—————— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 1 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben, entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 6 wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſſe beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1.——O— 1 auf 1 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Nf. 2 Mk.— Pf. 1 „——» 5. Auswärtige Monenten haben für Hin⸗ lund Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verloͤrene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lore Ne oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ff ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — 4* Die Wittwen. von Henriette Hanke geborne Arndt. Zweiter Theil. enneeoeeen; Wer bis zu dieſem Tage von Liebe ſprach und ſchrieb, muß Recht mir geben. Petrarca. Hannover, 1833. Im Verlage der Hahnſchen Hofbuchhandlung. Jn einer ſchoͤnen doch einſamen Gegend fern der Stadt, welche das Epheſus unſerer Wittwen iſt— lebte Herr von Elban auf ſeinen Guͤtern. Er war ein Mann nicht eben vorzuͤglichen Geiſtes, aber doch von gutem Willen. Er wollte redlich der Vorſtand ſeines Hauſes und der Vater ſeiner Unterthanen ſeyn, aber es fehlte ihm an Thatkraft dazu. Er liebte die Jagd und die Ruhe— wie unvereinbar dieſe Nei— gungen auch ſcheinen moͤgen. Die Welt, außerhalb der gruͤnen Feldmarken ſeiner Doͤrfer, Halde und Rohrlach, war ihm vooͤllig gleichguͤltig. Begnuͤgt mit der Scholle ſeines Eigenthums, dem Erbe ſeiner Ah— nen— beſchraͤnkt in ſeinen Wuͤnſchen auf die Enge dieſer angeſtammten Verhaͤltniſſe— machte er ſchwer— lich Anſpruch als Cosmopolit zu glaͤnzen, und wenn dieſe einfache Geſchichte der Welt, die man mit einer Hand bedecken kann— ſeinem unberuͤhmten Namen ein Epithaphium ſetzt, ſo duͤrfte es nur in Gellert's Worten geſchehen:»Er lebte, nahm ein Weib und ſtarb!—« Sein Phlegma, womit er das Spiel des 8 Lebens heiter betrachtete, ohne den Schatz der Weis⸗ Hanke Wittwen 2 1 Theil. 1 2 heit in ſich zu tragen, vertrat die Philoſophie, welche mit hoͤherem Sinne, in beſchauender Ferne, dem Drange der Menſchen zuſieht. Herr von Elban ge⸗ noß mit leichter Muͤhe das Gluͤck der Zufriedenheit, und einer wohlwollenden Achtung von Jedem der ihn kannte. Ein Groͤßeres noch ſchien ihm beſtimmt zu ſeyn. Ein Demarcationsgeſchaͤft fuͤhrte ihn zu dem Land— rath des naͤchſten Kreiſes, der dieſen Poſten ſammt dem Ritterſitze auf dem er ihn verwaltete, vor nicht zu langer Zeit erſt angenommen hatte. Die Eine der beiden reizenden Zwillingstoͤchter dieſes Edelmanns war eben Braut geworden mit dem Herrn von Un⸗ ſtern, nachmaligem Landſchafts⸗Director, und das ganze Haus noch in lauter Bewegung uͤber dies Er⸗ eigniß: denn das Jawort einer gluͤcklichen Braut ſchafft die einfoͤrmigſte Stille in frohen Tumult und Die, welche es gegeben, fuͤr eine kleine Weile zur Koͤniginn deſſelben um, deren Kroͤnungsfeſt mit tauſend Freuden zu erwarten ſteht. Der Landrath war zerſtreut, er faßte die Bewilli⸗ gung, welche Herr von Elban nachſuchte, aͤußerſt ge— faͤllig ab, um ſich in Kuͤrze faſſen zu koͤnnen; dann lud er ihn zu Gaſte, und brachte ihn ſelbſt in das Familienzimmer: denn das Herz war ihm voll Vater⸗ freude, und draͤngte dahin. 4. 3 Die beiden Fraͤuleins waren ſehr liebenswuͤrdige We⸗ ſen. Sie bluͤhten wie zwei Roſen an Einem Zweige. Herr von Elban ward ihnen vorgeſtellt. Auf dem Geſicht der Braut lag noch ein Abglanz des geſtrigen Tages,(ihrer Verlobung) ihr Auge ſchimmerte— das der Schweſter blickte ein wenig truͤbe. Herr von El— ban gratulirte, etwas linkiſch zwar: denn er fuͤhlte ſich befangen; aber doch recht herzlich. Es dauerte wohl noch eine Stunde bis zur Tafel, der Landrath ward abgerufen, und ſeine Toͤchter un⸗ terhielten den Gaſt, den er ihnen zugefuͤhrt. Unver— merkt leitete ſich ein trauliches Geſpraͤch ein, der Fa⸗ den riß nicht ab, ein Wort gab das andere. Die Zwillinge ſcherzten hold zuſammen, und Herr von El⸗ ban hoͤrte es mit Vergnuͤgen. Die Braut pochte in dieſem anmuthigen Streite auf das Vorrecht der Erſt⸗ geburt.»Ach! eine Stunde, in der Du fruͤher als ich zur Welt gekommen,« entgegnete die Zweite mit verſchmaͤhlichem Tone:»was will die ſagen? ich gebe Dir keine Linſe dafuͤr! »Eine Stunde,« ſagte Herr von Elban, und legte den Accent ahnungsvoller Bedeutung auf jenes Zeitmaß:»mein gnaͤdiges Fraͤulein, es vergeht zwar geſchwinde, aber ihre kurze Dauer kann unendlich wich⸗ tig werden!« Und die verhuͤllte Pythia in ſeinem Her⸗ 1* 4 zen hatte das Orakel dieſer Antwort abgegeben. Ihm ſelbſt dampfte es vor dem Kopfe.— »Ich weiß es beſſer,« verſetzte das juͤngſte Fraͤulein mit neckendem Trotze:„der Brautſtand iſt es, deſ— ſen Du Dich uͤberhebſt;« und ein leiſes Gefuͤhl der Zuruͤckſetzung miſchte ſich doch in den Scherz dieſer Rede. Die Braut ward ploͤtzlich ernſt. Sie blickte ihre Schweſter wehmuͤthig an und ſprach, in geſchwiſterli— cher Unſchuld jede Ruͤckſicht auf den unverheiratheten Gaſt aus den Augen ſetzend:»das iſt das Einzige, was mein Gluͤck ſtoͤrt, daß wir nicht mit einander zum Altar treten ſollen.« Wir waren von jeher in Allem gleich, in Allem, Herr von Elban. Unſere Kleider, Huͤte, ein Bluͤmchen, welches wir uns in das Haar ſteckten, die Farbe der Baͤnder, mußte Eins wie das Andere haben, nichts durfte abweichend ſeyn.— Wir theilten von Kindesbeinen an, das Herz. Ein Erbring unſerer ſeligen Mutter— er war ziem— lich maſſiv im feinſten Golde gefaßt, und hatte zwei große gute Steine— ward dieſer Eintracht zu Liebe doppelt gemacht; ſehen Sie wohl?»Sie ſtreckten ihm Beide die roſigen Zeigefinger vor, und Herr von El⸗ ban ſah in dem reinen Waſſer dieſer Solitaire zwei muͤtterliche Freudenthraͤnen, die ihm ſtrahlend in die geoͤffnete Seele floſſen.—»Und nun,« fuͤhr das 5 Fraͤulein, das eben geredet, fort: vſoll ich den Braut⸗ kranz und den Trauring allein tragen! das iſt doch wirklich betruͤbt!« Die Juͤngere ergluͤhete, und gab der Schweſter, in ein Laͤcheln verſteckt, einen halben Augenwink zu ſchweigen. Herr von Elban verglich dieſen aufliegenden Purpur jungfraͤulicher Verſchaͤmt⸗ heit mit dem blaͤſſeren Wangenroth der Braut, und ihre Schweſter ſchien ihm die Schoͤnere. Das Fraͤulein war ſehr huͤbſch, und Herr von El— ban ſehr gutmuͤthig. Jener Wunſch hatte ihn geruͤhrt, und bald fuͤhlte er ihn als den ſeinigen. Er kam ſchnell genug wieder— und ehe ein Vierteljahr ver⸗ ging, wurde eine froͤhliche Doppelheirath im Schloſſe des Landraths vollzogen. Doch von nun an hatte das Loos dieſer guten Zwil⸗ lingsſchweſtern keine Ahnlichkeit mehr. Frau von Un— ſtern, die ihren Gemahl unbegraͤnzt liebte, ſah kein Gluͤck irgend einer Art in ihrer Wahl. Der fluͤchtige Rauſch ſeiner Leidenſchaft war zeitig verflogen, und was uͤbrig war, ein ſchales nuͤchternes Gefuͤhl, ein ſaͤuerlicher Nachgeſchmack weniger ſuͤßen Stunden. Frau von Unſtern bekam keine Kinder, ihre Ge⸗ ſundheit litt unter einer leiſen Hyſterie. Sie ſuchte in dieſen beiden Urſachen den Grund, daß ihr Ge⸗ mahl ſie kuͤhl behandelte und verſaͤumte. Ein Anver⸗ wandter von ihm gleiches Namens in der Naͤhe ſeines 6 Gutes, hatte eine beruͤchtigte Coquette geheirathet. Die Dame fand den Eheſtand langweilig, ihren Mann fade, nur ein weites, ſtilles laͤndliches Feld rings um ſie her, doch keines fuͤr ihr eroberndes Genie; und ſo richtete ſie die ſchwarzen Augen voll unſtaͤter Gluth wie zum Zeitvertreibe auf den Gemahl der Frau von Unſtern, und dieſer brennbare Stoff fing alsbald Feuer. — Beide entbloͤdeten ſich nicht, dies gefaͤhrliche Spiel ſo frei und offen zu treiben, daß Jeder es merkte. Die Welt ſprach laut uͤber dieſes aͤrgerliche Verhaͤltniß und tadelte es ſtreng. Wie unfaͤhig Frau von Unſtern nun auch war, an eine Schlechtigkeit uͤberhaupt zu glauben, und insbeſondere an die des noch immer geliebten Mannes, wie lange ihr Ver⸗ trauen ihn gegen den Argwohn des eigenen Herzens und gegen zuthaͤtiges fremdes Einfluͤſtern vertheidigte, ſo leuchteten ihr doch endlich die Beweiſe ein, daß er treulos ſey, und ſie bezahlte ſeine zwiefache Schuld mit Millionen Thraͤnen. Entfernt von den Ihrigen, verlaſſen von der Liebe, die der Halt ihres Lebens geweſen war, konnte ſie es weder faſſen noch tragen, und der einſame Gram ward ihr zu ſchwer. Dabei druͤckten Sorgen der aͤußern Lage ſie heimlich nieder. Es konnte ihr nicht entgehen, daß die Finanzen ihres Gemahls nicht im beſten Zuſtande waͤren. Und doch fuͤhrte er raſtlos große Bauten auf, wenn auch nicht 7 durch, und bauete ſich damit ein Labyrinth von Ver⸗ legenheiten, daß er ſelbſt nicht wußte wohinaus?— Frau von Unſtern machte ihrem Gemahl beſcheidene Vorſtellungen dagegen. Sie wollte ſeine Ariadne ſeyn, und ihm den leitenden Faden der Aushuͤlfe an die Hand geben; allein er achtete ihrer nicht— das Herz war ihm einmal abgewendet. Wie viel beſſer hatte das Schickſal der Ehen fuͤr Frau von Elban geſorgt! Sie hatte ihrem Gemahl mit jener ruhigen Zuneigung die Hand gereicht, welche ihre Dauer verbuͤrgt, und ihr Erwarten in jeder Hin⸗ ſicht uͤbertroffen gefunden. Herr von Elban verſtand die Kunſt nicht, ſich wie ſein Schwager geltend zu machen, aber er hielt mehr als er verſprach, und ſeine junge Gattinn ſchaͤtzte ihn hoͤher, ſo wie ſie ihn naͤ— her kennen lernte. Sie hatte anfaͤnglich ſeinen Grad⸗ ſinn gefuͤrchtet, und ihn ſeinen ſimpeln Außenfarben nach, fuͤr bloͤde, vielleicht aͤrmlich beſtellt mit ſeinen Renten, wo nicht gar fuͤr geizig gehalten, und wenn ſie ihn in Gedanken einem rohen Diamant verglich, ſo gab ſie ihm wohl nur deshalb den Rang eines Edelſteins, um eine praͤſumtive Ungeſchliffenheit, auf die ſie ſich gefaßt machte, moͤglichſt vornehm entſchuldi⸗ gen zu duͤrfen; aber wie irrig waren dieſe Vorſtellun⸗ gen geweſen! Herr von Elban begegnete ſeiner Frau zart, zuvorkommend allen ihren Wuͤnſchen: denn die 8 Liebe iſt die Lehrerinn jeglicher Feinheit, und erraͤth, was ihren Gegenſtand erfreuen koͤnne. Seine Guͤter waren unbeſchwert und ergiebig, geſchont und verbor⸗ gen; kein Zuſtroͤmen von Gaͤſten ſchwemmte die Ern— ten ſeiner Felder hinweg, keine Schmarotzerpflanzen ſogen das Mark angeſtammter Fruchtbaͤume aus. Und dennoch war Herr von Elban ein liberaler Gaſtfreund, und gab, wie eine gute deutſche Eiche, gern Schutz und Schatten. Daß er einſam ſtand, war ja nicht ſeine Schuld. Frau von Elban fuͤgte ſich in das Stillleben wie in jede Gewohnheit ihres Gemahls; ihr Geſchmack verſchmolz mit dem ſeinen. Sie wohnten auf Halde; in Rohrlach, was tief in den Forſten lag, war nur ein verwittertes Jagdſchloß, und das Erbbegraͤbniß der Familie. Die Laune eines Ahnherrn hatte die Domaine Freund Hains mitten in den Wald ver⸗ ſetzt, und die gruͤnen Thuͤrme ragten hoch um den duͤſtern Bau; es war, als ob Rieſen Wache hielten am Staube. Frau von Elban gebar ihrem Gemahl einen Sohn, und die Vaterfreude vollendete ſein haͤusliches Gluͤck, was ſeit einiger Zeit durch den Zuſatz eines willkom⸗ menen Umgangs geſtiegen war. Unweit von Halde hatte ſich ein invalider Oberſt von Blandovsky ange⸗ kauft, der das Beduͤrfniß guter Nachbarſchaft zu fuͤh⸗ 9 len ſchien. Er war ein gewaltiger Nimrod, und fand daher bei dem Herrn von Elban volle Weide; ihre Reviere ſtießen zuſammen, und das Wild im Inſtinkt jener Vertraͤglichkeit, ſcheuete nicht, die Grenzen zu uͤberſpringen. Auch Frau von Elban mogte den Oberſt wohl lei— den. Er war jovial, geſpraͤchig und ſogar galant; trotz ſeines heranruͤckenden Alters ſcherzte er mit der jungen Frau in jenem Ton anſtaͤndiger Badinage, der noch ein Nachklang des Waffenſtandes war, welcher oftmals dadurch ſieghaft wird bei dem ſchwachen Ge⸗ ſchlecht.— Herr und Frau von Elban beſchloſſen einmuͤthig, den Oberſt zu Gevatter zu bitten; außer ihm ſollten der Landrath und Frau von Unſtern Pathe ſtehen. Der Oberſt nahm die Aufforderung zu dieſer chriſtli⸗ chen Ehre und Pflicht mit Vergnuͤgen, doch unter der Bedingung an, daß er einen Namen einbinden duͤrfte. Prinz Eugen war ſein Held, ſo ſollte das Kindlein heißen. Bei dieſer Gelegenheit kamen die Schweſtern ſeit ihrer Verheirathung zum erſtenmale zuſammen. Frau von Unſtern ſah bleich und abgehaͤrmt aus, ſie hatte den Erbring der ſeligen Mutter ſtark mit Seide um⸗ wickeln muͤſſen, das Brautkleid paßte nicht mehr, und ſchlotterte weit um die ſchmalgewordenen Formen. Sie war noch ſtiller als ſonſt. 10 Die junge Mutter war viel zu gluͤcklich, um dieſe Veraͤnderung ſogleich zu bemerken; aber als ſie einſt allein waren, Frau von Elban das Geſchick ihrer Ehe als einen unverdienten Segen pries, deſſen Gott ſie theilhaft werden laſſen, und die Guͤte ihres Mannes bis in den Himmel erhob: da fuͤhlte Frau von Un⸗ ſtern mit brennendem Schmerz die Hoͤlle, in der ſie ſchuldlos leide, und da ſie weinte, gingen ihrer Schwe⸗ ſter die Augen auf. Frau von Unſtern erleichterte auf zaͤrtliches Zureden ihr Herz, und ſchuͤttete es in dieſen vertrauten Buſen aus. Sie nahm den Troſt des Wohl⸗ ergehens und der Theilnahme ihrer Schweſter mit ſich von Halde fort; aber ein verbitternder Tropfen war in den Quell gefallen, woraus Frau von Elban ihre milden Freuden ſchoͤpfte. Sie trennten ſich traurig mit heißen Thraͤnen. Doch die Zeit vermiſchte die herbe Sorge der Frau von Elban wohlthaͤtig mit der Hoff⸗ nung, daß ſich noch alles beſtens aͤndern koͤnne. Sie vergaß den truͤben Abſchiedsblick ihrer Schweſter uͤber einem Laͤcheln des kleinen Eugens, womit er das Le⸗ ben hell anſtrahlte. Der Vater horchte der Sangweiſe eines Wiegenlie⸗ des, und ließ die Hoͤrner toͤnen, die ihn zur Jagd riefen. Der Knabe war ſein groͤßtes Gluͤck. Oberſt Blandovsky ſchaͤkerte mit dem Pathchen und ſchwor, der Junge werde einmal ein tuͤchtiger 8 as' 11 Dragoner werden. Er ließ ſich den Schnurrbart von ihm zerzauſen, und wollte einen kuͤnftigen Raufbold aus dieſer Kraftaͤußerung folgern. Am Jahrestage des Kindes beſchenkte er es mit einer ganzen Kriegs⸗ Armatur im kleinſten Verhaͤltniß, und einem groß⸗ maͤchtigen Tuͤrken.»Da Prinz Eugen!) ſagte er, und verſtaͤrkte die Stimme, als ob das Kind ihn um ſo beſſer verſtehen wuͤrde:»laß den Sultan uͤber die Klinge ſpringen!) und dabei ſchwenkte er den Hampelmann hin und her, ſo daß der Knabe laut aufjauchzte. Frau von Elban ließ die Maͤnner gewaͤhren. Mit friedſam weiblichem Sinne ſchob ſie andere Spielſachen unter. Eine Schaͤferei— zum Beiſpiel: das Kind ſaß wie in der Wolle, und weidete ſtill vergnuͤgt ſeine Laͤmmer auf den blanken Auen des Tiſches, oder ſtieß mit wahrer Virtuoſenluſt die helle Kehle zu verſuchen, in eine kleine Trompete von Holz. Einfoͤrmig, aber nur um ſo geſchwinder, waren ſechs Jahre hingerauſcht, als Frau von Unſtern ſtarb, und ihrer Schweſter den Vorwurf hinterließ, daß die Todte vielleicht ein Opfer ihrer Verhaͤltniſſe geworden, und fuͤr die Lebende viel zu wenig geſchehen waͤre. Aber Wer haͤtte eingreifen duͤrfen? die Verſtorbene hatte ihren Kummer ſtill getragen, der Landrath war todt, und Herr von Elban kein Mann der Entſchloſſenheit; 12 ſo kam dieſe Erwaͤgung nun zu ſpaͤt. In fruchtloſer Reue trauerte Frau von Elban ſo lange als ſie lebte; doch ihr Schwager ſchien ſehr getroͤſtet. Er vermaͤhlte ſich fruͤher als die Achtung fuͤr die Manen der vor— trefflichen Gattinn geſtattete, die er verloren, und der er eine unwuͤrdige Nachfolgerinn gab, die geſchie⸗ dene Frau ſeines Verwandten, gegen deren Toͤchter⸗ chen Claudine, das ſie ihm zubrachte, er wie ein leiblicher Vater geſinnt war. Herr von Unſtern hatte eine Schweſter, die er un⸗ terdeſſen zu ſich nehmen muͤſſen. Schon zu Lebzeiten der ſteinalten Großmutter, die nun zu ihren Vaͤtern verſammelt worden war, hatte das Fraͤulein, die Schutzbefohlne der Matrone, ſich oftmals bei dem Bruder aufgehalten, der die Schweſter nun zu ſich berief, und ſich dieſer Pflicht, gleich einem nothwen— digen Uebel nicht weigern konnte. Sie fuͤhrte ſein Hausweſen, nicht zu laͤugnen, daß es am Schnuͤr— chen der Ordnung lief—; aber ſie leitete auch den Bruder ſelbſt, nach ſchlauer Abſicht. Sie hatte das Band jener geſchiedenen Ehe aus bloßer Neigung zur Intrigue lockern und loͤſen helfen, und das unſelige Verhaͤltniß, welches der nun ſeligen Frau Thraͤnen, Truͤbſal und zuletzt den Tod gegeben, war groͤßten— theils ihr zuſammen geſponnenes Werk. Die Frau von Unſtern hatte nie Jemanden gehaßt, ſelb gehe teri Urſ zu alſo 13 ſelbſt Die nicht ſo ſehr, welche ſie verkuͤrzt in ihren geheiligten Rechten, als nur allein die eigentliche Stif— terinn dieſes Unheils. Fragt nun der Leſer, welche Urſachen das Fraͤulein haben koͤnnen, ſich in jene Ehe zu miſchen, und das ſanfte Herz ihrer Schwaͤgerinn alſo zu kraͤnken: ſo antworten wir: ein Weib— dies Wort gelte im Sinne des Geſchlechts— welches von dem Himmel der Liebe ausgeſchloſſen iſt, wird, als ein gefallner Engel, den boͤſen Geiſtern zugehoͤren, die ſich der Qualen freuen, welche ſie bereiten. O Ihr armen Ungeliebten! wie ſchwer iſt es fuͤr Euch, gut zu ſeyn, und Gluͤck zu ſchaffen!— Wir wollen Euch bedauern, aber nicht verdammen.— Die Nemeſis wollte was ſo emſig gefoͤrdert worden, gelingen laſſen, zu des Fraͤuleins Strafe, zu der Wie⸗ dervergeltung der Mitſchuldigen. Die Schweſter des Herrn von Unſtern war kaum ſo bemuͤht geweſen, die jetzige Frau einzuſchwaͤrzen in das Haus und Herz ih⸗ res Bruders, wie ſie nunmehr als eine wahre Hoͤl⸗ lenheizerinn dafuͤr ſorgte, ſie anzuſchwaͤrzen bei dem Gemahl. Sie blies geſchaͤftig das kleinſte Fuͤnk⸗ chen von Unzufriedenheit zu lichter Lohe auf, und ſchuͤrte die Flamme der Eiferſucht: denn welcher Mann haͤtte jemals einer Frau getraut, die er um ſeinetwil⸗ len treulos gefunden?— Sie neidete der kleinen Claudine die Gunſt des Stiefvaters und goͤnnte ihr ◻ 14 nicht die Luft. Das Kind athmete Gift in der Naͤhe dieſer Tante, die ihm Liebe heuchelte, und mit Schlan⸗ genkuͤnſten ſich der kleinen Unſchuld zu bemaͤchtigen wußte. Herr von Unſtern fuͤhlte zwar den druͤckenden Ein⸗ fluß, den ſeine Schweſter auf ihn und ſeine Ruhe uͤbte; allein er wußte weder ihrer zu entbehren, noch dieſen zu entkraͤften. Das Fraͤulein hatte neben dieſen ge⸗ haͤſſigen Fehlern nuͤtzliche Eigenſchaften, Frau von Un⸗ ſtern wirthſchaftete uͤbel, ihr Gemahl mußte ſogar wuͤnſchen, die Schweſter zu behalten, damit ſeine Hausfrau von ihr uͤbertragen wuͤrde; aber er wuͤnſchte es mit Zaͤhneknirſchen. Der große Leichtſinn der Frau von Unſtern half ihr dieſes Hauskreuz tragen. Sie hielt ſich ſchadlos auf ihre Weiſe, und verachtete die Tuͤcke der Schwaͤge⸗ rinn, die ſie unwirkſam zu machen, doch ein Mittel fand.— Wenn ihr Gemahl die Pfeile abdruͤckte, welche das Fraͤulein mit der Schaͤrfe der Zunge geſpitzt hatte: ſo behauptete Frau von Unſtern, ſeine Schweſter haͤtte einen Schuß. Sie behauptete es ſo oft und ſo keck, daß Herr von Unſtern mit leiſem Troſte gegen die firen Ideen, welche ihm Jene beizubringen ſuchte, Ge⸗ danken die ihn peinigten, zu glauben anfing, ſeine Schweſter waͤre ein wenig verruͤckt, oder wuͤrde es noch werden. α A Zw leben niß: das troſte um d Leber ig, gen bei i Tage auf nen ihn! daß ſcha ſer das 15 Zwei Jahre hatte dieſes unbegluͤckende Zuſammen⸗ leben gedauert, da zerriß der Tod ein beſſeres Buͤnd⸗ niß: die Frau von Elban folgte ihrer Schweſter in das Grab. Herr von Elban trug dieſen Verluſt in troſtloſer Stille, der Knabe Eugen weinte ſich krank um die Mutter, und die Sorge um ſeines Kindes Leben machte den ſtummen Schmerz des Vaters thaͤ⸗ tig, und zu einem ableitenden Mittel. In dieſer ban⸗ gen Epoche hielt der Oberſt von Blandovsky treulich bei ihm aus, und bewaͤhrte die Freundſchaft froherer Tage. Sein alter Leibhuſar Huß, der ſeinen Herrn auf Schritt und Tritt begleitete, nahm ſich des Klei⸗ nen an, der ſein Liebling war.»Du heulſt?« fragte ihn der Alte, und preßte ihn zwiſchen die ſteifen Kniee, daß der Knabe ſeinem Blicke ſtehen mußte: pfui, ſchaͤme Dich, Prinz Eugen! die liebe Mutter hat un⸗ ſer Herrgott zu ſich genommen, und: was Gott thut, das iſt wohlgethan— ſingen Chriſtenleute hinter einem Begraͤbniſſe her. Du wirſt einmal ein rechter Sol⸗ dat werden, kleine Memme, und ſtatt der Standarte muß man Dir ein breites Schnupftuch in die Hand geben.«»Ich weine nicht mehr!« ſagte Eugen mit Trotz, ſchluchzte innerlich und ſprach:»ich werde meine Fahne ſchon halten.« »Sieh! das iſt brav von Dir!« antwortete der Leib⸗ huſar, und ſtreichelte das gluͤhende Geſicht, indem 16 ihm ſelbſt Thraͤnen in den uͤberbuſchten Augen ſtan— den:»mache Deinen Eltern und dem Herrn Pathen Ehre, und Deinem Namen! das Waſſer aber pumpe ab, was ſo unaufhoͤrlich aus dieſen blauen Rinnen lief, als ob Du Dich wie ein kleiner Roͤhrmeiſter ver⸗ ſucht haͤtteſt— und ſchlage eine tapfere Bruͤcke uͤber Alles was darunter liegt.— Komm, Kleiner, ich werde Dir Dein Lied ſingen!« Der Vater hob den Knaben auf ſeinen Schooß, und ſtimmte an:»Prinz Eugen der edle Ritter,« u. ſ. w. Eugen vergaß ſei— nen Schmerz uͤber dieſen Lieblingsgeſang, der einen Zauber auf die kindliche Einbildungskraft uͤbte, die kleine Bruſt hob ſich ſtoßweiſe, und dehnte ſich aus fuͤr den Ruhm. Durch den ſtillen Abend hoͤrte das lauſchende Ohr des Kindes den Tumult der Schlach⸗ ten in der Melodie, welche mehr ein Summen als ein Singen war, und an der himmliſchen Moſchee zog der Halbmond glaͤnzend herauf, weiße Wolken wallten um ihn her wie das Lager der Muſelmaͤnner; Eugen ſah mit feuchtem Blick hinauf, und fuͤhlte den gigantiſchen Muth des Feldherrn ſeines Namens. Seine Sehnſucht ward ein kriegeriſcher Traum. Herr von Unſtern bezeigte ſich in einem Condolenz— Schreiben an ſeinen Schwager ſo theilnehmend, und wuͤrdigte den Werth der beiden vollendeten Frauen ſo beruhigend fuͤr Herrn von Elban, daß dieſer ſich ihm * 17 verſoͤhnte, und im Drange des Mitgefuͤhls den Vor⸗ ſatz faßte, ihn ſpaͤter zu beſuchen, weil er doch ein— mal ſein Verwandter bliebe. Der Oberſt ſelbſt, ob⸗ gleich er ein Vorurtheil gegen den Herrn von Unſtern hatte, redete ſeinem Freunde zu, ſich durch die pro⸗ jectirte Reiſe zu zerſtrruen. Da aber Herr von Elban nichts weniger als unternehmend war, und in der Ruhe ſeines Temperaments die durch ſeine letzte ſchwere Erfahrung zu einem laͤhmenden Phlegma geworden, jeden Entſchluß ſcheuete: ſo geſchah es, daß er erſt nach einem Vierteljahre an die Ausfuͤhrung denken mogte. Er meldete ſich bei dem Herrn von Unſtern an, und dieſer ſchrieb ihm ein freudiges Willkommen entgegen; nur halte er es hinſichtlich des lieben Nef⸗ fen fuͤr Pflicht, anzuzeigen, daß in ſeinem Dorfe die Maſern epidemiſch waͤren, und zwar ſehr boͤsartig. Herr von Elban wußte ſeinem Schwager dieſe An⸗ zeige Dank. Er wollte ſein Liebſtes nicht gefaͤhrden, und ließ den kleinen Eugen fuͤr die kurze Zeit ſeiner Abweſenheit unter der Obhut des Oberſten. Herr von Unſtern empfing den ſeltnen Gaſt mit off— nen Armen. Naͤnner ſind in der Regel nachſichtig im Urtheil uͤber coquette Frauen, und ſo ließ Herr von Elban die Gnade, welche die neue Schwaͤgerinn vor ſeinen Augen fand, fuͤr Recht ergehen. Das Fraͤulein ſtrengte alle Kraͤfte an, dem friſchen 18 Wittwer zu gefallen. Die Tafel war excellent, und Herr von Elban kein Veraͤchter der Tiſchfreuden. Wie wenig er auch ſonſt zu Beobachtungen taugte: ſo be⸗ merkte er doch, daß die Hausfrau in dieſer Function eine Null waͤre, und das Fraͤulein viele Eigenſchaften zaͤhlte, die dem Hausſtande zu Gute kommen: ja, daß es gleichſam Eins in Allem in dem des Bruders ſey. Herr von Elban war jetzt grade in der Stim⸗ mung, ſolche Talente vorzugsweiſe zu ſchaͤtzen: denn er hatte, ſeit die Wirthinn des Schloſſes von Halde im Grabe ruhete, viel Verdruß gehabt. Das haͤus⸗ liche Uhrwerk ſtockte, ſeine Leute ließen ſich traͤge ge— hen, in ewigen Verſaͤumniſſen, die zu ruͤgen ihm ſehr laͤſtig fiel, hoͤrte die Zeit pflichtmaͤßiger Ordnung fuͤr ſie auf, und dem Herrn von Elban grauete davor, in dies verworrene Getriebe der Nachlaͤſſigkeit mit Energie einzugreifen. Wittwer, die eine gute Frau begruben, ſind am leichteſten geneigt, ſich wieder zu verheirathen. Sie vermiſſen in ihrer Vereinzelung die treue Gefaͤhrtinn zu ſehr, um nicht auf Erſatz zu denken, ſie fuͤrchten in der Sicherheit des gehabten Gluͤckes keinen Mißgriff in dem Lotto der Ehe, ſie haben endlich keine Vor⸗ ſtellung von dem Elend einer verfehlten Wahl, fuͤr den Mann doppelt ſchwer zu ertragen, weil er der Waͤhler war. 5 trat ken fuͤr von gewe lieb Ern als Bu dieſe von Ver Feh ban der verl es von uͤbe ſter Fr ten und nur rer 6* 19 In einer gottverlaßnen Minute— armer Elban! trat der Verſucher zu ihm, und hauchte den Gedan⸗ ken in ſeine Seele, das Fraͤulein werde eine Frau fuͤr ihn ſeyn. Die Schwaͤgerſchaft mit dem Herrn von Unſtern war ſchon einmal heilbringend fuͤr ihn geweſen— der gute Elban hatte eine erſtaunliche Vor⸗ liebe fuͤr alles bequem Gewohnte— er dachte, die Erneuerung dieſes Verhaͤltniſſes koͤnne nicht anders als gut fuͤr ihn ausſchlagen. Er entdeckte ſich dem Bruder des Fraͤuleins. Herr von Unſtern war uͤber dieſe Erklaͤrung augenſcheinlich betroffen. Ein Reſt von Rechtſchaffenheit, und jenes Gefuͤhl, womit das Vertrauen eines Argloſen ruͤhrt, bewogen ihn, der Fehler ſeiner Schweſter zu erwaͤhnen. Herr von El— ban laͤchelte dazu, in der gutmuͤthigen Taͤuſchung, der Schwager wolle das Factotum gern behalten, und verlaͤumde aus Werthſchaͤtzung. Herr von Elban dachte es feiner einzufaͤdeln, indem er ſich an die Dame vom Hauſe wendete, um ſie, ſchlau wie er meinte, uͤber das Fraͤulein auszuholen. Die Frau von Un⸗ ſtern war doch liſtiger, als dieſer Naturforſcher auf Freiersfuͤßen. Sie merkte ſeine Abſicht ſchon von Wei— tem. Die Schwaͤgerinn war ihr ein Dorn im Auge, und es funkelte bei dem erſten leiſen Rucke der Hoff⸗ nung, ihrer los zu werden, freudig auf im Lobe ih— rer Verdienſte. Sie goͤnnte dem Herrn von Elban, 20 den Frau von Unſtern mit Unrecht fuͤr einen Simplex hielt, die verwelkte gelbe Klatſchroſe, und machte ſich kein Gewiſſen daraus, den ſchaͤdlichen Wurm eines boͤſen Herzens, den das Fraͤulein im Buſen trug, zu verſchweigen. »Da ſieht man!« ſagte Herr von Elban zu ſich ſelbſt:„die Frauen laſſen ſonſt einander ſelten Gerech⸗ tigkeit widerfahren; das Fraͤulein muß ein wahres Kleinod ſeyn. Und es iſt unverkennbar, wie viel die Schweſter im Hauſe des Bruders gilt, ſo daß man ſich nicht wundern duͤrfen, wenn Frau von Unſtern ein Woͤrtchen mehr als billig gegen ſie geſagt— und dennoch, welches Zeugniß! dieſe unpartheiiſche Aner⸗ kenntniß macht der jungen Frau alle Ehre, und manche Leichtfertigkeit wieder gut, die ihr ſonſt zur Laſt ge— legt werden koͤnnen.« Er bot dem Fraͤulein noch vor der Abreiſe die Hand. Der Oberſt wunderte ſich nicht wenig, ſeinen Freund als Braͤutigam zuruͤckkommen zu ſehen. Er ſchuͤttelte den Kopf zu dieſer Partie, und brummte einen der⸗ ben Fluch ſich in den Bart. Als Herr von Elban ihn fragte, was er eben geſagt, antwortete der Oberſt: vich meinte nur zu geſchehenen Dingen muͤſſe man das Beſte reden.« Dem Herrn von Elban kam die Furcht unheimlich an, daß er ſich uͤbereilt haͤtte; aber es war nun nichts 21 mehr zu aͤndern: das Fraͤulein hatte ſein Wort. Die Hochzeit wurde nicht lange verſchoben. Eugen ſah ſeine Stiefmutter mit auffallender Abneigung an— Kinder ſind gute Pſychologen— und die erſte ver— mittelnde Handlung des Vaters war eine Strafe, die er uͤber ſein Herzblatt verhaͤngen mußte. Frau von Elban haͤtte es, wenn ſie gedurft, gern in Stuͤcke zer— riſſen. Aber es wurde noch ſchlimmer.— Die Einnahme von Halde und wie Frau von El— ban ſich darin einrichtete, erinnerte an die Zerſtoͤrung Jeruſalems. Nichts blieb an ſeiner Stelle, kein Stein des Damenſpiels auf dem andern. Frau von Elban kehrte das Haus um, und zwar mit Donner und Blitz. Die Domeſtiquen, welche von einer beſſern Zukunft getraͤumt hatten, erwachten mit Schrecken, ſahen das Ende aller Dinge, und glaubten, der juͤngſte Tag waͤre im Anzuge; fuͤr Eugen war es der Unter⸗ gang ſeiner Welt. Der kindliche Menſch kann die Ver⸗ haͤltniſſe ſeiner Umgebung nicht aͤndern ſehen, ohne daß ſein Innerſtes angetaſtet werde. Der Geiſt der Unſchuld giebt auch todten Dingen ein Recht an die Liebe, und ein heiliges Gemuͤth ſchont das Beſtehende. Frau von Elban drang nun auch mit ordnender Gewaltſam— keit in die Kinderſtube. Es entſtand ein heftiger Laͤr⸗ men, Herr von Elban kam herbei und ſah die ſelt— ſamſte Scene. Eugen ſtand auf einem Stuhle, und 22 vertheidigte flammend wie ein Cherub, ein kleines Bild an der Wand gegen den Angriff der Stiefmutter. Er hatte den Saͤbel von Blech gezogen, und die Wehr, nicht zu blutigem Ernſt beſtimmt, blitzte in der Sonne. Der Rahmen des kleinen Palladiums war bekraͤnzt. »Was ſoll das?« fragte der Vater, von dieſem An— blick entwaffnet. Seine Frau klagte mit blauen Lip⸗ pen, bebend vor Bosheit an allen Gliedern, den Kna⸗ ben der Widerſetzlichkeit an; doch Eugen ſagte:»Va⸗ ter, hoͤre mich! die Stiefmutter wollte das Bild hier wegnehmen, ſie nannte es ein aͤrmliches Ding— und es war der Mutter ſo lieb! ich laſſe es nicht von mir.« Zornige Thraͤnen ſpruͤhten aus ſeinen Augen. Es war dem Herrn von Elban, als haͤtte eine gluͤhende Hand in ſeine Seele gegriffen.»Behalte es meinetwegen!« entſchied er mit unterdruͤckter Stimme, und faßte den Arm der Dame, ſie hinwegzufuͤhren; aber die Furien ſind nicht anſtaͤndig zu behandeln. Sie riß ſich wuͤthend los, in ſchweigendem Grimm den Knaben zu verderben, der ihrer nun ſpotten wuͤrde, und gegen den ihr Anſehen auf immer vernichtet war. Allein unbekuͤmmert ſteckte dieſer Engel des Gerichts ſein kleines Schwert in die Scheide, und flocht einen neuen Kranz fuͤr ſein Idol. Dieſe Pietaͤt war nicht nur die Religion der Kin— desliebe, ſondern ein aufdraͤngender Sinn fuͤr die 23 Kunſt: denn das Bildchen war das rohe Conterfey eines Raphaels aus Loretto: doch wir wiſſen nicht, wie die ſelige Frau von Elban eigentlich dazu gekom— men. Madonna ſitzt mit dem heiligen Kinde auf dem Schooße, und hebt einen gruͤnen Schleier, um dem kleinen Johannes, der von Ferne ſteht, und die Haͤnde andaͤchtig aufhebt, den ſchlafenden Jeſus zu zeigen. Dieſe Copie vielleicht des reizendſten Gemaͤhldes, wel⸗ ches zum Entzuͤcken der Welt ihr von der Weihe je⸗ nes aufgeſchwebten Genius geblieben— hing wie ein frommer Schutz in dem Kinderſtuͤbchen Eugens. Das Auge der jungfraͤulichen Mutter ſchien ihn ſelbſt zu bewachen, und er tobte niemals wild und unhold, weil die Verſtorbene ihm geſagt, er ſtoͤre ſonſt den Schlaf des goͤttlichen Geſpielen, und die Betrachtung ſeines kleinen Freundes. Doch der Friede des Schloſ⸗ ſes in Halde war von nun an geſtoͤrt, und Herr von Eülban konnte nur ſein Ungluͤck betrachten und— ver— ſtummen. Frau von Elban fuͤhrte ein ſcharfes Pantoffelregi⸗ ment und den Stab Wehe. Ihr Gemahl ertrug mit Indolenz ſein Geſchick, ſein, im Sinne des Schaf⸗ fens. Er troͤſtete ſich, daß er mit ein wenig Duld⸗ ſamkeit gegen die Tobſucht ſeiner Frau aller Sorgen und anderweitigen Verdrießlichkeiten uͤberhoben waͤre, und der Mitleidenſchaft konnte er ja entfliehen. Er 24 ging ſpazieren oder auf die Jagd, wenn die Dame wie ein Sturmwind raſete, daß alles zu Winkel flog — und ſo geſchah es denn, daß Herr von Elban faſt wie ein Botenlaͤufer beſtaͤndig auf den Fuͤßen, und dieſer haͤufigen Motion wegen, meiſt bei guter Geſundheit war. Oberſt Blandovsky ließ ſich jetzt ſehr ſelten in Halde ſehen. Nur in Rohrlach fand er ſich mit dem Jagd⸗ genoſſen zuſammen. Einſt ritten ſie ſpaͤt von einem Waidzuge heimkehrend, an dem Erbbegraͤbniß vor⸗ uͤber. Das Mondlicht ſtahl ſich durch die feuchten Gitter des Waldes, ſchlich auf dem falben Mooſe und glaͤnzte mit blaſſem geiſterhaften Scheine an den Fen⸗ ſtern der Capelle. Die tiefſte Abendruhe herrſchte rings um die Wohnung des Todes, und der Mond wan⸗ delte in kuͤhlen Schauern, im Geleit von Schatten, mit dem Schimmer der Verklaͤrung leiſe an den grauen Mauern hin. Herr von Elban hatte eben, als ſie ſich dieſem Orte naͤherten, davon geſprochen, daß der Oberſt beinahe gar nicht mehr nach Halde kaͤme.»Gute Nacht, meine Freundinn!« ſagte dieſer jetzt, und hielt das ſchnaubende Pferd vor der Gruft an:»mit Dir Du liebe Frau, iſt der Hausfriede und die beſte Freude der Freundſchaft ſelig verſtorben. Ich meine es gut; nehmt es mir nicht uͤbel, Alterchen, daß ich ehrlich rede: und? Hagel ling, armer füͤhre hergaͤ die E He klagte er im Kobol als fi duſpre 8 der Jch n gen, daͤchtn Was wenn und wenn liſches wackr Abe Han 25 rede: es gefaͤllt mir nicht mehr bei Euch. Donner und Wetter! welch ein gewitterſchwuͤler Sommer voll Hagel und heißer Stuͤrme iſt auf den milden Fruͤh⸗ ling gefolgt, der hier ſchlaͤft. Ihr Freund! ſeyd ein armer Blitzableiter geworden, und ich an Eurer Stelle, fuͤhre wohl eher in die Grube, als daß ich mich dazu hergaͤbe. Eure kaltſinnige Ruhe haͤlt der hitzigen Frau die Stange; das ſollte nicht ſeyn.« Herr von Elban entladete hierauf ſein Herz, und klagte dem biedern Freunde ſeine Noth; doch ruͤhmte er mitunter die haͤuslichen Verdienſte der Dame Kobold, mehr, um Gerechtigkeit fuͤr ſein Schweigen, als fuͤr ihre laͤrmende und zaͤnkiſche Gewohnheit an— zuſprechen. »Der Teufel hole die zweiten Heirathen!« platzte der Oberſt ingrimmig heraus: yſie taugen all' nichts. Ich wuͤßte auch ein Liedchen uͤber dieſen Text zu ſin⸗ gen, wozu die Noten ſchwarz genug in meinem Ge— daͤchtniſſe ſtehen— aber meine Kehle iſt zu rauh. Was hilft es, daß die Frau fuͤr gutes Eſſen ſorgt, wenn ſie mit Ärgerniß den Appetit verdirbt, und Gift und Galle kocht? daß ſie Ordnung im Keller haͤlt, wenn ſie es darnach macht, daß der Wein wie hoͤl⸗ liſches Feuer auf der Zunge brenne? Seyd ein Mann, wackrer Elban! und duldet ſolchen Unfug nicht.« Aber die pflegmatiſche Maͤnnlichkeit des Herrn von Hanke Wittwen 2r Theil. 2 26 Elban konnte gegen ſeine Xantippe nicht aufkommen, und mit philoſophiſcher Gelaſſenheit ließ er ſie ge⸗ waͤhren. Beſſeren Stand gegen die Unbilden der Stiefmut⸗ ter hielt Eugen, und die Dame fuͤhlte eine Art Re⸗ ſpekt vor dem Knaben; vielleicht haßte ſie ihn eben deshalb nur um ſo mehr. Doch, als haͤtte ſie mit zwingenden Maͤchten im Bunde geſtanden, fand ſich ein Mittel in ihre fuͤrchterlichen Haͤnde, ſich dies tapfre junge Blut ohne Wehr und Willen zu unterwerfen. Wir haben fruͤher ſchon bemerkt, daß die zweite Ehe des Herrn von Unſtern wo moͤglich noch ungluͤck⸗ licher war als die erſte— und keinen unſerer Leſer, der bei dem eingeborenen Gefuͤhl der Gerechtigkeit, Erfahrung, wenn auch ein wenig nur, beſaͤße, duͤrfte dies wundern. Gewiß waͤre Frau von Unſtern aber⸗ mals auf dem Wege der Geſetze geſchieden worden, wenn es ihr nicht beliebt haͤtte, dem langſamen Gange der Juſtiz durch einen gewagten Schritt zuvorzukom⸗ men. Sie entwich mit einem jungen Foͤrſter, und ließ die kleine Claudine, welche ihr bei dieſer leicht⸗ ſinnigen Flucht ein unnuͤtzer Anhang geweſen waͤre, dem boͤslich verlaſſenen Gemahl zum Andenken da. Herr von Unſtern ſuchte die Verlorene nicht, und wenn ſie ſelbſt zu ſeinen Fuͤßen gelegen haͤtte— ſon— dern nur die gerichtliche Trennung nach, die auch alſoba Täuſch eine ken 9. maͤnni jen w todt! reiche Das verwa theil welche gende augen Wird tigen ſch an de Und welch Prog R. 27 alſobald erfolgte. Er belaͤchelte mit bitterm Hohn die Taͤuſchungen der Leidenſchaft. Sein Herz war wie eine ausgebrannte Kohle, worin nur noch ein Fun— ken glomm, der fuͤr den Wunſch gluͤhte, ſeine ehe— maͤnniſche Ehre zugleich mit ſeinen zerruͤtteten Finan⸗ zen wieder herzuſtellen; fuͤr die Liebe war dieſes Herz todt und kalt. Seine dritte Wahl fiel nun auf eine reiche Erbinn, die ihm fuͤr dieſe Zwecke geeignet ſchien. Das Fraͤulein hatte Vermoͤgen, einen makelloſen Ruf, verwandtſchaftliche Verbindungen, von denen ſich Vor⸗ theil ziehen ließ, und eine gute Doſis Indifferenz, welche auf eine erregbare Natur wie ein niederſchla⸗ gendens Pulver wirkte, das bekanntlich aus Krebs⸗ augen gemacht wird. Indeß mußte dieſe gewoͤhnliche Wirkung doch fuͤr den Bewerber mit einem anderwei⸗ tigen Beiſatz vermiſcht geweſen ſeyn: denn er verſah ſich keiner ruͤckgaͤngigen Bewegung, da er die Abſicht an den Tag legte, dieſe jungfraͤuliche Veſte zu erobern. Und wirklich machte er zum Erſtaunen aller Derer, welche die pruͤde Strenge des Fraͤuleins kannten, gute Progreſſen, und trug zuletzt den Sieg ihrer Hand davon. Nicht die große Frage, wie ihre Zukunft als Gat— tinn dieſes Mannes ſeyn werde, noch die Vergangen⸗ heit ihres Verlobten, nur eine kleine liebenswuͤrdige Gegenwart war der Braut ein Anſtoß: Claudine. Sie ſagte es dem Braͤutigam ohne Scheu, indem ſie 2* 28 keine andere Theilnahme an dem verlaſſenen Weſen bei ihm vorausſetzte, als die eines ſeiner Pflicht ent⸗ hobenen Pflegevaters. Herr von Unſtern verſprach, das Kind fortzuſchaffen. Er ſchrieb in dieſer Angele⸗ genheit an ſeine Schweſter, bat ſie im Tone der Be⸗ rechtigung, die Kleine zu ſich zu nehmen, wobei er nicht vergaß, ſich auch an ſeinen Schwager zu wenden und ein betraͤchtliches Koſtgeld fuͤr Claudine auszu— ſetzen. Frau von Elban war dieſem Verlangen ihres Bruders geneigt; ihr Gemahl hatte wie immer keine Stimme. So kam Claudine nach Halde, und Eugen zu einer Geſpielinn. Frau von Elban merkte bald, daß ſie das Maͤd⸗ chen wie eine Geißel zu behandeln haͤtte, fuͤr den Bu⸗ ben, der ſo kuͤhn war, ihrer ſtiefmuͤtterlichen Tyran⸗ ney Trotz bieten zu wollen. Jeder, auch der kleinſte Ungehorſam des Knaben ward nun mit großer Haͤrte an dem zarten Kinde vergolten, und dem Eugen blu⸗ tete das Herz, wenn er Claudine um ſeinetwillen Thraͤnen vergießen ſah. Dies allein zaͤhmte den jun— gen Loͤwen. In der kleinen Claudine regte ſich ſehr fruͤhzeitig ein weiblicher Inſtinct der Liſt. Sie wußte ſich und ihrem bruͤderlichen Freude geſchickt zu helfen, und der uͤbermuͤthigen Gewaltſamkeit, womit die Tante in roher Laune gegen Beide verfuhr, tauſend kleine ver⸗ eitelnd res, d fte niger Wahr übted heuch horſa theill Es— Ahnh rer) Fr Natt gen 29 eitelnde Streiche zu ſpielen. Sie kannte nichts Suͤße⸗ res, als die arge Aufſeherinn zu hintergehen, welche es freilich nicht beſſer verdiente. Aber nichtsdeſtowe— niger war es traurig, daß dem Himmel, worin die Wahrheit wohnt, eine Seele verloren ging. Claudine uͤbte die zarten Kraͤfte des Gemuͤths an der Verſtellung, heuchelte ihrer Tante, die ſie innerlich verabſcheute, Ge⸗ horſam und Liebe, und machte Eugen mancher Luͤge theilhaft, gegen die ſein offner Sinn ſich ſtraͤubte. Es ging ihm im Paradieſe der Unſchuld wie dem Ahnherrn ſeines Geſchlechts: ſein Loos war ein ſau⸗ rer Apfelbiß. Frau von Elban konnte Kraft ihrer daͤmoniſchen Natur, die Liebe nicht leiden, womit die beiden jun⸗ gen Seelen ſich gegenſeitig zu durchdringen ſchienen; ihr Gemahl hingegen fand Freude an dieſer Vertraͤg⸗ lichkeit, der einzigen, die ſein Haus begluͤckte. Eugen kam auf die Kriegsſchule, er war zum Mi— litair beſtimmt; Claudine fiel der ſchrecklichen Tante mehr noch anheim. Sie ſollte die Wirthſchaft im Großen wie im Kleinen lernen, um einſt eine tuͤch⸗ tige Hausfrau zu werden; aber ſie war nur eine No⸗ vize der heiligen Geduld, und haͤtte wohl eher den Schleier nehmen moͤgen, als das Heil der Ehe von dem ſie uͤberdies einen ſcheuen Begriff hatte— um den Preis ſolcher kleinlichen, laͤſtigen, niemals auf⸗ 30 zuhoͤrender Muͤhen erwerben. Sie verachtete die ge⸗ nuͤgſamen Freuden der Haͤuslichkeit. Claudinens Ge⸗ muͤth entbehrte jener weichen Elaſtizitaͤt, welche ſich unter dem ſchwerſten Drucke nur hoͤher hebt; aber ſie hatte Muth, und dieſer Muth wuchs mit den Jah— ren. Ein Charakter wie ihn ſonſt nur die Welt zu bilden pflegt, reifte hier an der Nothwendigkeit; Clau⸗ dine hatte keinen Schutz als ſich ſelbſt. Ihr Vater bekuͤmmerte ſich nicht um ſie, die Mutter war ihr ſchlimmer noch als todt: denn ſie fuͤrchtete in jeder Bettlerinn der lebenden zu begegnen. Daß Claudine ihre Familiengeſchichte wuͤßte, dafuͤr hatte Frau von Elban geſorgt. Sie wollte die Tochter durch die Schmach der Mutter demuͤthigen; aber ſie hatte nur den Stolz der Jungfrau erregt. Dieſe wollte lieber ſterben als die Sclavinn eines Mannes ſeyn, oder einer Leidenſchaft froͤhnen, durch welche ſie ihrer ſitt⸗ lichen Freiheit beraubt werden koͤnnte.— Claudine war nicht einmal eitel, und doch im Geheimniß ge⸗ faͤlliger Grazie; ihr Benehmen war voll Anmuth, der Strahl ihres Auges hell und heiter, wenn ihr auch das Herz uͤber ein erlittenes Unrecht in brennenden Schmerzen loderte. Eine unbezwingliche Sehnſucht, frei zu ſeyn— dem Weſen der Weiblichkeit entgegen, die ſich gern beſchraͤnkt ſieht, in weiten Blicken ſich zu verlieren fuͤrchtet, und in dem engen Kreiſe, den das! ihren heime in de Tieff mit Zuge ben Sie gigk Gen der 31 das haͤusliche Verhaͤltniß umſpannt, Raum genug fuͤr ihren Himmel findet— ſtoͤrte Claudinen den Genuß heimathlicher Ruhe. Jedes denkbare Gluͤck wohnte ihr in der Ferne. Schon als Kind ſah ſie verſunken in Tiefſinn dem Stroͤmen der Waͤſſer zu, und folgte mit leuchtendem Auge dem Fluge der Voͤgel, dem Zuge der Wolken. Hoch uͤber der Erde haͤtte ſie ſchwe⸗ ben moͤgen, unerreichbar jeder ſchnoͤden Anmaßung. Sie fuͤhlte mit wunder Seele die Feſſeln der Abhaͤn— gigkeit, und zitterte, ſie ewig tragen zu muͤſſen; ihr Gemuͤth war wohl ſtarker Empfindungen faͤhig, aber der ſchoͤnſten nicht: der Liebe, der Hingebung! und das Herz eines Mannes zu ruͤhren, fehlte ihr nur das Herz eines Weibes. Herr von Unſtern ſchrieb in einer oͤkonomiſchen Ver⸗ anlaſſung an ſeinen Schwager, und ließ am Schluſſe des Briefes ein Woͤrtchen davon fallen, daß Claudine einmal zum Beſuch zu ihm kommen ſolle. Frau von Elban faßte die leichte, loſe Einladung haſtig auf, und den Entſchluß, Claudinen des Baldigſten an die vaͤterliche Autoritaͤt zu ſpediren. Sie goͤnnte ihr das Vergnuͤgen der Reiſe, und wußte wohl warum: denn ſie entzog ihr ein groͤßeres dadurch. Eugen hatte lan— gen Urlaub genommen, und ſeine nahe Ankunft den Eltern verkuͤndet; doch Frau von Elban, ſobald ſie dies wußte, die Einlage an Claudine neidiſch unter⸗ 32 ſchlagen. Das Maͤdchen ahnete nicht, welcher beſſe— ren Freude des Wiederſehens es den Ruͤcken kehre, da es unter baͤnglichen Gefuͤhlen der Erwartung dem Gute des Vaters zurollte. Frau von Elban hatte es ihrem Gemahl ſtreng unterſagt, von Eugens Heimkehr et⸗ was gegen Claudine zu verrathen, weil der Vater doch auch ſeine Rechte haͤtte, und nicht verſaͤumt wer⸗ den duͤrfte, zumal, da er ſo ſparſam mit dem Wun⸗ ſche geweſen, die Tochter einmal bei ſich zu ſehen. Herr von Elban gehorſamte als ein wohlgezogener Ehemann dem Willen ſeiner Frau. Claudine kam auf dem Gute ihres Vaters an. Sie war in ſeinem Hauſe, in ſeinen Familien⸗Beziehun⸗ gen voͤllig fremd. Allmaͤhlich belebte ſich ihr der oͤde, todte Prunk des Schloſſes mit Bildern aus fruͤherer Zeit, ihre Puppenſpiele, kleine ſuͤße Freuden blickten ſie mit Kinderaugen aus jedem Winkel an, und ruͤhr⸗ ten ihr das Herz, die harmloſe Geſtalt der Mutter ging ihr im Traume der Erinnerung auf. Jetzt ſchien ein finſterer Geiſt dieſe Raͤume zu bewohnen. Clau⸗ dine war unſaͤglich bange hier. Die Ehe ihres Vaters kam ihr wie ein marmornes Grabmal vor, worin je⸗ der Lauf der Liebe verſtummt waͤre— das Geſicht der Stiefmutter war wie aus Stein gehauen, ſtarr und ſtill. Der Blick der Frau von Unſtern ruhete mit dem Stolze der Unempfindlichkeit, wie mit richtender 33 Strenge auf der beſeelten Schoͤnheit Claudinens, de⸗ ren aufbluͤhende Reize ihr gehaͤſſig waren, weil ſie der Mutter ſo aͤhnlich ſah. Sie konnte von der er— ſten Stunde an, dieſe Tochter ihres Mannes durch⸗ aus nicht leiden; ihr Geſichtskreis umſchrieb einen Cirkel der Verbannung fuͤr Claudine, ſie legte in je⸗ des gewogene Wort einen verurtheilenden Sinn. Die Frau ihres Vaters nannte Claudinen nicht anders als: »Fraͤulein« und»Sie.« Die kleine Adelaide— das einzige Kind dieſer drit— ten Ehe, galt fuͤr das einzige uͤberhaupt, in ſeiner Art wie in ſeinem Recht, und zwar in Folge der Erziehung vornehm, bloͤde, ſtolz und ſtumm geworden. Liddy durfte nach einem unbedingten Verbot ihrer Mutter von Niemand gekuͤßt werden, daß die Haut, welche wie Milchſchaum zum Wegeblaſen war, nicht verdor— ben wuͤrde. Selbſt der Vater mußte ſich in Acht neh⸗ men, das zarte Puͤppchen zu liebkoſen. Claudine, obgleich ihr Teint nicht minder ſchoͤn zu nennen— wußte von ſolcher Vorſicht nichts. Sie uͤberließ ſich dem natuͤrlichen Wohlwollen fuͤr das Toͤchterchen ih⸗ res Vaters, und wenn Liddy mit ungewoͤhnlicher Zu⸗ neigung in den Armen ihrer Schweſter hing— wel⸗ chen Namen Claudinen zu geben, heimlich verpoͤnt war— ſo ſtierte das große, gebietende Auge der Mutter ſo aͤngſtlich beſchuͤtzend in die geſchwiſterliche *† 34 Gruppe, als hielte eine Schlange ihr liebes Kind umzingelt. Herr von Unſtern ſah ſeine Tochter wieder, die er kaum noch kannte, das Knoͤspchen war zur Roſe ge⸗ worden. Die Natur klopfte an ſeine unter Bauſtei⸗ nen und Geldſorgen verhaͤrtete Bruſt, und er fuͤhlte das Vaterherz laut ſchlagen. Claudine glich vollkom⸗ men ihrer Mutter. Eine andere Zeit ſtand mit die⸗ ſem holden Anblick vor ſeiner Seele; doch dieſe Zeit war nun laͤngſt nicht mehr. Er betrachtete Claudi⸗ nen in einer Empfindung, worin ſich aufnehmende Liebe und abweiſendes Mißtrauen miſchten. Er fuͤhlte wie dieſe ſuͤße taͤuſchende Geſtalt ſich in ſein Inner— ſtes ſchlicch— es gerieth in Bewegung, er erſchrak davor, und bedachte, wie weit dies fuͤhren koͤnnte. Er war klug genug, ſeine Grenzen zu kennen, denn Frau von Unſtern hielt ihren Gemahl kurz—: und ſo warf er unter einem feſten Entſchluſſe die Herzens⸗ thuͤre zu. Claudinens Vater ſah wohl ein, daß er ſeine Tochter niemals wuͤrde anerkennen duͤrfen, und, wenn er dies ernſtlich gewollt, er doch damit zu lange ge— zoͤgert haͤtte. Jetzt war es zu ſpaͤt dazu, und das Maͤdchen zu groß und zu huͤbſch, um dieſe Legitimi⸗ taͤt einzuleiten, welche von dem haͤuslichen Throne aus, der neben dem Arbeitstiſche ſeiner Frau ſtand— t 35 wie er voraus wußte, nicht ſtatuirt worden waͤre. Und aus eigener Macht zu wollen, daß man Clau— dinen fuͤr ſein Kind anſaͤhe: dazu fehlte es ihm an Muth der wahren Ehre. So ſetzte er denn die arme Älteſte, die nichts verbrochen, auf ein kuͤmmerliches Pflichttheil der Fuͤrſorge zuruͤck. Claudine fuͤhlte ſich einer Verſtoßenen gleich. Sie kam ſich hier ſo einſam, ſo darbend und waiſenhaft vor, obgleich es im Schloſſe ihres Vaters hoch und geſellig herging. Sie ſehnte ſich nach Halde, wo niemals Gaͤſte einſprachen, und hielt es fuͤr leichter, unter den hitzigen Ausfaͤllen ihrer Tante, als bei die⸗ ſer hoͤflichen Kaͤlte, dieſer froſtigen Zuruͤckhaltung aus— zudauern. Das Aufſehen, welches Claudine im vaͤterlichen Hauſe erregte, verdroß die Dame deſſelben. Frau von Unſtern hatte Claudinens Mutter noch gekannt, und wußte ſich ſo genau auf ſie zu beſinnen, daß die aͤhnlichen Zuͤge der Tochter Claudinen in ihrer Vor⸗ meinung ſchadeten. Sie ſah ſcheel, wenn die Herren alt und jung ſich um das ſchoͤne Maͤdchen draͤngten, und es uͤber Gebuͤhr erhoben. In jeder Geſellſchaft war große Cour fuͤr Claudine; alle Hoͤflinge huldig— ten ihr, und das regierende Haupt vermerkte dieſen Abfall ſehr uͤbel. 36 Frau von Unſtern nannte Claudinen gegen ihren Vater eine Coquette. »Sie hat das Gluͤck ihrer Mutter um die Maͤn— ner—« antwortete der beleidigte Gemahl in allem Ernſt und wohl wiſſend, daß er kein kraͤnkenderes Wort ſagen koͤnnte. Claudinens Coquetterie— wenn anders ihre anzie⸗ henden Kraͤfte dieſen verrufenen Namen verdienten— war nicht Gefallſucht, wie die ihrer Mutter, ſondern Verachtung, und dies gab ihrem Betragen den Reiz unbefangener Freimuͤthigkeit. Sie kannte das ſtarke Geſchlecht von ſchwachen Seiten nur. Wie unmaͤnn⸗ lich hatte Herr von Elban ſich die Haͤnde binden laſ— ſen! der Vater? nun, er trug ſeine Ketten mit An— ſtand. Der Oberſt war ein tapferer Degen, und bramarbaſirte ſogar; aber ſein Leibhuſar commandirte ihn dennoch. Eugen machte freilich eine muthige Aus⸗ nahme; aber Claudine fuͤhlte ſich ihm doch ein wenig uͤberlegen. Herr von Unſtern nahm ſeine Tochter allein. Er hatte ſich vorgenommen, ihr reinen Wein einzuſchen⸗ ken; aber in dieſen aufrichtigen Erguß miſchte ſich Wermuth und Galle fuͤr die arme Claudine, und eine bittre Zaͤhre floß hinein.»Mein Kind,« begann er:»wir wollen einmal uͤber eine Sache zuſammen ſprechen, die mich nahe angeht: Dein Gluͤck. Du — machſ Ehre! genhe then. reden dazu. Reali Part eine C Aug Nan Kla jung ſch M habe hat Mu Cl wei 37 machſt Furore wie ich ſehe, das freut mich, auf meine Ehre! aber verſaͤume nun auch die Gunſt der Gele— genheit nicht, Dich ſo fruͤh als moͤglich zu verheira— then. Ich fuͤrchte nicht, Du werdeſt mir von Liebe reden wollen; ich halte Dich fuͤr viel zu vernuͤnftig dazu. Liebe iſt eine charmante Idee— die aber keine Realitaͤt hat. Denke daher in Zeiten auf eine ſolide Parthie— auf eine ſolide, hoͤrſt Du? ich wuͤßte eine fuͤr Dich.« Claudine ſah ihren Vater mit großen aͤngſtlichen Augen an. Sie hoͤrte geſpannt. Er aber hielt den Namen noch zuruͤck, der wie er wußte, keinen guten Klang geben wuͤrde, und glaubte, die Saiten dieſer jungen hochmuͤthigen Seele ein wenig herabſtimmen zu muͤſſen.»Sieh!« fuhr er fort und wich mit einem ſcheuen Blicke dem ihrigen aus, indem er unter der Maske des Selbſtvorwurfs erroͤthete:»Deine Eltern haben ſchlecht fuͤr Dich geſorgt— die Natur allein hat Dir eine huͤbſche Mitgift und eine Ausſteuer an Mutterwitz gegeben. Ich kann nichts fuͤr Dich thun, Claudine, aus dem einfachen aber zureichenden Grunde, weil ich ſelbſt nichts habe noch vermag.« Claudine ſah in dem Prunkzimmer umher wo dieſe Unterredung vorfiel, und laͤchelte leiſe voch ſo ſtolz, wie uͤber eine unverſchaͤmte Luͤge. Sie ſchwieg. Ihr Vater ſetzte ſeine Rede weiter fort: yich verſtehe die 38 Sprache Deiner Blicke, aber— es iſt nicht alles Gold was glaͤnzt; das Sprichwort kennſt Du doch, Toͤchterchen? und ſo wiederhole ich, Du magſt es mir nun glauben oder nicht, ich bin reduzirt, und hange gaͤnzlich von meiner Frau ab, die ich deshalb ſehr beruͤckſichtigen muß.—« Er ſagte dies mit ſtarkem Accent.»Meine Frau,« ſprach Herr von Unſtern nach kurzer Pauſe, mit einem Piano der Stimme, als fuͤrchte er ihr feines Ohr—:»hat noch ein paar Erbſchaften zu erwarten, daran haͤlt ſich meine Hoffnung— der Strohhalm eines Verſinken⸗ den. Was Frau von Elban hinterlaͤßt, kommt im Falle ſie nicht teſtirt, meiner Tochter zu, Du biſt arm, Claudine.« Und jetzt nannte er einen alten rei— chen Baron, der ſich um ſie bewuͤrbe. Claudine war ploͤtzlich wie mit Purpur bedeckt; ihr Auge flammte fuͤrſtlich, da ſie ſprach:»ich bin arm, ja! aber nicht ſo elend, um dieſen erbaͤrmlichen Luͤſt⸗ ling nehmen zu muͤſſen. Dieſe Hand, welche er be— gehrt, iſt geſchickt zur Arbeit, und dann habe ich auch noch Freunde.« Sie dachte an Eugen und den Oberſten. »Die Freunde der Schoͤnheit,« antwortete Herr von Unſtern mit dem Laͤcheln der Erfahrung:»ſind in der Regel ſelbſtſuͤchtig und unzuverlaͤſſig. Du biſt ein Maͤdchen Claudine, eine Frau aber iſt, wenn ſie Ver⸗ ſand väͤge laßne Cla ſonder ten, worin ter v im h Weſe dem den vot blen Ge ihre Mo im hera üffn dene bedi Ent C demn ſiehe 39 ſtand hat, unter allen Verhaͤltniſſen ſelbſtaͤndig. Er⸗ waͤge das, Kind!« Hiermit verließ er ſeine ſehr ver⸗ laßne Tochter. Claudine kaͤmpfte noch, nicht mit ihrem Herzen, ſondern mit Thraͤnen, die fluthend ausbrechen woll⸗ ten, als die Dame des Schloſſes in das Zimmer trat, worin ſie ihren Gemahl im Geſpraͤch mit ſeiner Toch⸗ ter vernommen. Frau von Unſtern war argwoͤhniſch im hoͤchſten Grade, und eiferſuͤchtig auf das reizende Weſen, welches ein verfuͤhreriſches Bild, das von dem Reichskammergericht des Hauſes in Effigie an den Nagel gehangen worden— in trauter Beziehung vor die Augen Deſſen brachte, der einſt davon ver⸗ blendet geweſen war. Claudine lehnte im beugenden Gefuͤhl ihrer Unhaltbarkeit an einem Pfeiler, und ihre gramvolle Stellung zeigte der Dame den rechten Moment, ein Wort anzubringen, was ſie ſchon laͤngſt im Sinne hatte. Sie ſchlug Claudinen eine andere herabwuͤrdigende Partie vor. Frau von Unſtern er⸗ oͤffnete die Heiraths⸗Praͤliminarien wie zu einem Frie⸗ densſchluſſe mit ihr ſelbſt. Sie that es in jener un— bedingten ſteilen Manier, fuͤr welche es ſo ſchwer ein Entkommen giebt. Claudinen bebte das Herz. Sie fuͤhlte ſich tief ge⸗ demuͤthiget und geaͤngſtet. Vor ihrem Blicke voll ent⸗ fliehender Sehnſucht, voll uͤberfließender Thraͤnen, 40 zitterten die Waͤnde, welche ihr ploͤtzlich gefaͤngnißar⸗ tig ſchienen, wankte jede Hoffnung auf den Schutz dieſes Hauſes, das Schluͤſſelbund, welches Frau von Unſtern in der Hand hielt, klirrte ihr gleich einer Kette. Claudine raffte ihren Muth zuſammen, und wen— dete gegen den Vorſchlag alles ein, was ſich beſchei⸗ dentlich ſagen ließe. Frau von Unſtern ſah mit weg⸗ werfender Miene Claudinen darauf an. Sie warf als eine aͤchte Phariſaͤerinn ruͤhmlicher Ahnen dem jungen Blute, was ſich ſolches Widerſpruchs erkuͤhnte, die Mutter vor, und fuͤhrte die Toͤchter dieſer verlaufe— nen Suͤnderinn auf ihre Lage zuruͤck. Claudine ant— wortete ſchwer gereizt— ſie trennten ſich in offnem Kriege. Claudine eilte zu ihrem Vater, und drang heftig in ihn, ſie baldigſt fortzuſchaffen. Er ließ ſich erzaͤh— len was eben vorgefallen, und ſagte dann:»ja frei— lich! nach dem Korbe den Du meiner Frau fuͤr ihren Protegée gegeben haſt, duͤrfte Deines Bleibens hier nicht mehr ſeyn. Das Brauthemd waͤre Dir von Neſſelgarn geweſen—. Sie ſpinnt gern mit Fein⸗ heit etwas zuſammen und ſtiftet Ehen—; aber ſelten Segen.« Herr von Unſtern ſeufzte, und beſtimmte auf wiederholtes Bitten ſeiner Tochter, den folgenden Tag zu ihrer Abreiſe. Claudine zaͤhlte die Stunden, welche noch uͤbrigten. Sie f viel ſe halten Span ſamme Ein welche weſen war. Geft hörte Bam nachle jugen vergt wenr ein i ren. was zeichn leiſet zende hin, Hauſ der C 1ls 41 Sie fuͤrchtete mit Beklemmung in dieſer kurzen Friſt viel ſchmaͤhliche Blicke und Pein des Schmollens aus— halten zu muͤſſen; doch der Zufall half uͤber dieſe Spannung hinweg, und erleichterte das beengte Zu⸗ ſammenſeyn. Ein Wagen fuhr vor. Man meldete eine Dame, welche, wie Frau von Unſtern gegen einen ſchon an— weſenden Gaſt bemerkte, kuͤrzlich Wittwe geworden war. Claudine machte ſich auf ein aͤltliches betruͤbtes Geſicht gefaßt, auf traurige Reminiscenzen. Sie hoͤrte im Geiſte Klagelieder und das Bimmeln und Bammeln einer Stimme, die das Sterbegloͤckchen nachlaͤutete. Aber herein trat eine Dame in voller jugendlicher Friſche, mit roſenrothen Wangen, und vergnuͤgt wie eine Koͤniginn— wuͤrden wir ſagen, wenn das Sprichwort paßte. An ihrer Hand hing ein idealiſch ſchoͤnes Kind, ein Maͤdchen von drei Jah— ren. In bluͤhende Farben war die Dame ſelbſt und was ſie ſprach, gekleidet. Sie ward mit großer Aus— zeichnung empfangen, die Dienerſchaft flog auf ihren leiſeſen Wink. Frau von Kleiſt— ſo hieß die rei— zende Wittwe— nahm die Ehren der Aufnahme leicht hin, und machte wenig Umſtaͤnde mit der Dame vom Hauſe, die unbehuͤlflich ſteif einen ſtarken Contraſt zu der Grazie der ſchlanken Gaͤſtinn gab, ſo daß es war, als ob Pſyche neben einem Reifrock ſaͤße. —õ—— 42. über Tiſche entſpann ſich ein anziehendes Geſpraͤch. Frau von Kleiſt entwickelte ſo viel Scharfſinn, Ver⸗ ſtand und Kenntniſſe, daß nur der weibliche Ton ihrer Wortfuͤhrung, und die anſpruchloſe Artigkeit, womit ſie auch zuhoͤrte, die hochmoͤgenden Herren der Geſellſchaft bei Gutem erhielt, der Liebenswuͤrdigkeit ein wenig Geiſt zu verzeihen. Die ſchoͤne Wittwe war eine Ausnahme ihres Geſchlechts, und machte ſie auch im Urtheil der Maͤnner. Frau von Kleiſt redete von einer großen Reiſe, die naͤchſtens ausgefuͤhrt werden ſollte. Der Plan dazu ward von ihr dargelegt, und in der That! ein klei⸗ nes Meiſterſtuͤck zu nennen. Die Orte, welche ihre Tour beruͤhren wuͤrde, in geographiſcher Ordnung genannt, die Zwecke, welche ſie bei ihrem Aufenthalt beabſichtigte, die Dauer derſelben und das Ziel: al— les dies war in dem ſchoͤnen Koͤpfchen auf das ge— naueſte verzeichnet und bewies, daß Frau von Kleiſt die den Frauen ſo ſelten eigene Kunſt verſtehe, eine Reiſende zu ſeyn. Ihr Vortrag war ſo lebendig und hinreißend, der Odem der Freude die ſie verſprach, wehete ſo erregend von dieſen beredten Lippen, daß die ganze Tiſchgenoſſenheit in Gedanken mit in den Wagen ſtieg, Eſſen und Trinken vergaß, und den Genuß in Hoffnung theilte. Des verſtorbenen Gemahls war noch mit keiner Sylbe ein R weſen die H Dame Arbeit ganze haͤtte. Ei ten ddieſ Grun will Han T Hei finſt wort nicht nen. volle Kind einen ſpro heili F 43 Sylbe gedacht worden. Er ſchien ſchon bei Lebzeiten ein Nonens in der Welt dieſer intereſſanten Frau ge⸗ weſen zu ſeyn. Nach aufgehobener Tafel zogen ſich die Herren zuruͤck, die Unterhaltung ward von den Damen allein fortgeſetzt. Die Rede kam auf weibliche Arbeiten, und Frau von Kleiſt ſagte, daß ſie ſich ein ganzes Ameublement mit Plattſtich in Seide geſtickt haͤtte. Ein anſpielendes Laͤcheln ſchlich ſtatios uͤber die har⸗ ten Zuͤge der Frau von Unſtern, indem ſie ſprach: „dieſer enorme Fleiß hat vielleicht einen aͤhnlichen Grund, gleich jenem der Fuͤrſtinn von Ithaka? ich will es wohl glauben, daß man um dieſe kunſtfertige Hand zu gewinnen, Ihnen laͤſtig werden mag.« Das Geſicht der Frau von Kleiſt, ſtrahlend in Heiterkeit, ward bei dieſer Frage eine kleine Sonnen⸗ finſterniß; ihr Auge ſchien verdunkelt, da ſie zur Ant— wort gab: yes wuͤrde vergeblich ſeyn, obgleich es mir nicht der Muͤhe verlohnt, einen Stich darum zu tren⸗ nen. Ich heirathe nie wieder.« Sie ſtreichelte die vollen goldnen Locken hinter die zarten Schlaͤfe ihres Kindes, das an der Mutter empor ſtrebte, und druͤckte einen Kuß auf ſeine Stirne, als legte ſie die ausge— ſprochene Verſicherung mit dieſem Siegel unter ein heiliges Depot. Frau von Unſtern entgegnete: dies waͤre unendlich 44 Schade!— Sie nahm der ſchicklichen Gelegenheit wahr, der ſchoͤnen Wittwe einige Flatterien zu ſa⸗ 45 gen, eine Sprache, in der ihre Zunge ſonſt wenig e geuͤbt war; zuletzt meinte ſie: die Maͤnner wuͤrden leß 6 nicht dulden, daß dieſer Vorſatz Stand hielte, und ad Frau von Kleiſt fruͤher oder ſpaͤter davon abzubrin⸗ 5 düre b gen ſeyn. ſtenme »Nimmermehr!« erwiederte Dieſe, und laͤchelte ih— 9 res Sinnes und Sieges gewiß.»Meine Freiheit—« V un ſetzte ſie leiſer hinzu:»war theuer genug erkauft, als ehir daß ich ſie nicht zu ſchaͤtzen wiſſen ſollte. So kann zänn ich uͤberhaupt nicht begreifen, wie Frauen ſich zu einer iege V zweiten Heirath entſchließen moͤgen, es waͤre denn um eit der lieben Verſorgung willen.« Die reizende Miene u — der jungen Wittwe ſprach den Stolz des Reichthums dn aus. Sie warf den feinen Mund auf, wie einen 1 Damm der Kaͤlte gegen die volle Ader des Gefuͤhls— 94 und Claudine in ihren Anblick verloren, ſchaͤmte ſich noch der Armuth und der Liebe. mhr »Nein!« fuhr Frau von Kleiſt fort,»ich will mei⸗ d nes Lebens froh werden, im Fluge ein Stuͤckchen von hn dieſer ſchoͤnen Erde ſehen, und nicht wie ein bruͤten⸗ 4 des Weibchen daheim das Neſt huͤten. Und hoͤren SEStuͤ Sie einſt: daß es einem Manne gelungen, mich haͤus— offen lich einzuſperren, ſo glauben Sie, daß es nur auf ung dem Sonnenſtein geſchehen ſey.« Frau von Unſtern Fr Heer 45 entſetzte ſich und ſchwieg; es lag ein vermeſſener Schwur in dieſer Äußerung der beſonnenen jungen Frau. Gegen den Abend fuhr Frau von Kleiſt fort, und ließ einen angenehmen Eindruck zuruͤck. Ihr Bild und jedes Wort was ſie geſprochen, war tief in Clau— dinens Seele gedrungen. Sie glaubte heute zum er⸗ ſtenmale eine Gluͤckliche geſehen und gehoͤrt zu haben. Claudinens Abſchied von den Eltern war ziemlich kurz und kuͤhl; der Vater wagte nicht Angeſichts ſeiner erzuͤrnten Gattinn der ſcheidenden Tochter liebreich zu begegnen. Ihr Auge blieb ſonach trocken, nur Liddy weinte ein paar Troͤpfchen Liebe, daß es der armen Claudine moͤglich waͤre, ſich einer frommen Warnung gemaͤß, vor duͤrrem Herzen zu huͤten. Niemand in Halde hatte Claudinen ſo bald zuruͤck erwartet, und der Lieutenant, da er ſie nicht fand, noch wie ſeine Stiefmutter ihm verſicherte, auf ihre nahe Wiederkehr rechnen durfte, ſeinen Urlaub abkuͤr⸗ zen wollen; nur der Vater hielt ihn noch, der ſich kraͤnklich klagte. Claudine kam daher wie vom Himmel gefallen, ein Stuͤckchen Seligkeit fuͤr Eugen, der ſie jauchzend mit offenen Armen empfing, und den großen Wurf ge⸗ lungen waͤhnte. Frau von Elban ließ die ganze Hoͤlle, das wilde Heer ihrer Launen los. Sie wuͤthete, daß ſie um 46 ihre Schadenfreude und Claudine aller hindernden An⸗ ſtalten ungeachtet, nun doch da waͤre. Die unge— heuchelte Ruͤhrung ihrer Pflegetochter verwirrte ſie zwar; aber ein boͤslicher Mißmuth, daß Claudine ohne vorherige Ankuͤndigung gekommen, blieb auf dem ſchwarzen Grunde ihres Herzens. Claudine weinte laut an Eugens Halſe; jetzt erſt loͤſeten ſich alle Baͤnder der Angſt, womit ihr die Bruſt zugeſchnuͤrt geweſen. Frau von Elban war wohl ſchlimm— das wußte Gott! aber gegen jene ſtiefmuͤtterliche Meduſa war keine Selbſtvertheidigung moͤglich, der Blick der Gorgo wandelt das Leben in Stein. Claudine that, was ſie der Tante an den Augen abſehen konnte; aber ſie merkte bald, daß die⸗ ſer ſchuͤchterne Gehorſam, dieſes befliſſene Werben um ihre Gunſt auch nichts huͤlfe, und daß ein feindliches Gemuͤth gar nicht zu verſoͤhnen waͤre. Der Nachſchmerz des Heimwehs, der endlich entdeckte Betrug ihrer Entfernung, die überzeugung, in Faͤllen der Noth auf keinen Vater, auf keine Heimath rechnen zu duͤrfen, nach verlorenem Muthe die unverhoffte An⸗ weſenheit Eugens, der entzuͤckte Freudenrauſch des heißen Freundes, dies alles draͤngte Claudinen inni— ger an ſein Herz. Die geſchwiſterliche Waͤrme ihrer Zuneigung ward Leidenſchaft, die beſaͤnftigende Ruhe des Maͤdchens goß nur Sl ins Feuer, ſtatt dies flamme haßte: ihm em Frau ſorgloſe ſprach: ſchlafer wenn es um chen h Herrn Sie fi bere V das F Unſin vl gelaſſe den. Tone MW zurüͤch im 2 ſcchwi wand das ſcwa 47 flammende Gefuͤhl abzukuͤhlen. Eugen liebte wie er haßte: ohne Maß— und Claudine mußte ſchwoͤren, ihm ewig anzugehoͤren. Frau von Elban weckte ihren Gemahl aus einem ſorgloſen Mittagsſchlaͤſchen. Sie trat hart auf und ſprach:»Wer doch auch ſo den lieben lichten Tag ver⸗ ſchlafen koͤnnte! Du traͤumſt ſelbſt mit offenen Augen; wenn ich nicht wachte ſo ſpaͤt als fruͤh, wie wuͤrde es um alle Ordnung ſtehen? Es giebt ſchoͤne Geſchicht⸗ chen hier im Hauſe. Die Liebſchaft zwiſchen dem Herrn Sohn und Claudinen iſt im voͤlligen Gange. Sie kuͤſſen ſich, daß man es ſchallen hoͤrt. Eine ſau— bere Wirthſchaft! ich ſage Dir, Eugen iſt wie toll in das Fraͤulein von Habenichts verliebt. Wozu ſoll dieſer Unſinn fuͤhren? heirathen koͤnnen ſie einander doch nicht.« »Und warum denn nicht?« fragte Herr von Elban gelaſſen, als waͤre ihm gar nichts Neues erzaͤhlt wor— den. Die guͤtigſte Bewilligung dieſer Liebe lag im Tone ſeiner Frage. »Warum nicht?« fragte Frau von Elban entruͤſtet zuruͤck.»Man hoͤre! weil ſie einander zu nahe ſind, im Alter, in der Gewohnheit, ſie ſind ja wie Ge— ſchwiſter zuſammen aufgewachſen, und— in der Ver⸗ wandtſchaft— daß Du es nur weißt. Ich gebe Dir das Geheimniß meines Bruders Preis, um Deinen ſchwachen Faſſungskraͤften zu Huͤlfe zu kommen.« 48 Herr von Elban war noch ein wenig verwirrt. Er konnte ſich nicht ſogleich auf das angedeutete Ver— haͤltniß beſinnen; aber der Ton ſeiner Frau war dar⸗ nach, daß er faſt gefuͤrchtet haͤtte, Claudine waͤre ganz ohne ſein Wiſſen die leibliche Schweſter ſeines Sohnes. Als er aber die traͤgen Gedanken in richti⸗ gen Zuſammenhang brachte, ſagte er:»nun, ſo ſind ſie hoͤchſtens nur in einem Grade verwandt, der nicht verboten iſt.« »Hoͤchſtens!« wiederholte die erboßte Echo:„das iſt doch gleich um den Schlag zu kriegen! wir leben ja nicht mehr im Paradieſe—.« »Nein, da leben wir nicht, mein Schatz,« unter— brach Herr von Elban ſeine Frau mit Reſignation. Sie ſtutzte, von dieſer Ironie der übereinſtimmung verbluͤfft, wetzte einen Moment lang an dem Steine des Anſtoßes, den der Gemahl ihrer gelaͤufigen Rede in den Weg geworfen, das Schwert ihrer Zunge, und fuhr dann fort:»wo Geſchwiſter und Geſchwiſterkinder einander nehmen mußten, weil noch kein Ausſuchen war, auf der Welt. Mauͤdchen giebt es jetzt, Gottes Segen! und an Maͤnnern fehlt es auch nicht, die ſich in ein glattes Laͤrvchen vergaffen. Eugen muß ſich zu pouſſiren ſuchen, und kann unter Jahren nicht ans Heirathen denken; fuͤr Claudinen aber iſt die Lockbeere des Eheſtandes alle Tage reif. Sie traͤgt das N wuͤtde leb' ich aber ke — vor betheue wolle, Kind Dir. haben, T Elban Punkt nung hielt, Zeit aber, Sproſ dies l 49 das Naͤschen hoch und mag ſich vorſehn: denn ſie wuͤrde ſchwerlich ſagen wollen: Herr Lieutnant Dir leb' ich, Herr Lieutnant Dir ſterb' ich!— Hochmuth aber kommt vor dem Fall. Claudine denkt ſehr frei — von mir hat ſie das nicht. Als ich ſie vornahm, betheuerte ſie: an einem Manne, er heiße wie er wolle, haͤnge ihr Gluͤck gar nicht, wenn ſie nur ein Kind haͤtte!— Ich alterirte mich daruͤber, ſage ich Dir. Und ſo will ich denn dies Engagement nicht haben, weil ich nicht will!« »Der Grund genuͤgt—« antwortete Herr von Elban, und verſprach, mit ſeinem Sohne uͤber dieſen Punkt zu reden. Da Herr von Elban die Vermah— nung an ſeinen Sohn jedoch nicht fuͤr ſo dringend hielt, und mit pflegmatiſcher Gemaͤchlichkeit die beſte Zeit dazu abwarten wollte, Eugen und Claudine aber auf der Himmelsleiter der Liebe taͤglich eine Sproſſe hoͤher ſtiegen: ſo konnte Frau von Elban dies laͤnger nicht mit anſehn. Sie mußte die Hoff— nung der jungen Leute ſtuͤrzen. Das ſchnaͤbelnde Paͤrchen ahnte den Geier nicht, der unter dunkeln Wolken uͤber ſeinen Kuͤſſen ſchwebte, und nun nieder— ſchoß, voll wuͤrgender Gier. Es gab eine heftige Scene mit dem Stiefſohne. Eugen vertheidigte ſeine Leidenſchaft aus allen Kraͤf— ten: mit der Genehmigung ſeines Vaters, mit menſch⸗ Hanke Wittwen 2r Theil. 3 50 lichem Recht, mit Claudinens erwiderndem Herzen; allein Frau von Elban raͤumte ſo leicht nicht das Feld, und als ihr Odem zum Ruͤckzuge blies, da mußte ſie noch toͤdtliche Wunden ſchlagen.— »Ich ſage Dir aber,« behauptete ſie:»Claudine iſt zu alt fuͤr Dich.« Eugen ſchlug ſpottend eine Lache auf.»Zu alt? o goͤttliche Hebe!« rief er aus: yhoͤre dieſe Schmaͤhung nicht.« »Deine Hebe,« verſetzte ihm die Gegnerin giftig: „wird dich der Erfahrung nicht uͤberheben, daß die Frau mit dem Manne nicht in gleichen Jahren ſtehen darf. Dir ſproßt der erſte Flaum ums Kinn— ihre Brautbetten ſind ſchon laͤngſt geſchuͤttet; ich muß ſie oͤfters luͤften: denn in heißen Sommern ſchwaͤrmen die Motten.« Die Wange des Juͤnglings gluͤhete beleidiget wie eine Fackel; die ſchnoͤde Rede der Stiefmutter kraͤnkte das Gefuͤhl der Maͤnnlichkeit in ihm, und warf einen glimmenden Brand in ſeine Phantaſie. Er ver⸗ ſtummte— und Frau von Elban ſchickte dieſer tref⸗ fenden Wirkung, noch ehe er mit einem Worte auf— kommen konnte, eine zweite nach.»Dann—=« ſetzte ſie hinzu:»ſeyd Ihr verwandt—« Eugen laͤchelte— pnaͤher als Du glaubſt—« fuhr ſie fort: yjetzt laſſe mich ſchweigen und gehen.« —— Eug Grauſe⸗ dachte wäre z Kopfe, Furcht, Mutter ſtand, glaubt ſprach ſagen D ten al —e ihrer tete liches nicht G Zwei ne ⸗ 51 Eugen blieb mit Entſetzen allein; es war ihm ein Grauſen angekommen. Sein Haar ſtraͤubte ſich, er dachte der geheimnißvollen Warnung nach. Claudine waͤre zu alt fuͤr ihn— ſein Blut ſtieg nach dem Kopfe, leidenſchaftlicher Wahnſinn packte ihn in der Furcht, er koͤnne am Ende wie Oedip, ſeine leibliche Mutter heirathen wollen. Aber als Claudine vor ihm ſtand, ſchuͤttelte er den wirren Traum kraͤftig ab, und glaubte nur an ſeine Liebe. Er umfaßte ſie, und ſprach:»meine Claudine! Du ewig meine Holde! ſage mir, Wer biſt Du eigentlich?« Dieſe ſeltſame Frage, welche jeder Menſch zu Zei— ten an ſich ſelbſt, wie an ſeine Abgoͤtter richten ſollte — erſchuͤtterte Claudinen; ein dunkler Geiſt, der in ihrer Seele ſchlief, erwachte davon. In Thraͤnen des baͤngſten Bewußtſeyns antwor⸗ tete ſie: vo Eugen! und das fragſt Dus ein ungluͤck— liches Weſen bin ich, und verlaſſen— wenn Du mich nicht mehr kennen willſt.« Er preßte ſie an ſein Herz, und zerdruͤckte den Zweifel. Aber Claudine war nicht geſchaffen dieſer Leiden— ſchaft zu entſprechen; ihre Gefuͤhle konnten ſich auf ſolcher Hoͤhe nicht halten. Sie war heimlich froh, ob ſie es ſich auch nicht geſtehen mogte, als Eugen von ſeiner Abreiſe ſprach. Die Liebe empfindet auch 3* 52 die leiſeſte Kaͤlte; doch dieſe wird viel ſeltner als ihr Ge⸗ gentheil, dem Maͤdchen im Herzen des Mannes ſchaden. Der Mann ſtrebt gegen das Unmoͤgliche an— ſo hofft er auch, den jungfraͤulichen Schnee zu erwaͤrmen. Eugen begehrte in zunehmender Gluth Gewißheit uͤber Claudinens Beſitz. Sie mußte ſich ihm mit den heiligſten Eiden verloben, und Ein Schwur, der weibliche Freiheit ausſchließt, reicht hin, die uralte Schlange zu wecken.— Um dieſe Zeit war es, wo in der Nachbarſchaft von Halde eine Veraͤnderung vorging, die— Einfluß auf das Schickſal dieſer Familie haben ſollte. Der Oberſt von Blandovsky konnte ſich nicht mehr in die Oede des Alters finden, da er ihrem Ausgange nahe war; ſeiner lieben laͤndlichen Einſamkeit uͤberdruͤſſig, ſehnte er ſich hinweg, und doch wollte es nicht mehr fort mit ihm. Er pfiff die Retraite, trommelte den Todtenmarſch an den Scheiben, und gab alle Zeichen innerer Unruhe, wie Voͤgel im Herbſt gegen ihr klei⸗ nes Gefaͤngniß ſchlagen, wenn ſie den Zug der Schaaren dem Fruͤhlinge des Morgenlandes zuſchwe— ben ſehen, und den Froſt der nordiſchen Nacht vor⸗ fuͤhlen. Der Menſch weiß ſelten ſeine Zeit; doch der Oberſt empfand ſie. Er bedauerte jetzt oͤfterer als jemals die Kugel, welche ihn gelaͤhmt, ein Zucken, das er im rechten Arme ſpuͤrte, hielt er fuͤr den ein⸗ gefleiſch Reiten Leibhuſe Als das du wirthet und da Staub ynichts Mund quartie ledern aber e . 8 53 gefleiſchten Reiz die Waffen zu fuͤhren, ſeine Luſt am Reiten lebte wieder auf; doch ſchwerfaͤllig half der Leibhuſar ihn in den Steigbuͤgel. Als der Oberſt einſt ein Commando Cavallerie, das durch ſein Dorf zog, und gaſtlich von ihm be⸗ wirthet worden war, mit blinkenden Augen begleitete, und das blanke Haͤufchen, nachdem es ſalutirt, in Staubwolken verſchwinden ſah— ſprach der Leibhuſar: nichts geht doch uͤber Reiterey, auf Seele! der Mund waͤſſerte mir, mit aufzuſitzen. Das Winter⸗ quartier auf dem langen Faulbette kommt Einem ledern dagegen vor— mit Permiß, mein Herr Oberſt; aber Soldat bleibt doch Soldat.« »Ja, das ſage ich auch—« antwortete ſein Herr. »Und ſo,« fuhr der Leibhuſar fort, indem er den Schnauzbart verzog: yfinde ich es ſo gar laͤcherlich nicht, daß jener alte Ziethner, dem die Gedanken im Trott geblieben, den Glauben, der in der Kirche ab⸗ georgelt wird, auf ſeine Weiſe aͤnderte und ſang: die ganze Chriſtenheit zu Pferde! das duͤrfte eine Caval⸗ cade ſeyn!« Der Oberſt blickte zu dem blauen Marsfelde em⸗ por. Er ſah das Kreuzheer unter dem Regenbogen des Friedens in die Stadt Gottes einziehen, und ſeine Seele ſchwang ſich auf. Oberſt Blandovsky hatte einen Bruder gehabt, 54 der in heſſiſchen Dienſten geweſen, doch nicht mehr am Leben war. Der einzige Sohn deſſelben, mit einem Herzen, was fuͤr die heilige Sache der Menſch⸗ heit ſchlug, theilte den Kampf der Griechen, und war in tuͤrkiſche Gefangenſchaft gerathen. Davon benachrichtiget, hatte der Oheim alle Anſtalten fuͤr ſeine Befreiung getroffen, und große Summen ver⸗ wendet, um ihn zu loͤſen. Da aber eine Zeit nach der andern verging, ohne daß der Neffe kam noch von ſich hoͤren ließ: ſo vermuthete der Oberſt, er waͤre im Elend geſtorben. Auf einmal langte der junge Blandovsky unvermuthet bei dem Oheim an, der ſeinen Erben den er ſtill betrauert, nun lebend vor ſich ſah; aber der Neffe war bleich und ſichtlich erſchoͤpft, große Erfahrungen laſteten ſchwer auf ihm. Als der Arm des Schickſals ſeine Ruͤckkehr hemmen wollen: ſo hatten wunderbare Ereigniſſe ihn aufge⸗ halten; doch kam er zur rechten Zeit. Die tiefe gruͤne Einſamkeit des waldigen Gutes ſagte ihm zu, und ſtaͤrkte ſeinen ermatteten Geiſt. Er erzaͤhlte wenig, nur zuweilen ſtillte ein kurzer, wortkarger Erguß aus der herben Ueberfuͤlle der Ver⸗ gangenheit die Wißbegierde des Oheims. »Die Menſchen ſind fuͤrchterlich, Oheim!« ſagte er, und was er ſprach, rang ſich unter einem Seelen— ſchauder von dem vollen Herzen los:»Wer ſie kennt, in ih üͤber zu ſt ſellig fluͤch Eind tapfe grau d d mir ich übſch Dbe Zeit fuh zeu der naͤl 55 in ihrer craſſen Wildheit, die das Geluͤſt des Tiegers uͤberbietet, der doch, nur wuͤrgt, um ſeinen Hunger zu ſtillen—: dem wird es begreiflich, wie das ge⸗ ſelligſte Geſchoͤpf der Erde ſich vor ſeiner Gattung fluͤhten, und losſagend von der Welt, in wuͤſter Einoͤde bergen mag. Das iſt keine Bravour, keine tapfere Gegenwehr, ſondern Mordluſt, was ihre Opfer grauſam hinſchlachtet. Ich habe Graͤuel geſehen— o daß ich ſie vergeſſen koͤnnte!— Ein Ekel, fuͤr den mir jeder Ausdruck fehlt, hat mir das Leben verleidet, ich athmete mit Widerwillen unter Henkern, und ver⸗ abſcheuete mein Geſchlecht.« »Das« wird ſich geben Admont,« antwortete der Oberſt betruͤbt:»Dein Gemuͤth iſt noch krank, die Zeit aber wird Dich heilen.« Der Neffe laͤchelte.»Und dieſes milde Klima,« fuhr er heißer werdend, fort:»das ſonſt Goͤttliches zeugte in Kunſt und Wiſſenſchaft, ſcheint verpeſtet! der claſſiſche Boden, der muͤtterlich die Weisheit naͤhrte, die Poeſie, raucht von Blut und in Truͤm⸗ mern; die Oede eines Kirchhofs wohnt in Griechen⸗ land, und ſeine Denkmale des Ruhms ſind abge— brochne Saͤulen.— Das trojaniſche Pferd iſt zu dem fahlen Roß geworden, worauf der Tod ſitzt, und die Hoͤlle folgt ihm nach; die Leichenfackel flammt durch alle Staͤdte, ein Thraͤnenmeer wogt um die heiligen 56 Inſeln, ſie wanken auch—« hier wankte Admonts Stimme. Er wendete ſeine Augen abwaͤrts, und ſtarrte mit traͤumeriſchen Blick in den dunkeln Wall des Schloſſes. Der Oberſt verſtand den Schmerz des Neffen wie ihn ſelbſt nicht ganz. Er ließ ihn jedoch gewaͤhren. Admont liebte die Blumen und ſeine Hand war gluͤck⸗ lich in ihrer Pflege. Er hatte die fruͤher geſammelten Kenntniſſe dazu in den Gaͤrten von Conſtantinopel vermehrt, wo die Roſe, die Ranunkel in ihrem ſchoͤn⸗ ſten Flor zu finden, und— da ihm der tuͤrkiſche Waizen nicht gebluͤht— ſich Saamen mitgebracht, der ihm auf der heimiſchen Scholle Fruͤchte der Freude tragen ſollte. Spaͤter, als es fuͤr gute und getreue Nachbar⸗ ſchaft ſchicklich geweſen waͤre, ſtellte der Oberſt ſeinen Neffen in Halde vor. Er hatte ihn nur mit Muͤhe dazu vermoͤgen koͤnnen. Das bleiche Ausſehen des jungen Blondovsky entſchuldigte ihn jedoch, der Oheim ſprach mit Kummer von dem Siechthum des Juͤng⸗ lings, der ſich nach Seele und Leib noch nicht erho⸗ len koͤnne, und uͤbertrieb es ſogar ein wenig— im Voraus dafuͤr ſorgend, daß ſeine Freunde dem Neffen jede Sonderbarkeit nachſaͤhen: denn mit Sterbenden rechtet man nicht, ihrer Ungeſelligkeit wegen. Es gehoͤrte zu den wenigen guten Eigenſchaften der — G 57 Frau von Elban, daß ſie ſich fuͤr Kranke intereſſirte, ſo weit dies der Egoismus ihrer Einbildung zuließ: denn jede vernommene Kraͤnklichkeit fuͤhlte ſie im naͤmlichen Augenblicke ſelbſt. Blondovsky klagte je— doch uͤber nichts, ſein bleiches Bild ruͤhrte vielmehr durch edle Ruhe. Er ſchien nur das Geſpraͤch ihn perſoͤnlich betreffend, vermeiden zu wollen, und uͤber⸗ haupt ein iſolirter Charakter zu ſeyn. Frau von El⸗ ban haͤufte bei dieſem Beſuch ein volles geruͤtteltes Maß von gaſtlicher Artigkeit und theilnehmender Guͤte fuͤr den jungen Edelmann. Sie hatte den beſten Tag im Jahre. Dabei trat ihr in dieſer kraͤnklichen Ge⸗ ſtalt der Umſtand vor Augen, daß, wenn der Neffe ſtuͤrbe, das Vermoͤgen des Oheims in fremde Haͤnde kaͤme; darum ſchafften heute die Ihrigen ſehr freund⸗ ſchaftlich etwas Gutes— und lebte er wieder auf— je nun! der Gedanke an eine Heirath iſt jeder Frau der naͤchſte. Herrn von Elban, der ſich wie immer aufrichtig und wohlwollend zeigte, dauerte der Oberſt in der Seele, daß er den letzten Zweig der Familie hinwel⸗ kend uͤberkommen. Er verſetzte ſich mit ahnungsvollem Mitleid in die Lage des uͤberlebenden Alten, und war trotz dieſes bewegenden Gefuͤhls doch heilsfroh: denn in der boͤſen Sieben ſeines Hauſes war ihm heute eine heilige Zahl * 58 und ein Geſtirn aufgegangen, das ſelten mit ſolchem Silberblick leuchtete. Claudine verhielt ſich ziemlich ſchweigſam, der Philhellene imponirte ihr. Er war ſo ganz anders als alle Maͤnner, die ſie bisher gekannt, und ſchien wenig auf ein neues ſchoͤnes Maͤdchen zu geben. Sie faßte ihn in das bliz⸗ zende Auge; aber vor dem ſeinigen hatten griechiſche Geſtalten geſchwebt, und mancher cirkaſſiſche Schleier ſich geluͤftet— er bemerkte das ſchlanke Fraͤulein kaum. Daß er ſo gar nicht von den Gefahren ſprach, die er getheilt und deren Spuren ihm ſo ſichtlich einge⸗ druͤckt waren: dies regte Claudinens zaͤrteſte Achtung fuͤr ihn an. Wie bedeutend konnte er ſich zu machen wiſſen, wenn er die große Kriegsſcene der er bei— gewohnt, haͤtte ſchildern wollen! aber er ſtellte ſich in ſeinem Urtheil uͤber die Zeitverhaͤltniſſe, ſo einfach und anſpruchlos dar, wie Phidias ſich ſelbſt auf dem Schilde ſeiner Minerva: naͤhmlich als einen alten Mann, der einen Stein wirft.»Und Wem wenig dran gelegen ſcheinet, ob er reizt und ruͤhrt: Der be⸗ leidigt—« o wie tief ſind dieſe Worte aus der weib— lichen Natur geſchoͤpft!— Claudine ſah mit ihrem holdeſten Blicke zu dem juͤngeren Blandovsky auf, das Herz blutete ihr in leiſer Empfindung wenn Herr von Elban mit toͤlpiſchen Fragen dies angegriffene Gemuͤth betaſtete und alte Schmerzen aufwuͤhlte— 59 aber ihre Eitelkeit war auch verwundet, daß ihm ihr Antheil ſo durchaus nichts galt. Nach einiger Zeit ward dieſer Beſuch wiederholt, ohne daß Claudine befriedigter davon geweſen waͤre. Nur ein einziger, aufmerkſamer Blick des Neffen war ihr geworden, als eine kleine Teufeley der Tante ge⸗ gen die Nichte, beilaͤufig hervorguckte. Zwar ließ Frau von Elban den Faltenrock der Decenz ſchnell uͤber den Pferdefuß fallen; aber Admont hatte ihn doch bemerkt, und wenn er auch geneigt war, ihn als einen Naturfehler zu entſchuldigen: ſo konnte er nicht umhin zu denken, Claudine duͤrfe hier grade nicht auf Roſen gehen. Um ſo mehr bewunderte er nun den feinen Tact ihres Schrittes, und die ſanfte, ſichere Weiſe in der ſie auftrat. Dem Fraͤulein genuͤgte jedoch dieſer ſtille Beifall nicht. Durch den Inſtinct der Weiblichkeit, wie durch das muͤtterliche Erbe mit jener Coquetterie be⸗ gabt, die zu gefallen fordert, ſelbſt wenn ſie nicht Liebe begehrt— ſah ſich Claudine bei der achtloſen Haltung des jungen Blandovsky, in ihrem natuͤrlich— ſten Anſpruche bekraͤnkt. Eugens vergoͤtternde Leidenſchaft, die Huldigun— gen, welche Claudine im Hauſe ihres Vaters em— pfangen, hatten ſie daran gewoͤhnt, ihre kleine Per⸗ ſon fuͤr einen wichtigen Reflektions-Punkt zu halten, 60 und Admonts Auge haͤtte auf einen Haubenkopf nicht kaͤlter fallen koͤnnen. Dies reizte ſie, ihres Zaubers Kraͤfte zu verſuchen, und regte zugleich einen leiſen Haß gegen den Verſchmaͤher in ihr an. So ſchuͤrte ſie ihn zu entzuͤcken, zu entzuͤnden— ungleichartige Funken, wie ein Kind mit glimmendem Feuer taͤn— delt, bis die Flamme des Verderbens um ſich greift. Es ſchien keine Gefahr dabei: denn Blandovsky bleich wie Aſche, mit erloſchenen Blicken, war offenbar ein Mann des Todes. In Halde ging es ſo einfoͤrmig her— Claudinen ward die Zeit maͤchtig lang, und dieſe Intenſion uͤbte ihren Scharfſinn, und bewegte ihre Wuͤnſche zwiſchen Gefuͤhl und Berechnung wie die Figuren eines Schach⸗ bretts. Sie wollte ſiegreich im Gewinnſt ſeyn, wenn Admont matt wuͤrde. Wie oft iſt die Ruhe eines Herzens, das Gluͤck der Seele nichts mehr, als das Spiel muͤſſiger Stunden!— Der Leibhuſar Huß war dem Neffen ſeines Herrn nicht ſonderlich gewogen; er hielt ihn fuͤr hochmuͤthig. Vielleicht daß Admont kurz mit ihm war und der Cordialitaͤt ſeines Oheims ermangelte, vielleicht daß der alte Huſar in ſeinem Ton militaͤriſche Anklaͤnge vermißte, und den Eugen der ihm uͤber Alles ging, nun in der Gunſt des Oberſten verdraͤngt glaubte— da ein altes Herz verengt vom Leben, ſelten Raum für z leiden ſtame ; richtl ſteht belan brur Ihr kanr um 61 fuͤr zwei Lieblinge hat—: genug, er mogte ihn nicht leiden. So lag er den Oberſt heimlich an, ſein Te⸗ ſtament zu machen. »Wozu aber erſt?« fragte Dieſer, Den jede ge— richtliche Form anwiderte: yes gehoͤrt ja alles wie es ſteht und liegt meinem Neffen. Was Dich an⸗ belangt——« »Das ſollte mir Leid thun, mein Herr Oberſt!« brummte der Alte ihm in das Wort: ich habe durch Ihre Guͤte ſo viel, daß ich ruhig leben und ſterben kann— und brauche nichts weiter. Es waͤre nur um des Eugens willen, der doch einmal Ihr Pathe iſt!« Der Oberſt ſah aus, als beſaͤnne er ſich; dann ſchuͤttelte er zweifelhaft den ſchneeweißen Kopf, und ſprach:»Hm! mit Dem hat es wohl keine Noth. Der einzige Sohn— und den Admont kann ich nicht verkuͤrzen. Ein Anderes waͤre es, er ginge mir vor— an; es muͤßte nur ein Andenken, oder dieſer Fall, den Gott verhuͤten wolle, beſtimmt ſeyn.— Indeß will ich, Du haſt Recht, Alter! da morgen der Ju⸗ ſtitiarius kommt, meine Dispoſition machen. Jetzo weißt Du den Beſchluß, gute Nacht, Hyronimus!« So pflegte der Oberſt den Leibhuſar in ſpaßhaf⸗ ter Laune zu nennen, und als wollte er einen Ge— danken vor dem ihm grauete, mit dieſem Scherze —-— 62 abſchuͤtteln, machte er ſich los von dem Geſpraͤch. Allein es hatte den Anwalt der Ewigkeit citirt, und ſein letzter Wille war geweſen. Man fand den Ober— ſten am naͤchſten Morgen todt im Bette, vom Schlage geruͤhrt. Dieſer tiefe Schlummer des guten Oheims, weckte den Neffen aus ſeiner Lethargie. Er mußte nunmehr das Gut uͤbernehmen, und es gab mancherley zu be— ſorgen, und viel Verſaͤumtes nachzuholen. Der Schmerz des Leibhuſaren war Ingrimm, daß der geliebte Herr fruͤher als er geſtorben. Er blickte mit verbiſſener Wemuth auf das Grab, und dann ſo finſter grollend zum Himmel auf, als wolle er dem lieben Gott dieſen Streich ſchon gedenken. Beinahe haͤtte er ſich den Vorſchlag des Teſtaments zu Ge⸗ muͤthe gezogen, und dieſer ſtille Vorwurf war auch die einzige Urſache, weswegen er ein großmuͤthiges Geſchenk des Erben ſtandhaft ausſchlug. Er bat, daß er fort duͤrfe. »Du willſt mich nun auch verlaſſen, Huß?« fragte Blandovsky, als haͤtte er dies weder erwartet, noch verdient. Der Huſar hielt den Blick geſenkt.»Bleibe bei mir, Alter!« fuhr Admont fort, nachſichtig gegen die Schwachheit des Greiſes, der dem Gefuͤhl ſeines Verluſtes zu entkommen waͤhnte, wenn er das Weite ſuchte.»Du biſt ja frei,« ſetzte der junge Edelmann hinzu: Unter gegnen werthe nicht Dhein § Er ſe Man edel! beſche auch häͤltr 63 hinzu:»und kannſt thun und laſſen was Du willſt. Unter fremden Menſchen koͤnnte Dir ein Ungluͤck be⸗ gegnen, ich wuͤßte nichts davon— mir biſt Du ein werthes Vermaͤchtniß, und Du wirſt mich des Vorzugs nicht berauben wollen, den Freund meines ſeligen Oheims in Ehren zu halten.« Huß fuͤhlte gluͤhende Kohlen auf ſeinem Haupte. Er ſchaͤmte ſich des Widerwillens gegen den jungen Mann, der ſo zu ihm ſprach, und ſich auf jede Weiſe edel benommen. Aber man liebt nicht, welche uns beſchaͤmen!— Der Leibhuſar blieb einſtweilen, wenn auch nur wie auf Feld⸗Etat geſetzt, in precairem Ver⸗ haͤltniß und marſchfertig. Fuͤr die Frau von Elban war nun der neue Guts⸗ herr ſehr wichtig geworden, und ſie wendete alle Mittel der Gaſtlichkeit an, ihn heruͤber nach Halde zu locken. Allmaͤhlig hatte Blandovsky ſich an dieſen Umgang gewoͤhnt, er fuͤhlte ſich langſam aber um ſo bindender von Claudinen angezogen. Noch war das Intereſſe welches ſie ihm einfloͤßte, nicht Liebe; nur ein leiſer magnetiſcher Zug. Ein tiefer Eindruck mußte erſt ganz verwunden werden, dann war Admont noch immer kraͤnklich— die Kraft ſeiner Jugend rang mit den Folgen climatiſcher Einfluͤſſe und ſchwerer Erfahrungen, und ſchien hinzuſchwinden, ſo daß er 64 ſelbſt an ſeinen fruͤhen Tod glaubte. Und endlich lag ihm die Moͤglichkeit zu nahe, Claudinens Beſitz zu erreichen, Frau von Elban legte ihm dieſe Hoffnung in den Mund— als daß er raſch ſeyn moͤge einen Entſchluß zu faſſen, von dem das Gluͤck ſeines Lebens abhing. Eine Unheimlichkeit die ihm raͤthſelhaft war, ſtand dem Vertrauen entgegen, daß Claudine jener Hingebung faͤhig ſey, die er fuͤr unerlaͤßlich hielt an der Gattinn ſeines Herzens. Frau von Elban hatte jetzt keine angelegentlichere Beſorgniß, als daß Eugen nach Halde kommen, und ihre kuͤnſtlichen Machinationen, die Heirath Claudinens mit Herrn von Blandovsky zu Stande zu bringen, vernichten werde. Wirklich hatte Eugen von einem langen Urlaub geſchrieben, den er nehmen wolle. Frau von Elban ſtellte ihrem Gemahl vor, daß ſein Sohn jetzt der Ruhe des Hauſes, ein Stoͤrenfried ſeyn wuͤrde und ihrem Plane auch. Claudine waͤre ſchon ſo huͤbſch zur Vernunft gekommen— nun aber muͤſſe, wenn Eugen hieher kaͤme, ein Recidiv der alten oder vielmehr jugendlichen Thorheit zu befuͤrchten ſtehn. Sie ließ auf das Project einer Verbindung der Nichte mit dem Neffen des ſeligen Oberſten ſo viel Licht fallen, als ihres Mannes ſchwaches Auge nur vertragen konnte. Sie pries ferner die dann ge— ſicherte Freiheit Eugens, und deren Vortheile—: 65 die Muſe der Beredſamkeit war gegen dieſe Suada gleichſam nur die Stumme von Portici. Herr von Elban willigte ohne Widerrede in den Vorſchlag ſeiner Frau, daß ſie Beide nach der Gar⸗ niſon Eugens reiſen, und den Beſuch des Sohnes bei den Eltern, durch den ihrigen verhindern wollten; mit Ausfluͤchten, ihn dann fuͤr eine laͤngere Zeit ab⸗ zuhalten, war die Dame hinlaͤnglich verſehen. Doch in Halde, und am ſtrengſten gegen Claudine ſelbſt, ſollte die Tendenz dieſer Reiſe verſchwiegen, und ihr eine maskirte Abſicht vorgeſchoben werden. Und ſo geſchah es auch. Claudine laͤchelte ſc=hlau. Sie hatte die Tante laͤngſt errathen. Herr und Frau von Elban fuhren ab— die Nichte war unter einem ſchicklichen Grunde von ihrer Begleitung ausgeſchloſſen worden— und kamen vergnuͤgt wieder. Der Jaͤger ſteckte dem Fraͤu⸗ lein insgeheim einen Brief zu. Eugens ward nur wie nebenher erwaͤhnt, beſonders huͤtete ſich Frau von Elban ſeiner in Gegenwart des Nachbars zu gedenken. Jetzt fing Claudine an, zuweilen uͤber Bruſt⸗ ſchmerzen zu klagen. Sie erzaͤhlte, daß der alte Li⸗ centiat, welcher der Arzt eines benachbarten Staͤdt— chens und Hofmedicus in Halde war— in Abweſen⸗ heit des Oheims und der Tante zugefragt, wie es um das hohe Befinden ſtehe, ihr gerathen, von der 66 mineraliſchen Quelle in Rohrlach Gebrauch zu ma⸗ chen, wobei ſie den Duft des Nadelholzes einathmen koͤnne; fuͤr ſchwache Lungen gaͤbe es nichts Staͤrken— deres als dies. Sie ſolle nur mit der gnaͤdigen Tante daruͤber ſprechen, die ſehr verſtaͤndig in dergleichen Maßregeln und ein halber Doctor ſey. Frau von Elban war durch dieſes liſtige Lob fuͤr jenen Rath ganz gewonnen. Wer ſich ihrem Willen unterwarf, hatte den ſeinigen. Sie war ſich zudem falſcher Karte gegen die Nichte bewußt, und fuͤrchtete mit hyſteriſcher Aengſtlichkeit, Claudine koͤnnte etwas gemerkt, und ſich die Schwindſucht an den Hals ge⸗ aͤrgert haben. Auch iſt bereits fruͤher bemerkt worden, daß Frau von Elban obgleich gewiſſenlos, Schmerzen der Seele zu verurſachen, doch nicht ohne theilneh⸗ mende Sorgfalt fuͤr koͤrperliche Leiden war. »Mein Gott!« ſagte ſie unruhig:»das kannſt Du ja bequem haben, Kind! meynte er, Du ſollteſt trin⸗ ken oder baden?« »Wohl beides—« antwortete Claudine mit dem kurzen Huſten der Verlegenheit, und ſchlug die Augen nieder. Frau von Elban ſah ihre Nichte bedenklich an, und ſprach:»wenn Du Dich nur in dem Eulen— neſte druͤben nicht fuͤrchteſt!— Man ſagt, es gehe um in dem Schloſſe, und die wilde Jagd ſoll naͤcht— lich durch die Haide ſauſen. Die alte taube Charitas kann Waſ Nur ache einel muß Aech ter den kann Deine Brunnenmeiſterinn ſeyn. Sie ſieht das Waſſer fließen, wenn ſie es auch nicht rauſchen hoͤrt. Nur wuͤnſche ich nicht, und habe meine guten Ur— ſachen dazu— daß es erſt auskommt.— Es ſchadet einem Maͤdchen, wenn es huͤſteln und Nadeln riechen muß. In Deinen Jahren konnte ich Schwefel und Pech vertragen.« Claudine laͤchelte boshaft, und ſprach mit verſtell— ter Treuherzigkeit:»ja, ja! die Naturen ſind verſchie⸗ den— jede hat ſo ihr eigenes Element.« »Und dieſe weißen Zaͤhne,« fuhr die Tante unge— kraͤnkt der Worte ihrer Nichte fort, indem ſie den blendenden Schmuck ſtarr im Auge hielt, den dieſer reizende rothe Mund zeigte: yblaͤuliche Perlen, die man nur gleich einfaͤden moͤgte— ſind mir ſchon laͤngſt ein uͤbles Zeichen geweſen. So auch Deine Farbe, Claudine, welche wie die feinſte Schminke ge— faͤhrlich iſt. Deshalb ſollſt Du mir nach Rohrlach; doch dies bleibt ganz unter uns, Du verſprichſt es mir. Meinem Manne muß ich leider! davon ſagen— er iſt ſo unbehuͤlflich fuͤr ein Geheimniß.« Sie ſeufzte, nickte der Nichte abgehend zu, und Claudinens Geſicht war wie mit Purpur begoſſen. Frau von Elban traf mit dieſem Vortrage eine verdruͤßliche Stunde bei ihrem Gemahl.»Ich weiß nicht, mein Schatz,« ſagte er unmuthig:»Du biſt ſeit einiger Zeit ſo fuͤr die Verſchwiegenheit portirt, daß ich uͤber einer heimlichen Sache die andere ver— geſſe und furchtſam bin, ich koͤnnte mich bei dem er— ſten beſten Worte verſchnappen. Gieb mir nicht ſo viel zu hehlen— es genirt mich. Was iſt denn nun dabei, wenn Jemand ſeiner ſchwachen Bruſt wegen, eine Cur gebraucht? Das ſehe ich doch wirklich nicht ein.« Frau von Elban erboßte ſich ob dieſer Rede. Sie kollerte:»das dachte ich wohl! mein Gedanke iſt fuͤr Dich zu ſublim— Du kannſt nur in den Brun⸗ nen, den Claudine trinken ſoll, hinein plumpen, und moͤgteſt dem Maͤdchen lieber die Auszehrung andich— ten. Begreifſt Du denn nicht— Gott gieb mir Ge⸗ duld! daß Blandovsky nichts davon erfahren ſoll?— Er koͤnnte denken, Claudine waͤre hectiſch. Nun wird Dir doch ein Licht aufgehen? kein Mann der bei ge— ſundem Verſtande iſt, begehrt eine kranke Frau zur Ehe.« »Hm!« antwortete Herr von Elban mit nieder⸗ hangendem Kopfe: feine ſtarke Lunge iſt auch nicht immer dem Gluͤcke des Eheſtandes zutraͤglich—— und was die Geſundheit anbelangt: ſo duͤrfte Herr von Blandovsky ſeiner Zukuͤnftigen ſchwerlich etwas vorzuwerfen haben. Er iſt ja auch kein Rieſe.« »Ebendeswegen!« erwiederte Frau von Elban: was man ſelbſt nicht iſt noch hat, ſucht man zumeiſt bei2 ſo he ein u Gehe hinte 69 bei Andern.« Sie ging hierauf, und warf die Thuͤre ſo heftig zu, daß ihrem Gemahl die Luſt verſperrt war, ein unbedachtſames Woͤrtchen fliegen zu laſſen. Das Geheimniß von Claudinens Cur lag nun feſt bewahrt hinter Schloß und Riegel. Das Jagdſchloß in Rohrlach war ſtark im Verfall, und nur von einer harthoͤrigen Perſon allein bewohnt, zu dem Ende, daß es eine Ausſicht haͤtte, und eine Wirthinn da waͤre die fuͤr das Noͤthige ſorge, wenn Herr von Elban zur Wildzeit dort zu fruͤhſtuͤcken be— liebe, oder bei uͤblem Wetter daſelbſt eine Zuflucht nehme muͤßte. Frau von Elban kam gar nicht hin⸗ uͤber. Sie war uͤberaus furchtſam, vor Dieben ſo⸗ wohl wie vor geſpenſtiſchem Spuck— und jener Auf⸗ enthalt ganz geeignet, dieſe Schwaͤche anzugreifen. Eine Elegie wuͤrde Frau von Elban ſchwerlich darauf geſungen haben; ihr productives Genie erſtreckte ſich bloß auf oͤkonomiſche Induſtrie, fuͤr welche Rohrlach kein Gebiet war. Das Gebaͤude lag ſehr einſam, doch nicht ohne Reiz; es trug Spuren veralteter Zier und Herrlichkeit. Ueber dem Portale war ein fuͤrſtliches Wappen in beſchaͤdigtem Basrelief zu erkennen, das Schloß und ſeine abliegenden Vorwerke hatte einſt zu den Kron⸗ guͤtern von***† gehoͤrt. Die Zimmer nun wuͤſt und leer genug, zeigten noch Ueberreſte im Geſchmack einer 70 fruͤheren Zeit. In den Fenſterſcheiben welche blind in truͤben Farben ſchillerten, gaͤhnten Luftloͤcher, die letzten Rudera der Draperie wehten im Athem des Windes, die Mahlerey war verblichen und theilweiſe durch Kreuz- und Querſpruͤnge entſtellt; durch das Taͤfelwerk der Waͤnde ſchlich der Wurm und ließ die Todtenuhr picken. An der Decke des hallenden Flurs hingen Hirſchgeweihe und andere Inſignien der Jagd. Die Ahnen des Waldes waren in ſtolzer Ruhe zu ſchauen; nur wenn der Sturm die alten Stamm⸗ baͤume ruͤttelte, und das morſche Haus erſchuͤtterte, wankten ſie leiſe. Unten wohnte die taube Charitas, in lautloſer Stille; ihr kleiner Haushalt erſchien wie die Proſa wirthſchaftlichen Betriebs mitten in der Poeſie der Vergaͤnglichkeit.— Der Garten mogte einſtmals ſchoͤn geweſen ſeyn; jetzt war er verwildert. Einige alte Statuen ſtanden unter Pyramiden von Taxus, auf dem ſteinernen Sonnenzeiger wuchs friedliches Moos, und draͤngte gruͤne Schatten zwiſchen die lichten Stunden. Da⸗ neben waren ein paar Beete mit duͤrftigem Gemuͤſe bepflanzt, und die Wildniß des verſaͤumten Bodens bluͤhete auch hier wie uͤberall, zu ihres Schoͤpfers Ehre. Ein kleine Fontaine troͤpfelte nur noch— doch am Ende des Gartens nahe der broͤckelnden Mauer, quoll ein koͤſtlicher Waſſerſtrahl in ein ovales Becken— din li übern breite warte hetre 71 und dieſe Quelle deren Kraͤfte ihm bekannt, hatte der Licentiat dem Fraͤulein empfohlen.— Es war ein liebliches Plaͤtzchen! von dunkelm Geſtraͤuch uͤppig uͤberwoͤlbt, floß dieſer unberuͤhmte Segen, und ver— breitete Kuͤhle. Eine Nymphe in dienender Stellung, wartete ſeit manchem Jahr der naſſen Pflicht, das hetruriſche Gefaͤß zu leeren, welches gleich dem Oel⸗ kruge der Wittwe von Sarepta, voll ewigem Erguß war; ihre Fuͤße, ſchon ein wenig verſtuͤmmelt, bargen ſich in fettem Unkraut, ein offner Kranz von Neſſeln, die Toilette der Natur! hing von dem roͤmiſchen Scheitel nieder, und brannte ohne Schmerz auf dem kalten Buſen. Eine Bank, um das kleine Baſſin bequem zu genießen, war an der linken Seite der Laubwand angebracht, und von dieſem Sitzpunkt aus die Kuppel des Erbbegraͤbniſſes zu ſehen.— Claudine hatte die gruͤne friſche Einſamkeit dieſes verſteckten Ortes von jeher geliebt. Oft, wenn Herr von Elban auf der Jagd war, geleitete ſie den Pfle⸗ gevater unter einem Vorwande hierher, um an dieſer Stelle zu ſitzen. Das Plaͤtſchern des Waſſers labte wie erquickender Thau die heiße Blume ihrer Jugend, und wiegte die immer aufgeregte Seele in linde Traͤume. Das Toͤnen der Hoͤrner weithin im fernen Echo, war ihrem Gefuͤhl ein Alpenlied. Sie ſehnte ſich nach einer Heimath die ſie nirgend wußte— und 72² weinte ſehr. Die Vergißmeinnicht, mit denen das Becken umbordet war, ſchienen in ihrer ſanften Spra⸗ che zu ſagen: daß der Herr des Weltalls wie des kleinſten Bluͤmleins, keines Lebens das er geſchaffen, keines! jemals vergaͤße; der blaue Himmel in der Hoͤhe, in der Tiefe war ſo klar— ſelbſt die ſteinerne Najade, die ſtumme Zeuginn dieſer wehmuͤthigen Re⸗ gung ohne Gegenſtand, ſtroͤmte Troſt aus. Der ſee— lenloſe Gleichmuth, womit dieſe verſchwiegene Ver⸗ traute heimliche Thraͤnen fließen ſah, gab dem ſchmerz⸗ bewegten Gemuͤth eine ſtete, ſtaͤrkende Empfindung, und floͤßte Claudinen ein Beduͤrfniß der Feſtigkeit ein. Sie hielt dieſe ſtarre Ruhe fuͤr ein Gluͤck. Claudine eilte, nach Rohrlach zu kommen, ehe die Tante, welche launiſcher war als das Wetter im April, die gegebene Erlaubniß gereue. Sie fuͤgte ſich gern der Bedingung, daß ſie jeden Mittag in Halde zubringen wolle; den Abend koͤnnte ſie dann nach dem Jagdſchloſſe zuruͤckkehren, um Bad und Brun⸗ nen in der Fruͤhe zu gebrauchen, und Niemand, Niemand! Claudine kannte dieſe Negative— ſollte davon erfahren. Die Equipage der Tante ſtand fuͤr dieſe Zwecke zu ihrer Dispoſition. Und das mußte die Nichte ſich hoch rechnen! denn die Pferde der Frau von Elban wurden ſonſt bis zur laͤcherlichſten Uebertreibung ge⸗ ſchont ſchnel Claud gema Himn Sam an d Leich töͤdte lich linge 73 ſchont— Das wohnlichſte Zimmer im Schloſſe war ſchnell fuͤr das Fraͤulein in Stand geſetzt worden. Claudine, die ſich wie eine verwuͤnſchte Prinzeſſinn gemahnte, ſchlief ohne Bangen in dem unfoͤrmlichen Himmelbette mit gruͤnen Behaͤngen von verſchoſſenem Sammt, und weidete erwachend das blitzende Auge an dem Plafond, auf welchem Cephalus, uͤber dem Leichname der erblaßten Prokris gebeugt, in die ge— toͤdtete Liebe verloren ſchien— obgleich Aurora taͤg— lich mit wiederkehrender Gunſt das Bild ihres Lieb⸗ lings und ſeiner Verzweiflung beleuchtete. Zu der Zeit, wo der Sommer ſich ſeinem Ende neigt, ritt Herr von Blandovsky bei dem Beginn eines ſchoͤnen aber heißen Tages, durch den Forſt von Rohrlach. Sein Weg fuͤhrte ihn weiter, und er war, um die ſpaͤter druͤckendere Hitze zu vermeiden, ſo fruͤh ausgeritten. Die Sonne ging eben auf, der Wald glomm noch im erſten Morgenfeuer. Die Nacht war lau und mondhell geweſen, es hatte ſtark gethaut, der duͤnne Nebel ſtieg verduͤftend auf, und mit dem Aroma der beſprengten Holzungen und Harze, miſchte ſich fern— her die Luft, welche uͤber reife Erndten ſtrich: denn die Sichel ging bereits zu Felde. Es war ſo ſtill im Walde— daß Admont tief in ſein Innerſtes hinab hoͤrte, und die Gedanken ver⸗ Hanke Wittwen 2r Theil. 4 74 ſtand, die ihm manches entfallene Woͤrtlein von ge⸗ ſtern zufluͤſterten, wo er in Halde geweſen. Er meynte bei ſich ſelbſt, Claudinen noch nie ſo liebens— wuͤrdig gefunden zu haben, ohngeachtet ſie weniger als ſonſt geſprochen. Indem er das Auge aus tiefem Nachſinnen von dem Sattel erhob, ſah er das Erbbegraͤbniß der Fa⸗ milie von Elban vor ſich. Er entſetzte ſich faſt: denn er hatte jetzt wohl eher an den Altar als an die Gruft gedacht— und ſeine Phantaſie gerieth bei ihrem An— blicke in ſchwingende Bewegung, wie eine Glocke, die verkuͤndigend klingt, oder zur geheiligten Schwelle ladet. Die Sonne blendete— es daͤuchte ihm, die Thuͤre der Capelle ſtaͤnde offen; und eine von jenen geheim— nißvollen Triebfedern der Seele, denen der Wille me⸗ chaniſch folgt, wenn er fuͤr einen an ſich gleichguͤlti— gen Gegenſtand regſam wird, bewog ihn, ſein Pferd an einen Baum zu binden und zu unterſuchen, ob er recht geſehen. Die eiſerne Thuͤre war wirklich nur angelehnt; es zog ihn wie mit Geiſterhaͤnden— Ad⸗ mont wagte hinein zu gehen. Das Gewoͤlbe war ziemlich weit, und gleich einer ordentlich aufgeraͤumten Kammer. Die Saͤrge ſtan⸗ den gereiht wie Truhen, darin man Koͤſtliches auf⸗ bewahrt, und außer der eigenthuͤmlichen Atmoſphaͤre 75 eines vergitterten Aufenthaltes mitten im feuchten friſchen Walde, kein Dunſt der Verweſung zu ſpuͤren: denn es fehlte nicht an Luft. Wer aber beſchreibt Blandovsky Erſtaunen, als er auf der breiten Oberflaͤche einer Todtenkiſte von Erz, einen Juͤngling in ſeinen Mantel geſchmiegt, ſanft wie auf dem weichſten Dunenlager ſchlummern ſah!— Das lichtbraune Gelock der Haare glaͤnzte im Morgenſtrahl, der durch eine der obern Oeffnungen fiel, ein helles Laͤcheln ſchwebte auf den halbgeoͤffneten Lippen. So laͤchelt die Liebe— der Traumgott be⸗ gluͤckte ihn gewiß. Der Odem dieſes Lebendigen ſaͤu— ſelte durch die tiefe Stille der Todten. »Wie einſam iſt der heilige Schlaf!« dachte Ad⸗ mont, und ein Schauer ſtrich uͤber ſeine Nerven. Er bewunderte den herzhaften Juͤngling, dieſe Ruhe, dieſe Umgebung zeugte fuͤr den Muth einer ſtarken Seele. Dort blickte eine Waffe— ging eine goldene Uhr in dem Raume wo die Zeit aufhoͤrt. An dem Zeigefin⸗ ger der linken Hand, die unter dem Mantel hervor kam, hing ein eiſernes Armband loſe, und dieſer Fin⸗ ger pulſirte ſichtbar; und neben dem Schlaͤfer, als waͤre er uͤber einem Abendbrodt harmlos entſchlum⸗ mert— ſtand, Admont wollte ſeinen Augen nicht trauen— eine angebrochene Flaſche Wein mit dem Zeichen ſeines Kellers, und ein mit Laub ſorgfaͤltig 4* 76 bedeckter Teller. Er hob das Blatt mit ſpitzen Fin⸗ gern, eine halbe Semmel und eine Keule deſſelben Berghuhns, wovon Blandovsky geſtern zu Mittag geſpeiſt, waren die Beaureſte der unterirdiſchen Tafel. Von ambroſiſcher Koſt geſaͤttigt, Gluth in den Adern und berauſcht, war dem Schlummernden der feurige Wein und der kleine, leckere Braten uͤbrig geblieben— nur duͤrſtend nach dem Nectar des Schlafes, den er nun in vollen Zuͤgen genoß. Der Juͤngling athmete tief— Admont fand keinen Behuf ihn zu wecken. Als er ſich gebeugt hatte um den Inhalt der verdeckten Schuͤſſel kennen zu lernen, war durch die Erſchuͤtterung der Luft, obgleich es die allerleiſeſte war, das Armband abwaͤrts und grade in ſeine Hand geglitten. Admont hielt es gegen das Licht, erkannte das dunkle Figuͤrchen einer Parze, und fand dieſes ernſte Sinnbild hier ganz an ſeinem Orte. Wenn ſeine Reiſe nicht ſo dringend geweſen, er wuͤrde auf der Stelle umgekehrt ſeyn, um dieſes Raͤthſel zu erforſchen; der Leibhuſar, welcher das Aemtchen eines Kuͤpers verſah, und die Haͤlfte des Haſelhuhns geſtern bekommen, da der dankbare Neffe jeden Biſſen mit ihm theilte, der taͤglich ſein Flaͤſch⸗ chen erhielt, daß dem Alten das Gnadenbrod nicht trocken vorſchmecke— hatte ohnfehlbar den Schluͤſſel dazu. tag fel. ern 77 Admont ſtand, und zoͤgerte zu gehen. Gedanken, nur ſchwach beleuchtet vom Verſtande, ſtiegen in ihm auf, wie der duͤſtere Staub, der im Sonnenſcheine ſichtbar ward; aber im Grunde ſeines Herzens blieb ein unheimliches Gefuͤhl gelagert. Und als er in den lichten Streifen blickte, der leuchtend wie mit Gottes⸗ finger auf den Schlummerer zeigte, fielen ihm die Worte jenes ſterbenden Juden ein, die er ſeinem Moͤrder nachrief:„der Sonnenſtaub wird Dich ver⸗ rathen!—« Ein unausſprechliches Grauen wie vor heimlich boͤſer That, vor einer ſtummen Suͤnde, faßte den Edelmann. Er zog ſich ſacht zuruͤck, um ſeinen Weg, bleibend geſtoͤrt, fortzuſetzen. Das Armband war— Admont wußte nicht wie ihm geſchehen— noch in ſeiner Hand; aber umkehren haͤtte er um keinen Preis koͤnnen. Er hoffte wenn ſich alles geloͤſt haben wuͤrde, es an die Behoͤrde zu erſtatten. Bei ſeiner Heimkehr am Abend war Admonts erſte Frage nach Huß. Er war, ſo ſagte man dem Gutsherrn, den ganzen Tag uͤber auswaͤrts geweſen. Niemand wußte wo? der Leibhuſar hatte vollkommene Freiheit, und gab, meiſtens muͤrriſch, uͤber ſein Thun und Laſſen ſelten Rechenſchaft. Diesmal jedoch for⸗ derte Herr von Blandovsky eine Auskunft, und der Ton womit er es that, war von ſolcher Art, daß der Alte ſich verantwortlich fuͤhlte. Der Leibhuſar ſchien merklich betroffen; doch nach einer Minute des Bedenkens, ſagte er wie mit dem Tpotze eines er— tappten Diebes:»die Sache iſt ganz ſimpel, gnaͤdiger Herr. Der Offizier, den Sie im Begraͤbniß geſe— hen—« Admont erinnerte ſich der militairiſchen Ab⸗ zeichen des jungen Mannes nicht— iſt der junge Elban druͤben aus Halde. Mein guter Special von fruͤherer Zeit her: denn er war doch der Pathe—« »Ich weiß, ich weiß,« unterbrach ihn Admont dringend: v»ich kenne das Verhaͤltniß, Du haſt mir ſchon manchmal davon erzaͤhlt.« Huß zog die Braunen finſter zuſammen, und fuhr fort:»nun, Der bringt jaͤhrlich den Sterbetag ſeiner Frau Mutter ſeliger an ihrem Sarge zu, und will nicht, daß man erſt im Hauſe der Eltern davon wiſſe. Es iſt nur der Stiefmama wegen, die wie der ſchoͤnſte Drache Feuer ſpeien wuͤrde, wenn ſie es erfuͤhrꝙe. Eugen naͤhme es wohl mit ihr auf: denn da wuͤßte ich Stuͤckchen aus ſeiner Kinderzeit—« die ſtrenge Miene des Zuhoͤrers hielt den Huſaren in Kuͤrze und ließ ihn nicht weitlaͤuftig werden, in die— ſem Lieblingsthema, worin er ſelten eine Grenze fand— und ſo ſetzte er hinzu:»aber der ſchwache Vater haͤtte dann bei Leibes Leben keine Ruhe mehr vor ihr. So kam er, meldete ſich bei mir— ich hatte meine Por⸗ tion noch ſtehen und gab ſie ihm.« 79 Admont ſchuͤttelte zu dieſer Seltſamkeit den Kopf; eine leiſe fluͤchtige Zeitrechnung, als haͤtte der Huſar die geſparte Mahlzeit fuͤr die bewußte Ankunft aufge— hoben, mengte ſich verwirrend in ihren Begriff. Er ſprach:»waͤre es nicht ſchicklicher geweſen, alter Freund, Du haͤtteſt mich in dies Geheimniß ge⸗ zogen? der Lieutnant konnte bei mir wohnen, und ich wuͤrde ſicherlich nichts geſagt haben. Das Jagd— ſchloß iſt auch nahe und geraum genug zur Herberge. Ein wunderlicher Einfall, fuͤrwahr! in der Halle ſei— ner Vaͤter zu ruhen und ſich auf Moder zu betten!« Ein ſtechender Blick aus den tiefliegenden Augen des Leibhuſaren traf den Fehlſchuͤtzen. Er ſtrich ſich den Bart und ein ſarcaſtiſches Laͤchen lief drunter hin. Er antwortete:»hm! das thut ihm nichts; es iſt ein tapferes Blut— der Eugen!« »Dieſe Todtenfeyer,« nahm Admont wiederum das Wort, als koͤnne er nicht druͤber weg:»will mir nicht recht zu Sinne. So warm fuͤr den Himmel! und ſo kalt gegen die Hoͤlle, worin wie Du ſagſt, der Vater leben ſoll: denn ich habe bereits noch nicht Urſache, Frau von Elban fuͤr ganz ſo ſchlimm zu halten. Es muß jedenfalls eine eigene Bewandniß haben mit dieſem einzigen Sohne, der in der Uebung einer heiligen Gedaͤchtnißpflicht vergißt, wie ſehr ſein Anblick den alten Vater erfreuen muͤßte und ſich nahe 80 der Heimath, gleich einem ſcheuen Verbrecher vor ihr verſteckt haͤlt.— Konnte er ſich nicht dem Fraͤulein vertrauen? Claudine iſt klug genug, etwas ſchicklich zu vermitteln.—& Huß kniff die Unterlippe, und ſagte mit Grimaſſe: „die Weibſen ſchweigen nicht— das iſt es alleben.« Blandovsky laͤchelte hierauf beruhiget und ſprach: »Dein Buſenfreund, mein Alter, ich kann mir ſchon nicht helfen, ob Du auch denken magſt, die Eiferſucht rede aus mir— iſt einerſeits ſo aͤußerſt behutſam fuͤr einen jungen Springinsfeld, und dann wieder ſo un— vorſichtig! eine ſuͤperbe Cylinder-Uhr in goldenem Gehaͤuſe lag am Boden, ein Holzhuͤter oder Wild⸗ dieb, denen der Eingang in die Gruft ſo gut offen ſtand wie mir, haͤtte ſie ſchwerlich liegen laſſen; ich begnuͤgte mich doch nur mit ein wenig Eiſen, etwas Gold iſt zwar auch daran— dafuͤr, daß Herr von Elban mein Gaſt waͤre.— Sieh her, Alter, dies Armband!« Blandovsky zog es hervor. Der Leibhuſar griff haſtig darnach, betrachtete es und ſprach:»es wird ein Andenken von der Seligen ſeyn— ja, ja! es ſieht ganz todtenmaͤßig aus— wie ein kleines Gitter um ein Grabmal. Und hier die kleine allerlieſtbe Spinnerinn— das erinnert Einen, wie haͤuslich, fromm und fleißig die gute Dame war. Die Jetzige— nun, die hat Werch am fomn ſil ind W nete behe 81 Rocken—« und waͤhrend ſein Blick, finſterer noch als das dunkle Bildchen der Parze darauf ruhete, dachte er: yes ſey nichts ſo fein geſponnen, endlich kommt es an die Sonnen.“« Es kann auch ein pretium affectionis ſeyn,« fiel ihm Admont indem er es wieder an ſich nahm in die Rede, daß Huß nicht in Eifer gerathen ſollte: »Wer weiß? ich gebe es zuruͤck, das verſteht ſich.« »Der Lieutnant iſt fort, gnaͤdiger Herr!« entgeg⸗ nete der Huſar beſtuͤrzt. »Nun einmal wird er doch wieder nach Halde kommen—« erwiederte Blandovsky:„und bis dahin behalte ich dies Pfand in meiner Hand; mein Vor⸗ ſatz reimt ſich ſogar.« Der Alte ſeufzte ſchwer, und murmelte im Abge— hen einen beſcheidenen Fluch. Der Zufall fuͤgte es, daß Admont laͤnger als ſonſt von Halde ausblieb. Man empfing ihn da er nun kam, mit groͤßter Freude, er wurde uͤberzeugt, daß ſein Beſuch hoͤchſt willkom⸗ men waͤre. »Ich fuͤrchtete ſchon, Sie wollten gar nicht mehr zu uns kommen—« ſagte hocherroͤthend Claudine, als er ſie begruͤßte. „»Und das fuͤrchteten— Sie, mein Fraͤulein?« fragte Admont mit einer Intonation, fuͤr welche die Weſblichkeit ſehr zart beſaitet iſt. Claudine ſchwieg. * 82 Selbſt Herr von Elban machte dem jungen Edelmanne einige freundſchaftliche Vorwuͤrfe uͤber ſein ungewoͤhn— liches Ausbleiben. Admont lenkte das Geſpraͤch gefliſſentlich auf den Sohn des Hauſes. Er haͤtte kuͤrzlich geſchrieben und eine Reiſe vor— aͤußerte ſeine Stiefmutter.»Doch hierher?« erkundigte ſich Blandovsky, und ſetzte hin— zu: daß es ihn freuen wuͤrde, die Bekanntſchaft des Lieutenant Elban zu machen. »Nein,« erwiederte der indolente Alte:„»wir haben uns ja nicht laͤngſt zur Genuͤge geſehen. Sie muͤſſen wiſſen—« »Nun ja,« unterbrach die Dame, der dieſer in Rede gebrachte Gegenſtand fatal zu ſeyn ſchien, mit einem unterſagenden Winke ihren Gemahl:»Herr von Blandovsky weiß es ſchon, daß wir in R.— waren. Eugen wird mit ſeinem Chef auf deſſen Guͤter an der Grenze gehen, die Geſtuͤte dort in Augenſchein zu nehmen; das iſt etwas fuͤr ihn. Vielleicht iſt er ſchon fort. Was ſollte er bei uns? mein Mann iſt von wenig Worten—« Herr von Elban machte hiezu eine ſprechende Pantomime—»ich habe vollauf zu thun, und koͤnnte mich nicht um ſeine Unterhaltung bekuͤmmern; ſo wuͤrde ihm, der an ein luſtiges Leben gewoͤhnt iſt, die Zeit bald lang werden, und dies bringt auf unnuͤtze Gedanken.« ſpräch iinen, B nicht ohnete aber gab war! halten Geſic Ausd Blic nach See dari G um ſß! diſch lobu zeicht Frau ſtvi 8³ Claudine buͤckte ſich mit einem ſuperfeinen Laͤcheln auf ihre Naͤharbeit, der Faden riß entzwei, das Ge⸗ ſpraͤch war nun auch abgebrochen und knuͤpfte ſich an einen andern Stoff. Bei dieſer Rede der Frau von Elban, die ihm nicht minder als Claudinens Schweigſamkeit auffiel, ahnete Blandovsky etwas der Wahrheit Aehnliches; aber er mogte nicht klar daruͤber werden, viel lieber gab er ſich einer ſuͤßen Taͤuſchung hin. Claudine war heute ſo freundlich mit ihm— und doch zuruͤck— haltender als ſonſt; ein bloͤder Reiz in dem ſchoͤnen Geſicht, das ſonſt ſiegreich um ſich ſchauete, ein Ausdruck anmuthiger Furchtſamkeit, zog Admonts Blicke unwiderſtehlich an, und das Herz folgte ihnen nach. Der Klang ihrer Stimme ruͤhrte tief an ſeine Seele: denn es war ein Nachtoͤnen begluͤckter Liebe darin.— Spaͤter entfernte ſich Herr von Elban unvermißt, um ſeine Abend-Promenade zu machen, der Gaſt ſaß bei den Damen. Ein Zeitungsblatt lag auf dem Tiſche, Admonts Auge fiel auf die Anzeige einer Ver⸗ lobung, er las ſie laut und bemerkte, daß die Unter⸗ zeichneten gleiches Namens waͤren. »Ich kenne die Braut und den Braͤutigam,« ſagte Frau von Elban mit ſchnoͤdem Tone: yes ſind Ge⸗ ſchwiſterkinder, die Vaͤter waren Bruͤder. Auch ich 8 84 bin von Seiten der Unſtern mit ihnen verwandt, doch ſehr entfernt; vom zehnten Gebaͤcke das Endchen etwa. Die verbetenen Gluͤckwuͤnſche koͤnnte das Paͤr⸗ chen brauchen.« »Wie ſo?« fragte Blandovsky:»wird dieſe Ver⸗ bindung unter unguͤnſtigen Zeichen geſchloſſen?« »Nun, ich daͤchte!« antwortete Frau von Elban: »jede Ehe unter nahen Verwandten wird das. Es iſt kein Heil dabei, ſchon ein alter Volksglaube lehnt ſich dagegen auf. Ich habe noch keine der Art geſe— hen, die gerathen waͤre— was meynen Sie dazu, Herr von Blandovsky?« »Ich bin auch nicht dafuͤr,« entgegnete Admont lebhaft: vobgleich ich das herkoͤmmliche Vorurtheil auf ſich beruhen laſſe. Es iſt nur eine individuelle Anſicht wenn ich glaube, daß eine Heirath zwiſchen nahen Anverwandten, oder Solchen, die wie Geſchwi⸗ ſter zuſammen aufgewachſen, ein groͤßeres Wagniß als jede andere, und nebenher ein ſicherer Verluſt ſey.« Claudine ſchlug das ſchwarze Auge aͤngſtlich bit— tend zu ihm auf, der Tante waren dieſe Worte goldne Aepfel in ſilbernen Schalen. Sie wuͤnſchte, daß er ſich deutlicher erklaͤre. »Nun, ich denke mir es ſo,« ſagte er, ſeine Worte an Frau von Elban richtend: yein Verhaͤltniß, was 8⁵ der Innigkeit des geſchwiſterlichen am naͤchſten kommt, und ſo zarte Treue der Freundſchaft hat, loͤſet ſich dann in ein anderes auf, welches außer dieſem be— ſtehen und begluͤcken koͤnnte. Der Gewinn iſt zwei⸗ felhaft— ja! einige Grade von Liebesgluͤck, die ge⸗ wiß zu den entzuͤckendſten gehoͤren, gehen entſchieden und ohne Erſatz dabei verloren. Dahin rechne ich die werdende Vertraulichkeit, das Sich finden unter Tau⸗ ſenden, als Herzen, als Seelen, die fuͤr einander ge— ſchaffen und gebildet, wie zwei Haͤlften eines Rin⸗ ges, der das Symbol der Ehe und der Ewigkeit iſt.— Dieſes Raͤthſel der Sympathie zu loͤſen, vermag die ſeligſte Freiheit nur, und Bande des Blutes halten enge zuſammen. Welch ein Zauber liegt nicht allein in dem Dul der Liebenden, das, wenn es mit leiſer Lippe zum erſtenmale geſagt wird, alle Fremdheit hinweghaucht, und welches Verwandte gleichguͤltig geben und nehmen, ohne ſich des ſuͤßen Vorwurfs bewußt zu ſeyn. Wie theuer iſt die Gunſt, das Ge⸗ liebte bei ſeinem Taufnahmen nennen zu duͤrfen! An⸗ verwandte denken ſich nichts bei dieſem Vorzug, den ſie mit einer ganzen Sippſchaft theilen. Jeder Kum⸗ mer iſt ihnen ſchon gemeinſam, die Liebe darf ihn nicht erſt tauſchen, wobei ſie viel entbehrt: denn man nimmt mit Wolluſt die Laſt der Theilnahme auf ſich, daß ein geliebtes Herz erleichtert werde. Jedes raͤu⸗ 86 dige Schaaf der Familienheerde— vergeben Sie, meine Damen, den Vergleich! draͤngt ſich mit in den heiligen Stall, wo Koͤnige anbeten, wenn die goͤttliche Liebe Segen und Heil gebiert.— Und an— ſtatt jener bloͤden Scheu, die ein zaͤrtliches Einver⸗ ſtaͤndniß den neidiſchen Blicken der Welt entziehen moͤgte, welche das Gluͤck nie erlauben wird— tritt das Verloͤbniß Derer, die da dem Hauſe der Eltern anverwandt und zugethan ſind, wie ein keckes Recht auf, wogegen Niemand etwas haben koͤnnte. Die ſchoͤne Zeit der jungen Liebe iſt ein anticipirter alter Eheſtand— und die Stufen der Natur werden nicht ungeſtraft uͤberſprungen.« Admont, leidenſchaftlich bewegt, hielt inne, und Frau von Elban kirſchroth vor Vergnuͤgen, nahm der Pauſe wahr, um ihren Beifall anzubringen.»O Herr von Blandovsky!« ſagte ſie: ſchadenfroh:»Sie haben da ganz aus mei⸗ ner Seele geſprochen. Es freut mich ausnehmend, mit einem Manne von ſo vernuͤnftigen Maximen glei⸗ cher Meynung zu ſeyn. Eine Heirath unter Ver⸗ wandten oder zugebrachten Geſchwiſtern, faͤllt gleich⸗ ſam mit der Thuͤr ins Haus; da iſt kein beſcheidenes Werben, keine Etiquette in der Zaͤrtlichkeit. Und Liebe und Ehe erfordern wie das Militair und der Hof ihr eigenes Ceremoniel, was mir wie eine weiſe Barriere vorkommt. Damals, als der Ehemann es 87 nicht geziemend hielt, ſich vor ſeiner Gemahlinn im Schlafrocke zu zeigen, war auch dem gemaͤß, ſein gan— zes Verhalten illuſtrer Art. Man gab ſich keine Bloͤße, wie heut zu Tage. Er redete ſeine Frau im Plural an, und dieſe Sie war doch nur ſeine Einzige; jetzt iſt es umgekehrt der Fall.— Mann und Frau, El⸗ tern und Kinder, Tante und Nichte: alles dutzt ſich unter einander gemein, als waͤre der Reſpect eine ab⸗ gelegte Mode, und die Nobleſſe gleich wie zuſam— mengewuͤrfeltes Zigeunervolk; ich fuͤrchte, es kommt noch ſo weit, daß ſich dieſer Unſinn auf Herrſchaft und Geſinde erſtreckt. Erlebe ich es jedoch daß mich der Großknecht dutzt— Gott, mir ſchwindelt! ſo iſt dies mein letzter Augenblick; der Schlag ruͤhrt mich, wenn ich nur daran denke. Nein! ich lobe mir den Anſtand; aber die jetzigen Maͤnner kennen ihn nur auf der Jagd. Sans fagon gehen ſie mit der ſub— tilſten Frau um, und, um auf das Vorige zu kom⸗ men—: einen Vetter oder ſogenannten Bruder als Ehemann, nun, Den kann ich mir vollends ſtark denken und im beſten Falle, rund heraus— nur als eine Grobian⸗Perle.« Admont laͤchelte— Claudine hatte waͤhrend die Tante ſprach, auch ein wenig in ſich hinein gekichert. Jetzt erhob ſie das Geſicht, es flammte; die feurigen 88 Augen ſtanden voll heller Tropfen— wir zweifeln jedoch, daß es lauter Lachthraͤnen geweſen. Blandovsky heftete einen langen heißen Blick auf das Fraͤulein; dann ſprach er wie zum Schluſſe der Abhandlung:»wir muͤſſen aber mit Buͤrger ſagen: iſt denn dieſe Flammenliebe freier Willkuͤhr hingeſtellt? Nein! den Saamen ſolcher Triebe ſtreut Natur ins Herzensfeld!— Die Glut der Gefuͤhle zerſetzt nur leider! gleich einem chemiſchen Ofen ihre Stoffe ſelbſt, ſondert die reinen Subſtanzen und praͤparirt nicht ſel— ten ſuͤße Thraͤnen, den Thau der Seele—« er blickte nach Claudinens traͤufender Wimper—:»zu toͤdten⸗ dem Scheidewaſſer.« Blandovsky ſtand raſch auf, Frau von Elban ſah ſich ungern durch dieſen Aufbruch geſtoͤrt, im Zuge, Claudinen zu quaͤlen. Sie fragte: warum er denn ſchon fort wolle? »Es wird kuͤhl, meine gnaͤdige Frau,« antwortete Admont, und trocknete ſich die Stirne. Von Clau⸗ dinen erhielt er nur einige kurze Worte zum froſtigen Abſchied; der Thermometer ihrer Stimmung ſchien ploͤtzlich tief gefallen, und Admont fand einen em— pfindlichen Unterſchied zwiſchen ſeinem Empfange und dieſem Entlaſſen. Daß dieſes Geſpraͤch, bei welchem Claudine eine ſtumme Zuhoͤrerinn geweſen, ſie zu kraͤnken von Frau von Elban eingeleitet worden, un⸗ terlag Verme llberz W Nüͤhle dem( der O heute Claud unbef als w Sie womi griff keit war halt Liehe wenn Maͤde Ctitit gewo Criti T Glaum jenes in 89 terlag wohl keinem Zweifel; doch ob Blandovsky im Vermerken einer Abſicht, oder arglos aus innerſter Ueberzeugung darauf eingegangen, blieb zu errathen. Was Admont geſagt, war Waſſer auf der Tante Muͤhle und Feuer auf Claudinens Buſen. Mit dem Geſchuͤtz der Wahrheit traf er das Geheimniß der Oppoſition, und ſchlug einem Herzen, das ihm heute gefuͤhlvoll vorgekommen war, manche Wunde. Claudine von leiſem Schmerz beklemmt, war zu einem unbefangenen Worte nicht im Stande. Es war ihr, als waͤre ſeine Meynung nur gegen ſie allein gerichtet. Sie verhielt ſich alſo ſtill, und trotz dem Widerwillen, womit wir uns ohnmaͤchtig zur Vertheidigung ange— griffen fuͤhlen, und einen Gegner unſerer Perſoͤnlich— keit in Dem erblicken, den wir als ſchaͤtzbar kennen: war Claudinens weiblichſtes Intereſſe in dieſer Unter⸗ haltung angeregt worden. Blandoosky kannte die Liebe— ſein Vortrag hatte ſie deſſen belehrt. Und wenn jeder junge Mann durch dieſe Wiſſenſchaft einem Maͤdchen bedeutend wird: ſo war Admont in ſeiner Critik der Liebe, Claudinen ein groͤßerer Philoſoph geworden, als der große Kant, obgleich dieſer die Critik der reinen Vernunft geſchrieben.— Von nun an lag der blaſſe Hausfreund und ſein Glaubensbekenntniß Claudine im Sinne. Sie rief ſich jenes Geſpraͤch zuruͤck, und dieſer Stein des Anſtoßes 90 war ein Asbeſt, den das Fraͤulein in tauſend feinen feſten Gedanken ausſpann. Jede Reform, auch die innerſte, verlangt ihre gereifte Zeit. Vier Wochen fruͤher haͤtte Claudine ein Wort der Warnung, und waͤre es von Engelszungen an ſie er⸗ gangen, in den Wind geſchlagen; jetzt ſand ſie, daß man alles pruͤfen und das Beſte behalten muͤſſe. Sie behielt es fuͤr ſich, was ſie damit zu thun gedaͤchte. Dieſer kurze Zeitraum war eine Epoche in ihrem Leben. Sie hatte ungeſtoͤrt das Gluͤck genoſſen, mit ihrem Freunde Eugen zuſammen zu ſeyn, ohne mehr dadurch zu gewinnen, als einen zweideutigen Sieg uͤber die Widerſacherinn dieſer Liebe; denn wenn die Erinnerung die Probe jedes Genuſſes iſt: ſo duͤrfte das Fraͤulein beſſere Freuden, ob auch duͤrftigere— gekannt haben. Die Tante war zwar uͤberliſtet; aber wir fuͤrchten— nur durch Claudinens Selbſtbetrug.— Sternenhelle Naͤchte, Mondſchein, Waldeinſamkeit, das heimliche Logis in der unwirthbaren Gruft, die Wohnung der verſchwiegenen Najade unter dem gruͤ⸗ nen Dach: dieſe Decorationen des verliebten Geheim⸗ niſſes hatten ſeine Illuſion erhoͤht, und jetzt war der Vorhang gefallen. Claudine fuͤhlte ſich in der Wirk⸗ lichkeit. Eugen liebte ſeine Jugendfreundinn wohl zu leidenſchaftlich, als daß Claudine dieſe ungeſtuͤme Neigung nicht ungleich gemaͤßigter und mit einem ge⸗ viſſen ſollen. dültig nit S ingege Wartert an ihr ihren wie 6 Thran ſih al gen S ſeyn. dn und verſe G vir den g Und( dafar chen, wand Schw d G C inen die nehr Sieg die zrfte — aber .— keit, die gri⸗ eim⸗ der girk⸗ l zu ume ge⸗ 91 wiſſen Gefuͤhl ſeiner Unverlierbarkeit haͤtte erwiedern ſollen. Der Beſitz macht ruhig, ja, oftmals gleich⸗ guͤltig— und Claudine wußte, wie ſo ganz Eugen mit Sinn und Seele ihr Eigenthum war. Eugen hingegen ward fort und fort von dem Verlangen ge— martert, ſich Claudinens zu verſichern; der Zweifel an ihrer Liebe, an ſeinem Gluͤck, ſchwieg ſelbſt in ihren Armen nicht. Ihr ſuͤßeſtes Wort beruͤhrte nur wie ein luftiger Schall ſein Ohr, die betheuernde Thraͤne in ihrem Auge ließ ihn fuͤrchten, ſie werde ſich aufloͤſen gleich einer Undine in eine Quelle ewi— gen Schmerzes fuͤr ihn und die Treue ein Maͤhrchen ſeyn— er preſſte ſie ſo feſt, ſo angſthaft an ſich, als wolle er ſich von ihrer Wahrhaftigkeit uͤberzeugen, und die zarte Geſtalt in den Kern ſeines Herzens verſenken. Es liegt in der Ordnung der Dinge, daß, was wir an uns reißen wollen, uns grade dadurch verlo— ren gehen. Nur das Himmelreich leidet Gewalt— und Eugen hielt den voͤlligen Beſitz ſeiner Claudine dafuͤr. Aber ſie war nur ein ſchoͤnes irdiſches Maͤd— chen, unvollkommen wie alles was der Mond beſcheint, wandelbar wie dieſer naͤchtliche Zeuge der menſchlichen Schwachheit, und nicht geſchaffen, die Gluͤckſeligkeit des Einen zu ſeyn, der ſie anbetete. Eine Coquette der feinſten Art— und zu dieſer 9² wollen wir das Fraͤulein zaͤhlen— gleicht der Statue Pygmalions, die jedem Manne kraft ſeiner ſchoͤpfe⸗ riſchen Einbildung beſeelt erſcheint; doch unausbleib⸗ lich kommt der Augenblick, wo er ſeines Irrthums inne wird. Dieſe Adern taͤuſchen nur, kein Puls der Empfindung klopft in ihnen, dieſe Bruſt, gebaut zu einem Thron der Liebe, iſt kalt— kein Herz ſchlaͤgt drinnen, das Leben ſchweigt in dieſem Marmor. Ein goͤttliches Kunſtwerk iſt dieſe Galathee, die ſo reizend laͤchelt— Alle zu entzuͤcken! aber Lebensfuͤlle wird nimmer aus ihr empor bluͤhen. Du erſtarrſt zuletzt, Du ſchauderſt zuruͤck, Du Armer! der Du Dich zum Gott traͤumteſt, welcher ihr den lebendigen Odem einhauchte; ein todtes Bild iſt Deine Liebe. Claudinens Wuͤnſche hinſichtlich Eugens, waren uͤberſaͤttiget. Sie hatte durch den Inſtinct ihrer Na⸗ tur ſich ſeiner zu bemaͤchtigen geſucht, und der Zau— ber, deſſen Kraͤfte ihr zu Gebot ſtanden, war ihr nun ſelbſt zu maͤchtig geworden. Sie fuͤrchtete ſich vor ihren eigenen Wirkungen und haͤtte gern Einhalt gethan— aber kein guter Geiſt kam ihr zu Huͤlfe. Sie fuͤhlte ſich unfrei und verwechſelte die innere Kette mit ihren aͤuſſern Beſchraͤnkungen. Dieſer los zu ſeyn, war ihr einziges Wuͤnſchen, Unabhaͤngigkeit in jedem Sinne, duͤnkte ihr das hoͤchſte Gluͤck. Und uͤberall lauerten nur druͤckendere Bande auf Claudi⸗ nen, it Gefeng achl die drohete ſend a denn ſe dine ei Er gem; dann ihn 0l Glüch nicht. tatue öpfe⸗ leib⸗ zums 3 der tt zu hlaͤgt mor. ie ſo Ffülle rarrſt Du digen he. varen M⸗ Zau⸗ rihr ſich nhalt üͤlfe nnere los gkeit Und udi⸗ 93 nen, ihre Ausſicht, wohin ſie auch blickte, war eine Gefangennehmung. Selbſt als Eugens Zukuͤnftige— ach! dieſe Hoffnung ruhete wahrlich in der Zukunft— drohete ihr das Schickſal, ihm, ihm allein ausſchlie⸗ ßend angehoͤren zu muͤſſen. Wir ſagen: drohen: denn ſeine Eiferſucht hatte keine Graͤnzen, und Clau⸗ dine ein vielumfaſſendes Herz.— Eugen war ein heftiger Juͤngling, von heißbluͤti⸗ gem Temperament; bald der Sclave der Geliebten, dann wieder ihr Tyrann. Ein kindliches Weſen haͤtte ihn ohne Widerſtand auf die ſchmale Mittelbahn des Gluͤckes gelenkt; aber Claudine war dieſes Weſen nicht. Wenn Frau von Elban einſt geſagt: Claudine ſey zu alt fuͤr ihn— eine Behauptung, die ihr Stief— ſohn verlachte—: ſo gegruͤndet ſich dies— und wir finden jene Meynung nicht ganz ſo laͤcherlich— wohl mehr auf ihr gegenſeitiges individuelles Verhaͤltniß, als auf das ihrer Jahre. Ruhe iſt in der Regel keine Eigenſchaft der Jugend, und Claudine war ru⸗ hig, ziemlich kalt, beſonnen, uͤber fluͤchtige Taͤuſchun⸗ gen hinaus, und ihr eigenes Selbſt nie vergeſſend; Eugen hingegen von vorherrſchendem Gemuͤth und jener liebenswuͤrdigen Unbedachtſamkeit, die an ihren Vortheil niemals denkt, und ein reelles Gluͤck leicht⸗ ſinnig wegwirft, um ſich knabenhaft an dem Spiele 94 einer Minute zu vergnuͤgen. Dennoch— o wie haͤu— fig iſt die Erfahrung! daß die Klugheit als Ironie des Verſtandes gleich einem bethoͤrbaren Kinde er⸗ ſcheint, das ſich nicht zu behuͤten vermag vor Schaden in jedem Falle— waͤhrend im Wahnſinn der Gefuͤhle eine begeiſterte Idee richtig durchgefuͤhrt wird, und die Thoren vor der Welt, Schuͤtzlinge Gottes heißen duͤrfen. Die Sperre, welche Frau von Elban auf den Umgang der beiden jungen Leute gelegt, ihr tuͤckiſches Verfahren dabei, hatte in Eugen den Entſchluß er⸗ zeugt, das Fraͤulein um jeden Preis zu ſehen; die Begier, ſich an der Stiefmutter zu raͤchen, war faſt eben ſo ſtark, als die Sehnſucht nach Claudinen. Der Haß miſchte ſeine Gefuͤhle zu denen der Liebe.— Der Zufall, diesmal ein williger Kuppler, half die heimliche Zuſammenkunft fuͤgen, und beſchirmte ſie auch; doch der Reiz der Intrigue war durch die gelungene Liſt befriediget, der romantiſche Traum war ausgetraͤumt, und Claudine erwachte mit einem uͤber— naͤchtigen Schauer. Wald, Gras und Kraͤuter kamen ihr nun anders vor, die Baͤume waren wirklich nur von Holz. Sie dachte an das Bad der Najade— der heilige Geiſt hatte nicht daruͤber geſchwebt— und — Waſſer thut's freilich nicht. Der Gruft erinnerte ſie ſich ſchlief d Cla weibli mia haͤu⸗ ronie e er⸗ haden rfuͤhle und eißen half irmte h die war uͤber⸗ amen nur — und nerte ſie ſich wie der alten Vehme, und ihr Geheimniß ſchlief dort unter dem Mantel des Todtenrichters. Claudine war froh, wieder am Licht und in dem Hauſe der Plage zu ſeyn. Sie hatte ſich von dem ſchwelgeriſchen Mahl der Liebe hinweg, und zu der aͤrmlichen Koſt ihres Tagewerks zuruͤck geſehnt. Es iſt gewiß die hoͤchſte Wuͤrdigung eines Lebens voll Unſchuld und Ehre, was offen wandelt und kei⸗ nes Menſchen Auge oder den Strahl der Sonne ſcheuen darf: jenes Gefuͤhl naͤmlich, welches Denen nachſchleicht, die ihre Freuden ſtehlen, ob auch der Eigenſinn ſie ihnen vorenthielte. Claudine, wenn auch ſich deſſen kaum bewußt, naͤhrte den Wunſch, ſich vor ſich ſelbſt zu retten und vor den ungenuͤgſamen Klagen des Geliebten; die haͤusliche Schuͤrze in der die Tante ſie beſchaͤftigte, war jedoch keine Schutzmauer. Ihr Beduͤrfniß war das der Hochachtung und Eugen nahm andere Ge— fuͤhle in Anſpruch. Sie hatte die Herren ihrer Be⸗ kanntſchaft groͤßtentheils ſehr ſchwach gefunden, und Claudine empfand dunkel, daß nur eine unbezwing⸗ liche Feſtigkeit, ein Mann, uͤber deſſen Grundſaͤtze die Macht der Schoͤnheit ſogar nichts vermoͤgte— ſie weiblich geſchmeidigen koͤnne. In die Zeit dieſer Stimmung traf jenes Geſpraͤch mit Blandovsky. Sie fand in ſeinen Anſichten eine . 96 Rechtfertigung fuͤr den leiſe abgeneigten Sinn, ein Verhaͤltniß laͤnger fortzuſetzen das bis auf dieſen Punkt geſtiegen war. Der bewegtere Laut ſeiner Rede war ihr eine Lockung, den Verſuch mit ſeinem Herzen zu machen, ob es wankend werden koͤnne in jener Liebe, der Admont unzweifelhaft ſein unterſchei⸗ dendes Urtheil verdankte. Claudine faßte ihn ſofort ins Auge. Er hatte aufgehoͤrt zu ſprechen, die exal— tirte Farbe ſeiner Wangen war jener tiefen Blaͤſſe gewichen, er athmete ſchwer und lehnte ſich zuruͤck in den Armſeſſel, waͤhrend ſein halbgeſchloſſener Blick in die Vergangenheit zu ſchauen ſchien. Wie manches theure, verdunkelte Bild mogte ſeinem Geiſte voruͤber gehen! vor Claudinens Seele aber ſchwebte in heller Erinnerung die Geſtalt der jungen lebensfrohen Witt⸗ we, welche ſie bei ihrem Vater hatte kennen lernen. Ihr Geſicht gluͤhete bei dieſer Vorſtellung. Sie trau— erte bereits in Roth, um den Gemahl, der es noch werden und dann ſterben ſollte. Jetzt wurde das Regiment, bei welchem der Lieute— nant Elban ſtand, weit verſetzt fuͤr unbeſtimmte Zeit, in eine der acquirirten Provinzen. Als Adju⸗ dant, was er erſt geworden, wagte Eugen nicht, einen Urlaub zu fordern, der ihm bei der Eile womit der Abmarſch beordert war, verweigert werden muͤſſe. Er ſchrieb dieſe Nachricht ſeinen Eltern beſtuͤrzt, der Brie entw jahr, neuel ware helte ner 72 1, ein dieſen ſeiner ſeinem me in rſchei⸗ ſ;fort eral⸗ Blaſe uͤck in ick in nches ruͤber heller Witt⸗ ernen. trau⸗ noch jeute⸗ mmte Adju⸗ nicht, vomit nüͤſſe „der 97 Brief an das Fraͤulein war troſtloſen Inhalts. Er entwarf abentheuerliche Plane fuͤr das kuͤnftige Fruͤh⸗ jahr, die heimlichen Freuden dieſes Sommers zu er⸗ neuen, der in luftigen Faͤden dahin flatterte, als waͤre all ſein Gluͤck nun aufgeloͤſt.— Claudine laͤ— chelte dazu, indeß ein leiſes Zittern der Angſt vor ſei⸗ ner Kuͤhnheit ihre ſchoͤnen Glieder durchflog. Die Stiefmutter konnte ihre Freude kaum bergen; der Vater ſegnete den Sohn und ließ ihn ziehen— ſeinen ſtumpfen Gefuͤhlen war dieſe Verſetzung Eugens nur ein Schlag, der ihn wenig ruͤhrte. Er fand ſich gemaͤchlich in Alles. Blandovsky kam zwar wohl oͤfterer nach Halde, hielt ſich aber deſſen ungeachtet in den ehrerbietigſten Schranken dem Fraͤulein entfernt, ſo daß Claudine ſich ihm ſo viel naͤherte, als die Linie der Weiblich⸗ keit nur immer erlaubte. Admont blieb ſich gleich, und Claudine mußte ſich geſtehen, dieſe Eroberung werde ihr nicht leicht. Endlich— ſchmolz dieſes Eis vor den ſteigenden Graden ihrer Waͤrme, der Blitz der Liebe brach aus ſeinen Augen, und Claudine erſchrak— erſchrak nun wie ein Kind, das den Funken, womit es geſpielt, ploͤtzlich auflodern ſieht. Es leuchtete ihr ein, daß nun kein Ruͤckſchritt mehr moͤglich ſey. Das Geſtaͤndniß ſeiner Zuneigung druͤckte vollkommen aus, daß nur ihre ausdauernde Theilnahme, die Hanke Wittwen 2r Theil. 5 98 zarte Guͤte womit ſie ihn behandelt, ihn zu der Hoff⸗ nung ermuthiget haͤtte, Claudine werde ſich entſchlie— ßen koͤnnen, die Gattinn eines kraͤnklichen Gemahls zu ſeyn, und mit den Wunderlichkeiten, welche ein leidender Zuſtand herbeifuͤhre, liebevoll Geduld haben. Das Gefuͤhl der langwierig geſtoͤrten Geſundheit, und der Gedanke an einen zeitigen Tod ſey es allein, was ihn abgehalten, ſich fruͤher zu erklaͤren.»Indeß« fuhr er fort und die maͤnnliche Stimme klang unter dem Daͤmpfer der Wehmuth:»ſollten es auch nur wenige Jahre ſeyn— und ſo lange hoffe ich doch zu leben— in denen dieſe theure Hand mich begluͤckt: ſie reichen hin, mich mit der Kuͤrze eines Lebens und einer Ju⸗ gend zu verſoͤhnen, die nicht gluͤcklich fuͤr mich war, der bittern Erfahrungen mir aber viele gegeben.« Thraͤnen ſtuͤrzten aus Claudinens Augen, der herbe Erguß einer Schale, die dem getaͤuſchten Blandovsky aufs Neue bereitet ward. Admont nahm es fuͤr die Ruͤhrung der Gegenliebe. Mit einem Laͤcheln, welches dem Fraͤulein das falſche Herz zerſchnitt, ſagte er:»weine nicht, mein gelieb⸗ tes Maͤdchen! ich fuͤhle mich ſeit einiger Zeit beſſer. Wie wahr iſt, was ein Dichter ſagt, den ich hoch verehre*): den wahrhaft Liebenden macht Liebe ſtark; das Bildniß der Geliebten, ihre Schoͤnheit verdop⸗ *) Herder off⸗ lie⸗ hls ein ben. und was fuhr dem nige 12 chen Ju⸗ var, erbe vskh jebe. ſſche lieb⸗ eſſer 99 pelt ſeine Seele; muthig wird er zu jeder Unter— nehmung; jede Muͤhe verſchwindet.) Claudine dul— dete ſeinen beſcheidenen Kuß. Sie hatte kaum Ja geſagt. Er hielt ihr paſſives Gewaͤhren fuͤr die bloͤde Zuruͤckhaltung der Braut und freuete ſich daruͤber. Als Blandovsky die Maßregeln fuͤr dieſe nun ge— meinſame Angelegenheit mit ihr verabredete, wuͤnſchte ſie ſchuͤchtern, die Hochzeit moͤgte ſo bald als moͤg⸗ lich ſeyn: eine Bitte, die den Braͤutigam entzuckte. Frau von Elban triumphirte; die Stimme, womit ſie dem ganzen Hauſe alsbald dieſe Neuigkeit verkuͤn⸗ dete, war ſo laut und toͤnend, das Jeder ihr die Victoria abhoͤrte. Ihr Gemahl hingegen verhielt ſich neutral. Er gab der ſchicklichen Bewerbung Admonts den Beſcheid, daß der vaͤterliche Conſens zu dieſer Verbindung, bei ſeinem Schwager, dem Herrn von Unſtern nachzuſuchen ſey. Sobald der alte Elban allein mit dem Fraͤulein war, fragte er:»nun Claudine, was wird denn aber der Eugen dazu ſagen? er dauert mich doch, mein armer Junge!« »Es iſt zu ſpaͤt—« antwortete ſie gepreßt:„wir wuͤrden einander doch nicht zu Theil geworden ſeyn, die Mutter haͤtte dies immer und ewig nicht zuge⸗ geben.« 1 »Ewig nicht!« ſagte der alte Elban, und ſein 5* —V—.. ͤ— 100 Ton druͤckte einen Tadel uͤber den Mißbrauch dieſes Wortes, zugleich eine lange Erfahrung aus,»kaum immer: denn meine Frau iſt wie man eine Hand umdreht. Das muß ich wohl am beſten wiſſen.— Aber ich will Dir keine Vorwuͤrfe machen, behuͤte! Ehen werden im Himmel geſchloſſen, manchmal wohl auch in der Hoͤlle— wo— Gott verzeih mir die Suͤnde! der Teufel ſein Spiel Mariage treibt.« Bei dieſen Worten ſagte Claudinen ein brennendes Gefuͤhl von Schaam und Schmerz, in welcher Werk⸗ ſtatt ſie den Schmied ihres Gluͤckes ſuchen muͤſſe. In ſchwacher Selbſtvertheidigung entgegnete ſie: ver durfte ja nicht einmal herkommen— das war das ganze Ungluͤck.« Sie brach in convulſiviſches Weinen aus. Dem alten Elban ward angſt und bange, daß er übel angerichtet haͤtte. Er ſagte troͤſtender Weiſe: „nun, nimm es Dir nun nicht ſo zu Herzen, mein Toͤchterchen! ich denke doch, der Eugen wird Ver⸗ nunft annehmen, wenn man es ihm guͤtlich beibringt; und Dich darf Deine Wahl nicht gereuen. Herr von Blandovsky iſt ein eſtimabler Mann, in guter Si— tuation, wenn er nur geſuͤnder waͤre. Doch alles finden wir in der Welt nicht beiſammen, und es kommt mir vor, als finge er an, ſich merklich zu erholen.« Dies hatte ſeine Richtigkeit. Admont ſchien von — ftiſch der ſe ſchwu wenn ten f der C ſein W hin, gend des ge8 bei ſie den dor zehr weſe Gef wie ren verg zu z ſcher auf dieſes kaum Hand n.— ehuͤte wohl ir die zendes Werk⸗ ₰ In durfte ganze maus. daß er Weiſe: mein Ver⸗ ringt; rr von er Ei⸗ alles nd e5 lich zu n von 101 friſchem Lebensodem angeweht. Der matte Druck, der ſeine Kraͤfte ſo lange niedergehalten, war ver⸗ ſchwunden. Er tummelte ruͤſtig ſein andaluſiſches Roß, wenn es nach Halde ging, und ſeine Augen funkel— ten fruͤhlingskraͤftig wie die Sterne einer Mainacht, der Geliebten entgegen, und den Tagen, wo ſie ganz ſein waͤre. Wie kurz dieſer Brautſtand auch war, er reichte hin, dem Fraͤulein einen Vorbegriff von der ihm fol⸗ genden Ehe zu geben. Claudine lernte den Character des Mannes nun erſt kennen, den ſie ſich durch lan⸗ ges Bemuͤhen zu eigen gemacht, und ihr Gefuͤhl da⸗ bei war der Art, als gingen ihr die Augen auf, und ſie ſaͤhe einen Rieſen in ihrem Schooße ſchlummern, den ſie mit Roſen an ſich gebunden. O armer Blan⸗ dovsky, daß Du nie erwachteſt!— Wenn Eugens Liebe, die ihren Gegenſtand mit ver⸗ zehrender Inbrunſt umfaßte, Feuer und Flamme ge⸗ weſen: ſo brannte in Admonts Seele der Strahl des Gefuͤhls ſo ruhig, ſtill, ein wenig duͤſter ſogar— wie das ewige Ampellicht eines Tempels. Auch wa⸗ ren ſeine Geſinnungen einer feſten Saͤulenordnung zu vergleichen. Das Fraͤulein zagte, daß dieſer Mann zu ziehen waͤre. Er behandelte ſeine Braut mit keu⸗ ſcher Achtung, mit einer Zuverſicht, die eben ſowohl auf maͤnnlichem Selbſtbewußtſeyn, als auf der hohen 21 10² Meynung begruͤndet war, wie Claudine die Ehre ih— res Geſchlechts in jeder Hinſicht zu wahren wiſſe. Auch nicht der leiſeſte Verdacht ſtellte ihr eine Wache, er waͤhnte ihre Liebe, an die er glaubte wie an das Heil des Himmels, waͤre in freier Wahl des Herzens ihm zugeneigt, ihm allein. Seltſam! daß dieſer großmuͤthige Irrthum eine Art von Widerwillen in Claudinen erzeugte. Nichts ſcha⸗ det der Empfindung fuͤr Andere mehr, als wenn wir uns nach dem Urtheil des unbeſtechlichen Gewiſſens, des Vertrauens unwerth fuͤhlen, das ſie fuͤr uns hegen. Als das Fraͤulein ihm einſt eine Verſicherung geben wollte, daß er hinſichtlich ihrer Treue ruhig ſeyn duͤrfte, legte er laͤchelnd ſeinen Finger auf die ſchoͤnen Lippen und ſprach: vich bin es, meine Claudine. Wehe mir, wenn ich es nicht waͤre! die Liebe ver⸗ traut.« Claudine aber hielt ihn fuͤr kalt, und ihr wandelte ein Froͤſteln an vor dem Loos an ſeiner Seite. Eu⸗ gens ungezaͤhmte Eiferſucht, ſein Trotz, ſein Toben, wenn dieſe wilde Leidenſchaft mit dem Verſtande durch⸗ ging, war ihr ſchmeichelhafter und ein groͤßerer Be⸗ weis ſeiner Liebe geweſen. Blandovsky urtheilte ſtets billig; nur etwas ver⸗ warf er unter allen Bedingungen mit Strenge: die Falſchheit. Dieſem Abſcheu war ſeine Antipathie ge⸗ gen Kat Tages ſich nich wollte. chezeihe zu leide eines u war ei ber, J ſtehen: Dicher ten ein auf m weiter ſchlife eine: ſchwa dem heimlic der N Cl eng: den i als w an den holen; 103 gen Katzen verwandt. Als Frau von Elban ihn eines Tages deswegen ſcherzhaft ſchalt, ſprach er: yes laͤßt ſich nicht aͤndern, gnaͤdige Frau, wie gern ich auch wollte. Meine Mutter zuͤrnte oft darum, und pro⸗ phezeihete mir, ich wuͤrde einmal groͤßere Falſchheit zu leiden haben, als das Streicheln und den Kreel eines unſchuldigen Kaͤtzchens. Die gute Mutter! es war eine reſpectable Frau, und ihr einziger Liebha⸗ ber, Murner in der Hoͤlle. Das iſt woͤrtlich zu ver⸗ ſtehen: denn ein grauer, gruͤnaͤugiger Hinz, und der Dichter Zachariaͤ theilten ſich, unbeſchadet der Pflich⸗ ten einer Ehegattinn, in ihrer Gunſt. Ich verließ mich auf meine Idioſynkraſie.« Er ſchauderte, indem er weiter ſprach:»welches Schwerdt, ſeit Waffen ge⸗ ſchliffen werden, ſchluͤge wohl ſchaͤrfere Wunden als eine doppelſeitige Zunge? welcher Schlund waͤre ſo ſchwarz als eine Seele voll heimlicher Tuͤcke und lauern⸗ dem Verrath? Was iſt ein ehrliches Morden gegen heimliches Wuͤrgen und das Schleichen nach Raub bei der Nacht, die eine Freundinn der Suͤnde?« Claudine bebte am ganzen Leibe. Sie athmete ſo eng und beklommen, als wuͤrden ihr Schnuͤre um den weißen Hals gelegt. Sein Auge ruhete auf ihr, als wolle er ſich von dem widrigen Bilde der Rede an dem Gegenſtande ſeines innigſten Wohlgefallens er⸗ holen; aber Claudine fuͤhlte ſich von dieſem Blicke —— 104 durchbohrt. Ein tiefer Seufzer entrang ſich der Angſt ihres Herzens. »Und ſo iſt,« ſetzte Admont hinzu, indem er einen Moment anſchauend auf dem Roſenmunde der Braut verweilte, ohne deſſen leiſes Stoͤhnen zu beachten: „der Kuß des Judas fuͤr mich das Grauenvollſte in der evangeliſchen Geſchichte. Meiner Empfindung nach, muß das große Herz des Meſſias ſich ſchon verblutet haben, als der Iſcharioth die heilige Lippe beruͤhrte. Der Sohn Gottes vollendete nur am Kreuz.« Eine lange Pauſe trat hierauf ein; im Zimmer war es wie Charfreitag. Endlich unterbrach Herr von El⸗ ban die Stille mit einer gutgemeinten aber trivialen Bemerkung uͤber die Lobenswuͤrdigkeit eines offenen Gemuͤths. Was er ſagte war von gewoͤhnlichem Klang, und ein wenig auf das Fraͤulein gemuͤnzt. »O gewiß, Sie haben Recht!« rief Admont mit Waͤrme.»Aufrichtigkeit iſt eine der ſchoͤnſten Tugen⸗ genden, die Buͤrgſchaft des Vertrauens und der Be⸗ weis fuͤr ein edles Gemuͤth; Was koͤnnte ich einem unverheltem Geſtaͤndniſſe nicht verzeihen! welches Recht einer ehrlichen Bitte nicht opfern!— Meine Leute wiſſen dies auch; ſie kennen meine Schwaͤche fuͤr das offene Buch der Schuld, und wie gern ich eine dar— gelegte Rechnung auf Nachſicht quittire. Dagegen findet mich jeder Hinterhalt hart, und ein krummer Weg, bei m Cla rige z Füßen wie ſi gemac lich leiſ gan! des Seele au he D rud jun Bla die hier Wer es n war ſah hens eines 105 Weg, kann ich ihn anders uͤberſehen— wird ewig bei mir ſein Ziel verfehlen.« Claudine verlor bei dieſer Rede den Muth, das ih— rige zu verfolgen. Sie warf ſich im Geiſte zu den Fuͤßen dieſes Mannes, ihm alles zu bekennen, und wie ſie ſelbſt der Mutter ſcherzhafte Drohung wahr gemacht. Doch nicht immer reden die Gedanken deut⸗ lich genug, um dem Gemuͤthe klar zu werden; dies leiſe innerſte Verſtaͤndniß geſchieht nur durch das Or⸗ gan der Liebe, und der Conductor, der die Kraͤfte des Himmels herniederzieht, fehlte der geaͤngſteten Seele Claudinens: der Glaube, daß ihr uͤberall noch zu helfen ſey. Das Fraͤulein hielt es je naͤher der Brauttag heran ruͤckte, bei ſich ſelbſt fuͤr unmoͤglich, die Frau des jungen Edelmannes zu werden, obgleich Herr von Blandovsky zu der Minderzahl der Menſchen gehoͤrte, die bei genauerer Bekanntſchaft nur gewinnen koͤnnen; hier war es anders. Claudine ließ ihn bei ſeinem Werth, um ihn ganz und gar laſſen zu koͤnnen, wenn es nicht zu ſpaͤt geweſen waͤre, denn die Spanne Zeit bis an den Traualtar war ſehr klein, und Claudine war es, die nach einem Maͤdchenſchritt gemeſſen. Sie ſah jetzt ein, was es heißt, mit dem Gluͤck des Le⸗ bens ſcherzen, und Kurzweil treiben mit dem Herzen eines ernſten Mannes. * 106 In Halde wurden deſſen ungeachtet die Braut ohne Theilnahme dabei verharrte, Anſtalten zu einer ſtillen Hochzeit getroffen. Claudine machte ſich ſchleunigſt los und zwaͤngte Thraͤnen zuruͤck, wenn man ſie in das Intereſſe von Angelegenheiten zu ziehen ſuchte, deren Hauptperſon ſie war. Frau von Elban hatte ihre liebe Noth mit dem Fraͤulein, das durch den Brautſtand aller kindlichen Folgſamkeit von der muͤt⸗ terlichen Zwingherrinn vor wie nach gefordert, abge⸗ ſagt zu haben ſchien, wogegen die Tante unter an⸗ dern Sittenſpruͤchen auch den chriſtlichen im Munde und Claudinen zu Gemuͤthe fuͤhrte, daß Gehorſam beſſer denn Opfer ſey.— Claudinens einziger Troſt war, daß Admont ſich nicht zaͤrtlicher bewies. Sie freuete ſich der anſchei— nenden Ruhe, in der er ſich zeither gegen ſie benom⸗ men, jener Ruhe, die, das Ergebniß der Erfahrung, ſelbſt ſeinen Liebkoſungen, ſeinem innigſten Annaͤhern etwas Gehaltenes gab. Aber auch dieſe arme Beru⸗ higung ſollte ſchwinden. Das Roth auf Claudinens Wangen entwich, waͤhrend die Farbe der Geſundheit ihrem Verlobten wiederkehrte, ihr Gang, wenn auch immer ein leichtes Schweben, war jetzt uͤber das Noͤ⸗ thige hinaus fluͤchtig wie geſcheucht, als waͤhne ſie dem Ungluͤck zu entkommen, welches doch gleichen Schritt mit ihr hielt— hingegen waren ihre Bewe⸗ gungen unterd in Gei nicht; Bla Claud von d wuͤrde nichts ſeines man geht ſanft ſeine an ſ Gli 107 gungen ſo langſam, wie von einer unſichtbaren Buͤrde unterdruͤckt. Sie wechſelte haͤufig den Platz, zerſtreut in Gedanken, und nicht ſelten ſuchte ſie etwas, das nicht zu finden war.— Blandovsky mogte die Veraͤnderung, welche er an Claudinen warnahm, fuͤr das braͤutliche Fieber halten, von dem ſie, wie er laͤchelnd hoffte— ſchon geneſen wuͤrde; doch regte dieſer Zuſtand der Geliebten ihn nichts deſtoweniger auf, und ſtimmte den feſten Tact ſeines Betragens in eine weichere Tonart um. Wie man ja mit Kranken anders und vertraulicher um⸗ geht als mit Geſunden, die Stimme daͤmpft und ſich ſanft ihrer Schwaͤche zuneigt. Aber wenn Admont ſeine Hand um Claudinens ſchlanken Wuchs legte, ſie an ſich zu ziehen, ſo zitterte dieſer Leib und alle ſeine Glieder, ihr Angeſicht wendete ſich vor ſeinem Kuſſe. Sie rief unbewußt zu Gott, ſo oft er ſie mit ſuͤßen Namen nannte und vermeinte: nicht allein jedes Gluͤck des Lebens, ſondern auch ihren Geiſt in ſeinen Ar⸗ men aufgeben zu muͤſſen!— Und dies waren Claudinens Gefuͤhle fuͤr einen Mann, deſſen Ruhe muͤhſam errungen, ſie untergraben, ſeine ſchwer erkaͤmpfte Reſignation mit dem erſinnlichſten Bemuͤhen geſtoͤrt und in eine Leidenſchaft verwandelt hatte, die zu erwiedern, dieſes vereitelte befangene Herz weder jetzt noch jemals faͤhig war. So lange 108 der Herr von Blandovsky ſich kuͤhl und ſtandhaft ge⸗ gen die Batterieen behauptete, welche Fraͤulein Clau— dine aus feurigen Augen und mit allen entzuͤndenden Kraͤften ihres artilleriſtiſchen Geſchlechts ſpielen ließ, ihn einzunehmen: ſo lange dauerte der Wunſch, auf den erſtuͤrmten Waͤllen dieſer Veſte eine kleine Fahne, nur hinreichend zu einer Frauenhaube— aufzupflan⸗ zen. Der Augenblick, wo dies blockirte Herz Chamade ſchlug, vernichtete den Reiz der Eroberung, und Ad⸗ mont, als er ſich mit zaͤrtlicher Herablaſſung, wenn wir ſo ſagen duͤrften— ihren coquetten Launen beugte, war ihr faſt widerwaͤrtig geworden. Der Gedanke an Eugen druͤckte ihr Bewußtſeyn in den Staub. Sie hatte eine Liebe ohne Beiſpiel dem Geluͤſt geopfert, zu ſehen, wie Admont ſich als Lieb⸗ haber benaͤhme. Nun wußte ſie es— aber»Chriſtum lieb haben,« ſagt die Schrift: yiſt beſſer, denn alles Wiſſen.« »Darum alſo,« ſprach das Fraͤulein zu ſich ſelbſt: „daß ich dieſe lebendige Uhr aufzoͤge,(Admonts Puͤnkt— lichkeit die er ſchweigend beobachtete, war Claudinen eine aͤrgerliche Eigenſchaft an ihm) deren Triebraͤder ins Stocken gerathen, und in Bewegung braͤchte, wie das Maſchinenwerk eines Automaten— daß ich einen herben trocknen Mund uͤberfließen hoͤrte, nicht minder ſuͤßlich und fade wie jedes verliebten Mannes— habe ich Die Preis denken noch a Mit Wim ſtil auf die fingen zu G. umga Ferne ſchicks und dieſem eine gewa hielt zu ko 109 ich Dich, Du unvergleichliches Herz! den Martern Preis gegeben, mich als eines Andern Eigenthum zu denken!— Was habe ich gethan! und wie wird noch alles enden?—« Mit ſolchen Fragen erwachten auch Erinnerungen im ſtillen Lager der Seele, und drangen zermalmend auf die ungluͤckliche Claudine ein. Die ſtummen Waͤnde fingen an zu reden, mit tauſend Zungen ſprach alles zu Gunſten des Betheiligten an ihr Herz, was ſie umgab. Im Winde hoͤrte ſie den Geliebten aus der Ferne ſeufzen, oder den Fluͤgelſchlag eines boͤſen Ge— ſchicks heranrauſchen. Wie betaͤubt und von Furcht und Selbſtverachtung zu Boden geworfen, glaubte ſie dieſem Gefuͤhl zu erliegen; und ſtrebte daher ſich durch eine energiſche Handlung, ob dieſe auch den Faden gewaltſam zerriſſe, der dieſe Verkettungen zuſammen⸗ hielt— unter der Laſt eigener Vorwuͤrfe aufrichten zu koͤnnen. Sie waͤre dann frei geweſen wenn auch elend—; doch die Schuld macht feige, und jegliches Vergehen reißt nach den erſten Schritten willenlos hin. Wenn Claudine es auch zu vermeiden geſucht, daß ſie das Jagdſchloß wieder betraͤte, ſo konnte ſie doch ohne auffallend zu ſeyn, laͤnger nicht anſtehen, mit dem Braͤutigam hinuͤber zu fahren, der das Schloß von Rohrthal in liebſter Geſellſchaft zu ſehen wuͤnſchte. Sie erwiederte den vertrauten Gruß der tauben Cha— ritas furchtſam fremde 11⁰ ,bedeutete hinter Admonts actete Ruͤcken ihre ehemalige Bademeiſterinn mit einem Wink der We der Augen zu ſchweigen „ fuͤr den der Armſten Blick Nanen taub war wie ihr Ohr, ſo daß ſie das Fraͤulein an— gegenwe ſtarrte, es zu verſtehen. Claudine eilte der Schließe⸗ In ſt rinn voran, die Gemaͤcher zu durchſtreifen, goͤnnte die ihm Blandovsky wenig Raſt— und athmete etwas leich⸗ die Gaͤl ter, als ſie hinaus in den weiten Raum des Gartens des Br trat, worin der Fruͤhling zu ſprießen begann. Cryſtal Admonts Sinne, zur Melancholie geneigt, der die Herrn Liebe nur ſanftere Faͤrbungen gegeben— ſagte dieſe Agen einſame Ruine vormaliger Anlagen zu, in der ſich die in Va Natur wie uͤberall verjuͤngte. Si d Blandovsky wendete ſeinen Blick rings umher und Hände begegnete manchem verdorrten Baum, todt fuͤr den Um Lenz, der nun bald kommen wuͤrde, mancher erſtor⸗ geſehe benen Schoͤnheit. Die Fontaine weinte ganz ſacht im metken Stillen, wie uͤber den Verfall des gruͤnen Reichs, die di mit ihrem froͤhlich aufſtei Admont laͤchelte die grau genden Strahl war es vorbei. dr Et en Goͤtter an, welche ſchwer⸗ d lich der Meißel eines Praxiteles geformt, und die hie 58 und da ihrer Attribute verluſtig waren; mit Ruͤhrung, Cla die eine vergleichende ſchien, betrachtete er die Pyra⸗ Nfen miden von Taxus, in deren kahlen Luͤcken ſich keine diſer andere Hieroglyphen offenbarten, als die des Aufhoͤ⸗ Neſt rens aller endlichen Dinge. Und„die Sonne Homers« 111 leuchtete freundlich wie in den Tagen der Iliade; doch der Weiſer der Zeit ſtand unbeweglich und nur die Vergangenheit warf ihren Schatten in das Licht der gegenwaͤrtigen Stunde.— In ſinnigem Geſpraͤch, die Braut an ſeinem Arme, die ihm mit geheimem Straͤuben folgte, gingen ſie die Gaͤnge entlang, und ſtanden jetzt vor der Najade des Brunnens. Mit welchem Gefuͤhl Claudine! das Cryſtall der feuchten Rinne begoß die Verlobte des Herrn von Blandovsky wie mit Blut, und in ihre Augen ſchoſſen Thraͤnen. Sie buͤckte ſich, das Bild im Waſſer ſchwankte verdunkelt— und der ſteinerne Blick der Nymphe ſchien zu ſagen:»ich waſche meine— Haͤnde in Unſchuld.« Admont hatte die ſeltſame Wallung Claudinens zwar geſehen; aber ohne ſie mehr als oberflaͤchlich zu be— merken. Wohl ihm! wohl uns allen, daß der Schoͤpfer die Tiefe der menſchlichen Bruſt dem kurzen Blicke der Sterblichen verſchloſſen. Saͤhen wir hinab, ihre Quellen wuͤrden unſer Leben oͤfterer vergiften als hei⸗ len!— Claudine von Unſtern hatte ihr Verloͤbniß mit dem Neffen des Oberſten ſelbſt an Eugen geſchrieben, und dieſer Brief duͤrfte mit vollem Rechte fuͤr ein kleines Meiſterſtuͤck in ſeiner Art gelten. Eine ſchwierige Auf— gabe war darin zu loͤſen: der Widerſpruch zwiſchen 112 ihren Worten und ihrem Thun, und doch ſollte der hintergangene Eugen trotz dieſer Trennung, die keine war, welche Gewalt oder Noth geboten haͤtte, nur feſter an ſeine Liebe gebunden werden. Das Fraͤulein hoffte dieſen Zweck erreicht zu haben. Die Feder, wo⸗ mit Claudine mehrere Naͤchte hindurch dieſe lange Epiſtel ſchrieb, gehoͤrte keiner edlen Schwinge an, ob ſie auch mit den Zuͤgen der Wahrheit taͤuſchte. Sie meldete ihm was geſchehen, doch freilich nicht ganz genau; ihre Mittheilung glich vielmehr einem hiſto⸗ riſchen Roman, wo einige Facta den Blumen der Erfindungskunſt zur Unterlage dienen, und diesmal war es ein Korb, der Claudinens Floskeln einrahmte. Sonach war Blandovsky als der Held der Novelle, unabweislich dringend geweſen, die Tante eine See⸗ lenverkaͤuferinn, ſelbſt der milde Vater, der Fuͤrſpre⸗ cher ſeines Sohnes— ein Barbar, zu Gunſten der Wuͤnſche des ihm befreundeten jungen Edelmannes. Beide haͤtten ihr gedroht, ſie im Weigerungsfalle ih⸗ rem Vater zu uͤberantworten, der jetzt in mißlicher Lage, nicht anſtehen wuͤrde, die Perſon der Tochter fuͤr einen Speculations-Artikel zu halten, der ihm feil ſy, und den er um den Preis ſeiner Rettung losſchluͤge, dem Erſten, dem Beſten. Die Eltern in Halde waͤren nun einmal hartnaͤckige Gegner ihrer Wuͤnſche, und frei wuͤrde ſie nimmer waͤhlen duͤrfen, Den ſie dine vo In dieſ des He Pfleger werflich als ein ſchilder unter Anſpru Sparr. Hoffnu in Tr˖ der keine nur llein wo⸗ nge ob 113 Den ſie einzig, Den ſie ewig liebe— ſo lange Clau— dine von Unſtern dieſen verhaͤngnißvollen Namen fuͤhre. In dieſer drangſeligen Situation ſey ihr der Antrag des Herrn von Blandovsky, der wohl mehr einer Pflegerinn als einer Ehefrau begehre, nicht ganz ver⸗ werflich, wie fruͤhere Heiraths-Vorſchlaͤge, ſondern als ein Wink von hoͤherer Hand erſchienen. Sie ſchilderte den Freier ſo hinfaͤllig und hohlaͤugig, daß unter der Fuͤlle der Einbildungskraft die ſie dabei in Anſpruch nahm, ein Gerippe hervorguckte, und das Sparrwerk dieſer Geſtalt nur beſtimmt ſchien, um eine Hoffnung neu und hoͤher darauf zu erbauen, die jetzt in Truͤmmer gebrochen war.— Was wuͤrde der Lieutenant Elban wohl geſagt ha⸗ ben, wenn er in dem fuͤrchterlichen Augenblicke da er dieſe Zeilen las, ſeinen Nebenbuhler mit dieſer Be⸗ ſchreibung vergleichen koͤnnen!— Ein ſchoͤner Mann, wiederum erkraͤftiget, nur etwas Weniges blaß noch und grade ſo viel, um ſeinem ausdrucksvollen Geſicht ein Intereſſe mehr zu geben— kuͤßte er eben begei— ſtert vom Anſchauen und dem Wechſel der Blicke die Augen des Fraͤuleins, die ihn fuͤr einen Juͤnger des Todes angeſehen haben wollten; und Leben ſtroͤmte in ſein Herz, und Liebe ſchwellte ſeine Pulſe!— So beſchwor denn Claudine in ruͤhrbarer Weiſe Eugen, ihr zu glauben, daß nur die Liebe zu ihm, 114 Dem ſie mit Sinn und Seele angehoͤre, ſie zu der Entſchließung gebracht, die Hausfrau des Blandovsky zu werden, wodurch ſie ſich fuͤr ihn in Sicherheit bringe. Nur der freie gute Wille, den Reſt eines fruͤhgealterten ſchwindſuͤchtigen Daſeyns durch theilneh⸗ mende Sorgfalt zu erheitern, werde der Gatte an ihr beſitzen; ihr Herz, der Liebe ſuͤße Gunſt bleibe ſein. Und ſo ſolle Eugen ihr dieſen gerechtfertigten Schritt, wofuͤr ſie ſich dereinſt ſattſam zu entſchaͤdigen denke, doch ja um Gotteswillen weder erſchweren noch verbittern! Claudine eilte uͤber die naͤchſte Zeit hin— weg, um auf der ſchoͤneren Zukunft zu verweilen. Wir wollen billig einraͤumen, daß Schreiberinn die⸗ ſes etwas all' dem Ähnliches dachte und fuͤhlte. Der liebenswuͤrdige Offizier, an den die Sprache dieſes Briefes in ruͤhrender Bittweiſe erging, commandirte jedenfalls ihre Reſerve— nur der Gang dieſer Partie war ein verdeckter, und die Motive einer Heirath, die um treu zu bleiben, treulos geſchloſſen ward, verlaͤugneten ſich dem Geliebten, und waren ein Ge— heimniß des Betrugs fuͤr den Braͤutigam. Mehreres noch, wenn auch von geringerer Wich⸗ tigkeit fuͤr Q ihn, blieb dem Herrn von Blandovsky verborgen. Dahin rechnen wir was unſern Leſern vielleicht weniger ein Raͤthſel ſeyn wird— die Urſache von dem jaͤhen Verſchwinden des Leibhuſaren. Bald darauf dem Ft worden auf un Adm vergnuͦ Schuld von ei⸗ nerſcha den di keibhuf lleines zum Vohne als de Ein dem 2 ſeyn, O berſt gegen Ob muͤrti Achtu Verpf thige fühlbe der Vsky cheit ines neh⸗ 115 darauf als die Verlobung des jungen Gutsherrn mit dem Fraͤulein aus Halde den Leuten Jenes kund ge— worden, war der alte Huß ohne Abſchied zu nehmen, auf und davon gegangen. Admont forſchte betroffen, ob ein Grund zum Miß— vergnuͤgen, den Greis vergeſſend jeder erkenntlichen Schuldigkeit ſo ploͤtzlich vertrieben; doch Niemand wollte von einem ſtreitbaren Vorfalle wiſſen, und die Die⸗ nerſchaft ſagte einſtimmig aus: wie bei dem Jubel, den die frohe Neuigkeit in dem Hauſe erregt, der Leibhuſar weder Speiſe noch Trank mehr beruͤhrt, ein kleines Felleiſen in Haſt geſchnuͤrt, und ohne ein Wort zum Valet zu ſagen, die Freiſtatt ſeines Alters, die Wohnung der Guͤte verlaſſen habe, zur ſelben Zeit als der gnaͤdige Herr nach Halde geritten ſey. Ein Toͤchterchen des Pachters wollte dem Huß auf dem Wege nach dem Gottesacker des Dorfes begegnet ſeyn, wohin er gegangen, vielleicht— dort lag der Oberſt begraben— um ſich den Todten hoͤflicher als gegen die Lebenden zu beweiſen. Obgleich man auch mancher Sonderbarkeit an dem muͤrriſchen Soldaten gewoͤhnt war, den Admont aus Achtung fuͤr ſeines Oheims Andenken keiner andern Verpflichtung unterwarf als der, welche die edelmuͤ— thige Behandlung des Herrn von Blandovsky ihm fuͤhlbar machen muͤſſen: ſo ging doch dieſer ſchnelle 116 und ſchweigende Abmarſch uͤber den Begriff Deſſen, der ihm ausgedehnte Freiheiten eingeraͤumt und ſeine Nachſicht war an ihrer Grenze. Der alte Iſegrimm war zwar nie der Freund des jungen Gutsherrn ge⸗ weſen, und ſeit Jener den Gaſtwirth der Gruft ge⸗ macht, hatte ein unbeſtimmtes Mißtrauen ſich in Ad— monts Seele geregt; aber er war ſich nichts als Gu⸗ tes und Liebes gegen ihn bewußt, und der Stolz ſei⸗ ner Großmuth nunmehr beleidiget. Blandovsky erwehrte ſich bei dem Bericht ſeiner Leute eines bittern Laͤchelns nicht. Die Flucht des Leibhuſaren, zu dieſer Zeit und auf die genommene Weiſe— glich dem Groll eines Bekraͤnkten, einer Ironie der Eiferſucht gleichſam. Oder ruͤckte der alte Kriegsmann, gewoͤhnt ſein rauhes Weſen ohne Géne zu treiben und mit dem Vorurtheil behaftet, daß, wo nur ein zierlicher Damenſchuh fuße, ſich dem Pantof⸗ fel⸗Regiment Jeder ſubordiniren muͤſſe— vor der jungen Gebieterinn ſo hurtig ins Feld!— Blan⸗ dovsky konnte es nicht ergruͤnden. Er ſprach:»fahr hin, alter Trotzkopf! ich haͤtte Dir damals Deinen Willen laſſen ſollen, dem ich mich aus Pietaͤt wider⸗ ſetzte. Auf Dank habe ich zwar nie gerechnet; aber ſolche Vergeltung thut doch weh!« Ein ſchwarzer Tropfen Undank fiel vergaͤllend in den Kelch, den Ad⸗ mont in Vonne Auf j nhigun ihre Ide die Ang kam der der Ge Anſicht Dispen geben. heit Ra noch ſch nach H lichen funden Nachri In nen die mehr ſche d Elban dine güͤlti der pro 117 mont in ſuͤßem Wahn fuͤr einen Becher, gefuͤllt mit Wonne hielt. Auf jenen Brief, der Claudinen eine fluͤchtige Be⸗ ruhigung gewaͤhrt, da ſie hoffte, Eugen wuͤrde in ihre Ideen eingehen, war keine Antwort erfolgt, und die Angſt des Fraͤuleins ſtieg von Tag zu Tage. Jetzt kam der Braut des Herrn von Blandovsky zuweilen der Gedanke, Eugen koͤnnte doch wohl eine andere Anſicht von der Sache haben, und obſtinat ſeyn, ihr Dispens hinſichtlich der ihm geleiſteten Eidſchwuͤre zu geben. Ihre Pulſe ſtockten wenn ſie dieſer Moͤglich⸗ keit Raum ließ. Eine andere Vorſtellung war ihr noch ſchreckhafter: die, der juͤngere Elban moͤgte ſelbſt nach Halde kommen, was einen nicht unwahrſchein⸗ lichen Vorwand in der Unpaͤßlichkeit ſeines Vaters ge⸗ funden haben wuͤrde, wovon dem Sohne ſchriftlich Nachricht ertheilt worden war. In den Vorkehrungen gegen das unzeitige Erſchei— nen dieſes Hochzeitgaſtes, durfte Claudine keinen Schutz mehr gewaͤrtigen, da es weder einem ſehnlichen Wun⸗ ſche des Fraͤuleins, noch den Planen der Frau von Elban, fuͤrder ſtoͤrend war. So ließ, wovor Clau⸗ dine zitterte und bangte, ihre Tante ziemlich gleich— guͤltig, ja wir thun der Dame ſchwerlich Unrecht in der ohnmaßgeblichen Vorausſetzung: ſolch ein qui pro quo wuͤrde nach ihrem pikanten Geſchmack gewe⸗ —õ—õ— 118 ſen ſeyn, und den alten Haß, der auf dem Stief⸗ ſohn und ſeiner Liebe ruhete, wie auf dem Gedanken manch liſtigen Streiches, der ihnen Hand in Hand gegen die ſtiefmuͤtterliche Schlauheit gelungen, befrie⸗ diget haben. Die Krankheit des Herrn von Elban, die der Pa⸗ tient mit der naͤmlichen phlegmatiſchen Geduld ertrug, womit er unter dem Aſthma eines druͤckenden Eheſtan⸗ des gelitten, fing an ſich bedenklich zu geſtalten, und Claudine verbarg unter der aͤußern Unruhe, die das Schloß von Halde fuͤr den Herrn deſſelben bewegte, ihre innere geſchickt. Herr von Elban verlangte jetzt nach ſeinem Sohne; dieſer Wunſch, wie der letzte Wille eines Sterbenden zu erachten, ſollte ihm ge⸗ ſchrieben werden, und der Braͤutigam des Fraͤuleins war erboͤtig, ſich dieſem Auftrag zu unterziehen. Claudine war bei dieſem Beſchluß zu Muthe, als waͤre ihr ein letztes Urtheil geſprochen; allein gegen das geheiligte Recht des Vaters mit dem es wahr— ſcheinlich auf die Neige ging, konnte keine Ruͤckſicht auf ein Verhaͤltniß in Betracht kommen, das nun— mehr als ſtrafbar anzuſehen war, und, wenn irgend noch— nur als geſchwiſterliche Freundſchaft fortan beſtehen durfte. Als Admont in dem erwaͤhnten Secretariat ſich an den Schreibtiſch ſetzte, und in ſinnender Verlegenheit, weil ihm ſchwebte her macht Win träum ſtument dne bei; der Stal eſchaͤhe das Me Sie n o gewiß nicht vie Caudi beſchleun ſhlimme ſchon di lichkeit; ermange ſet welc das Fr ſiines dem B Begehr nicht n fürbe, Nerbind 119 weil ihm der Juͤngling auf dem Sarge von Erz vor— ſchwebte— den Spalt der Feder die er ſchnitt, groͤ⸗ ßer machte als eben noͤthig, dann die Seele der Poſe im traͤumeriſchen Gedankenſpiel mit dem ſcharfen In⸗ ſtrument wie ein Anatom zerſetzte: daͤuchte es Clau⸗ dine bei dem kleinen praſſelnden Geraͤuſch, als braͤche der Stab uͤber ihrem Haupte, ein unheilbarer Riß geſchaͤhe durch ihr Leben daß es unnuͤtz wuͤrde, und das Meſſer wuͤhle in ihrer eigenen Seele. Sie wußte nun alſo, daß Eugen kommen wuͤrde, ſo gewiß wie der Menſch ſeinen Tod weiß, und mit nicht viel leichterem Gefuͤhl der Erwartung. Claudine wuͤnſchte nichts mehr als daß die Hochzeit beſchleunigt wuͤrde, von deren Aufſchub bei dem ver⸗ ſchlimmerten Befinden des Herrn von Elban mehrmals ſchon die Rede geweſen. Sie hoffte in der Unmoͤg— lichkeit die Staͤrke zu finden, deren ſie nur zu ſehr ermangelte. Sie ſtrebte fort, ehe Eugen kaͤme, un— ter welchen Umſtaͤnden es auch waͤre. So vergaß das Fraͤulein, das in der Angſt ſeines Herzens hier ſeines Bleibens nicht mehr ſah, ſich denn ſo weit, dem Braͤutigam heimlich anzuliegen, daß er in den Begehr der Tante, hinſichtlich einer Verzoͤgerung, nicht willige, weil, wenn der Kranke unterweilen ſtuͤrbe, die Decenz der Trauer nicht geſtatte, daß die Verbindung vor dem Ablauf eines Vierteljahres voll⸗ 120 zogen wuͤrde: denn als eine Leidtragende koͤnne ſie doch unmoͤglich an den Altar treten. Mit verletzter Delicateſſe vernahm Herr von Blan⸗ dovsky dieſen Wunſch ſeiner Braut. Er fuͤhlte etwas Unſchickliches ja er ahnete etwas Unheimliches darin.— Das Verlangen der Frau von Elban, daß unter ſol⸗ chen Aſpecten die Hochzeit aufgeſchoben werde, er⸗ ſchien ihm ſo billig und geziemend als je Eines; ja, es wollte ihn beduͤnken, ob auch dieſe Meinung ſich nur leiſe hervorwagte— als haͤtte Claudinens Zart— gefuͤhl ſich von ſelbſt dazu verſtehen ſollen. Wenn nun Admont die wachſende Beſtuͤrzung des Fraͤuleins fuͤr die Mitleidenſchaft zunehmender Beſorg⸗ niſſe um den werthen Kranken hielt, den Claudine immerdar kindlich verehrt und geliebt hatte, wenn er die kuͤhlen Schauer, welche ihn anwehten, ſo oft er ſich ihr liebend naͤherte, fuͤr eine Wirkung der finſtern Wolke nahm, die uͤber dieſem Hauſe ihrer Heimath ſchwebte: ſo konnte er andererſeits nicht faſſen, daß dieſe anhaͤngliche Pflegetochter jetzt, in dieſer bangen critiſchen Zeit, von dannen zu ziehen geſonnen ſey. Wie ſehr, wie heiß er auch gewuͤnſcht, Claudinen ganz die Seinige zu nennen: er wollte doch, daß es mit Freude geſchaͤhe, und daß ſeine Braut bei dem Antritt ihrer neuen Pflichten, die alte Schuld der Dankbarkeit zuvor bezahlte. Indeſſen war es mit Herrn Atzt ho iig, der tereinig Theilna werden. auch do ban, d dem K Blal Spott, keit en Schmu doch, den S Gelieb Vorte zukunf Adn das F ſie wi ſtarrte Er ſch d Halde mit Han ne ſie Blan⸗ etwas rin.— er ſol⸗ 6, el⸗ 5; ja, g ſich Zart⸗ g des eſoorg⸗ audine enn er oft er inſtern eimath daß dangen n ſey. udinen daß 65 i dem d der 6 mit 121 Herrn von Elban ein wenig beſſer geworden. Der Arzt hoffte wieder, und Admont freuete ſich aufrich⸗ tig, den Wunſch ſeiner Liebe mit Ruͤckſicht auf Die vereinigen zu koͤnnen, denen er Claudinens naͤchſte Theilnahme entzog, um ſelbſt dadurch gluͤcklicher zu werden. Der Tag der Einſegnung war beſtimmt, und auch daß ſie ohne andere Zeugen als der Frau von El— ban, dem Doctor ihres Gemahls, wie ihn ſelbſt, in dem Krankenzimmer Statt faͤnde. Blandovsky bedauerte mit einer Art von zaͤrtlichem Spott, dem Claudine eine ſchmerzliche Gleichguͤltig— keit entgegnete, daß ſeine ſchoͤne Braut in ihrem Schmuck nicht oͤffentlich bewundert werden ſollte.»Und doch,« fluͤſterte er ihr alles Ernſtes zu:»beneide ich den Spiegel, der Dein Bild— Dein reizendes Bild, Geliebte! zuruͤckſtrahlt.« Claudine verlor bei dieſen Worten vollends den Muth, in den Spiegel ihrer Zukunft zu blicken. Admonts Auge hing flammend an der Myrthe, die das Fraͤulein mit unſichern Haͤnden los band, ſo daß ſie wie die Zweige einer Dornenkrone auseinander ſtarrte: fuͤr den Braͤutigam war es der Kranz am Ziele. Er aͤußerte ſich im Geiſte einer Leidenſchaft, welche ſich dieſem nun nahe glaubt. Die letzte Nacht in Halde verging Claudinen voͤllig ſchlaflos. Sie blickte mit wachen Augen in den ruhigen Schimmer der Hanke Wittwen 2r Theil. 6 122 Sterne— der ihres reinen Gluͤckes war hinab. Ihre Stirn gluͤhte fieberiſch, und unter der leichten Decke fror der zarte Leib, den morgen das Brautkleid er⸗ wartete. In ihren Arterien ſtockten die Stroͤmungen des Lebens, oder ſchwellten mit Ungeſtuͤm an, zu⸗ gleich der Ebbe und Fluth in dem dunkeln Meer der Seele; doch die Pulſe der Natur klopften ſanft un⸗ ter dem naͤchtlichen Fruͤhlingshimmel. Die Kinder des Gaͤrtners hatten den Tag uͤber Begraben geſpielt; die lange Weiſe des Liedes, das ſie harmlos und unaufhoͤrlich geſungen, ob man ſie auch dieſes ominoͤſen Zeitvertreibs wegen ſchalt, toͤnte in Claudinen nach, im Chor ſchwarzer Ahnung. Ihre Phantaſie war aͤngſtend aufgeregt. Sie lag und lauſchte, und das geheimnißvolle Dunkel der ſoge— nannten goldnen Nacht duͤſterte und wisperte um das Lager der Braut. Ein Reiter kam daher geſprengt, Claudine meinte, das Roß von Weitem ſchnauben zu hoͤren, dreimal pochte es an die Pforte des Schloßhofs.—»Er iſts!« dachte Claudine, und das Blut in ihren Adern ge⸗ rann zu Eis. Buͤrgers Leonore fiel ihr ein; der Wil⸗ helm jener ſchaurigen Romanze nahm Eugens Geſtalt und Rolle an. Nein! es war ja nur das Herz, was ſo ſtark gegen die gewoͤlbte Wand des Buſens ſchlug, der Wind, welcher ſauſete.— Clau ſchlafen in der⸗ gffahren heller Horen Helios der H Als Schlu Das treuerg ſeinem M chelte wuͤnſ D. des N Kran wüͤni verke Er eine er ge d Ihre Decke er⸗ ngen zl⸗ der un⸗ uͤber das n ſie eoͤnte Ihre und ſoge⸗ das einte, imal ſtsle ge⸗ Wil⸗ eſtal Herz ſſend 123 Claudine ruhete eine Weile; doch konnte ſie nicht ſchlafen. Jetzt ſchreckte ſie der Schall eines Poſthorns in der Ferne auf. Sie raffte ſich empor.»Er kommt gefahren—« nein! es iſt nur der Hahn, der mit heller Trompete den erſten Morgenruf verkuͤndet. Die Horen ſchirren das yflammenhufige« Geſpann, und Helios Wagen rollt ſtill aufwaͤrts am blauen Bogen der Hoͤhe. Als Claudine nach einem kurzen unerquicklichen Schlummer erwachte, fuͤhlte ſie ſich ſehr erſchoͤpft. Das Maͤdchen, ihrem Dienſt geeignet, und von treuergebenem Herzen, gratulirte dem Fraͤulein zu ſeinem Ehrentage. »Mein Ehrentag!« wiederholte Claudine und laͤ⸗ chelte ſelſſam:»ach! glaube mir, Gottliebe, ich wuͤnſchte, ich koͤnnte heute ſterben.« Das Zoͤſchen, die Vertraute der ungluͤcklichen Liebe des Fraͤuleins, ſchluchzte leiſe in die Schuͤrze. Nun kam die Tante und rief Claudinen ab in das Krankenzimmer; ihr Gemahl wolle der Nichte Gluͤck wuͤnſchen. Herr von Elban ſah heiter aus, ja wie verklaͤrt, und doch erſchuͤtterte ſein Anblick die Braut. Er hielt eine kleine Anrede ex tempore, mehr zu ſeiner eigenen Erbauung als zu der Claudinens: denn er genoß, vielleicht zum erſten- wie zum letztenmale — die Genugthuung, daß ſeine Frau ihn ſchweigend 6* 124 anhoͤren mußte, da er ihres Bruders Tochter zu al— len Tugenden einer Ehefrau ermahnte, deren Gegen⸗ ſaͤtze ihm ſelbſt empfindlich geworden, und wir haben Grund zu vermuthen, daß er um dieſer außerordent⸗ lichen Herzens-Erleichterung willen nur allein ſo ſanft und ſeliglich verſtorben ſey. Nach dieſer kleinen Vorfeierlichkeit ſprach er:»heute kommt der Eugen; gebt nur Acht! mir hat erſtaun— lich viel von ihm getraͤumt.« Claudine vernahm dieſe Prophezeiung mit einem wahrſagenden Grauen. Zu Mittag, kurz vor Tiſche, ſollte die Trauung ſeyn. Schon glaͤnzte weiße Seide in ſilberſchillerndem überfluß um Claudinens wellen⸗ foͤrmige Geſtalt, ſchon funkelte der koſtbare Schmuck, mit welchem Admont ſeine Braut beſchenkt, von Seufzern gehoben, auf dem blendenden Halſe und Buſen, als wolle er den Truͤbſinn des Fraͤuleins, und den Mangel hochzeitlicher Freude uͤberſtrahlen, die nur mit einem duͤrftigen Broſamen des Selbſt⸗ gefallens die Eitelkeit der reizenden Claudine befrie⸗ digte— ſchon ſtarrte widerſtrebend die Myrthe um das ſchoͤne Haupt und die adelige Jungfrau, gleich— guͤltig gegen alle Ehren dieſes Tages— zeigte ſich ſo apart ſenſible bei der braͤutlichen Kroͤnung, als waͤre jedes Haar dieſer braunen Flechten und Locken unmit⸗ telbar ein Fuͤhlfaͤdchen der Seele—: ſo daß die arme Kranzj Herrin zur Un ſollte. heiligen lein, dieſe ſteckte dine, in da niß Toile ihr 2 des nen laͤng kehre zuriͦ mit ſie 125 Kranzjungfer nicht wußte, wie ſie mit dem Kopfe der Herrinn, der heute nach der Meinung des Zoͤfchens zur Ungebuͤhr ſchief ſtuͤnde, ſacht genug verfahren ſollte. So oft Gottliebe das gruͤne Symbol einer heiligen Bluͤthe zurecht ruͤckte, aͤußerte ſich das Fraͤu⸗ lein, als wuͤrden Dornen zu Spott und Hohn in dieſe zarte Schlaͤfe gedruͤckt, und wo ſie eine Nadel ſteckte, die ſproͤden Zweige zu befeſtigen, zuckte Clau— dine, als wuͤrde ſie mit der Spitze eines Dolches tief in das Herz getroffen. Vielleicht war es das Beduͤrf⸗ niß ſich von dem Dienſt dieſer hochnothpeinlichen Toilette zu erholen, was die junge Kammerdienerinn ihr Amt im Stiche zu laſſen trieb, ehe der Anzug des Fraͤuleins ganz vollendet war. Es eilte Claudi⸗ nen nicht damit, und ſo wartete ſie, unbewußt des laͤngeren Verzugs, bis Gottliebe wieder kaͤme. Auch kehrte Dieſe nicht mit leeren Haͤnden zu ihrer Pflicht zuruͤck. Eine groͤßere Neuigkeit in den großen Augen, mit fliegenden Athem und verſtohlner Gebehrde druͤckte ſie einen Brief in die des Fraͤuleins, den ſie draußen dem Poſtboten abgenommen. So hatte ein vorſich⸗ tiger Inſtinkt das Maͤdchen hinaus gefuͤhrt, dem Brieftraͤger entgegen, und das aufgefangene Schrei⸗ ben kam durch die kleine Mittelsperſon zwar an die rechte Behoͤrde; doch wahrlich! nicht zur rechten Zeit. Claudine entfaͤrbte ſich noch mehr, als ſie einen 126 Blick auf die Adreſſe geworfen; es war Eugens Hand⸗ ſchrift und war es auch nicht. Mit verſagenden Fin⸗ gern zerbrach ſie das Wappen des Siegels, erloͤſchende Blicke glitten an den wenigen Zeilen hin und wieder, auf und ab; aber es mußten inhaltvolle ſeyn: denn das feine Papier ſchwankte ſtaͤrker und ſtaͤrker wie das Blatt der Espe im Sturme. Unter einem convulſivi⸗ ſchen Beben des ganzen Koͤrpers, rauſchte das Braut⸗ kleid leiſe, Froſt rieſelte der Braut durch alle Glieder, ein entgeiſtertes Laͤcheln flog uͤber das blaſſe Angeſicht, dann ließ ſie es ſinken, und in einem fluͤchtigen Dun⸗ kel ſchienen ihr die Sinne zu ſchwinden. »Jeſus Maria!« rief Gottliebe bei dieſem Anblick außer ſich:»gnaͤdiges Fraͤulein! um Gotteswillen! was fange ich nun an? wo haben wir denn den Sal⸗ miak?« Claudine machte eine verneinende Bewegung, und das Maͤdchen ſprach weinend: ynicht? ach aller⸗ liebſtes Fraͤulein! ſo ſind Sie wieder bei ſich? und hoͤren auch was ich rede? ich habe Ihnen wohl in aller Unwiſſenheit einen wahren Urias⸗Brief gebracht?— Das iſt ein Todtſchlag von Schrecken am Hochzeit⸗ tage! mir zittert das Herz im Leibe. Wie eiskalt Sie ſind, gnaͤdiges Fraͤulein! es ſind Kraͤmpfungen, und wenn Sie dem Krampfe angetraut werden—.« »Dem Tode!« hauchte Claudine mit ſterbender Stimme. ich h Tante Geheir ſchloß nigen regſau Und cher in v ihr bei 127 „»Mein Herrgott!« jammerte bedraͤngt das Maͤdchen: vich hole Huͤlfe;z« ſprachs, und verſchwand, die Tante in Alarm zu ſetzen. Die Nichte druͤckte ihr Geheimniß zermalmend in die hohle Hand, und ver⸗ ſchloß das Entſetzen hermetiſch. Frau von Elban kam ſogleich, und folgte mit eili— gen Schritten ihrer raſchen Vorlaͤuferinn. Es iſt be— reits ſchon oͤfterer erwaͤhnt worden, wie zu den we— nigen guten Eigenſchaften dieſer unholden Dame, eine regſame Theilnahme fuͤr Krankheits⸗Vorfaͤlle gehoͤrte. Und heute war es mit dieſem loͤblichen Eifer ernſtli— cher als je gemeint: denn eine Braut, und noch dazu in vollem Staat, iſt ein geheiligter Gegenſtand fuͤr ihr ganzes Geſchlecht. Ihre ſchreckhafte Beſtuͤrzung bei der Nachricht, Fraͤulein Claudine ſey unwohl ge⸗ worden, auf eine Hoͤhe zu treiben, welche dem Vor⸗ uͤbergehen einer Ohnmacht beinahe unnatuͤrlich war, muͤſſen wir erwaͤhnen, daß Frau von Elban ſtets von einer unbeſtimmten Furcht beunruhiget geweſen, dieſe Verbindung werde doch am Ende nicht zu Stande kommen. Weder Claudinens Willigkeit, Eugens totales Stillſchweigen, noch die unangefochtene Progreſſion dieſer Heirathsſache, hatte jene Angſt in ihr zu ſtillen vermogt. Aus dieſem geheimen Grunde hatte ſie nach⸗ gegeben, daß die Hochzeit unter Umſtaͤnden, welche 128 4“ einem Freudenfeſte nicht guͤnſtig waren, vollzogen Clo wuͤrde; kaum eine Stunde noch fehlte, bis der Se⸗ füͤhlte gen uͤber das Paar geſprochen waͤre, und ſomit der ihter⸗ Bann jedem Hinderniß—: und jetzt ſtoͤrte das Ge— ſen? ſchrei der Jungfer jene halbbeſchwichtigte Ahnung auf, 2 und forderte den Beiſtand der Tante fuͤr einen Zu— Dam fall, den die jugendliche Unerfahrenheit der lebhaften deben 1 Gottliebe, welche ſich fuͤr die, wenn auch uneigent— dden. liche— Urheberinn deſſelben hielt, in erhoͤheter Po— del tenz erblickte und ausſagte. Ech Frau von Elban konnte ſich kaum auf den Fuͤßen Ton halten, da ſie in des Fraͤuleins Zimmer trat. Clau⸗ dn dine ſaß wie eine aufgerichtete geſchmuͤckte Leiche in Se einem Armſeſſel. Dieſer bange und doch ſchoͤne An— N blick ruͤhrte die Tante.»Du biſt krank, Claudine?« ” ſagte ſie mit hoͤrbarer Alteration:»ſage doch, was g iſt Dir denn auf einmal geſchehen? großer Gott! t welch ein Elend iſt das! der Vater ſterbenskrank— die Braut ein Kind des Todes; da muͤſſen die Hoch— ti l zeitgaͤſte wohl Leid tragen.« Sie ſeufzte bedraͤngt und ſ faßte die Hand des Fraͤuleins, welche den Brief ver⸗ d wahrte: die Hand war kalt wie die einer Bildſaͤule f von Marmor. 8 »Sieh! das iſt der pure Krampf;« fuhr Frau von f Elban fort:»man braͤche wohl eher die Finger, ehe 1 man ſie auseinander braͤchte.« 1 G 1 S zogen Se⸗ t der Ge⸗ auf, Zu⸗ zaften gent⸗ — Po⸗ füßen Tlau⸗ he in An⸗ ine?« was Gott! n— uc⸗ und ver⸗ ſaule von ehe 1 129 Claudine aber dachte, ihr braͤche das Herz. Sie fuͤhlte ſich kraftlos, doch entſchloſſen, das Eigenthum ihrer Verzweiflung gegen jeden auch den gewaltthaͤtig⸗ ſten Angriff zu vertheidigen.— »Beſorge ſchnell eine Taſſe Thee,« herrſchte die Dame dem zagenden Maͤdchen zu:»und hole mir den Lebensbalſam heruͤber, Du weißt ja, wo er zu fin⸗ den.« Das Fraͤulein laͤchelte mit ſtarrem Geſicht. »Lebensbalſam!« wiederholte gleich einem fernen Echo, Claudine mit ſchwachem Laut; aber dieſer leiſe Ton war von herzandringender Schaͤrfe: der Spott einer Geſtorbenen, das Mitleid einer abgeſchiedenen Seele mit dem Athemzuge, mit den Wunden dieſer Welt. Aber Frau von Elban fuͤr dieſen Accent nicht zart genug organiſirt, antwortete:»der wird Dir gut thun, nicht wahr Claudinchen?« Gottliebe flog mit dem Arkanum herbei. Alsbald troͤpfelte die Tante die hellrothe Eſſenz auf Zucker und ſprach langſam und tiefathmend:»Eins— zwei, drei—« der Medizinloͤffel ſchwankte in ihrer ſonſt ſo feſten und harten Hand. Da fielen Claudinen die Strophen aus der Geiſterinſel ein:„traurige Corallen, zaͤhlen ſoll ich euch?« In dieſer Erinnerung loͤſete ſich der Zauber eines regungsloſen Schmerzes; ein Strom von Thraͤnen drang aus ihren Augen, und fiel wie * 130 ein befruchtender Regen in den ſeidnen Schooß der Braut. »Noͤgteſt Du doch weinen,« ſagte Frau von El— ban, welche bei dieſem Erguß und dem Weiterzaͤhlen der Mirtur Fuͤnfe grade ſeyn ließ:»denn darauf wird Dir beſſer werden; wenn nur das ſchoͤne Brautkleid nicht verdorben wuͤrde. Wie Schade! es ſieht ſchon wie ein angeſprengtes Plaͤttetuch aus. Die Freund— lichkeit, welche einer Braut ſo artig ſteht, wird weg— geſchwemmt, das Geſicht bleibt wuͤſte— der Zucker in der Miene zerweicht: Blandovsky wird ſehr vorlieb nehmen muͤſſen.— Nimm nur geſchwind! da ſehe ich ihn kommen.« Sie ſchob die Arzenei zwiſchen die ſchmalen Lippen, und Claudine verſchluckte viel Bit⸗ teres damit.— Trotz der vorbereitenden Muͤhe, welche Frau von Elban angewandt, dem Braͤutigam die Ohnmacht ih⸗ rer Nichte, um mit Jean Paul zu reden— als das warme weinende Gewitter braͤutlicher Entzuͤckung zu erklaͤren, ſo daß, was ihn betroffen machen koͤnnen, zur Schmeichelei des Selbſtgefuͤhls fuͤr ihn wuͤrde— erſchrak Admont doch nicht wenig, als er in die ent— ſtellten Zuͤge Claudinens und ihre offenbare Verſtoͤ⸗ rung ſah. Er fragte in zaͤrtlicher Unruhe und mit einem Vertrauen, das dem Fraͤulein marternder als alles war, nach der Urſache dieſes Zufalls. Claudine gab e gewich ſtellte Di menſc pfind tel d Cl ruhig Geſe furch 131 gab einen leichten Grund an, waͤhrend ein Centner⸗ gewicht auf ihrem Herzen lag; und Blandovsky ſtellte ſich halb und halb zufrieden. Die Guͤte der Natur, welche nach weiſem Maß die menſchliche Kraft gemeſſen, laͤßt auf jeden Schmerz eine Abſpannung folgen, die im Verhaͤltniß zu ſeinem Grade ſteht. So oft, ſo heftig der Menſch an Koͤr— per oder Seele leidet, tritt nach erſchoͤpften Kraͤften ein Zuſtand der Apathie ein, der die Wohlthat em⸗ pfindungsloſer Ruhe mit dem feinſten Staͤrkungsmit⸗ tel der Hoffnung miſcht. Claudine war nach Verlauf einer Stunde ein wenig ruhiger geworden, mindeſtens unfaͤhig, ihr unſeliges Geſchick in ſeiner Folgenſchwere zu faſſen. Wie ein furchtbarer Traum, deſſen man ſich nicht zu entheben vermag, aͤngſteten verworrene Vorſtellungen das Fraͤu⸗ lein, von dem was Eugen geſchrieben, und Claudine bebte zweifelnd, daß ſie ſich der ſchauderhaften Wahr⸗ heit bewußt werden koͤnnte. In der Sprache der Verzweiflung, die nichts ſchont, keinen Schleier der Entſchuldigung duldet und das AÄußerſte nennt und will— hatte ihr Eugen mit ſei— nem Tode gedroht, und dieſen letzten Act in einen wechſelwirkenden Zuſammenhang geſetzt, mit dem Schluß der Rolle, die Claudine ſo meiſterlich zu ſpielen ver— ſtehe, daß er wirklich geglaubt, ſie ſey es ſelbſt. In 132 der Gardine ihres Brautbetts ſolle ihm der Vorhang des Lebens fallen, und mit dem verletzten Eidſchwur, der ſie doch ewig an ihn baͤnde, werde das Band ir⸗ diſcher Anhaͤnglichkeit ihm zerreißen. Er wuͤrfe es ſchnoͤde hinweg. Sein Daſeyn waͤre durch ſie vernich⸗ tet. Aus dem Himmel geſtoßen, den der Glaube an die Liebe erwirbt, fuͤhle er mit vorahnender Flammen⸗ pein, wie eine fernere Exiſtenz worin er Claudinen, ſeine Claudine! als das Weib eines Andern wuͤßte, ihm eine Hoͤlle ſeyn wuͤrde. So moͤge denn Gott ſich ſein erbarmen, und Sie, die er ſuͤndhaft abgoͤt— tiſch geliebt, fuͤr ihn beten: denn auch Jenſeits wuͤr— den ſie ſich nicht wieder finden; ihre Trennung ſey auf ewig, und ihre Schuld allein! Aus der dunkeln ſinnverwirrten Diction des Brie⸗ fes war nicht klar zu erſehen, ob der Lieutenant El⸗ ban ſich krank gefuͤhlt, oder im Wahnwitz eines boͤſen Vorſatzes. Die Schriftzuͤge waren unkenntlich, als haͤtte der wilde Lauf des Blutes im Bett des Fiebers ihm die Hand bewegt, oder die empoͤrte Leidenſchaft, welche nach einem toͤdtlichen Werkzeug zu greifen Wil⸗ lens, die ſchreibende Rechte unſtaͤt gemacht. Claudine mußte dieſe Alternative fuͤr jetzt auf ſich beruhen laſſen, der Augenblick draͤngte; im Innerſten ermattet, hoffte ſie jedoch, Eugen werde ihr in der erſten Aufwallung geſchrieben haben. Sie kannte ſeine 22— hang wur, d ir⸗ fe es nich⸗ e an men⸗ inen, üßte, Gott hgot⸗ wuͤr⸗ ſey Brie⸗ El⸗ boͤſen als bers haft, Wil⸗ ſich rſten der ſeine 133 Hitze, aber auch das ſchnelle Verrauchen derſelben; und ſo troͤſtete ſie ſich, das Bild von der Hoͤlle, und der Funken, worin ſie die Piſtole a la Werther los⸗ brennen ſah, werde nur in der vom Zorne angefach⸗ ten Glut ſeines Temperaments entſtanden und mit Gottes Huͤlfe ohne nachbleibende Wirkung— die auf ihr brennendes Gewiſſen ausgenommen— erloſchen ſeyn. Der Geiſtliche kam. Er hielt in ceremonioͤſer Wuͤrde ſalbungsvoll eine langweilige Rede, wovon das Fraͤu⸗ lein nur ſehr wenig hoͤrte. In dieſer religioͤſen Stille war es, als haͤtte der Paſtor Opium verſtreut. Herr von Elban war daruͤber eingeſchlafen, und als dieſer paſſive Trauungszeuge aufwachte, war Blandovsky mit Claudinen copulirt. Der Prediger blieb nebſt dem Doctor zum Eſſen. Die Tafel— nicht die des Geſetzes— iſt oftmals der Horeb der Geiſtlichkeit, wo ſie in Begeiſterung laͤnger verweilt als erwartet wird, ſo daß ihr Volk in der Irre ſeine Fuͤhrer ganz aus den Augen verliert. Schwerlich war Moſis Angeſicht glaͤnzender da er vom Sinai herabſtieg, als das des guten Paſtors, als er ſatt der Speiſe und des Trankes vom hochzeitlichen Mahle aufſtand. Claudine war dem Braͤutigam, der wie auf Kohlen geſeſſen, abhanden gekommen. Frau von Elban hielt ihn auf, als er die braͤutliche Gattinn ſuchte, und 134 fragte mit dem Tone muͤtterlicher Befugniß:»wo wollen Sie hin, Admont? Claudine ſchlaͤft ein we⸗ nig. Das arme Kind hatte die ganze Nacht kein Auge zugethan, heute fruͤh hielt mein Mann— ich weiß nicht wie ihn die ſeltſame Luſt anwandelte? einen Sermon, der kein Ende nahm, und nun die Trauung — lieber Gott! ein Redner iſt der Paſtor grade nicht—: kein Wunder, daß Claudinen ein Schlaͤfchen anwan⸗ delte. Sie wird auf den Abend um ſo munterer ſeyn.« Admont nickte freundlich, und ſchritt leiſe von der Thuͤre ſeiner jungen Frau. Claudine erwachte; ihr Beſinnen war ein haͤmmern⸗ der Schmerz, der im ſtarken Schlage des Herzens, im Pochen der Pulſe den Gedanken an alles was ihr bevorſtand, weckte. Sie erſchrak, und meinte wohl allzulange geſchlummert zu haben: denn die Sonne warf durch finſtere Wolken einen grellen abendlichen Schein, und im Zimmer war es ſchwuͤl zum Erſticken. Da trat Frau von Elban haſtig ein.»Nun Clau⸗ dine,« ſagte ſie dringend: v»ermuntere Dich, mein ſchwacher Geiſt! es iſt Zeit.« Dieſe Worte faßten die ſtraͤubende Claudine. Von dem roͤthlichen Blendwerk der Gewitterſonne umſpielt, glich die Erſcheinung der Tante, der eines unheimli⸗ chen Weſens, das ihre Seele forderte. »Der Vater verlangt nach Dir,« fuhr Frau von Elban fe mit Dei Claud Blan Kranken Ausdru der Mi Herr getochte Heſti nun zu wit bi ſichtba⸗ ter, d der T Claut rieth, mal lich, ritat Beſ 135 Elban fort:»dann aber beſtehe ich darauf, daß Du mit Deinem Manne nach Hauſe faͤhrſt.« Claudine raffte ſich empor. Sie taumelte wie trunken. Blandovsky und der Doctor ſaßen am Bett des Kranken, der ſich in einer Exaltation befand, deren Ausdruck als ein boͤſes beſchleunigendes Zeichen in der Miene des Arztes lag. Herr von Elban faßte die Hand der geliebten Pfle⸗ getochter und hielt ſie feſt, und reihete in febriliſcher Heftigkeit Wort auf Wort, als fuͤrchte er, daß es nun zum Scheiden gehe. Umſonſt ermahnte der Arzt mit bittendem Gebot zur Ruhe, ruͤckte Admont in ſichtbarer Ungeduld den Stuhl. Die Sonne ging un⸗ ter, draußen ward es dunkel, und in der Weite ließ der Donner ſich murrend hoͤren. Noch immer zoͤgerte Claudine. Jetzt fuhr der Wagen vor. Der Doctor rieth, es mit dem Abſchied kurz zu machen; doch drei⸗ mal rief der Kranke die junge Frau zuruͤck, bis end⸗ lich Herr von Blandovsky unter entſcheidender Auto⸗ ritaͤt ſein Eigenthum vor jedem weiteren Anſpruche in Beſchlag nahm, und mit ſich fort fuͤhrte. Wenn Admont von Blandovsky ſeine Empfindun⸗ gen durch die Kraft eines geſtaͤhlten Charakters auch zu beherrſchen vermogte: ſo folgt daraus doch nicht, daß es keine Grenze gegeben, uͤber welche hinaus er ſich ſtaͤrker als ein Rinaldo in den Blumenfeſſeln ſei— 136 ner Armide— gefuͤhlt. Und ſolch ein Punkt mag fuͤr den Helden dieſer Epiſode wie billig der Abend ſeyn, an dem er mit canoniſchem Recht die Geliebte heim— fuͤhrt, daß ſie ſeine Hausfrau, ſein eheliches Gemahl, ſein Ein und Alles werde. War es Ahnung des Gemuͤths, oder eine Warnung des Verſtandes, oder die Mittelſtimme eines Zweifels an ſeinem Gluͤck geweſen: daß Admont ſich ſeinem Gefuͤhl fuͤr Claudine nie ganz uͤberließ, ſelbſt dann nicht, als er ihrer Gewaͤhrung ſchon gewiß war?— Wir wagen nicht dies zu beſtimmen; genug, daß Ad⸗ mont durch einen innern Zwang abgehalten wurde, ſich hingeriſſen von dem Reiz ſeiner Braut, von ihrer Gewalt uͤber ſein Herz zu zeigen. Allein dies zuruͤck⸗ gedraͤngte Feuer mußte doch einmal elektriſch wirken, und dieſe Zeit war nun da. Der Hochzeittag macht in der Regel durch ſeine Feyer, durch das Vorwalten der Ruͤhrung wie durch den untaſtbaren Putz, die Braut zu einem Noli me tangere fuͤr den Braͤutigam. Nur ſelig in Hoffnung, ſacht in ſeinem Kuß, goͤnnt er ſie der Schoͤnheit in der ſie prangt, und ſeine Liebe iſt ein heiliges Gefuͤhl. Bei Admont mußte dies um ſo mehr der Fall ſeyn, da die ihm raͤthſelhafte Unpaͤßlichkeit Claudinens ein kaͤltendes Befremden in die heiße Regung ſeiner Freude miſchte, und der Blick voll Flammen, der ihm die raizende einer ſe jenen l llart, jeitliche Handl deuger gleich ſichtba Doc Claudi daß di men. ſeines fanger blitzte die Elekt und: ag füͤr ſeyn, heim⸗ emahl, rnung veifels ſeinem dann r?— 5 M⸗ vurde, ihrer uruc⸗ witken, ſeine durch i me nung, eit in efuͤhl ſeyn, z ein reude die 137 reizende Geſtalt in braͤutlicher Verklaͤrung zeigte, zu einer ſcheuen Nuͤckſicht auf die Umſtaͤnde wurde, die jenen blaſſen Freund erwarten ließen, der auch ver⸗ klaͤrt, aber mit der Fackel die er ſtuͤrzt. Dieſes hoch— zeitliche Feſt ſo prunklos und ſo ſtill, die religioͤſe Handlung im Krankenzimmer, die heilige Zahl der Zeugen: dies ließ die Weihe des ehelichen Bundes gleich einer Nothtaufe anſehen, wobei der Tod un⸗ ſichtbar zugegen iſt, und ernſte Achtung ſich geziemt. Doch jetzt lag Halde hinter ihnen, jetzt gehoͤrte Claudine dem gluͤcklichen Admont, der Gott dankte, daß dieſer ſchwuͤle Tag nun endlich ein Ende genom— men. Der Horizont finſter umzogen, fing an, ſich ſeines Feuerſtoffs zu entladen; Admont athmete be⸗ fangen— das verſchloſſene Element der Leidenſchaft blitzte dunkel aus ſeinem Auge, Claudinens Naͤhe, die kniſternde Seide ihres Brautkleids ruͤhrte ſeine Elektricitaͤt in leiſen Schlaͤgen an, die ihm durch Herz und Adern gingen. Doch— Claudine ſobald ſie in den Wagen ſtieg, war, geſchmiegt in die weichen Polſter der Ecke, in die tiefſte Traurigkeit verſunken; feuchte Materien ſind ſchwer zu entzuͤnden, ja, eine einzige kleine Thraͤne iſt oft groß genug, den Funken des Verlangens zu loͤſchen.— Bei dem truͤben Schweigen, worin ſie verharrte, 13 2 beſchlich den gluͤhenden Braͤutigam ein unbehagliches Gefuͤhl; allein ein Laie im Urtheil uͤber die Weiblich⸗ eſe faſt beleidi⸗ gende Stimmung fuͤr ein Ergebniß der Situation zu halten: fuͤr ein Nachweh des Anfalls am Morgen, wie der Trennung zuletzt, und endlich fuͤr das Zagen der Verſchaͤmtheit, die in jungfraͤulichen Seelen von ſenſitiver Zartheit, ſich bis zum laͤngſten Schmerze ſteigern kann. Die Liebe, welche der Commentar goͤttlicher Ur⸗ kunden iſt— die Liebe allein giebt das Verſtaͤndniß jener Worte:»Du ſollſt Vater und Mutter verlaſſen, und Deinem Manne anhangen!« Doch in der leid⸗ ſamen Stille der jeder zaͤrtliche Ausdruck fehlte, worin Claudine ihrem Gemahl zur Seite ſaß und zwar ſo keit, war er noch immer geneigt, fern von ihm als moͤglich— zeigte ſich nichts von ſolcher Hingebung, und Admont wußte ſich die Angſt ihres Betragens nicht zu deuten. Doch wirkte ſie ab⸗ 8 weiſend auf ihn.— Er begnuͤgte ſich ihre Hand zu ₰ faſſen, und dann und wann mit leiſer Waͤrme zu druͤcken; aber dieſe ſchmaͤchtige Hand lag wie todt in der ſeinen und zuckte nur zuweilen zitternd zuſammen. Er ezwang jedoch ſein Herz und verhielt ſich ganz ruhig. Indeſſen war es voͤllig Nacht geworden, kein Stern Viüris am Himmel. Sie fuhren durch den Wald. ie Wipfel der Baͤume rauſchten im nahenden Sturm, gliches eiblich⸗ beleidi⸗ ion zu dorgen, Zagen en von hmerze er Ur⸗ andniß laſſen, leid⸗ worin war ſo ts von Angſt ſie ab⸗ ind zu me zl eodt in mmen. ruhig⸗ Stern Wald. Sturm, 139 das junge Laub athmete den kommenden Regen; Wind⸗ ſtoͤße theilten die greifbar dicke Luft, der feurige Strahl ſchlaͤngelte ſich im hurtigen Zickzack durch das Chaos des Gewitters, Schwefeldampf, die Parfuͤmerie des boͤſen Princips— erfuͤllte die Atmoſphaͤre und wie ein dumpfer Boͤller begleitete der ferne Donner in feierlichen Pauſen die Heimholung der Braut. Admont befahl dem Kutſcher die moͤglichſte Eile, er dachte dem Aeol vorzufahren. Sie ſauſeten bei dem Erbbegraͤbniß voruͤber. Eine wetterleuchtende Wolke that ſich auf, dieſer Moment zeigte die duͤſtere Halle in weißem Schein— dann ward es finſterer als vorher. Claudine lehnte ſich aus dem Schlage und fuhr ge— blendet zuruͤck; eine heftige Erſchuͤtterung ging durch ihr Weſen, als haͤtte dieſer kalte Blitz ſie getroffen, und das weinende Auge thraͤnte nur noch ſtaͤrker. Admont war guͤtig genug ſich auch dieſe auffallende Bewegung zur Ehre ſeiner Braut zu erklaͤren, taͤu⸗ ſchender Weiſe ſo, als haͤtte Claudine daran gedacht, wie dieſer Ort der Ruhe in dem guten alten Elban nun bald einen neuen Bewohner aufnehmen werde. Sie hielten vor dem Schloſſe; der Herr deſſelben hatte jeden Empfang ſtreng unterſagt; aber die weib⸗ liche Haͤlfte der Dienerſchaft in der widerſpenſtigen und ſentimentalen Natur ihres Geſchlechts, zumal bei ſolchen Gelegenheiten— hatte es ſich nicht wehren — Oᷣn⸗:AnAy· ,— 140 laſſen, das Portal mit einer großen Blumentkette zier⸗ lich geſchlungen, zu umhaͤngen. In der Minute, als der Wagen hielt, fuhr der Orkan daher, zerriß mit wildem Geheul den Triumph⸗ bogen, verwuͤſtete die Kraͤnze und jagte mit ſeinem Raube auf und davon. Ja, ſelbſt der Kranz der Braut, die einen ſo ſtuͤrmiſchen Einzug hielt, hing nur noch bei einem Haar— und kaum konnte Ad⸗ mont ſie in den erleuchteten Flur retten. Claudine ſchien erſchoͤpft und dieſe Helle ihr weh zu thun. Sie hielt die Hand vor ihre Augen, wie ein Kind das ſich ſchaͤmt. Ehrerbietig geleitete Herr von Blandovsky die Koͤ⸗ niginn ſeines Herzens und dieſes Hauſes, mit ent⸗ fallner Krone— die Treppe hinan und oͤffnete eine Thuͤr. Sie traten in ein ſchoͤnes Zimmer. Hier nun wich jede Schranke der Zuruͤckhaltung, Admont ſchloß die Geliebte mit leidenſchaftlicher Inbrunſt in ſeine Arme, die ſonore maͤnnliche Stimme toͤnte in weicher Ruͤhrung, als er ſprach:»Sey mir willkommen meine Claudine, in Deinem Eigenthume! mein Weib! mein ſuͤßes, ſchoͤnes Weib! Du biſt nun ganz mein—« ſein Kuß gluͤhete lange auf ihrem Munde. Doch, als haͤtte er die Geduld auf einem Grabmal gekuͤßt, ſo war Claudine keines erwiedernden Wortes, keines Seufzers faͤhig. Sie fuͤhlte im Feuer dieſer Umar⸗ nung di ſalſchlich zen eine und daß loren ſer Aber Kniee wahnte tte zier⸗ uhr der iumph⸗ ſeinem anz der , hing te Ad⸗ weh zu wie ein ie K⸗ nit ent⸗ ete eine Hier Admont unſt in nte in ommen Weihl ein—” Doch, gekußt keines Umar⸗ 141 mung die Kaͤlte des Todes in ihrer Bruſt, daß ſie faͤlſchlich gehofft, ſich mit eines Andern Bild im Her— zen einem lebensmatten Schwaͤchling anzuvertrauen, und daß ſie an dieſes Mannes Kraft unrettbar ver⸗ loren ſey. Aber Blandovsky ward inne, daß Claudine in die Kniee ſaͤnke, daß dem Gluͤck, was er ſein Eigen waͤhnte, die Seele fehle; es war ihm, als haͤtte er einen Schatten umarmt, der ihm weſenlos entſchluͤpfte und den Wunſch ſeiner Sehnſucht leer ließ. Kein geiſtiger Wiederklang antwortete dem Accord, der im ſchoͤnſten der menſchlichen Gefuͤhle durch alle Saiten der Empfindung bebte. Erſchrocken ließ er die Ge— liebte fahren.»Du biſt krank, Claudine,« ſagte er heftig und ſein Ton klang wie halber Zorn:»Du ſiehſt wie eine Buͤſte aus— geſtehe es mir, Liebe!« „Nein,« antwortete Claudine gepreßt: vich bin nur ſehr beengt.—« Sie deutete auf den ſchmalen Guͤr⸗ tel, der ſichtbar einſchnitt, und zog einen ſchweren tiefen Athem aus der Bruſt. »Gleich ſollſt Du ausgekleidet ſeyn, mein Engel,« ſprach Admont erleichtert:„ich hole ſelbſt das Maͤd⸗ chen und entferne mich ſo lange.« Er eilte hinweg. Mit wankendem Fuß ging Claudine ein paar Schritte weiter, ihr Kleid rauſchte in dieſer einſamen Stille; mechaniſch oͤffnete ſie eine Mittelthuͤre und ſtand— —— 14² nach Innen gedraͤngt— in dem Schlafgemach. Eine Lampe von mattem Milchglas goß Mondſchein von der blauen Decke herab uͤber das Brautbett, das in antiker Form mit aller Pracht der Decoration auf einer kleinen Erhoͤhung hochzeitlich prangte. Auf einem Seitentiſchchen rechts lag das Nachtzeug der jungen Frau, weiß wie unbefleckter Schnee, mit blaßrothen Schleifen und Baͤndern. Links, nur geſehen von der Lampe Schimmer— ſtand Admonts Schutzgeiſt mit glaͤnzenden Schwingen, ein himmliſcher Huͤter ſeiner Ruhe!— Claudine ſchauderte. Nur einen Blick warf ſie nach dem Torus— ſo mag der zum Tode Verur⸗ theilte das Hochgericht ſehen: dann wendete ſie ſich abwaͤrts. Auf einer Conſole unter dem Spiegel ſtand ein Potpourri von Alabaſter, an dem Knopf der Vaſe hing jenes uns bekannte Armband. Claudine hob den Deckel ab und nahm die eiſerne Spange in ihre Hand, die mit dem Gefaͤß von gleicher Maſſe ſchien. Der ganze vergangene Sommer des vorigen Jahres war in den getrockneten Blumenblaͤttern des Inhalts aufbewahrt, und dieſer Duft quoll nun em— por, und leitete einen Strom der Erinnerung in Claudinens Seele. Jetzt kehrte Admont zuruͤck, wollte ſprechen und verſtummte betroffen, da Claudine nicht mehr im Zim⸗ ner wa fand ſie fallla ſ bediene in die Dich d dienten teſt, d ſuch ſi Clau ſie: yn Es! grunlich ſterhafte gegenül De ter. C durch ſe wie er⸗ Claud den ſcht ſcheinlie tauchte hatte ſi nath ſei nicht w .Eine ein von das in ion auf f einem jungen aßrothen von der eiſt mit er ſeiner varf ſie Verur⸗ 1b ſie ſich e ſtand opf der Jaudine ange in 3 Maſſe vorigen tern des nun emn⸗ rung in im Zim⸗ 143 mer war. Er folgte dem Magnet der Liebe— und fand ſie an ihrer Stelle.»Welch ein aͤrgerlicher Zu⸗ fall!« ſagte er odemlos:„das Maͤdchen, welches Dich bedienen ſoll, bis Gottliebe morgen kommt, hat ſich in die Hand geſchnitten und blutet ſehr. Ich frage Dich daher, Liebſte, ob Du der Frau meines Be— dienten die Ehre goͤnnſt, oder ob Du vielleicht erlaub⸗ teſt, daß ich ſelbſt—« Er machte laͤchelnd einen Ver⸗ ſuch ſich ihr zu naͤhern. Claudine wehrte ihm. Betaͤubt und fremd fragte ſie:»wie kommt denn aber mein Armband hierher?« Es blitzte ſtark durch die Jalouſieen der Fenſter, gruͤnliches Feuer erfuͤllte das Cabinet, und in gei⸗ ſterhafter Blaͤſſe ſtanden die beiden Eheleute einander gegenuͤber. »Dein Armband?« fragte Admont noch befremde⸗ ter. Ein Blitz, die Schlange des Argwohns, fuhr durch ſein Innerſtes. Er erzaͤhlte in gebrochener Kuͤrze wie er dazu gekommen. Claudine ſtieß einen leiſen Schrei aus. Sie ſah den ſchlafenden Eugen unter den Todten, jetzt wahr⸗ ſcheinlich ein Todter ſelbſt. Sein Bild, ihr draͤuend, tauchte geſpenſtiſch aus dem Spiegel auf, und doch hatte ſie nur ihr eigenes geſehen. Der ſchnoͤde Ver⸗ rath ſeiner Treue, die Gewalt der alten Liebe die nicht roſtet und wie ein raͤchender Stahl ihr Herz zer⸗ 144 ſchnitt; die Stunde, wo Eugen das Armband mit ſich genommen, die jetzt mit allen Glocken des Ge— daͤchtniſſes laͤutete, die gefuͤhlte Unmoͤglichkeit, Admont anzugehoͤren, der Gedanke an ſeine Großmuth und endlich der Achtung druͤckendſtes Gefuͤhl, warf ſie an der Schwelle des Brautgemachs darnieder. Sie ſtuͤrzte zu ſeinen Fuͤßen, flehend: vo Admont! erbarme Dich mein und toͤdte mich! Sey mein Wuͤrger und Du biſt mein Wohlthaͤter; Du wuͤrdeſt doch nur eine Leiche umarmen: denn wiſſe! ich kann Deine Gattinn nicht ſeyn! nie! nimmer—nimmermehrl!« Bei dieſem geſteigerten Ausruf ließ ihre Stimme mit einem gellenden Laut nach, wie wenn eine uͤberſpannte Saite ſpraͤnge. »Claudine!« rief Admont; das Entſetzen ſtraͤubte ſein Haar. Er wich von ihr zuruͤck. Sie rang die ſchoͤnen Haͤnde. Eine innere Folter hoͤchſter Grade, preßte ihr ein wahrhaftiges Geſtaͤndniß ab. Sie ent— deckte ihm ihr Verhaͤltniß zu Eugen und bekannte ihm alles, Alles!— Dann beugte ſie die Stirne in den Staub. Und die Donner rollten furchtbar, wie wenn das Weltgericht nahe waͤre; der Boden wankte unter Admonts Fuͤßen.»Allmaͤchtiger Gott!« ſagte er nach einer langen ſchweren Pauſe, die ein Stillſtand des Bewußtſeyns geweſen war:»ſo lohnſt Du mir, Un- gluͤckliche? ſo war Deine Meinung, nicht mein Weib— nur mit d gel⸗ Wun genug Ungl und tet n volle Die nur ich w Cl in tie langſ ſtern hatte and mit des Ge⸗ Admont uth und rf ſie an ie ſtuͤrzte :mme Dich Du biſt ne Leiche inn nicht r« Bii dit einem te Saite ſtraͤubte rang die r Grade, Sie ent⸗ nte ihm ne in den vie wenn kte unter er nach tand des nit, Un— Weib- 145 nur meine Wittwe zu werden? deshalb kirrteſt Du mit der ſuͤßen Lockbeere mich, den ſcheuen Todtenvo⸗ gel? und ein Leben, welches alle ſeine Kraͤfte in den Wunſch draͤngte, Dich zu begluͤcken, war Dir nur gut genug, damit es ſchleunigſt ende?— Wehe Dir, Ungluͤckſelige! Ihn haſt Du verrathen, mich betrogen und Dich ſelbſt gerichtet. Gott!— O! warum ſpal⸗ tet nicht ein mitleidiger Strahl dies zerſchmetterte Herz vollends! ich werde keinem Menſchen mehr trauen. Die arme Liebe, beſtohlen von der Falſchheit, wohnt nur dem Elend bei, und das Leben iſt eine Laſt— ich weiß nicht, ob ich es ertrage.—« Claudine hoͤrte nichts von dieſem allen. Sie lag in tiefer Ohnmacht. Admont ging nach der Thuͤre, langſam, ungewiß, wie der Gang Eines der im Fin⸗ ſtern tappt. Es rauſchte unter ſeinem Schritt— er hatte auf den Brautkranz getreten und ihn geſchleift. »Schon recht!« ſagte er mit einem vernichtenden Laͤcheln und ſeine Ferſe ſtampfte die unſchuldige Bluͤthe: „dir widerfaͤhrt nach Gebuͤhr. Der Baum der dich trug, verdorre zum Zeugniß der Luͤge!« Er riß mit unſtaͤter Hand an der Klingel. Die Frau des Bedienten, eines Rufes bereits gewaͤrtig, kam.»Der Dame da drinnen iſt nicht wohl geworden. Man trage Sorge fuͤr ſie;« lautete der Befehl. Die Frau ſtarrte den Gutsherrn erſchrocken an. Hanke Wittwen 2r Theil. 7 146 Sie glaubte, er haͤtte den Verſtand verloren. Be⸗ ſtuͤrzung verbreitete ſich durch das ganze Haus. Admont ließ ſich ſein Pferd ſatteln, gab ſeinem Jaͤ⸗ ger geheime Ordres, dann ſprengte er, daß die Fun— ken ſtoben in die beruhigte Nacht hinaus, und Nie⸗ mand durfte ihm folgen. Der Sturm hatte ausgetobt; mit ſchwaͤcherer Kraft grollte das Gewitter, in Oſten kuͤhlte ſich die Hitze. Die ſchwarze Wolkendecke war zerriſſen, in lichter Glorie trat der Mond hervor, und die Sterne fun⸗ kelten heilig und hehr in die verſoͤhnte Natur. Aber kein himmliſches Licht ſtrahlte in Deine Seele, o Ad⸗ mont! das wogende Meer in Deiner Bruſt trug keine goͤttliche Geſtalt die es beſchwor, und Dein Gefuͤhl war ein Verſinken. O! warum zagen wir Kleinglaͤu— bigen, wenn der Nachen ſchwankt, worin wir das Le⸗ ben erfahren?— Der Herr iſt uns nahe. Wir aber glauben nur: er ſchlaͤft. Er hebt die allmaͤchtige Hand— dann wird es ganz ſtille. Admont jagte wild durch den Wald. Er blickte aufwaͤrts— der blaue Ozean des Himmels wallte ruhig, drinnen ſchiffte der kleine Silberkahn und zog langſam die glaͤnzende Furche, darunter lag eine Welt des Gluͤckes in Truͤmmern; der Hoffnung Anker war im tiefſten Abgrund begraben, und zertrenntes Ge⸗ .Be⸗ em Ji⸗ ie Fun⸗ d Nie⸗ er Kraft e Hihe. lichter ne fun⸗ Aber 0 Ad⸗ 9 keine Gefähl ingläͤu⸗ das Le⸗ dit aber nͤchtige blickte ) wallte und zog eWelt ker war es Ge⸗ 147 woͤlk ſeltſam beleuchtet, ſchwebte im Raume der Luft wie die Faſern vom Schoͤnfahrſegel der Liebe. Hinter den alten Staͤmmen grell abgeſchattet in der bleichen Helle, ſchien ein Faun zu lauſchen, die Baͤume ſchuͤttelten ſich vor Hohnlachen. Und doch tropften im Wehen des Windes tauſend Thraͤnen von den Äſten nieder. Admonts Auge war trocken, ja es brannte; den heißen Athem ſeines Mundes erquickte die thauende Friſche nicht, er ſchmachtete nach Kuͤh⸗ lung fuͤr die verzehrende Glut: wo aber quillt das Labſal fuͤr den brennenden Schmerz der Qual?— Die ſchlanke Atalante, eine fluͤchtige Schoͤne ſeines Stalles und der Liebling ihres Herrn, flog wie der Pfeil von der ſcythiſchen Senne; doch den Reiter ſtachelte groͤßere Eile, und die goldnen hesperiſchen Äpfel haͤtten ihn ſchwerlich aufgehalten. Ihn luͤſtete nach nichts, er verachtete alles— und wuͤnſchte nur geſchwind, geſchwind! das Meſſer aus dem Zwie⸗ ſpalt der vergifteten Wunde zu ziehen, daß ſein Herz ſich verblute. Es war um die mitternaͤchtliche Stunde dieſer Braut⸗ nacht, als Admont in Halde anlangte. Die tiefſte Ruhe herrſchte, der Mond ſchien friedlich auf den Hof, die Fenſter des Krankenzimmers waren nur ſchwach erhellt und die Gebaͤude in ſtummer Ordnung verſchloſſen. Claudinens Viſion der vorigen Nacht 7* — 148 ward nun zur Wahrheit. Ein bleicher Gaſt donnerte Blandovsky an das Thor; der Waͤchter bebte vor ſei⸗ nem Anblick zuruͤck, als kaͤme dieſer Braͤutigam ſo eben aus der Hochzeitkammer, deren genuͤgſame Enge kein Lebender theilt.— Er verlangte Frau von El⸗ ban zu ſprechen.»Sie wacht bei dem gnaͤdigen Herrn,« entgegnete der Mann auf dem Poſten der Nacht.»Um ſo beſſer—« erwiederte Admont und beſtand darauf, daß es ohne Zoͤgern geſchehe. Der Waͤchter gehorchte. Das Schloß ward geoͤff⸗ net, und bald darauf trat Frau von Elban wie Lady Macbeth mit einem Licht in der Hand in den Saal, wo Admont ſie erwartete. »Herr Jeſus!« rief die Dame aͤußerſt beſtuͤrzt: »Blandovsky Sie? und wie ſehen Sie aus? großer Gott! Claudine iſt todt!« »Nicht ſo ganz, gnaͤdige Frau, ein wenig nur;« antwortete Admont mit fuͤrchterlicher Ruhe und erlo⸗ ſchenem Blick, waͤhrend ein Laͤcheln um ſeine bleiche Lippe ſpielte: yes iſt ſogar moͤglich, daß ſie lebe.« Ein Grauen, wie das des Irrſinns, webte Dunkel um ſeine Geſtalt und Worte. »O Himmel!« ſchrie Frau von Elban ohne Faſ— ſung:»es muß ein entſetzliches Ungluͤck geſchehen ſeyn! ſagen Sie mir, ich beſchwoͤre Sie! nur lieber die reine Wahrheit.“« ) Ver nich 8 von dine Ma Sch zu! onnerte vor ſei⸗ dam ſo e Enge on El⸗ derrn, Um darauf, geöf⸗ ie Lady Saal, eſtir: großet nurze d erlo⸗ bleiche e lebe. Dunkel ne Faſ⸗ n ſeyn. ber die 149 »Die reine?« fragte Admont mit dem Ekel der Verachtung: ynein, gnaͤdige Frau, rein iſt ſie nicht.« »Hilf Gott! er iſt von Sinnen—« jammerte Frau von Elban in Seelenaͤngſten.»Ich muß zu Clau— dinen hinuͤber. Und hier— ich wache bei meinem Mann—) ein jaͤher Halskrampf, die Folge des Schreckens und erſtickter Angſt, verhinderte ſie weiter zu reden. »So ſetze ich mich an Ihre Stelle,« erwiederte Ad⸗ mont tonlos:»oh! ich bin gar nicht ſchlaͤfrig, ich habe nur wachend getraͤumt.“ Er ging taumelnd zu dem Kranken. Schleunigſt und in Verwirrung wie zur Rettung bei Feuersnoth geſchirrt wird, rollte die Equipage der Frau von Elban vor; erwartungsvolle Stille blieb hinter ihr zuruͤck. Gegen den Morgen ritt Admont hinweg. Der Kranke ſchlummerte und die Sterne am Himmel waren auch ſchlafen gegangen, weil der Tag anbrach. Der Wagen der Frau von Elban kam nun wieder, langſam, wie wenn er hinter einem Leichen⸗Conduct fuͤhrze. Man hob Claudinen heraus. Sie ſchien un⸗ bewußt deſſen, was mit ihr vorging. Eine Weile darauf erwachte Herr von Elban ge⸗ ſtaͤrkt; er ließ ſeine Frau zu ſich rufen. Sie kam 150 und wollte anheben, mußte ſich aber gefallen laſſen, daß ihr Gemahl das Praͤvenire ſpiele. Er ſagte frei und kurz wie Solche reden, denen die letzten Koͤrner aus dem Stundenglaſe rinnen: daß Blandovsky und Claudine geſchiedene Leute waͤren und auch warum.— Dann erhob er ſich und ſprach mit veraͤnderter Stim⸗ me:»wenn Du aber, liebe Frau! jemals ein Wort von dem Zuſammenhange dieſer ungluͤcklichen Bege⸗ benheit verlauten laͤſſeſt, oder Claudinen den kleinſten Vorwurf machſt: ſo— bei dem Gott, der meiner Seele gnaͤdig ſeyn wolle! erſcheine ich Dir!« Wo⸗ her kam, ſterbender Elban! Dir die Kraft dieſes Ge⸗ dankens?— Nach dieſer Anſtrengung ſank der Kranke wie ein Held mit dem Bewußtſeyn des Sieges auf ſein Kiſ⸗ ſen zuruͤck, und der Wirrwarr menſchlicher Verhaͤlt⸗ niſſe, der Irrthum der Leidenſchaften, die in einem Seufzer enden— zerrann in traͤumenden Nebel vor ſeinem muͤden Geiſte. Seine Frau ſaß ſtumm und ſtarr; ein ſiebenfaches Siegel hatte ihre Lippen verſchloſſen: denn ihre Ge⸗ ſpenſterfurcht war fabelhaft, und ihr Gemahl bewies in jener Drohung, daß die Kenntniß der ſchwachen Seite dieſer Ehegatten gegenſeitig geweſen waͤre. Nach einigen Tagen ſtarb der Gutsherr von Halde ruhig wie er gelebt, und ſeine irdiſchen Reſte wurden in lang fäͤhr hinc das Lug diſt blich ban meld Beid ßer brei Elb jun Sti Nie aus noch ſond wo der ſcher laſſen, gte frei Koͤrner ky und rum.— Stim⸗ a Wort Bege⸗ kleinſten meiner K Wo⸗ ſes Ge⸗ wie ein ein Kiſ⸗ Verhaͤlt⸗ n einem bel vor enfaches ihre Ge⸗ bewies hwachen re. Halde wurden 151 in der Gruft von Rohrlach beſtattet. Claudine lag lange toͤdtlich krank; nur ihre Jugend rettete das ge⸗ faͤhrdete Leben. Man trug den Schloßherrn die Treppe hinab, waͤhrend das nervoͤſe Krampffieber noch ſtieg, das ſie unwiſſend dieſes Trauerfalles ließ. Vor den Augen war ihr alles ſchwarz, ſie achtete daher der duͤſtern Farbe nicht, in der ſie ihre Umgebungen er⸗ blickte. Sie ſchien gefaßt. In kurzer Zeit nach dem Tode des Herrn von El⸗ ban, ließ ſich ein fremder Herr bei ſeiner Wittwe melden: eine Juſtizperſon. Die geheime Unterredung Beider dauerte lange. Der Fremde wurde mit gro⸗ ßer Achtung bewirthet, und nach ſeiner Abreiſe ver⸗ breitete ſich das Geruͤcht im Schloſſe: der Lieutenant Elban waͤre auch geſtorben. Man bejammerte den jungen Herrn, der ſehr geliebt geweſen; doch ſeine Stiefmutter befahl mit geheimnißvoller Aengſtlichkeit: Niemand ſolle uͤber dieſe Sache reden; man munkelte, aus Schonung fuͤr das Fraͤulein, wie man Claudinen noch immer nannte. Admont kehrte nicht nach ſeinem Gute zuruͤck, ſondern wendete ſich dem groͤßten ſeiner Vorwerke zu, wo ein Mann als Verwalter wohnte, der dem Bru⸗ der ſeines Oheims, dann dieſem ſelbſt, in oͤkonomi⸗ ſcher Qualitaͤt gedient hatte, und der in der adeligen 152 Herrſchaft Derer von Blandovsky gleichſam eingebuͤr⸗ V zuma gert, und mit ihnen familiariſirt war. m Loth und ſeine Frau ſtets treu erfunden, beſaßen Erhe Admonts Zutrauen. Er ſchaͤtzte dieſe guten Leute, denn bei denen er jetzt Zuflucht ſuchte, da es ihm unmoͤg— erbiet lich war, das Schloß wieder zu betreten, wo ihm nahm der Eindruck einer unſeligen Stunde erinnert worden und waͤre. nenne Er gab dem Loth Vollmacht, an ſeiner Statt zu 8 handeln und ſchickte ſich zu einer Reiſe an. Unſere dieſer Leſer wollen ſich erinnern, daß der Pachter Loth ein in ein Eingeborner von Kloſtergarten war, und daß die An⸗„ auch haͤnglichkeit an dieſen Ort ſeinem Herrn Veranlaſſung das gegeben das Freigut zu kaufen, um den wackern Land⸗ ſonden wirth nach Wunſch zu verſorgen, und um ſich ſelbſt Jene ein Aſyl zu ſichern. Die Gelegenheit fand ſich guͤn— welch ſtig, jene Grundſtuͤcke des Oberſten anzubringen und laͤngſt Admont tauſchte das ſchoͤne Gimmle dagegen ein. Er laiden vermied jeden Umgang, verlaͤugnete ſogar ſeinen Adel, Erſatz um als Herr Admont ſchlechtweg, in buͤrgerlicher zu 6! Zuruͤckgezogenheit leben zu koͤnnen. Wir wiſſen das dete 1 I Uebrige. ¹ ſeiten Claudine erhielt eine juridiſche Erklaͤrung, daß ihr Ge— Thorh mahl die Scheidung anhaͤngig gemacht. Herr von Blan⸗ ter z1 dovsky mußte Mittel gefunden haben den traͤgen Rechts⸗ d gang zu beſchleunigen: denn es dauerte nicht lange— da gbaut ngebur⸗ beſaßen Leute, unmoͤg⸗ do ihm worden ttatt zu Unſere oth ein die An⸗ laſſung Land⸗ h ſelbſt h gun⸗ en und in. Er Adel, ſerücher ſen das jhr Ge⸗ Blan⸗ kechts⸗ 2— da 153 zumal Claudine in alles willigte und nichts forderte— ſo kam das Erkenntniß, was die Copulation loͤſte. Er hatte ſich dabei ſehr discret und edel benommen: denn es wurden großmuͤthiger Weiſe Claudinen An⸗ erbietungen gemacht, die ſie jedoch ausſchlug. Sie nahm nichts an, ſelbſt ſeinen Namen gab ſie zuruͤck, und ließ ſich vor wie nach Fraͤulein von Unſtern nennen. Der Vater Claudinens hatte bereits vor der Zeit dieſer Begebenheit ſeine dritte Frau verloren und ſich in einer entfernten Gegend angekauft, weshalb wir auch bei der Verheirathung ſeiner Tochter nicht allein das votum decisivum der vaͤterlichen Autoritaͤt, ſondern ſeine theilnehmende Gegenwart vermißt haben. Jene ſchimmernde Ausſicht auf große Erbſchaften, welche die hochſelige Dame zu erheben dachte, war laͤngſt dahin, bis auf eine Niftel-Gerade, die Ade⸗ laiden verblieb; ein geringer und unveraͤußerlicher Erſatz fuͤr den Nachlaß einer ſteinreichen Tante, die zu Gunſten einer Nebenlinie teſtirt hatte. Eine an⸗ dere Verwandtinn der Frau von Unſtern heirathete in ſpaͤtem Alter einen jungen Mann: ein Exempel der Thorheit, das die Algebra von Fraͤulein Liddys Mut⸗ ter zu nichte machte. Der Herr von Unſtern hatte demnach auf Sand gebaut, und ſein Vermoͤgen war im Verfluß der * 154 Jahre mit dieſen Hoffnungen zerronnen. In der Verlorenheit ſeiner Lage ſuchte er ſich durch einen kuͤhnen Ankauf zu retten, wenn auch nur, daß die Welt uͤber ſeine pecuniairen Verhaͤltniſſe getaͤuſcht wuͤrde. Umſonſt warnten verſtaͤndige Freunde ihn, ſich nicht zu uͤberkaufen:»denn gewiſſen Leuten,« ſagt der Dichter des Titan:»geht ein Sturm nach, und ſie muͤſſen die Schritte, die ſie thun, wider Wil⸗ len ſchneller machen.« Herr von Unſtern ſah ſeinen unvermeidlichen Ruin; aber er fand in der Gewandtheit ſeines Geiſtes Mit— tel ſich hinzuhalten. Durch benutzte Connexionen ward er Mitglied der Societaͤten jener Kreiſe, und dann als Director der Landſtaͤnde erwaͤhlt: denn er beſaß das Geheimniß zu imponiren, die Gabe der Repraͤſentation und einen ſpeculativen Blick, der aber wie die Brille des Alters weitſichtig war, und ihm leider! verſagte, wo es darauf ankam, ſeinen eigenen und naͤchſten Vortheil zu erkennen. In der Nachricht von dem Hintritt ſeines Schwa⸗ gers, faßte der Landſchafts-Director den Gedanken gierig auf, es koͤnne ihm eine Huͤlfe daraus erwach⸗ ſen, wenn ſeine Schweſter zu ihm zoͤge. Frausvon Elban war ihrem Bruder in finanzieller Practik uͤber⸗ legen, und er hatte nach dem Ausweis der Erfolge, einen ſo großen Begriff von ihrer Sparkunſt, daß er meyn zuthe geſun hielt ner ſtatk Verg uͤber ſeine Clau ich. dchte ſeiner Schr daue wirk und zu ihr wenic war waͤhr und Malc Gef die k In der hh einen daß die getaͤuſcht nde ihn, Leuten,« em nach, der Wil⸗ en Ruin; kes Mit⸗ nexionen ſe, und denn er Habe der der abet und ihm eigenen Schwa⸗ Gedanken erwach⸗ gau vn tik uͤbet⸗ Erolge/ „daß er 155 meynte: ſie waͤre wohl noch im Stande mit baarer Zuthat ihrer Seits, ſeinem zerruͤtteten Haushalt und geſunkenen Credit aufzuhelfen. Der Herr von Unſtern hielt nur dieſe Hoffnung im Auge; die Schattenſeite ſei⸗ ner Schweſter, welche doch wie ein Oelgemaͤlde recht ſtark nachgedunkelt hatte— war ihm ein wenig ins Vergeſſen gekommen. Wie angenehm ward er daher uͤberraſcht, als Frau von Elban mit Zuvorkommenheit ſeinen Wuͤnſchen entgegenkam! daß aus jener Parthie Claudinens nichts geworden, wovon er nur oberflaͤch⸗ lich Kenntniß erhielt— war ihm ganz recht. Er dachte mit der Schoͤnheit dieſer Tochter dem Nahmen ſeiner Familie Luſtre zu geben und einen reichen Schwiegerſohn zu gewinnen. Frau von Elban konnte in Halde nicht mehr aus⸗ dauern. Die Ereigniſſe der letzteren Zeit hatten ſie wirklich angegriffen; die Krankenpflege ihres Gemahls und Claudinens, deren ſie ſich loͤblich angenommen— zu ihrer Ehre ſey es um ſo lieber geſagt, als wir wenig zu dem Ruhme dieſer Dame ſagen koͤnnen— war nicht ohne Nachtheil fuͤr ſie geblieben. Wir er⸗ waͤhnen noch, daß Frau von Elban hyſteriſch war, und die Erfahrung beſtaͤtigte, daß dieſe ungluͤckſelige Maladie des ſchwaͤcheren Geſchlechts zwar oftmals in Gefahren und Noͤthen einen Starkmuth zulaͤßt, der die kernige Kraft der Geſundeſten beſchaͤmt, wohl aber Gefuͤhl, womit die Reue aufrichtet, ſelbſt die zu ſpaͤte 156 niemals einen Zuſtand der Ruhe vertraͤgt. Sobald nun dieſe in Halde eintrat, meldeten ſich tauſend Uebel bei der herrſchaftlichen Dame. Ihr Gemahl, immer weichend ihrem Widerſpruch, hatte ſterbend das letzte Wort— und ſeiner Wittwe war das Leben verleidet. Sie durfte nicht reden von dem was ihr das Herz abdruͤckte. Die Furcht vor ſeiner Erſcheinung war ihr eine fixe Idee. Frau von El— ban dachte dieſer Gewaͤrtigung zu entkommen, wenn ſie den Bereich des Verſtorbenen verließe. Sie hoffte, die Scheu, welche ihr nun ſeliger Gemahl bei ſeinem Leben vor der kleinſten Reiſe gehabt, werde ihn auch nach dem Tode abhalten ihr in die Ferne zu folgen. Er hatte ja immer die Ruhe geliebt, die ſie ihm nun goͤnnte. Dieſe Begriffe von der Fortdauer unſerer geiſtigen Exiſtenz ermangelten ſehr der aͤtheriſchen Schwinge und klebten dem Irdiſchen an: denn wie der Menſch, ſo iſt ſein Glaube. Naͤchſtdem war Frau von Elban kluͤg genug ein— zuſehen, Claudine koͤnne nach dem was geſchehen, hier nicht bleiben. Ein menſchliches Erbarmen regte ſich in ihrer Bruſt, wenn ſie dies zerſtoͤrte Geſchoͤpf anſah, an deſſen Ungluͤck ſie große Schuld hatte. Claudinens Herz war gebrochen, ihre Liebenswuͤrdig⸗ keit eine entblaͤtterte Blume; aber jenes erhebende — geſte Sie geda fruͤh die6 Zahr gege alle miſe an Sobald tauſend Gemahl, ſterbend har das don dem or ſeiner von El⸗ n, wenn ie hoffte, ei ſeinem ihn auch jfolgen. ihm nun r unſerer theriſchen denn wie nug ein⸗ giſchehen, zen regte Geſchöxf ld hatte. gwütdig⸗ rhebende zu ſpaͤle 157 — ließ ſie nicht elend zu Boden ſinken. Ihr Gram geſtaltete ſich edel und ward ein ſtolzer Charakter. Sie verſchloß ſich in ſich ſelbſt. Mit heißem Schmerz gedachte Claudine an den Freund ihrer Jugend und fruͤherer Tage, Admonts Bild fuͤllte ihr mit Wehmuth die Seele. Beider Andenken koſtete ihr manche bittere Zaͤhre. Sie vermogte nicht klar zu ſondern, wie ſie gegen den Einen und den Andern gefehlt, und hielt alles nur fuͤr ein unſeliges Verhaͤngniß. Ein ge— miſchtes Gefuͤhl zwiſchen Haß und Hoffnung hielt ſie an ihrer Tante feſt. Claudine verlernte die Liebe. Sie ſtand allein mit ihrem beladenen Gemuͤth— und wir muͤſſen ſie bedauern. Frau von Elban kuͤndigte ihrer Nichte an, ſie wuͤrde Halde nun in Kurzem verlaſſen; es war, als haͤtte ſie einen Ruck ihrer Anhaͤnglichkeit an dieſen Ort empfunden. Sie ſtarrte gedankenvoll vor ſich hin, dann ſagte ſie:»Eines, Tante, Eines moͤgte ich wiſſen.« »Und das waͤre?« fragte Frau von Elban, im Begriff zu gehen. »Iſt Eugen todt— wirklich todt? oh Tante!l ich bitte—« flehete Claudine. »Frage nicht,« antwortete Frau von Elban:„ſel⸗ ten frommt Wiſſen und es iſt gut, man denke ſich das Schlimmſte.« 158 »O! nun weiß ich es!« ſprach Claudine, tief in der Seele betruͤbt. Den Tag vor der Abreiſe von Halde fuhr Clau⸗ dine noch einmal hinuͤber nach Rohrlach; es war ihr einziger Wunſch geweſen. Sie fiel der tauben Cha⸗ ritas um den Hals und ſchenkte ihr ein goldnes Kreuzchen es daran zu tragen. Sie weinte einſam in das Becken der Najade, es wuͤrde ihr jetzt ein Bad der Wiedergeburt geworden ſeyn. Sie nahm auf ewig Abſchied von dem Garten. Auf ewig? Claudine! der Gott der Liebe, der Unendliche, iſt auch der Herr unſerer Zeit. Schon der Transport des Gepaͤckes ſeiner Schwe⸗ ſter haͤtte dem Landſchafts-Director zeigen koͤnnen, womit er ſein Haus belaſte; kaum waren acht Tage nach ihrem Einzuge vergangen, ſo geſtand er ſich ſelbſt: er haͤtte dem Teufel in tiefſteigner Perſon Thor und Thuͤren geoͤffnet. Es war kein Auskom- men mit der gnaͤdigen Wittwe, und wenn es je einen ſeligen Mann gab, meinte ſein Schwager: ſo muͤßte es der Herr von Elban ſeyn.— Der Director von Unſtern merkte bald, ſeine Schweſter waͤre weſentlich noch die Alte, nur in ver⸗ aͤnderter Manier. Der Eheſtand hatte ihre Herrſch⸗ ſucht geſteigert, und die letzte Erfahrung ihr Miß⸗ trauen geſchaͤrft. Sie quaͤlte die Ihrigen mit uner⸗ in e Rich tief in t Clau⸗ war ihr en Cha⸗ goldnes einſam jetzt ein e nahm ewig! che, iſt Schwe⸗ koͤnnen, ht Tage er ſich Perſon suskom⸗ ſe einen müuͤßte ſeine / in ver⸗ herrſch⸗ Nih⸗ t uner⸗ 159 hoͤrten Einbildungen. Vor der ungluͤcklichen Claudine ſtand einzig ſchuͤtzend der Geiſt des Gutsherrn von Halde. Sie wuͤrde ſonſt ſchwerer Ahndung verfallen ſeyn; ſo aber hielt ein Gefuͤhl der Scheu, gemiſcht mit ein wenig Schonung ſie ab, ihr Muͤthchen an dieſer leidenden Geſtalt, einer Schutzbefohlnen der Todten— zu kuͤhlen. Furcht und Gewiſſensbiſſe ſchloſſen ihr uͤber die bewußte Sache den Mund. Wenn ſonſt der Betrieb der Wirthſchaft in allen Abtheilungen ihr Fach geweſen: ſo war dies jetzt fuͤr ihr Intereſſe verſchloſſen; dagegen ſtudierte ſie die Oekonomie der Geſundheit, belauſchte jede kleine Un⸗ regelmaͤßigkeit, jede traͤge Function ihres Koͤrpers, und tadelte mit hyſteriſchem Hochmuth den weiſen Schoͤpfer, an deſſen Statt ſie alles anders und ohn⸗ maßgeblich beſſer eingerichtet haben wuͤrde. Bei die— ſer ſteten Unzufriedenheit aͤrgerte ſie ſich und Andere aus muͤſſigem Verdruß zum Zeitvertreibe. Die ihrem Bruder und ſeiner Tochter fehlgeſchlagenen Erbſchaf⸗ ten waren ihr ein reichhaltiger Stoff, den Scharfſinn des Mißmuths daran zu uͤben. Sie wuͤhlte geſchaͤf⸗ tig mit kraͤnkenden Haͤnden auf, was der Landſchafts⸗ Director naͤmlich reſignirt, in tiefes Vergeſſen begra⸗ ben. Frau von Elban verſetzte ſich nie billiger Weiſe in eines Andern Stelle, es waͤre denn auf Minos Richterſtuhl geweſen, der ihr bequem wie ein Groß⸗ 160 vater im dunkeln Winkel der Ofenhoͤlle vorkam. Be⸗ ſonders hart verurtheilte ſie die Thorheit jener alten Tante, welche einen jungen, huͤbſchen Mann gehei— rathet, und der vernuͤnftelnde Eifer, womit ihr criti⸗ ſches Auge an dieſem Verhaͤltniß haften blieb, haͤtte auf den Gedanken bringen koͤnnen, ſie werde zwei— felsohne in gleiche Verdammniß kommen. Wir erinnern hierbei an die beiden Knaben von Gellert; eine Dichtung, die den frommen Fabuliſten als guten Pſychologen erweiſt. Der Landſchafts-Director lebte aus ſpeculativen Grundſaͤtzen vornehm und geſellig. Es kamen viel der jungen Maͤnner in ſein Haus, und Herr von Unſtern gefiel ſich in einer gaſtlichen Urbanitaͤt, welche den Adel nicht allein beruͤckſichtigte: denn er fuͤhlte ſeine Lage, die eine gute buͤrgerliche Huͤlfe auch nicht verſchmaͤhen duͤrfte. Einem Sinkenden iſt jeder Arm willkommen.— Der Dame, welche die Mutter ſchoͤ— ner Maͤdchen vertritt, findet in dieſer Qualitaͤt auch bei dem mindeſten Geſchick zu repraͤſentiren, die Maͤn⸗ ner in der Regel artig und galant. Es gaͤbe noch eine ſpruͤchwoͤrtliche Erklaͤrung, warum Jeder, der ſich der Frau von Elban naͤherte, zwei Kerzen fuͤr eine aufſteckte, ſein Licht leuchten zu laſſen.— Sie hatte zu wenig muͤtterliche Liebe ſuͤr ihre Nichten, und eine zu große Meinung von ſich ſelbſt, um ein— zuſeher Geſell Glanz verbler daß ſi Opfer ſich e O ihr g fand Natur hoͤhere Hier Kamg von digun D + gung lleine zog in dern, Gunf n. Be⸗ ꝛer alten n gehei⸗ ihr criti⸗ F haͤtte de zwei⸗ ben von abuliſten ulativen en viel err von „welche r fuͤhlte ih nicht der Arm er ſch⸗ ät auch Man⸗ be noch er, der zen für Sie lichten, im ein⸗ 161 zuſehen, daß dieſer Vorzug, deſſen man ſie in der Geſellſchaft wuͤrdigte, nur ein mittelbarer ſey; der Glanz der Huldigung, der auf ihre alten Tage fiel, verblendete vielmehr die verwittwete Matrone dergeſtalt, daß ſie auf die Idee gerieth, dem ſeligen Herrn ein Opfer mit ihrer Hand gebracht zu haben, wofuͤr ſie ſich eine ob auch ſpaͤte Verguͤtung— ſchuldig waͤre. Durch dieſen allmaͤhlig entſtehenden Gedanken ward ihr ganzes Weſen aus ſeinen Fugen gehoben. Sie fand nirgends einen Halt mehr; die Ordnung der Natur verkehrte ſich: denn das Herz einer Frau von hoͤheren Jahren, ſoll die Wohnung der Ruhe ſeyn. Hier war es ein Durchzug wuͤſter Wuͤnſche, und der Kampf eitler Taͤuſchungen begann von Neuem. Frau von Elban fand nirgend Beſtand, nirgend Befrie⸗ digung. 4 Der Landſchafts⸗-Director, um der raſtloſen Nei⸗ gung ſeiner Schweſter zu willfahren, die ihn durch kleine Aushuͤlfen von ſich abhaͤngig gemacht hatte, zog in die Stadt und von einem Gaſthofe zum an— dern, bis Felice ſie fixirte. Er war der Mann ihrer Gunſt. Claudine hatte ihre Tante nie geliebt; jetzt aber ward dieſer Kaltſinn beinahe Verachtung. Und doch mußte ſie aushalten, um ſich dieſer Verwandtſchaft zu graͤmen und zu zittern: denn wie leicht war fuͤr 162 V die Exaltation einer alten verliebten Thoͤrinn der An h ſchwache Riegel der Geiſtesfurcht geſprengt und ihr Laud V Geheimniß verrathen!— Sie hatte es ihrem Vater 4 R b laͤngſt entdeckt; doch Herr von Unſtern wußte mehr In; zu verſchweigen als dieſe Geſchichte ſeiner Tochter, Geffuͤhl V in der er die Mutter wieder erkannte und an den finden Ä Fluch der Suͤnde wieder erinnert ward. Als aber auf ih 4 der Aufenthalt im Hauſe der Madame Weihland Col— S liſionen herbeifuͤhrte, indem Frau von Elban in den dern beiden Nichten ihre Nebenbuhlerinnen wenn auch nur der B G paſſive— ſah, und eiferſuͤchtig auf die Tochter ihres bereits Bruders, die Maͤdchen unleidlich quaͤlte, der Land⸗; Aurrfun G ſchafts⸗Director als Mann indignirt, als Vorgeſetzter gläſch beſchaͤmt, als Vater in der Klemme, und noch au— tung ßerdem ſich in einem Zuſtande ſtiller Verzweiflung thuͤrm befand, wo er aufhoͤrte die Dehors zu ſchonen: da Sper G ¹ erlangte es Claudine von ihrem Vater, daß er ſie lant, frei ließe. und d . Frau von Elban war heimlich ihrer Entfernung froh. petrell Das Band der alten Gewohnheit zerriß, die Tante, Narkt los und ledig inniger Beziehungen, dachte an ein den K 6 neues. Sie ſchuͤrzte geſchaͤftig die Faͤden der Intrigue; D aber Felice war ein glatter Stoff, und die naͤchſte tulant Zeit loͤſte die lockern Knoͤtchen alternder Muͤhe: denn gewich I nur Jugend, Liebe und Wahrheit haben Kraͤfte feſttr Alene Bindemittel. len. Thoͤrinn der gt und ihr ihrem Vater wußte mehr ner Tochter, und an den Als aber eihland Col⸗ kban in den n auch nur ochter ihres der Land⸗ Vorgeſehtet nd noch au⸗ Verzweiflung ſhonen: da daß er ſie ernung ftoh. , die Lant hte an ein er Inttigue die nachſt hüͤhe: denn gräfte feſe 163 Am erſten Januar nach jener Cataſtrophe, welche Claudinen von Unſtern, das verwittwete Fraͤulein, die geſchiedene Braut, im Cloſet der neuen Liebe, mit Ihm zuſammenfuͤhrte, deſſen Nahmen zu nennen, im Gefuͤhl ſeiner unwerth zu ſeyn ſie nie mehr gewagt— finden wir die Geſellſchafterinn der Madame Weihland auf ihrem Plaͤtzchen am Fenſter des Wohnzimmers. Sie ſchauete jedoch weder hinaus noch hinab, ſon⸗ dern in irgend eine Ferne der Zeit, oder in die Tiefe der Betrachtung. Der laute Neujahrstag verdaͤmmerte bereits in den werdenden Abend; das Feſtgelaͤute war verſtummt, die Kirchen geſchloſſen, ihre Kerzen aus— geloͤſcht. Dagegen oͤffnete ſich in beginnender Erleuch⸗ tung die Thuͤren des Vergnuͤgens, von keinen Thor⸗ thuͤrmchen toͤnte der metallne Mund, welcher die Sperre verkuͤndete, ein wenig heiſer, wie der Tremu— lant einer alten Stimme, welche zur Ruhe ermahnt— und das ſonore Gloͤckchen am italiaͤniſchen Keller bei Petrelli erklang fort und fort durch die Stille des Marktes: ein verlockender Ruf fuͤr Eingeweihete, zu den Orgien der Nacht. G Der feierliche Anſtand der Kirchgaͤnger und Gra⸗ tulanten war allmaͤhlig dem raſcheren Schritte Derer gewichen, welche, indem ſie die reißende Schnelle des Lebens begreifen, zu dem Genuſſe ſeiner Freuden ei— len. Aber Pauline Platon ſaß einſam und allein. 5* 164 Ihr war dieſe ruhige Sammlung ſehr lieb: denn Pau⸗ line hatte vieles zu bedenken, und die Schwelle des Jahres, war einem Gemuͤth wie das ihrige, das in Wahrheit vor dem Herrn der Zeiten wandelte und im Sinne religioͤſer Chriſtlichkeit nimmer vom Tem— pel kam— wohl zu heilig, um in geraͤuſchvoller Luſt daruͤber hinzutaumeln. Sie hatte heute mit dem Morgenkuſſe auf die Lippen ihrer Freundinn, die an einem Wendepunkte ihres Schickſals ſtand, den Gluͤck⸗ wunſch ausgeſprochen, der ihr aufrichtigſter Ernſt war; doch dabei den Zweifel verhehlt, ob es gut gethan ſeyn duͤrfte, fuͤrder bei einander zu bleiben: denn Pauline hielt weislich die Ehe, ſolle ſie anders voͤllige Einheit des Herzens und der Geſinnung werden, fuͤr ein Buͤndniß das jedes Dritte ausſchließe, mit Aus— nahme Eines oder Mehreren, worin die Liebe der Eltern ſie inniger noch vereinige.— Seit der geſtoͤrten Ankunft Herrn Admonts von Gimle, und ſeiner wenn auch kurzen Anweſenheit im Hauſe des verſtorbenen Banquier, war die Wittwe deſſelben ſeine Verlobte; doch ſollte aus manchen Gruͤnden die Anzeige hievon noch nicht oͤffentlich ge— macht und die Vollziehung dieſer Heirath bis zum naͤchſten Sommer verſchoben werden. Franzisca wollte von einer Trennung nichts hoͤren, deren die Platon zunaͤchſt erwaͤhnte. Ich erkaufe mein vorlaͤu der M glaubt d Gutsf lichen Traun ſchoͤnſt dem f Und u miſſar Plato ſo liegen haben. die§ ihr ei wenn truͤnn der ih terinn eines Gold : denn Pau⸗ Schwelle des ige, das in aandelte und vom Tem⸗ hvoller Luſt e mit dem inn, die an „den Gluͤck⸗ Ernſt war; gut gethan ben: denn ders voͤllige werden, füͤr , mit Aus⸗ e Liebe der dmonts von eſenheit im die Wittwe 1s manchen ffentüch ge⸗ th bis zum ichts hoͤren, kaufe mein 165 Gluͤck nicht, daß ich mich der alten bewaͤhrten Treue begaͤbe—« hatte die liebe, heftige Frau mit dem Eifer eigennuͤtziger Freundſchaft geſagt— und Pauline vorlaͤufig dazu geſchwiegen, mit leiſem Schmerz in der Miene, wie Franzisca faſt beleidiget zu bemerken glaubte. Das anmuthige Luftſchloß, welches die nachmalige Gutsfrau von Gimle von ihrem gemeinſamen laͤnd⸗ lichen Zuſammenleben entwarf, ließ daneben einen Traum, der ſich im Aether dieſer ſtillen Seele, im ſchoͤnſten Farbenſpiel der Hoffnung gebildet, gleich dem feuchten Hauche einer Seifenblaſe verſchwinden. Und wirklich zweifelte Franzisca, daß der Juſtizcom⸗ miſſarius die Abſicht haͤtte, ſich die von ihm verehrte Platon als Gattin anzueignen; ihr Schwager wuͤrde — ſo folgerte Madame Weihland— fuͤr eine nahe liegende Gelegenheit, doch kaum ſo lange gezoͤgert haben. Frauen glauben uͤberhaupt um ſo ſchwerer an die Heiraths⸗Entſchließung der Maͤnner, als dieſe in ihr eigenes Intereſſe eingreift. Und Franzisca verlor, wenn jener angehende Hageſtolz ſeiner oͤden Caſte ab— truͤnnig wuͤrde, einen halben Liebhaber an dem Bru⸗ der ihres ſeligen Mannes, und ward ihre Geſellſchaf⸗ terinn die ſeinige, die ganze ungeetheilte Ergebenheit eines Herzens, das in jeder Probe als gediegenes Gold beſtanden; kein Wunder alſo, daß die ſchoͤne 166 Wittwe zweifelte: denn der Glaube, auch der an das Gluͤck unſerer Freunde— fordert ein unbedingtes Gemuͤth, und wo er wohnhaft iſt, darf keine Selbſt⸗ ſucht bleiben, auch die feinſte nicht. Der Gegenſtand von Paulinens Gedanken trat jetzt ploͤtmzlich unvermuthet ein, da er um einige Stun— den ſpaͤter kommen wollen, wie es in beinahe taͤgli⸗ cher Gewohnheit geſchah, und der Juſtizcommiſſarius heute ausnahmsweiſe beſtimmt verſprochen hatte. Die gute Platon ſich keines Zuſpruchs verſehend, er⸗ ſchrak ob dieſer Anticipation der Zeit. Sie gerieth in Verwirrung; der Schlag des innern Uhrwerks ging zuerſt beſchleuniget, dann und wann ſtockten ihre Pulſe waͤhrend dem Laufe des Geſpraͤchs.— Genug, dieſer Beſuch ſchien als eine Stoͤrung wie gern geſehen auch— zu kommen; doch ſelbſt froh, keine vorzufin⸗ den.»Vergebung, liebe Theure!« ſagte er mit be⸗ fangner Stimme— vielleicht vom ſchnellen Steigen— und hing den abgeworfenen Peltz ſo haſtig an den blinkenden Haken, daß die Oeſe zerriß, und er nun lange nicht damit fertig werden konnte:»Daß ich, obwohl zutrittsfaͤhig, doch, ſo zu ſagen, mit der Thuͤre ins Haus falle, wo Sie in frommen Allein⸗ ſeyn unſichtbare Kirche oder Loge halten.— Sie, Verehrteſte! ſind Meiſterinn von jeder Stelle, ſo auch von dieſem heiligen Stuhl—« hier ruͤhrte der Ju⸗ ſiüom Arm Demu Vort Pa lachelte ich abe 58 ſtizcon bindlie etwas N helles: nem d N antwo Paulij nicht ſoͤckiſ ſet, zarte. Knote ſhmeit darf a Es Veihl der an das unbedingtes keine Selbſt⸗ danken trat inige Stun⸗ einahe taͤgli⸗ tommiſſarius chen hatte. rſehend, er⸗ e gerieth in rwerks ging tockten ihre — Genug, gern geſehen ne vorzufin er mit be⸗ Steigen— ſtizcommiſſarius mit leiſer Ehrfurcht den hoͤlzernen Arm des Seſſels an—:»und ich kuͤſſe Ihnen in Demuth den Pantoffel.« Er legte auf das letzte Wort unmerklich den Accent der Ironie. Pauline zog ſchnell den kleinen Winterſchuh zuruͤck, laͤchelte und ſprach:„die Paͤpſtinnen ſind anruͤchig— ich aber habe gar kein hierarchiſches Talent.« »Das wird ſich finden—« antwortete der Ju— ſtizcommiſſarius im zuverſichtlichen Tone eines ver⸗ bindlichen Spottes;„doch dabei faͤllt mir ein, daß ich etwas vergeſſen habe, weshalb ich auch gekommen.—« »Ihren Stock etwa?« fragte die Platon, und ihr helles Auge fluͤchtete ſich, das ſeine meidend, von ei— nem dunkelnden Winkel zum andern. »Nein, nein! laſſen Sie nur, meine Guͤtige!« antwortete Weihland, indem er einen Sitz dicht neben Pauline ſchob und ſich darauf niederließ:„ich ſorge nicht um ein Staͤbchen zum Weitergehen— und ſtoͤckiſch komme ich mir zuweilen ſelbſt vor. So jetzt, zum Beiſpiel; ein Bambus gleichſam! Ihre zarte Hand koͤnnte mit magnetiſcher Wiſſenſchaft die Knoten zaͤhlen, welche mich hindern, biegſam und ge⸗ ſchmeidig zu ſeyn; aber ſtandhaft bin ich doch und darf als eine treue Stuͤtze mich ſelbſt empfehlen.« Es lag etwas ruͤhrend Verſicherndes in dieſer Rede Weihlands, und eine ſeltſam weiche Modulation in 168 der maͤnnlichen Stimme, die ſich ungelenker Haͤrte anklagte. Paulinen ging ein Licht auf. Der erſte Strahl jener Lebensſonne, die alle Ewig— keiten durchleuchtet, blitzte in ihre Seele; die Mem— nonsſaͤule gab einen ſchoͤnen Klang. Sie athmete tief, ihn auszittern zu laſſen in der ſeligen Bruſt, und ihr Blick weilte unter dem Schleier der Daͤmmerung eine halbe Minute auf dem Freunde. »Sie hatten etwas vergeſſen, lieber Weihland?« ſagte die Platon mit erinnerndem Ernſt, ihn wo moͤg⸗ lich in ein ruhiges Gleis zuruͤckzufuͤhren. »Weihland!« wiederholte der Juſtizcommiſſarius wie mit abſprechendem Nachdruck:„ich muß dafuͤr ſorgen, daß Sie mich hinfort anders nennen; laͤnger ertrage ich es nicht, ſchon manchmal habe ich mich desfalls geaͤußert— daß, wenn mein Name von Ihren Lippen toͤnt, ich wie ein Geweſener verlaute. Und wenn das Geſchlecht der Menſchen mich zu den Todten wuͤrfe und mein vergaͤße: immerhin! Ihnen aber, Ihnen, Pauline! moͤgte ich ein Kuͤnftiger ſeyn. Doch ad vocem, vergeſſen! ein guter Wunſch an Sie, den— heute fruͤh—« »Sie waren dieſen Morgen ſchon ſo guͤtig—« fiel ihm die Geſellſchafterinn in das Wort, laͤchelnd zwar doch foͤrmlich, wie es oft geſchieht, wenn ein weibli den( S des S Beziel wäͤhre und: gerinn 1 Stüͤn Claud ſprach ſodan als e theue lenker Haͤrte ie alle Ewig⸗ ; die Mem⸗ Sie athmete Bruſt, und Daͤmmerung Weihland?« ihn wo mog⸗ tommiſſarius muß dafüͤr nnen; laͤnger zabe ich mich Name von er verlauten mich zu den win! Ihnen in Künftiger ute Wunſch 7„— 3 gütig rt, icheld wenn dn 169 weibliches Herz in ſuͤßer Schwachheit, dem ſchwellen⸗ den Gefuͤhl die geziemende Schranke geben will. »Man kann des Guten nicht zu viel thun, zumal des Beſten!« erwiederte der Juſtizcommiſſarius mit Beziehung.»Sagen Sie, Liebſte,« fuhr er fort, waͤhrend er mit einer gewiſſen Scheu um ſich blickte und nach der Nebenthuͤre lauſchte: viſt meine Schwaͤ⸗ gerinn nicht daheim?« »Franzisca« lautete die Antwort:„ging auf ein Stuͤndchen zu Frau von Gardemer hinuͤber, die arme Claudine zu beſuchen, welche noch immer leidend iſt.« »Das iſt ſchoͤn von ihr, von Franzisca naͤmlich,« ſprach Weihland ſchnell.»Ein Stuͤndchen!« toͤnte es ſodann von ſeinem Munde, mit fallendem Gewicht, als erwoͤge er, ein Kenner der goldenen Zeit, wie theuer die Minuten waͤren.»Und Franzisca iſt hof⸗ fentlich noch nicht lange fort?« ſetzte er dringend hinzu. »Ein Weilchen doch,« antwortete anſcheinend gleich⸗ guͤltig ihre Freundinn. »Und das Heer der Gratulanten hat nun wohl auch ſeinen Umlauf vollendet?« fragte der Juriſt, in dieſem Augenblicke ein Vorſichts⸗Commiſſarius:„der Abend bricht ja nun herein.« »Einer nur,« verſetzte Pauline ſcherzend und winkte ihm ein wenig zu:„hat ſich verſpaͤtet und Hanke Wittwen 2r Theil. 8 170 ich gehe ſogleich zu beſtellen, daß die Lampe ange⸗ zuͤndet werde.« Sie ſtand auf. Weihland hielt die Geſellſchafte— rinn zuruͤck und druͤckte ſie ſanft auf ihren Seſſel nie⸗ der, indem er ſprach:„das heißt: Sie wollen ihm heimleuchten. Ich aber liebe das Zwielicht, es be⸗ guͤnſtiget ein trauliches Geſpraͤch und manchen Vor⸗ trag insbeſondere.— Wenn Sie mir nur erlauben wollten, ich moͤgte Ihnen fuͤr mein Leben gern etwas erzaͤhlen.—« »Nun, ſo laſſen Sie doch hoͤren!« erwiederte die Platon geſpannt und leiſe.»Es war einmal ein Mann—« begann Weihland und Pauline bemerkte: »Ihre Geſchichte faͤngt ſich wie ein Maͤhrchen an— ſo recht einfach und gemuͤthlich.« Dieſer kleine Stein des Anſtoßes ſchalkhaft geworfen, flog dem Redner, der heute kein Demoſthenes war, in den Mund, und hemmte den ſilbernen Fluß der Sprache, der ohnehin nur ſchwach wie eine alte Sage, in den verrinnenden Sand dieſer Stunde ſickerte, bis er allmaͤhlich ſtaͤrker und ſtaͤrker aus dem vollen Herzen ſtroͤmte. »Ich bitte, meine Freundinn!« antwortete der Juſtizcommiſſarius gelaſſen:»keine vorgreifliche Ein⸗ rede! am Schluſſe der Mittheilung erſuche ich Sie um Ihr Urtheil und die Claſſification ergiebt ſich dann von ſelbſt. Alſo: es war einmal ein Mann, der Lampe ange⸗ Geſellſchafte⸗ n Seſſel nie⸗ wollen ihm licht, es be⸗ nanchen Vor⸗ nur erlauben gern etwas rwiederte die einmal ein ne bemerkte: zrchen an— kleine Stein dem Redner, Mund, und der ohnehin verrinnenden zzli ſäͤrke te. twortete der iiliche Ein ſche ich Sit ʒt ſich dann Mann, de 171 hatte ſich vorgenommen, entweder eine Frau zu hei⸗ rathen wie er ſie ſich wuͤnſchte, oder gar keine. Er hatte der Ehen viele beobachtet, aber wenige gefunden die da gluͤcklich waͤren und auch dieſe ein wenig nur. Das beſtaͤrkte ihn denn in ſeiner Einbildung. Er begehrte nicht, was die Menge reizt, wonach die Meiſten ſtreben. Sein Wunſch gehoͤrte ihm allein. Es ging ihm wie jenem Prinzen, der eine Schoͤne ſuchte von der ihm getraͤumt, die zum Zeichen ihrer Unſchuld und koͤniglichen Abkunft, eine goldene Lilie in ihrer Stirne truͤge, worauf jeder Tropfen Regen oder Thau zu einem praͤchtigen Edelſtein wuͤrde, und deren Stimme jedes Wort, auch das rauheſte— in die Melodie eines ſuͤßen Liedes verwandelte.— Zwar ſah mein Prinz— die Perſon thut nichts zur Sache— manches Maͤdchen von verblendenden Gaben, deſſen Rede auch lieblich klang; aber der rechte Wohllaut fehlte doch, und der Schimmer welcher ihn gelockt, war kein eingeborner Glanz reiner Hoheit: denn ein Tro⸗ pfen der aus den Wolken fiel, dieſe jungfraͤuliche Blume zu bethauen, blieb Waſſer— und wurde ewig kein Diamant. Ein Tropf ſelbſt, Wer daran glaubt! dachte er; aber das Traumbild war doch zu ſchoͤn und er faßte es ſtill in ſein Herz. Nun hatte der Mann meiner Geſchichte— wir laſſen den Prinzen einſtweilen— 8* 172 einen Freund, der ſich vor mehreren Jahren vermaͤhlt hatte und zwar aus raſender Liebe. Im Eheſtande aber war er außerordentlich vernuͤnftig geworden, ſo daß man denken koͤnnen, er haͤtte Philoſophie ſtudirt: denn er ſprach wie ein Buch in Sentenzen uͤber die Vergaͤnglichkeit der Leidenſchaften und die Taͤuſchun⸗ gen, deren der Menſch unterworfen waͤre. Sehr na⸗ tuͤrlich, daß jener Freund den Traͤumer ſolch eines Schatzes von Weisheit und Erkenntniß theilhaft zu machen wuͤnſchte, und ſo lag er ihm dringend an, dem Weg zum Traualtare je eher deſto beſſer einzu⸗ ſchlagen. Wie es kommen mag, daß grade wie man haͤufig finden wird— die Sokrateſſe unter den Maͤnnern Zuredner der Ehe ſind: dieſe Frage, Theuerſte! heften wir mit manchem andern ſeufzenden Warum an die Sterne; niedriger moͤgte ſie uns ſchwerlich geloͤſt werden. Der Freund hatte ein herrliches Landgut mit ſchoͤnen Gaͤrten und Wieſen, Forſten und Tei— chen: dies alles freute ihn aber wenig. Er jagte nur dem Frieden nach, ein Hochwild das ſich rar machte — und lag mit groͤßerem Erfolge dem Grillenfange ob; Satan ſaͤete mitlerweile Unkraut unter den Wai⸗ zen, und ſeine Gattin— nicht die des Saͤmanns— fiſchte im Truͤben. Streitigkeiten in und außer dem Hauſe verbitterten ihm das Leben und ſo bedurfte dieſer ſteun ſchwie was Stelle zur ſe im eine liche Freur ließe. wahl ſeinen Docte der raths chen einen ner des⸗ lage gend wund eiſten als ſe da po en vermaͤhlt Eheſtande worden, ſo whie ſtudirt: en uͤber die Tauſchun⸗ Sehr na⸗ ſolch eines theilhaft zu ringend an, beſſer einzu⸗ man haͤufig n Mannern erſte heften rrum an die erlich geliſ es Landgut und Tei⸗ 3 jagte nur nt mchi Grilenfange er den Pai⸗ zimanns— außet dem o bedurft 173 dieſer arme Oreſtes ſeines Pylades, der ein Rechts⸗ freund war. Nun geſchah es, daß dieſer Getreue ein ſchwieriges Geſchaͤft fuͤr ſeinen Freund zu ordnen hatte, was ihn gewiſſer Ausgleichungen wegen an Ort und Stelle berief; es traf, zum Gluͤck fuͤr den Actenwurm, zur ſchoͤnſten Zeit des Jahres. Der Freund verſprach ihm gruͤne und goldene Berge, wenn er kaͤme, und eine Ausſicht bezaubernder Art. Er wuͤrde eine weib⸗ liche Bekanntſchaft machen, die ihn ſicherlich, der Freund ward Buͤrge dafuͤr— nicht los und ledig ließe. Ein verwandter und was mehr noch ſey: wahlverwandter Beſuch, der den Brunnen auf ſeinem Gute trinken wolle, wuͤrde gleichzeitig mit dem Doctor Juris erwartet, und dieſer waͤre alsdann an der Quelle.— Und wie nun Niemand lieber Hei⸗ raths⸗Vorſchlaͤge hoͤrt, und bereit iſt, fremde Maͤd⸗ chen kennen zu lernen, als Wer in der Heimath fuͤr einen Hageſtolz gilt, den die Toͤchter und Muͤtter ſei⸗ ner Stadt aufgegeben haben—: ſo las der Freund des Andern Brief mit beſonderem Vergnuͤgen. Es lag etwas in der Verheißung deſſelben, was uͤberzeu⸗ gend auf jenen Unglaͤubigen wirkte, und ihn faſt wunderbar ſeines Heils gewiß machte. Er hoffte zum erſtenmale der Schoͤpfer ſeines Gluͤckes zu werden, und als ſein Herz ſich in der bluͤhenden Natur weit oͤffnete, da zog die Ahnung der Liebe wie eine aͤtheriſche Quar⸗ 174 tiermeiſterinn darin ein: denn Glaube, Hoffnung, Liebe, dieſe Drei! die Liebe aber iſt die Groͤßeſte unter ihnen; ſie erweitert den Blick ins Unendliche und die arme enge Bruſt zu dem Raume eines Weltalls.« Ein Seufzer Paulinens ſaͤuſelte hinter der Gardine hervor; ein Luͤftchen dieſer Sphaͤre. Das ſanfte He⸗ ben ihres Athems ſchien den Juſtizcommiſſarius aus dem Gleichgewicht des Vortrages gebracht zu haben, der Faden der Erzaͤhlung ſchwankte, er haͤtte ihn im Nu verkuͤrzt— doch mit zuſammengenommener Stim⸗ me fuhr er fort:„»die Reiſe des Beiſtandes war dem⸗ nach eine beſſere Praͤparation fuͤr das Nebengeſchaͤft als fuͤr das Hauptſaͤchliche. Angekommen, fand er Niemand zu Hauſe. Der Herr des Schloſſes war verreiſt, ſeine Mutter lag ſehr krank; man erwartete ihn jedoch ſtuͤndlich zuruͤck, oder doch Nachricht von ihm. Die Damen— dem Heiraths⸗Candidaten pochte ſtaͤrker das Herz, da Referent alſo pluraliter ſprach— machten in Geſellſchaft eine Parthie nach einem Waſ⸗ ſerfalle und wuͤrden erſt ſpaͤt heimkehren. Daß die Frau eine Luſtfahrt anſtellte, jene Cascade zu ſehen, waͤhrend der Mann vielleicht in ungetheiltem Schmerz kindliche Thraͤnen vergoß, war ein genugſamer Be⸗ weis fuͤr den Stand dieſer Ehe. Dem Rechtsgelehr— ten genuͤgte er, ſeinen Freund zu bedauern und ein Vorurtheil gegen die Wirthinn des Hauſes zu faſſen. fnung, Liebe, unter ihnen; nd die arme 5.4 der Gardine z ſanfte He⸗ niſſarius aus ht zu haben, haͤtte ihn in mener Stim⸗ es wat dem⸗ Nebengeſchäͤft en, fand er chloſſes war nan erwartete Nachrict von idaten pochte iter ſprach inem Waſ⸗ 3 Daß die 175 Und dennoch— wie ſeltſam iſt das Herz, welcher Widerſpruͤche voll! beſchaͤftigte ihn unablaͤſſig der Ge⸗ danke, hier eine Frau zu finden. Man wies ihm ein ſchoͤnes Zimmer an und daneben die Regiſtratur. Er ließ die Pandecten ruhen und jede Aufgabe, die ihn erwartete, recitirte lieber die Erwartung von Schiller, und da der Abend ſo wunderſchoͤn und ſo einſam fuͤr ihn war: ſo machte er zuletzt ſelbſt ein Gedicht. Sein Logement war par terre und zwar an der Morgenſeite dieſer Villa; doch ein dichtes Rebenge⸗ gitter verdunkelte es zu dem noͤthigen Ernſt, deſſen das Geſchaͤft und ſein Anwald bedurfte. Nach einem geſunden Schlafe drehete er die Schraube am Fenſter und oͤffnete damit einen Flacon voll Fruͤhlingsaͤther und Wohlgeruch. Er ſteckte den Kopf zwiſchen das gruͤne ſaftige Geringel und kraͤnzte ſich mit Weinlaub — wie Bachus, wuͤrde ich ſagen, wenn der gute Mann nicht mundnuͤchtern geweſen waͤre. Da ſah er in der Orangerie, in deren weitauslau— fende Allee die Ausſicht ſeines Zimmers fuͤhrte, zwei weibliche Geſtalten in lebhaftem Geſpraͤch auf und nieder wandeln. Beide waren von gleicher Groͤße, gleichem Wuchs, nur verſchieden gekleidet. Die Eine trug einen Oberrock von dunkelm Zeuge, den ſchwarze Knoͤpfchen von geſchliffener Kohle, vom weißen Halſe 176 an bis zur niedlichen Stieflette herab, zuſammenhiel⸗ ten. Das braune volle Haar war geſcheitelt und nachlaͤßig aufgeſchlagen. Ein intereſſantes Geſicht! doch trotz der jugendlichen Feinheit dieſer Zuͤge, trotz der zierlichen Taille— verrieth jenes Etwas, das ſich ſchwer beſchreiben ließe— auf den erſten Blick die Frau. Man ſagt: der Gang des Menſchen ſey cha⸗ rakteriſtiſch; wenn dies wahr waͤre, koͤnnte behauptet werden, der Gang einer Frau habe etwas Muͤdes, Schleppendes an ſich, ſo daß man ſieht, ſie iſt am Ziele; indeß ein Maͤdchen in trozerlichem Tact, oder ſchwebend in Hoffnung einherſchreitet.— Der Platon ſchwebte ein Wort, vielleicht ein Wi⸗ derſpruch auf den Lippen; der Juſtizcommiſſarius aber forderte nur und goͤnnte kein Gehoͤr, bis er fertig waͤre. So ſetzte er ſeine Rede hurtig fort:„»die An⸗ dere war demnach augenſichtlich ein Maͤdchen und ein ſehr huͤbſches noch dazu. Das weiße Kleid flatterte wie Taubengefieder um den ſchlanken Leib, das runde Geſichtchen glich einer Apfelbluͤthenknospe nur eben zum Aufplatzen— in den blonden Locken ſteckte eine Narziſſe, und dieſe unſchuldige Eitelkeit ließ allerliebſt. Dieſe perſonificirte Geſundheit hielt ein kleines Brun— nenglas in der Hand, und in dem Sande des Bo⸗ dens ſtand eine irdene Flaſche. Der Mann am Fen⸗ ſter wußte nun woran er waͤre. Er nickte dem Vor⸗ ſchlag Sie dftu Kndj dem funke rothe groß wirk ſich Herz ihr fand ihm paar dieſe Gan Sach nug giſch war vom gebl wo Auge piſch uſammenhiel⸗ eſcheitett und ates Geſicht! Zuge, trotz vas, das ſich en Blick die chen ſey hh⸗ nte behauptet was Muͤdes, :, ſe iſt am Tact, oder icht ein Wi⸗ iſſarius aber bis er fertig tt: Idie An⸗ dchen und ein leid flatatt , das runde de nur khen n ſteckte ein cß alerliebſt leines Brun⸗ nde des Bo⸗ un am del⸗ te dem Vor⸗ 177 ſchlage ſeines Freundes Beifall zu, blieb und lauſchte. Sie wandelten in den Wellenlinien der Schoͤnheit, duftumfloſſen vor ihm auf und ab. Die ſchwarzen Knoͤpfchen an der Braunen blitzten daͤmoniſch bei je⸗ dem dieſer zarten Tritte, das Glaͤschen der Andern funkelte in der Sonne, und in dem Gruͤbchen der rothen Wange war eine kleine Electriſir⸗Maſchine von großer Wirkung angebracht; der verſteckte Lyaͤus, der wirklich bei dieſem Anblicke etwas Berauſchendes in ſich verſpuͤrte— fuͤhlte dies an den Schlaͤgen ſeines Herzens. Als die Promenade nun beendet war und ihr ſtiller Begleiter zum Fruͤhſtuͤck eingeladen worden, fand er die Dame vom Hauſe im braunen Rock, die ihm die Blonde als ihre Schweſter praͤſentirte. Ein paar Couſinen waren noch anweſend, die jedoch gegen dieſe weiße und rothe Roſe ſich gleichſam nur wie Gaͤnſebluͤmchen verhielten. Nun wußte der arme Sachwalter der Themis nicht, wie er ſich galant ge⸗ nug benehmen ſollte. Er verfitzte ſich, ſonſt ein lo— giſcher Mann! in zierſamen Redensarten: denn er war in den Locken der Blondine, einem Geſpinnſt vom blaſſenſten Golde, mit Sinn und Seele hangen geblieben, und wußte nun vor Verlegenheit nicht, wo aus noch wo ein. Dann hatte er ſich in ihre Augen vertieft, und Augen, ſo von der Blaͤue des tro⸗ piſchen Himmels darunter die Palme gedeiht—« X 178 Pauline ſchlug die ihrigen nieder und Weihland nach einem kleinen Innehalten vollendete ſeinen Satz mit Waͤrme:»die waren von jeher ſein Geſchmack. Doch um kurz zu ſeyn: denn ich fuͤrchte, die Zeit wird Ihnen ſchon lang— waͤhrend nun der Mandatarius ſich anſtrengte fruͤh und ſpaͤt, daß der Freund die ſchwebenden Prozeſſe gewoͤnne, verlor er ſelbſt ſein Herz.— Nur die Ruͤckkehr des Freundes wollte er abwarten, ehe er ſich gegen die Schwaͤgerinn deſſelben erklaͤrte. Dieſer kam, aber traurig. Er trug einen ſchwarzen Flor um den Arm, die Mutter war geſtor⸗ ben, welche er ſehr geliebt. Das ganze Zuſammenſeyn war dadurch verduͤſtert. Er ſchien alles vergeſſen zu haben und gekraͤnkt von der Indifferenz ſeiner Gat⸗ tinn, ſich in ſeinem Schmerz einſam zu fuͤhlen. So daͤuchte es dem Verweſer ſeiner Geſchaͤfte unzart, ihn in ſolcher Stimmung das in Anregung zu bringen, wozu vorzugsweiſe Luſt und Liebe gehoͤrt.— Es fiel dem Gaſte auf, daß der Leidtragende keine Notiz von den Grazien naͤhme, die ſich, waͤhrend er verreiſt geweſen, ſeiner Hausgoͤttinn zugeſellt. Er erſtaunte ſogar, ſie anzutreffen und ſeine Verwunderung uͤber das Ausbleiben einer alten verehrten Tante aus der Stadt, die eine Fruͤhlingscur bei ihm brauchen wol— len, war ungleich gaſtfreundſchaftlicher. Die Anweſenheit des ihm verbruͤderten Juriſten, die Er f nach ſaßen Die Schr Der denke der eini riſch antw aus Leide gan, Frer Obe ſchw Tag denn eihland nach nen Satz mit zmack. Doch ie Zeit wird Mandatarius Freund die er ſelbſt ſein des wollte er rinn deſſelben r trug einen war geſtor⸗ ſſammenſeyn vergeſſen zu ſeiner Gat⸗ füͤhlen. So eunzart, ihn zu bringen, rt.— E keine Notiz d er verreiſt Er erſtaunte derung übet nte aus der rauchen wol⸗ en Juriſten, 179 die Maſſe vorgefundener Geſchaͤfte zerſtreueten den Freund. Er faßte ſich maͤnnlich und der Rechtsanwald ließ ihn nach den Alten nun auch in ſein Herz ſehen. Sie ſaßen im Garten, eben ging die Blonde voruͤber. Die— Die meynſt Du? und liebſt ſie? fragte ihr Schwager hoͤchlichſt betroffen: was ſoll das heißen?— Der Andere wußte nicht was er von dieſer Frage denken ſollte. Er bedauerte in ſtillem Grimm, daß der Freund uͤber dem Gedaͤchtniß der Mutter das ſeinige verloren haͤtte. Er dachte durch einen dichte⸗ riſchen Schwung ſich in dieſem Falle zu helfen, und antwortete mit Shakeſpear: was lieben heißt? es heißt, aus nichts beſtehen als Phantaſie, aus nichts als Leidenſchaft, aus nichts als Wuͤnſchen, ganz Demuth, ganz Geduld und Ungeduld.— Hierauf ſah der Freund den Citator an, als fuͤrchte er es rapple im Oberſtuͤbchen bei ihm. Er laͤchelte wie mitleidig und ſchwieg, dann bat er ihn, auch zu ſchweigen, einige Tage noch, was Jener verſprach, ob auch nicht gern: denn ſeine Zeit war nun bald um, und es duͤnkte ihn, er haͤtte ſie bereits verſaͤumt. Denſelben Abend noch in ſpaͤter Stunde rollte eine ſchwerfaͤllige Reiſekutſche in den Hof. Der Schein der Laternen fiel durch die Rebenſtoͤcke in die Clauſur des Juriſten, wo ſchon das Nachtlicht brannte; doch konnte er nichts unterſcheiden. Es ward regſam um 180 den Wagen, er hoͤrte weibliche Stimmen und ein lau⸗ tes Willkommen! das der Herr des Schloſſes ſprach: einen froheren Ton hatte ſein Freund noch nicht von ihm gehoͤrt. Er vermuthete, es waͤre die bewußte Tante und erwartete in dieſer Gefeierten mindeſtens ein Seitenſtuͤck zu der von Frau von Schopenhauer. Doch am folgenden Tage, der regentruͤbe war, blieb die Tante auf ihrem Zimmer; es hieß, ſie waͤre an— gegriffen von der Reiſe und muͤſſe ſich erſt erholen. Die Dame vom Hauſe ſchien nach guter Frauen Weiſe ihrem Manne die Freude uͤber dieſen Beſuch ganz allein zu vergoͤnnen. Sie nahm mit einem ſchlechten Stuͤckchen dabei vorlieb.— Eine triſte Stille hatte ſich ploͤtzlich uͤber das Schloß verbreitet; der Neffe ging ab und zu. Die Grazien waren aus⸗ geflogen zu einem Beſuch in der Nachbarſchaft, und der Rechtsfreund arbeitete ſo emſig, als ob unſichtbar ein Treiber hinter ihm ſtuͤnde. Gegen den Abend klaͤrte ſich der Himmel auf. Die Sonne ſank heiter ob auch mit verweinten Spuren in den Purpurſchooß der Wolken, balſamiſche Luͤfte durchſchauerten den Garten, das Silberhorn des Mondes fing an zu blinken, hier und da zitterte noch eine Thraͤne an den Zweigen, und in ſanfter Feier endete der Tag. Der Abend war zu ſchoͤn, um ihn zwiſchen vier Waͤn⸗ den hinzubringen. Der Juriſt, ſeinen Freund an die ſich Feld wori Bele gel Nach Schi ſchw bew. in d rinn ein 4 wand tung gen ten mer der, hang und ein lau⸗ loſſes ſprach: ich nicht von die bewußte mindeſtens chopenhauer. e wat, blieb ſie waͤre an⸗ erſt etholen. uter Frauen eſen Beſuch mit einem Eine tüiſte z verbreitet; waren aus⸗ rſchaft, und ab unſichtbar den Abend ſank heiter purpurſchoß auerten den fing an zu Thraͤne an te der Tag. vier Wan⸗ eund an die 181 Pflicht frei gebend, der Tante Geſellſchaft zu leiſten, ging ſpazieren und mit ſich ſelbſt zu Rathe. Er ſuchte das Weite. Ein melancholiſcher Friede ruhete auf der Landſchaft, der Wind ſtrich durch die Saat, und der Held dieſer Geſchichte der eben keiner war: denn ſeit dem Zwieſprach mit dem Freunde fuͤhlte er ſich feige ſein Gluͤck zu verfolgen— durch die gruͤnen Felder. Ermuͤdet kehrte er zuruͤck in den Garten, worin bei magiſchen Decorationen und himmliſcher Beleuchtung große Philomelen⸗Oper war. Der Spie⸗ gel des Baſſins verdoppelte den Sternenbogen der Nacht und das Bild der ſchimmernden Selene; im Schilfe ſeufzte es vor Entzuͤcken. Er ſetzte ſich in ſchwelgendem Genuß an die Liedertafel der Natur und bewunderte mit ſtillerhobner Seele den Kuͤnſtlerverein in der Welt der Toͤne. Jede dieſer grauen Saͤnge⸗ rinnen war eine weiße Dame, eine Armide von Gluͤck, ein kleine Zauberfloͤte. Da rauſchte es naͤher wie Schritte, ein paar Luſt⸗ wandelnde kamen Arm in Arm in trauliche Unterhal⸗ tung verſtrickt: der Herr des Schloſſes mit einer jun— gen Dame— eine alte haͤtte ſich ſchwerlich der feuch⸗ ten Abendkuͤhle ausgeſetzt— und dieſes Frauenzim⸗ mer war nicht ſeine Frau. Sie ließen ſich unweit der Stelle, wo der Andere unter dem Schatten einer hangenden Akazie ſaß, am Fuße einer Teraſſe nieder 182 und ſetzten ihr Geſpraͤch inmitten einer leidenſchaftli⸗ chen Klage uͤber Unbilden, die der Freund von Sei⸗ ten der Gattin erfuͤhre, fort. Er zog einen Vorhang von dem haͤuslichen Gemaͤlde ſeiner Ehe, das wahr⸗ lich! kein Stillleben war. Es war, als haͤtte Jenen der Geiſt ſeines Schickſals nicht allein unſichtbar ge⸗ macht, ſondern auch unfaͤhig, ſich waͤhrend dieſer Scene zu regen. Und wie viel, ſprach der Ehemann mit unterdruͤcktem Schmerz, verſprach ich mir von ihr und der Zukunft! wie heiß war mein Wunſch, ſie zu beſitzen! mit welcher Gier haſchte ich nach jeder Minute wo ich ſie ſehen konnte! ich haͤtte ſie auffreſ— ſen moͤgen vor Liebe— und nun— nun reuet es mich manchmal, daß ich es nicht gethan habe.— Die⸗ ſer Ausdruck von reuigem Grimm und Gram war der Humor eines Waͤhrwolfs. Doch nun, o Pauline! ertoͤnte eine Stimme, eine ſuͤße ſeelenvolle Stimme, im Wohllaut des Troſtes, und die Nachtigallen ver⸗ ſtummten vor der melodiſchen Weiſe, in der die Ver⸗ traute den Unmuth des Klaͤgers zu beſaͤnftigen ſuch⸗ te.—«»O Weihland!« lispelte die Platon mit halbem Ton: ſtill, ſtill um Gotteswillen! bat der Erzaͤhler, indem er ihre Hand mit dem vollen Accent des Gefuͤhls druͤckte und in der ſeinigen behielt:„der Klang der Erinnerung muß erſt auszittern. Die un⸗ vergeßliche Stimme war das Wundergloͤckchen, was mein Har ange zur Gut ſchor gleie gen hero theit mitt jiehe Seit über bösl der leidenſchaftli⸗ nd von Sei⸗ nen Vorhang „das wahr⸗ haͤtte Jenen nſichtbar ge⸗ ahrend dieſer der Ehemann ich mir von tein Wunſch, h nach jeder ſie auffteſ⸗ un reuet es abe.— Die⸗ Gram war „oMuline! alle Stimme, tigallen bet⸗ e die Ver⸗ nftigen ſuch Platon mit en! bat der ollen Aceent gchil:„der Die un⸗ 3 ſchen, was 183 mein Prinz ſuchte: der Einklang des Gemuͤths, die Harmonie der Liebe. Sie entſchuldigte die ſchwer angeklagte Gattinn und redete mit einer Engelzunge zur Suͤhne. Wie heilig erfindriſch iſt ein reines Herz, Gutes an einer ſchlimmen Sache zu entdecken! die ſchoͤne Seele von der ich rede, hob, eine Columba gleichſam, aus dem wilden grollenden Meer der Kla⸗ gen Jenes einen neuen Welttheil voll Palmwaͤlder hervor!— Der Freund fuͤhlte ſich ſchwaͤcher und ver— theidigte ſich daher ſtaͤrker. Er wollte die ſanfte Ver⸗ mittlerinn der ſtreitbaren Maͤchte in ſein Intereſſe ziehen, und dachte es zu thun bei einer ſchwachen Seite ihres Geſchlechts. Ach! ſagte er: Sie ſind uͤberall zu gut, deshalb koͤnnen Sie nirgend an eine boͤsliche Abſicht glauben. Ich habe einen Freund— der Unſichtbare buͤckte ſich hier ein wenig— dem ich wohlwollend das Beſte zudachte was ich kenne, Sie! zwar iſt er dieſes Gluͤckes nur theilweiſe wuͤr⸗ dig— Wer waͤre es ganz?— Was meinen Sie Pauline? der Erzſchelm von einem Eheprocurator! aber ich wuͤßte Sie doch an einen wackern Mann verſorgt. Sie werden ihn kennen lernen: denn er iſt hier und ich will Ihnen vorlaͤufig eine Charakteri⸗ ſtik von ihm geben. Begieriger duͤrfte ſchwerlich ein junger Autor auf die erſte Rezenſion ſeiner Werke ſeyn die ihm vor Augen liegt, als der Mann unter 184 der Akazie der Schilderung lauſchte, ſeinem Ohr ſo nahe. Sein Aeußeres, begann der Criticus: wird morgen Ihrem Urtheil ſtehen; doch darauf ſieht ein ſo geiſtiges Weſen wohl kaum zunaͤchſt.— Die Kap⸗ ſel dieſer Worte, welche das Conterfei meines Prinzen umſchloß, ward demnach nicht mit ſchmeichelhaften Hoffnungen eroͤffnet. Er iſt, fuhr er fort: von ſchrof⸗ fer Denkart und einer faſt alterthuͤmlichen Strenge in ſeinen Grundſaͤtzen; allein der Epheu, dieſe weiche Ranke, welche die Dichter gern als Symbol anſchmie⸗ gender Treue, als den Kranz des Verdienſtes anwen⸗ den, waͤchſt ja auch um Felſen und Mauern. Ein Uebelſtand iſt es, daß er nicht fruͤher geheirathet hat: denn er iſt nun ſchon ein wenig vermuckt. Sie werden dieſen Ausdruck gewiß verſtehen, meine Freun⸗ dinn, ſchaltete der leidige Portraitirer ein: obzwar ich nicht genau weiß, daß Adelung ihn legitimirte; ich wuͤßte jedoch keinen andern fuͤr den hageſtolzen Eigen— ſinn, in dem er auf ſeiner vorgefaßten Meinung zu beharren pflegt. Ein nicht geringer Grad von Into⸗ leranz duͤrfte Sie daher nicht Wunder nehmen an ihm. Er kann nicht alle Leute leiden, verſtoͤßt in ſeiner graden Manier, oder ſchwingt die Geißel der Satyre. So braucht er, Sie ſehen es ſelbſt, noth— wendig eine Frau die mild und weltklug zwiſchen ihm und den Fehlern der Menſchen ſtuͤnde, bei Zeiten ausbe da ein zigen erſtick horer ſer U ſcharfe Nlecke ſieder Umg⸗ Vollk lleine Ander Ruhn lüſter jedoch Salz zu be taͤglc argen ſagte lͤche lung Haus Weih Rübe Ohr ſo 5: wird ſieht ein Die Kap⸗ Prinzen helhaften en ſchrof⸗ Strenge eſe weiche anſchmie⸗ anwen⸗ rn. Ein thet hat: ft. Sie ne Freun⸗ bzwar ich ürte; ih en Eigen⸗ inung zu n Into⸗ ehmen an ſßt in eißel der ſ, noth⸗ chen ihm ei Zeiten 185 ausbeugt, Colliſionen zu vermeiden, und hier und da ein engliſches Pflaͤſterchen auflegt. An einem wiz⸗ zigen Einfall, duͤrfte er ihn nicht ſagen, wuͤrde er erſticken— dieſer ſchwarzblaue Tod drohete dem Zu⸗ hoͤrer vor Bosheit— und er wuͤſche wohl, ſetzte die⸗ ſer Unparteiiſche ſelbſt den Kopf der Cythere mit ſcharfer Lauge anſtatt mit Roſenwaſſer, falls er ein Fleckchen daran verſpuͤrte— dieſer muntere Seifen— ſieder!— Und wenn nach Pockels, die Kunſt des Umgangs darin beſteht, daß Jeder bei möglichſter Vollkommenheit ein Loch im Strumpfe, laſſe das eine kleine Bloͤße zeigt: ſo zieht er in Ermangelung eines Andern ſich ſelber auf.— Dies war nun kein feiner Ruhm und die Nymphe im Schleier mogte eben nicht luͤſtern werden dieſen Faun zu erobern. Sie ſagte jedoch mit liebenswuͤrdiger Gutmuͤthigkeit: das attiſche Salz des Witzes ſey als die Wuͤrze der Geſelligkeit nicht zu verachten, und Heiterkeit, wie die Schrift ſage: ein taͤglich Wohlleben. Dieſe fromme Deutung fuͤhrte den argen Lobredner auf ein verwandtes Capitel. Wohlleben! ſagte er und ich hoͤrte es dem Tone an, daß er dazu laͤchelte: ja, darauf haͤlt der Mann meiner Empfeh⸗ lung etwas. Ein wenig Gourmandiſe wird ihm ſeine Hausfrau ſchon zu Gute halten muͤſſen. Wenn das Weibchen im Feuer der Kuͤche beſteht— nur kein Nuͤbchen darf es ihm ſchaben— ſo zeigt er ſich bei 186 Gelegenheit ſtandhaft, wo eine Batterie von Flaſchen aufgepflanzt iſt.— Als der Verborgene dies ver⸗ nahm, fuͤhlte er Appetit ſeinen Freund zu zermalmen. Hierauf legte der zweideutige Protector allen dieſen Maͤngeln noch einige verguͤtende Eigenſchaften bei und erwaͤhnte auch des ſchoͤnen Vermoͤgens, das der Ju— riſt erblich uͤberkommen, der Einnahme die er ſeinem Berufe verdanke, und ſomit einer Lage die ihn in den Stand ſetze ſeiner kuͤnftigen Gattinn ein angenehmes Leben zu bereiten. Und dieſer Mann, fuhr er tief— athmend fort: ſollte meinen Wuͤnſchen nach, der Ih⸗ rige werden. Thoͤrigter Weiſe hatte ich ſchon vor laͤngerer Zeit ein Woͤrtchen davon fliegen laſſen. Was thut aber meine Frau? ſie ſchreibt heimlich an ihre Schweſter und laͤßt dieſe waͤhrend meiner Abweſenheit kommen. Und wie ſie mir einen Strich durch die Rechnung meiner Lebensfreuden gemacht: ſo iſt es ihr ein tuͤckiſches Vergnuͤgen, mir einen Plan zu hin— tertreiben, der das Gluͤck meiner Freunde betraͤfe.— Dieſe Schwaͤgerinn iſt nun eine Flocke— aber nicht von Schnee. Ein leichtſinniges Ding, das nach ei⸗ nem Duzend baarer Liebeshaͤndel gern einen wohlha⸗ benden Mann haͤtte. Das Fuͤllhorn des Ueberfluſſes was er ausſchuͤtten wuͤrde uͤber der uͤppigen Blondine, wuͤrde ihm ſchon analog dieſem Bilde vergolten wer⸗ den.— Sie iſt wie raſend auf den Tanz, und mein Freut Horel ein ſ eines ein l haſſer nicht. bige die weiß Und ich a zu ſa liebte war hen. ſucht zu b durfe ihr ſicht daß Tan tich Freu ein! en Flaſchen dies ver⸗ zermalmen. allen dieſen en bei und 3 der Ju⸗ er ſeinem ihn in den mgenehmes hr er tief⸗ , der Ih⸗ ſchon vor ſen. Was h an ihre lbweſenheit durch die ſo iſt e⸗ an zu hin⸗ hetraͤfe.— aber nicht z nach e⸗ n wohlha⸗ Ueberjuuſſs Blondine, olten wer⸗ und mein 187 Freund, der dieſe Ergoͤtzlichkeit nur den Muͤcken und Horen erlaubt, macht nur Gedankenſpruͤnge und ſtets ein ſaures Geſicht, ſo oft er dem wirbelnden Kreiſe eines Balles von ferne ſteht. Ferner iſt ſie flink wie ein lockererer Faͤhndrich Schulden zu machen; etwas haſſenswertheres an einem Maͤdchen kenne ich aber nicht. Dies darf nur Glauben aber keine Glaͤu— biger haben, und nichts borgen als den Guͤrtel der die Gabe der Anmuth verleiht. Mein Freund, ich weiß es, denkt in dieſem Punkte grade ſo wie ich. Und nun— er ſitzt richtig auf der Leimruthe feſt! ich aber kann nichts thun als ihn beklagen, weil ich zu ſchwach zum Helfen bin: denn wo waͤre ein Ver⸗ liebter von ſeinem Ungluͤck zu uͤberzeugen?— Dies war nun in aller Stille und Geſchwindigkeit geſche⸗ hen. Und nun antwortete die ſuͤße Stimme und ſuchte den aufgeregten Freund auch von dieſer Seite zu beruhigen. Sie ſagte: daß ſie nicht daran denken duͤrfe, die guͤtige Frau welche wie eine Mutter an ihr gehandelt, bei dem immer bloͤder werdenden Ge⸗ ſicht zu verlaſſen. Der, hinter der Akazie merkte nun, daß die Vertraute des Neffen die Geſellſchafterinn der Tante und das Licht ihrer Augen waͤre, die der Fit⸗ tich des ſchwarzen Staars allmaͤhlich verfinſterte. Dem Freunde im Dunkel der Verborgenheit ging jetzt auch ein Licht auf. Dann, ſprach dieſe Hellſehende weiter: 188 ſey ihrem Dafuͤrhalten nach, jede Fuͤhrung Gottes unhintertreiblich und ſo muͤſſe es wohl nicht des Himmels Wille geweſen ſeyn, daß die freundſchaftliche Abſicht des Herrn vom Schloſſe gefoͤrdert wuͤrde. Eheſtiften erſcheine ihr jedenfalls als ein gewagter Verſuch den Meiſter des Schickſals zu ſpielen, das ſich ſeine geheimnißvollen Kuͤnſte zu Geſellen allein vorbehalte. Herzen, fuͤr einander geſchaffen, faͤnden ſich fruͤh oder ſpaͤt, gewiß.— Der Unſichtbare ſtreckte hier die Hand aus, ſuchend, griff aber nur in die Zweige der Akazie, und druͤckte die zarten Blaͤtter innigſt. Der Arm, der Sie umfeaſſen ſoll, iſt leer — kein Schattengluͤck wird dieſen Buſen kuͤhlen— dachte er, claſſiſch. Aber dieſer lyriſche Seufzer endete nun Alles. Das leiſe Geraͤuſch was die Beiden viel⸗ leicht vernommen, mahnte ſie an den Aufbruch. Sie wandelten nach dem Schloſſe, ein Strahl von Hoffnung blieb Jenem zuruͤck. In der Nacht kam ein reitender Expreſſe, der den Rechtsfreund einer wichtigen Vorfallenheit wegen, ſchleunigſt nach Hauſe berief. Er reiſte mit dem daͤmmernden Morgen ab. Die Folgezeit druͤckte die Augen jener wuͤrdigen Matrone zu, und ihr beſter Schatz, ein frommes, weiſes Herz, das ihr in der Perſon der unvergleich⸗ lichen Geſellſchafterinn ſo treu beigeſtanden, kam wie der Segen des Gerechten, auf den dritten Erben. Ein m de Fa gewor nicht ten ar De ſelige ihn l ſitz ve unter die ſi der F jahrst men! nes( wonr funke mache Ir Herz geger Ezal voller Seel ng Gottes l nicht des dſchaftliche ert wuͤrde. gewagter helen, das llen allein en, faͤnden are ſtreckte nur in die en Blaͤtter 1I, iſt leer küͤhlen— fzer endete eiden viel⸗ Aufbruch. Strahl von Nacht kam und einer ach Hauſe Norgen ab. wuͤrdigen ftommes, nuerglich kam wie en Erben 189 Ein wunderbarer Zuſammenhang von Umſtaͤnden hatte die Faͤden verknuͤpft, die ein innig anhaͤngliches Band geworden. Die Herzen haben ſich gefunden und— nicht wahr Pauline? binden ſich noch enger und hal— ten aneinander fuͤr Zeit und Ewigkeit?« Der Juſtizcommiſſarius hielt die Geliebte eine lange ſelige Minute an ſeiner Bruſt. Pauline verſicherte ihn leiſe ihrer Liebe, ihres Gluͤckes. Er nahm Be— ſitz von ſeinem neuen Recht, und dieſe Verſicherung unter Siegel.»Und hier,« rief Weihland und kuͤßte die ſphaͤriſche Stirne der Braut, vom Monde und der Freude verklaͤrt:„bluͤht meinem Prinzen am Neu— jahrstage die goldene Lilie auf, die Blume der Blu— men! hier haͤngt der Thau, aus der Morgenroͤthe ſei⸗ nes Gluͤckes geboren—« ein paar Thraͤnen ſchlichen wonneſchwer an Paulinens Wange herab— und dieſe funkelnden Tropfen ſchoͤner als Perlen und Edelſteine, machen dieſen Croͤſus noch reicher.« In welchen uͤberſchwaͤnglichen Geſuͤhlen klopfte das Herz unſerer Platon! die Weisheit iſt ein Kindertraum gegen das Bewußtſeyn der Liebe. Pauline wollte ihre Ruͤhrung abzuleiten, von der Erzaͤhlung anheben, die noch in manchem Punkte zu vollenden waͤre.»Ach!« ſagte er aus beſchwingter Seele:»meine Geſchichte iſt aus, ſie flog uͤbers Haus—« 190 »Und das Ende lautet gleich dem Anfang: wie ein Maͤhrchen;« antworte Pauline. »Die Wahrheit liegt wie immer in der Mitte,« entgegnete der Juſtizcommiſſarius:»ein guter Erzaͤhler aber huͤtet ſich zu ausfuͤhrlich zu ſeyn, und laͤßt etwas zu errathen uͤbrig.« Die ernſte Pauline laͤchelte hier liebreizend und ſprach zaͤrtlich:»ſomit waͤre mir manche gute Lehre gegeben und ich beduͤrfte kein Mehreres uͤber die Feh⸗ ler, welche ich zu dulden oder zu vermeiden haͤtte?— Nun, ich werde mir alles gehoͤrig ad notam nehmen.« Weihland rief: vo meine Pauline Sie reden ſchon wie eine Juriſtenfrau— das entzuͤckt mich!« Darauf kuͤßte er ſie ſo lange und herzlich, daß die platoniſche Jungfrau erſeufzte, und in dieſem Ungeſtuͤm die maͤnnliche Gewaltſamkeit erkannte, welche kuͤnftig Macht uͤber ihre zarteſten Gefuͤhle uͤben werde. Aber hinge⸗ geben ihr Lebelang, den Launen und Leiden ihres Ge⸗ ſchlechts, war der Gedanke an die Superioritaͤt eines trefflichen Mannes, der Stolz ihrer Liebe. Franziska kam. Der Juſtizcommiſſarius ſtellte zu ihrer unausſprechlichen Freude ſeiner Schwaͤgerinn ein paar Verlobte vor, und beſtaͤtigte das Wort dieſer Offenbarung ſofort durch mitfolgende Zeichen. Mit welcher Innigkeit hing die braͤutliche Wittwe an dem ng: wie ein der Mitte,⸗ ter Erzaͤhler und laͤßt reizend und gute Lehre ber die Feh⸗ eermeiden gehörig ad reden ſchon 91« Darauf platoniſch ggeſtüm die uftig Nacht Aber hinge⸗ ihres Ge⸗ crität eines us felte i aͤgerinn iin Gort dieſer te. M we an dem 191 Halſe ihrer Freundinn und der verſchaͤmte Schmerz, der oft getheilte, und dankbare Wehmuth, die Weihe des Gluͤckes, floß in Freudenthraͤnen zuſammen!— Auch der biedere Schwager bekam ſeinen Antheil. »Du, mein alter Ludwig,« ſagte Franzisca, und klopfte mit ihrer weißen Hand ſeine baͤrtige Wange: biſt wie jener orientale Tartar⸗Chan, kluͤger als wir dachten und vernuͤnftiger als wir vermuthe⸗ ten.« Der Juſtizcommiſſarius verbeugte ſich tief, und Madame Weihland fuhr fort:„manchmal zweifelte ich doch an Dir, und jetzt zuletzt, ſeit Admont ſich gegen mich erklaͤrte, am meiſten. Du konnteſt fruͤher gluͤcklich ſeyn, Bruder.« »Von Dir, Fraͤnzchen,« entgegnete der Braͤuti⸗ gam: haͤtte ich dieſen Vorwurf am wenigſten erwartet. Wem kam mein Harren und Hoffen denn zu Gute? auch mußte Pauline mich zuvor beſſer kennen lernen als mein Freund mich ihr geſchildert.« Die Platon warf ihm einen Blick zu— er ſah in den blauen Himmel eines unbegraͤnzten Zutrauens und ſtiller Lo⸗ beserhebung. Die Gegenwart Franziscas, dieſer Dritten in ih⸗ rem Bunde, lenkte das Geſpraͤch nun mehr nach Außen. Der Juſtizcommiſſarius ſollte das Haus ſei⸗ nes Bruders uͤbernehmen und die Wittwe des Ban— quier nur ein Abſteige⸗Quartier darin behalten. 19²2 Das Comptoir wuͤrde zur Expedition benutzt werden, wo ein Weihland wiederum die Feder fuͤhrte im Dienſt der Gerechtigkeit, mit Fleiß und Ordnung gleich dem Vorigen. In der Bel⸗Etage aͤnderte ſich wenig alsdann; nur eine begluͤcktere Hausfrau als die ehemalige waͤre an ihrem Platze. Oben, wo Felice ſchnoͤde Ausfluͤchte geſucht, fuͤhrte kuͤnftig ein Beſſerer die entſchaͤdigte Franzisca ein, daß fuͤr den Aufenthalt der Wintermonate das Herz im Genuſſe der Freund⸗ ſchaft und an ihrer himmliſchen Flamme erwarme. Und wie ſelige Geiſter die Wohnung ihrer irrdiſchen Leiden nur beſuchen um mit unſterblichem Blick in die truͤben Tage der Vergangenheit zu ſchauen— kehrten ſie dann nach Gimle zuruͤck. Wie viel hatten die guten Seelen mit der neuen Einrichtung zu thun, ſo daß fuͤr die Geſchaͤftigkeit ihrer Hoffnungen der lange Abend kaum ausreichte! Pauline Platon, welche die Athene dieſes und jedes Verhaͤltniſſes darin ſie gelebt, geweſen war, dachte auch in Zukunft ſich des Oelzweigs nicht zu begeben, aber den Wetteifer in kuͤnſtlichen Arbeiten gab ſie auf; und freudig legte ſie das Amt der buͤrgerlichen Hofdame nieder, um, eine ſtille Kammerherrinn ihres Gebietenden bisher, die kleinen goldnen Knoͤpfchen zur Antichambre ſeines Herzens, in hoͤherer Befugniß als Schluͤſſeldame des Hauſes zu tragen. 3 und Filet Fruͤh ſterr Leber es b werd Syn kalte göttl Egoi ) Vor⸗ mir ton Frel mit wuͤrd laͤn Wei den ſtet wiſſ f utt werden, eim Dienſt gleich dem ſich wenig aauu als die wo Felice ein Beſſerer Aufenthalt der Freund⸗ he erwarme. er irrdiſchen m Blick in ſchauen— e viel hatten ng zu thun, fnungen de aton/ welche es darin ſi nft ſich de Wetteifer in dig legte ſe „,um, din tiehe, d mbre ſeines ſtidame de 193 Franzisca wandelte im Geiſte unter den Roſen und Ranunkeln von Gimle, und ſtrickte Gedanken— Filet fuͤr den Weinſtock ihrer Freuden, der jetzt im Fruͤhling ſeiner Anlage noch weinte.— Kein Un⸗ ſtern ſollte fuͤrder mit falſchem Licht ihr und Admonts Leben noch taͤuſchen, nur die Sonne der Zufriedenheit es beſtrahlen. Die ſchoͤne Landſchaft jener Gegend werde ſie die Stadt nicht vermiſſen laſſen, und der Syndicus einer andern koͤnne der Wortfuͤhrer ſeiner kalten Wuͤnſche bleiben bei Wem er wolle. Die Liebe, goͤttlich reich, tilge alle Schulden, und mache den Egoismus mit ſeiner kraͤnkenden kargen Haͤrte vergeſſen. »Nur Eins,« ſagte Franzisca am Schluſſe dieſer Vorſtellungen mit einem Vorausſeufzer:»Eines wird mir immer fehlen.«»Und das iſt?« fragte die Pla— ton mit jener Theilnahme, die jedem Beduͤrfniſſe der Freundinn ſo treu begegnet war. »Du, meine gute Pauline!« antwortete Jene mit einem Tone, der das Verdienſt der Genannten wuͤrdigte, und worin die dankbare Innigkeit eines laͤngeren Zuſammenlebens lag. »Dann laß uns mit dem Dichter denken,« ſprach Weihlands Braut zu Weihlands Wittwe, und Bei⸗ den wallte das Herz: ygar freundliche Geſellſchaft lei⸗ ſtet uns ein ferner Freund, wenn wir ihn gluͤcklich wiſſen.« Hanke Wittwen 2r Theil. 9 194 Seit jenem Zuſammenſeyn der Frau von Garde⸗ mer mit ihrem Freunde, wobei eine gegenſeitige Er⸗ oͤrterung Statt gefunden, war dieſes Verhaͤltniß dem Gefuͤhl nach ein beſtimmtes, doch ohne aͤußerlich dafuͤr zu gelten. Troja, mit der ſeligen Gewißheit, die Geliebte uͤberzeugt zu haben, fuͤhlte fein genug, Lu— zien ſich ſelbſt zu uͤberlaſſen: er trug den Schatz ſeines Gluͤckes im Herzen. Es war jedoch, als ob der Wittwe des Majors noch ein truͤber Schleier von Gram anhaͤnge und Clarburgs Tochter nur mit Furcht und Zittern daran denken koͤnne, dem Mann ihrer erſten, ihrer ewigen Liebe anzugehoͤren. Die ſcheuen Empfindungen vergangener Zeit ſcheuchten ihr die Hoffnung hinweg, daß ſie es ohne Verſuͤndigung duͤrfe, und der Schatten ihres Vaters, mit draͤuender Geberde wie damals gegen den ſchuldloſen Rudolph gewendet, draͤngte ſich zwiſchen ſie und ihn. Das ſeltſame Zuſammentreffen Claudinens von Unſtern mit ihrem geſchiedenen Gemahl, im Hauſe ſeiner nunmehrigen Verlobten, war der Punkt gewe⸗ ſen, von wo aus ſich die Beziehung des Capitains zu dem Fraͤulein erklaͤrte, und ſo, daß Luzie ſeiner Seits zufrieden geſtellt ward. Man hatte Claudinen ohne Bewußtſeyn in Admonts Armen gefunden, und zu nicht geringer Verwunderung erfahren, wie nahe Beide ſich angingen. Manches Raͤthſel wurde bei von Garde⸗ nſeitige Er⸗ aͤltniß dem erlich dafür ißheit, die enug, Lu⸗ ſchatz ſeines als ob der chleier von mit Furcht Nann ihrer die ſcheuen n ihr die ründigum draͤuender n Rudolph 1 jnens von im Hauſe unkt gewe⸗ Capitains uzie ſeinen Claudinen nden, und wie nahe wurde bei 195 dieſer Gelegenheit geloͤſt, von verſchiedenem Intereſſe fuͤr die Betheiligten. Madame Weihland zeigte ſich um ſo eher geneigt, ihrer Vorgaͤngerinn in der Wahl des Herrn von Blandovsky alle moͤgliche Huͤlfleiſtung zu gewaͤh— ren und Claudinens Vergehen, in was es auch beſte⸗ hen mogte— mit Nachſicht zu beurtheilen, als ſie im Vortheil der Gegenwart war. Der Ohnmaͤchtige hat uͤberdies fuͤr ein zartes Gemuͤth etwas todtenhei⸗ liges, und der Schauer, den ein entflohenes Leben nachlaͤßt, ſelbſt wenn es wiederkehrt— ſchwebte lange um dieſe bleiche, ſchoͤne Geſtalt. Nur das Mitleid, kein ſittenrichterlicher Tadel, gab der aͤngſtlichen Sorg⸗ falt der Frauen eine Stimme, laut genug, ſo lange als Claudine nicht erwachte, und auch leiſe noch, da die Aermſte eine geraume Zeit hindurch leidend blieb. Das Haus der Wittwe des Banquier bot unter den obwaltenden Umſtaͤnden keinen ſchicklichen Aufenthalt fuͤr das Fraͤulein, und ſobald Claudine nur eines Erkennens ihrer ſelbſt und der durch ſie verurſachten Stoͤrung faͤhig war, wuͤnſchte ſie entfernt zu ſeyn. Man ſendete zunaͤchſt in die hochzeitliche Verſammlung hinuͤber, entſchuldigte das Ausbleiben des Fraͤuleins bei den Verwandten deſſelben beſtens, und leitete ſpaͤter die ſchwachen Schritte der Erkrankten, welche ſich Aufſehen zu vermeiden uͤber Macht anſtrengte, nach der Wohnung der Frau von Gardemer. Luzie uͤber⸗ 9* 196 nahm mit der zaͤrteſten Theilnahme ihre Pflege, und bei der Stille dieſer Hospitalitaͤt, und der Discretion, welche von Seiten der Weihlands uͤber dieſen Vorfall beobachtet wurde, blieb er im Dunkel und es ward nur wenig davon geſprochen. In ihrem Wohnzimmer mit Admont allein, em— pfing nun Franzisca jede genuͤgende Erklaͤrung von ihm, ſowohl in Bezug auf das Sonſt, als auf das Jetzt. Die Liebe ließ ihren glaͤnzenden Strahl in die aufgeregte Seele der braͤutlichen Wittwe fallen, ſo daß ſie bei dem Blicke dieſer Offenbarung das Ende des Knaͤuels, der in Wahrheit auf einen Unſtern ge— wickelt war, ſchon abſah, als Admont die Faͤden der Geſchichte zu loͤſen begann. Pauline Platon befand ſich untexrdeſſen mit dem Juſtizcommiſſarius, der auch ein hinzugekommener Zeuge jener verſtoͤrenden Scene geweſen war, noch in dem Gemach, dem Schauplatze derſelben. Mit Gefuͤhlen die noch in Staunen befangen waren, raffte ſie den Muſchelhut vom Boden auf, und betaſtete ihn mit leiſe zitternden Haͤnden: denn die Erſchuͤtte— rung des Schreckens und der Angſt wirkte noch fort. In dem Cloſet lag alles durcheinander, der Geruch ſtarker Eſſenzen, der an Schwaͤche wie an Schmerz erinnert, erfuͤllte es ganz, und dieſe krankhafte At⸗ moſphaͤre umhuͤllte den klaren Sinn der guten Platon wie: Mdͤo ſtabe tigen bald ihren zweck Seele der Stab ohnfe Frage T richt Scha doch an di verurt Pflege, und Discretion, iſen Vorfall und es ward allein, em⸗ kaͤrung von als auf das ttrahl in die fallen, ſo g das Ende Unſtern ge⸗ Faden der ſen mit dem gekommener noch Mit war, elben. varen, raffte und betaſtete ie Erſchütte⸗ te noch fort der Geruch an Schmerz ankhafte At⸗ zuten Paͤton 197 wie mit dem Nebelduft trauriger Geheimniſſe. Das Maͤdchen der Madame Weihland lief mit dem Pilger⸗ ſtabe in der Hand hin und her mit all dem geſchaͤf— tigen Laͤrm, den Leute dieſer Claſſe ſich erlauben, ſo— bald ein Wirrwarr die Ordnung der Gewohnheit aus ihren Fugen hebt. Dem Juſtizcommiſſarius war dieſer zweckloſe Umtrieb ſtoͤrend, mit der Freundinn ſeiner Seele uͤber jenen Vorgang zu ſprechen. Er ſagte zu der Pilgerinn im Spencer:„wenn Du mit dieſem Stabe gleich ausgegangen waͤreſt: ſo muͤßteſt Du ohnfehlbar nicht mehr weit von Palaͤſtina ſeyn.— Sage, was ſuchſt Du denn eigentlich?« Im Nu hatte das Maͤdchen den Grund dieſer Frage gefunden: es entfernte ſich. Wie rhadamantiſch auch unſer Geſchlecht zu Ge richt ſitzt, wo eine abgeſchiedene Suͤnde unter den Schatten der Schoͤnheit vor ihm erſcheint: ſo hatte doch Claudine— von dem dunkeln Genius jener Stunde an die Grenze des Lebens und unter den Einfluß verurtheilender Strenge gefuͤhrt— eine groͤßere Scho⸗ nung als zu hoffen ſtand, gefunden. Ein ungluͤcklich weibliches Weſen wird ſich gewiß der aufrichtigſten Theilnahme ſeiner Mitſchweſtern zu erfreuen haben in dem Grade, als ſein Leiden kein ſelbſtiſches In tereſſe derſelben in Anſpruch nimmt. Denn wir Frauen ſind wohl gut; aber niemals geneigt, unſere wichtig— 198 ſten Guͤter zu theilen, als worunter wir anerken— nender Weiſe die lieben Maͤnner verſtehen, es moͤgen nun Liebhaber oder Freunde, Bruͤder oder Ehegatten ſeyn. Aus jenem Grunde nun, und aus einem edlern noch— denn Franzisca hatte der Tochter des Land⸗ ſchafts⸗Direktors wohlgethan— war ihr Antheil an dem Schickſal der armen Claudine innig und eVhrlich gemeint; und je mehr die Braut Herrn Admonts von Gimmle durchdrungen war von dem Werth ihres Verlobten und beſeelt von dem Vertrauen, an ſeiner Seite das bisher verfehlte Gluͤck des Lebens zu finden, deſto mitleidswuͤrdiger mußte ihr Claudine erſcheinen. Ein kleiner Stolz auf den Beſitz ſeiner liebenden Achtung, ein geſicherter Standpunkt, gab den Bewei⸗ ſen ihrer Zuneigung fuͤr das Fraͤulein etwas Herab⸗ laſſendes, und Claudine, in mehr als einer Hinſicht die Schuldnerinn der Wittwe, war wohl zu gebeugt, um das nicht in den Tiefen einer wunden, ſtolzen Seele zu empfinden. Pauline hingegen war auch bei dieſem trauri⸗ gen Vorfalle ganz ſie ſelbſt und mild wie immer. Wir wollen jedoch den verdienſtlichen Gleichmuth un⸗ ſerer Lieblinginn nicht uͤberſchaͤtzen, und erwaͤgen da⸗ her, daß die gaͤnzliche Neutralitaͤt des Freundes und eine ſanfte Gemuͤthsart es ihr wahrſcheinlich leicht machten, ſich mit unbedingter Guͤte und jener ſtilll wir anerken⸗ n, es moͤgen er Ehegatten einem edlern er des Land⸗ ar Antheil an und ehrlich orn Admonts Werth ihres en, an ſeiner ns zu finden, ne erſcheinen. ner liebenden b den Bewei⸗ twas Herab⸗ iner Hinſccht al zu gebeugt, nden, ſtolzen ieſem traure⸗ wie immer leichmuth un⸗ erwaͤgen de reundes u heinlich lic nd jenet ſti 199 helfenden Drangſeligkeit einer ſamaritiſchen Geſinnung, die nicht fragt noch forſcht, nicht waͤgt noch weilt, des Fraͤuleins anzunehmen. Sie hob die arme Gefallene auf, legte ſie an ihre weiche Bruſt, und als der ſchoͤne Kopf, die Buͤſte einer Leiche, leblos mit ſtum⸗ men Mienen daran ruhete, blutete ihr gefuͤhlvolles Herz. Sie rieb das kalte Geaͤder der Schlaͤfe mit geiſtigem Waſſer, ſchlug Eſſig um die ſtehenden Pulſe, ließ die ſchmalen Fußſohlen mit ſcharfen Buͤrſten rei— ben, und loͤſete mit keuſchen Haͤnden die Baͤnder des Buſens. Auch Admont, zu ſeiner Ehre ſey es geſagt! war thaͤtig bemuͤht, ein Leben wiederum zu wecken, wel⸗ ches das ſeine vergiftet hatte; doch als ſie die Augen oͤffnete, entzog er ſich tiefathmend ihrem Blick, und uͤberließ ſie der Sorge Anderer. Ein kraͤnklicher Zuſtand, die Folge eines heftig erſchuͤtterten und langſam unterwuͤhlten Gemuͤths, war auf dieſe Ohnmacht gefolgt. Die Veranlaſſung dazu konnte der Frau von Gardemer unmoͤglich ver— borgen bleiben, und großmuͤthig, wie Claudine zu fuͤhlen faͤhig war, vergalt ſie ihrer Gaſtfreundinn mit offnem hingebendem Vertrauen, worin nur ein ein⸗ ziger Vorenthalt lag.— Auch Luzie, wenn gleich ſehr bewegt von der Erzaͤhlung, welche jetzt mit tau— ſend Thraͤnen in ihre Seele uͤberfloß, fuͤhlte ſich von 200 der Befuͤrchtung befreit, Troja haͤtte Claudinen jemals geliebt. Sie verſuchte zu troͤſten, ließ jedoch den gluͤhen— den Ausbruͤchen eines Schmerzes, der aus innern Flammen quoll, freien Lauf, und fand nur unbegreif⸗ lich, wie Claudine nicht nach dem letzten Schickſale Eugens von Elban forſchen moͤge, um ſich Gewißheit daruͤber zu verſchaffen. »Ich konnte nicht—« verſicherte Claudine mit dem Ausdrucke der Unmoͤglichkeit: ves war mein ein⸗ ziger Troſt, daran ich mich hielt, der ſchwache Halt meines Herzens. Den Augenblick haͤtte ich nicht er⸗ tragen, der Eugens Todtenſchein geweſen waͤre; glau⸗ ben Sie mir das, Frau von Gardemer!« Luzie ſchwieg ſinnend. Sie nahm ſich vor, den Capitain ins Geheim darum zu befragen. Ob auch Troja der Mann war, der das Geheimniß eines Freundes zu bewahren wußte: ſo widerſtand er doch der bekuͤmmerten Innigkeit nicht, womit Luzie ihn bat, ihr Aufſchluß uͤber das Verſchwinden des jungen Elban zu geben, als uͤber etwas, wovon die Ruhe eines zerruͤtteten Gemuͤths, wenn nicht gar Claudi— nens Leben— abhange. Er durfte zudem der Be⸗ hutſamkeit ſeiner Freundinn vertrauen, und er that es mit der Zuverſicht eines Liebenden, wie in der bereitwilligen Eile Eines, der ſich mit Fug und Recht ſein El dinen jemals den gluͤhen⸗ aus innern ir unbegreif⸗ n Schickſale ch Gewißheit laudine mit ar mein ein⸗ hwache Halt ich nicht er⸗ waͤre; glau⸗ h vot, den n. Ob auch zimniß eines unnd er doc it Luzie ihn des jungen on die Ruhe gar Claudi⸗ dem der Be⸗ und er that wie in der g und pich 201 von einem ihm anklebenden Verdacht reinigen und zugleich zeigen kann, daß auf dem blanken Stahl ſeiner Ehre auch alte Liebe nicht geroſtet ſey.— Ein Auszug aus Folgendem genuͤgte der Frau von Gardemer fuͤr ihren Wunſch, die ungluͤckliche Clau⸗ dine einigermaßen beruhigen zu koͤnnen.— Die directe Nachricht von der anſcheinenden Un⸗ treue Claudinens— Eugen hatte fruͤheren Geruͤchten von der Verbindung des Fraͤuleins mit Herrn von Blandovsky keinen Glauben beigemeſſen— brachte ihn ſo voͤllig außer ſich, daß er einen finſtern Gedan— ken faßte; der Tod war ihm lieber als die aufreibende Qmual der Vorſtellung, Claudinen als das Eigentzum eines andern Mannes zu denken.— In dieſer Stimmung war jener Brief geſchrieben worden, den Claudine an ihrem Hochzeittage erhielt Doch die Freundſchaft trat zwiſchen jenen toͤdtlichen Vorſatz und deſſen Ausfuͤhrung. Das maͤnnliche Wort des biedern Troja war bemuͤht, den Freund uͤber dieſe ganz gewoͤhnliche Erfahrung zu erheben, und 3ls 95 ihm nicht gelang, und der ungluͤckliche Jung⸗ ling in einer Art von Geiſteszerruͤttung verblieb, zog der Erſtere den General, einen vaͤterlichen Gonner Eugens, zu Rath und Huͤlfe. Auch dieſer verſuchte ſein Heil umſonſt an dem Liebekranken; der Lieutenant Elban ſprach gegen ſeinen Chef nur den Wunſch aus, * 202 den Dienſt ſo bald als moͤglich zu quittiren. Darauf chic 1 der General erwiederte:»nicht gern, mein junger und Kamerad, verliere ich Sie vom Regiment; doch wuͤrde Er 1 ich es mehr noch bedauern, wenn Sie den Ruhm bei dand Ihren Kameraden verloͤren, dem Ungemach in jeg— Huß 1 V licher Geſtalt gewachſen zu ſeyn. Wechſeln Sie die tom V Farbe immerhin, wenn ein ſchoͤnes, theures Maͤdchen W W Ihnen untreu wird, dies iſt einem Neuling in dem hebe Laufe der Welt erlaubt; doch wollen Sie Ihre Ver⸗ das haͤltniſſe aufgeben ſo oft dieſe Erfahrung ſich wieder⸗ daß holt: ſo wird das Chamaͤleon wandellos gegen die ffl Formen Ihres Lebens ſeyn. Doch bin ich ſelbſt der Hal Meinung, Sie muͤſſen fort, Elban. Wir wollen fuͤr mor V den Abſchied ſorgen. Ovid, der alte Schulmeiſter in dur der Liebe, ſagt:»man lege Laͤnder und Maͤnner zwi⸗ ant ſcchen Liebende die ſich vergeſſen ſollen.« l am 1 Eugen nahm ein betraͤchtliches Capital zu einer vor großen Reiſe auf, und ſtellte die Verſchreibung auf die 1 das Gut ſeines Vaters aus, der den letzten Nachrich⸗ ſen * ten zufolge vielleicht ſchon todt war. Der wackere ' I Rechtsgelehrte, welcher dies Geſchaͤft vermittelte, aͤn ward mit geheimer Vollmacht von dem Sohne des ſo praͤſumtiven Erblaſſers verſehen, und fuͤr den Fall, he V I daß Eugen nich wiederkehre, als Executor Testa- vi 1 menti von ihm eingeſetzt. fur Der Leibhuſar, der ſich richtig zu ihm gefunden, ba n. Darauf nein junger doch wuͤrde Ruhm bei aach in jeg⸗ An Sie die es Maͤdchen ing in dem Ihre Ver⸗ ſich wieder⸗ gegen die h ſelbſt der wollen fuͤr ulmeiſter in danner zwi⸗ al zu einer ribung auf n Nachrich⸗ det wackere vermittelte, Sohne des rden Fal OT Tesla gefunden, 203 ſchickte ſich an, ihn zu begleiten, wohin es auch waͤre, und dieſe rohe Treue ruͤhrte den jungen Elban doch. Er hielt die an ſeinem Nebenbuhler begangene Un⸗ dankbarkeit zwar nicht fuͤr recht; doch ſie dem alten Huß zu Gute. Eiferſucht und Selbſtliebe ſind niemals competente Richter uͤber eine zweideutige Handlung. Der Haß gegen ſeine Stiefmutter, die er die Ur— heberinn ſeines Ungluͤcks nannte, war ſo maͤchtig, um das beſſere Gefuͤhl der Sehnſucht zu unterdruͤcken, daß ſein Vater ihn noch einmal ſaͤhe und ſegne. Ich fuͤhle, ich koͤnnte nicht fuͤr mich ſtehen, wenn ich nach Halde kaͤme. Ein wilder Trieb, dieſes Weib zu er— morden, das Schuld an all dem Elend iſt, zuckt durch mein Herz. So iſt es beſſer, der Vater entſchlafe in Frieden, wie er ſchwaͤchlich gelebt, und aus Liebe zur Ruhe ſein einziges Kind fern gehalten von ſeinem Angeſicht.« Und als der junge Elban dieſe Worte zu ſeinem greiſen Vertrauten ſprach, war ſein Vater ſchon geſtorben. In dem Zeitpunkt dieſer Ereigniſſe, der etwa einige Monden umſchrieb, war der kraͤftige Juͤngling ſo verfallen, daß Troja in der ſchmerzlichen Ueber⸗ zeugung Abſchied von ihm nahm, er ſaͤhe ihn nicht wieder. Die Stunde der Trennung erweichte das in furchtbarer Kaͤlte verkraͤmpfte Gemuͤth Eugens. Er bat ſeinen Freund, dem Vater ſeinen letzten Gruß zu 204 bringen und Claudine nicht zu verlaſſen, im Falle mit dieſe ungluͤcklich wuͤrde, was ihm in ahnungsvollem Bei Gefuͤhl fuͤr die Gerechtigkeit hoͤherer Maͤchte, unaus- der bleiblich ſchien. Troja hatte es ihm zuſchwoͤren muͤſ⸗ aber ſen. Ich war ihr Schuͤtzer von Kindheit an, und Cla haͤtte dieſe Pflicht mit tauſend Leben bezahlt— doch gut ſie hat ſich in eines Andern Arm geworfen, um viel— lobe leicht bald genug o Gott im Himmell allein zu ſtehen mer und verlaſſen.« In dieſen Worten druͤckte Eugen die da Vollſumme ſeiner Geſinnung fuͤr dieſe Ungetreue und tra ſeinen Schmerz aus. Nach drei Jahren— und dieſer das Blick in die Zukunft geſchah mit einem ſchwermuͤthi— dur gen Laͤcheln— wollte er wiederkehren, wenn anders ch jenes Band, das Claudine um es zu loͤſen nur ſtraf, iin fer angezogen, ihn nicht erwuͤrgt haͤtte; doch werde das 6 ihm Halde nimmermehr ein Ort der Heimath ſeyn, lic ſo lange die ſchnoͤde Gegenwart der Frau von Elban Un V V dort zu fuͤrchten ſtehe. Lieber wohne er bei den Tod⸗ Zu ten in der Gruft ſeiner Vaͤter— und nach dieſer get . leidenſchaftlichen Verſicherung, hatte er nur noch ein abe 5 b 6 dumpfes Lebewohl fuͤr ſeinen Freund. Gr Frau von Gardemer zoͤgerte nicht, aus dieſer Re⸗ der lation eine gute Doſis ſchmerzſtillender Quinteſſenz ich V fuͤr ihre Schutzbefohlene zu entnehmen, und mit ver⸗ ter b ſuͤßender Hoffnung zu miſchen; zu ihrem Verwundern hän verſagte jedoch die erwartete Wirkung. Claudine hoͤrte ach 1 l „im Falle dungsvollem te, unaus⸗ woͤren müͤſ⸗ an, und hlt— doch , um viel⸗ in zu ſtehen Eugen die getreue und jund dieſer hwermuͤthi⸗ enn anders nur ſtraf⸗ doch werde math ſeyn, von Elban i den Tod⸗ nach dieſet r noch ein dieſer Re⸗ Quinteſſend id mit ver⸗ erwundern dine hurte 205 mit melancholiſcher Gelaſſenheit den freundſchaftlichen Bericht uͤber geſchehene Dinge, als faͤnde ſie es in der Ordnung, daß man das Beſte davon rede. Als aber Luzie in ihrem liebevollen Troſteifer aͤußerte: Claudine duͤrfte ſich hienach entſuͤndigt fuͤhlen und gutes Muthes ſeyn, weil ja Eugen gewißlich noch lebe, da man keine Nachricht ſeines Todes vernom⸗ men— und ſie werde einſt noch gluͤcklich ſeyn—: da ſchuͤttelte das Fraͤulein den Kopf und ſagte mit trauriger Stimme: ynein, theure guͤtige Freundinn! das hoffe ich nicht, und es iſt beſſer ich verzichte durchaus. Admont iſt mir zwar nun verſoͤhnt und ich denke, aufrichtig—es war mein heißeſter Wunſch! ein verguͤtender Erſatz fuͤr ein armes zerruͤttetes Geſchoͤpf, das ihn nie begluͤcken koͤnnen, wird ihm in der herr⸗ lichen Frau zu Theil, die Gott auf dem Wege des Ungluͤcks ihm zugefuͤhrt; ich weiß ferner, daß die Zuverſicht ohne welche ich verzweifelt waͤre, mich nicht getaͤuſcht, daß Eugen kein Selbſtmoͤrder geworden—: aber ich kann mich doch nicht freuen. Eine Laſt von Gram liegt noch auf meiner Bruſt und bindet mir den Athem in Seufzern. Ich habe Zeit gehabt, ernſt⸗ lich uͤber mich nachzudenken; doch kann ich den Un⸗ terſchied zwiſchen meiner Schuld und meinem Ver⸗ haͤngniß nicht ausfinden: ein Gefuͤhl von Selbſtver⸗ achtung druͤckt mich in der Maſſe meiner Leiden. Ich 206 bin vorwurfsfrei wo man mich verdammt, und was die Welt fuͤr mein Ungluͤck haͤlt, das empfinde ich als mein Verbrechen.— Admont dachte, ich haͤtte ihn betrogen und doch wollte ich ihn ihn nicht be⸗ truͤgen— die Wahrheit war es, was uns ſchied, ihn elend machte und mir nur den ſchwachen Troſt ge⸗ waͤhrt, ſie, ob auch zu ſpaͤt, bekannt zu haben. Und dieſes Bekenntniß, Gott weiß es! war nicht leicht. So hielt Eugen mich fuͤr ungetreu, waͤhrend ſich Sinn und Seele in mir ſtraͤubte die Gattinn des Mannes zu ſeyn, den er im Beſitz meiner Liebe waͤhnte. Ein Warner im Buſen ließ mich Zuflucht ſuchen im Heiligthume der Ehe vor der tollkuͤhnen Leidenſchaft eines liebetrunkenen Juͤnglings, ich ſelbſt mußte ſein Goͤtzenbild zertruͤmmern: mich!« Claudine hielt bei dieſen Worten inne, ein Ausdruck ſchmerz⸗ lichen Bewußtſeyns zeigte ſich in ihren blaſſen Zuͤgen und Luziens Blick verweilte betruͤbt auf ihr. Doch ſchwieg Frau von Gardemer und das Fraͤulein wie abſtrahirend, fuhr nach einer kleinen ſchweren Pauſe fort:»Ein unſeliges Geſchick waltete ſchon um meine Wiege, eine Mutter hatte ich nie— und in der Hoͤlle lernt man nicht lieben. Den heiligſten Namen in der Natur durfte ich nicht nennen im Hauſe mei⸗ nes Vaters. O! haͤtte ich eine Mutter gehabt, die meine zarte Jugend behuͤtete!— Wohl Denen, die dieſes Gral deme heilig dort und ande Ich hofe verle hatte mit ſal meir die ſchu mag und Dar ergo Gef nen, dch in? dem „und was npfinde ich ich haͤtte en nicht be⸗ ſchied, ihn Troſt ge⸗ aben. Und nich leicht. aͤhrend ſich Zattinn des einer Liebe ich Zuflucht tollkuhnen „ ich ſebſt 1« Claudine uck ſchmerz⸗ aſſen Züͤgen ihr. Doch zulein wie veren Pauſe rum meine 207 dieſes Segens genießen, waͤre es auch vom tiefen Grabe aus! das Grab einer Mutter Frau von Gar⸗ demer, iſt, ob auch ein kleiner Huͤgel nur, doch ein heiliger Berg fuͤr die Wallfahrt eines Kindes, es ſteht dort dem Himmel naͤher, bringt fromme Geluͤbde dar und erreicht knieend eine ſittliche Stufe nach der andern. Die mich geboren, hatte mich ausgeſetzt. Ich beneidete fruͤhzeitig Waiſen, die auf dem Kirch⸗ hofe weinten; meine Thraͤnen floſſen ſchamhaft in verlaſſener Stille um die Verirrung der Mutter. Ich hatte Niemand der meine junge Seele wahrte, ihrer mit verſuͤndigendem Groll zu gedenken. Das Schick⸗ ſal hatte ſich dieſe Lehre vorbehalten.— So reifte mein jungfraͤulicher Stolz an einer Empoͤrung gegen die natuͤrlichſten Gefuͤhle. Ich verachtete die Liebe, ſchuf mir ein Traumbild von Gluͤck außerhalb ihrem magiſchen Kreiſe, und fuͤhlte mich jeder Verſuchung und jedem Manne uͤberlegen— Jedem!« Der zitternde Accent dieſes Wortes durchbrach den Damm von Claudinens Faſſung, eine Thraͤnenfluth ergoß ſich, und hemmte ihre Stimme. Ein weibliches Gefuͤhl ſagte Luzien wann und in Wem? Claudi⸗ nens getroffenes Herz ſeine Ausnahme gefunden—; doch hielt ſie es fuͤr gut, dieſen ſtroͤmenden Schmerz in Ruhe abzuleiten. Und ſo ſprach Frau von Gar⸗ demer:„das Streben nach Selbſtſtaͤndigkeit, liebe 208 unſtern, iſt fuͤr unſer Geſchlecht wohl immer mit Ge⸗ fahr verknuͤpft. Wir ſollten nun einmal abhaͤngig ſeyn; in unſerer Schwaͤche liegt auch unſer Schutz und die Liebe iſt des Weibes Leben.« Ein verſtorbener Blick aus Claudinens naſſen Au⸗ gen ging ihrer Antwort vorher. Sie trocknete das betropfte Geſicht, ballte das feine feuchte Tuͤchlein in der weißen Hand, laͤchelte mit zerdruͤckter Seele und ſprach:»ich aber wollte nur frei ſeyn— weiter nichts, und dieſer losſagende Wunſch war mein Verderben.« »Auch Engel ſind in ſolchem Aufſchwunge gefal— len—« entgegnete die Wittwe des Majors ſanften Ernſtes:»doch auf dem Thron der Ewigkeit herrſcht nur die Liebe allein. Sollte denn der Herr des Him— mels nicht Geduld mit menſchlicher Schwachheit, mit einem armen Maͤdchen haben, das ohne muͤtterlichen Schutzgeiſt war? erheben Sie Sich zu Ihm, gute Claudine! dann neigt er ſich nieder.— Wir Alle ruhen ja am Herzen Gottes.« Claudine vermogte lange nicht zu ſprechen. Luzie fuhr in leiſer Ruͤhrung fort:»der Menſch, uͤberall ein Geſchoͤpf der Gnade, iſt ſo beduͤrftig, daß ihm ſelbſt verziehen werde als durch hoͤhere Kraft faͤhig, Andern zu verzeihen und ein gutes Herz vergißt des Boͤſen gern. Das Gefuͤhl der Verſoͤhnung iſt ein goͤttliches Geheimniß: es erloͤſt!« 8 det Dan Adm ſtte meir imm er mit Ge⸗ l abhaͤngig nſer Schutz naſſen Au⸗ ocknete das Tuͤchlein in Seele und zeiter nichts, Verderben. unge gefal⸗ ors ſanften tit herrſcht t des Him⸗ achhet, mi muͤtterlichen Ihm, gute Alle ruhen 209 Beide ſchwiegen eine volle Minute der Weihe, in der Frau von Gardemer ihren Schuldigern vergab. Dann ſagte Claudine: yich empfinde es. Seit ich Admont wiedergeſehen und fruͤher noch— ſie ſtockte— iſt es anders mit mir geworden. Die Welt liegt meinen Wuͤnſchen fern— weh mir! daß ich nicht immer ſo dachte. Noͤgen die Gluͤcklichen ſich ſonnen — mich blendet nichts mehr, und ich ſehne mich nur einſam zu ſeyn. So kann ich auch Ihre Guͤte edle Fraul fuͤrder nicht belaͤſtigen; ich hoffe jedoch, es wird ſich ein Ausweg fuͤr mich finden laſſen. Auf meinen Vater darf ich nicht rechnen, er fragt wenig nach mir; ich zuͤrne ihm aber nicht: denn ſeine labyrinthiſche Lage macht ihn befangen. Dagegen denke ich um ſo oͤfterer an meine Mutter und mit Wehmuth. Ach! faͤnde ich ſie, eine Bettlerinn, in huͤlfloſer Geſtalt, ja ſelbſt in Schmach: ich wollte an ihre Bruſt fallen und ſagen: hier, meine Mutter, iſt Deine Tochter, das Kind des Unſterns— erkenne mich! ol daß ich von Neuem geboren wuͤrde, um wieder Freude am Leben zu lernen!« Nach dieſer Unterredung, welche Claudine ſo ſicht— lich bewegt hatte, daß Frau von Gardemer es fuͤr raͤthlich fand, ein Geſpraͤch ſolcher Art zu vermeiden, um dieſes reizbaren Gemuͤths zu ſchonen, waren einige Tage vergangen, als Luzie einen Brief von ihrer 210 Schweſter, der Geheimeraͤthinn Lerſe erhielt. Das Schreiben war guter Nachricht voll und erheiſchte baldige Antwort. Es hatte ſich naͤmlich in Kurzem Mehreres ereignet, was fuͤr die endliche Ermittelung jener ſtreitbaren Erb-Angelegenheiten der Toͤchter des Rath Clarburg zu benutzen war, und die nahe Aus— ſicht eroͤffnete, das vaͤterliche Gut von jedem fremden Anſpruche befreien zu koͤnnen. Die Geheimeraͤthinn mußte deshalb die Willens-Meynung ihrer Schwe⸗ ſter einziehen und Frau von Gardemer ſchrieb mit erfreuetem Herzen bis tief in die Nacht hinein. Sie ſchlief daher am andern Morgen laͤnger als gewoͤhn⸗ lich, da Luzie ſonſt fruͤh auf zu ſeyn pflegte. Cor— delia ſtand an dem Lager ihrer Dame, welche vor dem Glanze der winterlichen Morgenſonne die Schat⸗ ten zines lieben Traumes, ungern wie es ſchien, zer— fließen ſah. Sie war in Kloſtergarten geweſen. Des Vaters Stube zu ebener Erde, in alter Heimathlich⸗ keit vor die traͤumende Seele geruͤckt, zeigte die ver— brauchten Moͤbeln und jedes Geraͤth an gewohnter Stelle. Er ſelbſt im bequemen Schlafrock mit ver⸗ bleichtem Gebluͤme, den er ſich durch keine Neuerungs— ſucht ſeiner Frau und Toͤchter abdisputiren ließ, ſtand vor dem Wandſchranke, darin er ſeine Schaͤtze verwahrte und woraus einſt der uns bewußte Nachtfalter ver⸗ ſchwand. Es daͤuchte Luzien, er ſuche noch immer, hielt. Das d erheiſchte in Kurzem Ermittelung Toͤchter des nahe Aus⸗ dem fremden heimeraͤthinn zrer Schwe⸗ ſchrieb mit inein. Sie ls gewoͤhn⸗ legte. Cor⸗ welche vor die Schat⸗ ſchien, zer⸗ weſen. De heimathlih⸗ gte die ver gewohnter ok mit ver⸗ Neuerungè⸗ rließ/ ſand e vetwahrke ütfalter ver ſch imme, 211 oder raͤume auf. Doch nun auf einmal wendete er ſich mit frohbeſtuͤrzter Geberde, als haͤtte er ein Kleinod gefunden, zu ſeiner Tochter, und zeigte ihr Perlenſchnuͤre in der aufgehobenen Hand. Seine Miene glaͤnzte— doch die Beruͤhrung der Zofe ver— ſchuͤttete dieſen Silberblick einer pſychiſchen Tiefe im Nu. »Warum weckſt Du mich, Cordelia?« fragte Frau von Gardemer vorwurfsvoll: yich traͤumte ſo ſchoͤn! doch Perlen bedeuten wohl nichts Gutes?« »Man ſagt: Perlen bedeuten Thraͤnen—« ant— wortete die Jungfer unwiſſend in beruͤhmten Worten: vauch wuͤrde ich mich nicht unterſtanden haben den Schlaf der gnaͤdigen Frau zu ſtoͤren, wenn—« Frau von Gardemer ſah fragend auf und bemerkte eine gewiſſe Truͤbſeligkeit in dem Geſichte des Maͤd— chens. Sie fuhr erſchrocken empor und ſprach:»es iſt etwas vorgefallen, ſprich, Cordelia!« Die Jungfer verſetzte raſch und beruhigend:»nein, nein! nichts Wichtiges. Moſchels Perle iſt ſchon zweimal hier geweſen, ihre Mutter liegt nur im Sterben, und ſehnt ſich, die gnaͤdige Frau noch ein— mal zu ſehen vor ihrem Verſcheiden.« War nun auch der Tod dieſer Juͤdinn als eine Wohlthat zu betrach⸗ ten: ſo erſchuͤtterte die Nachricht der Zofe Luzien doch. Sie nahm Theil an der kleinen israelitiſchen Familie 212 und Jahre der Gewohnheit, das Gefuͤhl der Naͤhe, ein ahnungsvolles Intereſſe und endlich die Innigkeit der liebenswuͤrdigen Perle, hatten das Band menſchen⸗ freundlichen Mitleids fuͤr dieſe Hausgenoſſenſchaft an ihr Herz geknuͤpft. »Die armen Kinder!« ſagte Frau von Gardemer bedauernd, und kleidete ſich mit Cordeliens Huͤlfe ei— ligſt an:»iſt Ephraim ſchon anweſend?« »Seit dieſer Nacht,« entgegnete die Jungfer:»ich hoͤrte ihn kommen. Das war ein Wimmern und Wehklagen! ich konnte es deutlich in meinem Stuͤb⸗ chen vernehmen. Darauf ward es ganz ſtille; der Jude betete mit großer Inbruͤnſtigkeit laut und lange, Perle weinte und unterbrach ihren Vater zuweilen mit einem ſchluchzenden Woͤrtchen. Die gnaͤdige Frau moͤgen es glauben, es ging mir durch die Seele; man iſt doch gleichſam auch ein Menſch.« Die Majorinn ſaͤumte keinen Augenblick den ver— langten Troſt ihrer Gegenwart zu gewaͤhren. Sie ſchluͤpfte auf Socken hinuͤber nach Ephraims Woh⸗ nung. Ein Schauer beſtrich ihre Nerven, da ſie die Thuͤre oͤffnete, uͤber deren Schwelle vielleicht ſchon der Tod geſchritten war: denn drinnen regte ſich nichts. Sie trat ohne Geraͤuſch ein. Die Juͤdinn ſchlief, Perle ſaß mit brennenden Augen und dem Incarnat kindlicher Angſt auf den Wangen, achtſam an ihrer 2 eite, 2 G Stellun Fenſter den verwon Das und e Lager uͤber D das d in der ſchloß von( mit e ſchlu ſchien nicht die ſonſt der Naͤhe, ie Innigkeit i menſchen⸗ ſenſchaft an Gardemer s Huͤlfe ei⸗ ungfer: vich umern und nem Stuͤb⸗ ſtile; der und lange, er zuweilen naͤdige Frau die Seele; ick den vel⸗ hren. Sie 213 Seite, die kleineren Kinder hielten ſich in geduckter Stellung fern und ſtill. Ephraim ſtand an dem erſten Fenſter und ſtarrte mit bekuͤmmerten Blicken in den oͤden Nußbaum hinaus, das gefurchte Geſicht, der verworrene Bart trug die Spuren der Nachtwache. Das andere Fenſter war verhangen doch unzulaͤnglich, und ein Strahl der Morgenſonne fiel ſchraͤg auf das Lager der Sterbenden und verbreitete aͤtheriſches Licht uͤber ihre letzten dunkeln Augenblicke auf Erden. Die Athemzuͤge der Kranken ſaͤuſelten ſchwer durch das lange Schweigen der Ihrigen. Ein Engel haͤtte in dem Raume, der ſolch ſtummen Jammer in ſich ſchloß, nicht anders begruͤßt werden koͤnnen als Frau von Gardemer. Moſchel kuͤßte bis zur Erde gebeugt, mit einem Klagegemurmel der Lippen die an Thraͤnen ſchluckten und rafften, den Saum ihres Kleides; er ſchien Luzien in den wenigen Wochen daß ſie ihn nicht geſehen, um ein Jahrzehend gealtert zu ſeyn. Die Kinder laͤchelten auf bei der Erſcheinung der ho— hen Dame, der Gedanke des Todes, den ſie gefuͤrch— tet, verdraͤngte der Anblick der Schoͤnheit, und die Noth, von der ſie keinen vollſtaͤndigen Begriff gehabt, war ihnen voruͤber. Perle empfing ihr Idol mit ei⸗ nem traurig⸗frohen:»Ach!«»Gnaͤdige Frau,W fluͤſterte die Kleine mit einem groͤßeren Muthe als worin ſie ſonſt ein Wort an ihre verehrte Beſchuͤtzerinn wagte: 214 „wie guͤtig ſind Sie doch! nun aber ſchlaͤft die Mutter.« Frau von Gardemer winkte, dieſen Schlummer ja nicht zu ſtoͤren. »Sie hat ſich ſo nach Ihnen geſehnt,« fuhr Perle fort:„die ganze Nacht. Wie oft ſchickte die Mutter mich hinaus, die gnaͤdige Frau zu holen; es waͤre drin⸗ gend mit dem Vermaͤchtniß, meinte ſie. Dann ging ich vor die Thuͤre, weinte mich aus, kam wieder und troͤſtete, Ew. Gnaden wuͤrden bald kommen. Ein Weilchen war ſie nun ruhig und ſprach von einem großen Schatze«— dieſe ſachte Rede begleitete Perle mit einem troſtloſen Laͤcheln, worin ſie das Bewußt⸗ ſeyn der Armuth nicht ohne den Stolz ausdruͤckte, dar— in der Schmerz die Guͤter dieſer Welt verachtet:»den ſie der gnaͤdigen Frau noch uͤbergeben muͤſſe.« „Und warum haſt Du mich nicht rufen laſſen, armes Kind?« fragte Luzie im Vorwurf der Guͤte: vich wuͤrde ſogleich bereit geweſen ſeyn, den Wunſch Deiner Mutter zu erfuͤllen.« »Verzeihen Ew. Gnaden,« antwortete Ephraim an Statt ſeiner Tochter, und vergaß in ſeines Her⸗ zens Traurigkeit, daß der Ausdruck ſeiner reſpektvollen Schonung groͤblich werde:»das waͤre ja Unvernuͤnft von uns geweſen; das Vermaͤchtniß aber, der Schatz—« der Jude erwog dieſe phantaſtiſchen Ideen ſeiner ſter⸗ irgen, mich elend tranke 5 Litan : ſo ſchlaͤft die ſchlummer ja «fuhr Perle die Mutter z waͤre drin⸗ Dann ging wieder und mmen. Ein h von einem ſeitete Perl as Bewußt⸗ druͤckte, dar⸗ rachtet: vden uüſſe. rufen laſſen f der Guͤte: den Wunſch te Ephraim t ſeines He⸗ . reſpekwvoli g Unvernunſ der Schab- iter ſer⸗ en ſeiner ſ 215 benden Frau mit einem tiefen Seufzer und einer Pan— tomime gegen die Stirne—:»das war nur eine bloße Einbildungskraft.« Perle ſah ihren Vater mit gekraͤnktem Blicke an und ſprach, abgewendet von ihm, zu der Majorinn: „die Mutter war ſeit einigen Tagen ganz bei ſich. Mir war es wie Muſik, da ich ſie ſo im Zuſammen- hange reden hoͤrte. Sie hat uns getroͤſtet und ermahnt, fromm zu bleiben und dem Vater zu folgen, daß er doch Freude an ſeinen Kindern haͤtte, weil er eine ſo betruͤbte Ehe fuͤhren muͤſſen——« Dies uͤberwaͤltigte den alten Ephraim. Seine Augen traten unter den buſchigen Braunen voll Waſſer, er wand die harten Haͤnde und rief in klaͤglichen Worten der Jeremiade:»Schauet doch und ſehet, ob irgend ein Schmerzen ſey, wie meine Schmerzen, der mich troffen hat! ach Herr! gedenke doch, wie ich ſo elend und verlaſſen, mit Wermuth und Gallen ge⸗ traͤnket bin!« Frau von Gardemer ſchritt waͤhrend dieſer kurzen eitaney leiſe an das Bett der Kranken. Sie betrach⸗ tete dieſe tiefen todesbleichen Zuͤge, uͤber welche in der Ruhe des Schlafes noch ein ferner Schimmer von Schoͤnheit ausgegoſſen ſchien, nur einen Moment lang; doch er reichte hin, dies ſtille ſterbende Bild in Lu⸗ ziens Seele zu druͤcken. Denn war es die Naͤhe der 216 erſehnten Geſtalt, oder der Jammerlaut, welcher bis an die dunkle Pforte drang, wo irdiſche Seufzer ver⸗ klingen—: die Juͤdinn ſchlug alſobald die umflorten Augen auf, ſah irrend umher, und ſprach: yweinſt Du, Ephraim? es war alles nur ein Traum— weine nicht, Lieber! mir iſt recht wohl!« Ephraim trat naͤher. Er verwiſchte die Wehmuth ſeines Angeſichts, laͤchelte in gutmuͤthiger Grimaſſe und antwortete:»nein, mein Engelchen! Du ſiehſt, ich bin recht vergnuͤgt, daß ich Dich ſo wohlauf ſehe; es wird beſſer werden, herzliebe Frau«— aber hier ward der Gedanke der Taͤuſchung dem ehrlichen Ephraim doch zu ſchwer. Seine rauhe Stimme wankte — und ein entgeiſtertes Laͤcheln flog uͤber die hippo⸗ kratiſche Miene ſeiner Gattinn. Sie ſtreckte die Hand, weiß wie Leinen, nach ihm aus und zog die braune Rechte ihres Mannes an die blaſſen Lippen:»Du guter Vater!« ſagte ſie ſehr leiſe: vich begehre nicht mehr zu leben und der Geiſt muß zu Gott, von dem er gegeben iſt. Er iſt der Waiſen Helfer, wenn er die Mutter bettet in des Todes Staub. Ich ſorge nicht um die Kinder, Ephraim. Du aber haſt mich nicht verachtet, noch verſchmaͤhet das Elend der Ar⸗ men— das werde ich Dir danken ewiglich.“« Hier verloͤſchte die ſchwache Stimme und dem Juden brach das Herz. Er wendete ſich ab, und hob ſtumm den Blich die unſch ſter, woͤhr Frau entho Thro ſacht aus kenne eeyns raffte hete wegt letzte fälti den mich T von Pap blick welcher bis Seufzer ver⸗ die umflorten rach: weinſt n Traum— die Wehmuth iger Gtimaſſe en. Du ſiehſt, wohlauf ſehe; — aber hie dem ehrlichen timme wankte ber die hippo⸗ eckte die Hand og die braune eippen:„Dl begehre nicht Hott, von dem elfer, wenn d b. Ich, ſorge aber vän mic Elend der wiglih“ m J Juden bui ſumm d ſe hob 217 Blick zum Himmel auf. Sein Gebein zitterte und die Knie, welche Perle in convulſiviſchen Schluchzen umſchlang, ſchlotterten ihm. Die juͤngeren Geſchwi⸗ ſter, durch das Geſetz des Gehorſams an Stille ge⸗ woͤhnt, heulten in einem gemaͤßigten Uniſono und Frau von Gardemer konnte ſich der Thraͤnen nicht enthalten. Dieſes armſelige Sterbebett ſchien ihr ein Thron goͤttlicher Ehre. Nach einer Weile weckte ihre ſachte Ermahnung, Perle ſolle ſich faſſen, die Juͤdinn aus ihrer Lethargie; es war, als ob ſie erſt jetzt er⸗ kenne, Wer vor ihr ſtehe. Ein Strahl des Bewußt⸗ ſeyns, der Freude, zerriß die Nebel des Todes. Sie raffte haſtig unter dem Pfuͤhl, worauf das Haupt ru⸗ hete— die Umſtehenden hielten dieſe krampfhafte Be⸗ wegung fuͤr ein nervoͤſes Spiel, fuͤr eine Zuckung der letzten Lebenskraͤfte— und zog wirklich etwas ſorg— faͤltig Eingewickeltes hervor, welches ſie Luzien mit den muͤhſamen Worten uͤberreichte:„da, dal! es hat mich ſehr gedruͤckt.« Die Ihrigen nahmen dies woͤrtlich: denn Frau von Gardemer enthuͤllte mit Beben aus dem grauen Papiere eine kleine ihr wohlbekannte Schachtel. Sie blickte ſtarr auf das hoͤlzerne Depoſitum, illuminirt mit vergoldeten Leiſten, und wollte den Deckel abheben. Aber auch die Sterbende fing an zu erſtarren; ihre Hand, ſchon halb entlaſſen von dem Willen der ſchei⸗ Hanke Wittwen 2r Theil. 10 ———— -õW—m— 218 denden Seele und nur mit groͤßter Anſtrengung zu je⸗ nem letzten Dienſte gebraucht, fiel auf die Decke. Sie winkte mit dem ſinkenden Augenliede der Majorinn und dieſe neigte ſich zu ihr herab, um ein inhalt⸗ ſchweres Wort zu vernehmen. Als Frau von Garde⸗ mer ſich aufrichtete, war ſie ganz entfaͤrbt und Perle beugte ſich lange uͤber ihre Mutter. Luzie, durch alle Tiefen des Gemuͤths erſchuͤttert, trat hinweg. Ein Seußzer luͤftete ihre Bruſt, ge⸗ ſchwellt von einem aufgeloͤſten Geheimniß. Sie oͤffnete das bunte Schaͤchtelchen— drinnen lag die Sphynr Atropos, welche ihrem Vater einſt abhanden gekom⸗ men. Und eben jetzt entſchwebte die gebundene Pſyche einer Ungluͤcklichen und die Parze zerſchnitt leiſe den Faden wirrer Verhaͤngniſſe. Der Mund der Todten hatte ſich unter dem Kuſſe ihres Kindes laͤchelnd ge⸗ ſchloſſen, und aus den zugedruͤckten Augen floß eine einzige Thraͤne: das verſiegte Leben— die Quint⸗ eſſenz vieler tauſend heißen Schmerzen!— 3 Doch nun brach ein lautes Wehklagen aus. Ephra⸗ im Moſchel war an der Leiche ſeiner Gattinn nur der Mann ſeines Volks. Er raufte den grauen Bart, zerriß ſeine Kleider und warf ſich weinend und grei⸗ nend zur Erde nieder. Die Kinder uͤberboten das Geſchrei ihres Vaters, nur Perle trauerte anders als Solche, die keine Hoffnung haben. Ephraim, der ngung zu je⸗ e Decke. Sie der Majorinn m ein inhalt⸗ von Garde⸗ bt und Perle ts erſchutter, Bruſt, ge⸗ Sie offnete die Sphynt nden gekom⸗ undene Pyoche mitt leiſe den d der Todten z lachelnd ge⸗ gen ſoß bine die Quint⸗ aub. Ephna⸗ Gattinn nun grauen Ban end und gli ibetotmn di rte inders de 4 1 traim, d 3 9 219 in ſeiner Betruͤbniß zwiſchen altteſtamentariſchen Kla⸗ gen und der Poeſie eigenen Jammers abwechſelte, ſchien befremdet uͤber die Haltung ſeiner aͤlteſten Toch⸗ ter. Die ergriffne Stille, worin Perle das Hinſchei⸗ den ihrer Mutter beging, wehete wie ein Hauch der Chriſtuslehre unter dem wuͤſten Leid und Laͤrm der iſraelitiſchen Todtenfeier. Doch ihr Vater hielt es fuͤr fromme Pflicht, das Gefuͤhl des Verluſtes in ſei— nem Kinde anzuregen. Er rief:»wofuͤr ſoll ich Dich rechnen, Du Jungfrau Tochter Zion? Wem ſoll ich Dich vergleichen, damit ich Dich troͤſten moͤgte? denn Dein Schade iſt groß—« Perle aber antwortete: „»Vater! laſſet uns unſer Herz ſammt den Haͤnden aufheben zu Gott im Himmel!« „»Perle,« ſagte Frau von Gardemer geruͤhrt:»wenn Du mich lieb haſt, bleibe dabei. Wer Gott vertraut, wird nie verlaſſen ſeyn. Die Kinder Deiner Mutter beduͤrfen einer Stellvertreterinn. Goͤnne Ihr, die ſo viel gelitten, die Ruhe und traure ſtill. Wuͤrdeſt Du einen Gefangnen bedauern, welcher frei geworden iſt? oder einen Muͤden, der da ſchlaͤft? Und Du, Ephra⸗ im—«ſo wendete die Dame des Hauſes ſich an den Juden und reichte ihm die vornehm ſchoͤne Hand: „ſtehe auf! ſey ſtaͤrker als Dein Stamm! Du darfſt getroſt ſeyn: denn Du haſt an der ungluͤcklichen Frau brav gehandelt, und Du weißt auch, daß der Herr 10* 220 mit tauſendfaͤltigen Zinſen die Schulden der Vergel⸗ tung bezahlt.) Dieſes Bild der Verheißung wirkte auf den ge⸗ beugten Juden gleich einer unmittelbaren Verſicherung des Himmels. Er raffte ſich empor und ordnete ſeine zerruͤttete Geſtalt; die Kinder verſtummten, wie vor einem Engel des Troſtes.»Sobald der Leichnam beſtattet iſt,« ſagte Luzie im Begriff zu gehen:„dann kommſt Du zu mir; aber ohne Saͤumen, alter Ephra⸗ im! hoͤrſt Du? denn wir haben Wichtiges mit einan— der abzureden.« Frau von Gardemer fuͤhlte ſich noch ganz betaͤubt von den Eindruͤcken dieſer Scene, als ſie ſich in ihrer Wohnung wiederfand. Sie hielt die Schachtel in ihrer Hand und die Sonne funkelte ſo hell in der blanken Einfaſſung, als freue ſie ſich, daß dieſer Gegenſtand ſo vielen Suchens und Sinnens nun dem Licht des Tages wiedergegeben ſey. Es war Luzien, als haͤtte ſie damit ein Pfand ihres verſoͤhnten Schick⸗ ſals uͤberkommen. Die dunkle Stunde, welche nun voruͤber war, hatte mehr noch und faſt wunderbar aufgeklaͤrt; doch blieb noch manches Naͤthſel uͤbrig. Wie kam dieſer Nachtfalter unter den Sterbepfuͤhl der Juͤdinn? Sie ſchien ihn wie ein Heiligthum be⸗ wahrt und trotz ihres Bloͤdſinns ſeinen Werth fuͤr Lu⸗ zien gekannt zu haben. Ob Frau von Gardemer auch der Vergel⸗ auf den ge⸗ Verſicherung ordnete ſeine ten, wie vor der Leichnam gehen: dann „alter Ephra⸗ es mit einan⸗ ganz betaͤubt eſich in ihret Schachtel in hell in der , daß dieſer jens nun dem z war Luzien, hnten Schic⸗ „walce nun ſt wundaban dätzſe ihig Sterbebfühl zülgtlum be⸗ Gerth für bu⸗ zardemet aut 221 kein großes Vermoͤgen beſaß, eine Tonne Goldes haͤtte ihr dies Vermaͤchtniß nicht aufgewogen. Sie gedachte an ihren Traum, und was Troja zu dem allen ſagen wuͤrde? Gewiß wußte der Geiſt des Vaters, den ſie in der verwichnen Nacht ſo geſchaͤftig geſehen, um dieſen Fund. Sie durfte ihren Rudolph lieben, und ein Gefuͤhl jener gluͤcklichen unſchuldsvollen Zeit, ver⸗ ſcheucht von den kleinen finſtern Schwingen, an denen ihr glaͤnzender Blick haftete, loͤſchte eine lange dunkle Vergangenheit aus. Sie war im Himmel mit ihren Ge⸗ danken und die Seligen nahmen Theil an ihrer Freude. Luziens Geduld, eine ihrer geuͤbteſten Tugenden, wurde jetzt auf eine harte Probe geſtellt. Ephraim, von dem ſie Aufſchluß erwartete, war gegenwaͤrtig in einer Lage, welche Schonung forderte, ſein verſtoͤrtes Gemuͤth mußte ſich erſt ſammeln, und das Recht der Todten durfte nicht beeintraͤchtigt werden. Der Ca— pitain befand ſich unpaͤßlich und der Arzt hatte ihm verboten auszugehen. Frau von Gardemer wollte ihm ſchreiben; aber nein! Sie mußte ſein Auge ſehen, den Strahl der Hoffnung, welche uͤber ein Andenken ſchwarz wie die Nacht triumphirte, und auf ſeinen Wangen die Morgenroͤthe ihres Gluͤckes. Und aus den verachteten Verhaͤltniſſen dieſer juͤdiſchen Familie bauete ſich dieſer ſchoͤne ſtolze Bogen hervor, zu dem Thor der Freude.— 222 Cordelia wußte nicht, was ſie von ihrer Dame denken ſollte. Sie traf Frau von Gardemer mit ver⸗ weinten Augen, aber in einem exaltirten Zuſtande an, der wie Entzuͤckung ausſah.»Du ſagteſt wahr, Cor⸗ delia,« ſprach Luzie:»Perlen bedeuten Thraͤnen— ich habe deren ſchon vergoſſen.« Und ihr Herz ruhete dabei wie die unberaubte Muſchel in einem Meere von Wehmuth und Wonne. Nach hebraͤiſchem Gebrauch iſt den Todten kein Bleiben unter den Lebendigen vergoͤnnt, bis die Ver⸗ weſung ſich deſſen bemaͤchtiget, was ihr gehoͤrt; die Opfer der Sterblichkeit werden ihr entgegen gebracht. Auf die Vorbitte der Frau von Gardemer jedoch— und wir wollen geſtehen, ſie unter dieſen Umſtaͤnden fuͤr verdienſtlich zu erkennen— zoͤgerte man ein we— nig laͤnger als ſonſt mit dem Begraͤbniß der Juͤdinn. Ephraim Moſchel ließ ſich die geſetzpredigenden Vor-⸗ wuͤrfe des Rabbiners gefallen, um die milde Menſch⸗ lichkeit Luziens zufrieden zu ſtellen. Das erſte Zeichen der Aufloͤſung trennte ihn von der entſeelten Huͤlle ſeiner Gattinn, und mit dieſem Verzuge hatte der fromme Iſraelit, den Sitten ſeines Glaubens gehor⸗ ſam, ſeiner chriſtlichen Patroninn den groͤßten Beweis unterwuͤrfiger Ergebenheit abgelegt. Die Ceremonie war nun voruͤber. In den Hof— raum widerhallend von dem Geſchrei der Klageweiber, war, tragen Welt komm befohl man um il nicht nigen ) von ſiehſt D 82 dem komn Werm ) leidi ollſt aushe Sie ehre und daß mir 1 rer Dame mit ver⸗ ſtande an, ahr, Cor⸗ raaͤnen— erz ruhete m Meere dten kein die Ver⸗ thort; die gebracht. jedoch— umſtaͤnden ein we⸗ Juͤdinn. den Vor⸗ ⸗Menſch⸗ te Zeichen ten Hüll hatte der ns gehol⸗ n Beweis den Hof⸗ geweiber 223 war, ſeit man den Leichnam der Juͤdinn hinausge⸗ tragen, ſchauerliche Stille eingekehrt, wie wenn die Welt dieſes Hauſes ausgeſtorben waͤre. Der Wittwer, kommend von der Pflicht des letzten Geleits, erſchien befohlnermaßen vor ſeiner Dame. So, als haͤtte man mit der Gefaͤhrtinn ſeines Lebens den Schmerz um ihren Hintritt verſenkt, ſtand er gefaßt und weinte nicht mehr; doch war ſein Anſehen binnen dieſen we⸗ nigen Tagen greiſenhaft geworden. »Sey willkommen, Ephraim!« begruͤßte ihn Frau von Gardemer:»wie geht Dir's, armer Mann? Du ſiehſt uͤbel aus—« Der Jude zuckte die Achſeln und ſprach:»was dem anders, Ew. Gnaden? wo ſollte die Staͤrke her⸗ kommen? ich bin mit Bitterkeit geſaͤttiget und mit Wermuth getraͤnkt— ich muß des Guten vergeſſen.« »Nein, Moſchel,« antwortete die Majorinn mit⸗ leidig, doch nicht im Tone einer Goͤnnerinn:»das ſollſt Du nicht. Vertraue Gott, ſo wird er Dir aushelfen. Setze Dich doch! Du ſcheinſt erſchoͤpft.« Sie winkte auf einen Platz, doch Ephraim nahm in ehrerbietiger Scheu nur den Rand des Seſſels ein. »Wir ſind allein—« fuhr Luzie tiefathmend fort und blickte nach der Thuͤre:»ich habe Befehl gegeben, daß man uns nicht ſtoͤre. Deine ſterbende Frau hat mir entdeckt, was ich fruͤher haͤtte erfahren ſollen.—« 224 »Ew. Gnaden wollen es doch ja nicht ungnaͤdig nehmen— erwiederte der Jude mit bloͤder Stimme. Er ſchaute auf— ſeine kleinen matten Augen fun⸗ kelten, und er begegnete dem ſanften Laͤcheln vertrau⸗ licher Mittheilung; doch nichts, was dem Ausdruck eines entruͤſteten Gefuͤhls aͤhnlich geſehen haͤtte. »Auch entſchuldige ich Dich, Ephraim—« ſprach Frau von Gardemer weiter:»Du hatteſt zu ſchwei⸗ gen gelobt. Doch nun, da ich ohne Dein Zuthun wiſſend um ein Verhaͤltniß geworden bin, was mich ſo nahe angeht, hindert Dich nichts, mir Rede zu ſtehen. O! haͤtte die Verſtorbene nur einige Minuten noch mit Beſonnenheit gelebt, mir eine Frage zu be⸗ antworten—« y»Eine Frage!« wiederholte Ephraim; tauſend Antworten ſchwebten ihm auf der dienſtferti⸗ gen Zunge. »Sage,« begann Luzie, und das Heben ihres Buſens unter dem Gewicht dieſer Erkundigung, war ſichtbar zu bemerken:»wie iſt dieſes hier unter das Kopfkiſſen Deiner Frau gekommen?« Sie hob die gemahlte Schachtel vor ſeinen Blick. Ephraim verſtummte zunaͤchſt in hoͤlzerner Verle⸗ genheit; dann aber ſchlug er ſich vor die Bruſt, daß dieſer Geſtus aͤngſtlicher Betheurung brettern klapperte und ſprach: vich, ein alter gebeugter Mann, will vollends verkruͤmmen, wenn ich es weiß! und kehrte ich m ſagen heirat mein ter ih gelein ſonſt Deut darne Dau diges Ja, in da darar 8 wart Jude ſich Gedan Naun fen 9 wie etzaͤh unbeg haßte ungnaͤdig Stimme. gen fun⸗ nvertrau⸗ Ausdruck tte. e ſprach un ſchwei⸗ n Zuthun was mich „Rede zu Minuten ge zu be⸗ Ephraim; ienſtferi⸗ hen ihres ing, war inter das hob die er Verle⸗ ruſt, daß klapperte n, wil d kehrte 225 ich meine Seele um wie einen Sack, ich koͤnnte nicht ſagen: es faͤllt mir ein. Da ich die verſtorbene Frau heirathete, nahm ich ein großes Packt Sorgen unter mein Haupt, ſie aber ſteckte das bunte Doͤschen un⸗ ter ihr Kopfkiſſen. Ich meinte, es waͤre eine Rin⸗ gelein drin, oder ein verwelktes Straͤußchen, oder ſonſt eine verſchaͤmte Spielerei der alten Liebe, keinen Deut werth. Ein Ehemann thut nicht gut zu fragen darnach. Nun, was war dabei? Einer ſchlaͤft auf Daunen, der Andere auf Schachteln— ein unſchul⸗ diges Vergnuͤgen! dachte ich, und goͤnnte es ihr. Ja, ich haͤtte auf dieſen meinen Armen ein Felsſtuͤck in das Bette getragen, wenn die arme Frau Ruhe darauf finden moͤgen.« Luzie war beſtuͤrzt uͤber den Fehlſchlag ihrer Er⸗ wartung; doch konnte ſie nicht zweifeln, daß der Jude aufrichtig waͤre. Der Nachtfalter behauptete ſich im Dunkel ſeiner heimathlichen Sphaͤre und die Gedanken der Frau von Gardemer flatterten ſcheu im Raume der Moͤglichkeiten hin und her. Noch im tie⸗ fen Nachſinnen ſagte ſie:„vielleicht, wenn ich wuͤßte, wie mein Mann mit Deiner Frau bekannt geworden — und doch geſchah jenes Ereigniß viel fruͤher— erzaͤhle mir alles ausfuͤhrlich, Ephraim. Es iſt mir unbegreiflich! der Major, Du weißt es ſelbſt— er— haßte Deinen Namen.« — 226 Der Gram in des Juden Geſicht wandelte ſich in ein gekraͤnktes Laͤcheln. Mit einer Miene, die jene feindliche Geſinnung hoͤhnte und den Spott eines ge⸗ brochnen Herzens ſchneidend ausdruͤckte, antwortete er: „und doch verſchmaͤhete er die arme Blume nicht! die Roſe im Thal, die ſo lieblich bluͤhete! der Wurm hat ſie zernagt vor der Zeit. Meine Freude war ein welkes Blatt, und meine Seele von lauter Dornen zerriſſen.« Frau von Gardemer ſeufzte.»Beruhige Dich, Ephraim,« bat ſie ihn: yes iſt ja nun vorbei; und laſſe mir zu Liebe, keine gehaͤſſige Erinnerung in Dir aufkommen.«»Nein, nein!« entgegnete der Jude, bereit ſeinen Schmerz zu unterdruͤcken: veher thaͤte ich mir wohl ſelbſt ein Leides, als daß ich der gnaͤ— digen Frau ſollte mit einem Worte zu nahe treten. Wir alle ſind Menſchen. Daß der hochſelige Herr Major dies nicht vergaͤße, mußte er ſein eigen Fleiſch und Blut in einem Judenkinde ſehen.« Luzie fuͤhlte in ſtiller Unparteilichkeit, daß Ephra— im mit dieſer Anſicht Recht haͤtte; doch ablenkend ſagte ſie:»Du wollteſt mir erzaͤhlen—«»Ja, Ew. Gna⸗ den,« hob Ephraim mit einem tiefen Odemzuge an: „der Vater meiner Frau war auch ein armer Juͤd, Levi Aſcher geheißen.« „»Levi Aſcher?« unterbrach ihn Frau von Gardemer e ſich in die jene eines ge⸗ ortete er: ncht! die zurm hat war ein Dornen ge Dich, beiz und Pin Dir r Jude, her thaͤt der gni⸗ he treten. ige Herr en Fleiſch Eyhta⸗ fend ſagte w. Gna— zuge an: mer Jüd⸗ Gardemen 227 und in ihrem Gedaͤchtniß toͤnte ein ſchwaches Echo dieſen Namen zuruͤck: vich habe,« fuhr ſie fort: veinen Mann gekannt, den man ſo nannte. Er handelte mit alten Kleidern, verbogenem Silber und Pretioſen, die nicht mehr in der Mode, und kam bisweilen nach Kloſtergarten, dem Gute meiner Eltern. Dort kannte man ihn als einen ſehr ehrlichen Mann und er ſchien ſich dieſes Rufes mit Stolz bewußt zu ſeyn. So war er bald der Garderobier der Armuth, dann wieder der Maͤckler wohlhabender Leute, denen antike Sachen, Erbſtuͤcke und dergleichen— der Beſitz haͤuft ſich doch im Laufe der Jahre— um ein Billiges feil waren.« Ephraim hatte waͤhrend dieſer Rede der Dame in Einem fort wie eine Pagode beſtaͤtigend genickt, und als er nun ſagte:»Deſſelbigen Eidam bin ich—« da daͤmmerte die Ahnung in Luzien auf, der Verluſt des Nachtfalters koͤnne zu der Art, worin jener Troͤ⸗ deljude Gewinn geſucht, in irgend einem Zuſammen⸗ hange ſtehen.»Noch Eins, Ephraim,« hinderte Frau von Gardemer die Fortſetzung ſeiner Erzaͤhlung: „beſinne Dich, hatte Dein Vater wohl ein kleines Naturalien⸗Cabinet?« »Nicht daß ich wuͤßte, Ew. Gnaden,« ſprach Ephra⸗ im und ſetzte in juͤdiſcher Ironie hinzu:»ſeine Samm⸗ lung war zunaͤchſt fuͤr Leute in Naturalibus.« — ——— 228 Luzie erroͤthete. Sie winkte dem Juden ſeinen Vor⸗ trag weiter zu beginnen. »Ich war,« ſo leiſtete er Folge: vein armer Me⸗ ſchores geweſen, hatte mich duͤrftig umher placken muͤſ⸗ ſen und Levi Aſcher, der Herr ſegne ihn in der Ewig⸗ keit dafuͤr! gab mir einen Brocken von ſeinem Brote zu verdienen. Er war Tarxator, ich ging mit ihm, in den Auctionen ſtand ich an ſeiner Seite und ſchleppte mich todt, ihm einen kleinen Vortheil zuzutragen. Das gefiel dem Levi; es wird Dein Schade nicht ſeyn— ſagte er zu mir. Seine Tochter, meine ver⸗ blichene Blume, war damals ein junges Kind, und wie ein Roͤslein auf der Haide. Sie ſaß in ihres Vaters Vendite, die er haͤuslich hielt, wie eine leben— dige Neuheit, und kam mir jeden Morgen ſchoͤner vor. Du ſollſt die Blume haben— ſprach ihr Va⸗ ter, als ich ihm einſt zu dem Schacher einer Demant⸗ ſchleife verholfen hatte— mir fehlte das Geld ſie zu kaufen— und dieſe Worte waren wie mit dem Edel— ſteine in mein Herz gegraben—: ich merke, ſagte er: Du haſt ein Auge auf das Kind. Aber erwirb noch ein Weniges— der Eheſtand iſt kein Schwalbenneſt fuͤr den flattrigen Sommer, und auch zu dem leh⸗ mernen Vogelhuͤttchen gehoͤrt Zuthat. Wer nicht von geſtern iſt und vernuͤnftig, muß an den Winter den⸗ ken. Denn die Liebe iſt ein Ofen, der, wenn ihn der N Glüͤck ſagte d war. emſig ſaͤße d nicht; hen, Liebe. re. ich ei Blume noch; deren ihr G Mein mal, ſenkna nen Vor⸗ mer Me⸗ cen müͤſ⸗ eer Ewig⸗ in Brote mit ihm, ſchleppte zutragen. ade nicht eine ver⸗ nd, und in ihres ne leben⸗ ſchöner ihr Va⸗ Demant⸗ id ſie zu :m Edel⸗ ſagte er: virb noch albenneſt dem leh⸗ nicht von ter den⸗ enn ihn 229 der Mangel heizt, Rauch giebt, daß man kein Gluͤck ſehen kann— und beißendnaſſe Augen. So ſagte der Levi Aſcher, der gar ein erfahrner Mann war. Ich flog nun mit Luſt an den Erwerb, war emſig und ruͤhrſam ſpaͤt und fruͤh, der Bienenweiſel ſaͤße dagegen nur wie auf Penſion. Ich nahm mir nicht Zeit, die Blume anders als im Fluge anzuſe⸗ hen, vor lauter Liebe machte ich mir nichts aus der Liebe. Aber die Maͤdchen ſchaͤtzen ſelten einen Spa⸗ rer. Ich legte ein Suͤmmchen zuſammen, und wenn ich einen Lug hatte, zaͤhlte ich meine Thaler— die Blume zaͤhlte taͤglich meine Jahre; ich hatte immer noch zu wenig, und die Blume meinte, ich haͤtte deren zu viel. Doch war ſie mir gewogen. Ich durfte ihr Geſellſchaft leiſten, wenn der Vater daheim war. Meine Tochter kann Dich leiden— ſagte er manch⸗ mal, das hoͤrte ich ſo gern, als haͤtte mir der Wai— ſenknabe das große Loos in der kleinen Lotterie ausgerufen: denn ich will nicht uͤbertreiben, daß ich von Hunderttauſenden ſpraͤche— es iſt alles Grund der Wahrheit, was ich Ew. Gnaden erzaͤhle.« Luzie laͤchelte dem armen Ephraim glaͤubig zu, und er fuhr in aufregenden Erinnerungen fort:»wenn Levi Aſcher— zu Zeiten mußte Blume ihren Vater auf ſeinen Reiſen begleiten— zu Hauſe war, dann ſchlief er des Abends wie ein Dachs; wir aber ſpiel⸗ 5 ——— 230 ten zur Kurzweil Komoͤdie aus dem Stegreif. Blume vermaskirte ſich aus dem Troͤdelkram, hing ſich lange Bommeln in die kleinen Ohren, und ſchottiſche Per⸗ len um den Hals, ſetzte ein Casquet oder eine pol⸗ niſche Muͤtze auf, und nahm einen angoriſchen Muff in die Haͤnde, darinnen ſie die runden Arme verſteckte. Ich war der Buffo, und konnte durch die Fiſtel ſin⸗ gen, ſo fein! daß ein Glasfenſter davon ſpringen moͤgen. Der Vater ſchnarchte im Winkel den Con— trabaß zu unſerer Luſtbarkeit. O! das war eine gluͤck⸗ liche Zeit!—« Frau von Gardemer ſah den Helden jener haͤus⸗ lichen Poſſe mitleidig an, der ein Tragiker geworden; ihr Antheil an ſeinem Schickſale wuchs. Sie vergaß, wie nahe das ihrige dabei betheiligt ſey. Ephraim aber feierte Reminiscere; ſeine fahlen Zuͤge, hager von den Faſten der Freude, hellten dieſe Ruͤckblicke aus, da er fortfuhr:»vor allem ſah ich die Blume in einer kleinen guͤldenen Haube gern,« wie unſere Frauen ſie ehemals trugen. Das jugendliche Geſichtchen guckte ſo altklug unter der geſteiften Spitze hervor. Es war ſolch eine Haube von ihrer Mutter noch vorhanden, und ein gruͤnſtoffner Mantel mit Foͤh verbraͤmt— Levi Aſcher mogte beides nicht ver— kaufen. Seine Tochter gab ſich manchmal ein ehr⸗ wuͤrdiges Anſehen damit. So ſpielten wir einmal, Blume Metro großen die S ſinn zu der V renthei Blum ſie waͤ ten ih ſpracht Eyhrai danebe B vertrei Gerbe der J ein lei wußte noch 95 5 dem G die F ſcickt hinein der a „ Blume ſich lange tiſch Per⸗ eine pol⸗ chen Muff everſteckte. Fiſtel ſin⸗ ſoringen den Con⸗ eine gluͦ⸗ ener haͤus⸗ geworden; zie vergaß⸗ eine fahlen hellen dieſe ſah ich di ern,« wie jugendlche itten Spibe rer Muttet Pantel mi richt bet⸗ ein ehr ir einma 231 Blume waͤre das Leihamt in Geſtalt einer juͤdiſchen Matrone, und ich bald Dieſer bald Jener aus der großen Familie der Gebruͤder Luͤderlich. Ich wechſelte die Stimme, brachte meine Pfaͤnder und ſolchen Un⸗ ſinn zu Markte, daß Blume immer lauter lachte und der Vater davon aufwachte. Er ſchalt uns der Nar⸗ renthei wegen. Ephraim, ſagte er warnend: halte die Blume hart, daß ſie nicht ihren Muthwillen treibe; ſie waͤchſt Dir ſonſt uͤber den Kopf.— Wir erklaͤr⸗ ten ihm das Spiel, Levi aber blieb muͤrriſch und ſprach: Du haſt viel auf das Leihamt getragen, Ephraim, doch ich fuͤrchte, den Verſtand haſt Du daneben auch verpfaͤndet.— Bald darauf hatte die Blume ſchlimmern Zeitver⸗ vertreib. Gegenuͤber von Levis Wohnung auf der Gerber⸗Bruͤcke zog ein Offizier ein.) Hier buͤckte ſich der Jude, ein Seufzer ſtreifte am Boden hin, und ein leichtes Zucken flog durch Luziens Glieder, Sie wußte nun, daß der Verfolg der Erzaͤhlung ſie naͤher, noch beruͤhren werde. »Die Straße iſt eng,« fuhr Ephraim fort:„und dem Herrn Offizier wurde die Zeit lang. Er ſpielte die Flautravere, ſchnellte Kirſchkerne ab, wie ein ge— ſchickter Scharfſchuͤtze, und traf die Blume ins Herze hinein. Der Herr Hauptmann war auch nicht mehr der Juͤngſte und der Stolz macht alt— die gnaͤdige —⁰ 232 Frau halten zu Gnaden— aber Muͤhe und Plage machen noch aͤlter. Ich mußte wie ein Laſtthier tra— gen und der Herr Hauptmann konnte ſich mit Galan⸗ terie einheben. Das war der Unterſchied. Er ver⸗ kaufte dem Vater neue Sporen, Epauletten und Bor⸗ den, Schaͤrpen und Schnuͤre um ein Spottgeld, da⸗ fuͤr druͤckte Levi Aſcher ein Auge zu, wenn das Fen⸗ ſter druͤben den ganzen Tag uͤber offen ſtand, und der Offizier einen kleinen Tauſchhandel mit der Toch⸗ ter in verliebten Blicken trieb.— Wir ſpielten nun nicht mehr; der Vater wollte es nicht, ſagte Blume, wenn ſie des Abends gedankenvoll ſaß, und ich ſie an unſere vergnuͤgten Stunden erinnerte. Das Maͤd⸗ chen haͤrmte ſich, und Levi Aſcher ſagte bekuͤmmert: gieb nur Acht, Ephraim, die Blume geht uns ein; es iſt dem Kinde ein Gift angeflogen. Eines Abends traf ich ſie allein, ich wollte nur etwas bringen und gleich wieder gehen. Blume aber hielt mich auf, und ſprach: thaͤteſt Du mir wohl etwas zu Liebe, Ephraim? Das iſt keine huͤbſche Frage, ſagte ich: fordere mein Blut, und gieb Acht! Du wirſt es flie— ßen ſehen.— Nun verlangte ſie, ich ſollte mit ihr auf die Redoute gehen. Sie haͤtte ihr Lebtag noch keine geſehen und ich wuͤßte ja, welch ein Vergnuͤgen ihr ſchon unſere kleinen Maskeraden gemacht haͤtten; jetzt waͤre ſie wenig froh, und wuͤnſchte, ſich einmal zu ett wollte anthu ihr ei dieſe l mutten wohlri atlaßn ſagte Jüͤdin der L Schla len D Ab gepron Wi daß G kehrte, der ich laſen. mir: ſtͤnde dies ſ d wiſ Leute da B. und Plage nſtthier tra⸗ mit Galan⸗ d. Er ver⸗ mund Bor⸗ ztttgeld, da⸗ n das Fen⸗ ſtand, und t der Toch⸗ pielten nun gte Blume, und ich ſie Das Naͤ⸗ bekummert: ht uns ein; nes Abends ringen und mich auf, uu Liebe ſagee ich iiſts ſie lte mit in ebtag not Vrrgnigen cht hätten, ſch einma 233 zu erheitern. Die guͤldne Haube, welche mir ſo gefiel, wollte ſie aufſetzen und den gruͤnen Stoffmantel dazu anthun. Ich ſollte in einen alten Mauſchel vermummt, ihr einen Carton mit Schatten(Faͤcher) nachtragen; dieſe lagen ſchon bereit, ſie hatte ſolche aus der Groß⸗ mutter Beilaͤdchen hervorgeſucht: diverſe Sorten! von wohlriechendem Holz und elfenbeinernem Geſtaͤbe mit atlaßnen Gemaͤhlden und Flaͤmmchen beflittert. Blume, ſagte ich: der Vater wuͤrde grauſam boͤſe ſeyn. Eine Juͤdinn iſt auf dem Balle ſo wenig angeſehen wie in der Welt, und Wind machen ſich die Leute ſelber. Schlage Dir die Sache aus dem Sinne— wir wol⸗ len Domino ſpielen daheim. Aber ich hatte ſchon verſpielt und Levi Aſcher wahr geprophezeihet. Wir gingen auf die Redoute, und hier ſah ich wohl, daß Perle viel mit einem praͤchtigen Spanier ver⸗ kehrte, und daß es eine abgeredete Karte waͤre, zu der ich mich mit ein paar ſuͤßen Worten hatte fangen laſſen. Ach! damals— der Tanzboden wankte unter mir: denn ich merkte nun, wie es um mein Gluͤck ſtaͤnde. Ich trug mich mit Schatten— und hatte dies ſchon laͤnger gethan als dieſen Abend, ohne es zu wiſſen. Ich kam lange nicht zu Levi Aſcher. Die Leute redeten wunderlich von dem Herrn Offizier und der Blume; der Alte kam ſelbſt und fragte mich. 234 Seine Geſtalt ſchien verfallen, er ſchien ſchweren Kum⸗ mer zu tragen. Vater Levi, ſagte ich: heiß mich nicht kommen! die Blume i*ſt anders worden, ich kann es nicht mit anſehn. Nun klagte der alte Mann, daß es einen Stein in der Erde erbarmen moͤgen. Er ſagte: der Bewußte haͤtte ſeiner Tochter den Kopf verruͤckt. Sie gedaͤchte ſich ihres Glaubens abzuthun und eine vornehme Offiziersdame zu werden. Er nannte ſie eine Naͤrrinn— das Wort hat wie ein Fluch getroffen. Die Zunge eines Vaters ſollte zit⸗ tern, daß ſie den Ausſchlag gaͤbe eines Urtheils uͤber ſein Kind: denn ſie bewegt die Wage der Verheißung! — Nein Odem iſt ſchwach zu reden von der Betruͤb⸗ niß meiner Seelen, ſagte Levi Aſcher und ſeine Augen floſſen mit Waſſer: meine Tage ſind abgekuͤrzet, das Grab iſt da. Wenn nun die Blume, mein einzig⸗ liebes Kind! wird verſpottet werden in ihrer Thorheit, wenn ihre Einbildung wird ſeyn ein verachtetes Licht⸗ lein vor den Gedanken der Stolzen: dann verlaſſe Du ſie nicht, mein Sohn Ephraim. Ich verſprach es ihm— und habe es auch gehalten. Nach geraumer Zeit gehe ich uͤber die Gerberbruͤcke, da ſehe ich an dem Hauſe von Levi Aſcher grade uͤber ein Taͤfelchen angeſchlagen: allhier iſt eine Wohnung zu vermiethen; mit ſchwarzen Lettern zwar nur, ſie duͤnkten mir aber golden. Der Wirth ſtand an der Thür und ſ Herr verrei von j tender ybei! zens ner 2 meine aber Am der n übel häͤtte Ich lebte durhl wie g eren Kum⸗ heiß mich 1, ich kann lte Mann, een moͤgen. e den Kopf z abzuthun erden. Er at wie ein z ſollte zi⸗ rtheils übet grrheißung der Betrüb⸗ ſeine Augen kuͤrzet, dai mein einzig⸗ rerThorhel ütetes Licht verlaſſe 2 derſprach 6 ch geraume ſehe ich a iin Täfälhe hnung 1 ar nut, ſ land an d 235 Thuͤre, ich ſtellte mich, als wuͤßte ich einen Miether und ſo gab ein Wort das andere. Ich erfuhr der Herr Offizier waͤre ausgezogen und auf langen Urlaub verreiſt. Er hatte ein anderes Quartier, weit weg von jenem Platze im Anſchlage gehabt.« Mit aufleuch⸗ tender Begeiſterung in der Miene fuhr Ephraim fort: bei dieſer Nachricht that ſich das Fenſter meines Her⸗ zens weit auf, eine Nachteule gleichſam flog aus mei⸗ ner Bruſt, die Hoffnung ſchien hell in alle Winkel meiner Seele. Ich waͤre alsbald hinuͤber gegangen, aber Levi Aſcher war ſammt ſeiner Tochter uͤber Land. Am andern Morgen in aller Fruͤhe kommt ein Bote, der mich zu ihm beruft. Ich moͤgte es nur nicht uͤbel nehmen, ſagt athemlos der Junge: der Schlag haͤtte ihn geruͤhrt— den Vater der Blume naͤmlich. Ich ſtuͤrzte fort— da ſaß der alte Levi Aſcher, er lebte noch, konnte aber nicht ſprechen; die linke Seite durchlief vom Wirbel an ein blaͤulicher Streif, als wie geſchwebelt bei der Gewitterwaͤſche. Der Arm ſchlug gleich einem Zitteraal. Da ich eintrat, bekam die Perle den Lachkrampf; der Vater ſah mit halb⸗ gebrochenen Augen, wie der zarte Koͤrper ſeines Kin⸗ des ſchuͤtterte in ſolch graͤulicher Luſtigkeit. Ich meinte, das Herz zerſpraͤnge mir im Leibe. Ein Arzt von unſern Leuten war da, der verſchrieb ein Rezept, der Alte winkte auf ein Schiefertaͤfelchen, ————— 236 darauf vermerkte er Etliches——— was ſoll ich weiter ſagen?« ſetzte Ephraim mit einem ausathmen⸗ den Seufzer hinzu:»das Ende der Geſchichte iſt kurz, mein Elend aber dauerte lang. Ich bat Gott den Herrn, daß er mich gleich einem Joſeph moͤge han⸗ deln laſſen an dem Vater und der Tochter. Ich hob die Blume aus tiefer Schmach— die rechte Liebe ſucht auch im Staube noch was ſie verloren. Ich freuete mich jaͤmmerlich, daß ich ſie wieder haͤtte, ob auch zerdruͤckten Geiſtes, und pflegte ihrer in meiner Armuth. Wir wurden Eheleute, der Vater ſchrieb ſeinen Segen auf das Schieferblatt, und am ſel— bigen Abend ſtarb er. Mit aller Vergnuͤglichkeit war es vorbei, auf immer: denn Ew. Gnaden, eine eine Frau zu haben, die nicht bei Troſte iſt, das nimmt einem rechtſchaffenen Manne Muth und Kraͤfte und mergelt ab vor der Zeit.« »Ich glaube es Dir, armer Ephraim,« ſagte Frau von Gardemer mit ergriffner Stimme:»Du traͤgſt deshalb einen großen Anſpruch in Deiner oͤden Bruſt.« Luzie konnte ſich hiebei eines ſchmerzlichen Vergleichs nicht erwehren. Wie edel war die Liebe dieſes Ju⸗ den! wie ſchnoͤde dagegen die Handlungsweiſe Deſſen, der ſeine Blume brach!— Sie gedachte der Parabel vom armen Manne, dem der Reiche ſein einziges Schaͤflein ſtahl. Sich ſehnend, die Eſſigſaͤure dieſer Gefüh aber, und 0 Ephre anfn Perle ihre ganz Dfftz Kraͤn und j aller und! oft ie das und Mun ich zmen⸗ kurz, t den han⸗ h hob Liebe . 3ch , ob meiner ſchrieb n ſel⸗ üchkeit 1, eine t, das Kraͤfte te Frau raͤgſt Bruſt. iglache is Ju Deſſen, panabe iinoiges dieſer 237 Gefuͤhle zu mildern, fragte Frau von Gardemer:»wie aber, ſage mir, benahm ſich mein Gemahl fernerhin? und war Deine Frau von jener Zeit an blöͤdſinnig?« »Ich weiß es nicht, gnaͤdige Frau,« entgegnete Ephraim Moſchel:»wie man es kaum merkt, wenn es anfaͤngt finſter zu werden. Das Wochenbette mit der Perle aber—« der Jude ſann nach—:»das hatte ihre Augenlieder verdunkelt, und ihre matte Seele ganz geſchwaͤcht. Sie ſchrie auf, ſo oft ſie einen Offizier erblickte, eine militairiſche Waffe erregte ihr Kraͤmpfe. Es ging mir faſt eben ſo, Ew. Gnaden, und ich bin doch, dem Ewigen ſey es gedankt! trotz aller Angſt und Noth bei gutem Verſtande geblieben und habe nicht Wochen gelegen, wie die Blume. So oft ich einen Degen ſah, fuhr er mir mitten durch das Herze.— Im Uebrigen war meine Frau ſanft und lenkſam wie ein Lamm; doch ſcheu vor eines Menſchen Angeſicht. Jetzt ſteht ſie vor Gott!« »Und der Major?« fragte ſeine Wittwe leiſe. »Der hochſelige Herr,« antwortete der Jude: „kam zu mir, that große Guͤte an uns im Stillen, und als er ſpaͤter das Gebaͤude miethete, um fuͤr ſich zu ſeyn, ließ er nicht abe, bis ich die Wohnung im Hinterhauſe hier annahm, wo Blume ungeſtoͤrt leben ſollte, und Niemand ihr ein Leides zufuͤgen wuͤrde. Er that einen entſetzlichen Schwur, dies nicht geſche⸗ 238 hen zu laſſen und die Frau ſelber nicht durch ſeinen Anblick zu kraͤnken. Er hat den Eid gehalten, wie ein Cavalier, das muß wahr ſeyn, den Doctor be⸗ zahlt und die Apotheke— und den Fehler, der nun einmal geſchehen war, ſo viel als moͤglich gut ge— macht. Freilich— ein Gefaͤß zur Ehre Gottes iſt es zerbrochen, laͤßt ſich nicht kitten wie ein thoͤnerner Scherben, und fuͤr den Riß im Gemuͤthe giebt es kein Heftpflaſter.« Die Majorin ſah traurig vor ſich nieder.»Und Perle?« fragte ſie abermals.»Von den Kindern, die meine Frau geboren,« erwiederte der Jude: viſt Perle mir das liebſte— ſo hoffte ich denn der hochſelige Herr wuͤrde, da er ſo viel gethan, das Maͤdchen im Teſtamente bedenken.« „Perle iſt mein—« entgegnete Frau von Garde⸗ mer raſch:»um die ſey unbeſorgt, alter Ephraim. Du aber wirſt eine Entſchaͤdigung fuͤr den vergeſſenen Artikel im letzten Willen meines Mannes von mir erhalten.« Beſtuͤrzt trat Ephraim einen Schritt zuruͤck und ſprach:»ſo war es nicht gemeint, gnaͤdige Frau, ſo nicht. Ich bin ein armer Handelsmann, aber kein Seelenverkaͤufer und die Perle iſt mir nicht feil fuͤr ein Stuͤck Geld, oder einen Klumpen Goldes. Auch waͤre es ein himmelſchreiend Unrecht, wenn Ew. Gnaden die Buße bezahlen ſollten fuͤr ſolch eine urch ſeinen alten, wie Doctor be⸗ , der nun ch gut ge⸗ Gottes iſ thönerner e giebt es der.»Und indern, die iſt Perle r hochſelige Nädchen im von Garde⸗ r Ephraim. vergeſſenen von mit butt zurt 239 Verpflichtung.— Ich will des Kindes Vater blei⸗ ben, ſo wahr mir Gott helfe!« „Das iſt ruͤhmlich von Dir,« ſagte Luzie: doch wirſt Du dem Gluͤck des Maͤdchens nicht im Wege ſtehen, wenn Du es wahrhaft lieb haſt. Sieh, Mo— ſchel! ich habe Gutes mit der Kleinen im Sinne, und auch mit Dir— hoͤre mich nur erſt. Perle iſt zu jung und zart, um Deinem Haushalt vorzuſtehen. Sie wuͤrde als die Waͤrterinn der kleineren Geſchwi⸗ ſter ſelbſt verkommen, und Du bedarfſt einer ruͤhrigen Wirthinn, die ſich der verſaͤumten Waiſen tuͤchtig an— nehme. Sie hat kein Talent fuͤr Dein Gewerbe und koͤnnte Dir darin wenig nuͤtzen. Ich gedachte daher unſere Perle bei einer Dame meiner Bekanntſchaft unterzubringen, wo ſie des vortrefflichſten Beiſpiels ge⸗ nießen wuͤrde und einer Behandlung heilſamer Art, fuͤr dies hartangegriffene, zerquetſchte Herz.« Das Geſicht des Juden druͤckte ſauerſuͤße Dank— barkeit aus, und der Seufzer, womit ſein Athem ſtieg, ſchien einen beſcheidenen Widerſpruch zu heben. Doch Frau von Gardemer ließ ihn nicht aufkommen. Sie ſprach:»Dir Ephraim, wollte ich, da mein Miethscontract zu Ende laͤuft, und ich an eine Aen⸗ derung denken muß«— hier ſchon trat ein reizender Farbenwechſel auf den Wangen der Wittwe ein—: „das Haͤuschen kaufen an der rothen Ecke, das, wie 240 Du weißt, der alten Websky gehoͤrte, welche vor einigen Tagen geſtorben iſt. Die einaͤugige Frau ſah ſehr achtſam auf ihr Geſchaͤft, und dies zu einem ge⸗ wiſſen Grade von Wohlſtand wachſen. Ein kaufmaͤn⸗ niſcher Segen ſchien darauf zu ruhen. Der kleine Zwirnhandel ging wie am Schnuͤrchen, ſie verſtand es, ein gutes Vorurtheil an ihre Waaren zu knuͤpfen — und die Lage iſt frequent.« »Die Lage iſt ſchoͤn—« rief Ephraim uͤberwaͤlti⸗ get von dem Genius ſeines Standes, dem Nutzen Schoͤnheit iſt—:»allmaͤchtiger Gott! das Haͤuschen ſoll mir? es ſteht dicht an der Seite des Marktes.« Ephraim Moſchel ſah im Geiſte das Gewuͤhl der Kaͤu⸗ fer wimmeln und dieſer Anblick in weiter Vorſtellung entzuͤckte ſeine merkantiliſche Seele. Doch, obgleich hoch von einer niegeahnten Hoffnung getragen, ſetzte er auf einmal kleinmuͤthig hinzu:»das Haͤuschen an der rothen Ecke iſt praͤchtig, gleich einer Krebs⸗ ſchale voll Zwirn zur Zeit des Herbſtes— dieſer gnaͤ⸗ dige Gedanke wird aber wohl ruͤckgaͤngig fuͤr mich werden: denn wie ſollte ich ein Sortiment von Schnittwaaren erzwingen? der Arme findet wenig Credit, Ew. Gnaden.« Luzie laͤchelte und ſprach: vich gebe ihn Dir, ehr⸗ licher Ephraim, und leihe Dir ein Capital auf maͤßige Zinſen. Du faͤngſt zwar ſpaͤt an und klein, aber die Grobl elbſt trage Frau als ſe Wohl Zu! Leute mahl. Dom fuͤr ſ ſie z0 auszu „Ohl denge der( die welche vor e Frau ſah einem ge⸗ n kaufmaͤn⸗ Der kleine ſie verſtand zu knuͤpfen überwaͤlt⸗ im Nutzen 3Hauschen Marktes. il der Kau⸗ Vorſtellung h, obgleich agen, ſite Häuschen iner Arebs⸗ dieſer gnü⸗ 19 fur mich rtiment bun undet wenig 241 Groshaͤndler ſind auch nicht immer gluͤcklich. Ich ſelbſt gehe alsdann auf Kundſchaft fuͤr Dich aus, und trage keinen andern Zeug, als aus Deinem Laden.« Frau von Gardemer dachte ſich kuͤnftig mehr zu putzen als ſonſt. Der Liebe Wunſch und das Gefuͤhl des Wohlthuns theilte ſich in dieſe Regung der Eitelkeit. »Zu Weihnachten,« fuhr Luzie fort:»gebe ich meinen Leuten kein Geld mehr, wie bisher, weil mein Ge⸗ mahl die perſoͤnliche Sorge fuͤr den Geſchmack der Domeſtiquen nicht gern hatte— ſondern ich kaufe fuͤr ſie bei Dir ein. Auch waͤre es moͤglich— fuͤgte ſie zoͤgernd hinzu—:„daß ich zunaͤchſt eine Braut auszuſtatten und Hochzeitgeſchenke zu waͤhlen haͤtte.—« »Ohl oh!« ſtoͤhnte Ephraim, betaͤubt von dem Sei⸗ dengeraͤuſch dieſer Worte. Er maß ſein Gluͤck nach der Elle, und machte eine Bewegung, als wollte er die Knie der Frau von Gardemer umfaſſen. Luzie wehrte ihm.»Biſt Du nun zufrieden mit mir?« fragte ſie mit Engelsfreude in der Stimme.« Der Jude weinte. Er blickte thraͤnend auf zum Himmel.»Gotteslohn, gnaͤdige Frau,« ſtammelte er und ſchluckte an der aufquellenden Fuͤlle des Dankes. »Nun geh und ſchicke mir die Perle, ich habe mit ihr zu reden,« ſagte Frau von Gardemer guͤtig:»Deine Tochter wird Dich oft beſuchen und Dir kindlich be⸗ huͤlflich ſeyn. Die Kleinen haben nicht weit zur Hanke Wittwen 2r Theil. 11 —— —— —— —y=— 242 Schule— und auch Perle bleibt Dir nahe. Gehe nun, Ephraim, und erhole Dich.“« Der wackere Moſchel bedurfte dies in der That. Er ging mit taumelnden Schritten. Die Unterredung mit der Majorinn war erſchoͤpfend fuͤr ihn geweſen. Er hatte die Bilder der Vergangenheit, die hinter ei— nem duͤſtern Vorhange ruheten, aufgerollt; aber vor der Perſpective, die Luzie ihm eroͤffnete, naͤßte ſich ſein Auge. An dunkle Geſichtspuncte fuͤr ſeine Ver⸗ haͤltniſſe gewoͤhnt, blendete ihn der Glanz einer beſſe⸗ ren Zukunft: der Morgenſtrahl, worin Naͤchte voll Muͤhe und alle Belohnungen tagen, ausgehend vom Vater des Lichts!— Sein getragenes Leiden war ihm nunmehr lieb, es daͤuchte ihm ſogar, die Sor⸗ genbuͤrde wuͤrde ihm fehlen, welche Luziens Milde ihm abnehmen wolle. Und doch entzuͤckte ihn die Idee buͤrgerlicher Selbſtaͤndigkeit, und daß er kein Hauſirer mehr ſeyn duͤrfte. Sein Schritt war muͤde: denn er war manchen ſauren Weg gegangen und kei⸗ nen ſchwereren als heute, wo er vom Grabe ſeiner Gattinn kam. Doch ehe er noch die Thuͤre des Zim⸗ mers der Frau von Gardemer erreichte, hatte er ſchon in Gedanken Credit-Vertraͤge mit den Fabrik⸗ herrn geſchloſſen; die Hoffnung ſeiner Handelsſeele ſpielte in Farben des Regenbogens vor ſeiner Phan⸗ taſie. Ephraim ſuchte bunte Muſter aus und hatte he. Gehe der That. nterredung mgeweſen. hinter ei⸗ aber vor naͤßte ſich ſeine Ver⸗ einer beſſe⸗ Haͤchte voll ehend vom eiden war „die Sor⸗ iens Milde kte ihn die aß er kein war muͤde: en und hi⸗ Frabe ſeine⸗ des Zim⸗ hatte u de Fabri⸗ 5 andelsſel uinet Phan⸗ und hn -re 243 gegenwaͤrtig nichts im Sinne als ſein kuͤnftiges Ladenge⸗ woͤlbe: Er trieb die Kinder und die Kaͤufer zu Paaren. Luzie blieb mit ſich allein, in einer Stimmung, die ſchwer zu beſchreiben waͤre. Sie dachte der Er⸗ zaͤhlung nach. Weder parteyiſche Leidenſchaft fuͤr ih⸗ ren Gemahl, noch eiferſuͤchtige Ungerechtigkeit gegen die Juͤdinn, miſchte ſich in das Urtheil ihrer Gefuͤhle. Was auch der Major gethan an Ephraim und den Seinen: es empoͤrte ſie, daß es ſo wenig waͤre nach Maßgabe ſeiner Verſchuldung— ein bettelhaftes Al⸗ moſen fuͤr den Raub großen Vermoͤgens— und daß er in der Naͤhe der bloͤden Blume und ihres verſtoͤr⸗ ten Lebens nur eine Stunde des ſeinigen froh werden moͤgen. Nicht ganz ohne Bitterkeit erinnerte ſich ihre reine Seele der ſcharfen Meynung von ihrem Geſchlecht, womit er auf den Schein von Ehre hielt. Daß Ephraim, der moraliſche Repraͤſentant des Majors von Gardemer, hinſichtlich jenes Verhaͤltniſſes— von ihm wie von ſeinem Wohlthaͤter ſprach und mit dank⸗ barem Lobe ſeine Guͤte ruͤhmte, zerriß ihr das Herz. Der Jude kam ihr ehrwuͤrdig vor in dieſer demuͤthi⸗ gen Selbſtverlaͤugnung, in ſeinem Schmerz. Sie ſchauderte bei dem Gedanken an ein Ungluͤck, was die Schuld ihres Gemahls und worin ſie durch ehe⸗ liche Beziehungen verwickelt geweſen waͤre, wie uͤber den Verrath ihres eigenen Vertrauens. Frau von Gar⸗ 41* 244 demer hielt in geſteigerter Empfindung das Hoͤchſt⸗ moͤglichſte, was an Ephraim zu verguͤten, nur in ih⸗ ren Kraͤften ſtaͤnde, fuͤr ihre Pflicht. Wenn wir auch Luzien unter allen Umſtaͤnden ed⸗ ler Geſinnungen faͤhig halten duͤrfen: ſo waren es jetzt zarte Gefuͤhle weiblicher Großmuth und weiblicher Schwaͤche, welche in dieſem Falle ihre Handlungsweiſe beſtimmten. Daß ſie ſich muͤtterlich mit dieſer Perle befaßte, war eine Suͤhne fuͤr die Manen der Mutter— und daß Frau von Gardemer das Kind dieſes Vaters fremder Leitung anvertrauen wollte, geſchah meiſt aus Vorſicht. Sie fuͤrchtete, ihr kuͤnf⸗ tiger Gemahl koͤnnte wie der vorige, auch ein Juden⸗ maͤdchen ſchoͤn finden.— Luzie konnte trotz Trojas Verſicherung ſich noch nicht von dem bangen Zweifel befreien, ihm auf die Dauer zu genuͤgen.— So wollte ſie ihr bleiches Bild nicht ſogleich gegen den aufbluͤhenden Reiz des Maͤdchens in Schatten ſtellen, noch den jugendlichen Capitain zum Pflegevater einer erwachſenen Tochter machen. Wir preiſen Luzien des⸗ halb weiſe, und glauben, daß ihr zukuͤnftig eheliches Gluͤck, was uns durch die Geſinnung dieſer Liebenden verbuͤrgt ſcheint, nur etwa ſolche trauliche Klugheits⸗ Maßregeln zu ſeinen Maͤngeln zaͤhlen duͤrfte: denn kein irdiſcher Beſitz iſt ſicher.— Es giebt zudem ein Vollgefuͤhl von Befriedigung aller unſerer Wuͤn⸗ ſche, Men Freit in d ein des Freu 8 Perk und ſich rung Gar Dich und s Hochſ⸗ nur in ih⸗ ſaͤnden ed⸗ waren es weiblicher dlungsweiſe mit dieſer Manen der das Kind nen wollt, ihr künf⸗ ein Juden⸗ trotß Trojas gen zweifel 7.- E’ gegen de tten ſiell, eoter einer Lußen de⸗ ig cheliche⸗ er bibenda — Klugheits⸗ ürfte: denn ſ nt zudam nſerer Wir 245 ſche, was einem zarten Gemuͤth jedes Opfer der Menſchenliebe als eine Loͤſung abfordert fuͤr den Freibrief der Gluͤckſeligkeit, den die Goͤtter ſchreiben in den Zuͤgen der Liebe. Die That der Tugend iſt ein Pfand, welches wir niederlegen auf den Altar des Schickſals, daß wir ein Recht haben ſeiner Gaben Freude und Ruhe zu genießen. Nach einer Weile ſendete Ephraim ſeine Tochter. Perle ſchien noch ſehr angegriffen und niedergeſchlagen und ihr Geſicht druͤckte jenen ſtillen Schmerz aus, der ſich tief in das Innerſte hinein jeder troͤſtenden Beruͤh⸗ rung entzieht.»Mein gutes Kind,« redete Frau von Gardemer ſie mit leidſamer Stimme an:„haſt Du Dich ein wenig beruhigt?« Das Maͤdchen laͤchelte traurig zu dieſer Frage, und antwortete: yes iſt mir, als koͤnnte ich nie mehr froh werden. Das Gefuͤhl einer herzzerreißenden Sehnſucht,« die Augen der armen Perle fuͤllten ſich bei dieſen Worten—:»das Bild der ſterbenden Mut⸗ ter— der Gedanke ihrer Leiden— ich werde nie —— c ihre Rede erloͤſchte. »Die Zeit thut viel, liebe Kleine,« ſagte Luzie von dieſem Anblick geruͤhrt; doch ein leiſes Laͤcheln der Erfahrung uͤber die jugendliche Taͤuſchung des Kindes, ſchwebte dabei um ihren Mund. Auch ſtand Frau von Gardemer nunmehr auf dem Standpunct 246 des Gluͤckes, von wo der Blick nicht in die Tiefen einer ſchmerzbewegten Seele dringt:»d enn nichts ſcheint Denen truͤbe, die gewinnen—« ſagt Shakeſpear. „Eine Mutter,« fuhr Luzie fort: viſt nicht zu vergeſſen und eine ungluͤckliche zumal.— Du, Perle, biſt ein Neuling in der Schule des Lebens und weißt daher nicht, daß die Jugend ihr Recht an die Freude auch unter den druͤckendſten Umſtaͤnden geltend macht.« »Ach gnaͤdige Frau!« entgegnete Perle:»zur Freude ward ich wohl nicht geboren; ich habe wenig frohe Tage noch geſehen. Doch was ich in der letzteren Woche gelitten, uͤberſteigt die Kraͤfte eines ſchwachen Weſens, was kindlich empfindet. Mein Herz iſt krank.—« »Es wird geneſen, liebe Perle,« ſprach Frau von Gardemer zuverſichtlich:»Sey nur muthig, mein Maͤdchen! wie iſt Deiner Mutter nun ſo wohl! der Funke ihres Geiſtes war verglommen in irrdiſcher Aſche, im Wuſt von Angſt und Qual; jetzt ſteigt er auf in gereinigter Klarheit: ein unſterblicher Strahl!« »Es iſt ſeltſam,« ſagte die Tochter der Juͤdinn: „daß die Mutter zuletzt faſt durchaus beſonnen war, lichte Stunden hatte ſie zwar ſtets; aber ihr Zuſtand, wie er ſich dem Tode naͤherte, war ein immer ſtaͤrker aufleuchtendes Bewußtſeyn. Ich wuͤßte Ihnen, gnaͤ⸗ dige Frau, ein ſonderbares Beiſpiel davon zu erzaͤh⸗ en. helle Jug⸗ Geiſ kam. arm ſiock End ihre Frau elbſ ter die Tiefen mnichts nen—« nicht zu du, Perle, und weißt die Freude nd macht. zur Freude frohe Tage ren Woche en Weſens, krank.— Frau von giig, men wohl! det m jrrdiſcher tt ſteigt ei ar Sbꝛhll er Jüdinn: ſennen wan ir zuſtand umer fůtta ehnen/ gni⸗ 1 zu enit 247 len. In ihrem verfinſterten Gedaͤchtniſſe waren einige helle Punkte geblieben: kleine Geſchichten aus ihrem Jugendleben, die ſie woͤrtlich wiederholte, wenn der Geiſt der Rede uͤber ihre ſtummen, blaſſen Lippen kam. Doch nie gelangten wir an einen Schluß; die arme Mutter ſtrengte ihr Nachſinnen ſichtbar an, ſtockte— und das Naͤchſtemal war es eben ſo. Das Ende der einen Erzaͤhlung fand ſich unmittelbar vor ihrem eigenen.« »Ol laß doch hoͤren, das intereſſirt mich!« ſagte Frau von Gardemer in ahnungsvoller Spannung. »Gewiß, gnaͤdige Frau! denn es betrifft Sie ſelbſt—« antwortete Perle und ſprach:»meine Mut⸗ ter hatte zuweilen mit ihrem Vater, Levi Aſcher—s »Himmel! unterbrach Luzie lebhaft den Vortrag des Maͤdchens: vjetzt faͤllt es mir ein. Du, Perle, ſiehſt Deinem Großvater aͤhnlich auf den ich mich recht gut beſinnen kann. Er kam oͤfters nach Kloſtergarten—« Perle nickte und Frau von Gardemer hielt eine volle Minute ihren Blick auf der Enkelinn des Levi Aſcher feſt, um die Abkunft dieſer Zuͤge zu ſtudiren. Ein dunkler Vergleich, der lange in Luzien gelegen, trat an das Licht— und die naͤchſten Augenblicke der Erzaͤhlung wendeten aufklaͤrenden Sonnenſchein auf ein Geheimniß naͤchtlicher Art. »Der Vater meiner Mutter,« hob Perle abermals 248 an:»war auf den Edelhoͤfen zehn Meilen in der Runde bekannt und gelitten, und ſeine Tochter mußte ihn da oder dorthin begleiten und leichtere Waaren tragen helfen. Einſt hatte er Perlen von einem Guts⸗ beſitzer erhandeln wollen, war aber des Kaufs nicht einig geworden. Der Gutsherr, erzuͤrnt uͤber ein ſchmaͤhliches Gebot, hatte die Unterhandlung in haſti⸗ ger Kuͤrze abgebrochen; dies gereuete nun den Levi Aſcher ſehr. Wenn ich die Perlen nur noch einmal ſehen koͤnnte— dieſen Wunſch aͤußerte er gegen ſeine Tochter. Sie kamen des naͤchſten Abends durch den⸗ ſelben Ort. Der Großvater bleibt draußen vor dem Schloſſe, und ſchickt ſeine Tochter hinein, daß ſie an ſeiner Statt mit dem Herrn des Halsbandes rede. Das Wohnzimmer zu ebener Erde iſt leer, Niemand zu hoͤren und zu ſehen. Dort in dem Schranke, ſpricht Levi Aſcher der am offnen Fenſter wartet— der Schluͤſſel ſteckt; doch meine Mutter zoͤgert, ihn zu drehen. Man wird mich fuͤr eine Diebinn halten, fuͤſtert ſie bange. Man kennt mich als einen ehrli— chen Mann— ſagt der Großvater: reiche mir die Schachtel nur zu, ich werde es ſchon verantworten. Da thut die Tochter wie ihr geheißen, aber Angſt befaͤllt ſie und Zittern, auch der Vater, da er Ge— raͤuſch vernimmt, wird beklommen um das, was ge⸗ ſchehen, er weicht zuruͤck. Er oͤffnet das kleine Schmuck⸗ ien in der chſter mußte re Waaren nem Guts⸗ raufs nicht t uͤber ein g in haſt⸗ den Levi och einmal gegen ſeine durch den⸗ n vor dem daß ſee an andes rede. „ Niemand Schranke, rwartet— zaͤgert, ihn binn halten, einen ehrli⸗ ce mir de erantwotte⸗ aber Aigſ da er Ge⸗ 3, was ge⸗ ne Schmut⸗ 249 kaͤſtchen, die Perlen ſind nicht drin. Es hat mich genarrt, ſagt er beſtuͤrzt und die Schachtel werde ich zuruͤckgeben, wenn ich wiederkomme. Unterdeſſen ging der Großvater den Weg alles Fleiſches, die Krankheit der Mutter ſchreibt ſich von jener Zeit an; ihr war zu Muthe, als haͤtte ſie wirklich etwas von Werth entwendet. Hier war die Geſchichte nun aus. Sie hatte kein Gedaͤchtniß mehr und ich vermuthe beinahe, daß meine Mutter in der aberglaͤubiſchen Hoffnung das Schaͤchtelchen unter ihr Kopfkiſſen genommen, es werde ſich ihrer Erinnerungskraft ſomit einpraͤgen, Wem es gehoͤre. In der Nacht vor ihrem Tode winkte ſie mich zu ſich und ſprach: vich weiß es nun. Ein Engel hat mir auf den Namen geholfen. Sie nannte den Ihrigen, gnaͤdige Frau.« Ein frommes Beben der Freude ging durch Luziens Nerven. »Gott!« rief ſie in Staunen befangen:»Du weißt nicht, Maͤdchen, welch ein koͤſtliches Geſchenk Du mir mit dieſer zufaͤlligen Erzaͤhlung machſt.—« In welch einfachem Element loͤſete ſich nun der raͤthſelhafte Zuſammenhang jener Begebenheit auf! wie geringfuͤgig war die Urſache ſo großer Wirkungen geweſen! der Tauſch eines ſo kleinen Behaͤltniſſes fuͤr einen Inhalt von ſehr verſchiedenem Werth, hatte den Umſturz aller Familien⸗Verhaͤltniſſe zur Folge gehabt, und die Ehrlichkeits⸗Renommiſterei eines * 250 Troͤdeljuden ſo viele treffliche Menſchen an Ehre, Ruhe, Liebe und Leben gekraͤnkt!— Frau von Gardemer fuͤhlte das Beduͤrfniß, der Tochter Ephraims das Gefuͤhl der erleichterten, froh⸗ aufathmenden Bruſt zu vergelten. Sie ſprach:»noch einmal, meine Perle, ſage ich Dir: Du haſt mir eine unausſprechliche Beruhigung gewaͤhrt. Ich moͤgte Dir dagegen auch etwas Angenehmes mittheilen. So wiſſe denn, Dein Vater hat meinem Wunſche nach⸗ gegeben, Dich mir zu uͤberlaſſen.« Perle ſah Luzien mit großen gluͤcklichen Augen an. Frau von Gardemer ſchauete in des Maͤdchens Seele und gerieth in Verwirrung.»Das heißt,« fuhr Luzie beklommen fort, und ließ den ſchweren Schlagbaum, der vor die ſtrebende Hoffnung des armen Kindes fiel, ſo ſanft als moͤglich niedergleiten: meiner Fuͤr⸗ ſorge, wenn ich auch durch Verhaͤltniſſe behindert, ſie nicht perſoͤnlich uͤbernehmen kann; ich verlaſſe ſelbſt dies Haus— aber eine beſſere Stelle ſteht Dir offen.« Perle ſchuͤttelte verſchmaͤhlich den Kopf; die blaſſe Taͤuſchung ſchattirte ihr Geſicht und in dem dunklen Blicke der zu Boden ſank, glimmte ein Funke von Trotz im Gram und zuruͤckgewieſener Liebe. »Nicht?« fragte Frau von Gardemer, und in die⸗ ſer beleidigten Sylbe war das ganze volle Recht einer guten Meynung ausgedruͤckt, und der Anſpruch an ein 251 an Ehre, unbedingtes Folgen und Vertrauen. Das Gefuͤhl der Hingebung, uͤber die wir gehieten, macht fordern. ürfniß, der»Sey doch vernuͤnftig, Kind!« ſprach Frau von erten, froh⸗ Gardemer in zuredendem Tone: ich habe, duͤnkt drach: vnoch mich, ſehr gut fuͤr Dich geſorgt.— Pauline Pla⸗ ton— Du kennſt die liebenswuͤrdige Geſellſchafte— rinn der Madame Weihland— heirathet den Schwa⸗ ger ihrer Freundinn, welche ſich nun auch wieder vermaͤhlen wird. Dahin ſollſt Du, zu der treff⸗ lichen Platon naͤmlich. Sie iſt gut wie ein En— gel, ein Muſter unſers Geſchlechts, dabei verſtaͤndig wie ein Mann, wiſſeenſchaftlich gebildet und vor allem geuͤbt in der Kunſt, mit jedem Gemuͤth angemeſſen zu verfahren. Ihr kuͤnftiger Gatte, ein heiterer be⸗ neidenswerther Menſch, hat in ſpielendem Humor die⸗ ſen Juwel von einer Frau gewonnen; doch daß er auch ernſte Vorzuͤge beſitzt, daß er ſeines Gluͤckes wuͤrdig iſt und ſchuͤtzend Denen, die ihm vertrauen, dies weiß ich aus eigner Erfahrung. Du wirſt dort wie in Abrahams Schooß aufgehoben ſeyn.« Die kleine Juͤdinn ſchlug einen thraͤnenſchweren Blick zum Himmel; der Wunſch, bei dem Gott ihrer du haſt mir .Ich mogte ttheilen. So zunſche nach⸗ / Augen an. chens Seele fuhr Luzie Schlagbaum, men Kindes meiner Für⸗ ehindett, ſi verlaſſe felbt 3 Dir offen. f; de blaſt dem dunklen n Funke ven Vaͤter zu ſeyn, funkelte darin. be..»Sieh, meine Perle,« ſprach Luzie, indem ſie mit und in ie ihrem Finger ein von der Wimper des Maͤdchens ab⸗ „Kecht eine getraͤuftes Troͤpfchen zaͤrtlich mit dem Finger abwiſchte: pruch an 4 ☛‿ 252 vich war voll ſuͤßer Hoffnung, Dich meines Vorſchlags froh zu ſehen— denn ich bin nun gluͤcklich, und moͤgte gern, daß Die, welche ich liebe, es auch waͤ⸗ ren. Dann aber muͤßte keine Thraͤne auf mein Herz fallen.« Ein jaͤhes Roth ſchlug auf den Wangen von Ephraims Tochter aus. Sie ergriff Luziens Hand, welche geſchaͤftig war wie troͤſtende Engel jenſeits, und druͤckte ſie heftig an ihren heißen Mund, als ſollte nun jede Klage verſtummen. »Ich weiß, Du biſt ein gutes Maͤdchen, und goͤnnſt mir eine ungetruͤbte Freude an meinem Gluͤck. Du wirſt daher meinen Wuuſch erfuͤllen und ein wenig froh ſeyn, wenn es Dir moͤglich iſt.« Perle laͤchelte wie im Verſuch eines guten Willens. Frau von Gardemer fuhr fort:»gieb nur Acht, es wird Dir druͤben ſehr gefallen— doch dieſer Ausdruck iſt flach— es wird Dir innigſt wohl bei dieſen herz— lichen Menſchen ſeyn. Wenn nun die kuͤnftige Ma⸗ dame Weihland einige Zeit des Sommers bei ihrer Schwaͤgerinn in Gimmle zubringt, dann kommſt Du zu mir nach Kloſtergarten.« Das Geſicht der bewoͤlkten Perle ward wie eine Sonne, die uͤber dem Eden der Zukunft aufging.« »Du liebſt die Blumen,« ſetzte Luzie hinzu: yhil — Herrn Admont gaͤrtnern und bluͤhſt dabei mit ihnen Vorſchlags klich, und auch waͤ⸗ mein Herz angen von ens Hand, el jenſeits, Nund, als chen, und n meinem fuͤllen und hiſ⸗ en Wilens. r Acht, es er Ausdruc dieſen heth fflige Ma⸗ 3 bei ihrer fommſt Du d wie eine aufging. zu: yhilff mit ihnen 8 253 um die Wette. Seine Roſen, auch die von Jericho, ſind ſo beruͤhmt, daß ich fuͤrchte, die Mauern der Zuruͤckgezogenheit werden von dieſem auspoſaunten Rufe ſtuͤrzen. Du, eine Tochter Judaͤas, wuͤrdeſt dort unter den Balſamſtauden ihrer Heimath wandeln.« »O gnaͤdige Frau,« erwiederte Perle erregt:»ich wuͤßte einen Balſam fuͤr mein Herz— aber er muß erſt reifen. Der Tod meiner Mutter hat mich ein Beduͤrfniß des Troſtes kennen gelehrt, was nicht ge— ſtillt wird durch das Geſetz: man muͤſſe des Geſtor⸗ benen vergeſſen. Ihr Andenken iſt mir eine zu tiefe Wunde— ſie braucht einen Heiland.« »Maͤdchen!« rief Frau von Gardemer uͤberraſcht: »waͤre es moͤglich: Du ſelbſt—« »Ja, gnaͤdige Frau,« antwortete Perle: v»aus der Erde von meiner Mutter Grab, iſt mir der Keim die⸗ ſes Glaubens gedrungen. Der Haß hat meine Ju— gend erdruͤckt, die Suͤnde der Menſchen machte mich elend und traurig da ich noch zart und klein war. Soll ich mich freuen und hoffen der Rache des Herrn? ach! ich kann Niemand etwas Boͤſes wuͤnſchen oder goͤnnen. Die Religion der Chriſten lehrt die Feinde lieben und fuͤr die Bruͤder das Leben laſſen. Das macht ruhig und labt die Seele wie Himmelsthau. Ich moͤgte gern ein Kind meines himmliſchen Va⸗ ters ſeyn.« 254 »O!« ſagte Luzie, hingeriſſen von dieſem Bekennt⸗ niß:»Du biſt getauft mit goͤttlichem Geiſt!« Sie druͤckte einen Kuß auf des Maͤdchens Stirne. Perle ſah verklaͤrt aus, als haͤtte ſie die hoͤhere Weihe ſchon empfangen. »Deshalb eben,« fuhr Perle fort: phatte ich ge⸗ hofft und gewuͤnſcht, in Ihrer Naͤhe zu bleiben, gnaͤ— dige Frau. Ihr frommes Beiſpiel war es zuerſt, was mich fuͤr den Gedanken ergriff, eine Chriſtinn zu werden. Auch hoffte ich, Sie wuͤrden meinen Vater dayin bewegen, daß er mich gewaͤhren laſſe: denn um alles in der Welt moͤgte ich ihn nicht kraͤn⸗ ken wollen.« »Pauline Platon iſt aͤcht religids und doch frei von Schwaͤrmerei. Mein bisher ſo truͤbes, trauriges Leben war nur ein Spiegel chriſtlicher Geſinnung von Seufzern angehaucht; in jener klaren Seele wirſt Du Dein Gluͤck heller einſehen. Der Glaube wur⸗ zelt zwar im Gemuͤth; aber er bedarf der Kraft des Geiſtes ſich in ſeinen Ueberzeugungen zu entwickeln. Pauline wird Dich lehren, wie hoch ein Herz das Gott vertraue, uͤber jeder ſchmerzlichen Erfahrung ſte⸗ he, und daß, wer den Erloͤſer zum Freunde habe, keines Menſchen Angriff fuͤrchten duͤrfe: denn Ihm allein iſt alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden. So ſey denn ruhig, von heute an. Waͤret Ir ſerer Staͤr ſtd Hoff zu ich dieſe ſeht wir Pa wei und eri Bekennt⸗ iſt!« Sie ne. Perle geihe ſchon atte ich ge⸗ iben, gni⸗ es zuerſt Ghriſiin den meinen hren laſſe: nicht kraͤ⸗ d doch fri , trautiges Geſinnung Seele witſt llaube wul⸗ Kraft des entwickeln u Het dis fahtung i⸗ runde habe/ denn Ihm nl und d an. Bin 25⁵ Ihr ſtill, ſo wuͤrde Euch geholfen— ſagt einer un— ſerer Apoſtel ſehr wahr. Nur in der Stille habe ich Staͤrke gefunden, mein Schickſal zu ertragen. Stille iſt die Bedingung des Gluͤckes, die Bluͤthe jeder Hoffnung— ein vorlautes Wort reicht oft hin, ſie zu verwehen.— Deines Vaters Einwilligung nehme ich auf mein Theil. Und nun gehe, liebes Maͤdchen; dieſer Morgen hat mich in ergreifenden Gefuͤhlen ſo ſehr bewegt, daß ich mich ſammeln muß. Auch Dir wird es noͤthig ſeyn. Lebe wohl, mein Kind— eine Pathenſtelle denkſt Du mir wohl zu, wenn wir ſo weit ſeyn werden? dann nenne ich Dich Debora, und dieſer hebraͤiſche Name, der Deinem Vater nicht mißfallen duͤrfte und an ſchoͤne poetiſche Charaktere erinnert, bezeichnet ein Vorbild der Weiblichkeit.« »O gnaͤdige Frau! ich kenne das meinige—« ſagte Perle und kuͤßte in leidenſchaftlicher Verehrung die Hand der Frau von Gardemer. Luzie druͤckte das Maͤdchen an ihr Herz; dies hatte ſie noch nie gethan. Eine Schranke der Zuruͤckhaltung war durch die eroͤffnete Abſicht gefallen— Frau von Gardemer hatte einen Blick gethan, in den innern Tempel die⸗ ſes kindlichen Weſens und den Schwur auf heiligem Altar niedergelegt, der Tochter Ephraims lebenslang muͤtterlich geſinnt zu ſeyn. Sie dachte jetzt daruͤber nach, wie es am beſten anzufangen, daß der Tauf⸗ 256 ſtein kein Stein des Anſtoßes fuͤr den altglaͤubigen Pfleger unſerer Perle wuͤrde. Wir uͤberlaſſen Luzien hiebei ihrem begruͤndeten Einfluß auf den Iſraeliten und jeder Huͤlfskraft ihres Geſchlechts— dieſen Um⸗ ſtand zu beheben— und wenden uns einer andern Seite dieſer Erzaͤhlung zu. Seitem der Landſchafts-Director das Haus der Madame Weihland verlaſſen, hatte kein Umgang zwi⸗ ſchen beiden Familien mehr Statt gefunden. Selbſt ſich fuͤr die liberale Aufnahme zu bedanken, hatte Frau von Elban bisher verſaͤumt. Franzisca war eben nicht beleidiget daruͤber. Sie war vielmehr im Stillen froh, jeder perſoͤnlichen Be⸗ helligung von dieſen Menſchen uͤberhoben zu ſeyn, welche mit unerhoͤrter Praͤtenſion nur Anſpruͤche ma⸗ chen konnten, ohne jemals ein Gefuͤhl der Verbind⸗ lichkeit ſchicklich zu aͤußern. Die Braut des Guts⸗ herrn von Gimmle dachte jetzt oft, wie richtig ihre Freundinn uͤber dieſes Verhaͤltniß geurtheilt und die Folgen deſſelben praͤſumirt haͤtte; aber Franzisca fuͤhlte ſich zu reich entſchaͤdiget, um anders als mit verach— tender Gleichguͤltigkeit jener Erfahrung zu gedenken und die Koſten ihres Herzens zu bereuen, womit ſie einen Beitrag zur Menſchenkenntniß bezahlt— jener zweite nicht wohn lgen gegen licher an d malt ſche ſchen wen ner Fra⸗ tun⸗ mit fün lieg 257 ltgläubigen zweitauſend Thaler zu geſchweigen, von denen nun ſee Luen nicht mehr die Rede war. Obgleich ſie ſich ſo nahe Irraeliten wohnten, daß jeder Blick nach Gegenuͤber die ehema⸗ dieſen Um⸗ ligen Hausgenoſſen in ihr taͤgliches Leben und Weben ner andern gegenſeitig verſetzte, und das Licht jener neuen haͤus⸗ lichen Welt die Schatten dieſer abgeſchiedenen Seelen an die Waͤnde der Zimmer von Madame Weihland malte: ſo war es doch wirklich, als ob in der rau— Haus der ſchenden Frequenz dieſer Straße der ſtille Lethe zwi⸗ mgang zvi⸗ ſchen ihnen floͤſſe. Franzisca fand ſich daher nicht en. Selbſt wenig verwundert, als ihr eines Tages— der Jaͤn— hatte Frau ner naͤherte ſich ſeinem Ende— die Meldung ward, Frau von Elban bitte um Erlaubniß, ihre Aufwar⸗ Ke Eit tung machen zu duͤrfen und wuͤnſche Madame allein ruber. zu treffen. Die Wittwe erroͤthete, ein verrathendes nüihen 3 Laͤcheln umſchlich Paulinens Lippen.»Ich weiſe ſie en zu ſeyn, ab—« ſagte Franzisca heftig:»Wem Du zuwider pruͦche e biſt, der braucht mich auch nicht zu ſuchen.« er Verbind⸗ »Nicht doch,« entgegnete die Platon und legte mit Ruhe ihre Arbeit nieder:»das hat ſeine guten richtig i Wege. Frau von Elban erzeigt mir die Ehre, mich des Guts⸗ ilt und die fuͤr Dein leitendes Prinzip zu halten, deshalb moͤgte nzisca fühie ſie mich entfernen, da ſie vermuthlich mit einem An⸗ mit vxrac⸗ liegen kommt. Aber Fraͤnzchen, der Bediente wartet—« zu u gddenka Franzisca ging im Sturmſchritt nach der Thuͤre. „vumit ſi Sie nahm die Viſite in einem Tone an, der die ſt ien —-—— ũ 258 Dame die ſich melden ließ, auf den Blocksberg wuͤnſchte. »Den Zweck dieſer guͤtigen Herablaſſung,« ſagte die Wittwe als ſie zuruͤck kam, kann ich mir denken. Frau von Elban will wahrſcheinlich Geld borgen.« Dabei fuͤhlte Franzisca nach dem Schluͤſſel der Cha⸗ tulle, ob ſie ihn bei ſich truͤge— und verſchloß ihr Herz. »Wo denkſt Du hin?« fragte Pauline:»Frau von Elban iſt reich und geizig, ſolche Leute gehen nicht auf Vorſchuß aus.« »Sie hat ſchon einen Schuß—« entgegnete Ma— dame Weihland: vallein man muß ſich eben deshalb vorſehen. So viel weiß ich nur: umſonſt erzeigt die Gnaͤdige dieſer buͤrgerlichen Wohnung die Ehre ihrer Gegenwart nicht.« Dabei warf Franzisca einen ſtolzlaͤchelnden Blick in den Truͤmeau, ruͤckte das Nonnenhaͤubchen welt⸗ lich zurecht, dann die Meublen grade und bereitete ſich innerlich auf den Empfang des Beſuchs. Dieſer ließ eine feine Weile vornehm auf ſich warten. Pau— line war unterdeſſen ausgegangen und Franzisca ging die Reihe der Moͤglichkeiten durch, was Frau von El⸗ ban wollen koͤnne, ohne auf die Abſicht der Dame zu kommen.— Endlich wankte die Geſtalt der Frau von Elban igelfoͤrmig in einen tuͤchtigen Pelz geballt, über vom? diente einem übet; wie n den 3 geſch laute daran Weſ ſchwe gen Mad fiel in lang ewig nach zise ken eine ſt e Blocksberg ung,« ſagte mir denken. Id borgen.« ſel der Cha⸗ verſchloß ihr :»Frau von gehen nicht egnete M⸗ ben deshalb onſt erzeigt g die Ehre elnden Blic löchen welt nd bereitete s. Dieſet rten. Pau⸗ Knzisca gig nu von E⸗ er Dame zl t der Frau pelz gkbäll 259 uͤber die Straße. Madame Weihland trat alſobald vom Fenſter zuruͤck. Sie ſchritt vorwaͤrts— der Be⸗ diente oͤffnete die Entree, und Frau von Elban, in einem merklichen Aſthma befangen, ſchob ſich langſam uͤber die Schwellen des Zimmers. Sie hatte heute— wie man zu ſagen pflegt, das gute Jaͤckchen an. In den Zuͤgen ihres Angeſichts war eine Bittſchrift leſerlich geſchrieben, der hochfahrende Ton ihrer Stimme ver⸗ lautete wie ein Supplicant. Der Anzug war nicht darauf berechnet zu imponiren, und uͤber das ganze Weſen der Dame hatte der innere Kummer eines ſchwermuͤthigen Anliegens ſichtbar beſcheidene Faͤrbun⸗ gen ausgegoſſen. »Ach meine Vortrefflichſte!« ſagte ſie, umarmte Madame Weihland wie eine Herzensfreundinn, und fiel gleichſam mit der Thuͤr eindringender Zaͤrtlichkeit in das Haus der Wittwe: dwie ſehr hat mich ver⸗ langt, Sie einmal wiederzuſehen! aber man iſt ja ewig occupirt. Die Hochzeit meiner Nichte— Weih⸗ nachten— das rauhe Wetter bisher—« Bei dieſer letzteren Entſchuldigung konnte Fran⸗ zisca ſich nicht enthalten, an jenen Geiſtlichen zu den⸗ ken, der in vierzig Jahren keinen ſchoͤnen Tag zu einem Beſuch auf dem Lande finden koͤnnen.»Es iſt zwar nicht weit heruͤber,« gegenredete Madame Weihland und der Spott mit ihrem Munde zaͤhlte 260 die zehn Schritte: vaber wer die Winterluft nicht gut vertraͤgt—« Frau von Elban keuchte noch immer. »Ich bin nur ein wenig enrhuͤmirt, erwiederte ſie darauf und huͤſtelte in Verlegenheit:»ſonſt darf ich meine robuſte Geſundheit loben. Welch einen Unfall haben Sie gehabt—« Franzisca mußte ſich beſinnen —»wie habe ich Sie bedauert! Sie haͤtten ja wenig⸗ ſtens den Hals brechen koͤnnen.« »Nun, dies waͤre wohl ſo ziemlich das Meiſte ge⸗ weſen,« entgegnete Madame Weihland in Laune:»in⸗ deß hatte jenes große Ungluͤck, welches ich beinahe vergeſſen habe, auch ſein Gutes.« Ihre Miene druͤckte eine dieſer beſten Seite zugewendete Empfindung aus. „Ich gratulire—« hob Frau von Elban an: „daß es ſo abgelaufen—« Franzisca war bei den erſten Worten der Dame hoch erroͤthet— und dann auch dazu:»man ſagt, Sie ſeyen Braut, Madame.« Frau von Elban fixirte die liebenswerthe Frau. Franzisca ſprach:»ich mag es nicht laͤugnen, daß ich die Verſprochene eines wuͤrdigen Mannes bin.« »Das iſt recht—« ſagte Frau von Elban uͤber— aus freundlich: v»eine Wittwe von Stande oder Ver⸗ moͤgen muß heirathen, um einen Mann gluͤcklich zu machen.«»Mein Verlobter,« erwiederte Madame Weihland und der Stolz auf ihre Erwaͤhnung into⸗ nüͤrte d beides daher und di D. doch f zu ſta Blicke gedeh Arme nterluft nicht keuchte noch erwiederte ſie ſonſt darf ich einen Unfall ſich beſinnen ten ja wenig⸗ as Meiſte ge Laune: vit⸗ ich beinahe Mene drüͤckte pfindung aus. Elban an: war bei den — und dann , Madame. wetthe Frau ſaugnen, daß mnnes bin⸗ Elban uber de odet V⸗ n glüclich 2 erte Nadam dbrung int 261 nirte dieſe Antwort:»iſt in dem Verhaͤltniß, mir beides mit ſeiner Hand bieten zu koͤnnen. Er begehrt daher die meinige ohne irgend ein Neben⸗Intereſſe, und dies iſt, was mich weſentlich begluͤckt.« Dieſe Erklaͤrung in dieſer Stunde gegeben, war doch fuͤr die neidiſche Schwaͤche der Frau von Elban zu ſtark. Sie maß die Gluͤckliche mit einem langen Blicke den geruͤhmten Vorzug zu verkuͤrzen, und ſprach gedehnt:»Ihr Braͤutigam, Madame, heißt, Herr Armont— ſchlechtweg?« »Bitt um Verzeihung!« antwortete Franzisca ge⸗ reizt:»Admont von Blandovsky iſt ſein Name.« Frau von Elban ſchrak zuſammen und verrieth einen ſchlagenden Eindruck. Ein Anflug von Saff⸗ ranfarbe wechſelte mit Gallenblaͤſſe auf ihrem Geſicht. »Blandovsky!« ſagte ſie mit verhaltener Stimme: „das geſteh ich!—« Sie wollte noch mehr geſtehen; aber der Schatten ihres Gemahls ſchwebte warnend dem Blicke ſeiner Wittwe voruͤber. »Nun ſo wuͤnſche ich Ihnen Gluͤck, Madame,« fuhr Frau von Elban in erſtickten Toͤnen fort: vich kenne dieſen Admont und koͤnnte—“ der Geiſt des Herrn von Elban ging wieder uͤber die Buͤhne des Zimmers. Das Auge der Dame fiel ſcheu zu Boden. Sie ließ den boshaften Wunſch zu ſchaden fallen, weil Franzisca ihrer Abſicht nuͤtzlich werden 262 ſollte. Und ſo fragte ſie nur:»wird Ihre Verbin⸗ dung bald ſeyn, Madame? ich moͤgte Ihnen da⸗ zu rathen.—« Dieſer Rath, und der Tropfen Gift darin war zwar von Ueberfluß; aber Frau von Elban mußte die beengte Bruſt luͤften. Franzisca laͤchelte und ſprach: ves eilt nicht damit, vor dem Spaͤtfruͤh⸗ jahr werde ich die Stadt ſchwerlich verlaſſen.« Waͤhrend dieſer Antwort ſuchte Frau von Elban nach einem Uebergange zu ihrem Zweck. Sie legte ihn in einen haͤmiſchen Hinterhalt und entgegnete: veine Hochzeit, die unmittelbar auf das Verloͤbniß folgt, erachte ich nach meinen Erfahrungen fuͤr beſ⸗ ſer. Ich habe daher trotz dem, daß mein Bruder opponirte und ich die Ausſtattung uͤber das Knie brechen mußte, darauf gedrungen, daß mit der Ver⸗ bindung Adelaidens nicht lange Federleſens war. Wozu auch? lange Liebſchaften taugen nicht.« Frau von Elban ſeufzte klaͤglich und fuhr dann fort: yfrei⸗ lich, die Liddy war noch ein pures Kind— aber die Maͤnner der jetzigen Zeit haben nun einmal dieſen unreifen Geſchmack. Man wird es noch erleben, daß ſie ſich die Braut aus der Wiege heben, und ihr ſtatt dem Bildniß des Geliebten, einen Wolfszahn um den Hals haͤngen.« »Der iſt Dein Brautgeſchenk geweſen—« dachte Franzisca, und zugleich ſchien ein verbindliches Laͤcheln, die mi zu beſ R8 mͤſſ haben Frau dame beſtel Rind das Ihre Verbin⸗ te Ihnen da⸗ Tropfen Gift au von Elban isca laͤchelte em Spaͤtfruͤh⸗ aſſen.« au von Elban f. Sie legte d entgegnete: as Verlöbniß ngen für bef mein Bruder ber das Knie mit der Ver⸗ erleſens wal nicht. Fral m fort: yftei⸗ d= dber di anmal dieſe Herleben, da Ken, und i un Woſfäe 6 dach ſen— diches Läcl 263 die mimiſche Falſchheit der Convenienz— das Geſagte zu beſtaͤtigen. »Dann aber,« fuhr Frau von Elban eifernd fort: „muͤſſen die Maͤnner auch die Folgen tragen. Sie haben ein Puͤppchen, ein Putzdoͤckchen; aber keine Frau, keine Wirthinn. Was meynen Sie wohl, Ma⸗ dame? den erſten Tag an welchem Liddy die Kuͤche beſtellt, laͤßt ſie fuͤr ſichund ihren Mann, zehn Pfund Rindfleiſch an das Feuer ſtellen; ma chere, ſagte ich: das iſt ein ochſiger Fehler fuͤr eine noble Hausfrau.“« Franzisca lachte und erwiederte: unter der Leitung ihrer Tante wuͤrde die Frau von Haag ohnſtreitig bald beſſere Wirthſchaft lernen. »Ach!« verſetzte Frau von Elban reſignirt:„das junge Volk folgt ſeinem eigenen Sinn, und glaubt ſich dem Gaͤngelbande entwachſen; es uͤberlegt nicht, wie gut dem Gemahl eine Frau thut, die etwas ver⸗ ſteht. Spaͤterhin werden dem Neveu die Schneebaͤlle in einer feinen Milch lieber ſeyn, als die, welche ihm ſein Weibchen jetzt mit kindiſcher Luſtigkeit an den Kopf wirft.— Man vermag nichts und traͤgt den Unmuth und die Verantwortung allein. Mein Bru⸗ der hat ſeine Geſchaͤfte— Claudine—« Madame Weihland fragte mit ernſtem Antheil nach des Fraͤuleins Befinden. Frau von Elban zuckte die Achſeln; auch ihr Ge⸗ 264 fuͤhl ſchien reizbar bei der Beruͤhrung dieſes Ge⸗ genſtandes zu zucken. Sie ſah ſich offenbar ungern durch dieſe Epiſode, welche ſie doch ſelbſt herbeige⸗ fuͤhrt, in dem Vorſchreiten zur Hauptſache aufgehal⸗ ten und antwortete eilig, als wuͤnſche ſie ſo ſchnell als moͤglich davon loszukommen:»die Aerzte ſagen: es ſey eine Verſtimmung der Nerven und man muͤſſe gelinde Saiten aufziehn. Sie haben gut reden dieſe Herren, von denen nichts anſchlaͤgt. Ich bin nun grade fuͤr die entgegengeſetzte Methode und daß man es mit Haͤrte angreife. Und ſo habe ich, bloß aus zaͤrtlicher Liebe— einen ſtreng verweiſenden Ton ge⸗ gen Claudinen angenommen. Welche Noth macht ſolch ein uͤberſpanntes Geſchoͤpſh!— Claudine— ich weiß, was ich mit ihr ausgeſtanden habe und bin es nun ſatt. Der Vater kann auch etwas fuͤr ſeine Tochter thun; doch mein Bruder iſt gewoͤhnt, mir alle ſeine Sorgen aufzubuͤrden, und deshalb iſt es noͤthig, daß ich auf eine bleibende Unterſtuͤtzung denke.« Franzisca hoͤrte es dieſer Wendung an, daß ſie annaͤhernd waͤre. Sie horchte und hielt das Auge auf Frau von Elban feſt. Dieſe hielt einige Mo⸗ mente inne und fuhr dann fort:'ſolcherlei Fatalitaͤ⸗ ten in der Familie haben mich endlich zu einem Ent⸗ ſchluſſe bewogen, gegen den ich mich lange ſtraͤubte; ich ſehe die Nothwendigkeit einer zweiten Heirath ein, und dur Fel ank von due eine Lie der fein haͤlt dicu Elb eine kun ren der drar einſ Sch befr eine ihr Em 5 dieſes Ge⸗ enbar ungern lbſt herbeige⸗ che aufgehal⸗ ſie ſo ſchnel lerzte ſagen: d man müͤſſe t reden dieſe Ich bin nun und daß man h, bloß aud den Ton ge⸗ Aoth mach audine— 1 e und bin 6 ras für ſin gewühnt, nu eshalb iſt e tzung dent 265 und meine Wahl iſt auf einen Mann gefallen, der durch ſeine Attention fuͤr mich, dieſen Vorzug verdient: Felice— und Sie Madame, ſollen ihm ſein Gluͤck ankuͤndigen.« Franzisca trauete ihren Ohren nicht.»Ich? Frau von Elban?« fragte ſie, und in dieſer kleinen indivi⸗ duellen Sylbe war die ganze Unbegreiflichkeit ſolch einer Mittheilung enthalten. „Ja, Madame,« ſprach die in dem Irrgarten der Liebe herumtaumelnde adelige Wittwe mit herablaſſen⸗ der Wuͤrde und berufender Weihe:»Sie ſind eine feine Perſon und ich kenne das freundſchaftliche Ver⸗ haͤltniß, worin Sie ehemals zu dem Landſchafts⸗Syn⸗ dicus geſtanden.“ Das Kopfnicken, womit Frau von Elban dieſe Worte begleitete, fuͤhrte ſchnell wie durch einen Mechanismus der Seele, die Reihe der Kraͤn— kungen, welche Franzisca in jenem Verhaͤltniß erfah⸗ ren, ihrer Erinnerung voruͤber, und der ſtechende Blick der Dame, von Franziscas Bewußtſeyn geſchaͤrft, drang wie ein Dolch in den Buſen von Felicens einſt waͤrmſter Freundinn. Der Gedanke, welch ein Schickſal uͤber dem Haupte des Schuldigen ſchwebe, befriedigte jedoch das weibliche Gefuͤhl, welches ihn ſeinem Verhaͤngniſſe anheim fallen ſah; und ob er ihr auch ſehr weh gethan, und ob ihre gegenwaͤrtige Empfindung fuͤr ihn nur ein ſchmerzliches: Vorbei! Hanke Wittwen 2r Theil. 12 266 war—: ſo wallte dennoch eine Regung des Bedauerns bei dem Anblick ſeiner alten Bewerberinn in ihr auf. Sie ſagte in woͤrtlicher Erwiederung:„geſtanden, ganz recht, Frau von Elban; jetzt aber ſtehe ich in keiner Beziehung mehr zu ihm. Er ſelbſt hat ſie alle geloͤſt.— Ich kann daher Ihrem ſchmeichelhaften Vertrauen nicht entſprechen. Aber warum wollen Sie, daß er aus fremden Munde erfahre, er ſey der Wahlkoͤnig Ihrer Gunſt?—«& Die Krone aus ver⸗ welkten Blaͤttern, das Spiel einer Geiſteskranken— und der goldne Reichsapfel, den die Eris wuͤrfe, ſchwebte dabei vor Franziscas Phantaſie. Sie goͤnnte ihrem ehemaligen Liebhaber die ſtrafende Angſt ſolch einer directen Erklaͤrung. »Ach meine Beſte!« entgegnete Frau von Elban in guͤtigem Schmerz verſunken:»er meidet mich; das iſt mir eben das Zeichen ſeiner ungluͤcklichen Leiden⸗ ſchaft, die auf nichts mehr hofft. So wuͤrde der ver⸗ ſtimmte Ton, den er gegen mich angenommen, faſt beleidigend ſeyn, wenn er mir nicht in dieſer ſtummen disharmoniſchen Weiſe ſagte, daß ſein Herz zerriſſen iſt. Er macht ſogar hier oder da einem Backfiſchchen fade die Cour, um Andere uͤber ſeinen Geſchmack zu taͤuſchen, er ſtuͤrzte ſich in Geſchaͤfte, um ſich zu zer⸗ ſtreuen. Seit der Hochzeit meiner Nichte, der arme Menſch war damals ſo aufgeregt— weicht er mir aus. ſeyn aber Went ih m nach T Nach einem chen fuͤcht die ſchien 7 fort: ich, Man mein Colle ch da. Bror Adels ttii Anſch einen Bedauerns in ihr auf. eſtanden, ſtehe ich in hat ſie alle zichelhaften wollen Sie, et ſey der ne aus ver⸗ zkranken— gris würfe, Sie gonnte Angſt ſolch von Elban et mich; das chen Leiden⸗ rde der bel⸗ mmen, 1. eſet ſtummen er zeriſſe Bakkfichche Geſh mack h mſch zu Fe⸗ e, der arnt iict er m 267 aus. Wie konnte er auch denken, daß ich geſonnen ſeyn wuͤrde, mich ſo vieler Vortheile zu begeben! aber eben dieſe ſchweigende Liebe hat mich geruͤhrt. Wenn ich den Verhaͤltniſſen ein Opfer brachte, als ich mir meinen ſeligen Gemahl nahm: ſo will ich jetzt nach meinem Herzen waͤhlen.« Bei dieſem: jetzt, auf das Frau von Elban den Nachdruck der Freiheit legte: konnte Franzisca die an einem Faden von Glanzgarn zupfte, der aus der blei⸗ chen Blumenfuͤlle ihres Kragens niederhing, ſich eines fluͤchtigen Laͤchelns nicht erwehren. Es war, als ob die Sonne ſpottend auf den flatternden Sommer ſchien. „»Aus den paar Jahren,« fuhr Frau von Elban fort:»die der Landſchafts⸗Syndicus weniger hat als ich, mache ich mir gar nichts. Er iſt ein ſolider Mann. Daß er nicht von Familie iſt, genirt mich in meinem Entſchluß auch nicht; ſein Poſten ſetzt ihn in Collegialitaͤt zu den erſten Edelleuten des Landes, und ich laſſe ihn nobilitiren. Das Geld dazu liegt ſchon da. Ich habe mir geſtern Abend in aller Stille einen Brouillon gemacht zu dem Schreiben, worauf der Adelsbrief als Antwort erfolgen ſoll. Ein paar ganz goͤttliche Pferde ſind auch ſchon halb und halb im Anſchlage: denn ich halte dem Felice Equipage und einen Jaͤger dazu.— Wofuͤr haͤtte ich Vermoͤgen? 12* 268 Er ſoll es genießen. Ich habe den Willen, meinen Freund in den Ehepacten ſo zu bedenken, daß er nicht mehr an meiner Liebe zweifeln wird.« Frau von Elban ſchwieg hier, als ließe ſie einem ſumma— riſchen Ueberblicke Raum. »In der That!« ſagte Franzisca:»dieſe Geſinnung iſt ſehr großmuͤthig; doch Felice wird ſie auch ver⸗ dient haben.« Ein ſchnoͤder Zug verzog bei dieſen Worten den Mund der Wittwe, der ſichtlich etwas Herbes unterdruͤckte. „Ja Madame,“ entgegnete Frau von Elban mit feurigem Lobe: edas hat er! dieſe zuvorkommende Aufmerkſamkeit, dieſes noble Benehmen— er war gluͤcklich, wenn er nur meine Hand kuͤſſen konnte— und ſo ſoll er ſie auch haben.« Franzisca biß ſich in die Unterlippe; ihr Auge funkelte zwiſchen Zorn und Hohn. Sie ſprach: wie ſchon geſagt, Frau von Elban, dieſer Auftrag iſt fuͤr mich zu uͤberſchwaͤnglich, und ich muß Ihnen danken fuͤr die mir zugedachte Ehre eine vermittelnde Rolle in dieſer Herzens-Angelegenheit zu uͤbernehmen. Ich habe nie begehrt mich in ſolche zu miſchen und waͤre froh geweſen, wenn Andere eben ſo gedacht haͤtten.— Sie ſind eine Dame von Erfahrung—“ das Al⸗ ter der Frau von Elban nach ohngefaͤhrer Angabe, durchklang unwillkuͤhrlich dieſen Ausdruck—:»und werde behan ſchwie auser Omel dame ſchwe 8 Sie Freu werd 7 noch — wed habe aus Dire zim ſtott en, meinen en, daß er ird.« Frau gem ſumma⸗ e Geſinnung auch ver⸗ g bei dieſen htlich etwas Elban mit vorkommende — er war en konnte— e; ihr Auge pprach: zwi uftrag iſt ſur ehnen danken ttende Jole uhmen. Ih en und wäte cht haͤtten. das A- ihret Angte . und d werden daher dieſen zarten Punkt am beſten ſelbſt zu behandeln wiſſen; ich wuͤrde ungeuͤbt dazu ſeyn.« Frau von Elban, alſo entſchieden abgefertigt, ſchwieg einen Moment verbluͤfft; die Weigerung der auserkorenen Vermittlerinn ſchien ſie wie ein boͤſes Omen anzuwehen. Dann ſagte ſie:„nun denn, Ma⸗ dame, ſo bitte ich wenigſtens um das tiefſte Still⸗ ſchweigen uͤber dieſe Sache. Franzisca erroͤthete und ſprach:»das verſteht ſich! Sie koͤnnen ganz auf meine Discretion rechnen. Die Freude der Ueberraſchung darf Ihnen nicht verdorben werden.« Dieſem Abſchluſſe der ſo wichtigen Unterredung noch drei Worte in hoͤflicher Indifferenz hinzuzuſetzen — und waͤre es die des Abſchieds geweſen— wuͤrde weder die Eine noch die Andere der Damen vermogt haben; aber ein ſchweres Schickſal half ihnen diesmal aus der Verlegenheit. Der Bediente des Landſchafts⸗ Directors kam ſonder ſervile Zuruͤckhaltung in das Zimmer der Madame Weihland, und rief mit der ſtotternden Haſt einer Hiobspoſt: vach Ew. Gnaden! der gnaͤdige Herr— wir Alle ſind des Todes— der Schlag haben ihn geruͤhrt.« Frau von Elban hatte jetzt Fug und Recht außer ſich zu ſeyn und unter dem Vorwand ſchweſterli- cher Angſt und Liebe einer andern Luft zu ſchaffen. 270 Der Schrecken macht ſonſt blaß; alles Blut aber ſchoß der Frau von Elban nach dem Kopfe, den ſie verloren— was ſie leider! nun zu ſpaͤt einſah. Die Zinnoberroͤthe, unter der die Adern ihrer Schlaͤfe, wie das Geaͤſte vom Auswuchſe des Halſes pulſirte, war die Praetexta toga, das mit Purpur verbraͤmte Oberkleid, welches die Bloͤße verhuͤllte, die ſie ſich ge— gen Madame Weihland gegeben. Der Schlag, der den Bruder geruͤhrt, war offenbar erleichternd fuͤr die Schweſter, und die Thuͤren ihres Herzens, krampf⸗ haft geoͤffnet, klappten davon zu, wie— die Mund⸗ ſperre von einer tuͤchtigen Ohrfeige. Sie wankte fort, auf den Arm des Boten gelehnt, und ſchlich langſam in ſchleppender Ohnmaͤchtigkeit uͤber die Schwelle, hatte jedoch ſo viel Bewußtſeyn, um heimlich die Uebereilung zu vermaledeien, mit der ſie dieſen Gang vor einer Stunde angetreten. Ruͤck⸗ gewendet in das Zimmer, murmelte ſie mit entkraͤf⸗ teten Lippen den Zauber eines boͤſen Wunſches; aber der Geiſt des Guten wachte, daß nur Segen ſich hier fortan erfuͤlle— und Frau von Elban muͤſſen wir nunmehr ihrem Daͤmon uͤberlaſſen. Betaͤubt von dem Schlage, der den Herrn von unſtern getroffen, blieb Franzisca allein, noch unfaͤhig zu faſſen, was ſie vernommen. Der Weiſer der Uhr ſeit dem Eintritt der Dame um dreißig Minuten nur 3 Blut aber opfe, den ſie einſah. Die Schlaͤfe, wie pulſitte, wat ur verbraͤmte ie ſie ſich ge⸗ Schlag, der hternd füͤr die ens, krampf⸗ — die Mund⸗ zoten gelehnt, ynmächtigkit Bewußtſeyn, veien, mit der treten. Rick e mit entkraf⸗ unſches; aber Segen ſich gban miſmn en Herrn von nfähig ud g ch eiſet der Minuten nur 271 geruͤckt, umſchrieb eine halbe Welt der Erfahrung. Sie dachte bis zu dieſem Gipfelpunkt der Thorheit haͤtte Felice die verſchrobene Tante getrieben und er waͤre nun geſtuͤrzt aus den Himmel ſeiner Hoffnung — oder wuͤrde noch wie aus den Wolken fallen.— Die Braut Herrn Admonts war ſehr geſtoͤrt und bei der ſchwankenden Bewegung ihres Gemuͤths ſich dieſes Standpunktes kaum bewußt, der ihre Ruhe un⸗ erſchuͤtterlich haͤtte befeſtigen ſollen. Der Beſuch der Frau von Elban hatte Madame Weihland in eine peinliche Vergangenheit verſetzt und Erſtaunen, In⸗ dignation, ein Chaos gereizter Gefuͤhle fluthete dunkel durch ihre Seele. Sie ſtand am Fenſter und ſah, ob auch innerlich nur mit ſich beſchaͤftiget, hinuͤber nach der Thuͤre, wo Aerzte, Chirurgen, Lakayen aus⸗ und einflogen, daß ein ſtockendes Leben wieder Umlauf gewinne. Die Nachbarn gruppirten ſich zuſammen und gafften hinauf. Noch athmete der Landſchafts⸗ Director und ſchon ſummirte die Meynung ſeine Schul⸗ den. Das Buch ſeines Lebens hatte freilich große Zahlen und hier und da Blaͤtter, welche eine ſchonende Hand bedecken moͤgen—; aber die Menſchen ſchonen ihrer Bruͤder nicht. Nur der himmliſche Vater uͤber— traͤgt ſeine Kinder und Engel laſſen Thraͤnen heiliger Tilgung auf den Minus der Sterblichen fallen; die Schrift verloͤſcht— und auf dem glaͤnzenden Weiß 272 der gereinigten Seele faͤngt die Rechnung der Ewig— keit an. Es war bereits tiefdaͤmmernd und immer noch ſollte Pauline wiederkehren. Franzisca, der das Herz vom Drange der Mittheilung ſchwellte und von Ah— nungen der verhuͤllten Todesſcene da druͤben— fing an unruhig uͤber das verſpaͤtete Ausbleiben ihrer Freun⸗ dinn zu werden. Endlich kam die Platon. Der Abend trat mit ſeinem breiten Schatten vor ihr Ge⸗ ſicht; doch Madame Weihland hoͤrte es dem Tone dieſer ſanften Stimme an, daß ſie tiefer bewegt waͤre als vom Gehen.»Was wirſt Du ſagen, Fraͤnzchen,« kam Pauline dem Entgegenrufe der Wittwe zuvor: „daß ich ſo lange geblieben? und Dich im Stich ließ — im Stich einer boͤſen Zunge? ich habe geſprochen— rathe nur, mit Wem?« Franziscas Neugier uͤberwand ihren Wunſch, die Neuigkeiten, welche ihr Herz druͤckten, ſchleunigſt ab— zuſtoßen; aber eine Andeutung von Wichtigkeit mußte ſie doch in ihre Antwort legen und ſo ſprach Madame Weihland: vach! mein Kopf ſummt in einem Schwarm von Ideen, mir ſelbſt iſt raͤthſelhaft zu Muthe— ſage es nur lieber bald!a »Mit dem Landſchafts-Syndicus!« ſo leiſtete die Geſellſchafterinn ihrer Aufforderung Folge:»den ich bei Dorthals traf. Er ſchoß, als er mich erkannte, g der Ewig⸗ immer noch der das Herz und von Ah⸗ uͤben— fing ihrer Freun⸗ glaaton. Der vor ihr Ge⸗ 3 dem Tone bewegt wͤke⸗ Fraͤnzchen, zittwe zuvor: im Stich ließ geſprochen- Punſch, die chleunigſt db⸗ tigkeit mußte rach Madame nem Schwarm gute- o leiſtete die ſeꝛ'den ich nic erkennte 273 auf mich zu, faßte meine Hand und bezeigte eine un⸗ verſtellte Freude mich zu ſehen. Er vergaß ſich ſo herzlich, daß ich ihn erinnern mußte, wir haͤtten Zeugen. So nannte er mich wie ſonſt: liebe Pauline — und wuͤnſchte mir in einem Tone Gluͤck, der mich fuͤhlen ließ—« die Platon ſtockte— yer halte das ſeinige fuͤr verfehlt. Er ſagte mir, wie hoch er Dei⸗ nen Schwager ſtets geſchaͤtzt haͤtte. Was macht Ma⸗ dame Weihland? fragte er mich dreimal hinter einan⸗ der. Gruͤßen Sie Franzisca von mir! bat er mich ſo inbruͤnſtig, als ſollte ich das Heil ſeiner Seele da⸗ mit retten. Niemals, ſo verſicherte Felice: wuͤrde er die in unſerm Umgange verſchwundene Zeit vergeſſen, und die ſchoͤnſten Stunden waͤren ihm verlebt.— Ich muß Dir geſtehen, Fraͤnzchen, er that mir doch Leid!—&— Die Platon bewies, daß ſie doch auch nur ein weichherziges Maͤdchen waͤre. Und bei Weitem ſagte Pauline noch nicht alles. Felice hatte ſein Herz voll Reue und Leid gegen ſie ausgeſchuͤttet, ſich einer un⸗ ſeligen Verblendung angeklagt: denn nur der gewiſſe Verluſt eines Beſitzes giebt den rechten Maßſtab ſei— ner Schaͤtzung— und ſomit die Sittenrichterinn auf ſeine Seite gezogen: denn die Vertraute wird Partei. Franzisca entbrannte.»Wer iſt denn aber Schuld? Wem anders als ſich ſelbſt kann er es beimeſſen, daß *X 274 ich nicht gern ſeinen Namen hoͤren mag?« fragte ſie wie zuͤrnend, und zugleich toͤnte dieſer Name ſo laut in den Nachhall der erwaͤhnten ſchoͤnen Stunden, daß Franzisca ihr eigenes Wort davor kaum verſtand. Sie ſagte es um ſo mehr mit Hitze: denn im Gefuͤhl einer neuen Liebe iſt man haͤrter im Urtheil gegen die alte. Pauline, im friſchen Eindruck ſeiner verſoͤhnenden Aufrichtigkeit, entſchuldigte ihn mit Milde und Zu— ruͤckhaltung. Sie hatten Beide die Rollen gewechſelt. »Nun denn,« ſagte Madame Weihland in gekraͤnktem Tone:»das Blatt hat ſich gewendet. Du warſt ſonſt nicht ſo guͤtig fuͤr Felice geſinnt, oder geneigt, ihn gegen mich in Schutz zu nehmen; es beweiſt grade nicht, daß Du meine Gefuͤhle theilſt, wie die Freund— ſchaft dies ſollte.« »Franzisca,« antwortete die Platon mit leiſem Schmerz eines unverdienten Vorwurfs:»Du thuſt mir wehe— und Unrecht, bei Gott im Himmel! wenn Du ihn gehoͤrt haͤtteſt—« Der Wunſch, die Freundinn eines Beſſeren zu uͤberzeugen, entriß ihrer weiblichen Seele einen Theil von Felicens Geſtaͤnd⸗ niſſen und nur ein kleiner gefaͤhrlicher Reſt blieb noch verſchloſſen. Madame Weihland ſchwieg und die Pla⸗ ton fuhr fort:»macht es Dich gluͤcklicher, wenn Du den Mann dauernd verachten muͤßteſt, der Dir einſt lieb und werth war? ich hoffe, die Ruhe meiner Fran⸗ 2« fragte ſie Kame ſo laut tunden, daß erſtand. Sie Gefuhl einer egen die alte. verſöhnenden de und Zu⸗ en gewechſelt in gekraͤnktem Du warſ oder geneig, beweiſt grade (e die Freund⸗ n mit leiſem .»Du thuſt 275 zisca hat eine feſtere Stuͤtze. Du achteſt gewiß den Gegenſtand Deiner nunmehrigen Wahl hoch genug, um die rechte Anſicht von dem Irrthume Deiner fruͤ⸗ heren Gefuͤhle zu haben, und Dich zu freuen, daß Felice, der Dich doch nie begluͤckt haben wuͤrde, zur Vernunft und zu einer dankbaren Wuͤrdigung ver⸗ ſcherzter Vorzuͤge zuruͤckgekehrt iſt. Wir wollen wuͤn— ſchen, daß es ihm wohl gehe.« »Er ſteht an einem Wendepunkte—« antwortete Franzisca mit unterdruͤckter Stimme:»der Landſchafts⸗ Director hat einen apoplektiſchen Zufall gehabt und i*ſt vielleicht in dieſer Minute ſchon todt. Was aber meinſt Du wohl, was Frau von Elban bei mir wollte?—« Unſere Leſer, welche ſich in dieſem Augenblicke an das Verſprechen der Verſchwiegenheit erinnern, was Franzisca der heirathsluſtigen Wittwe gegeben, wol⸗ len erwaͤgen, daß die Discretion eines Frauenzimmers, wir koͤnnen nicht wider die Wahrheit— nie ohne den Inbegriff mindeſtens einer vertraulichen Eroͤffnung ſey. Madame Weihland fuhr fort:„die Gnaͤdige will von der Hoͤhe ihres Ranges und einiger anſtaͤndigen Stufenjahre herab ſteigen, um die Gattinn ihres Guͤnſt⸗ lings zu werden und ich— ich, Pauline! ſollte der Engel dieſer Verkuͤndigung ſeyn. Sie legte mir ſein Gluͤck in den Mund.« 276 Paulinen Platon blieb der ihrige offen. Sie ſprach: yſo wird Felice es denn erfahren, was es auf ſich hat, den Adorateur einer alten Thoͤrinn zu ſpielen; ich fuͤrchte, ſeine Strafe hebt nun erſt an.« Hier trat das Stubenmaͤdchen ein und meldete: der Landſchafts⸗Director waͤre eben verſchieden. Die Nachricht von dem ſchleunigen Ende eines Mannes, den ſie noch kuͤrzlich in voller Lebenskraft geſehen, er⸗ ſchuͤtterte die beiden Braͤute. Die Platon ſprach von dem Zuſammenſturze der kuͤnſtlich finanziellen Haltung, worin der Verſtorbene ſich behauptet. Sie bedauerte die arme ungluͤckliche Claudine von ganzem Herzen. Franzisca dachte daruͤber nach, wie ihr eigenes Schickſal vielleicht ganz anders geworden, wenn dieſer Tod um ein Jahr fruͤher erfolgt waͤre.»Es ſollte es muß ſo kommen!« ſagte ſie zu ſich und Admonts Bild in ſeiner ſtillen Sphaͤre tauchte wie der Mond aus dem Dunkel auf, worin die Vorſehung waltet, und ſtrahlte Frieden in ihr Herz. Es fuͤllte ihre Seele mit Wehmuth, daß Felice eine vereitelte Hoffnung mit weſentlicher Einbuße bezahlen muͤſſen; doch daß er zu dieſer reellen Erkenntniß gekommen, und den Werth deſſen fuͤhle, was er um ein nichtiges Streben aufgegeben: dies befriedigte ihr Gefuͤhl. Sie wuͤnſchte ihm ein wenig Reue noch, damit es tiefer eindringe — und dann Heil und Gutes in der Zukunft. ſprach: auf ſich ſpielen; meldete: n. Die Mannes, hen, er⸗ rach von Haltung, bedauerte erzen. eigenes nn dieſer ſollte Admonts er Mond waltet, hre Seele Hoffnung doch daß und den zStreben wuͤnſchte eindringe 277 Unſere Geſchichte ſchweigt davon, ob dieſer Wunſch erfuͤllt worden. Wir glauben jedoch mit Gewißheit annehmen zu duͤrfen, daß jene warnende Erfahrung ein Weilchen vorhalten werde. Am andern Tage ſtroͤmten Condolenzen, am mei⸗ ſten Solche, die ſich ſelbſt beklagten— in die Woh⸗ nung, worin der Landſchafts⸗Director kalt gegen den heißen Anlauf ſeiner Glaͤubiger lag. Er ward mit Pomp beerdigt und hinter dem Grabhuͤgel ging ſein Unſtern unter.—. Franzisca ſah, wie ſeine Schweſter mit bewun⸗ dernswuͤrdiger Faſſung ihre Trauerhaube aufprobirte, die wie eine Gewitterwolke der andern im Spiegel gegenuͤber ſtand. Frau von Elban wuͤrde dem Be— merken: ſie ermangele ſichtlich der herkoͤmmlichen Be— truͤbniß und gehoͤre im Aufruhr des Schmerzes zu den Gemaͤßigten, wie jener Franzoſe haben antworten koͤnnen, der bei dem Vorwurfe, er truͤge zu wenig Leid um einen ihm nahverwandten Todten, die Hand auf ſein Herz legte und ſprach:»wenn's hier nur ſchwarz iſt!« Nicht lange nach dem vornehm feierlichen Geraͤuſch der Beſtattung des Landſchafts-Directors geſchah es, daß die Fluͤgel derſelben Hausthuͤre ſich wiederum oͤffneten, um unter plebejem Tritt und ordinairem Laͤrm der Traͤger, Felicens Sachen, das Gehaͤuſe ſeiner Umgebung, auszulaſſen. Madame Weihland 278 machte weite Augen, als ſie ein wohlbekanntes Moͤ⸗ belſtuͤck nach dem andern forttragen ſah. Die Urſache dieſer ploͤtzlichen Veraͤnderung war jedoch ſo undurch⸗ dringlich, wie die dichte Doppelſeide der Rolleaur, die im Grillenſtuͤbchen der Frau von Elban nieder— hangen blieben.— Zuletzt kam Felice ſelbſt in Uni⸗ form, ein Refuͤgié, der ſeiner angeborenen Galanterie den Ruͤcken kehrte. Er gruͤßte hinauf an das Fenſter, wo Franzisca ſich ihres Lauſchens ſchaͤmte— in ſei⸗ nem Blicke funkelte ein heroiſches Gefuͤhl der Freiheit; er bog den Nacken bei dieſem Gruße ſo ſtolz zuruͤck, als haͤtte er ein ſchmaͤhliges Joch abgeſchuͤttelt. Da die Seele dieſem Blick in ſeiner Richtung folgte: ſo bemerkte er den Hofrath Breeſt nicht, den Doctor mit dem Ehrenzeichen, deſſen Frau von Elban im erſten Bande dieſes Buches erwaͤhnt, der in amtlicher Gra⸗ vitaͤt an ihm voruͤber ging, um der Dame, die wir genannt, berufnermaßen einen Beſuch abzuſtatten. Sie lag auf einer Bergere, zum Verſcheiden ſchlecht, mit verbundenem Kopf und offnen unſichtbaren Her⸗ zenswunden! Der Hofrath, ein alter Prakticus, theilte nach einem langen Regiſter von Klagen, dieſe Krank⸗ heit den Vapeurs zu, verſchrieb etwas Unſchaͤdliches — irrte aber wie es menſchlich iſt: denn die Viper der Bosheit und verſchmaͤheter Liebe nagte giftig an ihrem Leben. es Mo⸗ Urſache undurch⸗ Kolleaur, nieder⸗ in Uni⸗ alanterie Fenſter, in ſei⸗ Freiheit; zurück, lt. Da gte: ſo ctor mit m erſten her Gra⸗ die wir uſtatten. ſchlecht, ten Hek⸗ , theilte eKrank⸗ hadlices ſe Viper ifti an Eine Woche mogte nach jenen Ereigniſſen verfloſ⸗ ſen ſeyn, als Claudine, eine dunkle Geſtalt voll daͤm— mernder Gedanken und erloſchner Wuͤnſche, allein in ihrem Zimmer war. Capitain Troja befand ſich bei Frau von Gardemer, das Verhaͤltniß dieſer Liebenden war kein Geheimniß mehr, und Claudine hatte ſich, um nicht ſtoͤrend zu ſeyn, in ihr einſames Gemach, in ihren oͤden Schmerz zuruͤckgezogen. Die Zuflucht, welche die arme Claudine zu ſich ſelbſt nahm, gab keinen Raum fuͤr irgend einen Troſt der Hoffnung. Sie war auf jenen Punkt gaͤnzlicher Verlaſſenheit ge⸗ kommen, wo die Hand, welche unſer Leben leitet, ſichtbar durch die Wolken greift, daß wir nicht irre werden an uns und an Gott. Der Landſchafts-Director war nun geſtorben, und der Concurs eroͤffnet worden. Die Tante ver⸗ bittert uͤber den abtruͤnnigen Felice, hatte ſich von jeder Pflicht an der Nachlaſſenſchaft ihres Bruders losgeſagt. Frau von Haag, kalten Andenkens, bedauerte nur, daß der Tod des Vaters dem Flittergolde ihrer Ehe hier und da ein Trauerfaͤhnchen anhaͤnge, und ſie, die ſich als die Frau eines Huſaren, mit dem Quer⸗ ſattel uͤber die kleinen Schritte weiblicher Beſchraͤnkung hinwegſetzte, zu einer Art von Anſtandsrolle noͤthige. Liddy, welche den Eheſtand fuͤr einen harmoniſchen 280 Galopp hielt, wozu Leichtigkeit gehoͤre, kuͤmmerte ſich um ihre ſogenannte Schweſter nicht, und uͤberließ Claudinen dem ſchweren Grame. Sonſt, wenn ein Familienhaupt in das Grab ſinkt, ſchließen ſich die Glieder inniger an einander, die große Luͤcke durch Liebe auszufuͤllen; hier war es anders. Der Spalt des Todes gaͤhnte offen vor jedem frem— den Blick, und die Form verwandtſchaftlicher Ver⸗ haͤltniſſe, ohne weſentlichen Zuſammenhang, fiel aus⸗ einander. Claudine empfand die ganze Zerriſſenheit ihres Schickſals. Ihr beſtes Herzblut war in andern Wun⸗ den vergoſſen— nur wenig Thraͤnen, die letzten Tropfen Schmerz aus dem bittern Kelch der nun ge⸗ leert war— konnten um den Vater fließen. Sie hielt ſein Sterben fuͤr ſein Gluͤck. Unſere Leſer, denen wir das Verhaͤngniß Claudi⸗ nens von Unſtern dargelegt haben, jenes ungluͤckliche Gewebe von Zufall und Abſicht, an welchem die weiſe Vorſehung mit der Falſchheit um die Wette arbeitete, daß Claudine eine arme verwandelte Gefangene darin waͤre— wuͤnſchen gewiß, daß ſie frei gegeben wuͤrde an ein verſoͤhntes Loos. Und doch wiſſen ſie noch nicht alles. Claudinens Ruhe, ihre weibliche Kraft, war in der Leidenſchaft Eugens vernichtet worden, eines Gefuͤhls, deſſen Waͤrme— wenn dies maͤßige Wort ſie m war die F gen Was fuͤndi den Sinr in di mahl war und unten der( Mhl ſch unun müſſ und Str unte von zergu dara ummerte uͤberließ rab ſinkt, die große anders. em frem⸗ her Ver⸗ fiel aus⸗ eit ihres in Wun⸗ e letzten nun ge⸗ en. Sie Claudi⸗ glückiche die weiſe atbeitete, ene darin en wütde ſi noch he Kraft, worden, maͤßige 281 Wort auf eine ſolche Glut angewendet werden mag— ſie mit mehr Innigkeit als Feuer beantwortete. Sie war in ihr eigenes Netz gegangen und hatte ſich in die Faͤden der Liſt unentreißbar verwickelt.»Die Klu⸗ gen ſahen ſich ſelbſt—« ſagt die heilige Schrift. Was ſie ſpaͤter an der Ruhe des edlen Admont ge— ſuͤndiget, war groͤßtentheils Nothwehr einer draͤngen— den Lage geweſen. Der Wittwenflor, den ſie im Sinne trug, verdunkelte ihr helles Auge und ließ ſie in die Grube fallen, welche ſie fuͤr den kuͤnftigen Ge— mahl gegraben glaubte. Der Wunſch nach Freiheit war bis dahin ſtaͤrker als das Beduͤrfniß der Liebe, und das bewegte Herz der Thaͤtigkeit ihres Verſtandes untergeordnet. Claudine war zudem geſaͤttiget von der Goͤttertafel, an welcher Eugen ſchwelgte, von der Nahrung die Admont ihrer Eitelkeit gegeben. Sie ſah die Nothwendigkeit ein, den Erſteren durch einen unumſtoͤßlichen Grund von ſich entfernt halten zu muͤſſen; ſie hatte ihren Zweck bei dem Letzteren erreicht: und uͤber dieſes Aeußerſte hinaus geht ein coquettes Streben nie. Daß der kuͤnſtliche Bau ihres Gluͤckes, unter der Laſt, welche die hohe Achtung fuͤr Admont von Blandovsky auf ihre Seele waͤlzte, und mit dem zerquetſchten Herzen Eugens zuſammenbrechen werde: daran hatte Claudine freilich nicht gedacht. Sie kannte die Macht des Gefuͤhls nicht, welches dem matten 282 Seufzer, der aus der Ferne herweht, Kraͤfte des Or⸗ kans giebt, daß er die ſtillen Tiefen des Gemuͤths gigantiſch aufwuͤhlt, und unſere feſteſten Vorſaͤtze nie⸗ derreißt. Jede Hoffnung war verſchuͤttet, der ſtolze Jugend⸗ traum eine traurige Ruine geworden. In dieſer ver⸗ nichteten Stimmung lernte Claudine den Capitain Troja kennen. Er benahm ſich zart und ſchoͤn gegen die Geliebte ſeines Freundes, und zeigte die uͤber⸗ nommene Pflicht am meiſten in der ſchonenden Art, womit er die Beziehung feſthielt, welche an wunde Stellen des Gewiſſens geknuͤpft war.— Claudine haͤtte Keine ihres Geſchlechts ſeyn muͤſſen, um dieſe Feinheit nicht dankbar zu empfinden. Sie wuͤnſchte ſich ihm von einer beſſeren Seite zu zeigen, und ließ einige bleiche Farben vom Prisma der Coquetterie auf ihn ſpielen. Der Capitain bemerkte ſcharf; aber doch nur wie ein Mann. Das heißt: wie Einer, der ſich nie dem Einfluſſe weiblicher Verſuche entziehen kann, ihm gefallen zu wollen.— Er hatte ein un⸗ guͤnſtiges Vorurtheil gegen die Grauſame gehabt, welche den treuen Elban zum Tode verurtheilte, und als ſich die Freundſchaft ſeines Lebens annahm, ihn verbannte, aus dem Kreiſe bisheriger Freuden und Freunde, und von den Marken ſeines Vaterlandes; und er fand ein ſchoͤnes, intereſſantes mildes Weſen in Cla leidend tenton Willer ſten d haͤtte Tre denker geten weiter von d nußte Braut den( ſic n. einen Ff ſagt d die Bö lich( vermi gut, Neug des Or⸗ Gemuͤths ſſätze nie⸗ Jugend⸗ dieſer ver⸗ Capitain hoͤn gegen die uͤber⸗ nden Att, m wunde Claudine um dieſe wuͤnſchte und ließ Zoguetterie atf; aber Finer, det entziehen te ein un⸗ e gehabt ſte, und ahm, ihn uden und terlandes; es Weſen 283 in Claudinen, unfaͤhig einen Wurm zu kraͤnken, mit leidender Miene die ihn entwaffnete, und einem Lau⸗ tenton in der Stimme, flehend wider Wiſſen und Willen, wie das Toͤnen tiefer Angſt aus dem Inner⸗ ſten der Seele— davor die Anklage verſtummte, ſie haͤtte unverantwortlich gehandelt. Troja wußte nicht, was er eigentlich von Claudinen denken ſollte. Er hielt endlich dieſe verkannte und getrennte Liebe fuͤr ein Opfer der Verhaͤltniſſe: ein weiter Begriff, der da erlaubt, daß ſich ein Umfang von Vermuthungen in ſeine Falten huͤlle. Eine be⸗ nutzte Connexion ließ den Capitain der ehemaligen Braut und Couſine ſeines verlorenen Freundes, auf den Guͤtern ihres Vaters und zwar fuͤr laͤngere Zeit ſich naͤhern; veraͤnderte Umſtaͤnde fuͤhrten ſie ſpaͤter an einen Ort zuſammen und— auseinander. »Freundſchaft iſt immer die Emballage der Liebe—a ſagt der Dichter des Hesperus. Ob auch Claudinen die Bruſt zugeſchnuͤrt war, ſich dem Capitain hinſicht⸗ lich Eugens zu entdecken, ob auch Troja es behutſam vermied, dies Geheimniß zu luͤften: ſo war es doch gut, daß ſein Herz unter hoͤherem Schutze ſtand. Neugier, Mitleid und der letzte Wunſch ſeines Freun— des, wuͤrden ihn ſonſt vielleicht zu weit gefuͤhrt ha⸗ ben: ſo aber hielt Sanct Luzie ihn wunderwirkſam mit der verſagten Hand zuruͤck. 284 Claudine empfand dies leiſe. Sie blieb ihm ſcheu entfernt, wenn auch wachſam, ihn anzuziehen—; doch der Augenblick, wo Troja gewankt haͤtte, kam nimmer. Sein maͤnnlicher Charakter fuͤhrte Claudi⸗ nen auf das Gefuͤhl der Weiblichkeit zuruͤck. Sie meynte, es waͤre ein unnennbares Gluͤck, von ſolch einem entſchiedenen Manne geliebt und beſchuͤtzt zu werden. Sie lernte jetzt erſt die Anfangsgruͤnde der wahren Liebe kennen; ihre fruͤhere war ein falſches Buchſtabiren von Empfindungen geweſen, was die fertige Schuͤlerinn nie dahin kommen ließ, das ewige Geſetz der Natur und Geneſis zu leſen:»Er ſoll Dein Herr ſeyn! und der Wille des Weibes ſoll dem Manne unterthan ſeyn!« Jetzt glaͤnzten ihr die goldenen Let⸗ tern dieſer Urſchrift Gottes in jeder Minute, worin Trojas Sorgfalt ſie zu erheitern, ihr verfinſtertes Daſeyn aushellte. Eugen, dieſe lebendige Flamme, dieſer Salaman⸗ der hatte verzehrend die Blume ihres Lebens wegge⸗ ſengt und ſeine Feſtigkeit in Trotz verhaͤrtet. An ihn dachte Claudine mit ſchmerzender Seele, mit Vorwurf. Sie hatte die Feuerprobe der Unſchuld und der Treue nicht beſtanden. Admont hatte ihr kalt geſchienen wie der Stern einer Winternacht. Er war es nicht geweſen, nur hoch und hehr, eine ſtille wandelnde Welt und ge⸗ meine Strah Claud ſtarte ſel de den i C ſchen empfe rung gleich eine kalter Umg ge— doch große Herz G glüͤch ner dara eeiſeſ ihre tiſche Alim ihm ſcheu jehen—; tte, kam e Claudi⸗ uck. Sie von ſolch ſſchuͤtt zu ründe der in falſches was die das ewige oll Dein em Manne denen Let⸗ te, worin erſnſtete Salaman⸗ ns wegge⸗ ihn . An ih t Vorwutf der Treue der Stern veſen nur t und g⸗ 285 meinem Blicke nicht zugaͤnglich. Doch ſo oft der Strahl dieſer Erkenntniß in ihr Herz fiel, erſchauerte Claudine im Froſt der Selbſtverachtung und ſo er— ſtarrte ſie bei ſeinem Andenken, ob auch der Loͤſeſchluͤſ⸗ ſel der Vergebung ihr verſchloſſenes Gemuͤth dem Frie⸗ den wieder oͤffnete. Capitain Troja, ohne es zu wollen und zu wuͤn⸗ ſchen, erreichte ihr Ideal eines Mannes. Claudine empfand wohl, er koͤnnte nach jener Normal⸗Forde⸗ rung an die menſchliche Kraft, der Leidenſchaften zu— gleich faͤhig und doch maͤchtig ſeyn. Sie hatte eine unbegraͤnzte Hochachtung fuͤr ihn, und dieſes kaͤltere Gefuͤhl, welches die Luft zu dem Athem des Umgangs verfeinert, wie die auf dem Gipfel der Ber⸗ ge— ließ Claudinen uͤberſehen, wie weit Troja ihr doch entfernt waͤre; ihre Wuͤnſche ruͤckten uͤber die große Kluft zuſammen, welche die tiefſte Stelle ſeines Herzens war.— Claudine hatte zwar von dem Geruͤcht einer un⸗ gluͤcklichen Liebe gehoͤrt, die der Capitain noch zu ei— ner verheiratheten Frau fortſetze; aber ſie glaubte nicht daran. Keine Liebende, waͤre ſie dies auch in der leiſeſten Art— wird dies jemals. Claudine ſtrafte ihre Augen Luͤgen, wenn ſie die ſeinigen im traͤume— riſchen Ruͤckblick auf eine ſchoͤnere Vergangenheit ent⸗ glimmen ſah, ſie mißtrauete ihrem Ohr, wenn Worte 286 daran ſchlugen, die wie das Grabgelaͤute der Hoff⸗ nung klangen aus der Ferne: er werde wieder einmal gluͤcklich ſeyn. Wir haben Claudinens innere Erſchuͤtterung be⸗ merkt, als ſie vom Fenſter der Madame Weihland aus den Capitain geſehen, gehend in das Haus der Frau von Gardemer. Der Landſchafts-Syndicus war Claudinen voͤllig gleichguͤltig; der Liebling ihrer Tante und ſo befliſſen derſelben zu ſchmeicheln, war durchaus kein Gegen— ſtand fuͤr die Nichte. Er erregte nichts in ihr als geringſchaͤtzenden Verdruß uͤber ein Verhaͤltniß, das ihren Stolz wie ihr Zartgefuͤhl empoͤrte. Ihr Haß gegen die Tante, der fruͤher nur Selbſtvertheidigung war, hatte ſich in Verachtung umgewandelt, ſeit Frau von Elban ihre hyſteriſchen Launen in eine Neigung ausarten ließ, welche dem grauen Haar ei⸗ ner alternden Dame die Wuͤrde nimmt, die es damit traͤgt, und die tyranniſchen Fehler ihres Charakters wie ihrer alten Tage auf das Beſtreben einſchraͤnkte, einen juͤngern Mann feſſeln zu wollen. Das Betra— gen der Tante in einer andern Schattirung von Feh⸗ lern, als ſolchen, woran man gewoͤhnt war, floͤßte Claudinen einen Widerwillen gegen Felice ein, der dieſe Metamorphoſe, gleichviel mit welchen Mitteln, bewirkt haͤtte.— Sie fuͤhlte die Unmoͤglichkeit in — — — dieſem laͤnger Pater! wuͤrde, kräften, derſetzer Fra als Cla der in Bogen wiſſen, wie ſie ihn bal wegn und al Als ſammer niit ein und K n, w um ſic ten, der ſie ſin R den W auf ei det Hoff⸗ der einmal terung be⸗ Weihland Haus der nen voͤllig o befliſſen in Gegen⸗ ihr als niß, das Ihr Haß theidigung delt, ſeit in eine Haar ei es damit gharakters nſchantte 287 dieſem Verhaͤltniß ausdauern zu koͤnnen, und konnte laͤnger keine Zeuginn der Folter ſeyn, auf die ihr Vater von den Forderungen ſeiner Schweſter geſpannt wuͤrde, um ihn fuͤr eine moͤgliche Gegenwehr zu ent⸗ kraͤften, womit er ſich ihren erobernden Abſichten wi⸗ derſetzen koͤnnte. Frau von Elban erpreßte jedoch nichts dadurch, als Claudinen heiße Thraͤnen und kalten Angſtſchweiß, der in ihre Stirne perlte, hinter deren ſphaͤriſchem Bogen nur ſchwermuͤthige Traͤume wohnten. Wir wiſſen, was Claudine fuͤr ihren Vater gethan und wie ſie dem Engel ſeiner Rettung vorgegriffen, der ihn bald genug von der Marterbank einer Lage hin⸗ weg nahm, in der er ſich uͤber ſeine Decke ſtreckte— und auf das Kiſſen der Ruhe legte. Als Claudine den Capitain ſchriftlich um eine Zu⸗ ſammenkunft gebeten, worin ſie ihm dann, wenn auch mit einiger Umſchreibung— von dem Conflict Kunde und Klage gab, dem ſie ſolcher Weiſe ausgeſetzt waͤ— re, war er ſelbſt dafuͤr, daß ſie das Feld raͤume, um ſich in dieſer allſeitigen Angegriffenheit zu behaup⸗ ten, und der einzigen Huͤlfskraft nicht zu berauben der ſie geboͤte, naͤmlich ihrer eigenen. Er wollte die— ſen Ruͤckzug, der am Ende ein Sieg zu nennen, mit den Waffen der Freundſchaft beſchuͤtzen, und verſprach, auf eine Stellung fuͤr ſie, außerhalb dem Bereich der 288 Tante und den vier Pfaͤhlen des Weihlandſchen Grundſtuͤcks, bedacht zu ſeyn. Claudine nannte den Namen der Frau von Gardemer, hinhorchend, ob Troja ſagen wuͤrde: die Genannte ſey ſeine Braut, worauf ſie ihm dann Gluͤck wuͤnſchen und fuͤr immer ſchweigen wollen uͤber dieſen Punkt, der eine Periode ihres Lebens beſchloß. Aber der ſeußzerleiſe Schall die⸗ ſes Namens wie zum Verſuch ſeines Echo— hatte eine Lavine geweckt, die ſpaͤter Claudinens warmes ſchlagendes Herz unter einem Eisgebirge begrub. Der Capitain ſagte gar nichts. Er aͤußerte nur: Claudine koͤte ſich gratuliren, wenn die Wittwe des Majors ſie zu ſich naͤhme. Dies haͤtte Claudine beinahe uͤbel genommen. 4 Wir wiſſen noch, bei welcher Gelegenheit der Ca— pitain des Wunſches der bedraͤngten Claudine gegen Luzien eingedenk war, und finden endlich ſeine beiden Freundinnen von einem Irrthume ihrer Gefuͤhle zu⸗ ſammen gefuͤhrt., Eine Zeitlang blieb Frau von Gar⸗ demer in Ungewißheit, ſo auch Claudine. Luzie zog ſich in truͤber Reſignation in ſich ſelbſt zuruͤck, waͤh— rend Jene im Reize dumpfer Gefahr, der die Anzie⸗ hungskraft des Ungluͤcks iſt, und verleitet von dem herzlichen Entgegenkommen Trojas, der unter den Augen der Geliebten den Muth des Vertrauens hatte, und hierin nichts ſah, als ein zartes Ableiten, den 4 Gan eine her, Abg. dem Er Sin Sch das Alln und über nicht feinſ lorer D gegel ſchm ewig gluͦc igu Anſ nur H9 ihlandſchen nannte den rchend, ob ine Braut, fuͤr immer ne Periode Schall die⸗ do— hatte s warmes grub. Der Claudine es Majors inahe uüͤbel eit der Ca⸗ dine gegen eine beiden Hefuͤhle zu⸗ von Gar⸗ Lußie zog ruͤck, wät⸗ 289 Gang, welcher der Liebe die Wege weiſt und ihr auf eine richtigere Spur hilft— einige Schritte uͤber die bis⸗ her geachtete Graͤnze wagte. Claudine ſah, an welchem Abgrund ſie ſtaͤnde. Sie fand ſich grauenhaft allein. O wie anders war der Capitain geworden, ſeit⸗ dem ſeine Verſtaͤndigung mit Luzien erfolgt war!— Er konnte ſein Gluͤck nicht bergen und hatte nur Sinn fuͤr die Geliebte. Claudine ging mit ſchwerem Schweben— ihre Fittige waren gelaͤhmt— durch das Zimmer, wo die Gegenwart Luziens wie die Allnaͤhe einer Gottheit den Raum dieſer Umgebung und ſeiner Seele ganz erfuͤllte. Er hoͤrte das Wor⸗ uͤberrauſchen von Claudinens Kleide nicht, er merkte nicht auf ihre Worte und den Gang der Zeit. Claudine war laͤngſt nicht geiſtreich mehr. Die feinſte Pointe ihres Geſpraͤchs ging dem Capitain ver⸗ loren, wenn von Luziens Arbeit ſacht eine Nadel glitt. Der kraͤftige Mann war weich wie ein Kind, hin— gegeben dem Spiel von Kleinigkeiten. Sein Ernſt ſchmolz in zaͤrtlichem Getaͤndel: denn die Liebe iſt ewig nur ſie ſelbſt. Claudine konnte ſich eines leiſen Haſſes gegen die gluͤckliche Luzie nicht erwehren. Sie hielt die Maͤ— ßigung ihrer Gefuͤhle fuͤr Phlegma, jenes weibliche Anſichhalten, was einen Mann, der ſich ſelbſt ehrt, nur feſter anziehen muß, fuͤr Apathie, und durch⸗ Hanke Wittwen 2r Theil. 13 290 aus unvertraͤglich mit dem lebendigen Weſen der Liebe, der Leidenſchaft. Sie begriff die Stille dieſer Seele nicht, welche die Fuͤlle des Gluͤckes voll Aether ge— goſſen; Elaudine dachte: durch ihren Himmel wuͤrden Freudenchoͤre brauſen— aber Wer ſelig iſt, iſt ſtill. O!— Wir unterſchreiben es in Anwendung auf Claudinen: es iſt ein namenloſes Gefuͤhl einen Freund lieben zu wollen aus Erin⸗ nerung, und ihn fliehen zu muͤſſen aus Ehre—: Welcher Winkel der Gedanken wie der Gemaͤcher war heimlich genug, daß Claudine ſich vor dieſem beſchaͤmenden Schmerze dahin fluͤchten koͤn⸗ nen?— War ihr ein Tag in quaͤlenden Anblicken vergangen, und hatte das muͤdd Herz, was ſeine Wunde waͤhrend des Kampfes, nicht fuͤhlte, umſonſt gehofft, es werde ausruhen auf dem Lager und ſein Weh verrinnen in Schlaf, in traͤumendes Vergeſſen— dann wuͤnſchte ſie ſich eine tiefere Ruhe, eine dunklere Stelle. Die ſchoͤnſte Jugend mußte Claudine verwin⸗ den, ihre Zukunft aufgeben. Das Bild ihrer Kinder⸗ tage glaͤnzte ſie mit unſaͤglicher Wehmuth an aus der truͤben Vergangenheit, wo es in Nebel aufging. Sie dachte jetzt oͤfterer als jemals an Eugen.»Er liebte mich doch!« ſagte ſie traurig zu ſich ſelbſt: ver haͤtte ſein Blut fuͤr mich vergoſſen.—« Bei dieſer Ver⸗ gegenwaͤrtigung ſchauderte Claudine. — 3 eine Der bei d muͤth preſſe um d dieſer zu? ſorge ſchen ſchwe jista barke nigſte nerin dine lleine in u ihres 5 nen Gtoj ran d und der Liebe, ſer Seele lether ge⸗ l wuͤrden iſt, iſt nwendung Gefuͤhl s Erin⸗ ſen aus wie der n ſich vot hten koͤn⸗ Anblicken was ſeine e, umſonſt tund ſein ergeſſen— e dunklere ge verwil⸗ rer Kinder⸗ an aus der ging. Sü „Et lebte A haͤtte dieſer Ver⸗ 291 Zu ſolchen Leiden in der Idee geſellte ſich jetzt eine reelle Noth. Claudine war faſt ganz ohne Geld. Der Schuld bewußt, von der Madame Weihland bei dem Aufſtand der Glaͤubiger ihres Vaters groß⸗ muͤthig geſchwiegen, peinigte ſie der Wunſch, das preſſende Gefuͤhl druͤckender Verhaͤltniſſe, mindeſtens um dieſe Verpflichtung erleichtern zu koͤnnen. Nach dieſer kleinen Abweichung finden wir Claudinen wie zu Anfange dieſes Abſchnitts, einſam ſinnend und ſorgend. Die werthvollen Ohrgehaͤnge, ihr Brautge⸗ ſchenk, welches Admont nicht wieder genommen, lagen ſchwer in ihrer Hand bei der Erwaͤgung: ob Fran⸗ zisca ſich wohl wuͤrde entſchließen koͤnnen, dieſe Koſt⸗ barkeit anſtatt der Zahlung gelten zu laſſen? we⸗ nigſtens fuͤr jetzt, um den redlichen Willen der Schuld⸗ nerinn einleuchtend zu machen. Ungern trennte Clau⸗ dine ſich davon: denn das funkelnde Glockenſpiel am kleinen Ohr in ſchimmernden Farbentoͤnen, hatte ſich in unvergeßlichen Stunden, unter ſtarken Schlaͤgen ihres Herzens bewegt.—. Jeder dieſer erleſenen Solitaire erinnerte Claudi⸗ nen an den Edelſtein, den ſie in ſeiner abgeſonderten Groͤße nicht erkannt, den ſie verloren hatte, daß Franzisca ihn faͤnde und er Erſatz in ihr. Sie goͤnnte ihn zwar der liebenswuͤrdigen Frau, und ſeltſam! obwohl Madame Weihland die Braut 13* 292 des Mannes war, dem Jene einſt angetrauet geweſen: ſo regte ſich doch kein Gefuͤhl der Mißgunſt in Clau⸗ dinens Bruſt, im Vergleich zu denen, die ſie gegen Luzien zu bewaͤltigen hatte, wenn auch Troja ihr nie ein Recht an ſeine Liebe gegeben. Sie zweifelte je— doch, daß Franzisca grade dies Geſchmeide wuͤrde tragen wollen. Claudine hatte zu Ephraim, dem Hofagenten dieſes Hauſes mit der Bitte geſendet, ſobald ihm ein Augenblick Zeit uͤbrig ſey, zu ihr zu kommen. Sie wollte ihn erſuchen, die Ohrringe durch einen Juwelier taxiren zu laſſen. So ſtand ſie am Fenſter ihres Zimmers, wie in Erwartung; der blaſſe Strahl des Abendſterns tauchte aus der blauen Hoͤhe durch den ſilbernen Duft der ſchwindenden Tageshelle nieder in das Geflimmer der Diamanten. Sie wog den Schmuck mit Seufzern auf ihrer Hand, und die Thraͤne, die da abwaͤrts blizte, war nach dem Karat ſolcher Perlen nun auch gewo⸗ gen.— Es klopfte beſcheiden an die Thuͤre. Clau⸗ dine glaubte, es waͤre der Jude. Sie legte daher zuvor die Ohrgehaͤnge in den Sammt des Etui— es klopfte abermals— und ging dann zu ſehen, ob Moſchel draußen waͤre. Doch nicht er, ſondern eine weibliche Geſtalt in dunkeln Gewaͤndern, reiſemaͤßig angethan und beſchattet von einem kleinen, tiefen Hute, ſtand unter der Woͤlbung eines Pfeilerbogens im Vorſaal, 9 geweſen: in Clau⸗ ſie gegen ja iht nie eifelte je⸗ de wuͤrde aim, dem geſendet, zu iht zu Ohrringe z, wie in ens tauchte Duft der limmer der Seußzern vaͤrts blite nuch gewb— ne. Clau⸗ diher zuva es kopfte ob Nuſch ge weiblich g ongethan Hute, ſtand mm Vorſaa 293 der den Eingang von Claudinens Zimmer wie im Hintergrunde einer Niſche barg, und fragte mit ban⸗ ger, bebender Stimme: ob Fraͤulein von Unſtern hier ſey, und allein?— Claudine erſchrak; der Ungluͤckliche erſchrickt vor allem was ihn befremdet. Er fuͤrchtet das Naͤchſte und hofft in Niemand einen Freund. Sie vermuthete zuerſt ein Anliegen verſchaͤmter Armuth, ſchon wollte ein herbes Gefuͤhl, wie Spott uͤber eigenes Unvermoͤgen in ihr aufwallen, da ſah ſie eine goldene Uhre unter dem Mantel der Fremden hervorblicken. Die Uhr, wenn auch unhoͤrbar, ſchlug einen andern Ton der Antwort an; Claudine bekannte ſich zu dieſem un⸗ heilvollen Namen wie zu der Gunſt, die geheime Audienz bewilligen zu koͤnnen. Die Dame trat, ſicht⸗ lich ſchwankend— es war ſo dunkel ſchon— uͤber dieſe Schwelle. Claudine ſchellte ſogleich nach Licht. So viel ſich noch im duͤſtern Beginn des Abends er— kennen ließ, war die Unbekannte von großer aber ha⸗ gerer Figur. Sie ging ein wenig geduckt, als truͤge dieſer Nacken eine ſchwere Buͤrde, oder wie wenn der Anſtand frommer Demuth ihn beuge. Der Schnitt ihres Anzuges war nicht nach der Mode, und den Außenfarben nach, die fremde Frau uͤberhaupt keine Buͤrgerinn der eleganten Welt. Das Licht wurde gebracht, es goß einen langen 294 blendenden Schimmer durch das Gemach— die Fremde, ohne gaſtlich genoͤthigt zu ſeyn, ſank, wie mit irgend einem Vorrecht, Claudine nahm es fuͤr das der Er⸗ ſchoͤpfung— in einen Seſſel, und warf einen ſchnel⸗ len ſcheuen Blick auf die Dame des Zimmers, womit ſie die Verhaͤltniſſe dieſer zarten Geſtalt wie fuͤr irgend eine Maßregel, zu meſſen ſchien. Claudine begegnete unter beklommenen Gefuͤhlen den Augen der Fremden, und ſah in ein feines verlegenes Geſicht, das einſt ſchoͤn geweſen ſeyn mogte. In dieſen Zuͤgen, halb verwiſcht von einer gleißenden Miene, auf der gilb⸗ lichen Glaͤtte der Haut, lag die Fractur von Liſt und Leichtſinn, das phyſiognomiſche Fragment einer unge⸗ bundenen Ausgabe—; doch um den Mund hatte ſich eine tiefe aͤngſtliche Falte gebildet, ein Depot der Jahre und des Kummers. »„Mit Wem Madame, habe ich die Ehre zu ſpre⸗ chen?« fragte Claudine von Unſtern ſchuͤchtern und ſtehend. »Ich bin die Wittwe eines Edelmanns, Namens von Gorfe,« antwortete die Dame nach einem kleinen Zoͤgern:»ich bringe Ihnen Gruͤße von Ihrer Mut⸗ ter.«»Von meiner Mutter?« fragte Claudine beſtuͤrzt und haſtig:»allmaͤchtiger Gott! Frau von Gorfe, welche Mutter?« »O!« entgegnete die Wittwe wie mit beleidigtem Sie dieſer letzte ſiock die- Sti glau Dei dine 1 üͤber Fremde, it itgend der Er⸗ en ſchnel⸗ , womit ur irgend begegnete Fremden, das einſt gen„ halb der gilb⸗ Liſt und iner unge⸗ hatte ſich depot de re zu ſpte⸗ htern und Namené 8 kleinen her Nu⸗ iue beſin von borf, beleidigtem 295 Gefuͤhl:»in dieſer Frage liegt ein ſchwerer Vorwurf; eine Mutter iſt nur Eine, welche Andere ſich auch dieſen Namen zueignen mag.« Die Sprache zitterte. Bei dieſer Antwort wachten alle Schmerzen des Waiſenthums in Claudinens Seele auf. Sie ſagte laut und leidend und gleichſam ihre Fremdheit zu ent⸗ ſchuldigen: vich hatte nie eine Mutter. Der mich Gott an das Herz gelegt: ſie vergaß mein und legte mich in Dornen. Dennoch wollte ich das verblutende Herz gern an das ihrige druͤcken und dann ſterben!« Frau von Gorfe erhob ſich. Sie ſtreckte den Arm aus der Huͤlle hervor und ſprach:»ich bin Deine Mutter, Claudine!« Aber Claudine zweifelte in unausſprechlicher Angſt. Sie fiel nicht an die muͤtterliche Bruſt, der die Toͤne dieſer wenigen Worte einen langen Seufzer und die letzte Kraft gekoſtet, ſo daß ihr Athem, ihre Pulſe ſtockten. Sie trat zuruͤck und ſagte:»woran ſoll ich die Wahrheit dieſer Ausſage erkennen?« »Weh mir!« rief Frau von Gorfe:»wenn die Stimme der Natur Dich nicht uͤberzeugt. Eugen glaubte mir— und war doch nur mein Sohn durch Deine verlorene Liebe. Er laͤßt Dich gruͤßen, Clau— dine!« Dieſes aufgedeckte Wundenmaal machte Claudinen uͤber die Wahrhaftigkeit dieſer Erſcheinung gewiß. 296 Sie ſah, Gott offenbarte ſich ihr ſichtbarlich bei dem Einbruch der Nacht wie der Noth. »Eugen—« ſtammelte ſie mit ſchluchzenden Lau⸗ ten, ihre Seele zerfloß in Dank. Er lebte, er hatte liebend ihrer gedacht. An dieſem Gefuͤhl des Ent⸗ zuͤckens erkannte Claudine die Mutter, die ihr eine himmliſche Freude mitbraͤchte, welche ihr das Leben wieder gab. „»Ja Du biſt's!« rief ſie, faßte die gefaltenen Haͤnde der Frau von Gorfe, und druͤckte ſie an ihre ſchla⸗ gende Bruſt, an ihre Lippen.»Wo aber kommſt Du her, meine Mutter? und wie haſt Du mich ſobald auffinden koͤnnen?« »Der Herr hat mich gefuͤhrt,« antwortete die Mut⸗ ter mit dem Pathos der Folgſamkeit, in prahleriſcher Kuͤrze. „»Sprich! welcher Herr?« fragte ihre Tochter. Frau von Gorfe ſeufzte. Sie legte eine leiſe ta⸗ delnde Betruͤbniß in den Ton dieſer Zurechtweiſung als ſie ſagte:»welche Mutter! welcher Herr! welche Fragen! laß mich hinzuſetzen mein Kind. Wir haben nur einen Herrn: Chriſtum unſern Heiland.« Claudine ſchwieg beſchaͤmt. Sie bat:„laß mich nun liebe Mutter, Dein Angeſicht ſehen, auf daß ich es mit der dunkeln Erinnerung vergleichen kann, die mir blick nger Sch mit Aber müͤt kanr ſche noch desl der bei dem den Lau⸗ er hatte des Ent⸗ ihr eine das Leben ꝛen Haͤnde ihre ſchla⸗ ommſt Du iich ſobald edie Nut⸗ fochter. je leiſe da⸗ chtweiſung her Henr nein Kind. laß mich uf daß ih kann, die 297 mir von Dir geblieben iſt. Ach! wie ſchoͤn, wie hold blickte mich Dein Bild aus meinen fruͤheſten Kinder⸗ tagen an! es loͤſchte nimmer aus—& Frau von Gorfe loͤſete mit unſichern Haͤnden die Schleife des Hutes, ſchob ihn abwaͤrts und ſchauete mit thraͤnetrunknen Blicken in die Seele der Tochter. Aber ein kaͤltender Hauch durchdrang Claudinens Ge⸗ muͤth und miſchte ſich in ihre heiße Sehnſucht. Sie kannte die Mutter gar nicht mehr. Nur aus den ſchwarzen Augen, von Ruͤhrung uͤberſchleiert, glimmte noch ein Fuͤnkchen Gedaͤchtniß fuͤr die erkaltete Kin⸗ desliebe, ein Strahl der Schoͤnheit und des Feuers der ehemaligen Frau von Unſtern. Sie ruheten lange innigſt an einander. Endlich richtete Claudine ſich auf in den Armen der Mutter und ſagte tiefathmend: yjetzt iſt alles, alles gut! ich weiß, wohin ich gehoͤre. Ich habe eine Pflicht, die mich an das Leben bindet. Wir trennen uns nicht mehr, und ſollte ich fuͤr Dich betteln gehen, meine Mutter.« Frau von Gorfe laͤchelte und ſprach:»das wirſt Du nicht noͤthig haben— ich bin verſorgt.« Es lag viel Verſicherung in dieſem Laͤcheln, in dieſen Wor— ten. Die Mutter merkte aus den Aeußerungen Clau⸗ dinens, wie ſchlimm die Lage ihrer Tochter geweſen, *X 298 und ſtreichelte mitleidig die bleiche abgehaͤrmte Wange, uͤber die unaufhaltſam Thraͤnen rollten. »Es iſt mir lieb,« fuhr Frau von Gorfe fort: daß Du bereit biſt, mich ohne Weigern zu begleiten. Wir gehen nach Rohrlach——« »Nach Rohrlach!« wiederholte Claudine beſtuͤrzt von einem gluͤhenden Lavaſtrom, und hoͤrbar erſchuͤt⸗ tert. Doch die Mutter ſchien in ihrem Entſchluſſe befeſtiget zu ſeyn. Sie ſprach:»Eugen Elban wuͤnſchte wohl ſehr, ich moͤgte in Halde bei ihm wohnen; aber ich ziehe jene Einſamkeit vor. Es wird nur von Dir abhangen, Claudine, fuͤr welchen Ort Du Dich in Zukunft entſcheideſt.—« Claudinens Herz klopfte heftig bei dieſer Rede; die Hoffnung begehrte Einlaß in eine Seele, die ihrem troͤſtenden Zuſpruch verſchloſ⸗ ſen geweſen war. Mit verhaltener Stimme fragte Claudine:»und rechnet mein Vetter darauf, daß ich mit komme?« Sie legte unwillkuͤhrlich einen leiſen Accent auf dieſes verwandtſchaftliche Wort, als finde ſie in dieſer Be⸗ ziehung Grund, das alte Band wieder anzuknuͤpfen. »Er hofft, wie Einer, der viel gefuͤrchtet hat—« antwortete die Mutter bedeutſam. Nun verlangte Claudine von ihm zu wiſſen, und von ſeinem Verhaͤltniß zu ihrer Mutter. Waͤhrend Frau von Gorfe nun erzaͤhlt, oft unterbrochen von eWange, otfe fort: begleiten. e beſtuͤrzt i erſchüt⸗ Entſchluſſe wunſchte nen; aber von Oit u Dich in erz klopfte rte Einlaß verſchloſ⸗ ne: und komm auf dieſt dieſe Be naknüpfen. tt hat— en viſſen, und Wäͤhrend rochen von 299 den Fragen ihrer Tochter und ſtockend in dem Be⸗ muͤhen die Selbſtbiographie kalligraphiſch zu um⸗ ſchreiben und in dem Fluß des Vortrages kleine An— ſtoͤßigkeiten in geſchickten Wendungen zu vermeiden— verſchweigen wir unſern Leſern kein Wort, was zur Geſchichte gehoͤrt, und gehen dem graden Lebenslaufe der Frau von Gorfe nach, ohne Kruͤmmung. Unſere lieben Leſer wollen ſich erinnern, daß die zweite Frau des Landſchafts⸗Direktors von Unſtern, rechtskraͤftig geſchieden von ihrem erſten Gemahl, den Nachfolger deſſelben aus eigener Befugniß verließ, und mit einem Foͤrſter auf und davon ging. Dieſe wilde Ehe konnte natuͤrlich keine andere als herbe Fruͤchte tragen. Eine Zeitlang zehrten die Fluͤchtlinge von der mitgenommenen Baarſchaft und einigen ver⸗ aͤußerten Pretioſen, dann ſtellte ſich der Mangel ein, und die vogelfreie Liebe flatterte in alle Luͤfte. Das Gluͤck, oͤfterer die Schutzgoͤttinn Derer, die einem raͤchenden Schickſale verfallen ſind, als der Unſchuldigen, die es verfolgt— bot dem Foͤrſter und ſeiner Gefaͤhrtinn eine Zuflucht dar. Durch eine ſelt⸗ ſame Vermittelung von Zufaͤllen erhielt der Föͤrſter eine Anſtellung auf dem Gute eines Edelmanns, der 300 an der***ſchen Grenze einſam und unverheirathet lebte. Die Wohnung mitten in den Forſten war bequem, der Gehalt eben nicht gering und zuverlaͤſſig; doch ein ungeſelliges Dickigt, eine waldige Oede umgab rings das Foͤrſterhaus, welches als der Schauplatz wuͤſter Scenen, keine Anſichten eines idylliſchen Still⸗ lebens gewaͤhrte. Die ehemalige Frau von Unſtern hoch und zaͤrtlich gewoͤhnt, vermißte ſehr bald bei dem niedern Stand⸗ punkte ihres dermaligen Beſchuͤtzers, bei ſeinen rohen Sitten, die Vorzuͤge ihrer Geburt, und fruͤheren Si⸗ tuationen. Seine excentriſche Leidenſchaft fuͤr die ade— lige Herrinn, ein Gefuͤhl, das auch eine gemeine Natur aus dem Troß erhebt und zum Ritter ſchlaͤgt — war erkaltet bis zu jenem Eis, das den tiefſten Mittelpunkt der Dantiſchen Hoͤlle bildet. Die ſoge⸗ nannte Foͤrſterinn fand ſich ewig ungluͤcklich. Ihre Thraͤnen ſchwellten nur das Moos der Haide, doch doch kein mitfuͤhlendes Herz. Die Baͤume gruͤnten ſtill um ſie her; doch in ihrer Bruſt tobten Winter⸗ ſtuͤrme und der Hoffnung Trieb war darin verkommen. In ſolcher Einoͤde, entbehrend jedes Umgangs, heimhuͤtend ſtets wie in einem mit Zweigen vergitter⸗ ten Kaͤfig, war es der Frau Forſterinn eine erwuͤnſchte Abwechslung, wenn ſie am Sonntage in die Kirche 1 G 1 G ————4 erheirathet r bequem, ſig; doch de umgab Schauplatz chen Stil⸗ ud zäͤrtlich n Stand⸗ inen rohen iheren Si⸗ ur die ade⸗ ne gemeine tter ſchlgt den tiefſte Die ſoge⸗ lich. Ihne aide, me grünten ten Winter⸗ verkomme Ungange en vergitter⸗ — rwünſchte die Kirche 301 des Dorfs gehen konnte und ſie verſaͤumte gewiß keine Predigt. Es war doch woͤchentlich einmal Geſell⸗ ſchaft, wenn auch in der Gemeine der Frommen. Freilich— das große Wort was der Redner fuͤhrte, war nur Gottes Wort— aber ſie hoͤrte es doch mit Aufmerkſamkeit des angenehmen Vortrages wegen: denn der Geiſtliche war ein junger huͤbſcher Mann, mit einem ſchoͤnen Organ. Der Wohllaut ſeiner Sprache, die Collecte mit dem Friedensgruß an die Verſammlung, machte ihr die Disharmonie in den rauhen Vorwuͤrfen des Foͤrſters nur fuͤhlbarer, und ſie vergoß wirklich zuweilen Thraͤnen, welche ihre Zuſchauer ruͤhrten und etwas mehr waren als ein theatraliſcher Schmerz. So oft Claudinens Mutter ſich zum Kirch⸗ gange ruͤſtete, empfand ſie das Vergnuͤgen eines ſorg— faͤltigen Anzugs, wogegen der Foͤrſter, wenn er in der Haide nicht ganz zum Heiden geworden, nichts einwenden durfte. Die ſtarren Blicke der Bauern, mit denen ſie ihrem feinen Gange folgten, der zum Geſange moͤglichſt weiter noch geoͤffnete Mund, den nicht allein der heilige Geiſt des Liedes, ſondern das Staunen uͤber die fremdartige Anmuth der Frau Foͤr⸗ ſterinn fuͤllte— gaben ihr eine ſchwache Analogie anderer Bewunderungen, deren Zeit nun voruͤber war. Aber auch hoͤheren Beifall entbehrte ſie in die⸗ ſer untergeordneten Stellung nicht. Gegenuͤber dem 30² kleinen Geſtuͤhle darin die Foͤrſterinn ſaß, war die herrſchaftliche Loge. Der Edelmann, ein Pietiſt erſten Ranges, ein finſterer Coͤlibateur, auch an dieſem Platze, bemerkte die zierliche Geſtalt, das oͤfters wei— nende Geſicht der ſchoͤnen Buͤßerinn, die ihm wie ein anziehendes Gemaͤlde erſchien, und der orthodore Proteſtant ward nicht ſelten durch ſolchen Bilderdienſt von der reinen Lehre des Lutherthums abgezogen. Allein der Foͤrſter fing doch gegen das Intereſſe der Andacht zu murren an. Er legte ein ſchweres Interdict auf die kirchliche Uebung— Grund genug, fuͤr eine Frau wie dieſe, feſt an ihrer Froͤmmigkeit zu halten. Der Foͤrſter gewoͤhnte ſich an den Trunk, eine Neigung, der er fruͤher ſchon gefroͤhnt hatte, nur daß Frau von Unſtern, was die Extaſe vom Glaſe war, fuͤr den Taumel der Liebe, fuͤr den Champagnerrauſch ihrer Reize hielt, aus deſſen Schaume ſie gleich einer zweiten Anadyomene ihm in den Kopf geſtiegen waͤre. Er vergeudete ſein Einkommen, die arme Frau war oft beaͤngſtet um das Dringendſte. In der Noth, auch den dringendſten Groſchen nicht aufbringen zu koͤnnen, kam ſie ſich ſelbſt wie jener paraboliſche vor, den die goͤttliche Liebe auf dieſem Wege ſuchte, bis ſie ihn gefunden haͤtte. Aus Be— duͤrfniß ward ſie zuerſt ſparſam, dann geizig. Die war die tiſt erſten dieſem ters wei⸗ wie ein orthodore lderdienſt ogen. Intereſſe ſchweres d genug, mmigkeit ink, eine nur daß laſe war, nerrauſch eich einer en wäͤre. rau war hen nicht wie jenet f dieſem lus Be⸗ 1 Die 303 Coquetterie artet leicht dahin aus und iſt nur eine hoͤhere Habſucht.— Der Foͤrſter behandelte ſeine Frau ſehr uͤbel. Er, um deſſentwillen ſie ſich an Gemahl und Kind ver⸗ gangen, trat als Raͤcher gegen ſie auf. Zweimal hatte ſie ihre Ehen getrennt, aus keinem andern An⸗ triebe, als weil ein neues widerrechtliches Verhaͤltniß das beſtehende verdraͤngte— in dem dritten, durch kein geheiligtes Band gehalten, dauerte ſie aus, und zwar mit buͤßender Geduld. Dies reizte den Foͤrſter, der ihrer gern los geweſen waͤre, ohne ſich einer Ur⸗ ſache ſeines Widerwillens bewußt zu ſeyn, es bis zum Aeußerſten zu treiben. Nach einem heftigen Auftritt, in einem Anfalle von Lebensſattheit, erſchoß er ſich. Man fand ihn in der Hoͤhlung einer zerſpaltenen Eiche angelehnt. Dieſe blutende Geſtalt ſchwand nie aus der Seele der Frau, die ſein unſeliges Loos eine Zeitlang ge— theilt hatte. In der Angſt ihres Gewiſſens warf ſie ſich dem Erloͤſer in die Arme. Sie legte ſich ganz auf die fromme Seite. Der Geiſtliche des Orts beſuchte ſie zuweilen und ſprach ihr Troſt ein; doch ihre Beruhigung verließ ſie jedesmal mit ſeinem Beſuche. Sie las fleißig in der Bibel, die er ihr geſchenkt— ohne das ewige Leben darin zu finden.— Sie lag fruͤh und ſpaͤt 304 auf ihren Knieen vor einem kleinen Crucifix, rang die Haͤnde hinauf, rief den Gegenſtand ihrer Anbetung mit zaͤrtlihen Namen an und verſicherte ihn ihrer gaͤnzlichen Hingebung. Doch ihr erſter Wunſch, ihr innigſtes Beſtreben war nicht, Gott wuͤrdig zu erhe⸗ ben—: ſondern, zuvor eine niedliche Toilette zu machen, als waͤre der Herr Jeſus eine gewoͤhnliche Mannsperſon, der mit ſolchen weiblichen Kuͤnſten beizukommen ſey. Wie himmelweit war ſie in ihrem Gefuͤhl von jener Gereinigten entfernt, welche die Fuͤße, beſtimmt durchbohrt zu werden, mit Thraͤnen ſalbte und mit ihrem Haar trocknete, und in deren Bilde Guido Rheni die Reue als eine goͤttliche Schoͤn⸗ heit dargeſtellt hat!— Ach Du Heiliger! der Du geſagt: die da Gott gefallen wollen, kreuzigen ihr Fleiſch ſammt den Luͤſten und Begierden— der Du fuͤr die ſuͤndige Menſch⸗ heit geſtorben biſt: fuͤr die Schwaͤche unſeres Ge⸗ ſchlechts iſt Dein Mitleid im ſeligen Himmel gewiß ein apart verzeihendes. Mit einem Laͤcheln voll Gott⸗ heit blickeſt Du auf die Kloͤſter der Erde, auf jede einſame Staͤtte herab, wo das Beduͤrfniß der Liebe ſich in den Schleier der Weltentſagung huͤllt!— Der Geiſtliche, eifrig in der Seelſorge dieſer Beichttochter, wie nebenher auch bedacht fuͤr ihr zeitliches Wohl, brachte ihr die Nachricht, der Guts⸗ 1 ſ /, —.,—,„ —— rang die nbetung ihn ihrer nſch, ihr zu erhe⸗ ilette zu woͤhnliche Küͤnſten in ihrem pelche die Thräͤnen in deren ſ Schon⸗ da Gott den Lüſten Nenſch⸗ eres Ge⸗ ni gewiß 305 herr habe ihn zu ſich entbieten laſſen, und ihm den Auftrag ertheilt, der Wittwe des Foͤrſters von ſeiner Abſicht zu ſagen: ſie als Wirthſchafterinn im Schloſſe anzuſtellen. Er wuͤnſche daher ſelbſt mit ihr zu ſpre⸗ chen, wozu eine ſchickliche Stunde genannt worden, in welcher der Edelmann ſich von der Ausuͤbung des Gebots: bete und arbeite! fuͤr dieſen haͤuslichen Zweck abmuͤſſigen wolle. Der Drang der Umſtaͤnde ließ dieſer Berufung keine Wahl. Von dem Geiſtlichen noch in einigen Regeln inſtruirt, die ſie zu befolgen haͤtte, trat die Dame von Unſtern mit weniger Gedaͤchtniß fuͤr dieſe wohlgemeinten Rathſchlaͤge, wie ſie ſich demuͤthigen ſolle unter die Hand der Vorſehung, als in der Er⸗ innerung, wie ſtolz ſie einſt den Beamten ihres Ge⸗ mahls Audienz gegeben— den Weg nach dem Berg⸗ ſchloſſe an, worauf der Eigenthuͤmer des Ortes reſi⸗ dirte, um ſich als Haushaͤlterinn vorzuſtellen! Seufzend blickte ſie zum Himmel unter dem das Zwielicht daͤmmerte und dachte: wo biſt Du Sonne geblieben? doch aller Tage Abend— ſo troͤſtete ſie ſich: waͤre es darum noch nicht. Der Gutsherr erhob ſich aus dem Halbſchlummer erbaulicher Betrachtungen und ſprach:»willkommen, Frau Foͤrſterinn! ich beklage Sie. Doch— weine nicht, Gott lebet noch, Du betruͤbte Seele! Ihre 306 fromme Traurigkeit in der Kirche hat mich geruͤhrt, und dieſes ſtille andaͤchtige Weſen gefiel mir uͤber die Maßen. So iſt mir nun ein Licht aufgegangen und der Herr hat mir den Gedanken eingegeben, daß ich Sie zu mir naͤhme und wir zuſammen lebten in aller Gottſeligkeit und Ehrbarkeit.« Vielleicht, meine Le⸗ ſer, war es eine optiſche Taͤuſchung, daß ein großes Chriſtusbild an der Wand, den blaſſen Kopf mit der Dornenkrone zu dieſen Worten in leiſer Verneinung ſchuͤttelte. Der Allwiſſende wußte davon nichts— es mußte alſo ein anderer Illuminat geweſen ſeyn. Man kann aber nicht Gott dienen und dem Mam⸗ mon. Claudinens Mutter wendete ihres Herzens Liebe dem letzteren zu. In ihrer untergeordneten Function liebeaͤugelte ſie mit Souverainen, und verehrte, trotz der Pflicht fuͤr den fanatiſch⸗lutheriſchen Brotherrn, die Maria auf dem Golde der Ducaten. Sie zaͤhlte nicht leichte Siege wie ſonſt, ſondern ſchwere Saͤcke voll Geld, und haͤufte nicht mehr Schulden, ſondern Schaͤtze. Im Uebrigen war ſie fleißig und fromm und verſaͤumte niemals die gewinnſuͤchtigen Speku— lationen, welche ihre Wuͤnſche beſchaͤftigten, unter die Aſſecuranz eines bruͤnſtigen Gebets zu ſtellen. Die Vergangenheit trat zuweilen wie eine Rieſinn gegen ſie auf, und ließ die Hausverwalterinn den kleinſten Feh⸗ ler fuͤrchten, den ſie begehen koͤnnte. gerührt, üuͤber die angen und „ daß ich n in aller meine Le⸗ ein großes pf mit der zerneinung nichts— en ſeyn. em Mam⸗ tens Liebe Function htte, trob Brothetrn, Sie zihlte vere Säch , ſondern nd fromm en Epeku⸗ unter die gllen. di in gegen ſie nſten Feh⸗ 307 Doch der oberſte Muͤnzwardein kennt Werth und Gehalt ſolcher Gepraͤge wohl, denen die Schlaͤge des Schickſals einen andern Stempel gegeben.— Nach Verlauf eines Jahres erſchien der Tag, an dem der Geiſtliche zu ſeiner groͤßten Freude die ver— wittwete Foͤrſterinn mit dem Herrn von Gorfe trauete. Und es mag dieſer Zeitpunkt jedenfalls als die Cul⸗ mination ihres erobernden Genies betrachtet werden. Nach dieſer triſten Hochzeit dehnte ſich ein langer oͤder Raum von Jahren aus. Gaͤſte kamen faſt nie⸗ mals zu der Herrſchaft dieſes Doͤrſchens, das an keiner Hauptſtraße, wohl aber an einem Fluſſe lag, der an dieſer Stelle ziemlich breit war, und deſſen Paſſage von Reiſenden oft benutzt war, den Umweg der Chauſſee zu erſparen. An einem ſchaurigen Herbſtabend kam die Frau eines Schiffers vom Ufer auf das Schloß, und bat um ein wenig Wein fuͤr einen Kranken der im Faͤhr⸗ hauſe liege. Der Tag war ſo unendlich langweilig goweſen— Frau von Gorfe griff daher dieſen Um⸗ ſtand begierig auf, der eine Wohlthat gewaͤhrte, indem er ſie forderte, und ſogleich zu den Kellerſchluͤſſeln. Unterdeſſen erkundigte ſie ſich naͤher nach dem Pa— tienten und die Ausſage der Schifferinn lautete ſo erregend, daß Frau von Gorfe auf den Gedanken gerieth, ſich, ob es auch ſpaͤt ſey— noch eine 308 kleine Zerſtreuung der Menſchenliebe zu machen, und ſelbſt zu ſehen, wie es um dieſen Fremdling ſtehe und was fuͤr ſeine Pflege geſchehen koͤnne. Im Mond⸗ ſchein, gehuͤllt in ihre Tugend da es ſtuͤrmte, ging ſie mit der Schifferinn nach dem Faͤhrhauſe, und fand einen jungen Mann von edler Bildung in einem mitleidswerthen Zuſtande. Dieſe lehmerne luftige Huͤtte, durch die der Wind die naſſen Schauer des Waſſers wehete, war kein Aufenthalt fuͤr einen Fieberkranken, und ſo nahm Frau von Gorfe es auf ſich, als ſie einigen ruͤſtigen Bootsleuten befahl, ihn hinauf in das Schloß zu tragen. Sie ging voran als der En⸗ gel, welcher ihm den Weg bereitete. Zwar war der alte Herr, der ſonſt die Vorſchriften der Apoſtel in Ehren hielt, diesmal nur gaſtfrei mit Murren; aber ſeine Ehehaͤlfte ſchlug ihn mit ſamaritiſchen Waffen, und er konnte es nicht hindern, daß der Erkrankte laͤnger als einen Monat der Hospitalitaͤt ſeines Hau⸗ ſes genoß. Um nur einen ſcheinbaren Vorwand fuͤr ſeine Unzufriedenheit aufzufaſſen, behauptete Herr von Gorfe: der Kranke habe ſeine Frau angeſteckt— was gewiſſermaßen ſeine Richtigkeit hatte. Denn die Da⸗ me des Schloſſes war ſeit dieſer Zeit blaß, verſtoͤrt und ſichtbar leidend. Die Phantaſien des fremden Juͤnglings hatten einen Brand in ihre Seele geworfen. Waͤhrend ſie als ſeine Waͤrterinn bei ihm wachte, chen, und ſtehe und m Nond⸗ mte, ging und fand in einem tige Hütte, s Waſſers berkranken, h, als ſie hinauf in z der En⸗ at war der Ipoſtel in reen; aber en Wäffen, r Erkrankte eines Hal⸗ erwand füt t Herrve ekt— was nn die Dr⸗ 6, verſtör ds frenden e genarf in wach 309 nannte er unaufhoͤrlich einen Namen, der alle unter⸗ druͤckten Gefuͤhle der Mutterliebe in ihr empor rief: den ihrer Tochter, Claudine. Sie hatte nie um Et⸗ was ſo wahrhaft zu Gott gefleht, um das Leben die— ſes jungen Mannes. Und er genas. Frau von Gorfe entdeckte ſich ihm zuerſt, und Eugen vergalt dieſes gewagte Vertrauen mit einem heißen Erguſſe ſeines Herzens. In welchen Regun⸗ gen hoͤrte Claudinens Mutter von dem Schickſale ih⸗ res Kindes, dem ſie ſo ganz fremd geworden!— So mag einem Verbannten zu Muthe ſeyn, wenn er von dem Fremdling, den ein Sturm an die unwirth— bare Kuͤſte verſchlaͤgt, etwas von dem Lande ſeiner Jugend erfaͤhrt, und von den Seinen, die ihn geſtor⸗ ben waͤhnen. Ihr verhaͤrtetes Gemuͤth ſprengte ſeine Rinde, und wallte auf in Sehnſucht, in Selbſtvor⸗ wuͤrfen, in ſtroͤmenden Thraͤnen!— Dem jungen Elban hingegen war es die erſte erquickende Erfah— rung ſeit jener ungluͤcklichen Cataſtrophe in dieſer ſei⸗ ner Wohlthaͤterinn Claudinens Mutter zu finden, und die Dankbarkeit, welche er ihr unlaͤugbar ſchuldig war, zu einem Gleichgewicht der Gefuͤhle in die Wagſchale legen zu koͤnnen, worin die Verſuͤndigung der Geliebten an ihm, tief ſchwankte. Claudine hatte ihn der Verzweiflung uͤberliefert und in den Tod ge⸗ jagt— ihre Mutter ihn in Haus und Herz aufge— 310 nommen und ihm unter Gottes Beiſtand das Leben erhalten. Sie war ihm eine theure Verwandte, eine Freundinn ſeiner Liebe. Frau von Gorfe war von dieſen Eroͤffnungen ſo ſehr erſchuͤttert, daß der Berg unter ihr zu wanken ſchien, und das alte Schloß auf ſeinem Gipfel. Sie hatte keine bleibende Staͤtte mehr. So gelobte ſie dem jungen Elban, daß, wenn das morſche Leben ihres Gemahls in's Grab ſaͤnke, ſie mit ihm ziehen wolle in ſeine Heimath, um ihn nie zu verlaſſen. Darauf ſetzte er ſeine Reiſe fort. Nach zwei Jahren kehrte Eugen zuruͤck und fand Frau von Gorfe als Wittwe. Sie war bereit, das ihm gegebene Verſprechen zu erfuͤllen. Der Verſtorbene hatte das Guͤtchen einem Neffen vermacht, und ob er auch ſeiner Frau, welche dieſen Gegenſtand oͤfterer in Anregung brachte, feierlichſt zu⸗ geſagt, er wolle ſie gut bedenken in ſeinem Teſta⸗ ment: ſo hatte Frau von Gorfe doch das Gewiſſe fuͤr's Beſte genommen und die Erbſchaft anticipirt. Der Neffe mogte etwas von der Vorſicht der ſchlauen Wittwe gemerkt haben: denn das nachherige Zuſammenleben mit ihm und ſeiner jungen Frau fuͤhrte ſo viele unangenehme Reibungen herbei, daß Frau von Gorfe den Entſchluß mit einem Schwur bekraͤftigte, in Zukunft jede Hausgenoſſenſchaft zu ver⸗ meid Eint ihm das Leben ndte, eine fnungen ſo zu wanken Ppfel. Sie gelobte ſie iſche Leben ihm ziehen verlaſſen. und fand eteit, das nem Mefen elche dieſen jerlichſt zu⸗ em Teſta⸗ as Gewiſſ ntiipitt. zorſcht der nachhetige 311 meiden, ſelbſt die ihres liebſten Freundes, weil die Eintracht Raum begehre. Nur in ſeiner Naͤhe, doch ihm nicht allzunah— wolle ſie leben und ſterben. Von Halde aus, wo Eugen von Elban blieb, ging Frau von Gorfe nach der Stadt, die der Schau⸗ platz unſerer Erzaͤhlung iſt. Hier hoͤrte ſie von dem Tode des Landſchafts⸗Directors. Sie durfte nun nicht mehr fuͤrchten ihm hienieden zu begegnen. Wir haben der Scene des Wiederſehens beigewohnt und wollen nun Claudine Abſchied von ihren Freun⸗ den nehmen laſſen, um ihrem Schickſal an ein un— beſtimmtes Ziel zu folgen. Wie erſtaunte, wie freute ſich Luzie! ein Stein fiel von ihrem guͤtigen Herzen, daß Claudine nun aufgehoben waͤre. Sie ließ ſogleich die Sachen der Frau von Gorfe aus dem Hotel, wo dieſe abgeſtiegen war, nach ihrem Hauſe holen. Das Gaſtbett der Mutter wurde auf den Wunſch Claudinens an das Lager ihrer Tochter geſchoben. Sie ruheten Beide Hand in Hand. Claudine zum erſtenmale unter dem Schutz der muͤtterlichen Naͤhe. Sie ſchlief bald ein, wie ein geaͤngſtetes verweintes Kind, das ſich nun geborgen weiß; doch Frau von Gorfe wachte noch lange. Am andern Morgen ging Claudine zu Madame Weihland hinuͤber. Sie legte zitternd vor Freude, 312 ein Staatspapier, von dem uns bewußten Betrage, in die Haͤnde der braͤutlichen Wittwe. Franzisca nahm es wie ein aufgedrungenes Geſchenk. Sie hatte dieſen Saldo laͤngſt geſtrichen. Franzisca erwaͤhnte hierauf des Armbandes, und geſtand beſchaͤmt, daß Admont es in Verwahrung haͤtte. »Nun, ſo laſſen wir es ihm—« ſagte Claudine erroͤthend und mit ſchmerzlicher Stimme:»der edle Admont darf ein ſichtbares Zeichen beſitzen an meine ewige Schuld.— Einſt— wenn alle Raͤthſel ſich loͤſen——« Claudine vermogte nicht auszureden. Sie umarmte Madame Weihland mit Innigkeit und ſetzte erſtickt hinzu:»der Gluͤckliche erlaͤßt gern— Sie werden fuͤr mich einſtehen.« Franzisca ward ſich bei dieſer Forderung der gan⸗ zen Fuͤlle ihres Vermoͤgens bewußt. Sie hielt es fuͤr hoͤflich, Claudinens Zutrauen ſtumm zu beant⸗ worten; doch ihr Laͤcheln leiſtete Gewaͤhr, und in ih— rem Herzen regte ſich zwiſchen Guͤte und Selbſtſucht der Vorſatz: an ihr ſolle es nicht liegen, wenn Ad⸗ mont Claudinen nicht gaͤnzlich aus ſeinem Gedaͤchtniß tilge.— Sie ſchieden nun wehmuͤthig und wahr⸗ ſcheinlich fuͤr immer. Pauline miſchte in ihre herz⸗ lichſten Segnungen den aufrichtigſten Wunſch, Clau⸗ dine moͤgte das Leben wieder lieb gewinnen. — Betrage, ranzisca ie hatte ss, und vahrung Claudine der edle n meine hſel ſich zureden. heit und ie der gan⸗ hielt eo beanl⸗ d in ih⸗ dlbſtiucht enn NM⸗ daͤchtniß d waht⸗ hre herz⸗ „Clau⸗ 313 Die Abreiſe der Frau von Gorfe und ihrer Toch⸗ ter war auf den dritten Tag beſtimmt. Claudine ſagte dem Capitain mit freimuͤthig funkelnden Blicken Dank und Lebewohl. Ihr heißes Gefuͤhl fuͤr ſeinen Werth war nun, da ſie ihn meiden durfte, ein ent— ſuͤndigtes, ein Gefuͤhl der Ehre. Sie wußte gewiß, daß ſie ihn nie mehr ſaͤhe. Troja aber ſtand truͤbe. Er empfand dieſes Los⸗ ſagen von einer Anhaͤnglichkeit, der er keinen Raum geben duͤrfen, weil ſein Herz nicht mehr frei und der Freundſchaft verpflichtet war. Er ſagte, wie ſehr er ſich uͤber ſeines Elbans Wiederkunft freue— er ſagte es aber mit traurigem Geſicht: denn kein Mann, auch der edelſte nicht— verliert gern die Liebe eines ſchoͤ⸗ nen Weibes, ſelbſt an Den, der ein fruͤheres Recht darauf beſaß, und wie ſein Herz auch anderweitig befriedigt waͤre. Der Augenblick, wo ſolch ein Ver— haͤltniß zerreißt, knuͤpft Faͤden von dem Intereſſe der Erwiederung an eine verletzte Stelle. Die Welt, die Inſel der Gluͤcklichen— lag nun hinter Claudinen; mit dem geretteten Reſt ihres Gluͤ⸗ ckes eilte ſie dem Port der Ruhe zu. Der Mond entglimmte uͤber der Gegend von Halde; die Baͤume um das Erbbegraͤbniß von Rohr⸗ lach rauſchten leiſe in den Wellen der Luft. Sie fanden im Jagdſchloß, daß fuͤr ihren Empfang geſorgt war. Hanke Wittwen 2r Theil. 14 314 Frau von Gorfe nahm Beſitz von ihrem kuͤnftigen Aufenthalte. Claudinens Genius trat fruͤhzeitig an ihr Lager und weckte ſie. Vom Fenſter aus ſah ſie in den Garten hinab— da ging Eugen ſchon in den unbe⸗ laubten Gaͤngen auf und nieder. Er mußte mit dem erſten Morgenſtrahl auf geweſen ſeyn. Claudine war noch im Schlafrock, ihr Haar in naͤchtlicher Unord⸗ nung, um die ſchoͤnen Sterne der Augen zerrannen erſt traͤumeriſche Woͤllchen—; aber ſie vergaß jede eitle Ruͤckſicht auf ſich ſelbſt und eilte hinunter. Eugen erblickte ſie, da er um die Buchenecke bog. Sie ſtanden einander gegenuͤber. Er war maͤnnlicher geworden und ſehr viel aͤlter. Sein Geſicht war ge— braͤumt und doch blaß— ſeine Geſtalt hatte an Fe— ſtigkeit gewonnen, Ruhe und Reſignation hatten ihren ſtillen Ernſt auf ſeine Zuͤge, auf jede ſeiner Bewe⸗ gungen verbreitet und den Ausdruck unſtaͤter Gefuͤhle verdraͤngt, der ihm fruͤher eigen geweſen. »Eugen—« ſagte Claudine mit zerrinnenden Toͤ⸗ nen:»haſt Du mir vergeben?—« Dieſe geliebte Stimme, in leiſem Flehen, behaup⸗ tete die alte Gewalt uͤber ſein Herz.»Ach, Clau⸗ dine!« antwortete er:»Gott hat auch mir viel zu verzeihen.— Verkenne mich nicht! ich war wohl immer Dein Freund.« — nftigen Lager in den unbe⸗ äit dem ne wat Unord⸗ rrannen aß jede ke bog. nlicher vat ge⸗ an Fe⸗ n ihren Bewe⸗ Gefuͤhle en di⸗ behaup⸗ Clau⸗ viel zu wohl 315 Dieſe Verſicherung, mehr der Vergangenheit an⸗ gehoͤrend, genuͤgten jedoch Claudinen nicht; einer ver⸗ guͤtenden Gegenwart eigneten ihre Wuͤnſche.»So biſt Du mir noch gut?« fragte ſie bange und reichte ihm die Hand, da er ſich nicht ruͤhrte. Eugen legte langſam die ſeinige hinein und druͤckte ſie ſanft.»Jene Leidenſchaft,« erwiederte er und ein Laͤcheln verklaͤrte ſeinen Blick:»der Du entfliehen wollteſt, war ein wuͤſter wilder Traum, daraus ich erwachte. Fuͤrchte Dich nicht mehr vor mir— ich bin nun ruhig.« Claudine weinte; ihre Thraͤnen thaten ihm wohl. »Warum betruͤbſt Du Dich ſo?« fragte Eugen nach einer ſchweigenden Minute dieſes Anblicks, mit der Superioritaͤt bekaͤmpfter Gefuͤhle. Du ſtehſt von nun an unter meinem Schutz und ich will Deine Zu⸗ friedenheit mit meinem Leben vertheidigen.« Claudine wendete ſich ab— ihre Haͤnde lagen innig in einander: eine Bruͤcke der Herzen uͤber einer tiefen Kluft—: eine Zugbruͤcke! Claudine macht eine Bewegung, als wollte ſie ſeine Hand an ihre Lippen ziehen, Eugen zog mit haſtigem Ruck die maͤnnliche Rechte von dieſem ſuͤßen Munde— und Claudine lag an ſeiner Bruſt. Ihre Arme verſchlangen ſich und alle Feindſeligkeiten, alle Trennungen. Und Niemand war in dieſer Morgenſtille um ſie, als der 14* 316 Laut einer Lerche, die mit dem ambroſianiſchen Lobge⸗ ſang in den Aether ſtieg, und der Geiſt der Natur und Liebe. Um dem Titel dieſes Buches treu zu bleiben, wollen wir unſere Wittwen nicht an den Traualtar begleiten. Indem wir uns dem Schluß dieſer Geſchichte naͤhern und das Ganze uͤberſchauen, verſammeln wir das Perſonale noch einmal vor unſerm Blick, und ſehen uns um, Wen darunter wir etwa noch kuͤrzlich ſterben oder verderben laſſen koͤnnten—; finden aber in Wahrheit! Niemand des Todes ſchuldig. So bit⸗ ten wir den geneigten Leſer um Verzeihung, daß faſt Alle gluͤcklich werden, mehr oder weniger. Die poe⸗ tiſche Gerechtigkeit ver1angt zwar, daß ihr genuͤgt werde auch im Werke der Erfindung—; allein ein guͤtiges Herz, und dies ſetzen wir bei unſern Leſern voraus— ſieht nicht ſcheel, wenn das Schickſal dieſer Erzaͤhlung kein ſtrenges Fatum, ſondern eine verſoͤh⸗ nende Vorſehung im Kleinen iſt, welche es der großen gern nachthun moͤgte, die doch am Ende alles herrlich hinausfuͤhrt. Es ſteht einer Schriftſtellerinn wohl an, ſich nach den hoͤchſten Muſtern zu richten. Die Goͤtter, die das Gluͤck der Sterblichen raͤchen gleich einer A tatur eiben, altar hichte n wir und rzlich aber bit⸗ F faſt e poe⸗ enügt n ein Leſern dieſer eſoh⸗ goßen ertich hl an, Bötter, einer Schuld, fordern dennoch ihre geheimen Opfer, und die Erde, ſo lange Menſchen auf ihr wandeln, ſorgt dafuͤr, daß auch dem gluͤckſeligſten Verhaͤltniß ein irdiſches Theil Unvollkommenheit ſich beimiſche, und zieht ihren Wolkenkreis dichter oder duͤnner um jeden haͤuslichen Himmel. Wir wollen daher freundlich ſchei⸗ den von der Geſellſchaft dieſes Buches, und ohne An⸗ ſehen der Perſon und des Glaubens, Allen Gutes wuͤnſchen und den Beſten das Schoͤnſte. Lebe nun wohl, Franzisca! an Dich, die Wittwe und Wirthinn des Hauſes, das nun in ehelichen Beſitz kommt, und worein wir unſere Leſer anfaͤnglich ein— fuͤhrten, wenden wir uns wie billig zuerſt. Trage das gute heftige Herz geheilt vom Dornenſtich der alten Liebe, in die Roſen von Gimmle, und dieſer Ort ſey Dir immerdar ein Wohnſitz der Ruhe und Seligkeit. Wir hoffen, da Deine Wange wieder aufbluͤht wie in fruͤheſter Jugend— die Natur, um Dich weſentlich geneſen zu laſſen, werde Dir auch etwas zu pflegen und zu ziehen geben: denn die Mut⸗ terliebe iſt fuͤr Frauen von kraͤnklichen Gefuͤhlen ein goͤttliches Arkanum.— Der ernſte, mitunter etwas truͤbe Sinn Deines Gemahls wird Dich das Beduͤrf⸗ niß der Heiterkeit lehren, und indem Du Dich beſtrebſt, ihn auf die Lichtſeiten des Lebens aufmerkſam zu machen, findeſt Du ſie ſelbſt. Sein edler Geſchmack 318 zeigt Dir, daß keine unholde Laune ihm jemals gefallen koͤnne, und die wiſſenſchaftliche Richtung ſeines Geiſtes weiſet Dich an Deinen weiblichen Beruf. Du ehrſt ſeine Beſchaͤftigungen und liebſt die Pflichten, welche uns geziemen. Du wirſt die Staͤdt ſchwerlich ver⸗ miſſen, deren Freuden Dein empfindliches Gemuͤth aufreizten, ohne es zu befriedigen. Die Zeit kommt gewiß, wo Du des Walzers laͤchelſt, der Dir einſt Thraͤnen der Zuruͤckſetzung erpreßte: denn die Zukunft berichtiget immer die thoͤrigte Vergeblichkeit unſerer Schmerzen und den Irrthum leidenſchaftlicher Gefuͤhle. An Dich, Admont von Blandovsky, kommt nun die Reihe und der Wunſch, daß Deinem ſtillen Para⸗ dieſe ſich niemals die uralte Schlange naͤhern moͤge! Du haſſeſt die Falſchheit, und haſt ein Recht dazu. Aber Franzisca, ob auch eine Tochter Evens, iſt von wahrhafter Seele und keines Truges faͤhig. Traue alſo ihr und Deinem Gluͤck!— In welchem Vergleich ſtuͤnde Deine Freude an dem ſchoͤnſten Ranunkel der conſtantinopolitaniſchen Gaͤrten, zu dem Anblicke der tauſend kleinen Reize jenes lieblichen Kindes, die ſich in der Blume aus dem Eden der Liebe, zart zuſammenfuͤgen! daneben die muͤtterliche Roſe——. Ein warmer, griechiſcher Himmel ſchuͤtze Deine Tempel, Deine Goͤtter, o Ad⸗ mont! gebe Deinem erſtorbenen Glauben an die Men⸗ efallen Heiſtes ehrſt welche h ver⸗ emuth kommt teinſt ukunft unſerer efuͤhle. tt nun Pata⸗ moͤge! dazu. ſt von Traue de an niſchen Neize ee aus aneben hiſcher 0 Ad⸗ Men⸗ 319 ſchen, an Dich ſelbſt, ein beſeelendes Clima, und zaubere einen ewigen Fruͤhling um Dich her!— Luzie von Gardemer! die Du dieſen Namen nun bald mit einem geliebteren tauſcheſt, und im Vorge⸗ fuͤhl zaͤrtlicher Freuden, das kleine Von nicht vermiſſeſt, das Dich lange von ihnen ſchied: Dich laſſen wir im Arme eines Mannes, des Vorzugs werth, der Deinige zu ſeyn— und wiſſen Dich geborgen. Du wirſt kuͤnftig nicht mehr vor dem Kampfe zittern, den jedes Morgenroth erneuete, und der Dich aͤngſtlich all Dei⸗ nen Muth ſammeln ließ, ſo oft Dein Feind aufſtand: der Krieg im weiten Felde, von dem man jedes Fruͤh⸗ jahr ſpricht, wo friedliebenden Leuten die Zeit mit dem Tage laͤnger wird, iſt in Zukunft die große Angele⸗ genheit Deiner Furcht. Dann gilt es Blut vergießen und nicht wie vormals— Thraͤnen; dann wird nicht nur Dein Herz verwundet in hitzigen Angriffen, die Seele Deines Lebens iſt in Gefahr, und wir geben Dir daher den Segenswunſch des Friedens zum Abſchied. Du wirſt fortan nicht vor dem Bilde des Othello beben— aber ein Schatten dieſer ſchwarzen Leiden⸗ ſchaft duͤrfte dennoch Deinem Gluͤck verblieben ſeyn, ſo daß Du mit gemildertem Andenken jener Krankheit gedaͤchteſt, die ein organiſcher Fehler iſt, eine falſche Conſtruction des Herzens, deren Keim wohl immer 14 ² 320 im Boden des Bewußtſeyns ruht.— Bei Dir, gute Luzie, ſchlaͤft er unter der harten Scholle von Begrif⸗ fen, welche die Liebe noch nicht ganz beheben koͤnnen— in der Tiefe eines beſcheidenen Gemuͤths, das ſeine reine Fuͤlle nicht fuͤr zureichend haͤlt, den Mann ſeiner Wahl auf die Dauer zu befriedigen. Darum, ziehe nach Kloſtergarten, liebe Luzie! umringe Dich dort mit allem Zauber der Erinnerung, banne den Gelieb⸗ ten magiſch in Deine Kreiſe. Wir Alle ſtehen unter dem Einfluß von Ort und Stunde. Dir, wackerer Troja, erhalte ſich fort und fort der Enthuſiasmus, womit Du Dir das Weib Deines Herzens errungen, um Dich in dem Beſitz der ſchoͤnſten treueſten Seele gluͤcklich zu fuͤhlen; die Vorſicht bewahre Dich dafuͤr, daß er erkalte!— Luhzie bleibe immer Deine erſte Freundinn, wie ſie Deine erſte Liebe war. Vergieb es ihr, wenn ihr Mund, ſich weigernd Deinem Braͤu⸗ tigams⸗Kuſſe, wahr geredet haben ſollte— wir aber wollen es nicht fuͤrchten. Keine Taͤuſchung der Sinne, kein heißer Traum der Phantaſie leiht Luzien ver⸗ ſchwundene, oder ſchnell verſchwindende Reize; es iſt die Poeſie der Liebe, welche Dich an ihrer Ge⸗ ſtalt entzuͤckt und ſie auch dann, wenn ihre Farben einmal verbleichen, mit Roſenlicht fuͤr Dich bekleidet. Doch keine Zeit zerſtoͤrt, was der Abglanz des innern Engels iſt. gute grif⸗ n— ſeine einer giehe dort elieb⸗ unter ackerer zmus, ngen, Seele dafüͤr, erſte gergieb Braͤu⸗ r aber Sinne, n ver⸗ es iſ er Ge⸗ Fatben kleidet. innern 321 Wenn Du die Communication an den gruͤnen Marken von Kloſtergarten eroͤffneſt und ihren Bogen im triumphirenden Gefuͤhl, die Zeit habe die Scheide⸗ wand Deiner Wuͤnſche geſtuͤrzt, hoch mit Blumen uͤberwoͤlbſt: ſo erinnere dieſer Paß im umgekehrten Verhaͤltniß an die offnen Tempelpforten des Janus, der nach der Mythe, Oberthuͤrhuͤter im Himmel und auf Erden war, und unter deſſen Schutze jeder Ein⸗ und Ausgang ſtand. Pauline Platon— Dich hatten wir vorzuͤglich lieb; deshalb gaben wir Dir dieſen Mann: denn ein froͤhlicher Gefaͤhrte verſchoͤnt die Lebensreiſe. Wir hal⸗ ten ihn gluͤcklich, daß er Dich liebt und preiſen ihn weiſe, da er Dich waͤhlte. Du wirſt mit jenem ſanf— ten ſtillen Geiſte, der da koͤſtlich vor Gott, der Schmuck ſeines Hauſes und der beſte Schatz ſeines Lebens ſeyn. Nie wird Weihland, den Du kuͤnftig Ludwig heißeſt, ſich in Deiner Naͤhe einſam fuͤhlen; in der Kunſt geuͤbt, eine liebenswuͤrdige Geſellſchafterinn zu ſeyn, machſt Du dieſe Virtuoſitaͤt nicht in glaͤnzenden Kreiſen, nicht im Schimmer der Sallons, nein! nur im traulichen Zuſammenſeyn mit Deinem Manne geltend, dem jede Kraft Deines Geiſtes, jedes Beſtre— ben Deines Herzens gehoͤrt. Du biſt das Muſter einer trefflichen Ehefrau— wir muͤſſen es Dir anti⸗ cipando nachſagen. Dein Bild, in allen gefaͤlligen 32² Reizen des Umgangs, iſt unſichtbar an den Arbeits⸗ tiſch Deines Mannes befeſtiget; es begleitet ihn, da er es im Herzen traͤgt, in ſeine auswaͤrtigen Geſchaͤfte. Die Herren vom Collegio, denen die Weisheit— ſie iſt weiblicher Natur und hat demnach auch ihre Lau⸗ nen— zuweilen den Ruͤcken kehrt, ſehen nicht, daß eine verſtaͤndige Frau ſtets mit dem Anwald vor Gericht erſcheint: denn ſie kommt weiblich verſchleiert und gehuͤllt in die Falten ſeiner Seele; aber ihre Stimme miſcht ſich dennoch leiſe in ſeinen Vortrag, wenn er Bedraͤngte vertritt und das Recht vertheidigt. Er moͤgte gern im Sinne der Liebe, daß allen Men⸗ ſchen geholfen wuͤrde, und fuͤr dieſen humanen Wunſch haſt Du Pauline, ihn in der Vollgenuͤge ſeines Gluͤ⸗ ckes begeiſtert!— Wenn der Menſchheit Schutzgeiſt, der Tod! Dich einſt, o ſpaͤt! in beſſere Welten und und vor den hoͤchſten Richter fuͤhrt, dann werden dort, wo die meiſten Tugenden nur vergeben wer⸗ den, die Deinigen ihre Belohnung finden! Wackerer Weihland! der Du fuͤr die heilige Idee Deines Berufes lebſt und ſtirbſt, wir ſcheiden als Freunde. Es wird nicht an luſtigen Leuten und bereit⸗ willigen Gaͤſten fehlen, Dich zu tadeln, daß Du kein Haus machſt, obgleich das Deinige ein Wohnſitz der Rechtſchaffenheit und Ehre und eine taͤgliche Verſamm⸗ lung ſtiller Freuden darin ſey, und von der Tafel * beits⸗ , da häfte. — ſie Lau⸗ daß d vor hleiert r ihre ortrag, eidigt. Men⸗ Lunſch Glu⸗ tzgeiſt en und werden n wer⸗ e Idee en als bereit⸗ du kein ſit der ſamm⸗ Tafel 4 323 Deiner Genuͤſſe mancher Lucull noch ſchwelgen koͤnnte. Man wird nicht verfehlen, Dir Deine Einkuͤnfte nach⸗ zurechnen, mit denen Du es Deinen Collegen gleich, wo nicht zuvor thun koͤnnteſt; Du aber zaͤhlſt einen frohen Tag um den andern und ziehſt am Abend die Summe Deines Gluͤckes. Du ſetzeſt keine prunkende Groͤße in ein zahlreiches Domeſtiquale; Dein Haus⸗ ſtand iſt klein— Wer aber waͤre jemals beſſer bedient als Du? die Handreichung der Liebe, der gefluͤgelte Scherz und ein Einfall ſtehen Dir ſtets zu Gebot, und wo Du hindenkſt, da iſt Pauline ſchon geweſen. Solch ein Auge fuͤr Deine leiſeſten Beduͤrfniſſe, ſolch ein Errathen Deiner heimlichen Wuͤnſche, ſolch eine Allgegenwart und Allmacht, ſie zu befriedigen— zwei Eigenſchaften, welche die Liebe von der Gottheit ent⸗ lehnt— daͤuchte Dir fabelhaft, und doch begluͤckt Dich die Wahrheit. Der Himmel hat Dir das goͤttliche Talent verliehen, Dich niemals zu aͤrgern. Wir koͤnn⸗ ten Dich deshalb beneiden. Du nimmſt die Menſchen wie ſie ſind, und beſtrafſt die Thorheiten, womit ſie einander belaͤſtigen, wie jeden Ausfall, der auf Dich ſelbſt geſchieht, nur mit der Geißel der Satyre, doch ſo, daß Niemand je darunter blute und ihr Schwung mehr gefuͤrchtet als gefuͤhlt werde. Gehuͤllt in weiches Phlegma wie in Watte, trifft ſelten ein Stoß des Zufalls Dein Herz, und verſchiebt 324 nur die bequeme Huͤlle Deiner aͤußern Verhaͤltniſſe ein wenig. Du nimmſt Dich in jeder Lage zuſammen. Und ſo finden wir folgendes Verslein auf Dich an⸗ wendbar:»Wer Engel ſucht in dieſes Lebens Gruͤnden, der findet nie was ihm genuͤgt. Wer Menſchen ſucht, der wird den Engel finden, der ſich an ſeine Seele ſchmiegt.« Wohl Dir! Du haſt ihn gefunden fuͤr Zeit und Ewigkeit. Und Du Perle! Tochter des Jammers! gebrochen aus der Muſchel des muͤtterlichen Herzens, das in kalter Tiefe ſchlaͤft— vergiß die Thraͤnenfluth Deiner Heimath, den dunkeln Urſprung Deines Lebens, jede Wohlthat fruͤherer Weggeworfenheit uͤber die Aufnah— me in eine Lehre, welche die Erde mit dem Himmel verknuͤpft. Selig ſind, die da Leid tragen, denn ſie ſollen getroͤſtet werden: dieſe Verheißung iſt es nicht allein, was Dir die Bergpredigt zu dem liebſten Ca⸗ pitel des Evangeliums macht. Jenes Gebot, von der heiligen Hoͤhe des Chriſtenthums herab gegeben, Boͤſes mit Gutem zu uͤberwinden, iſt es, was Dei— nem innerſten Beduͤrfniß entſpricht. Deine junge Seele iſt nicht fuͤr den Haß gebildet, fuͤr Gefuͤhle rachſuͤchtiger Vergeltung, deshalb nahm ſich die ewige Liebe Deiner an! Du wirſt ein Kind des himmliſchen Vaters ſeyn. Er kann wohl tauſend Wege finden, wo die Vernunft nicht einen ſieht— die Seinen auch — —„ͤͤSSS — ltniſſe nmen. h an⸗ inden, ſucht, Seele en füͤr ochen as in deiner jede fnah⸗ mmel in ſie nicht Ca⸗ von eben/ Dei⸗ 325 irrdiſch zu verſorgen. Wir uͤberlaſſen Dich dieſer un⸗ fehlbaren Leitung getroſt. Ephraim Moſchel! aͤchter Iſraelit, in dem kein Falſch wohnt— der Du demuͤthig von ferne ſteyſt und den phariſaͤiſchen Duͤnkel gar manches Chriſten beſchaͤmſt: Dich gehen wir nicht voruͤber. Der Reich⸗ thum der Welt war Dir verſchloſſen; aber nicht das Geheimniß, entbehren zu koͤnnen. Du haſt Dich nie in den Freuden des Lebens berauſcht— ach! nur einen tiefen Zug aus dem bittern Kelch der Armuth und Verachtung gethan, nur die Schmerzen der Liebe gekoſtet; die Pflicht der Treue war Dir herbe— den⸗ noch haſt Du ſie erfuͤllt. Dein gekraͤnktes, verſtoßenes Herz war jeder Staͤrke, jedes Zartgefuͤhls faͤhig. Selbſt der Geiſt der Geliebten, der das Licht Deiner Seele war, hatte ſich verdunkelt, Du aber hielteſt ſeinen Schatten noch werth— welchen Lohn wird das ewige Weſen fuͤr Dich haben?— Mit jedem Kaͤufer gehe Gottes Segen ſichtbar uͤber die Schwelle Deines kleinen Ladens und Dein Erwerb ſey fuͤrder Deine Luſt. Einſt wirſt Du jenem Kaufmann glei⸗ chen, der nach der bangen Winterreiſe ſeine erſehnte Blume, eine unſterbliche Roſe! in den Gaͤrten Edens findet, und mit ihr eine Fuͤlle ſeliger Freuden. Wir wenden uns nun von dem lauten Markt der Stadt, den ſtillen Waͤldern und Bergen von Halde 326 und Rohrlach zu. Prinz Eugen! was ſtarrſt Du auf Deinen einſamen Jagdzuͤgen ſo vor Dich hin, und fehlſt das Ziel? Du haſt einſehen lernen, man koͤnne es erreichen, ohne ſich deſſen zu freuen. Du warſt lange der Ritter von der traurigen Geſtalt, und die beflorte Ruͤſtung, welche Du auf dem narbenvollen Herzen traͤgſt, das geſchloſſene Viſir, hinter dem ein ernſter Blick ſich verbirgt, die Waffen der Trauer— ſchließen Dich fuͤr immer von der Tafelrunde der Froͤhlichen aus. Wer einmal der Schlafgenoſſe der Todten war, erwacht ſelten mehr zu harmloſer Le⸗ bensfreude. Du haſt Deine Siege mit Wunden be⸗ zahlt— und es giebt eine Erfuͤllung unſerer Wuͤnſche, die zu theuer erkauft wird, um den Preis der Ruhe. Der Ringende zerdruͤckt nicht ſelten ſeinen Kranz— Du haſt ein zerdruͤcktes Herz Dir errrungen. Lebe wohl, Eugen von Elban! und die Zeit, die alte Wunderthaͤterinn, heile Dir den Schmerz der Er⸗ innerung. Claudine! Du bedarfſt unſere Wuͤnſche am mei— ſten, und wir laſſen ſie Dir von ganzem Herzen. Der Fruͤhling ſchmuͤckt ſich mit Bluͤthen zur Feyer Deiner Silberhochzeit— wann aber koͤmmt der Lenz, da die Freude der Erwartung Dir neues Leben treibt? jene Hoffnung gruͤnt nicht mehr. Du laͤchelſt wie die tragiſche Muſe, wenn Deine Mutter von du auf und konne warſt nd die wollen m ein ter— de der ſe der er Le⸗ n be⸗ nſche, Ruhe. n;— Lebe ealte Er⸗ mei⸗ erzen. Feyer Lenz⸗ Leben chelſt von 327 der goldnen Zeit ſpricht, die nun fuͤr Dich beginnt. Sie meynt es woͤrtlich. Du aber kennſt nur ein ſchmerzliches Vorbei! und kannſt nicht glauben, daß ein Beſſeres Dir in der Zukunft widerkehren werde. Du wandelſt unter prangenden Baͤumen an der Seite Eugens; doch der Freund Deiner Jugend iſt der Vo— rige nicht mehr. Ein blaſſer Schatten ſchwebt in Eurer Mitte, und draͤngt ſich kaͤltend zwiſchen Haͤndedruck und Kuß: die Vergangenheit. O Claudine! die Macht Deiner Reize, der Zauber Deiner Anmuth, die Ge— walt der Schoͤnheit vermag nicht ein armes kleines Gefuͤhl von geſunkenem Vertrauen aufzuheben. Wie wichtig iſt es doch, daß die Liebe ehrlich ſey! Du koͤnnteſt ein bloͤdes, ſtummes Maͤdchen um dieſen Vor— zug beneiden: denn er gaͤbe Dir das verlorene Gluͤck zuruͤck. Du wirſt Dir viele Tugenden erwerben muͤſ⸗ ſen, um in der Freundſchaft Eugens Erſatz fuͤr ſeine Liebe zu finden.— Der Himmel ſtaͤrke Dich! und miſche ein gutes mineraliſches Theil Lethe zu dem Bade der Najade.—. Bevor wir das Jagdſchloß und zugleich den Aus⸗ gang dieſer Geſchichte verlaſſen, werfen wir noch ei— nen Blick in das Wohnzimmer der Frau von Gorfe daſelbſt, welche ſo eben beſchaͤftiget iſt, ſich eine kleine Stubencapelle mit Betpult und Kniebank und andern Inſignien der Religoſitaͤt in duͤſterm Geſchmack, zu 328 decoriren. Gute Dame! Du weißt damit Beſcheid, Deinesgleichen ſind geweihete Prieſterinnen ſolcher Eremitagen. Einſt ſtuͤrzteſt Du Deinen Hausaltar und das heilige Feuer verloͤſchte.— Wer die ebene Bahn der Sitte verließ, und freie Wege fuͤr aus⸗ ſchweifende Neigungen ſuchte, den iſolirt ſein Ruf, auch wenn er verklungen iſt. Jede Wildheit, auch die der Leidenſchaften, gehoͤrt in die einſame Wildniß; die Welt fordert bezaͤhmte Gefuͤhle. Geiz und Froͤm⸗ melei ſind ungeſellige Eigenſchaften, welche auch mit⸗ ten unter den Menſchen abſondern. Wir wiſſen daher Frau von Gorfe an ihrem Platze, und ſehr wohl aufgehoben. Hier in dieſer ehemals fuͤrſtlichen Solituͤde gau⸗ keln Bilder verliebter Abentheuer um ihre andaͤchtigen Traͤume und beſchaͤftigen ihre Phantaſie: die einzig arbeitende Kraft ihres Weſens. Bei Fleiß und Pflicht könnte Frau von Gorfe nicht ausdauern. Und nun lieber Leſer lebe auch Du wohl! bis wir uns einmal anderen Ortes wiederfinden. Wir danken Dir fuͤr Deine Ausdauer. Indem wir bitten, Du wolleſt nicht allein unſere, ſondern alle Wittwen Deinem Andenken freundlichſt empfohlen ſeyn laſſen, berufen wir uns auf eine heilige Autoritaͤt. Ende. S Seit cheid, Berichtigungen fuͤr den erſten Band der Wittwen. olcher altar ghone tbene Seite.— Zeile.— aus⸗ ⸗ 3 ⸗ 3 von Oben, lies: ſacht ſtatt ſanft— Puf ⸗ 5 ⸗ 5 unten, l. aus ſt. auf. Nuf, ⸗ 10„ 10„ Oben, l. liebe ſt. Liebe. auch. 11 ⸗ 5* unten, fehlt bei dem Worte ge⸗ weſen ein Ausrufungszeichen. dniß; ⸗ 20 ⸗ 6 ⸗ Oben, l. leuchtete ſt. lächelte. 1 ⸗ 45 2 6 ⸗ ⸗ l. rette ſt. rettete. From⸗ ⸗ 46„ 10 ⸗„ k. werde ſt. würde. mit⸗ ⸗ 66 ⸗ 5 ⸗ ⸗ I. Seufzern ſt. Seufzer. ⸗ 68 2 6„⸗„ I. Zofe ſt. Hofe. daher 2 81 2 16 ⸗ ⸗ I. im ſt. ein. ⸗ 139 ⸗ 5 a unten, l. Agrément ſt. Ar⸗ wohl„ gument. - 144 ⸗ 5* ⸗ l. lächelnden ſt. lä⸗ cherlichen. gau⸗ ⸗ 162 2 7 ⸗ l. Dein Vater ſt. er. 3 2 1277 ⸗ 3 ⸗ ⸗ Lexpeditenſt. rapediten. htigen ⸗ 208„ 2 ⸗ Oben, J. di eſe ſt. die. einzig ⸗ 268 ⸗ 4„ ⸗ I. verdüften ſt. verduften. 3 272 ⸗ 9. 10 ⸗ ⸗ l. verblendender Kün⸗ Pflicht ſte ſt. verblendeter Kunſt. 7 277 2 1= 2 J. ihm ſt. ihn. 2⸗ 311 ⸗ 1* ⸗ fehlen die Worte: einem i wir Unfall, zwiſchen von und ſolcher. 9 ⸗ 317 ⸗ 14 ⸗ Oben, l. verrann ſt. verran. danken„ 318 ⸗ 18 ⸗ ⸗ l. Suchen ſt. Nutzen. Du / ittwen— laſſen⸗ die S * Anzeige fuͤr alle Gebildete, die neueſten Romane von Benriette Hanke geb. Arndt betreffend. Mit Vergnügen werden die zahlreichen Leſer und Leſerinnen dieſer anziehenden Unterhaltungslectüre vernehmen, daß ſo eben eine zweite Auflage der»Sehwiegermutter« 2 Bde. 8. geh. 2 ☛ 12 g die Preſſe verlaſſen hat, und nunmehr die bei uns erſchienenen auserwählten Schriften dieſer beliebten Schriftſtellerin, als: Die Schweſter, Roman in 2 Theilen. 8. geh. . 3„ 6 937 Die Schwiegermutter, 2 Theile. 2 ₰ 12 390 Die Perlen, 2 Theile. 2 ◻ 18 96 Der Blumenkranz, 2 Theile.(8 kleinere Erzäh⸗ . lungen enthaltend.) 3 9 4 g Die Wittwen, 2 Theile. 3 ₰◻ 12 990 ſämmtlich wieder in allen Buchhandlungen ſo wie in allen Leihbibliotheken und Leſezirkeln zu finden ſind.— Die moraliſche Tendenz, wodurch ſich die Romane der Ma⸗ dame Hanke auszeichnen, eignen ſie vorzüglich auch zu Ge⸗ ſchenken für jede Damen⸗Bibliothek. Hahnſche Hofbuchhandlung in Hannover. Ferner ſind ſeither in demſelben Verlage folgende ſehr empfehlungswerthe Schriften erſchienen: Beamiſh, N., Seſchichte der Koͤniglich Deutſchen Legion. 1r Thl. Mit 18 colorirten Abbildungen, 4 Schlachtplanen und mehreren Tabellen. gr. 8. cartonirt. Ladenpreis. 4 rthl. 16 ggr. Biſchoff, Dr., merkwuͤrdige Criminal⸗Rechts⸗Faͤlle, für Richter, Gerichtsärzte, Vertheidiger und Pſychologen. 1r Bd. gr. 8. 2 rthl. 20 ggr. Blumenhagen, W., Novellen und Erzaͤhlungen. 11 bis 4r Bd.(3r und Ar a. u. d. Titel: Höhe und Tiefe.) 8. 6 rthl. 16 ggr.. Bodeker, Z. W., der ſchmale Weg oder die chriſtlich⸗ſitt⸗ liche Bildung des Menſchen für das Leben, in der Geſchichte eines Geſchwiſterpaars dargeſtellt. 3 Thle. Mit Kpfn. 8 geh. 1 rthl. 13 ggr. (Auch unter folgenden Titeln einzeln:) 1r Thl.: Guſtav und Klara als Knabe und Maͤdchen, oder würdige Beſchäftigungen guter Kinder bis zum 12ten Lebensjahre. 8. geh. 8 ggr. 2r Thl.: Guſtav und Klara als Catechumenen, oder die würdige Vorbereitung zur Confirmation. 8. geh. 9 ggr. zr Thl.: Guſtav und Klara als Juͤngling und Jung⸗ frau. 8. geh. 20 ggr. Boſſe, J. F. W., der Blumenfreund, oder faßliche, auf vieljährige eigene Erfahrung gegründete Anleitung zur Be⸗ handlung der Zierpflanzen, ſowohl in Zimmern, Gewächs⸗ häuſern, Behältern u. ſ. w. als auch im Freien, nebſt deut⸗ licher Beſchreibung einer großen Anzahl der beliebteſten und ſchönſten, theils auch der neueſten Zierpflanzen, welche min⸗ der wohlhabende Blumenfreunde leicht zu cultiviren im Stande ſind. gr. 8. geh. 1 rthl. 8 ggr. —— oollſtändiges Zandbuch der Blumengaͤrtnerei, oder genaue Beſchreibung von mehr als 4060 wahren Zierpflan⸗ zen⸗Arten, mit Angabe des Vaterlandes, der Blüthezeit, der vorzüglichſten Synonymen, der bekannt gewordenen Pflanzenpreiſe, und dem Orte, an welchen die beſchriebenen Pflanzen zu finden oder käuflich und gegen Tauſch zu haben ſind. Alphabetiſch geordnet, und mit auf Erfahrung gegrün⸗ dete Cultur⸗Apweiſ. 2 Thle. gr. 8. geh. 4 rthl. Decken, v. d., Zerzog Georg von Braunſchweig und guͤneburg. Beiträge zur Geſchichte des dreißigjährigen Krieges, nach Originalquellen des Königl. Archivs zu Han⸗ nover. 1r Thl. gr. 8. 1 rthl. 16 ggr. Funke, C. p., Mythologie für Schulen und zum Selbſt⸗ unterrichte. 2e gänzlich umgearb. Aufl. von G. H. C. Lip⸗ pold. Mit 1 Kpfr. nach Ramberg und vielen Abbildun⸗ gen. gr. 8. 1 rthl. Gelpke, Dr. A. J. Ch., populaire Zimmelskunde, oder allgemeinfaßliche Betrachtungen über die großen Wunder⸗ werke des Weltalls, nach den neueſten aſtronomiſchen Ent⸗ deckungen. 4e Aufl. Mit 5 Kupfert. 8. geh. 1 rthl. 8 ggr. Sericke, A, practiſches Zaushaltungs⸗- und Kochbuch, oder die wohlerfahrene Lehrerin im Haushalten und in der Küche. 2e verb. mit vielen Recepten vermehrte Auflage. 8. geh. 1 rthl. 8 ggr. n. 8 ggr. chen, 12ten 3 ggr. er die 9 ggr. jung⸗ ggr e, auf r Be⸗ wächs⸗ deut⸗ n und min⸗ en im § ggr. odet pflan⸗ hezeit, rdenen jebenen haben egrün⸗ 4 rthl. g und ährigen 1 Han⸗ 6 ggr. Selbſt⸗ C. Lip⸗ bildun⸗ 1 tthl⸗ e, oder Lunder⸗ n Ent⸗ — 8 ggr. hbuch/ in der luflage: 5 ggr. Grey Sontroſ Chart Green vellow Hed Magenta Grey 3 — 4 4 1 . Mℳ 1 1 5 8