſten Denker erklärte, der mit Wärme und Richtigkeit des Gefühls echte Billigkeit verbinde, die von keinem mehr, als Con⸗ ſequenz in ſeinem Denken fordre. Aber auch als Menſch erſchien ihm Jacobi unvergleichlich. Für heitern, wohl⸗ thuenden Verkehr der Menſchen blieb Forſter in jeder Le⸗ benslage geſtimmt. Er beklagte daher des vereinſamen⸗ den Lichtenberg's moraliſche Verkümmerung, und Müller's Enthaltſamkeit von Umgang und Zerſtreuung. Dieſer, mit des Kurfürſten Kabinetsgeſchäften überladene und dabei auf ſeine geſchichtlichen Studien verſeßne Mann war denn eben auch in ſeiner auffallenden und moraliſch ſchwer beſchuldigten Zurückgezogenheit bedenklich erkrankt. Der Kurfürſt fand ſich dadurch um ſo rathloſer, als ein Ge— rücht von dem lebensgefährlichen Zuſtande Kaiſer Joſeph's ſich verbreitete, und den Erzkanzler des Reichs mit drin⸗ genden Wahlgeſchäften bedrohte. Glücklicherweiſe war dieſe Beſorgniß eben ſo voreilig, als das Gerede von Müller's Kränklichkeit übertrieben. Der Kabinetsrath er⸗ holte ſich im Laufe des Sommers zum Verdruß der Mainzer, die ihm als Fremden und Proteſtanten das entſchiedne Vertrauen des Kurfürſten mißgönnten, und ſeine Talente nie lauter geprieſen hatten, als ſo lange ſie ſeines nahen Todes ſich verſahen. Dagegen hatte die⸗ ſes Frühjahr doch aus Forſter's Weltverbindungen einen berühmten Mann weggenommen,— Camper, der zum Leidweſen aller europäiſchen Naturforſcher am 7. April, 67 Jahre alt, im Haag geſtorben war, wohin er vor zwei Jahren als wirklicher Staatsrath von Franeker ſich übergeſiedelt hatte. Inzwiſchen ſollte das Unwohlſein, mit welchem For⸗ ſter aus Pempelfort zurückgekehrt war, ſich in der Ge⸗ ſtalt von Schlafloſigkeit oder unruhigem Schlafe bis in den Sommer hinein erhalten. Daher nahm er im Juli mit ſeiner Familie auf vier Wochen einen ländlichen Aufenthalt in Eltwill, wo er ſich denn auch, aller Un⸗ gunſt des Sommers ungeachtet, durch Luft und Rhein⸗ bäder zu einem erfriſchten, wieder ſchreibfertigen Menſchen herſtellte. Das Wetter dieſes Sommers war kalt, wie im November rauh, und den im letzten Winter erſparten Re⸗ gen nachbringend. Die Ernten fielen ſchlecht aus, und an Weinleſe war nicht zu denken. Theuerung ſtand be⸗ vor, und nahm in Frankreich bereits überhand. Dennoch trieb nicht das Wetter den Freund früher, als er gewünſcht hätte, ſondern das Bibliothekgeſchäft rief ihn zur Stadt. Die Sammlung auf der Carthauſe ſollte geſöndert, und mit der ſtädtiſchen vereinigt wer⸗ den. Zu einer Zuſammenſtellung der Dubletten war ihm ein Bodenraum angewieſen, auch die Herſtellung einiger Repoſitorien auf dem alten Bibliothekſaale bewilligt wor⸗ den. Dieſe blieben aber von der Univerſität aus Geld⸗ mangel unausgeführt, und Forſter legte, um ſich we— nigſtens vor Verantwortung zu wahren, ſeine Vorſtel⸗ lungen und Plane zu den Acten. Auch damals ſchon pflegte die gute Jahrszeit' einen Juli lichen r Un⸗ ihein⸗ iſchen je im Re⸗ und dbe⸗ küher, ſchäft hauſe wer⸗ ihm niger wor⸗ Geld⸗ we⸗ rſtel⸗ einen Strom von Reiſenden an den Rhein zu führen, und es fehlte daher auch in dieſem Sommer dem Forſter'ſchen Hauſe nicht an manchem Zuſpruch. Graf Molkte kam mit Baggeſen, dieſem ſanften und doch leidenſchaftlichen Poeten, wie ihn Forſter bezeichnete, auf ihrer Reiſe nach Italien über Mainz. Ihnen folgten für uns unintereſ⸗ ſante Leute aus London und Mitau, und ſpäter trafen Wilhelm von Humboldt und Campe, beide von Paris ein, voll von der dort ausgebrochenen Revolution.»Schön iſt es zu ſehen«, war Forſter's erſter Gedanke bei die— ſem weltgeſchichtlichen Vorgang,»was die Philoſophie in den Köpfen gereift, und dann im Staate zu Stande gebracht hat, ohne daß man ein Beiſpiel hätte, daß je eine ſo gänzliche Veränderung ſo wenig Blut und Ver⸗ wüſtung gekoſtet hätte. Alſo iſt es doch der ſicherſte Weg, die Menſchen über ihren wahren Vortheil und über ihre Rechte aufzuklären; dann giebt ſich das Übrige wie von ſelbſt.«— Campe hielt ſich nur einen halben Tag in Mainz auf, und Forſter ſcheint mit ihm in einen lebhaften Streit über die damaligen Unterrichts⸗ und Erziehungs⸗ grundſätze gerathen zu ſein, mit denen er wenig einver⸗ ſtanden war. Sie ſchieden aber ohne einander verſtändigt zu haben, und ohne daß Forſter ſich über die Gunſt, die das Publikum dieſen Männern ſchenke, zufrieden gab. »Der gute Herr v. Humboldt« verweilte aber faſt den ganzen September, und half, nachdem er ſich»von der pariſiſchen, nicht paradieſtſchen Freiheit auserzählt hatte, dem mainzer Freundekreiſe das Leben würzen, das 42 ohne ſolchen Zuſatz wirklich inſipid erſcheine. Wahrend dieſes Aufenthaltes nahm er an einer literariſchen Fehde und Arbeit Forſter's lebhaften Antheil. Das Auguſtheft der»berliner Monatſchrift« hatte nämlich den abgedruckten Brief eines Beamten in Eltwill gebracht, worin der Witwe eines Proteſtanten der Rath' ertheilt wurde, ihre Kinder katholiſch zu erziehen. Bie⸗ ſter, der Redacteur, erſter Bibliothekar in Berlin, und als Überſetzer von Anacharſis Reiſen bekannt, ein für Aufklärung eifernder Mann, zog gegen den Proſelyten⸗ macher in einer ſo unberuf'nen Weiſe los, daß es For⸗ ſtern um ſo mehr empörte, als jener Beamte namhaft gemacht war. Ein ſolches Verfahren verſchlug gegen des Freundes Begriff von der Freiheit im Denken und Glau⸗ ben, die er überall dergeſtalt geachtet wiſſen wollte, daß irrige oder gemeinſchädliche Lehren nur als ſolche wider⸗ legt, niemals aber die Perſon eines Andersdenkenden als verächtlich oder ſträflich angetaſtet würde. Was ihn aber noch beſonders bewog, ſich des Angegriffnen anzu⸗ nehmen, war der Umſtand, daß er ſelbſt mehrere Wo⸗ chen in Eltwill gewohnt hatte, und in den Verdacht zu kommen fürchtete, auch er ſei ein Spion der berliner Jeſuiten⸗-Riecher. Er ſchrieb daher nicht ohne Aufregung den Aufſatz über Proſelytenmacherei,(Sämmtl. Schriften 5. Bd.), las ihn aber ſtückweiſe den Freunden Söm⸗ mering und Humboldt vor; indem er auf der Stelle ver— beſſerte, was denſelben nicht beſtimmt oder verclauſulirt genug erſchien. So ging denn die kleine Abhandlung an die Monatsſchrift ab, und erſchien ſpäter abgedruckt. Jacobi wollte dem ganzen Aufſatz eine gewiſſe Un⸗ 43 behaglichkeit anfühlen; es wäre der Kunſt zuviel und zu wenig; Gedanken und Rede flöſſen nicht in einander, und ſtrömten nicht zuſammen fort, wie man es an For⸗ ſter's Arbeiten ſonſt gewohnt wäre. Er enthalte aber viel treffliche Stellen, und es ſei gut, daß er in's Pu⸗ blikum komme.— Jene Ausſtellungen betreffen bloß die Form der kleinen Arbeit: der Inhalt iſt leider! wieder ſehr zeitgemäß, und empfiehlt ſich daher der Gegenwart um ſo mehr zur Betrachtung, als dieſelbe gegen damals ſo beklagenswerthe Rückſchritte, beſonders auch im Kirch⸗ lichen macht. Forſter weiſt nämlich nach, daß man in verſchiednen katholiſchen Staaten Deutſchlands eifrig mit der Läuterung der Religionsbegriffe, mit Erringung der Unabhängigkeit von Rom und mit der Einführung der Denk⸗ und Gewiſſensfreiheit beſchäftigt ſei.— Den 22. September begleiteten die Freunde den reiſenden Humboldt bis Oppenheim, wo er aus ihrer Umarmung ſchied.—»Die gute, reine Seele! ſchrieb Forſter an Jacobi. Ich habe mich ſeines jugendlich war⸗ men Gefühls bei ſo männlichem Geiſte, ſo reifer, vor⸗ urtheilsfreier Vernunft recht herzlich erfreut.« Welche Bewandtniß es mit der von Forſter in Schutz genommenen Sache hatte, erfuhr er umſtändlich erſt im nächſten Frühjahre, als der Amtmann Bender in Eltwill ihm für ſeine Vertheidigung herzlich dankte und die ei⸗ genthümlichen Verhältniſſe, unter welchen der fragliche Brief geſchrieben worden, darlegte; da ſich denn ein un⸗ mündiger junger Adliger ergab, der ſich durch Einſen⸗ dung eines vor Jahren geſchriebenen Briefes der Dank⸗ barkeit für die ihm und ſeiner Familie von Bender er⸗ zeigten Dienſte entledigt hatte. Bezeichnend für Forſter iſt es, daß er ſich nicht bloß eines verletzten nachbarlichen Mannes, ſondern ſelbſt des wildfremden Menſchenſtammes der Mongolen öffent⸗ lich annahm; nämlich gegen Meiners, dieſen»apodikti⸗ ſchen Rechthaber«, der zweierlei Menſchen unterſchieden hatte,— die ſittlich vollkommnen Celten, und die von Natur häßlichen, mit böſen Neigungen ausgeſtatteten Mongolen. Ein andrer Aufſatz,»Leitfaden zu einer künftigen Geſchichte der Menſchheit,« erſchien im 3. Stücke des neuen deutſchen Muſeums. Forſter nannte es einen launigen Einfall, wie er darin nachgewieſen, daß ganze Völker dieſelben Stufen der Bildung hinanzuſteigen hätten, die den einzelnen Menſchen vorgezeichnet ſeien.»Die Natur ſcheint anfänglich auch bei den Völkern nur für Erhaltung zu ſorgen(muskulariſche Cultur); ſpäterhin, wenn ſie reichlichere Quellen der Subſiſtenz ausfindig gemacht haben, kommt die Zeit ihrer Vermehrung(ſper⸗ matiſche Cultur); ſodann entſtehen große Bewegungen, gewaltſames Streben nach Herrſchaft und Genuß(heroi⸗ ſche Stufe); endlich entwickelt ſich der Verſtand, verfei⸗ nert ſich die Empfindung, und die Vernunft beſteigt ihren Thron(ſenſitive Culturſtufe). Innre Sammlung. So durfte Forſter am Ende ſeines erſten mainzer Jahres ſich gar wohl ſeines Fleißes rühmen. Es war manches zu Stande gekommen als Frucht jener ruhigen Seelenſtimmung, die von keinem Weltverlangen geſtört wurde, und von keinem innern Mißbehagen kränkelte. Wie ſchön erkannte er dies ſelbſt, als er anfangs des Jahres 1790 an Henhne ſchrieb: »Die Freude, die Meinigen vergnügt um mich zu ſehen, der innere Umgang mit mir ſelbſt, wobei ich merke, wieviel der immerwährende Zuwachs von Kennt⸗ niſſen den Genuß des Daſeins erhöht, indem man in ſich ſelbſt einen immer reineren Abdruck der äußern Welt gewahr wird, alle Verhältniſſe ſich immer mehr beſtim⸗ men und zu einem helleren Ganzen verbinden,— das und das Vergnügen, in einem unendlich kleinen Kreiſe doch auch etwas für das Ganze thun, einen gewiſſen Einfluß behaupten zu können, muß, dünkt mich, jeden thätigen Menſchen überzeugen, daß keine Art von Exi⸗ ſtenz dieſes Maaß von Glück gewährt, deſſen er in ſeiner Thätigkeit theilhaftig wird.—— Es giebt gewiß, wenn gleich nicht für uns, einen höhern Geſichtspunkt, wo das Trivialſte und gar nichts Scheinende als Bindungs⸗ mittel des Ganzen ſo wichtig iſt, wie das anſcheinend Große.“« 46 Dieſe innige Zufriedenheit mit ſich und ſeiner Lage hatte ſich auch ſchon in der Zueignungsſchrift ausgeſpro⸗ chen, womit er im vergangnen Sommer—»die Erſt⸗ linge ſeiner mainzer Nebenſtunden« dem Kurfürſten öffent⸗ lich darbrachte.—»Es iſt das Werk Ew. Kuffürſtlichen Gnaden,« hieß es darin,—»daß ich in Deutſchland zufrieden lebe, daß auf eine mühſelige Jugend ein Zeit— punkt des ſtillen Genuſſes folgt, ehe noch des Lebens Werth dahin iſt; daß mir eine wärmere Sonne ſcheint, und die Natur ſchöner um mich laͤcht; endlich daß ich das Koſtbarſte, womit je ein Fürſt einen Schriftſteller beglückte, die Zeit nach dem Maaß meiner Kräfte dem Nutzen meiner Mitbürger widmen kann,« u. ſ. w. Da ſchienen jene Anwandlungen im Stillen über⸗ wunden, die er noch im November gegen Jacobi hatte laut werden laſſen:»Mein Kopf iſt leer, ich weiß der Welt nichts Eignes mehr zu ſagen. Wer doch auch nach Italien oder nach England oder nach Spanien oder noch weiter hin, wo nur irgend Neues zu ſehen iſt, reiſen könnte! Denn am Ende, mehr hat man doch nicht, als was einem durch die zwei kleinen Offnungen der Pupille fällt, und die Schwingungen des Gehirns erregt. Die armſeligen vierundzwanzig Zeichen reichen nicht aus; etwas ganz Anderes iſt die Gegenwart der Dinge und ihr unmittelbares Einwirken. Ich werde in dieſen Tagen 35 Jahre alt, die beſte, weit die beſte Hälfte des Lebens iſt dahin, und mir wie unnütz verfloſſen! Ich wende mich weg von dieſer Anſicht.« In der That ſcheint er dies auch entſchloßner, als ſonſt, gethan zu haben; wie denn die reifende Männlich⸗ ————— lich⸗ 47 keit ohnehin leicht von flüchtiger Schwermuth angewan⸗ delt zu werden pflegt. Auch redete ihm Jacobi dieſen Anflug ſeiner alten Reiſeluſt aus; indem er ihm mit feinem Wink andeutete, woher einem, ohne zu reiſen, noch gar manches durch die zwei kleinen Offnungen der Pupille zugehen könne.—»Es grämt mich mehr, als ich es Ihnen ſagen kann, ſchrieb er, daß Sie das Leben mit Üüberſetzen und Compiliren verſauern müſſen. An Ihrer Luſt zu reiſen nehme ich weniger Antheil. Leſen Sie den Homer, den Sophokles, den Herodot, den Plato, und Sie gewinnen wahrlich mehr dabei, als bei einer Wanderung durch Spanien oder Welſchland.« Freilich brachte er dadurch Forſtern nur auf einen andern Gegenſtand ſeiner Unbefriedigtheit. Der Freund beklagte eben ſeine mangelhafte Kenntniß der Alten, um erſt ein rechter Schriftſteller zu werden. Dann würde ihm alles ſanft und reichlich hervorſtrömen, was er jetzt aus ſich herausreißen müßte; es würde mehr ein Ganzes bilden, mehr individuel bei aller Allgemeinheit ſein kön⸗ nen. Und indem er ſich von nichts mehr anekeln ließ, als von ſeiner jetzigen literariſchen Exiſtenz und Abhän⸗ gigkeit von Buchhändlern, vom guten Wetter, von einer guten Verdauung und einer heitern Phantaſte: kam ihm auch ſein geringes ſchriftſtelleriſches Glück in den Sinn. Er verſtand darunter einen einträglichen Abſatz ſeiner Schriften; denn die Anerkennung, der Beifall denkender Männer und gebildeter Kreiſe ging ihm durchaus nicht ab. Lichtenberg z. B. wurde nie wärmer, als in der Anerkennung ſeines herrlichen Freundes. Er, der Ein⸗ ſamverkümmernde, der aus Geiz mit Briefen geizte, hatte 48 um dieſe Zeit wieder einmal— mit Gelegenheit eines Reiſenden, geſchrieben, und bewunderte an Forſter's Auf⸗ ſätzen»den geraden, immer gleich ſtarken Strich, der ihn wie der Gang eines ſchönen Mädchens entzücke«, ihn, dem ſo etwas ſchlechterdings verſagt ſei. Aber Forſter konnte leider! gerade die baaren Abfälle der ſchriftſtelleriſchen Feder nicht außer Abſicht laſſen, und dieſe Gewinnſte wurden von»Schmierern« bezogen, von Campe mit ſeinem»väterlichen Rath«, von Meißner mit ſeinen»Skizzen«, von Salzmann mit ſeinem„Carl von Carlsberg«. Die Fortſetzung dieſes breiten Romans wurde mit 5 Louisd'or per Bogen geſucht, und Becker's »Noth⸗ und Hülfsbüchlein« hatte dem Verfaſſer 12,000 Thaler eingetragen.— An einem reifenden Obſte bemerkt man, wie gerade die Sonnen⸗ und Wetterſeite ſeines Hanges ſich am lieb⸗ lichſten bräunt und röthet. Von dieſer Seite, ſo zu ſagen, erkannte Vater Heyne Forſter's innere Reife mit Zufriedenheit an. Allerdings traf es eben jene Seite des thätigen Lebens, von welcher Forſter dem Schwie⸗ gervater manche Sorge gemacht haben mochte. Wenn wir den gelehrten Alten ſelbſt in literariſchen Dingen, wie z. B. über Kant's Bedeutung, von ſehr befangnem Urtheil finden: wie viel leichter mögen wir begreifen, daß er Forſtern in deſſen großartigem Thun und Laſſen da nicht immer richtig erfaßte, wo ſich ſeine ſonſt warme Liebe für den edeln Schwiegerſohn durch einige väterliche Sorge trübte! Um ſo mehr mag es ihm von Herzen gegangen ſein, als er Forſtern ſchreiben konnte: „»Daß Sie in Ihrer Thätigkeit Ihre Zufriedenheit ſuche von als! ſonſ der Wir weie ker füͤh ſch nes gner Larl ans er 500 rade ieb⸗ zu mit Seite wie⸗ zenn gen, nem fen, ſſen rme liiche erzen nheit ſuchen, freuet mich. Allmählich, ſehe ich, werden Sie auch von der Chimäre geheilt, in der man ſich ſo gern verſtrickt, als müßten wir alle in das Große, in das Ganze wirken: ſonſt hätten wir Urſache mißvergnügt und mit dem Gang der Dinge unzufrieden zu ſein, wenn wir einen kleinen Wirkungskreis haben. Ich weiß keinen ſichtbareren Be— weis von Schwäche, als eben dieſelbe.—— Ein kran— ker Mißmuth, daß ich auf keinem höhern Poſten ſtehe, führt zu nichts, als nur dahin, daß ich auch den einge— ſchränkten Kreis ſchlecht ausfülle; und ein höherer Geiſt, — wie muß der nicht meiner kleinen unanſtändigen Ei⸗ telkeit ſpotten!« Hätte nur der belehrende Papa nicht ſelber noch in ſei⸗ nem 60ſten Jahre ſo lebhaft an die Erweiterung ſeiner Lage durch Überſtedlung nach Kopenhagen gedacht, wohin ein Ruf an ihn ergangen war! Doch brachte ihn endlich eben dies 60ſte Jahr nebſt einigen däniſchen Bedenklichkeiten zum Entſchluſſe, lieber doch in Göttingen zu bleiben, nachdem er ſich und die Lieben in Mainz mit dieſer un⸗ ruhigen Angelegenheit viel beſchäftigt hatte. Nun gerade in der Zeit, worin Forſter ſich inner— halb ſeiner ruhigen Wände zu befriedigen anfing, wurde die Welt um ihn her unruhig, und drohte den Mann herauszufodern, der eine Weile aufgehört hatte, nach ihr zu ſtreben. Alles war auf das revolutionäre Paris geſpannt. Forſter ſelbſt ſah zuerſt noch mit gelaßnem Wohlgefallen dieſer wachſenden Bewegung zu, in deren Springfluten, von ihm ungeahnt, das Verhängniß ſeines Lebens mitwogte. Viel zahlreicher, als Diejenigen, die Forſter's Ge⸗ 4 50 ſchick beklagten, waren ſtets Jene, die ihn ſchwer beſchul⸗ digten. Wir müſſen daher ſeiner Theilnahme an der Re⸗ volution Schritt vor Schritt folgen. Die Fährte derſel⸗ ben zieht durch ſeine Briefe, rein ausgedrückt; denn hat Forſter irgend etwas ohne Vorausſetzung oder Voraus⸗ berechnung geſchrieben: ſo ſind es jene Ergüſſe, in denen ſich jede wechſelnde Seelenſtimmung ſo friſch, wie un— vergänglich wittern läßt. Die franzöſiſche Revolution fand ihn auf einem Höhepunkte der Betrachtung, der kein Ausgangspunkt demokratiſcher Betheiligung zu werden pflegt. Was möchte ihn wohl zu revolutionären Unter⸗ nehmungen treiben? Zu jener Zeit hatte er keine politiſche Correſpon⸗ denz. Scheu vor allem Ordensweſen, hielt er ſich auch von allen politiſchen Verbindungen zurück, wenn etwas der Art irgendwo beſtand. Seine Lebensgewohnheiten und Neigungen wichen dem Leben und Treiben der un⸗ terſten Volksklaſſen eher aus, als daß ſie es aufgeſucht hätten; während ſeine Arbeiten und Anſichten die Gunſt der Herrſchenden, die Wege weit ausſehender Unternehmun⸗ gen ſuchten. So weit entfernt ſtand anfänglich der Freund von allem Revolutionären. Er verſprach ſich nicht ein⸗ mal ſo Außerordentliches von Dem, was damals alle Edeln in Deutſchland begeiſterte. An Vollkommenheit, zu der es in menſchlichen Dingen gebracht werden könnte, glaubte er nicht mehr; nur Grade und Stufen des mehr oder weniger Unvollkommnen gab er zu, und daß, wenn nur das Beſſere errungen werde, alles geleiſtet ſei, was man von der Menſchheit verlangen könne. Darum ver⸗ warf er jedoch den Enthuſtasmus nicht, der um Paris flammte. Ohne ihn, was würde nun gar aus der Menſchheit in unſerm Welttheile? fragte er. In Frank⸗ reich wollte er es ausgähren laſſen, und ſah Mirabeau nur als den Sauerteig an, im Grund eine ekelhafte, jedoch eine ſehr unentbehrliche Subſtanz.— Wie nun aber Reibungen Wärme erzeugen: ſo konnte ſich auch Forſter's Theilnahme an den Kämpfen in Frankreich nicht immer ſo kühl erhalten. Gegen Ende des Jahres war es ihm ein intereſſanter Anblick, nicht daß Frankreich kämpfe, ſondern wie es kämpfe, und wie dieſer Strauß der Demokratie mit dem Deſpotismus keinem frühern ähnlich ſei, und das Gepräge des Jahrhunderts der aus⸗— gebildeten Vernunft trage. Die Einwirkungen jener Kämpfe auf Deutſchland entgingen ſeiner Beobachtung nicht. Es regte ſich in Kaſſel, ohne»diesmal« zum Ausbruche zu kommen. In Trier wollte das unruhige Volk ſeinen Beſchwerden ab⸗ geholfen wiſſen. Auch für Mainz fing er an zu fürchten, zumal der Hunger ein gewaltiger Agent der Revolution zu werden drohte. Der Laib Brot war von S auf 13 Kreuzer geſtiegen, und die Fruchtſperre in der Pfalz ließ noch ein Steigen der Theuerung beſorgen Preußen hielt Forſter ohnehin ſtets im Auge. In einem Briefe an Heyne meinte er einmal, das preußiſche Kabinet müſſe für alles Feine kein Gefühl haben, weil es für die Perſiflagen in öffentlichen Blättern unempfind⸗ lich bleibe, während dieſelbe doch in's Publikum wirke, und daß Leute, die nichts anderes, als die Jagd auf Jeſuiten oder die Verfolgung eines Stark im Kopfe hät⸗ 4* —, — ——— 52 ten, ſelbſt leer wären, und nichts beſſeres mehr liefern könnten. Überhaupt, wie ja Forſter's Leben mit all' jenen Fragen und Kämpfen, Leiden und Entrüſtungen, von denen es ſelbſt bewegt war, noch warm in unſere Ge⸗ genwart hineinpulſirt; ſo begegnen wir auch Außerungen des edeln Mannes über die preußiſche Politik ſo bezüg⸗ licher Art, als ob ſie geſtern geſprochen worden; wie denn freilich der Fürſtenbund und der Rückzug aus Lüt— tich, unter allen abweichenden Umſtänden, doch lebhaft genug an die Union und an Kurheſſen erinnern. Der Winter war nun vorüber. Kälte und unru⸗ higer Schlaf hatten den Freund gar hypochondriſch ge— ſtimmt; er empfand das Bedürfniß einer lebhaftern Be⸗ wegung; die alte Reiſeluſt erwachte wieder, und brachte ihn auf den Gedanken London zu beſuchen. Er verſprach ſich manches, was in ſeinen Kram tauge für Geographie, hoffte die Kabinette von Holland und London für die Naturgeſchichte zu benutzen, für ſich und Sömmering Materialien zur Erforſchung der Verwandtſchaft der Thiere mit den Menſchen einzuſammeln und über moderne Kunſt dies und das aufzuzeichnen. Und wollte dann hinter dieſen ſchönen wiſſenſchaftlichen Abſichten doch die Geldfrage nicht ganz verſtummen: ſo ließen ſich die alten Forde⸗ rungen ſeines Vaters an die Admiralität hören, die jetzt vielleicht geltend, d. h. zu Geld gemacht werden konnten. Auch war allerdings nur noch in London die geeignete Unterſtützung zu jenem umfaſſenden Werke über die Süd⸗ ſee zu erwarten, für welches Forſter ſich bis jetzt ver⸗ gebens um einen Verleger in Deutſchland bemühte. Zunächſt, und bis einer oder der andre dieſer Anſchläge etwas einbringen würde, lag noch der Reſt der von Rußland bezognen Gelder zur Verwendung da— als Vorſchuß zu den Reiſekoſten. Der Kurfürſt bewilligte einen dreimonatlichen Urlaub zu dieſer Reiſe, und ſobald der erwartete junge Alexan⸗ der von Humboldt ſich als Reiſegefährte eingefunden, traten beide die Rheinfahrt an. Hinter ihnen war das Caſtrum Doloris, das Lei⸗ chengerüſt zu den Seelmeſſen für den am 20. Februar verſtorbenen Kaiſer Joſeph bereits abgebrochen, und die zahlreichen ſilbernen Leuchter mit demſelben entfernt; aber das ſechswöchige Trauergeläute mit allen Glocken tönte ihnen von den Thürmen der Stadt nach, als ſie zwi⸗ ſchen den aufgrünenden Inſeln des prächtigen Stromes dahin fuhren. Ein Hausfreund. Wie man die einzelnen Gegenſtände am genaueſten in der Nähe erkennen, ihren Zuſammenhang aber beſſer aus einer gewiſſen Höhe beurtheilen kann: ſo erſcheint uns auch erſt auf dem Gipfel der Gegenwart jene Rhein⸗ fahrt und Reiſe, von der uns nur wenig Umſtändliches mitgetheilt worden, in ihrer von beiden Gefährten da⸗ mals ſelbſt nicht geahnten Bedeutung. —— Alexander von Humboldt, ſeit 1788 in Göttingen ſtudirend, hatte im Heyne'ſchen Hauſe Forſtern kennen ge⸗ lernt, als dieſer, von Wilna dahin zurückgekehrt, eine neue Beſtimmung abwartete. Der Weltumſegler zog ihn an; die Erzählungen aus der Südſee nährten in der Bruſt des Jünglings die frühen transatlantiſchen Träume und den Drang, jene fabelhaften Welttheile zu ſehen, die eben ſo lebhaft, als ſie ſeine Phantaſte beſchäftigten, den ihm eingepflanzten Forſchungstrieb reizten. Wie von einer höhern Miſſion getrieben, erſchien nun der 2 jährige junge Mann in Mainz, um die Reiſe nach England mitzumachen. Es war, als ob er unter des Weltum⸗ ſeglers erweckender Anleitung eine Vorſchule zu den gro⸗ ßen Weltfahrten machen wollte, die an Umfang und Vielſeitigkeit der Erforſchungen, Beobachtungen und Mit⸗ theilungen Forſter's jugendliche Seereiſe weit übertreffen. Von ſolcher Beſtimmung des jungen Mannes hätte Forſter ſich damals nichts träumen laſſen; zumal Hum⸗ boldt von ſchwächlichem Ausſehen, fortwährend mit ſeiner Geſundheit zu kämpfen hatte. In einem Brief an Ja⸗ cobi bemerkt der Freund, indem er bedauert, daß Wil⸗ helm v. Humboldt, der ältere Bruder, aller öffentlichen Thätigkeit entſagen wolle:»deſto mehr wird Alexander wirken und treiben wollen, und hat den Körper nicht dazu.« Wie verhängnißvoll muß uns heute jene Zuſam⸗ menkunft Humboldt's mit Forſtern erſcheinen,— ein zartes Reis, zu einer erſtaunlichen Ausbreitung auf einen abſtändigen Stamm gepfropft! Es war der Moment, in welchem unſerm Forſter ſeine alte Weltbeſtimmung abgenommen, und mit erweiterten Aufträgen an Hum⸗ boldt überliefert wurde. Leider ging Forſter's Verhängniß jener Tage noch weiter, und bereitete ihm auch für ſeine häusliche Zu⸗ kunft noch ſchmerzlichere Entſagungen zu. Welt und Haus entzogen ſich ihm, um dem verlaßnen Manne— wir werden ſehen welchen wankenden Boden übrig zu laſſen. Was in einem bloßen Roman aus poetiſchen Mo⸗ tiven entwickelt werden darf, läßt ſich in einer Lebens⸗ d geſchichte nur als unbeſtrittne Thatſache darlegen, deren Werden und Wachſen verhüllt geblieben, und kaum mit 2 ſeelenforſchender Vermuthung zu berühren iſt. Thereſe ſagt in ihren Mittheilungen über Forſter: »Warum eine Ehe, in der gegenſeitige Achtung und innige Theilnahme unerſchütterlich blieb, beide Theile nicht beglückte, iſt das Geheimniß der beiden Gatten, in das Niemand ein Recht einzudringen hat. Der ſcharf⸗ ſinnige Seelenkundige erräth vielleicht, die Zeitgenoſſen haben Thatſachen in der Hand, um ihre Anſicht zu bilden.« Zu dieſen Thatſachen gehört denn freilich auch eine fremde Liebe, die in dem verunglückenden Ehebunde Bo⸗ den und Pflege fand,— die Liebe eines Freundes, dem Thereſe gleich nach Forſter's Tod ihre Hand reichte. Dieſer Hausfreund war Ludwig Ferdinand Huber, 1 ſeit Oſtern 1788 Legations⸗Sekretär der ſächſiſchen Ge⸗ T C.... . ſandtſchaft in Mainz. Sein Vater Michael Huber war — man weiß nicht wie und wann— aus dem Nieder⸗ bairiſchen nach Paris gekommen, wo er als Lehrer und Literat den Franzoſen einige Bekanntſchaft mit unſerer frühern Literatur durch Überſetzungen vermittelte. Nach⸗ dem er ſpäter ſeine Haushälterin, eine wackere und nicht ungebildete Franzöſin, geheirathet, brachte er ſie und ſei— nen zweijährigen Knaben mit nach Leipzig, als er 1766 an die daſige Univerſität als Lector der franzöſiſchen Sprache berufen wurde. Der junge Huber, ein hübſches Kind, aber mit der engliſchen Krankheit behaftet, wurde etwas verzärtelt, aber ſorgfältig erzogen, einer jener Knaben, die lebensſchwächlich und leſeluſtig frühreif wer⸗ den. Schon in ſeinem 15ten Jahre lieferte er Über⸗ ſetzungen zum Drucke, blieb aber in körperlicher Aus⸗ bildung ſo ſehr zurück, daß er herangewachſen nicht ohne Angſt auf ein Fußbänkchen treten, und nie ohne Ent⸗ ſetzen die Sproſſen einer Leiter beſteigen konnte. Einen ſteilen Abhang herabzulaufen, verſagte ihm der Athem ſeiner kurzen, eingedrückten Bruſt. Als junger Diplomat vielſeitig unterrichtet, blieb er doch ungewandt im Leben, zum Tanzen ungeſchickt, und ein Pferd zu beſteigen un⸗ fähig. Dabei verwöhnte er ſich in Diät und Kleidung. Dieſer Schwächlichkeit entſprach eine weiche, gütige Ge⸗ müthsart mit einer kleinen Neigung zu milder Satyre. Auch ſtand es vielleicht im Zuſammenhange mit ſeiner engen körperlichen Rührigkeit, daß er auch geiſtig ohne Anregung nicht leicht aus ſich herausging, Menſchen und Dinge in ſehr wenig Beziehungen heobachtete, und au— genblickliche Erſcheinungen ſelten in ihrem urſachlichen Zuſammenhang erfaßte. Mechaniſche Fertigkeiten gingen ihm ab; ſeinen umfaſſenden Kenntniſſen gebrach die ei⸗ gentliche wiſſenſchaftliche Grundlage, und im Handeln folgte er mehr dem moraliſchen Gefühl, als moraliſchen Grundſätzen. Ja, er glaubte an ein gewiſſes nothwen⸗ diges Beſtimmtwerden im Leben; ſo daß man eigentlich Geſchehenes nie bereuen, ſondern Unrecht nur verbüßen . könne.. 1 In dieſer Haltloſigkeit, in dieſem ſich Hingeben und Gehenlaſſen, in dieſer poetiſch geſtimmten Unthätigkeit, e worin Reden ihm als Genuß, Empfinden als Handeln r erſchien, entging er doch ſittlichen Kriſen keineswegs. Wenig beliebt durch ſein ſchlaffes, unumgängliches Weſen und durch die poetiſirende Laune, in Verſen und Tira⸗ 2 den zu antworten, gerieth er durch einen etwas abenteuer⸗ e lichen Hang in ein Haus, worin liederliche Männer der 4 höhern Klaſſe und Schauſpieler ihr Weſen trieben. n Hier fühlte er ſich zwar nicht froh; aber es that ihm 1 anfangs wohl, ſich in ſeinen Eigenheiten und Schwächen t einmal geduldet zu ſehen, und er hielt darum ſchmerzlich aus, bis er durch Spielverluſte zur Beſinnung kam. Nun raffte er ſich auf, und ward erwerbſam durch Schriftſtellerei. Eine gefährliche Krankheit kam dazu, 4 aus welcher er, bisher verwöhnt nur mit Andern zu 3 denken und zu fühlen, mit der wieder erlangten Ge⸗ r ſundheit auch zu etwas mehr Selbſtändigkeit genas. e Aber auch nach dieſer Umwandlung behielt Huber d noch genug von jenen Eigenheiten, die gerade für Forſter 4 nichts Einnehmendes hatten. Solch' unthätiges, ſchwan— — kendes Sehnen nach einer Lebensbeſtimmung, wobei ein ſo junger Mann zu Grunde gehen müſſe, war ihm zuwi⸗ der. Auch Thereſe fand an ſeinen Gewohnheiten, geſell⸗ ſchaftlichen Nachläſſigkeiten u. d. gl. manches zu tadeln, —— 58 und ſchonte ihn nicht mit ihrem Spotte. Doch Huber blieb unbefangen und unverdroſſen, unabläſſig bemüht, die intereſſante Familie für ſich einzunehmen. Er brauchte nun einmal, ſelbſtgeſtändig, etwas zum Schluſſe ſeines Tages,»damit demſelben beim Niederlegen nicht, wie bei unvollendeten Accorden, die letzten Töne fehlten.“« Forſter, für den er ſchwarmte, erſchien ihm ein gar guter Menſch, voll Feuer, reinen Gefühls und echter Naivetät. Da derſelbe aber mit Menſchen verkehrte, denen Huber zuwider war: ſo legte es dieſer, wie er brieflich geſteht, auf einen langſamen Eroberungskrieg an. Und wirklich gewann er immer mehr Boden im Forſter'ſchen Hauſe. Schon gegen Mitte December bekannte er einem Freunde: „Mit mir und Forſter's fängt es an, ſich ſehr gut zu machen. Wir ſind nahe daran einen Zirkel untereinander zu bilden, wie ich ihn ſehr brauche.«— Er rühmte Forſtern, der mit ſeinem umfaſſenden Feuer nichts aus⸗ ſchließe, und ſich für alles entzünden laſſe, während Heinſe immer nur an einer Stelle brenne, und außer dieſer eiskalt bleibe. Bald zog denn auch der junge Mann von dieſem Umgange die beſten Gewinnſte für ſeine Ausbildung. Forſter trieb ihn zu mehr gehaltner Thätigkeit an, und lenkte ihn zu einer mehr practiſchen Anwendung ſeines Wiſſens. Huber hatte einen lebhaften Hang zum Dra⸗ matiſchen, und Forſter ſcheint ſich anfangs dafür inter⸗ eſſirt zu haben. Er begleitete den jungen Mann Ende Septembers 1789 nach Wiesbaden, wo ſich eben Iffland aufhielt, dem Huber ſein Drama»das heimliche Gericht« zur Aufführung in Mannheim übergab. Ja ſpäter reiſte —— unſer Freund mit Hubern zur Aufführung des Stücks dahin. Wahrſcheinlich in Folge der gemachten Erfahrung über Huber's Talent und Leiſten rieth ihm Forſter von der dramatiſchen Dichtung ab zur Bearbeitung von Rei⸗ ſebeſchreibungen; ja er zog ihn zur gemeinſchaftlichen überſetzung der Briefe Düpaty's sur Pltalie heran; wobei er freilich mit ſeiner klaſſiſchen Feder dem deutſchen Stil Huber's zu Hülfe kommen, deſſen poetiſch-tragiſche Ausdrucksweiſe auf gute Proſa herabſtimmen, und dieſe an Würde und Klarheit gewöhnen mußte. Auch Thereſe gewann allmählich für die mancherlei Unbeholfenheiten Huber's einen günſtigeren Geſichtspunkt, vor welchem ihr anfänglicher Spott einer gewiſſen ſchwär⸗ meriſchen Bewunderung wich. Des Freundes Kind⸗ lichkeit, die um den Zuſammenhang der Dinge unbe⸗ ſorgt, ſtets mit heitrer Zuverſicht das Nächſte erfaßte, galt ihr für eine beſondre Gunſt des Himmels, ein ſo begabter Menſch für einen»Liebling der Götter.« Doch in dieſer Stellung zu Mann und Frau blieb Huber's Verhältniß als Hausfreund nicht abgeſchloſſen. Allerdings, eine glückliche Ehe zu ſtören, wäre er, wie wir ihn kennen, der Mann ſchwerlich geweſen. We⸗ der von Geiſt noch von Naturel erſchien er ſo gewaltig, ſo anziehend und unwiderſtehlich, um eine auflöſende Wahlverwandtſchaft auf eine Frau, wie Thereſe, in feſter Verbindung mit einem Gatten, wie Forſter, auszuüben. Allein Forſter's Ehe war, wer weiß wie lange ſchon, keine glückliche mehr, und die urſprüngliche Unüberein⸗ ſtimmung ihres beiderſeitigen Weſens trat immer ſtärker hervor. Bei der hohen Achtung und innigen Theil⸗ —— 60 nahme, die beide für einander hegten und feſthielten, wären ſie die herzlichſten Freunde geweſen: der innigere Bund knüpfte für beide kein Glück. Wie dies nach und nach ſo gekommen, läßt ſich nicht nachweiſen. Hätte Forſter, getrennt von ſeinem Sömmering, wie einſt von Wilna aus, Briefe mit ihm gewechſelt, ſo wären wohl ſchriftliche Bekenntniſſe über die unglückliche Entwicklung dieſer Ehe erhalten worden. Sömmering war der ein⸗ zige Menſch, dem Forſter dieſe Kammer ſeines Herzens öffnete. In Mainz that er es wohl mündlich, und wir wiſſen nur, daß Sömmering, deſſen frühere Bedenklich⸗ keiten Forſter zu beruhigen geſucht hatte, doch in Mainz von einer gewiſſen Abneigung gegen Thereſen nicht zu⸗ rück kam. Was aber auch nicht nachzuweiſen iſt, bleibt doch immer, und vielleicht nur deſto geheimnißvoller anziehend für die Betrachtung eines bedeutenden Menſchenlebens. Auch ſind nach ſo viel Jahren die herzenswarmen Ge⸗ heimniſſe dieſes Lebens wohl ſo weit erkaltet, daß der Seelenforſcher ſie berühren darf. Und ſelbſt Thereſe hat uns ſchon einige Spuren zu jenem Heiligthum des Unglücks angedeutet.»Neben den ſchwer zu gewähren⸗ den Bedingungen, Forſter's Lage ſeinen Bedürfniſſen ent⸗ ſprechend zu bilden, ſtanden manche Verſtandesanſichten über die herzlichen Verhältniſſe des Lebens ihm im Wege, die er nicht ſich ſelbſt abſtrahirt, ſondern als ſeine Ei⸗ genheiten begünſtigend ſich angeeignet hatte.« Nach dieſer Bemerkung deutet ſie auf die Anſichten von Jacobi's Woldemar über Liebe und Freundſchaft, die auf den Freund gewirkt, und ſeine innere Zufriedenheit wenig —— befördert haben möchten. Sie zählt ihn zu den guten Köpfen von damals, die aus dem ſpitzfindigen Wort⸗ krame jenes geiſtvollen Buches ſich eine gegen reine Sittlichkeit und dazu erfoderlicher Selbſtherrſchaft anſtre⸗ bende Art, zwiſchen erhabenen Gedanken, edeln Gefühlen und krankhaft thätiger Sinnlichkeit auszukommen, ange⸗ eignet hätten. Wir ſtehen hier vor einer ſo wunderbaren Verwick⸗ lung, daß wir zur Enträthſelung derſelben nur die flüch⸗ tigſten Andeutungen zu geben wagen. Aus Huber's Lebensbeſchreibung, die von Thereſen ſelbſt anerkannt wird, geht hervor, daß Forſter die zärtliche Freundſchaft, die ſeit Jahren zwiſchen ſeiner Frau und Huber ſtatt gefunden, gekannt und gebilligt habe. Dieſe Billigung ſtimmt mit ſeinen allerfrüheſten Anſichten von der Frei⸗ heit und Unabhängigkeit der Liebe überein. Dennoch ſcheint der Freund, wie uns Thereſens Hinblick auf Woldemar'ſche Sophiſterei vermuthen läßt, nicht geſtimmt geweſen zu ſein, die Anſprüche ſeines zärtlichen Herzens mit der Anerkennung einer freien und ihm abgewendeten Liebe, aus Mangel an„»Selbſtherrſchaft« und Selbſtbe⸗ ſchränkung, in Übereinſtimmung zu bringen. Indeß war ohne Zweifel ſchon vor Huber's Be⸗ kanntſchaft das innigſte Verhältniß zwiſchen beiden Gatten geſtört. Man weiß ja, daß das Glück einer Ehe nicht durch den geiſtigen und ſittlichen Werth oder Unwerth der Verbundnen, ſondern durch Dasjenige bedingt wird, was ſie in der perſönlichſten Unmittelbarkeit einander ſind, wie ſie einander anziehen, ergänzen, fördern. Es iſt etwas Magiſches um das wahre eheliche Glück. Wo⸗ durch dieſe perſönlichſte Wechſelbeziehung zwiſchen Forſter und Thereſe im Lauf der Jahre ſich getrübt habe, bleibt unnachweisbar; nur wie ſich durch dieſe Trübung die Beſtandtheile ihres ehelichen Lebens feſtgeſetzt, weiſ't The⸗ reſe ſelbſt nach.—»Innige Achtung, ſagt ſie, ſchonende Nachſicht erhielt die Würde ihrer Verbindung; gleiche Denkart über das Sichtbare und Unſichtbare, was den Menſchen angeht, gleiche Theilnahme an allem Wiſſen, allem Schönen, allem Guten vereinte ſie, gab Forſtern ſtets neuen Antrieb zu ſeinen Arbeiten, gab ſeinen Muße⸗ ſtunden ſtets neuen Stoff zu geiſtiger Unterhaltung. Aus ſolchen Elementen mußte eine Vereinigung beſtehen, die keine Veränderung der Form außzulöſen vermocht hat.“ Dieſer letztere Ausdruck ſcheint nicht ganz richtig gewählt zu ſein. Die Form ihres Verhältniſſes, ihr Ehebündniß, iſt ja nicht verändert worden; wohl aber hat der Gehalt deſſelben eine weſentliche Umwandlung erlitten; man möchte ſagen, der Zuckerſtoff der Liebe habe ſich in Weingeiſt der Freundſchaft aufgelöſ't. Wer könnte ſagen, was alles zu dieſer Wandlung mitge⸗ wirkt hat! Jene innerſte Störung gab der Freundſchaft Hu⸗ ber's Raum, aber eigentlich zugänglich war Thereſens zärtliche Erwiederung mehr von Seite der äußern Lage und Verlegenheit des Hauſes. Hier lag eine große Störung, eine immer wiederkehrende Verſtimmung. In Geldſachen, worin gerade die ehrlichſte Verſtändigung hätte ſtattfinden ſollen, hielten beide Gatten ſich durch wunderliches, falſches Zartgefühl auseinander. Geldſachen ſind aber im Familienverbande nie von ſo reinem Silber, ung ſchen lber, daß ſich nicht leicht Grünſpan anſetzte, woran auch die edleren Beziehungen des Lebens ſich vergiften. In Haus und Staat bringt das Geld Revolutionen hervor, und in Forſter's Leben begegnen ſich beide. Wie Thereſe ſelbſt bemerkt, hatte die fortſchreitende Zeit ſie mit den Erforderniſſen einer Haushaltung hin⸗ länglich bekannt gemacht, um ſie zu belehren, daß ein⸗ ſeitiges Sparen, Vereinfachen, Eintheilen nicht hinreiche, um Forſter's ökonomiſche Sorgen zu erleichtern. Aber die Befugniß, ſeine Projecte zu durchkreuzen, fiel ihr nicht ein, da ſie deren Ausführbarkeit nicht überſah, und die Betrachtung, daß er in deren Ausführung ſeine Zu— friedenheit ſetze, jede andre überwog. Dem Vorwurf entgegen, den ſie mit dem Ausdruck »einſeitiges Sparen« Forſtern macht, ſpricht ſie ein andermal von ſeiner»Angſtlichkeit mehr zu erwerben.« Auch nimmt ſie die Beſchönigung ihres Schweigens zu ſeinen in's Geld greifenden Projecten durch das Bekennt⸗ niß zurück, wie Unrecht es von ihr geweſen, daß ſie nicht, als ihr jene Ängſtlichkeit ſichtbar wurde, jedes unſtatthafte Zartgefühl bei Seite geſetzt, und eine gründ⸗ liche Beſchränkung der Bedürfniſſe erzwungen habe. Hier erſchien nun Huber's Weſen ſchon durch ſeinen Gegenſatz zu Forſter's Natur ein gar leicht eingehendes Element. Beſeelt von der lebhafteſten Hochachtung für beide Verbundnen, konnte er, nach ſeinen eignen ſo ſchmerzlichen Erfahrungen im Verlieren und Verdienen von Geld, ſich vermittelnd, verſtändigend, ausgleichend erwei⸗ ſen. Wir kennen ſeine Unverdroſſenheit in der Bewer⸗ bung um die Gunſt geſchätzter Menſchen, um jenes Etwas 64 das er beim täglichen Schlafengehen als befriedigenden Accord brauchte, und wie er in einem Briefe ſelbſt be⸗ kennt, verlangte er im Verkehr mit ſolchen Freunden— vein gewiſſes Intereſſe an den evénements ſeines Lebens, das er redlich wieder zurückgab.« Wie hätten ſich ihm da die Verlegenheiten des Hauſes, die Verſtim— mungen der Ehe Forſter's lange verborgen halten, und wie hätte er ſelbſt theilnahmlos bleiben mögen? Denken wir uns nun von Seite des beeiferten Hausfreundes bei dieſen evénements des Mannes eine zarte Theilnahme am Erwerbe durch gemeinſchaftliches Überſetzen, wie wir es von Dupaty's lettres sur Pltalie kennen: ſo mußte ein ſo verſtändiger Beiſtand in ſor⸗ genverwirrter Lage den jungen Liebling der Götter in den Augen Thereſens gewiſſermaßen als Erſatzmann des Gatten an deſſen ſchwacher Seite erſcheinen laſſen. Und vielleicht iſt dies gerade diejenige Seite, von der es einer erleichterten Hausfrau eben auch am leichteſten wird, dankbar zu ſein. In Goethes»Wilhelm Meiſter« ſteckt die ſchalkhafte Baronin den liebenswürdigen jungen Mann in des Grafen Kleider, um die Gräfin zu einer Zärtlich⸗ keit gegen den bekannt ausſehenden Fremden zu verleiten. In Forſter's Hauſe war Huber nur allzubald mit mehr als des Mannes Kleidung, er war mit deſſen Pflichten⸗ Negligé angethan. So näherte ſich der ſorgenvollen Frau ein Freund von gleichem Alter mit ihr, wie ein Bruder theilnehmend, aufmerkſam, Vertrauen erweckend, vertraulich. Er half ihr Forſtern ſchonen, das gab eine großmüthige Heim⸗ lichkeit; er entſchuldigte den weitſtrebenden Freund, das 65 machte ihn noch liebenswerther; er erſetzte ihn durch Rath und Beiſtand, das machte ihn unentbehrlich. Hu⸗ ber war mehr als Forſter für das Kleine, Allernächſte: aber aus ſolchem beſteht ja das alltägliche Leben, und es betraf eben Dasjenige, woran das Haus kränkelte. So erweckte der blaſſe Legations⸗Sekretär ganz unab⸗ ſichtlich die Betrachtung in Thereſens Herzen, daß der Boden einer glücklichen Ehe ſich nicht immer aus unge⸗ wöhnlichen und ſeltnen Beſtandtheilen miſche, und daß weltumfaſſende Eigenſchaften eines Mannes nicht auch nothwendigerweiſe das Haus beſeligen, oder gemacht ſind, durch Liebe befriedigt zu werden. Und wie leicht tauchte da der alte Mädchenwunſch wieder auf, gerade den zu lieben, den ſie am glücklichſten machen könnte! Hatte Thereſe aber ſchon früher zu Forſter's Freude»über Vernünftigſein ihr Gefühl nicht eingebüßt:« durfte ſie dann, ſelbſt nach Forſter's allgemein ertheilter Erlaubniß, dieſen Huber, der ja ſo gut und edel war, nicht herzlich lieben? In ſolchen Empfindungen gab ſich aber Thereſe von jeher ſehr unbefangen; wie wir ja wiſſen, daß Söm⸗ mering, der ernſte und ängſtliche Freund, mit ihrem Benehmen gegen Männer ſchon früher nicht ſehr zufrieden geweſen war. Und ſollte ſie, auch nach ſo manchen trüb⸗ ſeligen Jahren, doch nicht noch immer ein wenig enthu— ſiaſtiſch in der Liebe geweſen ſein, wie Forſter ſie früher erkannt hatte? wenn er ſelbſt vielleicht auch jetzt weniger, als damals, beſorgt wegen der Dauer dieſer Liebe zu ihm war; nachdem er, von wiſſenſchaftlichen Beſtrebungen, häuslichen Sorgen, kleinlichen Arbeiten, 5 66 gehemmtem Amte und verworrnen Pflichten herabgezogen und zerſtückelt, auch aufgehört hatte, in der Liebe zu ſchwärmen. Daß aber auch Huber ſchon früh eine tiefere Hin⸗ gebung für Thereſen gefaßt habe, läßt ein Umſtand aus ſeinem Leben vermuthen. Er hatte nämlich, als er noch in Dresden, eine Zeitlang mit Schiller als Stubenge⸗ noſſe, wohnte, ein anerkanntes Verhältniß mit Körner's Schwägerin geknüpft, und wir wiſſen aus Körner's Brief⸗ wechſel mit Schiller, wie entrüſtet beide Freunde über Huber's Benehmen waren, ſeit er in Mainz ſtand und die Geliebte oder Verlobte ſtillſchweigend aufgab. Wir begnügen uns damit, die unglücklichen Ver— hältniſſe anzudeuten, durch welche Huber und Thereſe einander auf's Innigſte vertraut wurden. Daß dies Ver⸗ hältniß um die Zeit der Forſter'ſchen Reiſe ſchon länger beſtanden, iſt nach der mitgetheilten Notiz aus Huber's Leben kein Zweifel; doch mag es immerhin durch des Freundes längere Abweſenheit, durch die Verlaſſenheit der mit jener Reiſe im Stillen unzufriednen Thereſe und durch Huber's Beeiferung ausgeſprochner und gewiſſer⸗ maßen beſtätigter geworden fein. Und ſo verknüpfte ſich mit dieſer Reiſe, die Forſter mit den ſchönſten Erwartungen angetreten hatte, das geheimnißvolle Verhängniß, das ihm durch Huber die Zukunft des Hauſes, wie durch Humboldt die Miſſion für die Welt entzog. Wie der Auguſt 1784 den glän⸗ zenden Gipfel ſeines Lebens bezeichnet hatte, ſo fällt in das Frühjahr 1790 der nächtliche Tiefpunkt deſſelben. 6 Reiſe und Reſultate. Wir eilen unſern Reiſenden nach, die den herrlichen Rheinſtrom hinabgleiten,— Forſter höchſt vergnügt durch die beneidenswerthe Laune, womit Humboldt, durch⸗ drungen vom Genuſſe der lieblichen Natur, auf der gan⸗ zen Fahrt die einförmigen Stunden verkürzt. Dieſer junge Mann»von der beweglichſten Phan⸗ taſte und vom zarteſten Sinne« veranlaßte Forſtern merk⸗ würdigerweiſe zu einer Betrachtung, wodurch er, wie mit prophetiſchem Blicke, die ſpätern Verdienſte dieſes aus⸗ gezeichneten Naturforſchers voraus andeutet.—»Noch kann ich mir den großen Zweifel nicht löſen, ſchrieb er in ſein Tagebuch, ob es befriedigender ſei, Bilder des Wirklichen unmittelbar aus der umgebenden Weite zu ſchöpfen, oder ſie von zahlloſen Anſchauungen bereits überall her geſammelt, erleſen, geordnet, zuſammenge⸗ ſetzt, zu ſchönem Ganzen vereinigt aus einer reichen Men— ſchenſeele, unſerm Weſen ſchon mehr angeeignet, in uns übergehen zu laſſen.—— Da geſellen ſich, von einer menſchlichen Organiſation aufgefaßt, die mannichfaltigſten Formen aus allen Welttheilen zugleich, aus der Ver⸗ gangenheit und— darf ich es ſagen?— aus der Zu— kunft zum Gegenwärtigen, und verweben ſich mit ihm zu einem die Wirklichkeit nachahmenden Drama.« So ſehen wir, wie auf dieſer Reiſe die Sinne und die Seele des jungen Humboldt für die Zukunft ſeiner — —— 68 Weltfahrten aufblühen, Forſter aber nur reife Samen⸗ körner der Betrachtung in ſeinem Geiſte ſammelt. Da überkömmt ihn denn zwiſchen der tiefſinnigen Anſchauung der Kunſtſchätze in Düſſeldorf und dem Anhauche der Frühlingsnatur jene Seelenſtimmung innerer Vollendung in der er ausruft:»Friede ſei mit allem was da iſt, Friede mit jedem Geiſte, ſein Wirken und Gebilde ſei dem meinen ſo fremd, wie es wolle.—— Allles iſt unzertrennlich von Allem; der blaue Bogen über mir, die hellleuchtende Sonne und Berg und Flur, Fels und Wald, Pflanzen und Thiere, der Menſch und ſeine Kunſt, alles iſt Theil eines großen, nicht zu umfaſſenden Gan⸗ zen!« Von Düſſeldorf aus beſuchten ſie Jacobi in Pem pelfort, und ließen ſich von dem liebenswürdigen Wirthe länger, als Forſter es ſich vorgeſetzt hatte, feſthalten. Froh und heiter geſtimmt ſchwelgte der Freund in den Eindrücken dieſes glücklichen Hauſes bis zum Abſchiede, den er mit einem früher nie ſo hohen Grade von weh⸗ müthiger Liebe nahm.—»Solche Menſchen finden wir auf der ganzen Reiſe nicht wieder!« ſagte er zu Hum— boldt, als ſte aus dem Hofe des Landſitzes fuhren.»Wenn ich einen großen, einen guten Menſchen in meinem Her⸗ zen und in meinem Sinne trage, iſt mir's, als trüge ich die Welt in mir, in einem ſchönen, umfaſſenden Bilde.« So ſcheidend fuhren ſie bei Mondſchein die ganze Nacht hindurch nach Jülich, und hielten erſt wieder in Aachen an, wo ſie wieder manches zu beſchauen und zu betrachten, das heißt zu bedenken fanden. — 69 Was Forſter abends in ſein Tagebuch eintrug, wa— ren keine jener flüchtigen Notizen, jener Witze, Einfälle und Gedankenſprünge, wie ſie in unſern ſpätern»Rei— ſebildern« ſelten als Bienen, meiſt als Schnaken erſchei⸗ nen. Forſter's Aufzeichnungen haben einen Gehalt, eine Tiefe, daß ſie, obgleich aus den individuellen und vor⸗ übergegangnen Zuſtänden damaliger Zeit geſchöpft, doch eine dauernde, immer wiederkehrende Bedeutung enthal⸗ ten. Oder iſt es nicht wie für heut geſchrieben, was er bei Betrachtung der aus einer fehlerhaften Conſtitution herbeigeführten damaligen Unordnungen in Aachen be⸗ merkt? Mäßigung iſt die Tugend, welche un⸗ ſerm Zeitalter vor allen andern am meiſten zu fehlen ſcheint. Überall ſind die Leiden— ſchaften aufgeregt, und wo ſie immer Geſetze geben, da iſt jederzeit Gefahr, daß Ungerech⸗ tigkeiten eine Sanction erhalten, ſie mögen gerichtet ſein gegen welchen Theil der bürger⸗ lichen Geſellſchaft ſie wollen. Das Volk iſt ſel⸗ ten zurückhaltender oder billiger, als der Despot; denn moraliſche Vollkommenheit konnte ihm ja der Despotis⸗ mus nicht geben, und mit welchem Rechte will man Mäßigung von ihm erwarten, wenn man es geißelt, bis es in Wuth geräth, und ſeinen unbarmherzigen Treiber nun zu zertreten droht?«— Von Aachen aus machten ſie einen Abſtecher nach Vaels zu Herrn von Clermont, Jacobi's Schwager. Die⸗ ſer ausgezeichnete Fabrikherr, der auch einen großen Theil des Jacobi'ſchen Vermögens in Händen hatte, beſchäf⸗ tigte an hundertſechzig Weber mit Fertigung von Tü⸗ 70 chern, die leichten, lockern, einem Grosdetours ähnlichen Gewebes von bewundernswürdiger Präciſion mit weißen Leiſten großen Theils nach der Levante gingen. Die Rei— ſenden erfreuten ſich an dem Aufſchwunge, den dieſer Ort genommen hatte, ſeit hier, nach der Vertreibung der Proteſtanten aus Aachen, Katholiken, Lutheraner, Reformirte, Juden und Menoniten einträchtig neben ein⸗ ander bei freier Religionsübung auch der Freiheit genoſ⸗ ſen, mit ihrem Vermögen und ihren Kräften nach Will⸗ kür hauszuhalten. Die fruchtbarſten Gedanken über das Phänomen des fortwährenden Austauſches verſchiedner Producte der Natur und der Kunſt, womit die Aus— bildung des Geiſtes ſo innig verbunden iſt, drängten ſich hier dem Freunde auf; indem er lebhaft den gerech— ten Stolz empfand, den der Wahlſpruch über der Thüre des Wohnhauſes ausdrückte: Spero invidiam,— ich hoffe beneidet zu werden. Doch beſchäftigte ſich ſeine, vielleicht ahnend beunruhigte Seele mit etwas, ſeinem eignen Geſchicke näher Liegendem. Er wählte, wenigſtens in Gedanken, unter den liebenswürdigen Töchtern des Herrn v. Clermont— für Huber. Die feinweibliche, geiſtreiche, talentvolle und dabei ſo unbefangne Fritze war nicht mehr frei, ſonſt hätte er Hubern unbedenklich zur Bewerbung angetrieben. Von der muthwilligen Chri⸗ ſtel fürchtete er eine Übermacht des erſten Eindrucks, der ſeinen jungen Freund unfähig machen würde, mit ihrem Charakter eine zergliedernde Analyſe vorzunehmen. Chri⸗ ſtel, ein liebes Mädchen, muͤßte aber einen Mann ha⸗ ben der ſie führe, nicht der von ihr geführt würde, und es fragte ſich, ob Huber ſo viel Üüberlegenheit habe. Aus dem friedlichen, gewerbthätigen Vaels kamen unſre Reiſenden nach Lüttich und ſo recht in eine poli— tiſche Aufregung hinein. Der General von Schlieffen, der ehemalige Miniſter und Forſter's Gönner in Kaſſel, vor kurzem aber in preußiſche Dienſte zurückgekehrt, hielt mit 6000 Mann ſeit vier Monaten die Stadt und die Citadelle beſetzt. Auf die revolutionären Bewegungen in Frankreich und Brabant hatte ſich nämlich das lütticher Volk im vorigen Jahr erhoben, und die Abſchaffung des Edicts von 1684 gefordert. Mittelſt dieſes Edictes hatte der damalige übermüthige Fürſtbiſchof die uralte Verfaſ⸗ ſung des Landes ſo weſentlich verletzt, daß das Volk ſich politiſch vernichtet und durch die ſchwerſte Steuerlaſt unterdrückt ſah. Zu der aufgewachsnen ungeheuern Staats⸗ ſchuld war nun noch die zunehmende Eigenmacht des jetzt regierenden Biſchofs gekommen, und hatte die gewalt⸗ ſame Kriſe beſchleunigt. Sobald ſie aber eintrat, gab er nach, willigte in die Herſtellung der ehemaligen Rechte des Volkes und erſchien perſönlich auf dem Rathhauſe. Der Jubel war groß, bis der geprieſ'ne Fürſt aus ſei⸗ nem Luſtſchloſſe nach einer Abtei bei Trier entfloh. Das Reichskammergericht in Wetzlar hatte hierauf von Amts⸗ wegen gegen die Lütticher als Empörer Execution erkannt und der wieder ermuthigte Biſchof um die unbedingte Vollſtreckung dieſes Urtheils angeſtanden. In Folge deſ⸗ ſen waren— damals nicht Baiern, ſondern Preußen eingerückt. Die Reiſenden fanden die Einwohner bis zum über— ſtrömen voll von ihren politiſchen Verhältniſſen, und „wie alle freien Völker mit den öffentlichen Angelegen⸗ heiten beinahe mehr, als mit ihren Privatbedürfniſſen beſchäftigt.« In den Wirths- und Kaffeehäuſern politi⸗ ſirte ſelbſt der gemeine Mann von den Rechten der Menſch⸗ heit und allen den neuen Gegenſtänden des Nachdenkens, die ſeit ein paar Jahren endlich auch auf dem feſten Lande in Umlauf gekommen waren. Darüber blieb allerdings unſern Reiſenden kein Zweifel, daß über die wichtigen Fragen, worüber ſie urtheilen hörten, kein Köhler oder Schwertfeger entſchei⸗ den könne; doch meinte Forſter zu ſolcher Einrede gegen den ſ. g.»beſchränkten Unterthanenverſtand« mit Recht: »Wahrhaftig! wenn niemand ſich unterſtehen dürfte über Dinge zu ſprechen, oder vielmehr ſeine Verſtandeskräfte an Dingen zu üben, die er nicht rein bis auf die letzten Gründe entwickeln kann; ſo gehörte die große Maſſe der fürſtlichen Automaten, des ungebildeten und ausgearte⸗ ten Adels, der juriſtiſchen Tröpfe, der Theologen die ihre Dogmatik nur auswendig wiſſen, zu den erſten, denen man Stillſchweigen gebieten müßte, indeß nur wahre Weiſe ſprechen, und— was mehr iſt— regie— ren dürften.«— Üüber Brüſſel, wo die politiſche Lage von Brabant den Reiſenden viel zu bedenken gab, und über Antwer⸗ pen, wo Forſter über die niederländiſche Kunſt und Mei⸗ ſter Rubens manches für uns noch immer Lehrreiche auf— zuzeichnen fand, gelangten ſie nach dem Haag. Hier ward die wehmüthigſte Erinnerung an Petrus Camper lebhaft in Forſter's Herzen,— an dieſen außerordentli⸗ chen Mann,»der durch die Univerſalität ſeiner Kennt⸗ niſſe und Fähigkeiten, durch naturwiſſenſchaftliche Lei⸗ 73 ſtungen bei richtigem Sinn für das Schöne der Kunſt zu den merkwürdigſten Männern gehört, welche die Nie⸗ derlande hervorgebracht haben.« Ein zweiter ſeltner Sohn Hollands lag ſterbend, der elegante und gelehrte Hemſterhuis,—„der Plato, nicht etwa nur der hieſigen akademiſchen Schattengänge, ſondern unſeres Jahrhunderts«, wie ihn Forſter etwas ſtark über Gebühr bezeichnet, ein Geiſt, der in ſchwäch⸗ lichem Körper ſich empfindlich für Harmonien aller Art ausgebildet hatte, der uns ſchon bekannte Freund der Diotima— Gallitzin. Nach England übergeſetzt verlor unſer Forſter an die Unermeßlichkeit von London viel Zeit, an die Gleich⸗ gültigkeit und mißtrauiſche Zurückhaltung der Engländer viel Mühe, ohne viel Gewinnſt. Nach zwölfjährigem Aufenthalt in Deutſchland war er dieſes fatalen Zugs im engliſchen National⸗Charakter entwöhnt. Indeß raffte er wiſſenſchaftlich zuſammen, was er vermochte, darunter einige gute Correſpondenzen, womit er zuletzt ſich doch zufrieden gab. Heyne's Aufträge wegen Herausgabe eines engliſchen Virgils hatte er beſorgt, und bei dieſer Ge⸗ legenheit mit Vergnügen erfahren, wie geehrt und ge⸗ liebt ſein Schwiegervater in England war, und wie hoch Göttingen als Univerſität in Anſehen ſtand. Um aber für ſich ſelbſt, namentlich in Beziehung auf die unbe⸗ lohnt gebliebene Reiſe um die Welt, noch etwas zu er— langen, fand er die Zugänge zum König zu ſehr ver⸗ ſperrt. Auch mußte er den gehofften Verlag und etwaige Unterſtützung ſeines herauszugebenden Pflanzenwerks und 5* der geographiſchen Geſchichte der Südſeeinſeln aufgeben. Der Einzige, der durch ſein Anſehen als Naturforſcher und durch ſeine Stellung als Pair und als Präſident der königlichen Geſellſchaft etwas für dies literariſche Un⸗ ternehmen thun konnte, wäre Sir Joſeph Banks gewe⸗ ſen, der die erſte Reiſe Cook's mitgemacht und den Brot⸗ baum nach den amerikaniſchen Inſeln verpflanzt hatte. Allein kalt gegen Gelehrte überhaupt, hegte er im Her⸗ zen einen Widerwillen gegen jeden, der auch etwas von der Südſee wußte. Die erſten drei Wochen in London war Forſter un⸗ wohl und durch die zufällig erhaltne Nachricht der ihm von Thereſen verſchwiegnen Impfung ſeiner Kleinen ſehr beunruhigt. Auch Humboldt hatte ſich auf der Reiſe zu⸗ letzt nicht zum beſten befunden. Er hatte damals über fortwährende Kränklichkeit durch immer wiederkehrende Verderbniß der Säfte zu klagen. Forſter aber meinte, der zu thätige Geiſt ſtöre des jungen Mannes Geſund⸗ heit, und die»logiſche« Erziehung der Herrn Berliner habe ſeinen Kopf ſehr mitgenommen. Nach einem flüchtigen Ausfluge nach Birmingham und Orford verließen die Reiſenden am 19. Juni Eng⸗ land. Im Ganzen war es eine verfehlte Reiſe. Von allen Abſichten auf baare Gewinnſte war keine eingeſchlagen, und was der Freund als vortheilhaft für ſeine geiſtige Förderung anſehen mochte,— die ihm nach Verabredung mit einem londner Buchhändler fortan zuſtrömenden eng⸗ liſchen Bücher, Flugſchriften, Charten u. d. gl. vermehr⸗ ten nur ſeine Ausgaben, und erſchwerten Frau Thereſens —,— eben. ſcher ldent Un⸗ gewe⸗ Brot⸗ zatte. Her⸗ von un⸗ ihm ſehr zu⸗ über rende einte, ſund⸗ rliner gham Eng⸗ allen agen, eiſtige edung eng⸗ mehr⸗ reſens — 75 veinſeitiges« Sparen. England gab jetzt, ſtatt der ge⸗ hofften Subſidien, vielmehr nur eine neue Rubrik ſeines Ausgabe⸗Budgets. Nur das eine ſtille Project, einen reichen jungen Engländer zu finden, der ihm zur Erziehung anvertraut, zu hübſchen Reiſen übergeben würde, und der ungemein gut bezahlen ſollte, ſchlug nicht ganz fehl. Ein junger Mann von bedeutender Verwandtſchaft, Thomas Brand, ernſten Geiſtes, edler Sitten, kenntnißreich und wiſſens⸗ durſtig kam, um die deutſche Sprache zu erlernen und Kant's Schriften zu ſtudiren, zu Forſtern in Haus und Koſt. Aber auch dies zu keinem ſonderlichen Vortheil für Forſter; indem der Freund, deſſen rechnender Ver⸗ ſtand gar leicht an ſeinem handelnden Herzen ſcheiterte, ſeine Forderungen auf deutſches Maß und Münze ſtellte.— Von den Bewegungen in Frankreich angelockt, nahmen Forſter und Humboldt den Rückweg über Paris. Dort verſprach eben noch alles den beſten Erfolg der neuen Einrichtungen. Der allgemeine Enthuſiasmus auf dem Marsfelde unter den Zubereitungen zum großen National⸗ Feſte, ſo rein und einfach alle Volksklaſſen durchſtrö⸗ mend, und mit Hintanſetzung des Privatvortheils auf das allgemeine Beſte gerichtet, war für den Freund herz⸗ erhebend. Reich an Stoffen, und angeregt zu neuen Arbeiten, traf der Freund mit ſeinem Gefährten am 11. Juli ge— ſund und glücklich in Mainz wieder ein. ——ᷓ— Nachwehen und Vorſpiele. Von der londoner und pariſer Weltbewegung blieb anfangs eine gewiſſe reizbare Aufgeregtheit in Forſter's Gemüth zurück. Wir erkennen ſie noch in brieflichen Erörterungen zwiſchen ihm und Vater Heyne. Er hatte nämlich in den göttinger Anzeigen verſchiedene Werke aus Fächern, in denen er auch zu rezenſtren pflegte, ſehr abweichend von ſeiner Art beſprochen gefunden, und be⸗ ſorgt, in den Verdacht der Autorſchaft zu kommen, war er darüber ziemlich empfindlich geworden. Auf Heyne's ruhige Erklärung aber bereute er ſeine Hitze, und ge⸗ lobte Beſſerung. Bald aber fühlte er ſich und tiefer von Heyne ſelbſt verletzt. Als er nämlich ſeine Reiſenachrich⸗ ten angekündigt hatte, jenes klaſſiſche Buch der»An⸗ ſichten vom Niederrhein«, das wir bereits als reifſte Frucht ſeines Geiſtes bezeichneten, ſchrieb ihm der ängſt⸗ liche Papa:—»Mir wird bange dabei! Wie werden Sie die Reiſenachrichten für das große Publikum inter⸗ eſſant genug machen können! Wie werden Sie allen Beleidigungen Eines und des Andern ausweichen! wie werden Sie der Empfindung, der Phantaſie und dem Hang über Religion zu ſprechen immer ſteuern können! Sie gehen auf Kohlen, und ich wünſche, daß Sie nichts ſchreiben, was Ihre Ruhe untergräbt.« Forſter fühlte ſich„niedergeworfen« von dieſen Be⸗ denklichkeiten.—»Meine Lage als Schriftſteller, ant⸗ blieb ſter's lichen hatte Werke ſehr d be⸗ war ynes ge⸗ von hrich⸗ „An⸗ reifſte ungſt⸗ eerden inter⸗ allen wie dem nnen! nichts Be⸗ ant⸗ wortete er unter andern, iſt doch in der That traurig, wenn ich bei den wenigen Gelegenheiten, wo ich mich mit meinen eignen Arbeiten zeigen kann, ſo ängſtlich be— ſorgen muß, auf dem Wege, der Andre zur Ehre, zum Ruhm und zu anderweiten Vortheilen führt, zu ſcheitern, und ſogar das Wenige, was ich ſchon genieße, mir zu verbittern.——— Sie, mein gütiger, väterlicher Freund, haben bei Ihren Erinnerungen gewiß meinen wahren Vortheil im Auge. Dieſer, ſo viel ich es be⸗ urtheilen kann, beſteht in eigner Ausbildung, in zweck⸗ mäßigen Arbeiten für meine Zeitgenoſſen, und im Fort⸗ rücken zu einer für mich und die Meinigen vortheilhaften, bequemen Lage. Daß dies durch ewiges Üüberſetzen nicht erreicht werden könne, wiſſen Sie am beſten.—— Meine Reiſenachrichten, dachte ich, wären gerade von der Art, daß ſie mich ſo, wie ich nun einmal bin, bekannter machen.— Ob das größere Publikum meinen Beobach⸗ tungen einen Geſchmack abgewinnen könne, mußte ich, wenn ich hoffen wollte den beſſern Köpfen zu gefallen, dahin geſtellt ſein laſſen.—— Sicherlich werde ich ſuchen in den Schranken zu bleiben, die Billigkeit und Wahrheitsliebe mir vorſchreiben. Wer ſich dennoch be⸗ leidigt fände,— ſollt' ich um deſſentwillen lieber nicht ſchreiben?—— Phantaſie und Empfindung hoffe ich vertheidigen zu können, ſo lange ſie nicht falſch und er— künſtelt, ſondern wahr und natürlich ſind. Nie war ein Zeitpunkt an Phantaſie und Empfindung der guten Art ärmer, als der unſrige, und nie ſtand man wohl mehr in Gefahr, die kalte Vernunft auf Koſten des Gefühls zu einem allangebeteten Götzen zu erheben. Es kann alſo um ſo weniger ſchaden, wenn jemand einmal wieder die Rück⸗ ſeite der Medaille zeigt. Über Religion zu ſprechen iſt nicht meine Abſicht, obgleich dieſer Gegenſtand auch einer von denen iſt, worüber man eben jetzt ſich am meiſten verſtändigen ſollte.« u. ſ. w. Jetzt war die Reihe des Begütigens am guten Papa, und er that es nicht mit profeſſorlichen, ſondern mit herzlichen Worten.— Die geiſtliche Polizei in Mainz hatte damals noch nicht die heutige Ausbildung ihrer Spürorgane und Maßregeln erreicht; ſonſt wäre Forſter ohne Weiteres in den Verdacht gekommen, die Influenza der Revolution aus Paris eingeſchleppt zu haben. Denn für weniger als Revolution ſah man den Studenten⸗Tumult nicht an, der bald nach Forſter's Rückkehr vorfiel; obgleich derſelbe ſechs Wochen früher ſein burſchenmäßiges Vorſpiel in Göttingen gehabt hatte. Forſter ließ es für ein bloßes Poſſenſpiel gelten. Es war eine ziemlich ernſthafte Schlä⸗ gerei zwiſchen Studenten und Handwerksburſchen, wobei Profeſſor Niklaus Vogt eine Kopfwunde davon trug, als die angreifenden Handwerker in das Gymnaſtal⸗Ge⸗ bäude eindrangen. Und doch gewann dabei die Zeit⸗ ſtimmung einigen Einfluß. Denn als die Handwerker obgeſiegt, traten die Meiſter auf, und drangen auf Ab⸗ ſtellung alter Mißbräuche. Mainz war eben von ſeiner Beſatzung entblößt. Denn nachdem die Preußen aus Lüttich, wo ein edles Völkchen um ſeine alte Verfaſſung kämpfte, ſich aus—»ſtrategiſchen« Gründen zurückge⸗ zogen hatten, waren die Pfaffenſoldaten von Mainz, Köln, Trier zur Erekution aufgeboten worden. Die mainzer hlä⸗ obei rug, eit⸗ ner aus ung fge⸗ öln, 79 Staatsmänner geriethen in ſolcher Hülfloſigkeit in die hergebrachte Angſt und gaben hergebrachterweiſe die beſten Zuſagen, bis über Nacht Truppen aus Darmſtadt ein⸗ rückten, worauf die Verſprechungen zurückgenommen, und —»zur Herſtellung der landesherrlichen Autorität« die ſtrengſte Unterſuchung eingeleitet wurde.—»Dieſe Art zu regieren geht denn ſo lange ſie gehen kann!« meinte Forſter. Allein,— geht ſie nicht heute noch immer wie⸗ der? Und ging ſie je großartiger, als in jüngſten Ta⸗ gen, wo die Herſtellung landesherrlicher Autorität in einer Weiſe geſchah, daß nach bewieſener Furcht auch noch der Tadel verdient wurde? Fürſtliche Ritter mit Furcht und Tadel! Es läßt ſich ſchon aus dieſer hingeworfenen Bemer⸗ kung Forſter's abnehmen, daß er die Maßnahmen der deutſchen Regierungen gegen die Freiheitsbewegungen nicht großartig genug finden mochte, um die Bedeutung und den Einfluß der franzöſiſchen Revolution damit zu ver⸗ decken und zu vertreiben. Sah doch ſelbſt Johannes Müller, ſo nahe er in des Kurfürſten Kabinet dieſen Vorkehrungen ſtand, über ſie hinaus, und erklärte in einem franzöſiſchen Billet an Forſter die Revolution nicht für der Franzoſen, ſondern für Gottes Werk.»Man ſagt, es wird nicht dauern, ſetzte er hinzu,— ich ſage, es wird dauern und wird ſich verbreiten. Auch in 1517 glaubte man nicht, daß Luther ſich halten würde. Ich ſehe in allem dem eine Vorbeſtimmung, Wege der Vor⸗ ſehung.« So nahe in der innerſten Überzeugung ſtanden ſich damals zwei Männer, Predigerſöhne, Profeſſoren, Poli⸗ 80 tiker und alte Freunde, die nachmals im Handeln ſo ver⸗ ſchiedene Wege gingen, wie Müller, der ſich durch die Kabinette der Könige drückte, und Forſter, der ſich in den Kampf des Volkes ſtürzte. Jetzt bewegte ſich unſer Freund noch im Gebiete der bloßen Betrachtung. Und hier führte den einſchmeicheln⸗ den Eindrücken, die er aus Paris mitgebracht, ein engli⸗ ſcher Staatsmann berühmte»Bemerkungen über die fran⸗ zöſiſche Revolution« entgegen. Burke's Schrift kam un⸗ ſerm Forſter eben jetzt in die Hände, und er beſprach ſie in ſeiner Geſchichte der engliſchen Literatur von 1790 für die Annalen von Archenholz.— Die Beredſamkeit des engliſchen Staatsmannes, ſein Scharfſinn, ſein Witz, ſein tiefer erfahrner Blick wurden damals allgemein bewundert. Dies ſchüchterte aber For⸗ ſtern nicht ein, die Reflections nach dem erſten Eindrucke des Geleſenen für elendes Gewäſch zu erklären, das er nicht zu überſetzen wage. Bei ruhiger Betrachtung blieb er dabei, daß die Schrift keinen Leſer befriedige, viel⸗ mehr das Gefühl von Freund und Feind empöre; indem man aus dem Wahren der Beobachtung das Schiefe der Stellung, die Parteilichkeit des Geſichtspunktes, die Nich⸗ tigkeit unerwiesner Machtſprüche, den blendenden Staub der Autoritäten und die Unhaltbarkeit eines Raiſonne⸗ ments herausfinde, das von falſchen Grundſätzen aus⸗ geht, welche, abſichtlich im Dunkel gehalten, das Urtheil des Leſers zur Beiſtimmung in die Schlußfolge des Ver⸗ faſſers verführen können. Und von dieſer Prüfung erhebt ſich der Freund zu ſeinen eignen großen Geſichtspunkten.—»Die Natur ie der willkürlichen Gewalt, ſagt er, läßt ſich nicht verken⸗ nen, ſie werde von einem Tyrannen und ſeinen Satelli⸗ ten, oder von einer zwölfhundertköpſigen Hydra verübt; ſie trotze auf Erbrecht, Herkommen und Vorurtheil, oder ſie trage die Larve der alles richtenden Vernunft.«— ——„»Im großen Gange menſchlicher Begebenheiten liegt weit mehr Unwillkürliches, als das ſtolze, denkende Thier in ſeinem Freiheitstraume zugeſtehen will. Die Revolution iſt wirklich anzuſehen, als ein Werk der Ge⸗ rechtigkeit der Natur. Der Stolz der Vernunft mit ſei⸗ ner Gleichheit, ſeinen Rechten der Menſchheit, ſeinen me⸗ taphyſiſchen Theorien iſt jetzt an die Reihe gekommen; ſonſt war es der Stolz der Geburt und der Heiligkeit, womit man ſich für beſſer als andre ausgab, um ungeſtraft ſchlechter ſein zu können. Nicht die Weisheit oder die Thorheit der Nationalverſammlung hat den in Lüſten erſchlafften hohen Klerus und den mark- und hirnloſen Adel vernichtet, ſondern die gänzliche Unfähigkeit dieſer beiden Geſammtheiten hat ſie geſtürzt. Wenn es Sterb⸗ lichen vergönnt iſt, ſich Wege des Schickſals, der Vor⸗ ſehung, der Gottheit zu denken, ſo ſind es gewiß nicht die armſeligen Combinationen, die eine menſchliche Klug⸗ heit dafür ausgibt; ſondern die Geſchichte des Vergang⸗ nen kann ſie lehren, wo ſie uns Revolutionen aufbe⸗ wahrt, die den allzuſichern Frevler überraſchten.« Könnte Forſter richtiger und beſonnener in der Mitte ſtehen zwiſchen Denen, die Revolutionen machen, und Jenen, die—»mit der Revolution brechen?« Wirklich, die revolutionären Bewegungen überflutheten von weitem noch nicht ſein Schreibſchränkchen von Acajqu. 6 In den Winter hinein ſaß er den Tag über, wie in der Galeere, an die Feder geſchmiedet, theils um Bibliothek⸗ Geſchäfte zu treiben, theils zu überſetzen, theils an ſei— nen Reiſebriefen zu arbeiten, woran er nur nach Laune ſchreiben konnte, was ihnen freilich auch, wie die Sonne den Trauben, die durchſichtige Reife gab. Die franzö⸗ ſiſchen Blätter las er über Tiſche, bis er Ausgeſcholtnes darüber von Frau Thereſen bekam. Noch im September hatte er zu der von ihm beſorgten Überſetzung von Ben⸗ jowsky's Memoiren als Vorrede einen Aufſatz über hi— ſtoriſche Glaubwürdigkeit geſchrieben(Bd. 5. d. ſämmtl. Schften.). Ja, er verlor ſich in die indiſche Poeſte des Kalidaſas, indem er das Schauſpiel»Sakontala« nach der engliſchen Überſetzung des Sir William Jones be arbeitete. Unter dem abendlichen Spiel mit den Blumen Indiens dachte er an Vater Heyne, dem er ſie zu einem Kranze für die ehrwürdige Schläfe beſtimmte. Sie ſoll⸗ ten einen mit der Phantaſte der Griechen, Römer und andrer berühmten Völker vertrauten Geiſt zu Verglei⸗ chungen anregen, um wahrzunehmen, wiefern die ſchöpfe⸗ riſche Energie des Menſchen ſich in ihren Außerungen überall gleich bleibt, und wie ſie durch Localverhältniſſe ſich verändern läßt.— Dieſe Arbeit fiel ſchon in die Zimmer der neuen, dem Bibliothekar gleich anfangs zugeſagten freien Woh⸗ nung, die er in einem der von der Univerſität erbauten Häuſer bezog. Die ruhige Gaſſe geht nach dem nahen, für den Univerſitäts⸗Fonds eingezogenen Altmünſterkloſter, einer Seits durch dieſe Häuſerreihe, andrer Seits durch die lange Mauer gebildet, die den Garten des damals Schönborn'⸗ ir er 8 83 ſchen Palaſtes einſchließt. Forſter und Thereſe ließen ſich noch im November das Tapeziren und Möbliren ſo an⸗ gelegen ſein, daß Vater Heyne über ausbleibende Briefe zu klagen fand, und meinte, die lieben Kinder gingen, wie im Evangelium, dahin, unter den Sorgen und Reichthümern des Lebens erſtickend und keine Frucht bringend⸗ Ja wohl unter Sorgen! Denn bald genug hatten ſie den Einſtand in die neue Wohnung mit beiderſeitigem Unwohlſein zu zahlen, und ſtatt eines Tiſchrückens der Freunde wurde ihnen das Krankenbett gerüſtet.— Da konnte wenigſtens die deutſche Politik, troſtlos wie heute, nichts dazu beitragen, einen Mann von Forſter's Geſin⸗ nung in ſeiner körperlichen und gemüthlichen Verſtim⸗ mung zu erquicken. Der Winter von 1790 auf 1791 mag ihn mit ähnlichen Empfindungen berührt haben, wie uns der von 1850 auf 1851. Miniſter von Herz⸗ berg, der Mann des Fürſtenbundes, der damaligen Union, unterſtützte die kämpfenden Patrioten in den Niederlan⸗ den, um Sſtreich niederzuhalten. Aber Kaiſer Leopold gewann in Berlin, ja in der Umgebung des Königs ein⸗ flußreiche Leute gegen den Miniſter und gegen die ganze Geltung Preußens.—»Preußen iſt die dupe dieſer Sache, wie überhaupt der ganzen Negociation mit Öſt⸗ reich,« ſchrieb Forſter in Betreff Lüttichs.»Es muß eine traurige Zerrüttung im preußiſchen Kabinette ſtattfinden, daß alle Maßregeln Herzberg's zu Waſſer werden. Hätte Preußen im Frühling losgeſchlagen!« Und ein andermal: »Der kaiſerliche Hof verfährt in der lütticher Sache 6* mit einer unerwarteten Geringſchätzung des Königs von Preußen; allein das berliner Kabinet iſt, durch ſeine innerlichen Zerrüttungen und durch entgegengeſetzten Einfluß—— auch überall verächtlich gewor⸗ den.«——„»Im Preußiſchen hofft alles ſehnlich auf den Krieg als das einzige Rettungsmittel gegen die Ka⸗ bale, die den König beherrſcht und ſein Kabinet überall ſo verächtlich macht, ungeachtet ſeines großen politiſchen Ge⸗ wichts.“⸗——»Durch das ſchwache Zaudern hat Preußen alles verloren. So wird es auch noch in Sziſtowe gehen, denn die Kaiſerlichen ſind einmal im Vortheil.« Wir können nicht umhin, noch aus der dama— ligen Politik anzuführen, daß die Execution in Lüttich, an der auch Pfalzbaiern Antheil genommen, dem un⸗ glücklichen Ländchen an 3 Millionen Gulden koſtete. Forſter meinte:»Die deutſchen Fürſten wiſſen die Hän⸗ del, in welche ſie ſich unter dem Vorwande der Aufrecht⸗ haltung der Conſtitution, miſchen, als eine Finanz⸗Ope⸗ ration zu nutzen.« Er ſetzt dann hinzu: »Das iſt denn die Verfaſſung, worauf man in Deutſchland ſo ſtolz iſt! Die Corruption iſt wirklich ſo weit gekommen, daß man ſich wundern muß, wie alles noch zuſammenhält. Deſto eher ſtürzt alles mit einem— mal über den Haufen!« von durch etzten vor⸗ auf Gefahren der Revolution. Auf dieſer, Mainz ſo hart umwogenden Politik ſchaukelte um dieſe Zeit der Kabinetsrath Müller. Er hatte ſeit Leopolds Kaiſerkrönung wiederholt ſeine Ent⸗ laſſung gefodert, unzufrieden nicht bloß mit dem Gang der Politik, ſondern auch verletzt von der perſönlichen Behandlung des Kurfürſten, über den Forſter damals das, auch auf jüngere Kurfürſten paſſende Wort eines angeſehenen Mannes hörte: Il a le besoin d'ètre in- grat. Man ſprach von zurückgenommener Rangerhöhung und Adelsertheilung für Müller und von einer Berufung desſelben nach Wien. Als man endlich in der That be⸗ ſorgte, dieſen, als Widerſacher des Fürſtenbundes in Wien ſehr willkommenen Mann zu verlieren, ſetzten es ſeine Gönner durch Vermittlung der Frau von Couden⸗ hove durch, daß der Kurfürſt ihn um ſeiner Brauchbar⸗ keit willen, und vielleicht noch mehr wegen ſeiner ge⸗ heimen Mainzer Erfahrungen auf's Neue gewann und feſthielt. Um dieſe Zeit ward es in Mainz wieder lebhaft, ja mit jedem Tag unruhiger. Der eintretende Frühling führte die mainzer Executions⸗Truppen mit Siegesſtolze aus dem lütticher Lande zurück,— die Gemeinen grob und vorlaut, die Officiere brutal und mit dem durch vermeintliches Heldenthum verdoppelten Anſpruche ihres 3„ r.— chenfürſten. Andre vornehme Mätreſſen wurden hier fe⸗ Adels ſich überhebend. Außerdem trieben die Stürme der franzöſiſchen Revolution immer mehr Springwellen der Auswanderung gegen das Rheinufer. Die hohe Po⸗ 4 litik des alten Kurfürſten ſchwoll immer höher. Sein T Hochmuth und Chrgeiz ſtrebte nach einer bedeutenden Rolle in den deutſchen Angelegenheiten. Zu dem Ende hatte er an dem Freiherrn von Albini einen gewandten Staatsmann zu ſich berufen. Dieſer hatte als geheimer Reichs⸗Referendar zu Wien im Vertrauen Kaiſer Joſeph's geſtanden, und ging nach Leopold's Thronfolge als Staatskanzler nach Mainz. Hier ward nun die Verbin⸗ dung der deutſchen Großmächte gegen das revolutionäre Frankreich eifrig betrieben. Zugleich gefiel ſich der alte Herr in der Rolle eines Beſchützers der vornehmen Emi⸗ granten,— kühn oder unbedacht genug, die gefährliche Unzufriedenheit des franzöſtſchen Republikanismus auf Mainz zu ziehen, ja doppelt unbedacht, auf demſelben Wege die innere Unzufriedenheit ſeiner Reſidenz und ſei⸗ nes Landes zu erregen, und durch Ekel am franzöſtſchen Royalismus bedenkliche Sympathien für die franzöſiſche Revolution anzuſchüren. Denn die zahlreichen adligen Flüchtlinge prächtig zu bewirthen, wozu den Kurfürſten ſeine prachtliebende Eitelkeit trieb, ließ er es ſich, oder vielmehr die öffentlichen Kaſſen etwas koſten. Dem Prin⸗ zen Condé wurde das biſchöfliche Schloß in Worms ein⸗ geräumt. Seine Freundin, die junge blonde, poſſenhafte Fürſtin Monaco, umgaukelte den alten verliebten Kir⸗ tirt, und als der. Graf von Artois durch Mainz kam, verſchlang jeder einzelne Tag dieſes liederlichen Vollblutes 87 2400 Gulden.»Die höchſte Schuhuperrücke in Mainz« wackelte vom Schmunzeln des alten Herrn, wenn das nichtsnütze Völkchen ihm mit dem ſchmeichelhaften Namen père et protecteur huldigte, und ſie bedeckte das welke Ohr, wenn dieſelben Undankbaren ihn im Rücken PAbbé de Mayence und gentilhomme parvenu aushöhnten. In der Stadt aber empörte die Sittenloſigkeit, die Frech⸗ heit und Anmaßung dieſer Maden des Königthums die ehrbare Einwohnerſchaft, die mit gerechtem Unwillen neben den Günſtlingen und Favorittinnen des alten fürſt⸗ lichen Prieſters an dieſen Emigrirten noch einen dritten Schlund erblickte, der den öffentlichen Wohlſtand ver⸗ ſchlingen half. Die Theuerung nicht gerechnet, die mit jedem Tage ſtieg. Der gar bald merklichen Finanznoth abzuhelfen, machte der Kurfürſt einen beſondern Finanz⸗ miniſter, ohne zu bedenken, daß hier weniger ein Arzt als eine Apotheke fehlte. Überhaupt wurde damals ge— wirthſchaftet, daß fünf gerade ſein mußte.»Es gehen hier Sachen vor, ſchrieb Forſter im Januar 1791 an Heyne, wovon man in keinem deutſchen Lande, das nach Geſetzen regiert wird, einen Begriff hat. Es giebt kein willkürlicheres, deſpotiſcheres Verfahren in der Welt.« Und an Jacobi etwas ſpäter:»Unſere Politik iſt, alle Leute zu betrügen, mit allen zu negociiren und keinem Wort zu halten.« In Betreff der hohen Politik, an der ſich der Kur⸗ fürſt mit Stolz betheiligte, meinte Forſter nach der un⸗ glücklichen Flucht des Königs von Frankreich: »Jetzt fehlt der geſtärkten National⸗Verſammlung nur noch ein auswärtiger Krieg, und die europäiſchen 88 Fürſten ſcheinen unbeſonnen genug, um ihn doch noch anfangen zu wollen. Wir hätten noch ein Jahrhundert ohne Revolution ausgehalten; der Krieg beſchleunigt ihre Erſcheinung um mehr als 50 Jahre; allein der deutſche Adel iſt ganz blind vor Wuth.« Wie heut, wo er mit der Revolution bricht!— Auf dem höhern Standpunkte, von welchem Forſter die Revolution betrachtete, ließ er ſich auch nicht irre machen, als ihr Prozeß ſich trübte, und die deutſche Begeiſterung an den blutigen Parteikämpfen erkaltete. Man habe die Menſchen, meinte er, lehren, erziehen, zu reifen Weſen bilden ſollen, ſtatt deſſen aber habe man ſie ſchändlich gemißbraucht, ſie dumm und blind zu machen geſucht, und zu Befriedigung ſeiner Leidenſchaf— ten ſich die Herrſchaft über freie Intelligenzen angemaßt. Ob es da ein Wunder ſei, wenn die Ausbrüche des endlich erwachten Gefühls nicht ganz rein und ungemiſcht blieben.— Ja, er fand immer noch zu bewundern, daß ſo viel Mäßigung, ſo viel echte politiſche Tugend bei einem Volke möglich ſei, das Jahrhunderte lang von den elendeſten Deſpoten und einem intellectuel und mo⸗ raliſch tief geſunknen Adel unterdrückt worden. Dennoch ſah der Freund auch mit ſo günſtigen Blicken für Deutſchland kein Heil in einer Rückwirkung der Revolution auf unſere Staaten. Bei uns ſei es noch auszuhalten mit den Mängeln, Mißbräuchen und Unterdrückungen, und es mache ihm keine Freude, wenn ſich hier und dort in Deutſchland etwas rege, was der zahmen Gelehrigkeit der Nation eben nicht das Wort rede.»Die Reihe iſt jetzt nicht an Deutſchland«, ruft 89 er in ſeinen pariſer Umriſſen,»durch eine Revolution erſchüttert zu werden; es hat die Unkoſten der lutheri⸗ ſchen Reformation getragen, ſo wie Holland und Eng— land, jedes zu ſeiner Zeit, den Schritt, den ſie zur ſittlichen und bürgerlichen Freiheit vorwärts thaten, mit einem blutigen Jahrhundert haben erkaufen müſſen. Jetzt gilt es uns, und ich wünſchte ſo herzlich, man möchte ſich am franzöſiſchen Feuer wärmen und nicht verbrennen. Aber ach! durch Schaden klug werden, und am Unglück Anderer ſich ſpiegeln iſt nicht Jedermanns Sache!« Bei ſolcher Geſinnung war wohl von den in gewiſſen mainzer Kreiſen, beſonders unter den exaltirten Mitglie⸗ dern der Leſegeſellſchaft, zunehmenden revolutionären Sym— pathien für Forſtern nichts zu beſorgen. Zum Überfluß fanden ſich um dieſe Zeit gar manche Anliegen und Sor⸗ gen zuſammen, ihn zu beſchäftigen und von jenen Krei⸗ ſen abzuziehen.— Der Monat Auguſt brachte angenehme Beſuche mit ſich, die Forſter machte oder empfing. Am Pult erkrankt, wurde er vom Arzt zu einer kleinen Er⸗ holungsreiſe angetrieben, und fand auch in Carlsruhe bei Goethe's Schwager, dem Geheimrathe Schloſſer, ei— nen erquickenden Umgang und innige Theilnahme. Eben ſo belebend erſchien bei ihm in Mainz Graf Friedrich Leopold Stolberg mit einer ganzen»Cleriſeic, worunter nebſt einem Sohne Jacobi's die Gräfin Sophie von Re⸗ dern dem Freund einen Himmel auf Stirne, um Mund und Auge entgegen brachte.— Im Spätherbſte kam auch Vater Heyne auf etliche Tage in's Haus. Weniger erfreulich blieb noch immer ſeine dienſtliche Stellung. Alle Verſuche zu einem Bibliotheksgebäude 90⁰ zu gelangen, liefen fruchtlos ab. Von den Millionen der zum Fonds aufgehobenen Klöſter waren viele Hun⸗ derttauſende neben der Univerſität weggeſchmolzen; ſo daß man daran dachte, durch anderweite Verwendung von Profeſſoren die Schulanſtalten zu erleichtern, mithin ſich noch entſchiedner gegen neue Ausgaben ſträubte. Da tröſtete denn über die zahlreichen Bücher, die kein ordentliches Unterkommen fanden, ein eignes, das im Publikum umherlaufend ſein Glück machte. Es war das erſte Bändchen der»Anſichten vom Niederrhein«. Das Schönſte, was wohl damals, zugleich ſehr treffend, über dies klaſſiſche Werk Forſter's geſagt worden, kam von Lichtenberg. Wir erinnern uns gern wieder einmal dieſes alten und treuen Freundes, deſſen ſonſt ſo ſchalk⸗ hafte Feder vielleicht wärmer und poetiſcher floß, ſeit er verheirathet war, und ſeiner lieben Frau und des kleinen Jungen ſo herzlich gedachte. Schon früher hatte er den Hauch der Philoſophie bewundert, der Forſter's Kennt⸗ niſſe durchwehe, daß ſie mit einer Art von Verklärung hervorgingen, die vielleicht Niemand weniger, als er ſelbſt bemerke. Und nun ſchrieb er: »Ich ſage Ihnen, daß ich Ihre Anſichten für eins der erſten Werke in unſerer Sprache halte.— Ich habe einmal in einem Feenmärchen eine ſehr angenehme Vorſtellung geleſen; der Held nämlich reiſet, und unter der Erde reiſ't ihm beſtändig ein Schatz nach, wohin er auch geht. Bedarf er etwas, ſo pocht er nur leiſe an die Erde, ſo ſteht der Schatz ſtill und öffnet ſich ihm. Sie ſind mir, beſter Freund, auf Ihrer Tour hundert⸗ mal ſo vorgekommen, wie jener Glückliche in der Feen⸗ welt. Auch da, wo Ihr Stab den Boden nicht anſchlug, ſah ich immer den Schatz Ihnen folgen. Wer Ihre Worte zu wägen weiß, kann es auch unmöglich überſehen. Die Gabe, jeder Bemerkung durch ein einziges Wort Individualität zu geben, wodurch man ſogleich erinnert wird, daß Sie die Bemerkung nicht bloß ſprechen, ſon⸗ dern machen, habe ich nicht leicht bei einem Schriftſteller in ſolchem Grade angetroffen. O die innigſte Theil⸗ nahme an allem, was den Verfaſſer angeht, ver⸗ breitet über das Werk ein unbeſchreiblich angenehmes Licht!« Hätten ſolche goldnen Worte ſich nur auch für die Bedürfniſſe des Lebens vermünzen laſſen! Denn Forſter befand ſich gegen den Winter hin in der drückendſten Lage ſeines Lebens, wie er gegen Jacobi klagte.„Das ganze Jahr hindurch habe ich unabläſſig mit eiſernem Fleiß und großer Anſtrengung des Geiſtes gearbeitet. Meine Kräfte ſind erſchöpft, mein Körper iſt keiner An⸗ ſtrengung mehr fähig, mein Geiſt iſt erlahmt, und ich habe die betrübteſte Ausſicht auf den Winter und auf das künftige Jahr vor mir. Es iſt, als ob mir alles zu Waſſer werden müßte, nichts gedeiht mir; je mehr ich arbeite, je mehr ich hoffe zu gewinnen, deſto ärger zerrinnt mir's unter den Händen, und ich ſtehe jetzt mit leeren Händen da, unfähig wie bisher zu arbeiten, und doch nicht im Stande, ohne die Fortſetzung der bisheri⸗ gen Anſtrengung mit meinem Haushalt auszukommen.« Laſſen wir uns von Thereſen einige Nachricht über die Urſachen dieſer Noth geben, ſo war ſolche der täg⸗ lichen Hausordnung Forſter's, wenn man ſie mit ſeinem feſtgeſtellten Einkommen verglich, keineswegs zuzuſchreiben. Sein Tiſch war ſehr frugal, ſeine Frau beſchäftigte ſich wenig mit Putz, beide beſuchten ſelten das Schauſpiel, ſpielten niemals, und ihre Gaſtfreiheit konnte bei der Einfachheit ihrer Bewirthung in jener wohlfeilen Zeit gar nicht unter die Unkoſten gerechnet werden. In Wohnung und Hauseinrichtung that freilich der Freund etwas mehr, als gerade nothwendig war. Sich überall beengt und verkümmert fühlend, ſuchte er darin einen täu— ſchenden Erſatz.— Aber er unterwarf ſein Bedürfniß gelehrter Hülfsmittel keiner Berechnung, und ſeine kränk⸗ liche Unruhe, ſein zur Gewohnheit gewordnes Bedürfniß eines ſteten Wechſels von äußern Eindrücken veranlaßten Ausgaben und Reiſen, die ihn in ſteter Nothwendigkeit, auf Geldmittel zu ſinnen, erhielten. In ſolcher Bedrängniß taſtete ſeine Verzweiflung immer wieder nach dem großen Werke über die Pflanzen aus der Südſee. Dies Herbarium duftete immer noch von der Hoffnung, mit der es der Weltumſegler angelegt hatte. Die Materialien dazu waren bloß noch zu ord⸗ nen, die Kupfer nur noch auszumalen. Aber es fand ſich»kein Verleger, der das Werk honorirt hätte, kein Fürſt, der wenigſtens die Eitelkeit, in einer Dedication als Unterſtützer des Werkes zu prangen und im Reiche der Wiſſenſchaft unſterblich zu werden, mit ein paar hundert Louisd'or bezahlen mochte.« Statt der Verleger und der Fürſten hätte Forſter die Verlegenheit der Zeit anklagen ſollen. Wer hätte: ſich vor den einbrechenden Stürmen einer Revolution um die Pflanzen der Südſee bekümmern mögen! Allein 3 n n 93 eine gegenwärtige Noth ſo heimlich quälender und er⸗ ſchöpfender Art beengt leicht den Blick und verſtimmt das Urtheil. So meinte Forſter jetzt auch gegen Jacobi, an den Orten, wo er ſonſt gewohnt, habe er Reſſour⸗ cen, bekannte Freunde zu Rath und That gehabt,— gerade Dasjenige, was er allerwärts mit ewigen Klagen entbehrte. Und ſo fühlte er ſich nun in Mainz»durch die Nothwendigkeit ſich abzuſondern, und durch die Leere der Menſchen, die für ihn keinen Berührungspunkt hätten,« unglücklicher als irgendwo früher. Wir möchten Forſtern ungerecht nennen, wenn wir bedenken, daß es damals in Mainz an ausgezeichneten und theilnehmenden Männern, Gelehrten und Weltleuten, durchaus nicht fehlte. Allein wir wiſſen ſchon, wie we⸗ nig anſchließend und wie wählig für Umgang und Hin— gebung Forſter ſein konnte. Wie ſcharf urtheilte er z. B. um dieſe Zeit über Heinſe, der ihn bei ſeiner erſten Bekanntſchaft in Düſſeldorf ſo angezogen hatte! »Heinſe thut ſich trefflich bene! So gern ich ihn lieb hätte, ſo unmöglich macht er mir's doch an ihn zu kommen. Das Futteral, das er anhat, iſt nicht von Holz, ſondern von Leder, und das zieh' ihm der Teufel ab; ——— denn ich glaube das Leder hat ſich mit ſei— ner eignen Subſtanz identificirt. In der That ſein Egoismus iſt bewundernswerth, weil er ſich wohl und glücklich dabei fühlt.« Freilich galt es dem Freunde jetzt um einen»Be— rührungspunkt,« den er allerdings bei dem Kabinetsrathe Müller vergebens geſucht hatte. Dieſer fand ſich durch Forſter veranlaßt zu beklagen, daß er jetzt ohne Mittel 94 ſei, ihm beizuſpringen; ſein Sparpfennig liege in den kaiſerlichen Fonds; was er bereit habe, decke nur die laufenden Bedürfniſſe, da er als ein Mann, der Bücher und ſo mancherlei anzuſchaffen habe, von ſeiner ſonſt artigen Beſoldung zu 2500 Gulden kaum etwas erübrige. Leider brauchten jetzt auch alle Fürſten ihr Geld; die Ausgaben ſeien überall ganz außerordentlich, die gewöhn⸗ lichen Hülfsmittel aber theils unanwendbar, theils uner⸗ giebig.— Eben ſo vergebens ſcheint Forſter einen Vorſchuß aus den öffentlichen Kaſſen betrieben zu haben. Müller wünſchte die genaue Summe zu wiſſen, die er verlange, wahrſcheinlich nur um ihn bei dieſer Gelegen— heit aufmerkſam zu machen, daß durch die Kaiſerkrönung und den täglichen Aufwand die Staatskaſſen in dem ſchlechteſten Zuſtande ſeien. Gerade in dieſer Bedrängniß unſeres Freundes tritt uns das wunderliche Zartgefühl, das beide Ehegatten in Geldſachen und häuslicher Noth für einander hatten, recht ausgeſprochen entgegen. Forſter bittet nämlich in ſeinen nach Pempelfort adreſſirten Klagen, Jacobi möchte, wenn er in ſeiner Antwort dieſen Sorgenpunkt berühre, es doch auf einem beſondern Blatte thun. Er leide gern allein, was er zu leiden habe, und möchte in dem lieben Briefe, nach welchem alle haſchten, Niemanden der ihm nahe ſei, etwas darin finden laſſen, was Unruhe und Kummer verurſachen könnte.— Er meinte doch wohl Thereſen mit dieſem Jemand, der ihm nahe ſei, und glaubte ſo, wie es ſcheint, durch einſeitiges Leiden ſtill zu verbüßen, was ihm Thereſe durch ihr heinſeitiges Sparen« ebenfalls im Stillen zu Schulden legte. 9⁵ Leider ſollte nicht ausbleiben, was beiden gemeinſam zu tragen ſchwer genug beſchieden ward. Nach ſeinem Röschen waren dem Freunde noch zwei Mädchen, das jüngſte im letzten Frühjahre, geboren worden. Beide wurden im November zum Schutze gegen herrſchende Pocken geimpft, und das jüngſte, ſchwächliche Louischen ſtarb. Das lebenskräftigere Clärchen überſtand dagegen»dieſe Zuchtruthe des Menſchengeſchlechts,« und kam bald wieder zu Kräften. Die Mutter hatte ſich brao gehalten, blieb aber matter und angegriffner, als ſie es geſtehen mochte. Forſter ſelbſt war geiſtig tief gebeugt. Heyne's herzliche Theilnahme führte ihn durch die Bemerkung, daß wir im Denken leider! über eine gewiſſe Linie hinausgegangen ſeien, auf religiöſe Gedan⸗ ken. Die Betrachtung beſchäftigte den Freund, wie die Religion, beſtimmt, bloß Sache des Herzens und der Gefühle zu ſein, ſelbſt gegen die Abſicht Chriſti in das Syſtem der bürgerlichen Regierungen verwebt und ein Mechanismus geworden ſei, wodurch ränkevolle Menſchen und Geſellſchaften ihre herrſchſüchtigen Abſichten erreichen wollten. Dagegen empfand er auch lebhaft, in welchen Widerſpruch eine zu ſinnlich gedachte Fortdauer des Men⸗ ſchen nach dem Tode mit der Unentbehrlichkeit der Or⸗ gane gerathe, die ja doch im Tode zerſtört würden. Allein, ruft er aus, wenn meine Vernunft mir wehrt, Vorſtellungsarten der ſinnlichen Welt in die überſinnliche zu übertragen, ſo geſtattet ſie mir doch immer noch eine Ideenfolge, bei welcher ich ruhig erwarten kann, was die Zukunft erſt enthüllen wird. Das Weſen, das durch mich und von mir ward, hat eine nähere Verwandtſchaft 1 96 mit meinem Weſen, als jedes andere. Zwiſchen dem Gleichgearteten herrſcht eine Verbindung, die ich mir nicht wegläugnen kann. So wenig alſo ich im Stande bin, mir die Art meiner Exiſtenz nach dem Tode zu denken, ſo wenig ich begreife, was aus der Seele meines Kindes wird, das vor mir ſtirbt; ſo unumſtößlich bleibt mir der Satz, daß es wegen ſeiner Gleichartigkeit mit mir nicht aufhört, in einem engern Verhältniß mit mir zu ſtehen; ſo klar die Wahrſcheinlichkeit, daß verwandte Weſen ſich da leichter wieder aneinander ſchließen, wo ſie einander wieder antreffen. Und ſo ſehen wir denn gegen das trübſelige Ende des Jahres den Freund von betrübten Gedanken nach dem Jenſeits hingezogen, unter Umſtänden, in welchen ein zerfallender häuslicher Wohlſtand den wachſenden Stürmen einer Staatsumwälzung oft nur allzuleicht zu⸗ gänglich wird, und perſönlicher Mißmuth die öſſentliche Unzufriedenheit leichter aufnimmt. Forſter neutral. Aus eigentlich revolutionären Bewegungen in Mainz hätte ſich zu Anfang des Jahres 1792 das große Ver⸗ hängniß noch nicht vermuthen laſſen, das ſchon mit dem Herbſt über die Stadt kommen ſollte. Streitende Ver⸗ handlungen in der Leſegeſellſchaft, laute Kannegießerei in rinz ger⸗ dem ger⸗ in 97 den Weinhäuſern waren mit Parteinahme noch weit ent⸗ fernt von andern Unternehmungen. Die kurfürſtliche Regierung hatte die freimüthigen Außerungen politiſcher Meinung lang ruhig hingehen laſſen, ja es nachgeſehen, daß Profeſſor Hofmann in ſeinen Vorleſungen über phi⸗ loſophiſche Geſchichte eine baldige deutſche Revolution, und zwar von der Gerechtigkeit des Himmels erwartete. Nun glaubte ſie doch mehr Aufmerkſamkeit auf die Neuigkeiten richten zu müſſen, die von der Leſegeſellſchaft ausgingen, wo man nicht bloß die franzöſiſchen Zeitun⸗ gen, ſondern auch die leidenſchaftlichſten Flugſchriften und geheime briefliche Nachrichten aus Frankreich zu lärmen⸗ der Verhandlung ausbeutete. Der Director der Leſege⸗ ſellſchaft, der bekannte Hartleben, Profeſſor des römiſchen Rechts, der neben dem Staatsrechtslehrer Frank durch ſeinen Pandekten⸗Vortrag ſelbſt norddeutſche Studenten nach Mainz lockte, ließ ſich herbei, dem Miniſterium die dort eingebrachten und aufgelegten Blätter und Schrift⸗ ſtücke mitzutheilen. Dies aber entdeckt erregte einen ſolchen Sturm, daß ſelbſt ein ſo jovialer Mann wie Hartleben, der einſt dem Jeſuiten-Colleg entſprungen war und als Cavallerie⸗Officier im ſiebenjährigen Kriege gedient hatte, nicht widerſtehen konnte, ſondern das Di⸗ rectorium niederlegte; worauf die Geſellſchaft zerfiel und eine neue ſich beim Buchhändler Sartorius einrichtete. Unter den Bürgern lief die hauptſächliche Mißſtim⸗ mung gegen die Emigrirten und gegen die Begünſtigung aus, die denſelben vom Hofe zu Theil wurde. Das ganze Rheingau wimmelte von ihnen; alle Wirthshäuſer füllten ſich an, wodurch den luſtigen Mainzern die ge⸗ 7 wohnten Ausflüge verkümmert wurden. Bald gaben auch die Vorkehrungen, die der Kurfürſt ſeit dem letzten Spätherbſte gegen einen Überfall von Mainz angeordnet hatte, einen Gegenſtand der Beſorgniß und des Ta⸗ dels ab. Bei dem langjährigen Frieden und den freundſchaft⸗ lichen Beziehungen zwiſchen Frankreich und Oſtreich hatte man die Feſtungswerke unachtſam verfallen laſſen. Man hatte nicht bloß den Aufwand der Unterhaltung zu ſpa⸗ ren geſucht, ſondern Gräben und Wälle für die Hofkammer und ſtückweiſe für den Gouverneur auch noch ökonomiſch nutzbar gemacht. Aber auch jetzt noch, wo die kriegeriſche Stimmung in Paris immer drohender wurde, griff man die Vertheidigungswerke nur ſpärlich an, und der um⸗ faſſende, ſelbſt von franzöſiſchen Ingenieuren gebilligte Herſtellungsplan des mainzer Ingenieur⸗Majors Eicke⸗ meyer wurde nur unzureichend, durch einige Ausbeſſerung und Herſtellung von Zugbrücken, Thoren und Gattern, durch Verpalliſadirungen und Überſchwemmungseinrich⸗ tungen, ausgeführt. Forſter ſah dieſen Vorkehrungen mit Ruhe zu. Er theilte die Beſorgniß vor einem Kriege nicht. Sein politiſcher Blick traute den europäiſchen Kabinetten mehr Staatsklugheit zu, als ſie noch in demſelben Jahr be⸗ wieſen. Sie würden, meinte er, Frankreich lieber in ſeiner innern Zerrüttung erhalten, und es eher zur Fabel von Europa werden laſſen, als es zum Beiſpiel für daſſelbe machen helfen. Viel mehr, als die mainzer Anſtalten regten ihn kleinliche Ängſtlichkeiten aus Göt⸗ tingen auf.— Nach dem letzten, über Gebühr beſchäf⸗ tigten Sommer und den Erlittenheiten des Vorwinters brachte er die harten Monate in Abſpannung und Un⸗ thätigkeit hin. Doch hatte er in den göttinger Anzeigen eine Schrift Briſſot's recenſirt, dieſes überſpannten Re⸗ publikaners, der aus einem franzöſiſchen Polizeiſpion für England ein amerikaniſcher Demokrat geworden war, und in Quäkertracht, ungepuderten Haares, unter den Gi⸗ rondiſten unermüdlich gegen die auswärtigen Mächte handirte. Die Recenſion, gewaltig charakteriſtrend, machte Aufſehen. Anfragen an Heyne wegen des Verfaſſers ſetzten den ängſtlichen Papa in Beſorgniß für Forſtern, wenn die Recenſion nach Mainz käme. Er warnte den Schwiegerſohn, die Schrift Briſſot's ja nicht zu über⸗ ſetzen, ihn und die Seinigen in Göttingen und ſich ſelbſt nicht um einer Grille willen aufzuopfern, oder auch nur in Gefahr zu bringen.—»Glauben Sie nur, ſchrieb er, den großen Haufen erleuchten wir über das Politiſche ſowohl, als über das Theologiſche nie; nur Autorität, Faction und Fanatismus ſetzt ihn in Bewegung.— Ich kenne ihren ſchönen Enthuſtasmus, der in Ihrem Hauſe je zuweilen mehr angefacht wird, als gut iſt, und weiß an meinem eignen Beiſpiel, wie leicht man ſich hinreißen läßt.« „In meinem Hauſe, erwiederte Forſter, wird ſo viel und mehr ariſtokratiſirt, als für die andre Seite geſprochen, und was mich perſönlich betrifft, ſo gehöre ich in keinem Falle zu den enragés, weder der einen noch der andern Seite. Gerade dieſe Billigkeit aber iſt allen Narren oder Schurken, die Partei ergriffen haben, verhaßt.« 100 Er hatte nicht daran gedacht, Briſſot zu überſetzen. Für ſich unbeſorgt, gab er der mainzer Regierung das gute Zeugniß:»Wer ſo die Wahrheit ſagt, iſt hier nicht gleich in die Acht erklärt.« Und mit edlem Unwillen ſetzte er hinzu:»Auf die Gnade von Hannover werde ich doch nicht Rückſicht nehmen ſollen. Als die Logen in ganz Deutſchland vom Herzog von Braunſchweig auf⸗ gefordert wurden, einen Beitrag zu geben, um meines Vaters Schulden in England zu bezahlen, waren Hanno⸗ ver und Göttingen die einzigen Orte, die keinen Pfennig hergaben.«—— Wie ſollte es mir ein⸗ fallen einen Umſturz predigen zu wollen, den ich ſelbſt nicht wünſche, ſondern vielmehr für ein ſo großes Unglück in Deutſchland halte, daß ich alles aufbiete, um es abzuwenden.«—— Bald drängten deutſche Angelegenheiten ſich vor das drohende Frankreich, und ſchoben die vom Kurfürſten heimlich begünſtigte Contre⸗Revolution der Emigrirten etwas bei Seite. Kaiſer Leopold ſtarb am 1. März. Das Kabinet des Reichs⸗Erzkanzlers, von welchem die Vorkehrungen zur neuen Kaiſerwahl ausgingen, kam in athemloſe Geſchäftshaſt. Welche Erwartungen ſpannten ſich nicht auf den neuen Kaiſer! Man verſprach ſich von dem jungen Franz ein Ablenken von der Politik Leopold's in das verlaßne Fahrgleis joſephiniſcher Re⸗ formen,— eine Selbſttäuſchung, die man wohl mehr aus dem gefühlten Bedürfniſſe der Zeit, als aus der Perſönlichkeit des jungen Erzherzogs ſchöpfte.— Zwei perſönliche Erlebniſſe, die in denſelben Monat März fielen, zogen unſern Freund— als ob ſie ſeine 101 gerühmte Neutralität beſtätigen wollten, nun auch von einer lebhaften Theilnahme an der öffentlichen Angelegen⸗ heit des alten deutſchen Reiches ab. In der Woche des Sonntags Lätare ward ihm ein Knabe geboren. Wir wiſſen von Röschens Geburt her, daß Forſter die Thor⸗ heit, Kinder des einen Geſchlechts denen des andern vorzuziehen, nicht kannte. Aber es freute ihn doch, daß nun ein Junge da war,—»„weil es eine Ausſicht eröffnete, zu einer Art der Mittheilung von Ideen, welche bei Mädchen gar nicht möglich iſt.“ Und daß Thereſe ſich geſund fühlte, wie ſie es lange nicht war, erheiterte ihm den Blick in die Zukunft. Das zweite war ein Begegniß der Freundſchaft. Sömmering, ſeit dem December mit Margareth Eliſabeth Grunelius in Frankfurt verlobt, heirathete, und erfüllte ſo endlich Lichtenberg's Catoniſches Ceterum censéo uxorem ésse ducendam. Aber auf den heitern März folgte der April, und ſeine Wechſel blieben für Forſter's Stimmung nicht aus. —»Es iſt zum Erſtaunen, klagte er gegen Lichtenberg, was man nicht alles über ſich muß ergehen laſſen, was man nicht alles erfahren muß, bloß um es erfahren zu haben. Ich glaube, ich bin ſeit Jahr und Tag um zwanzig Jahre älter geworden, und das nicht im beſſern Sinne des Wortes; ich fühle mich erſtorbener, als ich es ſollte, wie eine Pflanze, die vom Froſte gerührt iſt, und ſich nicht wieder erholen kann. Ich fühle meinen Kopf ſo leer, wie einen ausgehöhlten Kürbis, und von meinen Schenkelknochen kann ich leider nicht rühmen, daß ſie noch Mark hätten. Es iſt mir ſeit geraumer p, 8 — ͦ— Zeit ganz unmöglich, etwas Ordentliches zu ſchreiben. Wie der zweite Band der Anſichten fertig geworden iſt, begreife ich ſelbſt nicht. Hinter dieſen Klagen verſteckte ſich, neben körper⸗ lichem Mißbehagen, freilich wieder die alte Geldnoth. Daß ſeine»Anſichten« ſo wenig öffentlich beſprochen würden, wollte er weit ruhiger anſehen, wenn er eben nicht trotz aller Anſtrengung»ein armer Teufel« bliebe, und folglich auch dieſe Mittelchen, vorwärts zu kommen, nicht ganz verſchmähen dürfte. Er geſtand ſich ſelbſt ein, daß er, ſo viel er auch erarbeite, doch noch mehr ausgebe,— bald zu kleinen Erholungsreiſen, bald für Bücher, Landcharten u. d. gl.; ſo daß er ſeine Reputa⸗ tion eines raſchen Arbeiters ſehr theuer erkaufe. Und am Ende, als ob er vorausſehe, worauf ihn die Freunde, denen er ſeine Noth vorjammerte, tröſtend verweiſen würden, läßt er ſich ſeltſamerweiſe gerade vom Bewußtſein ſeiner Ohnmacht auf ſein eignes Ich zurück— führen, überzeugt, alles in der Natur ſei darauf berech⸗ net, daß der Menſch nach Verlauf der Jugend mehr an ſich ſelbſt, als an allem andern haben ſolle; wozu denn die leidigen Wahrnehmungen gut ſeien, die einen oft unſanft genug vom Rückfall in jugendliche Schwärme⸗ reien heileten. Richtig wieſen denn auch die theilnehmendſten Freunde auf dies eigne Ich des unglücklichen Mannes, auf ſeine Kräfte und Leiſtungen. Schon früher hatte Dohm, der mit ſeiner Familie fünf ſchöne Winterwochen bei Jacobi in Pempelfort verlebt hatte, ermunternde Zeilen nach Mainz gelangen laſſen.»Sie haben alles in ſich, was 103 Sie aufrichten und ermuntern kann, ſchrieb er. Sie haben auch das, was das Wichtigſte iſt von allem, den Willen und feſten Entſchluß, ſich durch die aͤußern Dinge nicht unterdrücken zu laſſen. Sie genießen dabei auch einer Unabhängigkeit und eines Gebrauchs Ihrer Zeit, daß Sie Ihre Lage ſchwerlich irgendwo in Deutſchland verbeſſern könnten.«— Der wohlgeſinnte Mann fügte noch andre Andeutungen hinzu,— wie ſich Forſter etwa mit ſeinem botaniſchen Werke unmittelbar an den König von England, dieſen hohen Freund der Botanik, wenden, oder den Kaiſer von Öſtreich, der beträchtliche Summen zur Erweiterung der Naturkunde beſtimmt habe, mit ſeinem Vorhaben angehen, oder bei der berliner Akademie eine Unterſtützung jenes Werkes nachſuchen möchte. In letzter Hinſicht brachte er den Freund auf den Gedanken, an den Miniſter Grafen Herzberg zu ſchreiben, und erbot ſich, bei dieſem die Angelegenheit mündlich zu unterſtützen. Hinter all' dieſen Winken fiel freilich ein trüber Seitenblick Dohm's auf die Ungewißheit des all⸗ gemeinen Zuſtandes in nächſter Zeit, die in alle Ange⸗ legenheiten und Entwürfe etwas Abſchreckendes bringe. Ahnliche Ermunterungen kamen von Heyne, der ſich beſonders gegen die ſelbſtquäleriſchen Zweifel des Schwiegerſohnes darüber, daß er mit allen Bemühungen nichts Gutes ſtifte, ereiferte. Er ſchalt es Hypochondrie, um es nicht Sünde wider den guten Geiſt zu nennen. Herzlich war das väterliche Wort:»Stößt Ihnen eine jählings dringende Noth auf, ſo wiſſen Sie, daß ich Sie nicht verlaſſen werde.« So war auch Jacobi's Urtheil über des Freundes 104 Einleitung zu den neueſten Reiſeſammlungen recht er quickend. Er dankte»für die mannichfache Belehrung welche ſie für ihn enthalte, für den ſchönen Umgang den ſie ihm unter dem Leſen mit einem kenntnißreichen, edeln philoſophiſchen Manne gewährt, und vielleicht am meiſten für die Luſt an ſeinem Freunde, die ſie ihn empfinden ließ.«. Zwiſchen dieſem und desgleichen Zuſpruch rückte, vielleicht noch wirkſamer, der Monat Mai herbei. For ſter's Befinden beſſerte ſich, ſeine Kräfte kehrten wieder Er ward ſeiner Hypochondrie inne, und glaubte in ſei⸗ nem zu langſamen Blut einen Grund ſeiner Schwermuth und der Trägheit im Wollen und Entſchließen zu erken nen. Mit dieſer Einſicht in ſein Übel meinte er ſchon weniger krank zu ſein. Er erkannte mit jenen Freunden die Arbeit als einzige Nothhelferin an; nur hatte er am Überſetzen einen ordentlichen Widerwillen genommen, und fühlte zum eignen Schaffen, z. B. am dritten Theile ſeiner»Anſichten«, noch keinen innern Antrieb. Bei dem allen folgte er den revolutionären Bewe⸗ gungen in Paris mit der alten Aufmerkſamkeit. Das Unerfreuliche daran entging ihm nicht; allein er war ge neigt, die Ausartungen der Revolution nur dem Hof, dem Adel, den Prieſtern und den auswärtigen Mächten in's Gewiſſen zu ſchieben. Sein Unwille traf die re⸗ actionären Maßregeln, die fort und fort mit gänzlicher Verwerfung alles Deſſen, was Vernunft und Billigkeit foderten, offenbar und heimlich gegen die Sache der Revolution gerichtet wurden. Dennoch, ſo beißend oft ſeine Bemerkungen, beſonders auch über die ganz ehr⸗ und grundſatzloſe Politik der Großmächte ausfielen, ließ er ſich doch— ſo zu ſagen— den revolutionären Zahn förmlich ausziehen. Wenigſtens bildlich. Das ſchlechte Wetter ſuchte ihn nämlich mit Schmerzen an einem kran⸗ ken Zahne heim. Nachdem er ihn hatte ausnehmen laſ— ſen, ſchrieb er an Papa Heyne unter andern: »Es iſt lächerlich, bei einem ſo kleinen Verluſte an das allmähliche Abſterben zu denken, und doch kann man in dem Augenblicke, wenn man den Höllenſchmerz des Ausreißens erlitten hat, und nun die Lücke fühlt, ſich einer ſolchen Reflerion nicht erwehren. Da wünſchte ich denn immer nur auf dem Punkte zu ſein, daß, wenn es einmal nicht länger mit dem baufälligen Leimhüttchen zuſammenhalten will, ich wenigſtens mit einem beruhigten Abſchiedsblick auf Diejenigen, die ich zurücklaſſe, hin— ſcheiden könnte. Ich glaube, lieber Vater, eine ſolche Sinnesart und ein ſolcher Wunſch iſt wohl die ſicherſte Verwahrung gegen das Jakobinerwerden, weil doch das wohl am allerweitſten liegt— gegen jede zu excentriſche und gewagte Anwendung meiner geringen Kräfte.«— Daß der Freund aber mit ſolchem Abſchluſſe ſich nicht etwa kleinmüthig auf die entgegengeſetzte Seite der Reaction ſchlage, wie wir es heute wieder oft genug ſehen: dafür ſorgte, wenn es noch nöthig geweſen wäre, der Kurfürſt mit ſeiner hohen Politik, die er ſo gern aushängte, und nun mit jedem Tage in einer trotzigeren Sprache vernehmen ließ. Über dieſe Thorheit entrüſtet, ſprach Forſter ſein unwilliges Ultimatum gegen Heyne dahin aus: 106 »Meinetwegen mag doch geſchehen, was immer will; es iſt nicht der Mühe werth, daß man ſich um Fürſten noch um Nationen bekümmert. Klötze mit Scheermeſſern ſchnitzln wollen(ein beliebtes Bild des Freundes!) macht nur das Meſſer ſtumpf, der Klotz bleibt, was er war. Wo alle unmittelbare Theilnahme am Schickſal der Menſchen ein Verbrechen iſt, dort giebt es keinen Gemeingeiſt, dort bleibt keine Pflicht, als für ſich ſelbſt und für die Sei nigen zu ſorgen.«⸗— Entſetzliche Wahrheit, die Forſter hier ausſpricht! Wo der Gemeingeiſt aufhört, da bleibt nur die Selbſt⸗ ſucht. Und erkennen wir dieſen Segen der ſiegenden Reaction nicht im Großen und Ganzen an dem trauri⸗ gen Particularismus der Stämme, an dem feigen Egois⸗ mus der Einzelnen in Deutſchland, der nach der allge meinen und edeln Erhebung wieder eingetreten iſt? Da erblicken wir das von der Reaction gebenedeiete Glück ihrer hohen Weisheit, daß Jeder nur für ſich ſorge, Keiner ſich um das öffentliche Wohl bekümmere und höch⸗ ſtens— ein Treubund zuſammenrieſele. Aber was will der nackte Egoismus in einer bevölkerten Welt? Bald wird er ſich ſelbſt ſeiner Blöße ſchämen, zum Beweis, daß er ſich eben nicht im Paradieſe fühlt. Er wird ſich nach Feigenblättern umthun. Und wenn er nicht mehr erblickt, was ihn vereinzelt, wird gerade von daher ein neuer Trieb zu Vereinigung in ihm erwachen und ihn Verbindung zu knüpfen treiben, ein Treubund der Na⸗ tionen. Vielleicht ſtand Forſter einer Parteinahme nie näher, —— —— 107 als da er von Fürſten und Völkern nichts mehr wiſſen wollte. Für welche Sache wird er ſich entſcheiden? Und was wird den Ausſchlag geben? Hohe Politik. Derſelbe Monat Mai, der unſern Freund neu be⸗ lebte, hatte denn auch der trotzig herausfodernden Politik des alten Herrn auf dem mainzer Stuhle eine gute Ge⸗ legenheit geboten, die imponirenden Blicke aufzuſpannen. Seit dem 20. April war, auf Andrang des jako⸗ biniſchen Miniſteriums, von Frankreich der Krieg an Öſt⸗ reich erklärt. Mit Mainz und dem deutſchen Reiche hatte das franzöſiſche Kabinet den Weg der Unterhandlung noch offen gehalten. So angemeſſen für die Lage von Mainz eine kluge Neutralität geweſen wäre: ſo auffallend hatte ſie der Kurfürſt bisher verletzt; indem er mit dem Her⸗ zoge von Würtemberg und dem Prinzen Condé Verab⸗ redungen gegen Frankreich traf, in Mainz die franzöſi⸗ ſchen Nationalfarben beſchimpfen ließ, und den Emigrir— ten Waffenübungen in Worms und Bingen, Anlegung von Magazinen u. d. gl. geſtattete. Nun erſchien zu freundlichen Unterhandlungen und um dem alten Fürſten ſein und ſeines Landes wahres Intereſſe begreiflich zu machen, in der Perſon eines Herrn von Villars ein franzöſiſcher Abgeordneter jakobiniſcher Farbe. Der Kur⸗ —,. —— 108 fürſt ließ ihn 14 Tage auf eine Audienz warten, em⸗ pfing ihn dann nicht ohne auffallende Vernachläſſigung auf dem pomphaft umgebenen Thronhimmel, erwiderte kurz und kalt die Anrede des Franzoſen, und entließ ihn ohne die gewöhnliche Einladung zur Tafel. Während bei ſeiner feierlichen Auffahrt ein zahlreiches Volk ſich mit Theilnahme um das Schloß drängte, und die Fran⸗ zoſenfreunde Zeichen des Beifalls gaben, hatten die wü— thenden Emigrirten einen Scheerenſchleifer unter den Fen⸗ ſtern des Geſandten am Hauſe eines Kaufmanns aufge⸗ ſtellt, und drängten ſich, ihre Säbel zu ſchleifen, prahle⸗ riſch herbei. Sie verhöhnten und beleidigten ihn, wo er ſich zeigte, und der Hof war unklug genug, einen in der Eigenſchaft eines Geſandten aufgenommenen Mann unbeſchützt und unberückſichtigt zu laſſen. Man rechnete auf die zugeſagte preußiſche Armee, um dann den Emi⸗ grirten auch noch die vorbereitete bewaffnete Erhebung zu geſtatten. Unter ſolchen Bewegungen kam die Wahl und Krö⸗ nung Franz des Zweiten herbei. Als ob im Vorgefühle, daß es der letzten Kaiſerkrönung gelte, hatte ſich am 14. Juli ein unermeßliches Volk zu dieſer Feierlichkeit in Frankfurt zuſammengedrängt. Auch Forſter war mit Huber und ſeinem jungen Engländer hinübergefahren. Die Jugend des Kaiſers, als er auf dem Zug nach der Kirche unter der Laſt des Hermelinmantels und der Krone die großen blauen Augen auf der Menge der Zu⸗ ſchauer umherirren ließ, hatte ſelbſt für Forſtern etwas bis zu Thränen Rührendes,— Empfindungen, die, wie der Freund meinte, ein ſo ſchönes Verhältniß zwiſchen em⸗ gung derte Hihn rend ſich Fran⸗ wü⸗ Fen⸗ zufge⸗ rahle⸗ „ wo en in Mann hnete Emi⸗ bung Kro⸗ 109 Regenten und Regierten als möglich zu erkennen gä⸗ ben, zugleich aber auch des Mißbrauchs wegen ſo ge— fährlich wären. Bange machen galt auch damals ſchon von Seite Derer, die einen jungen Herrſcher gern be⸗ herrſchen mögen, und ſo wurden an den Tagen der Krö⸗ nung verſchiedene Franzoſen feſtgenommen unter dem Vorwand, es ſei ein Complott gegen das Leben des Kaiſers. Der Kurfürſt hatte die verſammelten Fürſtlichkeiten nach Mainz eingeladen, und die zahlreichen Gäſte trafen am 18. Juli ein, nachdem der jakobiniſche Geſandte auf Albini's Erklärung, daß man ihm länger keinen Schutz gewähren könne, etwas haſenherzig die Stadt verlaſſen hatte, ohne nun ſeinem Hofe berichten zu können, ob Mainz und das Reich neutral oder kriegsrüſtig gegen Frankreich geſinnt ſei. Da war nun vom 19. bis 22. Juli, auf der Som⸗ merhöhe des Jahres, Mainz„der Sammelplatz von allem, was in Deutſchland wichtig war oder ſich wichtig dünkte, von gekrönten Häuptern, Furſten, Miniſtern, Geſandten und zahlreichem Adel. Man zählte gegen zehntauſend Fremde. Alle Gaſthöfe waren mit Prinzen beſetzt, die in den kurfürſtlichen Paläſten nicht Platz mehr gefunden hatten, und alle Privathäuſer beherbergten Gäſte oder Fremde aus irgend einem entfernten Winkel von Deutſch⸗ land. Vom frühen Morgen an wimmelten die Straßen von wohlgekleideten Perſonen, und gegen Mittag ward das Gewühl der Kutſchen rauſchend genug, um einer Hauptſtadt den Rang ſtreitig zu machen. Bei Hofe folgten Feſte, Schmäuſe, Konzerte, Bälle, Erleuchtungen, 110 Feuerwerke, verherrlicht durch den unnachahmlichen Zau⸗ ber der Gegend und die majeſtätiſche Pracht des Rheins mehrere Tage hindurch in ununterbrochner Reihe aufein⸗ ander. Vor allem trugen die Erleuchtungen den Beifall der Kenner davon. Die Gärten der Favorite, die Schiffbrücke, die Jachten auf dem Fluſſe, die Kirchthürme von Koſtheim, Kaſtell und Hochheim zauberten im Dunkel der Nacht einen künſtlichen Tag hervor. Im unermeßlichen Spiegel des Rheins verdoppelten ſich die brennenden Thürme, und die vom Ufer in die Lüfte ſteigenden Feuer⸗ garben. Die anbefohlne Erleuchtung war ungeachtet der kurzen Vorbereitungsfriſt außerordentlich wohl gelun⸗ gen. Überall brannten im bunten Lampenſcheine ſchwer⸗ gereimte Glückwünſche an das neue Reichsoberhaupt und deſſen Gemahlin und geiſtreiche Anſpielungen auf das gute Vernehmen der beiden Adler; hier und da er⸗ mannte ſich ſogar ein loyaler Hofbedienter, den vereinig⸗ ten Waffen Sieg zu prophezeihen!(Forſter's ſämmtl. Schften. 6r Bd. S. 358 u. f.) Unter dieſem Glanze, der vor allem die Blicke des revolutionären Frankreichs auf ſich ziehen mußte, ver⸗ ſammelten ſich täglich in einer kleinen Schenke des nahen Dorfes Weißenau am Rheinufer die kaiſerlichen, die preu⸗ ßiſchen und einige andere Miniſter und bereiteten die Ge— genſtände der Berathung für ihre Herren.»In dieſem Fürſten⸗Congreß ward das Schickſal Europens gewogen und über Frankreichs Provinzen das Loos geworfen. Hier ward die Ausführung jener Plane zum letztenmal verabredet, die man in Pavia und in Pillnitz genehmigt hatte. —õ,— Zau⸗ heins fein⸗ eifall die ürme unkel ichen enden euer⸗ achtet elun⸗ hwer⸗ und das er⸗ inig⸗ umtl. te des ver⸗ nahen preu⸗ Ge⸗ dieſem vogen orfen. enmal bmigt 111 Unzählige Gerüchte über die Schickſale Frankreichs und die Rheinländer irrlichterten, wie es ſich denken läßt, um dies weißenauer Geheimniß. Forſter warf einen Blick auf Frankreich, wo alles auf's Außerſte geſpannt war, und die letzten Gräuel in Paris den Grad der Erbitte⸗ rung bewieſen. Jetzt nur Tollheiten von Seite der deutſchen Ligue, ſo geht das Gemetzel an! rief er aus. Und auf Deutſchland blickend fürchtete er, daß Abſtellung der Mißbräuche, die ſo leicht geweſen, wenn man ſie un⸗ ter der Hand vorgenommen hätte, endlich auch hier, wie in Frankreich, das Werk einer Gährung ſein werde, die um ſo länger dauern müſſe, als es überall an einem großen Manne fehle, der ſich zum Haupt einer Partei aufwerfen, und als ſolches behaupten könnte, aber auch eben ſo wenig wahre Größe unter den wirklich Macht⸗ habenden anzutreffen wäre. Man ſollte glauben, der Freund ſpräche von unſerm geſtern, und ſpräche von heut, wenn er gegen Heyne hin zufügt:»Der Gang der Begebenheiten— der Re⸗ action— zeugt überall von Übereilung, Üübertreibung, Frühreife.« Niemand fühlte ſich an dieſen glanzvollen Tagen von Mainz glücklicher, als der Wirth eines ſo außeror⸗ dentlichen Congreſſes, der Kurfürſt, der jetzt hohe Po⸗ litik trieb. Profeſſor Hofmann ſcherzte in ſeiner oft etwas derben Weiſe darüber, wie vergnügt der alte Köter mit dem Schweif wedle, weil er jetzt mit den großen Hun den umherlaufen, und ihre politiſchen Außerungen be⸗ ſchnüffeln dürfe. Nur ſchade, daß er ſelbſt das Bein nicht ſo hoch wie ſie aufheben könne! Die raſtloſe Be⸗ mühung deſſelben, Gegenrevolution in Frankreich zu be— wirken, ſollte nun gekrönt werden. Wirklich erſchien, als die Prachtblüthe der Feſte abzuwelken begann, die große Frucht der weißenauer Berathungen. Aus den Preſſen der Hofbuchdruckerei ging das berühmte Manifeſt des Herzogs von Braunſchweig als oberſten Befehlshabers aller gegen Frankreich vereinigten Armeen hervor.»Es fodert die franzöſiſche Nation feierlichſt auf, den deut⸗ ſchen Heeren überall offnen Zugang zu laſſen, und ſich ihren Waffen nicht zu widerſetzen. Gegen den Geiſt der Freiheit, der die neue Verfaſſung geſchaffen hat, flammt es Rache und Vernichtung, und erklärt auf das kaiſer⸗ liche und königliche Wort der beiden verbündeten Mo⸗ narchen, daß die geringſte, dem Könige von Frankreich und den Seinigen zugefügte Beleidigung die gärnzliche Zerſtörung der Stadt Paris und die Hinrichtung der Aufrührer nach ſich ziehen ſoll.« Paris einzuäſchern und der Erde gleich zu machen, war fortan ein Lieblings⸗Ausdruck der Bekenner jener hohen Politik, und viele unter denſelben rochen bereits den Brand. Forſter dagegen meinte: »Wahrhaftig, wenn man es darauf angelegt hätte, die Franzoſen zur Gegenwehr anzuhetzen, ſo hätte man es nicht klüger anfangen können. Und das ſind die Menſchen, deren Maßregeln man billigen ſoll? Wohl dem, der einen Winkel gefunden hat, wo er ruhig dem wahnſinnigen Treiben zuſehen kann!«— Dennoch blieb er nicht in dieſem Winkel, als am 22. Juli die hohen Häupter Mainz verließen. Der Kö⸗ nig von Preußen begab ſich mit ſeinem Gefolge in den zu be⸗ zien, als je große Preſſen ffeſt des lshabers en deut⸗ und ſich Heiſt der flammt z kaiſer⸗ en Mo⸗ rankreich anzliche ing der machen, er jener bereits t hätte, te man ind die Wohl zig dem als am Der K⸗ in den. 113 prächtig geſchmückten kurfürſtlichen Jachten nach Koblenz zu der dort marſchfertigen Armee. Eine Menge großer und kleiner Fahrzeuge, mit unzähligen Neugierigen be⸗ ſetzt, die zum erſtenmal in ihrem Leben ein Lager an⸗ zuſtaunen wünſchten, zogen nach. Der Strom war zu mächtig, um Forſtern nicht mit fortzureißen. Er be⸗ gleitete die befreundete Familie des Kriegsrathes Reichard aus Gotha bis Koblenz. Selbſt Heyne ſcherzte, er müſſe ein Ariſtokrat geworden ſein, und pries ihn als welt⸗ erfahrnen Mann, der nun auch eine Kaiſerkrönung ge⸗ ſehen habe; ſetzte aber hinzu: Ich beneide Ihnen doch mehr, daß Sie die Häupter von Otaheiti geſehen haben. Frederic North, der dritte Sohn des Grafen Guil⸗ ford, machte die Fahrt mit, nachdem er ſich etliche Tage bei Forſter aufgehalten hatte. Ein drolliger Menſch, voll der ſeltenſten Kenntniſſe von Sachen, Menſchen und Sprachen, der dem Freunde Luſt zu machen ſuchte, ihn auf ſeiner im Jahre 1794 vorzunehmenden Reiſe nach Griechenland zu begleiten. Wie verlockend für den immer reiſebereiten Weltum⸗ ſegler, der nicht ahnete, welche Wendung es mit ſeiner nächſten Zukunft in Folge der hohen Politik jener glanz⸗ vollen Feſttage nehmen werde! Ein ſchmerzliches Vor⸗ zeichen begegnete ihm bei ſeiner Rückkehr von Koblenz. Kaum war er angelangt, als das ſchwächliche Söhnchen ſtarb, das ihm in der Lätare⸗Woche geboren war. H 7 8 8 +— — = = 80 Scheidewege. So war denn der Glanz der mainzer Feſte für For⸗ ſter und Thereſe mit einer häuslichen Trauer erloſchen. Für beide ein ſchweres Ereigniß! Thereſe kränkelte ſchon länger an einem dauernden Bruſtleiden, das ihren zu lebhaften Geiſt mit Ahnungen eines frühen Todes dämpfte, aber auch zu den Kämpfen ermuthigte, die ihr bevor⸗ ſtanden. Forſter ergab ſich darein, zu dulden und zu ſchweigen, weil ſonſt des Fragens doch kein Ende ſei, warum gerade hier dieſe Verkettung, hier der Schlag. Und in der That, je mehr er unmuthig von der Sache der Könige und der Völker abgewendet, ſich auf ſeinen engſten Lebenskreis zurückzog, deſto heftiger löſten ſich die Bande, die ſein Herz mit Liebe oder mit Pflichten feſſelten; als ob ſein Verhängniß ihn zu irgend einem Unternehmen ledig— oder irgend einem Unglücke Preis geben wollte. Befürchtungen dieſer Art regten ſich wirklich ſogar bei entfernten Freunden. Ein Brief von Jacobi lief in 6 9 4 iiſ ——— dieſen Tagen ein, und ſprach die Beſorgniß aus, Forſter möchte im Falle ſein, Mainz zu verlaſſen. Forſter's be⸗ kannte Geſinnung und gewohnte Freimüthigkeit mag ſo ängſtliche und weltkluge Leute, wie Heyne und Jacobi, bedenklich um des Freundes Stellung gemacht haben. Wir wiſſen, daß Forſter weder die Politik ſeines Für⸗ ſten, noch die Manifeſtationen des mainzer Congreſſes angemeſſen und weiſe fand. Am mainzer Hof und in der Atmoſphäre der Emigrirten herrſchte aber jetzt eine zugleich ſo übermüthige und reizbare Selbſtzufriedenheit, daß Jeder, der die gegen Frankreich erhobenen Schritte nur fur bedenklich oder gefahrbringend erklärt hätte, als Jacobiner oder Propagandiſt angeſehen worden wäre. Die während der Anweſenheit der Fürſten zurückgewichnen und unbeachteten Emigrirten waren um deſto vorlauter hervorgetreten, gaben den Ton an, und rüſteten ſich mit kurfürſtlichen Waffen zu dem»Spaziergang nach Paris«, wo alle dort zurückgebliebenen, ſelbſt dem König treuen Männer gehenkt, und alle Jacobiner geköpft werden ſollten. Forſter verſtand die Andeutung Jacobi's genug, um die Innigkeit der Theilnahme an ſeinem Schickſale darin zu erkennen. Er ſuchte den Freund zu beruhigen. Seine Antwort verräth aber zugleich auch das von Trauer ge⸗ beugte Herz.—»Ich nehme ja keinen Antheil an allem, was vorgeht, ſchrieb er; ich ſehe mit gleichgültigem Auge, was hier geſchieht, ohne nur meine Meinung darüber zu äußern, und wenn ich fehle, ſo iſt es durch nega⸗ tives Verhalten, weil ich nicht heucheln und da meine Anhänglichkeit bezeigen kann, wo ich meine Achtung ver⸗ orſter 3 be⸗ ag ſo ncobi, aben. Für⸗ teſſes d in eine nheit, hritte als Färe mnen uter mit 18, euen rden 119 weigern muß. Freilich giebt es Menſchen, die von dem Spruche:»„wer nicht für uns iſt, der iſt wider uns«« eine böſe Anwendung machen, und gern Jeden, der noch ſo gemäßigte Grundſätze im Buſen trägt, für den An⸗ hänger der verhaßten Gegenpartei ausſchreien, gegen wel⸗ chen jede Verleumdung, jede Verletzung der Treue und des Glaubens gilt. Allein gegen Widerſacher dieſer Art kann ich mich nicht ſchützen, und muß alſo geduldig ab⸗ warten, was über mich ergehen mag.« Aus ſo tief bewegtem Herzen ſcheint denn auch ein erſter Seufzer des Freundes über ſein eheliches Unglück in denſelben Brief übergegangen zu ſein. Zur Entſchul⸗ digung ſo mancher Ausdrücke ſeines Mißmuths und ſei⸗ ner Traurigkeit, wodurch er dem Freunde Jacobi Be⸗ ſorgniſſe erwecke, möchte Forſter gern einmal alle Fä⸗ den ſeines Herzens berühren, die es in Bewegung ſetzen, und bekennt, daß er Augenblicke habe,»wo eine an⸗ dre Gattung von Unglück« ihn das Drückende ſeiner äußern Lage tiefer empfinden laſſe. Dieſer Kummer un⸗ terſcheidet ſich alſo von ſeiner väußern Lage«, das heißt von den uns und Jacobi bekannten Geldoerlegenheiten und häuslichen Sorgen. Auch kann mit dieſer leiſen Andeu⸗ tung die Trauer des väterlichen Herzens nicht gemeint ſein. Denn warum ſollte er den Verluſt ſeines Knaben nicht ausgeſprochen haben?»Es iſt unbeſchreiblich, ſetzt er hinzu, was der Menſch erfahren kann, und wenn alles Böſe, was uns widerfährt, wie ich nicht zweifle, zu unſerer Beſſerung geſchieht; ſo muß ich wirklich ſchlie⸗ ßen, daß an mir ganz ungeheuer viel zu beſſern geweſen iſt.—— Das Beſte von allem iſt ein kleiner Reſt von Muth, der mir noch übrig bleibt, und immer noch wie⸗ dergekommen iſt, ſo oft ich nur zu erträglichen phyſiſchen Kräften gelangen konnte.« Dieſen Muth zu beleben, ließ ſich für Forſter's »äußere Lage« manches günſtig an. Als ob die Stille, die hinter dem verrauſchten Congreß in Mainz eingetre⸗ ten war, durch keinerlei Beſorgniß geſtört werden ſollte, ließ der Kurfürſt unmittelbar auf die Abreiſe ſeiner hohen Gäſte alle Feſtungsarbeiten wieder einſtellen. Der Ko⸗ ſtenpunkt mag den alten Verſchwender hauptſächlich dazu beſtimmt haben; denn darin trieb er es im Staate, wie's Forſter im Hauſe machte, daß er in Nebendingen zu viel aufwendete, um dem Nothwendigen genügen zu können. Indeß erſchien ja doch auch jede Vorſicht und Vertheidi⸗ gungsmaßregel überflüſſig hinter ſo kühnen Manifeſten, ſo tapfern Erwartungen und ſo kriegeriſchen Preußen, die alle Revolution, wo ſie ſolche nur anträfen— »werfen« würden. Nun zeigte ſich der alte Herr auch wieder für die Angelegenheit der Bibliothek eifrig. Schon ſeit dem Winter war man damit umgegan⸗ gen, das Jeſuiten-Colleg zur Aufnahme der verwaiſten Bücher einzurichten. Die Jeſuiten-Kirche, die ſich beſ⸗ ſer geeignet hätte, wagte man nicht zu nehmen. Die geheimen Jeſuiten, die viel Anhang unter den hohen Beamten hatten, wußten im Volke eine lebhafte und eiferſüchtige Anhänglichkeit gerade an dieſe Kirche zu un⸗ terhalten. Zum Überfluſſe ward auch in einem anonymen Drohbriefe gefragt, ob dies der Dank— des Pro⸗ teſtanten(Forſter's?²) für das gute mainzer Brot ſei, h wie⸗ jſiſchen erſter Stille, mgetre⸗ ſollte, hohen r Ko⸗ ) dazu wies u viel nnen. heidi⸗ feſten, eußen, en— rauch gegan⸗ vaiſten ih beſ⸗ Die hohen und u un⸗ nymen Pro⸗ ot ſei 121 daß man dem Volke auch noch dieſe Lieblingskirche nehmen wolle. Bald aber überzeugte ſich Forſter durch den Gang der Verhandlungen, daß es der Univerſität, den Jeſuiten und allen, die in ſolchen Sachen etwas mitſprechen dürf⸗ ten, kein Ernſt mit einem Bibliotheksgebäude ſei, und noch weniger mit einer zweckmäßigen Vermehrung der Bibliothek. Dagegen wollte man auch nichts von den doppelt vorhandnen Büchern veräußern laſſen. Die noch vorhandnen ehemaligen Jeſuiten waren auf jedes nur einigermaßen gute Buch ihrer Anſchaffung ſo eiferſüch⸗ tig, als ob man ihnen ein Stück aus dem Leibe ſchnei⸗ den wollte, wenn von deſſen Veräußerung geſprochen wurde. Jetzt aber verfiel der Kurfürſt und der Coadjutor ſogar auf die Jeſuitenkirche ſelbſt. Auch war dieſelbe eine durchaus geeignete Räumlichkeit, die nach Forſter's wiederholter Ausmeſſung den ganzen Bücherſchatz bequem aufzunehmen verſprach. Indeß meinte Forſter ſelbſt, wenn juſt in den jetzigen Zeiten aus dem Bibliothekbau Ernſt würde: ſo gehöre dies unter die ſonderbarſten Erſchei⸗ nungen. Doch wenn dieſer Gegenſtand nur Forſter's Thätig⸗ keit belebte, ohne ſeine Lage zu verbeſſern: ſo ergab ſich von einer andern Seite auch noch Ausſicht auf Ge⸗ haltszulage. Der Profeſſor der Naturgeſchichte wurde nach wiederholten Blutſtürzen aufgegeben, und der Pro⸗ rector, in jenem Jahre der Profeſſor des deutſchen und mainzer Rechts, Hof⸗ und Regierungsrath Bodmann, drang in unſern Freund, dieſe Lehrſtelle zur Bibliothek 8* 122 mit zu übernehmen; wodurch. ihm freilich ein Fixum von 600, mindeſtens 400 Gulden zuwachſen mußte.— Fixum war ein köſtliches Wort für Forſter, etwas, was er nicht abweiſen zu dürfen glaubte, zumal ein paar Stunden die Woche in einem ihm nicht fremden Gebiet ihn nicht überladen konnten. Auch Heyne ermunterte ihn zu einem ſolchen Nebenamte, das einen lebendigen Verkehr, eine geſunde, frohe Thätigkeit neben dem ge⸗ lehrten Grab einer Bibliothek fortzuführen gemacht ſei. Forſter that demnach die nöthigen Schritte, und obgleich er der Sache in ſeinen Briefen nicht mehr erwähnt, wiſ⸗ ſen wir doch, daß er die Stelle mit einer Zulage von 400 Gulden wirklich erhielt. Inzwiſchen ging er auch wieder an ſeine literariſchen Arbeiten, die bei ſoviel abwechſelnden Auftritten in Frank⸗ furt und Mainz, bei ſo mancherlei Beſuchen von reiſen⸗ den Officieren, Feldärzten, Feldpredigern u. d. gl. und unter der Benutzung des Sommerwetters zu Erholungs⸗ gängen ziemlich ſtill gelegen hatten. Da ſchlang ſich gerade um eine ſeiner flüchtigſten Federn ein ſehr ariſto⸗ kratiſcher Faden, als ob des Freundes Verhängniß, in⸗ dem es ſo manches Herzensband löſte, ihn durch neue Verknüpfungen feſſeln und führen wollte, um ihn vor ſolchem revolutionären Andrang der Zeit nicht ganz los und ledig zu laſſen.— Der Buchhändler Voß in Berlin hatte ihn für eine Darſtellung der Begebenheiten des Jahres 1790 gewonnen, die für 1793 in Kalenderform, mit Bild und Biographie des Grafen Herzberg, erſchei⸗ nen ſollte. Während Forſter an dieſem hiſtoriſchen Ver⸗ ſuch arbeitete, kam ihm dieſer berühmte Staatsmann Firum ßte.— etwas, n paar Gebiet unterte ndigen m ge⸗ ct ſei. bgleich t, wiſ⸗ ge von riſchen Frank⸗ reiſen⸗ l. und lungs⸗ g ſic griſto⸗ z, in⸗ zneue in vor nz los Berlin zmann durch eine beſondere Aufmerkſamkeit entgegen. Der Mi⸗ niſter des Hubertsburger Friedens und des Fürſtenbundes, der Vertraute des alten Fritz, hatte ſich unter dem jetzi⸗ gen Könige halb und halb von den Geſchäften zurück— gezogen(vielleicht, weil er mit der berühmten General⸗ Declaration an Öſtreich nicht nach— Olmütz gehen wollte!) und beſchäftigte ſich mit einer Sammlung von Staatsſchriften ſeiner Zeit. Von dieſen ließ er durch den Verleger Voß Forſtern ein Exemplar zuſtellen, wobei er ſich über jenen hiſtoriſchen Kalender gegen den Buchhänd⸗ ler geäußert hatte. Herzberg ſah ſich nämlich bei dieſem literariſchen Unternehmen perſönlich gar ſehr betheiligt. Im Jahre 1790 war ſein Miniſterium am thätigſten ge⸗ weſen, und bei der von Voß beabſichtigten Vergleichung zwiſchen ihm und Pitt hielt er ſich für zu intereſſirt, um nicht zu wünſchen, daß ſolche, auch in einem kleinen Gemälde, mit treuer Wahrheit geſchehe. Forſter nahm in ſeinem Dankſchreiben an Herzberg Gelegenheit ſich über ſein Vorhaben beſcheiden und ent⸗ ſchuldigend zu äußern. Er legte es dem Publikum zur Laſt, daß ein abhängiger Schriftſteller auch mit einer ernſten Arbeit, für die er eine angemeßne Form wäh⸗ len ſollte, ſich den Launen der Leſer und der Toilette flüchtiger, leichtſtnniger Zeitgenoſſinnen untergeben müſſe. Er erwähnte ſeiner äußerſt eingeſchränkten Lage, die ihn in die Nothwendigkeit verſetze, allerlei literariſche Arbei⸗ ten nicht aus eigner Wahl, ſondern nach dem Verlangen der Verleger zu unternehmen; wobei er bedauerte, daß eine ſo unbedeutende Arbeit, welche höchſtens das Ver⸗ dienſt haben könnte, den großen Haufen urtheilsunfähi⸗ ——————ęᷣ—C—— 124 ger Leſer auf eine richtige Anſicht der Dinge zu führen, für den Staatsmann, den erfahrnen Lenker der politiſchen Angelegenheiten einer großen Monarchie, den gelehrten Geſchichtskenner und den erſten Mitwirker in den politiſchen Ereigniſſen unſerer Erde, nicht das mindeſte Intereſſe haben, oder ihm auch nur eine Idee darbieten könne, welche ſein Scharfblick nicht ſchon längſt aus der genauern Kenntniß und Überſicht aller geheimen Triebfedern der Kabinette richtiger und treffender geſchöpft hätte. Herzberg nahm dies Schreiben ſehr freundlich auf. Er fand den Plan des hiſtoriſchen Kalenders ſchön und intereſſant, aber auch ſchwer, weil die meiſten ſolcher Begebenheiten noch mit dem faſt undurchdringlichen poli⸗ tiſchen Schleier des Geheimniſſes, welches ja die Stärke des neuen Staatsſyſtems ſein ſolle, verhüllt ſeien. For⸗ ſter würde vieles aufklären können, meinte er, wenn er ihm nur den dritten Theil ſeiner öffentlichen Schriften, der ſchon gedruckt ſei, mittheilen dürfte, was ihm aber der König auf das Schärfſte verboten habe. Herzberg erbot ſich ſogar, wenn ihm das Manuſcript des Werkes, das ja in Berlin gedruckt werde, auf einen oder zwei Tage vorgelegt würde, dafür zu ſorgen, daß es intereſ— ſant und völlig wahr und unparteiiſch werden, und nichts hinein kommen ſolle, was allen Theilen anſtößig und dem Abſatze nachtheilig ſein könnte. Zugleich hatte er eine vermehrte Biographie von ſich dem Verleger für Forſtern übergeben. Wir haben dieſen berliner Faden ſoweit in unſere Erzählung hereingezogen, weil uns die unerwartete An⸗ knüpfung deſſelben von Bedeutung erſcheint. So kurz führen, litiſchen elehrten litiſchen ntereſſe könne, nauern rn der ich auf. on und ſolcher npoli⸗ Stärke For⸗ enn et briften, m aber erzberg Werkes, er zwei intereſ⸗ nichts g und atte er er für unſere ete An⸗ do kur 125 vor der verhängnißvollen Stelle, wo Forſter's Lebens⸗ pfad zur Revolution umbog, ſtreckte ſich ihm eine mäch⸗ tige Hand entgegen, die unter Umſtänden ſo leicht hätte dazu kommen können, ihn zur Diplomatie hinüber zu ziehen. Freilich hatte Graf Herzberg den rechten Fuß bereits aus dem Miniſterium des Auswärtigen auf die Curatel über die Akademie zurückgezogen; doch mit dem linken ſtand er jetzt noch in des Königs Achtung und Gunſt. Aber die hiſtoriſche Arbeit Forſter's, durch die eine ſo klare und würdevolle, in den drei Sprachen ge⸗ wandte Feder ſich zur Hiſtoriographie für die laufende Geſchichte, zur Schriftführung über die brennenden Fra⸗ gen der Kabinette, zum Sekretär für Manifeſte hätte empfehlen können, verſpätete ſich leider! bis zum Falle von Mainz, mit welchem auch der Freund ſelbſt in's Schwanken kam. Ob freilich ein Mann, der vor Re⸗ volutionen—»ohne Hoſen« nicht erſchrak, vor einge— bildeten oder vorgeſpiegelten Revolutionen»in Schlafrock und Pantoffeln« ſchwach und erbärmlich genug geworden wäre, um auf ſeinem Poſten zu bleiben, iſt eine nicht zu beantwortende Frage. Im übrigen zweifeln wir nicht, daß Forſter einem ſolchen Berufe unter günſtigen Be⸗ dingungen gefolgt wäre. Wir haben wiederholt in ſei⸗ nem Leben eine, oft freilich allzuraſche Bereitwilligkeit zu den verſchiedenſten Beſtimmungen und eine mit freien, umfaſſenden Weltanſichten verbundne große Fügſamkeit ſeiner Arbeitskräfte wahrzunehmen gehabt. Dabei herrſchte, wie es ſcheint, über ſeinem Leben ein ungünſtiger Pla— net, ſo daß er ſich mit ſeinem Kopf in alle Richtungen deſſelben— mit ſeinem Herzen aber in keiner von allen die volle Zufriedenheit finden konnte. Und zu dieſem Zwieſpalte kam nun noch ein wunderbares Spiel des Verhängniſſes mit jenen entzweiten Kräften; indem daſ⸗ ſelbe, wie eben jetzt wieder, dem Freunde immer nur halbe Gelegenheiten, ſich zu helfen und zu retten, im⸗ mer nur neckiſche Winke von entgegengeſetzten Seiten gab, die ihn nur verwirren, nicht aber mit ſich fortreißen konnten, weſſen er doch öfter ſo ſehr bedurft hätte. Wir werden bald finden, daß die mächtige Hand, die dem Freunde jetzt nicht helfen konnte, doch zur rech⸗ ten Zeit noch eine Geldunterſtützung darreichte. Entſcheidende Flucht. Die ſo von einem Staatsmanne begünſtigte Arbeit zog auch den diplomatiſchen Hausfreund Huber mit her⸗ an. Forſter und er laſen vertheilt, und beſprachen ge⸗ meinſam alles, was die Ereigniſſe des Jahres 1790 an⸗ ging. Sie lebten mit ihren Gedanken zwei Jahre hinter dieſen Auguſttagen. Bald aber machte ſich die Gegen⸗ wart mit Trommeln und Pfeifen vernehmbar genug. Der Kurfürſt hatte ſeinen hohen Verbündeten ein Regiment von 2000 Mann zu dem gegen Frankreich beſtimmten öſtreichiſchen Heere zugeſagt. Dies wurde nun gerüſtet, die Rekrutenſchaft eingeübt und ein Lager vor dem Gau— thore abgeſteckt. dieſem el des m daſ⸗ er nur —, im⸗ en gab, treißen h. Hand, ur rech⸗ Arbeit nit her⸗ hen ge⸗ 90 an⸗ hinter Gegen⸗ 3 Der egiment immten gerüſtet, m Gau⸗ Dieſe Spannung in der Nähe erleichterte doch kei⸗ neswegs die ängſtliche und in der Theilnahme der Main⸗ zer zwieſpältige Erwartung von dem Einbruche der Preu⸗ ßen in das franzöſiſche Gebiet. Das Vorrücken derſelben war langſam, auf grundloſen Wegen. Ob die franzö⸗ ſiſchen Feſtungen ſich ohne weiteres ergeben, die franzö⸗ ſiſchen Regimenter mit ihren dreifarbigen Fahnen zu den Verbündeten übergehen würden, war die hinüber und herüber ſchwankende Frage. Der Anhang der Emigrir⸗ ten betheuerten es, die heimlichen Freunde der Revolu⸗ tion lachten dazu. Und Forſter weiſſagte gleich hinter dem Abzuge der hohen Häupter, daß man ſobald nicht nach Paris kommen, und Frankreich in keinem Fall ganz bezwingen werde. Unter dieſem Waffenlärm, unter dieſer Schwüle der Meinungen und Erwartungen überraſchte den Forſter'ſchen Kreis ein Beſuch, der wie eine erlöſende Erſcheinung an die heiterſten Tage des Vaterlandes erinnerte. Goethe, ſeinem Herzoge folgend, der mit dem preußiſchen Heere nach der Champagne zog, verweilte zwei Tage in Mainz. Von der Mittagtafel beim preußiſchen Reſidenten von Stein,»der ſich in Haß gegen alles Revolutionäre ge⸗ waltſam auszeichnete«, kam der kriegeriſche Dichter zum Abende in den Kreis von Sömmering, Forſter, Huber und andern Bekannten und Studiengenoſſen,— Män⸗ nern die im Gegenſatze republikaniſche Geſinnungen nicht ganz verläugneten, aber weniger leidenſchaftlich ſich auf dem Boden der Wiſſenſchaft und heitrer Lebensbezüge hielten. Die Politik entfernt, von der beſten Stimmung mit ergriffen, fand Goethe nach ſchnell abgelegter ſteifen Haltung den geſelligen Ton milder, leichter Anſpruchlo⸗ ſigkeit. Am erſten Abende bei Wein erinnerte der poe⸗ tiſche Gaſt durch gute Einfälle mit Raiſonnement, durch lebhafte, launigkräftige Mittheilung die in Frankfurt heimiſchen Freunde an die Art ſeiner Mutter. Von ihr wurde ihm denn auch manches glückliche, treffende Wort wiederholt. Am zweiten Abende machte das vorgezogne Bier die Unterhaltung etwas ſchwerfälliger. Goethe that noch das Beſte durch Erzählungen aus Italien, in denen er ſich launig und gemüthlich gehen ließ. Hinter ihm her, der des andern Tags über Bin⸗ gen nach Trier reiſ'te, hatten die Freunde an dieſem wunderlichen Feldzug eines Dichters viel zu räthſeln. Da wurde Forſter freilich wieder lebhaft an den»Groß⸗ Cophta« erinnert, den ihm Goethe ſelbſt, nach pomp⸗ hafter Ankündigung, vergangnen Frühjahrs zugeſchickt hatte. Er nannte das Stück— ein Ding ohne Salz, ohne einen Gedanken, den man behalten könne, ohne eine ſchön entwickelte Empfindung; ohne einen Charak⸗ ter, für den man ſich intereſſire.»Dieſer platte, hoch⸗ adlige Alltags-Dialog, rief er aus,— dieſe gemeinen Spitzbuben, dieſe bloß höfiſche Rettung der Königin! Ich that einen Sprung, als ich das Pettſchaft aufriß, und— o What a falling-off was there!« Da blieb denn auch Huber mit ſeinen Bemerkungen über Goethe ſelbſt nicht zurück. Er fand des Dichters Phyſiognomie etwas in's Sinnliche erſchlafft, und zwei— felte an deſſen Begeiſterung für ein höheres Ziel, als das Studium einer weiſen Sinnlichkeit, das er in Ita⸗ lien genommen habe, und nun mit mannichfacher, gegen ruchlo⸗ er poe⸗ „durch ankfurt on ihr Wort gezogne he that denen r Bin⸗ dieſem n. Da Groß⸗ pomp⸗ geſchickt Salz, „ohne Lharak⸗ hoch⸗ meinen nigin! aufriß, ſeinen ehemaligen Schwung oberflächlicher Beſchäftigung mit wiſſenſchaftlichen und realen Gegenſtänden verbinde. In der That ſchien der zu Feld ziehende Dichter die Loſung zu den kriegeriſchen Unternehmungen für Mainz hinterlaſſen zu haben. Auf ſeinen Geburtstag, den 28. Auguſt, bezog die erſte Abtheilung des aus⸗ rückenden Regiments das Lager vor dem Gauthore. Die gedankenloſe Menge ſtrömte hinaus, um, wie Forſter meinte, auf das gute Glück des Feldzuges ihrer vater⸗ ländiſchen Waffen gegen die Volksfreiheit die Bierfäſſer leeren zu helfen, aus denen der Kurfürſt ſeine Krieger begeiſtern ließ. Und doch hatte man bereits nöthig gefunden, durch gedruckte Anſchläge in den Wirthshäuſern alle Unterhaltung über die öffentlichen Angelegenheiten bei Strafe zu verbieten. Deſto prickelnder waren die Bemerkungen geworden, die man an öffentlichen Orten und beſonders auf der Leſegeſellſchaft über die Maßregeln der Regierung nicht zurückhielt. Am heftigſten tadelte man es, daß der Kurfürſt, nachdem er das revolutionäre Frankreich auf beleidigende Weiſe herausgefordert, nun die Stadt und Feſtung doch von Truppen entblöße, und jedem feindlichen Angriff bloß ſtelle. Die unzufriedne Stimmung erhielt immer friſche Nahrung durch die ſchlimmſten Zeitungen aus dem preu⸗ ßiſchen Lager. Die Deſertion war dort ſchon ungeheuer und ſchien zuzunehmen. Krankheiten griffen um ſich. Die franzöſiſchen Prinzen und Emigrirten wurden bald genug von den Preußen ohne Schonung und Rückſicht, ja mit Verachtung behandelt, und was von deren An⸗ 9 — — ͦ— 130 hang noch in Mainz war knirſchte vor Wuth mit den Zähnen. Mit Anfang September zog die erſte, und nachdem auch die zweite Abtheilung einige Tage gelagert hatte, das ganze Regiment mit ſechs Kanonen gegen Speier zu dem unter Befehl des Generals Grafen von Erbach ſtehenden öſtreichſchen Heere. Nur ein paar hundert alte Soldaten blieben in Mainz, zu denen man noch ein 5 bis 600 Mann Reichstruppen, Fuldaer und Naſſauer, in die Feſtung zog. Als gegen Mitte Monats das Erbach'ſche Corps ſich mit den Preußen in Lothringen vereinigte, blieben nebſt einigen hundert Öſtreichern die Mainzer unter dem Oberſten von Winkelmann zum Schutze der Speirer Magazine zurück. Dieſer Oberſt, ein choleriſcher Verfechter des reinſten Deſpotismus, der bei den Worten Freiheit, Menſchenrechte u. d. gl. in Wuth gerathen konnte, verſprach ſich einen glänzenden Triumph über die verächtlichen Nationalgarden, die unter General Cüſtine heranrückten. Statt deſſen wurde er am 29. September von Cüſtine's 8000 Mann völlig geworfen; ſeine Officiere wurden auf Ehrenwort ent⸗ laſſen, die Gefangnen nach Straßburg gebracht. Ein unbeſchreiblicher Schreck kam mit der Nachricht von dieſem Unglück unter den mainzer Adel, die Geiſt⸗ lichkeit und die vornehmen Emigrirten. Der Gouverneur, General von Gymnich, verzweifelte am Vertheidigungs⸗ ſtande der Feſtung, und als der Regierungs⸗Präſident von Frankenſtein den officiellen Bericht über den unver⸗ hofften Schlag in's Zeughaus brachte, wurde mit Zuziehung des Ingenieur-Majors Eickemeyer ſchnell ein nit den nachdem hatte, Speier Erbach zundert och ein aſſauer, ts das hringen ern die zum DOberſt, 3, der gl. in zenden e unter erde er völlig ct ent⸗ ichricht Geiſt⸗ errneur, zungs⸗ äſident unver⸗ e mit ell ein Vertheidigungsplan entworfen.— Die Bürgerſchützen⸗ Compagnie und Huſaren wurden zur Beobachtung des Feindes außerhalb der Feſtung verwendet; die Linien⸗ truppen in die wichtigſten Außenwerke vertheilt, die innern Feſtungswerke aber von den Bürger⸗Compagnien beſetzt. Alle Bau⸗Profeſſioniſten und Pferde auch des Adels wurden zu Feſtungsarbeiten und Aufführung des ſchweren Geſchützes aufgeboten. Junge Handwerksleute ſollten zur Bedienung der Kanonen unterrichtet, die Studentenſchaft bewaffnet und zum Dienſt aufgefordert, und jene Landleute, welche vormals im Miltair geſtan⸗ den, einberufen werden. Nach Darmſtadt und Hanau wurden Abgeordnete geſchickt, um Verſtärkung der Be— ſatzung zu erwirken. Der abweſende Kurfürſt traf am Morgen des 2. October in Mainz ein, genehmigte die getroffnen Maßregeln, ernannte den Domdechanten von Fechenbach und den Kanzler Albini zu Statthaltern, und verließ im Dunkel des Abends halbzehn Uhr die Stadt, ſeine Wappen von den Reiſe⸗ und Gepäckwagen abgekratzt. Der Mann der hohen Politik bedachte nicht, wie leicht ſein abgeſchälter Stammbaum ſich in einen Frei⸗ heitsbaum verwandeln, und hinter dem fliehenden Kur⸗ hute die Jakobinermütze eindringen könnte. Und wie ungeſtuͤm ſtürzte nun hinter dem ausge⸗ brochnen Schlußſteine des mainzer Staates alles nach, was am Gewölbe ariſtokratiſch gefügt und beamtenherrlich behauen war!— Auf die Nacht der Entweichung des Kurfürſteu folgte vier Tage lang eine allgemeine Flucht und ein verzweifeltes Flüchten.— 9* 132 »In keines edeln Mainzers Seele kam der Gedanke: Widerſtand. Jeder dachte zuerſt auf Rettung ſeines Eigenthums, als hätte er vom Staate und von ſeinen Pflichten gegen denſelben im Zeitpunkte der gemein⸗ ſchaftlichen Noth und Gefahr in ſeinem Leben nichts gehört.«— Mit dieſer ſchmerzlich bittern Empfindung wandelte Forſter in dieſen Tagen durch die Gaſſen der Stadt und am Ufer des Rheins,— bisher noch ohne einen revolu⸗ tionären Gedanken im Herzen, und nun ein Zeuge der conſervativen Geſinnung, der Anhänglichkeit an die Mo⸗ narchie von Seite dieſes Adels, der eben auf ſeine Weiſe mit der Revolution brach! Schnell waren die Pferde aus dem Dienſte der Feſtungswerke zurückgezogen, um die bewegliche Habe ihrer Herrn an das Rheinufer zu ſchleppen. Hier dräng⸗ ten ſich unzählige Fahrzeuge von aller Größe, mit Waa⸗ ren und Beſitzthum tief beladen, Jachten und Nachen mit hunderten von Paſſagieren, alles nach Koblenz eilend. Man zahlte unglaubliche Summen für die Fracht der Perſonen und Güter, und die zuletzt Abgehenden ſchätzten ſich glücklich, um zehnfach den Preis, den es die Erſten gekoſtet hatte, fortzukommen. Über 200,000 Gulden ſollen zur Beſchleunigung der Flucht ausgegeben worden ſein. Und ein Darlehn kaum der Hälfte dieſes Betrags hätte Mainz in einen haltbaren Feſtungszuſtand zu ver⸗ ſetzen hingereicht. Und was nicht noch von den geflüch⸗ teten Sachen den Eigenthümern verloren ging! Denn viele vergaßen in der Verwirrung ihre Habe zu adreſſi⸗ ren.—»Zu Lande ging die Auswanderung nicht Hedanke: ſeines n ſeinen gemein⸗ nichts vandelte ndt und revolu⸗ uge der die Mo⸗ e Weiſe ſe der Habe dräng⸗ Waa⸗ Nachen eilend. iht der ſchäßten Erſten Gulden worden getrags zu ver⸗ gellih⸗ Denn adreſſi⸗ nicht 133 beſonnener von Statten. Alle Pferde in der Stadt, alle alten und neuen Fuhrwerke fanden ihre Ladung, und die Brücke war mehrere Tage lang vom frühen Morgen bis zum Thorſchluſſe mit einer ununterbrochnen Reihe von Equipagen, Phaetons, Wiskis, Kutſchen, Chai⸗ ſen, Frachtwagen und Karren bedeckt. Viele franzöſiſche Emigrirte, die neben den mainzer Emigranten weder Pferde noch Wagen bezahlen konnten, flüchteten zu Fuß in's Rheingau und in die benachbarten naſſauiſchen und heſſiſchen Gebiete. Auch die Reichthümer und Koſtbarkeiten der Kirchen, der Domſchatz von mehreren Millionen Werth, wurden eingepackt und von einem Domkapitular nach Düſſeldorf geflüchtet. Das Reichsarchiv, das ſich am Sitze des Reichserzkanzlers befand, und die Landeskaſſen gingen unter Aufſicht der Archivare und Kaſſebeamten denſelben Weg. Die koſtbarſten Effecten des Hofes blieben eben ſo wenig zurück. Daß dieſe Angſt ſich auch auf die wohlhabenden Bürger verbreitete, und ihnen unter den Fußſohlen heiß machte, läßt ſich denken. Doch kaum hatte der Adel und die hohe Geiſtlichkeit ihre Koſtbarkeiten gerettet, ſo erging ein ſtrenges Verbot die Stadt zu verlaſſen und Beſitzthümer fortzuſchaffen. Der Staatskanzler Albini verſammelte die Bürgerſchaft und forderte ſie auf, die Stadt und ihr Eigenthum auf das Außerſte zu verthei⸗ digen. In ſeiner Rede nannte er die Bürger— Brü⸗ der, eine in Mainz ſo unerhörte Herablaſſung, daß ein derber Handwerksmeiſter ſeinem gerührten Erſtaunen nur durch einen Fauſtſchlag auf die Tafel und einen koloſſalen 134 Fluch Luft machen konnte. Leider ſtörte auch dieſen rührenden Auftritt die große Diſſonanz der letzten Tage! Ein allzudienſtgefälliger Bürger rief im Augenblick in die Verſammlung, daß Seiner Excellenz, des gnädigen Herrn Bruders Packwagen die Schiffbrücke ſo eben glücklich paſ⸗ ſirt wären. Capitulation. An einem Manne von Forſter's Geſinnung konnten die Vorgänge dieſer Tage nicht ohne nachwirkenden Ein⸗ druck vorübergehen, wenn ſich ihm gleich anfangs auch noch keine Folgerungen aus dem Eindruck aufdrangen. Begreiflicherweiſe mußte ein ſo reißender Strom der Flucht auch die ruhigſte Atmoſphäre der öffentlichen Meinung in eine Strömung verſetzen, und wer mit guter Überzeugung dem Zuge nicht folgen konnte, mochte ſich leicht gedrungen fühlen, der Richtung ſelbſt zu wider⸗ ſtreben, oder alsbald eine entgegengeſetzte zu ergreifen. In der That erſchien über Nacht die dreifarbige Kokarde am Hut von Männern, wie Profeſſor Hofmann, und in der Schuſtergaſſe wurde dies Abzeichen franzöſiſch⸗repu⸗ blikaniſcher Geſinnung auch ſchon zum Verkaufe gehalten. Doch ſcheint dieſer tricolore Regenbogen der Freiheit auf dem mainzer Sturmgewölke nur erſt bruchſtückweiſe und vorübergehend erſchienen zu ſein. Forſter ſteckte dieſe h dieſen n Tage! in die n Herrn ich paſ⸗ konnten n Ein— 8 auch rrangen. om der entlichen ver mit mochte wider⸗ greifen. Cokarde und in ⸗ repu⸗ ehalten. het auf ſſ und e dieſe Farben noch nicht auf, und puderte auch noch ſeinen kurfürſtlichen Zopf. Aber ſeine Außerung bei dem ſtren⸗ gen Verbote des Auswanderns für die Bürger, das entrüſtete Wort:»Die letzte Zuckung des ſterbenden Despotismus iſt eine himmelſchreiende Ungerechtigkeit mehr«— konnte ſeine Freunde, wie eine Loſung zur republikaniſchen Wendung, beſorgt machen. Zu dieſen würde wahrſcheinlich Sömmering gehört haben. Er befand ſich aber mit ſeiner jungen Frau eben auf einer Reiſe nach Wien. Doch auch Huber, der als ſächſiſcher Geſchäftsträger in Abweſenheit des Ge— ſandten von Bünau mit andern Diplomaten ſich nach Frankfurt zurückgezogen hatte, drang fortwährend in Forſter, Mainz zu verlaſſen. Zwar bekannte er ſich ſo wenig zu einer unbedingten Hofpolitik, daß die Ariſto⸗ kraten ihm demokratiſche Geſinnung zutrauten, während die Demokraten ihn für einen Ariſtokraten hielten. Doch mochte er in dem was bevorſtand mancherlei Gefahren für einen Mann von Forſter's Herzen beſorgt haben; wobei denn freilich auch für ihn ſelbſt durch Thereſens Abweſenheit jedes abendliche Niederlegen ein unvollende⸗ ter Akkord war, dem die letzten, nun ſchon ſo gewohnten Töne fehlten. Forſter hatte ihm gleich anfangs erklärt, daß er ſchon der Confuſion wegen Mainz nicht verlaſſen werde. Anfangs vielleicht in Sorgloſigkeit um den Einfluß, den die franzöſiſche Bewegung auf ihn haben könnte, fand er ſich auch von Seite Thereſens nicht beängſtigt, da ſie gewohnt war, jeden Tag mehr in deſſen Wirkung auf andre, als auf ſie ſelbſt zu berechnen. Nun ſuchte Huber 136 von Frankfurt aus dem Freunde vor dem Eigenſinne der wieder aufgenommenen Vertheidigungsanſtalten bange zu machen, die zum Schutz unzureichend, den andringen⸗ den Feind nur erbittern könnten. Dies ſei auch ohne die andern Rückſichten ſchon Antrieb genug, den Fuß von der Stelle zu ſetzen. Forſter in ſeiner vereinſamten Straße, wo alles bis auf ein einziges Nachbarhaus fortgelaufen war, verwarf alle freundſchaftlichen Capitulations⸗Vorſchläge, und be⸗ harrte bei ſeinem Entſchluß auszuhalten, entrüſtet über die Menſchen, die, ſelbſt auf der Flucht, andre zur Wehr aufforderten, ohne einen Begriff von Verantwortlichkeit für das, was kommen konnte. Auswandern hieß ihm die Feigheit beweiſen, die er doch mit jedem Gutdenken⸗ den an dem Adel und der Geiſtlichkeit verabſcheute. Er rechnete ſich für Mainz nichts Gutes aus den Umſtänden heraus. Der Rhein war weithin zu Berg und Thal ohne Preußen, ohne Kaiſerliche, und Heſſen⸗Darmſtadt hatte, unter Flüchtung ſeiner Truppen nach Gießen, den von Mainz nachgeſuchten Beiſtand mit einer feigen Neu⸗ tralitätserklärung abgeſchlagen. So lag die Stadt der Willkür des anrückenden Feindes rückſichtslos preisge⸗ geben da. Was es da von dem Feinde ſelbſt ertragen würde, mußte er mit Ergebung abwarten. Forſter konnte ſich wegen des bedenklichen Scheins oder Argwohns, den ſein Bleiben auf ihn werfen möchte, um ſo leichter beruhigen, als ſelbſt Heyne, der ängſtlich Umſchauende, des Schwiegerſohnes Entſchluß billigte. Nur vor einem zu vertraulichen Verkehr mit franzöſiſchen Officieren, wenn die Stadt genommen würde, warnte Ligenſinne ten bange ndringen⸗ uch ohne den Fuß alles bis verwarf und be⸗ ſtet über ur Wehr ortlichkeit jeß ihm tdenken⸗ te. Er nſtänden d Thal armſtadt en, den en Neu⸗ tadt der preisge⸗ ertragen Scheins möchte, ingſtlic billigte vſten warnte er; damit Forſter, vielleicht ſchon um ſeines Namens willen lebhaft nachgeſucht, nicht etwa in den Verdacht des Einverſtändniſſes mit dem Feinde fallen möchte. Doch für ein unbedingt unthätiges Verhalten war Forſter von vornherein nicht geſtimmt. Wenn Noth an den Mann ginge, meinte er, und bei Vertheidigung der Stadt etwas für das allgemeine Beſte zu gewinnen wäre, möchte es die Zeit ſein, ſich für ſeine Mitbürger wirk⸗ licher Gefahr auszuſetzen. Dazu rechnete er aber nicht den übertriebenen Eifer, jetzt ſchon perſönlich Wachtdienſte zu thun, wozu ſich auch der Prorector Bodmann ein⸗ fand, der Doctor beider Rechte, der es auch der Statt⸗ halterſchaft gern recht machen wollte. Forſter gönnte lieber jenen Bürgern, die jetzt ohne Verdienſt waren, die 40 Kreuzer, wofür ein Wachtdienſt ſtellvertretend gern übernommen wurde. So ſtand mithin der Freund Mitte Octobers noch auf dem Gedanken einer tapfern Vertheidigung der Stadt. Allein in der Weiſe, wie große Blutverluſte Nervenfieber nach ſich ziehen, mag man ſich den angſt⸗ und erwar⸗ tungsvollen Zuſtand vorſtellen, worin nach der großen Flucht des bisher ſo ſtolzen, ſo hoch pulſirenden mainzer Vollblutes die zurückgebliebene Bevölkerung fieberte. Al⸗ ler Muth ſchien der Stadt wie abgezapft; obgleich das Abgezapfte eben doch der Muth nicht geweſen war. Zum Gefühle der Verlaſſenheit kamen die bedenklichſten, ja bedauerlichſten Nachrichten aus der Champagne über den Widerſtand der Franzoſen und den Zuſtand der Preußen. Dies, und was die bei Speier auf Ehrenwort entlaßnen Officiere, ehe man ihnen Stillſchweigen auferlegte, und die Gemeinen, die man ſchnell auf die Veſte Königſtein entfernte, von der guten Mannszucht des Generals Cü⸗ ſtine und von der Tapferkeit und dem brüderlichen Be⸗ nehmen ſeiner Truppen erzählten,— alles erregte die Gemüther, verwirrte das Urtheil der Parteien, lähmte die Vorſätze und Entſchlüſſe der Bürger, und ſteigerte das Wechſelfieber von Angſt und Hoffnung im Herzen der Bevölkerung. Da wollte der Zuſpruch des umher⸗ reitenden Gouverneurs, Generalfeldzeugmeiſters von und zu Gymnich Excellenz, bei den untern Officieren der Be⸗ ſatzung ſchon nicht mehr verfangen, und ſeine Verſiche⸗ rung, die Stadt bis auf's Hemd zu vertheidigen, machte der Bürgerſchaft eine Gänſehaut. Der noch zurückgeblie⸗ bene preußiſche Reſident von Stein, gewaltſam im Haß gegen alles Revolutionäre, durchſtreifte mit den Land⸗ jägern die Umgegend, trieb aber nur erdichtete Neuigkei⸗ ten über die Flucht der Franzoſen und die Siege der Preußen auf, woran Niemand glauben wollte. Bald fingen die zur Vertheidigung der Stadt vertheilten Ge— nerale ihre Werke und Wälle zu bezweifeln an; die we⸗ nigen noch Stand haltenden Ariſtokraten ereiferten ſich allmählich darüber, daß man ſte bis jetzt mit ſo falſchen Nachrichten über„die edle und tapfere Nation der Fran⸗ zoſen« getäuſcht habe; die Bürger bangten um ihre Hab⸗ ſeligkeiten um ſo lebhafter, als der Adel die Seinigen glücklich gerettet, und dabei unverſehens alle Vaterlands⸗ liebe, Tapferkeit und Aufopferung mit eingepackt hatte. Der umherſchleichende Mißmuth fing endlich an zu murren. Man ſchalt es Unſinn, einem ſo tapfern Feinde mit ohnmächtigen Kräften— ſeinem republikaniſchen En⸗ nigſtein 1s Cü⸗ en Be⸗ gte die lähmte teigerte Herzen umher⸗ en und er Be⸗ erſiche⸗ machte geblie⸗ Haß Land⸗ Fran⸗ Hab⸗ nigen unds⸗ hatte. n zu einde En⸗ thuſiasmus mit dem Flickwerke deutſcher Reichsbollwerke Widerſtand leiſten zu wollen. Dazwiſchen erſchallte durch die Fenſter der Leſegeſellſchaft zu den laut geleſ'nen fran⸗ zöſiſchen Journalen Händeklatſchen und Beifallsjubel, hin⸗ ter welchem her der Erlaß der Statthalterſchaft vom 13. October mit der freundlichen Miene althergebrachter Nach⸗ ſicht doch von der allgemeinen Angſt ein wenig auffallend hinkte. Der Domdechant vertraute zu ſehr dem gutden⸗ kenden und»für ſeine eigne Ruhe rühnlich be⸗ ſorgten Publikum,« um der Neugierde der Ein⸗ wohner jene Aufruhr predigenden Blätter noch zur Zeit zu entziehen, verſah ſich aber zu den Gliedern der Leſe⸗ geſellſchaft, daß ſie nur den»nöthigen« Gebrauch davon machen, und ſich keine applaudirenden Bemerkungen er⸗ lauben würden. In ſolcher Stimmung konnte ein Huſar auf Streif⸗ wacht eine Schafherde für feindliche Colonnen anſehen, und verhängten Zügels zur Stadt und die Stadt in die größte Unruhe ſprengen. Ein falſcher Alarmſchuß bringt fuldaer und weilburger Beſatzung auf die Beine, um— Reißaus über den Rhein zu nehmen; bei welcher Gele⸗ genheit die niedergeſchlagnen Einwohner einen für ein paar Tage erquicklichen Rheinſchnakenwitz gewinnen; in⸗ dem nun jeder aus Mainz Entflohene— ein Weil— burger genannt wird,— in der mainzer Mundart ein Bürger der da weilt. Da ſcheint freilich aller Muth und Troſt ſich zu den Generälen hinter die Feſtungswerke zurückgezogen zu haben, und ſie halten bei ſo übeln Anzeichen Kriegsrath, unter Zuziehung des einzigen bürgerlichen Officiers, des Ingenieurmajors Eickemeyer. Dieſer legt einen Verthei⸗ digungsplan vor, und entwickelt ihn mit muthigem Hoffen unter den immer verdrießlicheren Mienen der Generäle. Unglücklicherweiſe werden ſie durch abermaligen Lärm über den annahenden Feind unterbrochen. Der Gouver⸗ neur hebt die Sitzung auf; allein Eickemeyer tritt ihm entgegen und beſteht auf einer Beſchlußnahme. Es gilt— Ob's edler im Gemuͤth die Pfeil' und Schleudern des wuͤthenden Cuͤſtine zu dulden, oder ſich waffnend gegen eine Revolution mit ihr zu brechen?—— Die Feſtung verlaſſen oder vertheidigen? lautet die kurze martialiſche Frage des Gouverneurs. Verlaſſen! iſt die noch kürzere Antwort der tapfern Generäle, und Eickemeyer packt ſeine Pläne ein. Die Statthalterſchaft war dieſes Beſchluſſes nicht wenig erſtaunt, zumal der Gouverneur, der Vertheidiger bis auf's Hemd, dieſe Erklärung in voller Uniform über⸗ brachte. Inzwiſchen hatte ſich der Lärm, der jene Erge⸗ bung herbeigeführt, als ungegründet erwieſen, und man konnte die Sache noch weiter und in beſſere Überlegung nehmen. Dennoch ließ der Vorgang nichts Beſſeres er⸗ warten; wenn nicht etwa ein von preußiſcher Seite be⸗ triebener Waffenſtillſtand und Separatfriede, worüber neue Nachrichten einliefen, den vorrückenden Cüſtine auf⸗ halten dürften. Forſter ſah bei dieſen Neuigkeiten weiter, als auf die zu ſolchen Anträgen drängende Noth der preußiſchen Armee, die am Verhungern war, deren Ruhrkranke die Spitäler füllten und deren abgetriebene Pferde ſielen.— Verthei⸗ Hoffen eneraͤle. Lärm houver⸗ tt ihm Gs 2—— ttet die apfern nicht eidiger über⸗ Erge⸗ d man legung es el⸗ te be⸗ rrüber 1d auf⸗ s auf Fiſchen ke die en.— 141 »Welche Baſis zum Frieden wird man nehmen?« fragte er.»Wer wird die Zeche bezahlen, wer wird das Opfer ſein? Ehre iſt nicht mehr das Wort, aber welche In⸗ famie kann noch erſonnen werden, um die Schande zu decken?«— Inzwiſchen benutzte man in Mainz die harrende Zeit zur Ausführung der Vertheidigungs⸗Anſtalten. Auch rückte zur Beſatzung eine öſtreichiſche Schwadron ein, und 800 aus den Spitälern entlaßne, und nach den Nieder⸗ landen beſtimmte Kaiſerliche wurden in die Stadt gezo⸗ gen, bewaffnet und in die Werke vertheilt. Am 19. October rückten endlich die Franzoſen un⸗ ter die Feſtung. Eine anſehnliche Colonne drang gleich, unbekannt mit der Umgebung, und von der verblüfften Beſatzung unbehindert, zwiſchen die Linien zweier Haupt⸗ forts ein. General Cüſtine ſchlug ein Lager, und foderte die Feſtung ſich zu ergeben auf. Der Gouverneur hielt das Schreiben ſtillſchweigend für ſich zurück, um ſich Be⸗ denkzeit zu nehmen. Innerhalb der Stadt ging es in dieſen Tagen bunt genug zu. Bürgerpoſten verließen beim erſten Kanonen⸗ gruße ihren Platz. Schreiner⸗ und Schloſſergeſellen be⸗ dienten die Kanonen in Ermangelung der rechten Be⸗ mannung; an Schießbedarf war eben kein überfluß, und ſelbſt die Kugeln nahmen an der allgemeinen Ver⸗ wirrung Theil, und gelangten mit ihrem verſchiednen Kaliber gewöhnlich an die unrechten Batterien. Aus dem feindlichen Lager kamen einzelne, gerade nicht ſehr unartige Kanonenmahnungen, von denen einige Kugeln in die Straße der Forſter'ſchen Wohnung ſielen. Sie — — ů müſſen doch nicht ſehr ſchreckhaft geweſen ſein; denn die kleinen Mädchen ließen ſich von der Mutter aus»Tau⸗ ſend und eine Nacht« erzählen, und durften ſelbſt über die Gaſſe zu Geſpielinnen gehen, wo der junge Englän⸗ der ſie nach Hauſe abholte. Bald erfolgte eine zweite Aufforderung, begleitet von einer an die Bürgerſchaft gerichteten beruhigenden, Freiheit verkündenden Anſprache. Dieſe behielt man im Kriegsrathe zurück. Man fürchtete eine Geneigtheit der Stadt für die Franzoſen, gerade etwas, was man doch bei dem ſtillen Vorhaben, ſich in Hemd und Uniform zu ergeben, als guten Beweggrund hätte benutzen können. Denn im Kriegsrathe, der nun wieder zuſammen kam, erklärte ſich alsbald der dem Kurfürſten verwandte Ge⸗ neral, Graf Hatzfeld, in der vom Gouverneur angegebe⸗ nen Tonart, für die Capitulation. Die übrigen Gene⸗ räle eilten presto mit ihren Abſtimmungen nach, und der Gouverneur wußte auch die Diſſonanz der Eickemeyer'⸗ ſchen Einwendungen ſchnell aufzulöſen. Gegen die ein— ſprechende Statthalterſchaft berief ſich der Gouverneur auf die zuſtimmende Anſicht des kriegskundigen preußiſchen Reſidenten von Stein, der ſich auf das Brechen mit der Revolution verſtand, bezog ſich ferner auf ſeine eigne, bis auf's Hemd entkleidete Einſicht in die Lage der Sa⸗ chen, und zu ſeiner vollſten Rechtfertigung auf ſeine vom Kurfürſten erhaltene Vollmacht. Und ſo zogen ſich die genehmigenden Statthalter, die eben keine Stadterhalter waren, auf die gewiſſenhafte Beruhigung zurück, daß doch durch ſolch' eine Capitula⸗ tion das gute Mainz vor Bomben und glühenden denn die »Tau⸗ iſt über Englän⸗ begleitet genden, nan im heit der an doch Uniform können. en kam, tte Ge⸗ gegebe⸗ Gene⸗ h, und emeyer⸗ die ein⸗ eur auf ußiſchen mit der eigne, Tr Sa⸗ ne vom thalter, enhafte pitula⸗ henden Kugeln, vor unwiderſtehlichen Sturmleitern und republi⸗ kaniſcher Plünderung mit Gottes Hülfe behütet werde. In der Nacht vom 20. auf den 21. wurde durch Geheimrath Kalkhof und Ingenieur Eickemeyer mit den Franzoſen unterhandelt,— bedeutſam genug in dunkler Octobernacht des Neumonds, von Sonnabend auf Sonn⸗ tag, von Wendelin auf Urſula des mainzer Kalenders. Die guten Bürger der Stadt hörten erſt davon nach dem ungeſtörten Frühſtücke, als am 21. Morgens 10 Uhr der kaiſerliche Hauptmann Andujar, da er auf ſeine ſchriftliche Anfrage wegen der Capitulation von des Herrn Gouverneurs von und zu Gymnich Excellenz keine Er⸗ klärung erhielt, mit 1100 übergabsunwilligen Öſtreichern klingenden Spiels über die Rheinbrücke abzog. Unter der Mittagglocke öffneten ſich die Thore. Haufenweiſe liefen die ſonntäglichen Städter in's franzö⸗ ſiſche Lager, wo eben Nationalkokarden von geſponnener Wolle vertheilt wurden. Der Janhagel fiel über die Weinberge der Univerſität und des St. Victorſtiftes wie ein gefräßiger Staarenſchwarm her, und beſorgte ſo die reife Octoberernte. 144 Verſuchungen. Noch am Abende des 21. beſetzten die Franzoſen jene Thore, die eine Verbindung des Lagers mit der Stadt offen hielten, und Cüſtine bezog mit ſeinem Ge⸗ folge das Schloß und die Zimmer des Kurfürſten. Am folgenden Tage rückte die Beſatzung der Reichstruppen aus. Cüſtine bewilligte jedem Officier ein Reitpferd aus dem kurfürſtlichen Marſtalle und dem Gouverneur die ſechs Iſabellen des Kurfürſten. Sie wurden angenom⸗ men; aber jenſeit der Brücke verpflichtet Herr v. Gymnich die Officiere bei Dienſtentlaſſung, die Pferde an den Kurfürſten nach Erfurt zurückzuliefern.—»Hurrah die Gäul'!«— Wenigſtens wollte er ſeinem Herrn doch die Gäule retten, nachdem er die Reſidenz und Reichsfeſtung verſpielt hatte.»Verſpielt« war die Parole der leicht⸗ herzigen Beſatzung.»Wir haben Mainz verſpielt!« war das kurze Soldatenwort, das eigentlich auf den Kurfür⸗ ſten zurückfiel, der mit ſo lumpigen Matadoren von Ge⸗ nerälen das Spiel ſeiner hohen Politik— remis oder gar bete gegeben. Die Franzoſen zogen ein, nur von den Revolutions— freunden mit Jubel begrüßt. Die Nationalgarden theil⸗ weiſe blau mit roth uniformirt, zur Hälfte zerlumpt in bunten Anzügen deformirt; anſehnlicher die Linientrup⸗ pen; am vortheilhafteſten ausſehend die Reiterei und das Geſchütz mit guten Pferden. Im Ganzen charakteriſirten ranzoſen mit der hem Ge⸗ n. Am Ztruppen ferd aus eur die genom⸗ hymnich an den rah die doch die feſtung leicht⸗ 1« war Kurfüt⸗ von Ge⸗ is oder utions⸗ theil⸗ mpt in jentrup⸗ und das rriſttten ſich die Truppen durch leichte, loſe Haltung in Schmutz und Frohſinn, durch Schwärmerei für Cüſtine und Brü⸗ derlichkeit mit ihren Officieren. Gegen 15,000 Mann wurden als Beſatzung untergebracht und einquartiert. Forſter war glücklich genug, den Quartiermeiſter, einen Braunſchweiger, zu gewinnen, der die ihm beſtimmten 20 Mann ſtrich, und ſich dafür in's Quartier ſetzte. Auch Forſter war mit Frau und einigen Freunden vor das Thor hinausgegangen, wo ſie zuerſt einige luſtige Soldaten erblickten, die einander die umherlie— genden Kanonenkugeln zuſchoben. Vive la république! rief ihnen Forſter grüßend zu. War es, vielleicht un⸗ überlegt, eine Orakel⸗Frage wegen ſeiner Betheiligung an der nächſten Zukunft: ſo erhielt er eine Antwort, die er ſich konnte zur Warnung dienen laſſen.— Sacré! ——— fluͤchte der Franzoſe, elle vivra bien sans Vous!— Cüſtine's erſtes öffentliches Auftreten geſchah auf dem Rathhauſe. Ein Mann von etwa 50 Jahren, na⸗ türlichen würdevollen Anſtandes, übrigens nur durch ei⸗ nen mächtigen Schnurrbart und kleine, unruhige Augen auffallend, hielt er an die kleine Verſammlung eine An⸗ rede, worin er alles beim Alten zu laſſen, und den Bürgern die Wahl einer Verfaſſung freizuſtellen verſprach. Er werde ſte bedauern, wenn ſie zum alten Deſpotismus zurückgriffen, ſie aber unterſtützen, wenn ſie die freie franzöſiſche Verfaſſung vorziehen und ſich zu einer rhei⸗ niſchen Republik ordnen wollten.— Nur einzelne Stimmen riefen: Es lebe die Freiheit! Es lebe die Republik!— 10 Nun betrieb auch gleich ein Adjutant Cüſtine's die Bildung eines Clubs. Manche der anweſenden Mainzer ſtutzten; wer ihn aber auch lebhaft beſtritt, war Forſter, indem er nachwies, daß damit weder dem öffentlichen Wohl noch dem Privat⸗Intereſſe gedient ſei. Der Ad⸗ jutant konnte ihn nicht widerlegen; aber es fehlte nicht an überſpannten Köpfen, die dennoch einen Club durch⸗ ſetzten. Cüſtine bewilligte zu dieſen Verſammlungen den prachtvollen Konzertſaal im Schloſſe, und eröffnete die— ſelben mit einer Anrede. Forſter nahm keinen Antheil weder an dem Tiſche der erhitzten Sprecher und Tyrannenhaſſer, noch unter der von kalter Neugierde hingetriebenen Zuhörerſchaft. Dagegen bemühte er ſich für die Wiedereröffnung des Theaters, um die fremden Officiere zu unterhalten und das Publikum zu„humaniſtren«, wie er es nannte. Denn das mainzer Volk erſchien ihm in dieſen Ta⸗ gen gar erbärmlich. Er hatte es noch nie in ſolcher Leere und Charakterloſigkeit erblickt. Verblüfft und wie ſtupid, konnte es ſich in den Umſchlag der Dinge nicht finden, und wußte weder wie ihm geſchehen war, noch wie es ohne ſeine entflohenen gnädigen Herren auskom⸗ men ſollte. Dadurch gewannen die paar zurückgebliebenen Regierungsmänner und auf dem Lande die kurfürſtlichen Beamten einen geheimen Einfluß, die Maſſen zu ängſti⸗ gen und mit Zweifeln zu verwirren. Bald waren auch Spione der Entflohenen und geheime Correſpondenzen mit dem unſtäten Hofe zu ſpüren.— Zwar den Kur⸗ fürſten haßte man allgemein, da er ſein Land ſo ſchnöde verlaſſen, und die öffentlichen Kaſſen, ſogar die Witwen⸗ ines die Mainzer Forſter, fentlichen Der Ad ate nicht b durch⸗ igen den nete die⸗ m Tiſche ſch unter rerſchaft. ung des en und nte, eſen Ta⸗ ſolcher und wie ge nicht r, noch auskom⸗ liebenen rſtlichen angſti⸗ en auch ndenzen en Kur⸗ ſchnöde Witwen⸗ und Pupillenkaſſegelder, mitgenommen hatte. Dagegen verlangte man und ſendete auch nach dem Coadjutor. Ob dieſer ſich aber dazu verſtehen werde, als bloßer Biſchof von Mainz zu erſcheinen, bezweifelte Forſter.— So bewußt und bedacht aber der Freund ſich auch zurückhielt, war ihm doch nicht beſtimmt, von dem großen Umſchwung des mainzer Lebens unberührt und unergriffen zu bleiben. Und da ihn das Verhängniß an keinem Freiheitsſchwindel, an keiner republikaniſchen Schwärmerei faſſen konnte, ergriff es ihn bei ſeiner geiſtigen Bildung und Begabung.— Von allen öffentlichen Anſtalten ſah ſich nämlich zu⸗ erſt die Univerſttät in ihrem Fortbeſtande bedroht. Es blieb nicht bei jener Plünderung ihrer Weinberge, und daß der Pöbel ihren Holzvorrath von 200 Klaftern ver⸗ ſchleppte. Eine dauernde Erſchöpfung ihrer Eriſtenz ſtand bevor; indem die Bauern von der neuverkündigten Frei heit wenigſtens das Kapitel der aufgehobenen Zinſen und Zehnten ſehr ſchnell begriffen, und ſofort ſich dieſes fette Stück der eingebrachten Freiheit und Gleichheit heraus⸗ nahmen. Drei Viertel der Univerſitäts⸗Einkünfte beſtan⸗ den aber aus dieſen Abgaben, und es ſah bereits darnach aus, daß das letzte Beſoldungsquartal der Profeſſoren nicht ausbezahlt werden könnte, und falls nicht etwa ein Erſatz aus den Gütern des Domkapitels bewilligt würde, die Anſtalt gänzlich eingehen müßte. Daher fand es die Univerſität gerathen, mittelſt einer feierlichen Begrüßung des Generals Cüſtine aus ihrer Mitte ſich um deſſen Schutz und Beiſtand zu be⸗ 10* ———„ 148 werben. Forſter's Gewandtheit im Franzöſiſchen und im äußern Benehmen verſchaffte ihm die Ehre an der Spitze der Deputation das Wort zu führen. Er hielt eine kurze Anſprache, wiewohl nicht frei, ſondern vom Papier ab, und Cüſtine antwortete aus dem Stegreif, wohl⸗ geordnet und keines Punktes vergeſſend, ſo günſtig, als es die Univerſität nur verlangen konnte; indem er ſtatt der Zehnten, die freilich als ein Theil des gothiſchen Feudalgebäudes nicht fortbeſtehen könnten, nach dem Bei⸗ ſpiele Frankreichs die Beſchaffung andrer Fonds in Aus⸗ ſicht ſtellte. Er bat ſich Forſter's Aufſatz aus, und ließ den Freund nicht lang in Zweifel darüber, daß er von ihm, ſchon durch das vom gewöhnlichen mainzer Kau⸗ derwälſch ſich unterſcheidende Franzöſiſch, eine gute Mei⸗ nung gefaßt habe. Hiermit war es indeß nicht abgethan. Und wenn in ruhigen Zeiten ein brauchbarer Mann ſeine Neider hat, die ihn überall verdrängen, ſo fehlt es in den Tagen des Umſturzes den meiſten Menſchen nicht an Angſt oder Klugheit— ihn recht gern vorzuſchieben. Forſter's Verhältniſſe zur Univerſität brachten es mit ſich, daß er auch mit dem General⸗Kriegs⸗Commiſſariat zu thun bekam, um die Lieferungen der Univerſität zu regu⸗ liren. Dabei fand er Gelegenheit, die nothwendige Ver⸗ ſehung der Stadt mit Salz und Holz zu empfehlen. Und da man ihn hier als rechtſchaffnen Mann kennen lernte, gewann er immer mehr Zutrauen, ohne daß er einen abſichtlichen Schritt gethan hätte. Er bedachte nur, daß er ſich ſolchen Geſchäften ohne Undank gegen die Univerſität und die Mainzer ſelbſt, unter denen er und im er Spitze jelt eine Papier „wohl⸗ tig, als er ſtatt sthiſchen em Bei⸗ in Aus⸗ und ließ er von er Kau⸗ e Mei⸗ wenn Neider in den icht an ſchieben. nit ſich, riat zu regu⸗ eVer⸗ fehlen. kennen daß er edachte gegen nen er bisher gut gelebt habe, unter den jetzigen Umſtänden nicht entziehen dürfe, und daß er zugleich mancherlei Hülfe oder Abhülfe leiſten könne. So fand er ſich, ſchon allein um Schutzwachen auf das Land zu verſchicken, wo die Soldaten übel hauſ'ten, zu unzähligen Gängen veranlaßt; man wendete ſich brieflich und mündlich an ihn; ſo daß er ſich bald genug als ein Geſchäftsmann im Kleinen vorkam. Wie verlockend aber gerade eine ſolche Thätigkeit für Forſtern war, der es immer beklagt hatte, daß des Schreibens zu viel und des Handelns zu wenig in der Welt ſei, wiſſen wir ſchon aus jenem Selbſtempfehlungs⸗ briefe an d'Elhuyar, worin er ſeinen— penchant pour les affaires de preference aux Sciences bekannt hatte; nun noch doppelt verlockend, nachdem die unzureichende Schriftſtellerfeder ihn ſo oft im Stiche gelaſſen, und ſo vielfach verdrießlich gemacht hatte, die jetzige Bewegung ihn aber geſund, heiter und gutes Muthes ſtimmte. So überſtäubte ſich bald ein wenig das vielgereiſ'te Schreibſchränkchen von Acajou, und jener ariſtokratiſche Faden am hiſtoriſchen Kalender für 1793 zerfaſerte ſich, da das Buch zu Michaelis nicht fertig wurde, in bruch⸗ ſtückartige»Erinnerungen aus dem Jahre 1790,“ zu denen nun die vorbereiteten Kupfer verwendet wurden. An dieſen flüchtigen Bildern knüpfte doch Graf Herzberg noch einmal an, und die Abſicht iſt nicht zu verkennen, daß er Forſtern, für den ſeine auswärtigen Freunde bereits bangten, noch am Scheidewege zur Re⸗ volution gern zurückgehalten hätte. Herzberg bezeugte A△ 150 ſeine Dankbarkeit für die»vortreffliche Art,« wie Forſter ſein Miniſterium geſchildert habe, wie zu ſeiner Verwun⸗ derung der Sinn ſeiner Miniſterial-Grundſätze vollkom⸗ men getroffen ſei. Er deutete ihm dann einige der Hauptgeſichtspunkte für ſeine miniſteriellen Beſtrebungen an, über die er nichts veröffentlichen dürfe, und ſchickte ihm durch Buchhändler Voß einige ſeiner literariſchen, auch politiſchen und ökonomiſchen Schriften, aus denen Forſter wenigſtens im Großen ſehen könnte, was er ge— than habe. Zum Schluſſe ſpricht er die Hoffnung aus, „daß Forſter immer ein ächter Deutſcher und ein guter Preuße bleiben werde,« und verſpricht das Mögliche dazu beizutragen, wenn nur erſt der liebe Friede hergeſtellt ſei. Und um Forſtern gleich ganz monarchiſch zu zeich— nen, möchte er ihm als Mitgliede der Akademie gern auf ſicherm Wege die große ſilberne Medaille mit des Königs ungemein gut ausgearbeitetem Bildniſſe ſchicken. Üübertritt zur Revolution. Es war zu ſpät. Kurz vor jenem, den 13. No⸗ vember gethanen Schritte Herzberg's hatte Forſter der Revolution eine Hand geboten, und wir fürchten, ſie wird ihn feſthalten. Er hatte nämlich bei Gelegenheit jener Geſchäfte für Mainz und die Univerſität bemerken wollen, wie der Forſter Verwun vollkom⸗ dige der ebungen ſchickte griſchen, s denen ser ge ing aus, in guter che dazu rgeſtellt u zeich e gern nit des ſchick en heſchäͤ fte wie der 151 Wille des Volkes ſich immer deutlicher entwickle, indem man wahrnehme, daß der entflohne Fürſt und Adel ſeine Anſprüche an Mainz gar nicht geltend mache, und die entſchiedne Übermacht der Republik im ganzen Kampfe keine Hoffnung auf eine etwaige Wiederabtretung des Landes übrig laſſe. Jetzt ſchien es ihm Pflicht, die noch unentſchieden gebliebenen Wenigen zu einer Entſcheidung aufzumuntern, und ihnen die Freiheit in ihrem wahren wünſchenswerthen Lichte zu zeigen. Er trug kein Beden⸗ ken mehr zur Volksgeſellſchaft zu treten, und ließ ſich in der gewöhnlichen Abendſitzung des Clubs von dem eifrigen Doctor Wedekind, Thereſens Arzte, dem er es bisjetzt ſtandhaft abgeſchlagen hatte, einführen. Hatte man dort allerdings die Augen ſchon lange auf ihn gerichtet, ſo daß es ihm auch gelang, die ſchon entzwei ten Gemüther zu einigen: ſo blieb doch ſein Schritt von Seiten der ſtillen Anhänger des Kurfürſten eben ſo we nig unbeachtet. Seine frühere Dedication, worin er die Verdienſte dieſes Fürſten und die von demſelben empfang nen Wohlthaten öffentlich anerkannt, und es ausge ſprochen hatte, daß ihm vom Kurfürſten das Vaterland wieder geſchenkt worden ſei, war nicht vergeſſen worden Man zog ſie hervor, und bezeichnete ihn damit als undankbar und verrätheriſch. Daß der Kurfürſt vom Sommer 1789 für Forſtern ein Andrer war, als Erthal nach abgekratztem Chaiſenwappen im October 1792, be⸗ dachten dieſe Altmainzer nicht, und eben ſo wenig, daß für ſie ſelbſt der Kurfürſt nicht mehr der Alte blieb, nachdem er das Land, mit welchem es Forſter noch immer hielt, ſo treulos verlaſſen hatte.— Bedenklicher war ein zweiter Schritt, den Forſter bald nach dem 5. November that. Schon unter den Verhandlungen mit Cüſtine und deſſen Commiſſären hatte Forſter die Vermuthung gefaßt, man beabſichtige, ihn zum Mitgliede der neuen Behörde für die Verwaltung des linken mainzer Rheinufergebietes von Speier bis Bingen zu machen. Aus bloß pflicht⸗ getreuem Verbleiben in Mainz und in ſeinem Amte ſollte er alſo in den Dienſt der franzöſiſchen Eroberung über⸗ treten. Es galt nicht mehr bloß, ſich bei den ſtegreichen Fremden für eine öffentliche Anſtalt und für ſeine Mit⸗ bürger zu bethätigen, ſondern eine Provinz adminiſtri⸗ ren zu helfen, die von dem Feinde vielleicht dem Vater⸗ lande entfremdet werden konnte. Dies war eine Sache der ernſteſten Überlegung. Und wie Forſter um jene Zeit die Lage der Dinge in's Auge faßte, läßt uns vermuthen, daß ihm dieſe Tage nicht ohne innern Kampf vorübergingen. Der Gedanke der Flucht aus den bevor⸗ ſtehenden Verwicklungen blieb ihm nicht fremd. Aber er gab ihn auf, weil er Frau und Kinder eben nicht auf⸗ geben konnte. Sodann bot ihm Thomas Brand, der junge engliſche Hausgenoſſe, die Mitreiſe nach Italien an. Auch er trieb, aus Abneigung gegen die Franzo⸗ ſen und bekümmert um Forſter's Geſchick, den Freund an, Mainz zu verlaſſen. Allein, war dies etwas anderes als Flucht, und ſtand neben der Sorge für die Seinigen nicht auch ſeine bürgerliche Eriſtenz auf dem Spiele? Er hatte in dieſer Angelegenheit auch mit Huber eine Zuſammenkunft in dem, zwiſchen Mainz und Frank⸗ furt gelegnen Städtchen Höchſt, wohin er Sonntags den en Forſter iſtine und ng gefaßt, Behorde fergebietes ß pflict⸗ mte ſollte ung über⸗ ſiegreichen eine Mil⸗ dminiſtri⸗ n Vater⸗ ne Sache um jene äͤßt uns n Kampf en bevor⸗ Aber er icht auf⸗ ind, der Italien Franzo⸗ Freund anderes Seinigen iele? t Huber Frank⸗ ags den 28. October mit Thereſen und Brand fuhr. Huber war immer noch dafür, daß Forſter Mainz verlaſſe; wogegen dieſer ihm begreiflich zu machen ſuchte, daß er ſelbſt, von ſeinem Miniſter noch immer ohne Inſtruction gelaſſen, eben ſo gut in Mainz, als in Frankfurt ſein könne, und daß er dabei vielleicht noch einen diplomati⸗ ſchen Dank verdiene, indem man unter den jetzigen Umſtänden von Dresden aus wohl eben ſo ungern ver⸗ bieten als befehlen möchte.— Was aber auch bei dieſer Zuſammenkunft mag beſprochen und verabredet worden ſein: Forſter blieb auf ſeinem Platze. Aber er faßte mit ernſtem Blicke ſeine eigne und die Lage von Mainz und von Deutſchland in's Auge. »Es iſt eine der entſcheidenden Weltepochen, in welcher wir leben,« war ſeine Anſicht.»Seit der Er— ſcheinung des Chriſtenthums hat die Geſchichte nichts Ahnliches aufzuweiſen. Dem Enthuſiasmus, dem Frei⸗ heitseifer kann nichts widerſtehen, als etwa die in Stu⸗ pidität verſunkne Verfaſſung Aſiens.« Dennoch hielt er Deutſchland zu keiner Revolution reif. Unſer rohes, armes, ungebildetes Volk könne nur wüthen, aber nicht ſich conſtituiren.»Ich möchte bittend vor allen Fürſten Deutſchlands ſtehen, ſagte er, und ſie um ihres eignen Lebens und um des Glückes ihrer Völker willen bitten, es bei dem, was geſchehen iſt, bewenden zu laſſen, nicht alles auf's Spiel zu ſetzen, wo es unfehlbar verloren gehen muß, und zwar wie ver⸗ loren gehen!« Und nun ſeine mit Mainz ſo innig verwebte Lage! Den Kurfürſten wußte man in dieſem Augenblick in —— 154 Hannover, der Coadjutor mochte nicht nach Mainz kom— men, und vom Kapitel bekümmerte ſich Niemand darum, zum Beſten des Adels, der Geiſtlichkeit und der alten Verfaſſung auch nur ein Wörtchen zu ſprechen.»Feig und adelig fingen an ſynonym zu werden.« Was war in ſolcher Lage zu thun? Eine Art von Sein oder Nichtſein war hier die Frage. Sollte Forſter ſein Haus und was er alles beſaß verlaſſen, und auf's gerathewohl mit Frau und Kind umher irren, bis es ihnen an Mit⸗ teln des Weiterkommens fehle; oder— ſollte er bleiben, die Univerſität aufrecht zu erhalten, ſich der Bürgerſchaft anzunehmen, ſie auf vernünftigem, gemäßigtem Wege ſo zu führen, daß ihnen bei dem Frieden die Wiederver⸗ einigung mit dem deutſchen Reiche, wenn ſie nothwendig ſein würde, nicht nachtheilig werde, und bei dieſer Lauf⸗ bahn zu wagen, was zu wagen ſei?„»Ich ſehe ein, lautete ſein Entſchluß, daß ich das Letztere wählen muß, wenn ein Funken Liebe für das Wohl Aller, wenn einiges Gefühl von Würde in mir ſelbſt, wenn Sorge für die Meinigen mit leitet.« Und dazu trieb denn ferner auch die Gährung in der Stadt, die nahe Trennung der Bürger in Parteien, die Nothwendigkeit Ruhe, Einigkeit, Geduld unter ihnen zu erhalten. Und zu dem allen ſollte ihm durch eine Theilnahme an der Landesverwaltung die günſtigſte Stel⸗ lung geboten werden.—»Alles kommt hier auf die einzige Frage an, ſchrieb er anfangs November, was jetzt der wahre Vortheil des Landes ſei, und ich beant⸗ worte ſie mir ohne alle Rückſicht auf politiſche Verhält⸗ niſſe des eventuellen Beſitzes ſo, daß ich glaube, es ſei nin; kom⸗ d darum, der alten „Feig Vas war ein oder in Haus athewohl an Mit⸗ bleiben, rgerſchaft Wege ſo jederver⸗ hwendig r Lauf⸗ ehe ein, en muß, wenn. 2 Sorge rung in arteien, r ihnen ch eine e Stel⸗ auf die r, was beant⸗ Verhäͤlt⸗ es ſei die Erhaltung des Privateigenthums. Demjenigen, der einſt in Frieden Herr des mainzer Landes wird, wer es auch immer ſei, muß es ein höchſt erfreulicher Gedanke ſein, das Land nicht erſchöpft, den Bauer nicht zu Grunde gerichtet, den Handwerker nicht am Bettelſtabe zu ſehen.« Wird nicht hier noch jeder Conſervative unſerm Forſter die Hand reichen?— Aber vielleicht läßt er ſie ſchon fahren, wenn er weiter hört: »Zum eigentlichen Demagogen bin ich freilich mit meinem etwas philoſophiſchen Zuſchnitt verdorben; daß ich aber den Mainzern von Herzen Freiheit wünſche, will ich nicht leugnen, und daher werde ich auch ihren Be⸗ mühungen um dieſelbe kein Hinderniß in den Weg legen, des feſten Glaubens, daß— wenn die Frankenverfaſſung jetzt hier angenommen wird, und im Frieden Mainz doch wieder Deutſch werden ſollte, Frankreichs Garantie uns unfehlbar eine modificirte, immer verhältnißmäßig freie Verfaſſung zuſichern müſſe.« So fehlgeſchlagen uns heut' auch dieſe letztere Er— wartung erſcheint, immer bleibt es doch merkwürdig, wie entſchieden Forſter ſchon damals die jetzt ſo verbreitete Überzeugung andeutete, daß unſer in ſich zertheiltes Deutſchland ſeine politiſche Entwicklung nur mit Hülfe Frankreichs machen könne. Über alle Zweifel und Beſorgniſſe ſcheint indeß der Freund mit ſeinen Betrachtungen doch nicht hinaus ge— kommen zu ſein. Und wie er ſich in ſolchen verworrenen Lagen des Lebens, wo ihn ſeine Berechnung verließ, mit dem Schwunge des Herzens zu erheben pflegte, wiſſen wir ſchon aus frühern Begegniſſen. Auch jetzt faßte er —ÿ. —— 156 ſich wieder in einer Empfindung, an der wir uns ſelbſt heut' noch einmal erbauen können.— »Wir leben in einem ſo ſeltſamen Zeitpunkte, wo man die Menſchen kaum mehr richtig beurtheilen kann, wenn man ſie nur nach ihren äußern Verhältniſſen rich— tet; wo die Maßſtäbe, womit wir ſonſt einander zu meſſen pflegten,— faſt möcht' ich ſagen, zerbrochen werden müſſen, und nur der Eine, der Humanität, allein übrig bleibt. Grundſatz, Charakter, Wandel, Laufbahn, an dem allen kann man jetzt irre werden. Das Herz ſcheint das Einzige zu ſein, welches, wo es vorhanden iſt, das wahre point de ralliement unter redlichen Männern bleibt.« Eine ſolche Faſſung mäßigte einigermaßen ſeine an⸗ fangs ſehr ſtürmiſche Gemüthsbewegung. Wie heftig dieſe in den erſten Tagen des mainzer Verhängniſſes ſelbſt in ſeine Briefe überſtrömte, läßt ſich aus einem Antwortſchreiben Heyne's erſehen. Der ängſtliche Papa war ordentlich erſchrocken,»als ob Forſter ſchon mit Leib und Seele ein Jacobiner ſei.«—»Brauchen Sie um's Himmelswillen Mäßigung, Vorſicht und Klugheit, rief er ihm aus Göttingen zu,— daß Sie nicht einmal, wenn die Sachen wieder auf den vorigen Fuß kommen, ſich und Ihre Familie unglücklich gemacht haben. Sie werden doch nicht im Ernſte glauben, daß alles ſo bleiben wird, wie es iſt? Was ſoll das ſchreckliche Schimpfen auf die Gegenpartei helfen?—— Gehen Sie nicht ſo ganz in das Leidenſchaftliche hinein, das Sie unfähig macht, irgend etwas mit Beſtand der Sache zu beur— theilen!« u. ſ. w. uns ſelbſt nkte, wo len kann, iſſen rich⸗ ander zu erbrochen ät, allein raufbahn, Das Herz orhanden redlichen eine an⸗ e heftig ungniſſes ¹s einem he Papa hon mit chen Sie Klugheit, einmal, kommen, 1. Sie bleiben himpftn nicht ſo unfähig u beut⸗ 157 Da konnte für den ſo erregten Mann eine beſtimmte und gemeßne Thätigkeit, die überdies auch gegen die beunruhigenden Verhältniſſe ſelbſt gerichtet war, nicht an⸗ ders als willkommen erſcheinen. Und ſie ward ihm beſchieden. General Cüſtine, mit jedem Tag unzufriedner über die Widerſetzlichkeit des mainzer Vicariats und die Widerſprüche der Regierungsbehörde, denen er auch den ſchlechten Fortgang der franzöſiſchen Sache unter den Einwohnern beimaß, hatte ſich endlich dafür entſchieden, die alte Regierung aufzulöſen, und ſtatt derſelben ein „»proviſoriſches Adminiſtrations⸗Conſeil« für das eroberte Land von Speier bis Bingen einzuſetzen. Dieſe aus 9 Mitgliedern beſtehende Behörde ſollte die Provinz verwalten, bis das Volk ſeine eignen Repräſen⸗ tanten und öffentlichen Beamten gewählt haben würde. Die von Cüſtine bei der Beſitznahme der Stadt dem Lande verkündigte Freiheit, ſich für die alte oder für eine neue Verfaſſung ſelbſt zu beſtimmen, ward hiermit ſchon in republikaniſche Formen, mithin zu Gunſten der franzöſiſchen Sache, umgebogen. Eine jener 9 Stellen ließ Cüſtine unſerm Forſter antragen. Dies geſchah zufällig durch einen Mann, für den Forſter vor zwei Jahren ſich um eine Profeſſur in Göttingen, freilich ohne Erfolg, bei Heyne bemüht hatte. Es war Anton Joſeph Dorſch. Schon damals, als er für denſelben an Heyne ſchrieb, hatte unſer Freund die ſchönen Kenntniſſe und den ausgezeichneten Vortrag die⸗ ſes kleinen lebhaften Mannes gerühmt. Dorſch war durch Beeiferung ſeiner Mutter unpaſſenderweiſe in den geiſt⸗ lichen Stand gerathen, und ſchon Kaplan in Findheim, — —— als der Kurfürſt auf dieſen trefflichen Kopf aufmerkſam gemacht, ihn zu ſeiner wiſſenſchaftlichen Ausbildung nach Paris ſchickte. Eine gefährliche Schule für den jungen eiteln und ſinnlichen Mann, dem die. Mainzer nach ſeiner Rückkehr die leichtfertigſten und nicht ganz ehrlichen Lie⸗ beshändel nachſagten. Als Profeſſor angeſtellt, zog er ſich durch die kantiſche Philoſophie, die er mit Eifer vor⸗ trug, die mainzer Orthodorie viel zu dicht auf den Hals, als daß neben dem kategoriſchen Imperativ und der Er⸗ forſchung des Dings an ſich nicht auch die fortgeſetzten Liebesgeſchichten des jungen Kantianers beobachtet worden wären. Damals hatte er, der Prieſterneckereien müde, an eine proteſtantiſche Univerſität zu kommen geſucht Da es ihm aber nicht gelang, ſeine Hoffnung auf Ge haltsverbeſſerung fehlſchlug, und die gute Hoffnung ſei⸗ nes geliebten Käthchens ihn mit Verlegenheiten ängſtigte, war er von Mainz nach Straßburg übergeſiedelt. Von dort hatte ihn jetzt Cüſtine kommen laſſen, um ſich ſei— nes Verſtandes, ſeiner Gewandtheit und ſeiner doppelten Bekanntſchaft mit Mainz und mit den franzöſiſchen Ein⸗ richtungen zu bedienen. Ihn hatte er auch zum Praͤſi— denten des Adminiſtrations⸗Conſeils eingeſetzt. So intereſſant auch dies Zuſammentreffen zweier früher Bekannten erſcheint, ſo konnte doch der Einfluß dieſes begabten und zur politiſchen Betriebſamkeit beru⸗ fenen Mannes auf den Freund, der voraus für ihn ein⸗ genommen war, und von ihm als Präſidenten Arbeiten und Aufträge zu empfangen hatte, nur in's Parteiliche und Leidenſchaftliche führen; wozu wir denn Forſtern auch von jetzt an immer mehr geneigt finden. War nun ufmerkſam ldung nach een jungen nach ſeiner lichen Lie⸗ t, zog er Eifer vor⸗ den Hals, d der Er⸗ ortgeſetzten tet worden ien müde u geſucht auf Ge nung ſei— angſtigte, elt. Von in ſich ſei⸗ doppelten ſhen Ein⸗ um Präſt en zweie Einfluß keit beru⸗ ihn ein⸗ Arbeiten Partlich Forſtern War nun aber das neue Regierungsmitglied durch Dorſch für die franzöſtſche Sache nicht bloß, wie früher, durch ideale Betrachtung, ſondern durch wirkliche Theilnahme an ihrer beſondern mainzer Entwicklung eingenommen: ſo kam in dieſen Tagen auch noch ein alter Freund hinzu, von dem er vielleicht am wenigſten ſo viel Zuſtimmung erwartet hätte, als er durch ihn erhielt oder zu erhalten ver⸗ meinte. Der geheime Staatsrath Müller eilte von Wien herbei, um ſeine Sachen zu packen und nach Empfang ſeiner gebetnen Dienſtentlaſſung in die Schweiz überzu— ziehen. Eine lebhafte Bewegung kam unter die Bürger. Das ehemalige Orakel des Fürſten ſchien nach deſſen ſchnöder Flucht gekommen zu ſein, um nun von dem verlaßnen Volke, von einer angſtvoll zweifelhaften, von außen bedrohten, von innen aufgehetzten Bürgerſchaft be⸗ fragt zu werden. Das alte Mißtrauen gegen den pro⸗ teſtantiſchen Rathgeber ihres Kurfürſten war wie dieſer ſelbſt verſchwunden. Zu Hunderten drangen ſie in die Wohnung Müller's, um ſich Raths zu erholen. Und dieſer Rath fiel dahin aus,— ſie möchten ſich, wenig— ſtens vorläufig, zur franzöſiſchen Republik halten, um ſich durch Widerſetzlichkeit keine feindſelige Behandlung zuzu— ziehen, und dem alten Druck unbedingt heimzufallen, ſtatt daß ſie, auch wenn Frankreich das Rheinland nicht behaupten könnte, durch deſſen Vermittlung beim Frie⸗ densſchluſſe eine mildere Verfaſſung erwarten dürften. Auch Forſter ſuchte den befreundeten Rathgeber auf, nach⸗ dem er in einem franzöſiſch geſchriebenen Briefe ſeine jüngſten Schritte zu rechtfertigen geſucht hatte. In die⸗ ſem Schreiben beruft er ſich darauf, daß ihm von jeher 160 die politiſche Freiheit für das koſtbarſte Gut gegolten habe, ohne welches ein Volk nie zur geiſtigen und ſitt⸗ lichen Vollkommenheit, dem hochſten Ziele ſeines Daſeins, gelangen könne. Die Frage aber, wann für den be⸗ ſonnenen und rechtlichen Mann der Zeitpunkt eingetreten ſei, der öffentlichen Freiheit die Wege bereiten zu helfen, entſcheide der allgemeine Wille. Und wenn dieſer freilich dermal im mainzer Lande noch fehle: ſo ſei dafür der ſtark bewaffnete Wille der franzöſiſchen Sieger eingetreten, und habe die Bewohner des eroberten Landes aufgefo⸗ dert, ſich für die Herrſchaft der Freiheit auszuſprechen. Widerſtand könne da nur das Verderben des Landes herbeiführen. Und indem der Freund ſich auch hier als Ziel ſeines Beſtrebens für Erhaltung des Privateigen⸗ thums, als der Grundlage des öffentlichen Wohlſtandes erklärt, beruft er ſich mit edelm Bewußtſein auf ſeine ſtrengen Grundſätze, auf ſeine, ſoweit man ihn kenne, anerkannte Rechtſchaffenheit, auf ſeine Liebe, ſeinen Eifer für ſeiner Mitbürger Glück und Wohl,— Eigenſchaften, die er zu Bürgen ſeiner Handlungsweiſe ſtellen könne. Möchten die politiſchen Wechſelfälle immerhin unberechen⸗ bar ſein: doch blieben Unparteilichkeit, Gerechtigkeit, Recht⸗ ſchaffenheit und was überhaupt menſchliche Tugend heiße, unabhängig von allen politiſchen Schwankungen. Für ſeine Perſon erhielt Forſter, wie ſich nach dem den Bürgern ertheilten Rath denken läßt, nicht bloß zu⸗ ſtimmende Außerungen, ſondern Müller ließ ſich auch vertraulich über Wien und Berlin gegen den Freund aus. Es ſei ein Elend, wenn man die Leute perſönlich kenne, die dort das Ruder in Händen hätten; man halte frei⸗ gegolten und ſitt⸗ Daſeins, den be⸗ ingetreten zu helfen, er freilich dafür der ngetreten, aufgefo⸗ uſprechen. s Landes hier als wateigen⸗ hlſtandes auf ſeine i kenne, nen Eifer —nſchaften, en könne. nberechen⸗ it, Recht⸗ d heiße, nach dem bloß zu⸗ ſich auch und aus. ch kenne, zalte frei⸗ 161 lich auch im Publikum nicht viel auf ſie; aber ſie wä— ren auch unter aller Kritik, ſo ganz ohne alle umfaſſende Idee.— Müller, der behutſame, mit gutem Compaß des Rechtsgefühls in der Bruſt dennoch gern lavirende und muthlos die Segel ſtreichende Staatsmann, mochte nicht erwarten, daß ſein zwiſchen den Zimmerwänden ertheilter Rath ſich in die Welt verlaufen würde. Allein Forſter legte zu eigner Beruhigung und Rechtfertigung zu viel Werth auf jene Anſicht, um ſolche nicht in ſeinen Brie⸗ fen an die Freunde hinaus zu ſchreiben. Ja während der Clubſitzung am 17. November berief er ſich vor einer zahlreichen Verſammlung in einer umfaſſenden Rede, die er jenen Abend»über das Verhältniß der Mainzer gegen die Franken« hielt, ausdrücklich auf Müller's Einverſtänd⸗ niß mit den darin entwickelten Anſichten. Müller beſchwerte ſich ſpäter brieflich über Forſter's unbedingte Ausſage; er habe ſeinen Rath nur mit der Klauſel ertheilt, wenn die Mainzer nicht anders könnten, und pariſer Blutſcenen zu befürchten wären. Forſter ſei ein geborner Enthuſiaſt, der immer nur Eins, nur eine Seite ſehe.— Am Ende,— um keinen von beiden Männern entſchiednes Unrecht zu thun, begreift man leicht, wie in ſolchen Zeiten, unter ſolchen Umſtänden, ein Mann wie Müller ſich etwas zweideutig ausdrückt, und ein Mann wie Forſter es in ſeinem, eben ſehr leb⸗ haften Intereſſe auffaßt. Jedenfalls ſtehen wir hier am Scheideweg der Freunde: der edle Forſter ſtürzt ſich in die unglücklichen Kämpfe für die Freiheit des Volkes,— 11 dem Herrn Johannes von Müller zu Soylvelden voraus, der hernach den glänzenden Weg durch die Kabinette und Akademien beſteigt. Beide finden dann— jener auf franzöſiſchem Boden, dieſer in deutſcher, aber franzöſiſch unterjochter Erde ihr Grab. Die oben angeführte Rede Forſter's(Band 6 der ſämmtl. Schriften) iſt darauf gerichtet, die noch immer ſchwankenden, zwiſchen der franzöſiſchen Republik und der deutſchen Reaction fröſtelnden Mainzer zu einer entſchied⸗ nen Erklärung für die republikaniſche Eroberung zu ver⸗ mögen. Es fehlt dem Sprecher nicht an lebhafter Be⸗ redſamkeit und an manchen eindringlichen Motiven; doch artet die Sprache ſchon in leidenſchaftlichen Worten und parteilichen Bezeichnungen aus, und leider! finden wir bereits auch eine Anſicht ausgeſprochen, die einen mög⸗ lichen Abfall von Deutſchland voraus andeutet.»Der Rhein, heißt es, ein großer, ſchiffbarer Fluß, iſt die natürliche Grenze eines großen Freiſtaates, der keine Eroberung zu machen verlangt, ſondern nur die Na⸗ tionen, die ſich ihm freiwillig anſchließen, aufnimmt, und von ſeinen Feinden für den ſo muthwillig von ihnen veranlaßten Krieg, eine billige Entſchädigung zu fodern berechtigt iſt. Der Rhein wird der Billigkeit gemäß die Grenze Frankreichs bleiben; dies ſieht ſchon jedes, an die politiſchen Verhältniſſe gewöhntes Auge voraus«, u. ſ. w. War nun allerdings Forſter's ſonſt ſo gutes Auge, oder vielmehr ſein Herz, in jener Luftſchicht ſtürmiſcher Leidenſchaften ſehr getrübt; ſo reicht doch über die da⸗ malige Rheinfrage und die ſpätern Kämpfe um den deut⸗ ſchen Strom weit hinaus ein andrer Blick und Ausſpruch F n voraus, inette und jener auf franzöſiſch ind 6 der och immer k und der entſchied⸗ g zu ber⸗ hafter Be⸗ ven; doch zrten und uden wir nen mög⸗ t.„Der , iſt die der keint die Na⸗ aufnimmt, von ihnen zu fodern emäß die 3, an die u.ſ. w. tes Augt, türniſche e die de den deut dusſpric 163 Forſter's in jener Rede, und trifft unſere geſtrigen Er⸗ lebniſſe: „Ihr wißt vielleicht nicht, wie leicht es den Fürſten wird, ſobald ſie Macht haben, alles Vorhergegangne, was nicht nach ihrem Sinn geſchehen iſt, geradesweges als ungeſetzmäßig anzuſehen, aufzuheben und noch oben⸗ drein Recht zu behalten.« Drei Tage darauf, mit dem 20. November, trat Forſter ſein Amt im Adminiſtrations⸗Conſeil an. Ruf und Würde. Wir ſtehn hier wieder vor einer jener wunderſamen Fügungen, denen wir in Forſter's Leben wiederholt be⸗ gegnen. Ein unerwarteter Glückswechſel, der des Freun⸗ des eigenthümliche Begabung anſpricht, ſeine verfahrne Lage zu ebnen verheißt, bietet ſich dar; doch wie For⸗ ſter ihn ergreift, findet er ſich am Ende durch die Un— zeit der Schickung oder durch Halbheit der Gewährung mehr verlockt, als begünſtigt. So war ihm zuerſt das Glück einer Weltfahrt, nur für den Knaben allzufrüh, beſchieden worden, und hatte ihm jenes zahlreiche Ge⸗ folge körperlicher Leiden, Sorgen der Wirthſchaft und Kümmerniſſe des Herzens hinterlaſſen. Und jetzt, da die Weite der Welt und die Traulichkeit des Hauſes ſich vor ihm zurückziehen, öffnet ſich ihm ungeſucht und neu das Leben des Staates, das von Haus und Welt getra⸗ ” gen, mit beiden im Wechſelverkehr, den unglücklichen d Mann zu entſchädigen und in die angemeſſenſte Thätigkeit 1 zu verſetzen die Miene annimmt. Nun aber vielleicht zuu 1 G ſpät, und auf einem Boden, der bereits von den Stö⸗ ßen der Revolution ſchüttert, und wo der Freund auch V was er noch beſitzt— das Vaterland und ſich ſelbſt ver— lieren kann. Möglich, daß ſein Leben, durch das Un⸗ zeitige verderbt, am Überreifen ſich verzehre! Schon vor Jahren hatte ſich für Forſtern eine flüch⸗ tige Ausſicht auf den Staat gezeigt; damals als Jacobi vorhatte, den jungen, bedrängten Freund bei der Ad⸗ miniſtration der Zölle in Vorſchlag zu bringen. Damals war's zu früh für das noch zu ſchaffende Amt, im Ge⸗ genſatz zu den Hoffnungen die jetzt unterm 13. November Graf Herzberg auf das monarchiſche Preußen gab, und die für Forſtern zu ſpät und zu unbeſtimmt erſchienen. Forſter's Programm zu ſeinem Geſchäftsantritte lau⸗ tet kurz in den brieflichen Worten: »Das Beſte des uns anvertrauten Landes und ſeiner ſämmtlichen Einwohner wird mein Augenmerk ſein, und es gehört nur ein halbes Auge dazu, um zu unterſchei⸗ den, daß politiſche Verhältniſſe darin jetzt nichts ändern, und keine Rückſicht verdienen können.« Die oben ſchon wörtlich angeführte Anſicht, womit er die Frage, was in ſeiner Lage zu thun ſei, ſich be— antwortet hatte, wiederholte er in ſeinen Briefen nach allen Seiten. Man möchte glauben, in dem Eifer, wo⸗ mit er ſeine Abſichten und Beweggründe wieder und wie⸗ der geltend zu machen ſucht, verrathe ſich doch eine ge⸗ Welt getra⸗ nglücklichen Thätigkeit ielleicht zu den Stö⸗ reund auch ſelbſt ver⸗ h das Un⸗ eine flüͤch als Jacobi ci der A⸗ Damals , im Ge⸗ November gab, und erſchienen. ntritte lau⸗ und ſeiner ſein, und unterſchei⸗ ts andern, zt, womit 1, ſich be⸗ üein mi Eifer, wo⸗ er und wit ch eine ge 165 wiſſe Unruhe— um nicht zu ſagen des Gewiſſens, doch des Bewußtſeins über den gethanen Schritt, ſei es auch nur des Bewußtſeins von dem Eindrucke, den ſein Thun und Laſſen in Deutſchland machen werde. Er mochte etwas von den Urtheilen ahnen, die nahe und fern bald genug laut werden ſollten, und die in ſolchen Zeiten nur unbillig und leidenſchaftlich ausfallen können.— Nur wenige Wochen ſpäter ſchrieb ſelbſt ein ſo chriſtlicher Mann, wie Graf Friedrich Leopold von Stolberg an Jacobi: „Ich bitte Dich, liebſter Jacobi, laß dem mainzer Forſter Deinen Schutz nicht länger angedeihen! Laß ſein Andenken zugleich mit Kotzebues Büſte in irgend einer Rumpelkammer vergeſſen ſein! Es bedarf in dieſem Au⸗ genblick einer tüchtigen Wurfſchaufel, um den Waizen zu ſichten, und heulenden Winden die Spreu zu über⸗ laſſen.« Und fand nicht ſchon früher Forſter ſelbſt durch einen, zwei Tage vor ſeinem Amtsantritte datirten Brief ſeines Vaters ſich veranlaßt, zu erwidern:»Ich hoffe Ihr informing gentry in Halle wird mir erlauben, Ihnen zu ſchreiben, ohne davon Rechenſchaft von Ih— nen zu fodern.« Und weiter:„»Wenn Sie es für jetzt nicht rathſam halten, Briefe von mir zu bekommen, wird es hinreichen, daß Sie mir es mit ein paar Zeilen mel⸗ den« u. dgl.— Wieweit Jacobi jener gräflichen Erbitterung ſein forſterfreundliches Herz öffnete, wiſſen wir nicht; doch macht es uns bedenklich, daß ſchon ſeit dem Auguſt die— ſes Jahres ſich kein Brief aus Pempelfort vorfindet. 166 Jenes electriſche Band, durch welches Forſter bei ſeiner Niederlaſſung in Mainz ſich auf's Neue zu Jocobi gezo⸗ gen, und mit Düſſeldorf verknüpft fühlte, blieb auch fortan abgebrochen. Und ſo nähern wir uns denn, hin⸗ ter Müller und Jacobi, der Lebensepoche und der Zeit, da noch manches andre inniger eingewebte Band ſich vom Herzen des»mainzer Forſter« löſen ſollte. Bei der ausgebreiteten Bekanntſchaft, deren unſer Freund beſonders in den ariſtokratiſchen und gelehrten Kreiſen genoß, konnte er auch aus vereinzelten Stimmen, die zu ihm drangen, ſich die Höhe und Breite der öf⸗ fentlichen Meinung über ihn von ſelbſt ermeſſen. Glück— licherweiſe fehlte es ihm nicht an einer Zuflucht im eignen Hauſe, wo Thereſe den ringenden Mann verſtand, und durch innige Theilnahme ſtützte. Wir beſitzen hierüber ein ſchönes Bekenntniß von ihr ſelbſt in einem Brief an ihren Vater, den ihr Forſter im Drange ſeiner neuen Geſchäfte zu beendigen überlaſſen hatte.—»Da bleibt mir nicht viel zu ſchreiben, heißt es, als daß ich Sie um die Ruhe und das Zutrauen auf die Sache der Wahr⸗ heit bitte, die ich habe, und die mich Armuth, Unruhe und— wenn's ſein müßte— Tadel mit Muth erwarten läßt. Ich bin nicht fanatiſch, aber ich ſah, daß dies Forſter's Weg war. Johannes Müller hat ihm aufge⸗ tragen, dieſen Weg dem Volk im Club öffentlich in ſeinem Namen zu empfehlen. In Gefahr werde ich mich mit meinen Kindern nie ſetzen; ich würde im Falle der Noth nach Frankreich hineingehen, wo ich nur Stützen fände, und wo die Menſchlichkeit der Einwohner nur Stütze iſt, wie unſere Kriegsgefangnen täglich bezeugen. bei ſeiner obi gezo⸗ lieb auch un, hin⸗ der Zeit, ſich vom n unſer gelehrten btimmen, der öf⸗ Glück⸗ eignen d, und ijerüber Brief r neuen a bleibt ich Sie Wahr⸗ Unruhe rwarten ß dies aufge⸗ lich in h wich lle der Stützen er nur geugen. 167 Unſer Weg iſt ernſt und mühſam.— Dies Erwachen der edelſten Kräfte anzuſehen, winkt freundlich in jene Welt, wo alle Kräfte in vollem Leben ſtehen. Die Er⸗ laubniß zu ſprechen entwickelt den Geiſt dieſer verklom⸗ menen Mainzer; ſie ſtehen und denken laut über ihre Rechte, und fühlen zum erſtenmal die göttliche Wärme eignen Werthes und Willens.« Was Thereſe hier von der unter die Einwohner gekommenen Bewegung bemerkte, war einigermaßen Folge der Rede Forſter's am Clubabende des 17. November, und wohl noch mehr des von Müller gegebenen Finger⸗ zeiges. Wirklich kam man jetzt zahlreicher in den dazu beſtimmten Stunden des Vor- und Nachmittags in das Clublokal, um ſeine Namen in das rothe»Buch des Lebens« einzutragen. Dies war eine Erfindung Böhmers, des entſchie⸗ denſten Phantaſten im Club. Cüſtine's Heeresſtrom hatte dieſen wormſer Gymnaſial⸗Profeſſor entwurzelt und mit nach Mainz geführt, wo er den Sekretär des Generals machte. Die Mainzer zögerten ihm zu ſehr ſich für die franzöſiſche Republik zu erklären. Um ſie zu drängen, hatte er Tags nach Forſter's Eintritt in den Club zwei Bücher in die Verſammlung gebracht,— eines in rothen Saffian gebunden, auf beiden Decken mit der Freiheits⸗ mütze geziert, und zum Zubinden mit tricoloren Bän⸗ dern verſehen; das andre merklich dünner und durch ſchwarzen Einband ſo wie durch Sinnbilder des Deſpo⸗ tismus, z. B. durch kleine Ketten zum Verſchließen ab— ſchreckend. In das erſtere ſollten ſich alle Einwohner, vom 2lſten Lebensjahre an gerechnet, einſchreiben, die 168 ſich für eine republikaniſch⸗demokratiſche Verfaſſung er⸗ klärten, in's andre Buch diejenigen, denen es noch ein⸗ mal nach dem altmainzer Deſpotismus gelüſten möchte. Da dieſer Sporn anfangs noch immer nicht genug antreiben wollte, ſo wendeten die Freiheitsmänner noch andre Hülfen an, wie ſolche unter Umſtänden auch von der Reaction nicht verſchmäht werden. In der Stadt und auf dem Lande ſtreute man die Drohung aus,— wer ſich in's ſchwarze Buch oder auch gar nicht einzeich⸗ nen würde, dürfte ſich nur auf doppelte Einquartierung und auf einen Schießprügel gefaßt machen, mit welchem er, im Falle eines Angriffs von Kaiſerlichen oder Preu⸗ ßen, in Reihe und Glied gegen den Feind geführt würde. Zu ſolchen Mitteln pflegen anfangs freilich nur die Üübertriebenen einer Partei zu greifen; am Ende aber wird auch der Gemäßigte, wenn er einmal gegen daſſelbe Ziel marſchirt, zum Unziemlichen mit fortgeriſſen. Und ſo finden wir nicht viel ſpäter auch ausdrücklich Forſtern neben Wedekind genannt, die bei der nächſten Präſiden⸗ ten-Erneuerung für den Club am 25. November ſich beeifert hätten, mittelſt Vertheilung von Zettelchen mit der Aufſchrift»Dorſch Präſtdent« ihren bevorzugten Mann durchzudrücken. Da hätte der Freund, der immer für Selbſtbeſtimmung geeifert, nun an ſich ſelbſt die Erfah— rung machen können, daß man ſich mit Parteinahme auch von Parteitreiben kaum frei erhalte, und daß auf dem Wege zu gut geglaubten Parteizielen der Jeſuitismus der Mittel ſich auch der edelſten Geſinnung unvermerkt aufdringe. Freilich hatte er ſchon ſelbſt gegen Heyne gaſſung er⸗ noch ein⸗ möchte. icht genug nner noch auch von der Stadt aus,— t einzeich⸗ artierung t welchem der Preu⸗ dgeführt nur die nde aber daſſelbe en. Und Forſtern Präftden⸗ aber ſich chen mit n Mann mer für Erfah⸗ einahme daß auf iitismus vermerkt Hehne 169 bekannt, es ſei unmöglich in einem gährenden Staate neutral zu bleiben. Da war denn auch bald keine Rede mehr von Forſter's anfänglichem Bemühen, Einigkeit im Club zu erhalten. Dieſer riß allmählich in zwei Hauptparteien auseinander, die von Dorſch und Profeſſor Joſeph Hof⸗ mann vertreten wurden. Verſchiedner, als dieſe beiden Männer, konnten auch nicht leicht zwei Parteiführer auf⸗ treten. Hofmann derb von Geſtalt wie von Geſchmack im Ausdrucke ſeiner Gedanken, aber in ſeiner Geſinnung offen und ehrlich; Dorſch, zierlich gebaut, eitel ſogar auf ſeinen kleinen Fuß, und eben ſo zierlich in Stil und Manieren; Jener von einer ſtreng römiſchen Republik träumend; Dieſer von einer Republik mit Hofpracht ein⸗ genommen; Jener wahr und durch Wahrheit verletzend, Dieſer artig und durch Artigkeit einnehmend. Zu Jenem hielten ſich die jungen Leute, Studenten und wer noch für die neuen Ideen eigentlich ſchwärmte; an Dorſch wendete ſich gern, außer den Fremden und Reiſenden, die ſich nach der neufränkiſchen Geſtalt der Dinge um⸗ ſahen, alle jene zum Theil verlumpten oder verlaufnen Subjecte, die beim neuen Umſchwung der Verhältniſſe durch den beim General einflußreichen Mann ihren Vortheil ſuchten. In Forſter's Augen ließ ſich nun, zumal als nach dem Eintritte der neuen Verwaltung der Andrang zum rothen Buche zunahm, ſich alles dazu an, daß in wenig Wochen Mainz mit der umliegenden Gegend ſich zur Frankenverfaſſung bekennen werde, und ſonderbarer Weiſe ohne Aufwallung ohne Enthuſtasmus, ſo ganz als eine 11* — — 170 Sache, die ſich von ſelbſt machte und nicht ausbleiben konnte. Auch ſchien ihm wie ſeinen Freunden, die Sache ſo wenig verwickelt, daß die Partei, die Jeder ergreifen müſſe, Jedem klar einleuchte. Außer einigen Hofbeamten und Creaturen des Adels erblickte Forſter keine Diſſi⸗ denten mehr, und dieſer Adel, dieſe Räthe und Beamten, die der Kurfürſt jetzt ſammt ſeinen Hofmuſikanten zu ei⸗ nem Interimshofſtaate an ſich zog, ſchienen ihm ſo ganz von jedem Genius verlaſſen, daß ihr Ende kommen mußte. Und ſo hielt es Forſter auch für wahrſcheinlich, daß gegen Ende des Jahres der allgemeine Wunſch der Stadt und des Landes, ein Theil des franzöſiſchen Frei⸗ ſtaates zu werden, an den National⸗Convent abgehen werde. Forſter ſpricht dieſe Wahrſcheinlichkeit als eine Er⸗ wartung aus, und wir entſetzen uns vor dem Gedanken, daß ein ſo edler und wackrer Mann dem Vaterland ab⸗ fallen, und den Abfall einer ſo ſchönen Provinz, wenn auch im einſeitigen Intereſſe derſelben, begünſtigen oder gar betreiben könnte. Und doch verknüpft ſich zu glei— cher Zeit dieſer Schein politiſchen Verraths einem ſo männlichen Gehalt von Uneigennützigkeit und Überzeu— gungstreue, daß wir die Verirrung einer ſonſt ſo klaren als rechtſchaffenen Seele kaum begreifen würden, wenn wir nicht aus Forſter's früheren Leben wüßten, wie leicht ſeine Begeiſterung für erhabne Erſcheinungen des Le⸗ bens ſich— wenn auch nur vorübergehend, trüben ließ. Folgen wir nun dem Freunde nicht ohne Beſorgniß in ſeiner öffentlichen Thätigkeit, ſo finden wir ihn als ausbleiben , die Sache er ergreifen Hofbeamten keine Diſſi⸗ d Beamten, inten zu ei⸗ hm ſo ganz de kommen ahrſcheinlich Wunſch der ſſchen Frei⸗ nt abgehen eine Er⸗ Gedanken, terland ab⸗ vinz, wenn ſtigen odet ich zu glei⸗ einem ſe d Überzeu⸗ ſo klaren een, wenn wie leich n des Le⸗ d, nüben Beſorgiiß ir ihn 1l 171 neues Adminiſtrationsmitglied alsbald unter einer Laſt von Arbeiten und Verdrießlichkeiten, zum Glücke von ausnahmsweiſem Wohlbefinden unterſtützt. Indem aber ſein Einfluß zunächſt der Univerſität zu gut kam, deren Verſchonung mit militäriſcher Contribution er durchſetzte, traf ihn auch gerade von daher der erſte Rückſchlag ſei⸗ ner Freiheitsbeſtrebungen. Die der Anſtalt pflichtigen Bauern zahlten und lieferten nämlich nicht, und ſo blieb ſchon ſein Profeſſorgehalt aus. Von der Luft konnte er nicht leben, wie er ſeinem Schwiegervater ſchrieb, und fand ſich ſo unvermerkt den Leuten zugeſellt, die durch die franzöſiſche Eroberung um Verdienſt und Brot ka⸗ men. Denn auch die Felder der Überſetzung und der literariſchen Production waren brach gelegt. Als Mit⸗ glied der Landes⸗Adminiſtration bezog er keinen Gehalt. Es war ein demokratiſches Ehrenamt, bei dem es aber einem zugänglichen Beamten an Gelegenheit und Ver⸗ lockung ſich zu bereichern nicht fehlte. Die Gebiete der geiſtlichen Fürſten hatten wirklich, nach dem Ausſpruche des himmliſchen Meiſters, das Anſehen, nicht von dieſer Welt zu ſein; inſofern Herr und Diener mit dem irdi⸗ ſchen Gute gar nicht ängſtlich wirthſchafteten, und die öffentlichen Gelder kein Gegenſtand für Gewiſſenhaftigkeit zu ſein ſchienen. Die Landes-Verwaltung war auf dem Wagen der Themis mit verladen, und die Rechtſuchenden gewöhnt, das Fuhrwerk zu ſchmieren. So kam es, daß alle Beamten, ſo wie die wohlhabenden Beſitzer in der Rheinprovinz, ihre Unterhandlungen bei den Mitgliedern der Adminiſtration mit Beſtechung oder Verſprechungen anhoben. Bei den dielfältigen Lieferungen an die Ero⸗ — —— berer war denn freilich dem Einzelnen Schonung oder eine Schutzwacht gegen requirirende Soldaten etwas werth, und es fehlte wohl am wenigſten dem geſchäfts⸗ thätigen Forſter an verlockenden Anbietungen. Selbſt Thereſe geſteht nicht nur dies, ſondern ſogar, daß auch Forſter einen Augenblick in Zweifel geweſen ſei, ob es nicht für einen rechtlichen Austauſch von Dienſt und Lohn gelten dürfe, wenn er für Tauſende, die er den Herrſchaftsbeamten erſparte, ein Geſchenk annähme. Am Ende ſeiner Erwägungen kam er jedoch zur Einſicht, daß nicht Forſter eine Gefälligkeit, ſondern der öffentliche Beamte nur ſeine Schuldigkeit gethan hatte, und lehnte beim erſten Anlaß für diesmal, und bei jeder Gelegen⸗ heit, Geſchenke ab, ſo entblößt auch ſeine Kaſſe war. Ja, er nahm ſich auch, ſo bedenklich es damals war der Habſucht franzöſiſcher Commiſſäre und Officiere entgegen zu treten, Derjenigen an, die ſolchen Republi⸗ kanern unter die Klauen fielen. So wendete er ſich einmal zu Gunſten eines gewiſſen Regierungsrathes Mieg in Heidelberg, auf deſſen zwiſchen Worms und Oppen⸗ heim gelegner Beſitzung ein Capitain Maugis alle Vor⸗ räthe von Fütterung und Lebensmitteln weggeführt hatte, an den General Cüſtine. Am Schluſſe des mit ſchöner Wärme und nachdrücklicher Offenherzigkeit franzöſiſch ge⸗ ſchriebenen Berichtes, konnte Forſter mit edlem Bewußt⸗ ſein von ſich ausſagen: »Ich habe alles verlaſſen, um meinen Mitbürgern Freiheit verſchaffen zu helfen, und ſeit Sie Mainz ein⸗ genommen, arbeite ich Tag und Nacht dafür. Ich habe nie die Kunſt der Verſtellung gekannt, nie von dieſer ſo mnung oder ten etwas geſchäfts⸗ n. Eelbſt daß auch ſei, ob es dienſt und die er den ihme. Am Einſicht rööffentlich und lehntt r Gelegen⸗ e war. es damals d Officiert n Republ— ete er ſich athes Nitg nd Oyye alle Vor⸗ ührt halte nit ſchönet wöſſſch ge⸗ Bewußt⸗ Mitbürgenn Mainz ant Ich bidt n dieſer ſ 173 gerühmten Kunſt etwas zu hoffen gehabt, und ſollte es jetzt noch lernen, da mein Loos geworfen iſt? Nein, ich werde immer ausſprechen, was ich denke, überzeugt, daß dies der rechte Weg iſt, das Gute zu bewirken.“« In derſelben Zeit ſeiner entſchiednen häuslichen Verlegenheit erſchien von einer entgegengeſetzten Seite ein Anbieten das, anfangs vom Freunde als reactionäre Verſuchung angeſehen, einen noch edleren Stolz ſeiner Armuth herausfoderte. Die vom Grafen Herzberg angekündigte Bücherſen⸗ dung traf mit einem Schreiben des Verlegers Voß und einem andern Brief ein, worin dem Freunde eine Summe Geldes als Vorſchuß zur Verfügung geſtellt wurde,— preußiſche Thaler für einen Mann,„der ein guter Preuße bleiben möge.“« Forſter erwiderte: „Ich bin in polniſch Preußen, eine Stunde von Danzig geboren, und habe meinen Geburtsort verlaſſen, ehe er unter preußiſche Botmäßigkeit kam. Inſofern alſo bin ich kein preußiſcher Unterthan.—— Heißt ein guter Preuße ſein, wenn man in Mainz unter franzöſiſcher Herrſchaft ſteht, ſoviel, als allen Preußen Gutes, einen baldigen Frieden, Erholung von allen Übeln des Kriegs wünſchen, ſo bin ich ein guter Preuße; heißt es aber, daß ich in Mainz meine allbekannten Grundſätze verleug⸗ nen, mich nicht freuen ſoll, daß es eine freie Verfaſſung erhält, aufgefodert wie ich bin, nicht dazu mitwirken, in einer Gährung, einer Kriſe entweder ganz unentſchieden bleiben, oder das mainzer Volk zu überreden ſuchen, es thue beſſer die alten Gräuel beizubehalten, als mit den 174 Franken frei zu werden, heißt alſo ein guter Preuße ſein, Grundſätze annehmen, die nie die meinen waren, und die nie das Wohl der Einwohner Preußens, ſon⸗ dern das Wohl des Kabinets, des Hofes, der Geiſter⸗ ſeher im Auge behalten ſollen; ſo verlangt man etwas, wofür ich verdiente, an den nächſten Laternenpfahl auf⸗ geknüpft zu werden.— Jetzt begreifen Sie, daß es meine dringendſte Pflicht iſt, auf den angebotnen Vor⸗ ſchuß gänzlich Verzicht zu thun, obſchon ich nie ſo arm war, wie jetzt, und durch die getäuſchte Hoffnung noch ärmer geworden bin. Ich mag aber lieber alles Elend über mich ergehen laſſen, als meinen Grundſätzen unge⸗ treu werden.« Dieſe muthige Faſſung in ſich ſelbſt und an ſeinen Grundſätzen that Forſtern vielleicht niemals nöthiger, als ſo unmittelbar vor einem Ereigniß, das nicht nur den Freiheitsbewegungen in Mainz eine unerwartete Wendung geben, ſondern auch in den innerſten Lebens⸗ kreis des Freundes eine verhängnißvolle Auflöſung brin— gen ſollte. Das frankfurter Unternehmen. Noch am Abende des 21. October, an welchem Cüſtine die Thore von Mainz beſetzen ließ, hatte er auch einen ſtarken Heerhaufen aus reitenden Jägern und r Preuße n waren, as, ſon⸗ Geiſter⸗ m etwas, ahl auf⸗ daß es en Vor⸗ ſo arm ung noch s Elend en unge⸗ n ſeinen öthiger, icht nur rwartete Lebené⸗ ng brin⸗ w elchem hatte ei ern und Nationalgarden, unter Anführung des JIägeroberſten Houchard, nach Frankfurt entboten. Hier lagerten ſie am Frühmorgen des 22., zur Üüberraſchung der Bürger⸗ ſchaft, vor den verſchloßnen Thoren und aufgezognen Brücken, die ſich aber öffneten, als General Neuwinger des Nachmittags die franzöſiſchen Kanonen gegen dieſelben vorrücken ließ. An 4000 Mann zogen ein, Houchard an der Spitze, deſſen von Säbelhieben entſtelltes Geſicht mit einem tief herabgezognen Auge und einem emporge⸗ zwickten Mundwinkel der erwartungsvollen Menge eine ominöſe Miene zeigte. Die Abſicht des Unternehmens blieb nicht lang ein Geheimniß. Ein an den Maggiſtrat gerichtetes Schreiben Cüſtine's beſchuldigte die Stadt und Kaufmannſchaft, daß ſie die flüchtigen Ariſtokraten freundſchaftlich aufgenom⸗ men, daß ſie mit Geldern des öſtreichiſchen Kaiſers und des Königs von Preußen Geſchäfte machten, durch welche ſie im Handel mit falſchen Aſſignaten den Credit der echten untergraben, und aus Frankreich das baare Geld gezogen hätten. Cüſtine erklärte deshalb Frankfurt für eine feindliche Stadt, und legte ihr zu einiger Entſchä⸗ digung eine Contribution von 2 Millionen Gulden auf. Die Franzoſen wurden nun einquartiert, machten es ſich bequem, indeß der Magiſtrat ſich beeilte, durch eine Deputation nach Mainz den General Cüſtine zu beſänf⸗ tigen. Sie wurden von ihm unfreundlich aufgenommen, erhielten aber eine halbe Million an der Foderung er⸗ laſſen. Hiermit nicht zufrieden verſuchte der Magiſtrat durch eine zweite Beſchickung des Feindes die Contribu— tion noch weiter zu mildern, unterließ aber nicht, einſt⸗ ——„.“.“ —— 176 weil einen Theil derſelben flüſſig zu machen. In der Stadt ging es unruhig zu. Die Soldaten lärmten, prahlten und brachten vor allem durch Unreinlichkeit und Ungeziefer die guten Frankfurter zur Verzweiflung. Die Bürger wehrten, die Wäſcherinnen weigerten ſich, und indeß das republikaniſche Geſindel an den Ufern des Mains die Wäſche ſelbſt beſorgend ſein luſtiges Ca ira ſang, machte ſich der frankfurter Pöbel an den Straßen⸗ ecken über Cüſtine's volksfreundliche Proclamationen luſtig. Inzwiſchen ward bis zum 25. October doch ein Theil der Contribution abgeliefert, und am 27. erſchien Cüſtine ſelbſt in Frankfurt mit anſehnlichem Gefolge, unter welchem Doctor Böhmer im rothen Rock hervor⸗ ſtach. Die Garniſon zu wechſeln, führte der General ſelbſt die neuen Regimenter und Kanonen durch das Bockenheimer Thor ein, verkündigte dem Volke, daß nur den Reichſten in der Stadt die Contribution aufer⸗ legt ſei, und nahm chriſtliche und jüdiſche Geißeln aus, die im rothen Hauſe feſtgehalten wurden. Zugleich unternahmen die Franzoſen einen Ausfall in’s heſſiſche Gebiet, nach Nauheim, wo ſie die anſehnli⸗ chen Salzvorräthe der dortigen Saline theils nach Mainz abführten, theils in herabgeſetztem Preiſe verwertheten. Neben den Salzſäcken brachten ſie 120 Mann gefangene heſſiſche Soldaten ein. Am 1. November war eine Million abbezahlt. Wegen Erlaſſes der andern halben Million hatte ſich der Magiſtrat an den National⸗Convent nach Paris gewen⸗ det. Cüſtine gab nun die Geißeln wieder frei, und In der lärmten, ichkeit und ung. Die ſich, und Ufern des s Ca ira Straßen⸗ nen luſtig. doch ein 7. erſchien Gefolge, ck hervor⸗ General zurch das lke, daß on aufer⸗ ißeln aus, en Ausfall anſehnli⸗ ach Mainz wertheten. gefangene abbezahlt t ſich dei is gewen⸗ frei, und kehrte, als General Neuwinger eintraf, unzufrieden mit der Stadt, nach Mainz zurück. Die franzoſenfeindliche Geſinnung der frankfurter Einwohner verrieth ſich noch deutlicher, als bisher, bei der am 10. November einlaufenden Nachricht, daß die anrückenden Heſſen bei Weilburg die Franzoſen zurückge⸗ drängt hätten. Und als am 28. der preußiſche General Graf Kalkreuth, Befehlshaber des verbundenen preußiſch⸗ heſſiſchen Armee⸗Corps, bereits bis Bergen und mit ſeinen Vorpoſten ſogar bis an die nahe Friedberger Warte vorgerückt, durch einen Stabsofficier mit einem Trompeter die franzöſtſche Beſatzung von 1800 Mann auffodern ließ, wurde dieſer Parlementär mit Lebehoch für die Preußen empfangen. Allein die Franzoſen waren nicht Willens zu wei⸗ chen; vielmehr begehrte der Commandant, General van Helden, ein ſonſt billiger und wohlwollender Mann, die Kanonen der Stadt zur Verwendung, und die Pulver⸗ vorräthe zum Ankauf. Das Volk wurde aufrühreriſch, und der Magiſtrat, in Beſorgniß um die Stadt, ſuchte hier den Commandanten von der beabſichtigten Verthei⸗ digung, draußen den preußiſchen Heerführer durch Abge⸗ ordnete von einem Angriff abzubringen. Die Kanonen aber wurden verweigert. In der Ungewißheit, die ungeachtet des von beiden feindlichen Seiten verſicherten Wohlwollens für die Stadt immer beängſtigender wurde, traf unerwartet General Cüſtine wieder ein, begab ſich auf den Römer, und ertheilte die Verſicherung, daß er, obgleich entſchloſſen ſeine Poſttion gegen die Preußen zu behaupten, doch 12 bei einem für ihn unglücklichen Ausgang des Treffens ſich nicht in die Stadt werfen, und ſie keiner Belagerung ausſetzen werde. Mit dieſer Beruhigung verließ er die Stadt, und kehrte zu ſeinen Truppen zurück, mit welchen er, von Mainz herauf vorgerückt, eine vortheilhafte Stellung genommen hatte. Die Garniſon zog unter ihren Fahnen mit Sack und Pack auf, und beſetzte die Wälle der Stadt. Die Heſſen rückten dicht heran, ohne jedoch den Verkehr der Stadt mit dem Lande zu ſtören. So ge⸗ ſchah es denn auch, daß am 30. November die, des Buß⸗ und Bettages wegen, feiernden Handwerksgeſellen zu hunderten auszogen, den Heſſen einen Beſuch an der Friedberger Warte zu machen. Hier wahrſcheinlich ſchöpften ſie aus brüderſchaft⸗ lichem Trunk und Händedruck jenen Muth, womit ſie am 2. December eine kriegeriſche Rolle hinter den Cou⸗ liſſen des Treffens glücklich ausführten. An dieſem Tage nämlich, dem erſten Adventsſonn⸗ tag, als bei friedlichem Sonnenſcheine ſich alles nach den Kirchen begab, brach plötzlich die heftigſte Kanonade los. Granaten fielen in die Stadt; es entſtand Feuerlärm. Unbekümmert um Brand und Angſt der Stadt traf der Commandant ſeine Anſtalten zur Vertheidigung, und ließ noch die zwei Kanonen vor ſeinem Quartier nach den Wällen abfahren. Doch jetzt thaten ſich die Handwerksgeſellen hervor. Sie hielten die Kanonen und Munitionswagen an, ſpannten die Pferde aus, zerſchlu⸗ gen die Räder. Den Franzoſen, die von den Wällen ab⸗ und zuliefen, nahmen ſie höflich oder mit Gewalt es Treffens Belagerung btadt, und n er, von Stellung en Fahnen Wälle der jedoch den So ge⸗ die, des erksgeſellen Beſuch an üͤderſchaft⸗ womit ſie den Cou⸗ wentsſonn⸗ znach den onade los. erlärm. der Stadt heidigung, Quartiet ſich die onen und zerſchl⸗ en Wällen it Gewul die Gewehre ab und entluden ſie; ja ſie entwaffneten eine franzöſiſche Thorwache, und ließen, mit Lebensgefahr vordringend, die Zugbrücke nieder, über welche die tapfern Heſſen in die Stadt eindrangen, und mit blin⸗ der Wuth gegen die fliehenden Franzoſen ihren guten Namen bewährten. Unmittelbar nach der Einnahme zog der König von Preußen mit dem Herzoge von Braunſchweig und andre Fürſtlichkeiten in die Stadt, und wurde mit Zu⸗ jauchzen empfangen. Vor dem Neuthore war es am heißeſten zugegangen; hier lagen die heſſiſchen Grenadiere hingeſtreckt. Das donnernde Wetter des Treffens zog ſich indeß über Bockenheim, nach Rödelheim und dem niddaer Wäldchen hinter den Franzoſen her, die langſam gegen Mainz zurückwichen. Hier in Mainz lebte man der Erwartung eines ſiegreichen Ausgangs für Cüſtine's Bewegung mit den Preußen. Man wußte am 1. December von kleinen Scharmützeln, in welchen die Deutſchen ſollten zurückge— wichen ſein. Forſter, der Cüſtine an Macht der preußi⸗ ſchen Armee überlegen glaubte, zweifelte, daß es zur Schlacht kommen werde, und wenn dennoch, daß es bei Höchſt dieſen oder den folgenden Tag geſchehen müſſe. So wandelte er an jenem 2. December Nachmittags bei mildem Sonnenſcheine, der in die leichtbeſchneite Landſchaft ſtel, mit Thereſen, ſeinem engliſchen Tiſchge⸗ noſſen und einquartierten Franzoſen über die Brücke nach Caſtel. Hier waren Soldaten und Bauern mit Hauen und Spaten an der nahe beendigten Befeſtigung 12* ———— 180 des Platzes beſchäftigt. Während ſie ſich von einigen Officieren die Verſchanzungen erklären ließen, eilte plötz⸗ lich alles umher von der Arbeit hinweg einem franzöſi⸗ ſchen Reiter zu, der gleich darauf vorüber jagend unter heftigem Erzählen die Worte— trahison, massacre, vengeance hören ließ. Bald verbreitete ſich die Nachricht von dem übeln Ausgang des Treffens und von dem Unternehmen inner⸗ halb der Stadt.— In welchem Lichte Forſter beſonders die Vorfälle innerhalb der Stadt ſah, läßt ſich begreifen, wenn man bedenkt, daß er dem Schauplatze der Begebenheit eben ſo entfernt, als dicht an der Stelle ſtand, woher eine politiſche, mithin die grellſte Beleuchtung auf jene frank⸗ furter That geworfen wurde. Er hatte ſchon früher den Zuruf eines Frankfurters an den General Cüſtine in der neuwieder Zeitung öffentlich beantwortend, die Recht⸗ mäßigkeit der von Cüſtine geforderten Kriegsſteuer aus dem Geſichtspunkte der Kriegsgeſetze vertheidigt, indem er die Speculation mit falſchen Aſſignaten als eine gegen Frankreich gerichtete Feindſeligkeit darſtellte, und ſolche durch eine behauptete Mitwiſſenſchaft des frankfurter Ma⸗ giſtrats noch verſchärfte.(Sämmtl. Schriften 6. Band.) Nun erſchien in der mainzer Zeitung vom 6. December ein declamatoriſcher Bericht von Daniel Stamm, einem Cüſtine'ſchen Adjutanten, über das frankfurter Ereigniß, welches als»Gegenſtück zur Bartholomäusnacht und zu den ſicilianiſchen Vespern« dargeſtellt wurde. Doch Cü⸗ ſtine ließ ſich von keinem Adjutanten überbieten. Im Moniteur N 349 erſchien ſein Bericht an den National⸗ en einigen eilte plöt⸗ 1 franzöſi⸗ gend unter nassacfe, dem übeln nen inner⸗ e Vorſälle wenn man nheit eben voher eine ene frank⸗ rüher den güſtine in die Recht⸗ ſteuer aus gt, indem eine gegen und ſolche furter Ma⸗ 6. Band.) December m, einem Ereignif öt und zu Doch Ci⸗ jeten. IM Nutiona⸗ 181 Convent, deſſen Unzufriedenheit der Bürger⸗General wohl zu fürchten Urſach haben mochte. Dieſer Bericht vom 7. December, in Fallſtaff'ſchem Stil abgefaßt, legt den Verluſt von Frankfurt— zehntauſend Meuchelmördern zur Laſt, die mit ihren Meſſern— 300 ſeiner Waffen⸗ brüder im glorreichen Kampfe für die Freiheit gemordet hätten. 150 Zimmerleute wären aus Naſſau, welches dem Landgrafen von Heſſen gehöre, in zwei Schiffen angelangt, um von Innen der Stadt die Thore einzu⸗ ſchlagen. Eins dieſer Meſſer, von einem Soldaten er⸗ beutet, war dem Berichte beigelegt, und indem Cüſtine verdächtigende Seitenblicke auf den General van Helden wirft, ſchließt er den poſſirlichen Bericht mit der wunder⸗ lichen Nachricht, daß neben mehr als 4200 gebliebenen Preußen und Heſſen, er ſelbſt nur„ungefähr« 300 Brüder verloren habe; ſo daß mithin im Ganzen, mit Inbegriff des Treffens, weniger Franzoſen geblieben waren, als jene tauſende von Meſſern innerhalb der Stadt bereits gemeuchelt hatten, nämlich volle 300! Wie übereilt ſcheint ſolcher Bericht durch ſeine Un⸗ geheuerlichkeiten und Selbſtvergeſſenheit! Allein Cüſtine wußte wohl, daß dergleichen Bülletins in revolutionären Tagen mit entzündeten Augen geleſen, und aufgeregte Gemüther nur von ganz Erſtaunlichem noch berührt werden. Und nun Forſter! Begreiflich, daß er auf der Seite, wo er eben ſtand, nur die eine Stimme hörte: »Hätten die Frankfurter nicht verrätheriſch gehandelt, ſo waren an jenem Sonntag die Preußen geſchlagen; denn die Stellung der Franken ſoll ein Meiſterſtück geweſen — ———y b 182 ſein. Allein da Frankfurt weg war, war der ganze Plan verrückt; die franzöſiſchen Truppen, die dicht unter der Stadt ſtanden, mußten ſich zurückziehen, um nicht beſchoſſen zu werden, und dies machte einen allgemeinen Rückzug nothwendig.« Die Vorfälle in Frankfurt ſah er für ſo entſetzlich an, daß er einen Ausdruck von Rührung über jene Gräuel noch im Geſichte des Boten zu finden glaubte, den er am 4. von Hubern erhielt. Trennung. In Folge der frankfurter Ereigniſſe ſtreckten, wie Forſter an Huber ſchrieb, die mainzer Pfaffen die Köpfe in die Höhe und jubelten den Frankfurtern Beifall zu; den Mainzern aber krähten ſie Unglück, und drohten Mord und Tod. Eine Angſt vor den anrückenden Preußen, und vor verrätheriſchen Bewegungen in Mainz griff raſch um ſich, und lähmte ſelbſt die Zungen der Clubiſten. So ſanken denn auch die ſchönen Erwartun⸗ gen dahin, die der Freund vom guten Fortgang der Sache der Freiheit eben zu faſſen angefangen hatte. Er ſah, wie das laue Volk die Köpfe hängen ließ, und meinte, wer alle ſeine Hoffnungen für ſie opferte, die da nichts wollten und nichts wagten, wäre ein Thor. Er überlegte, ob er nicht fort müſſe, und dachte nach Frank⸗ der ganze dicht unter um nicht zllgemeinen Hentſetzlich über jene en glaubte, ackten, wie die Köpff Beifall zu; ad drohten anrückenden in Mainz ungen der Erwartun⸗ tgang der hatte. Et ließ, und rte, die d Er Thor. nach Frani⸗ reich, wo allein noch Freude, Ehre und Zufriedenheit zu holen ſei. Zwar theilte er für ſeine Perſon jene Beſorg⸗ niß nicht, daß die Mainzer bei Annäherung der Preußen, nach dem Beiſpiele der Frankfurter, mit ähnlichen Meſſern über die Franken verrätheriſcherweiſe herfallen könnten; indem es, auch abgeſehen von der ſtarken Garniſon, dieſem Völkchen, wie zu allem, auch hierzu an Energie fehle: allein Thomas Brand, ſein häuslicher Engländer, gab ihm die Lage Thereſens mit den Kindern zu beden⸗ ken. Nach ſeinen ſtrengen Begriffen von weiblichem Anſtand, ermaß der junge Mann die Unziemlichkeiten, denen bei irgend einem, doch immer möglichen Pöbelauf⸗ ſtande Frau Forſter ausgeſetzt ſei. Seine Anſichten, ſein dringendes Verlangen, daß ſie Mainz verlaſſe, wogen um ſo mehr, als gerade ſein feſtes kühnes Weſen bei ſo manchen ſeit dem Einzuge der Franzoſen vorgefallnen Auftritten für die Hausgenoſſen bisjetzt ſehr beruhigend geweſen war, und er ſelbſt im Begriffe ſtand, den längſt beabſichtigten Studienbeſuch Göttingens nun beſtimmt auszuführen. überdies unterſtützte er ſein Andringen durch das Erbieten, Frau Forſter und ihre Kinder ſelbſt nach Straßburg zu bringen. Ein Vorſchlag der noch weiter griff, kam von Hu⸗ ber. Forſter ſollte ſich von Thereſen trennen, um ſo wohl dem möglichen Vorwurfe zu entgehen, daß er die Seinigen in Gefahr gebracht, als um in ſeiner jetzigen Lage ſich ſelbſt zu erleichtern. Dafür machte der Freund ſich verbindlich, ſein Schickſal mit dem der Frau und Kinder zu vereinigen. Bei dem allen war ein Entſchluß für Forſtern ſchwer ——— ——— 184 zu faſſen. Er fühlte, daß er von Thereſen das Opfer mit ihm zu leben und zu ſterben, nicht fordern könne, und deſto ſchmerzlicher war ſeine Lage. In ſeinen Augen ſtand nicht bloß ihre Ruhe und Sicherheit,— es ſtand auch ſeine Ehre als Volksbeamter auf der Reiſekarte. Noch nie hatte er ſich in ſo verwickelten Verhältniſſen befunden. Es ſchien ihm eine Nothwendigkeit, ſo zu handeln, als wäre er der einzige Menſch in der Welt, auf den man rechnen könnte. Wie dann aber, wenn das Publikum noch mehr verzagte, weil er Frau und Kinder wegſchickte, um es im Stiche zu laſſen jetzt, wo es gelte? Nun ja,— wenn es ſein mußte, ſo wollte er ſich dennoch von ſeiner Familie trennen; nur nicht heimlich, nicht hinterrücks. Er wollte vorher die Mainzer wiſſen laſſen, nur dadurch, daß ſie ſich nicht für die Freiheit erklärten, halte er ſich von aller Pflicht des Mitbürgers entbunden; und indem er nur in ſeiner Ei⸗ genſchaft als fränkiſcher Bürger handle, glaube er ihnen von keiner ſeiner Handlungen mehr Rechenſchaft ſchuldig zu ſein. Nur wenn er dadurch etwa eine Inſurrection der Freiheit bewirken würde, glaubte er, mit den Sei⸗ nigen dennoch bleiben zu müſſen. Doch wie unwahrſcheinlich erſchien ihm bei näherm Betracht ſolche Erwartung! Nein, er hielt den Fall, wo Thereſe das Opfer zu bleiben ſeiner Ehre bringen müſſe, unter den Umſtänden, für ſo unmöglich, daß er glaubte, die ganze Welt müßte ihm alle Folgen deſſelben verzei⸗ hen, wenn er ſich doch an den Mainzern noch geirrt hätte, und ſie dann doch Charakter zeigten, den ſie un⸗ ter weit günſtigeren Aſpecten nicht bewieſen hätten. — das Opfer ern könne, nen Augen es ſtand Reiſekarte. rhältniſſen it, ſo zu der Welt, der, wenn Frau und jetzt, wo ſo wollte nur nicht Mainzer für die flicht des ſeiner Ci⸗ er ihnen ſt ſchuldig ſurrection den Sti⸗ ei näherm Fall, wo en müſſe, r glaubtt, een verzii och geiri in ſie un tten. 185 Und ſo nahm er denn Brand's Erbieten und Hu⸗ ber's Vorſchlag an, bereit Thereſen mit den Kindern ziehen zu laſſen, was man auch von ihm ſagen und denken möchte. Und Thereſe?— Sie ſchied nicht ungern. So beſtimmt ihr Charakter ſie zu Muth und Beſtehen der Gefahr aufrief, ſo unbe⸗ haglich, nach ihrem eignen Geſtändniß, fühlte ſie ſich bei ihren ſehr weiblichen Gewohnheiten, bei ſehr gepfleg⸗ tem Gefühl für häusliche Ordnung und auserlesnen Um— gang durch die jetzigen Erforderniſſe von Forſter's täg⸗ lichem Leben. Sie lebte jetzt einſamer, als jemals; ihr geſellſchaftlicher Abendzirkel war durch die Flucht der Ge— ſandtſchaften mit Einſchluß Huber's auf ein paar weibliche Bekannte beſchränkt. Dafür waren die mainzer Patrioten eingetreten, zwar ehrenwerthe Männer, die man aber ſehr ſchonen mußte, und»die keineswegs eine angenehme Theegeſellſchaft machten.« Dabei führten Forſter's Ver⸗ hältniſſe ſo viel Landleute, Bürger, Beamte in's Haus, daß ſie ſich ganz aus ihrer Sphäre geſtoßen fühlte. Wie viel Huber's Briefe dabei thaten, und ob ſein Vorhaben für die Zukunft den Ausſchlag gab, läßt ſich nicht ſagen. Aber ein Schreiben ihres Vaters, das ſeine Beſorgniß um ihre Lage ausſprach, erinnerte ſie daran, jedem Um— ſchlag der Dinge voraus zu bedenken, wohin ſie ſich mit den Kindern begeben wolle. So trat alſo der verhängnißvolle Wendepunkt in Forſter's und der Seinigen Schickſal entſchieden ein. Es war am 7. December. Thomas Brand hatte ſeinen Be⸗ dienten vorausreiten laſſen, um die Poſtpferde zu be⸗ —— ſtellen, nahm mit einem Landsmanne, den der Krieg ebenfalls aus Mainz trieb, eine Poſtchaiſe, und über⸗ ließ ſeinen eignen Wagen Thereſen mit ihren Kindern und einer Magd. Das Wappen an der engliſchen Ber⸗ line, bei dieſer Flucht nicht abgekratzt, wie das kurfürſt⸗ liche, fiel den Republikanern beleidigend in die Augen. Aber das dreijährige Töchterchen hatte bei viel Lebhaf⸗ tigkeit ſchon einige franzöſiſche Phraſen gelernt, und rief lachend zum Fenſter hinaus: bon jour citoyen! und der republikaniſche Beifall löſchte das ariſtokratiſche Wap⸗ pen aus. So leerte ſich Forſter's Haus, und nur Mariane, die zweite Magd, blieb zu ſeiner Verſorgung zurück. Doch alle Verbindungen des Herzens waren noch nicht abgebrochen. Noch lebte, wenn auch im Augenblick entfernt, ein Mann, dem er ſchon als Bräutigam, in der ſchönſten Zeit ſeiner Liebeshoffnungen, aus Wilna geſchrieben hatte:— vſelbſt die Liebe weicht dem See⸗ lenbündniß, welches mich an Dich kettet.« Sömmering, der Herzensfreund, war, wie wir wiſ⸗ ſen, mit ſeiner jungen Frau nach Wien gereiſ't, ehe man den Fall von Mainz ahnen konnte. Unterm 6. October hatte ihn Forſter von der Annäherung der Franzoſen benachrichtigt, und auf Verlangen der Schwiegereltern des Freundes Wäſche, Kleider, Briefſchaften, Silberzeug, Geld und einen Wechſel von 4000 Gulden in einem Ver⸗ ſchlage mit dem Marktſchiffe nach Frankfurt beſorgt. In⸗ zwiſchen war Sömmering von ſeiner Reiſe zurückgekehrt, konnte ſich aber nicht entſchließen, unter den jetzigen Ver⸗ der Krieg und über⸗ n Kindern ſchen Ber⸗ kurfürſt⸗ ie Augen. el Lebhaf⸗ „und rief ſen! und iſche Wap⸗ Mariane, zurück. aren noch lugenblick igam, in us Wilna dem See⸗ wir wi⸗ „ehe man . October Franzoſen jegereltern zilcerzeug, inem Ver⸗ ergt. Ii kickgekeht öien Ve 187 hältniſſen ſeinen Poſten in Mainz wieder anzutreten, und blieb bei den Eltern ſeiner Frau in Frankfurt. Was von hieraus zwiſchen ihm und Forſter ver⸗ handelt wurde, fällt zwar ein paar Wochen ſpäter, ge⸗ hört aber ſeinen Motiven nach in die innere, auflöſende Kriſe des Forſter'ſchen Lebens, weßhalb wir es gleich hierher ziehen. Sömmering ſchrieb unterm 29. December an den Freund in Betreff des mainzer Zuſtandes, beſchwerte ſich über die ſeiner mainzer Wohnung zugemeß'ne Ein⸗ quartierung, forderte von Forſter Sicherſtellung ſeines Eigenthums, und wollte ihn als Vice-Präſidenten der Adminiſtration, was Forſter damals eben geworden war, bei deſſen Ehre verantwortlich für die Unverletzlichkeit der Siegel machen, die von der Behörde in Sömmering's Hauſe vorſorglich für das Eigenthum des Abweſenden waren angelegt worden. Dieſe verbiß'nen Zumuthungen und wahrſcheinlich der ganze Ton des Briefes verriethen einen Mann, der mit Beginn eines glücklichen Hausſtandes einen ängſtlichen Ärger an allem Revolutionären gefaßt hatte, und ſeine Erbitterung mit aller Vergeſſenheit und Überhebung dem Jugendfreunde, dem Lebens⸗ und Strebensgenoſſen, zu fühlen gab. Forſter nahm ſich zuſammen, und antwortete unterm 6. Januar des folgenden Jahres mit hohem Ernſte, mit dem Vorgefühl ſeines Unglücks und mit dem Stolze ſei⸗ nes einſamen Herzens. Er erklärte dem Freunde, wie es eben eine Folge der Einnahme von Mainz ſei, daß Einquartierung in die Häuſer käme, und eine Folge der — — ꝗM— 188 Maßregel die Sömmering genommen habe, daß ſein Haus mehr beläſtigt würde, als geſchehen,— wenn er auf ſeinem Poſten geblieben wäre. Seine Effekten ſtänden unter'm Schutze des Geſetzes; aber es wäre unbillig, den Zufall, den ſie beide nicht berechnen könnten, auf Forſter's Rechnung zu ſetzen, bloß weil Sömmering deßhalb an ihn geſchrieben habe.—»Hätteſt Du doch lieber, ſchrieb er, den entſchiednen Willen gehabt, hier alles Gute und Böſe mit uns zu theilen, und Dein Haus unter Deiner Aufſicht zu behalten,— oder mit Deinem ganzen Ei— genthum weg zu ziehen, und uns unſerm Schickſale zu überlaſſen!—— Wer wird einen Beamten verantwort⸗ lich für die Übertretung machen, die er gerade durch eine Vorſichtsmaßregel zu erſchweren bemüht war? Darum ließ man ja befiegeln, daß nichts erbrochen werden ſollte. —— Mich würde es bitterlich ſchmerzen, wenn Dir das Geringſte von dem, was nur der Viſſenſchaft nützen kann, entkäme; ſo wie es mich ſchon genug geſchmerzt hat, daß unſer Weg ſich bei der Erſcheinung der Fran⸗ zoſen trennen mußte; indem wir verſchiednen Grundſätzen folgten, oder Anderes aus einerlei Prämiſſen ſchloſſen. Ich habe mich für eine Sache entſchieden, der ich meine Privatruhe, meine Studien, mein häusliches Glück, viel— leicht meine Geſundheit, mein ganzes Vermögen, viel⸗ leicht mein Leben aufopfern muß. Eins allein, weiß ich, iſt unantaſtbar mein, weil nur ich allein es antaſten könnte, das iſt mein Bewußtſein!« Und das letzte Wort der Freundſchaft lautete: »Du wirſt am Beſten wiſſen, daß ich Dich kenne ein Haus n er auf n ſtänden illig, den Forſter's ßhalb an er, ſchrieb Gute und her Deiner anzen Ci⸗ hickſale zu erantwort⸗ durch eine Darum den ſollte. Dit das ft nitzen geſchmerzt der Fran⸗ -rundſätzen ſchloſſen. ich meine lück, viel gen, viel⸗ weiß ich antaſten tete. ic kenne ———— mithin kannſt Du auch an meiner Denkungsart nicht zweifeln!“—— So löſ'te ſich denn auch dieſe alte edle Freundſchaft der Herzen und der Geiſter, des Irrens und des Strebens. Nun ſtand Forſter allein,— Hauſes- und Her⸗ zens⸗einſam! —— ——-——-——————yö ˖— 5 2 2. 2 5 2 9 Umblick und Faſſung. Seine Lage zu überſchauen, ſich über ſeine Anſich— ten, ſeine Abſichten zurechtzufinden, ſah ſich nun Forſter einſam und ungeſtört genug. Das menſchliche Herz, von den Einflüſſen verlaſſen, unter denen es lange Zeit ge⸗ ſtanden, gleicht dann einer Quelle, von der man die laufenden Beimiſchungen und Zuflüſſe ſorgfältig abge⸗ ſchnitten hat, um ihren Sprudel in ſeinem eigenthüm⸗ lichſten Gehalt und Trieb zu faſſen. Und ſo erſcheint wirklich der verlaſſ'ne Mann im Beſtreben, ſich über ſeinen Zuſtand klar zu machen, bald gefaßt. Die ſchmerzliche Betrachtung, wie in einem Au— genblick alles auseinander ſtiebe, was ſich ſo an dem— ſelben Orte zuſammenfand, wurde ihm durch die Erinne⸗ rung an Kaſſel erleichtert, wo er Ähnliches ſchon erlebt hatte, als Dohm, Müller, Mauvillon, Tiedemann, Söm⸗ mering, Runde— freilich innerhalb Jahresfriſten ſich zerſtreuten.—»Mein Geiſt iſt, Gott ſei Dank! un⸗ abhängig von allem, rief er ſeiner Thereſe nach, und ich 13 194 gehe meinen geraden Gang, überzeugt daß ich nach beſter Einſicht handle; das Übrige iſt Tand.“« Das vereinſamte Haus blieb doch ſeine Zuflucht nach all' den mit mancherlei Verdruß verknüpften Gängen, die ſeine Stellung und die Zeitläufte bei oft abſcheulichem Wetter mit ſich brachten. Glücklicherweiſe empfand er ſich hier von Marianen trefflich bedient und beſorgt, auch von ungewöhnlich gutem Befinden unterſtützt; obgleich er täg⸗ lich ſechsmal durch Koth und Schneewaſſer rennen mußte, ſo daß er kaum ſein liebes Theeſtündchen einhalten konnte.* Zu dieſem fanden ſich denn auch noch liebe Bekannte ein. Unter andern auch Felix Blau, ein Mitglied der Adminiſtration,— jener liebenswürdige Prieſter und Kollegiatſtiftskapitular, der einſt zwar gegen die Unfehl⸗ barkeit der Kirche eine wiſſenſchaftliche Feder geführt hatte, dabei aber ſo mild von Gemüth, als aufgeklärten Geiſtes war, human und edel von Denkart, ein heitrer, fried⸗ licher Republikaner. In den Geſchäften der Landesver⸗ waltung, worin ihm das Finanzielle oblag, ſcheint er weniger, als es Forſter wünſchte, gewandt und thätig geweſen zu ſein. Anfangs führte der einſame Freund auch ſeine häus⸗ liche Wirthſchaft fort, bis er denn doch inne ward, daß Küche und Keller bei ſeinen jetzigen unruhigen Verbin⸗ dungen zu ſehr in Anſpruch genommen wurden; da er denn nach Thereſens Rathe ſeinen Tiſch an einer Table d'Hote nahm. Denn wie es jetzt mit ſeiner Kaſſe beſtellt war, verräth uns eine Angelegenheit, die er in den erſten hnach beſter zuflucht nach Gängen, die bſcheulichem pfand er ſich t, auch von leich er täg⸗ anen mußte, n einhalten be Bekannte Mitglied der rieſter und die Unfehl⸗ führt hatte, rten Geiſtes trer, fried⸗ Landesver⸗ „ſcheint er und thätig ſeine häub⸗ ward, daß en Verbin⸗ den; da e tiner Lalle iſtellt war, den erfte — —— g 4 4 4 8 4 Tagen nach Thereſens Abreiſe mit Huber zu verhandeln bekam. Es betraf jene Summe preußiſcher Thaler, die ihm auf ſein gutes Preußenthum hin von Berlin aus als Vorſchuß auf Frankfurt angewieſen war. Wir er⸗ innern uns, wie ſtolz er ſie zuerſt abgelehnt hatte. So⸗ bald aber Buchhändler Voß ſchrieb, daß ſeine und des Grafen Herzberg flüchtige Außerung vom guten Preußen— thum ganz unſchuldig geweſen, und durchaus nicht die unterſtellte Bedeutung habe, nicht im entfernteſten bin⸗ dend ſein ſollte, nahm Forſter das Anerbieten als un⸗ erwarteten Wurf des Schickſals an. Und wie willkom⸗ men ihm dieſer Wurf war, geht aus der guten Laune hervor, mit der er hoffte, das Schickſal werde ihn noch mit einigen ſolchen Würfen bedenken, und nicht bankerott an ihm werden wollen. Noch einmal, wie es ſcheint, wiederholte ſich ihm in verzweifelter Lage etwas von der Art jener Guinee in der Stapfe des Pferdehufs, mit der ſich der Knabe die mahnende Paſtetenbäckerin vom Halſe geſchafft hatte. Die ſo willkommne Summe war von der Hand des Kaufmanns Rauspach in Berlin an Johann Mertens in Frankfurt angewieſen. Statt nun das Geld durch The⸗ reſen bei Gelegenheit des Abſchiedsbeſuches, den ſie bei Huber in Frankfurt machte, erheben zu laſſen, ließ For— ſter die Auszahlung auf einen mainzer Kaufmann über⸗ tragen, und verlangte deßhalb die zuerſt mit ſeiner Quit⸗ tung an Huber geſchickte Anweiſung zurück. Huber über⸗ machte die Quittung, doch ohne den Zettel an Johann Mertens, den der mainzer Kaufmann vor der Auszahlung 13* —;— 196 verlangte. Forſter mahnt ungeduldig. Huber vergaß es, verſäumte es, oder hatte die berliner Anweiſung verloren. Forſter gerieth außer ſich.—»Mein Gott, ſchrieb er ihm, wie kann man in Geldſachen ſo ſorglos ſein! Dieſe Tantals⸗Empfindung, eine Summe, die ich ſo drin⸗ gend bedarf, nun ſeit acht Tagen hier zu wiſſen, ohne ſie, des verwünſchten Zettelchens wegen, heben zu können, gönne ich dem Teufel und ſeinen Gehülfen, aber keinem honetten Mann. Ich bitte Sie nochmals, eilen Sie, wenn's noch nicht geſchehen iſt, und ſchicken Sie mir das Ding; ich möchte vor Wuth und Unmuth vergehen, daß ich es Ihnen ſchickte.«— Endlich hatte ſich der mainzer Kaufmann von For⸗ ſtern bewegen laſſen oder durch ſein Intereſſe bewogen gefunden, den Betrag ohne das Zettelchen zu zahlen. Forſter entſchuldigte ſich gegen Huber, daß er ihm weh gethan, und erklärte ihm, wie er ſich mit ſeinem ganzen Daſein von der ſchwebenden Summe abhängig gefühlt habe. Dieſer, von Abhängigkeit befreienden Macht des Geldes vergaß denn freilich Forſter gar bald wieder, wenn ſeine Seele für die höchſte Unabhängigkeit, für Volksfreiheit, aufloderte. Huber hatte ihn durch den gleich hinter dem frankfurter Ereigniſſe herübergeſchickten Boten von der dortigen Stimmung und der dem republi⸗ kaniſchen Forſter geſchwornen Rache benachrichtigt. Denn wie man in Mainz für die franzöſiſche Revolution ſchwärmte, ſo fehlte es in Frankfurt auch ſchon damals nicht zu Gunſten der deutſchen Reaction an überſpannten Köpfen. Forſter nannte ſte—»jene elende Raſſe, rvergaß es, ng verloren. „ſchrieb er rglos ſein! ich ſo drin⸗ iſſen, ohne zu können, aber keinem eilen Sie, en Sie mit th vergehen, n von For⸗ ſe bewogen zu zahlen. r ihm weh nem ganzen gig gefühlt Macht des ald wieder, igkeit, für durch den ergeſchikten em reyubli⸗ igt. Denn Revolution pon damals berſpannten inde Raſſ —— — 197 deren Sache es freilich ſei, ihren Beutel feſtzuhalten, nicht aber der Menſchheit Puls zu greifen, und zu füh— len, um was es gelte.« Nun hatte allerdings die Sache, um die es eben in Mainz galt, durch das frankfurter Ereigniß einen unberechneten Stoß erhalten; ſo daß Forſter auch mit der brieflich ausgeſprochenen Zuverſicht, daß die Pforten der Hölle die neue Freiheit nicht überwältigen würden, doch kaum über den Verdruß hinauskommen konnte, den ihm die Unreife und das Schwanken der Mainzer, ſich für dieſe ewige Sache zu erklären, in ſeinem ſtürmiſchen Gemüth erregten. Vollends empörte es ihn aber, wenn träge, gleichgiltige Menſchen mit Vorſchlägen kamen, wie bald ſich alle für die Freiheit erklären würden, wenn man ihnen nur die Abgaben erlaſſen wollte. Da rief er wohl aus:»Gemißhandelt, betrogen, gedrückt werden, das alles iſt alſo nichts, was einem Menſchen bewegen kann, das Joch abzuſchütteln, ſondern vollkommne Zu⸗ ſicherung, daß man nichts thun und gar keine Pflichten haben werde.« Seine Unzufriedenheit wird uns aber noch verſtänd⸗ licher, wenn wir die Gedanken an ſeine Zukunft, die Vorſätze für ſein Handeln mit der mainzer Verfaſſungs⸗ frage auf's engſte verknüpft ſehen. Seine Häuslichkeit hing ohnehin ſchon in der Schwebe zwiſchen Mainz, wo er ſelbſt den öffentlichen Geſchäften lebte, und Straßburg, wo ſeine Familie, von Freunden empfohlen, den Schutz eines eifrigen Jacobiners ſuchte. Nur der gleiche Faden des Rheinſtroms berührte noch beide Gatten, und hielt ſie an der gemeinſamen Erwartung feſt, daß bei der — —— — — 198 Ohnmacht der Coalition durch Vermehrung der franzö⸗ ſiſchen Streitkräfte ſich in wenig Wochen alle Gefahr von Mainz entfernen, und beide Gatten einander wiederfinden würden. In ſolcher Erwartung hatte Frau Forſter ſelbſt ihren Koffer nur allzuleicht bepackt. Bedachte nun aber Forſter die Möglichkeit, daß dieſe politiſche Rechnung doch ohne den Wirth gemacht ſei, und die Wiedereinnahme von Mainz als ſein großer Rechnungsfehler herausſpränge,— wohin ſollte er ſich alsdann wenden? Daß man ihm in Frankfurt Rache ge⸗ ſchworen, war nur als Anzeichen von Bedeutung, wie ſehr dieſe Stimmung ganz Deutſchland zu durchziehen anfing. Alle jene Kreiſe, in denen einſt ſein Name mit der Würze der Südſee verbreitet war, nahmen jetzt deſto gieriger das üble Gerücht ſeiner revolutionären Geſinnung auf. Er ſelbſt blieb auch über die Lichtwandlung, worin er jetzt in Deutſchland beobachtet wurde, nicht im Zwei⸗ fel. Geheimrath Schloſſer in Carlsruhe, unzufrieden mit den Declamationen, die gegen ſeine Vaterſtadt Frankfurt von der mainzer Volkstribüne aus Forſter's Munde er⸗ gangen waren, gab jetzt, ſtatt frühern Troſtes, unge⸗ eignete Belehrungen über die alten Republiken von Grie⸗ chenland und Rom im Vergleich mit dem jetzigen frän— kiſchen Republikanismus.— Die neuwieder Zeitung be— zeichnete alles, was Forſter über die Freiheit geſchrieben, als ſeiner unwürdig. Die Gelehrten in Berlin erklärten ihn für den Hauptanſtifter alles Übels in Mainz. Selbſt der wohlwollende Heyne war unzufrieden, und ſchrieb kaum mehr,— er ſelbſt nur darum ein Ariſtokrat, wie Forſter meinte, weil er nicht 50 Meilen ſüdlicher wohne. franzö⸗ fahr von derfinden ſter ſelbſt it, daß gemacht großet eer ſich jache ge⸗ ng, wie rchziehen ame mit tzt deſto eſinnung 1 worin n Zwei⸗ tden mit Jrankfurt unde er⸗ , unge⸗ on Gtie⸗ en frän⸗ sung be⸗ chrieben, erklärten Selbſ ſchrich rat, wit twohne 199 Der gute Papa hatte es in einem Brief an die Tochter ſehr unvorſichtig gefunden, daß Forſter die Stelle bei der Adminiſtration angenommen, ohne dem Kurfürſten oder dem Coadjutor Anzeige davon zu machen, und ſich dadurch ſeinen künftigen Aufenthalt, Unterkommen und Verſorgung zu ſichern. In einem andern Briefe deſſelben an Sömmering vom 30. December finden wir die damals in Deutſchland gegen Forſter herrſchende Stimmung ſtark genug ſelbſt von dem wohlwollendſten Manne ausgeſprochen: »Der gute Forſter hätte mögen die Partei wählen, ſich employiren laſſen, hätte er nur Mäßigung und Klug— heit gebraucht, um ſich den Rücken frei zu behalten. Er iſt nun in Deutſchland ſo gut als vogelfrei. Geht Mainz über, wo will er hin?— Um ſeine Liebe bei unſern Landsleuten, ſelbſt um ſeinen Autorruhm und den Ab⸗ gang ſeiner Arbeiten bei den Verlegern hat er ſich ge⸗ bracht.«— Daß man mit Heyne's Angſtlichkeit nur immer für ſich handeln und nicht bedenken ſolle, ob man ein Va⸗ terland habe oder nicht, brachte Forſtern auf. Überhaupt gebührt ihm jetzt noch das Zeugniß, daß er mit leben⸗ digem Glauben an ſich und ſeine Sache, bei allen ſchie⸗ fen und ſchlimmen Urtheilen, die er über ſich vernahm, eine männliche Ruhe behielt. So ganz unrichtig war es wohl auch nicht, wenn er meinte, die geſchäftige Nichtsthuerei der deutſchen Gelehrten ver⸗ derbe dieſe Leute in Grund und Boden. Sie könnten einen Menſchen nicht begreifen, der zu ſeiner Zeit auch einmal handle, und fänden ihn verabſcheuenswürdig, nun 200 er einmal nach den Grundſätzen zu Werke gehe, die ſie doch erſt auf dem Papiere ſo beifällig aufgenommen hätten. Auf die Wuth des Parteigeiſtes zu antworten, hielt er für thöricht, auch wenn er Zeit dazu hätte, und an die Nachwelt zu appelliren, hegte er von der hiſtcoriſchen Wahrheit zu wenig heilige Begriffe. Warnungen und Drohungen, die ihm zugingen, ſchreckten ihn nicht; doch fühlte er ſich mehr, als durch ſolche, aus Rückſicht auf ſeine Ehre abgehalten, im Fall eines Umſchlags Deutſch⸗ land zu betreten. Und ſo wollte er ſich vorerſt bloß als fränkiſchen Beamten anſehen, deſſen Verbleiben in Mainz mit dem Weichen oder Weggehen der Franzoſen ſein Ende nehme. Dies hing denn von den Fortſchritten der Preußen ab. Daß dieſe während des Winters Mainz beunruhigen würden, ſchien Forſtern nicht wahrſcheinlich; obgleich ihr Belagerungsgeſchütz vor der von General Meunier mit 100 Mann beſetzten Veſte Königſtein vom Taunus herab faſt täglich vernommen ward. Er lächelte zu Huber's guter Meinung von den Preußen, deren Armee doch im elendeſten Zuſtande ohne die mit ihnen verbundnen 10,000 Heſſen nichts ausrichten würde. Ihre Ausreißer kamen nach Mainz, und berichteten die Noth der Trup⸗ pen, die in dem naſſauer Gebirge Hunger litten, und ihre Pferde mit Drittel⸗Rationen nur zur Noth auf den Beinen erhalten konnten. Dennoch glaubte Forſter auch nicht an Frieden. Der König von Preußen, ein Werk⸗ zeug ſeiner Umgebung, war in der Hand Derjenigen, die Mainz in keinem Falle der franzöſiſchen Republik die ſte nommen n, hielt und an oriſchen en und t; doch icht auf Deutſch⸗ gloß als Mainz n Ende reußen ruhigen eich ihr jer mit zherab Huber? ee doch undnen sreißer Trup⸗ , und zuf den er auch Werk⸗ enigen, epublit einverleibt ſehen wollten. Auf der andern Seite machten geheime Correſpondenzen mit dem Kurfürſten, Spione und reactionäre Ariſtokaten in Mainz ſtrenge Maßregeln Cüſtine's nöthig. Es wurde Jeder, der von einer Über— gabe der Stadt und Caſtels reden würde, mit dem Strange bedroht. Dies war vielleicht überflüſſig, da die Mainzer, nach Forſter's Meinung, noch immer die Alten, ſich mit dem alten guten Spruche: Wer uns gewinnt der hat uns! ruhig ſchlafen legten, aber auch auf den erſten Alarmſchuß gleich von preußiſcher Beſatzung träumten. Wie er jetzt mit ſeinen Gedanken ſtets auf die thatſächliche Gegenwart gerichtet war, ſo bedachte Forſter zuweilen auch die Leichtigkeit, wie die franzöſiſche Repu⸗ blik durch einen wohlberechneten Kraftaufwand die Preu⸗ ßen vor Eintritt des Frühjahres vernichten, Frankfurt als gute Geldquelle wieder einnehmen, und ſich der Zu⸗ ſtimmung des Landſtriches bis nach Franken für die Freiheit verſichern könnte. Die Vorſtellung von einem ſo glücklichen Ausgang der Dinge lieh dann auch wieder dem Wunſche, Deutſch⸗ land nahe zu bleiben, einen neuen Reiz.—»Wenn Mainz franzöſtſch bleibt, ſchrieb er an Thereſe, wüßte ich kaum, wo wir beſſer ſein könnten nach der Art und dem Zuſchnitt unſerer Lebensweiſe. Der Vereinigungspunkt für Deutſchland bliebe es nun einmal gewiß. Meine literariſchen Arbeiten gingen ihren Gang fort, und Eng— land wäre auch nicht zu fern, um Bücher, Nachrichten u. d. gl. daher zu bekommen.«— Auch er alſo noch der gute Alte! Geſchäftskreis und Abſchluß. Doch näher, als die Gedanken an ſeine Zukunft, lagen die Motive des Handelns vor der brennenden An⸗ gelegenheit der mainzer Verfaſſung, und nöthigten Forſter, mit ſich in Überlegung zu gehen. Dieſe Ange⸗ legenheit wurde nun, hinter den dringendſten Vorkeh⸗ rungen gegen einen Angriff der Preußen auf die Stadt, ihrer Entſcheidung entgegen gedrängt, indem die Admi⸗ niſtration Mitte December die Stimmen der mainzer Bürger für oder wider die Annahme der dargebotnen Freiheit ſammlen ließ, und zu demſelben Zwecke Com⸗ miſſäre auf's Land ſchickte. Forſter zweifelte nicht, daß die große Mehrheit ſich, wenn auch ganz gelaſſen und ohne Enthuſtasmus, für die Annahme entſcheiden werde. Solcher Erwartung arbeitete aber ein Gerücht entgegen, das ſehr abſchreckend wirkte. Es hieß nämlich, eine Liſte aller Club-Freunde ſei dem Könige von Preußen zugeſchickt, und von dort aus in Abſchriften an die Vorpoſten der anrückenden Truppen gegeben worden; jeder Mainzer, deſſen man habhaft würde, und den man auf der Liſte verzeichnet fände, habe nach Maßgabe ſeiner Theilnahme am Club, worüber Notizen im Na⸗ mensverzeichniß enthalten ſeien, den Korporalſtock oder gar eine kriegsgerichtliche Behandlung zu erwarten. Viele Clubiſten eilten nun ihre Namen auszu— ſtreichen. Unter dieſen bemerkte Forſter beſonders auch Zukunſt, den An⸗ röthigten ſe Ange⸗ Vorkeh⸗ e Stadt, e Admi⸗ mainzer gebotnen e Com⸗ tt, daß ſen und a werde⸗ entgegen, H, eine Preußen an die worden; en man laßgabe im Ni⸗ cc oder n. auszl⸗ rs auch 203 den durch ſeine Schriften bekannten Niclaus Vogt, den v»excellenten Kopf,« deſſen Einzeichnen ihn jedoch mehr, als das jetzige Ausſtreichen des Namens in Verwunde⸗ rung geſetzt hatte. Eine weitere Nachricht machte auch die übrige Be⸗ völkerung ſtutzig. Der Coadjutor ſollte in Frankfurt angekommen ſein. Da meinten denn die Mainzer bei jedem Trompeter, der einen Paß brachte, der brave Dalberg laſſe dem Cüſtine die Stadt abfordern. Dieſem vermeintlichen reactionären Anſpruche vom rechten Rheinufer trat eine viel lebhaftere republikaniſche Bewerbung entgegen. Dekrete des pariſer National⸗ Convents vom 15. December erklärten die eroberten Länder für frei, mit der Beſtimmung, daß in denſelben proviſoriſche, vom Volke zu wählende Adminiſtrationen, ſollten angeordnet werden. Zugleich wurden Commiſſäre des Convents zur Beſitznahme der mainzer Eroberung angekündigt. Indem hiernach den mainzer Abgeneigten und Un— entſchloßnen kaum ein Ausweg übria blieb, ließen es die auf's Land geſchickten Abſtimmungs⸗Commiſſäre in ihrem elubiſtiſchen Eifer auch nicht an Vorſpiegelungen und Bedrohungen fehlen; ſo daß Forſter, der nur das er⸗ wünſchte Reſultat ihrer Bemühungen, vielleicht nicht ohne Selbſttäuſchung, in's Auge faßte, gegen Ende December die Nachricht geben konnte, daß faſt alle Stimmen der Provinz ſich für die Annahme der fränkiſchen Verfaſſung und für Einverleibung mit Frankreich ausgeſprochen hätten. Am laueſten hattte ſich dabei die Stadt Mainz bewieſen, deren Bewohner freilich ſehr ungern die nahr⸗ hafte Ariſtokratie des Krummſtabes mit einem republika⸗ niſchen Faſten vertauſchten. Forſter's ausgeſprochne Zufriedenheit mit dieſer Bewegung zu Gunſten Frankreichs ſtellt uns denn gleich in die Richtung ſeiner politiſchen Anſichten, von denen er auch ſeine Vorſätze und ſeine Handlungsweiſe beſtim⸗ men ließ. So ſah er einen Frieden um jeden Preis für Deutſchland als innere Nothwendigkeit an; nachdem der unglückſelige Gedanke, mit bewaffneten Manifeſten in Frankreich einzudringen, das zu keiner Revolution noch reife und vorbereitete deutſche Volk in eine Gährung verſetzt habe, die bei dem Mangel an einem Manne, der Rath und Kraft in ſich verbinde, alles durcheinander werfen könnte. Ein Friede ohne Opfer ſei jedoch nicht mehr zu haben, und die Kabinette möchten ja nicht daran denken, eine Bevölkerung, die ſich freiwillig trenne, mit großem Aufwand und noch größerer Ungewißheit des Erfolges wieder an ſich reißen zu wollen.—»Der Rhein bleibt franzöſiſche Grenze, ſchrieb er ſchon früher an Heyne, oder Deutſchland wird ſo frei, wie alles ſchon jenſeit des Rheins es unaufhaltſam geworden iſt. An die Kurfürſtenthümer Mainz, Trier und Köln muß man im heiligen römiſchen Reiche nicht mehr denken. Schwa⸗ ben und Heſſen harren ſchon ihrer Erlöſer, und die deutſche Verfaſſung mag ſehen, wie ſie ſich erhält, wenn Frankreich künftiges Jahr den Feldzug im Herzen des Reichs eröffnen muß.«—— Dieſe Anſicht wird ohne Zweifel Forſtern auch in ſeinem Thun und Laſſen beſtimmen. Wir folgen den publika⸗ t dieſer in gleich m denen beſtim⸗ Preis nachdem eſten in on noch zährung me, der inander Snicht mnicht trenne, wißheit »Der früher z ſchon t. An 1ß man Schwa⸗ nd die wenn en des uuch in en den 205⁵ Wegen ſeines Handelns, die ſich ihm mehr und mehr erweitern und leider auch verwickeln. Im Club war die jüngſte Präſidentenwahl auf ihn gefallen; wobei diesmal jedoch weniger ſeine perſönliche Beliebtheit, als ſein gewandtes Franzöſiſch den Ausſchlag gegeben hatte. Denn es wurden doppelte Sitzungen gehalten: für die bloß franzöſiſch— und für die nur deutſch Sprechenden; der Präſtdent aber mußte beidlebig ſein.— Forſter's Beſtreben ging nun dahin, die Geſell⸗ ſchaft beſſer zu organiſtren, damit etwas aus ihr werde. Auch ſetzte er es durch, daß von jetzt an in den Sitzun⸗ gen für die Armen geſammelt wurde. Mit Profeſſor Hofmann wurde eine neue Zeitung, „der Volksfreund,« verabredet. Sie ſollte eine höhere demokratiſche Färbung neben der alten mainzer Zeitung haben, die in eine»Nationalzeitung,« umgetauft, unter Doctor Böhmer'’s Redaction wenig befriedigte. So kurz vor dem neuen Jahre war keine Zeit zu verlieren; daher Forſter raſch den ganzen Plan der Redaction durch zwölf einander ablöſende Redactoren, der Finanzeinrichtung, des Verhältniſſes der Intereſſenten und der Geſchafte der Functionärs entwarf. Als Mitarbeiter ward er dann auch gleich mit der höchſten Beiſteuer in Anſpruch ge— nommen. In die neue Adminiſtration durch Volkswahl hoffte er um ſo eher zu kommen, als der bisher einflußreichſte Mann, der Präſident Dorſch, wenig Ausſicht gewählt zu werden hatte. Die Pfäffiſchen, voller Haß gegen den abtrünnigen und gar verheiratheten Prieſter, zernagten ihn in der Meinung des Volkes. Und dies nicht etwa 206 nur heimlich, ſondern mit ſo ausgeſuchter Energie, daß der Pfarrer Turin eines Tages von der Kanzel der Ignatiuskirche herab, ſich ſelbſt vor der verſammelten Menge des Argerniſſes anklagte, das er gegeben, indem er mit Dorſch ſpazieren gefahren ſei. Freilich, um eine Rolle in der neuen Republik des Departement des bouches du Mein zu erhalten, ſtand Forſter doch nicht genug im Brennpunkte der Par⸗ teithätigkeit und mithin des demokratiſchen Vertrauens. Er erkannte dies ſelbſt, und wir können ſein Bewußtſein darüber und überhaupt ſeine Silveſterabend⸗Empfindun⸗ gen nicht treffender und wärmer, als mit ſeinen eignen Worten an Thereſe, wieder geben. In Erinnerung an ſeine bewegten Tage, da er von nächtlicher Frühe 6 Uhr bis Abends 11 Uhr ſich abmühend, herzlich ermüdet zu Bette gehe, ſchrieb er: »Soll ich Dir die Wahrheit bekennen?— ich mache jetzt ſonderbare Betrachtungen über mein Schickſal und über das Loos der Menſchen überhaupt. Sie ſtimmen zum Theil mit den Deinigen überein, wo Du ſagſt, daß nur die breiweichen Seelen fortkämen und Freunde fän⸗ den. Ich ſtehe jetzt hier in meiner Thätigkeit ganz iſo⸗ lirt, und finde alſo, daß auch der freie Republikaner nicht die Wahl hat, von Menſchen, von ihren Privatab⸗ ſichten und Leidenſchaften und dem daraus erwachſenden Parteigeiſt unabhängig zu bleiben, bei Strafe ſich in ſeinem Wirkungskreiſe von allen Seiten beengt und ein⸗ geſchränkt zu ſehen. Ich hange dem General nicht an, nicht den Kriegs⸗Commiſſären, nicht dem Präſidenten der allgemeinen Adminiſtration; ich arbeite aber unaus⸗ gie, daß nzel der ummelten n, indem lblik des erhalten, der Par⸗ rtrauens. wußtſein pfindun⸗ meignen rung an 26 Uhr züdet zu ich mache kſal und ſtimmen gt, daß nde fän⸗ ganz iſo⸗ lblikaner ribatab⸗ chſenden ſich in und ein⸗ nicht an, iſidenten unaut- geſetzt, und ich merke wohl, daß man dieſe Art von Unbeſtechlichkeit mehr fürchtet, als ehrt, mithin ſich zwar meinen guten Willen zu Nutze macht, aber an mir wei⸗ ter keinen Theil nimmt, weil ich dem Eigennutz aller dieſer Menſchen nicht diene. Dies Betragen iſt nicht von dieſer Welt. Das lerne ich täglich mehr einſehen, und deshalb ergebe ich mich auch willig in den Gedanken, mich auf's Außerſte einzuſchränken, und noch ſo vielen Bedürfniſſen, wie ich kann, zu entſagen, um bei meiner moraliſchen Unabhängigkeit nicht ökonomiſch zu Grund zu gehen. Ich müßte heucheln, wenn ich nicht bekennen wollte, daß ich dieſe Vereinzelung jetzt ſehr drückend empfinde.“«—— Mit ſolchen Betrachtungen beſchloß er das verhäng⸗ nißvolle Jahr 1792. Wie viel, was ſeinem Herzen innigſt verwachſen war, hatte nicht das letzte Quartal von ihm abgelöſ't! Nur mit der fatalen und verlebten alten Zeit hing er noch durch ein ſichtbares, thieriſches Zeichen zuſammen,— mit jener ſteifen Geſellſchaft, von welcher er nicht ohne die koſtbarſten Opfer loskommen konnte. Dies Gefühl mochte ihn wohl in dunkler Seele ergriffen haben, als am erſten Chriſtfeſte die Kirchen⸗ glocken mit alten Erinnerungen zuſammenſchlugen. Der Friſeur erſchien wie alle Tage, und raſch entſchloſſen, ließ er ſich den noch immer gehegten und gepflegten Zopf abſchneiden. Das Symboliſche dieſer Handlung machte er ſich nicht klar, ſondern ließ es ſich nur ge⸗ fallen, daß ſeine Bekannten ihn zu ſeinem Vortheil viel völliger und à'Abbé ausſehend fanden. Einen Strang des Geflechtes ſandte er ſeiner Thereſe zu. Thereſens Lage. »Proſit Neujahr! Du und meine Kinder!«—— Mit dieſem Gruß an Thereſen und mit der Hoff⸗ nung auf noch manche gute Stunde betrat Forſter das Jahr 1793. Und wie nahe hoffte er dieſe Stunden— »Wenn das Laub an den Bäumen grünt und die Sonne warm hervor ſcheint, giebt es auch wieder wohlfeile und herzlich empfundne Freuden. Was jeder Tag mit ſich bringt, wollen wir froh hinnehmen und nur dafür ſor— gen, uns empfänglich für alles Schöne und Gute in der weiten Welt zu erhalten.« Der gerührte Mann ahnete in der Frühſtunde des erſten Januar, als er ſeinen Silveſterabendbrief fortſetzte, die winterliche Fahrt nicht, auf der ſeit der nächtlichen Stunde des Jahreswechſels ſeine Thereſe mit ihren Mäd⸗ chen begriffen war. Wir haben ſie in Thomas Brand's Wagen Mainz verlaſſen ſehen. Nicht ohne manches Ungemach der Kriegs⸗ bewegungen hatten ſie den Weg nach Straßburg zurück⸗ gelegt. Von Freunden Forſter's, vermuthlich von Pro⸗ feſſor Dorſch, empfohlen, ward ſte im Hauſe eines Erzjacobiners von deſſen ſehr achtungswürdigen Frau gütigſt aufgenommen, und nach 3 Tagen in einer arti⸗ gen Chambre garni eingerichtet. „»Hier nahm ihr Reiſebeſchützer von ihr Abſchied. Ein ernſter, bedeutungsvoller Moment, in dem ſie erſt der Hoff⸗ orſter das unden!— die Sonne lffeile und mit ſich dafür ſor⸗ te in der unde des fortſetzte nächtlichen ren Mäͤd⸗ en Mainz er Kriegs⸗ g zurück⸗ oon Pro⸗ ſe eines en Fral ner arte Abſchied 1 ſie erf 209 das Scheiden vom Alten, Gewohnten, das Alleinbleiben in der Fremde in ſeiner ganzen Stärke empfand. Wie ſich ihre Thüre hinter Thomas Brand ſchloß, ſah ſie ſich in ihrem neuen Zimmer um, und raffte die einzelnen Beſtandtheile ihrer neuen Lage zuſammen. Sie war nun mit ihren Kindern allein in einer Stadt, wo ſie keinen einzigen Bekannten hatte, und nach Forſter's Willen jede Gemeinſchaft mit andern, als Menſchen ſeiner Partei meiden ſollte.« In Erwartung baldiger Rückkehr hatte ſie ſich mit wenig Geräthe verſehen, und Forſter beſorgte ihr ſpäter das Weitere nach. Der Briefwechſel mit ihr war die einzige Erquickung in ſeiner verlaßnen und bedrängten Lage. Wie Thereſe ſich aus Rückſicht auf ſeine Lage jede Beſchränkung auferlegte, ermunterte er ſte fortwäh⸗ rend, ſich und den Kindern nicht alles zu verſagen, geſund zu leben und ſich angenehm einzurichten, Geſellſchaft, Zerſtreuung zu ſuchen, und das Theater, auch wenn es etwas koſte, nicht zu meiden. Er rechnete 8 bis 10 Louisd'or zu ihrem monatlichen Unterhalte, meldete ihr die Glücksbeſcherung der gutpreußiſchen Summe, und ſchickte— wie er denn noch der Alte war, der von dem Fund in irgend einer Pferdeſtapfe gern einen goldnen Fingerhut kaufte— Aſſignate zu Chriſtgeſchenken für Frau, Kinder und Magd. Gelegentlich lenkte er zum Behuf einer Nebeneinnahme Thereſens Gedanken auf Üüberſetzungsarbeiten, und ſchlug ihr die Memoiren der aus der bekannten pariſer Halsbandgeſchichte berüchtigten La Motte Valois für Cotta vor. Thereſe nahm den Vorſchlag, jedoch nicht für Cotta, ſondern für Voß an, 14 210 Und obgleich jetzt aus der Sache nichts wurde, ſo iſt es doch merkwürdig, daß Forſter ſie zuerſt auf ihren künfti⸗ gen ſchriftſtelleriſchen Lebensweg lenkte, der ſie ſogar auch zu Cotta führte. Nach einigen Wochen erhielt Thereſe eine uner⸗ wartete Einladung nach Neufchatel von einem Freund ihrer Eltern und Gönner ihrer Kindheit, von Georg von Rougemont. Kurz vor dem Falle von Mainz war er dort geweſen, und hatte einen Blick in Forſter's Lage gethan. Der edle Mann ſtellte ihr die Peinlichkeit ihrer jetzigen Situation, das Bedenkliche ihrer Zukunft ein⸗ dringlich vor, und ängſtigte ſie nicht wenig durch die Auffoderung zu einem Schritte, worin für ſie, an For⸗ ſter's Rath und Leitung gewöhnt, eine Zumuthung un— gewohnter Selbſtbeſtimmung in ſo wichtiger Sache lag. Da kam, wie durch höhere Fügung, nach manchen Wo⸗ chen wieder einmal ein Schreiben ihres mit Forſter un⸗ zufriednen Vaters, der mild und theilnehmend, um ihr Geſchick beſorgt, ihr befahl, ſich mit einem beigefügten Billet an ſeinen alten Freund Schweighäuſer in Straß⸗ burg zu ihrer Berathung zu wenden. Dieſe liebens⸗ würdige Familie rieth ihr die Einladung nach Neuf⸗ chatel anzunehmen. Aber Eile war nöthig. Das Geſetz gegen Auswanderung war auf's Strengſte ausgeſprochen, und die Leidenſchaftlichkeit der Parteien erſchwerte die Erlaubniß des Maires, Herrn von Dürkheim. Dieſer war ein nur etwas revolutionär angehauchter Ariſtokrat, Schweighäuſer war Feuillant und Thereſe die Frau ei⸗ nes Jacobiners, im Schutz einer jacobiniſchen Familie, deren Tochter ſogar bei einem öffentlichen Aufzuge als ſo iſt es en künfti⸗ ogar auch ne uner⸗ n Freund i Georg ainz war ters Lage keit ihrer unft ein⸗ durch die an For⸗ hung un⸗ ache lag. hen Wo⸗ zrſter un⸗ un ihr eigefügten n Straß⸗ liebené⸗ h Neuf⸗ a5 Geſet ſprochen, verte die Dieſer riſokrat, Frau ei⸗ Familie, zuge ald Göttin der Freiheit aufgetreten war. Thereſe, die hier ohne Vermittler handeln mußte, machte beim Maire ei⸗ nen argen Fehlgriff, und konnte erſt durch Dazwiſchen⸗ treten eines friedlichen Mannes die Abreiſebewilligung erlangen. Forſter war für das preußiſche Verhältniß von Neufchatel doch nicht gut preußiſch genug, um nicht über Thereſens Vorhaben betroffen zu ſein. Sie und die Kinder zu ſehen war ihm jenſeit der Grenze höchſt er⸗ ſchwert. Bis aber ſeine endlich doch gefaßte Zuſtimmung ſie erreichte, hatte ſte ſchon in der Neujahrsſtunde Staß⸗ burg verlaſſen, in Colmar den Segen des alten blinden Fabeldichters Pfeffel auf die Häupter ihrer Kinder em⸗ pfangen, und war durch das überſchneite, froſtſtarre Land in Neufchatel angekommen, wo Herr von Rougemont ſie empfing und auf ſeinen Landſitz zu gaſtfreundlichen, zartfühlenden Schweſtern brachte. Mit dieſen und in deren achtungswerthem Kreiſe ſollte ſie denn vorerſt den Winter verleben. War nun durch ihre Entfernung Forſter's häusli⸗ cher Zuſtand in Mainz ſehr einſam und troſtlos, ſo daß — wie er Hubern klagte, ganz allein zu ſein ihn äng— ſtigte und quälte; ſo ließ ſich doch auch dieſer Haus⸗ freund Huber in Frankfurt als von Unruhe und Mißbe⸗ hagen nicht weniger gefoltert aus ſeinen Briefen erkennen. Schon Forſter mußte ihn um Sammlung und Ruhe bitten: wie mag er erſt an Thereſe geſchrieben haben! Er wünſchte ſein jetziges diplomatiſches Verhältniß ge⸗ löſ't, dem er nun einmal, ſo lang es daure, ſeine An⸗ ſichten und Denkart unbedingt zu opfern entſchloſſen war. 212 Dieſer Entſchluß ging ſoweit, daß er am letzten Tage des Jahrs ſeine Correſpondenz mit Forſtern abgebrochen hatte, weil man ihn ſonſt zu verdächtig machen könnte. Verwirrung in Mainz. Am erſten Januar trafen denn auch die erwarteten Convents⸗Commiſſäre Rewbel und Hausmann, beide von Kolmar, und Merlin von Thionville ein, und wurden feierlich empfangen. Die ganze Beſatzung in voller Rü⸗ ſtung und mit allem Geſchütz war auf dem Schloßplatz ausgerückt, und bildete von hier bis zum Neuthor eine Gaſſe für die Erwarteten. Eine Abtheilung Küraſſiere und Jäger holten ſie ein. Nach vier Uhr, unter mage⸗ rem Zuruf: Es lebe die Nation! angelangt, bezogen ſie Zimmer im Schloſſe, und nahmen alsbald die Aufwar⸗ tung des Generals Cüſtine mit Gefolg und der Abgeord⸗ neten der Adminiſtration ſo wie der Municipalität an. Am 3. Januar erſchienen ſie, unter leidenſchaftlichem Zurufe der Clubiſten, in der gewöhnlichen Abendver⸗ ſammlung. Forſter als Präſident empfing ſie mit Be⸗ grüßungsworten und, mit Glückwünſchen zum Heil des Tages. Merlin und Hausmann beantworteten die feier⸗ liche Anſprache mit pomphafter Zuſicherung des beſtändi⸗ gen Schutzes von Seiten des National⸗Convents und der ewigen Verbannung des alten Deſpotismus. ten Tage gebrochen könnte. rwarteten beide von Hwurden ller Rü⸗ hloßplatz hor eine türaſſiere er mage⸗ zogen ſie Aufwar⸗ Abgeord⸗ taät an. aftlichem bendver⸗ mit Be⸗ deil des ie feie⸗ beſtändi⸗ ts und 213 Es war, als ob der Kurfürſt ſelbſt dieſe letztere Zuſtcherung beſtätigen wollte; indem gerade um dieſe Zeit ſeine Einberufung der in Mainz noch amtiren⸗ den Hofgerichts⸗ und Hofkammerräthe nach Miltenberg eintraf, wohin er vorerſt die Behörden ſeines Landes verlegt hatte; indeß er ſelbſt ſein Hoflager in Kraut— heim nahm. Doch wie ſich auch dieſe weichende und jene beſitz⸗ ergreifende Macht begegneten; ein ebener und klarer Zu⸗ ſtand in Mainz wollte doch daraus nicht hervorgehen. Nach keiner Seite hin, weder nach der fränkiſchen Repu— blik, noch nach der deutſchen Reaction öffnete ſich eine freie Ausſicht. Die Preußen rückten nicht vor, und die Franzoſen hielten ſich zurück; oder jene thaten ſogar einen Schritt rückwärts, wie bei Hochheim, ſchlugen dann aber auch die Franzoſen zurück, als dieſe am 7. Januar den Platz einnehmen wollten. Das Wühlen der Frei⸗ heitsſchwärmer, das Aufhetzen der Altkurfürſtlichen zer⸗ ſtörte oder trübte jeden Boden ſo zum Schaffen wie zum Erhalten, und weder hier noch dort wollte ein Mann hervortreten, an den das öffentliche Vertrauen, wenn auch mit Opfern, ſich hätte heften und halten können. Durch deſpotiſches und entſchiednes Einlenken nach dem franzöſiſchen Intereſſe hatte Cüſtine ſeiner zu⸗ erſt gegebenen Zuſage einer freien Verfaſſungswahl ſelbſt widerſprochen, und ſich die Gemüther entfremdet. Dieſe wollten ſich aber auch den neuen Commiſſären nicht zu⸗ wenden, deren zögerndes Benehmen die Beſorgniß er— weckte, man gehe damit um, Mainz wieder herauszuge⸗ ben. Von allen Seiten der deutſchen Parteimänner 214 wurde den unentſchloſſenen Mainzern die gute Sache ge⸗ predigt; aber keiner der Sprecher erſchien von ihr wahr⸗ haftig beſeelt. Wer ſich nur im Geringſten etwas zu⸗ traute, oder von ſeiner Partei nothdürftig aufſteifen ließ, ſchnappte auch gleich nach einem Amtchen oder ſonſtigen Vortheil. Andern war ſchon damit gedient, aus alten Verpflichtungen los zu kommen, und ſich ungebunden zu gebahren. Daneben fehlte es nicht an ſolchen, die alles was ſich neu geſtalten wollte, hintertrieben, um ſich bei dem Kurfürſten und Coadjutor Verdienſte voraus zu ſammeln. Die wenigen Gutgeſinnten, zu denen Forſter unbeſtritten gehörte, und zu denen er ſelbſt den liebens⸗ würdigen Prieſter Blau zählte, hatten alle andern gegen ſich, gewannen keinen Einfluß und mochten ſich eher auf Verfolgung, als auf Anerkennung gefaßt machen.— Forſter zeichnet in ſeinen Briefen dieſen Zuſtand mit der mißmuthigſten Feder.»Wo Mißtrauen die Seele von allem iſt, ſchrieb er ſeiner Thereſe, Mißtrauen gegen die Miniſter, gegen die Commiſſarien des National⸗Convents, gegen die Generale, die Officiere, die Truppen, gegen Municipalität und Adminiſtration, gegen die Kaufleute, die Pfaffen, die Weiber, gegen einzelne Bürger, da ſcheint mir uneigennützige Tugend fern zu ſein; auch glaube ich, daß zumal in Mainz die Moralität zu nie— drig ſteht, um etwas anderes, als kleinlichen Eigennutz hoffen zu laſſen.« Und ein andermal ſpricht er ein einfaches Wort aus, das aber das alte Weltunheil für alle des echten Prieſterthums bedürftigen Völker bezeichnet:»Pfaffen⸗ einfluß wird alles Gute verhindern!« Hihr wahr⸗ etwas zu⸗ fſeifen ließ, er ſonſtigen aus alten ebunden zu „die alles um ſich bei voraus zu nen Forſter en liebens⸗ dern gegen ſich eher nachen.— d mit der Seele von gegen die Convente, een, gegen Kaufleute ürger, d ein; auc it zu nie⸗ Eigennut hes Wott des echten Pfaffen⸗ Sache ge⸗ Dieſer Einfluß trieb jetzt auch die ſchon früher er— wähnte Spaltung zwiſchen den beiden Parteiführern im Club, zwiſchen den Profeſſoren Hofmann und Dorſch, auf die Spitze. Dorſch, der jetzt verheirathete Prieſter, hatte jedenfalls die Hetze des Pfaffenhaſſes an der Ferſe, und gab ihr wohl auch durch leichtfertige Schritte Anlaß immer lauter zu kläffen. So, als nach dem frankfurter Ereigniß zur Aufnahme der Verwundeten und Ent⸗ kräfteten auch das Geſchäftslokal der Adminiſtration im Schloß geräumt werden mußte, hatte er Mobilien, Weiß⸗ zeug und einige koſtbare Rubens und Raphael in ſeine neubezogene Wohnung im Bau des. Domkapitels mit herüber genommen, und ſich koſtbar eingerichtet. Hieran packte ihn der ehrliche, aber grundderbe Hofmann bei Gelegenheit einer Rede, die er in der Clubverſammlung am 10: Januar über das Thema hielt, warum die Grundſätze der Freiheit und Gleichheit ſo wenig Beifall in Mainz fänden. Die Schuld davon legte er der Schlechtigkeit der angeſehenſten Club⸗Mitglieder zur Laſt, und griff vor allen Dorſch heraus, dem er Dieberei vorwarf, und einen für jede Staatsverfaſſung gefährlichen Charakter auf eine Weiſe nachwies, die Forſter in einem Brief an Thereſe als ſchändliche Mißhandlung bezeichnete. Freilich fielen bei dieſem Angriffe auch auf Forſter und Wedekind manche Seitenhiebe, wie denn beiden der Vor⸗ wurf des Cabalirens und der Vortheilſucht gemacht wurde. Indem aber der ungeſtüme Redner auch mehrere Franzoſen und namentlich die Kriegs⸗Commiſſäre Ville⸗ manzy und Blanchard mit Vorwürfen falſchen Beneh⸗ mens ſtark geſtreift hatte, ſuchten ihn hieran ſeine Geg⸗ — 216 ner zu faſſen und des Franzoſenhaſſes zu verdächtigen. Es gelang ihnen Cüſtine ſo ſehr gegen ihn zu ent⸗ rüſten, daß dieſer Eroberer in der Sitzung des folgen⸗ den Tages erſchien, und von der Rednerbühne herab ſich, wenn er Gebrauch davon machen wollte, für mäch⸗ tig erklärte, den Bürger Hofmann wegen Beſchimpfung der freien, erhabenen Nation der Franzoſen an einem in der Stadt errichteten Galgen aufhängen zu laſſen. In dieſen ſtürmiſchen Sitzungen, in welchen die Angegriffenen ſich zu rechtfertigen, ihre Gegner ſie zu überbieten ſuchten, finden wir Forſtern auf dem heißen Präſidentenſtuhle. Er nahm ihn mit anerkannter guten Haltung ein. Die Umſtände erfoderten Mäßigung und Klugheit. Das gegen Dorſch aufgehetzte Publikum miſchte ſich mit ſolcher leidenſchaftlichen Parteilichkeit in die Verhandlung, daß es bedenklich ward, über Recht oder Beleidigung abſtimmen zu laſſen. Forſter nahm ſich zuſammen in einer Rede, worin er den ganzen Streit und Sturm auf die Sandbank eines Mißverſtändniſſſes lenkte, und zur Vergeſſenheit und Vereinigung rieth. Ein Gegenſturm des Beifalls ſtellte eine beruhigte At⸗ moſphäre her. Die Protokolle beider Sitzungen wurden der Vergeſſenheit zu lieb,— als ob nichts geſchehen wäre, vernichtet.— Nur Dorſch war unzufrieden, und hätte lieber die Sache auf's äußerſte getrieben geſehen. Auch Hofmann's Anhängerſchaft ruhte noch nicht ganz. Die jungen Leute, von des Coadjutors Partei gehetzt, brachten es in einer ſpätern Sitzung dahin, daß zu Hofmann's Gunſten eine verdächtigen. hn zu ent des folgen⸗ ühne herab für mäch⸗ eſchimpfung mn einem in nſſen welchen die gner ſie zu dem heißen unter guten zigung und Publikum llichkeit in ber Recht ſter nahm nzen Streit rſtändniſſe ung ricth ühigte A⸗ en wurden geſchehen 1 lieber die Hofmannè gen Leute, z in einet unſten eine 217 Anerkennung ſeiner patriotiſchen Geſinnung im Proto⸗ koll niedergelegt werden mußte. Damals ſtand Hofmann auf der Höhe der Volks⸗ gunſt, und Forſter meinte,— mit ſeinem Kapuzinerton, ſeinen Grimaſſen, ſeiner Pöbelſprache und ſeinen niedri⸗ gen, giftigen Scherzen müſſe ein ſolcher Mann bei einem Volke, das für Vernunft, Anſtand und Beredſamkeit keinen Sinn habe, die Oberhand behalten. Den obſte⸗ genden Preußen entging er ſpäter mit dem Leben, und ſtarb im höchſten Alter vor ein paar Jahren unbeachtet im Rheingau. Ein an Geiſt, Kenntniſſen und Charakter unerreichtes Vorbild Robert Blum's, wäre er durch ein ähnliches Unglück, wohl auf längere Zeit ein demokrati⸗ ſcher Heiliger geworden. Zweifel und Mißmuth. Dieſe leidenſchaftlichen Verhandlungen ließen doch eine nachdauernde Verſtimmung in Mainz und in For⸗ ſter's Bruſt zurück. Dorſch war entſchloſſen nach Straß⸗ burg zurückzukehren, und Forſter verſprach ſich von dem vertraulicheren Anſchluſſe Merlin's von Thionville an Hofmann wenig Erſprießliches für die Sache, die er ſelbſt mit ſo viel Eifer betrieb. Es ſcheint ihn doch ge⸗ kränkt zu haben, daß die Convents⸗Commiſſäre, obgleich ſie gerade nach jenen beiden Sitzungen ſeine kluge und 14* ———xi 218 tüchtige Leitung lobend anerkannt hatten, ihn neben an⸗ dern doch ein wenig vernachläſſigten.»Suchen konnte ich nie, äußerte er einmal, nicht bei Königen, und ſollte es jetzt bei Republikanern? Aber andre ſuchen und mögen finden. Ich weiß auch nicht, ob die Commiſſäre die Leute ſind die mich finden können; wahrſcheinlich haben ſie in ihrem Leben nicht von Cook und Weltumſegeln gehört.« Iſt es nicht naiv— artig, wie ſich der gekränkte Mann hinter Cook ſtellt, um gefunden zu werden? Und wie er die Republikaner doch immer noch hinter die Könige ſetzt? Jetzt ſchon drängte ſich ihm die ſchmerzliche Vor⸗ empfindung auf, daß die Sache der Freiheit in jenem hohen Sinne, wie er ſie zuerſt ideal aufgefaßt hatte, unter den Händen ſelbſtſüchtiger Menſchen verderbe und verloren gehe. Vielleicht beſchränkte er für jetzt noch ſeine Wahrnehmung auf Mainz, wo er zuerſt ſich ſelbſt in ſeinem redlichſten, alles aufbietenden, auf alles ver⸗ zichtenden Beſtreben verlaſſen und beſtritten fand.— »Ich mache mir nichts daraus, ſchrieb er an Thereſen, mich ganz aufzuopfern: ich möchte nur, daß es ſich auch der Mühe verlohnte, und daß ich etwas damit für die andern erwerben könnte; ſonſt iſt ja das Leben, das ich jetzt führe, nicht der Mühe werth, daß man ſich einen Augenblick beſinne, ob man es hingeben ſolle oder nicht. Ich könnte alle Laternen in Mainz mit mir herum tra⸗ gen, ohne hier einen Menſchen zu finden. Jetzt, da ich mich um ſie habe bekümmern müſſen, habe ich ſie kennen gelernt. Kein Funke von Willen und Entſchiedenheit, keine Kraft, keine Thätigkeit, keine Vernunft, keine neben an⸗ konnte ich ſollte es und mögen die Leute aben ſte in n gehört.« gekräͤnkte den? Und hinter die liche Vor⸗ in jenem aßt hatte, derbe und jett noch ſich ſelbſt alles vel⸗ fand.— Thereſen, ſich auch it füt die das ich ſich einen der nicht. erum ttä⸗ zt, da ich ſe kennen biedenheit nft, keine Kenntniſſe, keine Ausbildung, kein Gefühl, keine Zu⸗ neigung. In dieſer gänzlich iſolirten Lage thue ich alles, was ich kann, ohne Hoffnung etwas Weſentliches zu wir⸗ ken, oder auch nur Dank zu erhalten.« Er glaubte zu bemerken, daß die franzöſiſchen Com⸗ miſſäre, unbekümmert was er auf die Spitze ſtellte und verlor, ihn nur arbeiten und ausdauern ließen, bis Mainz ihrem Frankreich einverleibt, oder wenigſtens die Recht⸗ fertigung ihrer desfallſigen Bemühungen geſichert ſei. In der niederſchlagenden Empfindung wie unnütz für das Volk ſein jetziges Leben und Leiſten ausfalle, und daß er ſich mit allem Eifer und aller Ehrlichkeit kaum ſo viel öffentliches Vertrauen errungen haben dürfte, um zur neuen Adminiſtration durch Volkswahl berufen zu werden,— in dieſem Mißmuthe überlegte er ſeinen Rückzug von den Geſchäften, denen er einmal den Vor⸗ zug vor den Wiſſenſchaften gegeben hatte, und ſah ſich wieder nach dieſen um. Und indem er lebhaft empfand, daß er ſich wider den Willen des Volkes nicht aufdringen dürfe, und daher, ſobald die jetzige Adminiſtration auf⸗ höre, weggehen dürfe und müſſe, trat ſeine eigne Zu⸗ kunft als neue und nächſte Frage wieder näher an ihn heran. Sie führte ihn auf folgende Betrachtung: »Ob ich in Paris eine Stelle bekäme, iſt ſehr zwei⸗ felhaft, ich möchte ſagen kaum glaublich. Intriguiren kann ich nicht, den Hof machen auch nicht. So lang ich glauben konnte, ich diente meinen Landsleuten, den Mainzern, ich thäte ihnen einen Gefallen, arbeitete für ihr Glück, beförderte ihr Intereſſe und erfüllte ihre Wünſche — ſo lang konnte ich mit Recht wagen und aufopfern. 220 Der Fall iſt nicht mehr, wenn ich gegen den Willen die— ſes Volkes für das Intereſſe der franzöfiſchen Republik wirken ſoll, die nicht ſo viel für mich gethan hat, mich in die Zahl ihrer Bürger aufzunehmen. So ſehr ich an den Grundſätzen der Republik hange, kann ich doch nicht als Thor mich aufopfern wollen, ehe ich einen Beruf dazu habe. Jetzt iſt leider ein Individuum in Frankreich nichts, und ich fühle, daß ich kein Lärmmacher bin; mithin werde ich immer hinter dieſen zurückſtehen. Meine zehn Finger bleiben alſo meine ſicherſte Zuflucht, und ich bin es auch dem braven Voß ſchuldig, für ihn zu arbeiten.« Und ſo rechnete er darauf, im Februar Mainz ver⸗ laſſen zu können, und zwar ſo, daß auf ein Jahr der Unterhalt ſeiner Kinder geſichert ſei. Seine Mobilien wollte er verkaufen, und machte ſich gefaßt darauf, daß er ſie jetzt verſchleudern müſſe. Er nannte es ſein Schick— ſal, immer wieder von vorn anfangen zu müſſen. Ach! er ahnete nicht, wie nahe dem Ausgang ſein Leben ſtand, das er in eine neue oder auch in die verlaſſene frühere Bahn einlenken wollte! Vielmehr regte ſich, wie gewöhn⸗ lich in ſolchen weichen Stimmungen ſeines Herzens, die alte Reiſeluſt, als müſſe er in der Ferne finden, was er daheim verfehlt hatte. So dachte er nun wieder an den dritten Band ſeiner Anſichten vom Niederrhein, und wollte ihn in der Schweiz ausarbeiten. Und hieran webte ſich der ſchöne Traum,— vom Mai an, wo das Buch fertig wäre, über Genf nach Lion die Rhone hinab in's ſüdliche Frankreich zu gehen, und mit der Feder in der Hand, auf einem Eſel oder Maulthier, die Provence Villen die⸗ Republik hat, mich ehr ich an doch nicht nen Beruf Frankreich nher bin; en. Meine ucht, und ür ihn zu Lainz bel⸗ Jahr der Mobilien uf, daß in Scick⸗ en. Ach! ben ſtand, ne frühere egewöhn⸗ zens, die den, was wieder an ein, und ran webte das Buc hinab in der in dei Proveni 221 und Languedoe zu durchreiten, niederſchreibend was er ſehen, was er empfinden und denken werde. Wie wohl⸗ feil hoffte er dort zu leben, wie leicht zu ſchreiben! Das ſollte gar nicht beſonders ausgearbeitet werden: wie es in's Tagebuch gefloſſen, ſollte es unter die Preſſe kom⸗ wen. Und wenn es dann viel, viel Geld eingetragen hätte, würde ſich am Ende eines ſo ſchönen, glücklichen Sommers auch ein neuer Beruf finden. Im äußerſten Falle bliebe London als Zuflucht, wo ſich allen Über— ſetzern in der Welt der Rang ablaufen und wohl auch manch' engliſch Werkchen bearbeiten ließe. Mit dem Rückblicke nach jenem Landungsplatze des Knaben, der aus Rußland kam, nach dem alten leichten Ruder und ſchmächtigen Fahrzeuge, das einſt die arme Familie des alten Forſter kaum über Waſſer gehalten hatte, regte ſich in Forſter's Seele wieder der ehemalige Lebensblick und das edle Selbſtgefühl.—»Das iſt meine jetzige Ausſicht in die Ferne des Schickſals, ſchrieb er. Glänzend iſt ſie nicht, aber ſicher; denn ich ſehe nichts, als was ich beſtreiten kann, nichts als was in meinen Kräften ſteht.—— Es wäre mir leid, bis heut gelebt zu haben, ohne daß die Erfahrung uns gelehrt hätte, daß der Zweck des Lebens nicht auf die Gewöhnung an dieſe oder jene Lebensweiſe hinausläuft, ſondern daß das Weſentliche immer bleibt, durch ſo viel neue Ver⸗ hältniſſe, in welche wir geworfen werden, immer wieder von einer andern Seite auf uns zurückgehen zu müſſen, und ſelbſt immer näher und inniger kennen zu lernen, und in dieſer Kenntniß ſelbſt immer humaner oder vollkommner zu werden. Freilich weiß ich nicht, wo es mit dem Menſchen hinaus will: allein, wenn auch mit dieſem Leben alles geendigt ſein ſollte; ſo iſt doch nur Eins in der Welt, das mich glücklich, das heißt zufrie— den machen kann,— daß ich nämlich immer mich ſelbſt achten könne.« Parteizwiſt. Von ſolchen Rührungen, Träumen und Erhebungen der Seele ſammelte ſich Forſter immer wieder zu ſeinen Geſchäften und zu dem ermannenden Vorſatze, ſeine Pflich⸗ ten gegen Frau und Kinder, gegen ſeine Gläubiger und gegen ſein Verhältniß als Glied eines Staates redlich zu erfüllen. Seiner Geſchäfte gab's eine Centnerlaſt, die er mit Ende Januar durch die Abnahme des Club⸗Prä⸗ ſidiums erleichtert zu ſehen hoffte. Dies Amt allein war erſchöpfend. Eine Zeitlang wurden, wie bemerkt, ge⸗ trennte Sitzungen, deutſche und franzöſtſche, abgehalten. Als man ſie dann wieder vereinigte, blieb doch dem Prä⸗ ſidenten die Laſt, das jedesmal bald von Deutſchen, bald von Franzoſen Geſprochne auf der Stelle aus der einen in die andre Sprache zum allgemeinen Verſtändniß zu überſetzen. Dies erſchöpfende Reden kehrte bei Nebenge⸗ legenheiten wieder, wie z. B. bei Pflanzung des erneu⸗ erten Freiheitsbaumes. Dabei liefen bittre Gemüthsbe⸗ wegungen immer noch mitunter. mn auch mit ſt doch nur heißt zufrie⸗ mich ſelbſt Erhebungen zu ſeinen ine Pflich⸗ tbiger und ts redlich nerlaſt, die Club⸗Pti⸗ allein war merkt, ge⸗ abgehalte dem Prä⸗ chen, bald der einen andniß zu Nebenge⸗ des ernel⸗ gemüthöbe Andrer Verdruß, wenn auch mit edleren Aufwallun⸗ gen verknüpft, kam weiter her. Zum Beiſpiel von Göt⸗ tingen, wo Heyne um den geſchätzten und lieben Schwie⸗ gerſohn doch immer beſorgter wurde. Mit dem Vor⸗ wurfe, Forſter habe ſich um ein ſchönes ihm in Berlin beſtimmtes Glück gebracht, verband er die Beſchwörung, ſeine Stelle in der Adminiſtration nieder zu legen, ver⸗ nünftig zu handeln, endlich doch einzuſehen, daß alle Vorſtellung von Vollkommenheit der Menſchheit und der menſchlichen Geſellſchaft ein thörichter Traum ſei, und ſich mit den Seinigen keinem Traum aufzuopfern.— »Wie? rief der aufgeregte Schwiegerſohn, die einzige Exiſtenz für mich wäre alſo, daß ich Programme ſchriebe, Collegien läſe, auf die Bibliothek oder nach Ilefeld ginge, mich über meine Collegen, meinen Lorenz, meine Kinder alle Tage ein paarmal tüchtig ärgerte, und doch beim Leſen der Zeitung ſagen könnte: Gott ehre mir das Alte! — Und das ſind die Menſchen, die noch Glauben an Gott, Chriſtenthum, weiſe Lenkung des Schickſals der Menſchheit haben wollen, und ſich allem Neuen, allen Mitteln zur Erleichterung der Bürde, die das arme Ge⸗ ſchlecht trägt, allen Verſuchen der Vernunft das Joch des Vorurtheils abzuſchütteln widerſetzen! Menſchen, die auf ein zukünftiges Leben rechnen, weil ſie das Elend des gegenwärtigen erkennen, ſetzen doch einen ſo unge⸗ heuern Werth auf dieſes gegenwärtige Leben, daß die geringſte Gefahr es anders als im Bett zu verlieren, oder Töchter zu hinterlaſſen, die anſtatt einen Profeſſor zu kriegen, einen Schuſter heirathen müßten, ihnen das entſetzlichſte Unglück dünkt.« 224 Solche göttinger Vorleſungen, wie Heyne's, waren freilich nicht angethan, um unter den jetzigen mainzer Umſtänden und Beſtrebungen Eingang zu finden. Und doch war Forſter für Einwände und Vorwürfe gegen die Revolution nicht unzugänglich; nur wollte er die Be⸗ griffe abgeſondert von den Unvollkommenheiten wiſſen, die all unſerm Thun ankleben. Daher verſtand er ſich ganz gut mit dem Marechal de Camp Doyré, einem gebildeten, kenntnißreichen Sechziger von äußerſt feinem, zwangloſem, offnem und feſtem Benehmen. Er brachte die Abende öfter mit ihm zu oder war deſſen Gaſt zu Mittag. Auch der Liberalismus dieſes Franzoſen war ziemlich ariſtokratiſch durchduftet; doch knüpfte dieſer Mann nicht an Vorurtheile, ſondern an Erfahrungen mit ſei— ner Anſicht an, daß die Menge zum Gebrauche und Ge⸗ nuß ihrer Rechte nicht reif ſei, und daß die Leidenſchaf⸗ ten Derer, die im Namen des Volkes ſprächen, im Grunde doch die Triebfedern von allem ſeien, das Volk mithin nur den Herrn wechsle. Forſter mochte das zu⸗ geben, warf aber in die andre Wagſchale den unſchätz⸗ baren Vortheil der Bildung, des Gemeingeiſtes, der Erziehung einer neuern, tugendhafteren Generation, ſo wie den Werth der Sicherheit, die in den wiederkehren⸗ den Volkswahlen liege.—— Nach allem dem ſchloß doch der Monat Januar mit einem für Forſter's bisher ſo erſtaunliche Geſundheit ſehr ungünſtigen Facit ab. Beſonders war ihm an dem, auf den 13. Januar gepflanzten Freiheitsbaume nichts Gutes erwachſen. Vier Stunden hatte er im Waſſer geſtanden, und die tollen Feierlichkeiten, für die es uns hier an nes, waren en mainzer nden. Und e gegen die er die Be⸗ iten wiſſen, and er ſich ore, einem erſt feinem, Er brachte en Gaſt zu nzoſen war jeſer Mann n mit ſei— e und Ge⸗ zeidenſchaf⸗ ichen, in das Volk zte das zl⸗ en unſchätz⸗ dderkehren⸗ anuar mit nheit ſeht dem, nuf is Gutes geſtandel, z hiet In 225 Raum zur Beſchreibung fehlt, mögen ihn wohl auch überfröſtelt haben. Seine alte Gallenkolik überfiel ihn heftig, machte ihm üble Tage, und ſetzte ihn ſehr zu⸗ rück. Und am Ende ſollte ihm auf eine während der kranken Tage nach Mainz gekommne Schreckensnachricht auch die Wiedergeneſung durch Mißverſtändniſſe mit ſeiner Thereſe verkümmert werden. Am 26. Januar war nämlich durch eine Stafette die offizielle Nachricht von der in Paris am 21. geſche⸗ henen Hinrichtung des Königs nach Mainz gekommen. Für Forſter zwar nicht unerwartet. Schon vor einem Monate hatte er Thereſen bemerkt, der König werde geopfert werden müſſen, um eine neue Revolution zu verhüten. Es gäbe Kriſen, meinte er, wo es nicht mehr möglich ſei, Mittelſtraße und Mäßigung zu beobachten, und es ſogar Pflicht werde, zuweilen zu Extremen zu greifen. In Mainz fiel dieſe Nachricht wie ein angſtvoll erwarteter Blitzſtrahl nieder, und warf mit greller Be⸗ leuchtung die Parteien auseinander; indem er die deutſch⸗ und monarchiſch geſinnten Einwohner niederbeugte, die Freiheitsſchwindler aber vollends überſpannte. Doch be⸗ denklicher, als durch kummervolle Mienen und beifälligen Jubel, riß der Zwieſpalt politiſcher Geſinnung in die franzöſiſche Garniſon ein. Die Linientruppen und die Nationalgarden, ohnehin unverträglich unter ſich, traten jetzt, jene empört, dieſe exaltirt, mit gezognen Klingen gegen einander. Man fürchtete, in blutiger Entzweiung die franzöſiſche Sache bloßgeſtellt zu ſehen; ja man dachte an die Gefahr, daß die deutſchgeſinnten Einwohner ſich zu einem Aufſtande mit den Linientruppen verbinden 15 — 3Wöo 226 könnten. General Wimpfen, der Stadt⸗Commandant, bannte daher mittelſt einer Proclamation die Bürger für jeden Fall einer etwa entſtehenden Unruhe in ihre ver⸗ ſchloßnen Wohnungen. Indem nun auch Thereſe, von Neufchatel aus, Par— tei gegen die Königsmörder nahm, wiederholte ſich auch hier wieder, wie in denſelben Tagen an Sömmering, die betrübende Erſcheinung, daß politiſche Meinung auch in die innigſten Verhältniſſe des Lebens einbricht und Menſchen entzweit, die durch natürliche und geheiligte Bande verknüpft, in jeder andern Beziehung groß und frei geſinnt erſcheinen. So hatte Forſter ſich— wie es ſcheint ohne Widerſpruch— darein gefunden, daß ſeine Thereſe Herz und Neigung einem Freunde zuwendete: daß ſie aber die Hinrichtung des guten Königs Ludwig ab⸗ weichend von ſeiner politiſchen Anſicht beurtheilte, brachte ihn wahrhaft in Harniſch. Und da ſie nicht begreifen wollte, daß der National-Convent befugt, ja gerade dazu beſtellt geweſen ſei, den König zu richten, und daß Ludwig's Tod als Sicherheitsmaßregel nicht nach Geſetz⸗ büchern, ſondern nach dem Naturrecht geſchehen ſei; ſo ſchrieb er mehr als bloß empfindlich:»Eins merke ich freilich,— daß Du durch und durch feulllantiſirt biſt, und da hätte ich doch lieber geſehen, daß Du geradezu Royaliſtin geworden wärſt. Einmal iſt es doch gewiß nicht gleichgültig, welche Grundſätze man hat und befolgt, einem Jeden um ſein ſelbſt willen; zweitens haben Ver⸗ ſchiedenheiten der politiſchen Meinungen jetzt mehr Ein⸗ fluß als je auf Privatverhältniſſe. Allees iſt feuillantiſche Leierei, was die Leute Dir von der lieben Ruhe in einer dmmandant, Bürger füt n ihre ver⸗ aus, Par⸗ te ſich auch Sömmering, einung auch nbricht und geheiligte groß und — wie es daß ſeint ndete: daß udwig ab⸗ gte, brachte begreifen ja gerade :, und daß nch Geſet⸗ zen ſti; ſo 3 merke ich ntifrt biſ u geradezu och gewih nd befolgt, haben Ver⸗ mehr Ein⸗ ailltiſte he in eine nicht halben, nicht ganzen Verfaſſung vorwinſeln.«— Und nachdem er ſeine Anſicht noch einmal entwickelt, ſetzte er hinzu:»Ich wiederhole meine dringende Bitte, neige Dich nicht auf die Seite dieſer, ohne Zweifel ge⸗ fährlichſten Partei im Staate, dem wir jetzt zugehören müſſen. Findeſt Du aber, daß Du Dir Gewalt anthun müßteſt, biſt Du von ihnen ſchon gewonnen und über⸗ zeugt; ſo traue ich Deiner Rechtſchaffenheit gegen mich es zu, daß Du mich es wiſſen läſſeſt, weil wir unſere gegenſeitigen Maßregeln darnach nehmen müßten.——— Wenn meine Bitten etwas bei Dir vermögen, ſo gieb den Verkehr augenblicklich auf. Gott, wie konnteſt Du doch den Leichtſinn ſo weit treiben!«—— Neue Amtsgeſchäfte, beſtimmtere Ausſichten, mit denen ſich zugleich auch ſeine Geſundheit wieder befeſtigte, halfen dem eifernden Manne über inneren Verdruß und äußere Verdrießlichkeiten bald wieder hinaus. Doch der Februar, in welchem er Mainz zu verlaſſen dachte, zog ihn nur feſter an. Zwei Commiſſäre des Vollziehungs⸗ rathes, Simon und Gregoire, milde, humane Männer, trafen von Paris ein, und Forſter, als wieder gewähl⸗ ter Präſident, bekam Tag und Nacht mit ihnen zu ar⸗ beiten. Er ward ruhiger, weil entſchiedner,— nun entſchloſſen, was auch komme, bis auf den letzten Mann auszuhalten. Jetzt wurden durch eine Proclamation des Generals Cüſtine die Ur⸗ und Gemeindeverſammlungen zu den Volkswahlen in der Stadt und auf dem Land ausge⸗ ſchrieben. Dieſe geſchahen auf den Grund einer von je⸗ dem Wählenden vorher ſchriftlich auszuſtellenden eidlichen 15* — 228 Erklärung, die dahin articulirt war, dem Volke und den Grundſätzen der Freiheit und Gleichheit treu zu ſein, und dem Kurfürſten mit ſeinem Anhange ſowohl, als allen genoßnen Privilegien und Vorrechten zu entſagen, bei Strafe, dem Feind als deſſen Helfershelfer zugeſchickt zu werden. Wir übergehen die Bewegungen die dieſer Eid un⸗ ter den mainzer Einwohnern erregte. Die Zünfte be⸗ riethen ſich den Eid zu verweigern, die Geiſtlichkeit, die in dem Kurfürſten dem ſie entſagen ſollte, doch zugleich ihren geiſtlichen Oberhirten anzuerkennen hatte, wider⸗ ſetzte ſich ganz entſchieden, auch als von den Vollzie⸗ hungs⸗Commiſſären zur Beruhigung der Gewiſſen begü⸗ tigende Erklärungen gegeben und der Eid milder formu⸗ lirt wurde. Zugleich erſchien eine von Forſter entworfne Inſtruc⸗ tion über die Abhaltung zu den Gemeinde⸗ und Urver⸗ ſammlungen. Mit dieſer und der erwähnten Proclama⸗ tion verſehen, gingen nach allen Seiten Commiſſäre in's Land, um den Eid abzunehmen, und die Wahlen zu leiten. Volke und reu zu ſein, wohl, als u entſagen, zugeſchickt er Eid un⸗ Zünſte be⸗ lichkeit, die och zugleich tte, wider⸗ en Vollzie⸗ iſſen begü⸗ der formu⸗ ne Inſtruc⸗ und Urver⸗ Proclama⸗ niſſäre in Wahlen zu Mainzer Convent. Auch Forſter übernahm einen ſolchen Auftrag; wo er denn fand, daß der Ariſtokratismus und die Anhän⸗ ger der kleinen Fürſten, die in der Provinz angeſeſſen waren, der Sache überall Widerſtand bereiteten. Sol⸗ cher Widerſpruch reizt gar leicht den Dienſteifer, und wir dürfen das Gefühl an ſich nicht verwerfen, das auch einen milden, gemäßigten Mann gerade in ſeinem Berufe hin⸗ reißen kann. Es giebt einen Egoismus der Pflichter⸗ füllung; wie ja, ohne Vergleich, auch der zahmſte Haus⸗ hund, als Wächter an die Kette gelegt, nach jedem An⸗ nahenden bellt und beißt. Forſter kam mit Merlin von Thionville nach Grün⸗ ſtadt. Hier waren die Grafen von Leiningen anweſend geblieben, nur um ſeine Operationen zu vereiteln. Sie thaten, wie Forſter erzählt, was ihres Amtes war, aber auch er glaubte thun zu müſſen, was das ſeinige er— heiſchte. Er forderte ſie mit allen ihren Beamten auf, Frankenbürger zu werden. Sie proteſtirten, cabalirten, hetzten Bürger und Bauern auf; einer von Forſter's Soldaten ward überfallen und verwundet. Forſter for⸗ derte mehr Mannſchaft, und ſobald ſie eintraf, nahm er Beſitz von beiden Schlöſſern, und gab den Grafen eine Wache, bis er ſie den 27. Februar nach Landau ſchickte. Ihre Damen gingen über den Rhein.«— Forſter geſtand, daß es ihm ein widriger Auftrag 230 geweſen ſei, meinte aber alles müſſe zum Weichen ge⸗ bracht werden, was der guten Sache widerſtrebe. Wie verſchieden man nun auch über dieſe»„gute Sache« denken möge: daß Forſter's Eifer wenigſtens aus guter und uneigennütziger Überzeugung hervorging, zeigte ſich gerade bei dieſer Gelegenheit. Er ſetzte ſich nämlich aus demſelben Eifer in Widerſpruch mit Merlin. Dieſer ſcheint bei den Grafen ein angenehmes Pribvatgeſchäftchen beabſichtigt zu haben, das ihm Forſter verdarb. Der erbitterte Franzoſe außerte ſich wenigſtens ſeitdem nicht ohne Groll über Forſtern, den er einen fier gredin— einen hochmüthigen Lump nannte. 4 In Kirchheim Boland leitete er das Geſchäft nur ein, und überließ es dann einem andern Commiſſär. Das Beſte, was er von dieſem Geſchäftsausfluge für ſich davontrug, war, daß er früher in ſeinem In⸗ nern zum Gleichgewicht kam, als in Mainz, wo ihn ſo viel traurige Erinnerungen umgaben. Er hatte nur ei— nen Weg zur Ruhe zu kommen; er mußte handelnd ſeiner Überzeugung Genüge leiſten, und das Urtheil der Einſicht oder der Leidenſchaft der Andern überlaſſen. In dieſer Stimmung bot er auch ſeiner Thereſe ein verſöhntes Herz.»Das Vertrauen zwiſchen uns, ſchrieb er nach Neufchatel, die Nachſicht, die Achtung bleiben unerſchüt⸗ tert; die Zeit wird die Wunden heilen, und der Zukunft wollen wir immer Frieden und äußeres Wohlſein abge— winnen.« Aus der duftigen Ferne dieſer Zukunft verſchwanden bereits die Reiſebilder des ſüdlichen Frankreichs ſammt der Schreibfeder zu Eſel. Forſter trug Thereſen auf, Weichen ge⸗ rebe. dieſe»gute nigſtens aus ging, zeigte ſich namlich lin. Dieſer tgeſchäftchen darb. Der eitdem nicht gredin— eſchäft nur miſſär. tsausfluge einem In⸗ wo ihn ſo te nur ei⸗ handelnd jrtheil der gſſen. In verſöhntes mer nach unerſchüt⸗ Zukunft ein abge— ſchwanden 5 ſammt eſen aul, ihn durch Huber, der in wiſchen nach Dresden zurückge⸗ kehrt war, bei Buchhändler Voß wegen nicht gelieferter Arbeiten zu entſchuldigen, und dieſen beſorgten Freund über ſeine Grundſätze ſowohl, als über das ihm ſchul⸗ dige Geld zu beruhigen. Der für die kurfürſtlich geffnnten wie für die unent⸗ ſchloßnen Einwohner von Mainz ſo ſchreckliche 24. Februar, an welchem Tage die altmonarchiſche Verfaſſung vollends beſeitigt werden ſollte, war mit feierlichem Gottesdienſte zur Abnahme des Bürgereides angebrochen. Dieſer Eid war nun dahin gekürzt,— dem Volke und den Grund⸗ ſätzen der Freiheit und Gleichheit treu zu ſein. Die Ei⸗ deswilligen hatten ſich nicht ſehr zahlreich in den ver⸗ ſchiednen Kirchen eingefunden, die Widerſtrebenden ſich in ihren Wohnungen eingeſchloſſen. Bei der großen An⸗ zahl dieſer letzteren hatte es ſich Forſter angelegen ſein laſſen, durch die Zeitung auf die Einſicht des Publikums zu wirken, demſelben die Leiſtung des ſo einfachen Eides als unbedenklich für jeden Menſchen von geſundem Geiſt, und die ſtrengen Maßregeln gegen die Widerſetzlichen als traurige Nothwendigkeit begreiflich zu machen. Dieſe Maßregeln beſtanden in Exportation der Eidweigernden über die Brücke zu den preußiſchen Vorpoſten. Sie traf beſonders Stifts⸗ und Ordensgeiſtliche. Dennoch war die Stadt Mainz wohl zur Hälfte aus den Kirchen zu⸗ rückgeblieben. Nach geleiſtetem Eide wurde an den folgenden Ta⸗ gen die Wahl der Gemeindebeamten ſo wie der Abge⸗ ordneten zum mainzer Convent vorgenommen, der über 232² die Zukunft der eroberten Provinz berathen und be⸗ ſchließen ſollte. Die Eröffnung dieſes Convents war auf den 17. März verſchoben worden. Unter traurigen Ausweiſungen geiſtlicher und weltlicher Einwohner,— unter beſorg⸗ lichen Vorkehrungen für den Fall einer Belagerung, nach— dem die Veſte Königſtein ſich am 8. aus Hunger ergeben hatte, trafen die vom Volk erwählten Repräſentanten, nach und nach gegen hundert, in Mainz ein,— zur Hälfte etwa Landbauern, vielleicht nur für die Tagegelder von 5 Gulden 30 Kr. und für die Feſteſſen bei den National⸗Commiſſären empfänglich; die andre Hälfte aus Bürgern, einzelnen Studenten, verſchiednen mißvergnügten Geiſtlichen und mehreren Gelehrten gemiſcht. Forſter war von den Wollſteiner Bauern gewählt worden. Die Verſammlungen geſchahen im großen Ritter⸗ ſaale des deutſchen Hauſes. Die vorbereitende Sitzung zur Prüfung der Vollmachten und Ablegung des Eides leitete, als Alters-Präſident, ein Achtziger von einem für die abgeneigten Mainzer in Betracht des ganzen Convents anzüglichen Namen, der Zinngießer Ekel. In der Nachmittagſitzung wurde Hofmann zum Prä⸗ ſidenten und Forſter zum Vicepräſidenten erwählt. Beide Gegner in jenen heftigen Sitzungen traten jetzt auf gutem Fuße nebeneinander auf. Forſter war mit Hofmann's jetzigem Benehmen ganz zufrieden, und meinte, der hef⸗ tige Mann ſei zu ſeinen Ausfällen gegen Dorſch ange— ſtellt geweſen. Dieſer letztere war nun, nach einem mo⸗ dernen Ausdruck, unmöglich geworden. Forſter erſchien jetzt auf dem Höhepunkte ſeiner öf⸗ n und be⸗ uf den 17. isweiſungen ter beſorg⸗ rung, nach⸗ ger ergeben räͤſentanten, „— zur Tagegelder e bei den Hälfte aus vergnügten orſter war Ritter⸗ Sitzung des Eides einem für Convents zum Prä⸗ lt. Beide auf gutem ofmann's der hef ſch ange⸗ nem mo⸗ ſeinet bj⸗ 233 fentlichen Thaͤtigkeit. Er war die Trieb- und Schreib⸗ feder für die Convents-Arbeiten; bei ihm verſammelten ſich die Ausſchüſſe zu den Vorberathungen. Auch war er auf's Neue zum Club⸗Präſidenten gewählt worden. Der Club, die Adminiſtration, die Ausſchüſſe und der Convent überſchütteten ihn mit Arbeiten, ſo daß er von Morgens vier Uhr bis gegen Mitternacht faſt keine un— beſetzte Stunde hatte, und den Geſchäften zu erliegen fürchtete. Was ihn in dieſem Drang aufrecht hielt, war die allgemeine Anerkennung, die ihm nach jener drücken— den Vernachläſſigung endlich zu Theil wurde. Die ein⸗ ſichtigen Conventsglieder ſahen ihn für die Seele der Verſammlung an, und die Bauern zeigten ihm auf die naivſte Weiſe ihre Zuneigung. Um den Gang der Conventsverhandlungen flüchtig anzudeuten: ſo wurde in der Sitzung am 18. März das erſte Decret der Verſammlung nach Forſter's Ent⸗ wurf angenommen, und kraft deſſen der ganze Strich Landes von Landau bis Bingen für frei, unabhängig, unzertrennlich, folglich aller Zuſammenhang mit dem deutſchen Kaiſerreiche für aufgehoben erklärt. Alle in dieſem Strich regierenden Fürſten, Grafen, geiſtliche und weltliche Körperſchaften ſollten ihrer Anſprüche verluſtig und ihre durch Uſurpation angemaßten Souveränetäts⸗ rechte auf ewig erloſchen ſein. Das Deeret wurde feierlich publicirt und in 30,000 Abdrücken verbreitet. Während der erſten Ausfertigung desſelben fielen 30 Kanonenſchüſſe; die National-Com⸗ miſſäre und die ganze Generalität trat ein; patriotiſche Reden zwiſchen Merlin, Simon, Hausmann, Cüſtine 234 und dem Präſidenten Hofmann wurden gewechſelt, und feierliche Umarmungen unter dem Donner der Kanonen und rauſchenden Muſikchören beſiegelten die geſchworne Bruderliebe und Treue. In der nächſten Sitzung wurde die künftige Ver⸗ faſſung des freien Rheinlandes berathen. Zu einem ſelb⸗ ſtändigen Freiſtaate erſchien dasſelbe, der Macht des ihm feindlichen Deutſchlands gegenüber, zu ſchwach; ein bloßes Bündniß mit Frankreich wurde aber theils nicht zurei⸗ chend zu eigner Selbſtändigkeit, theils wegen des zu be⸗ zahlenden Schutzes zu theuer für das Land gefunden, nachdem alle herrſchaftlichen, adligen und klöſterlichen Güter von der franzöſiſchen Republik zur Deckung der Kriegskoſten in Anſpruch genommen waren. So blieb denn nur die Einverleibung der Provinz mit der frän⸗ kiſchen Republik übrig.— Die auch in der folgenden Sitzung fortgeſetzte Verhandlung über dieſe Lebensfrage führte zu dem zweiten wichtigen Dekrete, daß der Con⸗ vent die Nothwendigkeit und den Nutzen der Vereini⸗ gung mit Frankreich erkenne und beſchließe, und daß er aus ſeiner Mitte Abgeordnete an den fränkiſchen Convent ſenden werde, die dieſe Vereinigung zu Stande bringen ſollten. Die Wahl dieſer Abgeordneten geſchah dann in der Sitzung am 22. März, und fiel auf Forſter, auf den Kaufmann Potocki und auf Lur, der eben nach einigen Studien eine Pachtung in Koſtheim betrieb. Forſter entwarf das Schreiben an den National⸗Convent der Frankenrepublik. Dies beklagenswerthe Aktenſtück, das die ſchwerſte chſelt, und er Kanonen geſchworne uftige Ver⸗ einem ſelb⸗ cht des ihm ein bloßes nicht zurei⸗ des zu be⸗ d gefunden, klöſterlichen Deckung der So blieb der frän⸗ folgenden Lebensftagt aß der Con⸗ — der Vereini und daß ei heen Conen mde bringen dann in de t, auf dem nach einige 2 a. rſtel b. Folſ vonbent d die ſhvntſe 235 Schuld auf Forſter's öffentliches Leben wirft, fehlt in der Sammlung ſeiner Schriften. Wir halten es aber für zu merkwürdig und charakteriſtiſch, als daß wir es nicht hier einſchalten ſollten. Schreiben des Nationalconvents des rheiniſch⸗deutſchen Volkes an den Nationalconvent der Frankenrepublik. Nicht den Sturz eines einzelnen Deſpoten verkün⸗ digen wir Euch heute; das rheiniſch- deutſche Volk hat die ſogenannten Throne zwanzig kleiner Tyrannen, die alle nach Menſchenblut dürſteten, alle vom Schweiß des Armen und Elenden ſich mäſteten, auf einmal nieder⸗ geworfen. Auf den Trümmern ihrer Macht ſitzt das ſouveräne Volk; es hat ſeine Magiſtrate und Stellvertreter ge⸗ wählt, es hat ſich mit ſeinem Vertrauen und mit der Fülle ſeiner Gewalt gerüſtet. Die Stellvertreter des rheiniſch-deutſchen Volkes, nachdem ſie als Nationalconvent in Mainz zuſammen⸗ getreten waren, und vor aller Welt die ehemaligen Ty— rannen dieſer Gegenden aller ihrer angemaßten Rechte verluſtig erklärt hatten, haben gegen diejenigen die To⸗ desſtrafe erkannt, die es wagen würden, daſelbſt wieder aufzutreten, um jene Rechte zu behaupten. Allein dieſe Außerungen der Volksſouveränetät ſol⸗ len nur Vorläufer eines noch wichtigeren Schrittes ſein. Es heißt in der That ſehr wenig, das Gebäude der al⸗ ten Tyrannei niederzureißen; das neue der öffentlichen Glückſeligkeit mußte man aufbauen. Die Stellvertreter 236 des Volkes kannten den einmüthigen Wunſch ihrer Kom⸗ mittenten; ſie tbun in dieſem Augenblicke weiter nichts, als das Gefühl ausdrücken, welches alle Herzen erfüllt, indem ſie von Euch die Vereinigung ihres Landes mit der Frankenrepublik verlangen. Bürger, Geſetzgeber von Frankreich und bald von ganz Europa! Nie werden die Deutſchen des Rheinufers vergeſſen, daß die Franzoſen ihre Ketten zerbrachen; daß ſte im Schatten der dreifarbigen Fahne ihre Wahlen vollbringen konnten. Das Gewitter tobte rings umher; die Tyrannen und ihre Haufen knirſchten, während tiefer Friede über unſere fruchtbaren Gefilde herrſchte, und mit ſeinen ſchützenden Flügeln unſere Dörfer bedeckte. Die unüberwindliche Schutzwehr der Krieger der Freiheit umringte uns von allen Seiten; da ſprach Frankreich: werde frei! und wir ſind frei. Bürger! Ihr, die Ihr täglich der Vortrefflichkeit der menſchlichen Natur huldigt, möge die Frucht Eurer Wohlthaten, möge die Dankbarkeit eines guten und ge⸗ rührten Volkes Euern Herzen ein Opfer ſcheinen, das des Hauptaltars der Freiheit würdig iſt! Durch die Vereinigung mit uns erhaltet Ihr ein Land, wo die Natur ihre Güter mit milder Hand ver⸗ breitet hat; ein fruchtbares Erdreich, einen gemäßigten Himmelsſtrich, Hügel mit Reben bedeckt, deren Erzeug⸗ niſſe ſonſt unſere zehntengierigen Prieſter bereicherten; endlich eine Stadt, deren unvergleichliche Lage durch die Majeſtät des Fluſſes, der ihre Mauern netzt, verſchö⸗ nert wird. Durch die Vereinigung mit uns erhaltet Ihr, was ihrer Kom⸗ eeiter nichts, erzen erfüll, Landes mit nd bald von 3Rheinufers brachen; daß ihhre Wahlen ings umher; ährend tiefer rrſchte, und fer bedeckte der Freiheit Frankreich: ortrefflihkei gruct Euran uten und ge cheinen, dai altet Ihr 1 r Hand ber gemäßigte eren Erzeul bereicherten. ge durh d ſch⸗ tzt, verſſ a as tt Iht, 237 Euch von Rechtswegen gebührt. Die Natur ſelbſt hat gewollt, daß der Rhein die Grenze Frankreichs ſein ſollte; er war es in der That in den erſten Jahrhunderten des fränkiſchen Reichs, und ſelbſt die Miniſter Eurer Tyran⸗ nen kannten ſeinen Werth: als man ſie von dem ſchänd⸗ lichen Bündniß mit Öſtreich abbringen wollte, handel⸗ ten ſie um den Beſitz desſelben mit Friedrich von Bran⸗ denburg. Eben dieſe ſo ſehr gewünſchte Vereinigung nun, welche die Intriguen der Könige nie bewerkſtelligen konnten, wird den ſtegreichen Freiheitsheeren nur eine geringe Anſtrengung gekoſtet haben. Durch die Vereinigung mit uns erhaltet Ihr Mainz, den Sitz jenes ſtolzen Prieſters, deſſen grenzenloſer Hoch⸗ muth ihm in der Geſchichte nur den Namen eines Mord⸗ brenners erwerben kann; Mainz am Zuſammenfluſſe des Rheins und Mains, wo der Handel Deutſchlands ſich in der Hand des fränkiſchen Kaufmanns ſammeln wird; Mainz, den Schlüſſel des deutſchen Reichs und die ein— zige Offnung, durch welche noch Eure Provinzen den Armeen und den Artilleriezügen der Feinde zugänglich bleiben; Mainz endlich, das die Meiſter der Kunſt als ein Meiſterwerk von Befeſtigung anerkennen, wo ſelbſt die ohnmächtigen Bemühungen der gegen Euch verſchwor⸗ nen Deſpoten zu Schanden werden müſſen, ſo oft ſie es wagen dürften, das unſinnige Projekt eines Angriffs in Ausübung zu bringen. Dies, Stellvertreter des fränkiſchen Volkes, iſt der brüderliche Ausdruck unſeres Dankes, die erſte Aufwal⸗ lung freier Menſchen, die Ihr der Freiheit wiedergewon⸗ nen habt. Auf die Vorzüge unſerer Länder ſind wir ——— — — — 238 nur darum ſtolz, weil wir ſie unſern Befreiern darbrin⸗ gen können. Dieſe Vortheile und das Bedürfniß der Vereinigung ſind gegenſeitig, auch ſteht das rheiniſch⸗ deutſche Volk nicht an, es Euch zu bekennen. Es würde aber fürchten Eure Würde zu verletzen und zugleich ſei— ner reinen Liebe Unrecht thun, wenn es ſich auf klein⸗ liche Abrechnungen einließe. Die Liebe der Völker, wie die Liebe der Geſchlechter macht alles gleich; und wiſſen wir nicht, daß, wenn Ihr unſere Bitten gewährt, wenn Ihr die rheiniſch-deutſchen Gegenden der fränkiſchen Re⸗ publik einverleibt, nur die Aufrichtigkeit und Wärme, womit wir uns in Eure Arme werfen, Euch allein be⸗ ſtimmen werden? (Folgen die Unterſchriften ſaͤmmtlicher Deputirten des rheiniſch⸗deutſchen Convents.) Forſter nahm noch an den Berathungen über das Ver⸗ fahren gegen Bürger und Unterbedienſtete in Mainz, die den neuen Bürgereid bis zum 30. März nicht leiſten würden, mit ſehr entſchiedener Anſicht für die Expor⸗ tation und Vermögens⸗Einziehung Theil, und reiſ'te dar⸗ auf am 25. März mit ſeinen Mitabgeordneten, unter Begleitung des Commiſſärs Hausmann, nach Paris ab. Seine bisherige Anſtrengung und Spannung des Geiſtes, ſein Eifer bei Zerriſſenheit des Gemüths ließen ihn im Drang der Abreiſe zu keiner klaren Erwägung der nächſten Zukunft kommen, über die ihn und vielleicht auch ſich ſelbſt die Franzoſen in Mainz täuſchten. So jern darbrin⸗ edürfniß der as rheiniſch⸗ 1. Es würde zugleich ſei⸗ ch auf klein⸗ Völker, wie und wiſſen währt, wenn inkiſcen Re⸗ und Warme, h allein be⸗ eputirten des ber das Ver⸗ Mainz, die nicht leiſten die Erpor⸗ reiſte dat⸗ eten, unter Paris ab. mnnung dee nüths leßn Erwägung dielleiht Co und ſchten. hoffte er denn auch von der eiligen Reiſe in 3 Wochen wieder zurück zu ſein. Er dachte wohl daran, auf der Rückfahrt, wo möglich, eine Zuſammenkunft mit The⸗ reſen zu haben, da er aber dieſe Hoffnung nicht ganz feſthalten konnte, ſchickte er ihr einſtweilen 30 Louisd'or. Ohne Beſorgniß vor einer Belagerung der Stadt traf er über ſein Eigenthum keine Verfügung, gab für mögliche Fälle der Gefahr keinen Auftrag, ſondern ließ ſeine Papiere, Bücher, Karten, Zeichnungen u. d. gl. bloß unter Obhut der zurückbleibenden Magd. Von Wäſche und Kleidern nahm er nur mit, was in einen kleinen Mantelſack ging, und ließ ſogar, was man bei einer Reiſe im März und bei Tag und Nacht nicht entbehren, und daher kaum vergeſſen kann,— ſeinen Mantel zurück. Forſter in Paris. Welch' eine heilloſe Zeit, da ihrer edelſten Söhne Einer nach Paris eilen konnte, dem fremden Volk eins der herrlichſten Stücke ſeines Vaterlandes in ſo wenig ſtolzer Sprache anzutragen! Ja, wir meſſen der Zeit den größern Theil der Schuld bei. Alles National⸗ gefühl war bekanntlich damals in Deutſchland erloſchen. Jene Hunderte von Regierenden hatten mit hochmüthiger Politik ihre abgezählten Seelen abgepfercht, das gemein⸗ 240 ſame Band des Reiches aus Souveränetätsſucht gelockert, und das geiſtige Band der Sprache durch ihre Vorliebe für Franzoſenthum verſchmäht. So hatte bei uns die hohe Ariſtokratie, die ſonſt den Stolz einer Nation ver⸗ tritt, das Ihrige gethan, einem Volke, dem ohnehin ein Streben in's Weite und Fremde eingefleiſcht iſt, ſein edelſtes Bewußtſein und Selbſtgefühl zu entfremden. Die beſten Söhne Deutſchlands erhoben ſtatt deſſen die un⸗ ſerer Weltbeſtimmung entſprechende Idee der Humanität, und ſuchten den Adel des nationalen Gemüths in Welt⸗ bürgerthum auszuprägen. Und mußte dies, gerade da⸗ mals ſo lebhafte Gefühl nicht mit doppelter Macht die Seele eines Mannes bewegen, der durch eine frühe Welt⸗ fahrt ſchon die Knabenbruſt für das mannichfaltigſte Völ⸗ kerleben erweitert, und einem engern Vaterlande kaum angehört hatte? So kam es denn auch, daß die auf dem Heerd einer Revolution erweckte Idee der Freiheit, die ebenfalls ſo lange in der Seele der Deutſchen erloſchen war, mehr an unſerm Weltbürgerſinn aufloderte, als daß ſie ihre Weltwirkſamkeit im Selbſt- und Kraftgefühle der Nation geſucht hätte. Die Freiheit erſchien als eine Göttin, die den zartſinnigen Seelen eine ſtumme Anbetung auferlegte, „von den muthig begeiſterten Herzen aber im Nothfalle auch das Opfer des Vaterlandes für jene Millionen zu fodern ſchien, die von der himmliſchen Erſcheinung ver⸗ wirrt, aus tyranniſtrtem Volksthume vor allem zur edeln Menſchheit erlöst werden ſollten. Befremdet uns aber eine ſolche Verwirrung und Verirrung der Begriffe und Empfindungen gerade bei ucht gelockert, ihre Vorliebe bei uns die Nation ver⸗ n ohnehin ein ſcht iſt, ſein fremden. Die eſſen die un⸗ er Humanität, ths in Welt⸗ , gerade da⸗ er Macht die efrühe Welt⸗ faltigſte Völ⸗ rlande kaum n Heerd einer ebenfalls ſo war, meht daß ſie ihr e der Nation „Göttin, die g auferlegte, m Mathful Millionen zu heinung ber⸗ allem zut virrung gerade und bei 241 Forſter, an dem wir, ausnahmsweiſe von ſeinen Zeit⸗ genoſſen, einen ſo klaren Blick, ein ſo beſonnenes Urtheil im Politiſchen zu bewundern hatten: ſo müſſen wir uns erinnern, daß dieſer Blick gewöhnlich nur auf dem ideellen Standpunkte der Betrachtung ſo klar und weitumfaſſend blieb, ſich aber, ſobald der Freund in die Sphäre des Handelns gezogen wurde, an ſeinem enthuſiaſtiſchen Her⸗ zen in's Leidenſchaftliche trüben und verengen konnte. Wir haben das von ihm verfaßte Aktenſtück, das nur allzulebhaft an ſo manche traurige Declamation aus dem Jahre 1848 erinnert, in der Überzeugung mitge⸗ theilt, daß es aus ſolcher Feder und Ferne dazu bei⸗ tragen dürfte, ein Gefühl der Beſchämung und eines ſtol⸗ zeren Bewußtſeins in der Seele auch derjenigen Deut⸗ ſchen zu erwecken, die vom Mißgeſchick unſeres Vaterlan⸗ des am tiefſten gebeugt, über den Wahnſinn der wieder⸗ erwachten Gewaltthätigkeit am bitterſten empört, nach richtigen und würdigeren Wegen zu künftiger Abhülfe umſchauen.— Um wieder zu unſerm verirrten Forſter zurückzu⸗ kehren: ſo haben wir bisher verſucht, bei jedem Schritte ſeines Handelns dem Leſer einen Blick in jene bewegte Seele zu öffnen, ihm die Antriebe und Nachempfindungen des immer ſtrebenden Mannes aufzuſchließen. Und ſo mag denn auch jetzt, was er in dem bedenklichſten und am ſchwerſten beſchuldigten Unternehmen— nach Goethe's Worten— irrte und ſtrebte, litt und lebte, ihn vor dem Leſer, wenn auch nicht rechtfertigen, doch entſchuldigen oder entſühnen. Eines nur, indem wir ihm nach Paris folgen, dür⸗ 16 242 fen wir nicht unbeachtet laſſen, daß er nämlich durch die Einverleibung des Rheinlandes mit der fränkiſchen Re— publik keineswegs das fremde Volk durch vaterländiſches Gebiet erweitern, ſondern ausgeſprochen nur unſerm Deutſchland die neue bedrohte Freiheit zu ſichern ſuchte. Ausdrücklich erklärte er, daß er dem Willen des Volkes, nicht dem Intereſſe der franzöſiſchen Republik diene. Und wenn er ſich hier irrte, war es eben in der Voraus⸗ ſetzung jenes Willens. Die mainzer Convents⸗Abgeordneten trafen am Abende des 29. März in Paris ein. Schon folgenden Tags erſchienen ſie im National⸗Convent. Forſter las die Adreſſe mit dem Ausdrucke jener Empfindung ab, die ihm das beklagenswerthe Schriftſtück dictirt hatte, und ward von wiederholtem Beifallklatſchen unterbrochen. Es verſteht ſich bei Franzoſen wohl von ſelbſt, daß der Antrag ſehr willkommen war. Die Einverleibung des von Cüſtine beſetzten Rheinlandes mit Frankreich wurde durch Acclamation decretirt. Deſto mehr verzö⸗ gerte ſich die Ausfertigung der Beſchlüſſe. Doch wurden den durch die nöthigen Formalitäten aufgehaltnen Abge⸗ ordneten Tagegelder, und zwar ſpäterhin 18 Livres be⸗ willigt, freilich in Aſſignaten vom herabgewürdigten Werth zu 100 für den Louisd'or in Gold, mithin ein Bettel, für die äußerſte Nothdurft zureichend. Den erſten Beſuch erhielt das mainzer Kleeblatt von den Fiſchweibern mit Küſſen zum Glückwunſch, wofür dieſe bekannten Damen ſich ein Aſſignat von 25 Franken gefallen ließen. durch die ſchen Re⸗ tändiſches unſerm —m ſuchte. Volkes, enne. Und Voraus⸗ gfen am folgenden rſter las ung ab, tte, und zen. bſt, daß erleibung rankreich ſt verzu⸗ wurden n Abge⸗ vres be⸗ 1 Werth Bettel latt von wofü Frankel V Anfangs rechnete Forſter auf 14 Tage bis 3 Wochen Aufenthalt; dachte aber doch bald an längeres Verweilen und literariſche Arbeiten, die er dann vornehmen wollte; wozu ihm freilich die bisherigen Hülfsmittel abgingen. Inzwiſchen wollte er es ſich wohl dabei ſein laſſen, ſo in den Tag hinein zu leben, an nichts mehr gebunden, ſeine Fürſorge auf die mitgebrachten ſechs Hemden be⸗ ſchränkt, aller ſanguiniſchen Hoffnungen ledig, umher⸗ ſchauend, Eindrücke aufnehmend, und alles abweiſend, was ihm näher als erwünſcht kommen möchte. So hoffte er ſich immer unabhängig und gut gelaunt zu erhalten. Warf nun der Mann, der ſich die für Deutſchland gewünſchte Freiheit ſo viel koſten ließ, ſeinen ſchwärme⸗ riſchen Blick gleich beim Einzug in Paris auf die bren⸗ nende Revolution: ſo erkannte er ſie ſchon am 31. März für etwas ganz andres, als die meiſten Menſchen darunter dächten. Aber der April ſollte ihm bald noch andre Wechſel der Anſicht und Stimmung bringen. Zwar die überzeugung, daß man die Revolution ja nicht in Be— ziehung auf individuelles Glück, ſondern als Mittel des Schickſals, Veränderungen im Menſchengeſchlechte hervor zu bringen, betrachten müſſe, ſtand ſchon früher bei ihm feſt. Nun fand er aber das Volk zu wiederholten Ma⸗ len von ſeinen eignen Leuten,— Generalen, Miniſtern— verrathen und verkauft, die Nation ſelbſt leichtſinnig und unbeſtändig, wie immer, ohne Feſtigkeit, ohne Wärme, ohne Liebe, ohne Wahrheit, nur vom Enthuſiasmus der Idee ohne Gefühl der Sache, nur vom Schein edler Anregung getrieben. Doch gerade mit dem allen und in 16* 244 dieſer Miſchung erſchien ſie ihm gemacht, große Dinge auszurichten und— vielleicht zu ihrer eignen Strafe— beſtimmt, die Märtyrer für das durch die Revolution zu erzielende Wohl abzugeben, wie früher die Deutſchen Märtyrer der Reformation wurden, indem ſie ſolche annahmen, und mit ihrem Blute bezahlten. Dagegen lagen jetzt die edeln Kräfte, die eine Revolution zum guten Ausgang führen konnten, in Verderben drohender Zerſplitterung,— auf der einen Seite Einſicht und Ta⸗ lente ohne Muth und Kraft, auf der andern eine phyſt⸗ ſche Energie, die— von Unwiſſenheit getrieben, nur da Gutes wirken konnte, wo der Knoten zerhauen wer— den mußte. Forſter's gutes Auge drang ſchnell in die Geheim⸗ niſſe der Intrigue, in das widerwärtige Labyrinth, worin ſich alles wand und wandelte, und die ahnungsvolle Beſorgniß trat ſchon an ihn heran, er könnte vielleicht, nach allen Leiden und Entbehrungen, ſeine letzten Kräfte einem Unding geopfert, und redlichen Eifers für eine Sache gearbeitet haben, mit der es ſonſt Niemand redlich meine, und die ein Deckmantel der raſendſten Leiden⸗ ſchaften ſei. Er fürchtete ſich zu überzeugen, daß unei⸗ gennützige Freiheitsliebe nur eine Kinderklapper in der Hand Derer ſei, die jetzt das Schickſal der Nationen lenkten. Dieſe Angſt faßte er doch auch aus einem höhern Geſichtspunkte, als dem ſeines eignen verfehlten Beſtrebens.»Die Idee, ſchrieb er, daß die Eigenmacht in Europa oollends unerträglich werden muß, wenn Frankreich jetzt ſeine Abſicht nicht durchſetzt, empört mich immer ſo ſehr, daß ich ſie mir von allem Glauben an ge Dinge Strafe— ution zu Deutſchen ſe ſolche Dagegen ton zum drohender und To⸗ ne phof⸗ enn, nur uen wer⸗ Geheim⸗ „worin nosvolle ielleicht, n Kräfte für eine dredlich Leiden⸗ aß unci in der Lationen einem erfehlten enmacht „ wenn ert mic uben an 245 Tugend, Recht und Gerechtigkeit nicht abgeſondert denken kann, und lieber an dieſen allen verzweifeln, als jene Hoffnung vereitelt ſehen möchte.« Und hier erhob ſich dann Forſter auf den reinſten Standpunkt des Weltbürgerthums, indem er es ausſprach, daß die politiſche Freiheit nur um des Wohles unſerer Mitmenſchen und Mitbürger willen wünſchenswerth bleibe. Aus Überzeugung, daß ſie deren höchſtes Bedürfniß ſei, ſchmerze es uns, wenn ſie dieſelbe nicht erwerben könnten, wenn Böſewichter ſie ihnen entriſſen, wenn ſie ſelbſt nicht Kraft genug hätten ſie zu behaupten. Unmittelbar ſei hier nichts zu thun; wohl aber ließe ſich mittelbar— durch Verbreitung richtiger Begriffe, durch Mittheilung nützlicher Kenntniſſe, durch Beförderung eignen Denkens und Erwärmen des Gefühls wirken, und— dies ſei wohl die ſicherſte Weiſe für Deutſchland. Doch eben nach dieſer Seite des vaterländiſchen Rheins, wohin er jetzt mit dem unbefangneren Blicke der Entfernung ſah, umwölkte ſich ihm nur allzufrüh der Horizont. Die gelinde und heitre Witterung der letzten Tage des Februar und zu Anfang des März hatte die verein⸗ ten deutſchen Streitkräfte zu früheren Unternehmungen aus ihren Winterquartieren gelockt. Die um Frankfurt gelegnen Truppen lagerten ſeit Mitte März um Kaſtel. An dieſe ſchloſſen ſich rechts und links die Preußen, die Sachſen und Heſſen, alle unter dem Oberbefehle des Generals von Schönfeld. Am Tage vor Forſter's Ab⸗ reiſe von Mainz hatte der König von Preußen mit dem 246 Herzoge von Braunſchweig eine beträchtliche Truppenmacht bei St. Goar über den Rhein geworfen, und drängte mit glücklichen Scharmützeln die Franzoſen gen Bingen hinauf. Schon verließen die franzöſiſchen Commiſſäre Mainz. Der daſige Convent hielt am 30. März ſeine letzte Sitzung, worin die Verleſung der Mitglieder ergab, daß elf derſelben, und unter ihnen Profeſſor Dorſch, heimlich entwichen waren. Bald gingen die Preußen über die Nahe und Cüſtine zog ſich bis Landau zurück. Er theilte nun ſeine Truppen, indem er die Hälfte derſelben, über 23,000 Mann dem General d'Oyré zur Vertheidigung von Mainz überließ. Die Stadt war gut verprovian⸗ tirt, und wurde durch wiederholte, zum Theil ſehr ſtarke Ausweiſungen eidweigernder Einwohner noch erleichtert. Der erſte Ausfall der Franzoſen nach dem rechten Rhein⸗ ufer in der Nacht vom 10. zum 11. April mißlang. Die Stadt wurde nun auch von der Landſeite einge⸗ ſchloſſen. Schon zeigte ſich die nächſte Zukunft für Mainz in einer flüchtigen Vorerſcheinung. Der alte Kurfürſt,— Primas auf der Flucht vor dem drohenden Feinde, war nun auch der Erſte, den das Glück befreun⸗ deter Waffen herbeilockte. Er kam über Frankfurt, hier von zahlreichen Anhängern mit frohlockenden Thränen empfangen, und über Oppenheim in's Lager des Königs von Preußen zu Guntersblum. Unter Glückwünſchen legte er die Schonung der Stadt und die Rache an den Freiheitsſchwärmern der Majeſtät an's Herz; worauf er einſtweilen nach ſeinem ſichern Erfurt zurückeilte. penmacht drängte Vingen mmiſſare ätz ſeine er ergab, Dorſch, ahe und ilte nun n, über eidigung provian⸗ zr ſtarke fſeichtert. Rhein⸗ nißlang. e einge⸗ inft für der alte fohenden befreun⸗ n, hir hränen Königs ünſchen an den rauf el Bekanntſchaften. Den betrübenden und beſorglichen Nachrichten aus Mainz hielten die neuen und nächſten Eindrücke von Paris ein beruhigendes Gegengewicht. Das erſte Grün der Bäume erquickte Forſter's Herz und Auge; neue Bekanntſchaften zogen ihn an mit jenen Reizen des Um⸗ gangs, wofür er ſo empfänglich war. Politiſcher Par⸗ teinahme abgeneigt und müde, hielt er ſich von den Mitgliedern des Convents entfernt. Nur zu Condor⸗ cet, dem berühmten Mathematiker und Philoſophen, ließ er ſich vom jungen Cüſtine bringen. Er wohnte in Auteuil, und kam nur zu den Conventsſitzungen nach Paris. Auch Thomas Payne, der verdorbne eng⸗ liſche Schnürbruſtmacher und beſſer gerathne Schriftſteller, war, obgleich ein Fremder, damals noch Convents⸗Mit⸗ glied; allein der Verfaſſer von Common sense und von the rights of men hatte für Forſtern, weder durch ſeine geiſtreichen Züge und feurigen Augen in glührothem, finnigem Geſichte, noch durch die Launenhaftigkeit ſeines Egoismus etwas Anziehendes, und blieb ihm nur in ſeinen Schriften genießbar. Deſto lieber gewann Forſter den umgänglichen Ein⸗ ſiedler, Grafen Schlaberndorf, der auch Thereſen von ihrer Schweizerreiſe mit Onkel Blumenbach aus Zürch her kannte,— jetzt ein Vierziger und in Forſter's Augen v»ein ſehr kluger, einſichtvoller Demokrat von 248 reifer Erfahrung und bei viel Kenntniſſen von unend⸗ licher Beſcheidenheit, edel von Charakter, rein und gut von Herzen, nicht brillant von Kopf, aber reich, hell und richtig denkend, der practiſcheſte Philoſoph.« Bei dieſem traf Forſter auch den bekannten Oels⸗ ner, und bezeichnete ihn als einen Mann, der in Paris ganz zu Hauſe, und des richtigen Ausdrucks und Kunſt⸗ wortes für alles, ſo wie des Converſationstones mächtig ſei. Er bewunderte deſſen echt franzöſiſche Leichtigkeit in artigen Bemerkungen, und entdeckte, daß er bei den Da⸗ men— joli coeur war. Auch mit Leuchſenrin g kam er zuſammen, der früher mit ſeinen Briefſchatullen zum Kreiſe der Frau von Laroche gehörte, jetzt aber mit ſeiner Frau, dem ehemaligen Fräulein von Bielefeld, Noth litt, daß es zum Erbarmen war.. Wir übergehen andre, weniger bekannte Deutſche und Polen, mit denen Forſter verkehrte, ſo wie auch das Haus des reichen und weithin thätigen Banquiers Le Coulteur, wo er in gebildetem Kreiſe willkommen war, ferner den freundlichen Bibliothekar Chamfort und den berühmten Verfaſſer von Paul et Virginie, Bernardin de St. Pierre, und kommen zur ſchot⸗ tiſchen Familie des Mr. Chriſtie, der mit Beifall über die franzöſtſche Revolution ſchrieb. Hier war For⸗ ſter für jeden Abend eingeladen, und fand außer der Frau und Schyweſter Chriſtie's die engliſche Schriftſtelle⸗ rin Mrß. Wolſtoncraft und die Dichterin Miß Wil⸗ liams. Der ruhige Freiheitsſinn dieſer engliſchen Fa— milie that unſerm mainzer Abgeordneten wohler, als der n unend⸗ und gut hell und n Oels⸗ in Paris nd Kunſt⸗ s mächtig tigkeit in den Da⸗ men, der der Frau au, dem daß es Deulſche auch das iiers Le lkommen amfort irgigie i ſchot⸗ Beifall ar For⸗ ßer der iſtttll⸗ Wil⸗ hen Fa⸗ als del 1 * Fanatismus der Franzoſen, denen über dem kalten Herzen nur der Kopf glühte, während bei jenen Freunden kalte Überlegung ſich mit warmer Empfindung verband. Wie er hier gern geſehen war, ſcheint er beſonders für die Schweſter, Miß Chriſtie, eine freundliche Auf⸗ merkſamkeit gezeigt zu haben. Sie hatte, nach ſeiner Schilderung, viel Sanftes und ſtill empfindend Vernünf⸗ tiges, ſprach mit Theilnahme von allem ſehr niedlich und zuweilen originell, ohne Vorurtheil mit Imagination und Gedächtniß. Etwas ſchwächlich von Geſundheit, las ſie gern, ſang ein wenig, wiewohl nicht zum Beſten, ſpielte ein paar Noten, ging gern in die Komödie und ſpazie⸗ ren, und ließ ſich ohne alle Ziererei und Eigenſinn den Hof machen; obgleich ſie mit einem jungen in England abweſenden Franzoſen eine Herzensangelegenheit hatte, die jedoch nicht nach dem Sinne der Familie war. Später machte Forſter noch zwei etwas anrüchige Bekanntſchaften von ſehr entgegengeſetztem Eindruck auf ſein Wohlgefallen. Eine war der aus ſeiner vielgeleſenen Lebeusgeſchichte bekannte Staatsgefangne von Trenk. »Eine Eitelkeit und zur Gewohnheit gewordne Aufſchnei⸗ derei, eine zurückſtoßende Fühlloſigkeit, ein ſchmutziger Eigennutz, ein Gemiſch von Hochmuth und Niederträch⸗ tigkeit mit einem ſonderbaren Feuer des Kopfes und Temperaments« machten ihn dem Beobachter ſehr unan⸗ genehm. Deſto intereſſanter war ihm die aus der Revolu— tionsgeſchichte bekannte Theroigne de Mexicourt, von der er ſeiner Thereſe eine ſehr anziehende und umſtändliche Schilderung gab. Obgleich der verlaßne Mann einmal klagte, er habe kein Wohlgefallen an den Menſchen, und wiſſe ſelbſt nicht, wie der Tag ihm unter den Handen verſchwinde: ſo ſcheint in jener Aufregung der Zeit und des eignen Ge⸗ müths doch der Umgang mit gleichgeſtimmten Menſchen noch mehr Bedürfniß für ihn geweſen zu ſein, als die Theilnahme an den öffentlichen Vergnügungen, und ſelbſt als der Genuß, den die Kunſtſchätze und wiſſenſchaftlichen Anſtalten in Paris ſo reichlich darboten. Zwar das Theater verſchmähte er nicht ganz, wie er denn in Ge⸗ ſellſchaft ſeiner engliſch⸗ſchottiſchen Freundinnen Gluck's Iphigenie in Tauris ſah, und ſich ſogar am Ballet: »das Urtheil des Paris« entzückte. Doch auch hier blieb ſein Gemüth nicht ungetheilt: er dachte an ſeine Mädchen, die er zu dieſen wunderbar ſchönen Scenen, bezaubernden Gegenden und Göttererſcheinungen aus Neufchatel herbeiwünſchte. Überhaupt waren ſeine Gedanken jetzt öfter und auf's Innigſte bei ſeinen Kindern; wozu ihn wohl nicht bloß die Trennung, ſondern vielleicht noch lebhafter jene Erlebniſſe trieben, die ein an dauerndem Aufruhr und verunglückenden Beſtrebungen ermüdetes Herz nach dem ſtillen, traulichen Paradieſe der Kinderwelt ziehen. Außer jenen Empfindungen löſ'te ſich der Bühnen⸗ genuß leicht auch in Reflexionen über die Franzoſen auf. Und wie er während des Ballets den jungen Veſtris in der Grazie und Eleganz ſeiner Bewegungen bewunderte, ohne vergeſſen zu können, daß er ein ſchlechter Kerl und aufgeblaſener Narr ſei: ſo traute er nur dem Leichtſinn der Franzoſen die Gabe zu, in ſolchen Dingen die ganze er habe bſt nicht, nde: ſo nen Ge⸗ Menſchen als die nd ſelbſt zaftlichen var das in Ge⸗ Glucks Ballet: ch hier n ſeine Seenen, n aus ter und hl nicht ter jene hr und ch dem ühnen⸗ in auf. tris in nnderte, er und ichſtnn gantze 251 Energie ihres Weſens dergeſtalt zu entwickeln, daß ſie für alles übrige nichts ſeien, und ihre Humanität null bleibe. Denn auch an ihren Schauſpielern würde man ſich irren, meinte er, wenn man an den geſcchickteſten, ſobald ſie keine Rolle ſpielten, noch eine angenehme Menſchheit zu genießen hoffte. Das Pantheon durfte nicht unbeſucht bleiben, um ſowohl das Gebäude zu bewundern, als an den Särgen Voltairs und Lepelletiers eine ſchauervolle Herrlichkeit zu empfinden. Wie ſehr die Revolution bereits den Charakter der Pariſer umzuſtimmen anfing, fiel Forſtern beſonders in Verſailles auf, wohin er am Pfingſtfeſte nach dem Mit⸗ tageſſen bei Banquier Le Coulteur mit dieſer Familie gefahren war, die Waſſer ſpringen zu ſehen. Ein er⸗ ſtaunlicher Zuſammenfluß von Menſchen erregte des Freun⸗ des Staunen durch ihr ſtilles, ernſtes, ehrbares Benehmen am Orte und auf dem Heimwege, wo ſich die zahlreichen Fußgänger mit Weißdorn, Ginſter und ſonſtigem blühen⸗ den Strauchwerke ſchleppten. Forſter erkannte gar nicht mehr ſein ſonſt ſo ausgelaßnes Völkchen, dieſen peuple qui danse et qui chante—— Doch nicht bloß bis Pfingſten, bis in den tiefſten Sommer hinein finden wir unſern mainzer Abgeordneten in Paris. Hatten ſich anfangs die nöthigen Formalitä⸗ ten wegen der Aufnahme der Rheinprovinz in die Re⸗ publik verzögert: ſo ſchwebte nun dieſe Eroberung wieder in der Luft, oder ſtand vielmehr auf dem Spiele der — Belagerungswürfel und auf dem beliebten mainzer Lo⸗ ſungsworte: Wer uns gewinnt, der hat uns! Überdies waren Forſtern auch bereits im April Ausſichten zu einer andern Beſtimmung von Lebrün, dem Miniſter des Auswärtigen, gemacht worden. Die Rede war vorerſt von einer Verſendung in die nördliche Provinz mit noch unbeſtimmten Aufträgen. So lebte er denn in Erwartung, unter tauſend Unannehmlichkeiten ſeiner Wohnung und des Mangels an gewohnter häus⸗ lichen Bequemlichkeit wenigſtens geſund und die Hitze gut vertragend. Obſchon er aber ſo ziemlich auf das Umherſchlendern angewieſen war, und nur der Zer⸗ ſtreuung halber auch noch das Speiſen an einer öffent⸗ lichen Tafel dem Tiſch in einem Bürgerhauſe vorzog: ſo konnte er doch dem eigentlichen pariſer Flaniren auf die Dauer keinen Geſchmack abgewinnen. Sah er ſich dann nach Beſchäftigung um: ſo traten ihm aus allen Ecken ſchwermüthige Betrachtungen entgegen.—»Nach ſo viel— jähriger angeſtrengter Arbeit iſt mir nunmehr alles, was ich zu meinem Fortkommen unternommen hatte, fehlge⸗ ſchlagen,— klagte er— und ich fange die Welt gleich⸗ ſam von neuem an, ohne zu wiſſen, wie und womit, da ich von ganz Europa abgeſchnitten, mit Schulden über⸗ häuft, hier ohne alle Mittel, ohne alle Unterſtützung und faſt ohne Ausſicht bin. Ich habe mich anheiſchig gemacht, alles anzunehmen, was man mir anbieten würde.—— Gelehrtes Verdienſt, und ſelbſt die Ta⸗ lente des Geſchäftsmannes gelten jetzt nichts. Wer oben⸗ auf ſchwimmt, ſitzt am Ruder, bis ihn der Nächſte, der für den Augenblick am ſtärkſten iſt, verdrängt. Kurz, zu inzer Lo⸗ m Ayril Lebrün, en. Die nördliche So lebte glichkeiten ter häus⸗ die Hitze auf das der Zer⸗ r öffent⸗ rzog. ſo auf die ch dann en Ecken ſo viel⸗ les, was fehlge⸗ t gleic⸗ wmit, da 1 über⸗ ſützung heiſchig anbieten die La⸗ r oben⸗ ſt, der Kutz zum erſtenmal in meinem Leben helfen mir alle meine Hülfsmittel nichts, und ich ſtehe ſo verlaſſen da, wie ein Kind, das keine Kräfte hat, ſich ſelbſt zu ernähren.« Da tauchte der Gedanke an Indien wieder auf. Die alte Luſt des Weltfahrens regte ſich noch einmal. Und ein Mann, der alles verloren hat,— wie aufgelegt fühlt er ſich nicht, auf Entdeckungen auszugehen! Jetzt aber reizt es nicht mehr, die Provence das Languedoc auf einem Eſel zu durchreiten: je lauter um ihn her die Revolution ſtürmt, je tiefer er in den Abgrund der Hoffnungsloſigkeit blickt, deſto weiter hinweg ſehnt er ſich. Von der Höhe ſeiner Verlaſſenheit mißt er den geographiſchen Breitegrad ſeiner Sehnſucht. Faſt möchte man ſagen, die ängſtliche Unruhe habe ihn befallen, die den dem Sterben nahen Leidenden mit dem Traume von einer großen Reiſe aus ſeinem Bette treibt.—»Könnt, ich 4 bis 500 Pfund Sterling irgendwo aufbringen, oder wären es auch nur 300, ſchrieb er im Juni an Thereſen, ſo lernte ich hier Perſiſch und Arabiſch, und ginge über Land nach Indien, um neue Erfahrungen heim zu bringen, und als Arzt nebenher mein Glück in einigen Jahren zu machen.«— Er kam wiederholt auf dieſen Wunſch zurück und meinte, wie leicht es zwanzig Freiheitsfreunden in England werden müßte, wenn jeder eine Kleinigkeit beitrüge, einem Manne zu helfen, der ſeine ganze bürgerliche Exiſtenz der Freiheit, wenn auch unter irriger Vorausſetzung, aufgeopfert habe. Er malte ſich die wiſſenſchaftlichen Gewinnſte, die neuen Gegen⸗ ſtände und Bilder, die Bewegung und Beſchäftigung, ja das Ungemach und die Gefahren aus,— was alles zuſammengenommen unfehlbar für ſein verletztes Gefühl heilenden Balſam gewähren würde. Abbruch und Achtung. Von dieſen weltfahrenden und abenteuernden Gedan⸗ ken ſuchte ihn Thereſe durch eine allernächſt liegende Aufgabe abzubringen. Sie foderte ihn auf, die Geſchichte dieſer Tage zu ſchreiben, wozu er freilich am wallenden Strudel der Ergebniſſe ſtand. Sie mag dabei mehr an ſeine Muße und Muthloſigkeit, als an die Sache ge⸗ dacht haben, an der er ſich bethätigen ſollte. Auch kannte ſie den Anfang einer»Geſchichte der mainzer Re— volution« nicht, die Forſter unter der Feder hatte; ſonſt hätte ſte ſich bald überzeugt, wie wenig ein Mann, der mit ſchwankendem Herzen auf den Wogen einer ſtürmen⸗ den Zeit treibt, die Geſchichte derſelben zu ſchreiben ge⸗ macht iſt. Auch lehnte es Forſter ab.—„O ſeit ich weiß, antwortete er, daß keine Tugend in der Revolu⸗ tion iſt, ekelt es mich an. Ich konnte, fern von allen idealiſchen Träumereien, mit unvollkommnen Menſchen zum Ziele gehen, unterwegs fallen und wieder aufſtehen und weiter gehen: aber mit Teufeln und herzloſen Teu⸗ feln, wie ſie hier ſind, iſt es mir eine Sünde an der Menſchheit, an der heiligen Mutter Erde und an dem Lichte der Sonne.« s Gefühl n Gedan⸗ liegende Geſchichte vallenden mehr an ache ge Auch ger Re⸗ te; ſonſt inn, der ſtürmen⸗ iben ge⸗ ſeit ich Revolu⸗ zn allen denſchen ufſtehen en Tel- an der an dem Eine wunderliche Betrachtung, die Forſter an dieſe Entrüſtung knüpfte, über Freiheit und Gleichheit als das Ziel Derjenigen, die mit Vernunft herrſchen wollen, führt ihn zu der Prophezeihung, daß der Welt noch die ei⸗ ſernſte aller Tyranneien drohe,— die Herrſchaft der Vernunft, ein größeres Unheil, als Brand und Über⸗ ſchwemmung, jener Vernunft ohne Gefühl, wie ſolche nach den Merkmalen der Zeit uns bevorſtehe, bis ein⸗ mal eine allgemeine Einfachheit der Sitten, Beſchäfti⸗ gungen, Wünſche und Befriedigung, eine Reinheit der Empfindung und eine Mäßigung des Vernunftgebrauchs aus allen dieſen Revolutionen hervorkeime und ein Reich der Liebe beginne, wie es ſich gute Schwärmer von den Kindern Gottes träumten. Anders, als die Geſchichtſchreibung ſah Forſter bald darauf die Redaction einer Zeitung an. Man trug ſich damit, eine ſolche in deutſcher Sprache herauszugeben. Er betrachtete ſie ſcherzweiſe als eine Maitreſſe, die er ſich halten wollte, um ſeine Launen ein wenig zu zer⸗ ſtreuen. Nachdem er in ſeiner entſchloßnen Weiſe eine Ankündigung raſch entworfen und dem Miniſter zur Geneh⸗ migung vorgelegt hatte, blieb es vorerſt beim Projecte. Hatte er nun mit der Zeitungs⸗Maitreſſe kein Glück: ſo bot ſich ihm eine Buchdruckerei— zur Frau an. Der Vorſchlag kam von Herrn Chriſtie und deſſen Frau, und war für die Direction einer Buchdruckerei in England berechnet. Der Gedanke ſprach Forſtern an; doch merkte er bald, daß eine Heirath unter der Preſſe war,— mit Miß Chriſtie, dem artigen Mädchen, das hinter dem fernen Geliebten einer ſogenannten Vernunftheirath nicht ——-— — 256 geradezu abgeneigt ſchien. Daraus konnte natürlich nichts werden, und ſo blieb Forſtern nur der Gewinn, daß er nach off'ner Darlegung ſeiner Denkungsart fortan mit ſeinen Beſuchen für abſichtlos galt, und deſto freier von ſich und ſeinen Leiden ſprechen konnte. Während nun dergeſtalt die franzöſiſche Revolution ſich vergebens bemühte, ihrem deutſchen Glaubenshelden und beginnenden Diſſidenten eine neue Zukunft zu be⸗ gründen, brach mit deſto mehr Glück die deutſche Reac⸗ tion ſeine mainzer Exiſtenz ab. Die Belagerer rückten der Stadt immer näher. Hier ſtieg ſchnell die Theuerung, während die Erportationen, beſonders ſämmtlicher Stadtarmen, noch immer die Ein⸗ wohnerſchaft lichteten. In dem Grade, als innerhalb Mainz die Angſt zunahm, wuchs außerhalb der Haß der Ausgewanderten und Ausgewieſenen, die zu Wiesbaden, Frankfurt, Aſchaffenburg, Mannheim und Milteberg an⸗ geſammelt, ſich auf ihre Rückkehr ſpannten. Dazwiſchen wechſelten mit wechſelndem Glücke die Ausfälle der Be⸗ lagerten und die Angriffe der Belagerer, bis am 27. Juni die Deutſchen mit Bomben und feurigen Kugeln Ernſt zu machen anhoben, Häuſer zerſchmetternd und Paläſte in Brand ſetzend. Das Bombardement wieder⸗ holte und ſteigerte ſich ſo ſchreckhaft, daß in ſechs Näch⸗ ten über 50 Gebäude in Schutthaufen zuſammen brachen. Die Verzweiflung der Einwohner, die zu wehren und zu retten ihre Tage und Nächte verbrachten, wurde nur überboten von dem Entſetzen der Ausgewieſenen, die von fern nur ohnmächtige Zuſchauer einer grauſenhaften lich nichts Zerſtörung abgaben, mit welcher, gleich den Einwohnern, n, daß er zu kämpfen ihnen noch ein Troſt, eine Erleichterung ortan mit ſchien. fteier von Forſter blieb in Paris nicht ununterrichtet über die Einzelnheiten jenes Unglücks. Er hatte ſchon früher einem jungen Manne, der in der Adminiſtration unter Revolution ihm diente, den Auftrag zukommen laſſen, ſeine Papiere benshelden einzupacken, und in Sicherheit zu bringen. Bei allem ift zu be⸗ Vertrauen auf die gute Ausführung dieſes Auftrags ſche Reac⸗ mochte er ſich doch darüber nicht täuſchen, daß gar man⸗ ches von ſeinem häuslichen und geiſtigen Beſitzthume in her. Hier Bruch und Brand aufgehen werde. Doch wandelte ihn zrtationen, deſſen kein Kleinmuth an.—»Mainz muß einem Schutt⸗ die Ein⸗ haufen ähnlich ſehen, ſchrieb er an Thereſen. Die Lieb⸗ innerhalb frauenkirche, der eine Domthurm, die Schuſtergaſſe, Ju⸗ Haß der dengaſſe, Bleichen, Thiermarkt abgebrannt! Unſere ziesbaden, Reihe Häuſer— ſteht ſie oder brennt ſte? Ich weiß es tberg an⸗ nicht. Und die armen Einwohner! Das iſt die Folge dazwiſchn des Freudenfeuers vorigen Jahres! Dieſer unſelige Mann, der Be⸗ der ſein Land, ſeine Stadt, ſeine unglücklichen Unter⸗ am 27. thanen dem leidigen Ehrgeize, ſich in die franzöſiſchen Kugel Angelegenheiten zu miſchen, aufopfern konnte,— was hat und und er nun davon?—— Wie hat das Schickſal für uns wieder⸗ geſorgt, daß es uns herausriß, und Tauſende müſſen jetzt Näch⸗ ſchmachten! Was iſt der Verluſt aller unſerer Habe ge⸗ trache gen das unbeſchreibliche Elend!« un und Doch wie geborgen in der Entfernung von Paris unde um und Neufchatel er ſich und die Seinigen wußte: war er die don doch ſi ſeine Perſon bei jenem Mißgeſchicke von Mainz ihim nicht in Vergeſſenheit gekommen. Auf ſeinen Kopf wa⸗ 17 258 ren hundert Dukaten geſetzt worden.—»Nur hundert Dukaten? rief Forſter aus. Der arme Schelm von ei⸗ nem General, da er nicht beſſer weiß, was ſo ein Kopf werth iſt. Ich gäbe keine 6 Kreuzer für den ſeinigen. Es iſt nicht aller Tage Abend und vielleicht ſprechen ſich die Köpfe noch auf ihren Rümpfen.« Einſtweil beſchäftigte ſich der ſo taxirte Kopf mit der Erinnerung an die mainzer Revolution und an ſei⸗ nen Antheil dabei. Der Anfang war, wie wir ſchon bemerkten, bereits niedergeſchrieben, aber keineswegs zur Zufriedenheit des viel zu unruhigen Hiſtorikers. Ein ſolches Kind des Kummers, meinte er ſelbſt, ſei natürli— cherweiſe ein Krüppel. Kränkender als jene preußiſche Achtung war für Forſter eine Außerung des Herzogs von Braunſchweig, — jenes beſten Menſchen, der nebenher auch Fürſt iſt,— wie Forſter damals in dankbarer Empfindung geſchrieben hatte:»Von Forſter begreife ich's nicht; denn der hatte ja zu leben.« An dieſem fürſtlichen Worte empfand Forſter die ganze Erbärmlichkeit der gewöhnlichen hoch⸗ ariſtokratiſchen Anſicht von den Motiven auch der edel⸗ ſten Freiheitskämpfer.»„Folglich, rief Forſter aus, wenn man zu leben hat, und ſein Vermögen auf's Spiel ſetzt, darf man ſich nicht beklagen, ſondern muß ſich mit ſei⸗ nen Grundſätzen tröſten, wenn man es verliert.«— »„Ich ſitze und lächle zu allem, ſchrieb er an Thereſe. Toller, als es mir ging, kann's doch nicht wieder gehen, denke ich, und ſo harre ich des Schickſals; es mag verhängen über mich, was es will. Mehr zu Grund gerichtet kann ich nicht werden; denn ob mich der Na⸗ tlo M. W ur hundert m von ei⸗ Hein Kopf n ſeinigen. prechen ſich Kopf mit nd an ſei⸗ wir ſchon rswegs zur . Ein ei natürl⸗ war für unſchweig iſt iſt,— geſchrieben der hatte eempfand hen hol⸗ der edel us, wenn zpiel ſetz nmiit ſei⸗ ert.. Thereſt der gehel es Vd- u Grund der Ma⸗ tional⸗Convent kümmerlich füttert, oder ob ich künftig von Informationen lebe, iſt alles Eins.« Und ſchloß dieſen Brief vom 13. Juli mit den Worten:»Heut vor 21 Jahren ging ich zu Schiff mit Cook.«. Welche Erinnerung in ſeiner jetzigen Lage! Welches vingt-un, welches Einundzwanzig ſeines Lebenshazard⸗ ſpiels!. Thereſens Einrichtung. Mit den pariſer Erwartungen und der mainzer Entſagung Forſter's verknüpfte ſich eine innige, herz⸗ liche Beziehung zu Neufchatel. Thereſe, wie wir wiſſen, lebte auf dem Landſitze des Herrn von Rougemont mit einigen franzöſiſchen Emigrirten in Penſion. Der Widerſpruch täglichen Um⸗ gangs mit Royaliſten und des brieflichen Verkehrs mit einem jacobiniſchen Gatten legte ihr viel Zwang und Vorſicht auf. In dieſer Lage hatte ſie Urſache vor ei— nem Beſuche Forſter's zu bangen: ihre Freiſtätte wäre geſtört worden. Forſter, obgleich früher ſelbſt von politiſchen Anti⸗ pathien in Mainz heftig genug gerüttelt, wollte nun doch über dieſe ſchweizer Spannungen ungeduldig wer⸗ den. Indeß blieb ihm ja zu einem ſo erſehnten Wie⸗ 260 derſehen der Seinigen noch immer Lauſanne, Genf oder Pontarlier unverkümmert. Jene ungünſtige politiſche Atmoſphäre übte indeß keinen Einfluß auf Thereſens Anſichten, brachte kein— Wechſelfieber in ihre politiſche Geſinnung. Sie berief ſich gegen Forſter darauf, daß ja ihre Freiheitsliebe äl⸗ ter, als die franzöſiſche Revolution ſei. Nur den Ver⸗ luſt des deutſchen Bürgerrechts empfand ſie tief; worüber Forſter ſie zu beruhigen ſuchte, indem er ihr auch nach ſolchem Verluſte eine befriedigende Zukunft betheuerte. Mit Wärme ſprach er von den Vorzügen der Geiſtes⸗ freiheit und jenes hohen Unabhängigkeitsgefühls, das ſie beide durch Erziehung, Umſtände, Laufbahn und Aus⸗ zeichnung vor ſo vielen Deutſchen voraus hätten.— »Weisheit und Glück ſind unverträgliche Dinge, ſchrieb er einmal, wenn die Weisheit nicht ihr eignes Glück in ſich hätte, wobei man ſich allenfalls noch in die Schick⸗ ſale der Welt finden kann. Laß uns nur ſorgen, die Einfachheit und Reinheit unſerer Gefühle zu erhalten, damit wir unſere Empfänglichkeit nicht einbüßen. Mit ihr bleibt uns in den traurigſten Tagen eine unſchätzbare Summe froher Augenblicke des ſchönſten Naturgenuſſes. Ihren Eindrücken offen, entgeht uns nichts Großes, nichts Schönes, nichts Gutes, nichts Rührendes im Weltall, ohne daß die Saiten unſeres Herzens davon erklingen. Wenn uns der Zufall einen Erddurchmeſſer von einan⸗ der trennte, wären wir mit ſolchen Grundſätzen immer Einer des Andern gewiß, und zugleich gewiß, daß wir unſers Gleichen weit und breit nicht antreffen können.« Nur Thereſens oft angegriffne Geſundheit machte — Genf oder übte indeß ſte ken— Sie berief eitsliebe äl⸗ rdden Ver⸗ ſz worüber wauch nach betheuerte er Geiſtes⸗ ls, das ſie und Aus⸗ jätten.— e, ſchrieb Glück in die Schick⸗ orgen, d erhalten. hen. M unſchißban urgenuſſe hes, nicht Peltall erklingen. 1 l⸗ von einal zen inmt daß wu können zelt macht ihm Sorge. Ihren Briefen ſah er ſtets mit Verlangen und, wenn ſie ausblieben, mit Angſt entgegen. Hierin fand er ſich in ſeiner Umgebung nur von Miß Chriſtie theilnehmend verſtanden. An den Kindern hing er, wie ſchon erwähnt, mit den zärtlichſten Gedanken, und labte ſich an jeder kleinen Nachricht als Erſatz der Trennung von ihnen. Er be⸗ ruhigte die Mutter über des ſonſt ja doch ganz hübſchen Röschens erfrorne Händchen, und freute ſich, daß Kläre ein trefflicher Tartar werde, und eine rechte Portion Volksſouveränetät mit beiden Backen behaupte. Wie gern hätte er Geſchenke und Unterſtützung geſchickt, wäre er nur ſelbſt nicht in der gedrückteſten Lage geweſen! Doch übermachte er mit Reiſegelegenheiten 25 Livres und Kleinigkeiten für die Kinder, ſo wie für Thereſen ein Kleid von Sirſaca, einem Zeuge, das hübſch und beſcheiden zugleich ſei. Gegen den Sommer kam endlich jene Verabredung zur Ausführung, die bei Thereſens Scheiden aus Mainz von Forſter im Allgemeinen gutgeheißen war. Huber hatte ſich nach ſeiner Zurückberufung in Dresden über⸗ zeugt, daß ſein Vorhaben, für die Freundin und For⸗ ſter's Kinder zu leben, ſich zumal bei dem mit Forſter's Namen verbundnen Begriffe des Jacobiners, mit keinem Staatsdienſtpoſten vertrüge. Er hatte daher mit einer berliner Buchhandlung einen Vertrag abgeſchloſſen, der ihm bei ökonomiſcher Einrichtung ſein bisheriges Ein⸗ kommen auf literariſchem Wege ſicherte, und kam jetzt nach Neufchatel. Die Einrichtung, die ſie ſich hier ge— ben wollten, war zwiſchen ihm und Thereſen brieflich ver— 262 abredet, und Forſter, im Juli davon in Kenntniß geſetzt, billigte alles. So ahnet der Menſch oft nicht, daß es die Fäden der Zukunft ſind, die ſich um ihn anſpinnen, zu einem Gewebe, auf deſſen Muſter ſein Bild und Namenszug bereits ausgetilgt iſt! Wie Forſter um dieſe Zeit und mit Bezug auf ſeine und Thereſens Lage über moraliſche Verhältniſſe über⸗ haupt dachte, erſehen wir aus einer brieflichen Betrach⸗ tung über die Kaiſerin Katharina. Wie man nämlich eine über das bürgerliche Recht hinausgehende hohe Po⸗ litik zugeſteht, nahm er, ſo zu ſagen, auch eine höhere Moral, oder vielmehr eine privilegirte moraliſche Ariſto⸗ kratie an.—»Du weißt ja, ſchrieb er an Thereſen, daß gewiſſe Dinge für gewiſſe Menſchen unmöglich mehr Das ſein können, was ſie dem engbrüſtigen Moraliſten ſind. Ich bin überzeugt, der Menſch auf einer höhern Stufe der Bildung darf thun, was Andre nicht thun dürfen.« Die neue Lebenseinrichtung Thereſens war fol— gende: Sie hatte den Landſitz des Herrn von Rougemont verlaſſen und ein kleines Gemach bei der Witwe eines Schloſſers in Neufchatel, dicht am See, genommen. Huber miethete ſich am obern Ende der Stadt ein. Er ſpeiste in einem Gaſthofe, Thereſe kochte mit der alten Magd. Morgens ließ Huber, zur Unterbrechung ſeiner frühen Arbeiten, durch den Bedienten das neunjährige Röschen zu einer Schreibſtunde abholen, und gab ihm dann für die Mutter mit, was er gearbeitet hatte. Um geſetzt Fäden einem enszug uf ſeine über⸗ getrach⸗ nämlich he Po⸗ höhere Ariſto⸗ ereſen, mehr zliſten oöhern thun fol⸗ emont eines umen. Er alten ſeiner ährige ihm Um 1 zwei Uhr fand er ſich bei Thereſen ein, ſte und die Kin⸗ der zum Spaziergang mitzunehmen, arbeitete darauf wie⸗ der bis Abends 7 Uhr, da er denn zum Thee kam, und den Abend blieb. Da wurde nun auch die Arbeit be⸗ ſprochen, mit der ſich die Freundin inzwiſchen bekannt gemacht hatte. War Thereſe ſchon früher von engherzigen Menſchen ihrer Umgebung mit politiſchen Augen ſcheu angeſehen worden: ſo entzog ſie ſich jetzt, in dem unklaren Ver⸗ hältniſſe zu einem Freunde, lieber gänzlich dem geſelligen Verkehr. Um ſo leichter hofften beide Vertraute mit Sparſamkeit auszukommen; wobei Thereſe ſich entſchloß⸗ ner, als Huber, er ſich kindlicher, als ſie erwies,— der alte Liebling der Götter. Er arbeitete neben ſeinen eben unternommenen—»Friedens-Präliminarien«, zu denen Forſter Beiträge anbot, an ſeiner dramatiſchen »Juliane.«— Auch Thereſe verſuchte ſich jetzt mit der ſchriftſtelleriſchen Feder. Sie ſelbſt geſteht, daß es bei ihr mit der Orthographie und Grammatik ſcheu ausge⸗ ſehen habe, und die Anfänge überhaupt ſo jämmerlich ausgefallen ſeien, daß Huber ganze Seiten habe durch⸗ ſtreichen müſſen. Doch kam bald Eins zu Stande. Ob abſichtlich, oder durch unbeachteten Zufall bezüglich ge⸗ wählt, war es Louvets Divorce necessaire. Thereſe unternahm es bei der überſetzung zugleich, dem Roman einen fehlenden Schluß zu geben, und ſetzte Hubern durch die Leichtigkeit ihres Stils in Erſtaunen; ſo daß eigent⸗ lich die ſchriftſtelleriſche Meiſterſchaft einer freiwillig Ge⸗ ſchiednen mit dem Schluſſe der Erzählung von einer noth⸗ wendigen Scheidung ihren Anfang nimmt. 264 Aber auch in dieſer Zurückgezogenheit mag das be⸗ freundete und freilich auch liebende Paar den ſtrengen oder ſchiefen Urtheilen der zwiſchen dem See und dem Jura eingeklemmten Societät nicht entgangen ſein. We⸗ nigſtens fand ſich Forſter durch Thereſens Briefe veran⸗ laßt, ſie deshalb zu beruhigen und zu erheben.—„Das Erſte iſt immer, daß wir uns rechtfertigen vor uns ſelbſt, rief er ihr zu. Darnach ſei uns Liebe und Ach⸗ tung der Andern willkommen, wenn ſie gerecht genug ſind, uns anzuerkennen. Gern opfern wir ihren Schwä⸗ chen, ihren Vorurtheilen den zwangloſen Genuß unſerer natürlichen Freiheit; nur müſſen ſie nicht fordern, daß wir um der conventionellen Formen willen, womit ſier ſich ſo jämmerlich belaſtet haben, auf das wahre Glück des Lebens verzichten, welches ſo ſelten angetroffen wird, daß wir es gewiß mit Übergehung der kalten Gewohn⸗ heitsverhältniſſe nicht zu theuer erkaufen.—— Kinder, ſucht glücklich zu ſein, ſo daß ihr es immer bleibt, das iſt, behaltet eure ganze Empfänglichkeit unter Aufſicht der Vernunft, die nur immer die Naturgemäßheit eurer Ge⸗ fühle prüfe!«— Ängſtlicher war er um Thereſens ſchwankende Ge⸗ ſundheit. Sie litt von der Hitze des Sommers, und hatte die Stimme verloren. Forſter fürchtete deſto mehr vom nächſten Winter. Er bat ſie um mehr Sorgfalt auf ſich ſelbſt, und wie rührend ſind ſeine Empfindungen: »Ich fühle Dich in jedem Worte Deiner Briefe, und glaube mir, mein Blick geht weiter, als Du denkſt. So lang kennen wir uns nicht umſonſt, daß ich nicht das ganze Gewicht jedes Deiner Worte wägen könnte, ganz 9 das be⸗ ſtrengen und dem n. We⸗ fe veran⸗ —„Das vor uns und Ach⸗ zt genug Schwä⸗ junſerer m, daß omit ſie re Glück e wird, hewohn⸗ Kinder, ſibt, das ſſicht der urer Ge⸗ nde Ge⸗ rs, und to mehr Sorgfal dungen: Briefe, u denkſt ic nih köunte⸗ —— Mein Herz leidet nicht mehr für die Welt; ſie iſt es nicht werth; es leidet nur für Diejenigen, die es verdienen, daß man für ſie leide.« Nachdem unſer mainzer Abgeordneter mit angeblichen Aufträgen nach der nördlichen Grenze lange hingehalten worden, erhielt ex ſolche wirklich. Ehe er aber Paris verließ, erlebte er ein betrübendes Ereigniß und eine be⸗ unruhigende Neuigkeit. Dieſe betraf Mainz. Unter un⸗ aufhörlichen Haubitzen- und Feuerkugeln, unter wiederhol⸗ ten Angriffen der Schanzen und Annäherung in dritter Parallele hatten die Belagerer endlich am 22. Juli Mainz zur Übergabe gezwungen. Am 26. ſchrieb Forſter:»Ich bin für die Demüthigung nicht fühlbar, welche das Froh⸗ locken der Eroberer Manchem wohl verurſachen mag; aber ich fühle mich zerriſſen, wenn ich das Schickſal der unglücklichen Einwohner erwäge. Wie mancher arme Märtyrer der Freiheit wird nun noch bluten oder, was ärger iſt, verſchmachten müſſen.«— Seine Papiere gab er halb und halb verloren, mit denſelben aber auch ſeine literariſche Zukunft. Bei allem Muth empfand er dieſen Verluſt am bitterſten; wobei er gerade an Diejenigen dachte, die— wenn er alles verloren habe, an ihm noch zu verlieren hätten. Und über ſich ſelbſt mußte er verwundert den Kopf ſchütteln, ſo mit einem Mal um ſeine ganze Wirkſamkeit gekom⸗ men zu ſein, und nach einer Exiſtenz gedrängt zu wer⸗ den, die ſich bloß auf einen ununterbrochnen Widerſtand gegen die ganze auf ihn einſtürmende Macht des Schick⸗ ſals beſchränkte.»Ich bin ſo ſehr belagert wie Mainz, rief er dann ſich ermuthigend,— ich habe ſo ſtarke Aus⸗ 12* 266 fälle gethan und ich glaube, daß ich mich auch bis auf die letzte Extremität wehren werde.« Und ſo behielt er auch noch innige Theilnahme an dem Ereigniß das ſeinen Mitabgeordneten Lux betraf. Dieſer war am 24. Juli gefänglich eingezogen worden, weil er aus Unvorſichtigkeit oder Schwärmerei das Frauen⸗ zimmer hoch geprieſen, das mit wunderbarem Muthe den Dolch auf Marat gezückt und ihn ermordet hatte. Er war von dem Mädchen ganz hingeriſſen, ſo daß er ſchon ſeit acht Tagen faſt keine Nahrung zu ſich genommen, und an dem Gedanken, für ſeine Heldin zu ſterben, ſich entzückte. Auch abgeſehen von eigner Gefahr, die unter den Umſtänden drohte, mußte ſich Forſter überzeugen, daß es ganz unmöglich ſei, etwas für den Unglücklichen zu thun. Aller Verſuchung dazu, ſo wie der beunruhigen⸗ den und bedenklichen Nähe entzog ihn denn jetzt auch ſeine amtliche Sendung. Er hatte ſchon früher die neue Conſtitution in's Engliſche und Deutſche zu überſetzen be⸗ kommen, und ging nun mit neuen Auftragen des Mi⸗ niſteriums nach Cambrai. Welche niederdrückenden Betrachtungen ihn auch be— gleiteten, welche Trauer über alle, die durch die Revo⸗ lution zu Grunde gingen oder ſittlich verdarben: die Idee und Beſtimmung der Revolution ſelbſt konnte er doch nicht aufgeben.—»Ich glaube nun einmal an die Wich— tigkeit im großen Kreiſe menſchlicher Schickſale, lautete ſein Bekenntniß,— glaube, daß ſie nicht nur ſich er— eignen mußte, ſondern auch den Köpfen, den Fähigkei⸗ ten eine andre Entwicklung, dem Ideengang eine neue Richtung geben wird. Ich erwarte für Frankreich lang h bis auf nahme an ur betraf. n worden, s Frauen⸗ Muthe den hatte. Er ß er ſchon genommen, erben, ſich die unter ugeu, daß klichen zu nruhigen jetzt auch die neut rſeten be⸗ des Mi⸗ auch br die Revo⸗ die Idel er doch die Wich⸗ lautete r ſich er⸗ Fäbigki⸗ eine neul reich lang 267 keine Ruhe und kein ſogenanntes Glück der Einwohner. Es iſt, als ſollten die Menſchen, die zu ſehr an Din⸗ gen hingen, nun lernen, indem ihnen der Unbeſtand der Dinge recht fühlbar gemacht wird, einmal wieder, von allem Außern mehr unabhängig, mehr im bloßen Genuß ihrer Kräfte zu leben. Europa wird lange an die⸗ ſer Gährung ſich noch zerarbeiten.« Mit ſolchen Betrachtungen traf er den 1. Auguſt in Cambrai ein. Müſſige Miſſion. Hier wimmelte alles von Soldaten und erinnerte den Ankömmling an ſeine letzte mainzer Zeit. Vier Mei⸗ len weiter, in Valenciennes, ſtand der Feind,— eng⸗ liſche und hannoverſche Truppen des Herzogs von York; eine halbe Meile dieſſeits, nach Paris hin, war alles ruhig, wie im tiefſten Frieden. Forſter hatte zum Ge⸗ fährten oder nach dem damaligen Syſtem des Mißtrauens — zum Aufſeher ſeines Geſchäftes einen zwar rechtlichen, aber trocknen, ſchweigſamen Mann, mit welchem er auf ein kleines, unfreundlich⸗ſchmutziges und durch ihr Ge⸗ päck noch beengtes Zimmer des Gaſthofes beſchränkt war. Die Stube war ohne Möbel, aber das Bett nicht ohne Wanzen. Thee, Kaffee und Zucker waren nicht mehr zu haben, und Butter zum Frühſtückbrot eine beſondere Gunſt des Wirthes. Die Küche war auf unverwöhnten Appetit eingerichtet. Der Ort abſcheulich, die Einwohner, ein fatales Gemiſch des Unangenehmen von Franken und Flamländern, im Elemente des Schmutzes lebend, ließen Forſtern nur die tröſtliche Hoffnung, daß ſein Geſchäft nicht von Dauer ſein werde. Die flache Umgegend war nicht ohne den Reiz ſchöner Ulmen-Alleen, die längs der Kanäle hinliefen. Aber der Anblick einer eben um⸗ gehauenen und die Gefahr für die übrigen erinnerten ihn immer wieder an die Verwüſtung in Mainz. Forſter's Sendung betraf die Auswechslung engli— ſcher gegen franzöſiſche Gefangne. Ehe aber noch eine Antwort des feindlichen Befehlshabers eintraf, mußten unſere Commiſſäre, um von den anrückenden Engländern nicht eingeſchloſſen zu werden, Cambrai ſchnell verlaſſen. Sie ſetzten ſich in Arras, wo ſie es auch im Gaſthof viel beſſer fanden. Allein auch dieſer größere und ſchö⸗ nere Ort bot daſſelbe Bild des Elends und Mangels. Die Kriſe der fränkiſchen Freiheit nahte heran. So ſehr indeß Forſter die Schuld ſo vieler Übel den Privatlei⸗ denſchaften beimaß, die das Schickſal des ganzen Volkes auf's Spiel ſetzten, konnte er doch nicht darüber hinaus, daß der Menſch einmal ohne Leidenſchaften nichts aus⸗ richte, und daß alle Beweggründe zum Handeln weg⸗ fallen, wenn die Triebfedern nicht hoch geſpannt ſeien. Darum hielt er auch trotz aller Monſtroſitäten, die mit heftigen Leidenſchaften verbunden ſind, an der Meinung, daß die republikaniſche Verfaſſung derzeit unterſtützt und erhalten werden müſſe, nicht weil ſte mehr Glück als jede andre bringe, ſondern weil ſie den Geiſteskräften rwöhnten nwohner, nken und d, ließen Geſchäft gend war die längs eben um⸗ rerten ihn ng engli— noch eine mußten gländern verlaſſen Gaſthof und ſch— Mangel So ſeht Privatli⸗ n Volkeb 1 hinaus hts aus⸗ eln wege unt ſeien. die mt Meinung, ſtütt und glück 1 jeskräf einen neuen Umſchwung, eine neue Entwicklung und Rich⸗ tung gebe; nachdem einmal gerade die Schule des Han⸗ delns und der Erfahrung für die Mehrzahl der Menſch⸗ heit durch die jetzige monarchiſche Verfaſſung gänzlich ein⸗ gegangen ſei. In dieſer ſeien ja ſelbſt jene Antriebe zu großen Handlungen und zu mannichfaltiger Übung der Kräfte, welche der Ehrgeiz, die Habſucht und der Sin⸗ nengenuß auf leidenſchaftlicher Höhe herbeiführten, nur auf eine geringe Anzahl von Menſchen beſchränkt. Am Ende liege doch alles daran, daß die Bedingniſſe, unter welchen wir als vernünftige, empfindende Weſen handeln, vermannichfaltigt werden. Die Briefe aus dieſem geſchäftloſen, abwartenden und doch unheimiſchen Aufenthalt verrathen auf jeder Seite den beſchauenden, nachdenklichen Mann. Wie er ſich hier unbehaglich fühlte, und jeder Tag ihm Frank⸗ reich mehr und mehr verleidete, ward die Frage ſeiner Zukunft ungeſtuͤmer in ſeinem Gemüth. Sollte er nicht in der Schweiz Fuß faſſen können? Wäre es nicht mög⸗ lich, mit dem jungen Brand, wenn er ihm einen eng⸗ liſchen Paß verſchaffte, nach Italien zu reiſen, und die Koſten aus dem herauszugebenden Tagebuch zu beſtreiten? Und ginge denn dies und alles nicht: ſo wollte er Eu⸗ ropa verlaſſen, ſobald ihm nicht etwa die Nothwendig⸗ keit ohne ſein Zuthun ein Schickſal machte. Auf Thereſens Zureden entſchloß er ſich, auf der betretnen Bahn vorerſt noch auszuharren. Nur ſollte ſie und Huber ſich keine ſo große Vorſtellung von ſeiner individuellen Wichtigkeit im Leben machen.—»Ich fühle zu ſehr, daß mich mein Unglück verändert hat, ſchrieb 270 er. Es fehlt mir nicht an Muth und Kraft, aber an jener heitern, freien Geiſtesregſamkeit, die ich noch hatte, als ich hoffen konnte. Ich bin jetzt da, wo Menſchen in meiner Lage ſich immer glücklich ſchätzen können hinzuge⸗ langen,— im Hafen der Reſignation. Aber der Name ſelbſt lehrt ſchon, daß es die letzte, öde Zuflucht des von Stürmen umhergetriebenen Herzens iſt. Ich bin ruhig, aber ich bin ausgebrannt.« Etwas hätte er dennoch unternehmen,— er hätte ſich beſchäftigen können, wenn ihm ſeine mainzer Litera⸗ lien nicht gefehlt hätten. Der junge Mann, dem er ſie zu ſichern anempfohlen, war als gemeiner Soldat ver⸗ kleidet glücklich aus Mainz nach Straßburg entkommen, und hatte ihn benachrichtigt, daß die Manuſcripte und Correſpondenzen in Sicherheit gebracht, alles Übrige von Büchern, Möbeln und Geräth unter preußiſche Wache geſtellt worden ſei. Nun wurde Forſter ungeduldig, Kleider, Wäſche und Bücher zu haben. Er drängte The⸗ reſen ſich wegen dieſes Eigenthums zu verwenden, und ihm alles über Baſel zukommen zu laſſen, was es auch koſten möge.»Wenn meine Bücher und Papiere wieder in meinen Händen ſein werden, ſchrieb er, verſpreche ich Dir noch einmal ſo lang zu leben und wieder Hoffnun⸗ gen und Muth zu ſchöpfen.« Eben ſo verlangte er die Aufſätze, Schriften, Pro⸗ clamationen in Beziehung auf Mainz zu haben. Seine Darſtellung der mainzer Revolution wollte ihm nicht ge⸗ lingen, und doch mochte er ſte nicht aufgeben. Er that ſich und der Arbeit Gewalt an. Erſt zerriß er den An⸗ fang mehrmal, dann faßte er wieder einiges Vertrauen aber an och hatte, enſchen in hinzuge⸗ der Name flucht des Ich bin jher hätte er Litera⸗ em er ſie ldat ver⸗ tkommen, ripte und rige bon — Wache geduldig, ngte The⸗ den, und es auch re wieder preche ich Hoffnun⸗ , Pro⸗ Seine nicht ge— Er that den An⸗ ertrauen 271 und hoffte die Arbeit ſo zu halten, daß ſie ſogar in Berlin gedruckt werden könnte; bald aber erſchien ſie ihm wieder ganz unvollkommen, kahl und ungeſchmückt, hun⸗ dert überflüſſige Dinge enthaltend und tauſend nothwen⸗ dige entbehrend. Und wie wir ihn ja in ſolcher Unzu⸗ friedenheit zum äußerſten Mißmuth geneigt kennen: ſo fühlte er ſich über dieſer Arbeit ſtumpf in ſeinem Geiſte, todt von Einbildungskraft und in ſeinem Gemüthe von ganz andern Dingen zerriſſen. Ganz aus derſelben Ton⸗ art ſtimmte auch ſein damaliges Glaubensbekenntniß: »Mich überzeugt jeder Tag und jede Stunde mehr, daß meine politiſche Laufbahn beendigt iſt. Dieſelbe Redlich⸗ keit und Ehrliebe, womit ich bisher meinen Grundſätzen treu geblieben bin, überzeugt mich, daß— ſo ſehr ich nach meiner vormaligen Kenntniß der Dinge Recht hatte, oder wenigſtens glauben konnte Recht zu haben, indem ich aus dem Privatgang eines Schriftſtellers heraustrat und mich in die wirkliche Handhabung öffentlicher Ge— ſchäfte begab— ich jetzt eben ſo ſehr Unrecht haben würde, darin zu beharren, wenn nicht die ganze Rich⸗ tung, die man dem Rade der Staatsmaſchine gegeben hat, in Kurzem eine weſentliche AÄnderung erleidet.—— Es iſt ſchlechterdings unmöglich, daß ein Mann von meiner Denkungsart, von meinen Grundſätzen, von mei⸗ nem Charakter ſich in einem öffentlichen Poſten erhalten, und folglich dem Staate nützen könne.— Meinungen ſind nicht frei, haben keine Impunität und können ſolche in dem gewaltſamen Zuſtande der Dinge nicht haben; hiermit ſpreche ich mir alſo ſelbſt das Urtheil, ſobald ich in einen öffentlichen Wirkungskreis trete. Tugend, Red⸗ lichkeit, gute Abſicht, Aufopferung ſind nichts; das Schi⸗ boleth iſt alles, und kann der freie Mann dies ſein Alles ſein laſſen? Mein politiſches Glaubensbekenntniß iſt ſehr kurz. Die Periode, wo man ſich ſchmeicheln durfte, abſolute Freiheit in Europa und beſonders hier ruhig und feſt gegründet zu ſehen, iſt vorüber; es iſt keinem kaltblütigen, keinem hellſehenden Beobachter ver⸗ hohlen, daß wir uns täglich weiter davon entfernen. —— Die Leidenſchaften müſſen entweder einen Zügel bekommen, oder die Anarchie verewigt ſich. Das Letztere iſt unmöglich auf die Länge: alſo das Erſte.—— Hätte ich vor 10 Monaten, vor 8 Monaten gewußt, was ich jetzt weiß, ich wäre ohne allen Zweifel nach Hamburg, nach Altona gegangen, und nicht in den Club. Das iſt ein Wort, deſſen Stärke ich wohl und ganz erwäge, indem ich es ausſpreche.—— Alſo gehe ich freiwillig in meine ſchriftſtelleriſche Laufbahn zurück. Was ich von Voß verdiene, tilgt meine Schulden und hilft meine Kinder ernähren. Treuttel's Zahlungen geben mir meinen nothdürftigen Unterhalt.«— Bei dem Umblicke nach dem Orte, wo er ſein Zelt aufſchlagen könnte, hielt er ſelbſt Deutſchland für keine Unmöglichkeit. In den höhern Kreiſen hoffte er bald vergeſſen zu ſein, und wußte, daß er im größern, zahl⸗ reicheren Publikum nie ſo wichtig, nie ſo bekannt gewe⸗ ſen. Leider war mit all' ſeiner Entſchiedenheit der Einſicht noch keine Entſchloſſenheit des Handelns gewon⸗ nen. Denn ſchon glaubte er auch wieder, in ſeiner jetzigen Richtung bleiben zu müſſen, da jetzt nichts über's Knie abgebrochen werden dürfe. Heut' erſchien ihm das Schi⸗ dies ſein bekenntniß ſchmeicheln nders hier der; es iſt ichter ver⸗ entfernen. nen Zügel as Letztere gewußt, eifel nach den Club. und ganz gehe ich ck. Was und hilſt geben mir ſein Zelt füt keint er bald m, zahl⸗ int gewe⸗ cheit der z gewon⸗ in ſeiner ts übere ien ihm Huber's Vorhaben nach Altona zu ziehen, als alles erledigend. Dort war Ruhe und Preßfreiheit, und mehr verlangte er nicht. Morgen hoffte er wieder in Paris eine zwar kleine, aber doch ſeiner bisherigen Beſchäfti⸗ gung angemeßne Stelle zu erhalten. Doch gleich bedachte er auch wieder, daß ja in Paris und in ganz Frankreich Verdacht und Lebensgefahr über jedem Fremden ſchwebe, und er nicht bleiben könne, ohne ſeine Ehrlichkeit aufzu⸗ geben, das Einzige, was er aus dem Schiffbruche ſeines Glückes noch übrig behalten. Nein, er müſſe, was ſeine Kräfte noch vermöchten, zu Beſchäftigungen aufſparen, die einen Zweck hätten, die auf Erfüllung offenbarer Pflichten hinaus liefen, und ſtärkere Bande als der Ehr⸗ geiz ſchlängen. Als ob er dies Hin⸗ und Herſpringen ſeiner Abſichten ſelbſt erkenne, ſpricht er gelegentlich einmal von der Verzweiflung irgend etwas thun zu können, die den weiteſtausſehenden Projecten ſo gern eine Farbe der Ausführbarkeit leihe. Nie war er noch ſo raſchen Wechſeln in ſeinem Vorhaben, ſo unruhigem Haſchen nach dieſem und jenem Unternehmen unterworfen geweſen, wie jetzt; obgleich wir ihn eigentlich auf keiner Station des Lebens für die Dauer ſo befriedigt gefunden haben, daß er nicht auf jedes Anerbieten zu einer Ande⸗ rung ſeiner Lebensrichtung eingegangen wäre. Wahrlich, eine ſo vielſeitige Begabung beobach⸗ tende und ſpeculative Fähigkeiten, Trieb zur Thätigkeit, Sinn für Sprachen, ſchwungvolle Einbildungskraft und ein edles Herz voll ſchwärmeriſcher Empfindſamkeit hätte in keine verlockendere Verbindung gerathen können, als mit ſo früher Gunſt einer Weltfahrt, mit ſo ſpringenden 18 Wechſeln des Aufenthalts und mit ſo alles verſuchender häuslicher Noth, um einen Menſchen auszubilden, deſſen Geiſt ſo Verſchiednes aufnehmen, deſſen Kopf und Kennt⸗ niſſe ſo Vielerlei bewältigen, deſſen Zunge ſo mannich⸗ faltig anknüpfen und deſſen Herz ſo Unbeſtändiges be⸗ gehren konnte. Die Welt blieb dem in der Südſee geſchaukelten Knaben für ſein ganzes Leben ein bewegter Ocean; ihre ſocialen, ſittlichen, ſtaatlichen Verhältniſſe lagen nur wie zerſtreute Inſeln da, zu Entdeckungen, aber nicht zur Anſiedlung aufgeſucht und um des— Brotbaumes willen in Berechnung genommen. So zer⸗ ſetzte ſich die duftige Südfrucht, dem Knaben beſchieden, mehr und mehr in Fäulniß für den Mann. Und nach⸗ dem unſer Theori von Tahiti und dem Vorgebirge der guten Hoffnung Europa wieder erreicht hatte, ging es ihm, wie man von den Matroſen weiß, daß ſie, auch gelandet, noch wie auf dem wiegenden Verdecke des Schiffes mit geſpreizten Beinen ſchreiten: wohin er ſich wendete,— alles ſchwankte unter ihm oder er fühlte alles ſchwanken. Freilich hatte er auch noch nie ſo wie jetzt in der Luft geſchwebt,— ohne feſten Boden für ſeine voll⸗ ſtändige Exiſtenz und doch überall, wo ihm ſolcher fehlte, mit einem Theil e ſeines Weſens feſtgehalten. Mainz und ſein engliges Amt war verloren, doch lag dort ſein häusliches und literariſches Eigenthum; Paris und die Revolution erregten ſeinen Widerwillen, dennoch ſtand er eben in ihrem Dienſte; in der Schweiz lebten ſeine Kinder, und er ſelbſt durfte und mochte ſich kaum erſuchender een, deſſen nd Kennt⸗ mannich⸗ diges be⸗ er Südſee bewegter erhältniſſe deckungen, n des— So zer⸗ beſchieden, Und nach⸗ birge der ging es ſie, auch decke des in er ſich er fühlte zt in der e voll⸗ n ſolcher gehalten. doch lag 1, Paris dennoch lebten ich kaum ererurisen dahin wagen; Deutſchland hatte ihn geächtet, während deſſen Literatur die letzte Zuflucht des Verbannten blieb. Ja, ſo ſtand es um ihn! Die ſchriftſtelleriſche Fe⸗ der war ſein letztes Ruder, die Vaterliebe ſein Compaß. —»Wenn ich manchmal noch einen Strahl der Hoff⸗ nung habe, der mir zuſpricht, daß irgend eine Planke mich aus meinem Schiffbruche rettet, ſo bleibt mir die Hoffnung doch nur bei meinen Kindern, ſchrieb er an Thereſe. Wenn ſie nur geſund und froh ſind! Daß ihnen die Freude nicht geſchmälert werde! Glückliche Kinder geben glückliche Menſchen! Alle Verſtimmung des Charakters hat ſeinen wahrſcheinlichſten Grund in dieſen frühen Eindrücken.« Mochte er dabei auch empfinden, daß er die Mutter dieſer Kinder halb und halb hingegeben hatte: ſo konnte er doch immer noch nicht mit ihr abtheilen. Bei Gele⸗ genheit des Brieffrankirens ſchrieb er einmal:»Willſt Du wohl aufhören mit mir zu rechnen? Wenn ich nichts hätte, griff ich nicht in Euern Beutel oder tunkte das Brot in Eure Suppe? Üüberhaupt haben dieſe Worte, Mein und Dein, zwiſchen uns keinen Sinn mehr.« Nur in flüchtigen Augenblicken träumte er in einem Brief an Huber, Literatur und Liebe noch einmal zu verbinden, wie ſte einſt verbunden waren, und in der Nähe Huber's zu leben,„gemeinſchaftlich arbeitend und Einer durch des Andern Umgang aufgemuntert.« Doch ſetzte er gleich zagend hinzu:»Sollte dieſer Gedanke nicht in Ihre Reihe paſſen, ſo wäre es traurig, daß wir einander auch nur einen Augenblick täuſchten. Wenn 18* 276 Trennung allein die Schale füllen kann: ſo muß ſie noch hinein, und dann bleibt Ihrem Freunde allerdings ein andrer Weg.« Inzwiſchen rückte die Angelegenheit ſeiner Sendung nicht vom Fleck, und das Geſchäft nahm eigentlich gar keinen Anfang. So hoffte Forſter bald wieder zurück⸗ zukehren, und dies um ſo lieber, als er durch ungeeig⸗ nete Diät und mancherlei Verdrießlichkeiten ſeiner Lage leidend war, dabei wegen des Preiſes von 130 Liores für die Klafter Holz ſeine Stube nicht heizen konnte, und in der ewigen Anſpannung, ſich nur zu erhalten und kein Verhältniß zu verletzen, um alle Unbefangen⸗ heit zu freiem Schaffen kam. Nur leſend nahm er ſeine Zuflucht zu Tacitus, Quintilian, zu Strada, Arioſt und Mably. Oder er griff nach einem Bändchen von Des⸗ touches, und blätterte in Miltons kleinen Gedichten. Dabei rechnete er im Stillen auf den Tag, wo er Thereſen wieder ſehen und wenigſtens einige Stunden lang das Glück genießen werde, ſeine Kinder an's Herz zu drücken, wenn auch nur zur Stärkung auf neue Abweſenheit. Er bedurfte und getröſtete ſich ſolcher Stärkung. Wirklich rückte dieſer Tag heran. Die Engländer antworteten gar nicht auf das Erbieten zu Unterhand⸗ lungen wegen Austauſches der Gefangnen. Forſter ſuchte daher um ſeine Rückberufung nach. Er rechnete den 11. October abreiſen zu können, und nach ein paar Tagen Aufenthalts in Paris am 24. in Pontarlier ein⸗ zutreffen, wohin das Wiederſehen verabredet war. Thereſe ſo muß ſie allerdings Sendung entlich gar der zurück⸗ h ungeeig⸗ einer Lage 30 Libres en konnte, erhalten ibefangen⸗ mer ſeine rioſt und ſten ,, wo er Stunden an's Herz auf neue h ſolchet engländer tterhand⸗ er ſuchte nete den ein paar rlier ein⸗ Thereſe 277 und Huber ſollten aber ja nicht ohne gute und für ihre Perſonen getrennte Päſſe aus der Schweiz herüber⸗ kommen. Die Erneuerung ſeines eignen Paſſes und die Be⸗ ſchaffung des nöthigen Reiſegeldes hielt Forſtern in Paris über Erwarten auf; ſo daß er, bei der Entfernung von 60 Poſten bis Pontarlier in der Nähe der ſchweizer Grenze, ſeine Ankunft daſelbſt erſt auf den 30. October ankündigen konnte.—»Ich ſehne mich herzlich nach Euch, ſchrieb er. Meine Kinder zu umarmen iſt die einzige Kühlung für den Brand, der mich verzehrt. Noch einmal und dann—! Die Vorſehung hat das Heft, und wir ſchwimmen mit dem Strome. Führt uns die Woge wieder zuſammen, landet ſie uns einſt auf dem⸗ ſelben Ufer: wohl uns! denn wer iſt ſo reich, wie wir, um auch in der Wüſte keines fremden Armes zu bedür⸗ fen! Soll's nicht ſein? So ſeid Ihr gerettet, und ich rudre fort, bis die Kräfte fehlen. Küſſe meine Lieb⸗ linge!«— Wiederſehen. Endlich hatte Forſter ein Anlehen von 1000 Livres zu ſeiner Reiſe nach Pontarlier bei dem aus Mainz entwichnen Profeſſor Dorſch gegen Handſchrift aufgetrie⸗ ben. So mußten ſich beide mainzer Clubfreunde in — 278 Paris noch einmal begegnen, um an dem Urſprunge der Revolution an einander zu erfahren, wie verſchieden ihre Ausbeute derſelben ausgefallen war. Inzwiſchen hatten es bei näherer Erwägung der damals von blinder Parteiwuth geſpannten Verhältniſſe Huber und Thereſe nicht rathſam gefunden, die franzöſiſche Grenze zu überſchreiten, um nach Pontarlier zu kommen Die erſte Grenzbehörde hätte Thereſen, mit welchem Paſſe ſie auch gekommen wäre, als wieder eingeſchlichne Emigrirte auswittern und dem nächſten Tribunal über⸗ liefern können; für Huber, als Unterthan einer gegen Frankreich im Kriege begriffnen Macht, wäre es vollends bedenklich geweſen unter das gegen die Fremden ausge⸗ ſprochne ſchwere Geſetz zu fallen. Auf der andern Seite lag aber auch das ſtrengſte Verbot für jeden Franzoſen, ohne Auftrag ſeiner Regierung die Grenze zu überſchrei⸗ ten, dem von Paris ankommenden Forſter im Wege zum Schweizergebiet. Dieſe Schwierigkeit war jedoch leichter zu überwinden, wenn Forſter ſich als Agent der vollzie⸗ henden Macht in Portarlier ausweiſen konnte. Nur Eines kam in Betracht: er brachte eine anſehnliche Summe Geldes mit, die nach Vorſchrift des Geſetzes an der Grenze zurückgelaſſen, oder wieder eingebracht wer⸗ den mußte. Forſter aber hatte ſie für ſeine Kinder beſtimmt. Dieſes Vorhaben blieb gefährlich und erfor⸗ derte große Vorſicht. Unter dieſen Umſtänden hatte man das Wiederſe⸗ hen nach Travers verabredet, einem ſchweizer Dörfchen nahe an der Grenze und an der von Pontarlier nach Neufchatel laufenden Landſtraße gelegen. Die Reuſe prunge der hieden ihre agung der VLerhäͤltniſſe franzöſiſche u kommen. t welchem ngeſchlichne unal über⸗ iner gegen s vollends en ausge⸗ dern Seite Franzoſen, überſchrei⸗ Wege zum ch leichter her vollzie⸗ tte. Nur anſehnliche heſetzes an racht wer⸗ Kinder nd erfor⸗ Wiederſe⸗ Dörfchen rlier nach ie Reuſt 279 durchfließt das zur Sommerzeit ſo reizende Bergthal des jetzt mit Schnee bedeckten Jura. Anfangs November kam Thereſe mit Huber und den Kindern von Neufchatel herauf, Forſter von Pon⸗ tarlier herüber, und trafen ſich in der ärmlichen Bau⸗ ernſchenke des Ortes. Welches Wiederſehen dieſer drei Verbannten, Heimathloſen, Landesfremdlinge, die durch gemeinſame Verluſte oder Opfer, Erinnerungen und Täu⸗ ſchungen verbunden, ſich im Ganzen innigſt angehörten und im Einzelnen einander trennten! Zwiſchen Thereſe und Forſter ſtellte ſich Huber als der geliebte Beſchützer und Erhalter der Familie; zwiſchen Huber und Thereſen legte Forſter ſeine Hand mit dem Trauring, und beide Freunde hielt Thereſe durch das verkehrte Verhältniß aus einander, worin ſie dem Gatten durch Freundſchaft, dem Freunde durch Neigung angehörte. Nur zwiſchen den Vater und die Kinder trat Niemand, der ihm, ſeine Mädchen auf den Knien, die freudige Wehmuth des Wiederſehens verkümmert hätte. Wie wäre uns aber heute faßlich zu machen, was jene ſo wunderſam zu einander geſtellten Menſchen in ihrer eben ſo wunderſamen Lage empfanden! Alle Ver⸗ bindungen mit dem Staate, mit der Geſellſchaft, mit dem eignen Herde lagen abgebrochen weit hinter ihnen; alle gewöhnlichen Verhältniſſe eines geordneten Lebens waren wie durch verhängnißvolle Scheidekunſt in die urſprünglichen Elemente des natürlichen Daſeins aufge⸗ löſt. Da konnten ihre Gefühle ſich nur in hoher Würde faſſen, ihre Gedanken nur auf einfacher Wahrheit fußen, und nur eine höhere Liebe vermochte ihr, aller Welt 280 fremdes Schickſal zu bilden. Leid und Freude, Wehmuth und Heiterkeit ſchwebten wie ein verklärtes Gewölk über dieſem Jura⸗Tabor eines in edelm Irren und Streben enttäuſchten und geprüften Mannes. Wie weit aus einander, wie verſchieden in ihrem äußern und innern Glanze lagen der wiener grüne Auguſt von 1784 und der ſchneeige November des Jura von 1793! Neun wechſelvolle Jahre! Doch dies waͤren etwa die Betrachtungen eines Zu⸗ ſchauers jener Begegnung geweſen: für die drei ſo flüch⸗ tig wieder verbundnen Menſchen war es keine Zeit, das Räthſel ihrer Lage zu löſen. Forſter erſchien Thereſen und Hubern an Geſundheit gegen früher befeſtigter. Er war von der Reiſe nicht ermüdet, lebhaft in ſeinen Be— wegungen, klaren Auges und bei einiger Bläſſe doch ohne jene Mißfarbe und Flecken, durch die ſein ſcorbu⸗ tiſchss Übel ſich ſehr oft verrieth.— Vielleicht rührte aber dies Ausſehen von der frohen Aufregung der Seele her, die ihre Aufwallungen nicht immer von glücklichen Erſparniſſen beſtreitet, ſondern wohl auch den Lebens⸗ fonds angreift und voraus zehrt. Im Übrigen traf ein, was Forſter bereits geſchrie⸗ ben: die Zeit wollte nicht zu allem hinreichen, was ſie einander zu ſagen und zu fragen hatten. Forſter erfuhr Manches, was Thereſe ihm noch nicht hatte ſchreiben mögen. So auch, daß ſie auf Anrathen einer geiſtreichen Dame aus der Nachbarſchaft ihres früheren Landſitzes ſich an den preußiſchen General Grafen von Kalkreuth, der die Belagerung von Mainz geleitet, um Schutz ihres Eigenthums gewendet und eine ſehr humane, Forſter's Wehmuth wölk über Streben weit aus nd innern 1784 und — Neun eines Zu⸗ ſo fluͤch⸗ Zeit, das Thereſen gter. Er inen Be⸗ iſſe doch ſcorbu⸗ t rührte der Seele lücklichen Lebens⸗ geſchrie⸗ was ſie rerfuhr ſchreiben ſtreichen andſitzes alkreuth, ut ihres Forſter5 281 Haltung artig ignorirende Zuſage erhalten hatte. Viel⸗ leicht auf ſeine Veranlaſſung, jedenfalls auf Anordnung des Prinzen Louis Ferdinand war denn auch der Woh⸗ nung Forſter's eine Schutzwache gegeben worden, zu gleicher Zeit als ein minder genialer Prinz ſeinen Clubi⸗ ſtenhaß an dem ſanften Felix Blau perſönlich ausließ, der in Folge körperlicher Mißhandlung dem Tod entge⸗ gen ſiechte. Forſter's Papiere betreffend, hatte jener im Solda— tenrock glücklich entkommene junge Mann einen großen Theil derſelben, jedoch ohne Auswahl, in eine Kiſte ver⸗ packt, und dieſe nebſt dem uns bekannten, mit Forſter zu Meer und Land umhergewanderten Schränkchen von Acajou in einem Hintergebäude der Forſter'ſchen Woh⸗ nung verborgen. Beides wurde von einem mit den Preußen abſichtlich eingedrungnen jungen Hannoveraner von dort entführt, und zu einem frankfurter Freunde Forſter's, dem Kaufmann Wenner, in Sicherheit gebracht. Wenner war inzwiſchen verſtorben, die verwahrten Sachen aber hatten, der kriegeriſchen Bewegungen halber, noch Clubiſten⸗Quarantaine halten müſſen. Manches verſchwieg aber auch die ſchonende Frau, — manchen Abfall von Geſinnungsgenoſſen Forſter's nach dem Siege der Preußen, manche Rohheit ehemaliger Gaſtfreunde des mainzer Hauſes, von denen Thereſe Schmähſchriften und Bettelbriefe für mainzer Ausgewie— ſene zugeſchickt erhalten hatte, wobei alles Unglück For⸗ ſtern allein aufgebürdet wurde. Auch die entſetzlichen Auftritte bei der Rückkehr der Flüchtlinge und Ver⸗ bannten in das verwüſtete Mainz, die an den nicht — entflohenen Clubiſten und Franzoſenfreunden begangnen Mißhandlungen und Plünderungen, ſodann die landes⸗ väterliche Proclamation beim Einzuge des mit hergeſtell⸗ ten Wappen friſch lackirten Kurfürſten und die weih— biſchöfliche Zurechtweiſung der Gläubigen hinſichtlich der von den unrechtmäßigen Prieſtern geſpendeten Sakramente — dies alles waren keine Gegenſtände der Unterhaltung in ſolchen, dem Unglücke geweihten Stunden. Und wir — nun, wir wiſſen ja von geſtern, wie eine obſtegende Reaction ihrer früheren Feigheit und Schlechtigkeit einen aus Rachſucht und Frömmelei gemiſchten Firniß giebt. Nun aber lag den Vertraulichen die dunkle Frage ihrer Zukunft zu Füßen. Und wahrlich! zu deren Lö⸗ ſung hätten ſie in ſo unſicherer, ſtürmiſcher und gewalt⸗ thätiger Zeit eines Orakels bedurft. Forſter meinte, ihn und ſie alle ſcheine das Schickſal lehren zu wollen, auf nichts, als auf eigne Kräfte und augenblickliche Ereigniſſe zu rechnen.— Wie aber in ſolchen hehren Augenblicken der Menſch von Empfindungen des Uner⸗ meßlichen bewegt wird, wächſ't ihm, ſo zu ſagen, auch der Maßſtäb für das Irdiſche unter den Händen.— »Wir können noch ein 20 bis 30 Jahre vergnügt ſein, und bei und neben einander leben! rief Forſter, ohne Ahnung, daß ihm kaum noch neun Wochen zugemeſſen waren. Es iſt begreiflich, daß nach ſolcher Trennung, in ſo innigen Stunden gerade jene Hoffnung eines Bei⸗ ſammenſeins auch in ſo verſchobener Lebenslage, ſich am wohlthuendſten an ſein vereinſamendes Herz ſchmiegte. Er rechnete, daß er doch immer 6000 Liores Einnahme in Paris haben werde, und könnte er für Huber nur begangnen die landes⸗ it hergeſteln⸗ d die weih⸗ nſichtlich der Sakramente Unterhaltung 1. Und wir e obſtegende htigkeit einen niß giebt. dunkle Frage u deren Lö⸗ und gewalt⸗ ſter meinte, zu wollen, ugenbliclich lchen hehren des Uner⸗ ſagen, auch Händen.— ranügt ſein ſter, ohne zugemeſſen Trennung, eines Bei⸗ ge, ſich aul zſchmiegie 3 Einnahme Huber nur 4000 ausfindig machen: ſo würden ſie dort mit 10,000 ganz ordentlich leben können.— Eine Gefahr hing da freilich über dem ſtillen Glücke, das er ſich in der wech⸗ ſelſeitigen Nähe für ſie alle verſprach,— die ſo unge⸗ wiſſe Zukunft Frankreichs, aus der für ein empfindſames Herz, wie Thereſens, jeden Augenblick das Entſetzlichſte hervorbrechen konnte.»Können wir Dem, was im Gan⸗ zen durch die Revolution, bald ſichtbarlich, bald aber auch noch nicht kenntlich für die Bildung der Menſchheit Gutes gewirkt wird, unſer individuelles und ſpecielles Gefühl unterordnen? fragte er. Können wir uns Stärke genug zutrauen, um außer dem Bande, welches uns ver⸗ eint, jederzeit den kosmopolitiſchen Geſichtspunkt beizube⸗ halten, und nie über die Wendung, die der unberechen⸗ bare Revolutionsſtrom nimmt, nie über das Liebliche, Schöne, Werthe, was er wegſchwemmen kann, jenen höhern Zweck, den wir doch oft nur im Glauben, nicht im Schauen verehren müſſen, aus den Augen zu laſſen, ſondern zu unſerer Faſſung und Beruhigung feſt zu halten? Männer können und müſſen ſich immer orien⸗ tiren, und das um ſo viel leichter, je länger ſie Zeit gehabt haben, ſich auf den Geiſt dieſer Epoche vorzube⸗ reiten. Aber die weibliche Reizbarkeit, Empfindung und Phantaſie, wird ſie immer das Gleichgewicht behalten bei den Auftritten, die noch bevorſtehen können?« Außerdem blieb noch weiter zu bedenken, daß die Zeit es mit ſich bringe, jedem, nicht in uns ſelbſt lie— genden Genuſſe zu entſagen, daß ſie ein weit einfacheres, mithin auch einförmigeres Leben auferlege, wobei denn auch die feinere Nahrung des Geiſtes gar oft wegfalle. Unſer Philoſoph in der Noth kam dann immer gern auf ſeine alte Anſicht vom Zwecke des Lebens zurück, indem er ſich überzeugt hielt, daß Wirken nur der geringſte Theil deſſelben ſei, die Hauptſache aber in Wahrnehmen und Aufnehmen beſtehe,— in jenem geiſtigen Genuſſe, zu welchem wir die Welt, die außer uns iſt, durch Erfahrung, Ideenverbindung und Abſtrac⸗ tion in uns einbringen. Das Weſentliche unſeres Wir— kens ſei immer nur die Freude, die man an einander haben könne und folglich der Familien⸗ und Freundeskreis. Mit dieſer allmählich gewonnenen Lebenseinſicht ſuchte alſo der Freund, der ſonſt mit ſoviel Unruhe ſich in's Weite der Welt zu entfalten geſtrebt hatte, ſein Daſein, leider zu kurz vor ſeinem Ende! in der Traulichkeit des Hauſes abzuſchließen. Allerdings der richtige, im Le⸗ ben der Pflanze ſo ſchön vorgebildete Weg der Natur zur Förderung unſeres Geſchlechtes, wenn Mann und Frau, was ſie in ihrem äußern und innern Lebenskreiſe erringen und erfahren, in regelmäßigen Perioden den Saamenkörnern ihrer nachwachſenden Familie als geiſtige Befruchtung zubrächten; ſtatt daß unſere heutige Verir⸗ rung dahin geht, ſich nicht bloß in ungemeßnem Streben, ſondern zugleich in dem zerſtreuendſten Genuſſe zu ver⸗ zehren. Dieſe Verwilderung, die man zur Weltbildung rechnet, führt dann in den unausweichlichen Rückläufen aus der Welt in's Haus dieſem Fruchtboden der Nach⸗ kommenſchaft nur allzuleicht eine ausartende Entwicklung zu, ſei es durch Verkümmerung oder durch Das, was man Supexfötation nennt.—— Für ſeine Perſon glaubte Forſter alles opfern zu könn forde Me Was Nur er gern zurück, nur der aber in n jenem ie außer Abſtrac⸗ es Wir⸗ einander deskreis. iht ſuchte ſich ins Daſein, keit des im Le⸗ Natur nn und enskreiſe den den geiſtige Verir⸗ Stroben, zu ver⸗ bildung kläufen Nach⸗ wicklung 3, was fern zu können, was die»Rieſengröße« der Zeit nur immer fordere, wenn ſeine Humanität dabei gerettet werde.— »Meine Kartoffeln ſelbſt ſchälen und kochen? rief er aus. Was kann man nicht alles, wenn man es nur will! Nur zur Milderung dieſer ſpartaniſchen rauhen Schale gehört die Labung des Geiſtes in den ſüßen Gefühlen der Mittheilung.« Doch nach Allem ließ über die Zukunft der drei Verbundnen ſich kein Plan entwerfen, kein Beſchluß faſſen. Vorerſt ſchien es auch Forſtern das Beſte, wenn Thereſe mit den Kindern unter Huber's Schutze und unter Auf⸗ ſicht der öffentlichen Meinung in der Einſamkeit von Neufchatel fortlebte. Und ſo trennten ſie ſich denn nach drei Tagen im Gefühle, daß um ſich zu erhalten, Einer des Andern bedürftig und Einer des Andern Liebe gewiß ſei. Sein entbehrliches Geld ließ Forſter für die Kinder zurück, bat ſich dafür aber von Hubern Abſchrift eines Aktenſtückes aus, das dieſem auf beſonderm Wege aus Paris vertraulich zu Händen gekommen war. Da es eine in den Augen des pariſer Heilsausſchuſſes wichtige Thatſache nachwies, ſo hoffte er für den Fall einer An⸗ zeige und Unterſuchung ſeiner Reiſe mittelſt dieſer angeb⸗ lich erkauften Schrift ſein Überſchreiten der Grenze und ſein hinübergebrachtes Geld zu rechtfertigen. Mit hoffender Seelenruhe und Heiterkeit kehrte For⸗ ſter nach Pontarlier, kehrten gläubig und vertrauend die Seinen in ihre ſchweizer Freiſtätte zurück. 286 Nachempfindungen. Forſter verweilte noch in Pontarlier, als ob er nach allzuflüchtigem Wiederſehen ſeiner geliebten Angehö⸗ rigen wenigſtens noch den Anblick des Gebirges feſthal⸗ ten wollte, das ihn ſo beglückt hatte. Er ſchrieb hier an ſeinen»pariſer Umriſſen,« die er zu Huber's„»Frie⸗ dens⸗Präliminarien« beitragen wollte. Die drei Tage in Travers hatten ihn auf lange Zeit geſtärkt; er fühlte ſich wieder in's rechte Gleichgewicht geſetzt. Es war ihm zu Muthe, wie dem Erdenſohne Antäus, der neue Kräfte bekam, wenn er ſeine Mutter Erde berührte.»Mein Muth auszuharren iſt feſter, entſchiedner, ſchrieb er nach Neufchatel; die Reſignation, wenn ich es ſo nennen ſoll, in Alles was nun geſchehen mag, hat nun keinen Kampf mehr. Was dahinten iſt, ſehe ich auch mit dem Rücken an, und nun vorwärts, vorwärts!« Ach vorwärts! Der Himmel gab ihm, wenn auch unverſtanden, die trübſten Vorzeichen für den engen Ho⸗ rizont ſeines Vorwärts. Das ſchauderhafteſte Wetter war eingetreten; es ſtürmte und goß tagelang herab, als ob das jüngſte Gericht eine zweite Sündfluth herbeiführen wollte. Forſter nannte es einen hölliſchen Regen, weil er ſich nach ſeinem»alchimiſtiſch-roſenkreuzeriſchen Sauerteige« immer noch gern den Teufel unter den bei— den leidenden Elementen Waſſer und Erde dachte. Er fühlte ſich ſo abgeſpannt, daß er ſeine Zuflucht zu Vol⸗ taire niche falle Per Qus üben mut dige ſich mag ſein ob er Angehö⸗ s feſthal⸗ hrieb hier es»Frie⸗ Tage in er fühlte war ihm ue Kräfte „Mein her nach nnen ſoll, en Kampf m Rücken wenn auch ngen Ho⸗ getter wal als ob rbeiführen n Negen, euzeriſchen r den bei achte. 1 u Vol⸗ 1 t z taires philoſophiſchem Romane»Candide« nahm, um nicht ganz in einen engliſchen ſplenetiſchen Mißmuth zu fallen. Er las unter viel Zeitläufigem auch manches Perennirende unſerer Literatur, wie Hippel's Kreuz- und OQuerzüge des Ritters A. bis Z. und Herder's Briefe über Humanität,— ein Buch, reichhaltiger, als er ver⸗ muthet hatte, wenn auch in des Verfaſſers nicht unwür⸗ diger Art»leiernd und lavirend.« Dennoch konnte er ſich mancher trübſeligen Betrachtung nicht erwehren; zu⸗ mal als ihn die Nachricht von dem unglücklichen Ende ſeines Mit-Abgeordneten Lux vollends niederſchlug. Die⸗ ſer war nach ſeinem ſchwärmeriſchen Wunſche ein Frei⸗ heits⸗Märtyrer geworden. Sehr unbefangen vor dem Tribunal hatte er erklärt, er wiſſe, daß er nach den Geſetzen des Todes ſchuldig ſei, und es ſei ihm lieb. So war er denn auch auf das Schaffot geſprungen, voll von einer Idee für die er ſein Leben ließ. In welch' düſterm Lichte ſah Forſter hinter ſolchem Wetter und Wandel alles Erhabene unſeres Daſeins an! Wenn er mit dem beſten Entſchluſſe, ſeine Kräfte aufzu— bieten, um ſich vorwärts zu bringen, doch wieder über⸗ legte, daß es mit all' den Qualen um 10 Jahre gelte, wandelte ihn ein Spott über das menſchliche Leben, deſſen Thorheit und Elend an. Alle Moralität ſchien ihm eine Poſſe, eine abgeſchmackte Empſindung, womit man ſich unter einander zum Beſten habe.—»Aller Aufwand von Kräften, was vermag er im Schickſal des ganzen Geſchlechts, was im Schickſal eines Einzigen zu ändern? fragte er. Wird nicht alles unaufhaltſam fort— geriſſen zu leiden und leiden zu machen, bis die Feder⸗ 288 kraft abgenutzt oder zerſprengt iſt? Wenn ich täglich frühſtücke, zu Mittag eſſe, Thee trinke, zu Bett gehe, und auf hunderterlei Weiſe meine Abhängigkeit von der Natur erkennen muß, erſchrecke ich vor mir ſelbſt, wenn ich das Wort Tugend oder Sittlichkeit ausſpreche. Alles dies iſt ſo gefährlich nicht, wie es ſcheint; aber es führt auf einen hohen Geſichtspunkt, aus welchem die Vor— urtheile und die geſchwätzigen Moralprediger unſeres Zeitalters mir ſo unbeſchreiblich klein und verächtlich werden.⸗— Wetterſturm und Seelenſtimmung verſchlugen den fahrenden Freund ſogar gegen die erſt ſpäter und in neueſter Zeit recht hervorgetretnen Klippen des Commu⸗ nismus. Die Ohnehoſenſchaft müſſe wirklich herrſchend im Geiſte der Menſchen werden, behauptete er. Luxus und Aufwand ehrten ihren Mann nicht mehr, ſie ent— ehrten ihn; der Reichthum, der nicht mehr genoſſen werden könne, ſei keiner mehr, ſei dahin. Eſſen, wohnen, ſich kleiden müſſe man, wie ein Sanscülotte; was dar⸗ über gehe, ſei todt und unbrauchbar.—»In dieſer Revolution im Denken liegt die Kraft der Republik, erklärte er. Keine Maßregel, welche die Reichen angreift, iſt jetzt ihres Erfolges ungewiß. Wir werden es bald erlehen, daß die Nation alles Reichthums in Frankreich Depoſttair ſein wird, und dann realiſirt ſich——— die lacedämoniſche Republik und Familienſchaft in einem Haufen von vierzig Millionen.« Doch, wir wiſſen ſchon, daß der beſchauliche und der werkthätige Forſter einander nicht immer deckten, ſo zu ſagen, nicht gleichwinklig waren. Und wirklich finden wi h täglich zett gehe, von der ſt, wenn he. Alles es führt die Vor⸗ r unſeres verächtlich ugen den r und in Commu⸗ herrſchend Lurus ſie ent— genoſſen wohnen, was dar⸗ In dieſet Republik, angreift es hald grankreich in einem liche und eckten, ſo ſih fuden 289 wir dies reizZbare Gemüth, das eine ſpäter um ſich greifende Krankheit der bürgerlichen Geſellſchaft voraus empfand, in denſelben Tagen, wie durch ironiſchen In⸗ ſtinkt, für ſich ſelbſt nach dem rechten Hausmittel gegen allen Communismus gewendet. Ich meine, wie man die Hauswurz, die auf dem heimiſchen Dache unter allem Wetter grünt, das ſo ſchön benannte Semper vivum tectorum, hegt und hoch hält, ſollte die Staatsweisheit nur dafür ſorgen, daß mit innigem Familienleben grü⸗ nendes Eigenthum leicht gedeihe und fortkomme.— So wollte denn auch Forſter ſein mainzer Beſitzthum nicht ohne Weiteres ſchwinden laſſen. Er hatte in der Selig⸗ keit des Wiederſehens, wie manches Andre, auch eine Verabredung mit Thereſen vergeſſen, die jenes Eigenthum betraf, und verhandelte jetzt brieflich ſeine Abſicht, für den in Mainz erlittnen Verluſt, der für ein der Nation und dem Republikanismus gebrachtes Opfer zu groß ſei, eine Entſchädigung von Frankreich zu fordern. Von allem, was ſie in Mainz beſeſſen, ſollte Thereſe ein Verzeichniß mit Werthanſchlag des Einzelnen aus dem Gedächtniß aufſtellen, und er wollte es dem National⸗ Convent vorlegen. Er hoffte wenig oder nichts davon; wollte aber doch nichts verſäumt und ſich keine Gleich⸗ gültigkeit um ſeiner Kinder willen vorzuwerfen haben. Ja er hoffte im Stillen, jener alte Beſitz ſollte ein eingeweihtes Eſtrich des Zuſammenlebens mit Thereſen abgeben. Kurz, er wollte von der Nation, dem Depo— ſitar alles franzöſiſchen Reichthums, ſein bischen Son— dersgut doch wo möglich heraus haben. Erſt mit dem 22. November brach Forſter von 19 290 Pontarlier nach Paris auf. Wie die Luft hatte ſeine Laune ſich etwas gehoben. Er konnte über ſeine Bei⸗ träge zu Huber's Journal, die er v»geſchmiert« nannte, und über die deutſchen Rezenſenten ſcherzen, die gegen ihn keiften, indem ſie bloß einer Stimmung ihrer Zeit zu Lieb' Das tadelten und herabſetzten, was er doch ohne alle Rückſicht auf Zeit und Umſtände bloß aus ſeinem Sinn und Verſtande niedergeſchrieben hatte.»Die Leute machen es ſchlimm genug, ſchrieb er, um ihnen und ihrer Literatur das Schlimmſte zu wünſchen. Ich indeß wäre noch für Galgenfriſt und Gnade. Aber ich ver⸗ muthe, ich werde im Weltgericht überſtimmt, und es ergeht Guillotine über die jenaiſche Zeitung und über die hannoverſchen Kammerſekretäre, wenn ihre Seelen nicht zuvor aus Schrecken durch die Hinterthüre ent fliehen. Krankheit und Tod. Wie verſchieden oft genug der Herweg von einer Glücksſtation vom Hinwege ſei, ſollte leider! unſer Rück⸗ reiſender zu erfahren haben. Die Sehnſucht nach ſeinen Lieben hatte ihn über alle Mühſeligkeit der Fahrt lebhaft und wohlausſehend über den beſchneiten Jura nach Tra⸗ vers gebracht: mit den Anfängen einer auflöſenden Krank⸗ heit langte er am 26. November Abends in Paris an. tte ſeine eine Bei⸗ nannte, je gegen hrer Zeit doch ohne s ſeinem Die Leute )nen und Ich indeß ich ver⸗ und es und über Seelen üre ent on einer ſer Rück⸗ ich ſeinen t lebhaft nach Tri⸗ en Krank Variô anl. Der Weg war ſtreckenweiſe nicht der beſte geweſen; man hatte auf Pferde warten müſſen, die Tage waren kurz, und Forſter befand ſich von der erſten durchfahrnen Nacht ſo übel, daß er in den folgenden Nachtlager hielt. Er ſpürte einen fatalen rheumatiſchen Krampf in der Bruſt, der ihn doch zugleich auch mit Gedanken an Thereſens frühere Bruſtkrämpfe beſchäftigte. In ſeiner pariſer Woh⸗ nung angekommen, half er ſich mit fliegender Salbe, und lief auch gleich wieder den ganzen Tag in Wind und Wetter umher.—— Die Nachwitterung zum Theil blutiger Ereigniſſe duftete ihm entgegen. Unter ſeinen Bekannten hatte die Schreckensgewalt auch den freundlichen Bibliothekar Cham⸗ fort ergriffen. Dieſer, als er in das Luremburg gebracht werden ſollte, hatte ſich mit einem Piſtol durch die Gur⸗ gel geſchoſſen, und den unglücklichen Streifſchuß mit einigen Scheermeſſerſchnitten noch unglücklicher zu ver⸗ beſſern geſucht. Er war nun der Heilung übergeben worden. Einige fröhliche Tage täuſchten den für heitern Umgang ſo empfänglichen Forſter über ſein tückiſch lau⸗ erndes Übel. So war er am 1. December bei Merlin von Thionville, den er in Paris zum erſtenmal wieder ſah, in Geſellſchaft von Rewbel, Hausmann, Frau Dorſch u. A. zu Mittag. Man ſaß von 5 bis 11 Uhr, und beim Pfänderſpiele wurde der Plumpſack ſo luſtig han— dirt, daß Forſter's Hand davon am andern Tage ge⸗ ſchwollen war. In ſeiner Wohnung rüe des moulins, maison des patriotes Hollandois, richtete er ſich mit guten 292 Vorſätzen ein, beſtellte frühes Kaminfeuer für alle Tage, und ſchickte ſich an, vorerſt und bis ſeine Schriften aus Mainz ankommen würden, an ſeiner Darſtellung der mainzer Revolution, ſo wie an den pariſer Umriſſen fort zu arbeiten. Um eine Bedienung wollte er ſich beim Miniſter nicht drängen, ſondern ſich auf ſeine täglichen 18 Livres beſchränken, und ſeine Wohnung lieber ver⸗ einfachen. Seine Bruſt ſchien geheilt, und der Rheu⸗ matismus zog nur noch, wie Forſter ſcherzte,— gleich den aus der Vendee vertriebenen Rebellen, in den be⸗ nachbarten Departements herum, doch mit verlornem Stachel.— Aber ſchon am 8. December lag der übermüthige, unvorſichtige Mann, der ſich an einem häßlichen pariſer Nebelabende ohne Überrock umhergetrieben hatte, mit einer Bruſtentzündung zu Bette. Die Schmerzen waren heftig, die erſten Nächte ſchlaflos. Ein kleiner Pole und der Mediciner Kerner, ein junger Schwabe, wechſelten in der Nachtwache bei ihm. Mit dem Gefühle leidiger Entbehrung aller häus— lichen Pflege verknüpfte ſich in ſeiner leidenden Bruſt die wehmüthige Vorſtellung von einer für die Zukunft viel— leicht doch unvermeidlichen Trennung von den Seinigen. Mit Ergebung auch in dieſes Geſchick, ſchrieb er an Thereſe: »Könnt Ihr es mit Euch ſelbſt ausmachen, auf den Fall, daß Huber eine Stelle in Deutſchland bekäme, dort zu bleiben, und Euch ſelbſt zu leben: ſo riethe ich noch jetzt, bietet alles auf, ſchreibt an alle Welt, ſetzt alle Triebfedern in Bewegung und verſchafft Euch ein lle Tage, ften aus ung der ſſen fort ich beim täglichen eber ver⸗ er Rheu⸗ — gleich den be⸗ eerlornem müthige, n pariſer tte, mit n waren Zole und wechſelten ler häus- Bruſt die unſt vie⸗ Seinigen. g er an 9 en, auf bekäme, riethe ich elt, ſett Fuch ein 293 redliches Auskommen. Nach allem was ſchon geſchehen iſt, meine beſten Freunde, wäre es Verkennung meiner, mich noch in Anſchlag bringen zu wollen. Seid glücklich, wo es immer ſei, ſo bin ich befriedigt. Ewig dauert kein Krieg, und im Frieden finde ich meine Kinder wie⸗ der!«— Solcher Zeit zum Abwarten ſcheint er ſich alſo noch vertröſtet zu haben, und bis zum Frühjahr verſprach er ſich auch neben eigner Herſtellung manche Entwicklung der Dinge. Am 14. December empfand er noch große Schwäche. Eine ganze Stunde brauchte er zum Anziehen, und lag dann»wie eine Fliege« im Armſtuhl. Er ſchrieb The⸗ reſen über die Unmöglichkeit ihn zu pflegen beruhigende Worte, und las heitern Kopfes Zeitungen aus allen Kräften, nebſt dem—»Gott ſei bei uns!« Fürſten des Macchiavell. Der unpromovirte Arzt in ihm, der einſt in Wilna mit Recepten viel Geld zu recipiren hoffte, nahm ſich jetzt die Erlaubniß, am eignen Leibe zu practiciren. Der Kranke verordnete ſich, unter Zuſtimmung freilich ſeiner pariſer Ärzte, Opium in ſteigenden Doſen und Chinade⸗ coct, befand ſich beſſer, und hoffte bei dem gelinden Wetter bald auszugehen. Nach und nach hörte„die Schmerzgeſtängs⸗ und Krummzapfenmuſik« in ſeiner Bruſt auf, und nur mit etwas dumpfem Schmerz in derſelben arbeitete er die»Umriſſe« 6 und 7 aus, überdachte auch einen politiſchen Aufſatz, den er dem Wohlfahrts⸗Aus⸗ ſchuſſe vorlegen wollte. In den unfruchtbaren Stunden ſeiner Einſamkeit fanden ſich denn doch auch betrübte Gloſſen ein.»Wenn es nicht die ſo dunkle und nun 294 ſo oft getäuſchte Hoffnung wäre, auch noch etwas nützen zu können, ſchrieb er nach Neufchatel, ſo hätte ich nun doch nichts mehr hier zu ſuchen, und wäre wohl berech⸗ tigt, meinen Abſchied zu fordern. Für mich ſelbſt, ſehe ich wohl, kann weiter nichts mehr ſein, als Arbeit und Mühe,— um was? um elende Selbſterhaltung von einem Tage zum andern, in einem genuß- und freude⸗ leeren Daſein. Hundertmal hab' ich nun ſchon erfahren, daß es größer iſt zu leben, als zu ſterben. Jeder elende Hund kann ſterben. Aber wenn hernach der Teufel,— oder wer iſt der ſchadenfrohe, zähnefletſchende Geiſt in uns, der ſo einzuſprechen pflegt? wenn der fragt: Was iſt Dir nun— die Größe? Biſt Du nicht ein eitler Narr, Dich für beſſer als Andre zu halten, damit Du Dich über wirkliches Übel, über unverbeſſerliche Ungerech⸗ tigkeiten der Natur täuſchen kannſt?— O mein Gott, da verſink' ich in meinen Staub, nehme meine Bürde auf mich, und gehe weiter und denke nichts mehr, als: Du mußt, bis Du nicht mehr kannſt, dann hat's von ſelbſt ein Ende!«—. Faſt möchte man glauben, die Krankheiten der Menſchen, wenn ſie im Kampfe mit dem geſunden Organismus dieſen nicht zu überwältigen vermögen, könnten ſich durch die Stimmungen und Triebe der Seele verſtärken, indem ſie dieſelben verwirren und ſich dienſtbar machen.— So ſehen wir wenigſtens einen Mann von Forſter's Einſicht in ſeinem bedenklichen Zu⸗ ſtande doch eine Unvorſichtigkeit um die andre begehen. Kaum hat er den vergeßnen Überrock bitter zu bereuen gehabt und den zweiten Anfall der Krankheit einiger⸗ 1s nützen ich nun ; berech⸗ bſt, ſehe rbeit und ung von d freude⸗ erfahren, er elende eufel,— Geiſt in t: Was in eitler zmit Du ngerech⸗ n Gott, Bürde hr, als: ats von ten der geſunden rnögen, be der und ſich einen gen Zu⸗ begehen. bereuen einiget⸗ 295 maßen überwunden, als er ſchon wieder dem Verlangen, eine Familie zu beſuchen, nicht widerſtehen kann, hinfährt, und bis zum Abend verweilt; da er denn in dem ent⸗ fernten Quartier zur Rückkehr keinen Wagen findet und den langen Weg zu Fuß zurücklegt. Er fühlte alsbald auch ſeine Bruſt ſo wund, ſo ermüdet, als hätte ſte auf einem Reibeiſen gelegen, und der innere Schmerz erneu⸗ erte ſich. Wir begreifen es, daß gerade in dem leidenden Sitze der Gefühle die Wehmuth gern einkehrt. Der Einſamkranke ertappte ſich auf Thränen über das Leid, fern von denen die man liebt, krank ohne Erquickung, ohne Bequemlichkeit zu liegen. Die Luft des Zimmers war ihm bei allen Unannehmlichkeiten des Kaminfeuers, an dem er abwechſelnd briet und fror, doch erträglicher, als die friſche Luft, ſelbſt zu Wagen, die ihm ein wun— des, gepreßtes Innere zu empfinden gab. Von Nacht⸗ ſchweißen erſchöpft, konnte er keine hundert Schritte gehen, ohne keuchende Mattigkeit zu fühlen. Und doch war er noch nicht bange wegen der Fol⸗ gen ſeines Leidens. Er fürchtete nur bei der Jahreszeit und der feuchtkalten Witterung ſich bis zum Frühjahre „durchkrüppeln« zu müſſen. Dabei folgte er in ſeinen Briefen, wie immer, wenn auch mit gelaßnerer Theil⸗ nahme, den Bewegungen der Revolution. Am 22. December zeigte ſich am Knöchel der linken Hand Geſchwulſt mit dem fürchterlichſten Reißen fliegen⸗ der Gicht. Der Leidende wurde ſo ungeduldig, daß er ſeinen anhänglichſten Pfleger, einen alten ausgewanderten mainzer Freund, aus dem Zimmer»ſchnauzte,« weil er 296 ihn mit pedantiſcher Belehrung über die Heilmittel der arthritis vaga beläſtigte. Mit deſto mehr Milde nahm er briefliche Mißverſtändniſſe Thereſens auf, die ſeine Vorſchläge wegen ihrer künftigen Einrichtungen betrafen. Ein ſanfter Scherz ſchimmert noch in den Tagsberichten, die er über ſich nach Neufchatel gab. Seine Leiden und Sorgen ſah er als feindſelige Rieſen an, die in der Welt ſeien, damit die guten Ritter nicht müßig gehen. »Ich will mich mit den meinigen balgen, ſchrieb er, ſo lang ich zuſammenhalte. Darnach malen ſte mir's auf den Schild, wie ſauer ich mir's habe werden laſſen, und mit dieſen preuves de civisme laß' ich mir dann vom comité revolutionaire in der andern Welt eine gute Stelle geben!« Eben ſo heiter ſah er ſeine ſcorbutiſche Gicht an, ſo gefährliche Züge ſie bald durch den Arm in den Magen und die Eingeweide machte. Er klagte nur über unſäglichen Schmerz, Schlafloſigkeit und entkräftende Ab⸗ zehrung. Drei der ausgezeichnetſten Arzte behandelten ihn, und ſo wenig, als an Hülfe, fehlte es ihm an Beſuch, freundlichen Dienſten und Anerbietungen. Auch Merlin von Thionoille fand ſich theilnehmend ein. Dabei belebte er ſich an den Nachrichten von den Fortſchritten der Franzoſen, und richtete ſich an Thereſens Briefen auf. Er billigte es, daß ſie und Huber ſich entſchloſſen hatten, in Neufchatel zu bleiben, wobei er noch Ausgangs Decembers auf Wiedervereinigung mit ihnen rechnete. »Wenn ich, ſchrieb er, um Euer Hierſein bisweilen zwei⸗ felnd und verlegen ſcheine, meine innigſt geliebten Kin⸗ der! ſo glaubt nur nie, daß dies aus irgend einer ittel der de nahm die ſeine betrafen. berichten, deen und in der g gehen. b er, ſo irss auf ſen, und ann vom lt eine ſicht an, in den aut über inde Ab⸗ zaandelten ihm an . Auch Dabei ſſchritten Briefen ſchloſſen usgang? rechnete. in zwei⸗ ten Kin⸗ nd einer 297 Beſorgniß über unſer künftiges Verhältniß fließe. Ich bin meiner gewiß, daß uns nichts ſtören kann und wird.—— So lief das ſchwere Jahr ab, das der thätige, hoffende Mann mit dem Gruß an Thereſe:»Proſtt Neujahr,— Du und meine Kinder!« angetreten hatte. Welche Bilder aus den Tagen, die zwiſchen den bangen Vorgefühlen jenes frühern— und den Rückblicken dieſes letzten Silveſterabends lagen, gingen in der Stunde des Jahreswechſels an ſeiner Seele vorüber! Die Trennung von ſeinen Lieben, nach drei Tagen des Wiederſehens in ſeiner ſchmerzlichen Verlaſſenheit doppelt empfunden, dehnte ſich wie eine grenzenloſe Wüſte vor ihm aus; der Fall von Mainz und der Verluſt ſeines literariſchen Eigenthums lagen darin, wie die Ruinen ſeines zerſtör— ten Lebens, und er ſelbſt, von ſeinem Freiheitswahne, von ſeinen Revolutions⸗Träumen enttäuſcht, glich dem durſtigen Kameele, das dem Waſſerſcheine des fernen Wüſtendunſtes nachgerannt, nun ächzend im brennenden Sande zuſammengebrochen war. Die Klarheit des Gei⸗ ſtes, mit welcher er nach aller vergeblichen Wirkſamkeit den Zweck des Daſeins im bloßen Wahrnehmen er⸗ kannte; der Muth des Herzens, womit er, alles Irrens und Strebens lächelnd, ohne Harm und Haß die fieber⸗ heiße Rechte in die kalte, erlöſende Hand der Wahr⸗ heit legte, bildeten eine Verklärung, die vielleicht Kei⸗ ner der franzöſiſchen, deutſchen und polniſchen Beſucher um die feuchte Schläfe des Dahinſcheidenden ſchimmern ſah.——— 298 Am 4. Januar 1794 hatte das umherziehende Übel die Eingeweide verlaſſen, aber der fürchterlichſte ſcorbutiſche Speichelfluß, an dem er früher in Mainz während Heyne's Beſuch gelitten, ſtellte ſich ein. Schmer⸗ zen und Schlafloſigkeit dauerten fort, ſo daß der Kranke das kürzere Bülletin vom 4.,— worin er Thereſen für ihre Briefe dankte, ſie bat ſich zu beruhigen, da keine Gefahr vorhanden ſei, und ſich der löwenmäßigen Siege der Franzoſen freute— mit den Worten ſchließen mußte: »Ich habe nun keine Kräfte mehr zum Schreiben. Lebt wohl! Hütet Euch vor Krankheit; küßt meine Herz⸗ blättchen.—— Dies waren die letzten Worte, die von Forſter ſelbſt nach Neufchatel kamen. Seine Feder verſtechte in der Sehnſucht nach ſeinen Kindern, dem Einzigen, was ihm aus der Welt und dem Hauſe eigen geblieben war. Bisher hatten Thereſe und Huber Forſter's Nach— richten über ſeine Krankheit mit bekümmerter Theilnahme empfangen. Wie ſie den Freund in ſeiner altgewohnten Eigenheit, jedes auch kleinſte Übelbefinden mit hypochon⸗ driſcher Genauigkeit zu beobachten, ſchon ſeit Jahren kannten, faßten ſie anfänglich keine Beſorgniß, und be⸗ unruhigten ſich über den Ausgang nicht. Nur ſehr wehmüthig fühlte ſich Thereſe durch die Erinnerung ge⸗ ſtimmt, wie ſehr jede Krankheit den Geiſt des Mannes zu trüben pflegte, deſſen innigſte, entſagendſte Liebe aus jeder ſeiner klagenden Zeilen zu ihrem Herzen ſprach. ziehende terlichſte MNainz Schmer⸗ Kranke reſen für da keine en Siege mußte: n. Lebt ie Herz— er ſelbſt in der as ihm at. 3 Nach⸗ ilnahme wohnten pochon⸗ Jahren nd be⸗ r ſehr ung ge⸗ Mannes be aus ſprach 299 Aber ſie fürchtete um ſo weniger, als Forſter ſelbſt ihr alle Beſorgniß durch ſeine Verſicherungen hinwegnahm. Um indeß der Sache doch gewiſſer zu ſein, beſonders als Forſter's Tagesberichte beängſtigender wurden, wen— dete ſte ſich an ihre Hauswirthin, die einen Sohn in Paris als Schreiber bei der Municipalität hatte, mit der Bitte, durch dieſen doch perſönliche Erkundigungen nach Forſter's Befinden einzuziehen. Eines Nachmittags erſchien nun die gute Frau nicht ohne ängſtliche Befangenheit, um mit Thereſens Erlaub⸗ niß die Kinder in's Freie mitzunehmen. Sie hatte rich⸗ tig vermuthet, daß die unerwartete Nachricht, die ſie ſchon am Morgen von ihrem Sohn erhalten hatte, mit der Nachmittagspoſt auch an Frau Forſter gelangen würde, und war daher, in ihrem einfachen Zartgefühl, bedacht geweſen, die Kinder, wohlthuend für dieſe, wie für die Mutter, den erſten Eindrücken des Schrecks und des Schmerzes zu entziehen. Jener alte mainzer Flüchtling, der ſich von Forſter's Reizbarkeit nicht hatte abſchrecken laſſen, am Lager des Kranken auszuharren, meldete ſeinem Freunde Huber unterm 12. Januar(21. Nivoſe) mit gerührten Worten, daß Forſter eben zwiſchen 4 und 5 Uhr Abends an einem Schlagfluſſe verſchieden ſei. Das Podagra war ihm in die Bruſt geſtiegen. Er unterlag in ſeinem 39. Jahre jenem Übel, das er auf ſeiner frühen Weltfahrt in der Südſee empfangen, mit dem er ſeitdem faſt unauf⸗ hörlich zu kämpfen gehabt hatte. Bald darauf erhielt Thereſe folgenden Todesſchein —»als Beweis zugleich, wie neben der furchtbarſten Gewaltthätigkeit, die eben in Paris herrſchte, das Geſetz doch da waltete, wo jene nicht eingriff.« Decès de Forster. Extrait du Registre de la municipalité de Paris, au vingt deux Nivose an second de la Republique. Acte du decès de Georges Forster du jour d'hier cinq heures du soir. Agé de trente neuf ans, domicilié à Paris, rQe des Moulins, o 542 Section de la montaigne. Marié à——(sa femme absente). Rtre. 18. No 663. Suivant la declaration faite à la maison Commune, par les temoins mentionnés au régistre. Collationné par moi, officier publique 3 ven- tose an 2. Bergot. Einſt hatte Forſter als Bräutigam an Thereſe geſchrieben: »Wenn ich mir nicht umſonſt ſchmeichle, daß man mich mit ſanfter Güte zu einem guten Menſchen machen könne: ſo ſehe ich die frohe Ausſicht vor mir, an Ihrer Seite an dem, was die Menſchen Tugend nennen, zu wachſen und— von Ihrer Hand gepflegt, einſt ruhig und gutes Muthes zu entſchlafen.« Jetzt hatte ein Franzoſe das Amen dieſer Bräuti⸗ gamshoffnung mit den drei Worten ausgeſtellt: »Sa femme absente.« s Geſet e Paris, oblique. du jour le neuf M 542 —(Sa mmuhe, 3 vell- ol. Thereſe daß mant machen an Ihrer nen, zu I, einſt Bräuti⸗ Hinterlaſſenſchaft. Der Friedensrichter der Section hatte alles in For⸗ ſter's Wohnung Vorgefundne unter Siegel gelegt, und die Witwe durch den Magiſtrat von Neufchatel davon in Kenntniß geſetzt. Es galt nun, daß Thereſe als Vormünderin der Kinder eine Procuration zur Entſteg⸗ lung, zum Verkauf der Sachen, Erhebung des noch rückſtändigen Guthabens an Tagegeldern, ſo wie zur Auszahlung der Schulden Forſter's ausſtelle. Zu Letzte⸗ ren hatte Dorſch alsbald die dem Verſtorbenen geliehenen 1000 Liores angemeldet. Zu dieſen Geſchäften erbot ſich brieflich, als angeblicher Bekannter Forſter's, ein ehemaliger Graf, nun Republikaner, Bürger Joguet. Thereſe ſtellte Vollmacht aus, und erhielt ſpäter von ihm die Nachricht, daß nach abgemachten Geſchäften einige tauſend Franken erübrigt ſeien, die er nebſt For⸗ ſter's Papieren zu ſchicken bereit ſei. Dabei blieb es aber, und von Joguet ward weiter nichts vernommen. Deſſelben Mannes bediente ſich Thereſe ebenfalls zur Überreichung der Schenkung, die ſie dem Ausſchuß für die National⸗Erziehung in Paris mit Forſter's aus Mainz geretteten Papieren zu machen für gut fand. In ihren Mittheilungen giebt ſie das Umſtändliche an, was ſie zu dieſer Veräußerung beſtimmte, und erzählt, auf welche Weiſe die Papiere, jedoch wahrſcheinlich vom Bür— ger Joguet ausgebeutet, ſpäterhin wieder nach Deutſchland 302 zurückgebracht wurden. Außer dem, daß Huber den 3. Theil der Anſichten vom Niederrhein nach Forſter's erſten, nicht überarbeiteten Notizen herausgab, enthielt der Nach⸗ laß nichts weiter von Bedeutung. Wir übergehen dieſe Mittheilungen, indem wir— nach Thereſens Ausdruck— auf jene Papiere hinblicken, wie ein Freund, der vom Geſtade aus die letzten Trümmer des Nachens treiben ſteht, in dem die Fluthen den Geliebten verſchlangen. Das vielgewanderte Schreibſchränkchen von Acajou kam an Thereſen, und begleitete, nach ſeiner Herſtellung aus den Erlittenheiten der mainzer Belagerung, mit altgewohnter Reiſefertigkeit die vielwandernde Frau auf ihren Ortsveränderungen. Und nun werfen wir noch einen Blick auf die Leid⸗ tragenden hinter Forſter's Ableben. Der nächſte Anverwandte, der alte noch lebende Forſter, fehlte. Heyne, der Schwiegervater, wird deſſen Abweſenheit erklären. Er ſchrieb bei der Nachricht von Georgs Tode an Sömmering unterm 31. Januar: »Ich kann mich gar nicht faſſen, nicht ſammeln. Ich liebte den Mann unausſprechlich; er war mir mehr als Kind. Welche Schickſale verfolgten ihn! Und was hat er mir die ganzen Jahre über für Mitleid und Kummer gekoſtet! Ein paar herrliche Menſchen mußten doch durch einander unglücklich ſein, und ich mußte durch Beide leiden.« Und unterm 3. Februar an Denſelben: »Mein Forſter iſt mir unabläſſig vor den Augen und im Sinn.——— Noch ſchmilzt mir das Herz, wenn ich an ihn denke. Bei ſo viel herrlichen Eigenſchaften hatte —õ—ʒÿά—ᷣꝛ—ꝛ—ꝛꝛ————— den 3. Berſten, r Nach⸗ en dieſe druck— der vom treiben ngen. Acajou rſtellung gg, mit rau auf die Leid⸗ lebende d deſſen ſcht von r: ammeln. ir mehr ind was eid und mußten t durch gen und enn 3, wer en hatte 303 er zuwenig Selbſtſtändigkeit. Seine Erziehung war ſkla⸗ viſche Abhängigkeit von einem wilden Kopf als Vater. Dieſer hat ſich auch in der letzten Zeit noch unmenſchlich geäußert, wenn die Rede von ſeinem Sohn war. Der Narr iſt ſtockariſtokratiſch oder königlich, und erklärte öffentlich, es ſolle ihn freuen, den Sohn am Galgen zu ſehen. Ungeheuer!——— Meine Familie trauert über ihn, ich habe ſeinen Tod anſagen laſſen. Ich ehre ſein Andenken, und kehre mich an keine Parteiwuth, werde auch ſeiner bei Gelegenheit öffentlich und ehrenvoll gedenken.« Lichtenberg, die verzagte Seele, folgt halbver⸗ ſteckt im Zuge, leider! mit all' ſeinem Spott ein Vor⸗ bild politiſcher Feigheit geworden. Er ſchrieb bei Forſter's Tod ebenfalls an Sömmering: »O wie gern, wie gern hätte ich ihm ein paar Bogen gewidmet, wäre ich noch das kinderloſe und wegen der Zukunft unbekümmerte, freidenkende und freiſchreibende Weſen, der ich ehemals war. Jetzt muß es beim Frei⸗ denken ſein Bewenden haben.« Auch Goethe hatte ſich eingefunden. Er ſchrieb unterm 17. Februar an Sömmering: »So hat der arme Forſter denn doch auch ſeine Irrthümer mit dem Leben büßen müſſen, wenn er ſchon einem gewaltſamen Tod entging. Ich habe ihn herzlich bedauert.«— Sömmering, der Herzensfreund, fehlte im Zug der Leidtragenden. Dafür war er, wie wir eben bemerkt haben, dazu verurtheilt, die Beileidsbezeugungen der An⸗ dern in Empfang zu nehmen. 304 Alexander von Humboldt erkennt noch auf der Höhe ſeines Ruhms und am Ziele ſeiner großen Miſſion Forſtern als»ſeinen berühmten Lehrer und Freund« an, wobei er ſagt: »Durch ihn begann eine neue Aera wiſſenſchaftlicher Reiſen, deren Zweck vergleichende Länder⸗ und Völker⸗ kunde iſt.— Mit einem feinen äſthetiſchen Gefühle be⸗ gabt, in ſich bewahrend die lebensfriſchen Bilder, welche auf Taheiti und andern, damals glücklichern Eilanden der Südſee ſeine Phantaſie erfüllt hatten, ſchilderte Georg Forſter mit Anmuth die wechſelnden Vegetations⸗ ſtufen, die klimatiſchen Verhältniſſe, die Nahrungsſtoffe in Beziehung auf die Geſittung der Menſchen nach Ver⸗ ſchiedenheit ihrer urſprünglichen Wohnſitze und ihrer Abſtammung.—— Aber auch dieſes ſo edle, gefühlreiche, immer hof— fende Leben durfte kein glückliches ſein!« Wir übergehen Schiller's ſchmähende Penien auf den unglücklichen Todten. Sie ehren weder den Dichter noch ſeine Diſtichen, und Forſter verdiente dieſe matten Pfeile durch die Wärme nicht, womit er früher in einem Aufſatze gegen den Dichter Heinrich von Kleiſt ſich Schiller's angenommen hatte. Perſönlich ſcheinen beide, durch Enthuſiasmus für Völkerfreiheit ſogar verwandte Geiſter nicht in Berührung gekommen zu ſein.— Und ſchließen mit der koſtbarſten Hinterlaſſenſchaft des edlen Mannes.— In Huber's Biographie heißt es: »Heiliger durch Forſter's Tod erſchien für Huber die Pflicht gegen deſſen Familie, und vier Monate nach⸗ noch auf großen rer und haftlicher Völker fühle be⸗ :, welche Eilanden ſchilderte getations⸗ ungsſtoffe ach Ver⸗ nd ihrer ner hof⸗ nien auf Dichter e matten in einem leſſt ſich en beide, erwandte ſeenſchaft heißt es r Huber tte nach⸗ her ertheilten ihm die Geſetze das Recht, ſich ihren Verſorger zu nennen.«⸗—— Thereſe reichte ihm ihre Hand. Ihr Herz beſaß er längſt. »Meines Lebens letzte und ſchönſte Beſtimmung iſt in unſerer Verbindung erreicht, ſchrieb er ihr einmal. Ich ſehe hinunter in meine Zukunft, wie lang ſie auch ſein möge, und unſere Liebe füllt ſie und reicht darüben hinaus.« 8. ——— —2 eeenne ee - ¹ SOlour& Grey Control Chart CQyan Green vellow Hed Magenta Grey 4