— 38 S—— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur V Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. V pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt; Aeih- und Ceſebedingungen.— 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 1 — für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „ 3ä— 3 5 1 1 5„—„„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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A — derts auch Man erblickt zuweilen neben einem in all' ſeinen Farben glühenden Regenbogen einen zweiten,— bruch⸗ ſtückweiſe und in vereinzelten Farben von jenem gleich⸗ ſam abgeſchimmert. So ſtanden um die Mitte des vorigen Jahrhun⸗ derts zwei deutſche Regenten, zwei Friederiche, jeder auch der Zweite zubenannt, neben einander,— Friederich der Große von Preußen, und Landgraf Friederich von Heſſen, beide auf demſelben dunkeln Hintergrund eines im öſtreichiſchen Erbfolgekriege zwiſchen Preußen und Heſſen gegen Oeſtreich geſchloſſenen geheimen Unions⸗ vertrages. König Friederich war acht Jahre älter und zwanzig Jahre früher an die Regierung gekommen, als der Landgraf, den er auch noch um beinahe ein Jahr überlebte. Es ſind nur wenige Farben, mit welchen der Land⸗ graf dem ſtrahlenden Könige matt nachleuchtet. Vom Ruhmesglanze des Feldherrn, von der ſchöpferiſchen Thätigkeit des Staatsmannes und Regenten iſt mit Hinblick auf den Landgrafen nicht zu reden. Nur deſſen 8 Gunſt für Wiſſenſchaft und Künſte und ſeine Vorliebe für franzöſiſche Sprache und Literatur erinnern an den großen Fritz; und jenes Leben des königlichen Kron prinzen in Rheinsberg, wo dieſer ſich mit Gelehrten, Muſikern und Künſtlern umgab und mit Voltaire brief wechſelte, wiederholt ſich unter der Regierung des Land⸗ grafen ſogar breiter und bedeutender, weil dieſer Fürſt ſeine lebhafteſte Beeiferung gerade darauf verwendete, und in der günſtigen Zeit nach dem ſiebenjährigen Kriege ausgezeichnete Köpfe für die Caſſeler Schule gewann, mit welcher er ſeinen einſamen Hof in eine leichte Verbindung ſetzte. Um dieſer Männer willen, die zum Theil in der Geſchichte der Wiſſenſchaften mit berühmten Namen glänzen, verdient jene, ſeitdem in Caſſel ohne Wieder holung gebliebene Zeit eine freundliche, wenn auch nur flüchtige Erinnerung. Vielleicht, daß die Leſer, deren Aufmerkſamkeit und wenig heitre Theilnahme in den letzten Jahren auf jene Reſidenz gelenkt worden iſt, ſich von dem landgräflichen angenehm überraſcht fin⸗ den, und doch auch ſchon einige Keime der ſpätern Zeit wahrnehmen. Friederich, im Sommer 1720 geboren, war ſchon als zwölfjähriger Knabe nach der damals berühmten Akademie in Genf gebracht worden, wo er neben dem Unterrichte ſeiner heimiſchen Lehrer bei den Profeſſoren Calc Völk 8 ſton dam Ben war von als 4 9 Calandrin Mathematik, bei Bourlamaqui Natur⸗ und Völkerrecht und bei Necker deutſches Staatsrecht hörte. Nachdem er ſich hierauf im öſtreichiſchen Succeſ⸗ ſtonskriege militäriſch verſucht hatte, unterlag er der damals wieder, beſonders gegen fürſtliche Perſonen, in Bewegung geſetzten katholiſchen Bekehrungspolitik. Er war 29 Jahre alt, mit Maria, einer Tochter Georg's II. von Großbritannien, vermählt und Vater dreier Söhne, als er beim Kurfürſten von Köln, einem baieriſchen Prinzen, während dieſer ſich zu Neuhaus in ſeinem Stifte Paderborn aufhielt, einen Beſuch machte, und — ſanft und gutmüthig, wie er war— zum Ueber⸗ tritt in die katholiſche Kirche bewogen wurde. Mit dieſem empfänglichen Naturel und einer phan⸗ taſievollen Sinnlichkeit für Muſik und Malerei gehörte der Prinz zu jenen begabten Menſchen, auf welche die Pracht der katholiſchen Kirchen und der fremdartige Pomp ſymboliſcher Ceremonien einen bezaubernden Eindruck machen. Und wer weiß, was gerade die Perſönlichkeit des Kurfürſten dabei vermochte! Es war eben jener galante und üppige Clemens, an deſſen Hofe nur franzöſiſch geſprochen und pariſiſch gelebt wurde. Denn er hielt ſich gern am Hofe Ludwig's XV. auf, obgleich der hochmüthige Fürſt, der zu Hauſe 150 Kammerherrn hatte, ſich dort bequemen mußte, vor dem ſitzenden Könige zu ſtehen, und an der Tafel des Dauphin zu unterſt unter den luſtigen Hofleuten ſeinen Platz zu nehmen. Und mit dieſem ſcharfen perſönlichen Beigeſchmack h p geſch für Hofgelage verband dieſer Mann die erzbiſchöfliche O g 2 1 27 7 Würde in jenem magiſchen Gebiete, worin mit lateini⸗ ſchen Worten gezaubert wird, und gehörte zugleich als Kurfürſt dem heiligen römiſchen Reich an, aus welchem er einem ſchwärmeriſchen Erbprinzen in des Kaiſers Namen— Länderzuwachs und den gräflichen Kurhut verſprach.— Das alles that ſeine Wirkung, und Prinz Friederich legte das katholiſche Bekenntniß in die Hände des Kurfürſten⸗Erzbiſchofs ab. Seine Bekehrung hing mit den großen Anſtren— gungen zuſammen, die— heut wieder erneuert— um die Mitte des vorigen Jahrhunderts gemacht wurden, den Proteſtantismus auszutilgen. Clemens ſelbſt hatte ſchon das Seinige gethan, den proteſtantiſchen Ge⸗ werbs⸗ und Handelsleuten in ſeinem Gebiete ſo zu⸗ zuſetzen, daß ſie es verließen, und mit ihrem Fleiß und Vermögen in's Bergiſche überſiedelten. Eben ſo wur⸗ den die Proteſtanten in der Pfalz von dem friſchen Eifer der ebenwohl bekehrten Neuenburger Linie ver⸗ folgt. Im heſſiſchen Hauſe war Friederichs Rückſchritt nicht der erſte Fall. Juſt ein Jahrhundert früher war Prinz Ernſt, der ſechste Sohn des Landgrafen Moriz des( durch gewot und ausw traut durch wurd ſeiner Sept den c 82 nahn. mit d lunge maß! den Erzie Glau ſam; des Gelehrten, während eines Aufenthaltes in Wien durch Vermittlung des Kapuziners Valerian katholiſch geworden, hatte der Uebertritt anfänglich durch Reiſen geheim gehalten, nachher ſich aber in Ausbreitung ſeines Glaubens deſto eifriger erwieſen. Auf ähnliche Weiſe hielt auch Prinz Friederich ſei— nen Uebertritt 5 Jahre geheim. Er beſuchte Paris, und nahm abwechſelnd an verſchiedenen Höfen einen ausweichenden Aufenthalt, bis endlich durch ſeinen ver⸗ trauten Umgang mit dem Biſchofe von Augsburg und durch Beſuch der Meſſe in Aachen die Sache ruchbar wurde, und ſein Vater, Landgraf Wilhelm VIII., nach ſeiner Rückkehr aus Schlangenbad und Hanau, im September 1754 von verſchiedenen Höfen Winke über den Religionswechſel ſeines einzigen Sohnes erhielt. Der Landgraf, ein Mann von Ernſt und Einſicht, nahm die Sache hoch auf. Er beſchickte ſeinen Sohn mit dem Geheimerath von Eyben und dem General Diede zum Fürſtenſtein. Der Prinz bekannte ſeinen Uebertritt, und erhielt Zimmerarreſt zu den Verhand⸗ lungen mit einigen Miniſtern in Betreff der Sicherungs⸗ maßregeln zur Aufrechthaltung des Proteſtantismus in den Caſſel'ſchen und Hanauiſchen Landen, ſo wie der Erziehung der Kinder des Prinzen im reformirten Glauben. Friederich erwies ſich wohlgeſinnt und füg⸗ ſam; ſo daß eine Uebereinkunft,— die ſogenannte Re⸗ 12 ligionsverſicherungsacte bereits am 1. October 1754 zu Stande kam. Aber der Hofhalt des Erbprinzen erlitt durch die Beſtimmungen dieſer Acte eine große Veränderung. Seine Gemahlin trennte ſich mit ihren drei Söhnen von ihm, und erhielt ihren ſtandesmäßigen Unterhalt auf die vom Landgrafen in beſtimmter Weiſe abgetretene Grafſchaft Hanau angewieſen. Die Erbprinzeſſin, drei Jahre jünger als Friederich, und unter Obhut und Leitung ihrer königlichen Mutter Karoline, einer Tochter des Landgrafen von Branden burg, mit großer Sorgfalt erzogen, war 17 jährig mit anſehnlichem Gefolge aus England herüber gekommen, und im Sommer 1740 dem 20 jährigen Erbprinzen angetraut worden. Sie hatte ihm drei Söhne gebo⸗ ren, und ſich mit ihrem ernſten, unterrichteten Geiſte der Erziehung derſelben gewidmet, als die Trennung des verſchiedengläubigen jungen Paares erfolgte. Im December deſſelben Jahres 1754 wurden die Prinzen, der jüngſte erſt 7 jährig, nach Göttingen gebracht, und begaben ſich zwei Jahre ſpäter, hauptſächlich auch den kriegeriſchen Bewegungen des ſiebenjährigen Krieges auszuweichen, an den däniſchen Hof nach Kopen⸗ hagen. Dieſelben Wechſelfälle des Krieges nöthigten auch den Kaſſeler Hof wiederholt zur Flucht und zu Wech— ſeln d ſchenn geeite heiter Anhe — nem mit h ſeln des Aufenthaltes. Auf dieſen Reiſen und Zwi— ſchenreſidenzen in Hamburg, Bremen und Rinteln be⸗ gleitete Prinzeſſin Maria ſtets ihren Schwiegervater, den Landgrafen Wilhelm, um ſich der Pflege und Er⸗ heiterung des greiſen Fürſten zu widmen. Mit dieſer Anhänglichkeit ſtand ſie auch am Sterbelager deſſelben, und erſt als er hingeſchieden war, verließ ſie Rinteln, und nahm ihren vorläufigen Aufenthalt in Zelle. Als nun mit dem 1. Februar 1760 Friederich ſei⸗ nem Vater in der Regierung folgte, ſah man in Heſſen mit der lebhafteſten Beſorgniß den Neuerungen entge⸗ gen, die er vornehmen werde. Und man hatte Grund zu Befürchtniſſen. Die öſtreichiſche Politik blieb nicht unthätig. In Wien hatte man die vom Prinzen aus— geſtellte Acte für eine unverpflichtende Beſchränkung der monarchiſchen Machtvollkommenheit des neuen Land— grafen erklärt. Aber Friederich ergriff dieſe darge⸗ botene Hand nicht: er hielt feſt an der politiſchen Verbindung mit Preußen und an der kirchlichen Verfaſſung die er beſchworen hatte. Statt der gefürchteten Reaction richtete der neue Landgraf, ſobald der Krieg, der auch ihn wiederholt aus der Reſidenz getrieben hatte, beendigt war, ſeine Thätigkeit auf große Unternehmungen,— auf Erwei⸗ terung und Verſchönerung Kaſſel's und auf Errichtung wiſſenſchaftlicher Anſtalten. Wiederholte Reiſen nach 14 Paris und Italien ſteigerten ſein Intereſſe und ſeinen Geſchmack.— Es lag bei Friederich's Regierungsantritt eine Trauer auf der Reſidenz, nicht bloß in Folge wieder⸗ holter Belagerungen und Kriegsverheerungen, ſondern auch des allzu ökonomiſchen Sinnes des verſtorbenen Landgrafen, der das Perſonal des Militär⸗ und Ci vilſtaates und den Aufwand des Hofes auf's Aeußerſte beſchränkt hatte. Nun ſchlug jenes Wohlgefallen ſeines Sohnes an Pracht und Prunk, das ihn zuerſt kirchlich verſtrickt hatte, in's Weltliche mit üppiger Entfaltung durch. Caſſel bekam einen Hofhalt, der für damals prächtig heißen konnte, und erſt ſpäter durch Jerome's Napoldon'ſchen Aufwand überboten wurde.—— Landgraf Friederich, ein hübſcher Mann von mittler Statur, etwas corpulent bei männlicher Haltung, war für Heſſen ein fürſtlicher Vertreter des 18. Jahrhun⸗ derts, nicht bloß durch Glanz, Ueppigkeit und Weich lichkeit des Hoflebens, ſondern auch durch Geſchmack und Gunſt für Wiſſenſchaft und Künſte. Ein heiterer Vierziger, gütig und von gemüthlichen Abſichten be wegt, umgab er ſich gern mit fröhlichen und ſinnreichen Menſchen. Von dem Muſeum und der großen Me⸗ nagerie, aus der Geſellſchaft der Alterthümer und von den Gelehrten der Karlsſchule kehrte er dann gern zu ſeinem franzöſiſchen Theater, zu ſeinen Tonkünſtlern und it kenbei Be nicht a wunde der K ſchufen die nu di mahlin muthi einſchl fehlte Crypt keine waren — nach, dem Männ tigkeit 15 und italieniſchen Sängern und zur romantiſchen Fal⸗ kenbeize um das Schloß zu Wabern zurück. Bei ſeinen ernſten Richtungen fehlte es ihm leider nicht an Sonderbarkeiten, die eine Anziehungskraft auf wunderliche Käuze und Abenteurer ausübten; wodurch der Kreis bedeutender Köpfe, die bleibende Werke ſchufen, mit ergötzlichen Phantaſten durchſetzt wurde, die nur Anekdoten hinterlaſſen haben. Die Abgeſchiedenheit des Fürſten von ſeiner Ge⸗ mahlin entzog freilich dem glänzenden Hof ein an— muthiges Frggenleben. Es war ſo zu ſagen— ein einſchläfriger Hofhalt. An Neigungen des Herzens fehlte es natürlich nicht; aber man mußte ſie zu den Cryptogamen zählen, zu jenen Liebesverhältniſſen, die keine ſocial anerkennbaren Organe darbieten. Ja, ſie waren zum Theil exotiſch, ausländiſch; wie denn unter den Favoritinnen auch eine Mademoiſelle F.— ab— gelegte Maitreſſe des Herzogs von Bouillon— eine Rolle ſpielte. Was nahm der deutſche Adel damals nicht alles von Paris an,— gebraucht oder ungebraucht! Doch wir forſchen dieſen Cryptogamen nicht weiter nach, ſondern wenden uns den Phanerogamen zu,— dem Kreiſe jener mehr oder weniger ausgezeichneten Männer, die in offen blühender und fruchtender Thä⸗ tigkeit manche berühmten Namen und theilweiſe noch 16 D urch ſie immer geſchätzte Werke hinterlaſſen haben. machte Friederich ſeine Reſidenz zu einem der Glanz⸗ punkte, in jener Zeit, wo mit dem Fruͤhlingsanbruch unſerer Literatur, abwechſelnd in Berlin und Göttin⸗ gen, in Leipzig und Halle, in Pempelfort und Weimar geniale Köpfe mit literariſchem Schaffen, glänzende Talente mit poetiſchem Lenzgeſange die Begeiſterung und Erwartung der Nation erregten. Dem Fürſten ſtanden nach der einen oder andern Seite ſeines Lebenskreiſes verſchiedene Männer von Anſehen und Einfluß näher oder entfernter. Als Ver⸗ mittler der wiſſenſchaftlichen Abſichten Friederichs tritt ein intereſſanter Mann hervor der, ſelbſt von unge— wöhnlichem Bildungsbeſtreben beſeelt, und durch hohe Stellung, wie durch perſönliches Vertrauen begünſtigt, gerade für erneuerte und neuzuſchaffende Anſtalten als der geeigenſte Agent erſchien. Martin Ernſt von Schlieffen, aus Pommern gebürtig, hatte zuerſt bei der Leibgarde Friederich's des Großen als Fähnrich geſtanden. Zur Ausheilung eines Lungengeſchwürs hatte er eines län⸗ gern Urlaubs bedurft, als es ſeinem König gefiel, ward entlaſſen, und bei ſeiner Wiederanmeldung zum Dienſte aus unbegreiflicher Laune von dem Monarchen ſchnöde und wegwerfend behandelt. Er wendete ſich 6 mit( Prinz Feldzu jährig brach ſchluſ Gene N in 1 Oberf Orde 3 geher Miel mind baum in N er ar ſchaft Theil meltel 85 17 mit Empſehlungen, beſonders auch des preußiſchen Prinzen Heinrich, an den Caſſeler Hof, diente in den Feldzügen der Heſſen gegen die Alliirten des ſieben⸗ jährigen Krieges, und hatte es bis zum Oberſten ge⸗ bracht, als ihn Landgraf Friederich nach dem Friedens⸗ ſchluſſe in ſeine Umgebung zog, und im Rang eines Generalmajors mit auf Reiſen nahm. Nach des Fürſten Rückkehr aus Italien ward er in 1772 Staatsminiſter und als Generallieutenant Oberſt der Garde und Ritter des in 1770 geſtifteten Ordens vom goldnen Löwen. Zeitgenoſſen bezeichnen ihn,— den damals an⸗ gehenden Vierziger— als den ſchönſten Offizier, die Miene voll Würde, Edelmuth und Geiſt, adelig nicht minder von Geſinnung, als nach dem alten Stamm⸗ baume ſeiner freiherrlichen Familie, dabei voll Anſtand in Manieren, großdenkend und freimüthig. So kam er anerkennend, aufmunternd, beſchützend den wiſſen⸗ ſchaftlichen Männern entgegen, die nach und nach, zum Theil von ihm berufen, ſich am Karls⸗Collegium ſam⸗ melten. Seine Erziehung war ſehr vernachläſſigt worden; aber ein lebhaftes Beſtreben um Kenntniſſe und Bil— dung trieb ihn an, das Verſäumte zu deſto größerer Befriedigung als Selbſterwerb nachzuholen. Und nach⸗ dem in ſeiner früheſten Jugend ihm nur Dasjenige Koenig, Seltſame Geſchichten. 5 18 beigebracht worden, was er als Mann nicht mehr feſt⸗ halten mochte, hatte er als Fähnrich in Potsdam mit unſäglicher Mühe von ſelbſt Latein gelernt, und nachher in Braunſchweig, während einer Waffenruhe von Lang⸗ weile beläſtigt, ſich auch noch an's Griechiſche gemacht. Es läßt ſich erwarten, daß ein Fähnrich, ein ſchöner Offizier, den das Garniſonsleben ſo wenig zerſtreuen kann, ſich in männlichem Alter als Geſchäftsmann noch ernſter zuſammenhalten werde. Wirklich verband Schlieffen mit dem Miniſter den Einſiedler. Er bewohnte auf dem neubebauten Königsplatze als Junggeſelle ein ſchönes und breites Haus— jetzt Gaſthof zum König von Preußen— einfach eingerichtet, aber zahlreich bedient. Seine eigenthümliche Lebensweiſe, früh 2 Uhr aufzu⸗ ſtehen und nach eingenommenem Kaffe bis zur Parade zu arbeiten, Abends aber, oft ſchon um 7 Uhr, zu Bette zu gehen, war durchaus nicht nach dem Zuſchnitt eines muntern Hoflebens, wie es ſich in Caſſel, be⸗ ſonders nach 1772, ausließ. Aber er hatte den Hof bald genug an ſeine Zurückgezogenheit gewöhnt, ſo daß es nur kurzweg hieß:„Der Schlieffen philoſophirt wieder.“— Indeß befriedigte ihn dieſe Zurückgezogenheit noch nicht einmal, ſondern ſo oft es der Geſchäfte wegen anging, verließ er die Reſidenz, um auf ſeinem Gute Wendhauſen, eine Meile von der Stadt, nur ſeinen Stud Wald Natu ſamke Som und und Man einen war trieb Mile Gele r feſt⸗ am mit nachher Lang⸗ gemacht. ſchöner eſtreuen in noch clieffen nte auf ſchönes nig von bedient. r aufzu⸗ Parade Uhr, zu Zuſchnitt ſſel, be⸗ den Hof öhnt, ſo loſophirt heit noch te wegen em Gute r ſ einen 19 Studien zu leben. Dort, in der Verborgenheit eines Waldes, in einer durch einfache Nachhülfe ſanft reizenden Naturumgebung, empfand er ſich der behaglichſten Ein⸗ ſamkeit froh. Der Beſuchende traf ihn an ſchönen Sommernachmittagen in einer einfachen Allee wandelnd, und ward zum Ausruhen in eine Einſiedelei von Rohr und Baumrinde geführt. Da erzählte der gemüthliche Mann gern von ſeinen Feldzuͤgen und Reiſen oder von einem verlornen Freunde, und wenn der Gaſt darnach war, von ſeinen Studien. Affen und andres Gethier trieben ſich umher, und zur Erfriſchung ward eine fette Milch angeboten, und der hochgrüne Raſen lud zum Gelage ein.. Zärtliche Stündchen cryptogamiſcher Neigungen hinter den Staatsgeſchäften, franzöſiſche Literatur neben der Falkenjagd ließen dem einſamen Landgrafen noch manches unbefriedigte Verlangen. Er verſuchte es mit dieſem und jenem. Beſchäftigung mit naturwiſſenſchaftlichen Gegenſtänden war am heſſiſchen Hofe hergebracht. Friederichs Vater zwar hatte ſich mehr das Fabrikweſen angelegen ſein laſſen; von dem früheren Landgrafen Karl aber weiß man, daß er ſich viel mit Phyſik und Mechanik beſchäftigte. Es war zu Anfang des vorigen Jahrhunderts, daß Denys Papin, der vertriebene Cal⸗ 2* 20 viniſt aus Blois, von Marburg, wo er als Profeſſor untergekommen war, nach Caſſel zu reiten pflegte, um dem Landgrafen Karl ſeine kühnen Verſuche mit dem Dampfe zu zeigen. Von ihm erfunden und nach ihm benannt iſt bekanntlich der papinianiſche Topf, jenes cylindriſche, dichtverſchließbare Gefäß, worin harte Körper durch geſteigerte Hitze und Dampf gelöſt werden. Papin hatte es ſogar damals ſchon mit einem kleinen Dampf⸗ ſchiffe auf der Fulda verſucht, und was dem genialen Beſchwörer einer damals noch abgeneigten Naturkraft dabei mißlang,— kleine unerwartete Unglücke befrie⸗ digten wenigſtens die Mißgunſt der deutſchen Natur⸗ forſcher des Landgrafen, die nun deſto lauter mit— „franzöſiſcher Windbeutelei“ um ſich werfen konnten. Unſer Landgraf Friederich wendete ſich mehr der jüngſten Tochter der Naturforſchung, der Chemie zu. Sie, noch unerfahren und unklug, wie die Jugend iſt, hatte ſich damals auch mit den Roſenkreuzern zur Auf⸗ ſuchung des Steins der Weiſen, und zur Bereitung der Goldtinktur, ſowie eines Lebenselixirs eingelaſſen. In Caſſel gab man ſich zu jener Zeit insgeheim viel mit dergleichen ab. Ob auch, wie an andern Höfen, unſer Friederich Verſuche machte, ſteht dahin, man weiß nur, daß ihn Karl Prizier, Profeſſor an der Karlsſchule, bei chemiſchen Tiegeln von 21 ofeſſor und Retorten amüſirte. Er war ein Caſſelaner, hatte t, um Berg⸗ und Cameralwiſſenſchaft ſtudirt, und ging vom nit dem Sekretariat jener Behörde zum Profeſſorat über. Die ich ihm Studenten bekamen ihn aber ſelten auf dem Katheder „jenes zu hören, da er meiſt im Laboratorium des Fürſten Körper in ſeinem ſchwarzen Kittel waltete.—— Papin Eine betrübende Erfahrung ſollte dem Landgrafen Dampf⸗ von dieſer Seite ſeines Intereſſes her begegnen. enialen Daß hochgeſtellte und vermögende Perſonen von turkraft mehr vertrauendem, als prüfendem Geiſte eine ſtarke heftie Anziehung auf umherſchweifende Gauner üben, kommt Natur⸗ alle Tage vor. In jener Zeit aber waren ſie vielleicht Ii zahlreicher und verwegener, und zu den Abenteurern nien. geſellten ſich auch Schwärmer.— hr der Landgraf Friederich blieb von keiner Seite unver⸗ li 8 ſucht. Seine Art von Bildung und Herzensgüte machte end it ihn fremden und einheimiſchen Menſchen zugänglich, die ſich entweder mit der Abſicht des Betruges näherten, oder hinter ſeinen Erwartungen mit Täuſchung zurück⸗ ur Auf⸗ ereitung 3—.— daſer blieben. Seitdem er nach ſo bedenklichem Religions— dri wechſel ohne den zugeſagten Länderzuwachs und Kur⸗ hut regierte, alſo nach jener großen politiſchen Täuſchung, hatte er ſein literariſches Vertrauen franzöſiſchen Marquis und Chevaliers geſchenkt. Nun erſchien ein andrer Franzoſe, der ſich durch das Laboratorium ein⸗ ſchlich. Er gab ſich für einen Fabrikanten pariſer Por⸗ eim viel Höfen, an weiß Tiegeln zellans aus, und ſprach ein ſo feines Franzöſiſch, daß keine beſcheidnen Zweifel des Bergrathes Fulda im beſten kaſſler Deutſch dagegen auffkommen konnten. Der Fabrikant erhielt nach und nach, während er vier Monate lang an ſeinem Ofen und deſſen Füllung baute und ſich dabei mit ſchlauem Geheimthun der Aufſicht des dazu beſtellten Bergrathes zu entziehen wußte— 12000 Rthlr. Eines trüben Morgens aber war er verſchwunden, und es fand ſich bei der Unterſuchung am Ofen eine einzige ordinäre blaue Taſſe, die der Landgraf aus Fulda's Händen empfing und mit den Worten zurückgab:„Sie haben viel Mühe mit dem Menſchen gehabt; Uehmen Sie zum Andenken dieſe koſtbare Taſſe,— ſie koſtet mich 12000 Thaler.“ Bei dieſem Vorfalle kam eine frühere Geſchichte in Erinnerung, die mit einer deutſchen Nichtswürdigkeit die Gaunerei des Franzoſen aufwog. Rudolph Erich Naspe, ein Hannoveraner, hatte ſich nach vollendeten Univer⸗ ſitätsſtudien als Sekretär an der Bibliothek zu Hannover bei dem Miniſter von Schlieffen in ſolches Vertrauen zu ſetzen gewußt, daß dieſer ihn beim Landgrafen gegen deſſen erſte Abneigung geltend machte. Er war, 30 Jahre alt, im Auguſt 1767 als Profeſſor der Alter⸗ thüme die A mit ſteige h, daß da im Der Nonate te und s dazu Rthlr. n, und einzige Julda's :„Sie 4 ſehmen e koſtet Univer⸗ annovet ertrauen 1 gegen ar, 30 rAlter⸗ 23 thümer angeſtellt worden, und erhielt nach und nach die Aufſicht über die Antiquitäten und das Münzkabinet mit einem für damals bedeutenden, auf 1000 Rthlr. ſteigenden Gehalte. Dieſe günſtige Stellung und eine glückliche Berliner Heirath ſchwellten ſeinen natürlichen Hochmuth, ſeinen Eigendünkel und ſeine Selbſtgenügſamkeit in's Anmaß— liche. Gegen die Abneigung des Publikums nahm ihn Schlieffen unter ſein perſönliches Anſehn. Raspe, un⸗ ruhig, genuß⸗ und geldgierig, brachte den Landgrafen zu dem Aufwande, ihn die Paderborner Klöſter bereiſen zu laſſen, um Abſchriften der Kloſterſchätze für die Bi⸗ bliothek zu erwerben. Ja, er ſetzte es durch, daß er auf Koſten des Landgrafen nach Italien geſchickt wurde, um Kunſtſachen und Alterthümer zu gewinnen. Doch der erſte Schritt zu dieſer erwünſchten Reiſe, führte ſeinen Sturz herbei. Er hatte Urlaub erhalten, ſeine Familie auf die Dauer ſeiner Abweſenheit nach Berlin zu bringen, und ſchickte von Münden aus, als vergeſſen, den Schlüſſel zum Medaillenkabinet ein. Aber die Uebernahme des Kabinets von Seite eines Stell⸗ vertreters nahm den Gang nicht, den er ſich verſprochen haben mochte. Man ſucht nach dem Inventar, und da ſich keines findet, wird er zum Zwecke der Ueber⸗ lieferung des Kabinets zurückberufen. Prahlereien mit unterwegs gemachten hohen Bekanntſchaften überheben 24 ihn der gemeinen Geſchäftsordnung nicht, und ſo über⸗ raſchte er eines Nachmittags den Miniſter von Schlieffen in deſſen Wendhäuſer Einſiedelei mit dem Geſtändniſſe, daß er aus dem Medaillenkabinete 2000 Rthl. an Werth entwendet, und für 300 Rthlr. beim Lombard verſetzt habe, auch weder dies, noch die 700 Rthlr., mit denen er in Beſoldungsvorſchuſſe ſtehe, zu erſetzen im Stande ſei. Erſtaunt, entſetzt über den Menſchen, der ſeines Fürſten und ſeines Gönners Vertrauen ſo ſchmählich mißbraucht hatte, erklärte ihm der Miniſter,— ſo un⸗ werth er ſich durch ſeine Schandthat alles Wohlwollens gemacht habe, ſo wolle er doch hier auf ſeinem ſtets nur gaſtlichen Landſitze ſeiner Macht, ihn feſtnehmen zu laſſen, vergeſſen, da hierdurch das Entwendete doch nicht wieder erlangt werde; aber Rath wiſſe er ihm nicht, und von ihm ſelbſt wolle er nichts mehr wiſſen. Raspe entwich nach Braunſchweig, wo er den Her⸗ zog um gnädige Verwendung beim Landgrafen anflehte. So bereitete der Unverſchämte ſeinem Gönner von Schlieffen auch noch den Verdruß, daß der Fürſt des Miniſters Vorwiſſen von der Flucht erfuhr. Der Steckbrief, der den Profeſſor verfolgte, zeichnet uns ein wenig den äußerlichen Menſchen.— Raspe war von mittlerer Statur, länglichen Geſichts mit kleinen Augen und großer gebogner, ſpitzer Naſe; er trug ſein rothes Haar unter einer kurz am Kopfe gebundnen Beut wechſ Gold heſte 8 profe portr 3 8 Elſte ſtrich Leſſi Deu uͤber⸗ hlieffen noniſſe, Werth verſetzt enen er nählich ſo un⸗ vollens ets nur laſſen, wieder nd von en Her⸗ nflehte. er von arſt des eeichnet Raspe kleinen ug ſein undnen Beutelperrücke, und hatte einen raſchen Gang. Er wechſelte mit mehreren Röcken,— einem rothen mit Golde, einem von ſchwarzem Tuche, einem blau⸗man⸗ cheſternen und einem von grauem Zeug. Schade, daß wir nicht auch von den andern Hof⸗ profeſſoren— Steckbriefe haben, um ſie ein wenig portraitiren zu können!—— In Clausthal feſtgenommen, entkam die diebiſche Elſter noch einmal, und erreichte England, wo ſie umher⸗ ſtrich, und von ihren Federn lebte. Raspe überſetzte Leſſings Nathan in's Engliſche, engliſche Schriften in's Deutſche, ſchrieb über Oſſian, über Elephantenzähne und über Mineralwaſſer. Man ſchätzte ihn als brauch⸗ baren Gelehrten, und lieferte ihn nicht aus. Er ſtarb in Irland im Jahre 1794. Ob wohl der leichtfertige Menſch, wenn er etwa Mitglied eines Treubundes geweſen wäre, ſich dadurch von Veruntreuung öffentlicher Werthe hätte abhalten laſſen? Bei ſolchen Vorkommniſſen fällt man leicht auf die Frage nach dem Zuſtande der Staatskaſſen und der Finanzen. Und— es ſoll ziemlich flau damit ausge⸗ ſehen haben. 26 Abgeſehen von ſo viel Bedeutendem, was der Land⸗ graf für Kunſt und wiſſenſchaftliche Anſtalten ausführte, war auch ſolche fürſtliche Gutherzigkeit, die ſich auf der Philoſophie des 18. Jahrhunderts—„Leben und Leben laſſen“ wiegte, wenig geeignet, Schätze zu ſammeln; indeß ein verſchwenderiſcher Hofhalt, bei dem Alles bis hinab zu den zechenden Lakaien es ſich wohl ſein ließ, recht gemacht war, die Kaſſen zu erſchöpfen. Die reichen Quellen des nachmaligen Hausſchatzes floſſen noch nicht,— die engliſchen Subſidien für die heſſiſchen Bataillone, mit denen Friederich ein gutes Geſchäft nach Amerika machte. Dabei war das fatale Syſtem der Finanzverpach⸗ tung unter Umſtänden, wie die oben angeführten, dop⸗ pelt unheilvoll, gerade weil es das greifbarſte Geld ſchaffte, wodurch die ausgebenden Hände leichtfertiger, und die Quellen des Einkommens zu Grunde gerichtet werden.— 9⁹◻ ie Finanzen herzuſtellen, ward ein gewiſſer Bopp aus Preußen verſchrieben, und ſcheint es ganz richtig, nämlich bei den Ausgaben, angepackt zu haben; denn er hatte bald genug eine lauernde Gegnerſchaft am Hofe. Auch ſpricht es für ihn, daß er aus Unmuth über die unzureichenden Einnahmeziffern ſein geheimes Tagebuch mit ſarkaſtiſ chen Bemerkungen füllte. Doch gerade an dieſen Witzen, die ihm dann und wann unvermu Widerſa bringen. Auch in Caſſ an den den von gewiſſer Clemene niſtrarie Mailar Wi ausſal Be um ſei Hoffäg tete der den B, den Ar klaͤrte: nung j die Re * Do und be rebus! 27 unvermuthet aus der Taſche fielen, gelang es ſeinen Widerſachern, ihn zum Stolpern und zum Fall zu bringen. Auch dem Lottoſpiel begegnen wir zu jener Zeit in Caſſel. Dieſe täuſchenden Künſte waren damals an den Höfen ſehr beliebt, und vielfach in den Hän— den von Italienern. So betrieb um jene Zeit ein gewiſſer Graf Bollo, ein Genueſer, in Coblenz unter Clemens Wenzeslaus eine Zahlenlotterie, und der Si— niſtrario, der in Caſſel ſein Kunſtſtück machte, war aus Wie es mit docñn untergeordneten Rechnungsweſen g Mailand. Er a Kaſſe um 70,000 Rthlr.— ausſah, geht aus einer heitern Anekdote hervor. Bei Gelegenheit einer Hetzjagd war ein Forſtlaufer um ſeinen Treſſenhut gekommen, und klagte es dem Hofjägermeiſter.— Bring' ihn nur in Rechnung! lau— tete der Beſcheid. Doch derſelbe gnädige Herr ſtrich den Betrag des verlornen Hutes, als er ihn unter den Ausgaben ausdrücklich aufgeführt fand, und er⸗ klärte dem ſich beſchwerenden Forſtlaufer: In die Rech⸗ nung ſollſt du ihn bringen, hab' ich geſagt, nicht auf die Rechnung. 4 Das war ein„Tölpel merk's“ für manche Fälle, und beſtätigte Horazen's Behauptung: Est modus in rebus!—— 28 Die Wege des Fortkommens für Menſchen, die das Glück barfuß gelaſſen hat, richten ſich nach Zeiten und Umſtänden. Vielleicht iſt es nicht unintereſſant zu be⸗ trachten, wie der deutſche Poet ſich an jenem franzö⸗ ſirenden Hofe fortbrachte, nachdem man weiß, wie der große Friederich in Berlin die deutſche Poeſie anſah. Caſparſon, der Vertreter der heſſiſchen Poeſie von damals, gehörte zu jenen wiſſenſchaftlichen Köpfen, die unſer Friederich bei ſeinem Regierungsantritte bereits antraf. In die poetiſche Region hatte ihn ein ſeiner Zeit hochberühm⸗ r Mann gezogen,— der literariſche Sultan Gott⸗ ſched. Der Ruhm dieſes Namens, die ſtattliche Per⸗ ſon ſeiner Magnificenz begeiſterte den jungen, 22 jäh⸗ rigen Caſparſon zu einer Ode, als der Leipziger Pro⸗ feſſor auf einer Durchreiſe bei ſeinem Bruder, dem Steuerrathe Gottſched, in Caſſel verweilte. Dies ge⸗ ſchah im Jahr 1757, und der junge Poet war zufällig gerade ſo alt, als Gottſched's erſte Liebe zu der be— gabten Luiſe Adelgunde Victorie Kulmus, jener gebil⸗ deten, talentvollen und corpulenten Danzigerin, die nachher als ſeine Frau das literariſche Geſchäft ihres Mannes mit gutem Glück neben ihrem Haushalte be⸗ trieb, ohne den geſtrengen Gatten dadurch eiferſüchtig 8 ———— zu mache wandtere Gottſ iger Ge beiter an brach ab jungen? derer Kl Gottſche neben r Caf Staate einer! Vaterl weſen füͤgſam Hier u etſt vo Halleſ Wilhel Talent Univer logie teratu geriſch wodmn 29 zu machen, daß ſie mehr Witz und Verſtand in ge⸗ wandterem Deutſch producirte, als er ſelbſt. Gottſched warb den jungen Dichter für die Leip⸗ ziger Geſellſchaft der freien Künſte und zum Mitar⸗ beiter am„Neueſten aus der anmuthigen Wiſſenſchaft“, brach aber mit ihm in Folge eines Gedichtes, das den jungen Verfaſſer als Verehrer Haller's und Bewun⸗ derer Klopſtock's verrieth,— des erſten Gebotes gegen Gottſched vergeſſend: Du ſollſt keine andern Götter neben mir haben! Caſparſon war in jener Zeit Hofmeiſter beim Staatsminiſter von Canngießer. Sein Vater, aus einer der ſchwediſchen Familien die unter Karl XI. ihr Vaterland verließen, hatte im Militär und beim Poſt⸗ weſen gedient, zuletzt aber, im Dienſte ſtolz und un⸗ fügſam, ſich in Gießen auf literariſchen Erwerb geſetzt. Hier war der junge Wilhelm Chriſtian geboren, und erſt vom Vater und einer gebildeten Mutter, dann im Halle'ſchen Waiſenhaus erzogen worden. Landgraf Wilhelm, Friederich's Vater, unterſtützte das junge Talent, das auch ihn beſungen hatte, zum Beſuche der Univerſität Göttingen, wo Caſparſon von der Theo⸗ logie zur hiſtoriſchen, philoſophiſchen und ſchönen Li⸗ teratur überging. Er ſchloß ſich dann bei einem krie⸗ geriſchen Ueberfalle Caſſels dem fliehenden Hof an, wodurch er zu einer Schule der Weltkenntniß und zur 30 Verbindung mit der Bremer„Deutſchen Geſellſchaft“ geführt wurde. Eben war er als Lehrer der hiſtoriſchen und ſchönen Wiſſenſchaften angeſtellt worden, als ſein fuͤrſtlicher Gönner ſtarb. Mit der ganzen Schmiegſamkeit, die ſeinem Vater gefehlt hatte, ſuchte nun Caſparſon ſein Glück beim neuen Landgrafen. Mit Lobgedichten auf ſchwungvollen Füßen der Ode war es bisher gut gefahren; aber es galt den rechten Zugang zum jetzigen Fürſten. Dieſer fand ſich,— wenig poetiſch, aber ſo charakterſſtiſch, daß uns die Leſer wohl verzeihen werden, wenn wir ihn audeuten. Landgraf Friedrich war ein ſtarker Eſſer mit einer Leibesbeſchaffenheit, die ihm nach jeder Mahlzeit eine Taſſe Rhabarber räthlich machte. Doch da dieſer Rath ſich nicht immer prompt und ausgiebig erwies, ſo hielt ſich der lebhafte Herr noch einen beſondern— Aſſiſtenz⸗ rath zur Unterhaltung an einem geheimen Ort. Gewiß ein Mann des engſten Vertrauens, aber darum auch ein ſehr geplagter Mann! Denn da er bald genug in den Geruch eines aparten Einfluſſes beim Fürſten kam, ſah er ſich von Supplikanten aller Art heimgeſucht, die ihm ihre hundertfachen Anliegen für den günſtigſten Augenblick des Fürſten aufnöthigten. A! ſchmäl rath ſ Gedau ſpiele gedru könne linum G Geſe Ger unte gabe Zeit erſte 31 Auch Caſparſon, wie man uns überliefert, ver⸗ ſchmähte dieſe Hintertreppe nicht, um durch den Aſſiſtenz⸗ rath ſein Lobgedicht auf Friederich in einſchmeichelnden Gedanken und Verſen dem Fürſten in die Hände zu ſpielen. Es war zugleich auf das zarteſte Seidenpapier gedruckt, und beſſer hätte ſich der Dichter nicht empfehlen können. Er erhielt eine ordentliche Profeſſur am Caro⸗ linum, ich glaube mit Rathstitel. Caſparſon war ein muntrer Geiſt, und liebte die Geſellſchaft. Er kann überdies für einen Vorläufer unſrer Germaniſten gelten. Mit Vorliebe für altdeutſche Poeſie unternahm er, vom Landgrafen unterſtützt, die Heraus⸗ gabe eines epiſchen Gedichtes aus der altſchwäbiſchen Zeit.„Wilhelm der Heilige von Oranſe“, wovon der erſte Theil auch erſchien. Seine Trauerſpiele„Tafnilde“ und„Teutomal“ aus 1768 und 1771 ſind damals viel beſprochen, und nachher rein vergeſſen worden. Als Dechant des Karlscollegiums gab er in einem Programm eine Abhandlung über die italieniſchen Gedichte der heſſi⸗ ſchen Prinzeſſin Eliſabeth— mit Proben der Ueber⸗ ſetzung ihrer zahlreichen Madrigale und Canzonetten. Die Dichterin war eine ältere Schweſter jenes oben erwähnten Landgrafen Ernſt, der in Wien katholiſch geworden war. Unſer poetiſcher Profeſſor, eigentlich mehr Literat als Dichter, fand in dem unpoetiſchen Caſſel, ſelbſt in 32 jener erweckten Frühlingszeit der Poeſie und in der Nähe der göttinger Hainbundsſänger krine dichteriſchen Talente zu fördern. Nur ein wahrhaft armer Poet hing an ihm, und gewann des Profeſſors Theilnahme. Es war Hans Tobias Dick, Soldat unter der Grenadiergarde. In Schwalbach ge⸗ boren, das damals zu Heſſen gehörte, hatte er es zu⸗ erſt mit der Kaufmannslehre verſucht und war zum Glaſerhandwerke ſeines bürgerlich zurückgekommenen Vaters übergegangen, als er, 20 Jahre alt, bei einer militäriſchen Ausnahme in die heſſiſche Montur und zur Caſſler Garniſon kam. Hier las er die damals ſo beliebten Volksbücher und Romananfänge— den gehörnten Siegfried, die ſchöne Meluſine, die aſiatiſche Baniſe.— Ueber alles aber bewunderte er Günthers Gedichte, und wußte ſich nichts Höheres, als ein Günther zu werden. Er fand leider! Gelegenheit eine harte Behandlung ſeines Oberſten Donop in klagende Verſe zu bringen, wodurch er Be⸗ kanntſchaft und Achtung in der Stadt gewann. Ganz glücklich machte es ihn aber, als der 50 jährige Gleim, der mildherzige Papa dürftiger Poeten, der Sänger der Lieder eines Grenadiers, in 1770 durch Caſſel reiſend, den ihm aufwartenden poetiſchen Grenadier mit ſeinen Gedichten beſchenkte. Dick ſprach ſeinen jubelt geile 33 jubelnden Dank in Verſen aus, und wir geben einige Zeilen zur Probe ſeiner Diction und Beſcheidenheit: „Dem Glücke dank' ich's, großer Gleim, daß Deiner Weisheit Honigſeim ſich heute mir zu ſchmecken giebet: und daß Minerva meinen Fleiß, der jetzt nicht viel zu dichten weiß, doch nur durch Dich beſeelt, als einen Schüler liebet. Ich weiß, es kommt nur darauf an, daß ich von Dir, berühmter Mann, Lehr', Buch und Unterricht empfange, daß ich am deutſchen Helikon, als ein verarmter Muſenſohn vielleicht noch einen Platz, den Niemand will, erlange.“ Zwei Jahre, nach jenem Gleim'ſchen„Honigſeim“ gab unſerm Sänger die Liebe den ihrigen zu„ſchmecken.“ Er verheirathete ſich, und lebte von Unterrichtsſtunden, die er in Religion, Rechnen und Schreiben gab. Dabei muß er doch wohl ſein leidliches Auskommen gefunden haben, denn man hat von ihm das ſehr übermüthige Wort aufbewahrt:„Er könne doch mit ſeiner Perſon den Beweis liefern, daß ein Poet nicht gerade Hungers zu ſterben brauche.“ Ein einziger Grenadier, deſſen poetiſcher Federbuſch auch eben nicht gefüllt und glänzend ausſah, machte Koenig, Seltſame Geſchichten 5 b ſ 34 mithin unter Caſparſons Korporalſchaft das ganze Contingent aus, das Caſſel in ſeiner damaligen Herr⸗ lichkeit unter die Fahnen des erſten Aufgebots der deut⸗ ſchen Sänger und Dichter ſtellte. Nun ja, der Abhang des Kratzenberges, an welchem die Reſidenz hängt, und der ganze Gau zwiſchen dem Habichtswalde, den Kaufunger und den Reinhards⸗ waldzügen, ja der altheſſiſche Boden überhaupt hat ſich zu keiner Zeit beſonders fruchtbar für poetiſche Erzeug⸗ niſſe erwieſen. Um aber poetiſche Talente, deutſche Schön⸗ geiſter und Literaten von weiter her an den Hof zu zie⸗ hen, wie dies mit wiſſenſchaftlichen Männern zur Hebung der hohen Schule in Caſſel geſchah, dazu fehlte es dem Landgrafen an Gunſt für die damals freilich noch in ihren Anfängen begriffne deutſche Literatur. Friederich war, wie ſein großer Zeitgenoſſe, der preußiſche Frie⸗ derich, auf das Franzöſiſche gerichtet, und ſelbſt die Männer der Viſſenſchaft mußten ſich bei feierlichen Ge⸗ legenheiten in dieſer Sprache hören laſſen. An Empfänglichkeit und Theilnahme fuͤr das, was der Frühling unſerer Literatur brachte, fehlte es jedoch der Caſſeler Bevölkerung keineswegs. Man freute ſich der Primeln unſeres poetiſchen Lenzes,— jener ein⸗ fachen, die der fromme Gellert in die ſchlichten, ge⸗ ſitteten Bürgerfamilien brachte, der ſtärker duftenden, mit denen Bürger zwiſchen den Werkſtätten der Hand⸗ wert und lan 35 werker und den Wachtſtuben der Soldaten verkehrte, und jener gemiſchten Kränze, die Leſſing und Wie⸗ land der gebildeteren Geſellſchaft darboten. Wie wir eben immer mehr unter die Gelehrten der Karlsſchule gerathen, müſſen wir wohl mit einigen Worten über dieſe Anſtalt berichten. Sie war eine Stiftung des Landgrafen Karl und am 2. Nov. 1709 in Beiſein des Fürſten, ſeiner Mi⸗ niſter und Räthe vom Prokanzler mit einer Rede über den Nutzen der phyſikaliſchen und mathematiſchen Wiſ⸗ ſenſchaften eröffnet worden. Hatten nun auch, wie es ſcheint, in den Augen jenes hohen Gönners des ob⸗ genannten genialen Papin die Naturwiſſenſchaften den Vortritt: ſo nahmen doch neben denſelben die Ge⸗ ſchichte, die Beredtſamkeit, die Dichtkunſt, die Philoſo⸗ phie und natürliche Theologie nicht weniger angeſehene Lehrſtühle ein. Die Schule hatte die Beſtimmung, Studirende durch die ſchönen und humanen Wiſſenſchaften zu den Brot⸗ ſtudien der Univerſität vorzubereiten, und zugleich den Söhnen der Kaufleute und Fabrikanten eine höhere Bildung für das Leben darzubieten. Aber weder die einen, noch die andern beeiferten ſich ſehr um jene hu⸗ mane Weihen. So welkte die wohlgemeinte Anſtalt, 3* 36 und nur das ſpäter dazu gekommene mediciniſch⸗chirur⸗ giſche Seminar gewann Kraft, ſich dem Leben nützlich zu erweiſen. Landgraf Friederich gab darum doch die andern Zweige der Schule nicht auf; vielmehr lag es in ſeinem Sinne, der fortgeſchrittnen Zeit Vertrauen zu ſchenken, und die Anſtalt unter Beibehaltung des hergebrachten Namens zu erneuern, ja zu erweitern. Wir müſſen es anerkennen, daß er der letzte ſeiner Dynaſtie war, welcher der fortſchreitenden Zeit Vertrauen ſchenkte. Die Erneuerung der Schule geſchah in 1766 und noch weiter in 1773, ſo daß dann auch Philologie, neue Sprachen, ſchöne Künſte und Leibesübungen, ja ein zweijähriger Lehrgang für Theologen, Juriſten und Mediciner eröffnet wurde. Indeß war es mit dieſem Anſehen univerſellen Un⸗ terrichts doch nur auf univerſellere Bildung, die dem Jahrhundert entſpräche, nicht aber auf eine eigentliche Univerſität abgeſehen, der man in Marburg die tiefere Wiſſenſchaftlichkeit, die Ausbildung aller geiſtigen Richtungen, durch zuſammengreifende Lehrthätigkeit überließ. Wir müſſen nun noch, ehe wir an die große Hof⸗ veränderung des Fürſten kommen, die Bekanntſchaft einiger der Gelehrten machen, die noch der einſchläfri⸗ gen gü pede —— 37 gen Regierungszeit Friederich's angehören. Da be⸗ grüßen wir denn gleich einen ſchwerfälligen Katheder⸗ pedanten, Joh. Rudolph Anton Piderit. Er war ſchon 46 Jahre alt, als er im März 1766 für Philoſophie und morgenländiſche Sprachen aus Marburg berufen wurde. Er glaubte zwar dem Nuf ein Opfer an Gehaltsverluſt zu bringen, hoffte viel⸗ leicht aber von Caſſel aus mit der Welt mehr in's Klare zu kommen, als es ſich hernach doch machen wollte. Denn nach wie vor ſchien ihm Das abzu⸗ gehen, was man unter„Takt“ verſteht,— ein un⸗ mittelbares Vorgefühl deſſen, was ſich für die Perſon ſchickt und den Umſtänden angemeſſen iſt. Er hatte wohl von Pyrmont, wo er geboren war, zuviel ſpröden Stahl, und von Jena, wo er ſtudirt hatte, etwas„Pech“ mitgebracht, und ſo ſpann ſich ihm aus der erſten Uneinigkeit mit ſich ſelbſt über die Wahl zwiſchen Kanzel und Katheder, nachdem er ſich für letzteres entſchieden, ein ununterbrochen— ſplitteri⸗ ger Lebensfaden von Zerwürfniſſen mit der Welt und der Geſellſchaft. Seit 1745, nach Tilemann's Tod, auf das Ka— theder der Philoſophie getreten, ſchien er unter die Nachtraufe jenes uneinigen Marburger Neligionsge⸗ ſpräches zwiſchen Luther und Zwingli gerathen zu ſein. Er gab zwei Schriften älterer Reformatoren—„über den Ablaß“ und„über die Schlüſſel des Himmels“ heraus, und widmete jene dem Papſte, dieſe dem Kur⸗ fürſten von Mainz. Dies erregte begreiflicherweiſe ein fragendes Aufſehen. Es war Benedict XIV. der damals noch den hei⸗ ligen Stuhl inne hatte,— Lambertini, allerdings ein Gelehrter, dem ſogar die Römer, undankbar für manche vortreffliche Anſtalt, vorwarfen, daß er mehr Schrift⸗ ſteller als Regent ſei, ein Mann„von zwei Seelen“— für die Wiſſenſchaft und für die Geſellſchaft, und der in ſeiner humanen Weisheit das Anſehen des heiligen Stuhls durch kluge Mäßigung zu erhalten ſuchte, weil er die größere Unabhängigkeit der Fürſten als eine Folge der Reformation erkannte. Dennoch ſchien es ungeſchickt genug, auch einen ſolchen Pontifer durch ein ihm gewidmetes Buch an den Ablaß zu erinnern, der für Roms Kirchenprovinz in Deutſchland geweſen war, was nachmals der Thee für Englands Colonien in Nordamerika wurde,— der Anlaß zum Abfall. Sollte aber die Dedication dem hohen Gelehrten, dem Juriſten und Canoniſten gelten: womit rechtfertigte ſich die andre über die Himmelsſchlüſſel für den Mainzer Kurfürſten⸗Erzbiſchof? — von Fan ſcha zu ſein von n 39 Johann Friederich Karl aus dem gräflichen Hauſe von Oſtein war ein Betbruder, ein Jeſuitengönner und Fanatiker, der— ſelbſt ohne Talente— ſtatt Wiſſen— ſchaft zu fördern, ſeinen gelehrteſten Profeſſor in Mainz zu einer Ketzerbuße verurtheilte, und ſich kaum durch ſeinen aufgeklärten Großhofmeiſter, Grafen Stadion, von förmlicher Ketzerverfolgung abhalten ließ? Auch bekam unſerm Profeſſor das Dediciren nicht zum beſten. Der kaiſerliche Bücher⸗Commiſſär in Frank⸗ furt, deſſen Amt ſich errathen läßt, erkannte darin ein Vergehen gegen die jenen hohen Kirchenhäuptern ge⸗ bührende Achtung, und der Landgraf, damals noch Friederich's Vater, fand ſich veranlaßt, wenn auch nicht den päpſtlichen„Ablaß“, doch, aus Rückſicht für den Mainzer Kurfürſten,„die Himmelsſchlüſſel“ confisciren zu laſſen. Wir übergehen die unintereſſanten theologiſchen Streitigkeiten, die Piderit, wie Sommerfäden am Hute, von Marburg mit nach Caſſel brachte; übergehen die ſcharfen Kritiken, die der gelehrte Griesbach über ihn ausgoß,— die Anfechtungen, die er vom eignen Con⸗ ſiſtorium zu beſtehen hatte, die über ihn verhängten Verbote, Theologiſches ohne Cenſur drucken zu laſſen, die Verweiſe die er durch Schlieffen erhielt, als er ſich Ausfälle und Beſchuldigung des Socinianismus gegen Raspe und Caſparſon erlaubt hatte und endlich die 40 Caſſation, die ihm erſt angedroht und dann auch, wie⸗ wohl mit Belaſſung des Gehaltes für Frau und Kin⸗ der, vollzogen wurde. Seine Vorträge in der Geſellſchaft der Alterthümer mißfielen; bei Hofe war er unbeliebt und beim Publi⸗ kum ſtand er im Verdachte bald des heimlichen Ka⸗ tholicismus, bald des Naturalismus und dazwiſchen des Fanatismus. Aber Piderit tröſtete ſich mit der Schätzung auswärtiger Gelehrten, man weiß nicht mehr welcher; allein wir glauben auch wirklich nicht, daß er damals der einzige Kauz ſeiner Art geweſen ſein ſollte. Wir ſtellen dieſem wunderlichen Theologen einen liebenswürdigen Juriſten entgegen— Ludw. Jul. Friedr. Höpfner, — ein Name, an den ſich die Erinnerung an einen anmuthigen Jugendſtreich Goethe's und an jene ſen— timentale Zeit knüpft. In Gießen geboren, war auch er, wie vor ihm Caſparſon, als Hofmeiſter in das Haus des Staats⸗ miniſters von Canngießer gekommen. Doch mochte er durch ſeine juriſtiſchen Studien mehr perſönlichen Vor⸗ theil zu Gunſten ſeiner praktiſchen Ausbildung im Ver⸗ kehr mit einem ſolchen Staatsmanne gewinnen. Schon in ſeinem 24. Jahre kam er an die Karlsſchule als Profeſſor der Rechte, blieb es aber nur vier Jahre, und verſtt der ſt uns ———̃ —————— 41 und nahm dann in 1771 eine Profeſſur an der Uni⸗ verſität Gießen an. Hier erhielt er im folgenden Jahre von Goethe, der ſich eben in Wetzlar aufhielt, jenen Beſuch, den uns der Dichter ſelbſt ſo reizend erzählt hat,— wie er eines heitern Morgens vor Sonnenaufgang das liebliche Thal der Lahn hinauf nach Gießen wanderte, an Höpfner's Studierſtube pochte, und ſich für einen von Akademien heimkehrenden Studenten ausgab, bis er von den mitgekommenen und mit einverſtandnen Freunden Merck und Schloſſer beim heiterſten Mittag⸗ mahle, wozu ſie Höpfnern geladen hatten, dem durch die überſprudelnden Reden und Manieren des fahren⸗ den Schülers ganz verblüfften Profeſſor aus der räth⸗ ſelhaften Rolle herausgeſchält, und zum Deſſert vor⸗ geſtellt wurde. Bei dieſer Bekanntſchaft, die ſich auf die Dauer und durch die jetzt verabredeten„Frankfurter Gelehrten Anzeigen“ auch zu literariſcher Gemeinſamkeit knüpfte, war eben das Herz des jungen übermüthigen Dichters voll von jener Wetzlarer Lotte und von dem leiden⸗ ſchaftlichen Drange, der ſich bald darauf, nach dem un⸗ glücklichen Ende des jungen, ſchwermüthigen Jeruſalem in dem außerordentlichen Buche von„Werther's Leiden“ ergießen mußte. 42 Aber auch innerlich war Höpfner dieſem genialen Büchlein verwandt durch die ſentimentale Stimmung der Zeit, in die es ſo gewaltig zündend einſchlug. Denn unſer ſtreng geſchulter Juriſt—„tüchtig in ſeinem Fach, als denkender und wackrer Mann aner⸗ kannt und höchlich geachtet“, wie ihn Goethe bezeich— net— war doch bei vieler Herzensgüte bis zum Ueber⸗ maß empfindſam und in die weiche Tonart jener Zeit geſetzt. Jedem zärtlichen oder auch nur freundlichen Augenblicke pflegte er ein poetiſches Sträußchen dar⸗ zureichen, aus dem Flor von Almanachsgedichten oder aus dem Herbarium lateiniſcher Dichter genommen. Wir übergehen ſeinen Nachfolger auf dem Katheder— Juſtus Friedr. Runde, der den Lehrſtuhhl in Caſſel länger als Höpfner und vielthätiger inne hatte, bis er nach Göttingen berufen ward. Beide Rechtslehrer hatten miteinander gemein, daß ihre Namen ſich in der ſpäteren politiſchen Entwicklung Deutſchlands an ihren beiden Söhnen in öffentlicher Thätigkeit erneuerten. Der jüngere Höpfner, in ehren⸗ voller Amtsſtellung, brachte aus den Darmſtädter Ver⸗ faſſungskämpfen die Anerkennung ſeiner gründlichen Rechtskenntniſſe, ſeines Scharfſinns, ſeiner Freimüthig⸗ keit und eines bewährten Charakters mit.— Der jüngere Runde, berühmter als ſein Vater, ein ausgezeichneter Rechtslehrer für die Studirſtube und eine Autorität für — — 43 den Aktentiſch, entwickelte bei der Reorganiſation des Großherzogthums Oldenburg eine einflußreiche Thätig⸗ keit,— er ſelbſt mehr auf Seite der Regierung, wie der junge Höpfner mehr bei der Oppoſition. Das Jahr 1772 brachte für den Landgrafen Friederich ein wichtiges Ereigniß, in Folge deſſen auch eine große Veränderung bei Hofe vorging. Am 14. Januar dieſes Jahres ſtarb nämlich nach kurzem Krankenlager in Hanau, die Landgräfin Maria in ihrem 49. Lebensjahre. Wir haben ſie zuletzt in Zelle verlaſſen, von wo aus ſie die ihr bei der Scheidung von ihrem Gemahl angewieſene Grafſchaft Hanau als Regentin und Vor⸗ münderin der Prinzen verwaltete. Sie hatte ſich auch nach dem Tode ihres Schwieger⸗ vaters nicht ſogleich entſchließen können, Norddeutſchland zu verlaſſen, wo ſie ſich ihren Söhnen in Kopenhagen näher fühlte, der Briefwechſel mit ihnen kürzer, und die Zuſammenkünfte mit denſelben zu Coldingen in Jütland leicht zu erreichen waren. Auch die kriegeriſchen Bewegungen mochten ſie von der Maingegend zurück⸗ gehalten haben. Wenigſtens traf ſie kurz nach herge⸗ ſtelltem Frieden, am 11. März 1763, in Hanau ein, empfing für den Sommer dieſes Jahres ihre zwei jüngern Söhne, die von einer holländiſchen Reiſe zu 44 Beſuch kamen, und trat im Oktober des folgenden Jahres die Regentſchaft über Hanau an den 21 jährigen, eben mit der däniſchen Prinzeſſin Wilhelmine Karoline vermählten Erbprinzen ab.—— Nach ihrem Tode verſuchte es Landgraf Friederich, obgleich ein Fünfziger, mit einer zweiten Heirath. Er nahm die junge Prinzeſſin Philippine von Branden⸗ burg⸗Schwedt. Die neue Landgräfin, ſchön, lebhaft, reizend, war in keiner allzutugendhaften Umgebung aufgewachſen, und brachte einen neuen Ton und Schwung in das Hofleben, das ſchon bisher, wenn auch ohne den Schmuck und Reiz einer Fürſtin, doch nicht gerade zu den trüb⸗ ſeligen gehört hatte. Ueppigkeit und Weichlichkeit nahmen nur noch zu. Mit dem Spiel der Cavagnole und der Quadrille wechſelten Bälle, und die Landgräfin, wie ſie anfing corpulent zu werden, ſtürzte ſich in Menuette, Contretänze und Cotillons. Jeden Abend fanden kleine Spiele ſtatt, und die Fürſtin, die ſich zu vergnügen liebte, ſah den Neigungen ihrer jungen Hofdamen, ja— wenn man dem geheimen Hofrathe Stein, damaligem Geburts⸗ helfer für vornehme Damen, glauben durfte— der Vertraulichkeit ihrer Fräulein mit den Cavalieren nur zu ſehr durch die Finger.— Die Cryptogamen waren alſo auch unter dem zwei⸗ ſchläfrigen Throne nicht ausgegangen! kannt „Dar war und in in niß gei⸗ 45 Noch in ſpätern Tagen, als die Genoſſen jener luſtigen Abende nur noch ſehr vereinzelt umher ſchlichen, wies man im Volke mit den Worten auf ſie: Seht, das iſt auch noch Einer von damals! Ein paar tolle Streiche eines Hofjunkers von be⸗ kanntem Namen mögen zu dem flüchtigen Bilde jenes „Damals“ noch einige Züge hergeben.— Adolf Franz Friedr. von Knigge war auf einem väterlichen Gute bei Hannover geboren, und bis zu ſeinem 14. Jahre durch Privatunterricht in Sprachen, Künſten, beſonders auch der Muſik, ja in Handwerken vorgebildet und ſofort auch zur Kennt⸗ niß der Welt und der Menſchen von ſeinem Vater auf Reiſen geführt worden. Als Student in Göttingen machte er einen Beſuch am Caſſler Hof und ward als⸗ bald auch, unter Vorbehalt der Beendigung ſeiner Studien, zum Kammer⸗Aſſeſſor und Hofjunker ernannt. Seine Rückkehr nach beſchloſſner Univerſität fiel mit dem vorerwähnten großen Wechſel am Hofe zuſammen. Knigge war durch Geiſt und Laune ganz gemacht für einen ſo ausgelaſſenen Kreis von Hofgeſellſchaft, als die junge Landgräfin um ſich verſammelte. Er war es nur zu ſehr, und verdarb es wiederholt durch ſeine Spöttereien und Schalkſtreiche mit den Hofdamen, ſo daß er ſich einmal förmlich von den kleinen Abendeirkeln 46 ausgeſchloſſen ſah, die bei der fröhlichen Fuͤrſtin, ſobald ſich der Landgraf mit ſeinem Podagra in ſeine Gemächer zurückgezogen hatte, durch Verkleidungen, Pfänderſpiele und dergleichen Ergötzlichkeiten erſt recht luſtig wurden. Sich zu rächen, oder die verlorne Gunſt wieder zu erobern, verſuchte er einen kecken Streich. Es gelang ihm an einem Abende, des Schlafrocks und einer Nacht⸗ mütze des Landgrafen habhaft zu werden, und er kam ſo verkleidet mit ſchlarfenden Schritten eines Podagriſten an die Thür des lärmenden Salons, durch die er dem Treiben ein Weilchen zuſah, bis er, von der Geſellſchaft wahrgenommen, mit ungnädigem Kopfſchütteln ſich ent⸗ fernte. Man hatte ihn aber doch erkannt oder er⸗ rathen, und die Landgräfin nahm ihn wieder zu ihren kleinen Abenden in Gnaden auf. Aber der ausgelaſſene Menſch hielt ſich nicht, und verdarb es abermals durch eine— man darf wohl ſagen— Bosheit, die ſich kaum mittheilen läßt. Die Unart iſt aber für einen angehenden und von einem eifrigen Vater ſo ſorgfältig vorbereiteten Weltmann, der nachmals auch ein noch immer umlaufendes Buch„über den Umgang mit Menſchen“ geſchrieben hat, zu bezeichnend, um ſie nicht anzudeuten. Die Ausgelaſſenheit beſtand nämlich darin, daß Knigge widerwärtiges Ungeziefer von Bettelkindern in einige Federſpulen ſammeln ließ, und es bei einer Abendgeſellſchaft mehreren Damen, unter vertraulichem Ohrer unterf 8⁴ tollen Engl Knige das ganz wenr füßte zu Auf zurt wird um ip zur wie zur noch 1 nete ſein ſon 47 Ohrenflüſter in die bauſchende Friſur zu bringen ſich unterfing. Konnte er ſich doch gegen den Landgrafen ſelbſt ſeiner tollen Streiche nicht enthalten. So einſtmal, als einige Engländer dem Fürſten vorgeſtellt zu werden verlangten. Knigge übernahm es, und gab ihnen, als ſie ſich um das Ceremoniel erkundigten, den Wink, der Herr ſei ganz einfach und anſpruchlos, nur ſehe er es gern, wenn die Aufwartenden die Klappen ſeiner Weſtentaſche küßten, ohne ſich durch ſeine Weigerung daran hinderu zu laſſen.— Und nun denke man ſich den drolligen Auüftritt, daß der ganz betroffne Landgraf, je mehr er zurückweicht, deſto lebhafter von den Beeiferten beſtürmt wird, bis ſie zuletzt die Taſchen wirklich erreichen, nicht um ſie zu plündern, ſondern eine der Patten an die Lippen zu drücken. Glücklicherweiſe kam das Mißverſtändniß nicht ſogleich zur Erörterung: aber um es nur darauf zu wagen,— wie leichtſinnig oder begünſtigt mußte Einer ſein? Soviel gewagter Muthwillen fand am Ende eine Zurechtweiſung, die des Ernſtes ihrer Folgen wegen noch gewagter erſcheint.— Knigge hatte eine der jungen Hofdamen, die äußerlich wie innerlich wenig ausgezeich⸗ nete Henriette v. B. eine Zeitlang zum Gegenſtande ſeiner neckenden Unterhaltung auserſehen. Dies be⸗ ſonders auch während eines Hoflagers in Hofgeismar. 48 Die Fürſtin, gerade dieſer jungen Dame beſonders zu⸗ gethan, nahm eines ſolchen muthwilligen Augenblicks wahr, um mit der Miene heitrer Gunſt den Schalk anzuſprechen: Sie intereſſiren ſich ſo lebhaft für meine liebe Henriette, Herr von Knigge, daß ich mir nur die ernſtlichſten Abſichten dabei denken kann. Knigge, betroffen, befangen, macht eine ſtumme Verbeugung um die andre, und die Landgräfin nimmt ihn und Henrietten bei der Hand, führt ſie der Geſell⸗ ſchaft im Saal entgegen, und ſtellt ſie als verlobtes Paar vor. Was war zu machen? Die Verbindung erfolgte wirklich, nahm aber ſpäterhin denſelben Ausgang, wie die Ehe der Stifterin,— der jungen Landgräfin mit dem alternden Friederich,— durch Scheidung.— Nachdem Knigge mehrere Jahre bei der Kriegs⸗ und Domänenkammer geſtanden, und daneben beſonders Muſtk getrieben hatte, brachte er ſich durch ein für einen Hofſchornſteinfeger aus altem Muthwillen aus⸗ gefertigtes Diplom um des Fürſten Gunſt und um ſeine Stellung. Er verließ Caſſel, angeblich um ſeine ver⸗ ſchuldeten Güter in eigne Bewirthſchaftung zu nehmen. Wir finden ihn aber bald auf weitern Fahrten, an verſchiednen Orten und in ſchriftſtelleriſcher Thätigkeit, mit welcher er der deutſchen Literaturgeſchichte angehört.—— Knigge hat uns eben an die Mnſik erinnert. — — Eifer gegen das In Heſſen war der Geſchmack für Muſik ſchon dreimal ſeit der Regierung Philipps des Großmüthigen aus der Uebung gekommen und geſunken. Zuerſt unter dem genannten Landgrafen ſelbſt durch die etwas puri⸗ taniſche Frömmigkeit der Reformatoren, die in ihrem ogenannte chriſtliche Heidenthum des — katholiſchen Gottes beſchränkte Andacht alles äußern Beiwerks entkleideten, 2 83 dienſtes ihre auf Geſang und Predigt und ſelbſt die Orgel mit verdrießlichem Blick anſahen ⸗ Aber ſchon unter Philipps Enkel, dem Landgrafen Moriz, deſſen Tochter Eliſabeth wir als Verfaſſerin italieniſcher Gedichte erwähnt haben, hob ſich die Muſik wieder durch des Fürſten Gunſt und Betrieb. Er ſelbſt componirte.— Doch der 30 jährige Krieg erſtickte bald wiedet die Inſtrumente dieſes Aufſchwungs und ſelbſt die Kehlen der Chorſchüler. Erſt Landgraf Karl brachte durch ſeine Oper und ſein Orcheſter die Muſik wieder in Aufnahme und in ausgebreiteten Ruf ihrer Caſſler Blüthe.— Indem jedoch dieſe Kunſt nur auf dem gebohnten Eſtrich der Hofſäle Raum für ihre Notenpulte fand: ſo zog ſie auch unter Karls Nachfolger, als er König von Schweden wurde, mit nach Stockholm. Jetzt endlich hatte ſein Neffe, unſer Friederich, ein Opernhaus und eine katholiſche Kirche erbaut, und Sänger und Muſiker vor die Bühne ſowie auf die Koenig, Seltſame Geſchichten. 4 50 Orgel berufen. Ein zahlreiches Perſonal franzöſiſcher, in italieniſcher und deutſcher Muſiker umſtand das Takt⸗ B zepter des Marquis de Trestondam. Hier erklang die d Geige, das Horn und die Clarinette manches Virtuoſen ſ und der Caſtratenſopran Morellis. Nur die einheimiſche— E Nachtigall, Mamſell Schmehling, entfloh, gewann die i Königin von England, nahm den alten Potsdamer d Fritz ein, und entzückte an der Hand ihres unbeſonnenen 1 Mannes, des Violoncelliſten Mara, alle Welt durch den Umfang und die Fülle ihrer Kehle, wie durch die Einfachheit ihres hinreißenden Adagio. Ein bedeutſames, auf die Zukunft der muſikaliſchen Volksbildung hinweiſendes Ereigniß war es, daß be⸗ reits in 1766, hauptſächlich für die Meiſterwerke der deutſchen Componiſten, eine muſikaliſche Geſellſchaft in der Stadt entſtand, wodurch die Kunſt neben dem Hof, und unabhängig von deſſen Geſchmack, ein⸗ gebürgert wurde. Siifter dieſer Geſellſchaft war ein gewiſſer Engelbronner, aus dem Cleviſchen gebürtig, der auf der Univerſität Marburg mit dem Oberappel⸗ lationsrathe von der Malburg befreundet geworden, erſt die Stelle eines Hofmeiſters der Edelknaben, und in 1764 die Profeſſur des bürgerlichen und des Natur⸗ 3 rechts am Carolinum erhalten hatte.——— Indem wir uns nun weiter am Hofe Friederichs umſehen, dürfen wir nicht vergeſſen, was bereits er⸗ 51 innert worden, daß der Landgraf mit ſeinem Zeit⸗ und Bundesgenoſſen, dem alten Fritz von Preußen, unter dem Meridian der franzöſiſchen Sprache und Literatur ſtand, der durch Voltaire bezeichnet wird. Die frühe Schule Friederichs in Genf, ſeine nachherigen Reiſen in Frankreich hatten ihm die fremde Sprache geläufig, den franzöſiſchen Ausdruck des Lebens überhaupt lieb, und⸗durch beides ihn ſelbſt auswärtigen Verbindungen zugänglicher gemacht. Dieſe Vorliebe lockte Franzoſen an den Hofb; ſie ſchuf ein franzöſiſches Theater in der Reſidenz, und brachte durch daſſelbe auch ſolche Subjecte herbei, die ſich dann gelegentlich in die untergeordneten Hofbedienungen einzuſchieben verſtanden. So weiß man wenigſtens von einem Stockfranzoſen des Theaters, der nachher zum Inspecteur des abeilles beſtellt wurde, mithin von der Bühne zu den Bienen überging. Ja dieſe Vorliebe des Fürſten erſtreckte ſich bis zur Lieb⸗ haberei an kleinen Savoyarden, die Friederich kommen ließ, und auf ihre leichten pariſer Erwerbzweige ſetzte, ohne daß ſie in dem kleinen Caſſel eigentlich auf einen — grünen Zweig kamen. So erſchien denn auch im Mai 1775 mit einem Empfehlungsſchreiben des 80 jährigen Voltaire ein Mann in den dreißigen, von einnehmendem, geſetzt ſcheinenden Weſen und gefälliger Phyſiognomie in Caſſel. Er trat unter ſo begünſtigenden Umſtänden als— Marquis— 4* 52 2 auf; man wußte aber nicht, ob er als ſolcher auch von „Hauſe ausgegangen war, oder vielleicht unterwegs eine glückliche Umwandlung beſtanden hatte, Marquis de Lüchet. Jean Pierre Louis war zu Saintes geboren. Dürfen wir ſeinem guten Franzöſiſch glauben, ſo hatte er ſchon in ſeinem 15. Jahre Ueberſetzungen— im 16. Tragödien geliefert, und nachdem er vom 20. Jahre an verſchiedne Werke politiſchen und hiſtoriſchen Inhalts herausgegeben, ſich mit Naturwiſſenſchaften befaßt, von denen er zur Poeſie, Literatur und Literärgeſchichte übergegangen war. Wie dem auch ſei: er fand bei Friederich die beſte Aufnahme und die günſtige Stellung als Director des franzöſiſchen Theaters, als Intendant der Kapelle, die der Marquis de Trestondam dirigirte, ſpäter als ſtän⸗ diger Sekretär der Antiquitäten⸗Geſellſchaft, in welcher er verſchiedene Abhandlungen über— Voltaire, Albert v. Haller u. a. vortrug— alte Burſche, die er für Antiquitäten gelten ließ. Mit dem Rang eines ge⸗ heimen Legationsrathes finden wir ihn als Günſtling des Fürſten in deſſen Gefolge zu Bad Geismar, im Schloſſe zu Wabern, bald da, bald dort. Später, als er ſich auf einem Zwiſchenpoſten zwi⸗ ſchen dem Hof und der Karlsſchule bethätigte, kam ſein gelehrtes Anſehen etwas in die Klemme. Die öffent⸗ „— 53 liche Bibliothek ſollte gegen Ende Januar 1779 aus dem— Marſtalle, wo ſie bisher untergebracht ge⸗ weſen, in das nach zehnjähriger Arbeit vollendete prächtige Friederichs⸗Muſeum mit ſeinem unvergleich— lichen Bibliotheksſaale zur bevorſtehenden Einweihung dieſes Neubaues übergeſchafft werden. Hierzu hatte der Marquis einen Plan entworfen, nach welchem der ganzen Bibliothek eine neue Geſtalt oder Umſtellung der Bücher in ihren Fächern zugedacht war. Der Land⸗ graf, in gutem Vertrauen auf ſeinen gelehrten Lieb⸗ ling, hatte das Project genehmigt, und ſuchte die Aus⸗ führung durch perſönliches Erſcheinen zu fördern. Dies vielleicht nicht zum Vortheil der Sache ſelbſt. Denn während jeder Einſichtige das Verfehlte, ja Verwun⸗ derliche der neuen Eintheilung und Anordnung alsbald durchſchaute, hatte doch keiner den Muth, vor dem da- für eingenommenen Fürſten mit Nachweis und Nach⸗ druck dagegen aufzutreten. Vor allen ließ der Biblio⸗ thekar ſelbſt, Regierungsrath Schminke, ſich nur em⸗ pfindlich, aber nicht entſchloſſen finden, den franzöſi⸗ ſchen Gasconaden mit Anſtand und Würde zu begeg⸗ nen. Selbſt als ihm aus bloßem Mißverſtändniſſe des Marquis ein lächerlicher Mißgriff in der alten Bücher⸗ ordnung aufgebürdet wurde, ſchwieg er dazu ſtill. Es ſchien, der engherzige Mann, der ſich als höchſtem Le— benszweck einer ängſtlichen Sparſucht ergeben hatte, war ſogar bedenklich, für ſeine Amtsehre ein paar Worte aufzuwenden. Eben ſo ſchluckte der Bibliotheks⸗ Regiſtrator, der ehrliche Strieder, allen Verdruß in ſich hinein. Und wenn es ihm auch gelang, hinter dem Rücken des ab- und zugehenden Landgrafen we⸗ nigſtens doch— den Hoflichtkämmerer, ſeinen guten Freund, von den Mißgriffen des Marquis zu über⸗ zeugen, ſo ärgerte er ſich dabei doch nach und nach die Gicht„vom Zenith bis zum Nadir“ ſeines Leibes an, und fand nur einige Herzenserleichterung darin, daß er den Jammer ſeines Lebens einem geheimen Tagebuch anvertraute, das denn auch zum Glück die Stiefeln von gebranntem Leder mit Manchetten, ohne welche der brave Mann nie vor ſeinen Büchern und Acten erſchien, überdauerte und der Nachwelt eine lächelnde Theilnahme abgewinnt. Unter dieſem Bibliotheksverhängniß voll verworrner Arbeit und verbißnem Aerger lief das Jahr 1779 ab. Mit dem Februar 1780 erſchien ein neuer Franzoſe, Chevalier de Nerciat, und hielt in der Antiquitäten⸗ Geſellſchaft einen Vortrag zum Ruhme der erſtaunlichen Schöpfungen eines zweiten Auguſtus, den der Reiſende in Caſſel gefunden haben wollte. Es läßt ſich denken, daß dieſe Rede dem alternden Friederich nicht weniger lebhaft gefiel, als ſie dem jun⸗ gen gefallen hätte. Er belobte ſie laut, und ſah ſich — ſich nach einem Plätzchen um, auf dem man den Chevalier ſetzen könnte. Schmincke gab herzlich gern ſeine Stelle an der Bibliothek auf, und ſo wurde Nerciat Unter⸗ bibliothekar. Während nun beide Franzoſen mit all' ihren Kün⸗ ſten um die Gunſt des Fürſten wetteiferten, kam un— vermerkt etwas von den wunderlichen Anordnungen der Bibliothek durch reiſende Gelehrte in's Publikum. Da hatte man z. B. Cicero's Briefe unter den Kir⸗ chengeſchichten, einen Commentar über Hugo Grotius unter den Werken über Oekonomie entdeckt, und die unlateiniſchen Rubriken„Europacana“ und„Exeuro- paeana“ zu belächeln gefunden. Zwiſchen der„Go⸗ thaer Gelehrten Zeitung“ und„Schlözer's Briefwech⸗ ſel“ wurde die Sache anzüglich genug für die Biblio— thekare verhandelt. Dem Unterbibliothekar blieb es auch nicht unbemerkt, und er ſuchte ſich in franzöſiſchen Briefen an Schlözer zu rechtfertigen; indem er den Schöpfer der neuen Anordnung, de Lüchet, dafür ver⸗ antwortlich erklärte. Schlözer antwortete deutſch mit der witzigen Anſpielung,— er wage es nicht, ſein franzöſiſch zu Papier zu geben, aus Furcht, in jeder Zeile eine—„Ereuropäane“ zu machen. De Nerciat, der Chevalier, warf ſich ſchon in 1782 auf einen andern Sattel, und wurde— Baumeiſter 56 des Landgrafen von Rotenburg. Der Marquis de Lüchet hielt ſich aber auf ſeinem Platz. Dies ſo lebhaft betriebene franzöſiſche Weſen blieb aber nicht im farbigen Blätterſchluſſe der Hofliteratur verſchloſſen, ohne zugleich auch etwas vom Dufte Vol taire'ſcher Denkungsart und ungläubiger Zweifelſucht, wenigſtens in gewiſſen Kreiſen der Geſellſchaft, zu ver breiten. Die Empfänglichkeit dafür lag ohnehin in jener für die ſ. g. Aufklärung geſtimmten, auf dieſe Erobe⸗ rung ſo ſtolzen Zeit. In Caſſel mochte aber auch ein deutſcher Theolog, freilich ohne Abſicht und böſe Mei— nung der leichteren Verbreitung freier, abweichender — Meinungen vorgearbeitet haben. Nach dem Zeugniſſe von Zeitgenoſſen hatte nämlich der damals noch lebende Joh. Chriſtian Edelmann aus Wieißenfels auch in Caſſel einen ſtarken Anhang zur Zeit des Regierungs⸗ antrittes unſeres Landgrafen. Dieſer Theolog, deſſen Schriften bekanntlich zwiſchen den engliſchen Deiſten und den deutſchen Rationaliſten jener Periode allerdings eine höhere, mehr ſpeculative Bedeutung behaupten, ging dennoch darauf aus, dem Chriſtenthum den Boden geoffenbarter Wahrheit zu entziehen, die Bibel aus dem Lichtgewölke göttlicher Eingebung auf die gemeinſame Linie alles menſchlichen Wiſſens von den göttlichen Dingen herab zu ſetzen und ihr höchſtens einige Verzierung allegoriſcher Myſtik zu 6* 57 laſſen. Dieſe, einer ſpätern Philoſophie vorauslau⸗ fenden Anſichten, die heut unter uns vertraulich Platz genommen haben, begegneten aber damals, zuerſt und oberflächlich begriffen, Voltaire'ſchem Witz und franzöſi⸗ ſchem Unglauben, und mochten im erſten Rauſche ge⸗ neigt ſein mit dieſen Fremdlingen ſich zu verſchwiſtern. Aber auch in Caſſel zeigte es ſich, daß der Un⸗ glaube einer ſo gebildeten Zeit nicht leicht als Brac⸗ teate, als Hohlmünze, ſondern gewöhnlich mit der Kehr⸗ ſeite des Aberglaubens ausgeprägt wird. Franzoſen auch dieſes Schlages courſirten am Caſſler Hofe. Aus Forſters Briefen wiſſen wir von jener 70 jährigen Marquiſe, die in Begleitung eines alten Gauners nach Caſſel kam, um Teufel auszutreiben, wozu ſie in ſpä⸗ teren Zeiten mehr Gelegenheit gefunden hätte. Sie verſprachen dem Landgrafen einige Geiſter zu zeigen; die alte Vettel fand aber den alten Herrn nicht fromm genug dazu, und nahm lieber von ihm ſelbſt goldene Doſen und dergleichen an. Die ganze damalige Zeit trug ja eine ſolche Dop⸗ pelſeite offen zur Schau,— zweifelſüchtige Aufklärung und wahrheitbietende Ordensgeheimniſſe,— eine Phi⸗ loſophie, die hinter allen Erſcheinungen das Ding an ſich ſuchte, und die Alchymie, die am Stein der Weiſen laborirte. Es war die Zeit, in welcher Profeſſor Weishaupt, der mit unſerm Knigge in 1776 den Illu⸗ 58 — minaten⸗Orden gegründet hatte, neben Pater Gaßner wandelte, der in Bayern Teufel austrieb. Auf dieſen Kreuzwegen begegnet uns ein bekannter Mann, der in allen Geheimbündnereien jener Jahr⸗ zehnte ſteckte und bereits auch die Witterung der nahen revolutionären Zeit hatte. Er bringt uns vom Hofe des Landgrafen noch einmal zu den Gelehrten der Karlsſchule. Jakob Mauvillon, ein eigenthümlicher, aus innern Widerſprüchen gefloch⸗ tener Charakter. Urſprünglich brachte er ſchon franzöſiſches Blut mit zu ſeinen deutſchen Studien. Er war nämlich, 15 Jahre alt, mit ſeinem Vater, der aus der Provence ſtammte, von Leipzig nach Braunſchweig gekommen, wo der Alte als Sprachlehrer angeſtellt wurde. Hier genoß der junge Jakob guten ſprachlichen und mathematiſchen Un⸗ terricht, ſetzte ſich gegen das ihm vom Vater zugemu⸗ thete Studium der Rechtswiſſenſchaft und ſuchte mit ſeinem ſchwächlichen und verwachſenen Körper— den Militärdienſt. Wirklich diente er auch im hannöverſchen Ingenieur⸗Corps, verließ aber die Waffen und ging nach Leipzig, um dort die ihm doch aufgebürdete Juris⸗ ner 59 prudenz mit literariſchen und philoſophiſchen Studien zu vertauſchen. Nachdem er etliche Jahre an der Schule zu Ileſeld für den Unterricht in franzöſiſcher und italieniſcher Sprache geſtanden, gekang es ihm in 1771 als Wege⸗ und Brücken⸗Ingenieur nach Caſſel zu kommen, und wurde ſpäter zum Lehrer der militä— riſchen Wiſſenſchaften an das Carolinum, und in 1778 zum Hauptmann beim Cadetten⸗Corps befördert. Nachdem er in 1785 mit Majorsrang als Lehrer zum Ingenieur⸗Corps nach Braunſchweig berufen wor⸗ den, kam er in die bekannte Verbindung mit dem Grafen Mirabeau, dem er zu ſeinem berühmten Werk über die preußiſche Monarchie viel Stoff und eine deutſche Dar⸗ ſtellung lieferte. Daneben ſchrieb er über die abwei⸗ chendſten Gegenſtände,— über Militärweſen und Na⸗ tionalwirthſchaft, über den Werth deutſcher Dichter und über den Cinfluß des Schießpulvers, dramatiſche Sprüch⸗ wörter und das Leben des Herzogs von Braunſchweig, über Mann und Weib und— über den dreißigjährigen Krieg. Eben ſo widerſprechend verband er ariſtokratiſchen Ton und Geſchmack mit republikaniſchen Geſinnungen, die ihm bald viel Verdruß zuzogen, wie mathematiſche Genauigkeit im bürgerlichen Verkehr mit einer ſehr lockern Lebensphiloſophie. Er wurde nur 51 Jahre alt. Phyſiokratiſche Briefe, die er ebenfalls geſchrieben —;::PjHöñ— ——;;’: 60 hatte, waren an einen berühmten Mann gerichtet, der auch eine Zeitlang dem Caſſler Carolinum angehörte, — an Chriſtian Wilh. Dohm. Allein welches Gegenbild gibt nicht dieſer gehaltene Mann zu dem von leichten Widerſprüchen leicht getrag⸗ nen Mauvillon ab! Und ihre Lebenswege,— wie liefen ſie nicht von verwandten Ausgängen nach verſchiedenen Zielen in ungleichen Längen auseinander! Beide wurden auf der gleichen Univerſität Leipzig, nur in verſchiedenen Jahren, von der Jurisprudenz zu den philoſophiſchen Wiſſenſchaften— der eine mehr zu den mathematiſchen, der andere zu den hiſtoriſchen — gezogen; beide gingen vom Lehrberufe, und litera⸗ riſch von Ueberſetzungen aus, zufälligerweiſe beide von Indien her; indem Mauvillon Reynolds Geſchichte des Beſitzes und Handels der Europäer in beiden Indien, und Dohm Jve's Reiſe nach Indien und Perſien über⸗ ſetzte. Mauvillon nahm aber in ſeinem franzöſiſchen Blut und Geiſte franzöſiſche Motive, Dohm dagegen aus ſeinem Studium engliſcher Claſſiker engliſche Sym⸗ pathien mit, Beide huldigten der Sache allſeitigen Fort⸗ ſchritts im Völkerleben, in Staat und Viſſenſchaft, nur jener mehr mit ſtürmiſchem Drange, dieſer mit be⸗ geiſterter Beſonnenheit. Mauvillon drängte nach dem —— 61 Militär, Dohm lenkte nach dem Staatsmann; jener, acht Jahre älter, kam beim Jubel der franzöſiſchen Frei⸗ heit und Gleichheit, dieſer bei den Geheimniſſen des preußiſchen Cabinets an; jener bekannte ſich mit ari— ſtokratiſchen Manieren zur franzöſiſchen Demokratie, dieſer, Predigerſohn aus Lemgo, ging mit bürgerlichen Gewohnheiten, von Preußen geadelt, nachmals als Geſandter des Königs Jeréme von Weſtfalen nach Dresden. Seitdem ſind Mauvillons Schriften ziemlich ver⸗ geſſen; Dohm's wird noch immer um ſeiner„Denk⸗ würdigkeiten“ willen gedacht von Leſern, die eines ſo patriotiſchen, gemüthvollen Hiſtorikers tief gefaßtes und treu ausgeführtes Zeitgemälde zu würdigen wiſſen. Der junge Dohm hatte die ihn hemmende Stelle eines Pagenhofmeiſters des Prinzen Ferdinand von Preußen aufgegeben und ſich in Göttingen ſeinen hiſto— riſchen und ſtaatswiſſenſchaftlichen Studien gewidmet, als er auf Veranlaſſung des Miniſters v. Schlieffen an das Carolinum nach Caſſel berufen wurde, um Oekonomie, Finanzwiſſenſchaft und Statiſtik zu lehren. Auch übernahm er Unterricht an der Militärſchule und Kameralaufträge, z. B. für vortheilhaften Anbau des Grappes. Wer hätte hinter einem gerade in dieſen Feldern beſchäftigten Manne den Mitunternehmer des„deut⸗ 62 ſchen Muſeums“ geſucht? Aber Dohm war es wirklich in 1776 und 1778, und gab auch über ein Dutzend Beiträge zu dieſer, in Fragen der Wiſſenſchaft, der Dichtung und des thätigen Lebens ſtets freiſinnigen Zeitſchrift,— Artikel, durch die er ſich auch um die ältere deutſche Literatur verdient machte. Indeß ſagte ihm das Katheder nicht recht zu. Schon in 1777 machte er mit Urlaub eine wiſſenſchaftliche Reiſe, auf welcher er auch in Berlin dem großen Frie— derich vorgeſtellt wurde. Er kam mit Ausſichten füͤr eine Anſtellung in Preußen wieder zurück und wurde im Herbſte 1779 vom Miniſter v. Herzberg für das Archiv und die auswärtigen Angelegenheiten mit dem Titel eines Kriegsrathes berufen. Seine ſtaatsmän⸗ niſche, diplomatiſche und wiſſenſchaftliche Thätigkeit fäͤllt von hier an über Caſſel hinaus. Wir ſind ſchon in dem engen Kreiſe deutſchen gei— ſtigen Lebens, wie es damals einen halbfranzöſiſchen Fürſtenhof umgab, Männer von ſo reicher und ſelbſt⸗ ſtändiger Begabung, wie Mauvillon und Dohm, be⸗ gegnet, die ſich auf Veranlaſſung angeſehener Weltleute oder unternehmender Buchhändler dazu verſtanden, tüchtige Reiſewerke und Schriften fremder Nationen über Länder⸗ und Völkerkunde zu überſetzen. Wir irren wohl lebha an Fo Land weite nen Stau unſe urde das dem nän⸗ fäͤllt 63 wohl nicht, wenn wir daraus auf eine in Deutſchland lebhaft erwachte Theilnahme an der weiten Welt ſchließen, an Fahrten und Unternehmungen, unſernſpießbürgerlichen Landsleuten im damaligen Zuſtande Deutſchlands bei weitem fremder, als es heute der Fall iſt. Kaum kön⸗ nen wir uns daher einen lebhaften Begriff von dem Staunen machen, das auf den erſten deutſchen Welt⸗ umſeglern, auf beiden Forſtern ruhte und von dem Aufſehen, als Georg Forſter, der Sohn, am 1. Dezember 1778 in Caſſel erſchien. Er war es ja, der Cooks zweite Entdeckungsreiſe mit— gemacht, der mit Jünglingsaugen die Kindheitsvölker des ſüdlichen Ozeans geſehen und der ſogar Sachen aus dem Paradies Tahiti in Koffern und Kiſten mit ſich führte. 1 Wie ward er begrüßt, als er den Abend bei Dohm mit Mauvillon zubrachte, wie geehrt, als er andern Tags beim Miniſter v. Schlieffen zu Mittag ſpeiſte, wie gnädig empfangen, als er im Antiquitäten⸗Cabi⸗ nette dem Landgrafen ein Werk ſeines Vaters über⸗ reichte, und mit ſchlauer Pietät die Kunſtſchätze des Fürſten rühmte. Dieſe Pietät galt ſeinem in London tief verſchul⸗ deten Vater, für den am Carolinum eine Stelle zu 64 ſachen der brave Sohn eben gekommen war. Allein jener berühmte Mann mit ſeinen großen Bedürfniſſen und einer ſtarken Familie war dem etwas erſchöpften Fürſten zu theuer; wogegen er den 25 jährigen Sohn faſt gegen deſſen Willen als Profeſſor der Naturkunde mit einem Gehalte von 450 Thalern feſthielt. Hier verlebte Forſter fünf Jahre, zurückgezogen und in ſeiner Zurückhaltung mißverſtanden, in Kummer und Sorgen um ſeine Eltern und Geſchwiſter, mit kleinen körperlichen Leiden und mit Schulden kämpfend und in einer tiefen, geiſtigen Kriſe begriffen. Schon in England war er in den Bund der Frei— maurer gekommen, und fand nun in Caſſel nicht nur die Loge„Friedrich von der Freundſchaft“, ſondern gerieth auch in eine Verbrüderung von Roſenkreuzern, die in auswärtigen Verbindungen ſtanden. Man la⸗ borirte auf die Goldtinctur, mit welcher man unedle Metalle in Gold zu verwandeln dachte, auf das Ar— canum, eine jugendliche Geſundheit zu erhalten, ja ſelbſt auf Enthüllungen aus dem Geiſterreiche durch die Kraft des Gebetes.— Der Glaube an Wunder der Chemie lag einmal in der Zeit, entſprungen aus der geheim⸗ nißvollen Kindheit der Wiſſenſchaft und als die Kehr⸗ ſeite des damaligen religiöſen Unglaubens der höhern Stände, wie heut umgekehrt dieſelbe Wiſſenſchaft dem religiöſen Ueberglauben, dem Eifer eines bornirten Chri⸗ nen in Frei⸗ 65 ſtenthums, die Kehrſeite einer Abläugnung aller über— ſinnlichen Exiſtenz entgegen hält. Auf bloß vornehme Kreiſe ſchloß ſich aber der Ro— ſenkreuzer'ſche Geheimbund nicht ab. Forſter erwähnt eines Apothekers Fiedler zund eines Uhrmachers Senger, die noch ſpäter fortlaborirten. Schwerlich fehlte Mau⸗ villon bei dieſen Geheimniſſen, und ein Major v. Canitz, ſo wie der in 1780 eingetretene Miniſter von Flecken⸗ bühl, genannt Bürgel, laſſen ſich aus brieflichen Aeuße⸗ rungen Forſters vermuthen; obſchon wir von des Letzteren Roſenkreuzer'ſchen Praxis nicht ſo viel wiſſen, als von ſeinem Buche:„Der Wetzlarſche Practikant.“ Dieſe Verirrung des jungen Forſter brachte ihn um Zeit und Geld; ſo daß er in jenem Zuſtand auch wenig ſchrieb, nachdem er doch ſchon als Knabe ſeinem Vater an Ueberſetzungen aus verſchiedenen in verſchiedene Sprachen geholfen hatte, und die von ihm abgefaßte Beſchreibung ſeiner Reiſe um die Welt in Deutſchland eben ſo fleißig geleſen war. Sein Unbehagen und Unmuth nahm mit jedem Tage zu, ſo daß er eines unerwarteten Rufs an die Univerſität Wilna, ſo be— denklich eine ſolche Ueberſiedelung erſchien, doch ſehr froh ward, und im Frühling 1784 Caſſel verließ. Bei der tiefen Eingenommenheit ſeines Gemüthes bleibt es zu bedauern, daß ein ſo guter Beobachter der Welt über jene intereſſante Caſſler Zeit faſt gar nichts Koenig, Seltſam Geſchichten. 5 66 in ſeinen Briefen mittheilt. Außer einigen moraliſch⸗ mißbilligenden Seitenblicken auf das Hofleben gedenkt er nur des Wiederſehens zwiſchen dem Landgrafen und ſeinen drei Söhnen nach einer Trennung von 29 Jahren. Der Erbprinz ward auf der Parade zum General⸗Lieu⸗ tenant erklärt, wobei— zur Parade viel geweint und ſich gefreut wurde. Das einzig glückliche, und in ſeiner Art auch wahr⸗ haft einzige Verhältniße, das Forſter in Caſſel hatte, war das ſeiner Freundſchaft mit Thomas Sömmering. Dieſer, von gleichem Alter mit Forſter, war auch deſſen Landsmann aus polniſch Preußen, nämlich aus Thorn, wie Forſter aus der Nachbarſchaft von Danzig gebürtig. Beide hatten ſich kennen gelernt und einen Herzensbund geſchloſſen, als Sömmering, um ſeine anatomiſchen und phyſiologiſchen Studien bei dem be⸗ rühmten John Hunter zu vollenden, nach London kam und die Familie Forſter aufſuchte. Bis er nachher über Edinburg und vom Anatomen Monro nach Deutſch⸗ land zurückkehrte, hatte der junge Freund die Anſtellung in Caſſel erhalten, und verhalf ihm ſelbſt, durch Ver⸗ wendung beim Miniſter v. Schlieffen, zur eben vacant gewordenen Lehrſtelle der Anatomie am Carolinum. 5 atte, einen ſeine 67 Hier richteten ſich beide auf dem traulichſten Fuß ein. Forſter nahm ſeinen Tiſch bei Sömmering, zog ihn aber auch zu ſeinem alchymiſtiſchen Tiegeln und Retorten. Beide laborirten, einer den andern beſtär⸗ kend, an der gemeinſamen Befangenheit, auf gemein⸗ ſames Glück und mit gleichen Verluſten. Als ſie endlich ihre Verirrung erkannten und ſich vom Geheimbunde losſagten, verließ Forſter Caſſel, und nun hielt es auch Sömmering, aus Angſt vor Rache der Geheimbündler, nicht mehr aus, ſondern nahm der erſten Gelegenheit wahr, als Profeſſor der Anatomie an die Mainzer Uni⸗ verſität zu kommen. So wenig auch er in Caſſel zu literariſcher Thätig⸗ keit aufgelegt geweſen war, hatte er doch eine der Wunderlichkeiten des Landgrafen Friederich— die kleine Negerkolonie in der Nähe von Weißenſtein(Wilhelms⸗ höhe:)— nicht unbenutzt gelaſſen, und mittelſt Zer⸗ gliederung mehrerer ſchwarzen Leichen die Verſchieden⸗ heit des Körperbaues der Neger und der Europäer zu ermitteln verſucht. Mit einer Abhandlung darüber, die in Mainz gedruckt wurde, machte er ſeinen Uebergang dahin.—— Ehe jedoch beide Freunde Caſſel verließen, erſchien daſelbſt ein Mann, der eben auf der erſten Staffel ſernes nachmaligen Ruhmes ſtand,— der Hiſtoriker 5 68 Johannes Müller. Dieſer 29 jährige Pfarrersſohn aus Schafhauſen, der nach ſeinen göttinger Studien bei Freunden und Gönnern in der Schweiz da und dort gelebt, zu einer großen Weltgeſchichte ein erſtaunliches Material aufge⸗ ſtapelt und den erſten Band ſeiner Schweizergeſchichte heraus gegeben hatte, kam eben aus Berlin von einer Unterhaltung mit dem großen König, niedergeſchlagen von mißlungenen Hoffnungen auf einen Platz in der Akademie, nach Braunſchweig, wo ihn die huldvolle Aufnahme des Hofes in etwas beruhigte. Hier erhielt er von Schlieffen einen Ruf auf die durch Dohms Abgang noch offene Stelle am Carolinum. Es war im Mai 1781, als er in Caſſel erſchien, von dem Miniſter herzlicher, als von ſeinen künftigen Collegen aufgenommen. Sein Ruf war ſo wenig günſtig, daß ſelbſt Forſter, damals ſo leicht für ausge⸗ zeichnete Menſchen eingenommen, es kaum über ſich vermochte, dem kurzen, dicken, unruhigen Manne mit dem ſchwammigen Geſicht und den groß hervortretenden, leicht entzündlichen blauen Augen nur mit der ſchick⸗ lichſten Höflichkeit zu begegnen. Außer anderem, was man ſich über ihn nur zuflüſterte, hielt er Müllern auch für einen Achſelträger, der den Mantel nach dem Wind hänge. Nach und nach aber wurden ſie doch gute volle chielt ohms ſich mit nden, ſchick⸗ was auch Wind gute 69 Freunde, und Forſters Briefe aus jener Zeit laſſen ſogar vermuthen, daß auch Müller an den Roſenkreu⸗ zerſchen Geheimniſſen einigen Antheil genommen habe. Mit Schlieffen kam Müller dagegen auf beſſern Fuß, als die andern Profeſſoren. Er war öfter bei ihm in Wendhauſen und machte im September ſeines erſten Jahres eine Luſtfahrt mit ihm nach Geismar, wo eben der berühmte Domherr und Statsmann von Fuürſtenberg mitsder ihm befreundeten Fürſtin Gallitzin verweilte. Hofgeismar, in der Nähe von Caſſel, zählte damals zu den auch von auswärts beſuchten Bädern. Landgraf Friederich hatte manches zur Einrichtung und Verſchö⸗ nerung deſſelben gethan. Der Brunnenarzt Schröder legte auch großes Gewicht auf die heilſamen Wirkungen dieſes„eigenthümlich ſeifenartigen“ Waſſers, während Bopp, der oben erwähnte berliner Finanz⸗Nothhelfer, in ſeiner ſatyriſchen Weiſe Freunden in's Ohr flüſterte: Hofgeismar ſei eine prächtige Pferdeſchwemme; es müſſe aber ein Geheimniß bleiben. Wir können vermuthen, was den Miniſter Schlieffen ſo lebhaft zu dem ſonſt nicht ſehr einnehmenden Müller zog: er bewunderte den Hiſtoriker und deſſen Styl,— er ſelbſt eben beſchäftigt, ſein das Jahr vorher erſchie⸗ nenes Buch„Nachricht von dem pommerſchen Geſchlecht der Slievin oder Schlieffen“ zu einer 70 neuen Ausgabe umzuarbeiten. Eine Geſchichte der Ent⸗ wicklung des Adels geht jenen Nachrichten voraus. Es iſt ein höchſt achtbares Buch, für welches man ſich ſchon voraus durch das beigegebene Bruſtbild des hüb⸗ ſchen, offen ausblickenden Autors eingenommen fühlt, und über welches Müller an Bonſtetten ſchrieb,— es werde nicht verkauft, aber es enthalte über den Adel, über das Lehn- und Fauſtrecht, über die Geſchichte der Sitten, über Religion Reiſen und andre Gegenſtände, ſo ſchöne Gedanken in eigenthümlich ſtarker, bilderreicher Schreibart, daß er es über alle andere Geſchichtsbücher hinauf ſetze. Und allerdings mag dieſe Abhandlung zu dem Beſten gezählt werden, was über die Geſchichte des Adels in wirklich edler Sprache und mit geiſtvollen Ergebniſſen unparteilicher Forſchung erſchienen iſt. Nach⸗ ahmung des Müller'ſchen Styls iſt übrigens unver⸗ kennbar darin. Schlieffen nahm wirklich eine literariſch⸗freundſchaft⸗ liche Stellung zu Müllern. Er trieb ihn fortwährend zum Schaffen an:„jede Stunde, die nicht für das Publi⸗ kum verwendet werde, ſei verloren.“ Er ſchrieb zu Müllers Schweizergeſchichte 36 Seiten Anmerkungen, kritiſirte auch deſſen Leiſtungen und tadelte z. B. in einem Billet an ihn hinſichtlich der von Müller heraus⸗ gegebenen Essais historiques eine gewiſſe Ungenauig⸗ keit mit den artigen Worten: Il m'a paru que le feu de Votre beau genie Vous a fait préferer quelquefois le brillant à l'ex- actitude. So lernte auch Müller erſt durch Schlieffen unſer altes Gedicht„Chriemhilds Rache“ kennen, indem der Miniſter nicht ruhte, bis der Ablehnende es endlich und zwar zu großer Zufriedenheit vornahm. Schon nach zwei Jahren, im Sommer 1783, kehrte Müller in die Schweiz zurück, von einer Art Heimweh zu ſeiner Schweizergeſchichte und von Pietät für ſeinen 80 Jahre alten Gönner Tronchin getrieben. Aus Caſſel datirt das bekannte kleine Buch Mül⸗ lers:„Die Reiſen der Päpſte.“ Vielleicht läßt ſich ſagen, daß dies Büchlein weniger hiſtoriſche Bedeutung in der Literatur, als pſychologiſchen Werth in Bezug auf den Verfaſſer ſelbſt habe. Indem es ihm nämlich in weiten und höchſten Kreiſen katholiſche Sympathien und glänzende Ausſichten ſogar bis nach dem Vatikan zuwege brachte, gab es dem zur römiſchen Kirche und Politik gelockten Manne, der in ſo vielen Stücken die Welt über ſeine gutmüthige und ehrgeizige Fügſamkeit nicht im Zweifel ließ, die ſchöne Gelegenheit, ſich auf ſeiner hohen Lebensfahrt durch Cabinette und Mini⸗ ſterien wenigſtens in dem einen Stücke ſeines mitge— 72 brachten proteſtantiſchen Glaubens männlich feſt und treu dazuthun. So beharrlich ſtand er in Wien auf einer Stelle, die nach ihm ein Gentz, ein Friedrich Schlegel, ein Adam Müͤller, Jarcke und Hurter nur als Abtrünnige des Proteſtantismus einnehmen konnten, Indem nun die Männer deutſcher Berühmtheit Caſſel verlaſſen, finden wir uns wenig geſtimmt, noch einige unbedeutendere Gelehrte der Friedrichsſchule zu muſtern. Nur eine Dichterin dürfen wir nicht unbe⸗ grüßt laſſen, die uns auch noch in das Atelier eines Hofkünſtlers einführt. Eines ſchönen Tages im Sommer 1780 war näm⸗ lich Philippine Gatterer, Tochter des berühmten Hofraths und Hiſtorikers in Göttingen, von da nach Caſſel herüber gekommen, ſich vom Akademie⸗Direktor Tiſchbein malen zu laſſen. Wahrſcheinlich ſollte einem Bändchen ihrer Gedichte oder einem Muſenalmanach das Bruſtbild der Dichterin als Schmuck beigegeben werden, ſo beſcheiden auch Philippine ſelbſt von ihren Poeſien dachte. Denn ſie machte nicht einmal Anſpruch auf Kunſt, ſondern wollte durch einfache, zwangloſe Natur rühren; wie ſie es bildlich in den Verſen ausdrückt: Durch dichtgeſchnitzte Tarus bricht Nie weder Sonnen⸗ noch Mondenlicht: theit noch 2 zu mbe⸗ eines näm⸗ mten nach fektor inem mach eben hren pruch gloſe erſen 73 Da durch den Baum, der kunſtlos slüht, Die ſinkende Sonne maleriſch glüht, Und ſelber der Mond durch die Zweige blinkt, Wenn Abends die Flur vom Thaue trinkt. Während ſie nun dem berühmten Maler ſaß, nahm ihre Liebenswürdigkeit das freundſchaftliche Herz des bejahrten Mannes ein, und er vermittelte die Bekannt⸗ ſchaft eines jungen Freundes mit ihr— Engelhards der etliche Jahre älter als ſie, eben wirklicher Kriegs⸗ ſekretarius geworden war, und ſehr bezüglich Philipp hieß. Philipp und Philippine gefielen ſich, erklärten ſich, heiratheten ſich— verſteht ſich in anſtändigen Zwi⸗ ſchenräumen des Eintrocknens und Uebermalens von Bild und Liebe. Der Verfaſſer dieſes hat den glücklichen Folgen dieſer Verbindung eine Epiſode ſeines Romans„Je⸗ rômes Carneval“ gewidmet. Er iſt dabei den Mitthei⸗ lungen eines damaligen Zeitgenoſſen in Caſſel gefolgt, die nachher von andern als nicht ganz richtig bezeichnet worden ſind. Aber freilich wollte er nicht ſowohl der geſchichtlichen Wirklichkeit, als der inneren poetiſchen Wahrheit jener Verhältniſſe gerecht werden.—— Wir laſſen den Anlaß nicht vorüber gehen, ohne uns mit jenem berühmten Maler ſelbſt bekannt zu machen. Joh. Heinrich Tiſchbein, aus der zahlreichen Künſtlerfamilie dieſes Namens, war der fünfte Sohn des Kloſterbäckers in Haina, damals 58 Jahre alt. Sein energiſches Talent hatte ſich früh geregt und durch die beſchränkteſten Verhältniſſe Bahn gebrochen.“ Er fiel als Knabe von ſelbſt auf eine Art Paſtellma⸗ lerei, indem er mit drei verſchiedenfarbigen Kreiden auf die Ecken des geſcheuerten Familientiſches Geſichter malte, die unter dem nächſten Waſchlappen der Mutter wieder verſchwanden. Um nun ſeine Schöpfungen zu erhalten, brachte er ſie auf zuſammengeleſene Papierſtückchen mit Pinſeln, die er ſich aus Diſtelblumenfäden oder aus Beſenreißern, an einem Ende faſerig geklopft, bereitete. Vierzehnjährig kam er dann zu einem Tapetenmaler nach Caſſel, wo er doch einiges zu ſeiner Ausildung ermitteln konnte. Nun malte er auch gleich Bruſtbilder hier und auf einem Beſuche bei Verwandten im Darmſtädtiſchen. Zwanzig alt, wird er bei ſeinem Bruder, der in Hanau für einen Herrn Vandervelde malte, dem Mainzer Großhofmeiſter, Grafen Stadion, bekannt, jenem bei Profeſſor Piderit ſchon erwähnten aufge⸗ klärten Rathgeber des Kurfürſten aus dem Hauſe von Oſtein. Stadion ſchickte auf ſeine Koſten den jungen war nals und cen. Ima⸗ auf alte, ilten, mit aus ilder im r in dem unnt, 75 Maler von ſo drängendem Talente nach Paris, wo er bei Andreas Vanloo— und nach Venedig, wo er bei Piacetta ſeine Studien machte, dann über Florenz nach Rom ging, und hier zwei Jahre blieb. Nach ſeiner Rückkehr ward er von ſeinem Gönner dem Landgrafen Wilhelm, Friedrichs Vater, empfohlen, der im Sommer 1752 Schlangenbad gebrauchte und ſich nach einem guten Maler umthat. Zu ſeiner Zu⸗ friedenheit mit Tiſchbeins Probebild, dem Portrait der jungen Gräfin Stadion, erfährt der Landgraf auch noch, daß der Maler ein heſſiſches Landeskind iſt, und nimmt ihn zu ſeinem Cabinetsmaler an. Friedrich, als er die Regierung angetreten, befördert zihn zum Pro— feſſor der Malerei am Carolinum, bis er in 1776 eine eigene Akademie für die Malerei, für Bau⸗ und Bild⸗ hauerkunſt gründete und Tiſchbein zum dirigirenden Pro⸗ feſſor beſtellte. Aus dieſer Friedrichſchen Periode rühren Tiſchbeins beſte Sachen an hiſtoriſch⸗mythologiſchen Gemälden und an Portraiten. Er ward für den Landgrafen, was Stieler ſpäter für König Ludwig war,— er malte ihm eine Sammlung ſchöner Hofdamen und Landes⸗ töchter. Aber an dieſem Cabinet de beautés in Wil⸗ helmsthal ſieht man mit bedauerndem Vergnügen, wie ein großes Talent in eine verkehrte Zeit fallen und in verſchobene Lebenskreiſe gerathen kann. Der Pinſel 76 iſt meiſterhaft zart und fein, und in der Anordnung des Bildes auch des Künſtlers guter Geſchmack noch frei; aber die Hofſchönheiten ſelbſt konnte er nicht naiv oder charakteriſtiſch auffaſſen, ſondern ſie mußten durch⸗ aus in den conventionellen Gewändern, Mienen und Geberden erſcheinen, durch welche ſie auch auf der Lein⸗ wand noch hoffähig blieben. So ſtehen wir denn noch einmal am Hofe des Landgrafen. Einſt hatte Friedrich unter ſchweren Beſorgniſſen des Landes die Regierung angetreten,— eng gebunden in ſeiner monarchiſchen Gewalt durch die zur Sicherung der proteſtantiſchen Landesverfaſſung ihm auferlegte Acte, die man in Wien für eine unverpflichtende Be⸗ ſchränkung ſeiner Machtvollkommenheit erklärte.— In⸗ dem er aber ſeinem fürſtlichen Worte dennoch treu blieb, und von ſeinen Miniſtern berathen, gegen alle wiener Anerbietungen an der Politik mit Preußen feſthielt, hatte er ſchnell das Vertrauen und die Liebe ſeines Volkes gewonnen, und ſtatt eines täuſchenden Länder⸗ zuwachſes ein inneres Feld echt fürſtlichen Schaffens erobert. Nun war die Stadt erweitert, neue Häuſer, anſehn⸗ liche Paläſte ſtanden erbaut, es fehlte nicht an Arbeit nung noch naiv urch⸗ und Lein⸗ In⸗ blieb, jener hielt, 77 und Erwerb; denn zaͤhlreich beſetzte Behörden, eine prächtige Garniſon, ein reicher Hofetat, Oper und Ballet, aber auch Manufacturen und Fabriken nährten bürgerliche Thätigkeit und Handelsverkehr. Caſſel war damals eine Reſidenz des Frohſinns und der Lebensluſt— in mehr als einer Hinſicht, ſelbſt im Keper zweier Hofſprachen, ein Vorſpiel des ein Vierteljahrhundert ſpätern Jerome'ſchen Hofhaltes. Fremde Herrſchaften, Reiſende aller Art kamen dahin; das Muſeum, die Bildergalerie, die für damals ſeltne, ſogar mit einem Elephanten beſetzte Menagerie, das Perſonal der Karlsſchule, alles das zog auch Gelehrte Literaten, Künſtler herbei. Wir wiſſen von Gottſched, Gleim, Tetens, Goethe, Fürſtenberg, Jacobi, die Caſſel beſuchten. Sogar der berühmte niederländiſche Anatom Camper, dieſer Mann der ungewöhnlichſten Begabung, erſchien, die Menagerie zu beſehen. Bei ſolchem Frohſinn war ſelbſt dem Spiel und der Laune des Glückes ein Raum gegönnt. Und ſo ſtrömte wöchentlich alles aus der Umgegend herein, um die mit Trompetenſchalle verkündeten Glückszahlen des Lotto zu vernehmen, das in 1771 vom Grafen Bollo ge⸗ gründet war. Die Trompete tritt überhaupt in jenen luſtigen Tagen als ein beliebtes Inſtrument auf; denn auch ein Bäcker Wagner in der Königsſtraße gab, ſo oft 78 ſeine beliebten Speckkuchen warm aus dem Ofen kamen, Trompetenſignale vor ſeinem Laden. Dem Schöpfer ſolcher glanzvollen Herrlichkeit wurde an ſeinem 63. Geburtstage das von den Landſtänden votirte Denkmal, von Profeſſor Nahl in Marmor aus⸗ geführt, feierlich enthüllt. Auf dem Friedrichsplatze ſteht es als ein Denkmal jener Tage. 4 Zwei Jahre ſpäter, am letzten Oktober 1785, als der Landgraf auf Schloß Weißenſtein luſtig und ver⸗ gnügter Dinge am Schluſſe der Tafel eben ſeine Taſſe Rhabarber trinken wollte, ward er, vom Schlage ge— troffen, ohne Todesahnung dahin genommen.— Er hinterließ, wie man ſagt, einen Schatz über das Dop⸗ pelte der 22 Millionen engliſcher Subſidien. Mit ſeinem Nachfolger und Erben veränderte ſich die Scene. Schlieffen verließ Caſſel und ging vorerſt in preußi⸗ ſche Dienſte. Ueber die Verwaltung des Muſeums ward eine Unterſuchung verfügt und der Marquis de Lüchet überließ ſeinen Gläubigern die von ihm in letzter Zeit gegründete Buchhandlung, und machte ſich eines ſtillen Aprilmorgens 1786 aus Caſſel fort. Der Poſtillon durfte zu dieſer traurigen Abfahrt nicht blaſen; der Marquis ſelbſt aber ließ aus ſicherer Ferne die Trompete ſeiner Verdienſte hören:„Er habe als Günſtling des Fürſten ein Jahrzehend lang Ge⸗ G — ſchmack und Kenntniſſe in einem Lande verbreitet, das mehr durch die Schönheit ſeiner Soldaten, als durch Liebe zu den Wiſſenſchaften bekannt geweſen ſei.“ Wer von Gelehrten noch anweſend war, ſiedelte nach Marburg über an die Univerſität, mit welcher das Carolinum vereinigt wurde. Miliär⸗ und Civilſtaat erfuhren ſtarke Reductionen; die franzöſiſche Bühne und die Menagerie wurden auf⸗ gehoben, die Bildergalerie zugeſchloſſen. Der Hof des getrennt wohnenden fürſtlichen Paares verdunkelte, und in der Reſidenz ward es ſtille. Proteſtantiſche Faſten traten ein nach dem katholi⸗ ſchen Carneval. Und freilich geht es in Caſſel, wie im Kalender: Die Faſten dauern länger, als die Faſtnacht. Und wenn es auch nach dem Faſtenſonntag Reminiſ⸗ cere noch— fette Schnepfen gibt: wem kommen ſie zu gut? III. Zor als Amor. Koenig, Seltſame Geſchichten Der junge Pfarrer Theodor Salbei hatte ſchon als Candidat des Predigtamtes eine ſtille Neigung für Lina Bender gefaßt. Lina war eines jener Mädchen, die in der Geſell⸗ ſchaft nicht eigentlich liebenswürdig oder intereſſant, aber allgemein„lieb“ heißen, indem ſie mit anmuthigem Aeußern ein wohlwollendes Herz, mit gutem Sinn und Verſtand gefällige Manieren in ſo angenehmer Miſchung verbinden, daß ſie, ohne hinzureißen, doch nicht gleich⸗ gültig laſſen. Der junge Bewerber ſelbſt, obgleich vom Lande ge— bürtig, Sohn eines Schulmeiſters, war doch in der Provinzialſtadt nach und nach zu einer ziemlich ausge⸗ breiteten Bekanntſchaft gekommen. Als junger Theolog hatte er damit angefangen, in einigen guten Häuſern Unterricht zu geben, und nachdem er einmal Boden gewonnen, war es ihm mit ſeiner angenehmen Er ſcheinung durch die kleinen geſelligen Talente als Sänger und Vorleſer nicht ſchwer geworden, ſich allmälig zu 84 heben und auszubreiten. So ward an den kleinen häuslichen Abenden der Familien bald auf ihn gezählt; wofür er denn wieder auf zahlreichen Beſuch, beſon⸗ ders der Frauen, Sonntags unter ſeiner Kanzel rechnen konnte. Hier wie im Umgang vertrat eine ſanfte Schwärmerei, was ihm an Geiſt fehlte, und ſein klang— volles Organ ſchmeichelte den Zuhörern die Predigten ein, die ihrem Gehalte nach nicht immer gemacht waren, verſchlungen zu werden. In ſolchem geſelligem Verkehre kam er mit Lina viel zuſammen, ſpielte zuweilen vierhändig oder ſang ein Duett mit ihr, bis er ſo zwiſchen den Noten ſein Herz an ſie verloren, dafür aber, wie es ſchien, das ihrige eingenommen hatte. Die Gunſt der Tante aber, bei welcher das liebe Mädchen als frühe Waiſe lebte, und die es zu beerben hatte, wollte ſich dem jungen Manne nicht ſo entſchieden zuwenden. Geſcheit und welterfahren, aber ſchon in den Jahren vorgerückt, in welchen Un⸗ vermählte mehr und mehr einen ſcharfen Geſchmack an zunehmen pflegen, blieb Fräulein Sabine Bender mit ihrem Verſtande weniger empfänglich für die unterge⸗ ordneten Gaben eines jungen Mannes, die für junge Mädchen ſo einnehmend erſchienen. Indeß ließ es der junge Theodor in ſeiner Aufmerkſamkeit für ſie nicht an den Tropfen fehlen, die, wie man ſagt, nicht durch Gewalt, aber durch öfteres Fallen ſelbſt einen Stein ᷣ aushöhlen. So brachte er es, beſonders nachdem er dritter Prediger an der Johanniskirche geworden war, endlich dahin, daß er auch zu den kleinen Geſellſchaften der Tante Sabine gebeten wurde, und im Stillen hoffen durfte, ſte bei ſeiner Bewerbung um die Hand ihrer lieben Bruderstochter nicht entſchieden gegen ſich zu haben. Indem ihm jedoch Lina's gewohnte Nachgiebigkeit gegen die Tante und der letztern oft und raſch wech⸗ ſelnde Stimmungen nicht unbemerkt geblieben waren, zögerte er von einem zum andern Tage mit ſeiner Er⸗ klärung. Heut hielt ihn ſeine natürliche Schüchternheit in ſolchem Herzensanliegen und morgen eine Scheu vor dem ſcharfen Auge und der raſchen Zunge der Tante zurück. Ja, ſchriftlich hätte er ſich, wie er glaubte, über ſeine Liebe und ſeinen heiligſten Wunſch zart und innig, vielleicht hoch und glühend erklären können: wenn nur die Tante nicht früher einmal ſich über das Unmännliche ſchriftlicher Bewerbungen allzuſtark aus⸗ geſprochen hätte.—„Es iſt jedenfalls ſehr ungalant von den Ehecandidaten— hatte ſie unter Anderm be⸗ hauptet—, ein Maͤdchenherz brieflich auf eine Schreib⸗ feder herauszufordern: ein heirathsfähiger Mann muß auch wiſſen, daß die Körbe, die wir Frauenzimmer mündlich geben, wenigſtens nicht unorthographiſch ausfallen.“ 86 Nach mancher ſchlafloſen Nacht empfand unſer lie⸗ bender Theodor eines Morgens über ſeine Unentſchloſ⸗ ſenheit eine ſo lebhafte Beſchämung, daß er beim Kaffee mit Rahm und Milchbrot ſich ſelbſt das Ehrenwort darauf gab, den Nachmittag Beſuch bei Fräulein Ben⸗ der zu machen, und auf jede Gefahr hin ſich zu erklären und zu bewerben. Da man aber auf ſolchem neuen Boden als angehender Läufling auch wieder wie ein Kind ängſtlich und unſicher auftritt, ohne daß man doch einen Fallhut aufſetzen kann, ſo ſtellte er ſich wenigſtens vorher die Gegenſtände zurecht, an denen er im Geſpräch ſich feſthalten und den Gang zu jenem Ziel nehmen wollte, wo entweder eine aus Liebe be⸗ bende Hand oder ein aus Aengſtlichkeit zitternder Korb zu erwarten war. Und er hielt ſich Wort! Gegen drei Uhr, um welche Zeit er beide Damen allein zu finden hoffte, machte er ſich, wie zum Ball angezogen, nach ihrer Wohnung in der Grabengaſſe auf. Sein Anzug, dachte er, möge immerhin ſeine Abſicht voraus verrathen. Ueberrumpeln wollte er kein zärtliches Herz; ſeinem Angriff ſollte der auffallende Frack als Trompeter dienen. Und das war gewiß ritterlich gedacht von einem dritten Pfarrer! 3 Wie er in die Nähe des Hauſes kam, jagten ein paar Buben einen Hund, der ſeine Zuflucht über die⸗ 87 ſelbe Treppe nahm, die Herr Salbei mit ſalbungsvollen Gedanken zum Anbau ſeines Glückes betrat. Die Buben wollten dem Hunde, den ſie Azor, Aßorchen! riefen, in's Haus folgen, als ſie die Hausmagd er⸗ blickten, die mit freundlichem Nicken den Herrn Pfarrer beſchied, beide Fräulein, alte und junge Bender, ſeien zu Hauſe. Leiſe und langſam auftretend fand der ängſtliche Pfarrer eine Treppe hoch den Hund ſchnüffelnd und wedelnd vor der Thür des Wohnzimmers, an die er eben anklopfen wollte. Er blieb aber einen Augenblick ſtehen, um ſein Herz ein wenig ausklopfen zu laſſen, und bis an die Weſtentaſche hinab ein⸗ und auszu⸗ athmen. Dabei betrachtete er den luſtig hüpfenden Hund. Das widerliche Geſchöpf war ihm bisher noch nicht zu Geſicht gekommen, und er mußte unwillkürlich über den Hundegeſchmack der Tante— nicht lächeln denn dazu war er zu beklommen, aber— den Kopf ſchutteln. Dickköpfig und um das linke Auge ſchwarz, um das rechte grau gefleckt, ſtruppig von brandfuchſigen Haaren, rattenſchwänzig und ſchiefbeinig, war das gutmüthig wedelnde Thier, das ihn zu kennen ſchien, wahrhaft widerwärtig anzuſehen, hüpfte aber, ſowie die Thür aufging, vergnügt mit in's Zimmer, und ſchnüffelte bellend um eine Dame, die eben im Begriff ſtand ſich zu empfehlen. Lina erröthete flüchtig als Theodor eintrat. Die Tante grüßte kurz und kalt; wobei ſie mit dem Aus⸗ drucke fragender Verwunderung bald den befangenen Pfarrer, bald den häßlichen Hund anſah. Deſto zu⸗ thätiger und geſprächiger beeiferte ſich die Nichte, ja, ſie ſtreichelte ſelbſt den Hund, als er ſich an ſie ſchnup— perte— Alles, wie es ſchien, um den Freund vor der aufſteigenden Empfindlichkeit der Tante in Schutz zu nehmen. Die Tante lächelte zu dieſer mädchenhaften Aengſtlichkeit und unterdrückte eine ſcharfe Bemerkung über den mitgekommenen Hund, vielleicht auch um den jungen Prediger vor ihrer Freundin nicht zu beſchämen. Die Frau Amtsrath Herling war ſelbſt eine Hunde⸗ freundin. Sie wendete ſich auch noch mit einer artigen Frage an den jungen Prediger, ehe ſie ſich mit dem ziemlich nachdrücklich geſprochenen Wort empfahl: Nun, ihr Lieben, wünſche ich euch recht viel Ver⸗ gnügen in eurer Kaffeegeſellſchaft! Dies Wort, das Theodor für einen Wink nahm, die Damen nicht aufzuhalten, überraſchte und ſtörte ihn auf das unangenehmſte. Nun ſah er auch ſchon Huͤte, Shawl und Mantille bereit liegen. Durfte er jetzt mit ſeinem Anliegen kommen und langſam darauf hin⸗ lenkend die Damen aufhalten, oder ſollte er damit wie mit der Thür in's Haus fallen? War's überhaupt eine Sache, die ſo unmittelbar vor einer Kaffee⸗ geſellſchaft abzumachen wäre? Und doch war er ge⸗ kommen, um nicht ohne Entſcheidung für ſein Herz nach Hauſe zurückzukehren!— Welche verdrießliche Klemme für einen jungen Pfarrer an der Johanniskirche! Dieſe Gedanken überwältigten, zur Verlegenheit für Lina, ſeine Haltung bis er bemerkte, daß die Tante mit der abgegangenen Freundin das Zimmer verlaſſen hatte. Nun nahm er ſich zur Frage zuſammen; „Sie gehen aus, meine theure Lina?“ „Wir ſind von Hofrath Röhrig in ſeinen Garten zum Kaffee gebeten. Es iſt aber noch früh!“ antwor⸗ tete ſie, indem ſte befangen lächelnd, mit dem Hunde tändelte.— Dieſe Befangenheit ging auch auf-Theoder über, ſodaß auch er mit dem Hunde ſpielen mußte, und er nahm ihn ſogar auf die Knie und ſtreichelte das ſtrup⸗ pige Haar. Lebhafter als die beiden Liebenden, beſprachen ſich an der Treppenbrüſtung die zwei Freundinnen.—„Es iſt alſo richtig mit den Zweien da drinnen?“ ſagte Frau Herling.„Aber was habt ihr denn nur dabei, Sabine, daß Ihr ſo heimlich damit thut? Sind die Viſitenkärtchen noch nicht geſtochen? Mir auch kein Wörtchen zu ſagen! Jedenfalls hätteſt Du mir ihn jetzt als Bräutigam vorſtellen können, da er mir doch einmal in den Weg gekommen war.“ hae— 90 Biſt Du klug, Jette? antwortete die Tante.„Wie kommſt Du zu ſolcher Vorausſetzung?“ Es wäre nicht? erwiederte die Andere.„Ei, Herr Salbei kommt doch, mir nichts, dir nichts, mit ſeinem Hund ins Haus, uud dabei doch ſo elegant, daß ich dachte, er ging mit zum Kaffee in den Garten? Es iſt zum Lachen, Jette! Haſt Du denn mein Er⸗ ſtaunen nicht geſehen, als er mit dem garſtigen Igel in's Zimmer hereinkam? Aber ſtelle Dir auch nur die Textdreher vor! Die jun⸗ Taktloſigkeit von ſolch einem gen Leute werden doch mit jedem Tage unmanierlicher; ſogar das junge Predigervolk! Wahrhaftig, Jette, wärſt Du nicht geweſen, ich weiß nicht, was ich ihn gefragt „Nun iſt's zu ſpät, Sabine“, lachte die Freundin, „und kannſt nur hineingehen und vernehmen, was er zu fragen hat. Denn ſo ſieht er mir gerade aus— ſo geputzt, ſo feierlich, als ob er Euch etwas fragen wollte. Ich konnte mir nur den Hund nicht dazu rei⸗ men, und dachte darum, er habe ſchon gefragt, und ein Ja erhalten.“ Worauf die Tante verſetzte: „Dann hat er ihn vielleicht mitgebracht für den Fall er einen Korb bekäme, und will ihn gleich dem Hund zu apportiren geben, ſo— verſtehſt Du mich, wegwer⸗ fend, mißachtend.“ liebe erll Ta⸗ neit wer mer ih —œ — 91 „O dieſe Beſorgniß wird er nicht haben, ſcheint mir⸗ liebe Sabine!“ meinte die Amtsräthin, und die Tante erklärte vertraulich: Offen geſtanden, ſehe ich ſeiner Bewerbung alle Tage entgegen, und warum ſoll ich Lina's Herzens⸗ neigung durchaus entgegen ſein? Beide ſind einander werth. Nur heut ſoll er mir mit keinem Antrag kom⸗ men, oder ich werfe ihm den garſtigen Hund dazwiſchen.“ „Das wirſt Du bleiben laſſen!“ erwiderte Frau Herling. Und geſteh' nur auch,— er hat ſich mit ſeinen Predigten doch nach und nach in Dein Herz geſtohlen.“ „Mit ſeinen Predigten?“ lachte die Tante. Nun ja, zuweilen iſt Gurgelwaſſer von— Salbei recht gut! „Böſewicht!“ ſchalt die lächelnde Freundin, und gab ihr einen Schlag mit dem Sonnenſchirm.„Aber geh' nur hinein und ſieh zu, was ſie machen— die Drei! Sie eilte grüßend fort, und die Tante kehrte in ihr Zimmer zurück. Wie ſie eintrat, ſprang Azor von des Pfarrers Knieen und hüpfte ihr am ſeidenen Kleide hinauf. Sie wehrte ihn mit dem Fuße von ſich. Theodor rief ihn Azor, Azorchen! und ſtreichelte ihn, worauf er ſich mit den Worten vom Stuhl erhob: „Ich höre, Sie ſind zum Kaffee gebeten, und will * 8 92 Sie durchaus nicht länger aufhalten. Es iſt ein wun⸗ derſchöner Nachmittag zu einem Kaffee im Freien!“ „Es thut mir recht leid, Herr Pfarrer“, erwiderte die Tante,„daß wir Sie nicht halten dürfen, und daß Sie es gerade mit Ihrem freundlichen Beſuche ſo wenig getroffen haben, zumal Sie heut— ſo vertraulich ge⸗ kommen ſind.“ Sie warf bei den letzten, gedehnten Worten einen Blick nach dem Hunde, dem dieſer Seitenblick unter Lina's eifrig ſtreichelnder Hand zu gut kam. Begreiflicherweiſe nahm Theodor, den ja der ver⸗ drießliche Hund nichts anging, den leiſen Stich durch⸗ aus nicht für einen Vorwurf, der ihm gelte; vielmehr glaubte er, die Tante wolle ihm mit den ſo betonten Worten zu verſtehen geben, daß ſie die Abſicht ſeines Beſuches gar wohl durchblickt habe. Mit flüchtigem Erröthen, und indem er ihre ſchalkhafte Freundlichkeit für eine Aufmunterung nahm, verſetzte er raſch: „Vielleicht dürfte ich alſo morgen mein Glück ver⸗ ſuchen?“ Die Tante hatte ſein flüchtiges Erröthen bemerkt, und maß es einer Empfindlichkeit über ihre Stichelrede bei. Sie fand daher die heitere Wendung des ge— kränkten jungen Mannes ſehr fein, indem er ſtatt Ver⸗ druſſes ein baldiges Wiederkommen anbot. Freundlich nickend ſagte ſie daher: —— 93 „Sie werden uns ſehr angenehm ſein, lieber Herr Pfarrer. Kommen Sie zu einer Taſſe Kaffee! Er nahm es dankbar an, grüßte und ging ſeelen⸗ vergnügt. Wie er die Thür hinter ſich zuzog, hörte er die Tante rufen: „Herr Pfarrer!“ „Befehlen?“ antwortete er, und war raſch wieder im Zimmer. „Ihr Hund! Sie vergeſſen Ihren Hund! Es ſcheint dem— Köter bei uns zu gefallen.“ „Mein Hund?“ fragte er verwundert.„Ich beſitze keinen Hund. Der da? O ich bitte um Verzeihung! Wie würde ich mir doch erlaubt haben, mit einem Hunde meine Aufwartung zu machen! Iſt denn der Azor nicht Ihnen? 1 „Mein? Der Hund da, Herr Pfarrer? Pfui, das ekelhafte Thier! Alſo nicht Ihnen? Sie riefen ihn ja doch Azor, und er hörte darauf?“ „Die Gaſſenbuben riefen ihn ſo, als er vor mir in's Haus lief, und ſo fand ich ihn ſchnuppernd draußen vor der Stubenthür“, antwortete er. „Ei ja, nun begreif' ich's:“ lachte die Tante.„Die Amtsräthin iſt ſo eine Hundenärrin.⸗ Sie war eben erſt die Treppe heraufgekommen, und gewiß hatte das garſtige Vieh den Geruch von dem Halbdutzend Pudel und Pintſcher, die ihr den ganzen Tag auf den Klei⸗ dern liegen.— Willſt du hinaus!“ rief ſie die Thüre öffnend, und verſetzte dem fatalen Azor einen Schlag mit dem Sonnenſchirm, daß er heulend davonrannte. Jetzt brachen alle Drei in ein ſchütterndes Lachen aus, am lauteſten die Tante, bis ſie ſich zu den Worten erholte: „Verzeihen Sie nur, lieber Herr Pfarrer, daß ich Ihnen einen ſo ſchlechten Geſchmack zutraute! Und ich hätte Ihnen beinahe eine bittere Bemerkung gemacht, als Sie mit dem Hund eintraten. Wie Sie nur den Unhold auf die Knie nehmen mochten! Sehen Sie nur, Sie ſind noch ſtaubig davon!“ „Ein, erwiderte er verlegen, indem er das ſchwarze Beinkleid mit dem Sacktuch abwiſchte,—„ich dachte nicht anders, als es ſei Ihr Hund.“ „Und darum ſtreichelten Sie ihn? Wie gut Sie ſind, um meinetwillen— das garſtige Geſchöpf— mit ſo viel Selbſtüberwindung—!“ Sie reichte ihm mit gerührter Freundlichkeit die Hand. Er neigte ſich mit den Lippen auf dieſelbe, und ſagte dann, gegen Lina gewendet: „Aber Ihnen, liebe Freundin, iſt der Hund erſt recht läſtig geworden. Und Sie waren ſo freundlich gegen ihn und haben ihn gehätſchelt!“ „Ei— ich dachte wie die Tante, er ſei Ihnen!“ ant⸗ 95 wortete ſie befangen und zerſtreut; worauf der junge Freund halb ſchalkhaft, halb verlegen verſetzte: „Mein? Und haben mir zu Lieb' das widerliche Viehchen ſo— 2 Die Tante, weitere Erklärungen abzuſchneiden, fiel lachend ein: „Kommt, Kinder, waſcht Euch die Hände! Wer weiß, wo das Thier geſteckt hat, und wem's gehört!“ Sie nahm Lina und den Pfarrer mit hinüber in ihr Ankleidezimmer vor ein blauporzellanenes Hand⸗ becken, goß ihnen Waſſer über die Hände, und reichte ein friſches damaſtenes Handtuch hin, in der Mitte gehal⸗ ten, daß Jedes von beiden einen Zipfel ergreifen konnte. Als ſo beide einander gegenuͤber ſtanden, ſchien, wie das ſchimmernde Gebildzeugband zwiſchen ihren Händen auch einerlei Betrachtung zwiſchen beiden Herzen zu ſchweben. Sie rieben und rieben die Hände, die ſo ſchwer trocken wurden— Lina mit der bläßlichen Haſt, als ob ſie ihre Empfindung in das Tuch verwickeln und verwinden möchte, Theodor mit der Anſtrengung, als ob er ſich den Muth heraus ringen müſſe, ſeinen Gedanken auszuſprechen. Wirklich, als die Tante Hut und Mantille zu nehmen, das Zimmer verließ, begann er lächelnd und leiſe: Welch ein allerhäuslichſtes Band uns eben ver⸗ knüpft, theuerſte Lina!“ 96 Lina ſchwieg, und bebte mit niedergeſchlagenen Augen; aber ſie hielt das Tuch feſt. Und Theodor fuhr etwas kühner fort: Ich wollte, Sie fühlten das ſo, wie ich es innig empfinde! Wie glücklich wäre ich, wenn Sie es als Sym— bol gelten ließen, und wir nun die von einer gemein⸗ ſamen Berührung gereinigten Hände für eine gemein⸗ ſame Zukunft ineinander legten! Bei dieſen Worten ſah und empfand er, wie ſie von einem innern Schreck mit dem Tuche zuckte. Er ließ ſeinen Zipfel fallen, und beide Hände der Geliebten entgegenſtreckend, rief er flehend:„Geliebte Lina?“ Sie ſchlug die feuchten Augen auf, lächelte, der Zipfel des Tuches entglitt ihren Fingern, und ſie ſank mit beiden Händen in die ſeinigen und an ſeine Bruſt. Nach einigen Momenten ſtummen Entzückens trat die Tante, die gelauſcht hatte, angekleidet ein, und rief mit einem Tone, der munter ſein ſollte, aber in eine ver⸗ ſteckte Weichmüthigkeit umſchlug: „Schönes Benehmen das! Ihr fangt damit an, das häusliche Band mit Füßen zu treten. Ihr denkt wohl mit dem Sprüchwort: Komm' ich über den Hund, komm' ich auch über— das Handtuch?“ Es iſt wahr, Herzens-Linchen“, ſagte der fröhliche Pfarrer lachend,„wir fangen mit Undankbarkeit an: den Liebesvermittler Azor jagen wir mit Schlägen fort, und 97 und nun ſtehen wir mit den Füßen auf dem theuern Handtuche!“ Sie lachten wie die Kinder. Dann traten ſie Hand in Hand vor die Tante und baten um ihre Zuſtimmung und um ihren Segen.—„In Gottes Namen!“ ſagte ſie gerüͤhrt,„ſeht zu, wie Ihr miteinander fertig werdet!“ Nun folgten Umarmungen herüber und hinüber. Zuletzt erbat ſich der Pfarrer das Handtuch von der Tante zum ewigen Andenken.„Es ſoll meine Stola ſein“, ſagte er,„worin ich alle die ſeligen Stunden unſers Bundes feiern, alle die hohen Schickungen unſerer Zukunft ſegnen will!“ In Gottes Namen, nehmen Sie's! ſagte die Tante, und ich wünſche dann— geſegnetes Handtuch! „Aber auch nach dem armen Azor wollen wir uns umſehen, und ihn zu bekommen ſuchen“, erinnerte Lina. „Er ſoll von unſerem Glück auch ſeine Knöchelchen haben. Theodor, Amor und Azor machen ja einen prächtigen Dreiklang!“ Wie nun aber das Paar, das ſich wie vom Himmel gefallen fühlte, ſeine Zärtlichkeit erneuern wollte, gebot die Tante: „Jetzt aber genug! Es iſt die höchſte Zeit, daß wir nach Röhrig's Garten wandern. Unſer Ausbleiben fällt in's Unartige. Koenig, Seltſame Geſchichten. 7 98 „Ich dächte, Herzenstantchen“, meinte Lina,— „Theodor könnte jetzt mit dahingehen? Hm?“ „Theodor?“ antwortete die Tante überlegend. „Das ſind alſo Sie, Herr Pfarrer! So? Du meinſt, Lina, wir ſollten den Theodor ſo mitbringen, wie er den Azor?“ „Sans comparaison, Tante!“ rief Lina. „O warum?“ fiel Theodor ein.„Wenn ich ſo hüben und drüben geſtreichelt werde“— 2 „Oho, mein lieber Freund!“ verſetzte Lina.„So geht's diesmal nicht. Ich ſage gleich beim Eintreten in die Geſellſchaft: Der Azor iſt mein.“ Bei dieſen Worten umarmte und ſtreichelte ſie ihn, und Beide lachten und lachten wieder. „Meinethalben!“ erklärte die Tante.„Ich waſche meine Hände in Unſchuld!“ Dies war aber nur eine Redensart; denn ſie wuſch die Hände nicht, ſondern betupfte nur mit dem feuchten Zipfel ihres Taſchentuches die Augen, die bei heimlicher Rührung gern ein wenig roth wurden.—„Aber Eines bitt' ich mir aus: Sie, Herr Theodor, müſſen die Ge⸗ ſchichte vom Azor erzählen, wenn Sie mitgehen wollen.“ „Gewiß! und mit allen Umſtänden erzähle ich ſie“, erwiderte er.„Azor mit Umſtänden!“ Fröhlich nahm nun Lina Hut und Schawl, und die Tante ſagte im Weggehen: — — 99 „Es iſt mir nur lieb, wenn ich Euch der Geſell⸗ ſchaft ſo unerwartet als Verlobte vorſtellen muß, daß ich wenigſtens etwas zu Euerem Lobe weiß. Soviel kann ich mit gutem Gewiſſen ſagen: Es iſt ein Paar, das ſich— gewaſchen hat. „Ja, liebe Tante, und ein Paar,— das Dein Handtuch ſegnet!“ rief Lina, und umarmte mit einem langen Kuſſe die Tante. 5 G — — — — — ½ 78 — S — — S Schon iſt mir das Thal gefunden, Wo wir einſt zuſammengeh'n, Und den Strom in Abendſtunden Sanft hinunter gleiten ſeh'n. Goethe. Es war ein prächtiger Frühmorgen im hohen Sommer des Glücksjahres 1848. Die Ernte ſammelte ſich in Garben auf den Hügeln um den Ort Neuenzell, und die aufgehende Sonne lachte von den fernen, duf⸗ tigen Höhen herein. Eben rollte der Eilwagen durch das Dorf, und wendete um die Ecke des Wirthshauſes. Der Con⸗ ducteur warf einen Lederbeutel auf den Vortritt der hohen Freitreppe, und grüßte den Wirth, der aus dem Fenſter ſah, und ſeine Zipfelmütze lüpfte. Es war hier keine Poſtſtation; zur ſchnelleren Be⸗ förderung aber wurden Briefſchaften und Zeitungen für die Behörden, die Privaten und die nächſten Adelsſitze im Vorüberfahren abgegeben. 104 Kaum hatte der Wirth den Beutel geöffnet, und den Inhalt auf die Tafel der ſogenannten Honoratioren⸗ ſtube ausgeſchüttet, als der Handelsjude Simon Schwarzſchild von ſeiner Wohnung herüber kam, um ſein Frankfurter Journal in Empfang zu nehmen. Es war ja die bewegte Zeit des Frankfurter Parlaments, wo man mit jedem Zeitungsblatte den außerordent⸗ lichſten Dingen entgegen ſah. Was ſich auch Einer unter dem Gluͤcke Deutſchlands vorſtellen mochte: Keiner verſprach ſich weniger, als das große Loos, Jeder aber gerade von der Nummer, auf die er ſein Leben eingeſetzt hatte. Ja, ſelbſt diejenigen, die ihren Tag mit dem ſchönen Lied anfingen:„Ich hab meine Sach' auf nichts geſtellt“, hatten vielleicht damals das lau— teſte„Juchhe.“ Daß zu dieſen Simon Schwarzſchild nicht gehörte, verrieth ſich ſchon in der Art, wie er ſein Zeitungs⸗ blatt, auf echt hebräiſch, von hinten zu leſen begann, von den Handelsnachrichten und ſachlichen Bekanntma⸗ chungen. Und nicht lang, ſo ſprang er von der Fen⸗ ſterbank auf und rief mit wunderlichen Geberden: Gute Morge, Glück! Gottes Wunder! Glück für's Haus Schwarzſchild und den Ort Neuenzell! Das gibt Credit! Schwarzſchild, Credit und Compagnie!—— Ui! was fällt mir ein? Ihr habt Theil daran, Nach⸗ bar Hambach,— oder Euer Sohn Lorenz! Aber— 105 ich will doch erſt nachſehen! Wegen einer einzigen Ziffer bin ich ungewiß! So lief er fort, die hohe Treppe hinab, ſeinem Hauſe zu, wo eben das Kramlädchen mit den bunteſten Kleinwaaren geöffnet wurde. Der Wirth ſah ihm nach, wollte weiter leſen, konnte aber nicht laſſen, dem Judenräthſel entgegen zu ſehen. Simon kam jetzt viel ſtiller zurück, nicht niedergeſchlagen, ſondern mit geheimnißvollem Selbſtgefühl, winkte den Wirth in die Ecke des Zimmers und las halblaut: „Frankfurt, am 17. Auguſt. Nach einer eben ein⸗ gelaufen telegraphiſchen Nachricht iſt in der am 15. d. in Prag abgehaltenen öffentlichen Auslo— ſung die ſchöne Beſitzung Zlubek, in der frucht— barſten Landſchaft von Böhmen, auf die Nummer 73,747 gefallen. Dem glücklichen Beſitzer dieſes Loſes ſteht es bekanntlich frei, die Güter mit nächſtem Michaelis in Beſitz zu nehmen, oder die Summe von 300,000 Gulden W. W. dafür zu empfangen. Das hieſige Bankierhaus Philipp Anton Zahlhas— das iſt das Frankfurter Haus, das beſorgt die Sache, unterbrach ſich der leſende Simon, ungeduldig des Eindrucks, den die Nachricht auf den Wirth machen ſollte. Dieſer aber verſetzte auf Simons: Nun Hambach? eher etwas verdrießlich: Nun, was geht das mich an, oder meinen Lorenz? Was es Euch angeht? Iſt doch das Loos aus aber ſtill! Nur meiner Collekte, und Euer Lorenz vorſichtig! Ihr kennt unſer umherziehendes Geſindel. Heut ſind ſie hinter den Standesherrn, morgen kommen ſie an die Juden, übermorgen an den Hirſchwirth. Was wollen ſie? Theilen wollen ſie! Aber mein Lorenz? fragte Hambach. Es iſt ja das Loos, das die drei Mädchen zuſam⸗ men bei mir genommen haben, erklärte Simon. Die Suschen Maienſchein droben auf der Burg hat ja das Dritthel. Was? ſchrie Hambach, fuhr aber auf eine abweh⸗ rende Bewegung des Juden leiſer fort: Hat dreimal hundert— Einmal von dreimal, Nachbar! Gewinnt ihre ein⸗ malhunderttauſend; Die ſchwere Hacke noch einmal! fluchte der Wirth, und riß ſeine Mütze ab, die er fort auf den Tiſch warf. Gulden, Simon? Zeigt her! Ja, da ſteht's Gulden W. W. Wiener Währung, Hambach.— Ja, wiener Währung. Lorenz! rief Hambach aus der Stubenthür. Einmal hundert tauſend—! Lorenz! Wo hat Dich denn jetzt der Teufel.— Nun mag er 107 ſie heirathen, die wiener— die Suschen Maienſchein, ſag' ich. Lorenz erſchien,— ein ganz huüͤbſcher, friſch ausſe— hender Burſche, halbſtädtiſch im Anzug, mit etwas blonder„Märzerrungenſchaft“ um Kinn und Mund. Lorenz, redete ihn der Vater mit einer gewiſſen gnädigen Gravität an, die Suſette Maienſchein hat's große Loos gewonnen. Ich gebe nun meine väterliche Einwilligung, daß Du ſie heiratheſt.—— Denn, Nachbar Simon, gegen ihre Perſon hab' ich nie'was gehabt: ein ſauberes, geſchicktes Weibsbild war ſie immer, manierlich, geſcheidt und recht appetitlich in ihrem ganzen Weſen. Was ich gegen ſie hatte, war eben, daß ſie nichts hatte. Jetzt iſt ihr ein Dritthel von 300,000— da ſteht's Lorenz! das W. W. be⸗ deutet wiener Währung. Ich ſage zugefallen, und das iſt ein anderer Fall, das iſt nun ſo ein Heirathsfall. Lorenz war ſo überraſcht, daß er ordentlich etwas einfältig ausſah; wenn ihn nicht etwa ein geheimer Zweifel ſo unbeholfen machte. Der kluge Simon rieth ihm, ſich mit ſeiner Erklärung zu beeilen, ehe Suſette etwas von ihrem Glück erfahre. Die Chriſtinnen, meinte er, wären leicht verſchnupft, wenn man ſie um. ihres Geldes willen nehmen wolle, nicht ſo natürlich, wie die Judenmädel, die ja nicht anders wüßten, als daß 108 Heirathen ein Lebensgeſchäft iſt und ein Betriebs⸗Ka⸗ pital verlangt. O Nachbar Simon, verſetzte Lorenz mit Empfin⸗ dung, Suſette weiß, daß ich ſie liebte und nehmen wollte, auch als ſie noch nichts hatte, und daß ich ſie genommen hätte, wenn ich— meinetwegen—. Er ſchwieg in Erinnerung an heftige Auftritte, die er ſeiner Neigung halber mit dem Vater gehabt hatte. Gut! meinte Simon; aber Ihr müßt nun auch Euern Vater in ein generöſes Licht bei ihr ſtellen damit ſie ſeiner väterlichen Abneigung halber keinen Anſtand nehme. Recht, Nachbar Simon! rief der Wirth. Die ſchwere Hacke, ich kann auch generös ſein, wenn was dabei herauskommt, und der Hirſchwirth— keinen Bock ſchießt. Die Zeitungen, Journale und Briefſchaften für die freiherrliche Familie von Stöckelberg wurden jeden Morgen abgeholt, und nicht ſelten kam Suſette ſelbſt von der Burg. Heut ſollte Lorenz aus einer Art von Zuvorkommenheit die Sachen hinauf tragen und Gele— genheit ſuchen, ſein Wort anzubringen. Er beeilte daher einen ſchmuckern Anzug, dieweil der Vater die Sachen für die freiherrliche Ledertaſche ausſuchte. Simon, der ſich jetzt als Mann von Wichtigkeit im Haus fühlte, erinnerte, daß Lorenz möglicherweiſe 4 109 Suſetten nicht ſprechen oder dieſe ſich Bedenkzeit aus⸗ bitten könnte; dann würde ſie ihr Glück vor ihrem Jawort erfahren, und Lorenzens Bewerbung ſo wie des Vaters Zuſtimmung damit in Verbindung bringen. Und— wie wird's dann mit der Liebe und mit der Generoſität ausſehen? fragte der Schalk.— Der alte Hambach ſchob ſeine Mütze von einem auf's andere Ohr. Ei wasl rief er endlich. Die Lot⸗ terie⸗Nachricht ſteht ja im Beiblatt: wir halten's Bei⸗ blatt zurück. In ſo unruhigen Zeiten kann auch ein Beiblatt einmal ausbleiben. Dann müßt Ihr aber auch die andern Beiblätter, des Amtmanns, des Pfarrers u. ſ. w. behalten; ſonſt kommt die Sach' doch aus, meinte Simon, und Ham⸗ bach erklärte: Richtig, wir halten ſte auch zurück. Die Beiblätter kommen nach. Während er die Beiblätter unter lächelndem Kopf⸗ ſchütteln des Juden wirklich beſeitigte, fiel ihm einer der Briefe in's Auge, der ihm noch bedenklicher, als ein Beiblatt, erſchien. Er ſtieß ſeinen gewohnten un⸗ ſchuldigen Fluch aus, und las mit der Vermuthung, daß es wohl gar ſchon ein Freiersbrief ſei, die Adreſſe: „An Suſette Maienſchein, Kammerjungfer auf Burg Stöckelberg bei Neuenzell. 110 Das ſcheint mir die Hand des Jägers Peter! ſagte er verdrießlich. Lorenz, der mit der künſtlichen Schleife an der Hals⸗ binde nicht fertig werden konnte, eilte von dem kleinen, ſchräg geſtellten Spiegel herbei, und erkannte wirklich Peters Handſchrift. Ui! rief Simon, da giebt's Concurrenz in der Spe⸗ culation. Aber hat's denn der Peter Tanner wirklich mit dem Suschen gehabt? Ein hübſcher Menſch war er, und brav,— ehrlich wie Gold. Ich hab' ihn ge⸗ probt. So ehrlich gegen ſeinen Herrn, daß er ordent⸗ lich dumm war. Wo ſteht er denn jetzt? Er wollte nach Amerika, verſetzte der Wirth, der Brief hat aber das Poſtzeichen Frankfurt. Da hat er gewiß einen guten Platz gefunden, meinte Simon; es kommen jetzt viel reiche und vor⸗ nehme Herrn zum Parlament. Er iſt ja auch ein ge lernter Gärtner, und ich weiß, daß er ein Capital ge ſucht hat, um eine Kunſtgärtnerei anzulegen. Nun kann's ihm die Suschen geben! Ei was! rief der Wirth, wir halten den Brief auch urück, bis Du mit dem Mädchen einig biſt, Lorenz. Dann ſehen wir zu, ob ſie den Brief noch zu leſen braucht, die Suschen. Der Jude lächelte noch ſchalkhafter durch's Fenſter hinaus.— Bei Euch kann man was lernen, Hambach! —— ben ich 111 ſagte er. Die Demokraten ſchlagen jetzt ſo zu, daß ein ehrlicher Mann unterſchlagen muß, was er retten will. Wie er aber Hambach's verdroß'ne Miene bemerkte, lenkte er mit der Frage ab: G Wen werden ſie wohl in Frankfurt zum deutſchen Kaiſer machen? Ich denke, ſie werden beim Haus Oeſterreich blei— ben, brummte der Wirth. Meint Ihr, Hambach? Ihr wart ja doch bisher gut preußiſch geſinnt. Ei was! Ich hab' nun keine Treſorſcheine mehr. Dagegen bekommen wir nun wiener Währung. Denke, Dir, Lorenz,— einmalhunderttauſend W. W.! Wie ſteht jetzt die wiener Währung, Simon? Immer per Gulden ein ſilberner Zwanziger. Nur? rief Hambach. Thät' alſo—— nur etwa —— 40,000 rheiniſch? Ei, Vater, iſt das nicht genug? fiel Lorenz ein. Das iſt geſcheit, Lorenz! verſetzte Simon. 40,000 Mitgift: das iſt ein Gift, damit kann man ſich heilen für Kinder und Kindskinder. Hab' ich Recht, braver Lorenz? Aber— ſeht doch, dort vom Geisberg herab — hm? Man blickte vom hintern Fenſter der Wirthsſtube einen anmuthigen Wieſengrund entlang, der ſich rechts 112 um einen waldigen Hügel wand, hinter welchem ſich die Stöckelburg verſteckte; links aber zog ſich den ziem— lich kahlen Berg hinauf der Burgweg, und einem ſo friſchen geübten Auge, wie Lorenzens, blieb die dort herab ſchwebende ſchlanke Geſtalt kein Räthſel. Es war Suſette. Der erſchrockne Bewerber warf ſeinen Demokratenhut auf den Kopf, raffte die auf die Leder⸗ taſche gelegten Sachen zuſammen, zu eilig, um ſie ein⸗ zupacken, und ſtürzte fort, um der Geliebten noch vor dem Dorfe zu begegnen. Der Vater und Nachbar Simon blickten ihm durch's Fenſter nach. Jener, die Hände über'm Bauche gefaltet, ſagte mit Nachdruck: Iſt es nicht ein hübſcher Burſche, mein Lorenz? Und hat Stadtmanieren. Was will die Jungfer Maien⸗ ſchein? Er iſt mein Einziger und bekommt einmal Feld⸗ und Hauswirthſchaft: Das wiegt doch wohl ein Lot terieloos auf. Früher konnte ich aber die Heirath nicht zugeben. Sagt ſelber, Simon: hättet Ihr an meinem Platze ſo eine ſplitternackte Kammerjungfer in's Haus genommen. Gewiß nicht, Hambach! Meine Frau hätt's nicht gelitten! lachte ſchalkhaft der Jude. Sie wurden von einem: Guten Morgen, ihr deut ſchen Bürger! unterbrochen. Der Amtsadvokat Wil helmi kam herein, wie gewöhnlich, die Zeitungen zu leſen, ehe ſie ſo früh abgeholt wurden. Er galt für ch cht 113 einen unruhigen Kopf, etwas Rabuliſt und keiner Ge⸗ legenheit unachtſam, wo ſich eine Sache umrühren ließ, um im Trüben zu fiſchen. Sein Aeußeres war über den Anſtand vernachläſſigt, und die ſtarke Naſe, ſo wie der näſelnde Ton ſeiner gedehnten Redeweiſe verriethen den übermäßigen Gebrauch des Schnupftabacks. Auch zog er gleich neben die geborgte Zeitung die Rieſendoſe an ſich, die zum allgemeinen Gebrauch der Gäſte auf dem Tiſche ſtand, mit der Inſchrift:„Dem deutſchen Volk“— in goldnen Buchſtaben auf halb ſchwarzem, halb rothem Felde. Während er leſend das Zeitungsblatt vor das Ge⸗ ſicht hielt, ſah Simon dem gedankenvoll umhergehenden Wirth an, welcher Zweifel ihm aus dem Herzen auf die Zunge ſteigen wollte. Vergebens ſuchte er ihn durch bedenkliche Winke abzuhalten; den Kopf ſchüttelnd platzte Hambach endlich heraus: Herr Procurator, eine Frage! Wir ſprachen vorhin vom Lotterieweſen in jetzigen Zeitläuften. Geſetzt, die drei Mädchen, die ein gemeinſchaftliches Loos auf eine böhmiſche Beſitzung haben, thäten gewinnen: wie kämen ſie am beſten zu dem Gelde? 3 Was für Mädchen? fragte Wilhelmi. Der Nachbar Hambach ſorgt für ungelegte Eier, Herr Anwalt! lachte Simon, wobei er dem Wirthe abermal warnend zublinzte. Hat doch die Suſette Maien⸗ 1 Koenig, Seltſame Geſchichten. 8 114 ſchein auf der Burg, die Kathrine Stehling, die früher beim Herrn Pfarrer diente, und die Schweſter des Rentereiſchreibers Kloß, die Dorothe, wie ſie noch auf'm Amt war, ein Lotterieloos in meiner Collekte genommen. Wer die Beſitzung gewinnt, kann ſie antreten, oder ſich mit der beſtimmten Summe abfinden laſſen.— Ja, wer ſie gewinntl da hangt's! Das wär' eine gar verwickelte Sache! erklärte der Advokat. Da muß man die öſtreichiſchen Praktiken kennen. Ohne einen geſcheidten Advokaten würden die Gewinner zu gar nichts kommen. Das dachte ich mir eben! trumpfte der Wirth. D'rum fragte ich eben. Ich dacht' es auch, und d'rum fragte ich eben nicht! nahm Simon den Trumpf. Wo Geld gewon⸗ nen wird, will Jeder behülflich ſein, um etwas abzu⸗ rupfen. Wenn ein Loos in meiner Collekte gewinnt, hab' ich für den Bezug des Gewinnſtes zu ſorgen. Warten wir's ab! Ich denke eben an Euern Lorenz, Hambach: wenn Der nicht gewinnt, werdet Ihr keinen Advokaten nöthig haben. Nachbar Hirſchwirth,— wir wollen keinen Bock ſchießen. Dieſer Wink mit Lorenz ſchien dem Wirth einzu⸗ leuchten. Er ſchwieg; nur daß er dem abgehenden Simon nachrief: Lo wiſch Wieſer bemer⸗ haben 115 Der Hirſchwirth ſchießt keinen Bock, Nachbar Simon! 2. Lorenz war indeß mit ſeinem Päckchen in der Hand zwiſchen den Häuſern und Gärten hinaus auf den Wieſenpfad gelangt,— ängſtlich von den Nachbarn bemerkt zu werden, und noch ängſtlicher durch ſein Vor⸗ haben. Zwiſchen ſeiner natürlichen Gutmüthigkeit und der ihm aufgedrungenen Liſt war ihm unbehaglich zu Muth. Er nahm ſich aber zuſammen und verließ ſich auf ſeine vermeintliche Gewandtheit. So nannte er die Verſchobenheit, worin er ſich mit ſeinem halb ſtädtiſchen, halb ländlichen Geſchmack in ſeinem Anzug und in ſeinen Redensarten gar ſehr gefiel. Beinahe wäre der gedankenvolle Bewerber an dem Gegenſtande ſeiner Abſicht vorübergerannt. Denn Su— ſette hatte ſich, von dem ſtillen, thauigen Morgen be⸗ wegt, in den Schatten eines breiten Apfelbaumes ge— ſetzt, da wo ſeitwärts des umbiegenden Pfades zwiſchen Hecken eines vorſpringenden Hügels ein Ruheplätzchen ür den Wanderer angebracht war. Suſette, aus einer zurückgekommenen Beamtenfa⸗ milie ſtammend, war bei natürlichem Verſtande nicht ohne Bildung des Sinnes und Herzens. Hierzu 8* 116 hatte ſie, im Dienſt einer feinen und wohlwollenden Edelfrau, neben manchen Geſchicklichkeiten, auch im äußern Benehmen eine anmuthige Gewandtheit ange⸗ nommen. Sie war noch jung genug, um zuweilen auch muthwillig zu ſein, und gerade dieſe Heiterkeit, mit der ſie ihren Verehrer, wenn er ſich recht fein aus⸗ zudrücken meinte, in Verlegenheit brachte, hatte ihn vol— lends für ſie eingenommen. In ſolcher Stimmung war ſie aber jetzt nicht von der Burg herabgekommen; vielmehr hatte ſie ſich zu einem wehmüthigen Nachdenken unter den Baum ge⸗ ſetzt. Als aber Lorenz ſie bemerkte und zum Gruße ſeinen grauen Filzhut ſchwenkte, raffte ſie ſich auf und zwang ſich zu ihrer ſonſtigen Munterkeit. Guten Mor⸗ gen, Herr Hambach! rief ſie. Schon ſo früh, und ſo heraus ſtaffirt? Wir haben doch heut keinen Feiertag! Feiertag? lachte er und nahm den Hut ab, den er aus Verlegenheit wie ein Rad um die rechte Hand ſchwenkte. Wenn Sie wollen, Fräulein Suschen, ſo habe ich Oſtern, Pfingſten und Chriſttag auf einmal. Sie können mir beſcheren, und— ich beſchere Ihnen. Das kann's nicht ſein, lieber Herr Hambach, was Sie ſo zeitig auf die Füße gebracht hat. 1 Auf die Füße? lachte er verlegen. Ja, wenn Sie wüßten, was das für Füße ſind! Rathen Sie einmal, was das für Füße ſind! Freiersfüße ſind es. wollt ſchuh len Ok 117 Wahrhaftig? Nun, dann gratulire ich von Herzen! D'rum waren Sie auch ſo zerſtreut und haſtig. Ihr — Herz war den Füßen weit voraus. Dann will ich Sie aber um alles nicht länger aufhalten. Sie ſetzte ſich mit einer grüßenden Verneigung in Gang. Er aber vertrat ihr den Weg und ſuchte ihre Hand zu erfaſſen, die ſie ihm ſtets geſchickt zu entziehen wußte. Sie betrüben mich recht mit Ihrem Glückwunſch, Suſette, ſagte er. Ich dachte, Sie ſollten ein wenig erſchrecken und blaß werden. Warum ſoll ich vor einem Bräutigam erſchrecken, Herr Hambach, wenn er mir an einem Sommermorgen im Grünen begegnet. Ei, da freue ich mich. Ja, Suschen! rief er. Er begegnet, aber gerade Ihnen. Sie wiſſen ja, daß ich nie eine andere ge— wollt, als Sie, und daß nur mein Vater der Hemm⸗ ſchuh unſeres Glückes war. Unſeres, Herr Hambach? Nicht doch! Er wollte nur, daß Sie ſich nicht übereilen ſollten. Mit Ihrem jetzigen Freiersgang iſt Ihr Vater alſo einverſtanden? Ganz einverſtanden Suſette! Und Sie haben da wohl ein feines Brautgeſchenk eingewickelt, glücklicher Lorenz? Nein, das iſt aber famos! lachte er vergnügt. Famos? Was iſt das, lieber Lorenz,— famos? 118 Verzeihen Sie! Ich ſage es iſt famos, wie Sie alles errathen, und mich ſo geſchickt darauf bringen, daß ich mich gegen Sie erkläre. Ja, ja, geliebte Suſette,— ehrlich währt am längſten, und Sie ſollen mich nicht hinterliſtig finden. Sehen Sie,— ich gehe Ihnen eben ausdrücklich entgegen, um Ihnen das hier zu überbringen. Was iſt es Herr Hambach? erwiderte ſie mit Ernſt Oeffnen Sie es ſelber! Er öffnete das Päckchen, und ſie erblickte mit Be⸗ fremden, was ſie abzuholen unterwegs war.— Wollen Sie mich zum Beſten haben, Herr Hambach? ſagte ſte. Was denken Sie, Suschen? erwiderte er betroffen und zog ſich in ſeiner Befangenheit auf den feſteren Boden ſeiner CEhrlichkeit zurück. Nein, es ſteckt wirklich ein Brautgeſchenk oder ſo'was in der Zeitung,— in einem andern Blatt. Sehen Sie, ich wollte Ihnen die Sachen entgegen oder auch auf die Burg bringen, um Ihnen zum ſchönſten Guten Morgen— zu ſagen, daß mein Vater nichts mehr gegen Sie hat, und mich ſogar antreibt, ihm recht bald Ihr Jawort nach Haus zu bringen. Und nun, herzliebſte Suſette,— nicht wahr, das Eine haben Sie mir nun abgenommen, und das Andere geben Sie mir mit? Er wollte ihre Hand faſſen, ſie wendete ſich aber mit den Worten: 119 Laſſen Sie uns lieber gehen! Es hat zwar heut weniger Eile mit den Zeitungen: die Herrſchaft iſt die Nacht abgereiſt. Verreiſt? der Herr Baron? Mit der Familie, ja. Das Geſindel der Um gegend wird ſo läſtig und anmaßend, und die gnä dige Frau iſt unwohl und ängſtigt ſich. Ich habe zuerſt auch mit geſollt, die gnädige Frau will ſich aber vor der Hand mit der Kammerjungfer der Comteſſe Adelheid behelfen, bis ſie etwa länger ausbleiben. Sie wollen nämlich abwarten, ob die Jäger⸗Compagnien, die in die Gegend einrücken, Ruhe und Ordnung zu Stande bringen. Sie hatte den Wieſenpfad zurück eingeſchlagen. An der Stelle der jenſeitigen Bergſteige, wo ſie vom Wirthsfenſter aus geſehen werden konnten, blieb Lorenz ſtehen. Liebſte Suſette, ſagte er, Sie haben mir noch keine Antwort gegeben,— von meines Vaters wegen. Eigentlich verſtehe ich Sie noch gar nicht, Sie braver Sohn Ihres Vaters! lächelte Suſette. Sie ſprechen von einem Brautgeſchenk, und überreichen mir Zeitungen. Sie reden von alten Geſchichten, und geben mir die friſcheſten Neuigkeiten. Das iſt ein charmantes Räthſel, und— gönnen Sie mir Zeit es zu löſen. Ich freue mich, wenn es mir gelingt, und Sie dann aus⸗ 120 rufen werden: Nein, das iſt aber famos, wie Sie alles errathen! Ich verſtehe Sie wohl, Suſette, erwiderte er, und ſpielte mit der Pfauenfeder an ſeinem Hut: Sie wollen ſich Bedenkzeit nehmen zu Ihrem Jawort. Aber— wozu das? Sie kennen mich lang; ich habe Ihnen die ſchönſten Worte und Beweiſe meiner Liebe gegeben und bin Ihnen treu und anhänglich geblieben, meinem Vater zum Trotz. Ich war immer wie Ihr Hündchen, wie Ihres Herrn Barons Damon. Ich habe Ihnen apportirt, bin über Ihren Sonnenſchirm geſprungen, oder was ſie wollten. Sie kennen mich, und wozu brauchen Sie Bedenkzeit? Auch meine Verhältniſſe ſind Ihnen bekannt und—. Er ſchwieg, ſein Mund zwinckerte von innerer Be⸗ wegung. Suſette, von ſeiner Ehrlichkeit bewegt, erwi⸗ derte mit freundlichem Ernſt: Ich weiß das, lieber Herr Hambach, ich gedenk' es Ihnen auch, und warum ſollte ich nicht ſagen, daß ich Ihnen auch immer gut war, wie man nur einem Men⸗ ſchen ſein kann, der die beſten Geſinnungen für ein armes Mädchendhat, und ſich ſo ehrlich und uneigen⸗ nützig erweiſt. Ich kam mit beſonderm Wohlwollen meiner gnädigen Frau auf die Burg und fand anfangs Mißgunſt und manche Tücke unter den Leuten. Damals erzeigten Sie mir alle Freundlichkeit, und ich betrachtete 121 Sie wie einen lieben Verwandten, dem man auch zu⸗ weilen eine Zumuthung machen, eine Gefälligkeit ab⸗ nehmen darf. Pfui, nennen Sie das nicht— appor⸗ tiren. Indem aber Ihr Vater das gute Verhältniß bald bemerkte und von meiner Seite Abſichten fürchtete, die ihn bewogen, daß er mir ſogar unfreundlich, um nicht mehr zu ſagen, begegnete: ſo kam ich auf Ihre Herzenserklärungen gar nicht dazu, mich zu fragen, ob ich Sie glücklich machen könnte, und ob Sie für mich der rechte Mann wären. Und nun Sie mir erklären, Ihr Vater ſtimme Ihrer Neigung bei: glaube ich zwar Ihrer ehrlichen Verſicherung, die Sie mir ja auch in Ihrem feierlichen Anzug abgeben;— Ihrem Vater aber — verzeihen Sie mir!— trauen ich doch nicht zu, daß er ſeine Denkungsart wirklich geändert habe. Nein, Lorenz, glauben Sie mir,— es wuͤrde ihm alle Morgen wieder einfallen, und er würde mir's in den Kaffee brocken, daß ich vermögenlos in ſeine Wirthſchaft ge— kommen ſei, und— Sie wiſſen ja, wie ungern der Hirſchwirth einen Bock ſchießt. O wenn's nur das iſt—] rief Lorenz vergnügt, dann biſt du mein, Herzens⸗Suſette, dann ſag' nur Ja, und alles iſt abgemacht!. Er ſchlug ſeinen Arm um ihre Schulter, ſo daß Suſette mit raſcher Wendung ausweichend verſetzte: Herr Hambach! Das iſt's ja eben Suſettchen, fuhr er unverdroſſen fort, daß der Vater ſeine Geſinnung grundmäßig ge⸗ ändert hat! denn— nun ja doch! Du bringſt ihm ja ein herrliches Vermögen zu, und kannſt ihm ſchon auf— trumpfen. Sie ſind nicht klug, Herr Hambach! antwortete ſie ungeduldig und zerſtreut, weil ſie jetzt angeſichts der Burg von den Leuten in Vertraulichkeit mit dem jun— gen Menſchen bemerkt zu werden fürchtete.— Wiſſen Sie was, Herr Hambach? Ich will Ihnen etwas vor⸗ ſchlagen. Ach ja, Suſetten⸗Engel! Einen Vorſchlag zur Güte! Legen Sie Ihr freundliches Du zu meinem herr⸗ lichen Vermögen und laſſen wir beide mit einander fertig werden. Nicht wahr? Und nun haben Sie ſchönen Dank für Ihre Begleitung! Adieu! Sie nahm einen raſchen Schritt bergauf; doch Lo⸗ renz erreichte ſie am Arm mit den lachenden Worten: Halt, halt, mein Schatz! Ich nehme den Vorſchlag an. Sie ſetzen alſo Ihr Vermögen zu meinem Du? Herr Hambach, entgegnete ſie etwas empfindlich. Treiben Sie keine Poſſen, keine Wortſpielereien! Sie verſtehen doch unter Vermögen Geldeswerth? Verſteht ſich, Suschen! Gelder oder Güter. Alſo Dein Vermögen zu meinem Du? Schlag' ein. Aue Nau die ſchre und 123 Er reichte ſeine Hand hin mit einem ſo drolligen Ausdruck geſpannter Zufriedenheit, daß ſie um der Narrheit ein Ende zu machen lächelnd ihre Hand in die ſeinige legte. Verlobung! rief er jubelnd aus, daß Suſette er— ſchrocken zurück fuhr. Er hielt aber ihre Hand feſt, und ſprach weiter: Geld bei Du, und Du bei Geld! heißt in der Ver⸗ lobungsſprache— Hut bei Schleier und Schleier bei Hut. Und nun nimm erſt Dein Vermögen in Empfangl Er zog die Beilage des Zeitungsblattes aus der Taſche.— Rathe, was hier ſteht! Eure Lotterie-Num⸗ mer hat die böhmiſche Beſitzung gewonnen. Suſette beſann ſich einen Augenblick, erblaßte, und fragte mit bebender Stimme: Unſer Loos, unſer 73,7472 Hat gewonnen. Da lies! Er reichte ihr das Blatt, ſie las; ihre Hand zitterte, ihre Knie wankten; ſie mußte ſich auf einen gefällten Eichenſtamm niederlaſſen und brach in helles Weinen aus. Die Erſcheinung, daß man ein großes, plötzliches Glück mit Weinen empfangen könne, war für Lorenz ſo befremdend, daß er ein Weilchen unbeholfen und unbehülflich daſtand. Er ahnete natürlich nicht, in welchem Zuſammenhange die Glücksnachricht mit den wehmüthigen Betrachtungen ſtand, denen Suſette unter 124 jenem Apfelbaume über die Zukunft ihres geliebten Tanner nachgehangen hatte. Nur eine flüchtige Be⸗ ſorgniß ſtieg ihm auf, ob ſie nun etwa die eingegan⸗ gene Verlobung bereue.— Er kniete daher verlegen vor ihr nieder und faßte ihre Hand mit blödem, fra⸗ gendem Blick.. In ihrer erſten Aufwall ung, wie ſie den Ueberbrin⸗ einer ſo unerwarteten Freude vor ſich, wie um Dank bettelnd, knien ſah, vergaß ſie aller gewöhnlichen Rückſichten.— Tauſend, tauſend Dank, lieber guter Lorenz! rief ſie wie entzückt aus. Ach! es iſt ein großes mir vom Himmel beſchertes Glück! Sie drückte den Knienden einen Moment an ihre Bruſt; ſein Demokratenhut fiel zwiſchen die Heidelbeer⸗ ſtauden; einen flüchtigen Kuß auf ſeine Stirne, und ſie ſprang auf, ihm den Hut wieder auf den Kopf zu ſetzen. 4 Nicht wah r, Suschen, lachte er,— Hut bei Schleier? Den Hut haſt Du jetzt mir geſchenkt, den Schleier für Dich kaufe nun ich! Jetzt war Suſette doch ein wenig betroffen über einen Scherz, den der thörichte junge Menſch ſehr ernſt nehmen konnte. Nun ja, Lorenz, erwiderte ſie, ängſtlich lächelnd. Wir beide verſtehen Spaß! Aber— es iſt jetzt keine Zeit zu Spaß. kein Hi 125 Gewiß, Herzens-Suschen! Nein, mit Verlobung iſ kein Spaß zu treiben. Ich habe Deinen Handſchlag und Deinen Verlobungskuß. Suſette erſchrak. Sie warf einen Blick nach der Höhe der Burg, und wandelte gedankenvoll wieder bergab, indem ſie mit einer Handbewegung den ver⸗ blüfften Lorenz von ſich abwies. Ein Sturm von Ge⸗ danken ging ihr durch den Kopf.— Der junge Be⸗ werber war ein abhängiger Menſch, ſein Vater ein habſüchtiger Mann, der die Sache gerichtlich verfolgen würde. Wie es das Gericht damit nehmen könnte, wußte ſie nicht; aber ſie kannte das Sprüchwort: Ver⸗ ſprechen macht Schulden. Am Ende war es mit einer Abſtandsſumme abzuthun, ſo leid ihr auch im Augen— blick dieſe Einbuße vorkam. Die Hauptſache blieb aber die Hebung des Gewinnſtes. Durch wen ſollte ſie nun ihr Intereſſe beſorgen laſſen? Die Angelegenheit durfte nicht verſäumt werden, und welche Chicanen des Wirthes, der es mit dem Juden Simon und dem Ad⸗ vocaten Wilhelmi hielt, zog ſie ſich durch einen erklärten Bruch mit Lorenz oder durch Verhandlungen vor Ge⸗ richt zu? Das gewonnene Glück hatte ſie gleich im erſten Moment ihrem geliebten Peter Tanner zugedacht, ihm zu helfen, ihm eine Zukunft zu ſchaffen. An die⸗ ſem Stolz ihres Herzens, an Tanners Eigenthum wollte ſie möglicherweiſe keine Verluſte erleiden. Das 126 Geld, das ſie noch nicht hatte, war ihr ſchon an's Herz gewachſen. Wäre nur ihr gnädiger Herr nicht verreiſt: der menſchenfreundliche, für ſeine Leute beſorgte Baron hätte ihr rathen und helfen können! Dieſe, und wer weiß welche ſonſtigen Erwägungen noch blitzſchnell durch ihren Kopf gingen, bewegten ihre Bruſt, als die Kirchenglocke vom Ort herauf die Zeichen gab, daß die Frühmeſſe geendigt ſei.—— Ha, der Pfarrer Mihm! fiel ihr ein. Der freundliche Seelſorger, der vertraute Vetter ihres Peter Tanner! Ja zum Pfarrer! Sie blieb ſtehen und wendete ſich gegen Lorenz. Lieber Lorenz, ſagte ſie, wollen Sie ſo gut ſein, und die Briefe und Zeitungen hinaufbringen? Der Verwalter muß die Briefe gleich der Herrſchaft nach— ſenden, und er ſelbſt wartet auf die Zeitungen. Ich eile hinab zum Pfarrer Mihm; dort können Sie mich finden, wenn Sie mit überlegen wollen, wie mein Ge— winnſt am beſten zu heben iſt. Sie begreifen, daß dies das Dringendſte iſt. Lorenz in ſeiner verdutzten Gutmüthigkeit nahm ihr das Päckchen ab; aber er beklagte ſich darüber, daß Suſette Sie zu ihm ſage. Lieber Lorenz, erklärte ſie ihm, es würde ſich für Sie und mich nicht gut ausnehmen, wenn wir auf die erſte Nachricht von meinem Lotteriegewinnſt als Verlobte auftreten wollten. Es würde gerade ſo aus— ſehen, als ob Sie nur auf Geld und ich auf einen Mann gewartet hätten, und für mich verbitte ich mir das! Die erſte Sorge muß jetzt ſein, unſer Loos gel⸗ tend zu machen; alles Andre wird ſich finden. Sie eilte fort, nicht ohne heimliche Beſchämung über die Zweideutigkein ihrer ſo reſoluten Erklärung, die eine Täuſchung für Lorenz enthielt.—— Ach ja, ſeufzete ſie, das Geld iſt doch der Köder des böſen Feindes, des Vaters der Lüge! Kaum, daß man nur ein Recht darauf hat, nimmt ſchon die Unwahrheit Beſitz von unſerm Herzen. Ich muß eilen, daß ich es in Tanners Hände bringe: das Geld verlangt ſeinen Mann der es bewältige. D er Pfarrer Mihm hatte ſich eben zu ſeinem Früh⸗ ſtücke geſetzt, ein voller, gedrungener Vierziger, das Geſicht bräunlich roth in geſättigten Farben, Haar und Augen tiefſchwarz. Ein ſtark duftender Kaffee floß ihm aus einer Filtrirkanne in eine große Taſſe; eine Schnitte friſcher Butter und eine Honigſcheibe ſtanden neben dem Backwerke ſeiner Haushälterin, der Jungfer Cha⸗ ritas oder Pfarrers Charitas, wie ſie im Orte kurz⸗ weg hieß. 128 Die Behaglichkeit womit der geiſtliche Herr im Lehn⸗ Süſett ſtuhle ſaß und das Gute behandelte, das ihm der in Tar Himmel beſcheerte, verrieth den Eheloſen, der für eine vorgefe ganze Familie allein genießen mußte. Seine Charitas, M. eine hübſche, blonde Perſon, reinlich, wenn auch eben ſette ſ nicht nett im Anzug, und von Formen, die auf einigen keine; Mitgenuß geiſtlichen Ueberfluſſes deuteten, bediente W ihn ab⸗ und zugehend und überlegte mit ihm den wirth⸗ Brar ſchaftlichen Tag. S Mit Suſettens Eintritt legte ſie etwas von ihrer Gw. Freundlichkeit ab, machte ſich aber öfter im Zimmer zu erklaͤ thun mit einer Miene, die der Pfarrer mit lächelnder werd Schonung behandelte, indem er jedesmal die ſchäkernde hätte Art, die er gegen Suſetten angenommen hatte, in einen nun ſalbungsvollen Ton umſtimmte. ſchein Mihm war überhaupt mehr ein Mann des Lebens, aber, als der Lehre, und gehörte noch zu dem ältern Schlage vielle katholiſcher Prieſter, die mehr human— nicht wie die erfah jüngern bloß ultramontan geſalbt waren. Er ließ in J ſeiner Dogmatik auch einmal fünf gerade ſein, und woll ſtand, nicht durch tieferes Forſchen, ſondern durch ge⸗ theil ſundes Naturel, ſoweit über dem Kirchlichen oder frei Nur darin, daß er zuweilen, ſo zu ſagen— den Humor Vor davon hatte. ſo ka In ſeinem augenblicklichen Behagen mochte dem ten; Pfarrer die Unruhe und Verwirrung der anmuthigen ſecher 129 Suſette noch mehr auffallen. Nun denn, lieb Bäschen in Tanner, ſagte er, was gibt's denn, was iſt denn vorgefallen? Mit der Erinnerung an den Geliebten, hatte Su⸗ ſette ſchnell Muth gefaßt, und fragte, ob noch immer keine Nachrichten von ihm da ſeien. Was? lachte er, der Schatz, die ſo zu ſagen Braut, fragt beim weitläufigen Vetter nach Briefen? Suſette nahm den Scherz etwas empfindlich auf.— Ew. Hochwürden wiſſen doch, ſagte ſie, daß Peter mir erklärt hat— es war ja hier im Zimmer— mir werde er nicht eher ſchreiben, bis er einen guten Platz hätte, eine paſſende Unterkunft für uns beide. Wenn nun nicht etwa ein Brief verloren gegangen iſt: ſo ſcheint Peter noch immer umher zu irren. Ich hoffte aber, er würde Nachrichten von ſeinen Unternehmungen vielleicht an Sie geben, und ich würde dann etwas davon erfahren, was mir jetzt ſo nöthig wäre. Nein, Närrchen, an ſeine alte Mutter in Mainz wollte er ſchreiben, und ſie ſollte mir die Briefe mit⸗ theilen. Die kränkliche Frau wird's vergeſſen haben. Nur Geduld, Jüngferchen! Tanner iſt ein Mann von Wort, weißt Du, und kommt nun einmal ein Brief, ſo kannſt Du gleich auf die bloße Adreſſe hin, Anſtal— ten zu Eurer Heirath treffen. Was hinter der Adreſſe ſtehen wird, kann ich Dir gleich ſagen:„Juchhe, Su⸗ Koenig, Seltſame Geſchichten 9 130 2— ſette, Herzensſchätzchen, ich bin am Ziel. Nun kann's losgehen. Lauf nur gleich zum Vetter Mihm in's Pfarrhaus; der Pfaff ſoll uns dreimal von der Kanzel werfen, und Du ſorgſt inzwiſchen, daß wir dann weich ſchich fallen. Du haſt ja lang genug Martinsgänſe gerupft, ein! und Bettfedern geſch iſſen.“— Nicht wahr? ha, ha! Suſette lächelte dem Pfarrer zu Gefallen, und ſann 3 auf einen Uebergang zu ihrer Glücksmittheilung.—— Wie wär's, ſagte ſie, wenn ich nach Mainz machte? Der Pfarrer blickte ſie forſchend an.— Ei was? rief er. Hat's denn ſo gewaltig Eile? Hm!—— Lo Steh' doch einmal auf, Suſette. Geh' hole mir dort fü die große Pfeife und die Tabacksbüchſe! ur Sie that es unbefangen, ohne den ſchalkhaft ſtren⸗ gen Blick zu bemerken, womit er ihre Geſtalt muſterte. wi Wie lang iſt denn Tanner fort? fragte er. Mit Anfang April, Herr Pfarrer. Sie wiſſen, die ge unruhigen Bewegungen ließen ihm keine Hoffnung, ſich als Kunſtgärtner auf eigene Hand zu ſetzen. c Und euch Beiden war's damals gar zu ſehr um's m Heirathen zu thun, nicht wahr? Und nun—— ſetz' d Dich nur wieder!— ſeh' ich Dich in heller Unruhe, willſt nach Mainz zu Tanner's Mutter, biſt ſo verwirrt, d ſo anpfindlich, was ſteit denn hinter alledem? Nur heraus damit, Jungfer Suſette, oder— Mamſell? Habt Ihr etwa? —ꝛ—x—— 131 Er räuſperte ſich. Was denn, Hochwürden? fragte ſie lächelnd. Brauchſt nicht zu lächeln! Wär mir eine ſchöne Ge⸗ ſchichte, wenn ihr in meiner Pfarrei—— ich will ſagen, ein Unglück—— Im Gegentheil, Hochwürden! Wie? Im Gegentheil? Was iſt's Gegentheil? Ein Glück! Was? Ein Glück habt ihr angerichtet? Nein, zugefallen iſt es uns. Ich habe das große Loos gewonnen, und weiß nun nicht, wo Tanner ſteckt, für den ich's doch gewonnen habe und der's nun heben und manteniren müßte. Die ſchwere Hacke noch einmal,— flucht der Hirſch— wirth! rief Mihm. So erzähl' doch Suſel! In der heutigen Zeitung ſteht, daß die Nummer gewonnen hat, Sie erinnern ſich, das Loos— Ganz recht! fiel der Pfarrer ein.“ Ihr drei Mäd⸗ chen habt's beim Simon Schwarzſchild genommen, Du, meine Baſe Katharine, wie ſie noch bei mir war, und die Dorothea Kloß, auf die böhmiſche Beſitzung., Eben brachte die Haushälterin das Journal und der ungeduldige Pfarrer rief ihr entgegen: Gebt her, Charitas? Denkt Euch, die haben's große Loos gewonnen, die Suſette, unſere Katharine— Was? die Katharine auch? fiel die Köchin etwas 9* 132 4 verbittert ein. Ei, da kann ſie ja nun Nonne werden. Sie wollte ja doch immer nach Fuld oder Fritzlar in's Kloſter und es fehlte ihr nur am Einſtandsgeld. Eine ſchöne Nonne, die Frömmlerin, die ihre Naſe in ande— rer Leute Thun und Laſſen ſteckt. Der Pfarrer huſtete mit einem warnenden Blick über die Zeitung hinaus, in der er ſuchte, während Suſette entſchuldigend einwendete: Sie war aber ein gutes, vernünftiges Mädchen, die zuverläſſigſte von uns Dreien, darum wir ihr auch das Loos in Verwahrung gegeben haben, als ſie und Dortchen von hier wegkamen. Eine konnt' es doch nur in Händen behalten. Mag ſein, fuhr Charitas fort, aber neugierig war ſie wie'ne Katze und horchte an den Thüren. Wir konnten ſie drum auch nicht behalten,— der Herr Pfarrer heißt das. Dieſer hatte die Zeitung hingelegt, und ſtopfte ſeine meerſchaumne Pfeife mit einer Miene auf Charitas, worin deutlich zu leſen war:„Könnt' ich Dir doch's Maul ſtopfen, Du Hagelgans!“ Wo ſteht's denn mit dem Loos, Suſette? fragte er. Es war im Beiblatt, Hochwürden. Wo iſt's Beiblatt, Charitas? Es iſt keins mitgekommen. 133 Geſchwind lauft hinuͤber: wo's Beiblatt wär? Da unten ſteht ja auch:„Hierbei eine Beilage.“ Wo das mit dem großen Loos drin ſteht. Ich weiß ſchon, rief die forteilende Köchin. Nun geht die Neuigkeitsglocke durch's Dorf, lachte der Pfarrer. Suſette erzählte nun ihr Mißverſtändniß mit Lorenz und wie ſie gekommen ſei, des Herrn Vetters Rath zu holen. Sie klagte ſich an, den offenherzigen Burſchen nicht ehrlich und offen abgewieſen zu haben und fragte, ob es nicht eine erlaubte Klugheit ſei, durch ſolcherlei Ausflüchte ſich der etwaigen Ränke habſüchtiger Men⸗ ſchen zu erwehren. Haſt ganz Recht! verſicherte der Pfarrer. Es gibt Rechtsverdrehungen, die gewiſſenlos und doch bei den 6 4 bürgerlichen Gerichten durchzuſetzen ſind. a muß man zur Klugheit ſeine Zuflucht nehmen und mit unſchuldiger Täuſchung ſein gutes ehrliches Recht behaupten. Wort und Verſprechen meſſen alles nach der Schnur ab; aber im Thun und Laſſen haut man doch zuweilen einmal über die Schnur. Darüber beruhige Dich, und haſt Du ja ein großes Vorbild von kluger Benutzung der Zeit und Umſtände an unſerer heiligen Kirche. So hat auch ſie ſich in allen Bedrängniſſen glücklich durch⸗ geſchlagen, hat die Habſucht und die Uneinigkeit der Könige benutzt, um ſich ſo oder ſo, wi's am beſten 134 ging, empor zu arbeiten. Auch wird ſie ſich jetzt wieder beim Frankfurter Parlament nicht vergeſſen, wie ich gelegentlich von Männern gehört habe, die dort alles machen und anlegen. Dabei fällt mir auch ein, daß es doch ein gutes Vorzeichen iſt— euer Lotterieloos nämlich. Drei arme Mädchen aus dem Volk machen gerade jetzt, wo beim Parlament das Glück unſeres Volkes berathen wird, den großen Gewinn. Eine herrliche Vorbedeutung, wie's mit dem Parlament aus— gehen wird! Eben kam Charitas mit dem Beiblatte zurück, und meldete den Hirſchwirth an, der ſogleich mit ſeinem Sohne erſcheinen und die„Braut“ abholen wolle. Das ganze Dorf ſei in Bewegung erzählte ſie, und gratulire dem Herrn Lorenz zur reichen Braut. Der Pfarrer, ärgerlich über dies für Suſetten ver⸗ drießliche Gerücht rief aus: Ei was Lorenz! Der wär ein guter Biſſen für 'ne rechtſchaffene Köchin, um ſeines Schutzpatrons willen; denn der heilige Martyrer Laurentius iſt auf dem Roſt gebraten worden. Dieſer ſonderbare Humor des geiſtlichen Herrn be⸗ ſtärkte nur Suſetten in ihrer entſchloſſenen Haltung gegen die Bewerber, die ſie denn auch ſehr gefaßt empfing. Vater Hambach reichte ihr die Hand, und begrüßte ſie al Pfarr da eir Was Su⸗ laſſ Au⸗ nich 135 ſie als künftige Tochter.— Die ſchwere Hacke, Herr Pfarrer, ſagte er in ſeiner Verlegenheit, Sie bekommen da ein Paar zu trauen, das ſich gewaſchen hat. Statiös! Was wahr iſt, darf ich auch von meinem Sohne ſagen. Zugleich wollte ich mir die Ehre auch von Ew. Hoch⸗ würden ausbitten, benebſt der Jungfer Braut zu'nem Löffel Suppe, wie man zu ſagen pflegt. Es wird aber noch einiges bei der Suppe ſein, und im„Hirſch“ iſt nicht Schmalhans Küchenmeiſter. Der Pfarrer blickte mit verſtohlnem Kopfſchütteln Suſetten an, und dieſe erklärte mit freundlicher Ge⸗ laſſenheit: Herr Hambach, wir dürfen noch kein ſolches Aufheben von der Sache machen. Ich darf mich gar nicht„Braut“ nennen laſſen: denn daß Lorenz ſich gegen mich im Walde erklärt hat—. Nein, ich will nicht im Wald Braut geworden ſein, nein! Das iſt's eben, Suſette! erwiederte Hambach. Drum wollen wir's nun im Hirſch nachholen. Im Walde ſchießt man auch leicht einen Bock, und der Hirſch⸗ wirth—— hält dafür, daß auch Zeugen ſchicklich ſind.— Das Schicklichſte ſcheint mir vor allem den Gewinn herbeizuſchaffen, erklärte Suſette. Und dazu bedarf ich auch Eures Rathes und Beiſtandes, Vater Hambach. Denn ich habe ja hier außer dem Herrn Pfarrer Nie⸗ 136 mand, und Seine Hochwürden können ſich doch nicht perſönlich in die Sache miſchen. Pfarrer Mihm fand das vernünftig geſprochen. Hambach aber hatte manches einzuwenden. Der zurück⸗ gehaltene Brief Tanner's drückte ihn insgeheim. Er traute dem Inhalt nicht, und fürchtete dem Poſtzeichen nach ein Zuſammentreffen des I Jägers mit der in Frank⸗ furt zu erhebenden Glücksbeute. Drum drang er ſo auf eine vorläufige Verlobung vor Zeugen und ging damit um, im Eheverlöbniß eine tüchtige Abſtandsſumme für einen etwaigen Reuefall feſtſetzen zu laſſen, um auch dann noch eines Antheils am Gewinn ſicher zu ſein. Suſetten, wenn ſie auch keine Ahnung von dem unterſchlagnen Schreiben ihres Tanner hatte, entging doch die eigennützige Abſicht des Wirthes nicht. Sie erwiederte mit ſchlauer Gutmüthigkeit: Bei ſolchen Verlobungen wird Alles feſt gemacht, nicht wahr? Was beſtimmen wir denn für den Fall das Loos verloren wäre? Ich kann doch nicht um⸗ ſonſt Braut geweſen ſein. Ich hab's Loos nicht in Händen, ſondern des Herrn Pfarrer's Bäschen ver— wahrt's. Ei, die wird doch nicht—? fiel Hambach er⸗ ſchrocken ein. Ich denk's nicht, antwortete ſie. Katharinchen iſt ſonſt doch iſt lal 87 Pfar nießen U ſollter ſonſt ein ſehr ordentliches Mädchen. Aber man kann doch für nichts ſtehen, Herr Hambach, und die Sach' iſt lang her, So, ſo? Ja, ja! erwiederte er überlegend, indeß Pfarrer Mihm aus zurückgehaltenem Lachen dreimal nießen mußte. Und Sie meinen alſo, fuhr Hambach fort, wir ſollten lieber vor der Verlobung den Gewinn holen? Nun,— auch gut! Ich laſſe mir ja Alles gefallen! Ja, Herr Pfarrer, die Frauensperſonen haben's gern feſt und ſicher. Ja, ja, Suſettchen, Sie geben einmal eine rechte Sicherheits⸗Commiſſarin! Und der alte Hambach iſt immer ſo eine ehrliche, nachgiebige Haut geweſen. Nicht wahr, Lorenz? Nun fragt ſich's aber, wie wir's mit dem Loos und Gewinn am beſten anfaſſen. Ich habe den Advocaten Wilhelmi zu mir beſtellt: wie wär's, wenn Du ihn hierher holteſt, Lorenz? Der Herr Pfarrer— Da kommt er ſchon mit dem Juden Simon! be— merkte Lorenz. Sie waren es wirklich und ſuchten den Wirth auf, beide in einem Wortwechſel begriffen, der auch nach ihrem Eintritt und hinter ihrer Begrüßung her, bald wieder anhob. Beide wollten— nach einem dnmals beim Parlament beliebten Ausdruck—„die Sache in die Hand nehmen.“— Simon pochte auf ſein Vor⸗ 138 recht als Verkäufer des Looſes, Wilhelmi machte ſich als unentbehrlichen Anwalt gegen„öſtreichiſche Prakti⸗ ken“, wie er es nannte, geltend. Simon ward heftig und grob, Wilhelmi blieb kalt und ſpöttiſch. Wir wiſſen ſchon, Simon Schwarzſchild, ſagte er, was Ihr im Schilde führt: Ihr wollt am Lotterieloos zu einem Rothſchild werden, und meint damit unſere Farbe zu bekennen. Aber fehlgeſchoſſen! Gerade dann ſeid Ihr erſt recht ein Schwarzer und wenn's nächſtens an's „Theilen“ geht, ſeid ihr der erſte„Geldſack“ in Neuen⸗ zell, der— aufgeknüpft wird! Dafür laßt mich ſorgen! Dieſe Drohung eines mit den Demokraten der Um⸗ gegend verbundenen Mannes ſchüchterte den Juden wirklich ein. Pfarrer Mihm nahm ihn bei Seite und ſuchte ihn dadurch zu beruhigen, daß er ihm für die übliche Proviſion oder Beſorgungsgebühr gut ſagte. Dennoch trat der gereizte Mann nicht zurück, ohne ſeinem Aerger wenigſtens gegen den Wirth Luft zu machen.— Nachbar Hambach, rief er, winkte den Wirth bei Seite, und flüſterte ihm in's Ohr: Ihr ſteht mir für meine gerechte Proviſion und ich halte mich an den unterſchlagenen Brief. Ihr ſollt's mit der Poſtdirection und mit der betrogenen Suſette zu thun kriegen, ſo wahr ich Simon heiße! Sobald der Jude fort war, wurde die Angelegen heit be der da Looſe, ſchützer handle dem be ſollten ſollte eink unte 139 heit berathen. Wilhelmi ſetzte ſeinen Vorſchlag durch, der dahin ging, daß Suſette als Theilhaberin am Looſe, der Wirth als Obmann und Suſettens Be ſchützer und er ſelbſt als Rechtsbeiſtand und Unter händler alsbald nach Frankfurt abreiſen, und ſich mit dem bezeichneten Bankierhauſe in Unterhandlung ſetzen ſollten. Suſette, hieß es, ſtelle das Loos, der Advocat leiſte Räth und Mühewaltung, und der Wirth müſſe die Reiſekoſten vorlegen. Wilhelmi, im Stillen auf den Vortheil rechneend der bei den jetzigen ſchwankenden Geld- und Papier verhältniſſen in der Unterhandlung mit dem Bankier für ihn abfallen ſollte, that ſehr uneigennützig hinſicht lich deſſen, was er für ſeine Mühewaltung in Anſpruch nahm; ſo daß der Wirth wegen der Koſtenvorlage ebenwohl den Generöſen machte, und bei der Berech— nung derſelben nicht zu kurz zu kommen hoffte. Er ging daher auch darauf ein, den Rückerſatz ſeiner Ausla gen nicht aus der Taſche der Mitreiſenden, ſondern durch Abzug an dem Gewinn zu erhalten. Deſto leichter ſollten ihm die großen Ziffern hingehen. Die Ueber einkunft wurde ſchriftlich gemacht, und Pfarrer Mihm unterſchrieb als Zeuge das Protocoll. Da des Nachmittags ein guter Privat⸗Omnibus durch den Ort kam, ſo wollte man mit dieſer bequemen Gelegenheit bis Münſterborn fahren, in deſſen Nähe 140 Katharinchen, die Verwahrerin des Glücklooſes, ihrem alten Oheim die Wirthſchaft führte. Suſette eilte nach der Burg, Urlaub zur Reiſe zu nehmen, und ſich zu derſelben einzurichten. 4. D er Omnibus, der zwiſchen beiden Provizialſtädten ging, war ſehr ſtark und eben nicht von erlesner Ge⸗ ſellſchaft beſetzt. Die Unterhaltung ging in's Leiden⸗ ſchaftliche jener bewegten Zeit. Es gab„Volksver⸗ räther“, die gehenkt,„Geldſäcke“, die vertheilt werden ſollten. Manche Mitreiſenden wurden blaß dabei, aber deſto eifriger henkten und theilten ſie mit. Alles war erſtaunlich offenherzig, wie es ſchien, und Niemand hielt mit ſeinem Vorhaben, mit dem Woher und Wohin ſei⸗ ner Reiſe, hinterm Berg. Indem aber Advocat Wil⸗ helmi ebenfalls für ſich und ſeine beiden Reiſegefährten eine ſehr kühne Reiſeabſicht im„Volks-Intereſſe“ zum Beſten gab, faßte Suſette einiges Mißtrauen gegen die Erzählungen auch der übrigen Mitreiſenden. Dies beſtärkte ſie in ihrem guten Muth durch die Ueberzeu⸗ gung, daß unter Umſtänden die Klugheit beſſer thue, ohne einen Heimathſchein der Wahrheit zu reiſen. Zu den hitzigen Reden dampften die ſchlechten Frei⸗ heits⸗C des So Glückli gewonn und am bis zu en V In ſenen nahme hielt. noch 1 ſparen Wirth blaue ſich ei rathen N grund 141 heits⸗Cigarren von Chriſten und Juden; dazu die Schwüle des Sommertags, ſo daß die Fahrt läſtig genug wurde. Glücklicherweiſe hatte Suſette eines der offenen Fenſter gewonnen, durch welches ſie ſich an der fächelnden Luft und am Anblick des grünen Flußthales erquicken konnte, bis zu vermehrtem Troſt auch das reizende Dörfchen um Vorſchein kam, worin die Inhaberin des Glücksloſes den ſollte. In Munſterborn angelangt, beſtellten unſere Rei⸗ ſenen im blauen Hecht Quartier für die Nacht, und nahmen einige Erfriſchungen. Die Abendmahlzeit be⸗ hielt Hambach noch ſpäterer Beſtellung vor. Er bangte noch um das Loos und ſuchte in dieſer Ungewißheit zu ſparen. Er beſprach ſich ſehr angelegentlich mit dem Wirth, und an der Aufmerkſamkeit, die ſeitdem der blaue Hecht gegen Suſetten an den Tag legte, hätte ſich ein Theil der vertraulichen Unterredung leicht er⸗ rathen laſſen. Nun eilte man über den ſchönen breiten Wieſen⸗ grund auf einem Dammwege nach Sodau. Das anmuthige Dorf lag am Fuße des langen, halb waldigen, halb angebauten Bergrückens, ſo zu ſagen, unter Obhut eines alten Thurms, der ſich am Abhange der Waldhöhe erhob. Sie fragten ſich nach der Wohnung des Waldaufſehers oder Kreiſers Remmert 142 zurecht, und wurden von Katharinchen empfangen, die mit dem Melkeimer aus dem Ziegenſtällchen kam. Das unerwartete Erſcheinen der ihr nicht fremden, aber doch ſonſt nicht zuſammengehörigen Menſchen ſetzte ſie augenblicklich in Verwirrung. Beſonders war ihr der Advokat Wilhelmi ein Räthſel, und jagte ihr ſogar eine ſchreckhafte Beſorgniß ein. Ehe ſie aber nur an eine Frage denken konnte, ſtürmte Hambach mit ſeiner Frage heraus: Sie haben doch das Lotterieloos wohl aufbewahrt, und beſitzen es noch? Unſer 73,747, Katharinchen, auf das böhmiſche Gut? erklärte Suſette. Um Gotteswillen hat's gewonnen? Gewiß beſitz' ich's noch! Was denken Sie auch von mir? Gott ſei Dank! rief Hambach. Ja mein Engel, es hat gewonnen! Jedes von euch Mädchen bekommt einmalhunderttauſend Gulden W. W., wovon einiges abgeht für Auslagen, Zehrung, Reiſekoſten u. ſ. w. nicht des Redens werth. Katharinchen nahm gefaßter, als am Morgen Su⸗ ſette, die Freudenbotſchaft auf. Doch war ſie von dem ganzen Vorgang ſo zerſtreut, daß ſie mit gefalteten Händen das Tiſchgebet anhob: „Herr Jeſu komm', ſei unſer Gaſt, Bei dem, was Du beſcheret haſt.“ geſetzt hätt' Frau⸗ mich um in entſchl U- in die ausw geſch 4 weiß Vei ſitz 143 Doch raſch erröthend fuhr ſie lächelnd fort: Ich hatte gleich mein Vertrauen auf die Nummer geſetzt: ſie löſt ſich in lauter ſieben auf. Noch neulich hätt' ich meinen Antheil gut verkaufen können; die Frau Rentmeiſter Haiz bot mir einen Abſtand, der mich ſehr verlockte, weil mir juſt ſo viel noch fehlte, um in's Kloſter zu treten. Ich konnte mich aber nicht entſchließen. Unter dieſer letzten Rede hatte Katharina ihre Gäſte in die gute Stube geführt, deren Thür inwendig wie auswendig mit einem Hirſchgeweihe als Superport geſchmückt war. Die Stube ſah reinlich aus; der Fußboden mit weißem Sande beſtreut, der Tiſch geſcheuert und mit Weidenſtühlen umſtellt; ein altmodiſcher Winkelſchrank und ein hangendes Gebänkel waren mit Taſſen und Gebetbüchern beſetzt. Eine Schwalzwälder Uhr pickte über ihren Zuggewichten; ein Dompfaff hing im Fen⸗ ſter, und eine Buchfinkenhecke nahm die ſchmale Wand hinter'm Ofen ein. Wunderlich geſchmückt ſah die lange Seitenwand aus: ein Kruzifir in der Mitte theilte gewiſſermaßen ein himmliſches und ein irdiſches Reich. Rechts, dem Fenſter zu, hatte Katharinchen ihre Heiligenbilder fym⸗ metriſch zu einem Altärchen angeordnet, alle in grellen, bunten Farben ausgeführt, wie man ſie auf Jahr 144 märkten kauft. Die linke Seite hatte ſich der Oheim für die Steindruckbildniſſe der frankfurter Parlament⸗ glieder von der äußerſten Linken nicht nehmen laſſen. Aber, Katharinchen, wie kommen die Heiligen und die Revolutionsmänner ſo neben einander? bemerkte Suſette. Worauf dieſelbe verdrießlich erwiderte: Ich hab's nicht hindern können; der Onkel wollte durchaus auch ſeine Leute an der Wand haben. Zu letzt hab' ich doch'nen Sinn darin gefunden und mich beruhigt: es ſind die linken Schächer neben dem Kreuz, die im Plapperment der Paulskirche aller Religion und Gottesordnung die Läſterzunge weiſen. Dieſe Aeußerung ſetzte einen Wortwechſel mit dem Advokaten ab, der mit der Rache der Demokraten drohte. Indeß blieb es beim Freundlichen, und man konnte ſich am Contraſt beider Streitenden erheitern, wenn dem trocknen, ſchnupftabakunſaubern, mit den Schultern überhangenden Juriſten oder Rabuliſten auf's lebhafteſte die kleine, runde, reinlich-anſprechende Mäd chengeſtalt gegenüber ſtand und mit Blick und Wort verrieth, daß in dieſer vollen Bruſt ein eingeborner Liebesdrang gewiß nur ungern oder aus Verirrung der angenommenen Frömmigkeit und Kloſterſehnſucht Platz machte. Der politiſche Streit war noch nicht beendigt, als der alte Forſtlaufer Konrad Remmert mit Büchſe und Ran mit Wal ſeine ſchm der Gu fra⸗ Gu feſ taf 145 Ranzen in die Stube trat,— ein langer, hagerer Mann mit verwettertem, eigenſinnigen Geſichte, worin der alte Waldgänger und neue Volksfreund die Märzſtoppeln ſeines grauen Bartes borſtenlang zu einem Demokraten⸗ ſchmuck hatte wachſen laſſen. Zuerſt befremdet von dem Beſuche, nahm er auf die Nachricht der ihm vorgeſtellten Perſonen von dem außerordentlichen Glücksfalle eine ſteife Höflichkeit und ſchmunzelnde Rückhaltungen an.— Hol's Loos, Käthe! gebot er. Katharinchen brachte es aus ihrer Commode herbei. Er nahm's raſch an ſich und fragte: Wie lautet die Zeitungsnummer, Herr Advokat? 73,747,— da ſteht's! war die Antwort Wilhelmi's, der das Zeitungsblatt aus der Taſche zog.— Damit hat's ſeine Richtigkeit. Wir haben das Gut oder Geld gewonnen. Wie viel macht's baar? fragte Remmert. Für alle drei Jungf.— Fräulein zuſammen 300,000 Gulden in W. W. Nun, das iſt ſchon was, Käthe! Und nun heißt's feſtgehalten, vorgeſehen! Hiermit ſteckte Remmert das Loos in die Hoſen— taſche, und fragte: Haſt Du'was zu Abend für die Gäſte, Katharine? Wir danken ſchön, ſagte Hambach, haben ſchon Koenig, Seltſame Geſchichten. 10 146 Beſtellung im blauen Hecht droben gemacht, und wollten nur vor allem Gewißheit wegen des Looſes. Ich be⸗ ſorge die Reiſe⸗Auslagen. So? erwiderte Remmert mit mißtrauiſchem Lächeln. Und kommen, Euch ſelbſt zu Abend einzuladen. Es muß nun was drauf gehen. 2 Aha! brummte der Alte. Danke ſchön, und wünſche geſegnete Mahlzeit, benebſt geruhſamer Nacht. Alle ſtutzten, und der Advokat fragte: Was gib's denn aber mit dem Loos? Ja, Remmert, was gibt's mit dem Loos? fragte auch der Wirth. Remmert klopfte auf die Taſche. Beide Fragenden fragten einander mit befremdeten Blicken an; dann forderten ſie Katharinen auf, den Anſprüchen ihrer beiden Freundinnen—„Rechnung zu tragen“, nach dem damals aus dem Parlament her gängen Ausdrucke. Käthe ſteht in meinem Brot; erklärte Remmert, und Rechnung trage ich. Er klopfte wieder auf die Taſche. So bitte ich mir mein Drithel vom Loos aus, Herr Forſtmeiſter! ſagte Suſette mit einem ſcherzenden Knickſe. Das Papier läßt ſich nicht theilen, gnädig Fräulein, ſondern das Geld. 7 werde l zu üt anfau nerli allen gena gefu 147 D as kann aber nur mittelſt des Papiers gehoben werden, Herr Forſtrath! Kommt Zeit, kommt Rath! Unſere Reiſenden traten zuſammen an's Fenſter, um zu überlegen, was man mit dem eigenſinnigen Menſchen anfangen ſollte. Und freilich war ſein verſchloſſenes, in⸗ nerlich brütendes, nach außen abwehrendes Benehmen allen ein Räthſel, ſelbſt für Katharine, die ſonſt ihren Oheim genau kannte. Nur hatte ſie ihn noch nicht im Selbſt— gefühl von Beſitzthum geſehen, und darin eben lag es. Remmert hatte zum erſtenmal die Empfindung von vielem Geld, das er in der Anweiſung auf ſolches feſt hielt. Mißtrauen gegen den Advokaten und den Wirth war die erſte Regung, die er aber nicht verrathen durfte Von der andern Seite bedrängte ihn das demokratiſche Theilen, dem er bisher ſelbſt das Wort geredet hatte. Aber auch dieſe Beſorgniß durfte er nicht laut werden laſſen; er mußte das Loos zugleich feſt und geheim halten. Dies war für einen Mann, wie Remmert zu viel: es machte ihn unbeholfen und ſtöckiſch. Gewohnt in ſeinem Lebens⸗ und Geſchäftskreiſe, in dem Maße, als dieſer beſchränkt und roh war, hart und herriſch zu verfahren, fehlte es ihm an Ueberlegung für das Ver⸗ wickelte und an gewandter Rede zum Unterhandeln. Er gehörte zu jenen ungebildeten Leuten, die das Ver⸗ 10* 148 drießliche in ihrem Innern ſich anſammeln laſſen, bis etwa unter anſchwellendem Zorn und⸗Zank ihre ſchwere Zunge flott wird; da ſie dann deſto heftiger los⸗ ſchlagen. Und hierzu war der Anlaß näher, als Remmert dachte. Die am Fenſter Berathenden achteten nicht darauf, daß mehr und mehr Menſchen ſich um das Haus ver⸗ ſammelten, bis ein entſetzliches Vivat hoch! erſcholl. Ehe der betroffene Remmert aber das Fenſter er⸗ reichte, zu ſehen, wem es gelte, traten drei lumpige, bärtige Geſellen in die Stube, reichten dem Forſtlaufer die Hand und wünſchten ihm Glück zum großen Ge⸗ winn.—— Endlich iſt doch einem edeln Volksmann ein Glück, uns Allen voraus, zu Theil geworden, ſprach der Wortführer, und unſerm lieben Alten wird nun zuerſt die Freude, zu zeigen, wie's Brüder miteinander halten ſollen. Nicht wahr, Konrad? Was wollt ihr, beſoffene Schlingel? fuhr Remmert ſie plötzlich an. Theilen wollt ihr, ihr Sacker⸗ menter? Bruder, was iſt das? verſetzte der Sprecher. Ei wie kommſt Du dazu, jetzt zu ſchimpfen? Seht doch! Bisher haſt Du aus dem großen Maul mit uns ge⸗ theilt, nun thu' auch einmal die Taſchen auf! Was? ſchrie der Alte von Jähzorn hingeriſſen. Euch ſoll gleich ein Donnerwetter, wenn ihr euch nicht auf der⸗Stelle zum Teufel ſcheert! Theilen wollt ihr? Gut! Wir wollen kurze fünfzehn machen, ich will mit euch theilen! Und indem er mehrere Bilder von der Wand riß, und jedem der drei Abgeordneten eines, daß Glas und Rahmen brachen, vor die Füße warf, ſchrie er: Da haſt Du den Schlöffel! Da haſt Du den Blum! Und Du den Trützſchler! Und hier theilt euch in den Zitz— nach der Elle,— ihr zerlumpten Gauner! Ich will nichts mehr mit euch zu thun haben, ihr Hallunken! Das war aber zuviel, ſelbſt— oder beſonders für Betrunkne. Sie drangen auf den Alten ein. Die bei den Mädchen ſprangen abwehrend dazwiſchen; der Ad vocat bot Vergleiche an, worauf aber der unbedachte Alte— was Vergleich! rief, mit Pöbel iſt kein Ver gleich! Dies damals ſo höchſt verpönte Wort, zündete wie Pulver.— Pöbel hat er geſagt! ſchrieen ſie durch einan⸗ der, und Einer rief zum Fenſter hinaus: Volk, deutſches Volk, komm' herein! Hier hat euch ein Verräther„Pöbel“ geſchimpft. Henkt den Ver räther auf! Er iſt von Oeſterreich beſtochen und erkauft, und will Alles für ſich behalten, der Ruſſen ſpion! 150 Doch der Alte kam weitern Angriffen mit einem raſchen Griff nach ſeiner Doppelbüchſe zuvor, und ſchlug an. Die Mädchen entflohen ſchreiend, der Wirth zog ſich hinter Remmert's Rücken, der Advocat unter den Tiſch; und es wäre ohne Zweifel zu Schlag und Schuß gekommen, hätten nicht einige der Jäger, deren Com⸗ pagnie dieſen Morgen eingerückt war, und die mit ihren Büchſen eintraten den bewaffneten Frieden her⸗ geſtellt, und den wüthenden Forſtlaufer zur Beſinnung gebracht. Jetzt, im Gefühle des Sieges und ſeiner Losſagung von der Sache der ohne Theilung abziehenden Brüder, ergoß der alte Mann ſein polterndes Nachgewitter. — Theilen wollen ſie! Lauſevolk, das nichts gelernt hat, und nichts thun will. Addiren durch Fleiß und Arbeit, und ihr Rauchen, ihr Saufen und Spielen ſubtrahiren— das mögen ſie nicht. Nur an's Multiplieiren denken ſie: Rothſchild, multiplicirt mit Bethmann, gibt hundert Millionen. Und fäm's zum Theilen, ſchlügen ſie ſich untereinander todt, um einen kleineren Diviſor zu haben. Aber die Schul⸗ meiſter ſind ihr Verderben. Der Römhild droben iſt ein großer Verfuͤhrer. Singt ihnen der Gauner Abends vor:„Geld, Geld iſt nur'ne Schindmähre“. Was das für Grundſätze ſind! Und die Nichtsthuer ſollen G 151 Menſchen bilden, die ſich's um fünf Groſchen ſauer werden laſſen? Aber— mein Loos! Er griff raſch in die Taſche. Na, da iſt es ja! Nach dieſem Sturm, worin der wunderliche Alte eine rechte Portion Angſt und Argwohn ausgewettert zu haben ſchien, zeigte er ſich heitrer von Gemüth und empfänglicher für die Vorſchläge des Advocaten, zu denen beide Glücksmädchen herbeigerufen wurden. Die Sache machte ſich ſehr einfach; Remmert ſollte mit ſeiner Nichte und als deren Beiſtand ſich den Reiſenden an ſchließen, und den Verhandlungen mit dem Bankier beiwohnen. Dies war Remmert zufrieden; nur meinte er, in Frankfurt könne er ſich mit ſeiner Montur nicht ſehen laſſen. Doch Katharine erinnerte ihn an den Dienſt⸗ rock, der im Schranke ſich recht gut erhalten habe. Und für hübſche graue Modeſten zum Rock ſorge ich! rief der Advocat. Aus dem erſten Kleiderladen, der uns in der Allerheiligengaſſe zu Frankfurt aufſtößt, ſtelle ich Euch eine neue Hoſe, und die alte, die ſich um das Glücksloos ſo verdient gemacht hat, erhält ihre ehrenvolle Dimiſſion, was man bei den Bauern hier recht paſſend den Auszug nennt. Wie Remmert auf dieſen Vorſchlag vergnügt über's Geſicht ſtrich, ſagte er: Na, da muß ich zu dem Staat mich auch ein bis⸗ 152 chen ſäubern und wieder einmal raſtren. Wer das heutzutag ſelber thut, wird nicht über'n Löffel barbiert. Der Pfarrer Bertig ſagte letzthin, im Parlament ſchlü— gen ſie Schaum auf Schaum, wer aber am Ende raſirt werde, das wiſſe der Himmel. Der Wirth Hambach machte nun, da er über das Glücksloos beruhigt war, den heiterſten Reiſemarſchal. Je verzweigter eine Rechnung ſei, bedachte er, deſto leichter verſteckten ſich die Rechnungsfehler. Er über⸗ redete den Forſtlaufer nun doch, mit Katharinchen nach Münſterborn zum Abendeſſen zu gehen, und über⸗ nahm das Paar auf die Auslagen der Reiſe, obgleich Ka⸗ tharinchen ihr Erſpartes dazu anbot.— Nun behalt's nur, Käthe! ſchäkerte der vergnügte Oheim. Du wirſt ja wohl doch in's Kloſter gehen! O lieber Oheim, erwiderte ſie, meint Ihr mit dem Geldgewinnſte hätte ich auch die eitle Welt lieber ge— wonnen?—— Man nahm zwei Landjäger zur Sicherheit gegen die etwa lauernden theilungsluſtigen Brüder mit hinauf nach dem Städtchen. Unterwegs erinnerte Suſette an die dritte Theilhaberin an Dortchen Kloß.— Die ſchwere Hacke, das hält uns aber aufW! rief Hambach. Wir haben ſie aber nöthig, entgegnete der Advocat. Die Dorthe, oder eine Torte müſſen wir haben. Ich bin eit Kloß Kloß! komme ſchicke uns junge glauf hier war ſo ſ hätt wiſſ bort Ra zur laſ S3 vor Ge 18 153 bin ein beſonderer Liebhaber von Mandeltorten. Wie? Kloß heißt ſie? Das iſt aber merkwürdig,— Dorthe Kloß! Die ſtammt gewiß aus Baiern. Aber wie be⸗ kommen wir ſie denn,— die Dorthe? Sie wohnt in Liebenzell zwei Stündchen ſeitwärts der Chauſſee, die wir morgen früh fahren, ſagte Su⸗ ſette. Ich ſchreibe ihr gleich ein paar Zeilen, und wir ſchicken noch den Abend einen Boten dahin. Sie muß uns an der Chauſſee erwarten. Sie kann ſich ja den jungen Rector Schnegel zum Begleiter mitnehmen, ich glaube doch, daß ſie mit ihm verlobt iſt. In Münſterborn angekommen, erfuhr man, daß von hier aus jene theilungsluſtigen Brüder ausgezogen waren. Hatte man nicht errathen können, woher ſie ſo ſchnell Kenntniß von dem Lotteriegewinnſt erhalten hätten: ſo ſchlug nun den Wirth Hambach das Ge— wiſſen. Sein„Hirſch“ ſtand nämlich mit dem münſter borner„Hecht“ in dem angenehmen Wald- und Waſſer⸗ Rapport, daß beide Gaſthalter einander die Reiſenden zuwieſen. So hatte der prahleriſche Hambach nicht laſſen können, ſeinem Collegen die reiche Braut ſeines Sohnes„im Vertrauen“ zu zeigen; machte aber die vorläufige Erfahrung, daß Vertrauen überhaupt kein Gewinn, ſondern eine Einbuße des Sommers von 1848 war. — ³◻ Der Omnibus, der mit unſerer anwachſenden Reiſe⸗ geſellſchaft am frühen Morgen von Münſterborn ab fuhr, war weniger, als der geſtrige, beſetzt. Auch ging es darin viel ruhiger zu: der Morgen war kühl, die Menſchen nüchtern geſtimmt, und wer unter Wegs ein ſtieg, brachte auf eine Weile neues Befremden und Stocken in die Unterhaltung. Die dritte Theilhaberin am Looſe lag unſern Zu⸗ ſammengehörigen ohnehin mit einiger Unruhe der Er wartung im Gemüth. Doch hatten ſie kaum die ver⸗ einzelt gelegene Schenke,„zum kalten Mann“ genannt, wo der Kutſcher zu füttern pflegte, erreicht, als Dort⸗ chen an die Thür zum Omnibns geſprungen kam, auf den Tritt hüpfte, und die Hand in den Wagen reichend — guten Tag, Suſette, guten Tag, Kathinka! jubelte. Ach Gott, ihr Mädchen, was ein Glück iſt uns doch beſcheert worden! Aber ſagt mir nur— Man winkte ihr zu ſchweigen, öffnete den Schlag und ſtieg aus. Die Mädchen verſtändigten ſich ver⸗ traulich unter einander, bis ſie des jungen Mannes anſichtig wurden, der mit Dortchen gekommen ſchien. „Herr Rector Schnegel!“ ſtellte ſie ihn lachend vor, und ſetzte raſch verbeſſernd hinzu:„Herr Doctor“ wollt' ich ſagen. danti mitge hoffe ich 1 Der Genannte, ein blonder, rundlicher Mann mit dem Ausdrucke der Kurzſichtigkeit in Blick und Beneh men, trat mit treuherziger Unbeholfenheit heran, indem er unter abgenommener Mütze eine glatte Stirne zeigte, die ſich durch kurzgeſchornes Seitenhaar in eine ausge⸗ breitete Frühglatze verlief. Fräulein Dortchen, ſagte er lächelnd, in etwas pe⸗ dantiſchem Tone, hat mich freundlich zu ihrem Ritter mitgenommen auf mir noch unbekannte Abenteuer, ſo hoffentlich keine Windmühlenkämpfe ſein werden. Immer vergeſſen Sie wieder, Herr Schnegel, daß ich nicht Dortchen heiße, ſondern Doris. Verzeihen Sie, Fräulein Kloß! lächelte er. Ich habe mich noch nicht recht an die Doris gewöhnt, wie Sie noch nicht an den Doctor, wie wohl beide zu guter Vorbedeutung mit D, delta, anfangen. Uebrigens iſt Dorothea ein ſchöner und wohlklingender Name, aus dem Griechiſchen ſtammend und ſich im männlichen Theodor wiederholend. Beides weiſt auf„Gottes Gabe“ hin. Ich hab' einmal eine Novelle ſchreiben wollen„Theodor und Dorothe“ betitelt,— gewiß ein ſchöner Gedanke! Aber die gelehrte Abhandlung zu meinem Doctorat über Deutſchlands Bergzüge und Flußthäler bezüglich vor— und jetztweltlicher Pflanzen, ſowie einheimiſcher und abgeleiteter Kultur— 156 Ach, der Herr Praticant Hertwig! rief Doris vergnügt. Wirklich kam ein Reiter um den Garten geſprengt, hielt kurz an, und ſchwang ſich vom ſteifen Klepper, den er grüßend am Zaume hielt, bis ihn der Hausknecht abnahm. Hab' ich den Liebenzeller Flüchtling erreicht? rief der junge Mann geziert in Manieren, wie er es in ſeinem Anzuge war. Reizende Dorette, wie konnten Sie ſo verſtohlen unſerm Liebenzell das Liebenswürdige rauben und es Ihrem Verehrer zu einer Zelle der Verzweiflung machen? Doch Pardon! Sie haben mich den Herrſchaften genannt, darf ich nun meiner Seits bitten— 2 Dorette nannte ihm beide Freundinnen, und Su⸗ ſette ſetzte artig die Namen der Männer hinzu. Hert⸗ wig grüßte; dem Advocaten reichte er die Hand im Namen der Göttin Themis. Doch nahm Wilhelmi den Gruß offenbar mit Verdruß auf. Daß noch ein Juriſt ſich einmiſchen wollte, durchkreuzte ſeine Plane, ſeine Berechnung und war ihm ſehr ärgerlich. Der Practicant im Gegentheil ſuchte den Schein der Uneigennützigkeit geltend zu machen. Er hatte bis⸗ her an dem hübſchen Mädchen nur die heimliche Aus⸗ ſtellung ihrer Vermögenloſigkeit gehabt. Nun hoffte er mit ihrer Hand einen guten Fang zu thun. Ihren ich m Verau mir d jetzt 1 doch eits 157 erklärten und von der Mutter begünſtigten Bewerber, den Doctor Schnegel fürchtete er dabei weniger, als den Verdacht, daß ihn der Gewinn zu ſeiner Bewer bung beſtimmt habe; daher er den Unwiſſenden über das Loos zu ſpielen ſuchte. Aber wiſſen Sie, graziöſe Dorette, ſagte er, daß ich mir den Kopf zerdrochen habe über alle denkbaren Veranlaſſungen ihrer⸗Flucht? Auf Ehre, ich konnte mir das Räthſel nicht löſen. Keine Ahnung faßt auch jetzt noch Wurzel in meinem Herzen. Was Sie ſagen! lächelte Dorette. Und folgten mir doch? Woher wußten Sie denn aber—? Mein Aufwärter Thomas ſchüttelte mich aus mei⸗ nem ſüßeſten Traume mit der Meldung, Sie ſeien eben im Geleit dieſes glücklichen Schnegels zu Fuß fort, um in Frankfurt—. Doch ich laſſe ihn nicht ausreden, ich jage ihn zum Wirth um ein Pſerd.„Ein Pferd! Ein Actuariat für ein Pferd“! rufe ich à la König Lear. Das Wort Frankfurt bezeichnet mir die Welt gegend; ich jage was mein edles Roß Babieca vermag, hinter meiner verlornen Timene her, und da bin ich, ihr durch alle Geheimniſſe einer räthſelhaften Flucht zu folgen. Doch der Kutſcher rief ſchon: Wolle Se einſteige! 158 Und Dorette umarmte Suſetten mit den leiſen Worten: Ach, er liebt mich Suschen! Verſtehſt du ihn denn auch, was er Alles ſpricht? So poetiſch! Lieber Colleg in Ulpian, flüſterte der Advokat dem Practikanten zu, ich ſehe ſchon, Sie ſind ein Liebhaber von— Mandeltorten! 7 Fräulein Doris, erlauben Ste mir! Mit dieſen Worten wollte der Rector ſeine Geliebte in den Omnibus heben. Sie aber, mit den ſchnöden Worten: Hören Sie denn nicht, daß ich Dorette heiße? Zögerte, bis der Practikant zuſprang, und ihr die Hand bot. Ein zärtlicher Druck beider Hände beſiegelte das Wechſelverſtändniß. Sie durchgehen aber raſche Metamorphoſen! be⸗ merkte der einſteigende Rector. Dorothea, Dortchen, Doris, Dorette—. Thörin! flüſterte hinter ihm her der Advokat, är gerlich auch über die Geliebte des ihm ärgerlichen Juriſten. Dorette war ein mageres, aber gut gewachſenes Ding, vom niedlichen Fuß aufwärts bis an die ſtark hervorſtehenden Schlüſſelbeine des Halſes; ein Paar kokette Augen und eine ſchnippiſche Zunge, die ein wenig anſtieß, belebten ihr niedliches Phantaſtegeſicht. Gerade der Mißmuth, den der junge Rector über die ſo ſonſt ſeiner Untert wohlw ihn. und E Vfarr 159 die ſo wandelbare„Gottesgabe“ empfand, regte den ſonſt ziemlich pflegmatiſchen Mann dazu an, ſich mit ſeiner Nachbarin Katharie in eine lebhafte und trauliche Unterhaltung einzulaſſen. Ein guter Verſtand, ein wohlwollender Sinn und ernſtes Gemüth überraſchten ihn. Noch unerwarteter begegneten ihm gute Urtheile und Einſichten, die Katharinchen ohne Zweifel aus dem Pfarrhauſe mitgebracht hatte. Dieſer Verkehr, ſo traulich und annähernd, verdroß im Stillen doch die kindiſche Dorette, wenn auch nur, daß ſie dadurch um den Triumph kam, ihren älteren Liebhaber durch die Huldigung des neuen zu reizen. Sie zog endlich Katharinchen auf ihren Schooß und flüſterte ihr in's Ohr: Du haſt da den närriſchſten Kauz zur Unterhaltung, meinen alten Verehrer. Ach! er iſt ſo langweilig und ſchwerfällig! Wenn Du ihn ärgern und los ſein willſt, ſo titulir' ihn nur„Herr Schulmeiſter“: denn er hört ſich gar zu gern„Doctor“ nennen. Während deſſen flüſterte der Advokat dem beſpro⸗ chenen Doctor zu: Sehen Sie nur, was die Doris ſich für ein aller— liebſtes Bruſtſtück zugelegt hat. Das Accidenz wär' mir lieber als das Prinzipale, wie wir Juriſten ſagen. Der Rector platzte in ſolches verbiſſene Lachen aus, daß er ſich ſchneuzen mußte. 160 Katharinchen, die ſich wieder zu ihm ſetzte, wollte ihn aber nicht ärgern; ſie nannte ihn nicht nur Herr Doctor, ſondern öfter auch lieber Herr Doctor. Das wiederholte Aus- und Einſteigen der wech⸗ ſelnden Reiſegeſellſchaft gab öftern Aufenthalt; ſo daß der Omnibus um einige Minuten zu ſpät für die Ei⸗ ſenbahn nach Frankfurt in der Provinzialſtadt anlangte. Da nun vor zwei Uhr des Nachmittags kein weiterer Zug abging, und man mit einem Miethwagen juſt in die Mittagſtunde des Bankiers zu kommen fürchtete; ſo entſchloß man ſich über Mittag zu bleiben. Die Geſellſchaft theilte ſich nach verſchiedenen Ab⸗ ſichten. Hambach und der bisher ſehr ſchweigſame Forſt⸗ laufer ergriffen das Nächſte und ſetzten ſich zu einer Flaſche Wein im„Rebſtock“, wo man angefahren war. Die Andern behielten ſich ihren Appetit für den Mit⸗ tagtiſch vor, und gingen die Stadt zu beſehen. Practikant Hertwig hatte ſich gleich Dorettens be⸗ mächtigt und wandelte den andern voraus. Der Ad⸗ vokat nahm des Augenblicks wahr, da ſich Suſette vom Rector mit einem Glaſe Waſſer bedienen ließ, um Ka⸗ tharinchen anzureden. Aergerlich über den Practikanten als ei immer der ſamme mit le wie ei wüͤrdi flatter d nicht, herzi wertl rothe 161 als einen hinderlichen Juriſten und zu kleinen Ränken immer aufgelegt, faßte er den Gedanken, den Doctor der Philoſophie mit dem klöſterlichen Katharinchen zu⸗ ſammen zu bringen. So ließ er ſich denn gegen ſie mit lebhaftem Lob über ihn aus und vertraute ihr an, wie eingenommen er von ihrer Bildung und Liebens⸗ würdigkeit ſei, und ſich durch ihr ſolides Herz über die flatterhafte Dorette enttäuſcht ſehe. Die Kleine ſchien ſehr geſchmeichelt. Sie verſchwieg nicht, daß ſie den Doctor bei ſeiner ſchlichten Offen herzigkeit in den paar Stunden Wegs als ſehr ſchätzens⸗ werth kennen gelernt habe, und ereiferte ſich üͤber Do⸗ rothea, die einem ſo braven Manne unziemlich begegne und ihm einen Gecken vorziehe. Wie ich höre, ſagte Wilhelmi, ſo haben Sie in ein Kloſter gehen wollen. Wo denken Sie hin! das iſt ein Irrthum in Ihrer Selbſtkenntniß! das Kloſter iſt Ihr Beruf nicht. Mein Beruf nicht? lachte ſie verlegen. Woher kennen Sie denn meinen Beruf, Herr Procurator? Woher? Ei der liegt doch am Tag. Ein liebreiches und liebebedürftiges Herz verräth ſich dem Auge des Kenners. Was Ihnen die gütige Mutter Natur zum ſchönſten Schmuck gegeben, das gehört unter den Shawl einer Dame, nicht unter das Nonnenſkapulier. In ihrer unſäglichen Verlegenheit brachte die hoch— Koenig, Seltſame Geſchichten 11 162 erröthende Katharina nur die bebenden Worte: Wenn Sie meinen—! hervor, und blieb, an ihrem Anzug ordnend, ſtehen, um zu ihrer Rettung das nachfolgende Paar zu erwarten— den Doctor mit Suſetten.—— Die Straßen waren ungewöhnlich lebhaft; die Fabriken ſtockten, und die Arbeiter betrieben die öffent⸗ liche Politik. Verſammlungen fanden Statt und man ſprach von drohenden Bewegungen in Frankfurt. Es ſollte zu Malmö ein Waffenſtillſtand mit Dänemark abgeſchloſſen worden ſein, wobei Preußen die ihm von der Centralgewalt ertheilte Vollmacht gegen das Inte⸗ reſſe der deutſchen Nation überſchritten hätte. Man erwartete nur noch beſtimmtere Nachrichten und ſah den entſetzlichſten Folgen entgegen. Stiller ging es dazwiſchen mit der Liebespolitik unſerer mitreiſenden Paare zu. Während beide Mäd⸗ chen vor dem Putzladen einer Demoiſelle Sponſel ſtehen blieben, nahm Wilhelmi den Rector bei Seite. Ein prächtig Mädchen, das Katharinchen! ſagte er. Laßt's Euch nicht entgehen, Doctor der Weltweisheit! Geld und Gemüth! Ich hab' ihr Euretwegen auf den Zahn gefühlt: ſie beißt an, auf mein Wort! Und indem er mit ſchalkhaftem Lächeln auf den Namen des Ladenſchildes wies, ſetzte er hinzu: Sponſalia, Doctor! Ominös!— Der Doctor lachte in ſein Sacktuch hinein, und der Adoi führ wan Jiel — 163 Advocat, um ihm Gelegenheit zur Erklärung zu geben, führte Suſetten weiter, indem er ſie auf das voraus⸗ wandelnde Paar aufmerkſam machte. Der Prakticant ging mit Entſchloſſenheit auf ſein Ziel los. Das Mädchen hatte ihm ſchon länger angeſtanden, nur nicht die Lage in der es mit der Mutter, einer Bauverwalterswitwe, von kleiner Penſion und etwas Gartenbau lebte. Hieran war nicht viel zu theilen⸗ indeß das Lotterieloos ein recht annehmliches Lebens⸗ loos verſprach. Er vertraute jetzt der Geliebten ſeine Ausſicht auf Anſtellung beim Juſtizamt, ſprach von ſeinen Träumen einer ſchönen, geſelligen Häuslichkeit, und warb um das ſüße Händchen, das ihm ſolche ſchaffen ſollte, und das er eben in der ſeinigen hielt. Mädchenhaft befangen und doch mädchenhaft ver⸗ gnügt, halb ausweichend, halb aus Citelkeit ſich gel⸗ tend zu machen, verſetzte Dorette: Lieber Hertwig,— vor Allem muß ich Ihnen ſagen, welche Angelegenheit mich nach Frankfurt— Nein, nein! fiel er ihr in's Wort. Ich habe ſchon bemerkt, daß es ein Geheimniß iſt, an dem ich keinen Antheil haben will und darf, ehe ich nicht Ihr Herz be⸗ ſitze, himmliſche Dorette. Das Herz iſt die Kapſel der Seelengeheimniſſe. Schenken Sie mir ihr Herz, ſo be— 11 164 komme ich den Mitverſchluß ihres Depoſitums, ich werde, wie es beim Amte heißt,— Condepoſitar ihres Ge— heimniſſes. Das war aber zu lieb von dem uneigennützigen Geliebten! Dorette drückte ihm die Hand, und blickte ihm erröthend in die Augen. Alſo ja? Engel des Glücks— ja? fragte er, und vernahm ein halblautes: Ja, lieber Philipp! Er drückte ihr wieder und wieder die Hand, indem er flüſterte: O ich glücklicher Viellieb! Wie verwünſche ich dieſen belebten Paradeplatz, der mir nicht geſtattet, mein Glück und Alles an mein klopfendes Herz zu drücken!—— Er mußte ſich aber doch ſehr an die Glücksbraut angeſchmiegt haben; denn der hinter dem Paare herkom⸗ mende Advocat machte Suſetten aufmerkſam auf dieſe Zärtlichkäit und deren Bedeutung. Mit einem lebhaf⸗ teren Schritt erreichten beide auch das träumeriſche Paar, und der maliciöſe Wilhelmi redete ihn mit den Wor ten an: Aha, Herr Collega in Ulpian, Sie ſtehen an der juriſtiſchen Materie von der dos(Mitgabe); Sie decliniren aber nicht dos— dotis, ſondern dos— Doris! Ach nennen Sie mich doch auch lieber Dorette, Herr Procurator! bat die roſige Schöne. 165 Recht gern! entgegnete er. Wie Sie es wünſchen. Meinetwegen— Dorette wiener Währung. Apropos, Herr Procurator! Ich höre, unſer großer Gewinn ſei— wiener Währung;: was heißt denn eigent⸗ lich„wiener Währung?“ orette! verſetzte, D Will ich Ihnen ſagen, ſchöne eine Priſe nehmend der Advocat. Sehen Sie, weil man in Oeſterreich ſo unpünktlich zahlt, daß es immer eine Ewigkeit währt, bis man ſein Geld kriegt, ſo ſtellt man alle öſterreichiſchen Zahlungen auf wiener Währung. Um Gotteswillen, das könnte ja mithin auch ſo mit unſerm Gewinn gehen? Möglich! Ja, er könnte ganz ausbleiben, neckte Wilhelmi. Drum müſſen Sie's machen, wie jener Bauer der heirathen wollte, und mußte der Verwandt⸗ ſchaft mit ſeiner Verlobten halber die Erlaubniß vom Pabſt haben. Da lief er alle Tage zum Pfarrer, ob die Erlaubniß noch nicht da ſei. Der ungeduldige Pfarrer jagte ihn endlich fort mit den Worten: Laßt mir Ruh', Nachbar Michel! Rom iſt weit von hier. Müßt's abwarten. Sobald's kommt, werdet Ihr's hören!—— Worauf der Bauer verſetzte: Nun, Herr Pfarrer, nichts für ungut! Ich will Geduld haben; aber— in der Hauptſach' fahren wir derweile fort. 166 Sehen Sie, Dorette, ſo machen Sie's auch! Fahren Sie mit dem Heirathen all' die Weil fort! Suſette fand natürlich kein Wohlgefallen an dieſen Späßen, und wendete ſich gegen Katharine und den Doctor Schnegel zurück. Wilhelmi folgte ihr mit ver⸗ biſſenem Lachen Der glückliche Amtsprakticant hatte eine ſtille Wuth über den Advocaten, durfte aber nicht verrathen, daß er vom Looſe und der wiener Währung etwas wiſſe, denn jetzt erſt kam Dorette dazu, mit aller Haſt ihrer Beſorgniß, dem Geliebten den Glücksfall mitzutheilen. Hertwig ſuchte ſie zu beruhigen. Es iſt eine glück⸗ liche Fügung, ſagte er, daß ich Dir gefolgt bin, theure Dora! Dieſer Rabuliſt und der Wirth Ham bach haben offenbar betrügeriſche Abſichten gegen Euch Mädchen. Beide, die doch das Geſchäft gar nichts angeht, haben ſich nur zugedrängt, um ih ren Schnitt dabei zu machen. Ich habe gleich dieſem Wilhelmi den Aerger angemerkt, den er gegen mich faßte. Daher die läppiſchen Späße, mit denen er ſich an mir zu reiben ſucht. Mit der wiener Währung hat er Dich nur geneckt, zugleich aber auch ſeine böſe Abſicht verrathen. Vorgeblich, daß das wiener Haus noch nicht zahle, wollen Sie euch mit einer kleineren Summe abkaufen. Aber nun hat er es mit mir zu thun. Du gibſt mir Vollmacht in Deinem Intereſſe zu handeln. Und wartet nur, ihr Eindring⸗ 167 linge! Wir wollen nun ſuchen, das Loos in die Hand zu kriegen, und ihnen beim Frankfurter Bankier zuvor zu kommen. Wir wollen uns des Vortheils bemächtigen, den ſie im Auge haben. Wie nun im täglichen Leben einer böſen Abſicht nur allzu oft die gute Gelegenheit zur Hand iſt: ſo hatte der junge Prakticant ſeine Vorausſetzung einer betrü geriſchen Speculation kaum gefaßt, oder erfunden, als er ſich von einer barſchen Stimme mit: Hertwig, altes, fideles Haus! angerufen hörte, und ein bärtiges Ge— ſicht erblickte, aus dem er nicht ohne einige Anſtrengung einen Univerſitäts⸗Kumpan herausfand, der früher ſehr glatt um's Kinn geweſen war. Lebhafte Begrüßungen, haſtige Fragen und ſtockende Antworten begegneten ſich. Hertwig ſtellte Doretten aber nicht als ſeine Verlobte, ſondern einfach mit Vor⸗ und Familiennamen vor. Flügel begrüßte ſie mit deut⸗ ſchem Händedruck und fragte im Ton des Geſchäftigen: Wo treffen wir uns heut? Wir haben uns viel zu ſagen. Himmel, wie hätten wir dieſen Umſchlag der Zeit nur im Traum geahnt, Hertwig? Unſer Volk hat über Nacht das große Loos ſeiner Zukunft gewonnen. Apropos, Flügel, ich hab' ein Anliegen Gut! Wo ſeh'n wir uns? Ich muß jetzt fort. Wir haben eine Sitzung. Ich gehöre zum Volksrath. Wir wollen eine Petition an's Parlament erlaſſen, eine 168 Deputation hinſenden mit der Forderung, daß jeder Friede mit Dänemark verworfen, und der preußiſche Particularismus verdammt werde. Nochmal apropos! fiel Hertwig ein. Wir haben's eben mit einem privaten Particularismus zu thun. Wir begleiten Dich eine Strecke. Höre! Ein Wirth und ein Advocat aus Neuenzell gehen damit um, dies Fräulein und zwei Freundinnen, drei Töchter des Volks, um ein Lotterieloos zu prellen, das gewonnen hat, und deſſen Betrag zu einem edeln Volkszweck verwen⸗ det werden ſoll. Klagen, Unterſuchen wäre zu umſtänd⸗ lich. Könnte man ihnen nicht das Loos abnehmen, und Beide ein vierundzwanzig Stündchen einſtecken? Ließe ſich das nicht von Volksrathswegen machen? Warum nicht? erwiderte Flügel. Wofür hätten wir die neue Freiheit errungen, als daß man auch einmal ſolche Geſellen einſtecken kann. Wo halten ſie ſich auf? Im Rebſtock, bis zum nächſten Bahnzug. Siehſt Du dort! der mit den beiden Frauenzimmern iſt der Rabuliſt, und der Wirth ſitzt beim Wein. Gut! nun laß mich machen. Halt ihn hier ein wenig auf, daß wir ihn gleich finden. Hertwig bat nur noch, daß man ihn ſelbſt aus dem Spiel laſſe. Dann trat er zum Advocaten und erzählte der den beiden Mädchen, wie er eben einen Univerſitäts Frel an! 1 169 Freund gefunden, und was er wegen einer Deputation an das Parlament von ihm erfahren habe. Ich dachte, Sie wollten auf dem„Flügel“ eine Freiheitsſonate vierhändig ſpielen, bemerkte Wilhelmi. Flügel? Kennen Sie ihn? fragte betroffen der Practicant. Ich habe dort einen Bürger gefragt, und gehört, es ſei ein beflügeltes Volksrathsmitglied. Eben traten drei Bewaffnete von der Freiſchaar heran und forderten den Advocaten auf, ihnen zu fol gen.— Der Prakticant entfernte ſie mit Doretten, und Wilhelmi proteſtirte vergebens, auch im Namen der Demokratie, gegen ſeine Arreſtation: er wurde auf's Rathhaus zur ſtädtiſchen Polizei abgeführt. 7. Flügel, der Volksmann, hatte ſich bei ſeiner polizei lichen Vorkehrung nicht auf ſeinen Freund Hertwig, ſondern nur auf dunkle Anzeigen gegen die beiden Durchreiſenden aus Neuenzell berufen können. So kam's daß der unterſuchende Polizei-Commiſſar auf durchaus unparteilichen Boden trat. Er war ein älte rer, erfahrener Mann, der zu manchen Vorgängen jener Zeit lächelte. Und da ihm die Möglichkeit vorſchwebte, 170 daß die gegen beide Fremde gerichtete Beſchuldigung betrügeriſcher Abſicht und Gaunerei, bei der herrſchen⸗ den Aufregung, auf Mißverſtändniß oder Parteilichkeit beruhen könnte: ſo glaubte er um ſo mehr ſein Ver hör beeilen zu müſſen, als den vielleicht ſchuldloſen Reiſenden durch Verzögerung doppeltes Unrecht geſchehen würde. Bei dieſer Vorausſetzung legte er kein großes Ge— wicht auf das Vorgeben des Advocaten, daß ſie Ab— geordnete der Demokratie ihres Wahlbezirkes ſeien, beauftragt mit den Frankfurtern über beſondere Fragen Rückſprache zu nehmen. Nöthiger aber hielt es der Unterſuchende die drei Frauenzimmer vorzuladen. Doch erſchien nur Suſette und Katharine: Dorette war mit ihrem Begleiter noch nicht in's Gaſthaus zurück ge— kommen. Nun verlangte der Commiſſar die Papiere der bei— den Männer,— Heimathſcheine, perſönlichen Ausweis u. d. gl. Wie nun Hambach ſeine Brieftaſche haſtig öffnete fiel mit dem bekannten Zeitungsblatte ein noch uner⸗ brochener Brief auf den Tiſch, den der verblüffte Mann haſtig wieder an ſich nehmen wollte. Deſto beſtimm— ter aber forderte der Commiſſär ihn zu ſehen, und las die Adreſſe: agen Doch mit 171 „An Suſette Maienſchein, Kammerjungfer auf Burg Stöckelberg bei Neuenzell.“ Das bin ich ja! liſpelte Suſette erblaſſend. An Sie iſt der Brief? fragte der Commiſſär. Und wie kommt er in Ihre Taſche, Bürger Hambach. An meinem Haus, wie die Jungfer ſelber weiß, wird die Poſt abgegeben, die Nachts vorüberkommt; denn wir haben keine Poſtſtation, erklärte Hambach. Darunter war auch dieſer Brief. Und da wir nächſten Morgen mitſammen reiſen wollten, ſteckte ich den Brief für die Jungfer ein, und hab ihn über unſere Angelegenheit rein vergeſſen. Da Suſette um ſchnell in den Beſitz des Briefes zu kommen, gegen dieſe ihr gleich verdächtige Erklärung nichts einwendete, ſo erhielt ſte den Brief und der Unter⸗ ſuchende fragte nach dem Lotterieloos. Das verwahrt der Forſtaufſeher Remmert, der mit— reiſende Oheim dieſes Fräuleins, mit Zuſtimmung die⸗ ſer beiden Theilhaberinnen berichtete Wilhelmi. Uns beide Begleiter geht die Sache nichts an: aber gelegent⸗ lich unſerer Mitreiſe gehen wir den drei jungen Frauen⸗ zimmern gern mit Rath und Beiſtand an die Hand. Da hat ſich aber noch ein Dritter zugedrängt; ſo ein banauſiſcher Liebesbewerber des abweſenden Fräuleins, den ich unmittelbar vor meiner Arreſtation ſehr eifrig mit dem Volksrathe Flügel habe verhandeln ſehen. Ich 172 bitte, Herr Commiſſar hiervon„Act zu nehmen“, wie —ι man ſich jetzt ausdrückt. Dieſer Dritte iſt nicht in un⸗ ſerer Ordnung, ſondern gehört— zur Doriſchen Säu⸗ lenordnung. Was heißt das? fragte der Unterſuchungsmann. Ich will ſagen, er bewirbt ſich um die Mamſell Doris, die Mitbeſitzerin des Looſes, die er zu ge⸗ winnen ſucht. Der Commiſſar lächelte; glaubte nun aber auch den rechten Einblick in die Anklage gethan zu haben, und nach einigen weiteren Fragen entfernte er ſich um auf der Stelle einen Beſchluß in der Sache zu veranlaſſen. Suſette zog ſich von den nun erfolgenden heftigen Ausfällen des Advocaten gegen den tückiſchen Prak⸗ ticanten nach einem Fenſter zurück, um ihren Brief zu leſen. Sie ahnte eine gute Nachricht von ihrem Tanner, obſchon es ihr jetzt faſt lieber geweſen wäre, wenn ſie ſelbſt ihm mit ihrem eignen Glück hätte helfen und beiſpringen müſſen. Nur der Wirth Ham⸗ bach, dem mit dieſem Briefe, wie man zu ſagen pflegt, die Butter vom Brote gefallen war, beobachtete die Leſende mit verſtohlenen Blicken. Er hätte gern am Eindrucke, den das Schreiben auf ſie machte, errathen mögen, wie's mit dem„Hochzeiter“ beſtellt ſei. Und wirklich, als Suſette über den beendigten Brief hinaus mit feuchtem, nachträumendem Auge gen Himmel blickte, nahm nigen Hoffn 173 nahm er dieſe leid⸗ und freudvolle Rührung einer in⸗ nigen Seele für Betrübniß und faßte wieder einige Hoffnung für ſeinen Lorenz. Ihr hört mir ſo zerſtreut zu, Hambach, bemerkte der Advocat. Nicht wahr, Ihr möchtet gar zu gern— Fräulein Suſette! Sie ſchrack bei dieſem Anruf ordentlich zuſammen. Der Hirſchwirth möchte gern wiſſen, was Sie von Mosjö Tanner für gute Nachrichten haben. Den Brief zuſ ſammenfaltend erwiderte ſie mit L Lächeln: O nein Herr Procurator, ſo neubegierig iſt Nach⸗ bar Hambach nicht. Er müßte ſich ja vor mir ſchämen: ich bin doch ein Frauenzimmer und verlange nicht zu wiſſen, wie es gekommen, daß Herr Hambach den Brief, dem Poſtzeichen nach, ſo lang zurückbehalten, und wa⸗ rum er ihn nicht mit den andern Briefſchaften geſchickt hat, die mir ſein Lorenz geſtern Morgen entgegen brachte. Eben als Banhſ zu ſeiner Rechtfertigung den Mund aufthun wollte, kehrte der Commiſſar höflich zurück mit der Erklärung: Die Sache hat ſich als ein Mißverſtändniß aus— gewieſen. Nehmen Sie nicht übel, daß Sie incommo⸗ dirt, und mit ihrem Mittageſſen ein wenig verſpätet worden ſind. Letzteres trage ich ſelbſt mit Ihnen und zwar bloß um Ihretwillen. Reiſen Sie glücklich und 174 nehmen Sie meine Gratulation zu dem hübſchen Ge⸗ winnſte, den Sie in Frankfurt zu empfangen haben. Möchte das Loos Deutſchlands aus dem Glücksrade des Parlaments bald, gleich Ihrer Nummer, mit dem höchſten Treffer herauskommen! Es lebe das Parlament! rief der Anwalt. Es lebe— Er war im Augenblicke zweifelhaft, ſollte er ſagen — die Republik oder der deutſche Kaiſer, und ſetzte daher, das Es auf das Parlament zurückbeziehend, hinzu: Ja, es lebe— hoch! Mit einem Scharrfuß gegen den Commiſſar öffnete er beiden Mädchen die Stubenthür. Unter andern Umſtänden wäre er ganz der Mann geweſen, der we⸗ gen grundloſer Verhaftung arg rumort, und von Ent⸗ ſchäpigung geſprochen hätte: jetzt war er zufrieden, ſo früh loszukommen, und hätte ſich nur auch geſtehen dürfen, daß der ihm ungewohnte Anſtand des Com⸗ miſſars ihm doch ein wenig imponirt hatte. Unterwegs zum Rebſtock erklärte der Advocat, man müſſe den Windbeutel von Prakticanten ſeines bos⸗ haften Streiches wegen, eine innere Verachtung fühlen laſſen, ſeine Geſellſchaft ganz ignoriren und über die Vernehmung gänzlich ſchweigen.— Dies werde ihn am meiſten drücken.— Uebrigens, ſagte er, habe ich neck geu 175 eine Feige in meiner Taſche, die er am ſchicklichen Ort an's Ohr bekommen ſoll. Nur nicht in unſerm Beiſein, Herr Procurator! neckte ihn Suſette. Das iſt eine Heldenthat, die keine Zeugenſchaft verträgt und von uns Mädchen lieber auf guten Glauben angenommen wird. Ja, fügte Katharina hinzu, und wenn's eine Wohl⸗ that ſein ſoll: ſo heißt's ja in der Bibel: laß die Linke nicht wiſſen, was die Rechte thut. Ihr Teufelsmädchen! rief Wilhelmi. Wo bekommt Ihr denn auf einmal den Witz her? Euer Liebesſom⸗ mer, glaub' ich, brütet ſolche Schnaken aus. Wie ſie, kaum ſchon erwartet, in's Gaſtzimmer traten, ſchienen in der That Hertwig und Dora ſo un⸗ angenehm, als Remmert und der Rector freudig über⸗ raſcht. Man ſaß bereits beim Nachtiſche und da es auf zwei Uhr ging, ſo mußten ſich die Verſpäteten mit ihrer Mahlzeit kurz faſſen. Der Advocat konnte doch ſeinen Aerger nicht ganz verwinden, und ließ ihn nach ſeiner Gewohnheit in geſuchten Witzen und Wortſpielen aus. Er ſchob einige der vor ihm ſtehenden Schüſſeln zurück, indem er mit anzüglicher Betonung ſagte: Von der einfältigen— Torte mag ich nichts! Auch der Roſinen kloß iſt mir zuwider. Aber, Herr Gaſt⸗ wirth, die Windbeutel in Ihrem reichlichen Deſſert 176 hätten Sie ſparen können: wir— pract iciren ſchon mit dergleichen. Aber Wirth Hambach ſchenkte dem Rebſtock nichts, ſondern leerte unter dem Bezahlen für ſeine Geſell⸗ ſchaft, von der er aber den Practicanten ausſchloß, ſeine Flaſche. Auf dem Wege zum Bahnhof nahm Wilhelmi den Rector bei Seite, erzählte ihm die Tücke des Practi canten, und fragte, ob er ſich gegen Katharinchen er klärt habe. Schnegel antwortete: Wie ich ſo recht im Zeug und Zug war, wurde ſie nach dem Rathhauſe abgeholt. Nun will ich eine gute Frankfurter Gelegenheit abwarten, und da ſie ſelbſt über ihren Gewinn ſich gegen mich ausgeſprochen hat: ſo iſt's ja nun auch einerlei, ob ich vor oder nach dem Geldempfang werbe, Vertrauen oder Mißtrauen in meine Uneigennützigkeit bleibt ja ſo doch ſich gleich. Während deſſen hielt ſich Suſette an Katharine, und erzählte ihr flüchtig den Inhalt des Briefes. Peter Tanner hatte nach manchen vergeblichen Schritten durch glückliche Fügung eine gute An ſtellung gefunden. Er war nämlich auf dem kölner Rhein⸗Dampfſchiffe durch ſein gutes Ausſehen dem mitreiſenden Prinzen Adolf in die Augen gefallen, und hatte ſich ihm auf deſſen Anfrage als gelernter Gärtner 2 bekannt gemacht. Der Prinz, ein großer Gartenlieb 75 177 haber, nahm ihn mit nach Biebrich und Schwetzingen zur Beſichtigung der Gärten. Dort ließ er ihn von den geſchickteſten Garten⸗Inſpectoren ihm ſelbſt unver⸗ merkt prüfen, und da er mit deſſen Bildung ſo zufrie⸗ den war, als ihm Tanners Perſönlichkeit ſchon gefallen hatte, bot er ihm die Stelle eines Hofgärtners auf ſeinen in Böhmen erkauften Beſitzungen an. Die Be⸗ dingniſſe waren günſtig und die Erlaubniß zur Ver⸗ heirathung gegeben. Nun verweilte der Prinz aus Intereſſe an den Parlamentsverhandlungen in Frank⸗ furt und Tanner fragte in dem Brief an, wie bald er nach Neuenzell kommen und Suſetten als Hofgärtnerin mit nach Böhmen nehmen könnte. Ach Gott! rief Katharine unſer gewonnenes Gut liegt ja auch in Böhmen. Da kann's ja Tanner überneh⸗ men, und zahlt uns beiden andern heraus. Aber wo ſo viel Geld hernehmen? fragte die über⸗ raſchte Suſette. Ei, ſein Prinz ſchießt's ihm vor, oder— der Prinz übernimmt noch die Beſitzung, und vielleicht höher als ſie für uns angeſchlagen iſt. Gut! ich will's mit Tanner beſprechen. Ei was biſt Du ſo berechnend geworden, Katharinchen! Ach, was werdet ihr nicht alles mündlich abzu⸗ machen haben! ſagte Katharinchen über ihre eigene Schalkheit erröthend. Koenig, Seltſame Geſchichten 12 178 Du— Nonne!l drohte Suſette. O wegen der Nonne— lächelte die Kleine. Hat dich der Doctor von Deiner Schleierſucht curirt? drohte Suſette mit dem Finger. Eduard hat ſich ziemlich deutlich erklärt, er wurde aber geſtört, flüſterte Katharine. Ach wie wurde mir, als er mich bei der Hand faßte ſo beklommen! Ich glaubte ſchon das platte Nonnenmieder anzuhaben. Alſo Eduard heißt er? lächelte Suſette.——— Es läutete zum zweiten Mal und man verließ den Warteſaal und eilte nach den Wagen.—— Die Fahrt nach Frankfurt war nur 30 Minuten lang und ziemlich ſtill. Als man, dort ausgeſtiegen, den Bahnhof durchſchritt, fragte Suſette, wo die Ge⸗ ſellſchaft einkehren werde. Der Advokat ſchlug den Gaſthof zur Windmühle, nahe der Zeil, vor. Nun übertrug Suſette die Vertretung ihres Antheils an Remmert und Katharinchen, nahm einen Fiaker und eilte voraus—„Zum engliſchen Hof.“ 8. Es fügte ſich günſtig genug, weil der Prinz erſt um 4 Uhr zu Mittag ſpeiſte, und nicht eher auch ſeine Leute entließ, daß Peter Tanner zu Hauſe war, als Suſette anfuhr und ihn beim Portier erfragte. Wie groß ſeine Ueberraſchung war, läßt ſich denken. 179 Er würde erſchrocken ſein, wäre ſein Brief nicht voraus gegangen, deſſen vergnügte Beantwortung er mit jedem Tage erwartete und nun zu erhalten glaubte. Wie lieb iſt es von Dir, Herzensbräutchen! ſagte er, daß Du mir ſo umſtändlich antworteſt. Er führte ſie in das Vorzimmer ſeines Herrn, der heut an der Table d'hote ſpeiſte, und drückte hier die ganze Umſtändlichkeit an ſein Herz. O nein, Peter, ſo iſt's nicht gemeint, ſagte ſie. Du ſollſt mir nur aus einer großen Verlegenheit helfen, wobei ich auf Deine Großmuth rechne. Darum komme ich eben ſelber. Ich habe nämlich. dem jungen Ham⸗ bach, em Lorenz, mein Wort gegeben. Du ließeſt ja monatelang nichts von Dir hören. Der Schalk ſpielte um ihre Lippen bei dieſem Be⸗ kenntniß, und ſo ward freilich ihr Muthwille mit Küſſen, ſtatt mit Eiferſucht erwidert. Aber ernſtlich, Peter,— es iſt nicht ganz ohne, wehrte ſie ſich. Er hat mir in aller Chrlichkeit erklärt, er dürfe mich jetzt heirathen, weil ich ſehr reich gewor⸗ den ſei. Da machte es mir Spaß, ihm die reiche Suſette zuzuſagen, und ſo war ich gefangen, als er darauf ein Zeitungsblatt hervorbrachte, wornach unſer Loos— denk dir Herzenspeter! unſer Loos— Du erinnerſt Dich ja, Peter!— die böhmiſche Be⸗ ſitzung gewonnen hat. Du lächelſt? Nicht wahr, 12* 180 Du glaubſt mir nicht? Aber ja, Peter— es iſt richtig, und wir ſind gekommen, das Geld zu he⸗ ben, wir drei Mädchen, mit dem alten Hambach und dem Advokaten Wilhelmi, und Du mußt mir nun heraus helfen, gegen Hambach. Aber,— ſo glaub' mir doch, und lächle nicht ſo, wie der ungläubige Thomas. Da lies nur ſelbſt in der Zeitung, und freue Dich mit uns! Sie hielt ihm das Blatt hin. Ja, ja, verſetzte er, das iſt das vorgeſtrige Blatt und ich erinnerte mich auch noch ganz gut eurer Num⸗ mer. Nun will ich dir auch gleich heraus helfen: der Lorenz verliert, und der Peter bleibt Peter. Es iſt eben mit dem ganzen Gewinn— nichts,— ein reines Nichts. Du kannſt heut an allen Ecken angeſchlagen und in einem Ertrablatte der Zeitung leſen, daß die erſte Nachricht eine falſche Ziffer hat: es iſt die 3 ſtatt einer 5 telegraphirt worden. 75,747 hat gewonnen. Heiliger Jeſus! rief Suſette, und die Augen wur⸗ den ihr feucht. Erſt komme ich durch Deinen Brief um die Freude, Dir mit dem Gewinnſt einen Weg zu ma⸗ chen, und nun—. Sie mußte ſich ſetzen; doch nur ein paar Augen⸗ blicke, und ſie hatte ſich gefaßt, trocknete die Augen und lächelte den Geliebten mit dem Ausruf an: Nun, meinetwegen mag auch das ganze Glück zumd Kuckuk fahren: ich hab's ja doch für dich nicht nöthig! — 181 O du Engel! lachte Peter vergnügt. Du haſt mir mit deinem Loos ein Sort machen wollen, wie ſich deine Baronin ausdrückt, und mußt dich nun drein er⸗ geben—. Aber, Suschen! Eigentlich haſt du ja doch in Böhmen gewonnen: ſtatt eines böhmiſchen Guts—— einen böhmiſchen Hofgärtner! Statt eines Grundbeſitzes — einen mobilen Burſchen. Ach ja, und die„Treue“ hat alſo doch und allein gewonnen! rief Suſette und umarmte ihn. Mußt dich alſo mit meinem Sort begnügen, Kind! Nun ja! klagte ſie. Du willſt wieder alles allein thun, und ich— was kann ich Dir denn ſein, Peter? Du? Ei Du biſt meine Peterſilie im Hausgärt⸗ chen. Und ſo wahr Gott herab ſieht in den engliſchen Hof, wohin er mir einen Engel geſchickt hat,— kein Gericht der Zukunft, keine Schüſſel des Lebens ſoll mir ohne dieſe Peterſilie angerichtet werden! Als das Paar aus ſeiner Rührung und Zärtlichkeit zu weiterer Ueberlegung kam, ſprach der wackre junge Mann ſeine heitere Ergebung in die Glückstäuſchung aus.— Ei, ſagte er, der Mann muß ſein Lebens⸗ glück durch eigne Thätigkeit ſchaffen. Das liegt jetzt in unſerer faulen Zeit, daß man nicht verdienen, ſondern gewinnen, nicht arbeiten, aber genießen will. Im Uebrigen wurde raſch das Nächſte beſprochen. Peter wollte ein Zimmer für Suſetten im Gaſthof 182 nehmen.— Aber nicht in euerm, ſagte ſie. Du mußt wiſſen, daß ich noch fern von dir bin, und abge⸗ holt ſein will. Du haſt Recht! erwiderte er. Alſo drüben im pa⸗ riſer Hof oder im Weidenbuſch. Morgen früh ſtelle ich dich meinem Prinzen vor. Dem Prinzen, Peter?— Sie blickte und ſtrich mit beiden Händen an ihrem Anzug hinab, indem ſie flüſterte: Iſt das auch gut genug für— Peterſilie? Peter nickte lachend, und fuhr fort: Ich nehme dann Urlaub und bringe dich nach Mainz zu meiner— zu unſerer Mutter. Ach ja, das iſt herrlich, Peter! Dort beſprechen wir das Weitere. Nun aber mußt du zu deinem Prinzen, und ich will ſehen, wie ſich die Reiſegefährten in's böh miſche Glück theilen. Peter begleitete ſie nach dem pariſer Hof, wo er mit ihrer Reiſetaſche ein Zimmer belegte. Inzwiſchen war unſere Geſellſchaft aus dem Bahn— hofe nach dem Allerheiligenthor und durch die Allerhei⸗ ligengaſſe gewandelt, erſtaunt über das Drängen und Treiben in der Handelsſtadt. Der Praktikant, vernachläſſigt wie er ſich ſah, ſchloß ſich vorausgehend an den alten Forſtlaufer an, der, w 183 wie er jetzt wußte, das Loos in der Taſche hatte. Wilhelmi traute ihm nicht, und rief den Alten an: Remmert, die neue Hoſe nicht zu vergeſſen! Richtig! verſetzte dieſer und kehrte zu den andern zurück.— Der Gaſthof hatte ſein Schild in letzter Zeit ver⸗ ändert und hieß jetzt: Europäiſcher Hof.—— Der Wind hat ſich gedreht, erklärte der befragte Gaſtwirth mit ſchalkhaftem Ernſt, und da hab' ich meine Mühle abgebrochen. Das Parlament hat den Wind. — Das iſt ein bedeutſames Ereigniß! meinte der Ad⸗ D vokat. a nebenan, auf dem Brunnen ſteht nämlich noch die ſchwarze Figur des römiſchen Königs. Wenn aber nun das Parlament den König von Preußen zum deutſchen Kaiſer wählt, ſo hat's der beſſer, als der alte Fritz: er hat mit keiner Windmühle mehr zu ſchaffen. Auch über Hambach war durch das bewegte Leben eine eigne Jovialität gekommen. Er fragte nach rich tigem Hochheimer und beſtellte gleich drei Flaſchen zu einer guten Collation.— Es muß was darauf gehen! rief er. Es muß mit Hochheimer dem Glück ein Hoch gebracht werden. Das Uebrige findet ſich ſchon. Eigentlich traute er dem guten Ausgang mit Su⸗ ſetten nicht mehr, und dachte, ſich durch eine große —— Auslagenrechnung und den Mitgenuß des Beſten eini⸗ germaaßen ſchadlos zu halten. Nach eingenommener Erfriſchung, bei der man dem Praktikanten kein Glas angeboten hatte, ſollte es zum Bankier gehen. Hambach und Remmert hatten einen Spitz. Als ſie ſich der Fahrgaſſenecke näherten, da, wo man ſich links nach Rothſchilds Haus wendet, er⸗ blickte Remmert ausgehängte Kleider.— Hier gibt's Hoſen! rief er, in die Hände klatſchend, und trat ohne weiteres in den Laden. Sein beſcheidener Geſchmack fiel auf ein Dunkel gewürfeltes Beinkleid aus baum⸗ wollenem Stoffe, das um wenige Gulden angeboten wurde. Hambach in ſeinem milden Rauſche, zog alsbald den Beutel, was dem Advokaten ganz recht war. La⸗ chend rief Wilhelmi: Nachbar Hambach, Euch paſſirt'was! Warum das, Advokat? fragte er. Ihr ändert Eure Natur und fallt in's Freigebig⸗ keitsfieber.— Ei was! verſetzte jener. Hab' ich nicht geſagt, daß ich auch generös ſein kann, wenn'was dabei heraus kommt? In dieſem Augenblicke ſtürzte der Praktikant, etwas blaß, in den Laden, und nahm den Advokaten mit 185 unerwarteter Vertraulichkeit am Arm mit ſich auf die Straße. Er hatte ſich, das Ladengeſchäft abwartend, an die nächſte Ecke getrieben und die Anſchläge geleſen. Still⸗ ſchweigend wies er hier auf die Bekanntmachung wegen des vorgefallenen Irrthums in Betreff der Glücks⸗ Nummer. Auch der Anwalt hatte Mühe, ſich zu faſſen, und murrte unverſtändliche Worte vor ſich hin. Er mußte ſich geſtehen, daß hier mit Advokatenſprüngen nichts zu machen war. Laſſen Sie uns gehen! ſprach jetzt der kleinlaute Praktikant. Die Mädchen kommen vom Laden her. Ich kann dieſe unglückliche Wendung der guten Dorthe nicht mittheilen,— nein, mein Herz vermag es nicht! Thun Sie's für mich, Herr Collega! Ich bin niederge⸗ ſchmettert von Theilnahme, und gehe, einen Bekannten beim Parlament aufzuſuchen, der mir etwas Geld—. Er wollte ſich um die Ecke ſtehlen, aber Wilhelmi faßte ihn am Arm und ſagte: Hören Sie erſt! Ich hatte die vertrauliche Abſicht, Ihnen wegen des uns durch den Volksrath geſpielten Streiches bei ſchicklicher Gelegenheit eine Ohrfeige zu ſpendiren. Nun haben Sie an der Ecke eben einen Schlag erhalten, der Sie gegenüber der jetzt ſogenann⸗ 186 ten„Dorthe“ zum niederträchtigen Schurken ſtempelt, und ich ſchone meine Hand. Gehen Sie! Er ſtieß ihn in die Straße und wendete ſich gegen die Herankommenden. Er theilte ihnen den Inhalt der Bekanntmachung mit und führte ſie in den Gaſthof zu einer Berathung zurück.— Hier erfuhren ſie vom Wirthe, daß wirklich ein Courier geſtern die richtige Nummer überbracht habe. Der Gewinn ſei einem Frankfurter Hauſe zugefallen, das die Beſitzung in Böhmen antreten wolle und bereits einen Bevollmächtigten abgeſchickt habe. Aus der allgemeinen Niedergeſchlagenheit kam Ham⸗ bach zuerſt zur Beſinnung; indem er unter bewandten Umſtänden den Erſatz ſeiner Auslagen und Verſäumniß zur Sprache brachte.— Der Advookat verlachte ihn aber, und erinnerte ihn an die ſchriftliche Uebereinkunft, wornach er die Hin- und Herreiſe vorbehaltlich der Erſtattung aus dem Gewinn zu beſtreiten über⸗ nommen hatte. Der Irrthum in der Nummer, ſagte er, iſt ein Zufall, und da heißt es: casum sentit do- minus,— Unglück trägt der Hirſchwirth. Er rief zugleich den Wirth herbei und erklärte ihm, daß Herr Hambach für die Koſten der Geſellſchaft gut ſei. Remmert ſaß wie verwirrt da, geſtützt auf die beiden Elbogen. Er hielt fortwährend das Loos in 187 der Fauſt, das erſt ſo ſchwer, und nun wie ein aus⸗ geblaſenes Ei war. Er ſchien in ein Mährchen von einem in Kohle verwandelten Diamant verzaubert. Die Erwartung ſolchen Reichthums mit dem Opfer eines Bartes,— die plötzliche Enttäuſchung mit dem Vortheil einer neuen Hoſe verknüpft, bannte ſeine ſchwerfälligen Gedanken in wunderſame Widerſprüche. Dazwiſchen fragte Dorette wiederholt nach Herrn Hertwig. Der Advokat berichtete in ſeinem eignen Verdruß ſchonungslos, was ihm der Entwichne aufge⸗ tragen, der guten„Dorthe“ zu ſagen.— Sehen Sie, ſprach er, wie ſchnell er beim unglücklichen Umſchlag einer Nummer von den ſchönen, raſchen Errungen⸗ ſchaften der Dora, der Dorette und Doris zur alten Dorthe zurückgegangen iſt. Da haben wir die Reak— tion in ihrer alten Herrlichkeit! Bei dieſer Nachricht erhob ſich Doctor Schnegel und ſprach zur ſchweigſam⸗betrübten Katharine: Liebe Freundin, laſſen Sie uns einen kleinen Wan⸗ del in die Stadt thun! Ich habe Ihnen etwas zu vertrauen. Auf der Straße bot er ihr mit ſteifer Artigkeit den Arm, und fuhr in etwas ſchulmeiſterlichem Tone fort: Sie ſind mir in den unvergeßlichen Stunden unſerer kurzen Bekanntſchaft ſo achtbar, ſchätzenswerth und lieb geworden, daß— wenn ſich ebenſo meine Wenigkeit 188 in einigermaßen erklecklichem Grad Ihres Vertrauens erfreuen dürfte, ich Ihnen ſtatt des verlornen Looſes das freilich viel beſcheidnere meines kleinen Schulhauſes nebſt Gärtchens anbieten würde mit dem Wunſche, unſer beiderſeitiges Lebensglück auf Nummer Herz zu ſetzen und auf einer Rabatte treuen Fleißes anzu⸗ pflanzen. O Sie edler, treuherziger Mannl! flüſterte Katha⸗ rine und drückte ihr Tuch an die Augen. Und wollten Sie mir zu dieſem höchſten Lob auch ein Zeichen Ihres zuſtimmenden Herzens— 2 Schon druͤckte ſie ihm die Hand mit: Geliebter Eduard! und ſchlug die glänzenden Augen zu ihm auf. Ich danke Ihnen aus vollem Herzen, ſagte er errö⸗ thend; den innigſten Kuß behalten wir uns auf ſym— pathetiſchere Umſtände vor, als dies brauſende Straßen⸗ treiben iſt, das uns umfluthet. Eben ſtießen ſie auf Suſette. Ihr wißt wohl ſchon das Mißgeſchick unſeres Looſes? fragte ſie. Ja, antwortete Katharine friſch. Hier aber iſt eine beſſere Nummer, die ich gezogen. Sie ſtellte ihren Verlobten vor. Beide Bräute umarmten ſich. Suſette lud das Paar in den pariſer Hof ein, wo es auch ihren Peter finden ſollte. Dann wandelten ſie zurück nach dem ſtel 189 dem Europäiſchen Hof, um ſich dem Onkel vorzu— ſtellen. Eduard wurde gebeten und verſprach Dortchen ſeine Heimbegleitung anzubieten, damit ſie ſich gleich weniger verlaſſen fühle. Eben verließ Hambach den Gaſthof. Er hatte den Wirth für das bis jetzt Genoſſene der Geſellſchaft ab— gefunden und eilte nach der Eiſenbahn, um mit dem Abendzuge nach der Stadt— und mit dem nächtlichen Poſtwagen nach Neuenzell zurück zu kehren. Er hatte berechnet, daß er wenigſtens die Koſten des Uebernach⸗ tens und der Rückfahrt für die vier Perſonen erſpare, wenn er ihnen entſchlüpfte. Simon Schwarzſchild war der Erſte aus der Nach⸗ barſchaft, der ihn am Morgen ſeiner Ankunft in Neuen⸗ zell begrüßte. Er hatte das Mißgeſchick ſeiner Collekte— Nummer bereits aus der Zeitung erſehen, und ſich durch die Schadenfreude gegen Hambach über ſeine verlorne Proviſion beruhigt. Willkommen, Nachbar! rief er ihm zu. Ihr kommt von Frankfurt und dem Parlament: Gott, was ſtehen uns für Zeiten bevor! Was denn? Warum denn? fragte Hambach ver⸗ drießlich. 190 Warum? Ihr fragt auch noch warum? rief Simon. Hat das nichts zu bedeuten, wenn der Hirſchwirth einen Bock geſchoſſen hat? Aber nicht wahr, Ihr bringt Euerm Lorenz das Geſtänge, das Hirſchgeweih mit, und bezahlt das Schußgeld? Die letzte Stunde eines Börſenmannes. Sobald der Regen ein wenig nachließ, der nebel— artig herab rieſelte, eilte ich dem langgeſtreckten Laub— gang im prinzlichen Schloßgarten zu, wo man unter hochgewölbter Decke, zwiſchen dichten Rankenwänden wandeln, ruhen und auf den See hinausblicken kann. Dieſer liegt zwar heute früh gar trübſelig da,— grau und grün geſtreift, und die herrlichen Bergzüge ver⸗ ſtecken ſich bis auf den Fuß herab unter ziehenden Nebelwöolken; doch läßt man ſich bei ſolcher Witterung wenigſtens Luft und Bewegung gefallen, bis man auch wieder bei Sonnenſchein lieblichen Schatten, Blumen duft und paradieſiſchen Ausblick dazu bekommt. Eine einzige Frau hatte ſich hier eingefunden, und ſaß, ein paar ſpielende Kinder überwachend, auf einer der grünen Ruhebänke. Ich kannte ſie aus dem Gaſt— hofe, wo wir uns von verſchiedenen Gebäuden her auf verbindender Gallerie unter überhangendem Schweizer⸗ dach täglich begegneten. Ich kannte ſie als eine ſinnige Koenig, Seltſame Geſchichten. 13 194 Frau von einfacher Herzensbildung und wohlwollender Lebensauffaſſung. Die Wohlthat des Gartens, deren wir eben Beide froh waren, führte uns von der Klage über das un⸗ günſtige Wetter ſogleich auf die freundliche Gunſt des Fürſten, der ſeine Gärten dem Mitgenuß des Publik⸗ kums offen läßt. Nur eine Warnung vor dem Ab⸗ brechen der Blumen war in's erſte Beet geſteckt, und an den Eingängen in den Laubgang war in drei Sprachen das Rauchen verboten,— am umſtändlichſten deutſch„„am artigſten franzöſiſch und am kürzeſten eng⸗ liſch,—„No smoking permitted in the arbour or he garden.“ Meine Nachbarin kannte den Platz. Sie erzählte mir vom Schloß und von deſſen Beſitzer. Dieſe weit läufigen Gebäude waren einſt noch ausgedehnter und ein Benediktiner⸗Convent geweſen, nachmals aber durch Verkauf in Privathände und in den Beſitz des verſtor⸗ benen Königs Max gekommen, deſſen zweiter Sohn es dann ererbt hatte und im Sommer zu bewohnen pflegte. Zwei Töchter und Schwiegerſöhne mit ihren Kin⸗ dern waren eben zum Beſuch anweſend.—„Eine Freude für den alten Herrn“, ſetzte ſie hinzu,„die leider durch Kummer und Sorge um das organiſche Halsleiden einer der Enkelinnen, eines begabten Kindes, nicht un⸗ getrübt iſt; wie denn auch ſolche hochgeſtellte und vom 195 Glück begünſtigte Familien gleich anderen von Leiden und Sorgen heimgeſucht werden.“ „Es wäre auch zu viel verlangt, liebe Frau“, ſagte ich,„wenn dieſelben zu den Vortheilen, die ihnen der Staat und die Geſellſchaft gewähren, auch noch von den Geſetzen der menſchlichen Natur begünſtigt ſein wollten.“ „Gewiß!“ antwortete ſie.„Und unſer Prinz hat dabei den Vorzug eines edeln Herzens bei großem Reichthum, ſo daß er durch Wohlthätigkeit und Schaffen ſich über häusliche Sorgen erheben kann.— Aber welch' ein betrübter Anblick iſt es, wenn Reichthum,— dieſe ſchöne Macht des Glücks— ſeinen Beſitzer an Geiſt und Herzen verſchlingt,— ich will ſagen, jede menſchliche Theilnahme, jede edle Empfindung, ja ſelbſt jeden höhern Gedanken aufzehrt, wie ich es jüngſt in einen angeſehenen Familie auf entſetzliche Weiſe erlebt habe.“ Die geſprächige Frau ſah mich dabei wie fragend an. Ich wußte ſchon, wie gern ſie ſich mittheilte, und als ich ihr daher aufmunternd zunickte, erzählte ſie mir folgende Geſchichte. „Laſſen Sie mich Ihnen mit dem Namen Andreas Aldringer einen Mann bezeichnen, der ein ererbtes Ka⸗ pital erſt durch angeſtrengte Thätigkeit im Waarenge⸗ ſchäft, dann durch verſtändige Unternehmungen in's Weite, zuletzt durch glückliche Wagniſſe in Wech⸗ 1³* 196 ſel⸗ und Börſengeſchäften zu wachſendem Reichthum geſteigert hatte. Mein ſeliger Vater, dem ich ſo viel verdanke, was ſich nicht in Geld anſchlagen läßt, pflegte zu ſagen, was den Menſchen früh und anhaltend be⸗ ſchäftige, befriedige und in ſeiner Weiſe beglücke, werde zuletzt ſein Gott und ſein Himmelreich.“ „Sehr wahr!“ unterbrach ich ſie.„Geht es nicht einer jüngern Schule unſerer Naturforſcher neuerdings ebenſo? Der Stoff der Sinnenwelt, in den ſie ſich mit rühmlichem Eifer und mit mehr Scharfſinn als Tiefſinn verſenken, wird ihnen, um der Offenbarungen willen, die ſie ihm abringen, zum Gott, ſo daß ſie iin Stoff— wechſel das ewige Leben erkennen und damit ihre Se⸗ ligkeit abſchließen. Aber fahren Sie fort.“ „Nun ja! Aehnlich erging es unſerm Herrn Al⸗ dringer. Sein Herz war— ganz bibliſch— bei ſei— nem Schatz. Er hatte bald für nichts mehr Sinn und kaum noch für irgend etwas Anderes einen Gedanken, als für Geld und Werthpapiere. Seine Seele ſetzte ſich nur in. Bewegung für Eiſenbahn⸗Unternehmungen, für Wechſelcourſe und für das Steigen und Fallen der Staatspapiere. „Mit einem ſo geſtimmten und erfüllten Herzen hatte er bald nach Eröffnung ſeines Geſchäftes ſich um die Zuneigung oder doch um die Hand einer ſehr ver⸗ mögenden Waiſe beworben, die unterm Druck eines hum 197 hypochondriſchen Vormundes lebte, und mit demſelben frommen und beſchränkten Sinn, womit ſie dieſen er⸗ trug, ſich den jungen Freier gefallen ließ. „Thereſe war Katholikin wie ihr Mann. Sie gebar ihm die beiden Söhne, die nun erwachſen und Beſitzer des großen Geſchäftes ſind. Aber beide Eheleute kamen immer weiter auseinander, wie es nicht anders ſein konnte, wenn das Eine ebenſo ausſchließend die Erde, als das Andere den Himmel ſucht. Die ſtille Frau kam früher als ihr Mann zum Ziele: ſie ſtarb. „Nun heirathete Aldringer, aus dem Geſichtspunkt ein Haus zu machen, ein jüngeres Fräulein von guter Familie und geſellſchaftlicher Bildung,— eine Prote— ſtantin, von der er ſich mehr Verkehr mit der vorneh⸗ men Welt, als mit den Kirchen verſprach, und mehr von Soiréen als von Betſtunden zu hören dachte. „Durch meinen Mann, der als Architekt von Ruf mancherlei für Herrn Aldringer zu bauen hatte, kam ich in Bekanntſchaft mit der jungen, liebenswürdigen Frau, ja wir wurden Freundinnen, was man welt⸗ läufig, ohne tiefere Bedeutung des Wortes ſo zu nennen pflegt. Ein inniges Verhältniß mit ihrem Manne be— ſtand eben nicht, ſo daß ſte ſich um ſo mehr zu einer Freundin gedrängt fühlte. Albertine war wie ohne Vermögen, ſo auch ohne äußere Reize. Was ſie an graziöſer Lebhafigkeit und artigen Manieren für die g hafis 198 gute Geſellſchaft beſaß, nahm ihr Mann auf guten Kredit ihrer Bewunderer gläubig an, und that ſtolz damit. Sie ſelbſt gefiel ſich in den breiten Verhält⸗ niſſen des Hauſes Aldringer, und ſuchte in dem, was ſie ſich und Andern Angenehmes bereiten konnte, einen Erſatz für alles, was dem Chef dieſes Hauſes abging. „Ich kam damals viel in das glänzende Haus— an Prunkabenden und in vertraulichen Stunden. Ich ging nicht ungern hin, und konnte hier an dem Reich⸗ thum, aus dem mein Mann ſo manches baute, mich ſelbſt erbauen. Da es nämlich ein Reichthum ohne inneres Glück war, ſo kehrte ich niemals in nnſere heitere kleine Wohnung zurück, ohne auf's neue die Seligkeit zu empfinden, die hier zwiſchen unſern einfa— chen Wänden webte, wo uns das fehlende Gold durch unſere Liebe, die Staatspapiere durch gute Bücher und Muſtkalien, die Geldwechſel durch Verkehr mit edelen Freunden, und die Kapitalzinſen durch das Intereſſe an allem Wahren, Schönen und Guten im Leben erſetzt wurden. „Aber noch ein— vielleicht weniger egoiſtiſches In⸗ tereſſe feſſelte mich an das Aldringer'ſche Haus— ein ſchönes und holdſeliges Weſen, das wie eine fremde, höhere Erſcheinung dieſem gewöhnlichen, mitunter nie⸗ drigen Lebenskreis angehörte. „Meine Freundin Albertine war nämlich die erſten 199 zwei Jahre ihrer Ehe mit dem Geldmanne ohne Kinder geblieben, und hatte beim Tod ihrer Mutter eine jün⸗ gere Schweſter zu ſich genommen. Bertha war ein ſchönes, zartes, wie geſagt holdſeliges Geſchöpf, das durch ſeine körperliche Anmuth und ſein loderndes, ſchwärmeriſches Herz alles für ſich einnahm. Eine zarte Neigung, ein inniges Einverſtändniß mit einem ausgezeichneten jungen Künſtler gab ihrer Erſcheinung, ihrem Benehmen noch einen myſteriöſen Duft,— den Zauber einer in ſich ſelbſt befriedigten Heiterkeit und liebreichen Hingebung. Selbſt unſer Börſenmann konnte dieſem Zauber nicht widerſtehen, ſo täppiſch und lächer⸗ lich zugleich auch die zärtliche Zuthätigkeit ſich anließ, womit dieſer vom Erdgeiſt eingenommene und beſeſſene Mann einem ſolchen ätheriſchen Weſen huldigte und kleine Opfer darbrachte. „Zuerſt— ich muß es geſtehen— war mir bange bei dieſer Aufmerkſamkeit, die zum erſtenmal ſich ſelbſt zu vergeſſen ſchien,— bange um das unbefangene und zugleich abhängige liebe Kind. Ich war aufmerkſamer, ich beeiferte mich über meinen Liebling zu wachen. Doch ich überzeugte mich bald, daß es mit ſolcher ungewöhn⸗ lichen Gunſt nicht ſo ſchlimm gemeint war, als ich gefürchtet hatte, und daß nur die Miene und Geberde einer ungewohnten Empfindung ſich ungeſchickt und roh ausnahm. Ich ward nun vielmehr dem Manne etwas 200 gewogener dafür, daß er noch einen Sinn für eine himmliſche Erſcheinung hatte, daß ſein vom Irdiſchen beſtricktes Herz noch eine lichtempfängliche Stelle be⸗ wahrte, von der aus er vielleicht noch erlöst werden konnte. „Doch eine Aufgabe blieb mir noch übrig: das liebende, liebliche Weſen vor dem brutalen Reichthum des Schwagers und dem verlockenden Geſchmack der Schweſter in ſeiner anſpruchloſen Einfalt und idealen Schwebe zu erhalten. „Albertine, meine reich gewordene Freundin, war allerdings nicht ohne edeln und höhern Sinn in das geldmächtige Haus gekommen; aber ihr Wohlgefallen am Aeußern und die Beſchäftigung mit dem Oberfläch⸗ lichen, die ihr der geſellſchaftliche Verkehr auferlegte, nahmen in dem Maße zu, als die Macht, die ſie über den Gatten gewann, ihr die Mittel vermehrte, mit denen ſie nicht bloß ihre Freude am Aufwand, ſondern auch ihrer Neigung, Andern Freude zu machen oder wohl zu thun, befriedigen konnte. Selbſt dieſe Neigung und der ihr angeborene Trieb der Wohlthätigkeit, je leichter die heitere Frau beiden nachgeben konnte, ſchienen ſich nur deſto mehr in's Aeußerliche, Nichtige zu verlaufen, und das üppige Blätterwerk der Herzensgüte drohte rückwirkend die heilſame Wurzel ſelbſt zu verderben. Mußte ich mithin nicht ſuchen, meinen Liebling mit 201 ſeiner ſanften Schwärmerei für das Ideale gegen den Einfluß zu ſchützen, den der Reichthum des Hausherrn und der Gebrauch, den die Hausfrau davon machte, ſo leicht auf ein junges Herz zum Verderbniß ſeiner Zukunft hätten ausuͤben können? Bertha ſollte mir nicht vergeſſen, daß es die Zukunft eines Künſtlers war, die ſie zu bewirthſchaften hatte. So gingen Jahre vorüber, in denen das Geld die einander ſo fremden Herzen beider Eheleute mehr und mehr vereint hatte, ſo daß Albertine nun auch ihrem Manne drei Kinder ſchenkte, die eben ſechs bis neun Jahre alt geworden waren, als ihr Vater von einem heftigen Typhus ergriffen wurde. Die Sache nahm ſehr ſchnell ein ernſtes Anſehen. Meine Freundin, in ſolchen Begegniſſen unerfahren, nicht geduldig genug zum Ueberlegen und gewohnt ſelbſt in leichteren Anliegen ſich an mich zu lehnen, ließ mich rufen. Ich hatte zu überlegen, ob ich bei den Pflichten für die Meinigen mich in den Anſteckungskreis eines ſo gefährlichen Fiebers wagen dürfe. Mein Mann rieth mir nicht ab: er wußte, daß ich in ſolchen Lagen reſolut und nicht apprehenſiv war. Ich eilte alſo dahin, wo ich ſo oft auch fröhlicheren Einladungen gefolgt war. Albertine warf ſich an meine Bruſt und ich rich⸗ tete ſie auf. „Der Kranke lag in hefitgem Fieberwahnſinn. Der 202 Arzt war da und der Geiſtliche kam bald. Jener konnte noch mit ſeinen Medicamenten dem ſtürmiſchen Körper beikommen; dieſem aber mit ſeinen Sacramenten entzog ſich die irrredende Seele. Beide thaten, was ſie ver— mochten. Als ſie fort waren, und die Aufmerkſamkeit der beiden erwachſenen, dem Geſchäft aſſociirten Söhne ſich ausſchließend auf den unruhigen Vater richtete, nahm ihr Bedenken und ihre eigene Unruhe noch mehr zu. Es entging mir nicht, daß der Inhalt, des Irr⸗ redens beiden nicht weniger Sorge machte, als das Delirium ſelbſt. Denn der Fiebernde ſprach unauf⸗ hörlich von nichts Anderem, als womit freilich ſeine Seele ſich das bisherige Leben lang ausſchließend be⸗ ſchäftigt hatte,— von Goldſtücken, die nicht vollwichtig, von Aktien, die im Fallen, von Coupons, die fällig wären. Er ſchrie nach der Goldwage, nach dem Bör⸗ ſenblatte; er bezeichnete die zu verkaufenden Papiere, berechnete, was und wieviel angekauft werden ſollte. Er machte mit dem Zeige⸗ und Mittelfinger der rechten Hand die Bewegung einer Scheere, und einer der beiden Krankenwärter, ein hämiſcher Menſch, warf ihm Papier⸗ ſchnitzel auf die Decke, die er wie Zinsabſchnitte hinter einan⸗ der ſteckte,— ärgerlich, zornig, fluchend, wenn er im Zuſam⸗ menrechnen der Gulden und Kreuzer immer wieder irre wurde, wie er ja in ſeiner ganzen Erxiſtenz irre war. „Mich überlief's ein und das andremal eiskalt. 203 „Inzwiſchen waren auch die kleinen Mädchen ihrer Erzieherin entlaufen und, die Mutter aufſuchend, in's Zimmer gekommen. Sie ſtarrten erſt ängſtlich, bald aber lachend den närriſchen Vater an. Die Mutter, meine Freundin Albertine, achtete der Kinder nicht. Ihre geſpannte Aufmerkſamkeit war auf die beiden Stiefſöhne gerichtet, die mit unruhigen Mienen eine heimliche Angelegenheit verhandelten. Der Fieberwahn⸗ ſinn beunruhigte mit ſeinem Gegenſtande ihren Ge⸗ ſchäftsverſtand, und die unmündigen Halbgeſchwiſter, die verwöhnten Mädchen, die jetzt unartig an's Bett ſchlichen, an der Decke zupften und kichernd wieder fortli iefen, fielen mit ihrer Ausgelaſſenheit in die Ueberlegung d Stiefbrüder,— nicht als erziehungsbedürftige Kinder, ſondern als Mitberechtigte an der Hinterlaſſenſchaft des Sterbenden, um derentwillen das Gericht ſof fort einſchreiten werde. Vergebens ſtieß ich meine Freundin an, den Kindern zu wehren, die durch das Zunicken des tückiſchen Krankenwärters immer ausgelaſſener wurden. Albertine hatte nur Sinn für das Räthſel ihrer Stiefſöhne, und dieſe fühlten ſich mehr und mehr gedrückt, durch das große geſpannte Auge der Stief⸗ mutter, das auf ihnen ruhte und ihre Abſichten zu be— drohen ſchien. Nicht lang, ſo zogen ſie Albertine in Ueberlegung und entfernten ſich mit ihr, ich weiß nicht zu welchem Vorhaben, nach dem nahen Comptoir. 204 „Ich ſah mich jetzt mit den Kindern und den bei⸗ den Wärtern allein. Dieſe hatten nun zu wachen und zu halten genug, da der Kranke immer wieder fort und an ſein Pult wollte, plötzlich aus dem Bette ſprang und nur mit voller Anſtrengung der beiden Männer wieder unter die Decke zu bringen war. „Kniet nieder und betet, ihr Unarten!“ gebot ich zürnend den ausgelaſſenen Kindern.„Euer Vater ſtirbt! Fühlt ihr das nicht?“ „Im erſten Augenblicke gehorchten ſie mir, und ich betete ihnen laut das Vaterunſer vor mit dem pro⸗ teſtantiſchen Schluß: denn dein iſt das Reich und die Macht und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.— Dann aber ſchrieen ſie und riefen„Mutter!“ und ich brachte ſie zu ihrer Gouvernante. „Wie ich wieder zurück kam, ſchien mir der Kranke bedenklich ſtill geworden. Ich eilte durch's nächſte Zimmer nach dem Comptoir.— Hier fand ich die bei— den Brüder über das große Geſchäftsbuch gebeugt, der Stiefmutter vorrechnend, die von entgegengeſetzter Seite auf beiden Ellbogen über den Tiſch geſtreckt lag. Der ſchwere Deckel der angeſchraubten eiſernen Kiſte ſtand offen; Geldſäcke waren herausgehoben; allerlei Papiere lagen umher; man zählte und rechnete. Auch mein Mann ſtand dabei. Er war gekommen, nach mir zu ſehen, und man hatte ihn ſtatt eines höflichen Em⸗ 205 pfanges, wozu alles zu preſſirt war, als unparteilichen Zeugen in das Geſchäft gezogen, über das im All⸗ gemeinen die Brüder mit der Stiefmutter einverſtan⸗ den ſchienen. Es galt— ich weiß nicht um welche Anordnungen oder Vorkehrungen, womit man dem nach dem Tode des Gefchäftsvorſtandes und Erblaſſers ein⸗ ſchreitenden Gerichte zuvorkommen wollte. Ich rief ihnen zu, ſie möchten doch eiligſt herüberkommen, Herr Al⸗ dringer liege im Sterben. „Wir können aber noch nicht!“ verſetzte der ältere Sohn ungeduldig.—„Wir ſind noch nicht fertig,“ ſetzte der Andere gelaſſen hinzu.—„Bitte, liebe Fritze, laß doch meinen guten Mann noch ein Viertelſtünd chen—!“— Albertine beſann ſich noch, ehe ſie in ihrer Eingenommenheit von dem Geſchäft den eiskalten Unſinn ausſprach, und erröthete. In dieſem Augenblicke trat Frau Bertha leiſe herein. Mein Liebling war nämlich ſeit einem Jahre mit ihrem bei der Academie angeſtellten Maler verbunden, und kam zu ſehen, wie es um den Kranken ſtehe. Jetzt erſchien ſie mir noch einmal als ein Engel des Troſtes ob man ihr gleich ſchon anſehen konnte, daß ſie ſelbſt auf einen kleinen Engel hoffte. Ich winkte ihr, und nahm ſie mit in's Krankenzimmer. „Beim Anblicke des Kranken erblaßte ſie noch ein wenig mehr, als ſie es ſchon von ihrem Zuſtande war. 206 Sie hob die kleinen Hände und faltete ſie zum Beten! das Halstuch glitt von ihren Schultern, und ſo ſtand ſie mit einer Anmuth da, die mich zu Thränen rührte, als ich zumal empfand, daß ſie als ein Bild der Hoff nung an das Lager eines ſcheidenden Erdenwurms ge kommen war. „Eben geht's zu Ende mit ihm!“ rief mitleidig der ältere Wärter, als er den ſtillgewordenen Mann ſich entfärben ſah.—„Jau“, lächelte der jüngere in ſeinen röthlichen Bart,„Der ſchneidet keine Coupons mehr ab. Selbſt ein Coupon für den Wechsler Tod!“— V„Ich ſtürzte nun wieder hinüber und rief:„Er ſtirbt, er ſtirbt!“ „Um Gottes willen, wir müſſen uns eilen! keuchten die Söhne. „Aber— Albertine—?“ rief ich meiner zögernden Freundin mit einem Tone zu, worin ſich alle Bitterkeit meines empörten Herzens ausſprach. Mein Mann fühlte die Entrüſtung mit.—„Geht zum Teufel mit eurem Mammon!“ zürnte er, raffte die umher liegenden Papiere zuſammen und ſchmiß ſie in die eiſerne Kiſte, . griff nach den Geldſäcken, und—. „Ich hatte Albertinen an der Hand genommen, als die Brüder gegen meinen Mann Widerſpruch er hoben und zog ſie mit hinüber. Der Kranke lag er⸗ 207 blaßt. Albertine wankte ohnmächtig; ich fing ſie mit meinen Armen auf. Im Augenblicke ſchlug drüben dröhnend der ſchwere Kiſtendeckel zu. Der Sterbende fuhr empor und ſtarrte umher. Seine gläſernen Augen fielen auf die betende Bertha. Ein Strahl der Erkenntniß und Erinnerung zuckte über ſeine Stirne, ein Lächeln glitt über das verzogene Geſicht, und ein Blick aufwärts verrieht einen aufdämmernden Gedanken an die Ewigkeit; er hob mit Anſtrengung die flehenden Hände. Bertha eilte zu ihm ſte zuſammen zu fügen; er zog einen tiefen Athem, und ſank in die Kiſſen zurück. Alle knieten wir feierlich nieder, nur Bertha blieb über dem Sterbenden gebeugt. Eine Stille war im Zimmer. Wir athmeten die hohe Luft zwiſchen Zeit und Ewigkeit, und als wir ängſtlich aufſahen, lag auf dem Antlitze des armen Mannes das Siegel des Tor Meine bewegte Nachbarin ſchwieg. Sie ſchien von der lebhaften Erinnerung ſehr erſchüttert. „Sehen Sie, liebe Frau,“ verſetzte ich nach einer Weile,— ſo hatten Sie doch richtig voraus geſehen, daß die liebevolle Empfindung des armen Geldmannes für ein edles Geſchöpf ihm noch zum Heil ausſchlagen könnte. Er iſt alſo doch nicht ohne die Ahnung— ſoll ich ſagen, ohne ein Keimauge des Ewigen vom 208 Baume des Lebens abgefallen, ſo unreif er auch ſonſt geweſen ſein mag!“ „Hoffen wir,“ flüſterte ſie,„daß der fluͤchtige Au— genblick der Erkenntniß, der Reue und Sehnſucht ihm drüben hoch genug angerechnet werde, wo er Rechen⸗ ſchaft über Vieles zu geben haben wird,— zu verant— worten, wie er ſein Vermögen erworben, wie er es verwendet, was er unnütz vergeudet, und was er Gutes vergeſſen hat. Ich fürchte, er wird ein ſtarkes Saldo behalten.“ „Dieſe Vorſtellungen und Bilder Ihrer Kirche paſſen. diesmal recht für einen Mann aus der Handelswelt“, erwiderte ich. Aber auch mit rein vernünftiger Betrach⸗ tung bleibt im ſchönen Sinn Ihres Glaubens ein Mann, wie dieſer, zu beklagen. Wenn wir nämlich einmal ein jenſeitiges Fortleben annehmen, ſo können wir es uns auch nur als eine Fortſetzung des dieſſeitigen denken, aber nicht mit Dem, was wir hier, der Erde angehörig, zurücklaſſen, ſondern mit Dem, was wir daraus Geiſtiges gewonnen haben. Wie arm und verlaſſen, hülf- und Noſtlos muß ſich nun dort ein Geiſt finden, der Das entbehrt, was ihn hier einzig erfüllt hat, und dem nun eben Das fehlt, was dort allein gilt, und was er ſich mit jenem hätte einwechſeln ſollen. Verſäumt ja ſchon kein verſtändiger Menſch, ſich vor einer Reiſe bloß in fremdes Land mit dort giltigen 209 Wechſeln zu verſehen: wie viel mehr vor einer ſo lange drohenden Ueberfahrt hinüber. Und man weiß ja, was dort Cours hat!— Doch davon läßt ſich nicht reden, ihm und man muß einem jeden ſeine eigenen Gedanken oder Phantaſien darüber laſſen. Sagen Sie mir lieber noch, rant⸗ was aus der Familie geworden iſt.“ „Ei nun— ſie hadern jetzt um Das, was der utes Hingegangene zurückgelaſſen hat, und verhadern es. Saldo Die Söhne der erſten Ehe und die Muter der zweiten Kinder liegen vor Gericht. Die beiderſeitigen Advokaten vaſſen finden bei dem großen Vermögen, um deſſen Theilung es ſich handelt, ihre Rechnung hinter den Kniffen und radh Ränken, die ſie ihren Parteien anrathen, und womit ein ſie dieſelben gegen einander aufhetzen und immer wieder ich erbittern. Eine Göttin der Vergeltung waltet in den en Verluſten, die beide Theile dabei an den Summen und Werthſchaften erleiden, über die ſie in der Sterbeſtunde erde des Vaters und des Gatten ihrer heiligſten Pflichten wi vergaßen. Mein Mann und ich ſind mit ihnen zer⸗ fallen: deſto inniger ſtehen wir noch mit der liebens⸗ Geiſt würdigen Frau Bertha, der ich ihr erſtes Kind aus der Taufe gehoben.“— Die Schloßuhr ſchlug eben mit ihren ſchweren, lang⸗ ſamen Schlägen zwölf. Die Erzählende erhob ſich und rief ihre Kinder herbei. Ich begleitete ſie durch den Koenig, Seltſame Geſchichten. 14 210 Laubgang. Das Gewölk hatte ſich gehoben; die Ge⸗ birgsgipfel lagen frei, die Sonne brach hervor. Der See ſchimmerte in ſeinem ſchönſten Blau, und ein weißer Kahn mit Flügelrudern brachte eben die Freunde herüber, die wir zu Mittag erwarteten. V. Zwei Mecklenburger. Der Regierungspräſident, Graf Blentingk, gab einen großen Ball. Die Geſellſchaft war eher zahl reich, als ausgeſucht, eher geſchmückt, als geſchmackvoll zu nennen. Aber aller Aufwand von Staat der Da men, von Artigkeit der Herren wollte anfangs nicht verfangen. Ein einzig Paar zog die Aufmerkſamkeit auf ſich, obgleich, wie es ſchien, mehr zur Störung, als zur Befriedigung der zahlreichen Gäſte. Was dem Paare ſo viel Anſehen verlieh, war nicht etwa die hohe Stellung der Verlobten: der Bräutigam galt bloß als unadlicher Rittmeiſter, die Braut wog nur als Kauf mannstochter. Bürgerlich war der größere Theil der Geſellſchaft in dieſer Beamten- und Garniſonsſtadt. Allerdings ſtach die Braut als jüngſte und anziehendſte Schönheit hervor; ſo daß neben ihr auch der Bräutigam mehr auffiel,— als viel älter und etwas abgelebt, dem man es anſah, daß er keck, und gewandt, dem Leben ſchon manche Beute abgejagt hatte. Doch dies alles — — 214 war es nicht, was die Geſellſchaft ſo heimlich aufregte. Die leiſen Bemerkungen, die unzufriedenen Mienen, die finſtern Seitenblicke ſprachen eine moraliſche Mißbil⸗ ligung aus, die den nicht Einheimiſchen ein Räthſel war. Einer dieſer fremden Gäſte, der Dame des Hauſes empfohlen, näherte ſich ihr und gab ſein Befremden zu erkennen.—„Was iſt es mit dem verlobten Paare? fragte er. Man ſcheut ſie offenbar. Was ſitzt auf ihnen, während ſie doch eingeladen ſind? Ich tanzte um alles gern mit der reizenden Braut; nur fürcht' ich mich zu erponiren. Wahrhaftig, gnädige Gräfin, wie man eben den beiden Leutchen begegnet, dürfen ſie ſich ein ausgezeichnetes Paar nennen!“ „Die arme Clementine!“ flüſterte die Gräfin, indem ſie ihren Gaſt auf ein kleines Eckſofa einlud, in deſſen Nähe zufällig für keinen Lauſchenden ein Sitz war. „Arm, gnädigſte Gräfin? Bei all' dem Reichthum an Schönheit und— an Schmuck?“ „Ich rede nicht von der ſchönen Braut, fuhr die Hausfrau fort; dieſe heißt Sophie. Ich meine dies liebe gute Kind nicht, das mich heute recht dauert: ich rede von einer verlaßnen Frau, die eben alle Theil⸗ nahme meiner Geſellſchaft findet, aber eine Theilnahme, um die man ſie eben beklagen darf.“ „Ich errathe! Es iſt ſeine Frau: der Rittmeiſter 11 hat ſich ſcheiden laſſen, und—. ſi „Das nicht! unterbrach ihn die Gräfin. Clementine war nur— ſeine Freundin, ſeine Vertraute. Aber die arge Welt hält ihn für den Vater des liebenswuͤrdigen Kindes, das Clementine hat.“ „Das iſt intereſſant!“ rief der junge Mann, der ſich in leichtfertiger, witzelnden Weiſe gefiel. Die Gräfin, mit lebhaften Augen die Geſellſchaft überwachend, fuhr fort: „Der Rittmeiſter war mehrere Jahre Hausfreund des Geheimrathes Ildefons. Der zufriedne Gatte ver⸗ nahm erſt ſpät zwiſchen ſeinen Akten ein Echo der Stadtgeſpräche, aber ein ſo deutliches, daß er den Ritt⸗ meiſter zur Rede ſetzte.“ „Ei wie artig, gnädige Frau, daß er ihn auch noch ſetzte!“ Ich hätte ihn hinausgeworfen, oder er hätte ſich mir an einem dritten Orte,— ſtellen müſſen! Laſſen wir die Wortſpiele! fuhr die Gräfin fort. Es gab eine Scene, in Folge deren der Rittmeiſter das Haus nicht mehr beſuchte. Die Stadt wußte da⸗ mals wortgenau, was geſprochen und haarklein, was geſchehen war. Es iſt nun vergeſſen. Aber mit dem guten Vernehmen zwiſchen beiden Männern war auch das Einverſtändniß der Gatten abgebrochen; Clemen⸗ tine entbehrte den Umgang des Freundes, und ließ es ſich mit jedem Tage leidiger werden, es bei ihrem Ge⸗ mahl auszuhalten.“ 216 Sehr natürlich! lachte der Fremde. Die albernen Männer wollen es nicht begreifen, wie viel ſie durch einen Hausfreund erträglicher in den Augen der Gattin werden.“ Die Gräfin verwies ihm und verbat ſich ſolche frivole Aeußerungen; worauf ſie in der Erzählung fortfuhr: Auch den Geheimrath drückte das Aergerniß. Er brachte es dahin, daß er verſetzt wurde, und da das Paar als. Katholiken nicht geſchieden werden konnte, kamen ſie, wie man glaubt, über eine freiwillige Tren⸗ nung überein. Wenigſtens zog Clementine nicht gleich mit ihrem Manne fort, ſondern nahm mit ihrem Töch⸗ terchen eine Wohnung dem Rittmeiſter, gegenüber und führte mit ihm eine gemeinſchaftliche Wirthſchaft über die etwas einſame Straße. Ein ſo unverhohlner Um⸗ „gang konnte ſich nicht lang im Geſpräch der Societät halten. Man läßt am Ende auch den Scandal gelten, um ihn nur fallen zu laſſen. Wäre es doch dabei ge⸗ blieben! Aber da ſehen Sie ja, Baron, was leider! gerade unter unſern Spiegeln vorgehen muß.“ „Aber, ich weiß noch immer nicht, was es iſt“, lachte der Baron. „Was es iſt? Nichts weiter, wenn Sie wollen, als daß eben jenes unſtatthafte Verhältniß gelöſt und ein erlaubtes angeknüpft iſt. Der Rittmeiſter hat ſeine opf auf Wohnung verlaſſen, um ein junges, ſchönes und reiches Mädchen zu heirathen. Die Stadt aber ſteht es an ders an: er habe eine um ihn unglückliche Frau ge⸗ opfert, ein Kind, das nur ſeinen Namen nicht führt, aufgegeben, heißt es. Sehen Sie, lieber Baron,— ſo verwirren ſich die Lagen der moraliſchen Welt! Hier wird nun Treue und Beharrlichkeit beim Unerlaubten über das in der äußern Erſcheinung Rechte und Er laubte geltend gemacht, weil dieſem eben die innere Wahrheit und kechtſchaffenheit abgeht.—— Mein Gott! dort hat ſich Sopie in den Seſſel geworfen und der Bräutigam iſt um ſie bemüht! Sie ſcheint unwohl. Ich muß doch ſehen——.“ Die Gräfin wollte eben dahin eilen, als ſie das Paar aufſtehen und in die Fenſterniſche treten ſah. Sie kehrte zurück, indem ſie dem Baron zuflüſterte: „Iſt es nicht recht fatal! Ich glaube das unbefan⸗ gene Kind merkt endlich die kränkende Stimmung des Salons, ohne zu begreifen, warum man es in dem rauſchenden Ballkleide ſo mit Tadel bewirft. Wie in aller Welt konnte auch nur dieſe Sophie, mit allem Anſpruch die erſte bürgerliche Partie der Stadt zu ſein und von jungen, hübſchen Söhnen der beſten Familien umworben, gerade dieſem von Ruf und Jahren c nagten. Manne den Vorzug geben?“ „Geſchmack, gnädige Frau! ſchmunzelte mit Selbſt 218 zufriedenheit der auch ſchon alternde Baron. Man bricht ja auch das Obſt etwas ſpäter, als es am fri⸗ ſcheſten ausſieht.“ „Meinethalben auch wenn es morſch iſt!“ verſetzte die unruhige Dame. Hätte die gute Sophie nur dieſen Geſchmack nicht in unſerem Hauſe gefaßt, an unſern muſikaliſchen Abenden, wo ſie den Rittmeiſter kennen⸗ lernte. Wer hätte aber auch ſo'was Unangenehmes heut erwartet! Ich dachte vielmehr, das auffallende Paar würde gerade auf einem zahlreichen Balle noch am unbemerkteſten mit unterlaufen. Ich dachte ſie unter der Menge zu verſtecken. Denn, wie wir mit der Familie der Braut ſtehen, mußten wir ſie einmal einladen.“ „Ihr Banquier, gnädige— 2“ „Nein, verſetzte ſie kurz. Sophiens Eltern leben nicht mehr. Sie iſt bei Onkel und Tante,— Leuten ohne Welt, aber reich und rechtſchaffen, und die ganz in den Händen der Geiſtlichkeit ſind. Die Pfaffen haben dieſe Partie in ihrem Intereſſe gefunden.“ „Ha! So wird man alſo dieſen Herrn beſondern Dank ſchuldig! rief der Fremde mit ſpöttiſchem Lächeln aus. Laſſen ſie uns doch an der Moral eine friſche Zuthat der Geſelligkeit gewinnen! In der That, die ſociale Welt fing an ſo glatt und geſcheidt zu werden, daß dem guten Ton, der nobeln Mediſance wenig uͤbrig — ſie komn Mä men, brech eine antn 1 meiſte blieb. Iſt es da nicht dankenswerth, wenn in dieſem abgetriebenen Revier der Societät auf einmal morali⸗ ſches Hochwild erſcheint? Freilich, etwas waidmänniſch treibt man es hier. Geiſt und Witz von früher küßten doch noch die Hand und beleckten ihre Beute. Das moraliſche Urtheil aber ſtößt von ſich, was es verwirft. Da haben Sie das richtige Wort, meine Gnädige: verwirft,— wirft weg! Wahrlich, der moraliſche Un⸗ wille in Ihrem Salon iſt im beſten Anlaufe, die Ver— lobten zur Thüre hinaus zu werfen, beide auf einmal, durch die Flügelthüre. So würde allerdings die ver⸗ wünſchte Verbindung am nachdrücklichſten durch den Wundarzt hintertrieben, der die gebrochnen Beine zu verbinden bekäme. Die Gräfin überhörte dieſen geſuchten Witz; denn ſie ſah den Rittmeiſter mit ſeiner Braut lebhaft heran⸗ kommen, von einem Diener begleitet, der ihnen die Mäntel nachtrug. Sie eilte dem Paar mit angenom⸗ menem Befremden entgegen.—„Was? rief ſie. Sie brechen ſchon auf. Sind Sie unwohl, liebſte Sophie?“ Sie umarmte die blaſſe, bebende Braut, die mit einem halblauten—„Nein, nicht gerade unwohl!“ antwortete. „Nicht? verſetzte die Hausfrau. Dann Herr Ritt⸗ meiſter kann ich Ihnen nicht vergeben, daß Sie ſo früh fort wollen. Wiſſen Sie, daß Sie uns den Abend ſtören?“ Dies übereilte Wort nahm der Rittmeiſter eben ſo raſch auf, indem er mit verhaltnem Grimm erwiderte: „Das iſt es eben: wir ſtören, meine Gnädige. Gerade darum gehen wir. Man verſchwendet alle Auf⸗ merkſamkeit an uns allein. Es iſt Zeit, daß wir uns entfernen und Ihren übrigen Gäſten auch etwas gön⸗ nen. Die Verſchwendung ſo feiner Manieren ſetzt allen Aufwand von Spitzen, Tüll und Seide im Schatten.“ Lieber Anton!“ flehte die ängſtliche Braut den Zür⸗ nenden an, deſſen Stimme bebte, deſſen Blicke wild umher ſchoſſen. Sophie verabſchiedete ſich mit einer wehmüthigen Umarmung; der Rittmeiſter neigte ſich auf die Hand der Gräfin, über die er ſtatt des Kuſſes ein ſo ver⸗ letzendes Wort hauchte, daß ſelbſt dieſe ſo weltgewandte Frau für einige Angenblicke die Faſſung verlor. Dieſe plötzliche Entfernung des Paares ließ doch einigen Eindruck in der Geſellſchaft zurück. Man er⸗ kannte, daß die Kränkung, die nur dem Rittmeiſter gel— ten ſollte, doch auch die liebenswürdige Sophie mit getroffen hatte. Die Tanzluſtigen zwar ſetzten ſich mit leichten Sprüngen ſehr bald über allen Vorwurf hin⸗ aus; in einem Nebenzimmer ſaß aber, bei guten Er friſchungen, ein kleiner Kreis gebildeter Männer, die ihre Mißbilligung des Vorfalles laut werden ließen, und zuletzt auch das Räthſel, wie ein ſo liebes und unſchuldiges Mädchen gerade für ſolch' einen Mann eine Neigung habe faſſen können, mitVerſtand und Menſchenkenntniß beſprachen. Manches Geiſtreiche war darüber vorgebracht worden, als der Arzt des Hauſes das Wort nahm. „Ich gebe, von meinem Standpunkt betrachtet, auch die Zeit zu bedenken, in welcher der Rittmeiſter ſich Sophien zuerſt näherte, ſagte er unter andern. Es war in jenem reizbaren Alter, da junge Mädchen im Kreiſe von Frauen, die noch keineswegs alle Anſprüche abgelegt haben, gerade für die Aufmerkſamkeit geſetz ter Männer empfänglicher ſind, als ſpäterhin. Denn dies iſt, wohlgemerkt! das Alter, in welchem ahnungs— volle Gefühle, eine ſüßathmende Sehnſucht, ein unbe— wußtes, bängliches Schweben um das hohe Geheimniß der Liebe die knospende Weiblichkeit bewegen. Noch haben dieſe unberührten Seelen kein Verſtändniß von Dem, was anrüchigen Männern zur Laſt gelegt wird; oder es wirkt in ſeinem Dunkel auf manche Gemüther wie ein Zauber. Das Gluͤck, das ſolche Männer bei den Frauen gemacht haben, umgibt ſie mit einem Rufe, wie mit einem betäubenden Duft, einem Leuchten, wie 222 es auch dem faulen Holz eigen iſt, und das in die erſt halb erwachten Mädchenaugen wie ein Nimbus fällt. Die eigenthümliche Verwegenheit jener Heroen leicht⸗ V fertiger Liebesabenteuer, oft für Gebildete ſo abſtoßend, hat gerade für Erſtlinge der Geſellſchaft, die ſich in ihrer unſäglichen Befangenheit nicht zu faſſen wiſſen, etwas, woran ſie ſich halten und aufrichten können.“ Man gab dieſer Anſicht Beifall, und Einer der Herren beſtätigte, wie ſehr Oheim und Tante Sophiens, bei denen die ſchöne Waiſe lebte, über das ſo unge⸗ ſtüme als unerwartete Intereſſe der Nichte für einen ihnen ſo widerwärtigen Mann betroffen geweſen. Hätten ſie ſich nur nicht, wie es ſo oft vorkömmt, mit aller Lebhaftigkeit ihrer Mißbilligung gerade der erſten ſo reizbaren Vorliebe widerſetzt, meinte er: vielleicht wäre die raſche Neigung wie eine Laune verdampft, —— oder, wie ein ſelbſterkannter Irrthum zu Boden gefallen. Sie bedachten eben nicht, daß die Neigungen der Mäd⸗ chen, wie ihre Kätzchen, blind geboren werden. Und ſo tadelten ſie und ſchmähten den Geliebten, ja ſie unter⸗ ſagten Sophien alle Gelegenheit ihn zu ſehen, und trieben dadurch das von ihnen ſelbſt verwöhnte Mäd⸗ chen zu gefährlicher Verheimlichung und ſtillem Trotz. Dadurch war in das Haus des Oheims, wo man bisher nur die geſchäftliche und geſellſchaftliche Unruhe kannte, eine innerliche, quälende Verwirrung gekommen; iter 223 zumal die eignen Töchter des Hauſes ſich auf die Seite der liebenden Baſe ſchlugen. Dabei blieb der kluge und keineswegs blöde Rittmeiſter nicht müßig, ſondern begleitete ſeine Bewerbung mit Artigkeit gegen die Tante und mit Hochmuth gegen den Oheim. So wur⸗ den die Alten nach und nach mürbe, und gaben, um des häuslichen Friedens willen, des Rittmeiſters Be⸗ ſuche zu. Im Stillen mochten ſie auf einen glücklichen Zwiſchenfall hoffen, der das übertriebene Verhältniß brechen ſollte. Der Arzt war eben im Begriff, dieſe Mittheilung zu ergänzen und die Bemühungen der vom Rittmeiſter gewonnenen Geiſtlichkeit anzuführen; als er ſich beſann, daß einige der eifrigſten Freunde derſelben am Tiſche ſaßen, die er nicht reizen mochte. Inzwiſchen war Sophie nach Hauſe gekommen und fand mit ihrem empörten Herzen eine ſehr unruhige Nacht. Der unerwartete Richterſpruch einer Ballgeſell ſchaft, dieſe ſtumme und darum unwiderlegliche Miß⸗ achtung drückte das kindliche Bräutchen ganz aus ſeiner naiven, ſeelenfrohen Verfaſſung hinaus, quälte es, regte aber auch zum Nachdenken auf. Sophie fühlte ſich wie eine Schuldige behandelt, und begriff nicht, wo ihre Schuld liegen ſoll Sie darüber aufzuklären oder vielmehr zu verwirren, fand ſich ein ungeſchickter Vetter ein,— ein vorlauter, gedankenloſer Menſch, Freund und Gefährte jener kauf männiſchen Zierlinge oder Schläkſe, die ſich auf lang weilige oder lächerliche Weiſe fuͤr Sophien intereſſirten. Er war ebenfalls auf dem Ball geweſen, und bis zur Ende geblieben, und machte, von ſeinen Kameraden gehetzt und in der angenehmen Stimmung ſeines Katzen⸗ jammers, einen Morgenbeſuch; da er denn die nieder⸗ geſchlagne Verlobte mit allem Unangenehmen unterhielt und reizte, bis er ihr denn auch von des Rittmeiſters Verhältniß zu Clementinen erzählte. Dies empörte ſie, wie ſie nun einmal für den Rittmeiſter ſchwärmte. Erſt beſtritt ſie den Vetter mit dem lebhafteſten Wider ſpruch, wobei ſie immer mehr und Bedenklicheres zu⸗ hören bekam; dann machte ſie in erzwungener Luſtig keit den Schwätzer und ſeine Freunde lächerlich, und drohte zuletzt mit des Rittmeiſters Piſtolen.—„Hüte nur vor andern Dein verläumderiſches Maul, Franz, ſaate ſie, oder der Rittmeiſter ſtopft es Dir, mit einer der ſchweren Cigarren, die mit Pulver angeſteckt werden und Dir die Naſe verbrennen!“ Den Vetter Franz verdroß es, daß ſeine Mitthei⸗ lungen bei Sophien ſo wenig verfangen wollten. Es fehlte ihm gänzlich an Einblick in die Bewegungen eines Mädchenherzens: ſonſt würde er gerade in dieſer Art von überſpanntem Muthwillen den bittern Kern ver heimlichter Kränkung nicht verkannt haben. Um ſo 225 roher wurden nun ſeine Ausfälle gegen den Rittmeiſter. Und wenn dabei auch mancher Ausdruck prahleriſchen Muthes nur ein Belachen verdienen mochte: ſo fiel doch die wiederholte Drohung, daß er dem elenden Ritt— meiſter auf Ehre! noch einen Poſſen ſpielen werde, woran er denken ſolle, durch Blick und Miene auf, und verrieth unverkennbar ein tückiſches Herz.——„Ja, ja, er ſoll an mich denken!“ rief er noch einmal und eilte mit viel Selbſtzufriedenheit fort. Woher auch hätte der öde Menſch eine Ahnung davon nehmen ſollen, was er in der hingebenden Seele Sophiens an⸗ gerichtet hatte? Denn war ſchon von der Liebe und durch den Kampf mit den Verwandten das kindliche Herz des Mädchens mächtig entwickelt und gereift worden: ſo kamen nun die Erfahrungen vom Ball und des Vetters Mitthei⸗ lungen hinzu, dies auf Gegenliebe geſtützte Herz in ſich ſelbſt zurückzuziehen, und mit eigener Kraft, mit ſelbſtſtändigem Muthe zu rüſten. Die Frucht der Liebe umgab ſich, ſo zu ſagen, ehe ſie noch ſüß geworden war, mit einer ſtachlichen Hülle. Eine mehrtägige Abweſenheit des Rittmeiſters im Dienſte, ließ dem kämpfenden Gemüthe Zeit, die rechte Faſſung zu ge⸗ winnen. Lebhaft empfindend, offen und zum Rechten leicht entſchloſſen, ging Sophie bei der nächſten trau⸗ lichen Gelegenheit den Verlobten geraden Weges an gen! 9 Koenig, Seltſame Geſchichten 15 226 und fragte nach ſeiner Verbindung mit Clementinen und nach ſeinen früheren Verhältniſſen überhaupt. Auf dieſe Fragen hatte ſich der Rittmeiſter längſt vorbereitet. Sein Verkehr mit der Geheimerathsfrau war ja ſtadtkundig, ihr Zurückbleiben nach der Verſetzung des Mannes viel beſprochen worden. Sophie ſelbſt hatte auf die kränkendſte Weiſe erfahren, wie viel Theil⸗ nahme die Stadt einer Frau widmete, die, von ihrem Liebhaber verlaſſen, lebhafter bedauert wurde, als ſie vielleicht früher wegen Treubruches an ihrem Gatten getadelt worden war. Der declamatoriſche Ton, in welchem der Rittmeiſter ſich gegen Sophien erklärte, entſprach gewiſſermaßen ihrer geſpannten Stimmung, und ſagte ihr eher zu, als daß er ſie mißtrauiſch gemacht hätte; wie denn auch ohnedies jugendliche Gemüther an redneriſchem Pomp und Aufwand, beſonders wenn er um ihretwillen ge⸗ macht wird, nicht leicht ein Mißfallen finden. „Deine Fragen, Sophiechen, kommen mir nicht un⸗ erwartet,“ ſagte er.„Vielleicht hätte ich Dir früher ſchon mit meinen Erklärungen oder Bekenntniſſen ent⸗ gegen kommen ſollen. Allein, wenn man ſich nicht genug thun kann, wo man den Menſchen Freundliches erzeigen will: ſo kann man auch wieder nicht zu wenig thun, wenn man die Verächtlichkeit der Societät zur Sprache bringen muß. O ja doch! Der Himmel be gſt ſchere dieſem Gezücht nur immer Gelegenheit, ein zartes Verhältniß der Freundſchaft mit dem Argwohn ihres eignen unreinen Herzens zu belaſten! Wie ſtreicheln ſie die eigne begehrliche Sinnlichkeit, wenn ſie mit heuch⸗ leriſcher Moral ſich an den falſchen Vorausſetzungen einer edlen Wechſelneigung reiben können. Erröthe nicht, mein ſüßes, ſeraphiſches Mädchen! Jene Brut iſt der Roſenblüthen nicht werth, die Deine heiße Wange um ſie abblättert! Höre denn weiter! Ob man alſo die uneigennützige Freundſchaft eines Mannes für eine unglückliche Frau wirklich nicht begreift oder nicht begreifen will, mag für diesmal hingeſtellt ſein. Eine ſolche Unglück⸗ liche iſt aber Clementine. Du kennſt ihren Mann nicht, meine theure Sophie, ſonſt hätte es keines Wortes bedurft, mein und ihr Verhalten zu rechtfertigen. Sie habe ihren Mann verlaſſen, wirft man ihr vor: ich ſage Dir als Mann von Ehre,— ſie hat ſich vor ihm gerettet! Wie oft hatte ich ihm in ſeiner pedantiſchen quäleriſchen Behandlung der zarten, etwas empfind⸗ ſamen Frau entgegentreten müſſen und mich der leicht Gekränkten angenommen! Oder, beſſer geſagt: ich hatte mich ſeiner ſelbſt angenommen; indem ich als recht ſchaffener Freund in abzuhalten ſuchte, unedel und un⸗ würdig an einer Frau zu handeln, deren freilich etwas ſchwärmeriſches Weſen er nicht begriff. Doch das ver droß ihn und er benahm ſich nur deſto brutaler gegen 15* 228 ſie. So war ich aus einem Beſchützer Clementinens ihr Schuldner geworden. Durfte ich ſie verlaſſen, als ſie bei ſeiner Verſetzung mit ſeiner Zuſtimmung zurück blieb? War ſie nun nicht ganz an meinen Beiſtand gewieſen? Sieh' da mein Verhältniß zu ihr.“ „Aber nun haſt Du ſie ja doch verlaſſen, Moritz?“ wendete Sophie naiv ein, indem ſie, ſelbſt zu rein ge⸗ ſinnt, um einen zur Schau geſtellten Edelmuth zu be⸗ zweifeln, lebhaft hinzuſetzte:„Du hätteſt mich zu ihr bringen ſollen, ſo hätte ſie einen rechten Halt gehabt, in ihrer Verlaſſenheit.“ „Ich habe ihr andere Freunde zugewendet“, erwi⸗ derte er verlegen„Sie iſt nicht vereinſamt. Weg⸗ bleiben aber mußke ich um ihrer ſelbſt willen, nachdem uns einmal der Argwohn der Menſchen zu Ohren ge⸗ kommen war. Ich war ſchon zu lange unachtſam auf die böſen Zungen der Menſchen geweſen. Dich zu Cle⸗ mentinen bringen— hätt' ich freilich geſollt. Aber wär's am Ende wohl gut geweſen? Der Dunſtkreis der Verläumdung bleibt immer bedenklich für ein reines junges Herz. Ich wollte Dich lieber entfernt halten. Haſt Du nicht ſelbſt erfahren, wie ungerecht die Welt h iſt? Hat die Mißgunſt der Geſellſchaft, die doch nur mir und dem Glück meines liebenden Herzens gilt, nicht auch Dich, liebenden ſchuldloſen Engel mit getroffen, N — auf jenem Ball? verlaß Dich drauf, mein Herz,— ehe die giftigen Mäuler die gute Gelegenheit mich zu verläumden aufgegeben, lieber hätten ſie Dich mitbe⸗ geifert.“ Schmeichelei, Betheurungen, Zartlichkeiten ſuchten zu erſticken, was Sophie vielleicht noch zu fragen und einzuwenden haben mochte. Sie war freilich durch all dieſe Vorſpiegelungen nicht beruhigt worden; doch war es kein Mißtrauen in die Verſicherungen des Geliebten, was ſie auf's neue niederſchlug; ſondern ihr Herz, das nach den Fingerzeigen des Freundes ſo troſtloſe Blicke in's Leben und in das verworrene, verwilderte Treiben der Menſchen gethan, war auf's Tiefſte entmuthigt. Der Ritt⸗ meiſter aber mißverſtand dies Gefühl. Er begriff nur, daß Sophie durch Mittheilungen Anderer zu ihren Fragen an⸗ geregt ſei, und vermuthete, ſie möchte wohl noch irgend ein zartes Bedenken auf dem Herzen haben, für welches ſie nach Worten ſuche. Er glaubte es zu errathen und am beſten zu beſeitigen, wenn er damit der Geliebten zuvorkäme. Mit etwas kurzem, gleichgiltigen Tone ſagte er: „Was mir bei meiner Entfernung von der Geheime⸗ räthin wirklich leid thut, iſt ihr allerliebſtes Kind,— ein kleines Mädchen voll Anmuth und Lebhaftigkeit. Allerdings etwas zart und reizbar; was aber begreiflich iſt, wenn man bedenkt, daß die Mutter gerade während ihres Hoffnungsſtandes von ihrem hypochondriſchen 230 Gatten beſonders viel zu leiden hatte. Wie manchmal mußte ich damals zu ihrem Schutze dem Unhold ent⸗ gegen treten! Nun findet die dankbare Mutter in Mund und Blick des Kindes, wenn es ſich über ſeine Puppe ereifert, etwas von dem Ausdrucke meines Geſichtes aus jenen, ihr freilich unvergeßlichen Auftritten. Ich ſagte Dir ja, Clementine iſt ein wenig Schwärmerin. Aber gerade Du würdeſt ſie darum lieber gewinnen. Denn“— ſetzte er ſchmeichelnd hinzu—„ich weiß ſchon mein Mäuschen, daß Du ähnliche kleine Vorurtheile hegſt, und vergeſſe nicht, wie andächtig Du Deinem Oheim zuhörſt, wenn er über den Ausdruck des menſch⸗ lichen Geſichts und über die Bedeutung des menſchlichen Schädels etwas langweilig wird. Verzeih', und mach' mir kein Mäulchen! Ich bin ſo ungläubig nicht, und habe früher auch mancherlei über die Phyſiognomie und beſonders auch über die oft wunderbaren Störungen des Geiſtes durch Kopfverletzungen und Hirnerſchütte⸗ rungen geleſen!“ „Laß es gut ſein, lieber Moritz!“ fiel Sophie ein. „Wenn ich dem Onkel in ſeiner aus England mitge⸗ brachten Liebhaberei gern zuhörte: ſo war's oft auch aus Rückſicht für den guten lieben Mann. Glaube mir, Moritz,— ich baue mein Gluͤck lieber auf das Herz, als auf das Hirn eines Menſchen. Und da ich letzte Nacht Clementinens Lage in anderm Licht zu ſehen 231 glaubte, als Du ſie mir jetzt gezeigt: ſo dachte ich lang darüber nach, wie ſie ſich von Dir verlaſſen und un⸗ glücklich fühlen möchte. Ach! da empfand ich ſo recht aus tiefſter Seele den Zuſtand mit, ſich von einem Menſchen den man liebt, vernachläſſigt, verkannt oder gar betrogen zu finden. Entſetzlich, liebſter Moritz!“ Der Rittmeiſter rückte mit einer Schwadron wohl⸗ geſattelter Betheurungen dieſen Vorſtellungen entgegen, 8; die nicht ohne heimlichen Vorwurf für ihn waren. Die Unterhaltung kam ſeitdem noch öfter auf Clementinen: doch hielt der treuloſe Freund darin guten Takt, daß er von der Verlaſſnen nie anders, als mit lebhafter Hochachtung ſprach. Was immer auch der Rittmeiſter zur Beſchönigung ſeines frühern Verkehrs mit Clementinen vorbringen mochte: ſoviel blieb wenigſtens wahr, daß er jetzt die troſtloſe Freundin auf alle Weiſe vermied. Im Winter hatte er ſeine Wohnung gewechſelt, und ließ nun, ſo— bald es das trockne Märzwetter erlaubte, in der neuen Behauſung einen Stall einrichten, um auch ſein Reit— pferd herüber zu ſchaffen. Außer dem Vortheil, das Pferd bei ſich zu haben, erinnerte es ja auch, ſo oft es aus dem alten Stall geholt ward, Clementinen an den Reiter, und er ſelbſt konnte nicht vermeiden, zuweilen 232 nach dem Gaule Veuſei vorüber zu kommen. Vollblutmiſchung— edel Temperament. der Mann wach und wacker hält. Reiter, gern dem Burſchen des Rittmeiſters ſah blaſſes ſchwarzen Locken und eben ſo ward, ein Fenſter der liegend gegenüber grüßte hinauf; ſie nickt Lächeln glitt über dies aus rief drucke ſeinen Namen. Dann Riemen des ur, Mathildchen, dann am Halſe der Mutter die blonde Lockenfülle. ug des Stra 8 e Seit dem Ausz der einſamen ſollte daß der Gaul in ſich heut' es das Letztemal 3 in den neuen S ⁹◻ enn Konrad kam faſt —— zählte, bei irgend Stuhle ſitzend zu ſehen, und alſo unter Clementinens Das Pferd war ein Mecklenburger aus engliſcher von Der Rittmeiſter war ein ein reizbare Frauengeſicht e hinab und ein melancholiſches druckswarme Geſicht. dann auch eine Kindesſtimme mit lallendem Aus⸗ Zaums hinauf zu wenn ich Dich kriege!“— Laut lachte die Kleine, und Rittmeiſters jeden einem kleinen Rittmeiſter, Geſtalt, lebhaft von ausgezeichneter das s Thier ritt, ſeinen So oft es von Konrad, „aus dem Hauſe geführt 8 mit glänzend dunkeln Augen aus einem en Wohnung. Konrad Meiſt pflegte Konrad mit dem drohen:„Wart, wart' b ſchüttelte hatte dieſe Scene täglich wiederholt, und ſein. Clementine wußte, tall geführt werden ſollte. Abend Imbiß knapp auf dem zu ihr und er— T ag — was er den 233 über gethan und geſprochen, ob er heiter und aufge⸗ räumt geweſen, oder ihn ausgeſcholten habe. Wenn's ihm dabei, nach Art ſolcher Leute, nicht darauf ankam, zuweilen auch etwas hinzu zu ſetzen, was der Frau angenehm ſein ſollte: ſo beantwortete er auch wieder manche lebhafte Frage ſchlicht und gerade aus, ohne zu merken, was damit gemeint war, und welches Leid die Trauernde aus der ehrlichen Antwort ſchöpfte. Es war ein heitrer, friſcher Märzmorgen, als Kon⸗ rad das Pferd aus dem Stalle führte. Er war eine Stunde früher gekommen, und hoffte es unbemerkt fortzubringen. Er mochte gar nicht nach Clementinens Fenſter aufblicken, weil er wünſchte, ſie möchte nicht da ſein oder ihn nicht ſehen wollen, wenn ſie hinter den Scheiben ſtände. Da hörte er aber, und diesmal nicht von des Kindes Stimme, ſeinen Namen rufen in einem Tone, daß ihm auch gleich die Thränen in die Augen ſchoſſen. Wie er nun mit dem linken Aermel über das Geſicht ſtreichend empor ſah, verſtand er Cle⸗ mentinens Wink, und führte das Pferd durch den ſchon geöffneten Thorweg in den Hof ihrer Wohnung. Die ſchöne Frau erſchien im Morgenanzuge mit einem Ta⸗ ſchentuche, das vom Thau glänzender Augen benetzt war. Mit hochklopfender Bruſt näherte ſie ſich dem Pferde, etwas furchtſam oder vielleicht auch ſehr be⸗ wegt. Nun trat ſie aber ganz dicht an das ſtolze — 234 Thier hinan, und legte ihm hoch reichend die kleine weiße Hand an den Hals. Sie klopfte und ſtreichelte es einigemal ſanft, und konnte kein Wort hervor brin⸗ gen. Endlich flüſterte ſie doch mit bebender Stimme: „Du verſtehſt Dich recht gut auf Pferde, Konrad, das Thier iſt ſchön gehalten und glänzt.“ „O ja, Madam, der Rinko iſt rechtſchaffen. Wiſſen Sie, was ich wollte? Alle Reiter der Welt ſollten ſo ſein. Der Rinko ſteckt in einer ehrlichen mecklenburger Haut drin, und ehrlich glänzt am beſten.“ „Du reiteſt ihn ja zuweilen aus, Konrad: reite doch hier vorüber; damit ich wenigſtens das Pferd zu ſehen bekomme. Sonſt—“ Sie konnte nicht weiter reden, und auch Konrad brachte vor Schluchzen nichts hervor als ein laut ſtöhn⸗ des:„Ja ſonſt— ⸗ Clementine klopfte des Pferdes Hals.—„Trag' ihn,“ rief ſie in aufwallendem Gefühl,„trag ihn ſicher! Und— bring' ihn uns zurück!“ Ueberwältigt von verhaltenem Leid, umſchlang ſie, auf den Zehen emporgeſtreckt, des Pferdes Hals; das Tuch entfiel ihr, und entblößte die ſchöne Fülle der Schultern. Sie drückte die heiße Wange an das edle Thier, dem von den rinnenden Thränen die Haut ſchauerte. Es wendete den Kopf, und ſah mit ſinnigem Auge nach der Seite nieder. Konrad in ſeiner bäuer 235 lichen Empfindſamkeit weinte laut und ſtöhnte da— zwiſchen: „Ihre Schabracke, Madam! Ihren Shawl, ſage ich. Erkälten Sie ſich nicht! Es macht ſehr friſch den Morgen. Verzeihen Sie, daß ich Sie nicht bediene; aber ich darf's Pferd nicht los laſſen, es wird leicht unruhig.“ Bei dieſen Worten bückte ſich Clementine nahm ihr Tuch auf, huͤllte ſich hinein bis an die Augen und ging ſtillſchweigend, mit einer gewiſſen Faſſung in's Haus zurück. Konrad ſah ihr nach, wiſchte die Augen und brummte, wie aus Verlegenheit über ſeine eigne Schwäche vor ſich hin: „Flenn' ich alter Eſel auch noch! Als ob man die Weiber nicht kennte! Einen müſſen ſie immer haben. Da kommt Die von droben herunter— ganz nieder⸗ geſchlagen über ihren ungetreuen Schatz,— wirft ſich dem erſten beſten Mecklenburger an den Hals, und— geht auch gleich getroſter hinauf.“ Unter Kopfſchütteln und ſauerſüßem Lächeln faßte er die Zaumriemen kürzer, ſchnalzte mit der Zunge und ſo ging's in kurzem Trabe laufend, die Gaſſe hinab. 236 Den Nachmittag brachte der Rittmeiſter bei ſeiner Braut zu. Das beſte Vernehmen war zwiſchen beiden hergeſtellt. Sie ſaßen traulich zuſammen und nur die Tante ging ab und zu; während die Männer noch auf dem Comptoir blieben. Nur der Vetter verließ bei Zeiten ſein Pult, in der Abſicht, an dem mild gewor⸗ denen Abende den Schnepfenſtrich zu verſuchen. Wie die Flinte geladen und die Jagdtaſche zurecht gelegt war, kam er herüber, ein Butterbrod mitzunehmen. Er konnte es kaum verbergen, daß er zu ſeinem Ver⸗ druß den Rittmeiſter im Wohnzimmer antraf. Eben wurde deſſen Pferd von Konrad vor das Haus ge— bracht. Das verlobte Paar trat an das Fenſter und Sophie fand den Rinko allerliebſt. Dies und des Rittmeiſters prahlendes Lob reizte den Vetter, mit Uebertreibung ein Pferd zu rühmen, das ſein Freund Denning vorige Woche gekauft habe.—„Ich kenne es,“ verſetzte der Rittmeiſter:„es iſt ein treffliches Pferd, nur etwas zu raſch für einen ſolchen Sonn⸗ tagsreiter.“ Wie nun einmal den jungen Menſchen Alles ver⸗ droß, was der Offizier auch im beſten Sinne vorbrachte, ſo nahm er auch dieſe unbefangene Bemerkung empfind⸗ lich auf, und erwiderte mit der raſchen, ungeſchickten Frage: „Hat Ihr Rinko Sie noch niemals abgeworfen, Rittmeiſter?“ In demſelben Augenblicke fiel Sophie erſchrocken ein: „Um Gotteswillen Franz,— welche unglückliche Frage kommt Dir da in den Mund: Gleich ſetze hinzu: Unberufen, unberufen!“ Der Rittmeiſter lachte aus voller Kehle, und er⸗ ſchreckte damit Sophien, die ihn bat, doch nicht ſo fre— felhaft zu lachen, ſondern zu ihrer Beruhigung lieber nicht auszureiten. Worauf er ſchmeichelnd erwiderte: „Geh', ſei doch kein Kind, Sophiechen, wer wird ſo abergläubig ſein. Dennoch wollt' ich Dir gern den Willen thun, aber es iſt ein Dienſtritt. Ich muß nach der Heide hinaus; die Schwadron ſoll morgen ein— üben, wenn der Boden trocken genug für die Pferde iſt, und das will ich ſelber nachſehen.“ Und indem er ſich zu Franz wendete, fuhr er fort: „Nein, lieber Vetter, ſeit ich Rittmeiſter bin, hat mich kein Pferd abgeworfen. Das wäre mir auch ein ſchöner Meiſter im Reiten, der ſich von irgend einem Bucephalus abwerfen ließe. Aber ihr, auf euren leder⸗ gepolſterten Comptoirſtühlen, könnt vom Spazierenreiten nie recht ſattelfeſt werden. Dafür werdet ihr federfeſt, packtuchfeſt und Meiſter in andern Stücken,— Rechen⸗ meiſter, Wagemeiſter oder dergleichen.“ Dieſer, freilich nicht ganz gutmüthig gemeinte Scherz 238 kränkte den Vetter auf's Tiefſte. Da es ihm aber an wahrem Muth und an natürlichem Witz zu raſchen Repliken fehlte: ſo brachte er nur die kindiſchen Worte vor:„Wer weiß, worin Sie noch all' Meiſter ſind.“ Damit ging er fort und ſchlug die Thüre hinter ſich zu. Er fühlte aber ſelbſt, daß er eben den Kür⸗ zeren gezogen, und nahm mit der Jagdtaſche und der Flinte einen Anlauf zu einer heimlichen Kühnheit. Sein unbefriedigter Groll wuchs mit jedem Schritte, und ſeine Phantaſie ſuchte mit Drohungen gut zu machen, was dem Herzen an Muͤthe gefehlt hatte. In dieſer Stimmung vergaß er den Freund abzuholen, der ihn erwartete, und ſchlug einen andern, als den verabredeten Weg ein.— Was man oft einen böſen Geiſt nennt, der den Menſchen zum Schlimmen lenken ſoll, iſt für den Men⸗ ſchenkenner nur die eigne, von böſer Leidenſchaft getrie⸗ bene Seele. Sie faßt dann in ihren dunkeln Abgründen Entſchlüſſe, die allmählich wie Eingebungen uns zum Bewußtſein kommen, und wie mit Naturgewalt unſer widerſtrebendes Herz fortreißen. So ſtand jetzt Franz, wie aus einem Traum gefallen, an den Tannen vor der Heide. Es war ein alter, ſtark gelichteter Wald, der aber unten am Wege zum Dorf von einem breiten T Saum angeſäeter Tannen umzogen war. Hier brach der grollende Schütze in's Dickicht der noch ungelichteten EEr-: — 239 Stämmchen ein, mit der knabenhaften Bosheit, das Pferd des Rittmeiſters wo möglich ſcheu zu machen. Er wollte doch zuſehen, ob der Rittmeiſter in allen Fällen ſattelfeſt ſei. Wie freute er ſich, den ihm wi— derwärtigen Menſchen, wenn er wirklich abgeworfen und in dieſem Zuſtande geſehen würde, zu hänſeln. Weiter dachte er an nichts, und vielleicht war es nicht einmal Folge ſeiner Ueberlegung, daß er ſich an einer Stelle verbarg, wo er, im Falle des Mißlingens feiner Tücke, recht gut entſpringen konnte; weil für einen Reiter nur um den Saum der jungen Tannen herum in den Wald— und hier wegen der ſumpfigen Strecken nicht weiter zu kommen war. Der wegelauernde Commis hatte nicht lang genug zu harren, um einige Ungeduld oder beß're Ueberlegung zu faſſen. Er hörte ſchon den kurzen Trab eines? Pferdes, und erkannte zwiſchen den Spitzen der jungen Tannen hindurch ſeinen Mann auf hohem Gaul. Der Reiter hielt den Zügel ſchlaff in der Linken, und wendete ſich eben rückwärts, nach einem Raubvogel aufzublicken; wobei er, das rechte Bein ein wenig am Leib des Pfer⸗ des herauf gezogen, ſich mit der Hand auf den Rücken desſelben ſtützte. So ſaß er freilich nicht feſt und ge— ſchloſſen, als die Flinte dicht vor dem Pferd losknallte, und das erſchrockne Thier empor fahrend rechts abſprang. Der Rittmeiſter ſank von der andern Seite herab, ſein linker Fuß glitt in den Steigbügel. So ward er von dem verſcheuchten Thiere eine Strecke über Stock und Stein nach der Stadt zurückgeſchleift. Durch welche Wendung der Fuß des Reiters aus dem Bügel loskam, iſt nicht zu ſagen. Das Pferd langte mit tollen Sätzen in der Stadt, und wie hirn⸗ verwirrt, des neuen Stalles vergeſſend, vor der alten Wohnung an. Als es hier das Thor verſchloſſen fand, wendete es ſich rechts und links, bis es endlich in den Hof gegenüber trabte, und auf der Stelle, wo es am Morgen von der ſchönen Frau geſtreichelt worden, ver⸗ ſchnaufend ſtehen blieb. Die ſchöne Frau ſelbſt kam aber nicht herab, zu fragen, wo der Reiter geblieben ſei. Ohnmächtig vor Schreck, als ſie das Thier ohne Reiter erkannt und mit lebhafter Empfindung das Un⸗ glück wirklich errathen hatte, lag ſie auf dem Teppich des Bodens. Von dieſer Ohnmacht unter den Eſſenzen ihrer Dienerin und dem Weinen ihres Kindes zu ſich gekommen, ging ſie zur verzweifelnden Unruhe über. Sie hörte das Pferd wegführen und rief, auf die Kniee geſtürzt und die Hände emporringend: „O gerechter Gott, wie ſtreng nimmſt Du es mit mir, und gehſt mit meinem ſündigen Herzen in's Ge⸗ richt! Ich flehte das Thier an, Moritzen ſicher zu tragen, und ihn mir zurück zu bringen. ein ſo arger Frevel, daß ich zu einem unvernünftigen Thiere geredet, daß ich aus dem Abgrunde meines Lei— des an eines Thieres Halſe geweint habe? O vergib mir die Schuld, Barmherziger! Ich erkenne es: Dich ſoll man anflehen, Dir unſere Bitte gönnen und nicht einer Creatur, Deinem Geſchöpfe. Aber ach!l erhörſt Du mich denn? Hab' ich nicht ſchon Tage und Nächte gerufen?“ Und was die leidenſchaftliche Frau noch weiter aus ſtieß. Wie denn ſo verworrne Seelen aus Zerknir— ſchung leicht zu Klagen gegen den Himmel übergehen und mit reumüthigen Redensarten die alten Gelüſte in friſche Flammen ſetzen. Sie unterbrach ſich auch nur, um das Mädchen auf Erkundigung auszuſchicken, was eigentlich geſchehen ſei. Denn mitten in ihrem Beten und Klagen hatte es Liſette an eben ſo lautem Zuſpruch nicht fehlen laſſen.— „Muß denn juſt ein Unglück vorgefallen ſein, Frau Geheimräthin?“ rief ſie aus.„Wiſſen Sie was ich glaube? Das Pferd hat nicht in den neuen Stall hinein gewollt, und iſt ausgeriſſen— hierher. Und wer weiß ob das nicht ſein Gutes hat! Vielleicht nehmen der Herr Rittmeiſter ein Erempel an dem unvernünftigen Thier und kehrt auch wieder zurück.“ Inzwiſchen hatte ein Bauer, der vom Markte heim⸗ fuhr, den verungluͤckten Reiter in todtähnlichem Zuſtand Ku i g, Seltſame Geſchichten 16 242 aufgehoben, und auf ſeinem Karren nach dem Land⸗ krankenhauſe gebracht, das zwiſchen den Gärten der Vorſtadt lag. Die zur Abendviſite verſammelten Aerzte erkannten den Rittmeiſter, und fanden ſeinen Kopf be⸗ denklich zugerichtet. Die Militärärzte wurden dazu ge⸗ rufen, Waſchungen und Ueberſchläge vorgenommen. Der Leidende athmete freier auf, blieb aber bewußtlos unter ſeinen Verletzungen.— Auf minder ſchreckhafte Weiſe als Clementine er⸗ fuhr die Braut das Unglück. Der Vetter kam nämlich auf einem Umwege ſehr kleinlaut nach Hauſe und brachte ihr, mit mehr Geſchicklichkeit als Wahrheit in den erzählten Umſtänden, die Nachricht bei. Dennoch war ſie entſetzt und in peinlichſter Unruhe, bis ſie durch das Benehmen des Vetters auf die Vermuthung ſeiner Schuld oder Mitſchuld kam. Dieſer neue Kummer hielt ihrer innerſten Angſt einiges Gegengewicht. Als ſte aber in ihrer Entrüſtung den unbeſonnenen Menſchen zur Rede ſtellen wollte, ſtieg ihr die Frage auf, ob ſie nicht etwa ſelbſt, durch ihre abergläubige Beſorgniß beim Wegreiten ihres Verlobten, den Vetter auf den Gedanken irgend eines frevelhaften Unternehmens ge⸗ bracht habe. Dieſe Betrachtung gab dem wahrhaft re ligiöſen Mädchen eine demüthig zerknirſchte Stimmung; wobei ihr Gemuͤth durch Ergebung in das unbegreif⸗ rten der n Aerzte Kopf be dazu ge⸗ nommen. wußtlos tine er nämlich iſe und rheit in Dennoch liche Walten einer höheren Macht Faſſung und Muth zu erringen ſuchte.— Wir übergehen die Krankengeſchichte. Der Schädel des verunglückten Reiters fand ſich ſo tief verletzt, daß er mit dem Trepan geöffnet werden mußte, um das Hirn von den Stoffen zu befreien, die es belaſteten und das Bewußtſein der Seele unterdrückten. Trauriger Zuſtand eines Menſchen, da man mit ſchmerzlichem Inſtrument die Werkſtätte des Geiſtes erbrechen muß, ſum Hülfe zu bringen. Die Liebe weicht hier der Kunſt; das Mitleid tritt zurück, und überläßt das Theuerſte einer fremden Hand, die nicht zittert. Sophie und Clementine glaubten beide ein Recht auf die Pflege des Leidenden zu haben. Und war auch dies Recht ſehr verſchieden begründet: ſo blieb doch für Beide das gleiche Bedürfniß, den geliebten Mann wenigſtens zu ſehen, einen thätigen Antheil an ſeinem Zuſtande zu nehmen, um, wenn auch ihm nicht zu helfen, doch die eigene Angſt und Sorge zu be— ſchwichtigen. Begreiflicherweiſe wurde keine von Beiden vorgelaſſen. Was war auch von ſolcher Annäherung 8 zu erwarten, als daß ſie den Aerzten läſtig und dem Kranken gefährlich werden möchte. 16* — — So verging mancher Tag, an dem die Bewußtloſigkeit des einen Leidenden durch die Unruhe zweier Liebenden eben nicht aufgewogen ward. Nur langſam dämmerte es in der Seelennacht des Schlummernden. Oefter und anhaltender ſchlug er die Augen auf mit dem irren Blick aus einer geſtörten in eine unverſtandene Welt. Nach und nach erinnerte er ſich, fand Gedanken und ſuchte ſie in Worten zu verbinden. Beides fiel ihm anfangs ſchwer, ſo daß es ihn zum Einſchlummern er müdete. Sophie bekam über den Gang der Geneſung Nachrichten durch den Hülfsarzt, der im Krankenhaus zur ſteten Aufſicht wohnte. Bei fortgeſchrittner Beſſe rung beſtand ſie darauf, ihren Verlobten, wenn auch nur unbemerkt, zu ſehen. Ihr Verhältniß zu ihm war auch zu anerkannt, um es ganz unberückſichtigt zu laſſen, und ſie gelobte, ſich ſtumm hin zu ſetzen, den Kranken unangeſprochen zu laſſen, und Herrin ihrer Empfindungen zu bleiben. Mit welchem Herzklopfen betrat ſie das Kranken zimmer. Es war eins der kleinern, die für einen ein lnen Kranken von beſonderer Berückſichtigung gegeben wurden. Moritz ſchlummerte; ſie konnts ihn lang a ſehen, ſich unter dem Anblicke ſammeln, und das k pfende Herz, die beklommene Bruſt frei werden laſſen. Ein Gemiſch von Mitleid, Hoffnung, Freude, aber 9 45 auch von wunderſamer Angſt beſtürmte ihre Seele und fand endlich ſeinen Ausbruch in ihren Thränen. Sobald der Kranke ſich regte, trat ſie hinter den Schirm zurück, der das Bett ſchützte. Sie hörte Mo ritzen ächzen und lallen, und mußte ſich entfernen, um vor der Thüre laut weinen zu können. Dieſe Selbſt beherrſchung gewann ihr vollends das Vertrauen des Arztes; ſo daß ſie ohn Frage ihre Beſuche wieder holen durfte? Bald gewöhnte ſie ſich an die Erſcheinungen des Leidens, und bemerkte, wie Moritz mehr und anhal tender ſprach. Es betraf ſeinen Zuſtand und ſeine Be dürfniſſe. Wie ängſtlich lauſchte ſie, daß er ihren Namen nennen, eine Frage nach ſeiner Verlobten thun ſollte. Sie wußte vom Arzte, daß er es bis jetzt noch nicht gethan. Dieſer junge Mann knüpfte nun in ihrem Intereſſe ein Geſpräch mit dem Kranken an.„Gute Freunde, ſagte er, liebe Perſonen ſind ſehr bekümmert um Sie, Herr Rittmeiſter, und möchten gern zu Ihrer Pflege beitragen. Nicht wahr, Sie wollen ſie noch nicht ſehen, Sie fühlen ſich noch nicht ſtark genug für ſolche Eindrücke des Wiederſehens? „Doch, doch! erwiderte nach einiger Anſtrengung des Beſinnens der Kranke. Nicht wahr, Clementine?“ Der Arzt ſchwieg. „Und mein Mathildchen? Oh!“ Der junge Arzt blickte verlegen zu Boden.—„Nein, ſagte er endlich kleinlaut, aber Fräulein Sophie!“ „Sophie, Sophie—? lallte Moritz befremdet und mit dem Kopfe ſchüttelnd. Auf einen Wink des Arztes trat Sophie hervor und ſah den Kranken mit ſchmerzlichem Lächeln an. Moritz ſtarrte nach ihr empor und richtete ſich ein wenig auf, als ob er höflich grüßen wollte. Wie, Herr Rittmeiſter, fiel der Arzt ein, beſinnen ſie ſich denn nicht auf Fräulein Sophie, Ihre—.“ Einerlei, einerlei! antwortete der Patient etwas gereizt von der Anſtrengung.„Womit kann ich dienen?“ Sophie trat zurück. Sie ſank in den Lehnſtuhl; ihr Athem drohte zu ſtocken. Der Arzt bemühte ſich, ihr etwas zu ſagen; ſie reichte ihm lächelnd den Arm, und ließ ſich hinaus führen. Auch kam ſie erſt nach einigen Tagen wieder. Der Arzt empfing ſie nicht ohne ⸗Befangenheit. Ihr ſelbſt ſah man die ängſtliche Span⸗ nung an, mit der ſie ſich, da Moritz ſchlummerte, am Bett niederließ.—„Hat ſein Gedächtniß, ſeine Beſin nungskraft zugenommen? fragte ſie kleinlaut.“ „Es ſcheint damit gar langſam zu gehen, antwor⸗ tete der junge Mann. Es muß eine Stelle ſeines Hirns beſonders ſchwer getroffen und noch unthätig ſein. Sie wiſſen, mein Fräulein, man nimmt an, daß die Seelenthätigkeit in ihrer vielfältigen Richtung an beſondere Organe des Hirns geknüpft ſei, wie ja auch ein ordentlicher Geſchäftsmann ſeine Arbeiten Papiere, Juſtrumente u. dgl. geſondert von einander hält. Natürlich wird durch eine ſolche Verletzung, wie der Herr Rittmeiſter erlitten, ein Organ mehr als ein anderes geſchwächt. Es kömmt darauf an, wo gerade im Hirn das Erxtravaſat, der Bluterguß, ſich gebildet, welche Partien der zarteſten Nervengeflechte getroffen oder in Mitleidenheit gezogen ſind. So iſt die Erin nerung unſeres Kranken bis auf eine gewiſſe Strecke ſeines Lebens wieder ziemlich klar, und nur die jüngſte Region desſelben liegt noch ganz im Schatten.“ Sophie war froh, daß ſie unter der Miene der Aufmerkſamkeit auf die Erklärung ihre heimliche Pein verbergen konnte. Der junge Mann, der aus Theil nahme und Verlegenheit immer gelehrter und belehren⸗ der wurde, fuhr inzwiſchen fort: „Ich vergleiche gern des Menſchen Schädel mit dem Erdballe. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß auch dieſer ungeheure Schädel von einer Seele bewohnt wird, die wir die Erdpſyche nennen. Wie wir nun an Kindern beobachten, daß während der Jahre ihrer Ent wicklung auch ihr Kopf durch Erhöhungen und Vertie⸗ fungen ſich verändert: ſo iſt es wohl auch der Erde D mit ihren Gebirgen geſchehen. agegen ſinken denn Erdbeben ganze Länderſtriche ein- und verſchwinden unter dem auch wieder bei innern Revolutionen, bei Meer mit allen lebenden Weſen darauf. So hat man auch bei Schädelverletzungen ſchon die Fälle gehabt, daß der Unglückliche eine fremde Sprache, die er voll⸗ kommen ſprechen und ſchreiben konnte, nach ſeiner Ge⸗ neſung rein vergeſſen hatte. Darum, mein Fräulein—.“ Welchen Troſt der befangne junge Arzt mit ſeinem „Darum“ an einen ſo traurigen Vergleich, an ſo beäng⸗ ſtigende Vorausſetzungen knüpfen wollte, läßt ſich nicht vermuthen. Der Kranke erwachte plötzlich, ſetzte aber, wie es ſchien, mit irren Blicken einen Traum fort, den er gehabt haben mochte. Denn er ſprach mit Clemen⸗ tinen und ſcherzte mit ihr; er liebkoſte„ſein“ Ma⸗ thildchen. Der hööchſt verlegene Arzt unterbrach ihn mit der jähen, lauten Anrede: „Herr Rittmeiſter! Fräulein Sophie iſt hier,— Ihre Braut! Braut? lachte Moritz. Oho! Ueber die Braut ſind wir hinaus, guter Freund! Wir haben ſie umgangen, und ſtehen ſchon bei den Kindern. Aber warum laſſen die Pfaffen Clementinen nicht wieder heirathen?“ Der erſchrockne Arzt trat an Sophien heran und ſagte: „Verſuchen wir es, ob Ihr Anblick ihn heut etwa entwirrt!“ Er fuͤhrte die Zitternde, Widerſtrebende hervor. Wie Moritz bei ihrem Anblicke ein lachendes Aha! rief, glaubte er auch wirklich gewonnen zu haben, und verſetzte vergnügt: Nicht wahr, Herr Rittmeiſter? Mit einem rohen Lachtone erwiderte dieſer: Aha, ihr habt hier auch die Einrichtung mit den barmherzigen Schweſtern! Was für eine Art von Barm— herzigkeit iſt denn die da? Hm? Der Arzt erröthete bis an die Schläfe. Sophie entfernte ſich raſchen entſchloſſenen Schrittes. Vor der Thüre wankte ſie, von einer Ohnmacht bedroht, nach dem nächſten Fenſter und faßte ſich an der Brüſtung. Der junge Arzt war zu verlegen, um ihr zu folgen. Auf dem entlegenen Gang war es ſtill. Aus dem Garten kam die Luft ſo erquickend herein. Drunten grünten und knospeten die erſten Stauden, und auf den geſchützten Beeten blühten Crocus und Narziſſen. Wie jubelten die Sperlinge! Und vom Feld herüber ſang eine aufſteigende Lerche. Solche Eindrücke üben eine wohlthuende Macht auf ein verlaſſ'nes Herz: ein Lenzgefühl, ein wunderbarer Muth drang in Sophiens Bruſt. Sie athmete tief auf, und ihr Vorſatz war ge— faßt. Wie zu einem Lebewohl blickte ſie noch einmal nach der Thüre zurück, aus der ſie gekommen war. Jetzt erſt fiel ihr die Nummer 13 auf, die drüber ſtand. 250 Sie ward betroffen, ſie beſann ſich.„Mein Gott! ſeufzte ſie, mir träumte die Nacht, ich hätte mit der Nummer 13 das große Loos gewonnen. Sieh' da! mein Erinnern geht bis in die jüngſten Stunden: wie wird es aber mit meinem Vergeſſen werden?“ Sie wandelte gefaßt und gehalten den Gang und die Treppe hinab.—„Wie, ſagte der Arzt? flüſterte ſte vor ſich hin. Ganze Regionen der Erinnerung ver⸗ ſinken mit dem ſchönen Leben darin! Es käme vor, ſagte er, daß Mancher eine fremde Sprache, die er ſo fertig redete, rein vergeſſen hätte? O ja! Warum nicht auch die Sprache der Liebe? Ach, vielleicht war ſie ihm fremd, auch als er ſie ſo angelernt ſprach?“—— Der Pförtner öffnete und ſie blieb zwiſchen den zwei Eingangsſäulen ſtehen; indem ſie unter den Bäu⸗ men gegenüber eine Dame bemerkte, die eiligſt über den Weg herüber kam.—„Endlich Jemand, der ihn eben geſehen hat! rief ſie. Sagen Sie mir, mein Fräulein, täuſcht man mich nicht? Iſt Moritz wirklich außer Gefahr, und geht's zum Guten mit ihm?“ „Der Herr Rittmeiſter ſcheint körperlich ſehr wohl, und iſt— ſehr munterer Stimmung“, antwortete So⸗ phie kalt. Der Herr Rittmeiſter— ſagen Sie? Sie haben Recht, mein Fräulein: ſo ziemte mir ihn zu nennen. Ich meinte auch— Ihren Moritz. Verzeihung! Alſo G wirklich auf dem Wege der Beſ ſſerung und der Her⸗ ſtellung? „O gehen Sie doch hinein, Frau Geheimräthin Man wird Sie nicht hindern. Der Kranke nennt Ihren Namen, fragt nach Ihnen und nach dem—, nur nach Ihnen. Sein Bewußtſein iſt zurückgekehrt, — zu Ihnen zurückgekehrt. Was er nach Ihnen er⸗ lebte, iſt ihm alles vergeſſen. So nehmen Sie ihn denn und— ſeien Sie ihm forthin auch alles für das Vergeſſene!“ „O mein Gott!“ rief Clementine erſchrocken und wußte Sophiens Worte oder ſich ſelbſt nicht gleich zu faſſen. „Erſtaunen Sie nicht! fuhr Sophie fort, indem das mädchenhafte Gefühl ihrer erlittnen aaei noch einmal aufloderte. Man hat ſolche Fälle der Geiſtes— ſtörung— behauptet der Arzt. Doch, innnaigin bleibt es ein— geheimnißvoller Weg, auf dem ihn ſein Un— glück zu Ihnen zurückführt. Und da Sie mir doch— wie durch eine Schickung gerade hier r begegnen: ſo über⸗ nehmen Sie gefälligſt mein Lebewohl an den Herrn Rittmeiſter, falls er ſich—.“ „Nein, mein Fräulein, nimmermehr!“ fiel Clementine ein.„Moritz wird wieder zu ſich tounden ſich Ihrer erinnern, ſeines neuen Glücks, ſeiner ſchönen Zukunft froh werden!“ 252 Thränen unterbrachen ihre bewegten Worte. „Und wenn auch Frau— wenn auch!“ verſetzte Sophie mit einer gewiſſen ſtolzen Entſchloſſenheit.„Ver⸗ ſunken bleibt doch für immer der moraliſche Boden auf dem ich unſern Bund und Hausſtand gegründet dachte. Moritz hat mich über ſein Verhältniß zu Ihnen, über ſeine Pflichten für— das Kind, über ſein früheres Leben überhaupt getäuſcht. Dieſe Region ſeiner Vergangen heit iſt für mich erſt an ſeinem Lager aufgetaucht. Das Unglück, das ihn wie ſein unverm neidliches Schickſal zu Ihnen zurückführt, iſt für mich nicht weniger verhäng⸗ nißvoll. Möchte es für Sie eine ſo würdige Wohl⸗ that ſein, wie es für mich iſt! Er hat unwahr und unehrlich an mir gehandelt. Es war kein Felſengrund eines männlichen Wortes, womit er ſich mir verlobte: es war aufgeſchwemmter Boden, faules Moor, worauf er unſere Zukunft ſtellen wollte. Daß er ſo zu han⸗ deln fähig war,— könnte ich das je vergeſſen?—— Sie übernehmen meinen Auftrag?“ fuhr Alſo, Sophie fort, als Elementine erſchüttert und keines Wortes fähig, der Sprechenden Hand ergriff.„Sie ſagen ihm, wenn er ſich meiner je wieder erinnern ſollte, mein Lebewohl und meine eben ausgeſprochene Anſicht deſſen, was mich zu meinem Rücktritt beſtimmen mußte. Von dem Arzte kann er, falls es ihm beliebt, erfahren, was mich zu meinem Entſchluß beſtimmen —— ¶◻☛ mußte. Ich werde Ihnen auch für ihn die Andenken zuſtellen laſſen, die ich von ihm beſitze. Wie könnte ich Andenken haben, wo er ſelbſt kein Erinnern hat? Alſo Sie beſtellen das?“ Clementine warf ſich höchſt bewegt und verwirrt, an Sophiens Bruſt. Sophie drückte ſie ſanft von ſich ab, und ſchied mit einer ſtummen Verbeugung.— So bewegt, aber gehoben erklärte Sophie ſich auch gegen Oheim und Tante. Dieſe hatten die Nichte ſtets ſehr niedergeſchlagen und ſchweigſam aus dem Kran⸗ kenhauſe kommend, beobachtet. Nun erfuhren ſie mit doppeltem Erſtaunen den Grund; denn eine doppelte Offenbarung lag vor ihnen: wie ſich nämlich der un ſelige Gemüthszuſtand des Rittmeiſters entdeckt und wie dadurch die Seele des Mädchens in wenigen Stun⸗ den tief erlebten Unglücks ſich raſch entfaltet und ihr edelſtes Weſen auf's wunderbarſte geläutert hatte. Der verhängnißvolle Sturz vom Pferde hatte einen tiefen, + ewigen Abgrund zwiſchen zwei verlobten Herzen eröff net; indem durch ihn die Verſunkenheit des einen und das verborgene Gold des andern Gemüthes an den Tag gehoben, erſchien. Daß dieſe Verlobung gelöſt war, verſtand ſich von ſelbſt. Auch hielten Oheim und Tante ſich nicht ſo ab hängig von ihren Geiſtlichen, daß ſie nicht das An— 2 254 ſehen derſelben der höhern Fügung eines ſo wunder⸗ baren Ereigniſſes untergeordnet hätten. Man kam überein, Sophien auf einige Zeit zu ent⸗ fernen. Der Frühling ſtand bevor, und dieſe günſtige Jahreszeit machte den Aufenthalt bei einem Mutter⸗ bruder Sophiens angenehm, der im nördlichen Deutſch⸗ land ein bedeutendes Gut beſaß und bewirthſchaftete. Die Tante wollte ſie ſelbſt dahin bringen. Mit der vergnügten Lebhaftigkeit in die Alle verſetzt waren, wurde die Angelegenheit betrieben. Am Tage der Ab⸗ reiſe erwies ſich beſonders Vetter Franz ſehr behülflich und zuthätig. In einem Augenblicke, wo er mit So⸗ phien unter vier Augen war, faßte er ihre Hand und ſagte mit befangenem, aber bezüglichen Lächeln: „Baſe Sophie,— ein Wort unter uns! Ich ſehe euch Alle froh, und Du biſt einem lebenslangen Un⸗ glück entgangen: dürfte ich Dir ſagen, wie ſehr das— gerade mich freut!“ „Schweig, unbeſonnener Menſch!“ gebot Sophie mit ſtrengem Blick.„Sprich nicht von Freude, ſondern lege die Hand auf's Herz! Es gibt Mittel, Vetter, die ſo verhaßt ſind, wie die Krankheit, die von denſel⸗ ben gehoben wurde. Ich bitte Dich, begrabe Deinen Frevel in ewiges Stillſchweigen, aber halt' ihn vor Augen und laß ihn Dir dienen, um ernſthaft und ge⸗ 174 meſſen für die Zukunft zu werden! 555 Als die Tante nach einiger Zeit von der Reiſe allein zurück kam, war ſie voll von einem liebenswurdigen, jungen Mann aus dem Mecklenburgiſchen, den ſie auf der Beſitzung des Schwagers kennen gelernt hatte. Bald enthielten auch Sophiens Briefe tzunehmend um⸗ ſtändliche und warme Nachrichten über den intereſſanten Mecklenburger. Später kamen Entſchuldigungen dazu, daß ſie noch nicht heimkehre: Oheim und Muhme ließen ſie nicht fort. Gegen den Winter wechſelten auch dicke Briefe zwiſchen Oheim und Muhme dort und Onkel und Tante hier.——— Und als die Knospen abermal aufbrechen wollten, und Safran, Narziſſen und Primeln auf allen Beeten in Blüthe ſtanden, kamen die jungen Eheleute auf einem Honigwochenausfluge zu Beſuch. Sie verweilten einige Zeit, während deren der Regierungspräſident, Graf Blentingk, zu Ehren des liebenswürdigen Paares wieder einen glänzenden Abend gab. Die Erinnerung an das frühere Feſt lag manchen Gäſten nahe, und mehrere beſprachen ſich in vertrauli— cher Unterhaltung darüber, daß der völlig geneſene Rittmeiſter wieder die alte Wohnung, Clementinen gegenüber, bezogen habe, und auch der verhängnißvolle Gaul ſeines alten Stalles wieder froh ſei. Einer der Frommen, von denen damals auch die kleine Stadt nicht verſchont war, ſeufzete: 256 „Altes Sündenleben!“ Man ſollte nicht davon reden.„Ich finde die ganze Erzählung ſolchen Rück⸗ falles unmoraliſch.“— Worauf die Gräfin mit Lächeln verſetzte: „Bedenken Sie doch, ſtrenger Herr, daß der ſitt⸗ liche Kern der kleinen Begebenheit in der glücklichen Rettung der kindlichen Sophie liegt, und daß im wirk⸗ lichen Leben ein altes, verirrtes Paar, ſelbſt wenn es ſich zu den Frommen zählte, nicht ſo ſchnell auf beßre Wege zu kommen pflegt. Treue, hört' ich oft ſagen, rechtfertige zwar nicht, aber entſchuldige und verſöhne auch eine verirrte Liebe. VI. Schalk, der Benedictiner. f 1 1 Koenig, Seltſame Geſchichten. Ein begabter Mann, der im tiefſten Widerſpruche mit ſeiner Lebensſtellung die Welt nicht verkennt und ſich ſelbſt nicht verliert, ſondern ſich zu den Ideen er⸗ hebt, in denen jener Zwieſpalt ſeine Löſung findet,— ein ſolcher Held bietet ein anziehendes Schauſpiel dar, mehr oder weniger intereſſant durch die Beleuchtung der Zeit, in der es ſpielt, und durch die Geſinnung der Menſchen, die darin mitwirken. Die Ueberſchrift bezeichnet einen Mann ſolcher Art, als Menſch und Schriftſteller nicht ohne Einfluß, den ich aber gleich, um meine Vorliebe für ihn zu bekennen, als meinen Landsmann und vorausſchreitenden Zeitgenoſſen bezeich⸗ nen muß. Er ſtahl ſich aus Fulda in demſelben Halb⸗ jahre, in welchem ich geboren war, und mehre der Männer die Einfluß auf ſein kämpfendes Leben hatten, gehören noch zu meinen früheſten Erinnerungen. Indeß war Karl Siegmund Schalk doch nicht von altfuldiſcher Abkunft; ſeine Vorfahren waren nicht neben den Wachholderwurzeln jenes baſaltiſchen Bodens er⸗ 17⁴ 260 wachſen. Religiöſe Verfolgungen und Religionswechſel gehörten zu den Ueberlieferungen der Familie und fielen als erſte Ausſaat von Fragen und Zweifeln in die er— wachende Seele des Knaben. Als nämlich die Hugenotten aus Frankreich ver⸗ trieben wurden, kamen erwidernde Gewaltthätigkeiten — Repreſſalien— in den Niederlanden gegen die Katho⸗ liken vor, und die katholiſche Linie der in Herzogenbuſch begüterten, altadeligen Familie der Schalke von Blu⸗ menthal ſah ſich zur Auswanderung genöthigt. Ihre Nachkommen ſanken allmählich in Vermögensverhältniſſen und bürgerlicher Stellung zurück, ſodaß ſie etwa um dieſelbe Zeit, in welcher die reformirte Linie ausſtarb, theilweiſe ihren Adel aufgaben. Der Vater unſers Schalk, Arzt in öſtreichiſchen Kriegsdienſten, kam im Jahre 1757, gelegentlich der damaligen Kriegsläufte, mit dem zum Fürſt⸗Biſchof erwählten Adalbert von Walderdorf, als deſſen Leibwundarzt, nach Fulda, und verheirathete ſich mit einer Enkelin des Superintendenten Grünebaum in Rudolſtadt, deſſen Sohn zum katholi⸗ ſchen Bekenntniß übergetreten war. Den 19. Juni 1758 ward Karl Siegmund geboren; zwei Brüder und eine Schweſter folgten ihm nach. Die Mutter, die Herz und Bildung verband, leitete den Unterricht ihrer Kinder unter guten Hauslehrern und betrieb die Vor⸗ bereitung ihres begabten Aelteſten für das Gymnaſium. echſel fielen e er⸗ 261 Dieſes war damals noch in den Händen der Jeſuiten. Karl that ſich unter den beſten Schülern hervor und ging nach Aufhebung des Ordens zum philoſophiſchen Unterricht der Benedictiner über. Die Enkelin eines Superintendenten ſetzte das volle Mutterherz darauf, an ihrem Karl einen Prieſter zu erleben, und brachte ihn dazu, beim Fürſten, der zugleich Abt des adeligen Convents der Benedictiner war, um Aufnahme in die⸗ ſen angeſehnen Orden, aus dem die adeligen Capitels⸗ herren und die bürgerlichen Profeſſoren hervorgingen, mit einem Geſuch einzukommen. Nach Jahresfriſt ward die Aufnahme zugeſtanden. Inzwiſchen aber hatte ſich der Sinn des gehorſamen Sohns geändert und eine entſchiedene Abneigung gegen den geiſtlichen Stand hatze ſich ſeiner bemächtigt. Un⸗ glücklicherweiſe war aber auch der Vater ſehr entſchieden für den Eintritt ſeines Sohnes in den Orden; weil er ſich wahrſcheinlich auf dieſem Wege gute Verbindun— gen für ſeine eigene Perſon und eine ehrenvolle Lebens⸗ ſtellung für ſeinen Karl verſprach. Auch ſah man es damals in Fulda ſehr ungern, wenn ein guter Kopf aus dem Bürgerſtande etwas anders als Geiſtlicher werden wollte. So fand ſich der junge Schalk zugleich mit einer ſchwärmeriſchen Mutter und einem leidenſchaft⸗ lichen Vater in heftigſtem Widerſpruche, der ſich endlich an der ihm von dem Vater mit Entſchiedenheit vorge⸗ 262 legten Wahl brach, entweder die Cuculle des heiligen Benedict, oder die Montur des öſtreichiſchen Kaiſers zu nehmen. Karl unterwarf ſich und legte, achtzehn Jahre alt, das Ordenskleid an. Doch die äußerliche Umwandlung änderte nichts an dem innern Unmuthe des Novizen. Das Gewand brachte ihn vielmehr zu einer ſtillen Verzweiflung, in der er mehrere mal zu entfliehen verſuchte, was aber der miß⸗ trauiſch wachſame Vater ſtets zu verhindern wußte. So kam der 5. Juni des folgenden Jahrs heran—, das einheimiſche Feſt des heiligen Bonifacius, an wel⸗ chem der junge Schalk das Gelübde ablegen ſollte. Bei dieſer feierlichen Handlung ward ihm mit dem Kloſternamen Bonifaz das weite, ſchwarze Kuttenge⸗ wand, die gewöhnlich ſogenannte Flocke, angelegt und die über den Kopf gezogene Kapuze unterm Kinn zuge⸗ näht. In dieſer Verhüllung hatte ein junger Conven⸗ tuale drei Tage und Nächte fromme Regel zu halten, worauf ihm die Kappe unter herkömmlichen Ceremonien wieder aufgeſchnitten wurde. Diesmal aber ereignete es ſich, daß Schalks Kapuze ſchon in der erſten Stunde von ſelbſt aufging. Wahrſcheinlich, daß das Fadenende nicht gut verwahrt und der unwillige Kopf auch un⸗ ruhig unter dem Zunähen geweſen war. Der Superior forſchte aber nach keiner natürlichen Erklärung, ſondern nahm es für eine Vorbedeutung.„Sie werden gewiß 263 Ihren Profeß widerrufen“, ſagte er lächelnd,„ch nehme die aufgegangene Kapuze in dieſem vorbedeutſamen Sinne.“ Jedenfalls war es von einem geiſtlichen Vorgeſetzten ein humanes Wort. Und mit ſo heiterm Blick und Ausſehen wie er dieſe Erwartung ausgeſprochen, ſteht mir jener Prälat in der Erinnerung vor. Bis zu meiner Zeit war er Propſt auf dem Michelsberg, neben dem uralten Kirchlein der Stadt, geworden. In dieſem ſtillen Gartenbau, dem jetzigen Sitze des Biſchofs, lebte Baron von Warnsdorf ſehr geſellig mit zwei alten Schweſtern, in deren Mitte man ihn täglich die Linden⸗ Allee entlang in die Stadt gehen ſah— weltlich ge⸗ kleidet, in vornehmer Nachläſſigkeit etwas vorgebeugt, die Lorgnette auf jeden Gegenſtand richtend, der ſich näherte, und jeden Gruß mit heiterer Miene und ariſto⸗ kratiſchem Wohlwollen erwidernd. Der Propſt Warns⸗ dorf war der fröhlichſte Theilnehmer an den ſommer⸗ lichen Scheibenſchießen, der fleißigſte Beſucher des Theaters das unter dem Prinzen von Oranien ſich in dem ſchönen Orangeriegebäude des Hofgartens aufthat, wohin aus dem Propſteihofe nur über die Straße zu gehen war. Dieſe Neigung wendete der alte Herr ſpäter unſerm Liebhabertheater zu, das in demſelben Bau ſpielte, und ich erinnere mich, daß er uns für die Garderobe einen 264 guten Sammetrock mit dem Wunſche anbot, ihm zu Liebe das kleine Stück„Der Sammetrock“ zu geben. Von einem ſolchen Weltmanne darf man wohl eher annehmen, daß er mit ſeiner milden Bemerkung die Abneigung des jungen Schalk gegen das Gewand, die ihm nicht unbekannt ſein konnte, habe andeuten oder ihm einen Wink geben wollen, als daß er an ein wirkliches Vorzeichen geglaubt hätte. Der bedrängte Novize war aber ganz in der hohen Stimmung, eine ſolche Vorbedeutung mit Ahnung oder Aberglauben zu ergreifen. Das hoffnungsvolle Wort ſeines Superiors fiel wie eine Loſung für ſein Leben in die Bruſt des eingekleideten Jünglings,— dunkel mahnend, leiſe drängend,— wir werden ſehen, zu welchem Ausgang! Schalk warf ſich nun mit dem neuen Muthe der Er— gebung auf ſeine philoſophiſchen Studien, ſchrieb eine Abhandlung„Von den Farben“, und hielt im Herbſt eine öffentliche Disputation zur Erlangung der philo— ſophiſchen Doctorwürde. Kaum aber zu dieſer innern Befriedigung gelangt, wurde er von ſeinen Vorgeſetzten zu gemeſſenem Studium der Theologie angehalten und fand ſich wieder auf dem alten Boden des Widerwillens gegen ſeinen Beruf. Dieſe Bewegung werden wir immer wiederkehren und ſich zu höhern Zielen erweitern ſehen. Schalk er⸗ hebt ſich aus ſeinem Zwieſpalt zu einer ideellen Sphäre, ſuch Kan auch bare⸗ ſeine erhel lung wil und ens 26 ⁴◻ν ſucht hier den innern Widerſtreit durch einen geiſtigen Kampf zu löſen und wird, infolge deſſen oder wohl auch durch ein äußeres Ereigniß, wie von einem unſicht⸗ baren Verhängniß immer wieder auf den alten Boden ſeiner Entzweiung zurückgedrückt, um ſich auf's neue zu erheben. Die Theologie, zumal in der ſcholaſtiſchen Behand⸗ lung der damaligen Profeſſoren, erregte ſeinen Wider⸗ willen. Er ſuchte Troſt und Erhebung bei den deut⸗ ſchen, engliſchen und italieniſchen Dichtern und Schrift⸗ ſtellern, die er ſich heimlich anſchaffte und unvorſichtiger⸗ weiſe ſogar mit in die theologiſchen Stunden brachte, bis man den allzuſehr vertieften Zuhörer über Pope's „Lockenraub“ und bei eigenen Verſen ertappte. Die Folge war, daß er eines Tages, auf ſein Zimmer zu⸗ rückkehrend, es von allen Büchern geräumt fand, die ſich nicht auf Theologie bezogen. In dieſem neuen Mißmuth wendete er ſich an einen Freund ſeiner Familie, den Domcapitular von Hanx⸗ leden in Paſſau um Vermittelung einer andern ihm angemeſſenern Unterkunft. Eine ſolche anzutreten war das herkömmliche Quinquennium, der Zeitraum von fünf Jahren, während deſſen man ſeinen Profeß zu⸗ rücknehmen konnte, noch nicht abgelaufen; auch hätten die vier kleinern Weihen, die Schalk inmittelſt empfan⸗ gen hatte, ſeinen Austritt nicht gehindert: leider aber 266 ging jener Gönner auf ein ſolches Vorhaben nicht ein, und der aufgefangene Brief deſſelben regte Schalk's Vorgeſetzte und ſeinen leidenſchaftlichen Vater auf's neue gegen ihn auf. So wurde er denn feſtgehalten und konnte der Prieſterweihe nun nicht mehr ent⸗ gehen.— Jetzt auch innerlich durch ein unverbrüchliches Band gefeſſelt, fand er vollends nur Zuflucht bei ſeinen Studien. Aus den Fächern der Theologie nahm er ſich das Kirchenrecht und die Kirchengeſchichte heraus, womit er Philoſophie und orientaliſche Sprachen ver⸗ band. Außerdem bildete er ſich für geiſtigen Verkehr einen auswärtigen Kreis, durch Verbindung mit nam⸗ haften Gelehrten und wiſſenſchaftlichen Journalen. Die Literatur des katholiſchen Deutſchlands gewann einen thätigen Arbeiter. Hier betrat aber der junge Schriftſteller ein Feld nicht blos der Arbeit, ſondern zugleich auch des Kampfes. Um jene Zeit wurde, beſonders auch von katholiſcher Seite, eine ſogenannte Religionsvereinigung, eine Art von Fuſion des Katholicismus und des Proteſtantismus, der ältern und der jüngern Linie des Ehriſtenthums, wieder lebhafter betrieben. Es waren die alten Unions⸗ beſtrebungen aufgeklärter Theologen— ſchon durch des Erasmus Schrift von der Eintracht der Kirche im Jahre 1553 angeregt, von den Vorſchlägen des mainzer Kur⸗ füͤrſter unter, lichen warn geförd Febro Band Kur fürſten Johann Philipp Schönborn im Jahre 1660 unterſtützt, durch die vermittelnden Reiſen des kaiſer⸗ lichen Beichtvaters Spinola nicht erreicht, durch die warme Theilnahme unſers philoſophiſchen Leibniz nicht gefördert und in den Annäherungen des pſeudonymen Febronius verworfen. Schalk theilte dieſe Anſichten und Beſtrebungen einer vielleicht wohlgemeinten aber unbedachten Aufklärung nicht. Seine Ueberzeugung von der Freiheit chriſtlicher Entwickelung hatte höhere Stand punkte, zumal Rom gegenüber, wo man unter Vereini⸗ gung ſtets nur unbedingte Unterwerfung verſtand. Er gab zu den im Jahre 1782 zu Frankfurt erſchienenen Religionsvereinigungsſchriften einen geiſtreichen Beitrag, worin er das Unthunliche und Lächerliche jener katho— liſchen Bemühungen nachzuweiſen ſuchte. Vielleicht hatte er dabei beſonders den Profeſſor Böhm im fuldaer Convent im Auge, der ſich an dieſem Religionsver⸗ ſchmelzungswerke mit beſonderm Eifer betheiligte. Und freilich war dieſer Böhm der Mann nicht, der es einem Schalk allzu ſchwer gemacht hätte, ihn abzufertigen. Ich habe ihn noch als Bibliothekar gekannt und erinnere mich, daß ſogar wir Gymnaſiaſten uns an ihm zu reiben verſucht waren, ſo oft er beſonders unſern Haar⸗ ſchnitt kritiſirte,— derſelbe, von dem in einer Reiſe⸗ beſchreibung durch Deutſchland geſagt wurde, die größte 268 Seltenheit der fuldaer Landesbibliothek ſei der Biblio⸗ thekar. Wenn nun dieſe Angriffe auch nicht ohne Verdrieß⸗ lichkeiten für Schalk abliefen, ſo hatten ſie doch keine ernſtere Folge und hinderten nicht, daß er im October 1783 zum ordentlichen Profeſſor der practiſchen Philo⸗ ſophie an der fuldaer Univerſität beſtellt wurde. Dieſer Beruf, der ihn in geiſtigem Verkehr mit Rouſſeau, Helvetius, Montesquieu, Hobbes, Shaftesbury, Hume, Smith, Hartley, Hutcheſon und Andern erhielt, hatte etwas Beruhigendes, Erhebendes für ihn. Grotius und Pufendorf waren ihm, wie Andern die Kirchen⸗ väter, zur Hand. Eine Neuerung, indem er nach Feder's„Unterſuchungen über den menſchlichen Willen“ ſeine Vorträge deutſch hielt, zog ihm ſo viel Neckereien zu, daß er ſchon im Begriff war, das Buch mit Hof⸗ rath Feder's lächelnd ertheilter Zuſtimmung in's Latei— niſche zu überſetzen, als er ſich noch entſchloß ſeinen Weg unbekümmert fortzugehen. Um dieſe Zeit drang von Königsberg her Kant's Name und Ruf in Deutſchland vor und ſetzte unſern 26 jährigen Pater⸗Profeſſor in neuen Aufſchwung der Seele. Er ergriff mit Lebhaftigkeit die Kant'ſchen Ideen, — er, der Erſte in Fulda, der die neue Philoſophie nicht nur erfaßte, ſondern auch einbürgern?. Denn dadurch, daß er in auswärtigen Journalen die öffent⸗ lichen vorka Sätze zum gaus alle: erobe ſtatt Gene dame Gute 269 lichen Theſen und Lectionen ſeiner Collegen auf ihrem vorkantiſchen Standpunkte angriff und nach Kant'ſchen Sätzen beurtheilte, nöthigte er die fuldaer Profeſſoren zum Studium der neuen Schule. Dieſen gewaltigen, aus Königsberg vorrückenden Gedanken, die ſich ſchnell alle muntern Geiſter und die nächſte deutſche Zukunft eroberten, war es wohl auch beizumeſſen, daß Schalk ſtatt verdroſſener Gegner einen Anhang gleichbegeiſterter Genoſſen gewann. Dies zeigte ſich, als er von ſeinem damaligen Superior, dem Domcapitular Baron von Guttenberg, eine ungebührliche Begegnung erfuhr. Dieſer enge, bigote Mann nahm den von Schalk be— haupteten Satz: daß die Verknüpfung der Beweggründe mit einer Handlung unſere Verbindlichkeit zu derſelben begründe, zum Anlaß, mit Mund, und Mieue eines Großinquiſitors den Profeſſor öffentlich der Ketzerei zu beſchuldigen. Indem ſich aber ſo das alte Mißgeſchick wiederholen und Schalk von ſeiner geiſtigen Erhebung zur geiſtlichen Unterwürſigkeit hinabdrücken wollte, traten ihm ſeine Collegen zur Seite. Sie machten die ihm widerfahrene Unbilde zu ihrer allgemeinen Angelegen⸗ heit und zogen die Sache vor den damaligen Rector Magniſicus der Schule, Propſten von Bibra. Dieſer hochgebildete Prälat, literariſch durch das eben entſtan⸗ dene„Jonrnal von und für Deutſchland“ mit Göckingk verbunden, brachte die Beſchwerde an den Fürſten Hein⸗ 270 rich und ſetzte es durch, daß der despotiſche Superior abtreten mußte. Freilich war auch dieſer Fürſt Heinrich, ebenwohl ein Bibra, einer der leuchtenden Prälaten des 18. Jahr⸗ hunderts, der eine vortreffliche Schulordnung gab, und ſchon vor Ausbruch der franzöſiſchen Revolution die Säculariſation des geiſtlichen Fürſtenthums voraus ſagte. Auch den zurückgetretenen Superior habe ich noch als nachmaligen Propſt gekannt— ein rechtes Gegen⸗ bild des michelsberger Propſtes von Warnsdorf. Wenn dieſer das anmuthige Gepräge des 18. Jahrhunderts trug, ſo war Guttenberg eine Bracteate des Mittelal⸗ ters. Mit der Miene der Gottſeligkeit, in der Haltung frommer Einfalt, die weltverſchmähenden Blicke zu Boden geſenkt, wandelte der in ſeiner Weiſe ſehr ge⸗ lehrte Mann, ſo oft man ihn ſah, auf dem Kirchen⸗ wege, hinter ihm der Famulus, der ihm das Meßbuch nachtrug,— ein junger Menſch mit langen Plattfüßen, das gutgebildete Geſicht in die nachgeahmten Mienen der Frömmigkeit gelegt, durch welche die Folie der Schel⸗ merei hindurchſchimmerte. So hatte der Famulus einſt ſeine ſtudentiſchen Freunde zu Abend bei ſich eingeladen und bewirthete ſie reichlich mit dem guten Weine ſeines in entferntem Zimmer ſtudirenden und betenden Propſtes. Zu ſeiner wachſenden Beſorgniß wurden die Zechge⸗ 271 erior noſſen immer lauter und lärmender. Vergebens winkt er und wehrt, bis er endlich bedenkliche Bewegungen wohl im Zimmer ſeines Herrn erlauſcht. Und kaum auch Jahr ſind die jungen Zechbrüder mit den Flaſchen und Lich und tern hinaus in einen Hintergang und iſt der Wirth in die ſein Bett geſchlüpft, als Guttenberg mit Licht herantritt. raus Hier hört er nun den ſchlummernden Heuchler latei niſche Gebetsworte und Ausrufungen eines Traums von noch lieben Engelein lallen. Gerührt lächelt ihm der fromme egen Mann zu.„Deo gratias,“ ſagte er endlich.„So habe genn ich mich doch in dem ſataniſchen Spuk geirrt und habe dir derts in Gedanken Unrecht gethan, mein unſchuldiger Jakob. telal Schlummere nur fort in deinen verklärten Anſchauungen ttung und die Engel, die dein nächtlich Lager beſuchen, mögen dein tägliches Leben behüten!“ Inzwiſchen ſcheint in der Bruſt unſeres Benedicti ners die früheſte Loſung ſeiner aufgegangenen Cuculle nachgeklungen zu haben. Sein Profeß war freilich nicht mehr zu widerrufen, doch aus dem Kloſter in die Welt zu treten, blieb für ihn eine lockende Verwandlung. — Schalk beſuchte jetzt die juriſtiſchen Collegien der Uni verſität und ſtudirte ſelbſt die Amtspraris. Bald ſollte ihm die unerwartetſte Muße zu ſolchen Studien zu Theil und die Sehnſucht nach einer andern Lebens ſtellung erneuert werden. Diesmal traf ihn nicht durch anfechtende oder mißliebige Doctrin, ſondern durch die Unbefangenheit eines mit der Welt wenig vertrauten Gemüths der ſchwerſte Verdruß. Zwiſchen dem Fürſten und dem Domdechanten war ein, damals ſelbſt zur Publicität gelangter Rechtsſtreit ausgebrochen, der auch die parteinehmenden Mitglieder des Capitels und den Anhang beider Theile in zwei feindſelige Lager ſchied. Unſer Schalk war auf ſeinem Platze klug genug, ſich zwiſchen der leidenſchaftlichen Erbitterung zweier Pfaffenparteien neutral zu halten; aber er war nicht vorſichtig genug, um gerade jetzt einen Beſuch zu unterlaſſen, zu dem ihn bei ſeinem alten Gönner, dem Propſten von Piesport in Sannerz, eine herzliche Anhänglichkeit trieb. Nun hatte Piesport Partei für den Domdechanten genommen, und Schalk erſchien daher in den Augen ſeiner lauernden Neider auf derſelben Seite. Oder hätte er etwa keine Neider, keine mißwollenden Nager haben ſollen? Seiner glän⸗ zenden Begabung, ſeinem zunehmenden Rufe gereichte es wenig zum Schutze, daß er weichen Gemüths auch noch Wohlthaten erwieſen, aus unbefangenem Herzen Bekenntniſſe entlaſſen hatte, die man unter Pfaffenre⸗ giment nicht tief genug verſchließen kann. Ja er hatte manchen Fuldenſern durch literariſche Arbeiten, die er ihnen leiſtete, allzu ſchwere Dankbarkeit auferlegt, als daß ſie die gute Gelegenheit, ſolche abzuſchütteln, nicht hätten ergreifen ſollen. Und ſo wurde ihm, unter auten wei einem lichen 273 tückiſcher Hinweiſung auf jenen Beſuch in Sannerz, die Gunſt des Fürſten entzogen, deſſen ſonſt ſo hu⸗ manes Wohlwollen doch nicht über jene brennende Par⸗ teiſtimmung hinaus kommen konnte. Schalk wurde auf verletzende Weiſe zurückgeſetzt und ſeinem Lehramte entzogen. Eine fuldaiſche Intrigue hatte ihn gebeugt, eine große deutſche Frage kam den von ihm ergriffenen Studien des kanoniſchen Rechts und ſeinen Arbeiten für die deutſche Encyklopädie zu Hülfe, um ihn lebhaft zu ergreifen und wieder aufzurichten. Der Sommer 1786 hatte nämlich im Bade Ems die deutſchen Erzbi⸗ ſchöfe und Biſchöfe zu einem Congreß gebracht, auf dem man die Freiheit der deutſchen Kirche gegen die Uebergriffe Roms feſtſtellen wollte. Dieſe Abſicht ent⸗ ſprach ganz den Ueberzeugungen Schalk's und veran⸗ laßte ihn, einen Commentar zu den emſer Punctationen zu ſchreiben. Fürſt Heinrich, mit ſeiner Geſinnung ganz auf dem emſer Standpunkte, gab ſeinem Benedictiner, als Zeichen ſeiner zurückgekehrten Gunſt, die Erlaubniß, dieſes Werk, jedoch ohne Namen des Verfaſſers, drucken zu laſſen. So entſtand das„Neue Magazin des neue⸗ ſten Kirchenrechts und der Kirchengeſchichte katholiſcher Staaten“(Weißenburg 1789). Wie ſchon angedeutet, läßt ſich in einem einfachen Privatleben die Spirallinie ſeiner Entwickelung und Koenig, Seltſame Geſchichten 18 274 Erweiterung ſelten ſo rein verlaufend nachweiſen, als in Schalk's Beſtrebungen und Begegniſſen. Sehen wir einen Augenblick zurück!— Sein erſter geiſtiger Kampf war blos eine gelehrte Disputation, der erſte Bogen der Erhebung aus ſeiner Lebensſtellung reichte nur bis zur philoſophiſchen Doc⸗ torwürde. Wie erweiterten ſich ſeitdem aber durch da⸗ zwiſchenfallende Zurückſetzungen die Kreiſe ſeines Be⸗ ſtrebens zum Lehramt an der kleinen Univerſität, zur Verbreitung der Kant'ſchen Philoſophie, zu gelehrten Bezügen hinaus in die Welt, zur Schriftſtellerei für die katholiſche Theologie! Und jetzt ſchwebt er auf der hohen Frage zwiſchen Deutſchland und Rom! Erſcheint es aber nicht auch als ein umfaſſenderes Mißgeſchick, daß gerade jetzt, im September 1788, Schalk's Gönner mit Tode abgehen mußte, der treffliche Fürſt Heinrich„Buf“, wie ihn das Volk nannte, von ſeiner gewöhnlichen Unterſchrift B. u. F.— Biſchof und Fürſt? Die neue Wahl brachte den Fürſtenhut auf den beſchränkteſten und eigenſinnigſten Kopf, der ſich im Capitel fand, auf Adalbert von Harſtall. Aus dem neuen Cabinet erging nur allzu bald eine Mißbilligung des„dem heiligen Stuhle“ feindſeligen„Magazin,“ mit dem Verbot an Schalk, daſſelbe fortzuſetzen, ja ſogar irgend eine andere Schrift kanoniſchen Inhalts heraus⸗ zugeben. 275 Und ſo ſtand er denn wieder— man möchte ſagen aller Schwungfedern beraubt— auf dem alten zwie— ſpältigen Boden ſeines Kloſterlebens. Denn kaum ſo⸗ gar war er in dem Stiftsarchive, wohin man ihn mit der Miene beſonderer Gunſt unter die alten Pergamente zu„reponiren“ dachte, an eine Ungeſtaltung dieſes intereſſanten Urkundenlagers gegangen, als er auch ſchnell wieder daraus entfernt wurde. Ohne Zweifel fürchtete man ſich vor den Todten, die dieſer Zauberer aus ihren Gräbern erwecken möchte. So blieb ihm kein Zweifel, daß ihn der alte fuldaer Sinn nach keiner Seite wollte aufkommen laſſen. Da mahnte denn lauter als lange nicht die alte Lebensloſung in ſeiner Bruſt. Alle idealen Kreiſe, die aus dem Kloſter emporgingen, ſchienen ſich verzogen zu haben und nichts ihm übrig zu bleiben als die weite wirkliche Welt. Und wie eine edle Frucht um ihren innern Kern nicht zeitigt, ohne daß auch die äußere Schale ſich mit den duftigen Farben der Reife über— hauche: ſo pflegen auch, wenn die Vorbeſtimmung eines Menſchen ſich erfüllen will, jene äußern Verhältniſſe günſtiger zu fallen, die ſich erſt hart und herb gezeigt haben. Dies war der Fall mit Schalk's Eltern. Das träumeriſche Herz der Mutter ruhte bereits im Grabe und der leidenſchaftliche Sinn des Vaters war endlich zur Einſicht gekommen, daß er den begabten Sohn in 18* 27 6 eine falſche, unglückſelige Lebensſtellung gedrängt hatte. 5 Er rieth ihm nun ebenfalls zu ſeiner Befreiung. Die Welt ſelbſt unterließ nicht, ihrem Candidaten zu winken. Die gelehrte Geſellſchaft zu Mainz ernannte Schalken zu ihrem ordentlichen Mitglied; ſie krönte ſeine Ab⸗ handlung„Ueber den Einfluß der Philoſophie in das Kirchenrecht.“ Dort am kurfürſtlich⸗erzbiſchöflichen Hofe ging es ja ſo freidenkeriſch, ſo lebensluſtig zu, daß ein geiſtreicher Mönch ſich da wohl alle Förderung in's weltliche Leben verſprechen durfte. So reichte denn Schalk der Welt eine Hand, indem e ſich zum Doctor beider Rechte promoviren ließ, um gewiſſermaßen einen Reiſepaß, einen Titel der Bewer⸗ bung um eine Unterkunft zu haben. Dann erbat er ſich im Juni 1790 einen Urlaub zu einem Beſuche ſeines Vetters, des Geheimrathes und Vicariatsofficials Schalk von Blumenthal in Worms. Statt aber dorthin, begab er ſich mit dem erhaltenen Urlaub nach Mainz, um beim erzbiſchöflichen Stuhle ſein Säculariſationsgeſuch anzubringen. Auf dieſen Schritt, den man in Fulda ſogleich erfuhr, ward er zurückberufen, erklärte aber, daß er erſt ſeine Verſetzung in die Welt und irgend eine Verſorgung erlangen wolle, ehe er Fulda wieder— jehe. Von Worms aus ließ er während des Wahl⸗ convents für Kaiſer Leopold eine A bhandlung:„Ueber die Fundamentalgeſetze der deutſchen katholiſchen Kirche — 277 im Verhältniß zum römiſchen Stuhl, als Nachtrag zur Spittler'ſchen Geſchichte“, erſcheinen, und brachte die aͤltere Schrift:„Grundſätze über die Regierungsform der katholiſchen Kirche“, in zweiter Auflage. Wie er nun doch nach Fulda zurückkehrte, weil er zur Betreibung ſeiner Angelegenheit in Rom eines Zeugniſſes von ſeinem Fürſt⸗Biſchof bedurfte, empfing er die freundlichſten Zuſagen zur Beförderung ſeines Säculariſationsgeſuchs, konnte aber doch bemerken, daß man ihm hinterrücks alle denkbaren Hinderniſſe in den Weg legte. Man hoffte, daß es ihm draußen an Ver⸗ ſorgung und an dem ſogenannten Tiſchtitel fehlen werde. Unter letzterm verſteht man die berechtigte Stelle, gleich⸗ ſam das Heimatrecht eines Geiſtlichen in irgend einem beſtimmten Kirchenſprengel. Beides aber fand ſich wider fuldaiſches Erwarten. Im April 1791 erhielt Schalk vom Landgrafen Ludwig X. zu Heſſen⸗Darm⸗ ſtadt den Ruf als Profeſſor und Pfarrer in Gießen und vom Kurfürſten in Mainz den Tiſchtitel auf die Diöceſe Worms. Und nun konnte ihm das Zeugniß nicht mehr verſagt werden, mittelſt deſſen, gegen alle Einwendungen des kölner Nuntius, das Breve des Papſtes zu ſeiner Säculariſation im Auguſt erwirkt wurde. Die frohe Verwandlung war bald geſchehen, indem Schalk die Cuculle des heiligen Benedict von Nurſta, die ſchwarze faltige Flocke, für immer abſtreifte. 2 78 Unter lächelnden Artigkeiten aller Derer, die ihm Ränke geſpielt hatten und nun ſeine Feder fürchteten, verließ er Fulda. Er war 33 Jahre alt. Wir haben gleich anfangs Schalk's Leben ein Schauſpiel genannt und ſchließen hier unſere Betrach⸗ tung, wie man eben ein Drama nicht mit dem Tode, ſondern mit dem Siege des Helden beſchließt. Und in der That greift„der berühmte Papiſt“, wie die Jenaiſche Literaturzeitung unſern Schalk zu nennen pflegte, mit ſeinem„Akademiſchen Programm“ in un⸗ ſere kämpfende Gegenwart herein und behandelt die große deutſche Frage des Augenblicks. Er ſpricht näm⸗ lich:„Ueber die Lage unſerer deutſch⸗katholi⸗ ſchen Kirche im Verhältniſſe zum römiſchen Stuhle.“ Dieſe Rede— gedruckt Gießen bei Braun, Univ. Buchdr. 1791— iſt heut wieder leſenswerth geworden. Denn— meint Schalk—„Fürſten und Unterthanen kann es nie gleichgültig ſein, zu erfahren, wie die kirch⸗ lichen Verhältniſſe des Vaterlandes beſchaffen ſind; nicht ſelten lauft mit denſelben die ganze Wohlfahrt des Staates parallel. Ein mit den Grundſätzen des Staats unproportionirtes Steigen oder Fallen dieſer Verhältniſſe kann immer Zerrüttung im Ganzen, Tren⸗ nung der Glieder vom Haupte, Zerſtörung der geſell⸗ ſchaftlichen Ordnung anrichten.“ 279 Der Redner weiſt nach, unter welchen begünſtigen⸗ den Zeitverhältniſſen Pabſt Hildebrand⸗Gregor ſeine offenbarſten Eingriffe in die Gerechtſame der deutſchen Kirche habe wagen können. Treffend iſt die kernige Schilderung dieſer Umſtände, der Entwickelung des Gregorianiſchen Syſtems für Deutſchland und der deutſchen Beſtrebungen zur Herſtellung der Kirchenfrei⸗ heit mittelſt einer Reformation. Schalk's Kenntniß der Geſchichte iſt umfaſſend, die Zeichnung ſcharf, die Sprache höchſt freimüthig. Dies beſonders auch, wo er von der Richtung des jüngſten Concils von Trient, von den Arbeiten des neuen Jeſuiten⸗Ordens zu Gunſten Roms und von der für Deutſchland gefährlichen Politik der damals neuen Nuntien in Cöln, Wien, Brüſſel und Luzern ſpricht. Nuntien, ſagt er, ſchienen nun Idole für den ſchwach gewordenen Deutſchen zu ſein“, von denen, als Ausſpähern der Staaten, als Taſchenſpie⸗ lern mit geiſtlicher und weltlicher Gerichtsbarkeit, vor allem die Fürſten alles zu fürchten hätten, gegen die ſich endlich auch Kaiſer Leopold geſetzt und ſogar das geiſtliche Churtrier und Churcöln Beſchwerde erhoben hätten, bis endlich das aufhetzende Umſchreiben des kölner Nuntius Pacca an die Pfarrer der rheiniſchen Erzbis⸗ thümer die geiſtlichen Churfürſten genöthigt habe,„den großen Freiheitsplan für die deutſche Kirche zu be⸗ rathen.“ 280 Da galt es nun den„Curialiſten“, Deductionsge⸗ ſchütz ſchwerſten Calibers gegen die deutſchen Erzbiſchöfe aufzufuhren, es mit„Drohungen von Verdammungs— urtheilen, Excommunicationen u. dgl.“ zu laden, und hierzu—„alles zuſammen zu ſuchen, was je der alte Sünder Iſidor zum Beſten des römiſchen Hofes gelogen hatte.“ Das Programm ſchließt mit Anführung deſſen, was Kaiſer Leopold,—„dieſer weiſeſte Fürſt, welcher ſchon zu Toscana der römiſchen Curie eine eiſerne Stirne zeigte“— bei ſeiner Wahlcapitulation gegen Roms Uebergriffe feierlich beſchworen hatte.— So entrüſtet der Pabſt darüber war, ſo ließ er doch die Sache ru⸗ hen,„weil die franzöſiſche Kirche, das bevorſtehende Schisma, ſeine ganze Aufmerkſamkeit forderte.—— „Wohl uns— ruft Schalk zum Schluſſe ſeiner Rede — wenn Rom uns Frieden und Freiheit in der lang gewünſchten Ruhe fernerhin genießen läßt, und nicht einſt von neuem zu ſtören trachtet!“ Mit dieſer letzten Beſorgniß trifft er unſere Gegen⸗ wart, in welcher er wohl ſelber als katholiſcher Pro⸗ feſſor in Gießen unmöglich wäre. Oder würde viel— leicht die Regierung in Darmſtadt dieſen namhaften Schalk gegen die wirklichen Schälke in Mainz halten und behaupten mögen? 4 nsge⸗ ſchöfe vas f VII. Die Bekehrten. Das herrlichſte Maiwetter, voll Balſam des Früh⸗ lings, fiel auf jenen Wochentag, an welchem in dem Wirthſchaftsgarten zur ſchönen Ausſicht Muſik zu ſpielen pflegte. Aus allen Klaſſen der Geſellſchaft ſtrömten die Menſchen herbei, und nahmen nach und nach, mit immer engerer Wahl, die zahlreichen kleinen Tiſche unter den geſtutzten Platanen ein, wo man ſich, um es recht zu ſagen— eng zuſammen ſeparirte. Auch Doctor Hellmuth, Redacteur der„Chronik für Politik und Literatur“, hatte ſich mit ſeiner kleinen Frau und einer jungen Freundin wieder einmal eingefunden, und zwar ſehr früh, weil ihn die Abendpoſt zeitig wieder nach Hauſe foderte. Nicht lange, ſo fanden ſich um ſeinen Tiſch ältere und jüngere Herren ein, ſolche die gern um den jovialen und handelskundigen Mann waren, und Andere die von Klärchen Amelung angezogen wurden. Angezogen konnte man in mehr als einer Hinſicht ſagen. Ohne eine glänzende Schönheit zu ſein, beſaß n 284 Klara bei äußerer Anmuth jene Lebhaftigkeit der Seele, die mehr feſſelt, als hinreißt. Zugleich hatte ſie aber auch ein artiges Vermögen, theils ſchon eigen, theils in Ausſicht; was vielleicht noch mehr jene jungen Herren anzog, die ſich demnächſt auf ein eigenes Ge⸗ ſchäft zu ſetzen dachten. Doch gerade für dieſe Be— werber war Klara kaum zugänglich; denn ſte ſchwärmte für Literatur und Kunſt und hatte dabei nur allzuviel Selbſtändiges, Zwangloſes und oft ſogar Trotziges dadurch angenommen, da ſie ſeit ihrem 16. Jahre, nun ſchon ſechs Jahre lang, als Waiſe bei zwei vermögen⸗ den Tanten lebte, an denen ſie ſo viel Schwäche und Vorliebe fand, als für beide und zwei Großmütter dazu genug geweſen wäre, ein liebenswürdiges Geſchöpf zu einem widerwärtigen zu verziehen. Die Unterhaltung an Hellmuth's Tiſche wechſelte mit jedem neu herantretenden Beſuche. Und obgleich ſie dadurch nicht bedeutender wurde, als die Zuſprechenden ſelber waren: ſo lagen doch rings in der Zeit ſo ernſte Spannungen, daß, woher auch der Windzug kommen mochte, ein Ton von denſelben mit herein klang. So brachte Doctor Lukas Nachrichten von der kirchlichen Be⸗ wegung in Mainz mit. Er, ein älterer Arzt auch von auswärtigem Ruf, Schalk in Hemd und Haut und an beiden nicht immer ganz ſo ſauber, wie es der neueſte Lurus mit ſich bringt, kam eben von dort zurück.— dazu opf zu 285 Ich war immer ein entſchiedener Liebhaber von den Schriften der Gräfin Ida, ſagte er lächelnd. Sie haben etwas von dem ſcharfen Parfüm einer fahrenden Dame, den ich ſehr liebe. Es war mir daher gar er— wünſcht, ſie perſönlich kennen zu lernen. Sie iſt krank, und ihr Arzt, ein Univerſitätsfreund von mir, hatte mich zu einer gewünſchten Conferenz vorgeſchlagen. Ihr Mißbefinden hat nicht viel zu ſagen. Sie hatte ſich angewöhnt, die Gemeinde dadurch zu erbauen, daß ſie ſich vor dem Hochaltar des Domes ausgeſtreckt auf die kalten Steine niederwarf und eine Weile betete. Neu⸗ bekehrte übertreiben gern. Aber ſie war das von früher nicht gewöhnt, und erwog nicht, daß jede Lage ihr Bedenkliches hat, und daß man durch Umkehr nicht immer beſſert. Da ich mich nun im Stillen überzeugte, daß ſie in ſolcher frommen Lage doch wohl„mit Re— flerion adorire“: ſo habe ich ihr erklärt, daß ſolches nur „momentan geſchehen“ ſein— nicht aber„permanent werden“ dürfe. Wenn auch ſolche„Allüren“ der Fröm⸗ migkeit„in der Societät Vogue“ hätten, gab ich ihr zu verſtehen, ſo müßten doch Damen, die auf ihren Irrfahrten den„Rechten“ verfehlt hätten, ſich auch vor den Liebhabern des Kreuzes hüten, von denen ſie auch „zitternde Emotoonen“ bekommen könnten; das Einzige ſei in ihrer jetzigen Lage gut, daß ihr in dem ſtillen asketiſchen Hauſe ihres biſchöflichen Freundes„das 286 Getrappel der Bedientenſtiefeln keine Crispationen ma⸗ chen werde.“ Hellmuth war über die trockene Schalkhaftigkeit des alten Doctors in's Lachen gefallen, und konnte kaum wieder herauskommen. Die andern lachten zum Theil um des Lachenden willen mit; doch nur Klara war in den Schriften der Gräfin beleſen genug, um die hoch⸗ ariſtokratiſchen Ausdrücke derſelben im Munde des Arztes wieder zu erkennen. Darüber hatte indeß unſer Redacteur den diaboliſchen Pſiff des ankommenden Bahnzuges doch nicht überhört und brach auf. Man bat ihn, zu bleiben und kein Pedant zu ſein; allein Hellmuth, der die franzöſiſchen und engliſchen Blätter, ſo wie Correſpondenzen und unbeſtimmte Zuſendungen erwartete, ließ ſich nicht halten. Er leerte mit ver⸗ neigendem Gruße ſein Glas und ſagte: Chronos pfeift dem Chroͤniſten: ihr Tagdiebe braucht's nicht zu hören! Daß Frau und Freundin ihn begleiteten, verſtand ſich von ſelbſt. Dies war aber gerade der jungen Herren Verdruß, zumal Klara ihren Hut und Schirm mit einer gar barſchen Miene nahm, die keinen Zweifel ließ, daß ſie mit Vergnügen ging, und ſich um ihre Anbeter wenig bekümmerte.— Ja, Fräulein Amelung, rief einer derſelben, treten Sie Ihrem Doctor nur hart an die Seite: dann wird der pfeifende böſe Feind 287 mma vielleicht unſchlüſſig, ob er die Chronik bei der Politik oder bei der Literatur packen ſoll. Dieſem Stich, der auf Klara's Einfluß beim lite⸗ rariſchen Feuilleton zielte, ſuchte Lukas raſch die Spitze il abzubrechen, indem er den Abgehenden nachrief: in Ja, ja, Freund Hellmuth, bringen Sie bald wie⸗ der einmal was Pikantes! Mit der Politik geht's ja doch flau genug; geben Sie das Feutllleton nicht nſer remis; häufen Sie aber auch nicht zu viel Bete unterm Strich! Man Gegen die Zurückgebliebenen, die ſich über Klara tadelnd ausließen, nahm er ſich des Mädchens an.— Scheltet mir meinen Liebling nicht! rief er aus. Es iſt doch ein intereſſantes Mädchen gegen ein Geſchock anderer. Ihr nennt ſie kalt: das iſt ſie nicht; ſie hat Wärme des Herzens und der Phantaſte, aber gebun⸗ dene, und ihr Herren entwickelt eben die Geiſtesſtrahlen nicht, die ſolche Wärme löſen. Ein bischen verſchoben iſt ſie, auch ein wenig übermüthig, manchmal ſelbſt eine allerliebſte Fratze: aber ſolcher herbe Kern wird ſeiner Zeit nur deſto ſüßer. Manches Mädchen iſt nur aus inſtinctiver Furcht vor der eigenen Anziehungskraft ſo abſtoßend; es wehrt ſich gleichſam gegen die Angriffe, für die es die Reize in ſich hat. Das verſteht Ihr nicht. Der Menſch iſt aus Widerſprüchen zuſammen⸗ geſetzt und wird eben dadurch haltbarer. Meine Wenig⸗ —————:———. G — 288 keit z. B. laborirt an drei großen Widerſprüchen, die glücklicher Weiſe mit den drei chriſtlichen Cardinaltugenden zuſammenhangen. Ich bin Katholik und glaube nicht an Rom; bin Mann und Bürger, liebe aber die Ehe nicht, und bin Arzt und hoffe nichts von der Apotheke. Man lachte und gab dem wunderlichen Mann Klär⸗ chen's anziehende Begabung zu, tadelte aber deſto mehr den Doctor Hellmuth, der immer eine Freundin als Echo ſeiner übertreibenden Ausſprüche, ein weihrauch dampfendes Mädchenherz neben der kochenden Hausfrau haben muſſe. Er nur, hieß es, habe dieſer ſonſt ſo natürlich empſindenden Klara den Kopf verrückt, indem er ihrem Urtheil in literariſchen Dingen zuviel einräume und ſie zur ſchriftſtelleriſchen Feder verleite, während er ſeine kluge Frau darauf beſchränke— das Federvieh zu rupfen. Wenigſtens fügt es ſich ſpaßhaft, meinte Lukas, daß der immer noch ein wenig burſchikoſe Redacteur, der Alles was ihm gefällt, gleich genial nennt, das gute Mädchen mit einer wunderlichen Schwärmerei für Genialität, für alles ſogenannte Geniale, angeſteckt hat. Aber, ihr verliebten Jünglinge, laßt Euch das eben geſagt ſein! Spielt einmal die Genialen und curirt das verkehrte Mädchen. Bei Hippokrates ſchwör ich euch, wenn es einmal dieſe Entwickelungskrämpfe über⸗ 289 ſtanden hat, wird es höchſt liebenswürdig erſcheinen. Ihr bewerbt euch aber mit allzu ehrlichem Philiſter⸗ thum um Klara's— nun ich weiß es ſchon, ihr nennt es Herz: aber das Herz liegt bekanntlich in einem Beutel, Herzbeutel genannt. Drückt euch nobel aus und ſagt: Herzbörſe. Gut! Bewerbt euch, aber wer⸗ det Genies, da unſer Herzens⸗Klärchen auf ein Genie geſpannt iſt. Begeht einige Exrtravaganzen! Laßt euch zuweilen etwas zu Schulden kommen, was Hellmuth genial und unſere gute Geſellſchaft verrückt nennt. Schlagt ein Rad, wenn ihr Klärchen zu einem Walzer auffordert und ſeht zu, ob ſie euch widerſteht! Man lachte, indem man dabei des Trinkens nicht vergaß; doch gab es Lukas mit ſpöttiſchem Lächeln auf, daß er einen oder den andern dieſer ledernen Comp— toirſtuhlreiter durch Lachen oder Trinken in die Stim⸗ mung verſetzen werde, den vorgeſchlagenen Spaß alles Ernſtes auszuführen. 2 . Kurz hinter den Heimgekehrten erſchien auf Doctor Hellmuth's Schreibſtube der Poſtbote, lieferte Zeitungen und Briefe ab, und legte ein unfrankirtes Päckchen mit dem Buche vor, worin der Empfang zu quittiren war.— Koenig, Seltſame Geſchichten. 19 290 So geſpannt unſer Redacteur auch auf die aus⸗ wärtigen Blätter gewartet hatte, die noch zur Druckerei ausgebeutet werden ſollten: ſo lockte ihn vor allem doch das von unbekannter, etwas unſicherer Hand über⸗ ſchriebene Päckchen in ſeinem ſchlotterigen, nicht ganz ſaubern Umſchlag. Aus dieſem quoll unter den er⸗ brechenden Fingern ein ziemlich ſtarkes Heft hervor, das nach abgeſtandenem Taback duftete. Die Hand⸗ ſchrift war unſchön, doch in derben Zügen ſehr lesbar. Die Ueberſchrift„Eine Zuflucht nach Amerika“ war für Hellmuth's Intereſſe zu verführeriſch, als daß er nicht darin, alles Andern vergeſſend, hätte blättern ſollen. Er las, er vertiefte ſich, und ſeine Frau, die aus dem Nebenzimmer herüber ſchielte, konnte aus den immer ſchnelleren Zügen des Rauchenden, wie an den ausgeſtoßenen Dampfwolken einer Locomotive, wahr⸗ nehmen, daß die Zufriedenheit des Leſers immer raſcher fuhr. Endlich riß er ſich mit den Worten los: Prächtig, genial! He, Klärchen! Die Freundin ſaß neben der Frau an einem Stick⸗ rahmen, um hier im Hauſe für eine der Tanten ein heimliches Geburtstagsgeſchenk zu fertigen. Sie erhob ſich und eilte zu dem Rufenden.— Entreiße mich der Verlockung, Klara! rief der lebhafte Mann; ſonſt verſäume ich meine Chronik und beleidige Chronos, den knickerigen Gott der Zeit. Ich ſage kein Wort, aber lies und gib mir Dein Urtheil! Der Einſender ſchreibt mir da nur ein paar Briefzeilen, kurz und genial. Reiſig,— der Name erinnert an den Präſidenten dieſes Namens aus— Dings da; weißt Du, der beim Frankfurter Parlament im rechten Centrum ſo gut geſprochen. Er bietet das Manuſcript für unſer Feuilleton gegen„gutes Honorar“. Er ſcheint mir in genialen Schulden zu ſtecken, aber es freut mich, daß er doch nicht bettelt. Ein Gluthmenſch— und viel— leicht eine Fundgrube für mein Werk über Amerika. Dieſe Erwartung war es ohne Zweifel, die den eben ſo erregbaren, als ſtrebſamen Mann raſch einge⸗ nommen hatte, und ihm das dicke Manuſcript in eine ſo günſtige Beleuchtung rückte. Hellmuth ſchwärmte nämlich für Amerika, und ver⸗ ſprach ſich alles von einem Werke, zu dem er ſeit Jahren leſend und erfragend ſammelte, was nur irgend zu erreichen ſtand. Die neue Welt über dem atlanti⸗ ſchen Ocean beſchäftigte ſeine Phantaſie nicht weniger, als ſein Nachdenken. Eine ſo ungleichartig gemiſchte Bevölkerung, in wachſender Zunahme durch überſtrö⸗ mende, unzufriedne, unfügſame Ausſcheidungen des alten Europa über unkataſtrirte Urgebiete ſich erſtreckend, in titaniſchen Beſtrebungen von einer großartigen Natur unterſtützt, bot zu Träumen und Berechnungen hinſichtlich einer ganz neuen Menſchheits⸗Epoche die umfaſſendſten 19* 292 Linien und die kühnſten Ziffern dar. Wie weit dort noch der ſinnliche Unterbau der Gegenwart ſeine Bogen ſpannen, zu welchen nie dageweſenen Lebensgeſtalten die gewaltigſte Thätigkeit in Verbindung mit früher Ueppigkeit und Genußſucht ihre Welt verarbeiten werde, und wenn demnächſt aller Raum eingenommen wäre, und die politiſche wie ſociale Beengung nicht ausbleiben würde,— welche veränderte politiſche, welche neue geiſtige und religiöſe Bildung auf ſolch' erſtaunlichem Fundament ſich empor richten werde, dieſe Fragen fan— den einen unermeßlichen Tummelplatz für die verwegenſten Meinungen die auf ſo unzugänglichem Gebiet unwider⸗ legbar blieben. Nun gehörte unſer Redacteur zu den Männern, die ſich im Nothfalle das Futter für ihr Steckenpferd etwas koſten laſſen. Er dachte ſchon daran, wie er den Ver⸗ faſſer ſo feuriger Reiſeberichte in ſeine Nähe bekommen und für ſein Werk über Amerika ausſchöpfen könnte. Denn ſchon das Mannſcript enthielt viel neue An— ſchauungen und Einblicke, und ließ noch einen Vorrath von Kenntniſſen und Beobachtungen über den Zuſtand des Landes und der geſellſchaftlichen Einrichtungen im Gedächtnißtagebuche des Gereiſten erwarten. Er drängte deßhalb die Freundin, die Handſchrift mitzunehmen, und ja recht bald durchzuleſen. Hier war nun jene Seite, an der— wie es bei deiit dort Nuse Bogen eſtalten en fan genſten nwider ern, die Hetwas en Ver ommen fonnte. e An⸗ vorrath zuſtand gen im rängte 7, und es bei phantaſievollen, enthuſiaſtiſchen Menſchen leicht vor kommt— beide in wechſelſeitiger Selbſttäuſchung einander ſtreichelten. Klara, durch des Freundes Vertrauen zu ihrem Geſchmack und durch das Aufheben das er bei Andern von ihrem Urtheil machte, lebhaft geſchmeichelt, fiel unabſichtlich auf ſeine eignen Geſichtspunkte und ſelbſt in ſeine Ausdrucksweiſe; er ſelbſt aber nahm ein ſo wohlklingendes Echo ſeiner Worte gern für eine Beſtätigung ſeiner Anſichten und konnte an der Freundin ſeinen ausgeſprochenen Sinn und Geiſt mit aller Un befangenheit bewundern. So kam denn Klärchen ſchon am andern Morgen früh genug und ſehr erregt mit dem geleſnen Hefte. Sie umarmte die Frau Doctor, die im Hauskleide mit Aufräumen der Zimmer, mit Anziehen ihrer Kleinen und Anſchickungen für die Küche beſchäftigt, der jüngern Freundin eben ſo blühende Wangen und ſtrahlende Augen entgegen brachte. Klara küßte und beſchenkte die Kinder; wie ſie denn ſelten ohne Näſchereien und Spielſächelchen für das geſunde und unruhige Dreigeſpann erſchien. Sie folgte darin ihrem guten Herzen ohne Acht und Bedacht, der Mutter etwa wieder abzugewinnen, was ſie an die etwas eifer⸗ ſüchtige Gattin verloren hatte. Eiferſüchtig nämlich auf die geiſtige Geltung der Freundin bei dem Manne. 294 Dann gingen beide zu Karl, der ſeit 5 Uhr über ſeinen Zeitungen ſaß. Guten Morgen! Dal ſagte Klara, indem ſie das Heft hinlegte. Es ließ mir die Ruhe nicht, drum komme ich ſo früh, lieber Freund. Ja, es iſt etwas ganz Ungewöhnliches,— eine Gluth der Empfindungen und des Ausdrucks—. Nicht wahr, eine Gluth, ein Feuer! ſiel Hellmuth ein. Da ſagſt Du das richtige Wort! Und welcher Wechſel der Gegenſtände! ſprach Klara weiter, während der Freund aus der langen Pfeife lebhafter dampfte. Bald ſieht man die großartige Ur⸗ natur mit der einfachen Staffage des menſchlichen Trei⸗ bens, und— in welchen Farben! Man glaubt den anbrechenden Tag dieſer neuen Welt im feuerrothen Abglanze des Morgenhimmels zu erblicken—. Prächtig, Klara! rief Hellmuth. Im Widerſchein eines brennenden Vulkans, einer noch nachglühenden Eſſe der eben fertig gewordenen Schöpfung, nicht wahr? Bald wieder zeigt uns der Reiſende das Weben, Wiebeln und Wimmeln der großen Stadt im Aufbauen und Erwerben, im Schaffen und Raffen, als gält' es, unter dem Entſetzen vor einem Erdbeben das theuerſte Beſitzthum zu retten und zu flüchten. Genial, Klara! Ja, es iſt etwas ganz Neues, was all' unſere Reiſenovellen und Reiſebilder todt ſeinen ſte das drum etwas Klara Pfeife 295 ſchlägt. Das ſoll unſerm Feuilleton einen Schwung geben. Haſt du gehört, wie man geſtern auf das flau gewordene Blatt ſtichelte? Wir kündigen gleich das literariſche Ereigniß an. Haſt du dir ſchon eine Ein⸗ theilung des Ganzen in paſſende Abſchnitte gedacht, Klara? Doch nicht, lieber Freund. Ohne eine nochmalige Ueberarbeitung wird's nicht gehen. Die Darſtellung liegt da und dort noch in ihrer erſten Rohheit da, es wimmelt ſelbſt von ſprachlichen Unrichtigkeiten. Sapperment,'s iſt wahr! fiel der Doctor ein. Es war mir ganz vergeſſen, und doch lag mir ein Einwand dunkel im Sinn. Auch kommen verflucht derbe Aus⸗ drücke und Unziemlichkeiten beſonders in Bildern vor. Unſer Herr Reiſig ſcheint ein genialer Sinnenmenſch zu ſein, urkräftig, der— ſoll ich ſagen, gleich den Beſtien der durchreiſten Wälder und Savannen auf ſeine Beute ſtürzt. Freilich kann ich mir denken, wie inmitten ſolchen urſprünglichen Naturlebens ein geſun⸗ des Herz ſelbſt wieder urkräftig, alle Zahmheit einer alternden Kultur abwirft, und wie die Empfindungen ſich mit der rieſenhaften Natur in Harmonie ſetzen müſſen. Alle Tragbänder des ſocialen Anſtandes platzen trotz ihrer Elaſticität, wenn die Leidenſchaften ſich mit Titanen zu meſſen haben.— Aber, Klara, wer ſoll die Ueberarbeitung vornehmen? Ich habe die Zeit nicht: der Gott Chronos hält ſeinen Sklaven zu knapp. Für & ich ſchickt es ſich nicht, die Wäſche eines genialen Mannes zu reinigen, der— nicht dein Mann iſt. Eins bleibt nur noch übrig: Reiſig muß es ſelber thun. Wir laſſen ihn kommen. Es iſt für dich gewiß auch intereſſant einen ſo genialen Mann kennen zu lernen, und für mich ſteckt wohl noch mehr Material in ihm, was er zu ſeinen Darſtellungen nicht brauchen konnte und was ich aus ihm herausklopfe. Ohne N RN Zweifel iſt er ein Sohn des Präſidenten Reiſig. Die⸗ ſer gilt für reich, und ohne Vermögen hätte unſer Genie ſeine Reiſen auch nicht machen können. Sei ſo gut, und ſchreib ihm in meinem Namen. Das Manuſcript ſei angenommen, ſolle anſtändig honorirt werden, be⸗ dürfe aber der letzten Hand, jedoch mit derſelben genialen Feder. Ob er nicht kommen könne. Da er ja doch ſeinem Briefe nach privatiſire, möge er ein paar Wochen hier zubringen, wo es jetzt ſo reizend ſei, durch die Nähe der Bäder, des Rheins u. ſ. w. Sei ſo gut! Mach' eine recht pikante Brühe d'rum! Aber, beſter Mann, wie quälſt du Klärchen! wen⸗ 7 dete die Hausfrau ein. Ah bah! das quält ſie nicht, liebe Sophie. Das geht ihr mit der Feder ſo leicht ab, als wenn du— 5 ein paar Tauben rupfeſt. Nun geht, und laßt mich! Ja, ja, ihr könnt beide mit Federn umſpringen. Du bleibſt doch zu Tiſche, Klara? Wir müſſen noch von unſerm koloſſalen Unbekannten ſprechen. Nicht wahr? Klara ſetzte ſich an den Einladungsbrief, den ſie mit ängſtlicher Sorgfalt entwarf. Einem genialen Manne gegenüber bemühte ſie ſich, ein wenig eigen— thümlich in ihrem Ausdrucke zu ſein, ihre Feder un⸗ vermerkt in die Abgluth des unbekannten Vulkans zu tauchen. Es lag eine kleine Selbſttäuſchung darin, daß ſie dem intereſſanten Manne mit einer Zuſchrift gefallen wollte, die doch im Namen ihres Freundes ausging. Während deſſen ſaß die niedliche Hausfrau mit einer irdnen Schüſſel im Schooße, in die ſie Zucker— erbſen aushülſ'te, zu denen das ,unnaihe die gel⸗ ben Rübchen ſchabte.— Du muß t heut einmal die Tauben rupfen, Bärbel, ſagte ſie der e benden Freun⸗ din zu Gehör. Ich will einmal ſehen, ob du ebenfalls mit Federn umgehen kannſt, oder ob du eine alberne Gans biſt.— Ci, Frau Doctor, ver rſetzte Bärbel la⸗ chend, die Gänſe gehen ja auch mit Federn um, mit ihren eigenen. Die Hausfrau lachte und ſagte, als Klara vom Schreiben aufſtand: Weißt du, Klärchen, wie ich mir euer amerikaniſches Genie denke? Wie den Dichter Hiepe, aufgedonnert nach der ausgeſuchteſten Mode, anſpruchsvolle Lippen, herausfordernde Augen und gelbe Glacéhandſchuhe. Er trinkt gern Champagner, und muſſirt Revolutionsdramen, an denen der Schaum eben⸗ falls das Beſte ſein ſoll. Laß das ja deinen Mann nicht hören, antwortete Klara, indem ſie mit dem Barte der Feder, die ſie noch in der Hand hielt, der Freundin die Wange ſtreichelte. Der Doctor, weißt du, hat das erſte Drama dieſes fahrenden Poeten zuerſt auspoſaunt. Ich weiß es, lachte Sophie. Karl hat ihn für einen genialen Poeten ausgegeben, er ſelbſt hat ſich darauf in Umlauf geſetzt, es hat ihn aber Niemand in dieſem Werth annehmen wollen, geſchweige mit Agio. Nein, erwiederte Klara, genial iſt er auch nicht. Ueberhaupt verſündigt man ſich gar oft mit dieſer Be⸗ zeichnung. Der äußere Schnickſchnack thut's einmal gar nicht. Gerade dieſem affectirten Weſen, womit man ſeine poetiſchen Verzerrungen begleitet, traue ich nicht, und denke mir auch unſern wirklich genialen Rei⸗ ſenden viel eher nach dem alten Zuſchnitte genial: nicht gebügelt, nicht geſchniegelt, ſondern eher etwas — verſchabt, etwas— nein, das wäre zu ſtark!— Dabei durchaus nicht anmaßend, ſondern eher zerriſſen. Zerriſſen? fragte Sophie ſchalkhaft. Du meinſt, was man ſo aufgeriſſen nennt, an Hemd und Bein⸗ kleid oder an den Rockärmeln? Geh', Sophie! ſchalt die Freundin empfindlich. Du haſt doch immer ſo ordin— ſo practiſche Geſichtspunkte. hat ſich diemand nicht. ſer Be⸗ nal gar it man⸗ h nicht, Zerriſſen meine ich, in ſeelenvollem Innern, was ſo zu einer unſäglichen Theilnahme an ſeinem Geſchick hin— reißt, etwas, was weit mehr als Liebe iſt,— Ver⸗ hängniß. Nun ja doch Verhängniß! meinte Frau Sophie, indem ſie ſich etwas ärgerlich erhob. Ich weiß wohl, was ſchwärmeriſche Mädchen Verhängniß nennen: etwas was ihnen zuſtößt, wenn ſie den geſunden Ver⸗ ſtand an den Haken hängen und das Herz an einen Mann, der vielleicht— hängenswerth ſein mag. D'rum ſei nur auf deiner Hut vor euerm Geniel ſetzte ſte lachend hinzu. Denn iſt er zerriſſen in deinem Sinn: ſo findeſt du ihn ja hinreißend; iſt er, was ich aufgeriſſen nenne, ſo bleibt das Mitleid leicht in den Fetzen hangen; wäre er aber vollends, daß man an ihm kleben bliebe,— wie ſagteſt du? Etwas— ha! ha! Lachend ging ſie mit ihrer Erbſenſchüſſel nach der Küche. Und ſie hatte ſich auch ſchon daran gewöhnt, ihre guten Einfälle ſelbſt zu belächeln; denn von dem Manne und der Freundin erfuhr ſie ſelten eine Zu⸗ ſtimmung der Art. Beide ſchwärmten gern nach ihren ſogenannten höheren Geſichtspunkten und tadelten mehr oder weniger freundlich die proſaiſche Anſchauungs⸗ weiſe der Hausfrau, die doch gar nicht ſo ſelten das Rechte traf, weil ſie mit Sinn und Herzen ſich inmitten der Dinge hielt, um die es ſich eben handelte.— 300 Die Antwort auf das Schreiben der Redaction blieb auf dem Wege der Eiſenbahn nicht lang aus. Die Einladung recht bald zu kommen, wurde ange⸗ nommen, nur erbat ſich Reiſig einen Vorſchuß auf das Honorar als Reiſegeld. Dieſe Verlegenheit eines ge⸗ nialen Mannes ließ ſich begreifen. Sonderbar erſchien aber die andere Bedingung,— daß ihm zugleich ein guter Paletot mitgeſchickt würde; wozu bemerkt war, daß das Kleidungsſtück für einen Mann von anſehn⸗ licher Geſtalt und etwas breiten Schultern zugerichtet ſein müſſe. Iſt das nun nicht wieder recht genial? lachte Hell⸗ muth. Wer wird denn einen Paletot des weiten Weges ſchicken? Iſt es nicht köſtlich, ſolche unpractiſche Geiſter zu ſehen, die an kein Porto denken? Nun ja, ich werde ihm den Betrag für ein ſolches Reiſegewand zum Reiſe geld beifügen müſſen. Darum wird's ihm auch nur gelten! meinte die Hausfrau. Klärchen aber überhörte die Bemerkung: eine Nachſchrift des Briefes feſſelte ihre Empfindung. Dieſe Zeilen lauteten: „Die Handſchrift Ihres Briefes, mein verehrter Doctor, hat mein Innerſtes ergriffen. Sympathien des Herzens ſind angeklungen. Die Ahnung einer ungemeinen Liebe hat mich erfaßt. Es liegt ſo viel Weibliches in den Zügen Ihrer Hand, im Ausdruck 301 Ihrer Gedanken. Das Weibliche hebt himmelan! Ha! daction„ 4— ee, wäre es mein Verhängniß, alle Schiffbrüche des Her⸗ W Aus zens, alle die ſcharfen Riffe des Lebens, an denen mein 4 hohes Vertrauen auf Liebe und Treue— und wie oft! f das — ſcheiterte, an der Bruſt eines Freundes vergütet zu erhalten? Wie ſagt Goethe: „Selig, wer ſich vor der Welt 6 3 Ohne Haß verſchließt, Einen Freund am Buſen hält Inſeßn⸗ Und mit dem genießt.“ Wie freue ich mich zu Ihnen zu kommen! Welche Zu⸗ friedenheit träume ich mir, welche Aufrichtung nach allen entſetzlichen Wirrſalen!“ Weges Es war eine wunderſam träumeriſche, etwas bäng⸗ Heiſter liche Empfindung, aus welcher Klara durch Frau So⸗ phiens Anrede geweckt wurde. Reiſe⸗ Aus dem Briefe geht doch hervor, ſagte Sophie mit ſchalkhafter Feierlichkeit, daß der Geniale wirklich die zerriſſen iſt. kung: Nicht wahr? rief Klara, indem ſie die Freundin dung. umarmte. Hatte ich nicht Recht? O wie zerrt oft das Leben an ſolchen Genien! Ich ahnte es! die edle hrter Seele! matbien Ja, verſetzte Sophie,— edel und breitſchulterig. äinet n Ich für meinen Theil irrte mich nur im Gegenſtande 302 ſeiner Zerriſſenheit: Ich dachte nämlich an Hemd und Beinkleid, es iſt aber der Paletot! Sie verließ das Zimmer eilig und mit Lachen. 4. Während unſer Redacteur das Heft des Erwarteten vollends durchlas und die Stellen, die einer ſorgfälti⸗ geren Ueberarbeitung bedurften, die oft übertriebenen und nicht ſelten ſogar unanſtändigen Ausdrücke und Bilder mit Rothſtift bezeichnete, war eine Woche vorüber gegangen, als er eines Morgens aus dem Gaſthofe, Hotel Salm, ein Billet erhielt, worin Reiſig ſeine An⸗ kunft meldete. Hellmuth warf ſich raſch in die Kleider, nahm aber einen kleinen Umweg zu Klara's Wohnung. — Er iſt da, unſer Geniale, unſer amerikaniſcher Vulkan! rief er an der verſchloß'nen Thüre der im Ankleiden begriffenen Freundin zu. Du kommſt zu Tiſche, Klara. Ich hole ihn eben ab und behalt' ihn heut bei uns. Es iſt glücklicherweiſe ein leichter Poſt⸗ tag, und ein Stuͤndchen nimmſt du mir ihn ab. Im Gaſthofe wurde unſer Doctor in eine der Be⸗ dientenſtuben auf dem hintern Gang gewieſen. Ver⸗ wundert darüber, begriff er doch das Mißverſtändniß, ſobald er, in die Stube getreten, den Ankömmling ———— arteten. 303 muſtern konnte. Reiſig, mit ſeinem Anzug beſchäftigt, gab nämlich manches preis, was ſich nach und nach den Blicken halb und halb wieder entzog. Dennoch kam zuletzt nichts weiter zu Stande, als ein ziemlich ſchäbig gekleideter Mann, der an einen vornehmen Bettler erinnerte,— groß von Geſtalt, ſtark gerötheten Geſichts, die ganze Haltung erſchöpft; wobei aber die Geſichtsbildung etwas Ariſtokratiſches und einen ehe⸗ mals hübſchen Mann verrieth. Das Haar fiel leicht und gelockt in den Nacken und der etwas angegraute Bart war nicht ohne Pflege gelaſſen. Auch gaben ſich die Manieren einer guten Erziehung, Ton und Bewe⸗ gung guter Geſellſchaft noch zu erkennen. Nur Ge⸗ ſchmack und Geſinnung hatten ſich von jenen Ange wöhnungen, mit denen ſie vielleicht früher übereinge— ſtimmt haben mochten, merklich entfernt. Ha, Doctor Hellmuth! rief er dem Eintretenden entgegen. Wie freundlich Sie mir zuvorkommen! Ich meldete mich Ihnen an, bloß um zu hören, wanneher ich Ihnen aufwarten dürfte. Ich weiß ja, wie kurz ein Zeitungs⸗Redacteur angebunden iſt. Wie? Und Sie erkennen mich ohne mich zu er⸗ warten? Ja, und ungeachtet Ihres Ausſehens! lachte der Geniale. Was? Meines Ausſehens? fragte Hellmuth be— ——— — 1 304 fremdet, wobei er den Blick an ſich hinab und an Reiſig hinaufgleiten ließ. Hellmuth gehörte nämlich zu Denen, die auf guten und modiſchen Anzug halten. Ich meine Ihr kräftiges, männliches Ausſehen, wie ◻ ich Sie nach Ihrem liebenswürdigen Schreiben mir nicht gedacht habe, erklärte der Fremde. Der Brief hat etwas Mädchenzartes in den Schriftzügen, etwas Schwärmeriſches im Ausdrucke. So geht's Ihnen denn juſt wie mir mit Ihnen, erwiderte Hellmuth. Ich bin auch noch dran, Ihr Schriftliches mit Ihrer Erſcheinung in einige Ueberein⸗ ſtimmung zu bringen. Unſere Zeit iſt ſtolz darauf, geniale Männer beſſer zu ſchätzen, als dies früher der Fall war, wo man ſie freilich auch kaum anders, als in der Mauſer ihrer Lebensordnung oder vom Unglücke wohl ganz und gar gerupft finden mochte. Ahal lachte Reiſig, drum muſtern Sie ſo mein Ge⸗ fieder. Oder meſſen Sie villeicht, wieviel Stab ich zu einem neuen Anzuge nöthig habe? Gut! Gleichen Sie mich immerhin ein bischen mit mir ſelber aus! Unſere Urmutter Eva, ſtellte ſich ſchon ihre Garderobe aus Blättern,— Feigenblättern: ich will mich in Ihr Zeitungsblatt kleiden, in Ihr Feuilleton. Sie ſehen, Doctor, daß ich mich zu den Folgen der Erbſünde be— kenne.— Mit dieſer nicht allzu zarten Wendung war man man 305 auf die eigentliche Angelegenheit gekommen. Hellmuth, der zuweilen mit etwas gutmüthigem Prahlen über die Berechnung ſeines Vortheils hinausgehen konnte, ließ ſich mit einiger Uebertreibung über den Werth der amerikaniſchen Skizzen Reiſig's und über die ſtarke Auflage ſeiner Chronik aus, verſprach daher das höchſte Honorar der Zeitung und beſtand nur auf nochmaliger Ueberarbeitung der mitzutheilenden Stücke. Er warf zugleich ſeine Anſicht wegen Herausgabe des ganzen Buches hin, und Reiſig, ſchalkhaft lachend, war alles zufrieden.— Ich muß mich dann nur auf einige Zeit hier einrichten, ſagte er, und bin auch unabhängig genug dazu, wenn Sie nur, lieber Doctor, ein wenig für mich ſorgen wollen. Ich vereinige nämlich, ohne Ruhm zu melden, zwei ausgezeichnete Eigenſchaften in mir: die beſte Abſicht und die höchſte Ungeſchicklichkeit für das Oekonomiſche! Verſteh'n Sie mich! Wir wollen das überlegen, erwiderte Hellmuth etwas kleinlaut. Kommen Sie jetzt mit mir nach Hauſe und ſeien Sie für heute mein Gaſt. Wie Reiſig ſich zum Gehen anſchickte, ſah der Doctor ſich nach deſſen neuem Paletot um, auf den als Deckblatt über den ſchäbigen Anzug er eben gerech⸗ net hatte, da er doch einmal neben dem auffallenden Mann über die Straße gehen mußte. Reiſig aber, dem es wirklich, wie Frau Sophie vermuthet hatte, Koenig, Seltſame Geſchichten 20 306 nur um den Betrag zu thun geweſen war, erklärte, er habe den Paletot noch nicht gekauft, weil er gern hier am Ort einen— acclimatiſirten Ueberwurf tragen wolle.— Die freundliche kleine Hausfrau hatte ſich ihrem Manne zu Lieb ſorgfältig angekleidet, war aber nicht wenig betroffen, ihn mit dieſem Fremden die Treppe heraufkommen zu ſehen. Ihre erſte Empfindung war, einen Unterſtützung ſuchenden oder Subſkribenten ſam⸗ melnden Menſchen vor ſich zu haben, und ſchelmiſch wie ſie ſein konnte, hielt ſie dieſen Eindruck ein paar Augenblicke feſt, indem ſie zur Begrüßung des Ankom⸗ menden wie in Gedanken ihre Börſe zog. Hellmuth bemerkte es nicht, wie er denn in ſeinem ſtets etwas aufgeregten Weſen für weibliche Scherze und Schalk⸗ heiten wenig Sinn hatte. Er ſtellte ihr den Gaſt mit rühmenden Worten vor, die vielleicht den fehlenden Glanz deſſelben erſetzen ſollten, und Sophie empfing ihn mit einfacher Artigkeit. Ein Frühſtück wurde an⸗ geboten. Reiſig bat ſich halb lach end einen„Liquor, vulgo Rack“ aus, und das Arakfläſchchen des Thee⸗ ſervice wurde gebracht. Ein paar Schlucke hatten die gute Wirkung, daß Reiſig's ſchlaffe Züge ſich ange⸗ nehmer belebten.— Sie ſehen, ſagte er beim zweiten Schluck lächelnd, man nimmt unter tropiſchen Gewächſen auch tropiſche Gewohnheiten, oder vielmehr Bedürfniſſe 307 an. Meine Lebensgeiſter ſtehen noch in Correſpondenz mit den Geiſtern des Zuckerrohres und des Reiſes. Klara, die nicht lange auf ſich warten ließ und ſehr ſorgfältig gekleidet erſchien, war vom erſten Anblick des Genialen allerdings befremdet. Indem ſie ſich aber beſann, daß es ja eben der Geniale ſei, fiel ihr auch ein, daß ſie ſich ihn ja ſelbſt nicht als geſchniegelt und elegant, ſondern vielmehr als das Gegentheil davon gedacht hatte. Sie ſah mit zufriedenem, ja triumphi⸗ rendem Blicke nach Sophien, als ob ſie ſagen wollte: hab' ich nicht richtig vorausgeſehen? Dieſe gute Stimmung befriedigte ſie noch mehr durch den guten Eindruck, den ihre Erſcheinung auf den in⸗ tereſſanten Mann gemacht hatte, und den ihre lebhafte Unterhaltung ſteigerte. Man kannte den Fremdling noch nicht genug, um gerade zu bemerken, wie ſehr er ſich zuſammen nahm, und mit welcher Anſtrengung er was ihm von ſeiner vorſündfluthigen Ritterlichkeit noch übrig geblieben war, gegen das anmuthige Mädchen herauswendete. Der etwas ſcharfe Geſchmack ſeiner abſtändigen Galanterie ſtimmte wunderſam zu ſeinem Anzuge, ſo daß er eine eigenthümlich pikante Erſcheinung genth g ſo wurde. Daher kam es, daß die drei Menſchen, beſon⸗ ders über Tiſche, von ihrem Gaſte ſich angenehm be⸗ ſchäftigt fanden,— Klara durch ſeine Aufmerkſamkeit für ſie, Hellmuth durch manche Mittheilung, die gute 20* 308 amerikaniſche Aufſchlüſſe verſprach, und die Hausfrau durch kleine Eigenheiten ihres Gaſtes ſowdhl, als durch ſchalkhafte Beobachtung der beiden Anderen in der Ein⸗ genommenheit für einen Mann, von dem ſie ſelbſt keine beſondere Meinung faſſen konnte. Ihr ſtilles Lächeln drohte laut zu werden, als Reiſig, die hohe, haar— loſe Stirne zu trocknen, ein Taſchentuch hervorbrachte, das ſich über allen Zweifel als ein abgeriſſenes Stück von einem kattunenen Canape⸗Ueberzuge zu erkennen gab. Sie faßte ſich, indem ſie mit verbiſſener Lippe nach ihrem Sopha umblickte und ſich des guten Damaſt⸗ beſchlags freute. Beim Kaffee wurde der Nachmittag und Abend be⸗ rathen. Halb ſchalkhaft, halb verlegen, bekannte die Hausfrau, daß ſie uber den Abend bereits verfügt habe.— Vorgeſtern, lieber Mann, ſagte ſie, haſt du einer Anzahl unſerer Freundinnen von unſerm erwar⸗ teten Gaſt erzählt, ihre Erwartung geſpannt und ihnen eine Abendvorleſung aus ſeinem intereſſanten Manu⸗ ſcript verſprochen. Das fiel mir ein, als du fort warſt, Herrn Reiſig für den heutigen Tag abzuholen. Ich ſchickte gleich zu den Damen und ein paar Herren, und ſie haben Alle zugeſagt. Aber auch— fiel Hellmuth unwillig ein, beſann ſich aber raſch ſeines Gaſtes und fuhr freundlicher fort: Ich meine, warum gleich den erſten Abend? Wir Hausfrau als durch der Ein⸗ lbſt keine Lächeln „haar⸗ rbrachte, s Stück erkennen er Lippe Damaſ⸗ nd be unte die verfügt haſt du erwar⸗ d ihnen Manu du fort zuholen. Herren, 309 hätten unſern Freund auch gern erſt ein wenig allein gehabt! Wußt' ich denn, lieber Mann—? erwiderte Frau Sophie mit einem Blick auf Reiſig's Anzug. Du ta⸗ delſt immer, ich ginge ſo wenig in deine Ideen ein. Darum hab' ich mich diesmal geeilt, in deinem Ge⸗ ſchmack etwas zu thun. Wer hätte denn erwartet Zum Abbeſtellen iſt's nun zu ſpät, meinte Klärchen. Die Damen werden ſich alle auf die Stunde und den Fremden freuen. Gewiß, und ſich putzen! ſetzte Sophie lächelnd hinzu. Gut alſo! erklärte nach einem Weilchen der Wirth. Es iſt mir recht, beſte Sophie. Sorge nur, daß wir ſie wie gewöhnlich empfangen. Ich ſorge ſchon— für das Andere.— Offenbar hatte er einen rettenden Gedanken gefun— den. Vor Allem aber rettete er den Gaſt auf ſeine ſtille Arbeitsſtube in einen bequemen Seſſel zu einem Mittagſchläfchen. Denn Reiſig nickte ziemlich abgeſpannt oder in die Correſpondenz vertieft, die ſeine Lebens⸗ geiſter mit den Geiſtern der Rüdesheimer Bergreben neu angeknüpft hatten.— Als Hellmuth zurückkam, ſagte er: Ich will hernach mit dem wunderlich ausſehenden Kauz nach dem Kleidermagazin gehen, um ihn etwas 310 heraus zu ſtaffiren. Die Auslagen muß ich ſchon machen, liebe Sophie, um— dich mit deiner Einladung nicht im Stiche zu laſſen. Man iſt heutzutage ſo ver⸗ wöhnt durch den allgemeinen Lurus. Vormals ging ein verlumptes Erſcheinen dem Genie als Prärogative hin; ja ein Tropf hätte ſich in ſolcher Haut als Löwe des Tages geltend gemacht. Jetzt will man auch an dem originellſten Menſchen nichts Exceptionelles gelten laſſen— wenigſtens an der Montur. Sorge du nur auch, lieber Karl, antwortete ſie, daß dein Genie angenehm erwache. Halt nur für alle Fälle die Arakflaſche bereit. Aber, beſte Sophie, wie ſiehſt du doch Alles ſo proſaiſch an! rief Klara. Du haſt recht, Klara, ſtimmte ihr der Freund bei. Immer bleibt ſie unter den höheren Geſichtspunkten. Geh, Sophie, du kannſt Einen recht betrüben! Nun ja doch, ihr müßt ſchon Geduld mit mir haben, lächelte ſie. Die Geſichtspunkte der Hausfrau liegen mir einmal am nächſten. Es ſollte euch auch übel geſagt ſein, wenn ich mit euch fliegen wollte. So findeſt du deine Wäſche ſtets geſtärkt und gebügelt, lieber Karl, und bedenkſt eben nicht, daß dein Gaſt ein etwas verwaſchener, verlumpter Geiſt iſt, der auch— „geſtärkt“ ſein will. Ei, kam er ja doch ſchlaff genug in's Haus, hatte aber kaum ſein Glas Rack— wie's 311 der Racker nannte— zu ſich genommen, als er auch gleich geſteift und gebügelt in galantem Benehmen gegen Klärchen erſchien. Da muß ich euch nun ſagen, wendete Klara ein, daß mich ſeine Perſönlichkeit gerade nicht ſehr anmuthet; ſein Anzug aber verſchwindet mir ganz und gar bei ſeinen lebhaften Mittheilungen, wie— möcht ich ſagen — die grünen Kelchlappen ſich zurückſchlagen, wenn die Centifolie ihre leuchtende Blätterfülle darüber aus⸗ breitet. Prächtig, Klara! rief Karl aus. Ein reizendes, echt poetiſches Bild. Gut, auch als Blume laſſ' ich mir ihn gefallen, lä— chelte Frau Sophie; nur als gebrochene, die in etwas Naſſes geſtellt werden muß, weil ſie eben abwelken will. Je nun, es iſt ihm ja alles gegönnt, was du ihm einſchenkſt, lieber Freund,— Ruhm und Rum! An der Thür wendete ſie ſich noch einmal mit den Worten um: Verzeiht! Von welchem Standpunkte, beſte Klara, muß ich denn unſeres Gaſtes Sacktuch anſehen? Ich ſelbſt würde es für ein Stück alten Canape-Ueberzuges halten. Nun ja! Etwas Zerriſ⸗ ſenes jedenfalls, und da hab' ich ja deinen Geſichts— punkt, Klara. Nicht wahr? Und es iſt mir lieb. Sie ging mit ſchalkhaftem Lächeln, um nach den Kindern zu ſehen. Der Mittagſchläfer hatte ſich Zeit zu ſeiner Erho⸗ lung genommen und dadurch auch ſeinem Wirthe Zeit gelaſſen, eingelaufne Berichte zu leſen und einige Zei⸗ tungsartikel anzuſtreichen. Als der Seſſel⸗Inſaſſe end⸗ lich gähnend und ein wenig öde ausſehend erwachte, erinnerte ihn Hellmuth an den bevorſtehenden Abend, und machte ihn mit dem Erforderniß bekannt, etwas ſorgfältiger gekleidet zu erſcheinen. Obſchon er von Reiſig's Unbefangenheit einen erſten Eindruck hatte, ſuchte er ihm doch den Vorſchlag möglichſt zart beizu⸗ bringen, daß er im Kleidermagazin des Herrn Ober⸗ ling ſeinen— Reiſeanzug gegen ein einfaches Salon— kleid vertauſchen möge. Zu Hellmuth's Zufriedenheit nahm das ſein Gaſt, der in ſolchen Dingen ſehr na— türlich zu empfinden ſchien, ganz leicht, als etwas ſich von ſelbſt Verſtehendes auf, ja er war ſo unbefangen ſich auch noch einen kleinen Vorſchuß zu Taſchengeld auszubitten. Im Magazin wählte man das Nothdürftigſte,— zu Knöpfſchuhen ein ſchwarzes Beinkleid, eine ſilber⸗ graue Weſte, ſeidne Halsbinde und einen bräunlichen Paletotrock mit kurzen Schößen. Reiſig machte noch auf ſein Bedürfniß einiger guten Hemde und ſalon— fähiger Handſchuhe aufmerkſam. Während er dann 313 auf ſeiner Stube mittelſt warmen Waſſers und eines Raſirmeſſers ſeine Verwandlung vornahm, unterhan⸗ delte ſein Redacteur mit dem befreundeten Gaſtwirthe um ein anſtändigeres Zimmer im Seitenbau des Hotels und um billige Beköſtigung des„ausgezeichneten Frem⸗ den“. Ich ſage gut für ihn, lieber Ebermaier und übernehme die Zahlung, erklärte er, bis der geniale Mann, der Sohn eines höchſt angeſehenen und ver⸗ mögenden Staatsmannes, ſich in eigenen Credit ſetzen wird. Er kommt stante pede von großen Reiſen zurück, daher— Ich begreife ſchon, lachte der Witzbold vom Salm, — der Herr war verreiſt und kömmt verriſſen. Wie nun Reiſig glatt und ſauber vor dem Spiegel ſeines neuen Zimmers ein lächelndes Wohlgefallen an ſich fand, erwachte lebhafter die Erinnerung an ſeine galante Zeit. Er ſetzte ſich vor, den liebenswuͤrdigen Schönen zu gefallen, die ſich den Abend um ihn ver⸗ ſammeln ſollten. Er dachte an Klara. Sie ſollte ja, wie ihm Hellmuth vertraut, neben ihrer anmuthigen, geiſtreichen Lebhaftigkeit auch ein artiges Vermögen beſitzen und zu erwarten haben. Dies hatte er ihr nicht angemerkt, wohl aber eine gewiſſe unverwahrte Schwärmerei, durch die er jenen verborgenen Schatz zu beſchwören und zu heben den flüchtigen Gedanken faßte.— 314 In dem neuen Selbſtgefühle, von dem er gewiſſer⸗ maßen überraſcht war, zögerte er über die genaue Thee⸗ ſtunde hinaus, wie er in früherer Zeit gern abſichtlich gethan, als er noch zu berechnen pflegte, daß der An⸗ kommende in einer gewählten Geſellſchaft das augen⸗ blickliche Uebergewicht hat, und einen Gewinn zieht, der ſich am Würfel ſeines Eintretens nach den„Augen“ berechnet, die auf ihn gerichtet ſind. Auch gelang es ihm wirklich, Aufmerkſamkeit und Spannung zu erregen, als er im Geſellſchaftszimmer erſchien, und durch ſein Ausſehen und Benehmen ſelbſt die voreingenommene Frau Hellmuth zufrieden ſtellte. Dieſe Stille dauerte indeß nur ſo lang, als die wechſelſeitige Vorſtellung ſtattfand; worauf das Ge⸗ ſpräch zu dem unterbrochnen Gegenſtande zurückkéhrte. Die Unterhaltung ging um ein neues Buch: das unter dem Titel:„Ein Landaufenthalt, von Edmund Safran“ vor Kurzem erſchienen war und viel Aufſehen machte. Mit einer gewiſſen verſteckten Kunſt war eine intereſ⸗ ſante Familiengeſchichte, die man leſend mitlebte, dar⸗ geſtellt, mit reizenden Unterhaltungen über die Fragen der Gegenwart durchflochten. Bedeutende Perſonen, die man aus der Wirklichkeit zu errathen meinte, gingen auf dem einſamen Landſitze ab und zu, pikante Hof⸗ geſchichten wurden geflüſtert, treffende Urtheile über Literatur und Kunſt fielen dazwiſchen, und Lieder eines 315 Gaſtes der Familie, Gedichte, denen man Seele und Wohlklang zugeſtehen mußte, verſöhnten die Wider ſprüche der geſelligen Abende. Dieſer wechſelnde Inhalt des Buches, indem er einen vielſeitig gebildeten Autor verrieth, gab ſich doch ſo ungezwungen, daß nirgends eine Abſicht durchblickte, die den unbefangnen Leſer hätte verſtimmen können. Man fragte nach dem wahren Namen des Verfaſſers und faßte dabei den fremden Gaſt in's Auge, der ja aus der Stadt kam, wo das Buch verlegt war. Reiſig erklärte ihn nicht zu kennen; wobei aber eine eigenthümliche Befangenheit verrieth, daß er wohl nicht ohne irgend ein Verhältniß zu dem ſelben ſein duͤrfte. Doch habe ich manches von ihm gehört, ſetzte er hinzu. Er iſt ein Neffe ſeines Ver legers, ein noch junger Mann, dem eine vielſeitige Bildung und günſtige Verbindungen die Wahl eines Lebensberufs zur Qual machen. Heut, ſagt man, blicke er nach einem Staatsamte, morgen nach einer Profeſſur; dazwiſchen ſchiele er nach einem Pult auf dem Comptoir ſeines Onkels. Und eben ſo ſoll er bald etwas ſentimental, bald ziemlich Spötter ſein. Ein genialer Menſch! rief Doctor Hellmuth; es ward ihm aber heftig widerſprochen. Selbſt Klara hielt das Buch für keine eigentlich geniale Produktion. Gewiß nicht! rief der Arzt Lukas. Wenigſtens in dem Sinn des Ungeberdigen, den Ihr oft mit dieſem 316 Wort verbindet. Dazu iſt das Buch viel zu gehalten, maßvoll, befriedigend. Ein liebenswürdiges Fräulein wird den Herrn Safran mit Entzücken leſen; ob aber auch heirathen—? Wer für ein Genie ſchwärmt, ſindet ſchwerlich den rechten Mann an ihm. Ich zweifle ſehr Fräulein Amelung, daß er ein Rad ſchlagen würde, um einer jungen Dame die Hand zu bieten, wenn auch nur zu einem Walzer. In der That, ich habe das Buch mit wahrem Vergnügen geleſen und kann's empfehlen. Es iſt Einem unter dem Leſen zu Muth, als wandle man an einem heitern Sommerabende durch fruchtbare Gefilde, und der wunderlich angenommne Namen Safran ſelbſt erinnert an den würzigen Geruch, der über reifenden Kornfeldern ſchwebt. Sehr wahr, lieber Doctor! rief ihm eine ältere Frau zu. Sagen Sie noch, auch die Abendglocken der Religioſität fehlen dem Sommerabende nicht. Ich würde lieber ſagen, die A bendröthe der Re⸗ ligioſität fehlt nicht, wendete Lukas ein. Die Glocken erinnern zu ſehr an das eigentlich Kirchliche, das ich für meine Perſon— nicht ſehr cultiviren kann. Das iſt wenigſtens in Safran'ſchem Sinn, Herr Doctor! lachte Reiſig. Es circuliren nämlich bei uns einige Diſtichen des Herrn Safran in Abſchriften gegen die Gräſin Ida gerichtet. Er hat ſie nicht drucken laſſen, weil er ſie nachher ſelbſt mißbilligte. Er hatte ſie in ei gehalten, Fräulein ob aber t, ſindet ille ſehr der Re⸗ Glocken das ich 317 der erſten Aufwallung über das Bekehrungstreiben jener Dame hingeworfen, weil er auch in dem Pilger⸗ und Kloſtergewande die alten„Allüren“ der weltfahren⸗ den Frau zu erkennen glaubte. Ich beſitze zufällig eine Abſchrift: wenn mir die Herrſchaften erlauben, nur als Probe—. Er nahm aus einer nicht gar ſaubern Brieftaſche ein Blatt Papier, entfaltete es und las: „An Gräfin Ida. Erbaulich. Ausgeſtreckt in der Länge des Leibs liegt vor dem Altare Seelenermüdet ein Weib: ſagt was bedeutet denn das? Verkehrt und bekehrt. 4 Fällt nicht ein fahrendes Weib gar leicht, wie die rollende Münze, Heute verkehrt auf den„Kopf“, morgen bekehrt auf die— „Schrift?“ Nomen et omen. Fahrend ſuchteſt wie lang du, vomantiſche Dame den „Rechten““; Siehe, nun feſſelt er dich, der nach der Kette ſich nennt.“ Indem der Leſende ſich einen Augenblick unterbrach, um zu ſehen, ob die Anzüglichkeiten der Verſe verſtan⸗ den würden, blieb er durch ein lebhaftes Geſpräch un⸗ 318 terbrochen, das ſich für und wider entſpann. Mehrere ereiferten ſich zu Gunſten einer Frau, deren Unglück und Troſtbedürftigkeit mehr Achtung und Schonung verdiene. Wahr! rief Doctor Lucas. Gönne man es der Langumhergeirrten, wenn ſie zuletzt in den Armen des Glaubens findet, was ſie in keiner Bucht ihrer Fahrten an keinem Buſen ihrer Hingebung finden konnte. Auch handelt ſie nicht ſo inconſequent, als es ſcheint: wie ſie früher das Glück nicht in der eignen Bruſt, ſondern in den Weltverhältniſſen geſucht hat; ſo ergreift ſie das Göttliche, das in ihrem Geiſt und Herzen nicht ſelbſtändig geworden iſt, im Aeußern, in einer äußern Erſcheinung, und da ſie taumelte, gerade in einer recht felſenfeſten; ſie wechſelt die Religion nicht,— ſie nimmt zum erſtenmal Religion an und zwar den hand⸗ feſteſten Glauben; ſie braucht Autorität und bekennt ſich als gute Ariſtokratin zu jener kirchlichen Geſellſchaft, di den älteſten Stammbaum hat, und an deren Schwelle ihr ein Baron die Hand bietet. Dieſer Beiderwand von Scherz und Ernſt regte den Streit nur noch mehr auf. Man wollte ja gern der unglücklichen Frau den gefundenen Frieden gönnen: nur ſollte ſte auch den Frieden Andrer achten, und ſich von den fanatiſchen Beſtrebungen des Jeſuitismus weglaſſen, 319 der darauf ausgehe, Haß und Hader in den Staaten und Familien zu erregen. Und ſolchen Angriffen gegenüber, rief Klara, warum will man übel nehmen, wenn einmal ein paar Seiten⸗ hiebe gerechter Entrüſtung auf eiteln Selbſtbetrug und mitverſchuldete Verirrung fallen? Auch wahr! rief Lucas. Ich wollte man könnte jedem jeſuitiſchen Fanatiker einen proteſtirenden Lacher entgegen ſtellen. Drum, fuhr Klara gegen Reiſig fort, geben Sie mir nur das Blatt her: ich wenigſtens möchte auch noch die übrigen Diſtichen leſen. Aufgeregt, wie ſie war, entwand ſie dem etwas verblüfften Manne das Blatt, wobei ſie einigen der Umſtehenden die Bemerkung zuflüſterte, daß ſie Reiſig ſelbſt für den Verfaſſer halte. Um dem unerquicklichen Streit ein Ende zu machen, brachte Hellmuth das Heft Reiſig's herbei, und er⸗ ſuchte die Geſellſchaft, ſich eine kleine Vorleſung gefallen zu laſſen. Das ganze enthielt die Reiſe eines jungen Men— ſchen von den beſten Anlagen, der nach leichtfertigen Streichen von ſeinen Verwandten verbannt und ver⸗ ſtoßen, ſich aus den Armen ſeiner Zechgenoſſen losreißt, um in der neuen Welt ein neues Bewußtſein zu er⸗ ringen.—„Ich verließ Deutſchland, hieß es, gleich 320 einem Vagabunden, ohne Paß und ohne Geld; denn meine gute, vorſorgliche Schweſter hatte mich gleich einem Waarenballen, aufgegeben und via Rotterdam und Havre nach New⸗Orleans ſpedirt, wo mir die weitere Fort⸗ hülfe angewieſen war.“ Die Erzählung, offenbar unter ſehr wechſelnden Stimmungen niedergeſchrieben, verlief ſehr ungleich. Der junge Mann macht auf dem engliſchen Schiffe die Bekanntſchaft eines deutſchen Barons und bemerkt die unziemlichen Abſichten deſſelben auf die Erzieherin ſeiner Kinder. Da faßt er ſelbſt eine Leidenſchaft für das ſchöne und liebenswürdige Mädchen und weiß es unter der Angſt, die es vor dem Baron hat, für ſich zu ge⸗ winnen. Emma vertraut und verlobt ſich ihm, mit dem Entſchluſſe, dem Baron zu entfliehen.— In dieſer Partie nahm die Darſtellung ſehr ſchwärmeriſche, über⸗ triebne, üppige Farben an. Intereſſanter fielen ein zelne Naturgemälde aus; wie denn der reißende Miſſiſ ſippi ſehr lebhaft geſchildert war.— Von den Jeffer ſon⸗Barracks, wo man landete, hatte der junge Aben⸗ teurer und die mit ihm entflohene Emma an einem herrlichen Maimorgen den Urwald betreten. Sie mußten halbmannshohes Gras,— Kaninchen, Eichhörnchen und Klapperſchlangen aufſcheuchend— durchwandern, um nach der Farm eines Freundes zu gelangen. Hier in der Wildniß verwilderten denn auch, ſo 321 zu ſagen, die ausgeſprochenen Empfindungen. Viel Unzartes, ja Unſchickliches lief in geſchmackloſem Stil mit unter; ſo daß beſonders die jüngeren Zuhörerinnen ſich in's anſtoßende Zimmer zurückzogen. Reiſig ſchien es nicht zu bemerken. Er hatte in der Zerſtreuung dem Glaſe Zuckerwaſſer, das zur Anfeuchtung des Mundes vor ihm ſtand, aus dem Rumfläſchchen des Theeſervice mehr und mehr zugegoſſen, und ſah ſehr erregt aus. Vergebens flüſterte ihm Doctor Hellmuth zu, auf die rothangeſtrichenen Stellen zu achten, jetzt legte er ihm die flache Hand auf's Blatt und ſagte ſcherzend: Mer⸗ ken Sie denn nicht, geehrter Herr, daß man ſich vor Ihren Klapperſchlangen des hohen Graſes fürchtet? Ohl verſetzte Reiſig, mit etwas ſtarren Augen um⸗ herblickend. Verzeihung für das giftige Gewürm! Sie ſehen, ich bin unbeſchädigt davon gekommen. Aber bei ſo viel Theilnahme für mich, erlaube ich mir die Frage: Wie finden Sie, meine ſchönen Damen, die Mitthei⸗ lungen im Uebrigen? Auf das Urtheil der Frauen habe ich von jeher den höchſten Werth gelegt. Sagen Sie mir offen—! Er blickte bei dieſen Worten eines um das andere der nächſten Mädchen an, die ſich verlegen zurückzogen, bis auf eine kleine Naſeweiſe, die ein wenig ſchnippich erwiderte: Wo iſt denn die unkluge Emma hingekommen? Kocnig, Seltiſame Geſchichten 21 —— — — N Dieſe unbedachte Frage ſetzte hier ein Kichern, dort eine Verlegenheit ab. Eine ältere Frau fiel mit Freund⸗ lichkeit ein: Wenn Sie ſonſt auf das Urtheil der Frauen Werth gelegt haben, Herr Reiſig: ſo geſchah es wohl auch für Mittheilungen, die mehr für Frauen gemacht waren. Was wir dagegen eben anzuhören gehabt, wird viel⸗ leicht von Männern beſſer gewürdigt. Was meinen Sie denn, Doctor Lucas? Ich bin mit unſerm Freunde Hellmuth einverſtanden, antwortete er, der die Stellen angeſtrichen hat, die einer nochmaligen Ueberarbeitung bedürfen. Wie? fiel Reiſig lachend ein. Ich dachte, ſie ſeien angeſtrichen, um ſie zum Vorleſen beſonders zu be— zeichnen. Worauf jene Dame, von dem kecken Lachen verletzt, erwiderte: Das iſt ſehr beſcheiden von Ihnen, daß Sie Ihr eigenes Gefühl des Schicklichen einem fremden Urtheile wenn auch einem ſehr mißverſtandenen, unterordnen. Dies war ſehr ſtark, ſelbſt in einer bereits ver⸗ ſtimmten Geſellſchaft. Allein Reiſig's ganzes Weſen und Benehmen hatte bereits ſehr mißfallen. Leider hatte er es darin verſehen, daß er dem erſten Eindrucke ſeiner Erſcheinung mehr zutraute, als derſelbe auf die Dauer tragen konnte. Zwiſchen ſeinen vormaligen ge⸗ ſellſchaftlichen Manieren und der jetzigen Auffriſchung derſelben lagen verwilderte Jahre. Sein ſonſt vielleicht gewandtes Benehmen war, ſo zu ſagen, in den Char nieren, in den Gelenken, loſe und locker geworden; ſeine Unbefangenheit ſchlotterte in's Ungebundene. In der Verlegenheit, die er doch empfand, klammerte er ſich an Klara. Ich appellire, rief er, an unſer geiſt reiches Fräͤulein Amelung. Verurtheilen auch Sie mich, oder— 7 Nun wäre ſchon Klara's leicht erregbarer Mädchen trotz genug geweſen, um verletzenden Urtheilen, zumal von Frauen, entſchieden zu widerſprechen, und eine aparte Meinung zu behaupten. Aber nun kam gerade das, was ſie von ſolchem Widerſpruch hätte abhalten. ſollen, ihre eigene Verlegenheit über das Geleſene, dazu, ſie vielmehr zur Vertheidigung des Leſers anzu treiben. Denn ſie hatte ſchon vor Reiſig'’s Erſcheinen mit übertriebenem Aufheben von ſeiner Reiſebeſchreibung geſprochen, und empfand nun den ihm ſo ſtark hinge worfenen Tadel mit Partei⸗Empfindlichkeit als perſön liche Kränkung, ſo daß ſie nur allzuraſch und lebhaft antworkete: Ich, lieber Herr Reiſig, habe Ihnen allerdin auch einen Vorwurf zu machen. Jdh nicht von Ihren Mittheilungen, von dieſer kühnen pocziſchen Auffaſſung eines uns fremden Naturlebens, Ich kam 21* — 324 mir denken, wie inmitten ſolchen urſprünglichen Da⸗ ſeins ein geſundes Herz ſelbſt wieder urkräftig, ich möchte ſagen urwaldig wird, alle Zähmung und Zahm⸗ heit einer alternden Kultur abwirft, und wie es ſeine Empfindung mit der titaniſchen Natur in Harmonie ſetzen muß. Ich begreife das, und finde es mit meinem Freunde Hellmuth genial und hinreißend. Aber ich tadle, daß ein ſo welterfahrener Mann ſich in einer ihm fremden deutſchen Stadt, gleich den erſten Abend dazu verſtehen mochte, dergleichen vorzuleſen, ehe er den Geſchmack und die Standpunkte des Urtheils der ihm neuen Geſellſchaft kannte. Wir verſtehen hier zu Land Amerika nur in dem, was es uns an Gut und Geld einbringt. Sie war noch im beſten Athem, auf die ganze Ge⸗ ſellſchaft anzüglich zu werden, als jene ältere Frau, eine von Klärchens wenigen Gönnerinnen, freundlich einwendete: Seien Sie nicht unbillig, liebe Klara, und thun Sie unſerer Stadt nicht Unrecht! Wenn wir uns auch nicht für fremde Welttheile, weder für Oſt- noch Weſt⸗ Indien berauſchen, ſo wiſſen wir doch recht gut, was ſie für Andere— Berauſchendes haben. Als ſie bei dieſen Worten das Rumfläſchchen wie aus ſpielender Zerſtreuung, vom Tiſch auf's Theebrett ſetzte, drohte ein abermaliges Lachen der Mädchen. 325 Da trat der Hauswirth raſch mit der Einladung zum Abendbrot vor und brachte die Geſellſchaft in's an⸗ ſtoßende Zimmer an einige kleine Tiſche. Reiſig war geſchickterweiſe zwiſchen zwei ältere Herren eingeſchoben, die mit der Miene, ihn durch fleißiges Einſchenken zum Beſten zu halten, ſich ſelbſt gütlich thaten. Beim Scheiden nahm Reiſig die Hausfrau etwas bei Seite.— Meine liebenswürdige Frau Doctor, ſagte er, ich gewinne eine immer höhere Meinung von Ihrer reizenden Freundin Klara. Sie verſteht mich, ſie allein von all' dieſen ſonſt ſchätzbaren Frauensperſonen. Sie müſſen mich mit ihren Verhältniſſen— ich will ſagen, Tanten bekannt machen. Ich fühle mich zu ihr hinge⸗ zogen: ich glaube, daß ich ſie lieben könnte. Unterſtehen Sie ſich, ſie zu lieben! drohte Frau Sophie alles Ernſtes. Wenn Ihnen meines Mannes Freundſchaft, wenn Ihnen unſer Haus lieb iſt: ſo geben Sie nur gleich all' dergleichen Poſſen auf. Sie dürfen mir nicht mehr über die Schwelle kommen, wenn Sie—! Das ſage ich Ihnen ein für alle Mal! Nach ſo viel Gutem und Bitterem, was Reiſig den Abend zu verſchlucken bekommen, nahm er ſich Zeit auszuſchlafen. Das Frühſtück kam dann als Vorbote 326 einer neuen unfreiwilligen Lebensordnung. Er vernahm nämlich, als er ſich des einfachen Kaffees mit Milch⸗ brot verwunderte und nach der Butter, den Eiern und dergleichen Zuthaten von geſtern fragte, daß Herr Doctor Hellmuth für ihn als Patienten eine einfache Beköſtigung nach Vorſchrift des Arztes auf vier Wochen mit dem Wirthe verabredet habe. Reiſig zeigte eine ſehr ungehaltene Miene. So ſehr er das Schonende in der vorgeblichen ärztlichen Diät verſtand, ſo ſehr verſtimmte es ihn dennoch. Verſtand und Empfindung, Einſicht und Wille, ſo ſelten bei den Menſchen in Eintracht, waren bei ihm auch noch durch regelloſes Leben mehr als gewöhnlich in Zwieſpalt ge⸗ kommen. Zum Ueberfluſſe ward zum Frühſtück das Manuſcript mit einem Billet des Doctor Hellmuth über⸗ bracht, worin die Ueberarbeitung deſſelben auf's Drin⸗ gendſte empfohlen war.„Beſorgen Sie nun ſelbſt das Paſſende,“ hieß es darin nach einigen Bemerkungen, „alles, wie wir mündlich verabredet haben. Ich kann mich der Sache aus Mangel an Zeit nicht ſelbſt unter⸗ ziehen.. Aber nur raſch, was einmal nöthig iſt. Hof— fentlich erhalten wir in ein paar Tagen ein gutes Stück der Erzählung für das Feuilleton. Wir wünſchen ſchnell damit anzufangen, was auch Ihnen nur lieb ſein kann.“ Dieſe Erwartung ſetzte zum erſten Verdruß der Be⸗ 327 ſchränkung gleich noch den zweiten einer Zumuthung ab. So nannte es Reiſig in ſeinem feigen Aerger.— Er macht mich zu einem Kranken, beſchränkt mich in meinen Bedürfniſſen und dringt auf angeſtrengte Ar beit? murrte er. Aber ich werde ihm was—!„In ein paar Tagen?“ Ahal! ich ſoll alſo nicht kommen. Die kleine Frau hat ihn aufgehetzt: ich ſoll Klara nicht ſehen. Sie treten meiner Liebe entgegen. Ha, ich werde ſie zu finden wiſſen, werde mich ihrer bemäch⸗ tigen. O, ihr ſollt mich in meiner Kühnheit und Macht kennen lernen! An dieſe grillenhafte Vorausſetzung ſaugte er ſich um ſo feſter an, als er ſich damit zugleich in ſeiner Arbeitsſcheu— einem Theil ſeiner ſittlichen Zerfahren⸗ heit— beſtärken mochte. Nun wollte er den vermeint⸗ lichen Gegnern Trotz bieten und ohne Verzug in Kla⸗ ra's Wohnung Beſuch machen. Er glaubte darin nicht zu irren, daß ſie für ihn ſchwärme. So gänrzlich irrte er auch nicht, nur daß er ſo wenig als Klara ſelbſt zwiſchen der Erſcheinung und der Vorausſetzung ſeiner Perſönlichkeit unterſchied. Sie begegnete ihm nach der Vorſtellung, die ſie ſich von ſeiner Genialität gebildet hatte, und er nahm dies auf Rechnung des Eindrucks, den er auf ihr Herz gemacht habe. Er ſchlug die Blöße ſehr hoch an, die Klara um ſeinetwillen, wie er glaubte, ſich in der Geſellſchaft gegeben hatte. Was er eigent— 328 lich wollte, machte er ſich in der erſten Aufregung nicht gleich klar. Es boten ſich ja auch mancherlei Bezüge: eine reizende Mädchengeſtalt, ein ſchwärmeriſches Herz⸗ Geiſt und Kenntniſſe, ein artiges Vermögen, gute Ver⸗ bindungen. Ein Mann, der nicht mehr wie ein Jüng— ling die Perſönlichkeit als ein Ganzes erfaßte, ſon⸗ dern der genug gelebt hatte, um ſie in ihre Eigenſchaf⸗ ten zu zerlegen, konnte von einer Freundin, von einer Gattin, einer Gönnerin, einer Vermittlerin u. ſ. w. träumen, und der lebhafte Lletger machte den Traum zu einem Fieber, das mit all' dieſen Farben ſpielte. Um ihn vollends zu venpitren fügte es ſich, daß ihm, wie er in ſeiner Aufgeregtheit das Billet Hell⸗ muth's hin und her zupfte, jetzt erſt die derbe Hand⸗ ſchrift auffiel. Das waren ja ganz andere? üge, als jene des erſten Briefes. Er ſuchte dieſen hewör. Auffallend verſchieden,— wie eine männliche und eine weibliche Hand! Den Brief hat Klara geſchrieben! rief er aus und erinnerte ſich des Eindrucks, den derſelbe beim Em⸗ pfang auf ihn gemacht. Und dieſe Ausdrücke, die ihn damals ſo zärtlich, ja ſchwärmeriſch bewegt hatten, welche Bedeutung gewannen ſie nun! Etwas Myſti— ſches, Verhängnißvolles war nicht zu verkennen. Reiſig war entſchloſſen: er wollte ſogleich zu ihr, wollte alles — wollte ſein Herz wagen! Bei dieſem Gedanken mußte er unwillkürlich lächeln, 329 wie wenn er einen Lump ſagen hörte; ich wage mein Vermögen. Es ſchien ein Hohnlächeln, das ihm ſein heimlichſtes Bewußtſein abnöthigte. Indem ihn zu gleicher Zeit der Hausknecht auf einige Flecke an dem ausgebürſteten Paletot aufmerkſam machte, empfand Reiſig das Bedürfniß, mit ſeinen Klei⸗ dern wechſeln zu können. Er überlegte hin und her, bis ihm das verführeriſche Morgenbillet auch aus dieſer Bedrängniß zu helfen verſprach. Ein ſchadenfroher Ge⸗ danke ſprang ihm nämlich aus dieſen Zeilen auf, wie ein Fuchs aus einem Buſchwerke. Er erhob ſich, klei⸗ dete ſich an, ſteckte das Billet zu ſich und ſchlenderte nach dem Kleidermagazin. Diesmal kommt der Zugvogel in dem Ihnen be— kannten Gefieder, Herr Oberling! ſagte er, wobei er mit vornehmer Vertraulichkeit dem ſehr höflichen Ma— gazinbeſitzer ein paar Finger der Hand reichte. Doctor Hellmuth hält mich ſeiner Chronik zu lieb länger hier auf, als ich dachte, und ich kann mich auf meine nach⸗ kommenden Sachen nicht gedulden. Ich habe den Morgen auf den Freund gewartet, um mit ihm hierher zu ge— hen; eben ſchreibt er mir aber—. Sehen Sie einmal, lieber Herr Oberling, was der Mann für eine ehrliche, kräftige Hand ſchreibt, ganz wie er ſelbſt von Cha⸗ rakter iſt! Bei dieſen Worten hielt er dem Handelsmanne das 330 Billet halb umgebogen ſo hin, daß der Anfang verſteckt blieb und Oberling nur die Worte mitleſen konnte: „Beſorgen Sie nun ſelbſt das Paſſende, wie wir es mündlich verabredet haben. Ich kann mich der Sache nicht ſelbſt unterziehen aus Mangel an Zeit, wie Sie ja ſelbſt wiſſen. Nur raſch, was nöthig iſt. Hoffentlich—“ Das Uebrige betrifft eine Arbeit, die der Freund dringend von mir wünſcht, und die ihm ſeine Aus lagen erſetzen wird Alſo raſch, was nöthig iſt, Herr Oberling! Unter ſcherzendem Geplauder wählte er einen mo⸗ diſchen Sommeranzug mit gelblich grauem Hut, nebſt verſchiednen Handſchuhen, Halsbinden und ſeidnen Ta⸗ ſchentüchern aus. Hierüber und über die frühern Klei⸗ dungsſtücke erbat er ſich gleich eine auf Hellmuths Namen lautende Rechnung. Er mochte dabei die Ab⸗ ſicht haben, den jetzt gemachten Schuldbetrag der Kennt⸗ nißnahme Hellmuths länger zu entziehen, da nun Ober⸗ ling keine Rechnung an denſelben ſchicken würde. Sehr ängſtlich war er jedoch dabei nicht; da es ihm, wie all' dergleichen lockern Geſellen, eigentlich nur darauf ankam, des Erwünſchten auf die leichteſte Art habhaft zu werden. Wie er ſich nun vor ſeinem Spiegel viel jugend⸗ licher auszunehmen glaubte, ſuchte er nur noch durch eine halbe Flaſche Champagner ſeine Nerven in eine 331 ſolide Spannung zu ſetzen. Er gab jetzt dieſem heitern Stimmungsmittel einen entſchiednen Vorzug vor dem „Rack,“ dem er den gerechten Vorwurf machte, daß er ſich unverſchämterweiſe mit ſeinem verrätheriſchen Hauch in jede trauliche Unterhaltung miſche. So ado niſirt wandelte er gegen Mittag, das gelbſeidne Sack tuch aus der Bruſttaſche gehängt, nach Klaras Wohnung. Klara war wie gewöhnlich zu Doctor Hellmuth gegangen, beide Tanten aber empfingen den Beſuchen den mit vieler Artigkeit. Es waren etwas lächerliche Perſonen, die in einem mittleren Kreiſe der Geſellſchaft durch ihr Geld in einer gewiſſen Geltung ſtanden, in einer Anerkennung, für die man ſich durch Spottnamen zu entſchädigen ſuchte. Man nannte das unzertrenn liche Paar„Donner und Blitz“ oder auch„Meſſer und Gabel“; Mademoiſelle Tilde hatte eine ſchneidende Stimme und blitzjähe Art zu reden, wogegen Made moiſelle Trude in tiefem Ton gewöhnlich hinter der Schweſter her polterte. Auch hielt ſie mit einer ge wiſſen Breite die Perſonen und Stadtgeſchichten, die Tildens ſcharfe Zunge zu zerlegen liebte, entſchuldigend oder beſchönigend feſt. Wenn man vom Haſen ſpricht— rief Fräulein Tilde dem Eintretenden entgegen, ſchloß aber den über eilten Vergleich mit einigen Knixen. Trude ſetzte aber langſam hinzu: So ſpringt er aus der nächſten Hecke. 332 Wenn ich der glückliche Haſe bin, erwiderte Reiſig, ſo muß ich geſtehen, daß ich mich wirklich nur mit einer Art von Haſenherzhaftigkeit in's Revier zweier ſo liebenswürdigen Fräulein gewagt habe! Auf Chre! Sehr artig! blitzte Tilde, und Trude donnerte nach: Sehr obligeant! Man ſieht doch gleich, wer in der großen Welt gelebt hat! Uebrigens hätteſt du, theure Schweſter, meinen übereilten Vergleich vom Haſen nicht fortſetzen ſollen, bemerkte Tilde, denn wir wiſſen ja wohl, daß Herr von Reiſig vielmehr ein ſcharfer Schütze iſt. Schütze? erwiderte er. O, ich wollte, ich hätte eine gute Freikugel. Er warf bei dieſen Worten eine Kußhand als ver⸗ meintlichen Zankapfel zwiſchen beide alten Fräulein. Hier liegt die Beute Ihrer hohen Jagd! ſagte Tilde und wies auf ein gedrucktes Blatt. Worauf Trude hinzuſetzte: Ja, eine Auerhenne,— beinahe hätte ich Hahn geſagt,— Gräfin Ida, von Ihren Pfeilen getroffen. Ich ſage Pfeilen, obgleich ich ſehr wohl weiß, daß man nicht mehr mit Pfeilen ſchießt, nur weil dieſe poe⸗ tiſcher ſind, als Bleiſchrote. Sie begreifen mich! Reiſig hatte das Blatt an ſich genommen. Es war der Correcturbogen des am Abend auszugebenden Feuilleton, und enthielt zu ſeiner Ueberraſchung, die 333 von ihm vorgeleſenen und die noch ſchärferen, nicht geleſenen Diſtichen, die Klärchen von ihm empfangen und nicht wieder zurück, ſonderm in aller Frühe zur Druckerei gegeben hatte. Noch unangenehmer war ihm eine beigegebene Note, worin auf den genialen Reiſen⸗ den, der jetzt in der Stadt verweile, als Verfaſſer ge⸗ deutet war. Mit befangenem Lächeln wies er die Autor⸗ ſchaft der Verſe von ſich und wollte das Blatt einſtecken, um die Mittheilung zurückzuhalten, als ihn Donner und Blitz zugleich, wie bei einem Wettereinſchlag, verſicherten, daß das wirklich corrigirte Blatt bereits in der Drucke rei ſei. Klara verſpreche ſich eine erſtaunliche Wirkung von den Pillen, da die bekehrte Dame ſo viel Redens von ſich mache und bei ihrer Frömmigkeit gar nicht gleichgültig gegen die Urtheile der Welt ſei. Die ab⸗ gelehnte Autorſchaft wurde ihm mit liebenswürdiger Zudringlichkeit zurückgegeben in einige Neuigkeiten ge⸗ wickelt, die ſich auf die Krankenbeſuche bei armen pro⸗ teſtantiſchen Handwerkern bezogen, denen die Gräſin vorleſe, und von denen ſie auch ſchon einen oder den andern bekehrt und aus ſeinen Schulden geriſſen habe. — Jetzt habe ſie einen verlaufenen Schriftſteller in der Arbeit, bemerkte Tilde, der durch ſeinen Uebertritt ein berühmter Autor zu werden hoffe. Bei Erwähnung eines„verlaufenen Literaten“ war Reiſig wie von einer Anzüglichkeit, oder vielleicht von 334 einer Ahnung bänglicher Möglichkeiten betreten und ver⸗ ſetzte kleinlaut: Sie ſchreibt ja noch ſelbſt und kann's nicht laſſen. Ich habe von ihrer bekehrten Feder noch nichts geleſen, hörte aber von einem geiſtreichen jungen Manne, Herrn Safran, den ich kenne— er heißt mit ſeinem Fami⸗ 7—.—₰ 1 liennamen Firnewalt,— die berühmte Dame habe zwar ihre leichten Roben in Bußkleider und ihre Reiſeanzüge in Pilgergewänder umgewendet; dieſe ſeien aber doch etwas durchzogen geblieben von den Wohlgerüchen 1 Babylons und von dem alten Patſchuli, deſſen ſie ſich vor ihrem Aufbruche nach Jeruſalem bedient, und das ſich ihr in die Wäͤſche und den feinen Flanell der Un⸗ terkleider geſetzt hatte. Während Meſſer und Gabel lachenden Beifall zer⸗ legten, erhob ſich Reiſig, indem er ſagte: Ich begreife, daß Ihre liebenswürdige Nichte, die —... 8 ſ ſich geſtern ſo warm und würdig gegen ſolche Bekeh⸗ rungsverſuche ausſprach, mit den Verſen ſo ſehr zur 1 Publicität geeilt iſt; doch hätte ich ſie gar gern um 9— g einige Vorſicht mit den verſalzenen Dingern gebeten, und bedaure darum, ſie nicht getroffen zu haben. Dürfen wir uus vielleicht das Vergnügen zu einer Taſſe Thee auf dieſen Abend ausbitten? fragte Tilde. Sehr gütig! verſetzte er. Vielleicht können wir dann n Ap einen Abendgang—. Ich wünſche die Stadt kennen zu und ver⸗ laſſen. geleſen, Herrn Fami⸗ eruchen ſie ſich und das r Un⸗ 335 lernen, die Umgebung der Stadt.— Er hoffte nämlich im Freien freiere Hand mit Klara zu haben. O dann nehmen wir lieber den Thee auf dem nächſten Dörfchen in der Nähe des Wäldchens! rief Trude. Kommen Sie dann bei Zeiten und holen uns ab. Reiſig küßte Beiden die Hand und empfahl ſich mit vergnügter Zuſage. So zufrieden mit ſeinem Beſuche, wie Reiſig die Wohnung der beiden alten Fräulein verließ, waren dieſe nicht mit ihm. Klara, die liebe Nichte, hatte ihnen von dem genialen Manne, ſchon ehe ſie ihn noch ſelber kannte, ein allzu günſtiges Bild vorgeſchwärmt, als daß ſeine Er⸗ ſcheinung nicht hinter demſelben zurückbleiben ſollte. Sie ſuchten jetzt über Das, was ihnen gleich an ihm aufgefallen war, und hinterher nicht recht gefallen wollte, einander klar u machen. Gertrude ſtach da und dort an ihm herum, Mathilde ſchnitt hier und da prüfend von ihm ab, etwa wie ſie einen Braten zu verſuchen pflegten, und die Eine glaubte, etwas noch rohes,— die Andere gar ſchon übergegangenes Fleiſch zu finden. Ja, ja, meinte Mathilde, ich habe ſchon mehr bemerkt, daß das⸗ jenige, was man an Männern gern genial nennt, zu⸗ — 336 weilen dem ſtarken und ſcharfen Duft ähnelt, den eine bedächtige Hausfrau am Wildpret für unverwöhnte Zungen mit ein wenig Eſſig zu mildern weiß. Aber, liebe Schweſter, ſetzte Gertrude hinzu, ſolche Männer empfehlen ſich nicht wohl zum Heirathen: denn wo ſoll denn ein zartes, edles Mädchen den Eſſig her nehmen für ſolch' ein Genie? Durch dieſe Bemerkung kamen beide Schweſtern zwar nicht hinter den wahren Grund ihres Mißbeha gens an dem fremden Herrn, ſtimmten aber darin überein, daß er für ihre koſtbare Nichte keine annehmliche Partie ſei. Sie gaben daher auch den erſten Gedanken auf, eine Geſellſchaft mit zur Abendpartie zu nehmen, weil dies den Fremden leicht ermuntern und die Eingelade nen auf voreilige Vermuthungen bringen könnte. Dennoch gelang es dem abſichtvollen Reiſig, ſich auf dem Spaziergange Klara zu nähern. Er erhob gegen ſie im Beiſein der Tanten eine leidmüthige Be ſchwerde darüber, daß ſie die Diſtichen ohne ihn zu be fragen, in die Zeitung aufgenommen habe. Eine eigne geheime Bewandtniß mit den Verſen könnte ihn als den vorgeblichen Dichter in große Verlegenheit bringen. Er ſei wirklich der Verfaſſer nicht, und der eitle junge Mann, der ſich auf dieſen Spott und Hohn etwas zu gut thue, Herr Firnewalt, genannt Safran, ein rechter Rauf 2 bold, würde es ohne öffentlichen Verdruß und eine beliebte Boe 337 Satisfaction nicht hingehen laſſen. Das Wort Satisfaction verzierte der Schalk mit Geberden des Hauens und Schießens. Dies ſetzte Klara in den beabſichtigten Schreck und in die reumüthige Empſindung eines Verſchuldens gegen den hochgeſchätzten Mann. Sie erbot ſich ihre Ueber eilung durch eine nachträgliche Bemerkung im nächſten Feuilleton gut zu machen. Sie wollte Herrn Firnewalt als den Verfaſſer bezeichnen. Reiſig aber erklärte dies für noch bedenklicher, da Firnewalt zumal Safran heißen wolle. Nein, nein, meine verehrte Freundin, ſagte er, Sie haben Ihre Andeutung im Blatte mit Ihrer Namens Chiffer unterzeichnet, und ehe ich zugebe, daß Sie ſich den Ruf einer vorlauten, unzuverläſſigen Feder zuziehen ſollen, haue und ſchieße ich mich lieber mit aller Welt herum! Das war edelmüthig, wenigſtens nahm es die Freundin dafür und zeigte ſich unabſichtlicherweiſe freund⸗ licher, als ſie ſonſt wohl einem fahrenden Ritter begegnet ſein würde. Im Wirthſchaftsgarten fanden ſich Bekannte, die ſich zu ihnen an den Tiſch ſetzten, und nach dem Thee an dem Spaziergange nach der Waldhöhe Theil nahmen. So fügte es ſich gegen der Tanten Abſicht, daß Reiſig mit Klärchen in vertrauliche Unterhaltung kam und mit Koenig, Seltſame Geſchichten 22 338 ihr voraus oder zur Seite wandelnd, eine unliebe Auf⸗ merkſamkeit erregte. Er ſtimmte einen vertraulichen Ton an, der Klara beunruhigte. Wenn ihr auch die Zuneigung ſeiner Ge⸗ ſinnung nicht gerade mißfallen mochte: ſo ſprach er ſolche doch mit zuviel Zuneigung ſeines langen V Körpers aus, und Klara ſchien die Empfindung zu haben, man brauche, wenn man auch ein Genie ſei, doch nicht zu geniren. Sie wich dieſer Zudringlichkeit aus, und um auch die Gegenſtände ſeiner Annäherung möglichſt weit zu entfernen, ſuchte ſie ihn durch Fragen nach ſeinen Reiſen— auf ſden Ocean zu verſetzen. Doch hier ſegelte er nur deſto raſcher auf ſein Ziel los. — Ach! ſeufzte er, meine Reiſen bezeichnen meine Irr⸗ 1 fahrten. Das Meer hat noch immer ſeine Sirenen, ſeine Grotten der Kalypſo, wie zu des Ulyſſes Zeiten. 1 Aber nicht jeder Irrfahrende wird von einer treuen — Penelope erwartet, die einen Vorrath wollener Strümpfe für ihn ſtrickt. Was ſucht man am Ende auf allen dieſen Fahrten, oder was begnadigt uns nach all' dieſen Ver⸗ G irrungen? Nur Liebe und Häuslichkeit! Doch, wohin gewendet fände ich das Du, zu dem ich ſingen könnte: Und das Glück, das fern ich ſuchte, 14 Find' ich ewig nur bei Dir! — 2 Er begleitete dies mit einem trunkenen Blicke und fuhr fort: Sie wiſſen, theure, liebe Freundin, von der Krank⸗ heit des Scorbuts, die auf langen Seefahrten aus ſchlechten, verdorbenen Nahrungsmitteln entſteht. Wie ſehnt ſich der Erkrankte nach einer grünen Inſel der Südſee mit der Hoffnung, unter reiner milder Luft von der Frucht des Piſang zu geneſen! Sehen Sie hier ein Abbild der Sehnſucht eines von ſeinen welt⸗ fahrenden Verirrungen erkrankten Herzens nach einer reinen, edlen Liebe, an der es Heil und Rettung finden könnte.. So wenig ängſtlich ging alſo Reiſig mit den Er⸗ innerungen ſeiner Vergangenheit um! Klara verſtand ihn aber gerade in dieſen Anzüglichkeiten auf ſich ſelbſt nicht, und wich aus. Indem ſie ihn aber zu ſeiner Beruhigung auf ſeine ſchönen Gaben und auf das herrliche Material von Welterlebniſſen verwies, die er zum Nutzen und zur Freude unzähliger Leſer bear⸗ beiten ſollte, brachte ſie ihn nur wieder auf daſſelbe Kapitel, dem ſie ausweichen wollte: er ergoß ſich über die Macht und die Weihe, die den Werken des Genies und der Talente gerade nur von edler Liebe ertheilt würden, ſo beredt, als ob er darüber einen Vortrag u halten vorbereitet wäre. Darüber zögerte Klara in die zurückgebliebene Geſellſchaft 22* träumeriſchem Zuhören 340 herbei, und Tante„Meſſer“ ſchnitt mit ſcharfer Frage die verfängliche Unterhaltung ab, während Tante„Ga⸗ bel“ mit ſentimentalen Ausrufen den reizenden Anblick des Gebirges im Abendglanze feſthielt. Auf dem dämmerigen Heimwege gelang es dem wagenden Reiſig noch einmal, Klara von der Geſellſchaft abzulöſen. Ich kann nicht anders, ſagte er, ich muß Ihnen bekennen, wie tief mich Ihr erſtes Begegnen ergriffen, Ihre erſte Unterhaltung durchdrungen hat. Gewiß iſt Ihnen der Eindruck und meine Bewegung nicht unbe⸗ merkt geblieben, wenn Sie mein Benehmen auch viel— leicht hätten mißverſtehen können. Was ich empfunden, konnte nur eine fahrende Dame, wie die beſprochene Gräfin Ida, mit dem bezeichnendſten Worte ausſprechen, „zitternde Emotionen“. Erröthend und mit ausweichender Verlegenheit ver⸗ ſetzte Klara: Hat ſie wohl dieſen Ausdruck aus Babylon oder aus Jeruſalem? Er kann aus Babylon ſtammen und ſich in Jeru⸗ ſalem doch auch anwendbar machen, antwortete er. Mein Leben gilt einer hoffenden Zukunft. Denn wie Sie auch immer von meinen Bekenntniſſen denken mö⸗ gen, meine liebenswürdige Freundin: ich fühle mich ſchon durch Ihre Bekanntſchaft beglückt, und träume ffer Frage unte„Ga en Anblich es dem Heſellſchaft uß Ihnen ergriſſen, Gewiß iſt ſcht unbe auch viel mpfunden, eſprochene doſprechen, nheit ver on ober in Jeru ortete er denn wier nken mo bl mich traume 341 mit Ihnen zu leben, indem ich für Ihr Blatt arbeite. Ja, Ihr Feuilleton iſt fur mich ein Blatt vom Baum der Erkenntniß geworden. Und glauben Sie mir! Die Liebe, die man hegt, iſt ſie auch ohne Erwieder rung nicht befriedigend, gewährt doch ein ſtilles und erhabenes Gluͤck. Ich habe dies heut' zum erſten Mal ſo recht empfunden und fühlte mich gedrungen, es in einigen, freilich ſehr ohnmäͤchtigen Verſen auszu drücken. Leſen Sie, theures Maͤdchen. Er bot ihr ein aus der Bruſttaſche gezogenes Pa pier verſtohlen dar. Nein, nein! flüſterte ſte erſchrocken und verlegen. Keine Correſpondenz! Reiſig flehte und drang in ſie. Correſpondenz! ſagte er; es iſt ja nur ein Gedicht. Sind es denn auch wirklich nur Verſe? fragte. ſie. Auf Ehre! Nur Verſe! betheuerte er. Eine Reim ſpielerei, wenn Sie wollen, ernſt gemeint, aber leicht hinzunehmen. Und wie Mäpchen oft wunderlich oder ſophiſtiſch empfinden, war es der befangenen Klara, als ob eine Liebeserklärung in Verſen eben keine Liebeserklärung wäre, als ob Empfindungen ſich in poctiſchem Gewande. nur zu einem artigen Beſuch einfänden, ohne ſich im Hauſe einzumiethen. Sie nahm das Zettelchen an, und las zu Hauſe, auf ihr Zimmer geeilt, folgende Zeilen: „Der Liebende iſt nirgend ohne Stern, Wo ſüß er weile, wo er zärtlich eile. Der Liebſten Bild, es leuchtet nah und fern: Der Liebende iſt nirgend ohne Stern. Sein Morgenſtern, am Tag die Wolkenſäule, Sein Abendſtern, und Nachts— wie wacht er gern! Der Liebende iſt nirgend ohne Stern, Wo ſüß er weile, wo er ſelig eile!“ Etwas Verdächtiges war dennoch um dieſe Verſe, was jedoch Klara den Zeilen einer friſchen Hand nicht anmerken konnte. Niedergeſchrieben waren ſte nämlich heute nicht, ſondern nur abgeſchrieben. Die erſte Niederſchrift lag noch auf Reiſig's Tiſche, als er vergnügt auf ſeinem Zimmer ankam,— ein giemlich vergilbtes Papier, von dem er unmittelbar vor dem Abendgang Abſchrift genommen hatte, und auf deſſen Rand er jetzt den Namen Klara zu einigen anderen aufſchrieb, deren Inhaberinnen, wie es ſchien, ſchon früher Abſchriften empfangen hatten,— Melanie, Emma, Luiſe, Marianne und Hannchen. Vergnügt die Hände reibend und hin und wieder wandelnd, de⸗ clamirte er folgende Betrachtung: Von Melanie bis Hannchen Gehört' ich noch gar Manchen. zu Hauſe, vor dem ff deſſen anderen „ſchon Melanie, gergnügt Ind, de Allerdings bin ich dabei ziemlich herunter gekommen, dem Geiſt und der Garderobe jener Namen nach. Gieb mir ein Zeichen, Schickſal: wird's mit Klara wieder etwas aufwärts gehen, oder— meinethalben auch Ruhe werden? Ruhe mit einer ſichern Rente, wenn meine poetiſchen Irrfahrten ſich am lhäuslichen Heerde niederlaſſen? Das hat doch ein Gedicht, gut oder ſchlecht gerathen, vor dem beſten Louisd'or voraus, daß man es— mehrmal ausgeben kann. Ha! ha! 8. Es war ohne Zweifel mehr eine Beſchäftigung der Phantaſie, als eine Empfindſamkeit des Herzens, was den Abend über Klara ſo lebhaft einnahm, daß ſie gegen ihre Natur ſehr ſtill und in ſich gekehrt blieb. Dies entging aber den Tanten ſo wenig, als ihnen die Zuthätigkeit des Fremden gegen die Nichte unbe merkt geblieben war. Nun aber gehörte es zu den Schwächen der alten Fräulein, daß ſie in ihrem Ur theile, wie in ihrem Geſchmack, leicht zweifelhaft wur den, ſobald ſie ſich mit der verwöhnten Schweſtertochter im Widerſpruche befanden. Anfangs befriedigt durch den Stolz auf die geiſtreiche Nichte, wenn ſie in höher gelegnen Dingen ſich ihr unterordneten, waren ſie doch * 3 44 oft auch in Sachen ihrer beſſern Einſicht von dem leb⸗ haften Mädchen, das Blitz und Donner der Rede, Meſſer und Gabel des Urtheils in ſich vereinigte, über⸗ flügelt und zum Schweigen gebracht worden. Bedachten ſie dabei noch, wie leicht das verzogne Kind durch ent⸗ ſchiednen Widerſpruch nicht bloß in Sachen der Nei— gung, ſondern oft nur eines empfindlichen Eigenſinns zu beharrlichem Trotze getrieben wurde: ſo wagten ſich beide mit ihren Ausſtellungen an dem genialen Schrift⸗ ſteller nur ſehr kleinlaut hervor. Zu ihrer Verwunde⸗ rung widerſprach Klara nicht. Zweifelhaft über den ihr räthſelhaften, zweideutigen Mann, und in ihrem Urtheil und Benehmen uneinig mit ſich ſelbſt, war ſie in einer Stimmung, in der die Erinnerungen der Tan⸗ ten, ſo ſchonend hingeſprochen, nur das bängliche Nach⸗ denken vermehrten, in das ſie verſunken ſaß. Bei dieſem Stillſchweigen beruhigten ſich die Tan⸗ ten, bis eine derſelben die übertriebene Beſorgniß faßte, Doctor Hellmuth möchte den Fremden, deſſen er ſich ſo lebhaft angenommen, in der Zuneigung für die Nichte begünſtigen, und Klaras Herz unter denſelben Einfluß ziehen, den er auf ihren Geiſt und Geſchmack ausübte. Sie entſchloß ſich daher, der Frau Hellmuth einen Be⸗ ſuch zu machen; wobei ſte ihre und der Schweſter Ab⸗ reiſe nach Mannheim zum Vorwande einer Abſchieds⸗ viſite nahm. Dort lag nämlich eine reiche Baſe ſchwer m leb⸗ Rede, über⸗ dachten ch ent⸗ Nei⸗ 345 erkrankt, und im Begriff ein Teſtament zu machen. Sie hätten zu ihrer Beruhigung die Nichte gern mitge⸗ nommen. Klärchen aber hatte Gründe zu bleiben, die ſtärker waren als die Tanten. Nun hätte es ſich nicht erwünſchter fügen können, als daß Frau Sophie ſelbſt, ehe die gute Tante noch ihr heimliches Anliegen wie beiläuſig vorbrachte, auf Reiſig zu reden kam, und ihre ganze Unzufriedenheit mit dem hergelaufnen Genie laut werden ließ. Sie behielt ſelbſt die Aeußerung deſſelben bezüglich ſeiner Abſicht auf Klara nicht zurück; verſi⸗ cherte aber, daß ihr Mann weit entfernt ſei, ihn bei Klärchen zu begünſtigen, und verabredete zugleich, wie ſie in Abweſenheit der Tanten über der Freundin wachen und eine ſo ungehörige Bekanntſchaft abwehren wolle. Dieſe Zuſage beruhigte die Tanten vollſtändig. Sie beeilten ihre Abreiſe, um weitere Beſuche des Fremden in ihrer Wohnung abzuſchneiden.— Ein Andres iſt aber ein guter Vorſatz und ein Andres die rechte Aus⸗ führung. Indem Frau Sophie ihr Verſprechen für etwas gar zu Leichtes nahm, griff ſie es nicht geſchickt und vorſichtig genug an. Sie fiel beim erſten Beſuche Klärchens ſehr heftig und wegwerfend über Reiſig her, und ſchreckte dadurch die empfindliche Freundin zurück, die mit der Abſicht gekommen war, ihr ein Bekenntniß zu machen, deſſen ſie ſich nun beſchämt fühlte. Hätte Frau Sophie dies abgewartet, ſo wäre es ihr wahr⸗ ſcheinlich ein heitrer Spaß geweſen, den widerwärtigen Mann aus der Aprikoſe ſeiner Huldigung als bittern Kern heraus zu ſchälen, und der lieben Freundin nur das Schmeichelhafte davon zu beliebigem Geſchmack zu über— laſſen. Nun kam es anders. Zuerſt belächelte Klara die wie zufällig ausſehenden Aeußerungen der Freundin, zu⸗ mal der Tadel unter den Inbegriff des Aeußerlichen fiel, was das ſchwärmeriſche Mädchen ohnehin die alltäg⸗ lichen Geſichtspunkte der Frau Sophie nannte. Als aber die Ausfälle ſich wiederholten und die Abſicht ver⸗ riethen, einer allenfallſigen Liebesneigung entgegen zu arbeiten, nahm ſie es nicht ſowohl verdroſſen, als im tiefſten gekränkt auf. Sie empfand etwas Beleidigendes nicht bloß in der Vorausſetzung einer ſolchen Zunei⸗ gung, ſondern auch in der Art, wie ſich eine Freundin nicht mit offener Herzlichkeit, ſondern mit verbiſſenem Eifer dagegen ausließ. Seitdem war Clara zurückhaltender gegen FrauSophie. Aus einer Art von Trotz ließ ſie ſich die Briefchen und Verſe gefallen, die ihr wiederholt aus dem Hotel Salm gebracht wurden. Und ſo befeſtigte die eifernde Frau nur mehr und mehr in's Unklare und Leidenſchaftliche hin ein Intereſſe, das ſie zu entfernen bemüht war. Sie brachte nebenher auch ihren Mann gegen Reiſig auf, indem ſie bei jeder Gelegenheit lachend und ſchä⸗ 347 waht kernd an den Vorſchuß und an die Auslagen erinnerte, artigen die dieſer Bruder Liederlich eben nicht abzuverdienen bittern eile. Denn wirklich wartete der Doctor von Tag zu ur das Tage vergebens auf umgearbeitetes Manuſcript und brach endlich in den lebhafteſten Unwillen aus. Bei ara die ſeinen heftigen Aeußerungen ward Klara noch empſind⸗ licher, weil ſie nun auch ihren Freund und eben ſo fi rückhaltend auf der Seite ſeiner Frau erblickte, gegen die ſie einmal Partei zu Gunſten Reiſig's genommen As hatte. Da ſie aber dem unwilligen Redacteur in der Sache ſelbſt nicht Unrecht geben konnte, ſo entſchloß gu ſie ſich, an Reiſig zu ſchreiben und ihn an die Arbeit z in zu erinnern. Dies ſchien ihr zugleich die ſchicklichſte Weiſe, ihm einmal auf ſeine Billete zu antworten, um was er ſo ſehr flehte. Sie dachte ſeiner dadurch los zu werden. War ein ſolcher Schritt in ihrer Lage an ſich ſchon bedenklich: ſo fielen bei der ganz eignen Klemme ihrer Empfindungen die Zeilen ihrer Feder auch noch etwas verzwickt aus. Man hätte glauben ſollen, Reiſig's kleine Gedichte, aus einer wärmeren Zeit ſeiner Gefühle wahrſcheinlich auch wiederholt aus⸗ 3 6 gegeben, hätten noch einigen Anſteckungsſtoff von Schwärmerei auf Klara's Phantaſie verbreitet. Denn die Verſe ſchmeichelten ihr, ohne daß die Perſönlichkeit des Verſemachers ihr Herz rührte. Dieſer Widerſpruch ihrer Empfindung, den ſich das eigenſinnige Mädchen 348 nicht klar machte, trieb es dazu, da ihr Gefühl eben nichts Wahres, Empfundenes dictirte, geiſtreich und witzig zu ſchreiben, auf Gerathewohl, daß es auch ge— g h ge⸗ ſucht ausfalle.— Hätte ſie nur bedacht, wie leicht der Scherz eines Mädchens eine Blöße giebt und den Leichtſinn der Männer ermuthigt! „Sie erinnern mich wiederholt an eine Antwort,“ hieß es u. A. in ihrem Billet,— um eine bloße Quit⸗ tung, wie Sie es nennen. Unmöglich kann ich aber die glänzenden Perlen Ihrer Poeſie als für mich angenommen quittiren, ſondern ſtelle lieber mit dieſen Zeilen einen Schein darüber aus, daß ſolche blos bei mir hinterlegt ſind, was mein ſeliger Vater einen Depoſitionsſchein nannte. Was ich zu Ihrem mir mitgetheilten Traum ſage? Sie haben von meiner Hand geträumt, die Sie eine ſchöne Hand zu nennen ſowartig ſind. Nun ja, Sie kennen dieſe Hand aus dem Briefe, den ich in Doctor Hellmuth's Namen an Sie geſchrieben, und deutlich wenigſtens, wenn auch nicht eigentlich hübſch, iſt meine Handſchrift. Sie aber ſchreiben eine geniale Hand; und haben Sie im Traum Ihre Hand in die meinige gelegt, ſo kann das nichts anders bedeuten, als daß ich recht bald Ihr umgear⸗ beitetes Manuſcript, das heißt ja Handſchriftliches empfangen werde. Und das betrifft eben die Haupt⸗ ſache, warum jch Ihnen ſchreibe. Sie haben mir jünſtg — ſo viel von den Verſchuldungen Ihrer Vergangenheit vorgeſprochen, daß ich ſeitdem die Beſorgniß gefaßt habe, Sie würden uns am Ende auch Ihre Arbeit ſchuldig bleiben. Ernſtlich, geehrter Herr, machen Sie ſich dran! Doctor Hellmuth fängt gemach an etwas wild über Ihr Zögern zu werden. Sorgen Sie, daß“ wir wenigſtens einen Anfang als Lockvogel für's Feuil leton erhalten. Ich begleite die Tanten auf ihrem Be ſuche nach Mannheim bis Darmſtadt zu einer Freun⸗ din, kehre aber Donnerſtag zurück, und rechne darauf, Freitag Vormittag das erſte Stück Ihres Reiſeberichts zu empfangen. Machen Sie, daß Ihr Traum ſich er fülle und Sie freie Hand bekommen, wodurch die meinige aufhört frei, d. h. leer zu ſein. Auf Wiederſehen! Klara.“ Lächelnd und lüſtern ſaugte, ſo zu ſagen, Reiſiggan dem Brief. Ei, rief er aus, die liebenswürdige Feuille⸗ toniſtin iſt verſchlagener und pfiffiger als ich gedacht hätte. Verſteckt ſich hinter Wortſpiele. Ein rechtes Evatöchterchen! Gerade ſo machte es unſere Urmutter im Paradieſe, als ſie vom Baum der Erkenntniß ge⸗ naſcht hatte, mit dem Feigenblatt, wie Klärchen mit dem Feuilleton. Sein befriedigtes Lächeln, ſeine ſchalkhafte Miene verriethen, wie wenig ihm ſelbſt vom Baume der Er 350 kenntniß zu gut gekommen war; denn es fiel ihm nicht ein, daß er eigentlich von doppelten Vorſchüſſen lebte, von Hellmuth's Gelde und von Klärchen's vorgefaßter Meinung. Nur ein ſo verdorbner Sinn konnte ſich ſo roher Weiſe täuſchen und auf ſolche Selbſttäuſchung übermüthige Entſchlüſſe nehmen. Denn daß er eine verwegne Abſicht gefaßt hatte, ließ ſich aus dem An⸗ laufe vermuthen, den er zur Bearbeitung ſeines Manu⸗ ſcripts nahm. Freilich machte ihm gerade der Anfang ſeiner Mittheilungen, woran wenig zu ändern war, auch leichtere Arbeit. Dennoch war er der Mann nicht, der ohne ſich zu beleben, bei einer Arbeit aushalten konnte. Es war ihm gelungen, den Wirth, einen jo⸗ vialen Witzbold, über die Grenze der mit Hellmuth verabredeten Verpflegung hinaus zu locken, und ſo hatte er auch eine Flaſche Champagner aufgebracht, die wie eine Tagesleuchte vor ihm ſtand.—„Bouzy mouſſeur“, ſagte er beim erſten Einſchenken, iſt gleich⸗ ſam die Wolkenſäule, die meiner durch die Wüſte ziehen⸗ den Feder vorleuchtet; wofür ich denn die Feuerſäule bei Nacht ſpare, denn— eine gute Lampe zum Schreiben fehlt mir ja noch.— In dieſer ſchelmiſch vergnügten Stimmung wurde er von Hellmuth überraſcht. Dieſer, von den Bemer⸗ kungen ſeiner Frau, ſowie durch das zurückhaltende Be⸗ nehmen Klara's verdrießlich geſtimmt, kam nach der ver⸗ 351 zögerten Arbeit zu fragen. Er dachte nicht zu über⸗ raſchen, aber noch weniger überraſcht zu werden.— Nun? das muß ich geſtehen: bei Champagner? rief er mit gelindem Ingrimm. Er iſt echt, Doctor! erwiderte Reiſig, indem er in der beſtaubten Unordnung des Zimmers einen Stuhl von den darauf geworfenen Kleidungsſtücken für den Beſuch räumte. Rechtſchaffener Bouzy! ich werde Ihnen gleich ein Glas— Ich danke ſehr, ein für allemal! erklärte Hellmuth, ärgerlich über den Unverſchämten. Ihre Zunge hat einen ſehr unbefangenen Geſchmack über die Echtheit des Weins; die meinige würde nur herausſchmecken, daß er nicht bezahlt iſt. Ich kann Beides verſichern! lachte der Uebermüthige. Aber ich hoffe, beides ſoll Ihrem Feuilleton zu gut kommen. Ich dachte Sie heut' zu beſuchen, um Ihnen zu ſagen, daß die erſte Lieferung meines Manuſcripts zum Abdrucke fertig liegt. Ich bin nun rechtſchaffen daran und Sie ſollen Ihre Freude haben. Wie er die umgeſchriebenen Blätter aus dem Wuſt hervorwühlte, kam Klara's Brief dem Freunde zu Ge⸗ ſicht. Reiſig raffte ihn ſchnell unter die Schreibereien; doch hatte der Doctor die Handſchrift ſchnell erkannt, ſchöpfte aus Reiſig's Haſt Mißtrauen gegen den In— halt und ſtand in lebhaftem Unmuth auf.— Geben b 1 ———ÿ— — 352 Sie die Bogen her! ſagte er. Es iſt auch Zeit, daß Sie ſich dran halten. Ich will den Anfang gleich ein⸗ rücken laſſen und rechne auf tägliche Fortſetzung. Ich werde F. f.—„Fortſetzung folgt“ meinen Leſern verſpre⸗ chen, und wenn Sie mich ſtecken laſſen,— Herr, dann werde ich aus dem ff mit Ihnen reden. Er hob dabei eine drohende Fauſt, die er aber mit raſcher Verbeſſerung in eine offene Hand zum Empfange der Papiere verwandelte. Entſchuldigen Sie, Verehrteſter! verſetzte Reiſig ge— laſſen. Ich habe das Manuſcript Fräulein Amelung zuzuſtellen. Sie kommt morgen Abend zurück und will es übermorgen früh aus meiner Hand empfangen. Aus meiner Hand—. Bei dieſen Worten lächelte er bedeutſam. Fräulein Amelung? brauſte Hellmuth auf, ſo ſehr ſeiner ſonſtigen Artigkeit vergeſſend, daß er hinzuſetzte: Gegen wen haben Sie Verbindlichkeiten? Verbindlichkeiten gegen Sie, antwortete Reiſig, das iſt klar; dabei aber geſtatten Sie mir wohl den heim⸗ lichen Wunſch, mich gegen Klara verbindlich zu er⸗ weiſen. Worauf Hellmuth verblüfft und nachdenklich ausrief: So? Gegen Klara— verbindlich? Nun ja doch— hier muß allerdings einiges klar werden. Hiermit eilte er fort. Dem Wirthe, dem er im ————— ——CQOC—,— Zeit, daß gleich ein Ich verſpre dann 353 Hauſe begegnete, erklärte er, daß er für nichts gut ge ſagt habe, als für die zu Reiſig's Verpflegung verab redete„Waſſer und Weide“, ſonſt aber weder für Bouzy, noch für irgend einen Butzen. Erſt jetzt, wie er nur noch mit halber Ladung ſeines Zornes über die Straße ſchritt, beſann er ſich der von Reiſig weggeräumten Kleidungsſtücke, die ja offenbar ganz andere waren, als jene von ihm ſelbſt ausgenommen. Er wendete ſich nach der Straße zu Herrn Oberling's Magazin, wo er denn die weitere Auswahl und den Betrag der ausgeſtellten Rechnung erfuhr.— Und der Herr hat Ihnen die Rechnung nicht zugeſtellt? fragte der Magazinhalter verwundert. Nein! rief Hellmuth. Aber nun ich geantwortet, laſſen Sie mich fragen, wie Sie ohne mein Vorwiſſen, ohne mein Beiſein auf mich abgeben konnten? Ich habe auf Ihr Billet abgegeben, erklärte Ober⸗ ling, auf Ihr Schriftliches, daß Sie dem Herrn die Auswahl überließen und keine Zeit hätten, ſelber— Was? Ein ſolches Billet von meiner Hand? fragte Hellmuth. Von Ihrer mir bekannten Hand, wie anders? Ein Falſum, ein Betrug! ſchrie der Freund. Alſo mit einem Schriftfälſcher, einem Händeverdreher haben wir's zu thun. Nun aber ſoll ihn doch ein Himmelhagelwetter! Auch noch Falſarius? Lump, Koenig, Seltſame Geſchichten 23 354 Saufer, Faullenzer und Falſarius? Das Maaß iſt voll, und ich bring' ihn, ſo wahr mir—! Hören Sie, lieber Oberling! Mit dem Billet iſt es nicht richtig. Ein reines Falſum,— oder vielmehr ein ſchmutziges! Aber ſchweigen Sie noch von der Sache, damit ich un— geſtört Mittel und Wege ergreife. Sie geben nur nichts weiter ab und überlaſſen mir das Uebrige. Nicht wahr, Sie ſind ganz ſtille? Er hatte bei dieſen Worten mit den zuſammenge⸗ rollten Handſchuhen den grauen Filzhut glatt geſtrichen und eilte nun, mit der Rechten in der Luft fechtend, nach Hauſe. 9. Klara kam wirklich am vorausbeſtimmten Abend zurück. Aus ihrem ſorgfältigen Anzug andern Mor gens ließ ſich vermuthen, daß ſie Beſuch erwarte oder zu machen vorhabe, und wenn dem Erwarteten nicht ſelten das Unerwartete ſich vordrängt, ſo folgte es ihm diesmal wenigſtens an der Ferſe. Frau Hellmuth, die ihren Mann jetzt gegen den Genialen ganz auf ihrer Seite hatte, und ihn um Klärchens willen ſehr beſorgt vor einem ſolchen täu ſchenden„Fälſcher“ wußte, hatte ſich entſchloſſen, der 355 Freundin entgegen zu kommen und herzlichen Ernſtes mit ihr zu reden. Die auffallende Zuruͤckhaltung des ſchwärmeriſchen Mädchens beſtärkte ſie in ihrer Ver⸗ muthung, daß es in Gefahr ſei, genialen Täuſchungen zu verfallen. Wie wäre Klärchen ſonſt nach mehrtägiger Abweſenheit zurückgekehrt, ohne noch am ſpäteſten Abend zu ihnen zu kommen! Und jetzt erſchien es auch am Morgen noch nicht. So ging ſie denn gegen Mittag nach Klara's Wohnung. Wie erſtaunte ſie aber, Reiſig ganz behaglich bei einem guten Frühſtück auf dem Sopha zu finden! Klara übergab eben dem Ausläufer der Druckerei das Manuſcript deſſelben, mit der Weiſung an den Setzer, es gleich für das Feuilleton in Arbeit zu nehmen.— Du kömmſt mir zuvor, liebe Sophie, ſagte ſie, die Freundin umarmend. Du ſiehſt mich angezogen zu Euch zu kommen. Ich habe nur das Manuſcript er⸗ wartet. Das Mannſcript aus der Hand des Ueberbringers! fiel Reiſig mit keckem Ton ein. Klara ſchwieg erſchrocken mit abwehrender Bewegung. Dies und ein gewiſſes geſpanntes Weſen der Freundin brachte Frau Sophien auf die Vermuthung, zwiſchen dem Paar müſſe in der That ſchon eine ernſtere Ver⸗ handlung vorgefallen ſein. Was ſie hierin aber gleich wieder irre machte, war, daß ſie dem frühſtückenden 23* 356 Reiſig mehr als der Freundin unwillkommen ſchien. Sie hätte ſich im Traum nicht einfallen laſſen, was ſie freilich auch nicht ahnen konnte, daß der verwegne Menſch, durch Klara's Wortſpiel mit Hand und Hand⸗ ſchrift bethört, und durch das ihm vorgeſetzte Frühſtück ermuntert, ſich eben um ihre Neigung und gleich auch um ihre Hand beworben hatte. Das überraſchte und in ſeiner Verwirrung unbeholfene Mädchen war daher wirklich froh, die nach den jüngſten Wortwechſeln nicht erwartete Freundin im rechten Augenblick eintreten zu ſehen, und hoffte Zeit und einen Anhalt zu ſchonen⸗ der Ablehnung zu gewinnen. Aber der Zwiſchenfall, der ihr ſo willkommen war, reizte Reiſig zum ver⸗ wegenſten Schritt. Er erhob ſich, als Klara ſich eben um Sophiens Hut und Mantille bemühte, mit den jähen Worten: Vor allem, verehrteſte Frau Doctor, muß ich Ihnen unſere geiſtreiche und liebenswürdige Klara als meine Braut vorſtellen. Herr Reiſig—! rief Klara im nächſten Augenblick mit entrüſtetem Ton aus.—— Und nun trat mit tiefer Stille einer jener im ge⸗ ſelligen Leben nicht ganz ſeltenen Momente ein, die in befangenen oder verworrenen Herzen auf unberechen bare, oft unbegreifliche Weiſe das Allerverkehrteſte an⸗ richten können. Jeder Unbefangene hätte Klärchens —— ——O——,,— ſchien was ſie erwegne d Hand Frühſtück eich auch chte und r daher mnicht nireien. nblick 357 Ausruf und bleiches Verſtummen für Unwillen über eine Ungebühr genommen. Frau Sophie aber, mit dem uns bekannten Vorſatz und Vorurtheil gekommen, glaubte darin nur die Mißbilligung zu hören, daß Reiſig etwas verrathen habe, was gerade für ſie noch ein Geheimniß bleiben ſollte. Hätte ſie mit der ihr ſonſt eigenen Schalkheit über Reiſig's Erklärung un gläubig gelacht, oder die junge Freundin nur fragend angeſehen, als ob ſie von ihr die Vorſtellung des Bräutigams erwarte: ſo würde Klärchen ſich ihr ange ſchloſſen und entdeckt, den unverſchämten Menſchen aber durch Spießruthen gejagt haben. Statt deſſen raffte ſie in voller Entrüſtung die Mantille wieder an ſich, knüpfte die Bänder des Hutes, die ſie ſonſt mit einer Stecknadel befeſtigte, in eine ungeduldige Schleife feſt, und überſtürzte ſich in Ton und Wort bis zum Be⸗ leidigen. O machen Sie doch immerhin ein Geheimniß aus Ihrer Verlobung, Fräulein Amelung! ſagte ſie ſpitz und ſpöttiſch. Sie haben alle Urſache mit ſolchem Glück geheim zu thun, und ich wenigſtens will gern von dieſer unglaublichen Klugheit nichts erfahren. Wie ich das Frühſtück ſtehen ſah, merkte ich leider gleich, daß es bei irgend Jemand nicht ganz richtig ſein müßte. Mit aller Schwärmerei für das— Zerrißne kann doch ein feines Mädchen, allein im Hauſe, einen ſo daher —— V 358 gekommenen Mann nicht zum Frühſtück empfangen, wenn er nicht ihr Bräutigam iſt. Und ſelbſt dann—. Meinethalben! Und doch möchte ich als ehemalige Freundin fragen: Kennen Sie denn dieſen— Menſchen eigentlich? Was man kennen nennt? Dies war freilich für ein ſo reizbares, eigenſinniges und ſtolzes Mädchenherz zuviel, zumal es ſich eben vertraulich hinzugeben geſtimmt geweſen war, und ihm zum Ueberfluß auch noch der Mißgriff mit dem Früh⸗ ſtück fühlbar wurde. Schoͤn der leidenſchaftliche Ton, die barſche Miene, ja das bloße Sie der Duzfreundin hätte den ſchlagfertigen Trotz Klara's herausgefordert. Doch war dieſer Trotz mit einer innern Leidmüthigkeit gemiſcht, wie die Thränen verriethen, die ihr in die Augen traten. So läßt es ſich begreifen, daß ihre eben noch gegen Reiſig gekehrte Entrüſtung ſich raſch gegen die heftige Frau wendete, wodurch Reiſig gegen ihre Abſicht in die Stellung ihres Verbündeten kam. Ja, Frau Doctor, ich kenne ihn, erklärte ſie, ich kenne Herrn Reiſig genug, um ihm, wenn es ſein müßte,—— mein ganzes Vertrauen zu ſchenken, un⸗ bekümmert um jene Engherzigen, die ſchon wegen einiger Thaler Auslagen, die ſte für ihn gemacht haben, voll Angſt und Sorgen ſind. Auf dies lebhafte Wort, das für Reiſig wie ein beſchworner Schatz plötzlich erſchien, ſtürzte er vor Klara mpfangen, dann—. bomal ehemalige Me nſchen 359 nieder, faßte und küßte ihre Hand, indem er— wie ja bekanntlich weingeiſtige Männer leicht zu weinen pflegen— in Thränen ſeinen Dank und ſeine liebende Ergebung ſtammelte. Eine neue Verwirrung für Klara! Wohin ſie ſich wendete, verwickelte ſie ſich tiefer. Indeß fuhr Frau Hellmuth fort: Sie brauchen meinen Mann nicht der Engherzigkeit zu beſchuldigen, Fräulein Amelung. Ich dächte, er hätte ſich hülfreich und fördernd genug erwieſen, gegen einen Unbekannten, dem er—. Aber Einer der auf nachge⸗ machte Handſchriften ſeines Wohlthäters Schulden auf deſſen Rechnung macht— überlegen Sie einmal, wie weit das führt! Uebrigens kann ich ja nun meinen Karl vollſtändig beruhigen. Er hat dieſen Morgen an den Herrn Präſidenten Reiſig geſchrieben, ihm ſeines Sohnes Lage, Geld⸗ und Gewiſſensverlegenheit geſchil⸗ dert, und ihn gebeten, mit ſeinem väterlichen Einfluß dazwiſchen zu treten. Hätte er ahnen können, daß Sie aus Edelmuth die geniale Zukunft dieſes Mannes mit Ihrer Mitgift decken wollen—! Was iſt das mit der falſchen Handſchrift, Herr Reiſig? fragte Klara, froh auf einen Ausweg aus ihrer Klemme zu kommen. Was es iſt, theure Klara? lächelte er verlegen. Eine anmuthige Erfindung weiblichen Ingrimms, denke 4 1 8 V I —— 360 ich mir. Ich wüßte auf Ehre nicht, was gemeint wäre! — Worauf Frau Sophie kalt aber nachdrücklich er⸗ widerte: Fragen Sie nur bei Herrn Oberling nach, auf welches Billet hin Ihr anmuthiger Bräutigam dieſen eleganten Sommeranzug aus dem Magazin empfangen hat. Verſteht ſich auf Rechnung meines Mannes. Hierüber entſtand ein Wortwechſel mit Reiſig, worin ſich Klara mehrmal Sophien näherte, ohne von der heftigen kleinen Frau verſtanden zu werden. Dieſe zog ſich vielmehr zurück, indem ſie Alles ihrem Manne an⸗ heimſtellte, der die ſaubere Betrügerei ohnehin nicht könne beruhen laſſen. ———— — Das Billet iſt ja nun auch das Einzige noch, worauf es ankommt, ſetzte ſie hinzu. Alles Andere gibt ſich G t 6 ja nun von ſelbſt, da wir es mit einem ſo klugen 1 1 Manne zu thun haben, der ſeine Gläubiger zur rechten Zeit durch eine Heirath zu beruhigen weiß. Und Sie, ü. Fräulein, werden es gewiß meinem Manne nicht nach— tragen, wenn er Sie durch ein paar neue Anzüge Ihres Bräutigams in Ihrem Geſchmack am— Zerrißnen ein wenig geſtört haben ſollte. h So verließ ſie lachend das Zimmer, und Reiſig ſelbſt war im Stillen verwundert, daß die heitre kleine Frau ſo heftig und bitter werden konnte.— Es war heint wäͤre! rcklich er⸗ dach, auf am dieſen mpfangen nnes. worin 361 vielleicht die alte kleine Eiferſucht, die jetzt aus dem kleinen Topfe herauskochte.— 10. In der bebenden Aufregung, in dem trüben Gemiſch von Entrüſtung und Beſchämung, von Stolz und Ver⸗ legenheit, Unwillen und Wehmuth und was alles in Klara's Herzen zuſammen floß, in dieſer Verlorenheit ihres Bewußtſeins, ja Selbſtgefühls kam ihr Reiſig's Ungeſchicklichkeit zu Hülfe. Indem er ſich nämlich doch von ſo viel Vorwürfen betroffen fühlte, und Klaras in ſich verſunkenes Leid, das er nicht verſtand, für Ue⸗ berlegung und Verſtimmung gegen ihn anſah, entſchloß er ſich raſch, die ſchwankende Eroberung mit derſelben Kühnheit, mit der er ſie eben gemacht hatte, nun auch feſtzuhalten. Er umfaßte ſie mit zärtlichem Ungeſtüm wie mit einem Anlauf zu Betheuerungen oder zu einer Rechtfertigung ſeines Benehmens. Ehe er aber ein Wort vorbringen konnte, hatte ſie ſich mit raſcher Ent— rüſtung ſeinen Armen entwunden, und entfloh in das anſtoßende Zimmer mit dem unwilligen Ausrufe: Gehen Sie fort! Sie ſind ein—. Sie machen falſche Worte und falſche Handſchriften! Ich will nichts von Ihnen wiſſen!—— 362 Nun war ſie freilich allein, wie ſie denn mit be⸗ benden Pulſen im Armſeſſel der Tanten lag: aber weit entfernt ruhiger, wie nach einer abgethanenen Sache zu ſein, war ſie vielmehr der Angſt ungeſtümer Empſin⸗ dungen und Betrachtungen überlaſſen. Eine Freundin hatte ſich von ihr abgewendet, ein Mann fich ihr als Verlobter aufgedrängt im Augenblicke, wo ſie den tief⸗ ſten Abſcheu gegen ihn gefaßt hatte und eines weib⸗ lichen Beiſtandes am bedürftigſten war. Leider konnte ſie keinen Augenblick zweifeln, man werde in der Stadt nichts leichter und lieber glauben, als die ſchadenfrohe Neuigkeit ihrer Verlobung, die vielleicht eben jetzt von der bel eidigten Freundin in allen Gaſſen ihres Heimweges und von Reiſig ſelbſt, den ſie eben weggehen hörte, im Hotel Salm verbreitet würde. Natürlich war in ſolcher Aufregung des Gemüths ihre Phantaſie geſchäftiger, als ihr Verſtand; dennoch fand ſie auch bei dieſem keinen Troſt. Denn abgeſehen da⸗ von, daß ſie bei ihren Bekannten wenig in Gunſt, aber deſto mehr im Geſchmack des Abſonderlichen ſtand,— wie ſchwärmeriſch hatte ſie nicht den„genialen Rei⸗ ſenden“ angekündigt, wie unbedachtſam dem Mißfälligen am erſten Abende, Allen zum Trotze, das Wort gere⸗ det! Nachher war ſie mit ihm in Geſellſchaft der Tanten auf vertraulichem Fuße geſehen worden; der Ausläufer im Hotel Salm hatte ihr— wie manches Billet zuge⸗ un mit be⸗ aber weit Sache zu er Empſin⸗ Freundin⸗ 363 tragen, und heut Abend erſchien im Feuilleton der Zei⸗ tung der Anfang ſeiner Reiſebeſchreibung mit einer empfehlenden Anmerkung von ihr; da dann alle Leſer ein gedrucktes Blatt, wie ein Viſitenkärtchen, in Händen hatten, ſoviel bedeutend als: Obſcurus Reiſig und Klara Amelung, Verlobte. Allerdings konnte ſie die in's Stadtgeſpräch kom⸗ mende Verlobung geradezu als eine Unwahrheit ver⸗ werfen: aber, blieb denn ſolches Verwerfen ſo unbe⸗ denklich für ihren Ruf? Wie gering man auch in der Stadt von dem Fremden denken mochte: für ſo verkehrt oder verwegen konnte man den von guter Herkunft gekannten und nun als Schriftſteller und weit Gereiſten ſich empfehlenden Mann nicht halten, daß er ein Mäd— chen, wie Klara, einer Frau, wie des Doctors Hell⸗ muth, als ſeine Verlobte vorſtellen ſollte, ohne daß allerwenigſtens etwas voraus gegangen wäre, was für verlobende Hingebung genommen werden durfte, oder noch— ſchlimmer— was einem weltläuſigen Manne die Kühnheit geben konnte, ein unbeſcholtenes Mädchen für ſeine Braut zu erklären. Sie fing nun ſelber an vor der Prüderie des Publikums zu beben, die ſte noch am erſten Leſeabende heraus gefordert hatte. Die innere Spannung machte das vereinſamte Mädchen nun plötzlich ſo klar und klug, die Verſchlingung all' dieſer Fäden zu durchblicken, als es früher unbedacht —“. rr r eee ¹ V 1 364 geweſen war, ſie anzuknüpfen. Bei Betrachtung des unlösbaren Knotens, zu dem ſie ſich nun verwickelt hatten, brach endlich Klara in einen Strom von Thrä⸗ nen aus, womit ſie zum erſtenmal in ihrem Leben mit aller Ungeduld eines verwöhnten, ſchwer ſich ergebenden Herzens das Gefühl gänzlicher Verlaſſenheit bis auf die Hefen jugendlicher Verzweiflung zu verkoſten bekam. Die Thränen ſtillten ſich nach und nach, und es zeigte ſich, daß auch eine ſolche Ueberſchwemmung nicht ohne zurückgelaßne Fruchtbarkeit des ſittlichen Bodens abläuft. Ebenfalls zum erſten Mal gewann Klara die anſchauliche Ueberzeugung, daß ſie ſich nicht mit Vor⸗ ſicht betragen habe, und daß ſie nun den Menſchen deſto behutſamer entgegen kommen müſſe. Und indem ſie ſich den Tag über ruhig und geſammelt hielt, bil⸗ deten ſich auch beſtimmtere Vorſätze. Vor allem machte ſie ſich auf neubegierige und hämiſche Beglückwünſchun⸗ gen gefaßt. Eingeſtehen konnte und durfte ſie die vorausgeſetzte Verlobung nicht; aber ſie wollte ſie auch nicht in jähe Abrede ſtellen, oder gar das Mißver⸗ ſtändniß erklären. Sie ſetzte ſich vor, allen mit einem räthſelhaften Lächeln zu begegnen, und Jedem zu über⸗ laſſen, wie er es ſich auslegen möge. War es nicht bezeichnend genug für ihre Empfindung, daß ſie ohne Ueberlegung nur ſchalkhafte Glückwünſche erwartete? So kränkend es ihr war, für unbeſonnen oder bethört verwickelt von Thrä⸗ nem 365 zu gelten, wenn das vorausgeſetzte Verhältniß mit dem Fremden für eben ſo leichtfertig abgebrochen als ein⸗ gegangen erſchiene: ſo hätte ſie doch lieber dies gewollt, als durch Geltendmachung der verwegenen Lüge des Mannes ſich unberechenbaren Vorausſetzungen bloß ſtellen. War es dieſe Beſorgniß, oder war ſie überhaupt noch nicht einig mit ſich ſelbſt: genug, ſie konnte ſich auch am folgenden Tage noch nicht entſchließen auszu⸗ gehen. Deſto öfter regte ſich der ungeduldige Wunſch, Reiſig möchte verdroſſen und abgereiſt, er möchte ſein, wo der Pfeffer wächſt. Je ſchneller und ſtiller dies geſchehen könnte, deſto lieber und beſſer wär' es für ſie. Aber, hielten ihn nicht Fußblöcke von Schulden feſt? Und ſo ſtanden noch mehr, als die Empfindlichkeit der Freundin, die Forderungen des Freundes an Reiſig ihrer Hoffnung entgegen. Wie gern hätte ſie den Doctor Hellmuth aus ihrem Vermögen befriedigt, und den Verluſt als eine Buße, als ein Opfer zur Aus⸗ ſöhnung mit ſich ſelbſt angeſehen! Allein, wie hätte ſie nur einen Vorſchlag zu dergleichen an die Tanten, ihre Vormünderinnen, ſtellen mögen! Bangte ihr doch ſchon genug davor, daß dieſelben das ärgerliche Mißverſtänd niß erführen, ehe es ſchicklich beſeitigt wäre. Aber auf welche Weiſe ſollte es denn nur beſeitigt werden? Da war guter Rath theuer. Wie gern hätte ſie jetzt den 366 Beiſtand ihres Freundes Helmuth gehabt! Dieſer Wunſch d ward ſo lebhaft, daß er ſie aufregte, beunruhigte. Sie un meinte jeden Augenblick, er müſſe kommen. Ja, ſie blieb den dritten Tag nur darum zu Hauſe, damit er ſie ja nicht verfehle, wenn er käme, um etwa wegen d der Fortſetzung des Reiſeberichts mit ihr zu ſprechen. 8 Sie hatte erwogen, ob ſie ihm nicht entgegen kommen ſollte. Es wurde ihr ſchwer es zu thun; aber je län⸗„ ger es dauerte, daß er nicht kam, deſto ſchwerer wurde es ihr. Und zuletzt ſetzte ſich ihr Trotz dagegen, indem ſie ſich überredete, er laſſe ſich von ſeiner leidenſchaft⸗ lichen Frau abhalten. Sie war weit davon entfernt zu ahnen, daß es eine Art freundſchaftlicher Eiferſucht war, aus der er ſich zu einem Beſuche der Freundin nicht entſchließen konnte. Weil ſte mit einem ſo wich⸗ tigen Lebensſchritte ohne ſeinen Rath ſo leicht fertig geworden war, wie er glaubte, war er ganz in der Stimmung, ſie eben ſo pathetiſch, wie er Reiſig genial genannt hatte, für leichtfertig zu erklären. Seine Verdrießlichkeit verbeſſerte ſich nicht, als die Antwort des alten Präſidenten auf jenen Brief einlief, deſſen Frau Sophie in ihrer Heftigkeit gedacht hatte. Der Vater des Genialen wies jede Anforderung zurück; ſein Sohn ſei längſt mündig, habe ſeinen Vermögens⸗ antheil zu ſeinen Reiſen verbraucht, dabei jedoch eine Richtung genommen, die ſein angerufenes väterliches er Wunſch Herz nicht veranlaſſen könnte, darüber hinauszugehen gte. Sie und etwas Außerordentliches zu thun.— Ja, ſie Dennoch fügte es ſich, daß gerade der Aerger, der damit er den Redacteur der Chronik von einem Beſuch abhielt, a wegen der harrenden Freundin den nächſten Anſtoß zu handeln ſprechen. gab. In ſeiner Heftigkeit kündigte er nämlich im Hotel kommen Salm die auf ſeine Rechnung genommene Verköſtigung e laͤn⸗ Reiſigs auf, und forderte dieſem in einem etwas bar⸗ vurde ſchen Billete das Manuſcript der Reiſe ab, um es indem ſelbſt zu bearbeiten. In der That ſchien ihm auch nſchaft⸗ nichts anderes übrig zu bleiben, wenn er einigermaßen ntfernt zu ſeinen verſchiedenen Auslagen kommen wollte. ferſucht wich 11. Der Anſtoß zu handeln kam von einem Schreiben Reiſig's, das Klara durch die Stadtpoſt am dritten Abende ihrer Einſamkeit erhielt. Sie las: „Darf es denn ein reumüthiger Sünder endlich wagen, mit zerknirſchten Gedanken zum Heil'genbilde ſeiner Seele zu wallfahrten? O wüßten Sie, ange— betete Klara, welche Tage des Faſtens und der Buße ich verlebt!“ Bei dieſen Worten rief unſere Leſerin ärger⸗ lich aus: 368 Man ſollte glauben, er wäre katholiſch geworden, und träte der Gräfin Ida auf ihr ſalonmäßiges Kloſter⸗ gewand! Sie wußte freilich nicht, daß ihm der Gaſtwirth auf Hellmuth's Billet nichts Weingeiſthaltiges mehr verabfolgt und die Verköſtigung ſehr geſchmälert hatte; ſo daß allerdings eine Faſtenzeit für ihn eingetreten war.— Uebrigens war es ganz in ſeinem bösartigen Witz, daß er ſeinem körperlichen Entbehren eine geiſtige Zweideutigkeit unterlegte. Klara las weiter: „Tage des Faſtens——— verlebt habe. Meine zitterigen Schriftzüge mögen Ihnen die Emotionen eines Herzens beichten, das im überwallenden Ge⸗ fühle ſeines Glückes ein vorlauter Verräther unſeres Liebesgeheimniſſes wurde. Wie hätte ich ahnen können, daß Sie mit Ihrer innigſten Freundin auf ſo rück⸗ haltendem Fuße ſtänden, wie ich zu meinem Schreck aus den Eruptionen des vulkaniſchen Herzens der⸗ ſelben erkannte! Nun iſt der Aſchenregen ihres Ausbruchs mir zur Buße auf's Haupt gefallen, und ich bekenne mich als Sünder, gegen Sie das Wort „Braut“ gebraucht zu haben, ſeraphiſches Mäd⸗ chen! Dies gemeine Wort mag am Platze ſein, wo man mit Zuziehung von Vettern und Baſen— als Hopfen und Malz— ein Eheweſen braut, ein Familien-Cerevis, das heißt einen Haustrank der ———-———— geworden, es Kloſter Gaſtwirth es mehr ert hatte; ingetreten ösartigen e geiſtige Meine motionen 369 Ceres, der brotbackenden Göttin. Ihr zürnendes Geſicht war daher auch das richtige Kühlſchiff für meine Liebesbrauerei. Indem ich aber reumüthig an meine Bruſt ſchlage, finde ich darin unerſchüttert das ſelige Verlöbniß unſerer Herzen. Ja, Ver bobte ſind wir, ewige Klara!“ „Ich würde vielleicht doch die Trappiſtentage meiner ſchweigenden Buße verlängert haben, wäre mir nicht eine Anforderung des Doctor Hellmuth zu gekommen, ihm zur eignen Bearbeitung mein Manu ſcript auszuhändigen. Es iſt wahr, ich bin mit der Fortſetzung meiner Umarbeitung im Rückſtande ge⸗ blieben. Kann denn aber ein verzweifeltes Herz Gedanken ſammeln, ein faſtendes Talent ſie ausbil den oder auch nur, ſelbſt in Reue zerſchmolzen, eine Stahlfeder führen? Kaum eine Gänſefeder wäre da weich genug; wie Sie das ja ſelbſt von Ihrer eigneu⸗ Feder wiſſen, verehrte Klara!“ Sie hielt mißverſtehend einen Augenblick betroffen inne; dann fuhr ſie erröthend fort: „Ja, Sie ſollen als Schriftſtellerin entſchei den! Ich kann meine transatlantiſche Errungenſchaft ſo wenig von mir ſchleudern, als irgend einem Gläubiger meine Seele verkaufen. Ich bin beſchämt es auszuſprechen, was der engherzige Redacteur da mit will. In dieſer Bedrängniß überſchicke ich Ihnen Koenig, Seltſame Geſchichten. 24 370 hierbei mein Manuſcript. Segnen Sie es durch Verſöhnung! dann gehe ich mit friſchem Muth an die Arbeit. Wenn Sie Ihrem frühern Urtheil über meine Reiſeſkizzen ſo treu geblieben ſind, wie ſ ich meinen allererſten Ahnungen Ihres edeln Geiſtes: ſo begleiten Sie das Manuſcript vielleicht mit ein paar Zeilen, die genügen werden, meine Exiſtenz zu retten.“ Die letzten Worte verſtand Klara nicht. Sie er⸗ ſchrak einen Augenblick, ob er ſich etwa um's Leben zu bringen dächte. Aber es war wieder eine ſeiner zwei⸗ deutigen Schelmereien; denn gewiß hatte er nur ſeine Exiſtenz im Salm vor Augen, indem er in Klara's Zeilen einen Anhalt gegen ſeinen Gaſtwirth zu finden hoffte. Das Billet konnte ja ſo gefaßt ſein, daß es ſich dem Wirth mit vertraulichem Lächeln zeigen ließe. Auf ſolche Hintergedanken durfte man wenigſtens aus der Nachſchrift ſchließen, die ſich auf eine ähnliche Gaunerei bezog. Sie lautete: „Hierbei erhalten Sie zu meiner Rechtfertigung das angeblich verfälſchte Billet des Doctors, das ich dem Kleiderhändler Oberling blos als eine klare, markige Schriftprobe des Mannes, von dem wir eben ſprachen, vorgezeigt habe. Kann ich dafür, wenn der Händler die Zeilen in ſeinem Sinn genom⸗ gen ließe. ns aus ahnliche ffertigung men hat? Die Welt athmet einmal in Mißverſtänd⸗ niſſen.“——— So mußte ſich denn Klara überzeugen, daß Reiſig ſein Bemühen um ſie noch nicht aufgegeben hatte. Wie ſehr ſie aber von den Zeilen verſtimmt war, mit denen der Unverſchämte ſich auf's Neue an ſie klammerte: ſo erleichterte ſich doch ihr Unmuth dadurch, daß ein Theil deſſelben auf Hellmuth fiel. Deſſen Abſicht auf das Mannſcript erſchien ihr doch als eine unwürdige Aengſt⸗ lichkeit um ſeine Vorſchüſſe. Der edle Freund ſank in ihren Augen unter die höheren Geſichtspunkte, in denen er ſonſt ſo einig mit ihr geweſen war.— Er fällt auf den Boden ſeiner Frau! rief ſie aus. Ja ja, das iſt das Loos des Edeln auf der Erde! Das Eheband haftet bei ſchwachen, wenn gleich edeln Naturen mit einem an die Erde geniedeten Ende feſt und zerrt an dem im Aether ſchwebenden. Geht es dann durch Mißgeſchick, Verdruß u. dgl. im wechſelnden Lebens⸗ wetter ein, ſo daß es kürzer wird: ſo zieht es die Seele vollends herab. Wie ſelten ſind die Ehen, in denen der Menſch über dem Dache ſeiner Hütte ſchweben bliebe? Valet dann! Ich ſage der Ehe Valet! „Fahre wohl, und wenn auf immer, nun auf immer fahre wohl!“ Dieſem auf Byron'ſchen Worten ſchwebenden Vor— ſatze hinkte doch ein verſtohlener Wunſch nach. Sie 24* ———— 4 4 7 4 372 überlegte, wie Reiſig von den Fußklammern ſeiner Schulden befreit werden möchte, damit er dann durch ſeinen waſſerſtoffgaſigen Gehalt oder auf kluge Weiſe— angefeuert als richtiger Luftballon auf⸗ und davon fliegen könnte. Dieſe große Frage des Abends be— ſchäftigte die Einſtedlerin noch im Traume und beim Aufſtehen am andern Morgen fiel ihr die Antwort aus der Nachthaube auf das bewegte Halstuch. Alle Scheu auszugehen war verſchwunden; ſie kleidete ſich an, probirte vor dem Spiegel die Mienen womit ſie ernſte oder neckiſche Glückwünſche zu ihrer vermeintlichen Verlobung entgegen nehmen wollte und verließ das Haus. Zufällig begegnete ſie mehreren ihrer genaueſten Bekannten und fand ſich heimlich zu verwundern, daß auch keine derſelben ſte mit gefürchtetem Glückwunſch, aber auch nicht mit befangener Zurückhaltung empfing. Sehr vergnügt darüber, erreichte ſte die Wohnung des Buchhändlers Hunold, Inhabers der alten Firma Preß⸗ kopf& Krebs. Der unternehmende Mann empfing die Feullleto⸗ niſtin als Schriftſtellerin ſehr artig und als ältlicher Witwer das hübſche Mädchen ſehr galant. Seine Miene trübte ſich auch nicht beim Anblicke des dicken beſchriebenen Heftes, das Klärchen aus ihrer geflochte⸗ nen Taſche hervor zog. Sie machte ihn mit dem In⸗ 373 halte bekannt, von dem er aus dem Feuilletonblatte der Chronik bereits den Anfang zur Probe kannte, und rückte dann mit dem Vorſchlage heraus, das Ganze als Buch erſcheinen zu laſſen. Herr Hunold ſchmunzelte, was mehr der liebens⸗ würdigen Vermittlerin, als dem beliebten Manuſcript gelten mochte, und nach einigem Hin⸗ und Herreden verſtand er ſich dazu, einen Band amerikaniſcher Mit⸗ theilungen von Doctor Reiſig und ein Honorar von 300 Thalern zu riskiren. Dieſer Betrag ſollte bei Ab⸗ lieferung des überarbeiteten Manuſcriptes, das flüchtig auf 25 Druckbogen abgezählt wurde, ausbezahlt werden. — Klara rieth dem Verleger, auf wöchentlichen Ablie⸗ ferungen des Umgearbeiteten zu beſtehen und in keinem Falle Vorſchüſſe zu geben. Sie wünſchte alsbaldige Ausfertigung des Vertrags, den ſie ſich zur Beſorgung des Weiteren erbat. Die Art und Weiſe, wie Herr Hunold ſich nach Reiſig's Verhältniſſen erkundigte, verrieth, daß auch er von einer Brautſchaft noch nichts gehört hatte. Wie freute ſie ſich heimlich! Noch nie hatte ihr etwas Unerklärliches ſo viel Vergnügen gewährt, und ſo kam ſie doppelt zufrieden mit ihrem Ausgang und ihrem Geſchäft nach Haus. Sobald ſie im Laufe des Nachmittags den doppelt ausgefertigten Vertrag nebſt dem Manuſcript erhalten — 374 hatte, ſchickte ſie beides an Reiſig mit einem inzwiſchen ſchon ſehr vorſichtig abgefaßten Billet, worin ſie ihren Schritt mit ſeinem offenbaren Intereſſe und mit ſeinem eignen Wunſche, das Manuſcript geſegnet zurück zu erhalten rechtfertigte, und ihn erſuchte, bei Zurückgabe des unterzeichneten Vertrags⸗Eremplars die perſoͤnliche Bekanntſchaft des Verlegers nicht zu verſäumen, an den er ſich fortan ausſchließend zu halten habe, und der bereits die Vorkehrungen zum Druck anordne. Schrift und Format ſollten gleich dem jetzt ſo geſuchten Buche des ſogenannten Doctor Safran genommen werden. Am Schluſſe deutete ſie darauf hin, daß nun⸗ mehr ſeine Eriſtenz geſichert und es ihm gegeben ſei, gegen Hellmuth Trumph auszuſpielen, und ſobald er wolle, der fatalen Stadt den Rücken zu weiſen, wo ihm ſo viel Verdruß begegne. Sie belächelte ſelbſt dieſe gute Wendung, durch die ſie ihn an ſeine Verbindlichkeit gegen ihren auf die untergeordneten Geſichtspunkte gefallenen Freund erin⸗ nerte und zugleich außer Zweifel darüber ſetzte, daß ſie bei ſeiner baldigen Abreiſe nicht in Verzweiflung ge⸗ rathen werde. Ueberhaupt ſprach ſich in dem Billet nur eine mitleidige Theilnahme an ſeiner Lage, im üb⸗ rigen aber eine heitre Gleichgiltigkeit gegen ſeine Perſon und das fein verſteckte Shakſpear'ſche Wort aus: Ich wünſche mir Ihre entferntere Bekanntſchaft. lic inzwiſchen ſie ihren t ſeinem urück zu rückgabe perſönliche 375 Dies Schreiben traf den Empfänger in der ärger⸗ lichſten Stimmung, ſo daß er es mit recht boshaften Empfindungen zum zweitenmal las, und die verſteckte Abfertigung heraus kaute. Sein Verdruß rührte von einem kurzen Wortwechſel mit dem Wirthe her, der ihm einiges Bittere zu verkoſten gegeben hatte. Von einem Gangfenſter aus hatte nämlich unſer Genialer friſchen Rheinſalm in die Küche bringen ſehen, und ſo ein leb⸗ haftes Gelüſt darnach empfunden, daß er, der ihm jetzt auferlegten Faſtenordnung ganz vergeſſend, ſich eine Portion zu Abend beſtellte. Der Wirth aber, ein ge⸗ wöhnlich jovialer, unter Umſtänden aber wenig zarter Witzbold, brachte hierauf ſelber, ſeines Spottes zu ge⸗ nießen, ein vergriffenes Eremplar der Pſalmen David's, indem er mit übertreibender Artigkeit ſagte: Sie haben befohlen, mein Herr,— hier! Das iſt die Speiſekarte für einen Mann wie Sie! Suchen Sie ſich ſelbſt einen Salm aus, Sie haben eine große Wahl! Reiſig hatte geantwortet, der Wirth erwidert, und ein Wortwechſel war entſtanden, in welchem der wenig geſchätzte Gaſt ſo manches zu verſchlucken bekommen hatte, was weniger ſchmackhaft und noch ſchwerer zu verdauen war, als roſenrother Lachs. Zugleich hatte ihm der Wirth die Wohnung aufgekündigt, und geſagtz: 376 Verlaſſen Sie auch Hotel Salm: es geht jetzt in Einem hin, da ſie doch einmal von Salm abſtrahiren! Wie nun aber der doppelt gekränkte Mann etwas ruhiger wurde, entdeckte er in der zarteren Kränkung eine Abhülfe gegen die gröbere; indem Klara's Brief 300 Thaler in Ausſicht ſtellte, mit denen er dem Wirth auftrumpfen konnte. Nicht ſobald hatte er alſo am andern Morgen bei einem Beſuche des Verlegers die Sache in Ordnung gebracht, als er auch ſeinen Gaſtwirth zu ſich beſcheiden und ihn ſein Vertrags⸗Eremplar leſen ließ.— Ah! ſehr erfreut, verſetzte der Wirth, daß Sie nun ſelbſt einen Lachsfang angelegt haben. Herr Hunold iſt ein ganz reſpektabler Mann. Sie haben da eine recht an⸗ genehme Bekanntſchaft gemacht. Vielleicht, wenn Ihre Artikel ziehen, gibt Ihnen ſpäter Herr Hunold ſeine von ihrem Manne geſchiedene Tochter zur Frau und bringt ſo eine zweite, verbeſſerte Auflage derſelben in's Publikum. Sie war ihm doch der unangenehmſte Krebs, der ihm ſchon vor Oſtern zurück kam? Indeß erlauben Sie mir dies durch Unterſchrift und Siegel geldeswerthe Papier in Verwahrung zu nehmen. Wozu das? fiel Reiſig ein; worauf der ſchalkhafte Wirth verſetzte: Ich vermuthe, Sie werden Ihre löbliche Enthalt⸗ ſamkeit jetzt etwas unterbrechen. Wenn Sie mir daher we deswerthe 377 tin Einem erlauben, während Sie eine die Gedanken ſehr in An⸗ b ſpruch nehmende Arbeit vor ſich haben, Ihr Oekono⸗ etwas miſches ſelbſt in die Hand zu nehmen: ſo werde ich ränkung mit Rückſicht auf Doctor Hellmuth's Guthaben das Gleichgewicht Ihrer ſpäteren Einnahme mit Ihrem lau⸗ fenden Conto ein bischen überwachen. Alſo wollen Sie mich doch behalten und nicht hinaus⸗ — n bei werfen? fragte Reiſig mit ärgerlichem Lächeln. ng Thut mir ſehr leid, wenn meine Drohung Sie—! beſcheiden verſetzte der Wirth. Die Rede war ja von nichts weite⸗ Ahl rem, als von einem uralten gaſtwirthſchaftlichen Ge⸗ ſelbſt brauche. Sie ſind Poet— allen Reſpect! Wiſſen aber ſt ein doch, daß ſogar ein Prophet— Jonas bekanntlich— aus ct an⸗ dem Hotel zum Wallfiſch geworfen wurde, wahrſchein— V Ihre lich auch nur, weil er— die angemeſſene Leichtigkeit ſeine der Complexion dazu hatte. Ein Salm aber hat be⸗ 1 und greiflicherweiſe noch weniger Raum als ein Wallffiſch! —— Entſchuldigen Sie! Ich hätte alſo nur noch zu fragen, (rebs ob Sie noch etwas zu befehlen—? vauben Eine Flaſche von Ihrem Bouzy mouſſeux und eine Portion Salm! war die nachdruckvolle Antwort. 84 Zu Befehl! verneigte ſich der Wirth. Bouzy Flafte mouss ex et du Saumon! Vielleicht kommen Sie an Table d'Hote? Wir haben junhen Hirſch, reicht aber nicht auf die Zimmer. Sie wiſſen, daß ſeit 1848 das Schwarz⸗ und Rothwild mit Gold bezahlt wird— 378 von wegen der deutſchen Farben. Sie begreifen nun auch, warum die deutſche Fahne vom Bundespalais abgenommen worden iſt: die hohen Geſandtſchaften thun Schwarz, Roth, Gold in der Küche anerkennen. Die höchſten Thätigkeiten der deutſchen Staaten haben ſich nun wieder mehr verinnerlicht! Der lachend abgehende Wirth hatte in der That mit Reiſig etwas gemein, woran dieſer gar nicht dachte: er pflegte nämlich, wie unſer Genialer ſeine kleinen Gedichte, ſo ſeine Witze und Wortſpiele wiederholt an— zubringen. Die Table d'Hote⸗Gäſte kannten dieſen Witz bereits als Ragout, als Farce und als Nachtiſch. 12. Schlimme Verſuchung zu ſo viel Gutem, als der Wirth jetzt darbieten konnte! War der Verlagscontract ſchon durch ſeine Zuſage verlockend: ſo ward er es noch mehr durch Verpfändung an den Wirth. Denn in fremde Hand gelegt, konnte das Papier in ſeinem Werth und Vermögen nicht anſchaulicher empfunden werden, als durch eine Beſchwörung alles Deſſen, was aus der Hand kam, in die es niedergelegt war. Bouzy mouſſeur hieß die Beſchwörungsformel. reifen nun ndespalais Ift ten thun der That tdachte: als der ascontract res noch Denn in n ſeinem empfunden ſen, was Bouzy Nun gehörte Reiſig zu jener Sorte von Genialen, die ſich einem Mißgeſchick leicht unterwerfen, in gutem Glück aber ſich gern— wälzen,— dort zu unmuthig, hier zu übermüthig für Arbeit und Anſtrengung. Die erſten acht Tage gingen vorüber, ohne daß er eine Feder angeſetzt hätte. Der Verleger, mit ſeinen Vor⸗ kehrungen zum raſchen Druck fertig, ſchickte wegen der erſten Manuſcriptlieferung, und bekam natürlich nichts. Er wendete ſich an Fräulein Amelung und ward mit dem herzlichen Bedauern beſchieden, daß ſie ja nichts zu thun vermöge, ſondern nur zur Anwendung irgend einer vorläufigen Preſſe auf den Autor ſelbſt rathen könne. Es lag in dieſem Rath ein kleiner Muthwille, wie man ihn leicht empfindet, wenn man bei heiterer Ge⸗ müthsart einer niederdrückenden Sorge plötzlich losge⸗ worden iſt. Klara freute ſich doppelt lebhaft, daß von ihrer Brautſchaft wirklich kein Gerücht ausgekommen ſei, und ſie den Genialen von ſich gewälzt habe. Mit dieſer Zufriedenheit empfing ſie die Tanten, als dieſelben von Mannheim zurückkamen. Dort hatten ſie den Tod der Verwandten abgewartet, und nun gab die frohe Erbſchaft viel zu beſprechen und die anzu⸗ legende Trauer manches zu thun. Als die Tanten ein⸗ mal nach Reiſig fragten, ſprach ſie ſehr wegwerfend von ihm, und ſuchte ſich auch der flüchtigſten Erinnerung 4 1 4 4 8 1 —yͤ — 380 an ihn zu entſchlagen, bis eines regneriſchen Morgens 8 der Verleger bei ihr erſchien und ihr zu nicht geringem Schreck eröffnete, daß der unzuverläſſige Autor ſich ge⸗ gen alle Mahnung mit der Grauſamkeit ſeiner Geliebten entſchuldige: ſie ſetze ihn in Verzweiflung, ſo daß er arbeitsunfähig ſei; es herrſche die wunderbarſte Sym⸗ pathie zwiſchen ſeinem Talent und ihrem Herzen, ſo daß ſein Verſprechen von ihrer Zuſage gänzlich abhange. Hinter dieſer Mittheilung her verzog ſich des Ver⸗ legers Geſicht zu einem Fragezeichen ſeiner Verlegenheit und Neubegierde. Klara gerieth außer ſich.— O der entſetzliche Menſch! rief ſie zwiſchen Zorn und Thränen. Muß denn ſein Wahnſinn, ſeine Gottloſigkeit gerade auf mich fallen, die ihm nur Wohlwollen, ja Wohlthaten erwieſen hat! Indem ihr aber die Nähe der Tanten einfiel, mußte ſie ihren heftigen Unmuth zu mäßigen ſuchen; ja ſie wußte ſich im Augenblicke nicht anders zu helfen, als daß ſie die Hand des Buchhändlers faßte und mit ge⸗ dämpfter Stimme um Rath und Beiſtand gegen dieſen Menſchen bat, der ſie mit ſeinen wahnſinnigen Empfin⸗ dungen oder vielleicht auch liſtigen Abſichten verfolge. Glücklicherweiſe war Hunold ein wohldenkender Mann, der das Verhältniß unbefangen durchblickte und ſich darin gefiel, gegen Damen, zumal gegen junge und n M Morgens geringem 381 liebenswürdige, dienſtbefliſſen und ritterlich zu erſcheinen. Er ſuchte nun ſogleich die Verzweifelnde zu beruhigen, indem er ihr noch einige Geduld mit dem unordentlichen Menſchen und eine kluge Behandlung deſſelben hinſicht lich ihrer Beſorgniß zuſagte. Klara war heimlich beſchämt von der Gefälligkeit eines Mannes, auf den ſie den fatalen Reiſig abge ſchüttelt zu haben ſich eben noch gefreut hatte. Wieviel ſie ſich aber auch von ihm verſprechen mochte, blieb ihr doch ängſtliche Erwartung genug übrig, und ſie ver lebte unheimliche Tage. Ihre Bekannten fanden aber nur, daß Mienen und Augen der glücklichen Erbin ſehr gut zu der angelegten Trauer ſtanden. Wer konnte aber wiſſen, wie lang das glückliche Quid pro Quo ungelöſt bleiben werde? Man weiß, daß manche Arzneien, am Tage ver ſchluckt und verſchmeckt, hinter allem Genoſſenen her, bei nüchternem Erwachen des andern Morgens, noch einmal zum Nachſchmack kommen. So ging's unſerm Genialen mit jenem Briefe Klara's, ſobald er hinter ſeinen durchſchwelgten Stunden her an die Arbeit erin⸗ nert wurde. Er las jetzt aus den mit blauer Dinte geſchriebenen Zeilen nur die dunkelblaue Ferne heraus, in die ſich die Geliebte oder vielmehr ſein Project zu rückzog. Er empfand darüber einen Ingrimm, der ſich zu rächen ſuchte. Und wer weiß, auf welchen tückiſchen — —— —— 11 382 Streich er verfallen wäre, hätte nicht der reſolute Ver⸗ leger ſeine Gedanken durchkreuzt. Er erſchien unerwartet auf Reiſig's Zimmer, nahm artig Platz und ließ ſich ſehr klar und bündig über ihr eingegangenes Geſchäft, ihre beiderſeitigen Verbindlichkeiten und über den Ver⸗ luſt aus, der ihm durch Reiſig's Unordnung und Un⸗ pünktlichkeit drohe. Dann von ſeinem Stuhl aufge⸗ ſtanden und den Hut aufgeſetzt, beſtimmte er nächſten Freitag als den letzten Termin zur erſten Ablieferung fertigen Manuſcriptes. Und wenn Sie dieſen Freitag verſäumen, und ſo wie Sie irgend einen ſpätern Freitag ohne Wochen⸗ lieferung vorüber laſſen, ſo ziehe ich den Sonnabend den Vertrag zurück, und laſſe Sie im Einverſtändniß mit Ihrem Hauswirthe, mit Doctor Hellmuth und mit Herrn Oberling in's Schuldgefängniß bringen. Wollen Sie aber lieber im Irrenhauſe Quartier nehmen: ſo dürfen Sie nur mit einer einzigen Silbe noch Ihrer Liebe in Bezug auf Fräulein Amelung, Ihre Wohl⸗ thäterin, gegen irgend eine Seele gedenken. Haben Sie mich verſtanden? So wählen Sie! Hiermit verließ Hunold die Stube, ohne noch Rei— ſig's Seufzen zu hören. Der Teufel hole dieſe Buch⸗ drucker, die ſo— preſſant ſind. Früher würde dieſer Schreckſchuß vielleicht kaum durch Reiſig's dickes Fell gedrungen ſein; jetzt aber, 383 eſolute Ver⸗ bei dem ganz erſchlafften Zuſtande des Mannes warf L unerwartet er all deſſen Verſtand und Muth zu Boden. Indem id ließ ſich er ſich aber auch zur einzigen Abwehr der angedrohten Geſbäft Gefahr— zur Arbeit durchaus unfähig fühlte: ſo lag 8 rden Ver⸗ er jammernd auf der Prelle vor Angſt und Pein. Er g und Un⸗ brütete über Abhülfsgedanken, bis der Freitag da war. 1 ahl aufge⸗ Denn da auf des Verlegers Rückſprache mit dem Wirthe 1 nächſten dieſer ihn abermals auf die alte Däät geſetzt hatte, ſo 4 ferung wollte ſein Nachdenken nicht zu Kräften und kein guter Einfall zu Stande kommen. Nie hatte er einer Erqui⸗ , und ſo ckung, einer Belebung ſo bedurft, wie jetzt. Endlich e Vochen⸗ beſann er ſich einer angebrochenen Flaſche Araks, die Sonnabend er über den Bouzy mouſſeux vernachläſſigt hatte, was verſtändniß er nun angelegentlichſt gut zu machen ſuchte. Es half h und mit denn auch, ſo daß ein ziemlich ſchwindliger Gedanke Pollen auf die Beine kam. Er wollte ſich nämlich für krank ſo ausgeben, wofür man ihn auch ganz gut annehmen 4 konnte, und ſich von dem Arzt ein Zeugniß ſeiner Ar⸗ 1 „Wohl beitsunfähigkeit gegen den preſſirenden Verleger aus⸗ ſtellen laſſen. Gut! Dann fiel ihm aber ein, daß er doch auch wieder geſund werden müſſe, und da lag denn auch wieder die Noth der Arbeit vor ihm.— Wer nur den Verleger auf den Gedanken der Umarbeitung gebracht hatte, wodurch gerade dem Buche ſo viel Pi⸗ kantes im Zeitgeſchmack entzogen wurde! Dies war ſeine ärgerliche Frage! 384 Wer anders als Klara! Ja, Niemand als ſie hatte ihn in ſolche Bedräng⸗ niß geſtürzt; ſie auch gegen ſeine Liebe ſich mit dem Buchhändler verſchworen. Man denke ſich ſeine Stimmung und wie er zwiſchen äußerlichem Zwang und innerm Verdruß an der Flaſche ſog und wieder ſog, bis ihm ein Gedanke kam, ein echter Sohn des Rauſches und der Unverſchämtheit.— Er wollte Klara's Hand frei geben unter der Bedin⸗ gung, daß ſie dieſe Hand an ſeine Arbeit lege und die Umarbeitung beſorge.— Als letzten Beweis ihrer Wechſelliebe wollte er ihren Bund— ſollte ſie ſeine Verbindlichkeit löſen. Er ſetzte ſich zu einem Billet an Klara, worin er ſie mit abſichtlich kurzen und unabſichtlich zitterigen Zeilen an ſein— Sterbelager einlud, um das Ver— mächtniß all ſeiner Schriften in Empfang zu nehmen; hierauf legte er ſich zu Bett, und ließ durch den Aus— läufer, der ihm das Billet beſorgte, den Arzt Lukas zu ſich bitten. Ihn kannte er aus jener erſten Abendge⸗ ſellſchaft, und hatte von ihm den Eindruck, daß er ein Schalk ſei, der es mit einem ſchelmiſchen Zeugniß nicht ſo ſchwer nehmen werde. Klara's Schreck und Verlegenheit bei dieſer uner— warteten Zumuthung läßt ſich denken. Eine Zumu⸗ thung war es, doch leider! keine ſolche, die ſie ſo mir r zwiſchen Flaſche kam oin am, ein 385 nichts, dir nichts unter die Abſchnitzel ihres Nähkorbes wegzuwerfen gewagt hätte. Es miſchte ſich eine Furcht und eine Hoffnung abwechſelnd in die Gedanken, die zwiſchen ihrem Kopf und ihrem Herzen, unruhig genug, nach einem Entſchluſſe ſuchten. Steckte eine Finte des fatalen Mannes, wie er ſolche ſchon gegen den Buch⸗ händler als Ausflucht gebraucht hatte, hinter dieſer Einladung, oder war er wirklich ſchwer erkrankt? Bei ſeiner Lebensweiſe war Letzteres gar nicht unwahr⸗ ſcheinlich. War's aber eine Finte,— ſo ſchien es immer noch beſſer, ihm mit Würde entgegenzutreten, als ihn zu einer Tücke zu reizen. War aber ſein Leben wirklich in Gefahr: ſo konnte man ihn nicht hülflos laſſen; auch lag alles daran, ſich des Manuſcripts zu verſichern. Klärchen ſetzte einen trotzigen Stolz hinein, ihrem engherzig gewordenen Freunde zu ſeinen Aus⸗ lagen zu verhelfen.— Aber, wie konnte ſie anſtändiger Weiſe in den Gaſthof zu einem Fremden auf's Zimmer gehen? Da fiel ihr nach langem Ueberlegen die Gaſtwirthin ein, eine junge ſehr manierliche Frau, die in der wö— chentlichen Singakademie ihre freundliche Notennachbarin war. Bei ihr konnte ſie ſich wegen des Kranken be— fragen, von ihr begleitet— vielleicht das Manuſcript abholen. Sie hatte noch keinen feſten Entſchluß gefaßt, als ſie die Stimmen der Tanten hörte. Das war ein Koenig, Seltſame Geſchichten. 25 ———ℳO— 4 4 386 neuer Antrieb zu gehen. Klärchen fürchtete ſich gerade vor den Tanten nicht, aber— ſie ſchämte ſich des Vor⸗ gefallenen vor ihnen, denen es noch ein Geheimniß war. Klara ging. Sie wollte eigentlich nur nach dem Hotel gehen, ob ihr unterwegs etwa ein beſſerer Ein⸗ fall oder ein guter Anlaß begegne. Es ging eben ſehr bewegt um das Thor des Hotels zu. Eine hohe Herrſchaft war angekommen, Kellner und Mägde rannten hin und her. Wie beſchäftigt mochte die Wirthin ſein, und wie durfte man ſie jetzt in ein Anliegen ziehen, das ſo umſtändlich zu entdecken, ſo myſteriös auszuführen war? Schon wollte Klärchen, — ob froh oder ſbetrübt— wieder nach Hauſe wan— deln, als eben Doctor Lukas um die Ecke des Hauſes kam, und ihr freundlich grüßend die Hand reichte.— Aha! ſagte er mit feinem Lächeln, wir gehen wohl eines Wegs, mein verehrtes Fräulein? Amor und Hygiäa ſchlagen ſich zuſammen, möcht' ich ſagen, um ſtärker zu wirken, oder— um wohlfeiler zu reiſen. Iſt er denn ernſtlich ſo krank,— Ihr—. Ein dreimaliger Ausbruch von vielleicht gemachtem Nieſen erſtickte das Wort Bräutigam oder Verlobter. Klara fühlte es aber heraus, und kam in ſo brennende Verlegenheit, daß ſie ihm in der Verwirrung laut und raſch das veraltete„Proſit“ zugrüßte. Sie war ihm dabei in der zerſtreuten Unentſchloſ⸗ ſent Geheimniß ach dem r Ein⸗ ſenheit in's Haus und bis auf den Treppenabſatz ge⸗ folgt, wo denn der Arzt einen Augenblick ſtehenblei⸗ bend ausrief:. Ha, Proſit! das liebe Wort hab' ich lange nicht gehört. Wiſſen Sie, daß es ein gutes Omen, eine glückliche Loſung iſt? Die Alten liebten auf der Schwelle ein eingelegtes„Salve!“ So empfängt uns hier auf der Treppe zu einem theuern Kranken das Ihnen ſo herausgeplatzte, ſage eingegebene Wort Proſit, als gute Vorbedeutung. Ein gar liebes Wort das, und das ihm verwandte„Proficiat“,— beide aus der alten guten Zeit des Familienlebens. Ich ſage Ihnen, mein liebes Kind,— ſetzte er mit bezüglichem Nachdruck hinzu — jedes Lebens⸗ und Familienunternehmen, das mit unbefangenem Herzen, mit vernünftiger Ueberle⸗ gung und mit dem Segensworte Proſit angefangen wird, muß gelingen. Ich habe bloß nicht geheirathet, weil mir im rechten Augenblick flüchtiger Neigungen das herrliche Wort Proſit nicht eingefallen iſt. Hiermit hatte Lukas die ganz verwirrte Klara bis auf den Gang des Seitenbaus geführt, wo ihm die Stubennummer bezeichnet war, als ſie mit plötzlichem Entſchluß ſtehen blieb, und unter Herzklopfen erklärte, ſie könne ſihm nicht folgen.— Herr Reiſig wollte mir nur ſein Manuſcript auf ſichre Weiſe zuſtellen, flüſterte ſie ängſtlich. Es liegt mir alles daran, um des Ver⸗ 25* 388 legers willen die Schrift zu erhalten. Thun Sie mir den Gefallen und ſagen Sie dem Kranken, ich warte hier einen Augenblick, er möge mir das Ganze her⸗ ausſchicken. Sie ſind gewiß ſo gut und—. Ah, warum wollen Sie nicht mit hinein kommen, erwiderte er, unter meinem Schutze—? Kennen Sie nicht das Sprüchwort: Praesente medico nil nocet? Das heißt nicht etwa: Präſente ſchaden dem Arzte nichts, ſondern„in Beiſein des Arztes iſt nichts ſchäd⸗ lich.“ Kommen Sie nur! Nein, nein! Es geht nicht, und ich kann nicht! er⸗ klärte ſie feſt; worauf der Arzt erwiderte: Gut! dann treten Sie wenigſtens hier an die Thüre! Ich laſſe ein wenig offen, und Sie können hören, wie's ihm geht. Es wird wohl nicht viel zu ſagen haben.—— Das einzige Fenſter des Gemachs war verhangen, und die Stube ſchon ziemlich dunkel, daher der Arzt mittelſt eines Zündhölzchens einen Lichtſtumpf anſteckte, indem er ſagte: Nun können wir Ihren Zuſtand beleuchten, Herr Patient. Wo fehlt's denn? Reiſig lag zu Bett, das Geſicht gegen die Wand gekehrt. Was klagen Sie? fragte Lukas wiederholt, und 389 2 un Sie Sie mir als er vergebens auf Antwort wartete, rief er unge ich warte duldig: Ganze he S Si ie N anze her So reden Sie denn! Und drehen Sie ſich doch in des Teufels Namen herum, wenn ich frage. Was n kommen, haben Sie denn? dennen Sie Er faßte dabei das Handgelenk zum Puls, zog den nil nocet? Kranken mehr hervor, und bückte ſich, deſſen Zunge zu dem Arzte ſehen, fuhr aber ſchnell mit einem halblauten: Donner⸗ ichts ſchäd wetter! zurück und gebot: Nun bitt' ich mir aus, daß Sie reden! nicht! er Der Buchhändler, Herr Hunold, drängt mich ſo um Arbeit, war die Antwort,— und— Sie ſehen ſelbſt jer an die— ich vermag's doch nicht! Sie können Weiß ſchon,— komme eben von ihm, erwiderte icht viel zu Lukas. Aber was klagen Sie? 1 V Ich bin ſo krank, ſo erſchöpft! Beſcheinigen Sie ethangen, mir doch, daß ich—. 4 der Arzt Daß Sie nicht arbeiten, nicht abliefern können? j anſteckte Gut! Aber, vor allem wo ſteckt ihr Leiden, wo ha⸗ pert's denn eigentlich? Nun? Thun Sie doch das zien, Her Maul auf, wenn ich bitten darf! Oder— ſind Sie etwa bloß— beſcheinigungskrank? 8 Pand Ob nun Reiſig verlegen war ein nicht vorhandenes Leiden zu beſchreiben oder erboſt, weil er ſich durchblickt und den Arzt mit dem Verleger einverſtanden glaubte, iſt nicht zu ſagen. Genug, Lukas konnte kein Wort 390 mehr aus ihm herausbringen, ſo daß ihm die Geduld riß, und er heftig ausrief: Das Donnerwetter ſoll Sie—! Wozu haben Sie mich rufen laſſen? Bin ich Ihr Narr? Oder meinen Sie, ich wüßte nicht, daß Ihnen nichts fehlt, ſondern daß Sie— zu viel haben, Sie— Zechbruder! In dieſem Augenblick hörte er Schritte vor der Thür, beſann ſich Klara's und ging hinaus. Sie war ſchon weiter geeilt, und er erreichte ſie noch auf dem Seitengange,— Ach, tauſendmal um Verzeihung, mein beſtes Fräulein, ſagte er mit dem theilnehmendſten Ton. Ich habe ganz—. Kommen Sie,— oder laſſen Sie uns lieber nach der hintern Treppe gehen! Der Corridor des Vorderhauſes war bereits er⸗ leuchtet; vor dem Hotel wurde von dem Militär⸗Or⸗ cheſter eine Serenade gebracht.— Es thut mir in der Seele leid, liebes Kind, ſagte Lukas, daß ich eben Sie und mich ſelbſt ſo vergeſſen konnte. Aber,— leider iſt Ihr Verlobter in der That—. Er iſt ja mein Verlobter nicht! Mein Gott, was bin ich ſo unglücklich! rief Clara mit Zorn und Thrä⸗ nen zugleich kämpfend. Nicht? verſetzte er freudig. Wahrhaftig nicht? Ein Mißverſtändniß alſo? Ei, dann danken Sie dem Him⸗ mel! Ich gratulire von ganzem Herzen! Hat ſie der Gauch alſo hergeſprengt, wie mich? Kommen Sie, liebe ————— die Geduld haben Sie der meinen lt, ſondern ader! vor der Sie war h auf dem ung, mein ndſten Ton. laſſen Sie bereits er⸗ Militar⸗Or⸗ eben Sie „— leider nicht? Ein dem Him liebe 5 Sle, 391 Klara, ich begleite Sie vor das Haus. Weinen Sie nicht! Sie ſind ſo angegriffen, und die Muſik macht Sie ſo weich. Vertrauen Sie mir, wenn ich Ihnen worin dienen kann! Herr und Frau Hellmuth theilten mir im Vertrauen das Unglück mit, Sie haben ſich beide recht betrübt— Ihretwegen, und alles gethan die Sache geheim zu halten, in der Vorausſetzung, daß Sie mit Ihrem guten Verſtande von der Uebereilung zurückkommen möchten. Gerade Frau Hellmuth hat ſich übereilt, erwiderte Klara, indem ſie leiſe mit unterdrücktem Stöhnen fortfuhr: Sie kam eben zu mir, als Reiſig mich mit dem nun abgedruckten Stücke des Manuſcriptes beſuchte. Ich hatte ihm viel Theilnahme bewieſen, und— mag wohl in der Art gefehlt haben, oder er wollte mich vielleicht auch mißverſtehen. Er hatte mir eben ſeinen Lebensplan vorgelegt, in welchem ziemlich deutlich meine Hand mit in Anſchlag gebracht war. Ich— Sie kön⸗ nen denken, wie betroffen ich war, und wußte nicht gleich, wie ich ihn auf ſchonende Weiſe—. Das war vielleicht mein Fehler. Ich hätte ihn gleich ent⸗ ſchiedener, mit Entrüſtung abweiſen ſollen. Und da kam Frau Sophie herein. Ich glaubte, es wäre ein Engel, ſo froh war ich. Da,— ich weiß mir noch jetzt nicht zu erklären, wie der verwegene * ’ 5 — N — 392 Menſch dazu kam, mich als ſeine Verlobte vorzuſtellen. Denken Sie ſich— Ich war ſo entſetzt—! Aber So— phie nahm es gleich für wahr; das machte mich ganz irre an mir ſelbſt,— und ſie brach ſo leidenſchaftlich und kränkend gegen mich aus—. Ja doch, ja! ſiel Lukas ein, die kleinen Töpfe kochen leicht über. Und Klärchen war dann auch gleich empfindlich, ſetzte das Köpfchen auf und— nun ja, ich begreife das alles, nicht wahr? Aber— wir ſprechen noch darüber! Ich bin ſo beſchämt, lieber ehrlicher Doctor, und doch— ſo vergnügt—! Ach, wie bin ich Ihnen ſo dankbar! Und— wie Sie mir ſagen, habe ich auch Hellmuth's ſo viel Schonung und Nachſicht zu danken! Ich will ſie gleich morgen früh beſuchen. Thun Sie das', Klärchen! mahnte er freundlich. Ich gehe hernach zum Abendeſſen hin, kündige Sie auf morgen an, und— Sie können es ſich dann mit aller Erklärung leicht machen. Wie gut Sie ſind! Und gerade von Ihnen hätte ich am wenigſten—, lächelte Klara, und reichte ihm die Hand. Glaub's liebe Klara, rief Lukas. Es geht mir zu⸗ weilen ſo. Sonſt hätten Sie eigentlich merken können, daß Sie gerade an mir einen alten heimlichen Ver⸗ 8 orzuſtellen. Aber So⸗ mich ganz nſchaftlich ch auch u danken! freundlich. ndige Sie dann mit nen haͤlte ichte ihm bt mir zu⸗ n koönnen, Ver⸗ 393 ehrer haben. Apropos! Sie treffen auch bei Hellmuths den liebenswürdigen Poeten Safran. Safran? Derſelbe, der das liebe Buch: Ein Land⸗ aufenthalt—? Derſelbe. Nicht geniall antwortete Lukas. Doch, darüber, wenn mir recht iſt, waren wir ja ſchon früher einig. Und wiſſen Sie, daß Sie ihn hergelockt? Ich? rief Klara erröthend. Wie? Ja Sie! In aller Unſchuld, lachte er. Herr Firnewalt, wie er eigentlich heißt, hat aus Ihrem Feuilleton den Aufenthalt Reiſigs erſehen, und verfolgt ihn mit einer Forderung ſeines Onkels über 80 Thaler. Es iſt ein Vorſchuß des Buchhändlers auf daſſelbe Manuſcript, woran Reiſig jetzt wieder laborirt. Das Genauere hören Sie von Hellmuth. Es iſt ein prächtiger junger Mann, der Herr Safran, von einer ſo liebenswür⸗ digen Beſcheidenheit, wie ſolche bei unſern jungen Au⸗ toren mit Bärten gar nicht mehr vorkommt. Nun gehen Sie mit Gott, liebes Klärchen, und beruhigen Sie ſich ganz wegen Ihres verlorenen Hochzeiters. Dieſe Nacht wird er ſich ernüchtern, und morgen habe ich ein Recept für ihn. Ich hoffe, wir werden ſeiner ohne Schaden mit all' ſeinen Schulden los werden. Gute Nacht! Klara verlor ſich unter der Menge, die der Muſik zugelaufen war. Doctor Lukas aber kehrte noch ein⸗ 3 94 mal in den Gaſthof zurück, für den Patienten eine Suppe auf den Abend und einen marinirten Häring zum morgigen Frühſtücke zu verſchreiben, alle geiſtigen Getränke zu unterſagen, und den Wirth wegen ſeines Guthabens zu beruhigen. 13. Nach einer unruhig durchträumten Nacht konnte Klara in ihrem einfach gewählten Anzuge doch nicht ſo früh, als ſie es gedacht hatte, zu Hellmuths ausgehen. Tante Trude, die Gabel, war ſchon etwas leidend von Mannheim zurückgekommen, wo ſie durch Nachtwachen und Gemüthsbewegung um die Kranke ihre alten rheu⸗ matiſch-gichtiſchen Leiden aufgeregt hatte. Dieſe Nacht waren die Schmerzen reißender geworden, ſo daß ſte ſich nun doch zu dem bis jetzt abgewehrten Arzt ent ſchloß. Dieſen wartete Klärchen ab, und eilte dann mit dem Recept zur Apotheke und nach dieſer Beſtellung zu den Freunden. Wie herzlich ward ſie bewillkommt, wie gerührt gab ſie ſich hin und herzte die Kinder! Tante Klara war wieder da, und das Geſindel— war ja wahrlich ſeit⸗ dem gewachſen! Des verſchmerzten Mißverſtändniſſes ward mit keiner Sylbe gedacht, um ſo weniger als den Freunden das vergeiſtigte, ſo zu ſagen aufgeklärte 395 Weſen Klärchens ſo bedeutſam auffiel, daß ſie auf die innern Kämpfe ſchließen konnten, die ſolche Errungen⸗ ſchaft gekoſtet hatte. Deſto lebhafter ließ das heitre Paar ſich über den jungen Firnewalt, genannt Safran, aus. Er war wirklich mit einer Forderung ſeines Oheims an Reiſig gekommen, um antheilweiſe das Feuilleton⸗Honorar des Autors in Anſpruch zu nehmen. Einſtweilen aber hatte er bloß die freundlichſte Aufnahme des Redacteurs gewonnen, und bald auch eingeſtanden. daß er gerade nicht ausdrücklich um dieſes—„verlo— renen Poſtens“ ihrer Buchhalterei willen— ſondern gelegentlich ſeiner Reiſe nach Wildbad hierher gekommen ſei. Er litt nämlich am linken Arm, den er letzten Winter bei einem Pferdeſturz gebrochen hatte und noch nicht wieder mit voller Kraft gebrauchen konnte. Frau Sophie ſtrich die einfachen Manieren und die anſpruchloſe Liebenswürdigkeit des hübſchen jungen Mannes nicht ohne ſchalkhafte Seitenblicke nach ihrem Manne heraus; indem ſie angefangen hatte, ihn von ſeinem Genialitätsaberglauben und von der leichtfertigen Verſchwendung dieſes Wortes zu bekehren.— Nur in Einem iſt mein lieber Mann nicht ganz zufrieden mit unſerm Poeten, ſagte ſie: Herr Firnewalt bringt gar nichts vor, was Karl als„genial“ begrüßen könnte. Nein, liebe Klara, du wirſt dich ſchon an den hübſchen ſeidnen ſafrangelben Taſchentüchern überzeugen, daß 396 er kein Genie— nach unſerer neueſten Erfahrung iſt. Auch halte ich ihn für ganz frei von allen communiſti— ſchen Abſichten auf die Kanapeeüberzüge der bürgerlichen Geſellſchaft. Man lachte, und Hellmuth mußte im Beiſein der Freundin ſein ſchon gegebenes Verſprechen wiederholen, daß er ſich das exaltirte„Genial“ abgewöhnen wolle. Halb ſingend rief die heit're Frau: Dein„Genial“ ward uns fatal, d'rum laß es immer fahren! Als Klara ſchied, mußte ſie, der kranken Tante un⸗ geachtet, verſprechen den Abend wieder zu kommen, da Firnewalt einen kleinen Aufſatz über das kirchliche Be⸗ kehrungsweſen vorleſen wolle.— Es iſt eine Art von Brief an eine Dame, die ſich gegen ſeinen proteſtan⸗ tiſch⸗philoſophiſchen Glauben verſucht zu haben ſcheint, ſagte Frau Sophie. Du kannſt Dir denken, beſte Klara, daß wir durch deine Mittheilung der Diſtichen gegen die Gräfin Ida auf das Kapitel gekommen ſind. Jene Verſe ſind wirklich von ihm, und er hat herzlich dazu gelacht, daß Du die häßlichen Her- und Pentameter, wie er ſie nennt, dem Genialen auf den Rücken ge⸗ heftet haſt. Klara erröthete, nicht ſowohl über dieſe letzte Aeuße⸗ rung, als weil ſie an Sophien während ihrer Mitthei⸗ lungen einigemal ein flüchtiges Erröthen bemerkt hatte. Bei zartfühlenden Frauen iſt ja das Erröthen oft ſo fahrung iſt. communiſti⸗ bürgerlichen Beiſein der viederholen, onen wolle. „Genial“ Tante un⸗ ommen, da rchliche Be⸗ ge Art von proteſtan⸗ ben ſcheint, ſte Klara, chen gegen ind. Jene erzlich dazu Ventameter, Rücken ge zte Aeuße Mitthei⸗ rkt hatte. on oft ſo 397 anſteckend, wie bei langweiligen Männern das Gäh⸗ nen.— Während dergeſtalt unſere drei heitern Menſchen ſich zur alten Freundſchaft wieder zuſammen fanden, wurde dem kranken Genie Reiſig zu ſeinem Aufkommen ein ebenwohl ziemlich altes Recept verordnet. Doctor Lukas traf ihn bei dem marinirten Häring etwas öde ausſehend und durch ſeinen Katzenjammer gehörig vorgerichtet. Nachdem er ihm hin und her gehend die an den Wirth, an Doctor Hellmuth und den Kleiderlieferanten ſchuldigen Beträge nebſt der Ent⸗ ſchädigungsforderung des Buchhändlers für den Fall des nicht zur Ausführung kommenden Vertrags auf einem Zettelchen vorgerechnet hatte, ſetzte er ſich bequem und mit ſeinem Stöckchen ſpielend auf einen Stuhl, und ſagte: Sehen Sie, einſichtsvoller Herr, es addirt ſich ein artig Sümmchen, das ſchon der Mühe lohnt, in einer unfreiwilligen Clauſur abgeſeſſen zu werden. Vielleicht iſt Ihnen ein wenig eingeſteckt zu werden erwünſcht, und es iſt allerdings für manche Menſchen ein Hülfs⸗ mittel der Selbſtbeherrſchung und einer heilſamen Diät. In dieſem Falle kann ich Ihnen dies gute Mittel ſo⸗ gleich verſchreiben. Sonſt— ſehen Sie, mein Beſter, kann von Abtragen der Pöſtchen unter a. b. c. keine Rede ſein. Denn, wollten Sie auch,— Sie könnten 398 nicht. Sie müſſen ja über Ihr inneres Vermögen ſo klar ſein, wie Sie es jetzt über Ihr äußeres ſind. Allen Reſpect yvor Ihrem— Genie! Die Reiſebeſchrei⸗ bung im Ganzen, ſo wie die noch von ihnen beige⸗ brachten Skizzen und artigen Handzeichnungen zeugen von Ihrer ausgezeichneten Begabung. Aber— Ver⸗ zeihung, mein Theuerſter! Sie haben Ihrem Genie auch zu viel zugemuthet, Sie haben es etwas verlebt, ſtark verlaborirt, wobei ich durchaus nicht ſagen will — verliederlicht. Vielmehr rede ich von Productionen vor Ihrer Sündfluth, ſo zu ſagen von antediluvianiſchen Erzeugniſſen,— pflanzenartigen, thierartigen, von Va⸗ riolarien, Pachydermen, zu denen auch die sus proa- vitus gerechnet wird und dergleichen. Ich will zugeben, — wenn Sie ſich recht zuſammen nehmen in geiſtiger und leiblicher Diät und Disciplin, daß Sie noch ein Erkleckliches aus dem Bankrott— oder wenn Sie lieber wollen— aus dem Schiffbruch Ihres Vermögens für die Zukunft retten könnten: aber die Grgenwart iſt verflucht preſſant, Theuerſter, und der Uebergang in jene Zukunft verlangt auch etwas. Alſo— wie fangen, wo faſſen wir das Ding an? Reiſig ſah wohl ein, daß er einen klaren Mann vor ſich hatte, gegen deſſen Weltverſtand und Seelen⸗ blick keine Finten aufkommen dürften. Das große, hellblaue Auge des Doctors ruhte ſo lachend und ſchalte Häͤri ſamm 399 müͤgen ſe ſchalkhaft aufihm, daß ihm kein Schlupfwinkel blieb, ſind Verſteckens zu ſpielen. Er fühlte vielmehr, daß er ſich nur 3 ſſebeſchrei⸗ durch unbedingte Hingebung an den gutmüthigen Schalk 1 beige helfen könnte. Mit etwas ödem Lachen verſetzte er: 3 zeugen Anfangen, verehrter Doctor? Ei was! Fangen er— Ver⸗ wir lieber gar nicht an, ſondern hören gleich auf! 1 rem Genie Sie haben ein Recept für mich in der Taſche: heraus 1 verlebt, damit! Wenn's denn auch ein moraliſch geſalzener 4 agen will Häring wäre,— ein Häring für den innern Katzen⸗ oductionen jammer—. vianiſchen Nichts da mit Häring! fiel Lukas ein;— ein von Va⸗ Syrup, alt, probat! Hören Sie mich mit Verſtand 3 proa. an! Ich war dieſer Tage wieder in Mainz. Ich* ugeben, bin Hülfsarzt, Conſulent der Gräfin Ida. Sie hat eiſtiger ſo kleine wechſelnde Uebergangsleiden. Es ſind ja— c ein die herrſchenden Leiden der Zeit, wie mannichfach ſie Sie auch auftreten. Diesmal iſt es eine kleine Knieverletzung geweſen. Es will einmal alles gelernt ſein. Ein alt⸗ proteſtantiſches Knie macht manchmal Oppoſition gegen ein neukatholiſches Herz. Nun denken Sie ſich die wunderbare Fügung, daß ich auf dem Tiſche der Gräfin das Blatt unſerer Chronik mit den gegen ſie gerichteten Diſtichen ſinde. Fräulein Amelung's beigegebene Note⸗ weiſt, wie Sie wiſſen, auf den Verfaſſer, der jetzt in unſerer Stadt weile. Sie fragte nach Ihrer Perſon, und Sie können denken, daß ich ihr das Beſte ſagte, 400 was ich wußte. Auf ihre weitere Frage, ob Sie denn befriedigt in der Seele von Ihrer Weltfahrt zurückge⸗ kehrt wären, äußerte ich,— es ſchiene mir nicht. Es wäre etwas, was Sie immer abhielt, die letzte Hand an Ihre Reiſeberichte zu legen, und irrte ich nicht ſehr, ſo wäre es ein inneres Verlangen nach einer höhern Befriedigung und Einigkeit. Ich ſagte das aus einer gewiſſen ſchalkhaften Galanterie, weil ſie von dergleichen ſelbſt erfahrenen Zuſtänden gern hört. Auch geſiel es ihr ſehr und ich ſetzte raſch hinzu, die muth⸗ willigen Diſtichen ſeien Ihnen eigentlich entwendet und gegen Ihre Abſicht publicirt worden.— O ich vergebe ſie ihm, lächelte ſie. Dergleichen berührt mich nicht. Im Gegentheil, ich wünſchte dem unglücklichen Manne zu begegnen und ihm etwas Wohlthuendes erzeigen zu können.— Sie ſprach noch von feurigen Kohlen, die ſie auf ihr Haupt—, u. ſ. w. Nun wiſſen Sie,— vergrabene Schätze erſcheinen in der Geiſterſtunde als feurige Kohlen: verſtehen Sie mich? Noch nicht, lieber Doctor! antwoetete Reiſig. O Sie—! rief Lukas. Sie ſollen nun umgekehrt, wo ſich Ihnen feurige Kohlen zeigen— nach verbor— genen Schätzen ſuchen, meine ich, und— das eben iſt mein Recept! Sie ſelbſt mögen von noch ſo geringem Metalle ſein, geehrter Herr,— jene Leute beſitzen die Goldtinctur zu Ihrer— Umwandlung, Bekehrung. Nun begreif mit, wohlth Ich mich! fort, W ie denn t zurückge⸗ nicht. Es zte Hand cht ſehr, hoöhern D 401 begreifen Sie mich? Ich gebe Ihnen ein paar Zeilen mit, wenn Sie ſich Verzeihung holen wollen und ſich wohlthun laſſen. Ich bin wahrhaftig gerührt von Ihrer Güte für mich! antwortete Reiſig in Ueberlegung zerſtreut. O nehmen Sie das leicht, mein Beſter! lachte Lukas. Es ſind hier liebe Freunde die den beſten Theil des Dankes gern übernehmen. Aber— ich muß fort, und— Ihr Zuſtand iſt— unter der Preſſe! Wäre nur— wenn ich Ihnen folgte, lieber Doctor, — nicht ſo viel zu glauben! lächelte Reiſig. Ei was glauben! Zu bekennen, wollen Sie ſagen Dies iſt eine bekannte Münze; die hat keinen innern Werth in dermaliger Zeit, aber guten Cours. Und— Sie Tauſendſaſa! Seit wann wären Sie denn kein Verſchwender geweſen— mit Bekenntniſſen, die gerade ſo gut waren, wie falſche Münzen, he? Lachend erwiderte Reiſig hierauf: Dann wär's aber wohl beſſer, wenn ich dort gleich bekennte, daß die kränkenden Verſe doch eigentlich von dem jungen Firnewalt ſind? Was? rief Lukas. Sie wollen Ihren letzten Tre⸗ ſorſchein wegwerfen? Bedenken Sie denn nicht, daß Sie als reumüthiger Sünder zehnfachen Werth haben? 9◻ Sie! Nein, mit geiſtigem Borg bezahlen Sie pecu⸗ niäre Schulden, und das heißt genial!— Apropos Koenig, Seltſame Geſchichten 26 — 8—————— 4 1 — 402 Firnewalt! Er iſt hier angekommen bei Doctor Hell⸗ muth.— Firnewalt? Was— verſetzte Reiſig kleinlaut und ſtand auf. Ja, antwortete Lukas. Er ſoll Sie aber nicht be⸗ ſuchen, bis ich Sie für ganz hergeſtellt erkläre. Danke! erwiderte Reiſig etwas unruhig. Was kann ich ihm denn auch, lieber Doctor—? Alſo von wegen Ihres Receptes—. Wie könnte ich denn aber von hier loskommen? Das übernehme ich! erklärte der Arzt. Ich ſage gut für Sie, wogegen Sie mir all' Ihre Manuſceripte und Zeichnungen überlaſſen, die dann entweder von dort wo Sie hingehen, eingelöſt, oder von uns zu Gelde gemacht werden. Aber Doctor,— ich brauche auch einiges Reiſe geld.— Ich denke, das Buchhändlerhonorar wird noch ſo viel Ueberſchuß gewähren, meinte der Arzt; worauf Reiſig leichthin erklärte: Nun denn, mein Verehrteſter, ſchicken Sie mir Ihren Empfehlungsbrief! Ich kann mir's ja überlegen; es e9 ſcheint wirklich kein übler Spaß! Ueberlegen Sie! rief Lukas. Derweil nehme ich dieſe Papiere an mich. Nur mögen Sie bedenken, daß IP; 95„„ 9„„„,„ f, g. Ihre Actien in dem Grade ſteigen, als Sie ſich als eilen. aut und 403 Es iſt nämlich in der Gegend dort eine ärgerliche Ge⸗ ſchichte mit einem angeſehenen Domherrn und einer Kammerjungfer durch gedruckt erſchienene Briefe aus⸗ gekommen. Ein ſcharfer Schütz hat mitten in's Schwarze des Cölibat's getroffen. Unter dieſen Umſtänden würde jede erfreuliche Gegengeſchichte doppelt willkommen ſein. Alſo adieu, lieber Reiſender! Sie werden jedenfalls eine intereſſante Dame kennen lernen. Sie wiſſen, ſie hat die hübſche Reiſe von Babylon nach Jeruſalem gemacht. Adieu! Laufen Sie glücklich in den Hafen ein!— Tauſend Dank, beſter Doctor! rief Reiſig mit ein mal ſeelenvergnügt, und ſtimmte aus etwas rauher Kehle die bekannten Liedesverſe an: „Und das Glück das fern ich ſuchte, find' ich ewig nur bei—.“ Sie Tauſendſappermenter! rief Lukas an der Thüre zurück. Da haben Sie ja auch ſchon die Melodie dafür! 1 4 1+ Die Umwandlung der Geſinnung, die Veränderung einer Lebensanſicht geht in der Regel allmählich mit em Wandel der Erfahrungen vor ſich Doch kann 26* —— mõm ——— 2 ———— — b ‿ —— 1 — 404 dieſer innere Proceß auch durch Bedrängniſſe des Her⸗ zens, durch Erſchütterungen des Gemüthes beſchleunigt werden. Allein weder das Eine noch das Andere iſt bei Frauen und Jungfrauen mit ſo viel Ueberlegung und Berechnung verbunden, als dieſelben etwa beim Wenden eines abgetragenen Seidenſtoffes und Aus— beſſern mit verändertem Zuſchnitt in Anwendung brin⸗ gen. Klara war jedoch durch einigen Gebrauch der ſchriftſtelleriſchen Feder mehr, als andere Ihresgleichen, an Selbſtbeobachtung gewöhnt und zu Reflexionen ge⸗ neigt. Sie konnte ſich daher auf ihrem Abendgange zu den Freunden einer lächelnd-gerührten Betrachtung über den Umſchlag, der in den letzten Wochen mit ihrer Empfindungs⸗ und Anſchauungsweiſe vorgegangen war, nicht erwehren. Wie war doch ihre heutige Stim— mung, mit der ſie einer neuen literariſchen Bekannt⸗ ſchaft entgegen ging, von der Spannung verſchieden, mit der ſie früher, in derſelben Wohnung der Freunde, dem„Genialen“ entgegengeſehen hatte! Sie verglich ihre heutige milde Heiterkeit mit dem Eindrucke, den Safrans Buch bei ihr hinterlaſſen hatte, während jene frühere Aufregung der Wirkung ähnlich ſchien, die Reiſigs Manuſcript durch maßloſe Darſtellung auf einen phantaſievollen Leſer machte. Wie allernächſt lag da für Klara die Frage, ob auch die neue Per⸗ B ſönlichkeit ſo erfreuliche Berührungen mit ſich bringen 405 werde, als die andere ihr die unſeligſte Verwirrung angerichtet hatte. Doch ſtieß die Freundin auf dieſe Frage nicht; vielleicht weil ſie eben ſchon auf der Treppe eine lebhafte Unterhaltung aus dem Zimmer vernahm. Herr Safran— Firnewalt— war ſchon da; eine jugendliche, ſchlanke Geſtalt in einfach-elegantem An⸗ zuge. Dieſe günſtige Erſcheinung war von einem ge⸗ winnenden Benehmen begleitet. Es konnte nicht eigentlich gemeſſen oder gehalten heißen; denn es war keine Ueberlegung, keine Berechnung dabei; man durfte es eher gelaſſen nennen, in dem Sinne, daß es wie von ſelbſt kam, aus einem Gleichgewicht von Empfinden und Denken, von Lebhaftigkeit der Seele und Milde des Temperaments hervorgegangen. Indem aber Klara bald genug aus den Blicken, aus den kleinen Aufmerkſamkeiten des jungeu Mannes heraus— fühlte, daß ihm von den Freunden Manches über ſie mitgetheilt worden ſei, und er gewiß auch ihre jüngſte Verirrung kenne: ſo ſetzte ſie das begreiflicherweiſe in eine merkliche Befangenheit gegen ihn. Dies gab ihr aber einen zarteren Reiz mehr gegen ihr früher etwas zu entſchiedenes Weſen, und intereſſirte den jungen Poeten zugleich auf eigenthümliche Weiſe. Es war ihm neu, im Laufe einer ſich ſehr belebenden Unter⸗ haltung ſo viel kluge und glänzende Gedanken eines Mädchens in ſo anmuthige Befangenheit gefaßt zu fin⸗ 7 b ¹ b —— — —— 406 den. Aber auch Klara machte eine neue Erfahrung. Indem ſie nämlich mit dem ernſten Vorſatze gekommen war, nicht ſobald wieder für einen Zugvogel von irgend einem ſchriftſtelleriſchen Gefieder zu ſchwärmen, hatte ſie noch nicht bedacht, daß ein großer Unterſchied ſei zwiſchen den Empfindungen, die aus der Voraus⸗ ſetzung und denen, die aus dem Eindruck von einer Perſönlichkeit entſpringen, und daß man von jenen leicht zurückkommen, von dieſen aber noch leichter mit⸗ genommen werden könne. Eine glückliche Fügung kam dazu, beide junge Be⸗ kannte leichter zu vermitteln: alle Anſichten nämlich, die der liebenswürdige Poet in munterm Geſpräch vorbrachte, riefen wenn auch nicht immer eine lebhafte Uebereinſtimmung bei Klara, doch nur einen ſolchen Widerſpruch hervor, der gerade dadurch gefiel, daß er die witzigen, geiſtreichen, oft aber etwas einſeitigen Gedankenſprünge Firnewalts durch eine warme und ſeelenvolle Erinnerung ergänzte und in ihren Anſichten erweiterte. Sobald der Thee getrunken war, und man den jungen Gaſt an die Lectüre des verſprochenen Aufſatzes oder Briefes erinnerte, ſagte er: Gut, daß Sie es gleich ſelbſt als einen Brief be⸗ zeichnen! So mag es ſeine Entſchuldigung finden, wenn darin eine ſo verhängnißvolle Erſcheinung der man. Dan leich hab lich auf gen ſenr 407 2 Zeit, eine ſolche Kriſe unſerer religiöſen Entwicklung allzuleicht abgefertigt erſcheinen muß. Es war mir nicht darum zu thun, die ſchwere Frage ſelbſt, worüber man ein Buch ſchreiben könnte, ſondern nur die eifrige Dame abzufertigen, die nicht üble Luſt zeigte, mich zu bekehren. Es kam mir vor, als läge die wirkſamſte Abweiſung derſelben darin, ſo leichtſinnig in dieſen Dingen zu erſcheinen, daß ſie es gar nicht mehr der Mühe werth halten möchte, mich zu ihrem Bekenntniß hinüber zu ziehen. Ja doch! verſetzte Frau Sophie, wir nehmen's ſchon leicht, zumal wir es mit andern Bekehrungen zu thun haben. Ich z. B. nachdem ich von meiner unverzeih— lichen Uebereilung bekehrt bin,(ſie umarmte Klärchen auf's Zärtlichſte) habe meinen Mann in die Bekehrung genommen, wie Sie ſchon ſelbſt bemerkt haben. Mit ſeinem eraltirten„Genial!“ hat er nicht nur ſchon einen Tragödiendichter ruiniren helfen, ſondern auch die theuerſte Freundin in Verlegenheiten gebracht. Alſo leſen Sie nur! Die kleine Geſellſchaft ſetzte ſich bequem, und Herr Firnewalt las mit ſeinem wohlklingenden Organ fol genden kleinen Anfſatz. 4 — —— „ 1 —— N 08 Rückfälle zur Kirche. (Aus dem Brief an eine Dame.) Zum Schluſſe komme ich noch auf Ihr Jubelfeſt der Kirche,— ich meine Ihren Jubelruf, meine eifrige Freundin. Sie halten es für ein merkwürdiges Zeichen der Zeit, daß der in ſeinen Kreuz- und Querzügen er⸗ müdete Proteſtantismus, ſogar in dem weltgeſchäftigen England, ſich der verlaſſenen Mutter Kirche wieder in die Arme wirft,— ein verlorner, aber reumüthiger Sohn. Und Sie fragen mich, was ich dazu ſage. Eine Zeiterſcheinung iſt es allerdings, meine Ver⸗ ehrte, und iſt der Mühe werth, ſie in Betrachtung zu nehmen. Eine Zeiterſcheinung muß aber aus der Zeit begriffen werden; daher ich denn mit Ihnen nicht ein⸗ verſtanden ſein kann, wenn Sie ſolche der ſiegenden Macht der Wahrheit zuſchreiben. Was ſollte denn die Menſchen ſo plötzlich zu einer früher beſtrittenen Er⸗ kenntniß bringen, gerade jetzt, da die Bildung des Jahr⸗ hunderts in der Richtung zum Wiſſen durch Selbſt— prüfung fortſchreitet, und mithin nur weiter vom Dogma der Kirche abgekommen iſt, das auf der Stufe des Glaubens von fremder Autorität feſtgehalten wird? Wir müſſen uns nach anderen Elementen der Zeit um⸗ ſehen, um eine ſolche— vielleicht krankhafte Er⸗ ſcheinung zu verſtehen. 5 409 Von einzelnen Fällen des Religionswechſels aus vorgeblicher oder wirklicher individueller Ueberzeugung iſt natürlich die Rede nicht. Die geiſtigen⸗Bedürfniſſe der Menſchen ſind bekanntlich ſehr verſchieden. Auf Manche macht ſchon der innere Zuſammenhang des katholiſchen Lehrbegriffs Eindruck, abgeſehen von der Vernunftmäßigkeit deſſen, was zuſammenhängt. Die Rede iſt nur von der Erſcheinung eines häufigeren Rückfalls auf eine überwundene religiöſe Bildungsſtufe der chriſtlichen Menſchheit. Hier ſuche ich mir ſogleich die alte Ueberzeugung zu erneuern, daß kein Zuſtand im Leben der Völker ohne beſonderen Segen bleibt, der aus wirklichen oder anſcheinenden Uebeln hervor⸗ geht. Wie viel Schönes und Frohes zerſtört z. B. nicht ein langdauernder Krieg, wie ihn unſere ältere Generation noch erlebt hat! Aber unter den großen Calamitäten, die er mit ſich führt, gewinnt doch die moraliſche Kraft der Menſchen. Muth, Mäßigkeit, wechſelſeitiges Wohlwollen, Liebe und Duldung thun ſich hervor, und bewähren ſich in gemeinſamen Leiden. Die Kräfte des Schaffens bilden ſich insgeheim für eine vielſeitige Thätigkeit im kommenden Frieden, wie die Bäume im Winter ihre Saugwurzeln erneuern. Ja, der Krieg erinnert an die Winterzeit: auch da blüht, grünt, reift nichts, und man zehrt von früheren Ernten; aber die Luft iſt reiner, friſcher: die Menſchen 10 fühlen ſich kräftig, unverdroſſen unter den Stürmen, und rücken bei Licht und Feuer enger zu einander, bis ſie mit geſammelten Kräften an die Frühlingsarbeiten gehen. Nun bedenken Sie, daß wir über vierzig Jahre Frieden haben. Gewerbe, Handel und Wandel, ſchöne und nützliche Künſte, Erfindungen und Genüſſe aller Art bereichern und erheitern das Leben. Es iſt ein herrlicher, fruchtbarer Sommer. Aber— wie ſchwül, drückend, verſtimmend iſt nicht die Luft! Und die Men⸗ ſchen, durch keine allgemeine Noth mehr nach außen geſpannt, ſind nur jeder mit ſich beſchäftigt, launenhaft, eitel und anſpruchsvoll. Noch ſchlimmer, daß eine heilloſe Politik den Segen jener Kriegsjahre— die nationale Einigkeit und Erhebung in Fluch verwan⸗ delt hat, indem ſie den geiſtig bevormundeten, in jeder Thätigkeit überwachten, von aller Theilnahme am Staatsleben zurückgedrängten Völkern nichts übrig ließ, als innere Verbitterung, unfruchtbare Speculation, frivole Meinungen, Genußſucht, politiſche Umtriebe und in was allem müßige und übermüthige Kräfte, die nicht ſchaffen können, ſich zerſtörend verſuchen. Während in ſolcher Lage nun die unruhigen Menſchen in hundert Eitelkeiten und ſpielenden Genüſſen nicht ermüden, wenden gerade die tieferen Seelen, unbefrie⸗ digt von all dem Nichtigen, in ihr Innerſtes den Blick; da ſie ſich denn über einem unerforſchlichen Abgrunde 44 Krafle, rſuchen Me nſche ſen nicht unbefrie n Blic (barund 411 des Ewigen finden, das ja, im Zuſammenhang mit der Unendlichkeit, in jedem Herzen quillt. Nun hat der Menſch zwar das erhabenſte Glück, aber auch die dun⸗ kelſten Gefahren in ſeiner eigenen Bruſt. Welche Ahnungen, aber auch welche Aengſte ſteigen nicht für eine ſchwache Seele aus dem eigenen Herzen auf! Sie geräth außer ſich, wie man zu ſagen pflegt, und — Glück auf! gerade außer ſich findet ſie noch Ret⸗ tung— an Aeußerlichkeiten, die für bedeutſam gelten, an gewohnheitlichen Leiſtungen, die mit hohen Gnaden verknüpft ſind. Das iſt es ja, wodurch die katholiſche Kirche früher den unmündigen, unentwickel⸗ ten Völkern zu geiſtiger Entwicklung und Bildung ge— holfen hat, wie man Kindern an äußeren Gegenſtän— den zum Stehen und Laufen hilft. Mit gleicher mütterlicher Nachſicht und Nachhülfe nimmt ſie ſich auch wieder der Erkrankten an, die fremden Bei⸗ ſtandes nicht entrathen können. Solchen krankhaften Anwandlungen unterliegen allerdings nur wahrhaft religiöſe Seelen: jedoch auch nur ſolche, die dabei un⸗ klar und unſelbſtändig ſind. Kommt aber noch Erſchöp⸗ fung von Weltgenuß, Verſtimmung aus Erlebniſſen, Langeweile einer ſchlechten Gegenwart und dergleichen hinzu: ſo vermehrt und vermannichfaltigt ſich die Kränklichkeit der Zeit. Ja, die römiſchen Beſtrebungen ſelbſt, dies entzweiende, aufhetzende, die Gewiſſen 412 ängſtigende Treiben iſt nur auf Verſchärfung der Krankheit gerichtet; wie man denn die neuen Jeſuiten am richtigſten als umherziehende und heimiſch werdende Miasmen begreift, die beſonders auch die Höhenpunkte der Geſellſchaft beſtreichen und z. B. den rheiniſchen und weſtphäliſchen Adel an ſeinen preußiſchen Anti⸗ pathien anſtecken. In ſolchen mit Schwäche, Unruhe und Beängſti⸗ gung verbundenen Krankheiten,— welches iſt der ge— ſuchteſte Arzt? Immer derjenige, der viel verſpricht und viel verſchreibt. Ein ſolcher iſt der Proteſtantis⸗ mus nicht: er iſt ein Waſſerdoctor, und verweiſt an die Quellen des Chriſtenthums und an moraliſche Arbeit. Er legt viel Werth auf kirchliche Diät, da er ſelbſt aus dem üppigen Mutterhauſe mit Taufe und Abendmahl ausgewandert, ſich, ſo zu ſagen, auf Waſſer und Brot geſetzt hat. Leider hat bei dieſer Auswanderung der Proteſtan— tismus ein Drittes mitzunehmen vergeſſen,— ein zu— gängliches Myſterium. Der Menſch, wiſſen Sie, hat wie die Pflanze den doppelten Trieb nach dem Licht und nach dem Dunkel, Zweige und Wurzeln ſtreben auseinander, in die Höhe, in die Tiefe. Das iſt es, was uns alle, auch den Aufgeklärteſten, zum Geheim⸗ nißvollen hinzieht, was ſchon in der Geſellſchaft Herren und Frauen um eine Dame anhäuft, die zu erkennen gibt, daß ſie ein Geheimniß beſitze. In dem Grade nun, als der Baum der europäiſchen Bildung in allen ſeinen Zweigen, ſelbſt in der Politik, nach Luft und Sonne ſtrebt, treibt er, um Gleichgewicht zu halten, auch neue Wurzeln in die dunkle Tiefe ſeines alten Bodens. Wieviel muß dabei die Kirche gewinnen, die noch mit Geheimniſſen und Wundern ſpeculirt? Was iſt dagegen das Myſtiſche, womit ſich der Proteſtant zu entſchädigen ſucht? Behält Ihre Kirche doch den Vortheil, ihre Geheimniſſe ſinnlich eingefaßt zu haben, wie Quellen, die dem frommen Vertrauen zugänglicher ſind, als der nebelhafte Abgrund des göttlichen Da— ſeins, in welchen der Myſtiker hineinſtarrt. Ich ſehe Sie zu meiner Darlegung den a ſchütteln, verehrte Freundin. Aus den Zeitverhältniſſe geſchöpft finden Sie allerdings meine Erklärung; nur lieben es die Frauen nicht ſo tief geſucht. Und Sie können Recht haben: dieſe Glaubensrückfälle ſtehen vielleicht nur in oberflächlichem Zuſammenhange mit dem Geſchmack der Zeit. Greift nicht die unbe⸗ friedigte Welt auch nach alten Moden und Mobilien, träumt von alten Staatseinrichtungen und richtet antikes Theater ein? Roccoco, meine Theure! Roccoco! Doch, Ihr Wohlgefallen an Englands Neubekeh⸗ rung darf ich nicht unerwähnt laſſen! Von dort weht —n— 4 ¹ 1 4 —— N 414 es Einen leicht mit einigem landeseinheimiſchen Humor an. Ich denke mir alſo, in jenem national⸗ökonomi⸗ ſchen Staate faſſe man das Katholiſchwerden gegen das uralte„No popery“, aus dem volkswirthſchaft⸗ lichen GeſichtsSunkt auf. Man weiß, daß leichte Arbeit mit viel Verdienſt ſehr geſucht iſt. Der Pro⸗ teſtantismus legt aber keinen Werth auf Werkheilig— keit, während Andachtsübungen aller Art in der römi⸗ ſchen Kirche eine gute Rente abwerfen, die für die Ewigkeit capitaliſirt wird. Was zu dem neuen Papſt⸗ einfluſſe die großen Grundbeſitzer in England ſagen, die mit der freien Korneinfuhr wenig zufrieden ſind, weiß ich nicht; nur fiel mir eben ein, daß das Wort pope, Papſt, im Engliſchen auch—„Kornwurm“ be⸗ deutet. Und wenn des Papſtes Auge ſeitdem mit be⸗ ſonderm Wohlgefallen auf England ruht: ſo kann der Heilige Vater glücklicherweiſe nicht Engliſch genug, um zu wiſſen, daß dort—„the pope's eye in a leg of mutton“ das Fettſtückchen an einer Hammelskeule be⸗ deutet.—— So hätte ich Sie denn, meine Verehrteſte, mit allem Anſtand aus der Kirche bis in die Küche be⸗ gleitet. Hier aber trete ich mit Ehrerbietung zurück, eingedenk jenes ſtrengen Wortes eines heiligen Kirchen⸗ vaters:„Mulier taceat in ecclesia“, das heißt zu deutſch: der Mann miſche ſich nicht in Küchenſachen! —ᷓʒᷓʒ·— —————— 15. Der ſcherzhafte Schluß mit ſeiner verſteckten Zu⸗ rechtweiſung für die bekehrungsſüchtige Dame ſetzte die Zuhörer in vergnügtes Lachen.— Prächtig, charmant! rief Doctor Hellmuth, genia—. Halt, Männchen! fiel ihm Frau Sophie in's ver⸗ botene Wort. Da ſeht ihr nun Alle den rückfälligen unverbeſſerlichen Sünder, bei dem keine Bekehrung an⸗ ſchlagen will! Sagt nun ſelbſt,— in welche Buße nehmen wir ihn? Ich ſchlage die jeetzt ſo beliebten geiſtlichen Exercitien vor. So wär's ſchon eine hübſche Uebung, wenn er ein halbes Buch Papier des Waſſer⸗ zeichens Pro patria voll zu ſchreiben hätte mit dem einzigen chriſtlichen Unionsworte von heute: Jeſuit. Und wenn er ſtatt deſſen, aus Zerſtreuung etwa, nur einmal„Heuchler“,„Egoiſt“ oder„Spitzbube“ ſchriebe, ſollte er den ganzen Tag kein Fleiſch zu eſſen bekom⸗ men, ſondern nur Forellen und Eierkuchen, oder Hecht mit Kartoffeln. Man lachte und beſprach dann einige Anſichten des geleſenen Artikels. Als der Verfaſſer die ſchweig ſame Klara fragend anſah, verſetzte ſie etwas verzagt; Ihre Abſicht, Herr Firnewalt, war auf ſcherzhafte Abfertigung gerichtet, wie Sie uns ſagten: ſonſt hät ten Sie doch wol das tiefere Moment in dieſer kirch ——— 84 k. — —— 416 lichen Bewegung mehr herausgehoben. Ich meine das Verhältniß der beſondern Menſchenſeele zur religiöſen Atmosphäre, worin ſie das Ewige athmet. Ich ſelber habe(und bei dieſen Worten fiel aus den niederge⸗ ſchlagenen Augenwimpern ein leichtes Roth über ihre Wangen) in jüngſter Zeit an mir erfahren, daß ein verlaſſ'nes Menſchenkind bei jeder Wendung ſeiner Lebenslage dem Ewigrettenden in der Welt eine neu⸗ bedürftige Seite zukehrt; ſo, möchte ich ſagen, wie jede von der Pflugſchar umgeſtürzte Ackerſcholle mit ihrer dunkeln, näßlichen Krume Licht und Lebensluft begierig einſaugt, bis die feuchte Wange trocknet und ’ nach himmliſchem Regen dürſtet. Denke man ſich ein 1 im Weltleben von wechſelnden Genüſſen, von unbe⸗ Vergängliche ausgetrocknetes Herz, in welchem durch 9 V herrſchten Begierden, von tiefſter Hingebung an das 1 f 1 Unglück oder Erſchöpfung plötzlich das Bedürfniß des Religiöſen erwacht: er wird gewiß ganz andere, darf „ ich ſagen— handgreifliche Befriedigung verlangen, als eine Seele die ſo glücklich geführt wurde, daß ſie in ſittlichem Thun und Laſſen nie ganz aus dem Ver⸗ kehr mit Dem fallen konnte, was uns Göttliches um— gibt. Jenes Herz war vielleicht ſelbſt in ſeinem ſinn⸗ lichen Leben ſchon nicht ſelbſtändig, und hing an einer führenden Liebe, die ihm verführend ward, oder es war das Herz einer Mutter, die unter eitelem, weltſüchtigen Aufwande von Geiſt und Bildung ein armes kretinen⸗ artiges Geſchöpf geboren hatte und es für eine Züch tigung des Himmels anſah. O man kann lange ſehr geiſtreich ſein, prächtig über Muſik und Bilder reden, und doch der höheren Einſicht, oder der Einſicht in das Höhere entbehren, und iſt dann gar leicht der Gefahr ausgeſetzt, wenn man endlich die Arme nach der Wahr⸗ heit ausſtreckt, die Wolke ſtatt der Göttin zu umfaſſen, den Weihrauch ſtatt der Weihe zu empfangen,— Aeußerliches genug, womit man auf neue Weiſe wieder eitel thun kann. Lacht mich nicht aus, ihr Herren, wenn ich einen Augenblick in euern gelehrten Krims⸗ krams pfuſche. Aber ich erinnere mich aus den öffent⸗ lichen Vorleſungen letzten Winters, daß da, wo mit einer chemiſchen Baſis ſich eine Säure verbindet, eine aufbrauſende Wärme und ſelige Befriedigung erfolgt. So würde vielleicht ganz Babylon in Pſalmen und Hymnen aufbrauſen, wenn man Jeruſalem hinein gießen könnte. Nur ſeraphiſche Seelen leben bloß von reinem religiöſem Aether, athmen oder lodern, ſo zu ſagen, im Sauerſtoff des Göttlichen; wir Andern kön⸗ nen nur in gemiſchter Luft leben, und Viele oder die Meiſten brauchen den dickſten Qualm zum Athmen. Darum, Herr Firnewalt, halte ich den Katholicismus nicht mit Ihnen für eine überwundene Bildungs⸗ ſtufe der chriſtlichen Menſchheit. Die Maſſe der Völ Koenig, Seltſame Geſchichten 27 — 418 ker,— und dazu gehören doch erſtaunlich viel gebildete Leute und ſalonläufige Ariſtokraten— die Maſſe wird noch lange nicht des Sinnlichen entrathen können, das aus dem alten Heidenthum in die Kirche übergegangen iſt. Gewiß, mein Fräulein! erwiderte, als ſie ſchwieg, der junge Freund; nur war meine Briefdame, um ſo mit ihr zu reden, keine Klara Amelung. Bin ganz einverſtanden, daß man die verſchiedenen chriſtlichen Bekenntniſſe mit einem Aerometer meſſen kann, wie viel oder wenig Stickſtoff Heidenthum dem reinen Sauer⸗ ſtoff, den der hohe Meiſter dargeboten hat, beigemiſcht iſt. Dennoch bleibt es die große Schuld der Kirche, die ſich der beduͤrftigen Menſchheit nie als Erlöſerin, ſon⸗ dern immer nur als barmherzige Schweſter angenommen hat, daß es ihr nicht beigekommen iſt, als die fort⸗ ſchreitenden Jahrhunderte eine Ungleichheit in der Bil⸗ dung der Völker und Stände mit ſich brachten, die rechte Miſchung von Glauben und Forſchen, von chriſtlichem Gehorſam und chriſtlicher Freiheit, von ceremoniöſem Gottesdienſt und Anbetung im Geiſte zu veranſtalten. Keine gebildete Nation des Alterthums, die nicht in⸗ mitten des Volksglaubens— Myſterien für die den⸗ kenden Geiſter gehabt hätte. Hätte die Kirche ſtatt ihrer eingebildeten Conſequenz in dem, was ſte aller⸗ dings mit erſtaunlichem Verſtande ſelbſt gemacht hat, mit der innern Conſequenz des Geiſtes und der Liebe NmMf 419 die wechſelnden Lagen einer wandelbaren, auf Entwick lung angelegten Welt zu begreifen und dieſer ewigen Wahrheit zu dienen geſucht: ſo wäre dem Chriſtenthum allerdings die ihr ſo fatale Reformation erſpart wor⸗ den,— jene feindliche Scheidung des freien und des gefeſſelten Glaubens, und es wäre dann auch nicht zu unſerm Nationalunheil politiſcher Spaltung gekommen. Ja doch, ihr jeſuitiſchen Schreier, die Reformation hat allerdings dieſen Bruch herbeigeführt,— ver⸗ ſchuldet aber hat ihn Rom, das die Reformation nöthig gemacht hatte; denn dieſe war damals ein höheres Bedürfniß des chriſtlichen, ja des menſchlichen Geiſtes. Nun wäre es wenigſtens das letzte Heil, daß man dieſe beiden geſonderten Kreiſe der Wahrheit, da ſie nicht concentriſch ausgefallen ſind, friedlich neben einander wirken ließe,— das Walten des Autori⸗ tätsglaubens und des gläubigen Forſchens, der gebun⸗ denen und der freien Andacht, daß man ohne Unmuth und Hintertreibung jedem Herzen überließe, da oder dort ſeinen Frieden zu ſuchen, ſein Bedürfniß zu be⸗ friedigen, bis die fortſchreitende Bildung vielleicht wie— der zur Vereinigung deſſen fuͤhrte, was getrennt nie⸗ mals eine allgemeine Macht über die Völker gewinnen wird. Statt deſſen erblicken wir ein fanatiſches Trei⸗ ben, das jedem edeln Herzen den tridentiniſchen Fluch auspreßt: Wenn Einer lehrt,— auf unſrer Seite 27* —————„ —— ſſn—— 7 — — 8* —— — —,— — 4ℳ + 1 V 1 420 allein iſt die Wahrheit: Anathema sit,— dem ſoll der Athem ausgehen! Dieſe allzu ernſte Unterhaltung wurde durch den Eintritt des zum Abendbrote geladenen Doctors Lukas unterbrochen, als er mit der lachenden Verkündigung erſchien: Nun, er iſt glücklich fort— unſer Genie, unſer nach neuem Glauben und altem Arak fahrender Gaſt! Iſt er wirklich? rief es aus aller Munde. Gluͤck⸗ liche Reiſe! Gute Verrichtung! Ja, fuhr Lukas fort, ich habe ihm meinen Geleits⸗ brief gebracht, etwas Reiſegeld auf die Wirthsrechnung vermittelt, und ſo hat er den letzten Bahnzug benutzt. Sein Gepäck hatte kein Uebergewicht, und was er ſelber am Rhein wiegt, werden wir bald hören. Ich habe ihm nur noch etwas auf den Weg mitgegeben, was er nicht gleich begriff,— ein Taſchenhaarbürſtchen mit einem Spiegelchen. Man wird Sie dort zu einem ſo berühmten Manne machen, ſagte ich ihm, daß Sie wohl thun werden, ſich öfter im Spiegel aufzuſuchen, damit Sie ſich nicht ſelbſt abhanden kommen. Man beſprach ſich nun darüber, wie lange man auf eine allenfallſige Einlöſung der Manuſcripte und Zeichnungen Reiſigs von Seiten ſeiner neuen Gönner warten, und wie man ſich im Nichtfalle in die Ueber⸗ arbeitung der zum Druck beſtimmten Reiſe theilen wolle. dem ſoll durch den s Lufas kundigung n mit einem ſo Sie wohl amit dd 421 Firnewalt erbot ſich das Ganze zu beſorgen. Es ſchien mithin, daß ihn der Beſuch des Wildbades nicht ſehr dränge. Frau Sophie errieth zuerſt, was ihn feſſelte, und bald entdeckte er ſich ihr auch im Vertrauen. Wenn ich Ihnen rathen ſoll, ſagte ſie ihm, ſo über— eilen Sie ſich ja nicht mit Ihrer Erklärung und Be⸗ werbung. Laſſen Sie der lieben Klara Zeit, nicht ſo— wohl um ſich auf ihr Herz zu beſinnen, ſondern um nicht davor zu erſchrecken. Sie empfindet viel tiefer, als es nöthig wäre, das Mißverſtändniß mit dem fa talen Menſchen, ich glaube nur deßhalb, weil Sie, lieber Firnewalt— ſo kurz darauf gekommen ſind. Sie lächelte; er küßte ihr die Hand, worauf ſie fortfuhr: Laſſen wir Klärchen gewähren! Wir müſſen um ſo behutſamer ſein, weil es, wie ich zufällig gehört habe, der kränklichen Tante anliegt,— das Wildbad zu brauchen. Wir dürfen ja nichts davon bemerken. Der Arzt iſt auch damit einverſtanden, und nur die Leidende ſelbſt wehrt ſich noch dagegen. Aber ich habe ſchon Rath dafür. Morgen früh beſuche ich die Kranke, und hoffe ſie dahin zu bringen, daß ſie das Bad be⸗ ſucht und Klärchen mitnimmt. Dort im ſtillen Thale der Enz findet das edle Mädchen die rechte Einſamkeit für ein verzagtes Herz und der junge Poet mit dem * V 3 422 leidenden Arm den traulichſten Verkehr, ſich liebenswürdig zu machen.—— Und ſo geſchah es. Frau Sophie machte die Tanten im intimſten Vertrauen mit der annehmlichen Partie bekannt, die für Klärchen in Ausſicht ſtehe. Die Sache wurde von Meſſer und Gabel in's Feine zerlegt und ſehr annehmlich gefunden. Frau Sophie kehrte mit der Nachricht fuͤr den jungen Freund zurück, beide Tanten müßten nächſter Tage ohnehin nach Mannheim zur Eröffnung des Teſtaments und Antretung der Erb⸗ ſchaft, und wollten von da nach Wildbad zum Ge—⸗ brauche der warmen Quellen. Als hierauf Herr Firne⸗ walt vor ſeiner Abreiſe mit Frau Hellmuth einen Be⸗ ſuch bei den Tanten machte, empfing er ihre Aufträge wegen einer Privatwohnung wo möglich mit häuslicher Beköſtigung. Kaum war er abgereiſt, als jener Arzt und Uni⸗ verſitätsfreund des Doctors Lukas im Auftrage der Gräfin Ida erſchien, um Reiſig's„Werke“ gegen baare Befriedigung der verſchiedenen Forderungen an denſel ben einzulöſen. Beide Freunde ſetzten ſich bei einer Flaſche Rheinweins an das kleine Geſchäft, das ſie unter wechſelſeitigen Herzensergießungen und oft ſchal⸗ lendem Gelächter abmachten. Zum Beſchluß brachte der auswärtige Arzt ein kleines gedrucktes Heftchen hervor, betitelt:„Beſchreibung der Schlange, welche die Eva 1 —— verführte.“ Es waren die aufgefangenen und in’'s Publikum gebrachten Briefe des Beiden perſönlich be⸗ kannten Domherrn an ſeine Geliebte, eine Kammer⸗ jungfer, die zufällig Evchen hieß. So heiter und mate⸗ riell beide Aerzte eben geſtimmt waren, fühlten ſie ſich doch angewidert von der rohen und geſchmackloſen Un ſittlichkeit des Briefſtellers, der in Kirche und Staat, ſelbſt am proteſtantiſchen Hof eine ſo reſpectable Stel⸗ lung eingenommen hatte.— Das iſt es eben, ſagte der Arzt, was dieſen Zwiſchenfall geiſtlicher Beſtrebun gen ſo fatal und ärgerlich machte. An dem Verhältniß ſelbſt iſt ja nichts, was im Revier des Cölibats nicht oft genug vorkäme: aber daß gerade jetzt, wo das Schifflein Petri, Kapitän Loyola, ausdrücklich vor Anker liegt, um den Proteſtantismus als Paſſagier mit allem wiſſenſchaftlichen Gepäck als Paſſagiergut aufzu nehmen, ein Unterſteuermann ſolche ſchmutzige Flagge aufhißte, das war's, was hohe Eiferer krank machen konnte— Wir verlaſſen beide Freunde bei ihrer flüſternden Unterhaltung und ſehen uns nach unſerem liebenden Paar um. Jetzt erſt, nachdem mit den eingelöſten Papieren auch dieſer Dunſtſchweif des Unglücks⸗Kometen Reiſig unter Klara's Horizont verſchwunden war, athmete ſie auf und blickte freien, ungetheilten Gemüths in ihre 424 Zukunft. Auch lehnte ſte fortan alles ab, was an den Genialen erinnern wallte, ſelbſt jene rheiniſchen Blätter, die ſpäter von einem intereſſanten Reiſenden berichteten, der von bedeutſamen Irrfahrten um die Welt und durch das Leben mit ſehr intereſſanten, demnächſt im Druck erſcheinenden Schriften in den Hafen des Glaubens eingelaufen ſei. Im Stillen ſah Klara die glückliche Löſung ihrer peinigenden Verlegegenheit als gute Vorbedeutung ihrer heimlichen und verzagten Herzensneigung an. Bald darauf reiſte ſie mit den Tanten nach Mannheim und von da nach Wildbad.——— Und ſoviel ſpäter bekannt wurde, bewährte ſich die warme Quelle ſehr wirkſam mit der Kraft zu löſen und zu binden,— löſend an Rheumatismen und Lähmung der Glieder, und bindend an den liebenden Herzen des jungen Paares. Der glückliche Poet wurde nicht müde, ſeiner ſeelenvollen Verlobten wieder und wieder darzu⸗ thun, daß er den hergeſtellten Arm wieder ſo kräftig wie den andern gebrauchen konnte. was an wheiniſchen Reiſende