1 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 4 Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Nuͤckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher:. ———— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— „3 2—— 5. Auswärtige Abonnenten babe für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Pauline Platon— die Geſellſchafterin der Wittwe des Banquier Weihland, ſaß an einem hellen Win⸗ termorgen am Fenſter. Nur in Gedanken beſchaͤfti⸗ get, ließ ſie die ſonſt ſo fleißigen Haͤnde, denen die Arbeit entſunken ſchien, laͤſſig in ihrem Schoße ru⸗ hen. Die Kaͤlte, womit der Februar ſein Recht ſtrenge behauptete, flimmerte noch an den Scheiben, wie auch der ſaͤulenfoͤrmige Ofen ſpruͤhte und gluͤhte; drau⸗ ßen aber warf die Sonne funkelnde Blicke auf die weißen Daͤcher und vergoldete den Rauch der Eſſen. In ſilbernem Geſtaͤube loͤſete ſich der Schnee aus ſei⸗ nen feſten Lagen, zitterte ſchwebend um den Hoͤhen— rand der Gebaͤude, und miſchte ſich mit dem klaren Blau der Luft. Mit betrachtendem Tiefſinn ſchauete Pauline in das blendende Spiel, leuchtend umfloß der Wiederſchein die beſcheidene Geſtalt, in ihren Au⸗ gen von ſchoͤnſter dunkler Ätherfarbe, glaͤnzte ein feuch⸗ ter Schimmer, und vor dem ſanften Hauche ihres Mundes ſchlich ein Troͤpflein nach dem andern leiſe an dem Froſt des Fenſters nieder. Hanke Wittwen Ir Theil. 1 2 In dem raͤumlichen Wohnzimmer athmete Stille, und obgleich der Weiſer der Uhr die zehnte Stunde als bald verfloſſen zeigte, war es doch ſichtlich, daß die Ordnung des Tages hier noch nicht begonnen. über dem antiken Stuhle hing ein modernes Ballkleid, deſ⸗ ſen feine Ranken und Zweige, wirr und bleich wie die Blumen des Winters, dem Staube verfallen ſchie⸗ nen; eine Palatine von Zobel war uͤber das luftige Gewebe hingeworfen. Noch ſtand eine große Toilette, beſaͤet mit einer Menge Putzſachen und eleganter Klei⸗ nigkeiten, neben demf hohen Spiegel; blitzend wuͤhlten die Sonnenſtrahlen in dem bunten Geſchmeide des offnen Schmuckkaͤſtchens und reflectirten auf einen praͤchtigen Strauß von Ähren, gefaßt in Silber und Diamanten, und gehalten durch eine Schleife von Rubinen. Vor dem Sopha war ein kleiner runder Tiſch mit dem Apparat zum Fruͤhſtuͤck einladend beſchickt, und eine Mundtaſſe, worauf niedlich gemahlt, jene Scene aus dem bekannten Maͤhrchen von der Wittwe zu ſe⸗ hen, wo das Bild des todten Stephan aus dem Fen⸗ ſter ſeines Hauſes fliegt— fuͤllte nur mit Scherz ihren Platz aus, doch viel zu huͤbſch und klein, um ihn durch das Ärgerniß der Satyre zu verbittern. Jetzt kuͤndete ſcharrendes Geraͤuſch vor der Thuͤre einen Kommenden an, der Juſtizcommiſſarius Weih⸗ — 3 land trat ein. Pauline gruͤßte ihn ſchweigend, und ein Wink ihrer aufgehobenen Hand nach einer halb⸗ offnen Tapetenthuͤr, bedeutete ihn, ſich ſanft zu verhal⸗ ten. Doch ſchon war es geſchehen; er hatte ein Vo— lumen Acten ſo laut auf den Fluͤgel gelegt, daß die Reſonnanz ſingend toͤnte. Betroffen, ein Stoͤrer ge⸗ weſen zu ſeyn, hemmte er nun den ruͤſtigen Anlauf ſeiner Schritte, und unterdruͤckte die ſonore Stimme, als er fragte:»die Schwaͤgerin ſchlaͤft wohl noch?« Pauline faßte ſchnell nach dem Druͤcker der Tapete und ſprach gedaͤmpft:„der Schlummer iſt ihr ſehr zu goͤnnen, ich moͤchte ſie nicht wecken und wenn ſie bis an den Mittag ſchliefe. Die Nacht gab wenig Ruhe, oder vielmehr gar keine. Sie kamen ſpaͤt vom Balle, Franzisca in Mißmuth verſtoͤrt— und dies Wort duͤrfte zu gelinde ſeyn, um ihren aufgeregten Zuſtand richtig zu bezeichnen. Sagen Sie, Freund! iſt ihr dort etwas Unangenehmes paſſirt?« Der Juſtizcommiſſarius ſtrich ſich den Bart und antwortete gleichmuͤthig:»Nichts, das ich wuͤßte; außer vielleicht— der Erfahrung, eine paſſirte Taͤnzerinn zu ſeyn.« »So tanzte Franzisca gar nicht?« fragte ihre Freun⸗ dinn dringender.»Nun jac«, erwiederte Jener:»hier und da ein paar Mal, aber maͤßig, in geſetztem Tempo, und keinesweges ſo wie ſonſt. Sie ſaß ge⸗ 1* 4 ziemender Weiſe, als die jungen Maͤdchen im ſauſen⸗ den Galopp voruͤber raſeten; ich ſtand neben ihr, und ſah im Geiſte lauter Todtenbraͤute an das Kirchhof⸗ gitter fliegen.« Pauline nickte und ſchwieg, als wuͤßte ſie nun ge⸗ nug; nach einer kleinen Pauſe, die der Juſtizcommiſ⸗ ſarius dem Grauen dieſer Vorſtellung uͤberließ, fuhr er fort:»das aber weiß ich nun, es giebt keine laͤſti⸗ gere Aufgabe fuͤr einen Mann der die Ruhe liebt, als einen Ball! man wird zum Opfer galanter Pflich⸗ ten, und wie ein Fang der Laune gleichſam hin und her geworfen. Ich bin muͤde zum Sterben, nicht eben vom Tanzen, denn ich habe keinen Fuß geruͤhrt, ſondern vom Dienſt meiner Dame. Franzisca hat mir was zu ſchaffen gemacht und mich in Athem er⸗ halten! ich keuchte nur ſo vor Angſt und Artigkeit. Sie forderte bald dies, bald das, und nichts brachte ich ihr zu Danke. Der Thee kam ihr wie Braun⸗ bier vor, das Zuckerwaſſer ſchmeckte zu ſuͤß, wobei ſie in einer Ironie des Geſchmacks den Mund ſo herbe verzog, als haͤtte ſie Wermuth getrunken— der Wein, verſicherte ſie, haͤtte einen Stich; ich aber dachte bei mir ſelbſt, der waͤre nur auf ihrer Zunge; denn ſie theilte ſpitze Repliken aus. Doch wuͤnſchte ich mit heiler Haut davon zu kommen, und ſo huͤtete ich mich wohl, jene Meinung zu verlautbaren. Zuletzt ₰ 5 verlangte ſie erhitzt vom Walzer ein Glas Limonade; die Bitte klang wie ein im Zorne gegebener Befehl, wie die Sehnſucht nach Gift. Da ermannte ich mich und ſprach:»nein, mein Schweſterchen, dies muß ich verſagen; ich wuͤrde mich wie der Herr von Rum— pelmeier gemahnen, wenn ich Dir die heilloſe Kuͤhlung credenzte. Sie ſchmollte wie ein verzogenes Kind, ſaß ſtumm neben mir im Wagen, als ich ſie heim⸗ fuͤhrte, und— ich bin nun gekommen, dieſen un— dankbaren Groll zu verſoͤhnen. Ach!« ſetzte er mit einem Seufzer hinzu, indem er die Spitze der blanken Naͤhnadeln an dem ſtraffen Kiſſen verſuchte:»mit die⸗ ſen Nadeln moͤchte ich meinen ſeligen Bruder aus der Erde graben! ich ſtellte ihn in der verwich'nen Nacht vor Minos Richterſtuhl— auch dachte ich Ihrer heiligen Geduld, edle, platoniſche Seele! und eine zweite Abſicht meines fruͤhen Beſuchs iſt, Sie mei⸗ ner hoͤchſten Achtung zu verſichern.«. Er kuͤßte ihr mit komiſchem Ernſt die Hand. Pauline mußte doch ein wenig laͤcheln.»Sie dauern mich, armer Weih— land!« ſagte ſie, und milder Spott, daß er ſich ſo gebeugt fuͤhlte— hellte ihre ſinnende Miene auf. »Klingt mein Name ſelbſt von ſo ſchoͤnen Lippen nicht wie ein Leichenſtein, oder wie das Formular ei⸗ ner Abkuͤndigung?« fragte der Juſtizcommiſſarius, »warum nennen ſie mich nicht Ludwig, wie die 6 Schwaͤgerinn? ich wuͤrde es lieber hoͤren. Und billig ſollte Franzisca ein ſo geringes Vorrecht mit Ihnen theilen, da Ihre Guͤte ſie ſo mancher Sorge, man⸗ cher Pflicht uͤberhebt.“« Unter einem Anflug von Erroͤthen antwortete Pau⸗ line:»ich aber wuͤrde ſolch eine trauliche Gewohnheit fuͤr ein überheben meines Verhaͤltniſſes halten, und mich ihr einmal unbedacht vor fremden Ohren zu uͤberlaſſen fuͤrchten.« Sie lauſchte nach der Wand, der Juſtizcommiſſarius horchte ſympathetiſch mit— im Schlafgemache aber blieb es ſtill. Die Pauſe war lang genug zu einer vollen Wendung des Geſpraͤchs. Pauline, indem ſie aus dem Sonnenſchein ruͤckte, und dadurch dem Schwager ihrer Freundinn um eine Spanne naͤher kam, hob zuerſt wieder an:»ich war wirklich beſorgt, Franzisca wuͤrde uns krank werden; denn ſie befand ſich nach ihrer Heimkehr vom Balle in einer Art von Seelenſieber. Ich hatte das Maͤd⸗ chen zu Bett gehen heißen und wollte ſie ſelbſt aus— kleiden helfen; aber ſie wehrte meinem Beiſtande, den ſie ſich doch ſonſt gern gefallen laͤßt. Sie entle— digte ſich der ſchoͤnen Halskette ſo mit Ungeſtuͤm, als gelte es, einer druͤckenden Haft zu entkommen; man⸗ ches Band, das fuͤglich geloͤſet werden konnte, wurde in Haſt zerriſſen. Sie warf den Putz verachtend ab, 7 — und ſich mit ausbrechenden Thraͤnen an meine Bruſt.« Ein Schatten lief fluͤchtig uͤber Weihland's frohe Stirn.»Hm!, fiel er ein, als wollte er ſich ſelbſt eine kleine Beſorgniß ausreden: yes wird nicht viel auf ſich haben. Ein hyſteriſches Woͤlkchen am Unter⸗ gange des Ballhimmels— ein unſchuldiges Schauer⸗ chen, das hoffentlich heiteres Wetter verſpricht.« Pauline ſah ihn an und ſchuͤttelte unmerklich mit dem Kopfe, ein Ausdruck bekuͤmmerten Zweifels ſprach aus ihrem Blick. Sie fuhr fort:»Franzisca wollte ſprechen; aber nur ein ſchmerzlicher Krampf bewegte ihre Lippen, und ich dachte, das heftige Schluchzen wuͤrde ihr das Herz abſtoßen. So ſagte ich denn: komm ſchlafen, Liebe! morgen wirſt du mir Alles er— zaͤhlen. Sie ließ ſich von mir zu Bette bringen, wil— lenlos wie ein krankes Kind. Ich huͤllte ſie in die waͤrmende Decke, die Ärmſte fror und bebte, und ich hoͤrte ſie noch lange leiſe in die Kiſſen weinen. Da griff ich zu einem Mittel, was ſchon oͤfters gut gethan, und welches ſich auch diesmal bewaͤhrte: ich langte nach einem Buch, und fing an vorzuleſen. Es war ein Trauerſpiel und wie fuͤr meinen Zweck geſchrieben. Franzisca athmete ſtill, da ich inne hielt; doch las ich noch eine Weile fort, um ſie nicht durch jaͤhes Aufhoͤren aus der erſten Betaͤubung zu wecken.« 8 »Sie treuer Engel!« ſprach der Juſtizcommiſſarius geruͤhrt:»dafuͤr moͤgen gute Geiſter uͤber Ihrem Schlummer wachen. Und Preis allen Schriftſtellern, denen ſolcher Mohnſaft aus der Feder troͤpfelt! ſchlechte Verſe ſcheuchten ſchon zu Gellerts Zeiten das Geſpenſt in ſeinen Fabeln, und mehr als eine eitle Einbildung wird hier ſchwerlich zu verbannen gewe⸗ ſen ſeyn. Der gewohnte Schutzgeiſt fehlte der armen Franzisca auf dem Balle— darum hatte der Daͤ⸗ mon uͤbler Laune Macht uͤber ſie. Weßhalb aber liebe Theuerſte, weigerten ſie ſich eigenſinnig, meine Schwaͤgerinn auch dahin zu begleiten?« »Es iſt ein feſtes Abkommen zwiſchen uns,» erwie⸗ derte die Geſellſchafterinn:»daß ich von der Theilnahme an Tanzpartieen freigeſprochen bin; ich fuͤhle mich dort nicht an meinem Platze, ich war es nie. Ihnen darf ich es wohl geſtehen— daß, trotz aller Reſig⸗ nation, Gefuͤhle in mir aufgeſtoͤrt werden, die beſſer ruhen, die Tanzmuſik erregt mir Wehmuth, waͤhrend ſie andere hebt, muß ich Thraͤnen unterdruͤcken, und ſo iſt demnach der Ball ein Vergnuͤgen, wovon meine innnerſte Eigenthuͤmlichkeit mich ausſchließt.« »Freilich,« entgegnete Weihland:»auch falſche Edel⸗ ſteine ſchimmern zu ihrer Zeit bei gehoͤriger Beleuch— tung, da hingegen die aͤchte Perle nur wenig glaͤnzt, und ihr ſtiller Werth einen Kenner fordert.— Solch 9 ein Ball koͤnnte uͤberhaupt eine optiſche Taͤuſchung genannt werden. Und manche biillante Taͤnzerinn, ſo gefeiert wie bewundert, giebt am Tage und im Dunkel haͤuslicher Verhaͤltniſſe einen Vergleich zu die— ſer ab«— hierbei hob der Juſtizcommiſſarius einen Lichtſchirmm von der nahe ſtehenden Commode, hielt ihn gegen die Sonne, die ſchwebende Geſtalt der Ma⸗ dame Hoguet erſchien in der todten Maſſe des Bis⸗ quits—:»und iſt nichts mehr als ein bleiches Bild, eine ſeelenloſe Form, eine auf den Effect berechnete Kunſt.« Pauline ſchwieg. Weihland ſtellte den Schirm an ſeinen Ort, und beſeitigte zugleich den Gegenſtand der Unterhaltung, indem er fragte:„wie brachten Sie den einſamen Abend hin, wenn anders man ſich dar⸗ nach erkundigen darf?« »Warum nicht?« antwortete Pauline mit einem off'nen zufriedenen Laͤcheln: ver verging mir ſehr gut und ſchnell, ob auch bis ſpaͤt in die Nacht hinein ver— laͤngert. Ich hatte mir vorgenommen, an eine ent⸗ fernte Freundinn zu ſchreiben, es war ein Brief, der Muße und Sammlung erforderte. Wir wuchſen als Kinder zuſammen auf, unſere harmloſen Spiele wa⸗ ren kaum durch die kleinen Geheimniſſe der erſten Ju⸗ gend verdraͤngt, als der Ernſt des Lebens ſcheidend zwiſchen uns trat. Meine Freundinn ward Braut eines Mannes, den ſie uͤber Alles liebte, und ſie ge⸗ *+ 10 wann die Zuſtimmung der Eltern an demſelben Tage, wo ich meinen guten Vater verlor. So weinte ich meine bitterſten Thraͤnen allein; doch goͤnnte ich ihr das errungene Gluͤck, und ſie uͤberließ mich meinem Schmerz. Ihre leidenſchaftlichen Hoffnungen hatten ſich jedoch nicht erfuͤllt, die Ehe meiner Freundinn ließ viel zu wuͤnſchen uͤbrig. Mancher Zwieſpalt, Enttaͤuſchungen, Sorgen der Nahrung loͤſchten die Glut ihrer Liebe nur zu zeitig aus. Mir hatte ſich indeß der Liebe Gott als ein treuer Verſorger, als der beſte Freund bewaͤhrt, und mein ſtil— les Flehen um ein Herz, das ihm vertraue, erhoͤrt. Ich ging bis hierher ohne heftige Wuͤn⸗ ſche, ohne Anſpruͤche durch das Leben; es gelang mir, hier und da mich nuͤtzlich zu machen und dies befriedigte mein Selbſtgefuͤhl. Vor einiger Zeit er— hielt ich eine Zuſchrift von meiner Freundinn, voll Jammer uͤber eine huͤlfloſe Lage. Sie war Wittwe geworden, und ein Haͤuflein Kinder, verwickelte An⸗ gelegenheiten und eine uͤble Stellung zur Familie des verſtorbenen Mannes, ihr als ſein Nachlaß verblie⸗ ben. Dies traurige Schickſal dauerte mich in der Seele! ich wollte ihr nicht leeren Troſt ſenden, die arme Trauernde nicht mit kurzen Worten abfinden — und ſo hatte es denn ſeine Urſachen, daß ich nicht ſogleich antwortete. Dieſer verſpaͤteten Pflicht nun 11¹ war der geſtrige Abend gewidmet, und ich denke die Saͤumniß verguͤtet zu haben.— Die Stunden ſchlu— gen, mir daͤuchte der Seiger ginge beſchleunigt, und mein Herz ſchlug in Erinnerungen, die mich uͤber den Raum der Zeit, uͤber jede wuͤſte Stelle des Kum⸗ mers hinweg, in das Eden der Kindheit verſetzten. Die Welt außer mir, weit und oͤde fuͤr ein einzelnes Weſen, verſchwand, jene liebende Enge, die nichts kennt als die Freude der Gegenwart, umſchloß mich wieder. Ich ſaß mit meiner Geſpielinn in der Boh⸗ nenlaube des Gaͤrtchens an meines Vaters Hauſe, und der Fruͤhling bluͤhete um uns her. Wir naͤhten emſiglich, als thaͤte es noch ſo Noth, fuͤr die kleine Familie der Puppen, die in lederner Bloͤße vor uns lagen. Der Wind verwehte die ſeidnen Laͤppchen und taͤndelte mit den hellen blonden Locken, die um das gluͤhende Geſichtchen meiner Freundinn niederhin⸗ gen. Ich ſah dies Alles noch lebendig vor mir. Wie vorbildlich fuͤr die traurigſte Wahrheit war nun jener ſuͤße Traum, jener kindiſche Fleiß ge⸗ weſen jetzt ſaß die ungluͤckliche Frau blaß, erſtorben fuͤr jedes frohe Gefuͤhl, mit der Binde des Harms um die kummervolle Stirne, unter ihren vaterloſen Waiſen, und arbeitete, um ihre Kinder kleiden zu koͤnnen. Ich mußte ihr helfen wie damals, wie haͤtte ich an mein eigenes Beduͤrfniß denken moͤgen?— 12 Als ich das Briefpaquet fuͤr die Poſt zurecht machte, traͤufelte mir Siegellack auf die Finger; ich empfand es kaum und dachte, die Freudenthraͤne meiner ar⸗ men Freundinn wuͤrde brennender noch ſeyn.« Der Juſtizcommiſſarius hatte dieſer kleinen Erzaͤh⸗ lung Paulinens mit einem Antheil zugehoͤrt, den er ſtumm am ſchoͤnſten verſicherte. Jetzt ergriff er aber— mals ihre Hand, wollte reden— doch die Stimme des Gefuͤhls ging ploͤtzlich in eine andere Tonart uͤber, als er ſeine Schwaͤgerinn in der langſam aufgehenden Tapetenthuͤre erblickte. Madame Weihland, der Stern ihres Hauſes! ſchien noch ſehr verduͤſtert, ihr ſchoͤnes Geſicht war auffal— lend bleich, eine tiefe Haube verhuͤllte wolkenartig den ſtolzen Schwung der braunen Boͤgen, und die gro— ßen ſchwarzen Augen, wohl oͤfterer ſchon ſtrahlenden Sonnen verglichen, blickten erloſchen, wie von einem duͤnnen Nebel uͤberſchleiert, unter dem Muſter des breiten Streifens hervor, und mit truͤber Verwunde⸗ rung in die herzliche Zwieſprach der Beiden. »Nun guten Morgen, Franzisca!« rief Pauline, entzog raſch ihre Hand dem Drucke warmer Hochach⸗ tung, und ſtand auf. »Mein Gott, biſt Du ſchon da, Ludwig?» wen— dete Jene ſich an den Juſtizcommiſſarius, und ein kleines Kopfnicken bedankte die Geſellſchafterinn. 13 Die kraͤnkliche Unluſt dieſer Frage reizte den Humor des Schwagers, worin ein weiches Gefuͤhl ſich auf⸗ loͤſete.»Ich bin ſo frei mit Deiner guͤtigen Erlaub⸗ niß, meine holde Schweſter, und dieſer freundliche Empfang entzuͤckt mich!« antwortete er, ſtieß den Stuhl zuruͤck, und faßte mit bruͤderlichem Vorrecht ihren ſchlanken Wuchs in ſeine Arme, wobei er ſang: „heute, mein Fraͤnzchen, wollen wir alle auf einem Balle froͤhlich ſeyn!« Franzisca entwand ſich ihm mit ſichtbarem Wider⸗ willen und ſprach:»ja das fehlte mir noch! ich habe an dem geſtrigen genug.« Ein verſchmaͤhendes Laͤcheln bitterer Genuͤge ſchwebte um den aufgeworfenen Mund „Und ich waͤhnte Dich Wunder wie vergnuͤgt, da ich Dich ſo reizend tanzen ſah—« ſagte der Juſtiz— commiſſarius treuherzig; aber der Schalk lauſchte aus ſeiner Miene. »Ohl ich bin auch außerordentlich vergnuͤgt gewe— ſen, beſonders bei jenem Walzer—« entgegnete Franzisca ſpoͤttiſch und laͤchelte noch einmal mit ge— kraͤnkten Zuͤgen. »Es iſt doch ein ſchoͤnes Talent, der Tanz!» ſprach der Juſtizcommiſſarius hierauf, als ob es ihm voller Ernſt mit dieſer Bemerkung waͤre:'ich ſchaͤmte mich geſtern meiner Schwerfaͤlligkeit, meiner bleiernen Proſa. Der Tanz iſt die Poeſie der Freude, die Schwung— 14 kraft der Liebe und Luſt; man ſieht es gleich, wer ſich nur um des Anſtands willen und wie in einem langweiligen Gelegenheitsgedicht abmuͤdet.— Wahr⸗ lich nur Gluͤckliche ſollten tanzen.« Mit der entſchiedenſten Ausgeſchloſſenheit verſetzte Madame Weihland:»dann wuͤrden wir hoͤchſtens ein Solo und auch das nur ſelten ſehen. Wie aber ſollte ein Cotillon jemals zu Stande kommen?—« Mittlerweilen war das Fruͤhſtuͤck gebracht worden; Pauline ſchenkte ſchweigend ein und verſorgte mit an— muthiger Handreichung die Dame, welche ſich auf das Sopha niedergelaſſen hatte, und an den Dienſt der Freundſchaft gewoͤhnt, dies gefaͤllige Muͤhewalten wenig zu beachten ſchien.»Trinke doch, liebe Fran⸗ zisca!« bat Pauline, indem ſie beide Haͤnde um die blanke Kanne legte, der Caffee iſt ohnedies nicht mehr ganz warm, er hat doch zu lange geſtanden.« Franzisca hob die volle Taſſe empor, ihr Blick weilte finſter und ſtrafend auf dem kleinen ſpaßhaften Bilde, ſie benetzte die Lippen, und ſeufzte dabei ſo tief, als ſehnte ſie ſich Lethe zu koſten.— Der Ju— ſtizcbommiſſarius machte einen Gang durch das Zim⸗ mer, blickte ſeitwaͤrts nach der Straße und ſprach: „wiſſen ſie Damen es ſchon? dieſe Nacht iſt auch der Major Gardemer geſtorben.« 15 »Geſtorben? wirklich?« fragte Pauline in erſchrocke⸗ ner Theilnahme an dieſer Nachricht. »Ja, er iſt wirklich geſtorben, liebe Platon,« beſtaͤtigte Weihland mit Accent, und ſetzte hinzu: „ſeine Frau waͤre in Wahrheit zu beklagen, wenn der Major von einem Scheintode erwachen ſolle.« »Da iſt wieder ein Quaͤler zur Ruhe gebracht und ein freies Herz erloͤſet,» ſagte Franzisca mit einem Tone, der verrieth, daß ſie eine feindſeelige Bezie⸗ hung an den Gedanken der Freiheit knuͤpfe. Doch Paulinens Milde ließ die Todten in Frieden, ihr Mitleid gehoͤrte den Lebenden. Sie ſprach bedauernd: „die liebenswuͤrdige Frau hat viel gelitten, und mir innigſt Leid gethan. Wie oft habe ich ſie, wenn wir ſpaͤt nach Hauſe kamen, oder Geſellſchaft bei uns hatten, einſam, ruhelos hinter den Gardinen wan⸗ ken und weinen geſehen! auch gleicht ſie einem Schat— ten, und iſt ſeit Monden nicht in die Luft und von dem Krankenbette ihres Mannes weggekommen.« »Er ſoll ein wunderlicher Heiliger und bis zum Exceß eiferſuͤchtig geweſen ſeyn—« ſagte der Juſtiz— commiſſarius zu ſeiner Schwaͤgerinn, als wuͤßte nur ſie hierauf Beſcheid zu geben.— Pauline nahm an der Freundinn Statt das Wort und ſprach:»die Beklagenswerthe! dieſe fuͤrchterliche Leidenſchaft zu fuͤhlen, oder ſich als ihren Gegenſtand 16 zu denken, ich weiß nicht, was ich fuͤr ſchlimmer halte.« »Dieſe Foltergrade moͤgen auch ſchwer zu beſtim— men ſeyn,« entgegnete Weihland; doch ſo viel iſt ge— wiß, daß eine Furie dieſe Martern verhaͤngt, der wir doch ja nicht einen Namen geben wollen, den nur die Himmel toͤnen. Liebe iſt Sicherheit! und die voͤllige Liebe— dies ſagt ſchon die Schrift— treibt alle Furcht aus. Nur wer zittert, iſt grauſam gegen ſich und Andere.« Als er dies geſagt, horchte er auf⸗ ſchauend und ſprach:»da ſchlaͤgt die Glocke, die mich von hinnen ruft. Ich muß auf das Gericht zum Termin, um eine famoͤſe Diebsgeſchichte zu verhan⸗ deln, und der Laͤnder aus Fra Diavolo brummt mir noch vor den Ohren, der Ball wirbelt mir noch im Kopfe, ſo werde ich denn gewaltſam fortgeriſſen. Adieu meine Adorablen! ich gehe, ich gehe!« er legte die Hand auf die linke Seite und ſchritt zur Schwelle: »aber ach! mein Herz bleibt hier.« Und ſomit war er zur Thuͤre hinaus. »Ich bin froh, daß wir ihn los ſind,« ſagte Fran— zisca, und begann ihre Prezioſen uͤber die Seite zu raͤu⸗ men, wobei Pauline ihr half;„»dieſe unverwuͤſtliche Laune kann, wenn man nicht geſtimmt iſt, aͤrgerlich werden, und ſeine Phraſen mag ich dann vollends nicht hoͤren.« »Er meint es doch gut,« erwiederte Pauline beguͤ⸗ tigend,»und wir duͤrfen nicht vergeſſen, uͤber wie viele ſchwere Stunden uns ſein leichter Sinn ge— holfen.« Als haͤtte dies dankbare Lob den Vertheidigten zu— ruͤckgerufen, ward ſeine Stimme auf dem Vorſaale wieder hoͤrbar, wechſelnd mit einer weiblichen, in Complimenten der Begegnung. Eine junge Dame von der Bekanntſchaft der Wittwe trat ein, Fraͤulein von Buchs. Der Juſtizcommiſſarius eilte, nachdem er die Thuͤre geoͤffnet, die Treppe hinab. »Guten Morgen liebe Weihland, beſte Platon!« gruͤßte das Fraͤulein, und ſchlug den ſchwarzen Schleier zuruͤck, die Damen zu kuͤſſen.»Erſchrecken ſie nur nicht, ich komme auf Execution. Sie ſind wohl erſt aufgeſtanden, wie ich ſehe? es war ein delicioͤſer Ball! ich wuͤßte bald nicht, wann ich mir beſſer gefallen. Sie waren himmliſch angezogen, engliſche Frau! die blitzenden Ähren in dem dunkeln Gelock machten ſich goͤttlich. Sie glichen einer Ceres!« Der Gedanke, wie wenig Fruͤchte der Freude ihr jener belobte Schmuck getragen, wallte in Franziscas Buſen auf. Sie vergalt die ſchoͤnen Worte nur mit einem ſauerſuͤßen Laͤcheln. Ein verletztes Herz wird ſelbſt ſchmeichelnd nur ſchmerzlich beruͤhrt. Das Fraͤulein fuhr geſchwaͤtzig fort, ohne eine Er⸗ 18 wiederung abzuwarten:»was ſagten Sie aber zu die⸗ ſer Fluth von Damen? unzaͤhlbar wie der Sand am Meere! die Taͤnzer reichten bei Weitem nicht aus; denn alles will tanzen, und die Frauen ſind es grade, welche die meiſten Anſpruͤche machen.« Das Fraͤulein ſtockte betroffen; denn es begegnete in Franziscas Geſicht dem empfindlichen Eindruck die⸗ ſer unbeſonnenen Rede, und ſetzte haſtig hinzu:»mit ihnen, liebſte Weihland, iſt dies ganz ein Anderes. Die verheiratheten Frauen haben ihre Maͤnner: ſo haben ſie doch Etwas, und koͤnnten ſich daher begnuͤ⸗ gen. Eine junge Wittwe Ihrer Att, tritt aber in die Vorrechte der Maͤdchen zuruͤck.« »Sie haben Recht,« antwortete Franzisca beleidigt und mit ſtolzem Verzichten:»Dieſe tritt zuruͤck.—« Das Fraͤulein merkte, daß es übel angerichtet haͤtte, es ließ dieſen verfaͤnglichen Stoff fallen und ſprach: denken Sie nur! vor einer Stunde ka⸗ men Forſtmeiſters aus Roſtleben. Wir hatten ſie ſchon lange erwartet; doch gerade heute nicht. Sie baten um das Vergnuͤgen ihrer Geſellſchaft und meine Mutter bittet ebenfalls darum. So bin ich denn be⸗ ordert, nicht eher von hier zu weichen, bis Sie und Ihre Freundinn mich begleiten.« Madame Weihland brachte einige weigernde Gruͤnde vor, ſie hatte offenbar nicht Luſt, die Einladung an⸗ 49 zunehmen. Aber das Fraͤulein war nicht abzuweiſen, und fuhr dringend fort. keine abſchlaͤgliche Antwort, liebe Goldne! nach Tiſche faͤhrt der Forſtmeiſter uns um den Wall zu Schlitten, und iſt die gute Platon aͤngſtlich, ſo bleibt ſie bei den Frauen.« Bei dieſen Worten gab ein heimliches Blinzeln mit den Augen der Wittwe zu verſtehen, daß dieſer Wink nicht um— ſonſt gegeben werde. Dann ſprach das Fraͤulein wei⸗ ter: yich ſage ihnen, wir werden in der neuen Equi— page Furore machen. Es iſt eine ſilberne Muſchel von bronzirten Tritonen getragen, voran ein kleiner allerliebſter Delphin mit ausgeſpannten Fluͤgeln. Eine Decke von Fiſchotter haͤngt ſchillernd und glaͤnzend uͤber den Sitz, und die Schimmel, ein ſtolzes Ge— ſpann! ſind weiß wie Schwaͤne. Wir werden durch die Luͤfte ſchwimmen und ſchweben.« Dieſe Beſchrei⸗ bung wirkte doch erregend auf Franziscas wunde Ei⸗ telkeit; in Apathie ließ ſie ſich endlich durch fortgeſetzte Bitten des Fraͤuleins beſtimmen. Die Klingel berief das Maͤdchen zum Ankleiden, auch Pauline entfernte ſich in dieſer Abſicht. Sobald die Damen das Zimmer verlaſſen hatten, ſchlug Fraͤulein von Buchs den Fluͤ⸗ gel auf und probirte einige Tanzſtuͤcke nach dem Ge— hoͤr, die ihr noch im Gedaͤchtniß ſummten. Wo der Verſuch mißlang, half ſie traͤllernd nach; doch war dieſe übung eben kein Beweis fuͤr einen gluͤcklichen Tonſinn. 20 Das Werk der Toilette war ſchneller als ſonſt zu Ende gebracht, und das Fraͤulein der Vollziehung des empfangenen Auftrags froh, fuͤhrte die erbetenen Gaͤſte nach der muͤtterlichen Wohnung, die von dem Hauſe der Madame Weihland nicht weit entfernt lag. Am geſtirnten Himmel laͤchelte ſchon die Sichel des Mon⸗ des und die Schauer der abendlichen Kalte hauchten ſchneidender, als Franzisca und ihr zweites Ich— wie man die treue Pauline nannte, von dieſer Zu⸗ ſammenkunft aufbrachen, da der fremde Beſuch ſich zur Heimfahrt ruͤſtete. Durch die ſcharfe Luft klan⸗ gen fernher die Glocken von des Forſtmeiſters Schlit⸗ ten, und dieſes harmoniſch klingelnde Getoͤn weckte wie mit magiſchem Ruf ein ſehnſuͤchtiges Gefuͤhl in der Wittwe, Jenen gleich, durch den blinkenden Abend zu fliegen, je weiter, je beſſer, und waͤre es bis an den Nordpol hin, nur bis an die aͤußerſte Grenze je⸗ der verfolgenden Moͤglichkeit, um allen quaͤlenden Er⸗ innerungen zu entfliehen. Pauline hatte jedoch bemerkt, daß die kleine Zer⸗ ſtreuung von guter Wirkung auf die verſtimmte Freun⸗ dinn geweſen, und als ſie nach Hauſe gekommen wa⸗ ren und in behaglicher Waͤrme es ſich bequem gemacht, da empfand auch Franzisca die Wohlthat, daheim und in Ruhe zu ſeyn. Die Lampe verbreitete milden Schimmer, das Neulicht webte traulich, geiſterhaft —.—.— — 21 auf dem Parquet, in ſchwacher Eintoͤnigkeit ging der goldne Pendel hin und her und mahnte an den lei⸗ ſen Schritt der Zeit; Stille waltete ringsum. Fran⸗ zisca ſaß den Kopf in die Hand geſtutzt und blickte duͤſter in den ſanften Schein. Pauline faßte theil⸗ nehmend ihre Hand und ſprach:„jetzt laß es mich wiſſen, meine Freundinn, was Dich in der vergan⸗ genen Nacht ſo ſehr betruͤbte. Wir ſind ungeſtoͤrt und Du biſt nun ein wenig ruhiger geworden.« Bei dieſer Vorausſetzung ſtieg ein melancholiſches Laͤcheln auf die verſchloſſenen Lippen der jungen Wittwe, die ſich mit einem Seufzer oͤffneten. Sie ſprach:„beſſer waͤre es vielleicht, ich redete niemals davon, wenn nur mein Herz ſchweigen koͤnnte; das Geſtaͤndniß was Du verlangſt und zu fordern ein Recht haſt, muß mich jedenfalls beſchaͤmen.« »Ich will es Dir erſparen, wenn ich die Urſache Deiner Kraͤnkung errathe,« antwortete Pauline: nicht wahr, Felice hat ſich auf dem Balle nicht ganz nach Deiner Erwartung benommen?« Franzisca nickte, ihre ſchoͤnen Augen fuͤllten ſich mit Thraͤnen, ſie ſah die forſchende Vertraute mit einem Blicke an, der dieſe in der Wahrheit tief empfundner Schmerzen innigſt ruͤhrte. Sie ſagte kleinlaut:»er hat vielmehr jeder Erwartung fuͤr im⸗ mer ein Ende gemacht.« 22 »Ob ich es mir nicht dachte!« aͤußerte Pauline hierauf: vich habe es Dir nicht ſagen moͤgen, weil er der Mann iſt, den Dein geneigtes Vorurtheil be⸗ guͤnſtiget, und weil, laß mich offen ſeyn, liebe Fran⸗ zisca! Du mir dann leichtlich Dein Vertrauen haͤtteſt entziehen koͤnnen; aber ſein Benehmen war mir durch⸗ aus niemals klar, und daß er auch in der redlichſten Abſicht Dein Gluͤck ſeyn werde, konnte ich nicht hoffen. »Sprich es nur aus ohne Schonung, forderte Fran⸗ zisca, gewiß, der Stachel, der in ihrer Bruſt wuͤhle, koͤnne nun nicht mehr geſchaͤrft werden: yrede frei, daß ich mir alles nur eingebildet habe, und nichts weiter als eine eitle Thoͤrinn geweſen ſey. Du triffſt damit den Nagel auf den Kopf; aber es iſt der Na⸗ gel zu meinem Sarge; denn dieſes Verhaͤltniß graͤmt mich zu Tode.« »Franzisca!« rief die Platon beſtuͤrzt, und mit ei⸗ nem Ausdruck in Blick und Ton, als riefe ſie ihr beſſeres Selbſt auf:»Du wollteſt Dein bluͤhendes Le⸗ ben um einer verzeihlichen Taͤuſchung willen hinopfern?« »Mein bluͤhendes Leben!« wiederholte Franzisca mit ſchmerzlichem Hohn:»waͤhle Deine Worte beſſer, gute Pauline. Jede Hoffnung iſt mir verwelkt, mein Stolz iſt gebrochen wie mein Herz; ich habe eigent⸗ lich nie gelebt, und die Bluͤthe meiner Jugend war 23 nur beſtimmt—y hier ſchwieg ſie beklommen und ihr Auge ſenkte ſich traurig zu Boden. Pauline hatte die Freundinn verſtanden. Von die⸗ ſer Klage in der mitfuͤhlenden Seele erſchuͤttert, ſagte ſie zart zurechtweiſend, vund wie biſt Du doch zu tauſendmalen beneidet und als eine uͤbergluͤckliche Frau geprieſen worden, wie wirſt Du es noch!« Franzisca trocknete die rollenden Thraͤnen und ſprach: „mein ſeliger Mann war gut und ich werde ſein An⸗ denken dankbar verehren, ſo lange ich bin. Es war nicht ſeine, aber auch nicht meine Schuld, daß ſein Beſtreben, mich gluͤcklich zu wiſſen, nur dadurch be⸗ lohnt werden konnte, daß ich ſeine liebevolle Sorge fuͤr mein Wohl ſtets erkannte. Das Gefuͤhl der Be— friedigung liegt außer dem Bereich eines guten Wil— lens.— Nur als er zu meinem letzten Geburtstage, den Weihland erlebte, vielleicht in einer Ahnung ſei— nes nahen Scheidens, Dich, um mir eine heimliche Freude zu machen, durch lange vorhergegangenen Briefwechſel vermocht hatte, Deine fruͤheren Verbind⸗ lichkeiten zu loͤſen und zu uns zu kommen, als ich Dich ſo unerwartet und geſchmuͤckt wie ein Praͤſent unter meinen Blumen ſitzend fand, und Du mir ſag— teſt, Du wuͤrdeſt bei uns bleiben, da Pauline! da hatte er mit dieſem Angebinde meinen liebſten Wunſch getroffen.« Auch aus Paulinens Augen brachen jetzt Thraͤnen einer doppelten Ruͤhrung. Sie gedachte des vortreff⸗ lichen Mannes, der ihr mit jener geheimen Berufung einen Beweis ſeiner hoͤchſten Achtung, wie ſeines Zu⸗ trauens gegeben, ſein Bild, bleich, leidend, ſchon umſchwebt vom Tode, ſtand vor ihrem Geiſte, und die Freundſchaft ſeiner Wittwe bewegte ihr das tiefſte Herz im Buſen. überwaͤltigt hing ſie an Franziscas Halſe und ſprach: vich bin Dir treu! ich meine es ewig gut mit Dir und werde Dich niemals verlaſſen. Doch wenn Du mich lieb haſt: ſo wirſt Du Dich beruhigen und mir nunmehr in Kuͤrze erzaͤhlen, wo— durch der Landſchafts-Syndicus Dich beleidiget hat. Wir wollen uns dann uͤber dieſe Angelegenheit wei⸗ ter ausſprechen. Vielleicht ſaheſt Du einmal in er⸗ hoͤheter Stimmung, ſein Betragen aus einem zu ſtren⸗ gen Geſichtspuncte an, und warſt zu geſpannt, um den rechten Ton fuͤr das Deinige zu finden. Eines erklaͤrt ſich aus dem andern.« Franzisca, ohne dieſe mildernde Vermuthung zu beſtreiten, hob mit gelaß'nem Vortrage an:»Du weißt, daß nur Felice es war, der mir dringend zu⸗ redete, auf den Ball zu kommen; nicht minder iſt Dir bewußt, daß ich ſeit dem Tode meines Mannes keine groͤßere oͤffentliche Geſellſchaft beſucht habe, und als ich mich diesmal entſchloß, bewog mich ein ge— dine inne 25 heimer Grund, den ich Dir nun aufrichtig geſtehen will, mehr dazu, als der Reiz des Vergnuͤgens, als die Bitte des Freundes. Ich wollte ſehen, ob Felice ſich dort zu mir bekennen wuͤrde, und aus ſeinem Be⸗ nehmen vor der Welt Folgerungen ableiten, wie ich mir ſeine Geſinnung eigentlich denken duͤrfte und muͤßte. Daß er mir ſolch ein Reſultat bisher ſchwer, wo nicht unmoͤglich gemacht, iſt Dir eben ſo gut bekannt.« »Arme Francisca!« unterbrach Pauline ihre Freun⸗ dinn, yſchon dieſe fragliche Probe beweiſt, daß ein innerer Zweifel——« »Stoͤre mich nicht, liebe Pauline, hernach ſollſt Du mir dein Urtheil ſagen,« fiel ihr die Wittwe ein und fuhr fort: yich bat den Schwager, mich zu begleiten, und er war gern dazu bereit. Schon bei meinem Eintritte in den Saal konnte ich mich eines verwir⸗ renden Eindrucks nicht erwehren. Ich fuͤhlte mich befangen, aͤngſtlich, meine Schritte ſchwankten, als ob ihnen die ſichere Stuͤtze fehlte, als duͤrften ſie dort keinen feſten Fuß faſſen. So gerieth ich, ohne zu wiſ— ſen wie es zuging, in einen Kreis alter Damen, die mich mit dreiſten Blicken und Fragen beſtuͤrmten. Ich ſage Dir, es war nicht zum Aushalten; die Ankunft eines Mitgliedes dieſer Elite rettete mich, ich entſchluͤpfte und ſuchte mir einen Platz weit weg von dem laͤſtigen Schwarme. An meiner Seite ſaßen ein paar bloͤde Hanke Wittwen Ir Theil. 2 26 junge Maͤdchen, ſtumm und gluͤhend; die Stuͤhle lin— ker Hand waren noch leer. Ich erblickte den Land⸗ ſchafts⸗Syndicus unter dem Gedraͤnge der Maͤnner und nahm wahr, daß auch er mich bemerkt hatte. Seine Geſtalt ragte hervor, und die Staatsuniform ließ ihm ſchoͤn.— Endlich kam er auf mich zu und begruͤßte mich fein, doch fremd. Noch immer entſchul⸗ digte ich ihn und meinte, dieſe Zuruͤckhaltung ſey ein Opfer, was er der Decenz bringe. Jetzt begann der Ball, die Paare reiheten ſich zuſammen; ich ſah auch Felice antreten und ſich angelegentlich mit ſeiner Taͤn⸗ zerinn unterhalten. Die bangen Kinder neben mir wurden aufgezogen, ich ſaß nun allein, bloßgeſtellt— o Pauline! wie mir zu Muthe war; ich koͤnnte Dir es nicht beſchreiben. So ruͤckte ich hinauf, und kam neben die Gouvernante bei der Generalinn von Moir zu ſitzen. Sie redete mich franzoͤſiſch an, alles war mir fremd, nirgends fand ich Anſprache fuͤr mein ge⸗ druͤcktes Gefuͤhl. Felice ließ mich voͤllig außer Acht; ſein unſtaͤtes Weſen, ſein Auge, das ſuchend umher ſtreifte, verrieth zwar, daß er noch nicht Befriedigung gefunden, aber ich war es nicht, die ſeine Freuden bedingte. Auf einmal ſah ich einen Glanz uͤber ſeine Zuͤge verbreitet, wie wenn die Sonne aufginge. Ich wendete mich um, woher ihm die Verklaͤrung kaͤme? und ſehe den Landſchafts-Direktor von Unſtern mit 27 ſeinen Toͤchtern und ihrer Tante eintreten. Felice flog auf ſie zu, er fuͤhrte ſie auf die von ihm beſorgten Plaͤtze, und trat alsbald mit einer der beiden Fraͤuleins an. Die juͤngſte Unſtern iſt ſehr ſchoͤn! doch wuͤrde ich ihre Stiefſchweſter vorziehen.— Des Zufalls Tuͤcke wollten es, daß ich zu den erſten Taͤnzen von Solchen aufgefordert wurde, die mir in jeder Beziehung unleid⸗ lich waren; ich lehnte das Engagement unter einem Vorwande ab. Doch unmoͤglich konnte Felice mein Entſchuldigen gehoͤrt haben, der weit entfernt von mir, nur mit jener Familie beſchaͤftiget war. Ein lang— ſamer Walzer ward angeſtimmt, die flotten Taͤnzerinnen ruheten aus— Ruͤckſichten der Convenienz richteten ihr Augenmerk auf manche vergeſſene oder aͤltere Dame, und— vor mir ſtand Felice. Sein Anblick uͤberraſchte mich, ein frohes Laͤcheln ſchmuͤckte ſeine angenehmen Zuͤge; was ich ſeit Stunden gelitten, ſchien mir ploͤtz⸗ lich unwahr, ich ſtrafte dieſe Gefuͤhle, und ehe ich mich beſann, lag meine Hand in der ſeinigen. Doch nur zu bald ergriff mich der Gedanke, ich haͤtte nicht mit ihm tanzen ſollen. Ich wußte nun, wie er mich rangirte— ich las in ſeiner Seele, und mein Irrthum lag offen vor mir. Ich wollte nun den Ball ſogleich verlaſſen; aber eine raͤthſelhafte Gewalt zwang mich, daß ich bleiben mußte. So hielt ich ziemlich lange aus. Es war mir, als ſollte ich warten, ob ſich nicht 2* 28 irgend etwas ereignen werde, was mich anders ent⸗ ließe; doch Felice blieb ſich gleich, und an mir iſt es nun, alles zu aͤndern.— Ach Pauline! wenn der liebſte Freund uns verlaͤugnet vor den Menſchen, die nur darauf lauern, wie ſie unſeres argloſen Vertrauens ſpotten moͤgen, dann iſt die Ehre mit der Liebe zu⸗ gleich gekraͤnkt, und tiefere Wunden koͤnnen nicht ge⸗ ſchlagen werden.« Franzisca ſchwieg, ihr blutete das Herz, und der Schmerz floß aus ihren Augen. »Sie werden heilen durch die Kraft des Bewußt⸗ ſeyns!« ſagte Pauline lind und leidſam, denn die Kraͤnkung der Freundinn that ihr ſehr weh. Felice iſt wohl uͤberhaupt der Liebe nicht faͤhig, welche ein armes unruhiges Herz zu ſtillen vermag, und die Du ihm uͤberſchwaͤnglich vergolten haͤtteſt. Urtheile ich nicht zu hart, ſo halte ich ihn fuͤr eitel, ſpeculativ und doppelſeitig; Treue aber und Wahrheit und Waͤrme ſind nicht in ihm. Wie willſt Du Frieden ſuchen bei Dem, der uneins mit ſich ſelbſt iſt? Woran ein falſches Spiel erkennen? Was ſoll Dir Buͤrgſchaft leiſten, daß Deine Hoffnung, die Du auf ihn ſetzteſt, nicht truͤglich ſey?— Arme Franzisca! das Bild war hoͤher, als ſein Gegenſtand. Felice verdient nicht, daß Du um ihn weinſt.« »Und wenn Du alles wuͤßteſt—« entgegnete die Wittwe, und ſchlug das naſſe Auge an die Decke, als 29 kenne der Allwiſſende ihre Gedanken, ihr Dulden allein. »Ich kann es mir recht gut denken, wie dies Ver— haͤltniß entſtanden iſt,« ſagte Pauline,»Felice nimmt ein, er iſt eines guͤnſtigen Eindrucks maͤchtig, ſobald er ihn beabſichtiget. Er hat Dir nicht allein geſchmeichelt, ſondern Dir auch reell beigeſtanden, und fuͤr Dienſte, die uns in truͤben Tagen geleiſtet worden, iſt ein edles Herz am innigſten dankbar.« »Du ſprichſt ſehr wahr, Du ſiehſt es richtig ein,« antwortete Franzisca, indem ein erleichternder Seufzer, womit ſie Muth ſchoͤpfte, die Anſicht der Freundinn gelten zu laſſen, ihren Buſen hob. »Dazu wohnt er hier im Hauſe,« fuhr Pauline fort,« Du athmeſt in ſeiner Naͤhe, und kannſt in jedem Augenblicke ſeines Beſuchs, ſeiner Begegnung gewaͤrtig ſeyn. Dies reicht hin, ein geſteigertes Gefuͤhl fuͤr ihn, den Jedermann fuͤr Deinen Bewerber haͤlt, und der viel gethan, dieſe Meinung zu beſtaͤtigen, natuͤrlich zu finden.« »Ach!« verſicherte Franzisca, als haͤtte ſie kein Ge— daͤchtniß fuͤr die Schuld des Freundes, ſondern nur Empfindung ihres Ungluͤcks,»dieſe Naͤhe reibt mich auf. Wenn ich die Thuͤren im obern Stockwerk gehen hoͤrte, dann ſchlug das Herz mir ſtaͤrker; wenn ich ſeinen Schritt auf der Treppe vernahm, dann dachte 30 ich: Er kommt! und meine Seele eilte ihm entgegen. Doch oͤfterer als ſonſt, beſonders in der letzteren Zeit, fuͤhrte ſein Fuß ihn gleichguͤltig an dieſer einſamen Schwelle voruͤber.« »Ich glaube es Dir,« ſagte Pauline nach einer kleinen Pauſe leiſe,„wenn die Naͤhe geliebter Perſonen im Mißverhaͤltniß zu unſern Erwartungen ſteht, dann fuͤhlen wir uns ihnen ſchlimmer entfernt, als ob tau⸗ ſend Meilen zwiſchen uns laͤgen. Es iſt ihr freier Wille ſodann, der die Taͤuſchung zerſtoͤrt, daß wir anziehende Kraͤfte fuͤr ſie haben, daß unſer Umgang das Streben und die hoͤchſte Befriedigung ihrer Sehn⸗ ſucht ſey, und druͤckend fuͤhlbar wird uns der Mangel ihrer Liebe.« »Wenn ich ihn nur nicht mehr ſehen duͤrfte! ich wuͤrde dies als eine Wohlthat erachten!« ſprach Fran⸗ zisca, und ſann und ſuchte nach einer Auskunft. »Ihm die Miethe aufzuſagen,« antwortete Pauline, pjetzt, wo Dir jeder glaubhafte Grund dazu fehlt, und der einzigwahre Dich gegen ihn nur verkleinern koͤnnte, wuͤrde ich Dir nimmer rathen. Ertrage daher die kleine Spannung, bis ſie ſich ſchicklich loͤſe, und mache Dein Herz von jedem weitern Anſpruche an ihn frei. Be⸗ handle ihn kuͤhl, daß er ſo ſelten als moͤglich komme; es giebt eine Art, durch Artigkeit zu verſcheuchen. Vor allem moͤchte ich Dich bitten, ihn keines Vorwurfs zu 31 wuͤrdigen, wenn dieſer auch nur in einer truͤben Miene beſtaͤnde; der Wankelmuth traͤgt ſeine Strafe in ſich ſelbſt.« „»Zum Gluͤck,« erwiederte Franzisca, iſt der Land⸗ ſchafts⸗Syndikus nicht viel am Orte; ſeine Geſchaͤfte halten ihn die meiſte Zeit abweſend. Dieſe Reiſen waren ſchon ſonſt Intervallen fuͤr mich, in denen ich zu einem fluͤchtigen Genuſſe von Ruhe kam. Denn— laß es mich Dir nur ganz offen ſagen— als ich ihn noch fuͤr meinen waͤrmſten Freund hielt, wirkte doch ſtets ſeine Gegenwart eine geheime Angſt in mir, die ich mir nie erklaͤren konnte. Ein leiſer Warner, den ich laͤſtig fuͤhlte und zu verbannen doch nicht im Stande war, lauſchte tief in meines Herzens Grunde, und hielt mich ab, mich dem Vertrauen, wie der Freude, in ſuͤßem Seldſtvergeſſen hinzugeben.« »O, haͤtteſt Du ihn doch gehoͤrt!« verſetzte Pau⸗ line,»ſolche Stimmen truͤgen ſelten. Es iſt ein uͤbles Zeichen, wenn wir nicht froͤhlicher, nicht reicher und mittheilender durch den Gewinn der Liebe oder der Freundſchaft werden, und ein Verhaͤltniß, welches unſern Muth niederſchlaͤgt, ſtatt ihn zu erheben, laͤßt nie auf gluͤckliche Erfolge hoffen, ſondern iſt vielmehr als ein Unfall zu betrachten, dem wir uns nicht ſchnell genug entziehen koͤnnen. Wie gern, liebe Franzisca,« fuhr Pauline mit Innigkeit fort,»wie gern moͤchte ich 2 32 meinen Frieden in Deine Seele hauchen! Zwar bin ich ungeliebt—« die ruͤhrende Stimme wankte hier un— merklich— yaber Stille und Genuͤge fuͤllen meine Bruſt. Und wenn ich die ſogenannten Gluͤcklichen ſehe, die in enger Gemeinſchaft und heiligen Buͤndniſſen ſelig durch Liebe ſeyn koͤnnten, und es doch nicht ſind, dann klage ich nicht, daß Gott mich einſam geſtellt hat.« »Du biſt nicht einſam,« entgegnete Franzisca, vaber beneidenswerth in dieſer frommen Ruhe. Ich fuͤhle, was ich an Dir beſitze, und erkenne Dich fuͤr meinen guten Engel; mein Mann ſchaͤtzte Dich unendlich, und auch Ludwig hat Dich ſehr lieb.— Wenn wir mit Anbeginn des Fruͤhjahrs auf das Landhaus gehen, wonach ich mich ſehne—« Pauline ſchauete auf, eine ſanfte Roͤthe war uͤber ihr Geſicht ausgegoſſen.— »Du freueſt Dich darauf?« fragte Madame Weih— land, ohne weiter auszuſprechen, was ſie eigentlich ſagen wollen, vauch mir iſt dieſer Gedanke eine Zuflucht.« Um den Ideengang der Wittwe auf dieſer ablen⸗ kenden Richtung zu leiten, entwarf Pauline Plane des Landlebens, wie ſie es kuͤnftigen Sommer fuͤhren wollten. Dabei beſchlich der Sandmann die ſchwei⸗ gende Zuhoͤrerinn. Sie lehnte ſich froͤſtelnd in die weichen Polſter der Ecke, Pauline beſtreuete das Schlummerkiſſen ihrer Freundinn mit Blumen, die 33 in Hoffnung bluͤheten, und bald deckte der Schlaf mit bleiernem Gefieder ihr die muͤden Augen zu. Einige Zeit war nach den Scenen dieſes Tages verſtrichen, als die Majorinn von Gardemer, deren die obige Unterhaltung erwaͤhnt, ſich zur Stunde des Zwielichts allein in dem weiten Gemache befand, deſſen Fenſter die nahe ſchraͤge Ausſicht nach der Fronte des Weihlandſchen Hauſes hatten. Tieftrauernd, in Ge⸗ danken verſunken, merkte Frau von Gardemer es nicht, daß nun voͤllige Daͤmmerung eingebrochen ſey, denn dunkler, wie ein irdiſcher Abend werden kann, war es in ihrer Seele, und eine troſtloſe Hde lag rings vor ihrem Blick. Der Mond, von einer goldnen Glorie umgeben, ſtieg hoch und hehr am Horizont empor; ein lichter Streif, der grell gegen das unheim⸗ liche Duͤſter im Zimmer abſtach, ſpiegelte ſich in der ſchwarzen Politur der Bildrahme, die unter einer trefflichen Gallerie aus Shakeſpeares dramatiſchen Stuͤcken, den Othello umfaßte, und blinkte zitternd leiſe im Porte-Epee, das mit der ausgedienten Waffe in einem Winkel lehnte. Jetzt fuhr ein Wagen vor, und hielt; bald darauf oͤffneten ſich die Hausthuͤr⸗ fluͤgel, die Hufe der Pferde droͤhnten auf den Bohlen des Flurs, und ſchwerfaͤllig rollten die Raͤder ihre Laſt herein. 34 Dieſes Geraͤuſch, eine Ahnung, was es bedeuten koͤnne, zerſtreute ſchnell die Traͤumereien der einſamen Wittwe. Sie nahm ſich zuſammen und ſchritt dem Vorſaale zu, wo ihr die ſchmaͤchtige Zofe, leidtragend wie ihre Dame, nur in untergeordnetem Veraͤltniſſe, mit einem Paar lodernder Kerzen entgegen kam. »Ach Gaaͤdigſte!« rief das Maͤdchen, ves wird wohl die Frau Geheimeraͤthinn ſeyn, ich glaubte ſie an der Stimme zu erkennen.« Ein Schauer der überraſchung, der Freude erſchuͤt⸗ terte die zarte Geſtalt der Frau von Gardemer. Sie wollte die Treppe hinab eilen; doch ſchon leitete der Bediente eine Dame in mittlern Jahren, welche ver⸗ mummt, ſtarr und unbehuͤlflich vom Froſt der Reiſe, nur langſam die Stufen erſteigen konnte, in die Arme ſeiner Herrinn. Die Schweſtern hielten ſich lange ſchweigend umſchlungen. Endlich ſagte die Geheime— raͤthin:»Gott ſey Dank! ſo finde ich Dich doch leid⸗ lich geſund; ich fuͤrchtete ſehr, Dich krank anzutreffen.« Sie waren waͤhrend dieſer wenigen Worte in das Zimmer eingetreten, und nun ohne Zeugen. »Du kommſt mir wie vom Himmel geſandt, zum Troſt in meinen baͤngſten Tagen,« ſagte Frau von Gardemer, und ein Strom heißer Thraͤnen brach aus den ſchoͤnſten Augen, die je geweint. »Arme Schweſter!« antwortete die Geheimeraͤthinn, 35 welche fuͤglich fuͤr die Mutter der jungen Wittwe haͤtte gelten koͤnnen, haſtig bemuͤht, ſich aus mehr als einem Shwal zu ſchaͤlen, und all des fuͤrſorgenden Wuſts los und ledig zu werden,»Sorge um Dich hat mir ſtill und druͤckend auf der Seele gelegen, und nicht jetzt erſt, meine Luzie. Dein letzter Brief ließ mich den Tod des Majors als nahe vermuthen, ich wußte Dich leidend, verlaſſen von einem treuen Beiſtand, und deſſen doch mehr als jemals benoͤthigt; nun hatte ich weder Raſt noch Ruhe mehr. Wir haben in voriger Woche Leontinens Verlobung gefeiert; aber meine Freude war getruͤbt, denn ich ſehe Dich doch auch wie mein Kind an. So uͤberließ ich die luͤck⸗ lichen jungen Leute der Aufſicht des Vaters, beſtellte mein Haus, und machte mich auf den Weg, der mir jedoch ſehr lang geworden, da meine Sehnſucht, bei Dir zu ſeyn, unruhig voraus eilte. Auf meinem zweiten Nachtquartier traͤumte mir, ich ſaͤhe den Major in einem weißen Schlafanzuge, und freundlich, wie er es niemals war. Er legte einen kleinen Uhrſchluͤſſel in meine Hand und ſprach: meine Uhr ſteht nun ſtill, ſie ging nicht richtig; ſorgen Sie dafuͤr, daß Luzie kuͤnftig beſſere Stunden habe: denn verlorene Zeit kommt nicht wieder.— Da erwachte ich, ein Grauen kam mir an, und es war mir gewiß, daß er vollendet haͤtte.« —ÿ· 36„ »Das ſieht ihm ganz aͤhnlich,« ſagte Frau von Gardemer mit einem ſchmerzlichen Laͤcheln und auf⸗ ſchauendem Blick, wie wenn der blaue Himmel unter fallenden Tropfen ſichtbar wird,« ſo wuͤrde ſein Geiſt reden, puͤnktlich wie er auf Erden war, und doch in hoͤherer Erkenntniß, daß die Zeit uns nicht zu ſterb— licher Qual, ſondern zu ewigem Gluͤck gegeben ſey. Ich traue es ihm zu, daß er mir von Oben herab ein beſſeres Theil goͤnnen moͤchte, als——; aber mein einziger Wunſch nur iſt Ruhe. Du glaubſt nicht, wie tief das Beduͤrfniß der groͤßten Stille in mir iſt! Jedes Geraͤuſch regt mich peinlich auf, jeder Sonnenſtrahl ſcheint in die Wunden meines Herzens, ein lautes, luſtiges Wort von der Straße herauf betaͤubt mich mit einem Drucke von Schmerz; ſo iſt, was ich empfinde, ein unſaͤgliches Weh. Selbſt zur Arbeit fuͤhle ich keine Kraft in mir, denn auch das kleinſte Werk ſetzt den Trieb voraus, den Faden des Lebens nuͤtzend fortzuſpinnen; ich aber kann mir keine Zukunft denken, und moͤchte am liebſten mit Hamlet ſagen: ich wollt' es waͤre Schlafenszeit und alles waͤr' voruͤber.« »Das wird ſich geben, Schweſterchen,« antwortete die Geheimeraͤthinn mit verſicherndem Tone, ohne die⸗ ſem Ausdruck von Lebensſattheit einen bleibenden Grund oder eine aͤngſtende Wirkung einzuraͤumen,'fuͤr jetzt 37 bedarfſt Du Ruhe, Dein Gemuͤth, krank und erſchoͤpft, will geſchont ſeyn, und es kommt zumeiſt darauf an, daß die gute heilſame Zeit das Ihrige thue. Mit jedem naͤchtlichen Schlummer legt ſich auch leiſe ein Schleier uͤber den Gram und huͤllt ihn ein; ſo daß er endlich wie eine Laſt, die man nicht laͤnger zu tragen braucht, in die Kammer der Erfahrung aufgehoben wird, um ſie einmal, wenn mit neuem Kummer alte Dinge zum Vorſchein kommen, aus wuͤſtem Verſteck hervorzuſuchen.« »Wenn ich nur dieſer Wohlthat genoͤſſe,« ſagte Frau von Gardemer,)aber der Schlaf, deſſen ich mich ent— woͤhnt, um fuͤr die Pflege meines Mannes wach zu ſeyn, flieht mich nunmehr. Es webt und wispert um mein Lager, ich hoͤre jenes Stoͤhnen, das ſo oft tief in mein Erbarmen drang, und ein verſcheidendes Bild ſchwebt mir vor, wohin ich mich auch wende. Dumpf ruͤhrt die Trommel im Trauermarſch an meine Sinne, das Herz ſchlaͤgt bange, die geſpannten Nerven beben, und fallen mir ſpaͤt die brennenden Augen zu, ſo weckt mich das Geſchuͤtz uͤber dem offenen Grabe.« »Ihm iſt wohl, der drinnen ruht!« erwiederte die Geheimeraͤthinn, goͤnne ihm doch den Frieden, den er auf Erden nimmer fand. Sein beſtes Erlebniß war der Tod. Du haſt viel gelitten, gute Luzie, mehr als Du Dir vielleicht ſelbſt bewußt ſeyn duͤrfteſt, 38 denn die Gewohnheit macht auch die haͤrteſte Feſſel ertraͤglich. Nur unklar und getruͤbt durch tauſend bittere Zaͤhren, ſiehſt Du die Vergangenheit nun— und ein Pſalm ſagt: wenn der Herr ſeine Gefangenen erloͤſen wird, dann werden ſie ſeyn wie Traͤumende.« Luzie blickte bei dieſen Worten in den Traum ihrer Jugend zuruͤck, und ein Seußzer rang ſich los aus ihrer Bruſt; die ſtaͤrkſte Gewalt, der nichts widerſteht, hatte die Mauern ihres Kerkers gebrochen, dahinter lag ein verlornes Paradies— aber noch konnte ſie ſich ihrer Freiheit nicht freuen. »Glaube mir nur,« fuhr die Geheimeraͤthinn mit der offenen Berechtigung einer muͤtterlichen Geſinnung fort,»Dein Schickſal an der Seite dieſes Mannes hat mich mehr bekuͤmmert, als ich ſagen kann. Und ich vermochte doch nicht, es zu aͤndern; ſo ſtellte ich es denn Gott anheim, der fuͤr Alles die rechte Zeit und Stunde weiß. Gardemer war gewiß einer der ungluͤcklichſten Menſchen, die mir jemals vorgekommen. Sein Daſeyn war ihm eine Plage und Andern auch. Temperament, Vorurtheile der Erziehung, Hirn⸗ geſpinnſte ſeines Standes hatten ſeinem Charakter jene unſelige Richtung gegeben, die ihn unzugaͤnglich fuͤr ein mildes, menſchliches Gluͤck machte. Dennoch eignete ihm die Faͤhigkeit, liebenswuͤrdig zu ſeyn, ihr verdankte er Deine Hand, und damit einen Segen, 39 den er wohl nicht ganz zu wuͤrdigen wußte. Doch Du, Luzie— Du warſt geopfert. Wie ein ſuͤhnender Engel ſtandſt Du zwiſchen ihm und dem Leben, wo— mit er zerfallen war, und biſt Deiner Pflicht treu geblieben bis an's Ende.« Ein lohnendes Bewußtſeyn, wenn auch voll Weh⸗ muth, wallte in Luziens Buſen auf. Sie ſprach: »Und dennoch haͤrmt mich der Gedanke, ich haͤtte manchmal noch mehr thun koͤnnen, meinen Mann zu beruhigen, der doch auch ſein vieles Gute hatte!« »Ich moͤchte wiſſen, wie Du das haͤtteſt anfangen wollen!« entgegnete die Geheimeraͤthinn, und der ruͤh⸗ rende Anblick ihrer Schweſter, dies holde Geſicht mit tiefen Spuren des Leidens, die Sanftmuth, womit Luzie ihres Peinigers erwaͤhnte, ließ die beſonnene Frau vergeſſen, daß der Todte bereits vor ſeinem Richter ſtehe.»Quaͤle Dich doch ſelbſt nicht ſo,« redete ſie weiter, vund fange einmal an, gegen Dich gerecht zu ſeyn. Siehe! an dem Major war ein Großinqui⸗ ſitor verdorben. Zitternd vor ſeiner Strenge, die Dir durch den Schwur am Altare doch geheiligt ſchien, legte Dein gutes Gewiſſen falſches Zeugniß gegen Dich ab; aber Du wirſt inne werden, daß nur ein Wahn Dich aͤngſtete, denn die Stimme der Wahrheit ſchweigt nicht immer. Wer kann Dich irgend einer Schuld anklagen? Du haſt himmliſche Geduld geuͤbt, und 40 Dein Wille haͤtte ſeinem finſtern Sinne am liebſten die Sonne zuneigen moͤgen.« Solchergeſtalt blieb die Lage und Stimmung Luziens jetzt und vormals der Inhalt aller Geſpraͤche zwiſchen dieſen Schweſtern. Frau von Gardemer genoß das laͤngſt entbehrte Gluͤck, ſich einmal ganz einer vertrau⸗ ten Seele eroͤffnen zu koͤnnen, und ein preſſendes Band nach dem andern loͤſ'te ſich von ihrem Herzen. Sie fuͤhlte ſich verſtanden, ſogar in dem, was ſie zart verſchwieg— aͤhnliche Gedanken antworteten den ihrigen, der leiſeſte Anklang reichte hin, eine Disharmonie an⸗ zugeben, welche dies Gemuͤth erſchuͤttert hatte, und die Frau, welche mit der Ruhe gereifter Jahre uͤber dem Wechſel der Gefuͤhle ſchwebte, und mit klarem Blick in die Tiefen dieſer ſchmerzbewegten Bruſt ſchaute, war von Luzien kindlich geehrt und geliebt. Aber ſo hatte ſich die Geheimeraͤthinn das Loos ihrer Schweſter doch nicht gedacht, ſo ſchlimm nicht. Sie entſetzte ſich vor mancher Moͤglichkeit, die wirklich werden koͤnnen, wenn Gardemers Gattinn um ihrer frommen Treue willen nicht unter dem Schutze hoͤherer Maͤchte geſtanden haͤtte. Wie ein Lamm in der Hoͤhle des Loͤwen kam ihr die duldſame Luzie vor. Sie zitterte ob der Gefahr, wovon ſie nur eine ſchwache Ahnung gehabt, und der Feind der Ruhe dieſes ſanften Weſens lag doch nun, verzehrt von der Hitze des 41 Jaͤhzorns und furioͤſer Leidenſchaften, kalt und ſtill im Grabe.— Allein um das Vertrauen ihrer Schweſter nicht ſcheu zu machen, ließ die Geheimeraͤthinn den Eindruck von Luziens Mittheilungen nicht merken, der ihr in die Seele ſchnitt. Einſt ſagte die Majorinn: »Ja, es iſt wahr, mein Mann hatte die ſeltſamſten Anſichten, und ſeine Begriffe von weiblicher Ehre reichten uͤber das ÄAußerſte hinaus; eine Heilige ſelbſt wuͤrde ihm nicht genuͤgt haben. Gewohnt, jedem harmloſen Gefuͤhle zu folgen, ließ ich mich anfaͤnglich gehen; ich kannte keine Richtſchnur der Schieklichkeit, als die mich unbewußt leitete. Der Unſchuld Genius darf der Formen und Regeln entbehren, er wird ewig fuͤr das erkannt werden, was er iſt. So dachte ich; doch anders war die Meinung Gardemers. Er wuͤ⸗ thete mit mir nach den erſten Geſellſchaften, wohin er mich fuͤhrte; wahrſcheinlich wollte er mich einſchuͤchtern, und dies gelang ihm vollkommen. Schon der dreiſte Blick eines Mannes, ſagte er, entehre eine Frau von Stande, und ſo wagte ich denn kaum mehr aufzuſehen. Ol! dieſer Werth, den er auf ſeinen Adel legte, hat mich zu tauſendmalen gebeugt! Warum waͤhlte er mich und nicht ein hochgebornes Fraͤulein?— Dieſer noble Stolz, der ihm eine fixe Idee geworden war, ließ mich nur zu oft der anſpruchsloſen Buͤrgertugend unſers elterlichen Hauſes gedenken, die ſich des Vorzugs 42 einer edlen Denkart nie uͤberhob. Jedes freundliche Wort zu einem Untergebenen war mir ſtrenge unter⸗ ſagt, nur ſchweigend durfte ich verguͤten. Er ſpottete meiner weichherzigen Humanitaͤt, als einer niedern Neigung, die mir noch anhaͤnge. Das ſchmerzte mich unendlich.« Hier ſchwieg Luzie, nur ein herber Zug um ihren Mund druͤckte die volle Schale der Bitter— keit aus, die ſie in dieſen Erinnerungen leerte. »Und dennoch hatte ihm die Liebe einen Streich geſpielt, daß er ein buͤrgerliches Maͤdchen heirathen muͤſſen, obgleich er kein Juͤngling mehr und dem Alter der ſchwaͤbiſchen Klugheit ziemlich nahe war,« ſprach die Geheimeraͤthinn nicht ohne einen kleinen Triumph der Rache an dem Hochmuthe ihres verſtorbenen Schwagers. Von dieſer Rede ihrer Schweſter auf einen andern Klagepunkt gebracht, erwiederte Luzie:»Das Gefuͤhl der Jugend ward zeitig in mir erdruͤckt. Was bei den Roͤmerinnen jede verheirathete Dame, auch die juͤngſte, hieß, dies war ich: eine Matrone; reſignirt auf jede Luſt des Lebens und der Liebe. Gardemer ſuchte mich zu uͤberzeugen, daß nur ein Unterſchied von zwanzig Jahren, die der Mann voraus haͤtte— dies war gerade unſere Differenz— eine Frau in das richtige Verhaͤltniß zu ihm ſtelle.« »Welche übertreibung!« rief die Geheimeraͤthinn, 43 „warum nahm er nicht lieber bald ein halbes Jahr⸗ hundert? Unſere Maͤdchen duͤrften eine nach der ver⸗ ſchrobenen Meinung des Majors weniger ſchickliche Wahl, doch mehr der Natur gemaͤß finden, und mit ſolcher Ordnung ſchwerlich zufrieden ſeyn.«— Frau von Gardemer ſeufzte und ſprach:»Die jungen Maͤnner vom Militair und Civil hielt mein Mann keiner Erwaͤhnung werth, und konnte er es nicht umgehen, ſo redete er geringſchaͤtzend, achtlos von ihnen, wie es von Knaben geſchieht, die in's Gelag hinein ſchwatzen. Und als ich ein paar Mal dem unbedeutenden Geſpraͤche mit einem oder dem andern Offizier ſeines Regiments nicht ausweichen konnte, verurtheilte er dieſe kleine Hoͤflichkeit als eine arge Verletzung des Anſtandes und meiner Wuͤrde. In keiner Geſellſchaft konnte mir demnach ein unbefangenes Vergnuͤgen zu Theil werden. Mein Mann wollte mich zwar ausgezeichnet und bewundert wiſſen, er ruͤgte jeden Mangel an Aufmerkſamkeit; aber ſie ſollte mir nur in ehrerbietiger Ferne widerfahren. Niemand wagte es, ſich mir zu naͤhern, denn wenige Schritte von meinem Sitze entfernt, wo ich mich auch befand, ſtand Gardemer auf ſeinen Sarraß geſtuͤtzt, wie eine Ehrenwache, und huͤtete den Raum meiner Umgebung. Er lehnte jede Parthie ab, wie gern er ſonſt auch ſpielte, um dieſen Poſten, der meinen Ruf ausſetzte, 44 zu behaupten. Die Neckereien einiger Spottvoͤgel, die ſich ſeiner Eiferſucht zum Trotz an mich draͤngten, gingen in blutigen Ernſt aus. Gardemer ſuchte be— leidigend an den Offizier zu kommen, der ihn am meiſten gereizt, und ich mußte um ein armſeliges Nichts fuͤr das Leben meines Mannes zittern.— So griff ich denn jeden Vorwand auf, mich der Welt ganz zu entziehen. Jetzt quaͤlte Gardemer mich mit vorwurfsvollen Fragen, welch ein geliebtes Gedanken⸗ bild mich beſchaͤftigen muͤſſe, weil ich keiner Zerſtreuung mehr beduͤrfte? Ich ſagte ihm, daß die Sorge fuͤr den Hausſtand, Arbeit und Lectuͤre meine Zeit ſo aus⸗ fuͤllten, daß ich damit begnuͤgt waͤre. Doch konnte ich nicht hindern, daß Thraͤnen uͤber meine Wangen rollten, denn ich glaubte, mir ſeine Zufriedenheit ver⸗ dient zu haben. Er ſah mich beſtuͤrzt an, ſein Auge blitzte Argwohn, daß ich verſchwiegener Weiſe ungluͤck⸗ lich ſeyn koͤnnte, durch eine fruͤhere Liebe, oder durch ſeine eheliche Tyrannei, die ich ohne Klage ertrug. Daß mir alle Maͤnner gleichguͤltig ſchienen, daß ich ſo ganz eingezogen lebte, nur ringend darnach mit manchem Kampf der Seele, daß es ſtill und immer ſtiller in mir wuͤrde,— dies ſchaͤrfte mehr ſeinen Ver⸗ dacht, ich hege treulos das Andenken an einen unver⸗ geſſenen Gegenſtand, als daß er es haͤtte meinem Wunſche zuſchreiben moͤgen, meiner Pflicht und ſeiner —pf — 45 Ruhe auch die kleinſte aͤrmſte Freude zu opfern! Jener Mohr, der Wuͤrger dort! hat mir manchen Schauer eingefloͤßt; denn mein Mann waͤre wohl im Stande geweſen, zu thun wie er. Ein mißtrauiſcher Wahn hatte ihn einſtmals, und noch dazu am ſpaͤten Abend, in ſolche Wuth verſetzt, daß ich unwillkuͤhrlich flehte: mich aber rettete ein Gott aus dieſer fuͤrchterlichen Hand! und es war Gefuͤhl der Todesangſt, das jene Strophen in mein Gedaͤchtniß rief.« Die Geheimeraͤthinn ſaß erblaßt bei dieſer Erzaͤh⸗ lung ihrer Schweſter.»Wer das gewußt haͤtte!« ſagte ſie mit furchtſamer Stimme,»Gott im Himmel! warum ſchwiegſt Du aber ſo ganz und gar gegen uns? Wir wuͤrden uns Deiner angenommen haben. Ich kann nicht daran denken, ohne daß mein Blut zu Eis gerinnt. Du haſt nun uͤberwunden; ſo ſey getroſt, denn jede ſtill getragene Pein macht himm— liſch froh und engelrein.« Frau von Gardemer ſchwieg, ein Paar Thraͤnen traͤufelten von den geſenkten Wimpern; aber ein Hauch der Hoffnung, ſie koͤnne noch einmal froh werden, ſchwellte dieſe beladene Bruſt. Nach einer Pauſe, worin die Geheimeraͤthinn ihre Schweſter mit gleichem Antheil von Mitleid und Wohlgefallen betrachtet hatte, fuhr ſie fort:»Du biſt noch ſo jung«— Luzie laͤchelte— yund es giebt eine 46 Vergeltung, Luzie! entziehe Dich daher der Welt nicht laͤnger, oder verſchließe Dich unempfaͤnglich fuͤr ihre Annehmlichkeiten; Du biſt es Dir ſchuldig, nichts abzuweiſen, was Dich erheitern koͤnnte, denn Du haſt viel, viel! zu verſchmerzen. Luzie dachte, wie wahr ihre Schweſter ſpraͤche, und daß ſie wohl am beſten den tiefſten Sinn dieſer Worte fuͤhle. Sie entgegnete:»Ich bin des Umgangs mit Menſchen ſo ganz entwoͤhnt, daß ich viel Zeit brauchen wuͤrde, um wieder einer geſelligen Freude Geſchmack abzugewinnen. Man verlernt nur zu bald ſich leicht bewegen, und noch druͤckt eine Laſt von Bangigkeit mich nieder.« Die Geheimeraͤthinn bemerkte jedoch mit ſtiller Be⸗ friedigung, daß ihre Anweſenheit in dieſem Hauſe der Trauer nicht ganz vergeblich waͤre. Die vertraute Naͤhe wirkte wohlthuend auf Luziens gedruͤcktes Gemuͤth, und wie eine kranke Blume unter liebender Pflege ſich leiſe hebt, fing Frau von Gardemer langſam an, ſich koͤrperlich zu erholen. Sie entdeckte ihrer Schweſter einen Plan, nach welchem ſie eine natuͤrliche Tochter ihres Mannes, von deren Erxiſtenz er ihr, ſeinem Ende nahe, geſagt, zu ſich nehmen wolle. Dieſe Tochter ſey ein bereits erwachſenes Maͤdchen; doch wiſſe Luzie nicht, wie der Vater fuͤr ſein Kind geſorgt habe, und woſelbſt dies ſich aufhalte. Sie hoffte, das Naͤhere 47 hieruͤber vom Executor des Teſtaments erfahren zu koͤnnen. Die Geheimeraͤthinn war durchaus dawider, aus mehreren Gruͤnden, deren triftigſte ſie indeß fuͤr ſich behielt. Sie beſchwor ihre Schweſter, keinen uͤbereilten Schritt zu thun; es waͤre denn, daß Luzie ſolch ein Verſprechen dem Major auf dem Todtbette geleiſtet haͤtte. Dies verneinte Luzie, und beruhigte Jene durch die Verſicherung, daß es nur ihr eigener Antrieb ge⸗ weſen waͤre. »So bitte ich Dich um Gotteswillen, es nicht zu thun!« ſagte die Geheimeraͤthinn mit aller Inſtaͤndigkeit, die ſie in den Ton dieſer Warnung zu legen vermochte, „ſolch ein Verhaͤltniß— glaube meiner Erfahrung— wenn es ſich gegenſeitig wuͤrdig geſtalten ſoll, will begruͤndet ſeyn. Du weißt nicht ob dieſe Tochter Deines Mannes ein unverdorbenes oder mißrathenes Geſchoͤpf ſey, Dir iſt ſie fremd. Und die Liebe ſetzt ſich nicht an wie ein Mineral, ſie waͤchſt, ein Trieb der Lebenswurzel, von innen heraus. So koͤnnte das letzte übel ſchlimmer ſeyn, als das erſte. Willſt Du, kaum befreit und noch todeswund von der eiſernen Feſſel, Deine Ruhe auf's Neue gefaͤhrden? Ich darf es nicht zugeben, Luzie, da mir Dein Wohl am Her⸗ zen liegt.« 48 Frau von Gardemer konnte das Wahre in der An⸗ ſicht ihrer Schweſter nicht verkennen, wenn gleich ihr die Idee lieb geworden war, Milde an einem verlaſ⸗ ſenen, verſaͤumten Weſen zu uͤben, und es ſich liebend anzueignen. Mit dem edelſten Stolze ihres Geſchlechts wollte ſie eine Suͤnde ihres Gemahls ſuͤhnen, und alles Boͤſe, das er ihr zugefuͤgt, in Guͤte vergelten. Dieſer verzeihende Stolz iſt der Triumph der Engel uͤber ſterbliche Schwaͤchen; aber, o Luzie! auch die reinſte Tugend darf nur menſchlich ſeyn. Ob nun Frau von Gardemer, um nicht allein zu ſeyn, und ihren truͤben Gedanken uͤberlaſſen, eine andere Maß— regel nehmen, ob ſie in dieſem Wohnorte bleiben, oder nach der Heimathſtadt ihrer Schweſter ziehen wolle, daruͤber wurde nun viel hin und her geſprochen. Der Major war nur Miether des Hauſes geweſen, darin er lange gewohnt, und der Contract lautete noch auf ein Jahr. Bis dahin, meinte Frau von Gardemer, hielten ſie eine Menge finanzieller Beziehungen, in die ſich ihr Mann trotz ſeiner großen Vorſicht verwickelt geſehen, und welche in Eile nicht ohne bedeutenden Schaden zu loͤſen waͤren, hier zuruͤck, und unterdeſſen wuͤrde ſich ja wohl ein Entſchluß fuͤr die Zukunft er⸗ mitteln laſſen. Waͤhrend der Anweſenheit der Geheime⸗ raͤthinn ward das Teſtament des Majors eroͤffnet. Es fand ſich, daß er ſeine Wittwe nur mit einer Erbrente 49 bedacht, die an den Eigenthuͤmer des Grundſtuͤcks fiele, worauf das Capital haftete, ſobald Luzie ſtuͤrbe, oder einen andern Namen fuͤhre, als den ihres Gemahls.— Die Geheimeraͤthinn fuͤhlte ſich empoͤrt, Luzie hin⸗ gegen zeigte kein Merkmal einer getaͤuſchten Erwartung. »Es iſt entſetzlich!« ſagte Erſtere, yer ſtreckt wahr— haftig die ſtarre Hand noch aus dem Grabe, um Dich von einer zweiten Heirath abzuhalten, und daß er an Deinen Tod gedacht, iſt mir ganz abſonderlich fatal. Er ſollte Dich vielmehr in den Stand geſetzt haben, Deines verkuͤmmerten Lebens erſt froh zu werden.« Mit einem Laͤcheln ſchwermuͤthiger Gleichguͤltigkeit antwortete Luzie:»Ich ſterbe deshalb nicht um einen Augenblick fruͤher, und mein Daſeyn hat nicht Werth genug fuͤr mich, als daß ich, was auch Gardemers Meinung dabei geweſen ſeyn moͤge— aͤngſtlich erwaͤgen ſollte. Ein kleines Legat, woruͤber ich jetzt und einſt nach meinem Gefallen disponiren koͤnnte, waͤre mir freilich lieber geweſen. Die Abhaͤngigkeit, in welche ich mich nun zu dem Rentirer, einem Manne, der mir kein Zutrauen abgewonnen, verſetzt ſehe, koͤnnte mir viel Verdruß verurſachen, und mir graut vor jeder gerichtlichen Verhandlung.« Bekuͤmmert um das Verhaͤngniß ihrer Schweſter, verließ die Geheimeraͤthinn ſie nach einem Aufenthalte von zehn Tagen. Die Bitte, daß Luzie ihre Ver⸗ Hanke Wittwen Ir Theil. 3 50 wandten bald auf laͤngere Zeit beſuchen moͤchte, hatte dieſe ſanft, doch beſtimmt abgelehnt. Sie wollte durch ihre traurige Erſcheinung die Stimmung des Hauſes nicht ſtoͤren, worin eine gluͤckliche Braut ſich befand. Der Zeitpunkt der Hochzeit aber, nach welcher Frau von Gardemer den Wunſch ihrer Schweſter zu erfuͤllen gedachte, konnte aus verſchiedenen Urſachen noch nicht anberaumt werden. Als die Geheimeraͤthinn ſcheidend Luzien umarmte, fluͤſterte ſie ihr zu:»Der Faden unſerer Schickſale laͤuft durch Gottes Hand, und herrlich loͤſet ſich einſt Alles auf. Dieſen Gedanken halte feſt, meine Luzie! und ſo lebe innigſt wohl!« Frau von Gardemer hing ſtumm am Halſe dieſer muͤtterlichen Schweſter, und als die Geheimeraͤthinn ſich endlich losgeriſſen hatte, ſah Luzie thraͤnenden Blickes dem Wagen nach, der ihr den Troſt der Theil⸗ nahme entfuͤhrte. Um ſich zu zerſtreuen, nahm Frau von Gardemer die Durchſicht von ihres Mannes Schreibtiſche vor, ein Geſchaͤft, was nicht fuͤglich laͤnger zu verſchieben war. Noch hatte ſie ihn nicht geoͤffnet, ſeit der Major ſeine Augen geſchloſſen. Die darin herrſchende Ord⸗ nung rief ihr dieſe ſtrenge Eigenſchaft des Verſtorbenen 51 zuruͤck, ſein Geiſt war ihr gegenwaͤrtig, und mit jener heiligen Scheu, welche ein zartes Gemuͤth empfindet, wenn es den Beſitz Derer an ſich nimmt, die dem Irdiſchen nicht mehr gehoͤren, ruͤhrte ſie ſacht und ehrerbietig nur Weniges an, und ſuchte in der bezeich— neten Rubrik die Papiere hervor, deren ſie bedurfte. Eine kleine Geldboͤrſe in Perlen geſtrickt, bunt und phantaſtiſch, und ſo, als waͤre es die Arbeit eines Kindes, regte doch ihre weibliche Neugierde an. Die Schnur der kleinen Boͤrſe, die jemals geſehen zu haben ſie ſich nicht erinnerte, war in einen Schub geklemmt, Luzie zog ihn auf, drinnen lag ein einzelner Brief auf der Ruͤckſeite, mit offenem Siegel. Sie mußte ihn beſehen, und folgte dabei nur einem geheimen Zuge; aber ihr Blick ſtarrte betroffen die Adreſſe an, von der weißen Roſe ihrer Wangen verſchwand auch der Farbe zarteſter Anhauch, und ſie erbleichten kalt zu Schnee. Dieſe Zuſchrift war von einem Verwandten der Frau von Gardemer, dem liebſten Freunde ihrer fruͤheren Jugend, Troja ſein Name. Er war In⸗ genieur⸗Offizier, und— was Luzie mit nicht zu be— ſchreibendem Schrecken las— von der fernſten Grenze des Landes als Capitain in dieſe Feſtung verſetzt worden. Sie wollte ihren Augen nicht trauen; doch da ſtanden ſie ſchwarz auf weiß, wie eine geſetzliche Unumſtoͤßlichkeit, die ſchoͤnen Zuͤge einer Hand, welche 3* 5² voll der Genuͤge, ihr einſt ſo viele ſchuldloſe Freuden bereitet, und die Fuͤlle des Gluͤcks gegeben haben wuͤrde, wenn ein hartes Schickſal dieſer jugendlichen Liebe nicht Trennung geboten haͤtte. Luzie uͤberflog den Brief mehreremale, ohne ſeinen Inhalt voͤllig faſſen zu koͤnnen. Der Datum war einen Monat alt. Capitain Troja wendete ſich an den Major in einer militairiſchen Angelegenheit, welche dem feinen Blicke Luziens nur Vorwand ſchien; jedoch war die Veranlaſſung ſolcher Art, daß ſie eine Antwort heiſchte. Dieſe hatte nun nicht erfolgen koͤnnen, denn der Major lag ſterbenskrank und ſeine Wittwe ſuchte und fand in jenem Zuſtande Entſchuldigung dafuͤr, daß er ihr den Empfang des Briefes gaͤnzlich ver⸗ ſchwiegen, wenn es ihr gleich unbegreiflich blieb, wie und warum er ihn ſo heimlich verwahrt haͤtte. Eifer⸗ ſucht konnte hierbei wohl nicht im Spiele ſeyn, denn Sterbende empfinden dieſe ſelbſtiſche Marter nicht mehr, die den Qualen des Lebens angehoͤrt. Ferner hatte Luzie den theuren Namen, der jetzt tauſend ſchmerzlich⸗ ſuͤße Gefuͤhle in ihr weckte, nie vor dem argwoͤhniſchen Zwingherrn genannt; auch erwaͤhnte Troja ihrer und der bekanntſchaftlichen Beziehungen zwiſchen ihnen nur formell, und traurig verweilte Luziens Auge auf den kurzen, kalten Worten, die ihr Andenken enthielten. Dagegen gedachte er weit waͤrmer und bedeutungsvoller 53 der Familie des Landſchafts-Direktor von Unſtern, deſſen aͤlteſte zugebrachte Tochter ſeine Freundinn waͤre. Luzie legte all ihr Denken und Sinnen in den kleinen Gedankenſtrich, der dahinter folgte. Dieſe Un⸗ ſtern, deren Ruf auch in ihre duͤſtere Clauſur gedrungen, war alſo zweifelsohne Troja's Braut! hier, in dieſer Stadt, wuͤrde er nun in dem zaͤrtlichen Verhaͤltniß einer Liebe auftreten, die einſt mit jugendlicher Gluth und leidenſchaftlichem Schmerze ihr geweiht geweſen, und— dies fuͤhlte ſie in dieſem Augenblicke, als ob ſie es verloͤre— das ſtille, einzige Gluͤck ihrer Erinnerung war. Eine Reiſe, wozu der Capitain Urlaub genommen, bevor er in ſeinem neuen Standorte eintraͤfe, muͤßte, wie Luzie in aͤngſtlicher Eile berechnete, nun bald zu⸗ ruͤckgelegt ſeyn; dann wuͤrde er es als eine ſeiner erſten Pflichten erachten, ſich dem Major dankbar fuͤr die von ihm erbetene Notiz, vorzuſtellen. So durfte Frau von Gardemer vielleicht ſehr bald ein Wiederſehen erwarten, das ſie erſt von den Freuden einer beſſeren Welt gehofft hatte, die uns auf ewig mit Denen vereinigen wird, die wir hienieden laſſen mußten; denn die Liebe iſt das Band der Vollkommenheit. Dieſe himmliſche Anweiſung verwandelte ſich ploͤtzlich in einen Schein von Gluͤck, der Luzien nirgend eine ſichere Gewaͤhr leiſtete, dies arme beraubte Herz koͤnne nicht noch mehr verlieren. 54 In unbeſtimmten Umriſſen ſchwebte ihr die neue Lage vor, ſie fuͤrchtete, ihren Glauben an den Freund einzubuͤßen, den beſten Schatz, den ſie in ihrer treuen Bruſt bewahrt. Jetzt ward Luzie ſich bewußt, daß waͤhrend ihre Tage in truͤber Einfoͤrmigkeit verfloſſen waͤren, der Drang des Lebens ihn fortgeriſſen, und ſie meinte, es ſei Pflicht, ſich darauf vorzubereiten, daß ſie ihn in jeder Hinſicht veraͤndert finden werde. Noch hielt Frau von Gardemer den Brief in ihrer Hand und ward nicht muͤde, ihn zu betrachten, als wolle ſie die Zukunft aus dieſen charakteriſtiſchen Schrift⸗ zuͤgen leſen, da hoͤrte ſie den Vorſaal oͤffnen, und zwi⸗ ſchen dem kenntlichen Gange ihrer Zofe fremde Schritte. Das Herz ſtockte in ihrer Bruſt, ihr Auge heftete ſich aͤngſtlich auf die Thuͤre. Cordelia trat ein und meldete: Ephraim Moſchel laſſe unterthaͤnigſt um die Gunſt bitten, der gnaͤdigen Frau vorgelaſſen zu werden.»Er bringt ſein Toͤchterchen mit—« ſagte die Jungfer mit einem ſeltſamen Laͤcheln. Schon ſchwebte ein abweiſendes Wort auf Luziens Lippe, bedraͤngt von aufregenden Gedanken, fuͤhlte ſie ſich nicht ſonderlich geſtimmt, ein Klagelied Jeremiaͤ anzuhoͤren; doch ſchnell beſann ſie ſich eines Andern, und erlaubte mit guͤtigem Tone, daß der Jude und ſein Kind hereinkommen duͤrfe. Ephraim Moſchel, ein aͤchter Iſraelit jener gedruͤck⸗ ten Claſſe, die ein muͤhſames Brod umhertreibendem 55, Handel und kleinen Negozen abgewinnt, war ein Hausgenoſſe der Frau von Gardemer. Der Major hatte, wie ſchon geſagt, das ganze große Gebaͤude inne, und obgleich viel Platz darin uͤbrig, und wie oft er auch deshalb angegangen worden, doch aus leicht zu errathenden Gruͤnden an Niemand vermiethen moͤgen. Nur ein paar Stuͤbchen im Hinterhauſe uͤber der Stallung waren der kleinen juͤdiſchen Familie einge— raͤumt, deren Haupt ihrer gnaͤdigen Patroninn jetzt aufzuwarten begehrte. Als Luzie, eine neuvermaͤhlte Frau, von dem Major heimgefuͤhrt worden, hatte ſie dieſe Einrichtung ſchon vorgefunden, und den Schutz, den ihr Gemahl ſolchergeſtalt dem armen Ephraim und den Seinen angedeihen ließ, ihm als einen Zug von Humanitaͤt angerechnet, um ſo hoͤher, da er ſonſt gegen den Stamm der Juden mit offener Verachtung ſprach, und ihre Ausbreitung in allen Zweigen der Induſtrie ihm ein Graͤuel war. Luziens Achtung vermehrte ſich, und der Sieg freuete ſie ſehr, den ihres Mannes beſſere Natur uͤber ein gehaͤſſiges Vorurtheil errungen, als ſie erfuhr, Ephraim duͤrfe zinsfrei wohnen, und der Major beweiſe ſich noch außerdem als ſeinen Wohlthaͤter. Er gab nicht allein der Armuth, ſondern auch dem Elend eine milde Herberge. Die Frau des Juden war ſtubenſiech und ſchwachſinnig— wie Luzie ſagen hoͤrte. Seit ihrem erſten Wochenbette hatte es 56 ſich leiſe ſpuͤren laſſen, daß ihr Geiſt zerruͤttet ſey; doch war ſie faͤhig geblieben in Stille und Ordnung haͤuslich zu ſchaffen und zu walten, und ihrer Kinder zu pflegen. Aber weder eine uͤberredende noch zwingende Gewalt wuͤrde die arme Juͤdinn auf die Straße und unter Menſchen gebracht haben; eine toͤdtliche Furcht vor dem Militair ſchien der Grund ihrer Krankheit, und ein bleibender Eindruck dieſes verſtoͤrten Gemuͤths zu ſeyn. Ein blinkendes Gewehr brachte ſie zu Kraͤmpfen, der Anblick einer Uniform verſetzte ſie in ſchneidende Angſt. Ephraim war zuweilen in Geſchaͤften abweſend, dann blieb ſeine Frau mit den Kindern allein, ohne einen bemerklichen Zuſammenhang mit ihren Glaubens⸗ Verwandten, und Niemand, als eine alte juͤdiſche Laufmagd ging bei ihnen aus und ein. Obgleich Frau von Gardemer, ihren Gemahl zu beobachten, viel zu arglos war: ſo fiel es ihr doch im Verfolg der Zeit als ſeltſam auf, daß zwiſchen ihm und dem Juden irgend ein geheimer Verkehr Statt finde. Die Ahnung von Etwas, das ihr, aus welchem Grunde, ließ ſie auf ſich beruhen— verborgen bleiben muͤſſe, ſtreifte fluͤchtig ihrem Sinn voruͤber. Ephraim war als ein rechtlicher Hebraͤer bekannt, und arm genug, dieſen Ruf zu bewaͤhren, und wenn auch der Major eines erlaubten Vortheils wahrzunehmen wußte, ſo dachte er doch zu honett, um ſich mit ſchnoͤdem Wucher 57 einzulaſſen. Jedenfalls war und blieb Luzien dies Verhaͤltniß raͤthſelhaft. Spielten die Kinder des Juden, gelockt vom Fruͤhlingsſonnenſchein, harmlos im Hof— raum, und ſchmiegten ſie, wenn der Major ſich blicken ließ, ſich in huͤndiſcher Unterwuͤrfigkeit um ſeine Fuͤße, ſo konnte er ihnen mit einer Haͤrte begegnen, die Luzien das ſanfte Herz empoͤrte; wiederum handelte er gegen die ungluͤckliche Mutter ſo mild und ruͤckſichts— voll, wie es ſeinem Charakter ſonſt nicht eigen war. Die kraͤnkliche Juͤdinn auf keine Weiſe zu beunruhigen, waren die gemeſſenſten Befehle gegeben. Er bezahlte alljaͤhrlich den Arzt und die Apotheke fuͤr ſie, und ſandte zuweilen eine Flaſche alten Wein in den aͤrm— lichen Haushalt, deſſen Schwelle er jedoch nie betreten. Frau von Gardemer ſchenkte in ihrer Abgeſchie⸗ denheit der Familie, die ihr ſo nahe und doch ſo fern lebte, einen Antheil von Mitleid, in das ſich ein wenig Neugier miſchte. Gern ſah ſie Freitags vom hintern Saalfenſter in den daͤmmernden Hof hinaus, und den meſſingenen Kronleuchter zum beginnenden Schabbes in der Wohnung des Juden anzuͤnden. Wenn die Lichter durch die Wipfel des hohen Nuß⸗ baums wankend fielen, der tiefe Schatten auf die blanken Quadern ſtreute, ein leiſer Geſang in melan⸗ choliſcher Weiſe heruͤber toͤnte, und die Sterne mit hehrem Glanze in den kleinen dunklen Gottesdienſt * 58 nieder ſchaueten, den eine Seele feierte, deren Strahl erloſchen war, und in welcher nur noch ein ſchwaches Fuͤnklein in todter Aſche glomm— dann beſchlich ein heiligruhiges Gefuͤhl von Sabbathsſtille Luziens Buſen, es ſchien ihr fromm und friedlich druͤben, und es gab Momente in ihrem Leben, worin ſie die Gattinn Ephraims beneiden konnte. Als einſt ihr Gemahl zu einem Manoͤvre entfernt, und auch der Jude nicht zu Hauſe war, geſchah es, daß ſein Sohn, ein zarter Knabe noch, ſich am Feuer verletzte. Die Leute des Majors machten groß Geſchrei von dieſem Ungluͤck, und Frau von Gardemer hielt es fuͤr ihre Pflicht, ſich perſoͤnlich zu uͤberzeugen, ob das Kind wirklich ſo bedeutenden Schaden genommen. Es war nicht ſo arg, wie man es ihr geſchildert hatte; dagegen erſtaunte ſie angenehm, ihre Erwartung in anderer Art uͤbertroffen zu finden. Es ſah ſehr nett und ſauber in der kleinen Wirthſchaft aus, der eine bloͤde Hausfrau vorſtand. Die Juͤdinn ſaß erſchoͤpft an die Wand gelehnt, ein ſchlankes, halbwuͤchſiges Maͤdchen, ihre aͤlteſte Tochter, die Luzie vorher noch nie geſehen, war um die Mutter bemuͤht, der kleine Brandſtifter hockte mit verbundenem Kopfe im Winkel. Die Ordnung, welche Frau von Gar⸗ demer erblickte, verbannte ſchnell den ſcheuen Begriff von einem wuͤſten Geiſte, der hier regiere. Sie ver⸗ breitete durch ihre Schoͤnheit, durch ihre freundliche 59 Zuſprache den Glanz und die Huͤlfe eines Engels in der kleinen heimlichen Stube, dunkel verhangen vom breitblaͤttrigen Nußbaum, durch deſſen Zweige das Abendroth leuchtete und die edle Geſtalt in verklaͤrenden Schein huͤllte. So ſtand ſie vor der Juͤdinn, welche bleich wie ein geſpenſtiſches Bild im Schatten ſaß, und bei ihrem Anblick in Thraͤnen zerfloß. Luzie nahm ſich dieſen Erguß fuͤr eine Nachwirkung des gehabten Schreckens, fuͤr die Schwaͤche des gereizten Gefuͤhls. Sie betrachtete die weinende Frau mit wallendem Herzen. Die Juͤdinn mußte offenbar ſehr ſchoͤn geweſen ſeyn, und war, wie ſich aus den Spuren ihrer Verſtoͤrung erkennen ließ, unverhaͤltnißmaͤßig juͤnger als ihr Mann, ſo daß Ephraim fuͤglich fuͤr den Großvater dieſer Kinder gelten koͤnnen. Luzie redete ihr freundlich troͤſtend zu, die Kranke ſchien dieſer melodiſchen Stimme mit ſtummer Innig— keit zu horchen, und ihre Tochter haſchte verſtohlen nach dem Kleide der Dame, um leiſe einen Kuß der Ehrfurcht in die Falten zu druͤcken. Dieſer guͤtige Beſuch war der erſte und letzte dieſer Art, den Frau von Gardemer wagen durfte, denn als ſie ihrem Gemahl davon ſagte, meinend, er als Pro⸗ tector der juͤdiſchen Hausgenoſſenſchaft werde die herab⸗ laſſende Theilnahme ſeiner Gattinn billigen, die ihn repraͤſentiren wollen, fuhr der Major hitzig auf, und 60 unterſagte es ihr ſtreng, daß ſie mit dieſen Leuten ſich befaſſe. Luzie hielt dies Verbot fuͤr einen der ſeltſamen Widerſpruͤche, von denen dieſer wunderliche Charakter voll war; doch gewoͤhnt, ſich ihm zu fuͤgen, begnuͤgte ſie ſich hinfort, Erkundigungen nach dem Befinden der Juͤdinn und ihrer Kinder mittelbar ein⸗ zuziehen, und ihnen dann und wann einen kleinen Beweis, daß ſie ihrer wohlwollend eingedenk ſey, durch die Hand ihrer Zofe zukommen zu laſſen. Durch Cor⸗ delia erfuhr ſie nun auch, daß Ephraims aͤlteſte Tochter, die ſie geſehen, gar nicht bei den Eltern lebe, ſondern in weiter Ferne von den Ihrigen, bei ganz fremden Menſchen; und als Frau von Gardemer aͤußerte, warum die kranke Mutter dieſer noͤthigen Unterſtuͤtzung beraubt werde? wußte die Jungfer keine Antwort hierauf zu geben. So waren Jahre ſtill und einfoͤrmig vergangen. In der langen Krankheit des Majors, bei dem Anblick ſeiner Leiden, bei ihrem eignen herzpreſſenden Gefuͤhl, hatte Luziens Intereſſe fuͤr jene Familie ein wenig nachgelaſſen. Sie ſah den Tod ſich naͤhern, und Alles ſchwand aus ihrem Gedaͤchtniß, nur nicht, daß ſie gelobt, ihre Pflicht treu zu erfuͤllen, bis zum letzten Augenblicke. Als der Major, zu ſpaͤt fuͤr ſeine auf— geloͤſ'ten Kraͤfte, teſtirte, hinderte ein Anfall von Bruſt⸗ krampf ihn, ausfuͤhrlich zu ſeyn; der Athem verſagte, 61 man glaubte ihn am Ende— ſo mußte denn dieſer wichtige Act in aller Kuͤrze zuſammen gezogen und zum Schluß gebracht werden. Der Teſtator aber er— holte ſich nicht mehr, und als ſie ihn ſchon hinuͤber waͤhnten, deutete er Luzien in ſterbender Schwaͤche an, daß er ihr noch etwas ſagen wolle. Sie legte das Ohr an ſeinen kalten Mund, und kaum verſtaͤnd⸗ lich bat er, ſie moͤchte den Ephraim und die Seinen nicht verlaſſen. Mit dieſem Hauche erloſch ſein Leben. Sobald Frau von Gardemer nur zu ſich ſelbſt kam, erinnerte ſie ſich dieſer letzten Bitte ihres Verſtorbenen. Sie ſendete in die Wohnung des Juden; Ephraim aber war verreiſt, und wurde erſt in acht Tagen zuruͤck erwartet; mit dem Befinden der Kranken, lautete der Bericht, gehe es leidlich, und die aͤlteſte Tochter, welche ſchon lange hier ſey, leiſte ihrer Mutter die moͤglichſte Pflege. Jetzt, wo Luzie, beſtuͤrmt von einem Aufruhre in ihrem Gemuͤthe, den jener Brief in ihr erregt hatte, ſich kaum noch ſammeln konnte, kam ihr Ephraim ſehr ungelegen; dennoch ließ ſie ihn vor. Der Jude trat ein. Eine alternde, gebuͤckte Geſtalt mit einem maleriſchen Kopfe. Ihm zur Seite ging ein ſchoͤnes, ſchuͤchternes Maͤdchen von etwa funfzehn oder ſechzehn Jahren. Der feine Wuchs hielt die knospende Schoͤn⸗ heit noch in kindlichen Formen verſchloſſen, das rei⸗ 62 zende Geſicht, nur ſchwach gefaͤrbt, ſah abgehaͤrmt aus, und hatte keinen orientaliſchen Schnitt. Die Kleine trug in dem linken Arme einen Scherben, worin eine rothe einfache Hyazinthe in wenigen Glocken bluͤhete, halb verborgen von braunem Lockenhaar, das in reicher Fuͤlle uͤber die ſchmalen Schultern herabfiel und gleich einem Vorhange von dunkler Seide das aͤrmliche Bluͤmlein drapirte. Ein geiſtvolles Augen— paar blickte bedeckt von langen gebogenen Wimpern, wie unter dem Schleier der Beſcheidenheit, mit Liebe darauf nieder. Ephraim buͤckte ſich zweimal ſehr tief, es war der Ausdruck demuͤthiger Hochachtung vor dem Stande wie vor dem Schmerze der Dame vom Hauſe, der ihn beugte. Er ſprach:»Zu Ew. Gnaden Befehl komme ich; aber der Jammer geht mit mir uͤber dieſe Schwelle. Darum will ich auch meinem Munde nicht wehren; ich will reden von der Angſt meines Herzens, ich will heraus ſagen von der Betruͤbniß meiner See— len. Meine Geſtalt iſt dunkel worden vor trauern.— Wir Beide Ew. Gnaden haben viel verloren.«— Hier ſchwieg er mit einer Geberde ſchmerzlichen Stau— nens, als koͤnne er ſein Ungluͤck nicht uͤberſehen. Frau von Gardemer, weit entfernt, in dem naiven Plural des Juden einen Anſtoß zu finden, fuͤhlte ſich vielmehr dadurch in eine traute Stellung zu ihm ver— 63 ſetzt, der dem Todten verpflichtet und nahe genug geweſen war, um ſeinem Andenken Gerechtigkeit wider⸗ fahren zu laſſen.»Ja Ephraim,“« antwortete Luzie mit duͤſterem Blicke, yes hat ſich viel veraͤndert, ſeit wir uns nicht geſehen——« der Gedanke, daß ſie den voͤlligen Umſchwung ihres Schickſals noch nicht kenne, machte ihr das Herz ſchwellen, und ihre Augen floſſen uͤber. Die Kleine fing mitfuͤhlend an zu ſchluchzen, die Blume trank hellen Thau und athmete Duft aus. »Ew. Gnaden!« rief Ephraim, und unterdruͤckke ſein Beileid, um ſich als Troͤſter vernehmen zu laſſen, »wo ſoll das hinaus? Ich bitte Ew. Gnaden doch um Gotteswillen, an die Vernunft zu denken. Trau⸗ rigkeit toͤdtet viel Leute, und der Gram iſt das Schaͤd⸗ lichſte auf der ganzen Welt. Was die Erde bedeckt, das muß der Menſch vergeſſen; alſo: wer in die Hoͤlle hinunter faͤhrt, kommt nicht wieder herauf, und der Todte kehret nimmer in ſein Haus. Ew. Gnaden koͤnnen, wenn das ſo fort geht— am Ende raſend werden.«— Luzie laͤchelte doch unter ihren Thraͤnen. Sie hielt der Erfahrung des Juden dieſe draſtiſche Beſorgniß zu Gute.»Mein ſeliger Mann hat auch an Dich gedacht, ehrlicher Ephraim,« erwiederte Frau von Gardemer. Des Juden Geſicht ward wie Sonnenſchein.»Das 64 verhoffte ich zu Gott, Ew. Gnaden,« ſagte er in froh⸗ lockendem Tone, yer war ein edler Herr, von dem ich ruͤhmen darf: Leben und Wohlthat hat er an mir gethan, und ſein Aufſehen bewahrete meinen Odem.— Wann, Ew. Gnaden, iſt denn das Teſtament eroͤffnet worden?« Luzie merkte, daß Ephraim ſich in einem Irrthume befaͤnde. Sie mußte ihn denſelben bald benehmen, und ſprach:»Im Teſtamente nicht, aber ſterbend gegen mich hat der Major mit einem guͤtigen Wunſche Deinen Namen genannt, und ich denke, Du wirſt es mir zutrauen, Ephraim, daß mir ſein letzter Wille heilig ſeyn werde.« Der Hauch dieſer Worte hatte den Juden entfaͤrbt, ſein Angeſicht war fahl wie Aſche geworden. Er kaͤmpfte ſchwer, ſeiner Betroffenheit Meiſter zu werden, und ſprach:»Ew. Gnaden wollen einem Manne, der viel erfahren hat, dieſe unſchickliche Beſtuͤrzung gnaͤdig⸗ lichſt verzeihen. Ich bin wie Einer, von dem geſagt iſt: was er hoͤret, das ſchrecket ihn, und wenn's gleich Friede iſt, fuͤrchtet er ſich. Ich zweifle nicht, behuͤte! ich zweifle nicht im mindeſten an der Geſinnung Ew. Gnaden; aber vergaͤnglich ſind wir Alle, und die beſten Gedanken loͤſchen manchmal geſchwinde, wie der Wind ein Licht ausblaͤſt. Doch was geſchrieben ſteht, das bleibt geſchrieben.— Na, was zupfeſt Du 65 mich am Rocke, einfaͤltiges Kind, und zitterſt und zagſt? Die gnaͤdige Frau laſſen mit ſich reden.« »Sey ruhig, liebe Kleine,« wendete Luzie ſich zu der Tochter des Juden, die wie mit Purpur begoſſen da ſtand, und in aͤngſtlicher Verſchaͤmtheit ſichtlich bebte, vder Kummer Deines Vaters entſchuldiget ihn bei mir. Wie heißeſt Du, mein Kind?« »Perle!« antwortete das Maͤdchen leiſe. »Dieſer Name iſt bei uns Brauchmode, Ew. Gna⸗ den,« ſetzte Ephraim mit beklommener Stimme hinzu, „die Zweite heißt Blume, wie die Mutter. Weh mir! die Blume meines Hauſes iſt verwelkt, der morſche Balken meines Gluͤckes liegt gebrochen im Staube. Meine Freunde ſind meine Spoͤtter, und mein Auge thraͤnet zu Gott!« Dabei rannen ein paar Tropfen langſam in das Gekraͤuſel des grauen Bartes. »Faſſe Dich doch, alter Ephraim!« ſagte Luzie, von dieſem Anblick geruͤhrt,»Du haſt Dein Ungluͤck bisher ſtandhaft ertragen, wie ein Mann, und Du ſollſt kuͤnftig, ich verſpreche es Dir, eine Stuͤtze an meinen ſchwachen Kraͤften finden. Ich will, wenn es Dich zu beruhigen vermag, Dir dieſe Verſicherung ſchriftlich geben. Sieh! Du biſt doch ein gluͤcklicher Vater; dieſe Perle hier wird das Kleinod Deines Alters werden. a Perle ſchaute mit funkelnden Augen auf, dieſer Blick 66 buͤrgte fuͤr den Werth ihres Herzens. Sie ergriff die Hand der Frau von Gardemer, und neigte ſich darauf; ihre Athemzuͤge ſaͤuſelten heiß und hoͤrbar, ſtumm reichte ſie ihr die Hyacinthe dar, die rothen Gloͤcklein bewegten ſich, und es war, als ob ſie in Seufzer erklaͤngen. »Du bringſt mir die Blume?« fragte Luzie freund⸗ lich, und labte ſich an dem Geruche.»So danke ich Dir, gute Kleine! Du machſt mir Freude, denn ich liebe Hyacinthen vorzuͤglich.« Sey es nun, daß der Jude durch die empfangene Zuſage getroͤſtet oder in ſeinem vaͤterlichen Stolze geſchmeichelt war, genug, ſein Blick erheiterte ſich, und ein Laͤcheln der Befriedigung ging in den tiefen Furchen ſeiner Wangen auf. Er ſagte:»Ew. Gnaden moͤgen es glauben, das Maͤdchen hat an der Blume gezogen mit Luſt und Sorgfalt, wie manche Mutter nicht an ihrem Kinde, die es aufwachſen laͤßt wild und wuͤſte, wie den Pilz im Walde. Sie iſt zwar nur ſchlecht und hohl, aber tauſendfaͤltig gefuͤllt mit gutem Willen. Meine Perle lebt und ſtirbt fuͤr die gnaͤdige Frau.« Luzie nahm den Beweis einer ihr bisher unbewußten Exrgebenheit guͤtig auf, und fuͤhlte ſich durch das Zeugniß des Vaters bewegt. Sie ſprach:»Kennſt Du mich denn aber, Kleine?« — 67 »O ja!« antwortete Perle,»wie Ew. Gnaden die Mutter beſuchten, als der kleine Bruder ſich verbrannt hatte.— Wer einmal einen Engel ſaͤhe, wuͤrde ihn nie vergeſſen.« Frau von Gardemer erroͤthete; wohl war ihr in manchem Worte des Beifalls, der Bewunderung und Liebe gehuldigt worden; aber kein menſchlicher Mund hatte ihr ein Hoͤheres geſagt. Sie ſagte und legte den ſuͤßeſten Ton in ihre ſanfte Stimme:»Du biſt ein frommes, liebes Maͤdchen! Aber Perle, Du ſcheinſt ſehr gedruͤckt geweſen zu ſeyn, weil Du ſolch eine kleine Guͤtigkeit ſo tief empfunden. Willſt Du Deiner kindlichen Pflicht nachkommen und Segen verdienen, ſo duͤrfteſt Du auf wenig Freuden rechnen koͤnnen. Ich werde Dich bisweilen zu mir rufen laſſen, und dafuͤr ſorgen, daß Du ſo viel als moͤglich Deiner Jugend genießeſt.« Sie begleitete dieſe dankbare Ver⸗ heißung, welche dem armen juͤdiſchen Kinde einen Himmel der Hoffnung oͤffnete, mit einem Seußzer, der zu ſagen ſchien: des Lebens Lenz bluͤht einmal und nicht wieder! Ephraim nickte ſehr freundlich dazu, wie wenn das, was er ſagen wuͤrde, von beſonderem Gewicht waͤre, und ſprach:»Meine Perle wird der gnaͤdigen Frau die Zeit ſchon vertreiben. Sie ſpielt die Harfe, und macht ſich die Verſe und Liederchen ſelbſt, und Niemand 68 hat es ihr gelehrt. Da ſitzt ſie wie der kleine David vor der kranken Mutter und ſingt— und der finſtere Geiſt faͤhrt aus. Die Mutter laͤchelt jetzt zuweilen und iſt auch nicht mehr gar ſo ſtumm.« Cordelia kam, ihrer Dame einen Hauſirer zu mel⸗ den, der Waaren feil truͤge, welche— die Hofe wisperte ihr etwas zu. Der Jude ward unruhig, es koſtete ihm Gewalt, ſich hierbei ſchweigend und leidend zu verhalten. Frau von Gardemer ließ die Jungfer nicht ausreden. Sie gab abwehrend kurzen Beſcheid, und ſprach:»Gut, daß ich daran erinnert werde; ich habe ein Geſchaͤft fuͤr Dich, Ephraim. Von Trauerzeug iſt nur das Noͤthigſte fuͤr mich und meine Leute gekauft worden, weil Du nicht da warſt; Du wirſt mir, was noch fehlt, verſchaffen; ich weiß, Du biſt zuverlaͤſſig und wirſt dieſen Auftrag beſtens beſorgen. Auch moͤchte ich gern einige modiſche Muſter in bunter Seide ſehen, hellfarbig, verſtehſt Du? Ich haͤtte meiner Nichte, die Braut geworden iſt, ein Geſchenk zu machen.« Ephraims Augen leuchteten Vergnuͤgen. Ein noch ſo anſehnliches Vermaͤchtniß im Teſtamente des Majors haͤtte ſchwerlich eine belebendere Wirkung auf ihn haben koͤnnen, als dieſe Ausſicht auf einen kleinen Profit, den er in ſeinem Elemente finden wuͤrde. Das Zu⸗ trauen der Frau von Gardemer, das ſie ihm als — V——4,-ͤ— — 69 Handelsmann bewies, entzuͤckte ihn, er fuͤhlte es als die groͤßte Ehre, die ſie ihm erzeigen koͤnnte. In dienſtfertiger Haſt erkundigte er ſich nun nach dem ungefaͤhren Preiſe der begehrten Waaren, und uͤber⸗ ſchlug in Gedanken, wie viel er abdingen wolle. »Es hat nicht ſo große Eile, lieber Alter, Du magſt Dir immerhin Zeit nehmen,« ſagte Luzie laͤchelnd. Aber der Jude hatte nun keine Ruhe mehr. Er beurlaubte ſich, ob auch Perle ſaͤumte, dem Winke des Vaters zu folgen. Noch einen ſehnſuͤchtigen Blick warf ſie im Zimmer umher, dann verließ ſie es zoͤgernd. »Wir ſehen uns bald wieder!« ſagte Frau von Gar⸗ demer, und ſtreichelte dem Maͤdchen die feine Wange, welche unter der leiſen Beruͤhrung flammte. Sie ſah der kleinen Juͤdinn wohlwollend nach, die in der Ar⸗ muth ihrer Gabe wie ihrer Worte Luzien das Herz abgewonnen. Mit gemiſchten Gefuͤhlen dachte ſie daran, die Liebe dieſes anmuthigen Weſens zu belohnen. Durch eine natuͤrliche Ideen⸗Aſſociation kam ihr der Gedanke an die unbekannte Tochter ihres Gemahls. Ein Bild mit ſeinen charakteriſtiſchen Zuͤgen ſchwebte ihr vor, ſtolzer Anſpruͤche voll. Sie ſah im Geiſte die ſchnoͤde Miene, womit ſie der Wittwe des Vaters nicht zur Seite, ſondern gegenuͤber ſtehen wuͤrde. Doch Frau von Gardemer ließ dieſe Idee ploͤtzlich und fuͤr immer fallen. Ihr Geſichtspunkt war ſeit einer Stunde f † 4 1 1 70 nicht mehr derſelbe; ſo laͤßt ein Sandkorn Zeit uns Alles in veraͤndertem Lichte erblicken! Madame Weihland hatte ihren Hausgenoſſen ſeit jenem Balle nicht wieder geſehen, und der Lauf einer Woche war beinahe voruͤber. Der Sturm des Ge⸗ muͤths hatte ſich gelegt; die empoͤrten Wellen der Gefuͤhle grollten zwar noch, aber Franzisca ſah das Schifflein ihrer Hoffnung zertruͤmmert, und der Liebe Gut, den Reichthum ihres Herzens, verſunken im tiefſten Schmerz.— Ihr Glaube an den Freund war dahin, ſie zweifelte an allem Gluͤck, ihr Selbſtvertrauen war erſchuͤttert. Gegen die vertraute Geſellſchafterinn beobachtete ſie eine dumpfe Stille; doch, wie Pauline wohl einſah, weniger aus dem Wunſche, den Gegen⸗ ſtand, uͤber den ſie ſich ausgeſprochen hatte, nicht mehr zu beruͤhren, als in einer Spannung, die ſich unaus— geſetzt mit ihm beſchaͤftigte. Dem Zartſinne und Ge⸗ ſchicke der verſtaͤndigen Platon gelang es, die Schwaͤche ihrer Freundinn bei dieſem Wendepunkte zu leiten; der Zufall ſorgte fuͤr Zerſtreuung, geſellige Anlaͤſſe verſchiedener Art draͤngten ſich in dieſen Tagen, und nicht alle waren abzulehnen. Der Juſtizcommiſſarius kam, die Damen zu einem — Spaziergange abzuholen, denn das ſonnenheitere Wetter nd 71 lockte in die Luft. Pauline, die in Folge einer Erkaͤl— tung leicht an der Roſe litt, fuͤhlte ſeit der verwichenen Nacht einen ſtechenden Dorn in der linken Seite des Kopfes, und ihre Wange war entzuͤndet. Sie mußte ſich daher zu Hauſe halten, und Franzisca ging mit dem Schwager allein. Kaum waren ſie fort, ſo flog ein kuͤhner Schritt die Treppe herab, es klopfte fluͤchtig, und Felice trat in das Zimmer. Beinahe haͤtte Pauline ſich verlegen gefuͤhlt, ihn zu ſehen, denn Empfindungen der Weiblichkeit theilen ſich mit. Ein Liebhaber, der wie Petrus die Liebe ver— leugnet, ſteht dem ganzen Geſchlechte zu Gericht, und wird fruͤher oder ſpaͤter gekreuzigt. Hier aber gaben Mitleid und Freundſchaft fuͤr die getaͤuſchte Franzisca Paulinen eine leiſe Beklommenheit gegen ihren Belei⸗ diger. Dieſer ſchien ſich jedoch keiner Schuld bewußt. Seine Haltung war vielmehr ſo unbefangen, als druͤcke ihn auch nicht ein Quentlein Beſchaͤmung, in— deſſen Franzisca zeither wie unter einem Centner geathmet hatte.— Er kam frank und frei auf Paulinen zu, und ſprach: Endlich einmal finde ich dieſe Thuͤre offen! ſie war verſchloſſen, ſo oft ich auch klopfte.« »Sollte dies wirklich ſo oft der Fall geweſen ſeyn?« ſagte Pauline nach vorhergegangener Begruͤßung; doch ließ ſich ein Anklang von Spott in der Frage hoͤren. 72 „Der Janustempel in Rom,« antwortete der Land⸗ ſchafts⸗Syndicus,»war zu Friedenszeiten geſchloſſen; es kam mir ſo vor, als ob ein umgekehrtes Verhaͤltniß hier Statt faͤnde— doch will ich dies nicht fuͤrchten, denn ich wuͤßte mich nicht in der Offenſive.« Pauline ſah ihn hierauf mit einem Blicke an, der tief in ſeine Seele drang, und ſagte:»War Janus nicht der Gott mit zwei Geſichtern?— So viel ich weiß, traͤgt er als Pföͤrtner des Himmels einen Schluͤſſel in ſeiner Hand.« Felice erroͤthete; mit einer kleinen Verbeugung kuͤßte er ihre Hand und ſprach:»Sie wiſſen in dieſem und jedem Falle mehr als ich, mein Fraͤulein!« Er ſah liſtig und liebenswuͤrdig dabei aus, und Pauline dachte, wie der kalte Vorſatz ihrer Freundinn vor dieſen feu⸗ rigen Augen, dieſer gewinnenden, ſiegesluſtigen Miene beſtehen wuͤrde?—»Und,« ſetzte er hinzu,»Madame Weihland iſt wieder nicht zu treffen? Dies Gluͤck macht ſich rar.« Die Platon laͤchelte; ihre Antwort lautete:»Sie geht mit dem Juſtizcommiſſarius ein wenig ſpazieren, ich ſelbſt habe ihr zugeredet.« Der Landſchafts-Syndicus ſchob ſich einen Stuhl dicht an Paulinens Seite, und begann mit dem Tone der Vertraulichkeit:»Sagen Sie, was iſt mit der ſchoͤnen Frau vorgegangen?— Sie ſieht ſich nicht 73 mehr gleich. Senſible uͤber die Maßen, beſtaͤndig gereizt, den ſuͤßen Mund bitterer Worte voll, zeigt Franzisca ein ewiges Mißbehagen, und man weiß wahrhaftig nicht, wie dieſer ſteten Verſtimmung zart genug zu begegnen ſey. Sie nimmt Alles ſehr genau und den kleinſten Scherz uͤbel auf. Jene holde Anmuth des Umgangs, die nicht rechnet noch rechtet, iſt ganz aus ihrem Benehmen verſchwunden. Wir ver⸗ ſtehen uns nicht mehr und werden uns— das fuͤhle ich— mit jedem Tage fremder. Das iſt mir nun ſehr leid. Ich habe den ſeligen Weihland, als einen Freund meines Vaters, wie ein Sohn verehrt und geliebt, und ſeiner Wittwe all die dankbare Hochach⸗ tung zu beweiſen geſucht, die ich Beiden ſchuldig zu ſeyn glaubte. Ich habe viel Gutes und unzaͤhliche frohe Stunden in dieſem Hauſe genoſſen, und ich werde mich der Dankbarkeit dafuͤr nicht entbunden erachten, ob auch Madame Weihland geſonnen ſcheint, jede Verbindlichkeit zwiſchen uns aufzuloͤſen. So bin ich ſchon auf den Gedanken gekommen, ob es unſerer Freundinn in ihrer jetzigen Lage vielleicht unangenehm ſey, mit einem Gargon zuſammen zu wohnen, und ſie aus Ruͤckſicht auf die Vergangenheit Anſtand naͤhme, aufrichtig gegen mich zu ſeyn? Wenn dies waͤre— o Fraͤulein! ſo genuͤgt ein Wort—« Pauline merkte, wo er hinaus wollte; ihr Herz Hanke Wittwen Ir Theil. 4 klopfte ſtaͤrker, das Ende eines verwirrenden Verhaͤlt⸗ niſſes konnte ſchnell gefunden ſeyn. Sie ſah ihn ſo feſt an, als ſolle der Faden, woran ſeine Gedanken ſich reiheten, ihr nicht entſchluͤpfen; aber er ſtockte und ſchien zu erwarten, was ſie ſagen wuͤrde. »Wenn Freunde ſich nicht mehr verſtehen,« entgegnete Pauline,»dann iſt es beſſer, ſie trennen ſich. Fran⸗ zisca, Herr Landſchafts⸗Syndicus, hat eine aͤhnliche Klage gegen mich gefuͤhrt. Sie fuͤhlt ſich von Ihnen uͤberſehen, vernachlaͤſſigt. Franzisca darf Anſpruͤche machen, an deren Befriedigung ſie gewoͤhnt iſt.« Von dieſem Vorwurfe betroffen, hatte Felice Muͤhe, ſich zu behaupten. Er ſagte mit einem feinen Laͤcheln: »Die Praͤtenſionen einer ſchoͤnen Frau zu honoriren, iſt gewiß eine willkommene Pflicht fuͤr Jedermann; allein, ſie muͤſſen nicht offen, nicht auf den Wechſel launenhafter Gefuͤhle ausgeſtellt ſeyn. Dieſe ſteigen und fallen.— Aber laſſen wir das nun. Ich kam eigentlich, Madame Weihland eine Bitte vorzutragen; doch wie wir jetzt zuſammen ſtehen, weiß ich in der That nicht, ob ich es wagen darf.« »Laſſen Sie doch hoͤren, wenn Ihre Bitte kein Geheimniß iſt—« ſagte Pauline, beſorgend, es koͤnnte irgend eine Zumuthung, wodurch die angegriffene Ruhe ihrer Freundinn auf's Neue gefaͤhrdet wuͤrde, darin enthalten ſeyn. 75 »Der Landſchafts-Director von Unſtern,« hob Felice mit ſichtbarer Befliſſenheit an, ſeinen Wunſch unter zureichende Motive zu ſtellen, daß die eigentliche Trieb⸗ feder dazu verhuͤllt waͤre,»mein guͤtiger Goͤnner, iſt, wie Ihnen vielleicht bekannt, nach der Stadt gezogen. Seine Schwaͤgerinn, die Stieftante ſeiner Toͤchter, lebt bei ihm, was er nur duldet, daß ſie bei ihm ſterbe; denn ſie iſt eine wunderliche Frau, voll ſelt⸗ ſamer Einfaͤlle und Marotten, und eigenſinnig im hoͤchſten Grade. Es giebt jedoch Ruͤckſichten, um derentwillen ſie geſchont werden muß, denn ſie iſt leicht zu beleidigen und ſchwer zu verſoͤhnen, beſitzt ein un— geheures Vermoͤgen und den Uebermuth der Freiheit, unumſchraͤnkt daruͤber ſchalten und walten zu koͤnnen. So fordert ſie denn unbedingt ihren Willen, wenn der letzte zu Gunſten ihrer Verwandten ausfallen ſoll.—« Hier hielt Felice einen gedankenvollen Moment inne, und Pauline konnte ſich nicht enthalten, zu ſagen: »Wie ungluͤcklich kommt mir Ihr Chef in dieſen Be⸗ ziehungen vor! Wahrlich, ein Tageloͤhner iſt ein Frei⸗ herr dagegen. Und die Erfahrung beweiſt, daß ſolch eine haͤusliche Sclaverei zuletzt doch unbelohnt bleibe.« Der Landſchafts-Syndicus antwortete auf dieſe Schlußbemerkung mit einem zuverſichtlichen Laͤcheln, welches verrieth, daß er an eine Ausnahme glaube. Er ſprach:»Frau von Elban, ſo heißt die Dame— 4* beehrt mich außerordentlicher Weiſe mit ihrer Gunſt. Sie findet Geſchmack an meiner Wenigkeit und aͤußert dies ganz unverholen. Worin der Talismann liegt, der auf ihre ſproͤde Seite wirkt, daß ſie ſich einer andern Meinung fuͤgt, und faͤhig wird, in kleinen Ge⸗ faͤlligkeiten nachzugeben, weiß ich nicht; genug, daß ich ihn beſitze, und entſchloſſen bin, zu Nutz und Frommen der Familie von Unſtern Gebrauch davon zu machen.« Pauline, welche ſich durch die Ruhmredigkeit dieſes Vortrags in dem feinen Gefuͤhle fuͤr die Wuͤrde ihres Geſchlechts verletzt, und durch das abſichtsvolle Intereſſe fuͤr jenes adelige Haus in die Seele ihrer Freundinn gekraͤnkt fand, ſagte mit hoͤrbarem Dringen im Ton, daß er zur Sache kommen moͤchte:»Noch immer begreife ich nicht, wie die Gewogenheit der Frau von Elban mit etwas, das Franzisca zu gewaͤhren haͤtte, Zuſammenhang in einem Wunſche von Ihnen finden koͤnne?—« »Sie ſollen es ſogleich erfahren,« entgegnete Felice nicht ohne merkliche Verlegenheit; denn er empfand eine leiſe Oppoſition ſeines Anliegens in dieſer vor⸗ greifenden Frage der Geſellſchafterinn. Das Blut ſtieg ihm in die Wangen, da er ſeine Worte kuͤnſtlich ſetzte:»Frau von Elban, unſtaͤt und veraͤnderlich in Allem, was ſie treibt, nur nicht in dieſer beſtandloſen unſt. ßert jegt, iner Ge⸗ daß und von ieſes ihres reſſe dinn Ton, nmer von ztte, inden Felice ffand vot⸗ Blut ſtlich ch in 'oſen 77 Neigung, hat ſchon waͤhrend der kurzen Zeit ihres Aufenthalts hierſelbſt mit ihrem Logis in mehr als Einem Gaſthofe gewechſelt. Sie iſt uͤberall unzufrieden. Mangel und Maͤngel der Quartiere in dieſer großen Stadt iſt der nie ausgehende Stoff der Unterhaltung; denn der alte Unſtern hat den Baugeiſt— und die Tante kann nirgends einwohnen. So ruͤhmt der Landſchafts⸗Director meine Zimmer als die ſchoͤnſten und bequemſten, die er hier kennen gelernt habe, und faͤngt an, die Vorzuͤge dieſes Hauſes zu preiſen. Nun ſah ich kommen, was darauf folgen wuͤrde. Frau von Elban will meine Wohnung ſehen, ſie verliebt ſich in den Einfall, mir durch ihren Beſuch eine Ehre zu erweiſen. Der alte Herr giebt mir einen Wink, und ich muß die mir zugedachte Gnade gebuͤhrend anerkennen. Die ganze Familie war daher den Tag nach dem Balle bei mir.« Pauline nickte. Sie wußte um dieſen Beſuch. Felice fuhr fort:»Frau von Elban gerieth in Extaſe. Sie fand alles unvergleichlich. Hier wuͤrde ihr wohl ſeyn! ſagte ſie, und die Nichten warfen einander Blicke voll ſpoͤttiſchem Zweifel zu. Die Ausſicht war ihr auch recht, fuͤr Thuͤrme haͤtte ſie eine wahre Leiden⸗ ſchaft— und der alte graue Gegenſtand ihrer Liebe ſaͤhe mit Hoheit heruͤber, und ſchlug mit ſtarken Schlaͤ— gen an dieſe Schwaͤche ihres Herzens. Ohne Weiteres 78 fragte ſie mich nun, ob ich mich wohl wuͤrde entſchließen koͤnnen, der Familie— denn ſie ſetzt die Genehmigung derſelben in allen Faͤllen voraus— meine Wohnung, ſammt allen Moͤbeln, fuͤr die Zeit ihres Aufenthaltes in der Stadt zu uͤberlaſſen, und Madame Weihland um ein Zimmer zu bitten, welches mir einſtweilen eingeraͤumt wuͤrde?—« »In der That,« ſagte Pauline, durchaus nicht faͤhig, ihre Empoͤrung laͤnger zu verbergen,»dieſes Anſinnen von Seiten der Dame iſt ſo groß, daß es nur durch die groͤßere Luſt, jene Familie zu verpflichten, uͤbertroffen wird, und ich weiß nicht, woruͤber ich mich mehr wundern ſoll.« Felice ward gluͤhend roth, ein zuͤndender Funke blitzte in ſeinem Auge, und das ſcharfe Geſchoß einer treffenden Antwort war auf die Gegnerinn gerichtet; aber der Muth verſagte ihm vor ihrem Blick, und ſo erwiederte er mit beherrſchter Stimme:»Sie nehmen das zu ſchwer, mein werthes Fraͤulein. Ein Gargon findet in dieſer Zumuthung nicht ſo etwas Großes. Allerdings darf der Landſchafts⸗Director auf meine Ergebenheit rechnen, ſo wie ich hoffe, daß Madame Weihland mir dieſes geringe Geſuch nicht abſchlagen werde.« Es lag ein empfindlicher Trotz in dieſen letzten Worten, die Verſtocktheit eines Schuldbewußten gegen das billige Bedenken ſittlicher Delicateſſe. Pa werde theiler Ihner und! ſeyn ſagte, Es waͤrte zu ſ oog ſ kam der n hofe mir., 79 Pauline hatte ſich indeſſen gefaßt. Sie ſagte:»Ich werde dieſe Ihre Angelegenheit meiner Freundinn mit⸗ theilen, verlaſſen Sie ſich darauf. Franzisca moͤge Ihnen alsdann ſelbſt ihren Beſchluß kund geben, und bis ſie kommt, wollen wir die Sache dahin geſtellt ſeyn laſſen!—« Und wie ruhig dies Pauline auch ſagte, ſo zitterte ſie doch heimlich vor dieſer Reſolution. Es klopfte an die Thuͤre, Pauline oͤffnete, ein Auf⸗ waͤrter ſtand draußen, der den Landſchafts⸗Syndicus zu ſprechen verlangte. Felice eilte herbei, Pauline zog ſich beſcheiden zuruͤck. Nach einigen Augenblicken kam er, um ſich zu empfehlen und ſprach:»Ein Fremder, der mein Freund, und auf ſeiner Durchreiſe im Gaſt⸗ hofe zum goldenen Becher abgetreten iſt, ſchickt nach mir.« Er entfernte ſich ſchnell, und dieſer Abruf ſchien ihm erwuͤnſcht gekommen zu ſeyn. Ein unerfreulicher Eindruck blieb Paulinen von ſei⸗ ner Gegenwart. Die Art, wie er ſich uͤber Franzisca geaͤußert, ſein ausgeſprochenes Verlangen, ſetzten es ihr außer allem Zweifel, daß Felice niemals wie ein Liebender fuͤr die Freundinn gefuͤhlt, und die Idee gehegt haͤtte, ihre Hand zu erhalten, nachdem er ihr das Herz geraubt, um es achtlos, wie entwendetes Gut, das ohne Werth und Nutzen fuͤr ihn ſey, dem Zufalle zu uͤberlaſſen. Die reiche ſchoͤne Wittwe war nicht ſeine Wahl, und ihr Beſitz auch fruͤher nie ſein 80 Wunſch geweſen. Jetzt ſchien er ihr ſogar abgeneigt, dies ſah Pauline nunmehr klar ein. Er hatte mit der Ruhe eines verlierbaren Herzens ein frevles Spiel getrieben, und die arme Franzisca gab all ihr Gluͤck verloren. Und wie leidenſchaftlich war dieſer Undank⸗ bare von ihr geliebt worden! Sie hatte ſeinetwegen den Verluſt eines muſterhaften Gatten leichter verſchmerzt, als dieſer es um ſie verdient, und ſeitdem mehr als Einen ſchaͤtzenswerthen Mann, der ſich um ſie beworben, unbedenklich abgewieſen. Paulinens Gedanken kreuzten ſich hin und her. Und warum verſchmaͤhte Felice die liebenswuͤrdige Frau, welche bei mancher kleinen Eigenheit dennoch gut und edel war? Der Reiz ihrer Geſtalt ruͤhrte ihn nicht oder nicht mehr, und das ſchoͤne Vermoͤgen ließ ihn gleichguͤltig, ob auch Felice unbe⸗ mittelt, und nur auf das Einkommen ſeines Amtes angewieſen, mit dem Ertrage deſſelben fuͤr ſeine luxu⸗ rioͤſen Beduͤrfniſſe nicht reichte. Pauline geſtand ſich, daß dies Verhaͤltniß eine große Demuͤthigung fuͤr den eitlen Stolz ihrer Freundinn waͤre. Sie konnte nicht umhin, dieſe Pruͤfung herzlich zu bedauern, wenn ſie auch uͤberzeugt war, Franzisca wuͤrde mit Felice nicht gluͤcklich geweſen ſeyn. Indem die gute Platon vor dem unvermeidlichen Bericht bangte, den ſie abzuſtatten hatte, und daruͤber ſann, auf welche Weiſe ſie ſich am beſten ihres 2 81 Auftrags entledigen koͤnne, trat Madame Weihland, begleitet von dem Juſtizcommiſſarius, ein; mit heitern, lufterfriſchten Geſichtern kehrten ſie zuruͤck.»War Jemand bei Dir?« fragte Franzisca, und ſah forſchend im Zimmer umher, als fluͤſterten dieſe Umgebungen ihr das Geheimniß der geahnten Naͤhe zu. Pauline beſchloß, auf der Stelle zu ſagen, was ihr obliege, und die Anweſenheit des Schwagers, vor deſſen Scharfblick Franzisca ſich Gewalt anthun muͤßte, zu Huͤlfe zu nehmen. Sie referirte mit ſchonender Indifferenz. Aber Franzisca erbleichte doch zu einer Buͤſte. Sie ſtarrte Paulinen wie unglaͤubig an, waͤhrend Weihland nur ſchweigend mit einem befremdeten Laͤcheln den Kopf ſchuͤttelte, als wenn ihm die Sache nicht hinein wollte. Jetzt bekam der blaſſe Marmor Leben, in den feinen Adern ſchwoll das Blut, und, ein Ausbruch leidenſchaftlicher Selbſtvergeſſenheit, ſagte ſie mit zorn⸗ zitternder Stimme:»Meinetwegen kann er die ganze Familie ſich auf den Schooß nehmen! ich werde mich nicht darum kuͤmmern. Felice irrt ſich, wenn er das hofft.« Pauline blickte beſtuͤrzt nach dem Juſtiz⸗ commiſſarius hinuͤber; dieſer ſchien jedoch die Bloͤße, welche ihm Franziscas Heftigkeit gab, nicht ſcharf aufzufaſſen. Mit gelaſſener Ironie warf er ein:»Be⸗ denke doch, Fraͤnzchen! das muͤßte den Landſchafts⸗ Syndicus, der von ſchmaͤchtigem Bau iſt, geniren, * 5 82 und die Tante, Du hoͤrſt es wohl, pflegt ſich breit und unnuͤtz zu machen. Am Ende gilt die ganze Liebedienerei der alten Matante, die in den Thurm verliebt iſt, ein Beweis, daß ihr der Sinn hoch ſteht.« »Liebedienereil« Du haſt das rechte Wort gewaͤhlt, Ludwig,« ſagte Franzisca, ſchwer gereizt,»ſo muß dieſe armſelige Servilitaͤt heißen, wodurch ein Mann von Ehre ſich herabſetzt. Wie klein erſcheint mir Felice!— Er mag die Folgen tragen; ich kann ihn nicht angemeſſener fuͤr den Mißbrauch meiner Guͤte beſtrafen, als daß ich ſeinen Wunſch gewaͤhre.« »Du wirſt es Dir noch uͤberlegen, Franzisca!« warnte Pauline ſanft, doch mit Nachdruck. »Nein, nein!« entgegnete Madame Weihland, yes iſt beſchloſſen, ich habe meine guten Gruͤnde, mich dieſer Forderung nicht zu weigern. Ich ſehe mir die Ein— quartirung an, ſo lange es mir gefaͤllt; bin und bleibe ich nicht Herrinn meines Hauſes?« Die arme Franzisca ſagte dies mit ſchwankendem Tone, mit unterdruͤckten Thraͤnen— um ihre ganze Herrſchaft ſah es in dieſem Moment uͤbel aus; und indem ihr jedes Glied bebte, fuhr ſie fort:»Beſtelle daher, meine gute Pauline, die blaue Eckſtube fuͤr Felice. Du ſiehſt mich an, daß ich ihm das beſte Gaſtzimmer gebe? Laſſe alles darin wie es ſteht und liegt. Auf dem ſeidnen Sopha kann er ſich in ſtolze Traͤume der Hof Blu ſeine Für 8³ Hoffnung wiegen, mit dem Fuße am Ziele auf den Blumen des Teppichs ruhen— er iſt ja gewoͤhnt, in ſeinen Progreſſen manche ſchoͤne Blume zu zertreten.— Fuͤr die Bequemlichkeit des Herrn von Unſtern und der Seinen mag er ſelbſt ſorgen, ich will ihn dieſes Vergnuͤgens nicht berauben.« „Unſtern!« ſagte der Juſtizcommiſſarius, der, waͤhrend ſeine Schwaͤgerinn ſprach, ſtill vor ſich hingeſehen,»Ein ominoͤſer Name! ich moͤchte mich nicht damit befaſſen. Auch ſieht, der ihn fuͤhrt, gerade ſo aus, als beuge das Verhaͤngniß ihn nieder. Nun, das Hauskreuz, was er an der Tante uͤberall mit herumſchleppt, mag ſchwer genug druͤcken.— Der Landſchafts-Director wuͤrde es nicht tragen, wenn ihn die Noth nicht dazu zwaͤnge. Er ſoll in zerruͤtteten Umſtaͤnden ſeyn. Er hat gebaut, raſtlos gebaut— daruͤber iſt ſein Wohlſtand geſunken, manches Unheil iſt uͤber ſeinem Haupte eingebrochen— ſeinen Finanzen droht gaͤnzlicher Ruin. Nun iſt er in die Stadt gezogen, um ſich einen Schwiegerſohn zu ſuchen, der ihm aufhelfe; doch Felice duͤrfte dieſe Stuͤtze ſchwerlich ſeyn.« Er belaͤchelte die Thorheit dieſer Einbildung. »Er denkt es doch aber,“« verſetzte Franzisca haſtig und heftig wie vorher, yer haſcht nach dieſem Gluͤcke, das ihn gewaltig truͤgen wird. Das Erbtheil der Tante will er nach der Maͤnner Weiſe erliſten und 84 erraffen, und dazu eine feine Hand, um die er ſich in aller Devotion bewirbt, und welche ihm mit dem Trauringe eine Gnade zu ertheilen daͤchte.« »Wehe dem Manne,« antwortete Weihland, aufrich⸗ tigen Ernſt in der Miene,»der ſie annehmen moͤchte, der nicht vornehm genug denkt, ſeiner Gattinn Bedeu⸗ tendheit zu geben, anſtatt ſie von ihr zu empfangen! ich kann dem Landſchafts-Syndicus kaum ſolch eine Selbſtverblendung zutrauen. Er ſcheint doch ſonſt einen praktiſchen Blick zu haben.« »Das juͤngſte Fraͤulein,« nahm Pauline das Wort, »Adelaide hoͤrte ich es nennen, iſt ſchoͤn, aber von ungemein ſtolzem Anſehen; ich moͤchte es daher nicht geneigt halten, ſeine hochadelige Sphaͤre zu verlaſſen. Aus dieſen Zuͤgen ſpricht kein Herz— ließe ſich mit unſerm Schiller ſagen, und ein Herz iſt es, was Felice vor allem bedarf, weil es ihm ſelbſt an Gemuͤth fehlt.« Franzisca ſeufzte bei dieſer Rede. Sie fuͤhlte an dem ſtarken Klopfen ihres Buſens, daß es ihr an dieſer Mitgift fuͤr den treuloſen Freund nicht geman⸗ gelt haͤtte. »Die aͤlteſte Unſtern—« entgegnete der Juſtizcom— miſſarius, yich habe ſie auf dem Balle in Betracht genommen— iſt eine hoͤchſt intereſſante Erſcheinung. Sie muß jedoch um viele Jahre mehr zaͤhlen, als die 85 juͤngere, auch ſind ſie, wie ich weiß, nur zugebrachte Schweſtern. Sie iſt ein vollendet reizendes Charak⸗ terbild. Ihre Haltung iſt feſt, doch grazids, und in den weichen Linien des Geſichts druͤcken Geiſt und Muth ſich aus. Und ihre Augen, potz Tauſend! dieſe Augen— aber ſie glimmen duͤſter und ein wenig feindſelig, und ich moͤchte nicht unter dem Einfluſſe dieſer dunkeln Geſtirne ſtehen. Ihr Name iſt Clau— dine, das heißt die Verſchloſſene, Heimliche, ſo ſieht ſie mir auch aus. Unter dem Neſte der ſchoͤnen braunen Haare mag mancher Gedanke ausgebruͤtet ſeyn, und wenn man mit dem kleinen goldnen Uhrwerke, das ſie traͤgt, ihre linke Seite repetiren laſſen koͤnnte——« »Du haſt das Fraͤulein ſehr genau in das Auge gefaßt, wenn nicht gar in das Herz—« unterbrach Franzisca, hoͤrbar geaͤrgert, ihren Schwager, vich merke, die Begeiſterung des Beifalls ſteckt an wie ein hitziges Fieber. Man erlebt es noch, daß Du mit Felice rivaliſirſt.« »Nein, nein mein Schweſterchen!« antwortete er mit der kaltbluͤtigſten Ruhe,»unſer Geſchmack iſt himmelweit unterſchieden, ich kenne den ſeinigen, und moͤchte daher behaupten, daß Claudine Unſtern kein Gegenſtand fuͤr ihn ſey!»Nun?« fragte Franzisca verlangend, und auch Paulinens Blick bat ihn um naͤhere Erklaͤrung. 86 »Es war im Weinhauſe bei Posca,« ſprach Weih⸗ land,„wo wir einſt— ein luſtiges Convivium— uͤber dieſen Punkt offenherzig wurden. Der Gerichtsrath Haͤndel hatte eben ſeine Verlobung angezeigt, und man uͤbergab mir feierlichſt die Junggeſellen-Lade. Immerhin! ſagte ich, das Vorſteher-Amt kann auch an einen Andern kommen; denn es wechſelt mit uns wunderbar. Nun ward ein langes Capitel uͤber den Eheſtand abgehandelt, Jeder ſagte ſeine Forderungen an die von ihm zu Erwaͤhlende aus. Mein Himmel! welche diverſen Sorten von Geſchmack, welche naͤrri⸗ ſchen Widerſpruͤche kamen da zum Vorſchein!— Eine kluge Frau— es waren Unſerer neune— wollte nur Einer, und dieſen Einen brauche ich nicht zu nennen.« „»Und Felice?« fragte Franzisca in aͤußerſter Span⸗ nung. »Er verlangt,« antwortete der Juſtizcommiſſarius, mit Nachſinnen im Blick, waͤhrend ein Zug von Spott um ſeine Lippen ſpielte,»die erſte Jugendbluͤthe an ſeiner kuͤnftigen Gattinn, und eine roſige Geſundheit, zum Aufplatzen; auch muͤſſe dieſe Geſundheit Dauer verſprechen, denn Kraͤnkeln und Klagen ſey ihm in den Tod zuwider.— Da mußt Du Dir einen Buͤrgen ſuchen, ſchrieen die Andern betaͤubend auf ihn ein. Er aber ließ ſich nicht aus dem Contert bringen, und fuhr fort: ferner muͤſſe er das Maͤdchen, das er hei— rathe nicht. jiehen bring ſeiner Freit des Umg gena von ſeyn F durc 87 rathen ſolle, nicht lange kennen und weſentlich erſt gar nicht. Der Reiz der Fremdheit nur wuͤrde ihn mit an— ziehenden Kraͤften zu einer unaufloͤslichen Verbindung bringen koͤnnen; und Muͤhe muͤſſe ihm die Erfuͤllung ſeiner Wuͤnſche koſten, wenn ſie ihm um den Preis der Freiheit werth und theuer ſeyn ſollten. Der Nachbar des Felice verſicherte hingegen: Nur ein freundſchaftlicher Umgang, der ihn mit der Gefaͤhrtinn ſeines Lebens genau bekannt und deſſen gewiß gemacht, was er von ihr erwarten duͤrfe, werde ihm die Baſis der Ehe ſeyn. So ungleich iſt der Menſchen Art und Sinn!« Franzisca verſchwand, da ihr Schwager ausgeredet, durch die Tapetenthuͤre. Weihland ſah ihr ſtill ver⸗ wundert nach, und Pauline ſagte mit Goͤthe:»Eines ſchickt ſich nicht fuͤr Alle, ſehe Jeder wie er's treibe, ſehe Jeder, wo er bleibe, und wer ſteht, daß er nicht falle.« Der Juſtizcommiſſarius ſtand auf.»Es iſt heut Loge,« ſprach er, wie aus einem fluͤchtigen Traum erwachend,»vorher habe ich noch eine kleine Verrich⸗ tung, und ich vergeſſe mich hier wie immer. Gruͤßen Sie die Schwaͤgerinn. Gute Beſſerung, arme, liebe Platon! Ihre Wange wirft Strahlen— ſie brennen mir in das Herz.—« Pauline blickte ihn dankbar an; ihre Augen wollten ein klein wenig unter Waſſer treten, weil der empfun⸗ dene Schmerz durch des Freundes Beklagen in ihr 88 aufgerufen ward.»Das Mitleid kleidet Sie!« ant⸗ wortete ſie mit einem zweifelhaften Laͤcheln. »Dafuͤr iſt es auch die waͤrmende Huͤlle fuͤr ein verhaͤltnißmaͤßiges Gefuͤhl, und jeder edlen Regung gerecht—« erwiederte Weihland nicht ohne einen kleinen Anflug von Stolz auf die geruͤhmte Theilnahme. Er wickelte ſich in ſeinen Mantel, verbeugte ſich zum kurzen Abſchied, und die Thuͤre ſchloß ſich hinter ihm. »Was war das?« fragte ſich Pauline, yer ſpottete mein wohl?« Sie ſtand noch auf derſelben Stelle wie feſt gebannt, ihr Blick wurzelte am Boden, als Fran⸗ zisca, durch die eingetretene Stille aus ihrem Cloſet gelockt, dieſe tiefen Gedanken ſtoͤrte. Pauline ſchaute auf, das blaſſe Geſicht ihrer Freun— dinn war der Spiegel einer Seele, worin das Ver⸗ ſcheiden der Liebe den ganzen Haushalt der Empfindung verſtoͤrte. »Was habe ich hoͤren muͤſſen!« brach Franzisca in vorwurfsvolle Klagen aus,„jetzt, Pauline, iſt es auf ewig vorbei, ich kann Felice ſogar nicht mehr achten. O! er hat mir ſeine innerſte Geſinnung geſchickt ent— zogen, und ich ließ mich taͤuſchen. Wie wird er die kraͤnkliche, hinwelkende Wittwe verlacht haben, welche ſeines Herzens ſicher zu ſeyn glaubte. Du aber haſt ihn erkannt! ich trauete Deiner einſichtsvollen Warnung nicht, doch ihm, dem Falſchen, ungemeſſen.« 89 »So traue mir nun deſto mehr,“« redete ihr Pauline beſchwichtigend zu, indem ſie ſich fuͤr das Beduͤrfniß der leidenden Freundinn zuſammennahm, und das eigene Herz vergebens um Antwort auf jene Fragen pochen ließ, wenn ich Dich dringend bitte, Dich nicht zu uͤbereilen. Das Wort der Genehmigung, haͤtteſt Du es dem Landſchafts-Syndicus einmal gegeben, koͤnnte nicht zuruͤckgenommen werden, und ich bin uͤberzeugt, Du wirſt die Naͤhe einer Familie, welche in Dein inneres und aͤußeres Leben ſtoͤrend eingreift, auf die Laͤnge nicht zu ertragen vermoͤgen. Du kannſt es auch bei aller Umſicht nicht beurtheilen, in wie weit Du Dich mit dieſen Unſterns belaͤſtigen wuͤrdeſt, und moͤchteſt einen Entſchluß zu ſpaͤt bereuen, dem meine freundſchaftliche Sorge um Deine Ruhe vorbauen will.« „»Da Felice,« antwortete Franzisca mit jenem Eigen⸗ willen einer leidenſchaftlichen Frau, der eher das Herz als der Sinn zu brechen,»dieſe Familie in mein Haus Meinfuͤhrt, waͤre es auch nur auf die kuͤrzeſte Zeit, ſo zieht er eine Scheidewand zwiſchen uns, die fuͤr immer vorhaͤlt.« »Alſo eine Schutzmauer gegen einen moͤg fall in die Schwachheit fuͤr Felice ſoll dieſe bewegliche Hausgemeinſchaft Dir ſeyn?« fragte Pauline in einem Tone, der, was er tadeln muͤßte, lieber unbegreiflich finden mag:»So wenig waͤreſt Du Deiner jetzigen 90 Anſicht ſicher? Liebſte Franzisca! Du ſtuͤtzeſt Dich auf ein wankend Rohr, Du mußt verſinken in Truͤb⸗ ſinn, und meine treue Hand koͤnnte Dich nicht halten. Suche Feſtigkeit in Dir ſelbſt. überlaſſe Felice ſeinem Schickſale, und das Deinige der Fuͤhrung des Himmels. Wer Liebe verdient, wird ſie finden fruͤher oder ſpaͤter, und jeder getaͤuſchten Zuverſicht wird einſt vergolten.« Franzisca wandte ſich ab, unter entſtuͤrzenden Thraͤ⸗ nen. Sie blieb eine Weile ſtumm, und ſagte dann mit erſtickter Stimme:»Du haſt in dieſem Troſte mein Herz ſchwer getroffen; es erliegt eben dem Gefuͤhle, wie Gott vergilt.« Pauline blickte ihre Freundinn beſtuͤrzt an, aͤngſtlich, ihr wohlmeinend Leides zugefuͤgt zu haben; doch Fran⸗ zisca fuhr fort, und ihre Seele ſtroͤmte in dieſer Er— leichterung aus:»Ich gedenke meines guten Mannes, und moͤchte ihm die Miene, womit ich ihn jemals beleidigt, das kleinſte Wort, das ihn von mir gekraͤnkt, tauſendmal abbitten. Sieh! als er das erſtemal um mich warb, wies ich ihn ſchnoͤde ab, und achtete nicht auf den Rath der Freunde und der thraͤnenden Bitte meiner Mutter. Ich war ein armes Maͤdchen, aber jung und lebensfroh, und die Thore der Hoffnung ſtanden mir weit, weit! offen. Meine Mutter konnte das Gluͤck nicht verſchmerzen, das ihre Tochter leicht⸗ ſinnig von ſich geſtoßen. Sie hatte aus Neigung gehe liebe Em Ger meh Laſt mer ich gehe mei und 91 geheirathet, und wohl zu lange mit Sorgen um das liebe Auskommen gekaͤmpft, um dem entſchloſſenen Ernſte, womit ich den reichen Banquier ausſchlug, Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen. Sie legte nun— mehr den Druck ihrer beſchraͤnkten Umſtaͤnde mir zur Laſt, manchen Vorwurf, der mir das Leben verkuͤm⸗ merte, mußte ich ertragen, bis der letzte, der ſchwerſte, ich haͤtte ihre Tage durch Freude an meinem Wohler⸗ gehen verlaͤngern koͤnnen, mit ihrem Sargdeckel auf mein Herz fiel. Nun ſtand ich einſam in der Welt, und war aus eitlen Traͤumen erwacht, da meine Mutter die Augen geſchloſſen. Ein Verwandter, der noch eine kleine Forderung an die liebe Selige hatte, draͤngte mich hart. Es war umſonſt, daß ich ihn durch die Schilderung meiner Lage zu ruͤhren ſuchte, und flehend bat, er moͤchte mir noch eine kleine Nach⸗ ſicht ſchenken. Er warf mir vor, ich koͤnnte es beſſer haben, wenn ich nicht die Koſtbare geſpielt, und die redliche Abſicht ehrenwerther Maͤnner verachtet haͤtte. Ich verging faſt vor Schaam und Schmerz, daß der rohe Menſch ſich dies gegen mich erlaubte. Das Herz war mir beklommen, daß ich nicht athmen konnte, es wallte mir ſiedend heiß in der Bruſt— in Angſt und Haſt reiße ich das Fenſter auf, und ein Thraͤnenſtrom begoß die Raute, welche es vergitterte. Da— o Pauline! ich werde dieſen Moment nicht 92² vergeſſen, ſo lange ich einer Erinnerung faͤhig bin— kommt Weihland gegangen und ſtutzt, als er den Klang des Fenſters hoͤrt. Gott leitete ſeinen Schritt in jener drangvollen Stunde auf dieſe Straße, er lenkte auf ſein Herz, und wendete das meinige mir im tiefſten Buſen.— Beſchaͤmt verbarg ich das ver⸗ weinte Geſicht, aber mein Blick war dem ſeinen ſchon begegnet. Er trat in das Haus. Der unbarm⸗ herzige Vetter machte große Augen, und erſchrak wie ein Beſchwoͤrer, wenn der Geiſt, den er keck citirte, nun wirklich erſcheint. Ich nahm keinen Anſtand, gepreßt wie ich war, ihm meine Noth zu klagen, und um ſeinen Schutz gegen die gierige Haͤrte des Vetters zu bitten; doch im Nu war dieſer Glaͤubiger wie ver— wandelt. Weihland tilgte auf der Stelle dieſe Schuld, und verpflichtete mich mehr noch durch die edle Weiſe, womit er ſich dabei benahm. Damals hatte ich ein Gefuͤhl von der Sicherheit, und dem Muthe, welche der Reichthum einfloͤßt, wie von dem Beiſtande, den die Frau eines wuͤrdigen Mannes an ihm hat, daß ich meinte, es gaͤbe keinen Angriff fuͤr die Gattinn eines Bemittelten.« »Von dieſer Zeit an lernte ich den ganzen Edelſinn meines Mannes kennen. Er handelte fuͤr mein Beſtes, und ſchonte mich doch in den Vortheilen, die ihm meine Lage gab; und als er mir endlich ſeinen Antrag erne lösl der haͤ ethe ver. lich ftd 93 erneuerte, hatte die Dankbarkeit mich ihm ſchon unauf⸗ loͤslich verknuͤpft. Ach Pauline! warum konnte ſich der Gedanke, daß ich in ihm meinen groͤßten Wohl⸗ thaͤter lieben und ehren muͤſſe, nicht in gleicher Staͤrke erhalten?— Die zaͤrtliche Guͤte meines Mannes verwoͤhnte mich, ich zeigte mich nicht immer ſo erkennt— lich dafuͤr, wie ich geſollt, und haͤtte ihm manchmal die beunruhigende Sorge erſparen koͤnnen, wie er mich froͤhlich ſehen moͤge. Was er auch that, die Freuden des Beſitzes um mich zu haͤufen, ich betruͤbte ihn nur zu oft durch den unbewachten Ausdruck von Un⸗ zufriedenheit.« »Franzisca,« ſprach Pauline, als Jene mit einem krampfhaften Seufzer inne hielt,»richte Dich doch auch nicht zu ſtrenge! Du haſt es nie an Beweiſen innigſter Achtung fuͤr Deinen Mann fehlen laſſen, und Dein Blick war ſeines Lebens Strahl. Es mag zudem in der Natur der zeitlichen Guͤter liegen, daß ſie ſchnell ſaͤttigen, und ein junges Herz bedarf noch einer andern Liebe, als welche die Pflicht lehrt. Be⸗ denke auch den Unterſchied der Jahre zwiſchen Dir und ihn, und den Standpunkt, welchen der ſelige Weihland durch den ſoliden Ernſt ſeiner Denkart ein⸗ nahm, der Deinem jugendlichen Sinne entgegen und ſo uͤberlegen war, daß nur die Hochſchaͤtzung und kein gleichartigeres Gefuͤhl in Dir vorherrſchen konnte.“« 94 »Woran mahnſt Du mich!« rief Franzisca beklom⸗ men,»dieſen Unterſchied habe ich nur zu ſehr bedacht, hingegen das Verdienſt meines Mannes nicht genug erwogen, wenn ich mein bischen Reiz und guten Willen in die Wagſchale legte, die das Gleichgewicht der Ehre haͤlt. So ſank ich zu der Meinung herab, ich haͤtte ihn begluͤckt mit dieſer armen Hand, die ſonſt ihr Brod durch Fleiß haͤtte erwerben muͤſſen. Ich war es, die ohne Argliſt den Gedanken in ihm erregte, den Landſchafts⸗Syndicus in das Haus zu nehmen, auf daß wir einen freundſchaftlichen Geſellſchafter an ihm haͤtten. Er that nach meinem Wunſche— nun geſchieht mir eben ſo. Ich bin noch ziemlich jung, und dennoch zu alt fuͤr Felice. Mein Umgang genuͤgt ihm nicht mehr, und in dieſelben Zimmer, welche ich fuͤr ihn ſchmuͤckte, nimmt er Menſchen auf, die mir fremd, ja feindlich ſind, weil ſie mich aus dem Antheile ſeiner Beruͤckſichtigung verdraͤngten, den ich noch mein Eigenthum nannte. So kommt mir nun dies Ver⸗ haͤltniß als eine Buße vor, der ich mich, willig oder nicht, unterziehen muß.« Hier endete Franziscas lange Explication. Waͤhrend Madame Weihland alſo ſprach, angehoͤrt von Ihrer Freundinn mit allen Zeichen naher Theil⸗ nahme, gingen betrachtende Gedanken durch Paulinens Seele, und ein religioͤſes Gefuͤhl bewegte ihr Gemuͤth 95 bei Franziscas letzteren Worten. Sie gedachte der zahllos wunderbaren Taͤuſchungen, unter denen das Herz ſchlaͤgt, ſo wie des geheimen Zuſammenhanges, den der innere Richter, als Repraͤſentant der ewigen Wahrheit, zwiſchen unſere Thaten und unſere Leiden und Freuden verhaͤngt.— Daß Franzisca bei wider⸗ ſtrebender Geſinnung dennoch entſchloſſen war, die Familie von Unſtern in ihr Haus aufzunehmen, und ſie in naͤchſte Gemeinſchaft mit Felice zu bringen, der, allzuempfaͤnglich fuͤr jede Neuheit, ſeinen alten Umgangs⸗ Verhaͤltniſſen dadurch entſchieden verloren gehen wuͤrde, kam ihr nicht allein wie ein verzweifeltes Sicherheits⸗ mittel, ſondern analog der Neigung derer vor, welche in einer Miſchung von Neugier und Grauen gern Geiſtergeſchichten in Anregung bringen, denn die Eifer— ſucht iſt ja auch eine Art der Geſpenſterfurcht. Daß endlich die Wittwe in ihrer erſten Anordnung den abtruͤnnigen Hausfreund, ſtatt ihn zu verbannen, wie er es verdient haͤtte, in ihr beſtes Gaſtzimmer logirte, und ihn mit Glanz und Geſchmack umgab; dieſe Großmuth— ob es auch einem edlen Sinne ziemen mag, ſich ſo wuͤrdig zu raͤchen— ſchien doch der fein— bemerkenden Geſellſchafterinn nur ein Verſteck fuͤr die Liebe, und ſie bedauerte Franzisca, daß ſie, unbewußt der Gefahr, den Feind ihrer Ruhe noch hegen und pflegen wolle. 96 »Wie magſt Du Dich nur ſo quaͤlen, Du arme Liebe!« ſagte Pauline mit dem Tadel der Freundſchaft. »Du wuͤrdeſt Dir und mir viel Unruhe erſparen, wenn Du den Muth haͤtteſt, guͤtig gegen Dich ſelbſt zu ſeyn. Aber Du biſt eigenſinnig, Franzisca! Du giebſt nichts auf meinen treuen Rath, und ich muß Dich der Er⸗ kenntniß uͤberlaſſen, wie viel beſſer Du gethan, wenn Du mir diesmal gefolgt haͤtteſt. Noch waͤre es Zeit, Dich eines andern zu beſinnen—« »Nein, nein!« unterbrach Madame Weihland ihre Rathgeberinn in Haſt, als fuͤrchtete ſie, die milde überredungsweiſe Paulinens koͤnnte Sieg gewinnen uͤber ihren voreiligen Entſchluß, yes iſt einmal be⸗ ſtimmt, rede nichts darein, Pauline. Morgen laſſe ich den Landſchafts⸗Syndicus zu mir rufen, und ſage ihm, daß er ſich immerhin dem Herrn von Un⸗ ſtern— oder den Toͤchtern vielmehr— auf die nach⸗ geſuchte Weiſe gefaͤllig machen moͤge. Ich habe nichts gegen dieſe Verbindlichkeit, noch etwas da— wider, daß eine Verbindung daraus werde. Ich verſichere Dir, Felice iſt mir in dieſem Augenblicke voͤllig gleichguͤltig.« »In dieſem Augenblicke,« wiederholte die Platon,»ja, ich glaube es Dir.« »Ich ſchaͤtze keinen Mann mehr!« ſetzte Franzisca mit geſteigertem Tone, unaͤhnlich dem, womit die ſpan Pau F Vil perſ und erſto ſpie Ma ihr 97 ſpaniſche Koͤniginn dies geſagt haben moͤgte, hinzu. Pauline ſchwieg laͤchelnd. Frau von Gardemer gebrauchte die Freiheit ihres Willens, um der Familie des Ephraim ihre Fuͤrſorge perſoͤnlich zu beweiſen. Sie ging taͤglich einmal hinuͤber, und ihr Anblick wirkte wie Fruͤhlingsmilde auf den erſtorbenen Sinn der Juͤdinn. Perle mußte die Harfe ſpielen und dazu ſingen. Die ſilberne Stimme des Maͤdchens zitterte zwar anfaͤnglich in Bloͤdigkeit; aber ihr ſchmelzender Wohllaut und die einfache Poeſie der Verſe ging aus tiefinnerſter Gluth hervor. Luzie hoͤrte in warmer Ruͤhrung dieſem kindlichen Geſange zu. Die ſeelenkranke Mutter horchte, waͤhrend Tropfen aus ihren Augen fielen, die der Saiten heller Klang ihr entlockte; wie eine Rebe, welche ſtarr und unbe⸗ wußt weint, als wuͤrde ſie noch einmal die Frucht des Geiſtes tragen, in Friede und Freude. So war die Wittwe des Majors eines Tages druͤben in der Wohnung der juͤdiſchen Hausgenoſſen, und weilte vor den Toͤnen der Tochter und den Thraͤnen der Mutter. Die Sonne ſchien freundlich, die Harfe rauſchte verborgen und doch laut, die Zweige des winterlichen Stammes ſchuͤtterten im Winde, als waͤr's der ſingende Baum, der dieſe melodiſchen Klaͤnge in Hanke Wittwen 1r Theil. 5 98 die Luft hauchte;— da ſchritt ein Offizier durch die Flur des Hauſes, den Eingang der Treppe zu ſuchen, welche vom innern Hofraume nach dem vordern Ge⸗ baͤude fuͤhrte. Er ſtand betroffen von dem unerwartet muſikaliſchen Empfange und blickte verwundert umher; doch nicht lange. Sein ſtrebſamer Fuß fand ſich bald zurecht; er haͤtte uͤberdies die Harmonie der Sphaͤren, wenn ſie ihm hoͤrbar geweſen, hinter ſich gelaſſen, um einem ſeligen Momente zuzueilen. Es war der Capitain Troja, der die Geſpielinn ſeiner Kindheit, die Geliebte ſeiner Jugend, nach langer ſchmerzlicher Trennung wiederzuſehen kam. Er hatte den Vorſaal erreicht, ohne einer dienſtlichen Seele zu begegnen, die ihn der Dame des Hauſes haͤtte melden koͤnnen. So ſtand er abermals zweifelhaft und wartend; er hoͤrte den Schlag ſeines Herzens in der kloͤſterlichen Stille dieſer Umgebung, und es war ihm, als wuͤrde Luzie im ſchwarzen Schleier— ſeine Phantaſie vermengte die Begriffe ihres Verluſtes— aus einer der weißen Thuͤren, deren er mehrere hier ſah, entgegen treten. Mechaniſch griff er an den blanken Druͤcker der naͤch⸗ ſten— ſie war offen; der Capitain lehnte den Fluͤgel weit auf, und der erſte Blick nach Innen uͤberzeugte ihn, daß er das Wohnzimmer ſeiner Freundinn ge⸗ troffen. Ein haͤusliches Mirakel hielt die Domeſtiquen der Frau von Gardemer im oberſten Stockwerke ver⸗ 99 ſammelt, und Cordelia, welche das Amt der Schluͤſſel verwaltete, hatte, getrieben vom Drange der Neugier, und ſicher, daß ihre Dame nicht beſucht, oder ſonſt angegangen wuͤrde, leichtſinnig ihre Pflicht verſaͤumt. Der Capitain maß mit leiſen Schritten, als haͤtte er hier kein Recht, ſtark aufzutreten, die Laͤnge des Zim⸗ mers, er zog tiefen Athem aus der beklommenen Bruſt, denn der Athem einer theuren, lieben verlernten Naͤhe ſaͤuſelte hier, wie wenn Luͤfte der Heimath um den Fremdling wehen. Er war dieſer Minuten froh, und der Gedanke, wie er Luzien finden werde? eilte dem Wunſche zuvor: ſie moͤchte kommen. Alles, was er hier ſah, hatte eine ſprechende Stimme fuͤr ihn, war beruͤhrt von ihrem Geiſte; doch als er ihr Portrait erblickte, da hatte er fuͤr nichts Anderes Sinn und Sehkraft mehr. Um den Rahmen von echter Bronze war ein Immortellenkranz geſchlungen, womit die Zofe den Geburtstag der Gebieterinn in ſentimentaler über⸗ raſchung gefeiert, und die guͤtige Frau, dankbar fuͤr jeden kleinſten Beweis der Ergebenheit, hatte den Kranz ihrem Bilde gelaſſen. Capitain Troja ſtand mit trunkenen Augen davor, in Schauen verſunken; ſeine Bruſt arbeitete heftig gegen die ſuͤße Gewalt dieſes Anblicks. Dies war Luzie, wie ſie leibte und lebte! eben der unbeſchreib⸗ liche Zug um den ſuͤßen Mund, der ihn zu tauſend⸗ 5* 100 malen entzuͤckt und angezogen; auch jetzt fuͤhlte er die magnetiſche Kraft dieſes kleinen, halben Laͤchelns, deſſen vollen Reiz der Maler empfunden haben mußte, weil er es ſo treu wieder gegeben. Der blaue Himmel dieſer Augen, ſo klar! ſo ſtrahlend! als haͤtte kein Woͤlkchen ihn jemals getruͤbt— das lichte, braͤunliche Lockengeringel, anſchmiegend den feinen Schlaͤfen und der ſchoͤnen Form des Scheitels, die Perlen, in blaſſem roͤthlichen Schimmer, beſchaͤmt vom Schnee des Halſes, die Beugung des Hauptes, worin doch, bei aller Friſche der Jugend, die Ahnung eines ſchweren Schickſals lag; dies Alles bildete ein Ganzes, was den Capitain aus ſich ſelbſt ſetzte, und in die ſchoͤnſte Zeit ſeines Lebens, in eine Welt der Erinnerung entruͤckte. Wie ward das Vergangene ihm ſo gegenwaͤrtig! Die taͤuſchende Kunſt des Pinſels, ſo lebendig und ſo wahr! Jener goͤttliche Hauch, der Pygmalions Werk belebte, gab Luziens holdem Geſicht Seele, eine Seele der Liebe. Sie ſchien zu athmen, zu laͤcheln— das Bild wankte wie im Beben der Gefuͤhle hinter einem feuchten Schleier— die maͤnnlich blitzenden Augen, welche es unverwandt anſtarrten, um es in ſich aufzunehmen, ſtanden voller Thraͤnen. In dem unſterblichen Kranze, der ſein Idol umfaßte, draͤngten ſich Blumen aus Eden, und Paradieſe voll Lebensfuͤlle bluͤhten um ihn auf. 101 Wir uͤberlaſſen den Capitain fuͤr eine kleine Zeit ungeſtoͤrt dieſer ruͤckerinnernden Wonne, um in Kuͤrze unſeren Leſern die einfache Geſchichte der fruͤhern Be— kanntſchaft Trojas und Luziens mitzutheilen. Der Vater der Frau von Gardemer, Rath Clarburg, war vormals, als ein geſchickter und geſchaͤtzter Juriſt, im Criminal⸗Senat angeſtellt geweſen. Einer ſeiner Unterbeamten, dem er blindes Vertrauen ſchenkte, zeigte ſich deſſen ſo unwerth, daß er den argloſen Goͤnner durch eine ungeheure Veruntreuung in eine peinliche Lage brachte, und ihm nicht allein großen Schaden zufuͤgte, ſondern ihm auch jede ſchwere Folge der Verantwortlichkeit empfinden ließ. Der Verdruß, ſich an der Ehre ſeiner Einſicht gekraͤnkt zu ſehen, nagte an ſeiner Geſundheit, und verleidete ihm ſein Amt. Da der Rath doch ſo viel Vermoͤgen beſaß, um noͤthigenfalls auch ohne ſein Einkommen beſtehen zu koͤnnen, ſo faßte er den Entſchluß, darauf zu reſigniren. Er nahm ſeine Dimiſſion, und kaufte ein huͤbſches Landguͤtchen, nicht weit von der Hauptſtad entlegen, Kloſtergarten genannt, vermuthlich deßhalb, wei! das Schloßgebaͤude vor grauen Zeiten ein geiſtliches Stift geweſen, und noch Spuren ſeiner ehemaligen Beſtim⸗ mung zeigte. Uralte Eichen, bemooſ'te Linden, die duͤſtern Ahnen des Gartens, an welche keine unhei⸗ lige Art ſich gewagt, ſtanden noch, waͤhrend ſo manches 102 Geſchlecht der Menſchen an das irdiſche Ziel gelangt war. Die Kirche, noch kenntlich an vielen Abzeichen ihrer urſpruͤnglichen Geſtalt, war ein Kornboden, und an der gewoͤlbten Decke ließen ſich deutlich Bilder aus der Apokalypſe unterſcheiden. An den vier Ecken lehnten die Engel, welche die Winde der Erde auf⸗ halten, aber ach! ihre Kraft war ſchwach geworden, denn der alte Aeol lugte pfiffig durch die Spalten des Daches und blies auf das hohe Meer des Getrei⸗ des, daß es abwaͤrts rieſelte. Ein anderer Engel fuͤlte das goldne Rauchfaß mit Feuer vom Altare der Emporkirche; blaſſe Blitze zuckten dahinter und finſtere Wetter ſchienen uͤber der myſtiſchen Staͤtte zu ſchwe— ben.— Die Corridors im Schloſſe waren als vor— malige Kreuzgaͤnge nicht zu verkennen, und uͤber der Bruſtwehr eines Ziehbrunnens im hintern Hofe erhob ſich ein ſteinernes Cruzifir, das mit craſſem Schmerz in den runden Waſſerſpiegel niederſchaute. Der Rath Clarburg zog mit leichtem Herzen nach Kloſtergarten. Er ſchuͤttelte den Actenſtaub von ſeinen Fuͤßen, der Veraͤnderung froh, woran eine Lieblings⸗ neigung, die ihn beherrſchte, vielleicht eben ſo viel Theil gehabt, als die Kraͤnkung, der ſein Muth erlegen war. Er beſaß eine Schmetterlingsſammlung, und hoffte, in der Freiheit des Landlebens dieſen unſchul⸗ digen Freuden erfolgreicher als bisher nachjagen zu 103 koͤnnen. Kein Kriegsminiſter in ſeinem Cabinet uͤber⸗ laͤuft die Liſten der gemachten Eroberungen und zaͤhlt die Gefangenen mit gleichem Stolz, wie der Rath die ſeinen; die tuͤrkiſchen Executionen, denen er ſie unter⸗ warf, machten ihm die widrigen Eindruͤcke des hoch— nothpeinlichen Halsgerichts vergeſſen, dem er Beiſitzer geweſen war. Genug, der neue Gutsherr war ſeelen⸗ vergnuͤgt, und nur zwei Dinge fehlten ſeinem Gluͤcke: die Naͤhe ſeiner Tochter erſter Ehe, welche an den Regiments⸗Quartiermeiſter Lerſe verheirathet war, und der Umgang ſeines liebſten Freundes, des General⸗ Stabsarztes Troja. Ein kleines Guͤtchen, welches jedoch nicht zu der Domaine des Raths gehoͤrte, und durch ein altes Grundrecht geſondertes Eigenthum war, ſtand den herrſchaftlichen Gebaͤuden zunaͤchſt. Ein hageſtolzer Edelmann, Namens von Roſt, war dermaliger Beſitzer davon. Er hielt keine Gemeinſchaft mit Clarburgs, und der Rath bedauerte ſehr, eines umgaͤnglichen Nachbars zu entbehren. So oft der General⸗Stabsarzt ſeinen Freund beſuchte, fuͤhrte dieſer ihn an die Grenze des Gartens, von wo ſie in das nahe Gebiet des Herrn von Roſt ſchauen konnten, ſprach mit ihm vom ſcheuen Weſen dieſes Finſterlings, und ſetzte dann jedesmal mit Sehnſucht hinzu:»Wenn Du da druͤben wohnteſt, Troja! wie gluͤcklich wollten wir leben. 104 Die Stadt iſt nicht weit, und Du haſt ja ſchon manchmal davon geſprochen, mit der Zeit Deinen Abſchied nehmen zu wollen. Wir riſſen das morſche Gebaͤlke ein, ein huͤbſches Landhaus waͤre bald auf⸗ gefuͤhrt—« ſie bauten ein Schloß in die Luft. »Was meinſt Du, Alter?« ſetzte der Rath in ſeiner frohen Aufregung hinzu,»wenn der Eiſenfreſſer dort einmal zuſammenbricht— darf ich—« der General— Stabsarzt druͤckte ihm laͤchelnd die Hand, und Clar— burg meinte, die Vollmacht empfangen zu haben. Es gefiel der Vorſehung, dieſe Traͤume zu ver⸗ wirklichen; kein Wort faͤllt umſonſt. Ein halbes Jahr war ſeitdem vergangen, da hieß es, der Herr von Roſt ſey geſtorben, und der Rath handelte ſchnell, ſich des Freiguts im Namen ſeines Freundes zu ver⸗ ſichern. Der General⸗Stabsarzt erſchrak, als er Meldung von den fuͤr ihn geſchehenen Schritten erhielt. Er hatte dieſen Plan fuͤr nichts mehr als eine freund⸗ liche Idee gehalten, und nun, da es zur Ausfuͤhrung kam, ſtanden ihm Schwierigkeiten entgegen. Der General-Stabsarzt bezog einen großen Gehalt, und wenn ſein Poſten ihm auch manche Beſchwerde auf⸗ legte, woruͤber er ſich in uͤberhaͤuften Stunden voll Unmuth beklagte, ſo ließen ſie ſich dennoch bei ruͤſtigen Kraͤften ertragen, und Troja war kein Mann weder fuͤr die Ruhe, noch fuͤr die laͤndliche Sconomie. Er 105 haͤtte zudem auf ſeinen Einfluß nicht verzichten moͤgen, ſchon um ſeines Sohnes willen, der fuͤr das Militair beſtimmt war. Außer den Geſchaͤften ſeiner Charge hatte der General⸗Stabsarzt eine ausgebreitete Praris im Civile, die ihm viel eintrug, und wovon er groß⸗ muͤthig eine Anzahl armer Verwandten unterſtuͤtzte. Alle dieſe Verpflichtungen waͤren nun ſchwer zu loͤſen geweſen; er gerieth daher in nicht geringe Verlegen— heit, als der Kaufbrief ihn nolens volens ſeines Amtes entſetzte. Faſt waͤre er dem raſchen Zufahren ſeines Freundes boͤſe geworden. Die Gattinn des General-Stabsarztes, eine ver— ſtaͤndige Frau, redete ihrem Manne zu, und ſagte: »Ich denke, die Sache wird eine Ausgleichung zulaſſen. Es giebt keinen Grund fuͤr Dich, wie ihn Clarburg hatte, Deines Poſtens ſatt und muͤde zu ſeyn. Wir ſind nicht reich genug, daß Du Deiner ehrenvollen Wirkſamkeit und der Hoffnung entſagen koͤnnteſt, etwas fuͤr unſern Rudolph zu eruͤbrigen. Wie viele ſchaͤtzbare Menſchen, die Dir ihr Zutrauen ſchenken, wuͤrden erſchrecken, ſollten ſie Dich, den General-Stabsarzt! an ein ſo eingeſchraͤnktes Verhaͤltniß verlieren. Es iſt ein wenig ſelbſtiſch von dem guten Clarburg gedacht, daß er Dich gern nach ſich ziehen moͤgte, denn Eure Situation leidet keinen andern Vergleichungspunkt, als den der Freundſchaft. Das Guͤtchen iſt jedoch kein * 106 ſo bedeutendes Object, daß wir es nicht behalten koͤnnten; es wird ſich Jemand finden, der es bewirth⸗ ſchaftet, meiner Kraͤnklichkeit und Schwaͤche duͤrfte die Landluft den Sommer uͤber dienlich ſeyn, und Rudolph bringt die Ferien in Kloſtergarten zu. Du beſuchſt uns, ſo oft es angeht, und dem Rath iſt auch genuͤgt.« Auf ſolch uͤberredende Weiſe gab die Gattinn Trojas ſeinen ſchwankenden Entſchließungen den Ausſchlag; denn außer der Treuloſigkeit eines Mannes giebt es nichts, was das Ehrgefuͤhl einer Frau tiefer ſchmerze, als wenn er ſich vor der Zeit in den Ruheſtand ſetzt. Sie iſt die Gattinn eines Todten, ob er auch lebe, und wohllebe.— Das Anſehen ſeines Nachfolgers druͤckt ſie mit einem Gefuͤhle betruͤbter Schaam und zuruͤckgeſetzter Wuͤrden, waͤhrend die Wittwe ſich nicht ohne jenen troͤſtenden Stolz, womit wir uns der erlittenen Truͤbſale ruͤhmen, unter die Hand Gottes beugt. Ob auch die Äußerungen des General⸗Stabsarztes, wie er es mit der Annahme des Guͤtchens halten wolle, um das Beduͤrfniß der Freundſchaft mit ſeinen amtlichen Pflichten zu vereinen, der Vernunft gemaͤß waren, ſo fand der Rath doch ſeine Erwartungen dadurch getaͤuſcht. Selbſtſucht war in der That ſein Fehler. Er haͤtte den geachteten Freund ſeiner Re⸗ ſignation, der doch andere Motive unterlagen, gern 107 theilhaftig ſehen moͤgen, zu ſeiner eigenen Genugthuung. Er nahm hierbei keine Ruͤckſicht auf den Unterſchied ihrer Verhaͤltniſe, und ſomit die Weigerung des General⸗Stabsarztes, ſeine Stelle niederzulegen, uͤbel. Schatten liefen durch ſeine Seele. Der kluge Bedacht des Freundes kam ihm wie Falſchheit vor, er zieh ihn der Ehrſucht, der Geldliebe, wo nicht gar des Geizes— die Muße, welche ſich der wackere Geſchaͤftsmann nur zur Erholung goͤnnen wollte, war ihm ein bedingter Genuß; er freute ſich der Staͤrke, womit er ſolchen Zwang geloͤſ't, und einer druͤckenden Abhaͤngigkeit ent⸗ ronnen waͤre—; doch ſind nicht Alle frei, die ihrer Ketten ſpotten.— Wenn es auch der offenen Sprache des General⸗ Stabsarztes gelang, den Rath anſcheinend eines Beſſern zu uͤberzeugen, ſo blieb doch eine Luͤcke in dem Ver— trauen deſſelben zuruͤck. Waͤhrend er nun thaͤtig und tuͤchtig den Bau des Landhauſes leitete, broͤckelte die feſte Mauer der Zuverſicht auf wankendem Grunde, und indeß er Blumen pflanzte fuͤr das Vergnuͤgen ſeines Freundes, wurzelten leiſe verderbliche Keime der Mißgunſt in ſeinem Gemuͤthe. Wer in das Innere der Menſchen ſehen koͤnnte, der wuͤrde finden, wie wenig ſie nach ihren Handlungen beurtheilt werden duͤrfen. Als die Einrichtung des Guͤtchens vollendet war, 108 nahm der General-Stabsarzt an ſeinem Geburtstage feierlich davon Beſitz. Der Rath gab ein großes Familienfeſt, und auch die armen Kloſtergaͤrtner nah⸗ men ihr beſchieden Theil Speiſe und Freude hin. Der Held des Tages fand auf ſeinem Teller fol⸗ genden Vers:»Ich wuͤnſch' Dir Weisheit, wenn der Tod den Kranken, die Dich rufen, droht; viel Gold, wenn Du ſie ihm entriſſen, und ſterben ſie— ein gut Gewiſſen.«— Wenn auch der wackere Troja, als der Mann fuͤr ſeinen Beruf, den ganzen inhaltvollen Reich⸗ thum dieſer Strophen empfand, ſo galt der Gluͤck⸗ wunſch doch nur dem Arzte, der Freund war leer dabei ausgegangen, und fuͤhlte ſich verletzt. Er ahnete damals nicht, wie wichtig und folgenſchwer dieſer Wunſch einer Freundſchaft werden ſollte, die in ſo mancher ſcheidenden Probe ſich als echtes Gold be⸗ waͤhrt hatte. Waͤhrend dieſe verjaͤhrte Anhaͤnglichkeit nun von Sei⸗ ten des Raths lockerer geworden war, ſo daß es dem naͤchſten Zufall uͤberlaſſen blieb, ſie mehr noch oder ganz zu loͤſen, knuͤpfte ſich ein anderes Band um ſo feſter. Die Raͤthinn und Trojas Gattinn, ein paar Frauen, ſo liebenswerth als ſchaͤtzbar, ſchloſſen ſich in nahem und zwangloſem Umgange innigſt aneinander; Luzie und Rudolph waren ein Herz und eine Seele. Die Gaͤrten hatten Communication, die jungen Leute waren 109 ſo viel, ſo ungehindert zuſammen, als ſie nur wollten, und genoſſen dieſes Gluͤckes in ſeligem Unbewußtſeyn. Seit der Rath Clarburg auf dem Lande, und mehr als ſonſt ſeinem Vergnuͤgen lebte, hatte ſich ſein Schmet⸗ terlings⸗Cabinet bedeutend vermehrt. So machte ihn der Fang des beruͤhmten Todtenkopfes, eines Exem⸗ plars von außerordentlicher Schoͤnheit, croͤſusreich. Er zeigte es triumphirend, und konnte der Betrachtung nicht muͤde werden. Auch Rudolph draͤngte ſich mit Theilnahme und jugendlicher Neugierde hinzu, aͤußerte Freude daruͤber, und den lebhaften Wunſch, ſolch ein Kleinod ſelbſt zu beſitzen. Mißtrauiſch, als waͤre dadurch ſchon ſein Schatz gefaͤhrdet, eilte der Rath, ihn in Sicher⸗ heit zu bringen, und verwahrte den Schmetterling der⸗ weilen in einer bunten Schachtel mit vergoldeten Leiſten, woraus er ein Perlenhalsband ſchuͤttete, das als Erb⸗ theil von einer unverehelichten Schweſter auf ihn ge⸗ kommen war, und welches nun einer Koſtbarkeit von groͤßerem Werthe fuͤr ihn, den Liebhaber und Kenner, weichen mußte. Am dritten Tage war die zierliche Schachtel ſammt ihrem Inhalte aus dem Wandſchranke verſchwunden, worin freilich der Schluͤſſel ſtecken geblieben. Der Rath tobte wie ein Unſinniger; der erſte Verdacht haftete auf Rudolph, der Abends zuvor allein in dem Zimmer des Raths geweſen war, um Luzien aufzu⸗ 4110 ſuchen, die dort ein Geſchaͤft fuͤr ihren Vater verrichten ſollte. Und jetzt, in dieſem Augenblicke, trat der junge Menſch ein, einen Brief von dem ſeinigen zu bringen. Luzie begleitete ihn wie immer. Der Rath brach auf ihn los; außer ſich vor Zorn, mit ſpruͤhenden Blicken, faßte er ihn an die Bruſt, und kreiſchte:»Geſtehe Bube! Du haſt mir meine Sphyny Atropos entwendet!« Rudolph ſtand wie vom Donner geruͤhrt; eine Flamme ſchlug in dem Geſicht des Juͤnglings aus, Stolz und Unſchuld leuchteten aus ſeinen Augen, und mit entruͤſteter Stimme antwortete er:»Das durften nur Sie mir ſagen! beſinnen Sie ſich, Herr Rath! ſehe ich denn aus wie ein Dieb?—& Dieſer Vorwurf traf den Rath auf der empfindlich⸗ ſten Stelle, indem er ihn an eine groͤbliche Irrung entgegengeſetzter Art erinnerte. Aber Niemand hat Vortheil davon, wer einen Andern ſeines Unrechts uͤberfuͤhrt. Der Rath vermaß ſich hoch und theuer, den Thaͤter, der ihm ſeine liebſte, ſeine einzige Freude geraubt, nach Maßgabe dieſer Verſchuldung, zu zuͤch⸗ tigen.»Und,« ſetzte er hinzu, vfindet dieſe Atropos ſich nicht wieder,« bei dieſem Gedanken gerieth er in eine krampfhafte Wuth, ſo daß er ſeine Tochter, die zitternd ihres Freundes Hand gefaßt hielt, weit weg von Rudolph ſchleuderte—: ſo iſt ſie ein Tod⸗ tenvogel fuͤr Dich geweſen, mein Junge, und der gad ſuüe Gw W 111 Faden Deiner Hoffnung, in ſo weit ſie zu erfuͤllen von mir abhinge, verſtehſt Du mich? bleibt zerſchnitten in Ewigkeit, denn der Verluſt dieſer Sphynx geht mir an's Leben.« Wer das Benehmen des Raths uͤbertrieben faͤnde, erwaͤge nur, welche ungeheure Macht Lieblings⸗Nei⸗ gungen auf das menſchliche Gemuͤth uͤben, daß es gerade oft nur die Kleinlichkeit eines Gegenſtandes ſey, der die groͤßte Wirkung hervorbringt, und wie hart eine geahnete Ungerechtigkeit macht, zu der die Leidenſchaft hinreißt. Rudolph empfand die ihm zugefuͤgte Schmach mit aller Reizbarkeit eines angeborenen und ſeinen kuͤnftigen Verhaͤltniſſen entgegen reifenden Ehrgefuͤhls. Luziens ſanfte, verſoͤhnende Thraͤnen konnten dieſen Unglimpf nicht von ſeiner Seele waſchen, und er betrat die Schwelle des Raths nicht wieder, was dieſer fuͤr ein Zeichen von Schuld nahm. Die Raͤthinn muͤdete ſich in unablaͤſſigen Nachſuchungen ab; das ganze Haus⸗ geſinde wurde verhoͤrt, und es ergab ſich nichts weiter, als daß der Gaͤrtner in der Daͤmmerung des Abends, worauf am folgenden Morgen die Schachtel vermißt worden war, ein fremdes Frauenzimmer, wie in ein Regentuch gehuͤllt, aus dem Hauſe ſchleichen geſehen. Dieſer Umſtand erſchien der guten Clarburg wichtig, und ſie ſagte ihrem Manne davon.»Ach geh mir,« 112 ſprach der Rath, hoffnungslos in dieſer Unterſuchungs⸗ Sache, und auf der vorgefaßten Meinung beharrend, „der himmliſche Schmetterling war nicht fuͤr Einen, der da gewoͤhnlich ſtiehlt; ein Solcher haͤtte die Perlen genommen, die daneben lagen.« Das Raͤthſel dieſer Sphynx blieb ungeloͤſt. Dieſes Ereigniß, welches die Ruhe und das freundliche Ver⸗ nehmen der beiden Familien ſtoͤrte, traf in die Zeit, wo Rudolph ſein vaͤterliches Haus verlaſſen, und zum Geniecorps uͤbergehen ſollte. Die Worte des Raths hatten wie ein zuͤndender Blitz in ſein Inneres ge⸗ ſchlagen. Er erkannte ſich ſelbſt. Tief beleidigt mied er den Anblick des erzuͤrnten Vaters, und nur der milde Mondſchein von Luziens Geſicht beſaͤnftigte ſei— nen feindlichen Schmerz. Das Mauͤdchen litt viel bei der ſchweren Anklage des jugendlichen Freundes; auch Luzie war ſich ihrer Liebe bewußt geworden— das Paradies war ihnen verloren. Sie fanden ſich ſpaͤt am Abend im Garten, klagten dann um ihre ſchuld⸗ loſen Freuden, und troͤſteten ſich gegenſeitig, daß ſie nichts verbrochen; der Wind, der durch die Blumen ſaͤuſelte, trocknete manche Thraͤne von Luziens Wange. »Wenn dieſer Nachtfalter ſich wieder faͤnde, und er muß ſich einmal finden—« ſagte ſie im frommen Glauben der Unſchuld,»dann Rudolph melde ich es Dir durch einen reitenden Boten.« 113 Der Juͤngling laͤchelte verſtoͤrt und ſprach:»Hoffe das nicht, gute Luzie. Und wenn auch, das Vertrauen iſt weg, das findet ſich nicht wieder— wir ſind um unſer Gluͤck. Ich bin ſchon auf den Gedanken gekom- men, dieſe heilloſe Sphynx Atropos, ein Geſchoͤpf der Nacht, die keines Menſchen Freund iſt, ſey ein boͤſer Daͤmon geweſen, und in das Reich der Finſterniß zu⸗ ruͤckgekehrt. Gieb nur Acht, ob er nicht dunkle Spu⸗ ren nachlaſſen werde.« Luzie ſchauderte bei dieſer Vorſtellung. Der General⸗Stabsarzt, an den dieſer fatale Vor⸗ fall geſchrieben worden, kam ſelbſt auf das Gut, um mit dem Rathe zu ſprechen, und die Seinen nach der Stadt abzuholen. Er behandelte die Sache mit der Üeberlegenheit eines Mannes, der ein Wort in fliegen⸗ der Hitze geſprochen, wie eine Rakete anſieht, und den, in Frage ſchwebenden Grund dieſes Zwiſtes, keiner Bedeutung wuͤrdigt, wie nur ein uͤberſpannter Begriff ſie ihm beilegen koͤnnte. Dennoch hielt auch er es fuͤr gut, nachdem er gehoͤrt, wie der Rath ſich benom⸗ men, daß Rudolph entfernt wuͤrde. Seine Frau wuͤnſchte ihre Abreiſe von Kloſtergarten unter ſolchen Umſtaͤnden beſchleunigt. Sie nahm truͤbe Abſchied von der Raͤthinn, eine ernſte Ruͤhrung miſchte ſich in dies Lebewohl, als waͤre es fuͤr lange Zeit geſagt, und Trojas Gattinn wollte doch nur warten, ehe ſie wie⸗ 114 derkaͤme, bis die Wunde der Freundſchaft ſich ein wenig verblutet haͤtte. Nicht lange nachher wurde die Raͤthinn krank, und zwar bedenklich; ein reitender Bote jagte nach der Stadt. Rudolph, der ſich gerade bei ſeinen Eltern befand, erbleichte, da er ihn kommen ſah. Er dachte an Lu⸗ ziens Verſprechen, und daß der Todtenkopf gefunden waͤre. Der General-Stabsarzt eilte baldmoͤglichſt hinaus, aber er hatte zu derſelben Zeit viele Patienten, die ge⸗ faͤhrlich lagen, und deren Zuſtand ſeine Gegenwart erforderte. So fuhr er hin und her, genoß im Fluge nur die noͤthigſte Staͤrkung, und goͤnnte ſich kaum Zeit, das Beduͤrfniß der Ruhe zu befriedigen, die ſeine erſchoͤpfte und viel angeſprochene Kraft doch ſo drin⸗ gend bedurfte. Dennoch ertrug der Rath in ſeiner Eigenſucht die Theilung der amtlichen Sorgfalt des Freundes fuͤr ſeine Kranke, nur zwiſchen Angſt und Groll. Er glaubte allein ein Recht an die troͤſtliche Gegenwart des Helfers zu haben. In der Abweſenheit des General⸗Stabsarztes trat ploͤtzlich die Criſis ein, welche uͤber das Leben der trefflichen Frau entſchied. Sie war geiſtig ſchon hinuͤber, da er beſtuͤrzt an ihrem Lager erſchien. Der Rath uͤberhaͤufte ihn mit ſchmaͤhlichen Vor⸗ 115 wuͤrfen, daß er zu ſpaͤt kaͤme. Er ſagte: Die Ster⸗ bende waͤre zu retten geweſen, wenn der General⸗ Stabsarzt ſich ihrer ausſchließend angenommen. Er hielt ihm Mangel aufrichtiger Anhaͤnglichkeit vor, der ſich in allen Faͤllen kund gegeben, und rechnete ihm die Beweiſe davon her, und rechtete alſo mit ihm, waͤh⸗ rend der Beſchuldigte, ſchwerathmend, und ſchweigend, die letzten Pulsſchlaͤge der verſcheidenden Freundinn zaͤhlte. In dieſem innerſten Ausbruche oͤffnete ſich ihm die ganze Tiefe verſchloſſener Geſinnungen. Der Ge⸗ neral⸗Stabsarzt wendete ſo erſtaunt, als empoͤrt ſei— nen Blick hinweg, und heftete ihn feſt auf das bre— chende Auge, das— er hatte die reine Seele ja gekannt, die nun in ihre Heimath kehrte— dieſe kraͤnkende Erfahrung beweint haben wuͤrde. Der Kampf der Gefuͤhle ward ſichtbar in ſeinen Zuͤgen, und uͤber dieſes blaſſe Antlitz breitete der Tod den ſtillſten Frie⸗ den aus. Endlich ſtand er auf und ſprach mit gedaͤmpfter Stimme:»Ich vergebe Dir, Clarburg! wie Gott Dir verzeihen wolle; bin ich wiſſentlich an dieſem Schmerze Schuld, der Dich ungerecht macht, ſo moͤge dieſer Mund, der nun nicht mehr athmet, einſt gegen mich zeugen. Ich habe— was Du mir gewuͤnſcht, ein gut Gewiſſen, da mir die liebſte Freundinn geſtor⸗ ben, und dies ſoll mein Geleit uͤber dieſe Schwelle 116 ſeyn.« Hier ſchwieg er, von ſeiner Empfindung uͤber⸗ waͤltigt, und naͤherte ſich der Thuͤr. Vor dieſen Worten blieb der Rath ſprachlos ſtehen. Er hob die Arme, als wolle er den Freund halten, den er ſo erſchuͤttert noch nie geſehen. Aber der General⸗Stabsarzt ſchritt fuͤrder. Das ſtarke Herz war ihm gebrochen, er fuͤhlte den Riß dieſer Stunde als unheilbar. Noch einmal wendete er ſich um. »Lebe wohl, Clarburg!« ſagte er mit ſchmerzlichem Tone, ywir ſehen uns nun nicht mehr. Ich ſcheide. Doch ſollte jener ernſte Ruf, dem wir fruͤher oder ſpaͤter alle folgen muͤſſen, an Dich kommen, und ich lebe noch: dann ſende zu mir; meine treue Hand ſoll Dir die Augen zudruͤcken, und durch das Dunkel des Todes wirſt Du den verkannten Freund noch erkennen.« Der Rath verhuͤllte ſein Geſicht. Er merkte bald, wie ſehr es dem General⸗Stabsarzt, mit dem, was er geſagt, Ernſt geweſen. Das Guͤtchen wurde ver⸗ kauft, die Communication der Gaͤrten aufgehoben. Der herbe Schleedorn ſtarrte ſpaͤter an der gruͤnen Wand, wo einſt die Blume der Gluͤckeeligkeit fuͤr Luzie gebluͤht, und jeder Blick auf dieſe theure Stelle zerriß ihr weiches Herz. Das arme Maͤdchen fuͤhlte ſich ſehr ungluͤcklich. Gebeugt von dem Verluſte der geliebten Mutter, mußte her⸗ 117 es gleichzeitig jede zaͤrtliche Gewohnheit des Umgangs verſchmerzen. Luzie wankte wie im Traume umher, nur froh, wenn ihr die einſamſte Stille und ein ver⸗ borgenes Plaͤtzchen fuͤr ihren Gram gegoͤnnt war. Ihre aͤlteſte Schweſter wuͤrde ſie auf laͤngere Zeit zu ſich in die Stadt genommen haben, wenn der Vater Luzien jetzt haͤtte entbehren koͤnnen. Er war ihrer in der Wirthſchaft benoͤthigt, murhlos, ohne Troſt, und mit ſich ſelbſt zerfallen; ſo konnte ſie ihn nicht verlaſſen. Der Herbſt war ſchon weit vorgeruͤckt, als Luzie eines Abends an dem Gelaͤnder des Gartens ſtand, und beklommen nach dem nachbarlichen Gute ſchaute. Die letzte Ladung Moͤbeln war an dieſem Tage gepackt worden, die Fenſter des Wohnhauſes ſtanden weit offen, alles war leer und wie ausgeſtorben. Eine Unpaͤß⸗ lichkeit des Vaters hatte Luzien abgehalten, Augen⸗ zeuginn des Transports zu ſeyn, der ihr ſchmerzlich, wie ein Leichenzug, geweſen waͤre. Es war der Reſt ihres Gluͤckes, der hinweggebracht wurde, die Seele ihrer Freuden war fruͤher ſchon entflohen. Der Gar⸗ ten lag wuͤſte hinter ihr, der Mond ſchien hell auf die falbe Blaͤtterſchuͤtte am Boden; Luziens Gefuͤhl war traurig oͤde, voll Weh, voll Sehnſucht. Eine Kutſche rollte in den Hof des Gutes.»Sollte der neue Beſitzer ſchon da ſeyn?« dachte Luzie, und horchte hinuͤber. Der Wind rauſchte durch die Baͤume, und 118 beſtreute die zarte Geſtalt mit fallendem Laube. Schritte naͤherten ſich. Sie wollte entfliehen; aber ihre Fuͤße waren wie feſtgewurzelt. Ein Mann ſtand vor Lu⸗ zien, von einem weiten Mantel, vom Lichte des Mon⸗ des umfloſſen, der in dieſem Moment aus einer Wolke hervortrat, um dem betruͤbten Kinde einen vollen Silberblick zu goͤnnen. Es war der General-Stabs— arzt.»Guten Abend, Luzie!« ſagte er vaͤterlichtraut, und ſtreckte die Hand nach ihr aus.»Was machſt Du hier Maͤdchen? ſo leicht gekleidet! Du wirſt Dich erkaͤlten.« Dies war ein Ton aus ſchoͤner, verklungener Zeit, und Luzie hoͤrte ihn mit Entzuͤcken.»Gott! Gott!« rief ſie, wand ſich durch das Geſtruͤpp, und verſtummte an der Bruſt des verehrten Mannes in heißen Thraͤnen. Der biedere Troja hatte Muͤhe, ſich zu behaupten. »Luzie!« ſagte er:»faſſe Dich doch! wir ſind und bleiben die alten guten Freunde. Du glaubſt gewiß nicht, daß ich Deine Mutter getoͤdtet, und meine Pflicht als Arzt verſaͤumt habe?—« Luzie ſchluchzte heftig, bedeckte ſeine Haͤnde mit Thraͤnen, und ſtammelte:»O, dieſe unverdiente Kraͤn⸗ kung— koͤnnte ich ſie austilgen, ich wollte dafuͤr ſter⸗ ben. Mein Vertrauen iſt wie meine Liebe ewig, uner⸗ ſchuͤtterlich Ihr Eigenthum.« Der General-Stabsarzt ſtrich Luzien die feuchten— 119 Locken aus der Stirne, und ſprach:»Gieb Dich zufrieden, Kleine, und weine nicht ſo ſehr. Sieh! Deine Mutter haͤtte nur laͤnger gelebt, um laͤnger zu leiden, und ihre Kraͤfte waren am Ende. Sey ſtark, mein Toͤchterchen! Du wirſt es brauchen. Das Leben heiſcht einen geſtaͤhlten Muth. Geduld macht unuͤber— windlich, und Sanftmuth iſt eine ſiegreiche Waffe Deines Geſchlechts; aber ſey nicht allzuweich. Es taugt nicht. Du moͤchteſt ſonſt in Thraͤnen zerfließen. Und ſo lebe nun wohl! ich muß fort, dort haͤlt mein Wagen. Ich habe, was ich wuͤnſchte, Dich noch einmal geſehen; ich ſegne Dich, mein Kind!« Er druͤckte Luzien innigſt an ſein Herz, und fuuͤſterte: »Bleibe auch dem Rudolph gut!«— dann riß er ſich los, und Luzie breitete noch lange ihre Arme in die leere Luft, bis ſie die anſehnliche Geſtalt im ſilber— blauen Schein des Mondes verſchwinden ſah. Doch war ihr Herz voll Troſtes geworden. Auf einer Winterreiſe, die der Rath, begleitet von Luzien, zu ſeiner Zerſtreuung vornahm, lernte er eine junge Verwandte ſeiner erſten Frau kennen, die ſich ſeiner Gunſt mit ſolchem Succeß bemaͤchtigte, daß er ihr vor Ablauf der Friſt, welche dieſem Beſuche geſetzt war, einen Heirathsantrag machte. Er zog bei der Eile, womit er in dieſer wichtigen Angelegenheit zu Werke ging, nichts in Betracht, als ſein beſtochenes 120 Wohlgefallen an dieſem Maͤdchen, das, eine gewiegte Kokette, und durch einen eben erſt aufgeloͤſ'ten Liebes⸗ handel wie durch einen geſunkenen Ruf in dem Falle war, die dargebotene Hand als eine rettende zu ergreifen. Rath Clarburg, der hiervon nichts ahnte, entdeckte ſeinen Entſchluß und das bereits empfangene Jawort ſeiner Tochter erſt auf dem Heimwege. Luzie erſchrak; aber es war nicht mehr zu aͤndern. Sie fuͤhlte, ſie koͤnne kein Herz zu ihrer kuͤnftigen Stiefmutter haben, denn trotz ihrer Unerfahrenheit hatte ihre reine Seele, fremd den Kuͤnſten der Gefallſucht, die Abſichtlichkeit in dem Benehmen derſelben durchſchaut. In dieſe Epoche fiel die Verſetzung von dem Schwie— gerſohne des Rath Clarburg. Der Regimentsquartier⸗ meiſter Lerſe hatte ſeine zeitherigen Verhaͤltniſſe auf⸗ gegeben und einen Poſten im Civile angenommen, von dem er ſpaͤter bis zum Geheimerath emporſtieg. Seine Frau war dieſer Veraͤnderung mehr als froh. Sie, als die aͤlteſte Tochter, durch den Vorſprung der Jahre, wie durch Umſicht und reifern Verſtand muͤtterlich uͤber Luziens Jugend geſtellt, wagte es, dem Vater von der Wichtigkeit des Schrittes zu ſprechen, den er offen⸗ bar in übereilung gethan, und deſſen Folgen ſeine Kinder, wie ſeine alten Tage treffen wuͤrden. Sie hatte es ihm keinen Hehl, daß ſie ſeine Wahl fuͤr ben, geele, hkeit wie⸗ tiier⸗ auf⸗ von zeine Sie, ahre, uͤber von ffen⸗ ſeine Sie lfür 121 verfehlt halte. Sie bat ſich Luzien von ihm aus, wenn das Maͤdchen unter dem Stande der Dinge leiden ſollte. Sie redete die Sprache der Vernunft in geziemender Ehrerbietung; aber der Rath fuͤhlte den Vorwurf, der darin fuͤr ſeine Thorheit lag, zu ſehr um nicht ergrimmt zu werden. Er trennte ſich kaum freundlich von ſeiner Tochter. Jene Verbindung wurde vollzogen, und Luzie reiſete bald nach der Hochzeit des Vaters zu ihrer Schweſter. Sie blieb ein Jahr von Kloſtergarten weg, nach welcher Zeit der Rath in einem verlangenden Briefe ihre Ruͤckkehr forderte. Sie erſchrak vor dem erſten Anblicke ihres Vaters. Er ſah bekuͤmmert und ſehr gealtert aus. Luzie fand noch mehr Urſache, ſich in bitterem Erſtaunen zu verwundern. Sie war eine Fremde in der Heimath geworden. Alles war ver⸗ aͤndert. Die Gewalt der Schluͤſſel, der ſchwache Ge⸗ mahl, war ganz in den Haͤnden der jungen Frau, die mit unumſchraͤnkter Eigenmaͤchtigkeit herrſchte. Luzie konnte ſich eines ſchmerzlichen Vergleichs, mit einem Vormals nicht erwehren, wo jeder Wunſch und Wille ihrer ſeligen Mutter, der Genehmigung des Hausherrn, und ihrer Pflicht als Gattinn, ſtets untergeordnet geweſen war. Ihr Vater, ſonſt ein haͤuslicher Des— pot, war jetzt der Sclave von den Launen ſeiner Frau, und furchtſam, in ihrer Gegenwart ein Glas Waſſer Hanke Wittwen Ir Theil. 6 122 zu fordern. überall verdraͤngt, und wie ein veralteter Anſpruch abſeits geſchoben, war ſein Cabinet die einzig geduldete Freude, die ihm uͤbrig geblieben. Er brachte ſeine meiſte Zeit darin zu. Luzie ſah dies tief empoͤrt. Sie that einen Blick in ihres Vaters Herz; es war voll Reue und Miß⸗ muth, die Liebe fuͤr ſeine Kinder hatte ſich in einen verſteckten Winkel gefluͤchtet, und Luzie nahm in be— ſcheidener Stille Beſitz davon. Dennoch gaͤhrte ein finſterer Haß gegen das Maͤdchen in der Bruſt der Stiefmutter auf. Luziens aufbluͤhender Reiz, ihr un⸗ beſtreitbares Recht, war ihr ein Dorn im Hauſe, und ſie wuͤnſchte, ſich dieſes Ärgerniſſes entledigen zu koͤnnen. Und nicht allein als Tochter war Luzie ihrer Stiefmutter laͤſtig— es gab noch andere Verhaͤltniſſe, in denen ihres Vaters Frau eine Zeuginn druͤckend empfand, deren reinen Sinn ſie ſcheute. Das Separat⸗Gut in Kloſtergarten gehoͤrte nun⸗ mehr einem invaliden Offizier, deſſen linker Arm an den Ufern der Saale begraben lag. Er entbloͤdete ſich jedoch nicht, den rechten nach einem Unrecht aus⸗ zuſtrecken. Der ganze Ort wußte um die Liebſchaft zwiſchen ihm und der buhleriſchen Nachbarinn, und die Schmach des Raths war auf allen Zungen. Man bedauerte die Schwaͤche ſeines Alters, doch mehr noch ſeine Kinder. teter inzig ache Blick Miß⸗ einen be⸗ ein der un⸗ auſe, n zu ihrer niſſe ckend nun⸗ n an ödete aus⸗ ſchaft und Man noch 123 Luzie machte dieſe Entdeckung mit einem Schmerze, der ſchwerlich zu beſchreiben waͤre. Sie haͤtte blutige Thraͤnen weinen moͤgen uͤber den Verrath des greiſen Vaters, uͤber den entweihten Garten, der ihr heilig, ein Tempel der Erinnerung geweſen war. Der Engel ihrer reinen Liebe hatte dem Verfuͤhrer Platz gemacht, und Luzien grauete vor ſeinen Spuren. Es war ihr unmoͤglich, das verachtende Gefuͤhl zu bemeiſtern, wel— ches gegen die unwuͤrdige Stiefmutter in ihrem Buſen ſchwoll, und wenn ſie es auch gekonnt haͤtte, Luzie wuͤrde nicht gewollt haben. Die Raͤthinn las daher das ſinnliche Urtheil uͤber ihre Strafbarkeit in jedem dieſer klaren Blicke, und die Schuld iſt eine ſcharfſin⸗ nige Auslegerinn. So waren zwei der ſchoͤnſten Bluͤ⸗ thenjahre getruͤbt und ſchwuͤl fuͤr Luzien vergangen— Oft glaubte ſie ihre peinliche Lage nicht laͤnger aus⸗ halten zu koͤnnen. Sie ſtrebte fort, doch ihr Vater wollte ſie nicht laſſen. Er hatte binnen dieſer Zeit etwas von dem Einverſtaͤndniſſe ſeiner Frau mit dem Invaliden gemerkt, war aber zu ſchwach, wehrend ein⸗ zugreifen. Eben ſo wenig vermochte er ſeine Tochter vor den feindſeligen Angriffen ihrer Stiefmutter zu ſchuͤtzen. Nun geſchah es, daß eine militairiſche Abtheilung nach Kloſtergarten in Cantonirung kam; der Fuͤhrer des kleinen Corps, Hauptmann von Gardemer, wohnte 6* 124 auf dem Schloſſe. Dieſer ſtattliche Ofſizier war, wie fruͤher ſchon bemerkt worden, nicht ohne das Talent, einnehmend zu ſeyn, wenn er eine guͤnſtige Vormei⸗ nung nur gewinnen wollte. Und hier hielt er es des groͤßten Aufwands jeder gefaͤlligen Muͤhe werth, einen guͤnſtigen Eindruck hervorzubringen. Er ent⸗ brannte in heftiger Leidenſchaft fuͤr die liebenswuͤrdige Luzie. Die liſtige Stiefmutter ſchuͤrte ſchlau das Feuer, welches ihrem haͤuslichen Heerde nuͤtzlich werden, und einem Zuſammenſeyn den Garaus machen konnte, das ſie mit ſiedender Schaam begoß. Sie ſtrebte, das Maͤdchen um jeden Preis los zu ſeyn. Gardemer entdeckte Luzien ſeine Liebe, wie ſeine redliche Abſicht. Sie war ſichtlich betroffen uͤber dieſes Geſtaͤndniß, und ſchuͤtzte in der ausbeugenden Antwort ihren Vater vor, dem ſie zur Pflege, zum Troſte ſeines Alters nahe zu bleiben wuͤnſchte. Was ſie ſagte, ließ ihn errathen, was ſie verſchwieg. Der verliebte Haupt⸗ mann ward dadurch nicht abgeſchreckt, ſeine Bewerbung nur um ſo eifriger fortzuſetzen. Er ging endlich ſo weit, Luzien zu ſagen, daß, wenn ſie die Seinige werden wolle, er das Gut des Nachbars zu kaufen geſonnen ſey, wo ſie, ihrem kindlichen Wunſche zu genuͤgen, den groͤßten Theil des Jahres verleben wuͤrden. Und er habe bereits gegen den Invaliden ein paar Worte davon fallen laſſen. wie lent, mei⸗ er es erth, ent⸗ rige das rden, nte, d zu ſeine dieſes twort eines „ließ aupt⸗ bung ic ſ einige aufen he zu rleben aliden 125 Dieſes Mittel wirkte. Luzie erwog, wenn auch mit ſchweren Seufzern, welche Erleichterungen fuͤr den alten Vater, fuͤr ihr eigenes gedruͤcktes Herz in dieſem Vorſchlage laͤgen. Sie verkannte auch die reelle Liebe nicht, welche zu dieſem Opfer bereit waͤre; denn fuͤr ein Opfer, und fuͤr ein gewichtiges noch dazu, mußte ſie den Ankauf eines Grundſtuͤcks halten, welches den Hauptmann, der mit Leib und Seele Militair war, zu ganz heterogenen Angelegenheiten verpflichtete. Eine Welt voll Gedanken lag in dem geruͤhrten Blicke, den ſie auf Gardemer, und auf die Moͤglichkeit warf, ihm als Gattinn anzugehoͤren. Die naͤchſte Veran⸗ laſſung zu einem Verhaͤltniſſe, das ihr Abſcheu ein⸗ floͤßte, ward dadurch aufgehoben, Luzie blieb ihrem Vater nahe, ſie ward endlich Beſitzerinn eines Eigen⸗ thums, das einſt ihr ganzes Gluͤck enthalten, und noch mit allem Zauber der Erinnerung ihre Wuͤnſche anzog. Rudolph— ſie wagte nicht, ſein Bild auszudenken; mochte es doch verhuͤllt in Schmerzen, in ihrer Seele ruhen. Auf ihn durfte ſie nicht hoffen.— Luzie ſprach mit ihrem Vater. Der Rath ſah ſeine Tochter fragend an, bis ein Strahl von Freude in ſein mattes Auge ſtieg. Sie zeigte ſich geneigt, unter jener Bedingung die Hand des Werbers anzunehmen. »So geh denn,« ſagte er, und erloͤſe mich, Du reines Lamm, das fremde Suͤnde traͤgt. Ja, Luzie, — 4— — 126 ich habe mich ſehr vergangen, und buͤße nun dafuͤr. Den Freund verſtieß ich, den redlichen, in der Todes⸗ ſtunde Deiner Mutter, auf daß der boͤſe Feind mich in Geſtalt eines Weibes beruͤcke, und an die Stelle Jenes traͤte. Ich habe mein Schickſal verdient.« Dieſe Zerknirſchung des harten Vaters, das Andenken jener erſchuͤtternden Scenen, und alles deſſen, was Luzie in dem Conflict derſelben gelitten, zermalmte ihr Herz. Sie brach in Thraͤnen aus, und haͤtte ihr Leben nicht zu theuer erachtet, dem Vater die kleinſte Beruhigung damit zu erkaufen. Hauptmann Gardemer war nun geſchaͤftig, ſein Gluͤck weiter zu gruͤnden. Der invalide Camerad ſchien willfaͤhrig, den Kauf einzugehen, nur konnte der Ab— ſchluß nicht ſobald erfolgen, weil ein Verwandter, der das Gut zu haben wuͤnſchte, und beruͤckſichtigt werden mußte, der letzten Entſcheidung im Wege ſtand; doch zweifelte der Invalide nicht, der Vetter wuͤrde zu be⸗ ſeitigen ſeyn, und ſie wurden vorlaͤufig Handels einig. Der kluge Gardemer ahnete nicht, daß die Liſt der Stiefmutter ihn durch den Mund ihres Buhlen taͤuſchte, und Luzie legte vertrauensvoll ihre Hand in ſeine. Ein anderer Befreier trat zu dem Rath. Er ſtarb ſchnell am Schlage, nicht lange darauf, als Luzie dem Hauptmann vermaͤhlt worden war. Von dem An⸗ kaufe des Gutes war nun keine Rede mehr. Die für. des⸗ nich telle nken was ihr ihr inſte ſein hien Ab⸗ der rden doch be⸗ nig. der chte, ſtatb dem An⸗ Die ₰‿₰ 127 Wittwe des Raths blieb, nach ſeinem Teſtamente, das ſie dictirt, in Kloſtergarten, die Toͤchter wurden dem⸗ nach auf das Pflichttheil zuruͤckgeſetzt, und mit ihren Anſpruͤchen an die Stiefmutter gewieſen, welche ver⸗ ſchmitzt und durchtrieben alle Raͤnke aufbot, dieſe na— tuͤrlichen Erben, ſo weit es gehen moͤchte, zu verkuͤrzen und um den vaͤterlichen Nachlaß zu bringen. Ein langwieriger Prozeß begann, unterdeſſen die ſtreitbaren Summen verloren gingen. Die verwittwete Raͤthinn heirathete den invaliden Offizier, und fuͤhrte eine heil— loſe Ehe. Sie wirthſchafteten uͤbel auf dem Gute, und trennten ſich nach wenigen Jahren. Kloſtergarten bekam einen Sequeſtor. Luziens Schickſal kennen unſere Leſer, und wir ſind nun in dem Gange dieſer Erzaͤhlung an den Augenblick zuruͤckgekommen, wo ſie den Freund ihrer Jugend wiederſehen ſoll. Ein leiſer Schrei der überraſchung brachte den Ca⸗ pitain zu ſich ſelbſt. Luzie ſtand an ſeiner Seite, un— geſehen, wie der Genius der Gedanken, war ſie zu ihm getreten; erſchuͤttert wich er einen Schritt vor dieſer Geſtalt zuruͤck, in der ſich das liebſte Traumbild ſeiner Seele verkoͤrperte. Einen Moment ſtarrte er ſie an, dieſes Gewand der Trauer, dieſe tiefe Blaͤſſe war ihm fremd; aber dieſe Augen ſtrahlten ihm wie einſt, und 128 unveraͤndert, wie der Thau des Himmels, tropften ſuͤße Thraͤnen der Freude, die ſeinem Anblick galt, aus ihrer Blaͤue. Der ſchlanke Wuchs war nur ein wenig groͤßer, nicht voͤlliger geworden; doch ruhete eine ge— wiſſe Hoheit, die des edelſten Selbſtbewußtſeyns, auf dem zarten Bau der Glieder. »Gnaͤdigſte Frau—« ſtammelte der Capitain außer Faſſung, und fuͤhrte ihre Hand, die heftig zitterte, an ſeinen Mund. »Rudolph—« ſagte Frau von Gardemer leiſe in aͤußerſter Verwirrung, hich bin noch immer Luzie, wie viel ſich auch zwiſchen uns veraͤndert haben moͤge.« Dieſer Ton der geliebten Stimme, die ſeinen Tauf⸗ namen mit demſelben innigen Accent wie ſonſt aus— ſprach, obgleich ihn die dunkle Idee eines matronen⸗ haften Vorrechts, vermengt mit jugendlichen Gefuͤhlen, auf ihre Lippen fuͤhrte, da der Capitain ſie ſchicklich anredete, verſetzte dieſen in einen berauſchenden Affect. »Luzie!« rief er aus vollem Drange des Herzens, »ſo finden wir uns wieder? nach langer, ewiger Trennung? und ich bin nicht ganz vergeſſen?— Ja, die Zeit iſt ein ſterblicher Begriff! ſie verſchwindet vor dem innern Gotte. Mir iſt, als haͤtte ich nicht gelebt, ſeit wir uns nicht geſehen, als waͤren dieſe Jahre nun nicht geweſen. Guten Morgen, liebe Luzie, moͤchte ich ſagen, und des Geſtern nicht mehr gedenken, 129 wo wir betruͤbt, wie der regnigte Abend um uns her, der unſere Stimmung zu theilen ſchien, ſcheidend an der Buchenwand in Kloſtergarten uns die Haͤnde reichten. Die Sonne ſcheint mir wieder!« Er ſchloß die kleine Rechte der Frau von Gardemer ſammt dem Trauringe, feſt in ſeine beiden, und druͤckte ſie leiden— ſchaftlich an ſeine Bruſt. Das ungeſtuͤme Pochwerk drinnen ſchlug electriſch an ihre Finger. Luzie erſchrak vor der Heftigkeit des Freundes; er war der Alte noch. Sie faßte ſich zu einer Frage, und ſtrengte ſich an, ein ruhiges Geſpraͤch einzuleiten. Es koſtete jedoch Muͤhe. Waͤhrend Troja ſprach, Luziens Theilnahme ihm durch den Lauf der Jahre folgte, und ihr Blick nur auf den Wechſel der Begebenheiten gerichtet ſchien, die er ihr erzaͤhlte, betrachtete ſie mit der Schaͤrfe des weiblichen Auges, wenn es zumal von einer hoͤheren Intelligenz bewaffnet iſt, die aͤußere Veraͤnderung, welche mit ihrem Freunde vorgegangen war. Der Capitain war wirklich ein ſchoͤner Mann, in der vol— len Bluͤthe entwickelter Kraft. Sein gebraͤuntes Ge⸗ ſicht hatte regelmaͤßige Zuͤge, und einen charakteriſti— ſchen Ausdruck. Seine Miene war frei und offen, der wohlgeformte Mund, dem die Glaſur vollkommener Zaͤhne einen ſchimmernden Reiz gab, bildete ſich zu angenehmer Freundlichkeit; der Blitz des Auges ver⸗ kuͤndete die feurigen Elemente dieſer Natur, mit lauter * 130 electriſchen Stoffen geladen— und das krauſe Haar deutete auf einen Sinn, der ſich ſchwerlich einer glatten Klugheit bequemen moͤchte. Sein Anzug war echt militairiſch, ein Ordensband verſteckte ſich im Knopf— loche, das er, wie ſeinen Grad, außer der Anciennitaͤt dem Zufalle verdankte, durch einen Coup, den er mit Gefahr ſeines Lebens ausgefuͤhrt, eine ungeheure Ex⸗ ploſion verhindert zu haben. Der Monarch hatte ihm zur Belohnung dafuͤr den Adel geben wollen. »Ich ſchlug ihn aus,« ſetzte Troja hinzu,»und zog mir einen andern Beweis der koͤniglichen Gnade vor: daß ich als Capitain hierher verſetzt wuͤrde.— Eine Veranlaſſung fand ſich fuͤr mich, den Suchenden, an den Major von Gardemer zu ſchreiben, die ich be— nutzte, um mir den Weg zu meiner Freundinn zu bahnen, die ich doch gern einmal wiedergeſehen haͤtte, und von der man ſagte, ſie ſey jeglichem Zugange verſperrt, und werde einer Gefangenen gleich gehalten, bei Thraͤnenwaſſer und der harten Koſt einer rauhen Behandlung. O Luzie! ich will hoffen, man hat uͤbertrieben. Ich konnte es laͤnger nicht aushalten, und traͤumte von nichts, als wie dieſe unwuͤrdige Haft zu ſprengen waͤre. Der Major flog jede Nacht in die Luft— indeſſen hatte ihm der Tod die Mine gegraben.« »O! laſſen wir ihn ruhen!« bat Luzie aͤngſtlich fuͤr Haar atten echt uf⸗ nitat mit Er⸗ ihm zog vor: Eine „an be⸗ n zu ätte, gange alten, uhen hat alten, rdige Nacht Mine ) fuͤr 131 das Andenken des Verſtorbenen.»Mein Maͤnn,« fuhr ſie fort,»war wohl beſſer, als ſein Ruf, nur ſehr ungluͤcklich durch einen kraͤnklichen Koͤrper, und mehr noch durch ein verſtoͤrtes Gemuͤth; daß ich ein— gezogen lebte, geſchah freiwillig, ich war nie gewoͤhnt, viel mit Menſchen zu ſeyn.—« Der Capitain ſchwieg einige Minuten, und ſah finſter zu Boden. Er ſchien fertig mit ſeinem Bericht. Luzie unterbrach dieſe verraͤtheriſche Stille mit einer Frage nach dem letzten Ergehen ſeiner Eltern, von denen ſie wußte, daß Beide todt waͤren. Der General— Stabsarzt hatte ſeine Gattinn nur kurze Zeit uͤberlebt. Jetzt waͤre die Reihe der Relation an Luzien gewe⸗ ſen; aber der geiſtige Rapport, worin ſie zu dem Freunde ihrer Jugend ſtand, ließ ihn in ihrer Seele leſen, und ſagte ihm, daß ſie damit verſchont werden muͤßte. Wozu auch die Wiederholung ſchmerzlicher Erfahrungen? Sie waren auf dieſe reine Stirne ge⸗ ſchrieben, und in den Lettern der Phyſiognomie deut— lich ausgedruͤckt. Jeder ihrer Zuͤge war ein Auszug trauriger Gebundenheit, jeder Seufzer, der ihr unbe⸗ wußt entſchluͤpfte, das Bruchſtuͤck eines gebrochenen Herzens, jeder Blick ein Fragment aus der Geſchichte ihrer Leiden. Mittheilungsvoll, doch ungemeſſen, wie Stunden, die den Gluͤcklichen nicht ſchlagen, war eine geraume 132 Zeit zwiſchen ihnen verplaudert worden. Mittag war laͤngſt voruͤber, des Eſſens wurde nicht gedacht; denn die Liebe hat eine Speiſe, wovon Niemand weiß. Jetzt mahnte ein jaͤhes Beſinnen den Capitain an die Laͤnge ſeines Beſuchs. Er bat deshalb um Verzei⸗ hung, wie um die Erlaubniß, bald wiederkommen zu duͤrfen, und ging. Als er fort war, fiel es Luzien mit einer Art von Schrecken ein, daß ſie ſeiner Freun⸗ dinn, Claudinens von Unſtern, gar nicht erwaͤhnt, und dieſes Verhaͤltniſſes ganz vergeſſen haͤtte. »Seine Freundinn?« fragte Luzie ſich. Sie allein hatte dies zu ſeyn geglaubt. Und beſchwert von dieſem Gedanken, der von ſo großem Gewicht fuͤr ihr Herz war, ſah ſie ſeinem naͤchſten Kommen entgegen, da er kaum die Schwelle dieſes Hauſes verlaſſen. Der Einzug der Familie von Unſtern war nun voruͤber. Die Ruhe der ſtillen Platon hatte ſehr unter dieſem Rumor gelitten; nie war ihr der leidenſchaft⸗ liche Eigenſinn Franziscas ſtoͤrender geweſen, und ſie ertrug ſchweigend, doch ſichtlich ſchwer, die ihr auf— gebuͤrdete Laſt von Ungelegenheit. Obgleich die Ein— richtung des Landſchafts⸗Directors nur mobil war, ſo hatte doch das Bringen und Tragen von Coffres und andern Sachen kein Ende. Die Bedienten benahmen war 133 ſich dabei laͤrmend und nicht eben hoͤflich, als wider⸗ fuͤhre in der Aufnahme ihrer Herrſchaft und dieſer beweglichen Guͤter, vom Geiſte des Adels beruͤhrt, dem vornehmen buͤrgerlichen Hauſe, das ſeine Thuͤren in gaſtlicher Gefaͤlligkeit oͤffnete, eine beſondere Ehre. Madame Weihland befand ſich in einem Zuſtande hoͤchſter Spannung; ihre Aufmerkſamkeit war fort⸗ waͤhrend nach Außen gerichtet. Sie ſchien keiner Selbſtſammlung faͤhig, und den freien Aus- und Eingang fremder Leute, das kecke Reden und Lachen auf ihren Vorſaͤlen mit reizbarem Unwillen zu dulden. Schneller als Pauline es geglaubt, erfuͤllte ſich ihr warnendes Wort, und Franzisca fuͤhlte nur zu bald, wie viel beſſer ſie gethan, wenn der Rath dieſer ver— ſtaͤndigen Freundinn befolgt worden waͤre. Ihre Er⸗ wartung hinſichtlich Felicens hatte ſich zudem aber— mals tief getaͤuſcht. Sie hatte auf einen beſchaͤmenden Eindruck gerechnet, auf die Macht ihrer Indulgenz, wovon einen ſo großen Beweis zu geben, ſie Willens war; ihr Stolz weidete ſich an der Idee, ihn, der ſie durch ſchnoͤde Hintanſetzung gekraͤnkt, in reuiger Ver⸗ wirrung zu ſehen, doch nichts von dem allen. Die Art, wie der Landſchafts-Syndicus ihre Genehmigung aufnahm, zeigte, daß er ſie unbedingt vorausgeſetzt, als Etwas, das er in herkoͤmmlicher Guͤtigkeit zu fordern, gleichſam ein Recht gehabt haͤtte.— Das 134 Intereſſe jener Familie war von jetzt der Mittelpunkt ſeiner Gedanken, und ſo richtete der naͤchſte Augenblick, als das Wort der Gewaͤhrung aus Fraziscas Munde gegangen, ſeinen Sinn darauf, wie er unverzuͤglich dieſe erwuͤnſchte Nachricht der hohen Goͤnnerſchaft erge⸗ benſt zutragen wolle; kein Blick fiel auf das Opfer, welches Franzisca in dieſer neuen Verbindlichkeit einer beinahe aufgeloͤſ'ten Freundſchaft zu bringen im Begriff ſey. Nach fluͤchtigem Verweilen entfernte Felice ſich ſtehenden Fußes, und ſo wie er die Thuͤre hinter ſich zuzog, ging die überzeugung durch ihre Seele, daß an eine Ruͤckkehr zu der alten Richtung ſeiner Gefuͤhle nicht mehr zu denken ſey. »Es iſt ja nicht fuͤr ewig, und muß endlich auf⸗ hoͤren!« dachte Franzisca mit einem Schmerze, der ihr dennoch unnachlaſſend ſchien. Und dieſer Ausruf geſchah zwiſchen Abend und Morgen des erſten Schoͤpfungs⸗ tages ihrer neuen haͤuslichen Welt. Der Herr von Unſtern hielt es fuͤr ſeine Schul⸗ digkeit, ſich der ſchoͤnen Hauswirthinn vorzuſtellen, und ihr fuͤr die gegebene Zuſtimmung perſoͤnlich Dank zu ſagen. Er kuͤndete den Beſuch ſeiner Toͤchter und ihrer Tante fuͤr eine ſpaͤtere Stunde an, und benahm ſich wie ein Mann, der, trotz dem Ernſte vorgeruͤck⸗ ter Jahre und der Dignitaͤt ſeines Standes, noch galant gegen Frauen zu ſeyn verſteht. Franzisca fand 135 ihn artig und Pauline nicht uͤbel; doch waren Beide froh, das Ceremoniell nicht laͤnger dauern zu ſehen, als der Anſtand es forderte. »Welch eine leere Foͤrmlichkeit iſt ſolch eine Staats⸗ viſite!« ſeufzte Franzisca aus vollem Herzen, als nach dem Schalle der letzten Redensart eine Stille eintrat, in der ſie den Landſchafts⸗Director die Treppe hinab gehen hoͤrten, yes iſt eigentlich gar nichts damit geſagt, und meine Kraft zur Repraͤſentation iſt ſchwach. Du haſt ein beſſeres Talent dazu— ich moͤchte es die Grazie der Convenienz nennen.« Die Platon lachte und ſprach:»Sieh es vielmehr als die Fertigkeit an, ſich fuͤgen zu koͤnnen, welche vom Zwange der Umſtaͤnde angeeignet wird. Aber um wieder auf die laͤſtigen Viſiten zu kommen, von ihnen gilt es, was ich einſt eine Dame in wahrſter Meinung ſagen hoͤrte: Wer mich beſucht, erzeigt mir eine Ehre, und wer mich nicht beſucht, der macht mir ein Vergnuͤgen.— Ich fuͤrchte, Franzisca, wir haben das Schlimmere noch zu uͤberſtehen.« Madame Weihland ſagte nichts zu dieſer Bemer⸗ kung, der ſie ſchweigend beiſtimmte; doch legte ſie leiſe eine Waffe der Standhaftigkeit nach der andern an, bis ſie geruͤſtet war, die Damen zu empfangen. Dieſe Vorſicht war auch noͤthig geweſen; denn ihre Wehr von feſtem Willen ſollte einen ſtarken Angriff aushalten. 136 Frau von Elban ließ laͤnger auf ſich warten, als es nach dem Gebrauche der Zeit ſchicklich war. End⸗ lich rauſchte es draußen wie ſeidenes Gewaͤſſer, ein galonirter Bedienter ſagte ſeine Herrſchaft an, die gnaͤ⸗ dige Tante und ihre Nichten traten ein. Die Erſtere, eine kleine, ſeitwaͤrts geſenkte Figur, nicht unaͤhnlich einem Bildſtock, der, behangen mit Fahnen und Ge⸗ flimmer, ſich in den Wurzeln der Zeit abwaͤrts neigt, von etwas breiter Peripherie, zeigte in der Überladung ihres Anzugs, wie uͤbel angebracht der Putz den Haͤß⸗ lichen ſey. Naͤchſt der Maſſe Schmuck, worin ſie ihre prunkende Eitelkeit zur Schau trug, belaſtete die aͤngſt⸗ liche Sucht, ſich vor jedem Luͤftchen zu ſchuͤtzen, dieſe kurze Geſtalt mit viel entbehrlichem Wuſt. Ihr Geſicht hatte ſcharf markirte Zuͤge, und jene Farbe von fahlem Gelb, das auf eine krankhafte Galle ſchließen laͤßt. Die Augen der Frau von Elban, ſchwarzbraun und feurig wie Kohlen, verriethen eine leichtentzuͤndliche Bosheit, und nebenbei einen verliebten Funken, der in der kuͤhleren Atmosphaͤre ihrer Jahre noch nicht ver⸗ glommen war. Der Mund in ſeinen Umriſſen war eine Skizze des Hochmuths; ein frommer Phyſiogno— miſt wuͤrde es ihm angeſehen haben, wie ſchwerlich ſeine Redſeligkeit einſt vor dem Richterſtuhle beſtehen duͤrfte, deſſen Ausſpruch uͤber jedes unnuͤtze Wort ver⸗ werfend entſcheiden wird. So oft ſie ſprach, trat 137 ein kleiner ſpitzer Dickhals unter einer modiſchen Ba⸗ jadere ſtoͤrend hervor. 5 Aber hinter dieſem Bilde, welches ſchon an die Carricatur ſtreifte, und Schatten warf, erſchienen, wie auf dem Goldgrunde der Schoͤnheit, ein paar anmu⸗ thige Geſtalten, die Toͤchter des Landſchafts⸗Directors. Die juͤngſte, eine aufknospende Centifolie, mit den hundertblaͤttrigen Reizen der Jugend und dem Athem der Freude auf den gluͤhenden Lippen. Die Kunſt des Schneiders hatte das Ebenmaß des jungfraͤulichen Koͤrpers in ſo knappe Form gezwaͤngt, daß die Taille des Fraͤuleins woͤrtlich zu umſpannen war. Dies, und die Simplicitaͤt der Toilette, deren Aufwand hier auch vom überfluß geweſen, ſtand in dem ſchaͤrfſten Contraſt zu dem grellen Geſchmack der Tante. Stolz auf das Vermoͤgen, Alles bezahlen zu koͤnnen, hatte Frau von Elban den bequemen Guͤrtel der holden Cythere nicht abgeborgt, und ſo entbehrte er demnach gaͤnzlich jener magiſchen Kraft, welche ſelbſt die Koͤni— ginn des Himmels zur Erreichung ihrer Zwecke einſt von der goͤttlichen Liebe leihen mußte.— Claudine, die aͤlteſte Tochter des Herrn von Unſtern, war ihrer Schweſter durchaus ungleich. Dieſer Wuchs, ſchlank wie eine corinthiſche Saͤule, und edel getragen, entzuͤckte durch die feinſten Verhaͤltniſſe, durch eine ſeltene Harmonie der Glieder. Dem Geſicht des Fraͤu⸗ 138 leins, obſchon verbluͤht, gab eine durchſichtige Haut, rein und makellos, etwas ungemein Zartes und Schoͤ⸗ nes, und jener anziehende Reiz, der den Blick wider Wiſſen und Willen feſthaͤlt, beſeelte es in jedem Zuge. Ein roſiges Fleckchen grenzte die bleiche Blume der Wange gegen den Schlaf zu ab, als haͤtte feine Schminke ſich dahin verſchoben— eine bittere Falte zog ſich leiſe um den ſchoͤnen Mund; doch ein bezau— berndes Laͤcheln ſchwebte auf dem Incarnat dieſer Lip⸗ pen, welche die Suͤßigkeit eines Kuſſes geſchmeckt, aber auch den herben Kelch der Erfahrung gekoſtet haben mochten.— Das Fraͤulein war in echt vornehmer Manier hoͤchſt einfach gekleidet, nur ein paar brillante Ohrgehaͤnge von großem Werthe ſpielten ſtrahlend unter dem dunklen Haare, und der Puls am Gelenk der Hand ſchlug unter eiſernen Armbaͤndern, bewun⸗ dernswuͤrdig durch die kuͤnſtlichſte Arbeit, und gefaßt in Gold. Dieſe Spangen ſchienen eine magnetiſche Kette— und mit den Stroͤmungen des Lebens in enger Verbindung zu ſtehen. Wie die Locke ſich ringelte, und wie das Fraͤulein die Hand bewegte, Alles zeugte von dem Beſitze geheimnißvoll wirkſamer Kraͤfte, »Sie erlauben, Madame,« ſagte Frau von Elban mit dem Weſen der Herablaſſung und verneigte ſich kaum merklich,„daß wir uns das Vergnuͤgen Ihrer Connaiſſance geben.“« be 139 Franzisca freute ſich der Ehre, und ſtellte den Damen ihre Freundinn vor. Das aͤlteſte Fraͤulein ſprach einige artige Worte zu Paulinen, das juͤngſte ruͤckte ſich nach dem kleinen Complimente zurecht, und warf ſtolze Blicke voll heimlicher Neugier im Zimmer umher. Die Tante nahm auf dem Sopha Platz, wohin Ma— dame Weihland ſie fuͤhrte, und ſprach:»Ich bin ganz charmirt von Ihrem Hauſe, meine Gute, und denke mir es eine Weile darin gefallen zu laſſen. Sie wohnen excellent! doch wuͤrde ich die obere Localitaͤt der Aus⸗ ſicht wegen noch vorziehen.« Franzisca antwortete hierauf:»Frau von Elban wuͤrde doch, an den weiten Raum eines Schloſſes gewoͤhnt, hier noch manche Bequemlichkeit vermiſſen, wie ein precairer Aufenthalt, ſie zu gewaͤhren, nicht und nirgend geeignet ſey.« »Es macht ſich wohl,« entgegnete die Gnaͤdige mit vornehmer Genuͤgſamkeit und wiegte den ſchweren Kopf, »wie iſt es in den Baͤdern? man muß verſtehen, ſich zu behelfen. Hier iſt uns das Talent und die Geſellſchaft Ihres Miethsmannes, zu dem, beilaͤuſig geſagt, Ihnen zu gratuliren iſt, Madame, ein Argument, das uns voͤllig ſchadlos haͤlt. Er weiß fuͤr Alles Rath. Ein nobler Menſch, dieſer Felice! er verliert ſich unter den Staͤnden, man begreift gar nicht, wo der Landſchafts⸗Syndicus die ſublimen Nuͤancen des Umgangs nur her hat.« 140 Franzisca entbrannte, gemartert im feurigen Ofen dieſer Unterhaltung. Pauline, welche nur mit halbem Gehoͤr bei dem Fraͤulein war, warf einen mitleidigen Blick auf die arme Geaͤngſtete, und ſann, ihr zu helfen. Sie knuͤpfte ein Geſpraͤch mit der Dame an, und griff den Stoff dazu aus der Luft. Frau von Elban antwortete ihr mit nachlaͤſſiger Stimme, und hielt den duͤnnen Faden der Rede ſo loſe hin, daß er bald genug enthuſchte. Nach einigen Minuten war ſie wieder bei dem Landſchafts⸗Syndicus, wendete ſich an Madame Weihland, die Geſellſchafterinn außer Acht laſſend, und ſprach:»Er hat es mir geruͤhmt, wie vaͤterlich und muͤtterlich Sie und Ihr ſeliger Gatte ſich ſeiner an— genommen haben; es macht Ihnen alle Ehre. O! er hat ein unvergleichlich treffliches Gemuͤth!« Franzisca laͤchelte dieſes Lobes mit zuckenden Lippen, denen ein ſchlagendes Wort der Erwiederung ſich ver⸗ ſagte; ihr Gefuͤhl war in dieſem Moment das einer Rabenmutter. Sie haͤtte ihm die Augen aushacken moͤgen. Die Platon ſah die blaſſe Kraͤnkung in den Zuͤgen ihrer Freundinn, und fuͤhlte ſich abermals zu ihrem Beiſtande berufen. So antwortete ſie ſchnell: „Felice hat ſich dagegen auch, um den Vergleich der gnaͤdigen Frau beizubehalten— wie ein zaͤrtlicher, oder richtiger geſagt, wie ein verzaͤrtelter Sohn benommen; doch nur von einem Verhaͤltniß der Freund⸗ ſch 141 ſchaft, welcher der Landſchafts⸗Syndicus allerdings viel verdankt, und deren treue Beweiſe er nur billig anerkennt, kann zwiſchen ihm und Madame Weihland die Rede ſeyn.« Frau von Elban ſah die Geſell⸗ ſchafterinn, welche dieſe dreiſte Bemerkung wagte, und dem Guͤnſtlinge darin zu nahe trat, uͤberzwerg an. Sie lauerte momentan auf eine Eingebung des boͤſen Geiſtes; ſie ruͤmpfte die Naſe, eine Giftpille ruͤndete ſich auf der blaͤulichen Lippe— doch Fraͤulein Clau— dine, die bisher theilnahmlos fuͤr das, was geſprochen worden, am Fenſter ſtand, kehrte ſich haſtig zu Pau— linen, fragend: ob da druͤben in dem lichtgelben Hauſe nicht die Majorinn von Gardemer wohne? und ſchnitt ſomit ihrer Tante die Tuͤcke vom Munde ab. Mit Alteration, die mehr den Grundton verſchluckten Aergers, als der theilnehmenden Beſorgniß hatte, rief Frau von Elban dem Fraͤulein zu:»Mein Gott! wie ſiehſt Du wieder aus, Claudine? Dein Geſicht wirft ordentlich einen weißen Schein, daß Einem angſt und bange wird. Und die Stimme zittert Dir wie eine zerriſſene Saite. Du biſt krank, geſtehe es nur! großer Gott! was man doch fuͤr Noth hat!« Pauline heftete ihr Auge voll Bedauern auf den Wechſel von des Fraͤuleins Farbe, der allerdings auf⸗ fallend geweſen war. Kaum hatte Claudinens Ohr jene unzarten Außerungen der Tante vernommen, welche 1⁴42 die Blicke der Zeugen auf ſie lenkten, als es wie die Purpurſchnecke ein leuchtendes Hochroth uͤber das tief⸗ erblaßte Geſicht ausgoß; ihr Auge blitzte Zorn, und eine Thraͤne, die darin funkelte, loͤſchte dieſen Brenn⸗ ſtoff nicht. Sie betheuerte mit unterdruͤckter Stimme, wohl zu ſeyn, und es waͤre nur eine kleine Anwand⸗ lung von Herzklopfen geweſen, woran ſie oͤfters leide. »Das ſind Vorboten vom Schlage,« ſagte Frau von Elban der Nichte auf den ſchoͤnen Kopf zu; vaber Du nimmſt Alles auf die leichte Achſel.«»Ich bin nicht conſtituirt zur Apoplexie,« verſetzte Claudine mit laͤchelnder Beziehung,»ſonſt haͤtte mich der Schlag ſchon laͤngſt geruͤhrt.« »Dieſe Anfaͤlle ſind aber doch zu beruͤckſichtigen, mein Fraͤulein,« ſprach Franzisca,»waͤren Sie nicht geneigt, einen Arzt deshalb zu conſuliren?« »Das iſt es eben!« entgegnete Frau von Elban hierauf anſtatt Claudinens,»wir haben kein rechtes Zutrauen. Die Doctoren kochen doch auch nur mit Waſſer, und ich ziehe mir ein probates Hausmit⸗ telchen der lateiniſchen Kuͤche vor. Da iſt der Hof⸗ rath Breeſt, der mit dem Ehrenzeichen— ich glaube, ein Arzt von Renomee, und doch hat er das Kind der Graͤfinn Wendelin ſterben laſſen. Wenn nun ein erfahrner Medicus ſolch einer Kleinigkeit nicht aufhelfen kann, was ſollen große Leute von ihm erwarten?a 1⁴43 Madame Weihland und ihre Freundinn ſtarrten die Dame an, welche im gquellenden Schwall der Rede einen tiefen Odemzug, wie uͤber die Oberflaͤchlichkeit des mediziniſchen Wiſſens holte, und dabei ſo bedeut⸗ ſam um ſich blickte, als haͤtte ſie aus dem Born der Weisheit geſchoͤpft. Es war der Frau von Elban jedoch voller Ernſt mit dieſer Frage geweſen. Sie fuhr fort:»Man ſetzt voraus, daß die Doctoren ſich in den Familien von Standesperſonen mehr Muͤhe geben, als mit den eklen Gebrechen des Plebs. Wie hat ſich das Volk! es iſt dort jedenfalls eine anſtaͤn⸗ digere Maladie, und die Ärzte koͤnnen eine feinere Kunſt darauf verwenden.« Hier konnte Pauline ſich laͤnger nicht halten. Sie ſprach:»Wenn der Arzt ein rechtſchaffener Mann, ja wenn er ein Menſch iſt, ſo gilt ihm jedes Leben, jedes Leiden gleich. Er iſt zum Dienſt der Menſchheit be⸗ rufen. Auch hat wohl Niemand gleich ihm Gelegen⸗ heit, zu bemerken, wie die Natur die Unterſchiede des Schickſals aufhebt. Sie bringt wie eine gute Mutter ihre Mittel gegen den Schmerz aller ihrer Kinder her⸗ vor. Nur fuͤr den Tod laͤßt ſie kein Kraut wachſen,— Gottlob! weil wir einmal ſterben ſollen.« Dieſe Worte, welche die Platon mit tiefer Indig⸗ nation geſprochen, ſchienen der Dame doch imponirt zu haben, und es war, als ob die Ruhe, womit 144 Pauline der letzten irdiſchen Beſtimmung erwaͤhnt, ihr ein Gefuͤhl der Achtung fuͤr das Maͤdchen aufgedrungen haͤtte. Sie antwortete mit verzogener Miene:»Gott⸗ lobe? dies kann ich nicht mit Ihnen ſagen, Mademoi⸗ ſelle, wenn vom Sterben die Rede iſt. Der Tod iſt bitter! und ich fuͤrchte mich entſetzlich davor. So daͤchte ich denn, der Schoͤpfer haͤtte es beſſer eingerichtet, wenn man von gar nichts wuͤßte. Man lebte ſeinen guten Tag, und waͤre um die Zukunft unbekuͤmmert.— Aber um nochmals auf das Vorige zu kommen: wird hier viel Homdopathie getrieben? ich bin außerordent⸗ lich fuͤr dieſes Syſtem der Heillehre. Es wird gleich— ſam mit Nichts curirt, und die Diaͤt iſt die Haupt— ſache. Dies waͤre eine Behandlung fuͤr Dich, Claudine, und wir wollen heute mit Felice daruͤber reden. Du machſt Dir ja nichts aus Eſſen und Trinken, als ſollte unſer Herrgott Dir etwas Apartes braten. Ja, ich halte ſehr auf Diaͤt! beſonders bei jungen Leuten und Dienſtboten. Sie bleiben bei nuͤchternem Verſtande, und achtſam auf ihre Pflicht und Schuldigkeit.« Fraͤulein Liddy, welche ſich bisher ganz ſtill und indifferent verhalten, verrieth hierdurch einen laͤcher⸗ lichen Zug des ſchoͤnen Mundes, der wie ein kleines Winkelmaß eine Parallelle zwiſchen den Lehrſaͤtzen des ſeligen Hahnemann und dem Umfange ihrer Tante zu ziehen ſchien, daß ſie auf das Geſſpraͤch achte. 145 Sie warf ihrer Schweſter einen ſpottenden vielſagenden Blick zu. Frau von Elban merkte nichts von dieſer Augenſprache. Sie erhob ſich, ohne Franziscas Ant⸗ wort abzuwarten, und ſprach:»Dabei faͤllt mir ein, daß es Zeit zur Tafel ſeyn wird. Sie, Madame, eſſen wahrſcheinlich ſchon fruͤher, und ſo haͤtte ich mich zu entſchuldigen, wenn ich abgehalten haben ſollte.« Eine ſtumme gegenſeitige Verbeugung, und nach dieſem Abſchiede in vornehmſter Kuͤrze oͤffnete ſich die Thuͤre den abgehenden Damen. Franzisca blieb wie verſteinert zuruͤck. Mit der Miene und Geberde des Erſtaunens ſchlug ſie die Haͤnde ineinander, blickte ihre Freundinn mit weiten, offenen Augen an, und ſprach:»Was ſagſt Du nun, Pauline? Mir bleibt der Verſtand ſtill ſtehen. Es rappelt mit der Tante, ſo viel iſt gewiß. Ihr verwirrtes Geſchwaͤtz geht mir im Kopfe herum, wie wenn Jemand eine Chorde dreht. Die Alte iſt toll verliebt in den Landſchafts⸗Syndicus, das muͤßte ein Tauber hoͤren.« Pauline laͤchelte ganz leiſe. »Du glaubſt es nicht?« fragte Madame Weihland gereizt, vihr zweites Wort war ja Er, und immer Er und ſein Lob! Gott weiß, ich habe wie auf Nadeln geſeſſen.« »Ich raͤume es ein,« antwortete die Platon,»ſo wie ich uͤberhaupt der Dame jede hoͤchſtmoͤgliche Thorheit Hanke Wittwen Ir Theil. 7 146 zutraue. Sie iſt eine Naͤrrinn durch und durch, und zwar von der ſchlimmſten Art. Ich ſchaͤme mich, daß dieſer Unſinn mir Ärger verurſachen konnte.“« »Um dieſe Frau zu leben—« ſagte Franzisca, das kann ich mir ſchauderhaft denken; ich hielte mich in Gefahr, ſelbſt verruͤckt zu werden.« »Ich dachte mir,« erwiederte die Platon,»wie bemitleidenswerth das Loos der Nichten waͤre, ſolch einer Verwandtinn beigeſellt, und ihren Schrollen untergeordnet zu ſeyn. Beſonders dieſe Claudine. Ich mag es Dir nicht bergen, daß ich ſie innigſt bedauere. Sie ſcheint ihr Schickſal ſchwer zu empfinden, doch traͤgt ſie es mit Anſtand.« Es war, als ob Franzisca dieſen Grad der Theil⸗ nahme fuͤr das Fraͤulein uͤbel naͤhme; er reichte min⸗ deſtens uͤber die Linie eines unparteiiſchen Zugeſtaͤnd⸗ niſſes hinaus, deren ihr leidenſchaftlich aufgeregtes Gemuͤth jetzt nicht faͤhig war. Madame Weihland entgegnete daher mit verhaltener Heftigkeit:»Ich muß Dir aufrichtig ſagen, daß ſie mir bei allem Intereſſe, welches ihre Geſtalt unwiderſprechlich erregt, doch unheimlich vorgekommen iſt. Es liegt Etwas in ihrem Auge— ich habe an die neuliche Bemer— kung des Schwagers denken muͤſſen. Und dieſe jaͤhe Blaͤſſe! es war, als ob ein innerer Aufruhr, gewalt— ſam unterdruͤckt, ſie ſo gaͤnzlich entfaͤrbte.— Auf —————. und daß das in wie olch llen Ich tere. doch heil⸗ nin⸗ ind⸗ gtes and Ich lem tegt/ was ner⸗ jähe alt⸗ Auf 147 welche von Beiden mag Felice es wohl gemuͤnzt haben? Wie findeſt Du denn die Kleine? Ihr ſchoͤ⸗ nes Geſicht hat eine voͤllig geiſtloſe Ruhe, und ob ſie reden kann, weiß ich bis dieſen Augenblick noch nicht.« »Betaͤuben duͤrfte ſie ihn ſchwerlich,« antwortete Pauline mit gelinder Ironie:„doch was die Stille nicht wirkt, wirkt die Rauſchende nie, ſagt unſer Schiller. Es waͤre dieſer Schweigſamkeit ungeachtet moͤglich, daß ſie ihn entzuͤndet haͤtte. Sie ſelbſt ſchien ziemlich gleichguͤltig. Ein ſchoͤnes Bild, dem die bele— bende Seele fehlt.« Dieſes Urtheil uͤber Fraͤulein Liddy genuͤgte der, die es gefordert, beſſer. Sie ſtimmte ihm lebhaft bei. »Sie wollten,« ſprach Madame Weihland,« immer wieder auf die Arxe ihrer Ideen zuruͤckkommend,»den Landſchafts⸗Syndicus ſogar zu Rathe ziehen, auf welche Art die kraͤnkliche Claudine aͤrztlich zu behandeln waͤre; ein Beweis—« »Daß er zu Allem ſein Votum geben muß,« fiel ihr Pauline laͤchelnd in's Wort; und fuhr fort:»ich zweifle dennoch, wenn ich es auch nicht begreife, wie ein Mann von Geiſt und Geſchmack, und Beides wollen wir Felice zugeſtehen— zwiſchen dieſen Schweſtern ſchwanken koͤnnte— ich zweifle dennoch, wie ich ſagen wollte, daß ſeine Neigung auf Claudine gerichtet ſey.« 7* ——— —————— 148 »Was aber koͤnnte ihm denn an dem juͤngſten Fraͤu⸗ lein ſo ausnehmend gefallen haben?« fragte Franzisca, und gab dadurch unwillkuͤhrlich zu verſtehen, daß ſie Claudinen, trotz ihres verbluͤhten Lenzes, fuͤr ein ſo anziehendes Weſen halte, daß ſelbſt die Schoͤnheit in ihrer Morgenfriſche dagegen nicht in Betracht komme. »Jugendreiz!« antwortete die Platon, yer genuͤgt Maͤnnern dieſer Claſſe. Und fuͤr Felice insbeſondere, daß Fraͤulein Liddy die Tochter ihres Vaters ſey.« Dieſe Eroͤrterungen hatten alle Schmerzen und Kaͤmpfe der juͤngſtvergangenen Zeit in Franziscas Innerſtem aufgewuͤhlt. Sie fuͤhlte ſich empoͤrt, woran Frau von Elban vielleicht die wenigſte Schuld trug, obgleich ihr alle beigemeſſen wurde. »Und nicht eine Sylbe des Dankes ſagte ſie mir, es waͤre doch artig geweſen!« hob Madame Weihland auf's Neue an, indem ſie die Gedaͤchtnißreihe der ganzen Converſations⸗Scene durchging,»als haͤtte, was ich aus Gefaͤllieit bewilliget, ſo ſeyn muͤſſen.« Pauline erwiederte:»Ich wuͤrde Dich bedauern, wenn Du dies erwartet haͤtteſt. Vornehme Leute— obgleich ich Frau von Elban nicht die Ehre erzeigen moͤchte, ſie dazu zu zaͤhlen— ſehen die Dienſtleiſtungen Buͤrger⸗ licher ſtets als eine Verguͤnſtigung ihrer Seits an.« Mittlerweile war angerichtet worden. Die Damen ſetzten ſich zu Tiſche. Franzisca ruͤhrte das Eſſen au⸗ zca, ſie 1ſo in ſ. uͤgt ere, 149 kaum an, und auch Pauline genoß, wie immer, aͤußerſt wenig. Der Juſtizcommiſſarius kam. Er blieb ver⸗ wundert in der geoͤffneten Thuͤre ſtehen, und ſprach: »Ich war zwei Jahre in Paris! aber ſo ſpaͤt ſah ich noch keine Wittwe eines Banquiers tafeln. Wie geht das zu, mes Dames?« Man ſagte es ihm. Er legte Hut und Stock ab, kam naͤher, beugte ſich in den lockenden Dampf der Speiſen, und fand ſein Leibgericht koͤſtlich bereitet, hier verſchmaͤht. Auf Franziscas Einladung langte er ohne Umſtaͤnde zu, und meinte, ein Nachtrag kaͤme in allen Rubriken des menſchlichen Lebens vor, und ein ordentlicher Mann halte auch, nach einer eben erſt eingenommenen Mahlzeit, ein leeres Plaͤtzchen fuͤr moͤg⸗ liche Faͤlle offen. Waͤhrend er es ſich ſchmecken ließ, erſtattete ihm Franzisca Relation, und zwar mit derjenigen über⸗ treibung, die einer Phantaſie eigen iſt, welche Alles in erhoͤheter Potenz erblickt. Die heftige Gemuͤthsart der jungen Wittwe, jetzt noch durch leidenſchaftliche Triebfedern geſchwellt, machte den Bericht, ihr ſelbſt unbewußt, bei aller Liebe fuͤr die Wahrheit, dieſer doch auf kleinen Abwegen ungetreu. Pauline ſchaltete dann und wann ein berichtigendes Woͤrtchen ein. Sie rech⸗ nete darauf, daß der Juſtizcommiſſarius die Weiſe ſeiner Schwaͤgerinn kenne. 150 Er ſtillte zuvor ſeinen Appetit, dann wunderte er ſich. »Nach dem, was ich hier erfahre,« erwiederte er, „gehoͤrt die Tante in eine Irren⸗Anſtalt, wo ſie gut behandelt wuͤrde, die bleiche Niece in das Krankenbett, und die kleine ſtupide Schoͤne in eine Bildergallerie. Es muß dem Felice eine Entaͤußerung ſeiner beſten Beſitze ploͤtzlich angekommen ſeyn. Das Herz hat er verloren, ſeine Zimmer abgetreten, die Freundſchaft verwirkt, eine gediegene Hoffnung verſcherzt— und den Verſtand hoͤchſt wahrſcheinlich verpachtet, daß er ſich mit ſolch einem Enſemble befaſſen konnte. Am Ende macht ihn der Herr von Unſtern noch zu ſeinem Finanzier, und daß dies ein Ehrenpoſten ſey, wobei Dank und Ruhm zu verdienen, davon ſchweigen alle offiziellen Nachrichten.“« »Ich fuͤrchte ſehr,« ſprach die Platon,»wir werden die Familie ſobald nicht wieder los werden. Es ſcheint der Dame bei uns zu gefallen.« „Nun, ſo wird dem Landſchafts⸗Syndicus gekuͤndigt,« entgegnete der Juſtizcommiſſarius mit dictatoriſchem Tone, als muͤſſe er in maͤnnlicher und amtlicher Be⸗ fugniß hierbei den Ausſchlag geben, vein Mieths⸗ contract iſt kein Sacrament, woruͤber der Geiſtliche den Segen geſprochen haͤtte.« Franzisca ſtrich ſchweigend mit dem ſilbernen Mi⸗ niatur⸗Schaufelchen den geſtoßenen Pfeffer glatt und 151 glaͤtter, und verwuͤnſchte in Gedanken ihr ſchoͤnes Haus, ſammt ſeinen dermaligen Inwohnern, von denen die Rede war, in das Land, wo er waͤchſt. An einem der ſpaͤteren Maͤrztage, der, fruͤhlingshell und ſonnenwarm, einer Zeit voll ſtuͤrmiſchem Geſſtoͤber und graulicher Naͤſſe folgte, ſah Frau von Gardemer die Leute aus der Faſtenpredigt nach Hauſe gehen. Es ruͤhrte ſie, wie der erſte freundliche Blick des Jahres in der Ahnung des neuen Lebens, das nun bald erſtehen wuͤrde aus dem langen Schlafe der Natur, uͤberall die Luſt weckte, an das Licht zu kom⸗ men. Kinder ſpielten auf der Straße, hier und da erquickte ein matter Greis, eine gekruͤmmte Alte ſich an dem wohlthaͤtigen Strahle, und die Sonne ſchien mit gleicher Huld auf die vollen goldnen Locken paus⸗ backiger Buben, wie in das duͤnne Silber eines ehr— wuͤrdig grauen Haares nieder. Aus der Ferne vom Markte her toͤnte eine Drehorgel den Marſch der Alpenſaͤnger, und in der Hoͤhe verhallte der Schall der Glocken, welcher das Ende des Gottesdienſtes anzeigte. Langſam bewegte der Zug der Frommen ſich von der Kirche herauf, welche ihre gefuͤllten Baͤnke heute groͤßtentheils dem ſchoͤnen Wetter verdankte. Die Buͤrger und Patrizier der Stadt ſchritten in geiſtlicher 152 Gravitaͤt einher, die aͤlteren Frauen in andaͤchtiger Ziemlichkeit; nur die juͤngeren Pfleglinge der Seelſorge ſchienen den ernſten Gang der Paſſions-Betrachtung bei den weltlichen Anklaͤngen zu verfluͤchtigen, denen ſie ein willigeres Ohr und einen empfaͤnglicheren Sinn liehen, als der vernommenen Kanzelrede, obgleich, der ſie gehalten, mit vieler Salbung ſprach. Luzie blickte mit ſanften Gefuͤhlen in die heimkeh— rende Heerde jenes Pastoris loci. Sie dachte des Gleichniſſes vom Worte Gottes, und bei wie Vielen oder wie Wenigen unter dieſer Menge ſolch ein Samen⸗ koͤrnlein auf guten Boden gefallen ſey, daß es hun⸗ dertfaͤltige Frucht truͤge?— Bei dieſen Gedanken ſchwellte ſolch ein ewiger Keim ihr Herz; die Ver⸗ gangenheit blieb, ein duͤſterer Wintertraum! zuruͤck, das Leben verklaͤrte ſich um ſie her, und der Fruͤhling zog wie mit heiligem Odem in ihre Seele ein. Frau von Gardemer hatte ſeit ihrer erſten Zuſammen— kunft mit dem Freunde ihrer Jugend den Capitain nicht wieder geſehen. Er begleitete ſeinen General auf einer Unterſuchungsreiſe, und war, erſt in ſeinem neuen Standorte angelangt, ſo ſchleunig dazu berufen worden, daß er kaum Zeit gefunden, Luzien in einigen Zeilen Anzeige davon zu machen. Seine Ruͤckkehr hing von hindernden oder foͤrdernden Umſtaͤnden ab, und war demnach durchaus uubeſtimmt. 153 Luzie bemuͤhete ſich, dieſe Schickung gut zu finden, was auch jene Stimme in der linken Bruſt dagegen ſagen mochte, die ſich nicht ſelten erlaubt, anderer Meinung zu ſeyn, als der altkluge Verſtand, und auf ihr gutes Recht zu pochen pflegt.— Frau von Gardemer uͤberlegte, ſie gewoͤnne nunmehr Zeit, ruhiger zu werden, ehe Troja wieder kaͤme, was ihr bei der empfundenen Wirkung ihres Beſuchs auch noͤthig ſchien. Wie ihr Verhaͤltniß zu dem Capitain ſich kuͤnftig geſtalten werde, daruͤber mochte Luzie gefliſſent⸗ lich nicht nachdenken. Froh des Sonnenblicks, den ein truͤbes Schickſal ihr gegoͤnnt, wie der hellen Heitre dieſes Tages, wollte ſie ſich das, was darauf folgen koͤnnte, nicht klar machen. Auch war jede Ausſicht in die Zukunft ihr durch das Dunkel verduͤſtert, wo nicht gar benommen, was uͤber der Beziehung Trojas zu Claudinen von Unſtern ſchwebte, und wovon, dies fuͤhlte Frau von Gardemer in der zarteſten Achtung fuͤr ihr Geſchlecht, wie fuͤr die Rechte einer Neigung ihres Freun⸗ des, es allein abhing, wie flach oder wie feſt das Band der alten Anhaͤnglichkeit geknuͤpft werden duͤrfte.— Vertieft in Gruͤbeleien uͤber jenes fragliche Buͤndniß der Freundſchaft oder der Liebe? hatte Luzie es uͤber⸗ hoͤrt, daß eine ſchuͤchterne Stimme mit ſchwachem Tone ihre Aufmerkſamkeit zu fordern wage. Es war ihr wohl geweſen, als haͤtte Jemand ſie aus weiter * 154 Ferne angeredet; aber ſchon zweimal hatten jene be⸗ ſcheidenen Laute das Zimmer durchſaͤuſelt, ohne zu der Audienz, welche Frau von Gardemer ihren Gedanken gab, gelaſſen zu werden.»Gnaͤdige Frau!« toͤnte es b jetzt wiederum, und Luzie erwachte aus ſuͤßen Traͤu⸗ men. Sie wendete ſich um— da ſtand Moſchels 4 Perle ehrerbietig von Weitem und gluͤhend vor Ver— 6¹ legenheit, ſich der Dame ſo wiederholentlich bemerkbar b machen zu muͤſſen. Luzie ſchaͤmte ſich dieſer gaͤnzlichen Abweſenheit. Sie winkte die Kleine guͤtig zu ſich heran, und ſprach: V»Was bringſt Du mir, mein Kind? ahal ich ſehe, Du willſt mir Deine Arbeit zeigen. Wie fleißig Du geweſen biſt!« Sie ruͤhmte die Sauberkeit der Stickerei und daß ſie ſo weit ſchon gefoͤrdert waͤre. Luzie ſtrei⸗ b chelte die rothe Wange der lieblichen Perle, und der Anlaß dieſes Lobes ſchien ihr ſchicklich und willkommen, der kleinen Juͤdinn liebkoſen zu duͤrfen. Denn Frau von Gardemer liebte das Maͤdchen, welches gleich einem zertretenen Bluͤmchen in der Sonne ihrer Gunſt . ſich zu heben ſchien. Perle athmete tief. Sie ſenkte das gluͤhende Auge, und Freude verbreitete ſich uͤber ihr Geſicht. Frau V V von Gardemer ſah dieſe feine Geſtalt mit einem langen laͤchelnden Blicke an. Sie ward ſich ihrer Macht uͤber Ephraims Tochter bewußt, und ein Wunſch fuͤr des 155 Maͤdchens Gluͤck, halb Gefuͤhl, halb Vorſatz, regte ſich in ihrem Innern.— Wie Luzie die junge Juͤdinn, welche mit gaͤnzlicher Hingebung ihrem Anblicke ſtand, ſo anſchaute, als wolle ſie die Anatomie dieſer zarten Zuͤge ſtudiren, war es, als ob vergleichende Erin⸗ nerungen ihr deutlich zu werden ſtrebten. Es ging etwas in ihr vor, wie in der Seele des Dichters, wenn er einen tiefen Gedanken in das Gewand der Sprache kleiden will.— Und doch war Perle mehr als ein anmuthiges Bild der Phantaſie; es lag irgend⸗ wo, wenn auch verwiſcht, ein Original, dem ſie aͤhnelte, in dem Raume von Luziens Gedaͤchtniß. Sie ließ es einſtweilen ruhen, und dachte: es wird mir ſchon noch einfallen, wohin das Maͤdchen eigentlich gehoͤrt.« 1 »Bleibe ein wenig bei mir, Perle,« ſagte Frau von Gardemer mehr bittend als erlaubend,»wenn Deine Mutter naͤmlich Deines Beiſtandes entbehren kann.« Die Miene des Maͤdchens druͤckte einen Moment des Entzuͤckens aus; doch in der Antwort:»Sie hat ihn entbehren muͤſſen zu einer Zeit, wo er der Armen noͤthiger war als jetzt«— ſchien ſich ein herbes An⸗ denken hervorzudraͤngen.— »Wie geht es Deiner Mutter jetzt?« fragte Frau von Gardemer theilnehmend. »Sehr ertraͤglich, gnaͤdigſte Frau!« erwiederte Perle, 156 vich kann nicht genug dankbar dafuͤr ſeyn. Ich ver⸗ laſſe ſie auch nimmer, außer— wenn—— ich blaſe ihr gleichſam die Gedanken mit Liebe ein, und es iſt, als ob ſie ſich dabei zurecht faͤnde.« »Die Mutter gab Dir vas Leben,« ſprach Frau von Gardemer geruͤhrt, vund Du theilſt Deine Seele mit ihr; jeder Odem Deiner Bruſt, den Du fuͤr dieſen Zweck verwendeſt, iſt ein Hauch aus Gott. Du biſt ein Kind des himmliſchen Vaters, Perle! und gieb V' Acht! es wird Dir wohl gehen auf Erden!« Unter dieſer Weihe ihrer kindlichen Tugend ſchlug Perle die Augen auf zu der von ihr angebeteten Frau, 9 die ſolche ertheilt; ſie ſtanden voller Thraͤnen. Luzie wollte die ſchwermuͤthige Reizbarkeit dieſes jugendlichen Gemuͤths ſchonen. Sie winkte auf einen nahen Stuhl V hin und ſprach:»Setze Dich doch, liebes Maͤdchen. Arbeitszeug kann ich Dir auch geben; doch wollte ich lieber Deine Harfe holen laſſen, daß Du mir ein Liedchen ſaͤngeſt.« »O gnaͤdige Frau!« ſtammelte Perle betroffen,»ich kann nichts Luſtiges, denn meine Jugend war ſehr truͤbe.« Frau von Gardemer laͤchelte dieſes Einwands. Die Neigung, eine gereimte Poſſe zu hoͤren, lag ihr fern, und es kam ihr drollig vor, daß dieſe Saͤngerinn das Imperfectum gebrauche, da ſie von ihrer Jugend eſen biſt gieb glug rau, uzie chen tuhl 157 ſprach. Sie ging an den Klingelzug und ſchellte. Cordelia kam und erhielt den Befehl, den Bedienten nach dem Inſtrumente zu ſenden. Es ward gebracht; Perle handhabte es ſehr geuͤbt. Sie freute ſich des Klanges, der in dem hochgewoͤlbten Zimmer volltoͤnend hallte; es war, als ob das eigene Spiel ihr ein Neues waͤre. Die Harfe war uͤberdies ſehr ſchoͤn und in guter Stimmung. Das Inſtrument vorzuͤglicher Art und der Grad von Perles Fertigkeit, damit umzu⸗ gehen, der nicht ohne Koſten des Unterrichts gewon⸗ nen werden koͤnnen, ſtand in auffallendem Wider— ſpruche zu Ephraims aͤrmlichen Umſtaͤnden und erregte eine fluͤchtige Verwunderung in ſeiner Goͤnnerinn, naͤchſt der Anerkenntniß, in die ein leiſer Tadel ſich miſchte, daß dieſer duͤrftige Vater das überſchweng⸗ lichſte auf ſein Kind gewendet, waͤhrend er ſelbſt mit ſeiner ungluͤcklichen Gattinn und den kleineren Kindern faſt Mangel gelitten. Perle erroͤthete im feinſten Carmin, da ſie beginnen ſollte; ihr Herz ſchien ſtaͤrker zu ſchlagen als die Sai⸗ ten, welche ſie mit leiſem Accent beruͤhrte. Frau von Gardemer lehnte ſich in ihrem Armſeſſel zuruͤck und ſchlug die Augen nieder, als lauſche ſie nach innen und gaͤbe nur ſich ſelbſt Gehoͤr, um das Maͤdchen durch firirte Aufmerkſamkeit nicht zu befangen. Aber Perle war ſchon durch die Melodie im einfachen Gange entfuͤhrt. Perle Frau 158 der Begleitung jeder verwirrenden Ruͤckſicht Sie ſang: »Die heil'ge Palme träufelt Kühle In meines Stammes Vaterland! Du warme Wiege! ach, ich fühle Der Heimath ſchuldlos mich verbannt!— Hier ſchleicht mein Fuß auf fremden Boden, Gedrückt und einſam ſchlägt dies Herz— Zum Seufzer wird der Freude Odem: Denn kalt iſt der Verachtung Schmerz. Dort raget ſtolz der Cedern Wipfel Hoch über menſchlichem Bemüh'n; Und auf des Horebs altem Gipfel Des Himmels ew'ge Flammen glüh'n. Jehovah! Eins laß mich begehren, Es iſt nicht wider Dein Gebot—: An jenen himmliſchen Altären Mögt' ich Dir klagen meine Noth!— Soll in der Wüſte ich verſchmachten? Gott meiner Väter! ich bin Dein. Du wirſt auf meine Thräne achten, Mein Auge weinet Dir allein. Schon theilet golden ſich die Wolke, Es rauſcht der Hülfe heil'ger Quell— Ein Waiſenkind von Deinem Volke Sieht ſeines Retters Antlitz hell!l?— V ſah bei dem Schluſſe dieſer Strophen wirklich verklaͤrt aus, als ſchwebe eine hehre Erſcheinung ihr vor der Seele. von Gardemer ſprach:»Dein Geſang iſt ſcht 159 ſchoͤn, aber traurig, zu traurig fuͤr Deine Jahre. Sage, mein Kind, welcher Schmerz hat Dir dies Lied gelehrt? Man muß in der That ſchlimm mit Dir verfahren ſeyn!« Dieſer ſilberne Ton war der Schluͤſſel zu dem Ver⸗ trauen des armen Kindes und oͤffnete mit magiſcher Kraft alle Zugaͤnge dieſes mißhandelten Herzens. Perle antwortete:»Ich war bei boͤſen Leuten, gnaͤdigſte Frau, und werde es wohl nie verwinden, was ſie mir Leides gethan.«— Ein zuckendes Weh in dem Geſicht voll erhabenem Ausdruck, und eine heftige Bewegung, als Luzie, wenn auch ſacht und ſanft, an dem Ge— heimniſſe dieſer Erfahrung ruͤttelte, zeigte, wie tief der Haß gegen dieſe Unbilden gewurzelt ſey. Frau von Gardemer war im Begriff, dies verletzte Gemuͤth mit dem linden Öle eines chriſtlichen Troſt⸗ ſpruches heilen zu wollen; aber ſie beſann ſich, daß die juͤdiſche Jungfrau an den Mittler nicht glaube und nur den zuͤrnenden Richter gegen ihre Feinde anrufe. Luzie betrachtete das Maͤdchen eine Minute mit entfremdetem Gefuͤhl. Sie ward ſich aller Kraͤn⸗ kungen ihres eigenen Lebens bewußt, jedes uͤberwun⸗ denen Kampfes; doch der Siege goͤttlichſter, das Ver⸗ geben! hatte ſie Frieden finden laſſen fuͤr ihre Seele. So empfand ſie den Segen ihrer Religion, zugleich Mitleid fuͤr das arme Weſen, das ihn entbehrte; frei 160 von Geringſchaͤtzung, und wohl eher geſinnt, von dem Reichthume der Beruhigung mitzutheilen. Frau von Gardemer hob an:»Ich habe es mir niemals erklaͤren koͤnnen, warum Dein Vater, als ein verſtaͤndiger und guter Mann, Dich entfernt hielt, da Deine Mutter einer kindlichen Hand zu ihrer Pflege 6 wohl bedurft haͤtte, und oͤfters ohne alle Wartung war.« ¹»Daß ich dies wußte, war nicht die kleinſte Zuthat meines Elends in der Fremde,« erwiederte Perle;»aber 1 beſſer iſt es doch, getrennt von denen ſeyn, die zu ehren und zu lieben, unſere natuͤrliche Pflicht iſt, als aushalten muͤſſen in der Naͤhe ſolcher, die zu verab⸗ ſcheuen man ſich gezwungen fuͤhlt.« »Und war dies wirklich Dein Fall, liebe Kleine?« fragte Luzie zweifelhaft,»oder haͤtteſt Du vielleicht den V Zwang Deiner Lage mit dem Widerwillen gegen die ' Menſchen verwechſelt, deren Schutze Du anvertraut warſt?« Ein Laͤcheln der Verachtung ſpielte um die Lippen des Maͤdchens, ehe ſie ſich zu folgender Antwort oͤffneten:»Der Mann, welcher Vaterſtelle bei mir vertreten ſollte, war Steuer-Aufſeher in B— und ehemals Soldat geweſen. Er trug die Ehrenmedaille— auf ſeiner Bruſt, die der Sitz der Schande war. Ja, es iſt ſo, wie ich ſage, bei dem wahrhaftigen Gott! dem mir als hielt, yflege ttung uthat Haber ie zu „als erab⸗ ne?« den n die traut ppen wort mir und le— Ja, zot 161 die Frau war wo moͤglich noch ſchlimmer; doch galten Beide fuͤr Stille im Lande und zaͤhlten ſich zu der Gemeine der Frommen. Sie liehen auf Pfaͤnder und trieben ſuͤndhaften Wucher, deſſen ein armer Jude, wie mein Vater, ſich ſchaͤmen wuͤrde. Der Steuer⸗ Aufſeher, vereidet fuͤr ſeinen Dienſt, lebte nur vom Betrug. Er druͤckte ehrliche Leute unter der haͤrteſten Befugniß ſeines Amtes, wenn ſie es fuͤr unredlich hielten, ihn zu beſtechen, und half ſchlechtem Geſindel durch, das ihm die Hand verſilberte, oder ſeinen Haus⸗ halt mit Victualien verſah.— Kein Iſraelit wuͤrde jemals einen winſelnden Hund ſo in Sturm und Wetter auf die Straße ſtoßen, wie dieſe Leute mich, ein ſchwaches Kind! umher gejagt und auf jede Weiſe grauſam behandelt haben. Und doch wurde ihnen meine hungerleidige Koſt gut bezahlt. Sie bekamen Geld fuͤr mich geſchickt, und auch nicht wenig.« »Wie ſoll ich mir dies aber denken?« fragte Frau von Gardemer mit dem Tone der Unbegreiflichkeit. »Wie haͤtte er Summen erſchwingen koͤnnen,« fuhr ſie fort, zu dem Entzwecke, daß es ſeinem Kinde in der Fremde uͤbel ergehe? »Ich weiß es nicht,« antwortete Perle, haber es iſt ſo, wie ich Ihnen ſage, gnaͤdigſte Frau, doch meinte ich, das Geld waͤre hauptſaͤchlich der Betrag fuͤr die Privat⸗Lehrſtunden, welche mir im Hauſe des Steuer⸗ — 162 Aufſehers gegeben wurden; denn nie habe ic eine oͤffentliche Schule beſucht.« In ſtiller Verwunderung uͤber Moſchels ſeltſames Erziehungsprinzip, ſchuͤttelte die Majorinn leiſe den Kopf, und ſeine Tochter ſetzte ihre Erzaͤhlung folgen⸗ dermaßen fort:»Wie ſcheu ich auch war, jenen Leuten nur mit dem mindeſten Vergehen zu nahe zu treten, ſo traf ich doch ihre Meinung nimmer. Den ganzen Tag ſchmaͤlte die Frau, und ſtieß verwuͤnſchende Reden gegen mich aus; ſie vermaledeite mich, und meine unehrliche Geburt, laͤſterte die Meinigen und trat mich wie einen verachteten Wurm in den Staub. Und an ihrem Halſe, in welchem kein boͤſes Wort jemals erſtickte, trug ſie ein goldenes Cruzifix, und mit derſelben ſchnoͤden Zunge, die mir das Ärgſte ſagte, und wie ein zweiſchneidig Schwert mein Herz unzaͤhlige Male geſpaltet hat, rief ſie im Beten und Singen den Stifter ihrer Religion an. Und der Mann ſegnete ſich am Abend und Morgen mit der Hand, mit welcher er mich ohne Urſache ſchlug, nur um ſein Muͤthchen zu kuͤhlen, und mit der er den ſauern Schweiß ver⸗ ſchaͤmter Armen zuſammen ſcharrte. O gnaͤdigſte Frau! Ihnen muß ich es ſagen— ich fuͤhlte mich gegen das Chriſtenthum empoͤrt, das eine ſo unmenſchliche Begeg⸗ nung geſtattet. Sah ich ein Kreuz, ſo wendete ich mich ſchaudernd hinweg, eine Kirchenglocke konnte — eine ſames e den olgen⸗ teuten reten, anzen Reden meine mich d an emals elben wie Male den gnete elcher hchen ver⸗ Fraul das egeg⸗ e ich onnte 163 mich bis zur Ohnmacht betaͤuben, der Ton einer Orgel preßte mir Thraͤnen aus. Mein Herz iſt nicht gebildet zum Haſſe, deshalb mußte es unter der Laſt dieſer Gefuͤhle zerbrechen.«— Frau von Gardemer ſah die uͤberwaͤltigende Bewe⸗ gung, worin das juͤdiſche Maͤdchen zu ſprechen auf⸗ hoͤrte, und ſagte mit mildem Zureden:»Sey vorerſt ruhig, liebes Kind, und ſuche Dich dieſen Erinne⸗ rungen, ſo gut es gehen mag, zu entſchlagen. Glaube mir, jene Leute waren keine Chriſten. Der Feuer⸗ anbeter, der Wilde, der in der Sonne ſeine Gottheit verehrt, iſt in ſeiner rohen Andacht religioͤſer, als ſie. Ich kann nicht daruͤber hinaus, daß Dich Dein Vater in ſolche Haͤnde gegeben. Dieſe Unmenſchen haͤtten Dir Leib und Seele verderben koͤnnen. O gute Perle, wuͤßteſt Du, wie der Blick, der ſich auf das Kreuz heftet, an dem ein heiliges Leben fuͤr die Suͤnde der Menſchen verblutete, uͤber jede irdiſche Schmach erhebt, wie edel ein Chriſt verzeiht, und ſeinem Beleidiger Boͤſes mit Gutem vergilt: Du wuͤrdeſt den himmliſchen Geiſt der goͤttlichen Lehre empfinden, fuͤr welche Dein Herz empfaͤnglich iſt, obwohl es Dir anders ſcheinen moͤgte.— Sieh, liebes Maͤdchen, ich habe viel Bitteres, wenn auch in anderer Art, als Du, erfahren; aber ich weiß dennoch keinen Feind, keinen, dem ich im Sinne dieſes gehaͤſſigen Namens uͤbel wollte. 164 Du haſt ſehr recht, der Haß macht ungluͤcklich, die Liebe hingegen ſelig. Die Liebe iſt das Element der chriſtlichen Religion, der Athem des ewigen Lebens und alles Geſetzes Erfuͤllung.« Perle ſah die Majorinn unter Thraͤnen an. Sie zitterte ſo heftig, daß ſie ſich lange nicht erholen konnte. Endlich ſprach ſie ſchuͤchtern:»Der Steuer— Aufſeher ward, da meine Abreiſe nach Hauſe beſtimmt war, wegen einer herausgekommenen Veruntreuung ſeines Amtes entſetzt, und verlor den groͤßten Theil ſeiner Habe als Einbuße fuͤr Koſten und Strafe. Es geht ihm ſchlecht, und er hat den Vater erſuchen laſſen, ſich um eine Unterſtuͤtzung fuͤr ihn, ich weiß nicht bei wem? zu verwenden. Der Vater war zu ergrimmt, um bald dazu geneigt zu ſeyn, ich aber ließ nicht ab mit Bitten, bis er es mir verſprach. Und jetzt iſt er in dieſer Abſicht verreiſt.« »O Kind!« ſagte Frau von Gardemer mit Ruͤh— rung und Freude,»Du biſt nicht fern vom Reiche Gottes!« Der verſtorbene Banquier Weihland hatte auf einem Rittergute, deſſen Beſitzer ihm hoch verpflichtet war, ein Landhaus gebaut, wo ſeine Frau ſich einen Theil der ſchoͤnen Jahreszeit aufzuhalten pflegte. Dieſes Gut, Ebersdorf genannt, lag anderthalb uh⸗ iche auf htet ſich gte. alb 165 Stunden von der Stadt und am Fuße des anſteigenden Gebirges. Aber eben dieſe reizende Lage ſetzte das Hrtchen einer beſondern Gefahr aus. Mehrere Baͤche bewaͤſſerten die Wieſen des Dorfes und ſchienen, ſchmal und ſtill, nur beſtimmt, durch das uͤppige Gruͤn zu fließen, um dieſer Landſchaft groͤßere Anmuth und ihrer Vegetation ſolche Friſche zu verleihen; doch zur Zeit, wo die Quellen der Berge anſchwellen, machten jene unſchuldigen Waͤſſerchen ſich breit und furchtbar, und die Bewohner von Ebersdorf waren an die Schreckniſſe oͤfterer überſchwemmungen gewoͤhnt. Dieſer übelſtand war es auch, der Herrn Weihland dem Wunſche ſeiner Gattinn vorerſt widerſtreben ließ; aber fuͤr immer hielt er dagegen nicht aus. So that er, was er konnte. Er legte das Landhaus mit aͤußerſter Vorſicht an, und ſtellte es unter hoͤchſtmoͤglichen Schutz. Aber Franzisca liebte das Waſſer, als einen Spiegel ihrer Schoͤnheit wie ihres Truͤbſinns, als lauteres Element, als ein Geheimniß der Natur. Sie hoͤrte es fuͤr ihr Leben gern rauſchen, deshalb durfte die Villa nicht allzuweit von dem Wehr der Muͤhle entfernt ſeyn, ob auch der Banquier den Standpunkt eſes Grundſtuͤcks nach ſeinem Gutachten anders beſtimmt haben wuͤrde. Der Bau ſtieg ſchnell und leicht empor; denn das Geld iſt uͤberall ein foͤrderndes Mittel. Nachdem das Haus vollendet war, richtete Herr Weihland es zweck⸗ 166 gemaͤß ein, zog ein Blumen-Parterre rings umher, und gab nun das laͤndliche Sorgenfrei einem alten Diener in Obhut und Pflege, den er mit dieſem Poſten in Ruhe verſetzte, und zugleich nicht minder benutzte als belohnte. Denn auch der Kaufmann edelſter Art— zu der wir unſern Banquier mit Recht zaͤhlen duͤrfen— zieht ſich von den Beweiſen ſeiner Großmuth noch ein Procent ſpeculativen Intereſſes ab. Dieſelbe Liebe, welche das Innere der neuen Woh⸗ nung mit ſinnreichem Geſchmack ausſchmuͤckte, daß der jungen Frau darin wohl waͤre, ſchuf auch ein kleines Eden in den Umgebungen bis an den Bereich ihrer Graͤnze, und ſorgte dafuͤr, daß Alles gut erhalten wuͤrde. Allein es iſt das Loos des zaͤrtlichſten Willens hienieden, verkannt zu werden, und keinen ſuͤßeren Dank zu ernten, als womit die Liebe ſich ſelbſt belohnt. Madame Weihland war um nichts heiterer als zuvor, da ſie auch einen ihrer liebſten Wuͤnſche gelungen ſah. Von dem Gluͤcke angelaͤchelt, blieb ſie doch ernſt und wenig froh. Sie ging ſtill und ſinnig unter ihren Blumen umher, betrachtete die Kinder der verjuͤngten Sonne mit einem abgebluͤheten Gefuͤhl von Lebensluſt, dem kein Trieb mehr entſprießen zu wollen ſchien— und neidete manche Roſe, die den tiefen Buſen dem vollen Strahl oͤffnen durfte. Das Weben des Fruͤhlings, der Schlag des Finken, das geſchaͤftige umher, malten Poſten tzte als Att— erfen— och ein Woh⸗ daß der kleines h ihrer -chalten Willens ſuͤßeren ſälbſt heiteret Luͤnſche lieb ſie ſ finnig der der ahl von wollen tiefen Webel ſchäftin Sumſen der Biene, das Spiel der Farben, die Schat⸗ ten der Baͤume, die magiſche Beleuchtung des Abend⸗ ſcheins, das Gelaͤute am Morgen und zur Feier des muͤden Tages, dies Alles regte eine matte Schwermuth in Franziscas Gemuͤth an. Sie fuͤhlte ſich mehr als ſonſt allein, ob ſie auch an der Seite ihres Gemahls ging, der ſie mit verſtaͤndiger Rede zu unterhalten ſtrebte. Nur den Ton eines leiſen Seufzers miſchte ſie in die Harmonie der Schoͤpfung; die Saiten ihrer Seele waren nun einmal verſtimmt. Am Abend, wenn der Banquier, weil er die Kuͤhle ſcheute, ſich in ſeinem Gemach hielt, um ſich vor An⸗ faͤlen von Rheuma zu huͤten, an welcher Plage er oͤfterer litt— ging Franzisca mit ungeſtoͤrter Wonne, fuͤr ſich zu ſeyn, einſam ſpazieren, oder lag bis in die ſpaͤte Nacht am Fenſter, und ſchaute in die mondhelle Gegend hinaus. Die kleinen Fuͤße ſtreiften ziellos den blinkenden Thau vom Raſen, und gingen gewoͤhn⸗ lich am Ufer eines Baͤchleins entlang, auf deſſen mur⸗ melndes Geſchwaͤtz die junge ſtille Frau in genießender Ruhe horchte. Dieſe Stimme der Natur war ihrem Ohre Muſik; ihr Geiſt verlor ſich dabei in feenhafte Traͤume. Sie ſah in dem ſilbernen Schimmer, der auf den Wellen huͤpfte, den Tanz der Elfen, ſie hoͤrte auf dem tiefen Grunde die Waſſerorgel erbrauſen und den Geſang der Nixen. 168 Bei ſolcher idealen Fuͤlle der Gedanken war die Wirklichkeit fuͤr die arme Franzisca nur um deſto leerer. Die Gemaͤcher der Villa waren weit und geraͤumig, und beſtaͤndig in Ordnung. Der gemeinſamen Sorge fuͤr das Hausweſen, der kleinſten Muͤhwaltung war Madame Weihland durch die Guͤte ihres Gemahls uͤberhoben. Weich und warm wie in Baumwolle gewickelt, durfte die geliebte Frau ſich niemals eines anſtrengenden Geſchaͤfts unterziehen. Aber mit dieſer bequemen Schonung war ihr nichts Gutes geſchehen. Ruhe verwoͤhnt, und muß verdient werden, ſoll ſie als Wohlthat empfunden ſeyn. Die Kraͤfte des Menſchen verlangen ein Feld zur übung, um ſich im Gleichge⸗ wicht ihrer Beſtimmung erhalten und in angemeſſener Wirkſamkeit entwickeln zu koͤnnen. Der Drang des Lebens iſt jedenfalls ein Antrieb zum Heil. Franzisca beſchaͤftigte ſich gewoͤhnlich nur mit feine— ren Arbeiten, die, ein Zuckerbrod fuͤr den Fleiß— nur den Reiz des Geſchmacks in Anſpruch nehmen, ohne die Geſundheit der Seele durch das Gefuͤhl der Nuͤtz⸗ lichkeit zu ſtaͤrken. Sie ward bei der unruhigen Hef⸗ tigkeit ihres Temperaments ſolcher niedlichen Taͤnde⸗ leien bald ſatt, und ſo kam es denn, daß eine Menge Anfaͤnge liegen blieben. Um ſo ausdauernder arbei⸗ tete ihre Phantaſie an dem Beduͤrfniß des armen, unbefriedigten Herzens. Madame Weihland beſaß 169 keine Talente, denen ſie die muͤßige Zeit widmen konnte. So ſchlichen ihr die ſchoͤnſten Stunden langſam und faſt unertraͤglich in bleierner Schwere voruͤber, wie fluͤchtig auch der goldne Weiſer vor ihren Augen ruͤckte. Und ſo geſchah es wohl, daß Franzisca, ehe noch die Nachtigall verſtummt war, gegen ihren Gemahl die Bitte laut werden ließ, ſie in die dumpfe Stadt zuruͤck⸗ zufuͤhren. Blickte Franzisca auf einem Gange durch das Dorf in das enge Gewuͤhl einer ſchmutzigen Huͤtte und ſah darin eine Baͤuerinn in der Mitte ihrer Kin— der, etwa das Juͤngſte an naͤhrender Bruſt, voll über⸗ fluß des muͤtterlichen Segens, und die andern ſtrotzend von Geſundheit um ſie her;— kam ihr eine Henne unter ihren Kuͤchlein im ſtolzen Pfotenſchritt entgegen, ſo wendete ſie das Auge traurig ab. Madame Weih⸗ land meinte dann, die Natur haͤtte allen ihren Ge— ſchoͤpfen ein Gluͤck gewaͤhrt, das nur ihr allein verſagt waͤre, und ſpottend gedachte ſie des Reichthums, um den armſelige Menſchen ſie beneiden koͤnnten. Es half ihr nichts, daß ſie daheim den Blick ſtarr auf die ſtummen Waͤnde richtete. Dort hing ein wunder— ſchoͤnes Gemaͤlde einer Savoyarden-Familie. Die Faͤrbungen des ſuͤdlichen Himmels leuchteten uͤber einer anziehenden Gruppe froͤhlichen Leichtſinns und ſorgloſer Armuth. Die gluͤckliche Idee jenes Bildes und ſeiner Kunſt, die nach Brod geht, entzuͤckte durch Hanke Wittwen Ir Theil. 8 170 den Reiz der Wahrheit, und weckte in jedem empfaͤng⸗ lichen Sinne das Verlangen, frei zu ſeyn und ſingen zu duͤrfen, wie der Vogel, der in den Zweigen wohnet. Franzisca fand ſich dagegen in ihren Umgebungen wie in einem vergoldeten Kaͤfig, und es diente ihr nicht, daß ſie ſich in den Anblick dieſes Meiſterſtuͤcks und in vergleichende Betrachtungen vertiefte. Wie wenig ihr Gemahl auch die Abſicht hatte, ſeine junge Gattinn zu beſchraͤnken und ihr irgend einen Genuß des Lebens zu verſagen, ſo fuͤhlte ſie doch das Band der Hochachtung fuͤr ihn als eine Kette, die ſie leiſe hemmte, ſich nach Luſt und Laune zu regen und zu ruͤhren. Der verſtorbene Banquier Weihland war ein Mann, dem, bei aller Liberalitaͤt der Geſinnungen, kleine Eigenheiten ſeines Standes anhingen, eines Standes, den Franzisca durchaus nicht liebte. Puͤnkt⸗ lich, reell, ein Mann von Wort in der gewiſſenhafte— ſten Strenge gegen ſich ſelbſt, jeder Unbeſtimmtheit abgeſagt, bewegte er ſich in einem feſtgeregelten Leben, und hatte keinen Begriff davon, wie es außerhalb ſolch abgeſchloſſener Grundſaͤtze ein Gefuͤhl von Zufrie⸗ denheit geben koͤnne. Wie ſehr nun auch Madame Weihland ihren Gemahl aufrichtig zu ſchaͤtzen ſich ge⸗ zwungen fand, und jenen Eigenſchaften Gerechtigkeit widerfahren laſſen mußte, denen er ſeinen Wohlſtand und mithin die Moͤglichkeit verdankte, den Verhaͤlt⸗ 171 niſſen ſeiner Frau ſo manche Annehmlichkeit zu gewaͤh⸗ ren, ſo pries ſie doch das Lob ihres Mannes und die Vorzuͤge ihrer Lage nur mit ſeufzendem Munde. Eine toͤdtende Langweiligkeit ging ihr aus ſeinem Berufs— fache hervor. Geſpraͤche uͤber Geldangelegenheiten, wenn die Anweſenheit eines Fremden, der zu Gaſte blieb, ſie uͤber Tiſch herbeifuͤhrte, waren ihr zuwider, ging die Rede uͤber den ſtehenden Muͤnzfuß, ſo wen— dete Franzisca wo moͤglich ihren Schritt, ward vom Steigen der Papiere geſprochen, ſo fiel ihr ſogleich der Muth. Das Comptoir ihres Mannes, wie ſchoͤn und großartig auch fuͤr ſeinen Zweck eingerichtet, war ihr doch der unheimlichſte Ort im Hauſe. Das totale Schweigen der Commis, die wie Automaten ſchrieben, und ſich nicht ſtoͤren ließen, wenn auch die junge rei⸗ zende Prinzipalinn in einem dringenden Falle ihren Gemahl zu ſprechen kam, die Geſchaͤftsmiene des Banquiers, ſein erhoͤhter Sitz, worauf er ein Anderer ſchien als ſonſt, und bei aller Zaͤrtlichkeit fuͤr die liebe Frau, dieſe doch mit ernſter Kuͤrze abfertigte, erregte in Madame Weihland jedesmal eine verſcheuchende Empfindung und machte ſie beklommen. Es iſt gewiß, daß leidenſchaftlichen Gemuͤthern nicht ſelten die Tugenden druͤckend werden, welche der Ord⸗ nung verſchwiſtert ſind und mit ihr im engſten Bunde ſtehen. Ihre Anerkenntniß ſetzt ſchon einen geuͤbten 8* — 172 Sinn fuͤr die Regel voraus, ein weiſes Herz, das die edelſte Freiheit darin findet, ſich jenen Pflichten unbedingt zu ergeben. Doch es iſt Zeit, daß wir von dieſen charakteriſti⸗ ſchen Bemerkungen uͤber das Weihlandſche Ehepaar zu dem Landhauſe in Ebersdorf zuruͤckkehren, in ſo weit dies in den Gang unſerer Erzaͤhlung gehoͤrt. Nur zu bald ſah Franzisca ein, wie viel beſſer ſie gethan haben wuͤrde, wenn ſie den Rath der Freun⸗ dinn befolgt und ihre Warnung nicht in den Wind geſchlagen haͤtte. Es kam Alles, wie Pauline es zuvor geſagt. Die Familie des Landſchafts⸗Directors machte ſo viel zu ſchaffen und die Tante insbeſondere ſo ungeheure Zumuthungen an die Gefaͤllikeit der Frau vom Hauſe, daß Madame Weihland zeitig genug Geduld und Langmuth verlor, ſich um nichts und wieder nichts bis zu dieſem Grade der Unertraͤglichkeit belaͤſtigen zu laſſen. Auch ſchien dies auf etwas mehr als auf eine precaire Einquartierung abgeſehen. Die Tante richtete ſich voͤllig ein, es kamen Sachen vom Gute an, die auf die Abſicht eines langen Aufent⸗ haltes ſchließen ließen. Die Leute der Madame Weih⸗ land beſchwerten ſich uͤber die Domeſtiquen der adeligen Herrſchaft, und meinten: es ginge jetzt bei ihnen zu wie zur Franzoſenzeit, und Frau von Elban wirth⸗ ſchafte auf fremdem Eigenthume in der Manier eines ten gar 173 feindlichen Generals. Franzisca glaubte vor Verdruß zu ſterben. Sie ſchaͤmte ſich nicht, der Platon ein lautes Bekenntniß ihrer Reue abzulegen, und die treue Freundinn war fern davon, ſich deſſen zu uͤberheben. Felice ließ ſich nicht blicken; auch der Juſtizcom⸗ miſſarius, mit Geſchaͤften uͤberhaͤuft, war jetzt ſelten zu ſehen. So blieb der Wittwe ſeines Bruders Muße uͤbrig, ſich zu aͤrgern, und die Folgerung zu ziehen, wie wenig haltbar leidenſchaftliche Motive ſeyen zu einem Stuͤtzpunkte fuͤr das ſchwache Herz. Franzisca fuͤhlte ſich ſo beengt, daß ihre einzig rettende Zuver⸗ ſicht darauf hinaus lief, das Haus zu meiden und ihren Landſitz zu beziehen. Dann wollte ſie ihrem Schwager die Beendigung dieſer druͤckenden Verhaͤlt— niſſe uͤbertragen. Aber es war noch allzu fruͤh im Jahre, die Witterung kalt und wechſelhaft, und auf ſchwuͤle Luft und Sonnenſtiche folgten eiſige Schauer. In einer Stunde, wo Madame Weihland ſich vom Drange des Unmuths uͤberwaͤltigt fuͤhlte und dieſe preßhafte Situation nicht laͤnger aushalten zu koͤnnen dachte, nahm ſie ſich vor, ohne Verzug nach Ebers⸗ dorf zu ſchreiben und dem daſigen Haushuͤter zu melden, daß er des eheſten ihre Ankunft erwarten duͤrfte. Kaum gefaßt, kam dieſem Entſchluſſe ein Schrecken entgegen. Ein expreſſer Bote erſchien, der einen Brief von dem Verwalter der Villa in die Haͤnde 174 der Beſitzerinn legte. Das Schreiben war in erſchrocke⸗ ner Eile abgefaßt und enthielt eine Hiobspoſt. Die angeſchwollenen Gebirgswaͤſſer hatten wiederum großen Schaden in Ebersdorf angerichtet. Am vorgeſtrigen heißen Tage, wo es uͤber den kahlen Buſch gedon— nert, war bei dem kurzen aber fuͤrchterlichen Gewitter ein Wolkenbruch gefallen, der die noch nicht beruhigten Baͤche in eine Suͤndfluth verwandelt. Das Landhaus habe wie eine Arche aus dieſem See hervorgeragt und ſey ſo mitgenommen worden, daß es einen koſtbaren Bau erfordern werde. Die Blumen⸗-⸗Anlagen laͤgen wuͤſte, voll Schlamm und Schutt, in trauriger Veroͤdung. Es ſey demnach nicht daran zu denken, daß Madame Weihland ihr Sommerlogis wuͤrde benutzen koͤnnen, wovon ſich ſpaͤter ſelbſt zu uͤberzeugen, der Hausver⸗ walter von Ebersdorf die Wittwe ſeines Brodherrn in Devotion erſuchte. Nur innerhalb der naͤchſten Woche wolle er nicht dazu rathen, weil der Bote nur mit Gefahr des Lebens uͤber die Marken des Dorfes gelangt ſey, um dieſe Nachricht an die Behoͤrde zu bringen.— Nun ſchilderte dieſer redliche Diener die ausgeſtandene Angſt, ruͤhmte den Beiſtand der Land⸗ leute, welche ihm zu Huͤlfe gekommen waͤren, und empfahl die thaͤtigſten derſelben Madame Weihland zu gutachtlicher Belohnung. Franzisca war von dieſer Ungluͤcksbotſchaft hoͤchlichſt 175 betroffen. Der Schaden des Landhauſes, der ihr be⸗ traͤchtliche Koſten verurſachte und wie ein Querbalken ihren ſehnſuͤchtigen Wunſch ſperrte, nach jenem Aſyl zu fliehen, wuͤrde ihr ſonſt ziemlich gleichguͤltig geweſen ſeyn, jetzt duͤnkte ihr dieſes Mißgeſchick ein Zubehoͤr des boͤſen Verhaͤngniſſes, das ſie befangen hielt. Sie erlag dieſer Vorſtellung, weinte heftig, und die weiſeſten Troſtſpruͤche der guten Platon vermogten nicht, den Ungeſtuͤm dieſer Betruͤbniß zu maͤßigen. Da trat der Juſtizcommiſſarius mit heiterer Miene ein. Pauline ſah ihn ſo erleichtert kommen, wie ein verlaſſener Kaͤmpfer freundlichen Succurs. Sein Blick fragte beſtuͤrzt, was hier vorgefallen ſey? Franzisca reichte ihm ſchweigend den Brief. Er las ihn mit Ruhe, und ſagte dann:»Du machſt mir den Wolken— bruch, von dem der Alte hier ſchreibt recht anſchaulich, Fraͤnzchen. Ich bitte Dich, ſtille Deinen Schmerz! ſonſt reißt mich dieſe Thraͤnenfluth hin, obgleich meine Standhaftigkeit auf ſo gutem Grunde beruht, wie das Landhaus in Ebersdorf. Ich weiß einen Ausweg! ſage ich mit Cato, und zwar einen außer dem Tode, den jener meint. Ich erſcheine hier als deus ex machina, der die Verwirrung Deines lieben Gemuͤths in Wohlgefallen aufloͤſen wird. Hoͤren Sie mich an, meine hochzuverehrenden Damen! und ich bitte noch— mals, faſſe Dich, liebe Schwaͤgerinn.« 176 »Und ich bitte Dich, faſſe Dich kurz,« antwortete Madame Weihland, indem ſie ſich mit allen Zeichen der Unruhe niederließ und Paulinen an ihre Seite zog,»denn ich bin nicht in der Stimmung, einen langen Sermon anzuhoͤren.« »Guter Gott! gieb mir Geduld, dieſen Undank zu ertragen,« erwiederte der Juſtizcommiſſarius, wobei er ſich zwiſchen die Damen ſchob und auf dem mittleren Raume des Sophas Platz nahm,»dieſer Vortrag ſoll ja nur die Leichenpredigt fuͤr Deine Traurigkeit ſeyn und wird ex tempore gehalten.« »Nun zur Sache alſo,« draͤngte Madame Weih— land, und ihr Schwager hob an: »Geſtern werde ich in einem artigen Billet zu der Majorinn von Gardemer beſchieden, welche in einer wichtigen Geſchaͤftsſache mit mir zu ſprechen wuͤnſchte; gehorſam dieſem Befehle von ſchoͤner Hand, gehe ich zur anberaumten Stunde zu ihr, und finde eine Frau, welche ich die liebenswuͤrdigſte ihres Geſchlechts nennen moͤgte, wenn ich nicht das Gluͤck genoͤſſe, zwei Damen zu kennen—« hier buͤckte er ſich galant rechts und links— ywelche dieſen Rang in meiner Hochachtung bereits einnehmen, und in deren Mitte ich wie die Perle im Golde ſitze, ſo gleicher Weiſe in ihre treuen Herzen gefaßt zu ſeyn, ich mir ſchmeichle.« Pauline laͤchelte ſchweigſam; doch Franzisca konnte 177 nicht umhin, zu erwiedern: ihr Schwager ſchluͤge ſei— nen Werth nirgends zu niedrig an;— worauf der Juſtizcommiſſarius ſagte: er wuͤnſche nach dieſer Selbſt⸗ ſchaͤtzung auch bei Anderen zu gelten.— Nach dieſer kleinen Epiſode ſetzte er ſeine Erzaͤhlung alſo fort: »Kurzum, Frau von Gardemer iſt ein Engel, wenn es naͤmlich welche giebt, die in ſchwarzem Crepp das Leid der Erde tragen. Sie machte mich buͤndig und folgerecht mit der Geſchichte eines Gutes ihrer Eltern bekannt, das durch unerhoͤrte Betruͤgereien bis jetzt ſeinen rechtmaͤßigen Erben vorenthalten worden. Der Sequeſtor hat ſich als ein unredlicher Mann bewieſen, der General⸗Mandatarius iſt nun geſtorben, und Frau von Gardemer war ſo guͤtig, mir die Adminiſtration uͤber Kloſtergarten anzutragen, und zwar aus beſon⸗ derem Zutrauen, wie ſie ſagte. Ich ſchuͤtzte die weite Entfernung vor— das Gut liegt doch wohl eine Tage⸗ reiſe von hier— als eine Schwierigkeit, der mir an⸗ vertrauten Pflicht genuͤgen zu koͤnnen; doch Frau von Gardemer ließ dieſen Einwand nicht Statt finden. Sie entgegnete mir: der vorige Bevollmaͤchtigte ſey auch nicht in der Naͤhe geweſen, und es kaͤme allein darauf an, daß dieſe Angelegenheit den wackern Haͤn⸗ den eines rapediten Mannes anvertraut waͤre. Ein kraͤftiger Wille wirke ja auch in die Ferne. Dieſer Zuverſicht, welche mit dem liebreizendſten Weſen von 178 der Welt geaͤußert wurde, konnte ich nun nichts weiter entgegen ſetzen, als daß ich mir die Sache in über⸗ legung ziehen wollte. Frau von Gardemer ſchien kei⸗ nen Zweifel zu hegen, daß ich ihrer Bitte willfaͤhrig ſeyn werde, und ich fange an einzuſehen, der Glaube dieſer Holdſeligen hat ihr geholfen, und nun auch Dir, mein Schweſterchen. Sieh! ich muß oͤftere Reiſen nach dem Gute machen, das nach der Beſchreibung ein ſehr anmuthiger Ort iſt. Einſam, romantiſch gelegen und doch wohnlich bequem, waͤre es ſo recht fuͤr Dich geeignet, Franzisca. Und ich denke, die Intereſſenten wuͤrden es mir mit Vergnuͤgen bewilligen, daß meine liebe Schwaͤgerinn, begleitet von Fraͤulein Platon, ſich dort ein paar Monate aufhielten, um Brunnen zu trinken, waͤre es auch nur Kloſterbrun— nen, und ſtaͤrkende Baͤder zu nehmen, wenn auch nur Luftbaͤder. Was meinſt Du dazu, Fraͤnzchen? ich braͤchte Dich und Deine Freundinn hin, beſuchte als ein pflichteifriger Vorſtand meine Schutzbefohlenen allda, und holte ſie zur beliebigen Zeit von Kloſter— garten ab.« »Ich daͤchte, dieſer Vorſchlag haͤtte viele Annehm⸗ lichkeit,« wagte Pauline beſcheidentlich zu bemerken. »Warum haͤlt Frau von Gardemer ſich denn nicht ſelbſt dort auf, da ſie das Gut doch halb und halb als ihr Eigenthum betrachten darf?« fragte Madame 8 179 Weihland ihren Schwager, als faͤnde ſie darin ein Bedenken. Dieſer antwortete:»Bisher konnte ſie nicht frei uͤber ſich verfuͤgen, und wer weiß, welche geheime Gruͤnde ſie davon abhalten moͤgen?— Sie ſprach davon, es nicht eher wiederſehen zu wollen, bis Alles ausgeglichen waͤre. Nun, ich will mein Moͤglichſtes fuͤr dieſe Mandantinn thun.« »Und wie weit liegt Kloſtergarten von hier?« fragte Franzisca abermals. »Ich habe mich nicht genau darnach erkundigt,« ſprach der Juſtizcommiſſarius,„etwa acht oder neun Meilen.« Ploͤtzlich rief Madame Weihland, als waͤre nun ein inneres Widerſtreben beſeitigt:»Ich fuͤhle mich fuͤr Deine Idee gewonnen, Ludwig, und wir ernennen Dich zu unſerm Chargé d'affaires— nicht wahr, Pau⸗ line? Der Einfall war recht bruͤderlich, Du gutes altes Haus!« Sie kuͤßte ihn herzlich, eine Gunſt— bezeugung, die Franziscas Schwager als eine Selten⸗ heit, wie um der heitern Aufwallung willen, in der ſie ertheilt wurde, zu ſchaͤtzen wußte. »Wie aber ſoll es nun hier werden?« fuhr ſie fort, „mein Haus wird uſurpirt, und ich ſehe vorher, es duͤrfte darin zugehen, wie im polniſchen Kriege.« »Das uͤberlaſſe nur mir,« verſetzte der Juſtizcom⸗ 180 miſſarius mit angriffsfertigem Tone und ſein Auge funkelte auf, yich fuͤhle eine barbariſche Luſt, Frau von Elban in die Flucht zu ſchlagen und ihrem Un⸗ weſen ein Ende zu machen. Ich ſage Dir, ich werde mit dieſer Tante fertig, und wenn ſie des Teufels Großmutter ſelbſt waͤre. Doch denke ich, ſie wird ſich wohl in Acht nehmen, mit mir anzubinden.« »Und wie ſteht es mit den Nichten?« fiel ihm Pauline ſchelmiſch in die Rede. »Die Nichten?« wiederholte er mit fallender Stimme, als ſaͤnke ihm vor dem Bilde dieſer zarten Schoͤnheiten der kecke Muth; doch mit ſcherzender Unempfindlichkeit ſetzte er hinzu:»Nun, die muͤſſen auch uͤber Bord, und es kommt nur auf einen herzhaften Schwung an.« Die Damen freuten ſich insgeheim dieſer Con⸗ ſequenz. »Du giebſt mir doch Vollmacht, dem Landſchafts⸗ Syndicus zu kuͤndigen?« wendete ihr Beſchuͤtzer ſich jetzt an Madame Weihland. Eine halbe Minute, doch vollwichtig, lag zwiſchen dieſer Frage und Franziscas Antwort; allein mit dem Seußzer, worin ſie das kleine, verhaͤngnißvolle Woͤrt⸗ chen ausſprach, was da bindend iſt, und hier trennend werden ſollte, war auch die letzte Bedenklichkeit ge⸗ hoben.—»Er wuͤrde auch ſelbſt nicht bleiben wollen,« ſetzte ſie kleinlaut hinzu,»wenn wir die Familie los 181 zu ſeyn ſtreben, zu deren Schleppentraͤger er ſich nun einmal herabgewuͤrdigt hat.« »Dies wollen wir auf ſich beruhen laſſen,« erwie— derte der Juſtizcommiſſarius, und das Geyiſſeeſte fuͤr's Beſte nehmen. Felice taugt nicht mehr fuͤr das alte Verhaͤltniß, und Du biſt es Dir ſchuldig, ihm mit der Aufloͤſung deſſelben zuvor zu kommen. Er hat die Linie der Discretion uͤberſchritten, und daruͤber hinaus giebt es kein Heil in den Beziehungen des Umgangs, von welcherlei Art ſie auch waͤren. Dumme Streiche verzeiht der Menſch wohl leichtlich ſich ſelbſt, denn die Eigenliebe iſt verſoͤhnlich,— aber niemals dem, der darunter gelitten.« Franzisca fuͤhlte wohl, daß ihr Schwager Recht hatte, aber die ausgeſprochene Wahrheit verletzte ſie doch; dennoch konnte ſie in dem dankbaren Gefuͤhle ſeiner ſchuͤtzenden Fuͤrſorge ihm die Geradheit der ge— machten Bemerkung nicht uͤbel nehmen. Wenn ein Starker einen Schwachen unterſtuͤtzt, kann es wohl geſchehen, daß er das empfindliche Fleckchen ſchmerzend anfaſſe. Der Juſtizcommiſſarius verließ die Damen, zufrie⸗ den mit ſich ſelbſt und ſeinem Einſchreiten. Fran⸗ zisca haͤtte nicht geglaubt, daß die beweinte über— ſchwemmung ihr einen Gedanken zufuͤhren wuͤrde, den ſie mit einem ihr ſelbſt unerklaͤrbaren Vergnuͤgen 182 ergriff. Wie wenig auch Pauline dazu ſagte, es war doch ſichtlich, daß dieſe Vermittelung ihr auch gefallen. Die Neuheit dieſes Plans gab nun reichhaltigen Stoff zum Geſpraͤch, und beſchaͤftigee das Sinnen und Denken der jungen Wittwe. In Franziscas Phantaſie kreuzten ſich die Kreuzgaͤnge von Kloſtergarten, aus den Blenden der Mauer des ehemals geiſtlichen Wohn⸗ hauſes ſchimmerte ihr ein geheimnißvolles Licht, alle Heiligen von Stein und Noͤrtel ſchienen ihr zu winken.— Ihr Blut trieb ſchneller durch die feinen Adern, ſie hoͤrte Waſſerfluthen um die Villa rauſchen, ſah das bildliche Schifflein ihres Muthes auf wuͤſten Wellen treiben, und den Schwager als Steuermann, wie er den Ballaſt auswarf, auf daß es nicht verſinke. Die ruhigere Einbildungskraft Paulinens hatte mit dem Rechtsſtreite der Frau von Gardemer zu thun, fuͤr welche ſie ſich nun einmal lebhaft intereſſirte. Sie dachte befriedigt daran, wie gut die liebenswerthe Wittwe ihren Sachwalter gewaͤhlt und welch ein tuͤch⸗ tiger Juriſt der wackere Weihland waͤre. Daneben ſtellte ſie ihr eigenes Geſchick und jeden innern Zwie— ſpalt, deſſen auch das beſte Herz von der Welt nicht entrathen iſt, unter den Schutz des hoͤchſten Friedens⸗ ſtifters. 183 Capitain Troja war nun auch von ſeiner Reiſe zuruͤckgekommen. Er meldete noch am ſelben Abend 4 der Frau von Gardemer ſeine Ankunft, und bat um Erlaubniß, ſie den Tag darauf beſuchen zu duͤrfen. Luzie bewilligte dieſe Gunſt in einigen Zeilen, bei denen ihr die Hand vor Freude zitterte. Der folgende Morgen hatte eine endloſe Laͤnge. Frau von Gardemer war fruͤh aufgeſtanden, und zeitig gefaßt, den Freund zu empfangen; doch er kam zur ſchicklichen Stunde, dann aber ſo haſtig, als fuͤrchte er, eine Minute nur zu verſaͤumen. Er fragte mit dem lebhafteſten Intereſſe, wie Luzie waͤhrend ſeiner Abweſenheit gelebt? und ſah ihr dabei ſo tief in die ſchoͤnen Augen, als ſollten ihm dieſe von jeder ver— goſſenen Thraͤne Rechenſchaft ablegen, und als wollte er auf den Grund ihrer Seele blicken. Sie erzaͤhlte ihm, wie es um die Angelegenheiten von Kloſtergarten ſtehe, und unverſehends waren Beide mitten in den alten Geſchichten der Jugend. Troja erkundigte ſich, wo Vater Clarburgs Schmetterlings⸗Cabinet geblie⸗ ben ſey? Er erwaͤhnte jener kraͤnkenden Erfahrung, laͤchelnd zwar, doch ſichtlich mit einem herben Nach— gefuͤhl dieſer Cataſtrophe. Luzien wallte das Herz in Wehmuth auf.»Ach!« ſagte ſie,»ſo oft ich einen Nachtfalter ſah, ward es mir ſchwarz vor den Augen. Das Raͤthſel dieſer Sphynx 184 blieb ungeloͤſt— und koſtete, wenn nicht das Leben, doch all unſer Gluͤck. Es war ein dunkler Geiſt boͤſer Verkuͤndigung, und von der Zeit ſeines Erſcheinens und Verſchwindens ſchreibt ſich jedes Unheil unſerer Familie.« Der Capitain ſchwieg, und ſah duͤſter zu Boden. Frau von Gardemer fuhr mit einem Seufzer fort: »Es giebt Dinge, die man nie vergeſſen kann; mein Gedaͤchtniß iſt uͤberhaupt treuer, als mir frommen mag. Dazu bin ich ſo viel allein— nichts ſtoͤrt mich, in die Vergangenheit zuruͤckzukehren. So fuͤhle ich denn die Verkettung der Umſtaͤnde, welche auf mein Schickſal einwirkten, Glied vor Glied durch. Es iſt mein Ro⸗ ſenkranz,“« ſetzte ſie laͤchelnd hinzu,»den ich taͤglich und ſtuͤndlich abbete; lauter ſchwarze Kuͤgelchen, in denen das Loos meines Lebens geworfen wurde.« Aber das Laͤcheln, womit Frau von Gardemer dies ſagte, ſchnitt ihrem Freunde durch die Seele. Er ſprach:»Gewiß, meine Theuerſte! Sie ſind zu lange einſam geweſen, im wahrſten Sinne dieſes Wortes; dieſem Nachtheile muß hinfort abgeholfen werden. Ideen, an denen Kummer und Schmerz haften, bleiben ſonſt fir und verſtoͤren das Gemuͤth, und die Natur will, daß Alles an uns voruͤbergehe. Ein wichtiger Punkt unſerer Gluͤckſeligkeit iſt an Theilnahme und Mitgefuͤhl geknuͤpft. Goͤnnen ſie ſich daher die zer— 185 ſtreuenden Freuden des Umgangs, und mir den Troſt, zu Ihrer Erheiterung beizutragen. Ich darf doch wiederkommen, meine Freundinn, und oft? O ver⸗ bannen Sie mich nicht! ich wuͤßte nicht, wie ich leben 3 ſollte in Ihrer Naͤhe, ohne Sie zu ſehen. Die Luft, worin Ihr Athem weht, iſt meine Heimath, der ich niemals wieder fremd werden moͤgte.« Am Schluſſe dieſer Rede, welche der Capitain, ob er auch ſcheinbar ruhig begonnen, doch mit progreſſiver Leidenſchaftlichkeit geſprochen, hatte er Luziens Hand gefaßt und hielt ſie feſt, als wolle er ihr das uͤberzeu⸗ gende Gefuͤhl einfloͤßen, wie dringend dieſer Wunſch ihm ſey. Frau von Gardemer ergluͤhete. Dieſer bittende Haͤndedruck durchſchauerte ſie vom Scheitel bis zur kleinen Sohle hinab. Sie war durch eine Laſt von Verpflichtungen willkuͤhrlich erſchwert, zu lange gedruͤckt geweſen, und gaͤnzlich abgeſchnitten von dem liebſten Freunde, den ſie auf Erden beſaß, um dieſen übergang zu der Freiheit, zu der Freude, ihn ungehindert ſehen und ſprechen zu duͤrfen, ſogleich faſſen zu koͤnnen. Sie ſaß an ſeiner Seite, kein aͤußerer Eingriff in das trauliche Recht dieſes Zuſam⸗ menſeyns ſtoͤrte ihnen den Genuß deſſelben. Seine Worte waren nur an ſie gerichtet, ſein Beſuch galt ihr allein. Und dieſes Gluͤck ſollte ihr auch ferner gewaͤhrt ſeyn?— Dieſer Gedanke leitete einen Strom 186 von Wonne und Weh in ihr Gemuͤth. Ein zartes Gefuͤhl der Schicklichkeit ſprach in ihr an, jener feine Takt, der die Frauen das richtige Zeitmaß lehrt. Nur ein matronenhaftes Vorrecht ſchien ihr der Zutritt eines jugendlichen Hausfreundes, und Luziens Herz klopfte noch warm. Sie dachte der ſchroffen Vorur⸗ theile ihres Gemahls; ſein Bild ſchwebte ihr vor, ſein ſtrenger Blick, ſein finſterer Sinn. Sie richtete eine leiſe, leiſe Frage an ihn, was er wohl dazu ſagen wuͤrde? und ſein Schatten zuͤrnte und verſchwand. „Lieber Troja,« begann Frau von Gardemer, und indem ſie ihre Hand zu loͤſen ſuchte, druͤckten ihre zarten Finger die ſeinen,»wir wollen noch einmal als die Kinder jener fruͤheren Zeit zuſammen reden, und eben ſo wahr als offen ſeyn. Wird es ſich auch ſchicken, daß ich in meiner gegenwaͤrtigen Lage,«— ein verjuͤngendes Erroͤthen uͤberflog das liebliche Geſicht— „die Beſuche eines unverheiratheten Offiziers annehme? Wie rein, wie berechtigt ein Verhaͤltniß auch ſey, die Welt urtheilt nur nach dem Scheine. Der weibliche Ruf iſt zudem ſo zart, daß er kaum einmal Lob ver⸗ traͤgt, ohne zu leiden, der Tadel, dem er ſich ausſetzt, befleckt ihn gewiß. Ich habe es fuͤr mein Beſtes gehalten, daß Niemand von mir ſpraͤche.— Die oͤffentliche Meinung war meinem Gemahl ein Phan— tom, das er mehr ſcheute, als ein Mann dies jemals 187 ſollte. Sein Haar ſtraͤubte ſich in geſpenſtiſcher Furcht, wenn er waͤhnte, es traͤte ihm zu nahe. Ich bin ruhig; aber aus Bewußtſeyn, nicht aus Freigeiſterei. Dieſe Ruhe waͤre mir jedoch dahin, wenn ich nicht ſtill meinen Weg wandelte wie immer; ein Gefolge gluͤcklicher Stunden erregt Aufſehen und Geraͤuſch.— Laſſen Sie mich zeigen, daß Gardemers Ehre ſeiner Gattinn theuer iſt, ob ihr Schuͤtzer auch im Grabe ruht, daß ich mit jener Pietaͤt, wie ſie dem Weibe ziemt, auch ſeiner Schwaͤchen ſchone. Wuͤrde man nicht ſagen, der Major haͤtte wohl noͤthig gehabt, mir den Daumen auf das Auge zu druͤcken? es ſteht ja noch in Thraͤnen. Ich bin nun begluͤckt geweſen,« fuhr Frau von Gardemer inniger fort, doch hoͤrbar, daß dies Geſtaͤndniß im Geiſt der Reſignation geſchaͤhe, „und will begnuͤgt ſeyn. Wuͤßten Sie, mein Freund, wie ich mich darnach geſehnt, daß ich Sie einmal noch wiederſaͤhe, daß Alles klar wuͤrde zwiſchen uns, was uneroͤrtert geblieben, daß ich von Ihnen hoͤrte, ich waͤre ſchuldlos an jeder Unbill, die——: Sie wuͤr⸗ den mich in meiner Weigerung nicht verkennen. Dann koͤnnte ich leichter ſterben, habe ich, wie oft! gedacht. Wenn Sie einſt—— Luzie ſtockte. »Ich weiß ein Mittel,« fiel der Capitain nach einem inneren Kampfe ſeiner Freundinn in die Rede,»Ihre Begriffe von Anſtand mit meinen Wuͤnſchen zu ver⸗ 188 einigen; es wuͤrde zugleich einem dritten Zwecke huͤlf⸗ reich dienen. Eine junge Dame von Stande und gefaͤlligen Eigenſchaften wuͤnſcht Ihnen als Geſellſchaf⸗ terinn genehm zu ſeyn: Claudine von Unſtern.« Es war, als ob der Capitain mit dem Geſagten ein Glas kaltes Waſſer in Luziens warme Aufwallung geſchuͤttet haͤtte. Sie fragte ploͤtzlich kuͤhl:»die Tochter des Landſchafts⸗Directors? Unmoͤglich! Das Fraͤulein kennt mich gar nicht.« »Es muß doch ſeyn,« entgegnete Troja, und wenn auch nur dem Rufe nach,« ſetzte er laͤchelnd hinzu. Waͤhrend dieſem fluͤchtigen Wechſel von Worten war Frau von Gardemer ſich bewußt worden, daß der Capitain nichts Anderes meine, als: wenn ſeine Ver⸗ lobte oder doch Geliebte in ihrer Naͤhe lebte, der freundſchaftliche Umgang mit der jungen Wittwe Nie⸗ mand zum Anſtoß gereichen wuͤrde. Seine Stellung zu ihr trat vor der öffentlichkeit jenes Verhaͤltniſſes in den Hintergrund, und Luzie fuͤhlte ſich in einer Nebenrolle; doch nichtsdeſtoweniger ihre Aufgabe als ſehr ſchwierig. Einen Moment lang beleidigte ſie der Verdacht, Troja wolle es ſich und ſeiner Liebe nur bequem machen. Sein Vorſchlag erſchien ihr daher wirklich und jedenfalls als ein letztes Mittel. Frau von Gardemer ſtrebte nach Faſſung und ant⸗ wortete in bewegtem Tone:»Ihre Freundinn, lieber 189 Troja, ſoll auch die meinige und mir willkommen ſeyn. Doch vergeben Sie, wenn ich nicht ſogleich be— greife, wie die Verwandten des Fraͤuleins ſolch einen auffallenden Schritt gut heißen werden.«— »Dieſe Claudine,« entgegnete der Capitain, doch immer noch mit bemerklicher Zuruͤckhaltung, hiſt ein ungluͤckſeliges Geſchoͤpf, verloren— verlaſſen. Der Wind treibt kein leichtfertigeres Spiel mit dem fallen⸗ den Laube, als dies Blatt vom Baume des Lebens willenlos den Launen dieſer Familie Preis gegeben iſt. Der Landſchafts⸗Director iſt nur der Titular⸗ Vater des Fraͤuleins, die Tante, Gott ſteh' uns bei! die geweſene Pflegemutter, gegen welche die aller— ſchlimmſte Stiefmama nur etwa die Verſuͤndigungen der Affenliebe zu verantworten haͤtte, die Schweſter? in der Kaͤlte und Glaͤtte dieſes Marmors duͤrfte wohl keine geſchwiſterliche Ader zu finden ſeyn.« »O hoͤren Sie auf!« rief Luzie, von dieſer Schil— derung geruͤhrt, vich weiß mehr als genug. Claudine von Unſtern bedarf einer liebevollen Begegnung, und ich will ihr herzlich entgegen kommen. Wir wollen freundlich und friedlich mit einander umgehen, froͤh⸗ lich? dafuͤr kann ich meinerſeits nicht ſtehen, das muß die Zeit erſt geben.« Sie ſagte dieſe letzten Worte mit einer gewiſſen Ironie der Hoffnung. »Und ich bin nicht aus dieſem Hausfrieden ver— — 190 wieſen?« fragte der Capitain, im Begriff, die Hand der Frau von Gardemer dankbar zu kuͤſſen. Luzie zog ſie ſanft zuruͤck, und ſagte:»Wie koͤnnen Sie fragen? Claudinens waͤrmſter Freund!« Troja ſtutzte vor dem ungewoͤhnlichen Tone dieſer Antwort, und dem Sinne, der darin zu liegen ſchien. Er ſprach ernſt:»Ich habe eine heilige Pflicht gegen das Fraͤulein—— Doch ſchon ſiegte Luziens beſſeres Gefuͤhl. Sie legte den Finger auf ſeinen Mund, als wolle ſie einer vorzeitigen Eroͤffnung wehren, und ſprach:»Ich freue mich, Ihnen dadurch, daß ich mich dieſer Verbind⸗ lichkeit anſchließe, einen Beweis meiner Freundſchaft geben zu koͤnnen. Claudine ſoll mir beſtens empfohlen ſeyn.« Sie ſagte dies mit aufrichtig treuem Tone, doch bemuͤht, ihm ihr Auge zu verbergen. „Luzie!« rief der Capitain, und eine ganze Welt der Empfindung offenbarte ſich in dem Klange dieſes Namens; aber Frau von Gardemer war zu betaͤubt, um fuͤr dieſen Ausdruck empfaͤnglich zu ſeyn. Sie reichte ihm mit abgewendetem Geſicht die Hand, Troja nahm es fuͤr ein Zeichen der Entlaſſung. So ging er ſchnell und ſchweigend hinweg, und Luzie hatte nicht das Herz ihn aufzuhalten. Frau von Gardemer blieb wie eingewurzelt ſtehen, und ſtarrte vor ſich hin; es dauerte lange, ehe ſie dand nnen ieſer hien. ſegen Sie einer freue bind⸗ chaft ohlen Lone, Welt eſes aubt Sü Troje ging nich ehen heſ 191 voͤllig wieder zu ſich ſelbſt kam. Welche Veraͤnderung war innerhalb der juͤngſten Stunde mit ihr vorgegan⸗ gen! Luzie druͤckte die Hand auf das unruhige Herz, das nicht ſchweigen wollte, ob auch jene Stille an der Zeit war, woran das Praͤſidium der Vernunft zu Worte kommen ſollte. Sie ging, moͤglichſt beſonnen, das ganze Geſpraͤch mit dem Capitain noch einmal durch, um den Verſtand daruͤber entſcheiden zu laſſen, kein Zweifel fand Gehoͤr, daß Claudine von Unſtern die verſprochene Braut Trojas waͤre, wenn er auch nur von ihr mit jener Theilname geredet, welche aus der Kenntniß einer mitleidswerthen Lage hervorgeht. Befremdend traten ſeine Äußerungen vor ihr Gedaͤcht⸗ niß.»Verloren?« nannte er das Maͤdchen,»wel⸗ ches er ſeiner zaͤrtlichen Achtung werth hielt? Ver— laſſen? ein Weſen, das ſeine Liebe begluͤckte?« Hieruͤber war der Ausſpruch ſchwer, und ein Geheimniß, das wohl nichts mit dieſer Verbindung gemein hatte, ſchien auf dem Schickſale des Fraͤuleins zu ruhen. »Doch warum blieb dieſe Heirath noch unvollzogen, und ihr Project geheim? hinderten pecuniaͤre Umſtaͤnde daran, oder welche Unzulaͤſſigkeit ſonſt? Der Schleier ließ ſich nicht luͤften, der uͤber dieſem Verhaͤltniſſe lag. Luzie kam darauf zuruͤck, daß die Geliebte des Capi⸗ taͤns ihrem Schutze uͤbergeben ſeyn ſolle. Rudolphs Braut mir!« in dieſen drei Worten lag viel Erfah⸗ 192 rung. Sie kam ſich um drei Decennien aͤlter vor, die ſchroffen Maximen ihres Gemahls ſchienen ihr ploͤtzlich der Gipfelpunkt der Wahrheit und richtigen Anſichten des Lebens. Geſtuͤrzt aus ihrem Himmel, wo keine Jugend verbluͤht, keine Liebe altert, ſank ſie in Truͤbſinn; ein Gemiſch von Reue, Schaam und Schmerz wallte in ihrer Bruſt auf, und Luzie verſchluckte eine herbe Thraͤne.»Haͤtte ich das je gedacht! nimmer! nimmermehr!« ſagte Frau von Gardemer zu ſich ſelbſt.»Sein Vertrauen alſo habe ich nicht verloren, und wuͤrdig ſoll er ferner von mir denken. Ich will ſeine Claudine ſanft und ſacht hal— ten, wenn auch ein wenig mit Beben; ich werde die Zeuginn eines Gluͤckes ſeyn, das einſt—— o arme Luzie! du warſt noch wenig gepruͤft.« Sie gedachte ihrer Leiden, wie der Schuͤler einer hoͤheren Claſſe jener leichten Aufgaben, in denen er die erſten Proben ſeiner Faͤhigkeiten abgelegt.»Und iſt es denn ſo ſchwer,« fuhr Luzie fort,»Selbſtverleugung zu lernen, und Wuͤnſchen abzuſterben, die in unſere Gluͤckſeligkeit ein⸗ bedungen ſind, wie der Athem in die Dauer unſers Lebens?— Der Tod kommt mir zwar leichter vor, als wenn das Herz ſich vom Herzen loͤſet, um ein neues Daſeyn der Gefuͤhle zu beginnen; aber die Liebe iſt ewig, und gehoͤrt keiner Zeit, keiner Per⸗ ſoͤnlichkeit an.« Bei dieſer Vorſtellung erweiterte ſich 193 Luziens Geſichtskreis, die Unendlichkeit lag vor ihrem Blicke, im Lichte ſeliger Ahnung daͤmmerte die Ferne. Sie ſchoͤpfte freier Athem, getroſt und gewiß, das Geſchick irdiſcher Tage tragen zu koͤnnen. Der Nachmittag war ſchoͤn und ſehr heiter. Frau von Gardemer ſehnte ſich in die fruͤhlingsreine Luft und fuͤhlte ſich hingezogen, das Grab ihres Gemahls zu beſuchen. Cordelia folgte mit dem Mantel, wenn es ihrer Dame auf dem Heimwege etwa zu kuͤhl werden ſollte. Der Militair⸗Kirchhof lag weit ab von der Stadt in einem oͤden Bezirke. Abgeſondert von dem Treiben des Lebens, von der Wirkſamkeit der Menſchen, ruhte das ſtille Saatfeld des Todes. über der eiſer⸗ nen Pforte prangte die Armatur des Krieges zwiſchen Inſignien der Sterblichkeit, und in erhabenen Lettern winkte der Spruch:»Mir nach! ſpricht Chriſtus, unſer Held.« Die Sonne ſchien warm, das junge Gras keimte friſch unter dem winterlichen Raſen hervor; geſchaͤftig wuͤhlten die Wuͤrmer im Staube. Der Wind ſtrich uͤber die gruͤnen Graͤber, deren wellen— foͤrmige Tiefe kein Sturm mehr aufregt. Frau von Gardemer ſchritt auf den Huͤgel zu, der die Reſte des Majors bedeckte. Sie ſtand lange in traurigen Gedanken davor. Der regſamen Zofe war bei dieſer Ruhe rings um— her, bei dieſem Schweigen, bange zu Muthe. Die Hanke Wittwen Ir Theil. 9 194 contemplative Seite war nicht Cordeliens ſtaͤrkſte, und wie leidenſchaftlich ſie auch das Schauſpiel liebte, Kirchhof⸗Scenen ſagten ihrem Geſchmacke nicht zu. Sie wendete ſich hierhin, dorthin, die ſeidene Huͤlle glitt von dem Arme der Jungfer. Durch eine nahe⸗ liegende Aſſociation der Ideen mogte ihr das Mantel⸗ lied einfallen, und ſie ſprach:»Ach gnaͤdige Frau! wie mancher brave Soldat, der ein rechter Eiſenfreſſer war, liegt hier fein ſtill und muckt nicht mehr! wenn einſt der himmliſche Appel geblaſen wird, dann duͤrfte es ein huͤbſches Regiment geben.« Die ſchwarzen Augen der muntern Cordelia fun⸗ kelten vor Freude bei dieſem Hinblicke auf das ewige Leben. Frau von Gardemer aber dachte:»Wie viele Wun⸗ den haben ſich hier geſchloſſen, und bluten nicht mehr! Die Erde heilt auch den brennendſten Schmerz, und trocknet die Thraͤnen des Sehnenden ab.« Der Juſtizcommiſſarius Weihland war jetzt thaͤtig dafuͤr bemuͤht, ſeinen Plan wegen Kloſtergarten zur Ausfuͤhrung zu bringen. Er wußte ſich etwas damit, ſeiner Schwaͤgerinn einen weſentlichen Dienſt zu leiſten, was Franzisca auch mit groͤßerer Dankbarkeit zu er⸗ kennen ſchien, als der Bruder ihres Mannes ſich deren 195 je zu ruͤhmen gehabt.— Sonſt faſt immer in einem kleinen Streite befangen, weil Jener eher Alles uͤber ſich vermogte, nur nicht einen luſtigen Einfall unter— druͤcken, freilich oͤfters gegen Franzisca gerichtet, weß⸗ halb ſich auch dieſe fuͤr die Zielſcheibe ſeines Spottes hielt, waren ſie nun Seelenfreunde. Diesmal hatte er ihren Eigenſinn nach Wunſch getroffen: ein ſub⸗ tiler Punkt!— Der Juſtizcommiſſarius brachte ſeiner Schwaͤgerinn die Nachricht, daß die Majorinn ſeinen Entſchluß wie ſeine Bitte mit Vergnuͤgen aufgenommen. Sie habe ſich zugleich fuͤr ihre Schweſter verbuͤrgt, daß die Ge⸗ heimeraͤthinn Lerſe nicht minder gern ſo liebe Gaͤſte auf dem verlaſſenen Gute ihrer Eltern wiſſen werde. Weihland war auf's Neue entzuͤckt von der einnehmen⸗ den Geſtalt und Sitte der Frau von Gardemer, nur bedauerte er, ſie bei ſeinem letzteren Beſuche auffallend betruͤbt und niedergeſchlagen gefunden zu haben.— Franzisca fand es nun fuͤr ſchicklich, ſich, wie auch die Platon, der Majorinn naͤchſtens vorzuſtellen, und die Erlaubniß zu einem Aufenthalte in Kloſtergarten fuͤr die Saiſon in Perſon nachzuſuchen. Dieſe For⸗ derung der Hoͤflichkeit machte heimliche Neugierde ihr um ſo dringender, ſich mit eigenen Augen zu uͤber⸗ zeugen, ob die begeiſterte Schilderung des Schwagers auf einem blinden Vorurtheile beruhe; denn Madame 9* 196 Weihland war hinſichtlich der goͤttlichen Erſcheinungen, welche die Maͤnner von weiblicher Schoͤnheit und An⸗ muth haben wollten, eine Sinnverwandte des unglaͤu⸗ bigen Thomas, als ob ſie in gerader Linie von ihm abſtamme. Die Abreiſe wurde nun in aller Stille vorbereitet, obgleich ſie einiger unabſtellbarer Hinderniſſe wegen vor Ende Mai nicht anberaumt werden konnte. Fran⸗ zisca haͤtte ſehr gewuͤnſcht, daß es fruͤher geſchehen koͤnnen, und ſie dachte ſich fuͤr dieſe Verzoͤgerung dadurch zu entſchaͤdigen, daß ſie im Spaͤtherbſte erſt wiederkehren wollte; jedenfalls ſo ſpaͤt als moͤglich. »Dann finde ich Ruhe im Hauſe!« ſagte ſie; doch dieſer Troſt, den Madame Weihland ſich ſelbſt zuſprach, klang leer und tonlos, und war kaum viel ernſtlicher gemeint, als der Wunſch Derer, die das Leben anficht, nach dem Frieden des Grabes.— An einem Sonntagsmorgen, der eine Fruͤhlings— feier haͤtte genannt werden duͤrfen, denn das Jahr hatte ſich an keinem ſchoͤneren Tage noch verjuͤngt, war Franzisca allein, waͤhrend ihre Freundinn in die Kirche gegangen war. Madame Weihland, um ein Noͤthiges zu ordnen, in der Durchſicht ihrer Docu⸗ mente begriffen, befand ſich in einem Seiten⸗Cabinet dicht unter der Wohnung Felicens. Er ſelbſt war verreiſ't. 197 Auf den Straßen herrſchte ſonntaͤgliche Stille. Das verworrene Sauſen des Marktes ſchwieg, nur die emſige Biene ſummte um den Bluͤthenbaum und trug den ſuͤßen Vorrath zur heimiſchen Zelle; die Gewerke waren geſchloſſen, ausgeſpannt vom Joche der Pflicht die armen Froͤhner, und den heiligen Genuß des Ruhe⸗ tags ſchien ſelbſt die Natur zu theilen. Der Dom des Himmels leuchtete hehr und herrlich, die Luft athmete Wohlgeruch aus, und auch der kleine Abkoͤmm— ling der gluͤcklichen Inſeln druͤben am offenen Fenſter der alten Nachbarinn ſang mit froͤhlicher Kehle dem Schoͤpfer aller Dinge ſein Morgenlied und regte ſich mit unbefangener Luſt in der engen Haft. Der ſelige Banquier Weihland hatte ſtets am Sonn⸗ tage auf ein ſtilles Haus und auf die Beobachtung der kirchlichen Gebraͤuche gehalten. Es gehoͤre zu ſeiner Ordnung, hatte er, ſo geſagt wie gezeigt, und Madame Weihland war dieſem ſiminen Beiſpiele treu geblieben. Auch heute hatte nur die Beunruhigung, ein wich⸗ tiges Papier verlegt zu haben, ſie davon abgehalten, die Platon zu begleiten; doch es war der Genius dieſes Tages, der ſie zuruͤckhielt. Das Papier fand ſich gleich, als Pauline kaum fort war, dagegen wurde Franzisca heimgeſucht. Es duͤnkte ihr, als vernaͤhme ſie im obern Stockwerke ein laͤrmendes Ge⸗ 198 töſe, Thuͤren wurden auf- und zugeſchlagen; Madame Weihland hoͤrte heftig ſprechen, wie im Zank. Sie unterſchied deutlich die kreiſchende Stimme der Tante 1 im Furioſo, dazwiſchen ſchluchzende Toͤne. Der Klingel⸗ 7 zug rief das Stubenmaͤdchen herbei.»Ob nur oben etwas vorgefallen ſeyn mag?« fragte Srasiius, yes kam mir ungewoͤhnlich laut vor.« »Ach Madame!« antwortete das Maͤdchen mit In⸗ dignation,»das iſt ein ſchoͤner Spectakel hier im Hauſe zum lieben Sonntage. Was wuͤrde der ſelige Herr nur zu dieſem Unfuge ſagen?— Frau von Elban hat das boͤſe Weſen und raſet nur ſo. Wir haben Wunder gehoͤrt. Waͤhrend der Pfarrer auf der Kanzel 4 ſteht, haͤlt die ungnaͤdige Tante den Anderen eine 1 n Gardinenpredigt, wobei ihnen die Ohren gellen. Und ” das will Nobleſſe ſeyn! Gott ſey es geklagt!«— Der Bediente ſagte:»Wenn nur der Herr Land⸗ b ſchafts⸗Syndicus hier waͤre— der allein koͤnne ſie V beſaͤnftigen. Es iſt eine rechte Schande fuͤr die alte Frau.— Der Herr von Unſtern rennt gegen alle 1 Waͤnde, als wolle er ſich den Kopf einſtoßen, die Fraͤuleins weinen, daß es einem Steine in der Erde 1 erbarmen moͤgte.« »Was es nur geben mag?« fragte Madame Weih⸗ land zwiſchen Unwillen und Theilnahme. »Geben?« wiederholte das Maͤdchen, und betonte dame Sie rante ngel⸗ oben „yes In⸗ Hauſe Her Elban haben anze eine Und 4— Land⸗ de ſi ealte alle , di Erde Wei⸗ etont 199 das kleine Woͤrtchen ſo ſtark, daß ihre volle Gering⸗ ſchaͤtzung gegen den Geiz der Tante dadurch ausgedruͤckt wurde,»nein, Madame! ich weiß nur ſo viel, daß die Rede vom Gegentheile iſt. Frau von Elban iſt nicht von Gebersdorf. Haben will ſie partout eine Summe, die der arme alte Herr nicht ſchaffen kann. Sie quaͤſtionirt ihn entſetzlich; wenn er ſich nur kein Leides anthut! Robert der Jaͤger ſagte zu mir: denken Sie an mich! diesmal giebt es ein Ungluͤck. Ich bat ihn, die Piſtolen zu verſtecken: denn daß ein Vornehmer ſich haͤngen ſollte, dies kommt mir wohl nicht ein.« Franzisca machte dieſem Geſchwaͤtz dadurch ein Ende, daß ſie das Maͤdchen fortſchickte, um ſich von ihrem Erſtaunen zu erholen. Sie warf einen ſcheuen Blick in das Labyrinth dieſer Familien⸗Verhaͤltniſſe, froh, nichts von ſolcher Verworrenheit zu wiſſen. Der Land⸗ ſchafts⸗Director dauerte ſie, doch ſeinen Toͤchtern ſchenkte ſie nur ein halbes Mitleid, und dachte:»Wer weiß, ob die Tante nicht auch manchmal Recht hat? Man muͤßte beide Theile hoͤren, um daruͤber zu ur⸗ theilen, und was geht es am Ende auch mich an!a Die naͤchſte Minute zog Franzisca jedoch in das Intereſſe dieſes Streites. Herr von Unſtern und Fraͤu⸗ lein Claudine ließen um die Erlaubniß bitten, Madame Weihland auf einen Augenblick allein ſprechen zu duͤrfen. 200 Franzisca wollte ſich entſchuldigen, ſie waͤre noch nicht angezogen, und baͤte ſich dieſen Beſuch ſpaͤter aus;— aber ſchon oͤffnete der Landſchafts⸗Director die Thuͤre, blickte mit verſtoͤrtem Geſicht herein und bat nochmals, ihn und ſeine Tochter vorzulaſſen; die Angelegenheit, in der ſie zudringlich werden muͤßten, ſey dringend und dulde keinen Aufſchub. Franzisca fuͤhlte ſich bei dieſer Vorrede, die auf etwas Wichtiges ſchließen ließ, von einem unwillkuͤhr⸗ lichen Zittern ergriffen. Sie theilte die aͤngſtliche Stimmung ihrer Gaͤſte, voll Furcht und Warten der Dinge, die da kommen wuͤrden. Der Landſchafts⸗ Director konnte trotz der angenommenen Faſſung die Alteration, welche noch in ihm fortwirkte, nicht ver⸗ bergen; die gezwungene Miene, das hoͤfliche Laͤcheln druͤckten eine Art von Seelenqual aus und die Ent⸗ ſchloſſenheit, ihr abzuhelfen. Das Fraͤulein, verſchoͤnt von den Flammen des Zorns, ſchien bis zu einem Zuſtande geiſtiger Zerruͤttung erregt. Aus den Formen des Anſtandes, welche Claudine, ihrer ſonſt ſo ſicher bewußt, nur mechaniſch beobachtete, blickte ein zer— fallenes Gemuͤth, ein zuſammenbrechender Muth. Sie ſchwankte auf ihren Fuͤßen. Das ambroſiſche Haar war reizend geordnet, als waͤre es auf eine ſorgfaͤltige Toilette angelegt geweſen; doch dem unvollendeten Anzuge des Fraͤuleins haͤtte Franzisca, als eine feine noch päͤter ſector und die ßten, auf khr⸗ lliche mder afts⸗ die ver⸗ cheln Ent⸗ coͤnt inem rmen icher zer⸗ Sie Haar ltige deten feine 201 Kennerinn dieſer grazioͤſen Kunſt, ſchon ohne Weiteres den Sturm des Morgens abmerken koͤnnen. Der Landſchafts⸗Director nahm nur genoͤthigt einen Platz auf dem dargebotenen Sopha an; es war, als ob eine ſtachelnde Unruhe ihn vom Sitzen abhalten wollte.»Madame!« hob er, zu Franzisca gewendet, an, in dem Tone innerſter Bedraͤngniß, doch mit verhaltener Stimme, wie etwa ein Flehender, der die Naͤhe eines Zeugen ſcheut, ein Gnadenbild angehen moͤgte, von dem er Huͤlfe in Angſt und Noͤthen er— wartet, yes giebt fuͤr einen Mann von Ehre und Egard ſchwerlich einen haͤrteren Zwang als den der Indiscretion, namentlich gegen eine ſchoͤne, guͤtige Frau. Ich bin daran.— Sie haben mit liebens⸗ wuͤrdiger Liberalitaͤt uns Ihr Haus geoͤffnet; ich muß Sie dagegen in einen Verſteck meines Vertrauens ein⸗ fuͤhren, wo—« dies ſagte Herr von Unſtern mit einem bizarren Laͤcheln—»es Ihnen kaum ſo ange⸗ nehm vorkommen moͤgte, wie uns bei Ihnen. Ein herbes Familienverhaͤngniß——« hier brach das Fraͤulein in ein erſtickendes Schluchzen aus.»Clau— dine!« rief ihr Vater, von dieſem Anblick erſchuͤttert, doch maͤnnlich; allein dieſer uͤberwaͤltigende Schmerz ſeiner Tochter hatte den Landſchafts⸗Director ganz aus dem Contert gebracht. »Was ich doch ſagen wollte?« fuhr er verwirrt * 202 und beklommen fort und eine lange Zeit inne haltend, als ob er ſich beſaͤnne,»Ja! ein wunderliches Ge⸗ webe von Umſtaͤnden hat mich und meine Toͤchter in eine Art der Abhaͤngigkeit von meiner Schwaͤgerinn verſetzt, welche— ich meine naͤmlich dieſe Abhaͤngig⸗ keit— mit nichts zu vergleichen iſt, als dem Schweben am Kreuze. Ich bin in der That ein armer Schaͤcher, Madame, und der geplagteſte Ehemann duͤrfte gegen mir ein lebensluſtiger Springinsfeld genannt werden.— Jetzt faͤllt ihr ein, die Zahlung einer Summe von mir zu fordern, die ich erſt kuͤnftigen Herbſt zu leiſten im Stande bin. Sie beſteht darauf mit ſolch einer hoͤlliſchen Beharrlichkeit, daß ich wahnſinnig daruͤber werden moͤgte. Ich fuͤhle, es koͤnnte eine finſtere Stunde fuͤr mich geben.— So wie ich meine Schwaͤ⸗ gerinn kenne, beabſichtigt ſie wohl minder den augen⸗ blicklichen Empfang des Capitals, den ſie vielleicht ſelbſt fuͤr unmoͤglich haͤlt, als: mich empfinden zu laſſen, daß ich in ihren Haͤnden bin, auf daß ich die Meinigen nicht in irgend ein unſinniges Spiel miſche, was ſie zu karten denkt.— Saͤhe ſie die Moͤglichkeit ſchneller Gewaͤhr, ſo wuͤrde ſie Reſpect vor meinen Mitteln bekommen, der Credit, den ich anderweitig faͤnde, wuͤrde mich in dem der Frau von Elban be— feſtigen, und, willig oder nicht, muͤßte ſie mir die Macht zutrauen, daß ich etwas durchzuſetzen vermag.— 203 Sodann duͤrfte ſie fuͤr immer abgehalten ſeyn, mir in Zukunft ein Ähnliches zu bieten. Und ſo enthaͤlt dieſe Mittheilung, Madame, zuletzt nichts Geringeres, als das Anſuchen um ein Darlehn von zweitauſend Tha⸗ lern gegen uͤbliche oder auch hoͤhere Zinſen bis zum diesjaͤhrigen Michaelis⸗Termine, wo ich es mit Be— quemlichkeit und Dank an meine ſchoͤne Glaͤubigerinn zuruͤckzahlen kann.« Hier ſchwieg der Landſchafts⸗ Director ſtill, den Blick mit ſolcher Schaͤrfe und ein⸗ dringenden Gewalt auf Madame Weihland geheftet, als ſolle ſich ihm das Herz der Wittwe oͤffnen, und mit ſolcher Spannung in ſeinen Zuͤgen, als wolle ihm die Bruſt zerſpringen. Das Fraͤulein ſchlug die thraͤnenden Augen tief nie— der und athmete ſo bang und ſchwer, als haͤtte der Vortrag des Vaters das Gewicht dieſer zweitauſend Thaler in Scheidemuͤnze auf den Buſen ſeines Kindes gehoben. Franzisca befand ſich in einer peinlichen Verlegen⸗ heit. Sie hatte bald genug gemerkt, wo dieſe Eroͤff⸗ nung des Herrn von Unſtern hinaus wollte. Nicht der Rang oder die Bittweiſe des adeligen Borgers imponirten ſie, ſondern ſeine Zuverſicht, daß ſie ihm aushelfen werde. Vielmehr noch als dieſe bewegte ſie in aͤngſtlicher Unſchluͤſſigkeit der ſtumme Schmerz der Tochter. Bei dem Eintritte Claudinens glaubte 204 Madame Weihland das Fraͤulein nie ſo ſchoͤn geſehen zu haben als heute; aber dieſer ungewoͤhnliche Glanz der Schoͤnheit erloſch unter tauſend Thraͤnen, nur der bleiche Schein des Leidens ruͤhrte noch in dieſer Geſtalt. Dieſe blaſſen Zuͤge, dieſe uͤberfließenden Augen, welche in eine troſtloſe Tiefe von Ungluͤckſeligkeit ſchauen ließen, die ſichtlich erſchoͤpfte Kraft des Fraͤuleins, regten in der gutmuͤthigen Franzisca ein wohlwollendes Mitleid an, und daneben das uͤberzeugende Gefuͤhl, daß dies kein Zuſtand einer hoffnungsvollen Liebe ſey. Sie wuͤnſchte aufrichtig, der armen Claudine helfen zu koͤnnen. Doch dieſen nachgebenden Eindruͤcken widerſtand ein feſter Grundſatz ihres Mannes, den Madame Weihland von ihm angenommen, und naͤchſtdem der unwillige Gedanke, daß dieſe Hausgenoſſenſchaft in dem Miß⸗ brauche ihrer Gefaͤlligkeit offenbar zu weit gehe. Fran⸗ zisca war ſich mit Reue bewußt, ſie haͤtte dieſe bit⸗ teren Augenblicke ſich erſparen koͤnnen, ſo ſollte es nun doch genug ſeyn. Sie faßte ſich daher ein Herz und ſagte:»Es thut mir leid, Herr Landſchafts— Director, daß ich Ihrem ſchaͤtzbaren Zutrauen nicht entſprechen kann. Ich wuͤrde gegen die Wahrheit reden, wenn ich ſpraͤche, daß eine Summe im Betrage derer, die Sie zur Befriedigung der Frau von Elban beduͤrfen, mir nicht disponible waͤre; aber nach einem Grun Erfa gehal ſonen Hoch Verb gehe einer entſe T inde der in d gund ſich Sch 205 Grundſatze meines ſeligen Mannes, der ungleich mehr Erfahrung als Vermoͤgen zu ſammeln Gelegenheit gehabt, leihe ich nie Geld, und am wenigſten an Per⸗ ſonen, denen ich Freundſchaft bewahren moͤgte oder Hochachtung ſchuldig bin. Die Ruͤckſicht auf dergleichen Verbindlichkeiten verſchiebt jedes Verhaͤltniß, und ſo ziehe ich den geraden Weg dieſer offenen Meinung einer Ausflucht vor, indem ich hoffe, daß Sie mich entſchuldigen werden.« Das Mienenſpiel des Landſchafts⸗Directors hatte, indeß Madame Weihland ſprach, den ſtaͤrkſten Wechſel der Empfindungen ausgedruͤckt. Das Blut ſtockte ihm in den Adern, ſein Auge ruhte ſtarr auf der Bewe⸗ gung ihrer feinen Lippen, ſelbſt dann noch, als ſie ſich ſchon in der abweiſenden Rede geſchloſſen. Ein Schatten der Verzweiflung verfinſterte ſein Geſicht, doch zugleich ſpielte ein unheimliches Laͤcheln uͤber die gelbliche Hautfarbe deſſelben, wie wenn eine falſche Helle durch Gewitterwolken bricht. Mit gezogenem Tone, der etwas überhebendes hatte, antwortete Herr von Unſtern:»Gluͤckliche Menſchen, denen es erlaubt iſt, nach ſolchen Subtilitaͤten zu handeln! ich ſtimme Ihnen vollkommen bei; doch jede Regel leidet ihre Ausnahmen, und ein Sprichwort: bisweilen iſt das groͤßte Recht das groͤßte Unrecht— duͤrfte hier ſeine volle Anwendung finden. Ihr verſtorbener Herr V V — 206 Gemahl, Madame Weihland, mag ein ſpeculativer Kopf geweſen ſeyn, aber in der Sicherheit einer behaglichen Lage hat er den Drang des Lebens wohl kaum gekannt oder ihn nur von dem Standpunkte ſeines Berufs aus beurtheilt. Es iſt den Guͤnſtlingen des Gluͤcks eigen, daß ſie der Klugheit einen zu hohen Platz ein⸗ raͤumen, und das Mißgeſchick Anderer ſtets als eine Schuld anſehen, die zu vermeiden geweſen waͤre. Ich kenne das. Allein——« Franzisca war waͤhrend dieſer Entgegnung hoch erroͤthet, die zu nichts fuͤhrte, als den Groll uͤber die Verworrenheit finanzieller Verhaͤltniſſe hochtoͤnend aus⸗ zuſprechen und die Vorſicht des Banquiers auf den niedern Geſichtspunkt eines kleindenkenden Egoiſten herabzuſetzen. Sie antwortete mit zitternder Stimme noch ehe er ausgeredet hatte:»Mein ſeliger Gemahl, Herr Landſchafts⸗Director, war ein ſehr edler Mann, dem das pecuniaire Intereſſe keineswegs das hoͤchſte war, und der es nie vergaß, wie die Vorſehung ſeines Fleißes Anſtrengungen geſegnet habe, denn Gott muß das Haus bauen helfen, ſonſt arbeiten die Mau⸗ rer umſonſt— dies pflegte er oft zu ſagen.— Sein Herz war der Menſchenliebe durchaus faͤhig und jener Opfer, die ſie fordern mag, um ſich als thaͤtig zu beweiſen. Doch eben darum, weil er gern diente und rettete, borgte er faſt nie, denn damit waͤre, nach 207 ſeiner Meinung, nur in den allerſeltenſten Faͤllen ge⸗ holfen.« »O Gott im Himmell« rief Claudine, die, in ſtilles Hoͤren verſunken, gemerkt, daß Madame Weihland in den Manen des Gemahls von ihrem Vater beleidigt waͤre, und wie Franzisca in aller Unwiſſenheit ihm vergolten, indem ihr frommes Citat den Baugeiſt berief, deſſen wuͤſtes Treiben ihrem Vater verderblich geworden,»uns wuͤrde durch Ihre Guͤte weſentlich geholfen ſeyn!— Koſtet es Ihnen nichts mehr als eine kleine überwindung jenes mißtrauenden Prinzips und einen Griff in die Caſſette, ſo ſehen Sie die Summe, um deren Vorſchuß wir Sie erſuchen, als den Preis an, womit Sie mich öÄrmſte von einer Sclaverei loskaufen. Noch heute verließe ich dann Ihr Haus— mein Vater hat endlich eingewilligt— die Majorinn von Gardemer will ſo guͤtig ſeyn, mich bei ſich aufzunehmen. Ich glaube, die Tobſucht der Tante wird ſich legen, wenn ich entfernt bin, und Du, Vater, wirſt Ruhe haben, denn alles Unheil folgt ja nur meinen Ferſen.—« Dieſe Worte und der dunkle Blick, der ſie beglei— tete, drangen tief in Franziscas Seele, es zerſpaltete ihr Herz, daß dieſes jugendliche Weſen alle Pfeile des Geſchicks auf ſich gerichtet waͤhnte, und an der Hoff— nung verzagte. 208 Der Landſchafts-Director legte die Hand vor die Augen, als koͤnne er die Vorſtellung ſeiner Tochter nicht ertragen. »Bei dem wahrhaftigen Gott!« betheuerte das Fraͤu⸗ lein mit geſteigertem Tone, als ahne es, daß Fran⸗ zisca ſich uͤber ihre Bedenklichkeiten zu erheben beginne, „das Darlehn iſt Ihnen nicht verloren, Madame. Nehmen Sie mich als die Buͤrginn meines Vaters an und erlauben Sie, daß ich mich fuͤr ihn verpfaͤnde.« »Was wollen Sie machen, Fraͤulein?« fragte Ma⸗ dame Weihland erſchrocken, als ſie ſah, daß Claudine in bebender Haſt die Handſchuh auszog, wobei das feine, feucht gewordene Leder mitten voneinander riß, und im Begriff war, die brillantnen Ohrgehaͤnge ab⸗ zuloͤſen, welche mit den hellen Thraͤnen um die Wette funkelten, die noch unaufhaltſam uͤber des Fraͤuleins Wange floſſen. Claudine antwortete nicht und haͤkelte noch an dieſem Schmucke, zwiſchen den ein Loͤckchen ſich hindernd und haltend geſchlungen; der Vater ſah ihr truͤben Blickes zu. Madame Weihland ſtand auf. Sie ging in ihr Cabinet, eine erwartungsvolle Stille herrſchte unter— deſſen im Zimmer. Eine innere Nothwendigkeit trieb Franzisca, ſich der Angſt des Fraͤuleins anzunehmen, und forderte von ihr, dies betraͤchtliche Capital auf ein Wagniß zu ſetzen, das ihr ſelbſt nicht viel beſſer 209 als gewiſſer Verluſt erſchien. Aber Madame Weihland konnte nicht anders als dieſer gebietenden Stimme gehorchen.— Sie kehrte nach einigen Minuten zuruͤck und legte ein Pergament in Claudinens Schoß.»Hier, mein Fraͤulein,« ſagte die Wittwe in edler Weiſe, yiſt ein Pfandbrief von zweitauſend Thalern, den ich zu Ihrer Verfuͤgung ſtelle. Machen Sie dies nun mit Ihrem Herrn Vater aus.« Claudine blickte tiefathmend auf und ſah in ein ſchoͤnes Laͤcheln. Ein ſtolzes, ſuͤßes Gefuͤhl bewegte ſich in Franziscas Bruſt. Durch ihr Verhaͤltniß zu Felice bis zur Demuͤthigung gedruͤckt, konnte ſie denen, welche mittelbar die Schuld davon trugen, und durch einen vornehmen Nimbus, der doch oftmals nur ein glaͤnzendes Elend iſt, ihre reellen Vorzuͤge in den Schatten geſtellt hatten, einen großen Dienſt leiſten und einen Beweis wahrhaft nobler Denkungsart geben. Vielleicht rechnete Franzisca darauf, daß der Landſchafts⸗ Syndicus davon erfahren wuͤrde— doch wiſſen wir dies nicht genau.— Fraͤulein Claudine neigte das Haupt und ließ die Pretioſen in die offene Hand der Madame Weihland gleiten, und viele Thraͤnen rollten hinein und miſchten ihre Tropfen mit dem reinen Waſſer des Brillants. Aber Franzisca lehnte das prachtvolle Geſchmeide ab, und ihr Blick ruhte ſo ſinnreich und bedauernd in der 210 kleinen Hoͤhlung, als haͤtten die koͤſtlichſten Perlen ſich darin aufgeloͤſ't. Dieſe Großmuth der buͤrgerlichen Wittwe beugte den Stolz wie den Gram des adeligen Fraͤuleins tief. Mit unterdruͤckter Stimme und einem halben Seiten⸗ blicke auf ihren Vater, der wie verſteinert ſaß, bat Claudine, daß Madame Weihland die Verſicherung doch nicht verſchmaͤhen moͤgte. Franzisca laͤchelte abermals und ſprach:»Ein Pfand nehme ich wohl, doch muß ich es mir ſelbſt waͤhlen duͤrfen. Dieſes Armband hier.« Es war dieſes Armband eins derſelben, welche Fraͤu⸗ lein von Unſtern immer zu tragen pflegte, nur von Eiſen, doch ſehr fein gearbeitet. Ein mythologiſches Bild, Hercules am Spinnrocken der Omphale, nahm ſich auf dem ovalen vordern Schilde des einen aͤußerſt zierlich und doch charakteriſtiſch aus, da auf dem andern in ſeltſamer Gegeneinanderſtellung und dunklem Ernſt Lacheſis den ſtarren Lebensfaden zog. Daß Madame Weihland dieſen Schmuck von Eiſen, ohne Werth und Glanz und noch dazu getheilt, begehrte, nachdem ſie, ſonſt eben nicht gleichguͤltig gegen den Schimmer des Putzes, die Edelſteine ausgeſchlagen, ſollte wohl darauf hindeuten, daß es ihr, das Fraͤu⸗ lein zu befriedigen, nur um ein Zeichen der Verpflich⸗ tung zu thun ſey; wie wenn man ein Kind mit 211 ſchwachem Zwirn in Gefangenſchaft bindet; es lag naͤchſtdem etwas Zartes darin, daß Claudine das andere Armband behalten ſollte.— Aber die Tochter des Landſchafts⸗Directors wurde todtenbleich und fragte mit erloͤſchenden Blicken und ſterbender Stimme:»Dies Armband hier— Madame Weihland?« Doch Franzisca, welche ſich nun einmal in der groß⸗ muͤthigen Idee dieſes Verlangens gefiel, verkannte die ſchmerzliche Betroffenheit dieſer Frage und hielt den aͤngſtlichen Zweifel in ihrem Ton fuͤr den Ausdruck unglaͤubiger Beſchaͤmung. Sie beſtaͤtigte das Geſagte und zeigte zugleich, welches der beiden Armbaͤnder ſie meine. Madame Weihland liebte die haͤusliche Kunſt nicht, welche das Sinnbild der Parze iſt, doch an dem kleinen Halbgott gefiel ſie ihr als eine Huldigung fuͤr ihr Geſchlecht, und ein leiſes Gefuͤhl weiblichen Triumphs, mit den Empfindungen verwandt, welche dieſe Stunde in ihr geweckt, das Schickſal ſelbſt, leitete ihre Wahl.— Mit verſagenden Haͤnden und einem tiefen Seufzer loͤſ'te Claudine die Spange, und reichte ſie abgewen⸗ det an Franzisca, ſtill, ſtumm, wie ein Opfer gebracht wird. Madame Weihland fuͤgte ſich das Armband ſogleich an. Den Landſchafts⸗Director ſchien dieſe Scene zu beklemmen. Er raffte ſich empor, als wollte 212 er die uͤbernommene Verbindlichkeit, durch Guͤte gehaͤuft, abſchuͤtteln; das Fraͤulein blieb in gedruͤckter Stellung ſitzen, dann erinnerte es den Vater mit leiſer Stimme, die Obligation auszuſtellen. Er ließ es ſich zweimal ſagen. »Du biſt ja muͤndig!« ſprach er zu ſeiner Tochter mit ſeltſam abweiſender Art, wie wenn die Sache ihn nun nichts mehr anginge. Aber Claudine warf ihrem Vater einen Blick zu, worauf der Landſchafts⸗Director ſich anſchickte, dem Verlangen des Fraͤuleins und der Forderung deſſen, was in ſolchem Verkehre uͤblich iſt, zu willfahren. Madame Weihland oͤffnete den kleinen Schreibtiſch, Herr von Unſtern ſetzte ſich mit großer Manier daran, war aber in Kuͤrze mit dem Schuld⸗ ſcheine fertig. Er ſchien in dieſer Form geuͤbt.— Jetzt ſtand er auf und winkte ſeiner Tochter zur Unter⸗ ſchrift. Claudine naͤherte ſich, ihres Vaters Platz ein⸗ zunehmen. Allein die Hand bebte noch ſehr und eine Thraͤne fiel von der ſchoͤnen Wimper in den Namens⸗ zug, daß er auslief und beinahe verloͤſchte. Erſchrocken fuhr Claudine zuruͤck, doch Franzisca entzog ihr das Blatt und ſprach:»Laſſen Sie— es genuͤgt mir ſo. Ich kenne das Geheimniß dieſer unſichtbaren Dinte—« ſetzte ſie leiſe und laͤchelnd hinzu. Da hielt das Fraͤulein ſich nicht laͤnger; es ſchlang beide Arme um Madame Weihland und druͤckte einen 213 heißen Kuß auf den Mund der Wittwe. Franzisca fuͤhlte das Siegel brennen auf ihren Lippen, welches ſie fuͤr dieſe Angelegenheit verſchloß. Der Landſchafts⸗Director griff nach ſeinem Hute. Er nahm hoͤflich Abſchied. Nun, da ſein Zweck erreicht war, behauptete er ſich in gewohntem Anſtand und erwaͤhnte der Verhandlung dieſes Beſuchs mit keinem weitern Worte. Von Franzisca verſtanden, ſagte Clau⸗ dine tauſend Dank, ohne einer Sylbe maͤchtig zu ſeyn. Sie gingen, und Madame Weihland blieb mit der Erinnerung an dieſen Auftritt allein, beunruhigt durch ein reges Widerſpiel von Gedanken und Gefuͤhlen. Obgleich Franzisca nicht bereute, was ſie gethan, ſo uͤberſah ſie doch nun erſt die ganze Groͤße des an ſie gemachten Anſpruchs, und ſie kam ſich wie in der Ge— walt dieſer Menſchen vor, da Jene auf gewiſſe Weiſe in der ihrigen waren. Sie blickte tiefſinnig auf das Armband, und dachte: welch einen Conſtellationsring ſie wohl darin truͤge?— Nicht minder als den lau— ten Tadel des Schwagers, ſeinen ſtrengen Vorwurf, fuͤrchtete ſie das mißbilligende Verſtummen der Platon, wenn dieſe erfuͤhren, wie guͤtig Franzisca geweſen; und ſie beſchloß, gegen Beide zu ſchweigen. Jetzt war die Kirche aus und Pauline kehrte heim. Die Ruhe der Unwiſſenheit hat fuͤr Den, welcher einen aufregen⸗ den Vorfall in ſich verbirgt, ſtets etwas Ruͤhrendes. 214 Madame Weihland vermied das klare Angeſicht der Freundinn mit ſcheuem Blick, als koͤnne dieſe den empfangenen Schuldſchein uͤber die dargeliehenen zwei⸗ tauſend Thaler ihr aus den Augen leſen. Pauline ruͤhmte die Kraft der Predigt, das Kernlied von Paul Gerhard, was ihr das Herz geſtaͤrkt, die friſche Heitre des gottesdienſtlichen Fruͤhlingstages. „Du aber ſcheinſt verſtimmt, Fraͤnzchen,« ſetzte ſie hinzu, als ſie bemerkte, daß Madame Weihland zerſtreut zuhoͤrte, ves geht ein finſterer Geiſt durch unſer Haus—& »Deßhalb wollen wir es auch ſo bald als moͤglich verlaſſen,« entgegnete Franzisca mit fortſtrebender Sehn⸗ ſucht, und wuͤnſchte ſtill: das Schickſal wolle Alles enden. Den Juſtizcommiſſarius Weihland fuͤhrte das uͤber⸗ nommene Mandat jetzt oft zu der Majorinn von Gardemer, und oͤfterer noch benutzte er einen kleinen Anlaß, der nicht ſo dringend geweſen waͤre, um ſich in ihrer ſanften Naͤhe wohl zu fuͤhlen. Gewohnt, mit Frauen umzugehen, fand er ſich angezogen, ohne ein anderes Intereſſe fuͤr die liebenswerthe Frau, als das der Theilnahme an ihrem mit Wuͤrde getragenen Kum⸗ mer und eines Wohlgefallens, wie es das Weſen echter 215 Weiblichkeit auf jeden wahren Mann wirkt. Er brachte manches Stuͤndchen in verlaͤngerter Unterhaltung bei Frau von Gardemer zu, und konnte nicht umhin, ſie unwillkuͤhrlich mit ſeiner Schwaͤgerinn, mit Pauline Platon in Vergleich zu ſtellen. Wenn die Erſtere ſeiner bruͤderlichen Liebe allzu nahe ſtand, um ſie durch dieſe Parallele zu verkuͤrzen, ſo nahm die Zweite einen zu begruͤndeten Platz in ſeinem Herzen ein, als daß die Eine oder die Andere dabei haͤtte verlieren koͤnnen. Pauline uͤbte jenen geheimnißvollen Zug der Sym⸗ pathie, jene innerſte und innigſte Befriedigung auf ihn, welche nicht immer, wie es hier der Fall war, durch Eigenſchaften vornehmſten Ranges gerechtfertigt zu werden braucht, um ſich als wahr und wirklich zu erweiſen. Weihland ſah die reellen Vorzuͤge der treff⸗ lichen Platon im hellſten Lichte der Hochſchaͤtzung, er hatte ein Herz fuͤr ihren beſcheidenen Werth, und nur die Gewißheit, daß ihr taͤglicher Umgang ihm durch die Gunſt der Verhaͤltniſſe vergoͤnnt ſey und bleibe, daß es ihm frei ſtehe, ſich ihr zu naͤhern, hielt ihn ab, einen entſcheidenden Schritt zu thun; auch durfte Franzisca fuͤr jetzt nicht vereinamt werden.— Er liebte treumuͤthig die Wittwe ſeines Bruders, und geſtand ſich, daß ſelbſt ihre kleinen Fehler nicht ohne Anmuth waͤren. Die aufbrauſende Heftigkeit ihres Temperaments ergoͤtzte ihn ſogar, er ſetzte ihr eine 216 ſtarke Doſis Phlegma und die Ruhe des Komiſchen entgegen. Bei Frau von Gardemer fand das Gegen⸗ theil Statt. Die ſtille Tiefe ihres Gemuͤths regte ihn an, ſo Manchem, was ihm dunkel war, auf den Grund zu kommen. Mit pſychologiſchem Blicke forſchte er darnach, den Zuſammenhang ihrer Beziehungen zu erkunden, und ging dabei mit freundlichem Ernſte zu Werke. Es gelang ihm einigermaßen, und an einem Tage, wo er dem zarteſten Geheimniſſe der Frau von Gardemer auf die Spur gerathen zu ſeyn glaubte, kam er von ihr zu ſeiner Schwaͤgerinn. Es war kurz vor der Abreiſe nach Kloſtergarten. Franzisca hatte die letztere Zeit nicht entgehen koͤnnen, mit dem Land⸗ ſchafts-Syndicus zuſammen zu kommen. Die alte Leidenſchaft, ſchon im Vergluͤhen, war noch einmal aufgelodert. Sein Betragen ſeit jener Cataſtrophe, ſchnoͤde, gemeſſen und kalt, hatte wiederum einige Waͤrme verrathen, und Franzisca, von dieſem Anſcheine in eine Zeit verſetzt, wo ihr die Hoffnung auf Felicens Liebe untruͤglich ſchien, wendete den entzuͤndeten Funken gegen die Stoͤrer ihres Friedens und ihrer Freuden. Der Juſtizcommiſſarius fand ſeine Schwaͤgerinn in großer Aufregung, und Pauline, welche ſich vielleicht abgemattet hatte, das wallende Blut der erhitzten Freundinn zu beſchwichtigen, ſchien uͤber die Dazwiſchen⸗ kunft dieſes Dritten ſichtlich erfreut. Er faßte Poſto, 217 und begann gemaͤchlich ein Geſpraͤch, deſſen Gegen— ſtand Frau von Gardemer war. Ihr Anwald erſchoͤpfte ſich im Lobe der Mandantinn. Er ſprach davon, daß er auch heute, wie ſchon oͤfterer geſchehen, den Capitain Troja daſelbſt getroffen, ruͤhmte die Perſoͤnlichkeit die— ſes Offiziers und ſeine einnehmenden Sitten, und wollte ein zartes Vernehmen zwiſchen ihm und der Wittwe des Majors bemerkt haben.»Ich wuͤrde,« fuhr er in ſeiner Rede fort,»daraus Folgerungen ziehen, die meinen Wuͤnſchen, das Gluͤck dieſer ver⸗ ehrten Frau betreffend, und den einzig moͤglichen Erſatz fuͤr eine hingeopferte Jugend, angemeſſen waͤren,— wenn man den Capitain nicht als den Verlobten Clau⸗ dinens von Unſtern nennte. Ich aber glaube es nicht,« ſetzte er beſtimmt hinzu, vobgleich die Anweſenheit des Fraͤuleins bei der Majorinn dafuͤr ſpricht. Es liegt durchaus nichts Selbſtiſches in dem Benehmen der Frau von Gardemer, um die Liebe darin zu erkennen, welche keine Theilung vertraͤgt— der ſeynſollende Braͤutigam verſchanzt ſich, um ſeine Stellung zu ſichern, hinter eine feſte Decenz, und das Fraͤulein, ich muß geſtehen, habe ich nicht ſo genau beobachtet; doch ſcheint es ziemlich vertraut mit dem Capitain.« „Und doch zweifelſt Du?« fragte Franzisca mit vor⸗ werfendem Spott im Tone. Sie glaubte leicht, was ſie gern glaubte, und war gereizt und ver— Hanke Wittwen Ir Theil. 10 218 ſtimmt, mit einem ſtoͤrriſchen, zuruͤckſetzenden Gefuͤhle im Herzen, es muͤde, die feinen Diſtinctionen des Schwagers anzuhoͤren.»Woran,“ fuhr ſie mit erbit⸗ terter Stimme fort, und alle Taͤuſchungen, durch welche ſie gelitten, ſchwebten ihr wie blauer Dunſt des luf⸗ tigen Himmels vor der Seele:»willſt Du denn die Wahrheit eines Vorzugs erkennen, den der Mann Einer unſeres Geſchlechts giebt?— Die Liebe der Maͤnner iſt ja uͤberhaupt nur die Fabel, wo der Fuchs die Taube wuͤrgt, das alte Lied vom Meiſter Reinecke, der die Einfalt und die Treue uͤberliſtet, und der kleine goldne Kern von all' dieſem Bombaſt iſt das dreiſyl⸗ bige Spruͤchelchen: Trau, ſchau, Wem?« »Das iſt hart, Schweſterchen!« fiel der Juſtizcom⸗ miſſarius wie uͤberwunden ein, als ſtrecke er vor dieſem Angriffe das Gewehr ſeiner Zunge. Pauline laͤchelte von ihrer Arbeit zu ihm hinuͤber. »Du verdirbſt mir ordentlich,« wagte er kleinlaut weiter zu entgegnen,»den Geſchmack an meiner Lieb⸗ lings-Dichtung. Fabeln mag ich fuͤr mein Leben gern, und Dein craſſes Bild erinnert mich an eine allerliebſte, die muß ich Dir ſagen.“« Doch in dieſem Augenblicke oͤffnete ſich die Thuͤr, und das Stubenmaͤdchen, ein Schuldbekenntniß auf dem ſchreckenblaſſen Geſichte, ein Paar blinkende Scher⸗ ben in der Hand, trat furchtſam ein. Die arme üͤhle 219 Suͤnderinn hatte die Mundtaſſe der Hausfrau zer⸗ brochen, und machte Miene, ſich ihr zu Fuͤßen zu werfen. Madame Weihland ſchaffte ihrem verhaltenen Un⸗ muthe Luft, und ſagte zuͤrnend:»Du weißt, wie lieb und werth mir dieſe Taſſe war; doch was mich freut, das muß in Truͤmmer gehen!« Das Maͤdchen entfernte ſich, ſelbſt vernichtet von dieſem Ausſpruch, und ließ in der betruͤbten Eile des Ruͤckzugs die Fragmente des Gellertſchen Wittwen— bildes liegen. Der Juſtizcommiſſarius kuͤßte ſeiner Schwaͤgerinn die Hand, und ſprach:»Du biſt gut und ſchlimm zu gleicher Zeit, Franzisca! ich haͤtte nicht geglaubt, daß Du mein Geſchenk ſo hoch in Ehren halten wuͤrdeſt. Aber verzeihe nun auch mir zu Gefallen, der Unachtſamkeit, die Dich deſſen beraubte.« »Dein Geſchenk?« fragte Franzisca gezogen, und wie aus den Wolken gefallen. »Nun weſſen ſonſt?« fragte ihr Schwager zuruͤck, vich meinte, Du haͤtteſt den Geber an der Gabe erkannt.« »Ja, das haͤtte ich allerdings geſollt,« antwortete Madame Weihland anzuͤglich, und uͤber dem abge⸗ brochenen Hauſe des ſeligen Stephan ſchien ihr ein Licht aufzugehen,»ſo aber hielt ich nur fuͤr einen 10* 220 harmloſen Scherz, was ein ſkoptiſcher Einfall von Dir war.« Sie ſchob mit verwerfendem Blick die ¹ Bruchſtuͤcke bei Seite. „Daruͤber mußt Du mit dem Schatten Gellerts rechten,« erwiederte der Juſtizcommiſſarius mit ironi- ſcher Kaͤlte, yich will es in Geduld ertragen, daß Dich aus meiner Hand verdrießt, was Du von einer andern 8 guͤnſtiger betrachteſt.— Die Dichter wie die Weiber haben ihre Launen. Freilich— das Maͤhrchen von I — ——— ¹ der Wittwe klingt allzu fabelhaft, und welcher ver⸗ 3 nuͤnftige Mann wird an die Moͤglichkeit ſolch einer Hiſtorie glauben?— Eine Frau, die, gehuͤllt in 1 Schmerz und Trauer, das Bild des Wohlſeligen im d Herzen traͤgt, kann daruͤber lachen, daß Dorindens 1 hoͤulzerner Ehegatte aus dem Fenſter fliegt, und Du. h 1 ſiehſt nun ein, daß ich Dich nur erheitern wollen.« 1s 16 Madame Weihland ſchwieg, und ſah ihren Schwa⸗ 1 ger ſeitwaͤrts mit ſcharfem Mißtrauen an, Pauline drohte ihm heimlich mit dem Finger; der Juſtizcom⸗ I miſſarius aber verzog keine Miene. 6 14„»Doch um wieder auf das Vorige zu kommen,“ V 5 1 ſetzte er ſeine Rede fort,»die Fabel, welche Du ſelbſt m 3 in mein Gedaͤchtniß gerufen, muß ich Dir noch ſagen, d b ehe denn ich ſcheide.« Er ſtand ſchon auf dem Sprunge, ſ und begann mit erhobener Stimme: d 6 221 „»Zwei Ariadnen, eine Turteltaube Und eine Dohle, hauchten ihren Schmerz In den vertrauten Schoß der himmelhohen Laube Des Waldes aus. Der Dohle ſchwoll das Herz Von wildem Ingrimm; ſie verfluchte den Gatten, Der ſo ſchändlich ſie verließ. Der Taube Gram war ſchmelzend; ſie verſuchte, Den Falſchen, der auch jetzt noch ihr Geliebter hieß, Vom Schickſal ſtill zurückzufleh'n. »Ihr rührt mich,« rief ein Weih den beiden Wittwen zu, „Doch tröſtet Euch, ich kann Euch rächen. Wo find' ich ſie? Ich will den Mördern Eurer Ruh für's erſte bloß die Hälſe brechen. »Auf jener Ulme thront mein Böſewicht,« Verſetzt' die Dohle, vſchone ſeiner nicht! Doch laß mir ja ſein Kebsweib nicht entwiſchen, Ihr Blut muß ſich mit meinem Blute miſchen.⸗ Das Täubchen ſchwieg.»Wo hauſet,« ſprach der Weih, Dein Ungetreuer?«—»Spare Deine Fragen; Ich weiß es nicht. Doch ſey er. wo er ſey! Wenn ich es wüßte, würd' ich es nicht ſagen,« So ſprach es, und ergriff die Flucht. Ihm graute vor dem Hühnerdiebe. Der Dohle Schmerz war Eiferſucht, Der Gram des Täubchens wahre Liebe.« »Nun Adieu, meine Damen! den Ehrenſold fuͤr meinen Vortrag fordere ich mir ein andermal,« ſagte der Declamator und verſchwand zur Stelle. Fran⸗ zisca ſtarrte ihm betroffen nach.»Die Fabel hat der Ludwig wohl eben erſt ſelbſt gemacht?« fragte ſie mit einem Tone, der ihm kein ſonderliches Honorar verhieß. — 222 »Du traueſt ihm jedenfalls zu viel zu,« antwortete die Platon.»Die Fabel iſt von Pfeffel, und ich erinnere mich, ſie juͤngſt in einem Almanach geleſen zu haben.« »Ach! es geht ſich doch nicht gut mit dem Schwager um—« ſprach Madame Weihland zwiſchen Schaam und Verdrießlichkeit, yman weiß nie, wie man mit ihm daran iſt. Ich gratulire ſeiner kuͤnftigen Frau, wenn er noch heirathen ſollte. Sie duͤrfte ihre liebe Noth mit ihm haben. Er zieht, in Ermangelung eines Andern, ſich ſelbſt auf, darum— ſitzet nicht, wo die Spoͤtter ſitzen! ſagt die Schrift.« Pauline ſtimmte dem hoͤhniſchen Gluͤckwunſche ihrer Freundinn ſtill, doch in vollem Ernſte bei, und ſagte mit beguͤtigender Stimme:»Sein Scherz iſt aber nie— mals boͤſe gemeint, und ein wenig Humor wuͤrzt das Leben der Ehe. Ich moͤgte lieber die Gattinn eines Solchen, als eines Finſterlings ſeyn, den die Geiſter der Freude fliehen.« »Ich weiß es ſchon,« entgegnete Franzisca mit leiſem Unmuth,»Du hilfſt ihm immer, und ich glaube, der Ludwig weiß es auch. Deßhalb laͤßt er ſeinen Witz beſtaͤndig auf unſere Koſten ſpielen, und ich muß Deine gutmuͤthige Schwachheit fuͤr dieſen Fehler des Schwagers tragen helfen, der ſich deſſen uͤberhebt, Hahn im Korbe zu ſeyn.« Bei dieſen Worten nahm Madame Weihland ihr 223 Arbeitskoͤrbchen und ging in ein anderes Zimmer. Pauline ließ die Schmollende gewaͤhren, indem ſie dachte:»Und doch hatte er Recht— wie immer.« Die Parodie dieſer ſchweigenden Anerkenntniß lag in dem Vorwurfe Franziscas und machte ſich gleichſam von ſelbſt. Der Tag zur Reiſe nach Kloſtergarten kam, und Madame Weihland war ſeines Erſcheinens herzlich froh. Sie ließ ihr Eigenthum mit all' ſeinen Annehm⸗ lichkeiten und den tauſend Kraͤnkungen, die es in der letzten Zeit fuͤr ſie enthalten, hinter ſich, und ſtampfte in ſtillem Trotz, ihnen enthoben zu ſeyn, das nette Fuͤßchen auf den Tritt des Wagens. Frau von Elban lag im Fenſter und nickte vornehm herunter. Sie betrachtete ſieghaft den Abzug der Damen vom Hauſe, wie etwa ein Feldherr bei einem feindlichen Einfalle die bedraͤngten Anwohner in die Flucht geſchlagen ſieht. Fraͤulein Liddy ſtand am andern Fenſter und ſah mit ſichtlichem Intereſſe den letzten Einrichtungen dieſer Abfahrt zu. Ihr theil⸗ nehmender Blick half das Gepaͤck ordnen und unter— bringen, und ſchaute fuͤr die kleine Geſellſchaft nichts als Vergnuͤgen in der Ferne, außerhalb dieſer beengen⸗ den Mauern. 224 Reiſende, bei ſchoͤnem Wetter und bequemer Gelegen⸗ heit, werden wohl faſt immer von einem fliegenden Neide derer begleitet, die, durch Umſtaͤnde feſtgehalten, nicht fort koͤnnen. Ein ſtrebſamer Wunſch, gemiſcht mit einem ſchmerzenden Gefuͤhle des Bannes an Ort und Pflicht, weht den Gebundenen an, der Klang eines Poſthorns weckt den tiefen Ton der Sehnſucht auf in der ruhigſten Bruſt, und dies iſt in der inner⸗ ſten Natur des Menſchen begruͤndet, denn wir haben hienieden keine bleibende Staͤtte, und die zukuͤnftige ſuchen wir. Der Landſchafts⸗Syndicus ließ ſich gar nicht ſehen; Franzisca wußte nicht einmal, ob er anweſend waͤre. Er hatte Tages zuvor den Damen einen letzten Beſuch gemacht. Sie waren in Kuͤrze und Kaͤlte von einan⸗ der geſchieden. Pauline freute ſich als eine echte Platonide, den falſchen Freuden der Welt entrinnen zu koͤnnen. Ihr ſtiller Sinn fand im Genuſſe des Landlebens vollere Befriedigung. Sie wollte ſich und der Freundſchaft leben, der armen Franzisca, die an den Buſen der Natur fluͤchtete, um von dem Weh der Taͤuſchung zu geneſen, und in der balſamiſchen Luft Staͤrkung fuͤr das wunde, matte Herz zu finden. Madame Weihland hingegen, in der Stadt geboren und erzogen, und durch ihre ganze Individualitaͤt an 225 den Umgang mit Menſchen gewieſen, wenn auch haͤu— figer verletzt als begluͤckt, war weniger empfaͤnglich fuͤr die leiſe Anſprache der Einſamkeit, deren wohlthuender Reiz einen aufgeſchloſſenen Sinn fordert. Sie kannte den ſeligen Gewinn nicht, welchen die traute Üübung gewaͤhrt, ſich ſelbſt genug zu ſeyn. Franzisca fuͤhlte ſich bange allein, und Pauline bedauerte ihre Freun⸗ dinn deshalb, ob ſie es auch erklaͤrbar fand. Wen das Gluͤck gewiegt, waͤre auch ein Stillſtand eingetre⸗ ten, der wird im Schwanken und Schweben dieſes Nachgefuͤhls ſelten im Schoße der Natur Ruhe ſuchen und finden. Dieſe Mutter iſt treu— jene Waͤrterinn aber unſtaͤt. Sie wendet den unbeſtaͤndigen Schritt, und ihre verlaſſenen Lieblinge erwachen weinend aus unruhigen Traͤumen.— Der Juſtizcommiſſarius ſchuͤttelte den Actenſtaub von ſeinen Fuͤßen und ſprang behende auf den Ruͤckſitz des Wagens, welcher Platz zweiten Ranges ihm heute als ein Vorzug erſter Groͤße erſchien. Er zeigte ſich ſo faͤhig als Willens, ſeinen Befugniſſen als Reiſemar⸗ ſchall der Damen die moͤglichſte Ehre zu machen. Der koͤſtliche Sonnenſchein, die ganze Wunderherrlichkeit dieſes Fruͤhlingstages, ſpiegelte ſich in ſeiner hellſten Laune. Er gab ſich den friſchen zerſtreuenden Ein⸗ druͤcken der ſchoͤnen Fahrt voͤllig hin, ſang mit den Voͤgeln um die Wette und ſtimmte manches herzige *+ 226 Lied der guten alten Burſchenzeit an. Pauline hoͤrte ihn mit Vergnuͤgen. Sie belaͤchelte die komiſchen Stoffe der Studentenpoeſie, vom Schaume des aufſprudelnden Lebens geſchoͤpft, und hier und da auch tiefer— die zwangloſen Reime, froͤhlich ertravagant, uͤber alle dich— teriſche Licenz hinaus; der Ausdruck lebendiger Freiheit und Luſt, duͤnkte ihr, die ſich in manche ſtarre Noth⸗ wendigkeit fuͤgen muͤſſen, und nie laut werden duͤrfen mit dem Zuſammenklange ihrer Gefuͤhle, ein neidens⸗ werthes Vorrecht academiſcher Juͤnglinge. So dachte Pauline heimlich zur Belobung des Saͤngers daran, daß er, obgleich laͤngſt ein ſtricter Geſchaͤftsmann, doch ewig kein Philiſter werden wuͤrde. Franzisca ziemlich ſchweigſam, ließ den Schwager gewaͤhren. Sein ſil⸗ berner Tenor ruͤhrte an das verſtimmte Gemuͤth, und als er ſang:»Ade! mein Liebchen, ade! Scheiden und Laſſen thut weh!« da hallten alle Saiten ihrer Empfindung das Valet nach, welches ſie der gekraͤnk⸗ ten Liebe auf immer ſagte. Wie raſch der Wagen auch auf der ebenen Straße dahin flog, die Gedanken der Madame Weihland glichen der Schnecke, die das Haus mit ſich traͤgt. In einem beklommenen Gefuͤhle der Genugthuung ward Franzisca es ſich bewußt, daß jede Secunde ſie mehr und mehr von dem aufgegebenen Freunde und all ſeinen Schritten entfernte. Mogte es ihm doch nun gehen wie es 227 wollte! was ginge es ſie noch an? Sie wuͤnſchte ihm nichts Boͤſes; doch wenn Felice einſt oder bald— dahin kaͤme, die zuruͤckgeſetzte Freundinn zu vermiſſen, zu bereuen, daß er ſie beleidigt und verſcheucht haͤtte: dies wuͤrde ſie ihm gegoͤnnt haben.— Und hinſicht— lich dieſer Art der Schadenfreude, wir fragen auf das weibliche Gewiſſen, duͤrfte Eine von Franziscas Schwe⸗ ſtern minder ungroßmuͤthig denken?— Doch wollen anderer Seits die Maͤnner gerecht ſeyn und aufrichtig bekennen, daß jenes ſchwerſte Gebot der chriſtlichen Geſinnung, die Feindesliebe! vorzugsweiſe unſerem ſchwachen Geſchlechte am Herzen liegt.— Es war ſpaͤt am Abend, als unſere Staͤdter das Ziel ihrer Reiſe erreichten. Sie hatten ſich unterwegs durch einen Beſuch aufgehalten, der nicht zu umgehen, weil der Juſtizcommiſſarius einen Geſchaͤftszweck damit verband. Der Mond ſchien klar und voll, der Him⸗ mel, mit funkelnden Sternen beſaͤet, umſpannte den thauigen Nebelglanz der Gegend, und friedſam, in halddunkeln Umriſſen, ruhte das kloͤſterliche Doͤrfchen, wie in dem Rahmen eines Lichtſchirms. Kein Laut regte ſich um die naͤchtliche Stille der Huͤtten und Hoͤfe, nur hier und dort ſchlug wachſam ein getreuer Phylar an. Das duͤſtere Wohnhaus, verſteckt hinter dem Baumſchlage hoher Linden, hatte etwas roman⸗ tiſches, und das ragende Thuͤrmchen, magiſch ange— 228 leuchtet, ſchimmerte wie aus Silber gegoſſen. Um das ſogenannte Schloß herrſchte todte Ruhe, als laͤgen ſeine Bewohner im Schlummer des Grabes. Ein melancholiſches Lichtlein, gleich dem wankenden Hoff— nungsſtrahle des Truͤbſinns und der Schwermuth, ſtreckte aus einem der ſpitzwinkeligen Fenſter der Flur einen ſchmalen, ſchwachblinkenden Streif uͤber den Raſen des Schloßplatzes hin, der wohl eher einem Kirchhofe glich, denn ein großes Kreuz ſtand an ſeinem Thore. Madame Weihland hatte ſeit der Einfahrt in Kloſter⸗ garten kein lautes Wort mehr geſprochen. Von einem reuigen Gefuͤhle beſchlichen, ihren Sommer⸗-Aufenthalt ſo unbekannter Weiſe gewaͤhlt zu haben, duͤnkte es ihr hier oͤde und aͤngſtlich; mit ſchwerem Herzen ſtieg ſie die kleine Freitreppe hinan, es war ihr furchtſam zu Muthe geworden. Die verſpaͤtete Ankunft ließ die Verhaͤltniſſe dieſes Orts in der finſtern Farbe der Nacht erſcheinen, und bedeutſam, geiſterhaft ſtand das Ge— ſchick kuͤnftiger Tage vor Franziscas Seele. Der Verwalter, welcher auf dem Schloſſe wohnte, um es in Aufſicht zu haben, hatte nun nicht mehr darauf gerechnet, daß die erwarteten Gaͤſte kommen wuͤrden und ſich ſammt ſeinen Leuten zur Ruhe begeben; der Waͤchter bei der Leuchte am Fenſter war ſorglos eingeſchlafen. So entſtand denn ein gewaltiger Rumor im Hauſe, als die Equipage droͤhnend hielt, ein zweiter —— ———,———2 229 Wagen mit dem Gepaͤck, dem Schreiber und dem Maͤdchen der Madame Weihland angerollt kam, und die ſtillen Mauern der ehemaligen Kloſterwohnung wiederhallten. Der Verwalter war im Nu in den Kleidern, das Geſinde wurde wie mit der Stimme des Gerichts geweckt, ſeine Schweſter, eine kleine mißwachſene Perſon, welche die Wirthſchaft fuͤhrte, aus dem erſten Schlafe aufgeruͤttelt. Sie ging wie im Traume, mit taumelnden Schritten und halbgeſchloſſenen Augen, und oͤffnete gleich dem Geſpenſt einer zwerghaften Schließerinn die Zimmer, welche nach herrſchaftlichem Befehl den Fremden eingeraͤumt werden ſollten. Es ſah ziemlich wuͤſt und leer darin aus; doch Fran⸗ ziscas Jungfer, die der Actuarius ſo gut unterhalten, daß ſie bedauerte, wie dieſer ſchoͤne lange Tag doch ſo geſchwind ein Ende genommen, ſchaffte in ihrer frohen Aufregung die Gemaͤcher der Damen bald wohn⸗ lich um, und half thaͤtig und theilnehmend auch fuͤr den Herrn des artigen Scribenten ſorgen. Der große Wagen, gelenkt von allmaͤchtiger Hand, vollendete die Laufbahn des Himmels und ſeine glaͤnzende Spur er⸗ blich, als Franzisca, Pauline und der neue Manda— tarius von Kloſtergarten ſich zu Bett verfuͤgten. Das Rad des Schickſals aber, leuchtender noch als jenes hehre Sternbild, hatte ſeinen Umſchwung genommen, 230 und im Lichte der Zukunft ſollte es offenbar werden, wie herrlich Gott Alles hinausfuͤhrt.— Madame Weihland erwachte nach einem tiefen, ſtaͤr⸗ kenden Schlummer. Sie mußte ſich lange beſinnen, ehe ihr Bewußtſeyn ſich in der fremden Umgebung zurecht fand. Ihre Pulſe klopften voll von der ab⸗ mattenden Arbeit eines wuͤſten Traumes, der ſie drang— ſelig in die Situation, welcher ſie ſich entzogen, zuruͤck verſetzt hatte; hier aber war es heimlich und ruhig. Das Schlagen der Uhren, das Laͤuten der Glocken, das gewohnte Getoͤſe der Stadt betaͤubte ſie nicht in der fruͤhen laͤndlichen Stille; lautlos ruͤckte der Sonnen⸗ zeiger— kein Stoͤrer der Gluͤcklichen. Eine Henriette Sonntag unter den Nachtigallen jenes Fruͤhlings ſaß, wie beſtellt, in dem Blaͤtterthron einer koͤniglichen Linde vor Franziscas Fenſter und ſang mit halber Stimme leiſe und lockend das ſuͤßeſte Lied, welches der große Capellmeiſter der Natur ihr gelehrt. Geſchaͤftig zeich⸗ nete der Schatten ein wankendes Muſter an die ein⸗ farbige Tapete, milderte lieblich den Glanz, der uͤber das Lager gebreitet ſchien, daß dieſer das ſchoͤne Auge nicht blende, ſtreute wie zur Feier und Freude der lieben Gaͤſte auf jede Geraͤthſchaft, auf jedes Kleidungs⸗ ſtuͤck gruͤnes Laub und malte ein reizendes Vorbild! ſelbſt auf die Stelle am Boden, wo Franziscas kleine Schuhe ſtanden, einen Strauß magiſcher Roſen. 231 Pauline Platon oͤffnete vorſichtig die Thuͤre, um zu ſehen, ob ihre Freundinn wach waͤre.»Nun guten Morgen, Du liebe Langſchlaͤferinn!« ſagte ſie munter und naͤherte ſich.»Du liegſt in lauter Schimmer und Purpur, als haͤtte eine Fee Dich gebettet.« Madame Weihland blickte die Geſellſchafterinn freund⸗ lich, doch verwundert an und ſprach:»So im vollen Anzuge ſchon? Du beſchaͤmſt mich, meine Pauline. Dein Auge ſtrahlt, Du ſcheinſt erhitzt—« unter die— ſen Worten hatte Franzisca ſich raſch des Nachthaͤub⸗ chens entledigt, als waͤre nun kein Saͤumen mehr mit dem Aufſtehen und der Toilette. »Ich bin,« unterbrach Pauline jene bemerkende Rede, indem ſie ſich, hinderlich fuͤr Franzisca auf einen Stuhl an ihrem Bette niederließ,»wohl uͤber eine Stunde mit Deinem Schwager ſpazieren gegangen. Ach Fraͤnzchen! welch ein Paradies iſt dieſer Garten und der ganze Ort! Herrlichere Baumpartieen habe ich nie geſehen. Man geht wie unter einem gruͤnen Dom, der Thau ſtieg duftig empor, ein Weihrauch, dem Schoͤpfer aller Dinge angenehm— mir war ſo kirchlich zu Sinne. In dem hintern Hofe iſt ein geraͤumiger ſteinerner Brunnen; wir ſaßen nicht weit davon und ſahen ein allerliebſtes Maͤdchen aus dem Dorfe Waſſer ſchoͤpfen. Die ruͤſtige Dirne erſparte einem Greiſe dieſe Muͤhe, welche ſeinen ſchwachen 232 Kraͤften ſchwer geworden waͤre, und fuͤllte ihm dienſt⸗ fertig den irdenen Krug. Das freundliche Bild erin⸗ nerte mich an Rebekka, der Alte ſah ehrwuͤrdig wie der treue Elieſer aus. Weihland hatte an Herrmann und Dorothea gedacht. Er ſagte es mir. Als das Maͤdchen den vollen Eimer herauf wand und Tropfen daran hingen, die in der Sonne funkelten, da erinnerte ich mich jenes erhabenen Vergleichs: der Tropfen am Eimer— ich fuͤhlte die Unendlichkeit in meinem Herzen. Ein Troͤpflein, auch eine Welt voll Liebe— hing in Paulinens Auge und wollte uͤberfließen. Madame Weihland ſchwieg einen Augenblick, dann erwiederte ſie mit einem feinen Laͤcheln:„»und in dem Brunnen quillt Champagner, nicht wahr, Pauline?« Die Platon errieth und erroͤthete; dennoch fragte ſie mit noch immer bewegter Stimme:»Wie meinſt Du das, Franzisca?« »Nun,« entgegnete dieſe,»meine beſonnene Freun⸗ dinn ſcheint begeiſtert und berauſcht. Doch vergieb,« fuhr ſie bereuend fort,„dieſer nuͤchternen Neckerei!— Ach! ich wuͤßte wohl, was ich wuͤnſchte: daß Lethe in dem Brunnen qudlle; ich wollte nicht muͤde noch laß werden, zu ſchoͤpfen.« Sie ſchoͤpfte dabei aus tiefer Bruſt; aber es war der Seufzer eines treuen Ge⸗ daͤchtniſſes. »Hier wirſt Du ein neues Daſeyn beginnen und 233 vergeſſen lernen, was Dich kraͤnkte,« verſicherte Pau⸗ line mit prophetiſcher Zuverlaͤſſigkeit, ywo die Men⸗ ſchen unſern Gram nicht kennen, da wird er uns zuletzt ſelbſt fremd. Wir leben nun einmal mit der Gegen⸗ wart, das Geſchehene verdaͤmmert— es iſt voruͤber. Rufe Dir keine Qualen zuruͤck! Wozu auch? Es ſind Schatten nunmehr, die der dunklen Ferne zufliehen; die Hoffnung aber iſt unſer innerſtes eingebornes Leben, und durch Stille, ſagt ein frommer Weiſer der Vor⸗ zeit, wuͤrde uns geholfen.« »Hoffnung!« wiederholte Franzisca, hoͤrbar in leiſem Spott und Schmerz,»ein erquickendes Wort, es zerfließt weich und mild wie Kinderzucker auf der Zunge. Schade! der Getaͤuſchte traut ſeinem Gluͤck wenig mehr. Wer nur die Wahrheit ſieht, hat ausgelebt.«. »Hat ausgeſchlafen! dem Himmel ſey Dank!« rief der Juſtizcommiſſarius, indem er ſtark an das Fenſter klopfte. Aber Franzisca, philoſophirſt Du im Traume? Ich habe Dich bei dem Kaffee beſtens ent⸗ ſchuldigt, er ziſchte nur ſo, da ich an der Kuͤche vor⸗ bei kam. Das lange Warten verdrießt Jedermaͤnnig⸗ lich, ich nehme mich ſelbſt davon nicht aus. Was hilft es mir,« fuhr er fort, und ging jodelnd in die bekannte Weiſe des Tyroler Waſtle uͤber:»wenn ich des Morgens fruͤh aufſteh', und zu meiner Schwaͤgerinn geh’'—— Sie ſchlaͤft— iſt das erlaubt?« 234 »Sage ihm nur, daß ich gleich komme, und ſchicke mir das Maͤdchen,« fluͤſterte Franzisca laͤchelnd und draͤngte die Freundinn von hinnen. In Eile war ſie gekleidet und trat nun flugs und friſch unter die Lebensbaͤume von Kloſtergarten. Sie geſtand ſich und Paulinen, daß es hier wirklich ſehr ſchoͤn waͤre, nur etwas duͤſter— ſetzte ſie hinzu. Die Platon waltete ordnend um den Fruͤhſtuͤckstiſch, der unter der Orangerie bereitet worden war, der Juſtizcommiſſarius hielt eine glimmende Cigarre im Munde. Der Wind ſtrich geſellig um die heitere Gruppe und ſtreute Bluͤthen wie Floskeln in das ein⸗ fache Geſpraͤch; eine Biene verließ den aromatiſchen Kelch, um luͤſtern von der fetten Sahne zu naſchen, ein Vogel pickte die Kruͤmchen der Semmel auf. Weihland deutete darauf hin und ſprach mit drolliger Sentimentalitaͤt:»Wie entzuͤckt mich dieſe Guͤterge⸗ meinſchaft der Natur! ich fuͤhle mich in Eden.« »Gewiß,« antwortete Franzisca ſchnell, ihm eins verſetzen zu koͤnnen,»wir ſehen den alten Adam leib⸗ haft in Dir.« Der Juſtizcommiſſarius laͤchelte und ließ es diesmal hingehen. Seine Antwort lautete:»Er wird bald ausgetrieben werden. Ich muß in die Canzlei, und meine Damen wuͤrden die Arbeit, welche dort auf mich wartet, ſchwerlich mit mir theilen moͤgen. Ein uf kin 235 weites, wuͤſtes Feld! die Diſteln und Dornen auf dem Acker des Menſchenvaters waren eine Luſt da— gegen, ein Blumenpfluͤcken.« Die Platon ſah ihn theilnehmend darauf an, ob er in Wahrheit ſpraͤche; Madame Weihland hingegen dachte, es werde wohl ſo arg nicht ſeyn. Sie traute ihrem Schwager ſelten und hielt ihn ſelbſt dann fuͤr einen Schalk, wenn er ernſthaft wie ein Magiſter docirte. Der Juſtizcommiſſarius verweilte, anhaltend beſchaͤf⸗ tigt, nur einige Tage in Kloſtergarten, dann mußte er die Damen der laͤndlichen Einſamkeit uͤberlaſſen, verſprach jedoch, bald wieder zu kommen. Pauline war in ihrem Elemente. Sie ſtrebte, das Gefuͤhl des innigſten Wohlſeyns der Freundinn mitzu⸗ theilen, die in jener Apathie, welche leidenſchaftlichen Zuſtaͤnden zu folgen pflegt, ſich der Natur hingab, ohne ihre Schoͤnheit, ihren ſanften Einfluß lebendig zu empfinden. Ihr ganzes Weſen loͤſ'te ſich in Weich— heit und Sehnſucht auf. Sie wuͤnſchte zu ſterben. Vergebens ſuchte die weniger gluͤcklich geſtellte Platon ihr anſchaulich zu machen, wie ſchoͤn die Welt, und welch ein theures Gut das Leben ſey. Franzisca laͤchelte ſchwermuͤthig zu den Bemuͤhungen dieſer treuen, zufriedenen Seele. Sie ſchwieg, wenn Pauline mit troͤſtender Beredſamkeit von Freuden der Zukunft 236 ſprach. Sie klagte nicht mehr, obgleich die Blaͤſſe ihres Ausſehens, der matte Blick, der muͤde Gang tiefe Erſchoͤpfung anzeigte, und ihre verzaͤrtelten Gefuͤhle daran gewoͤhnt waren, ſtets bemitleidet zu werden. Madame Weihland, welche unter ihren naͤheren Bekannten fuͤr einen liebenswuͤrdigen Trotzkopf galt, und den Starrſinn ihrer Wuͤnſche zu behaupten gewußt, hatte keinen Widerſpruch, keinen Willen mehr. Eine traumhafte Ruhe beſchlich ihre Geſtalt, die Kraft ihres Weſens ſchien im gebrochenen Muthe der Eitel— keit und Liebe zu verwelken. Dieſe Zeichen eines kranken Gemuͤths bekuͤmmerte die gute Platon ſehr. Franzisca war zu ſolcher Reſig⸗ nation nicht geſchaffen, und Pauline wußte nicht, wie dieſem Übelſtande wirkſam zu begegnen waͤre. Feli⸗ cens Name wurde hier nicht genannt, die Baͤume rauſchten andere Geheimniſſe, als die eines zaͤrtlichen Verhaͤltniſſes, deſſen abgeſtorbener Reiz eine taube Bluͤthe geweſen; nur wenn ein Schmetterling um Blumen gaukelte, ſchwebte ſein flatterhaftes Bild der jungen Wittwe in Gedanken. Mit faſt aͤngſtlicher Befliſſenheit, der ein uͤberlegener Geiſt und die Wuͤrde der Selbſtbeherrſchung etwas Muͤtterliches gab, ſtrebte die Geſellſchafterinn, ihrer Pflicht und dem Beduͤrf⸗ niſſe der Freundſchaft zu genuͤgen. Sie ſuchte die ſchweigſame Franzisca moͤglichſt zu zerſtreuen. Pauline 237 las ſehr ſchoͤn vor, und fuͤr gewaͤhlte Lectuͤre war reich⸗ lich geſorgt. Sie wußte ferner huͤbſch zu erzaͤhlen und auch Kleinigkeiten durch ihren Vortrag ein anmuthiges Intereſſe zu geben. Die Platon machte dies beloh⸗ nende Talent zu Gunſten ihrer Freundinn geltend, auch wenn ſie wahrnahm, daß Franzisca nur aus Gefaͤlligkeit zuhoͤrte. Sie richtete die Aufmerkſamkeit derſelben auf den geringſten Gegenſtand, und ihre feine Beobachtungsgabe verſtand es, ihm eine anziehende Seite abzugewinnen. Eines Tages ſaßen ſie im Garten, Angeſichts der geraden Ausſicht auf das nachbarliche Freigut. Die Fenſter des Wohngebaͤudes waren ringsum durch Ja⸗ louſien geſchloſſen, der Hof ſchien in ſtrenger Ord⸗ nung gehalten, und eine Frau von vorgeruͤckten Jah⸗ ren ſaß in Mitten eines allerliebſten Gaͤrtchens, und ſtrickte emſig Filet. Die ſchoͤnſten Blumen bluͤhten in uͤppiger Fruͤhlingsfuͤlle nahe, doch unbeachtet von ihr, dem Sitze der Matrone, die nur Sinn fuͤr ihren Fleiß zu haben ſchien. Es war ein raͤthſelhaftes, aber rie⸗ ſiges Werk, was ſie foͤrderte, die fertige Arbeit, ſchon hoch angeſchwellt, lag auf dem Raſen, weißer Bind⸗ faden rollte von großen Spulen zu ihren Fuͤßen, und die meſſigne Filetnadel, blank abgegriffen, blitzte bei dem tactmaͤßigen Schwunge der Hand blendend im Scheine der Sonne. 238 »Was die Frau nur ſtricken mag?« fragte Pauline, als ſie bemerkte, daß Franziscas Blicke an dem Netze da druͤben hangen blieben.»Die alternde Geſtalt,« fuhr ſie laͤchelnd fort, ynimmt ſich ſeltſam gleichguͤltig unter jenem prangenden Kranze aus, und ſcheint, in ſich ſelbſt vertieft, nichts darauf zu geben. Die Schweſter des Verwalters ging eben voruͤber. Pauline rief ſie an.»Wollen Sie mir wohl ſagen, meine Liebe, wem das Freigut dort gehoͤrt?« »Heute Dem, morgen Jenem,« antwortete die leben— dige Chronique scandaleuse,»die Beſitzer ſterben oder verderben im Umſehen, ich moͤgte es nicht ge— ſchenkt haben—« fuhr Jungfer Chriſtel in verſchmaͤh— lichem Tone fort, dem ſie eine geheimthuende Bedeut⸗ ſamkeit zu geben wußte,»das Gut hat alle Augen⸗ blicke einen andern Herrn, es iſt, als ob kein Bleiben darin waͤre.« »Woran koͤnnte dies liegen?« fragte die Platon und ihr klarer Blick ſchaute nach dem wohnlichen Guͤtchen hinuͤber, als wolle er die vertreibende Urſache erforſchen. »Das weiß man ſo eigentlich nicht,« erwiederte Jene und zuckte die ſchiefen Achſeln.»Jedes Ding in der Welt hat ſo ſein Schickſal; manches kann man nicht los werden, manches nicht behalten, und ob man auch Leib und Leben daran ſetzte. Das Freigut kle ſic 239 hat eine einſame Laune, es duldet nicht, daß Jemand ſich auf die Laͤnge darin einrichte.« Den Lippen der Madame Weihland entſchluͤpfte ein kleiner Seufzer. „»Und wer iſt der jetzige Beſitzer?« fragte ſie mit ſichtlichem Intereſſe. »Ein Paͤchter wohnt darauf, Namens Loth,« ent— gegnete Jungfer Chriſtel, yaber er ſpielt den Herrn, und geht fein gekleidet wie ein Cavalier. Die dort druͤben iſt ſeine Frau. Sieht ſie nicht aus wie eine Dame? Es laͤßt hochmuͤthig, daß eine Paͤchterinn ſitzt und Filet ſtrickt; beſſer ſchickte es ſich, ſie naͤhme die Milchkanne zur Hand, und fuͤhrte die Maͤgde zu Rande. Die Leute duͤnken ſich etwas. Sie leben ganz fuͤr ſich, halten mit Niemand Umgang, und von getreuen Nachbarn und dergleichen mag in ihrem Catechismus nichts geſchrieben ſtehn. Der Edelmann— oder der Gutsbeſitzer wollte ich ſagen— ja, doch ja ich komme! Da ruft der Bruder ſchon wieder.« Die Stimme des Verwalters erſcholl abermals und zwar aus der Ferne donnernd laut, wie ein Nothſignal— Chriſtel gehorchte ihr unverzuͤglich, und der Faden des erzaͤhlenden Berichts war fuͤr diesmal abgeſchnitten. »Was ſich auf irgend eine Art abſondert,« hob die Platon an, nachdem Jungfer Chriſtel ſich entfernt hatte, piſt doch gleich dem gemeinen Urtheile verfallen.« / 240 Franzisca antwortete nicht; ihr Auge hing unver⸗ wandt an der Matrone. Sie ſprach:»Die Frau dort oder ihre Beſchaͤftigung vielmehr, erinnert mich an meine Mutter. Du glaubſt nicht, Pauline, wie ruͤhrend mir dieſer Anblick iſt! er verſetzt mich in meine Kindheit. Die gute Mutter gab ſich viele Muͤhe, mir jene Arbeit zu lehren, welche damals ſchon aus der Mode war; aber ich konnte den Mechanismus der Schleife nicht begreifen. So langmuͤthig meine Mut⸗ ter nun auch war, der Geduldfaden riß ihr doch end⸗ lich und es ſetzte mitunter einen Puff. Jetzt ſieht es mir ſo leicht und luſtig aus, ich fuͤhle ein Zucken in den Fingern, zu verſuchen, ob ich nunmehr geſchickter dazu waͤre.« Von nun an war dieſer Platz fuͤr Madame Weih⸗ land der liebſte, der einzige im Garten. Sie ſtand oft allein an der Hecke, wo Luzie Clarburg, die Frau von Gardemer, ihrem jungen Freunde gewinkt, trau⸗ liches Geſpraͤch mit ihm gepflogen, und heiße Thraͤ⸗ nen der Trennung und des Kummers vergoſſen— der Geiſt der Liebe weilte noch an dieſer gruͤnen und bluͤhenden Stelle. Mit einem ſehnſuͤchtigen Antheile, den Franzisca ſich ſelbſt und Paulinen erklaͤrt zu haben glaubte, blickte ſie in das Gaͤrtchen des Guts, wo Frau Loth mit jedem neuen Morgen die alte Arbeit foͤrderte, der kein Ende abzuſehen war. Der gaͤnzliche 241 Mangel alles Umgangs, der Werth, den dieſe ſchlichten Leute durch ihre Zuruͤckgezogenheit auf ſich ſelbſt zu legen ſchienen, gab dieſer Naͤhe in den Augen der Wittwe den Reiz des Verſagten. Franzisca war eine Tochter Evens, und hatte ihr muͤtterliches Erbtheil, Neugierde, uͤberkommen; Langeweile niſtet zudem gern in para⸗ dieſiſcher Ruhe. So ward der Wunſch in Madame Weihland rege, in dem Bezirke des Freiguts, und mit der anſtaͤndigen Wirthinn deſſelben naͤher bekannt zu ſeyn. Ein Zufall fuͤhrte die Gelegenheit dazu her⸗ bei. Franzisca redete die Paͤchterinn freundlich an, pries den Blumenflor ihrer Pflege, und ſagte auf die einnehmendſte Weiſe, aus welchem Grunde ſie ſich fuͤr ihre Arbeit intereſſire, und wohl wiſſen moͤgte, zu welchem Zwecke dieſe beſtimmt waͤre? Frau Loth fuͤhlte ſich von dieſer Anrede geſchmei⸗ chelt; es uͤberraſchte ſie, daß ihr anſpruchsloſer Fleiß dieſer jungen ſchoͤnen Dame bemerkenswerth geweſen. Daß Franzisca die übung in dieſer weiblichen Fertig⸗ keit bewundert, und der Matrone die Ehre einer Mei⸗ ſterinn gab, waͤhrend ſie ſich ſelbſt ungelenk dazu be⸗ kannte, lieh dem vornehmen Anſtande der Madame Weihland eine ſchuͤlerhafte Anmuth, und erfriſchte das bloͤde Selbſtgefuͤhl der Paͤchterinn dergeſtalt, daß ſie es wagte, Franzisca einzuladen, den kleinen Blumengarten in naͤheren Augenſchein zu nehmen, und ein Knoͤtchen Hanke Wittwen Ir Theil. 11 242 Filet unter ihrer Anweiſung zu ſchuͤrzen, was Madame Weihland auch bald zu thun verſprach. Die Platon war bei dem erſten Anknuͤpfen dieſer Bekanntſchaft nicht zugegen. Sie ſchrieb am folgenden Morgen einen Brief, als Franzisca ihr Alleinſeyn benutzte, dieſe hoͤfliche Bitte nachbarlich zu erfuͤllen. Es war ein Inſtinkt in ihr, der ſie die Mitwiſſenſchaft der Vertrauten bei dieſem an ſich ſo unſchuldigen Schritte ſcheuen ließ.— Frau Loth, ſorgfaͤltig gekleidet, wie immer, ſchien auf den Beſud der Dame gehofft zu haben. Madame Weilland erſtaunte wirklich uͤber die ſeltne Pracht der Blumen, die Paͤchterinn band ein ſchoͤnes Bougquet und reichte es ihr. Dann ſetzte Franzisca ich an den Filetſtock, nahm die gelbe gabelfoͤrmige Nadel, und probirte langſam eine verhaͤngnißvolle Schlinge— die gelang. »Sehen Sie doch, es geht ja!« rief Frau Loth mit uͤbertroffener Erwartung, und die Wittwe, kindlich erfreut durch das Gelingen des Verſuchs, hielt ein Weilchen damit an, dann war ſie befriedigt und ließ ihn fallen. »Wozu iſt denn aber dieſes ungeheure Netz beſtimmt, Frau Loth?« fragte ſie aufſtehend. „Es ſoll—« antwortete dieſe, indem ſie die Wucht der Arbeit zuſammenraffte, vum unſerm Gutsherrn eine me ton aft gen gte war der ritte hien Atne ones isca mige volle mit dlich ein Hließ mm Luch eine 1 243 kleine Freude zu machen— uͤber das Rebengelaͤnder an der Mittagsſeite des Schloſſes zu Gimle druͤben. Herr Admont ſagt: es ſei eine ſuͤße feurige Beere; ſo ſoll ſie denn geſchuͤtzt ſeyn, und die Vergitterung den loſen Voͤgeln ſpaniſch vorkommen.« »Gimle? Herr Admont?« wiederholte Madame Weihland fremd und fragend, vich habe dieſe Namen noch niemals vernommen.« »Nun, Madame ſind unbekannt in hieſiger Gegend,« antwortete Frau Loth.»Herr Admont, unſer lieber gnaͤdiger Herr, iſt Beſitzer von Gimle, zwei kleine Stuͤndchen von Kloſtergarten, und ihm gehoͤrt auch das Freigut hier. Wir erwarten ihn in einigen Tagen, und es iſt gut, daß ich daran denke, heute noch will ich die Zimmer luͤften.« »Ein alter Mann wohl, dieſer Gutsherr?« fuhr Franzisca mit halber Stimme zu fragen fort, als haͤtte ſie, laut der abgeſchloſſenen Rechnung mit dem Ge⸗ ſchlechte der Maͤnner, kein volles Recht zu dieſer Erkun⸗ digung mehr. »Alt?« ließ ſich die Paͤchterinn im Echo der Ant— wort aus, und ein Laͤcheln, wie Ironie der Zeit, ver⸗ draͤngte fuͤr einen Moment den tiefen Ernſt ihrer Zuͤge; doch alsbald ging es in den Ausdruck des Mitleids uͤber, da ſie ſprach:»in gewiſſem Sinne, ja! der Taufſchein iſt nicht immer ein vollguͤltiges 11* 244 Zeugniß, die Jahre abzuſchaͤtzen, es kommt vielmehr auf die Erfahrung an. So hat der gute Herr denn lange gelebt und iſt der Welt abgeſtorben. Die Menſchen flieht er und mag Niemand ſehen, außer uns; die Blumen liebt er und hat eine geſegnete Hand dafuͤr. Sie ſollten den Garten in Gimle ſehen, Madame! das iſt eine wahre Luſt! goͤttlich bluͤhen ſie da. Man hat ſolche aparte Sorten noch nie geſehen. Eine Wildniß von Burgunder⸗Roͤschen, als hatte es dem lieben Gott gefallen, der alten Roſe einen klei⸗ neren Schnitt zu geben, um die ewige Mode einmal zu veraͤndern. Das Herz im Leibe lacht Einem dabei.« Aber die hellen Thraͤnen ſtanden der Frau Loth in den Augen, und die Lippen zitterten ihr leiſe bei dieſer Beſchreibung. »Schade!« verſetzte Franzisca mit niedergeſchlagenem Blicke,„daß Herr Admont all' dies Schoͤne fuͤr ſich allein behaͤlt. Obgleich ich nicht wiſſen kann, was er fuͤr Urſachen dazu habe, ſo will es mir doch nicht an ihm gefallen; es ſieht der Mißgunſt aͤhnlich.« »Mißgunſte« ruͤgte die Paͤchterinn mit beſchei⸗ denem Nachdruck, vnein Madame, da irren Sie wahr⸗ haftig. Unſer Herr iſt die Guͤte ſelbſt. Er will nur, daß man ihm Ruhe goͤnne. Eine Freude muß der Menſch doch haben.—« Frau Loth beſann ſich, ver⸗ ſchluckte, was ſie noch ſagen wollen, und ſchwieg. o 245 Madame Weihland ſchien in einer Pauſe zu erwar⸗ ten, die Schutzrednerinn des Herrn Admont wuͤrde in ſeiner Apologie fortfahren; allein das Geſpraͤch wendete ſich anders. Franzisca erfuhr nur noch, daß der Ehe⸗ mann der Frau Loth einſt als ein armer Hirtenknabe auf dem Freigute gedient, und hier, wo er nun eigen⸗ maͤchtig ſchalten und walten duͤrfe, eine ſklaviſche Behandlung habe erdulden muͤſſen. Seine Gattinn aͤußerte ſich mit dankbarer Waͤrme uͤber dieſe vergel⸗ tende Fuͤgung. Eben trabte der ſogenannte Paͤchter ruͤſtig und ritterlich auf einem muthigen Gaule in den Hof. Madame Weihland blieb nun nicht laͤnger, und ging, ehrerbietig von der Frau Loth begleitet. Der Miſanthrop in Gimle beſchaͤftigte ihr Denken und Sinnen. Franzisca fuͤhlte ſehr wohl, wie man zu dieſer Stimmung gelangen koͤnne. Sie ſah ihn in jener Wildniß der Burgunder-Roͤschen einſam umherirren— ſein Herz von tauſend Dornen zerriſſen. Sie dachte ſich einen finſtern, fruͤhzeitig gealterten Mann in ihm, und ihre Phantaſie ſchuf ſich ein duͤſteres Bild von ſeinem Ausſehen, von ſeinem Schmerze. Einige Tage ſpaͤter aͤußerte die Platon ihr Bedauern, daß dieſer herrliche Garten ſo wenig Sorgfalt genieße. »Der Gaͤrtner,« fuhr Pauline fort,»verwahrloſet ihn unverzeihlich, und ich habe mir vorgenommen, Deinen Schwager, ſobald er kommt, darauf aufmerkſam zu 246 machen. Wenn ich mir dagegen das Gaͤrtchen am Freigut anſehe— es iſt ein wahrer Charme. Wir haben nicht eine ſolche Blume hier.« Franzisca antwortete:»Jenes Gaͤrtchen iſt gleichſam nur eine kleine Commandite, und ſeine Pfleger handeln im Auftrage ihres Herrn, des Eigenthuͤmers von Gimle, wo ein uͤberaus ſchoͤner und ſeltner Blumenflor zu finden. Und dieſer Ort iſt gar nicht weit von hier, wie ich mir erzaͤhlen laſſen.« „»Gimle? Gimle?« fragte die Geſellſchafterinn, und ein helles Beſinnen ſchwebte auf ihrer Stirne, da ſie ſprach:»ein poetiſcher Name! ſo heißt ja, wenn ich nicht irre, in der nordiſchen Mythologie der Wohnſitz der Ruhe und Seligkeit!« »Ach! wer doch in Gimle waͤre!» antwortete Madame Weihland mit einem tiefen Seufßzer. »Mir hat jeder laͤndliche Aufenthalt, er heiße wie er wolle, dieſe Bedeutung,« erwiederte Pauline: yein Stillleben in der Natur— ich kenne nichts Lieberes, nichts, was mir wuͤnſchenswuͤrdiger erſchiene; aber ich weiß auch, daß dies unbeneidete Loos mir ſchwer⸗ lich beſchieden ſeyn duͤrfte.— Und ich wuͤrde es ge⸗ wiß zu ſchaͤtzen wiſſen. Mit Dir Franzisca iſt es ein Anderes; dies reizende Einerlei ermuͤdet Dich. Du biſt an immerwaͤhrenden Wechſel der Zerſtreuung gewoͤhnt, und koͤnnteſt ihn auf die Laͤnge nicht ent⸗ am Wir ſam deln imle, r zu hier, 247 behren. Ja, wollteſt Du aufrichtig ſeyn: ſo moͤgte ich erfahren, daß Du Dich ſchon jetzt fortſehnſt in die Stadt.« Bei dieſen Worten heftete die Platon ihr Auge, das eine bedauernde Frage ausdruͤckte, feſt doch freundſelig auf das Geſicht der Wittwe. Madame Weihland hielt dieſem Blicke Stand. Sie gab ihn mit leiſem Stolz, nicht beſſer gekannt zu ſeyn, zuruͤck, und ein herbes Laͤcheln um dieſen ſchoͤnen Mund hoͤhnte die Vorausſetzung ihrer Freundinn. »Du irrſt, Pauline,« ſagte ſie,»wenn Dein Scharfſinn bis auf den Grund meines Herzens ſaͤhe: ſo wuͤrdeſt Du finden, daß ich den Gedanken an meine alten Verhaͤltniſſe kaum zu ertragen vermag; er widert mich an, und ich weiß nicht, wie es werden ſoll, wenn der Herbſt kommt, der uns von hier ver⸗ treibt. Ein tiefer Ekel hat mir den Reiz des Lebens benommen; jene falſche Suͤßigkeit, die nur den Ge— ſchmack verdirbt und uͤber Nacht umſſchlaͤgt, lockt mich nicht mehr, ich werfe den ſchalen Reſt dieſer Freuden hin. Muͤßte ich Dir die innerſte Wahrheit meiner Wuͤnſche bekennen—: ſo— ich moͤchte am liebſten ſterben, und manchmal iſt mir darnach. Ich traue Niemand mehr auf der Welt— Dir— ja Dir — ſey nur nicht boͤſe, gute Pauline, ich wollte Dein redliches Herz nicht kraͤnken. Doch Liebe und Freund⸗ ſchaft ſind veraͤnderlich, und der arme Menſch, den 248 mit ihrem Wandel auch die Selbſtachtung verlaͤßt, hat nur den Gott im Buſen ſich zu halten.« »Nur? ſagſt Du,« antwortete die Platon, und ihre ſchoͤne innige Stimme legte einen tiefen Accent auf dieſes Woͤrtlein.»O Franzisca! wen ſein Genius nicht verlaͤßt, dem iſt doch viel geblieben, wie groß ſein Verluſt ihn auch duͤnke.— Aber dieſe Deine Erklaͤrung macht mich traurig. Sey doch ein wenig heiter, damit ich es auch ſeyn kann!— Wenn wir dann nach einem Sommer, der Dir, Dich koͤrperlich und geiſtig zu erholen, foͤrderlich war, zur Heimath wiederkehren, die Bekannten ſehen——« »Schweige mir davon!« unterbrach Madame Weih⸗ land das Zureden Paulinens mit abweiſender Heftig⸗ keit,»mein liebes Haus iſt mir fremd und fatal geworden, ich trete im Geiſte nur mit Schauder uͤber ſeine Schwelle. Und finde ich es auch leer, wofuͤr Ludwig ſorgen will, ſo zieht der Daͤmon, der mich hohnneckte, doch nicht mit aus, und wo Dame Ko⸗ bold einmal ihr Weſen getrieben hat, da iſt es nicht heimlich mehr. Es kommt mir uͤberall wuͤſt darinnen vor, ein Grauen, als waͤre ich ganz allein in der weiten Welt— vergieb! ſtoͤßt mich aus, ich fuͤrchte mich vor mir ſelbſt.« »Du biſt krank, Franzisca!« ſagte Pauline, und 249 faßte aͤngſtlich theilnehmend die Hand der Wittwe, „ſeelenkrank— es kann nicht anders ſeyn.« »Ja wohl,w beſtaͤtigte dieſe mit Apathie, yich fuͤhle jetzt erſt, wie unterdruͤckter Ärger und aufreibende Gefuͤhle aller Art meine Kraͤfte angegriffen haben.« »Wir wollen uns mehr Bewegung machen,“ entgeg⸗ nete Pauline ſinnend und ſorgend,»ein Bischen Fah⸗ ren alle Tage wuͤrde Dir gut thun, Fraͤnzchen. Du haͤtteſt Dir die Pferde hier behalten ſollen, wie gern ich es auch dem Ludwig goͤnnen mag, daß er ſie nuͤtze. A Propos! haſt Du geſtern die ſuͤperbe Equi⸗ page vor dem Freigute geſehen?)— Madame Weihland verneinte es. Sie erhob die Augen und ſah hinuͤber. An der ſchattigen Stelle, wo ſonſt die Pachterinn Filet zu ſtricken pflegte, ſtand ein moderner Armſeſſel, auf dem ein ſchoͤnes Wind⸗ ſpiel ſich in traͤumeriſcher Ruhe guͤtlich that. Die obern Fenſter waren offen, der Zug taͤndelte luftig mit wehenden Gardinen von Purpur, die Tiefe des Zimmers ſchien von Roſenlicht ausgehellt. Ein Wie⸗ derſchein dieſer Farbe zeigte ſich in jaͤhem Anflug auf Franziscas blaſſen Wangen. Sie neigte das Haupt nach fluͤchtigem Aufſchauen. »Sieh Pauline,« ſagte ſie leiſe und haſtig:»wir werden bemerkt.«»Wo? von Wem?« fragte die Platon erſchrocken, und ſah hierhin, dorthin in die *† 250 Gebuͤſche. Franzisca wagte es noch einmal das Auge verſtohlen zu erheben— aber ſie ſenkte es nicht wieder. »Sage, was Du haſt?« fragte die Geſellſchafterinn dringender als ſie Niemand gewahrte; und ſetzte hinzu: vich habe nicht uͤbel Luſt zu glauben, Du ſaͤheſt Geiſter am hellen lichten Tage.« Franzisca ſchwieg zerſtreut. Sie hatte am Fenſter druͤben die Geſtalt eines Mannes geſehen, den ihr Blick verſcheuchte.»Ob es der Gutsherr von Gimle ſeyn mag?« dachte ſie,»ſein ſchnelles Verſchwinden als ich ihn anſichtig wurde, laͤßt es vermuthen.« Aber das fluͤchtige Bild, was ſie auffaſſen koͤnnen, aͤhnelte ihrer Vorſtellung nicht. Am naͤchſten Morgen waren die Jalouſieen im Freigute wieder geſchloſſen, dunkle Stille ſchwebte um das Gebaͤude, Frau Loth ſaß einſam am Filetſtock unter ihren Blumen. Nicht lange nach jener Unterredung wurden dem Verwalter von Kloſtergarten ein paar junge Pferde zum Kauf angeboten. Er fand das Geſpann preis⸗ werth, und war geneigt, den Handel einzugehen, nur aͤußerte er, es thue ihm leid, dieſe ſtolzen Fal— ben, welche eine Kutſche zieren koͤnnten, der niedern Beſtimmung zum Feldbau unterwerfen zu muͤſſen. Madame Weihland hoͤrte davon; der neulichen Rede Paulinens eingedenk, ſchlug ſie dem Verwalter 251 vor, die Pferde gegen ein Abſtandsquantum, das ihm zu Gute kaͤme, ihrem Gebrauch zu uͤberlaſſen. Der Verwalter ließ ſich den Vortheil dieſes Anerbie⸗ tens nicht entgehen. Er zeigte ſich als ein thaͤtiger Agent der ſplendiden Wittwe. Eine alte Chaiſe war noch vorhanden, welche auf Koſten der Madame Weihland reparirt wurde; aber freilich kein anderer Kutſcher als ein junger Stallknecht vom herrſchaft⸗ lichen Hofe, in baͤuriſcher Livree, konnte die Ehre erfahren, Fuͤhrer der beiden Damen zu ſeyn; einen ſtattlicheren hatte der Verwalter ihnen nicht zu empfehlen, und Franzisca war mit dem handfeſten Phaeton zufrieden, dem ſie, wenn auch nicht Geſchick, doch Staͤrke zutrauen durfte, der Zuͤgel maͤchtig zu ſeyn. Franzisca, an eine praͤchtige Equipage, an Reiſen mit Extrapoſt gewoͤhnt, hatte ſich nie einer Fahrt mehr gefreut als dieſer, obgleich dem Fuhrwerk ſo viel zu wuͤnſchen uͤbrig blieb. Die Platon laͤchelte dieſes genuͤgſamen Behelfs. Sie dachte ſich ihre Freundinn im Genuß der raffinirteſten Bequemlich⸗ keit, vom Glanz des Reichthums umgeben, durch den kleinſten der Maͤngel verduͤſtert und unzufrieden. In roher Mundart fragte der Kutſcher, welchen Weg er einſchlagen ſolle;„nach Gimle zu— entſchied Madame Weihland. Sie wollte die Wundergaͤrten 252 dieſes gelobten Landes, wenn auch nur von ferne ſchauen. Die Falben ſtanden wie Laͤmmer, ſie zogen an, und die ſchwerfaͤllige Kaleſche bewegte ſich lang⸗ 1 ſam wie ein uͤberladenes Fuder von hinnen. In traͤger Gewohnheit leierte der doͤrfliche Wagenlenker ein Waͤldchen entlang, doch durch eine guͤtige Frage Franziscas, nach der Urſache dieſes Unmuths der jungen Pferde, aufgeruͤttelt aus ſeiner Indolenz, zu dem Bewußtſeyn der Erhebung auf den Bock, hieb er nun wie ein Eſeltreiber auf die edlen Roſſe ein, und mit beleidigtem Wiehern ſchienen ſie ein Fluͤgel⸗ paar zu entfalten. Im Nu verſchwand der Kutſcher, ohne daß ein Laut von ihm hoͤrbar geworden waͤre. Franzisca ſtieß einen dumpfen Schrei aus, als ſie den Sitz leer, und die zuͤgelloſen Pferde uͤber Stock und Stein dahinfliegen ſah. Stumm, todtenblaß ſtarrte die Platon vorwaͤrts, welche Rich⸗ tung die wilden Renner nehmen wuͤrden. Das Ent⸗ ſetzen, in der Gewalt der Roſſe zu ſeyn, laͤhmte ihre Zunge, und ſelbſt in der Furcht noch beſonnen, hielt 66 ſie die gerungenen Haͤnde der Freundinn feſt, als wolle ſie dieſer in dem krampfhaften Drucke, die Ge— fahr der kleinſten Regung zu verſtehen, und ihre Theilnahme zu fuͤhlen geben. 8 Aber Madame Weihland lag halb betaͤubt hinten uͤber. Sie ſah ihr Ende vor Augen und befahl ihre Seele Gott. 253 Vor ihren ſchwindelnden Blicken ſchwebten Baͤume und Straͤucher, Felder und Wieſen, Wolken und Haͤuſer voruͤber, wie wenn man eine Chorde dreht. In einem Mittelzuſtand zwiſchen Ohnmacht und Be⸗ wußtſeyn erwartete ſie jeden Moment, daß ihr der letzte Stoß zum Herzen draͤnge— und es ſtand ſtille. Als Franzisca zu ſich kam, lag ein dichter Schleier uͤber ihren innern Sinnen, der nur ein daͤmmerndes Licht der Gedanken zuließ. Ein langes Geweſenſeyn, ein oͤder Traum dunkelte chaotiſch um ihren Geiſt; ihr aͤußeres Gefuͤhl war eingewickelt in Schmerz und Schwere. Sie konnte ſich weder regen, noch ihren Zuſtand deutlich empfinden. Nach und nach tauchten Ideen ihrer Perſoͤnlichkeit auf. Sie beſann ſich auf ſich ſelbſt. Die Ärmſte erhob— fuͤr ihre Schwaͤche ein Erhebliches— die zarten Augenlieder ein wenig. Sie befand ſich an einem unbekannten Orte. Sie lag, es daͤuchte ihr, ſie waͤre auf einer Folterbank eingeſchlafen, und dieſes der letzte matte Nuͤckblick in das martervolle Leben. Das Zimmer war ſchoͤn, ſchonend verduͤſtert, und mit einem ſtarken Geruch von Eſſig und geiſtigen Eſſenzen erfuͤllt. In dieſe krankhafte Atmosphaͤre ſtreifte zuweilen ein lindes Luͤftchen zum offnen Fenſter herein, als ob es uͤber die Auen des Himmels wehe. Das Fenſter war mit einer gruͤnſeidenen, geſteppten Bettdecke verhangen, 254 die ihren entfaͤrbenden Schein auf das Geſicht eines Mannes von feinem Anſehen warf, der in tiefſinniger Stellung an Franziscas Lager ſaß. Vom Sopha entgegengeſetzter Seite ſaͤuſelten unter leiſem Stoͤhnen Athemzuͤge einer Schlafenden. Madame Weihland ſah die fremde Geſtalt ohne Verwundern, ohne irgend einen Begriff faſſen zu koͤnnen; es war ihr wie eine traͤumende Erinnerung. Sie ſeufzte. Der ſtille Krankenwaͤrter wendete ſich um, beugte ſich naͤher, und blickte in die ſchwarzen Augen voll ſtygiſcher Schatten zwar noch; aber doch dem Licht des Lebens wieder geoͤffnet. Aber zu ge— ſchwaͤcht, dieſen leuchtenden Blick, leuchtend im Strahl der Freude! auszuhalten, ſanken ſie zu. Ein Schritt rauſchte behende uͤber die kniſternde Diele, und bald darauf hoͤrte Franzisca ſich von einer bekannten Stimme angeredet. Frau Loth, die Paͤchterinn vom Freigute bei Kloſtergarten, ſtand vor ihr.„»Liebe Madame,« fluͤſterte die gute Frau:»ſind Sie denn wirklich bei ſich? wenn dem ſo iſt, o! ſo geben Sie uns doch nur ein einziges Woͤrtlein zu verlauten, und fordern Sie irgend etwas! wir wollen ja nicht zu viel verlangen.« Dieſe Bitte in flehendem Tone ruͤhrte die Kranke. Sie regte die trocknen Lippen, und ſprach kaum hoͤr⸗ bar: ymich duͤrſtet!« 255 »Gleich, gleich!« antwortete die Paͤchterinn:»unſer Herrgott ſey gelobt! nun wird es beſſer werden.« Sie wollte fort, ein Getraͤnk zu holen. Franzisca verſuchte den Kopf aufzurichten, der wie von einem Bleigewicht niedergehalten war. Bei die⸗ ſer vergeblichen Anſtrengung ſah ſie den Strohhut der Platon entſtellt und zerknuͤllt in einem Winkel liegen, und das blaue Band daran mit Blut befleckt, ver⸗ knuͤpfte ſchnell ihre zerfahrenen Ideen im richtigen Zuſammenhange deſſen, was mit ihr geſchehen war. »Pauline!« rief ſie mit der Angſt eines Kindes, das erwachend ſich allein faͤnde, und in dieſem Laute con⸗ centrirten ſich die Schreckniſſe der juͤngſten Vergan⸗ genheit, und alle Kraͤfte eines Lebens, das noch zwi— ſchen Gefahr und Rettung ſchwebte. Dieſer Ruf der Freundſchaft weckte die Platon aus der ſchmerzlichen Betaͤubung, der ſie todtmatt eine Weile unterlegen war. Sie raffte ſich empor, ſtuͤtzte den muͤden fiebernden Kopf, und eilte wankenden Fußes dem Lager zu, worauf Madame Weihland ruhete, oder vielmehr litt.»Was moͤgteſt Du von mir Fraͤnzchen?« fragte Pauline mit erſchoͤpfter Stimme, ſich jedes Ausrufs vorſichtig enthaltend, als waͤren ſie in haͤuslicher Ordnung daheim. »Sage mir erſto, ſprach die Kranke,»wo ich mich befinde? und wie? ich vermag nicht es zu unter⸗ 256 ſcheiden. Ein brennendes Gefuͤhl tobt in meinem Arm, das linke Bein— es iſt, als ob es nicht mein Eigen waͤre. Auch Du traͤgſt die Stirne ver⸗ bunden, und die Hand in ein Tuch gewickelt. Welches Ungluͤck haben wir denn genommen? laß mich alles wiſſen— es geht mich ja nichts mehr an.« Sie ſagte dieſe Worte wie in bewußter Aufloͤſung. »Ach Franzisca!« entgegnete die treue Gefaͤhrtinn, „wie Du mich aͤngſteſt! ich will Dir nichts verſchwei⸗ gen, Du weißt, ich liebe das nicht; auch daͤucht es mir ſogar noͤthig, daß Du Deinen Zuſtand kenneſt.— Du haſt bei dem Umſturz des Wagens, wir wurden ein Stuͤck Weges geſchleift.«— Pauline zitterte in ſich zuſammen—»den Fuß am Knoͤchel gebrochen, zwei⸗ mal, arme Franzisca! und eine bedeutende Contuſion am Ellenbogen davon getragen. Doch hoffe ich zu dem Allguͤtigen, das Schlimmſte wird uͤberſtanden und Dein Leben uns erhalten ſeyn, wenn Du Dich nur haͤlſt.« Paulinens blaue Augen floſſen in Weh⸗ muth uͤber, als ſie dies ſagte. Sie trocknete die naſſe Spur der Thraͤnen mit der verbundenen Hand, ſchob die geſenkte Bandage um die Schlaͤfe zurecht, und gedachte der eigenen Schmerzen und Beſchaͤdi⸗ gungen mit keiner Sylbe. Madame Weihland ſchien die zermalmende Nach⸗ richt mit jener Gleichguͤltigkeit aufzunehmen, die einen bedenklichen Grad der Krankheit verraͤth. Wo ſind wir denn aber?« fragte ſie dumpfſinnig,»ich will es endlich wiſſen. Du verheimlichſt es mir, Pau⸗ line; aber ich kenne das Freigut ſchon. Mein Athem iſt ſo heiß, deßhalb ſind alle Blumen verbluͤht, und ſo oft ich die Augen ſchließe, ſtrickt die Paͤchterinn Filet; ich aber fahre immer daneben.« Die Finger von Franziscas rechter Hand bewegten ſich in nervoͤ⸗ ſem Spiel— die Linke war geſchwollen. »Bleibe ein wenig munter, Fraͤnzchen! hoͤrſt Du?y bat die Platon aus gepreßter Bruſt, und ſchaute mit zagender Miene auf die kranke Freundinn nieder. Eben trat Frau Loth mit einer Erquickung ein. »Nun bringe ich ein labendes Traͤnkchen,« ſagte ſie willfaͤhrig, yich habe es nach Vorſchrift bereitet.« Sie reichte es der Patientinn dar. Wenn es Bier waͤre, und ich ſaͤhe es ſchaͤumen!« erwiederte Franzisca mit lechzendem Munde im Ge⸗ luͤſt der Fieberhitze, und ihr dunkler Blick hing ſeh— nend an dem vollen Glaſe. Frau Loth winkte Paulinen heimlich zu und ſprach: ves iſt ja Weißbier, Madame! der Brauer hat nur die Farbe nicht recht getroffen; trinken Sie, und wohl bekomme es Ihnen!« Damit entfernte ſie ſich, ein kleines Geſchaͤft zu beſchicken. Franzisca that einen tiefen Zug, und ſchien 258 erfriſcht. Die Platon nahm dieſen Augenblick der Staͤrkung wahr und ſprach:»meine liebſte Franzisca, ich haͤtte wohl nicht geglaubt, als Du ſagteſt:»Wer doch in Gimle waͤre!« daß dieſer Wunſch auf ſolche Weiſe erfuͤllt werden wuͤrde.— Wir ſind in Gimle! Herr Admont hat ſich wie ein Engel benommen, und un— ſerm Ungluͤck jeden Anſpruch auf ſeine Guͤte einge⸗ raͤumt. Du liegſt auf ſeinem Bett, und er ließ es nicht zu, daß man Dir, die Lagerſtaͤtte zu veraͤndern, das leiſeſte Weh verurſache. Ein reitender Bote iſt fort zu Deinem Schwager; Weihland koͤnnte bereits hier ſeyn und ich aͤngſte mich um ſein Ausbleiben.— Gott erhalte mich aufrecht!« Waͤhrend Pauline alſo ſprach, war Franziscas Haupt mit der Schwere der Krankheit tiefer in die elaſtiſchen Kiſſen geſunken. Sie antwortete traͤumeriſch:»Bin ich in Gimle, ſo bin ich ja in Ruhe— und ein Laͤcheln, ergreifend wie die unbekuͤmmerte Zufrieden⸗ heit des Irrſinns— gab dieſen Worten einen Ausdruck von Phantaſie, deſſen bedeutſame Wahrheit Pauline gar wohl verſtand. Dann breitete der Schlummer ſeinen Gleichmuth uͤber die verſtoͤrten Zuͤge der Kranken. Stille herrſchte im Zimmer, wie vorher, und die arme Geſellſchafterinn fand ſich grauenhaft allein. Von ihrem Gefuͤhle uͤberwaͤltigt, ſchlich ſie hinaus, ſetzte ſich auf das Piedeſtal einer marmornen Minerva, in einer Niſche des kuͤhlen Flurs, und weinte bitterlich. Sie lehnte den gluͤhenden Kopf an die kalte Statue, und das Bild der Weisheit blickte mit ſtummer Wuͤrde auf dieſen menſchlichen Schmerz herab. Eine Thuͤr ging auf, Herr Admont, eine edle Figur von ſchoͤner maͤnn⸗ licher Groͤße, rat heraus. Der Ernſt ſeiner Phy⸗ ſiognomie milderte ſich bei der betroffenen Frage:»So traurig, Fraͤulein Platon? es ſteht doch nicht ſchlimmer als vorhin?« »Ach,« antwortete Pauline, ich fuͤrchte, es ſteht ſchlimm genug. Ich kann es mir nicht verhehlen, daß meine Freundinn noch immer in großer Gefahr iſt. Es war nur ein lichter Moment. Sie delirirte bald darauf wieder. O Gott! wenn Franzisca ſtirbt—« die Stimme erſtickte im Krampfe dieſes Gedankens. »Nicht doch, mein Fraͤulein,« ſprach der Eigen⸗ thuͤmer vom Hauſe leutſelig zu der Gebeugten,„dieſer Furcht Raum zu geben, waͤre vorzeitig, und das Außerſte kaͤme noch immer zu fruͤh. Madame Weih⸗ land iſt zudem noch jung, und der Menſch kann viel uͤberſtehen.« Hier ſeufzte Herr Admont tief.»Die ürzte,« fuhr er fort,„haben uns noch keine Hoffnung benommen. Ein heftiges Wundfieber entſteht wohl ſehr natuͤrlich bei ſolchem Anlaß und in Folge großer Alteration. Wie leicht iſt nicht ein zarter Knoͤchel gebrochen und das Nervenſyſtem einer reizbaren Natur 260 erſchuͤttert! Doch ſollte ich meinen, der ſubtile Bau biegſamer Glieder muͤſſe weniger ſchwierig herzuſtellen ſeyn, als die robuſte Maſchine eines Simſons, der die Thorheit der ganzen Welt auf ſeinen Schultern truͤge. Himmel! welch eine Laſt!«— Herr Admont laͤchelte ſchwermuͤthig vor ſich hin. Pauline ſah beklommen zu dem Troͤſter auf; der Schluß ſeiner Rede war ihr in einer abweichenden Vorſtellung auf das allzuſehr gedruͤckte Herz gefallen. Er aber ſchaute mitleidig zu ihr nieder und ſprach: »Faſſen Sie Muth, liebes Fraͤulein! Sie ſind ſich dies ſelbſt ſchuldig. Verwundet, verwacht— fordert Ihr eigener angegriffener Zuſtand, daß Sie ſich moͤg— lichſt ſchonen. Jede Congeſtion muß vermieden wer⸗ den.— Sehen Sie, hier dringen ein paar Bluts⸗ tropfen unter der Compreſſe hervor. Erlauben Sie, daß ich Ihnen ein wenig helfe.« Herr Admont wiſchte behutſam das rinnende Blut von Paulinens blaſſer Wange, und bemuͤhte ſich, ihr die Binde ſtraffer zu ziehen. Dieſe theilnehmende Sorgfalt hatte etwas Vertrauliches, und loͤſ'te das Gefuͤhl fremder Verbind⸗ lichkeit, welches Paulinens bange Bruſt beengte. Sie athmete tief auf, ergriff ſeine Hand und ſprach:»O Herr Admont! wie freundlich ſind Sie mir! Glauben Sie nur, daß ich es ganz empfinde, wie befangen mein Gemuͤth auch iſt. Meine arme Freundinn em⸗ ——, w.-— 2=2-·— 8ͤℛ5 ͤ— 261 pfaͤngt, leidend, unbewußt, die Wohlthat des Gaſt⸗ rechts, das Sie, obgleich es Ihre Ruhe ſtoͤrt, doch mit groͤßter Selbſtverleugnung uͤben. Ich werde es Ihnen nie vergeſſen, nie! und ich will Gott bitten, daß Ihr ſtilles Haus, welches jetzt um unſertwillen mit Pein und Plage erfuͤllt iſt, kuͤnftig zu einem Wohnſitz der Freude werde.« Herr Admont zog ſeine Hand mit leiſe erwiederndem Drucke zuruͤck, und laͤchelte duͤſter. Eine dunkle Ver⸗ gangenheit, ein Zweifel an ſeinem Gluͤcke offenbarte ſich in dem Schatten, den dieſes Laͤcheln warf.»Fraͤu— lein Platon,« antwortete er mit dem Tone der Auf⸗ richtigkeit:»Sie ſchlagen meinen guten Willen zu hoch an; ich wuͤnſchte nur, Ihnen Ihr Ungemach ertraͤglich machen zu koͤnnen. Was ich thue, wuͤrde Jedermann leiſten, ſo fern er ein Menſch waͤre. Ge⸗ bieten Sie uͤber mein Haus, uͤber alles, was ich vermag. Ich bin zu perſoͤnlichem Beiſtande bereit, wenn Sie ihn nur annehmen wollen. So erlauben Sie mir, daß ich heute die Nachtwache bei Madame Weihland uͤbernehme. Frau Loth iſt eine wackere Krankenpflegerinn, aber fuͤr dieſe Pflicht, um ſie ihr allein anzuvertrauen, nicht zuverlaͤſſig.— Und Sie, mein Fraͤulein, duͤrfen ſich keiner Anſtrengung dieſer Art mehr unterziehen. Ihre Kraͤfte ſind erſchoͤpft, und ich kann nicht zugeben— die Ürzte haben mich dafuͤt 262 verantwortlich gemacht— daß ſie allnaͤchtlich in dem Zimmer Ihrer Freundinn bleiben. Sie ſehen,« fuhr Herr Admont fort, indem er dieſer Sprache fuͤrſorgen⸗ der Superioritaͤt einen Anklang von Scherz gab,»daß ich mein Hausrecht zu brauchen weiß.« Pauline geruhte demnach, ſich dieſem Beſchluſſe zu fuͤgen. Sie hatte hingegen den Ängſten jener Stunde, welche die Zuverſicht dieſer gefaßten Seele in Zittern und Zagen bewaͤltigte, den Kelch der naͤchſten voraus⸗ genommen. Der reitende Expreſſe, welcher nach dem Juſtizcommiſſarius geſendet worden, brachte die Nach⸗ richt, daß er an den modificirten Blattern darnieder laͤge; zwar nicht gefaͤhrlich, aber doch außer Stande, ſelbſt zu ſchreiben, wie der Actuarius meldete. Es giebt ein Maß von Ungluͤck, daß unſern Vollbegriff von dem, was auch dem ſtaͤrkſten Muthe zu tragen moͤglich, uͤberſteigt. Pauline war daran. Die Vor— ſtellung, daß der ruͤſtige Weihland ein Opfer dieſer boͤſen Krankheit werden koͤnnte, vermogte ſie nicht zu faſſen. Sie ſah den Freund leidend unter jenem an⸗ ſteckenden übel, iſolirt, verlaſſen von ſchweſterlicher und freundſchaftlicher Sorgfalt, wo ſie ihm am noͤthigſten waͤre, abhaͤngig von der Pflege, welche die rohe Un⸗ behuͤlflichkeit ſeiner Schreiber und gemiethete Treue ihm gewaͤhrte. Und hier lag Franzisca toͤdtlich zer⸗ ruͤttet an fremdem Orte, und ihr Aufkommen war dem fuhr rgen⸗ ydaß ſſe zu unde, ittern raus⸗ —dem Nach⸗ nieder rande, Es egtif ragen Vor⸗ dieſe ht zu n al- r und Wgſten e Un⸗ Treue 263 noch unverbuͤrgt!— Dieſe Zuſtaͤnde bewegten Pau⸗ linens Seele, wie in einem wuͤſten Traume, auf deſſen dunklem Grunde die Sehnſucht ringt, davon befreit zu ſeyn. Sie blickte zum Himmel und ſagte matt: »Gott helfe ihm wie uns! es iſt ein hartes Schickſal.« Und ihr Gedanke beugte ſich vor Dem, der da hilft und vom Tode errettet. Herr Admont trat gegen die zehnte Stunde Abends ſeinen Wachtpoſten an, zu dem er ſich als Freiwilliger erboten hatte; doch in der That! manche kriegeriſche Batterie, die da behauptet werden ſoll, moͤgte minder gefaͤhrlich ſyn.— Im Schloſſe zu Gimle, wie im Krankenzimmer, herrſchte die allertiefſte Stille; Frau Loth pflegte ſchlummernd in einem Armſeſſel der Ruhe. Der Herr und Waͤchter, welcher ihre Pflicht verſah, ſaß dicht an dem Lager der Kranken, die heute ſeit jenem Unfalle zum erſten Male eines erquickenden Schlafes genoß. Eine Bewegung hatte Franziscas Haupt an den aͤußerſten Rand des Kiſſens gebettet, und ſie ruhte in der anmuthigen Lage einer jungen Ehefrau, die uͤber dem Fluͤſtern einer guten Nacht in geliebter Naͤhe entſchlafen iſt, ohne ſich eine bequemere Stellung geben zu wollen. Angeweht von ihrem Athem, zog ſich Herr Admont dennoch nicht zuruͤck. Er ſchaute vielmehr mit betrachtendem Genuß in das ſchoͤne Geſicht. Der Mond ſchien hold dieſem Anblick. 264 Der Reiz wie der Schmerz dieſer Zuͤge war in die weichſte Ruhe aufgeloͤſ't, von den halbgeoͤffneten Lippen ſaͤuſelte der Hauch des Lebens, und die verſchonte Hand ſtuͤtzte in plaſtiſcher Form den kleinen Kopf, wie im unbewußten Beduͤrfniß der Schwaͤche. Eine Lampe verbreitete myſtiſches Daͤmmerlicht im Zimmer und ließ nur einen ſchwachen Schimmer in den Winkel gelangen, wo die Paͤchterinn von den Tagen der Jugend traͤumte— doch der Strahl des Vollmonds, der zu einer Luͤcke des Fenſtervorhanges herein ſah und magiſch auf Franciscas Lager verweilte, beleuchtete die Lieblichkeit dieſes Schlummerbildes mit Effect, und klaͤrte Herrn Admont uͤber das eigene Herz auf.— Vielleicht war es ſein fixirter Blick oder die ſilberne Helle des Wandlers, was Franziscas Erwachen zei⸗ tigte. Sie oͤffnete die Augen, ſah eines Mannes Ge⸗ ſtalt an ihrem Bette, halb in Dunkel gehuͤllt, und ſprach mit zaͤrtlichem Tone:»Biſt Du es, Ludwig? Es iſt brav von Dir, daß Du endlich gekommen! Ich habe mich ſehr nach Dir geſehnt, und fuͤhle nun, daß ich nicht ſterben werde.« Madame Weihland reichte dem Vergnuͤgten die feuchte Hand. Herr Admont, der auch Ludwig hieß, hatte ſich nie von einer ſuͤßeren Stimme nennen gehoͤrt. Er legte die maͤnnlich ſchoͤne Rechte in Franziscas Hand, ſo, daß ein Paar ſeiner Finger ihren Puls beruͤhrten, n die eippen Hand die im Lampe und Winkel n dei nondd, in ſah uchtete t, und ilberne en zel⸗ 5 Ge⸗ , und dwig mmen e nun eihland 265 fuͤhlte ſtumm die Innigkeit ihres leiſen Drucks, wie das gemaͤßigte Huͤpfen der Ader, und gab ſich einige Momente dem Zauber einer Taͤuſchung hin, die er ſelbſt zerſtoͤren mußte. Dann ſagte er:»Mein Name iſt— Admont, verehrte Frau! Zuͤrnen Sie mir nicht, daß ich den Abweſenden vertreten wollen. Iſt meine Gegenwart Ihnen laͤſtig, ſo bedarf es nur eines Winkes, und ich entferne mich ſogleich.«— »Guter Gott, Herr Admont, Sie? Sie wachen bei mir?« fragte Franzisca geruͤhrt, und ihr ſchuͤch⸗ ternes Erſtaunen uͤber ſolch einen Beweis von Theil⸗ nahme an ihrem Ungluͤck oder an ihrer Perſoͤnlichkeit trat unter dem Schutze der Nacht in dieſer Frage hervor, und zeigte, wie wenig ſie geuͤbt ſey, einen Freund zu erkennen. Sie fuhr mit leiſer Accentuation fort, als wolle ſie ihm ihr Gefuͤhl deutlich machen:»Wie ſoll ich Ihnen dies je verdanken, mein Herr? Sie verpflichten mich zu Ihrer ewigen Schuldnerinn. Aber warum mag nur mein Schwager nicht fort koͤnnen? und Pauline— ſie iſt doch nicht etwa kraͤnker?« Herr Admont wagte es, den ſchwierigen Bericht von jener unerfreulichen Botſchaft zu erſtatten. Er that es mit der aͤußerſten Vorſicht, und Franzisca war wohl noch zu ſchwach, um einer lebhaften Angſt, die ihr ſchaͤdlich werden koͤnnen, uͤberhaupt faͤhig zu Hanke Wittwen Ir Theil. 12 — 266 ſeyn. benommen, verſchwieg er nicht, und Franzisca wußte es ihm Dank, daß er die aufreibende Sorge der Freundinn einmal durch einen Machtſpruch zur Ruhe verwieſen. Unter dieſem Geſpraͤche war Frau Loth erwacht. Sie reichte der Kranken Medizin, lockerte den ſeidnen Pfuͤhl und luͤpfte den Behang am Fenſter, um nach dem Stande des Mondes zu ſehen. Dann bat ſie Herrn Admont, ſich nun hinweg zu begeben, weil Madame Weihland ſonſt zu munter werden moͤgte. Sie wuͤrde nun wachſam auf dem Platze ſeyn, die Nacht waͤre ſchier hin, und der Huͤter koͤnne ſich ſchlafen legen. Von dieſer Zeit an beſſerte es ſich mit Madame Weihland. Wenn auch die Heilung des gebrochenen Fußes nur langſam von Statten ging und gehen konnte, ſollte ſie anders an das erwuͤnſchte Ziel fuͤh⸗ ren und der hinkende Bote nicht nachkommen, ſo half doch Franziscas jugendliche Natur und die Geſundheit ihrer Saͤfte dem Verfahren des Wundarztes, und ihre innere Geneſung unterſtuͤtzte die aͤußere Cur. Die Gewalt des Fiebers war beſiegt, und damit zugleich jene reizbare Heftigkeit, jene erhoͤhte Stimmung der Nerven, die ſchon laͤngſt an Franzisca auf einen zer⸗ Auch daß er ſich dictaroriſch gegen Pauline ſtoͤrenden Keim in ihrer Organiſation, auf einen krank⸗ 267 haften Zuſtand des Gemuͤths gedeutet hatte. Sie ertrug in Geduld die Beſchwerde des Zwanges, dem ſie ſich unterwerfen mußte, hielt ohne Murren ihre Schmerzen ſtill, und fuͤgte ſich gelaſſen in ein Ver⸗ haͤngniß, was nun einmal nicht zu aͤndern war. Eine Ruhe war uͤber ihr Weſen gekommen, die mehr als bloße Abſpannung, nicht von Schwaͤche, ſondern von dem Gefuͤhle wiedergewonnener Staͤrke auszugehen ſchien, und jene wahre Reſignation, die von ſich ſelbſt nichts weiß, und am wenigſten als ſolche gelten will. Von dem Juſtizcommiſſarius kamen hoffnungsvolle Nachrichten. Sein Befinden war leidlich, den Um— ſtaͤnden nach. Sein erſter Brief ward mit Entzuͤcken geleſen. Er ſchrieb an die Platon, und bemerkte gegen den Schluß:»Ihr Eremit von Formentera, deſſen gaſtliche Guͤtigkeit meine Freundinn nicht hoch genug ruͤhmen kann, duͤrfte doch am Ende ſingen oder ſagen: »Ziehet hin, ziehet hin in Frieden! wenn es moͤglich wird, daß der Transport nach Kloſtergarten vor ſich gehe. Sie erwaͤhnen, er ſey anruͤchig als Miſanthrop; ich denke mir eine Edition von Meinan in ihm— was meinen Sie, liebwertheſte Pauline?— Aber ſo ſind die Weiber! einem Manne, der zu ſeiner Abſon— derung vermuthlich gute Gruͤnde haben mag, mindeſtens unzweifelhaft das Recht ſeines freien Willens, der ſeine Blumen fuͤr ſein eigenes Vergnuͤgen zieht, und nicht, 12* 268 daß ſie an ſchoͤnen Buſen verduften—: einem ſolchen Manne den feſten Sinn zu brechen, brechen ſie im Nothfalle ſelbſt das Bein. Aber Ehre den Frauen! dies Wort iſt mein Ernſt. In der Epoche dieſer meiner Leiden habe ich den Werth eines guten Weibes daran ſchaͤtzen gelernt, daß ich es vermißte. Mein Geluͤbde iſt gethan, und ich denke, der Stifter der Ehen hat mich nur um der glaͤubigen Inbrunſt willen, womit ich es vor die hei⸗ lige Behoͤrde gebracht, am Leben erhalten. Sollten die rothen Flecken ſich zu einem Guß der Schaamroͤthe uͤber meinen ſpaͤten Entſchluß verlaufen, ſo hoffe ich doch fuͤr eine gute Haut zu gelten.« Pauline ſah, indem ſie dieſen Brief zuſammenfaltete, ungefaͤhr ſo aus, als haͤtte ſie ſelbſt erſt die Blattern uͤberſtanden, doch als wenn es gutartige geweſen. Geſicht, Hals und Haͤnde waren wie mit Purpur geſchminkt, aber nirgends die kleinſte Narbe zu erblicken. »Dem Himmel ſey Dank!« ſagte Franzisca,»daß es ſo weit mit ihm iſt!« Die Geſellſchafterinn, wie fein ihr Ohr auch ſonſt fuͤr die Diſtinction war, blieb diesmal in Zweifel, ob ihre Freundinn mit dieſem Ausrufe den angedeuteten. Vorſatz oder die beſchriebenen Fortſchritte der Beſſerung im Sinne gehabt. Allein Pauline ließ ſich deßhalb nicht irren, ihre Freude, daß der wackere Weihland ———ÿ ltete, ttern eſen. rpur cken. daß onſt 269 einer großen Gefahr entgangen, unverhohlen gegen Franzisca zu aͤußern. »Ja, Fraͤnzchen,« antwortete ſie, und das Metall ihrer Stimme zitterte ein wenig, wie von tumultari⸗ ſchen Gefuͤhlen bewegt,»wir wollen ſeiner Rettung innigſt froh ſeyn. Waͤre uns der bruͤderliche Freund ſo hingeſtorben, da wir, fern von ihm, außer Stande geweſen, ihm etwas Liebes und Gutes zu erweiſen, und ſein Verdienſt um uns, ſeine treue Geſinnung, nur einigermaßen durch thaͤtige Theilnahme oder durch— Thraͤnen zu vergelten; es haͤtte unſere Herzen tief, tief! betruͤbt, und wir wuͤrden einen Verluſt dieſer Art und auf dieſe Weiſe kaum jemals verſchmerzt haben.— O Franzisca! laß uns daher ein neues Leben beginnen! in Zufriedenheit und ſtiller Genuͤge mit dem, was Gottes Guͤte uns giebt und was ſie uns verſagt. Du ſiehſt, die Vorſicht hat tauſend Mittel und Wege, eine richtige Wuͤrdigung der Erfor⸗ derniſſe des menſchlichen Gluͤcks zu lehren. Du wirſt vielleicht, arme Franzisca, Dich auf keinem Balle mehr tanzend zeigen, oder ſitzend kraͤnken; aber Dein geheilter Fuß kann uͤber den gemeinen Boden ſolcher Erfahrungen ſchweben und unbemerkt den Pfad der Freude gehen. Felice——« Madame Weihland legte einen Finger auf Paulinens Lippen und ſprach:»Still, ſtill, Du Liebe! wir —— 270 ſprechen nicht mehr von Ihm, nimmer!— Die Dankbarkeit, ſchrieb einſt ein Taubſtummer, ſey das Gedaͤchtniß des Herzens; dem ſeinigen fehlt dieſe Memorie. Er kann die Liebe nur vergeſſen, doch nie⸗ mals bewahren. Ich tilge im Merkbuche der Erinne⸗ rung ſeine Schuld wie ſeinen Namen, und wuͤnſche ihm nichts Boͤſes. Dieſes Verhaͤltniß war ein Irrthum meiner Seele, eine Krankheit des Gemuͤths— ich geneſe nun. Der Landſchafts⸗Syndicus koͤnnte mir jetzt reuemuͤthig ſeine Hand anbieten; ich ſchluͤge ſie aus, gewiß, daß er Mann nicht waͤre, geeignet, mich auf die Dauer zu begluͤcken.« »Hoͤre ich auch recht?« rief die Platon, und ihr ſanfter Blick funkelte bei der vernommenen Erklaͤrung, „waͤre es moͤglich, Franzisca! Du ſpraͤchſt in vollem Ernſt?« Die Wittwe laͤchelte dieſes Unglaubens. Sie ſagte: »Es iſt ein Vorwurf fuͤr mich, daß Du Dich ſchwer von meiner Sinnes⸗AÄnderung uͤberzeugſt; aber Du darfſt in Wahrheit daran glauben. Meine thoͤrigte Leidenſchaft hat Dir viel Kummer verurſacht, viel heimliche Sorge— o ich weiß es wohl; aber ich werde kuͤnftig beſſer einſehen, was zu meinem Frieden dient.« »So haͤtte uns denn kein groͤßerer Segen wider— fahren koͤnnen, als dieſes Ungluͤck,« erwiederte die Die ˖das dieſe ˖nie⸗ inne⸗ inſche thum — ich e mit ge ſe ignet id iht zrung, vollem ſagte ſchwer er du horige „ vil ber ich Krieden wider rte d 271 Platon mit ſchwellendem Gefuͤhl. Sie kuͤßte die Ge⸗ ſegnete, und in dieſer innigen Umarmung fiel eine Freudenperle, zu koſtbar, als daß eine Koͤniginn ſie bezahlen moͤgen— aus Paulinens Augen auf den Mund, der jene Worte geſprochen, und Franzisca trank den Reichthum der Freundſchaft, in Wonne auf⸗ geloͤſt. »Sieh!« fuhr ſie fort im Ausbruche froher Offen⸗ herzigkeit, ynun biſt Du mir eine weſentlich Wieder⸗ geborne! es war, als ob ein boͤſer Zauber Dich befangen hielte; er iſt entkraͤftet, und das Urtheil Deines Verſtandes befreit. Wenn nur kein Ruͤckfall zu befuͤrchten! jede Leidenſchaft iſt— ich moͤgte Dich um Alles in der Welt nicht beleidigen, Franzisca— in gewiſſen Graden einer geiſtigen Verſtoͤrung verwandt, und man ſagt, der Wahn, welcher uͤberwunden ſchien, bemaͤchtige ſich an dem Orte, wo er zuerſt entſtand, leicht wieder der Seele. Die Macht der Gewohnheit, die Taͤuſchungen der Sinne ſtehen dann dem reinen Wirken der Vernunft entgegen.« »Das Ideal von Liebenswuͤrdigkeit,« entgegnete Madame Weihland mit beruhigender Miene und jenem Moderato im Tonfall der Stimme, das am ſicherſten auf innere übereinſtimmung ſchließen laͤßt,»was ich in dem Manne ſah, von dem die Rede—: war eine fire Idee, die der Phantaſus des Fiebers in ſeine 272 wuͤſte Maſſe gemengt hat. Ich ſehe jetzt nur einen gewoͤhnlichen Menſchen in ihm, und erkenne ſeine Fehler, wie die meinigen in unſerer gegenſeitigen Beziehung.“« »Doch vergiß auch nicht, Fraͤnzchen,« antwortete die Platon,»daß ſolch ein kuͤhler Abſpruch ſich leicht in der Ferne geben laͤßt.— Stuͤnde Felice Dir ſtatt meiner gegenuͤber, ſo duͤrfte es ſchwerer ſeyn, dieſe Anſicht zu behaupten; denn er iſt im Beſitz verblen⸗ deter Kunſt, und haͤlt eine kleine Spiegelfechterei, namentlich gegen unſer Geſchlecht, allezeit fuͤr erlaubt.« Franzisca ſchuͤttelte leiſe den Kopf. Sie ſprach: »Er wuͤrde hier ſehr im Schatten ſtehen, und ich waͤre geſchuͤtzt, daß mein Auge jemals wieder ſeinet⸗ wegen thraͤnte. Welch ein vortrefflicher Mann iſt dieſer Admont! doch ſcheint er nicht gluͤcklich, und ich 6 moͤgte ſeinen Kummer kennen.— Er kommt mir wie ein Großwuͤrdentraͤger des Schickſals vor. Und wie edel— Pauline, das mußt Du ſelbſt ſagen— hat er das Druͤckende unſerer Situation in ſeinem 8 Hauſe erleichtert! Man kann ſich nicht zarter beneh⸗ ¹ men, als er es gethan. Ich muß ihm ewig, ewig dankbar dafuͤr ſeyn.« »Sieh!« ſagte die Platon,»ſo gleicht ſich alles aus. Dieſer Fremde uͤbertraͤgt die Schuld des undankbaren Freundes, und die Hospitalitaͤt, deren wir in unſerm —— einen ſeine tigen te die ht in ſtatt dieſe blen⸗ terei, ubt. rach: d ich einet⸗ n if d ic mir Und en einem eneh⸗ ewig au5. baren nſern 273 großen Ungluͤcke genoſſen, vergilt die Großmuth, womit Du die leidigen Unſterns aufnahmſt, nicht, weil es eben nothwendig geweſen, nein! bloß weil ſie gegen das goͤttliche Gebot des Naͤchſten Haus begehrten, und Alles, was ſein war!«— Madame Weihland ſeufzte und dachte heimlich: »Wenn Pauline erſt Alles wuͤßte!« Sie ſchob die feine Manſchette des Nachtjaͤckchens zuruͤck, das eiſerne Armband fehlte. »Wo iſt mein Armband hingekommen?« fragte Fran⸗ zisca mit ſolch ſtrenger Stimme, als zoͤge ſie eine abgefeimte Spitzbubenbande zur Verantwortung um eines ungeheuren Raubes willen. »Dein Armband? welches? Beſinne Dich doch, Fraͤnzchen! Du traͤgſt ja keine!« antwortete Pauline, von dieſer Heftigkeit erſchrocken, und viel fehlte nicht, ſie haͤtte gefuͤrchtet, ein jaͤher Paroxismus waͤre uͤber die Reconvalescentinn gekommen. Frau Loth trat in das Zimmer, auch an ſie richtete Madame Weihland die verhoͤrende Frage. »Das ſchwarze Armband?« erwiederte Jene, wie wenn dies eine bewußte Sache waͤre,„das hat der gnaͤdige Herr verwahrt und haͤlt es wie ein Heilig⸗ thum. Ich habe ihn ſchon oft uͤberraſcht, wie er da⸗ ſteht und es tiefſinnig betrachtet, als waͤre ganz etwas Abſonderliches daran zu ſtudiren, und ſich nicht ſatt * 274 ſehen kann. Dann verſchließt er es ſorgfaͤltig wieder. Es iſt aber auch ein allerliebſtes Ding! das feine eiſerne Gitter ſieht wie ein niedliches Gefaͤngniß aus, und auf der Platte ſitzt ein kleines Mannsbild und— ſpinnt! ich hielt es fuͤr den Simſon, weil eine Keule am Rocken lehnt.— Als Madame wie eine Leiche dem gnaͤdigen Herrn in den Armen lag, und den erſten Verband um den Ellbogen empfangen ſollte, nahm der Chirurgus zuvor die kuͤnſtliche Spange ſelbſt ab, denn der Knoͤchel ſchwoll vor unſern ſichtigen Augen, und das Eiſen fing ſchon an zu preſſen.«— Franzisca nickte erroͤthend; dieſe Ausſage ſchwellte ihr das Herz. Ein fluͤchtiges Laͤcheln, voll Anmuth und Beifall ſtaunte die Frau Loth an, deren ſchlichte Einfalt ſo richtig zu deuten wußte. Unbekannt mit dem Typus der griechiſchen Mytho⸗ logie, hatte ſie das Sinnbild der Staͤrke dennoch aus⸗ gefunden, und es ihren Begriffen gemaͤß, in die Hiſtorie des alten Teſtaments uͤbertragen; eben ſo war ihr die Schwaͤche des Gutsherrn nicht entgangen, der ihrer Achtung hochgeſtellt, ein Heros an chriſtlicher Seelen⸗ groͤße, und himmelweit von der Neigung entfernt, das Putzſtuͤck einer Dame gleich einer Reliquie zu verehren, dieſes Armband doch zu dem Spiel ſeiner einſamen Muße gemacht hatte.— ſeder. feine aus, nd— Keule Leiche den ſollte, vange mſern m zu wellte amuth hlichte Nytho⸗ aus⸗ diſtori ir die rihrer Seelen⸗ t, dis rehren, ſamen 275 Madame Weihland ſagte kein Wort mehr uͤber dieſen Gegenſtand, und auch Pauline ſchwieg aus einem feinen Gefuͤhle der Discretion. Die gute Frau Loth hatte nun zwar durch ihre Ausſage die Unterſuchung ſchleunigſt aufgehoben; aber nur um ein heimlich Feuer damit anzuzuͤnden, und Inquirentinn vor das Gericht der Gedanken zu ſtellen, welche ſich untereinander verklagen oder entſchuldigen. Sie ſah ſich ſelbſt in tiefer Ohnmacht an der Bruſt des Herrn Admont liegen, gehalten von ſeinen Armen, unempfindlich fuͤr Alles, was um ihr geſchah. Ihr Armband in ſeinem Gewahrſam ruͤhrte ſie noch mehr, und der maͤnnliche Ernſt ſeines Weſens, der beinahe bis an die Linie der Melancholie ſtreifte, lieh dem verſtohlenen Intereſſe, womit er es hehlte und oftmals vor ſein Auge hielt, eine Bedeutſamkeit, die Franzisca wohl empfand, doch fern davon war, einen andern Grund dafuͤr anzunehmen, als uͤber den das Gefuͤhl der weiblichen Eigenliebe ſie verſtaͤndigte. Und dieſe Kleinigkeit, an der ſein Herz hing, und die er ſich vermuthlich zum Andenken behalten wollte, ſollte ſie ihm abfordern, ihm, der ſich ein Recht an ungemeſ⸗ ſenem Lohn und Dank erworben? Unmoͤglich! geſtehe es nur, Franzisca, hier war Dir der Verluſt ein groͤßerer Gewinn.— Aber das Armband, uͤberlegte Madame Weihland aͤngſtlich, waͤre ja nicht das ihrige 276 und nur ein Unterpfand; und uͤber ein Pfand darf Niemand verfuͤgen, ſo lange bis es nicht verfallen ſſſt. Franzisca meinte zwar, gegen eine moͤgliche Rechenſchaft durch die Verſicherung gedeckt zu ſeyn, es waͤre der Inhaberinn in der Ravage jenes Ungluͤcks ohne Wiſſen und Willen abhanden gekommen; allein— eine ſcru— puloͤſe Unruhe blieb ihr doch deshalb zuruͤck. Und waͤhrend das bedaͤchtige Gewiſſen die ewigen Urkunden nachſchlug, um zu entſcheiden, hatte der fluͤchtiggte Geheimſchreiber in der Canzlei der Gedanken, uͤber V jene zweitauſend Thaler ſchon quittirt.— V Herr Admont konnte vielleicht juͤnger, als der verſtor⸗ bene Banquier Weihland, und aͤlter, als Felice ſeyn, den der fruͤhere Wunſch der Wittwe zum Nachfolger des Wohlſeligen erkieſen hatte. Die Perſoͤnlichkeit des Gutsherrn von Gimle nahm jedoch ein tieferes Intereſſe, als das der aͤußeren Berechnung, in An— ſpruch, und man achtete zu ſehr auf ihn, um ſeine Jahre zu ſchaͤtzen.— Die Hoheit dieſes Wuchſes und jener Adel der Geſtalt, der auf keinem Vorurtheile beruht, ſondern einer edlen Natur entſtammt iſt, war es wohl nicht allein, was ihn eines gebietenden Ein— drucks maͤchtig machte, deſſen er ſelten verfehlte. Wer die Menſchen entbehren kann, dem unterwerfen ſie ſich. Er haͤtte die Rolle eines Koͤnigs ſpielen koͤnnen, in der Befugniß eines alten Spruͤchleins:»Die darf n iſ. ſchaft e der Liſſen ſcru⸗ Und unden htigſte uͤber erſtor⸗ ſeyn, folger ichkeit tferes n An⸗ ſeine 3 und tthell „wir Ein⸗ We in ſie innen, i „D 277 Krone auf ſeinem Haupt, die hat ihn Gott der Herr erlaubt.« Aber Herr Admont begnuͤgte ſich, ein Selbſtbeherr⸗ ſcher zu ſeyn. Verſenkt in ſein inneres Leben, merkte er wenig auf das, was um ihn her getrieben ward, froh, in dem einfachen Gange ſeiner Beſchaͤftigungen durch nichts geſtoͤrt zu ſeyn. Er war entſchieden jeder Unruhe feind, und mied das Geraͤuſch, als koͤnne eine kranke Stelle in ſeinem Gemuͤth es nicht ertragen. Daß dies ſeine Untergebenen wußten, gab ihren Dienſtleiſtungen, wie den Beweiſen ihrer Anhaͤnglich⸗ keit eine ehrfurchtsvolle Scheu. Herr Admont war genau mit Worten, ſparſam mit Befehlen, karg mit Verweiſen; dennoch lag ein Etwas in dieſer Zuruͤck⸗ haltung, was ſeinem Willen eine vollſtreckende Ge⸗ walt uͤber Andere gab, und man fuͤhlte, er duͤrfte ſelten Widerſpruch oder Beleidigung erfahren haben. Sein Blick regierte. Sein Geſicht war nicht eben ſchoͤn, aber bedeutend, und dies wie ein aͤchtes Kunſtwerk der großen Bild⸗ nerinn, um ſo mehr, je laͤnger man es anſah. Ein denkender Ernſt war der Charakter ſeiner Phyſiogno⸗ mie; in dem Auge von dunklem Ätherblau flammte ein Strahl aus der Tiefe ſeines Geiſtes, jede Miene war voll Ausdruck, voll Seele, ein Zug von Guͤte um den wohlgeformten Mund ſprach zum Gefuͤhl, 278 und wem er ein Laͤcheln zeigte, der hielt ſich fuͤr beſchenkt. Seine Kleidung war aͤußerſt ſimpel, aber vornehm, er ſchien im Geheimniß jenes eingebornen Anſtandes, der ſelbſt in kleinen Nachlaͤſſigkeiten ſichtbar wird. Er hielt in der Aufſicht uͤber Gimle und das Frei⸗ gut die Pruͤfung neuer Theorien uͤber den Landbau fuͤr eben ſo erforderlich, als die Nutzanwendung der Erfahrung, und uͤbte praktiſch das erprobte Beſte. Doch welch ein weites Feld die Hconomie und ihr Studium auch darbietet, Herr Admont ſchien nicht geneigt, ſich darauf zu beſchraͤnken. Er liebte die Wiſſenſchaften, las viel, und ſchrieb ſelbſt ein abſtractes Werk, woran er mit großem Fleiße arbeitete, und gerade dann am anhaltendſten, wenn eine duͤſtere Stimmung ihn meiſtern wollte. Eine einzige Leiden⸗ ſchaft regte ihn auf, und ließ die tragiſche Ruhe, in der er der Welt entſagt zu haben ſchien, nicht in Apa⸗ thie ausarten. Er war ein begeiſteter Gartenkuͤnſtler, und die Blumen waren ſeine Poeſie. Niemand ver⸗ ſtand ſie ſchoͤner zu ziehen, als Herr Admont, die Natur vergalt dieſe reine Hingebung. Seine Freuden bluͤhten in ihnen. Als jener Tag des Ungluͤcks, wo der Wagen mit den ſchaͤumenden Pferden an einem Gemaͤuer in Gimle zerſchellte, und der Ortsherr zufaͤllig daher geritten 279 kam, um Zeuge des Sturzes der beiden Damen zu ſeyn, ihn ſchon durch den Anblick dieſer toͤdtlichen Gefahr zum thaͤtigſten Beiſtande aufforderte, ſah Herr Admont ſich ploͤtzlich in eine Lage verſetzt, die er kaum fuͤr moͤglich gehalten. Eine fremde junge Dame ward fuͤr todt auf ſein Bett getragen, um es in langer Zeit nicht wieder zu verlaſſen, denn die ſchleunigſte Huͤlfe war noͤthig, und kein Verzug zulaͤſſig. Die Gefaͤhrtinn fuͤhrte Herr Admont ſelbſt der Ohnmaͤchtigen nach, ließ ſich von dem Blute betraͤufeln, das aus ihrer Stirne floß, und Pauline ſchwankte vergehend an ſeinem Arme. Sein ſtilles Haus gerieth nun in Allarm und weibliche Con⸗ tribution. Franziscas Maͤdchen ward aus Kloſtergarten nach Gimle berufen und die Frau Loth dazu, um die Verungluͤckten pflegen zu helfen. Der Wagen war in Truͤmmer und der Kutſcher mit einem blauen Auge davon gekommen. Der Arzt, welcher aus dem naͤchſten Staͤdtchen in dringender Eile herbeigeholt wurde, ſchuͤttelte den Kopf und geſtand, daß hier wohl wenig Hoffnung ſey. Die Kraͤfte dieſer Dame ſchienen ſo tief geſunken, daß ſie ſchwerlich die noͤthigen Operationen aushalten duͤrf⸗ ten, und dieſer todtaͤhnliche Zuſtand erſpare ihr zwar den bewußten Schmerz der Verbaͤnde, verſage aber zugleich die Unterſtuͤtzung der Lebensgeiſter, welche das Ihrige dazu beitragen muͤßten, dem Koͤrper wieder aufzuhelfen. 280 Waͤhrend der Doctor dieſe Wechſelwirkung in latei⸗ niſchen Phraſen demonſtrirte und das Licht medizini⸗ ſcher Gelahrtheit in dieſer dunklen Stunde leuchten ließ, legte der Chirurgus loci, ein Mann von wenig Worten, ſchon Hand an dieſen ſchoͤnen gebrochenen Fuß. Schweiß troff von ſeinem gluͤhenden Geſicht, er hielt den Athem an und behandelte den zarten Knoͤchel, deſſen Function fuͤr immer aufgehoben ſchien, mit ſtraffen Muskeln, doch moͤglichſt ſacht und ſanft. In ſchweigender Emſigkeit verfolgte er die Procedur, die ſeines Amtes war. Blaß, wie das Bild einer Maͤrtyrerinn, denn nur Pauline empfand Franziscas Leiden— ſtand die Platon dem Chirurg zur Seite. Sie bebte— und blieb. Nichts brachte ſie dahin, ſich zu entfernen. Sie glaubte an die Wirkung ihrer treuen Naͤhe, wollte aushalten in Noth und Tod, und die geliebte Freundinn entweder aufleben oder ſterben ſehen. Wir wiſſen, daß Madame Weihland hierauf von einem nervoͤſen Fieber ergriffen, nicht ſobald an die entſcheidende Criſis kam. Herr Admont ſah mit Wehmuth auf die geknickte Lilie, welche ſein einſames Lager ſchmuͤckte. Er bedauerte das fruͤhe und gewalt— ſame Ende einer Frau ſolcher Geſtalt und Jugend. Der unbezwingliche Schmerz Paulinens, ihre ſelbſtver⸗ leugnende Theilnahme uͤberzeugten ihn, die Sterbende muͤſſe dieſer Freundſchaft werth geweſen ſeyn. Mitleid 281 und Achtung ließen ihn das Moͤglichſte aufbieten, daß die Kranke gerettet, und, waͤhrend dieſer Erfolg in Gottes Hand lag, ihre Freundinn beruhigt wuͤrde. Und wie ein guter Menſch, wenn er nicht helfen kann, doch die Angſt des Bedraͤngten theilt und dadurch mindert, ſo war Herr Admont oft im Krankenzimmer zugegen, und Pauline fand einen Troſt in ſeiner Gegenwart. Er ſaß am Bett Franziscas, und der Platon war es dann, als wuͤrde ſeine ruhige Geſtalt den Tod abwehren. Franzisca phantaſirte. Sie klagte ihm, den ſie nicht kannte, den Verrath der Liebe, ſprach bittere Kraͤnkung aus und den Wunſch, eines Daſeyns quitt zu werden, das ſie, lebensmuͤde, wie eine Laſt truͤge. Sie fluͤſterte mit ruͤhrend leiſer vertraulicher Stimme dem fremden Zuhoͤrer die Schuld der Falſch⸗ heit zu, welche ihr das Herz gebrochen; doch ſeltſam! wie in ſpottender Vorſicht— ohne je den Namen des Mannes zu nennen, der ſo uͤbel an ihr gethan. Das weibliche Zartgefuͤhl Paulinens litt viel dabei. Sie haͤtte gern jedes Wort dieſer redefertigen Lippen aufhalten und Franzisca vor ſich ſelbſt ſchuͤtzen moͤgen; aber ſie konnte nichts hindern, und mußte Alles leiden. Herr Admont ſaß bei dieſen unwillkuͤhrlichen Be— kenntniſſen einer ſchoͤnen Seele, ernſt wie ein Beich⸗ tiger, der uͤber die Suͤnde der Menſchen trauert, und 282 ſeine Miene zuͤrnte. Der Irrſinn des Fiebers hat ſelbſt fuͤr die rohe Pſychologie gewoͤhnlicher Menſchen einen mit Grauen gemiſchten Reiz, weil er den Schleier der Wahrheit hebt;— hier regte er einen leiſen Schauer der Sympathie an, und Franzisca redete wie im magnetiſchen Schlafe. Wenn es dem Manne— nach dem Urtheile dieſes Geſchlechts— ſchon Gefahr bringt, daß ein liebenswuͤrdiges Weib ſich ahnungslos vor ſeinen beobachtenden Blicken entſchleiere, ſo duͤrfte ſie, ein hoͤheres Verlangen zu entzuͤnden, nicht geringer ſeyn, wenn die Schoͤnheit des Gemuͤths, und ein Herz, der Liebe ſo faͤhig als verluſtig, ſich im wuͤſten Alleinſeyn vor ihm enthuͤllt.— Endlich beſſerte es ſich mit Madame Weihland, der Paroxismus hoͤrte auf; doch Herr Admont fing ganz leiſe an, ein ſchleichendes Fieber zu ſpuͤren. Wenn er innig leidſam die matte Geſtalt der ſchoͤnen Frau be⸗ trachtete, die nun dem Grabe entriſſen waͤre, nicht ohne Beihuͤlfe der Kraft ſeines Wunſches und Willens, dann ward ihm weh und enge um das Herz. Es duͤnkte ihm, er haͤtte damit die Pflicht uͤbernommen, ihr das Leben lieb zu machen. Franzisca war ihm aͤußerlich nun wieder fremd geworden; aber er hatte einmal in ihrer tiefſten Seele geleſen, um dieſer Ge⸗ heimſchrift der Erfahrung eingedenk zu bleiben. Ein Bund der Vertrautheit, wunderbar und faſt aͤhnlich —.„— ——j44—— 283 einem magnetiſchen Rapport, war durch jenen wuͤſten Schlaf zwiſchen ihnen geſtiftet. Der Tag erſchien, an welchem Madame Weihland, nach der Erlaubniß ihrer Ärzte, die erſten ſchwachen Schritte in den Garten verſuchen ſollte. Es war ein Lebensfeſt fuͤr das ganze Haus. Herr Admont hatte eine Blumenpforte vor dem Eingange des Kranken⸗ zimmers anbringen laſſen, geſchmackvoll geordner, mit niederhangenden Dolden, und er und Pauline wollten die Geneſene leiten. Aber Franzisca ſchritt nicht ſtolz, nicht triumphirend durch den ſchoͤnen Bogen. Daß ſo viele koͤſtliche Blumen dazu abgeſchnitten worden waͤren, dieſe Guͤte ſchnitt ihr in das Herz. Das Gefuͤhl der Rettung hat etwas Beugendes; es laͤßt empfinden, wie groß Gott ſey. So wankte Franzisca mehr aus Ruͤhrung, als aus Schwaͤche, und die Hand, welche ſich auf Herrn Admonts Arm ſtuͤtzte, zitterte ſehr. Sie hatte den Garten noch nicht geſehen. So werden, die im Schmerz der Erde aufhoͤrten zu ſeyn, unter den Palmen Edens erwachen. Roſenlauben bluͤhten noch paradieſiſch, wie im ewigen Fruͤhling, der Himmel breitete ſich in glaͤnzender Unermeßlichkeit aus und lichte Wolken ſchienen die gluͤhende Seele in ihre Heimath empor heben zu wollen. Franzisca empfand die Freude einer Seligen. Die Platon merkte ihr das Beduͤrfniß an, einen Augenblick 284 einſam zu ſeyn. Man ließ ſie gewaͤhren. Franzisca ſank zwiſchen den hohen Malven auf ihre Knie. Sie trank den Athem der Blumen, die Staͤrkung der Natur, die Suͤßigkeit des Lebens aus dem Kryſtall der Luft mit Inbrunſt, mit Entzuͤcken, und dem Schoͤpfer iſt dieſes Gefuͤhl gewiß das ſchoͤnſte Gebet. Sie konnte die Allmacht Gottes nicht denken; ſie fuͤhlte ihn nur unausſprechlich, in unſterblicher Liebe. Pauline weinte ſanft von ferne. Sie wußte am beſten, wie vielem Leid der Hoͤchſte abgeholfen. Gimle wuͤrde ſie nie vergeſſen, gelobte ihre Dankbarkeit. Franzisca baute— wie behende raͤumten ihre Gedanken den Schutt zertruͤmmerter Hoffnungen hinweg— dem Ortsherrn eine Capelle in dem heiligen Dunkel der Seele, und zuͤndete ein ewiges Licht darin an, jenes Licht, das immer wieder aufgehen muß dem frommen Herzen. Herr Admont lehnte in der Naͤhe des Springbrun⸗ nens am Stamme eines breitaͤſtigen Apfelbaums, der die edelſte Calville trug, und ſchaute in die Weite ſeiner Felder, welchen uͤberſehenden Blick ihm dieſer Standpunkt goͤnnte. Der Aquaͤduct der kleinen Fon⸗ taine war in antikem Zuſtande und wartete erſt ſeiner Reparatur; nur ein ſchwacher Strahl plaͤtſcherte ein⸗ toͤnig. Der Wind ſchlich leiſe durch das wogende Getreide und bewegte die Zweige voller Fruͤchte in Hoffnung und werdendem Genuß; es war, als ob der Baum der Erkenntniß uͤber ihm rauſche.— Mit einem Tiefſinn, der nicht an der goldnen Oberflaͤche haftete, glitt ſein Auge uͤber das wallende Meer der Ernte, eine Fuͤlle des Segens! Aber Gedanken anderer Art ſtroͤmten auf ihn ein. Er gedachte des armen, elenden Schiffbruchs, den ſein Lebensgluͤck erlitten.— Sollte er es noch einmal auf ein ungewiſſes Element wagen?—»Ancora!« fluͤſterte er, die Luͤfte ver⸗ wehten das Woͤrtlein; aber ſein Herz ſchwellte davon. Morgen wollte Madame Weihland und ihre Geſell⸗ ſchafterinn nun Gimle verlaſſen, begleitet von dem Doctor, dem Wundarzt und Herrn Admont. Unter ſolchem Comitat und bei dem vorgeſchrittenen Befinden der Reconvalescentinn, war die kleine Reiſe ſchon zu wagen. Der Juſtizcommiſſarius hatte ſich in ſeinem letzten Briefe gewundert, daß die Ruͤckkehr ſeiner Schwaͤgerinn nach Kloſtergarten ſich ſo lange verzoͤgere; aber ſeit Franzisca zu dieſer Noͤglicheit gelangt war, hatte jeder Tag ein neues Hinderniß in den Weg gelegt, die Ärzte waren bedenklich im Zulaſſen, und Herr Admont ein Gaſtfreund, wie es wenige giebt.— Morgen alſo! Am Abend vorher kam der Doctor und Wundarzt noch einmal, um Madame Weihland voͤllig loszu⸗ ſprechen von der Cur; das Morgende ſollte nur ein 286 Schutz⸗ und Ehrengeleit ſeyn. Der Erſtere dachte der reichen Wittwe eine gehoͤrige Liquidation, Franzisca aber dem Chirurg, einem beſcheidenen Forderer, der die uͤberaus billige Rechnung ſchon eingereicht hatte, außer dem doppelten Betrage ein ſchoͤnes Reitpferd zu, was ſein ſehnlichſter Wunſch war. Der Mann, der ihren gebrochenen Fuß ſo meiſterhaft geheilt, ſollte ſeiner eigenen Fuͤße ſchonen und ſchnell zur Huͤlfe An— derer ſeyn koͤnnen. Der Doctor, der ein Pfifficus war, ſcherzte mit Herrn Admont, daß nun das fremde Regiment ein Ende haͤtte und Ruhe wieder einkehren wuͤrde im Hauſe. Er ſah liſtig und ein wenig ſchadenfroh aus bei dieſer Bemerkung. Herr Admont unterdruͤckte einen Seufzer. Er ver⸗ ſicherte dem Doctor arglos: es wuͤrde ihm recht un⸗ heimlich vorkommen.»Man wird ſo leicht abhaͤngig von der Gewohnheit,« ſetzte er mit einem Seufzer hinzu.»Mein Bereich iſt dann eine unumſchraͤnkte Sde, und dieſer toͤdtende Friede, dieſe einſame Ord⸗ nung hat etwas ſchauerlich Banges. Daß ich allein bin, unterwirft mich jeder kleinlichen Gewalt; ich fuͤrchte mich vor meinem eigenen Willen und binde mich ſelbſt. Das Wetter uͤbt Einfluß auf meine Stimmung, ich lebe nach der Uhr und zaͤhle die Stun⸗ den.— Niemand iſt gluͤcklich, der dies thut.« e der zisca det hatte, d zu⸗ der ſollte -An⸗ e mit t ein ee im h aus rvet⸗ t un⸗ Hierauf antwortete der Doctor, mit einem laͤchelnden Seitenblicke nach Madame Weihland:»Divide et impera! ſagen wir Lateiner!« Und Herr Admont meinte, er haͤtte einen categoriſchen Imperativ damit ausgeſprochen. Der Herbſt war ſchon weit vorgeruͤckt. Sauſend half der Wind die letzten ſchrumpfen Pflaumen ſchuͤt⸗ teln und broͤckelte kalt an den verlaſſenen Wohnungen der Schwalben. Frau von Gardemer ſaß allein. Die Scheiben des Fenſters waren fein angelaufen. Draußen zeigte der alte blaſſe abnehmende Mond die optiſchen Kuͤnſte ſeiner Laterna magica, und warf auch ein wenig Schattenſpiel in das dunkelnde Zimmer. Luzie aber wendete den duͤſtern Blick nach der Wand, woran der Schein des Feuers im Ofen in ſeltſamen Bil⸗ dungen flackerte. Sie hoͤrte auf das Singen der Flamme, traͤumeriſch hingegeben dem Gefuͤhle der Waͤrme und dem Knalleffect der praſſelnden Scheite. Doch ein jaͤher Froſt lief uͤber ihre Nerven, als ſie den Schritt des Capitains auf der Treppe zu ſo un⸗ gewoͤhnlicher Zei vernahm. Es klopfte, und Troja trat raſch ein. Luzie konnte ihre Verwirrung kaum bergen.»Ver⸗ geben ſie mir dieſen Beſuch,« ſagte der Capitain mit 288 beklommener Stimme, indem er ihre Hand kuͤßte und eine Weile hielt, bis Frau von Gardemer ſie ihm ſacht entzog, vzu dieſer Stunde. Ich wußte Sie jedoch zu Hauſe und— allein, und konnte der Sehnſucht nicht laͤnger widerſtehen, Sie einmal, einmal wieder! ohne Zeugen zu ſprechen.« »So haben Sie mir gewiß ein Geheimniß zu ver⸗ trauen?« fragte Luzie wie im Scherz; aber der be⸗ fangene Ton, die Miene voll aͤngſtlicher Erwartung, ſpotteten des Bemuͤhens, jene Anrede in leichtem Sinne zu erwiedern, und das arme Herz pochte gewaltig ernſthaft bei der Frage. »Vielleicht!« antwortete der Capitain, und ent⸗ ledigte ſich, waͤhrend Frau von Gardemer klingelte und Lichter zu bringen befahl, des Tzakos und der Waffe. Sie ſetzten ſich zuſammen auf das Sopha, nur durch ein paar Springfedern getrennt;— aber Frau von Gardemer fuͤhlte ſich ihm nichts deſto weniger weit entruͤckt, und der Capitain empfand dieſe Zuruͤckhaltung. Er ſaß wie auf Kohlen, brennend vor Ungeduld in der Glut des Verlangens, ſich ausſprechen zu duͤrfen. Sie ſchwiegen Beide eine peinliche Minute. Endlich unter⸗ brach Luzie die Stille durch einige Worte, welche ein gleichguͤltiges Geſpraͤch einleiten ſollten. Der Capitain zoͤgerte darauf zu antworten; dann ſagte er wie zu ſich ſelbſt:»Dahin waͤre es alſo mit uns gekommen, daß e und ſacht ch zu nicht der! ver⸗ er be⸗ tung, Sinne valtig ent⸗ eund Laffe⸗ durch von weit tung. in der Sie unter⸗ 1 289 wir nichts mehr mit einander zu reden wuͤßten, als ſolche Gemeinplaͤtze?— Verzeihen Sie, gnaͤdige Frau! ach ich vergaß, daß die Zeiten ſich aͤndern, wie die Menſchen. Es iſt nicht Luzie mehr, die ich hoͤre, jene Luzie, die einſt, geſcheucht von dem kommenden Schritte des Vaters, mit einem Blicke, in einer Sylbe, mir wie im Fluge zugeworfen, tauſend ſuͤße, liebe Worte ſagte. Ich verſtand den Wink der Blume auf ihrem Hute und las entzuͤckt die Zeichen, welche die Spitze ihrer Stricknadel in die Luft ſchrieb. Dieſe Sprache— ich habe ſie verlernen muͤſſen. Bei unſerm Wiederſehen taͤuſchte ich mich noch. Ein Ton jenes unvergeßlichen Einklangs war noch in der traurigen Stimmung, worin ich Sie zuerſt fand. In welche Bewegung gerieth meine Seele! ich wußte nun erſt, was niir immer gefehlt, was ich ſtets vermißt haͤtte. Die Zeit, welche ich ohne Luzien gelebt, kam mir leer und bedeu⸗ tungslos vor. Ihr Anblick zauberte mich in ein Vor⸗ mals, das meine Wuͤnſche ſtillte, und jener Augenblick ließ mich ahnen, auf welche Weiſe allein mein Gefuͤhl zu befriedigen, mein Daſeyn zu vollenden waͤre.— Doch ehrte ich Ihren Schmerz, mir genuͤgte der leiſe Ausdruck von Freude, der mir ſagte, Sie waͤren Luzie Clarburg, meine Freundinn noch, wie viel ſich auch mit dem Tauſche Ihres Namens fuͤr uns geaͤndert haͤtte. Ich wollte die Saiten meiner Hoffnung nicht Hanke Wittwen Ir Theil. 13 290 zu hoch ſpannen und all mein Gluͤck der Zukunft uͤberlaſſen— ſie hat mich grauſam betrogen. Sagen Sie, was habe ich denn verbrochen, daß Sie mir ſo fuͤrchterlich fremd geworden? Womit habe ich dieſe ſtrafende Kaͤlte verdient?— Sie vermeiden mich geſchickt— o Luzie! Der Sie ſucht, dem kann dies nicht entgangen ſeyn. Ich nehme mir jedesmal vor, ſeltner zu kommen; doch kaum iſt ein Tag vorbei, ſo moͤgte ich mich uͤberreden, meine Sinne koͤnnten irren, nur mein Herz nicht. Und dieſes Herz glaubt an Sie, Luzie! obgleich Sie es allzu ſchmerzlich pruͤfen. Sie ſind es, Ihr ganzes holdes Selbſt, und doch auch nicht, als haͤtte ein anderes Weſen Beſitz genom⸗ men von dieſer Geſtalt, von dieſen Zuͤgen. Ich kenne Sie nicht mehr, und dieſe Angſt verfolgt mich wie ein boͤſer Traum. Wuͤrdigen Sie mich eines Vor⸗ wurfs, und thaͤte er mir das haͤrteſte Unrecht an, ich will ihn tragen. Ihr Zorn wuͤrde Wohlthat fuͤr mich ſeyn, denn ich fuͤhle die Kraft in mir, ihn zu ver⸗ ſoͤhnen. Nur dieſe ſchnoͤde Ruhe, dieſe freundliche Indifferenz kann ich nicht aushalten, und ſo will und muß ich wiſſen— gnaͤdige Frau, Sie wer⸗ den mir dieſe letzte Bitte nicht verſagen— woran ich bin.« Der Capitain ſprach dieſe Worte mit einer Entſchloſſenheit, welche das AÄußerſte anzudeuten ſchien. unft agen ir ſo dieſe mich dies vor, 1, ſo rren, t an üͤfen. doch nom⸗ 291 Frau von Gardemer konnte dieſer herzandringenden Rede nicht ausweichen; ihre Faſſung war dahin. Sie haͤtte nicht ſtaͤrker uͤberwaͤltigt werden koͤnnen, wenn Troja ihr geſagt, er wolle ſich jetzt gleich das Leben nehmen. Seine Worte:»Letzte Bitte!« waren ihrem Ohr der Ton eines Sterbegloͤckchens geweſen; doch unter dieſem Kampfe der Seele regte ſich ein entzuͤckendes Gefuͤhl in ihrer Bruſt. Sie wußte ſich geliebt; allein ſie zitterte, ihn zu verlieren, oder ſchon verloren zu haben. Mit bezwungener Stimme und dem letzten Reſte von Beſonnenheit antwortete Luzie: »In der That, lieber Troja, ich verſtehe Sie nicht. Sie ſehen, ich bin wie aus den Wolken gefallen. Doch hoffe ich, wir wollen immer recht gute Freunde bleiben.« Sie reichte ihm die ſchoͤne Hand, und das Weinen war ihr nahe. Aber der Capitain nahm dieſe Hand, die doch ſein einziges Streben war, nicht an.»O Luzie!« ſagte er tief gekraͤnkt,»Sie ſpotten mein. Sagen Sie es nur frei heraus, daß ich Ihnen nichts mehr bin, als ein alter laͤſtiger Bekannter, daß ſie mich gern los ſeyn wollen; ich gehe ja ſchon.« Dieſe Heftigkeit, die preſſante Art, ſie zu aͤußern, erinnerte Luzien lebhaft an den Trotz des Juͤnglings und an manche aͤhnliche Scene in Kloſtergarten. »Gott!« ſagte ſie, klagender Weiſe, aber mit dem 13* 292 Klange der alten Liebe,»Sie ſind doch ganz derſelbe Rudolph von ſonſt, kurz angebunden.« »Sagen Sie lieber: feſt angebunden,« ant⸗ wortete Troja, und ergriff und druͤckte ihre Hand an ſein Herz; dies tobte in ſtarken Schlaͤgen gegen die zarte ſchwache Linke.»Wollte der Himmel,« fuhr er fort, vich koͤnnte Ihnen dieſen Vorwurf zuruͤck geben! Aber die ſanfte Luzie iſt allzu bedaͤchtig geworden.« »Die Erfahrung reift,« entgegnete Frau von Gar⸗ demer ſchmerzlich, yes ſtaͤnde uͤbel um uns Frauen, wenn wir nicht reſigniren koͤnnten. »O nennen ſie dieſes Wort nicht!« rief der Capitain, ves iſt mir in den Tod fatal. Reſignation iſt eine Tochter der Verzweiflung; die Hoffnung dagegen ein Kind der Liebe und des Muthes. Luzie! laſſen Sie mich hoffen, daß ich gluͤcklich ſeyn werde!« »Ich?—« fragte Frau von Gardemer mit tiefem Accent,»Claudine—« »Von Claudinen haͤngt mein Gluͤck nicht ab,« unter⸗ brach ſie Troja mit buͤndigem Tone, aber ich fuͤrchte, ſie koͤnnte es ſtoͤren, wenn ſie es nicht ſchon gethan. Das Fraͤulein iſt weder meine Wahl noch meine Liebe, und wird es niemals ſeyn. Ein ſterbender Freund, dem dieſe Claudine theuer war, hat die Beziehung zwiſchen mir und ihr geknuͤpft, welche Sie irrig beur⸗ theilen. Wie aber konnte Luzie dies? Sie allein 293 von allen Menſchen auf der Welt haͤtten mich beſſer kennen ſollen. Ein Bild, ein Gedanke fuͤllt meine ganze Seele. Ich habe ihr Zartgefuͤhl, Ihre Lage geehrt, und ein halbes Jahr gewartet, ehe ich dieſen meinen einzigen Wunſch ausſprach; nun iſt es an der Zeit, wenn ich nicht ſchon zu lange geſchwiegen, weil Ihr abweiſendes Betragen es mir an jeder Ermunterung fehlen ließ; denn ſelbſt auf die Gefahr hin, daß meine Freundinn mich fuͤr eitel halten koͤnnte, muß ich die Beſorgniß aͤußern, der Gegenſtand einer unſeligen Neigung geworden zu ſeyn.— Ich will mich nicht verſuͤndigen, auch nicht an mir ſelbſt; und ſo frage ich, wenn noch ein wenig Liebe fuͤr mich dies ſchoͤne Herz bewegt, Luzie! wollen Sie mein ſeyn? mein Weib? mein Alles?—« Ach! dies arme Herz war nicht nur wenig bewegt; die volle Gewalt der Liebe ſtuͤrmte in ſeinen lauten Schlaͤgen. Frau von Gardemer erblaßte in einem Wonneſchauer; der ſuͤßeſte Moment ihres Lebens war gekommen, der die Traͤume der verſchwundenen Ju⸗ gend erfuͤllte. Das blaue Auge ſchwellte in zaͤrtlichen Tropfen, und funkelte den Freier an; mit jenem Wan⸗ ken in der Stimme, was ſchon halbe Hingebung iſt, und mit den unnachahmlichen Toͤnen der bloͤden Liebe antwortete Luzie:»So haͤtten Sie mich wirklich noch ſo lieb, daß dieſe Taͤuſchung moͤglich waͤre?— O 294 Rudolph! das iſt viel— es iſt Alles— und ich habe keine Worte, Ihnen meine Gefuͤhle auszudruͤcken.« Sie wendete das Geſicht, jetzt lieblich erroͤthet, und ganz mit Thraͤnen begoſſen, ab. Der Capitain hatte Muͤhe, die holde Geſtalt nicht an ſich zu reißen. Luzie legte inniglich ihre Hand in ſeine, druͤckte ſie und ſprach:« Laſſen Sie uns ruhig wie Freunde mit einander reden, von denen Einer des Andern Gluͤck will; das meinige liegt in dieſem Augenblicke— ich habe nun gelebt. Meine Zeit iſt voruͤber, Sie, lieber Rudolph, ſtehen in ſchoͤnſter maͤnnlicher Bluͤthe. Ich bin ſogar ein Jahr aͤlter als Sie— damals ſchadete, o wie kindlich unbekuͤmmert gleicht die Jugend aus! dies unſerm unſchuldigen Buͤndniſſe nichts; jetzt wuͤrde eine ernſte Verbindung zwiſchen uns ein Mißverhaͤlt⸗ niß ſeyn, deſſen Folgen wir Beide, wenn auch in ver⸗ ſchiedener Art, ſchmerzhaft empfinden duͤrften. Ich muß es beſſer einſehen, ich, die Ältere. Die Phan— taſie der Freundſchaft, der Eigenſinn Ihrer Anhaͤng⸗ lichkeit, wenn ich ſo ſagen moͤgte, ſpielte Ihnen einen boͤſen Streich. Sie hielten ein Gedankenbild um⸗ fangen, und haͤtten eine alte Frau.«— Eine Ahnung, wie brennend ſolchergeſtalt die Hoch⸗ zeitfackel fuͤr ihr Selbſtgefuͤhl werden koͤnnte, und gluͤhende Schaam, daß ihre innerſte Überzeugung dieſem Prognoſticon widerſpraͤche, hauchten die feinſte Feuer⸗ 295 farbe auf Luziens zarte Wangen, und die ſeidene Wimper bedeckte mit reizendem Vorhang den Blick, welchen Frau von Gardemer in die Zukunft warf. Dieſer Incarnat, der deſſen, was ſie geſagt, zu ſpotten ſchien, das bloͤde Sinken ihrer Augenlieder, ließ der Seherinn ſo wohl, daß Troja bei ſich ſelbſt meinte, Luzie waͤre nie ſo ſchoͤn geweſen, als eben jetzt. Er ſprach:»Iſt es moͤglich, daß auch Luzie ſich nicht uͤber ihr Geſchlecht erheben kann, um die Liebe hoͤher zu wuͤrdigen, als nach gewoͤhnlichen Begriffen? Das haͤtte ich nicht gedacht. Iſt ſie nicht ein goͤttliches Gefuͤhl, an das die Zeit kein Recht hat? Mag die ſinnliche Menge in der Liebe nur eine vergaͤngliche Bluͤthe ſehen, welche die Luft verweht ſobald der Fruͤhling zu Ende—: wir, meine Freundinn, wollen ihre himmliſche Erſcheinung im wahrſten Sinne fuͤr ewig halten. Und iſt ſie es nicht? Guter Gott! Jean Paul hat Recht: wenn es keine ewige Liebe gaͤbe, ſo gaͤbe es ja gar keine.« Luzie laͤchelte ihm zu; was er geſagt, war ihre ſeligſte Gewißheit. Auch ſie beherzigte den Dichter, und der Widerſpruch des Freundes entzuͤckte ſie heim⸗ lich. Dennoch entgegnete Frau von Gardemer:»Mein guter Rudolph—« und dieſe Anrede, welche etwas matronenhaft lautete, ſollte vielleicht die Gleichartig⸗ keit ihrer Anſicht verbergen, und in muͤtterlich uͤberhe⸗ *ℳ 296 bendem Tone den Standpunkt andeuten, von wo aus das folgende Urtheil abgegeben wuͤrde:»Die Liebe beſteht, nach des Schoͤpfers Abſicht, aus Leib und Seele, und was Gott zuſammenfuͤgt, das ſoll der Menſch nicht ſcheiden. Sie thun es, mein Freund. Der Liebe Geiſt iſt es, von dem der Dichter ſagt, von dem Sie reden, Troja; ihr koͤrperliches Theil aber iſt jene Bluͤthe, die dem Lenz gehoͤrt und mit ihm verſchwindet, deren fluͤchtigem Reiz Sie keinen Einfluß auf das Gluͤck der Ehe zugeſtehen, und welche doch geheimhin fuͤr das Weſen derſelben genommen wird. Shake⸗ ſpeare— und den werden Sie als Autoritaͤt doch gelten laſſen— warnt irgendwo: Waͤhle doch das Weib ſich einen Altern ſtets! ſo fuͤgt ſie ſich ihm an, ſo herrſcht ſie dauernd in des Gatten Bruſt.« Luzie athmete tief; in dem Erkenntniß, was ſie mit feſtem Munde abgegeben, war der Prozeß der Liebe ihr ent⸗ ſchieden und— verloren. »Nun,« erwiederte der Capitain,»ſo bin ich mit meinem Gefuͤhle allein. Ich haſſe die Berechnungen des Alters, dieſe Zahlen der Zeit, welche ſchlimmer toͤdten, als der Buchſtabe des Geſetzes. Nur darum, weil nach dieſem truͤgeriſchen Maßſtabe die Liebens⸗ wuͤrdigkeit und ihr armes kurzes Hoffen auf Erden gemeſſen wird, daher kommt es, ſage ich, daß ſelbſt die kluͤgſten Maͤdchen und Weiber ſich fuͤr juͤnger aus⸗ 8 — 297 geben. Jedes verſchwiegene Jahr goͤnnt ihnen einen Anſpruch mehr. Sie zittern, man wiſſe, wie lange ſie lebten, damit ſie noch gluͤcklich leben koͤnnen.— Die armen Bethoͤrten! wahre Liebe fragt darnach nicht. Da ſitzen die Damen in Runde, ein Hoͤllen⸗ kreis! den Dante vergeſſen hat— und dieſe Ver⸗ dammten, vom Himmel Ausgeſchloſſenen, richten und rechten uͤber die Jahre ihres Geſchlechts, außerhalb dieſes Cirkels. Satan beſoldet mit teufliſcher Freude dies Finanzcollegium, dem nur Verfall wuchert, und welches, wie es in der Canzlei des Vaters der Luͤgen gebraͤuchlich iſt, mit falſcher Kreide ſchreibt.— Ich gerieth in eine fieberhafte Wuth, als ich einſt Zeuge davon war, daß eine Dame, der das Praͤſidium dieſer infernaliſchen Sitzung gebuͤhrt, einem jungen Offizier, der ſich fuͤr ein ſchoͤnes aber verbluͤhtes Kind lebhaft intereſſirte, nicht nur das Alter dieſes Maͤdchens, und zwar mit betraͤchtlichem Zuſatz, nannte, ſondern bald eine Lebensliſte der ganzen weiblichen Welt, in auf— ſteigender Linie, nebſt einem Anhange von Conduiten⸗ Zetteln, gab. Mein Camerad konnte ſich kaum ent⸗ halten, die Haͤnde uͤber dem Kopfe zuſammen zu ſchla⸗ gen. Er glaubte ſich in einen Ort verſetzt, wo eben ſo wenig Jugend als Tugend zu finden waͤre. Triumph der Hoͤlle ſpruͤhte aus den gruͤnen Augen, daß jenes verbrauchte Kunſtſtuͤck wieder einmal gegluͤckt waͤre. 298 Mich empoͤrte dieſe Bosheit; die Frau kam mir uͤber allen Ausdruck widrig und wie eine haͤßliche alte Hexe vor. Ich trat auf ſie zu, und ſagte der Dame etwas ſehr Bitteres. Sie ſchwieg verbluͤfft. Frau von Gardemer ſchwieg auch; aber befriedigt. Sie ſagte dem Freunde, der ein ſo tapferer als ſeltener Anwald eines hauptſaͤchlichen Intereſſes der Weiblich⸗ keit war, ſtillen Dank im Namen ihres Geſchlechts. Doch der Capitain, im Eifer, Luzien zu uͤberzeugen, und nicht merkend, wie weit ab von dem Zwecke ſeiner Rede ihn dies dringende Beſtreben fuͤhre, kam ihrer vorlaͤufigen Antwort zuvor, und ſprach weiter: »Eben ſo und aus dem naͤmlichen Grunde, ſind mir die Entſagungs⸗Romane ein Graͤuel, und ich leſe jede Recenſion mit Vergnuͤgen, welche wie ein ſcharfes Edict gegen dieſe literariſchen Kloͤſter lautet. Die Frau von vierzig Jahren— die letzte Liebe— und wie ſie heißen moͤgen, die tauſend, aͤhnlichen Inhalts, was wollen ſie anders ſagen, als, es muͤſſe ſich alles fein zuſammen ſchicken?— Jede Liebe, uͤber dieſe ſinnliche Ordnung hinaus, iſt ihnen ein ſpeculatives Wagniß, ein mathematiſches Problem. Der Liebe heiliges Verſtaͤndniß iſt keine Sache fuͤr den Verſtand und das Geheimniß der Zuneigung beruht auf jener ewigen Sympathie, welche die Seelen wie die Sphaͤren verſchwiſtert.— O Luzie!« fuhr er begeiſtert fort, über Hvexe was wigt. ener lich⸗ hts. gen, hecke kam iter: mir leſe rfes Die und alts, alles dieſe ives Liebe jand ener aͤren fort, 299 „dieſer Glaube haͤlt ſich an die Offenbarung in mei⸗ nem Gemuͤth, und meine Liebe iſt Hoffnung. Luzie wird die ſentimentale Pruͤderie dergleichen gedruckter Regeln fuͤr die Gluͤckſeligkeit der Ehe, oder ſolch ein veraͤchtliches Gericht, wie ich geſchildert, doch nicht ſcheuen, wenn es darauf ankommt, der hoͤchſten For⸗ derung Ihres Freundes zu genuͤgen, und ihm mit Ihrer Hand das liebſte Gluͤck zu gewaͤhren?« »Nein!« antwortete Frau von Gardemer, eich fuͤrchte Gott, thue Recht, und ſcheue Niemand— Niemand, Rudolph, als— mich ſelbſt. Laſſen Sie mich nun auch aufrichtig reden, Lieber! es iſt das Bild der Jugend, die Erinnerung jener frohen Tage und Ihrer damaligen Gefuͤhle, was Sie mit meinen Zuͤgen taͤuſcht, die arme Luzie aber iſt verblichen. Der Glanz, der Sie fuͤr dieſe matte Geſtalt verblendet, der Ihnen den Gegenſtand Ihres Wunſches, dem ich mich weigern muß, verklaͤrt, iſt nur der Widerſchein jener Roſenzeit. Ach! ich wuͤrde troſtlos elend ſeyn, wenn eine Stunde kaͤme, in der dieſe Beleuchtung verſchwaͤnde, und ſie wuͤrde kommen, Troja! denn jede Taͤuſchung, auch die edelſte, wird endlich als ſolche erkannt.— Die Sonne ſtrahlt laͤnger auf den Gipfeln der Berge; aber einmal geht ſie doch unter. Einſt waͤre ich des Vertrauens faͤhig geweſen, ich koͤnnte Sie begluͤcken; jetzt bin ich es nicht mehr. Mein Mann hat mich bedenklich 300 gemacht; ihm war keine Jugend jung genug. Er hat mir geſagt, wie bitter ſein Geſchlecht welker Kraͤnze ſpottet, und mir die Thorheit manches Irrthums unſerer Seits in ein grelles Licht geſtellt. Ich bin dadurch ſehr ſchuͤchtern geworden, und denke mich voͤllig abgefunden mit der Welt, den Reſt meines Lebens in eingezogener Stille hinzubringen.“« »Den Reſt Ihres Lebens!« wiederholte der Capitain, hoͤrbar indignirt.»Luzie! welch einen Reichthum wollen Sie vergraben! und wer iſt Schuld daran?« fuhr er in der Scala der Leidenſchaft fort.»Werfen Sie dies Vorurtheil zu den Todten, deren Nachlaß es iſt. Jener heidniſche Holzſtoß, worauf die Thraͤnen der Wittwen trocknen, iſt kaum ſchlimmer, als dieſer Vorſatz. Und wenn Sie, Liebſte, ich kann mir nicht helfen, von dem Major, als von Ihrem Manne reden, und wie Ihr unbefangener Sinn ſich den beſchraͤnkten Mei— nungen gefuͤgt hat, deren Grund in der Enge ſeiner Selbſtſucht zu ſuchen war, dann— ein beruͤhmtes Buch druͤckt hier vollkommen mein Gefuͤhl aus— iſt mir wie Einem, der aller ſeiner Ehren entſetzt und dem der Degen genommen wird.« Frau von Gardemer ſah den Capitain mit einem flehenden Blicke an.»Er war doch einmal mein Mann, ſagte ſie leiſe. »Er war!« erwiederte Troja,»und ich wuͤnſche — 301 es zu werden, und der Lebende hat Recht. Und ich ſollte umſonſt gelitten haben, daß ich Dich leidend wußte? o meine Luzie! Was hindert unſer Gluͤck? Ein eitler Wahn!— Wenn die Liebe nur dem Lenze des Lebens einbedungen waͤre, ſo wuͤrde die Natur, welche eine gar gute Haushaͤlterinn iſt, ſich die beſten Jahre des Menſchen haben erſparen koͤnnen. Nein, nein! dies ſoll mich nicht uͤberreden, und dieſer ſuͤße Mund am wenigſten. Der Schoͤpfer kann nicht grau⸗ ſam ſeyn gegen ſein ſchoͤnſtes Werk, und man muͤßte ihn deſſen anklagen, wenn das Daſeyn der Frauen, eine Hand voll Bluͤthentage ausgenommen, in jene lange truͤbe Leere, die der Jugend folgt, verſtoßen waͤre. O Luzie! rette Dich an mein Herz! ich will Dich ewig lieben. Laß die Zeit in Scherben brechen, was ihr gehoͤrt; der Spiegel Deiner Anmuth iſt mein treues Auge, und wann dieſes bricht, bleibt Dein Bild meiner unſterblichen Seele doch, und die Liebe begleitet mich in Deiner Geſtalt in eine ſchoͤnere Welt.« Der Capitain hatte waͤhrend dieſer Rede Frau von Gardemer mit ſanftem Arm an ſich gezogen. Sie neigte das Haupt an ſeine Bruſt, und er beruͤhrte mit leiſem Kuß ihre Stirne. »Wir nehmen Kloſtergarten an,« fluͤſterte er in die⸗ ſer zaͤrtlichen Stellung, als waͤre in der Wonne jenes 30² Gedankens und dieſer Annaͤherung nun jeder Zweifel verſtummt,»wenn ich auch den Dienſt nicht quittire. Dort holen wir unſer getrenntes Leben nach. Wir haſchen uns in den gruͤnen Gaͤngen, wie einſt, als wir noch gluͤckliche Kinder waren. Wir pflanzen die⸗ ſelben Baͤume auf die alten Plaͤtze, und vergangene Freuden bluͤhen uns mit ihnen auf. Jeder Schmet— terling, den wir einfangen, wird in das Cabinet des Vaters getragen, als ob er noch da waͤre, und das dunkle Schickſal, welches einſt mit aͤgyptiſcher Nacht uͤber uns einbrach, Deinen Vater, deſſen Herz gleich dem des Pharao verſtockt war, mit Blindheit ſchlug,— iſt nur ein Nachtfalter geweſen, der uns vereinigt hat.« Dieſe Reminiscenz mahnte Luzien an ein Hinderniß ihres Gluͤcks. Mit dem Andenken jener finſtern Erfah⸗ rung ſchwebte ihr auch der Schatten ihres Vaters vor. Sie fuͤhlte den unverſoͤhnten Fluch noch auf ſich laſten, das Herz ward ihr unſaͤglich ſchwer. Sie hoͤrte ſein zuͤrnendes Drohen im Geiſte, wenn ſie es hingaͤbe dem, der es ſchon beſaß; aber ſie fuͤhlte auch, daß dem betheiligten Freunde jeder Erſatz gebuͤhre. In dieſem Zwieſpalt der Empfindung kam ihr Clau⸗ dinens Ankunft zu Huͤlfe. Frau von Gardemer hatte nur noch ſo viel Zeit, dem Capitain die Bitte zuzu— fluͤſtern, daß er ihrer vor dieſen Augen ſchonen moͤgte.— Dieſe Ruͤckſicht that Noth. Die guͤtige Luzie wollte weifel ittire Wir „als die⸗ ngene hmet⸗ t des das Nacht gleich 9,— tt.« erniß rfah⸗ vor. aſten, 2 ſein dem, dem Clau⸗ hatte zuzli⸗ fe.- vollte 303 auch des Fraͤuleins ſchonen, denn die Eiferſucht blickt ſcharf, und ein Gluͤcklicher, der die Leiter ſeiner Hoff⸗ nung noch hinan ſteigt, faͤllt leicht aus der Rolle. Madame Weihland kehrte im October mit ihrer Geſellſchafterinn von Kloſtergarten zuruͤck. Der Juſtiz⸗ commiſſarius, von ihrer Ankunft unterrichtet, erwartete ſie an der Thuͤr ihres Hauſes. Sein Geſicht gluͤhte nicht allein von dem Nachſchein der uͤberſtandenen Krankheit— er gehabte den Stock mit blinkendem Knopf, gleich dem Tambour⸗Major, da er ſie kommen ſah, und ſein Herz ſchlug einen Freudenwirbel. Fran⸗ zisca warf ihrem Schwager ſchon von Weitem einen Kuß zu, und dann den Blick an die obere Etage— dort aber war nichts zu ſehen. Im Zimmer angelangt, fiel Madame Weihland dem Bruder ihres Mannes ſo inniglich um den Hals, und aͤußerte ſich, da er eine lange, klaͤgliche Hererzaͤhlung gefuͤrchtet, ſo froh und vergeſſend alles Leides, daß der Juſtizcommiſſarius ſeine Schwaͤgerinn nicht wieder erkannte und weder ſeinen Augen noch Ohren zu trauen wagte. Franzisca ſchien ihm ſogar verſchoͤnt, eine Andere— vielleicht daß die Aufregung der Reiſe und des Wiederſehens das reizbare Gemuͤth in dieſen ungewoͤhnlichen Ton geſtimmt haͤtte. Es draͤngte ihn, von ihrem Ungluͤck ——-—— 304 zu ſprechen, da ſie ſelbſt davon ſchwieg; er that es in ſeiner Manier.»Auch Du warſt in Arkadien,« ſagte er,„doch Thraͤnen gab der kurze Lenz Dir nur! Madame Weihland ſah ihn mit großen Augen an, in denen ein paar helle Thraͤnen ſtanden. Sie laͤchelte leiſe; doch war keine Reſignation in dieſem Laͤcheln, und ſprach: v»ich bin noch ſehr zufrieden, Ludwig. Es konnte ſchlimmer kommen, und ich kann dem Himmel nicht genug dankbar ſeyn.— Auch Du lebſt, meine treue bruͤderliche Liebe! wir haben uns ſehr um Dich geaͤngſtet. Gott weiß es!« Sie kuͤßte ihn noch einmal. Dabei ward dem Juſtizcommiſſarius ganz weich zu Muthe. Er wehrte der Ruͤhrung, die ihn meiſtern wollte und ſprach:»nun ich denke dieſen ſuͤßen Dank verdient zu haben, und Du darfſt mich loben, Fraͤnz⸗ chen.— Das Haus iſt leer—« Franzisca fuhr einen Moment zuſammen—»denn das Maß der Unbilden, womit Deine Guͤte erſchoͤpft worden, war nun voll. Es hat jedoch etwas geſetzt. Der Land⸗ ſchafts⸗Syndicus mit ſammt der adeligen Sippſchaft iſt nun gegenuͤber gezogen, und das konnte ich nicht hindern, und wenn ich ſelbſt Viertelsmeiſter geweſen waͤre. Er wird Dir nun in die Fenſter ſehen— ich traue ihm dieſe Effronterie zu. Madame Weihland nickte; auf ihrer offnen Stirne es in ſagte nan, Sie dieſem ieden, d ich n.— wir es! ich zu eiſtern Dank raͤnj⸗ fuhr der war Land⸗ ſchaft nicht weſen = ich Stirne war der Gedanke zu leſen:„und wenn auch! mein Herz iſt ihm nun doch verſchloſſen.« »Und wie nahm Felice die Kuͤndigung auf? fragte Franzisca. »Wie er ſie aufnahm?« antwortete der Juſtizcom— miſſarius:„gar nicht, Beſte! er ließ ſie ohne Wider⸗ rede fallen. Nur Frau von Elban wollte groß Auf⸗ hebens machen. Das iſt ein odioͤſes Weib!— Jetzt hat die Alte den Thurm im Ruͤcken, die Zeit liegt wie die Liebe hinter ihr. Ich weiß uͤberhaupt nicht, was dieſe Unſterns ſo ewig in der Stadt wollen, und was aus dem Verhaͤltniß zu Felice noch werden ſoll?— Die aͤlteſte Tochter lebt bei der Frau von Gardemer, und ſcheint dort auch nicht durch ihre Naͤhe begluͤckend auf die ſanfte Wittwe zu wirken— die juͤngſte wird, wie man ſagt, den Lieutnant von Haag heirathen; dieſe Verbindung iſt im Galopp geſchloſen. Der reiche Huſar hat das Fraͤulein, welches traͤge zum Denken und im beſten Falle ein— ſylbig iſt, flink zu dem Ja gebracht, und der Di⸗ rector ſein Votum zu dieſer Parthie vermuthlich noch lieber gegeben.« »Adelaide Braut?« fragte Madame Weihland uͤber⸗ raſcht, und rief im Drange ihrer Vorſtellungen aus: »nun was wird Felice dazu ſagen? ich glaube doch, es war auf Liddy gemuͤnzt. Aber— man redet 306 wohl durcheinander— ſage doch Ludwig, welchen Grund gabſt Du ihm an, daß ich wuͤnſchte, er moͤgte ausziehen?« »Ein Gott legte mir ihn auf die Lippen!« antwor— tete der Juſtizcommiſſarius, indem er ſeine Schwaͤ⸗ gerinn lauſchend fixirte:»ich weiß nicht, wie es ge— ſchah, daß ich ihn verſicherte, ich wuͤrde heirathen, und Deine ſchweſterliche Guͤte haͤtte mir das Quar⸗ tier angetragen, was gegen ein angenehmeres zu ver⸗ tauſchen, ihm ohnfehlbar nicht ſchwer fallen werde. Er ſah mich darauf an— ein verachtender Unglaube an mein Wort, oder an mein Gluͤck? lag in der hoffaͤrtigen Miene— und war hoͤflich aber kurz mit mir.« »Nun, ich danke Dir, lieber Bruder,« erwiederte Franzisca mit Waͤrme, denn das Blut, welches ſie einſt fuͤr den Gaſtfreund, der ſie ſo kalt aufgab, wil— lig hingegeben haben wuͤrde, begann ihr doch ein wenig zu ſieden.»Du haſt mir,« fuhr ſie in dieſer Wallung fort, einen großen Dienſt erzeigt, und mein Haus wie mein Herz— ja Ludwig, es iſt vor— uͤber, und Du magſt es nun wiſſen— von einer druͤckenden Laſt befreit. Ich wuͤnſche mir, daß jene Eingebung ſich als eine goͤttliche bewaͤhre. Du wuͤr⸗ deſt mir Freude machen. j 3 elchen moͤgte twor⸗ chwäͤ⸗ 5 ge⸗ athen, Quar⸗ u ver⸗ verde. laube n der kurz ederte es ſie wil⸗ h ein dieſet und vot⸗ einet jmm wür⸗ 307 Der Juſtizcommiſſarius druͤckte ſeiner Schwaͤgerinn die Hand, und damit die entſchloſſenſte Geneigtheit dazu aus.»Zeit bringt Roſen, auch fuͤr den Spaͤt⸗ ſommer—« antwortete er harmlos,»wir wollen die Zukunft gewaͤhren laſſen.) Noch an demſelben Tage wurde eine Karte, welche die Verlobung anzeigte, von der Franzisca durch ihren Schwager erfahren, an Madame Weihland ab⸗ gegeben. Sie las die altdeutſchen Lettern dieſer inter⸗ eſſanten Neuigkeit wiederholentlich; bei dem Gedanken an Felice, den ſie gedemuͤthigt waͤhnte, beſchlich das leiſe Vorahnen eines naͤheren Triumphes, der ſacht einherzoͤge durch der Hoffnung goldne Thore, ihr Gefuͤhl. Die Vermaͤhlung des Fraͤuleins von Unſtern ſollte noch vor dem Advent und zwar in aller Stille voll⸗ zogen werden; nur der uͤblichen Sitte des Polter⸗ abends ihr Recht geſchehen zu laſſen, wurden große Anſtalten getroffen. Die Feier der Hochzeit concen⸗ trirte ſich in dieſem Zweck. Es war die Angelegen⸗ heit der ganzen ſchoͤnen Welt, das Geſpraͤch jeder Geſellſchaft. Franzisca nahm keine Notiz davon, viel⸗ mehr ſtoͤrte dieſer Polterabend und ſein ewiger Stoff ſie in der ruhigen Beſchaͤftigung mit ſich ſelbſt.»Ich 308 wollte nur, er waͤre ſchon da!« ſagte ſie zu Pau⸗ linen, ydenn es iſt kaum mehr zum Aushalten.« Madame Weihland lebte jetzt ſehr ſtill, unbekuͤm⸗ mert, was ihre Freunde und Bekannten dazu ſagen moͤgten. Mit Widerwillen nur fuͤgte ſie ſich dem noͤthigen Zwange eines Beſuchs, der gegeben oder empfangen werden mußte. Die Platon machte ihre Freundinn ſelbſt zuweilen aufmerkſam, wie dies Ab⸗ ſagen ihrer fruͤheren Socialitaͤt ſie gar manchem miß⸗ deutenden Urtheil bloß ſtellen wuͤrde; aber Franzisca hatte nur die eine Antwort:»Es gilt mir voͤllig gleich.« Pauline ſeufzte dann leiſe, daß Franzisca bei ſo richtigem Gefuͤhl doch die Mitte der Maͤßi⸗ gung nicht zu treffen wuͤßte; dieſes Gluͤck war ihr verſagt. Ihre Neigungen ſtreiften ſtets an das Äu— ßerſte. Franzisca vergoͤtterte die Menſchen, um ſie dann haſſend zu fliehen, waͤhrend die Platon ſie lang⸗ ſam lieben lernte, um ſie dauernd ertragen zu koͤn⸗ nen. Allein, ob auch Madame Weihland deßhalb eben ſo oft zu tadeln als zu bedauern war, bei ihrer gegenwaͤrtigen Sinnesart, hinſichtlich des Umgangs, dem ſie ſich entzog, ſchien ſie ſelbſt, wie ihre Geſell— ſchafterinn gewonnen zu haben. Der guten Pauline war manches Opfer erſpart, und die Uebereinſtim⸗ mung des Geſchmacks verſchwiſterte dieſe muſterhafte Freu eine nicht ruͤhrt Zufri heim ſie, beſch Tage wie Felic nen ſchaft durch merk Der ihn Voh Weit der Umſe Herz D 2 einig welch 309 Freundſchaft noch inniger. Sie waren ein Herz und eine Seele. Franziscas ſchoͤnes Geſicht, vormals nicht ſelten durch Mißmuth und Praͤtenſion entſtellt, ruͤhrte jetzt in dem Ausdrucke der liebenswuͤrdigſten Zufriedenheit. In ihren Zuͤgen lag zuweilen eine heimliche Freude, ein frohes Nachſinnen, als hoffte ſie, der heilige Chriſt wuͤrde ihr den liebſten Wunſch beſcheeren. Pauline befand ſich daher trotz den Tagen, von denen es heißt, ſie gefallen uns nicht— wie im Himmel. Auch was ſie anfaͤnglich gefuͤrchtet, Felicens Naͤhe, ſein Gegenuͤberwohnen, erneuerte kei— nen ſeiner alten Siege. Franzisca hatte dieſe Leiden⸗ ſchaft uͤberwunden. Mogte der Landſchafts⸗Syndicus durch kleine Kuͤnſte maͤnnlicher Coquetterie ihre Auf⸗ merkſamkeit erregen wollen: es gelang ihm nicht mehr. Der elegante Wagen, in den ein grazioͤſer Schwung ihn verſetzte, prallte wie ein Pfeil vom Hauſe ſeiner Wohnung ab und ſauſte durch die Luͤfte. Madame Weihland ſaß, unbeſorgt, wohin ſein Weg ihn fuͤhre; der Weg zur Ruͤckkehr ihrer Gunſt war ihm verſperrt. Umſonſt courbettirte ſein Reitpferd noch ſo kuͤhn, ihr Herz blieb im ruhigem Gange. Der Juſtizcommiſſarius traf die Geſellſchafterinn einige Zeit nach ihrer Ankunft allein. Franzisca, welche außerhalb des Zimmers ein Geſchaͤft anord⸗ V b b 31¹⁰ nete, konnte jeden Augenblick kommen, das Geſſpraͤch, deſſe Gegenſtand ſie war, geſchah deßhalb nur halb⸗ laut und nur wie im Fluge. Pauline hatte ihres Sommeraufenthaltes erwaͤhnt, und mit Vorliebe, ſo daß ſie auf dieſem ungluͤcklichen Zeitpunkte gern zu verweilen ſchien; denn wir ruͤhmen uns auch der Truͤbſale— wie der Apoſtel ſagt.. „»Die Goͤtter ſegnen Kloſtergarten!« ſprach Weih⸗ land mit Pathos, ich nenne das Örtchen wie einen Born des Heils. Meine Schwaͤgerinn ſcheint dem Bethesda entſtiegen zu ſeyn. Sie iſt bis zur Un— kenntlichkeit veraͤndert, und zwar auf die holdeſte Weiſe; dieſe Metamorphoſe geht uͤber meinen Hori⸗ zont. Sagen Sie, liebe Platon, wo ſind Franziscas Launen hingeflogen; dieſes ſcheue Geſchlecht, was ſo leicht aufzuregen war, hat ſich wohl in jene alten Linden dort zu tief geniſtet, um in das warme Neſtchen zuruͤckzuflattern, worin es ausgebruͤtet worden?— Wo iſt die allerliebſte kleine Bosheit geblieben, die ſchnell gereizt, keinen Widerſpruch vertragen konnte? Franzisca iſt ein Laͤmmchen, das vor dem Scherer verſtummt. Sonſt wollte ſie um eines Muͤckenſtiche willen beklagt ſeyn, und der leiſeſte Mangel an Beach⸗ tung entzuͤndete den niedlichen Hitzkopf; jetzt ver⸗ ſchmaͤht ſie die billige Theilnahme, und macht, mit Gl fan geg kal 311 Muͤhe nur von ſolcher Enormitaͤt vom Tode erſtanden, der ihr widerfahren— kinderklein. Sie ſagte juͤngſt, ſie koͤnne dem Himmel nicht genug dafuͤr danken— daß es ſo abgelaufen, naͤmlich, ich verſtand es wohl; aber ich habe doch ein aͤhnliches Wort nicht von mei⸗ ner Schwaͤgerinn gehoͤrt, ob ſie auch gar manches Gluͤck erkennen moͤgen.— Wir leben nunmehr ſanft und einmuͤthig, wie eine kleine verbruͤderte Quaͤcker⸗ familie; kein Neid! kein Streit! nichts als Friede, nichts als Liebe. Die wunderthaͤtigſten Quellen ſind gegen den Brunnen von Kloſtergarten dennoch nur kaltes Waſſer. Hoͤren Sie, liebe Theure! wir wol⸗ len aber zum Dank fuͤr die geuͤbte Gaſtfreundſchaft dieſe außerordentliche Wirkung nicht veroͤffentlichen; denn wuͤrde es bekannt, ſo fuͤrchte ich, wie groß der Garten auch iſt, kuͤnftigen Sommer koͤnnte kein Apfel mehr darin zur Erde.—« Pauline drohte ihm lachend mit dem Finger, und der Juſtizcommiſſarius fuhr fort:»nein, es iſt mir Ernſt, Freundinn meiner Seele. Der Schaden, den die gute Franzisca genommen, diene zum Exempel; es iſt der Bruch, der mir nichts zu wuͤnſchen uͤbrig laͤßt, und die Rechnung all meiner Beſorgniſſe geht in der goldnen Regel aus, daß auch das Schlimmſte zu etwas gut ſey.« »Franzisca fuͤhlt ſich jetzt befreit,„ antwortete die Hanke Wittwen Ir Theil. 14 312 Platon,»ſie iſt ſich ſelbſt wiedergegeben. Wir ſtehen feſter auf einem ſchwachen Fuße, als auf einer ſchwan⸗ kenden Hoffnung.« Nachdem Pauline dies in aller Unbefangenheit geſagt, erſchrak ſie vor ihren eignen Worten. Sie ſuchte aͤngſtlich nach einem ſpeciellen Anhalt fuͤr den allgemeinen Satz, den ſie ausgeſpro⸗ chen, und wollte in tiefer Verlegenheit ſchnell uͤber dieſe gefaͤhrliche Stelle hinweg; doch der Juſtizcom⸗ miſſarius kam ihr zuvor. »Ich glaube es ſelbſt,« entgegnete er treuherzig, „die wuͤſten Geiſter ſind ausgetrieben, und die Luft, ſo ſchwuͤl und ſchweflig in der letzteren Zeit, iſt wieder rein. Da athmet es ſich leichter. Wie wird es erſt ſeyn, wenn— wenn—= eine wichtige Bedin— gung ſchien ihm auf den Lippen zu ſaͤumen, er ruͤckte den Stuhl naͤher, aber der Muth ruͤckte ihm weiter fort, und Pauline athmete jetzt nichts weniger als leicht. Da trat Franzisca ein, und das reizende Bild, welches ihm vorgeſchwebt, ſchwand ins Kuͤnf⸗ tige. Die rechte Stunde war noch nicht gekommen. Der Mond war voll am Abend vor Fraͤulein Lid⸗ dys Hochzeit; feuchte Schauer, blaſſer Dunſt fuͤllten die truͤbe November⸗Atmosphaͤre, und mit bangem Odem wehete die Luft. Die aufgehende Scheibe 313 wechſelte die Farbe hinter dem grauen Schleier ziehen⸗ der Gewoͤlke, und nur hier und da tauchte ein Stern— lein in bleichem Flimmer aus den Nebeln der Hoͤhe auf. In dem Hauſe, deſſen erſtes Stockwerk Felice und der Landſchafts⸗Director gemeinſchaftlich inne hatten, flackerten geſchaͤftig Lichter hin und her, das obere Local, welches der Wirth fuͤr dieſe Feſtlichkeit uͤber⸗ laſſen, war ſchon hell erleuchtet, man hoͤrte das Stimmen der Inſtrumente durch die dumpfe Stille der Straße bis in den Zimmern der Madame Weihland. Franzisca hatte Beſuch. Einige Damen, deren Neugier ſchon eine Befriedigung darin fand, den Ort, der heute ſo manche Augenweide darbieten wuͤrde, von Außen zu beobachten, waren ihr ſeit mehreren Stunden laͤſtig. Jede gleichguͤltige Geſtalt, die ſich am Fenſter zeigte, ein unkenntlicher Schatten an der Wand, verhuͤllte Gaͤſte, die aus dem Wagen ſtiegen, eine Bewegung unter den Leuten, Alles war ihnen bedeutend und wurde bemerkt und beſprochen. Man errieth, in welchem Coſtuͤm Dieſe oder Jene erſcheinen wuͤrden, man vermuthete die Geſchenke, auf welche die Braut ſich zu freuen haͤtte, man redete ſelbſt von dem Bedienten des Braͤutigams mit einer gewiſſen Achtung. 14* 314 Madame Weihland verwuͤnſchte dieſen Polterabend. Sie wußte ſelbſt nicht, warum ihr die hoͤfliche Marter, in dieſem Geſchwaͤtz aushalten zu muͤſſen, heute ſo unertraͤglich waͤre?— Die Damen bedauerten end⸗ lich, den angenehmen Obſervationspunkt verlaſſen zu muͤſſen, und Franzisca dankte Gott fuͤr dieſe erloͤſende Ausſicht. Sie ward nun ploͤtzlich freundlich und ge⸗ ſpraͤchig. Aber jetzt erſchien druͤben ein neuer Aufzug, das Volk an der Thuͤre draͤngte nach innen, und die Zuſchauer im erſten Range wurzelten wieder feſt. Madame Weihland verſtummte, je lauter ihre Gaͤſte beobachteten, und die Platon zagte, daß ſie dieſer druͤckenden Gegenwart nicht ſobald los werden wuͤrden. Waͤhrend die Aufmerkſamkeit der Bewohner dieſer Straße die ungetheilte Richtung nach den Vorgaͤngen in jener Wohnung nahm, ſchluͤpfte eine weibliche Geſtalt vermummt, doch ungeſehen, in das Haus der Madame Weihland. Es war Claudine von Unſtern. Sie wollte ſich verſprochnermaßen den beiden Damen in ihrer Maske zeigen, was bei der Naͤhe der Nach⸗ barſchaft von Frau von Gardemer aus, leicht geſche⸗ hen konnte. Sie hatte den Anzug einer Pilgerinn gewaͤhlt, und dies Gewand ſagte ihrem duͤſtern Sinne jetzt vor allen zu; denn Claudine haͤtte wohl eher zum heiligen Grabe wallen, als der Hochzeit ihrer Schwe⸗ ſter beiwohnen moͤgen, wo es luſtig hergehen ſollte. 315 Das Fraͤulein fand den Vorſaal leer. Die Leute der Madame Weihland waren ſaͤmmtlich von dem Poſten ihrer Pflicht entwichen, um druͤben aufzupaſſen, und die Critik der Soubretten ſpottete mit naiver Gemeinheit mancher erhabenen Rolle. Dieſer plebeje Chor ſpielte heute die Nemeſis, und ſprach uͤber die Braut und ihre Verhaͤltniſſe ab; denn auch die nie⸗ deren Goͤtter ſind gerecht, und dulden nicht, daß einem Sterblichen zu viel Ehre widerfahre. Das Fraͤulein hoͤrte in Franziscas Zimmer ſprechen, ſcheuete fremde Augen, und ſo ſah es ſich vergebens nach Jemand um, den es fragen koͤnnen, wer der Beſuch drinnen ſey, und ob er wohl noch lange verweilen duͤrfte? In dieſer unſchluͤſſigen Minute haftete Claudinens Blick an einer Thuͤre, die nicht verſchloſſen ſchien. Sie oͤffnete vorſichtig— es war Niemand in dem erwaͤrmten Gemach. Hier beſchloß das Fraͤulein zu warten, es eilte eben nicht zu ſeinem Ziel. Eine heimlich daͤmmernde Stille umfing Claudinen in die— ſem Verſteck, der an Franziscas Schlafcabinet ſtieß, und ein Schlupfwinkel war, wohin die Platon ſich zuweilen vor der Geſellſchaft gefluͤchtet hatte, die fruͤ⸗ her ihrer Freundinn willkommen geweſen; ſicher, keine unfreiwillige Zuhoͤrerinn abgeben zu duͤrfen, deſſen, was in dem Wohnzimmer geſprochen wurde; denn 316 der Laut verſtaͤrkter Stimmen fluͤſterte zwar durch die duͤnnen Tapetenwaͤnde, aber auch das leiſeſte Ohr haͤtte nicht ein Wort deutlich verſtehen koͤnnen. Auch der Juſtizcommiſſarius nannte das Stuͤbchen ſeine Retraite, deshalb war es ſtets von Außen zu oͤffnen, und wurde nach herkoͤmmlicher Gewohnheit das kalte Halbjahr hindurch taͤglich geheizt, wenn auch ſelten benutzt. Ob auch das Fraͤulein hier im Hauſe gewohnt, ſo war es doch mit dieſer netten Zuflucht unbekannt; es glaubte im Bereich des Stubenmaͤdchens zu ſeyn. Der Mond trat jetzt hinter einer Wolke hervor, und machte ein ſchwaches Licht in dem dunkeln Raum. Das Fraͤulein entledigte ſich des Mantels und der weiten Capuze, und ſtellte den gebogenen Pilgerſtab zur Seite, der eine Attrape war, und ein feines Ge⸗ ſchenk enthielt, eine Arbeit dieſer zarten und kunſt⸗ vollen Haͤnde. Claudine wollte dieſe der Braut uͤber⸗ reichen, und den Stab an der Schwelle ihres Gluͤckes niederlegen. Aber nichts deſto weniger fuͤhlte Clau⸗ dine, wie ſehr ihr ſinkender Muth einer Stuͤtze be— duͤrfe. Sie hatte keine Heimath mehr— und die naͤchſten Ihrigen waren ihr in den letzteren Monaten faſt voͤllig fremd geworden. Claudine ordnete den Faltenwurf des haͤrnen Ge⸗ wandes, laͤchelte duͤſter an ſich hinab, und luͤftete 317 den Gurt unter dem Buſen. Schwermuth preßte ihn, und ein unſichtbares Gewicht ſchien an dem Hange jener ſchmucklos weißen Schnuͤre befeſtiget. Das Fraͤulein ſchob den breiten Muſchelhut zurecht, der einen tiefen Schatten uͤber das bleiche, ſchoͤne Geſicht warf. Luna beaͤugelte verſtohlen die einſame Toilette. Claudine ließ furchtſam den Spiegel außer Acht— ihr grauete, ſich ſelbſt zu ſehen. So ſchlich ſie auf Sandalen hin und her und reecitirte die Verſe, welche ſie der Schweſter ſagen wollte. Doch war dieſe übung nur mechaniſch; denn die Gedanken gin⸗ gen weit uͤber die naͤchſte Stunde hinaus. Der Sand der Diele kniſterte unter dieſem ſachten Schritte, und die Zeit verran. Mit fernem Geraͤuſch murmelte das Geſpraͤch jenſeit dieſer Waͤnde, und wollte nicht ver⸗ ſiegen in den Strom der Abſchiedscomplimente. Dieſes ſtille langweilige Warten, worin die Phantaſie vollen Spielraum gewann, verſetzte Claudinen in das Ge⸗ biet ihrer Darſtellung. Sie fuͤhlte ſich als Buͤßerinn, die nicht in die Kreiſe der Freude gehoͤre. Sie haͤtte fortziehen moͤgen auf immer, und die Welt und ihre heimlichen Qualen hinter ſich laſeen.— Das Fraͤu⸗ lein trat ans Fenſter, hier war die Ausſicht freier. Der ſilberblaue Schein des Mondes machte die Luft gleich einem Meere, und wie hohe Wimpel flatterten zerriſſene Woͤlkchen am Horizonte hin. O! wie draͤngte 318 Claudinen der Wunſch, dieſen Ocean zu durchſchiffen! Sie mogte es ſich nicht geſtehen— aber ſie ſehnte ſich mit der beladenen Bruſt in die kalte Tiefe hinab. Dort waͤre der Schmerz des heißen Herzens begraben, in ewiges Vergeſſen— meinte ſie. Der Mond enthuͤllte ſich in voller Klarheit, und Claudine ſtand von Verklaͤrung umfloſſen; es war ihr, als ob ſie in eine Glorie ſaͤhe. Eine Ahnung von dem Heile der Verſoͤhnung kam in ihre Seele. Der Wind aus Abend ſauſete; aber Claudine hoͤrte nur die Palmen von Palaͤſtina rauſchen. Druͤben im Hochzeithauſe ſchallte lockend die Muſik — doch in dem Fraͤulein ward nur das Heimweh der Verbannung rege. Thraͤnen entſtuͤrzten Claudi⸗ nen.— Sie fuͤhlte ſich gebeugt und doch getragen von einer wunderbaren Beruhigung. Gott und ſein Frieden iſt ſtets nahe Denen, die an ihn denken und aus innerſtem Nutzen und Sehnen ſein beduͤrfen. Da ging die Thuͤre auf und leiſe und langſam ſchritt ein Mann von edler Geſtalt herein. Der Man⸗ tel hing nachlaͤſſig uͤber ſeinem rechten Arme. Das Fraͤulein, in ſelige Traͤume entruͤckt, merkte nicht ſo— gleich, was ſich wirklich begab. Der Fremde ſtand nun dicht vor Claudinen. Sie erſchrak, doch nicht allzuſehr; denn dieſer Geiſt war ein berufener. Ihre Blicke begegneten ſich, und wie von einem Wetter⸗ e 319 ſtrahl getroffen, die feurige Schlange im Buſen, ſank Claudine vor dem Fremden auf die Knie.»O Ad⸗ mont!« ſtammelte ſie vernichtet. Herr Admont oͤffnete die Augen weit, um die Moͤglichkeit dieſer raͤthſelhaften Erſcheinung zu faſſen; aber trotz ihrem myſtiſchen Reize zog ſich ihm das Herz erſtarrend zuſammen. »Claudine!« ſprach er toͤdtlich beſtuͤrzt, doch kaum hoͤrbar, als fuͤrchtete er ſich, laut zu werden und in dem Tone, womit er dieſen Namen nannte, hallten verklungene Stunden der Liebe, und die Stimmung einer zerriſſenen Seele wie ein fernes Echo nach: »Du hier? und in dieſer Tracht? Seltſam! Was ſoll das? kommſt Du mein Gluͤck zu ſtoͤren, wie Du mich unſaͤglich elend gemacht haſt?« Claudine beugte mit einem tiefen Seufzer das Haupt, und die Muſcheln am Saume ihres Hutes beruͤhrten kalt ſeine Hand. »Admont!« ſagte ſie flehend,»Du zuͤrnſt noch immer? ich bin ſehr ungluͤcklich. Verzeihe mir doch, daß ich einen einzigen Troſt habe! dann will ich gern ſterben.« »Stehe doch auf, Claudine!« ſagte Herr Admont und faßte ihren Arm, ſie zu unterſtuͤtzen.»Ich glaube,« fuhr er fort, yes iſt ein Traum, der mich befangen 320 haͤlt. Wie kommen wir beide in dieſe finſtere Clauſe hier zuſammen;— Dein Anblick——« »Ich bin nicht werth, daß mich die Sonne be⸗ ſcheint, deshalb ſchont der guͤtige Gott meiner bloͤden Freude, Dich noch einmal zu ſehen—« antwortete Claudine, und ihre ſchoͤne Geſtalt, der das fremde Gewand den ruͤhrenden Zauber der Demuth gab, erhob ſich langſam. Sie ſchien ihm eine verkoͤrperte Legende. Er glaubte Wunder zu ſchauen. »Es iſt kein blindes Ohngefaͤhr, Admont,« fuhr Claudine fort, da er ſie ſchweigend betrachtete,»ſon⸗ dern die Vorſehung, was uns hier einander finden laͤßt. Der Himmel hat meinen baͤngſten Wunſch er⸗ hoͤrt. Selbſt dieſe Verkleidung iſt nicht zufaͤllig ge⸗ waͤhlt, ſie druͤckt mein Schickſal aus. Sieh! Du edelmuͤthiger, Du beleidigter Freund! unter dieſem Rocke ſchlaͤgt ein wahrhaft buͤßendes Herz.— Ich habe keine Heimath der Liebe, das Leben iſt mir oͤde, mein Weg eine brennende Wuͤſte, in der ich einſam verſchmachte. Nur Thraͤnen der Reue ſind mein Labſal, und dieſe Quelle iſt bitter.—« Sie ſchluckte den heiß aufwallenden Schmerz in ſich hinein. »Du dauerſt mich,« ſprach Herr Admont milder, und ich vergebe Dir von ganzem Herzen. Sey ruhig, meinetwegen. Gott weiß zu verguͤten. Und ſo lebe wohl!« D ſtreckt griff Mon Tod. Sein meine ſehr und gerin tönen iddiſa 1 ſe 321 »O mein Heiland!» rief Claudine ſchwach, und ſtreckte die gefaltenen Haͤnde nach ihm aus. Im Be— griff zu gehen, wendete er ſich um, der Schein des Mondes fiel auf ihr Geſicht, es war blaß wie der Tod. Sie glitt im Sinken auf einen nahen Stuhl. Sein Fuß ſtockte. Er war menſchlich genug, dieſe meineidige Hand zu faſſen.»Claudine—« ſagte er ſehr ſanft,„hoͤrſt Du mich?“ Sie blieb ſtumm. »Jeſus Chriſtus!« rief er aus geaͤngſteter Bruſt, und beſchaͤftigte ſich um die Ohnmaͤchtige. Die Pil— gerinn lag leblos an ſeinem Herzen, der Stab fiel toͤnend zu Boden— und Herr Admont fuͤrchtete, ihre irdiſche Wallfahrt ſey zu Ende. * Ende des erſten Theils. 2——— ——-——————— —————————— —————— ———— ür& Grey Sortrol Ehart Cyan Green vellow Heod Magenta Grey —.———ℳ———— er