— „ M3 S Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leiß- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 8 b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſeträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 7„„ 3„„ 3 n—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. „-.---.--—--— — b TAELALAEAAAATNA — — ‿ ‿ = = . = 5 2 Haus und Welt. Eine Lebensgeſchichte. Von Heinrich Koenig. In zwei Theilen. Erſter Theil. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 4 1 8 5 2. Ein paar Worte, die der Verfaſſer, gegen ſeine Gewohnheit, dem hier dargebotenen Buche voraus⸗ ſchickt, ſollen bloß die Veranlaſſung zu dieſer ihm neuen Art von Production andeuten, die— indem ſie doch nur die wirklichen Erlebniſſe, Anſichten und Geſinnungen eines unvergeßlichen Mannes er⸗ zählt, es dem günſtigen Leſer zu finden überläßt, was hinſichtlich der Auffaſſung und Darſtellung eines ſo merkwürdigen Lebens als Roman bezeichnet wer⸗ den könnte. Im Nachſommer des Jahres 1850 aus dem Wildbade des Schwarzwaldes zurückgekehrt, ſuchte der Verfaſſer mit erfriſchtem Muthe die beiſeit ge— legten Studien zu einem neuen Roman hervor, hinter dem er ſich zugleich der Betrachtung unſerer troſtloſen Gegenwart zu entziehen dachte. Da nahm die unglückſelige Politik unſerer gewaltübenden Macht⸗ VI haber ihren zerſtörenden Gang durch Kurheſſen. Es geſchahen jene Dinge, die— noch friſch genug im Andenken der erſtaunten Welt, es allzubegreiflich machen, daß ein gegen das Recht und Wohl ſeines Vaterlandes nicht gleichgültiger Mann jene Samm— lung und Erhebung der Seele, die zu einer poeti— ſchen Production erfordert wird, auf lange Zeit ver⸗ loren geben mußte. Als daher am 1. November die bairiſchen Executions⸗Truppen in Hanau ein⸗ rückten, legte der Verfaſſer die Anfänge ſeiner Arbeit bei Seite, und nahm das Billet der auch ihm zuge⸗ theilten Einquartierung in Empfang. Und doch blieb inmitten all' der Entrüſtung und Verwünſchungen, die um ihn laut wurden, und zu denen auch die edelſten Herzen zu verwildern Gefahr liefen, nur Zuflucht hinter einer Geiſt und Gemüth anſprechen⸗ den Arbeit. Nur mußte es ein Werk ſein, wie es nicht ſowohl durch ſchaffende Phantaſie, als durch bedeut⸗ ſame und einheitliche Verknüpfung gegebener That ſachen zu Stande kömmt. Wie ich nun eines dämmernden Abends, unter bairiſchem Appell und Getoſe auf dem Marktplatze, nach einer ſolchen Aufgabe ſuchend, in meinem Seſſel liege,— ſiehe da wurde es um die Glasthüre meines Bücherſchrankes hell und heller; ein Strahl fiel durch eine Scheibe, hinter welcher die neun Bände von G 1 t S 1A r 1 1 1 4 * VII Georg Forſter's geſammelten Schriften aufgeſtellt ſind, und die Geſtalt des an Welt und Haus verunglück— ten Mannes ſchwebte mir entgegen,— das von Krankheit und Leiden trübe Auge auf mich gerichtet, die rechte Hand gebieteriſch gegen mich— die linke rückwärts über die Schulter gewendet. Ich verſtand ihn, wie man Geiſter auch ohne Worte verſteht: »In Deinen»»Clubiſten in Mainz«« haſt Du mich in den Kreis Deiner Leſer beſchworen. Aber ich wandre dort nur halb erkennbar, und Du mußt mich von dieſer Halbheit erlöſen, wie ich auch längſt aus der Verdammniß meiner Zeitgenoſſen erlöſ't bin. Du haſt mir in Deiner kleinen Welt tiefbewegte Freunde erweckt. Des Dankes ſind wir Abgeſchiednen überhoben, aber helfen können wir euch, ſo lange ihr in dieſelben Kämpfe verwickelt ſeid, worin wir unſer Leben verwirkt haben. Ihr ringt noch nach deenſelben Zielen, tappt zum Theile noch auf den⸗ ſelben Irrwegen, die einſt ich ſelbſt geſucht und be⸗ treten habe. Nicht nur die heiligen Sieger, auch die ſeligen Büßer werden von Gläubigen angerufen. Darum, wie Du mich zur Fabel gemacht haſt, voll⸗ ende mich zum Vorbild, und laß—! In dieſem Augenblicke brachte die Dienerin Licht in's Gemach, und der Geiſt verſchwand, der mir vielleicht noch Vieles zu ſagen hatte. VIII Ich war auf's Höchſte erregt; ich wandelte leb⸗ haft in meinem Zimmer hin und wieder, und mit jeder Wendung wechſelten meine Vorſätze. Die Ver⸗ gangenheit, der Forſter einſt angehört hatte, zog an mir vorüber, aber ſo klar und ruhig, daß alles Wankende und Stürmiſche um mich her ſich darin abſpiegeln konnte. Und dadurch ward auch ich mit mir ſelber einig. Ich ſetzte mir vor, Forſter's wech⸗ ſelvolles Leben zu erzählen, heiter und umſtändlich, aber ohne Nebenabſichten und Nutzanwendung; ſo daß es durch ſich ſelbſt einem ſinnigen Leſer Un⸗ terhaltung gewähre, und ihm überlaſſen bleibe, was er dahinter noch weiter ſuchen und bedenken möge.— Hanau 1. December 1851. ite leb⸗ nd mit ſe Ver⸗ zog an alles darin ich mit wech⸗ w Erſtes Buch. Un⸗ leibe, enken „ 5 Haus und Schule. Im Jahre 1754 am 26. November wurde zu Naſſenhuben, einem ärmlichen Dorfe in der Nähe von Danzig, dem daſigen reformirten Pfarrer Johann Rein⸗ hold Forſter ein Knabe, ſein erſtes Kind, geboren und auf den Namen Johann Georg getauft. Ein erſter Sprößling, der die Zukunft der Familie erweiterte, mußte dem Vater die Vergangenheit des Stammes lebhafter in Erinnerung bringen. Dieſe Er⸗ innerung hing, wie das nahe Meer, ebbend und fluthend, mit der ſchottiſchen Küſte zuſammen. Die Familie For⸗ ſter— ihrem Siegel nach mit den in Schottland an⸗ geſeſſenen Foreſters verwandt, hatte einſt zu den Anhän⸗ gern des Hauſes Stuart gehört. Das Anſehn und die damalige Bedeutung derſelben laſſen ſich ſchon aus ihrem Mißgeſchick errathen, indem ſie nach dem Tode Karls I. geächtet das Land verlaſſen mußte, eine Verfolgung die nur frühern Einfluß zu rächen oder künftigem vorzubeu⸗ gen berechnet ſein konnte. Dem zu Folge hatte die 1* 55 — Familie Forſter, gleich andern ſchottiſchen Flüchtlingen in polniſch Preußen eine neue Heimath genommen. Auf dieſem Boden ging aber dem engliſchen Stamme das politiſche Element ab; die Stürme fehlten in denen er groß geworden war. Das deutſche Staatsleben bot nur ſchwachen Erſatz in der Ausübung des bürgerlichen Rechts, doch am eheſten noch im Berufe der Anwaltſchaft. Die Forſter wurden tüchtige Juriſten; ſie vererbten aber auch etwas von jenem Geiſte ſtarrer Oppoſition, den der Urgroßvater in den bürgerlichen Unruhen bethätiget hatte, auf die Enkel; entwickelten oft genug, indem ſte am Recht hielten, einen rechthaberiſchen Trotz und Eigenwillen; bis endlich in unſerm Reinhold dieſe Familieneigenheit ſich mit der hergebrachten Familienrichtung ſelbſt überwarf. Reinhold verließ nämlich auf der Univerſität Halle die Rechtswiſſenſchaft an die er gewieſen war, und widmete ſich der Heilkunde. Hier ſtieß aber ſein Eigenwille auf den entſchiedenſten Widerſpruch des Vaters, der ihm am Ende nichts übrig ließ, als nach dem zwiſchen dem Jus und der Medizin gelegenen Felde der Theologie auszu⸗ weichen. So kam denn eine Lebenswidmung ohne innern Beruf heraus, als Reinhold in ſeinem 24. Jahre die kleine Patronatspfarre in Naſſenhuben annahm. Er that dies auf Andringen ſeines Vaters, der ihn gern vor ſeinem Ende verſorgt ſehen wollte, und verſcherzte ſich dadurch für immer die Gunſt der reformirten Gemeinde in Danzig, bei der er ſehr beliebt geweſen war. Zugleich nahm er in das geringe Amt eine Blutsverwandte zur 1 5 Frau— ein Geſchwiſterkind, glücklicherweiſe von ſanftem, hingebendem Weſen. Reinhold war von Natur und durch die Erziehung vom Vater auf das Practiſche gerichtet. Durch bloßes Sprechen hatte er ſchon als Kind vom Vater die latei— niſche Sprache gefaßt, und lernte,— da die Eltern in Dirſchau an der polniſchen Grenze wohnten, von der Mutter und einer Amme die polniſche Mundart. Als Knabe eignete er ſich dann das Deutſche an, und erwarb ſpäter noch eine Anzahl Sprachen dazu. Ein günſtiges Bewußtſein auch von ſeiner äußern Begabung trieb ihn zur Geſelligkeit, wo er durch angenehme Redegabe und artige Manieren bei anſehnlicher Geſtalt, lebhaften Augen und hübſchen Zügen ſich geltend zu machen verſtand. Dies Beſtreben und ſeine wiſſenſchaftlichen Neigun⸗ gen laſſen eben keinen eifrigen Seelſorger, keinen erbau⸗ lichen Pfareer erwarten. Reinhold ſtellte die Bibel hin⸗ ter den Büffon, und verkehrte lieber mit ſeinem Linné unter blühenden Gewächſen, als mit dem Katechismus unter den aufwachſenden Pfarrkindern. Die Theologie focht ihn wenig an; aber er ward, nach den Worten ſeines Sohnes— v»ein nützlicher und brauchbarer Mann für die Wiſſenſchaft, der gründliche Gelehrſamkeit, aus⸗ erleſene Literatur⸗ und Bücherkenntniß beſaß, dabei ein guter Naturkundiger und Antiquar.« Mit all dieſen Vorzügen brachten ihm ſeine Hitze, Heftigkeit und eifrige Verfechtung ſeiner Meinungen nur Verdruß und Schaden zuwege. Selten verließ ihn eine leidenſchaftliche Unruhe; denn nie in ſeinem Leben konn⸗ ten, wie es ſchien, ein angeerbter Stolz mit ſeiner ſtets bedrängten Lage, ſeine Talente mit ſeinen Erwartungen in's Gleichgewicht kommen. Dies um ſo weniger, als er zu ſeinem Unglücke die Menſchen nicht kannte, und nie kennen lernte,— bald mißtrauiſch, bald leichtgläubig, und beides immer da, wo es nicht am Platze war. Unter dieſer Heftigkeit litt auch der junge Georg, und verhältnißmäßig mehr, als ſeine nachwachſenden Ge⸗ ſchwiſter, gerade weil er des Vaters Liebling war. Das Kind verrieth frühzeitig eine auffallende Begabung. Noch auf allen Vieren in des Vaters Studirſtube umher⸗ kriechend, arbeitete es ſich, von der goldnen Titelſchrift der Foliobände angelockt, an ſolchen empor, und ward ſo zuerſt an Büchern ein zweibeiniges Geſchöpf. Dies bewog den vergnügten Vater dem Knaben, wohl allzu⸗ früh, einigen Unterricht im Latein, im Franzöſiſchen und Rechnen zu geben. Das ſetzte aber auch mehr Anlaß zur Unzufriedenheit ab, die dann in harter Züchtigung aufbrauſ'te, meiſtens mehr dem väterlichen Zorn, als dem kindlichen Fehler angemeſſen. Bei ſolchen Eigenſchaften und Eigenheiten des Pfar⸗ rers Forſter iſt kaum zu erwarten, daß es mit ſeinem Hauſe beſonders gut beſtellt geweſen ſei. Die Pfarrein⸗ künfte waren gering, und ſieben Kinder vermehrten nach und nach die Bedürfniſſe der Familie. Wie viel blieb da nicht der Hausfrau gut zu machen, neben der uner⸗ müdlichen Geduld, ohne die ſie mit dem heftigen Weſen des Mannes nicht ausgekommen wäre! Nur die hohe Meinung die ſie von ihm hegte, und die Achtung die ſie ſeinen wiſſenſchaftlichen Verdienſten von angeſehenen Män⸗ nern erwieſen ſah, ſo wie ſeiner Seits die Güte mit der — ͦy—— 7 en er in freundlichen Stimmungen die Sorgen des Hauſes er theilte, konnten dieſe Unebenheiten einigermaßen aus⸗ nie gleichen. i, So verlebte der junge Forſter die erſten zehn Jahre. 2 Ehe er noch die Enge und Bedrängniß des elterlichen g Hauſes recht ermeſſen konnte, war das nahe Danzig ganz he⸗ gemacht, ſeine knabenhafte Neubegierde frühzeitig nach das einer fernen Welt zu richten, und ihm Anſchauungen och 1 von weitreichender Thätigkeit der Menſchen zu geben. er⸗ Hinter hohen Wällen und befeſtigten Hügeln genoß die rfft f Stadt in anmuthiger Umgebung einer ausgezeichneten urd und begünſtigten Lage. Sie gehörte damals noch zu Polen, ſah ſich aber von dem anwachſenden preußiſchen Gebiete mehr und mehr beengt und bedroht. Ihr ſchö⸗ ner Hafen und die Mündung der Weichſel förderten den luß 0 Welthandel. Auf den Inſeln des Stromes, in großen wahlen, entbot Danzig ſeine eignen Abgeordneten. ung Vorrathshäuſern, ſpeicherten ſich die Ernten der polni⸗ em„ ſchen Fluren auf. Und hinter der großen Thätigkeit der Gegenwart verlor ſich eine rühmliche Geſchichte in ur⸗ graue Zeiten. Dreihundert Jahre früher, juſt in dem⸗. ehi ſelben 54er Jahre, in welchem Georg geboren war, hatte 6 in. Danzig ſeine Selbſtſtändigkeit und Unabhängigkeit von ach Polen erklärt. Die Stadt mit ihrem Gebiete hatte ſich ieb ein eignes Geſetzbuch geſchrieben, das ſeltſam oder kühn er⸗ die»Danziger Willkür« hieß, gleichſam Beſtimmungen ſen nach Gutfinden gewählt. Sie ſchlug ihre eigene Münze ohe nur mit dem Bruſtbilde des Königs von Polen. Ein f Mitglied des Stadtrathes, der»Burggraf,« repräſentirte 8 den König, und zu den Reichstagen, zu den Königs⸗ 8 Eine ſo mächtige Seeſtadt ſchlingt, wie eine dre⸗ hende Spule, tauſend Fäden des Familienlebens zu Tauen des Weltverkehrs zuſammen. Ihre Nähe ſollte auch nicht ohne Einfluß auf Forſters Leben bleiben. In einem Alter, da der Knabe an ſolchen Plätzen nur lebhafte Anſchauungen, vielfache Begriffe, vielleicht Erzählungen von fernen Ländern, und wenn er Phantaſte hat, Träume von Meerwundern empfängt, kam für Georg aus Danzig ein Anſtoß, der ſeiner ganzen Zukunft eine verhängniß⸗ volle Richtung gab. Der ruſſiſche Geſchäftsführer in Danzig, Herr von Rehbinder, muß mit der ſchiefen Stel⸗ lung und wiſſenſchaftlichen Brauchbarkeit des naſſenhuber Pfarrers vertraut geweſen ſein, als er ihm 1765 den Antrag that, die neuangelegten deutſchen Colonien an der Wolga mit Aufträgen der Regierung zu bereiſen. Dem Pfarrer Forſter lag ſeine chriſtliche Heerde nicht ſo ſehr am Herzen, daß er nicht die Schäferſchüppe unbe⸗ denklich mit dem Wanderſtabe eines weltlichen Apoſtels vertauſcht hätte. Er nahm den Vorſchlag an, und ſei⸗ nen elfjährigen Georg mit nach Petersburg. Hier empfing er ſeine Anweiſungen, mit denen er die neuen Anſiedlungen bis Saratof und an den See Yeltow be⸗ reiſ'te. Er unterſuchte den Boden, die Lage und Be⸗ dürfniſſe derſelben, nahm eine Karte auf, und faßte in einer Denkſchrift ſeine Beobachtungen und Vorſchläge zu Verbeſſerungen und Hebung der Colonien nebſt Andeu⸗ tungen zu einem für dieſelben geeigneten Geſetzbuche zu⸗ ſammen. Welch' eine Schulklaſſe für den Knaben! Mit dem frühen Lernen war ein ungewöhnlicher Wiſſensdrang und — em 9 frühreifer Ernſt in ihm erweckt worden. Er hatte die Knabenſpiele überſprungen, und bereiſ'te fremde Länder ehe er noch kirchlich confirmirt war. Es läßt ſich. den⸗ ken, wie er auf dieſer Fahrt Geographie, Naturgeſchichte, Völkerkunde und was man überhaupt unter dem Worte Leben verſteht, in ſo großen, athmenden Schriftzügen in ſich aufnahm. Dies waren andre Gebirgsfolianten, andre Inſchriften, an denen der Knabe ſich früh zur Selbſtſtändigkeit des Geiſtes erhob. Beſonders bildete Georg ſchon ſo früh ſein Auge und ſein Gedächtniß für die Pflanzenwelt, ſein Ohr und ſeinen Sinn für fremde Sprachen aus. So erlangte er denn auch eine ziemliche Fertigkeit im Ruſſiſchen.— Schwerer möchte der Ein⸗ fluß zu bemeſſen ſein, den dieſe frühe Reiſe auf die Seelenſtimmung des Knaben und auf die erſte Aus— weitung ſeines Gemüthes gehabt haben muß. Den männlichen Forſter finden wir immer auf großartige An⸗ ſchauung, auf umfaſſende und edle Geſichtspuncte gerich⸗ tet, aber auch in engen Verhältniſſen nur allzuleicht beunruhigt, daher gleich ſeinem Vater zu jeder neuen Unternehmung und Berufsänderung aufgelegt, und zwi— ſchen Haus und Welt nie oder doch nicht auf die Dauer zu heimathlichem Glücke gelangt. Und wie leicht gewöhnt ſich überdies der wirthſchaftliche Sinn des Menſchen durch Reiſen auf öffentliche Koſten an eine für die Mittel kleinbürgerlichen Alltagslebens zu volle und geläufige Hand? In dieſem Betracht ſollte denn auch der Rückſchlag der ruſſiſchen Weltfahrt auf das deutſche Haus nicht aus⸗ bleiben. Mit einbrechendem Herbſte 1765 kehrte Forſter 10 mit Georg nach Petersburg zurück, und erſtattete ſeinen 5 Bericht.— Welchen Lohn oder welches Loos er ſich als ni Ergebniß ſeiner Reiſeverdienſte im voraus verſprochen di habe, ſteht dahin. Gewiß wäre ſeine kenntnißreiche Denk⸗ ſt ſchrift auch nicht ohne gute Folgen für ihn ſelbſt, wie. für die Colonien an der Wolga, der Kaiſerin zu Händen l gelangt: hätte es nur der Verfaſſer nicht wieder an der d ganz gewöhnlichen Menſchenkenntniß fehlen laſſen. Indem 1 er aber auch gleich das den Colonien bisher zugefügte b Unrecht darzulegen ſuchte, verdarb er es mit dem Urhe⸗ 1 ber deſſelben, dem habſüchtigen Gouverneur zu Saratof, d und hatte nun begreiflicherweiſe den ganzen ruſſiſchen Anhang und deſſen Einfluß bei Hof wider ſich. Verge⸗ bens harrte er in Petersburg auf Erfolg und Lohn ſeiner Bemühungen. Statt deſſen erhielt er andere Aufträge, die ebenfalls unbeachtet blieben. v Während dieſes überwinternden Aufenthalts in Pe⸗ tersburg beſuchte Georg die Petriſchule, die unter Bü⸗ ſching's Aufſicht ſtand. Lehrer an dieſer Anſtalt war auch der berüchtigte Stark, nachmaliger Oberhofprediger in Darmſtadt, den Forſter hier noch kennen lernte. Georg trieb hier Latein, Franzöſiſch, Ruſſiſch, Geographie, Statiſtik und Zeichnen. Dazwiſchen ſtrengte ihn ſein Vater noch mit andern Dingen an. Dieſem lag doch ob, für die dringendſten Bedürfniſſe ſeiner verarmten Fa⸗ milie zu ſorgen. Er vermochte dies nur durch literariſche V Arbeiten, und maß denn dem Knaben Georg für den Mitgenuß der Weltfahrt gleich auch ſein Theil am häus⸗ lichen Erwerbe zu. Georg lieferte Überſetzungen aus V dem Franzöſiſchen in's Ruſſiſche, und lernte in dieſer ———— 11 n Schule der Sorgen— vielleicht abermal allzufrüh,— 8 nicht ſowohl häusliche Nothdurft und Theilnahme, als n die leichten Waffen kennen, ſolche Bedrängniß zu be⸗ k⸗ ſtreiten. ie Zuletzt war Forſter doch ſeines Harrens auf Be⸗ en lohnung ungeduldig, benahm ſich mit ſeiner wiederholten er Forderung wohl auch ein wenig barſch, gewiß aber nicht m weltklug, und wurde am Ende ohne alle Belohnung zie⸗ gt hen gelaſſen. Durch die lange Abweſenheit war ſeine he⸗ Predigerſtelle verſcherzt; er konnte ſich in Naſſenhuben. f doch nicht ſo auf's Trockne ſetzen, und da auch das en übrige Deutſchland weniger als England Wege practi⸗ e⸗ ſchen Erwerbs darbot: ſo ſchiffte ſich der unruhige Mann, er ohne nur ſeine Familie zu beſuchen, mit ſeinem Georg t nach London ein. zar Die Seereiſe ward von Vater und Sohn benutzt, het um die engliſche Sprache zu lernen. Und da ſo ent⸗ te. ſchloßne, practiſche Menſchen alles Begegnende zu irgend ie, einem Vortheil zu wenden ſuchen: ſo gewannen ſie ſelbſt in durch die Verzögerung der Überfahrt, indem das Schiff h zweimal, unweit Chriſtianſand und bei Mandal in Nor⸗ a⸗ wegen einlaufen mußte, nur mehr Sicherheit in der dht Sprache, dem unentbehrlichſten Mittel zu ihrem Fort⸗ kommen. Wir vermuthen, daß Forſter, wenn auch ohne viel kaiſerliche Silberrubel, doch nicht ohne gute Empfeh⸗ lungsbriefe nach London kam. Denn er fand in dieſer großen Stadt ſehr ſchnell die Theilnahme angeſehener Männer, die ſich um ſein Fortkommen bemühten. Unter mehreren ihm gemachten Anträgen entſchied er ſich für die Annahme eines Lehrſtuhles der Naturgeſchichte an dem zur Ausbildung junger diſſentirender Geiſtlichen beſtimmten Colleg zu Warrington in Lancaſhire. Bei ſeinem Überzuge dahin gegen den Sommer 1766 ver⸗ ſchrieb Forſter ſeine Familie aus Naſſenhuben, ſeinen Georg aber ließ er in London bei einem angeſehenen Kaufmanne Namens Lewin, der nach Rußland han⸗ delte. Dieſer hatte durch verſchiedne in Ausſicht ge⸗ ſtellte Vortheile den Vater gewonnen, ſich einen kauf⸗ männiſchen Glücksweg für den Sohn und die Familie zu verſprechen. Die körperliche Schwächlichkeit des 12äh⸗ rigen Knaben brachte er nicht in Anſchlag. Bald zeigte ſich jedoch, daß Georg den Anſtrengungen des Comtoirs nicht gewachſen war. Und da ohnehin die Abrechnung der Schiffe in die Mitte Sommers fiel: ſo erſchöpften ſich ſeine Kräfte ſo ſehr, daß eine Auszehrung drohte. Da kam zum Glück die Naſſenhuber Familie in London an, und der arme Georg fiel unter das Mutterauge. Er mußte ſie nach Warrington begleiten, auch ſchon als Führer, da ſie die Landesſprache nicht kannten. Hier überzeugte ſich nun auch der Vater von der Gefahr des Sohnes, und gab ihn dem berühmten Doctor Parcival in Behandlung, der ihn denn auch binnen ſechs Mona⸗ ten wieder zu Kräften brachte. Von nun an war Georg wieder in des Vaters Schule, der mit ihm Mineralogie und Zoologie, Mathe⸗ matik und Phyſik trieb. Daneben hörte er ſogenannte philoſophiſche Collegien, und ſetzte ſeine ſchönwiſſenſchaft⸗ 13 lichen Studien fort. Auch ging er wieder an's Über— ſetzen, und übertrug Lomonoſſow's ruſſiſche Chronologie in's Engliſche, Lomonoſſow's, dieſes genialen Schöpfers der ruſſiſchen Literatur und Vorgängers, wie Vorbilds in allen Richtungen derſelben. Inzwiſchen zeigte ſich bald, daß Vater Forſter, ob⸗ gleich ſo viel älter geworden, doch ſo ziemlich noch der alte war. Unfähig Widerſpruch zu ertragen, und Vor⸗ geſetzten, die er zu überſehen glaubte, ſich zu fügen, hielt er es in dem ruhigen Amte nicht lange aus. Da er in keinem Stücke ſeinen Eigenwillen durchſetzen konnte, ſah er ſich für verfolgt und in ſeiner Denkungsart nicht ge— duldet, an, gab ſeine Stelle auf, und ergriff den Weg des Privat⸗Unterrichts. Der literariſche Erwerb wurde damit verbunden, und Georg zu dieſer Betriebſamkeit mit herangezogen. Dieſer überſetzte nach und nach Os⸗ beck'ss und Toreen's Reiſen nach China, Kalm's Reiſen nach Nordamerika, v. Bougainvilles Reiſe um die Welt u. a. in's Engliſche, die der Vater durchſah, und mit Anmerkungen begleitet herausgab. Georg gab nebenher noch in einer vor der Stadt gelegnen Erziehungs-Anſtalt Unterricht im Franzöſiſchen und Deutſchen an Schüler, die älter und ſtärker als der Lehrer ſelbſt ausſahen. Aus dieſer Zeit rührt ein kleines Erlebniß her, bedeut⸗ ſam dadurch, daß es den jungen Forſter nicht bloß in ſeiner damaligen Stimmung, ſondern vorbildlich für den Gang ſeines Lebens characteriſirt. Der Weg zur Er⸗ ziehungs-Anſtalt führte an einem Bäckerladen vorüber, der mit ſeinen Paſtetchen für den kleinen Lehrer zum Verſucher ward. Unvermerkt hatte Georg weit über ſein 14 kleines Taſchengeld hinaus genaſcht, ſah ſich in Schulden verſtrickt, und mußte ſich auf dem unvermeidlichen Wege an dem Laden vorüber von der Bäckerfrau rufen und mahnen laſſen. Dies verſetzte ihn in ſolche Pein, daß er eines Tags, wie er aus der Lehrſtunde zurückkehrend mit Seelenangſt an den Bäckerladen dachte, ſich von der leeren Taſche mit einem Gebet um Beiſtand an den lie⸗ ben Gott wendete. Da nöthigt ihn doch der Wall eines Feldſchluſſes, den er überſchreiten mußte, die flehenden Blicke wieder zu Boden zu wenden, und ſiehe da:— eine Guinee blinkt ihm aus der halb trocknen Stapfe eines Pferde⸗ hufes entgegen. Es fällt dem gläubigen Knaben nicht ein, ob es nicht vielleicht gar der Pferdefuß und Köder des böſen Verſuchers ſei. Im Gegentheil, dankbar gegen Gott für den goldnen Segen des Gebetes, eilt er die Bäckerfrau zu befriedigen, und da er noch die Hand voll überſchuß hat, weiß er in der Aufwallung ſeines ſor⸗ genfreien Herzens nichts beſſeres zu thun, als ſeiner Schweſter Wilhelmine einen goldnen Fingerhut zu kaufen. Hier haben wir die Signatur ſeiner Zukunft: dieſer Geldverlegenheit, dieſem Glauben an hülfreiche Mächte und der unüberlegten Gemüthlichkeit zum Ausgeben, ſo liebenswürdig an dem Knaben, werden wir auch auf dem Lebenswege des Mannes immer wieder einmal begegnen. Das knappe aber doch ſtetige Auskommen der For⸗ ſterſchen Familie ſcheiterte an einem Anerbieten, das die Wirkung einer Verlockung hatte. Der durch Kenntniß der indiſchen Meere und durch Verdienſte um die Erd⸗ kunde ſo ausgezeichnete Dalrymple hatte ſich bereitwillig finden laſſen, als Gouverneur der oſtindiſchen Geſellſchaft ᷣ 55 2 15 nach Balanbangan, einer kleinen Inſel nordöſtlich von Borneo, zur Begründung einer Niederlaſſung zu gehen, und warb Forſtern zu ſeiner Begleitung an. Zu der⸗ gleichen war dieſer gar ſchnell entſchloſſen. Kaum aber war er gegen Ende des Jahres 1770 nach London ge⸗ eilt, ſeine Zurüſtung zu machen, als das Unternehmen Dalrymples ſich zerſchlug. Forſter, der ſeinen Erwerb in Warrington abgebrochen, entſchloß ſich nun, in London zu bleiben, und nahm ſeine Familie zu ſich. Gar bald aber gerieth auf den hohen Wogen des londner Lebens die Familie mit 7 Kindern, bei unſtätem Erwerb und unſichern Einnahmen, in beängſtigendes Schaukeln. Da wurde denn wieder zur überſetzenden Feder gegriffen. Sie gab das ſchwache Ruder ab, um das ſchmächtige Fahrzeug des Hauſes über Waſſer zu halten, nachdem das ſtolze Steuer einer Weltfahrt ge⸗ ſunken war. Auch Georg wurde an dies Ruder zurück⸗ genommen, und der Vater verſprach ſich nun wieder mehr von den Wiſſenſchaften, als von der Krämerwage für den Sohn und die Familie. Unter dieſem Kampfe mit häuslichen Sorgen und Entbehrungen erreichte Georg ſein ſiebzehntes Jahr. Schon als Knabe zum Ernſt höherer Jahre durch Noth und Miterwerb gezogen, hatte er unvermerkt das Alter überſchritten, in welchem für andre Kinder die Confir⸗ mation eine feſtlich geſchmückte Stufe des Übergangs zu einem Lebensberufe zu legen pflegt, und der Pfarrersſohn überging ſogar das Abendmahl. Der alte Forſter, wenn auch kein eifriger Pfarrer, war doch nicht ohne Religio⸗ ſttät, ja er war ein eifriger Proteſtant. Allein ſein unruhiges Herz, ſein umtreibender Sinn und wechſelnder Aufenthalt verſäumte jenen feierlichen Lebensmoment. Die bo Hauslichkeit, möchte man ſagen, war zu ſaftlos, und 3 wurzelte zu unſtät, um ſolch' eine Blüthe des Familien⸗ d lebens zu treiben. 4 ſt Für den jungen Forſter ſelbſt war indeß der eng⸗ n liſche Boden nichts weniger als unfruchtbar. Bei ihm, S der ſeine ganze Geiſtes⸗ und Gemüthsentwicklung nicht b auf den Schulbänken empfing, ſondern unmittelbar aus ¹ den Darbietungen, Wechſeln und Prüfungen des Lebens nahm, iſt der Aufenthalt in England gerade zu jener d Zeit und in ſeinem Alter nicht zu überſehen. Er bildete ſeine höchſte Schulclaſſe, eine wahre Selecta, deren Ver⸗ ſtändniß ohne Zweifel ein auf das öffentliche Leben ſo f geſpannter Vater vermittelte. Die practiſche Richtung jenes Volkes im täglichen Leben, die geſteigerte und 4 r ſchwungvolle Betheiligung deſſelben an der Welt verſte⸗ hen ſich in ihrem Einfluß auf die Entwicklung des Ver⸗ ſtandes und Auffaſſung des Lebens von ſelbſt. Wenn überdies aber der junge Forſter in ſeinen männlichen Jahren ſich durch politiſchen Blick, ſtaatsmänniſches Ur⸗ theil und lebendigen Freiheitsſinn, ſo wie durch die Denkungsart auszeichnete, die damals in Deutſchland ſo neu war und leider! noch iſt, wie das von ihm ſelbſt eingeführte Wort»Gemeingeiſt:« ſo deutet dieſe eigen⸗ thümliche Bildung auf jene Jahre zurück, die für Eng⸗ land ſelbſt eine Periode der innern Entwicklung be⸗ ſ zeichnen.— Wir dürfen uns nur erinnern, daß Forſters londner Aufenthalt unter die Regierung Georg's des Dritten 17 fiel, jenes beſchränkten, ehrbaren Mannes, der von ange⸗ borner Fürſtengewalt und Gottesgnadenmacht die aller⸗ deutſcheſten Begriffe hatte. Hierin beſtärkte ihn ſeine deutſche Mutter, unterſtützt von ſeinem Miniſter, dem ſchottiſchen Lord Bute, dem bekanntlich als großem Bo⸗ taniker die hohe Frau ſich gern nach dem Linnéſchen Sexualſyſtem offenbarte. Solche Grundſätze, da ſie durch bereitwillige Miniſter und gewonnene Parlamente in's Leben eingriffen, waren ganz gemacht die demokratiſchen Elemente im Volke aufzuregen, und die kühnſten Angriffe der Preſſe hervorzurufen. Revolutionäre Zuckungen er⸗ folgten, die zwar in England ſelbſt, auch bei längerer Dauer, nichts umſtürzten, jedoch den Abfall der ameri⸗ kaniſchen Colonien veranlaßten. Denn indem ſich die Machtvollkommenheit des Königs durch das Beſteuerungs⸗ recht in jenen Colonien geltend machen wollte, führte es durch den Widerſtand derſelben den verhängnißvollſten Sieg der Volksherrſchaft herbei. Wir erinnern uns zweier demokratiſchen Geſtalten und eines ariſtokratiſchen Geſpenſtes, die in jenen folgereichen Bewegungen erſchie⸗ nen und ſie machen halfen. Zuerſt jener Wilkes, Redac⸗ teur des»Nordbritten,« mit beißend boshafter Feder die Miniſter angreifend, mit denen er einſt leichtfertig gelacht und liederlich geſchwärmt hatte. Ein langjähriger Pro⸗ ceß ſpann Verfolgungen, die nur noch gefehlt hatten, um einem ſo verwerflichen, nichtswürdigen Manne in den Augen des Volkes Anſehn und Anhang zu verſchaffen. Volk und Miniſterium riſſen ſich um ihn,— jenes, um ihn mit Siegesjubel gelungener Wahl in's Parlament zu führen, dies, um ihn als Verbrecher in Kingsbench ein⸗ 18 zuſtecken. Die Miniſter ließen unter die ſtürmende Menge feuern, das verhetzte Volk feierte dagegen tolle Revolu⸗ tionsfeſte. Die andere Geſtalt war Benjamin Franklin, als Agent ſeines amerikaniſchen Vaterlandes wiederholt und auf Jahre in London erſchienen. Zwiſchen den Mini— ſtern und dem Volke ſtand der wunderbare Mann da— in Beiderwand, innerlich als Diplomat, äußerlich als⸗ Moraliſt, von oben als Orakel befragt, von unten als⸗ Abgott der Freiheit verehrt. Er war ganz der practiſche, aus Armuth und Jugendausſchweifungen wohlhabend und ehrbar hervorgegangene Amerikaner, der zur Schwärme⸗ rei der Menge lächeln, und aus der Verlegenheit der Miniſter Nutzen ziehen konnte; der für Mittel und Wege zu einem erwünſchten Zweck und Ziel die ſchlauen Augem offen hatte, zur rechten Zeit aber auch eines davon zu⸗ drücken konnte. 4 Und endlich meinen wir mit der dämoniſchen Er⸗ ſcheinung den noch immer unenthüllten»Junius)« der mit ſeinen vielbeſprochnen Briefen ſeit Januar 1769 den politiſchen Brand vollends in Flammen ſetzte, und durch alle Claſſen der Geſellſchaft verbreitete. Dies Product der Preſſe gilt durch unübertrefflichen Stil, Gewalt der Rede, durch ſchonungsloſe Bitterkeit und Schärfe der Wahrheit für unvergleichlich. Der unerrathne Verfaſſer verrieth die genauſte Bekanntſchaft mit dem Hof und dem hohen Leben, mit den Verhältniſſen der öffentlichen Per⸗ ſonen, wie mit der Verfaſſung und den Geſetzen Eng⸗ lands. Ohne Zweifel Ariſtokrat von Geburt, mochte er ernſtlich für Recht und Freiheit eifern, oder auch nur die Mengt devolu⸗ n, als lt und Mini⸗ da— ich als ten als⸗ attiſche, nd und värme⸗ eit der Wege Augen on zu⸗ hen Er⸗ 3)« der 69 den durch Product alt der rfe der erfaſſer nd dem en Per⸗ en Eng— ſochte er nur die 19 demokratiſche Bewegung des Augenblicks gegen den König und die Miniſter benutzen: jedenfalls legte er die Grund⸗ elemente der Volksherrſchaft in der engliſchen Verfaſſung auf neue, ſchlagende Weiſe zu Tage. In ſeinen Briefen wetterleuchtet zwei Jahrzehnte voraus die franzöſiſche Re⸗ volution mit jenen Ideen von Gleichheit vor dem Geſetze, Freiheit des Wortes und des Erwerbs, Brüderlichkeit in den Anſprüchen an den Staat und an die Geſelſſchaft, Ausgleichung zwiſchen Armuth und Überfluß, zwiſchen Rechten und Laſten,— Gedanken die in ihrer Bettler⸗ geſtalt verachtet oder verlacht, unter Wechſelſtößen von Volksaufſtänden und Reactions⸗Niederſchlägen doch un⸗ aufhaltſam gegen den Thron der Zukunft vordringen. Wir haben flüchtig auf jenes eigenthümlich durch⸗ wirkte Stück engliſchen Lebens hingewieſen, nur um an die Lehren und Lectionen zu erinnern, von denen Forſter ſeine politiſche Bildung und Geſtnnung nachmals nach Deutſchland mitbrachte. Dabei iſt es vielleicht nicht ohne Bedeutung für das ganze Leben Forſters, daß er in keiner glücklichen Familie aufwuchs, und es ſelbſt zu keinem ungeſtörten Familienglück brachte. Das Haus iſt die Hülſe für die Liebe zum Beſtehenden. Wo ſie ver⸗ morſcht, gewinnt das öffentliche Leben Einfluß und weckt das Bedürfniß zu Umwandlungen oder Umſtürzen deſſel⸗ ben. Die Witterungswechſel der Zukunft krampfen in gedrückten Herzen, und werden ahnend voraus empfun⸗ den. Und ſo begreift man, daß eben das Proletariat ſtets im Vortrab der Revolutionen gefunden wird. Weltfahrt. War nun durch den Anblick ſo lebhafter Volks⸗ bewegungen um die Frage der öffentlichen Freiheit dem jungen Forſter das innere Verſtändniß ſo früh erweckt: ſo ſollte demſelben auch der Anblick des weiteſten Welt⸗ und Naturlebens ſchon im erſten Jünglingsalter beſchie⸗ den ſein. Auch läßt es ſich einigermaßen in der Ord⸗ nung finden, daß einem ſo ungewöhnlichen Lehrling des Lebens ebenwohl eine außergewöhnliche Wanderſchaft als beſondere Gunſt verhängt war. Von einer andern Seite erſcheint auch der junge Georg einer edlen Frucht ver⸗ gleichbar, die der weiten Überfahrt halber, für welche ſie beſtimmt iſt, vor vollendeter Reife gebrochen wird. Sein körperliches Wachsthum hatte ſich verſpätet, ſeine Geſundheit nicht befeſtigt in dem Grade, als ſeine Gei⸗ ſteskräfte zu früh getrieben, ſein Gemüth durch Mitſorge gedrückt worden. So ſollte er nun zur See mitgenom⸗ men werden, und die Hut des Hauſes mit einem mehr⸗ jährigen Ocean vertauſchen. Im Jahre 1772 ward dem Vater Forſter der An⸗ trag gemacht, den Capitain Cook auf einer zweiten Ent⸗ deckungsreiſe als Naturforſcher zu begleiten. Cook war eben mit dem Schiff»Endeavour« nach England zurück⸗ gekehrt, und erhielt neue Anweiſungen zu weitern Erfor⸗ ſchungen und Unterſuchungen im Südmeer und gegen den Südpol. Zwei tüchtige Schiffe, die»Reſolution« und die»Adventure,« wurden dazu gerüſtet. Forſter, Volks⸗ eit dem erweckt: n Welt⸗ beſchie⸗ er Ork⸗ ling des haft als en Seite cht ver⸗ rwelche en wird. et, ſeine eine Gei⸗ Mitſorge nitgenom⸗ m mehr⸗ der An⸗ ten Ent⸗ Cook war d zurück⸗ rn Erfor⸗ nd gegen eſolutione Forſter, ſtets von raſcher Reſolution, wo es um Abenteuer galt, nahm den Antrag unter der Bedingung an, ſeinen Georg als Gehülfen mitzunehmen. Seiner übrigen Familie ſicherte er durch Anweiſung eines Theils ſeines eben nicht übermäßigen Gehaltes ein dürftiges Zurückbleiben. Vater und Sohn rüſteten ſich in Eile zu dem wich— tigen Vorhaben, und ſchickten ihr Reiſegeräth innerhalb 9 Tagen an Bord der Reſolution, die damals noch bei Sheerneß lag. Georg vergaß dabei nicht ſeines kleinen Schreibſchrankes von Nierenbaumholz(Acajou), eines Möbels, das ihn auf der Fahrt um die Welt und nach⸗ her auf allen Lebensſtationen begleitete. Am 26. Juni verließen ſie London, und kamen in zwei Tagen nach Plymouth, wo in der Nacht vom 2. zum 3. Juli die „»Reſolution« vor Anker legte. Cook fand noch manche Vorkehrungen zu treffen; ſo daß erſt am 13. das Schiff in Begleitung der»Adventure,« Capitain Furneaux, ab⸗ ſegelte. Georg»kehrte noch einen Abſchiedsblick gegen Eng⸗ lands fruchtbare Hügel zurück, und ließ dem natürlichen Gefühl der Verbindungen, woran ihn dieſe Ausſicht erin⸗ nerte, freien Lauf; bis endlich die Heiterkeit des ſchönen Morgens und die Neuheit der Fahrt durch die glatte See die Oberhand gewannen, und jene trüben Gedanken zerſtreuten.« Dieſe Abſchiedsworte Forſters von Europa ſind aus ſeiner eignen Erzählung jener Fahrt um die Welt in den Jahren 1772 bis 1775 genommen. Sie iſt in den beiden erſten Bänden ſeiner geſammelten Schriften ent⸗ halten. Wir folgen ihm hier nicht auf dieſer dreijährigen Wanderfahrt auf dem Südmeere, das Cook nach allen Richtungen durchkreuzte. Wir verweiſen auf Forſters eigne Erzählung, und füllen dieſe Lücke der Lebensge⸗ ſchichte mit einigen Bemerkungen aus.— Die Entdeckungen die ſie machten, die geographiſchen Vermuthungen die ſie darauf ſtützten, ſind von ſpätern Seefahrern überboten und berichtigt worden. Aber die Erlebniſſe und Abenteuer, die Arbeiten und Forſchungen, die Leiden und Freuden, Gewinnſte und Folgen der Fahrt haben in der einfach⸗ehrlichen, anſpruchslos⸗ausführlichen Erzählung des jungen Forſter kaum von ihrem geſchicht⸗ lichen Werth und noch weniger von ihrem unterhaltenden Reize verloren. Seine Auffaſſung des fremden und da⸗ mals noch ſo neuen Natur- und Menſchenlebens iſt ſo unbefangen und ohne europäiſche Voreingenommenheit, daß man ſich ganz heimiſch in ſolcher Ferne und wie aus einer ungetrübt friſchen Granitquelle erquickt fühlt. Die hier und da eingeſtreuten Betrachtungen erinnern zuweilen wohl an die Jugend des Erzählers, nöthigen uns aber noch öfter eine Anerkennung ſeines für dies Alter ſo tief eindringenden Geiſtes ab. Wir erkennen eine ernſte, empfängliche Seele, die durch den Anblick paradieſiſcher Natur und urſprünglicher Menſchheit im Vergleiche mit den Kulturzuſtänden unſerer Entwicklung ſich in Begriffen erweitert, an Sympathien bereichert findet. Sein Urtheil erobert neue Meſſungsfelder, ſein Herz zieht neue Saiten menſchlicher Theilnahme auf. Und hierin gerade machte Forſter den Hauptgewinn für ſeine eigne Ausbildung. Welche glückliche Fügung kehl üb die dur geſ und Ci lar ſat kra vb gel ſch eir ihrigen hallen korſters bensge⸗ bhiſchen ſpäͤtern lber die hungen, r Fahrt hrlichen eſchicht⸗ ltenden nd da⸗ iſt ſo nenheit, nd wie t fühlt rrinnern öthigen ir dies rkennen Anblick eit im vicklung ereichert er, ſein nuf. tgewinn Fügung für ihn gerade in einer Zeit überſpannter und oft ver⸗ kehrter Beſtrebungen, da die Einen in rouſſeau'ſchem Überdruß nach Rückpfaden zum Naturſtand umblickten, die Andern gerade auf den Abwegen der modernen Bil⸗ dung nicht raſch genug vorwärts kommen konnten. Sein geſunder Sinn ſuchte nach einem Durchſchnitte der Kultur und der Natur im Völkerleben. Die Faulflecken der Cioiliſation, früh genug von ihm in Rußland und Eng— land durchſchaut, beirrten ſein Auge nicht, um die An— ſätze der, wie es ſcheint, unvermeidlichen Entwicklungs⸗ krankheiten der Menſchheit nicht auch ſchon am Kindes⸗ völkchen auf den Südſee⸗Inſeln zu entdecken.— Wir geben einige Proben dieſer Anſätze aus der Reiſebe⸗ ſchreibung. Wenn Cook nach einigem Aufenthalt auf Tahiti bei einer Audienz unter freiem Himmel dem König Aheatua ein Stück rothen Boi, ein Betttuch, eine breite Zimmer⸗ axt, ein Meſſer, Nägel und Corallen überreicht, das umherſtehende braun⸗nackte Völkchen darüber ſein ſtau⸗ nendes»Au⸗wäh« jubelt, aber ſo wenig in allertiefſter Ehrfurcht erſtirbt, daß des Königs Leute mit Stöcken und»Manu«⸗Ruf Ruhe und Stille ſchaffen müſſen; wenn der König dann als Entgegnung dem Schiffvolke Cook's auf den andern Tag Schweine zu ſchicken ver⸗ ſpricht: wie einfach erſcheint dieſer diplomatiſche Verkehr! Und doch findet Forſter ſchon zu bemerken:»Wir rech⸗ neten nicht darauf; denn ſo wenig Klein⸗Tahiti als ein hochverfeinerter Staat angeſehen werden kann, ſo hatten wir doch ſchon gefunden, daß ſich von der thätigen Gut⸗ herzigkeit, welche uns der Mittelſtand durch Gaſtfreibeit und eine Menge dienſtfertiger und edler Handlungen bezeigte, im geringſten nicht auf die Denkungsart des Hofs und der Hofleute ſchließen laſſe.«— Alſo ſchon Mittelſtand und Hofleute!— Die tahitiſchen Schweinchen bloß mit Früchten ge⸗ füttert, waren freilich ſo ſelten als lecker, und Forſter erzählt weiter: »Man ſchlachtet nur ſelten welche, ja vielleicht nie anders, als bei feierlichen Gelegenheiten; aber dann ver⸗ ſchlingen die Vornehmen das Fleiſch auch mit eben ſo viel Gierigkeit, als die Aldermen von London bei einem guten Schildkrötenſchmauſe bezeigen ſollen. Der gemeine Mann bekommt äußerſt ſelten davon zu koſten, ungeach⸗ tet gerade dieſe Claſſe des Volkes die Mühe allein auf ſich hat, ſie zu warten und zu mäſten.« Alſo wirkliche Schweinfütterungs⸗Frohnden?— So ſchwer es den Reiſenden ward, ſich mit ihrer mangelhaften Sprachkenntniß Einſicht in die religiöſen Vorſtellungen und Gebräuche zu verſchaffen: ſo waren ſie doch auf Spuren von Menſchenopfern gekommen, un⸗ begreiflich von einem ſo ſanften, gutherzigen Völkchen, wie auf Tahiti! Cook hatte aber herausgebracht, daß nur bei erſchienenen Übelthaten und Laſtern Menſchen zum Opfer verurtheilt wurden. Es war mithin ein religiöſes Strafgericht über das Volk verhängt. Und wer war Richter?»Der Mann, heißt es, den ich hier⸗ über befragte, gab ſich Mühe die ganze Ceremonie zu beſchreiben. Seiner Ausſage zufolge kommt es bloß auf den Hohenprieſter an, wen er zum Opfer wählen will. Wenn das Volk verſammelt iſt, geht er allein in das er wi Gott ſchen namne lich gehä zut geſe ſter, der beide vie der die gar An. henn türl geitg und Neu eine tige den lau ſo ungen rt des en ge⸗ Forſter icht nie un ver⸗ eben ſo ieinem gemeine ngeach⸗ in auf it ihrer eligiöſen waren een, un⸗ ölkchen zt daß denſchen zin ein Und ich hier⸗ onie zu es bloß 3 wählen allein in — das Haus Gottes, und bleibt da eine Zeitlang. Sobald er wieder heraustritt, verkündet er, daß er den großen Gott geſehen und geſprochen, und daß dieſer einen Men⸗ ſchen zum Opfer verlangt habe. Er ſagt ihnen dann namentlich, wen das traurige Loos getroffen. Vermuth⸗ lich fällt aber die Wahl auf Jemand, der dem Prieſter gehäſſig iſt.«— Wenigſtens möchte einem Manne nicht unbedingt zu trauen ſein, der dem Volke weis macht, die Gottheit geſehen zu haben. Wir wiſſen ja, daß König und Prie⸗ ſter, Kopf und Herz der Völker, als die Hauptorgane der Entwicklung des geſellſchaftlichen Lebens hervortreten, beide nicht ſelten einander hemmend und widerſtrebend, wie bei uns Kaiſer und Papſt. Wie viel Kopf⸗ und Herzweh hat nicht die Menſchheit zu überwinden! Selbſt die Leiden der Ernährung, der Volkswirthſchaft, rühren gar oft nur von Störungen durch jene Organe her. Armes Deutſchland zumal, das von ſo vielen Kopfleiden heimgeſucht wird, und deſſen eine Herzkammer widerna⸗ türlich verſetzt,— ultramontan iſt! Wir ſchließen mit einer tiefſinnigen und nicht un⸗ zeitgemäßen Betrachtung des jungen Forſter über Recht und Rache. Bei Gelegenheit der Erzählung, wie die Neuſeeländer früher im Streite mit gelandeten Franzoſen eine wahrſcheinlich vorausgegangne Verletzung durch blu⸗ tige Grauſamkeit gerochen hatten, philoſophirt er: »Wir werden geboren, unſere abgemeßne Zeit auf dem Erdboden zu durchleben; will Jemand vor dem Ab⸗ lauf dieſer Zeit unſerm irdiſchen Daſein ein Ziel ſetzen, ſo können wir es als ein Vergehen gegen die Geſetze des 2* 26 Schöpfers anſehn. Dieſer verlieh uns die Leidenſchaften gleichſam zur Schutzwehr, und beſtimmte den Trieb der Rache vorzüglich zur Abwendung aller gewaltſamen Un⸗ terdrückung. Der Wilde fühlt dieſes, und eignet ſich ſelbſt das Recht zu, Beleidigungen zu rächen; dahinge⸗ gen in der bürgerlichen Geſellſchaft gewiſſen einzelnen Perſonen ausſchließenderweiſe die Macht anvertraut und zugleich die Pflicht auferlegt iſt, alles Unrecht zu rügen. Indeß iſt dieſe Art das Recht zu handhaben auch in den geſitteten Ländern Europas nicht immer und nicht auf alle Fälle hinreichend. Wenn z. B. dieſer Gewährsmann der öffentlichen Ruhe, dieſer allgemeine Rächer des Un⸗ rechts, ſeinen eignen Arm gegen die geheiligten Rechte des gemeinen Weſens aufhebt, müſſen alsdann nicht alle bürgerlichen Verbindlichkeiten aufhören, muß nicht ein jeder ſeine eignen natürlichen Rechte ſelbſt verfechten, und die Leidenſchaften, als den urſprünglich angebornen Mitteln zur Selbſterhaltung, wieder freien Lauf geſtat⸗ ten?«— Dies publiciſtiſche Raiſonnement eines jungen Men⸗ ſchen wird unſere gewiegten Staatsmänner nicht beun⸗ ruhigen. Oder hätten ſie es denn nicht durch jüngſte Thatſachen gründlich und glücklich genug widerlegt, wo immer ſie»den gegen die geheiligten Rechte des gemei⸗ nen Weſens aufgehobenen Arm des Gewährsmannes der öffentlichen Ruhe« mit Bajoneten unterſtützten?—— Im übrigen war Forſter's Wanderſchaft,— wie dies auch bei andern wandernden Geſellen vorzukommen pflegt,— nicht ganz frei von den Widerwärtigkeiten der Lehrjahre. Georg blieb auch zu Schiffe immer noch der Sohl forſch er ne dieſer ſtellt Weſ tain ſein ſtra Gec wege haften b der n Un⸗ t ſich hinge⸗ gelnen t und rügen, in den ht auf smann ss Un⸗ Rechte mnicht jnicht fechten, wornen geſtat⸗ Men⸗ beun⸗ hüngſte t, wo gemei⸗ nes der — wie kommen iten der noch der Sohn eines reizbar jähzornigen Vaters, ja für die Natur⸗ forſchung deſſen Gehülfe. Zu dieſer Unterwerfung hatte er noch die Pein für ein kindliches Herz zu erleben, daß dieſer zufahrige Vater, ſelbſt unter ſo ſtrenge Zucht ge⸗ ſtellt, wie ſolche zur See geſetzlich iſt, ſeines anmaßlichen Weſens ſo wenig Herr werden konnte, um ſich dem Capi— tain Cook zu unterwerfen, daß dieſer ſich genöthigt fand, ſein Amtsanſehen gegen den widerſetzlichen Untergebnen mit ſtrafender Strenge geltend zu machen. Da mußte denn Georg im bitterſten Gedränge ſeines Herzens, ſowohl wegen der Gunſt, worin er bei Cook ſtand, als wegen des Zwangs den gegen dieſen ſein Vater ſich anthun mußte, auf deſſen doppelt üble Laune ſich täglich gefaßt halten. Ein körperliches Übel kam dazu. Der umſichtigſten Vorkehrungen Cook's ungeachtet riß unter ſeinen Leuten die Krankheit des Scorbuts ein. Georg, noch nicht befeſtigt in ſeiner Conſtitution und daher für die Ein⸗ flüſſe des Lebens zur See deſto empfänglicher, blieb nicht verſchont. Das Übel befiel ihn bei der erſten Ankunft auf Tahiti, und nahm auf der zweiten Fahrt in die ſüd⸗ liche Breite von Neuſeeland nach Oſtereiland bei ihm, wie beim Schiffsvolke, überhand. Er hatte empfindliche Schmerzen, blaue Flecken, faules Zahnfleiſch und ge⸗ ſchwollene Beine. Ehe er ſich nur für eigentlich krank halten wollte, war er in wenig Tagen völlig herunter gebracht. Durch möglichſte Enthaltſamkeit vor ungeſun⸗ den und ungünſtigen Speiſen war ſeine Verdauung ſo geſchwächt, daß er die gegen die Krankheit mitgenommene 28 Bierwürze nicht in hinreichender Menge zu ſich nehmen, und das Übel dadurch mindern konnte. So brachte er aus dem paradieſiſchen Tahiti ein Erbleiden mit, das in wechſelnden Geſtalten von Hypo⸗ chondrie, Rheumatismen, gefährlichen Koliken ihn nicht mehr verließ, und zu fortwährender Diät, Mäßigkeit, Sorgfalt und Reinlichkeit in Kleidung und Wohnung nöthigte. Am 30. Juli 1775 erreichte das rückkehrende Schiff, auf welchem ſich Forſter befand, zwiſchen der Inſel Wight und den fruchtbaren Ufern von Hampſſhire hinlaufend, Spithead, wo es gegen Mittag die Anker fallen ließ. Alle Linien ihres verſchlungnen Laufs zuſammen gerech⸗ net, hatten ſie nach Meilen eine Bahn von mehr als dreimal den Umkreis der Erde durchlaufen. Wie waren ſie von den großen und merkwürdigen Begebenheiten überraſcht, die ſich während ihrer Abweſenheit in Europa zugetragen!»Ein junger Held hatte mit Guſtav Wa⸗ ſa's Geiſte Schweden vom Joche der ariſtokratiſchen Ty⸗ rannei befreit. Die finſtre Barbarei, die ſich in Oſten von Europa und Aſien, ſelbſt gegen Peters herkuliſche Kräfte zu erhalten gewußt, war entflohn vor einer Für⸗ ſtin, deren Gegenwart, ſo wie das Wunder am nordiſchen Himmel, mit Lichtſtrahlen die Nacht in Tag verwandelt. Endlich nach den Gräueln des bürgerlichen Kriegs und der Anarchie hatten die größten Mächte in Europa ſich vereinigt, den langerwünſchten Frieden in Polen wieder herzuſtellen, und Friedrich der Große ruhte von ſeinen und opferte den Muſen im Schatten ſeiner Siegen, Lorbern, ſelbſt von ſeinen ehemaligen Feinden bewundert und die Men dige nere hmen i ein ype⸗ nicht igkeit, hnung Wight ufend, ließ gerech⸗ r als waren nheiten Luropa Wa⸗ en Ty⸗ Oſten kuliſche Für⸗ diſchen andelt 8 und pa ſich wieder ſeinen ſeiner wundert 4 22 und geliebt. Das waren große, unerwartete Ausſichten, die uns auf einmal eröffnet wurden, die das Glück der Menſchheit verſprachen und einen Zeitpunkt zu verkün⸗ digen ſchienen, wo das menſchliche Geſchlecht in erhab⸗ nerem Licht als je zuvor erſcheinen wird.« Schulden und Güſte. Mit dieſem Fernblick eines edeln, ſchwärmenden Her⸗ zens kehrte Georg bei der Mutter und den Geſchwiſtern ein. Vielleicht fand er, beſonders anfangs, das Haus nicht zu enge, den Tiſch nicht zu einfach: ein mehrjähri⸗ ger Aufenthalt zu Schiffe war eben nicht gemacht gewe⸗ ſen, um ihn zu verwöhnen. Aber die Sorge wohnte mit im Hauſe, und bald ſollten andre Mißhelligkeiten dazu kommen. Die wiſſenſchaftliche Ausbeute der Weltfahrt, ja die unterhaltenden Nachrichten von derſelben erſchienen ſo viel⸗ verſprechend, daß Vater Forſter ſich ungeſäumt d'ran begab, ſie der Welt mitzutheilen. Hiermit gerieth er aber an den Widerſpruch der Admiralität. Dieſe hielt ſich an den von ihm eingegangnen Vertrag, nach welchem keine Reiſenotizen veröffentlicht werden durften, bevor nicht die Regierung die ſämmtlichen wiſſenſchaftlichen Er⸗ gebniſſe der auf ihre Koſten geſchehenen Reiſe bekannt 5 30—„ gemacht habe. Dafür ward Forſtern von dem Ertrage des mit koſtbaren Kupfern nach den Zeichnungen des mitgereiſ'ten Malers zu veranſtaltenden Werks ein An⸗ theil zugeſagt. Forſter verſuchte nun ſtatt wiſſenſchaft⸗ licher Mittheilungen eine bloße Reiſebeſchreibung; aber die Admiralität wies eine ſolche im Vertrag nicht als Ausnahme erwähnte Erzählung ab. Darauf beſchränkte ſich Forſter auf ſogenannte philoſophiſche Bemerkungen; doch auch dieſe wurden verworfen, und das dem Ver⸗ faſſer gegebene Verſprechen eines Theils der Kupferplat⸗ ten zurückgenommen. Wie viel hierbei von der einen und andern Seite gefehlt oder geirrt worden; ob die Regierung Forſtern getäuſcht, oder dieſer ihr ungebührlich getrotzt habe, läßt ſich nicht auf's Genauſte ermitteln. Auch können wir es hingeſtellt ſein laſſen, ſoweit es unſern Georg Forſter nicht betrifft. Dieſer ſtand mit entſchiedner Mißbilligung gegen die Lords der Admiralität auf ſeines Vaters Seite, und wir vertrauen ſeinem Rechtsgefühl und ſeiner Ehr⸗ lichkeit. Glücklicherweiſe war er ſelbſt im Vertrage nicht mit einbegriffen, und nahm alſo um ſo weniger Beden⸗ ken, aus ſeinen eignen ſorgfältigen Aufzeichnungen eine engliſche Reiſebeſchreibung in zwei Quartbänden abzu⸗ faſſen, und zwei Jahre nach der Rückkehr herauszugeben. Aus dieſer iſt die nachmalige deutſche Ausgabe hervorge⸗ gangen. Georg blieb dieſes Unternehmens wegen nicht un⸗ angefochten; da man ihn nicht für den Verfaſſer, ſondern für ſeines Vaters Beiläufer anſah. Er ward dadurch in einen Flugſchriftenkampf, beſonders gegen den Angriff eines gewiſſen Wales verwickelt; worin er ſich wacker genu nach der Forf ſpro⸗ Deu und Vo⸗ Del in! feier ſter Kün ſche ſen Se it Del For erſt ten. von Gr. hiſe Kr. hat Ertrage eI des n An⸗ ſſchaft⸗ aber ht als hrankte ungen; n Ver⸗ ferplat⸗ Seite orſtern laßt wir Jorſter Uigung Seite, r Ehr⸗ 2 nicht Beden⸗ aeine abzu⸗ geben vorge⸗ ht un⸗ ondern urch in Angrif wacker genug finden ließ, gelegentlich auch einige Seitenhiebe nach Göttingen hinüber gegen Profeſſor Meiners führte, der ſich in öffentlichen Blättern gegen das Recht beider Forſter zur Herausgabe einer Reiſebeſchreibung ausge⸗ ſprochen hatte. Mit dieſem Werke, aus welchem die Tageblätter in Deutſchland Auszüge gaben, verbreitete ſich Georg's Name und Ruf in ſeinem Vaterlande. Das Buch war ſein Vorläufer, der ihm, dem jungen und für die damaligen Deutſchen von Meerwundern umwitterten Weltumſegler in hohen und niedern Kreiſen eine dort freundliche, hier feierliche Aufnahme bereitete. Indeß ließ dieſer fernhin leuchtende Ruhm das For— ſter'ſche Haus zu London im Dunkel von Noth und Kümmerniſſen zurück. Die Familie war erwachſen; doch ſcheint außer Georg keines der Kinder im Stande gewe⸗ ſen zu ſein, mitſchaffend und erwerbend an des Vaters Seite zu treten. Näheres aus dieſer ſorgenvollen Zeit iſt nicht aufbewahrt. Wir wiſſen nur, daß doch reiſende Deutſche, ſelbſt aus höhern Kreiſen, dem Sterne des Forſter'ſchen Namens folgend, die dunkle Wohnung der erſten deutſchen Weltumſchiffer in Percysſtreet aufſuch⸗ ten. Wir wiſſen es ganz beſtimmt vom Fürſten Franz von Deſſau. Dieſer, von durchaus anderm Naturell, als ſein Großvater, der humoriſtiſche Tyrann und berühmte preu⸗ ßiſche Feldherr, war nach ein paar Jahren preußiſchen Kriegsdienſtes früh zur Regierung berufen worden, und hatte ſie mit Opfern angetreten; indem er ein reiches Erbe und ſelbſt ſein Silbergeſchirr zur Deckung der 32 Kriegslaſten und Kriegsſteuern ſeines Landes darbrachte. Mit eingetretenem Frieden holte er die Schule des Rei⸗ ſens nach. Er beſuchte Italien, Frankreich, Holland und England, knüpfte gern mit Gelehrten und Künſtlern an, und ließ den dadurch neu erworbenen Reichthum von Welt- und Menſchenkenntniß, von Einſicht in Kunſt und Gewerbe abermal ſeinem Lande durch Förderung und Verſchönerung deſſelben zugutekommen. Bei jenem Be⸗ ſuch Englands ſprach er im Forſter'ſchen Hauſe ein, empfing belehrende Mittheilungen der Weitgereiſ'ten, und ließ ſich kleine Geſchenke von Tahitiſchen Stoffen und Arbeiten der Wilden gefallen. Es wird ſich ſpäter zei⸗ gen, daß er doch auch manchen Blick in die bedrängte Lage der Familie gethan haben mochte. Indeß brachte zu jener Zeit Georg noch die Mittel zu einem Ausfluge nach Paris auf. Es war im October 1777. Sein oder wohl ſeines Vaters Zweck mag gewe⸗ ſen ſein, einen Theil der von den Südſee⸗Inſeln mitge⸗ brachten Seltenheiten in Paris zu verwerthen, und zu verſuchen, ob etwas mit einer franzöſtſchen Ausgabe ihres Reiſewerkes zu machen ſei. Unter Forſter's Papieren haben ſich Tagebuchsbe⸗ merkungen über dieſe Reiſe vorgefunden, in der heiterſten Stimmung niedergeſchrieben, und wahrſcheinlich als Rück⸗ fracht für ein engliſches Journal beſtimmt. Wir wiſſen wenigſtens, daß er auch ſchon früher kleine Arbeiten in Journale und ſogenannte Magazine gegeben hatte. Jenes Tagebuch iſt weiter nicht bekannt geworden, und man weiß nur Einzelnes daraus. So, daß er einmal mit Franklin zu Tiſche geladen war. Der heitere Greis, Mittel ctober gewe⸗ mitge⸗ nd zu ihres chsbe⸗ terſten Rück⸗ viſſen en in Jenes man al mit Greis 33 „der ehrwürdige Philoſoph der weſtlichen Welt« in hell⸗ grauem Anzug erzählte über Tiſch luſtige Geſchichtchen, bis er zu ſeinem Mittagsſchläfchen ging. Auch den gro⸗ ßen Naturforſcher Büffon beſuchte Georg und gewann eine zweiſtündige Unterhaltung mit demſelben; ſo wie er denn auch mit den Akademikern Le Roy, Sage und d'Aubenton angenehm verkehrte. Mit bedeutenden Hülfsmitteln für das Haus ſcheint indeß der junge Freund nicht zurückgekommen zu ſein. Vielmehr traten des Vaters Gläubiger immer drängen⸗ der, drohender auf. Denn die Familie lebte ſeither, wenigſtens theilweiſe, vom Borg. Das Wenige was Georg's Reiſebeſchreibung eingebracht hatte, war bald verzehrt. Von Zeit zu Zeit, manchmal, wann eben die Noth am größten war, lief von dieſem oder jenem Fürſten, dem der ältere Forſter Seltenheiten der Südſee geſchenkt hatte, eine kleine Summe ein, freilich unzu⸗ reichend um neben dem täglichen Bedarf alte Schulden abzutragen. Unter dieſen Umſtänden entſchloß ſich Georg in Deutſchland Hülfe für den Vater zu ſuchen, irgend eine Stelle, wo der verzweifelnde Mann für die Seinigen einen Herd und für ſich ſelbſt Muth und Arbeit fände. Haus und Welt, die beiden Pole jedweden äußern Daſeins, erfaßten in ihrem anziehenden und abſtoßenden Wechſelwirken doch in eigenthümlicher Weiſe und Weite des jungen Forſter's Leben, um es kaum mehr zur Ruhe in ſich ſelbſt kommen zu laſſen. Heut' braucht er Geld, morgen vermißt er Freiheit, und dieſe beiden Pulſe 3 des Hauſes und der Welt bewegten ſein bald bedrängtes, bald ſchwärmeriſches Herz. Ehe Forſter London verließ, erſchien ein neuer Gaſt, der für ihn zu einer ſchönen und dauernden Lebensver⸗ bindung beſtimmt war. Ein gut und kräftig ausſehender junger Mann, am 18. Auguſt 1778 über Holland in London angekommen, trat als ausgezeichneter göttinger Student der Medizin und Naturwiſſenſchaften ſehr bald der Theilnahme beider Forſter näher. Er hieß Thomas Sömmering, und da er zu Thorn im polniſchen Preußen geboren war, wurde er auch als engerer Landsmann begrüßt. Kaum anderthalb Monate jünger als Georg, ſchloſſen beide ſich als gute Geſellen an einander, beſahen zuſammen die Merkwürdigkeiten der Stadt und der Um⸗ gegend, machten Ausflüge und trieben Botanik. Söm⸗ mering beſuchte die anatomiſchen Vorträge des berühmten John Hunter, dem er ſo wohl gefiel, daß ihn der artige und reiche Anatom gern zum Frühſtück bei ſich hatte. Daneben trieb er ſich mit dem jungen Meckel aus Berlin umher. Hatte er dann aber ſeinen Tag in dieſer Weiſe oder mit ſeinen Studien und in Übungen mit der Elec⸗ triſirmaſchine und mit Einſpritzen der Lymphgefäße zuge⸗ bracht, ſo verſäumte er keinen Abend das Forſter'ſche Haus in Percysſtreet. Er erzählte von Peter Camper in Holland und wie freundlich ihn der berühmte Mann bei ſeinen prächtigen Sammlungen von Skeletten empfan⸗ gen habe. Georg hatte die Abſicht, bei ſeiner Reiſe nach Deutſchland dieſen als Arzt, Wundarzt und Zergliederer, als Künſtler und Staatsmann ſo hervorragenden Men⸗ ſchen zu beſuchen; daher ihn alles von demſelben inter⸗ eſſirte daß nete hel einer daß meſſ ſtell tes ſich des auch ihm Forn klaͤre Geiſ 1obet⸗ r bald homas reußen mann Zeorg ſahen Berlin Weiſe Elec⸗ zuge⸗ er ſche mmper Mann 35 eſſirte. Am meiſten mußte es in Verwunderung ſetzen, daß dieſer Anatom nicht nur mit der Feder fertig zeich⸗ nete und in Oel malte, ſondern auch den Bildhauermei⸗ ßel zu führen wußte. Der Künſtler kann allerdings einer genauen Kenntniß des Knochenbaues nicht entrathen; daß aber derſelbe Mann, der mit dem Zergliederungs⸗ meſſer ein wirkliches Knochengerüſt entblößen und dar⸗ ſtellen kann, auch den Meißel in der Hand, ein gedach⸗ tes Skelet mit Marmor zu überfleiſchen verſtehe, mag ſich höchſt ſelten vereinigt finden. Aus dieſer Verbindung des Anatomen mit dem practiſchen Kunſtkenner ließen ſich auch die geiſtreichen Anſichten Camper's über die von ihm aufgeſtellte Geſichtslinie und über die Schönheit der Formen in der thieriſchen und menſchlichen Bildung er⸗ klären. Wie umfaſſend war alſo nicht das Gebiet dieſes Geiſtes, der den Reichthum ſeiner Kenntniſſe und Ge⸗ danken auch noch in vier Sprachen, ſelbſt ſchriftlich, mit⸗ theilen konnte! So begegneten ſich denn beide junge Männer, For⸗ ſter und Sömmering, in allen Richtungen ihres Beſtre⸗ bens; ihre junge Freundſchaft ſetzte ſich, ſo zu ſagen, in allen vier Elementen feſt,— durch gleichen Boden der Herkunft, gleichen Fluß der Jahre, durch die Wärme derſelben Studien und den Athemzug der Bewunderung für dieſelben Heroen der Wiſſenſchaft. Nur ein Geheim⸗ niß fehlte noch in dieſem Bunde, um ihm eine myſte— riöſe Weihe zu geben. Forſter führte es herbei, indem er den Freund in die Verbrüderung der Freimaurer brachte, der er ſelbſt damals ſchon angehörte. Dieſer Schritt ward für beide verhängnißvoll: ſie geriethen auf 2* 3 dieſem Wege in eine Verirrung, in der ſie mit der Stärke ihrer zunehmenden Freundſchaft ſich wechſelſeitig beſtätigten, und einer den andern weiter führte, als er vielleicht allein gegangen wäre. Doch ohne Ahnung einer ſolchen Verwicklung ihrer Zukunft trennten ſte ſich für diesmal. Sömmering, dem Rathe ſeiner wiſſenſchaftlichen Freunde folgend, ging an⸗ fangs October nach Edinburgh, wo er für brittiſche Le⸗ bensweiſe eine lebhafte Vorliebe faßte, ſo daß er auch ſeinen Briefwechſel mit dem Freunde in engliſcher Sprache führte, bis dieſer ein paar Wochen ſpäter ſeine Reiſe nach Deutſchland antrat. Die Bedrängniß des Vaters Forſter beſchleunigte die Abreiſe. Seine Gläubiger, des Hinhaltens müde, ließen ihn in's Schuldgefängniß von Kingsbench ein⸗ ſchließen. Welches Mißgeſchick der Weltumſegler! Der Vater wurde feſtgenommen, und der Sohn mußte— wenigſtens ſeinem Gefühle nach— die Kreuzwege des Bettlers betreten. »Geſund und friſch, geduldig und getroſt, daß Gott ſie nicht verlaſſen werde,« ſegelte Georg am 23. October 1778 Nachmittags von Harwich ab, und erreichte über Nacht Helvoet auf der holländiſchen Küſteninſel. — war deren Gew noch auls und winn hen den ſtär mit ſaß Jrö Herl aus mor ſinne Veſe ben anſ das übe ten ihrer dem g an⸗ he Le⸗ auch prache Reiſe migte nüde Sorgen und Suchen. Mit Wechſeln oder Schatzſcheinen und Creditbriefen war der junge Reiſende nicht beſonders verſehen. Statt deren führte er einen Ballen Pflanzen von 68 Pfund Gewicht und in einem, über 200 Pfund ſchweren Koffer noch andre Naturalien und Seltenheiten mit ſich, wor⸗ aus er, durch Verkauf in Holland, Reiſegeld für ſich und eine Rimeſſe für die elterliche Wirthſchaft zu ge⸗ winnen hoffte. Zuerſt freilich machten die ſchweren Sa⸗ chen nur Schwierigkeit und Koſten des Transportes. Trauriger und bitterer hatte Forſter noch keine Stun⸗ den erlebt, als die des Abſchieds von Hauſe und der ſtürmiſchen überfahrt waren. Theilnahmlos und nur mit den ſchweren Gedanken an die Seinigen beſchäftigt, ſaß er zwiſchen den Reiſegefährten. Wie anders, in Fröhlichkeit und Hoffnung, war er noch im vorjährigen Herbſte nach Paris übergefahren! Doch, er ſuchte ſich aus dieſer trüben Stimmung los zu reißen. Der hu— moriſtiſche Gedanke, man möchte ihn in ſeiner Stumpf⸗ ſinnigkeit für einen Holländer nehmen, erweckte ihn; die Beſorgniß, durch Trübſinn untüchtiger für ſein Vorha⸗ ben zu werden, und den Menſchen, deren Beiſtand er anſprechen mußte, zu mißfallen, rüttelte ihn auf, und das erwachende Gottvertrauen erhob ſein Gemüth. Er überließ ſich frommen Empfindungen gegen den Allwal⸗ tenden, der ihnen Leiden ſchicke, um ſie zu künftigem Glücke vorzubereiten; indem ja Glück ſchwerer zu tragen, als Widerwärtigkeit auszuhalten ſei. Von Helvoet durchwadeten die Paſſagiere unter Sturm die grundloſen, unfahrbaren Wege der Inſel bis Briel, wo ſie in einer elenden Herberge ſchmutzig über⸗ nachteten. Des andern Morgens wurden ſie nach einer Inſel der Maas übergeſetzt, von wo ſie in einer Trekſchuyt über das hübſche, anſehnliche Delft mit einbrechender Nacht Rotterdam erreichten. Hier kam ihnen ein gutes Abendeſſen und bequemes Bett ſehr zu ſtatten; worauf die Fahrt nach dem Haag ging. Hier hatte nun unſer Reiſender bald genug die betrübende Erfahrung zu machen, daß ſchlechterdings keine Möglichkeit ſei, von den mitgebrachten Sachen etwas zu verkaufen.—»Ich ſehe nichts als Finſterniß vor mir, klagte er in einem Briefe an ſeine Mutter; aber ich bin in Gottes des Allmächt'gen Hand, und ergebe mich in ſeine Schickung. O weh, mein armes Herz! Ich kann jetzt nicht mehr ſchreiben!«— Sonſt aber fand er viel Freunde, und ward mit Einladungen beſtürmt, daß er ſechs Monate hätte bleiben können, um ihnen genug zu thun. Nur Camper war leider verreiſſt. Unter andern Umſtänden würde ihn dies ſchmerzlich betrübt haben; jetzt in der Niedergeſchlagenheit ſeines Herzens ließ er ſich, wie zum Troſte für den ver⸗ gebens gehofften Beſuch, gegen den bisher bewunderten Mann faſt ein wenig einnehmen. Er gerieth nämlich in den Kreis der Gegner Camper's. Dieſe bewegten ſich um Vosmaer, einen kränklichen Mann von gründlichen, nur nicht methodiſchen Kenntniſſen der Natur, beim Na⸗ türalie lich ar Anmer ters ü der 4 und d daß d dem dit Der Beſu empft den 2 von( wies Forſ der beka Urth es, treffl Anat und verd auf man Wer ſein gew unter einer iſchuyt hender turalienkabinet mehr aus Liebhaberei beſchäftigt, als eigent⸗ lich angeſtellt, da er ein hübſches Vermögen beſaß. Eine Anmerkung Forſter's in dem engliſchen Werke ſeines Va⸗ ters über die Südſee⸗Inſeln in Betreff eines Orangutang der Haager Sammlung hatte Vosmaern compromittirt, und dadurch die Unzufriedenheit des Hofes ſo ſehr erregt, daß der Philoſoph Hemſterhuis, Camper's Freund, von dem jene Anmerkung veranlaßt war, ſeinen ganzen Cre⸗ dit darüber beim Prinzen von Oranien verloren hatte. Der Bibliothekar des Prinzen ließ Forſtern beim erſten Beſuch ſeine Mißbilligung empfinden. Vosmaer ſelbſt empfing ihn aber mit freimüthiger Höflichkeit, ſetzte ihm den Verlauf der Sache auseinander, zeigte ihm Briefe von Camper an Hemſterhuis, die Aufſchluß gaben, und wies den beſtrittenen Affen ſelbſt ausgeſtopft vor; ſo daß Forſter ſeine Übereilung einſah und bekannte, wodurch der Streit ſich in's Freundliche ausglich. Allein nun bekam er, ſelbſt von v»excellenten Leuten«, die ſchlimmſten Urtheile über Camper's Charakter zu hören. Ja, hieß es, er ſei groß, wohlgewachſen, ſchön, bärenſtark, ein trefflicher Redner, unvergleichlicher Zeichner, ein ſeltner Anatom und endlich auch ein Mann, der von Hochmuth und unleidlich übermüthigem Stolze ganz aufgefreſſen werde, ſich für den erſten Mann auf dem Erdboden halte, auf ſein Geld und ſeine Rieſenſtärke poche, und dem man nie zu niederträchtig ſchmeicheln könne. Forſter war nicht geneigt, der übeln Nachrede ohne Weiteres Glauben zu ſchenken; doch drückte ſie noch auf ſeine ohnehin ſchwere Stimmung. Er vernachläſſigte gewiſſe Kreiſe, die ſeine Aufmerkſamkeit erwarten moch⸗ 40 ten. Hemſterhuis ſah er nicht ſelbſt, ſondern nur ſeine Gegenbeſuchskarte, und ließ ſich die Meinung beibringen, daß dem Philoſophen ſchwer beizukommen ſei. Eben ſo unterließ er, ſich dem ruſſiſchen Geſandten im Haag, Fürſten Dimitri Gallitzin, vorzuſtellen, wozu er von Herrn Magellan in London mit der Zuſicherung des beſten Empfangs aufgefordert war. Der Fürſt beſchäf⸗ tigte ſich mit Phyſik und Mineralogie, und beſaß ein intereſſantes Mineralienkabinet. Aber auch dies zog Forſtern nicht an. Seines Vaters Mißgeſchick lag ihm zu ſchwer in Gedanken. Er dachte daran, ſich für den⸗ ſelben an den Prinzen von Oranien zu wenden, bei dem er nach nunmehr aufgeklärter Orangutang⸗Geſchichte Zutritt finden könnte; aber er fürchtete, vielleicht wochen⸗ lang auf die rechte Stunde und Gelegenheit dazu war⸗ ten zu müſſen. Dennoch verweilte der gefeierte junge Reiſende auch wieder in Amſterdam, vergnügt, ſich ein⸗ mal unter heitern Deutſchen und Franzoſen zu befinden, und unbekümmert um Arſenale, flämiſche Bauernland⸗ ſchaften und um Hondhorſt's Nymphen. Endlich trieb ihn doch das Verlangen nach Kaſſel zu kommen, wo er ſich noch am eheſten einen Platz für ſeinen Vater verſprach. Und ſo ſetzte er Mitte Novem⸗ ber ſeine Reiſe über Arnheim rheinaufwärts fort.— loſeſt For⸗ woh helle wie ſeldo⸗ in Y fürſtl Land der Es chen mern für ſtern Vilde nahm auf junge ken; galer ihm in 9 ſter Deutſches Leben. Nach einer ſehr beſchwerlichen Reiſe auf den heil⸗ loſeſten Wegen, durch ſehr wenig angebautes Land kam Forſter den 21. November in Düſſeldorf an.»Eine wohlgebaute Stadt, ſchöne, maſſive Häuſer, gerade und helle Straßen, thätige, wohlgekleidete Einwohner, wie erheitert das nicht dem Reiſenden das Herz!« Düſ⸗ ſeldorf hatte auch in ſeiner Entfernung vom jetzigen Hof in Mannheim immer noch das Anſehn einer ehemaligen fürſtlichen Reſidenz. Sie behauptete ſich als Sitz einer Landesregierung, und beſaß damals noch einen Schatz, der Reiſende anziehen, Durchreiſende feſthalten mochte Es waren jene koſtbaren Gemälde, die ſpäter nach Mün⸗ chen gebracht wurden. Der Maler⸗Akademie ſtand Kam⸗ merrath Krahn als Director vor, ein alter, würdiger, für die Kunſt enthuſiaſtiſcher Mann. Er empfing For⸗ ſtern freundlich, und da dieſer beim Anblick einiger guten Bilder in den Wohnzimmern raſch die Meiſter erkannte, nahm er ihn für einen Kunſtkenner, und brachte ihn auf die Säle über den kurfürſtlichen Ställen, wo die jungen Leute unter Modellen und Abdrücken von Anti⸗ ken zeichneten. Als Forſter des Nachmittags die Bilder⸗ galerie beſuchte, fand ſich der Sohn des Directors bei ihm ein, ein talentvoller Zeichner, der ſich eben anſchickte, in Rom unter Mengs ſich als Maler auszubilden. For⸗ ſter erfreute ſich an manchen Gemälden, die Alles über⸗ 42 trafen, was er bisher geſehen, und fand ſich in ſeinem Geſchmacke mit dem jungen Künſtler lebhaft übereinſtim⸗ mend. Dieſer, von der Unterhaltung angeregt, brachte ihn gegen Abend in die Akademie, da der Sonnabend einer der zwei Wochentage war, an welchen, zur Ab⸗ wechſelung mit Modellzeichnen, den jungen Leuten Kupfer⸗ ſtiche nach den beſten Meiſtern vorgelegt wurden. Die⸗ ſen Abend galt es Pouſſin'ſchen Sachen, aus jener Samm⸗ lung von 24,000 Stichen, die der alte Krahn nebſt 8000 Handzeichnungen von italieniſchen Meiſtern dem Kurfürſten um 26,000 Thlr. verkauft hatte. Beim Weg⸗ gehen fiel ein gelegentliches Wort des jungen Krahn, der ſeinen Fremden nicht kannte, auf jenen Forſter, der die Fahrt um die Welt gemacht habe.— Der bin ich ſelbſt! verſetzte unſer Reiſender, und wie überraſcht ihn der junge Mann anſtaunte, läßt ſich denken. Dieſem Zufall ſollte Forſter eine der anziehendſten und nachhaltigſten Bekanntſchaften zu verdanken haben. Denn der junge Enthuſaaſt ließ es nicht bei ſeiner ver— gnügten Entdeckung bewenden, ſondern führte zum Abend⸗ tiſch in's Wirthshaus zwei intereſſante junge Freunde herbei, den ausgezeichneten Kupferſtecher Heſſe und den Dichter Heinſe. Dieſe nahmen nach lebhafter Unterhal⸗ tung Forſter ohne Weiteres auf morgen für Jacobi in Beſchlag, dem ſie mit der neuen Bekanntſchaft ein rechtes Feſt zu machen erklärten. An dieſen Namen knüpften ſich bekanntlich die be⸗ deutendſten literariſchen und geſellſchaftlichen Verbindun⸗ gen jener Tage. Und wenn es einmal dem jungen Weltumſegler beſtimmt war, in's Binnenmeer der deut⸗ ſchen keiner nert milde einzel brech Plät wech burg Jaco Haus heiter fehlte hältn ſeinem nſtim⸗ rachte abend damm⸗ nebſt der in ich hzt ihn ndſten haben. 43 ſchen Literatur verſchlagen zu werden: ſo konnte er an keiner glücklicheren Inſel landen.— Die damalige Entwickelung unſerer Literatur erin⸗ nert an die ſtill treibende Frühlingszeit des Jahres. Ein mildes Licht verbreitet ſich über die aufgrünenden Gefilde; einzelne Lerchen ſteigen ſingend empor, und aus dem brechenden Gewölke fällt da und dorthin auf glückliche Plätze der volle Sonnenſchein. Solche glanzvolle Stellen wechſelten damals in Göttingen, Berlin, Weimar, Ham⸗ burg und— Pempelfort. Dies war der Sommerſitz Jacobi's in der Nähe Lon Düſſeldorf, ein ſchönes, großes Haus mit Garten, von Goethe—»der angenehmſte und heiterſte Aufenthalt genannt, dem es nie an Beſuchenden fehlte, die ſich in dieſen reichlichen und angenehmen Ver⸗ hältniſſen ſehr wohl gefielen.« Jetzt aber zur Winterzeit wohnte der Hofkammer⸗ rath in der Stadt, und von ihm erhielt Forſter am andern Morgen in aller Frühe ein vertraulich⸗- hochach⸗ tungsvolles Billet, das ihn auf den ganzen Sonntag einlud. Im Hauſe empfing ihn ein überaus einnehmender Mann von ſchöner, anmuthvoller Geſtalt in Mitte der Dreißige. Es war Friedrich Heinrich Jacobi, der jüngere Sohn eines aus dem Hannöverſchen nach Düſſeldorf übergeſiedelten unterrichteten und betriebſamen Kaufmanns. Forſter fand ihn ſehr unähnlich dem ältern Bruder, Georg Jacobi, der als Amoretten⸗ und Toilettenſänger einen bedeutenden Ruf hatte, und in Halberſtadt mit dem Dichter Gleim traulich lebte. Ihn, als den vermeintlich begabteren, hatte der Vater urſprünglich dem gelehrten Stande beſtimmt, unſern Jacobi aber aus Unzufrieden⸗ heit mit ſeinen, wie ihm ſchien, geringen Talenten nach Frankfurt in kaufmänniſche Lehre gegeben. Von da war Fritz ſehr bald nach Genf gekommen, wo er während dreier glücklichen Jahre neben dem Comtoir ſich um wiſſenſchaftliche Bildung bemühte, und eine Vorliebe für gelehrte Beſchäftigung faßte. Dieſer Neigung entgegen mußte er in ſeinem zwanzigſten Jahre des Vaters Ge⸗ ſchäft übernehmen, und heirathete die ihm in Vaels bei Aachen geworbene Betty von Clermont. In dieſer Stel⸗ lung und bei anſtrengenden Geſchäften hielt er ſich doch mit der Literatur vertraut; indem er zugleich geſellig und brieflich intereſſante Verbindung pflog und erwei⸗ terte. Zu ſeinem täglichen Umgange gehörte der Statt⸗ halter in Düſſeldorf, Graf von Goltſtein. Dieſer Mann von finſtrer Laune hatte für Jacobi eine ſolche Zunei⸗ gung gefaßt, daß er ihm ungefragt eine Anſtellung bei der Hofkammer, ſogar mit einem übergewöhnlichen Ge⸗ halt erwirkte. Aber er hatte es bei dem Kaufmanne, der es eben ungern war, richtig getroffen. Jacobi gab alsbald ſein Geſchäft auf, und übernahm mit ſeiner Vor⸗ liebe für ſtaats- und volkswirthſchaftliche Studien die Verwaltung des Zollweſens. Auch in dieſen Studien war er, ſeinem ariſtokratiſchen Weſen gemäß, entſchieden dem phyſiokratiſchen Syſteme vor dem merkantiliſchen zugethan. In dieſer Stellung lebte er jetzt, unverdroſſen thä⸗ tig, ſo viel er auch über ſchwächliche Geſundheit zu klagen hatte, und höchſt glücklich durch ſeine Betty. Nie hatte er, ſeinem Geſtändniſſe nach, erblickt, was ihr an Rein⸗ heit d Deue Er h Knabe Schw heit des Herzens, an Größe der Seele, an Liebe und Treue und himmliſchem Wohlthun gleich geweſen wäre. Er hatte fünf Kinder, von denen die beiden älteſten Knaben bei Claudius in Hamburg erzogen wurden. Zwei Schweſtern umgaben ihn als gute, gebildete Geſellſchaf⸗ terinnen. Beide erſchienen aber auch als die oberſten Prieſterinnen der Bewunderung für den Bruder— ihren Stolz, ihr Orakel. Ihr ſtarker Weihrauch blieb wol nicht ohne alle Schuld, wenn Jacobi bei ſeinem feinen, vornehmen Thun und Laſſen in mancher Stunde eine naive Selbſtbewunderung empfand. In der Unterhaltung herrſchte jener ſüße, überſchwängliche Ton, der damals in der gefühlvollen Geſellſchaft eingeführt war, und ſelbſt die freundſchaftlichen Briefe durchzog. Da»hielten die Herzen ſich ſtets in ſanfter Bewegung und machten die Sinne zu den feinſten Rührungen geſchickt.« Das Entzücken über Natur, Poeſie und Tugend rang nach dem innigſten Ausdruck. Man umarmte ſich, drückte einander die Hände, Eins blickte abwechſelnd dem An⸗ dern, voll zärtlicher Rührung, in's Angeſicht, die ſelige Thräne der Empfindung ſtieg in die beiderſeitigen Augen, und man ſegnete den Gegenſtand des Entzückens mit dem heiligen Kuſſe der Freundſchaft. Eine lächelnde Nebengottheit des angebeteten Jacobi erſchien ſeine Betth,— völlig einnehmend, wie Goethe ſie fand, ohne eine Spur von Sentimentalität, richtig fühlend, ſich munter ausdrückend, eine herrliche Nieder⸗ länderin, die ohne Ausdruck von Sinnlichkeit durch ihr tüchtiges Weſen an die Rubens'ſchen Frauen erinnerte 46 Forſter, ſo friſch aus England herüber gekommen, brachte dieſer deutſchen Gemüthlichkeit ein junges, durch Kummer etwas aufgeweichtes Herz zu; ſo daß die zärt⸗ liche Art, wie der vornehme Jacobi zwiſchen den bewun⸗ dernden Schweſtern, zwiſchen Lotte und Lene, ſaß, ihn nicht ungerührt ließ. Dabei durfte er ſich ſelbſt als den Gegenſtand der heutigen Sonntagsfeier empſinden,— »von allen auf den Händen getragen, auf alle erſinnliche Art fetirt, mit allen neuen Büchern in dem Belles⸗ lettres-Fach und den ſchönſten neuen Gedichten von Goethe unterhalten, mit köſtlichem Champagner, Neres und Capwein getränkt«, wäre Forſter gewiß des ſchönen Tages froh und ganz glücklich geweſen, hätte nicht ſo viel Aufwand und Auszeichnung ſeine natürliche Beſchei— denheit doch ein wenig gedrückt, und vollends am Abend »ein Blick nach Paddington ſeine Seele aus dem Tau— mel der Freude und Fröhlichkeit zurückgerufen.« Aber der Gedanke an die Seinigen und die Angſt vor einem Mißlingen ſeiner Abſichten wichen nicht von ihm, und nächtliche Träume, quäleriſche Beſorgniſſe verkümmerten ihm die geſellſchaftlichen Freuden des Feſtes. Sein Herz ſprach ſich Tags darauf in einem Briefe an ſeinen Vater aus.»Wenn ich, ſchrieb er, den guten Jacobi zwiſchen ſeinen beiden Schweſtern ſitzend, von beiden geliebt und ſo ganz glücklich ſehe, ſo gehen mir die Augen über, und ich möchte ſogleich vergehen. Gott! ich ſaß ehedem auch ſo. Zwar nicht zwiſchen glücklichen Schweſtern, aber doch bei ihnen, half ihren Kummer tragen, half Troſt und Hoffnung einſprechen, die in meinem eignen Buſen nicht wohnten. Und jetzt, wo ſind ſie, was wird aus ihnen, ihrem 8 glücks noch den? ihm blick Pem dlls einen ger f für; nach lich, Bad Tal ſein dur ah Ver ang datn dur Fü lit der an 47 ihnen, wen haben ſie, ihr Herz auszuſchütten, wie ſie es ihrem Bruder zu thun pflegten!« So lebhaft mußte ſelbſt der Anblick des Familien⸗ glücks den Sohn eines unglücklichen Hauſes erſchüttern. Forſter ließ ſich von der liebenswürdigen Familie noch vier Tage in Düſſeldorf halten. Alles, was er von den Verhältniſſen und Verbindungen Jacobis erfuhr, war ihm höchſt anziehend, und eröffnete ihm die gelegenſten Ein⸗ blicke in das geiſtige Leben Deutſchlands. Das reizende Pempelfort ward während der guten Jahreszeit von Gäſten aus der Nähe und Ferne beſucht. Manche ließen ſich von einem ſo liebenswürdigen und intereſſanten Wirthe auf län⸗ ger feſthalten. Jacobi, weniger zum Schaffen begabt, als für Bildung beſtrebt und Bildung fördernd, erwies ſich nach allen Seiten des Lebens und der Literatur empfäng⸗ lich, nach allen anregend. In dieſer Stellung iſt er von Bedeutung und Verdienſt für jene Zeit. Er unterſtützte Talente und zog Perſönlichkeiten an ſich, die zuweilen ſeinem Naturell und ſeiner ſonſt bequemen Art zu ſein durchaus widerſtrebten. Glücklicherweiſe für ſolchen Hang ſah er ſich ſeit ein paar Jahren durch das anſehnliche Vermögen ſeiner Frau zu einer ſo breiten Gaſtlichkeit angethan, wie ſolche nicht leicht wieder von einem Pri⸗ vatmanne ausgeübt wird. Als vorragendes Kleeblatt der Jacobiſchen Verbin⸗ dung und des pempelforter Sommerweilers erſcheint mit Fürſtenberg und Hemſterhuis die Fürſtin Gal⸗ litzin,— dem Herzen jenes Domherrn als Freundin, der Feder dieſes Philoſophen als begeiſternde Diotima angehörig. Fürſtenberg, damals 50 Jahre alt, ſtand 48 als Miniſter des kölner Kurfürſten Maximilian Friedrich an der Spitze der Regierung in Münſter. Unter ſeiner trefflichen Verwaltung hatte das Münſterland ſich von der Erſchöpfung und der Schuldenlaſt des ſiebenjährigen Krieges erholt. Der geſunkene Credit war wieder auf— gerichtet, Ackerbau, Gewerbe, Leinenhandel wetteiferten zu allgemeinem Wohlſtande. Nirgends war der Volks⸗ unterricht beſſer als dort begründet, die katholiſche Geiſt⸗ lichkeit auf wiſſenſchaftliche Bildung gewieſen, die innere Ordnung durch echte Polizei, die Volkskraft durch tüch⸗ tige. Waffenübung gefördert. Und in all' dieſen Rich⸗ tungen des Staatslebens ging der prälatiſche Staats⸗ mann als Lehrer und Lenker voraus, er ſelbſt durch Studien und Reiſen vorgebildet, und ſeine Erholung im Verkehr mit unterrichteten Männern und in wiſſeenſchaft⸗ licher Beſchäftigung ſuchend. Ein ſolcher Mann konnte freilich auch, wenn er aus einer ſo vielfachen Wirkſamkeit ſchied, einen Halt in ſich ſelber finden. Wirklich unterlag er dem Einfluß Oſtreichs bei einer nicht ganz ordnungsmäßigen Coad⸗ jutorwahl, zu der er ſich als Mitbewerber im Anſchluß an Preußen durch die Wünſche des Landes hatte bewe— gen laſſen. Er legte darauf ſeine Miniſterſtelle nieder. Jacobi, der ihn in jenen Tagen beſuchte,»fand ihn ſehr heiter und mit noch einem Grade von Munterkeit mehr als gewöhnlich; kurz voll jener herrlichen Ruhe, welche demjenigen eigen iſt, bei dem die alte Philoſophie, daß die Glückſeligkeit eine Eigenſchaft der Perſon und nicht eine Folge äußerlicher Umſtände ſei, daß ſie nicht davon abhange, wie ſich das Schickſal gegen uns, ſondern wie wir uns gegen das Schickſal verhalten, Syſtem des Herzens iſt.« In dieſer edeln Perſönlichkeit verband ſich große Weltkenntniß mit Unbefangenheit des Herzens, eine kühne Freiheit in Behandlung hergebrachter Geſellſchaftsformen mit lebhaftem Eifer für das überlieferte Kirchliche in der Religion. Einer jener herrlichen Prieſter, die gegen das Ende des 18ten Jahrhunderts der katholiſchen Kirche Deutſchlands einen ſo hohen Glanz verliehen, deren Gei⸗ ſter aber vergebens zur Beſchämung des heutigen ultra⸗ montanen, volksbethörenden Episcopats herbei beſchwo⸗ ren würden, weil Pfaffen, wohl wiſſend, was ſie wollen, niemals beſchämt werden. Noch im Jahre 1802 ſtieß der Miniſter von Stein bei Übernahme der weſt⸗ phäliſchen Bisthümer für Preußen überall auf die Spu⸗ ren der weiſen, menſchenfreundlichen Verwaltung von Fürſtenberg, der einen großen Vorrath von Kenntniſſen, von ordentlichem logiſchem Denken und Moralität unter die Menſchen gebracht habe. Dieſer ſtaatsmänniſchen Thätigkeit des katholiſchen Prälaten trat die philoſophiſche Speculation des hollän⸗ diſchen Hemſterhuis an die Seite; deſſelben, den Forſter im Haag verfehlt hatte. Von ſeinem Vater, dem berühmten Philologen Hemſterhuis, mit klaſſiſcher Bil⸗ dung ausgerüſtet, erweiterte ſein lebhafter Geiſt in pla⸗ toniſtrenden Geſprächen jene auf ſinnlichen Antrieben beruhende Forſchung und Weltanſicht(Senſualismus), mit welcher Locke bei der gebildeten Geſellſchaft ſo viel Glück gemacht hatte. Hemſterhuis beſaß viel Eigen⸗ thümliches in ſeiner Naturbetrachtung und eine zarte 4 Empfänglichkeit für das Harmoniſche im ſinnlichen und ſittlichen Leben. In ſeinen philoſophiſchen Schriften bediente er ſich, dem Holländiſchen abgeneigt, der fran⸗ zöſiſchen Sprache, und huldigte in mehreren derſelben der Fürſtin Gallitzin unter dem Namen Diotima. Dabei war er nicht bloß Kunſtkenner, ſondern auch gewandter Zeichner. Und wie er mit ſeinem Steft ſeine Freunde gern zeichnete, liebte die Fürſtin Amalie von Gallitzin ſie zu modelliren. Es war die Gemahlin jenes ruſſiſchen Geſandten, den Forſter im Haag vernachläſſigt hatte, eine Tochter des Grafen von Schmettau, damals 30 Jahr alt. Sie hatte vor ihrer Heirath einen Theil ihrer Ju⸗ gend um die Prinzeſſin Ferdinand, Schwägerin Friedrichs des Großen, zugebracht, und lebte, bei der öfteren Ab⸗ weſenheit ihres reiſeluſtigen Mannes und bei dem Man⸗ gel an Neigung für denſelben, in Münſter oder in dem nachbarlichen Angelmodde. Ein Kreis geiſtvoller und ausgezeichneter Männer umgab dieſe mit ſchönen Anla⸗ gen und ſelbſterworbener wunderlicher Bildung ausge⸗ ſtattete Frau. Anfangs war ſie mit Hemſterhuis etwas freigeiſteriſch. Aber in dem Maße, als ſie mit zuneh⸗ menden Jahren durch Kränklichkeit fromm und aus Frömmigkeit bekehrungsſüchtiger ward, unterlag ihr eigen⸗ thümlicher Geiſt einem wunderbaren Wechſel anziehender und abſtoßender Kräfte. Jacobi ſelbſt, der gläubige Verehrer, zerfiel ſpäterhin mit ihr, und was er damals brieflich über ſie äußerte, bezeichnet ſowohl die mächtige Begabung, als die eigenthümliche Seelentrübung dieſer bedeutenden Frau der pempelforter Beziehungen.»Ich fand geſpa und erzäͤh greif Das hetze in muf zu nicht und Sch tri 51 fand ſie, ſchrieb er, wie ich ſie immer gefunden habe: geſpannt, zudringlich, buchſtäbelnd, ohne wahre Einfalt und Ruhe und höchſt unzuverläſſig in allem, was ſie erzählt. Ihre Vorurtheile täuſchen ſie auf eine unbe⸗ greifliche Weiſe, verderben ihr Auge, Ohr und Zunge. Das Schmollen hat ſie abgelegt, aber dafür iſt ſie hetzender geworden, und hat die Gicht des Mönchthums in allen Gliedern.« Und einige Zeilen ſpäter:»Ich muß noch einmal auf die Fürſtin zurückkommen, um Dir zu ſagen, daß ich trotz allem dem, was mir an ihr nicht lieb iſt, ſte dennoch unausſprechlich liebe, bewundre und verehre. Es iſt eine unermeßliche Fülle in ihr von Schönheit und Größe: ſie hat ein wahrhaft fürſtliches Gemüth, und jede Grazie ſteht ihr zur Seite, wenn ſie nur winkt.« Wir knüpfen an dies eigenthümliche Kleeblatt gleich noch ein anderes: Sophie Laroche mit ihrem Mann und ihrem Freunde. Durch geiſtige Begabung ausgezeichnet, wie die Gallitzin, kam dieſe ſchöne Frau im Gegenſatz von jener mit den Jahren mehr und mehr zur Harmonie ihres Weſens,— die wunderbarſte Frau, wie Goethe ſie nennt, der keine andre zu vergleichen, mild gegen alles und alles in gleicher Weiſe erwidernd, ſelbſtändig gegen Gutes und Schlimmes. In Wiſſen und Welterfahrung der Fürſtin ebenbürtig, machte ſie ſtatt Proſelyten, wie dieſe,— Romane, denen es nicht an Kenntniß des menſchlichen Herzens, an Phantaſie und edlem, einfachem Stile fehlt. An den Platz des Staatsmanns von Fürſtenberg tritt in dieſer Gruppe Sophiens Gatte, der Geheimrath 4* 5² von La Roche, ein heitrer Welt⸗ und Geſchäftsmann in kurtrier'ſchen Dienſten, und im Thal von Ehrenbreit⸗ ſtein wohnhaft, bis er etwas ſpäter an der Nachwirkung ſeiner freimüthigen und ſehr bittern»Briefe über das Mönchsweſen« ſeine Stelle verließ oder verlor, und nach Speier überſiedelte. Er war, obleich Katholik, ein gründ⸗ licher Mönchshaſſer. Beides verträgt ſich auch ganz wohl. Allein es hat mit dem Mönchthum eine Bewandniß, wie mit dem Pobirſtein: die Kirche ſelbſt achtet es nicht hoch, ſie läßt ſogar ihre Gläubigen ſich daran reiben; aber zuletzt prüft ſie doch am Abgeriebenen den Feingehalt der Rechtgläubigkeit. Und den Philoſophen Hemſterhuis in jenem Drei⸗ blatte vertritt hier der Poet Wieland, einſt jugendlicher Bewerber um Sophiens Herz, und nach ihrer Verhei⸗ rathung ihr treuer Lebens⸗ und Literaturfreund. Durch Sophie war unſer Jacobi mit Wieland zuerſt in Ver⸗ bindung gekommen, und er erzählte gern von jenem Beſuche, den der Dichter, ſieben Jahre früher, in dem am Ende des Thals etwas erhöht, mit dem Blick auf den Rhein gelegenen Hauſe des La Roche abgeſtattet hatte. Der 38jährige Poet kam angefahren, und fragte die ihm entgegen tretenden Männer ſehnſüchtig nach der Freundin. Die 40 jährige Sophie eilte hinunter, und empfing mit ausgebreiteten Armen den lieben Gaſt, der mit zitternder Bewegung, den Hut rückwärts weggewor⸗ fen, auf ihre Hände ſtürzte, und ſein blatternarbig Ge⸗ ſicht, von Thränen gebadet, darein verbarg; worauf Sophie mit himmliſcher Miene ſich über ihn beugte, und mit einer für die Clairon und die Dübois unnachahm⸗ lichen noch weiner Arm Alles empf mit ſtan Emy tritt Zeitſ und für geach meh zwiſ und beſo ſenti leich land Maf hero entr ließ men ben lichen Stimme»Wieland, Wieland! Sie ſind immer noch mein lieber Wieland!« rief, Wieland aber in ihr weinendes Auge blickte, und ſein naſſes Geſicht auf ihren Arm ſinken ließ. Hier eine Scene in jener ſentimentalen Zubereitung! Alles ſtand denn auch weinend umher, Jacobi neben dem empfindſamen Leuchſenring, deſſen mitgebrachte Chatoulle mit den neuſten Briefen oben auf dem Zimmer noch offen ſtand. Nur Papa La Roche, ſtets ablehnend, was wie Empfindung ausſah, vertrat bei dieſem rührenden Auf⸗ tritt unſere heutige Nachempfindung,— indem er lächelte. Nach dieſer Bekanntſchaft hatte Jacobi an Wieland's Zeitſchrift, dem Deutſchen Merkur, Antheil genommen, und dahin gearbeitet, daß dieſelbe ſich beſonders auch für die Tiſche des Adels und der Damen einrichte. Un⸗ geachtet der wechſelſeitigen Freundlichkeiten wäre es doch, mehrere Jahre früher, beinahe zu einem förmlichen Bruche zwiſchen beiden gekommen. In Nicolai's Romane: Leben und Meinungen des Sebaldus Nothanker war nänlich, beſonders im Charakter des Herrn von Säugling, der ſentimentale, vornehme Ton des ältern Jacobi und viel⸗ leicht des Jacobiſchen Hauſes lächerlich gemacht. Wie⸗ land, ohne Acht und Arg, hatte das Buch über die Maße gerühmt, und zumal den unglücklichen Säugling hervorgehoben. Unſer Jacobi, auf's Außerſte darüber entrüſtet, ſchrieb Wielanden das Bitterſte, und dieſer ließ es zuletzt nicht unerwidert. Es mußte weit gekom— men ſein, daß der ſo artige Redacteur an Jacobi ſchrei⸗ ben konnte: Bedenken Sie, daß es einen Grad der 54 Schwachheit gibt, der die Hochachtung tödtet. Doch ging diner der Streit für diesmal noch mit Verſöhnung aus. und Können wir auch Jacobis Verbindungen hier nicht erſchöpfen; ſo dürfen wir doch Heinſe nicht unerwähnt Jah laſſen, der unſern Reiſenden dort eingeführt hatte, und 6 kan — ihm auch auf einer ſpätern Lebensſtation wieder begegnen heit wird. Forſtern erſchien er zuerſt als»ein überaus witzi⸗ hat bei ger, ſatyriſcher Kopf von weitem Umfang und doch ohne Scheinbarkeit.“ Um fünf Jahre älter als Forſter, hatte ph er durch Überſetzungen aus dem unſaubern Petron, durch da ſeine ſchlüpfrigen»Kirſchen«, durch ſeine Sinngedichte, It Laidion und die Erzählungen bereits einen gewiſſen Na⸗ nat men. Aber ſelbſt dem ſchalkhaften Wieland war ſeines me Zöglings ausſchweifender Muthwille zuviel; wie denn Si 4* dies ſonſt kräftige, feinſinnige und vielbegabte Weltkind hui 6 durch ſchwelgeriſche Sinnlichkeit zu keiner Vollendung mit 3 Ge 1 ſich ſelbſt und mit ſeinen Productionen kam. Georg h Jacobi hatte ihn von Wieland aus Erfurt mit nach Düſ⸗ ſi ſeldorf gebracht. Hier hing er nun feſt im Verkehr mit le dem Jacobiſchen Kreis und im bildenden Genuſſe der de herrlichen Gemäldeſammlung; wobei er zur Iris des äͤltern Jacobi und zu Wielands Merkur Beiträge für ha gutes Honorar lieferte. Er arbeitete eben an ſeiner pro⸗ all ſaiſchen Überſetzung des Taſſo und ſprach von ſeinen in ſpätern Romanen. Allein Jacobi zweifelte, daß er je u ein Ganzes von wahrhaft lebendiger Schönheit hervor⸗. C bringen werde, weil ſein Herz echter, reiner Liebe un⸗ d fähig ſei. Es liege nicht in dieſem ſonſt guten und d ſchätzenswerthen Menſchen, irgend etwas aus der Fülle 9 zu thun. Und doch konnte der liebenswürdige Jacobi 55 einen ihm ſo wenig zuſagenden Geiſt als Gaſt halten und hegen. Schließen wir mit Goethe! Gegen dieſen, um ſechs Jahre jüngern Dichter war Jacobi, ehe er ihn perſönlich kannte, ſehr voreingenommen geweſen, um der Schalk⸗ heit willen, die auch er gegen Georg Jacobi ausgelaſſen hatte. Doch das Vorurtheil ſchwand im Augenblick als beide ſich in der glücklichen Wechſelſtimmung eines poetiſch⸗ philoſophiſchen Herzensbedürfniſſes begegneten. Es war damals geſchehen, als das frankfurter Weltkind von den Propheten Baſedow und Lavater in die Mitte genommen, nach Cöln kam. Die raſch entſtandene Freundſchaft ath⸗ mete ſo recht in der Subſtanz des Jacobiſchen Kreiſes. Sie ſprachen über Spinoza, den Jacobi durch Hemſter— huis kannte. Daß deſſen Philoſophie auch die Fürſtin Gallitzin beſchäftigte, verräth ein gedruckter Brief ihres philoſophiſchen Freundes— lettre de Diocles à Dio- lima sur Patheisme. Goethe ließ ſich von Jacobi be⸗ lehren, und lebte ſich in eine Philoſophie hinein, von der ſich Jacobi in einer ſpätern Schrift ganz losſchälte. Von Jacobis Haus und Frauenkreis hingeriſſen, hatte Goethe bei jenem Beſuche lebhaft empfunden, wie alles Gute und Liebevolle was in ſeinem Gemüthe lag, in der pempelforter Atmoſphäre aufbrach und hervor kam. Und Jacobi, voll Bewunderung dieſes„außerordentlichen Geſchöpfes Gottes«, mochte ſich wohl gegen Forſtern, als er ihn mit den ſchönſten Gedichten Goethes bewirthete, über den genialen Poeten in gleicher Weiſe, wie früher gegen Sophie La Roche ausſprechen:»Goethe iſt der Mann deſſen mein Herz bedurfte, der das ganze Liebes⸗ feuer meiner Seele aushalten, ausdauern kann. Mein Charakter wird nun erſt ſeine echte eigenthümliche Feſtig⸗ keit erhalten; denn Goethes Anſchauung hat meinen beſten Ideen, meinen beſten Empfindungen— den einſamen, verſtoßenen— unüberwindliche Gewißheit gegeben.“« Mit dieſer Gewißheit hatte Jacobi ſeine ſchriftſtelle⸗ riſche Weihe empfangen. Früher hatte er bloß einzelne Gedichte ſeines Bruders in's Franzöſiſche überſetzt, in der Weiſe ſich unterordnend, wie er in ihren Knaben⸗ ſpielen, wenn Georg den Prediger machte, als Küſter hinter ihm hergegangen war. Dann hatte ihm Wieland kleine Aufſätze zum deutſchen Merkur abgeſchmeichelt. Nun aber ging er an größere Sachen. Er gab in der Iris ſeines Bruders die Erſtlinge von Allwills Briefen. Die Briefform war damals für den Roman überhaupt beliebt oder vielmehr bezeichnend. Briefe machten durch ihre innerliche Ausdrucksweiſe den natürlichen übergang vom Lyriſchen zur erzählenden Darſtellung; ſie kleideten die ſentimentale Stimmung jener Zeit am beſten, ja man fuhrte mehr als heut ein wirkliches Briefleben. Jetzt, bei Forſters Durchreiſe, war Jacobi mit ſeinem»Woldemar« beſchäftigt, und las eines Abends ein Bruchſtück aus dieſem poetiſch⸗philoſophiſchen Roman vor. Aus den verſchiedenartigen Unterhaltungen während der vier Raſttage faßte Forſter ſein erſtes Urtheil über Jacobi dahin ab,— er ſei ein überaus einnehmender, ſcharfſehender, einſichtvoller Mann, voll Gefühl für's Schöne in allen Fächern, ganz voll richtiger Begriffe über die meiſten Gegenſtände, Goethes Buſenfreund, auch Wiel nien gaſtf drüc ſinn ſtig die won ten des thig ten. alle die füͤr kor 57 Wielands, Leſſings, Klopſtocks kurz, aller deutſchen Ge— nien Bekannter, Correſpondent und Freund.— Und nun ſteht unſer Reiſender im Begriffe, die gaſtfreundliche Familie zu verlaſſen. In der Verwirrung ſo vieler raſch empfangener Ein⸗ drücke kam Forſter vielleicht erſt nach und nach zur Be⸗ ſinnung darüber, welch' ein ſchöner Umblick auf das gei⸗ ſtige Leben ſeines wieder betretenen Vaterlandes ihm auf dieſer zufälligen Ruheſtation ſeiner Wanderſchaft gegönnt worden,— auf die mannichfaltigen Richtungen des Dich⸗ tens und Forſchens, des Zerſtörens und Verbeſſerns, des Wirkens und Schwärmens, wo überall junge mu⸗ thige und übermüthige Kräfte ſich beſtritten und beſtreb⸗ ten. Es waren gerade auch die Bewegungen, in denen allein ſich etwas von nationaler Einheit verrieth, und die allein auch in dieſem Lande zu einem Unterkommen für ſeinen Vater und vielleicht auch für ihn ſelbſt führen konnten. Nur um von Demjenigen, was durch den vier⸗ tägigen Umgang mit Jacobi in Forſter angeregt werden mußte, einen flüchtigen Begriff zu geben, haben wir an einiges von den bekannten Verbindungen dieſes liebens⸗ würdigen Mannes zu erinnern verſucht. Aber auch der Einblick in die Familie Jacobis konnte in Forſters Herzen nur wohlthuend nachwirken. Jene Rührung, die er am erſten Abend empfunden hatte, aus der Erinnerung an die Seinigen entſprungen, führte doch auch zu einem Vergleiche der ſorgenvollen Lage der⸗ ſelben mit dem durch Wohlſtand, Bildung und Liebe ſo glücklichen Hauſe in Düſſeldorf. Hätte doch der junge Mann nach einer ſo reichen Weltfahrt in ſolch' einen glücklichen Hafen einlaufen können, um in heitrer Muße jene Reiſe zu verarbeiten; ſtatt daß er nun von einer zur andern deutſchen Stadt pilgerte, eine Zuflucht für den Weltumſegler Forſter und ſeine dürftige Familie zu ſuchen! Mit welchen Gefühlen und Nachklängen Georg aus Düſſeldorf und von Jacobi geſchieden war, verrathen ſeine erſten Briefe, in denen ſein Dank, ſeine Verehrung und Liebe in wahrhaft ſchwärmeriſchen Worten laut werden. Aber auch er ließ die angenehmſten Eindrücke zu⸗ rück. Gleich hinter ſeiner Abreiſe ſchrieb Jacobi an die Freundin Sophie im Thal Ehrenbreitſtein: »Beinahe hätten Sie einen ſehr intereſſanten Beſuch bekommen von Herrn Georg Forſter, der mit Cook die Reiſe nach dem Südpol und um die Welt gethan hat. Er war fünf Tage hier, und hätte ſich wohl gern auf ſein ganzes Leben hier feſtſetzen laſſen. Es iſt ein gar herrlicher junger Menſch. Ich habe lang niemand geſehen der mir das Herz ſo abgewonnen hätte, wie die⸗ ſer Forſter, und einen ähnlichen Eindruck hat er auf alle gemacht, die hier mit ihm umgegangen ſind.«— Es läßt ſich vermuthen, daß Jacobi mit dem wohl⸗ wollenden Herzen im Auge hinter der reiſenden Angele⸗ genheit ſeines Gaſtes, wie zart und zurückhaltend Georg auch zu ſein pflegte, doch etwas von der Noth und Be⸗ drängniß der Forſterſchen Familie wahrgenommen habe. Denn in einem Schreiben an den jungen Freund, worin er die allzuſchnelle Flucht der mit ihm verlebten paar Tage beklagte, forſchte er nach den Ausſichten und An⸗ ihn frel na ſchlägen deſſeben, und— ob er vielleicht etwas für ihn thun könnte. Wir beſorgen im voraus, Forſter möchte ſolche freundſchaftliche Hülfe nöthig genug haben. Jener Brief folgte dem Reiſenden auf dem Wege nach Heſſenkaſſel. 8 Deutſches Unterkommen. Kaſſel hatte bereits einen glänzenden Aufſchwung genommen, als Forſter am 30. November zuerſt dahin kam. Landgraf Friedrich II. war ſeit 1763 in ſeine Reſidenz eingekehrt. Er hatte zuletzt zu Braunſchweig in einer Art von Verbannung gelebt, von ſeinem Vater, ſeiner Gemahlin und den Kindern getrennt, ſeitdem ſein Übertritt zur katholiſchen Kirche bekannt, und von ihm eingeſtanden worden. Seinem Regierungsantritte hatte das Land mit der Beſorgniß entgegen geſehen, er werde die Politik ſeines Vaters ändern, und ſich an die zum Schutze der Landesreligion von ihm ausgeſtellte»Reli⸗ gions⸗Aſſecurations⸗Akte vom 28. October 1754 we⸗ nig gebunden halten. Durch öſtreichiſchen Einfluß war Prinz Friedrich, während eines Beſuches beim Kurfürſten Clemens Auguſt von Cöln, katholiſch geworden; unter öſtreichiſchem Einfluſſe ſuchte man ihn zu überzeugen, daß er durch jene, ihm von ſeinem ſtrengen Vater abgenö⸗ 60 thigte Akte(Verfaſſung) in ſeinen angebornen Fürſten⸗ rechten viel zu ſehr beſchränkt werde, als daß ſie für ihn verbindlich ſein könne. Allein ſo leicht der ſanfte, gut⸗ müthige Prinz ſich erſt hatte verleiten laſſen, ſo ent⸗ ſchieden hielt er jetzt aus Achtung vor ſeinem Lande, gegen alle öſtreichiſchen Künſte, am Bündniß mit Preu⸗ ßen und den kirchlichen Anordnungen ſeines Vaters feſt. Natürlich fand ſich im Dienſte ſolcher echt fürſtlichen Ge⸗ ſinnung auch kein Miniſter, der fremden Abſichten’ das Recht und die Wohlfahrt ſeines Vaterlandes zu opfern getrachtet hätte. In andern Stücken hatte dagegen der Fürſt nach ſeinem Regierungsantritte die annehmlichſten Veränderungen in ſeiner Reſidenz vorgenommen, und dabei ungewöhnliche Kenntniſſe und Bildung an Tag ge⸗ legt. Die Verwüſtungen des ſiebenjährigen Krieges und zweier Belagerungen waren allmählich geheilt, die Fe⸗ ſtungswerke gänzlich abgetragen; die weiten Räume ge⸗ ſchleifter Wälle und ausgefüllter Gräben theilten ſich zu Bauplätzen ab, und nahmen nach und nach hübſche Ge⸗ bäude und neue Straßen auf. Aber nicht bloß eine friſchere Luft drang in die dumpfen Gaſſen der Altſtadt: ein geiſtiger Hauch erfriſchte zugleich das abſtändige Leben einer ziemlich philiſterhaften Bevölkerung. Neben einer neugeſtifteten Maler⸗ und Bildhauer⸗Akademie, die ſich für Kaſſel fördernd erhalten hat, wurde die Muſik lebhaft betrieben, leider! von zwei franzöſiſchen Marquis zu ausſchließend auf italieniſche und franzöſiſche Oper ge⸗ richtet. Deſto erfreulicher war des Landgrafen Unter⸗ nehmen, Kaſſel zu einem lebendigen Sitze für die Wiſ⸗ ſenſchaften zu machen. Das überkommene Carls⸗Colleg gab jüng Hier lite wie Um We 61 gab den Mittelpunkt ab, an den in wiederholter Ver⸗ jüngung deſſelben das wiſſenſchaftliche Leben ſich anſchloß. Hier fanden ſich ſeit 1773 bis zu Friedrichs Tode ſo viel literariſch ausgezeichnete und ſtrebſame Köpfe zuſammen, wie keine andre ſtädtiſche Mauerkrone von ſo kleinem Umfang auf einmal umfaßt hat. Die Philoſophie, die Welt- und Naturkunde, die Geſchichte, Civil⸗- und Staatsrecht, die Kameralwiſſenſchaften, Medizin und Entbindungskunſt wurden von Lehrern vertreten, die eine bleibende, mehr oder weniger glänzende Stelle in der Geſchichte unſerer Literatur einnehmen, wie Dohm, Jo⸗ hannes Müller, Runde, Tiedemann, Mauvillon u. a. Unter dieſen ſuchte Forſter für ſeinen Vater einen Platz. Sein Erſtes war ſich an die Miniſter zu wenden. Er fand eine ſchmeichelhafte Aufnahme bei Baron Waitz von Eſchen und dem General von Schlieffen. Beide waren Männer von anerkannten Verdienſten. Waitz war mehrmal in Perſon von Friedrich dem Großen zu Rath gezogen worden. Moſer in ſeinem Buche:»Der Herr und der Diener« nennt ihn»eine Juwele, einen Mann der mit einer, dem echten Verdienſt eignen Beſcheidenheit und mit dem Charakter eines echten Menſchenfreundes eine tiefe Einſicht im ganzen Umfang der Finanz⸗ und Kameralwiſſenſchaft, ja in die Cabinetsgeheimniſſe der Natur verbinde.« Noch imponirender kam Forſtern der General von Schlieffen vor, den er in der Unterhaltung über ver⸗ ſchiedene Zweige der Literatur tief, klar, gelehrt und ſcharfſinnig fand. Ein ſchöner Mann aus einem alten pommerſchen Geſchlecht, damals ein tiefer Vierziger, offen, 62 lebhaften Ausdrucks und geiſtreicher Augen. Aus einer Laune des alten Fritz des preußiſchen Dienſtes entlaſſen, war er nach Heſſen gekommen, und als General⸗Lieu⸗ tenant in's Miniſterium getreten. Mit mannichfachen Kenntniſſen ausgerüſtet, die er ſich durch eigne Studien 1 erworben, arbeitete er damals an der zwei Jahre ſpäter anonym herausgegebenen»Nachricht von dem pommer⸗ ſchen Geſchlecht der von Sliewin oder Schlieffen«. Dieſe muſterhafte Geſchlechtsgeſchichte gibt zugleich in einer Ein⸗ W leitung eine ausgezeichnete Geſchichte des Adels überhaupt, in edler, körniger Sprache, voller Ergebniſſe geiſtreicher Forſchung. Von beiden Miniſtern ward der junge Weltumſegler mit Gaſtmahlen geehrt, und in den erſten Tagen dem Fürſten im Kunſthauſe, vor den aufgeſtellten Antiqui⸗ täten vorgeführt. Dieſe in Italien geſammelten Schätze waren des Fürſten ſchwache Seite. Forſter ließ es ſich etwas koſten, ſie über Gebühr zu loben, und ſelbſt mit etwas mehr Kindes⸗ als Wahrheitsliebe ſeinen Vater für einen beſondern Kenner und Forſcher in dieſem Fach auszugeben. Dennoch gelang es ihm nicht, die erwünſchte Anſtellung für denſelben zu erlangen. Der Fürſt hatte ſich an ſeinen Sammlungen zu ſtark verausgabt, um dem alten Forſter einen ſeinem Ruf und ſeiner ſtarken Familie angemeſſenen Gehalt anbieten zu können. Statt deſſen wünſchte er aber den Sohn, der ihm ſehr gefiel, zu be⸗ halten. Er forderte ihn auf, ſeine Weiterreiſe über eine Verſammlung ſeiner Antiquitäten⸗Geſellſchaft zu verſchie⸗ ben. In dieſer hielt Forſter eine ſchnell entworfne fran⸗ zöſiſche Rede mit allgemeinem Beifall. Unterhandlungen wegel Man Zula Vate eines einer wegen einer Anſtellung am Carolinum knüpften ſich daran. Man bot 450 Thaler Gehalt mit Ausſicht auf baldige Zulage und freie Muße zu eignen Arbeiten. Für ſeinen Vater erhielt er Verſprechungen und zur Anerkennung eines dem Landgrafen überreichten Werkes den Werth einer goldnen Doſe mit 50 Dukaten. Nur ungern und auf Zurathen von Freunden ent⸗ ſchloß ſich Forſter das Anerbieten anzunehmen, und als Profeſſor der Naturkunde in Kaſſel zu bleiben. Er fühlte ſich mehr gedrückt als befriedigt. War er doch nach Deutſchland gekommen, ynicht um für ſich zu ſor— gen, ſondern für den Vater irgend eine Lücke auszu⸗ ſpähen, wo der unglückliche Mann zur Ruhe kommen, d. i. in Sicherheit vor der ſchweren Laſt der Nahrungs⸗ ſorgen fortarbeiten, der Welt und ſich ſelber wieder nütz⸗ lich ſein könnte.« Die Umſtände hatten aber nur ihn begünſtigt, und dies nicht einmal ohne Opfer. Denn— wie ſollte er ſeine Niederlaſſung und Einrichtung anders anfangen, als mit Schulden? Und doch, mußte er ſich nicht dazu entſchließen, wenn auch nur»um nicht wollends in Unthätigkeit zu Grunde zu gehen?« Außerdem ſagte ihm Kaſſel ſelbſt ſehr zu. Er fand die Stadt ſchöner, als irgend eine gelegen, und das Leben der Profeſſoren höchſt einfach eingerichtet, zürück⸗ gezogen, auf die Familie eingeſchränkt und bewunderns⸗ werth häuslich. Er rechnete ſeinem Vater die einfache Art des Kleideraufwandes, die billige Miethe der Woh⸗ nungen und den geringen Lohn der eingeführten bloß weiblichen Dienſtboten umſtändlich vor, als ob er ihm die Hoffnung noch einen Platz in Kaſſel zu erhalten, 64 durch Zahlen zuverläſſiger machen wollte. Doch ſetzte er ſich ſelbſt nicht ruhig auf ſolche Erwartung nieder, ſondern nahm mit ſeiner Anſtellung gleich einen längern Urlaub zu ſeiner früher beabſichtigten Reiſe nach Preußen, wo er ſich auch für ſeinen Vater ein Unterkommen ver⸗ ſprach. Mit Anfang des Jahres 1779 verließ er Kaſſel. Neue Bekanntſchaften. In Göttingen wurde Forſter von den erſten Pro⸗ feſſoren mit Ehren empfangen. Für Gelehrte hatte ſein Geſpräch ein Intereſſe, für das wir jetzt keinen Maßſtab mehr haben, wie Thereſe Huber in ihren»Nachrichten von Forſters Leben« bemerkt.»Für Michaelis, Heyne und andere geiſtvolle Forſcher des Alterthums und der Menſchengeſchichte eröffnete er die Wiſſensquelle den Ura welt in der Bekanntſchaft mit den noch von keiner Art Civiliſation gemodelten Südſeevölkern, ſo wie in der Kenntniß einer Natur, auf die noch keine Menſchenkraft wirkte.« Aber auch Forſter konnte neue Lebenskreiſe und eine neue Art von Menſchen kennen lernen. Der welt⸗ läufige junge Mann war dem deutſchen Univerſitätsleben doch zu fremd geblieben, als daß ihm Pedanten und Schulfüchſe nicht hätten auffallen ſollen. So fand er, von drei kleinen Kuͤderhunden unaufhörlich angeklafft, den ehrenw einem Cerber ſchers er, b Mund nach als Wor G Recht zeugt da reits geſue und ehrenwerthen Profeſſor Büttner am Arbeitstiſche in einem Tabacksgewölke halb verſteckt. Forſter„dachte an Cerberus und den Acheron.« Des gelehrten Sprachfor⸗ ſchers Gedanken folgten ſo langſam auf einander, daß er, hinter hundert verſchiedenen Sachen aus Forſters Munde bei ſeinem erſten Gegenſtande ſtehen geblieben, nach einer halben Stunde wieder mit demſelben fortfuhr, als ſpräche er im Zuſammenhange mit ſeinem erſten Worte. Profeſſor Meiners war in einiger Verlegenheit. Er hatte ſich durch Forſters Streitſchriften über deſſen Recht zur Herausgabe der Reiſebeſchreibung endlich über⸗ zeugt, daß er dem jungen Autor groß Unrecht gethan. Da er inzwiſchen aber ſein erſtes übereiltes Urtheil be⸗ reits durch weitere öffentliche Beſprechung gut zu machen geſucht hatte: ſo war das Streithühnchen bald gerupft, und in gutem Humor verzehrt.—— Für Hofrath Heyne empfand Forſter alsbald einen warmenhug des Herzens. Sollte die Anerkennung die⸗— es ahorknafflichen Mannes« vielleicht von einem leiſen Vargefühle der künftigen Verbindung mit ihm durch die Hand der Tochter begleitet geweſen ſein?— Die Zeit, die unſer Reiſender in ſeines Vaters An⸗ gelegenheit in Braunſchweig verweilen mußte, wurde ihm durch Eſchenburgs, Leſſings und beſonders Jeruſalems Bekanntſchaft»verſüßt«,— wie er ſich ausdrückte. Denn ſein Anliegen war von der Art, daß es einem Manne von ſeinem Zartgefühl durch leidige Gänge und bittliches Aufwarten bitter genug werden konnte. Er wollte näm⸗ lich nicht bloß den Herzog um Verwendung bei dem König 5 66 von Preußen wegen einer Stelle für ſeinen Vater ange⸗ hen, ſondern wo möglich auch durch die Gunſt dieſes Fürſten und durch die Beihülfe einflußreicher Männer von der Loge die Mittel zur Befreiung ſeines Vaters aus dem Schuldgefängniß gewinnen. Dieſe Geſchäfte, die abgewartet werden mußten, ließen ihm Zeit zu den lite— rariſchen Bekanntſchaften, an denen er ſich erholte. Mit Leſſing ſcheint Forſter gerade in kein näheres Verhältniß gekommen zu ſein; ſo ſehr man ſich denken ſollte, daß beide, ſo klare und beſtimmte Geiſter einan⸗ der gut verſtanden haben müßten. Freilich konnte For⸗ ſter nicht ahnen, daß dieſer Träger unſerer Literatur und Bildung dem Ausgang ſeines Lebens ſo nahe ſei. Denn ſchon im zweiten Jahre nachher ſtarb er. Der geiſtigen Entwicklung ſeiner Zeit weit vorausgeeilt, ſchloß er ſein Leben mit 52 Jahren und mit»Nathan dem Weiſen« ab, um deſſen Vermächtniß der drei Ringe immer wie⸗ der neuer Eifer und Streit entbrennt. Eſchenburg, der gelehrte Hamburger zufmanns⸗ ſohn, kam ſchon in nähere Berührung mit Forſtern durch ſeine gründliche Kenntniß der engliſchen Literatur, aus welcher er mit Sprach⸗ und Sachkenntniß uns durch überſetzung den Shakespeare vermittelte. Am meiſten aber zog Jeruſalem unſern Freund an. Der damaligen religiöſen Stimmung Forſters ent⸗ ſprach ein Mann, der während eines längern Aufent⸗ halts in London etwas von dem eleganten Chriſtenthum der engliſchen Theologen angenommen hatte, und mit viel Welterfahrung ſich auch als Prediger um die Auf⸗ klärung ſeiner Zeit bemühte. Der philoſophiſche Gedan⸗ kengehalt und die gute Proſa ſeiner»Betrachtungen über die vornehmſten Wahrheiten der Religion« und ſeiner »Predigten« fanden ſpäter eine rühmliche Anerkennung. Abt Jeruſalem war auch auf unfreiwillige und ſchmerz⸗ liche Weiſe in unſere poetiſche Literatur verflochten. Er war bekanntlich der Vater jenes jungen, begabten Mannes, der aus unglücklicher Neigung zur Gattin eines Freundes ſich erſchoſſen, und dadurch dem jungen Goethe, der ihn zu Wetzlar flüchtig kennen gelernt, Stoff und Anlaß zu deſſen»Werthers Leiden« gegeben hatte. For⸗ ſter kannte den gewaltigen Einfluß, den dies Buch ſeit vier Jahren auf die damalige ſchwüle Zeitſtimmung aus⸗ übte, an welcher der Dichter ſelbſt gelitten hatte, und die auch unſern Reiſenden zuweilen nicht unangefoch⸗ ten ließ. Auch mit Leiſewitz wurde Forſter bekannt, jenem Poeten, dem ſein einziges Product, das proſaiſche Trauer⸗ ſpiel»Julius von Tarent«, einen Namen in unſerer Literaturgeſchichte erhält. Mit echt Forſter'ſcher Hinge⸗ bung bezeichnete er ihn gleich als»einen vortrefflichen Jungen, der eine edle Seele hat.«— Erſt Ausgangs Januar 1779 kam Forſter nach Berlin, wo er auf den König und die Männer des Ein⸗ fluſſes bei demſelben zählte. Während der fünf Wochen, die er verweilte, erfuhr er hinſichtlich der mitgebrachten Vorſtellung von dieſer großen Stadt einen betrübenden Umſchlag. Das Außere derſelben erſchien ihm viel ſchö⸗ ner, das Innerliche aber viel ſchwärzer, als er es ſich gedacht hatte:—»Gaſtfreiheit und geſchmackvollen Ge⸗ nuß des Lebens, ausgeartet in Üppigkeit und Praſſerei, 68 freie, aufgeklärte Denkungsart in freche Ausgelaſſenheit und zügelloſe Freigeiſterei.« Er hatte»Geiſtliche von außerordentlicher Art erwartet, von Gott mit ſeinem hellen Licht erleuchtet, einfältig und demüthig wie Kinder«, und mußte»den Stolz und Dünkel der Weiſen und Schriftgelehrten« entdecken. Spalding gefiel ihm noch am beſten; Nico⸗ lai war ihm ein angenehmer Geſellſchafter, ein Mann von Kopf, wenn auch etwas von ſich eingenommen. Es iſt derſelbe Nicolai, der durch ſeinen„Se⸗ baldus Nothanker« dem guten Jacobi ſo viel Verdruß gemacht hatte. Dieſer Roman, wenn auch nicht von poetiſcher Bedeutung, doch von verſtändiger Compoſition, zog noch immer an, eben durch die Anzüglichkeit von Perſonen und Verhältniſſen der Geſellſchaft, die er be⸗ handelt, die ihn als Zeitgemälde noch immer in einiger Bedeutung erhalten. Mit Forſtern hatte dieſer thätige Buchhändler manche Berührungspunkte. Auch er hatte ſeine Bildung und Kenntniſſe ſich nicht auf den Schul— bänken angeſeſſen, ſondern durch Selbſtbelehrung erwor⸗ ben, und beſaß Weltkenntniß und Weltmanier. Dabei mußte man ihm Verdienſte um die Literatur zugeſtehen, weniger als Autor, denn als Factor. Seine Thätigkeit fiel zwiſchen die Periode der Pedanterei vor Leſſing und der Poeſie nach Leſſing. Dort bekämpfte er das geiſt⸗ loſe zähe Alte, hier begriff er den kühnen neuen Geiſt nicht. Er beſpöttelte Goethe und beſtritt Kant; indem er, geiſtig beſchränkt, ſeinen verſtandesmäßigen Geſchmack und ſeine populäre Philoſophie ſolchen Geiſtern als Maßſtab gewachſen glaubte. Dieſen Dünkel merkte ihm üger atige hatte chul⸗ wor⸗ abei hen, gkeit und geiſt⸗ Geiſt ndem mack als ihm 69 denn auch Forſter an. Sonſt war Nieolai ein tüchtiger Buchhalter der Literatur, und wirkte für dieſe und für Aufklärung überhaupt durch ſeine»Bibliothek der ſchönen Künſte und Wiſſenſchaften«. Und wie er dieſe ſich, nach dem Zeitbedürfniß, in die»Literaturbriefe« und in die „Allgemeine deutſche Bibliothek« verwandeln ließ, ver⸗ ſtand er es auch zur Förderung derſelben die ſtets nach⸗ wachſenden literariſchen Kräfte an ſich zu ziehen. Be⸗ rühmt iſt er auch durch ſeine Spürnaſe für alle Geheim⸗ bündnerei und für Jeſuiten. Ob er Forſtern die Maurerei anmerkte, iſt nicht ermittelt; doch begegnen ſich beide ſpäter noch über andern Geheimniſſen. Was Nicolai damals galt, geht auch aus einem Briefe des jungen Schiller an ſeine Schweſter hervor. Der arme Flücht⸗ ling getröſtet ſich im November 1782 eines feſten Ein⸗ kommens in Berlin auf die vollgültigen Empfehlungen, die er an Nicolai habe,»der dort gleichſam der Sou⸗ verän der Literatur ſei, alle Leute von Kopf ſorgfältig anziehe, ihn ſchon im Voraus ſchätze, und einen unge⸗ heuern Einfluß habe, beinah im ganzen deutſchen Reich der Gelehrſamkeit.«— Engel erſchien unſerm Reiſenden als launiſches, ſehr gelehrtes Geſchöpf; Ramler als die Ziererei und Eitelkeit in Perſon. Sulzern, den Aeſthetiker, fand er auf dem Sterbebette. Er, der im Widerſpruche mit Leſſing als Grundlage des Schönen das Gute forderte, verſtand es, durch Heiterkeit und Theilnahme bei anhal⸗ tenden Schmerzen und Schlafloſigkeit wenigſtens ſchön zu ſterben. Dem reiſenden Vielgereiſ'ten machte ſich beſonders die berliner Neubegierde recht läſtig. Bei unzähligen Mittag- und Abendeinladungen quetſchten ihm dieſelben Fragen immer wieder die alten Geſchichten aus; als ob er nur geliehen ſei, müſſigen Leuten die Zeit zu vertrei⸗ ben. In einem Briefe an Jacobi beſchwerte er ſich in den lebhafteſten Ausdrücken, wie ihn dieſe»Seccatori“ faſt zu Tode gequält hätten. Eben ſo verdrießlich ward ihm die allgemeine Vergötterung und Anbetung des Königs, dieſe Lobpreiſung auch deſſen, was ſchlecht, falſch, unbillig oder wunderlich am alten Fritz erſcheinen mußte. Ganz unleidlich fand er das berliner ſchöne Geſchlecht,— in Eigenliebe und Gefallſucht ſo verderbt, wie in Paris oder irgendwo, den Ton der guten Ge⸗ ſellſchaft auf fade, abgeſchmackte Witzeleien und Compli⸗ mente, auf das unaufhörliche Erſinnen der ſogenannten jolis riens geſtimmt, wo gar nichts gedacht, und außer der größten Sinnlichkeit nichts empfunden werde.— Hätte Forſter nicht als ausdrücklich befriedigend einzelner Abende erwähnt, die er bei Nicolai, Engel und Andern heiter und mit guten Einfällen und Hiſtörchen verbrachte, wir würden ihn für hypochondriſch geſtimmt, oder un⸗ zufrieden mit ſeinen Bemühungen halten. Doch dies letztere war er wirklich. Er hatte um ſeines Vaters willen die verſchiedenſten Menſchen von Einfluß angehen und ſich in ſie ſchicken müſſen, nur um keinen übeln Eindruck zu hinterlaſſen, wie es ſelbſt Goethen ergangen war, der bei ſeinem Beſuche durch ſein wenig biegſames Weſen allgemein mißfallen hatte, ſich ſelbſt aber auch an der verdorbenen Brut wenig erfreut haben ſollte. Und nach dem Allen hatte er außer d 71 ſchwanken Andeutungen und umnebelten Hoffnungen wenig Tröſtliches in Potsdam erwirkt. Damit reiſ'te er ab; beſuchte in Kloſterbergen den Abt Reſewitz, einen alten Freund, zu deſſen Geburts⸗ tagsfeier er eben recht kam, und ging dann nach Deſſau, zu dem humanen Fürſten, den er aus London kannte. Fürſt Franz gehörte unter den kleinen Regenten des 18. Jahrhunderts weder zu den ſelbſtherrſchenden Des⸗ poten, noch zu den wohllüſtigen Vermiethern ihrer»von Gott verliehenen« und oft genug in des Teufels Namen geführten Macht, ſondern war einer der wenigen, die eine ⸗ererbte Kleinſtaaterei von der idylliſchen Seite des Volksfamilienlebens auffaßten. Seit der Rückkehr von ſeinen Reiſen hatte er ſich beſonders mit Verſchönerung ſeines Landes und um die Bildung ſeines Völkchens bemüht.— Bildung und Aufklärung der Menſchheit war damals die Loſung, und man betrieb dieſelben mit ſolcher Schwärmerei, daß man gerade den wunderlichſten Wegen zu dieſem Ziel am liebſten Vertrauen ſchenkte. So hatte der Fürſt den Neid von ganz Deutſchland auf ſein kleines Deſſau gezogen, als er den Ausbund aller ſeltſamen Zeitfiguren, der ſich zur Begründung einer großen Bildungsanſtalt öffentlich ausbot, meiſtbietend gewonnen hatte. Es war der bekannte Baſedow, jener ſchmutzig ausſehende, liederlich aufziehende Enthuſiaſt, jener eitle Trunkenbold und ſtreitſüchtige Grobian, der als widerwärtiges Gefäß den Heiltrank der Menſchheit zu enthalten einen Preiszettel an ſich trug. Baſedow's Philanthropin in Deſſau war aber bereits wieder im Ver⸗ fall; er ſelbſt, nachdem er durch ſeine Unverträglichkeit die beſten Lehrer, wie Salzmann, Campe vertrieben hatte, war ausgeſchieden. Doch traf Forſter bei ſeinem Beſuche mit einem ruſſiſchen Oberſten zuſammen, der ſeinen Sohn in die Anſtalt gebracht hatte. Was der Fürſt weiter für Schulen, Bauten u. ſ. w. in Deſſau und Zerbſt that, fällt größtentheils ſpäter. Das Luſtſchloß Wörlitz war aber ſchon fertig, das Luiſium, wie es der Fürſt nach ſeiner Gemahlin Luiſe nannte, dieſer durch ſchöne Ge⸗ ſtalt und Geiſtesbildung ausgezeichneten Frau. Hier weilte der Fürſt am liebſten.»Zu edel, um die erzwungenen Bücklinge und Narrenpoſſen der Hof⸗Etiquette leiden zu können,« hatte er die einfachſte Einrichtung des⸗Hof⸗ ſtaats angeordnet.— Der Frühling meldete ſich bereits an einzelnen Tagen mit freundlichen Sonnenblicken an. Der Fürſt nahm daher ſeinen Gaſt mit nach Wörlitz. Forſter blieb drei Tage. Man machte Morgenſpaziergänge zuſammen, und an einem der Abende beim Thee, den die Fürſtin ſchenkte, hielt Forſter einen Vortrag über die Kunſtſachen aus der Südſee, die der Fürſt hier aufbewahrte.—»Jetzt bin ich wieder mit dem Geſchlechte der Durchlauchtigkeiten ſo halb verſöhnt, ſchrieb Forſter an ſeinen Vater, um der guten Fürſten willen, die ich hier faſt noch beſſer finde, als damals in England. Für das bischen Höflichkeit, das wir ihnen in London erwieſen, können ſie ſich nicht oft genug erkenntlich zeigen, und von den paar Lappen tahitiſchen Zeugs, die wir ihnen gaben, habe ich alle Tage hören müſſen.« Vor dem Scheiden von Wörlitz nahm der Fürſt eines Morgens Forſtern mit in ſeine Bibliothek, wo er 73 ihm auf die zarteſte Weiſe als Zeichen ſeiner Dankbarkeit und Bereitwilligkeit dem alten Forſter nützlich zu ſein, 100 Louisd'or für denſelben mit den Worten zuſtellte: Sie wiſſen, meine Kräfte ſind nicht groß, aber kann ich ſonſt durch meine Freunde in London noch etwas für Sie bewirken, ſo ſagen Sie es nur, ich verpflichte mich zu allem. Noch aus Deſſau kündigte Forſter ſeinem Vater die Summe an, die ihm zentnerſchwer anzunehmen geworden ſei. Es iſt dabei die Rede von Ausrüſtung des Über⸗ zugs nach Halle, und daß wohl bereits durch die Be⸗ mühung der wenigen edeln Seelen, die ſich des Vaters angenommen, alle Schwierigkeiten gehoben ſein würden. Dies zielt offenbar auf Forſter's Löſung aus Kingsbench, und es läßt ſich errathen, daß der Herzog von Braun⸗ ſchweig und die Maurerei dazu geholfen haben. In Berlin war zugleich eine Profeſſur an der Univerſität Halle für den älteren Forſter in Ausſicht geſtellt worden. Einrichtung und Verkehr. Der Frühling begrüßte Forſtern bei ſeiner Wieder⸗ ankunft in Kaſſel. Er fand die Gegend reizend ſchön; die Obſtgärten prangten mit einer Verſchwendung von Blüthen, und allenthalben war's voll Nachtigallen. Er fühlte ſich außerordentlich wohl, und auf den Morgen⸗ 5* ſpaziergängen ſein ganzes Weſen von den herrlichſten Empfindungen getragen. Das Carolinum, von nur we⸗ nig Studenten beſucht, gab ihm keine volle Beſchäftigung. Indem er aber dieſe Muße zu Studien und literariſchen Arbeiten zu benutzen ſuchte, fehlte es ihm an Hülfsmit⸗ teln. Seine Bücher, Pflanzenſammlungen und Inſtru⸗ mente waren auf der Überfahrt von England über Hamburg durch Stranden des Schiffes theils verloren, theils verdorben worden. Kaſſel bot keinen Erſatz. Er nannte es eine ordentliche Wüſte, wenn es auf neue Bücher ankomme, indem der Fonds zu Anſchaffungen für die fürſtliche Bibliothek aus jährlich nur 400 Thalern beſtehe, und alle Fächer daher entſetzlich lückenhaft ſeien. Glücklicherweiſe hatte er Göttingen mit Bibliothek und Naturalienſammlung in der Nähe. Nur banden ihn die Lectionen am neu errichteten Cadetten⸗Corps dergeſtalt, daß er Kaſſel ohne Aushülfe eines Mitlehrers, die dann auf andre Weiſe wieder verbindlich machte, keine Woche verlaſſen konnte. Da regte ſich denn ſchon früh jener Zwieſpalt, der Forſtern ſein Lebenlang zu klagen gab. Es war der Wi⸗ derſpruch zweier Bedürfniſſe, die einander auszuſchließen ſchienen, einander aber nur ablöſ'ten. Wir meinen das Bedürfniß— zuweilen wohl auch nur die Unruhe— zu reiſen, und ſodann der Trieb Bücher, Inſtrumente u. d. gl. anzuſchaffen. Beides, da er weder dem Einen noch dem Andern widerſtehen konnte, brachte ihn gar oft in Geldverlegenheit. Noch hatte es aber mit dieſer Unzufriedenheit nicht viel auf ſich. Der Frühling und die Freundſchaft be⸗ ſchäftigten ſein Herz. Mit der Andacht an die glücklichen düſſeldorfer Raſttage erhob er das Bild Jacobi's zu den Penaten ſeiner Miethwohnung.»In meiner Einbildungs— kraft ſtehn Sie vor mir, heißt es in ſeinem erſten Brief an den Freund,— ich ſchaue in das weite, off'ne, durchdringende Auge tief hinein; ein heller Lichtſtrahl fließt aus ihrem Blick, den ich begierigſt einſchlürfe. Dann überfällt mich's wieder, daß ich die große, weit⸗ ſchauende Seele nicht faſſen kann; das Gefühl eigner Schwäche drückt mich nieder, und der Lichtſtrom brennt wie electriſches Feuer, daß ich nicht länger im Stande bin, ihn zu ertragen, und— blinze. Courage, mon coeur! wieder aufgeſchaut! nicht in die funkelnden Au— gen, ſondern auf die ſchöne, hohe, freundliche Stirn, die wieder ſanftes Zutrauen erweckt, die mir meinen Platz in dem edelſten Herzen anwies, und meines Jacobi Hand mir reichte, wo die Sonne ſo warm, wohlthätig und milde ſcheint« u. ſ. w. Der Ausdruck dieſer Briefſtelle iſt durchaus bezeich⸗ nend für Forſter's Stimmung nach dieſer neuen Bekannt⸗ ſchaft, und einzig für ſeinen Stil. Man ſieht welch' mächtigen Eindruck die Perſönlichkeit Jacobi's auf den damals ſehr niedergedrückten jungen Mann gemacht hatte. Es iſt aber auch, als ob Forſter eine kleine Anſteckung aus der Jacobi'ſchen Umgebung ausfieberte, oder als ob ein dunkles Nachgefühl der dort herrſchenden Hausandacht der Schweſtern Lotte und Lene den Schreibenden über⸗ kommen und angetrieben hätte, nach einem Ausdruck für ſeine Verehrung zu ringen, der zugleich den geſpannten Anſprüchen des Verehrten genug thäte. Denn ſonſt lag das Überſchwängliche nicht in Forſter's Feder, ſo wenig als das Schwulſtige, wie es in jener Stelle:»die Stirne, die eine Hand reicht,« zum Vorſchein kömmt. In dieſer Stimmung fand Forſter kurz nach ſeiner Rückkehr im Aprilhefte des»deutſchen Muſeums« ein Bruchſtück des Romans»Woldemar.« Er war entzückt, er las es ſich laut und mit dem eignen Ausdrucke vor, wie er es aus Jacobi's Munde vernommen hatte. Freilich war Forſter damals auch für dies grübelnde Seelenge⸗ mälde in einer empfänglichen Stimmung, ſo daß er ſich lebhaft freuen mochte, Jacobi's religiöſe Anſichten ſo übereinſtimmend mit den ſeinigen zu finden. Und das war's denn auch: der Roman ſchlug gerade einzelne Saiten in Forſter's Herzen an, oder— wie er ſelbſt ſchrieb—»gewiſſe abgeriſſene Worte, gewiſſe Wendungen und Ausdrücke Woldemar's fielen ihm auf's Herz;« ſonſt würde ſeinem geſunden Sinn für das Schöne und Wahre doch mehr aufgefallen ſein, wie unerquicklich in dieſem Roman geiſtreich vornehme, ſelbſtbewußte Perſonen ſich in unnatürlichen, erkünſtelten Verhältniſſen ſprungweiſe bewegen, und über die geheimſten Vorgänge im menſch⸗ lichen Herzen ſpitzfindig klügeln. Der Freund bewunderter noch zu lebhaft Jacobi's Perſönlichkeit, um es auffallend zu finden, wie ſehr dieſelbe ſich in dem Romane ſpiegelt und darin abgeſpiegelt liegt. Der Roman, der nach jenem Bruchſtücke bald er⸗ ſchien, erregte große Theilnahme in den gebildeten Krei⸗ ſen. Die Stimmung der Zeit kam der Tendenz des Buches entgegen, oder fand ſich darin ausgedrückt, indem die Indioidualität des Menſchen in ihrem augenblicklichen 77 Empfinden und Behagen zum unabhängigen Herrn auch über das Sittliche im Leben gemacht wird. Forſter hatte ſonſt ſtrengere Grundſätze, auch hat das Buch nicht nach⸗ haltig auf ihn eingewirkt, da ſpäter ſelbſt ſeine religiöſen Anſichten ſich der Jacobi'ſchen Philoſophie ganz entzogen. Wir betrachten daher dieſen Roman nicht genauer, zumal er heutige Leſer ſo ſchwer anzieht, und ſo leicht fal⸗ len läßt. Bald kam auch zu Forſter's reiner Verehrung gegen Jacobi ein Zuſatz von Dankbarkeit für— einen Geld⸗ vorſchuß, den der poetiſche Philoſoph von Pempelfort dem neuen kaſſeler Profeſſor zu deſſen erſter Einrichtung lei⸗ ſtete. Dies Gefühl dankbarer Verpflichtung gegen einen angebeteten und wohlhabenden Gönner war ein ſo wenig drückendes Band für Forſtern, daß er, nach ſeinem eignen Bekenntniß, als er ſpäter Gehaltszulage erhielt, gar nicht eilte, es durch Rückzahlung des Betrags wieder zu löſen. Dieſe Empfindung, ſo begreiflich für den Seelenkundigen, hatte vielleicht doch etwas Verführeriſches für einen Mann, der noch mehrmal, auch unter andern Umſtänden, in die ſonſt peinigende Verlegenheit Schulden zu machen kommen ſollte. In Forſter's Leben ſtoßen wir auf manche vorah— nende Außerung, auf manches vorbedeutſame Begegniß. Vielleicht iſt dies im Leben der meiſten Menſchen nicht weniger der Fall, und man erkennt nur nicht das Vor⸗ zeichen, oder hat es vergeſſen, wenn es ſich erfüllt. Wir werden auf dergleichen bei Gelegenheit hinweiſen, wie wir ſchon das Knabenerlebniß mit dem gefundnen Gold— ſtück als vorbildlich bezeichnet haben. Eben ſo läßt ſich in einer Bemühung Jacobi's zur Verbeſſerung der Lage ſeines jungen Freundes ein verhängnißvoller Fingerzeig erkennen. Zu Anfang des Jahres 1779 war nämlich Jacobi nach München berufen worden, um in dem Miniſterium ſeines Gönners von Hompeſch verſchiedne neue finanzielle Einrichtungen bearbeiten zu helfen. Er wurde zum Ge⸗ heimrath befördert, und ſtimmte dafür, daß der bisher verpachtete Landzoll in den Herzogthümern Jülich und Berg von 1780 an in Adminiſtration genommen würde. Jacobi ſollte dann die Direction übernehmen, und hatte ſchon im Stillen die Abſicht gefaßt, Forſtern zum General-Adminiſtrator vorzuſchlagen, die Caution von 30,000 Thaler für ihn zu ſtellen, und in der Arbeit mit zuzugreifen, bis der Freund ſich würde eingeſchoſſen haben. Dann ſollte es Forſtern ein Leichtes ſein, neben dem einträglichen Amte noch Muße für ſeine wiſſenſchaft⸗ lichen Intereſſen zu erübrigen. Mit dieſer edelmüthigen Geſinnung berührte er un⸗ bewußt die heimlichſten Träume Forſter's. Der junge Profeſſor hegte damals keinen innigeren Wunſch, als entweder ein paar akademiſche Jahre frei von allen Ge⸗ ſchäften für ſich zu haben, oder eine Civilbedienung zu finden, wozu— wie er ſcherzend meinte—»ein armer Weltumſchiffer von der Linie her allenfalls noch Verſtand genug mitgebracht habe.« Indeß drohte dem Unternehmen, worauf Jacobi's gutes Vorhaben berechnet war, eine münchner Cabale. Jacobi hatte ſich gegen Einführung der bairiſchen Mauth in Jülich⸗Berg geſetzt, und die Nachtheile der Mauth, rbeit oſſen eeben haft⸗ un⸗ unge als Ge⸗ zu rmer ſtand cobis abale. Kauth auth, 79 ſelbſt für Baiern, dargelegt. Dies war ungnädig auf⸗ genommen worden, und man ließ es ihn nach ſeiner Rückkehr empfinden. Die Gegner ſeiner Entwürfe ſetzten nun auch leichter durch, daß der Landzoll nicht in eigne Verwaltung genommen, ſondern wie früher in Pacht ge⸗ geben wurde. Ob Forſter auf dem Verwaltungspoſten ſeine in— nerſte Befriedigung gefunden hätte, läßt ſich nicht ver⸗ ſichern. Doch wäre ihm mit dem beſſern Auskommen und einer practiſchen Thätigkeit damals ſehr geholfen geweſen. Denn keine Stellung war ihm weniger ange⸗ meſſen, als auf dem Katheder. Hier war der ſonſt ſo beredte, weltgewandte Mann befangen und unbeholfen. Er ſelbſt erkannte es, erklärte das»ſyſtematiſche Dogma⸗ tiſiren« für ein ihm völlig verſchloßnes Geheimniß, und konnte einer Profeſſur, ſelbſt auf der erſten Univerſität, nichts Schmeichelhaftes abgewinnen. Vorbedeutſam finden wir aber Jacobi's Abſicht ein⸗ mal als Fingerzeig, der Forſtern mit ſeinem innerſten Zwieſpalt an den Staat weiſ't, in welchem Haus und Welt ſich ausgleichen; ſodann als Vorzeichen jenes letzten unglücklichen Schrittes, da Forſter in die öffentliche Ver⸗ waltung eingreift im Augenblick, als der revolutionäre Staat unter ihm zuſammenbricht.— In derſelben Zeit, während Forſter die freundſchaft⸗ lichen Abſichten Jacobi's abzuwarten hatte, erwuchſen ihm ſelbſt freundſchaftliche Bemühungen für Sömmering. Die⸗ ſer war im April aus England nach Göttingen zurück— gekehrt, und bewarb ſich um die eben vacant gewordne Lehrſtelle der Anatomie am kaſſeler Carolinum. Forſter 80 wendete ſich an den Miniſter von Schlieffen, der am meiſten perſönlichen Einfluß beim Landgrafen hatte. Die⸗ ſem war aber ſchon die Meinung beigebracht worden, daß in Straßburg und in Frankreich überhaupt die beſten Anatomen gebildet würden. Es erforderte daher alle Klugheit, den Fürſten von ſeiner vorgefaßten Mei⸗ nung abzubringen, und für einen Deutſchen zu ſtimmen, der ſogar noch keinen literariſchen Namen hatte. Schlief⸗ fen gab ſeinen Rath, hielt ſich ſelbſt aber, um den Landgrafen nicht argwöhniſch zu machen, im Rückhalte. Forſter inſtruirte den Freund für das einzureichende Ge⸗ ſuch. Sömmering ſollte beſonderes Gewicht auf die Ehre legen, die ihn antreibe im Dienſt eines Fürſten zu ſte⸗ hen, der eine ſo ſeltene Menagerie unterhalte, um derent⸗ willen der Bewerber die günſtigen Berufungen nach Jena und Halle auszuſchlagen bereit ſei.—»Sie können, ſchrieb ihm Forſter, Ihro Durchlaucht das Maul mit Complimenten nicht zu voll ſchmieren, damit gewinnt man hier öfter.« Wirklich ſcheint Sömmering gut geſchmiert, und Schlieffen von hinten gut angetrieben zu haben; denn der junge Freund fuhr ganz gut. Er bekam im Laufe des Juni die Stelle, und eilte nach Kaſſel, wo das ana⸗ tomiſche Theater am Geburtstage des Landgrafen einge⸗ weiht werden ſollte, und Sömmering daher ſein Antritts⸗ Programm zu beeilen hatte. gena nen mit annt und denn aufe Dieſe Wiedervereinigung mit dem Freunde war ein erfreuliches, erquickliches Ereigniß für Forſter's Leben in Kaſſel. Die bleibende Amtsgenoſſenſchaft, ein neues Band zu den früheren Verbänden, verſöhnte ihn mit dem Ka⸗ theder, und ließ ihn die verlorne Zöllnerſchaft vergeſſen, die ihn ja doch von Kaſſel und dem Freund entfernt hätte. Beide unverheirathet, vereinigten ſich zu einem gemeinſchaftlichen Mittagtiſche, wodurch ſie ſich mehr und mehr verbrüderten, und als Duzfreunde, verwandt durch wiſſenſchaftliches Intereſſe und durch Geſinnung, ſich in ein Vertrauen hineinlebten, das bald verhängnißvoll für beide werden ſollte. Ein ſo inniger Anſchluß hielt Forſtern freilich von lebhaftem Verkehr mit den andern Profeſſoren ab, unter denen ausgezeichnete Männer waren. Wir nennen Dohm, der aber noch in demſelben Jahre nach Berlin zum Departement des Auswärtigen und zum geheimen Archiv mit dem Titel eines Kriegsrathes abging. Er lebte ſeit drei Jahren in Kaſſel, wo er auch mit Boje das deutſche Muſeum herausgab. Seine bekannten»Denk⸗ würdigkeiten« fallen ſpäter. Tiedemann der Philoſoph, dachte wohl noch nicht an ſein Hauptwerk:»Geiſt der ſpeculativen Philoſophie,« und konnte in 1779 auch noch kein Gegner Kant's ſein, mag aber ſpäter auf Forſter's philoſophiſche Anſichten durch mündlichen Verkehr gewirkt haben. Ein Mann, der uns durch ſeinen Verkehr mit For⸗ ſtern für dieſen Freund einige Beſorgniß einflößt, war Mauvillon. Er war vom Wege⸗ und Brückenbau als Hauptmann und Lehrer des Kriegsbauweſens zum 6 Cadetten⸗Corps übergegangen. Über zehn Jahre älter als Forſter, hatte er ſich ſchon mit Theologie, Jurispru denz, Mathematik und Sprachen befaßt, und im Fjähri⸗ gen Kriege als Ingenieur in hannoverſchen Dienſten ge⸗ ſtanden. Jetzt war er mit Profeſſor Schlettwein zu Gießen in Verbindung gegen das phyſiokratiſche Syſtem, dem Jacobi anhing. In näherer Beziehung zu Forſter werden wir ihm noch begegnen. Andre Verbindungen knüpften ſich bald nach des Freundes Niederlaſſung in Kaſſel mit der Univerſität Göttingen. So oft er Urlaub erhalten konnte, eilte er hinüber, meiſt zu Pferde, wozu er fünf Stunden brauchte. Seine Einkehr war ſehr oft bei dem damals noch unver⸗ heiratheten Lichtenberg, mit dem er dann in launigen Geſprächen zu Rapp's ſchmackhaften Schüſſeln wandelte. Die Freundlichkeit, mit welcher dieſer berühmte Spöt⸗ ter den zwölf Jahre jüngern Forſter gleich aufgenommen hatte, erregte deſſen warme Hingebung. Forſter war ein liebevolles Gemüth, zur Anerkennung ausgezeichneter Menſchen— und hierin bis zur Schwärmerei geſtimmt. Dieſe überdauerte nicht immer den guten Verſtand und edeln Sinn, womit er ſeinen Irrthum oder ſeine falſche Schätzung bald erkannte. Witz und Spott war auch ſonſt ſeine Vorliebe nicht: doch kehrte Lichtenberg vielleicht in perſönlichem Umgang mehr Herz heraus, als wir ihm hinter dem ſcharfen Spotte ſeiner Schriften zutrauen. Durch die Schuld einer Wärterin verwachſen, beſaß er als Entſchädigung, oder wohl auch als zweites Unglück, für alles Schiefe, Verzwickte und Verkrümmte im Leben einen ſcharfen Blick und Witz. England gab Berüh⸗ umen r ein znetet mmt. und alſch e auch leicht ihm auen aß et glück Leben erüh⸗ rungspunkte für beide Freunde. Der im Darmſtädtiſchen geborne göttinger Profeſſor der mathematiſchen Natur⸗ wiſſenſchaften war zweimal dort geweſen, wo er an den großartigen und handfeſten Verhältniſſen des Landes und Volkes den Blick geübt hatte, um mit Humor über die kleinlichen, ſentimentalen Erſcheinungen des damaligen Deutſchlands hinzuſtreifen. Neben Forſter fehlte ihm deſſen großartige Geſinnung und eine auf den Kräften des Gemüths oder der Macht des Geiſtes ruhende Über⸗ zeugung, die ihm über ſeine Zweifelſucht und manche Ängſtlichkeit hinausgeholfen hätte. So kam er aber zu keiner feſten Anſchauung der Welt, und brachte mit ſeiner ſchönen Begabung kein umfaſſendes Werk zu Stande. Seine Geſinnung ging übrigens mit dem Fort⸗ ſchritte der Zeit, während er ſelbſt mehr und mehr ver⸗ einſamte, und nach reichlich verausgabtem Spott und Spaß für ſich ſelbſt und ſeine letzten Jahre die Me— lancholie übrig behielt. Der Verkehr Forſter's mit Lichtenberg ward noch lebhafter durch das»göttinger Magazin der Wiſſenſchaf⸗ ten und Literatur,« das Beide von 1780 an unternah⸗ men. Dadurch änderte ſich aber auch Manches in For⸗ ſter's Meinung von ſeinem gelehrten Geſchäftsgenoſſen. Wir finden es ausgeſprochen bei Gelegenheit eines etwas ſpätern literariſchen Streites, worin Lichtenberg einen groben Angriff Voßens im deutſchen Muſeum mit bitter⸗ ſtem Spott abfertigte. Jacobi war ſehr ungehalten darüber, und Forſter äußerte darauf über Lichtenberg: »Er iſt aus Muthwillen und Leichtſinn zuſammen⸗ geſetzt, wie Käſtner, nur ſo dreiſt iſt er nicht, und dies 6* 84 fäͤllt vielleicht auf Rechnung des Körpers. Ich ehre ſeine Talente, ſeine mathematiſche Wiſſenſchaft, ſeine Schreibart, ſeinen Witz und ſeine muntre Laune, ſeinen oft philoſophiſchen Blick; aber ich finde ſchlechterdings nichts für mein Herz bei ihm, und unſere Freundſchaft kriecht jetzt wieder in die Schranken der gewöhnlichen Bekanntſchaft zurück.« Die Nachklänge aus dem unglücklichen Vaterhauſe, eine vorherrſchende religiöſe Empfindſamkeit und jene Schwärmerei, auf die wir nachher kommen, hielten For⸗ ſter's Gemüth noch etwas ſchwer und ſentimental ge⸗ ſtimmt. Als er nachmals dieſe Kriſe glücklich beſtanden, und ſich zu freierm Lebensblicke durchgerungen hatte, gab er ſich doch wieder ſehr an Lichtenberg hin, und ging nicht ſelten auf deſſen ſcherzhaften Ton ein, obſchon Witz und Humor nie ſeine entwickelte Seite war. In jenem Streite nahm er indeß auch nicht für Voß Partei, dem Jacobi geneigter ſchien, ſondern nannter ihn den hochmüthigſten Gelehrten, den er aus Schriften kenne, und deſſen Gelehrſamkeit er oft, deſſen menſchen⸗ freundliches, ſanftes Herz er aber nie habe rühmen hören. Wir müſſen hier ein für alle Mal auf Eines auf— merkſam machen, was Forſter's Art recht bezeichnet, daß er nämlich ſo leicht, auch bei ganz alltäglichen Anläſſen, ſich in hohe Seelenſtimmungen oder auf umfaſſende Standpunkte der Betrachtung verſetzt, wie es nur den edelſten Geiſtern gegeben iſt. Wir denken ſolche Auße⸗ rungen, die nicht bloß ihn charakteriſiren, ſondern für den Leſer auch etwas Anregendes haben, in dieſe Lebens⸗ nte und bon für unte fften hen ren. auf daß ſeen, ende den uße für zens 8⁵ geſchichte wörtlich aufzunehmen, hoffend, daß ſo edle Worte unſerm Verſuch einigen Werth verleihen ſollen. Da ruft denn unſer Freund bei jenem Federgefecht aus „Laſſen Sie uns die Wahrheit ſuchen, um ſie feſt zu halten und zu küſſen, nicht um ſie unerkannt und ungenoſſen, weil wir ſie in dieſem oder jenem ſchlechten Gewande nicht vermutheten, unſern Händen entſchlüpfen zu laſſen.——— Daß ſich doch immer Einer um den Andern und Keiner um ſich ſelbſt kümmert! Ein Geſchäft, wie die Sorge um Andre, iſt das heiligſte auf Erden; es ſetzt Menſchen voraus, die dem Ziele der Vollkommenheit ſo nahe ſind, daß ſie auch Andern den Weg weiſen können. Nach dieſer Definition wird mir allerdings alles oder doch das Meiſte von dem, was heutiges Tags Philoſoph, Profeſſor, Prieſter, Prediger heißt zum Ekel.—— Wenn wir keinen untrüglichern Wegweiſer zur Wahrheit, zur Weisheit und Glückſelig⸗ keit als dieſe hätten, ſo wäre es beſſer nicht zu ſein. Ich danke Gott, daß ich erkenne, daß die Wahrheit von Menſchen ganz frei und unabhängig iſt; daß Keiner im Stande iſt, ſie dem Suchenden vorzuenthalten; daß der, der ſie erkannt hat, bei ihrem eignen Lichte wandelt, und nicht irren kann, ſo er von dieſem Führer nicht muthwillig weicht.«— Bedeutender für Forſter und für ſeine Zukunft ver⸗ hängnißvoll war das gaſtliche Haus des Profeſſors Heyne. Seit ſechszehn Jahren war es mehr und mehr der Vereinigungspunkt für ausgezeichnete Männer und junge, aufſtrebende Talente geworden. Heyne's Perſön lichkeit übte eine mächtige Anziehung nicht bloß durch umfaſſende Gelehrſamkeit, Geiſt und Geſchmack, ſondern auch durch zartes Gemüth, milde, ſchonende Geſinnung und feines, anſtändiges Benehmen. Sohn eines armen, aus Schleſien nach Chemnitz geflohenen Leinwebers, hatte er auf den Schulen und in den drückenden Lagen, in die der ſiebenjährige Krieg ihn verſetzte, ſich mit Noth und Mißgeſchick herumſchlagen müſſen, und auf dem mühſamen Wege ſeines Unterkommens»Menſchen zu ertragen und zu gewinnen« gelernt. Wodurch er ſo allgemein anzog und einnahm, war ſein vermittelnder Geiſt und Sinn. Mit dem Beſtreben, das römiſche und griechiſche Alterthum in die gebildeten Kreiſe der Geſell⸗ ſchaft einzuführen, und Deutſchland mit den ausgezeich⸗ netſten Werken der Engländer und Franzoſen bekannt zu machen, mit dieſem Humanismus in der Literatur ver⸗ band Heyne die liebenswürdigſte Humanität im Leben,— ſchonend, verſöhnend in Meinungen und Kämpfen, ohne Vorurtheil in philoſophiſchen und kirchlichen Lehren. Als Mann von Einſicht und Charakter, verdient um den Aufſchwung der Univerſität, um die Förderung der lite⸗ rariſchen Anſtalten und Einrichtung der großen Bibliothek in Göttingen durfte er ſich für anerkannt und geſchätzt halten, und genoß durch ſeine Bemühungen zur Wieder⸗ belebung der Alterthumswiſſenſchaften und zur Bildung von Lehrern im Geiſte des neuen Lebens eines ausge⸗ breiteten Ruhmes. Heyne war damals 50 Jahre alt, und ſeit kurzem zum zweitenmale verheirathet mit einer Schweſter des nachmals als Publieiſt und Staatsmann bekannt gewor⸗ denen Ernſt Brandes in Hannover, Seine Tochter erſter * Che hani⸗ The hher Ehe, Thereſe, kam in demſelben Jahre 1779 aus einer hannoverſchen Penſion zurück, 15 Jahre alt, und von der Stiefmutter als jüngere Freundin aufgenommen. Thereſe war ein ſtark und blühend heranwachſendes Mäd⸗ chen, unter ernſter Haltung eine lebendige, leidenſchaftlich erregbare Natur. Im Verkehr mit edeln Jünglingen und würdigen Männern des väterlichen Kreiſes bildete ſie ſich immer mehr zu jener Selbſtändigkeit im Denken und Unbefangenheit im Benehmen, auf die es ſchon die Umſtände ihrer früheſten Kindheit angelegt hatten. Ihre Mutter, kränklich und ſchwermüthig, ließ nämlich das Kind ohne Aufmerkſamkeit, ja ohne Geſpielen im engen Haus und öden Gärtchen gewähren. Von dem, 2 Jahre ältern Bruder lernte ſte leſen, und blieb übrigens ohne Unterricht. Aber ſie athmete in der gelehrten, geiſtvollen Umgebung des Vaters. Aus dem Spieleckchen des Zim— mers hervor lauſchte die Kleine dem jungen Dichter Bürger, den beiden Grafen Stollberg ünd andern talent⸗ vollen Studenten, die ab- und zugingen. Später hörte ſie Herdern, während des kurzen Aufenthalts einer erwar⸗ teten Anſtellung in Göttingen, der Mutter den Meſſias Klopſtock's vorleſen, den jungen Dänen Balle ihr den Homer überſetzen, und der Vater pflog über Tiſche be⸗ lehrende Unterhaltung mit dem Töchterchen. Bald nach ihrer Rückkehr aus der Penſion brachte Thereſe Heyne ein paar Mädchenjahre in Gotha zu, wo ſie auch ihre innigſte Mädchenfreundſchaft ſchloß. So gerade in der intereſſanteſten Zeit ihrer Entwicklung der ruhigen Beobachtung Forſter's entzogen, ſcheint ſie den angenehmen Hausfreund erſt in der letzten Zeit ſeines 88 kaſſeler Aufenthalts mehr überraſcht, als allmählich ein⸗ genommen zu haben.—— Dieſer Verkehr mit Göttingen zog unſern jungen Profeſſor, wie es ſcheint, mehr an, als das innere Leben in Kaſſel. Seine Briefe wenigſtens, ſonſt voll traulicher Ergüſſe gegen Jacobi und ſeinen Vater, enthalten außer dem Lobe der ſchönen Gegend faſt nur Klagen über die geringe Theilnahme der Kaſſeler an der Literatur. Sonſt findet man wohl die Profeſſoren an den Erholungs⸗ und Vergnügungsplätzen; Forſter gedenkt aber nicht ein⸗ mal der lockenden Spazierläufe nach Spickershauſen über der nahen hannoverſchen Grenze, wo die in Kaſſel ver⸗ folgten Kaffeemühlen noch laut und luſtig knarren durf⸗ ten. Denn der Landgraf gehörte zu jenen deutſchen Fürſten, die den alten Fritz auch in deſſen Kaffeeverboten nachahmten; nur daß dieſer das Kaffeetrinken eigentlich ſteuerbar— der Landgraf aber nur ſtrafbar machte, um nach damaliger Finanzpolitik kein Geld aus dem Lande zu laſſen. Das damalige Leben am Hofe des Landgrafen wäre überhaupt ein anziehender Gegenſtand der Beobachtung für einen Mann wie Forſter geweſen, hätten nicht Sor⸗ gen und Anliegen andrer Art ſein Gemüth eingenommen gehabt. Der Landgraf, luſtig und guter Dinge im Genuſſe des Lebens, aber nicht ohne Grillen und Chi— mären im Denken und Glauben, war von italieniſchen Prieſtern umgeben, die ihn in dem einen und andern nicht ſtörten. Sein übertritt zur katholiſchen Kirche hatte eine Trennung von ſeiner Familie herbeigeführt. Daß bei ſolchen Spaltungen das Parteitreiben noch mehr, h ein⸗ ungen Leben ulicher außer er die Sonſt lungs⸗ öt ein⸗ über l ver⸗ durf⸗ tſchen boten entlich te, um Lande wäre ctung Sor⸗ mien ge im Chi⸗ niſchen andern Kirche efuͤhrt mehr 89 als an Höfen überhaupt, Boden und Nahrung fand, iſt begreiflich. Forſter kannte im Beſondern eine»preu⸗ ßiſche Junta«, die eine Wiedervereinigung des Landgrafen mit ſeinen nun erwachſenen Söhnen zu hintertreiben ſtrebte, bis dieſe Verbindung ſelbſt in Uneinigkeit zerfiel. Zu den rühmlichen Neigungen des Landgrafen gehörte eine, von welcher ſich auf ſeine Nachfolger in der Regierung nichts vererbt hat,— ſeine Vorliebe für Gelehrte und ausgezeichnete Talente. Er ſah ſich von ſolchen Männern gern umgeben, und zog ſie nicht bloß zur Tafel, ſondern verſammelte ſie auch zu gelehrten Unterhaltungen. Da er ſich dabei gern als Kenner und Beförderer der Künſte und Wiſſenſchaften fühlte: ſo erwartete er auch eine anerkennende Theilnahme, und Forſter hatte daher einmal, bei Gelegenheit einer Vor⸗ leſung über den Laokoon, zu welcher Sömmering aus⸗ geblieben war, ſeine ganze Gewandtheit nöthig, den Freund ſo zu entſchuldigen, daß der Fürſt ſich zufrieden gab.— Für ſich ſelbſt ſcheint Forſter dieſer fürſtlichen Gunſt eher ausgewichen zu ſein. Dies geht aus einer Außerung ſeiner damaligen ſittlichen Strenge hervor. »Tugend wohnt an unſerm Hofe nicht, ſchrieb er an Jacobi,— und wie könnte ich nur den Anſchein haben, einen Menſchen zu ehren und zu lieben, der ſie mit Füßen tritt? Ich glaube alles gethan zu haben, wenn ich Ehre gebe, dem Ehre gebührt; aber man fordert mehr, und ich kann nicht ſchmeicheln.« Beſuche. Wir gehen hier in jene Kreiſe des kaſſeler Lebens nicht tiefer ein, als ſich Forſter ſelbſt davon berühren ließ. Anziehender war ihm eine neue perſönliche Be⸗ kanntſchaft, die er im erſten Jahre ſeiner Anſtellung machte. Anfangs September 1779 erhielt er Beſuch von einigen Fremden. Da ſie aus Weimar kamen, fragte er bei einem derſelben nach Goethe. Der Befragte war es ſelbſt. Unſer Profeſſor wurde in Beſchlag ge⸗ nommen, und aß mit ihnen zu Nacht in der Stimmung ſeiner aufgeregteſten Freimüthigkeit. Goethe war ſehr ernſthaft, fragte viel nach den Südländern, über deren Einfalt und kindliches Weſen er ſich freute, hielt ſich aber, ſobald der Oberforſtmeiſter von Wedel in's Wort ſiel, zuhörend zurück. Des andern Tags, während die Fremden ſich den weißenſteiner Park— Wilhelmshöhe —beſahen, erfuhr Forſter, daß dieſer Oberforſtmeiſter⸗ Niemand anderes als der Herzog ſei. Er war nun froh, daß ihm in ſeiner geſternabendlichen Lebhaftigkeit keine Sottiſe entſchlüpft war, meinte aber, es habe Goe⸗ then gewiß Mühe gekoſtet, bei einigen Gelegenheiten über ſeine Treuherzigkeit nicht»loszupruſchen«. Er brachte die Reiſenden noch in die Kunſtkammer und zu den Al⸗ terthümern des Landgrafen. Auf dem Rückwege zum Gaſthofe ließ Forſter, an Goethe's Seite, ſeiner Ver⸗ ehrung für Jacobi freien Lauf, ohne zu wiſſen, daß Lebens tühren ſe Be⸗ tellung Beſuch kamen, efragte ag ge⸗ nmung t ſehr deren elt ſich Wort end die mshöhe tmeiſter r nun ftigkeit e Goe⸗ n über brachte den A⸗ ge zum el Ver⸗ n, daß 91 dieſer auf den Dichter, von dem er ſich verletzt glaubte, damals ſehr ungehalten war. Goethe hörte ihm gedan⸗ kenvoll, aber mit Theilnahme zu, und gab nur, als Forſter ſich über den Woldemar aus überfließendem Her⸗ zen ergoß, dann und wann ſein lakoniſches, trocknes Ja darauf. Der erſte Theil iſt nunmehr gedruckt, bemerkte er zuletzt. Vom zweiten ſind Bruchſtücke im Muſeum mitge⸗ theilt, antwortete Forſter. Daß er doch nicht hat warten können! rief Goethe. Warum Bruchſtücke? Konnt' er's nicht erſparen, bis der Theil ganz fertig geweſen wäre? Dieſe flüchtige Mißbilligung ausgenommen, äußerte ſich Goethe nur freundlich über Jacobi. Er nannte ihn beim altvertraulichen Namen Fritz, und trug nach ein⸗ genommenem Mittagsmahle, bei ihrer Abfahrt nach Darmſtadt, Forſtern wiederholt auf, ihn zu grüßen. Der Herzog hatte Forſtern gefallen, als ein artiger kleiner Mann, der ziemlich viel wiſſe, ſehr einfach ſei, und geſcheite Fragen thue. Für einen 22jährigen Für⸗ ſten, der ſeit vier Jahren ſein eigner Herr war, fand Forſter viel mehr in ihm, als er erwartet hätte. Goe⸗ then, damals in dem ſchönen Alter ſeines 30ſten Jahres, bezeichnete er ſeinem Vater als einen geſcheiten, vernünf⸗ tigen, ſchnell blickenden Mann, der wenig Worte mache, gutherzig, einfach in ſeinem Weſen. Pah! rief er aus, —»Männer, die ſich aus dem großen Haufen auszeich— nen, ſind nicht zu beſchreiben. Der Charakter eines Mannes von hohem Genius iſt ſelten wetterleuchtend und übertrieben; er beſteht in einigen wenigen Schatti⸗ rungen, die man ſehen und hören muß, aber nicht beſchreiben kann.«— Keinen Augenblick fand Forſter den Dichter in jener ausgelaſſenen Laune, die ihm Goe⸗ the's Freund Beriſch in Deſſau geſchildert hatte. Und— ſonderbar genug! Kaum war Fauſt den kaſſeler Berg hinab, als Mephiſtopheles hinter ihm her⸗ kam,— Kriegsrath Merk, auf ſeiner Rückreiſe nach Darmſtadt, wohin ja Goethe freilich, um genau zu erzählen, zwei Monate früher— voraus war. Merk, von Lichtenberg ſeinem Freund empfohlen, ſprach bei Forſter ein, der aber, wie er an Jacobi ſchrieb, keine Zeit fand, ihm den Teufel anzuſehen. Doch fühlte er ſich durch Mittheilungen Jacobi's in einem folgenden Briefe zu dem Ausrufe veranlaßt:»Warum giebt es Menſchen in der Welt, wie Merk? Ich kann ſagen, mir ſchaudert«. Jacobi war durch Forſter's Mittheilungen über Goethes Beſuch an ihren Zwiſt erinnert worden, über den er nicht ſo heiter, wie der Dichter, hinwegkommen konnte. Man fühlt es Forſter's Briefen an, wie ſehr er von des verehrten Mannes Empfindlichkeit und Schwäche betroffen war, und obgleich er ſich ſagte, Zwie— tracht ſtiften, ſei auch ein Geſchäft für die Welt: ſo zog er es doch vor, den verſtimmten Mann zu Muth und Erhebung anzumahnen. Bei dieſer Gelegenheit kam er auch auf den literariſchen Parteigeiſt in Deutſchland zu reden. Er erblickte in demſelben eine Kriſe zu großen Veränderungen, nicht bloß in der gelehrten, ſondern auch in der theologiſchen und politiſchen Welt, eine Kriſe, die nicht orſter Goe⸗ t den her⸗ nach au zu Merk, ch bei keine ate er enden bt es ſagen über hüber ommen e ſehr und Zwie ſo zog h und tam er and zu großen mn auch iſe, die 93 er bei allem Hang ſeiner Seele zur Ruhe herbeiwünſchte, auf die er große Hoffnungen gebaut hatte. Hinter ſolchen Beſuchen und Erörterungen trat gleich wieder der alte Kummer hervor, der ihn noch immer nicht verlaſſen wollte. Die Lage ſeines»bedrückten und doch nicht verdienſtloſen Vaters« laſtete ſchwer auf ihm; das Verlangen, ihn,»die kranke, tugendhafte Mutter, die ſchuldloſen Geſchwiſter« endlich in Ruhe zu wiſſen, war ſo lebhaft in ſeinem Herzen, daß er nur mit dem Aufgebot aller vernünftigen Grundſätze ſich der Anfech⸗ tungen von Schwermuth und Menſchenhaß erwehren konnte. Wie gern hätte er ein paar ſeiner Schweſtern zu ſich genommen; allein ſein jetziges Einkommen ertrug es noch nicht; ob ihm gleich die Wonne, mit ihnen zu ſein, und ihres Umgangs zu genießen, größerer Leiden werth ſchien, als er bisher noch zu erfahren gehabt. Wie wir wiſſen, hatte Forſter in Kaſſel und in Deſſau Geld für ſeinen Vater empfangen. Aber es hatte nicht weit gereicht. Seitdem war der bekümmerte Sohn v»im Gefühl eignen Unvermögens, und weil Noth kein Gebot kennt«, mit großer Selbſtverläugnung wie⸗ derholt beim Könige von Preußen eingekommen, und hatte die königlichen Schweſtern, Prinzeſſin Amalia und Herzogin von Braunſchweig, ja den Herzog ſelbſt und den Prinzen Karl von Heſſen um Vermittlung und Für⸗ ſprache angegangen. Durch Abt Jeruſalem erhielt er gute Zuſagen des Herzogs, und durch Herrn von Catt, den Vorleſer des Königs, einige Ausſicht auf die An⸗ ſtellung in Halle. Endlich war es ſo weit gekommen, daß ſein Vater, hauptſächlich durch den Herzog Ferdinand ——— 94 —»einen der beſten Menſchen und nebenher auch Für⸗ ſten«, wie ihn Forſter bezeichnet,— mittelſt einer an⸗ ſehnlichen Rimeſſe aus dem Labyrinth gezogen wurde: die londoner Gläubiger wurden befriedigt und die Pro⸗ feſſur der Naturgeſchichte in Halle angeboten. Da ſetzte der Tollkopf den alten Eigenſinn oder Hochmuth auf, und wollte, pochend auf ſeine gerechten Forderungen an die engliſche Krone, nichts davon hören, daß er edlen und großmüthigen Seelen in Deutſchland etwas koſten ſolle.— Doch ſcheint er ſich bald eines Beſſern beſon⸗ nen zu haben; denn nicht lange darauf hatte er Kings⸗ bench verlaſſen, und traf Anſtalten zu ſeinem Überzuge nach Halle. Forſter beſchloß ſein erſtes kaſſeler Jahr mit einer kleinen Druckſchrift, die im Spätherbſt erſchien:»Leben Dr. Wilhelm Dodds.«— Er hatte ſte ſchon vor zwei Jahren, gleich nach der Hinrichtung dieſes engliſchen Geiſtlichen, auf Verlangen des Verlegers binnen 14 Ta⸗ gen geſchrieben, und war ſehr ungehalten über die Ver⸗ zögerung der Herausgabe, ohne daß ihm eine nochmalige Üüberarbeitung der»Shartek«, wie er ſie nannte, war vergönnt geweſen. Es iſt die intereſſante Lebensgeſchichte eines unglück⸗ lichen Geiſtlichen, dem zu einer hübſchen Geſtalt und einnehmendem Außern eine leidenſchaftliche Neigung für das andre Geſchlecht gegeben war,— eine Erzählung, die ſehr anziehend entwickelt, wie des jungen Mannes früher Hang zu Zerſtreuung und Wohlleben an ſeinem lebhaf⸗ ten und begabten Kopfe leider! einen allzubereitwilligen Vermittler findet, bis er ſelbſt in die Schlinge des Hen⸗ Für⸗ er an⸗ zurde: Pro⸗ ſetzte hauf, gen an edlen koſten beſon⸗ Kings⸗ erzuge einer eben in vor gliſchen 14 Ta⸗ e Ver⸗ malige war glück⸗ t und ng füt ag, die früher lebhaf⸗ villigen 5 Hen⸗ 9⁵5 kers fällt. Jacobi nannte dieſe Geſchichte lehrreicher, inſonderheit für unſere Zeit, als irgend ein Dichter ſie häatte erſinnen können, und geſtand, daß er in Betracht der Jugend des Verfaſſers bei mancher Stelle vor Ver⸗ wunderung geſtutzt habe. Allerdings ſticht in der für das Volk beſtimmten Darſtellung das Moment der moraliſchen Belehrung etwas ſtark und zuweilen jugendlich hervor. Doch bleibt es bei der klaren, angemeſſenen und anmuthigen Sprache dieſes Lebensgemäldes immer erſtaunlich, daß auch ſchon des jungen Forſter's Feder, die doch öfter auch in's Franzöſiſche und Engliſche tauchte, in ſeinen deutſchen Schriften ſo rein und richtig fließt und niemals eine fremdſprachliche Wendung in ihrer Spule zurückbehält Okonomie und Philoſophie. Der Frühling des Jahres 1780 ließ ſich für For⸗ ſtern mit guten Ausſichten auf Verbeſſerung ſeiner Lage und auf muntere literariſche Thätigkeit an. Der Land⸗ graf bewilligte ihm, mit Übertragung der Aufſicht über das Naturalien⸗Cabinet, 100 Rthlr. Zulage. Dies Cabinet, eines der magerſten, das ſich denken ließ, war von Forſter's Vergänger in größter Unordnung hinter⸗ laſſen worden; es diente aber dem Landgrafen zur Un⸗ terhaltung. Er beſuchte es täglich, und Forſter ward 96 bald genug inne, daß es zu dieſem Amt gehörte, dem Fürſten einen Theil ſeiner Langweile zu vertreiben. Literariſch erſchien von ihm zunächſt freilich nur früher Geſchriebenes. Das zweite Stück des göttinger Magazins brachte Cook's Leben, zwar von Lichtenberg verfaßt, aber dem Inhalte nach faſt gänzlich von For⸗ ſter, der auch das Bildniß Cook's für ſprechend ähn⸗ lich erklärte. Damit es denn aber dem April nicht an Froſt⸗ geſtöber fehle, lief, vom 15ten dieſes Monats datirt, ein franzöſiſcher Brief Camper's aus dem Haag ein. Camper war letzten Herbſt in Kaſſel geweſen, ohne For⸗ ſtern beſucht zu haben, und dieſer, der ſich gegen ihn nicht ganz klar fühlen mochte, hatte ihm darüber geſchrie⸗ ben. Nun kam die Antwort, und zwar ſo derb, als es ſich nur immer in gutem Franzöſiſch geben läßt. For⸗ ſier's Haltung auf der Durchreiſe im Haag, ſeine Beſuche bei Vosmaer, ein dieſem mitgetheilter Brief und die Unaufmerkſamkeit gegen Männer, denen er Achtung ſchul⸗ dig ſei, wurden ihm zum Vorwurfe gemacht, und ſollten als bedenkliche Züge ſeines Charakters angeſehen werden. Camper erklärte ihm geradezu, er ſchätze ſeine Kenntniſſe, aber Freundſchaft meſſe man einem Manne nicht nach deſſen Geiſt und Wiſſen, ſondern nach moraliſcher Ge⸗ ſinnung ab. Sobald Forſter ſich in Betreff ſeiner be— haupteten Ehrlichkeit ausweiſen werde, wolle er ihm alle Genugthuung geben, und was dergleichen mehr war. Forſter fühlte ſich in den Augen eines ſo vorzüg⸗ lichen Mannes zu ſehr gedrückt, als daß er ſich zu rechtfertigen hätte unterlaſſen mögen. Und daß er es Froſt⸗ datirt, g ein For⸗ n ihn ſchrie⸗ als es For⸗ Beſuche nd die ſchul⸗ ſollten verden ntniſſe, nach r Ge⸗ ner be⸗ m alle ar. vorzüg⸗ ſich zu er es 97 konnte, geht aus einem, freilich erſt im Spätſommer eingelaufenen weitern Schreiben Camper's hervor, worin er ſich vollſtändig befriedigt erklärt, Forſtern um Aus⸗ tauſch ihrer Freundſchaft und um die Gefälligkeit bittet, ihm von Zeit zu Zeit zu ſchreiben. Inzwiſchen wollte die neue Zulage und Verbeſſe⸗ rung ſeines Einkommens nicht lange vorhalten. Nach kaum neun Monaten finden wir Forſtern in einer Art von Verzweiflung über ſein Budget. Einzelne kleine Schuldpoſten im Belang von 400 Rthlrn. waren ihm, wie kleines Ungeziefer, am läſtigſten; ſo daß er darauf dachte, eine Summe von 1000 Rthlrn. aufzunehmen, um jene loszuwerden, und nur einen einzigen Gläubiger zu haben. Allein er konnte nur 600 Rthlr. erhalten, was nicht zureichen wollte, Schulden und laufenden Bedarf befrie⸗ digend auszugleichen. Er enthielt ſich nicht, gegen Jacobi zu klagen, nur um ſeiner Bedrängniß etwas Luft zu machen. Statt des erwarteten Rathes erfolgte das Anerbieten eines jährlichen Vorſchuſſes von 25 Piſtolen zu häuslicher Erleichterung. Anfangs lehnte Forſter dieſe Herausforderung der Freundſchaft auf Piſtolen ge⸗ rührt ab, weil er, wenn auch ſich damit erleichtern, doch ſeiner Plage kein rechtes Ende machen könne. Man ſieht, wie ſchwer es dem Freunde ward, zu wirthſchaften, ſeine einzelnen Ausgaben zu meſſen, und mittelſt einer Verbeſſerung ſeiner Einnahme kleine Schuld⸗ poſten nach und nach abzutragen. Dieſe waren ſo un— vermerkt aufgewachſen, bis ſie ihn quälten; nun erfaßte ihn die Ungeduld, ſie auf einmal loszuwerden. Gerade 7 98 ſo hatte er ſich einſt in die warringtoner Paſtetchen hinein gegeſſen. Und gerade ſo nahm er auch wieder, laut ſeines Briefes an Jacobi,—»da, wo menſchliche Hülfe nicht zureichen wollte, zum alten Gottvertrauen ſeine Zuflucht, und machte die alte Erfahrung, daß, je mehr der Sturm ſauſe, deſto ruhiger alles in ſeiner Seele werde, ein Vorbote heitern und ſanften Wet ters.«— Vielleicht wirkte indeß dies Vertrauen wenig⸗ ſtens auf ſeine Erleuchtung; denn nach einem halben Jahre nahm er doch die Beihülfe des beharrlichen Freun⸗ des mit Dank und mit der ihm mehr und mehr geläu⸗ figen Selbſtberuhigung an, daß er ſich ja immer mehr einſchränke, und daß er dies und jenes entbehren könne. Oder wäre dem Freunde jene in den Pferdehuftritt gefallene Guinee noch einmal in andrer Geſtalt beſchert worden? Denn bald darauf, um die Mitte des Jahres 1781, folgte auf jene»Vorboten guten Wetters« eine heitre, weite Ausſicht, nämlich— nach Mitau, wohin Forſter einen Ruf an das akademiſche Gymnaſium als Profeſſor der Philoſophie erhielt. Das Anerbieten ſchien ſehr vortheilhaft: für wöchentlich vier Stunden Vortrag wurden 400 Species, nebſt einem gewiſſen Deputate an Weizen und Korn, einem fetten Ochſen und Matrikel⸗ geldern geboten. Zur Reiſe waren 100 Ducaten aus⸗ geſetzt, und mit einem Worte, allerlei Annehmlichkeiten ſeiner Lage in Ausſicht geſtellt.— Für uns läßt dieſer Ruf eine ironiſche Betrachtung zu. Da nämlich Forſter an die Stelle des als Ober⸗ hofprediger nach Darmſtadt berufenen, ſpäter ſo übel berufenen Conſiſtorialraths Stark treten ſollte; ſo war aſtetchen wieder, nſchliche rtrauen daß, je mſeiner in Wet wenig halben Freun gelau er mehr könne buftritt beſchert Jahres r6« eine wohin um als en ſchien Vortrag ltate ant fatrikel en aus⸗ ichkeiten rachtung Ober⸗ ſo übel ſo war 99 es wohl keine Profeſſur für Wiſſenſchaften, die im wei tern Sinne zur philoſophiſchen Facultät gerechnet wer⸗ den; ſondern es galt um Vorleſungen über eigentliche Philoſophie. Niemand ſtand aber Dem, was Schul⸗ philoſophie heißt, entfernter, als unſer Forſter. Betrach⸗ ten wir dies Verhältniß mit ein paar Worten. Forſter's Schule hatte, wie wir geſehen, keine phi loſophiſche Klaſſe gehabt. Die ſogenannten philoſophi⸗ ſchen Collegien, die er als lehrender Knabe in War⸗ rington nebenher mitnahm, ſind wohl nicht in Anſchlag zu bringen. Philoſophie kümmerte ihn auch nicht, wenn er als Profeſſor in Kaſſel die Univerſität Göttingen zuweilen beſuchte. Hier ward überdies auch eigentliche Philoſophie gar wenig getrieben. Proſa und Praxis galten, und Heyne ſelbſt ſuchte ſein ſchönſtes Verdienſt darin, das Alterthum auf geſchmackvolle Weiſe dem mo dernen Leben anzueignen. Solche Studien und Beſtre⸗ bungen lockten damals nach dem berühmten Göttingen, bis Poeſte und Philoſophie eine Nationalſache wurden, und Jena als leuchtender Herd der neuen Bildung die Jugend anzog, und das alte Göttingen in Schatten ſtellte Doch ohne Schule und Schulphiloſophie war For⸗ ſter von Natur zum practiſchen Philoſophen angelegt, und dazu getrieben, die vereinzelten Erſcheinungen der Welt, die er mit ſcharfen Sinnen erfaßte, zu bedenken nach ihren Geſetzen zu forſchen, ihre Beziehungen zu einander zu ermitteln, die Beſtimmung des Menſchen und das Glück der Geſellſchaft zu ergründen, und mit den uns verliehenen Kräften die Welt als ein Ganzes zu faſſen, ſte aber auch gegen das Überſinnliche zu begren 7* 100 zen. Das Speculative war nicht für ihn da; das heißt, er wollte nichts davon wiſſen, faſt möchte man ſagen— er hielt es ſich vom Leibe. Um dieſe Zeit erſchien Kant's Kritik der reinen Vernunft; Forſter aber, obgleich er noch in Kaſſel eine große Umwandlung im Denken be⸗ ſtand, war doch ſchon zu tief in ſein Intereſſe am Wirk⸗ lichen, in ſeine naturwiſſenſchaftlichen Studien eingefahren, um der gewaltigen Umgeſtaltung und Steigerung des philoſophiſchen Gedankens, die jenes ewige Werk anregte, ſo leicht zugänglich zu ſein. Die kant'ſche Forſchung mußte erſt durch ihre Wirkung auf die Welt und Wiſ— ſenſchaft ein Gegenſtand der Erfahrung für ihn werden, ehe ſie ihn anzog.— Wo er jetzt noch von philoſophi⸗ ſchen Schriften entzückt iſt, ſind es immer ſolche, die man ſeit Kant nur mit Lächeln noch philoſophiſche nennt, — gemeinverſtändliche, edle, auf das Leben der Natur und der Menſchheit gerichtete, Herz und Sinn erhebende Erörterungen. In dieſer Richtung finden ſich denn auch in Forſter's Schriften zahlreiche Stellen, die zum Edel— ſten und Herrlichſten gehören, was wir in unſerer Lite⸗ ratur an Gedanken des Herzens beſitzen. Hier aber müſſen wir einige ſeiner zu verſchiedenen Zeiten gemach⸗ ten Außerungen über Philoſophie zuſammenſtellen, um zu prüfen, ob wir ihn auf dieſelben für den philoſophi⸗ ſchen Lehrſtuhl zu Mitau zum Doctor promoviren können. »Ich habe nie eine Logik geleſen und gehört, nie eine Metaphyſik und Naturrecht. Alles, was ich davon weiß, iſt wahrhaftig nicht viel mehr, als bloße Empfin⸗ dung«,— ſchrieb er einmal an Jacobi, und ein an⸗ dermal: as heißt ſagen— n Kants gleich er uken be⸗ m Wirk⸗ gefahren rung des anregte, Forſchung ind Wiſ⸗ werden loſophi⸗ che, die ſe nennt, r Natur erhebende enn auch im Cdel⸗ rrer Lite⸗ jer aber gemach⸗ en, um loſophi⸗ können. ört, nie ch davon Empfin⸗ ein an⸗ 101 „Ich mag von den Herrlichkeiten der Philoſophie mehr nicht wiſſen, als was zu meinem Frieden dient«. —»Philoſophen und kein Ende! Mich dünkt die Herrn ſchwächen ihr Empfindungsvermögen, indem ſie ihre Vorſtellungskraft unnatürlich erhöhen wollen. So gerathen ſie unvermerkt in lauter Spitzfindigkeiten, und dreſchen ewig Stroh. Der Weiſe ſucht Weisheit,— nicht leeres Wort, ſondern lebendige Gotteskraft, nahr⸗ hafte Lebensſpeiſe, und wenn er ſie findet, wo die Welt ſte nicht des Aufhebens würdigt, ſo iſt des Frohlockens in ſeiner Seele kein Ende.« Und an Sömmering ſchrieb er noch einige Jahre ſpäter: »Wenn mich etwas aus der Faſſung bringen und zum Ärger treiben könnte, ſo iſt's gerade dies, daß die Metaphyſiker ihre Subtilitäten und Wortkämpfe, wenn ſie ſich auch herauszuwinden und ihnen das Anſehen eines Zuſammenhangs anzudichten wiſſen, doch allemal ſo ver⸗ zweifelt abſtract machen, und ſo dunkel, über gewöhn⸗ liche Faßlichkeit hinaus, daß unter einer Million Men⸗ ſchen kaum Einer iſt, der ſie wahrhaft faßt und ver⸗ ſteht,— und daß ſie nun doch behaupten wollen, vom Glauben an ihre Lehren hingen Glück der Staaten und Seligkeit der Menſchen ab.«— Hiernach könnte doch Forſter, wie uns ſcheint, nur mit dem größten Opfer ſeiner alten wiſſenſchaftlichen üÜber⸗ zeugung und mit neuen Studien die wünſchenswerthe Ver⸗ beſſerung der 400 Species und den Genuß des fetten Ochſen in Mitau verſuchen. Er ſcheint dies auch ſelbſt bald erkannt zu haben. Wenigſtens kam ihm gleich der 102 Gedanke, den auswärtigen Ruf als Mittel zur Verbeſ⸗ ſerung ſeiner kaſſeler Lage zu benutzen. Wäre nur Eins nicht ſo verlockend geweſen: die kleine Weltfahrt, die mit 100 Dukaten Reiſegeld in die Junggeſellenwohnung winkte! Auf ſolchen Kreuzwegen zwiſchen Haus und Welt wurde Forſter leicht, wenn auch nicht zum Philoſophen, doch ein wenig zum Sophiſten.»Wenn ich wenigſtens hinreiſ'te,— wäre es nicht Nahrung für meinen thäti⸗ gen Geiſt?«— ſchrieb er vertraulich an Jacobi. Doch ehe er mit ſich ſelbſt ganz einig wurde, zerſchlug ſich die Sache, und ihm war am Ende, wie er ſelbſt ge⸗ ſtand, eine kleine Zulage in Kaſſel lieber, als in jener Ferne ein glänzendes Gebot. Er bezog jetzt 800 Thaler Gehalt. Überdieß verſtand ſich nun auch der Landgraf zu dem von Forſter früher gewünſchten unverzinslichen Vorſchuß zur Deckung der Schulden, ſo daß der ver⸗ gnügte Profeſſor nun vollkommen Urſache zur Zufrieden⸗ heit mit ſeiner Lage zu haben glaubte. Dieſen hohlen Ruf nach Mitau, der wenigſtens eine klingende Verbeſſerung der Umſtände Forſter's ver⸗ anlaßte, können wir als Vorzeichen einer ſpätern folge⸗ reichen Berufung nach jener Richtung hingeſtellt ſein laſ⸗ ſen. Aber den Namen Stark wollen wir einen Augen⸗ blick feſthalten. Es war jener in allen geheimen Geſell— ſchaften damaliger Zeit thätige Mann, der bald genug des heimlichen Katholizismus verdächtig, nach ſeinem Tod als lutheriſcher Ober-Hofprediger zu Darmſtadt in ſei— nem verkappten römiſchen Jeſuitismus wirklich erkannt wurde. Es liegt etwas Ironiſches darin, daß Forſter an deſſen Platz eingeladen wurde,— er ſelbſt damals r Verbeſ⸗ nur Eins hrt, die wohnung und Welt lloſophen, venigſtens gen thäti⸗ bi. Doch ſchlug ſich ſelbſt ge⸗ in jener 0 Thaler Landgraf zinslichen der ver⸗ zufrieden⸗ venigſtens er's ver⸗ en folge⸗ ſein laſ⸗ Augen⸗ n Geſell⸗ d genug nem Tod tin ſei⸗ Werkannt Forſter damals in einem verwandten Irrthume, in einer ſpäter oft und ſchmerzlich bereuten Täuſchung und Schwärmerei begrif⸗ fen.— Forſter kannte ihn, wie wir geſehen, aus der Petriſchule in Petersburg perſönlich, und hielt ihn, nach einer brieflichen Außerung aus dem Jahre 1786, alles Deſſen, was demſelben ſchon damals ſchuld gegeben ward, gar wohl fähig. Wir müſſen dieſe wichtige Periode der Entwickelung unſers Freundes etwas näher betrachten. Es war freilich ein verborgner Prozeß, der größtentheils errathen werden muß. Verirrung. Schon durch die von Zeit zu Zeit immer wieder⸗ kehrenden Geldverlegenheiten ſcheint Forſter, in der Weiſe, wie ein leidendes Glied des Körpers die Einflüſſe der Atmoſphäre leichter aufnimmt, für gewiſſe Geheimbeſtre⸗ bungen jener Zeit empfänglicher geweſen zu ſein. Be⸗ kanntlich kamen kurz nach Aufhebung der Jeſuiten andre geheime Orden und Bündniſſe in Aufnahme, und be⸗ ſchäftigten die Köpfe der Zeitgenoſſen. Das deutſche Ge— müth ſcheint immer einen oder den andern dämmerigen Schlupfwinkel nöthig zu haben, wohin es ſich gegen äußern Druck rette. Gegen ſeine landesväterlichen Ty⸗ rannen ſuchte man damals geheime Geſellſchaften und Naturgeheimniſſe auf, wie man ſich ſpäter unter der Fremdherrſchaft der Franzoſen in die ſpeculative Philo⸗ ſophie und in die romantiſchen Dämmerungen der Poeſie flüchtete. Zu jenen Verbindungen gehörte der Bund der Ro⸗ ſenkreuzer, der anderthalb Jahrhunderte früher durch mancherlei Schriften aus ſeinem alten Dunkel hervorge⸗ treten, aber bald wieder in Vergeſſenheit gefallen war. Unter dem Aushängeſchild einer Verbeſſerung der Kirche und Begründung der öffentlichen Wohlfahrt verdeckten die geheimen Bekenner mit ihren Schurzfellen und wun⸗ derlichen Symbolen oft nur das Kohlenfeuer der Alchy⸗ mie, in deren Keſſeln und Retorten die unedeln Metalle ſich in reines Gold verwandeln ſollten. Eine ſich immer wieder erneuernde Verlockung! Denn ſchon in den älte⸗ ſten Zeiten, ſo früh der Menſch dazu kam Metalle zu gießen und zu miſchen, beſtrebte man ſich ein Mittel zu entdecken, um gemeines Metall durch ſtufenweiſe⸗Vered⸗ lung in Gold zu verwandeln. Lehrte doch jene Urzeit auch ſchon eine allmähliche Läuterung unſeres überſinn— lichen Weſens durch Seelenwanderung. Man forſchte nach der Subſtanz des Alllebens; es galt um irgend ein Mittel, das durch den in ihm enthaltenen Urſtoff aller Materie,— die Hyle— jeden Körper in ſeine Beſtandtheile aufzulöſen vermöchte. Dieſem»Stein der Weiſen« ſollte zugleich die Kraft beiwohnen, allen Krankheitsſtoff aus dem Menſchen zu entfernen. Natürlich wollte man, um des Goldes froh zu werden, das man ſo reichlich zu gewinnen hoffte, auch geſund, wo möglich unverwüſtlich ſein, und jeden⸗ falls lang leben auf Erden. Philo⸗ Poeſte t Ro⸗ durch vorge⸗ n war. Kirche deckten wun⸗ Alchh⸗ ſetalle immer alte⸗ lle zu ttel zu Vered⸗ Urzeit erſinn⸗ forſchte irgend rſtoff ſeine ich die enſchen Goldes hoffte, jeden⸗ 105 Indeß war es dies nicht allein: eine ganze Sipp⸗ ſchaft von Schwärmereien, Gaukeleien und Gaunereien zigeunerte in Deutſchland. Wir begnügen uns, mit eini⸗ gen bekannten Namen an die verſchiednen Beſtrebungen zu erinnern. Um die Zeit als Forſter nach Deutſchland herüber kam, war Pater Gaßner noch ganz bei der Hand mit Wunderkuren, und trieb in Baiern Teufel aus, die doch immer wieder dahin zurückgekehrt ſind, ja neueſter Zeit ſogar proteſtantiſche—»Pforten« gefunden haben. Mit ihm ſtand Lavater in Verbindung, und gab ſich ſelbſt mit proteſtantiſch⸗-wunderbarem Gebet ab. Zu gleicher Zeit wurden auch denkende Männer von Mesmers magnetiſcher Materie angezogen.— Um das umfaſſende Treiben der Illuminaten, dieſer jeſuitiſchen Gegen⸗ füßler der Jeſuiten, zu übergehen, gedenken wir noch des Grafen St. Germain, der ein Lebens⸗Elixir be⸗ ſaß, durch welches er ſelbſt ſchon 300 Jahre alt war. Und wenn er nebenher auch noch Diamanten machen konnte: ſo blieb dagegen dem Kaffeewirth Schröpfer, ungeachtet ſeiner überirdiſchen Verbindungen, nichts übrig, als hienieden Bankerott zu machen, und ſich mittelſt einer Kugel zu ſeinen Geiſtern zu retten. Doch auch ſolche Enthüllungen des unglaublichſten Betrugs brachten die Schwärmerei nicht zur Beſinnung; obgleich ſte doch in den höhern und gebildeten Kreiſen graſſirte, und ſelbſt Prinzen und regierende Herrn be⸗ herrſchte. All' dieſe Geheimnißkrämerei und ſelbſt die Langweile beförderte das Clubweſen, und bildete ſo jene Wachszellen aus, worin demnächſt die Revolution ihre Eier brüten konnte. d Daß ein ſo allgemein herrſchendes, ſchleichendes Fie⸗ d ver ſeine Anſteckung auch nach Kaſſel verbreitet habe, läßt ſich bei der krankhaften Miſchung der dortigen At⸗ moſphäre, beſonders der Hofluft, leicht denken. Um dieſe Vermuthung zu bekräftigen, treten auch am land⸗ V gräflichen Hofe ſo räthſelhafte Charaktere und wunder⸗ liche Perſönlichkeiten auf, wie ſolche überhaupt jene Jahr⸗ zehnte myſteriöſer Beſtrebungen bezeichneten. Man pflegt die Buchſtaben— Charaktere zu nennen: umgekehrt kann man auch an menſchlichen Charaktern die Überſchrift und Signatur der Zeiten leſen. Ein ſolcher lebendige Schriftzug war jene bettelhafte franzöſiſche Marquiſe, deren Erſcheinung zu Kaſſel im Sommer 1782 Forſtern intereſſirte. Witwe eines ſpani⸗ ſchen Granden galt ſie für unermeßlich reich, bis ſie auf eine Penſion des Landgrafen Jagd machte, und zur Auguſtmeſſe eine goldne Doſe von 150 Louisd'or an Werth annahm. Dieſe 70jährige alte Here war gekom⸗ men, dem Landgrafen einige Geiſter zu zeigen, erklärte ihn aber für nicht fromm genug, vom Teufel in kör⸗ perlicher Geſtalt verſucht zu werden. Sie war von einem alten Franzoſen begleitet, einem halben Narren und Taſchenſpieler, der den Leuten erzählte, daß die heilige Dreifaltigkeit bei der Taufe jener Alten herabgeſtiegen ſei. Beide gingen eigentlich darauf aus, den Leuten den katholiſchen Glauben beizubringen, und Beſeßnen den Teufel auszutreiben. Zu ſeiner Empfehlung erzählte der alte Herr mit feierlicher Ausſchmückung, wie er in Paris n ihre es Fie⸗ habe, en At⸗ Um land⸗ sunder⸗ Jahr⸗ pflegt gekehrt rſchrift elhafte ſel im ſpani ſie auf nd zur vor an gekom⸗ erklärte 1 kör⸗ einem 1 und heilige eſtiegen ten den en den glte det Parib 107 eine Frau vom böſen Geiſte wirklich befreit habe. Er legte ihr nämlich ſeine Hand auf die Bruſt, worauf ſich der Teufel alsbald abwärts flüchtete. Er aber folgte ihm mit der Hand, und trieb ihn aus einer Verſchanzung in die andere hinab, bis dem beängſtigten böſen Geiſte kein anderer Ausweg blieb, als wo ihn der Beſchwörer in einem gewiſſen ſchnell ergriffnen Topfe einfangen konnte. Wahrlich! wie bei herrſchender Cholera auch die Geſundeſten ſich von der miasmatiſchen Luft mehr oder weniger angegriffen fühlen: ſo muß damals in der all⸗ gemeinen Stimmung der Menſchen eine eigenthümliche Befangenheit gelegen haben, die es begreiflich macht, daß ſich die Verſtändigen dergleichen auch nur erzählen ließen. Wie Forſter zu jener geheimen Verbrüderung ge⸗ kommen, erſehen wir aus einem, nach ſeinem Austritte geſchriebenen Brief an Heyne vom 28. September 1786. „Ich bin ſelbſt durch die Freimaurerei mit den Ro⸗ ſenkreuzern genau bekannt geworden, geſteht er, und weiß am beſten, was ſie übles wirken. In Kaſſel hat mir die Erfahrung, die ich über dieſen Punkt einſam⸗ meln mußte, manchen Tag und manche Stunde geraubt.«— Wieweit er aber verwickelt geweſen, läßt ſich aus ein— zelne Andeutungen im Briefwechſel und aus den von Sömmering hinterlaſſenen Papieren nicht genau ermit⸗ teln. So viel iſt aber gewiß, daß beide Freunde, Forſter und Sömmering, eingeweiht waren. Unzufrieden mit der Maurerei und mit Dem, was ſie von den Brü⸗ dern erlebten, ſuchten ſie nach reicheren und reineren 108 Geheimniſſen,— beide durch fromme Erziehung gläu⸗ big, und ſelbſt durch ihre exacte Wiſſenſchaft auf Wun⸗ der und Wandlungen in der Natur hingewieſen. Auch bekennt Forſter, wie verlockend für ihn die Eitelkeit ge⸗ weſen ſei,»den großen Zuſammenhang des Schöpfungs⸗ planes zu überſehen, und als Vertrauter der Geiſter⸗ welt und ſelbſt ein kleiner Halbgott, den verborgenſten Naturkräften zu gebieten.« In ſolchem ſchwärmeriſchen Drange nach unbegrenztem Wiſſen bekräftigt man ſich leicht durch trauliche Freund⸗ ſchaft. Doch ſcheint es in Kaſſel auch nicht an Männern der höhern Geſellſchaft gefehlt zu haben, die verlockend oder verführend wirkten. Selbſt der Curator des Karls⸗ Collegiums, der Miniſter von Fleckenbühl genannt Bür⸗ gel, ſcheint dem Bund angehört zu haben, und eine Andeutung Sömmering's in ſeinem Tagebuche von 1780, — daß er ſich mit Major von Canitz über den Roſen⸗ kreuzerbund viel unterhalten habe, läßt noch mehr ſolche Verbindungen vermuthen. So führen auch Außerungen Forſter's auf Mauoillon, den wir ſchon unter ſeinen kaſſeler Bekannten kennen gelernt haben. Dieſer lebhafte Kopf ſteckte in allen geheimen Verbindungen, und aus ſeiner nachmaligen Freundſchaft mit dem bekannten Grafen Mirabeau läßt ſich auf verwandte revolutionäre und mo⸗ raliſch ungebundene Denkart ſchließen. Er haßte wie die⸗ ſer die Fürſten, an deren Höfen der ehrgeizige Mann eben keinen Platz fand, und legte als Republikaner ſei⸗ nen ariſtokratiſchen Ton und Geſchmack nicht ab. Er war jedenfalls ein Mann, der Forſtern, wenn er ihn etwa zu dem Geheimbunde mit verlockt hatte, auch durch gläaͤu⸗ Wun⸗ Auch eit ge⸗ fungs⸗ Heiſter⸗ genſten renztem Freund⸗ annern lockend Karls⸗ Bür⸗ d eine 1780, Roſen⸗ Fſolche erungen kaſſeler e Kopf ſeiner Grafen nd nio- vie die⸗ Mann ner ſti b. Er er ihn h durch 109 ſeine moraliſche Geſinnung am eheſten wieder zur Be⸗ ſinnung bringen mußte. Als Naturforſcher mögen beide Freunde, Forſter und Sömmering, beſonders bei den alchymiſtiſchen Tiegeln der Roſenkreuzer und den Verſuchen zur Gewinnung der Goldtinctur bemüht geweſen ſein. Wir haben Grund zu vermuthen, daß ſie ſolchen Verſuchen, oder den betrü⸗ geriſchen Adepten derſelben, nicht unbedeutende Opfer gebracht haben. Zeitverluſte geſteht Forſter brieflich ein, und hiermit hangt es zuſammen, daß er und Sömme⸗ ring gerade in jenen Jahren ſo wenig für die Literatur zu Stand gebracht haben. Von dieſen doppelten Ver⸗ luſten rühren ohne Zweifel auch die öfteren Geldverle— genheiten und Schulden Forſter's her, die ihn dann frei⸗ lich immer wieder zu den verſprechenden Schmelztiegeln trieben. Und wenn wir hierin nur das alte Vertrauen zu rettenden Mächten erblicken; ſo können wir es um ſo mehr entſchuldigen, als wir finden, wie ſelbſt der ſcharfe und kalte Denker Lichtenberg ſich mit demſelben Aber⸗ glauben mehr befaßte, als daß er etwa bloß die Krallen des Spottes, mit denen er ſonſt ſo gern auf die Ver⸗ kehrtheiten der Menſchen ſchlug, von den heißen Retor⸗ ten der Goldmacher zurückgehalten hätte. Im Septem⸗ ber 1782 ſetzte er Forſtern durch die ernſtliche Mitthei⸗ lung in Staunen, daß ein Dr. Price in England vor einer Anzahl ſachverſtändiger Richter Queckſilber in wirk⸗ liches Gold verwandelt, und Proben davon dem Könige vorgelegt habe. Er gab das Nähere der Miſchungsmenge an, worauf Forſter an ſeinen Vater mit dem bedeutſa⸗ 110 men Ausrufe ſchrieb:»Ich weiß nicht, was ich von der Geſchichte denken ſoll!« Lichtenberg verhehlte auch in Betracht ſolcher Dinge ſeine Philoſophie nicht.»Ich bin ſehr abergläubig, ſchrieb er einmal an Forſter; allein ich ſchäme mich deſſen gar nicht, ſo wenig, als ich mich ſchäme zu glauben, daß die Erde ſtille ſteht. Es iſt der Körper meiner Philo⸗ ſophie, und ich danke nur Gott, daß er mir eine Seele gegeben hat, die dieſes corrigiren kann.« Aber nicht bloß die Goldtinctur, auch Ermittlungen aus der Region der Unſterblichkeit durch Verkehr mit den Abgeſtorbenen gehörte zu den Beſtrebungen des Ro⸗ ſenkreuzerbundes, und unſere Freunde glaubten auch an dieſe Möglichkeit. Solche Myſterien verbinden ſich ge⸗ wöhnlich mit religiöſen Weihen. Sich mit überirdiſchen Mächten und mit Gott ſelbſt in Verbindung zu ſetzen, dienen feurige Gebete, und dieſe zu erregen und zu ſtei⸗ gern, gehört mit zu den Weihen. Welch' großes Ver⸗ trauen Forſter ſchon früh zu der Macht des Gebetes hegte, iſt uns aus ſeiner Knabenzeit bekannt, und die ihm damals beſcherte Guinee hatte ſeinen Glauben auf lange, ja bis jetzt, gegen allen Anhauch von Zweifeln vergoldet. In dieſer Kapelle des Geheimbundes, oder vielleicht auch in der alchymiſtiſchen Küche war noch ein berühmter Mann unter den Vertrauten und— Bethörten: der berühmte Geſchichtſchreiber Johannes Müller. Er war vom Miniſter v. Schlieffen an Dohm's Stelle nach Kaſſel berufen worden, und im Mai 1781 dahin ge⸗ kommen. Obgleich nur 2 Jahre älter als Forſter und wie dieſer ein Pfarrersſohn, nämlich aus Schaffhauſen, fand er bei unſerm Freunde doch, wenigſtens anfangs, durchaus keine Sympathie. Forſter, ſonſt ſo leicht hin⸗ geriſſen von ausgezeichneten Männern, ließ ſogar Mül⸗ ler's erſten Beſuch unerwidert, und hielt in einem Brief an Jacobi das bitterſte Urtheil nicht zurück.»Er iſt mir nichts, und kann mir nichts werden, ſchrieb er, wie ein Jeder, der den Mantel nach dem Winde hängt und mit beiden Schultern trägt. Er ſchimpfte in meiner Gegenwart auf ſein Vaterland, verſpottete deſſen Frei⸗ heit, und machte das Eloge des Deſpotismus— um dem Miniſter von Schlieffen zu gefallen. Er blasphe⸗ mirte beim franzöſiſchen Geſandten, und Mauvillon(!) erzählt von ihm, daß man ihm die ſokratiſche Liebe ſchuld gibt. Witz und Voltaire'ſche Antitheſe und Scheinphi⸗ loſophie kann man ihm nicht abſprechen.« Wie ſich dennoch ein freundſchaftliches, ja ein herz⸗ liches Verhältniß einfand, ob beim alchymiſtiſchen Tiegel und auf dem Betſtuhle des Geheimbundes, oder dieſe durch jenes, iſt nicht zu ermitteln. Jedenfalls war bis zum Jahre 1783 in Forſter's Geſinnung eine große Um⸗ wandlung zu Müller's Gunſten geſchehen. Er that ihm denn auch gewiſſermaßen Abbitte bei Jacobi, indem er dieſem im Februar ſchrieb:»Ich freue mich Ihnen ſagen zu können, daß ich dieſen guten Menſchen jetzt recht lieb habe, weil Sie ihn auch ſchätzen, obgleich es unmöglich iſt, daß Sie ihn von der Seite kennen ſollten, die ihn mir genähert hat. Ehedem ſchrieb ich Ihnen ganz anders, und hatte damals Recht; allein es hat ſich vieles geän⸗ dert, und Müller wird ſich zeitlebens an Kaſſel mit Rüh⸗ rung und anbetendem Danke gegen Gott erinnern. Er verdankt dem Aufenthalt hier ſeine ganze moraliſche Glück⸗ ſeligkeit. Doch hiervon bleibt alles unter uns!« So hätte Müller jedenfalls aus jenen Geheimniſſen noch den ſicherſten Gewinn an der moraliſchen Goldtinktur davon getragen. Denn daß er mit der Roſenkreuzerei, ob eingeweiht oder nur Schüler, in Verbindung gewe⸗ ſen, geht aus einem Briefe Forſter's an ihn hervor. Müller hatte ſchon im Sommer 1783 Kaſſel wieder verlaſſen, und ſich mit dankbaren Erinnerungen nach Genf zurückgezogen, um ſich ſeinem väterlichen Gönner, dem SOjährigen General⸗Procurator Tronchin, zu widmen. Gewiß hatte Forſter auch Müller's frühere Außerungen über ſein Vaterland zu hart aufgenommen, als Ergüſſe der Geſinnung, während es vielleicht Urtheile der Ein⸗ ſicht waren. Denn Müller hing an der Schweiz, und ſeine große Schweizergeſchichte beſchäftigte ihn damals. Als zarter, zappeliger, kurzſichtig- unbehülflicher Knabe von den Spielen der derben Schweizerjungen ausgeſchloſ⸗ ſen, hatte er von ſeinem mütterlichen Großvater alte Schweizergeſchichten vernommen, und hierdurch die erſte Anregung und Nahrung für ſein hiſtoriſches Talent ge⸗ funden. In der Freundſchaft mit Bonſtetten, durch die Gunſt des Staatsrathes Tronchin, war er dann, meh⸗ rere Jahre am Genfer See lebend, als Hiſtoriker ge⸗ wachſen. Nun dahin zurückgekehrt, ſchrieb er an Forſter über ſeinen Gemüthszuſtand, und dieſer antwortete dar⸗ auf mit der Mahnung, ja bei ſeinem Entſchluß zu blei— ben und— keine geheimen Geſellſchaften und Wiſſen⸗ ſchaften zu ſuchen. Forſter wollte es dahin geſtellt ſein Er llick⸗ ſſen ktur erei, nwe⸗ eder Henf dem nen. gen üſſe rLin⸗ und als nabe lloſ⸗ alte erſte ge⸗ die 113 laſſen, ob es überhaupt geheime Wiſſenſchaften gäbe; ſo viel bliebe aber ausgemacht, daß das Meiſte, was von dieſer Art in der Welt umhergetragen werde, falſche Vorſpiegelung, Lug und Trug oder mindeſtens fromme Selbſtverblendung ſei. Dieſe Außerung, die uns Forſter's ſchon damalige Rückkehr zur beſſern Einſicht vermuthen läßt, bringt uns auf die Frage, wie lange wohl die Verirrung beider Freunde gedauert, wie früh ſo treffliche Köpfe ſich wie— der zurecht gefunden. Wären ſie nur in ihren brieflichen Mittheilungen nicht ſo ängſtlich, vorſichtig oder verlegen! Ende 1781 mögen ſie noch tief und gläubig im Bunde befangen geweſen ſein. Forſter war nämlich damals zum Beſuche der Seinigen nach ihrem neuen Wohnort Halle gereiſ't, wo er alles von Art und Ausſehen wie in Pad⸗ dington, der letzten engliſchen Wohnung fand; nur daß ſeine jüngſte Schweſter inzwiſchen herangewachſen war. Von hier ſchrieb er ſeinem Sömmering voll Ungeduld über die Geſellſchaften, in denen er von Morgens bis Mitternacht mit einfältigen Zoten und Späßen gelang⸗ weilt werde.—»Mit einem Wort, heißt es, ich bin ganz außer meinem Centro verrückt, und Du kannſt Dir vorſtellen, wie mich nach Dir und unſern lieben Brü⸗ dern verlangt.« Einige Wortabkürzungen und Chiffern verrathen die Roſenkreuzer⸗Angelegenheiten. Forſter bit— tet Gott, er möge das Werk von Sömmering'’s Händen ſegnen. Sömmering ſoll für ihn beten, da ihm bis auf die Augenblicke, die er Gott ſonſt geweiht habe, nichts von Zeit zu eigen bleibe. Er klagt, wie enge und gedrückt es ihm unter den Seinigen um's Herz 8 114 ſei, weil er keine Seele auch nur von fern einen Blick dürfe hineinthun laſſen. Er bemerkt, daß er in Leip⸗ zig, weil ihn ſein Vater dahin begleiten wolle, mehr als je Behutſamkeit nöthig habe, wenn er einige Nach⸗ forſchungen anſtellen wolle.»Man kann nie zu verſchloſ⸗ ſen ſein, ſchrieb er. Gott ſei Dank, bis jetzt ahnet man auch nicht einmal etwas von mir. Der Geiſt Jeſu leite uns in Demuth, Geduld und Liebe. Amen!«— Manches Ereigniß mußte doch endlich die Freunde ſtutzig machen. Schröpfer endigte durch Selbſtmord, und im October 1783, alſo nach jenem Brief an Müller, ſollte Forſter auch erfahren, was er von des Dr. Price in Gold verwandeltem Queckſilber zu denken habe. Dr. Price, ſchrieb er ſeinem Vater, der Goldmacher hat ſich aus dem Staube gemacht, indem er ein Nöſel con— centrirtes Lorbeerwaſſer getrunken hat, an einem zweiten Experimente verzweifelnd.— Ein etwas ſpäteres Bekenntniß Forſter's verräth uns auch, wodurch er hauptſächlich zur Beſinnung gekommen iſt.»Ich war ein Schwärmer, heißt es, aber wie ſehr ich's geweſen bin, welchen hohen Grad ich erſtiegen hatte, das konnten, weil ich's für Pflicht hielt es zu verbergen, ſo wenig Menſchen wiſſen. Ich habe alles geglaubt. Die Überzeugung, daß Diejenigen, die mich zu dieſem Glauben verführten, keine moraliſch guten Menſchen wä— ren, öffnete mir die Augen; ich glaubte nun das ganze aufgethürmte Gebäude auf einer Nadelſpitze ruhend zu ſehen, und wie ich die unterſuchte, fand ich ſie auch verroſtet und unſicher.« Doch ſo mit einem Mal abgeſchüttelt wird ein ſo uns nen ſehr ſchwerer Irrthum nicht, ohne daß man noch lange Zeit fühle, wo er gehaftet. Daß die Freunde noch Jahre lang ein Intereſſe für jenen fortdauernden Bund behiel⸗ ten, läßt ſich begreifen; in's Unverſtändliche aber fällt die Furcht und Vorſicht, die ſie hinſichtlich deſſelben nicht loswerden konnten. Der ganze Aufenthalt in Kaſſel war ihnen verleidet. Doch kam Forſter früher darüber hinaus als Sömmering, den eine wunderliche Ängſtlich⸗ keit faſt nicht mehr verließ.— Ob ſie durch beſondere Schwüre gebunden waren,— oder ob mächtige Mitglie⸗ der des Bundes ihrem Austritte zürnten, und ſie mit der Rache der Brüder bedrohten?— Innere Entwicklung. Geheimniſſe der bezeichneten Art bergen in ihrer dunkeln, moorigen Tiefe keine Quellen innerlicher Befrie⸗ digung. Sucht man in denſelben doch auch keine Offen⸗ barungen, die uns vom Drange des wandelbaren Daſeins befreiten, ſondern gerade ſolche, die dieſem Drange dienſt⸗ bar machen: die Geheimniſſe der Natur ſollen Gold ſchaffen, die Geiſter die man erbetet, ſollen als Geſpen⸗ ſter erſcheinen. Daher unterlag denn auch unſer Forſter während der Jahre des Roſenkreuzerbundes dem wunder⸗ barſten Wechſel der Stimmungen,— einem Fieberpulſe, wie ſolcher freilich die Kriſe einer ſo tiefen Seelenent⸗ 116 wicklung zu begleiten pflegt. Es wird uns intereſſiren dieſe wechſelnden Stimmungen zu betrachten. Vor Allem nimmt uns Wunder, wie bereitwillig Forſter auf jede Veränderung ſeiner Weltſtellung eingeht, ſobald ſich eine ſolche darbietet, oder auch nur in ferne Ausſicht ſtellt. Bald findet er die Verbeſſerung ſeines Einkommens, bald die Erweiterung ſeiner wiſſen⸗ ſchaftlichen Thätigkeit höchſt erwünſcht. So äußerte ihm einmal der uns bekannte Vosmaer in einem holländiſchen Briefe, wie ſehr es ihm bei ſeiner Kränklichkeit am Her⸗ zen liege, die Oberleitung des haager Cabinets in Hände, wie Forſter's, kommen zu ſehen. Forſter fand zwar, daß der von Vosmaer für die Stelle bezeichnete Gehalt(llet tractement alhier) von 600 holländiſchen Gulden ihn eher zurückwerfe, als fördere; dennoch ſchrieb er gleich ſehr angelegentlich an Camper: L'idée de diriger un jour un Cabinet qui doit ètre Pun des plus complets, et des plus beaux en Europe, a quelque chose de fort attrayant pour moi. Dage⸗ gen ließ er, in dem ſchönſten Liebesalter des Lebens, keine Neigung des Herzens und keinen Wunſch nach einem glücklichen Hausſtande bemerken. Im Gegen⸗ theil, als gegen Ende ſeines dritten kaſſeler Jahres ein Gerücht von ſeiner Verheirathung auskam, erklärte er es in einem Briefe an Jacobi für ganz grundlos. Wer in Göttingen einen Profeſſor beſuche, der eine mannbare Tochter habe, meinte er, müſſe auch gleich ein Auge auf dieſelbe haben wollen. Und fügte hinzu:»Ich habe das Weib noch nicht geſehen, das ich heirathen möchte. Wenn Sie aber jemals hören, daß ich verheirathet bin: ten ſo freuen Sie ſich, daß ich glücklich bin, und lachen Sie, wenn Sie wollen, über die Art wie ich es bin. So wie ich jetzt denke, heirathe ich nie.«— Vielleicht dürfen wir hier, auch ohne Vorausblick auf ſein ſpäteres eheliches Verhältniß, die allgemeine Bemerkung erheben, daß die Liebe in Forſter's Herzen niemals eine leidenſchaftliche Macht beſeſſen zu haben ſcheine. Nicht, als ob es ihm an Wärme des Herzens und an Begeiſterung gefehlt hätte; vielmehr waren ſeine Empfindungen lebhaft und er ſelbſt gerade damals ein Schwärmer. Allein ſeine Gefühle erſcheinen ſchon frühe mehr von Vernunft, als von Leidenſchaft beſtimmt, und gleich ſeiner Anſchauungsweiſe ſo rein und edel, daß eine ſtarke Beimiſchung ſinnlicher Antriebe als vorausgegan⸗ gen, und mit Kampf ausgeſchieden, kaum anzunehmen ſteht. Zwar nennt er ſich einmal in einem ſpätern Brief an Sömmering»ſinnlich,« meint es aber von ſeiner Empfänglichkeit für Lebensgenuß, und erklärt es ein andermal für Sünde, dem Triebe nachzugeben, der bei ihm nie ſo heftig ſei, daß Vernunft nichts über ihn vermöchte. Wollen wir daraus aber auch nicht ſogleich auf ein urſprünglich ſehr gemäßigtes Temperament ſchließen: ſo lag doch damals ſchon ſo viel von Schick— ſalen und Erlebniſſen hinter dem jungen Profeſſor, daß es als Läuterungsmittel auch eines ſehr leidenſchaftlichen Naturells hinreichend geweſen wäre. Unter ſtrenger vä⸗ terlicher Zucht hatte Georg früh genug Selbſtbeherrſchung neben der Beſchäftigung mit ernſten Wiſſenſchaften ge⸗ lernt. Bald begegneten auch dem Knaben-Jüngling auf der Reiſe um die Welt die großartigſten Erſcheinungen 118 der Natur, und nahmen mit Räthſeln und Aufgaben ſeinen Sinn und ſeine Seele ein. Zugleich erſchütterte die Krankheit des Scorbuts ſeine Geſundheit für das ganze Leben,— ein Übel, das alle üppigen Lebensreize des Blutes zu ſchwächen geartet iſt. Und als ob es das Schickſal Forſter's darauf abgeſehen hätte, alle Zau⸗ ber der Geſchlechtsliebe für ihn auch noch geiſtig zu zer⸗ ſtören, erlebte er auf derſelben Fahrt ein zweites— Unglück darf es wohl für ſein damaliges Alter heißen. Wenn nämlich unter Kulturvölkern gerade die verhüllte und verſchämte Neigung mit ihren Reizen und Räth⸗ ſeln die Phantaſte eines Jünglings auf's lebhafteſte be⸗ flügelt, und das Verlangen entflammt: ſo mußte der junge Forſter auf Neuſeeland, auf Tahiti und den So— cietäts⸗Inſeln ſo oft den Anblick erleben, daß der thieri⸗ ſche Drang der Matroſen und die auf europäiſche Spie⸗ lereien verſeſſene Hingebung der Töchter jener Naturvölker einander oft nur im Schatten eines verwachſenen Mangle⸗ baums begegneten, und der entblößte und entblödete Trieb das Naturgeheimniß der Liebe ohne Scheu und Scham entweihte. Wie viel durch wiederholte Eindrücke ſolcher Herabwürdigung das Herz des jungen Mannes verloren habe, läßt ſich gar nicht berechnen. Welchen Erſatz er etwa durch die Freundſchaft gewann, wird ſich im Verlauf ſeines Lebens ergeben.— Zunächſt fand Forſter in ſeiner ſehr getheilten Thätigkeit ſich zu ſeinem Verdruſſe mehrfältig geſtört. Von innen durch wechſelnde Kränklichkeit, die ihn den ganzen Sommer 1782 mit den Folgen eines epidemiſchen Flußfiebers heimſuchte, und ihm— wahrſcheinlich alte 119 ſcorbutiſche Schärfen erſt auf die Finger, dann auf die Zehen verſetzte. Er hatte ſechs Wochen das Zimmer zu hüten, und konnte ſich kaum vom Bette zum Schreibepult ſchleppen, auf welchem ſeines Vaters»Bemerkungen über die Südländer« zum Üüberſetzen und Umarbeiten aus dem Engliſchen für die Michaelismeſſe dringend lagen. Und von Außen ward er mit dem Frühling folgenden Jahres in der Überſetzung des»ziemlich unterhaltenden« Werkes von Pagès: Voyage autour du monde, und den ganzen Sommer hindurch von einem Strome Fremder geſtört, die damals Kaſſel fleißig beſuchten, und denen er theils von amtswegen, theils auf Empfehlungen die Herrlichkeiten der Reſidenz zeigen mußte. Dazu gehörten die Alterthümer, für welche der Landgraf beſonders ein⸗ genommen war, ſo daß er nicht nur ſelbſt viel Zeit mit denſelben zubrachte, und daher Forſtern oft in Anſpruch nahm; ſondern kam, wie nicht ſelten, fürſtlicher Beſuch: ſo verſammelte er gern ſeine Alterthumsgeſellſchaft zu einem feierlichen Akt. So hatte Forſter im März 1782 bei Anweſenheit des Herzogs von Braunſchweig und ſeiner Familie nebſt der Herzogin von Würtemberg, deren Sohn, der nachmalige dicke König, eine Tochter des Herzogs geheirathet hatte, ſich ſchnell auf eine Rede gefaßt machen müſſen.»Es war, ſchrieb er an ſeinen Vater, ein Gewäſch ohne allen Bezug auf Alterthümer, wie man es aber bei ſolcher Gelegenheit vorzubringen die Erlaubniß hat.«— Bei dergleichen Vorfällen ging es denn nicht ohne huldreiche Fragen nach Forſter's Reiſe um die Welt und ohne gnädige Zuſage, die Be⸗ ſchreibung derſelben zu leſen ab. 120 Weiter machte ſich um dieſe Zeit ein höherer Auf⸗ ſchwung religiöſen Gefühls bei Forſter bemerklich. Zwar verläugnete ſeine Denkart zu keiner Zeit den Pfarrerſohn, deſſen Vater, wenn auch kein freudiger Theolog, doch imuier ein kirchlicher Mann geblieben war. Jetzt aber erſchien die religiöſe Stimmung vorherrſchend, beſonders in den Briefen an ſeine Schweſtern aus dem Sommer 1782, die ausſchließend religiöſen Inhalts waren,— voll Selbſtprüfung in den Neigungen und Schwächen ſeines Herzens und voller Mahnung zur Selbſtbeherr— ſchung, zur Liebe Gottes und zum Streben nach der Glückſeligkeit, die er nur in der Annäherung zur Gott— heit finden kann.— Außerdem, daß dieſe Briefe in Forſter's roſenkreuzer'ſche Andachten fallen, ſtand er auch mit ſeinen Schweſtern, durch Entfernung und Erinnerung, noch ouf der frühern Frömmigkeit häuslicher Noth und jugendlicher Leiden. Wir haben in dieſer Hinſicht ein zwei Jahre ſpäteres Bekenntniß an ſeine Verlobte, das ſeine damals überwundne fromme Stimmung erklärt. »Sie wiſſen, ſchrieb er, daß ich von Jugend auf vieles gelitten, daß ich die Sorgen einer zahlreichen Familie, die noch dazu unglücklich war, getragen habe, daß ich in dem Alter, wo man ſich dem lachenden, einladenden Rufe der Natur ſonſt überläßt, wo man ganz Gefühl zu ſein, und kein Geſchäft, als Genuß des Lebens und Vorbe— reitung zu dieſem Genuß zu haben pflegt, anhaltend ge⸗ arbeitet habe, und dadurch als Knabe und Jüngling ein ziemlich trübes, niederdrückendes, alle Leibes⸗ und Geiſtes⸗ kräfte erſchlaffendes Leben geführt, ſo zum einzigen was mir übrig blieb, zur religiöſen Schwärmerei hinüberge⸗ trieben und allgemach gewöhut worden bin, Leiden für gut und zuträglich, Genuß für gefährlich, wo nicht gar für ſchädlich anzuſehen.« In dieſer Zeit der Eingenommenheit ſeines Gemüths ſcheint Forſter den politiſchen Vorgängen weniger, als er ſonſt pflegte, gefolgt zu ſein. Ein vaterländiſches, wenigſtens reſidenzliches Ereigniß trat ihm aber ſo nahe, daß er deſſelben gegen ſeinen Vater gedachte. Im Fe⸗ bruar 1783 kehrten nämlich die drei Prinzen, die der Landgraf ſeit 29 Jahren nicht geſehen hatte, weil ſie nach der Religions⸗Aſſecurations⸗Akte von ihm getrennt waren erzogen worden, nach Kaſſel zurück.—»Es ward ſoviel vor Freude geweint, daß auf der Parade alle Soldaten unter den Waffen in Thränen waren, als der Landgraf ſeinen älteſten Sohn zum General-Lieute⸗ nant aller heſſiſchen Truppen erklärte.. Er ſelbſt weinte lang und ſo thaten alle Prinzen. Prinz Karl und Friedrich gingen bei ihren Bekannten unter den Officie— ren herum und ſagten: Gott Lob und Dank, nun ſind wir wieder beiſammen!« Forſter ſpricht ſich über dieſen Auftritt weiter nicht aus, und ſcheint an dieſer Rührung ſelbſt keinen Theil genommen zu haben. Vielleicht ſchlug er die natürliche Tugend der Liebe zu ſeinen Kindern da weniger hoch an, wo ſie von eigentlichen Fürſtentugenden über⸗ ſtrahlt werden ſollte. Jedenfalls kannte er die heſſiſche Geſchichte genug, um zu wiſſen, daß die Abkömmlinge Philipp's des Großmüthigen nach ſo mancher verloren gegangnen fürſtlichen Tugend ihres edeln Ahnherrn es wenigſtens an Gegenſtänden zur Ausübung der ihnen 8* übrig gebliebenen Tugend der Vaterliebe und Vaterſorge nicht haben fehlen laſſen.— Auch andere intereſſante Bekanntſchaften, neue und alte, nahmen den Freund auf erheiternde Weiſe in An⸗ ſpruch. So hatte er im Nachſommer des vorhergegange⸗ nen Jahres mehrere Tage in freundlichem Umgange mit der Fürſtin Gallitzin zugebracht, die wir aus Jacobi's Kreiſe kennen, und die von dem damals ſehr beſuchten Bade Hofgeismar herüber nach Kaſſel gekommen war. Und nun erſchien in jenem unruhigen Sommer 1783 auch Goethe wieder in Kaſſel, beſuchte den Hof und noch fleißiger Sömmering's Anatomie. Forſter fand ihn ernſthafter, zurückhaltender, verſchloßner, kälter, auch bläſſer und magerer, doch freundſchaftlich und mit einem etwas, das zu ſagen ſchien, er wolle nicht verändert ſcheinen. Sein Dichten und Trachten war Wiſſenſchaft und Kenntniß. Naturgeſchichte ſchien er fleißig zu ſtu⸗ diren, denn er wußte vieles davon zu reden.— Briefe von ihm und dem Herzog knüpften ſich an dieſen wie⸗ derholten Beſuch. Solche Erquickungen fielen indeß nur ſehr einzeln. Und wenn Forſter nach Tagen, die er mit Leuten ver⸗ ſchleudern mußte,—»ihm ſo fremd wie Perſer und Elamiter, oder wie Gog und Magog«— ein wenig zur Ruhe kam; ſo rief er wohl aus, wie er ſchon vor dem Sommerdrange dieſes Jahres gegen Jacobi gethan: »Wie wohl wäre mir in meinem Schneckenhäuschen, wenn nicht jeden Augenblick Jemand käme und mich hervorriefe. Bald werde ich es wie andre Schnecken 123 machen müſſen, die ſich nur deſto feſter verſchließen, je mehr man ſie heraus haben will.« Er wußte ſchon damals, daß man ihn mit ſeiner Zurückhaltung nicht verſtand, und der Menſchenſcheu be⸗ ſchuldigte. In der That nahmen aber Anwandlungen von Trübſinn und Verſtimmung in den letztern kaſſeler Jahren zu. Da fehlt es denn nicht leicht an etwas, woran man ſeinen Mißmuth heftet, und ſo beklagte er gewöhnlich den Mangel an Hülfsmitteln, wie Bücher, Naturalien und Inſtrumente, ſo daß er verzweifelte, je wieder etwas Eignes ſchreiben zu können. Und es ſchien ihm doch»ſo traurig, die Zeit, da er pflügen und ſäen ſollte, ungenutzt vorbeigehen zu laſſen, obgleich bereit, alle ſonſt gehegten Begriffe von häuslicher Glückſeligkeit aufzuopfern, wenn er dadurch das Mittel erlangen könnte, in ſeinem Berufe nützlich zu werden.“ Späterhin erkannte er freilich, daß die Roſenkreu⸗ zerei ihn und Sömmering um Zeit und Geld gebracht habe. In jener muthloſen Verſtimmung aber ſchien ihm ſeine Fähigkeit zu Geſchäften aller Art ſo ſichtbarlich ab⸗ zunehmen, daß er ſich manchmal ſelbſt fragte, ob er noch der Alte ſei.—»Ruhe des Geiſtes, klagte er, freudige, heitre Empfindung des Daſeins ſind ſo von mir verſcheucht, daß ich in meinen trüben Stunden darum traure, wie man um Freunde trauert, die man nie mehr zu ſehen hofft. Ich wende mich auf alle Seiten und werde nur dunkle Ausſichten gewahr. Es iſt ſchreck⸗ lich, aber wahr, daß auch das einzige Gefühl, welches mich ſonſt bei meinen Leiden ſtärkte und tröſtete, welches mich zum Stoiker und mehr— zum chriſtlichen Helden 124 umzuſchaffen pflegte, jetzt ſo erkaltet, ſo leiſe und ſchwach iſt, daß alle meine Anſtrengung es nicht anfachen kann. Muthloſigkeit, Trübſinn und Zweifel haben ſich meiner Seele bemeiſtert, bald kann ich nicht mehr dawider kämpfen.«— Wir fühlen uns verſucht, gerade hier eine Außerung Forſter's einzuſprengen, die den ungemeinen ſtaatsmänni⸗ ſchen Blick des Mannes während ſeiner Gemüthsbefan⸗ genheit verräth; wenn man nicht etwa annehmen will, daß auch hier wieder ein gerade gedrücktes, leidendes Herz vom Vorgefühl der Zukunft bewegt, oder daß wohl gar ein rechter Mißmuth zum Propheten des Unglücks werden könne. Merkwürdig bleibt jedenfalls dieſe Auße⸗ rung Forſter's in einem Brief an ſeinen Vater aus 1782, mithin ſieben Jahre vor der franzöſiſchen Revo⸗ lution.— Die Rede war von dem alten König Fritz, der in ſeinen letzten Tagen zu neroniſiren anfange. Forſter meinte, die Wolken, die ſich von allen Seiten ſammelten, trieben einen Mann auf's äußerſte, der den Sturm als unvermeidlich, und deſſen Ausgang für un⸗ gewiſſer als je anſehe, und ſetzte hinzu: »Europa ſcheint auf dem Punkt einer ſchrecklichen Revolution. Wirklich, die Maſſe iſt ſo verderbt, daß nur Blutlaſſen wirkſam ſein kann. Vom Throne bis zum Bauer ſind alle Stände von Dem, was ſie ſein ſollten, herabgeſunken, und keiner mehr, als unſere vor⸗ geblichen Gottesgelehrten; von ihnen kann man wohl ſagen, daß ſie wolfsartiger in ihren Schafskleidern ſind, als Phariſäer und Schriftgelehrte je waren, unwiſſender im Geiſt der heiligen Bücher, abgewendeter von Gott 125 und dem Heiland, als die armen Neger, welche, nichts beſſer erkennend, ihren Fetiſch anbeten.—— Es iſt den Ungläubigen unſerer Tage nicht zu verargen, wenn ſie die Scheinheiligkeit und dogmatiſchen Abgeſchmacktheiten derſelben nicht ſchätzen.« Zu all' dieſen wechſelnden Stimmungen kam gegen Ende 1783 eine moraliſche Beunruhigung, über welche Forſter gegen Jacobi und Müller— freilich nur eine allgemeine Beichte ablegt.—»Ich bin dieſen Som⸗ mer hindurch nicht ſo glücklich geweſen wie Sie, einige Schritte weiter zu kommen,« ſchrieb er unterm 20. De⸗ cember an Müller in der Schweiz;»ich bin vielmehr einige Schritte zurückgekommen, und dieſe Demüthigung iſt mir heilſam geweſen. Ich armer ſchwacher Menſch fühlte das zweifache Geſetz in mir, deſſen Paulus erwähnt, und ſage mit ihm: Wer will mich vom Leibe des To⸗ des erretten? Durch vieles Fallen und Wiederaufſtehen lernen die Kinder gehen. Das iſt mein Troſt.« Daſſelbe Bekenntniß, allerdings auch unter demſelben Datum, machte er gegen Jacobi faſt mit denſelben Worten; nur daß er ſtatt auf das zweifache Geſetz des Paulus ſich auf die zweifache Seele des Cyrus bezieht, von denen die unartige in ihm noch laut mitſprechen könne. Er geſteht, daß er darüber eine zeitlang ganz zerrüttet geweſen ſei. Worin er aber gefehlt, ſagt Forſter nicht, und giebt nur durch den brieflichen Zuſatz,— das Nähere davon ließe ſich nicht ſchreiben, dem Räthſel noch einen ver— ſchämten Reiz. Ohne Zweifel war aber auf den Roſen⸗ kreuzerbund gezielt, und wir werden mithin wieder auf 126 den Sommer 1783 zurückgeführt, in welchem alſo die Freunde zur Einſicht über ihre Verirrung gekommen wären. Um darüber, daß dieſe Verirrung gemeint ſei, keinen Zweifel zu haben, darf man nur die Angſt und Beſchämung in's Auge faſſen, womit die Freunde noch nach Jahren auf ihre Thorheit zurückblickten. Noch im Jahre 1821, als Forſter's Witwe ſeine Briefe zu ſammeln begann, verweigerte ihr Sömmering nicht bloß jene, die er in Händen hatte, ſondern beſchwor Thereſen auch mit Drohen und Bitten, der Ordensverbindung in ihren Nachrichten über Forſter's Leben nicht zu gedenken. Die Rache einer unſichtbaren Macht würde ſie und ihre Kinder treffen. So ſehr bethörte nach beinahe 40 Jah⸗ ren noch immer die Furcht einen ſo ausgezeichneten Mann! Denn daß Thereſe Huber in ihren Mittheilungen unter dem„vertrauten Freunde« Sömmering gemeint habe, iſt kein Zweifel. Nur er lebte damals noch von den im Roſenkreuzerbunde mit Forſter vertrauteſten Freunden, und wirklich findet ſich auch kein an Sömmering gerich— teter Brief in der Sammlung des Forſter'ſchen Brief— wechſels. Erſt nach dem Ableben des angſtlichen Anato⸗ men und Akademikers hat Rudolph Wagner in ſeinem »Leben Sömmering's« eine Auswahl jener intereſſanten und merkwürdigen Briefe herausgegeben. bloß reſen g in nken ihre ah⸗ ato⸗ nem nten Lebenswechſel. Betrachten wir Forſter's Lage in Kaſſel beim Ab⸗ laufe des Jahres 1783, ſo drängt ſich uns lebhaft der Gedanke auf, daß der junge, ſtrebſame, ſtets in's Weite getriebene Mann die Elemente ſeiner kaſſeler Exiſtenz erſchöpft, Kaſſel, ſo zu ſagen, ausgelebt hatte. Er ſelbſt mochte eine Empfindung der Art haben, als er einem Freunde ſchrieb, er ſehe wohl ein, daß er der Welt weit nützlicher ſein würde, wenn er noch eine große Reiſe thun, unbefangen ſehen, und das Geſehene ehrlich aufzeichnen könnte.— Solcher Zerfall mit den irdiſchen Verhältniſſen erſcheint bei gläubigen Gemüthern nicht ſelten von religiöſer Erhebung begleitet, wie ja mancher Fäulniß auch ein Phosphorſchimmer beigegeben iſt. Wie viel begabte Naturen fallen nicht in ähnliche Erſchöpfung! Ihre Berufsarbeiten, ihre amtliche Thätig⸗ keit ſind ein Mechanismus geworden, ein Rad, deſſen abgeriebne Kämme nur noch lahm in's Lebensgetriebe eingreifen; die Hülfsmittel ihrer Stellung ſind aufge— braucht, die lebendigen Quellen der Mittheilung verſiecht oder getrübt, die Erholungen befreundeten Umgangs, die Zerſtreuungen der geſellſchaftlichen Ordnung abgewelkt; kurz die Lagen der Menſchen und der Dinge zeigen ſich in ihren Fundamenten geſunken oder durch höhere Ein⸗ flüſſe verzogen. Wirklich hatte Forſter, in ſeine Geheimniſſe verſun⸗ 128 ken, und gegen alte Beziehungen ſich verſchließend, gar manchen Bekannten vernachläſſigt und ſich wohlwollende Männer fremd werden laſſen, ein Verluſt an Freundſchaft zu den Verluſten an Zeit und Geld, dreifache Opfer, ſeinen Geheimniſſen dargebracht. Dies alles vermehrte begreiflicherweiſe ſeinen Verdruß an Kaſſel, der vielleicht durch die beſchämende Erinnerung, als er ſeine Bethö⸗ rung einſah, ſich nur noch verſchärfte. Daß hauptſächlich dieſer Verdruß am abgebrochnen Verhältniß zu den Bundesbrüdern ihm Kaſſel widerwärtig machte, äußerte er ſelbſt noch vier Jahre ſpäter in einem Brief an Söm⸗ mering mit den Worten:»Wäre nicht der Ekel und Abſcheu gegen den Orden geweſen, ſo wäre ich doch nicht von Kaſſel weggegangen, und folglich auch Du nicht.«— An dieſem Weggehen ſtehn wir nun. Was hätte damals Forſtern Glücklicheres begegnen können, als ein Ruf in die Ferne, als eine Beſtimmung, die für ſeine Zukunft viel verſprach, und ihn in diejenige Thätigkeit zu verſetzen das Anſehn hatte, die er ſich nach Maßgabe ſeiner Kenntniſſe und Studien wünſchen mußte!— Im December 1783, alſo fünf Jahre nach ſeiner erſten An⸗ kunft in Kaſſel, ward er an die neue Univerſität Wilna, an die Stelle des abgegangnen Franzoſen Gilibert, als Profeſſor der Naturgeſchichte berufen. Man hatte in Polen die Güter der aufgehobenen Jeſuiten zur National⸗ Erziehung beſtimmt. Eine Commiſſion aus mehreren Großen des Landes,— den Fürſten Primas, Biſchof Poniatowsky, Bruder des Königs, an der Spitze— war vom Reichstage zur Verwaltung dieſer Güter und zur Errichtung von Schulen und Univerſitäten ernannt 129 worden. Von dieſer Commiſſion erfolgte Forſter's Be⸗ rufung. Allerdings war ſein Name ausgebreitet genug; doch kam ihm gerade für Polen die beſondere Bekannt⸗ ſchaft eines warſchauer Freundes zu gut. Der vom Könige zum Baron ernannte Bergrath von Scheffler, der 13 Jahre früher, damals ſelbſt von Schickſalen ge⸗ beugt, Forſtern zu London in trauriger Lage kennen ge⸗ lernt hatte, war ihm ein herzlicher Freund geblieben, und hatte ihn bei dem Biſchof Poniatowsky auf's nach⸗ drücklichſte empfohlen. Eine Hauptabſicht ſeines neuen Berufs ging dahin, die Verwendung der inländiſchen Naturprodukte bekannter und allgemeiner zu machen. So verband ſich gleich mit dem neuen Wohnorte eine neue Aufgabe für Forſtern,— die Erzeugniſſe des Landes, ihren wirthſchaftlichen und mediciniſchen Nutzen, ihre Anwendung für Künſte und Handwerke, Färberei, Manufacturen und Handel, ihre Verbeſſerung, leichteſte Culturart, Erhaltung u. d. gl., zu ſtudiren. Und wenn dieſe Aufgabe auch ſeiner prac⸗ tiſchen Richtung gar wohl gelegen war, ſo brachten dafür die Vorleſungen, da ſie in lateiniſcher Sprache gehalten wurden, doch eine neue Schwierigkeit mit ſich, deren er, vorwärts ſchreitend, durch Übung bald Herr zu wer— den hoffte. Die Zuſagen des Fürſt⸗Biſchofs Poniatowsky ließen Forſtern erwarten, dort in volle Activität zu kommen, und für die Naturgeſchichte alle Unterſtützung zu er⸗ halten, die ihm in Kaſſel abging. Sein Vertrauen auf dieſe Verſprechungen wurden durch den Miniſter von Schlieffen beſtärkt, der den Biſchof perſönlich kannte. 9 130 Zwar erwog der Freund auch, was Polen durch Klima, Sitten, Charakter und vielfältige Unbequemlichkeiten Ab⸗ ſchreckendes mit ſich brachte: dafür aber fielen ganz annehmliche baare Vortheile in die andre Wagſchale. Mit der Stelle waren unter Geheimraths⸗Charakter 400 Dukaten Gehalt nebſt freier Wohnung verbunden. Es wurden aus beſonderer Rückſicht für ihn 200 polniſche Gulden für Correſpondenz zugelegt, und ein jährlicher kleiner Fonds zur Vermehrung des Naturalien⸗Kabinets und der Bücherſammlung, zur Unterhaltung des botani⸗ ſchen Gartens und zu Streifereien auf Pflanzen und Mineralien verfügbar geſtellt.— So ſah Forſter eine Laufbahn eröffnet, die ihn, wenn auch nicht in glänzende Verhältniſſe, doch dahin brachte, daß ſein Haushalt or⸗ dentlicher, und die Sorge für ſein Auskommen, wie für die Befriedigung ſeiner Gläubiger, weniger ängſtlich blieb. In Kaſſel würde er— wie er ſich gegen Jacobi äußerte— den einzigen Fall einer reichen Heirath aus⸗ genommen, ſich nur mit äußerſter Mühe wieder in's Reine, frei von Schulden und in eine Lage geſetzt haben, ſeine wiſſenſchaftlichen Kenntniſſe practiſch zu erweitern. Wie anziehend erſchien alſo diesmal eine neue Welt, die auch ein verbeſſertes Haus, vielleicht ein neues ver⸗ ſprach! Dennoch unterließ er nicht, ſeine Freunde zu Rathe zu ziehen. Heyne und Lichtenberg riethen zu; Sömmering enthielt ſich, aus Furcht vor ſeiner leicht parteilichen Liebe, des Zuſpruchs wie des Abrathes. Bei ſeiner Roſenkreuzerangſt mochte es ihm auch leid ſein, ſich von dem Freunde verlaſſen zu denken, während er doch deſſen Glück anerkennen mußte. Die Unterhandlungen mit Forſter gingen Namens des Königs von Polen durch deſſen Bruder, den genann⸗ ten Biſchof von Block, der ſich dabei des Bergrathes von Scheffler und eines Dr. Czempinski bediente. Der Abſchluß zog ſich über den Januar des folgenden Jahres hinaus. Aus einem franzöſiſchen Schreiben des Biſchofs an den genannten Doctor geht hervor, wie viel Werth man auf Forſtern legte. Es iſt von Einſicht und Hu⸗ manität dictirt, und hebt Forſter's durch Reiſen und Schriften begründeten Namen und anerkannte Eigen⸗ ſchaften des Herzens hervor. Und indem der Biſchof beklagt, daß der dermalige Stand der Kaſſe nicht erlaube, bei Forſter's Abgang aus Kaſſel den ihm geleiſteten Vorſchuß des Landgrafen zu übernehmen, benachrichtigt er Czempinski, daß der deshalbige Betrag durch eine Subſeription gedeckt ſei, wozu der König als Protector der Erziehungs⸗Commiſſion, ſo wie mehrere Mitglieder derſelben verhältnißmäßig, er ſelbſt auch 100 Dukaten beigeſteuert hätten. Dieſe Summen und 200 Dukaten Reiſegeld ſollen Forſtern zur Verfügung geſtellt werden. Weiter enthält das Schreiben Fingerzeige über Forſter's Reiſerichtung durch die fruchtbarſten Gegenden des Lan⸗ des und über den Weg, auf welchem ein gewiſſer Jan⸗ kiewicz das Reiſegepäck nach Wilna zu beſorgen habe.— Ein von Forſter's Vater erhobenes Bedenken iſt eben ſo bezeichnend für dieſen, als die Beſeitigung deſſelben für den Sohn. Indem dieſer nämlich den Vater verſichert, daß er in Polen nie werde katholiſch werden, ſetzt er hinzu:»Obgleich meine Meinungen weder mit denen der Lutheraner noch Calviniſten, noch Katholiken oder Grie⸗ 9* chen noch irgend einer andern chriſtlichen Sekte überein⸗ m ſtimmen, ſo werde ich doch fortfahren, mich zu der Kirche. 1 zu bekennen, in der ich geboren und auferzogen ward. ei Die römiſch⸗katholiſche Religion iſt mir vor allen andern zuwider, wegen ihres deſpotiſchen Geiſtes und ihrer Unduldſamkeit. Deshalb machte ich es mir zum Grund⸗ d ſatze, ſie nie aufzumuntern, in welcher Geſtalt es auch ſein möchte.“— Der Erſte, den Forſter von ſeiner Annahme und von der Entſcheidung ſeines Schickſals in Kenntniß ſetzte, war Heyne—»ſein väterlicher Freund.“ Doch verräth noch keine Silbe ein Herzensanliegen für deſſen Tochter Thereſe. Nur, daß er ſich einſtweilen als guten Haus⸗ hälter zu erkennen giebt; indem er um Verſchwiegenheit bittet, damit ihm nicht, wie es Abziehenden leicht be⸗ gegne, die Haus- und Handwerksrechnungen erhöht würden. Bald ſollte ihn aber ein betrübendes Ereigniß an ſeine einſame Lebensſtellung auf's Lebhafteſte erinnern. Jacobi's Frau, die liebenswürdige Betty, ſtarb zu An⸗ fang März 1784, und eine ſeiner Schweſtern gab dem kaſſeler Freunde dieſe Trauernachricht. Forſter ſchrieb ſein Beileid, und kam dabei auf folgende Betrachtung: »Ach! armer Einſiedler, der du ſeit mehr als fünf Jah⸗ ren keinen häuslichen Geſellſchafter kannteſt, der du die Süßigkeiten des häuslichen Umgangs ſo lange entbehren, und bei ſo manchen harten Vorfällen, wo Andere gerade den ſeligſten Genuß von ihren Hausgenoſſen,— Troſt, Aufmunterung, Zerſtreuung, Beruhigung erhalten, dich allein behelfen, dich von Allem, was die Freundſchaft ein⸗ irche ard. dern hrer und⸗ auch und ſetzte, rräͤth chter aus⸗ iheit 133 und geſellige Liebe Beglückendes hat, entwöhnen mußteſt — du biſt nicht fähig, den Schmerz zu fühlen, den ein ſolcher Verluſt in den Seelen der Verlaſſenen her⸗ vorbringt!« Und wie mit dieſer theilnehmenden Empfindung das Herz einmal ſo weit aufgegangen war, drängte ſich hinter der Nachricht von ſeiner häuslichen Veränderung gleich noch ein anderes Bekenntniß nach.»Ich fühle, ſchrieb er, daß wir Mannsperſonen ſelten zum Wirth⸗ ſchaften Anlage haben, zumal iſt dies bei Studirenden und Gelehrten der Fall; ich fühle auch Lücken in mei— nem Herzen, die ausgefüllt werden müſſen: wundern Sie ſich alſo nicht, wenn die Veränderung des Wohnorts bald auch eine Veränderung meiner bisherigen einſamen Lebensart nach ſich ziehen ſollte.« Er erwähnte zwar ausdrücklich, daß er noch keinen »Gegenſtand« habe; allein im October hatte er 14 Tage bei Lichtenberg in Göttingen zugebracht,— die fröhlich⸗ ſten, die er jemals dort verlebt zu haben dem Gaſt⸗ freunde verſicherte. Damals war Thereſe Heyne im väterlichen Hauſe und ob nicht etwa ihr Bild im Hin⸗ tergrunde ſeines Herzens jene lebhafte Empfindung ſeiner traurigen Einſiedlerſchaft erregte, die er bei Betty's Tode nur laut werden ließ, hatte er vielleicht ſelber noch nicht bedacht. Der Beſinnung auf ſein vereinſamtes Leben trat ein erhebendes Bewußtſein zur Seite. In ſeinem Den⸗ ken glaubte er kürzlich eine Revolution beſtanden zu haben, die zu ſeiner künftigen Zufriedenheit beizutragen verſprach. Er nannte es veine gute Portion Schwär⸗ 134 merei, die er fahren gelaſſen habe«— froh, daß es noch vor ſeinem 30ſten Jahre geſchehen ſei. Er fühlte ſich dadurch in ſeinen geſellſchaftlichen und bürgerlichen Pflichten außerordentlich geſtärkt; da es ja die Wirkung aller falſchen Schwärmerei ſei, Menſchen von Menſchen zu entfernen. Rückblick und Ausſicht. Forſter, da er ſeine neue Beſtimmung nicht vor Ende März 1784 wollte ſtadtkundig werden laſſen, hatte darum auch das Prorectorat am Karls⸗Colleg für das neue Schuljahr nicht abgelehnt. In der Rede, womit er es angetreten, ſprach er über den bedenklichen Beruf eines öffentlichen Lehrers in Betreff der Ausbildung der Schüler, deren Lebensrichtung, nur allzuoft im Wider⸗ ſpruche mit ihren natürlichen Anlagen, von der Conve⸗ nienz der Geſellſchaft beſtimmt zu werden pflege. Da es aber eine weiſe Anordnung der Karlsanſtalt ſei, daß die Lehrer ſelbſt nach den Fähigkeiten der Schüler deren Studien zu beſtimmen hätten: ſo forderte der Redner die Eltern auf, zu dieſem Ende ihre Abſichten mit den Pflichten der Lehrer in glückliche Übereinſtimmung zu bringen. Während nun Forſter ſich zur Abreiſe rüſtet und es ühlte chen ung ſchen 135 ſeine Papiere packt, fallen uns noch einige ſeiner kleine⸗ ren Arbeiten in die Augen. Die jeweiligen Verſammlungen der Alterthumsge⸗ ſellſchaft brachten es mit ſich, daß ein und das andere Mitglied einen Vortrag in franzöſiſcher Sprache hielt. Wir kennen deren mehrere auch von Joh. Müller, unter denen die histoire de Petablissement et de la domi- nation temporelle du Souverain Pontife dans la dernière moitié du s siècle vielleicht als Vorläuferin ſeiner ebenfalls in Kaſſel geſchriebenen»Reiſen der Päpſte« betrachtet werden kann.— So hatte Forſter ſchon Ende November 1782 ein memoire sur les pygmées vorgeleſen. Auf das Lob des Landgrafen und ſeines Sohnes gab er nichts, weil ſie kein Urtheil über den Gegenſtand hätten. Aber er bearbeitete ſpäter, un⸗ zufrieden mit jenem eilig und ohne literariſche Vorberei⸗ tung hingeworfenen Aufſatze, das Räthſel der Pygmäen gründlicher, indem er, durch Tyſon's anatomy of a pigmy veranlaßt, Dasjenige, was bisher über dieſen Gegenſtand beigebracht worden, verglich, die hervorſte⸗ chendſten Ergebniſſe zuſammenſtellte, und hier und da ſeine eignen Gedanken einknüpfte. Er hatte dieſe räth⸗ ſelhaften Weſen, deren ſchon Homer gedenkt, zuerſt in der Natur geſucht, und fand ſie endlich in der mytho⸗ logiſchen Symbolik der alten Agypter auf. Im aten Bande ſeiner geſammelten Schriften ſteht die kleine ge— lehrte Abhandlung zu leſen. Anziehender iſt die Abhandlung über den Brot⸗ baum, die vor ſeiner Abreiſe im Druck erſchien. In gedankenreicher, anſprechender Darſtellung leitet der Welt⸗ 136 umſchiffer den Blick des Leſers nach jenen begünſtigten Klimaten, wo dieſer völkernährende Baum, eines der koſtbarſten Geſchenke der Natur, auf den üppigen Inſeln Aſiens wild, aber unter ſo vielen herrlichen Naturerzeug⸗ niſſen vernachläſſigt, wächſ't, und durch ſeine frühe Ver⸗ breitung über die glücklichen Eilande der Südſee veredelt, der Ernährer eines zerſtreuten, einfachen und harmloſen Naturvolkes wird. Mit der Anſchaulichkeit und dem Reize des Selbſterlebten führt uns Forſter unter die ſchattigen Äſte dieſes prächtigen Baumes, uns zu beleh⸗ ren, wie derſelbe im Wechſel der Jahreszeiten ſich reich befruchtet, wie der Menſch ohne Mühe und Sorgen ſein Brot von den Zweigen, ſein leichtes Halbgewand aus dem Stamme nimmt, und wie»die Geſchichte der Erzeugniſſe des Erdbodens tief und innig in die Schick— ſale der Menſchen und in den ganzen Umfang ihrer Em⸗ pfindungen, Gedanken und Handlungen verwebt iſt.«— Und jetzt ſehen wir Forſtern gegen Ende April aus Kaſſel ſcheiden. Wie damals, als er aus Berlin über Deſſau zurückkehrend, ſich hier niederließ, brach eben wieder der Frühling aus. Freund Sömmering begleitete ihn bis Münden. Der Abend war ungewöhnlich mild, und als Forſter nach genommenem Abſchied auf dem Wege nach Göttingen weiter zog, leuchtete der Mond ſo freundlich,»als wüßte er nichts von der ſchmerzlichen Wehmuth des Scheidens.« Dieſer Wehmuth hing der Freund nach. Es machte ihn nicht irre, daß Keiner von Allen, die zu ſeiner Fahrt nach Polen die Köpfe ſchüt⸗ telten, das Leid begreifen würde, das er in der Erinne⸗ rung an vergangenes Glück und bei der Erfahrung iſtigten es der Inſeln erzeug⸗ 3 Ver⸗ eredelt rmloſen dd dem ter die beleh⸗ h reich Sorgen gewand hte der Schick⸗ er Em⸗ ſt.«— Ayril Berlin ch eben xgleitete mild, f dem ond ſo rzlichen ng der ner von ſchüt⸗ Erinne⸗ aahrung empfand, wie ſehr er doch noch am Zurückgelaſſenen hange, und was in Freud' und Leid ein Menſch dem andern ſei. Sein erſter Brief an Sömmering iſt noch bewegt von aufgeregten Reiſeempfindungen und Gedanken. Wir können uns nicht enthalten, eine Stelle aus dieſem ſchö⸗ nen Briefe einzuſchalten, die uns einen lebhaften Begriff von der Innigkeit und vom Gehalte— vom Schrot und Korn— einer ſo ſeltenen edeln Freundſchaft giebt. Forſter ſpricht von dem Schmerze, der die Übergewalt ſeiner Betrachtungen unterbrochen habe: »Durch ihn erwachte mir eine Welt von Erinne⸗ rungen. Lebendig ſtand es vor mir da, wo wir zuſam⸗ men geweſen, was wir gemeinſchaftlich gethan, wie Einer den Andern gefördert, gebeſſert gehalten hatte,— ein ſchöner, ſchöner Traum! Wie forſchten wir nach Wahr⸗ heit ſo abſichtslos und unbefangen! Im Genuſſe der ſchönen Gegend, wie heiter philoſophirten wir nicht am Abend über das Studium des Tages! Selbſt jener Pfad, wo uns der Anblick eines tief angelegten, ſyſtema⸗ tiſchen Betrugs überraſchte, wie lehrreich war nicht der! Welche Blicke in das menſchliche Herz und in die Schick⸗ ſale der geſammten Gattung gewährte er uns nicht! Ein wohlthätiges Verhängniß waltete über uns, daß wir einander verſtehen lernten, daß unſer ruhiger, hochach— tungsvoller Bund der Freundſchaft entſtand, und einer des andern Schutzengel ward; daß ſtrenger Wahrheits⸗ ſinn zur Schonung ſich geſellte, und wir einander fort⸗ bildeten da, wo die gemeine Erziehung aufhört, zu die⸗ ſem hohen Bewußtſein der Reinigkeit in Gedanken, Wort 138 und That, dieſem Frieden, der höher iſt, als alle Ver⸗ nunft.«— In dieſer Stimmung faßte er auch ſeine Zukunft mit einem großen Blick in's Auge. Ihm bangte vor Polen: aber—»wenn auch alle Phantome von Ge⸗ meinnützigkeit, von Einfluß auf Menſchenbildung, von Ausſaat und Hervorgrünen wiſſenſchaftlicher Kultur unter einem fremden Himmel zerronnen ſind, dann ſinde ich mich ſelbſt dort noch wieder. Was das Schickſal an uns Einzelnen fortbildet, indem es uns in neue Thätig— keit verſetzt, uns neue Berührungspunkte verſchafft, uns auffordert, für andere zu wirken, das iſt der erhabene Zweck unſeres Daſeins, wobei wir nur das Zuſehen haben. Ich ringe 8 bis 10 Jahre mit neuen Verhält⸗ niſſen, ſammle neue Vorſtellungen, neue Begriffe, laſſe durch neue Eindrücke Reactionen hervorrufen aus meinem eignen Selbſt, die mir jetzt noch unbekannt ſein mögen; Vernunft und Empfindung, durch einander geſchärft und berichtigt, ſchaffen in mir eine Welt, wozu ich jetzt nur die formleere Hyle in mir trage! So geht ein voll— kommneres Weſen hervor mit erhöhtem Bewußtſein, mit anderen Quellen des Genuſſes, mit einem umfaſſenderen Sinne, zu erleſeneren Freuden und Leiden gebildet!« Möge den edlen Mann auch im ſandigen Litthauen dieſe verklärte Erhebung der Seele nie verlaſſen! e Ver⸗ zukunft te vor —n Ge⸗ 3, von r unter nde ich kſal an Thätig⸗ t, uns i 5 Zweites Buch. zuſehen erhält⸗ laſſe meinem mögen; rft und ett nur n vol⸗ in, mit enderen tl« tthauen Auf Freiersfüßen. Forſter hatte Kaſſel mit der Überzeugung verlaſſen, daß in ſeinem Denken kürzlich eine Revolution vorgegan⸗ gen ſei. In der That ſchien es ſo. Denn hatte er frü⸗ her an Jacobi geſchrieben— wie er jetzt denke, werde er ſich nie verheirathen: ſo war es nun nach dem herz— lichen Lebewohl von Sömmering ſein Nächſtes, ſich in Göttingen um Thereſe Heyne zu bewerben. Seit ihrer Rückkehr aus der hannoverſchen Penſion in's väterliche Haus hatte Thereſe einige Zeit in Gotha bei einer befreundeten Familie verlebt, und im letztver⸗ floſſenen Sommer, 1783, einen weitern Ausflug in die Schweiz gethan, wohin ſie den Oheim Blumenbach auf ſeiner wiſſenſchaftlichen Fahrt begleitete. So ſtand ſie nun da, anmuthig und intereſſant entwickelt, ohne gerade ſchön zu ſein. Forſter, der ſie in letzter Zeit mehr beob⸗ achtet zu haben ſcheint, und den Weg ihrer Entwicklung kannte, hielt es für ein Glück, daß ſie bei emporſtre⸗ bendem Geiſte ganz durch ſich ſelbſt gebildet, daher frei — — — 142 im edelſten Wortverſtande und ganz Natur in ihren Ge⸗ fühlen und Handlungen war. Er fand ſie jedem Ein⸗ drucke des Schönen und Guten offen, bereichert durch ausgebreitete Lectüre, die ſie mit Vernunft und guter Beurtheilung zu geſunder Geiſtesnahrung verarbeitet hatte. Ihre Schätzung der Welt und der Menſchen erſchien ihm richtig, mit ſeinem Gefühl übereinſtimmend, und mit Muth und Entſchloſſenheit für das Leben verbunden. In Geſellſchaft belebte ſie ſich zu witziger Unterhaltung, ſo daß ſie ihn mehr und mehr angezogen hatte; bis er mit der allmählichen Umwandlung ſeiner Anſichten und Grund⸗ ſätze auch mehr Üübereinſtimmung zwiſchen ſich und ihr entdeckte, und ſie nun vollends lieb gewann, als ein Mädchen von Geiſt und Herz—»wie er es nie in der Welt zu finden gehofft hatte.« Hofrath Heyne ſcheint zwar dem jungen Forſter, ſo ſehr dieſer ſich zu fördern und zu verbeſſern ſuchte, doch nie zu einer Stelle an der Univerſität oder Biblio⸗ thek in Göttingen gerathen, und ſeinen Einfluß ange⸗ boten zu haben; aber er hegte die höchſte Achtung vor einem ſo edeln Manne von Geiſt, Bildung und Charak⸗ ter. Dennoch ſtiegen dem Vater manche Bedenken in Betreff der materiellen Verhältniſſe und ſelbſt der näch⸗ ſten Lebensſtellung des Bewerbers auf. Was dieſe letz⸗ tern betraf, ſo glaubte man damals in den politiſchen Kreiſen an dauernde Ruhe in Polen, da die Nachbar— mächte durch die erſte Theilung befriedigt, und das Reich unter ruſſiſchem Einfluß durch die dem noch beſtehenden Polen auferlegte Conſtitution geordnet ſchien. Heyne ſelbſt hatte, bei all' ſeiner Vorſicht, doch ebenfalls dieſe 143 Meinung, und fand es für Forſtern heilſamer, nach Wilna zu gehen, als daß er in Kaſſel geblieben wäre. Denn welche Opfer hier der junge Mann ſeiner Verir⸗ rung unter die Roſenkreuzer gebracht hatte, war ihm nicht unbekannt geblieben. Der Irrthum war nun wohl abgethan; allein ſo geiſtesfrei und herzensmuthig er den jungen Freund auch jetzt vor ſich ſah, wußte er ihn doch noch keineswegs auf dem Wege zu bürgerlichem Wohl⸗ ſtande, ja noch nicht einmal ſchuldenfrei. Daher wünſchte er als fürſorgender Vater, daß wenn Thereſe nicht etwa aus eignem Herzensantriebe Forſter's Bewerbung ablehne, die Entſcheidung der Angelegenheit wenigſtens noch ſchwe— bend gehalten würde, und Forſter ohne abgeſchloſſene Verabredung ſeinem neuen Berufe folgen, auch über ſeine Abſichten auf Thereſe noch Stillſchweigen beobachten ſollte. Thereſe nahm ihrer Seits die Bewerbung an. Wir haben hierüber ihr eignes Bekenntniß in den»Nachrich⸗ ten von Forſter's Leben.« Dort ſagt ſie wörtlich: »Das junge Mädchen hatte Forſter'n bei ſeinen Be⸗ ſuchen in Göttingen während ſeines Aufenthalts in Kaſ⸗ ſel einigemal geſehen, die innigſte, bis zu ſeinem Tode dauernde Achtung gab ihr Vertrauen zu ihm, Mitgefühl für die vereinzelte Lage, die ihn im öden Polen erwar⸗ tete, Herzlichkeit, Jugendmuth und Stolz ſpornten ſie aun, mit dem berühmten Mann ein ernſtes Schickſal zu theilen, und ſo gab ſie Forſtern vor andern Ausſichten den Vorzug.« Alſo Liebe, Mädchenleidenſchaft entſchied eben nicht für Forſtern; aber bei den»andern Ausſichten« auch nicht gegen ihn. Jenen Mangel ſcheint Thereſe ſelbſt 144 leiſe andeuten zu wollen. Wir halten die ausgezeichnete Frau in ihren Mittheilungen aus dem Jahre 1829 durch⸗ aus nicht für unwahr; allein in dem unglücklichen Aus⸗ gang ihrer Ehe mit Forſter liegt ein Umſtand, der ein nachrechnendes Herz unvermerkt täuſchen kann. Je gerin⸗ ger das Kapital von Liebe war, das man in eine häus⸗ liche Verbindung eingebracht hat, deſto leichter tröſtet man ſich nach dem Bankerott. Jedenfalls lag zwiſchen den mit überlegung abgefaßten Bekenntniſſen Thereſens, als ſie zum zweitenmal Witwe war, und zwiſchen jenem Frühling ihrer erſten bräutlichen Empfindungen eine ſo ſchwere Luftſchicht unglücklicher Jahrzehute, daß die Er⸗ innerungen des vielgeprüften, ſchmerzlich heimgeſuchten, vielleicht auch bereuenden Herzens manches an der Klar⸗ heit und Schärfe der Umriſſe verlieren können, ohne daß man die Feder der Untreue beſchuldigen dürfte. Wir haben jene Mittheilungen aus Forſter's Leben ſelbſt in außern Thatſachen, nicht durchaus genau mit andern Nachrichten und ſelbſt mit den Briefen übereinſtimmend gefunden: wie viel leichter kann man ſich in der Er⸗ innerung an Empfindungen und Seelenſtimmun⸗ gen irren?— Treffender iſt vielleicht Thereſens Zeichnung von For⸗ ſter's äußerm Erſcheinen. Und da man gerade auf Frei⸗ ersfüßen ſeine ganze Perſon geltend zu machen ſucht: ſo erſcheint hier der geeignete Platz für Forſter’s Portrait. »Seine Perſönlichkeit vermehrte das Intereſſe, das er als Weltumſegler einflößte; nicht weil er hübſch war — ſeine urſprünglich regelmäßigen Züge waren durch die Kinderblattern eingeſchrumpft und mit Narben bedeckt; chnete durch⸗ Aus⸗ er ein gerin⸗ haͤus⸗ tröͤſtet wiſchen teſens, jenem ne ſo Er⸗ öſt in mndern mmend r Er⸗ nun⸗ For⸗ Frei⸗ t: ſo rait. „das h war durch deckt der heftige Scorbut, den er auf ſeiner Seereiſe erlitten, und von dem die Maſſe ſeiner Säfte auf immer ange— ſteckt war, hatte das Weiße ſeiner Augen gefärbt, und ſeine Zähne gänzlich verdorben; aber ſobald er durch das Geſpräch belebt ward, erhielten ſeine Züge den mannichfachſten Ausdruck, und kaum ſah ich je ein Ge⸗ ſicht, das durch Geiſt und Empfindung einer größern Verſchönerung und eben auch des Gegentheils fähig ge— weſen wäre. Ein Ausdruck von Beſcheidenheit und Si⸗ cherheit zugleich gab ihm den Anſtand der beſten Geſell⸗ ſchaft, ſo daß er in dem geiſtvollſten Cirkel gefiel, und im vornehmſten an ſeinem Platze war. Unaufgeregt ſprach er nicht, aber ſobald er von einer Idee erwärmt war, drückte er ſich, nicht im Deutſchen allein, ſondern auch im Engliſchen und Franzöſiſchen mit ſo viel Leichtigkeit und in ſo klarem Zuſammenhang aus, daß ſeine Unbe⸗ hülflichkeit, auf dem Lehrſtuhle zu ſprechen, gar nicht zu erklären iſt. Sein Betragen im engen Familienkreis war immer ſo fein und geſittet, wie in der Geſellſchaft. Nie hörten die Seinen ein rauhes Wort von ihm, nie ver⸗ nachläſſigte er ſeine Kleidung, ſein Zimmer, noch die Aufmerkſamkeit eines Mannes von feinem Ton gegen weibliche Bekannte. Bei dieſem höchſt gebildeten Betra⸗ gen bezeigte er die gütevollſte Theilnahme an fremden Schickſalen, wurde leicht heimiſch im engern Kreiſe, und machte keine Art von geſellſchaftlichen Anſprüchen. Da⸗ für hatte er aber auch das Glück einer Art unſchöner Männer, daß ihm die Frauen auf halbem Weg entge⸗ gen kamen, was ihm bei ſeinem ſehr weichen Herzen ſtets den Genuß einer ſehr geſteigerten Freundſchaft gewährte.« 10 146 Wie ſchön verbinden ſich hier die Vorzüge der gro⸗ ßen Welt mit den Gaben für die Häuslichkeit! Und wir hoffen, ſie werden ſich durch den Bund der Ehe zu jenem befriedigenden Glücke durchdringen, das dem Freunde bis jetzt noch nicht beſchieden war. Thereſe ſchwankte alſo mit ihrer Hingebung an For⸗ ſter's werbende Hand nicht; ſie fügte ſich aber in des Vaters Anſichten, ſo daß der auf Hoffnung Vertröſtete ohne eigentliche Verlobung abreiſ'te. Und zwar ohne auch nur den nahen 7ten Mai, Thereſens Geburtstag abzu⸗ warten, an welchem ſte ihr 20ſtes Jahr zurücklegte, wäh⸗ rend er in Mitte ſeines 30ſten ſtand. Er ging nach dem Harz, nach Zellerfeld. Als er abends 10 Uhr an Heyne's Wohnung vorüberfuhr, ſah er des arbeitſamen Profeſſors Licht. Der Gedanke erſchütterte ihn, mit fünf Schritten von dem lieben Manne doch ſo fern, ſo getrennt zu ſein.»Und dann die liebe Thereſe! Kaum war der Schmerz auszuhalten.“« Von der Ungewißheit gequält, wendete er ſich von Zellerfeld aus an die Hofräthin Heyne, die junge Stief⸗ mutter Thereſens, die auf ſeiner Seite war. Noch vor Thereſens Geburtstage hatte er von der artigen Frau und von Heyne ſelbſt beruhigende, befriedigende Zeilen. Einen herrlichen Brief nannte er das Schreiben der geiſtreichen Frau. Alles wollte er nun anwenden, um nächſtes Jahr heirathen zu können, und der liebe Gott ſollte ſein Ge⸗ deihen geben, daß es gut gehe,— ſchrieb er an Söm⸗ mering. Wie wir nun das Paar als innerlich einander an⸗ gehörig betrachten dürfen, finden wir in Forſter's unter⸗ 1 gro⸗ nd wir jenem reunde n For⸗ in des tröſtete ne auch abzu⸗ wäh⸗ nach hr an ſamen it fünf etrennt dar der ich von Stief⸗ ch vor u und Einen reichen Jaht in Ge⸗ Söm⸗ der al⸗ unter⸗ 147 wegs geſchriebenen Briefen ein Bekenntniß, das wir als Abſchluß ihres beiderſeitigen Einverſtändniſſes anſehen mögen:— „Sie ſind mir das edeldenkendſte, beſte Mädchen, das ich je ſah, ich bin Ihnen ein redlicher Mann von weichem Herzen, von ziemlich richtigem Naturgefühl, der nicht nach einigen allgemeinen Grundſätzen an ſklaviſche Tugend glaubt, ſondern nach der jedesmaligen Lage der Sachen das Beſte zu wählen wünſcht und ſtrebt. Wir erkennen beide, daß dies unter den Menſchen heut zu Tage eben nicht allgemein iſt; wir fühlen uns dadurch einander näher, verſtehen uns und haben durch Selbſt⸗ prüfung und Selbſtverläugnung gelernt, mit der menſch⸗ lichen Natur nachſichtvoll zu ſein, nicht zu viel von ihr zu fordern, kleine Irregularitäten zu verzeihen, wenn nur Tugend im Ganzen und mit ihr wahre Glückſeligkeit das Ziel bleibt. Wir wiſſen, daß das höchſte, reinſte Glück, deſſen Menſchen auf Erden fähig ſein können, in Mittheilung beſteht, in Liebe die ſich ſelbſt in Andern empfindet, und Andrer Wohl und Freude zum Ihrigen macht.— Ich dächte in dem allen läge für uns eine ſolche Gewißheit der Glückſeligkeit, ſoweit ſie von uns und nicht von außern Umſtänden abhängt, daß wir ruhig der frohen, fröhlichen Stunde entgegen ſehen müſſen, die uns ganz und unzertrennlich verbindet.« Ob in dieſem— Programm einer Verlobung die Bürgſchaft der Unzertrennlichkeit ihres Ehebundes lag, wird der Verlauf dieſer Geſchichte ausweiſen. Wie leicht könnte nicht gerade Das, wodurch beide einan⸗ der verſtehen, die Grundlage ihrer Mißverſtändniſſe wer⸗ 10* 148 den,— zu den Irrungen und Nachſichten der Liebe führen. Der Frühling hat ſeine wehmüthigen Stimmungen, Frühlingsliebe gleich der Nachtigall ihre gezognen Töne; ſonſt möchten wir glauben ein leidvolles Vorgefühl ſeiner verhängnißvollen Trennung und ſeiner verlaſſenen Sterbe⸗ ſtunde habe Forſter's Seele bewegt, als er ſeine Thereſe in einem der erſten Bräutigamsbriefe ſchrieb:»Ich habe nur noch zwei Epochen vor mir, die der Ehe und die der Auflöſung; und ich danke es Ihnen, daß Sie mich über die erſte durch ihre Zärtlichkeit ſo ganz beruhigen. Wenn ich an Sie, als an meine künftige liebe Gattin denke, ſo macht mich Ihr gefühlvolles Herz und Ihr ſtrenger Begriff von Pflicht, dem Sie ſo willig folgen, für jedes Ereigniß unbeſorgt.—— Wenn ich mir nicht umſonſt ſchmeichle, daß man mich mit ſanfter Güte zu einem guten Menſchen machen könne; ſo ſehe ich die frohe Ausſicht vor mir, an Ihrer Seite an Dem, was die Menſchen Tugend nennen, zu wachſen, und von Ihrer Hand gepflegt, einſt ruhig und gutes Muths zu ent⸗ ſchlafen.“— Wir greifen der eigentlichen Reiſe Forſter's von Göt— tingen nach Wilna mit einigen Blicken in die Briefe vor, die er von Station zu Station ſeiner Sommerfahrt an ſeine Thereſe richtete. Wir möchten gern aus der Ton⸗ art dieſes Briefwechſels die Lebensmelodie des künftigen Paares, die Harmonie ihrer verbundnen Zukunft voraus errathen. Auch intereſſiren uns beide genug, um an ihrem Brautſtandsleben Theil zu nehmen. Aber ſie ſind weit getrennt, und ſobald ſte zuſammen kommen, wer⸗ habe d die mich igen nttin Ihr gen, ſnicht e zu frohe die hrer ent⸗ Göt⸗ vor, tan Lon⸗ den ſie ſich trauen laſſen. Als Verlobte verkehren ſie mithin nur in ihrem Briefwechſel. Leider fehlen uns Thereſens Antworten. Als ſie, über 30 Jahre nach For⸗ ſter's Tode, ſeine Briefe herausgab, konnte ſie wahr⸗ ſcheinlich ſich nicht entſchließen, unter den Mißklängen der öffentlichen Meinung über ihn die große Diſſonanz laut werden zu laſſen, die zwiſchen ihrem Brautſtand und ihrem Ehebund entſtanden war. Oder ſtie ſchwankte im Zweifel, ob ſie die alten Briefe, die Forſter gewiß aufbewahrt hatte, verbeſſert herausgeben dürfte, oder unverbeſſert herausgeben möchte. Ihre frühere Schreib⸗ art bedurfte nämlich der Verbeſſerung. Die Fülle ihrer lebhaften Gedanken und Empfindungen war nie durch eine Grammatik gefloſſen, und erſt zehn Jahre nach ihrer Verlobung, als das Verhängniß ihr eine ſchriftſtelleriſche Feder in die Hand drückte, ſetzte ſte ſich mit der deut— ſchen Rechtſchreibung auf guten Fuß. Indeß ergibt ſich aus Forſter's Bräutigamsbriefen, daß ſie ſich ſtets in Ton und Tert der ſeinigen hielt. Forſter's Briefe athmen immer einen warmen Ernſt um die höchſten Anliegen des Lebens. Sie grünen, ſo zu ſagen, im Klima jener glücklichen Inſeln der Südſee, wo die Erinnerungen ſei⸗ ner erſten Jugend lebten, da die Sonne für den Brot⸗ baum, den Piſang und die Cocosnuß warm genug— aber nicht heiß genug für reißende Thiere und giftiges Gewürm ſcheinet. Allerdings, die Lenzblüthen des Braut⸗ ſtandes fehlen, die Roſen der Luſt, die Nachtſchatten des Verlangens duften nicht zwiſchen dieſen fruchtbaren Zeilen; der Brautkuß war nicht einmal glühend genug geweſen, das weltläufige»Sie« in ein trauliches»Du« 150 zu verſchmelzen mit dem erſten Silberblick innigſter An⸗ gehörigkeit. Dieſe Briefe beſtätigen unſere frühere Ver⸗ muthung, daß Forſter's Herz mehr für Freundſchaft, als für Liebe geſtimmt geweſen ſei. Es ſind Briefe des verlobten oder auch nur vertröſteten Freundes, dem keine Erinnerungen bräutlicher Zärtlichkeit, wohl aber beru⸗ higende Erwartungen häuslichen Glücks vor die Seele treten. Schreibt er doch ſelbſt einmal an Thereſe:»Ich glaube nicht, daß Sie ſich je über den zu feurigen Lieb— haber beklagen werden; aber den treuen, den gutmei⸗ nenden, den dankbaren, den zärtlichen, der nie glaubt erwidern zu können, was Ihre Liebe ihm ſchenkt, den— hoffe ich— werden Sie nicht an mir vermiſſen.« Alſo blättern wir ein wenig in dieſen Briefen! Forſter beeifert ſich an mehr als einer Stelle mit freimüthigen Bekenntniſſen über ſich ſelbſt. So hat ihm in der Periode ſeiner größten Heiligkeit« ein Narr auf den Kopf zugeſagt, daß er ein ſinnlicher Menſch ſei. Einem Bruder Schwärmer hat er ſelbſt eingeſtehen müſſen, er ſei voll Eigenliebe, und eitel war er immer geweſen. »Erbarmlich eitel, eigenſüchtig und ſinnlich dazu, das iſt Ihr Marc-Aurel!« ruft er aus. Dieſen Namen hatte ihm Frau Heyne gegeben, und er bemerkt darüber: »O die liebe Mutter! Sie hat gewiß nicht geglaubt, daß eine Thräne aus meinem Auge ſich auf dies Wort verlieren würde!« Neben ſich betrachtet er gern ſeine Verlobte. Wir nennen ſie einmal ſo. Neben bloß ein wenig Ungleich⸗ heit des Temperaments, auf die er ſich gefaßt macht, erkennt er in ihr einen redlichen Geiſt des Forſchens nach An⸗ Ver⸗ ſchaft, e des keine beru⸗ Seele 58ch Lieb⸗ utmei⸗ gllaubt 1— e mit t ihm rr auf Einem en, el weſen das tamen rüber: laubt, Wort Wir glich⸗ macht, z nach 151 Wahrheit, und wünſcht nur, daß derſelbe nie dadurch laß werde, daß ſo viel Schranken dem menſchlichen For⸗ ſchen geſetzt ſind, die ihm überall entgegen ſtehen. Philoſophirt dann Thereſe wieder einmal und hält das Syſtem unſerer heutigen Wiſſenſchaft für zu entfernt von der Einfalt und Wahrheit der Natur: ſo ſtimmt ihr Forſter bei, weiſ't ihr aber auch nach, worin Wahrheit beſtehe, und wie der Irrthum ſich derſelben zugeſelle; wobei er ſie zugleich aufmerkſam macht, daß in den mei⸗ ſten Fällen unſer Glück von ſolchen Speculationen gar nicht abhange.»Unſer Wähnen über Wahrheit mag un⸗ ſern Geiſt beſchäftigen; allein unſere unauflösliche Ver⸗ bindung mit den Dingen, die uns umgeben, beſtimmt unſere Handlungen und Gefühle. Sie ſehen, daß ich nicht im mindeſten bei Ihrem Forſchungsgeiſte beſorgt bin. Ich laſſe Ihren Kopf unter den Sternen wandern, wenn es ihm einfällt, ſich von mir zu verſteigen, und halte mich an Ihr liebes Herz deſto feſter.« Der hoffnungsfrohe Bräutigam dachte eben nicht an das Unglück, daß ein irrefahrender Kopf das Herz gar leicht mitnimmt. Ein andermal läßt Forſter ſich nicht darauf ein, ihr, wie ſie es verlangt, zu gebieten, daß ſie frömmer und gleichmüthiger ſein ſolle: er billigt einen ſo trau⸗ rigen Zwang nicht in etwas, was ſchon von ſelbſt kom⸗ men werde. Dagegen ſindet er es auch nicht, wie ſie meint, wider den Lauf der Dinge, daß das junge Mäd⸗ chen ihn bittet, mehr Schurken in der Welt zu glauben, als er ſich's denkt, mehr feſt, mehr mißtrauiſch zu ſein. ——— 152 Er fühlt dieſen Vorwurf gegründet, und mag gern erinnert ſein. Wandelt ihn dann manchmal eine kleine Furcht an, daß er Thereſen aus ihrem Vaterlande nach Polen zu führen wage, wo ſie noch weniger, als in Göttingen, Umgang, der ihrer werth ſei, finden, und ihren Blick nicht einmal an der ſchönen Natur, an der ſchönen Kunſt weiden könne, wie dort: ſo hält er doch bald wieder an dem blinden Vertrauen feſt, das er in ihren Geiſt ſetzt, ſich in jedes Land, jedes Klima, jedes Volk, jede Lebensart zu ſchicken. Zwiſchen ſolchen Betrachtungen ſtrahlen da und dort des Freundes Erwartungen von ſeinem Ehebündniß hervor,— Hoffnungen, die im Leben, wie er es ſelbſt einmal ausſpricht einen unerbittlichen Rabatt leiden, deren ſchönſte und innigſte aber gleich auch wieder, nach ſeiner hochgetragenen Weiſe, über den Bund für's Leben hinausſchweifen. Denn mag er auch das eine Mal ſich darauf beſchränken, zu träumen;»Wenn ich Bücher habe, ſo kann ich arbeiten, und wenn ich meine Freundin habe, kann meine Arbeit mich froh und glücklich machen;« das andere Mal geht er doch gleich wieder in's Uner⸗ meßliche.—„Ich weiß es, ſchreibt er ſpäter von Wilna aus, ich fühle es ſo innig, ſo überzeugend gewiß, daß mein wahres Glück erſt von dem Augenblicke anfängt, wo ich wieder bei Ihnen ſein werde. Alles war Vor⸗ bereitung bis dahin, meine erſte Jugend, meine frühe Reiſe nach Rußland, mein Aufenthalt und meine Arbei— ten in England, meine Reiſe mit Cook, meine ſchwär⸗ meriſche Epoche, mein fünfjähriger Umgang mit meinem gern zt an, en zu ingen, Blick hönen bald ihren Volk, und ndniß ſelbſt iden, nach Leben l ſich habe, undin ſen;« Iner⸗ Vilna daß ungt Vor⸗ frühe rbei⸗ wär⸗ inem 153 unerſetzlichen Sömmering, meine diesjährige Reiſe, mein Briefwechſel mit Ihnen: nun wird das Leben kommen und ſein Ziel! Der vertraute Umgang mit Ihnen, meine liebe Freundin, lehrt mich gewiß leben, wie man leben ſoll. Sie werden meiner Seele das zarte Gehäuſe bauen helfen, welches ſie als ihre einzige Beute aus dieſer Welt einſt in jene übertragen wird,— ein Ge⸗ webe von den reinſten und beſten Ideen, den auserle⸗ ſenſten Gefühlen, Gedanken und Thaten, in denen ſie, dort ſich ihrer wieder ſelbſt bewußt, ihr Weſen forttrei⸗ ben wird.“— So finden wir Forſtern in ſeinen Briefen. Aber dieſe müſſen doch in ihrer ernſten Richtung, um eben darin zu bleiben, einen Anhalt an Thereſens Antworten gehabt haben. Auch geht dies aus einzelnen von For— ſtern herausgehobenen Außerungen hervor, an die er nicht ſelten ſeine bedeutendſten Erörterungen anknüpft. So brachte ihn, in dem herrlichen Briefe aus Freiberg vom 7ten Juli, ein Gedanke Thereſens zur Betrachtung über das Weſen der Freiheit und über unſere Aufgabe, ſtets das Nächſte, wenn auch Kleinſte zu thun. Sie hatte es einen Jammer genannt, daß die Menſchen nicht werth wären, daß man ſich Mühe um ſie gebe; ſie fühlten es nicht, wenn man ihr Beſtes wolle, weil ſie nicht einmal fühlten, wenn man ihnen wirklich weh thue. Darauf ruft Forſter aus: »Ferne ſei es von dem Menſchenfreunde, ſeine Brü⸗ der um dieſer traurigen Unempfindlichkeit willen, zu der ſie durch Unterdrückung und Aberglauben hinabgeſunken ſind, ihrem Schickſale zu überlaſſen!—— Nichts iſt edler, nichts eine ſo ſichere Anzeige von der Gewalt der Tugend über das Herz und auch von der Kraft, die der Schöpfer in manche Seele gelegt hat, zum Wohle der Menſchheit thätig zu ſein, als der Enthuſiasmus für Freiheit und Volksglückſeligkeit, die der Jüngling zumal am lebhafteſten fühlt; und gleichwohl iſt nichts gewöhn⸗ licher, als das Erlauen und Erkalten in einem nur wenig vorgerückten Alter, ſobald man die Hinderniſſe empfunden hat, welche die vielumfaſſenden Ausſichten eines ſolchen Patrioten in einen ſehr engen Wirkungs⸗ kreis zurückweiſen. Ich kenne hier nur einen Mittelweg. Die Natur knüpft ein unauflösliches Band zwiſchen un⸗ ſern Pflichten und unſerm Intereſſe, glücklich zu ſein. Es darf die Frage nicht ſein: können wir Gutes ſtiften, können wir Mißbräuche abſtellen, können wir Früchte unſerer Bemühungen zur Wohlfahrt des Staates oder der Geſellſchaft, in der wir zu wirken beſtimmt ſind, erleben? Nein, dies alles hangt nicht von uns, hangt nicht von Menſchen ab; es iſt im Rathe der Götter beſchloſſen, und im heiligen, undurchdringlichen Dunkel des Schickſals verhüllt. Aber es kann und muß die Frage täglich aufgeworfen werden, ob wir heute thaten, was nach unſerm Gefühl und Verſtand das Beſte ſchien, das Beſte des Staats unter den Umſtänden, worin er, worin wir uns befanden, das Beſte des einzelnen Men⸗ ſchen, mit dem wir beſonders zu thun hatten; denn das Beſte unſeres eigenen Selbſt, welches uns am nächſten angeht, iſt Reſultat dieſer beiden, und folgt unmittelbar daraus?« Schwerlich haben viele Verlobte einen gehaltreiche⸗ alt der die der hle der us für zumal ewöhn⸗ im nur derniſſe ſichten rkungs⸗ ttelweg. een un⸗ u ſein. ſtiften, Früchte 8 oder at ſind, „hangt Götter Dunkel nuß die thaten, ſchien, prin er, a Men⸗ enn das nächſten nittelbar altreiche⸗ ren und— möchte man ſagen— weihevolleren Brief⸗ wechſel geführt, als Forſter mit Thereſen. Kein Wunder, daß ſie mit ſo hoch geſchwungener Feder zuweilen, ohne es ſelbſt zu ahnen, das Verhängniß ihrer verbundenen Zukunft berühren. Wir haben die Empfindung Forſter's ſchon angeführt, mit welcher er auf ſeine Sterbeſtunde unter Thereſens pflegender Hand einen Blick that, den wir ahnungsvoll nannten. Und nun finden wir von Thereſens Seite bei herannahender Vermählung einen Gegenſtand berührt, der gerade für die Entwickelung der Ehe und dadurch für jene Sterbeſtunde verhängnißvoll werden ſollte. Wenn wir ſo oft auf vorbedeutſame Züge in For⸗ ſter's Leben hinweiſen, ſo geben wir zu bedenken, daß ein Menſchengeſchick, indem es aus eignen Herzenstrieben erwächſ't, ſeine Entwickelung ſchon aus den früheſten Keimaugen der lebenden, treibenden Geſinnung errathen läßt. Dies zu thun erfordert nur einen aufmerkſamen Rückblick vom Gipfel eines abgeſchloſſenen Lebens auf deſſen frühere Ausſchläge. Als einen ſolchen erkennen wir nun folgende Außerung. Thereſe hatte ſich in einem Briefe gegen die Strenge, womit die Fehltritte der Frauen in der Geſell⸗ ſchaft geruügt würden, bitter geäußert. Forſter gab ihr Recht, und wies nach, daß eigentlich die Frauen mehr als die Männer intolerante Sittenrichter ſeien. Innigkeit und Richtigkeit des Gefühls lehre das Weib ſeine Pflicht, weniger das Nachdenken, als innerer Trieb, innerer Sinn.»Jene Vorurtheile, ſagte er, über welche Sie zürnen, verdienen auch meinen ganzen Abſcheu. Ich 156 haſſe Alles, was der Freiheit in den Weg tritt, was einer Knospe, einem Keim verbietet, ſich zu entwickeln, Blüthen und Früchte zu tragen.«— Ohne Zweifel iſt an dieſem Gedanken der Ausdruck unbedingter, als die Meinung, und keineswegs im Sinn der neuern Damen⸗Romantik. Was würde ſonſt der edle Mann dazu ſagen, wenn das liebende Herz ſeiner Thereſe ohne Weiteres eine Seitenknospe der Nei⸗ gung triebe, deren Entwickelung ihre Freiheit forderte? Oder würde er ſich ſtreng und heiter ſeinen eignen Worten ergeben? Reiſe⸗Stationen. Mit der Sympathie, die wir aus dem Briefwechſel der Geheimverlobten für ſie gefaßt haben, folgen wir nunmehr der Reiſe des ernſten Bräutigams. Wir verließen ihn zu Zellerfeld. Hier finden wir ihn im Hauſe des Vice-Berghauptmanns von Trebra, »des vortrefflichen, herzensguten, ohne Complimente höflichen Mannes einer recht liebenswürdigen, ſanften und ungezwungenen Frau.« Er beſuchte das Mineralien⸗ Cabinet und trieb Mineralogie, fuhr Viſiten und lernte die intereſſanten Leute des Harzgebirges kennen, in deſſen Höhlen er nach vorſündfluthigen Reſten forſchte. In dem Wechſelwetter, das er hier in der Nähe t, was wickeln, usdruck Sinn iſt der 3 ſeiner er Nei⸗ orderte? eignen efwechſel gen wit en wir Trebra, limente en und eralien⸗ dlernte deſſen r Nähe ₰ des Blocksberges um Walpurgistag fand, ſtöberte es auch wieder von Roſenkreuzerei um ihn her. Trebra erzählte ihm von ſehr angeſehenen Männern, die bei dem Kaffeewirth und Geiſterbanner Schröpfer geweſen ſeien, und Vieles beſſer als— Cnanitz in Kaſſel wüßten. Er war mit Forſtern einverſtanden, daß dieſer Schröpfer ein Betrüger geweſen ſei; aber das Unerklärbare reizte ſie,— wie es dieſer Menſch nur angefangen habe, in fremden Zimmern, die er zum erſtenmal betreten, ohne alle Vorbereitung und am hellen Tage vor den geſchei⸗ teſten Köpfen ſeine Gaunereien auszuführen. Auch die Möglichkeit, durch höhere Verbindungen hinter das Ge⸗ heimniß einer Fortdauer nach dem Tode zu kommen, beſchäftigte beide Männer, und Forſter ging dabei von der Meinung aus, man müſſe, um Wahrheit zu finden, Alles an ſich kommen laſſen, und prüfend das Beſte behalten. Das gab denn intereſſante Nachrichten an Freund Sömmering in Kaſſel, den ſeine Roſenkreuzer⸗ angſt geneigt machte, auf Anträge aus Mainz einzu⸗ gehen. Forſter ſtimmte ihm bei, und meinte, er müſſe vorerſt auch aus Kaſſel fort, damit er Athem holen könne. Leider blieb, wenn auch dieſe thörichten Geheimniſſe verdunſteten, doch das Bedürfniß deſſen, was man darin geſucht hatte, als drückender Niederſchlag zurück, und Forſter rief in demſelben Schreiben aus:»Das ver⸗ dammte Geld! Oder vielmehr das Unglück, daß ich nicht damit haushalten kann. Doch ich will's lernen, mag es koſten, was es will!« Mit dieſem guten Vorſatze reiſtte er Mitte Mai ab, und nahm als Gebirgsſchatz—»manches Stüfchen aus dem Harze mit.«— Seinen Eltern in Halle ging es noch nicht zum erwünſchteſten. Der alte Forſter hatte wieder Unvorſich⸗ tigkeiten begangen. Dem Studium der Rechte war er einſt hier abwendig geworden: rechthaberiſch blieb er aber auch noch als Profeſſor. Auch fühlte er ſich in Halle nicht am beſten Platze; indem die Parteien und Zänkereien, die es zerrütteten, einen ſo heftigen Mann leicht in ihre Strudel zogen. Dabei konnte er außer ſeinem Gehalte nichts verdienen, und ſeine Leidenſchaft⸗ lichkeit machte ihn zu langwierigen gelehrten Arbeiten unfähig. Überdies ſtumpfte manche Sorge ſeinen Geiſt ab, und ſtimmte ſein lebhaftes Temperament zu men⸗ ſchenfeindlicher Bitterkeit, ſo daß er ſelbſt an der öftern Kränklichkeit ſeiner duldenden Frau ein Hinderniß im Arbeiten zu finden glaubte. Ein Sprichwort ſagt, daß man nicht ungeſtraft unter Palmen wohne: aber der alte Forſter, und in milderem Grade ſelbſt der Sohn, laſſen uns auch vermuthen, daß man eben ſo wenig ungeſtraft eine Reiſe um die Welt macht, wenn man nach derſelben in beſchränkter Häuslichkeit ſein Glück finden ſoll.— Zufriedener war ſchon Forſter's Schweſter Wilhelmine, obgleich in ziemlich eingeſchränkter Lage, durch die Be⸗ ſchäftigung mit der Erziehung ihres kleinen Knaben. Eine in England verheirathete Schweſter lebte, um die Ihrigen in Deutſchland wenig bekümmert, für ihren Mann. Die mittlere Schweſter wurde aus Surinam erwartet, da der dortige Gouverneur Texier, deſſen Kin⸗ der ſie erzog, vor Kurzem geſtorben war. Stüfchen licht zum invorſich⸗ war er blieb er r ſich in teien und en Mann er außer denſchaft⸗ Arbeiten en Geiſt zu men⸗ er öftern erniß im ſagt, daß er der alte ͤn, laſſen ungeſtraft derſelben ſoll.— zilchelmine, die Be⸗ Knaben um die für ihren Surinam eſſen Kin⸗ 159 Um unſern Reiſenden in ſeinen bisherigen und in den künftig wechſelnden Stimmungen recht zu verſtehen, müſſen wir uns darüber klar machen, daß er eine zur Thätigkeit und Theilnahme geborene und gebildete Natur war. Das Bedürfniß, Eroberungen für ſeinen Geiſt zu machen, trieb ihn dem bewegten Leben zu. Mit ſeiner Beute zog er ſich dann, um ſie zu verarbeiten, in die Einſamkeit zurück, und fand hier ein vorübergehendes Genüge. Darum wollte er das eine Mal nicht aus ſeinem Schneckenhäuschen gerufen ſein, und hielt das andere Mal dafür, daß ihm, um der Welt zu nützen, eine große Reiſe noth thue. So ſagt er einmal in ſeiner Monographie über Cook den Entdecker:»Die vollkommenſte Art unſeres Daſeins beſteht, nach den ewigen Geſetzen der Natur, wechſelsweiſe im Sammeln und Zerſtreuen unſerer Kräfte.« Und darum liebte er den Ausſpruch des Helvetius: C'est dans les deserts que se ramassent les diamans, et dans les villes qu'on les taille, les polit et les monte; c'est pour- quoi je suppose qu'on ne puisse sillustrer dans les lettres sans partager son temps entre le monde et la retraite. Beide Richtungen thätiger Menſchen ſtehen vielleicht nie oder höchſt ſelten im Gleichgewicht. Auf Forſtern übte jetzt noch die Welt einen vorherrſchenden Einfluß, der vielleicht nach des Freundes Verbindung mit ſeiner Thereſe auf das Haus übergeht. Dies Weltbedürfniß, um es ſo zu nennen, war durch den eigenthümlichen Lebensgang des jungen Menſchen vielleicht ein wenig in's Krankhafte ausgebildet worden. Man weiß, wie im 160 phyſiſchen Leben durch Überſättigung in der Kindheit die Organe der Verdauung und das Nahrungsbedürfniß ſich erweitern und überreizen. Ähnlicherweiſe ſcheint im geiſtigen Leben ein zu frühes Übermaß von großen und wechſelnden Eindrücken der Welt den Sinn und die Seele des Menſchen zu erweitern und aufzuregen. Muß daher nicht das Herz eines Mannes, der ſchon als an⸗ gehender Jüngling die Welt umſegelt, und ſeinen Geiſt an den größten Erſcheinungen des Weltmeers und frem⸗ der Continente entwickelt hat, gerade in ſeinem kraftvoll⸗ ſten Alter von ganz andern Bedürfniſſen getrieben wer⸗ den, als der Zögling des Stilllebens, dem die Unend⸗ lichkeit des Daſeins ſich nur in kleinen, murmelnden Lebenswellen abgeſpiegelt hat? Aber das Schickſal gleicht gern ſeine Gaben aus, und wenn es die Kinderbeſcheruna der Zufriedenheit am liebſten unter den ledernen Groß⸗ vaterſtuhl der Familie, hinter die Stachelbeerhecke des Hausgärtchens verſteckt: ſo legt es nicht ſelten ſeine beneidetſten Lebensſchätze, die Gewinnſte der Welt, in einer nie befriedigten Unruhe zur Schau. Jenes par- tager des Helvetius iſt denn freilich die ſchwere Auf⸗ gabe, und glücklich nur der Mann, der Haus und Welt auszugleichen die Kraft oder die Kunſt beſitzt! Forſter hatte nur vor vielen Unzubefriedigten den hohen Seelenblick voraus, mit welchem er für ſein Be⸗ ſtreben auch im Kleinen und Engen ſtets die edelſten und umfaſſendſten Zielpunkte ſuchte. So legte er auch ſeiner Verſetzung nach Wilna, wie wir aus dem ſchönen Abſchiedsbriefe an Sömmering geſehen, einen Sinn bei, der ſein perſönliches Bedürfniß einer Veränderung zu⸗ gle Me tre eit die ürfniß nt im mund d die Muß ls an⸗ Geiſt frem⸗ ftvoll⸗ wer⸗ nend Inden gleicht eruna Groß⸗ ke des ſeine ſt, in 9 aT- Auf⸗ und nden Be⸗ delſten auch hönen 1 bei⸗ 1 zu⸗ 161 gleich mit der höchſten Bedeutung, die für jeden ſinnigen Menſchen ein Wechſel ſeiner Weltſtellung hat, auf's trefflichſte bezeichnet. Wie er mit ſolcher Gemüthserhebung von Kaſſel über Göttingen ſeine Überſiedelungsreiſe angetreten hatte, ſetzte er ſie mit Heiterkeit und ſelbſt bei beſſerem kör⸗ perlichen Befinden auf Umwegen fort. In Leipzig traf er mit Nicolai zuſammen, der ihm ſein Jeſuiten riechendes Steckenpferd vortummelte. Nicolai überzeugte den Freund, daß die Jeſuiten in allen Geheimbünden ohne Ausnahme ſteckten, und die Haupttriebfeder abgäben. Das bekannte Zeichen S. J. habe zwar immer Superiores incogniti(unbekannte Obere), aber auch Societas Jesu(Geſellſchaft Jeſu) bedeutet. Es liege eben ein echt jeſuitiſcher Doppelſinn darin.— Nun ſcheint aber die Rache gerade dieſer Verkappten der Gegenſtand der Angſt beider kaſſeler Freunde geweſen zu ſein. Forſter ſetzte daher ſeinen Sömmering von Nicolai's Mittheilungen in Kenntniß, ermahnte ihn aber zugleich auf einen kummervollen Brief, ruhig zu ſein. Manches iſt dabei nur ſehr räthſelhaft angedeutet. Sie ſcheinen ein Erbrechen ihrer Briefe in Kaſſel— mithin dort auch ihre Verfolger gefürchtet zu haben. Nur Forſter's Zuruf an den verzweiflungsvol⸗ len Freund iſt klar:»Sei nur verſchloſſen! Sei fröh⸗ lich und gutes Muths! Ach, daß Dich die Einſam⸗ keit ſo finſter machen, Dir Alles ſo ſchwarz zeigen muß!«—— In Dresden erlebte der Reiſende eine rührende 11 162 Scene. Vor dem Wilsdrufer Thore beſuchte er Heyne's alte Mutter, die Großmutter ſeiner Thereſe. Sie war blind und erſchöpft zu Bette. Er mußte ihr vom Sohn und ſeiner Familie erzählen. Seine Hand gefaßt, fragte ſie immer wieder nach der Zahl der Kinder, klagend wie vergeſſen und in ihren Gedanken ſelbſt an Gott wie verſtört ſie ſei.— Forſter, geſegnet als Bote Derer, die der guten Greiſin nie aus dem Sinne kämen, ſchied, zu Thränen gerührt, mit der Betrachtung, wie lebhaft der Wunſch und die Hoffnung der Unſterblichkeit erregt werde beim Anblicke des hohen Alters, wenn der ehemals feurige, thätige und wirkſame Geiſt, mit ſeinem zerrütteten, entkräfteten Körper unzufrieden, noch das Bedürfniß eines Inſtrumentes für ſein herrliches, wun⸗ derbares Gedankenſpiel empfände.— Von Dresden ging Forſter nach Freiberg, um einige Wochen auf Erweiterung ſeiner Kenntniſſe des Bergbaus zu verwenden. Es that ihm leid, daß er dieſem ſo wichtigen Gegenſtande nicht Monate widmen konnte. Hier ſtand der nachmalige Bergrath Ritter Werner, damals noch vernachläſſigt, ſchlecht beſoldet und ſtatt geehrt vielmehr zurückgeſetzt von Oberen, die er überſah, und die ihn nicht zu behandeln wußten. Nur ein paar Jahre älter als Forſter, Sohn eines Eiſen⸗ hammer⸗Aufſehers in der Oberlauſitz, war er auf ſeine Schrift über die äußerlichen Kennzeichen der Foſſilien von Leipzig, wo er eben ſeine Studien vollendet hatte, nach Freiberg berufen worden, um Mineralogie und Foſſilienkunde zu lehren. Ein wiſſenſchaftliches Genie, ließ er damals Niemand ahnen, welcher Ruhm und deynè's e war Sohn fragte agend Gott Vote kämen, , wie lichkeit i der einem das wun⸗ „ um e des aß er idmen Ritter t und die et Nur giſen⸗ ſeine ſſilien hatte, und Genie, und 163 wiſſenſchaftlicher Welteinfluß ihm bevorſtand. Er hatte ſein Syſtem der Mineralogie noch nicht geſchrieben, das ſtegreich über die Widerſprüche gegen ſeine Neuheit, eine über ganz Europa bis nach Amerika ſich verbreitende Schule der Metall⸗, Stein- und Erdkunde begründete. Forſter erkannte gleich in ihm den von Natur zum Ent⸗ decker in ihren Gebieten vorbeſtimmten Mann von ſchärf⸗ ſtem Blicke für ſinnliche Wahrnehmung, von lebendiger Einbildungskraft und ausgebreiteter Beleſenheit im Felde der Länder⸗ und Völkerkunde. Er bezeichnet ihn in ſeinen Briefen als Mineralogen ohne Gleichen und als ſyſtematiſchen Kopf, der Linné überrage. Über die Be⸗ arbeitung der Naturkunde hatte Werner ſeine eigenthüm⸗ lichen Ideen, denen Forſter Beifall gab; hielt ſich aber innerhalb ſorgfältiger Beobachtung, ohne ſich mit Schrift⸗ ſtellerei zu übereilen. Das Praktiſche des Bergbaues war Charpentier's Fach, eines Mannes, den Forſter höflich in Worten fand, während ſich Werner gefällig und dienſtfertig durch That erwies. Von beiden Männern giebt Steffens, der ſie in einer ſpätern Zeit kennen lernte, in den Mittheilungen aus ſeinem Leben ausführlichere Charakterſchilderungen, beſonders von Werner, der inzwiſchen ſein geniales We⸗ ſen mehr und mehr mit wunderlichen Verzierungen aus⸗ geführt hatte. Eine intereſſante Begegnung hatte Forſter in Frei⸗ berg mit dem Fürſten Poniatowsky, einem Neffen des Königs und des Fürſt⸗Biſchofs, einem ſchönen jungen Mann in den Dreißigen, voll Einſicht und Kenntniſſe, ſehr beſtimmt, ernſt und gütig. Er ließ ſich gegen For⸗ ſtern mit gutem Blick über die Bedürfniſſe Polens aus; d wobei er ihn einerſeits über manches Bedenken hinſicht⸗ lich Wilnas beruhigte, ihm jedoch auf der andern Seite durch herabſetzende Urtheile, z. B. über Forſter's Freund Scheffler, Beſorgniſſe wegen dortigen Parteitreibens er⸗ regte. Hinſichtlich der Aufklärung Polens beklagte der Fürſt, daß den Gutsherrn das ſchöne Maſtholz mehr werth ſei, als eine größere Anzahl Unterthanen. Jene Herrn gütig gegen die Bauern zu machen, ſei ſehr ſchwer, ſo lang dieſelben ſo viel Bedürfniſſe hätten, und die Juden brauchten, um die Bauern zu ſchurigeln. Nachdem Forſter eines leidenden Fußes und geſtör— ter Verdauung wegen auch Zwiſchenausflüge nach Teplitz gemacht hatte, verließ er nach Mitte Juli»das ſchöne Sachſen und die lieben Menſchen, die er darin gefunden hatte.« Überall war dem intereſſanten Weltumſegler die lebhafteſte Theilmaähme entgegengekommen. Alles hing an dem Munde, aus dem Palmen und Piſang hervorwuch⸗ ſen, an dem gelblichen Auge, das die braun-nackten Bewohner des Paradieſes Tahiti geſehen hatte. Forſter nahm all' dieſe Zuthätigkeiten unbefangen auf. Er fand darin nur die Anerkennung ſeines wohlwollenden Ge⸗ müthes, und folgerte daraus nur, daß die Menſchen im Grund gute Geſchöpfe und mit Wenigem zu befriedigen ſeien; daß Güte des Herzens immer den bleibendſten Eindruck auf ſie mache, und uneigennützig ſcheinende Liebe ſie immer am tiefſten rühre. Ein ſeltner Mann in jener Zeit als Weltumſegler, wäre Forſter es heut noch einmal durch ſolche Beſcheiden⸗ heit inmitten ſo vieler, von Eitelkeit zerquälter Genies, aus; nſicht⸗ Seite reund s er⸗ te der mehr Jene ſchwer, d die eſtör⸗ Leplitz ſchöne unden ler die ng an rwuch⸗ nackten Forſter fand Ge⸗ en im edigen endſten Liebe ſegler, heiden⸗ Henies, 165 die mit einem Bändchen Gedichte, einer politiſchen Flug⸗ ſchrift oder einem halbdutzend Novellen die Bewunderung der Welt herausfordern, oder mit der Erſtgeburt eines Trauerſpiels von Stadt zu Stadt reiſen, tief gekränkt, wenn der Dichter nicht nach Hofe geladen wurde, ſein Werk vorzuleſen.—— Vom 23. Juli an trieb ſich Forſter, die Merkwür⸗ digkeiten von Prag kennen zu lernen, in dieſer„großen und größtentheils ſchönen Stadt« umher. Er verweilte vier Tage, überraſcht, Männer von Verdienſt zu finden, die er da in Böhmen nicht geſucht hätte. Ein Brief an Heyne berichtete über die Ausbeute ſeiner Beſuche bei Gelehrten, die von keiner Bedeutung mehr für uns ſind, und bei Anſtalten, die ſeitdem ſich ſehr verändert haben. Wir heben nur einige intereſſante Notizen aus.— In dem naturgeſchichtlichen Manuſeripte des Thomas Canto⸗ pratenſis aus der Mitte des 13. Jahrhunderts fiel dem blätternden Forſter eine Stelle auf, die nicht ſehr zweifel— haft von einer Bewegung der Erde um die Sonne— 300 Jahre vor Copernikus, ſpricht.— In einer andern Handſchrift der Bibliothek, einem Evangelienbuche der Huſſiten, zeigte ſich auf einem der koſtbaren Miniatur⸗ gemälde in artiger Allegorie— Wikleff mit Stahl und Stein Feuer ſchlagend, Huß mit einem entzündeten Hölz⸗ chen und Luther mit einer lodernden Fackel abgebildet. An Licht und Aufklärung fehlte es damals in Prag nicht. Forſter traf unter den katholiſchen Geiſtlichen helldenkende, freimüthige Männer, und das Publicum hatte auf Redouten Mönche als Masken von der perſo⸗ nificirten Aufklärung im Saal herumpeitſchen ſehen, und dazu gelacht.— Welche Fortſchritte ſeit Forſter's Beſuch! Was immer aber damals in Prag zur Förderung der Wiſſenſchaften geſchah,— es ging nicht von der Regie⸗ rung aus, ſondern war das Werk patriotiſcher Beſtre⸗ bungen einzelner Privaten. Neben den Merkwürdigkeiten von Prag wurde unſer Reiſender von den erſten Familien in Anſpruch genom⸗ men,— vom Fürſten v. Fürſtenberg, der Gräfin Wallis, dem jungen Grafen Sternberg,— wahrſcheinlich dem inzwiſchen durch ſeine Verdienſte um die Naturwiſſen⸗ ſchaften berühmt gewordenen Kaspar Maria, damals 23. Jahre alt. Und war der Tag mit Beſehen und Be⸗ ſprechen, mit Fragen und Antworten hingebracht: ſo trieb ihn ſein Bräutigamsherz zu langen Briefen an ſeine Thereſe. Ja er las daneben auch noch ernſthafte Sachen, wie daraus hervorgeht, daß er ihr Herder's Ideen zur Geſchichte der Menſchheit empfahl. Herder gehörte zu Thereſens Lieblingsſchriftſtellern, und Forſter wollte ihn um dieſes Buches willen lieber gewonnen haben, unge⸗ achtet der darin enthaltenen phyſiſchen Unrichtigkeiten, die er übrigens an einem Manne, der kein Naturkundiger von Profeſſion ſei, gern entſchuldigen wollte. Späterhin äußerte er doch einmal, daß Herder eigentlich ſein Mann nicht ſei. In naturwiſſenſchaftlichen Dingen hatte Forſter ge⸗ wiß ein zuſtändiges Urtheil; wenn er aber in demſelben Briefe Garve den zuverläſſig größten jetzt lebenden Phi⸗ loſophen nennt: ſo lächeln wir heut zu dieſer unwiſſent⸗ lich begangnen Sünde gegen den Geiſt der Kant'ſchen Kritik der reinen Vernunſt, die damals doch ſeit drei Jahren erſchienen war. Garve zählte doch nur zu den Philoſophen des erfahrungsgemäßen Volksverſtandes. Er ſchrieb vielleicht ſchöner und deutlicher, als mancher An⸗ dere, nur immer noch nicht wie Leſſing, und an die höchſten Fragen ſpeculativer Philoſophie reichte er von Weitem nicht Den 27. Juli reiſ'te Forſter von Prag nach Wien ab. Aufenthalt in Wien. Wäre Forſter noch zweifelhaft geweſen, ob er wirk⸗ lich eine Revolution im Denken beſtanden, und beſonders ob er eine gehörige Portion Schwärmerei abgelegt habe: ſo hätte er, um hierüber die Probe zu machen, nichts beſſeres thun können, als über Wien zu reiſen. In dieſem Klima konnte eine ſo ſelbſtquäleriſch ſich alles verſagende Schwärmerei ſich nicht halten. Sehen wir zu, welche Eindrücke er hier aufnahm! Die Stadt ſprach ihn an,— ſchön gelegen, nicht gar groß und eng, die Vorſtädte weitläufig und mit Gärten geräumig. Die Wohnungen waren geſchmackooll und auf Bequemlichkeit eingerichtet. Alles verrieth Wohl⸗ ſtand und Reichthum, wie man ſie anderwärts nicht fand; daher denn auch viele Dinge Bedürfniß waren, die an andern Orten zum weitgetriebenen Luxus gehörten. Die Lebensmittel im überfluß, wohlfeil und von beſter Be⸗ 168 ſchaffenheit. Nicolai und Riesbeck, der als reiſender Franzoſe ſchrieb, hatten die Wiener als Freſſer geſchil⸗ dert. Forſter fand dies nicht. Man aß abends ſehr wenig und trank mäßig. Mit Lachen über ſolche Reiſe⸗ berichte meinten die Wiener, ſie unterſchieden ſich von den Berlinern in dieſem Punkte nur dadurch, daß ſie gern etwas Gutes äßen, weil ſie es eben hätten, jene aber, wenn ſie es nur hätten. In der Geſellſchaft herrſchte ein ſehr angenehmer Ton. Ohne Zurückhaltung und viel Umſtände ſtellte man ſich mit dem Fremden auf freundſchaftlichen Fuß gegenſeitigen Vertrauens. Daß auch dies eigentlich auf feinen Lebensgenuß berechnet war, ſchien nicht tadelns⸗ werth. Auch die berüchtigte wiener Unſittlichkeit fand Forſter nicht ſchlimmer als in andern Reſidenzen, da die Höfe doch mehr oder weniger und der Adel überall ver⸗ derbt ſeien; wogegen der Kleinſtädter gar häufig auch den feinen Ton für ein Anzeichen von Sittenloſtgkeit nähme. Warum ſollte nicht ein hübſches Mädchen ſich zuweilen die Hand und gelegentlich auch einmal auf den Mund küſſen laſſen, oder einem geachteten Manne ſagen dürfen, es ſei ihm gut? Unter den artigen und witzigen Frauenzimmern fehlte es nicht an Schönheiten und an liebenswürdigen Geſchöpfen. Im Franzöſiſchen und Italieniſchen waren die Damen zu Hauſe, manche auch im Engliſchen nicht fremd. Clavierſpielen war allgemein, und das Zeichnen ziemlich betrieben.. Auch die höhere Geſellſchaft öffnete ſich dem in⸗ tereſſanten Reiſenden mit einer ſo herbeilaſſenden Freund⸗ . reiſender geſchil ds ſehr e Reiſe ſich von daß ſie en, jene genehmer e ſtellte den Fuß lich auf tadelns it fand da die all ver iig auch loſtgkeit hen ſich auf den ſagen immern. ürdigen waren n nicht geichnen em dn Freund 169 lichkeit, daß er ſich ſtets auf gleichem Fuße mit den Vornehmſten empfand. Beſonders ſagte ihm die Gräfin Thun und ihr Kreis zu,„das beſte Weib von der Welt mit ihren drei Grazien von Töchtern, deren jede ein Engel von eigner Gattung erſchien, unbefangen, hei ter wie die Morgenſonne, voll natürlichen Verſtandes und Witzes.« Bei der Gräſin fand man die feinſte Unterredung und eine mit der größten Delicateſſe ge⸗ paarte Freimüthigkeit; ſte beſaß eine ausgebreitete, aber auch ganz durchdachte Beleſenheit, verbunden mit einer reinen herzlichen, von allem Aberglauben entfernten Re ligioſität, der Religioſttät eines ſanften ſchuldloſen und mit der Natur und Schöpfung vertrauten Herzens. Der Kaiſer, Fürſt Kaunitz und die in Wien verweilenden Engländer beſuchten ihre Cirkel. Faſt alle Abende zwie ſchen 9 und 10 Uhr kam man bei der Gräfin zuſammen; ein muntres witziges Geſpräch wechſelte mit Clavierſpiel, deutſchem und italieniſchem Geſang, und wenn die Luſt dazu trieb mit einem Tänzchen. Forſter ſelbſt, eben kein gewandter Tänzer, wurde einmal als Zuſchauer, da es eben an der achten Perſon zu einem Cotillon fehlte, trotz aller Abwehr am Arme gepackt, und von einer Tänzerin zur andern geſchoben.—»Nicht wahr, das heißt in Saus und Braus gelebt?« ſchrieb er ſeiner Braut.— Auch zu Landpartien wurde er von der GräRt fin gezogen, wie nach Dornbach, dem ſchönen Landſitze des Feldmarſchalls Laſcy, wo auf dem Raſen gefrühſtückt, dann umherſpaziert, und um fünf Uhr im Augarten bei der Stadt zu Mittag geſpeiſ't wurde. Es nimmt uns Wunder, daß Forſter in keinem 11* — — ——— — 170 ſeiner wiener Briefe des Grafen Franz Joſeph v. Thun gedenkt, der ſeit ein paar Jahren mit Lavater in myſti⸗ ſcher Verbindung, als Schwärmer damals ſchon Aufſehen erregte. Dies war freilich neun Jahre ſpäter noch mehr der Fall, da der Graf über Karlsbad nach Leipzig zog und durch Handauflegen an Gichtiſchen und Gelähmten Wunder verrichtete. Der Zulauf von Patienten war außerordentlich, bis man inne ward, daß die mit ver⸗ bundnen Augen eingeführten Kranken unter des Grafen Zuſpruche von einem Andern behandelt wurden. Jene Wirbel des Cotillon waren nicht die einzigen in die Forſter gezogen wurde. Andre führten ihn von Haus zu Haus: denn des Einladens bei den Vornehmen war kein Ende. Um allen alles zu ſein, wie der Rei⸗ ſende ſich einmal vorgeſetzt hatte, mußte er ſich ſtets auf den Beinen halten, oder im Wagen von einer zur andern Thüre rollen. Es ſcheint, daß damals der ſogenannte»Rahm« der guten Geſellſchaft, la Crême, ſich noch nicht ſo aus⸗ ſchließend obenauf geſetzt hatte. Allerdings iſt auch erſt durch das Gewitter der franzöſiſchen Revolution die ſonſt mehr geeinigte Geſellſchaft vollends geronnen, und die Fetttheile der Ariſtokratie ſind ercluſiver geworden. Seit⸗ dem ſcheint es aber auch mehr als früher über die Vornehmen verhängt zu ſein, daß ſie— die Molken trinken müſſen. Beim Fürſten Kaunitz, dem genialen und mächtigen Miniſter, war Forſter wiederholt zur Tafel gezogen.— Bekanntlich führte dieſe Gunſt, wie hoch man ſie auch anſchlug, einiges Bedenkliche mit ſich. Der Fürſt, ſo 171 bizarr in ſeinem Geſchmack, als großartig in Staatsge⸗ ſchäften, benahm ſich in ſeinen Sonderbarkeiten ſo abſo⸗ lut, daß ſelbſt Maria Thereſia mit ihrem Eichenſinn — wie ſie das Wort unrichtig, aber treffend ſchrieb— im Verkehr mit ihrem Miniſter ſich in ſeine Wunder⸗ lichkeiten gefügt hatte. Nicht bloß, daß Kaunitz über Tiſche, beim Mittagmahle abends 7 Uhr, die Zähne putzte, und nach dem Fallen und Steigen der Tempera⸗ tur eine Anzahl ſeidner Mäntel an- und auszog, wech⸗ ſelte er auch leicht ſeine von Bewunderern verwöhnte Laune, und konnte unhöflich werden, wie er denn einmal einer Dame, die einen ihm unangenehmen Wohlgeruch führte, das Wort zuherrſchte: Entfernen Sie ſich, Ma⸗ dame, Sie ſtinken!— Forſtern blieben ſolche Auffällig— keiten nicht unbemerkt: er erkannte aber hinter denſelben einen vortrefflichen Charakter, ja Züge der Sanftmuth. An dieſer Tafel kamen ihm zugleich die ausgezeichnetſten Männer von Wien entgegen,— der ſanfte Graf Cobenzl, der Feldmarſchall Graf Haddick, v»ein ſchlichter Soldat zwiſchen zwei artigen Töchtern,« der Feldmarſchall⸗Lieute⸗ nant Graf Noſtiz, der Baron van Swieten u. A. über dieſe Männer von Stande wurden indeß die Männer von Fach und Feder nicht verſäumt. Wir nen⸗ nen zuerſt ein paar Dichter, die ſeitdem freilich an poeti⸗ ſchem Gewicht ſehr eingetrocknet ſind. Blumauer war aus einem Jeſuiten der bekannte leichtfertige, durch Dick und Dünn ſpaßhafte Poet ge— worden, Forſter fand auch einen ſehr philoſophiſchen Kopf an ihm, ja er nannte ihn einen beſſern Philoſophen als Dichter, dem man aber weder Poeſie noch Philoſophie 172 an ſeinem nüchternen, trocknen Ausſehen anmerke. Er ſtellte bekanntlich eine lange, hagre Figur von gelber Geſichtsfarbe dar; ſo daß ihn die ſcherzhaften Wiener einem Eibiſchbaume verglichen. Alxinger, von gleichem Alter mit Blumauer, hatte damals ſeine phantaſteloſen, in hohen und hohlen Versſtiefeln einherſchreitenden Ritter»Doolin von Mainz« und»Bliomberis« noch nicht geſchrieben; daher ihn auch unſer Reiſender neben den uns ganz unbekannten Raſchky und Petzel bloß als guten belletriſtiſchen Kopf bezeichnet. Perſönlich näher ſtand Forſtern der Freiherr Otto von Gemmingen. Sie waren Freunde, zwei des Klee⸗ blattes, zu dem ſich der Dritte finden wird. Gemmingen, vorher kurpfälziſcher Kämmerer, privatiſirte ſeit kurzem in Wien. Forſter erklärte ihn, wie Blumauern, für einen philoſophiſchen Kopf. Wir wiſſen ſchon, was Forſter Philoſophie nennt. Wenigſtens in der Literatur hat ſich Gemmingen von dieſer Seite nicht hervorgethan. Deſto höher war er damals durch ſein Schauſpiel— »der deutſche Hausvater« als Poet angeſehen.— Seit etlichen Jahren war die Fluth der Familienſtücke und Rührſpiele auf dem deutſchen Theater im Steigen,— ein laues Bad für die Muſen, worin Apollo ſie nicht überraſchte. Urſprünglich dem père de famille Dide⸗ rot's nachgebildet, hielt ſich»der deutſche Hausvater« in ſeinen vier Wänden ziemlich ſpießbürgerlich, ohne Anſpruch auf oöriginelle Auffaſſung, oder kühne, friſche Darſtellung, und befand ſich ganz wohl bei»Nicht mehr als ſechs auer, ohlen ainz« ihn nnten iſchen Otto Klee⸗ nen, arzem für was ratur than. 173 Schüſſeln,« die der berliner Großmann auftrug,— ein Luſtſpiel das damals viel Geſchmack und Zuſpruch fand. Der Dritte im Kleeblatte war Herr von Born. Forſter nannte ihn, den zwölf Jahre ältern Mann, ſeinen beſten Freund von dem edelſten, aufopferungsfähigſten Herzen. Im Siebenbürg'ſchen geboren, hatte er unter den Jeſuiten ſtudirt, und ſich ſpäter den Naturwiſſen⸗ ſchaften gewidmet. Damals war er Hofrath in Münz⸗ und Bergwerksſachen, ein Mann von ungewöhnlichen Fähigkeiten, großer Faſſungsgabe und ausgebreiteten Sprachkenntniſſen. Sein bedeutendſter Ruhm kam ihn freilich auch am theuerſten zu ſtehen, indem er ſich bei ſeinen Verſuchen in der Amalgamirung durch Queckſtl⸗ berdämpfe langjährige Leiden zugezogen hatte; ſo daß er damals noch an Lähmungen litt. Dies hinderte aber ſeinen Witz nicht, in einer köſtlichen Satyre die verſchied⸗ nen Mönchsorden nach dem Linne'ſchen Syſtem zu elaſſificiren und zu beſchreiben. Vielleicht fällt aber etwas dergleichen unter Kaiſer Joſeph weniger auf, als in Wien eine ſo ſentimentale, platoniſche Freundſchaft befremdet, wie Vater Born ſie mit der ältern Tochter einer Hofräthin von Raab unterhielt,— einer 29 Jahre alten Eleonore, die ſich aber nur Laura nennen ließ, ihrem Born zu Lieb Mineralien ſammelte, dabei hübſch ſang und artig beleſen war. Forſter beſuchte dieſe Fa— milie ſo fleißig, daß er ausgeſcholten wurde, wenn er ſich einmal einen Tag nicht hatte ſehen laſſen. Glück⸗ licherweiſe war er als Bräutigam gefeit gegen die ſchönen, etwas wilden Augen der jüngern Tochter von dem gefährlichen Alter ſeiner Thereſe. 174 Ein merkwürdiger Mann von noch heute geltendem Namen und deſſen Haus Forſter zu beſuchen pflegte, f war der Reichsfreiherr von Sonnenfels. Forſter A rühmte deſſen gutes Herz, mit welchem es ſich aber gar wohl vertrug, daß der brave Mann beſtändig von ſich ſ ſelbſt ſprach. Dieſe Schwäche trifft man leicht bei Men⸗-⸗ ſchen an, die ſich auf ſo mühſamen Wegen, wie Sonnen⸗ fels, empor gearbeitet haben; wiewohl dieſelbe auch I unter ganz andern Vorausſetzungen dem Fürſten Kaunitz eigen war. Sonnenfels, ein angehender Fünfziger, ſtammte aus Berlin von einem jücdiſchen Vater, der nach Öſtreich übergeſiedelt, und daſelbſt mit ſeiner Familie katholiſch geworden war. Bei den Piariſten erzogen und ein guter Schüler, ſah er doch in ſeinem 16. Jahre keinen andern Lebensweg vor ſich, als hinter der Trommel zu marſchiren. Er brachte es zum Unterofficier, und lernte V von franzöſiſchen und italieniſchen Überläufern ihre Spra⸗ chen zum Hebräiſch, das er vom Vater hatte. Las daneben was er nur alles erhaſchen konnte, wenn es auch nicht immer zur Bildung des Geſchmacks diente. Nach beendigter Dienſtzeit ſtudirte er die Rechte und practicirte bei einer Gerichtsſtelle. Als Dolmetſcher für das Hebräiſch bei der niederöſtreich'ſchen Regierung an⸗ geſtellt, übte er ſich im Deutſchen, und verſuchte ſich mit einzelnen Aufſätzen über dramatiſche Literatur, Rechts⸗ pflege, Verwaltung u. d. gl. für das große Publikum, Endlich gelang es ihm, mit der Feder eines militäriſchen Rechnungsführers ſich zum Lehrſtuhle der Staatswiſſen⸗ ſchaften an der wiener Univerſität empor zu arbeiten. tendem pflegte Forſter er gar n ſich Men⸗ onnen⸗ auch Kaunitz ammte ſtreich holiſch d ein keinen un es diente. und er für g an⸗ ch mit Rechts⸗ likum riſchen wiſſen⸗ fen. — Auf dieſem wiſſenſchaftlichen Felde erwarb Sonnen⸗ fels durch eine Anzahl Schriften einen gewiſſen Namen. Aufgeklärte Denkungsart, Freimuth, edle Geſinnung bei feinem Witze mußte man ihm zugeſtehen. Die Zeitum⸗ ſtände waren ſeinem unermüdlichen Kampfe mit alten Vorurtheilen günſtiger, als die Menſchen. Doch hatte die Kaiſerin Maria Thereſia ſich durch all' ſeine fanati⸗ ſchen Feinde nicht irre machen laſſen, den verdienten Mann zu befördern, und ſogar in den Reichsfreiherrn⸗ ſtand zu erheben. So fand ihn Forſter. Und die Frau von Sonnen⸗ fels erſchien ihm ſo ſchätzenswerth, der Umgang mit ihr ſo bildend, daß er den jungen Heyne, Thereſens Bruder, der damals als junger Mediciner nach Wien kam, vor allem in ihr Haus führte. Dieſem jungen Manne kam es denn auch zu gut, daß Forſter im Kreiſe der wiener Ärzte ſehr geſchätzt war. Unter dieſen haben in der Geſchichte der Heil⸗ kunde Männer wie Stoll, Quarin u. A. noch heut einen guten Namen. Quarin, der an Forſter— wie dieſer ſich brieflich ausdrückte— einen Narren gefreſſen hatte, genoß eines bedeutenden auswärtigen Rufs; obgleich der glücklichſte Moment ſeines Lebens ihm noch bevor⸗ ſtand. Dieſer ſiel ihm neben dem Sterbebette des Kaiſers Joſeph zu. Als nämlich der Monarch den Arzt fragte, wie lang er noch zu leben habe, beſaß Quarin den Muth, die kürzeſte Friſt auszuſprechen. Der Kaiſer blieb an Großſinnigkeit nicht zurück, belohnte ihn reichlich, und erhob ihn für ſeinen Freimuth in den Freiherrn⸗ ſtand. Zuviel für Quarin, der von nun an in die 176 Schwachheit fiel, einem Jeden das Alter und die Lebens⸗ dauer anſehen zu wollen. Hinſichtlich des wiſſenſchaftlichen Lebens fing es in Wien, wie Forſter es beobachtete, zu tagen an. Es war Gährung in den Köpfen, und man ging im Denken ſeinen eignen Weg. Allerdings gehörte vieles von dem, was hier als gefundne Wahrheit erhoben wurde, in Norddeutſchland längſt zur angelebten Bildung. Daß aber gerade einheimiſche Schriftſteller dabei thätig waren, hielt Forſter für ein Glück, indem auf dieſem Wege die Kenntniſſe dem Publikum angemeßner, und einmal in einem andern, als proteſtantiſchen Zuſchnitt erſchienen. Dies waren die Kreiſe der Geſellſchaft in denen ſich Forſter bewegte, oder die ihn vielmehr erfaßt hatten, und in Umſchwung ſetzten. Und wie ihm mit aufgetha— nem Sinn und Herzen dies neue Leben begegnete,— hätte es ohne Eindruck und Einwirkung auf ihn bleiben können? Auch blieb es dies in der That nicht. Forſter verweilte an ſechs Wochen,— den ganzen Auguſt und bis gegen die Mitte Septembers in Wien,— lang genug ihn zu durchdringen, und eine bereits eingeleitete Umwandlung ſeines Innern zu vollenden. Die neue Lebensluſt, die von allen Seiten auf ihn eindrang, ſchien den Raum in Beſitz nehmen zu wollen, den eine gräm— liche Schwärmerei vor kurzem verlaſſen hatte. Schon vor Ende Auguſt geſtand er brieflich ſeinem Freunde Sömmering, Wien ſei ein Paradies für ein Herz wie das ſeinige, das der Freude mit Menſchen zu leben, ſie zu lieben, und von ihnen geliebt zu werden, ſo gern ſich öffne. Empfinden ſei ihm ja ſtets die erſte, ens⸗ nken dem, 177 und Wiſſen nur die zweite Wohlluſt geweſen.—»Ich bin ſinnlicher als Du, ſagte er, und bin es mehr als jemals, ſeitdem ich der Schwärmerei auf immer Adieu geſagt, und einſehen gelernt habe, daß es Thorheit ſei, um des ungewiſſen Zukünftigen willen das ſichre Gegen— wärtige zu verſcherzen.——— Wahres Glück iſt nach meiner Meinung jetzt: alles zu genießen, was er⸗ laubt iſt,— d. i. was mir ſelbſt und andern nicht ſchadet, ſondern vielmehr zuträglich iſt.«— War der grämliche Roſenkreuzer nicht innerhalb vier Wochen der fröhlichſte Wiener geworden? Hatte der ängſtliche Goldmacher nicht unvermuthet den Stein der Weiſen gefunden?— Bezeichnen wir dieſe Umwand— lung ſeiner Gemüthsſtimmung als einen Umſchlag nach außen: ſo erſchien dieſer doch ſo gründlich, daß Forſter auch nach ſeiner Abreiſe von Wien, im Winter und in polniſcher Umgebung, ſich in jenen Empfindungen des Herzens durch eine Art philoſophiſcher Einſicht noch be⸗ ſtärkte. Jacobi's Schweſter war nämlich der Beſorgniß geweſen, er möchte aus der verlaßnen Schwärmerei in's andre Extrem fallen, und Forſter fand dies, wie er ſeinem Freunde Jacobi geſtand, ſo natürlich, daß er es ſelbſt vorausgeſehen habe, als ihm die Schuppen von den Augen gefallen ſeien. Die Neigung hatte gleichſam mechaniſch in's andre Extrem geführt, wie ein Pendel, durch irgend eine Kraft in dem einen Extrem des Cir⸗ kelſchnittes, den er beſchreiben konnte feſtgehalten, ſobald er in Bewegung geſetzt wird, ſogleich zum andern äußer— ſten Punkt hinüber eilt. Wie ſich Forſter aber in ſeiner Gemüthsverfaſſung 12 178 ſo genau beobachtete, glaubte er, außer ſeiner Stimmung auch ſeine Denkungsart verändert zu finden. Es betraf ſeine nächſte Stellung und ſeine künftige Wirkſamkeit. Schon in Dresden hatte man ihn zu behalten gewünſcht. Der Miniſter von Wurmb hatte eine günſtige Meinung von ihm gefaßt, und der Miniſter von Gutſchmidt ihm für den Fall, wenn's in Polen nicht ginge, wie es ſollte, ſeine Freundſchaft angeboten. Ebenſo hatte man ihm in Prag von allen Seiten den Wunſch ausgeſprochen, er möchte bleiben, oder doch in kaiſerliche Dienſte treten. Und nun in Wien vernahm er aus jedem Mund ähn— liche Gunſt und Anerbietung,— nicht bloß von dem befreundeten Hofrathe von Born oder der ihm ſo herzlich zugethanen Gräfin Thun: ſondern von allen wiſſenſchaft⸗ lichen Männern, von jenen Staatsbeamten und Gene⸗ ralen, die er an der Tafel des Fürſten Kaunitz traf, ja von dieſem damals noch mächtigen Miniſter ſelbſt. Schon Hofrath von Spielmann, des Fürſten Kaunitz rechte Hand, ein ernſter Geſchäftsmann, der keine Complimente machte, hatte ihn beim erſten Beſuche geradezu gefragt, womit man ihm in den Erblanden dienen könne. Das höchſte Gewicht aber bekamen dieſe Bewerbungen durch die huldvollen Außerungen des Kaiſers ſelbſt. Es läßt ſich erwarten, daß Kaiſer Joſeph einen Mann, der von den erſten Häuſern der Reſidenz aus⸗ gezeichnet wurde, nicht ohne Empfang ließ. Dieſer Empfang war ſehr huldreich. Der Kaiſer ſprach länger ganz allein mit Forſtern in ſeinem Zimmer. Er ſchien von einer Univerſttät in Wilna noch nichts zu wiſſen und meinte, man ſolle den Polen doch erſt das A. B. C. amung betraf umnkeit. ünſcht. einung t ihm ſollte, hm in en, er treten. äͤhn⸗ n dem erzlich ſchaft⸗ Gene⸗ cf, ja Schon rechte imente ffragt, Das durch einen aus⸗ Dieſet länger ſchien wiſſen B. C. B. lehren, ehe man ihnen Naturgeſchichte leſe. Wie Joſeph überhaupt auf die Polen nicht gut zu ſprechen war, äußerte er auch: Ich kenne die Polen; ſie werden viel Worte machen, aber von Halten iſt nicht die Rede.— Dann kam der Kaiſer auf Forſter's große Reiſe zu reden, fragte nach den Erlittenheiten, Krankheiten und Vorkeh⸗ rungen zur Geſundheit der Schiffmannſchaft, erkundigte ſich nach der Perſönlichkeit Cook's u. d. gl. Und indem er darauf anſpielte, was Forſter in Polen finden werde, ſagte er: Wenn Sie arbeiten wollen, werden Sie's dort nicht lang aushalten, die Polen ſind eigenſinnig und dumm. Das Beſte iſt, daß man ja den Weg heraus weiß, wie man hinein gekommen iſt. Ich denke, ich ſehe Sie bald wieder einmal hier; denn ich glaube nicht, daß Sie der Mann ſind, der ſich bloß um der größern Beſoldung zu genießen verändern würde; ich glaube nicht, daß Sie der Mann ſind! Nein, Eure Majeſtät! antwortete Forſter. Ich habe nur den Wunſch glücklich zu ſein, um recht arbeiten zu können. Nun, Sie werden in Polen nicht bleiben!— Mit dieſer in eine Prophezeihung gekleideten Ein⸗ ladung entließ ihn der Kaiſer.— Wie hätte Forſter ſolcher Schätzung und Gunſt nicht froh werden ſollen! Vielmehr kamen dieſe ſchmeichelhaften Ausſichten zu den Lockungen des wiener Sommerlebens, um den reiſenden Freund ſo lang feſtzuhalten. Doch konnte er am Ende nicht umhin, ſich dies Verweilen aus perſönlichem Behagen, dies Zögern vor ſeinem eigentli⸗ chen Beſtimmungsorte zum Vorwurf zu machen. Er 1 2* 180 ſchalt ſich einen Müſſiggänger, ſuchte ſich aber vor ſich ließ. ſelber und gegen ſeine Verlobte damit zu rechtfertigen, ſchri daß er eigentlich ihrethalben Zeit und Eifer aufgewendet habe, um ihr nämlich einen angenehmeren Aufenthalt, mei eine für ihren Geiſt, ihr Herz und ihre Geſundheit an— ſeit V gemeßnere Wohnſtätte, als das ferne, wüſte Wilna ſei, kü für eine ſpätere Zeit vorzubereiten. Für ihre beiderſei⸗ V 3 tige Ruhe, für ihr gemeinſames Glück wollte er die ihm de in Wien begegnende Gunſt feſthalten, und die Hoffnung G I einer Rückkehr aus Polen an bleibende Freunde feſt⸗ T knüpfen. fr Gerade auch in ſolchem Bemühen glaubte der ehe— te 1” mals allzubedenkliche Forſter eine Veränderung ſeiner de I Denkungsart zu erkennen.—„So denkt Forſter, ſchrieb . er anfangs September an ſeine Thereſe, der Forſter, der we ſonſt zu ſtolz oder zu demüthig oder zu ſehr ein Feind 1 aller Künſte war, um ſich zu einem Etabliſſement zu 5 drängen; der eine ſo große Süßigkeit darin fand, alles a der Hand der Vorſehung, die ihn immer ſicher und gut ge führte, zu überlaſſen, und alle Veränderungen, alle ri Glücks⸗ und Unglücksfälle dankbar von ihr zu erwarten, unverhofft, unvorbereitet. Jetzt, wie verändert! Jetzt, te da ſeine Sorge nicht mehr das geringfügige Selbſt be— zu trifft.« fre Indem wir nun den zartfühlenden Mann ſeine Ab⸗ n reiſe rüſten laſſen, müſſen wir nur noch bemerken, daß 8 er die kaiſerliche Reſidenz doch nicht bloß von ihrer ver⸗ ſ lockenden Seite kennen lernte, und daß er die genuß— b 9 ſüchtige Stadt nicht ohne erbauliche Erinnerungen ver⸗ ſich gen, ndet halt, an⸗ ſei, rſei⸗ ihm nung feſt⸗ 181 ließ. Schon in der erſten Woche ſeines Aufenthalts ſchrieb er ſeiner Thereſe: »Seit mehreren Stunden wimmelt's gerade unter meinem Fenſter vor der Kirche der Kapuziner, die heute ſeit Aufgang der Sonne Ablaß für die vergangnen und künftigen Sünden verkauft haben. Das arme, blinde Volk kniet mitten auf der Straße, nur das Geſicht nach der Gegend gerichtet, wo ſeine Verblender ihm ſeine Götzen ausſtellen. Der Menſch iſt ein weichherziges Thier; Verſöhnung und Frieden ſucht er ſo gern, und iſt ſo froh, wenn er ſie erlangt zu haben glaubt. Das wuß⸗ ten die Menſchen wohl, die ſeinem Geiſte Feſſeln ſchmie⸗ deten, welche noch jetzt ſo feſt und unauflöslich ſind.« Der Brief datirt vom 1. Auguſt, und Forſter hatte wohl im katholiſchen Kalender überſehen, daß auf dieſen Tag wirklich— Petri Kettenfeier begangen wird. Doch reichte dies Treiben nicht über den Kreis hin⸗ aus, innerhalb deſſen der Geruch der Kutte für heilig galt, und ſelig machte. In einem Briefe an Sömme⸗ ring aus Wien heißt es unter andern: Das beſte iſt, man hat endlich aufgehört in gu⸗ ten Geſellſchaften von den Zänkereien der Pfäfflein zu ſprechen, und nun hören ſie auch auf zu zanken, und freſſen und ſaufen friedlich neben einander auf Unkoſten der übrigen Welt, die aus langer Angewohnheit den Stand der Mönche für unentbehrlich hält. Wie die Men— ſchen allenthalben Menſchen ſind, und wie allenthalben oder durchgängig entweder treuherzige Dummheit oder gedankenloſe Gewohnheit, oder abſichtliche Heuchelei oder überdachte Weltklugheit das iſt, was mit dem Namen 182 Religion bezeichnet zu werden pflegt, das iſt mir ſo ſon⸗ nenhell geworden wie nie zuvor.«— Mancherlei Empfindungen bewegten Forſter's Herz, als er Wien Lebewohl ſagte. Ein paar Mädchen, ob⸗ gleich ſie den Freund verlobt wußten, weinten bei ſeinem Abſchied, und konnten nicht aufhören. Deſto lebhafter rief er ſich aber in die Betrachtung, daß doch Thereſe ihn ſehr glücklich machen werde, ſo übereilt eigentlich ſeine Wahl geweſen ſei. In dem allen erkannte er die Hand der Vorſehung, und hoffte, daß es gut ſein werde. Dem Herzensfreunde Sömmering bekannte er aber den⸗ noch, daß er, wenn er als freier Mann nach Wien ge⸗ kommen wäre, dem Kaiſer anders geantwortet hätte, und auch mit weniger Gehalt geblieben ſein würde. Nun freute er ſich wenigſtens, daß dieſer Freund bereits auch Kaſſel verlaſſen hatte, und all' den Widerwärtigkeiten entgangen war, die ihnen die Verbindung mit den Ro⸗ ſenkreuzern bereitet hatte.»Wohl uns! ſchrieb er ihm nach Mainz, denn wir können nun mit Ruhe auf das Meer zurück ſehen, das wir durchſchifften, und uns freuen, daß, weil uns einmal dieſe Art von Erfahrung zur Züch⸗ tigung und Belehrung nöthig war, wir glücklich alles überſtanden, und doch viel Menſchen- und etwas Sach⸗ kenntniß erworben haben!« ſon⸗ herz ob⸗ inem after gereſe ntlich rdie erde. den⸗ 183 Polniſche Wirthſchaft. Nicht ohne guten Grund haben wir uns mit dem reiſenden Forſter ſo lang in Wien verweilt. Jener Auf⸗ enthalt, jener Monat Auguſt des Jahres 1784 darf für den Glanz⸗ und Höhepunkt im Leben dieſes edeln Man⸗ nes gelten. Geſunder als gewöhnlich, liebenden, hoffen⸗ den Herzens, aufgeſucht von Gelehrten, von edeln und adligen Frauen liebgekoſet, ausgezeichnet von Staats⸗ und Kriegsmännern, und von einem Kaiſer Joſeph huld⸗ reich empfangen, von allen gelockt und gewünſcht, ſah er ſich nicht bloß äußerlich gehoben, und durch die hei⸗ terſten Ausſichten auf Familien⸗ und Weltverkehr erwei⸗ tert, ſondern mußte ſich auch innerlich bereichert empfinden durch die aus einer trüben Gemüthsverwandlung erwachte Empfänglichkeit für die Genüſſe des Lebens, die er mit den Wahrheiten des Geiſtes zu verbinden verſtand. Auf dieſer ſonnigen Höhe, wo Haus und Welt in einander aufzugehen ſchienen— wie hätte er den Gedanken ge— faßt, oder für ſeine Zukunft die Ahnung empfunden, daß eines Mannes Leben gar oft nicht bloß von Kränk⸗ lichkeit und wirthſchaftlichen Sorgen heimgeſucht, ſondern auch von Zweifeln und Zwieſpalt in Freundſchaft und Liebe zerriſſen werde, und daß durch gewaltige Erſchüt⸗ terung der Staaten Ruhm in Schmach, und Verdienſte in Vergeſſenheit fallen könnten? Gerade auf der heiter⸗ 184 ſten Höhe des Lebens hat man, wie auf den Mittag⸗ gipfeln der Berge, die wenigſte Fernſicht: die Schatten fallen unter die Gegenſtände und der Horizont iſt von einem ſeidenen Duft umgaukelt. Nein, ſo glücklich un- ter dem Aquator ſeines Lebens, ſchien Forſter allem Ban-⸗ gen wie allem Verlangen überhoben zu ſein. Doch dem Wechſel einer ſo befriedigenden Reiſeſta⸗ tion war er nicht überhoben, als er Mitte September von Wien abreiſ'te. Vielleicht war er nur reizbarer für weniger freundliche Eindrücke von andern Gegenden und Menſchen geworden. Selbſt Jahreszeit und Witterung begünſtigten ihn weniger, als er das durch Klima und Anbau unfreundliche Polen betrat. Wie gefaßt er ſich auch auf den Abſtich gemacht hatte, erſchrak er doch hef⸗ tig beim Eintritt in dies Land. Zum erſten Anblicke des ſandigen, von ſchwarzen Waͤldern überall bedeckten Landes, was ſchon über ſeine Vorſtellung hinausging, kamen nur zu bald noch die Erſcheinungen der Halb⸗ wildheit und Halbkultur des Volkes, der Verfall und Schmutz in ſinnlichem und ſittlichem Verſtande. Forſter war ſo erſchüttert, daß er in einſamer Stunde den Thra⸗ nen nicht wehren konnte, die er erſt ſeinem Mißgeſchick weinte, und als er ſeines Kleinmuthes ſich beſann, dem ſo geſunknen Volk weihte. Er mußte ſich fortan recht⸗ ſchaffen zuſammennehmen gegen ſo vielerlei, was ſeiner gewohnten Anſchauungs⸗ und Empfindungsweiſe wider⸗ ſtrebend auf ihn eindrang. Andre Sitten, andre Lebens⸗ art, andre Sprache und Kleidung, Verſchiedenheit der Regierungsformen ſtörten ihn wohl; aber indem ſie ſtch auf ihr einheimiſches Recht ſtemmten, ſöhnten ſie all— Mittag⸗ Schatten iſt von klich un⸗ em Ban— Reiſeſta⸗ eptember arer für den und itterung ma und er ſich och hef⸗ Anblicke bedeckten nusging, Halb⸗ all und Forſter Thraͤ⸗ geſchick n, dem recht⸗ ſeiner wider⸗ Lebens⸗ eit der ſie ſic ſie al 185 mählich ſeine Einſicht mit ſich aus, bis auf eines und das andre, was in ſeinen Augen als fehlerhaft und an⸗ ſtößig an ihnen haften blieb. Den 20. September erreichte er Krakau. Der An⸗ blick der verfallnen Stadt erſchreckte ihn. Auch war ſie, der Ferien wegen von den Profeſſoren verlaſſen, an die er ſich zu halten dachte. Er mußte 9 Meilen weit nach Profeſſor Jankiewicz ſchicken, an den er gewieſen war, und der ſeine Sachen nach Warſchau zu beſorgen gehabt hatte. Jankiewicz befand ſich auf der Beſitzung einer Markiſe Myszkowska, deren Naturalien⸗Kabinet zu ord⸗ nen, und ließ Forſtern dahin abholen. Der Reiſende ward mit offnen Armen empfangen. Man machte Aus⸗ flüge nach Salzquellen und auf Petrefacten, ließ Luft⸗ bälle ſteigen, und lebte acht Tage in»Saus und Braus«, ohne daß doch Forſter einen rechten Antheil zu nehmen geſtimmt wurde. Geleitet von des Profeſſors Bedienten erreichte er in drei Tagen Warſchau. Hier nahm ihn der alte Freund Scheffler auf's Zärtlichſte in ſeinem Hauſe auf. Er fand einen Haufen hierher adreſſirter Briefe vor, und blieb drei Wochen. Während deſſen ward ſeine Ankunft dem Fürſten Primas gemeldet, der ihn ſogleich nach Grodno einlud, wo er ſich mit dem König und den Magnaten am Reichstage befand. Unterwegs dahin machte Forſter einen Abſtecher nach dem Schloſſe der Witwe des Kron⸗ feldherrn Branicki, einer Schweſter des Königs. Ihr verſtorbener Gemahl war zugleich Kaſtellan von Krakau geweſen, daher ſie von den Polen kurzweg Madame de Cracovie genannt wurde. Eine Dame in den Vierzigen, 186 ſehr verſtändig, beleſen, einſichtvoll, religiös ohne An⸗ dächtelei und völlig frei von Standesanſprüchen auf ſteife Ehrerbietung. Sie hatte den Cardinal Archetti um ſich, und beide kamen dem Gaſt auf's heiterſte entgegen. Beide ſtanden im Begriff ebenfalls nach Grodno zu gehen, und ſo eilte ihnen Forſter nach zwei Tagen Aufenthalt dahin voraus. Hier in Grodno, einem dunkeln, dorfähnlichen Städt⸗ chen, gerieth unſer Profeſſor in den vollen Glanz des pol⸗ niſchen Adels. Es war ſchwer unterzukommen. Der Kanz⸗ ler von Litthauen, Graf Chreptowicz, räumte ihm in ſeiner eignen Wohnung eine Stube ein. Es war ein alter, ehrlicher, etwas phlegmatiſcher Mann, für man⸗ ches Gute geſtimmt, das er nur, wenn ſeine Spielver⸗ luſte ihm nachzudenken gaben, allzuleicht verſäumte. Vor allem hatte Forſter ſich dem Fürſten Primas, durch den ſeine Berufung ergangen war, vorzuſtellen. Dieſer ſonſt ziemlich zurückhaltende Prälat erwies doch dem berühmten Reiſenden ſeine freundlichſte Theilnahme; indem er aus freien Stücken auf deſſen Angelegenheiten einging, ihm Rath und Anweiſung hinſichtlich ſeiner Ein— richtung gab, und ihm die wichtigeren Perſonen ſchil⸗ derte, mit denen Forſter zu thun haben würde. Er ſchloß mit den beſten Zuſagen, dem Ankömmling über die Schwierigkeiten hinaus zu helfen, an denen es in einem Lande nicht fehlen könne, wo noch alles im Wer⸗ den ſei, und Jeder ſeinen eigenwilligen Kopf habe. Nach all' dieſen eigenwilligen Köpfen ſich umzuſe⸗ hen, war nun hier gute Gelegenheit. Unter dem zahl⸗ reichen Adel, der auf den verſchiednen Rangſtufen von hne An⸗ nuf ſteife um ſich, Beide en, und t dahin Städt⸗ des pol⸗ r Kanz⸗ ihm in dar ein rman⸗ vielver⸗ te Primas, uſtellen. ds doch nahme, enheiten er Ein⸗ ſchil⸗ Er über es in Wer⸗ e. unziiſe ahl en von 187 Baronen, Grafen, Marquis und Fürſten doch gleichbe⸗ rechtigt war, ſtellten ſich durchgehends Männer von gro⸗ ßer Geſtalt, wohlgewachſen, in der Regel von edler, offner, nicht ſelten aber auch von roher, wilder Geſichts⸗ bildung dar. Die lange Tracht erſchien aber unſerm Forſter eben ſo wenig anſprechend, als die ganz geſchor⸗ nen Köpfe. Und wollte er an dieſen auch das Bemühen um Reinlichkeit nicht verkennen: ſo gab ihm dies nur eine um ſo ſchreckhaftere Vorſtellung von einem Wild⸗ ſtande, um deſſentwillen der Wald ſelbſt im Abtrieb ge⸗ halten werden mußte. Auch das Frauenzimmer kam dem Freunde weniger ſchön vor, als er es ſonſt rühmen ge— hört. Weißer Teint, ſchlanker Wuchs und einzelne ſchöne Züge vereinigten ſich doch ſelten zu einem einnehmenden Ganzen. Den meiſt unſchönen Mund ſuchte Forſter aus der harten Sprache zu erklären; ohne daß er jedoch mit ſolcher deutſchen Ergründung bei den Einheimiſchen Glück machte. Am widerwärtigſten war unſerm freiheitſtolzen Manne die einheimiſche Sitte, ſich vor Jedem bis zur Erde zu verneigen, und Jedem von höherem, oft ſogar von gleichem Range begrüßend nach den Knieen oder Füßen zu langen. Forſter traf hier auch wieder den ihm von Freiberg her bekannten Neffen des Primas und des Königs, den jungen Fürſten Poniatowsky als Großſchatzmeiſter von Litthauen, und fand ſich mehr und mehr in dem guten Urtheil beſtärkt, das er ſchon damals von ihm gefaßt hatte. Und wenn auch die Meinungen über das Herz des Fürſten getheilt waren: für den am zweckmäßigſten ausgebildeten Kopf, und der es mit der Liebe zu den 188 Wiſſenſchaften und mit der Aufklärung ſeines Vaterlandes ernſtlich meine, mußte man ihn gelten laſſen. Im Kreiſe dieſer durch ihren Rang erleſ'nen Polen begegnete Forſter unvermuthet einem ausgezeichneten Fran⸗ zoſen, der— gewiß eine ſeltne Zuſammenkunft! ein noch berühmterer Weltumſegler war,— Bougainodille. Dieſer geniale Mann, damals in ſeinem 55ſten Jahre, hatte ein merkwürdig reiches Leben hinter ſich. Mit ſelt— ner Begabung für Sprachen und Wiſſeenſchaften war er nach dem Studium der Rechte doch bald aus der Par⸗ laments-Advocatur geſchieden, und mit dem fertigen Ruf eines Gelehrten in den Militärdienſt getreten. Er hatte als Adjutant gedient, und war als Geſandtſchafts-Se— kretair in London Mitglied der königlichen Geſellſchaft geworden. Nachdem er in Canada und in Deutſchland Unternehmungen und Feldzüge gemacht, war er zur Ma— rine übergegangen, und hatte mit Erlaubniß des Königs als Schiffscapitain auf eigne Koſten eine Niederlaſſung auf den maluiniſchen Inſeln angelegt. Wie aber dieſe Inſeln wieder an die Spanier abgetreten wurden, machte er eine Reiſe um die Welt, und bereicherte die Erdkunde durch ſchöne Entdeckungen. Im amerikaniſchen Kriege befehligte er mit Auszeichnung mehrere Linienſchiffe, und ward bald hernach zum Marechal de Camp in der Land⸗ armee ernannt. Jetzt war dieſer merkwürdige Mann hier mit ſeinem ehemaligen Gefährten auf der Reiſe um die Welt einem Prinzen von Naſſau, der, nachdem er eine Polin geheirathet, beim Reichstage das polniſche Indigenat betrieb und erlangte. Inzwiſchen war auch jene verwitwete Schweſter des landes Polen Fran⸗ ein nöille, Jahre, it ſelt⸗ vdar er Par⸗ Nuf nachte kunde kriege und Land⸗ Mann ſe um chdem niſche 189 Königs angekommen, Madame de Cracovie. Forſter wurde wiederholt bei ihr zur Tafel gezogen, und bei erſter Gelegenheit dem Könige vorgeſtellt. In dieſem erkennen wir jenen Stanislaus Ponia— towsky, den als abgelegten Liebhaber die Kaiſerin Ka⸗ tharina, nach dem Tode Auguſt's III., unter unglückſe⸗ liger Anarchie der polniſchen Großen, auf den polniſchen Thron gehoben hatte. Ein Mann von perſönlicher Lie— benswürdigkeit ohne politiſche Bedeutung weder als Staats⸗ mann noch als Soldat, aber durch Kenntniß, Geſchmack und Urtheil in Poeſie, Muſik und Kunſt vielſeitig ge— bildet, und mehrerer Sprachen in ihrem nationalen Ac⸗ cente mächtig. Selbſt gut unterrichtet, umgab er ſich gern mit einſichtsvollen Männern, und förderte die Li⸗ teratur, während unter ihm ſeit einem Jahrzehent das von den Parteien des fremden, feindſeligen Einfluſſes fiebernde Reich ſo grauſam zerriſſen worden war, daß es noch heute zuckt. Forſter folgte nach ſeiner Vorſtellung dem Könige in die Sitzung des Senates, und beſuchte auch den Saal der Landboten. Es war der erſte Reichstag unter die⸗ ſer Regierung, der einmal ohne Parteiverbindungen ab⸗ gehalten, die Geſchäfte in ordentlichem Gang erledigte. Auch hatte man dem Könige die früher bezogenen 700,000 poln. Gulden zur allmählichen Befriedigung ſeiner Gläu⸗ biger auf weitre zehn Jahre bewilligt, worüber er höchſt vergnügt war. Indeß, ohne heftiges Reden und Toben ging's doch nicht ab, und es koſtete an manchem Tage mehr als einen hölzernen Stab, wenn der Reichsmar⸗ ſchall Stille gebietend auf den Boden ſchlagen mußte. 190 Im Senate ließen es die Magnaten wenigſtens nicht bis zum Brechen des Stabes kommen. Dennoch bemerkte der König, während der Verhandlungen im Sale um⸗ herwandelnd, indem er zu Forſtern im Kreiſe einiger Herrn herantrat, mit Lächeln: Vous avez bien vo des orages, mais Vous n'en aurez pas vô de cette espèce. In einer andern Außerung, über der Abendtafel bei ſeiner Schweſter, Madame de Cracovie, ſprach ſich des Königs Humanität oder Feinheit artig aus. Forſter hatte von Otahiti und ſeiner Reiſe viel erzählen müſſen, als der König bemerkte: Man wird Ihnen dieſelben Fragen viel hundertmal gethan haben, Sie müſſen daher des Antwortens müde ſein, und ich mache mir ein Gewiſſen daraus Sie zu fragen. Und beim Abſchiede Forſter's entließ er ihn mit den freundlichen Worten: Ich bin der einzige Mann in Po⸗ len, der ihre Anweſenheit am wenigſten genoſſen hat; ich will mich aber ſchadlos halten, und ſie einmal in Wilna beſuchen. Bei all' dieſer Auszeichnung hatte Forſter die herz— lichſte Langweile in Grodno,— ſchlecht logirt und oft genug in Verlegenheit um einen Wagen, ohne welchen durch den Ozean von Koth in allen Straßen nicht fort⸗ zukommen war. Allein, man ließ ihn immer nicht zie⸗ hen. Zum Glück erhielt ſich ſeine Geſundheit. Erſt, als am 13. November der Reichstag geſchloſſen war, durfte er abreiſen, und ſo erreichte er am 18. das Ziel ſeiner Beſtimmung in Wilna. icht bis hemerkte le um⸗ einiger en vü vü de endtafel ach ſich Forſter müſſen, ertmal müde Sie zu mit den in Po— n hat; mal in herz⸗ id oft velchen fort⸗ jt zie Erſt wan 5 Ziiel 191 Es konnte keine Weltfahrt im gewöhnlichen Sinne heißen, von welcher Georg Forſter hier zu einer neuen Häuslichkeit gelangte. Dennoch hatte er in einer Welt wechſelnder Eindrücke mehr erfahren, als ein be⸗ kannter lateiniſcher Spruch ſelbſt dem über Meer Reiſen⸗ den zugeſteht: er hatte nicht bloß den Himmel, ſondern auch das Herz verändert. Nach einer trüben und ängſt⸗ lichen Periode frommer und bethörter Schwärmerei hatte er die Herrſchaft der Freude, die Urrechte der Sinne, das Glück des Genuſſes anerkannt. Wir haben es einen Rückſchlag nach Außen genannt, als er die vorempfundne Umwandlung in ſeinem Denken nun wirklich erprobt hatte. Überdies ſtand die neue Häuslichkeit— freilich nur noch des Junggeſellen, in einer neuen Welt. Wilna ſtellte ſich mit ſeinen vielen und ſchönen Kirchthürmen dem Ankömmlinge von Außen eben ſo angenehm, als im Innern durch leere, wüſte, zerfallne und in den letzten Kämpfen abwechſelnd von Ruſſen und Conföderirten geplünderte oder in Schutt gelegte Häuſer traurig dar. Die Umgegend, obgleich ebenfalls ſandig und nur ſichtenwaldig, mochte ſich doch nach der langen Ebene von Krakau her durch hügelige Abwechslung für die hübſcheſte in Polen und Litthauen ausgeben. Eine Stunde vor der Stadt war durch den Biſchof, Fürſten Maſalski, mit Hülfe eines deutſchen Hofgärtners ſelbſt eine artige Anlage zu Stande gekommen. Werky und Zagred, zwei Landhäuſer dieſes Prälaten, boten in guter Jahrszeit hübſche Promenaden. Dem neuen Profeſſor war in dem ſogenannten mediciniſchen Colleg, dem ehemaligen Penſionshauſe der 192 Jeſuiten, eine Wohnung angewieſen. In einem Flügel dieſer, zu verſchiednen Zeiten und nach jedesmaligem Bedürfniß verſchiedentlich zuſammengewachſenen Bauten zer⸗ ſtreuten ſich durch mehrere Stockwerke ſeine theils neſt— artig kleinen und niedrigen, theils auch noch in der Herſtellung begriffnen Gemächer. Sie befriedigten For⸗ ſter's Anſprüche nicht, und waren bloß nicht ſchlechter, als die von ſeinen Amtsgenoſſen bewohnten Räumlich⸗ keiten. Sein Junggeſellenhaushalt fand glücklicherweiſe, um ſich anzulehnen, eine bequeme Familienwirthſchaft. Im andern Flügel deſſelben Hauſes wohnte Langmeier aus Wien, einer der Profeſſoren der Arzneiwiſſenſchaft,— ein ehrlicher kleiner Ungar, ſchmächtig und ſchwäch⸗ lich, doch bei öfterer Kränklichkeit ſehr thätig, in ſeinem Fache durch Gründlichkeit, ärztliche Wiſſenſchaft und Er⸗ fahrung ein trefflicher Mann. Durch manche Eigen⸗ ſchaften erinnerte er Forſtern an Freund Sömmering: er war gerade und rechtſchaffen, haßte Unrecht und Falſch⸗ heit, wie der ältere Freund, und beſaß auch, wenn gleich in milderem Grade, deſſen heftiges Temperament. Dabei einfach und ohne Charlatanerie bekannte er ſich zu den Grundſätzen, die Forſter und Sömmering die ihrigen nannten. So ſchloß unſer Ankömmling ſich raſch einem Manne an, der ihm den Freund nicht erſetzte, aber ver⸗ trat. Denn in Vielem blieb er auch hinter Sömmering zurück, wie er denn mit ſeinem guten Kopfe in die förmlichſte Lehrmühle eingekeilt, ſeinen Gang weiter, nur nie auf Neues losging. Noch Eines fügte ſich ſo freund⸗ lich, wie mit Sömmering, daß nämlich Forſter ſeinen Flügel laligem ten zer⸗ 3 neſt⸗ in der n For⸗ glechter, umlich⸗ ſe, um Jm neier ft,— hwaͤch⸗ ſeinem nd Er⸗ Eigen⸗ ng: ei Falſch⸗ gleich Dabel u den hrigen einem r ver⸗ nering in die ,, nur reund ſeinen 193 Mittagtiſch auch beim neuen Freunde fand. Frau Lang⸗ meier, eine geſunde, treuherzige Wienerin, nicht ſehr unterrichtet und witzig, aber nicht ohne hausbacknen Ver⸗ ſtand, bereitete einen einfachen, ökonomiſchen Tiſch, wie er Forſtern ganz recht war. In Wilna brachte es ohne⸗ hin das Herkommen mit ſich, daß unverheirathete Pro⸗ feſſoren zu Denen, die einen Haushalt führten, auch ungebeten zu Tiſche gingen und fürlieb nahmen. Selbſt für einen eingeladnen Gaſt pflegte man keine Schüſſel zuzuſetzen, und ein geringer Tiſch war nie für den Wirth ein Gegenſtand der Verlegenheit. Forſter hatte ſich eingerichtet, den Nachmittag von drei Uhr an in ſeiner Wohnung zu ſein, den Abend von ſieben Uhr an aber, falls er nicht in Geſſellſchaft ging, wieder mit Langmeier zuzubringen. Zum Abend⸗ gericht, an das er früher gar nicht gewöhnt war, gab's eine Suppe von polniſcher Grütze. Etwas dünn und kraftlos kam dem Freunde die wilnaer Küche überhaupt vor; doch befand er ſich geſund dabei, und die Kleider wollten ihm ſogar enger werden. Nur wenig Lebensbe⸗ dürfniſſe waren eigentlich gut und billig. Brot war immer ſchlecht; das Fleiſch konnte zuweilen leidlich ſein; gute Butter und Milch blieb ein Vorrecht für Diejenigen, die eine eigne Kuh hielten. Eine Equipage war theuer zu halten, Möbel ſchwer zu bekommen und alles, was zur Kleidung gehörte, ſtand im höchſten Preis. Es läßt ſich denken, daß es einem allerwärts ſo geſuchten Manne wie Forſter, der hier zumal als Pro⸗ feſſor den Rang des polniſchen Adels hatte, ein leichtes war, die wilnaer Geſellſchaft in allen Schattirungen 13 194 kennen zu lernen. Die Stadt belebte ſich eben noch mehr durch das oberſte Tribunal, das in den Winter— monaten in Wilna gehalten wurde, und einen Zufluß von Menſchen herbeizog. Dann wetteiferte der Marſchall des Tribunals mit dem Biſchof in Gaſtereien. Dieſer Fürſt Maſſalsky war ein artiger, feiner, gefälliger Prä⸗ lat, nur von etwas zu ſüßlicher Wohlredenheit. Er machte das glänzendſte Haus in Wilna. Seine Gärt⸗ nerei lieferte Ananas zu den Reinetten aus Italien. Auch war er, ehe das Spiel ihn zu Grunde gerichtet, außerordentlich reich. Und noch jetzt ſprach man von 60,000 Dukaten jährlicher Einkünfte. Hinter dem Reſpekt vor der geiſtlichen Würde kom⸗ men wir zu ein paar intereſſanten Damen. Forſter meinte, wenn ſeine zukünftige Frau erſt einmal den Na— men der Gräfin Przezdziecka ausſprechen könnte, würde ſie die halbe Schwierigkeit der polniſchen Sprache überwunden haben. Dieſe Frau und ihre Mutter, Für⸗ ſtin Radziwil, gehörten zu den wenigen, mit denen im angenehmen Umgang ſich eine Unterhaltung machen ließ. Etwa 26 Jahre alt und Witwe, begünſtigte ſie die Bewerbung eines Bruders ihres Schwagers. Forſter wollte in ihrer großen Lebhaftigkeit, ſo wie im Ausdrucke des Mundes von feinem Witz, von Bemerkungsgeiſt und ſpitzer Satyre die auffallendſte Ähnlichkeit mit ſeiner Thereſe entdeckt haben. Eben ſo erinnerte ihr gediegner Ge⸗ ſchmack für die Wiſſenſchaften an die Verlobte. Forſter brachte manchen Abend bei ihr zu, las ihr geſchriebene Aufſätze vor, und verſchmähte ihre maskirten Geſellſchaf⸗ ten nicht. een noch Winter⸗ Zufluß Narſchall Dieſer er Präͤ⸗ eit. Er e Gärt⸗ Italien. gerichtet, an von e kom⸗ Forſter den Na⸗ könnte Sprache r, Für⸗ t denen machen gte ſie Forſter sdrucke eiſt und Thereſt er Ge⸗ Forſter hriebene ſellſchaf Eine andre ſchwer ausſprechliche Gräfin von ähn⸗ lichem, nur etwas kürzerem Namen— Przesiecka, nahm ſich auch von etwas kürzerem Wuchs aus. Schön bei ihrer Corpulenz, luſtig und muthwillig, erſchien ſie auch ohne die Beleſenheit und den Verſtand jener ganz Unausſprechlichen doch durch natürlichen Witz und gutes Herz ſehr einnehmend. Leider war ſie mit einem der häßlichſten Fehler der polniſchen Geſellſchaft ſtark be⸗ haftet— mit der Spielwuth. Aus einem der erſten Häuſer, und zwar ironiſch⸗bedeutſam— aus der Familie des Schatzmeiſters, war ſie durch das Spiel ſo ver⸗ armt, daß ſie an dem Stadtpfarrer von Wilna faſt ihre einzige Stütze hatte. Durch dieſen mildthätigen Geiſt⸗ lichen machte Forſter auch ihre Bekanntſchaft. Abbe Strzecky, zugleich Profeſſor und königlicher Aſtronom, war ihm nämlich ſchon aus London befreundet, und ſuchte ſeinen ſpielſüchtigen Günſtling mit ſoliden Leuten in Umgang und dadurch zu beſſerm Geſchmack zu bringen. Die Spielſucht war unter Männern und Frauen ſo eingeriſſen, daß ſogar an den maskirten Abenden bei der unausſprechlichen Gräfin, die ſelbſt nicht ſpielte, wenig⸗ ſtens ein halb Dutzend Bänkchen als Abgründe des Ver⸗ derbens geöffnet ſtanden.— Eine andre Schattenſeite des polniſchen Lebens lag in den häufigen Eheſcheidungen. Manche Mädchen hei⸗ ratheten auf Gerathewohl, nur um unabhängig zu wer⸗ den; da ſie denn nach leichtfertiger Scheidung auf eignem Fuß ohne Zwang, wenn nicht auch ohne ängſtlichen An— ſtand, leben konnten. Vornehme, wie unſere luſtige Spielgräfin, die ebenfalls geſchieden war, nahmen wohl 13* 196 auch in einem Frauenkloſter ein paar Stübchen außerhalb der Clauſur zur Wohnung. Mit dieſer leichtfertigen Geſinnung ſtimmte der leichte Ton des Umgangs überein. In einem Schreiben an Sömmering klagt Forſter:»Ich muß mit den Weibern ſchön thun und Zeit vertändeln, wenn ich irgend mit ihnen umgehen will, auch wol mitunter ihnen geradezu auf den Leib gehen. Denn obgleich das Außerſte ein Fall iſt, der nicht oft vorkommen ſoll, ſo wollen ſte doch ziemlich handgreiflich careſſirt ſein, oder ſind's von ihrer Nation gewohnt. Man küßt ein Frauenzimmer wol ohne Scandal auf die Bruſt.« Außer dieſen wechſelnden Flecken der Geſellſchaft war die allgemeine Färbung derſelben eigenthümlich polniſch und ſchillerte nach einer Seite recht anſprechend, nach der andern ſehr widerlich. Zu beiden wollen wir die Farben von Forſter's Palette ſelbſt nehmen, wenn auch einige Worte zur Bezeichnung der Schattenſeite für unſern heu⸗ tigen Geſchmack etwas nachgedunkelt haben. Er ſchreibt ſeiner Thereſe: »Der Mangel an guter Geſellſchaft rückt die Stände näher an einander; der Umgang mit den vornehmen Perſonen, den einzigen, die Bildung und Erziehung haben, iſt auf den ungezwungenſten Fuß; von Adelſtolz und Ahnenſtolz iſt nichts zu ſehen, und wo er ja ſich merken läßt, verlacht man ihn kräftigſt, und dies gilt nicht etwa für Männer allein, ſondern auch das Frauen⸗ zimmer genießt eben die Vortheile. In Religionsſachen herrſcht neben tiefem Aberglauben doch eine faſt voll⸗ kommene Toleranz.⸗ ſerhalb leichte ben an Veibern end mit eradezu rſte ein ſte doch n ihrer ol ohne ft war volniſch aach der Farben einige en heu⸗ ſchreibt Stände nehmen jehung delſtolz ja ſi ies gil Frauel⸗ nöſachen ſt voll Dagegen heißt es in einem Briefe an Sömmering: »Die Polen ſind Schweine von Haus aus, ſo Herren als Diener; alles geht ſchlecht gekleidet, zumal das weibliche Geſchlecht; putzen ſie ſich, ſo ſitzt es wie der Sau das güldene Halsband. Ausnahmen giebt's, das verſteht ſich; ich ſpreche von der allgemeinen Regel. Polniſche Fräulein kämmen ihr Haar zum Fenſter hin⸗ aus,——— und Casvaliers mit dem Stanislaus⸗ Orden ſchnäuzen ſich zwiſchen den Fingern die Naſe; expertus loquor. Vornehme Schnurrbärte, mit ihren Säbeln an der Seite, haben ſtatt Strümpfe Stroh in den Stiefeln,— wenigſtens ſagte es mir Madame Przesiecka.« Solche Geſellſchaft— mußte ſte es nicht dem neuen Profeſſor erleichtern, in ſeine ſonſt nicht ſehr anziehenden Wohnzimmer gern zurückzukehren, und ſeinem Berufe zu leben? Dieſer führte ihn unter die bunte Schaar ſeiner Mitlehrer. Die Namen, perſönlichen Eigenheiten und wiſſenſchaftlichen Richtungen derſelben können uns heut nicht ſo intereſſiren, wie Forſter ſie ſeinem Sömmering umſtändlich ſchilderte. Wir ſtellen nur die Namen Po⸗ calojewsky, Profeſſor des canoniſchen Rechts mit einer italieniſchen Frau; Regnier, Profeſſor der Chirurgie und geweſener biſchöflicher Kammerdiener; Biſio, ge⸗ winnſüchtiger Arzt, und Langemeier; Prof. praxeos und geſchickteſter Arzt, zuſammen, um das Gemiſch des Lehrerperſonals aus Polen, Franzoſen, Italienern und Deutſchen zu bezeichnen. Die größere Zahl waren Er⸗ jeſuiten, und bewohnten das ſchöne Gebäude des ehe⸗ maligen Jeſuiten-Collegs,—»höfliche, beſcheidne, zum 198 Theil gelehrte, dienſtfertige und gutmüthige Männer, denen Wiſſenſchaft und Aufklärung ſo ſehr am Herzen lagen, daß ſie ſolche, nachdem man ihnen die Admini⸗ ſtration der Ordensgüter genommen und zu jenem Zweck verwendet hat, auch ferner noch aus eignem Enthuſias⸗ mus, wenn jene nicht zureichten, oder die jetzigen Admi⸗ niſtratoren zu karg waren, mit ihrem Privatvermögen kräftigſt beförderten.« So fand Forſter dieſe Männer anfangs, und eben ſo mit ſeinen Kräften und ſeiner Geſundheit ſich hin⸗ gebend für das Wohl der Akademie erſchien ihm der Rector der Univerſität, Abbé Proczebut, ein gelehrter, ſanfter, kränklicher Mann. Die Einrichtung der Univerſität ließ manches zu wünſchen übrig. Sie beſaß ein eignes Einkommen von 300,000 polniſchen Gulden oder 16,000 Dukaten. Der Primas aber mit ſeiner Vorliebe für die Univerſität Krakau zog etwa den vierten Theil davon zur Förderung dieſer Schule, und die Erjeſuiten waren zu ſchüchtern, ſich dieſem Verfahren zu widerſetzen, ſo ſehr ſie ſonſt den Primas haßten, dem auch ſie verhaßt waren. Doch ſchmeichelte ſich die Univerſttät, auf einem der nächſten Reichstage die Verwaltung ihrer Güter wieder in eigne Hand zu bekommen. Außerdem ſtanden der Erziehungs⸗ Commiſſion noch anſehnliche Fonds zu Gebot; doch be⸗ gegneten leider! dieſe Gelder auf dem Wege zu ihrer Beſtimmung— den Schulden, den Bedürfniſſen, den ehrgeizigen Abſichten jener Männer, durch deren Hände ſie liefen; ſo daß gar manche Summen, wie ſonſt loſe Knaben thun,— neben der Schule hingingen. Männer Herzen Admini⸗ n Zweck thuſtas⸗ Admi⸗ ermögen ud eben ſch hin⸗ hm der lehrter ches zu en von n. Del iverſität rderung küchtern onſt den Doch nächſten n eigni ehunge doch b au ihrer en, den Haͤnde nſt ſo An neue Einrichtungen war unter dieſen Umſtänden nicht zu denken. Und dieſe Vernachläſſigung traf vor allem in Forſter's Lehrbereiche das Naturaliencabinet, den botaniſchen Garten und die ſpecielle Bücherſammlung. Für alles dies blieben kaum 300 Thaler zu verwenden. Forſter ſetzte ſeine Hoffnung auf den jungen Fürſten Poniatowsky, von dem er briefliche Zuſagen für Ver⸗ beſſerung der mediziniſchen Facultät und der dahin ſchla⸗ genden naturwiſſenſchaftlichen Studien erhielt. Wie die Sachen jetzt ſtanden, konnte der Profeſſor der Chemie, aus Mangel eines noch nicht fertigen Laboratoriums, noch gar nicht leſen. Die Phyſik verfügte ſchon eher über eine Anzahl guter Inſtrumente. Noch beſſer war aber zu⸗ fällig die Sternwarte ausgerüſtet, nämlich durch die Mit⸗ tel des Vermächtniſſes von 12,000 Dukaten einer Dame, die es durch die Sternwarte in ihrer Weiſe auf den Himmel mochte abgeſehen haben. Seelenſtimmung. So lange Forſter in der Beſchränkung auf ſein Amt und ſeine Wiſſenſchaft den ihm von allen Seiten gegebe⸗ nen Zuſagen noch einigermaßen vertrauen konnte, richtete er ſich mit ſeinem eifrigen Beſtreben immer wieder aus den Anwandlungen von Mißmuth auf, der ihn nur all⸗ zubald in ſeiner wilnaer Verlaſſenheit überſchlichen hatte. Wer auch ſollte, von dem Herzensfreund und der Ver⸗ lobten fern, ſich den polniſchen Winter und die polniſche Wirthſchaft nicht verdrießen laſſen? Zu ſeiner Beruhi⸗ gung glaubte er ſich zu überzeugen, daß er in Wilna für ſein Fach beſſer arbeiten könne, als er in Deutſch⸗ land dazu im Stande geweſen wäre; er ſchmeichelte ſich mit dem Nutzen, den er in einem Lande ſtiften werde, wo eben jetzt inmitten franzöſiſch⸗oberflächlicher Erziehung wenigſtens einzelne redliche Männer zu wittern anfingen, daß man ſich auf Abwegen befinde. Sobald freilich ſolche weitausſehende Abſichten ihn an einen dauernden Auf⸗ enthalt in Wilna erinnerten, regte ſich gleich wieder die natürliche Unruhe und eine keimende Unzufriedenheit, ſo daß er ſchnell einen andern Geſichtspunkt für ſeine freiwillige Verbannung in Polen ſuchte.—„»Ich ſehe die Jahre, die ich hier zu bleiben verſprochen habe, ſchrieb er ſeiner Thereſe, als eine neue Vorbereitungszeit an, in welcher ich mich für eine dereinſtige beſſere Lage, wo ich mehr Gelegenheit zu nützen finden möchte, durch meine Studienfortſetzung anſchicke.«— So dachte er alſo, ehe noch der erſte Nutzen geſtiftet war, an den größern, den er ſtiften möchte. Auch in dieſer Abſicht der Welt zu nützen, worauf er in ſeinem Leben immer wieder zurückkömmt, verräth ſich das ihm einmal eigne Streben in's Große und Weite. Ein Naturalien⸗Cabinet war ihm nie reich genug, ein botaniſcher Garten nie ausgedehnt genug; er dachte nur daran ſie zu erweitern, ſtatt zu verſuchen, wie er einſtweilen mit dem eignen Reichthum das Kleine fruchtbar und ergiebig machen könnte. Auch ſcheint er, vielleicht unüberlegt, beim Leh⸗ er Ver⸗ olniſche Beruhi⸗ Wilna Deutſch⸗ ete ſich werde, ziehung nfingen, h ſolche n Auf⸗ der die eit, ſo ſeine h ſehe ſchrieb gsze it eſſere möchte, dachte in den Abſicht immer eigne Labinet ten nle veitern eignen machen n L eh 201 ren vielmehr immer nur das eigne Lernen im Auge ge⸗ habt zu haben. Bald nach ſeiner Ankunft in Wilna hatte der neue Profeſſor ſeine Antrittsrede auszuarbeiten. Das Latein, worin ſie zu halten war, brachte für ihn Schwierigkeiten mit ſich. Er konnte im Kopfe die Worte nicht zuſammen bringen; eine»Ewigkeit von Zeit« wurde fruchtlos auf⸗ gewendet, und es verdroß ihn, daß er ſich gerade in dieſer Sprache ſo gehindert fühlen mußte; da er doch deutſch, franzöſiſch und engliſch ſchreiben könnte,„daß man nicht gerade auszuſpucken und zu ſagen brauche: daß Gott erbarm'’!« Nebenher machte ihm das Polniſche zu ſchaffen, deſ⸗ ſen er bei keinem Handwerker, bei keinem Dienſtboten entrathen konnte. Er ſchalt es eine barbariſche Sprache, worin alle die Conſonanten zu viel ſeien, welche die Ota⸗ heiten zu wenig hätten. Jenen Naturkindern war ſchon der Name Georg zu hart: ſie ſprachen ihn Theori. Wie mag in jenem Winter die Erinnerung an Tahiti ſein Herz bewegt haben! Es mag ihm geweſen ſein, wie in Heine's ſchönem Gedichte der froſtigen Tanne, die in ihrer Winternacht von einer Palme des ſonnigen Südens träumt. Unwohlſein blieb nicht aus nach dem guten Befin— den, das ihn auf der Reiſe begleitet hatte. Da er, am Spätabende von Langemeier herübergekommen, noch eine oder zwei Stunden länger, als er ſollte, mit Leſen und Schreiben wach blieb, und andern Morgens von 5 Uhr an ſich wieder mit Licht an die Arbeit zu ſetzen pflegte; ſo entzündete ſich ſein ſchwächeres Auge. Der alte kaſſeler 2⁰0² Mißmuth über nachlaſſende Arbeitskraft kehrte zurück. Er jammerte, daß er mit ſeinem Kopfe vom Wetter, vom Magen und von ſo viel Dingen außer ihm ab⸗ hange; da es ihm dann ſei, als ob er eine Wand vor dem Verſtand habe, und nichts aufſchließen, nichts her⸗ auslangen könne. Unter dem Augenübel litt auch begreiflicherweiſe ſeine Correſpondenz. Thereſe, durch lange Briefe in kurzen Friſten verwöhnt, nahm die Pauſen nicht ohne Empfind⸗ lichkeit als Vernachläſſigung auf. Ihre Beſchwerde läßt ſich aus Forſter's brieflicher Frage errathen:»Warum, meine Freundin, können Sie noch zweifeln, daß in Ihnen allein mein Glück aufgehoben iſt?«— Dieſer Brief, wider des Arztes Verbot mit dem einen, nicht wie das andre durch einen Deckel beſchützten Auge geſchrie⸗ ben, iſt voll Zärtlichkeit, voll Rührung und wehmüthiger Erinnerung an ſeine Vergangenheit. Er rechnete der Verlobten alles vor, worin für ſie beide eine Gewißheit ihres Glückes liege, ſo weit es von ihnen ſelbſt und nicht von äußern Umſtänden abhange.»Ich weiß, ſchrieb er, daß Ihre Liebe zu Ihrem armen Freunde ihm alles ſchenkt, was ihm das Schickſal ſonſt abgebrochen hat; in dieſem Bewußtſein allein beruhige ich mich, und gewiß kann auch nichts Geringeres mich hier hinhalten, mich ausſöhnen mit der Welt, dem Schickſal und mir ſelbſt.«— Und indem er ihr zu verſtehen gibt, daß ſie in allem reizbarer als er ſei, ruft er aus:»Wir ſind ein Paar alberne Leute, meine Freundin; wir haben jedes faſt die nämliche Demuth und die nämliche daraus fließende Be⸗ zurück. Wetter, mn ab⸗ dd vor s her⸗ ſe ſeine kurzen npfind⸗ d läßt arum, aß in Dieſer ht wie ſſchrie⸗ üthiger tte der wißheit ſt und ſchrieb malles at; in gewiß wich ſorgniß; wenn wir ganz beiſammen ſein werden, wird uns dies alles Thorheit dünken.« Dieſe von Forſter ſelbſt erwähnte Reizbarkeit und das leidenſchaftliche, vielleicht etwas überſpannte Weſen Thereſens ſcheint dem verſtändigen und theilnehmenden Sömmering nicht neu, aber ziemlich bedenklich geweſen zu ſein. Leider fehlen uns ſeine Briefe an Forſter, mithin auch derjenige, der dieſen zu der Verſicherung veran⸗ laßte:»Sei ganz ruhig in Betracht meiner Wahl mit Thereſen! Ich bin gewiß, daß ich gut und für die Zu⸗ kunft glücklich gewählt habe.« Es iſt kein Widerſpruch, daß Forſter in demſelben Briefe geſtand, er würde, wenn frei geweſen, ſich in Wien haben feſthalten laſſen; denn, wie er verſichernd hinzufügte, ſollte es ihn nicht gereuen, ſeiner häuslichen Glückſeligkeit und einer lebenslangen Zufriedenheit das glänzende Wien geopfert zu haben, zu dem er nun erſt in Wilna die Lehrjahre beſtehen müſſe. Mit der häus⸗ lichen Zufriedenheit zielt er wohl nur auf ſein erſprieß⸗ licheres Einkommen, auf die Vorſchüſſe und Vortheile ſeiner jetzigen Stelle; doch hatte ſich auch merkwürdiger⸗ weiſe Thereſe für Wilna mit Abneigung gegen Wien entſchieden. Die herzliche Aufnahme, die ihr Georg in dortigen Familien gefunden, die Abſchiedsthränen jener liebenswürdigen Wienerinnen ſcheinen ihr doch empfindlich geweſen zu ſein; wenigſtens vertraute Forſter in ſeinem vorerwähnten Briefe dem Freunde, daß ſeine Thereſe in ihren zärtlichen Zeilen eine Eiferſucht über die Gräfin Thun nicht habe unterdrücken können. Er lächelte dabei des Mißverſtändniſſes in Betreff einer edeln Dame, die drei erwachſene Töchter und einen erwachſenen Sohn habe. Was ſollen wir aber dazu ſagen, wenn Forſter in demſelben merkwürdigen Erguſſe gegen den Herzensfreund ungeachtet jener edeln Zuverſicht auf das Glück ſeiner Wahl ausruft: »Sieh', lieber Bruder, denke daran, ich ſag' es Dir voraus, Thereſe wird ſich eher von Wilna wieder wegwünſchen, als ich; oder ſie müßte mich mehr lieben, als ich es hoffen, fordern und begreifen kann. Sie iſt enthuſiaſtiſch in der Liebe, und deſto furchtſamer bin ich wegen der Dauer.⸗ Ein Bangen überkömmt uns bei der Liebe und Hoffnung eines Bräutigams, der die Seele ſeiner Ver⸗ lobten ſo abwägt, daß er, die Bedenken des Freundes verwerfend, den ſchwerſten Zweifel doch ſelber in die Wagſchale drückt. Wahrhaft beängſtigend aber wird für uns dieſe Betrachtung durch ein weiteres Bekenntniß Forſter's über ſeine eigene Empfindung. Sömmering's Briefe waren nämlich überlang ausgeblieben, und der verlangende Forſter auf den Gedanken gefallen, der Freund könnte plötzlich erkrankt und geſtorben ſein. Ein Condolenzbrief, den er von andrer Seite empfangen hatte, brachte ihn auf dieſe traurige Vorſtellung. Wir laſſen nun Forſtern ſelbſt die Empfindungen einer Freund⸗ ſchaft ausdrücken, die ſo hoch und edel getragen, man⸗ chen nur als poetiſche Offenbarung erſcheinen dürfte. Er ſchrieb: »Ich habe Dich ſchon als einen vom Himmel mir entriſſenen Freund beweint. Ich habe deshalb noch keine e, die habe. ſter in ffreund ſeiner ſag es wieder anntniß tring nd der , der Ein fangen Wir reund⸗ man⸗ e. Er 205 vergnügte Stunde hier in Wilna gehabt. Ich machte mich gefaßt, Dir zu folgen in jene Welt; ich war ſinn— los und gefühllos gegen alle Freundſchaft, die man mir hier bewies. Ich haßte mein Daſein. Gottlob! daß Du lebſt, geſund biſt und auf dem Wege, durch Liebe glücklich zu werden, und das erſetzt zu bekommen, was Du an Deinem armen Freund verlorſt. Der Gedanke, daß Dir die Trennung von mir ſo ſchwer ward, daß Du vielleicht aus Unmuth könnteſt geſtorben ſein, daß ich alſo mit ſchuld daran ſei, beugte mich bis zur Ver⸗ zweiflung. O mein einziger, mein herzgeliebteſter, mein oft zurück gewünſchter und geſeufzeter Freund, ich habe es bitterlich bereut, daß ich mich von Dir trennte, und ich bereue es noch, da ich weiß, daß Du lebſt und wohl biſt. Allein ſei nur zufrieden; ich bin Mannes genug, um mich zu faſſen, um Alles, was iſt, ſo wie es iſt, gut zu finden, folglich auch unſere Trennung. Vielleicht würde ich in's andre Extrem zu leicht gefallen ſein, wenn ich nicht ſo lebhaft, ſo feurig, ſo unwiderlegbar durch unſere Trennung fühlte, daß es noch jenſeit dieſes Lum— penlebens eine beſſere Exiſtenz geben muß. O Freund, o Bruder Sömmering, wenn es nicht möglich ſein ſollte, daß wir hier noch neben einander wohnen; ſo muß, ſo wird es gewiß noch ein Leben nach dem Tode geben, wo wir gemeinſchaftlich unſer Weſen treiben müſſen. Selbſt die Liebe weicht dem Seelenbündniß, welches mich an Dich kettet. Ach, mein Einziger, Beſter, ich jammerte nie ſo nach etwas, wie ich nach Dir gejammert habe.« Wenn man die Gluth dieſer Empfindungen mit der gedankenvollen Vernünftigkeit der Briefe an Thereſen vergleicht, das innige Du für Sömmering dem anſtän⸗ digen Sie an Thereſen gegenüber hält: ſo möchte man glauben, daß Liebe und Freundſchaft in Forſter's Herzen ihre nachbarlichen Kammern vertauſcht hätten. Jedenfalls beſtätigt es uns in der ſchon gefaßten Meinung, daß Forſter mehr für die Freundſchaft, als für die Liebe geſtimmt geweſen ſei. Es ſteht vielleicht aber auch da⸗ durch, daß Liebe zunächſt zum Glück des Hauſes, Freund⸗ ſchaft mehr zur Wirkſamkeit in der Welt hinſtrebt, in nothwendigem Zuſammenhange mit der Polarität oder Wechſelwirkung der bewegenden Kräfte in Forſter's We⸗ ſen überhaupt. Doch können wir nicht ohne Beſorgniß einem Bund entgegenſehen, den von der einen Seite eine in ihrer Dauer zweifelhafte— von der andern eine in ihrer Macht untergeordnete Liebe knüpfen wollen. In dieſer wunderbaren Lage, worin Forſter mit dem heißen Herzen empfand, was er verloren, und mit dem beſonnenen, was er zu hoffen hatte, blieb es doch der Gedanke an Thereſen und ſeine künftige Einrichtung, was ihn den langen Winter hindurch erhob. Denn manche Unruhe und Ungeduld beſtürmte in jenen trüb⸗ ſeligen Monaten ſein Herz. Wir erinnern uns, daß er nach abgelegter kaſſeler Schwärmerei ſich dem fröhlichen wiener Leben hingab. Wir nahmen es für einen Rückſchlag nach außen. Jetzt, in ſeinem wilnaer Unbehagen, kam mehr und mehr der Gedanke in ihm auf, er ſei doch für ſo manches innige Gefühl, für die Art des Genuſſes, den die volle Ju— gendblüthe giebt«, ſchon zu alt, und altere mit jedem thereſen anſtän⸗ te man Herzen denfalls g, daß e Liebe uch da Freund⸗ bt, in t oder 6 Wer orgniß Seite andern wollen er mit nd mit es doch chtung, Denn trüb taſſelen iingab. Jetzt hr der innige le Ju⸗ jedem Tage. Daher angetrieben, jeder unſchuldigen Freude entgegen zu eilen, und die einzig beglückende, vollgenü⸗ gende ſo bald wie möglich zu erreichen, ward er unge⸗ duldig und mißmüthig über alles, was ſeinen Lieblings⸗ wünſchen widerſtrebte, oder den Zeitpunkt ſeines innigen Glückes hinauszurücken Miene machte. So ſchlug die Weltluſt, in die ſeine heimliche Schwärmerei umgeſchla⸗ gen war, wieder in Grübelei zurück. Da fing er, wie nur von fern der Frühling ſich wittern ließ, die Monate und Wochen zu zählen an, bis er nach Göttingen zu ſeiner Verbindung eilen könnte. In die träge Zeit mußte er ſich mit Gelaſſenheit ergeben: deſto lebhafter ließ er den Verdruß aus, den ihm ſeine häusliche Ein⸗ richtung verurſachte. Dienſtboten und Handwerker waren zum Verwünſchen. Kaum dürfen wir uns ſo derb aus⸗ drücken, wie Forſter es in ſeinen Briefen that, ſo oft er von der Ungeſchicktheit der polniſchen Köchinnen, von ihrer Unſauberkeit ſpricht, und daß Weibsbilder wie Mannsperſonen ſich wöchentlich wenigſtens einmal»him⸗ melhagelvoll in Branntwein beſöffen«; wobei ſte, mit ihrem eigens Gekochten ſelbſt unzufrieden, auf Faſttage wenigſtens drei Schritte weit nach dem ranzigen Hle röchen, womit ſie alles»fräßen«. Die Handwerker aber könnten und wollten nicht arbeiten; ihre Leiſtungen blie⸗ ben unter aller Kritik, während ihre Preiſe alle Gebühr überſchritten. Der Freund ſah keinen Rath, als dem nächſt deutſche Dienſtboten mitzubringen, und berliner Möbel kommen zu laſſen. Schon hier, im Junggeſellenleben Forſter's, betreten wir ihn auf der Eigenheit, daß— wenn er die Unbe⸗ 208 quemlichkeiten einer Weltfahrt nicht haben konnte, er in Wohnung und Hauseinrichtung deſto mehr Behagen ver⸗ langte, und dafür mehr that, als nothwendig war. In ſolchen wechſelnden Stimmungen verlebte Forſter den ſchwermuthvollſten Winter ſeines Lebens. Er konnte ſich nicht in ſeine Lage finden, und ſo entfernt von dem Freunde und der Verlobten keinen beruhigenden Mittel⸗ punkt in ſeinem Lebenskreiſe gewinnen. Er vereinſamte inmitten einer ihm zuthätigen, aber nicht anziehenden Geſellſchaft. Denn für innigen Umgang hatte er, ſelbſt an den Profeſſoren, außer Langemeier keinen Menſchen. Me non capit haec schola! war ſein Spruch. Was halfen ihm einige gutherzige Menſchen, die ſeinem Kopfe keine Nahrung boten, wie Forſter ſie haben mußte! Auch von der lieben polniſchen Natur konnte er vor Mitte Mai keine Unterſtützung erwarten. Wie lebhaft dachte er dann an das erſt ſo gern verlaſſene Kaſſel! »O mein Sömmering, ſchrieb er,— der Weg nach der Waldau, die Allee im Augarten, wo wir ſo manchmal Eins philoſophirten, und das wurden, was wir ſind, uns herauswandten aus dem Schlamm von Schwärmerei, worin uns der Teufel geführt hatte,— die finde ich nicht wieder!« Kamen nun noch Rheumatismen und Augenentzün⸗ dung dazu: ſo ſetzte es eine wahre Verzweiflung ab, und der Wunſch zu ſterben, wandelte ihn nicht bloß aus Verzweiflung an, ſondern er hielt ihn mit überlegendem Stolze feſt. Durch den Tod, bildete er ſich ein, der Verlegenheit zu entgehen, der Reue, daß er ſelbſt dies Wilna gewählt habe, wo er ſich ſeine Thereſe nicht e, er in gen ver⸗ gr. Forſter r konnte von dem Mittel⸗ reinſamte jehenden r, ſelbſt henſchen. Was Kopfe mußte! et vor lebhaft Kaſſel! nach der nanchmal vir ſind, armerei inde ich nentzün⸗ ung 1 lloß alt legenden ein, dei lbſt die iſe nich 209 glücklich denken konnte. Thereſe,»die ihm ſo zärtliche Briefe ſchrieb,« konute ſie in dieſem traurigen, abſcheu⸗ lichen Neſte, in dieſer baufälligen Hütte, unter dieſen Thieren in Menſchengeſtalt auch nur einen freudigen Au⸗ genblick leben? Und er ſelber— konnte er auf etwas anderes, als auf Thereſens blinde Liebe rechnen, die ihr über alles, was ſie ſehen, riechen, hören und ſchmecken würde, einen täuſchenden Zauber werfen müßte?— »Das, Bruder, das zerrüttet meine Seele! ſchrieb er an Sömmering. Ich bin ſo dumm, ſo leer, ſo gedan⸗ kenlos, ſo abgeſchmackt, wie ausgedroſchenes Stroh, wie taube Spreu, wie dürre Späne, und nirgends um mich glimmt irgend ein Fünkchen des heiligen Feuers vom Himmel, des Verſtandes und Witzes, das mich anzünden könnte.« Wirklich muß der arme Freund, als er dies ſchrieb, im tiefſten Mißmuthe geweſen ſein; ſonſt hätte er wohl ſelbſt über dieſe gefährliche Zuſammenſtellung von Bil⸗ dern gelächelt, die ihn zu einem Gegenſtande der Brand⸗ verſicherung machen mußte. Eins war indeſſen, was in ſeinem Mißmuthe, wenn er aus Verzweiflung hätte aufbrechen und davon rennen mögen, ihn ſo zu ſagen warnend am Ohr zupfte: er ſtak eben bis an die Ohren in Schulden, und konnte an ein Wegkommen nicht denken. Die Erziehungs⸗ Commiſſion hatte ihm zur Ausgleichung ſeiner Verbind⸗ lichkeiten in Kaſſel 830 Dukaten nebſt 200 Dukaten Reiſegeld geſchickt, und nachher geſchenkt, die ihm aber, falls er jetzt, oder vor Ablauf der acht Jahre ſeines Vertrags, die Univerſität verlaſſen wollte, zu erſetzen 14 210 oblagen. Überdies war er von noch weiter erborgten Reiſegeldern noch 100 Dukaten ſchuldig, und hatte zu ſeiner nothdürftigen Einrichtung ein halbjähriges Gehalt voraus genommen. Ohne 1500 Dukaten konnte er mithin nicht vom Fleck kommen; ungerechnet was ihm auch dann noch der Rücktransport und irgend eine anderweite Einrichtung koſten würden. Dies war ein Gewicht, ein goldner Anker, der auch den ſchwankendſten Menſchen unter allen Stürmen des Unmuthes feſthalten konnte. Wo wäre jetzt in dem gefrorenen polniſchen Boden die Hufeiſenſtapfe zu finden geweſen, mit zurei— chenden Guineen ausgefüllt?— Wer durch ſo ſchwere Ziffern ſich zur Ergebung genöthigt ſieht, legt gern auf die geringſte Hoffnung ein doppeltes Gegengewicht. So ging es Forſtern gegen das Frühjahr. Einer ſeiner Brüder hatte gewünſcht, danziger Conſul in Liverpool zu werden. Forſter wen⸗ dete ſich um Rath an ſeinen Gönner, Baron Scheffler. Dieſer ging ſofort den König an, und erwirkte ein Für— ſchreiben deſſelben an den Magiſtrat in Danzig. Bei dieſer Gelegenheit hatte der König die Zuſage gegeben, was in ſeiner Macht ſtehe, anzuwenden, daß Forſter ſeine Stellung in Wilna nicht bereuen ſolle. Mit dieſem neu erweckten Vertrauen gewann der Freund ſchnell ſo viel Faſſung, um ſeiner Unzufrieden⸗ heit eine Berechnung der Vortheile entgegen zu halten, die doch mit ſeiner Verſetzung nach Polen in Anſchlag kämen.—»Die Erfahrung, die ich durch dieſe Orts⸗ veränderung gemacht habe, ſagte er ſich, iſt theuer bezahlt, aber doch auch viel werth; ich mußte erſt ſchwarz borgten zatte zu Gehalt unte er as ihm d eine var ein kendſten ſthalten lniſchen zurei gebung pffnung gegen vünſcht er wen⸗ ſcheffler. n Für⸗ Bei egeben, r ſeine un der frieden halten inſchlag Orté theuel ſchwar gegen weiß halten, um zu wiſſen, was weiß ſei. Daß ich den vollen Werth von vielen Dingen und namentlich von der Freundſchaft einſehe, danke ich doch meiner Her— reiſe. Auch viel Ausbildung und Aufklärung hat mein Geiſt erhalten, die ich, in Kaſſel geblieben, nicht erlangt hätte. O ein Stoß, der uns ſo auf einmal aus dem Centrum, worin wir lange ruhten, oder uns regelmäßig um unſere Are bewegten, herausprellt, giebt ſo viel neue Erſchütterungen, daß man unzählig Neues in ſich und Andern gewahr wird.« Alſo war es doch wieder die Empfindung einer Weltbewegung, die dem Freunde Faſſung und Muth gab. Und gleich regte ſich auch in der edeln Seele die Schwinge des Scherzes und der Flug des Gedankens. »Sieh', ſchrieb er an den mainzer Freund, ich hätte Dir in Deutſchland keine lateiniſche Rede zu Stande gebracht, gut oder ſchlecht. Hier mußte es durchaus ſein; ich mußte nolens, volens, die Naſe in den Cicero ſtecken, und eins, wenn's gleich nicht gehauen und geſtochen iſt, herauspfuſchen.——— Hier kann ich doch in aller Ruhe durch Fehler klug werden; denn ich kann unbe⸗ merkt fehlen und Fehler gut machen. Durchaus ſehe ich Wilna als einen Raupenſtand für mich an. Ich bin auf 8 Jahre gebunden; darnach kommen die Flü⸗ gel, und das vollkommne Inſekt wandelt ſeiner Beſtim⸗ mung nach.« Ausſichten. Indeß, wie dieſe letzte Verwandlung in ziemlicher Ferne lag, war der unbefriedigte Forſter einem Zwiſchen⸗ wechſel innerhalb des Raupenſtandes, als ein folcher ſich darbot, eben nicht abgeneigt. Langemeier, der tüchtigſte Arzt in Wilna, mochte des Freundes bedrängte Verhältniſſe kennen, und brachte ihn auf den Gedanken, das ihm in den mediziniſchen Kenntniſſen noch Fehlende nachzuholen, ſodann in Deutſch⸗ land zu promoviren, und allmählich in Wilna zur ärzt⸗ lichen Praxis überzugehen. Ein Vorſchlag, der ſich für die wilnaer Verhältniſſe ſehr empfahl. Forſter hatte ſchon wahrgenommen, wie ängſtlich die reichen und vor⸗ nehmen Polen am Leben hingen, das ſie doch nur auf die nichtswürdigſte Weiſe zu verbrauchen wußten. Sie ſchätzten daher von allen Wiſſenſchaften eigentlich nur die Arzneikunde; aber ſie bezahlten dafür auch reichlich. Profeſſor Biſio, der ſchlaue Italiener, hatte, ſo lange er der einzige Arzt war, durch vorausbedungene übermäßige Deſerviten ein bedeutendes Vermögen erworben, war aber, ſeitdem der ehrliche Langemeier das Voraushan⸗ deln und Vorausbezahlen abgeſchafft, aus aller Praxis gekommen. Außer Langemeier trieben aber nur noch zwei Juden, die in Königsberg promovirt, aber wenig profitirt hatten, die Praris. Dies waren einleuchtende anlicher viſchen⸗ her ſich mochte rachte niſchen eutſch⸗ r aͤrzt⸗ ich für hatte d vor⸗ ur auf Sie h nur ſichlich. ige er näͤßige war löhan⸗ Praris noch wenig. btende 213 Umſtände. Und Langemeier wußte dem Freund die Sache leicht zu machen durch die Vorſtellung, daß man einem Manne wie Forſtern die Würde eines Doctors der Medizin, wenigſtens ehrenhalber, ohne Umſtände ertheilen würde. Ohnehin hätten auch ſeine Vorgeſetzten den berufenen Profeſſor der Naturwiſſenſchaften gar gern als Doctor der Medizin ankommen geſehen. Forſter ging auf den wohlmeinenden Vorſchlag um ſo lieber ein, als er auf dieſem Wege einen Erſatz ſeines literariſchen Erwerbes zu gewinnen hoffte. Dieſer war in der Entfernung von Deutſchland und bei dem Man⸗ gel an literariſchen Hülfsmitteln ſehr unſicher für ihn geworden. So verband ſich allmählich mit der im Sommer bevorſtehenden Fahrt zur Hochzeit der Gedanke einer Doctor⸗Promotion. Inzwiſchen hatte Freund Sömmering, ſeit dem October Profeſſor der Anatomie und Phyſtologie in Mainz, ſeinen erſten dortigen Winter eben auch nicht behaglich überſtanden. Die kaſſeler Furcht vor den Ro⸗ ſenkreuzern hatte ihn am Rheine nicht verlaſſen. We⸗ nigſtens laufen durch Forſter's Briefe Andeutungen der Art, von Sömmering veranlaßt. So ſchrieb er ihm, daß er von allem, was die Roſenkreuzer in Preußen angehe, Kenntniß habe, daß der König ſelber Roſen⸗ kreuzer ſei, und Wöllnern wie Biſchofswerdern beide als Roſenkreuzer befördert habe. Auch dort ſeien vielen Mitgliedern die Augen darüber offen, daß die armen Sünder des Ordens nichts wüßten, und ſchwerlich mit den Jeſuiten in Verbindung ſtänden. Übrigens trieb dieſer Geheimbund auch in Polen ſein Weſen. Es gab 214 hier deutſche Roſenkreuzer, und der König Poniatowsky ließ beſtändig auf den Stein der Weiſen fortarbeiten, an der Überlieferung feſthaltend, daß ſein Vater denſel— ben wirklich ſchon beſeſſen habe. Aber auch die Trennung von Forſtern mag für Sömmering kummervoll geweſen ſein. Ob in dem Grade wie bei Forſtern, läßt ſich nicht ermitteln, da uns die Briefe fehlen, aus denen der Wärmegrad der Freund⸗ ſchaft Sömmering's zu meſſen wäre. Nur ein kleines Denkmal ſeiner Geſinnung haben wir an der Widmung einer kleinen Schrift, die in Kaſſel abgefaßt, und zu⸗ erſt in Mainz gedruckt, der Zeit dieſes Übergangs an⸗ gehört. Sömmering hatte aus der kleinen Negercolonie des Landgrafen Friederich, in der Nähe von Schloß Weißen⸗ ſtein, mehrere Leichname beiderlei Geſchlechts zergliedert, mit dem Bau des Europäers verglichen, und die Ver⸗ ſchiedenheit in einer Abhandlung entwickelt. Dieſelbe er⸗ ſchien gewidmet—»Seinem vertrauten Freunde, dem Welt- und Menſchenkenner Georg Forſter« mit der An⸗ rede:»Du, mein Forſter, haſt auf die Beurtheilung dieſer Zeilen das erſte Recht. Uns band Vaterland, Al⸗ ter, gemeinſchaftlicher Eifer zur Naturkenntniß und— —— außer mehreren zufälligen Umſtänden eine täglich innigere Freundſchaft. Uns trennte Enthuſiasmus, der Welt, ſelbſt mit Aufopferung der angenehmſten äußern Lage, zu nützen. Die vollkommenſte Harmonie der Den⸗ kungsart, die unſere Entfernung noch mehr bewährte, wird uns wieder vereinigen.«— Dürften wir an der Innigkeit dieſer Empfindung ttowskh rbeiten, denſel⸗ ag für Grade uns die Freund⸗ kleines idmung nd zu⸗ gs an⸗ nie des Leißen⸗ gliedert, je Ver⸗ elbe er⸗ 2, dem er An⸗ heilung täͤglich g, der außern r Den⸗ währtt, Pndung zweifeln, die in ihrem letzten Worte ſogar prophetiſch war? Leider ſollte die Harmonie der Denkungsart, die beide Freunde demnächſt wieder vereinigte, eben an die⸗ ſer Wiedervereinigung ſcheitern! Endlich erwachte denn auch die träge Frühlingsna⸗ tur um Wilna. Die Tannenwälder auf den nahen Sand⸗ hügeln trieben ihre lichtgrünen Zweigſproſſen; die magre Pflanzenwelt öffnete ihre matten Blüthenaugen; aber ihre Armuth verlockte den Botaniker nicht, ſeine Herbarien zu bereichern. Kein Vogel belebte das Gebüſch; denn die Unzahl der wilnaer Müſſiggänger, die auf die Jagd liefen, verſcheuchten alles bis auf die letzte zwitſchernde Kehle. Andre Strichvögel trafen dafür ein, und verun⸗ zierten den holden Mai: der polniſche Adel kam 20 bis 30 Meilen weit nach Wilna zur Mai⸗Cur, um unter Anleitung der daſigen Ärzte zu purgiren, zu vomiren, zur Ader zu laſſen, oder die Molken zu trinken. Für die Ärzte war's eine Frühlingsernte, da ſie für die Be⸗ handlung 10 bis 50 Dukaten von der Perſon erhielten. Leider practicirte Forſter noch nicht, und andern Antheil an dieſer Frühlingsbewegung zu nehmen, fand er ſich wenig geſtimmt. Sein Herz war unruhig von Verlan⸗ gen nach Deutſchland und aus Ungewißheit über ſeine Verbindung mit Thereſen. Hofrath Heyne hielt noch immer mit ſeiner Zuſtimmung zurück. Entſchiedner trat die Hofräthin auf. Eingenommen für den liebenswür⸗ digen Weltumſegler, und mit dem Entſchluſſe der Stief⸗ tochter vertraut, legte ſie ohne weiteres Hand an The— reſens Ausſtattung. Dieſe gab Forſtern gute Winke: daß der Vater nichts dagegen eingewendet, jüngſt viel— 216 mehr 10 Louisd'or zum Ankauf von noch mehr Leinwand dargeboten habe. So nahm denn Forſter Mitte Mai allen Muth zu⸗ ſammen, dem Vater Heyne die Gründe, weßhalb er jetzt die Tochter zu holen käme, auseinander zu legen. Und um jedem Einwande vorzubeugen, ſetzte er gleich die Zeit ſeiner Ankunft in Göttingen feſt. Gegen Ende Juni dachte er von Wilna abzureiſen. Er lud ſchon Sömmering zur Hochzeit ein, und verſprach ihm, dem Anatomiker, einen ſkelettirten Biber- und Bärenkopf zum Hochzeitſchmauſe mitzubringen. Da überfiel ihn gerade um die zur Abreiſe beſtimmte Zeit eine heftige Krankheit, die ihn 14 Tage lang zwi⸗ ſchen Leben und Tod in der Schwebe hielt. Die Ärzte behandelten ihn auf ein Faulfieber.—— Forſter war nicht mehr abergläubig, wie früher, um etwa dieſe, in ſo bedenklicher Zeit eingefallne Ab⸗ haltung für eine höhere Warnung vor dem verhängniß⸗ vollſten Schritte ſeines Lebens zu nehmen. Auch ließ der Anfall ſich aus den Eindrücken des Klima, aus den Nachwirkungen ſo vieler Unruhe und Gemüthsbewegungen auf einen, vom Skorbut der Südſee durchgohrnen Kör⸗ per nur allzuwohl begreifen. Nach den 14 Tagen des Fiebers gönnte ſich Forſter nur noch 14 Tage der Erholung; worauf er, um 4 Wochen verſpätet, die 200 Meilen ſeiner Fahrt nach Göttingen mit dem beſten Vertrauen auf Thereſen und ihre Leinwand antrat. nwand th zu⸗ alb er legen. gleich Ende ſchon „ dem pf zum mmte Drittes Buch. zwi⸗ Ärzte rüher, e Al⸗ ngnif⸗ h ließ s den ungen Flitterwoche. In der Frühe eines ſchönen Sonntags im Auguſt 1785 traf Forſter in Göttingen ein, und wurde in Heynes Hauſe als Sohn empfangen. Freund Sömme⸗ ring verweilte ſchon, auf der Reiſe zur Hochzeit, im nachbarlichen Kaſſel. Forſter benachrichtigte ihn durch ein Billet vom 22. Auguſt von ſeiner Ankunft, und lud ihn nach Göttingen ein. Ihn ſelbſt abzuholen konnte er ſich ſo früh nicht losreißen; wiewohl er ſpäter doch nach Hofgeismar ging, um Jacobi zu ſehen, deſſen Ankunft ſich aber ſo verzögerte, daß er ſie nicht abwarten durfte. Während der 16 Tage, die Forſter in Göttingen zubrachte, lernten die Verlobten einander durch traulichen Umgang doch eigentlich erſt genauer kennen. Wenigſtens hatte Thereſe, abweichend von Forſter, der ſie wie alles Neue mit Vertrauen ſchwärmeriſch umfaßte, hinter dem Briefwechſel her noch allerlei Mißtrauen und Beſorgniſſe behalten. Viel Bitterkeit gegen die Menſchen und wenig Erwartung von ihnen war ihr einmal eigen. Sie traute, 220 nach ihrem eignen Geſtändniſſe, Niemanden das Beſte — und ſich ſelbſt nicht zu, daß ſie immer gut bleiben könne. Für Forſtern hatte ſie ſich entſchloſſen, weil er ihr unter den andern Bewerbern als der Beſte erſchien. Wie ſte ſich ſtets nur einen Mann gewünſcht hatte, den ſie glücklich machen könnte; ſo hielt ſie den Freund ge⸗ rade für Denjenigen, der es eben durch ſie am meiſten würde. Um die künftige Hausfrau in ihrem Thun und Laſ— ſen zu verſtehen und zu würdigen, dürfen wir die Stim⸗ mungen und Bedenken der Braut nicht unbeachtet laſſen. Solche Gemüther, die nicht von einer leidenſchaftlichen Empfindung zu einem Manne hingezogen werden, faſſen auch nicht leicht ohne Abſicht und beſondere Veranlaſſung den Entſchluß, überhaupt zu heirathen, und wirklich ſcheint bei Thereſen nicht das Herz, ſondern verſtändige Überlegung den Ausſchlag gegeben zu haben. Sie ver⸗ hehlte nämlich Forſtern nicht, daß ſie gern ihr väterliches Haus verlaſſen möchte, theils um den nachwachſenden Geſchwiſtern Platz zu machen, und durch ihr Verbleiben keinen Grund zur Unzufriedenheit zu geben, theils auch um des Vaters Sorgen zu erleichtern. Außerdem waren ihr bei freier Sinnesweiſe und etwas ungebundner Art mancherlei Menſchen, die im Hauſe ab und zu gingen, verdrießlich und widerwärtig; wie ſte denn überhaupt einen Widerwillen gegen das kleinſtädtiſche Göttingen nicht verbergen mochte. So, mit befriedigtem Verſtand und wagendem Her⸗ zen, flüchtete ſich Thereſe an Forſter's Bruſt. Und der Glückliche hielt in der Weiheſtunde des Bundes neben Beſte leiben eil er chien. den d ge⸗ teiſten nſſen. ichen aſſen ſung rklich ndige ver⸗ liches enden eiben auch aren 221 dem heißer geliebten Freund ein Weſen feſt,»an dem ſeine Liebe ſich noch ſteigern, und eine durch Freund⸗ ſchaft nicht zu befriedigende Seite“ erobern konnte. Die Trauung fand anfangs September ſtatt, und das ver⸗ bundne Paar trat demnächſt die Heimreiſe nach Polen an,— Thereſe, wie ſie von ſich ſelber ſagt, mit leich⸗ ten Sinnes gefaßtem, aber feſtem Entſchluſſe, jedes Schick⸗ ſal mit Georg zu theilen. Forſter machte, um Goethe zu beſuchen, am 14. September Station in Weimar. Nach der Mittagtafel bei Hofe brachte er mit Thereſe und in Geſellſchaft von Herder, Wieland und Thereſens gothaer Freundin Amalie Seidler den Abend bei Goethe zu. Eben ſo verweilte er in Berlin, um ſeine junge Frau bei alten Freunden einzuführen. Thereſens gutes geſellſchaftliches Benehmen überraſchte ihn zu ſeiner Befriedigung. Er ſollte immer neue Seiten an ihr entdecken. Er beſuchte Dohm, Ni⸗ colai u. a. Die Roſenkreuzerei intereſſirte ihn doch im⸗ mer noch. Zwar ein ehemaliger Bruder, Theden, hielt über dieſe Angelegenheit tiefes Schweigen; von andern aber vernahm Forſter, daß die Brüderſchaft—»ſeelen⸗ zage«, und eine andre Verpuppung an dem geheimen Jeſuitismus ſuche. Beim Eintritt in Polen,— es war am 9. October — nahm das reiſende Paar ein kleines Unglück, ſah es jedoch für kein böſes Vorzeichen an. Eine Meile vor Poſen nämlich warf der Wagen in einer Regenpfütze um, und ſie mußten ihre Sachen am Ofen zu trocknen ver⸗ weilen. Forſter ſchrieb von hieraus an Jacobi; indem er mit dem Gefühle ſeines neuen Glückes und einer ſchwärmeriſchen Schilderung ſeiner Thereſe ſein Scheiden aus Deutſchland an die erſte, erinnerungsvolle Station ſeines frühern Eintrittes anknüpfte, und ſich entſchuldigte, daß er den verehrten Freund aus Mangel an Zeit nicht habe heimſuchen können. Jacobi hatte eben ſeine»Briefe über die Lehre des Spinoza« herausgegeben. Forſter zeigte den Empfang des ihm zugefertigten Exemplars mit der Betrachtung an, daß er ſein Wähnen über Alles, was Metaphyſtk und Theologie betreffe, wohl nie mehr für etwas anderes als bloßes Wähnen halten werde; da es ihm ganz un⸗ möglich ſcheine, hierüber je Gewißheit zu erlangen, ſo lang wir ſeien, was wir eben ſeien: Weſen die nur Eindrücke leiden, nur Bewußtſein haben von den anzie⸗ henden und abſtoßenden Kräften der Natur und die weder in das Weſentliche ihres eignen, noch irgend eines andern Geſchöpfes eindringen können. Bei Gelegenheit des überſchickten Buches hatte Ja⸗ cobi hinſichtlich der verwandelten Denkungsart Forſter's die Außerung gethan, daß der Freund wohl nicht ohne Gefahr der Rückkehr von einem Extrem in's andre übergegangen ſei. Darauf erwiderte Forſter mit einer Geſinnung, die man heute wieder den verfolgungsſüch⸗ tigen Zeloten des Tages nicht entſchieden genug entgegen halten kann.»Ich weiß nicht, ſagte er, ob es einen Grad von Einſicht geben kann, der mich wirklich zu⸗ rückführen könnte. Das aber weiß ich gewiß, daß ich Wahrheit nie zurückſtoßen werde um des Gewandes willen, das ſie tragen mag, daß ich eigentlich nur ſie ſuche, oder den Schatten von ihr, der uns Sterblichen cheiden tation ddigte, nicht te des pfang chtung phyſtt nderes 3 un⸗ n, ſo nur anzie⸗ weder eines te Ja⸗ rſter's ohne andre einer ſüch⸗ gegen einen zu⸗ „daß andes ur fie lichen 223 zu ſehen und zu faſſen vergönnt iſt, und daß ich, ich mag in dieſer Rückſicht denken und wähnen was ich will, in jeder andern bleiben werde, was ich bin,— der Freund meiner Freunde, der nur in ihnen lebt, der Freud' und Leid mit ihnen brüderlich theilt, und der es ſehr gut fühlt, daß, wenn gleich aller Genuß auf⸗ hört, wo völlige Vereinigung ſtatt findet, dennoch keine wahre Freude dem Menſchen gegeben ſei, als die, von homogenen Seelen angezogen zu werden, und ſie anzuziehen.“« So ſtoßen wir, wunderlicherweiſe an der polniſchen Grenze, in Forſter's Meinung von Jacobi auf einen Wendepunkt, der ſich bald mehr hervorheben wird. Doch, wir folgen den Reiſenden, die ihre Sachen getrocknet haben. Erſt als ſie Warſchau erreichten, brachte Forſter ſeine häusliche Einrichtung in Wilna zur Sprache. The⸗ reſe hatte ſich die geringſte Vorſtellung davon gemacht, und bereit, wie ſie ſolche auch finden werde, ſie gut zu heißen, hatte ſie aus Schonung für den lieben Mann nicht darnach fragen mögen. Sonderbare Zurückhaltung, wunderliches Zartgefühl zweier Neuvermählten über einen Gegenſtand, der ſonſt ſchon den Verlobten die reizendſte Unterhaltung gewährt! Nun freute ſich die junge Frau um ſo mehr zu erfahren, daß eine erträg⸗ liche Wohnung und die Anfänge einer Hauswirthſchaft ihrer warteten. Und bei ihrer Ankunft in Wilna, wo ſie nach den warſchauer Beſuchen und Vorſtellungen erſt in der zweiten Novemberwoche eintrafen, freute ſich auch Forſter, daß die Wohnung nach ſeinem Verlangen wirk⸗ lich ausgebeſſert, mit einer neuen Treppe, neuen Fuß⸗ böden und doppelten Fenſtern verſehen war. Thereſe be⸗ zeigte ſich ſehr zufrieden damit. Und da Forſter über⸗ dies durch Verwilligungen der Erziehungs⸗Commiſſton ſich aus ſeiner Verlegenheit wegen der Reiſekoſten geriſ⸗ ſen, und durch einen Zuſchuß von 4000 polniſchen Gul⸗ den zum Fonds für Bibliothek, Kabinet und botaniſchen Garten unterſtützt ſah, ſo fühlte er ſich über alle Wünſche hinaus gehoben. Dieſe Zufriedenheit mit der nächſten Umgebung kam dem neuen Liebesleben des glücklichen Paares zu Statten. Jetzt ging Forſtern im winterlichen Hauſe eine innere Welt auf. Im Gefühl wie Eins für das Andere ſorge, Eins das Andere erleichtere, der Haushalt von einer rechtſchaffenen Frau, die Geſchäfte von einem beſonnenen Manne richtig geführt werden, und die Außenwelt an Bedeutung verliere, was das Haus gewinne, erklärte er die Ehe für den glücklichſten Zuſtand auf Erden.—»Ich ſterbe nach gerade der Welt ab, ſchrieb er anfangs De⸗ cember an Sömmering, und lebe nur noch meinem Weibe. Sie iſt mir alles, und erſetzt mir alles. Wir leben mit einander wie die Kinder, und freuen uns wie Kinder. Wir genießen unſere Liebe, und wiſſen daß alles Andre nichts werth iſt, und— hoffen, daß wir den Augen⸗ blick nicht erleben werden, wo wir zu lang gelebt, wo wir fühlen müßten, daß wir unſern Genuß überlebt hät⸗ ten. Ich bin Dir jetzt ſo ruhig, ſo zufrieden, ſo ver⸗ gnügt ohne Gott und ohne Gebet, als ich es ehedem mit aller Kraft und Ängſtlichkeit des Glaubens nicht ſein konnte. Wenn es ein Weſen giebt, das als Schöpfer miſſton geriſ⸗ en Gul⸗ nniſchen Lünſche ig kam tatten. anere ſorge, einer nnenen delt an Weibe. n mit inder Undre ugen⸗ „wo hät⸗ ) ver⸗ hedem t ſein öpfer 225 alle Weſen in ſich faßt; ſo bin ich überzeugt, daß das Glück ſeiner Geſchöpfe ihm angenehmer, als ihr unauf— hörliches Betteln iſt.«— Daß Forſter in ſolcher Stimmung das Kirchliche nicht überſchätzte, und zu ſeiner Andacht das bibliſche Kämmerlein vorzog, läßt ſich erwartee, Seine Frau fand wohl eine lutheriſche Kirche innerhalb der Stadt, er ſelbſt vor dem Thore eine proteſtantiſche, für deren Arme er auch beitrug; aber—»wir beſuchen ſie nicht,« geſtand er dem Freunde.»Wir leben in Anſehung dieſes Punktes frei und vergnügt. Mag die Welt glau⸗ ben was ſie will, wenn ich nur wiſſen darf, was ich will, und nichts glauben darf. Seeng is believing!« Enthält dieſer engliſche Spruch nicht das umgekehrte Princip Jacobi's, der immer mehr zur Überzeugung kam: Glauben iſt Schauen? Und da blieb Forſter vollends den Theologen noch weniger etwas ſchuldig.»In meinen Augen, ſchrieb er weiter, iſt die proteſtantiſche Theologie ſo pfäffiſch und vollkommen ſo unverträglich, wie die katholiſche. Im Gegentheil, ich ſehe lieber, wenn die Leute nichts halb ſind. Sobald ich die erſten paar Sätze einräumen muß, welche doch Katholiken und Proteſtanten ebenmäßig for⸗ dern: ſo iſt mir gar nicht begreiflich zu machen, wo ich ſtillſtehen ſoll; denn aus einer Abſurdität fließen alle übrigen Abſurditäten. Der Fehler liegt darin, daß man die erſten zugiebt. Die allerheilloſeſten und unerträglich— ſten Theologen ſind die neuen Reformatoren, die ein ſogenanntes vernünftiges Chriſtenthum predigen. Denn ſie überreden ſich wirklich, ihre Lehre, wie ſie ſolche ge— 15 226 reinigt hätten, ſei nunmehr der Vernunft vollkommen gemäß, und halten daher auch ihre Sätze mit eiſerner Hartnäckigkeit und Intoleranz.« Wir ſehen wohl, daß Forſter, ſoviel Schwärmerei er auch abgelegt zu haben glaubte, doch das Glück ſeines Herzens noch überſchwänglich genug empfinden konnte. Wie Viele werden ihn darum nicht des ungläubigen, unchriſtlichen Übermuths beſchuldigen! Wir ſtimmen nicht mit dieſen Eiferern, beſorgen aber, ſein edles Herz möchte ſich leicht nach einer andern Seite in ein für ſeine Zukunft bedenkliches Zutrauen verirren. Wir wol⸗ len uns darüber erklären. Die Auflöſung, die der nächſten Zeit bevorſtand, machte ſich ſchon jetzt auf verſchiedne Weiſe fühlbar. Während die gemeineren Seelen mehr in die Gährungs⸗ ſtoffe des politiſchen und ſittlichen Verfalls geriethen, wurden die edleren Geiſter ſo zu ſagen von der Sub⸗ ſtanz der Welt angezogen in dem Grade, als die beſondern Bildungen derſelben abſtändig und ab⸗ ſtoßend wurden. So dachten damals die ausgezeichnetſten Geiſter in Deutſchland weltbürgerlich in der Politik: in⸗ dem Männer, wie ſelbſt Schiller, ſchwärmend für die Idee der Menſchheit, die Individualitäten der Völker, in denen jene Idee doch allein zur Geſtalt kömmt, für eine durch Humanität zu hebende Beſchränktheit anſahen. Auch Forſter war Kosmopolit; wozu ein Weltumſegler, der die Gipfel⸗ und die Wurzelvölker der Cioiliſation kennen gelernt hat, noch leichter als andre kommen kann. Noch umfaſſender aber, als die Idee der Menſchheit, iſt die Idee der Liebe. Sie iſt die ſchöpferiſche und erhal⸗ —— 2——Q·] imen erner nerel eines nte. igen, amen Herz für wol⸗ ab⸗ ttſten in⸗ die , in für ahen. egler, ſation kann. t, iſt erhal⸗ 227 tende Kraft des Weltalls. Aber dieſer Athem der Gott⸗ heit webt und waltet auf unendlich mannichfache, oft kaum erkennbare Weiſe in lauter engen, abgeſchloßnen Kreiſen des Natur⸗ und Menſchenlebens, und begünſtigt es nicht, daß dieſe Kreiſe in einander überfließen, ſich miſchen und ſtören. So findet bekanntlich ſchon bei Thie⸗ ren und Gewächſen nur innerhalb beſtimmter Gattungen eine Geſchlechtsverbindung und Fortpflanzung ſtatt; in der Geſtalt von Haß und Zerſtörung hütet die erhaltende Liebe ihre Familien. Auf demſelben Geſetze beruht die Treue im Liebesvereine ſittlicher Weſen, indem inner⸗ halb des weitern Gebietes, worin die Natur noch Ver⸗ bindungen geſtattet, ja zu Verbindungen lockt, die ſittliche Liebe ihren engeren Bund abſchließt. Wie nun Forſter mit dem überſchwänglichen Gefühle ſeines glücklichen Herzens dort über alles Poſitive und Kirch⸗ liche religiöſer Anſchauungen hinausging; ſoerſcheint er hier für die allwaltende Macht der Liebe empfänglicher, als für die eben ſo umfaſſende Geſetzmäßigkeit derſelben in ihren abſchließenden Erſcheinungen. Streift er dort, weil ihn der kirchliche Abſchluß lebendiger Religioſität beengt, wenigſtens ſcheinbar an Unglauben; ſo geräth er hier, freilich auch nur ſcheinbar, in nahe Berührung mit einer Unſittlichkeit ſeiner Zeit. Es gehörte zum feinen und guten Ton der damaligen Geſellſchaft, in der Ehe, dieſer ſittlich abgeſchloßnen Liebesſphäre, wechſelnde Neigungen, zarte Herzensverirrungen einander im Namen der freien Liebe nachzuſehen und zu geſtatten. Um nun auch hier unſere Vorausſetzung durch Forſter ſelbſt beſtätigen zu laſſen: ſo geht aus ſeinen Briefen hervor, daß Freund 15* 228 Sömmering ſchon damals an Thereſen's Benehmen im Umgange mit Männern manches zu tadeln gefunden hatte. Dies konnte ſich nur auf ſeine Beobachtung bis zu ihrer Trauung beziehen, mithin auf jene Zeit, in welcher auch Thereſe merkwürdigerweiſe über das klein⸗ ſtädtiſche Weſen in Göttingen ärgerlich und zum Hei⸗ rathen entſchloßner wurde. Aber Forſter vertheidigte ſie gegen den Freund, und erklärte, daß ihm jede ſympathetiſche Regung ihres Herzens Freude mache; er glaube ſich nie glücklicher zu fühlen, als im Gedanken, daß ſeine Liebe Thereſen eher aufmuntern, als abhalten ſolle, alles was lieb und gut zu lieben; er glaube es als ein Glück zu empfinden, ſo oft ſie irgend Je⸗ mand, den er für gut und edel halte, recht herz⸗ lich liebe. Wie leicht ein Mann zu dieſem Glücke kommen, oder daß es ihm ſelbſt begegnen könne, ahnete der edle Freund noch nicht; ſo wenig wir ihn hierin, wie in ſei— nen unkirchlichen Außerungen mißverſtehen. Mit dieſer Empfindung für ſeine Thereſe ſtimmte ſein eben ſo vorbedeutſames, als bedenkliches Lob überein, daß ſie an keinen Vorurtheilen der Erziehung und des Geſchlechts klebe, und über Vernünftigſein ihr Gefühl nicht eingebüßt habe.— Der freie Flug der Gedanken, den Forſter in den Honigmonden der Liebe aus den beglückten Herzen nahm, berührte gelegentlich auch die höchſten Fragen der philo⸗ ſophiſchen Speculation.—»Mich hat es immer ſonder— bar gedünkt, ſchrieb er an Lichtenberg, wie man ſich ſo ſehr um Eigenſchaften des Geiſtes und der Materie n im unden bis , in klein⸗ Hei⸗ ddigte jede e, er mken, aalten umen, edle n ſei⸗ mmte rrein, des fühl den ahm, hilo⸗ nder⸗ ch ſo aterle 229 ſtreiten könne, da beide doch im Grund Ein Ding ſind, und wir von einem ſo viel, wie vom andern wiſſen. Die Vorſtellungen, die wir von Dingen außer uns haben, geben uns zuſammengenommen den Begriff eines Objects, welches wir Körper nennen. Nun ſind wir aber der Erkenntniß des Weſens des Dings, welches dieſe Vor⸗ ſtellung in uns hervorbringt, nicht um einen Schritt näher, wir mögen dies Weſen Geiſt oder Materie nennen.«— Um dieſe Zeit kam die Philoſophie des Spinoza, beſonders auch durch Jacobi, zu lebhafter Verhandlung. Dieſe Erſcheinung iſt bedeutſam, hier aber der Ort nicht, um zu fragen, wie dieſe Lehre, die den perſönlichen Gott in die Subſtanz der Welt auflöſ't, im Zuſammenhange mit der ganzen Weltbewegung geſtanden habe; indem man damals nicht bloß mit Kant nach dem Dinge an ſich fragte, ſondern auch in Kirche und Staat auf eine Auflöſung veralteter Formen und auf Erneuerung der⸗ ſelben aus der ihnen zu Grund liegenden Weſenheit ausging. Wie gern hätte man ſeitdem alles Poſtitive im politiſchen und ſocialen Leben in die Subſtanz der Freiheit aufgelöſ't! Jacobi's Buch über Spinoza hatte einen Kampf erregt, in welchem ſogar ein beklagens— werther Todter auf dem Kampfplatze blieb,— der arme Mendelsſohn bekanntlich, dem der Eifer, womit er ſeinen verſtorbenen Freund Leſſing gegen Jacobi's Anſchuldigung des Spinozismus vertheidigte, eine tödtliche Erkältung zuzog. Wie dieſe Kämpfe, lag unſerm Forſter das Stu⸗ dium Spinoza's fern. Aber Jacobi's Buch über die 230 Lehre dieſes Philoſophen und die weiter veranlaßte Streit⸗ ſchrift gegen Mendelsſohn regten ihn auf. Er mißbilligte des verehrten Mannes Feſthalten an der Fahne des Glaubens, indem er nicht begriff, daß Jacobi einen theologiſchen Glauben feſthalten wollte, weil ein phyſiſcher Glaube nothwendig ſei.»Etwas anderes iſt es doch, meinte er, an Dasjenige glauben, was allen Erſcheinun⸗ gen zu allen Zeiten, für alle Menſchenorgane ſich gleich darſtellt, als dagegen Das, was ſich keines Menſchen Organen je darſtellen kann, und folglich nie einem Men⸗ ſchen Beweis oder Empfindung ſeines Daſeins giebt.«— Und an Sömmering ſchrieb er:»Jacobi hat ein from⸗ mes Buch herausgegeben über Spinoza.— Ich fürchte, des guten Mannes Schwärmerei nimmt eine falſche Rich⸗ tung. Schade um ſeinen Kopf!« Dennoch wollte er dem Freunde noch gern deſſen »Kopfunter« und»metaphyſiſchen Purzelbaum gelten laſſen, wenn derſelbe nur nicht eine verhaßte Gewiſſens⸗ und Moralitätsſache daraus gemacht hätte.— Und darüber wallet denn wieder das echt Forſter'ſche Herz auf:»Wann wird es doch dahin kommen, ruft er aus, daß Menſchen einſehen lernen, die Quelle der edelſten, erhabendſten Handlungen, deren wir fähig ſein können, habe nichts mit den Begriffen zu thun, die wir uns vom lieben Herrgott, vom Leben nach dem Tode und vom Geiſter⸗ reich machen. Wann wird man einſehen wollen, daß Patriotismus, Aufopferung ſeiner ſelbſt, kurz alles was wir groß und bewundernswürdig zu nennen pflegen, nichts anderes, als edelſtes, reinſtes Selbſtgefühl iſt.« Streit⸗ billigte e des einen hſiſcher doch, jeinun⸗ gleich enſchen Men⸗ .— from⸗ ürchte, Rich⸗ deſſen laſſen, ⸗ und arüber Wann nſchen ndſten nichts lieben eiſter⸗ „daß 5 was nichts Solche Betrachtungen mußten ihn denn freilich zur Überzeugung führen, die er gegen den Freund ausſprach: »Im Cirkel menſchlicher Begriffe lag es freilich, daß unſere Gattung ſich einmal mit ſpeculativen Ideen herum⸗ tummeln mußte, und zur Entwicklung der Denkkraft hat es ſreilich genug beigetragen, mithin zur Vervollkommnung des Menſchen, inſofern jede Übung des Geiſtes dahin abzweckt. Aber gut iſt es doch, daß wir endlich dieſen Wuſt in's Reine haben, wiſſen, man komme nimmermehr auf dieſem Wege weiter; daß wir die jämmerliche Me⸗ taphyſtk auf ewig unter die Bank werfen, und uns an das für uns reelle Sinnliche halten.« Hier dürfen wir wohl die Flitterwoche ſchließen: denn Forſter thut einen halsbrechenden Sprung über die nachfolgende üppigſte Entwicklung unſerer philoſophiſchen Speculation, durch den ganzen blauen Himmel der deut⸗ ſchen Metaphyſik, mitten in unſere Gegenwart hinein. Denjenigen aber, die etwa heut dieſelben Gedanken wie⸗ derholen, daſſelbe Gottlob! ausrufen möchten, das Forſter ſchon vor einem halben Jahrhundert auf die Poſt gab, müſſen wir bemerken, daß er doch in dem bald nachher geſchriebenen Aufſatze über die Menſchen⸗Racen eine we⸗ niger unbedingte Anſchauung faßte. Er glaubte nämlich einzuſehen, daß man endlich dem Abſtractions⸗Vermögen Abbruch thun könne, indem man zu feſt an der An⸗ ſchauung klebe, und ſo mißlich es auch immer ſei, ſich von ihr zu entfernen, ſo ſcheine doch der Aufklärung und dem Fortſchritte in der Erkenntniß nicht gerathen zu ſein, wenn irgend eine Anlage in der menſchlichen Natur vernachläſſigt werden ſollte. Haushaltung. Die Vorleſungen machten dem glücklichen Profeſſor anfangs und wie er fürchtete, auf längere Zeit viel Mühe. Nicht bloß ſein ungefälliges Gedächtniß und das ungewohnte Latein nöthigten ihn ſeine Vorträge vom Papier abzuleſen; auch die alte, unbegreifliche Schüch⸗ ternheit im Lehrvortrage war ihm nach Polen gefolgt, und ließ ihn, ſelbſt ſeiner mißachteten Zuhörerſchaft ge⸗ genüber, kein unbefangnes Selbſtvertrauen faſſen. Er ſagte ſich alles vor, was gegen ſolche Schwachheit geltend zu machen war, und vertröſtete ſich auf Zeit und Übung, die ihm über eine ſo wunderliche Verlegenheit hinaus⸗ helfen ſollten. Die Ungeduld mit ſich ſelbſt machte ihn aber noch weniger nachſichtig mit ſeinen Zuhörern.»Aus Bären Menſchen zu machen, ſchrieb er an Lichtenberg, dazu gehört weder die Feder noch die Zunge. Die Natur geht ſtufenweiſe zu Werke, und Peter der Große, glaub' ich, hatte das Ding beim rechten Zipfel gefaßt, als er ſeine Bären durch Knute und Ukaſen vorerſt zu Hunden umbildete.« Regte ſich zuweilen auch ein beſſerer Sinn in der wilnaer Geſellſchaft, ſo fehlte es dabei doch an Ausdauer. So ließ Forſter, obgleich mit Arbeiten überhäuft, ſich von einer Anzahl Damen zu einem Colleg über Botanik bewegen. Der Winter bot ihm freilich keine Pflanzen dar; er ſuchte aber ſeinen Vortrag über das Naturleben öfeſſor t viel d das vom chüch⸗ folgt t ge⸗ Er eltend bung, inaus⸗ te ihn „Aus nberg, Die roße ffaßt iſt zu n der dauer , ſic otanik lanzen rleben 8* der Gewächſe, über das Geſchlechtsverhältniß, das Liebes⸗ leben und die Befruchtung im Pflanzenreiche ſo leicht und faßlich wie möglich zu machen, um ſeinen Kreis angenehm zu unterhalten. Da der Vortrag franzöſiſch gehalten wurde, ſo mußte er ihn ebenfalls vorher nieder— ſchreiben; hatte aber auch die Befriedigung, daß man nach Lier Vorleſungen das Heft gedruckt zu haben wünſchte. Da fiel mit einmal Carneval ein; die Luſtpartien blühten noch vor den Pflanzen auf, und ſeine Zuhörerinnen ver⸗ flogen,— doch keineswegs um zu botaniſiren,„nach allen vier Ecken von Litthauen.« Es hatte den Polinnen eben nur um ein neues Mittel, die alte Langweile los zu werden, gegolten. Da war denn Forſter der lieben deutſchen Hausfrau immer wieder froh,— Thereſens die er ſtets daheim fand, die auf ihn wartete, und mit ihm die liebe Ein⸗ ſamkeit des Hauſes theilte, ſie ihm verſüßte.»Wir leben hier in gänzlicher Eingezogenheit, ſchrieb er noch anfangs April 1786 an Lichtenberg,— vollkommen vergnügt, weil wir uns beſchäftigen können und über⸗ zeugt ſind, daß die Quelle des Glücks und der Zufrie⸗ denheit in uns liegt, daß keine Geſellſchaft beſſer, als ſchlechte iſt.« Was nun die Theilnahme des jungen Paares an der Geſellſchaft betrifft: ſo ward Thereſe, nach ihren eignen Bekenntniſſen, im großen Verkehr mit dem pol⸗ niſchen Adel nie recht heimiſch. In den verſchiednen deutſchen Verhältniſſen ihres frühern Mädchenlebens hat⸗ ten ihr ſtets Geiſt und Herz für die rechten Elemente des geſellſchaftlichen Verkehrs gegolten. Jugend und die 234 Freude zu gefallen hatten jene ernſte Anſicht belebt. Jetzt im Gefühl ihres Glückes und ihrer Beſtimmung, ſo wie in der Befriedigung ihres Selbſtgefühls, fand die Frau für Dasjenige, was ſie als Mädchen entbehrt haben würde, keinen Erſatz im Luxus, in der Leichtfertig⸗ keit und Leere des wilnaer Salons. Forſter ſelbſt wünſchte ſich oft nur Lichtenberg's Blick und Feder, um den Miſchmaſch von ſarmatiſcher, faſt neuſeeländiſcher Rohheit und franzöſiſcher Überfeine⸗ rung, dies geſchmackloſe, unwiſſende und doch in Luxus, Spielſucht und Moden verſunkne Völkchen in's Komiſche zu malen; vorausgeſetzt, daß man über Menſchen lachen könnte, die ohne eigentliche Schuld durch Regierungsform, Auffütterung ſtatt Erziehung, durch Beiſpiel, Pfaffen, ruſſiſchen Einfluß, ſo wie durch ein Heer franzöſiſcher Vagabunden und italieniſcher Taugenichtſe ſchon von Ju⸗ gend auf verhunzt worden ſeien. Im Ernſt oder Scherz behauptete der Freund, er und Thereſe müßten unabläſſig über einander wachen, damit ſie nicht von Entartung überſchlichen, und unvermerkt»polackiſirt« würden. Und allerdings kam die Hausfrau in ihrer Wirthſchaft, wie der Mann in der Stadt, oft genug mit dem eigentlichen polniſchen Volke in ſo nahe Berührung, daß man wohl etwas Polniſches abbekommen konnte. Nun hatte freilich unſere junge Hausfrau dieſen Kreis des weiblichen Berufes als Schülerin betreten, die bei ſich ſelbſt die Lehre beſtand, und an ſich ſelbſt das Schulgeld bezahlte. Denn ſie brachte faſt nur guten Wil— len zur Selbſtbelehrung mit. Sie hatte, ſelbſtgeſtändig, nie Geld in Händen gehabt, und nie gelernt, Geld ein⸗ belebt. ung, ſo and die ntbehrt tfertig⸗ aberg's atiſcher, rerfeine⸗ Luxus, onriſche lachen sform, Ffaffen, bſiſcher on Ju⸗ Scherz abläſſig tartung Und t, wie tlichen wohl dieſen n, die ſt das Wil⸗ tändig, d ein⸗ 235 zutheilen. Sie kannte wohl die Beſtandtheile, nicht aber die Führung einer Haushaltung. Noch waren die Be⸗ dürfniſſe des Hauſes gering, und Thereſe, bei vielfachen geiſtigen Intereſſen an beſcheidne Wünſche gewöhnt, ver⸗ kannte nicht den Beruf zu erhalten, zu ſparen und zu beſchaffen. Da hätte es ſich mit Anlernen und Ausüben im Wirthſchaftlichen leicht gemacht, ware Forſter nicht gewöhnt geweſen, ihr an Geld immer nur für die Be⸗ dürfniſſe des Tages zu geben. So ſcheint ein bedrängtes Haus, das die Seinigen nur von Hand zu Mund er⸗ hält, ſeine unglückliche Beſchränktheit als alte Angewöh⸗ nung auch auf beſſern Wohlſtand fortzupflanzen. Da⸗ durch bildete ſich aber eine bedenkliche Hauswirtſchaft, die über ihr Auskommen ſtets im Dunkeln tappte. Dies zu⸗ mal hier, wo der Mann, groß in's Geld zu greifen gewöhnt, immer mehr zu Händen behielt, als eine für die ganze Periode der laufenden Einnahme gemachte Vor⸗ lage für die Haushaltung ihm für Nebenausgaben würde übrig gelaſſen haben, die Frau aber eine Eintheilung dieſer Bauſchſumme in die wechſelnden Bedürfniſſe der Periode nicht erlernen, und des Mannes jeweilige Geld— verlegenheit nicht wahrnehmen konnte. Da durfte nur noch ein falſches Zartgefühl in Geldſachen zwiſchen Mann und Frau ſich einſchleichen, um eine Verwirrung anzu⸗ richten, die ſelbſt das innere Glück der Ehe bedrohen konnte. Leider läßt ſich dieſem ſo gemeinen, der Alltäglich⸗ keit dienſtbaren Gelde ein ſo großer Einfluß nicht ab⸗ ſprechen, noch weniger entziehen! Mögen wir uns den erhabenſten Begriff von der Ehe machen,— ja wohl, — — ſie gleicht dem edeln Baume, der duftige Blüthen, wür— zige Früchte, beides zugleich trägt: aber, überſehen wir dabei nicht, daß derſelbe im Klima unſerer unparadieſiſchen Welt eines Kübels mit guter Erde für ſein Wurzel⸗ werk bedarf! In einem Bunde, der ſich aus geiſtigen und ökonomiſchen Beſtandtheilen miſcht, kann eben hier⸗ aus auch Trübes, ja ſich Zerſetzendes entſtehen. Hin⸗ ſichtlich Forſter's wenigſtens haben wir leider! die Er⸗ fahrung zu machen, daß ſeine perſönliche Zufriedenheit und ſein gepaartes Glück— wie zwiſchen Haus und Welt, ſo zwiſchen Geld und Freiheit unaufhörlich ge— ſchaukelt werden. Jetzt kannte er die Mißbildungen un— glücklicher Hauswirthſchaft nur aus den Erinnerungen ſeiner früheſten Jugend, aber hinreichend um einzuſehen, und ſelbſt in Briefen anzuerkennen, wie nothwendig zum Anbau des häuslichen Glückes eine»ſtrenge Okonomie und Frugalität« ſei. Daher freute er ſich, daß ſeine Thereſe nicht bloß hierin mit ihm übereinſtimme, ſondern auch»daß ſie im Fache der Haushaltungskunſt Kenntniſſe beſitze, die ſeine Erwartung weit überträfen.«— Nach Thereſens Selbſtbekenntniſſen mochte wohl die Erwartung des Weltumſeglers an der Haushaltung der guten Frau ſeines Vaters gemeſſen ſein. Nun fand aber unſere junge, beſtrebſame Hausfrau an ihren polniſchen Dienſtboten gar wenig Unterſtützung. Sie machte bald die Erfahrung, daß eine tüchtige deutſche Magd mehr als drei polniſche Kerle zugleich arbeite, daß ſie eine dreimal größere Laſt trage, dreimal geſchwinder gehe, und vielleicht nebenher noch ſolche drei matte Flie⸗ gen von Burſchen zu Boden ſchlage. Daher nahm in wür⸗ en wir eſiſchen Zurzel⸗ iſtigen hier⸗ Hin⸗ ie Er⸗ denheit s und ich ge⸗ n un ungen ſſehen, g zum onomie ſeine ondern mntniſſe Nach artung Frau frau tzung eutſche e, daß winder e Rlie⸗ hm in 237 Polen auch jedes Geſchäft einen eignen Bedienten in An— ſpruch, und ein Profeſſor, der Pferde hielt, hatte fünf Dienſtleute nöthig.— In einem Brief an Lichtenberg bemerkt Forſter:»Mein Ofenheizer und Holzhacker iſt ein Adliger, der des Jahrs hindurch ſeine Koſt und s8 Thaler Lohn nebſt einem Schafpelze und ein Paar Stiefel bekömmt, und dem man bei jedem dritten Worte Prügel droht, oder Branntwein zum Lohn verſpricht.— Unſer haushälteriſches Paar hielt es unter dieſen Um⸗ ſtänden für ſehr gerathen, Mägde und Bedienten aus Göttingen zu verſchreiben. Iſt aber einmal die verſchrei⸗ bende Feder eingetaucht, ſo findet ſich leicht noch Anderes. Man entdeckte bald, daß auch kein litthauiſcher Kauf⸗ manns⸗ und Handwerks⸗Artikel gut genug ſei, und For⸗ ſter ließ dergleichen ebenfalls von auswärts kommen, wo⸗ her er ja ohnehin auch die koſtſpieligen Bücher, Charten und Inſtrumente beziehen mußte. Dafür ſuchte er an⸗ fangs die Equipage zu ſparen, die eigentlich der Anſtand in Wilna erforderte, und der Schmutz der Straßen un⸗ entbehrlich machte. Auch ſeufzete er recht nach Wagen und Pferden, und ſann auf Mittel, jenen Aufwand— vielleicht durch andre Einſchränkungen zu beſtreiten. Hätte eer nur von ſeinem Gehalte zu 8000 polniſchen Gulden nicht jährliche 1125 Gulden zu allmählicher Abtragung empfangener Vorſchüſſe zu entbehren gehabt! Familie. Durch all' dergleichen Sorgen, Plackereien und Ver⸗ drießlichkeiten finden jedoch Natur und Liebe ihre Wege. Schon Ende December hatte Forſter ſeinem theuern Söm⸗ mering zu melden, daß ſein Weibchen ſeit fünf Wochen durch dies und jenes gewöhnliche Unwohlſein die erfreu⸗ lichſte Hoffnung gäbe. Und wie viel that er ſich ſelbſt zu gut darauf, daß ſeine Thereſe durch ſolche intereſſante Umſtände ſich durchaus nicht von der Küche und andern Häuslichkeiten abhalten laſſe, und außer den geplagteſten Augenblicken munter und heiter ſei!—»Kurz, fügte er hinzu, ich bin Dir recht vergnügt, obgleich ich nicht aus dem Hauſe komme, theils vor gehäufter Arbeit, theils aus Abneigung vor dem hieſtgen elenden Umgang, theils — aus Mangel an Kutſche und Pferden!« In ſolcher Zurückgezogenheit war ein Buch, wie das von Zimmermann»über die Einſamkeit«, recht am Platze. Denn die Abende, wenn Forſter des Schreibtiſches und Thereſe des Herdes ledig waren, wurden mit guter Lec⸗ türe hingebracht. So an Herz und Geiſt beſchäftigt, hofften ſie über den wilnaer Winter ohne Langweile hin⸗ aus zu kommen. Sie lächelten zur Verwunderung des »vornehmen Geſindels«, das nicht begreifen konnte, wa⸗ rum ſie in keiner Aſſemblee erſchienen, um Pharo zu ſpie⸗ len, kein Schauſpiel beſuchten, das ſich auf der mimiſchen d Ver⸗ Wege. Som⸗ Vochen erfreu⸗ ſelbſt iſſante ndern gieſten gte er tt aus theils theils e das latze und Lec⸗ ftigt, ehin⸗ g des „wa⸗ ſpie⸗ iſchen Höhe des holländiſchen hielt, und die Conzerte verſäum⸗ ten, für welche ihnen ihre Ohren zu lieb waren. Zur Lectüre wählten ſie meiſt ernſtere Werke, wie Herder's Ideen, Archenholz über Italien, Ferguſon u. d. gl. — geſchichtliche, philoſophiſche Schriften, heißt das, volks⸗ verſtändliche Philoſophie, wie jenes bekannte Werk von Zimmermann, das von ſeinem erſten Erſcheinen durch Zuleſen und Nachdenken des Verfaſſers während zweier Jahrzehnte zu vier Theilen angewachſen, jetzt Forſter's Abende beſchäftigte. Er fand das Werk, abgerechnet die Frömmigkeit, die Vorurtheile und Hypochondrie, die da und dort hervorſtachen,»doch eines der reichhaltigſten, durchdachteſten, unterhaltendſten und lehrreichſten durch die Abwechslung und reiche Mannichfaltigkeit von Be⸗ merkungen, Anekdoten, Geſchichtsfacten, eine unendliche Beleſenheit, vielfach und herrlich verdaut.« Die Hypochondrie, die Forſter dem Buch anmerkte, war ein früher Zug jenes berühmten Arztes, der damals ſchon anfing, ein berühmter Patient zu werden. Unſerm wilnaer Paare war dieſer königlich⸗großbritanniſche Leib⸗ arzt von Hannover her nicht unbekannt; doch dachte Forſter nicht, daß er ſehr bald deſſen weitreichenden Ein⸗ fluß werde anzuſprechen haben. Zimmermann, damals ein tiefer Funfziger, Sohn eines Rathsherrn in Brugg und einer franzöſiſchen Mutter, verband in ſeinen Schrif— ten die ſchweizeriſche Härte mit franzöſiſch geiſtreicher Klarheit. Als Arzt, durch ſcharfen Blick ausgezeichnet, hatte er einen ausgebreiteten Ruf, und genoß des be⸗ ſondern Vertrauens der ruſſiſchen Kaiſerin, die Briefe mit ihm wechſelte, und ihn gern nach Petersburg gezo⸗ —mõ — 240 gen hätte. Lichtenberg nannte ihn ſcherzhaft, wahrſchein⸗ lich mit Bezug auf den hypochondriſchen Hochmuth und die krankhafte Vornehmigkeit, durch welche Zimmermann übel berüchtigt war,— Don Pompoſo Zimmermann. Dieſer vornehme Arzt erinnert uns eben an For⸗ ſter's früheres Vorhaben Doctor zu werden. Aufgegeben hatte er den Plan noch nicht, und dachte noch ſehr dar⸗ an, ſich als Arzt ein reichliches Einkommen zu verſchaf— fen. Auch erinnerte ihn Thereſe gelegentlich, und mun— terte ihn auf. Doch geſtand ſie in ſpäterer Zeit ſelbſt, daß ſie es aus Gedankenloſigkeit und Unachtſamkeit auf das häusliche Geldbedürfniß an dem bei Forſter nöthi⸗ gen Nachdruck habe fehlen laſſen. Nicht, daß der Freund den Fehler der Unentſchloſſenheit und Unrührigkeit über⸗ haupt gehabt hätte; ſondern er fand ſich, wie mancher Andre, mit Dingen, die ihm gerade ſo viel Schwierig⸗ keiten machten, als ſie ihn lockten, gern mit traumeri⸗ ſchem Hinhalten oder ausweichenden Vorkehrungen ab. So arbeitete er wirklich an einer Disputation zur Er⸗ langung der Doctor⸗Würde; da er aber in Wilna ſchon für dieſe Würde galt: ſo wollte er dieſe Arbeit nicht als Streitſchrift, ſondern als botaniſche Abhandlung drucken laſſen. Daneben ſtudirte er, ſo viel es ſeine übrigen Geſchäfte erlaubten, mediziniſche Schriften. Aber er klagte gegen Sömmering, wie träge bereits ſeine Hirnthätigkeit für fremde Wiſſenſchaft ſei; ſo daß er für jeden Para⸗ graphen doppelte Anſtrengung machen müſſe. Über ſeine Unentſchloſſenheit, die wohl auch zum Theil aus Gewiſ— ſenhaftigkeit herrühren mochte, täuſchte er ſich ſelbſt durch Theilnahme an einzelnen ärztlichen Berathſchlagungen; eſchein⸗ h und rmann ann For⸗ gegeben zr dar⸗ erſchaf⸗ mun⸗ ſelbſt, it auf nöthi⸗ Freund üͤber⸗ ancher vierig⸗ umeri⸗ en ab. r Er⸗ ſchon icht als rucken brigen klagte tigkeit Para⸗ T ſeine Gewiſ⸗ durch ungen; 241 indem er ſich uberredete, die Praris nur auf die erſte gute Gelegenheit zu verſchieben, wo er ſeinen Doctor⸗ Titel geltend machen, und in die Facultät treten werde. Und ſo erſchien denn, herbeigeliebt, herbeigeleſen, endlich auch der wilnaer Frühling. Wie froh eilte unſer verlangendes Paar der weniger, als die polniſche Geſell ſchaft, üppigen polniſchen Natur entgegen! Sie durch⸗ ſtreiften täglich Wald und Gebüſch. Forſter fühlte ſich geſünder, als vor etlichen Jahren. Und Thereſe erblickte an Keimen und Knospen eine tauſendfache Entwicklung, der ſie in ihrem geſegneten Zuſtande vorleuchtete. Im Ganzen war auch ſie während dieſer Monate von beſſe⸗ rem Befinden, als früher, und blieb bis in die letzten Wochen ſtets ihrer häuslichen Verrichtungen mächtig. Wie denn aber eine Hoffnung die andere weckt, ſo knüpften auch die ehemaligen Jeſuiten die ihrige an For⸗ ſter's, und verſuchten bei ihres Collegen vergnügten Er⸗ wartungen— v»auf einen jungen Katholiken zu pränu— meriren.« Sie erboten ſich das Kind zu taufen, wollten vornehme Pathen ſchaffen u. d. gl. Aber—»das laſſ ich wohl bleiben,« ſchrieb Forſter an Sömmering,„daß ich ſolchen Leuten einen Vorwand erlaubte, mir in die Erziehung zu pfuſchen. Weil einmal getauft ſein muß, ſoll reformirt getauft werden, und alsdann bin ich ſicher, daß ich ſchalten und walten kann, wie ich will, und ehe das Kind groß genug iſt, Unterricht zu bekom⸗ men, bin ich nicht mehr hier. Bei Jeſuiten wäre das nicht der Fall: die würden von Jeſus und Maria bei einem lallenden Kinde ſprechen. So haben wir nicht ge⸗ wettet!« 16 242 Dieſe Außerung verräth uns, daß doch auch For⸗ ſter hinter ſeiner ſchönſten häuslichen Hoffnung ebenfalls einen ſtillen Vorbehalt hegte, und wie die Jeſuiten auf einen fraglichen Katholiken, auf ſein Wegkommen von Wilna pränumerirte. Ja, dieſer Vorbehalt ſprach ſich ein andermal gegen Sömmering ſogar etwas jeſuitiſch in Folgendem aus: 1 »Ich lebe in einem Lande, wo ich von Tage zu Tag mehr einſehen lerne, daß der Nutzen, den ich als Pro⸗ feſſor ſtiften kann, unendlich klein iſt. Folglich muß ich, däucht mich, meine Lage benutzen, mir meine Eriſtenz ſo leicht und angenehm wie möglich zu machen, und mich in Stand zu ſetzen, wenigſtens in meinem Fache der Welt und den Wiſſenſchaften im Ganzen Vortheil zu bringen. Das heißt auch genutzt. Ich kann eine ganze Nation nicht umſchaffen, deren größte und unheilbarſte Schäden in ihrer abſcheulichen Staatsverfaſſung liegen; ſte hat mich aber hergeſprengt(!?): ſo ſoll ſte wenigſtens das Ver— dienſt um mich haben, mir Vorſchub zu thun. Es wird ihr hernach doch auch zu Nutzen kommen, und am Ende — wäre ich nicht Profeſſor der Naturgeſchichte in Wilna, ſo wär's ein anderer, der ſein Brot eben ſo und viel⸗ leicht noch mehr mit Sünden verzehrte. Ich habe we⸗ nigſtens den Trieb, meine Amtspflicht ſo gut und voll⸗ kommen als möglich zu erfüllen.« Wie aber, wenn dieſer Andre kein Sünder, ſondern ein Mann geweſen wäre, bemüht, wenigſtens im Kleinen und Angemeſſenen zu nützen, und mehr bedacht, ſich, wenn auch mit Selbſtverläugnung, verdient um die Na⸗ tion zu machen, als der Nation Verdienſt um ihn ſelber h For⸗ denfalls ten auf en von ach ſich tiſch in zu Tag s Pro⸗ nuß ich ſtenz ſo d mich er Welt ringen Nation Schäden hat mich 1s Ver Es wird m Ende Wilna d viel⸗ be we⸗ d voll ſondern Kleinen t, ſich die Na⸗ in ſelber 243 zuzumuthen? Und wie ſoll denn wohl den Polen, die auf ihre Koſten durch Forſter weiter geförderte Wiſſen⸗ ſchaft vam Ende zu Nutzen kommen,« wenn ſie für des Profeſſors jetziges Wiſſen noch zu unfähig ſind?— Nein, nein! Forſter ſuchte ſich diesmal mit Sophismen über den verſteckten Widerſpruch zu täuſchen, daß er in ſeinem wechſelnden Lehrberufe hinter der lebhaft empfun⸗ denen Abſicht, der Welt zu nützen, ſich unbehaglich fühlte, ſobald er nicht weiter ſich ſelbſt»Vorſchub« thun konnte. Nun finden wir ihn denn auch mit eingetretnem Frühling viel mit literariſchen Arbeiten beſchäftigt. Ge⸗ rade im Gefühl, daß in Wilna ſeines Bleibens nicht ſei, ſuchte er ſeinen Ruf in Deutſchland von Zeit zu Zeit aufzufriſchen, und durch wiſſenſchaftliche Leiſtungen auch in der gelehrten Welt ſeinen geltenden Namen im An⸗ denken zu erhalten. Zu dieſem Ende entwarf er eine Einleitung zur Beſchreibung der auf der Reiſe um die Welt geſammelten Pflanzen, und ſchrieb eine Lobſchrift auf Cook für die göttinger Commentarien. Eine Über⸗ ſetzung von Coo'ks Reiſe beſchäftigte ihn anhaltend den Sommer hindurch. Er ſtand früh um 6 Uhr auf, um das Werk zur nächſten Oſtermeſſe für den Verleger Spener in Berlin fertig zu bekommen. Großen Ruhm baute er auf eine Überſetzung nicht; hielt aber das Buch für zu wichtig, um nicht eine ſorgfältige überſetzung daran zu wenden. Die Anmerkungen des engliſchen Her⸗ ausgebers ſtrich er, wo ſie langweilig wurden, und wo ſich der Canonikus zu laut hervorthat,»gab er ihm ein Wörtchen mit auf den Weg.« Forſter fand es zum 16* 244 Erſtaunen, wie arg es die Engländer im theologiſchen Fach trieben. Er ſchrieb an Lichtenberg:»Dinge, die unſere Theologen ſich ſchämen weiter zu erzählen, Dinge, die bei uns ausgetrommelt und ausgepfiffen ſind, ſieht man in England noch als Heiligthümer an, und die Reviews vor allen Dingen, die einen ſo unerhörten Deſpotismus über die Urtheilskraft der Engländer aus⸗ üben, verrathen eine Unwiſſenheit und einen Grad von Bigotterie, der mich immer anekelt.«— Nachmittags pflegte er an einzelnen Aufſätzen zu arbeiten, ſeinen Brief⸗ wechſel zu beſorgen, und ſodann der freien Luft zu ge⸗ nießen. Zweierlei Antriebe beſtimmten in der Regel For⸗ ſter's ſchriftſtelleriſche Feder: ſie ſchaffte für das bedürftige Haus oder für ſeinen Ruf in der Welt. War jenes oft drängender, ſo war dieſer dagegen anziehender; ja, For⸗ ſter ſuchte gern den unvermeidlichen Gelderwerb, z. B. durch Überſetzung, an ein bedeutendes Werk zu knüpfen, das nebenher doch auch einiges Verdienſt um die Wiſſen⸗ ſchaft abwürfe. Man könnte ſcherzend behaupten, es habe ihm beſonders darum gegolten, die beiden gar oft ent⸗ zweiten Verdienſte,— den Verdienſt und das Ver— dienſt, zu vereinbaren. Frau Thereſe macht in ihren Mittheilungen über Forſter die Bemerkung, er habe dem Ernſte der dama⸗ ligen Gelehrten gemäß Bedenken getragen, mit leichten, unterhaltenden Sachen aufzutreten. Als ſie dies ſchrieb, im Jahre 1829, mochte ihr unſere Unterhaltungs⸗Lite⸗ ratur vorſchweben. Damals waren freilich flüchtige Reiſe⸗ bilder, Reiſenovellen, Genrebilder, Reſidenz⸗Panoramen, ziſchen hörten raus⸗ d von nittags Brief⸗ aul ge⸗ For⸗ urftige nes oft For⸗ 2. B z. B. lüpfen, Giſſen⸗ s habe 1 t ent⸗ Ver⸗ über dama⸗ eichten, ſchieb, 3⸗ Lite⸗ Reiſe⸗ ramen, 245 Beſuche bei berühmten Männern und emancipirten Frauen, biographiſche Bruchſtücke u. d. gl. mehr, als über 40 Jahr früher in den Tagesblättern beliebt; ſonſt hätte Forſter allerdings dann und wann einen Beſuch bei Magnaten zu intereſſanten und pikanten Bildern aus Polens Adels⸗ und Volksleben vortheilhaft für die Journale ausbeuten können. In Gedanken beſchäftigte ſich der Freund während des Sommers mit einer Aufforderung Campe's aus Salz⸗ dahlen, zu der unter Protection des Herzogs von Braun⸗ ſchweig beabſichtigten Schul⸗-Enchklopädie ein Handbuch der Naturgeſchichte zu ſchreiben. Der Antrag ſchien ihm ſehr ehrenwerth; aber es lag in ſeiner Art, daß er, um das Tüchtigſte und etwas Eigenthümliches zu leiſten, ſo lange nachdachte und anderwärts nachforſchte, bis ihm die Arbeit etwas verdrießlich, oder ganz abfällig wurde. Er ging nun einmal mit allem gern in's Weite, und kam mit manchem zu gar keinem Anfange, weil er am Grund⸗ ſatze hielt: je n'aime point à faire les choses de moitié. Dagegen ſchrieb er den Herbſt auf Spener's Er⸗ ſuchen für deſſen hiſtoriſchen Kalender einen Beitrag über Neuholland. Wir ſchließen mit einer gehaltvollen Fehdeſchrift Forſter's»über die Menſchenracen«. Sie iſt gegen Kant gerichtet, den königsberger Weltweiſen, der dem Welt⸗ umſegler auf dem Naturgebiete mit zwei Abhandlungen über denſelben Gegenſtand begegnete. Kant hatte über die Südſee⸗Inſulaner manches Unrichtige beigebracht. Dies veranlaßte unſern Freund, von ſeinem Standpunkte zu unterſuchen, ob die Menſchen, wenn auch von Einer Gattung, wohl ebenfalls Eines Stammes ſeien, was Forſter in Abrede ſtellte. Er eröffnet ſeinen Widerſpruch gegen Kant mit der ſehr artigen Anerkennung der beiden Abhandlungen»des vortrefflichen Herrn Profeſſors« im deutſchen Merkur,— Arbeiten, die nicht nur ſeine Wiß⸗ begierde von der Seite, von welcher ihn practiſche Be⸗ mühungen im Fache der Naturkunde entfernt gehalten, befriedigt, ſondern auch eine Reihe von Gedanken in ihm erweckt hätten, die ihn eine Zeitlang lebhaft und angenehm beſchäftigten. Mit mehr Selbſtgefühl äußerte ſich Forſter in Brie— fen, wo er Kant mit einem Ausdruck Herder's»den Archiſophiſten und Archiſcholaſtiker unſerer Zeit« nennt. Ja der Freund hatte die ſchalkhafte Gefälligkeit, ſeinen Aufſatz vor der Abſendung an den deutſchen Merkur Herdern, dem leidenſchaftlichen Gegner Kant's, mitzuthei⸗ len, wofür er denn v»einen lieben vortrefflichen Brief voll großer Freude« erhielt. Auch in ſeiner Correſpondenz mit Camper in Holland gedachte Forſter mit einiger Befriedigung der kleinen Arbeit. Er habe ſie gegen einen Metaphyſiker gerichtet, der im Wahne, mit ſeiner Metaphyſik Alles ausrichten zu können, auch Regeln, von denen die Natur nichts wiſſe, zur Beſtimmung der verſchiedenen Varietäten der Menſchengattung habe feſt⸗ ſtellen wollen.— Die in all' dieſen Richtungen fleißige Feder unſers Freundes war ſeit dem ſchönen Monat Auguſt öfter unterbrochen worden durch die Aufmerkſamkeit auf»ein kleines Teufelchen mit einem Vollmondsgeſicht und der Lebhaftigkeit der Mutter.« was eſpruch beiden 8 im Wiß⸗ he Be⸗ halten, ken in ft und Brie⸗ den nennt. ſeinen Merkur tzuthei⸗ jef voll vondenz einiger gegen ſeiner tegeln, ng der e feſt⸗ unſers t öfter uf vein ind der 247 Warum Forſter ſein erſtgebornes Töchterchen ein Teufelchen nennt, geht aus dem Briefe an Lichtenberg nicht hervor. Jedenfalls war es damals ſchon getauft und— hieß Röschen. Daß man den Vätern zu einem Mädchen nur mit condolirender Miene zu gratuliren pflege, ſah der Freund für ein Erbſtück aus der barba— riſchen Zeit an, da die Männer ihrem Geſchlecht einen ſo großen Vorzug vor dem andern beilegten, daß es ſchon eine Ehre war, als Junge auf die Welt zu kom⸗ men. Forſter aber dachte mit dem Tempelherrn in Leſ⸗ ſing's Nathan: Der Schlag iſt auch nicht zu verachten. Thereſe ſtillte ihr Kind ſelbſt, worüber die Polin⸗ nen»die Hände über'm Kopf zuſammenſchlugen, und Wunder ſchrieen«.— Keine Mutter, die eine Amme bezahlen konnte, unterließ es, ihrem Kinde Krankheiten einflößen zu laſſen, die wir mit Forſter's Bezeichnung nicht nennen wollen. Außer dem glücklichen Vater, der jetzt den Schrift⸗ ſteller Forſter zuweilen am Schreibepult ſtörte, that dies auch der Natur⸗ und Seelenforſcher. Für dieſen war das erſte Kindeslächeln eine Aufgabe. Forſter ſelbſt lächelte der hochweiſen Herrn, welche dieſe holdſelige Er— ſcheinung daher erklärten, daß das vom Thiere ſich un— terſcheidende menſchliche Weſen ſchon eine unbewußte Vergleichung der Dinge umher anſtelle. Er meinte viel⸗ mehr, das Lächeln gehöre eben zur Natur des Menſchen, um Wohlbehagen auszudrücken, wie es der Hund mit Wedeln, die Katze mit Schnurren thue. Daß er auch früh genug, wie Väter, beſonders bei den erſten Kindern, zu thun pflegen, ſich nicht bloß mit 248 der Wartung, ſondern auch ſchon mit der künftigen Er⸗ ziehung ſeines drei Monate alten Röschens beſchäftigte, geht aus einem Briefe an Sömmering vom November hervor, worin er ſchrieb: »Jetzt bilde und erziehe ich es erſt, ſo gut ich kann, zum guten, tauglichen und folglich glücklichen Men— ſchen. Das Übrige, wenn's nöthig iſt, läßt ſich leicht hinzuſetzen. Wenn über 14 Jahre die Umſtände es erfordern, daß mein Kind confirmirt ſein muß: ſo werde ich es confirmiren laſſen. Iſt es dumm, ſo mag es ſich tout de bon confirmiren laſſen; iſt es geſcheit, ſo kann ich ihm alsdann von der Saloppe nach der Mode, wie Du es ausdrückſt, etwas ſagen.« Hatte es ja doch auch an den»Umſtänden« ge⸗ legen, daß Forſter ſelbſt bis jetzt gar nicht zur Confir— mation gekommen war, und nach ſeiner jetzigen Außerung müſſen wir es wohl aufgeben, daß er ſie noch nachhole. Wir werden es auch ohne Weiteres thun, wenn wir in einem andern Briefe— an Lichtenberg ein kühnes Wort leſen, bei Gelegenheit, wo er ſein Entzücken darüber ausſpricht, daß dieſer Freund, in einer Unterredung mit Herſchel, den großen Aſtronomen über die Schichten der Firſterne und über die Lichtnebel ſprechen gehört habe. —»O das Feſt! ſchrieb er. Wie öffnet ſich einem da der Verſtand, und wie klein kommen einem die Menſchen vor, die auf ihrem atome de boue(Oreckhäufchen) ſich einbilden, der allmächtige Gott ſei ein Jude ge— worden.« Im Übrigen blieb Thereſe auch nach ihren Wochen geſund; nur etwas mager bei geſchwächter Verdauung. gen Er⸗ häftigte, ovember ich kann, Men⸗ ich leicht aͤnde es o werde es ſich ſo kann Confir⸗ ußerung nachhole. wir in s Wort darüber ung mit ten der t habe. nem da Renſchen aufchen) zude ge— Wochen dauung. 249 Von ihren Opfern ſchien es zu kommen, daß»das Kind von Geſundheit ſtrotzte«. Aber auch auf ihre Seelen⸗ ſtimmung blieb ihr Mutterſtand nicht ohne Einfluß; wie denn Forſter ſeinem Sömmering beichtete,— ſie ſei „nicht mehr ſo übereilt, ſo brauſend, wie ſonſt, ohne von ihrer Lebhaftigkeit etwas eingebüßt zu haben«.— Wilnaer Unmuth. Dies Hin⸗ und Herwandeln Forſter's zwiſchen der neuen Wiege und dem alten Schreibſchränkchen von Acajou, dieſer Pendelſchwung des Herzens maß vielleicht den reinſten Höhepunkt ſeines häuslichen Glücks. Welche Gedanken und Erinnerungen erwarteten ihn an jenem Arbeitsgeräth, welche Empfindungen und Hoffnungen kamen ihm an dieſem ſchaukelnden Lager entgegen! Haus und Welt ſchwankten, ſein Glück wägend, neben einan⸗ der; und dies warme Kindeshaupt verſprach eine innere Unermeßlichkeit, lebendiger, als ihm der Globus die glücklichen Inſeln der Südſee in blaſſen Umriſſen zeigte. Verſtummt für immer ſchienen auch jene Klagen, die er noch den Sommer über, inmitten ſeines häuslichen Lie⸗ bens und Hoffens, doch in ſeinen Briefen laut genug hatte werden laſſen. Sie betrafen ſeine Weltverbindun⸗ gen, die er nie ſchwunghaft genug haben konnte. Er wurde über das Ausbleiben von Nachrichten bitter bis zum Witz.»O man läßt uns hier von allen Seiten fühlen, daß wir einander genug ſein ſollen! ſchrieb er im Juni an Lichtenberg. Den einzigen Sömmering ausgenommen, haben unſere Correſpondenten in Göttin⸗ gen, Halle, Wien, Berlin, Dresden und wo nicht ſonſt entweder Lethe getrunken, oder an ihrer correſpondiren⸗ den Kraft eine Lähmung erlitten, und ſowohl meine Frau als auch ich hören kaum alle Vierteljahr einmal, daß unſere Verwandten leben. Ich meines Theils habe mich ſchon darein ergeben; wenn ich es nur dahin bringen könnte, daß die Geiſtesverwandten dann und wann ein Zeichen des Lebens von ſich geben möchten; denn der Geiſt leidet hier eigentlich am meiſten Noth.« Er bat nur um die Broſamen von gelehrten Neuig⸗ keiten, die von Lichtenberg's reichem Tiſche fielen. Der lebendige Umgang mit wiſſenſchaftlichen Männern ſchien ihm doch das ſchmerzlichſte Entbehrniß. Dennoch blieb er darin ſehr wählig, und verlangte viel. Wenn er z. B. dem Italiener Sartoris, als dem einzigen um⸗ gänglichen Mann in Wilna, außer naturwiſſenſchaftlichen Kenntniſſen noch franzöſiſche Politur und Bekanntſchaft mit England zugeſtand: ſo war er ihm doch immer noch — vein Piemonteſer und kein herzlicher Deutſcher«. Mit den Erjeſuiten, den anfangs ſo gerühmten, war es nun wirklich aus. Selbſt Diejenigen, meinte er, die mit ihnen in ihr Horn blieſen, fänden da nichts zu holen. Treffend ſind die Pinſelſtriche, mit denen Forſter dieſe Männer zeichnete:»Es iſt keine Sylbe wiſſenſchaft⸗ lichen Geſprächs mit dieſen Menſchen möglich; ſie ſind trotz ihrer unaufhörlichen Verbeugungen, Höflichkeit und Seiten rieb er mmering Göttin⸗ üt ſonſt endiren⸗ meine einmal, ls habe dahin in und öchten; oth. Neuig⸗ Der ſchien c blieb zenn er en um— nftlichen ntſchaft er noch ſcher«. war es ar, die chts zu Forſter enſchaft ſt im feit und 251 Freundſchaftsbetheuerung immerfort auf ihrer Hut, im⸗ mer mißtrauiſch, immer heimlich und hinterrücks wirkſam, außerſt bemüht, unter dem Anſcheine von Geſchäftigkeit keinen Fortſchritt zur wirklichen Aufklärung machen zu laſſen, wohl aber durch ewige Klage, ihnen ſeien die Hände gebunden, ſchnappend nach mehr Gewalt und Einfluß, und um ſich greifend unter welchem Vorwand es immer ſei.« Wie glücklich, wenn dann einmal ein Durchreiſen⸗ der einſprach, und man ſich unterreden konnte, wie man es in Deutſchland täglich habe,»nämlich ſo, daß man der intereſſanten Gegenſtände mehr hat, als man abzu⸗ thun Zeit findet, und deshalb vom Hundertſten in's Tauſendſte redet.«“— Mit Polen war das nie der Fall: die Geſchliffeneren wollten glänzen und ihre Einfälle hören laſſen, die Anderen intereſſirte nichts. Dieſe Noth war indeß durch den ſchreienden An⸗ kömmling nicht gehoben worden, ſondern nur unterbro⸗ chen, und nach wenig Monaten der neuen Vaterſchaft kehrten die alten Klagen über den lockern Verband mit der Ferne zurück. Jetzt ſchloß Forſter auch»ſein gutes Weib mit ein in den Jammer, von Briefen verlaſſen zu ſein.« Es gab nun einmal, nach Forſter's eignem Be⸗ kenntniß, keinen Genuß für ihn ohne die weit umfaſſende Theilnahme an Menſchen der eignen Art. Daher fand, ſo voll von Glück und Liebe für Frau und Kind ſein Herz auch ſchlug, doch eine wahre Wehmuth Zugang, ſobald er an ſeine wilnaer Lage dachte.»Ach, Gott weiß es, ſchrieb er im November an Lichtenberg, ich bin ganz der Alte, opfere noch immer ſo gern auf jedem Altare des Genius, den ich auf meinem Wege antreffe, erkenne noch immer ſo gern und ſo theilnehmend frem⸗ des Verdienſt, freue mich ſein ohne Mißgunſt, und achte doch mein Wiſſen ſo gering, fühle ſo ſehr meine Nich— tigkeit gegen den Reichthum des Verſtandes, der Andern zu Theil ward! Allein, ich wäre doch auch unfähig, Ihr Freund und von Ihnen geachtet zu ſein, unfähig, ein Urtheil und einen Vergleich anzuſtellen, wenn ich nicht gewahr würde, daß ich hier iſolirt ſtehe, und kein Menſch iſt, der ſich an mich ſchließt, keiner, der mich verſteht, keiner, der mit den Worten dieſelben Begriffe verbindet, keiner, der einen Trieb fühlte, ſein ſogenanntes Fach um einen Fußbreit zu erweitern, eine einzige neue Entdeckung zu machen, keinen, den es kümmerte, ob er je außerhalb der Mauern von Wilna genannt werden wird.«— In ſolcher Stimmung fielen des Freundes Blicke trüb genug auf ſeine Stellung als Profeſſor, auf ſeine Umgebung als Menſch. Mehr und mehr ſetzte ſich bei ihm die üÜberzeugung feſt, daß man in Polen die Wiſ— ſenſchaft wohl nie auf zweckmäßige Art unterſtützen und betreiben werde. Die Univerſität galt ihm für nichts weiter, als eine Jeſuitenſchule, die ſich gänzlich auf dem alten Fuße jenes aufgehobenen Ordens hielt, und wohl gar unbeſucht bleiben würde, wenn man den armen Adel nicht dadurch intereſſirte, daß man die Studenten oder vielmehr Schüler kleidete, fütterte und unentgeltlich auf— erzöge. Und wenn er dieſe Schüler betrachtete, für die er Profeſſor war, rief er ärgerlich aus: Nein,»Scheer— meſſer ſind nicht gemacht, um Klötze zu ſchnitzen!« Die antreffe, d frem⸗ nd achte ne Nich⸗ Andern unfähig, unfähig, venn ich und kein der mich Begriffe nanntes ge neue „ob er werden Blicke zuf ſeine ſich bei die Wiſ⸗ zen und nichts uf dem d wohl ten Adel ten oder ich auf⸗ für die Scheel⸗ Die 253 Univerſität und die Stadt hatten nicht einmal einen Buchhändler, und die zwei Druckereien, die hier beſtan— den, mußten einmal tüchtig zuſammengreifen, um eines Profeſſors Handbuch von 300 Seiten binnen 6 Monaten zu Stande zu bringen. Vollends wie niederſchlagend war für ſeine men— ſchenfreundliche Theilnahme der Anblick des eigentlichen Volkes, dieſer»Millionen Laſtvieh in Menſchengeſtalt, von allen Vorrechten der Menſchheit ausgeſchloſſen, und durch die langgewohnte Sklaverei zu einem Grade der Thierheit und Fühlloſigkeit, der unbeſchreiblichſten Faul⸗ heit und ſtockdummen Unwiſſenheit herabgeſunken, von welchem es vielleicht in einem Jahrhundert nicht wieder zur gleichen Stufe mit anderm europäiſchen Pöbel hin⸗ aufſteigen würde, wenn man auch desfalls die weiſeſten Maßregeln ergriffe.« Die niedere Klaſſe des Adels, deſſen äußerſte Armuth ihn abhängig machte, und zu den verächtlichſten Handarbeiten verdammte, erſchien eben ſo dumm und faul, wie das Volk, und in Anſehung der kriechenden Niederträchtigkeit noch verworfener. Der höhere und reichere Adel bis hinauf zum Thron konnte bloß für eine Schattirung der vorhergehenden Klaſſen, nur mit mehr Gewalt ausgeſtattet, gelten.»Jeder Magnat ein Deſpot, läßt Alles um ſich her fühlen, daß er es ſei; denn nichts iſt über ihm, und ſelbſt die gröb⸗ ſten Verbrechen büßt er höchſtens mit einer Geldſtrafe oder einem Verhaft von etlichen Wochen, wobei er ein Palais zum Gefängniß hat, und die ganze Zeit mit ſeinen Freunden in Schmauſen und Luſtbarkeiten aller Art zubringt.« 254 — Wenn ſolchen troſtloſen Betrachtungen noch etwas af abging, was ſie verſchärfen konnte: ſo ſtellte ſich die(bo trübſelige Jahrszeit mit allerlei Leiden für Forſter ein.. u Der zweite Winter ſeiner Ehe ſchien nachholen zu wollen, du was der erſte, vielleicht aus beſonderer Rückſicht für den i jungen Ehemann, an heimſuchenden Leiden gegen ſonſt fee zurück behalten hatte. Nie war Forſter geſunder gewe⸗ di ſen, frei ſelbſt von Rheumatismen und Augenentzündung, ſe als in der erſten Zeit ſeines häuslichen Glücks. Jetzt 1 aber wechſelte ſein Befinden, und es blieb nicht bei den d gewöhnlichen Erkältungsleiden, ſondern heftige Koliken 1 ſtellten ſich manchmal auf eine Wochendauer ein. Drei d Monate lang hielt ein Huſten an, der die Lunge be⸗ V drohte. Da hatte der Patient Gelegenheit, bei öfterer Abweſenheit Langemeier's den practicirenden Arzt an ſich 1 ſelbſt zu verſuchen. So war er in's neue Jahr 1787 V übergegangen, und richtete,— wie er denn immer auf etwas geſpannt ſein mußte— ſeine Hoffnung auf den Frühling. Dieſer ließ aber, auf gut Wilnaiſch, nicht nur lange genug auf ſich warten, ſondern erlöſſte auch den Harrenden nicht von der Hypochondrie. Noch in die beſſere Jahrszeit hinein hatte der Verlaſſene über unordentlichen Schlaf und immer heiße Stirne zu klagen. Pflegt der Frühling ſelbſt in der Bruſt des geſun⸗ den und glücklichen Menſchen eine, wenn auch oft zielloſe Unruhe und Sehnſucht anzuregen: ſo kann man ſich erſt die Ungeduld, das ungeſtüme Fortverlangen des leiden⸗ den und innerlichſt unbefriedigten Forſter denken. Da ging es ihm aber wie dem Gefangenen, der, ſich auf— u wollen, für den gen ſonſt der gewe⸗ zündung, 78. Jetzt bei den Koliken Drei unge be⸗ i öfterer t an ſich hr 1787 umer auf auf den ſch, nicht ſite auch Noch in ne über klagen. s geſun⸗ ft zielloſ ſich erſt leiden⸗ ken. dA ſich auf raffend, die vergeſſenen Fußſchellen empfindet. Wie konnte der Freund Polen verlaſſen, ohne wenigſtens Das zu erſtatten, was man für ihn aufgewendet hatte, und durch jährliche Abzüge an ſeinem Gehalte nach und nach wieder erlangen wollte? Erſt nach 8 Jahren war er frei von dieſer Schuld, wie von der eingegangenen Ver⸗ bindlichkeit, im Lehramte zu bleiben. Nach Ablauf der⸗ ſelben konnte er ſich mit der Hälfte ſeines Gehaltes zurückziehen. Forſter überredete ſich aber, wenn er nur die ihm geleiſteten Vorſchüſſe erſtattete, das Land ohne Verletzung ſeiner Ehre und Rechtſchaffenheit verlaſſen zu dürfen. Er ſah es nämlich als einen Vertragsbruch Seitens der Schulbehörde an, daß man ihm keine der verſprochenen Bedingungen gehalten, es am Naturalien⸗ Kabinet, am botaniſchen Garten und ſonſt hatte fehlen laſſen,— Mängel, denen man auch, allem Anſehen nach, gar nicht abhelfen wollte. Wie wahr hatte ihm nicht auch ſchon Kaiſer Joſeph die Polen als Leute bezeichnet, die viel Worte machen, aber nicht an's Halten denken. Ja, es war offenbar ein Vertragsbruch!— Indeß, auch angenommen, daß die Schul⸗Commiſſion dieſer Anſicht beiſtimmte: woher wollte er auf einmal die Summe nehmen, deren Erſatz durch Gehalts⸗Abzüge doch immer noch auf ſieben Jahre vertheilt blieb? Eine andre zarte Verbindlichkeit, die Forſter dafür hatte, daß ihm der, zur Tilgung ſeiner kaſſeler Schulden geleiſtete Vorſchuß bei ſeiner Ankunft in Wilna geſchenkt worden war, wußte er freilich auf keine andre Weiſe auszugleichen, als daß er, wie er ſich in einem Briefe an ſeinen Schwiegervater erklärte, ſeine wilnaer Erlitten⸗ 256 heiten in Gegenrechnung brächte. Er mochte im Augen— blicke nicht überlegt haben, wie ſchwer es ſein würde, deutſche Unzufriedenheit gegen baare polniſche Gulden abzuwägen. Doch an alles dieſes war nicht eher zu denken, als bis ſich ihm ein anderweites Unterkommen darbieten würde. Dies mußte jedenfalls eine Stelle ſein, deren Einkommen die alte Schuld, die neue Einrichtung, den koſtſpieligen Umzug und das laufende Bedürfniß des Hauſes zu beſtreiten vermöchte. Nach welcher Seite hinaus ſollte ſich wohl eine ſo breite Ausſicht eröffnen? Forſter täuſchte ſich nicht darüber, wie feſt er in dieſem unglücklichen Wilna eingethan war. Dennoch blickte er unaufhörlich bald dahin, bald dorthin nach Deutſchland aus. Er flatterte mit hoffenden Gedanken in ſeinem Käfige: denn ſchon im Flattern liegt ein Ge⸗ fühl der Freiheit, und die Ermüdung davon hat etwas Beruhigendes. Schon im Laufe des Winters hatte Vater Heyne ſeinen Schwiegerſohn auf Profeſſor Leske's Ableben in Marburg aufmerkſam gemacht. Forſter redete ſich ein, Marburg, wenn auch an ſich ein unbeträchtlicher Ort, hätte doch gerade für ihn durch die Nähe von Göttingen mit deſſen Hülfsmitteln für Naturwiſſenſchaft manches Anziehende. Er faßte allerlei Plane, wie die Stelle zu erweitern, der Gehalt von 1200 Thalern zu verbeſſern, ſeine Überſtedlung zu erleichtern wäre. Er hoffte, ſeine Ernennung zum außerordentlichen Mitgliede der Akademie in Berlin ſollte ſeiner Bewerbung und ſeinen Bedingun⸗ gen mehr Nachdruck geben. Augen mwürde, Gulden nken, als darbieten n, deren ung, den fniß des er Seite eröffnen? ſt er in Dennoch hin nach Gedanken ein Ge⸗ zat etwas er Hehne lleben in ſich ein, zer Ort, ottingen manches Stelle zu eebeſſern te, ſeine Akademie gedingun⸗ Der ganze Zuſtand in Heſſen hatte ſich freilich durch Regierungswechſel geändert. Der alte Landgraf Friedrich, den Forſter im vorigen Sommer von Göttingen aus noch ganz rüſtig angetroffen hatte, war im Herbſt am Schlage geſtorben,—»luſtig und guter Dinge, bis zum Au⸗ genblicke, da er ſanft und plötzlich entſchlief, ohne bei langwieriger Krankheit der Welt noch das Schauſpiel mancher Schwachheit zu geben, und ſich ſelbſt mit Gril⸗ len und Chimären zu ängſtigen.« Daß ſein nun regie⸗ render Sohn, Wilhelm IX. der nachmalige erſte Kur⸗ fürſt, das Carls⸗Colleg mit Marburg vereinigt hatte, ſchien Forſtern nicht unzweckmäßig. Sonſt wußte er dem neuen Regenten noch nichts Beſonderes nachzurühmen, außer etwa,»daß derſelbe trotz einer Mätreſſe, die er ſich halte, doch ein bigotter Proteſtant ſei.« Gegen den Mai hin, wo die Angelegenheit wegen Marburgs ſich zerſchlug, hatten ſich die heſſiſchen Verhältniſſe immer weniger einladend angelaſſen; ſo daß Forſter ſich über dieſe verſchwundne Ausſicht eben nicht ſehr kränkte. In einem franzöſiſch geſchriebenen Brief an Camper äußerte er, daß er ſich unter dem eiſernen Zepter, der jetzt über Heſſen herrſche, auf der elenden Univerſität Marburg, doch nicht wohl würde befunden haben. L'anarchie regne dans ce malheureux pays dans boute son hourreur, ſchrieb er damals am 7. Mai 1787! Doch Forſter ſetzte, wie ein ungeduldiger Spieler, auf mehr als eine Nummer, um eine andre Stellung zu gewinnen. Noch ehe ſein Hoffnungseinſatz auf Mar⸗ burg verfallen war, ſann er auf das reizendere Mainz. 17 ——’’—B—B—B:r— 258 Wie oft hatte er auch nicht dorthin an ſeinen theuern Sömmering zu ſchreiben? Und den Gedanken des Her⸗ zens folgten unvermerkt die berechnenden Abſichten. Mit ſcherzendem Ernſte warf er gelegentlich die Außerung hin, ſobald man ihn haben wollte, würde er kommen,— vorausgeſetzt, daß man ihm 1200 Thaler Gehalt, 400 Dukaten Reiſekoſten und 1000 Dukaten Vorſchuß, ſich in Wilna loszumachen, bewillige. Er fühlte wohl, daß dies ein ſchweres Wort war, und ſuchte es durch das Gewicht ſeines Selbſtgefühls aufzuwägen, indem er hin⸗ zuſetzte:»Was iſt's am Ende, wenn ich den Kurfürſten 6000 Gulden koſte? haben ihn doch Andre mehr gekoſtet, die weniger Namen haben!«— In Mainz hoffte er fleißiger zu ſein, und mehr zu verdienen, als ehedem in Kaſſel, wo er nichts habe vor ſich bringen können, weil „die Teufelswirthſchaft mit den Roſenkreuzern« geweſen wäre. Es ſchien Forſtern nicht irre zu machen, daß zu gleicher Zeit Sömmering von Mainz wegzukommen ſuchte. Denn einmal lag der Antrieb dazu in den beengenden Verhältniſſen des mainzer Freundes; ſodann galt es dem⸗ ſelben um die beſſer bezahlte Stelle des von Wilna weg⸗ gehenden Profeſſors der Anatomie, Biſto, und außer⸗ dem mochte es ihm neben Gehaltsverbeſſerung beſonders auch um eine Wiedervereinigung mit Forſtern zu thun ſein. Forſter war aber bei aller Liebe zu Sömmering nicht ſelbſtſüchtig genug, den Freund um jeden Preis nach Wilna zu wünſchen. Er that zwar die nöthigen Schritte für denſelben, warnte ihn aber, aus bloßem Unbehagen in Mainz ſich ja nicht zu übereilen. Er kannte theuern des Her⸗ ten. Mit rrung hin nmen,— alt, 400 huß, ſich wohl, daß durch das neer hin⸗ durfürſten gekoſtet, hoffte er ehedem in nnen, weil geweſen „daß zu nen ſuchte eengenden tt es dem⸗ Ana weg⸗ d außer⸗ beſonders zu thun ömmering den Preis nöthigen z bloßem Er kanni zu genau alle die Unannehmlichkeiten von Wilna, die man ſich nur durch eine ſtarke Einnahme einigermaßen erleichtere; wogegen man einer ſolchen begünſtigten Lage, neben der Mißgunſt feindſeliger Amtsgenoſſen, doch nicht recht froh werden könne. Vielmehr rieth Forſter dem Freunde, ſich lieber um die Stelle des in Göttingen ab⸗ gegangenen Profeſſors Richter zu bewerben,— allen Nachtheilen Göttingens zum Trotze; denn—»zwei Stun⸗ den mit Lichtenberg ſind ja allein ſchon Erquickung auf ein halbes Jahr, wie wir oft in Kaſſel erfahren haben,« ſchrieb er. Inzwiſchen blieb Sömmering in Mainz, und hier ging durch die Wahl Karls von Dalberg zum Coadjutor für Männer von Geiſt und Talent manch' ſchöne Erwar⸗ tung auf. Bekanntlich ſetzte auch Schiller ſeine Hoffnung auf die künftige Regierung dieſes geiſtreichen und wiſſen⸗ ſchaftlichen Prälaten, ſeines beſondern Gönners in Er⸗ furt. Auch Forſter freute ſich in einem Maibriefe an Sömmering jener Wahl; indem er ſich dabei doch mehr als früher in ſeinen Wünſchen beſcheidete. Er rechnete nämlich nun erſt nach 6 Jahren, mithin nach Erfüllung ſeiner wilnaer Verbindlichkeiten, auf eine Wiedervereini⸗ gung mit dem Freunde, da er alsdann auch ſchuldenfrei, bloß»für ein angemeßnes Reiſegeld und honettes Ge⸗ halt« kommen wolle, um mit dem Herzensfreunde in einem milden Klima vereint zu leben. Weniger erfreut war Sömmering über Dalbergs Wahl. Er konnte ſein geheimes Grauen vor Roſenkreu⸗ zern und Jeſuiten nicht los werden, und hielt den neuen Coadjutor für einen Jeſuiten. Forſter verwarf dieſe Be⸗ 260 ſorgniß. Mit ſo aufgeklärten Männern, ſo feinen Welt⸗ leuten ſei immer gut leben, meinte er. Jedenfalls ſei Dalberg kein plumper Jeſuit, der bei Dummheit und Aberglauben ſein Glück ſuche. Den Jeſuitismus erblickte Forſter nur durch eine ganz feine Schattirung von jeder andern Anhänglichkeit an Weltregiment unterſchieden. In dem Princip, der Menſch ſei ein Thier, das eines Herrn bedürfe, liege der wahre Jeſuitismus. Aber— ſchrieb er,»die weltlichen Regenten gehen von demſelben Prin⸗ zip aus. Es iſt alſo nur zwiſchen beiden die Frage, wer der Herr ſein ſolle, der Geiſtliche oder der Weltliche. Eine gewiſſe Kultur der Wiſſenſchaften, ein feines, tie⸗ fes Studium haben die Jeſuiten immer getrieben. Nur die wahre Aufklärung iſt ihnen zuwider;— aber die weltlichen Fürſten können ſie auch nicht leiden; denn ſie ſtößt ihr Prinzip über den Haufen. Der wahrhaft und der ganz aufgeklärte Menſch bedarf kei⸗ nes Herrn.« Noch eine Ausſicht bot ſich dem Freunde mehr an, als daß er ſie geſucht hätte. Im Laufe des Frühjahrs kamen ihm Winke und Einladungen von Freunden in Wien, ja ſelbſt anonyme Aufforderungen zu, ſich um die Stelle des ſterbenden und endlich wirklich geſtorbenen Profeſſors der Naturgeſchichte, Herrn Well, zu bewerben. Allein bei aller Sehnſucht nach Deutſchland und allen lockenden wiener Erinnerungen blieb der Freund doch klar genug über ſeine Lage und Bedürfniſſe, um die berech⸗ nende Einſicht auch ein Wörtchen mit reden zu laſſen. Die mit dieſer Stelle verbundne Beſoldung von 1200 Gulden, die noch dem gewöhnlichen Abzuge von 5 Pro⸗ en Welt⸗ falls ſei jeit und erblickte oon jeder den. In es Herrn ſchrieb en Prin⸗ age, wer Veltliche. es, tie⸗ Nur aber n; denn ihrhaft irf kei⸗ nehr an, rühjahrs nnden in um die orbenen werben, id allen doch klat eberech⸗ 1 laſſen. n 1200 re 261 cent unterlag, war für das große Leben in Wien etwas mehr als nichts. Den Kaiſer ſelbſt hielt Forſter nicht für den Mann, der den großen Knoten löſe, von dem unſer Profeſſor in Wilna feſtgehalten wurde. Im Stil⸗ len erfreut über das eifrige Andenken ſeiner dortigen Freunde, über die erwachende Gunſt der ihm früher feindſeligen Parteien, that er doch keinen Schritt um die Stelle in Wien. Vertrauen war alles, was er jetzt wünſchte, und zu verdienen ſuchte, Daß hierbei Thereſens frühere Abneigung gegen Wien Forſtern mitbeſtimmt habe, iſt nicht anzunehmen. Nie berief ſich Forſter bei dem unruhigſten Verlangen nach Deutſchland auf gleiche Wünſche oder Ungeduld ſei⸗ ner Frau. Wirklich ſcheint ſie, ohne ihn mit Unzufrie⸗ denheit zu drängen, ſo geſtimmt geweſen zu ſein, wie ſie es von ſich bekennt, daß nämlich»jeder Tag ihr ge⸗ nügt, und ihre Sehnſucht nach Eltern und einem culti⸗ virten Lande, nach einem milden Himmel nur poetiſchen Schwung, keinen Trübſinn hervorgebracht habe.« Ruſſiſche Löſung. Die zarte Selbſtverläugnung Thereſens und von Seite Forſter's die Einſicht und Ergebung, die er zuletzt über ſeine Unruhe und Ungeduld gewonnen hatte, gaben vielleicht dem häuslichen Leben jene Stimmung, durch 262 die man eine beſſere Lage, wenn nicht erringt, doch ver⸗ dient. In der That ſollte der Freund noch im Laufe des Frühlings erfahren, daß das alte Glück, welches ihm vor drei Jahren im rechten Augenblicke von Kaſſel hinweggeholfen hatte, ihm auch jetzt noch treu blieb, und mit der unverhoffteſten Erlöſung erſchien. Mit dem Monate März hatte Forſter ſeine Arbeit über»Cook den Entdecker« als Einleitung zu der überſetzten dritten Reiſe dieſes berühmten Weltumſchiffers beendigt. Mit der verzehrenden Anſtrengung, womit er, nach ſeinem eignen Geſtändniſſe, dieſen Aufſatz ausgearbeitet, hatte er nie etwas gemacht. Thereſe fürchtete für ſein Leben. Die Arbeit fiel in die Leidensmonate des böſen Winters, wo ſeine einzige Erholung war, jeden Abend ſeiner Frau vorzuleſen, was er den Tag über geſchrieben hatte. Doch von all' dieſen körperlichen Leiden und Ver⸗ ſtimmungen des Gemüthes trägt die gehaltvolle Mono⸗ graphie keine Spur an ſich. Nicht bloß, daß den bis dahin nur unvollkommen erkannten außerordentlichen Lei⸗ ſtungen und dauernden Verdienſten dieſes ſeltnen See⸗ mannes gerechte und rühmliche Anerkennung widerfährt, erhebt ſich auch Forſter in ſeiner eigenſten Weiſe zu den edelſten Anſichten über Menſchen- und Völkerleben. So ſpricht er über menſchliches Glück: »Zwiſchen den Augenblicken des Begehrens und der Befriedigung, liegt der Augenblick des Beſtrebens, um den es vielleicht der Natur am meiſten zu thun iſt. Ihr Inſtinkt, der mit unwiderſtehlicher Kraft nach phyſiſchem Wohlbehagen, nach geſundem, ſchmerzloſem Daſein, oder och ver⸗ n Laufe welches n Kaſſel u blieb, Arbeit zu der nſchiffers er, nach rrbeitet, kür ſein s böſen Abend ſchrieben ſt. Ihr hſiſchem n, oder auch nach der lebhaftern Empfindung angenehmer ſinnli⸗ cher Eindrücke ſtrebt, iſt eben ſowohl, als dieſer Genuß ſelbſt, nicht Zweck, ſondern Mittel. Die Abſicht der Natur ging auf Entwicklung der Kräfte, auf Handlung, Bewegung, Thätigkeit; was ſie von Genuß uns zur Lockſpeiſe vorhielt, ſollte wie die kleine Portion Honig, welche der Hottentotte ſeinem freundlichen Bienenkukuk überläßt, nur den Gaumen reizen, uns nur körnen, deſto eifriger ihren Zweck zu befördern.—— Glücklich ſein ſcheint demzufolge einen Zuſtand zu bezeichnen, wo Ar⸗ beit und Ruhe, Anſtrengung und Ermattung, Begierde und Befriedigung, Wohlluſt und Schmerz, Freude und Leid mit einander wechſeln, wo aber die frohen Augen⸗ blicke des Genuſſes kräftig genug zu neuer Thätigkeit reizen, und lebenslang die möglichſte Entwicklung aller phyſiſchen und ſittlichen Kräfte befördern. Die Extreme einer zu heftigen Erſchöpfung und einer gänzlichen Be⸗ freiung von aller Mühe erſticken beide die Thätigkeit, und machen nicht glücklich.« Da nun»wo das richtige Verhältniß zwiſchen Arbeit und Genuß alle Fähigkeiten und Anlagen hervorruft, entwickelt, und in volle Wirk⸗ ſamkeit ſetzt, da ſcheint der weiſen Staatskunſt weiter nichts übrig zu bleiben, als über die Entwicklung ver⸗ ſchiedner Kräfte zu wachen, daß ſie einander nicht zer⸗ ſtören können.« So unmittelbar vor der franzöſiſchen Revolution, als Forſter ſeine Arbeit abfaßte, hatten edle Geiſter das lebhafteſte Vorgefühl von einem herannahenden glückli⸗ chen Zuſtande der Menſchheit. Es war, als ob das Verhängniß unſeres Geſchlechts den ſchauenden Geiſtern 264 auf einen Augenblick den Siegespreis jener Kämpfe zeigte, die bald blutig und dauernd entbrennen ſollten, hinter denen aber das gehoffte Glück ſich immer wieder zurück⸗ zieht. So ſpricht denn auch Forſter, gelegentlich der Entdeckungen Cooks, von einem nicht mehr fernen Zeit⸗ punkte, wo im Denken, Thun und Laſſen von Millionen Menſchen eine merkwürdige Revolution vorgehen werde,— „wo Lehren der Weisheit aus Europa, vielleicht auch aus Amerika und den Südländern mit unwiderſtehlicher Macht der Überredung ſte auffordern werden, ihrer lang⸗ gewohnten Sklaverei, ihrer natürlichen Weichlichkeit und Indolenz, dem deſultoriſchen Gang ihrer in Bildern ſpie⸗ lenden Vernunft, kurz, den angeerbten klimatiſchen Irr⸗ thümern und Mängeln ihres Verſtandes und Herzens zu entſagen, und dafür die Wahrheit zu erkennen und an⸗ zunehmen, welche den europäiſchen oder aus Europa entſprungnen Selbſtdenker glücklich macht“——— »Vor der Morgenröthe der Wiſſenſchaften verſchwindet die menſchliche Unfehlbarkeit. Duldung und Gewiſſens⸗ freiheit verkündigen den Sieg der Vernunft, und bahnen den Weg zur Preßfreiheit und zur freien Unterſuchung aller Verhältniſſe, die dem Menſchen unter dem Namen Wahrheit wichtig ſind. Endlich geben Luxus und Fleiß dem Leben neuen Werth; die Künſte erreichen den Gipfel der Vollkommenheit und Einfalt; Beobachtung und Er⸗ fahrung erweitern und verbinden alle Wiſſenſchaften mit einander, alle politiſchen Kräfte neigen ſich in's Gleich⸗ gewicht; kurz, es iſt, oder es wird ſchon Blüthezeit.« Welch' rührender Ausblick auf einen Frühling, für fe zeigte, „hinter t zurück⸗ tlich der nen Zeit⸗ Millionen werde,— icht auch rſtehlicher rer lang⸗ kkeit und ern ſpie⸗ hen Irr⸗ erzens zu und an⸗ Europa rſchwindet hewiſſens⸗ d bahnen erſuchung Namen nd Fleiß Gipfel und Er⸗ aften mit 3 Gleich⸗ thezeit ling, fur 265 welchen an unſern deutſchen Staatsmännern der Bock zum Gärtner beſtellt erſcheint!— Forſter widmete dieſe Arbeit dem Kaiſer Joſeph mit deſſen»ſehr herablaſſender Genehmigung.« Bloße Hul⸗ digung war es nicht, ſondern einige Berechnung ſeiner Zukunft bewog ihn zu dieſem Schritte,„den er nicht gethan hätte, wenn er nicht ſeine Pflichten der Unab⸗ hängigkeit von Fürſtengnade vorgezogen hätte.“ Mit dieſem Bekenntniß bat er ſeinen Schwiegervater, ihm deßhalb nicht zu zürnen, und die wenngleich ſchon ge— druckte Dedication zu kritiſiren; da ſeine Frau zu nach⸗ ſichtvoll ſei, und er doch außer ihr niemanden habe, der ihn tadle und belehre. Es lag eine heitre Laune des Glücks in der Art, wie es ſeine neue Gunſt Forſtern zuwendete. Gleichſam zur Anerkennung des Verdienſtes, das der Freund ſich um den erſten Schiffscapitain ſeiner Zeit, um Cook, er⸗ worben hatte, erſchien unverhofft ein andrer Seemann, um Forſtern aus der ſandigen Wüſte Polens zu einer neuen Weltfahrt an Bord zu nehmen. Einſt war dem Knaben auf kindliches Gebet durch ein Goldſtück aus kindiſcher Noth geholfen worden: jetzt ward dem Manne, der Beten verlernt hatte, für edle Arbeit Huld und Hülfe verliehen! Eines Morgens in den erſten Tagen des Juni ſaß Thereſe am Fenſter, als ein ruſſiſcher Officier auf ihre Wohnung zukam. Im erſten Augenblicke dachte ſie an ihren Bruder, jenen jungen Mediziner, den Forſter in Wien eingeführt hatte, und der jetzt als Arzt bei den ruſſiſchen Truppen diente, die auf dem Wege der Kai 17* 266 ſerin nach Cherſon aufgeſtellt waren. Doch an der Ma⸗ rine⸗Uniform erkannte ſie ſogleich ihren Irrthum. Beim Mittagtiſche fragte Forſter, wozu ſie wohl rathen würde, wenn er unter der Bedingung, eine mehrjährige See⸗ reiſe zu machen, die Mittel gewänne, Polen zu verlaſſen, und nach ſeiner Rückkehr von jener Fahrt ſorgenfrei zu leben. Ich wurde rathen es anzunehmen, erklärte Thereſe, raſch entſchloſſen. Und nun erfuhr ſie das Nähere. Je⸗ ner Officier war der Flotten⸗Kapitain Mulowsky, von der Kaiſerin abgeſchickt, um Forſtern zu einer von ihr angeordneten Entdeckungsreiſe nach der Südſee anzuwer⸗ ben. Ein verbindlicher Brief des ruſſiſchen Geſandten von Stackelberg aus Kioff vom 30. April datirt, hatte den Kapitän bei Forſtern eingeführt. Die Zeilen erin⸗ nerten den Freund an die in Grodno gemachte Bekannt⸗ ſchaft, und empfahlen ihm Mulowsky's mündliche Ange⸗ legenheit. Dieſer, ein Mann in den beſten Jahren und in England für das Seeweſen erzogen, hatte wie Cook ſeine Lehrjahre in einem Kohlenſchiffe beſtanden, und ſeitdem auch ein Schiff von 74 Kanonen im mitelländi⸗ ſchen Meere commandirt. So ſollte denn Forſter mit einem Lebensabſchnitte wechſeln, der wieder von Weltverhältniſſen beherrſcht würde. Je inniger inzwiſchen aber das häusliche Glück geworden war, das ihn jetzt umfangen hielt, deſto mehr Kraft mußte, ſo zu ſagen, die Welt anwenden, um ihn wieder an ſich zu ziehen. Dieſer Kraftaufwand drückt ſich in den Bedingniſſen und Vortheilen aus, die Forſtern angeboten, und in der Unterhandlung zugeſtanden wurden. Das un benäpole den Ind Verwitt nur die Fanilie er Ma⸗ Beim würde, e See⸗ elaſſen, ffrei zu Thereſe, e. Je⸗ y, von don ihr zuwer⸗ jandten „hatte n erin⸗ zekannt⸗ Ange⸗ ren und ie Cook n, und elländi⸗ ſchnitte herrſcht Glück to mehr um ihn drück Forſtern wurden Das unglückliche Polen machte zwiſchen dieſen beiden Le⸗ benspolen Forſter's, zwiſchen Haus und Welt, keineswegs den Indifferenzpunkt, ſondern vielmehr den unwillkürlichen Vermittler zu Gunſten der ruſſiſchen Bewerbung. Denn nur die unbefriedigende und doch ſo gefeſſelte Lage der Familie in Wilna konnte Forſtern zu ſeinem ſo bedenk⸗ lichen Entſchluß beſtimmen. Die Bedingungen waren folgende: 1. Rußland bewirkt die Entlaſſung Forſter's aus dem polniſchen Dienſt, und übernimmt die Berichtigung der Vorſchußſchuld des Profeſſors an die Erzie⸗ hungs⸗Commiſſion. Die Fußſchellen des fortverlangenden Mannes wurden alſo gelöſſt. 2. Während der Seereiſe empfängt Forſter, neben freiem Unterhalt für ſich und einen Bedienten, 3000 Rubel Jahresgehalt, wovon 1000 an ſeine Frau bezahlt werden. An Reiſekoſten und Überfahrt des Gepäcks bis nach England, von wo die Expedition ausläuft, werden 4000 Rubel bewilligt. 4. Nach beendigter Erpedition bleibt Forſtern ein Jahrgehalt von 1500 Rubeln, verzehrbar, wo es ihm beliebe, auf die Dauer ſeines Lebens. Im Falle ſeines Todes erhält ſeine Frau als Wit⸗ wengehalt die Hälfte deſſen, was Forſter eben zu beziehen gehabt, mithin während der Reiſe die Hälfte von 3000 Rubeln, und nach beendigter Expedition von 1500 Rubeln; der gleiche Betrag 268 bleibt ſeiner Tochter, wenn ſie verwaiſ't, bis zu einer etwaigen Heirath. Überdies wurde Forſtern die ganze Einrichtung des wiſſenſchaftlichen Theils der Expedition überlaſſen; ſo daß er Zeichner, Jäger, Chemiker anzuwerben, ihre Gehalte vorzuſchlagen, ihre Werkzeuge anzuſchaffen hatte. Dieſe Bedingniſſe nebſt dem, was das Unternehmen noch an wiſſenſchaftlichen und literariſchen Vortheilen ver⸗ ſprach, erſchienen günſtig genug für Forſter's Zukunft und zureichend, ihn bei ſeiner alten Vorliebe für ſolche weltweite Unternehmungen doch auch über ſeine häus⸗ lichen Pflichten zu beruhigen. Eins kam noch hinzu, was dem Geſchäft auch einen gemüthlichen Reiz verlieh, und Forſtern einigen Erſatz für die doch immer ſchmerz⸗ liche Trennung von ſeiner Familie verſprach: er dachte an Sömmering, den Herzensfreund, der als naturfor⸗ ſchender Schiffsarzt die ſo belehrende Weltfahrt mitmachen könnte. Er eilte ihn dazu aufzufordern. Eingedenk der Behandlung, die ſein Vater früher in Petersburg erfahren hatte, machte Forſter ſich vor allem über die Verhältniſſe klar, unter denen er jetzt ſelbſt ruſſiſche Zuſagen empfing. Hier ergaben ſich gute Vorausſetzungen. Kapitain Mulowsky war ein natür⸗ licher Sohn des Grafen Iwan Gzernichew, Vice-⸗Präſt⸗ denten des Admiralitäts⸗Collegs; dieſer ſtand beim Groß⸗ fürſten im höchſten Anſehen, und der Großffürſt ſelbſt unterzeichnete als Großadmiral alle auf dieſe Expedition bezüglichen Verträge. Mit dieſem Vertrauen ſchloß For⸗ ſter ab. Und Thereſe? Wir haben ihr eignes Bekenntniß über ihn niß, zu das ihr Freunde fährlich zurücke ſamkeit Ausſich Grunde und ga uns w ten zu nichun auch i jährig nach, geſell borne mung richte ſter s nach aber dau bis zu zung des ſo daß Gehalte ernehmen eilen ver⸗ Zukunft für ſolche e häͤus⸗ h hinzu, verlieh, ſchmer⸗ er dachte naturfor⸗ nitmachen er früher ſich vor mer jetzt ſich gute natür⸗ ⸗Präͤſt⸗ mm Groß⸗ rſt ſelbſt grpedition lloß Jot⸗ zekenntniß uber ihre damalige Geſinnung. Sie»fühlte das Wag⸗ niß, zu welchem ihr Mann ſich entſchloß, das Schickſal, das ihr drohen konnte, die Vorwürfe, welche Forſter's Freunde ihr über ihre völlige Zuſtimmung zu dieſer ge⸗ fährlichen Reiſe machen möchten, wenn er nie von ihr zurückkehrte. Allein Jugendmuth, Ehrgeiz, Unbedacht⸗ ſamkeit über die möglichen Nachtheile, und die traurige Ausſicht, Forſtern in Polen geiſtig und körperlich zu Grunde gehen zu ſehen, erſetzten bei ihr die Vernunft, und gaben ihr die nöthige Klarheit der Anſicht, welche uns willig macht, das unvermeidliche Böſe mit dem Gu⸗ ten zugleich über ſich ergehen zu laſſen, ſobald die Er⸗ reichung eines Endzwecks es erfordert.«— So gab ſie auch in Betracht ihres Aufenthalts während der vier⸗ jährigen Abweſenheit ihres Mannes der Anſicht desſelben nach, und entſchied ſich für Göttingen; obſchon ihr der geſellſchaftliche Kreis ihrer Jugendfreundin Reichard, ge⸗ bornen Seidler, in Gotha lieber geweſen wäre. Von ihrem Vater erhielt ſie die herzlichſte Zuſtim⸗ mung. Er bewunderte den Muth ihres Entſchluſſes, und richtete ihren Blick auf die wunderbare Fügung in For⸗ ſter's und ihrem Leben mit Hindeutung auf die Zukunft nach Forſter's froher Rückkehr, da ſie wieder vereint, aber unabhängig, vielleicht in der Nähe des väterlichen Hauſes, eines glückſeligen Lebens genießen würden. Auch Forſter wurde wegen ſeines männlichen und würdigen Entſchluſſes gelobt. Zugleich gab Heyne Rath⸗ ſchläge über zu machende Nebenbedingungen, ſo wie we⸗ gen Beſtimmung des militäriſchen Ranges, wonach in 270 Rußland alles geſtellt ſei, und des wechſelnden Werthes des Silberrubels bei Zahlungen in Deutſchland u. d. gl.— Von nun lebte Forſter in aufgeregter, aber ſeelen⸗ vergnügter Stimmung, beſonders nachdem auch Sömme⸗ ring ſich zur Theilnahme an der ruſſiſchen Expedition bereit erklärt hatte. Forſter berieth ihn darüber, was er als Vorſchuß zur Reiſe und zur Bezahlung ſeiner Schulden, ſo wie an Gehalt während der Fahrt und nach Beendigung derſelben fordern ſollte. Er munterte ihn auf, ſich um 300 Dukaten alter Schulden keine Sorgen zu machen, und ſich nur vor neuen zu hüten. Er ſollte nichts für Kleider verwenden, die, außer einem guten Vorrath von Hemden und Strümpfen, zu Schiff unnöthig ſeien, und in London ohnehin keinen fremd⸗ artigen Schnitt haben dürften. Es iſt rührend, wie Forſter, die große Reiſe in's Auge gefaßt, ſich auf einmal wirthſchaftsverſtändig, einſchränkungsluſtig über alles verbreitet. Er geht in's Einzelnſte ein,— wie ſie in London ſich billig einrichten, wohlfeil logiren, einfach ſpeiſen wollen. Eine vergnügte Haſt, eine geſchäftige Umſicht, ein wohlwollendes Wich⸗ tigthun ſpricht ſich in jeder Zeile, beſonders in den Brie⸗ fen an Sömmering aus. Er plaudert ungeordnet über die Perſönlichkeit des Kapitains Mulowsky, über Namen und Größe der zur Expedition beſtimmten Schiffe, über den Plan der Reiſe u. d. gl. Er phantaſirt von allem, was ſie auf der Fahrt thun und laſſen wollen, und be— rührt zugleich auch wieder die Art und Weiſe, wie und wo er und Thereſe ihr Geld beziehen können. Er giebt dem d veräuß gen u Beſtim Forſter kain L G . bang; wage Iee ſete! meinſe in di gen, der g ſchaf Am⸗ ſern laſſe Beg keine gede ſach Werthes d. gl.— r ſeelen⸗ Sömme⸗ rpedition er, was g ſeiner hrt und munterte en keine u hüten. er einem Schiff n fremd⸗ deiſe ins -iſtändig, geht ins inrichten, ergnügte 5 Wich⸗ in Brie⸗ net über Namen fe, über zn allein, und be⸗ wie und Er giebt 271 dem Freund Rathſchläge ſeine Präparatenſammlung zu veräußern, ſich des Mitnehmbaren zu verſichern.»We⸗ gen unſeres Ranges, bemerkte er, habe ich noch nichts Beſtimmtes. Ich denke am Ende bleiben wir überall Forſter und Sömmering, und wenn dieſe Namen uns kein Lüſtre geben, ſo thut's kein Titel, kein Rang.« Am Ende wurde ihm vor ſeiner eignen Freude bang; wenigſtens ſchrieb er an Sömmering:,»Noch wage ich es nicht recht, mich dem ſüßen Taumel der Idee zu überlaſſen, daß wir beide auf eine Art, die un— ſere heißeſten Wünſche übertrifft, wieder vereinigt, ge⸗ meinſchaftlich eine ſo thätige Laufbahn betreten, einander in die Hand arbeiten, für Ruhm und Glück zugleich ſor⸗ gen, England, Liſſabon, Madeira, Braſilien, Vorgebirg der guten Hoffnung, Neuholland, Neuſeeland, die Freund⸗ ſchafts⸗, Societäts⸗, Sandwich⸗Inſeln, die Küſten von Amerika, Japan und China beſuchen, und überall un⸗ ſerm Eifer für die Wiſſenſchaft uns ungehindert über⸗ laſſen werden.« Welch' edler Sinn beſeelte den Mann, der nur mit Begeiſterung der großen, ideellen Eroberungen, und mit keiner Silbe der Leiden und Gefahren einer ſolchen Reiſe gedenkt, die er doch aus Erfahrung kannte und mit viel— facher Kränklichkeit noch immer zu verbüßen hatte!— Rückkehr nach Deutſchland. Mitte Juli waren Forſter's Bedingniſſe und Forde⸗ rungen in Petersburg angenommen, und wegen Löſung ſeines Dienſtverhältniſſes die geeigneten Aufträge aus dem Admiralitäts⸗Colleg an den ruſſiſchen Geſandten in War⸗ ſchau erlaſſen worden. Nun gerade, wo Forſter ſich aus ſeinen wilnaer Verbindungen loszuwickeln anfing, erhielt er ein begütigendes Schreiben ſeines alten Freundes Scheffler aus Warſchau. Dieſer Mann, der eigentlich Forſtern nach Wilna gebracht hatte, war denn auch auf's Thätigſte bemüht geweſen, ihn durch Beſeitigung ſeiner Beſchwerden zufrieden zu ſtellen. Noch ohne Ahnung deſſen, was mit Forſtern vorging, benachrichtigte er ihn von den Hinderniſſen, die der Ankauf des zu einem botani⸗ ſchen Garten behandelten Grundſtücks gefunden hatte. Er ſuchte es dem Freunde auszureden, daß man ihm als Fremden abgeneigt ſei, da man vielmehr ſeinem Eifer und ſeinen Verdienſten um die Akademie alle Gerechtig— keit widerfahren laſſe. Und nachdem er ihm umſtändlich nachgewieſen, wodurch der Fürſt Poniatowsky verhindert worden ſei, ihm auf ſeinen letzten Brief zu antworten, beſchwor er Forſtern, ſich aller mißtrauiſchen Gedanken ein für allemal zu entſchlagen, da ſie nur ſeiner Geſund⸗ heit ſchaden könnten. Natürlich konnte dies Schreiben unter den verän— derten Umſtänden bloß zu den Akten genommen werden. Auch Geſun über zu der Abgan Miner ſtellen ſchafft verzei Recto ren a Gepo nach ſcher Bor Drof ihm am Forde⸗ Löſung aus dem n War ſich aus erhielt reundes gentlich ch aufs g ſeiner Ahnung er ihn botani⸗ n hatte. ihm als i Eifer erechtig⸗ dndlich rhindert wworten, jedanken Geſund⸗ verän⸗ werden 273 Auch kam die freundſchaftliche Warnung wegen ſeiner Geſundheit zu ſpät für einen Anfall vom Gallenfieber, über das Forſter indeß diesmal ſchneller hinaus, und zu den Geſchäften gelangte, die jetzt vor ihm und ſeinem Abgange lagen. Er hatte mehrere Wochen alle Hände voll zu thun, um die Cataloge über die angeſchafften Mineralien und andre geſammelte Gegenſtände aufzu— ſtellen, zu beziffern, in's Reine zu ſchreiben, die ange⸗ ſchafften Bücher zu protokolliren, die Samenvorräthe zu verzeichnen, und alle Rechnungen zur Vorlage an den Rector anzufertigen.— Seine literariſchen Arbeiten wa⸗ ren abgeſchloſſen, der letzte Theil von Cook's Reiſe in der Handſchrift an Spener nach Berlin abgegangen. Sein Mobiliar wurde mit Schaden verkauft, ſeine Sachen nach Königsberg abgeſchickt. Hier trennte ſich Thereſens Gepäck, um über Lübeck zu gehen, von Forſter's, das nach Kopenhagen beſtimmt war, wo es von dem ruſſi⸗ ſchen Schiffe, auf deſſen Durchfahrt durch den Sund, an Bord genommen werden ſollte. Den 15. Auguſt war er mit der von den Jeſuiten⸗ Profeſſoren immer aufgeſchobenen Üüberlieferung der von ihm beſorgten Sammlungen fertig geworden, und fuhr am 16. mit Frau, Kind und Geſinde nach Werky. Hier, auf dem Luſtſchloſſe des Fürſtbiſchofs, eine Meile von Wilna, brachte er in Erwartung ſeines förmlichen Dienſtabſchiedes von Seiten der Erziehungs⸗Commiſſion, einige Tage in Geſellſchaft des Fürſten und ſeiner Nichte, der Fürſtin de Ligne zu. Inzwiſchen kam ſeine Entlaſſung. In Anbetracht, daß Rußland Forſter's Schuld und Verbindlichkeit mit 18 2,500 holländiſchen Dukaten einlöſ'te, hatte die Schul⸗ Commiſſion bei den Anträgen des ruſſiſchen Geſandten keine Schwierigkeiten gemacht, und ließ ſich auch bei der Abrechnung mit Forſtern, nach einigen Knauſereien, billig finden. Und ſo verließ der Freund den 20. oder 21. Auguſt mit gerührter Freude Wilna, die ſehnſüchtigen Gedanken nach Deutſchland, nach Göttingen gerichtet. Hier hoffte er noch zur Jubelfeier der Univerſität recht zu kommen. Sein Herz feierte ſchon das traulichſte Ju⸗ belfeſt. Die reiſende Familie verweilte fünf Tage in War⸗ ſchau, wo der Ex⸗Profeſſor ſich beim Könige, dem Pri⸗ mas und den Mitgliedern der Erziehungs⸗Commiſſion zu verabſchieden hatte. Er wurde mehreremal zur königlichen Tafel gezogen, und mußte auch ſeine Frau dem König in deſſen Cabinet vorſtellen.— Die artige Behandlung, die er in der Angelegenheit ſeiner Dienſtentlaſſung von Seiten der Studien— Commiſſion erfahren hatte, wurde ihm aus einer naiven Außerung des Vice⸗Kanzlers, Biſchofs Garnyſz, erkläxlich. Der Prälat meinte nämlich, man müſſe ſich im Auslande mit den Gelehrten gut zu ſtehen ſuchen,— ihrer ſcharfen Federn wegen. In den letzten Tagen des Auguſt 1787 überſchritt. Forſter mit den Seinigen die Grenze Polens. Die Stoppelfelder Schleſiens nahmen ſich eben nicht günſtig aus; doch unſern Reiſenden ſchien das Land auch ſo noch ein Paradies. Sie durchflogen es— nach There⸗ ſens Bekenntniß—»wie Menſchen, die zum Rechnen keine Zeit haben; denn Forſter machte dieſen Weg von 400 Stunden mit 6 Poſtpferden.« 4 T einſt o Finger! gen ihn ten Er lebhafte 3 die Bo eines Diretti ſchftli iin pas pinen Beide ſchaftl Geſin der kannt mit e der li ſie ebe ſobald haus Unter ſeine trieb virk Schul⸗ andten: bei der billig eer 21. ichtigen rrichtet. t recht ſte Ju⸗ Var⸗ Pri⸗ ion zu glichen König nblung, ig von wurde anzlers, ämlich, gut zu rſchritt Die günſtig uch ſo Thert⸗ ſechnen 2g von 275 War's nicht immer noch derſelbe frohe Geſell, der einſt vom überreſt einer gefundnen Guinee einen goldnen Fingerhut gekauft hatte?—»Überall unterwegs empfin⸗ gen ihn ſeine Bekannten, als ſei er aus einem ungerech⸗ ten Exil zurückgekehrt. Seine nächſte Zukunft zog die lebhafteſte Theilnahme auf ſich.«— In Dresden, wo ſie kurz verweilten, machte Forſter die Bekanntſchaft des ſpaniſchen Mineralogen Elhuyar, eines liebenswürdigen jungen Mannes, bei der Bergwerks⸗ Direction in Merxico angeſtellt, und auf einer wiſſen⸗ ſchaftlichen Reiſe begriffen. Er hatte zugleich Auftrag, ein paar Gelehrte zu einer Expedition nach den Philip⸗ pinen zu gewinnen, und dem Miniſter vorzuſchlagen. Beide Männer gefielen ſich wechſelſeitig; die gleiche wiſſen— ſchaftliche Richtung und eine gewiſſe Verwandtſchaft der Geſinnung zog ſie lebhaft zu einander hin. Und wenn der geiſtreiche Spanier Forſtern bereits durch den Ruf kannte, ſo fand dieſer das beſondere Intereſſe, daß Elhuyar mit einer Tochter des Hofraths von Born in Wien, mit der liebenswürdigen Jeanette, verlobt war. Doch mußten ſte eben ſo ſchnell wieder ſcheiden, ohne Hoffnung, ſich ſobald wieder zu begegnen.— An Halle ging Forſter vorüber, ohne das Eltern⸗ haus zu beſuchen. Er hatte auf Heyne's Warnung die Unterhandlungen mit Rußland bis zu deren Abſchluſſe ſeinem Vater, aus Beſorgniß vor deſſen ſtörender Be⸗ triebſamkeit, verſchwiegen, und derſelbe neidete ihm nun wirklich und nicht ohne Groll die ruſſiſche Expedition, 18* die er ſelbſt gern gemacht hätte. Leidenſchaftlich, wie der Alte noch immer war, hatte er ſogar ſeinen Sohn Wilhelm abgehalten, die ihm von Georg angebotne Stelle eines Hülfsarztes der Expedition anzunehmen. Zum Hauptwundarzte hatte ihn aber Forſter als unzureichend nicht vorſchlagen können. In des Bruders ablehnender Antwort erkannte er des Vaters Dictat. Halle im Rücken, trafen in einem Taumel von Hoffnungen und Freude unſere Reiſenden am 16. Sep⸗ tember, den Tag vor dem Univerſitäts⸗-Jubiläum, in Göttingen ein. Forſter mochte die Feier als eignen feſtlichen Empfang, als jubelvolle Begrüßung empfinden. Sie galt aber dem erſt halbhundertjährigen Stiftungstage der Univerſität, und wurde mit gelungner Pracht ausge⸗ führt. Sie war eben auch glänzend beſucht,— drei engliſche Prinzen und zwei franzöſiſche Montmorency's zählten zu den Studenten. Unter den Profeſſoren war nur der einzige Hollmann noch von der erſten Ernennung übrig. Ihm kam es zu, an der Spitze der Profeſſoren bei der Feier aufzutreten. Aber die Beſchäftigung mit den Feſtgedanken, bei der Überſpannung, womit der Ju⸗ bel vorbereitet wurde, war ſo angreifend und erſchöpfend für den guten Alten, daß er ihr erlag, und einige Tage vor dem Freudenfeſte ſtarb.— Forſter wurde zum Eh⸗ renmitgliede der königlichen Societät ernannt, und machte derſelben ſeine Sammlung magellaniſcher und atlantiſcher Pflanzen zum Geſchenk. T ſchöne zeitun den I Pforte Ocean volle ſeines ſeiner Gehül anzur nichte fahr abſch ſchwie den daß wegen in d ſollte Vor⸗ Forf Bril Dar Wil , wie Sohn Stelle Zum eichend nender m, in eignen inden. götage ausge⸗ drei rency n war ennung eſſoren g mit er Ju⸗ pfend Tage Ch⸗ machte ntiſcher Verluſt und Gewinn. Unmittelbar hinter der Jubelfeier umwölkte ſich die ſchöne Ausſicht Forſter's auf die ruſſiſche Weltfahrt. Die Zeitungen brachten immer beſtimmtere Nachrichten über den Ausbruch des Kriegs zwiſchen Rußland und der Pforte, wodurch das Unternehmen nach dem ſüdlichen Ocean bedroht erſchien. Unverhoffte und eben ſo pein⸗ volle Verlegenheit für Forſtern, nicht bloß in Betracht ſeines perſönlichen Geſchicks, ſondern auch in Betreff ſeiner Aufträge! Es lag ihm nämlich ob, die nöthigen Gehülfen zu den wiſſenſchaftlichen Zwecken der Expedition anzuwerben. So lang dieſe unabbeſtellt blieb, durfte er nichts verſäumen; dennoch ließ ſich auch nicht ohne Ge⸗ fahr für ſeine Ehre und Redlichkeit auf Verhältniſſe abſchließen, die ſich über Nacht auflöſen konnten. Wie ſchwierig und verfänglich waren alſo die doch ſo dringen⸗ den Schritte und Correſpondenzen! Dies ſelbſt im Falle, daß— wie Forſter anfangs dachte— die Erpedition wegen gehäufter Arbeiten beim Admiralitäts⸗Colleg und in den kaiſerlichen Werften ſich auch bloß verzögern ſollte. Da hätte ein Abergläubiger es für ein übles Vorzeichen des Fehlſchlagens anſehen können, als auf Forſter's Widmung von Cook's Reiſe ein prächtiger Brillantring Kaiſer Joſeph's mit einem verbindlichen Dankſagungsſchreiben des Fürſten Kaunitz irrthümlich nach Wilna geſchickt wurde, wo man den Autor noch wohn⸗ haft glaubte. Ein Brief des Hofraths von Born gab Kunde von dieſem kleineren Mißgeſchick. Andre Eindrücke und zerſtreuende Gedanken zu be⸗ kommen, machte der ſtets reiſeluſtige Freund einen kleinen Ausflug nach ſeinem alten Kaſſel. Hier hatte unter dem neuen Landgrafen alles auch ſchon ein andres Ausſehen genommen. Es war ſtiller als früher, und eine unmu⸗ thige Stimmung gab ſich zu erkennen. Die berühmten Gelehrten hielten keine Vorträge mehr; dafür machten die Mätreſſen von ſich reden. Die Antiquitäten hielten ſich verſchloſſen, aber flüſternde Novitäten liefen in der Stadt um. Eben war der Landgraf hinter eine Intrigue ſeiner— Freundin, Frau von Lindenthal, mit ſeinem Adjutanten von Lützow gekommen, und hatte die Mit⸗ ſchuldigen auf Feſtungen geſchickt. Schlieffen gab ſich noch als der gewogne Alte; im Ganzen aber galten die Miniſter nicht mehr viel, am wenigſten Bürgel, der Bruder Roſenkreuzer von ehemals. Dieſe Brüderſchaft ſelbſt war indeß noch nicht erloſchen; es glühten noch lebendige Kohlen unter den Retorten, und Mitglieder des Bundes laborirten fortwährend auf Gold und gute Geiſter. Unter denſelben kannte Forſter einen Apothe⸗ ker Fiedler, der wahrſcheinlich das Metalliſche beſorgte, und einen Uhrmacher Senger, der wohl die Ewig⸗ keit aufzog. Der Landgraf und die Landgräfin, die Forſtern noch von früher kannten, nahmen ihn, als er ſich vorſtellen ließ, ſehr gnädig auf. Er wurde nach Weißenſtein zur Tafel geladen, wo er vor den Miniſtern den Ehrenplatz neben dem Fürſten erhielt. Dieſer war ſogar ſo huld⸗ voll, de Mann Forſter R. höchſt f des dE detheira⸗ nach S. nem Gl henden beeiferte Chvas nicht an pinen mußte ging ſonder hatte gen in höchſt Platz rühmli der W viſſen um ir beim in M dorzuf ten, kleinen er dem öſehen unmu⸗ uühmten nachten hielten in der trigue ſeinem Mit⸗ ab ſich ten die I, der erſchaft noch glieder d gute othe⸗ ſorgte, Ewig⸗ n noch rſtellen in zur enplat huld voll, daß er wiederholt bedauerte, einen ſo berühmten Mann nicht mehr in ſeinen Dienſten zu haben; was Forſter mit aller Höflichkeit erwiederte. Nach Göttingen zurückgekehrt, empfing er ein heitres, höchſt freundſchaftliches Schreiben ſeines ſpaniſchen Freun⸗ des d'’Elhuyar aus Wien. Er war ſeit wenigen Tagen verheirathet und im Begriffe, mit ſeiner jungen Frau nach Spanien abzureiſen. Aus Forſter's vorausgegang— nem Glückwunſche zu dieſer Heirath hatte er den dro⸗ henden Umſchlag der ruſſiſchen Expedition erſehen, und beeiferte ſich den Freund für Spanien zu gewinnen. Etwas Beſtimmtes konnte er ihm freilich im Augenblicke nicht anbieten. Für das Unternehmen nach den Philip⸗ pinen hatte er bloß zwei Männer vorzuſchlagen, und mußte das Weitere dem Miniſter überlaſſen. Überdies ging dieſe Expedition auch nicht von der Regierung, ſondern von der philippiniſchen Compagnie aus. Doch hatte auch der ſpaniſche Hof ſelbſt mehrere Unternehmun⸗ gen im Auge, zu denen ihm ein Mann wie Forſter höchſt erwünſcht ſein mußte, Und wer hätte ſelbſt einen Platz in der eben zu errichtenden Akademie zu Madrid rühmlicher einnehmen können, als dieſer deutſche Mann der Welt? Elhuyar wünſchte nur im Allgemeinen zu wiſſen, ob Forſter ſich für Spanien entſchließen möchte, um in dieſem Falle mit allem Eifer der Freundſchaft beim Miniſter für ihn zu wirken. Bei ſeiner Ankunft in Madrid hoffte er des Freundes Briefe und Erklärung vorzufinden. War es nicht, als ob Nord und Süd ſich beeifer⸗ ten, Forſtern ſeiner ungewiſſen, vielleicht unglücklichen Zukunft in Deutſchland zu entreißen? Da ſchwebte nun zwiſchen Petersburg und Madrid ſein Loos: wer wird es ziehen? Sein Verhängniß wollte, daß es in der Mitte zwiſchen beiden,— in einer deutſchen Profeſſor⸗ wohnung mit dem Ausblick in den ſtillen Obſtgarten eines Adelſitzes niederfiele, auf einem Boden, der bald von der heftigſten Erſchütterung des Jahrhunderts mit erbeben, und wo ihm Liebe, Freundſchaft, Glück und Ruhm entſchwinden, Haus und Welt ihn verlaſſen ſollten. Ehe ſich Forſter auf d'Elhuyar's freundſchaftliche Beeiferung erklären konnte, erhielt er durch den ihm befreundeten Sekretär des ruſſiſchen Geſandten in War⸗ ſchau die vertrauliche Nachricht, daß auf Befehl der Kai⸗ ſerin die Südſee⸗Expedition verſchoben ſei.— Und nun ſeine Anſprüche? Auch ſie ſchienen in's Ungewiſſe ver⸗ legt, wo ſite zwiſchen den Akten der ruſſiſchen Kanzlei, oder auf dem Feldzuge gegen die Türken nur allzu wahr⸗ ſcheinlich in Staub und Vergeſſenheit gerathen würden. Wie ſollte er ſie geltend machen? Er kannte Rußland und das petersburger Verfahren. Man rieth ihm, ſich durch Vermittlung Zimmermann's in Hannover unmittel⸗ bar an die Kaiſerin ſelbſt zu wenden. Wir erinnern uns, daß dieſer berühmte Arzt, der ſo anziehend über die Einſamkeit geſchrieben, in lebhaftem Weltverkehr und bei der Kaiſerin Katharina in hoher Gunſt, ja ſelbſt in der Gnade des Briefwechſels ſtand. Ob ſich Zimmermann mehr hierauf, oder mehr auf ſeine vierbändige»Einſamkeit« zu gut that, wiſſen wir nicht, eben ſe Hülfe gewinn nover dElhur T ſcheint ſüdliche ſeine d zu ver! von 40 Jahre bigen; der lei Pflan Forſte winnen gar n. In ſei cemben des P lehrten ausgez rechnet ſorſche Bedür Und, Vater ſi, auch bte nun er wird in der rofeſſor⸗ ſtgarten der bald erts mit ück und verlaſſen ſchaftliche den ihm n War⸗ der Kai⸗ Und nun iſſe ver⸗ Kanzlei zdu wahr⸗ würden. Rußland bm, ſich unmittel⸗ lrzt, der lebhaftem in hohet ls ſtand auf ſeine wit nich 281 eben ſo wenig, ob Forſter deſſen literariſche Eitelkeit zu Hülfe zu nehmen dachte, um die politiſche für ſich zu gewinnen. Doch ehe er ſich auf den Weg nach Han⸗ nover machte, antwortete er dem ſpaniſchen Freunde d'Elhuyar.— Thereſe in ihren Mittheilungen aus Forſter's Leben ſcheint ein wenig zu ſchwärmen, wenn ſie erzählt, der ſüdliche Himmel der Philippinen habe ihn angelockt, und ſeine Frau mit Freuden eingewilligt, Europa mit ihm zu verlaſſen. Freilich ſchrieb ſie aus der Erinnerung von 40 Jahren, und ihre geiſtreiche Feder gefiel ſich im Jahre 1829 in dem Gedanken: ihre Tochter unter far⸗ bigen Menſchen zu erziehen; ſtatt der neueſten Producte der leipziger Meſſe die befremdliche Natur der tropiſchen Pflanzen zu ſtudiren, ſei ihr alles gleich geweſen,»ſobald Forſtern ein erwünſchtes Loos fiel, und ſie ihn Ehre ge⸗ winnen ſah.«— Sie täuſchte ſich; denn Forſter war gar nicht entſchloſſen die philippiniſche Reiſe zu machen. In ſeiner franzöſiſch geſchriebenen Erklärung vom 23. De⸗ cember ſagte er ausdrücklich: Je renonce au projet des Philipines, und ſchlägt auch gleich einen andern Ge— lehrten vor, wie ihn die Compagnie verlange,—»einen ausgezeichnet thätigen, mit den für ſeine Beſtimmung be⸗ rechnetſten Kenntniſſen ausgerüſteten, tüchtigen Natur⸗ forſcher, beſonders geeignet, die Naturgeſchichte auf die Bedürfniſſe des Handels und des Staates anzuwenden.“« Und als dieſen empfohlenen Mann nannte er— ſeinen Vater, der mit 58 Jahren noch kräftiger, als er ſelbſt ſei, und für deſſen Eifer er einſtehen wolle. Er legte auch auf einem beſondern Blatte den Plan und die Be⸗ 282 dingungen»ſeines Vaters« dem Schreiben bei. Dies Blatt iſt in der Briefſammlung nicht mit aufge⸗ nommen; allein Thereſe theilt in ihren Nachrichten über Forſter dieſe Bedingungen als die ſeinigen mit, und glaubte ſogar»in dem Umfang der in ihnen ausgeſpro⸗ chenen Forderungen eine Zunahme der Täuſchung zu ſe⸗ hen, in die ſich Forſter je mehr und mehr in ſeinem Be⸗ ſtreben, ſich eine beſſere Zukunft zu bilden, verloren habe.« Dieſe Auslegung erſcheint etwas geſucht; doch hat ſie darin nicht Unrecht, daß die geſtellten Forderungen gar nicht ſchlecht ſind. Nur tragen ſie einen ſo hochmüthigen Ei⸗ gennutz an der Stirne, daß wir ſie ohne weiteres auch nur dem alten Herrn Forſter zutrauen können. So im Nebenartikel 13, wo ſich vorbehalten wird, neben den wiſſenſchaftlichen Aufträgen uneingeſchränkten Handel trei⸗ ben zu dürfen; was unſerm Freunde Georg, dem unaus⸗ gelernten Zöglinge des Kaufmannes Lewin, gar nicht ähn⸗ lich ſieht. Nein, unſer Georg erklärte in jenem Briefe nur ſeine Bereitwilligkeit, ſpaniſche Dienſte überhaupt zu neh⸗ men, in dieſer oder jener Laufbahn, und zwar ſpaniſche lieber als andre; da er im Dienſte ſeiner katholiſchen Majeſtät beſonders und auf ehrenvolle Weiſe nützlich wer⸗ den könnte. Seine Vorliebe ſei zwar mehr für die Geſchäfte, als für die Wiſſenſchaftenz; doch wolle er damit eine ausgezeichnete und mit den erforderlichen Hülfsmitteln verſehene literariſche Stellung nicht abge⸗ wieſen haben. Um ihn empfehlen zu können, macht er dem Freunde Elhuyar über ſeine Perſönlichkeit und Be⸗ fahigung ein Selbſtbekenntniß, das zu bezeichnend iſt, als daß zu ſollten darf die G. auch nicht! finden den, d alle 3 ſik un Thjiere und i mich üffent. ſtigt. Griee und Jtali würd Span vervor ſtehe mit beher tigker Eifer den veltt lichen n bei aufge⸗ en über , und ggeſpro⸗ zu ſe⸗ tem Be⸗ habe. ſie darin ar nicht gen Ei⸗ es auch n. So ben den del trei⸗ unaus cht ähn⸗ jefe nun zu neh⸗ paniſche holiſchen lich wer⸗ für die och woll derlichen ht abge⸗ macht und B⸗ iſt, ale 283 daß wir es in ſeinen Hauptzügen nicht hierher überſetzen ſollten. Es lautet wortgetreu: „»Im Gefühle meiner Pflichten als Gatte und Vater darf ich hier vor dem Tribunal der Freundſchaft zwar die Gelegenheit mich zu empfehlen nicht verſäumen, aber auch durch Übertreibung des Unhaltbaren den Freund nicht bloßſtellen. Ich bin 33 Jahr alt, von gutem Be⸗ finden, und von einem, wenn auch nicht ſehr empfehlen⸗ den, doch durchaus nicht abſtoßenden Außern. Ich habe alle Zweige der Naturwiſſenſchaft, einſchließlich der Phy⸗ ſik und Chemie, betrieben. Ich zeichne Pflanzen und Thiere recht leidlich, bin nicht fremd in der Philoſophie, und in den ſchönen Wiſſenſchaften und Künſten, habe mich jedoch mit Geographie, Geſchichte, Politik und den öffentlichen Angelegenheiten von jeher am meiſten beſchäf⸗ tigt. Ich ſchreibe Latein und verſtehe auch ſo ein wenig Griechiſch; Franzöſiſch aber, Engliſch und Deutſch ſchreibe und ſpreche ich mit Leichtigkeit, leſe Holländiſch und Italieniſch ohne Schwierigkeit, und mit etwas Übung würde ich mich aus den Anfangsgründen, die ich im Spaniſchen, Portugiſiſchen und Schwediſchen beſttze, leicht vervollkommnen. Auch von Polniſch und Ruſſiſch ver⸗ ſtehe ich etwas. Meinen Charakter anbelangend, bin ich mit aller Liebe zur Unterhaltung eher ſchweigſam und beherrſche mich. Mein Naturel iſt ſanft, meine Lebhaf⸗ tigkeit durch Ernſt gemäßigt. Ich wende Treue und Eifer auf meinen jedesmaligen Beruf, frei zugleich von den gewöhnlichen Vorurtheilen der Gelehrten, die wenig weltklug, ihre Theorien und Hypotheſen ſelten den wirk— lichen Geſchäften des Lebens anzupaſſen verſtehen. Soll 284 ich noch hinzufügen, daß ich nüchtern lebe, nicht ſpiele und in meiner Häuslichkeit viel zu glücklich bin, um unſtatthaften Verbindungen nachzuhangen. Neichthümer zu ſammeln iſt mein Beſtreben nicht(ſiehe obigen Art. 13); aber um der Ehre und Würde meines Herrn willen wünſche ich anſtändig geſtellt zu ſein. Soviel zu meinem Gunſten. Sonſt ſind meine Talente beſchränkt, mein Geiſt hat nichts glänzend Erhabenes und von Feh⸗ lern und Mängeln bin ich ſo wenig, wie Andere frei, wohl aber von Laſtern.« Dies Schreiben auf die Poſt gegeben, eilte Forſter nach Hannover, wo er im elterlichen Hauſe der Frau Heyne, gebornen Brandes, einkehrte. Wie ſchon bemerkt, faßte ſein Anliegen den Ritter von Zimmermann geradezu an ſeiner ſchwachen Seite. Die Eitelkeit dieſes ausgezeichne⸗ ten Mannes, die für koloſſal und vielſeitig galt, gab ſich doch der Geſellſchaft am liebſten durch den Juchtengeruch ſeines Briefwechſels mit der Kaiſerin Katharina zu erken⸗ nen, die wohl bei ihrem vielſeitigen Liebesneigungen einen Arzt von gutem Blick ebenfalls beſonders zu ſchätzen wußte. Aber eine eifrige Andacht hält zugleich ſehr auf die Ceremonien, womit ſie begangen wird. Da⸗ her fand Zimmermann bei allem geſchmeichelten Wohl⸗ wollen für Forſter doch das Bedenken, daß er immer nur antwortende Briefe an die Kaiſerin zu geben pflege, nun aber die Majeſtät zuerſt anreden müſſe. Glücklicherweiſe ſiegte über Nacht die Eitelkeit oder auch die He nannte ſein be ihn ſel mußte faſſen, empfeh narchin T jfüngen war d themal aus de und de ledigt bekann um b anzu durch Söm Einfl dem waren oder t ſpiele n, um hthümer en Art. Herrn oviel zu ſchrankt, on Feh⸗ ere frei, Forſter Heyne, t, faßte dezu an ezeichne⸗ gab ſich ngeruch u erken⸗ ggungen ers zu zugleich d. Da⸗ Wohl⸗ r immer u geben müſſe der auch die Herzensgüte über die Hoffitte, und Zimmermann nannte ſein Bedenken ſelbſt Hypochondrie, wie ihn denn ſein berühmter Blick für verſteckte Krankheiten, auch auf ihn ſelbſt gerichtet, nicht immer im Stiche ließ. Forſter mußte ſein Anliegen in ein franzöſiſches Promemoria faſſen, das ſodann Zimmermann mit Begleitung der empfehlendſten Zeilen zum Neujahrstage an die Mo⸗ narchin abgehen ließ. Während ſeines Beſuches ward Forſter von dem jüngern Brandes auf Mainz aufmerkſam gemacht. Dort war der ſeit Februar 1786 vom Kurfürſten berufne, ehemalige kaſſeler Freund Forſter's, Johannes Müller, aus der Bibliothek in's Cabinet des Kurfürſten gezogen, und dadurch die Bibliothekarſtelle an der Univerſität er⸗ ledigt worden. Ernſt Brandes rieth aber, nach ſeiner bekannten Welt⸗ und Menſchenkenntniß, dem lieben Vetter, um beßre Bedingungen zu erhalten, ſich nicht geradezu anzubieten, oder antragen zu laſſen, ſondern etwa durch einen Beſuch in der angenehmen Jahreszeit bei Sömmering die Gedanken der dortigen Männer von Einfluß auf ſich zu lenken. Mainz hatte, wie wir wiſſen, dem Freunde ſchon früher im Auge gelegen. Dort waren aufgeklärte Männer am Ruder der Regierung oder doch von Einfluß auf dieſelbe. Gerade in Göttin⸗ gen ſtand, noch von ſeiner Studirzeit her, der Domherr Graf Friedrich Stadion in erwartungsvollem Andenken. Der Coadjutor Dalberg hatte die Anwartſchaft auf den Kurfürſtenſtuhl. Freund Sömmering und Müller lebten da, und wie lockend war nicht die Gegend und die Nach⸗ oooöoöoöoö—ö—ö—ö————— ———————— 286 barſchaft um Mainz! Jedenfalls mit Wilna nicht zu vergleichen. Dieſe Betrachtungen müſſen doch Forſtern ſehr be⸗ ſchäftigt und mainzer Wünſche erregt haben; denn ſeinen Briefen nach war das hannoverſche Geſchäft den 27. December glücklich eingeleitet, und er ſelbſt hatte»der Gaſtereien wegen noch einige Tage Topp zu halten:« dennoch iſt ſchon vom 9. Januar ein nächſter Brief aus Mainz datirt, damals, wo man von Hannover über Göttingen nach Mainz noch nicht einmal mit Eilwagen, geſchweige mit Dampf reiſtte. In Mainz ſcheint der Freund ſich aber wirklich nur umgeſehen und bemerklich gemacht zu haben. Er er⸗ wähnte brieflich nur der Klätſchereien der Gelehrten und des übeln Zuſtandes der dortigen Bibliothek. Von den angeblichen 50,000 Bänden derſelben ſchätzte er nicht 15,000 verſchiedne Werke. Von dieſen waren nicht über 4— 5000 ſeit 1700 gedruckt, und über die Hälfte theologiſchen Inhalts; ſo daß der Nutzen der Bibliothek für Lehrer und Lernende beinahe null würde. Das Feld, welches Forſter zu übernehmen wünſchte, bot mithin keinen reizenden Anblick. Wie leicht konnte die mainzer Bibliothek werden, was in Wilna der bota⸗ niſche Garten geweſen war,— Urſache und Gegenſtand der Unzufriedenheit und der Klagen! Soweit aber dachte der geheime Bewerber ſowenig voraus, daß er vielmehr einen Antrag, den er aus Wien zu einer Profeſſur in Peſth erhielt, mit guter überlegung und Berechnung ablehnte. Nach ſeiner Wiederankunft in Göttingen trafen auch aumtlich lowsky ralitäte Erpedi Künſtl ſönlich ngehe bald d ſtellun Graf! ſtalten abgeſch möge, dlige Reiſek vergüt Zimm Reitb Einer kalte Forſte bedro noch die i nicht Man Brie mach den nicht zu ſehr be⸗ in ſeinen den 27. tte»der halten:« rief aus er über ilwagen, lich nur Er er⸗ ten und Zon den er nicht ren nicht e Hälfte ſbliothek wünſchte, konnte r bota⸗ enſtand r dachte rielmehr eſſur in rechnung an audh amtliche Schreiben, ſowohl des Flotten⸗Kapitains Mu⸗ lowsky, als eines Herrn von Siniavin aus dem Admi⸗ ralitäts⸗Colleg ein, und meldeten die Zurücknahme der Expedition. Die Unterhandlungen mit Gelehrten und Künſtlern ſollten abgebrochen, und wegen Forſter's per⸗ ſönlichen Verhältniſſen die weitern Befehle der Kaiſerin eingeholt werden. Dieſer Vorbehalt erledigte ſich aber bald darauf durch eine Antwort auf Zimmermann's Vor⸗ ſtellung bei der Kaiſerin. Im Auftrage derſelben gab Graf Anhalt, Vorſteher der kaiſerlichen Erziehungs⸗An⸗ ſtalten, die Nachricht, daß Forſter auf die mit ihm abgeſchloßnen Bedingungen ſich in Petersburg einfinden möge, wo er vielleicht veranlaßt würde, dem Corps der adligen Landkadetten ſeine Kenntniſſe auszuſpenden. Die Reiſekoſten ſollten ihm in Petersburg mit 200 Dukaten vergütet werden. Forſter erhielt dieſe Aufforderung in einem an Zimmermann eingeſchloßnen Briefe, den dieſer durch einen Reitboten überſchickte. Er berieth ſich mit Thereſen. Einen raſchen Entſchluß zu faſſen, erleichterte das naß⸗ kalte Februarwetter, das die alten rheumatiſchen Übel Forſter's erregt hatte, und Thereſens ſchwache Bruſt bedrohte. Beiden graute vor dem petersburger Winter noch lebhafter, als vor den unbeſtimmten Verhältniſſen, die in Ausſicht ſtanden.— Nach Petersburg möchte ich nicht! meinte Thereſe. Und ich auch nicht! erklärte ihr Mann. So ward der Bote Zimmermann's mit einem Brief an den Grafen Anhalt ſchnell abgefertigt. Forſter machte darin aufmerkſam auf den Unterſchied zwiſchen den Bedingniſſen, um derentwillen er Wilna aufgegeben hatte, und der Ungewißheit und Unzulänglichkeit der ihm dafür angebotnen petersburger Stellung. Auf dieſen Grund erhob er Anſprüche, die den für den Fall der Expedition gemachten Zugeſtändniſſen angemeſſen wären. Für Forſtern entſprang die unbehaglichſte Unruhe aus ſeiner ſchaukelnden Lage. Peſth und Petersburg abgelehnt, Mainz und Madrid unentſchieden, regten mit dort abgeſtoßnen, hier angezognen Betrachtungen den Freund ſelbſt in der ungünſtigen Jahrszeit zum Reiſen auf. Kaum von Göttingen nach Hannover, von da nach Mainz geeilt, wird er Mitte Februars von Briefen der Freunde in Berlin aufgeſucht. Er war dorthin gereiſtt, um für ſeinen immer noch nicht befriedigten Vater etwas zu verſuchen, indem er doch auf einen erwünſchten Aus⸗ gang des Projects wegen der Philippinen nicht rechnen mochte. Da hatte er nun vor allem der für eine ſo reizbare Geſundheit gefährlichen Jahreswitterung ſein Opfer zu bringen. Was anfangs bloßer Katarrh ſchien, verſchlimmerte ſich zu einem Gallenfieber. Heißer Puls, Schlafloſigkeit, Mangel an Appetit quälten ihn über eine Woche. Selbſt noch ohne Antwort aus Pe⸗ tersburg auf ſeine letzte Erklärung, hatte er Freund Sömmering zu beruhigen, der für ſeine Bereitwilligkeit zur Südſee⸗Expedition als Angeworbener 100 Dukaten Abfindung verlangt hatte. Forſter glaubte, daß man ſie ihm bewilligen werde; an das Unternehmen ſelbſt möchte aber wohl, bei den raſenden Koſten des Türkenkriegs, unter 4—5 Jahren nicht wieder gedacht werden; alsdann aber würde er ſich bedanken eine ſolche Fahrt noch zu unternehmen. Ungeachtet ſeines mit Rußland abgebroch⸗ der ihm f dieſen Fall der n waren. Unruhe etersburg gten mit igen den n Reiſen da nach iefen der gereiſtt, er etwas en Aus⸗ rechnen eine ſo mg ſein ch ſchien, er Puls, n über us Ne⸗ Freund villigkeit Dukaten man ſie ſt möchte kenkriegs alsdann noch zu cgebroh 289 nen Verhältniſſes empfing er vom ruſſiſchen Geſandten in Berlin, Grafen Romanzow, die entſchiedenſten Be⸗ weiſe von Wohlwollen. Er wurde öfter, als er es ſeines Befindens wegen annehmen konnte, zu Tiſche ge⸗ laden. In ſeines Vaters Angelegenheit hatte er aber kein Glück. Unter dem jetzigen Könige, und bei Wöll⸗ ner's und v. Biſchofwerder's Einfluß ſtand es ſo, daß er die allmächtigen Leute gar nicht ſprechen und ſondi⸗ ren konnte, ohne ſich als ehrlichen Mann zu verläugnen. Die genannten beiden Männer des königlichen Ver⸗ trauens gehörten der Ordensverbindung an, aus der Forſter und Sömmering mit Entſchloſſenheit geſchieden, aber nicht ohne Angſt weggekommen waren. Die Ro⸗ ſenkreuzerei wurde aber in Berlin in den höchſten Krei⸗ ſen noch fortwährend betrieben, und man zweifelte nicht an Verbindung der Brüder mit den Vätern Jeſuiten. Forſter erfuhr ſogar den Ordensnamen des Königs, wie wir aus den behutſamen Andeutungen ſehen, die er ſeinem Sömmering gab. Dieſe Verhältniſſe lagen ihm bei ſeinen Abſichten im Wege. Er wußte freilich, daß man ihn als ehemaligen Ordensbruder kannte, doch hatte er ſich jenes Treiben nicht ſo ernſtlich gedacht, da es ihm ſelbſt ſo verächtlich geworden war.—»Hätte ich Leute an ihnen gefunden, ſchrieb er an Sömmering, die wie Cicero's Auguren über ihre eigene Geheimniß⸗ krämerei lächelten: ſo ware es möglich geweſen, mich mit ihnen einzulaſſen; aber heucheln und etwas hoch und ehrwürdig nennen, was ich nie wieder dafür halten kann, das iſt mir unmöglich, und dieſe Leute J. 1 19 ſind ſo intolerant, ſo ganz im Geiſte dieſes Ordens, wie je.« Wöllner, der mit Biſchofswerder viel um den König war, ließ ſich auch faſt von Niemanden ſehen und that in Geſellſchaften den Mund nicht auf, als ob— wie Forſter ſcherzte— gleich auch ein Geheimniß herausflie⸗ gen könnte. Berlin überhaupt mißfiel ihm, wie früher. Er verglich es, und eben nicht zu deſſen Vortheil, mit Hannover, und fand dort Bettelei, hier engliſchen Wohl⸗ ſtand, ſo wie die dortige Aufklärung aller engliſchen Großſinnigkeit ermangelnd. Den 2. März traf Forſter wieder in Göttingen ein. Immer noch leidend, ſetzte er ſeine Hoffnung auf den nahenden Frühling, dem er, unaufgelegt zum Ar⸗ beiten, zum Briefſchreiben und zu geſelligem Umgang, deſto ſehnſüchtiger entgegenſah. Die endlich einlaufende Antwort der Admiralität in Petersburg entſchied ſeine Angelegenheit dahin, daß ihm die Kaiſerin die zur Lö⸗ ſung ſeiner wilnaer Verbindlichkeiten bezahlte Summe ſchenkte, jene Behörde den ihm verſprochenen Jahrgehalt für die letzten Monate nachzahlte, ſo wie über das zu ſeiner Rückreiſe empfangene Geld quittirte, und ihn aller Verbindlichkeit gegen Rußland ledig erklärte.»Des Menſchen Wille iſt ſein Himmelreich!« ſchrieb ihm Graf Anhalt kurz mit dem Wunſche, daß es ihm wohl ge⸗ hen möge. Gewinn und Verluſt aus dem ruſſiſchen Geſchäfte ließen ſich nun zum Abſchluß bringen. Die lockende Weltfahrt nach der Südſee war verloren, dafür aber die oft erſehnte Heimkehr aus Polen bequem und auf Irdens, König nd that — wie auoflie⸗ früher. il, mit Wohl⸗ gliſchen ttingen ng auf m Ar⸗ mgang, aufende d ſeine zur Lü⸗ Summe drgehalt das zu aller Des Graf hl ge⸗ eſchäͤfte lockende r aber nd auf 291 fremde Koſten geſchehen; der gefahrvolle Ruhm, auf den er unter ruſſiſcher Flagge durch die Wechſelfälle des Oceans gerechnet hatte, mußte geſtrichen werden; aber eine hübſche Baarſumme fiel in ſeine Börſe, mit welcher er, dem Rufe ſeines Namens vertrauend, eine weniger glänzende, doch auch weniger gefährliche Stellung im Vaterlande abwarten konnte; die Vortheile der Zukunft waren verſchwunden, aber die Schuldenlaſt der Vergan⸗ genheit auch gänzlich getilgt. Der Abſchluß ergab ſich in deutlichen Ziffern: Forſter faßte ihn in dem practi⸗ ſchen Satze,— es ſei Pflicht und Weisheit, ſtets Das zu thun, was unter den jedesmaligen Umſtänden das Beſte ſei. In der unangenehmen und unſichern Lage in Polen, wo ſeine Geſundheit bedroht, und in irgend einem äußerſten Falle ſeine Familie verlaſſen geweſen ſei, habe er das ruſſiſche Anerbieten nicht abweiſen dürfen. Nun es ihn zu einem guten Ziele gefördert, habe der Türkenkrieg ihn glücklicherweiſe von Rußland wieder befreit.— Hatte nun, wie wir ſchon bemerkt, der männliche Forſter ſeine wilnaer Unzufriedenheit mit edler Erhebung beſchloſſen, wie einſt der Knabe in Warrington mit Ge⸗ bet: ſo dürfen wir auch in der geſcheiterten ruſſiſchen See⸗Expedition die wunderbare Hufſtapfe wieder erken⸗ nen, worin ihm, wie früher die rettende Guinee, jetzt die hülfreichen Silberrubel beſchert wurden. ————— Zu Forſtern brachte er gleich gute Bekannte, dar⸗ unter den ſächſiſchen Legations⸗Secretär Ludwig Ferdi⸗ nand Huber mit. Dieſen lud er auch mit Forſtern zum Abendeſſen. Am andern Nachmittage ſtellte Müller den neuen Amtsbewerber dem Kurfürſten vor. Dieſer, ein noch munter ausſehender Siebziger, fiel Forſtern durch etwas Ehrliches um den Mund, durch einen ſanften Blick und geſcheite Naſe angenehm auf. Der Freund, der einige Gunſt erwartete, ſcheint günſtig geſehen zu haben. Im Zimmer hin und her wandelnd, unterhielt ſich der alte Herr ernſt, aber nicht ſteif über Verſchiedenes; er ſprach gut, mit Sammlung, ohne Befangenheit. Seine Frei⸗ müthigkeit ſtreifte ſogar ein wenig an Freigeiſterei; wie er denn überhaupt gegen Proteſtanten gern ſeine Frei⸗ ſinnigkeit als Unterfutter ſeines Talars herauskehrte. In der Politik, wenigſtens über die Lage und Verhält⸗ niſſe der Höfe, verrieth er gute Einſichten. Zuletzt kam er denn auch auf die Bibliothekarſtelle zu reden. Er ſuchte Forſtern auf einen geringeren, als den in Wilna bezogenen Gehalt vorzubereiten, und legte daher, indem er ein Fenſter ſeiner reizenden Zimmerausſicht über den Rhein öffnete, ein großes Gewicht auf die herrliche Landſchaft, im Vergleich mit der Umgebung in Wilna; wozu er denn noch die Sicherheit der Auszahlung, ſo wie das wohlfeilere Leben am Rhein in Anrechnung brachte. Aus dem Schloſſe führte Müller den Freund zum preußiſchen Geſandten, Oberjägermeiſter von Stein, Bru⸗ der des bekannten Miniſters, jenes deutſchen Stein, an —— velch zur vert Diem als Leib Zim der ten For gefa geſp hoff ſäun For ſcho late und fan wid Aug in Scd zen zu der erſ Fr 295 welchem Napoleon ſpäter ſo harten Anſtoß nahm, und zur Generalin von Coudenhoven, die beide, bequem für vertraute Freundſchaft, in demſelben Hauſe wohnten. Dieſe ſchöne und einflußreiche Frau erſchien auch wieder, als Forſter den Abend bei Geheimrath Hoffmann, dem Leibarzte des Kurfürſten, zubrachte. Er bewohnte einige Zimmer im Schloß, und die Generalin hatte ſich von der Tafel des Fürſten weggeſtohlen, um an der lebhaf⸗ ten Unterhaltung Theil zu nehmen. Bei Hoffmann kam Forſter auch gleich an die Quelle ſo mancher ihm auf⸗ gefallenen Außerungen des Kurfürſten: es waren nach— geſprochene Gedanken ſeines genialen Leibarztes, eine Art hoffmänniſcher Tropfen, die der alte Herr einnahm. Der Coadjutor Dalberg ward natürlich nicht ver⸗ ſäumt. An ſeiner Tafel, in großer Geſellſchaft, lernte Forſter auch gleich an der lauten Unterhaltung und dem ſchallenden Gelächter der Gäſte die rheinländiſche Prä⸗ laten⸗Luſtigkeit kennen. Dalberg unterhielt ſich lebhaft und mit Antheil über wiſſenſchaftliche Dinge. Forſter fand ihn von gutem Ausſehen, das nur durch einen widrigen Muskelzug um den Mund und durch faltige Augenwinkel beeinträchtigt wurde. Etwas Weichliches in Gang und Haltung verrieth abgeſpannte Kraft und Schlaffheit des Charakters. Seine unverkennbare Her— zensgüte ſchien doch durch etwas Mißtrauen im Blicke zu verrathen, daß ſie oft mißbraucht worden war. An der Tafel machte der Freund auch die Bekanntſchaft der erſten Männer des Kapitels, des Domicellars Grafen Fritz Stadion und einiger fremden Geſandten. Auch Heinſe, Jacobi's ehemaliger Hausfreund, ließ — ſich bald finden. Er war in der Zwiſchenzeit drei Jahre in Italien geweſen, hatte dieſes erſehnten Paradieſes genoſſen, aber auch den Orlando, freilich nur in Proſa, überſetzt. Einen ſchwungvolleren Ruf hatte er durch ſeinen Roman»Ardinghello« erworben, den er in Mainz, als Vorleſer des Kurfürſten, geſchrieben hatte. Jetzt war er deſſen Privat⸗Bibliothekar. Bei guter Laune ſagte er»prächtige Dinge«. Mehr noch fiel es Forſtern auf, daß dieſer Poet hinter ſeiner berüchtigt lüſternen Feder— Weiberfeind und zuweilen Menſchenhaſſer war; wie er denn auch durch einen Naturfehler den Kopf ſchief trug, gleich den Scheinheiligen, zu denen er kei⸗ neswegs gehörte. Forſter hatte, nach der gewöhnlichen Langſamkeit und Bedächtigkeit an geiſtlichen Höfen, die Entſcheidung ſeiner Angelegenheit nicht ſo bald erwartet, als ſie wirk— lich erfolgte. Den 14. April war er ſchon, an Müller's Stelle, zum Bibliothekar mit 1800 Gulden Gehalt und Ausſicht auf freie Wohnung ernannt. Er erhielt Ur⸗ laub bis Michaelis, um ſich in Göttingen mit den Bibliothekgeſchäften vertraut zu machen. Neben dieſen demnächſt auch an der Univerſität Collegia über Natur⸗ geſchichte zu leſen, hatte er ſich bereit erklärt, ohne ſich gerade verbindlich zu machen. Der erſte Privat⸗Schüler, der ihm in Ausſicht ſtand, war der für den Weltum⸗ ſegler begeiſterte Knabe der Generalin von Coudenhove. Nun überlegte er ſein künftiges Leben in Mainz. Es fielen heitre, warme Tage ein, und die Kirſchbäume ſetzten ſich in Blüthe. Er bedachte die ſchönen Ausflüge mit Thereſen nach dem Dorfe zwiſchen dem Fichten⸗ und 297 Buchenwäldchen Ausgangs der Rhein⸗Allee, nach den grünen Auen im Strom und hinüber nach den roman tiſchen Partieen des Rheingebirges. Die Einfachheit ſeiner Thereſe, eine ſtrenge Ordnung im Hauſe und Okonomie in den Stadtvergnügungen ſollten die Koſten ſolcher Ausflüge beſtreiten. An der Stadt ſelbſt ein Gärtchen zu miethen, hier Thereſen und Röschen mit Lauben und Buſchwerk zu umpflanzen, beſchäftigte ſeine träumenden Gedanken. Eine hübſche Wohnung, friſche Luft und Licht ſchienen in der weitläufigen Stadt noch mehr, als anderswo, ein Bedürfniß. Auch Huber wohnte. ſo angenehm. Ein einfacher Verkehr mit wenigen Män nern, auf Thee und Converſation beſchränkt, ſollte Alles ſein, was ſie von der Geſellſchaft erwarteten. Ein weib licher Umgang für Thereſen war ohnehin in Mainz ſchwer zu finden. Der ſtiftsfähige Adel lebte bloß unter ſich und der zweite Adelsrang mit ſeinen Grillen ſchloß ſich ebenfalls gegen Bürgerliche ab. So zwiſchen reizender Natur und unzugänglicher Geſellſchaft, wie freute ſich doch der hoffnungsvolle Mann, ein feſtes Plätzchen, und zwar in Deutſchland, unten Leuten von Ehre und Grundſätzen und in ſo ſchönem Klima zu haben, herausgeriſſen aus dem öden Litthauen, nicht genöthigt, nach Petersburg zu gehen, oder unten Hoffen und Harren die erübrigte Geldſumme zu verzeh ren, ein Plätzchen, um in Ruhe, Muße und Unabhän gigkeit zu arbeiten, Neue Bekanntſchaften, neue Ein richtung, leidende Geſundheit, was alles ihn fürerſt vom Schreibtiſch abhalten würde, mochten freilich für das erſte Jahr eine Zubuße fordern. Nirgends in Deutſch land glaubte er ſo gut, wie in Mainz, für ſich ſelbſt und für die Vermehrung ſeiner Kenntniſſe leben zu kön⸗ nen.— Einſt hatte er ſich freilich ganz deſſelben von Wilna überredet.—»Bin ich nach Jahren geſchickter, brauchbarer geworden, als jetzt, und bietet ſich mir dann eine bequemere, angenehmere Lage dar: ſo hindert mich nichts, ſie anzunehmen«, ſchrieb er nach Gotha. Erkennen wir nicht an dieſem»Vielleicht« immer wieder den alten Freund? Alſo immer noch nicht das Plätzchen, wo er zu bleiben und zu ſterben wünſchte? Auch die Jahre, die er in Wilna auszuharren verſpro⸗ chen, hatte er als eine neue Vorbereitungszeit für eine dereinſtige beſſere Lage angeſehen. Und ſiehe, mitten im Boskett der neuen Häuslichkeit, das er um ſein Röschen pflanzt, niſtet ſchon, noch ehe es angewurzelt, der Wan⸗ dervogel der Sehnſucht, der über nichts, als den Ge⸗ danken brütet, wie bald er wieder ausfliege.— Wohin wird der Freund das nächſte Mal ziehen? Hat er keine Ahnung vom blutigen Paris, vom beſchneiten Jura?—— Nach Göttingen zurückgekehrt, erblickte er Mainz in reizender Frühlingsferne. Er freute ſich neben The⸗ reſen auf den Umgang mit Sömmering, mit Müller, der ſich ihm in Mainz ſo offen, herzig und freundſchaft⸗ lich erwieſen, und Thereſen als Tochter Heyne's verehrte, freute ſich auf den geiſtreichen Heinſe, den hannoverſchen Geſandten von Hinüber u. a. Zugleich intereſſirte ihn das Schriftenthum von einer neuen Seite. Um mit Ehren als erſter Bibliothekar zu beſtehen, warf er ſich auf Bibliographie und Literatur⸗ geſchichte. Sonſt hatte er die Schätze der göttinger Biblio⸗ thek benutzt; jetzt intereſſirte ihn ihre Einrichtung. Neben⸗ her nahm er ſich die Zeit für kleine Arbeiten. Er ſchrieb zum göttinger Taſchenkalender für 1789, den Lichtenberg ſeit 1778 beſorgte, den Aufſatz»über Leckereien.« Lichtenberg hatte ihn durch das ſchwediſche Buch des Ber— gius: om Lackerheter, zu der kleinen Arbeit veran⸗ laßt, über die er ſelbſt ſich gegen Sömmering wegwer⸗ fend äußerte, daß er vetwas ſchwadronirt, zum Scherz etwas Paradores geſagt habe, was ihm doch für den Kalender zu ernſthaft philoſophiſch ſcheine.« Wirklich, ſo launig und witzig der Aufſatz(Band 5 der geſ. Schrif⸗ ten) ſich einleitet, führt er bald auf tiefe und umfaſſende Betrachtungen, wie z. B. die Eigenſchaften der Speiſen durch Umwandlung der Säfte Veränderungen im Hirn⸗ und Nerverleben hervorrufen können; wie die Leckereien, durch Kultur des Volkslebens entſtanden, auch wieder die allgemeine Aufklärung befördern; wie faſt alle unſere Kenntniſſe dem Sinne des Geſchmacks zu verdanken ſind, und wie in der Zunge, dem Schmeck⸗ und Sprechor— gane, die menſchliche Vervollkommnungs⸗Fähigkeit durch ſinnliche und geiſtige Kultur beſchloſſen liegt. Um Forſtern für Mainz vollends zu befeſtigen, fie⸗ len mit Sommers Anfang auch alle ſpaniſchen Erwar— tungen weg. Elhuyar benachrichtigte im Augenblicke ſei— ner Einſchiffung nach Merico den Freund von der auf wiederholte Erinnerung eben erfolgten Erklärung des Miniſters, daß er dermal an kein Unternehmen denken könne, wozu ein Mann wie Forſter zu verwenden ſei. 300 Der mit ſo manchen Planen beſchäftigte Marqui de So⸗ nora, von welchem Elhuyar ſeine Aufträge hatte, war nämlich geſtorben, und ſein Nachfolger de Valdes noch zu wenig in ſeiner neuen Stellung orientirt, um ſich auf neue Unternehmungen einzulaſſen. Wie der Herbſt herannahte, betrieb Forſter ſeine Überzugskoſten, die ihm durch Müller's Beeiferung mit 900 Gulden zugeſtanden wurden. Für ſeine häusliche Einrichtung nahm er Freund Sömmering in Anſpruch, der in fortwährender Angſt lebte, Forſter möchte in ſei⸗ ner Correſpondenz dem Papier zu viel von der Roſen⸗ kreuzerei anvertrauen. Gleichſam als Vorläufer Forſter's ſtellte ſich nach der Mitte Septembers der damals in Göttingen ſtudirende Wilhelm von Humboldt bei Sömmering ein, mit For— ſter's Empfehlung als— vein aufgeklärter junger Mann, dem jeder Zweig des Wiſſens Vergnügen mache, und die Bekanntſchaft eines jeden verdienſtvollen Mannes wichtig ſei.« Während nun der Freund ſeine Überſiedlung von der Leine an den Rhein veranſtaltet, machen wir uns mit dem Zuſtand und Leben in Mainz bekannt, ſo weit es dazu dient, nicht bloß die amtliche und bürgerliche Stellung des kurfürſtlichen Bibliothekars, ſondern auch das verhängnißvolle Ereigniß zu begreifen, das dieſer Stadt bevorſtand, und in welches Forſter durch ſeine, nachmals ſo ſchwer beſchuldigte Theilnahme mit verſchlun⸗ gen wurde. Schon ſeit Jahren ahnte Forſter eine Re⸗ volution. Ein ſo geſtimmtes Herz ſcheint, wie ein kran⸗ So⸗ war noch ſich ſeine mit liche ruch, ſei⸗ ſen⸗ der ende For⸗ ann, und unes von uns veit lich auch teſer ine, lun⸗ Re⸗ all⸗ kes Glied, von einem Vorgefühle wechſelnder Weltwit⸗ terung durchſchmerzt zu werden. Wie tief und edel er aber die Vorzeichen der Zeit auffaßte, verräth eine Stelle ſeiner»Fragmente«(Band 5 d. ſämmtl. Schriften), die wir als Loſung der Revolution hier aufnehmen: »An des Jahrhunderts Neige ſtehen wir; dieſes allge⸗ meine Sehnen nach Anderung der gegenwärtigen Form, nach Abhülfe der ſo häufigen Mängel; dieſes Suchen hier⸗ hin und dorthin; dieſes Auflehnen der Vernunft gegen den politiſchen Zwang; dieſer Zwang der Vernunft, der das Gefühl beherrſcht; dieſe Erziehungs⸗Inſtitute zur Bil⸗ dung vernünftiger Maſchinen; dieſe Convulſtonen des Glaubens an Wunderkräfte außer dem Gebiete der Ver⸗ nunft; dieſer Kampf der Aufklärung mit der Religion; dieſe allgemeine Gährung— verkündigt einen neuen Lehrer und eine neue Lehre.« rey Contr Green vellow ‿—. ——— 4 †„