——— iothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur n Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————————x— auf 1 Monat: 9 Mt.— Pf. 1 Wcr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. III. — Wo — — — — — = S — 5 F. W. Hackländer. 2 Dritter. Band. Stuttgart. Carl Krabbe. 1851. Hering& Comv. Gebruckt bei K. Fr. Seite XXXIX. Kapitel. Ein Schloß im Walde 3 4 XL„ MWeiſier Amadins....... 21 XLI. 5 Magdalene....... 37 XLII.„ Herbſt⸗Vergnügen........ 52 XLIII. 8 Nach Ftalien..... 63 XLIV.„ Genua 8¹ XLV. 8 Genna...... 98 XILVI.„ Florenz... 116 XLVII. 9 Florentiniſche Nächte.....134 XLVIII. 9 Florentiniſche Nächte....... 152 XLIX.„ Florentiniſche Nächte....... 167 L. 7 Genua. 180 LI. 3 Der Graf von St. Alban 1796 LII. 3 Vedi Napoli, pui muori..... 214 LIII.„ Alte Bekannte..... 238 LIV. 3 Ein neuer Theater⸗ Intendant. 250 3 LV.„ Aus der Requiſiten⸗Kammer.... 270 LVI.„ Aus der Requiſiten-Kammer..... 289 LVII. 5, Benekti....... 307 LVIII. 5 Beneiti....... 320 LIX.„ Anna...,334 X.„ Unter dem Stabtgraben. 555 1 4 1 1 4 Namenloſe Geſchichten. Zehn Jahre ſpäter. Hackländer, Namenl. Geſchichten. III. 1 — ʒÿ— Nennunddreißigſtes Kapitel. Ein Schloß im Walde. Wenn man dem Laufe des Neckars abwärts folgt bis beinahe zur alten Reichsſtadt Heilbronn, an den maleriſch ge⸗ legenen Städtchen Beſigheim und Lauffen mit ihren uralten Römerthürmen und hochgelegenen Kirchen vorbei und ſich als⸗ dann auf dem linken Ufer des reizenden Fluſſes von der Chauſſee ab auf ſchmalen Wald⸗ und Gemeindewegen in das Gebirge hinein wendet, ſo kommt man in ein reizendes Waldrevier, viele viele Stunden lang und breit, hie und da untermengt mit Getreide⸗ feldern und kleinen freundlichen Ortſchaften. Klare Waldwaſſer rieſeln von den Bergen in die Thäler; und neben der hochſtäm⸗ migen Tanne wächst die kräftige Buche, und zahlreiche Geſell⸗ ſchaften alter knorriger Eichen breiten ihre Aeſte aus über dicht bemoostem, bewachſenem Waldboden und ragen hoch in die Luft hinauf, wo auf der Spitze ihrer Krone vorwitzige Waldvögel hinausſchauen in das Neckarthal und dem Silberfaden des Fluſſes zu folgen im Stande ſind, weit über Heilbronn hinaus, in das flache Land hinein.. 1* Neununddreißigſtes Kapitel. Es iſt ein liebes ſtilles Stück Erde, dieß Revier; das Ge⸗ räuſch großer Landſtraßen bleibt ihm fern und nur auf ſchmalen Waldpfaden hört man das vereinzelte Knallen einer Peitſche und das Aechzen eines Holzwagens, weit ab accompagnirt von dem Gekreiſche des Raubvogels und den Schlägen einer Art. Geneigter Leſer, zur Zeit wo unſere wahrhaftige, wenn auch namenloſe Geſchichte ſpielt, hatten dieſe Waldgründe außer ihrer natürlichen Schönheit noch einen andern Reiz. Es war damals das herrlichſte Jagdrevier, welches ſich weit und breit finden ließ. In tiefſter Einſamkeit auf den ſtillen Höhen, in den dichten heimlichen Buchenwaldungen wechſelte der edle Hirſch, weiter draußen in lichten Eichen⸗ und Tannenwaldungen neben dem bebauten Lande äßte ſich das unruhig hin⸗ und hereilende „Reh, an den Abhängen hinter alten dicken Bäumen hatten zahl⸗ reiche Haſen ihre Niederlage und auf dem Heidegrün in der Nähe der Dörfer beſorgte Reinecke, der Fuchs, ſeinen ſtillen gemüth⸗ lichen Handel und Wandel. Damals zur Zeit des Herbſtes war der Forſt lebendig und tönte wieder von ſonſt unbekannten fremdartigen Klängen. Ver⸗ wundert vernahm der Hirſch das Knallen der Büchſen und das Gebelle der Hunde, die Rehe huſchten hin und her, aufgeſchreckt von dem Rufe der Treiber, und Haſen und Füchſe eilten einträchtig zuſammen, davon gejagt von allgemeinem Schrecken. Jetzt iſt es ganz anders geworden und der Wald ſteht im Herbſt verlaſſen und todt und ſtill. Man hört nichts als das höhniſche Geſchrei des Raubvogels, der faſt allein übrig geblieben. Das edle Geſchlecht der Hirſche iſt ausgerottet, die Anweſenheit eines Rehes iſt zu einem Ereigniß geworden, was von den Haſen dem allgemeinen Morden entgangen, kommt verjagt und einge⸗ ſchüchtert faſt gar nicht mehr zum Vorſchein, oder wird dem ſchmunzelnden Fuchs zur Beute, deſſen Geſchlecht faſt allein un⸗ —— ————— Ein Schloß im Walde. 5 vermindert geblieben. Der Waldpalaſt trauert, er iſt ent⸗ Akert, und wenn man die alten Bäume nächtlicher Weile zu⸗ ſammenflüſtern hört und ihre Sprache verſteht, ſo jammern ſie über die Einſamkeit, über die entſetzliche Stille, die ſie rings um⸗ gibt, über die verlorene Poeſte ihres Daſeins. Mitten in dieſem Wald⸗ und Bergrevier liegt ein altes Schloß, aber ziemlich moderniſtrt und den Bedürfniſſen des jetzigen Lebens angepaßt. Der alte unveränderte Theil deſſelben beſteht in einem maſſiven runden Thurme und einem kleinen ge⸗ wölbten Gebäude, in welchem ſich heutzutage das Archiv des Beſitzers und eine kleine Schloßkapelle befindet. Der andere Theil des Schloſſes, zwei Flügel, welche mit jenem alten eine Hufeiſenform bilden, wurden zu Anfang dieſes Jahrhunderts neu erbaut; ſte ſind von heller Farbe, haben große Fenſter und bilden zu jenem alten Theile einen gewaltigen Contraſt. Aber dieſer Contraſt iſt für das Auge durchaus nicht unangenehm. Man ſteht, daß der Erbauer den Zweck im Auge hatte, ſich eine ge⸗ räumige angenehme Wohnung zu verſchaffen, und dabei Pietäͤt für das Beſtehende, um daſſelbe zu laſſen, wie es war, ja es auf's Sorgfältigſte zu unterhalten. Dieſer Erbauer mochte nicht im Style des alten Bauweſens ſeine neue Wohnung aufführen, und man kann ihm hierin nicht Unrecht geben. Er hatte eine zahlreiche Familie, mit der er faſt das ganze Jahr hier oben zu⸗ brachte, und deßhalb waren ihm große Säle und viele geräumige Zimmer wünſchenswerthe Einrichtungen, welche ſich mit dem Bauſtyl des alten Gebäudes nicht wohl vereinigen ließen. Die freie Seite der Gebäude war mit einem großen Gitter verſchloſſen; ein klares Bergwaſſer, das man hoch im Walde ge⸗ faßt und gebändigt, warf in der Mitte des Hofes ſeine ſenkrechten Strahlen hoch empor, und diente unter Anderm einem zahlreichen Geflügelhofe, der ſich hier befand, zum Spielzeug und theilweiſe Neununddreißigſtes Kapitel. zum Lebensunterhalt. An den Wänden des neuen, ſowie des alten Gebäudes rankten ſich Epheu und die mannigfaltigſten Schlingpflanzen empor, die Wände mit Grün und farbigen Blumen bedeckend. Eine große Treppe, die in den mittleren und Hauptflügel führte, war mit Orangenbäumen beſetzt und mit Blumen und ſeltenen Gewächſen verziert. Der ganze Hof hatte etwas Heiteres und überaus Wohlthuendes und der alte graue Thurm beſchattete das Ganze mit der Zufriedenheit des Alters und blickte die neueren Gebäude freundlich an, wie ein Großvater ſeine Kinder und Enkel, die ſich um ihn liebend verſammeln, wenn auch in anderen Koſtümen und mit anderen Lebensanſichten. So ſah dieſer Hof aus zur ſchönen Zeit des Frühlings und Sommers, und jetzt in den Tagen unſerer wahrhaftigen Geſchichte fehlten nur die Orangenbäume auf der Treppe, die man bereits ins Winterquartier gebracht, und die bunten Blumen zwiſchen den Schlingpflanzen, wogegen ſich aber die Natur dort eine andere Färbung geſchaffen; denn in leichten maleriſchen Linien blickte zwiſchen dem ſaftigen Grün des Epheus das dunkle Roth der abſterbenden Jungfernrebe hervor. Es war zu Ende Oktober, ein klarer friſcher Herbſttag. In dem Waldrevier, welcher das Schloß umgab, hatte man vom frühen Morgen an das Knallen der Gewehre, das luſtige Halloh der Treiber gehört, bald näher, bald ferner. Gegen Mittag hatte ſich die Jagd weiter abgezogen, und es war beſchloſſen worden, an einer bekannten großen Eiche, ungefähr zwei Stunden ent⸗ fernt, den letzten Trieb endigen zu laſſen. Döorthin waren auch Pferde und Wagen beſtellt, um die müden Jäger auf bequeme Art heimzubringen. Zu dieſem Zweck waren die Stallthüren im Schloß geöffnet, der Stallmeiſter des Jagdherrn ſtand in demſelben, ſeine Befehle ertheilend, und Kutſcher, Reitknechte und Stallbuben waren be⸗ — — —— — + Ein Schloß im Wolde. ſchäftigt, Geſchirre aufzulegen und zu ſatteln. Der Anzahl der Pferde nach, die herausgeführt wurden, beſtand die Jagdgeſell⸗ ſchaft aus 8— 10 Perſonen, auch einige Offtziere daruntet denn einige Kopfzeuge und Sättel waren militäriſch. Für den Jagd⸗ herrn wurde ein Maditſchenka mit vier kräftigen Braunen einge⸗ ſpannt, einer der Kutſcher ſchwang ſich auf, vier Reitknechte nahmen die acht Pferde an der Hand und hinaus gieng es aus dem Schloßhof in den Wald. Der Stallmeiſter gab noch einige Befehle, dann gieng er langſam auf die große Treppe des Schloſſes zu, auf welcher ſich eine Geſtalt ſehen ließ, in ſchwarzem Frack, ſchwarzen Bein⸗ kleidern, weißer Weſte und Halsbinde, wie ſie ſo eben aus dem Veſtibul heraustrat— der Kammerdiener und Haushofmeiſter des Grafen. Sein Haar war faſt ebenſo weiß, wie ſeine Wäſche, ſein ernſtes faltenreiches Geſicht zeugte von hohem Alter, und dieſes Zeugniß war vollkommen richtig, denn Meiſter Amadäus, wie er ſich am liebſten nennen hörte, war ein guter Sechziger und hatte ſeinen jetzigen Poſten ſchon bei dem Vater des jungen Herrn verſehen. Er nahm aus ſeiner kleinen goldenen Doſe be⸗ dächtig eine Priſe, hob ſeine ziemlich große Naſe alsdann ſchnüf⸗ felnd in die Höhe und meinte, es werde kalt werden heute Nacht, recht kalt. Der Stallmeiſter war die Treppen hinaufgeſtiegen und pflichtete bei, indem er ſagte; es ſei nicht unmöglich, daß man heute Nacht einen gelinden Froſt bekäme. Einige Lakaien, die im Veſtibul ſtanden, erlaubten ſich hierauf die ſchüchterne Frage, ob in den Schlafzimmern eingeheizt werden ſolle. 3 Meiſter Amadäus zog die Manſchetten über ſeine Hände herab und erwiderte: wenn der große Salon vierzehn Grad hat und das Billardzimmer eben ſo viel, ſo bleibt es bei meiner An⸗ Neununddreißigſtes Kapitel. weiſung; man öffnet die anſtoßenden Schlafzimmer und läßt die dort befindliche kalte Luft mit der Wärme in Verbindung treten. Ich hößße, es iſt alſo geſchehen!“ „Ja wohl, Herr Haushofmeiſter.“ „Nach einem alſo fatigirten Tagewerk in freier Luft taugt übergroße Wärmung der Schlafzimmer nicht. Die Herrſchaft kommt durch Diner und Spiel überdieß in Hitze, wornach ihr eine höhere Temperatur läſtig fiele, und in dem Hauſe, wo Meiſter Amadäus das Commando führt, ſoll einem Gaſte durchaus nichts läſtig werden.“ Die Lakaien hinter dem Haushofmeiſter machten eine gleich⸗ förmige und tiefe Verbeugung mit dem Kopfe, worauf Amadäus das Gleiche that und bedächtig zu einem anderen Geſprächsthema übergieng. An den Stallthüren ſtanden Reitknechte und Stallbuben, die Ankunft der Herrſchaften erwartend, und einer der Letzteren zog ſeine Uhr heraus, um ſich zu unterrichten, welche Zeit des Tages es eigentlich ſei, eine Sache, welche dem Haus⸗ hofmeiſter Veranlaſſung gab, Einiges von der guten alten Zeit Erwähnung zu thun, von jenen Tagen, wo im Schloß außer der Thurmuhr nur eine einzige Uhr vorhanden war, eine kleine ſilberne Taſchenuhr, welche bei der hochſeligen gnädigen Frau auf dem Toiletteklſche lag; ein höchſt eigenſinniges Ding von vielem Selbſtbewußtſein und ſehr zarter Natur, denn ſie konnte es nicht vertragen, wenn ſie hingelegt wurde, und gieng um keinen Preis in der Welt weiter, wenn die hochſelige Frau Gräfin es einmal vergaß, ſte Abends Punkt zehn Uhr aufzuziehen. Der Haushofmeiſter trug dieſe Geſchichte ſo überaus lehr⸗ reich vor, daß die Stallleute ſich langſam der Treppe näherten, ein Küchenjunge ſchüchtern um den Treppenpfeiler herumſchaute, und der Koch in weißer Jacke und ditto breiter Mütze aus ſeinem Departement hinaus in den Hof trat. —½— ſtehen.“ ——;———— 8 ⸗ A ———⸗—⸗————— Ein Schloß im Walde. 9 „„So war'su, ſagte der Haushofmeiſter„und ſo iſt es jetzt.“ Dabei ſchlug er auf den Deckel ſeiner Doſe und ſahnſi⸗ fragend ringsum; die Lakaien nickten pflichtſchuldigſt, die Stall⸗ leute ebenſo, ferner der Koch und der Stallmeiſter— ein Zeichen der Beiſtimmung, welches Meiſter Amadäus mit einem leichten Rundcompliment wohlwollend für ſich in Anſpruch nahm. Es erfolgte einige Sekunden lang eine feierliche Stille, während welcher der Kammerdiener den Koch mit feſtem Blicke anſah. „Es iſt wahrhaftig nicht meine Schuld, Meiſter Amadäus,“ ſagte dieſer,„nach meiner Berechnung mußte geſtern Mittag die Suppe mit dem dritten Schlage um ſechs Uhr auf dem Tiſche „Was aber nicht der Fall war,“ ſagte ernſt, faſt traurig der Kammerdiener, vich verließ mich auf Eure Pünktlichkeit wie immer, laſſe mit dem dritten Schlage um ſechs Uhr die Flügel⸗ thüren des Speiſeſaals öffnen und ſehe zu meinem Erſchrecken, ja zu meinem Entſetzen, daß die Suppe erſt hereingetragen wird, ich war blamirt, wenn in dieſem Augenblicke der Herr Graf nicht glücklicher Weiſe mit ſämmtlichen Herrn Gäſten durch das Fenſter nach einem Raubvogel geblickt hätte. Es war wenigſtens vier Sekunden nach Sechs, bis die Suppe auf dem Wule ſtand— fürchterlich!“ „Fürchterlich!“ wiederholten die Lakaien, die Stallbuben ſchauderten augenſcheinlich zuſammen, und der Koch ſtand da, in ſeines Nichts durchbohrenden Gefühle. Jetzt vernahm man in der Entfernung Rädergeraſſel und Huftritte von Pferden. Es war die Jagdgeſellſchaft, die zurückkehrte. Auf einen feierlichen Wink des Kammerdieners ver⸗ ſchwanden ſämmtliche Untergebene in die Gebäulichkeiten ihrer Departements und Amadäus blieb allein auf der großen Treppe ſtehen, nahm eine letzte Priſe und ſtäubte darauf jedes ſchwarze ⸗———õV— 10 Ueununddreißigſtes Kapitel. Wiikihen des Schnupftabaks ſorgfältig von Weſte und Hals⸗ 6 Jetzt jagten die vier Braunen mit dem leichten Wagen en Hof. Es ſaßen vier Herrn in demſelben; unter ihnen n der, welcher die Zügel führt, uns wohl bekannt— es iſt Graf Affons, freilich um zehn Jahre älter geworden, aber immer noch garcon, heiter, ja luſtig, ein Lebemann und guter Kamerad. Ihm gehört Schloß und Jagdrevier: er hat die Freunde hier zu einem luſtigen Herbſtvergnügen verſammelt. Hätte ich es dem geneigten Leſer auch nicht verrathen, daß wir uns auf dem Gute des Grafen Alfons befinden, ſo würde er es an der Ehrerbietung bemerkt haben, mit welcher der Stall⸗ meiſter Peitſche und Zügel in Empfang nahm und an dem tiefen Bückling, den Meiſter Amadäus auf der unterſten Treppenſtufe zu⸗ machen ſich verpflichtet hielt. Dem Wagen nach jagten ſechs Reiter in den Hof, das Doppelgewehr auf dem Rücken, den grünen Hut, wo bei manchem zwiſchen Gemsbart und Spielhahnfeder ein grüner Bruch ſteckte, keck auf dem rechten Ohre ſitzend, in grauen Röcken, anliegenden Beinkleidern und darüber hohe Juchtenſtiefel. Auf gleiche Art war auch der Graf und alle Uebrigen coſtumirt. Den Reitern nach drängten ſich Förſter und Jägerpurſchen in den Hof, die auf kürzeren aber engen Waldwegen eben ſo ſchnell nach Hauſe ge⸗ kommen, faſt gezogen von den ungeduldigen Hunden, die für heute des Jagens genug hatten und heulend und ſchnuppernd ihrem Zwinger zueilten. Der Hof ſah in dieſem Augenblicke maleriſch genug aus: die Nacht war hereingebrochen und ein paar Pechpfannen zu beiden Seiten der Treppe warfen ihr rothes zitterndes Licht auf den lebendigen Knäul von Menſchen, Pferden und Hunden. Ein ſtattlicher Hirſch, ein ſchon in den damaligen Tagen ſeltener 4 Zwölfer, ward auf einem⸗Pony hereingeführt und vor der Treppe 8 — 2 den niedrige weiche Fauteuils, die man nur herumzudrehen brauchte, Ein Schtoß im Walde. auf das Pflaſter des Hofes gelegt, wo ihn die Hunde augen⸗ blicklich umſtanden und die Schweißhunde faſt ihre Leinen 3. * zerriſſen, um mit ihren Naſen das igerochene Wild berührm zu können. Der Graf mit ſeiner Geſellſchaſt blieh uh einen Augen⸗ blick auf der Treppe ſtehen, theils um jenem maleriſchen Schau⸗ ſpiele zuzuſehen, theils auch um— als Nachklang jener alten ritterlichen großartigen Jagden, wo am Schluße derſelben der Herr ſeinen Hut abnahm, um ſich bei ſeinem Oberjägermeiſter für das Jagdplaiſir zu bedanken,— ſeinem erſten Jäger, der die Treppen hinaufſtieg, um Befehle für den nächſten Tag zu holen, die Hand zu reichen und ſich zu bedanken für die gute Aufſtellung und für die gute Führung der Treiber. Dann wandte er ſich um, und die Herren ſchritten ins Haus. Eine breite hohe Treppe, deren Stufen mit Teppichen belegt waren, die Wände aber mit ſtattlichen Hirſchgeweihen verziert, giengen ſte hinauf und kamen in einen langen Corridor, in welchem Kupferſtich an Kupcferſtich hieng, die meiſten mit Bezug auf das edle Waidwerk; dazwiſchen Rehgewichte von allen Größen und von den ſeltenſten Abnormi⸗ täten. Zierliche Bronzelaternen mit rothem geſchliffenem Glas verbreiteten ein warmes zweifelhaftes Licht in dem Corridor, der ſich bis in die Unendlichkeit zu verlängern ſchien, da ſeine beiden Enden aus rieſenhaften Spiegeln beſtanden, die unten am Fuße mit Blumen bedeckt, oben im Widerſchein eine Ausſicht ließen auf Hunderte von dunkel glühenden Lampen und auf einige Meilen Corridors. Am Ende des wirklichen ſtieß er in einem rechten Winkel an einen andern faſt eben ſo langen Gang, der zu den zahlreichen Gaſtzimmern führte. Dieſe Gaſtzimmer, eines wie das andere meublirt, waren erfüllt mit allem möglichem erdenkbarem Comfort des Lebens. Teppiche bedeckten den Boden, vor den zierlichen Kaminen ſtan⸗ ————— ergeeieen—— 4 Neununddreißigſtes Kapitel. unr vor dem Schreibtiſche zu ſitzen, oder ſich vis à vis dem Toi⸗ lettenſpiegel zu befinden, aus dem zwei Bouquete Wachskerzen zu beiden Seiten eine fabelhafte Helle herausſtrahlten. Hier ſtanden die Diener bereit, und es war ein ſchöner Moment, ſich nach dem mühſamen Jagen und nach dem Durchwaten von Bächen und Moräſten, dem beſchwerlichen Erklimmen von Bergen und dem ſtundenlangen unbeweglichen Ausharren auf den verſchiedenen Ständen ſich nun behaglich K ſchweren Anzugs entledigen zu können. In Schatten und Licht, in Contraſten beſteht die Annehmlich⸗ keit des Lebens; deßhalb wurde hier auf dem Schloße, obgleich keine Dame zugegen war, im Gegenſatz zum Jägeranzuge jetzt eine feine 4 Toilette gemacht, und es gewährte jedem der Betreffenden das größte Vergnügen, aus der ſchweren Fußbekleidung in feine lakirte Stiefel zu ſchlüpfen und den dicken Jagdrock mit dem weichen ſchmiegſamen Frack zu vertauſchen. Bart und Haar wurden ſorg⸗ fältig friſirt, einige Tropfen Eßbouquet auf das battiſtene Sack⸗ tuch gegeben, und ſo fertig und bereit harrten Alle der Hornfanfare, die zur Jagdzeit ſtatt der Glocke das Zeichen zum Diner gab. Nun ertönte dieſelbe und die Jagdgeſellſchaft, aus den ver⸗ ſchiedenen Zimmern tretend, fand ſich im langen Corridor und ſchritt denſelben munter plaudernd hinab bis ans Ende, wo ent⸗ fernt von allem Geräuſche ſtill und heimlich das Speiſezimmer lag. Die Fenſter deſſelben giengen auf eben dieſen Corridor und waren bei Abend dicht verhängt. Das Speiſezimmer glich in ſeiner Einrichtung dem des Baron Carl, in welchem wir einſtens einem Diner beigewohnt, ſeine Tapeten waren wie in demſelben lederfarben, Stühle und Büffet ſchwer in Eichenholz geſchnitzt, ebenſo der Kronleuchter und zwei Girandolen, welche in den Ecken ſtanden. Meiſter Amadäus unterließ es bei ſolchen Veranlaſſungen Ein Schloß im walde.. nicht, das reiche Silberzeug des gräflichen Hauſes wenn auch ohne Prätenſton zur Schau zu ſtellen, nichts Ueberflüſſiges, aber Alles, was nur einen Schein von Nothwendigkeit hatte. Und ſo war der Tiſch bedeckt mit mattem und glänzendem Silber, mit hellem funkelndem Kryſtall und dem feinſten weißeſten Damaſt⸗ zeug. Im Kamin loderte eine leichte Flamme, mehr zum Staat als zur Nothwendigkeit. Mit dem Schlag ſechs hob der Kammerdiener am Büfe den Deckel von der Suppenterrine und das Diner nahm ſeinen Gang, mit einer Ruhe und Präciſtont, die außerordentlich wohl⸗ thuend war. Jäger und Lakaien giengen beim Serviren mit un⸗ hörbaren Schritten durch das Gemach, Teller und Platten wur⸗ den gewechſelt, ohne die Idee eines Geräuſches, und Alles das dirigirte der alte Kammerdiener mit raſtloſem Auge, hier durch einen Blick das Tempo beſchleunigend, dort durch eine zurückhal⸗ tende Handbewegung den zu eiligen Lauf eines noch jugendlichen eifrigen Lakaien mäßigend. Er pflegte zu ſagen: in einem guten Hauſe ſind die Bedienungen auf den Zimmern, das Kaffeefrüh⸗ ſtück, das Dejeuner die Proben, wo ſchon ein kleines Unglück vorfallen kann,(unter Unglück aber verſtand er das Räuſpern eines Lakaien, das harte hörbare Niederſetzen eines Glaſes), das Diner aber iſt die Ausführung, und ob ein Haus gut geführt iſt, ob Hausmeiſter und Lakaien verdienen, daß ſie überhaupt in der Welt ſind, zeigt ſich bei der Ausführung eines Diners, bei dem richtigen Takt, der hier herrſcht, bei dem ununterbrochenen Fort⸗ gang, bei dem richtigen Zuſammenſpiel.— Amadäus war aber auch nach einem gut gelungenen Diner, obgleich glücklich, immer ein wenig erſchöpft und pflegte alsdann in ſeinem Zimmer eine Stunde auszuruhen. Endlich wurden Stühle gerückt, die Geſellſchaft ſtand auf und gieng durch den langen Corridor zurück in das Wohnzimmer des Hausherrn, das unſtreitig eines der wohnlichſten und comfor⸗ 14— Neununddreißigſtes Kapitel. tabelſten war, die wir je geſehen. Es war ein Eckzimmer mit höhen Fenſtern, ſehr geräumig und reich beſetzt mit einer ganzen Muſterkarte von Seſſeln, Fauteuils und Ruheplätzen aller Art. In zwei Ecken befanden ſich Rauchtiſche mit kurzen und langen gewöhnlichen Pfeifen, ſchweren Meerſe chaumköpfen mit dem feinſten Lettinger angefüllt, und mit ſtarken und ſchwachen Cigarren für das Bedürfniß jedes Rauchers. Neben dieſen Tiſchen in den Fenſterniſchen befanden ſich Jagdpyramiden, mit den koſtbarſten Zwillingen garnirt, mit Piſtolen, Kavallerieſäbeln, Dolchen, Jagdhörnern und vielerlei anderen Gegenſtänden. In der Mitte des Zimmers war ein großer runder Ruhebank mit einer gepolſterten Säule zum An⸗ lehnen, auf welcher eine koſtbare Vaſe ſtand, die vom Gärtner jeden Tag mit einer neu aufgeblühten, ſeltenen Blume verziert wurde. An den Wänden ſah man in Rahmen von dunklem Holze eine Auswahl alter koſtbarer Kupferſtiche, eine der ſchönſten Sammlungen dieſer Art, die es gab, das Auge eines Kenners konnte ſich hier ſtundenlang beluſtigen. Nachdem unter Vortritt des Tafeldeckers der Kaffee ſervirt worden war,— bei dieſem unbedeutenderen Geſchäfte pflegte Amadäus nicht zu erſcheinen— ſuchte jeder der anweſenden Herrn einen bequemen Platz zum behaglichen Ausruhen; die Cigarren wurden angezündet und nach wenigen Augenblicken war eine ziemliche Converſation im Gange. „Was werden wir heute geſchoſſen haben?“ fragte Herr von C., ein junger Reiterofftzier.„Es hat bei jedem Trieb auf der ganzen Linie bedeutend geknallt.“ „Ich ſchätze,“ ſagte Graf Alfons,„an die zweihundert⸗ ſechszig Haſen, vierzehn Stück Rehe und dann einen capitalen Hirſch.“ „Du haſt immer ein unerhörtes Glück!“ ſagte ein Herr —ÿ——————— 3 ——————— — * 4 ſeine Zeit abgelaufen war.“ es eine Luſt war.“ Ein Schloß im Walde. von M⸗ ein Gutsbeſitzer aus der Nachbarſchaft,„wie oft bin ich ſchon einem Hirſche nachgegangen, wie vielmal hätte ich einen 1 ſchießen ſollen und müſſen bei der Parforcetagd, beim Treiben, N der Pürſche und nie iſt mir einer ſchußgerecht angelaufen. Heute— wir ſtanden gar nicht weit von einander, Alfons und ich,— oben im Gebirg an dem wilden See, und wenn der Hirſch das Waſſer ſtatt links rechts umkreiste, ſo kam er mir vollkommen ſchußgerecht.“ 1 „Das iſt Jägerglück,“ ſagte ein anderer der jungen Herrn. „Oder Jägerunglück!“ lachte Herr von M. „Dieſer ſtarke Zwölfer— es iſt doch ein Hirſch, wie wir lange keinen geſehen,— wurde von den Jägern ſchon ſeit mehreren Jahren beſtätigt, wir kannten ſeine Wechſel wie unſere Taſche und wir bekamen ihn doch nie zu Schuß.“ „Wir?u lachte der junge Offizier,„ja wir, du und deine Jagdgeſellſchaft, aber deine Jäger werden ihm oft das Compliment gemacht haben und gedacht, der trägt uns noch ein gutes Trink⸗ geld ein.“. „Wohl möglich,“ entgegnete der Graf,„aber wie oft war ich draußen mit meinem beſten JägerJurſchen, gleich nach Mitter⸗ nacht und wartete hinter dem ſolideſten Schirm, hörte ihn auch mazjeſtätiſch röhren, daß es weit in den Bergen wiederhallte, harrte Stunde um Stunde, bis die Sonne aufſtieg, aber es kam kein Hirſch.“ „Meiſter Amadäus würde ſagen,“ meinte von M., nes ſtecke irgend ein Zauber dahinter, vielleicht der Geiſt eines Wilddiebes, der nicht eher zur Ruhe und zum Schuß kommen konnte, bis „Im Allgemeinen,“ ließ ſich ein älterer Offizier hören, „wurde gut geſchoſſen, das Meiſte ſtürzte im Feuer zuſammen, daß 416 Neununddreißigſtes Kapitel. „Ja, ja, das Meiſte!“ lachte von C., und ſah einen angehen⸗ den Dipkomaten und Jäger bedeutſam an, der ſich eifrig mit einer Cigarre zu beſchäftigen ſchien. 5—„Es'iſt ſchade,” ſagte Herr von M. lachend,„daß der Ge⸗ brauch des Jagdmeſſers für Solche,„„ſo ſich auf der Jagd unrein perhielten,““ in deinem Revier nicht mehr in Anwendung gebracht wird, was meinen Sie, Baron C. 2“ Der junge Diplomat, alſo angeredet, ſagte mit viel Selbſt⸗ bewußtſein:„ich meines Theils wäre unbedingt für Anwendung des Jagdmeſſers;“ eine Antwort, über welche die Andern laut lachten. „Was iſt da zu lachen?“ fuhr der junge Diplomat fort, wich bin mir wahrhaftig keines Jagdvergehens bewußt.“ „Teufel auch!“ ſagte der ältere Offizier,„Sie haben ein paarmal in die Linie hineingeſchoſſen, daß die Schrotkörner nicht zehen Schritte von mir in einen Eichbaum hineinfuhren.“ „Ja, ja!“ lachten Alle,„und die unglückliche Gais die haben Sie auch auf dem Gewiſſen.“ „Ich bitte recht ſehr, meine Herrn, die Sache iſt ein großer Irrthum; wer die Gais geſchoſſen hat, dem hoffe ich wird das Gewiſſen bedeutend ſchlagen, meines iſt ruhig.“ „Ruhig und weit,“ lachte der Cavallerieoffizier„ein Diplo⸗ matengewiſſen.“ „Geſtehen Sie nur,“ nahm Herr von M. das Wort,„daß Sie im zweiten Trieb auf zwei bis drei Rehe ihr Gewehr ab⸗ ſchoſſen. Freilich giengen ſie hinter uns durch, doch eins, das Sie getroffen, fand man im nächſten Trieb, es war— die bewußte unglückliche Rehgais.“ „Ich habe allerdings auf Rehe geſchoſſen,“ ſagte gleich⸗ müthig der Diplomat, naber das Stück, worauf ich hielt, war unfehlbar ein Bock. Ich ſah deutlich beide Hörner.“— Ein Schioß im Walde. 17 „Hörner!“ riefen Einige ganz entſeht; horriblel B Andern,„hat man je ſo was gehört?“. „Sah alſo das,“ fuhr der junge Diplomat gleichmüthig lachend fort,„was man in der gewöhnlichen Sprache Hörner nennt und was auf jeden Fall ein Bock ſein mußte. Dem ſchoß ich eins hinauf und er—„8 „Verwandelte ſich in eine Gais!“ lachte Herr von C., worauf Alles einſtimmte, ſelbſt der Jagdherr lächelte. „Ich wende mich an Sie,“ ſagte der unerſchütterliche Diplo⸗ mat zum Grafen Alfons,„als die höchſte Behörde hier. Spre⸗ chen Sie Recht in meiner Angelegenheit.“ „ „Laſſen wir das ruhen; behandeln wir es wie ein geheimes Geſchäft, das unter uns bleibt.“ „Nein, nein, durchaus nicht! Gerechtigkeit vor Allem!“ „Und Oeffentlichkeit und Mündlichkeit!“ ſagte lachend der ältere Offizier. „Schreckliche Grundſätze!“ bemerkte der Diplomat;„Oef⸗ fentlichkeit und Mündlichkeit!— Aber hier kann es mir ſchon recht ſein, damit die Beweiſe meiner Unſchuld deſto glänzender für mich ſind.“ Bei dieſen Worten lehnte ſich der junge Herr in ſeinen Lehnſtuhl zurück, ſchloß die Augen und machte ſchmunzelnd ein ſpitzes Maul, als ſei er überzeugt, etwas ungeheuer Ange⸗ nehmes über ſeine Leiſtung als Jäger zu vernehmen. Dieſe Miene des Angeklagten war ſo mit Unſchuld getränkt, daß eine einigermaßen befangene Jury zweifelhaft geworden wäre. Doch lag das Verbrechen zu klar am Tage, der galante Wirth aber mußte mehrere Mal aufgefordert werden, ehe er ſich herbeiließ, ſeine Entſcheidung abzugeben, und es erforderte mehrere:„nun, Alfons! ſprechen Sie Recht!— Sei ein ächter Freigraf!“ ehe er ſich entſchloß, ſein Stillſchweigen zu brechen und alſo ſagte: „Meine Herrn! Da Sie mich zu Richter, quasi in meiner Hackländer, Namenl. Geſchichten. III. 2 Neununddreißigſtes Kapitel. eigenen Sache ernennen, ſo muß ich mich bemühen, glaubwür⸗ dige Zeugen aufzuſtellen, die ich im vorliegenden Falle vernom⸗ men und deren Ausſpruch ich ohne ein Reſumé meinerſeits wieder gebe. Mein Förſter Steinbach und ſein Jagdgehülfe, der alte Joſeph', geben an(dieſe Beiden hatten im bewußten Trieb den nächſten Stand bei unſerm jungen Freunde), es ſeien Rehe an⸗ getrieben worden, fünf Stück: zwei Böcke, drei Gaiſen, der erſte ſchwache Bock voraus, der zweite, ein ſtarker Bock, hin⸗ tendrein.“ Bei Erwähnung von Böcken ſchob der junge Diplomat ſelbſtgefällig lächelnd ſeine Augen ein wenig in die Höhe und blinzelte im Kreiſe umher. „Von dieſen beiden Böcken nun habe der vordere kleine der angeſchoſſen geweſen, ſtark geſchweißt, weßhalb ihn Joſeph zuſammenſchoß.— Wohlgemerkt, meine Herrn, das Rudel mit dem ſchweißenden Bock kam nicht von dem Stande unſeres jungen Freundes, ſondern kam erſt auf denſelben zu.— Den zweiten, ſehr ſtarken Bock aber, da iſt nichts dagegen zu ſagen, ſchoß— der Förſter Steinbach, er ſtürzte im Feuer zuſammen, und was blieb da übrig? Nichts, als“— „Drei Gaiſen!“ jubelten Alle mit Ausnahme des Ange⸗ klagten. Dieſer erwachte aus ſeinen ſüßen Träumen und ſagte „dagegen muß ich feierlich proteſtiren, es iſt das eigentlich gar kein Beweis; der Förſter und der Jagdgehülfe können ihre Vöcke gefehlt haben; ich ſchoß dem einen nach.“ „Aber verzeihen Sie, edler Mann, die benannten beiden Böcke wurden von den Treibern vor den benannten Ständen betroffen.“ —„Drei Gaiſen—“ ſagte feierlich Graf Alfons,„und ferner will der Förſter, ſowie der Jagdgehülfe einen feierlichen Eid darauf ablegen, daß unſer theurer Freund und Gönner Ein Schloß im Walde. 19 unbarmherzig in beſagte drei Gaiſen hinein ſchoß; eine davon fiel als unglückliches Schlachtopfer.“ Allgemeines Gelächter.— Der junge Diplomat t licete ironiſch. „Alſo,“ ſagte der alte Offizier,„unterliegt es keinem Zweifel, daß ſich der Angeklagte auf der Jagd unrein verhalten, und ihm gebührt das Jagdmeſſer. Was meinen Sie, Herr von M. 24 „Das Jagdmeſſer!“— „Und Sie, Lieutenant C. 24 „Das Jagdmeſſer!“— „Und du?“ „Das Jagdmeſſer!“ „Und Sie, der geſtrenge Richter?“ „Nach des Geſetzes Kraft das Jagdmeſſer!— Und wenn ich Sie begnadige, ſo geſchieht's: Aus ſchuldiger Achtung gegen meinen Herrn und Kaiſer.“ „Nein, nein!“ riefen faſt alle Anweſenden lachend,„keine Begnadigung!“ „Nur den bußfertigen Sündern ſei verziehen!“ fügte Herr von M. hinzu, und der Jagdherr fuhr fort: „Ich gebe Eurem Drängen nach, edle Vaſallen, und erkenne dem Beklagten die ausgeſprochene Strafe zu.“ Allgemeine Bewegung. „Da aber die Ausführung beſagten Urtheils einer vergan⸗ genen Zeit angehörend, für unſere jetzigen Verhältniſſe unpaſſend erſcheinen möchte, Wir auch anbetrachtlich der großen Jugend des Verbrechers eine Milderung eintreten laſſen möchten, ſo verord⸗ nen Wir hiemit: daß demſelben die betreffende Stelle vom Jagd⸗ meſſer aus„Döbel's Jägerpraktika“ feierlich verleſen werde zur Warnung und Erinnerung für künftighin. So geſchehe es!“ *. 20 8 Neununddreißigſtes Kapitel. Alle erhoben ſich lärmend und lachend, Graf Alfons holte das bewußte Buch, man bildete einen Kreis, und der Jagdherr las, wie folgt: „Der Verurtheilte mußte, nachdem er ſein Seitengewehr abgegeben, ſich quer über den ſtärkſten der gefällten Hirſche legen, wobei an manchen Höfen die Cavaliers und Jäger ihre Waid⸗ meſſer ein wenig aus der Scheide zuckten, und der, welcher dieß vergaß, der gleichen Strafe verfiel. Dem Liegenden wurden die Rockſchöße zurückgeſchoben und der Oberjägermeiſter trat hinzu, oder der erſte Hofjäger, wenn der Verurtheilte kein Edelmann war. Sobald der Verwalter des Strafamtes das Meſſer zuckte, bließen die Jäger auf ihren Hüfthörnern. Bei dem erſten„Pfund“ ſprach der Schlagende mit„wohllautender Stimme“: Jo ho! das iſt für meinen gnädigſten Fürſten und Herrn; bei dem anderen: Jo ho! das iſt für Ritter, Reiter und Knecht; beim dritten: Jo ho! das iſt das edle Jägerrecht! worauf die Jägerei das Waldgeſchrei erhob und der Geſtrafte mit eingm Kratzfuß ſich zu bedanken hatte.“ Der junge Diplomat, der den Scherz verſtand, hörte nicht nur andächtig dieſer Vorleſung zu, ſondern erhob ſich auch am Schluſſe, gute Miene zum böſen Spiel machend, und bedankte ſich mit einem Kratzfuß für die gnädige Strafe. — 6 Vierzigſtes Kapitel. Meiſter Angpäus. Dieſer Vorfall hatte die Geſellſchaft ungemein heiter ge⸗ ſtimmt, und man beſchloß, die aufgeſtellten Spieltiſche nicht zu benützen, ſich vielmehr für den Abend einer allgemeinen Conver⸗ ſation hinzugeben. Cigarren und Pfeifen dampften mit erneuerter Kraft und Jeder machte es ſich auf einem der vielfachen Sitz⸗ gelegenheiten ſo bequem als möglich. „Alſo heute war der letzte Jagdtag,“ ſagte Herr von M., „wenigſtens für uns hier auf deinem gaſtfreundlichen Schloß und für dich in Deutſchland.“ „Ich könnte faſt ſagen: leider!“ entgegnete Graf Alfons, „und wenn ich meinem Freunde Alfred nicht das beſtimmte Ver⸗ ſprechen gegeben hätte, den Winter mit ihm in Italien zuzu⸗ bringen, ſo blieb' ich wahrhaftig lieber hier.“ „Pah!“ ſagte der ältere Offizier,„eine Reiſe nach Italien iſt was Schönes, und wenn man ſie auch nur zu Fuß macht, ein zweiter Spaziergänger nach Syrakus,— wenn auch die Jagd — Vierzigſtes Kapitel. was Schönes iſt, ſo gäb' ich ſie wahrhaftig gern für eine ſolche Tour hin.“. „Er hat ganz Recht!“ ſagte Herr von M.,„was wollteſt du auch den ganzen Winter in der Reſidenz machen? zum Gott weiß wie vielſten Male dieſelbe langweilige Vergnügungskarte abſpeiſen? Sechs Bälle bei Hof, vier ebenſolche Concerte, das war von jeher nicht ſehr amüſant; aber wie das Alles jetzt traurig und verdrießlich geworden iſt! Den Herrn machen be⸗ greiflicher Weiſe dergleichen Geſchichten nicht mehr das mindeſte Vergnügen, und uns Andern eben ſo wenig. Sind wir nicht mit allen Tänzern und Tänzerinnen aufgewachſen? Kennen wir uns nicht zur Uebergenüge? und was die neuen Elemente anbe⸗ langt, die in die Geſellſchaft gefloſſen, ſo waren ſie zu unbe⸗ deutend, um das ſtagnirende Waſſer friſch und lebendig zu erhalten.“ „Ja, ja!“ lachte Graf Alfons,„wir ſind recht alte Sumpf⸗ pflanzen geworden, aber wir waren doch einmal friſch bewegt, aber das kann man wahrhaftig von der jüngeren Generation nicht ſagen.“ Herr von C. räuſperte ſich. „Natürlich mit Ausnahmen, lieber C.! aber einige Schwal⸗ ben machen keinen Sommer. Auch wollen wir gerecht ſein und zugeben, daß die alte feſtgewurzelte Geſellſchaft die Hauptſchuld daran hat; damals waren wir alle noch muntere junge Leute, ebenſo die Damen, wir hatten das Uebergewicht, riſſen die Alten mit uns fort— aber jetzt haben die oder vielmehr wir uns in der Fluth feſtgewurzelt und verengen in ſtarrer Grandezza der jüngeren Generation das Fahrwaſſer, denn wenn die noch ſo fröhlich den Fluß hinabſchwimmt, ſo prallt ſte ſo häufig an die alten Stämme an, verletzt hier und verletzt da und ſich ſelbſt am allermeiſten, ſo daß ſie bald erlahmen und ſich anſtändig ſteif im engen Kreiſe drehen muß. — uns in ezza der noch ſo an die h ſelbſt ſtändig » Meiſter Amadäus. 23 „Ja, ja!“ ſeufzte der Lieutenant,„'s iſt eine wahre und betrübte Geſchichte.“ 1“ „Dieſe Amuſements,“ fuhr der Graf fort, vobgleich ſte ſchon lange gekränkelt, erſtarben damals faſt mit Einem Schlage gänzlich; es war bei dem unglücklichen, ſchrecklichen Tode Ihrer Tante, der Frau von C. Sie werden ſich deſſen kaum mehr erinnern, denn Sie waren damals noch zu jung, um die Geſell⸗ ſchaft zu beſuchen. Damals verließ auch eine Hauptfeder aller Unterhaltung, unſer lieber Freund, Baron Karl, Reſidenz und Land, und iſt bis jetzt immer nur für Augenblicke zu uns zurück⸗ gekehrt.“ „Er iſt im Augenblicke in Italien,“ ſagte Herr von M. „Am Comerſee,“ warf der junge Diplomat dazwiſchen, „geht aber, wie man mir ſchreibt, den Winter nach Rom und Neapel.. „Ich werde ihn alſo da ſehen,“ fuhr der Graf fort,„und freue mich recht darauf.“ „Die Klagen, die Sie eben ausſtoßen, liebſter Graf,“ nahm der Diplomat das Wort,„vernimmt man in allen Schich⸗ ten der Geſellſchaft, und wenn ſte gerecht ſind, ſo iſt es für uns Nachgeborene ſehr entmuthigend und unangenehm. Aber,“ ſetzte er ironiſch lächelnd hinzu,„die Herrn von damals übertreiben Alle, denn Sie werden mir zugeſtehen, daß in der vergnüglichen, angenehmen Zeit, von der Sie ſprechen, die damaligen alten Herrn von ihrer längſt vergangenen Zeit mit demſelben Enthu⸗ ſtasmus ſprachen, wie Sie jetzt. Zum Beiſpiel meine alte Excel⸗ lenz, die ſchon ein rüſtiger Tänzer war, ehe die Aelteren unter uns noch geboren waren, rümpft die Naſe, wenn er von den Bällen ꝛc. der letzten zwanzig Jahre ſpricht, und denkt ſeuf⸗ zend ſeiner Geſellſchaft und ſagt: es gebe keine Jugend mehr und habe ſchon ſeit dreißig Jahren keine Jugend mehr gegeben. Neh⸗ men wir einen ähnlichen Fall: das Theater. Da lobt Jeder die 24 Vierzigſtes Kapitel. Zeit, in der er ſelbſt, ein lebensfriſcher, luſtiger junger Mann, daſſelbe zu beſuchen anfieng.“ „Gerade das Theater!“ entgegnete der ältere Offtzier, „ſpricht für unſere Behauptung. Du lieber Gott! was war das früher und was iſt es jetzt!“ „ Ja, das iſt wahr!“ ſagte der Graf, ſowie Herr von M. „Aber das gerade bleibt noch zu beweiſen,“ fuhr der Diplo⸗ mat fort;„nehmen Sie die Namen von damals und unſere jetzi⸗ gen Talente. Wo hörten Sie je in der Reſidenz eine Sängerin, wie unſere Prima Donna, die Graßmann⸗Degenhölzer⸗Kop⸗ pelfeld?“ „Einen ſolchen Namen freilich nicht!“ lachte der ältere Offizier,„aber einen andern Geſang, das ſchwöre ich Ihnen zu.“ „Eine Künſtlerin,“ fuhr der junge Diplomat fort, ohne die Einwendung zu beachten,„von der die ganze Welt ſpricht, von der Alles entzückt iſt.“ „Was Alles nichts bedeuten will,“ entgegnete Herr von M.; „wir waren damals ebenſo entzückt, wie Sie jetzt und wohl mit beſſerem Recht.“ „Und dann das Ballet!“ fuhr der junge unbeſtegbare Attaché fort,„auf eine Stufe der Vollkommenheit gebracht, glänzend ausgeſtattet, wie noch nie.“ „Das iſt geradezu zum Lachen,“ ſagte der ältere Offizier; „lieber Freund, hätten Sie vor zehn, acht Jahren Ballete bei uns geſehen! Nicht wahr, Graf Alfons? Dazumal, he!“ Der Graf lächelte geheimnißvoll und ſagte, den Kopf wie⸗ gend: nich darf darüber kein Urtheil abgeben, ich war damals zu ſehr Parthei; aber es war'ne ſchöne Zeit.“ „Hätten Sie in der Reſidenz,“ nahm Herr von M. hitzig das Wort,„hätten Sie auf dem jetzigen Theater nicht das, was ſich noch aus unſerer Zeit herſchreibt, den alten, würdigen E Meiſter Amadäus.. 25 lkann, Beznetti mit ſeiner gediegenen Schule und Mademoiſelle Pauline, ddie, obgleich ſchon an die Dreißig, immer noch ſehr brav, ſo wollte ich ſehen, wie es heute mit dem Ballet ausſähe! Aber t da weißt du noch, Alfons, damals Benetti in ſeiner Kraft, dann 3 die ſchöne Eliſe, Pauline in ihrer Blüthe, Dubelli nicht zu ver⸗ on M geſſen, und das junge, aber wie einexercirte Balletcorps, ja Freund, das war ſchon was Anderes, wie jetzt!“ jeti„Es mag ſein,“ ſagte der Diplomat,„daß die Genannten erin, fehlen, aber unter unſerem Nachwuchs ſind himmliſche Mädchen.“ Koy„Die aber nichts lernen,“ ſagte Herr von M., vals in die Offiziersplätze hinunter und in die Logen hinauf zu ſchielen. Keine Kunſt mehr, kein Takt, keine Grazie, kein Applomb. Ich mag kein Ballet mehr anſehen.“ „Und ich auch nicht,“ ſagte der ältere Offtzier. vrich„Aber wir!“ ſagte lächelnd der Diplomat.„Uns trüben den heutigen Genuß keine Erinnerungen von damals. Darin M liegt, glaube ich, der ganze Unterſchied, und ſo auch vielleicht * Ij bei den jetzigen Bällen und überhaupt bei allen den jetzigen Ver⸗ gnügungen.“. „ dan Da Niemand den Streit von vorhin wieder aufnehmen zu e gt. wollen ſchien, ſo ſtieß der Diplomat mit einem ungemein wich⸗ tigen Geſtcht die Aſche von ſeiner Cigarre und ſah ſich trium⸗ 4 phirend im Kreiſe um. bei Graf Alfons war in tiefes Nachdenken verſunken, Herr von M. hatte offenbar den Siegesjubel des jungen Diplomaten überhört und der ältere Offizier war zum Nebentiſche gegangen, um ſich eine Meerſchaumpfeife zu holen. — „Erinnerſt du dich noch,“ ſagte nach einer längeren Pauſe der Graf zu dem Herrn von M.,„denkſt du noch an das kleine Mädchen, das niedliche graziöſe Geſchöpf, welche— es mögen jetzt ſechs Jahre ſein, ſte mochte damals fünfzehn Jahre haben, * 3 Vierzigſtes Kapitel. — bei ihrem erſten Debüt ſo ungeheures Aufſehen machte,— die kleine Marie, der Liebling des alten Benetti und des Publikums?“ „Ob ich mich erinnere!“ entgegnete der Angeredete, vſie gieng bald darauf nach Paris und dann nach Italien. Dubelli begleitete ſie ja; ich habe noch bis vor wenigen Jahren von ihr gehört, ſie machte in Mailand, Rom, Neapel, kurz, wo ſie auftrat, ein unerhörtes Glück, dann ward es auf einmal ſtill von ihr.“ „Sie ſprechen von der Signora Marina?“ ſagte der junge Diplomat;„ſte nahm den Zunamen von ihrem Vornamen, da ſie, glaube ich, leider in dem Fall war, den Namen ihres Vaters nicht zu kennen.“ „Dieſelbe!“ ſagte Graf Alfons;„haben Sie von ihr gehört?“. „Noch mehr!“ ſagte wichtig der Attaché,„ich habe ſie ſogar vor zwei Jahren in Neapel geſehen und muß geſtehen, in San Carlo nie etwas Aehnliches erlebt zu haben. Sie tanzte die Giſele— ah! das war immenſe! Dieſe Grazie, dieſe Fertig⸗ keit!— und ihre himmliſche Schönheit! Als Landsmann ſuchte ich mich ihr natürlich zu nähern, ihre Päſſe befanden ſich in unſerm Hotel und ich nahm Gelegenheit, ſie ihr ſelbſt zu über⸗ bringen.“ „Das intereſſirt mich außerordentlich,“ ſagte der Graf und lehnte ſich horchend in ſeinen Fauteuil.„Sie waren alſo bei ihr?“ „Natürlich empfieng ſie mich,“ ſagte wichtig der junge Diplomat,„doch nur in meinem geſandtſchaftlichen Charakter, denn ſie lebte ſehr eingezogen, ſehr anſtändig.“. „Keine Liebſchaft? Wußte man nichts der Art von ihr 22 fragte der Graf. ſe Ferti g⸗ nann ſuchte en ſich in tzu über⸗ der Graf vaten g lſo der junge Charakt von ihr er, 2u Meiſter Amadäus. 27 „Hören Sie nur,“ antwortete der Attachs,„ſie wohnt auf der Chiaja, elegant, reich, hat Equipage, und Dubelli, der damals mit ihr tanzte, ſtellte ihren Haushofmeiſter und ihre Ehrendame vor. Daß ſte außerordentlich bezahlt war, können Sie ſich denken, denn in San Carlo koſteten bei ihren erſten ſechs Auftreten die Plätze das Vierfache des gewöhnlichen Preiſes und Alles war überfüllt.— Von Liaiſons, die ſie hatte, erfuhr man nur— und Sie können ſich denken, daß ich mir Mühe gab, etwas zu erfahren,— daß ein junger Franzoſe, ein Graf tel et tel, ſie nicht nur außerordentlich häufig beſuchte, ſondern auch mit ihr ausfuhr, mit ihr ritt, kurz der augenſcheinlich Be⸗ günſtigte war. Seinen Namen habe ich vergeſſen, doch kam er, als ich der Künſtlerin meinen Beſuch machte, legte unaufgefordert Hut und Stock ab, holte ſich einen Fauteuil an's Kamin und wurde mir ohne die mindeſte Verlegenheit, ohne etwas Außer⸗ gewöhnliches als— le Comte ſo und ſo vorgeſtellt.“ „Und hatte ſie etwas vom Leben gelernt?“ fragte Herr von M.,„wußte ſie ſich zu benehmen?“ „Ich verſichere Sie,“ antwortete würdevoll der junge Diplo⸗ mat,„ſte war ganz die Dame von gutem Ton, von Welt: ele⸗ gant, freundlich, redſelig. Ich verplauderte mit ihr eine ange⸗ nehme halbe Stunde und als ich aufſtand und mich empfahl, becomplimentirte mich il Comte zur Thüre hinaus, ganz der Herr vom Hauſe. Draußen Alles ſehr anſtändig, Bediente in Livrée, ruhig und einfach, das Ganze gab mir Stoff zum Nachdenken; ich forſchte hie und da; man wußte nur Gutes, und wenn ich von jenem jungen Manne ſprach, ſo hieß es, wie wenn ſich das von ſelbſt verſtehe: ah! il Comte! Er war auch mit ihr von Florenz gekommen. Ich machte mich ſpäter noch an eine Dame, in deren Haus ſie öfters kam, und brachte das Geſpräch auf den franzöſiſchen Grafen— wenn mir nur der verfluchte Name ein⸗ fallen wollte! ein gutes Haus, ſehr reich, haben bedeutende 8 ——————— 28 Vierzigſtes Kapitel. Güter in der Normandie— alſo die Dame, die ich um jenes Verhältniß befragte, ſagte mir von einer heimlichen Ehe und ſetzte hinzu: il Comte läugnet das auch nicht, aber er gibt es auch gerade nicht zu.“ „Dieſe Auskunft iſt mir ſehr lieb,“ ſagte der Graf nach einer Pauſe,„denn ich war überzeugt, daß das Mädchen eine glänzende Zukunft habe. Man hat nie erfahren, wer ihr Vater war, aber in ihren Adern fließt ein gutes Blut, deß' bin ich gewiß. Nie ſah ich kleinere Füße, nie eine ariſtokratiſchere Hand. Der alte Benetti lehrte ſte neben dem Tanzen franzöſiſch und ita⸗ lieniſch, und nach ein paar Jahren ſprach ſte Beides mit einer Fertigkeit und dazu mit einem Accent, der ganz erſtaunlich war. — Und hörten ſie ſpäter noch von ihr?“ „Leider nicht viel,“ entgegnete der Diplomat,„ſte gieng nach Genua, man war geſpannt auf ihr dortiges Auftreten. Doch hieß es plötzlich, ſie habe bei der Meerfahrt ein Unglück gehabt, ſich einen Fuß verletzt oder ſo etwas. Es war das jene Fahrt, von der Sie gewiß gehört haben; ich glaube, das Dampf⸗ boot Ferdinando Primo, auf dem in der Nacht während der Fahrt von Livorno nach Genua plötzlich Feuer ausbrach. Man ſteuerte nach der Küſte zu und der Capitän, welcher das große Boot herabließ, ſchlug vor, vor allen Dingen die Damen zu retten. Es war obendrein eine ziemlich hohe See und die un⸗ glücklichen Weiber in den troſtloſeſten Coſtümen ließen ſich auch von Bord bringen, bis auf die Marina, welche ihren Grafen mit dem Arm umſchlang und beſtimmt erklärte, ſie verlaſſe ihren Gemahl nicht. Die andern Männer mögen darüber ſaure Ge⸗ ſichter gemacht haben, enfin die Damen im Boot wurden über dieß Wort ſtutzig, und eine nach der andern kamen, ſo ſchnell ſte konnten, an Bord und zu ihrer Pflicht zurück. Das Feuer wurde glücklich gelöſcht durch naſſe Matratzen, mit welchen man es erſtickte.— Seit jenem Vorfall aber erfuhr ich nichts mehr —; — Meiſter Amadäus. von ihr. Ich gieng auch bald darauf nach Petersburg und hatte ſeit der Zeit wenig Verbindung mit Italien.“ „Ich werde mich auf alle Fälle nach ihr umſehen,“ ſagte der Graf,„und es ſollte mich außerordentlich freuen ihre Spur zu finden. Das Mädchen hat, wie Ihr Alle wißt, ſeit Ihrer Ge⸗ burt die merkwürdigſten Schickſale gehabt. Die Erſten, die ſich ihrer annahmen, war eine arme Waſchfrau und eine achtzig⸗ jährige Büglerin, eine höchſt merkwürdige Perſon. Sie arbeitete angeſtrengt bis wenige Tage vor ihrem Tode; als man darauf ihre Habſeligkeiten inveſtirte, fand ſich bei den alten Möbeln an baarem Gelde, Schuldverſchreibungen und dergleichen die Summe von viertauſend Gulden, welche einem Teſtament zur Folge zur Hälfte den Kindern jener Waſchfrau und der kleinen Marie vermacht waren. Ich habe dieſe Detgils von Dubelli, der mich damals öfters beſuchte. Dieſe alte Büglerin beſaß auch, ſo hieß es, wichtige Papiere, welche über die Herkunft der kleinen Tänzerin einigen Aufſchluß geben ſollten, doch traf man trotz dem ſorgfältigſten Suchen nicht eine Spur davon, ſie mußten verloren gegangen ſein.“ „Ich erinnere mich ganz genau,“ ſagte Herr v. M., „du ſetzteſt damals eine Belohnung von hundert Gulden aus, wer die Papiere herbeiſchaffe, und es meldete ſich, glaube ich, Niemand.“ „O ja,“ ſagte lachend der Graf, nes meldete ſich kurze Zeit nach meiner Aufforderung eine einigermaßen übel berüch⸗ tiigte Perſon eine ſichere Madame Müller, welche mir unter dem Siegel der Verſchwiegenheit anvertraute, jene Papiere müßten ſich in der Hinterlaſſenſchaft eines damals ſehr bekannt geworde⸗ nen Stadtſoldaten und Kirchenmeßners, Namens Steinmann, befinden, oder in den Händen eines Spießgeſellen deſſelben. Der Meßner aber hatte ſich an ſeinem eigenen Glockenſeil auf⸗ 30 Vierzigſtes Kapitel. gehängt, und von dem Spießgeſellen, einem entſetzlichen Sub⸗ jekte unter dem Namen, der„Gevatter“ bekannt, erfuhr man nie mehr etwas, ſelbſt nicht die Gerichte, trotz der ſorgfältigſten Steckbriefe.“ „Und dieſe Madame Müller?“ forſchte der älterere Offizier. „Nun, dieſe Madame Müller,“ lachte der Graf,„war eben die Madame Müller und wußte nichts weiter.— Das war damals eine Zeit der ſeltſamſten Räthſel und Verwicklun⸗ gen. Man könnte einen Roman darüber ſchreiben. Ihr werdet euch Alle des eigenthümlichen Falles erinnern, der ſich damals hier in der Nähe mit dem Jäger des Baron Karl begab, der aus dem See gezogen wurde, in den er, angeblich um ein armes Mädchen zu retten, htatin fallen war.“ „Dieſe Geſchichte ſpielt am wilden See, wie ich glaube,“ ſagte Herr von M. „Wo wir heute gejagt?“ fragte der Diplomat. „Ja wohl!“ lachte der ältere Offtzier,„wo Sie die un⸗ glückliche Gais geſchoſſen.“ „Es war am wilden See,“ fuhr Graf Alfons fort,„und die Sache blieb deßhalb räthſelhaft, weil das Mädchen ſchon den Tag vorher Metthauſen verlaſſen hatte, und der Jäger ihr erſt den Tag nachher folgte, bei welcher Gelegenheit er in's Waſſer fiel oder ſprang. Dieſer Mann, ein außerordentlich treuer Diener, litt ſeit langem an einer Gemüthsverſtimmung, weß⸗ halb die Annahme, er habe ſeinem Leben freiwillig ein Ende machen wollen, wohl die richtige iſt. Im andern Fall hätte ja das Mädchen ſich vierundzwanzig Stunden lang an den Ufern des wilden See's bedacht, ehe ſie hineingeſprungen wäre, im Falle er nämlich nachſprang, in der Abſicht, ſie zu retten.“ „Alſo iſt es wahr, was man damals ſagte, daß ein Mäd⸗ chen wirklich in den See geſprungen?“— —f 35⸗ ad — Meiſter Amadäus. 31 „Man glaubte es annehmen zu können,“ antwortete der Graf, nes lag oder liegt immer noch etwas Geheimnißvolles um dieſe Geſchichte. Den Beſchreibungen nach die ir der Schultheiß von Melthauſen gemacht, ſollte ArsMadchen gekannt haben. ¹ „Oh!— eine/ unglücklicheLeibr!⸗ „Gewiß nicht, was mich anbelangt!“ lachte der Graf, nich gab mir alle Mühe, den Schleier zu lüften, der über dem Vor⸗ fall ruhte, aber vergebens, und was meinen eifrigſten Nach⸗ forſchungen nicht gelang, das hätte ich damals mit leichter Mühe erreicht, wenn ich jene Nachforſchungen gleich begonnen und zufällig hier im Schloſſe anweſend geweſen wäre. Doch fiel in jene Zeit die Hochzeit des Baron Karl, das Begräbniß der armen Adelaide— Ihrer Tante, Herr von C.— ich reiste alsdann nach Lüttich zu einem guten Freunde, und erſt als ich zurückkam, begann mich dieſe Geſchichte ſehr zu inte⸗ reſſtren, und was ich erfuhr, blieb immer räthſelhaft genug. Hier auf dem Schloſſe nämlich— doch ich höre ſo eben Meiſter Amadäus mit dem Thee und wenn der alte Herr bei guter Laune iſt, und Ihr ihn ernſtlich erſucht, ſo erzählt er Euch vielleicht ſelbſt, was zuſammenhangend mit jener Geſchichte ſich hier im Schloße begab.— Doch muß ich Euch um eins bitten: lacht um Gotteswillen nicht oder macht kein ungläubiges Ge⸗ ſicht, wenn Euch Amadäus vielleicht eine etwas befremdende Einleitung gibt. Es iſt ein Geiſterſeher, aber von der origi⸗ nellſten und luſtigſten Art, und ſeine Viſtonen haben weder für ihn ſelbſt, noch für den, dem er ſte erzählt, etwas Grauen⸗ haftes.“ Der ältere Offizier, der Herr von M., ſowie einige andere der älteren Gäſte Pückten mit dem Kopfe, den jüngeren entfuhr Vierzigſtes Kapitel. ein Ausruf des Erſtaunens, aber über die Züge des Diplomaten flog ein leichtes ſpöttiſches Lächeln. „Der alte Mann,“ fuhr der Graf fort,„war in den Kriegsjahren mit meinem Vater, machte in deſſen Regiment alle die damaligen Schlachten mit, gieng mit der Armee nach Rußland und erhielt an der Bereſina einen tüchtigen Säbelhieb und ſchleppte ſich trotzdem, ſehr langſam freilich, aber glücklich nach Deutſchland zurück. Ich exinnere mich noch recht gut, wie er eines Abends ſpät hier auf dem Schloſſe ankam, mit zerriſſe⸗ nen Schuhen, in einem Weiberrock, den Oberkörper in einen alten ſeidenen Damenmantel gewickelt, deren Kapuze er über den Kopf gezogen hatte, und dieſer Kopf ſelbſt— er war ſchreck⸗ lich anzuſehen. Die zuſammengetrocknete Haut lag auf den Knochen, die eingeſunkenen Augen brannten in fieberhafter Gluth und ſein Bart hieng faſt bis zum Gürteleherab. Ich der Aelteſte ſelbſt konnte dieſen Anblick nicht vergeſſen und für die jüngeren Kinder war er ein wahrer Popanz geworden, denn man brauchte nur zu ſagen: Amadäus kommt mit ſeinem Bart, ſo waren ſte mäuschenſtill. Von da an blieb er nach ſeinem Wunſché hier auf dem Schloſſe, das damals noch mit dichtem Wald umgeben war, oft Jahrelang mit ein paar Jagdgehülfen allein, was wohl im Verein mit ſeinem vergangenen Soldatenleben ſowie mit dem Säbelhieb daran Schuld iſt, daß er ſich ſeine Einſamkeit mit den ſeltſamſten Geſtalten und Bildern bevölkert. Er ſteht nämlich, wie geſagt Geiſter, das heißt Perſonen, die, wie er behauptet, vor langer Zeit gelebt. Doch kommen und gehen dieſelben nicht, wie man ſich gewöhnlich Geſpenſter vor⸗ ſtellt, mit unheimlichen verzerrten Geſichtern, in langen ſchlep⸗ penden Gewändern, ſondern geſund und friſch, luſtig oder traurig, wie ſie im Leben geweſen, treiben ihr Geſchäft, ſprechen zuſam⸗ men, kurz, es iſt ihm, als ſei er auf einmal in eine vergangene Zeit verſetzt und wandle er ſelbſt als Geſpenſt darin herum.“ 2 aten Meiſter Amadäus. „* „Seltſam! merkwürdig!“ ſagten einige der Gäſte. „Und er ſieht dieſe Geiſter beſtändig?“ forſchte der Diplo⸗ mat, noch immer ungläubig lächelnd. „Wenn er will, ja. Es liegt nämlich für ihn zwiſchen jenen Geſtalten und ſeinem inneren Auge ein leichter Nebel, den er aber mit ſeinem Blicke durchbrechen kann, wenn er will. Andere Perſonen, die er im Leben genau gekannt, behauptet er dagegen, an verſchiedenen Stellen beſtändig zu ſehen.“ „Da ſollte man ja den Meiſter Amadäus,“ lachte der junge Diplomat,„bei irgend einer Kunſtſchule oder beim Theaker anſtellen, da er ja den jungen Malern oder Schauſpielern die richtigſten Coſtüme angeben könnte.“— „Dieß könnte er auch,“ ſagte ernſthaft der Graf,„ich erinnere mich einer merkwürdigen Geſchichte mit ihm.— Ihr wißt Alle, daß hier in der Gegend zur Zeit des Bauernkrieges der arme Konrad arg gehaust, namentlich auch auf dieſem Schloſſe. Da war vor ein paar Jahren ein Maler hier, der nahm das alte Gebäude drüben und die Gegend auf, um aus jener Zeit eine Scene zu malen. Da er ein artiger gebildeter Menſch war, ſo lud ich ihn ein, ſein Bild hier zu vollenden, was er auch gerne that. Er hatte eine Menge Mappen bei ſich, darunter viele Coſtümzeichnungen aus alten Werken und nach Angaben ſeiner Freunde, die er zu dem Bilde zu benutzen pflegte. So komme ich eines Tages in ſein Zimmer hinüber und höre durch die angelehnte Thüre, daß er mit dem alten Jagdgehülfen Joſeph, der, nebenbei geſagt, wie auch die ganze übrige Dienerſchaft den Haushofmeiſter wie eine Art Prophe⸗ ten verehrt, laut ſpricht und lacht. Joſeph hatte einen Staub⸗ beſen in der Hand, ſchaute in die Skizzen und ſagte mit dem Kopfe ſchüttelnd: ſo haben die Leute damals nicht ausgeſchaut! — Woher wißt Ihr das? fragte der Maler. Da ſah ihn Joſeph Hackländer, Namenl, Geſchichten. III. 3 1 — 34 Vierzigſtes Kapitel. r groß an und ſagte: fragt den Meiſter Amadäus, der kann es Euch beſſer ſagen, wie Eure Bilder und Bücher. Joſeph fährt ab, wie ich eintrete, und der junge Maler fragt mich lachend, wie er jene Rede zu deuten habe. Ich erzählte ihm von den Eigenheiten des alten Hausmeiſters, und da ich ſelber auf eine ähnliche Probe geſpannt war, ſo erſuchte ich ihn, ſich, aber in allem Ernſte, an Amadäus zu wenden. Das that er auch und die Beiden wirthſchafteten eine Zeit lang ſehr vertraut zuſammen. Anfangs entſetzte ſich der Maler über das, was ihm der Alte ſagte, und der junge Menſch ſchwur hoch und theuer, ſo und nicht anders können Kleidung, Bewaffnung, ja Sitten und Gebräuche in der damaligen Zeit geweſen ſein. Das Bild wurde vortrefflich, machte Furore in allen Kunſt⸗ ausſtellungen; ich habe es ſpäter gekauft, es hängt in der Stadt in meinem blauen Salon.“ „Das iſt eine ganz unglaubliche Geſchichte,“ ſagte lachend der Diplomat.„Reſpekt vor der Phantaſte und der Erzählungs⸗ gabe des alten Herrn, aber ich glaube, er gefällt ſich darin, ſich auf ſolche Art eigenthümlich, ja wichtig zu machen.“ Der Herr von M. zuckte mit den Achſeln. Ihn verdroß das Lachen des Attache's und er ſagte:„wenn Sie glauben, daß ſich Amadäus ein Vergnügen oder eine Ehre daraus macht, Ihnen, mein Lieber, von ſeinen Viſtonen zu erzählen, ſo irren Sie gewaltig.“ „Das iſt wohl möglich,“ entgegnete der Diplomat etwas hochmüthig,„weil er wohl wiſſen wird, wo er ſeine Mährchen an den Mann bringen kann.“ „Herr von M. ſchien den Ausfall überhören zu wollen und fuhr fort:„der Alte iſt durchaus nicht zum Spaſſen aufgelegt. Wenn er freilich nur ſo vor Einen hinträte und von ſeinen Viſtonen ſpräche, ſo könnte man am Ende Ihrer Meinung ſein. der kann Joſeph ragt mich aählte ihm as that er hr vertraut was hoch und ffnung, ja veſen ſein en Kunſt⸗ t in der ate lachend tzihlungs⸗ ch darin, ſt en verdroß je glauben, aus macht , ſo irren omat ttwas Mährchen wollen und aufgelegt. von ſeinen inung ſein. — andern an den Tiſch rückt; er wird's Ihnen auch ſo machen.“ Meiſter Amadäus. 35 Aber betrachten Sie ihn in ſeinen ruhigen Geſchäften, mit wel⸗ cher Ehrerbietung er ſich plötzlich auf eine Seite hinwendet, wo wir nichts Außergewöhnliches ſehen, oder wie er auf einmal auf eine Thüre zugeht, und die Flügel derſelben, ſich tief verneigend, öffnet, ſo könnte man glauben—“ „Daß es in ſeinem Kopfe nicht richtig iſt ſagte der Diplomat. „Das köͤnnte man,“ fuhr Herr von M. fort,„wenn er ſich nicht in allen ſeinen Verrichtungen als den treuſten, um⸗ ſichtigſten und verſtändigſten Diener zeigte.“ „Aber Sie wollen mir doch nicht alles Ernſtes einzureden verſuchen, daß der Alte das wirklich ſieht, was er zu ſehen vorgibt?“ Herr von M. zuckte die Achſel: vich will überhaupt Nie⸗ mand etwas einreden,“ ſagte er,„aber daß Meiſter Amadäus einer der ſonderbarſten, ja intereſſanteſten Menſchen iſt, das haben tiefe Denker und große Phyſtologen einſtimmig anerkannt.“ „ Die Sache kann recht unterhaltend ſein,“ ſagte ſehr würde⸗ voll der Diplomat,„aber auf mich macht keinerlei Geiſterſeherei irgend einen Effekt.“ Herr von M. wollte etwas antworten, doch winkte ihm Graf Alfons mit den Augen und ſagte ruhige„und doch wette ich, mein lieber Baron, daß das Benehmen des alten Mannes auch auf Sie ſeinen Eindruck nicht verfehlen wird. Betrachten Sie ſich den alten Lehnſtuhl, auf welchem Sie ſitzen: das Schnitzwerk daran und das durchfreſſene Holz zeugen von ſeinem hohen Alter.— Ich ſetze mich nie auf den Stuhl— Sie ſehen mich fragend an?— weil Amadäus mir augenblicklich einen „Und weßhalb?“ fragte lächelnd der Diplomat, betrachtete aber den alten Lehnſtuhl etwas genauer. 3. 3* ₰4 36 6 Vierzigſtes Kapitel. „Das will ich Ihnen ſpäter ſagen,“ fuhr der Graf fort. „Es iſt jetzt eilf Uhr und Amadäus wird gleich erſcheinen, um uns den Thee zu ſerviren. Geben Sie genau auf ihn Achtung, lieber Baron, aber Ihr Andere thut mir den Gefallen und plau⸗ dert unbefangen miteinander.“ 8 Einundvierzigſtes Kapitel. Mag alene. ₰ Draußen auf dem alten Thurme ſchlug es eilf Uhr, und mit dem Schlage öffneten ſich langſam die Flügelthüren des Zimmers und Amadäus trat herein, ernſt und feierlich, wie immer. Sein vertrocknetes Geſicht mit den tiefen Falten, zeigte zuerſt keinerlei Bewegung, dann aber wandte er die ſcharfen, durchdringenden Augen auf den jungen Diplomaten, machte ihm eine tiefe Verbeugung und ſchritt vor den beiden Dienern her, die hinter ihm das Theeſervice, Brod, kaltes Fleiſch, Rum und dergleichen trugen, einem großen Tiſche zu, wo er Alles der Ordnung nach aufſtellte und dann dem Grafen meldete, daß der Thee ſervirt ſei. Sodann rückte er einen bequemen Fauteuil an den Tiſch und trat vor den jungen Diplomaten und ſagte ernſt und feierlich:„wollen der Herr Baron vielleicht die Gnade haben, dort in dem Fauteuil Platz zu nehmen?“ und als ihn der Sitzenbleibende fragend anſah, fuhr er fort:„die Zugluft könnte Ihnen ſchaden, ich möchte auch die Jalouſteen ſchließen laſſen.“ 4 ———— 38 Einundvierzigſtes Kapitel. Wie der junge Diplomat ſo ſeltſam lächelnd in das Geſicht des Haushofmeiſters ſah, glätteten ſich ſeine Züge plötzlich zum Ernſte, und er verſicherte ſpäter, der Blick des alten Mannes habe ihn ſonderbar ergriffen, weßhalb er auch aufſtand, um ſich an dem Seitentiſch, wie er ſagte, eine andere Cigarre zu holen. Amadäus machte eine zweite Verbeugung, goß den Thee in die Taſſen und ließ ihn herumreichen. Plötzlich ſagte der Graf, der bemerkte, wie der junge Diplomat im Geiſte des Widerſpruchs ſich abermals dem Lehnſtuhle näherte, und der ferner ſah, wie die Augen des alten Dieners beſorgt dieſer Be⸗ wegung folgten:„nicht wahr, Amadäus, du haſt es nicht gern, wenn ſich Jemand dort hin ſetzt?“ „Herr Graf!“ ſagte der alte Mann und ſah ihn bittend an. „Antworte mir, guter Amadäus, du brauchſt dich durchaus nicht zu geniren, wir ſind ja unter lauter guten Freunden. Ge⸗ ſtehe mir, daß du es nicht gern ſiehſt, wenn jener Stuhl be⸗ ſetzt iſt.“ Mittlerweile hatte der junge Diplomat kühn wieder ſeinen Platz eingenommen. „Nun Amadäus!“ „Es iſt ja nicht meinetwegen!“ ſagte der alte Mann im ernſteſten und zugleich bittendſten Tone,„aber es iſt der Stuhl des hochſeligen Herrn Großvaters.“ „Und wo iſt mein guter Großvater? du ſiehſt ihn, nicht wahr?“ ſagte freundlich der Graf.„Friſch mit der Sprache heraus, Amadäus!“ Der alte Mann blickte mit ſtarrem Blick nach der Fenſter⸗ ecke und dem Stuhle, und ſeine Augen ſchienen ſich durch den Vorhang bohren zu wollen, der am Fenſter herabhieng.„Der hochſelige Herr,“ ſagte er in ruhigem, aber beſtimmtem Tone, „ſteht dort hinter der Stuhllehne und ſtützt ſeinen rechten Arm Magdalene. 39 auf dieſelbe. Er ſieht mich fragend an und deutet mit der linken Hand auf den jungen Herrn, der ſeinen Platz einnimmt. Er möchte ſich ſelber gern ſetzen, der alte hochſelige Herr.“ Das Lächeln war bei dieſen Worten von den Wangen des jungen Diplomaten verſchwunden. Ja er war etwas Weniges blaß geworden, und er blickte, wie er glaubte, muthig hinter ſich an den Vorhang. Doch war in Wahrheit ſein Geſichtsausdruck etwas verzagt geworden. Auch ſuchte er nach einer Pauſe mit einer ſcherzhaften Wendung von dem unheimlichen Platze weg⸗ zukommen, indem er mühſam lächelnd ſagte:„fern ſei es von mir, einem Würdigeren den Platz zu verſperren.“ Damit trat er an den Tiſch und bat um eine Taſſe Thee. Keiner der Anweſenden lächelte, wie es wohl das Beneh⸗ men des jungen Herrn verdient hätte, vielmehr waren Alle er⸗ griffen von der Viſion des Meiſter Amadäus. Die beiden Lakaien entfernten ſich, und der Thee wurde ſchweigend getrunken. „Du erwähnteſt,“ wandte ſich nach einer Pauſe Herr von M. an den Grafen,„der damals räthſelhaften Geſchichte am wilden See und eines Vorfalls auf dem Schloße hier, der mit derſelben in Berührung ſtehen ſolle. Sei ſo gut und gib' uns etwas Näheres darüber zum Beſten.“ „Mit Vergnügen“, ſagte der gefällige Wirth,„was mir ſelber darüber mitgetheilt wurde, ſollt Ihr Alles erfahren. Doch halt! da fällt mir eben ein; wie wär' es denn, Amadäus“— da⸗ mit wandte er ſich an den alten Diener—„wenn du uns dieſe Geſchichte erzählteſt? Du warſt ja dabei, dich hat die Schöne beſonders intereſſirt, alter Herr, und du kannſt uns ſicher das Wahrſte und Genaueſte darüber mittheilen.“ Aller Augen wandten ſich nach dem Angeredeten, und über die Züge deſſelben glitt ein melancholiſches Lächeln.„Es iſt ja nichts Intereſſantes,“ antwortete er in einem Tone als wollte er — Einundvierzigſtes Kapitel. ſagen: erlaßt mir dieſe Erzählung!—„ein unbedeutender Vor⸗ 1 fall, etwas, von dem nicht viel zu ſagen iſt.“ „Alter Herr! alter Herr!“ lachte der Graf,„dir war der Vorfall nicht unintereſſant. Weißt du noch, wie du mir damals darüber ſchriebſt? Hätte ich nur den Bericht da, den wollte ich Euch vorleſen.“ „Der Schulmeiſter drunten im Dorfe hat ihn ja gemacht, den Bericht,“ ſagte bittend Amadäus.„Er, der Schulmeiſter nämlich, war freilich damals etwas überſpannt und aufgeregt. Nun, ich kann es ihm eigentlich nicht übel nehmen,“ ſetzte er murmelnd hinzu. „Nun ſo erzähle denn, Amadäus!“ bat der Graf und ſämmt⸗ liche Gäſte baten ebenfalls.“ Thun Sie uns den Gefallen, Ama⸗ däus, und laſſen die Geſchichte hören. „Aber Sie müſſen dabei ſitzen,“ ſagte der ältere Offtzier, und der Graf fügte hinzu:„das verſteht ſich von ſelbſt; dort iſt ein bequemer Fauteuil für dich, Amadäus,“—„und hier eine Taſſe Thee,“ fügte Herr von M. hinzu,—„mit Rum nicht wahr, alter Herr?“ Der Haushofmeiſter dankte nach allen Seiten aufs Ver⸗ bindlichſte, ſetzte ſich alsdann nieder und erzählte: „Es können jetzt zehn Jahre ſein,— es war um dieſelbe Zeit wie jetzt, gegen Ende Oktober,— da machte ich Nach⸗ mittags— es war von der Herrſchaft Niemand auf dem Schloſſe — meinen gewöhnlichen Spaziergang nach dem wilden See. Ich liebe ihn ſehr den wilden See, man ſieht da, namentlich im Mondſchein, ſo allerlei wunderſchöne und ſeltſamen Geſchichten. Man hört dort am Tage auf der Höhe des Berges den tiefen hallenden Ton der Hüfthörner, das laute Taujaut! Taujaut! das Gebell der Rüden, das luſtige Treiben der Jagd; und dann war da oben ein kleines ſchgttiges Plätzchen, wo ich verſteckt das ganze Magdalene. 41 Getreibe mit anſehen konnte, den flüchtigen Hirſch und welchen Hirſch!— Achtzehn⸗ und Vierundzwanzig⸗Ender, dahinter die Meute, begierig und klaffend, die Jäger zu Pferde, pfeilſchnell hinter dem edlen Thiere an das Ufer des See's. Dort ſchwimmt er Kopf und Geweih hoch, lange Furchen nach ſich ziehend, die Fanfare ertönt, il bat l'eau, ja, ja er wird ihnen kommen. Raſch verſammeln ſich die Jäger und von den Reitern haben bei dem Aufenthalt auch die Letzten Zeit nachzukommen. Schöne Frauen auf flüchtigen Pferden, Jägerburſchen zu Fuß, Alles kommt her⸗ bei, Alles. Jetzt ſtürzt die Meute ins Waſſer, die Jäger theilen ſich, umjagen den See rechts und links und weiter geht es fort, die Thalſchlucht hinab, immer weiter, das Getöſe wird leiſer und leiſer und verſchwimmt endlich in dem Rauſchen der dürren Blätter bis zum Hallali, das nach einiger Zeit lang und freudig ertönt, daß die Bergwände melancholiſch wiederhallen.— Wenn nun ſo Alles vorbei, ſo gieng ich ebenfalls die Schlucht hinter dem wilden See hinab bis zu dem Felſengrund, wo jetzt die Mühle ſteht. Hier hatten ſie im Bauernkriege ein wohlverſtecktes Hauptquartier. Ich hab' das dem Müller oft geſagt, aber es graust ihm davor und er wollt' es nicht glauben; ich aber ſah ſtie oft genug die wilden Geſellen, jubelnd und praſſend an den Feuern, lagernd auf Säcken von geraubtem Gut, und der arme Conrad lachte höhniſch herab auf den Gräuel und die Verwüſtung, wenn er hinter der dicken Müllerin zum Fenſter hinausblickte. Abſeits von der Mühle führte eine Schlucht, die das herab⸗ ſtürzende Waldwaſſer geriſſen, und dorthin gieng ich am liebſten. Denn es war ein ſtilles heimliches Plätzchen, einſam und öde, ich glaube nicht, daß in früheren Zeiten es je eines Menſchen Fuß betreten. Ich hatte wenigſtens bis damals nie Geſtalten da be⸗ merkt. Dahin gieng ich, und wollte mich, wie ich oft gethan, auf eine bemooste Felsplatte, die über dem Waſſer hieng, nieder⸗ laſſen. Doch wie ich hinkam bemerkte ich mit Erſtaunen, daß 42 Einundvierzigſtes Kapitel. die Felsplatte berelts beſetzt war. Auf derſelben lag ein Mäd⸗ chen, ziemlich ärmlich gekleidet, mit der Hand unterſtützte ſie ihren Kopf und ſchlief. Ich ſtand überraſcht und wußte für den Augenblick nicht, ob es ein lebendes Weſen oder ein Phantom ſei. Es konnte ein guter Engel ſein, der menſchliche Geſtalt und Kleidung angenommen, um irgend hier auf Erden eine gute That zu verüben. Die tiefe, ſüße Ruhe auf den Zügen ſprach dafür, ebenſo ihre Schönheit, wie ich nie etwas Aehn⸗ liches geſehen. Das Mädchen hatte langes, blondes Haar früher in dicken Flechten geordnet, jetzt aber aufgelöst und über Nacken, Schultern und Bruſt herabfallend. Schuhe und Strümpfe hatte ſte ausgezogen, und wie ich ſie länger betrachtete, die feinen weißen Füße auf dem grünen Mooſe, das milde liebe Geſicht mit dem goldblonden Haar, ſo glaubte ich ein Bild zu ſehen, ein Bild aus unſerem Schloſſe,— das der büßenden Magdalena. Aber es war kein Bild, es war ein lebendes Weſen, und wie ich näher trat, raſchelte das dürre Laub unter meinen Füßen. Sie ſchlug die Augen auf, ſetzte ſich in die Höhe und ſah mich überraſcht an, während ſie ihr Haar aus dem Geſichte ſtrich. So blickten wir uns eine Weile ſtumm an, dann fragte ich: „wer biſt du, Mädchen, und wo kommſt du her?“ Sie faltete die Hände und antwortete:„das kann ich Euch Beides nicht ſagen; ich habe mich verirrt, zeigt mir den Weg nach dem nächſten Dorfe und Gott ſoll es Euch lohnen.“ Ich ſchüttelte den Kopf und fragte ſie:„und was willſt du im Dorfe machen?“ worauf ſie nach einigem Beſinnen ent⸗ gegnete: „Mir einen Dienſt ſuchen, um mich durch meiner Hände Arbeit zu ernähren.“ Aber dieſe Hände waren zu fein zum Arbeiten, wenigſtens für eine Arbeit, wie ſie ſie drüben bei den Bauern finden konnte. Das ſagte ich ihr auch, und darauf ſah ſie ihre weißen Hände ☛ Magdalene. 43 ſchaudernd an und ſieng an zu weinen.„Heißeſt du nicht Magdalene?“ fragte ich darauf und ſie antwortete mir:„ja ſo — heiße ich— ich bin es.“ „So komm' mit mir in's Haus,“ ſagte ich,„in das Schloß meines gnädigen Herrn, des Grafen,“ und darauf blickte ſie mich mit großen Augen an und entgegnete: ſie wolle doch lieber ins Dorf gehen. Ich verſtand, was ſie mit ihrem Blick ſagen wollte, und antwortete ihr:„ſte ſolle nur getroſt mit mir gehen, im Schloß ſei Niemand als eine Wirthſchafte⸗ rin und ein paar graue Knaben in meinem Alter. Mein gnä⸗ diger Herr, der Graf,“ fügte ich hinzu,„werden in den nächſten Jahren nicht in dieſe Gegend kommen.“ „Leider!“ ſagte Graf Alfons und zündete ſich eine friſche Cigarre an.. „Darauf reichte ſte mir die Hand,“ fuhr der alte Mann fort,„und gieng mit mir ins Schloß. Es dunkelte ſchon, als „wir die Schlucht hinaufſtiegen, und als wir droben auf der Höhe das Waſſer des wilden See's blinken ſahen, ſah ſie ſich erſchrocken und ſcheu um und eilte haſtig mit mir vorwärts. Im Schloße aber hatte ich mit der alten Wirthſchafterin einen harten Kampf zu beſtehen; ſie hatte gar ſonderbare Ideen, lachte mir ins Geſicht und wollte ſich anſtellen, als werfe ſie einen curioſen Verdacht auf mich. Ich aber ſagte ihr Alles mit ein⸗ dringlichen Worten, wie ich das Mädchen gefunden, wie ich mich nicht täuſche, wenn ich ein Geſicht genau anſehe, ob zu dieſem Geſichte ein gutes Herz gehöre oder nicht, und erklärte feſt und beſtimmt, daß es mein Wille ſei, ſte nehme das Mäd⸗ chen zu ſich und ſehe, was mit ihr anzufangen.“ „Ich durfte das ſchon thun,“ fuhr der alte Mann fort, indem er ſich an den Grafen wandte, vich kannte meinen gnädi⸗ gen Herrn und wußte, daß er mir Dank wiſſen würde, einer ungſücklichen Verlaſſenen geholfen zu haben.“ 44 Einundvierzigſtes Kapitel. „Freilich, freilich!“ ſagte der Graf lächelnd,„du hätteſt mir nur damals gleich die Geſchichte umſtändlicher ſchreiben ſollen.. „Das unterließ ich aber, Herr Graf,“ ſagte ernſt der Diener,„weil ſte mich flehentlich darum bat und weil ich mit allem Reſpekt vermuthete, daß es ſo beſſer ſei.“ Bei dieſen Worten lächelten die Zuhörer und Herr von M. ſagte fröhlich:„es muß wahr ſein, Amadäus kennt die Herzen, abſonderlich die unſrigen. In jener Zeit ritt ich mehrere Male hieher, um Einiges, worum du mir ſchriebſt, nachzuſehen. Wißt Ihr noch, Meiſter Amadäus, wie ich eines Tags drüben in dem Archiv einen ganzen Tag umherſtöberte, und weil es mir zu ſpät wurde, über Nacht blieb? Da wollte mich der alte Herr zum Geiſterſeher machen. Es war ein herrlicher Abend, der Vollmond hieng über dem alten Thurme, der Dichter ſagt: 1 wie der Punkt über einem i, und ich lag in meinem dunklen Zimmer im Fenſter, des herrlichen Abends genießend. Es war ſpät, da gieng drüben in dem alten Gebäude die Thüre auf und über den weiß beſchienenen Hof gieng eine Geſtalt, nein ſtie ſchwebte, ſte glitt dahin über den Strahlen des Mondes, und als ſie ihren Kopf emporwandte und in die weiße Scheibe blickte, ſah ich in ein Geſicht ſo ſchön, ſo edel, kurz in das Ge⸗ ſicht jenes Mädchens, das der alte Herr eben ſo glühend beſchrie⸗ ben. Sie verſchwand unter dem Portal des neuen Schloſſes. 3 Ich rief überraſcht nach Joſeph, der ſtellte ſich erſtaunt und- läugnete mir ins Geſicht, und als ich dort den Meiſter Amadäus 4 fragte, ſo verſicherte er mich mit dem ernſteſten Geſichte von der Welt: Joſeph könne nichts davon wiſſen, aber er habe die Ge⸗ ſtalt auch ſchon öfter bemerkt. Um ein Haar hätte er mich auf die Vermuthung gebracht, ich habe ein überirdiſches Weſen geſehen. Schön genug war das Mädchen dazu.— Aber ver⸗ en Magdalene. 45 zeiht mir die Unterbrechung, und auch Ihr, Amadäus, bitte, fahrt fort!“ „Die Wirthſchafterin,“ ſagte der Haushofmeiſter,„die mit Mühe zu bewegen war, Kleidungsſtücke und ein Zimmer für das Mädchen herzurichten, war ſchon nach den erſten Tagen, die ſte mit ihr verlebt, wie umgewandelt; ſte räumte ihr einen Theil ihrer eigenen Wohnung ein, ſtie vertraute ihr die Schlüſſel des ganzen Schloſſes, ſie ließ ſte ſchalten und walten. Und wie ſchaltete und waltete das Mädchen? Es war, als ſchreite ein guter Geiſt durch's Schloß. Alles wußte ſie zu ordnen, Alles gedieh unter ihren Händen. Dabei war ſie klug und verſtändig, beſcheiden und fromm.———— So gieng das ein Jahr lang fort, und die Wirthſchafterin und wir drei alte Leute lebten wie im Himmel. Da kam eines Tags unverſehens der Schul⸗ meiſter drunten aus dem Dorfe unerwartet auf's Schloß, und trat ſo plötzlich in's Zimmer, daß er uns Alle bei dem Mittag⸗ eſſen überraſchte. Er machte große Augen— war ſonſt ein recht braver junger Menſch— und wir mußten ihm, mochten wir wollen oder nicht, die Magdalene aufführen(ſte galt als Geſchwiſterkind der Wirthſchafterin) und von da an kam er zuerſt alle Wochen, dann alle Tage herauf, und es geſchah, was ich ihm nicht übel nehmen konnte, er verliebte ſich auf's Heftigſte in das Mädchen.“ „Das finde ich begreiflich!“ ſagte Herr von M.,„es hätte andern Leuten auch ſo gehen können. O Amadaͤus, Ihr habt eigentlich ſchlecht an Eurer Schutz⸗ und Pflegebefohlenen gehandelt!“ Der alte Mann verbeugte ſich lächelnd, dann fuhr er fort:„wie ſchon geſagt, der junge Schulmeiſter war ein braver, ſolider, geordneter Mann. Wir hätten gegen ſeine Beſuche in keinerlei Weiſe etwas gehabt, im Gegentheil, namentlich die Wirthſchafterin ſah dieſelben gern und wie die alten Weiber ſo —y 46 Einundvierzigſtes Kapitel. ſind, ſo dachte fie bald an eine Heirath der beiden jungen Leute, und ſah die Magdalene ſchon als Frau Schulmeiſterin.“ „Die Alte war immer eine kluge, verſtändige Perſon,“ ſchaltete der Graf ein. „Das Mädchen ſah die Beſuche ebenfalls nicht ungern, freilich aus einem ganz anderen Grunde, denn der Schulmeiſter erbot ſich, ihr in verſchiedenen Dingen, namentlich in Sprachen und Muſtk Unterricht zu ertheilen, und ſte ergriff dieſen Vor⸗ ſchlag, wie man ſo zu ſagen pflegt, mit beiden Händen. Jetzt trieben die Beiden franzöſiſch und engliſch zuſammen, namentlich aber Muſik, und das Letztere, ſo ſagte der Schulmeiſter, erfaßte und vollführte ſie am Allerleichteſten. In kurzer Zeit ſpielte ſte auf dem Klavier drunten die ſchönſten Sachen, und dieß wurde für uns eine neue Quelle der angenehmſten Unterhaltung. Stun⸗ denlang konnte ſie ihre Finger über die Taſten gleiten laſſen und irrte umher in einem Wald voll Tönen, lange umſonſt in ihren Phantaſien ein ruhiges Plätzchen ſuchend— ſo kam es mir näm⸗ lich vor—, wo ſie ausruhen könne. Endlich aber wurde ihr Spiel ruhiger und lichter und dann lächelte ſie einen Augenblick, doch war dieſes Lächeln nur der Vorbote von Thränen, die alsdann ihren Augen entſtrömten, während ſte das Geſicht in beide Hände verbarg.———— Verzeiht, ihr Herrn, daß ich ſo umſtänd⸗ lich erzähle; von Dahingeſchiedenen, von Verſtorbenen erinnert man ſich ja ſo gern der kleinſten Züge, man hat ſte ja ſo lieb, die an und für ſich unbedeutendſten Erinnerungen.“+———— „Dieß zweite Jahr verflog uns noch angenehmer und pfeil⸗ geſchwinde. Das Mädchen wurde ruhiger, ihr Blick freudiger, ſte ſelbſt heiterer, als ſie Anfangs geweſen. Von ihrem Herzen ſchien allmählig ein ſchwerer Druck zu weichen; mir ſchien es immer, als fangen ſchreckliche Erinnerungen ihres früheren Lebens allmählig an zu verbleichen und es verliere ein quälen⸗ Magdalene. 1 47 des Bewußtſein vergangener bitterer Tage allmählig die Kraft, ſie zu martern. Das Mädchen ſchritt ohne Fröhlichkeit aber 94 mit einem innern Frieden ſo ruhig einher, als habe ſie nach vielem, mühſamem Ringen endlich ihr Ziel erreicht. Ihr Auge ſtrahlte ſo wunderbar klar und blickte ſo vertrauend gen Himmel, als wolle es ſagen: dort droben iſt meine Heimath.“—— hen„So vergiengen alſo zwei Jahre, da lief vom gnädigen Herrn der Befehl ein, das Schloß zu ſeinem Empfang zu rüſten, 1 da er demnächſt mit einer Geſellſchaft Freunde erſcheinen werde, ich um die Jagdzeit hier zuzubringen.— Der Herr Graf werden ſich ßt deſſen erinnern. Der Schulmeiſter, der ſich bis dahin ſehr zurück⸗ ſie haltend betragen, mochte nun glauben, es ſei der Zeitpunkt ge⸗ kommen, um ſich gegen das Mädchen zu erklären, genug— er bot ihr ſeine Hand an; und das war ein trauriger Tag für alle Beide. Sie weinte und er weinte— und als er nach einer ten Stunde mit roth angelaufenen Augen das Schloß verließ, kam er zu mir in den Garten und ſagte: Amadäus, ſagte er, ich bin ein ganz unglücklicher Menſch, aber das Mädchen iſt ein Engel. Sie aber ſchlich ſeit der Zeit betrübt und traurig umher und befand ſich in ſichtbarer Unruhe. Da kam eines Abends der große Fourgon in den Hof gefahren, das Mädchen erſchrack, . wie es ihn ſah und wie die beiden Lakaien in ihren Livréen tt herabſprangen.———— ſeb, Der alte Mann hatte das Letzte zerſtreut erzählt mit nieder⸗ geſchlagenen Augen und verſank jetzt, ohne zu endigen, in tiefes Nachdenken. —„Und weiter, Amadäus?“ bat der Graf. iget, enen„Weiter iſt nicht viel mehr zu ſagen. Am andern Morgen n es— ich hatte viel nachzuſehen und herzurichten, die Wirthſchaf⸗ heren terin ebenfalls, und ſo kamen wir erſt beim Mittageſſen ſo eigent⸗ Jlen⸗ lich zu uns— da fehlte das Mädchen. Unſere erſte Frage war: 4 8 8 4 2 1 1— A N 3 ————— 3— Einundvierzigſtes Kapitel. wo iſt die Magdalene?— es hatte ſie Niemand geſehen, auch war ſie nicht auf ihrem Zimmer, dafür aber auf ihrem Tiſch ein Schreiben an mich, worin ſie von uns Allen Abſchied nahm, indem ſte verſicherte, es ſei ihr ferner unmöglich geweſen, hier zu bleiben; wir möchten ihr das nicht übel nehmen, und ſo weiter, und ſo weiter. Natürlich begnügten wir uns nicht damit, ſondern eilten nach allen Richtungen in den Wald hinaus. Der alte Joſeph, der alte Arnold, ich natürlicher Weiſe, ja ſelbſt die Wirthſchafterin. Letztere aber kam nicht weiter, wie in's Dorf drunten, wo ſte heulend zum Schulmeiſter lief. Auch der auf und davon, mit vielen Männern des Dorfs. Holzhauer und Jägerburſchen durchſtreiften alle Waldpfade, ſtiegen jede Schlucht hinab— umſonſt! Man fand keine Spur———— und hörte nie mehr etwas von ihr.———— Ich wußte wohl, daß alles Suchen vergebens war,“ fuhr der Alte nach einer längeren Pauſe wieder fort.„Weſen ihrer Art laſſen keine Spur zurück.“ „Und wer meint Ihr denn, daß es geweſen ſei⸗ Amadäus?“ fragte Herr von M., worauf der Alte feierlich erwiderte: „Ein gutes Geſchöpf, Herr Graf, ein Weſen, das vielleicht Fehltritte begangen, die es aus ſeinem Himmel verbannten und die es hier unten abbüßen mußte. Daß wir ſie nicht wieder fanden, war natürlich, ſie entſchwand dahin, wo ſie herge⸗ kommen.“ Bei dieſen letzten Worten hob der alte Mann ſeinen Blick in die Höhe und man ſah Thränen in ſeinem Auge ſchimmern. Auch die Zuhörer waren von der ſeltſamen Erzählung ſichtlich ergriffen und es herrſchte momentan eine tiefe Stille in dem Gemach. Der Graf unterbrach dieſe Pauſe wieder, indem er ſagte: „wie war es doch mit dem Schulmeiſter, Amadäus?“ Magdalene. 49 „Er grämte ſich ſichtlich ab, Herr Graf,“ antwortete der alte Mann, indem er aufſtand.„Später errichtete er ein Kreuz auf der Felſenplatte, wo ich das Mädchen gefunden, und zog alljährlich an einem beſtimmten Tage mit der Schuljugend dahin. Er lebte der firen Idee, als ſei die büßende Magdalena wirklich noch einmal erſchienen, um die Menſchen aufzufordern, ihre Sündei zu bereuen. Er iſt Pietiſt geworden, ſonſt aber ein ganz braver Mann.“ Damit trank der Erzähler ſeinen Thee mit Rum, der indeſſen zu kaltem Punſch geworden war, und empfahl ſtch, nicht ohne dem alten Lehnſtuhle ein beſonderes und tiefes Compliment zu machen. „Es war damals wirklich komiſch,“ ſagte der Graf,„als ich ein paar Tage nach dem Ende der Geſchichte im Schloſſe an⸗ kam. Die alte Wirthſchafterin jammernd mit rothverweinten Augen, Amadäus betrübt umherſchleichend und dem Joſeph und Arnold, die auf's Neue jeden Tag den Wald durchſtöberten, bei ihrer Zurückkunft tauſenderlei Fragen ſtellend; ich mußte ein paar Tage lang wirklich ſtreng ſein, um das Hausweſen wieder in das alte gewohnte Geleiſe zurück zu bringen. Aber als mir erſt die Geſchichte mit allen Nebenumſtänden erzählt war, mußte Sich noch Aange nachher Anſpielungen darauf hören, namentlich alg ein Jahr nachher die alte Wirthſchafterin ſtarb, deren Tod Amadäus dem Kummer um die Verlorene zuſchrieb. Ich mußte mir zu jener Zeit das Hexen⸗ und Geiſterweſen alles Ernſtes verbitten, denn die ſterbende alte Frau behauptete vor ihrem Ende, die Verſchwundene deutlich geſehen und erkannt zu haben, und der alte Joſeph kam eines Abends heim und behauptete, er habe ſie an dem Kreuz bei der Felſenplatte geſehen, und wie er ihr zugerufen, ſei ſte langſam aufwärts geſchwebt.“ Draußen auf dem Thurme ſchlug es zwölf Mal— die Mit⸗ ternachtsſtunde.—* Hackländer, Namenl. Geſchichten. III. 4 — 50 Einundvierzigſtes Kapitel. „Brrr!“ ſagte der junge Offizier,„das ſind ja eigentlich ſchauerliche Geſpenſtergeſchichten, es könnte Einem in dem Schloſſe Angſt werden.“ „Was das Mädchen anbelangt,“ erwiderte lächelnd der Graf,„ſo war ſie— deſſen bin ich gewiß— keine überirdiſche Erſcheinung, wohl aber, yſt merkwürdiged Wefer 2, „Du haſt ſte gekabal 7 Sragte Herr von M. 47 „Vor zehn Jahren,“ erwiderte der Graf,„würde ich dir geantwortet haben: ja, ich habe ſie gekannt! aber jetzt, da mir ſpäter einige Fäden in die Hand geſpielt wurden, die auf's Aller⸗ romantiſchſte und Seltſamſte in das Leben eines lieben und guten Freundes hinüberſpielen, verſichere ich Euch: ich weiß nichts von ihr. Ich würde ſie nicht kennen, wenn ich ſie heute wiederſähe, ich würde ihr feiernd nahen und mich glücklich ſchätzen, auf's Ehrerbietigſte ihre Bekanntſchaft machen zu können.— Doch, es iſt ſpät, meine Freunde, ſuchen wir unſere Zimmer, denn morgen nach dem Frühſtück, zu welcher Zeit Jeder mit ſeinem Gepäck fertig iſt, wollen wir uns für eine Zeit lang trennen. Ich hoffe Euch nächſtes Jahr, ſpäteſtens über zwei Jahre, wieder zu der⸗ ſelben Zeit hier bewirthen zu können.— Gute Nacht, ihr Herrn, gute Nacht, lieber M., adieu, Capitän!“ Draußen im Vorzimmer befanden ſich Bediente mit Lichtern und Jeder ſuchte das ihm angewieſene Zimmer. Der junge Diplo⸗ mat, der am Anfang des Corridors neben dem Eßzimmer wohnte, war einigermaßen ernſt geworden und konnte ſich ſpäter nicht ent⸗ halten, nochmals auf den langen Gang zurück zu blicken, der noch immer von den dunkelrothen Laternen mit ſchwachem, ſelt⸗ ſamem Lichte erfüllt wurde. Im Schloß war Alles ruhig, Alles ſchien in den Schlaf⸗ zimmern zu ſein, bis auf den alten Amadäus, der— dort hinten— rüſtig den Gang herabkam. Es ſchien, als ſchreite ntlich hloſſe 1 * Magdalene. 3 51 Jemand neben ihm her, denn er verbeugte ſich beſtändig ehrer⸗ bietigſt auf die Seite, und als er zu der großen Flügelthüre kam, die neben der Haupttreppe in die Zimmer einführte, ſo öffnete er dieſelbe behutſam, als laſſe er Jemand hindurchgehen und zog ſte mit einer tiefen Verbeugung wieder zu. . er junge⸗Diplomat legte ſich zu Bett und beſchloß im Laufe der Nacht, künftig des Abends keinen ſtarken Thee mehr zu ſich zu nehmen, denn er ſchlief entſetzlich unruhig und hatte gar ſchreckliche Träume.—— Zweinndvierzigſtes Kapitel. Herbſt⸗Vergnügen. Am andern Tage nach dem Frühſtück— es hatte eben eilf Uhr geſchlagen— ſtanden in dem Schloßhofe vier beſpannte Wagen und ein paar geſattelte Pferde. Die Gäſte, in Paletot und Reiſemütze, giengen die Treppen hinab, begleitet von ihrem liebenswürdigen Wirthe, der ihnen zum Abſchiede die Hände: ſchüttelte und ſie bis an den Wagentritt begleitete, bevor er ſeine eigene Kaleſche beſtieg. Meiſter Amadäus, wie geſtern in ſchwar⸗ zem Frack mit weißer Halsbinde, wohl friſtrt und ſtattlich anzu⸗ ſchauen, ſtand am Fuße der Treppe, jedem der Scheidenden eine tiefe, freundliche Verbeugung machend. Die Meiſten drückten dem alten Manne mit frohem Wunſch auf baldiges Wiederſehen die Hand und nur der junge Diplomat, der ihm die ſchlafloſe Nacht nicht vergeſſen konnte und der ſich jetzt bei dem hellen Tageslichte wunderbar beherzt fühlte, konnte ſich nicht enthalten, ihm im Vorbeigehen zu ſagen: nei, lieber Amadäus, grüßen Sie mir die Geſpenſter!“ worauf der alte Mann ernſt erwiderte: b b b ——üy—— Paletot on ihrem * Hände rer ſeine ſchwar⸗ ch anzu⸗ den eine drückten derſehen clafloſe hellen thalten, grüßen widerte Herbſt-Vergnügen. 53 „Herr Baron, man ſpendet nur denen Abſchiedsgrüße, die man verläßt.“ „Zum Teufel!“ entgegnete lachend der Attaché,„wie meint Ihr das, Amadäus?“ „Nun,“ entgegnete dieſer,„was Sie Geſpenſter zu nennen belieben, befindet ſich überall, nicht blos hier auf dem Schloſſe. — Verzeihen Sie, Herr Baron, das iſt Ihr Wagen da unten, die grüne Kaleſche mit der Chiffre A und der Krone?“ Der Blick des Alten war ſeltſam ſtarr. „Allerdings und was ſoll das?“ „Sie kauften ſie,“ fuhr Amadäus fort,„von einem Huſaren⸗ Offizier?“ „Ganz richtig, in Wien!“ „Der bald darauf im Duell erſchoſſen wurde, ich ſehe das deutlich. „Aber wo ſehen ſie etwas?“ ſagte ernſt werdend der Diplomat. „In der rechten Ecke Ihrer Kaleſche ſitzt er ſehr bleich, die Mniform hellblau mit Silber. Nun, ihm wird die friſche Mor⸗ * genluft gut thun. Sie verzeihen, Herr Baron.“ Damit fuhr der alte Mann mit der Hand über die Augen und machte eine tiefe Verbeugung. Es hatte ſonſt Niemand dieſe Unterredung gehört, und deßhalb konnte auch Niemand vermuthen, weßhalb der junge Diplomat ſeinen Wagen leer vorausfahren ließ und ſich mit einem Platze auf dem Jagdwagen des jüngeren Offiziers begnügte. Jetzt waren ſämmtliche Gäſte abgereist, der Graf reichte dem alten Diener beide Hände, ſah ihm einen Augenblick liebe⸗ voll und feſt in's Geſicht und ſagte:„lebe wohl, Amadäus, wir ſehen uns bald wieder!— Beſorge das Schloß, fahr' zuweilen nach der Reſidenz und ſteh⸗ auch da nach der Wohnung, ſowie N 54 Zweiundvierzigſtes Kapitel. 1 nach meiner Schweſter und beſorge ihre Aufträge, als ſeien es die meinigen.“ Stumm verneigte ſich der alte Mann, der Graf ſchüttelte ihm nochmals die Hände, dann beſtieg er ſeine Kaleſche, vor welche vier ſtarke elegante Braunen, ſeine eigenen Pferde, ge⸗ ſpannt waren.„Du fährſt den engen Waldweg,“ ſagte er zu dem Kutſcher, vich möchte den andern Wagen vorkommen.“ Ein Zungenſchlag, dahin flogen die kräftigen Thiere, in wenig Augenblicken war der Wagen zwiſchen den, größtentheils ſchon entlaubten Bäumen verſchwunden.—— Das Schloß lag öde und ſtill.—— Amadäus blieb noch eine Weile oben auf der Treppe ſtehen, nahm eine ſtarke Priſe, dann gieng er hinauf, zog ſtatt des ſchwarzen Frackes einen Ueberrock an und ſchritt durch ſämmtliche Zimmer des erſten Stockes, wo er überall die Jalouſien eigen⸗ händig verſchloß. Ebenſo machte er es im Corridor, dann im Treppenhaus, und nachdem er ſo überall das Tageslicht ausge⸗ ſchloſſen und eine ſtille trübe Dämmerung hergeſtellt, gieng er in ſein Zimmer und ſah nach ſeinen Papieren und Büchern.— Der Graf in ſeinem Wagen fuhr im ſcharfen Trab durch, den engen Waldweg und hatte ſchon die Chauſſée erreicht, 4 noch ſeine Gäſte, welche vor ihm abgefahren, aus den Bergen heraus waren. Eine Stunde oder zwei fuhr er ſo auf der breiten Straße dahin, dann bog der Kutſcher links ab, einem herrſchaft⸗ lichen Gute zu, einem einſam ſtehenden hohen Gebäude, an den dier Ecken mit runden Thürmen flankirt, umgeben von tiefen Gräben, welche aber ſtatt des Waſſers mit kleinen Gemüſegärten angefüllt waren. Auf dieſem Schloſſe befand ſich die Schweſter des Grafen, Gräfin Clara, zum Beſuch, und da es immer für einen Dritten peinlich iſt, einer ſolchen Abſchiedsſcene beizuwoh⸗ nen, und da wir den geneigten Leſer in aller Wahrheit ver⸗ ſichern können, daß nichts da droben zur Sprache kam, das . . W Herbſt-Vergnügen. 55 4 d„ nes 4 4 irgeydgte von Intereſſe wäre für unſere namenloſen Geſchichten, L WMaele wir auf einer/ alten Steinbank neben der Zugbrücke tellte evüldig warten, bis der Graf ſeine Reiſe wieder antritt. vor Von dieſer Steinbank aus, geliebter Leſer, ſiehſt du zu ge⸗ deiner Rechten ein altes graues Thor, das in den Schloßhof et zu führt, die einzige Verzierung deſſelben beſteht in einem faſt zur Mumie eingetrockneten Habicht, der dort angenagelt iſt, ein armer unglücklicher Räuber, von einem Stärkeren überwältigt, eine Geſchichte, welche dieß Schloß und die andern auf den um⸗ ſß lag 1 liegenden Höhen ſchon öfters mit angeſehen. Vor uns und weit hinaus zur Rechten liegt in der herr⸗ dehen ſichen Abendbeleuchtung der Gebirgszug, von dem wir eben her⸗ commen, auf den höchſten Höhen mit Nadelholz bedeckt, dann kommen hohe Buchen und Eichen und an dieſe ſchließen ſich Wein⸗ 3 berge, die hinab bis zum Fuß des Neckars gehen, der ſich dort unten, ein ſilbernes Band, an die Bergwand ſchmiegt und ver⸗ ſtohlen eindringt in die reizendſten und heimlichſten Gaue. Wir wiſſen, daß es ſpät im Oktober iſt, die Zeit der Wein⸗ leſe oder des Herbſtens, wie man hier zu ſagen pflegt. Daher* df das Gewühl an den Bergen, die emſigen Menſchen, die auf und t du aob klettern, die Fäſſer an der Straße voll Trauben, die einſpän⸗ ur 4 nigen Karren, der Fuhrmann rittlings auf dem ſanft gerötheten berſa Faſſe— ein moderner Bachus; und deßwegen aller Enden und ni Orten das Krachen der Böller und kleinen Geſchütze, das Knat⸗ aſchaft tern der Gewehre und Piſtolen. Dort ſaust hoch eine Rakete an den hinauf, aber ihr ſchwaches, kaum ſichtbares Licht klagt melan⸗ tisfen choliſch, daß es noch zu früh ſei, und ſtie bittet mit kläglich ge⸗ ſegirten ſenktem Haupte, man möge gefälligſt warten, bis der Abend chweſtet„ gekommen. umet für„ Endlich kommt Abend und Duntkelheit und zugleich unſer tzuwoh⸗ Reeiſender aus dem Innern des Schloßhofs. Er hat ſich zwei t ver⸗ friſche Pferde unena, die ſeinigen gehen zurück in das Bweiundvierzigſtes Kapitet. Waldſchloß; die Laternen an der Kaleſche brennen hell und er drückt ſich in die Ecke des Wagens, feſt in den Mantel gewichelt, die glühende Cigarre im Munde. Hinter ihm iſt Platz genug,⸗ wir ſchwingen uns unvermerkt auf und folgen, und luſtig geht's den Bergwänden zu, an denen jetzt unzählige Funken in allen Farben aufblitzen. Raketen ſauſen, Schwärmer ſprühen, Ge⸗ wehre knallen und dazwiſchen jubeln Menſchenſtimmen.— Alles freut ſich ſeines Lebens. Bald hat der Wagen den Neckar und die Chauſſée erreicht und vorbei geht's am Fuß der Weinberge. Hie und da beleuchtet ein bengaliſches Feuer das Licht des Reiſenden, hie und da platzt ein Schwärmer über den Köpfen der Pferde, ſte ſchütteln ſich und ſchnauben heftig, und der Kutſcher muß ſeine ganze Auf⸗ merkſamkeit anwenden, um die Thiere ruhig und in Ordnung zu erhalten. Wir laſſen nun die Berge abermals hinter uns und biegen links ab, der Ebene zu, in welcher die Reſidenz liegt. Eine lange finſtere Stunde vermiſſen wir das luſtige Treiben des Herb⸗ ſtes, wir ſehen kelne Rakete, keinen Schwärmer und fahren die einſame Chauſſée zwiſchen entlaubten Obſtbäumen und längſt abgemähten Fruchtfeldern, wo der Wind melancholiſch über die Stoppeln ſtreicht. Doch bald glitzert und funkelt es wieder vor uns auf den Bergen, dann bemerken wir im Thal eine nebelhafte Helle, wie einen dampfenden, vom Mond beſchienenen See, aus dem ſich einzelne Gebäude wie große ſchwarze zackige Felsmaſſen erheben— die Reſidenz mit ihren Lichtern, und rings um die⸗ ſelbe, in all' den zahlreichen Weinbergen, jubelt und ſingt, trom⸗ petet und knallt es. Feuer in allen Farben blitzen auf, Hunderte von Raketen, ſchwerer und brillanter, wie die draußen auf dem Lande, ſteigen zum Nachthimmel empor, neigen ſich, beugen ſich, ſprühen Lichter aus, roth, grün, gelb, blau und erſterben krachend. Dazwiſchen fahren Leuchtkugeln empo iße, glänzende Ballon, lhafte aus naſſen m die⸗ trom⸗ nderte f dem mſic, chend. allon, Herbſt-Vergnügen: 57 leuchten langſam auf und verlöſchen wieder ebenſo mit weißem ſanftem Schein, dem Auge wohlthuend, wie dem Ohr die an⸗ ſchwellenden Töne eines Waldhorns. Dazwiſchen luſtige, glück⸗ liche Menſchen, hin und her ſpringend, jubelnd und ſchreiend, unkenntliche Geſtalten, jetzt in dem Dunkel der Gebüſche ver⸗ ſchwindend, jetzt hell beſtrahlt vom plötzlichen Lichte— dann abermals tiefe Nacht und wir vorbei, vorbei!— Der Kutſcher auf dem Bock flucht und wettert und hält mühſam ſeine Pferde. Die edlen Thiere haben des Feuerwerks genug und zucken hin und her, doch geht Alles gut, bis dicht vor der Stadt, wo in einem beſonders erleuchteten Garten das Schickſal in Geſtalt zweier naſeweiſer Buben erſcheint, die ſich ungeſehen von den Augen ihrer Eltern das außerordentliche und ſehr beſondere Vergnügen machen, mitten auf der Straße einen koloſſalen Feuerteufel zu präpariren. Dieſer Feuerteufel, aus ein paar Loth Pulver und einem Haufen Fröſchen beſtehend, explodirt dicht vor den Pferden, gerade da, wo ſich der Weg ſtark abwärts neigt, die erſchreckten Thiere prallen zurück, und der Kutſcher, der den Moment kommen ſieht, wo ſie im tollen Jagen den ſteilen Berg hinab durchgehen werden— er hat ſie bereits nicht mehr in ſeiner Gewalt—, beſitzt Geiſtesgegenwart genug, um ſie einem Garten an der Weinbergsmauer zuzureißen, doch ſtürzen die Räder auf einer Seite hinein, die Kaleſche drückt ſich feſt an die Mauer, die Pferde ſtehen und der Graf ſpringt heraus. Glücklicher Zufall!— Graf Alfons, hinausſpringend, erfaßt das Thor am Eingang in jenen hellerleuchteten Garten, der Kutſcher wettert und ſchimpft, die Buben erhoben ein erſchreckliches Zeter⸗ geſchrei, und aus dem Garten nähert ſich eine ganze Geſellſchaft mit Lichtern in der Hand, um zu ſehen, was draußen vorgefallen. In wenig Augenblicken hat man das ganze Unglück überſehen, einige Damen, die, als ſie von ſcheugewordenen Pferden und Umſchlagen des Wagens gehört, die ſolideſten Vorbereitungen 58 Zweiundvierzigſtes Kapitel. trafen, in Ohnmacht zu fallen, beſinnen ſich eines Beſſeren, als Graf Alfons, der von der Geſellſchaft augenblicklich erkannt ward, lachend verſichert, ihm ſei kein Unglück paſſirt, vielmehr gratu⸗ lire er ſich für den kleinen Unfall, der ihn ſo unverhofft in ſo angenehme Geſellſchaft geworfen. Er hat mit Kenneraugen einen Blick auf den Kreis geworfen, der ſich um ihn verſammelt, und bemerkte zwiſchen ältlichen wohlhabenden Bürgern und Bürgers⸗ frauen, die er ſchon öfter geſehen, friſche luſtige Mädchengeſichter, erhitzt von Springen, Schießen, Feuerwerk⸗Abbrennen und ſüßem Moſt. „Da iſt nichts zu machen,“ ſagte er munter zu ſeinem Kutſcher,„als daß du die nun einmal unruhigen Pferde die halbe Stunde zur Stadt hinabführſt und mir einen andern Wagen heraufſchickſt. Vielleicht daß man dir Jemand von hier oben mitgeben kann.“ Glücklicher Weiſe war am Wagen nichts gebrochen, ein Arbeiter zur Begleitung fand ſich auf und ſo wurden die Pferde, ſcheu auf die Seite ſehend und zitternd vor Furcht und Erwartung, zur Stadt hinabgeführt. Graf Alfons aber nahm die Einladung an und trat in den Garten. Unter einem Zelte von Rebenlaub und grauer Leinwand nahm die Geſellſchaft Platz. Auf dem Tiſche ſtanden Wind⸗ lichter, zerſtörte Kuchen, Obſtpyramiden, lagen abgeſchoſſene Piſtolen, Pulverhörner und ganze Berge von Schwärmern und Fröſchen. Der Graf nahm den ihm angebotenen Platz, die aͤltern Herrn und Damen ſetzten ſich nach den nothwendigſten Complimenten und nur die jungen Mädchen umſchwärmten den Tiſch, als wenn es ſo ſein müßte, merkwürdiger Weiſe alle leeren Plätze am untern Theil der Tafel überſehend und ſich endlich nach vielen Ermahnungen und complet gezwungen ſchüchtern und erröthend in der Nähe des neuen Gaſtes niederlaſſend. Die Keckſten bemerkten dann lächelnd, daß doch nicht gut zwei auf einem Stuhl ſitzen könnten, und auf dieſe Art ſahen ſich die Alfon nwand Herbſt-Vergnügen. 59 Beſcheidenſten gezwungen, die leeren Stühle am Ende des Zelts in Beſchlag zu nehmen. Geneigter Leſer! es wäre wahrlich nicht unſere Schuld, wenn es das Schickſal, das oft ſo ſeltſam in dieſen namenloſen aber wahrhaften Geſchichten eingreift, uns in den unangenehmen Fall gebracht hätte, dich hier in dem Garten in eine neue, gänz⸗ lich unbekannte Geſellſchaft einzuführen. Aber der Zufall iſt dem armen Erzähler, wie du gleich erfahren wirſt, günſtiger. Wir hätten auch im anderen Falle dieſe an ſich unbedeutende Epiſode gewiß nicht aufgezeichnet, doch ſo können wir es nicht unterlaſſen, vor unſerer Reiſe nach Italien alte Bekannte, die uns unverhofft in den Weg kommen, zu begrüßen.— „Dieß Herbſt⸗Vergnügen,“ begann ein kleiner Mann mit lebhaften Geſichtszügen,„iſt an und für ſich ein harmloſes zu nennen und gewiß gefahrlos, wenn man die vorgeſchriebenen und gewiß ſo nothwendigen Vorſichtsmaßregeln in keiner Weiſe ver⸗ abſäumt. Dazu gehört vor allen Dingen das ſtrenge Enthalten, Feuerwerk auf öffentlichen Straßen und Plätzen abzubrennen. Zur Zeit, als ich die Ehre hatte, Mitglied des hieſigen Stadt⸗ raths zu ſein,— es war in jener Zeit, Herr Graf, als die Gas⸗ beleuchtung eingerichtet und die neue Kirche erbaut wurde, zwei gemeinnützige Anſtalten, zu welchen ich mir ſchmeichle, das Mei⸗ nige beigetragen zu haben,— wurde ſo etwas ſtreng geahndet. „Ich erinnere mich genau jener Zeit,“ entgegnete höflich der Graf,„die Stadt ſchuldet Ihnen viel, Herr Stadtrath Schwämmle.“ Vater Schwämmle verbeugte ſich geſchmeichelt und ſeine dicke Gattin, die an Umfang bedeutend zugelegt, ebenfalls. Der geweſene Stadtrath hatte ſich einigermaßen verändert: er hatte ſich eine Brille zugelegt und ein kleines ſpitzes Bäuchlein. Aber ebenſo waren ſte Alle verändert, die alten bekannten Geſichter, die um den Tiſch herum ſaßen. Den Hofrath hatten 60 Zweiundvierzigſtes Kapitel. die zehn Jahre, die über ſeinem Haupte dahingeſchwebt, dem häuslichen Leben geneigter gemacht; er blieb jetzt den Abend häufig daheim und verſäumte es ſelten, ſeine Gemahlin von den verſchiedenen Kaffee- und Theegeſellſchaften nach Hauſe zu führen. In ſeine Fußſtapfen war dagegen ſein Sohn Eduard getreten, und die Honoratiorentochter hatte das Glück nicht gefunden, das ſie zuverſichtlich erwartet. Dort ſaß ſie neben der Schwieger⸗ mutter, der Hofräthin, welche ſich von Allen im Aeußern wie im Innern am meiſten gleich geblieben war. Daſſelbe ſtrenge und harte Geſicht, nur die Falten in demſelben vertiefter, ſonſt aber feierlich, würdevoll wie immer. Die Honoratiorentochter hatte ſich ihrer Führung und Leitung vollkommen anvertraut und umſchlang ſte— eine volle, verregnete, abgeblaßte Dalie den nachbarlichen Zaunpfahl.——— Der junge Eduard, der jetzt an den Tiſch trat, hatte in den letzten zehn Jahren einigen Lebens⸗ muth und ſehr viele Jahre eingebüßt. Er kam ſoeben von einem Strafamt zurück, das er an ſeinem älteſten Sprößling ausgeübt, — wir können nicht verſchweigen, daß es der hofräthliche Enkel war, der den Grafen Alfons in augenſcheinliche Lebensgefahr gebracht. So ſaßen ſte Alle im Kreiſe und ihr Leben hatte ſich nicht viel geändert. Nächſtens fiengen auch die Bürgerbälle wieder an, und wenn auch unſere bekannte Honoratiorentochter ſich dort keinen Tänzer mehr octroyirte, ſo waren dort genug andere Honoratiorentöchter, die aufſtiegen lächelnd und blühend am Horizont anderer junger Eduards. Neben dem Grafen ſaß ein allerliebſtes junges hübſches Mäd⸗ chen mit dichtem blondem Haar, einem Stumpfnäschen und ſchelmi⸗ ſchen blauen Augen. Blonde Haare waren ihm von jeher gefähr⸗ lich geweſen und ſo erwies er ſeiner hübſchen Nachbarin alle mögliche Aufmerkſamkeit. Mutter Schwämmle machte die Hon⸗ neurs der Tafel und wenn der Graf von allem dem, was ſie Herbſt-Vergnügen. 61 dringend anpries, nur von jedem einen Biſſen genommen hätte, ſo hätte er über Nacht jedenfalls einer Unverdaulichkeit erliegen müſſen. So aber nahm er nur, was ihm ſeine Nachbarin überreichte. Bald aber wurde der ganzen Geſellſchaft das ſtille Sitzen unbehaglich und der junge Eduard forderte dringend auf, das noch vorhandene Feuerwerk zu vertilgen. Er gieng auch mit einem guten Beiſpiele voran, nahm zwei der jungen Mädchen mit ſich in den Garten und alle Andern folgten ſeinem Beiſpiele. Man ſchrie, man kreiſchte, man jubelte und ſang auf's Neue, der Graf zündete ſeiner blonden Nachbarin die Schwärmer an ſeiner Cigarre an, und da ſte ſich fürchtete, ſo hielt er ihre kleine Hand feſt, die offenbar vor Angſt zitterte.— Wie jagte die Geſellſchaft in dem Garten umher, hier eine Partie, dort eine Partie, wie ſchrie Mutter Schwämmle ſo gellend, wenn ihr ein Schwärmer oder Froſch zu nahe kam! Selbſt die alte Hof⸗ räthin brannte ein römiſches Licht ab, nicht ohne bei jeder Leucht⸗ kugel melancholiſch zu ſagen: ſo iſt unſer Leben, ſo ſtrahlt es auf, um ſo bald in ſchwarze Nacht zu verſinken!— Sehr wahr und ſehr poetiſch. Dabei ſah ſie aus, wie eine alte Drude vor ihrem Hexenfeuer, weiß, grün, roth, blau angeſtrahlt— ein chameleoniſches Geſpenſt.— Endlich war das Feuerwerk verpufft und die Nacht ſchwamm triumphirend in ſchwarzem Schleier. Die verſchiedenen Parthien fanden ſich nach und nach unter dem Zelte wieder zuſammen, die kleine Blondine war in der Dunkelheit in einen Roſenſtock und ihre blonden Bandeaus in eine kleine Unordnung gerathen. Jetzt kam auch der Wagen des Grafen und er ließ es ſich nicht nehmen, ſo viele von den Damen als möglich nach Hauſe zu begleiten. Mutter Schwämmle wurde in die bedeckte Droſchke gehoben, dann die Honoratiorentochter, zwiſchen ſte hinein keilte man die Hofräthin, auf dem Rückſitz ſaß der Graf, neben ihm 62 Zweiundvierzigſtes Kapitel. das blonde Mädchen und deren Mutter, eine wohlwollende, freundliche Frau, und ſo wurden ſie nach Hauſe befördert, zu⸗ letzt Mutter und Tochter. Der Graf verſicherte der kleinen Blon⸗ dine, er habe lange nicht einen ſo charmanten Abend verlebt, und die kleine Blondine glaubte es, und als ſie ſich ſpäter in ihrem Schlafzimmer auszog, ſeufzte ſte und ſagte zu ſich ſelber: „wie ſchade, daß der Graf Alfons morgen nach Italien abreist!“ Etwas Aehnliches dachte auch die wohlwollende Mutter und erinnerte ſich mehrerer Fälle, wo Bürgertöchter in hochadelige Familien geheirathet. Der Graf aber fuhr ebenfalls nach Hauſe, nahm ein ein⸗ faches Souper und ſetzte ſich gegen Mitternacht abermals in ſeine bequeme Reiſekaleſche. Dießmal aber waren vier Poſtpferde davor geſpannt. Dreinndvierzigſtes Kapitel. Nach Italien. Vor dem Gaſthofe zur Poſt in Reutte hielt am frühen Morgen ein elegantes Coupé, noch unbeſpannt, die lange ſchwere Deichſel mit der Vorderbaracke leer. Neben dieſem Wagen aber hielt eine Reiſekaleſche mit beſchmutzten Rädern und mit vier Pferden beſpannt, die dampfend und ſchwer Athem holend eben erſt vor dem Gaſthof angekommen waren. Der Poſtillon in Hut und Mantel, über letztern das Horn, tappte mit den ſchweren Courierſtiefeln neben den Pferden, beſchäftigt, ſie mit Hülfe des Stallknechts auszuſpannen. „Verdammt ſei Euer Weg!“ ſagte der Poſtillon, indem er die Zugſtränge aufknüpfte,„ich habe doch wahrhaftig jeden Augenblick geglaubt, ich laß' die leere Kaleſche irgendwo in tau⸗ ſend Stücken auf der Straße liegen.“ „Was fahrt Ihr auch wie nicht geſcheid?“ entgegnete der Stallknecht und ſchnallte die Aufhalter los. „Nun, mir hat's mächtig preſſirt, ſo ein paar Gulden kann man ſchon verdienen. Der Herr hatte den ganzen Morgen 64 Dreiundvierzigſtes Kapitel. die Uhr in der Hand und rief mir beſtändig zu, er müſſe um ſechs Uhr in Reutte ſein. Hat's da oben was?“ ſetzte er pfiffig hinzu und kniff ein Auge zu, während er mit dem andern am Hauſe hinaufblinzelte. „Gar nichts dergleichen,“ entgegnete der Stallknecht und warf dem Poſtillon die vorderen Zügel zu.„Es iſt nur ein einziger Fremder im Haus, ein Herr an die Vierzig, etwas wohlbeleibt, mit einem fehlerhaften Hinterfuß. Er hinkt ein wenig und braucht einen Stock zum Gehen.“ „So, alſo nichts Anderes?“ ſagte der Poſtillon, während er ſeine Pferde durch einen leichten Hieb von dem Wagen weg und dem Stalle zulenkte,„weiter nichts? hatte mir ſchon gedacht, da oben ſei was Lieb's, das mit dem Paſſagier nach Italien reiste; er hat wüthend preſſtrt,— hopp, alter Schimmel!“ Während dieſes Geſprächs war der Beſitzer der Caleſche, — Niemand anders, als Graf Alfons,— die Treppen hinauf⸗ geeilt und hatte haſtig die Thüre eines Zimmers geöffnet, das ihm der vorauseilende Kellner zeigte. In dieſem Zimmer ſaß der Herr, von dem der Stallknecht ſo eben geſprochen, beim Frühſtück und ſprang freudig lachend in die Höhe, als der Graf ins Zimmer trat. „Bin ich nicht pünktlich?“ rief der Letztere,„Schlag ſechs Uhr, wie wir verabredet.— Wie geht dir's?— Freut mich unendlich, dich wieder zu ſehen.“ Alfred von C. drückte dem Angekommenen freundlich die Hand und ſagte lachend: nich wäre bei dem Rollen deiner Caleſche gern ans Fenſter und die Treppen hinabgeſprungen, doch ermahnte mich mein langjähriger Freund, mein Krückſtock, alle dergleichen heftige Bewegungen zu unterlaſſen. Setz' dich her, der Kaffee iſt gut.— Wo warſt du zuletzt? wie iſt es dir ſeit Jahren ergangen?“— ³ 2 echt und nur ein , etwas binkt ein väͤhrend en weg gedacht, Italien ner ſaß „beim er Graf gſechs t mich ich die deiner ungen, fſtock dich z dir Nach Italien. 65 Graf Alfons berichtete nun, was er in der letzten Zeit getrieben, was die Bekannten in der Reſidenz machten, erzählte von ſeinem Schloſſe, von den letzten Jagden und von ſeiner Reiſe hieher.„Und du,“ ſchloß er,„was haſt du getrieben, ſeit ich dich nicht mehr geſehen, edelſter aller Einſtedler? Ich glaube, du biſt in all' der Zeit nicht aus deinen reizenden vier Pfählen gekommen?“ „Abgerechnet einiger kleiner Touren in meiner nächſten Umgebung haſt du Recht,“ ſagte Alfred;„doch brauchſt du deßhalb nicht zu denken, ich habe, ein ächter Deutſcher, auf der Bärenhaut gelegen, faul und theilnahmlos, weil mich nichts gewaltſam in Bewegung geſetzt oder vorwärts geſtachelt; im Gegentheil, ich bin in Allem fleißig geweſen und betrachte jetzt die Reiſe mit dir nach Italien als eine Erholung und ein Ver⸗ gnügen in doppelter Hinſicht.“ „Du warſt fleißig, du haſt gearbeitet?“ lachte der Andere, „was haſt du denn eigentlich gethan? vielleicht deine ſämmtlichen Zimmer jede Woche anders arrangirt?“ „Scherz bei Seite!“ entgegnete Alfred lächelnd,„ich bin Oekonom geworden, Landwirth, Bauer, wenn du willſt.“ „Ei der Tauſend!“ „Wie du weißt, habe ich von jeher nichts mehr gehaßt, als den Handel, ja den Schacher mit Geld, mit Obligationen, mit Staatspapieren, kurz, was man Banquiergeſchäft nennt. Ich kaufte deßhalb ein paar Güter in der Nähe meines Land⸗ ſitzes und bewirthſchaftete dieſelben mit der Hülfe von ein paar Pächtern. Der Nutzen, den das Kapital abwirft, iſt freilich nicht groß, aber die Sache an ſich intereſſtrte mich, ich fand die mir ſo nothwendige Beſchäftigung, Unterhaltung, Zerſtreuung.“ „Vortrefflich!“ lachte der Graf,„du wirſt aber doch nicht am Ende das herrliche Wäldchen hinter deiner Villa, du weißt, Hackländer, Namenl. Geſchichten. III. 5 66 Dreiundvierzigſtes Kapitel. wo man ſo prächtig im Schatten nach dem alten Förſterhaus gieng, in ein rentables Getraidefeld umgewandelt haben? das wäre ja ſchrecklich!“ „Welche Idee!“ entgegnete Alfred,„ſo nah' habe ich meine Felder nicht,— doch trink deinen Kaffee, ich höre, daß drunten eingeſpannt iſt, ich will dir im Wagen getreulich berich⸗ ten, was ich einigermaßen Wichtiges in der Zeit verlebt.'S iſt aber nicht viel.“ Die beiden Freunde ſtiegen hinab und drunten war das Coupé zum Wegfahren bereit. Das Gepäck des Grafen hatte man aus der Caleſche in eine leergelaſſene Vache untergebracht, er gab dem einen ſeiner Diener, welcher mit ſeinem Wagen nach Hauſe zurückkehrte, noch einige Aufträge, dann beſtieg er das Coupé, in welchem Alfred bereits ſaß. Die Pferde zogen an und aus dem hellen freundlichen Thale, in welchem Reutte von hohen Bergen eingeſchloſſen liegt, glitt der Wagen hinein in die dunklen duftigen Schluchten der Tyroler Berge, wo die Straße durch den Felſenpaß der Scharnitz in's Innthal führt. Der Weg iſt herrlich, voll beſtändiger Abwechslung, ſteile Felſen umſtehen die Straße, die man an den wenigſten Stellen eine weitere Strecke vor ſich mit den Augen verfolgen kann. Bald wendet ſie ſich rechts, bald links an ſchroffem Geſtein vorbei, von welchem kleine Felswaſſer herabrieſeln, die Straße in einer offenen Rinne überſchreitend, und zur Seite ſchäumend und brau⸗ ſend in die hellgrüne Iſar ſtürzend, welche dieſe wilden Wald⸗ und Bergſöhne freundlich in ſich aufnimmt, ſte langſam zähmt und ſie alsdann in die Ebene hinabführt aus der finſteren kalten Felſenwelt durch wallende Fruchtfelder, an prachtvollen Städten vorbei. Inzwiſchen wankt der Wagen auf der Straße fort, über ihm wiegt ſich Brombeergeſträuch und feingezackter Ginſter ſtreift hie und da das Verdeck und beſprengt die Reiſenden mit klaren führt. ſteile Stellen Bald vorbei, meiner brau⸗ Wald⸗ zähmt kalten btädten „ über — ſtreift klaren Nach Italien. 2 67 Thautropfen— ein Weihegruß vom Fuße der mächtigen Berge, deren Felſenhäupter hoch in der Luft von der Sonne beſtrahlt dem dahinrollenden Wagen ernſt und feierlich nachblicken. Den Weg durch dieſe engen Schluchten, den die Reiſenden zurüͤcklegen, erwärmt ſo früh kein Sonnenſtrahl, da müſſen ſie erſt die Scharnitz hinter ſich haben, die Porta Claudia, deren lange, ſtarke Mauern ſowie der mächtige Bogen, der ſich über den Weg ſpannt, grau und verwittert ausſteht, wie das Geſtein, an welchen er ſich lehnt. Hier iſt es noch kühl und friſch, und die feuchten Nebel der kalten Herbſtnacht ziehen an den Berg⸗ wänden langſam in die Höhe. Selten erſcheinen an der Straße kleine Häuſer, von Holz erbaut, das Dach mit großen Fels⸗ ſtücken beſchwert, und Vater, Mutter und Kinder drängen ſich an die Thüre, um den vorüberrollenden glänzenden Wagen zu ſehen. Endlich füngt die Sonne an, über die Berge hereinzu⸗ blicken und ſich zu erinnern, daß da unten noch viel tauſend Pflänzchen und Geſträuche wachſen, die ihres warmen Kuſſes bedürfen. Rechts liegen die maleriſchen Ruinen des Schloßberges, beglänzt vom Sonnenſchein, die ſtarren Felswände ziehen ſich zurück, man erblickt Berge, grün bewachſen mit Laubwaldungen, und aus den dunklen ſchattigen Schluchten rollt nun der Wagen in das freundliche Seefeld hinab. „Wie einem die Sonne ſo wohl thut!“ ſagte Graf Alfons und ſprang vor dem Poſthauſe, wo umgeſpannt wurde, aus dem Wagen.„Kommſt du nicht heraus?“ „Freilich,“ entgegnete Alfred und ſtieg langſam über den Tritt hinab, ves war wirklich verdammt kalt heute Morgen und ich kann einmal nicht im zugemachten Wagen fahren.“ 3 5* — 68 Dreiundvierzigſtes Kapitel. „Mir geht es auch ſo, jetzt aber brauchen wir zur innern Erwärmung eine Cigarre.“ Die Bedienten hinten auf zeigen recht froſtige Geſichter und rothe Naſen, um das Kinn haben ſte große ſchottiſche Tücher geſchlagen, ſich dicht in ihre Mäntel gewickelt, und ſehen ver⸗ ſchlafen aus. Jetzt ſind andere Pferde eingeſpannt und es geht weiter. Wir wollen nur geſtehen, die Beiden im Wagen haben von der herrlichen Alpenwelt, durch welche ſte gefahren, das Meiſte verſchlafen, jetzt aber fühlen ſte ſich munterer. Die Sonne iſt wärmend und angenehm, die Cigarren ſchmecken vor⸗ trefflich und der Wagen bewegt ſich ſo leicht und ſchaukelnd den Berg hinan. „Alſo ſeit zehn Jahren haſt du keine weitere Reiſe ge⸗ macht?“ ſagte der Graf,„mir iſt es auch ſo ergangen. Was machen Freunde und Bekannte da drunten?“ „Die Meiſten leben wie damals,“ antwortete Alfred;„von Karl, dem glücklichen Ehemann, hatte ich hie und da Nach⸗ richten durch deſſen Onkel in Brüſſel, es geht ihm gut, er ſoll reizende Kinder haben, lebt meiſtens in Italien, und was will man mehr, um glücklich zu ſein?“ „Und die andere Sache, lieber Freund? nimm mir nicht übel, die Geſchichte hat mich von jeher ſo intereſſirt, daß ich ſehr begierig bin, ob du in all' der Zeit nichts erfahren.“ „Du meinſt von ihr?“ ſagte Alfred und ſeine Züge wurden ernſt.„Ich hörte nichts mehr von dem Mädchen, ebenſowenig von ihrem angeblichen Papa, nach welchem ich mich auch eine Zeit lang eifrig erkundigt.“ 4 „Ihrem angeblichen Papa?“ ſagte erſtaunt der Graf, „ſo ſprachſt du früher nie von ihm, du zweifelſt doch nicht an dem, was ſie dir zuletzt ſchrieb?“ innern eſichter Tücher ir nicht ich ſehr wurden ſowenig uch eine er Graf/ icht an Nach Italien. 69 „Sind wir nicht alle Zweifler,“ entgegnete Alfred,„von der Geburt bis zum Tode? zweifeln wir nicht an Allem, an uns ſelbſt, ja ich geſtehe dir, nachdem mich die Jahre ruhiger machten, — und ſie haben mich ruhig gemacht— fange ich an, über jenen Roman anders zu denken, wie ſonſt.“ „Teufel, das mußt du nicht! Warum dir eine ſo ange⸗ nehme Erinnerung verbittern? Und es kann ja nach deinen frühern Erzählungen auch durchaus kein gerechter Zweifel Platz finden. Worin zum Beiſpiel?“ „Daß mich Beide betrogen!“ „Par exemple: daß dich Beide betrogen, und du könnteſt glauben, daß Alles, daß ſie dich in Sorrent nach Hauſe geſchickt, die Geſchichte mit dem falſchen Wechſel, Alles das ſei ein ange⸗ legter Plan geweſen, überlegt zwiſchen Vater und Tochter?“ „Ueberlegt zwiſchen Vater und Tochter oder wenn du willſt, zwiſchen ihm und ihr. Das ſind meine finſterſten Gedanken. Auch iſt ein Betrug denkbar,“ fuhr Alfred fort,„nachdem ich in London durch den Vater betrogen war; vielleicht hatte ſie es früher mit mir ehrlich gemeint, aber nachher, als die Sache einmal geſchehen war,—— weßhalb floh ſie mich, wenn ſte vollkommen unſchuldig war? das Ganze konnte abgemacht wer⸗ den zwiſchen dem Banquier, dem Vicomte und mir. Ich hätte ſie, weiß Gott, geheirathet, den Vicomte hätte man in die Welt ſpazieren geſchickt, und ich hätte mir wenigſtens einbilden können, glücklich geworden zu ſein.“ Der Graf ſchüttelte den Kopf und entgegnete:„ich glaube, du thuſt dem Mädchen Unrecht, wie du die Geſchichte damals erzählteſt, ſo konnte ich mich vollkommen in ihke Lage hinein denken. Belaſtet mit der Schande ihres Vaters, von einem Betrug wiſſend oder erfahrend, der an dir verübt worden war, da konnte ſie dir nimmer froh und heiter ins Auge ſehen.“ Dreiundvierzigſtes Kapitel. „Dann hat ſte mich nie geliebt.“ „Das kann ich wieder nicht einſehen,“ ſagte Alfons,„du warſt auch ſelbſt früher anderer Meinung.“ „Und dieſe Anſicht,“ entgegnete Alfred,„hat mir zwölf Jahre meines Lebens verbittert! glaube ja nicht, daß wenn ich heute erführe, daß ſie mich beide betrogen, mein Herz dadurch ſchmerzlicher berührt würde; für den Augenblick vielleicht, ja, dann aber würde ich ruhiger ſein, eine noch ſo traurige Gewiß⸗ heit wäre doch eine Gewißheit und ſte würde die dunklen Schatten bannen und vertreiben, die jener einzige helle Sonnenblick zwi⸗ ſchen ſchwarzen drohenden Wolken über mein Leben geworfen, aber ſo kämpfe ich mit ewigen Zweifeln—————— Doch ich glaube, wir kommen ſchon nach Zirl.“ Hiemit wurde das Geſpräch abgebrochen, der Wagen rollte den ſteilen Berg hinab, der nach Zirl hineinführt, dort wurde umgeſpannt und man hatte die letzte Station nach Insbruck.. Bald lag auch das herrliche Innthal vor den Reiſenden, weit, breit und ſonnig. Aecker und Wieſen, welche mit einander abwechſelten, mit Kanälen durchzogen und mit Obſtbäumen eingehegt. Dazwiſchen weiße Wohnhäuſer, Kirchen im Thal und auf den Mittelbergen. Links ließen ſte die Martinswand, wo Kaiſer Max bei der Gemsjagd jenes bekannte Abenteuer beſtand. Dann lag in einem weiten Thalkeſſel die Stadt Ins⸗ bruck vor ihren Blicken und bald hatten ſie dieſelbe erreicht. Den andern Tag, kaum war die Morgendämmerung an⸗ gebrochen, fuhren ſie den Schönberg, dann den Brenner hinauf, in eine wilde öde Felſennatur hinein, und rollten, auf der Höhe angekommen, unaufhaltſam dem ſchönen Italien zu. Neben ihnen brauste die Eiſack und begleitete ſie in tollen Sprüngen Nach Italien. 71 bei Sterzing vorbei nach Botzen, wo der klare Felſenbach in die Etſch fließt, welch' letztere nun den Reiſenden faſt beſtän⸗ dig zur Seite blieb und ſie begleitete über Trient, Roveredo nach Verona. Von da wendeten ſte ſich nach Venedig und vier Wochen t zwölf venn ie 3 iſ re h* ſpäter rollte derſelbe Reiſewagen von Ferrara gegen Bologna dadurch an einem warmen Novembertage, wie es deren in Italien in bt. 1 j t, ja guten Jahren viele gibt. Gewiß⸗ Die beiden Freunde, die ſich, je länger ſte reisten, um ſo mehr an einander anſchloſſen, hatten in der Inſelſtadt einige ſehr angenehme Wochen verlebt und unterhielten ſich von dem Schönen, was ſie dort geſehen, von den kleinen Abenteuern, die ſte erlebt. „So oft ich Venedig verlaſſe,“ ſagte der Graf,„kommt Wagen mir mein Aufenthalt dort wie ein ſchöner Traum vor, aus dem ich, auf dem feſten Lande wieder angekommen, plötzlich er⸗ wache. Die Ruhe, die über Venedig liegt, namentlich auf ſeinen Waſſerſtraßen, das melancholiſche Plätſchern der Ruderſchläge, iſenden, Abends der Reflex der Lampen auf der zitternden Fluth, das Alles wiegt die Seele ein wie ein ſchönes Ammenmärchen, das nach dem jedesmaligen Refrain: ſchlaf mein Kindchen, ſchlaf! von alter Pracht und Herrlichkeit erzählt, von prächtigen Feſten, von vergoldeten Gondeln, deren buntfarbige Teppiche mit ihren Enden langſam auf dem Waſſer nachſchleifen, von ſeltſamen Schiffen, bemannt mit weißen und farbigen Menſchen, von Luſt und Freude, und von tiefem Kummer und herber Noth. Neben der Piazetta, wo ſich Tauſende von Menſchen an milden Som⸗ ng an— merabenden in herrlichem Mondſchein ergötzen, wo Liebesintri⸗ hinauf guen aller Art angeſponnen werden, liegt der finſtere Dogenpalaſt r Höhe mit ſeiner Seufzerbrücke, l Brunnen, ſeinen Bleidächern, Neben Fund dort neben der bunt o⸗ zi erten Gondel, wo auf ſchwellenden rüngen 72 Dreiundvierzigſtes Kapitel. 1 Atlaskiſſen üppige Mädchengeſtalten ruhen, wo Lachen erſchallt und der Klang der Mandoline, rauſcht eine ſchwarze Gondel vorbei, mit ſechs Rudern und finſter blickenden Männern— ein Staatsſchiff. Die Mandoline verſtummt, der Gondolier wendet ſcheu das Schiff um, wer weiß, wen die dort hinten ſoeben nach dem Lido ſchleppen.— Schlaf, mein Kindchen, ſchlaf!— Ich bin, wie geſagt, die ganze Zeit über wie ein Träumender umhergewandelt und komme jetzt erſt zum rechten Bewußtſein.“.. „'S iſt eine herrliche, poetiſche Stadt,“ ſagte Alfred,„und ich bin gerne dort für vierzehn Tage, vier Wochen, aber da wohnen möchte ich nicht, oder⸗vielleicht draußen bei den Arme⸗ niern, wenn ich mich einmal entſchloſſen hätte, die übrige Zeit meine Freunde und Bekannten nie wieder zu ſehen.“ Vor den beiden Freunden am Ende der breiten Straße, wo ſie ſich etwas rechts bog, rollte ein anderer Reiſewagen, der aber ſo langſam fuhr, daß ſte ihm bald näher kamen und auch in der nächſten, nicht fernen Station erreichten. Es war eine offene Kaleſche, ein ziemlich eleganter, obgleich nicht mehr neuer Pariſer Wagen. Doch hatte er keinen Bedienten hinten auf, auch wurde er ſtatt mit Poſtpferden von einem Vetturin geführt, der in langſamem Trabe die ſtaubige Chauſſée dahinfuhr. Auf der Station hielten beide Wagen, unſere Reiſenden, um umzuſpan⸗ nen, der Vetturin, um ſeinen müden Pferden etwas Brod und 6 Waſſer zu geben. Der Graf ſprang aus dem Coupé, um ſich die Reiſenden in der Kaleſche anzuſehen. Es ſaßen zwei Damen darin: eine ältere, etwas corpulente Frau, die ſe laut und ohne Scheu mit dem Vetturin zankte und ein auft edunſenes, ziemlich ge⸗ meines Geſicht hatte. Dieß A ſammengenommen mit der reichen Toilette, einem buntfarbe denen Kleide, einer Atlas⸗ 8 Nach Italien. 73 erſhall mantille, an den Armen Braſſelets, ſowie eine goldene Uhr mit Gondel Kette und Chateleine am Gürtel, lauter Gegenſtände, die für die ern ſtaubige Chauſſée durchaus nicht paßten, zeigten deutlich, daß ſie ondolier kaum zur guten Geſellſchaft gehören mochte. Auch die Zuſam⸗ t hinten menſtellung der Equipage und des Gepäcks zeigte von wenig RKindchen, Geſchmack und wenig feinem Ton. Der Wagen, hellblau mit wie ein roth, ſchien friſch lakirt und hatte auf dem Schlage die Chiffre T. mrechten. mit einer Krone. Hiezu beſtand das Gepäck aus abgeriebenen alten Koffern und Hutſchachteln, welche mit Stricken und Ketten 8,„Und hinten und oben aufgeſchnürt waren. ber da Neben der dicken alten Dame ſaß eine jüngere Dame, deren Arme⸗ Aeußeres, ſoviel man davon ſehen konnte, ſchon ganz anders ge Zeit ausſah. Sie trug ein dunkelgraues, anliegendes Tuchkleid, hatte ſich feſt in einen eleganten Shwal gewickelt, zwiſchen dem eine kleine Hand mit perlfarbnen Glacé⸗Handſchuhen herausſchaute. Sie trug einen dunkelblauen Hut mit ebenſolchem Schleier, und was der Graf von dem Geſichte bemerkte, war ſo edel und ſchön geformt, daß er die Damen überraſcht begrüßte. eoffene Pariſer Die dicke Frau machte ihm eine heitere Verbeugung, die wunde junge Dame nickte kaum merklich mit dem Kopf, ohne ihn weiter det in zu beachten. Letztere war, wie geſagt, eine vollkommen elegante der Erſcheinung und ſchien ſo gar nicht zu ihrer Nachbarin und in fpan⸗ dieſe Equipage hinein zu paſſen. Ihre zierlichen Füße hatte ſte . 1 auf das Kiſſen des Rückſitzes gelehnt und der Graf geſtand ſich, 1 in letzter Zeit keine kleinere und niedlichere Chauſſure geſehen zu haben. 6 ſeenden „Maledetto!“ ſagte die dicke Frau, nachdem ſie mit vielem Scbeu 1 Spektakel auf ihre Uhr geſehen, ves iſt vier Uhr und wir ſollten P ja um dieſe Zeit ſchon in Bologna ſein. Verlaß' ſich Einer auf g euch Italiener!“ Dieß ſagte ſie in ſehr ſchlechtem Italieniſch, it der 4. ſetzte aber alsdann im ächteſten und reinſten Boulevard⸗Franzö⸗ Atlas⸗ eine 74 Dreiundvierzigſtes Kapitel. ſiſch, zu ihrer Nachbarin gewandt, hinzu:„wir kommen wahr⸗ haftig nicht vor acht Uhr nach der ver—— dammten Stadt!“ Da ſie bei dieſen Worten den Grafen, der vor dem Wagen ſtand, voll anſah, ſo hielt dieſer es für ſeine Schuldigkeit zu antworten und ſagte lächelnd: „Wenn Ihr Kutſcher in demſelben Tempo, in welchem wir ihn überholt, fortfährt, ſo kommen Sie allerdings nicht vor acht bis neun Uhr nach Bologna.“ „Hörſt du es, Birbante?“ ſchrie die erboste Dame dem Kutſcher zu, der ſich achſelzuckend und lächelnd mit ſeinen Pfer⸗ den beſchäftigte. „Wir reiſen ſonſt immer mit Extrapoſtpferden,“ fuhr die Dame heftig fort,„ließen uns aber in Ferrara von dieſem da beſchwatzen, mit ſeinen Pferden weiter zu fahren. Hat er nicht ein Maulwerk und verſprach er nicht hoch und theuer, wir kämen auf dieſe Art ſchneller hin, aber warte nur, Mandry Postillon, nicht einen Sou Trinkgeld ſollſt du bekommen! Ma pauyre ülle,“ ſagte ſie hierauf zu der jungen Dame,„tu seras terriblement fatigue.“ Dabei warf ſie einen Blick auf dieſelbe und ſah den Grafen forſchend an. Die halb und halb Angeredete hob ihren Kopf etwas in die Höhe und entgegnete, ohne die Alte anzuſehen:„ich bin nicht müde, nein— Mama.“ „'S iſt ganz entſetzlich,“ fuhr Jene fort,„wenn man ſich dieß viele Geld koſten läßt und dann ſo fürchterlich betrogen wird. Fahren wir jetzt bald weiter, he?“ „Im Augenblick, Signora,“ entgegnete der Vetturin, der all' dem Lamentiren lächelnd und ſtumm zugelauſcht. Doch rückte er jetzt in der That den Futtertrog von den hungrigen Thieren hinweg, warf ihnen die Tremſe über und kletterte auf den Bock, * à Nach Italien.. 75 nachdem er mit vieler Feierlichkeit dem Wirth die verlangten Bajocci bezahlt. 4 8 Die alte Dame legte ſich würdevoll in ihre Ecke, beantwor⸗ tete den Gruß des Grafen ſehr vornehm, aber herablaſſend, und die junge Dame erhob ihren Kopf, unſern Reiſenden anſtändig grüßend, welcher hiedurch Gelegenheit bekam, für einen Augen⸗ blick ihr Geſicht zu ſehen. Daſſelbe war blaß, ein langes, edles Profil, feine Lippen, ſchwarze, etwas ſchmachtende Augen, über⸗ deckt mit langen, feinen Wimpern, und dazu hatte ſie ſehr dun⸗ kelbraunes Haar. Es war eine jener Phyſtognomien mit leiden⸗ dem Ausdruck, die ſo ſehr intereſſtren, ja die im Stande ſind, plötzlich zu feſſeln. Eine hohe, edel geformte Stirne, hinter welcher das Leben Erfahrungen aller Art aufgehäuft; und ein Mund, der zu ſprechen verſtand von vergangenen herben Tagen, aber auch gewiß ſüß zu lächeln, wenn er ſich vornahm, dieß zu thun.— Dahin rollte die Kaleſche und der Graf beſtieg kopfſchüttelnd das nun ebenfalls wieder beſpannte Coupé.„Ich habe da,“ ſagte er lächelnd zu ſeinem Freunde,„eine merkwürdige Bekannt⸗ ſchaft gemacht: eine alte Hexe mit einem jungen Mädchen, das heißt, mit einem Mädchen in noch guten Jahren, ich ſchätze ſte ſo auf vier⸗ bis ſechsundzwanzig, aber mit einer ganz anſtändigen Tournure und nit einem intereſſanten, vielverſprechenden Geſichte. Es wird ſich wahrhaftig der Mühe verlohnen, ſie näher kennen zu lernen. Sie gehen nach Bologna und ich glaube nach Flo⸗ renz. Wir können da ſehen, wie die Alte auftritt und ſich gerirt.“ „Biſt du wieder einmal gefangen?“ lachte Alfred,„hat das Mädchen vielleicht blonde Haare oder ſo etwas Gewiſſes im Blick? Du biſt wahrhaftig unverbeſſerlich.“ „Dießmal iſt das Haar zufällig dunkelbraun,“ entgegnete 76 Dreiundvierzigſtes Kapitel. luſtig der Graf,„aber das Auge hat wirklich etwas unnennbar Angenehmes.“ „Da haben wir's! Jetzt wirſt du wieder in Bologna und Florenz ungenießbar ſein. Gott, wenn man dich einmal glück⸗ lich verheirathet hätte!“ „Nun, vom Heirathen iſt keine Rede, lieber Freund,“ ant⸗ wortete der Graf,„die Alte ſieht mir einigermaßen verdächtig aus, es iſt eine Franzöſtn und hat den Hut, den ſtie trägt, auf alle Fälle ſelbſt gebaut, es wär' vielleicht ein Amuſement für ein paar Tage. Wenn ſie wirklich nach Florenz geht, ſo könnten wir die Tour zuſammen machen.“ „Ganz recht!“ lachte Alfred,„ich mache den Elephanten⸗ führer oder den Mephiſto, hinkend bin ich ohnedieß, und während ich mit der alten Martha luſtwandle, verführſt du, ein glücklicher Fauſt, das hübſche Gretchen.“ Jetzt hatten ſie die Kaleſche wieder eingeholt und der Graf beugte ſich hinaus, ſo weit er konnte, um die Damen nochmals feſt in's Auge zu faſſen. Bald waren ſie weit vorausgeeilt und erreichten nach ein paar Stunden Bologna, ehe der nachkommende Wagen noch die Hälfte des Wegs zurückgelegt hatte. Sie kamen ſehr ſpät an die armen Damen mit ihrem Vetturin, und die beiden Freunde, nach⸗ dem ſte vorher noch eine Zeit lang durch die Straßen der alten ehrwürdigen Stadt gezogen und ſich wieder einmal die wahnſin⸗ nigen ſchiefen Thürme beſchaut, ſaßen eben beim Souper, als der Wagen der dicken Signora in den Hof fuhr. Der Graf eilte an's Fenſter und ergötzte ſich ungemein an den heftigen Redensarten, mit der die Frau ihren Vetturin auch hier überſchüttete. Da ſtand ſie zwiſchen den Kellnern mit hoch erhobenen Lichtern und wandte ſich mit ihren Klagen und er Graf ochmals ein an 1 auch thoch n und 1 1 Nach Italien. 77 Betheurungen von Einem zum Andern. Vom Trinkgeld ſollte natürlich keine Rede ſein, und auch von dem bedungenen Preis wollte ſie ein Erkleckliches abziehen, worüber der Vetturin endlich die Geduld verlor und es ihr praktiſch bewies, daß eine italie⸗ niſche Zunge noch geläufiger ſein kann, wie eine franzöſtſche. Die junge Dame ſtand daneben, eine Zeit lang theilnahm⸗ los in den Hof blickend, als gienge ſie die Geſchichte gar nichts an, doch hatte ſte die Lippen auf einander gebiſſen und warf hie und da einen ruhigelt, aber finſteren Blick auf die bewegliche Mama. Endlich aber wandte ſie ihr und dem Vetturin entſchie⸗ den den Rücken, warf ihren Kopf in die Höhe und verlangte ſo gebieteriſch nach ihren Zimmern, daß mehrere Kellner zugleich vor ihr her und die Treppen hinanſtürzten. Der Graf droben am Fenſter hatte bei dem Vorleuchten der Geſchäftigen drunten noch einmal Zeit, das Geſicht der Fremden zu ſehen. Es waren ſchmerzvolle Züge: vielleicht unangenehm erregt von der Scene im Hofe hatte dieß Geſicht etwas Finſteres, Bitteres, etwas wie Haß gegen die ganze Welt angenommen. Das war aber auch Alles, was der Graf während ſeines Aufenthalts in dieſer älteſten Stadt Italiens von der Unbekann⸗ ten zu ſehen bekam. Sie ſchien es zu vermeiden, einem der beiden Freunde auf den Treppen und Gängen des gemeinſchaftlichen Gaſthofes zu begegnen, denn dieß kam nicht ein einziges Mal vor. Es ſchien, als wüßten beide Damen auf's Allergenaueſte, wann und wohin die beiden Herrn in dieſer oder jener Stunde ihre Schritte lenkten. Madame allein begegnete der Graf in dem Hauſe häufig und er konnte ſich alsdann über Mangel an Freund⸗ lichkeit in Wort und Blick nicht beklagen: ſie grüßte ihn herab⸗ laſſend, auch erfuhr er von ihr, daß ſie in einigen Tagen nach Florenz giengen, um dort vielleicht den Winter zuzubringen, weiter aber auch nichts. Die Alte lud den Grafen nie ein, ſte 78 Yreiundvierzigſtes Kapitel. und die Tochter zu beſuchen, oder einen gemeinſchaftlichen Gang in die Stadt mit ihnen zu machen, und allen Anſpielungen ſetzte ſte huldvollſt die Verſicherung entgegen: in Florenz, ſo hoffe ſte, werde ſte die Ehre haben, den Herrn Grafen— ſie wußte ſeinen Namen— häufiger bei ſich zu ſehen. Madame de Saint Auville würde für einige Tage im Hotel Schobinger abſteigen und dann eine Privatwohnung beziehen. Bald hatten unſere Reiſenden alles Schöne und Merkwür⸗ dige von Bologna, das ſie ſchon früher geſehen, in ihrem Ge⸗ dächtniß wieder aufgefriſcht, namentlich die herrlichen Bilder in der academia Clementina, viel und lange Raphael's Meiſter⸗ werk: die heilige Cäcilie, betrachtet und verließen nun die Stadt an einem dunklen, windigen Herbſtabend, um die Apenninen zu paſſtren und den andern Tag Florenz zu erreichen. Beide hatten den wildromantiſchen Weg ſchon öfter gemacht und wünſchten die Hauptſtadt von Toskana am Tage zu erreichen, weßhalb ſtie während der Nacht fuhren. Es war ein unfreundliches Wetter) die Nacht finſter und unheimlich und die Bedienten hinten auf dem Wagen, welche ſich mit Hirſchfängern und Piſtolen reichlich verſehen hatten, riefen ſich die zahlreich vernommenen Räubergeſchichten, ſo paſſirt waren auf dem Weg, den ſie heute Nacht fuhren, in's Gedächt⸗ niß zurück; die Poſtillone, für je zwei Pferde einer, wie es hier in Italien Mode iſt, verſicherten dagegen, die Straße ſei voll⸗ kommen ſicher, und fuhren mit lautem Peitſchengeknall und viel unnöthigem Geſchrei das Gebirge hinan. Bald ließ der Wagen die letzten Häuſer der Vorſtadt hinter ſich und rollte noch zuletzt bei einem einſamen Marienbilde vor⸗ bei, vor welchem eine kleine Lampe, vom Winde bewegt, ächzend hin und her ſchwankte. Man hätte bei dieſem beweglichen Licht glauben können, die Madonna wiege ihren Kopf über dem Kinde ——— Nach Italien. 79 en Gang in ihrem Schooße hin und her. Dann wurde Alles finſter und gen ſette ſtill. Die Laternen warfen einen zitternden Schein auf die hoffe ſe, Straße, die Pferde zogen den ſchweren Wagen langſam bergan, zte ſeinen die Poſtillone waren abgeſtiegen, klatſchten mit ihren Peitſchen t Auville und ſangen italieniſche Schelmenlieder. und dann Es wäre jetzt eine herrliche Gelegenheit, von einem kleinen Räuberanfalle zu erzählen, und wir bedauern in der That, dieß Nerkwür⸗ nicht thun zu dürfen; doch haben wir uns einmal feſt vorgenom⸗ rem Ge⸗ men, bei dieſen namenloſen Geſchichten ſtreng der Wahrheit er in getreu zu bleiben, und können deßhalb nur berichten, was ſich in Wirklichkeit begeben. Wohl ſahen die Bedienten auf dem Wagen, welche ängſtlich umherſpähten, ſeltſame Geſtalten auf“ inen zu der Straße, breit und unförmlich, von weißer Geſtalt, die ihnen ehatten entgegen kamen— vielleicht Banditen in weißen Mänteln. Doch hten die 8 wenn dieſe Geſtalten näher kamen, ſo zeigte es ſich, daß es harm⸗ halb ſte loſe Zugochſen waren, die zum Vorſpann gebraucht wurden und jetzt nach Hauſe zurückkehrten. Die Treiber wechſelten mit den Poſtillonen einige Worte und wünſchten dann eine glückſelige ſter und— Nacht und verſchwanden in dem Dunkel. Der heftige Wind lihe ſch war die einzige unangenehme Begegnung, welche die Reiſenden . Hefen im Gebirge hatten, namentlich aber am andern Morgen in der rane Früh auf den Höhen der Apenninen. ein Im Uebrigen legten ſte, mit Ausnahme einf zahlreichen i vol⸗ Schaar Bettler auf jeder Station, ihren Weg unangefochten nd viel zurück und fuhren am andern Mittag zwiſchen prachtgollen Villen, uralten Cypreſſen⸗Alleen, dichtem Lorbeer⸗ und Oleander⸗ Gebüſch das ſchöne⸗Thal hinab, in welchem der Arno fließt und Firenze hintet la bella liegt. — 1„Eine herrliche göttliche Stadt!“ rief der Graf entzückt aus a und Alfred ſprach leiſe vor ſich hin die Worte Arioſto's, des AW6„ goßfn Italieners, mit welchen er ſo ſchön und treffend die ſchöne 1 x* Dreiundvierzigſtes Kapitel.. Stadt mit ihrer lieblichen Umgebung, den zahlloſen Kirchen, Klöſtern und Villen bezeichnet: A veder pien di tante ville i colli Par che'’l terren ve le germogli, come Vermene, e germogliar suol' i rampolli. Se dentro un mur, sotto un medesmo nome Fosser raccolti i tuoi palazzi sparsi, Non ti sarian da pareggiar due Rome. Kirchen, Vierundvierzigſtes Kapitel. Genua. Das Dampfboot Ferdinando Primo, von Neapel kommend, näherte ſich in den erſten Stunden eines jungen Oktobertages dem Hafen von Genua. Die beiden Leuchtthürme zu den Seiten der ſchmalen Einfahrt in denſelben leuchteten mit ihrem beſtändig wechſelnden Lichte. Jetzt ſank daſſelbe zu einem kleinen Punkte zuſammen, dann flammte es wieder hell auf und warf ſeine zit⸗ ternden Strahlen auf das dunkle, ruhige Meer, welches leiſe gegen den mächtigen Hafendamm wogte, wie unwillig, daß ihm derſelbe den Eintritt in den reizenden Meerbuſen, in welchem die Stadt liegt, ſtreitig machte. Das Dampfboot verminderte die Kraft ſeiner Maſchinen, der Kapitän ſtand auf dem Radkaſten und der Steuermann bohrte ſeine Blicke in das Dunkel vor der Spitze des Bootes, um die ſchwierige Einfahrt nicht zu verfehlen. Die Paſſagiere unten im Schiffe in ihren kleinen Betten wachten auf, da nun die vor⸗ wärts ſtrebende Bewegung des Schiffes aufgehört und es auf dem ſpiegelglatten Hafenwaſſer nur noch leicht und unmerklich Hackläander, Namenl. Geſchichten. III. 6 82 4 Vierundvierzigſtes Kapitel. ſchaukelte. Die Leute mit einem feſteren Schlafe wurden bald darauf gewaltſamer erweckt, denn die Ankerkette raſſelte hinab, rollend und ziſchend, der Anker ſchlug auf das Waſſer, dann verſank er rauſchend, griff in dem Sande auf dem Grunde feſt ein, das Schiff erlitt einen ganz leichten, leiſen Stoß, die neu⸗ —ggierigen Wellen kamen, durch das Einfahren des Schiffes in Bewegung gebracht, von allen Seiten murmelnd heran, plät⸗ ſcherten eine Weile um die Seiten des Schiffes und kehrten dann in weiten Kreiſen an das Ufer zurück, um demſelben geſchwätzig zu erzählen, daß der Ferdinando Primo angekommen ſei. Dieß war aber auch das einzige Leben, das man für jetzt noch an dem Hafen wahrnahm. Dicht an den Quai's lagen zahlloſe Schiffe, ein ganzer Maſtenwald, faſt Alles finſter und ohne Bewegung; nur hie und da bemerkte man durch die Kajüten⸗ fenſter einen Lichtſchein oder hörte einen Eimer herabfallen, der Waſſer heraufholte, vielleicht für die Morgentoilette eines ſehr frühzeitigen Schiffsjungen. Wer aber ſo noch vor der Morgendämmerung den Hafen von Genua erreicht, der begebe ſich ja auf das Verdeck und es wird ihn nicht gereuen, ſich einige Stunden am Schlafe abge⸗ brochen zu haben. Mit offenem Auge ſchaue er um ſich, denn . majeſtätiſcher, lieblicher und großartiger, wie hier vor der herr⸗ lichen Stadt der Paläſte, wird er den jungen Tag wohl an kei⸗ nem Punkte der Welt aufſteigen ſehen. Unmerklich, kaum ſichtbar, I verwandelt ſich die ganze Dekoration vor ſeinen Augen. Bald nimmt der Himmel im Oſten über der Villa Monte Negro eine lichtere Färbung an, das Feuer auf den Leuchtthürmen fängt an zu verbleichen, in demſelben Maße, wie das grüne Waſſer des Hafens in der weiten See draußen heller und durchſtchtiger wird. Hier ſcheint das Licht nicht von einem einzigen Punkte der auf⸗ ſteigenden Sonne auszuſtrömen, nein, auch der Ozean ſcheint ſeine eigene Sonne zu haben; denn wie drüben auf den Bergen 8 2 Geng. 83 bald der gelbe glänzende Schein mehr und mehr an dem dunklen Him⸗ zinab, mel aufſchießt, ſo ſcheint ſich das Waſſer vom Meeresgrunde auf zu erleuchten. Bis jetzt ſchien es dunkelgrau, ja farblos und hat nun ſchon eine dunkelgrüne Färbung angenommen, aber immer heller leuchtet und ſtrahlt es von unten herauf, immer heller, immer durchſichtiger wird die Farbe des Waſſers, vom Dunkelgrün zum Hellgrünen, dann glüht es wie aufgeloͤste Smaragden. Es hat ſich bereit gemacht, den erſten Kuß der Morgenſonne glänzend herausgeputzt zu empfangen, und nun, wenn dieſer erſte leuchtende Gruß weit hinaus auf das Meer fällt, wie glänzt und ſtrahlt und ſpiegelt es ringsum in der ſeligſten Wonne? Die Seele ver⸗ nimmt ein freudiges Ah! einen Ausruf des Glücks und des Ent⸗ zückens, das Waſſer theilt ſeine Luſt und ſeine Freude den bunten r Schiffen, den ſchlanken Maſten, den luſtigen Wimpeln mit. ſehr Jedes naſſe Tau nimmt Theil an der allgemeinen Luſt und ſprüht ſtatt der Waſſertropfen mit der größten Freigebigkeit funkelnde Brillanten von ſich.— Und erſt die weite Waſſerfläche des Hafen, vom Morgenwinde und den einſtrömenden Wellen ſanft auf und m 4 ab bewegt! Iſt die ganze Fläche nicht, wie mit Myriaden von dun 8 Spiegelchen bedeckt, hier in großen Haufen, dort in einzelnen henr⸗ Stückchen, jetzt in dem grünen Waſſer verſchwindend, jetzt wieder n fi glänzend zum Vorſchein kommend? Aücr Langſam erwacht die Stadt aus ihrem Morgentraum, eine aſt gewaltige, finſtere Schönheit ruht ſie am Buſen des Meeres und „ehd ſieht ernſt auf das Spiel der Fluth, auf das luſtige Schwanken und Gaukeln der Schiffe und Nachen, und kein freundliches h an Lächeln überfliegt ihre harten, marmornen Züge. Wie mit ſtar⸗ * kem Arm hält ihren Rücken die Bergwand umſchlungen, und wird. 1 umſonſt lebt und webt dort oben auf den Höhen Alles in Luſt auf⸗ und Sonnenſchein; umſonſt glänzen die weißen Landhäuſer ſheint freundlich herüber, umſonſt ſtehen die ſchwarzen Linien an dem gergen G 6* 84 Vierundvierzigſtes Kapitel. a Morgenhimmel, wie auf Goldgrund gemalt, da, die Stadt bleibt finſter und grau,— im Gegentheil: je heiterer Alles ringsum ſtrahlt und glänzt, je düſterer und ernſter geſtalten ſich in tiefen Schatten ihre Züge. Sie kann es nicht vergeſſen, daß man ſie hier hingebaut und ſo gelegt, daß der Strahl der Sonne zu⸗ letzt in ihr Angeſicht fällt— die ſtolze Schöne—, ſie bleibt deß⸗ halb mürriſch und verdrießlich, bis Nachmittags der warme Strahl in ihr Inneres dringt und ſie nun nicht mehr umhin kann, eine freundliche Miene anzunehmen.— Mit dem erſten Licht des Tages erwacht nun auch das Leben auf den Quai's und Schiffen. Zahlreiche Menſchen ſtrö⸗ men an den Hafen, Karren fahren hin und her, Fäſſer werden gerollt, ſchwere Ballen gewälzt und bald bedecken zahlloſe Boote und Fahrzeuge aller Art das grüne Hafenwaſſer. Aus den kleinen Ofenröhren auf den Schiffen ſteigt blauer Rauch in die Höhe, aus den Lucken klettern Leute aller Art, Matroſen in Hemdärmeln und der Schiffpatron, und Alle ſchauen auf das an⸗ gekommene Dampfboot, das jetzt den Dampf ausſtrömen läßt und auf welchem allmählig ebenfalls Alles in Bewegung geräth. Es iſt da oben ein Durcheinander von verſchlafenen Geſich⸗ tern, von den verſchiedenartigſten Toiletten und von Gepäckſtücken in unglaublicher Anzahl und allen nur erdenklichen Formen und Größen. Jeder ordnet das, was ihm zugehört, und Alle blicken mit Sehnſucht der Polizeibarke entgegen, die nun endlich lang⸗ ſam und ſchwerfällig von dem Ufer abſtößt und auf das Schiff zurudert. Ein junger Mann, die Enden des weiten ſchwarzen Man⸗ tels über die linke Schulter geworfen, ſtand ſchon ſeit lange, wie es ſchien, theilnahmlos an den Radkaſten gelehnt. Er war ſchon da vor Tagesanbruch, als das Schiff in den Hafen einfuhr, er ſtand da, während die Sonne aufgieng, doch ſchien ihm das herrliche Schauſpiel, das wir zu beſchreiben verſuchten 7 im —— 9* Genua. 85 viuh Geringſten zu intereſſtren. Auf derſelben Stelle ſtand er ſeit n tiffen mehreren Stunden, den Arm auf den Radkaſten geſtützt, und man ſte blickte gedankenvoll auf die dunkle Stadt. Zuweilen wandte er Ine n ſich unruhig und haſtig ab, that ein paar Schritte auf dem Ver⸗ bt deß⸗ deck hin und her, um gleich wieder an ſeinen früheren Platz zurück⸗ „waun zukehren. Er ſchien ein Haus mit ſeinen Augen zu ſuchen, und — als es endlich heller wurde, ſo daß man die Umriſſe der einzelnen unhin Gebäude erkennen konnte, hatte er wohl gefunden, was er ge⸗ — ſucht, und dann ſeufzte er tief auf, drückte die rechte Hand auf ih das die Bruſt und blickte feſt und unverwandt nach derſelben Rich⸗ n ſtröa tung. Das einzige Zeichen von Theilnahme, das er dem Ge⸗ werden tümmel auf dem Schiffe zuwandte, war der Augenblick, wo die Boote 4 Polizeibarke anlegte. Da winkte er dem Kapitän des Ferdinando z den mit der Hand einen Abſchiedsgruß, ſagte einem Diener, der in ſeine Nähe trat, einige Worte und eilte die Schiffstreppe hinab in jenes Boot, wo er dem Beamten, der die Päſſe ſämmtlicher Reiſenden in Empfang nahm, einige Worte ſagte. Der Polizei⸗ mann griff an ſeinen Hut, indem er ſagte: ah, il Signore Comte! und nahm ihn alsdann mit ſich in die Stadt, alle andern Paſſa⸗ giere an Bord zurücklaſſend, bis ihre Papiere auf der Douane kſtücken gehörig unterſucht und für unverdächtig befunden. ꝛen und Bei dem Quai angekommen dankte der junge Mann dem blicken Beamten, ſprang gewandt die ſteinernen Treppen, die zum Ufer lang⸗. führten, hinauf und ſchritt eilig durch das Hafenthor in die Stadt. Schiff„Hier eilte er durch die engen ſchmutzigen Straßen hinan bis zur Strada Balbi, die er mit ſchnellen Schritten hinaufeilte. Doch Man⸗ verminderte er bald dieſe Eile, gieng immer langſamer und ſchlich e, wit zuletzt nur noch an den Häuſern dahin, offenbar mit tiefen Ge⸗ ſchon danken kämpfend. Einmal blieb er ganz ſtehen, heftig mit ſich hr, er ſelber ſprechend, ein anderes Mal zog er die Mantelenden das von iunte Schulter und warf ſie haſtig und unruhig über 1 in die rechte. —y 4½ 86 Vierundvierzigſtes Kapitel. Jetzt hatte er das obere Ende der Strada Balbi erreicht, wo ſte in einen weiten Platz mündet, auf welchem eine Menge kleiner zierlicher Häuſer ſtehen, theils auf dem Platze ſelbſt, theils auf kleinen Anhöhen, mit Gärten beſetzt, an die Bergwand ge⸗ baut, in welchen die niedlichſten Wohnungen ſtehen. An der Mündung der Straße blieb der junge Mann ſtehen und zögerte, auf den Platz zu treten. Bald gieng er einen Schritt vorwärts, dann wandte er ſich plötzlich wieder um und eilte die lange Straße hinab, die er ſoeben heraufgeſtiegen war, und nachher blieb er, ſich beſinnend, wieder ſtehen, wandte ſich abermals haſtig um und ſagte zu ſich ſelber:„haſt du denn bei Gott gar keinen Muth, es muß ja einmal ſein, ich muß es ihr ſagen, wie unſere Sachen ſtehen, ich muß es ihr auseinander ſetzen!“ Bei dieſen Worten ſchien ihn etwas tief zu erſchüttern, doch, gieng er feſten Schrittes die Straße wieder hinauf, beſtändig vor ſich hin murmelnd:„ich hab' es ihm verſprochen, dieß Verhältniß zu löſen— was kommt auch dabei heraus?— O verdammt! daß ich damals nicht ihren eigenen Worten folgte! Sie hatte Recht, vollkommen Recht, die Aermſte!“ Jetzt war er wieder an der Ecke des Platzes angekommen und zögerte abermals.„Nein!“ ſagte er und ſtampfte heftig mit dem Fuß auf den Boden,„bei Gott, ich kann nicht mit ihr ſprechen, nicht offen mit ihr ſprechen! Ja, wenn ſie eine Ita⸗ lienerin wäre, wenn ſie heftig gegen mich würde, mich mit Klagen, mit Vorwürfen beſchüttete, wüthend würde, ſo daß ſich an ihrem Zorn der meine entflammen könnte!— Aber das wird ſie nicht, geduldig wird ſie mich anhören und wird mir ſagen: nnthu' immerhin, wie du es denen ſchuldig biſt, die Vater⸗ und Mutter⸗ ſtelle an dir vertreten. Aber vergiß mich nicht, gedenke mein, ich will geduldig hoffen und harren.““ Odieſe Deutſchen!“ Es war gut, daß die Strada Balbi in Vet todten Herrlich⸗ keit ihrer gewaltigen Paläſte von ſo wenig Menſchen betreten ii erreicht, ne Menge löſt, theils gwand ge⸗ An der d zögerte, vorwärts, iee Straße G 9 n kommen heftig mit ihr eine Ita⸗ t Klagen, an ihrem ſe nicht, ethu Mutter⸗ ke mein, en!“ hertlich⸗ betreten Genua. 87 wird, ſonſt hätte man den jungen Mann mit ſeinen heftigen Geberden beobachtet und ihn vielleicht für einen Verrückten ge⸗ halten; doch ſo konnte er auf der langen, menſchenleeren Straße ſein Selbſtgeſpräch ruhig beendigen. „Wenn ich ſie nicht mehr liebte,“ fuhr er fort,„wenn ich ſie gern von mir ließe, ah! das wäre was ganz Anderes! Und wenn es nicht mein heißeſter Wunſch wäre, ſte öffentlich die Meine zu nennen, ſo würde es mir nicht ſchwer ankommen, den Schritt zu thun, wie ich mit meinem Worte gelobt! Ja!“ rief er trotzig aus,„ich hab' es gelobt, ich habe mein Wort gegeben! Aber mit ihr offen darüber ſprechen kann ich micht!“ Bei dieſen letzten Worten, die er lauter als die übrigen ſprach, raffte er ſich gewaltſam zuſammen und ſchritt quer über den Platz auf ein kleines Haus zu, das ſich freundlich aus grünen Orangen⸗ und Citronenbüſchen hervorhob. Dieß kleine Haus hatte im untern Stock neben der Treppe Küche und Bedientenzimmer, oben war ein kleines Vorzimmer, zwei Schlafzimmer und ein Salon, von deſſen Fenſtern man die reizendſte Ausſicht hatte. Vor dem Hauſe dehnte ſich der breite Platz aus, links lag das Haus des Columbus, rechts in der Tieke der Palaſt Doria und zwiſchen dieſen beiden Gebäuden hin⸗ durch erblickte man den belebten Quai mit ſeinem Maſtenwalde, weiter hinaus den Molo mit dem Leuchtthurm und das Ganze ſchloß die gewaltige Meerfluth. Die Fenſter des Salons waren geöffnet, und da das Haus bei der frühen Morgenſtunde im Schatten, Stadt, Hafen und Meer dagegen von der Sonne beleuchtet wurde, ſo war die Aus⸗ ſicht in dieſem Augenblick hier oben entzückend ſchön. Eine junge Dame in blendend weißem Peignoir, der den eleganten ſchlanken Körperbau auf's Vortheilhafteſte hervorhob, lehnte an dem Fen⸗ ſter und unterſtuͤtte den Kopf mit dem Arm, indem ſie ſcharf nach dem Hafen hinunter blickte. *„ 88 Vierundvierzigſtes Kapitel. Das reizende gute Geſicht dieſer Dame brauchen wir dir, geneigter Leſer, nicht zu beſchreiben, du kennſt es, du wirſt dich deſſelben hoffentlich erinnern: du ſahſt es bei der Leiche ihrer armen Mutter, bei ihren kindlichen Spielen, bei ihrem Eintritt in die Welt. Das Geſicht der kleinen Marie hat ſich nicht viel verändert, die großen dunklen Augen haben noch immer denſelben ſchwärmeriſchen Ausdruck, nur hat ſich das ruhig Träumeriſche, mit dem das Kind die Gegenſtände um ſich betrachtete, in einen rührenden, unausſprechlichen Ausdruck verwandelt, nicht des Kummers, nicht des Schmerzes, aber eines Ausdrucks, bei dem man ihre Hand ergreifen möchte und ſte fragen: was fehlt dir? Wenn wir einen Blick in den Salon werfen, ſo ſehen wir uns veranlaßt, die Gegenſtände, namentlich die Bilder und Bild⸗ chen an den Wänden, näher zu betrachten. Wir finden lauter gute alte Bekannte. Dort iſt eine Skizze des Hauſes unter der Mauer, von Meiſterhand in Aquarell gemalt: man ſieht in das dunkle Gewölbe hinein, es iſt Nacht; lieber Leſer, wir erblicken das erſte Kapitel unſerer wahrhaftigen Geſchichte. Die alten Straßen⸗ laternen werden hin und her geweht, richtig! dort ſchreitet Frau Welſcher, an ihrer Hand ein kleines frierendes Mädchen. Neben dieſem Bildchen iſt ein ſprechend ähnliches Portrait der alten Kiliane und daneben nochmals die Frau Welſcher im Sonntags⸗ ſtaat mit harten hölzernen Zügen, unkünſtleriſch zwar, aber rüh⸗ rend in ſeiner Aehnlichkeit in dem prächtigen goldenen Rahmen.— Noch ein Bekannter. Ja, es iſt Dubelli's ehrliches, treuherziges Geſicht, im eleganten ſchwarzen Frack mit hohem weißem Kragen, das Aeußere freilich anders, wie wir es zu ſehen gewohnt, aber das Innere iſt daſſelbe geblieben, wie damals, wo er die alte Büglerin nach Hauſe begleitete. Unter dem Tänzer befindet ſich eine äußerſt elegante Zeichnung von der ehemaligen Collegin deſſelben, Mademoiſelle Eliſe, von großer Aehnlichkeit, die prachtvollen Formen ihres Körpers ſchon wieder gegeben. Sie Genua. 89 vir dir, i*ſt im Coſtüm, lehnt mit der einen Hand an der Couliſſe und irſt dich wendet den Kopf rückwärts. Es iſt der Moment in einem Ballet, he ihrer woo ihr neuer Pas kommt.——„Denk'’ an mich!“ ſagte ſie in Eintritt ſolchen Momenten zu der kleinen Marie, ndenk' an mich, du icht viel gutes freundliches Herz und dann wird mir's draußen gut gehen.“ denſelben— Auch ein Portrait von ihr ſelber ſteht auf einem Ecktiſchchen meriſche, und gegenüber ein anderes mit Epheu umgeben: das eines jungen in einen Mannes, den wir ſchon geſehen, leider ſchon gehört. Wir gäben icht des viel darum, hätten wir ſein Selbſtgeſpräch nicht belauſcht. Die bei dem Züge dieſes Geſichts ſind ſchön zu nennen, doch liegt im Auge dir? 4 etwas Weichliches, Charakterloſes, das der trotzig aufgeworfene een wir Mund umſonſt zu verwiſchen ſucht. Bild⸗* Nach einer langen Pauſe, während welcher Maria aufmerk⸗ er gute ſam auf den Platz und den Hafen hinabſieht, öffnet ſich die Thüre des Nebenzimmers und von den Armen einer ſtämmigen Genue⸗ ſerin gleitet zappelnd und lachend ein kleines, allerliebſtes Büb⸗ Mauer, dunkle n das chen auf den Fußboden und trippelt auf die Mutter zu, welche traßen⸗ ſich umwendet, das Kind zu ſich emporhebt und es mit Liebkoſen et Frau und glühenden Küſſen bedeckt. Neben In dieſem Augenblicke eilte der junge Mann aus der Strada t alten Balbi über den Platz gegen das Haus. ntags⸗ 4„Signora,“ ſagte das Dienſtmädchen im Nebenzimmer, er vih⸗„man hat mir geſagt, daß der Ferdinando Primo heute früh 89 3n von Neapel hier angekommen iſt.“ 4 35„Heute früh?“ forſchte die junge Dame,„alſo ſchon vor ai mehreren Stunden?“ dagen„Allerdings ſchon vor mehreren Stunden,“ antwortete die 7 oba Genueſerin, ſetzte aber lächelnd hinzu:„doch wiſſen Sie wohl, t dir Signora, daß es den Paſſagieren nicht ſo bald erlaubt iſt, an k ſch das Land zu gehen.“ ollegin Jetzt hörte man a der Treppe raſche Tritte, die ahnungs⸗ 4 5 4 vell Mutter drückte i*Kind feſt an die Bruſt und ſtarrte 5 3 1* 90 Vierundvierzigſtes Kapitel. erwartungsvoll nach der Thüre des Salons, die jetzt haſtig auf⸗ geriſſen wurde und unter welcher der ſo ſehnlichſt Erwartete er⸗ ſchien. Einen Augenblick blieb er zögernd am Eingange ſtehen, als wage er nicht, die Schwelle zu überſchreiten und ſein Mund warf ſich trotzig auf, wie wir es auf dem Bilde bemerkt. Das dauerte aber nur eine Sekunde, dann ſchlich ſich jener andere, weichliche Zug aus den Augen und über das Geſicht, er ſtürzte heftig Mutter und Kind entgegen, ſank vor erſterer auf die Knie, drückte heftige Küſſe auf ihre herabhängende Hand und rief „Maria! meine geliebte Maria!“ „Eugen!“ ſagte ſie und ihre Wimpern wurden feucht, „mein Eugen, biſt du da? Ich habe dich ſchon ſeit langen Wochen erwartet.“ Sie ließ das Kind auf den Boden herab, und der Kleine, als er die Eltern weinen ſah, verzog ebenfalls das Geſichtchen und konnte nur durch die herzlichſten Schmeichel⸗ worte des Vaters und durch die zärtlichen Küſſe der Mutter be⸗ ruhigt werden. Längere Zeit hielt der junge Mann darauf ihre beiden Hände in den ſeinigen feſt und ſah ihr lang und forſchend in die Augen.„Du warſt wieder recht unglücklich während meiner Ab⸗ weſenheit?“ ſagte er innig und liebevoll, ſetzte aber etwas unge⸗ duldig hinzu:„haſt wieder viel geweint und verſprachſt mir doch, dieß nicht zu thun.“ Sie nickte ſtumm mit dem Kopfe und drückte ihr Geſicht auf den Kopf des Kindes, damit er die reichlichen Thränen nicht ſehen ſolle, die ihren Augen entquollen. „Du quälſt mich, Maria!“ ſagte er unmuthig, udu weißt ja, ich kann nicht immer bei dir ſein..). — „Leider!“ ſagte ſie. „Freilich leider!“ entgegnete er,„aber was iſt da zu machen? Wir müſſen uns dem Schickſal fügen, Maria, wir können mit Gewalt nichts durchſetzen, wir müſſen ruhig und tig auf⸗ rtete er⸗ ſtehen Mund 1 du t ſtürzte 5. e Rnie, in die er Ab⸗ unge⸗ ſt mir geſicht mnicht weißt Genua. 91 geduldig ahwarten.“ Er zuckte bei dieſen letzten Worten unge⸗ duldig mit den Schultern. Da ſie ihn aber feſt und ruhig anſah, mit dem ſo unendlich liebevollen und rührenden Blick, ſo ſchlug er das ſeinige nieder, legte die Hand auf den Kopf des Kindes und ſagte: nfreilich, freilich, Maria! ich weiß, wie geduldig du ausharrſt, wie zufrieden du in die Zukunft ſchauſt, es kann und wird aber Alles beſſer und angenehmer werden. Für jetzt bin ich gebunden, das weißt du ſo gut, wie ich. Ich bin nicht frei, leider, leider abhängig, ſehr abhängig. Du wirſt überzeugt ſein, Maria“— dabei hob er wieder den Blick zu ihrem Auge empor,—„du wirſt mir glauben, daß wenn es mir möglich wäre, dich heute der Welt als meine Frau vorzuſtellen, daß ich's bei Gott dem Allmächtigen thun würde, gern thun würde; aber“— er zog die Achſeln wieder in die Höhe,—„was kann ich machen?— Warten und warten.“ „Und dein Onkel,“ fragte ſie ſchüchtern,„iſt noch immer hart gegen mich? Er will nichts von mir wiſſen, von mir, deiner Frau?— und von dem armen Kinde da 24 „Härter als je!“ entgegnete der junge Mann und warf ſich in einen Fauteuil.„Er weiß viel ſchöne Geſchichten von ähn⸗ lichen„Mißheirathen, ſo ſagt er,— verzeih' mir das Wort, Marig,— uud die tiſcht er mir bei allen Gelegenheiten auf.“ dDas'ſt ſehr traurig,“ ſagte ſte. „Allerdings— ſehr traurig!“ entgegnete er und zog das Bübchen zwiſchen ſeine, Knie.„Entſetzlich! es zerſtört mein ganzes Lebensglück.“ Er ſah dem Kind. in das roſige Geſichtchen und verſank in tiefes, langes Nachdenken. Plötzlich ſchien er einen Gedanken zu faſſen und käͤmpfte wieder augenſcheinlich mit ſich ſelbſt, dieſem Gevanken gegen die Muͤtter Worte zu leihen. Er erhob nochmals Blick, um ſie anzuſehen Wa ihn aber nur bis zumRande des Fauteuils, auf dem ihre gefalteten Hände auflagen. Am Mittelfinger ihrer linken Hand trug ſie 92 Vierundvierzigſtes Kapitel. einen einfachen goldenen Reif und über dieſen goldenen Reif konnte er nicht hinwegkommen.„Ich habe mir ſchon gedacht,“ ſagte er nach einer abermaligen Pauſe ſtockend, ndaß es vielleicht möglich ſei, den Onkel günſtiger zu ſtimmen, wenn wir ihm den Kleinen da vorführten.— Was meinſt du, Maria? Er liebt die kleinen hübſchen Kinder leidenſchaftlich, obgleich oder weil er⸗ ſelbſt keine hat. Gib' mir den Knaben auf kurze Zeit, ich will ihn mit nach Neapel nehmen.——— „Mein Kind?“ ſagte die Mutter,„mein kleines liebes Kind ſoll ich von mir laſſen?— O nein, Eugen, das kann dein Ernſt nicht ſein!— Ich ſoll allein hier zurückbleiben, allein in der kalten, fremden, prächtigen Stadt; o Eugen, wenn du wüßteſt, welchen Troſt mir mein Kind gewährt! Wie er mich verſteht, wenn ich hier am Fenſter ſttze und von dir, ſeinem Vater, ſpreche! Wie weiß er ſo gut, daß du dort über das große Waſſer fahren mußt, um zu uns zu kommen. Das böſe Waſſer! ſagt er, denn er hat dich lieb, ſehr lieb, mein Eugen, obgleich er dich ſo ſelten ſteht.“ Der junge Mann, der an der Heftigkeit, mit welcher ſte dieſe Worte ſprach und mit welcher ſie das Kind bei denſelben an ſich zog, wohl entnahm, daß es ihm nicht gelingen würde, den Knaben in ſeine Hände zu bekommen, entgegnete in gereiztem Ton:„immer Vorwürfe, du machſt mir heſtindige Vorwürfe, daß ich dich ſo wenig ſehe, aber bei Gott! ich kann ja nicht anders, und du verwickelſt unſere Sache immer mehr, indem du meinen vernünftigen Rathſchlägen kein Gehör gibſt.“ 4 „Ich will Alles thun, was du willſt,“ ſagte ſie ernſt und beſtimmt,„aber mein Kind laß' ich nicht von mir. Laß' mich mit dem Kleinen allein nach Neapel, ich will zu deinem Onkel, ich will Allles thun, ich will ihm zu Füßen fällen, ich will ihn bitten für dich und für mich. Du ſagteſt ſonſt, er ſei nicht hartherzig, er habe ein gutes, liebevolles Gemüth. Er iſt kränk⸗ — — Genua. 93 lich— ich will ihn pflegen, das Kind ſoll ihn erheitern, laß mich zu ihm nach Neapel.“ Sie hatte das mit Feuer und Ueberzeugung geſprochen, und einen Augenblick blickte er fragend und nachdenklich in ihr glänzendes Auge, als überlege er, ob dieſer Plan nicht gelingen könne, dann aber ſchüttelte er heftig den Kopf und ſagte hart: „du kennſt die Verhältniſſe nicht, Marie, das geht nun und nimmermehr! denk nur an die Frau meines Onkels, die kalte, herzloſe Italienerin.“ Er ſtand von ſeinem Sitze auf und ſchritt haſtig im Salon auf und ab. Plötzlich blieb er vor ihr ſtehen und fragte mit erzwungenem Lächeln:„wie iſt's mit deiner Kunſt, ſchöne Tänzerin⸗ Haſt du keinen Verſuch mehr ge⸗ 2 macht?“ „Wie kommſt du auf die Frage?“ entgegnete ſie in einem leiſen ſchmerzlichen Tone. „Ei!“ ſagte er, nich wollte nur das wirklich unangenehme Geſpräch von vorhin abbrechen.“ Sie ſchüttelte leicht den Kopf, als er wieder durch das Zimmer dahinſchritt, und ihre Blicke folgten ihm ernſt und nach⸗ denklich.„Wohl habe ich meine Kunſt wieder verſucht,“ ſagte ſie nach einer Weile,„und wenn Signora Marina jetzt erſt das Theater beträte ſo würde ſte auch mit dem Bischen, was ihr von früher iſſasg blieben, einigen Beifall erringen. Aber mein Fuß iſt und eibt zu ſchwach, um Großes auszuführen. Alle,— frühet geſehen, würden die Marina nicht mehr erkennen, mitl den Kopf ſchütteln und mich bedauern.— Deine rage at mir weh gethan, Eugen!“ Sie wandte den Kopf ach dem Fenſter und weinte keiſe. „Immet Thränen, aaria!¹ ſagte ek mit ziemlich weicher Stimme,„o weine nicht, thu' es mir zu lieb⸗ du kannſt ia noch ganz glücklich werden.“ „Kann ich's wirklich, Sugetkz⸗— Glaubſ dbaran:— —— — — 94 Vierundvierzigſtes Kapitel. ſage mir die Wahrheit.“ Sie wandte ſich haſtig gegen ihn, um⸗ ſchlang ſeinen Hals mit beiden Armen, und drückte einen innigen heißen Kuß auf ſeinen Mund.„Sage mir, ich ſoll geduldig warten, befiehl' mir, dich nie mehr zu fragen, aber laß' mir eine kleine Hoffnung. Bedenke, wie du über dieſen Punkt früher mit mir geſprochen! Denk' an die erſte Zeit unſerer Liebe in Neapel!“ 2 „Ich denke daran,“ antwortetener ſchmerzlich bewegt. „Damals,“ fuhr ſte fort,„hielteſt du es für ſo leicht, die Einwilligung deines Onkels zu erlangen. O Eugen, ich habe nicht leicht, nicht willig deinen Bitten nachgegeben, ich habe dir Alles ſo vorgeſtellt, ich habe ahnungsvoll geſehen, wie es nun wirklich gekommen iſt. Ich habe dich gewarnt, ich habe dir vorgeſtellt, wie deine mächtige Familie es dir nimmermehr er⸗ lauben würde, eine unbekannte, namenloſe, wenn auch damals große Künſtlerin in ihren Kreis aufzunehmen. Alles, Alles haben wir dir geſagt, ich und der getreue Dubelli. Damals aber ſahſt du klarer und heller in die Zukunft;— doch will ich dir keine Vorwürfe machen, nur ſprich offen und ehrlich mit mir. Ich will ja nur dein Glück, wenn auch mein Herz darüber brechen müßte.“ „Nicht dieſen Ton, Maria!“ ſagte er heftig, ves iſt leider wahr, ich habe dir Verſprechungen gemacht, die ich nicht halten konnte, ich habe dich einer glänzenden Cariere entriſſen, die du aufgeben mußteſt, vielleicht mittelbar durch meine Schuld; du haſt das Recht, mir Vorwürfe zu machen— thu es! ſchilt mich, klage mich heftig an, laß' mich deinen Zorn fühlen, aber nicht jenen Ton! Ich habe Unrecht, Gott, wie fühle ich das! Ah! ſei nicht immer ſo verzeihend, ſo geduldig, ſei zornig, ſei heftig! — dann kann ich es auch ſein,“ ſetzte er ganz leiſe hinzu. Aber ſie wurde nicht eftig, ſie litt geduldig und ſtill. Sie nahm das Bübchen auf ihren Schooß und ließ ihn einzelne Genua. 95 Worte ſagen, die er ſchwer auszuſprechen gelernt, und da kam Alles durch einander, Deutſch, Italieniſch und Franzöſtſch. Aber dieß unſchuldige Geplauder erweichte ſein Gemüth, er hörte dem Kinde zu, zuerſt ernſt, dann lächelnd, endlich nahm er es auf ſeinen Arm, küßte es unzählige Mal und tanzte ſingend und lachend im Zimmer auf und ab. Unter dieſen Eindrücken hätte er auch Alles für Kind und Mutter gethan, was nur eine Menſchenſeele thun kann. Er hätte für ſie gelitten, gedarbt, ja gearbeitet— das Letzte wäre aber für ihn das Härteſte geweſen, denn er hatte es nie gethan. Doch ſo leicht ſeine guten Vorſätze kamen, eben ſo leicht ver⸗ ſchwanden ſte auch wieder. Bald ſetzte er das Kind auf den Boden und warf ſich in eine Sophaecke, nach gleichgültigen Dingen fragend. „Apropos!“ ſagte er,„haſt du Nachrichten von Dubelli? Wie geht es ihm, was treibt er?“ „Von Paris hat er mir vor einiger Zeit geſchrieben. Er tanzt in der großen Oper, iſt gut bezahlt, ſparſam wie immer und legt das Seinige zurück, um ſpäter in der Heimath, in Deutſchland, ruhig leben zu können.“ Das Letzte fagte ſte mit einem unterdrückten Seufzer. Obgleich er die Bewegung in ihrer Stimme wahrnahm, ſo wollte er ſie 1n 3t beachten, und fuhr fort:„wie iſt denn der Menſch, der ir nun ſeit zwei Jahren deine Geſchäfte beſorgt? Hältſt du ihn fün treu und ergeben?“ 7ch glaube ſo,“ entgegnete Maria,„du weißt, wie wir ihn fanden und aufnahmen; wir können auf ſeine Dankbarkeit den gerechteſten Anſpruch m machen. 2 .„Ja, das muß war fein, u lachte der Graf,„Gott, wenn je et9s Hennnterer nenend geſihen, ſo war es dieſer Deutſche.— Aber ein unangenehmeres, widerwärkigeres Ge⸗ — 1 —— 96 Vierundvierzigſtes Kapitel. ſicht ſah ich nie.— Und du glaubſt wirklich, daß er uns ergeben und anhänglich iſt?“ ſagte er nach einigem Nachſinnen. „Er hat mir nie Urſache zu einer Klage gegeben; er iſt ſorgſam für das Hausweſen, hat das Bübchen gern und beſorgt meine kleinen Geſchäfte gewandt und pünktlich.“ „So, ſo,“ entgegnete der junge Mann. Doch wäre bei der ganzen letzten Unterredung für jeden Unbefangenen eine pein⸗ liche Spannung bemerkbar geweſen, die ihn nicht verließ. Er holte tiefer Athem als nothwendig und blickte zerſtreut im Zimmer umher.„Wo iſt dein Hund? ich ſehe ihn nicht— dein kleiner Engländer? „Er iſt geſtorben,“ antwortete ſie, nes hat mir ſehr leid gethan.“. „Ei, ei!— So?— Und das kleine Bübchen,“ fuhr er gezwungen lachend fort,„willſt du mir nicht mitgeben nach Neapel? Es wäre wirklich beſſer.“ „Gehſt du denn ſo bald wieder zurück?“ fragte ſie erſchreckt, „ich glaubte, du bliebeſt eine Zeit lang hier. Iſt es dir nicht möglich, einige Wochen da zu bleiben? kleiner Eugen, bitte den Papa, er ſoll uns nicht ſo bald wieder verlaſſen.“ „Quäle mich nicht, Maria!“ ſagte er ungeduldig,„du weißt, ich bleibe, ſo lange ich kann, ich habe mich nur von Neapel weggeſtohlen, um dich eine kleine Weile zu ſehen“— er war aufgeſprungen und ans Fenſter getreten.„Adieu Maria,“ brachte er mühſam hervor,„ich muß einige Geſchäfte beſorgen, ſeh' dich aber nachher wieder. Sie reichte ihm die Hand und Plickte ihn feſt un innig, aber aufmerkſam an. Seine Han 1 heir heftig in der ihrigen, ſein Geſicht war bleich, aller⸗ 3 Mund naeen en ſeine Augenlider zuckten und mmer Ses s lich ein Strom von Thränen über ſeine Wangen am.„Adieu Maria!“ wiederholte er mit⸗gebrochener Stimme, und ſetz Genua. 97 en hinzu: ſieh dich jetzt nicht um nach mir, blick mir nicht nach, um Gottes Barmherzigkeit willen, leb wohl, leb wohl!“ Haſtig ſſt 1 wandte er ſich und eilte zur Thüre des Salons hinaus, die rgt Treppen hinab. Unten angekommen, biß er die Zähne heftig in ſeine Lip⸗ bei„ pen, wiſchte ſich mit der Hand die Thränen aus dem Geſicht, in⸗ ſetzte den Hut auf und trat anſcheinend gefaßter auf die Straße gr hinaus. im Hier an der Hausthüre lehnte jene Perſon, von der Beide 1 vorhin droben geſprochen.„Joſeph,“ ſagte der Graf, ohne den Mann anzuſehen,„ich wohne Croce di Malta, komm' in eid einer Stunde zu mir, aber ohne droben was zu ſagen.— Verſtanden?“ er Damit wandte er ſich von dem Hauſe links, eine kleine ach Bergſtraße hinauf; es war ihm unmöglich, über den Platz zu 1 gehen, wo er wußte, daß ſie ihm nachſah,— ſie und das 8 kt kleine liebe Kind. cht Der Mann an der Hausthüre, den er Joſeph genannt, blickte den ihm kopfſchüttelnd und häßlich lachend nach und ſagte: uhm! 4 . Im— endlich!“ 3 du 7 von et’ 8, en, ig, en, en, ein Hacklander, Namenl. Geſchichten. III. 7 1 Fünfundvierzigſtes Kapitel. Genua. In dem Gaſthofe angekommen, wurde il Signor Comte von dem Wirth auf's Ehrerbietigſte empfangen und in die Zim⸗ mer eingeführt, die für ihn beſtellt waren. Dort befahl er, daß man ihn allein laſſe, und gieng haſtigen Schrittes auf und ab, ſich in die Erinnerung vergangener Zeiten verſenkend. Der Graf war kein ſchlechter Menſch, aber entſetzlich weich und wankelmüthig. Er beſaß jene Energie, die raſtlos, ohne nachzulaſſen, einem einmal vorgeſetzten Ziele nachſtrebt, es mit allen Kräften zu erreichen ſucht, ſo lange Andere demſelben Ziele nachjagen und ſo lange man ihn um die Fortſchritte, die er gemacht, beneidet, und dadurch ſeine Zuſtimmung zu dem, was er unternimmt, kund gibt. Dann ſcheute er keine Zeit, keine— Kräfte, und er mußte durchſetzen, was er ſich vorgenommen. War er aher in den Beſitz des Erſehnten gelangt, ſo freute es 3 ihn nur dann, wenn ſeine Bekannten fortfuhren ihn darum zu beneiden. Das Gegentheil aber konnte er nicht ertragen, und Genna.. 99 wenn Leute, auf deren Ausſpruch er Gewicht legte, anftengen, an das, was er errungen, einen kritiſchen Maßſtab zu legen, ſo hatte er nicht feſten Willen genug, dieſen Urthellen entgegen zu treten, ſondern er war der Erſte, der das mühſam aufgerich⸗ tete Gebäude einzureißen begann.—. So war es mit ſeinem Verhältniß zu der Tänzerin. Er hakte ſte unausſprechlich geliebt, er war ſtolz darauf, überglück⸗ lich, daß er ihre Gegenliebe errungen, und aller Neid, alle Miß⸗ gunſt, die er in dieſer Sache erfahren, hatten nur dazu beige⸗ tragen, ſein Verhältniß zu ihr inniger zu machen. Das gleng ſo lange gut, bis er alle andern Bewerber ver⸗ drängt, bis er durch eine heimliche Che in den ungeſtörten Beſtltz der Geliebten getreten war. Da blickte er zurück und begann nachzudenken. Jedes leichte, ſpöttiſche Wort ſeiner Freunde, ein Achſelzucken, eine Bemerkung:„la, wenn man gleich heirathen will, läßt ſich viel erreichen!“ verletzten ihn tief und kränkten ſeinen Stolz auf'’s Empfindlichſte. Sein Vater, der zweite Sohn ſeines Groſßwaters, hatte ihm wenig hinterlaſſen, dagegen aber hatte ihn ſein Onkel, der Erbe ſämmtlicher Güter, an Kindesſtatt angenommen und dieſer, Onkel ſah die ganze Geſchichte mit der Tänzerin fün etwas Vorllbergehendes an. Er hatte. ihm früher zu ſeiner Groberung ächelnd Glück gewünſcht, ihm gern die größten Summen bewil⸗ ligt, um den Aufwand hiezu zu beſtreiten, war aber alsdann, nachdem der Neffe von eluepgt den Verbindung mit der un⸗ ennen Baate geſprochen, auf einmal ganz anders gewor⸗ den und hatte uihm zuerſt lächeknd, dann ernſthaft die unange⸗ nehmen 3 An. isfeierse zergliedert, und der Onkel, ein Lebemann, der die 2 kannte, wie wenige, der ähnliche Verhältniſſe in Liebe, Angſt und Kummer genugſam durchgemacht, verſtand es meſſterhaft, bie Schattenſelten der⸗ ſelben varzuſtellen. 8* 7 4 — — 100 7% Lünfundvierzigſtes Kapitel. 2 Der Onkel, ein Mann in den Fünfzigen, bedeutend von der Gicht geplagt, hatte vor zwanzig Jahren wahrſcheinlich anders geſprochen. Er, ein franzöſiſcher Graf, hatte eine italieniſche Herzogin geheirathet, ohne in dieſer Ehe das Glück zu finden, auf das er ſehnlich gehofft. Die Italienerin, wie ſie der Neffe richtig genannt, eine kalte herzloſe Perſon, um vieles jünger wie der Graf, bewegte ſich in der großen glänzenden Welt, ſo lange das angieng, mit dem Gemahl; als aber denſelben ſeine Kränklichkeit zu Hauſe hielt, nach italieniſcher Sitte mit einem Hausfreund. Kinder waren keine da, man erwartete auch keine mehr, ja das eheliche Verhältniß der Beiden wurde in dieſem Punkte ſo troſtlos, daß der Graf ſeiner Gemahlin erklärte, er füge ſich, ſo lange er in Italien lebe, italieniſcher Sitte, um kein Ridicul auf ſich zu laden, gebe ihr aber ſein Wort, daß eine augenblickliche Eheſcheidung erfolgen würde, ſobald unter dem Schirm ſeiner Grafenkrone gewiſſe kleine Umſtände eintreten würden, die er nicht näher bezeichnen wolle. Von dieſem Augenblicke an begann der Oheim das Ver⸗ hältniß ſeines Neffen zur deutſchen Tänzerin mit andern Augen anzuſehen. Er wünſchte demſelben nämlich eine Frau aus guter Familie, die ihm, dem Kranken, in langen, einſamen Stunden zur Unterhaltung dienen ſolle, die ihn freundlich und liebreich pflegen, die in ſeinem großen Hauſe die Honneurs machen und mit der er den böſen Launen der Gemahlin begegnen könne, denn der alte Graf liebte Geſellſchaft und Unterhaltung und haßte die finſteren Säle ſeines großen Palaſtes, in denen der freundliche Geiſt einer liebenswürdigen Dame des Hauſes voll⸗ ſtändig fehlte. Nachdem längere freundſchaftliche Ermahnungen, ja Bitten, mit denen er ſeinen Neffen beehrt, durchaus fruchtlos geblieben waren, hatte er ihm eines Tages ernſt und beſtimmt ſagt: „mein lieber Freund! du biſt freilich der Sohn meines W dens — 3 r — Genua.— 101 d von und von mir an Kindesſtatt angenommen, doch läßt ſich der⸗ anders gleichen füglich löſen, ſobald wir einander nicht mehr conveniren, ieniſche und mir ſcheint, auf dem Punkte ſind wir angekommen. Ich finden, habe, wie du weißt, um deinetwillen die Familie meiner Schweſter Neffe außerordentlich vernachläßigt, ich habe dir und deinen Launen jünger beſtändig die Zügel ſchießen laſſen, habe nie gezürnt, wenn ich elt, o das dir ausgeſetzte Geld verdoppeln, ja verdreifachen mußte, ja n ſeine ich erlaubte dir, auf meinen Banquier zu ziehen, ſo viel du ge⸗ einem wollt. Ich will auch gerade nicht behaupten, daß du dieſe Er⸗ keine laubniß gemißbraucht— nein— aber für Alles das verlange dieſem ich jetzt eine Kleinigkeit, daß du nämlich jenes bewußte Verhält⸗ te, er. niß abbrichſt und mir dafür eine Frau in's Haus ſchaffſt, die ich „um kann ſehen laſſen.“ daß„Das nennen Sie eine Kleinigkeit, lieber Oheim?“ hatte unter der junge Mann ſchmerzlich lächelnd gefragt.„Sie haben das treten Mädchen nie geſehen!“ worauf Jener erwiderte: daß ihn dar⸗ nach auch durchaus nicht verlange. Ver⸗„ Wir ſetzen ihr,“ fuhr er ruhig fort, vein Jahrgehalt aus, Augen wovon ſie anſtändig leben kann, unter der Bedingung, daß ſie guter das Kind— ich glaube, du haſt mir einmal geſagt, es ſei ein unden Kgabe— daß ſie dir alſo das Kind übergibt, welches wir als⸗ breich dann nach Paris ſchicken und es auf's Sorgfältigſte und Beſte t und erziehen laſſen. Das ſind wir ihm ſchuldig, da es doch einmal, önne, von dir iſt, nicht wahr?“ und Darauf hatte der junge Mann als Letztes, und wie er der aubte, Wirkſamſtes angegehen, daß das Mädchen nicht eher voll⸗ habe die Seine werden wollen, bis er ſich mit ihr habe trauen laſſen. Doch machte dieß auf den Herrn Onkel durchaus nicht ſtten, die erwartete Wirkung.—„Eine ohſitr dht de ſagte er, jeben pohne die nöthigen Papiere, ohne Legitimätion von der Familie. ſagt:“ 39 tane dgs und werde es arrangiren“———— 5 2 ¶ 102 Aünfundvierzigſtes Kapitel. Dieſe Unterredung, dieſer feſt ausgeſprochene Wille erreichte bei dem ſchwachen, jungen Menſchen vollkommen ſeinen Zweck. Er begann das Drückende ſeines Verhältniſſes zu fühlen, und wenn er es auch früher für den ſeligſten Augenblick gehalten hatte, wo er im Stande geweſen, ſie, die Geliebte, die an edlem Sinn, Tugend, Schönheit, ja Bildung allen Damen ſeiner Bekannt⸗ ſchaft gleich zu ſtellen war, feierlich in ſein Haus zu führen, ſte öffentlich die Seine zu nennen, ſo fieng er jetzt an, dieſe Pläne für unausführbar zu halten und malte ſich die Hinderniſſe, die wiſchen denſelben und ihrer Ausführung lagen, als unüber⸗ ſteiglich. Mit dieſen Gedanken war er denn, ein gehorſamer Neffe, von Neapel abgereist und nach Genua gekommen. Doch was der Onkel von ihm verlangt, mit dem unglücklichen Mädchen offen und ehrlich zu ſprechen, und was er auch anfänglich für leicht gehalten, das war er, wie wir geſehen haben, nicht zu thun im Stande. Deßhalb warf er ſich nun auf ſeinem Zimmer im Gaſthofe an ſeinen Schreibtiſch, um ihr nach Art treuloſer und dabei feiger Seelen den Dolch unverſehens in das argloſe Herz zu ſtoßen. Er ſchrieb lange und viel, und den Kellner, der nach Ablauf von einer Stunde eine Meldung machen wollte, winkte er mit der Hand zurück, und ſo verfloſſen drei Stunden, bis er den Brief an ſie beendigt hatte und ihren Diener Joſeph vorließ. Der Menſch blieb demüthig an der Thüre ſtehen, doch als er bemerkte, wie der Graf am Fenſter ihm den Rücken zuwandte, hob er ſeine Augen in die Höhe und ließ ſie tückiſch lächelnd durch das Zimmer ſchweifen. Er hatte in der That eine widerwärtige Phyſtognomie, dieſer Menſch. Ein vergangenes wildes Leben mußte dieſe Züge verzerrt, das Haar gebleicht, ſo tiefe Furchen auf Stirn und Wangen geſchnitten haben. Dabei ſchielte eichte weck. venn wo binn, innt⸗ ſie Näne Genua.. 103 er, wie nicht leicht ein anderer Sterblicher und die Sehwinkel ſeiner Augen kreuzten ſich ſo ſonderbar, daß der Anblick derſelben komiſch geweſen wäre, wenn der Blick dieſes Auges ſelbſt nicht ſo etwas offenbar Bösartiges an ſich gehabt hätte. Jetzt wandte ſich der Graf um, und obgleich er das Geſicht oft geſehen, ſo erſtaunte er doch heute wieder ob dieſem unange⸗ nehmen Ausdruck. „Erinnerſt du dich noch,“ ſagte er nach einer Pauſe,„auf welche Art du in die Dienſte der Signora Marina getreten,* vielmehr in meine Dienſte? Es kann nicht ſchaden, wenn mir das nochmals erzählſt.“ „Es mögen jetzt drei Jahre ſein,“ ſagte Joſeph geſchmeidig und willfährig,„da kam ich hieher nach Genua, um Arbeit, ein Unterkommen zu finden. Ich fand weder das Eine noch das Andere; mein Geſicht,“ ſagte er ſeltſam lächelnd,„war den Leuten nicht angenehm genug und da ich auf dieſe Art weder Obdach noch Nahrung hatte, ſo wurde ich krank, ſehr krank. Ich wohnte in einem elenden Hauſe hinter dem Freihafen; es war vielmehr ein Stall, und die alte Frau, die mich in meinem brennenden Fieber mit einer Citronenſchnitte erquickte, oder mir, wenn ich jämmerlich fror, eine alte Pferdedecke überwarf, ſagte mir eines Tages, es ſei eine reiche Dame angekommen, ebenfalls eine Deutſche, und, wie ſie glaube, aus demſelben Lande, aus dem ich ſei. Sie hatte das von ihrer Schweſter, einer Wäſcherin, erfahren, die hier in dieſem Gaſthofe, wo auch die deutſche Dame wohnte, beſchäftigt war.“ Der Graf nickte mit dem Kopfe und ſagte ſehr leiſe:„ja, ja, es war derſelbe Gaſthof, ich glaube ſogar, dieſelben Zimmer!“ „Die deutſche Dame nun,“ fuhr der Diener fort,„ſchickte mir Geld und kam eines Tages, nach dem Landsmanne zu ſehen. Sie erſchrack, wie ſie meinen Zuſtand, mein Lager ſah,——— 8 104 Fünfundvierzigſtes Kapitel. darauf kamen der Herr Graf und ließen mich aus dem Stalle fortbringen, in ein gutes Haus, und ließen mich pflegen, voll⸗ ſtändig heilen und thaten viel an mir.“ „Und als du geſund wurdeſt,“ unterbrach ihn der junge Mann, nund mir ſagteſt, du wiſſeſt in der Welt nicht aus noch ein, nahm dich Signora Marina in ihre Dienſte und verſchaffte dir auf dieſe Weiſe ein angenehmes, behagliches Leben.— Iſt's nicht ſo?“ „Ja, Herr Graf!“ „Vergiß das nie, ſei an deine Debiaterin anhänglich und man wird für dich ſorgen.“ „Das bin ich gewiß, Herr Graf,“ ſagte Joſeph,„wie könnte ich je vergeſſen, was man an mir gethan, wie könnte ich je undankbar ſein gegen die Retterin meines Lebens?“ Er ver⸗ ſuchte bei dieſen Worten, einen ſanften Geſichtsausdruck anzu⸗ nehmen, was ihm aber nicht gelingen wollte, ebenſowenig als ſeine beiden Augen in einen anſtändigen, menſchlichen Sehwinkel zu bringen. Das Eine blickte angelegentlich nach der Decke, wäh⸗ rend das Andere die Schiffe im Hafen zu betrachten ſchien. Doch bemerkte er trotz allem dem, daß auf dem Geſichte des Grafen eine ſeltſame Spannung lag, daß er unruhig hin und her gieng, bald ihn feſt anblickte, bald wieder zum Fenſter hinaus ſah. Der junge Herr ſchien mit ſich ſelbſt zu kämpfen„ob es räthlich ſei, ihren Diener zu ſeinem Vertrauten zu machen. Doch blieb ihm keine andere Wahl. Zuerſt war derſelbe der einzig ſichere Weg, um das bewußte Schreiben ſicher in ihre Hände gelangen zu laſſen, und da ſie ihm vertraute, wie ſie geſagt, ſo konnte es nicht fehlen, daß er auch bald von dem Inhalt dieſes Schreibens einige Kenntniß erlangen würde. Ueberhaupt war es ja nicht möglich, die ganze traurige Geſchichte geheim zu halten, und dann brauchte auch der Graf, da Dubelli leider fern 4 lle oll⸗ nge noch affte ſs Genua. 105 war, einer Mittelsperſon, um ihre Schritte ferner beobachten zu können, um je öfter je lieber Nachrichten von ihr und dem Kinde zu erhalten. Schon mehrere Mal hatte der junge Mann den Mund geöffnet, um zu dem Diener zu ſprechen, doch jedes Mal, wenn er in dieß unangenehme Geſicht blickte, ſo war es ihm nicht möglich, nur ihren Namen auszuſprechen. Aber was ge⸗ ſchehen ſollte, mußte bald geſchehen. Der Graf konnte und wollte ſich nicht länger in Genua aufhalten, er fürchtete, ſte einmal zu ſehen, es jagte ihn hinweg von dem Platz, N athmete. Unwillkührlich fühlte er ſich zu ihrem Hauſe hingezogen und wußte ſicher, daß er bei einer zweiten Unterredung mit ihr unterliegen würde. Jetzt warf er ſich in einen Seſſel an dem Fenſter, blickte an den Himmel hinauf und ſagte:„ich habe dir noch etwas mitzu⸗ theilen, Joſeph, wodurch ich dir einen Beweis gebe, wie gut deine Gebieterin dich mir empfohlen und wie ſehr ich dir ver⸗ traue. Höre mich ae Verhältniſſe nöthigen mich, eine Zeit lang nicht hieher zu kommen, deine Gebieterin nicht zu ſehen. Ich habe ſchon mit ihr darüber geſprochen und das Nähere findet ſie in dieſem Schreiben, welches du ihr heute Abend übergeben wirſt, aber nicht eher, bis der Ferdinando Primo, den du dort unten ſiehſt, den Hafen verlaſſen hat. Deine Gebieterin wird,“— ſagte er mit ganz leiſer Stimme,— vüber den Inhalt dieſes Schreibens, trotzdem, daß ſie Manches davon weiß, doch ungehalten, ver⸗ drießlich, ja traurig ſein; trauriger, wie nothwendig iſt, und wie weit dieſe Traurigkeit geht, möchte ich in einem Schreiben, das du mir morgen zu ſenden haſt, von dir auſ's Genaueſte er⸗ fahren, um alle Maßregeln treffen zu können, ihre Traurigkeit zu vermindern.— Damit fangen die Dienſte an, die du mir * 106 Fünfundvierzigſtes Kapitel. zu leiſten haſt und für welche ich dich fürſtlich belohnen will. Wer,“ fuhr er fort und ſah den Diener nach längerer Zeit wieder an,„wer beſorgt das Hausweſen, die Rechnung, wer hat das Amt Dubelli's übernommen?“. „Anfänglich, als ich in ihre Dienſte trat, verſah es die Signora ſelbſt,“ ſagte der Getreueſte aller Diener mit gefalteten Händen und liſpelnder Stimme,„doch als ſie bemerkte, ich ſei werth, daß man mir einiges Zutrauen ſchenke, ungefähr nach⸗ 8 ich ein Vierteljahr im Hauſe war, legte ſte Alles in meine nd.“ „Gut, gut!“ ſagte der Graf, vſo ſoll's denn auch in Zu⸗ kunft bleiben, du wirſt von Zeit zu Zeit an deine Adreſſe auf der Poſt Alles finden, was du empfangen und wiſſen ſollſt und du verſprichſt mir, Alles, was man dir aufträgt, getreu und pünkt⸗ lich zu erfüllen und ebenſo von allen Schritten, die hier ge⸗ ſchehen, mir augenblicklich Bericht zu geben. Das iſt Alles. Jetzt ſind wir fertig!“ So ſagte und dachte der Graf, aber der ſchlaue Diener dachte anders. Obgleich er Vermuthungen hatte, wo Alles das hinaus lief, ſo war es ihm doch von Intereſſe, in manchen Dingen klarer zu ſehen. „Und werden der Herr Graf, ¹ ſagte er, ſich tief verbeugend, „längere Zeit, wie es bisher geſchah, nicht nach Genua kommen, oder vielleicht nur in den nächſten Wochen nicht?“ „Längere Zeit? was fragſt du?“ entgegnete der junge Herr.„Natürlich längere Zeit nicht! Sei nicht neugierig, Joſeph, thu', was man dir ſagt und damit genug.“ „Verzeihen Sie, Herr Graf,“ entgegnete der Diener,„es iſt ja keine Neugierde, ich frage nur aus Anhänglichkeit an meine Gebieterin, ich frage nur, um Ihnen beſſer dienen zu können. Doch beſcheide ich mich gern,“ ſetzte er hinzu, indem er ſich ehr⸗ ——— — ge 7 Genua. 107 erbietig nach der Thüre zog, ves wäre aber gewiß beſſer, wenn der Herr Graf mir mehr vertrauten, ich kenne die Signora. Sie iſt eine Deutſche, Herr Graf.“ „Wie ſo? Was willſt du damit ſagen?“ entgegnete der junge Mann und ſtand haſtig von ſeinem Stuhle auf.„Wenn ich um deiner Gebieterin willen Alles, was ſie wiſſen ſoll, dem Schreiben mitgetheilt, was brauche ich dich dann in's Ver⸗ trauen zu ziehen? he! mehr, wie ich ſchon gethan?“ „Es wär' für alle Fälle,“ ſagte der unerſchütterliche Jo „und mein Beſtreben iſt ja, dem Herrn Grafen ſo gut und getren zu dienen wie möglich, und ich bin im Stande, dem Herrn Grafen große Dienſte zu leiſten— aber wie kann ich ſicher meinen Weg gehen, wenn man mir die Richtung nach dem Ziel nicht genauer angibt?———— Der Herr Graf werden wohl nicht mehr zu uns zurückkehren?“ Dieß ſagte der Menſch mit einem recht fatalen Lächeln und trat einen Schritt näher auf ſeinen Gebieter zu. Dieſer blieb auf ſeinem haſtigen Spaziergang durch's Zim⸗ mer erſtaunt ſtehen und ſah den unberufenen Sprecher mit großen Augen an.„Maledetto!“ murmelte er zwiſchen den Zähnen,„was wagſt du mir zu ſagen?“ „Wenn ich zuviel geſagt, bitte ich um Verzeihung, aber ich habe mir nur die Frage erlaubt, ob der Herr Graf nicht mehr zu uns zurückkehren würden— ich muß das wahrhaftig wiſſen, gnädiger Herr, um in Ihrem Intereſſe richtig wirken zu können. — Glauben Sie, daß Signora Marina mir von dem Inhalt dieſes Schreibens mittheilen wird?— Gewiß nicht, Herr Graf. Sie wird Niemand etwas davon mittheilen, ſie wird ihre Ent⸗ ſchlüſſe allein faſſen. Sie wird ihre Pläne nach ihrem eigenen Kopf machen; ſie iſt eine Deutſche, Herr Graf, und an einem ſchönen Morgen wird Ihr getreuer Diener nicht mehr in der Lage 108 Fünfundvierzigſtes Kapitel. ſein, Ihnen Bericht machen zu können. Wenn ich Ihnen gut dienen ſoll, Herr Graf,“ ſetzte er feſt und beſtimmt hinzu,„ſo müſſen Sie offen gegen mich ſein.— Sie werden nicht mehr zu uns zurückkehren, Herr Graf!“ Der ſchwache junge Mann war an das Fenſter getreten, zuckte mit den Achſeln, ſeufzte tief auf und ſagte endlich mit ganz leiſer, unſicherer Stimme:„du haſt eigentlich Recht, Joſeph, 's iſt beſſer, daß ich offen gegen dich bin, ich brauche Jemand, auf den ich mich ganz verlaſſen kann. O ich bin entſetzlich be⸗ drängt und unglücklich!“ Er warf ſich abermals in den Lehnſtuhl und bedeckte das Geſicht mit beiden Händen. „Ja, ja,“ ſagte er nach einer Pauſe,„ich kann nicht anders, bei Gott, ich bin gezwungen, aber ich werde nicht mehr hieher zurückkehren. Ich werde ſie nicht wieder ſehen und das Kind nicht, wenigſtens nicht in den nächſten Jahren.“ „Das habe ich mir gedacht,“ ſagte ruhig der Diener und jenes fatale Lächeln flog abermals über ſeine Züge.„Sie folgen den Befehlen Ihres gnädigen Herrn Onkels, Sie löſen Ihr Ver⸗ hältniß auf, Sie werden ſich wieder verheirathen.“ „Nie! nie!“ rief der junge Mann. „Ganz recht, Herr Graf. Verzeihen Sie mir, ich dachte, ich wäre zu Haus, in Deutſchland, wo man bei uns Proteſtanten eine Ehe löſen kann, um eine andere einzugehen. Aber das geht ja hier nicht.“ Er ſagte das anſcheinend vollkommen überzeugt von ſeiner eigenen Meinung. Doch hätte ein aufmerkſamer Beob⸗ achter bemerken können, wie der Sehwinkel ſeiner Augen ſehr ſcharf wurde und ſich ſeine Blicke auf der Naſenſpitze kreuzten. Ja, ja,“ fuhr er ruhig fort,„unter den Verhältniſſen kann frei⸗ lich von einer neuen Ehe keine Rede ſein.“ 4' — Genua. 109 „Was faſelſt du? was ſprichſt du da von Verhältniſſen?“ entgegnete finſter der Graf.„Nun ja, es wird von einer Ehe bei mir keine Rede ſein, weil ich ſie nie, nie vergeſſen werde; ſonſt aber—“ ſetzte er trotzig hinzu. „Sonſt aber?“ wiederholte Joſeph. „Nun, ſonſt,“ ſagte ungeduldig der Graf,„würde mich nichts hindern.“ 1 „Ganz richtig,“ entgegnete ſchlau der Diener, nich war ja im Irrthum, verzeihen Sie, Herr Graf, ich wollte nur ſagen— in dem Falle nämlich— wenn Sie mit meiner Gebieterin wirk⸗ lich verheirathet geweſen wären, und das ſind Sie ja nicht, ohne allen Zweifel, das ſind Sie ja nicht,— wenigſtens nicht in den nöthigen Formen!“— „Und wer ſagt das?“ fuhr der Graf heftig auf. „Meiner Gebieterin dieſer Brief,“ lächelte Joſeph,„und mir hat es freilich Niemand geſagt.———— Und doch iſt es ſo.“ „Du wirſt zudringlich, Burſche!“ entgegnete der junge Mann, der wieder an's Fenſter getreten war.„Du fragſt nach Sachen, die dich nichts angehen.“ „Um Ihnen deſto beſſer dienen zu können,“ entgegnete Joſeph, ſich tief verbeugend und die Hand auf ſein Herz legend. „Gewiß nur in dieſer Abſicht, Herr Graf.“— „Es mag dir ſo hingehen,“ ſagte dieſer nach eindr Pauſe, „ich brauche dich, ich muß dich brauchen. Aber diene mir gur, ſei getreu, denn im andern Fall, mein guter Freund, ſind wit in Italien und ich bin kein Deutſcher, der geneigt wäre, dir groß⸗ müthig zu vergeben.“ Bei den letzten Worten nahm er den Brief vom Tiſche, ſowie ein anderes Papier, das darunter lag.„Hier iſt das Schreiben, ſagte er mit einem Seufzer, nund hier ein 5 6. 8 8 3 5 110 Fünfundvierzigſtes Kapitel. Creditbrief auf deinen Namen für eine beträchtliche Summe, lau⸗ tend auf euren bisherigen Banquier. Da nimm Beides. Adieu, morgen erwarte ich deinen erſten Bericht“———— Mit den Papieren erfaßte der Diener die Hand des Grafen, die er mehrere Male inbrünſtig küßte. Auch zwinkerte er vergeb⸗ lich mit den Augen, um eine Thräne herauszudrücken. Dann zog er ſich rückwärts nach der Thüre und verſchwand mit einem tiefen Seufzer. Der Graf ſtützte die Arme gegen das Fenſter und drückte das Geſicht an die kalten Scheiben.————— Er blieb ſo eine Zeit lang ſtehen und als er ſich endlich umwandte, war die Fenſterſcheibe feucht.—— Wir wiſſen nicht genau, ob von ſeinen Thränen oder dem Hauch ſeines Mundes, der unzählige Male Maria! Maria! rief. Der getreue Diener Joſeph war unterdeſſen die Treppen hinabgeeilt, und als er das Haus verließ, glänzten ſeine Augen hämiſch und boshaft vor Freude. Er drückte die Hand an ſeine Bruſttaſche, wo er die beiden Papiere verwahrt, und gieng raſchen Schrittes durch die Straßen, anfänglich in der Richtung nach Hauſe, dann aber ſchlug er eine enge Straße ein, die hinauf in die obere Stadt führte, und nach einer halben Stunde raſchen und mühſamen Steigens erreichte er die letzten Häuſer und eine kleine Schenkwirthſchaft, in einem Garten mit einer offenen Laube, welche eine Ausſicht auf die ganze Stadt t Genua und auf den Hafen gewährte. In dieſe Laube ließ er ſich eine Foglietta Aſti bringen, legte die wichtigen Papiere neben ſich auf den Tiſch, um ſich an deren Anblick zu erfreuen, und verſank in tiefes Nachſinnen, während er ein Glas des ſprudelnden Weins um das andere leerte. Er machte Pläne für die Zukunft, heitere, angenehme Pläne und 2 h Genua. 111 da es dem Verlauf unſerer Geſchichte von Nutzen ſein kann, dieſe Pläne, für deren richtige Ausführung der gute Joſeph der Mann war, zu erfahren, ſo wollen wir uns einen Augenblick an ſeiner Seite niederlaſſen. „Das hat nothwendiger Weiſe ſo kommen müſſen,“ ſprach er zu ſich ſelber beim ſechsten Glaſe,„aber daß es ſo ſchnell käme, hätte ich mir nicht gedacht. So! ſo! ei! ei!— Alſo wir wollen unſer bisheriges Verhältniß löſen und der gute Joſeph, der ge⸗ treue Joſeph, iſt der Mann, dazu die hülfreiche Hand zu leiſten. — Vortrefflich! Und verheirathet in Form Rechtens ſind wir auch nicht. Ich habe mir das lange gedacht. Er fährt, ſo denkt er, heute Abend ruhig nach Neapel, ich übergebe den Brief in dem Augenblick, wo das Schiff zwiſchen den Leuchtthürmen da⸗ hin dampft; ſte wird weinen, verzweifeln wollen und morgen ſchon ruhiger ſein. So hofft und ſo wünſcht er, daß mein Bericht laute. Aha! Alſo wenn das Schiff da unten abfährt, biſt du ein freier Mann, edler Graf, ſo denkſt du, und ſo wird es ſein, wenn wir hier oben wollen. Wir ſind ein kleines Stück Vor⸗ ſehung und haben eure Geſchicke in der Hand, wollen aber einen Augenblick überlegen, ob es für uns von größerem Nutzen iſt, wenn du frei und ledig von dannen ziehſt, oder ob es uns mehr einträgt, wenn ich jetzt nach Hauſe eile, den Brief überreiche und dir vor der Abreiſe noch eine angenehme Unterredung verſchaffte. Schön wär' zes allerdings, miſerabler Edelmann, ſchön, aber ſehr dumm, Gevatter. Dein ſchöner Creditbrief wär' beim Teufel, ihr würde es weiter nichts nützen; was heute nicht geſchähe, ge⸗ ſhähe morgen und der einzige Unterſchied wäre, daß ein anderer ins Rohr geſetzt würde, um die Pfeifen zu ſchneiden, die ſchon ſo gut, wie in deiner Hand ſind.— Ein anderes Bild, Ge⸗ vatter! Ehrlichkeit!— Treue! Soll ich euch auf meine Fahne malen, ſoll ich euch, die ihr beſtaubt im verborgenſten Winkel 2 —— 112 Jünfundvierzigſtes Kapitel. meines Herzens ruht, an's Licht der Sonne hervorziehen und fürder mit euch wandeln, Hand in Hand auf dem rauhen Pfade der Tugend?— Es wär' ein komiſches Bild— hier der Gevatter, links die Ehrlichkeit, rechts die Tugend; und wenn mich der hoch⸗ ſelige Steinmann ſo ſehen könnte, er würde Thränen der Rüh⸗ rung weinen, oder ſich im Grabe umdrehen.— Pfui! nichts von Steinmann!— Alſo Ehrlichkeit und Treue!— Ich bleibe meiner Herrin ergebener Diener, ſorge für ſte, wirthſchafte für ſte, ſpare für ſte und begnüge mich am Ende mit der Belohnung, die mir der Herr Graf verſprochen.— Aber der Herr Graf hat ſchon Manches verſprochen und es nicht gehalten, zum Beiſpiel, meiner Gebieterin, wie Figura zeigt, und wo er es anfänglich gewiß ehrlicher gemeint hat, wie heute mit mir.—— Weg mit der Ehrlichkeit! Sie iſt nicht vortheilhaft!— Und wenn ich das Schickſal meinen Gebieterin in's Auge faſſe— der ich allerdings vielleicht einigen Dank ſchuldig bin— vielleicht— ſie ſchickte mir Geld, als ich krank lag, ſie ließ mich heilen; was war das weiter? Die Koſten, die ich ihr verurſacht, ſind für das, was ſte beſaß, nicht der Rede werth und wahrhaftig nicht zu theuer erkauft durch das Bewußtſein, eine gute That gethan, einem Menſchen das Leben gerettet zu haben, und welchem Menſchen? — Parableu!“—— Der Gevatter ſtach die zweite Flaſche Aſti an. „Alſo weg mit der Dankbarkeit! Dann bin ich mir auch ſelbſt der Nächſte, und wenn es mir gut geht, ſo kann es den Andern ſchon ein wenig ſchlechter gehen. Wozu hat auch ſie ein Recht, die Herrin ſpielen zu wollen?— Die Tochter einer miſerablen Mutter, ſo zu ſagen geboren auf der Straße, aus Mitleid erzogen von einer armen Wäſcherin? Was braucht ſie in die Welt hinaus, ſtatt im Lande zu bleiben und ſich redlich zu nähren? Ihr geſchieht ſchon ihr Recht, ihr vollkommenes und ſolides Recht. Ha! ich war lange genug der arme Teufel, mund Pfade atter, hoch⸗ Rüh⸗ nichts bleibe te für nung, fhat ſpiel, glich mit das ings hickte das was heuer einem hen? auch den ſie einer aus t ſte blich enes ufel⸗ Genua. 1413 den man aus Mitleid aufgenommen, das elende Thier, das man aus Gnade beibehielt, und dann— was hab' ich davon, wenn ich von nun an bei ihr bliebe, ihre ewigen Klagen anhörte?— Ein ehrliches mäßiges Einkommen und ein geachtetes Leben. Hei!“ rief er luſtig,„das iſt beſſer, frei ſein mit dieſer honetten, lieben Sonne!“ Dabei ſchlug er das Papier auseinander und las mit gierigem Blick und zitternder Hand:„zweitauſend Collo⸗ nati, das ſind über fünftauſend Gulden!— So was kommt in dieſem Leben nicht wieder, den Brief will ich übergeben, auch morgen einen Bericht machen, dazu noch eine tüchtige Summe verlangen für eine Reiſe nach Deutſchland, die wir mit gebroche⸗ nem Herzen und tiefem Gram zu unternehmen Willens ſind, dann aber, adieu Partie!“ 2 Er trank noch einige Gläſer Aſti, ſtützte alsdann den Kopf in die Hände und verſank abermals in tiefes Nachſinnen. Er mußte einige unangenehme Gedanken haben,„„denn er ſchüttelte zuweilen mit dem Kopfe, ſtierte auch von Zeit zu Zeit an den Himmel hinauf und ſtrich ſeine wenigen Haare mit der Hand. „Der Menſch macht zuweilen dumme Streiche,“ ſeufzte er alsdann, „und ich kann mir den größten, den ich je gemacht, nicht ver⸗ zeihen. Das war damals vor vier Jahren, als ich in Mailand in äußerſter Noth dem verfluchten Advokaten für das Schanden⸗ geld von hundert Thalern jenes Päckchen Papiere übergab, die ich mit wirklicher Kunſt und großer Gefahr aus den Händen der alten Kiliane befreite. Sie hatten freilich ſchon Einiges einge⸗ tragen, jene Papiere, und hätten mir noch mehr gebracht, wenn mich der lumpige Steinmann nicht ſo ſchmählich übervortheilt! — Ahl es war ſo ein ſchöner Todtenſchein dabei von Mutter und Kind, hätte ich nur dem Papa ſelbſt das Päckchen Papiere überbracht;— aber Noth kennt kein Gebot. Auch iſt's am Ende beſſer ſo. Auf alle Fälle ſind geſchehene Dinge nicht zu ändern.“ Hackläander, Namenl. Geſchichten. III. 8 ——— 1 —— 114 Fünfundvierzigſtes Kapitel. Unter dieſen Gedanken ſaß der würdige Mann noch mehrere Stunden bei einigem Aſti, und ſaß da, bis die Sonne ſi i lang⸗ ſam dem Meer zuzuneigen begann. Er hätte eigentlich ſchon früher nach Hauſe gemußt, Zube⸗ reitungen zum kleinen Diner zu treffen, welches Maria dem Vater ihres Kindes ſo freundlich und liebevoll zubereiten ließ. Seine Geſchäfte halten ihn in der Stadt, dachte ſte, er wird nicht vor ſechs Uhr kommen!— Und doch blickte ſie jeden Augenblick über den Platz hin. Der Gevatter aber dachte ironiſch lächelnd:„wozu auch ein Diner, wozu den Tiſch beſorgen? Wenn ich mit meinem Schreiben komme, wird ſie doch keinen Appetit mehr haben, und dann beſitze ich auch ein ſo ſchwaches Gemüth, könnte mich vielleicht verrathen, wenn ich früher hingienge. Trinken wir noch einige Gläſer Aſti!“ Und er trank noch verſchiedene Gläſer Wein, bis die Sonne in der erglühenden See unterſank— ein herrlicher Anblick von der Veranda hier oben. Wie ein ſchwarzer Wald lagen die Maſten der Schiffe da unten, ſcharf abgezeichnet von der glänzenden See und dem goldenen Horizont. Der Ferdinando Primo, deſſen Maſchinen ſchon vor einer Stunde geheizt wurden, ſchien aus dem ſchwarzen Schornſteine lange Feuerwellen zu ſpeien, denn ſo erſchien der dichte Rauch, beglänzt von den Strahlen der untergehenden Sonne. Jetzt krachte vom Bord des Dampfers der erſte Schuß, — dann der zweite, dann der dritte. Die kleinen Boote, welche Paſſagiere gebracht und das rieſenhafte Schiff umſchaukelten, zogen ſich eilig zurück, wie kleine Waſſervögel vor dem majeſtä⸗ tiſchen Schwan auf ſtillem Teich, wenn er anfängt, ſeine Schwingen zu regen. Nun begannen die Räder, ſich umzu⸗ ehrere lang⸗ Zube⸗ dem ß. ke, er jeden auch binem aben, mich wir onne von chiffe dem hinen arzen mder nden huß⸗ elche lten, eſtä⸗ ſeine nzu⸗ Genua. 5 115 ſchwingen, das Schiff verließ den Hafen und ſteuerte zwiſchen den Leuchtthürmen in die ruhige See hinaus.———— An ſeinem Bord war Einer, der den Kopf in die Hände vergrub, ein ſchwacher, wankelmüthiger Menſch, der heiße Thränen weinte über eine That, die er jetzt, wo es zu ſpät war, um Alles in der Welt gern ungeſchehen gemacht hätte.— Der Gevatter ſchob ſeine Papiere in die Taſche, trank ſein letztes Glas Aſti und gieng bedächtig nach Hauſe. 8* 4 —— — Sechsundvierzigſtes Kapitel. 2 Florenz. Florenz war in dieſem Jahre glänzender und zahlreicher beſucht, wie ſeit langer Zeit. Zur Winter⸗ und Hauptſaiſon der ſchönen toskaniſchen Hauptſtadt fand man ſchon zu Anfang des Herbſtes faſt keine eleganten Wohnungen mehr. Alles war bereits vermiethet an die vielen Fremden, aus allen größern Städten der Welt, die aus alter Gewohnheit hieher kamen, um ſich noch einmal recht luſtig zu machen, ehe ſie die ernſtere Zeit in Rom zubrachten. Die florentiniſche Saiſon beginnt zu Anfang Oktober und dauert bis zum neuen Jahr, wo alsdann die Weltſtadt und ihre beginnenden Carnevalsfreuden die Fremden dorthin zu ziehen beginnt. Es iſt etwas Eigenthümliches um die Saiſon von Florenz. In dleſer Zeit geben die großen und reichen Familien der Stadt mit wenig Ausnahmen ihre Herrſchaft, was geſellſchaftliche Ver⸗ gnügungen anbelangt, an Fremde ab und ziehen ſich in ihre 8z' icher iſon fang war ßern um Zeit und ihre hen enz. tadt ger⸗ Florenz. Paläſte und Villen zurück, wenig Theil an dem einigermaßen wilden Treiben nehmend, das nun beginnt. Von allen Seiten rollt herbei, was ſich zu amuſtren gedenkt: Franzoſen, Englän⸗ der, Deutſche, Ruſſen, Spanier, und ebenſo wieder Franzöſinnen, Engländerinnen, Ruſſinnen, Spanierinnen. Man gibt ſich hier Rendezvous, man ſetzt angefangene Liebes⸗Intriguen fort, man entſchädigt ſich für ein ſtrenges, eingezogenes Leben zu Haus, kurz, man bricht alle menſchlichen Feſſeln und ſchwimmt in einem Meer von Freuden jeglicher Art. Hiezu gehören aber Empfeh⸗ lungen an einige der Haupttonangeber, um in kleine pikante Salons eingeführt zu werden, ferner gute und gewichtige Credit⸗ briefe, ſehr elegante Toilettenrunkt wer das nicht mitzubringen vermag, wenigſtens ein ſehr angenehmes Aeußere, und bei den Damen Schönheit und Liebenswürdigkeit. So trifft nun zu Anfang September ſchon eine Unzahl von Fremden in Florenz ein. Einzelne Herrn und einzelne Damen, in eleganten vierſpännigen Coupé's, andere in beſcheidenen Equi⸗ pagen, wieder andere nur in Eilwagen, ja mit Vetturinen, und es rollt und raſſelt durch die Straßen der Stadt. Hier fährt man mit Prätenſton vor den erſten Hotels an, dort ſchleicht man, den Laſtträger mit gewaltigen Koffern hinter ſich, in eine abgelegene Privatwohnung, und man wird ja keinen Garcçon, der in guter Toilette auftritt und in gute Häuſer eintritt, fragen, wo er wohnt. Daß ſich hier Abenteurer aller Art einfinden: Spieler, Spe⸗ kulanten und Spekulantinnen auf anderer Leute Kaſſen, kann man ſich leicht denken. Wenn ſich in der Florentiner Geſellſchaft auch Elemente genug bewegen, die anderwärts als Leute vom feinſten Ton gelten, ſo kann man doch durch die zweideutigen Geſtalten, die hier herumwandeln, von eben dieſer Sees nicht ſagen, ſie ſei vollkommen das, was man unter ganz guter Geſellſchaft verſteht. Man nimmt es hier nicht ſo genau mit ——— 118 Sechsundvierzigſtes Kapitel. dem früheren Leben einer Dame oder eines Herrn und drückt ſchon beide Augen zu, wenn man die geſellſchaftlichen Formen achtet und namentlich einen bekannten Namen führt. Was zum Kern der Geſellſchaft gehört, ſteht man ſelten im Laufe des Tages, Vormittags nie, und begegnet man nicht im Palazzo degli Ufficy ebenſowenig, wie in der Gallerie Pitti. Für ſie gibt es nur nächtliche Vergnügungen, und die einzigen Stunden des Tages, welche ſte benützen und in welchen ſie ſich der freien Luft und des Sonnenſcheins auf ihre Art freuen, iſt die nachmittägliche Spazierfahrt in den Cascinen. Bis zu dieſer Zeit, Nachmittags vier Uhr, währt bei den eleganteren Damen und Herrn Nacht- und Morgendämmerung. Man erhebt ſich gegen Mittag und dejeunirt, nimmt in ſeinem Boudoir vertraute Beſuche an, man erzählt ſich da kleine Abenteuer und luſtige Geſchichten, die geſtern Nacht vorgefallen, macht alsdann eine kleine Toilette und fährt nach den Cascinen hinaus. Dieſe Cascinen, vor der Porta del Prado gelegen, ſind reizende Spaziergänge an den Ufern des Arno für die Fußgänger, dicht bei dem klaren Waſſer vorbei, für die Reiter und Fahren⸗ den mit dieſem parallel laufend in einer breiten, dicht belaub⸗ ten Allee. Es iſt ein ſchöner Herbſttag, an dem tiefblauen Himmel ſchweben in maleriſchen Formen weiße, durchſichtige, langgeſtreckte Wolken, welche die Gegend durch ihre Schatten noch lebendiger und intereſſanter machen. Der Fußweg für die Spazierenden iſt ſtellenweiſe mit großen Steineichen beſetzt, deren dunkelgrünes Laub, ſowie das der Orangen⸗ und Citronengebüſche, auch den Winter über dauert. Dazwiſchen glänzen in gelb, roth und violett die herbſtlich gefärbten Blätter anderer Bäume und Sträuche, und daneben ſteht man hohe Stämme Buchen und Kaſtanien, die ihr Laub verloren haben und dafür mit — 4 Florenz.— 119 rieſenhaftem Epheu, wie mit grünen, wehenden Schleiern be⸗ deckt ſind. Der breite Fußweg am Arno, auf's Beſte unterhalten, mit dem feinſten Sande bedeckt, bietet in eleganten Seſſeln und Marmorbänken die angenehmſten Plätze zum Ausruhen. Die Allee für die Wagen öffnet ſich an verſchiedenen Stellen und bietet breite Plätze, die mit jenen Fußwegen in Verbindung ſtehen und wodurch es den Spaziergängern möglich iſt, ohne ihren Weg zu verlaſſen, die eleganten Reiter und glänzenden Equipagen bei ſich vorüberziehen zu ſehen. Es iſt ſo Sitte in den Cascinen, die Allee einmal hinab zu fahren, dann den Wagen am, Eingange ſtehen zu laſſen und den Fußweg zu betreten. Hier begegnen wir den feinſten Toiletten, fein im Begriff der Jahreszeit, eleganten Männern, ſchönen Frauen— einem buntfarbigen reichen Gewimmel. Was dem Anblick dieſer Spa⸗ ziergänger, ja dem Anblick der ganzen Promenade etwas beſon⸗ ders Rekzendes und Liebliches gibt, ſind die Tauſende von Bou⸗ quets der ſeltenſten und ſchönſten Blumen, die von niedlichen Mädchen auf dem ganzen Wege feil geboten werden und ohne welche eine Dame von gutem Ton nicht die Cascinen betritt. Die Herrn tragen eine aufgeblühte Roſe, auch wohl ebenfalls ein kleines Bouquet in der Hand, um es irgend einer Dame ihrer Bekanntſchaft zu überreichen.*. So rauſcht nun der Strom der Spaziergänger in zwei langen Reihen an einander vorbei— wirkliche ächte und unächte Elegants; vornehme Damen im einfachen Seidenkleid, in ihren Shwal gewickelt, vor und hinter ihnen in bunter auffallender Robe mit hochrothen Atlasmantillen, neu Angekommene, deren Cavaliere, jetzt um fünf Uhr ſchon im Frack mit ſchreiend gelben oder hyacinthfarbnen Handſchuhen. Dort wandelt lachend eine Schaar junger Herrn von guten Häͤuſern in einfachen dunklen —„— 4—‚—— 8 — . 120 Sechsundvierzigſtes Kapitel. Paletots und lederfarbnen Handſchuhen; dort ſchreiten zwei ält⸗ liche Herrn mit verwitterten Geſichtern, den Schnurrbart hinauf⸗ gedreht, und erregen einige Aufmerkſamkeit, weil ſie unter dem offenen Ueberrock einen blauen Frack mit Metallknöpfen und an demſelben ein rothes Ordensband ſehen laſſen. Vor ihnen wandeln zwei Damen in feinſter anſtändiger Toilette, ſchöne üppige Geſtalten; ſie ſind ohne männliche Be⸗ gleitung und als ſie bei jenen jungen Herrn vorbei kommen, ſteht man ein paar derſelben freundlich lächeln, die Damen drücken ihren Blumenſtrauß vor das Geſicht und gehen vorüber. An den Plätzen, welche die Allee mit dem Fußweg ver⸗ bindet, hält eine Reihe von Equipagen und eine der ſchönſten Frauen, nachläſſig in die Kiſſen geſchmiegt, empfängt herab⸗ laſſend die Huldigungen einer Schaar gut berittener Herrn und eleganter Fußgänger, die ſich um ihren Wagen drängen. Ein paar der Bekannteſten und Vertrauteſten haben ihre Hand auf den Schlag geſtützt und lachen und plaudern mit der Dame, während ſich andere nur hie und da eine ſchüchterne Bemerkung erlauben. Andere minder reiche Equipagen mit minder ſchönen Frauen rollen vorüber, weil kein Platz mehr iſt, daß auch ſie halten können, und manches glänzende Augenpaar verbirgt ſich erſtaunt und zornig unter dem Fächer, da die Beſitzerin deſſelben bemerkt, wie ſte ſo unbeachtet vorüberfahren muß. Auf dem Fußwege verſammelt ſich um eine der gefeiertſten Schönheiten, die an dem Arm ihres äͤltlichen Gemahls erſchie⸗ nen, ebenfalls eine ganze Schaar bekannter Herrn und Damen; Erſtere um einiges ſüße Geplauder anzubringen, Letztere weniger um ihre Huldigungen an den Tag zu legen, als um die Toilette jener Dame im Geheimen zu bekriteln, oder um einige Worte aufzufangen, aus der ſich vielleicht eine kleine niedliche Erzäh⸗ lung verarbeiten läßt.— Hier freut man ſich auf ein gemein⸗ — florenz. aält⸗ 4 ſchaftliches Diner, auf den Ball dieſes Abends, belächelt und auf⸗ beſpricht geſtern Vorgefallenes und freut ſich auf morgen. dem Immer neue Geſtalten erſcheinen, immer neue Toiletten, d an und je mehr ſich die Sonne dem Horizont zuneigt, je mehr füllt 1 ſich die Promenade. Es iſt nicht vornehm, ſo früh zu kommen, diger und die Helden und Heldinnen des Tages oder der Nacht erſchei⸗ 1 Be⸗ nen ſo ſpät als möglich. Complimente und Geſpräche in faſt men, allen bekannten Sprachen erfüllen die Luft. men Der Engländer ſpricht engliſch und ungenirt mit ſeinen Be⸗ lber. b kannten, der Franzoſe franzöſiſch und behandelt die unbedeutendſte Geſchichte mit einer wahren Wortverſchwendung. Aus dem e Munde der Italienerinnen ertönt, erklingt die weiche, liebliche, ſten toskaniſche Mundart, das reinſte und angenehmſte Italieniſch, 1 ah⸗ das irgendwo geſprochen wird. 8. Die beiden jungen Deutſchen, die ſich dort eben einer erſt M. angekommenen Landsmännin vorſtellen laſſen, unterhalten ſich auf mit derſelben in franzöſiſcher Sprache und alle vier, der Gemahl, ame, die Dame und die beiden Deutſchen fangen jetzt wie auf Com⸗ 2 kung mando an, engliſch zu ſprechen, als ein langer, dürrer Britte 3 önen ſich gähnend erkundigt, wie es ihnen geht.———— h ſie—————— CD———— 8 ſih Unſere beiden Freunde, die wir Angeſichts der Stadt ver⸗ 3 ſben laſſen, hatten in einem Gaſthof am Arno die beſtellten Zimmer 1 gefunden und befanden ſich als Leute von gutem Ton ebenfalls iſten in den Cascinen. Sie hatten ſich auf einer Marmorbank unge⸗ hie⸗ fähr in der Mitte des Fußwegs niedergelaſſen, und die vielen 8 ien;. Grüße von Herrn und Damen, mancher Blick aus ſchönen Augen iger und manche freundliche Handbewegung zeigten deutlich, wie be⸗ lette kannt und wohlgelitten ſie ſindnd. 3 orte—„ So ſchön die Cascinen an und für ſich ſind,“ ſagte Alfred, äh⸗„und ſo gern ich ſr usluchte an einem ſchönen Morgen, oder vor 4 — 4 „.— 1.—— 122 Sechsundvierzigſtes Kapitel. der allgemeinen Spazierfahrt, ſo langweilig wird mir dieſes ewige Hin⸗ und Herrennen.“ „Wenn man keinen Zweck dabei hat,“ ſagte Alfons,„ſo gebe ich dir vollkommen Recht. Aber für die Meiſten, die du hier hin und her gehen ſtehſt, ſind die Caseinen ſo angenehm, wie ein gutes Diner, ſo nothwendig, wie der Schlaf. Wo willſt du die Zeit herbringen, um mit den vielen Bekannten in Rela⸗ tion zu bleiben, ihnen jeden Tag das ſo nothwendige Unnöthige zu ſagen?“ „Ja, ja, in dem Fall haſt du Recht.“ „Und dann die vielen Beſtellungen, die hier gemacht wer⸗ den. Die angenehme Fortſetzung eines Geſprächs, das der geſtrige Cotillon unterbrochen. Auch muß man gerecht ſein und dieſen armen geplagten Geſchöpfen das Bischen friſche Luft gönnen, das ſie jetzt wieder für vierundzwanzig Stunden zu ſich nehmen. Die Zeit des Spazierengehens fliegt ſo ſchnell dahin, es iſt wahr⸗ haftig ſchon halb ſechs und Alles wogt ſchon nach der Stadt zurück.“ „So laß' uns gehen!“ ſagte Alfred,„ich freue mich auf unſer Diner.“ „Noch einen Augenblick!“ bat der Graf.„Vielleicht kommt unſere alte dicke Signora mit ihrer liebenswürdigen Tochteve hieher.4 „Die Alte vielleicht wohl,“ lachte Alfred,„aber die Tochter nicht; ich möchte eigentlich doch wiſſen, weßhalb ſte das Mädchen ſo verſteckt bei ſich hält. Es ſcheint mir das eigentlich für den Zweck, der ſie doch wohl hieher geführt, nicht wohl zu paſſen.“ „Mir auch nicht!“ ſagte lachend der Graf,„und in dem Punkt iſt mir die Alte ein Räthſel.“ „Oder hat ſte es auf eine beſtimmte Perſon abgeſehen, die noch nicht angekommen iſt,“ ſagte Alfred. u mmt 7 Florenz. 123 „Das hab' ich mir auch ſchon gedacht!“ meinte der Graf; „du weißt ja, ich habe ſie neulich beſucht. Ich ſtellte mich der Alten vor und ſie präſentirte mich ihrer soit-disant Tochter,— ein liebenswürdiges Geſchöpf, gebildet, fein, ſehr anſtändig, weniger für eine kurze Bekanntſchaft gemacht, als um längere Zeit mit ihr in Verbindung zu bleiben. Ich verſicher' dich, ſte iſt ſo angenehm, daß ich mich augenblicklich mit ihr engagiren würde!“ „Ich merke wohl,“ lachte Alfred,„daß ich von hier allein weiter reiſen muß.“ „Ich glaube nicht,“ entgegnete der Graf.„Dieß Mädchen i*ſt in der That eine ganz eigenthümliche Erſcheinung. Mit der Alten würde ich ſchon fertig werden, aber als ich bei ihr anfieng, mich geſprächsweiſe zu nähern, wurde ſie kalt und glatt wie Eis. Sie parirte meine Worte ſo geſchickt, ich konnte nicht das Ge⸗ ringſte bei ihr anbringen.— Nein, nein,“ fuhr er fort, als er die lächelnde Miene des Freundes ſah,„ich weiß, was du ſagen willſt, es iſt nicht jene Kälte, die herausfordert oder herausfor⸗ dern ſoll, es liegt etwas ſo Starres, Entſchloſſenes und Anſtän⸗ diges in dem Mädchen, daß ich es nicht wagen würde, ihr ſo leicht einen förmlichen Antrag zu machen.“ „Nug, wenn du es nicht wagſt,“ lachte Alfred,„dann aben wir uns doch vielleicht in Mutter und Tochter getäuſcht!“ „In der erſteren ſchwerlich. Doch gebe ich die Geſchichte noch nicht auf; Beharrlichkeit führt zum Ziel. Doch laß uns gehen, ſte ſcheint auch heute nicht zu erſcheinen.“ „Oder kommt ſte vielleicht, wenn Alles fort iſt.“ „Das wäre ſchlimm für ſie,“ ſagte der Graf, ndenn ſte kann von mir nicht verlangen, daß ich ihrethalben mein Diner aufſchiebe,— Gehen wir!“ Wem der Graf dießmal der vorhabenden Eroberung zu Liebe ſein Diner einzrhalbe Stunde aufgeſchoben hätte, ſo würde — er ———õ———— 124 Sechsundvierzigſtes Kapitel. 3. er doch heute Einiges gewonnen haben. Denn kaum hatten mit ihm die Letzten der eleganten Welt die Cascinen verlaſſen und waren nach allen Enden der Stadt gerollt zu ihren verſchiedenen Diners, ſo kam aus der Porta del Prado ein einfacher Wagen und rollte den Cascinen zu— der einzige um dieſe Zeit. Am Anfang des Fußwegs hielt er und zwei Damen ſtiegen aus, zwei Damen, die unſern Leſern nicht unbekannt ſind, die wir vor einigen Tagen auf der Landſtraße zwiſchen Ferrara und Bologna geſehen— Madame de St. Auville mit ihrer Tochter. Die dicke alte Dame haͤtte, wenn ſie eine Stunde früher gekommen wäre, auf alle Fälle die Aufmerkſamkeit des ganzen Corſo auf ſich gezogen. Sie gieng in einem ſeidenen Gewande, V hellgrau mit Jamoiſtreifen, würdevoll, wie es ſich geziemte, den hoch erhobenen Kopf mit einem himmelblauen Federhute ge⸗ ſchmückt, außerordentlich beachtungswürdig dahin. An Schmuck⸗ werk hatte ſie ein Uebriges gethan, und um nicht ganz gegen den guten Ton anzuſtoßen, welcher um dieſe Zeit des Tages den Shwal vorſchrieb, hatte ſie beſagtes Kleidungsſtück um ihre Schultern gehängt, wo es aber bis auf die Ellbogen herabſank, und trug den Shwal in der Art, wie vielleicht eine junge Schöne mit der brillanteſten Taille zu Haus eine kleine leichte Seiden⸗ mantille ungeſtraft tragen darf. Ihr ganzer Oberkörper hatte etwas Panzerartiges, und wie an einem ſolchen klirrten und raſſelten Hals⸗ und andere Ketten, Lorgnette, Uhr und Praſſe⸗ letts, bei jedem Schritt, den ſie machte. Ihre Tochter gieng an ihrer Seite, einen halben Schritt rückwärts, und ihre Kleidung bildete den größten Contraſt zu der Mutter. Ein einfaches, ſchwarzes Seißenkleid umſchloß die ſchlanke und doch volle Geſtalt. Den Shwal trug ſie feſt anlie⸗ gend und elegant und ihr blaſſes, etwas dunkles Geſicht wurde hervorgehoben, es ſchien faſt weiß unter dem Hut von vio⸗ letter Seide. V.„ mit und enen agen Am zwei vor florenz.— 125 „Es iſt kein Menſch mehr da,“ ſagte die Alte, nachdem ſie die Mitte des Evuziugaugee h hatte, nkein einziger ſterblicher Menſch mehr, als wir Beide auf den ganzen Caseinen. Wozu habe ich denn eigentlich Toilette gemacht, wozu ſind wir eigentlich noch hieher gefahren?“ „Nun, ich denke,“ ſagte das Mädchen,„um friſche Luft zu ſchöpfen, um den herrlichen Abend zu ſehen, um aus der dumpfigen Stadt heraus zu kommen.“ „Was geht mich der herrliche Abend und die friſche Luft an!“ entgegnete mürriſch die Alte,„ich habe elegante Damen ſehen wollen und uns ſehen laſſen von vornehmen Cavalieren. —— Wir können uns ſehen laſſen.“ „O ja, Mama!“ ſagte das Mädchen, doch nicht ohne einen bitteren, ſpöttiſchen Ton in der Stimme. „Alſo das iſt die ſchönſte Zeit für die Cascinen, jetzt, wo die Sonne am Untergehen iſt und man nichts mehr hier ſieht wie lumpige Blumenverkäuferinnen und miſerable Fiaker, das iſt die Zeit, die Mademoiſelle zu unſerer Spazierfahrt ſich heraus⸗ geſucht?— Ich bin erſtaunt!“— Dabei blieb ſte in der Mitte des Weges ſtehen und ſtemmte beide Arme in die Seite. „Es iſt allerdings wahr,“ ſagte die junge Dame, daß man früher hinausfahren muß, um das Gewühl der eleganten Welt zu ſehen. Aber die Caseinen ſelbſt in ihrer Stille und Einſamkeit ſind unendlich reizend. Und was kümmert uns das Gewühl der Menſchen?— Mich ebenſowenig, wie Sie der herrliche Abend.“ X„ A.g 2 „Was uns daß Gewühl der Menſchen kümmert?“ ſagte erzürnt die dicke 2eand wandte ſich ſo ſchnell wie möglich nach ihrer Begleiterin um, die immer noch etwas zurückgeblieben war⸗ „Ei! es kümmert mich ſehr viel, dieß Gewühl der Menſchen, ich begreife Sie nicht, Mademoiſelle. Ich kann es durchaus nicht 126 Sechsundvierzigſtes Kapitel. faſſen, was Ihnen durch Ihren Kopf fährt. So wie Sie jetzt ſind, habe ich Sie in Paris nicht gekannt.“ „Ich habe mich allerdings in den letzten Tagen verändert,“ ſagte das junge Mädchen bitter lachend,„ich gebe das zu. Aber ich kann nicht anders, und wenn es ſo bleibt, müſſen wir Italien verlaſſen.“ Bei dieſen Worten gieng ſtie auf eine Steinbank, ließ ſich darauf nieder und blickte in den glühenden Abendhimmel. „Aber um aller Wunden willen,“ rief die Alte und warf ſich neben die Tochter, wobei der Panzer bedeutungsvoll krachte, „ſo iſt es alſo nicht blos eine Grille, eine vorübergehende Laune, weßhalb du Zimmer und Haus nicht verlaſſen, ſeit wir hier ſind? So könnten wir alſo auf dieſem ſo ergiebigen Feld nichts unter⸗ nehmen?“ ſetzte ſie wehmüthig hinzu, als ſte bemerkte, wie ihre Begleiterin den Kopf heftig ſchüttelte.„Und jener liebenswür⸗ dige, charmante Cavalier, Graf Alfons, ein ſo gutmüthiger, reicher und lieber Herr— Die junge Dame ſchüttelte bei Nennung dieſes Namens heftig mit der Hand, als wehre ſie etwas Unangenehmes von ſtch ab. „Sei doch vernünftig!“ fuhr die Alte nach einer Pauſe fort, noder ſage mir wenigſtens, was du vorhaſt, was dich auf einmal überkommen? So eine Reiſe von Paris nach Florenz iſt doch wahrhaftig keine Kleinigkeit, und wenn man das viele Geld dafür ausgegeben, um gleich wieder abzureiſen, da kann man doch fragen, aus welchem Grunde.“ „Und mit welchem Recht können Sie ſo fragen, Madame?“ ſagte ſtolz die junge Dame.„Auf weſſen Koſten bin ich gereist? Ich auf die Ihrigen oder Sie auf die meinigen?“ „Aber in meinem Wagen, Schätzchen!“ ſagte die Alte. „Sei nicht eigenſinnig, mein liebes, gutes Kind, ſei folgſam, laß' uns unſer Glück verfolgen.— Der Graf— 4 „Schweigt mir davon!“ entgegnete heftig das Mädchen. te jetzt dert,” Aber ktalien abank, immel. warf rachte, Laune, ſind? unter⸗ ihre wür⸗ higer, mens von — fort, nmal doch Geld man ne?⁰ eist? Alte. ſam, hen. 5 1 Fflorenz. 127 „Laßt Eure Ueberredungen und Eure Drohungen! Ich werde mich nicht ändern, bis wir Flarenz verlaſſen, aber ſobald wie möglich.“ „Wir wollen nach Rom gehen; wozu das viele Geld hier verzehren?“* „Nicht ſogleich!“ ſagte die Andere mit leiſer Stimme nach einigem Nachdenken, nich kann ſo ſchnell nicht von hier, ich muß noch eine Weile da bleiben.“ „Ein geheimes Geſchäft?“ verſetzte die Alte mit ſchlauem Lächeln, und, wie es ſchien, angenehm überraſcht. „Allerdings ein geheimes Geſchäft!“ entgegnete das Mäd⸗ chen und grub mit ihrem Sonnenſchirm allerlei Figuren in den feinen Kies zu ihren Füßen. „Und nach Beendigung dieſes gewiß guten Geſchäfts,“ fuhr die Alte ſchmunzelnd fort,„biſt du fertig?— Wie, mein Engel?“— „Fertig und bereit!“ ſagte das Mädchen mit tiefer Beto⸗ nung, indem es aufſtand, um den Fußweg hinabzuſchreiten. Die Alte folgte ihr trippelnd, denn nur ſo war ſie im Stande, mit der hohen gebietenden Geſtalt an ihrer Seite gleichen Schritt zu halten. So erreichten ſte ihren Wagen, ſtiegen hinein und fuhren nach der Stadt zurüÜck-———=—— Ddie beiden Freunde hatten unterdeſſen ihr Diner beendigt, ein kleines, feines Diner zu Zweien, und ſaßen nun vor dem Kamin, worin das Holz alter Olivenbäume praſſelte, ein Holz, das wenig Wärme, aber eine dem Auge wohlthuende Flamme gibt. Beide hatten hei ihrer Zurückkunft Schreiben vorgefunden, Alfred eines von ſeinem Freunde, dem Baron Cark, worin der⸗ ſelbe ſeine Freude ausdrückte, daß er ihn in Florenz wiſſe und —y— 1 — 128 Sechsundvierzigſtes Kapitel. bald im Stande ſein werde, ihn zu begrüßen.„Leider,“ ſagte er in dieſem Schreiben,„wird es mir nicht vergönnt ſein, dich, wie ich gehofft, in Florenz zu ſehen, du weißt,— freilich nur vom Hörenſagen,— daß ein Familienvater von allerlei Dingen abhängig iſt. Ein Unwohlſein meines jüngſten Kindes rief mich aus Mailand, als ich auf dem Wege zu Euch war, nach dem Comerſee zurück. Dort fand ich Geſchäfte, verdrießliche Brief⸗ ſchaften und dergleichen mehr, die meine Anweſenheit in Genua und Livorno dringend erheiſchten. Unterdeſſen hat auch meine Frau ſich entſchloſſen, ebenfalls nach Neapel zu gehen, und jetzt. kannſt du dir denken, wie ſehr ſich mein Reiſetrain, den ich auf eine einfache Kaleſche geſchätzt, vergrößern wird. Ich habe es denn auch aus dieſem Grunde vorgezogen(finde darin keinen Mangel an Freundſchaft für Euch), von Genua zur See nach Neapel zu gehen. Unſer Rendezvous, lieber Alfred, guter Alfons, wird deßhalb, ſtatt dort in Florenz, in Neapel ſtattfinden, nur etwa vierzehn Tage ſpäter. Offenherzig geſtanden, liebe ich auch den längeren Aufenthalt in Florenz zur ſogenannten glänzenden Saiſon nicht. Man kommt ſo mit allerhand Leuten zuſammen, die man gerne vermeiden möchte. Auch dir wird nicht viel daran gelegen ſein, Alfred. Aber ich fürchte, Alfons wird es ungern ſehen, wenn Ihr Euren Aufenthalt in Florenz abkürztet.“ „Danke ſchön für die gute Meinung!“ ſagte der Graf, wel⸗ chem Alfred den Brief vorlas. „Solltet Ihr jedoch,“ fuhr Jener fort,„unerwarteter, aber für mich angenehmer Weiſe Euren Aufenthalt in Florenz ab⸗ kürzen wollen, ſo findet Ihr mich heute über acht Tage in Genua und wir gehen alsdann gemeinſchaftlich nach Neapel. Freilich wär's für Euch ein ziemlicher Umweg, von Florenz über Genua dorthin zu gehen, aber ſoviel ich mich erinnere, kennſt, du eben⸗ ſowenig wie Alfons die herrlichſten aller Straßen zwiſchen den erſtgenannten Städten; am Meeresufer vorbei über Piſa, Lucca, ſagie dich, nur ngen mich dem grief⸗ jenua neine jetzt auf ees inen nach ons, nur auch nden nen, aran gern florenz. 129 Maſſa— die reizendſte Tour in der ganzen Welt. Rede mit dem guten Alfons, ſage ihm Einiges über die Lucceſerinnen; er wird nicht leicht ſchönere Geſtalten und glühendere Augen zu ſehen bekommen. Ueberlegt Euch das wohl und denkt vor Allem, daß ich, wo es auch ſei, auf Euch warte mit freudigem Herzen und weit geöffneten Armen. Tauſend Grüße von Pauline.“— Graf Alfons hatte Briefe von Haus, von Amadäus, von ſeiner Schweſter Clara, unbedeutenden Inhalts. „Was denkſt du von dem Vorſchlage?“ ſagte nach einer längeren Pauſe Alfred, während welcher er ſinnend in das Kaminfeuer geblickt. Der Graf ſtellte ſeine beiden Füße auf den Schirm, hinter welchem das Feuer brannte, ſteckte ſeine Hände in die Taſchen des Rocks und machte lächelnd ein ſpitzes Maul, gab aber vor⸗ derhand keine Antwort. „Leider Gottes,“ fuhr Alfred nach einer Pauſe lachend fort, „biſt du hier einigermaßen gefeſſelt und kannſt über den Vorſchlag Karl's kein unparteiiſches Ja oder Nein abgeben. Ich meines⸗ theils wäre ſchon dafür eingenommen. Florenz iſt ſchön, pracht⸗ voll im Frühjahr und Vorherbſt, aber wenn es einmal anfängt, kühl zu werden, ſind dieſe hohen Zimmer, die Steinpflaſter, das Flämmchen da im Herde nicht gemacht, um eine Kälte, wie ſie hier zuweilen herrſcht, vergeſſen zu machen, und was das geſell⸗ ſchaftliche Leben anbelangt, ſo geht es mir wie Karl— und— ich habe jetzt ſchon genug.— Nun, was ſagſt du dazu?— ſprich dich aus!“—. „Florenz,“ ſagte der Graf nach einer Weile,„hält mich auch eigentlich nicht zurück, aber— aber— ich verſichre dich,“ fuhr er ſehr lebhaft fort,„hätteſt du jenes Mädchen geſehen und obendrein geſprochen, wie ich, nun, du bliebeſt gern noch einige 4.* 7—. 5 Zeit hier.“ Er ſtieß mit der Feuerzange an die brennenden Holz⸗ Hacklander, Namenl. Geſchichten. III. 9 . 1* 130 Sechsundvierzigſtes Kapitel. ſtücke, daß Myriaden von Feuerfunken in die Höhe ſtoben.— „Was geht mich Lucca an?“ ſagte er laut lachend nach einer Pauſe,„was kümmern mich die Lucceſerinnen?“ „Willſt du immer weiter ſchweifen? Sieh, das Schöne liegt ſo nah.“ „uebrigens werde ich dem Ehemann über verſchiedene Stellen ſeines Briefs bedeutend den Text leſen, und nach Umſtänden in Beiſein ſeiner Frau.“ „Bleiben wir alſo noch die vierzehn Tage hier, wie wir uns vorgenommen,“ ſagte lächelnd Alfred, naber keine Stunde länger, nicht wahr, das verſprichſt du mir? Wenn du bis dahin nicht reuſirt, ſo laß' das Abenteuer fallen oder überrede deine namenloſe Unbekannte, dir nach Neapel zu folgen.“ „Mehr Reſpekt!“ ſagte mit komiſchem Ernſte der Graf, „die Tochter der hochanſtändigen und ſehr achtbaren Marquiſin von St. Auville iſt keine namenloſe Unbekannte.“ Beide Freunde ſchlugen ein herzliches und lautes Ge⸗ lächter auf. „Aber Scherz bei Seite,“ ſagte Alfred, nachdem das Lachen eine Zeit lang gedauert,„nach vierzehn Tagen reiſeſt du mit mir ab— nicht wahr?“ „Allerdings!“ verſetzte der Graf, indem er aufſtand und ſich vor dem Kaminſpiegel Halsbinde und Kragen in die Höhe zog, auch unternehmend durch das Haar fuhr.„Selbſt, wenn ich bis dahin nicht geſiegt hätte.“ „In dem Fall,“ lachte Alfred,„tröſte dich mit jenem Huſaren, der zwei Jahre bei einem ſchönen Mädchen im Quar⸗ tier lag und zum Ziel gekommen wäre“— 1 „Wenn er noch vierundzwanzig Stunden hätte bleiben einer Stellen den in 3 wir tunde dahin deine Graf, quiſtn Ge⸗ n das ſeſt du d und Höhe wenn jenem Quar⸗ bleiben Florenz. 131 können,“ ſetzte der Graf hinzu, indem er ſein Bild im Spiegel freundlich und holdſelig anlächelte. Jetzt wurde leiſe die Thüre geöffnet und der Kammerdiener Alfred's überbrachte einen Brief, der ſoeben unten abgegeben worden ſei.„Es wartet Niemand auf Antwort,“ ſagte er und zog ſich zurück. Alfred nahm das Schreiben in die Hand, ein kleines, zierlich couvertirtes Briefchen, überſchrieben an ihn, Vor⸗ und Zuname ganz richtig, geſiegelt mit einem unbekannten Wappen..E „Ei, ei!“ ſagte Alfons,„trifft man dich auf Nebenwegen, Sittenprediger? Ich muß wahrhaftig geſtehen, ich bin beſſer, als mein Ruf, aber bei dir iſt dieſer beſcheidene Ausſpruch der ſchottiſchen Königin umgekehrt zu nehmen.“ „Du ſtehſt mich überraſcht,“ ſagte Alfred und betrachtete das Siegel,„'s iſt eine Damenhand, aber ich weiß auf Ehre nicht, welches weibliche Weſen hier in Florenz an mich zu ſchreiben hätte.“ „So öffne den Brief und laß' uns ſehen!“ ſagte der Graf. Alfred riß das Couvert ab und gieng mit dem Briefchen an den Tiſch. Es waren nur einige Zeilen auf dem Papier und kaum hatte er ſie überleſen, ſo brach er in ein lautes Lachen aus. „Wie heißt auch,“ fragte er den Freund,„die hochanſtändige Mutter deiner Angebeteten?“ „Die Dame, die ich liebe, nenn' ich nicht!“ ſang der Graf, ſetzte aber hinzu:„Madame la Baronne de St. Auville hatte die Gnade, mich zu empfangen.“ „Richtig St. Auville!“ fuhr Alfred lachend fort.„Lieber Freund, die ſchreibt ſoeben an mich.“ „Par exemple! an dich?“ rief der Graf und trat zum Tiſche. —„Da lies!“— 9* — 1 132 Sechsundvierzigſtes Kapitel. „Meine Tochter,“ las der Graf,„wünſcht Sie, hochver⸗ ehrter Herr, heute Abend nach eilf Uhr bei ſich zu ſehen. La Baronne de St. Auville.“— Wahrhaftig und an dich über⸗ ſchrieben, das iſt ſeltſam.“ Er nahm bei dieſen Worten das Couvert vom Boden auf und ſagte mit einem langen Geſicht: nein Irrthum iſt rein unmöglich, es iſt dein Name deutlich und richtig.“ „Und doch ein Irrthum!“ ſagte Alfred luſtig, nglücklicher Alfons! der Brief, an dich gerichtet, iſt an mich überſchrieben. Das iſt klar, wie der Tag.“ „Wie ſo?“— „Nun, nichts klarer, als das,“ fuhr Alfred fort,„die Alte hat deine Karte verlegt, oder haſt du am Ende, als du unſere Viſiten machteſt, ſtatt deiner Karte die meinige dort hinterlaſſen.“ „Teufel, das wäre möglich!“. „Nun, ſtehſt du? Und im anderen Falle hat ſte, wie geſagt, deine Karte verloren, liest unſere Namen in der Fremdenliſte und ſchreibt zufälliger Weiſe an mich.“ „Meinſt du, daß dem ſo ſein könnte?“ fragte zweifelnd der Graf. „Auf alle Fälle, glücklicher Sterülicher Alſo nach eilf Uhr, Beneidenswerther!“ „Ich weiß doch nicht recht—“ „Zweifle nicht. Ich habe die Dame nicht geſehen und ſie mich ebenſowenig, und ſollte ſſe— was rein unmöglich iſ— mit mir in irgend einem Zuſammenhange ſtehen, ſo übertrage ich auf dich feierlich meine Rechte.“ „Topp! es gilt, ich verſuche mein Glück!— Doch da iſt ja noch eine Nachſchrift auf der anderen Seite.—„So uner⸗ wartet Ihnen dieſe Einladung auch kommen mag, ſo bittet, be⸗ ſchwört Sie meine Tochter, derſelben Folge zu leiſten und ich ſetze hinzu: es wird Sie nicht gereuen! Die Obige.“ zeſiht: ih und icklicher rieben. te Alte unſere iſſen.” geſagt, enliſte Florenz. 133 „Ich werde alſo hingehen!“ ſagte der Graf und ſteckte den Brief in die Taſche.„Doch beſuchen wir vorher ein paar Soi⸗ réen. Nicht wahr?“ „Warum nicht?“ entgegnete Alfred,„meinſt du, ich will mich hier langweilen, während du dem ſchönſten Abenteuer ent⸗ gegen flatterſt?“ „So werde ich denn einige Toilette machen,“ ſagte der Graf,„ich bin gleich wieder da.“ Damit verließ er das Zimmer. Alfred ſetzte ſich noch einen Augenblick vor das Kaminfeuer und lächelte über den erhaltenen Brief. Es gab eine Zeit, wo es ihm nicht im Traum eingefallen wäre, daß ein an ihn über⸗ ſchriebener Brief einem Anderen gegolten hätte.—„Aber hier!“ ſprach er zu ſich ſelber; was hatte er mit der würdigen Tochter der Baronin von St. Auville zu ſchaffen? 7 7 Siebenundvierzigſtes Kapitel. Florentiniſche Nächte. Es mochte gegen eilf Uhr an dem Abend ſein, an welchem nſer voriges Kapitel ſchließt, da meldete der Kammerdiener den beiden Freunden, welche wieder vor dem Kamin Platz genommen, daß der Wagen vorgefahren ſei. Es war ein unangenehmer November⸗Abend, ein kalter Wind fegte durch die Straßen von Florenz; wenige Fenſter waren zu dieſer Zeit noch erleuchtet, und das Leben auf den Straßen beſchränkte ſich auf einige Kaffeehausgäſte, die aus⸗ und ein⸗ giengen, oder auf ein altes Weib, das noch ſo ſpät gebratene Kaſtanien an irgend einer Ecke feil hielt. So ſehr es der Italiener liebt, an warmen Sommernächten die halbe Nacht auf der Straße zuzubringen, ebenſo ſorgfältig zieht er ſich vor der Kälte des Herbſtes und Winters in ſeine hohen Zimmer mit Steinboden, vor ſein iaee Kamin, vor ſeeinen noch ſchlechteren Ofen und in Ermang ung Alles deſſen vor ein einfaches Kohlenbecken zurück, um dort erbärmlich zu lchem er den mmen, kalter waren traßen ein⸗ ratene * 3 Florentiniſche Nüchte. 135 frieren. Man ſpürt aber auch in der That in Italien ſechs bis acht Grad Kälte weit mehr und leidet empfindlicher dabei, als wenn es bei uns zwölf bis ſechszehn Grad hat. Auch die beiden Freunde in ihrem Wagen, die ſich bei einer gleichen Temperatur in Deutſchland mit einem Paletot begnügt hätten, wickelten ſich feſter in ihre Pelzmäntel, als der Wagen längs des Arno dahin fuhr und über die große Brücke, wohin ſie ihr Weg führte, um den Salon der Marquiſin P. zu erreichen, den ſie heute Abend zuerſt beſuchen wollten. An dem grchen finſteren Gebäude mit den ſtark vergitterten Fenſtern, wo der Wagen nun hielt, war nichts Freundliches und Einladendes zu ſehen, als allenfalls das rieſenhafte Thor, aus welchem heller Schein in die Nacht hinaus drang. Die beiden eilten durch den Thorweg, wandten ſich links zu einer großen Glasthüre, welche bei ihrem Erſcheinen von dem Portier ehrerbietigſt geöffnet wurde. Hier ſah es freundlicher aus und hier herrſchte eine ange⸗ nehme wohlthuende Atmoſphäre. Die elegante marmorne Neben⸗ treppe, welche zu den Gemächern der Marquiſin führte, endete hier unten auf einem kleinen Vorplatz, glänzend beleuchtet und angenehm erwärmt, wo auf langen Bänken an den Wänden eine Menge reich gallonirter Bedienten ſaßen, die Befehle ihrer Herr⸗ ſchaft gewärtigend. Links war die Portierloge, abermals durch eine Glasthüre abgeſperrt, auf einem Tiſche die Lampe mit großem Schirm, daneben der ſo nothwendige, weich gepolſterte Lehnſtuhl. Die Treppe ſelbſt, die Stufen von weißem carariſchem Marmor, das Geländer vergoldetes Gitterwerk mit dem bunten ſchmalen Teppichſtreifen, reich mit Orangenbäumen und blühen⸗ den Blumen beſetzt, ſchlang ſich wie eine bunke Guirlande in den erſten Stock hinauf; oben Bediente des Hauſes, welche unhörbar herbeiſchlichen und geräuſchlos die Flügelthüren zu dem Vor⸗ —— 136 Siebenundvierzigſtes Kapitel. zimmer öffneten,— ein großes Gemach mit dunklen Seiten⸗ tapeten, einfachen Möbeln von Paliſander, ebenfalls dunkel bezogen, das Ganze durch eine ſchwache Beleuchtung dem Auge wohlthuend, welchem das blendende Licht des Treppenhauſes nach der finſteren Straße einigermaßen weh gethan. An dieß erſte Vorzimmer ſchloß ſich ein zweites, etwas heller gehalten, etwas mehr erleuchtet, mit einem prachtvollen Kamin von weißem Marmor, in welchem freundliche Flammen ſpielten und die Vorübergehenden zu bitten ſchienen, ſeine Ein⸗ ſamkeit zu verſcheuchen und ihm Geſellſchaft zu leiſten. Aus dieſem führten nun rechts und links halb verhängte Thüren in kleine Plauder⸗Cabinete, geradeaus aber weit geöff⸗ G nete Batade in einen größern Salon, wo eine Menge Gäſte in glänzenden eleganten Toiletten verſammelt waren. Rechts und links grüßend giengen die beiden Freunde zwiſchen Bekannten, die ihnen freundliche Worte zuriefen, zwiſchen Fremden, die ihnen Platz machten, in einen zweiten Salon, wo ſich die Dame des Hauſes, umgeben von ihren Intimſten und Anbetern, befand. Die Marquiſin P., eine Dame von etwas über dreißig Jahren, von der einſt alle Welt behauptet, daß ſie eine der ausgezeichnetſten Schönheiten von Florenz ſei, galt immer für eine brillante Erſcheinung. Sie hatte eine volle Geſtalt, einen auffallend weißen Teint, den man namentlich bei Abend unbe⸗ dingt bewundern mußte, nicht wiſſend, wo die Grenzlinie zwi⸗ ſchen Natur und Kunſt war; dazu dunkle ſchwärmeriſche Augen und ein kohlſchwarzes Haar, welches ihre Geſichtsfarbe durch⸗ ſichtig weiß, ja auffallend bleich erſcheinen ließ. Doch hätte die Marquiſin dieſem geſpenſterhaften Teint um Alles in der Welt nicht durch einiges Roth nachgeholfen: ſie hatte unglücklich ge⸗ liebt, dann eine Convenienz⸗Heirath geſchloſſen, und die Bleiche ihres Geſichts machte ſich durch dieſe Erinnerungen doppelt intereſſant— es war ihre Haus⸗, ihre Herzensfarbe, die Farbe, eiten⸗ dunkel Auge hauſes etwas tvollen zmmen Ein⸗ zängte ge b ff⸗ e in 6 und unten, ihnen ne des and.. driißig ine der ner füt „jeinen unbe⸗ je zwi⸗ Augen durch⸗ itte die Welt ſich ge⸗ Bleiche doppelt Farbe Florentiniſche Nächte. 137 ihres Gemüths. So ſollten Fremde und Uneingeweihte glauben, aber ihre Intimen wußten das ſchon anders. Der Salon, in welchem ſie ſich huldigen ließ, und den ſie während der Soirée ſelten oder nie verließ, war ein herrliches, prächtiges und geſchmackvoll eingerichtetes Gemach. Die Möbel von vergoldeter Bronze, bezogen mit weißem, golddurchwirktem Atlas, waren nach Angabe berühmter Künſtler gefertigt. Da⸗ zwiſchen befanden ſich, eigenſinnig ihren unpaſſenden Platz be⸗ hauptend, einzelne Prachtſtücke: Lehnſeſſel, kleine Tiſche, kunſtvoll aus ſchwarzem Holz geſchnitzt, oder auf Unterſätzen mit reichen Sammtdecken kleine niedliche Touchen von Elfenbein, Schildkrot und rothen und weißen Korallen. Merkwürdige ſeltſame Pflan⸗ zen mit einer einzigen Blüthe, der Triumph eines Gärtners, der ſte vielleicht Jahre lang bis zu dieſem Augenblick gehegt und gepflegt, verblühten hier in einer einzigen Nacht, oder wurden während eines Geſprächs von der Herrin gleichgültig abgezupft. Den Boden bedeckten die reichſten Smyrnateppiche und die be⸗ kannten dicken perſiſche Bodendecken, kleine reizende Stücke mit den ſonderbarſten Deſſins lagen unter Tiſchen, Seſſeln und Fauteuils, drei⸗ und vierfach übereinander. Die Marquiſin begrüßte die beiden Freunde auf eine außer⸗ ordentlich gnädige und herablaſſende Art. Sie reichte Jedem die Hand zum Kuß, verabſchiedete mit einer Handbewegung ein paar junge Elegants, die ſich einige Minuten mit ihr unterhalten hatten und ſich nun ehrerbietig zurückgezogen, ihre Plätze den beiden Fremden überlaſſend. „Ich bin wirklich erfreut, Graf Alfons,“ ſagte die Dame, „Sie bei uns zu ſehen; ein artiger Repräſentant Ihrer deut⸗ ſchen Landsleute. Sie ſprechen unſere liebe Sprache wirklich erträglich;— hoffentlich bleiben Sie den Wintar bei uns? die Saiſon wird brillant werden.“ 138 Siebenundvierzigſtes Kapitel. Der Graf verbeugte ſich geſchmeichelt und entgegnete: für mich, Frau Marquiſin, hat die Saiſon in dieſem Augenblick ihren Höhepunkt erreicht. Ich finde mich jetzt in Florenz außer⸗ ordentlich zufrieden, vollkommen beglückt.“ „Graf, Sie lernen gut!“ lachte die ſchöne Frau und dazu belohnte ſte ihn durch einen vollen Blick ihres feurigen Auges. „Haben Sie,“ fragte ſie mit bezauberndem Lächeln,„eine Loge in Percola oder werden Sie die meinige mit Ihrem Beſuch erfreuen?“ „Ich wollte mich morgen,“ entgegnete der Graf, nnach einem beſcheidenen Winkel in Ihrer Nähe umſehen, doch da Sie ſo außerordentlich liebenswürdig ſind und mir ein Glück in Aus⸗ ſicht ſtellen, das ich zu hoffen nicht gewagt, ſo werde ich von Ihrer gütigen Erlaubniß den umfaſſendſten Gebrauch machen; an den Abenden dagegen, wo ich nicht kommen darf, werde ich bei mir zu Haufe bleiben, um über all' das geſehene und er⸗ lebte Schöne in der Erinnerung zu ſchwelgen.“ „Laſſen Sie der letzten Abende nicht zu viel werden!“ lachte die Marquiſin,„Sie ſind mir in der That ſehr willkommen. Apropos,“ fuhr ſie fort,„man ſteht Sie ja wenig in den Cas⸗ einen, höchſtens auf einige Augenblicke, wenn ſich ſchon Alles anſchickt, nach der Stadt zurückzukehren. Graf! Graf! Man will ſogar bemerkt haben, daß Sie zuweilen emſig etwas ſuchen, alle Wege aufmerkſam muſtern, in alle Nebenwege blicken.“ Sie drohte ihm ſchalkhaft mit dem Finger. „Ich hatte noch nicht das Glück, gnädige Frau, Sie in den Cascinen zu finden, ich hoffe, man wird mir morgen nicht mehr nachſagen können, daß ich dort etwas vergeblich geſucht, indem Ihre Geſundheit, wie ich mit Entzücken gehört, Ihnen morgen ſchon wieder geſtatten wird, dort die Huldigungen Ihrer Freunde anzunehmen.“ — 7 für nblic ußer⸗ dazu luges. Loge Beſuch „ nach Sie Man uchen, Sie ie in nicht eſucht, Ihnen Ihrer 139 Florentiniſſſe Nächte. 1 „Wollen Sie da bina Rf lachend die Dame des Hauſes,„ſchämen Sie ſich, 4edhe⸗ Sie ſind ein unaus⸗ ſtehlicher Schmeichler!“ Ihr Z Küber dieſe Schmeicheleien war in der That nicht ſo außerordentlich groß. Sie ſchlug freilich die Augen nieder, aber nur, um einen Augenblick darnach das an⸗ geſammelte Feuer mit einem einzigen Strahl auf den unglück⸗ lichen Verbrecher zu entladen. Auch entzog ſie ihm ihre Hand nicht, die er, um Vergebung flehend, innigſt küßte.„Erlauben Sis jetzt,“ ſagte ſie nach einer Pauſe,„daß ich Sie meiner Couſine, der Gräfin N., vorſtelle, einer armen jungen Frau, deren Mann von ſeinen Geſchäften in Neapel nicht wegzu⸗ bringen iſt.“ ₰ Der Graf erhob ſich und ließ ſich der armen jungen Frau vorſtellen. Eine reizende, blühende Erſcheinung. Sie lag neben ihrer Tante in einem weichen niedrigen Fauteuil und hatte beim Eintritt der beiden Deutſchen ihr ſtolzes Haupt nicht im Gering⸗ ſten erhoben. 6 Die arme junge Frau mochte zwanzig Jahre alt ſein, und zeigte unter dem ſtraffen Atlaskleide pe herrlichſten, üppigſten Formen, dazu weiße Schultern, einen ſchkanken ſtolzen Hals mit ſchön gewölbtem Nacken und eine Büſte, wie man ſie nur bei Römerinnen findet. Sie war von der heiligen Stadt, die entfernte Verwandte eines Cardinals, der es für gut fand, ſte außerordentlich auszuſteuern, und an einen etwas ältlichen neapolitaniſchen Nobili zu verheirathen.—. „Graf Alfons— Gtäfin N.— ein ſehr artiger deutſcher Cavalier!“ ſetzte die Marquiſtn kächelnd hinzu, und auf dieſe Empfehlung hin, wurde der Vorgeſtellte mit einem Blick beehrt; auch machte die junge Dame einen Verſuch ihren Fauteuil ein wenig gegen ihn zu drehen, was ihr aber wohl nicht gelungen wäre, wenn ſie bei dieſem ſchwierigen Geſchäfte nicht ein franzö⸗ ſiſcher Geſandtſchaftsſekretär unterſtützt hätte, der hinter ihr ſtand . 2 4— 140 Siebenundvierzigſtes Kapitel. und den Stuhl ſanft drehte. Sie dankte für dieſe Hülfe, indem ſte den Kopf und Oberkörper rückwärts bog, und leicht ihr Auge öffnete und wieder ſchloß. Da hiedurch die Hand des jungen Diplomaten von ihrem Haar ſanft berührt wurde, ſo flammte eine Röthe auf ſeinem Geſicht auf, und er blickte das herrliche Weib eine Sekunde lang mit glühenden Blicken an. „Es iſt mir ein unſchätzbares Glück,“ ſagte der Graf, „ſogleich bei meiner Ankunft ſo hoch gewürdigt und Ihnen vor⸗ geſtellt zu werden. Ich weiß dieß Glück zu ſchätzen.“ Die Dame lächelte kaum merklich, doch ſagte ſte mit freund⸗ lichem Ausdruck:„ſte waren nie zur Saiſon in Florenz, überhaupt in Italien?“ „Sie verzeihen Gräfin, aber ich habe Ihr herrliches Land mehr wie einmal durchreist, das ſchöne, ernſte Rom, das gött⸗ liche Neapel, habe freilich noch keine Saiſon in Florenz mitge⸗ macht, doch fühle ich mich dafür jetzt von meinem freundlichen Schickſal glänzend entſchädigt.“ Der Franzoſe ärgerte ſich ſichtlich über die Complimente und Zungengeläufigkeit des Deutſchen, die jener für ſeine Nation als Monopol zu betrachten ſchien. Doch ſchien ſein Stern für heute Abend hinter dieſem Fauteuil untergegangen, er wurde von der Gräfin nicht weiter beachtet, der Graf dagegen von Vielen ſchon mit neidiſchen Blicken angeſehen. „Haben Sie den Marquis ſchon geſehen?“ fragte nun die Dame des Hauſes im gleichgültigſten Tone. „Ich hatte noch nicht das Gluͤck, Ihrem Herrn Gemahl meine Aufwartung machen zu dürfen, doch hoffe ich ſogleich“— „Laſſen Sie's gut ſein! Sie werden ihn ſchon ſpäter ſehen, er macht draußen eine Partie Whiſt.“ Alfred, der nicht in der Laune ſchien, den leichten glän⸗ zenden Ball der Converſation aufzufangen und ſpielend wieder wegzuſchleudern, machte neben dem Seſſel der Marquiſin einem , indem hr Auge jungen flammte herrliche er Graf, nen vor⸗ freund⸗ berhaupt es Land s gött⸗ mitge⸗ ndlichen plimente Nation zeern für r wurde gen von nun die Gemahl 5— er ſehen, en glän⸗ wiedet in einem Florentiniſche Nüchte. 141 Glücklicheren Platz und zog ſich in den erſten Salon zurück, hier einen Bekannten grüßend, dort ein paar Worte wechſelnd, dann trat er zu den Spieltiſchen. Es war hier, wenn auch eine ebenſo vornehme und glän⸗ zende, doch weniger blühende und ſchöne Geſellſchaft bei einander. Nur die ältere Generation ſpielte, oder wettete auf die Spielenden, und was zuſah, waren unintereſſante, ſchüchterne junge Leute oder ebenfalls ältere Herrn, die zufällig keine Partie gefunden. Es wurde größtentheils Whiſt geſpielt, den Point um einen Napo⸗ leon, Wetten nach Belieben. Da ſaßen Kammerherrn, Großwürdeträger der Höfe kleine⸗ rer Nachbarſtaaten, alte Generale fremder Nationen und ein⸗ fache Leute in Civil aus guter Familie, aber ohne eigentlichen Charakter. Viel bleiche und gelbe Geſichter waren hier zu ſehen, kohlſchwarze Haare, die im Schimmer der Kerzen einen röthlichen Schein gaben, eben ſolche Augenbrauen, denen man ebenfalls künſtliche Nachhülfe anſah, dazwiſchen graues, feſtes Haar und eben ſolchen ſtarken Schnurrbart, weiße Halsbinden, blaue und ſchwarze Fräcke, magere Hände mit und ohne Manſchetten, und Ordensbänder in allen Farben: ein ganzes Firmament von Ster⸗ nen. Dann ältliche Damen, welche ebenfalls mitſpielten, in der größten Toilette, alte Herzoginnen von unermeßlichem Vermögen, mit Blumen und mit hochfriſirten Haaren, andere mit Brillanten, und das rauſchte und funkelte, huſtete und räuſperte durch einan⸗ der, und dazu hörte man Worte von faſt allen Zungen Europa's. Hier waren Italiener, Ruſſen, Franzoſen, Polen, Deutſche ver⸗ treten; Letzterer waren es nur wenige, auch ſchauten die meiſten derſelben zu, faſt Keiner wettete hoch. Alfred ſtellte ſich an einen Tiſch zu einer Whiſtpartie, welche mit dem Strohmann arbeitete; ein alter rufſiſcher General mit einem breiten rothen Geſicht und kurzen grauen Haaren hielt mit einer verlebten Oberſthofmeiſterin irgend eines benachbarten 142 Siebenundvierzigſtes Kapitel. Staates die Partie gegen einen beweglichen Franzoſen, der außerordentlich ruhig, aber ebenſo unglücklich ſpielte. Er war ſo eben groß Schlemm geworden und gab nun, milde lächelnd, die Karten aus. Ihm gegenüber auf dem Platze des Stroh⸗ manns ſaß ein jugendlich ausſehender Italiener mit ſtark ge⸗ färbter Perücke, auch hatte er etwas Roth aufgetragen, und ſah freundlich und zufrieden dem Spiele zu. „Soll ich die Karten des Strohmanns aufdecken?“ fragte er mit leiſer Stimme,„was meinen Sie, Vicomte? Vielleicht ſchlägt ihm dadurch das Glück zu.“ „Ich bitte Sie um Gotteswillen, beſte Excellenz!“ lächelte der Franzoſe,„rühren Sie meine Karte nicht an, das würde mir entſetzliches Unglück bringen! Ich habe einmal den Aber⸗ glauben.“ „Ich auch!“ ſagte der ruſſiſche General, und warf einen zufriedenen Blick in ſeine Karten, nachdem Pique zu atout gemacht war, von welcher Farbe er die Hand voll hatte. „Ueberhaupt,“ ſagte freundlich der Franzoſe,„koſten mich Euer Excellenz eine ſchöne Summe, denn abgeſehen von den Wetten, die ich gegen Sie verloren, bringen Sie mir als Zu⸗ ſchauer die ſchlechteſten Karten.“ Alles lachte.— „Da ſehen Sie nur! Kein Trique im Blinden, zwei kleine atout, gar keine Handkarten.— Ich bin ein ruinirter Mann.“ Das Spiel begann und der Strohmann entgieng mit Mühe einem abermaligen Schlemm. Er zahlte auf die freundlichſte und liebenswürdigſte Art rechts und links ſeine Wetten, dann ſtand er auf, um ſeinem Nachfolger, dem ruſſiſchen General, Platz zu machen. Dieſen erſetzte ein Anderer. „Ich ſollte Ihnen, General,“ ſagte er lachend,„nicht zu noch größerem Glück behülflich ſein, aber ich will es doch thun, en, der Er war fragte lächelte würde Aber⸗ f einen atout ten mich von den als Zu⸗ „ zwei zuinirter Mühe nhlichſte dann gzeneral⸗ nicht zu — thun, Florentiniſche Nächte. 143 indem ich unſere Excellenz da entführe. Der ſchaut Ihnen das größte Unglück in die Karten hinein. Kommen Sie, Ercellenz, ich vergebe Ihnen. Aber thun Sie mir dafür den einzigen Ge⸗ fallen und ſehen Sie mir niemals wieder in meinen Strohmann, ich bin auf Ehre nicht reich genug, Sie als Zuſchauer zu be⸗ zahlen.“ Lachend traten die Beiden, Arm in Arm, an einen andern Spieltiſch, wo drei Damen mit einem Herrn ein Partie l'hombre machten. „Wie geht's Euer Durchlaucht?“ fragte der Franzoſe eine dicke italieniſche Prinzeſſin.. 5 „Sehr ſchlecht den ganzen Abend,“ war die Antwort, „doch ich glaube, Sie bringen mir Glück, Vicomte. Sehen Sie, das ſcheint mir keine ſchlechte Karte, was glauben Sie, ich will ein Schlemm anſagen. Meinen Sie nicht auch?“ Der Vicomte durchflog die Karten.„Das habe ich mit einem ähnlichen Heil ſchon hundertmal gethan,“ ſagte er ruhig. „In der That?“ „Allerdings!“¹ Ueber die Züge des Vicomte's flog ein leichtes, ſonderbares Lächeln, dann trat er mit der italieniſchen Excellenz in das Nebenzimmer, glitt gewandt zwiſchen den Umherſtehenden und den Seſſeln bis zur Dame des Hauſes— und man ſah an der Art, wie ihm alles Platz machte, daß er der Intime und Be⸗ günſtigte war— und flüſterte ihr einige Worte in die Ohren. „Köſtlich!“ ſagte ſie und blickte forſchend in das Spiel⸗ zimmer. „Dort huſtete und räuſperte es wie bisher und zuweilen hörte man eine Karte auf den Tiſch fallen. Plötzlich aber wurde die Stimme der Prinzipeſſa laut. „Das iſt ja erſchrecklich!“ ſagte ſie ärgerlich.„Vicomte!— wo iſt der Vicomte?“— * 144 Siebenundvierzigſtes Kapitel. Es wurde draußen ein Stuhl gerückt, und die Marquiſin ſagte lachend zu dem Franzoſen:„ich bitte Sie um Gotteswillen, gehen Sie hinaus, ſonſt macht Sie wahrhaftig hier eine Scene!“ Er eilte geräuſchlos in das Spielzimmer zurück. „Aber das ſind ſchöne Geſchichten!“ rief ihm die Fürſtin entgegen und ihr Geſicht erſchien ſanft geröthet.„Ich ſage meinen Schlemm an, ich wette auf meine Karten ganz entſetz⸗ lich, und mache keinen Stich. Und das Alles auf Ihren Rath, auf den Rath eines der vorzüglichſten Spieler.“ „Ich wüßte doch nicht!“ ſagte unbefangen der Vicomte, „daß ich Euer Durchlaucht eigentlich dazu gerathen hätte!“ „Aber habe ich Sie nicht gefragt, Vicomte, ob ich auf dieſe Karten nicht einen Schlemm anſagen könne.“ „Allerdings!“ „Und haben Sie mir nicht geſagt, daß Sie das mit ähn⸗ lichen Karten hundertmal gethan?“ „Allerdings!“ „Und doch habe ich die ganze Partie verloren, keinen Trique gemacht. O das war ein ſchlechter Rath!“ „Verzeihen mir Euer Durchlaucht, ich habe mir nur zu ſagen erlaubt: daß ich mit ähnlichen Karten ſchon hundertmal daſſelbe Spiel geſpielt; aber Spielen und Gewinnen iſt zweierlei: auch ich habe es alle hundertmal verloren.“ „Pfui, Vicomte, Sie ſind ein Jeſuit!“ ſagten die andern Damen und die Prinzipeſſa miſchte erzürnt ihre Karten. Aber an allen Tiſchen wurde über dieſe Geſchichte beifällig gelächelt, denn die Prinzipeſſa war als ungeheuer geizig bekannt. An einem dritten Spieltiſche in demſelben Zimmer, in einer heimlichen Ecke des Gemachs, wo ein junger Bachus, das Meiſterwerk Teneromi's aus carariſchem Marmor, halbverſteckt zwiſchen grünen Geſträuchen ſtand, ſpielten zwei intereſſante jüngere Damen mit zweien Dienern der hohen Kirche: einem Scene!lu ie Fürſtin „Ich ſage inz entſetz⸗ ren Rath, Vicomte, auf dieſe mit ähn⸗ „keinen r nur zu ndertmal xüierlei andern . Aber elächelt in mer, us, das verſteckt rreſſante einem Florentiniſche Nächte. 145 eleganten neapolitaniſchen Abbate, und einem römiſchen Mon⸗ ſignore eine Partie a quatre. Das Spiel war gering. Die Wetten dabei die Hauptſache. Es ſtand viel Gold auf dem Tiſche, welches, wie natürlich in guter Geſellſchaft, ohne irgend eine Bewegung zu verurſachen, bald auf dieſe, bald auf jene Seite rollte. Die eine der Spielerinnen, eine Spanierin mit wachsgelbem Teint, pechſchwarzen Augen und Haaren, ſah ziemlich fatigirt aus und ſpielte und wettete mit großem Glück. Der neapolitaniſche Abbate verlor gegen ſte und ſchob ihr die größten Gewinnſte mit einer außerordentlichen Freundlichkeit zu. Der Vicomte, der mit Alfred, den er ſchon von früher kannte, hinter die Spielenden getreten war, flüſterte dieſem zu:„ſehen Sie nur, wie glücklich es den guten Neapolitaner macht, auf ſolch' geſchickte Weiſe ſein Geld anzubringen. Jetzt hat er wahrhaftig ſogar das Doppelte von dem gezahlt, was er ſchuldete.“ 4„Sie wird es nicht gemerkt haben,“ entgegnete Alfred. 3c) glaube faſt!“ fuhr der Vicomte fort, nunter anderen Ven ltniſſen könnte man faſt glauben, ſie ſpietten aus und in meinſchaftliche Kaſſe. Le pauvre abbé!— Aber er iſt lich reich.“ „Und wer iſt die Dame?“ fragte Alfred. Der Vicomte zuckte mit den Achſeln.„Aus einem unbe⸗ kannten ſpaniſchen Hauſe!“ ſagte er eigenthümlich lachend,„und jene italieniſche Excellenz, mit der ich vorhin von dem Spieltiſche weggieng, nennt ſie ſeine Gemahlin.— Aber es i*ſt erſtaunlich, wie der junge hübſche Menſch da ſein Geld wegwirft!— Der geſunde blühende Monſignore da verſteht es ſchon anders. Sein ei un Goldhaufen vermehrt ſich zuſehends und es iſt wahrhaftig zum Lachen, mit welch' freudigem Geſicht ihm die deutſche Baroneſſe das Geld zuſchiebt.— O Welt! o Welt!“ Hackländer, Namenl. Geſchichten. III. 10 24» — Siebenundvierzigſtes Kapitel. 146 Er that einen Schritt zurück und zog Alfred mit ſich bis hinter die grünen Geſträuche, wo ſie, auf einem Sopha Platz nehmend, die Spielgeſellſchaft im Auge behielten. Man könnte von Jedem und von Jeder der Spielenden dort einen nicht unintereſſanten Roman ſchreiben, man brauchte dabei nicht viel zu erfinden, ſondern ſich ganz einfach an ihr vergangenes Leben halten und es mit ſeinen kleinen und großen Vorfällen, ſeinen Intriguen, ſeiner Freude und ſeinem Jammer, ſeinen Hoffnungen und Täuſchungen niederſchreiben. Es war aber auch in der That eine äußerſt merkwürdige Gruppe intereſſanter Geſichter dort um den Spieltiſch verſammelt. Namentlich aber feſſelte eine Dame die Aufmerkſamkeit Alfreds in hohem Grade. Dieſelbe ſaß auf der anderen Seite des Ge⸗ büſches, in welchem der Bachus ſtand, vielmehr lag ſie da in einem niederen Fauteuil, faſt zu den Füßen des Gottes, eine erhitzte, liebeglühende, ermattete Bachantin. Ein prachtvolleres Haar, dunkel gefärbt, welches das glühende Geſicht umgab, konnte man nicht ſehen. An der Fülle und dichten Maſſe deſſelben war alle Kunſt vergeblich und der Friſeur war nicht im Stande, etwas Zierlicheres daraus zu formen, als einen Kranz von dicken Flechten, welche den Hinter⸗ kopf umgaben, und zwei glänzende Bandeaur von übermäßiger Breite, welche die friſchen, blühenden Wangen in einer ſanften Wellenlinie einrahmten. Dichte Augenbrauen wölbten ſich über einem herrlich geformten Auge, deſſen tiefe Gluth und lodernder Brand glücklich durch auffallend lange Wimpern bedeckt und ge⸗ mildert wurden. Dazu hatte die Dame friſche, etwas trotzig auf⸗ geworfene Lippen, weiße Zähne, und Alles an ihr war Natur: hier eine große Seltenheit. Wie voll und weiß war ihr ent⸗ blöster Arm, ebenſo die Schultern, welche von letzteren durch einen unbedeutenden Theil des Oberkleides getrennt waren. Um ihren Nacken und die Bruſt lief eine breite Reihe der koſtbarſten 3 das nd der dus zu dinter⸗ nßiger ſanften über ernder nd gk⸗ auf⸗ atur- rent⸗ durch Um arſten Florentiniſche Nächte. 147 und zierlichſten Spitzen, die ſich bei jedem Luft- und Athemzuge haſtig emporhoben und mehr den Blick anzogen, als daß ſte ihn abgeleitet hätten. Sie war ſich aber auch ihrer vollen gefährlichen Schönheit wohl bewußt, und ihre Lage in dem Fauteuil eine ausgeſucht verführeriſche. Hinter demſelben lehnte ein junger Mann, der für ſich ſelbſt und ſie zu ſpielen ſchien. Er hielt eine kleine Börſe in der Hand, aus welcher er ſeine und ihre verlorenen Wetten bezahlte, doch achtete er nicht ſehr auf das Spiel, folgte aber mit vielſagendem Blick jeder Bewegung ſeiner Partnerin. Kaum warf ſie den Kopf ein wenig empor, ſo beugte er den ſeinigen tief hinab, um ihre Befehle und Wünſche zu vernehmen. Der junge Mann, welcher auf dieſe Art mit ihr ſpielte, mochte an die Dreißig ſein; ſeine Kleidung, ſein Benehmen zeigte an, daß er der guten Geſellſchaft angehörte. „Es iſt ein Lucceſe,“ ſagte der Vicomte, nder die fragen⸗ den Blicke Alfreds ſah,„der eine der niedlichſten kleinen Frauen hat, die man ſehen kann, und der ſich hier um das ganze Glück ſeines Lebens ſpielt, ohne etwas davon zu haben.“ „Verzeihen Sie mir, Vicomte,“ ſagte Alfred,„Letzteres iſt mir unwahrſcheinlich, denn er ſcheint mir hier der Begünſtigte zu ſein.“ „Es ſcheint nur ſo, lieber Baron. Das iſt eines der merkwürdigſten Weiber. und hat merkwürdige Sachen erlebt. — Die Drei da ſpielen heute aber wieder die merkwürdigſte Komödie, welcher ich zuzuſchauen je das Glück hatte.“ „Welche drei?“ „Nun, die Dame, der Marquis hinter ihrem Stuhl und jener junge blühende Menſch, ein kleiner öſterreichiſcher Huſaren⸗ offizier, der dort anſcheinend ſo unbefangen hie und da einen 10* ———— 148 Siebenundvierzigſtes Kapitel. Napoleon gegen die Beiden hält.— Ich verſichere Sie, ein kleiner verfluchter Kerl!“. „Aber was hat er mit der Dame zu ſchaffen?“ „Außerordentlich viel. Doch weiß das ſo eigentlich Nie⸗ mand wie ich, der ich mir ein Vergnügen daraus mache, zuweilen hier in dieſer Geſellſchaft den ſehr aufmerkſamen Beobachter zu machen,“ entgegnete der Vicomte.„Sie ſind ein discreter Menſch und werden das Geheimniß Ihres Landsmanns zu be⸗ wahren wiſſen. Der Huſar, ein bildhübſcher, junger Menſch, von gutem Hauſe, gewandter Reiter, hat das Herz jener Dame vollkommen eingenommen, und aus dem einfachen Grunde, weil man ihn zuvor vor ihr gewarnt hatte, er ſie anfänglich auf's Sorgfältigſte mied, und ſie deßhalb Alles daran ſetzte, ihn zu gewinnen. Das gelang ihr natürlicher Weiſe und da es ihr gelungen war, ſchämte ſich der junge Deutſche, ſeine Niederlage einzugeſtehen, und auch ſie findet dieſe Liebe ſo en secret, deli⸗ cibs und—“ „Und der Lucceſe?“— „Hat zu Haus, wie geſagt, eine charmante Frau, der bis jetzt nichts nachzuſagen iſt. Doch ſpielt hier eine etwas dunkle Geſchichte, die Sie für unglaublich halten, aber dennoch iſt ſie wahr. Ein früherer Liebhaber, jetzt Freund der ſchönen Dame da vor uns, hat ſich in die Frau des Lucceſen auf's Heftigſte verliebt, und weil in dieſer Welt die eine Hand die andere wäſcht, ſo ſpannt hier die Freundin den Gemahl an ihren Triumph⸗ wagen und feſſelt ihn, damit der Freund in Lucca freie Hand bei den Bewerbungen um die kleine charmante Frau hat.“ „Aber das iſt ja unerhört!“ ſagte Alfred erſtaunt. „Das möchte ich gerade nicht ſagen,“ bemerkte der Vicomte trocken,„aber wie geſagt, es können für den Lucceſen die unan⸗ genehmſten Dinge daraus entſtehen.“ — Florentiniſche Nächte.. 149 „Aber man ſollte ihn warnen!“ meinte Alfred. „Da ſieht man den unbefangenen Deutſchen!“ lachte der Vicomte.„Als wenn Jeder nicht hier vollkommen genug mit ſich ſelbſt zu thun hätte! Ich verſichere Sie, beſter Baron, wenn man ſich einigermaßen in die hieſige Welt hineinlebt, kann man zu häufig gezwungen werden, Degen und Piſtolen für eigene Rech⸗ nung in die Sang nehmen, und man thut wahrhaftig beſſer, ſich nicht in andeket Leute Händel zu miſchen.“ „Aber wer iſt dieſe ſchreckliche Frau?“ fragte Alfred. „Dieſe ſchöne ſchreckliche Frau,“ entgegnete der Vicomte, „iſt ein außerordentlich liebenswürdiges und ſehr gebildetes Weib — eine Polin. Sie ward durch ein ſeltſames Unglück, nachdem ſie wenige Tage mit ihrem Manne gelebt, eine jungfräuliche Wittwe.“ Alfred ſah den Vicomte erſtaunt und fragend an. „Von einer habgierigen Mutter gezwungen,“ fuhr dieſer ruhig fort,„wurde ſte an einen ältlichen Sarmateg verheirathet, der ein unermeßliches Vermögen beſaß und ſtark gelebt hat. Es müſſen da ſeltſame, unerhörte Dinge geſchehen ſein, denn wenige Tage nach der Hochzeit ſtürzte der Pole eines Nachts aus dem Schlafgemach und—— erſchoß ſich im Nebenzimmer. Sie war damals ein junges, unerfahrenes, unſchuldiges Weſen von vielleicht achtzehn Jahren.— Nach dem Tod ihres Gemahls wurde ſie die Erbin ſeiner immenſen Güter und reist ſeit der Zeit zu ihrem Vergnügen in der Welt umher.— Aber jetzt, beſter Baron, achten Sie genau auf das intereſſante Spiel. das uns die Drei gratis aufführen. Sehen Sie, der junge Huſar ſcheint ſich um die ganze Geſellſchaft nicht zu bekümmern, und nur auf ſein Spiel zu achten. Doch bemerken Sie wohl, wie er ſeinen Napoleon hie und da zu ſeltſamen Figuren zuſam⸗ menlegt, und dann einen ſcheinbar gleichgültigen Blick auf ſeine Gegnerin wirft.“ — — 150 Siebenundvierzigſtes Kapitel. Alfred, ſo aufmerkſam gemacht, bemerkte nun in der That an kleinen Zeichen, Winken mit den Augen und dergleichen Kleinigkeiten, daß hier ein Einverſtändniß obwalte. Doch ſchien ſich die Dame nur mit dem Lucceſen hinter ihrem Stuhle zu beſchäftigen. Jetzt wandte ſie das glühende Geſicht freundlich zu ihm empor, und als er ſich haſtig zu ihr hinabbeugte, flüſterte ſte ihm einige Worte zu, die ihn augenſcheinlich ſehr glücklich machten. Der junge Huſarenofftzier blickte unterdeſſen unbefangen in die Karten von Monſignore und machte ihm einen ſcherz⸗ haften Vorwurf, daß er zu ſparſam mit atout umgehe, und dadurch das Spiel und ſeine Wetten verlieren würde. Nachdem er dieß geſagt, legte er einen Napoleon bedeutſam vor ſich auf den Tiſch. Der Vicomte ſagte mit leiſer Stimme:„Ein Uhr!“ Die Polin in ihrem Fauteuil nahm hierauf langſam ihr Blumenbouquet in die Höhe, das an einer kleinen goldenen Kette eines Braſſelets hieng, führte es einmal an ihre Lippen, und als ſie zum zweitenmal daran riechen wollte, hielt ſte auf halbem Wege inne und ließ die Blumen dann wieder neben ſich hinabfallen. „Ein und ein halb,“ bemerkte der Vicomte lächeln,„oder halb Zwei,— glücklicher junger Menſch!“ Unterdeſſen gieng das Spiel ſeinen Gang fort; der Abbe verlor, Monſignore gewann, und die andern Drei ſpielten kleine Spiele und Alles ſchien befriedigt. So eben hatte die Polin eine Kleinigkeit gewonnen, und reichte die Goldſtücke mit einem ſüßen Lächeln ihrem Partner in die Höhe, der ſie mit ſtrahlen⸗ dem Geſichte annahm. Dabei berührte ſeine Hand die ihrige, er zitterte und faßte die Napoleons etwas ungeſchickt. Eines der kleinen Stücke fiel wieder herab auf ihre weiße Schulter, doch da ſg das blanke Gold auf der kühlen glatten Fläche nicht 1 Klorentiniſche Nächte. 151 zu halten vermochte, ſo rollte es weiter hinab und verſchwand mit Blitzesſchnelle zwiſchen Brillanten, Blumen und Spitzen. Die Dame ſchreckte durch dieſe Berührung kaum merklich zuſam⸗ men, und der Vicomte ſowie Alfred blickten aufmerkſam auf ihre Mienen. Einen Augenblick nachher, nachdem eine dunkle Röthe, die auf ihrem Geſicht aufflammte, wieder langſam ver⸗ ſchwunden war, blickte ſie holb lig lächelnd in die Höhe und ihre Blicke trafen die des Lucceſen und verwirrten ihn augen⸗ ſcheinlich dergeſtalt, daß er beinahe die ganze Börſe hätte fallen laſſen. Die Dame aber wandte ſich ruhig dem Spiel wieder zu und nahm nach einiger Zeit gelaſſen ihren Blumenſtrauß wieder in die Höhe, mit welchem ſie daſſelbe Mannöver wie vorhin machte. Der junge Offtzier ſagte luſtig lachend:„Monſeigneur, dieß Spiel ſo eben mußten wir verlieren, coeur war atout:“ und der Vicomte nahm gelaſſen eine Priſe und bemerkte ruhig lächelnd zu Alfred:„welch ſüßer Lohn— verlierend zu ge⸗ winnen!“— 4 8 1 voorrbei war, ſo ſchien er nicht an das ihm gegebene Rendez⸗vous —ÿ—ÿ—ꝛꝛꝛ———— Achtnndvierzigſtes Kapitel. Florentiniſche Nächte. In den andern Theilen des Appartements der Marquiſin ſpielten kleine Intriguen ähnlicher Art; doch da wir zu den we⸗ nigſten einen Schlüſſel beſitzen und wir uns vor Allem der Wahrheit und Genauigkeit zu befleißigen die größte Mühe ge— ben, ſo muß ſich der geneigte Leſer mit dem begnügen, was wir im Stande ſind, ihm mitzutheilen. Graf Alfons hatte unterdeſſen bedeutende Fortſchritte in der Gunſt ſowohl der Marquiſin, namentlich aber in der der armen jungen Frau aus Neapel gemacht. Obgleich es bereits eilf Uhr zu denken. Er plauderte und lachte, erzählte luſtige Geſchichten ſa und ließ ſich ähnliche wieder erzählen, wurde allen anweſenden Damen vorgeſtellt, gefiel außerordentlich, erregte den Neid ſämmt⸗ licher Herrn und amuſirte ſich durch Alles dieſes unbeſchreiblich. Der Vicomte und Alfred machten eine Parthie Billard, und obgleich Erſterer ein großer Meiſter darin war, verlor er Jlorentiniſche Nächte. 153 doch beſtändig, denn er ſchien außerordentlich zerſtreut und be⸗ obachtete mehr die Aus⸗ und Eingehenden, als den Gang des Spieles. Plötzlich legte er das Queu nieder, faßte Alfred am Arm und ſagte mit leiſer Stimme, aber haſtig:„kommen Sie, beſter Baron, mir ſcheint, wir erleben zu der Komödie von vor⸗ hin einen letzten, aber ernſten Akt.— Die Weiber ſind doch ein unbeſonnenes Geſchlecht und wir Männer entſetzlich leichtſinnig. Es iſt traurig, in einer ſolchen Welt leben zu müſſen.“ „Aber was haben Sie, beſter Vicomte?“ ſagte Alfred er⸗ ſtaunt,„ich bemerke nichts Außergewöhnliches— lachend, flü⸗ d in den Spielzimmern, wie bisher, laute Converſation im alon; ich glaube wahrhaftig, Sie ſehen Geſpenſter.“ „Zuwetlen,“ ſagte ernſt der Vicomte,„aber mich beküm⸗ mert die Geſchichte mit dem Lucceſen. Erſtens nehme ich Antheil an dem Schickſal ſeiner Frau, ohne ſie zu kennen, und dann bin ich ferner ſo lange unſichtbarer Zuſchauer geweſen, daß mich jede neue Scene außerordentlich intereſſirt.“ „Wie das?“— „Sie bemerkten im Eifer des Spiels nicht, beſter Baron, wie unſere Polin ſo eben anſcheinend ganz abſtchtslos durch das Billardzimmer dem kleinen Plauder⸗Cabinette zuſchritt, das ſo rei⸗ zend verſteckt am Ende des Appartements liegt. Aus dem Spiel⸗ zimmer drüben ſah ich den deutſchen Offizier ebenfalls dahin⸗ eilen, nachdem er ſich vorher überzeugt, daß der Lucceſe mit der alten Prinzipeſſa dort drüben in ein eifriges Geſpräch verwickelt ſcheint, und ſie iſt bekannt dafür, Jemand, den ſte einmal feſt hat, nicht ſobald wieder los zu laſſen. Aber obſchon der Italie⸗ ner angelegentlich ſpricht, hat er ebenſo gut bemerkt, wie ich, wohin die Angebetete ihre Schritte lenkte, und er wird, ahnungs⸗ los auf ein ſüßes Geplauder rechnend, ſogleich ebenfalls dorthin eilen.— Kommen Sie, Baron.“ 154 Achtundvierzigſtes Kapitel. „Ei, ei, Vicomte,“ ſagte Alfred lachend,„Sie ſagten mir doch vorhin, man ſolle ſich nicht in ſolche Geſchichten ein⸗ miſchen.“ „Ma foi!“ entgegnete dieſer ungeduldig,„das iſt was ganz Anderes, ſo und ſo, wir wollen kein rencontre zu Stande bringen, aber vielleicht eines verhüten. Treten wir zu⸗ gleich mit Ihrem unbeſonnenen Landsmanne, der noch nicht zu wiſſen ſcheint, daß es gefährlich iſt, einen verliebten Italiener zu necken, in jenes Kabinet, ſo wird er unbefangen mit der Dame plaudern, im anderen Falle aber—— Doch kommen Sie, der Lucceſe ſcheint gelangweilt und hat ſchon ein paar Mal um ſich geblickt.“ Das Plauder⸗Cabinet in den Appartements der Marquiſin war in der That zu heimlich gelegen und ein allerliebſtes reizen⸗ des Gemach. Es war eigentlich ein kleines Glashaus am Ende der Zimmer neben einer Teraſſe, die in den Garten hinabführte. Ein allerliebſter Wintergarten, der den Vortheil hatte, daß man Abends von den finſteren Scheiben nichts bemerkte, indem die Teraſſe, welche ihn umgab, dicht mit Orangen und Citronen beſetzt war, die ſich an das Glashaus lehnten, und, vom Nacht⸗ winde bewegt, mit ihren grünen Blättern und gelben Früchten freundlich durch die Scheiben nickten. In dieſem Wintergarten befanden ſich die ſchönſten und reich blühendſten Blumen, aufs Geſchmackvollſte arrangirt, und kleine Ruheplätze mit ſchwellenden Divans und niedrigen Fau⸗ teuils, abgeſonderte Winkelchen bildend, die es möglich machten, daß ſich mehrere Parthieen hier ungeſehen aufhalten konnten. In der Mitte plätſcherte ein aus einem weißen Marmorbecken ſpringendes Waſſer und murmelte und koste ſo laut mit den her⸗ einnickenden Blumen, daß die Plauderer ihre Stimme ziemlich laut erheben konnten, ohne ſich den Nebenſitzenden zu verrathen. Florentiniſche Nächte. 155 Dieſe Einrichtung war außerordentlich ſinnreich, ebenſo die Beleuchtung: kein aufdringlich flammendes Licht zerſtreute hier die Phantaſie, die Helle fiel von oben durch die Glasſcheiben und durch ein Netz von Schlingpflanzen gedämpft ſo anmuthig, ja heimlich herein, daß man glaubte, in einer dichten Laube zu ſitzen, die, vom ſanften Strahl des Mondes erhellt, das Schöne nur ahnen, aber nicht deutlich ſehen läßt. Die Polin betrat dieſes Gemach und ſtützte ihre Hand auf den Marmorbrunnen, gedankenvoll in das klare ſprühende Waſ⸗ ſer niederblickend. Der junge Offizier, der ihr raſch gefolgt war, trat zu ihr hin, legte ſeine Hand auf ihren vollen Arm und ſagte leiſe und haſtig:„Eleonore, ich bin zu glücklich, mein Herz iſt zu voll, ich vermag es nicht, länger ſo kalt an Dir vorüber⸗ zugehen, mit Dir zu ſprechen im gewöhnlichen Tone; ſage mir ein einziges, liebendes, ein einziges freundliches Wort, nur ein einziges aus Deiner vollen blühenden Seele; gib mir nur einen Blick, ich will daran zehren, bis— 4. „Entſetzliche Ungeduld!“ lachte das ſchöne Weib, und ein unendlich inniger und verlangender Blick brach aus ihren Augen, doch ſetzte ſte hinzu, indem ſie forſchend um ſich blickte:„mein ſüßer Arthur, Du biſt wieder einmal ſehr unbeſonnen, man braucht in dieſen Appartements nicht gerade in ein Glashaus zu treten, wie hier, um von der ganzen Welt beobachtet und ge⸗ ſehen zu werden.— Sei ruhig, mein Herz. 4 „Nun, ich muß doch geſtehen,“ entgegnete luſtig der junge Offizier,„daß ich es an Ruhe heute Abend nicht fehlen ließ. Dir, meine geliebte Eleonore, ſo ſtundenlang gegenüber zu ſitzen, Deinen entſetzlichen Tändeleien zuzuſchauen, und dabei vollkommen ruhig und gleichgültig zu erſcheinen, ſich mit keinem Blick zu verrathen, das kann nur— „Ein Deutſcher!“ lachte die Polin,„allerdings!— Und —,— 156 Achtundvierzigſtes Kapitel. wie liebe ich Dich dafür! Aber noch einmal: ſei vorſichtig, laſſe meine Hand.—— Aber was thuſt Du, mein kleines Herz?“ „Nun, Deinen Arm will ich küſſen, hier einmal in der mißgünſtigen, neidiſchen Welt, vor allen Augen und doch heim⸗ lich, nur einen einzigen, innigen, warmen Kuß!“ Er beugte ſich ſchnell auf ihren Arm nieder, und als ſie ſeiner Tändelei zuſah, berührten ihre rothen friſchen Lippen ſchnell wie der Blitz ſein blondes Haar, und ſie ſagte leiſe flü⸗ ſternd:„laß' gut ſein, Arthur, ich kenne Deine Küſſe. Sie laſſen flammende Spuren zurück. Spare ſie auf, mein Kind, man beobachtet uns hier.“———— „So iſt's, Signora!“ ſagte eine tiefe Stimme mit zittern⸗ dem Tone, und als die Donna erſchrocken aufblickte, ſah ſie den Lucceſen vor ſich ſtehen, der hinter einem Gebüſch aufgetaucht war und ſie mit einem entſetzlichen Blick anſtarrte. Ihre erſte Bewegung war, mit ihrem einen Arme das Haupt des jungen Offiziers zu decken, als drohe demſelben etwas Fürchterliches.— „So iſt's Madame!“ wiederholte der Italiener,„man be⸗ obachtet Sie in der That, und man hat ein Recht dazu.“ „Ein Recht?“ ſagte die Dame, und der junge Offizier, der ſich raſch emporrichtete und auf den Lucceſen zutrat, ſagte eben⸗ falls mit heftigem Tone:„ein Recht, mein Herr?“ „Entweder habe ich ein Recht, Signora, und dann iſt die⸗ ſer junge Herr ein Unbeſcheidener, ein Zudringlicher, den ich werde zu beſtrafen wiſſen,— oder,“ ſetzte er hinzu, mit den Zähnen knirſchend, nhabe ich kein Recht, und dann ſollen Sie mir Rede ſtehen, Madame, für das— Spiel, das Sie mit mir getrieben, und Jener ſoll es auch, bei Gott!—“ Die Dame wollte antworten, doch der junge Offizier winkte ihr mit der Hand und ſagte, indem er noch einen Schritt vortrat:„ich bitte Sie, Madame, ſagen Sie kein Wort, es iſt Florentiniſche Nüchte. 157 ſe dieß eine Sache, die mich allein angeht, die ich herbeigeführt, die ich allein und mit Freuden ausfechten will.“ r„Vorderhand, Signor,“ entgegnete der Italiener,„wünſchte ich von der Dame ſelbſt eine Antwort, und dann erſt werde ich mich an Sie wenden.— Hat dieſer Herr,“ fuhr er mit einer leiſen, aber fürchterlich erregten Stimme fort, vein Recht, das Recht— ſich zu Ihrem Vertheidiger aufzuwerfen? Ich be⸗ ſchwöre Sie, antworten Sie mir!“————— „Ja!“ ſagte die Dame nach einer Pauſe. Das Geſicht des Lucceſen nahm bei dieſem einzigen Worte einen fürchterlichen Ausdruck an. Die gelbe Farbe deſſelben ſpielte ins Aſchfarbene, und ſeine Augen, roth unterlaufen, ver⸗ größerten ſich auf eine entſetzliche Art und nahmen einen wilden Ausdruck an.„Ha maledetto!“ brach er nach einer kurzen, pein⸗ lichen Pauſe los und mit einem ſo ſchrillen Tone, daß man es in dem anſtoßenden Zimmer hören mußte. Er ballte die Fauſt, und wer weiß, was geſchehen wäre, wenn nicht in dieſem Augen⸗ blicke der Vicomte mit Alfred in das Glas⸗Cabinet getgeten wären und ſich Erſterer, als beſonnener kluger Mann, raſch zwiſchen die Streitenden geworfen hätte.„Meine Herrn,“ ſagte er mit leiſer, eindringlicher Stimme,„Sie ſind beide Männer von Chre, von gutem Ton. Ich bitte, ich beſchwöre Sie, kei⸗ nen Scandal, kein öffentliches Aergerniß! Geben Sie ſich nicht fremden Augen und Ohren Preis!“ „Ah, Vicomte!“ hauchte der Lucceſe hervor, und man ſah ihm an, daß er ein gewaltiges Weh kräftig niederzudrücken ver⸗ ſuchte;„ah, Vicomte, mir iſt Entſetzliches geſchehen!“ Er faßte krampfhaft die Hand des ihm nicht unbekannten Franzoſen, und zwei Thränen floſſen über ſein eingefallenes Geſicht herab. Alfred hatte ſich unterdeſſen mit dem jungen Offizier be⸗ ſchäftigt und bat die Dame in dem ehrerbietigſten und höflichſten Tone, für einen Augenblick das Cabinet zu verlaſſen. Er beglei⸗ ₰ .„ 2 88 5 . * ‿ 158 Achtunduierzigſtes Kapitel. tete ſte bis an die Thüre deſſelben, und ſte entfernte ſich, obgleich widerſtrebend. Glücklicher Weiſe hatten ſich die Spieler in den innern Salon zurückgezogen und deßhalb nichts von dem Wortwechſel vernommen. „Sie erlauben mir,“ ſagte in dem Glas⸗Cabinet der Vi⸗ comte,„Ihnen, meine Herrn, hier meinen genauen Bekannten, den Baron Alfred von C., vorzuſtellen, der ſich ein Vergnügen daraus machen wird, ſeinem Landsmanne zur Seite zu ſtehen, während ich mit Ihnen,“— er wandte ſich an den Lucceſen— „darüber ſprechen will, wie ſich dieſe unangenehme Geſchichte vielleicht ausgleichen läßt.“ Bei dem Worte„ausgleichen“ ſchüttelte der Italiener heftig die Hand gegen den deutſchen Officier, ließ ſich aber von dem Franzoſen in eine Ecke des Cabinets führen, wo ſie lang und eifrig mit einander ſprachen. Doch ſchien alle Ueberredungs⸗ kunſt des Vicomte nicht das gewünſchte günſtige Reſultat zu er⸗ zielen. Er ſtand nach einer Viertelſtunde auf, näherte ſich dem jungen Offizier und bat ihn, auf Morgen mit Tagesanbruch Zeit und Ort zu beſtimmen, ſowie die Waffen zu wählen. Der Deutſche aber verſicherte, dieß nicht thun zu können, ſondern ſämmtliche Arrangements ſeinem Gegner überlaſſen zu müſſen. Nach einer kurzen Unterredung war dieß der Lucceſe zufrie⸗ den und willigte ſogar in den Vorſchlag des Vicomte, den Se⸗ kundanten ſeines Gegners, Alfred von C., mit ſich nach Hauſe zu nehmen. Der vorſichtige Franzoſe, ein vollkommener Ehren⸗ mann, fuͤhlte, da er namentlich die Verhältniſſe kannte, das große Unrecht, das dem Italiener geſchehen, und hatte ſich vor⸗ genommen, während der Zeit, welche ſein Gegen⸗Sekundant bei demſelben zubrachte, den jungen Offizier um Manches aufzu⸗ klären, was dieſer nicht gewußt. Der Lucceſe, der in einem Zuſtand vollkommener Abſpan⸗ * 4 — Florentiniſche Nächte. 159 nung war, blieb mit gefalteten Händen in ſeinem Winkel ſitzen, und indeſſen eilte Alfred in den Salon hinaus, um den Grafen Alfons mit wenig Worten von der vorgefallenen unangenehmen Geſchichte in Kenntniß zu ſetzen. Glücklicherweiſe kam ihm dieſer ſchon unter der Thüre des Spielzimmers eilfertig entgegen; er hatte gerade ſeine Uhr einge⸗ ſteckt und ſagte lachend:„ich habe mich leichtſinniger und un⸗ verantwortlicher Weiſe über die Zeit verſpätet, es iſt ſchon halb Zwölf. Was wird die ſchöne Tochter der ſehr noblen Marquiſin von St. Auville von mir denken!— Aber Du machſt ja ein merkwürdiges Geſicht, Alfred— was iſt Dir begegnet? — Bereuteſt Du vielleicht, daß ich unter Deiner Firma zu dem Rendez⸗vous gehe?— In dem Fall trete ich Dir zu Liebe gerne zurück.“— Der Graf war nicht wenig überraſcht, als er von der Ge⸗ ſchichte erfuhr, worin ſein Freund ſo unvermuthet verwickelt wor⸗ den.—„Eine Nacht, reich an Vorfällen,“ ſagte er nachden⸗ kend,„ich möchte wohl lieber nicht dahin gehen.“ „Warum?“ entgegnete Alfred,„Du kannſt mir und der Sache nichts nützen, und es iſt wahrhaftig beſſer, daß ich viel⸗ leicht morgen beim Austauſch unſerer Erlebniſſe etwas Fröh⸗ liches, Heiteres erfahre.“ „Eigentlich haſt Du Recht,“ ſagte der Graf.„Allons! kann ich den Wagen nehmen, oder brauchſt Du ihn ſelber?“ „Nimm' ihn auf alle Fälle,“ antwortete Alfred, ich muß ja doch mit dem Lucceſen fahren.— Alſo auf Wiederſehen mor⸗ gen früh!“ Der Graf warf im Vorzimmer, ein Liedchen ſummend, ſeinen Mantel um und eilte die glänzende Marmortreppe hinab, während Alfred in den Salon trat, um noch hie und da unbe⸗ deutende Worte zu ſprechen, und ſich alsdann unbefangener und ohne Aufſehen zu erregen entfernen zu können. 4 ¹ —— 160 Achtundvierzigſtes Kapitel. Die Polin ſaß da, im vollen Glanze ihrer Schönheit, neben der armen jungen Frau aus Neapel, lachte und plauderte mit einigen jungen Herrn, und man ſah es ihr durchaus nicht an, daß ſte noch vor Kurzem Urſache geworden, daß ein paar hier ſehr wohlbekannte Männer nach ein paar Stunden im Begriff waren, ihr Blut, vielleicht gegenſeitig, für ſie zu ver⸗ gießen.— Alfred beſtieg mit dem Lucceſen deſſen Wagen und Beide fuhren nach einem entfernteren Stadttheile, wo Letzterer ſeine Wohnung hatte, ein mächtiges, finſteres Gebäude mit fünf Stockwerken, die nach der Straße zu öde und todt erſchienen; nur im Hofe bemerkte man in den verſchiedenen Etagen hie und da noch ein Licht. Der Lucceſe wohnte im zweiten Stock, ein alter Diener öffnete ſchweigend die Vorthüre und geleitete nach einem tiefen Bücklinge den Herrn und ſeinen Gaſt nach einem großen Zim⸗ mer, ſchwach erhellt und durch ein kleines Feuer im Kamin mäßig erwärmt. Die Einrichtung dieſes Gemachs war nicht ärmlich, aber auch nichts weniger als comfortable. Es war den beſcheidenen Anſprüchen gemäß, welche ein Italiener im Winter an ſein Zimmer, namentlich an ein Zimmer in der Fremde, das er für kurze Zeit bewohnt, zu machen pflegt. Den Steinboden bedeckte vor dem Sopha und dem Tiſche ein nicht ſehr großes und dünnes Stückchen Teppich, die Vorhänge, welche ſonſt an den Fenſtern waren, hatte man hinweggenommen, denn es war in dieſer Jahreszeit ja nicht nothwendig, der Sonne den Eintritt zu verwehren. Daß Einen dagegen die ſchwarzen Scheiben bei Nacht unfreundlich und unheimlich anblicken, ſolche Kleinigkeiten fühlen die Italiener im Allgemeinen nicht. Der alte Diener ſtellte ein paar Kerzen auf den Tiſch, welche das große Zimmer nur ſpärlich beleuchteten; von Er⸗ leuchtung war keine Rede, und die Finſterniß, aus der Nähe R Florentiniſche Nächte. 161 des Tiſches vertrieben, ſchmiegte ſich in die fernen Ecken des großen Gemaches, breitete ſich am Boden aus und fuhr hoch an die dunkle holzgetäfelte Decke empor. Der Lucceſe hatte ſich in einen Stuhl neben dem Sopha geworfen, auf welchem Alfred Platz genommen.— „Briefe, Signor!“ ſagte der alte Diener, und legte zwei Schreiben auf den Tiſch.„Das eine ſcheint mir ein Geſchäfts⸗ brief;— das andere iſt von Haus,“ ſetzte er leiſer hinzu. „Gut!“ ſagte der Lucceſe und ſpielte mit dem letzten Schreiben;„Du kannſt gehen.“— „Ich bin ſo neugierig!“ ſprach der alte Mann,„verzeihen Sie mir, aber ich wäre gewiß wahrhaftig nicht ſo neugierig, ich möchte ja nur fragen, wie es zu Haus ſteht.“ Der Italiener warf ſeinem Diener einen ſonderbaren Blick zu, dann riß er das Couvert ab und reichte den Inhalt deſſelben ſeinem Diener hin, der das Blatt ſeufzend entfaltete. Der Luc⸗ ceſe ſtützte den Kopf auf beide Arme und verſank in tiefes Nach⸗ ſinnen, das noch fortdauerte, nachdem der Diener den Brief ſchon lange geleſen und erſt aufhörte, als er das Blatt auf den Tiſch niederlegte, wodurch ein kleines Geräuſch entſtand. Der Jaliener fuhr empor und blickte fragend in die Höhe. „Alles wohl!“ ſagte der alte Mann.—„Sonſt aber— „Die alten Geſchichten!“ fiel ihm der Lucceſe finſter in's Wort, nich ſoll zurückkommen, ein gehorſamer, fügſamer Gatte, ein ſuperber Schwiegerſohn ſein.“ „Die Schwiegermamma ſind nach Nizza abgereist,“ ſagte leiſe der alte Diener.— „So?— Ei das wäre?—— Pah!— Mir gleich viel!— leider gleich viel!— Hätte ſie das vor vier Wochen ge⸗ than,— ſo waͤre ich vielleicht— aber geſchehene Dinge ſind nicht zu ändern!—— Ja, ja, vor vier Wochen, vor vierzehn 1 Sagen, vor acht Tagen, ja vor zwei Stunden fühlte ich noch Hacklander, Namfnl Geſchichten. III. 11. 1 * 4 162 Achtundvierzigſtes Kapitel. anders— träumte ich ſüß und angenehm; aber es war eigent⸗ lich ein wüſter, wilder Traum.—— Giuſeppe, leuchte mir in's Schlafzimmer, ich bin entſetzlich abgeſpannt.“— Bei dieſen Worten richtete er ſich in die Höhe und ſah er⸗ ſtaunt auf ſeinen Gaſt. Er hatte ihn vollkommen vergeſſen. Alfred hatte da geſeſſen in unangenehmer Spannung und erinnerte jetzt den Italiener, gezwungen lächelnd, an ihre Be⸗ kanntſchaft von heute Abend und an einige ernſte Geſchäfte, die ſie abzumachen hätten. Der alte Diener ſah ihn beſtürzt und fragend an. „Verzeihen Sie mir, Herr Baron, ich war einigermaßen geiſtesabweſend; Sie verſtehen wohl, Briefe aus der Heimath, die Einem manches Neue ſagen,— Briefe von meiner Frau.“ „Briefe von Ihrer Frau?“ wiederholte Alfred abſichtlich und gedehnt, und der alte Diener nickte heftig und haſtig mit dem Kopfe. Der Lucceſe blickte in dem weiten Gemach umher und ſagte, anſcheinend ruhig lächelnd:„ja, ja, Sie haben das hier für eine Junggeſellen⸗Wirthſchaft gehalten und nicht mit Unrecht; ein unheimliches, kaltes Gemach— Friert Sie's auch?— Aber, um wieder auf den Brief zu kommen: eigentlich bin ich verheirathet, in Lucca verheirathet, meine Frau iſt eine ſehr brave Frau.“ „Schön und liebenswürdig!“ ſagte der alte Mann. „Kinder habe ich keine,“ fuhr der Italiener fort?„es iſt immer ſchade, wenn man keine Kinder hat, die kleinen Weſen ſind eine ſo liebenswürdige Kette, die einen an das Haus, an den eigenen Herd feſſemn,— ie es iſt ſehr ſchade, wenn man keine Kinder hat.ℳ. l Der alte Diener ſchob bei dieſen Worten den Brief vor ſei⸗ nen Gebieter hin, und ſeine K and zitterte ſo, daß es dieſem auf⸗ fiel. Er blickte, wie fragend, in die Höhe und bemerkte kopf⸗ Florentiniſche Uächte. 163 ſchüttelnd, daß über die Wangen des alten Mannes dicke Thrä⸗ nen herabliefen. Er nahm den Brief in die Hand und entfaltete ihn langſam. „Es iſt ſchade,“ ſagte er während deſſen verbindlich zu Alfred,„daß ich Ihnen nicht zu Lucca, und beſſer, die Honneurs meines Hauſes machen kann, daß ich jetzt nicht im Stande bin, Sie meiner Frau vorzuſtellen.“ Der alte Mann huſtete bedeutſam, und als ſein Herr auf⸗ blickte, ſagte er:„bitte, geben Sie mir den kleinen Schlüſſel!“ „Wozu das?“ „O der gnädige Herr wollen mir freundlichſt erlauben, das Bildchen herauszunehmen, vielleicht es dem Herrn Freunde dort zu zeigen, dann möchte ich auch einmal nachſehen, ob Alles in Ordnung iſt.— Bitte, geben Sie mir den Schlüſſel!“ Der Lucceſe zuckte die Achſel, warf einen Schlüſſel auf den Tiſch und ſagte lächelnd zu Alfred:„ſehen Sie, Baron, ſo ſind die alten Diener. Es tritt ein umgekehrtes Verhältniß ein, man muß ihnen gehorchen.“ Unterdeſſen hatte Giuſeppe eilfertig ein Käſtchen herbeige⸗ tragen, es geöffnet, ein kleines Maroquin⸗Etui herausgenom⸗ men, welches er feierlich aufſtellte, vermittelſt einer Stütze, die hinten angebracht war. Dann öffnete er das Etui langſam, wie einen kleinen Schrank, wie ein Altarblatt, rückte die Kerzen da⸗ vor und Alfred erblickte das ſchön ausgeführte und reizende Bild einer fungen Frau, die mit unendlicher Sanftmuth im Auge freundlich und gutmüthig herausblickte. Es war ein liebes Ge⸗ ſichtchen, heiter und ohne Falſch, die ehrlichſte und zutraulichſte Phyſiognomie, die man nur ſehen konnte. Freilich hatte es nichts von der krankhaften, aber intereſſanten Bläſſe der Mar⸗ quiſin, noch viel weniger von der wilden Schönheit der Polin, aber es war ohne allen Vergleich weit wohlthuender, weit an⸗ genehmer. 11* Achtundvierzigſtes Kapitel. Alfred drückte ſeine Bewunderung, ſeine aufrichtige Freude über den Anblick des Bildes aus; auch der Lucceſe, der es lange und ſchweigend angeſehen, ſchien über den freundlichen Anblick deſſelben tief gerührt und ergriffen. „Leſen Sie den Brief!/ bat der alte Diener, und Alfred, der wohl fühlte, daß er in dieſem Augenblicke an dem Tiſche ein überflüſſiger Zuſchauer ſei, ſtand leiſe auf und trat an's Fenſter. Da lag die Straße, öde und leer, nur wenige ſpäte Wand⸗ ler giengen vorbei, je nach ihrer Laune ſtumm und eilfertig oder langſam und ſchlendernd, eine Arie laut vor ſich hintrillernd. In der Nähe des Hauſes hielt eine Kutſche, die augen⸗ ſcheinlich ſchon eine geraume Zeit wartete. Die Pferde ſtanden unter einer wollenen Decke mit geſenkten Köpfen, und der Kut⸗ ſcher lag auf dem Bocke, mit dem Kopfe auf dem Verdeck des Wagens, und war ſanft entſchlummert. Es mußte ſpät in der Nacht oder vielmehr früh am Tage ſein; die Sterne fiengen an zu verbleichen, und der Himmel nahm gegen Oſten, freilich kaum merklich, aber doch ſchon ſichtbar, eine hellere Färbung an. Es war kalt, ebenſowohl im Freien, wie auch hier im Zimmer; das Kaminfeuer war erloſchen. Alfred zog ſeinen Man⸗ tel feſter um ſich, indem er bemerkte, wie der Kutſcher draußen auf dem Wagen jetzt aufzuwachen ſchien, zuſammenſchauerte und alsdann eine wollene Decke, die auf ſeinen Füßen lag, feſter um den Leib zog. Jetzt mochte der Lucceſe mit dem Leſen ſeines Briefs fertig ſein; Alfred ſah ſich um, und wie er bemerkte, daß er mit dem Kopfe auf dem Tiſche lag, und daß der alte Mann mit tiefbe⸗ „kümmertem Geſichte neben ihm ſtand, trat er an den Tiſch zu⸗ rück, und der Italiener, als er die Schritte hörte, fuhr in die Höhe. Sein Geſicht war mit tiefer Bläſſe überzogen und ſeine Augen hatten einen troſtloſen Ausdruck. er Florentiniſche Uüchte. 165 „Sie waren am heutigen Abend der Zeuge einer Scene, die für mich ſehr peinlich, ja erniedrigend war und nur das ein⸗ zige Gute hatte, daß ſie mir die Ehre Ihrer Bekanntſchaft ver⸗ ſchaffte. Ich halte Sie für einen vollkommenen Ehrenmann, für einen Mann von Takt und Gefühl, 2 leſen Sie“— er reichte ihm den Brief, den er in der Hand hielt,—„was ich im Be⸗ griff war, jenem Weib Alles zu opfern,— leſen Sie, ich bitte darum!“ Alfred nahm das Schreiben und las es. Es war von der Frau des Lucceſen und die Worte ſo lieb, ſo freundlich, ſo er⸗ greifend, wie der Ausdruck des Geſichts auf dem kleinen Bilde. Sie beſchwor ihn, zurückzukommen, ſte verſprach, es ſolle vo ihrer Seite Alles geſchehen, damit der Frieden ihres Hauſes nie wieder geſtört würde, ſie habe freilich in Manchem Unrecht, das war gewiß die einzige Unwahrheit, die in dem Briefe ſtan,— ihre Mutter, ſo ſagte ſie, habe eingeſehen, daß es beſſer ſei, wenn ſte ihren Aufenthalt für einige Zeit anderswo nehme, und ſei nach Nizza gegangen.—— Zum Schluſſe, und das las Alfred mit einem leiſen Schauer, vertraute ſie ihrem Manne ein rührendes Geheimniß, ein inniges, ſeliges Geheimniß an, und man bemerkte an den zitternden Schriftzügen, wie ihre Hand, während ſie das niederſchrieb, vor unausſprechlicher Wonne und Freude gezittert. „Komm zurück!“ ſagte ſie ſchließlich,„komm' bald zurück. Du ſiehſt, die Madonna iſt uns gnädig und will uns das Schönſte bewilligen, was es für ein Weib auf Erden gibt, will uns ganz glückſelig machen!“—— Alfred legte den Brief tieferſchüttert auf den Tiſch, und war nicht im Stande, ein Geſpräch zu eröffnen. „Jetzt zu Geſchäftsſachen!“ ſagte der Lucceſe gefaßt und mit ruhiger Stimme.„Ich ſtehe jetzt vollkommen zu Befehl und bin bereit, mit Ihnen zu unterhandeln, über das, was heute früh geſchehen ſoll. Der Vicomte iſt in mich gedrungeg Zeit, * 4 4 ——— 166 Achtundvierzigſtes Kapitel. Ort und Waffen zu beſtimmen. Ich denke, wir machen die Sache ab, ſobald der neue Tag uns ſo viel Licht gibt, als nothwendig. Hier,“ ſagte er zu dem alten Diener, indem er einen andern Schlüſſel auf den Tiſch warf und bitter lachte,„hol' ein anderes Käſtchen!“ „Die Piſtolen, Signor?“ rief der Alte erſchrocken und ſah bald ſeinen Herrn, bald den Fremden wie um Auskunft bit⸗ tend an. Alfred nickte ſchweigend mit dem Kopfe und der Lucceſe ſagte:„natürlich die Piſtolen, Giuſeppe, ich habe eine kleine Sache abzumachen; nicht mit dieſem Herrn da, Gott bewahre! ſondern mit einem Anderen, eine Ehrenſache, die keinen Auf⸗ ſchub leidet.——————————— Neunundvierzigſtes Kapitel. Florentiniſche Nächte. In dieſem Augenblicke tönte aus dem untern Stock ein Weheruf, zwar gedämpft durch die Entfernung, aber immer noch ſo ſchneidend und entſetzlich, daß der Lucceſe von ſeinem Sitz in die Höhe ſprang und Alfred und der alte Diener er⸗ ſchrocken lauſchten. Aber es folgte dieſem erſten unbeſchreiblichen Rufe, in welchem Jammer, Wuth, geiſtiger und körperlicher Schmerz, kurz, eine Hölle lag, kein zweiter, nur eine Thüre hörte man unten heftig aufreißen und zuwerfen, dann einige Schritte auf der Treppe nach dem Hausthore zu. Alfred eilte an's Fen⸗ ſter, das auf die Straße gieng, er ſah bei der ſchwachen Morgen⸗ dämmerung einen Mann dem Hauſe enteilen, deſſen Aeußeres ihm bekannt ſchien; doch war es noch zu dunkel, um ihn zu er⸗ kennen.———— Gott im Himmel! war es ſein Freund, Graf Alfons? Er glaubte es faſt, ehe er aber in einer unbegreif⸗ lichen, gewaltigen Angſt das Fenſter aufreißen und hinausrufen konnte, hatte der da unten breits den Wagen erreicht, ſich hin⸗ eingeworfen, und dieſer verſchwand ſo eben um die Straßenecke. 168 Ueunundvierzigſtes Kapitel. „Wer wohnt unten im Hauſe?“ fragte er haſtig den Ita⸗ liener. Dieſer zuckte mit den Achſeln, doch der alte Diener entgeg⸗ nete:„ſo viel ich weiß, ſind im untern Stock zwei Damen, Fremde, die vor vielleicht acht Tagen hier eingezogen; ihre Na⸗ men aber weiß ich nicht, mir ſcheint, Mutter und Tochter.“ „Das iſt eine unheimliche Nacht!“ ſagte Alfred zu ſich ſel⸗ ber und ſtrengte ſich an, etwas aus dem unteren Stocke zu ver⸗ nehmen. Doch, obgleich er einige Mal ein tiefes Seufzen zu hören glaubte, ſo war doch der Ton zu unbeſtimmt und ſchwach, ſo daß er ſich leicht überredete, ſein Ohr habe ihn getäuſcht. Aber jetzt vernahm er einen anderen Ton, den Schall von Tritten auf der Treppe, die ſich von dem untern Stock her nach oben näher⸗ ten. Jetzt wurde an der äußeren Thüre geläutet, und der alte Diener, der hinaus eilte, ließ den Vicomte eintreten. „Charmant, daß ich Sie noch finde,“ ſagte er zu Alfred, „ich hatte in der That gefürchtet, Sie hätten ſich nach Hauſe be⸗ geben, um noch einige Stunden Schlaf zu genießen.— Ich komme ſo eben von Ihrem Gegner,“ wandte er ſich an den Luc⸗ ceſen,„doch wie die Sache vorliegt, ſcheint mir durchaus kein hinreichender Grund, um auf Leben und Tod übereinander her⸗ zufallen. Meinen Sie nicht auch, Baron?“ Der Italiener machte eine ungeduldige Bewegung. „Ah!“ ſagte der Vicomte lächelnd, vich ſehe, Sie verlan⸗ gen nach dem Blute Ihres Feindes, Ihr Herz dürſtet nach Rache. Ja, das iſt was Anderes, Sie ſind der angegriffene, beleidigte Theil, wenn auch nicht beleidigt nach unſeren Geſetzen der Ehre, ſo doch in den heiligſten Gefühlen, und dieſe Beleidigung wollen Sie nicht vergeben.“ Der Italiener ſchüttelte mit dem Kopfe und ſagte nach einer Pauſe:„wir wollen uns nicht mißverſtehen; ich verlange wahr⸗ nen, Na⸗ — Florentiniſche Nächte. 169 haftig nicht nach dem Blute meines Gegners, eines jungen, liebenswürdigen, und, wie ich überzeugt bin, ſehr ehrenhaften Cavaliers. Er hat am Ende nicht mehr und nicht weniger ge⸗ than, als Jeder von uns an ſeiner Stelle. Wenn er auch meine ſchmachvollen Bewerbungen mit anſah, ja, wenn er auch wußte, wie es die Signora mit mir gemeint, ſo iſt es am Ende für Je⸗ den ſüß, im Geheimen über einen ſcheinbar vor der Welt begün⸗ ſtigten Nebenbuhler zu triumphiren. Laſſen wir deßhalb die Sache, wie ſie iſt, beſter Vicomte. Stellen wir uns heute früh einander gegenüber,— es ſoll eine Art Gottesgericht ſein,“ ſagte er mit düſterer Stimme,„und wenn ich falle, nun gut, ſo habe ich meine Schulden abgebüßt, bleibe ich dagegen am Leben, ſo ſehe ich das als ein Zeichen an, daß man mir Zeit geben will, ein anderes und beſſeres Leben anzufangen, wie bisher.“ „Amen!“ ſagte der alte Diener, und der Vicomte, der lange in die lieblichen Züge des Bildes geblickt, welches auf dem Tiſche ſtand, drückte dem Lucceſen innig die Hand..— Und abermals ließ ſich von unten herauf jener Angſtruf vernehmen, der die drei Männer vorhin zittern gemacht. Auch der Vicomte ſtand erſtarrt, und über ſeine gleichmuͤthigen, ruhi⸗ gen Züge flog der Ausdruck eines unwillkührlichen Schauders. „Wer iſt da unten?“ ſagte er nach einer kleinen Pauſe, ndas iſt die Stimme eines Weibes, einer Leidenden, ja, ich ſollte meinen, einer Sterbenden. Wär' vielleicht unſere Hülfe da unten will⸗ kommen?“ „Es ſind zwei Damen,“ wiederholte der alte Diener,„wie ich ſchon vorhin ſagte, Mutter und Tochter, ſo denke ich. Etwas Aehnliches habe ich nie da unten gehört, doch glaube ich, wenn ſie unſerer Hülfe bedürften, ſo würde die Mutter ſchon heraufkom⸗ men; ſchon öfters war ich in dem Fall, ihr kleine Gefälligkeiten zu erzeigen.“ 4 7 3— ————— 170 Neunundvierzigſtes Kapitel. „Seltſam!“ ſagte der Vicomte,„es war nur ein einziger Schrei, jetzt ſcheint Alles wieder ſtille geworden zu ſein.“ „Gerade ſo war es vorhin,“ entgegnete Alfred, der in horchender Stellung daſtand und jetzt auf einmal zur Thüre eilte, die er weit öffnete.„So viel ich höre,“ ſagte er nach einer Weile,„kommt Jemand eilig die Treppen herauf.“ Jetzt wurde an der äußern Thüre des Appartements, die auf den Corridor führte, heftig geklingelt, der alte Diener eilte hinaus, um zu öffnen, und kaum hatte er die Riegel weggeſcho⸗ ben, ſo ſtürzte die Marquiſin von St. Auville mit verſtörtem Geſicht, Todesbläſſe auf den Wangen und verwirrtem, herab⸗ fallendem Haar hinein. Das war nicht mehr dieſelbe Frau, wie wir ſie vor einigen Tagen geſehen, das runde, behagliche, blühende Geſicht mit glänzenden Augen: es war, als habe man ihre Lebenskraft zerriſſen, den Faden zerſtört, der Seele und Körper zuſammen⸗ hält und verbindet. Ihre aſchgrauen Wangen hiengen ſchlotternd herab, das Auge war tief in ſeine Höhle zurückgeſunken, und ihr Körper machte allerlei zuckende und ſeltſame Bewegungen. „Ah!“ ſagte ſie,—„ich ſterbe!“ und obgleich Giuſeppe und der Baron hinzueilten, um ſie zu unterſtützen, ſo glitt ſie doch, halt⸗ und kraftlos, zwiſchen ihren Armen durch und ſank in die Knie. Mit Mühe brachten Beide ſte in's Zimmer, ſetzten ſie in einen Lehnſtuhl und warteten, bis die Frau im Stande ſein würde, zu ſprechen. Sie war durchaus nicht ohnmächtig, aber die Zunge verſagte ihr den Dienſt, ſte konnte keine Worte finden; doch wäh⸗ rend ſte ſo ſtumm daſaß, belebten ſich ihre Augen wieder und verſuchten, hin⸗ und herfahrend, blitzend und rollend, ſich ver⸗ ſtändlich zu machen. Alle ſtanden in geſpannter Erwartung um ſte herum, am meiſten aber Alfred, der mit einer ertödtenden Ungeduld dieſem Florentiniſche Nächte. 171 Kampfe zuſah und überzeugt war, er vernehme etwas Entſetz⸗ liches, das auf den zitternden Lippen der Frau ruhte, die für etwas Fürchterliches, was da unten geſchehen, nicht im Stande war, Worte zu finden.— Hatte nicht Graf Alfons, ſein Freund, da unten die Zimmer vor Kurzem verlaſſen, und hatten nicht die Drei hier oben kaum vorher zum Erſtenmal jenen fürchterlichen Schrei gehört?— Was konnte da geſchehen ſein? Welches Wort würde die Frau in der nächſten Sekunde ausſpreche?—— „Gift!!!“ rief ſie nach der für ſie und die Umſtehenden ſo qualvollen Pauſe.—„Gift!— Gift!— Sie hat ſich vergiftet!“ „Sie?“ wiederholte Alfred, ſichtlich erleichtert, obgleich wie die Uebrigen tief ſchaudernd bei dieſem entſetzlichen Worte. —„Sie?— Sie?— Und was iſt mit dem Grafen?“ fuhr er haſtig fort,„wo iſt Graf Alfons?“ Dieſer Name hier oben von ſcheinbar fremden Menſchen ausgeſprochen, ſchien der Marquiſin plötzlich die verlorene Kraft wieder zu geben. Sie riß ihre Augen weit auf, faßte krampfhaft die Lehne des Seſſels und wiederholte ebenſo haſtig:„der Graf Alfons?— Sie— Sie— kennen ihn?“ „Sprechen Sie um Gotteswillen!“ rief Alfred,„hat er Theil an jenem ſchrecklichen Vorfalle da unten?— hat er?— O gewiß nicht!— So ſprechen Sie doch!“— „Sie— Sie kennen ihn?— Sie wußten, daß er hier im Hauſe war?“ ſagte die Frau mit ſteigerndem Tone, indem ſie ihn mit fürchterlicher Aufmerkſamkeit anſah;„Sie wußten darum?— Sie ſind Alfred von C. 2 „Ja!“ antwortete der Baron und trat unwillkührlich einen Schritt zurück,„ſo heiße ich!“ 172 Neunundvierzigſtes Kapitel. Convulſtviſch flog die Marquiſin bei dieſem Worte von zun ihrem Seſſel in die Höhe, griff nach ſeinem Arm, den ſie krampf⸗ di haft feſthielt und ſchrie:„um aller Heiligen und Gottes Barm⸗ und 1 herzigkeit willen, ſo kommen Sie mit mir!— Auf der Stelle kommen Sie mit!— Ich bitte, ich beſchwöre Sie! ich flehe Sie an!— Ich will es!— Kommen Sie! kommen Sie!“ „Aber wohin?“ fragte Alfred. b „Wohin?“ rief die Frau,—„zu ihr! nur zu einer Ster⸗ d benden! mein koſtbarer Herr,'s iſt nichts zu befürchten, ſte wünſcht Sie zu ſehen. Sie werden ihr und mir doch nicht wieder dieſe Bitte abſchlagen, wie Sie es heute Abend gethan?“ „So war jener Brief an mich?“ ſagte der Baron tief erſchüttert. 1 „Wenn Sie Alfred von C. ſind,“ ſagte die Frau mit 1 8 gellender Stimme,„ſo war der Brief für Sie, und ſo kom⸗ men Sie jetzt hinab, es iſt keine Minute zu verlieren— o die Unglückliche!“ 1 Sie ließ ſeinen Arm nicht los und zog ihn mit ſich nach der Thüre, die Treppen hinab; doch ſo eilig ſie anfangs gieng, ſo ſehr zögerte ſie nach den erſten Schritten und ſchlich Stufe um Stufe hinab, angſtvoll lauſchend. In den Zimmern unten war es todtenſtill, nur zuweilen hörte man ein leiſes Schluchzen und ein Geliſpel von Stimmen, die ſich durch die inneren Zimmer dem Corridor zu nähern ſchie⸗ nen. Es ſchien eine männliche und eine weibliche Stimme. Alfred, deſſen Erwartung auf's Höchſte geſpannt war, drängte jetzt ſeinerſeits, raſcher hinab zu kommen, doch die alte Frau hielt ihn kräftigſt zurück und ſagte mit leiſer zitternder⸗ Stimme:„bſt! bſt! mir ſcheint, der Arzt iſt gekommen, er ſpricht mit meiner Kammerfrau; laſſen Sie uns hören, was er ſagt. Ich habe vorher nicht den Muth, in das Zimmer zu ihr e von ampf⸗ darm⸗ Stelle Florentiniſche Nächte. 173 zurück zu kehren; ſo oder ſo, nur Gewißheit, Herr Gott im Himmel, nur Gewißheit!“ Sie ſank auf der Treppe in die Knie und betete leiſe.. Die Stimmen unten näherten ſich der Treppe, die des Arztes ſagte: ⸗„wenn ihr mich auch früher gerufen hättet, ſo wär' doch keine Hülfe möglich geweſen, wer die Pillen gemacht hat, von welchen die unglückliche Frau verſchluckt, weiß ich nicht, das geht mich auch nichts an, aber eine davon war genug, um zehn Leben auszulöſchen, ich bin wirklich froh, daß ſie todt iſt.“ „Todt!“ wiederholte die alte Frau mit tonloſer Stimme und blickte in die Höhe, und dieß einfache Wort ſchmetterte trotz den dunkeln Räthſeln, die es umgaben, den Baron ſo darnieder, daß es ihm dunkel vor den Augen ſchwamm und er ſich an der Treppenlehne halten mußte, um auf ſeinen Füßen zu bleiben. „Todt!“ wiederholte die Frau nochmals,„todt alſo! Gott ſei ihrer Seele gnädig und mir auch! Auch Sie,“ ſagte ſie mit feſter Stimme, indem ſie ſich an Alfred wandte,„bedürfen viel⸗ leicht ſeiner Gnade. Kommen Sie!“ Wunderbar gefaßt erhob ſie ſich und gieng mit feſtem Schritt die Treppen vollends hinab. Laut weinend warf ſich ihr die Kammerfrau in den Weg, doch drückte ihr die Marquiſin, ohne ein Wort zu ſprechen, einfach die Hand und ſagte:„ſchließe das innere Zimmer, Suſanne!“ Dem Baron, der ihr wie betäubt folgte, öffnete ſie ein kleines Cabinet und bat ihn einzutreten. Sie wuniis ihm, auf ⸗ einem Fauteuil Platz zu nehmen, und ließ ſich auf einem anderen ihm gegenüber nieder. Er wollte ſprechen, er wollte ſie be⸗ ſchwören, ihm wo möglich mit einem einzigen Worte dieß dunkle Räthſel zu löſen, doch bat ſie ihn mit einer Handbewegung, ihr zuzuhören, und ſagte: 174 Neunundvierzigſtes Kapitel. „Ich bin eine Franzöſin, eine Pariſerin. Mein früheres vergangenes Leben kann Sie nicht intereſſtren, und Sie werden aus dem, was ich Ihnen mitzutheilen habe, ſchon genugſam erfahren, worin meine Vergangenheit beſtand. Vor acht Jahren ungefähr lernte ich durch Zufall jene Unglückliche kennen, die ſo⸗ eben geendigt. Sie war eine Landsmännin und kam in den dürf⸗ tigſten Umſtänden aus England—“ „Ah! vor acht Jahren!“— „Ich hatte damals ein Geſchäft, einen Handel mit künſt⸗ lichen Blumen und verkehrte viel mit vornehmen Damen und, vornehmen Herrn. Sie bat mich um Arbeit; ſie vertraute mir einen Theil ihrer Geſchichte, aus welchem ich erſah, daß ſte vor einem Manne ſloh, der ſie emſtg ſuchen würde, einem Manne, den ſie liebte, dem ſie aber niemals angehören könne, weil irgend eine Schmach auf ihrem Namen ruhe. Umſonſt ſtellte ich ihr das Thörichte dieſes Benehmens vor, umſonſt bat ich ſie, dem Manne zu ſchreiben, ihm ihren Aufenthalt anzuzeigen, ſich mit ihm zu vereinigen.— Umſonſt! Alles Andere wollte ſie thun, ſie wollte arbeiten, ſie wollte entbehren, um ſich zu erhalten, ſich und, wohl verſtanden, ihren Vater, der ſich ebenfalls im Elende herumtrieb. Aber, mein Gott, wie iſt es möglich, daß eine junge Dame, die bisher gewohnt war, eine Menge Hände für ſich in Bewegung zu ſetzen, nun im Stande ſein ſollte, mit ihren eigenen Händen für ſich eine Exiſtenz zu verſchaffen, eine junge Dame,“ ſetzte ſte höhniſch und grimmig lachend hinzu,„die ſchön, elegant, feigbegebildet in mein Haus kam?“— Alfred ſchauerte. „Sie war fleißig,“ fuhr die Frau fort,„aber was nützte mich ihr Fleiß? Ich dachte natürlich zuerſt an mich und mein Geſchäft, was nützten mich die paar Franken, die ich durch ihrer Hände Arbeit gewonnen? In welchem Verhältniß ſtanden ſie au —— Florentiniſche Nüchte. 175 zu dem Kapital, das mir die zunge Dame ſelbſt war und das ich auszubeuten verſtand.“—— „Ah, Madame!— Schändlich!— infam!“— „Ja, ſchändlich und infam, mein Herr! Das ſind die be⸗ zeichnenden Worte meiner Handlungsweiſe. O ich fühle das ſehr gut, namentlich in dieſem Falle, der für mich ſchwieriger war, wie je ein anderer.“—— Hatte je ein Mann entſetzliche Seelenleiden ausgehalten, ſo war es der Baron in dieſem Augenblick. Unbeſchreiblich war der Schmerz, die Qual, die ſein Herz durchwühlten. Wie lange hatte er nach ihr geforſcht, nach dem Mädchen, das er geliebt mit der erſten Kraft ſeiner Jugend, das er einzig geliebt, das er nie vergeſſen! Und jetzt riß ſo. plötzlich der Schleier, der ihm ihr vergangenes Leben bisher bedeckt, ſo auf einmal, und eine ganze Hölle zuckte darunter hervor und zeigte ihm ihr zerriſſenes Herz, ihre fürchterlichen Leiden in einem Abgrund von Schlech⸗ tigkeit!— Er ſprang von ſeinem Fauteuil in die Höhe;— was konnte er einer Frau gegenüber thun, wie konnte er ſte beſtrafen für ein Verbrechen an ihm, das er, hätte es ein Mann gegen ihn begangen, mit Wolluſt durch deſſen oder den eigenen Tod gerächt haben würde? „Sie müſſen weiter hören,“ ſagte die Frau gelaſſen,„und dann erſt häufen Sie die ganze Wucht Ihrer Vorwürfe, Ihrer Flüche, Ihrer Verwünſchungen auf mein ſchuldiges Haupt.“ Er ließ ſich abermals auf ſeinen Seſſel nieder. „Nach einigen Jahren,“ fuhr die Frau hatee u3g arme Weib nur noch einen Gedanken, den ſie ſich glühend aus⸗ malte und dem ſie beſtändig nachhieng,— den Mann,— Sie, Herr Baron,— den ſte früher geflohen, nur noch ein einziges Mal wieder zu ſehen.—„Unſere Wege haben ſich ja unwider⸗ ruflich getrennt, eine tiefe Kluft liegt zwiſchen mir und ihm“ —yyyyy— —— uns in enua und Neapel gehen würden. 176 Neunundvierzigſtes Kapitel. ſo ſagte ſte ſchmerzlich lächelnd:„jetzt kann ich ihn wiederſehen, und wenn er mich freudig empfangen würde, und alles Frühere vergeſſen, alle Schmach, die in früheren glücklichen Tagen auf unſerm Namen ruhte, ſo brauchte ich ihm nur ein einziges Wort zu ſagen und er würde vor mir zurückſchaudern, aber ich hätte ihn doch wieder geſehen, einen einzigen, kurzen, aber ſeligen Augenblick, einen Moment, der mich bezahlt machen würde für mein ganzes vergangenes, verlorenes Leben,—— und dann— ſterben!“— Sie war eine Schwärmerin, Herr Baron, ſie wollte Sie wiederſehen, Ihnen zuerſt unbekannt und dann Ihnen ſagen: „ich bin es geweſen, die an deiner Bruſt geruht, die ſich dieß einzige, unnennbare Glück geſtohlen, die, nachdem ſie ſo viel gethan, an dir zur Diebin geworden, und die du, mit ſo viel Schmach beladen, ſchaudernd wirſt dahinziehen laſſen, ihren dunklen Weg,— um zu ſterben.“ Das Letztere aber hat ſie mir nicht anvertraut, denn ſte war mir werth, die Unglückliche, ich liebte ſte, wie meine Tochter. O mein Herr,“ ſetzte ſie unter ausbrechenden Thränen hinzu,„ſagen Sie mir, was Sie wollen, machen Sie mir die entſetzlichſten Vorwürfe, Ihre Worte werden mir matt und gelinde erſcheinen gegen das, was laut hier in meinem Herzen ſpricht.“ Alfred gab ihr keine Antwort, ſein Kopf war tief auf die Bruſt hinabgeſunken, er athmete ſchwer und mühſam. „Wir kamen nach Italien,“ fuhr die Frau fort,„wir ſahen Sie in Bologna, wir erfuhren durch Ihren Freund, den Grafen, z beſuchte, daß Sie in den nächſten Tagen nach Da ſchrieb ich Ihnen im Namen der Unglücklichen, da bat ich Sie um eine Zuſammen⸗ kunft. Sie ſagten zu und zum erſten Male ſeit langen Jahren verlebte ich einen glücklichen Abend voll angenehmer Erwartung. Sie mußte lange warten.———— Endlich kamen Sie.“ tſehen, rrühere en auf Wort hätte ſeligen de für nn— wollte agen: dieß o viel o viel ihren at ſie liche, unter ollen, erden er in f die ahen xfen, — Florentiniſche Nächte. 177 „Ich?“ rief Alfred wild. „Endlich kamen Sie,“ ſagte die Frau ruhig,„und das Mädchen empfieng ſie ſchweigend, dort, wo Sie jetzt liegt, im verdunkelten Zimmer.“. „Mich?“ ſchrie der Baron und fuhr wie wahnſinnig in die Höhe,„mich?— entſetzliches Blendwerk!“ „Nein, nicht Sie!“ antwortete laut weinend die Frau, „nicht Sie, der Andere kam an Ihrer Stelle, und als das Mädchen das ſchaudernd bemerkte— war es zu ſpät!“ „Zu ſpät!— zu ſpät!“ rief Alfred,„ja, zu ſpät!“— und die Hand, mit welcher er ſeine Augen bedeckte, zitterte heftig. „Das Uebrige wiſſen Sie,“ ſchloß die Frau mit matter Stimme und erhob ſich mühſam von ihrem Stuhle. Auch Alfred ſtand auf, und als ſei das zwiſchen den Beiden ſo verabredet, giengen ſie langſam nach der Thüre des Nebenzimmers, die von der weinenden Kammerfrau geräuſchlos geöffnet wurde. Es war ein großes Gemach, mit einem Bett im Hinter⸗ grunde, auf welchem unter einem weißen Tuche etwas lag, in den bekannten ſchauerlichen Formen, und unter dem herabwallen⸗ den weißen Zeuge doch wieder ſo entſetzlich formlos. Der heran⸗ brechende Tag blickte trüb durch die niedergelaſſenen Vorhänge und ſtritt ſich mit den herabgebrannten roth flackernden Kerzen, und mit dunklen, geſpenſterartigen Schatten, welche das erſter⸗ bende Licht in ſeltſamen Formen auf die Wände warf, um die Herrſchaft in dieſem Zimmer des Todes. Alfred trat mit feſtem Schritte an das Lager, hob mit ſicherer Hand die Decke von dem Geſichte der Todten, welch wachsbleich, aber unverzerrt ſo ſchöne, bekannte, geliebte, un⸗ vergeßliche Züge trug. Er ſank vor dem Bett auf die Knie, und nachdem er ihre kalte herabhängende Hand unzählige Mal ge⸗ küßt, löste ſich ſein wilder Schmerz in ſanftes Weinen auf, aus Laclander, Namenl. Geſchichten. III. 12 8 — — 4 —— —— 178 Neunundvierzigſtes Kupitel. welchem hervor man nichts hörte als ihren Namen:„Mathilde! meine Mathildes————- Das Duell am heutigen Morgen zwiſchen dem Lucceſen und dem deutſchen Offtzier fand wirklich ſtatt. Alfred hatte die Kraft, dabei zu ſecundiren, doch lief dieſer Zweikampf außer⸗ ordentlich glücklich ab: der Lucceſe, welcher den erſten Schuß hatte, ſchoß ſein Piſtol in die Luft ab, und der junge Offizier machte es gerade ſo, dann reichten ſich Beide die Hände, und der Italiener ſagte:„wenn Sie einmal nach Lucca kommen, ſo ſind Sie mir willkommen!“ und der Deutſche verſicherte: er hoffe ſeinem Gegner einſt in Wien die Honneurs der Vaterſtadt machen zu können. Auf dem Kampfplatz befanden ſich zwei beſpannte Reiſe⸗ wagen, um bei einem unglücklichen Ausgange des Kampfes ſo⸗ gleich benützt werden zu können. Doch auch jetzt bei dem glück⸗ lichen Ende deſſelben machten die Betreffenden Gebrauch davon, denn Beiden, ſowohl dem Italiener als dem Deutſchen, war der Aufenthalt in Florenz äußerſt unangenehm geworden. Erſterer eilte nach Lucca zurück, der Andere, dem der Vicomte in ver⸗ gangener Nacht merkwürdige Aufklärungen gegeben, beſchloß, die ſchöne Polin nicht wieder zu ſehen, und wandte ſich mit dem Franzoſen, der ihn lieb gewonnen, gegen Rom. Mit welchen Gefühlen Alfred nach dieſer Nacht in ſein Hotel zurückkehrte, und ſeinen Freund, den Grafen, wieder ſah, iſt ſchwer zu beſchreiben. Nur die wirklich innige und lang be⸗ ſtandene Freundſchaft zwiſchen Beiden vermochte ſte nach längerer Ueberlegung dazu, ihre Reiſe gemeinſchaftlich fortzuſetzen. Natür⸗ lich wurde der vergangenen Nacht und was in derſelben geſchehen. nie in ihrem ganzen künftigen Leben mit einer Sylbe erwähnt. Die beiden Freunde blieben noch ein paar Tage in Florenz; thile tcceſen te die ꝛußer⸗ Schuß ffizier n der ſind hoffe rſtadt ſeiſe⸗ ſo⸗ lück⸗ won, r der ſterer vel⸗ gloß⸗ dem — * Florentiniſche Nächte. 179 Alfred hatte heilige Pflichten zu erfüllen, welchen er auf das Umfaſſendſte und Edelſte nachkam. Den einzigen reellen Nutzen von all' dem Schrecklichen jener Nacht hatte die Kammerfrau jener polniſchen Dame, denn als ſie am Mittag darauf ihrer Gebieterin das Peignoir darreichte, fand ſie auf dem Teppich vor dem Bette einen Napoleon, den die Dame haſtig und verächtlich mit dem Fuße von ſich ſtieß. 12* —— -—C—;—⁊—. 8 —— 7——— 5 — — 1 1 Fünfzigſtes Kapitel. Genua. In den Straßen von Genua ſchlenderten zwei Männer umher, denen man es auf den erſten Blick anſah, daß ſie fremde Reiſende waren. Sie gafften angelegentlich die großen Paläſte an, blieben bewundernd vor den rieſenhaften Thorwegen ſtehen, befühlten gelegentlich die großen Marmor⸗Quadern an den Ge⸗ bäuden, um ſich zu überzeugen, ob es wirklich Stein ſei, ſowie die künſtlich verſchlungenen zierlichen Eiſengitter vor den Fenſtern und an den Geländern, zweifelnd, ob die Dinge wirklich von Metall ſeien. Auch baten ſie hie und da einen Vorübergehenden in einem barbariſchen Gemengſel von Deutſch, Italieniſch und Franzöſiſch um einige ſehr nothwendige Aufklärungen und mach⸗ ten während allem dem beſtändig Vergleiche zwiſchen dieſem und jenem Platz, dieſer und jener Straße, die ſie beſucht, und der Eine meinte, die Strada Balbi in Genua habe eine große Aehn⸗ lichkeit mit der Königsſtraße in Stuttgart. Der eine dieſer Fremden, eine große Geſtalt mit ſtarkem pechſchwarzem Bart, war Niemand anders als unſer Freund, ner mde fäſte hen, kem Genua. 181 der Jäger Lukas, der andere der Kammerdiener des Baron Carl. Sie giengen langſamen Schrittes die Strada Balbi hinab. „Es iſt doch ſchade,“ ſagte der Kammerdiener,„daß keiner von uns Beiden gründlich Italieniſch verſteht, es geht einem ſo Manches verloren, man muß viel Angenehmes entbehren, wenn man ſich nicht recht verſtändlich machen kann. Ah! ich verſichere Sie, Herr Lukas, ich habe auf die ſchönſten Liebes⸗ händel verzichten müſſen, weil ich nicht im Stande war, mich auf feine und eindringliche Weiſe verſtändlich zu machen.“ Lukas lächelte und erwiderte:„was das anbelangt, da ſollte man einen Mangel an Sprachkenntniß nicht vermiſſen, denn die Liebe hat eine allgemeine Sprache, eine Zeichenſprache, die überall gleichbedeutend iſt. Ein Händedruck beſagt hier das Gleiche, wie in Deutſchland, und ein Blinzeln mit dem Auge wird in Italien ebenſo gut verſtanden, wie dort.“ „Aber ehe man zu Beidem kommt, Herr Lukas! Die Vor⸗ bereitungen ſind entſetzlich ſchwierig, das erſte Anbandeln faſt unmöglich, wenn man nicht mehr weiß, als daß Brod, Kaffee, Zucker, Wein ſo und ſo heißt. Aber ich weiß,“ ſetzte er ſchlau lächelnd hinzu,„Ihnen macht das nichts aus, Sie wollen nichts von der Liebe wiſſen und halten ſich fern von den Italienerinnen.“ „Allerdings!“ ſagte der Jäger,„doch fühle ich nicht weni⸗ ger, wie ſehr mir abgeht, daß ich der Landesſprache nicht mächtig bin. Dieſe ſchönen Straßen, die weiten Plätze, die prächtigen Paläſte ſtehen für uns da, ſtumm und unverſtändlich. Ah! und wenn man ſich dagegen kann erzählen laſſen, was hier Alles geſchehen iſt, ſo erfährt man wunderſame und ſchauerliche Hiſto⸗ rien, daß Einem das Herz aufgeht. Wenn ich auch leider kein Italieniſch kann, ſo finde ich doch immer noch einiges Franzöſiſch und erinnere mich verſchiedener Brocken Latein, die mir gute Dienſte leiſten.“ „Jägerlatein!“ lachte der Kammerdiener. 182 Fünßzigſtes Kapitel. „Freilich Jägerlatein,“ ſagte Lukas,„doch iſt es bei man⸗ chen Gelegenheiten ſchon beſſer, wie gar keins.“ „Ja,'s iſt recht betrübt,“ antwortete der Kammerdiener, „ſehen Sie, da geht wieder ſo ein prachtvolles Exemplar von einer Genueſerin in der ſchönen dunklen Tracht, mit dem ſchwarzen Schleier über dem Kopf.— Gott! welche Augen!— Geſtern iſt mir ein lächerlicher Streich paſſtrt; ich ſchlendere ſo hin und her, über den Aquäë Solo— „Aqua Sola!“ verbeſſerte der Jäger. „Dann über die große Brücke dahinten, komme in ſehr ſteile Bergſtraßen und klettere immer höher. Ich war müde, hungrig und durſtig geworden, da ſah ich endlich vor mir ein großes Gebäude mit der Aufſchrift:„Albergo di Poveri“, und denke bei mir: Albergo, das heißt Wirthshaus, di Poveri iſt der Name des Wirths, und trete kühn hinein, um mir einen Schoppen Wein geben zu laſſen. Doch kaum bin ich durch das Hofthor getreten und wende mich an einen alten Kerl, der dort in einer verblichenen Uniform herumſchlendert, ſo ſehe ich ſchon meinen Irrthum ein: ich war in's Armenhaus gerathen und der Spaß koſtete mich nach unſerem Gelde vierundzwanzig Kreuzer, denn als ich mich ſogleich wieder entfernen wollte, kam die alte Uniform auf mich zu und zwang mich faſt mit Gewalt, in das Haus zu folgen. Je mehr ich ihm auf Deutſch aus einander ſetzte, ich habe gemeint: Albergo— Wirthshaus, um einen Schoppino vino zu trinken, um ſo mehr ſchwätzte er mir auf Italieniſch allerlei unverſtändliches Zeug vor, Poveri und immer Poveri, und wieder Poveri und ſchien mir ſagen zu wollen, daß ſich die Poveri außerordentlich nach meiner perſönlichen Bekanntſchaft ſehnten.“ „Oder nach denen Ihrer vierundzwanzig Kreuzer!“ ſagte lachend der Jäger. „. —- — an⸗ Genua. 183 „Die haben ſie,“ verſetzte der Andere,„und ich war wirk⸗ lich froh, als ich die düſtern Mauern endlich hinter mir hatte. So kamen die Beiden auf den großen Platz am Ende der Strada Balbi, wo das Haus des Columbus ſteht, welches Lukas ſeinem Begleiter auf's Gründlichſte erklärte.„Ich hatte immer geglaubt,“ ſagte der Letztere, nachdem er das Haus auf⸗ merkſam von allen Seiten betrachtet,„daß hier außen irgendwo die Ketten aufgehängt, die man dem Columbus angezogen, nach⸗ dem er Amerika entdeckt.“ „Ich habe auch davon gehört,“ ſagte der Jäger,„doch glaube ich, hat man ſie auf ſein Grab gelegt. Sie verwechſeln das mit der großen Kette, die am Wiener Zeughaus hängt.“ „Das kann ſchon ſein!“ antwortete der Kammerdiener. „Aber das iſt hier in der That ein merkwürdig ſchöner Platz, die hübſchen Häuſer rings herum und die weite Ausſicht auf's Meer— ganz prächtig!“ „Hier muß auch weit angenehmer zu wohnen ſein,“ meinte Lukas; vich haſſe die unangenehmen engen Straßen mit dem ewigen eklen Fettgeruch, wo man nichts ſieht als zwei unend⸗ lich hohe Mauern und nur ein ſchmales Streifchen blauen Himmels.“* 3 „Ja, ja, hier möchte ich auch wohnen. Sehen Sie dort das kleine nette Haus, das gerade gegen uns ſieht, mit dem breiten Fenſter im erſten Stock, das muß eine wirklich ange⸗ nehme Ausſicht haben.“ „Es ſcheint unbewohnt,“ ſagte der Jäger,„die Läden ſind rings herum verſchloſſen und ebenſo die Hausthüre.“ „Ja, ja, man bemerkt auch, daß hier vor Kurzem ein Auszug ſtattfand; ſehen Sie das Stroh, das ſich aus dem Thor⸗ weg in die Straße hinaus verweht hat, zerſtückelte Brettchen, Reſte von Kiſten, und da liegt Zeitungspapier, das man wahr⸗ ſcheinlich zum Einwickeln gebraucht.“ 184 Fünßigſtes Kapitel. Er hob ein Stückchen davon in die Höhe und reichte es dem Jäger dar. „Merkwürdig!“ rief dieſer erſtaunt aus und ſchüttelte den Kopf mit einem eigenthümlichen Lächeln.„Das i*ſt ein Zeitungs⸗ blatt aus der Heimath, ein ſehr altes, faſt vor zehn Jahren gedruckt. Wir müſſen das durchſtudiren. Gott! ich habe in der Stadt, wo das herkommt— es mögen auch jetzt zehn Jahre ſein— merkwürdige Dinge erlebt.— Das intereſſirt mich ge⸗ waltig. So eine alte Zeitung iſt wie ein Brief von damals, und für mich iſt nichts ſo im Stande, mir Geſtalten, Geſichter, Ereigniſſe lebendiger zu vergegenwärtigen, als wenn ich wieder aus den alten Anzeigen leſe, was die Leute, die ich gekannt, damals getrieben, was ſte ankündigten, was ſte verſprochen, worüber ſte klagten.—— Hier iſt mein alter Tabackshändler, J. H. Steinbrecher& Comp.,„direct importirte Cigarren, treff⸗ liche Blätter, feinſten Varinas.“ Ich habe manches Pfund bei ihm gekauft.— Da iſt ein Wachtelhund verloren gegangen; ich erinnere mich der Dame, die ihn verlor, hier ſteht ihr Name,— dort iſt ein Geldbeutel gefunden worden, und hier— und hier, — o das iſt wirklich komiſch!— armer Doktor Stechmaier! Neues Journal,„die Leuchte“; ſie hat nicht lange gebrannt, deine Leuchte, und Gott mag wiſſen, welch' trübſeliges Licht jetzt an deinem, wahrſcheinlich ärmlichen, Lager brennt?—— Wie ſehne ich mich, wieder einmal die alten grauen Thürme zu ſehen, hinein zu fahren in den grünen Thalgrund, wo die kleine Reſi⸗ denz liegt, in der ich wahrlich manche angenehme Stunde, aber auch manche traurige verlebt!“—— „Ich leſe auch gern in den alten Zeitungen,“ ſagte der Kammerdiener,„aber namentlich, wenn es wieder nach Hauſe zu geht, um zu ſehen, wer noch lebt, wer noch durch die Zeitung mit mir ſpricht, wer verſtorben und wer verdorben iſt.— Aber hier in dem Häuschen müſſen offenbar Deutſche gewohnt haben.“ te es den ngs⸗ hren der ahre Genua. 185 „Möglich!“ ſagte der Jäger und ſchaute zu dem Fenſter empor,„doch können auch durchreiſende Fremde dieß Zeitungs⸗ papier aus der Heimath mitgenommen haben. Die Deutſchen reiſen nicht ſo viel, man findet nicht ſo häufig ihre Fuß⸗ ſtapfen, namentlich hier in Genua ſind faſt gar keine unſerer Landsleute; ich will nicht von Bekannten ſprechen,“ ſetzte er traurig hinzu, ndie zu verfehlen ich ein eigenes Unglück habe.— Wie hatte ich mich auf Genua gefreut, ſeit drei Jahren gefreut! Sie müſſen wiſſen, Freund, daß ich hier in Genua eine Bekannte zu finden hoffte, freilich jetzt eine reiche vornehme Dame, aber die mir am Herzen liegt, als ſei ſie mein eigenes Kind; denn ich habe ſie gekannt ſeit den erſten Tagen ihrer Jugend, wo ſie arm und hülflos von einer unbekannten Frau aufgenommen und er⸗ zogen wurde. O es ſchlug ein gutes, liebes Herz in dem kleinen Mädchen.“ „Die Tänzerin, von der Sie mir oft erzählt?“ „Dieſelbe. Sie lebte in den letzten Jahren hier, weßhalb, habe ich nie recht erfahren können, ſte ſchrieb mir nie genau, wie es ihr gehe, und zuweilen— ja zuweilen, ich habe es wohl bemerkt,— ſprach eine tiefe Traurigkeit aus den fröhlich ſein ſollenden Geſchichten, die ſie mir in ihrem Briefe erzählte. Der Baron, der ſich ebenfalls ſehr für ſie intereſſirte, ließ ſich durch ſeinen Banquier oftmals nach ihr erkundigen, ohne je eine ge⸗ nügende Antwort zu erhalten. Einigemal hieß es, ſie ſei da, man habe Gelder an ſie bezahlt oder von ihr erhalten, ein ander⸗ mal war ſie abgereist und was das Seltſamſte an der Geſchichte i*ſt, Briefe, die wir direct an ſie ſchrieben, ſchien ſie nie erhalten zu haben, denn ſie erwähnte derſelben trotz unſerer Anfragen nie auch nur mit einer Sylbe.“ „Das iſt ganz ſonderbar,“ meinte der Kammerdiener,„wer weiß, ob ſie nicht gerade in dem Hauſe gewohnt hat, vor dem wir ſoeben ſtehen? Hier iſt vor einiger Zeit augenſcheinlich 4 186 Fünßigſtes Kapitel. Jemand ausgezogen, und das Zeitungsblatt aus Ihrer Stadt ſpricht wohl für meine Vermuthung.“ Der Jäger zuckte mit den Achſeln und ſagte:„allerdings können wir uns erkundigen, doch was hilft's, wenn wir im glücklichſten Falle wirklich erführen, daß ſte, die ich ſuche, hier gewohnt? Sie iſt abgereist, wer weiß, wohin?“ „Aber fragen wollen wir doch,“ ſagte der eifrige Kammer⸗ diener.„Das Haus iſt leider ringsum verſchloſſen und ſteht voll⸗ kommen vereinzelt da; ſonſt könnte man die Nachbarn fragen. Oder wiſſen Sie was, da Sie etwas Italieniſch ſprechen, ſo gehen Sie in das erſte Haus auf der anderen Seite und erkun⸗ digen Sie ſich da, ich warte hier auf Sie.“ Während Lukas dem Rathe ſeines Begleiters folgte, zog dieſer eine Cigarrendoſe aus der Taſche, nahm eine Cigarre heraus, bemerkte aber, daß er ſein Feuerzeug zu Hauſe gelaſſen. Vergeblich ſah er ſich nach einem freundlichen Raucher um, der ihm hätte aushelfen können: der Platz lag öde und leer, wie gewöhnlich. Doch jetzt ſtieg die Straße, welche hinter dem be⸗ zeichneten Hauſe hervorkam, ein elegant gekleideter Herr herab, die brennende Cigarre im Munde, und an dieſen wandte ſich der Kammerdiener, ihn in gutem Deutſch um einiges Feuer bittend. Der Fremde reichte ihm die Cigarre bereitwillig dar. Nach⸗ dem ſich der Kammerdiener verſehen, gab er ſie mit den Worten zurück:„ich danke recht ſchön!“ worauf der Fremde erwiderte: „gar keine Urſache!“ „Sieh da! ſieh da!“ rief der Kammerdiener freudig aus, nein Landsmann, ein Deutſcher! Ich bin außerordentlich erfreut!“ Der Angeredete ſchien aber nicht in gleichem Maaße erfreut zu ſein. Wenigſtens drückte ſich auf ſeinem Geſichte nichts der⸗ gleichen aus. Dieß Geſicht war überhaupt kein angenehmes zu nennen. Er brummte etwas in den Bart, griff an ſeinen Hut und wollte ſich entfernen. Doch ſo leicht ließ der Kammerdiener ——— Genua. 187 dieſen Fremden, dem erſten ſeit längerer Zeit, mit dem er Deutſch plaudern konnte, nicht fahren. „Sie werden doch für einen Landsmann eine Minute Zeit übrig haben?“ ſagte er.„Zum Teufel! ich bin wirklich erfreut, wieder einmal von einem fremden Geſichte Deutſch reden zu hören.“ „Was geht Sie mein Geſicht an? Laſſen Sie mich, ich habe Eile!“ „Ihr Geſicht nichts, Freundchen, aber Ihre Zunge. Ich laſſe Sie wahrhaftig nicht eher los, Freundchen, bis Sie mir einige Auskunft gegeben.“ „Es ſind ſonderbare Manieren, fremde Leute ſo auf der Straße anzuhalten.“ „Allerdings; aber hundert Meilen von der Heimath kann man ſich dergleichen von einem Landsmann ſchon gefallen laſſen.“ „Nun, was wollen Sie denn eigentlich?“ „Kennen Sie dieſes Haus, das verſchloſſene da, mit den großen Fenſtern im erſten Stock?“ „‚Nein, ich kenne es nicht.“ „Daß wir uns recht verſtehen; dieſes da, wo Heu, Stroh, Papier umherliegt. Es müſſen da kürzlich Leute ausgezogen ſein.“ „Kann wohl ſein, aber ich weiß nichts davon. „Auch nichts von den Leuten, die dort gewohnt haben?“ „Ebenſowenig.“ „Schade, da müſſen wir uns anderswo erkundigen; dann bedaure ich ſehr, Sie aufgehalten zu haben, mein Herr Lands⸗ mann. Nehmen Sie es mir nur nicht übel.“ Er lüpfte ſeinen Hut und machte dem Fremden eine Verbeugung.“ Dieſer aber gieng nicht davon, ſondern blieb jetzt ſeinerſeits freiwillig ſtehen, bald das Haus, bald den Kammerdiener eifrig hetrachtend. 1 188 Fünßigſtes Kapitel. Man konnte eigentlich nicht beſtimmen, was er genau be⸗ trachtete, denn er ſchielte ganz entſetzlich. „Haben Sie,“ ſagte er nach einer Pauſe,„irgend einen Zweck dabei, ſich nach den Leuten, die in jenem Hauſe gewohnt, zu erkundigen?“ „Ja und nein,“ entgegnete der Kammerdiener.„Wir ver⸗ mutheten nach einer deutſchen Zeitung, die wir am Boden fanden, daß die dort Ausgezogenen Landsleute geweſen ſeien.“ „Deutſche?“ „Allerdings Deutſche.“ „Darüber kann ich Sie aufklären, A ſagte zuverſichtlich der Fremde,„Deutſche ſtnd's nicht geweſen. Es haben hier auf dem ganzen Platz ſeit mehreren Jahren keine Deutſche gewohnt. Die Wohnungen hier ſind ſehr theuer und die deutſchen Reiſen⸗ den haben gewöhnlich nicht viel Geld. Auch erinnere ich mich, vor einiger Zeit zufällig gehört zu haben— eben fällt mir's ein— daß dort in dem bezeichneten Hauſe ein alter Franzoſe mit ſeinem erwachſenen Sohn gewohnt, die ſich vordem längere Zeit in Deutſchland aufgehalten.“ „Ah ſo? „Und dann habe ich das Vergnügen, Ihnen einen guten Tag zu wünſchen.“ „Nehmen Sie meinen beſten Dank!“ entgegnete der höf⸗ liche Kammerdiener;„aber würden Sie nicht vielleicht noch einen Augenblick warten, dort kommt eben mein Freund, der ſich viel⸗ leicht ebenſo wie ich eine Ehre daraus machen wird, die Bekannt⸗ ſchaft eines Landsmannes zu machen. Vielleicht trinken wir eine Foglietta zuſammen.“ Der Fremde ſchielte über den Platz hin und fuhr faſt un⸗ merklich zuſammen, als er die hohe Geſtalt des Jäger Lukas auf ſich zuſchreiten ſah.„Unmöglich!“ ſagte er und ſetzte haſtig w u be⸗ einen ohnt, rver⸗ mden, h der r auf ohnt eiſen⸗ mich, mirs unzoſe ingere guten höf⸗ einen viel⸗ annt⸗ 1 eine ſt un⸗ s auf gaſtig Genua. 189 hinzu:„ich habe ſehr dringende Geſchäfte, wünſche guten Tag und glückliche Reiſe!“ Damit eilte er gegen die Strada Balbi und hielt ſich ſehr nahe auf der linken Seite des Platzes, wie es ſchien, in der Abſtcht, um nicht zu dicht bei dem Herrn Lukas vorbei zu kommen. Dieſer hatte den Fremden mit dem Kammerdiener ſprechen ſehen und zog höflich ſeinen Hut, um ihn zu begrüßen. Der Andere that mit halb abgewandtem Geſicht ein Gleiches, und man bemerkte in dieſem Augenblick, wie der Jäger dem ſchnell Enteilenden mit einer Miſchung von Ueberraſchung, ja Erſtaunen in den Zügen nachblickte. Ja, er ſchien einen Augenblick Willens zu ſein, ihm zu folgen, doch er beſann ſich eines Beſſeren, fuhr mit der Hand über die Augen und trat zu dem Kammerdiener. „Haben Sie etwas erfahren, Lukas?“ fragte dieſer. „Man ſagte mir da drüben,“ entgegnete der Jäger,„es habe hier in dem Hauſe eine deutſche Signora mit ihrem Kinde gewohnt.“ „Eine deutſche Signora?“ „Die früher Tänzerin geweſen ſei.“ „Alſo doch?— So hat mich unſer Landsmann, der dort eben von uns gieng, ein wenig angelogen, indem er mir ſagte, in dem Hauſe habe ein alter Franzoſe mit ſeinem Sohne gewohnt.“ „Ah, Canaille!“ ſagte der Jäger grimmig, indem er die Fauſt ballte,„mich ſollte nicht wundern, wenn er es war, wenn der Kerl hier nicht wieder eine Büberei ausgeführt hätte!— Wiſſen Sie, mit wem Sie ſoeben geſprochen?“ „Nein, Lukas, Sie erſchrecken mich.“ „Nun,“ fuhr der Jäger beſtimmt fort, nich will nicht ſelig werden, wenn das da nicht der berüchtigte Gevatter war. Sie haben bei uns von dem Gevatter gehört?“ — —õÿõy— —— S 5 ÿy—,—— — 190 Fünßigſtes Kapitel. „Na, ob—?u ſagte erſtaunt der Kammerdiener.„Den ſte in Deutſchland mehrmal einſiengen und der immer wieder ausbrach.“ „Derſelbe. Doch gehen wir nach Hauſe, ich muß dem Baron mittheilen, was wir hier geſehen und erfahren, vielleicht, daß ſich etwas auffinden ließe.“ Sie giengen mit einander fort, die Strada Balbi hinab und bogen unten in die ſchmalen Gaſſen ein, die nach dem Hafen führten, wo ihr Hotel, Croce di Malta, lag. Unter⸗ wegs kamen ſie an einem Trödlerladen vorbei, vor welchem der Jäger einen Augenblick ſtehen blieb, durch die Fenſterſcheiben etwas genau anſah und dann ſchnell hinein eilte. Der Kammer⸗ diener folgte ihm. Da ſtand altes Möbelwerk, Krüge, Gläſer, Hellebarden, roſtige Schwerter, und auf einem ſchwarzen Schrank zwiſchen den ſchlechten Copien eines alten Genueſer Nobili und eines graubärtigen Heiligen ein kleines Bild, einen Mann in ſchwar⸗ zem Frack vorſtellend. Der Jäger nahm das Bild haſtig herunter und betrachtete es lange. Der Kammerdiener ſah es ebenfalls erſtaunt an.„Iſt das nicht Dubelli, der Tänzer?“ rief er aus,„den wir in Paris geſehen.“ Der Jäger nickte mit dem Kopfe. „Wie mag das hieher kommen? Fragt doch den alten Kerl da. He! bonus amica!“ „Laßt's gut ſein!“ ſagte der Jäger, nich will verſuchen, mich ihm verſtändlich zu machen.„Woher iſt dieſes Bild?“ fragte er den Händler, ebenfalls in ſchlechtem Italieniſch. Doch verſtand ihn der pfiffige Genueſer vollkommen. „Dieſes Bild?“ entgegnete er,„von einem außerordentlich guten deutſchen Maler, ein vorzügliches Stück— es ſtellt, wie ich glaube, einen deutſchen Prinzen vor— nei ſchü men ſtt mit geb rine „Den wieder 5 dem lleicht, hinab h dem Unter⸗ m der heiben mmet- arden, wiſchen eines hwar⸗ achtete 7Jſ Paris alten uchen, ild?“ Doch nilich wie Genua. 191. „Aber woher habt Ihr das Bild?“ „Dieß Bild— nun laßt mich nachdenken— richtig! rich⸗ tig! bei der Auktion, wo die Sachen der Signora Marina, der großen Tänzerin, verkauft wurden.“— „Sie war eine Deutſche.“— „Man ſagte ſo,“ entgegnete wegwerfend lächelnd der Ge⸗ nueſer,„aber ich glaube es nicht, denn ſie tanzte viel zu gut, viel zu graziös für eine Deutſche.“ „Und weßhalb wurden ihre Sachen verkauft?— War ſte dabei zugegen?“ „O nein, ſie war ſchon längere Zeit fort, ſo ſagte man. Einige meinten, ſte ſei geſtorben, Andere wollten wiſſen, ſte wäre nach Deutſchland zurückgekehrt.“ „Und wann war die Auktion?“ „Vor ungefähr vier Wochen.“ „Wer beſorgte dieſelbe?“ „Ihr Geſchäftsmann.“ „Kennen Sie ihn?“ „Nur dem Aeußern nach,“ ſagte der Italiener. „Und dieſes Aeußere iſt nicht ſchön,“ fuhr der Jäger fort, nein häßlicher Mann?“ „Ein ſchlechtes Geſicht!“ „Er iſt's!“ ſagte der Jäger zu dem Kammerdiener, und ſchüttelte traurig den Kopf.„Wie ſie an den Menſchen gekom⸗ men, iſt mir ein Räthſel.— Was ſoll dieß Bild koſten?“ „Es iſt von einem ausgezeichneten Meiſter, Herr,“ ver⸗ ſetzte der Italiener, und betrachtete das Portrait angelegentlichſt mit Kennerblicken.„Man hat mir auch ſchon zehn Scudi dafür geboten, blos weil es aus der Sammlung der Signora Ma⸗ rina iſt.“ 1 „Ich geb' Euch fünfzehn dafür.“ — 1 11 — 192 fünfzigſtes Kapitel. „Nun meinetwegen!“ verſetzte der Italiener pfiffig lächelnd und ſehr erfreut über den guten Verkauf, denn es hatte ihn viel⸗ leicht ein paar Carolin gekoſtet. Als die Beiden mit dem Portrait in den Hof des Croce di Malta kamen, war dort eben ein Reiſewagen angefahren,— ein elegantes Coupé; der Poſtillon ſchob zufrieden lächelnd ſein Trinkgeld in die Taſche und ſpannte die dampfenden Pferde aus. Zwei Bediente in dunklen Reiſelivreen waren beſchäftigt, die ſchweren Koffer loszuſchrauben und die Vache herabzunehmen. Lukas und der Kammerdiener fanden alte Bekannte. Sie ſchüt⸗ telten ihren Collegen freundlich die Hände und giengen ihnen mit Rath und That beim Unterbringen der Effekten und ihrer wer⸗ then Perſonen an die Hand.— Oben in dem Salon des erſten Stockes, den wir vor eini⸗ ger Zeit beſuchten, mit der reizenden Ausſicht über den Hafen und das Meer, war ein eleganter Frühſtücktiſch ſervirt. Eine hohe ſchöne Frau mit edlen Geſichtszügen, aber etwas bleich, die Baroneſſe von C. bereitete den Thee. Sie hatte ſich nicht viel verändert, unſere liebenswürdige Bekannte, nur ſo viel, wie ein, obgleich glücklicher und ſorgen⸗ freier Eheſtand von zehn Jahren bedingt. Sie war ſchlank und graziös, wie damals, ein braunſeidener Morgenüberrock zeigte ihre eleganten angenehmen Formen, und die edle Stirn wurde hervorgehoben durch ein ſchwarzes Schleiertuch, unter welchem ſte ihr dichtes, braunes Haar verſteckt hatte. Ihr Gemahl, der Baron Carl, hatte ſich ebenfalls wenig verändert, nur war er etwas ſtärker geworden. Er ſtand an dem Fenſter mit ſeinen beiden Freunden, dem Grafen Alfons und Alfred, die eben von Florenz angekommen. 1. „Ihr ſeht mich einigermaßen überraſcht,“ ſagte er,„das heißt freudig überraſcht, Euch ſo ſchnell hier in Genua zu ſehen. Nicht wahr, Pauline, wir hatten ſie ſo bald nicht erwartet?“ lächelnd ihn viel⸗ Croce di ren,— And ſein rde aus. gt, die nehmen. e ſchüt⸗ nen mit er wer⸗ or eini⸗ 1 Hafen Eine ich, die würdige ſorgen⸗ unk und zeigte wurde velchem 4 Genua. 193 Die Baroneſſe lächelte. „Ich muß mich gegen deine Vorausſetzungen ernſtlich ver⸗ wahren,“ ſagte Alfons lachend.„Ich verſichere Sie, Madame, ich begreife nicht, aus welchem Grunde Karl zu den ſonderbaren Vermuthungen über mich kommt, ich habe ihm wahrhaftig nie Anlaß dazu gegeben.“ O, erinnern Sie ſich, Graf Alfons,“ entgegnete die Dame,„das Wahre an der Sache iſt, daß er ſich auf ſeiner ein⸗ ſamen Campagne am Comerſee gewaltig nach ſeinen Freunden und auch wohl ein wenig nach der unvergeßlichen Florentiner Saiſon geſehnt.“ „Aber, Pauline, du mußt nicht aus der Schule ſprechen!“ „Und ich,“ ſagte Alfons,„bin der gnädigen Frau ſehr verbunden, daß ſie Parthei für uns nimmt. Der Baron iſt ein entſetzlicher Sittenprediger geworden.“ „Für mich iſt das Wahre an der Sache,“ ſagte der Baron luſtig,„daß ich außerordentlich erfreut bin, Euch endlich hier zu haben. Wie wollen wir von alten Zeiten ſprechen meinem klei⸗ nen Hauſe vor der Stadt die damalige Geſellſchaft durchhecheln, kurz uns amuſtren, ſo gut es geht!— Aber Alfred, du biſt entſetzlich ernſt geworden, eigentlich ſollte ich ſagen, nicht munte⸗ rer; denn ich erinnere ich mich ganz wohl, du warſt damals ge⸗ rade ſo, als du uns in Brüſſel in den Wagen hobſt. Erinnerſt du dich noch, Pauline?⸗“ „O ja!“ lachte die ſchöne Frau,„es war meine erſte, meine glücklichſte Reiſe. Doch kommen Sie her zu mir, Alfred,“ ſagte ſte, plötzlich ernſt werdend,„ſetzen Sie ſich hier neben mich, Sie müſſen mir erzählen, wie es Ihnen in den letzten zehn Jah⸗ ren ergangen.“ „Recht gern!“ ſagte Alfred mit freundlichem Blick in Ton und Stimme, nund es wird mich unendlich glücklich machen, * Hacklander, Namenl. Geſchichten. III. 13³ * 194 Fünßzigſtes Kapitel Ihrem fühlenden Herzen von meinen klelnen Erlebniſſen mitthei⸗ len zu können. 4 „Nur nicht ſentimental, Alfred!“ rief der Baron lachend, „wirf' die Vergangenheit hinter Dich, ſchau' der Zukunft froh und heiter entgegen.—— Mamma,“ fuhn er fort, indem er durch’s Fenſter blickte,„dort kommen die inder; dürfen Sie einen Augenblick herein?“ „Allerdings!“ entgegnete die Baronin mit außerordentlich altkluger Miene;„wir müſſen ſle doch unſern Gäſten vorſtellen!“ Einen Augenblick darauf öffnete der Baron die Thüre und drei allerliebſte kleine Weſen kamen in verſchiedenen Gangarten in’s Zimmer. Das Aelteſte, ein Mädchen, gieng mit zierlichen Schritten auf den Papa los, gab ihm einen Kuß und den belden Freunden die Hand, worauf es ſich zur Mutter an den Sopha begab. Das Zwelte, ein Knabe, der während des Eintretens im Begriff war, eine ſehr laute Rede zu halten, verſtummte plötzlich beim Anblick der Fremden und flüchtete ſich ſchüchtern an die Hand des Papa’s. Das Kleinſte, ebenfalls ein Knabe, wankte mit ſehr unſicheren Schritten durch das Zimmer und eilte, ohne ſich um Jemand zu bekümmern, nach einer Ecke deſſelben, wo der Spazierſtock des Vaters lehnte, ſein willkommenſtes Spiel⸗ zeug. Jetzt war die Familie beiſammen, der Baron ſtrahlte als Vater und die Baronin war nicht unempfänglich für die anerken⸗ nenden Worte, die ihren wirklich allerliebſten Kindern von den beiden Freunden geſpendet wurden. Doch jeder der beiden Freunde benahm ſich auf andere Art: Alfred zog die Kinder an ſich mit einer unendlichen Liebe, einer rührenden Herzlichkeit, wie ein Glück, das man gern mit Ande⸗ ren genießt und theilt, um das man ſie aber nicht beneidet, weil man weiſt, daß man ſelbſt darauf verzichtet, das Gleiche zu er⸗ ringen. Der Graf dagegen ſah die Kinder freundlich und gütig Genua. 195 itthei⸗ an, wie etwas, was er ebenfalls haben würde, ſobald es ihm nur beliebte. Dabei blickte er in den Spiegel, fuhr mit der chend, Hand durch das Haar und bemerkte mit Vergnügen, daß er ſich t fih in den letzten zehn Jahren auffallend gut conſervirt habe. enner In Genuanun verlehte der Baron mit ſeiner Familie und n Sie den beiden Freuudden einige recht heitere und glückliche Tage. Lukas hatte das Bild des Signor Dubelli noch am ſelben nii Tag⸗ vorgeſtellt und das Erfahrene milgetheilt. Doch ſo ſehr len e ſich der Baron Karl und Alfons bemühten, eine Spur von der 6 Verſchwundenen aufzufinden, ſo waren doch alle Schritte, die P und ſie gethan, vergeblich, und ebenſowenig gelang es Lukas, trotz⸗ garian dem er die Hülfe der Polizei in Anſpruch nahm, den Aufenthalt lihen des Gevatters zu entdecken, oder denſelben wieder zu ſehen.— eͤde Es war gegen Ende Dezember, als ſie ſammt und ſonders zopha die Stadt verließen und auf dem Ferdinando Primo nach Neapel ntenz abreisten. mmte rn an rankte 3 ohne „ wo piel 7 als erken⸗ n den Art: einer Inde⸗ 4 weil 1 uet⸗ 4 güig 13* . 4 1 3 3 ———— Einundfünfzigſtes Kapitel. Der Graf von St. Alban. Wer war in Neapel und erinnerte ſich nicht mit Vergnü⸗ gen der herrlichen Strada Toledo, jener Pulsader der gewalti⸗ gen Stadt, die ſie ihrer ganzen Länge nach durchſtrömt und alles Leben durch ſie hinaus der neapolitaniſchen Campagna nach dem ſchönſten Meerbuſen der Welt leitet? Wer erinnerte ſich nicht des herrlichen Anblicks dieſer Straße, ihrer Freuden, bei Tag und Nacht? In der heißen Zeit des Tages berührt kaum ein Sonnen⸗ ſtrahl ihr breites Lava⸗Pflaſter, welches, vom Nachtthau be⸗ netzt, erquickende Kühle aushaucht. Dicht an den gewaltigen Paläſten, aus welchen der größte Theil von Toledo beſteht, unter den Vorſprüngen rieſenhafter Balkons und Thore haben ſich Obſtverkäufer und Blumenhänd⸗ lerinnen eingeniſtet, in den glänzendſten, mannigfaltigſten Far⸗ ben liegen die lockenden Früchte aller Zonen dort beiſammen, 2 288ͤ —— ignü⸗= valti⸗ alles dem t des und Der Graf von St. Alban. 197 feuchte Blätter, mit denen ſie bedeckt werden, erhalten ſte in der angenehmſten Friſche. Man kann nichts Reizenderes ſehen als ſolch' einen wohlgeordneten Fruchtſtand: prächtige Melonen, Trauben, Orangen, Citronen und Granatäpfel zwiſchen dem grünen Laub, die ſo fein verſteckt und halb verhüllt ſind, um den Vorüberwandelnden noch ſtärker zu reizen. Dazu ſpendet der Blumenſtand auf der anderen Seite in ſeiner noch mannigfalti⸗ geren Pracht den feinſten Duft, und das glüht und ſchillert, blendet und duftet durch einander ſo entzückend und bezaubernd, daß man nicht weiß, wohin man ſich zuerſt wenden ſoll. Aber noch andere Genüſſe winken dem Umherſtreifenden. Dort iſt die große Eisbude geöffnet und die Karte, welche davor hängt, zeigt eine ziemliche Auswahl. Der Limonaden⸗Verkäufer ſchwingt ſein Faß, vor dem Eigarrenladen werden die feinſten Sorten ausgepackt, die Conditoreien mit allen möglichen Süßig⸗ keiten ſind ebenfalls geöffnet, da zugleich mit den Tauſenden der verſchiedenartigſten Augen, worunter recht ſchwarze und glühende, die Blicke kreuzen und an den Herrlichkeiten rings umher mit dem gleichen Entzücken, wie du, hängen bleiben, da die Träger dieſer verſchiedenen Augen wieder ebenſo verſchieden in Tracht und Alter bei dir vorbeigehen, eilen, laufen, plaudern, lachen und ſingen, dich hierhin drückend, dich dorthin ſtoßend, da bald die breite Straße obendrein noch mit Karren und eleganten Equi⸗ pagen angefüllt und vollgepropft iſt, da namentlich die Letzteren in dem entſetzlich ſchnellen Tempo, womit ſie dahin eilen, nur durch die wunderbare Geſchicklichkeit ihrer Kutſcher von unangenehmen Zuſammenſtößen mit anderen Equipagen bewahrt werden können, da Alles ſo um dich herum immer und immer fort ohne einen Augenblick Ruhe zu geben, rauſcht, raſſelt, dröhnt, plaudert, lacht, glänzt, ſo tritt bei Zeiten an den oben erwähnten Blumen⸗ ſtand, laß' dir für wenig Geld den prachtvollſten Strauß geben und drück' dein Geſicht da hinein, um das brauſende Getümmel 198 Einundfünßigſtes Kapitel. umm dich her einen Augenblick zu vergeſſen: daſſelbe iſt wahr⸗ un haftig nicht lange zu ertragen. b —Einen ſolchen Anblick, wie wir ihn mit unſeren ſchwachen 5 Kräften verſuchten wiederzugeben, bietet die Strada Toledo in Neapel an allen ſchönen Tagen jeder Jahreszeit. Und dergleichen ſchöne Tage hat die glückliche Stadt, gering gezählt, jährlich über dreihundert. Es gibt aber dagegen auch Zeiten, wo der Anblick von Toledo ein ganz anderer, ein minder erfreulicher iſt. Solche Zeiten ſind zur Winterſaiſon an einem neblichten und regneriſchen Tage, im Monat Januar. Den Italiener, welcher die Kälte, obgleich er ſie ſehr gut ertragen kann, außer⸗ ordentlich fürchtet und ſcheut, treibt ein unfreundlicher Seewind, der von Santa Lucia zuweilen in die offene Straße hereinpfeift, gleich von derſelben hinweg in ſeine Wohnung oder in das Kaffeehaus. An ſolchen Tagen eilt er, in ſeinen Mantel gehüllt, ſo daß man vom Geſicht faſt gar nichts mehr ſieht, im Ge⸗ ſchwindſchritt vorüber, und man hört nur das Wort, freddo! freddôl das Einer dem Andern zähneklappernd zuruft. Die breite gewaltige Straße liegt dann, namentlich Abends, wie ausgeſtorben, öde und leer da. Die Beleuchtung auf derſel⸗ ben reicht kaum hin, um einen ſchwachen Begriff von der coloſ⸗ ſalen Front der Paläſte zu geben, oder ein paar rieſenhafte Ca⸗ riatiden zu beleuchten, die ihren ſchweren Balkon mißmuthig zu. tragen ſcheinen. Da die meiſten dieſer großen Paläſte noch wie in der guten alten Zeit von einer einzigen edlen Familie bewohnt werden, dieſe Familie aber nicht mehr, wie es in jener alten guten Zeit Mode war, das Haus mit Gefolge und Dienerſchaft vollſtändig ausfüllt, ſondern jetzt nur noch eine Reihe Zimmer im erſten Stock zum eigenen Gebrauche benutzt, und dieſe nicht einmal mehr gaſtlich jeden Abend den Verwandten und Freunden des Hauſes öffnet, ſo gewährt an ſolchen Abenden, wo der Viaathe. 2— 3 4 4 B *— — Der Graf von St. Alban. 199 ahr⸗ und Lebensſtrom in Toledo ausgefloſſen iſt und nichts zurückge⸗ blieben als die ſchwarzen hohen Häuſermaſſen mit ihren todten⸗ achen Fenſterreihen, die Straße ein ödes, erſtorbenes Anſehen. o in Hie und da rollt vielleicht eine Equipage, hie und da hu⸗ ichen ſchen einige Perſonen von einer Nebengaſſe in eine andere hrlich— hinein, als fürchteten ſie ſich vor der langen Toledo, die heute der Morgen noch ſo jugendlich friſch erſchien, heute Abend ſo r iſt grau und todt daliegt. Ein ſeltener Limonaden⸗Verkäufer chten ſchwingt vielleicht in irgend einer Ecke wie zum Hohne ſein Eis⸗ tener, waſſer, daſſelbe vergeblich dem ſtillen Abend empfehlend, und ußer⸗ neben ihm ſitzt ein altes Mütterchen und erhält ihr kleines lohen⸗ wind, des Feuer im Brand, theils um ſich gegen die Kälte zu ſchützen, feift, theils aber um immer die Kaſtanien warm zu halten. So ſieht man auch in weiter Entfernung vielleicht ein paar ähnliche rothe Feuerchen brennen, kleine Punkte— das einzig übrig gebliebene Leben. Geliebte Leſer, wir befinden uns gerade vor einem der größten Paläſte in Toledo, einem Gebäude, wie eine kleine Fe⸗ : 2 P.**. ſtung; hat auch vielleicht ſchon zu dergleichen Zwecken gedient. 55 Der untere Stock, in rustico aus rauh behauenen Quadern auf⸗ luf⸗ geführt, als haben ihn die Cyclopen zuſammengetragen, befleißigt ga⸗ ſich allein an dem Fenſter und dem Thore einer einigermaßen 8 freundlichen Idee, dies ſtarre Mauerwerk dem Auge angenehm 8 R unterbrechend. Die ſchweren, reichen Gitter an den Fenſtern paſſen zu dem wilden Felſenartigen des ganzen Stockes, als ſei uile dort eiſernes Geſträuch herausgewachſen, und die beiden Gigan⸗ den, 1 ten, die an dem Thore ſtehen, vielleicht übrig gebliebene Trüm⸗ Zii mer der alten Rieſengeſchlechter, die bei dem Baue halfen, dann ndil nicht abgelöst wurden und langſam erſtarrten, und deren Blicke rſte ſich vor demſelben kreuzen, ſcheinen hiedurch fragen zu wollen: mul„wird ſich wohl Jemand dort hineinwagen?“ 7 n Die oberen Parthieen des Hauſes wachſen ſchon etwas en⸗ Einundfünfzigſtes Kapitel. ſchlanker und anmuthiger in die Höhe, die Wände ſind mit paſ⸗ hoh ſenden Verzierungen verſehen, die Fenſter hoch und breit, und die. mit Balkons zierlich und geſchmackvoll. 4 Oe Das vordere Thor iſt weit geöffnet, wir treten unter den» h Bogen— ein ſtarkes eiſernes Gitter hemmt unſern Schritt. Die Schnur, welche das Schloß an demſelben aufzieht, ruht in der d Hand jenes alten und feiſten Portiers, der mit goldbordirtem Rocke und Pelzüberwurf, mit geſchloſſenen Augen in einem mit Glas bedeckten Verſchlag an der Treppe ſitzt, eine ausgeſtopfte Seltenheit, hier allerdings eine ſolche, denn nur wenige der großen Familien treiben in ihren Paläſten noch den Lurus eines ſo wohlgenährten und gut coſtümirten Portiers. Aber was wir von dem Hauſe ſehen, in welches wir nun eintreten,— denn die Gitterthüre öffnet ſich unſerer Zaubermacht von ſelbſt— zeigt uns an, daß wir uns bei einer jener alten Familien befinden, die einen Stolz darin ſuchen, ihren Palaſt, wenn er auch für Feſte und Luſtbarkeiten nicht mehr geöffnet iſt, ſo im Stande zu erhalten, daß es nichts braucht, als einige Lichter mehr anzuzün⸗ den und die Flügelthüren aufzureißen, um eine ganze Geſellſchaft der eleganteſten und vornehmſten Leute auf's Beſte zu empfangen und zu bewirthen.— In dem großen Hofe, den wir vor uns ſehen, plätſchert ein einſamer Springbrunnen zwiſchen alten hochſtämmigen Orange⸗ bäumen, ein Koch mit weißer Jacke und Mütze ſpricht zum Fen⸗ 4 ſter der Küche hinaus mit dem Kutſcher eines ſehr niedrigen 1 Broughams, der, mit einem ſtarken engliſchen Pferde beſpannt, dort hält und deſſen beide glänzende Laternen das Grün der Bäume ſanft beleuchten. Im Hauſe aber iſt es todtenſtill.—— Die breite Marmortreppe, mit Teppichen bedeckt und ſanft erleuchtet, iſt öde und leer, auf den langen Corridors hört man kein Geräuſch, keinen Fußtritt, und nachdem wir drei bis vier — 11 ier 1— 4——— Der Graf von St. Alban. 201 hohe gewölbte Zimmer durchſchritten, alle reich meublirt, alle mit einigen Wachskerzen erhellt, deren Licht die Einſamkeit und Oede ringsum recht deutlich zeigt, hören wir hinter einer fünften hohen und weiten Flügelthüre ein leiſes Huſten. In dieſem Zimmer iſt der Boden mit Teppichen bedeckt, daſſelbe iſt beffer erleuchtet, im großen Kamin lodert ein Feuer, und zwei alte Bediente ſpielen an einem kleinen Tiſche eine Parthie Schach, während ein Dritter ſich huſtend und gähnend auf einem Lehnſtuhle dehnt. Die Thüre zum Nebenzimmer iſt nur angelehnt; wieder Teppiche, Kaminfeuer, Lichter, aber keine menſchliche Seele; in dem darauf folgenden ebenſo, dann aber öffnet ſich die Thüre eines kleineren Kabinets und ein Kammerdiener in ſchwarzem Frack öffnet einem anderen, ebenfalls ſchwarz gekleideten alten Manne, der einen Stoß Papiere unter dem Arme trägt, die Thüre. Beide machen ſich eine freundliche Verbeugung, der Mann mit dem Papier, eine kleine Gerichtsperſon, mehr unter⸗ thänig, der Kammerdiener des großen Hauſes mehr herablaſſend, dann ſchließen ſich die Thüren wieder, und wir wagen es, durch das Kabinet in das dahinter liegende Zimmer einzutreten. Ein hohes gewölbtes Gemach; dicke perſiſche Teppiche be⸗ decken den Boden, die Wände mit dunkelbraunen, gepreßten Sammttapeten bedeckt, zeigen kleine ſchimmernde Goldſtreifen, ein Kronleuchter hängt von der Decke herab und beleuchtet eine Menge reichgeſchnitzter eleganter Möbel, ein paar koſtbare alte Bilder, einige kleine Marmorfiguren, Waffen und ſeltſame Gefäſſe auf kleinen Ecktiſchen, in der Mitte auf einem großen, runden Tiſch ein Haufen Bücher, unordentlich durch einander ge⸗ worfen, vor welchen ein Lehnſtuhl ſteht. Aus dem Kamin von außergewöhnlicher Höhe und Breite ſtrahlt eine luſtige, behag⸗ liche Gluth, und die bronzenen Feuerhunde, welche dieſelbe tra⸗ gen, zeigen ganz erhitzte rothglühende Geſichter. —[.O——— Einundfünfzigſtes Kapitel. In dem Gemach befinden ſich zwei Leute: ein älterer und mach ein jüngerer Mann. Der Aeltere, vielleicht an die Fünfzig, mit G ſtark ergrautem Haar, ſitzt vor dem Kamin in einem Lehnſeſſel; fur er trägt einen braunen Ueberrock unter dem Kinn zugeknöpft, 4 oli und hat ſeine Füße auf die meſſingne Kaminſtange geſtellt. Der ne junge Mann ſteht an der anderen Seite vor dem Kamin und hat die Stirne gegen das marmorne Geſims gedrückt. Der alte Herr hält ein Papier in der Hand und ſchaut über 9 daſſelbe hinweg in die Gluth des Feuers. Sein Kopf hat einen 2 8 edlen, ruhigen Ausdruck, und die breite hervorragende Stirne 4 und die blitzenden Augen zeigen ein lebhaftes Temperament und einen feſten Willen. „Eh bien, Eugen,“ ſagte der alte Herr und wiegte das 1 Papier in ſeiner Hand, nhier habe ich das wichtige Dokument, li nach dem ich mich lange geſehnt, welches zu erhalten mir ſo viele Schwierigkeit gemacht und das ich jetzt— ich kann es to leider nicht läugnen— wohlbehaglich in meiner Hand fühle.— Wir ſind geſchieden, Madame la Duchesse und ich.“ di „Es hat Sie aber Opfer genug gekoſtet,“ entgegnete der 1 junge Mann, ohne ſeine Stellung zu verändern. „Bah!“ ſagte der Andere,„ſehr kleine in Betreff meiner Freiheit, meiner häuslichen Ruhe, die ich nun wieder gewonnen. — Ach, wenn ich dieſe Freiheit und häusliche Ruhe auch nur recht benutzen, recht genießen könnte! Wenn du mir endlich dazu . verhelfen wollteſt, Eugen!“— A Es erfolgte keine Antwort. I „Sei ein Mann! Du haſt die Vergangenheit hinter dich geworfen, löſche ſte aus, alle Erinnerungen daran!—— Vor⸗ V 1 wärts!—— Ins Leben hinein!“ Der junge Mann machte eine ungeduldige Bewegung. „Seit du von Genua zurück biſt, finde ich dich insuppor- 1 table; du haſt meinen Willen erfüllt, du haſt reine Bank ge⸗ 1 un r und „mit ſeſſel; ꝛöpft, Der und über ment, ir ſo n es ühle. Der Graf von St. Alban. 203 macht, aber jetzt laß die Schutthaufen deines ſogenannten früheren Glücks nicht zwiſchen deinen Füßen umher liegen, mach' Platz für ein neues Fundament, und laß' uns einen neuen tüchtigen, ſoliden Bau aufführen, mon gargon: dein Onkel wird dir ge⸗ treulich helfen.— Allons! Courage!“ „Ich kann nicht!“ „Ah, du kannſt nicht?!— Immer daſſelbe Wort!— Der Menſch kann Alles, was er will, das heißt, wenn er etwas ernſtlich will; aber du mein Freund, willſt nichts ernſtlich, weil du keinen eigenen Willen haſt.“ „Leider habe ich gegen Sie bewieſen mein Onkel, daß Sie Recht haben, ich habe meinen Willen unter den Ihrigen gebeugt, leider! leider!— O das arme Weib!“ „Mille tonnere!“ rief der alte Herr heftig,„mach mich nicht toll! Ich habe in deinem Intereſſe gerathen, du haſt in deinem Intereſſe gehandelt, und wenn du das bereuſt, ſo zeigſt du darin eine unverantwortliche Charakterſchwäche; ich würde heute gerade wieder ſo rathen, und über ein Jahr ſo und über zehn Jahre ſo und in alle Ewigleit ſo.“ „Weil Sie ſte nie geſehen haben, Onkel, ſie nicht und das Kind.4 „Kann ſte mir ganz genau vorſtellen, brauche ſie nicht zu ſehen!— Aber meiner Treu, was ſoll die ganze Unter⸗ redung wieder? Biſt du ein Knabe oder biſt du ein erwachſener Menſch? Haſt du nicht mit freiem Willen jene Verbindung abgebrochen?“— „Leider!“ „Ja leider, weil du—— „Nun, Onkel, weil ich— 2“ entgegnete der junge Mann und wandte dem alten Herrn haſtig das Geſicht zu. Einundfünßzigſtes Kupitel. ₰ 3 9 „Weil du ein ſchwacher Menſch biſt, ſchwach von der Fuß⸗ ſohle bis zum Scheitel, weil du kein eigenes Ja und Neiff haſt, weil du—“ „O halten Sie ein! Gerade weil Ihre Vorwürfe ſo ge⸗ recht ſind, treffen Sie mich fürchterlich, gerade weil ich mir meiner Schwäche bewußt bin, muß ich mich ſelbſt verachten und bin beſtraft genug. O hätte ich damals vorgezogen, Ihre Un⸗ gnade, mein Onkel, und hätte dagegen behalten die Ruhe meines Lebens, mein Weib und mein Kind.“ „Dein Weib?“ „Ja, mein Weib, Onkel! und wenn Sie auch wegen einiger mangelnder Formalität die Ehe für nichtig erklären laſſen, wenn man das Ihnen, dem reichen und mächtigen Herrn, zu Gefallen thut, deßhalb iſt ſie vor Gott doch nicht gelöst, vor Gort nicht und nicht vor meinem Gewiſſen, das kann ich Sie verſtchern.“ Es entſtand eine längere Pauſe, während welcher der junge Mann einigemal heftig in dem Gemach auf und ab ſchritt, der Andere aber mit dem polirten Eiſen in die Kohlen hineinſtieß, daß die Funken umher flogen. „Eugen,“ ſagte er alsdann und wandte ſich ins Zimmer hinein,„Eugen,“ wiederholte er,„ſei verſtändig, laß' uns, die beiden einzigen und letzten Glieder dieſer großen und mächti⸗ gen Familie friedlich bei einander wohnen. Geſchehene Dinge ſtnd nicht zu ändern, und wenn dieſe gewiſſen Dinge zu ändern wäxen, könnte ich doch nimmer zugeben, daß ſie geändert wür⸗ den.— Du haſt A geſagt: ſei ſo vernünftig und buchſtabire durch bis zum Z.“ „Nein, Herr Onkel, ich komme über Ihr B wahrhaftig nicht hinaus!“ „Schon über mein B nicht? Darin liegt doch durch⸗ aus nichts Verfängliches, vielmehr etwas ſehr Reizendes— und Lebene T Mefe. ohne iſt ne Haus dir un den a bei C und nes it lang Jin wii wie der zü no iniger wenn fallen nicht n ℳ junge , der nſtieß⸗ mmet uns, chti⸗ dinge ndern wüt⸗ abire zaftig urch⸗ endes 1 Der Graf von St. Alban. und Lockendes für jeden jungen Cavalier von Verſtand und Lebensluſt.“ „Ich habe ja Beides nicht!“ murmelte zähneknirſchend der Neffe. „Zum Teufel auch!“ fuhr der Onkel ſpöttiſch lachend fort, ohne jene Antwort gehört zu haben,„dieß mein erſtes Verlangen iſt natürlicher Weiſe ſehr ſchwer zu erfüllen! Du ſollſt dieſes Haus öffnen, meinetwegen in der erſten Zeit als garçon, ſollſt dir und deinen Bekannten kleine Feſte arrangiren, Diner's geben, den alten Steinhaufen lebendig machen, und mir erlauben, mich bei Euren Feſtivitäten meiner Jugend zu erinnern und mit froh und vergnügt zu ſein!— O mein Sohn,“ fuhr er weicher fort, nes iſt dieß gewiß ein billiges Verlangen. Sieh' mich an, wie ich hier ſitze, von meinem bitterſten Feinde, der Gicht, Monate lang in dieſen Stuhl geſchmiedet, und in dieſem weiten öden Zimmer, in dieſem ungeheuren Palaſt allein, ganz allein. Du weißt nicht, wie die Stunden ſchleichen, du haſt keine Idee davon, wie lang die jetzigen Abende dauern; welche Ewigkeit iſt es von dem Moment, wo man die Lichter hier in dieſem Zimmer an⸗ zündet, bis zu jenem, wo ich mich entkleiden laſſe, um einer noch zehnmal längeren Nacht ſchlaflos entgegen zu ſehen.“ Der junge Mann hatte ſich an den Lehnſtuhl geſtellt, und ſchaute mitleidig auf ſeinen Onkel hinab.„Ja,“ ſagte er alsdann mit leiſer Stimme,„wie ſchön wäre es für uns, wenn ſich die Flügelthüren dort öffneten, und ſie hereinträte mit dem kleinen Kinde an der Hand und wir Alle mit ihr plauderten und das kleine Kind mit uns lachte!“ Der alte Herr ſah gedankenvoll in die Kohlen und nickte mit dem Kopfe. „O warum war das nicht möglich, mein Onkel?“ ſagte der junge Mann ſo leiſe, daß man ſeine Worte kaum verſtehen 205 ——— △‿ Einundfünßigſtes Kapitel. konnte, doch der alte Herr verſtand ſie und ſagte feſt und be⸗ ſtimmt:„unmöglich!“ „Glaubſt du,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„wir hätten mit unſerem Stande keine Pflichten übernommen, die wir erfüllen müſſen? glaubſt du, die hohen Schranken, welche uns von der übrigen Welt trennen, beſtänden nur ſo lange, als es uns con⸗ venirte, und wir brauchten ſie nicht mehr zu reſpektiren, ſo bald es uns amuſanter und beſſer dünkte, über ſie hinweg zu ſetzen? — Nein, mein Freund! Jene Schranken, die dich abgeſondert dahinſtellen, die Gränzen deines Standes ſollen dir heilig ſein, auch wenn ſie dich beengen, auch wenn ſie dich drücken. Willſt du ein Cavalier ſein, ſo ſei es ganz, willſt du das nicht, eh bien, ſo zerbrech' deine Grafenkrone, nenne dich Monſieur tel et tel, und du biſt unſtreitig etwas ganz Anderes———— vielleicht eben ſo gut, wie früher,—— wenn du alsdann das Neue ganz biſt.“ 3 „Aber mein Sohn?“ entgegnete der junge Mann,„ſoll er büßen, was ich begangen?“ „Nein, gewiß nicht!“ entgegnete der alte Herr mit leuch⸗ tenden Augen,„nimm' ihn hieher, wenn du kannſt, er ſoll ſeinem Stande gemäß erzogen werden.“ „Seinem Stande gemäß?— Alſo ihm erkennen Sie einen Stand zu?“. „Allerdings, wenn er dein Sohn iſt.“ „Und ſte?“ Der Alte wehrte mit der Hand von ſich ab, und ſagte nach einer längeren Pauſe mit unſicherer Stimme: nieder glaubt, auch du mein Freund, daß das Unglück, was ihn ſelbſt betrifft, mit ſolcher Kraft noch nie auf einen anderen Menſchen nieder⸗ gefallen ſei, und doch iſt Alles ſchon da geweſen. Was du heute erlebſt, iſt mir vor zwanzig Jahren ebenfalls wiederfahren, viel⸗ leich nich Hetz, da ein Kind, gwiſchen; rengung ſehen kar Kummer G„0 Pauſe m in Genu hüre un Grafn den Br ſateer 7So ſ an d uh ſabten nd be⸗ hätten füllen on der ton⸗ o bald ſetzen? ondert ſein, Willſt t, eh tel et n das ſoll er leuch⸗ ſeinem einen e nach laubt, etrifft nieder⸗ heute . viel⸗ —— Der Graf von St. Alban. 207 leicht nicht ganz im ſelben Verhältniß, aber auch ich mußte ein Herz, das mich ſehr geliebt, von mir ſtoßen, auch ich mußte ein Kind, mein eigenes Kind, zurücklaſſen, und der Unterſchied zwiſchen mir und dir war, daß ich jenes Kind allen meinen An⸗ ſtrengungen zum Trotz nicht wieder ſehen konnte, nie wieder ſehen kann, weil es———— wie ſeine Mutter—— in Kummer und Elend verſtorben“.—————— „Dein Bube aber,“ fuhr der alte Herr nach einer langen Pauſe mit einem tiefen Seufzer fort,„lebt geſund und munter in Genua.“ „So ſchreibt man mir wenigſtens,“ entgegnete der Neffe. „Gott erhalte ihn!“— In dieſem Augenblicke öffnete ſich langſam die Flügel⸗ thüre und der Kammerdiener trat herein und übergab dem alten Grafen ein Schreiben. Dieſer riß das Couvert ab, durchflog den Brief und nickte freundlich mit dem Kopfe.„Da lies,“ ſagte er zu dem Neffen, und reichte ihm das Blatt in die Höhe. „So eben kommt mein alter Freund, mein alter luſtiger Vicomte von Florenz hier an und wird mich gleich beſuchen. Ich freue mich außerordentlich. Man bringe den Herrn, der gleich an⸗ fahren wird, augenblicklich zu mir herein!“ Der Kammerdiener verbeugte ſich tief und gieng hinaus. „Eh bien, Eugen, du bleibſt noch einige Augenblicke hier, oder haſt du was Dringendes vor?“ „Durchaus nichts, Onkel, ich wollte ſpäter ein paar Beſuche machen, mein Wagen kann unten warten.“ „Bon.— Ich freue mich ſehr, den alten Knaben wieder zu ſehen. So eben rollt eine Equipage unter das Thor; er wird es ſein.“ — —-— Einundfünßzigfles Kapitel. Es war wirklich der Vicomte, derſelbe, den wir in Florenz geſehen und der jetzt durch die langen Gänge dahinſchritt. Jedes Zimmer betrachtete er ſich im Vorbeigehen aufmerkſam und ſah nirgends etwas verändert, ebenſo wenig an dem alten Kammer⸗ diener, den er ſchon vor langen Jahren gekannt. Jetzt öffneten die Lakaien die Flügelthüren und er trat eilig in das Gemach. Der Graf war aufgeſtanden, kam ihm an der Thüre ent⸗ gegen und umarmte ihn auf's Herzlichſte. Eugen ſchüttelte ihm die Hand. „Da ſind wir!“ rief luſtig der Vicomte,„kaum vor dem Hotel angefahren, etwas umgekleidet und ſchon hier. Du ſtehſt, daß wir den Dienſt nicht verlernt. Ich ſage den Dienſt,“ wandte er ſich zu dem jungen Grafen,„weil Ihr Oheim ſchon damals Sekretär der Legation war, als ich, ein blutjunger Attaché, dort eintrat.— Wie geht es dir? 6 Der Graf zuckte mit den Achſeln, als er ſeinen Freund an den Kaminwinkel führte und auf ſeinen Lehnſtuhl zeigte. „Alſo immer noch im Kampf mit dem alten Feind?“ ent⸗ gegnete der Vicomte,„das iſt ſchlimm, mein Freund. Es iſt aber auch wahrhaftig heute ein Wetter dazu draußen, beim hei⸗ ligen Ludwig, gar auch nichts Neapolitaniſches, man könnte in Rußland ſein!“ „Und du kommſt direkt von Florenz?“ fragte der Graf. „Allerdings, und bin ſogar durch Rom ohne Aufenthalt gefahren; es war troſtlos in Rom, ebenſo ſchlechtes Wetter. Apropos, Monſieur Eugen, Sie hätten nach Florenz kommen ſollen! Wir haben ein merkwürdiges Stück Saiſon erlebt, ich muß das gelegentlich ausführlicher erzählen, eine ganz verfluchte Epiſode, in deren Folge ein Duell und deßwegen bin ich eigent⸗ lich abgereist.“ „Du haſt dich geſchlagen, alter Rous?“ n Floren t. Jedes und ſah Kammet⸗ öffneten mach. huͤre ent⸗ telte ihm vor dem du ſiehſt, „ wandte damals ché, dort Freund gte. 2u ent⸗ Es iſ eim hei⸗ önnte in Graf. fenthalt Wetter⸗ kommen ebt, ich erlluchte Der Graf von St. Alban. 209 „Ich mich eigentlich nicht, nur ſekundirt gegen einen jungen charmanten deutſchen Offizier, den ich mit hieher geſchleppt. Es war eine ganz fabelhafte Geſchichte. Doch das ein andermal.— Ich hätte Euch den jungen Deutſchen gleich hieher gebracht, aber ich wußte nicht, ob die Allergnädigſte— verzeih' mir, lieber Freund, daß ich mich nicht nach dem Befinden deiner hochedlen Duchesse erkundige.“ Der Graf lächelte ſarkaſtiſch gegen die Gluth.„Ich hoffe,“ ſagte er nach einer Weile,„daß ſie ſich wohl befindet, genau aber kann's ich wahrhaftig nicht ſagen?“ „Alſo immer noch dieſelbe Geſchichte?“ „Nicht ganz— wir ſind ſeit heute geſchieden.“ „Ah, da gratulir' ich!“ ſagte lachend der Vicomte.„Dieſe Ehe war für dich keine Roſenkette, und ich bin überzeugt, du wirſt im Ganzen genug haben und zu keiner anderen eine Diſpen⸗ ſation nachſuchen.— Aber was geſchieht heute Abend bei Euch? — Gar nichts?— Du bleibſt zu Hauſe, und Eugen— 24 „Ich kann mich bei dem naſſen Wetter nicht auf die Straße wagen,“ ſagte der Graf„und du unſteter Geiſt, willſt du mit einem kleinen Souper à trois vorlieb nehmen, oder vielmehr à deux? Denn Eugen hat noch einige Beſuche zu fahren?“ „Verſteht ſich von ſelbſt!“ lachte der Vicomte,„ich mach' heute Abend den Krankenwärter, und wenn Eugen ſpäter, viel⸗ leicht um elf Uhr, ſo freundlich iſt, mir im Café de l'Europe ein Rendez⸗Vous zu geben, bin ich ihm ſehr dankbar dafür, denn ich kann unmöglich ſo früh zu Bette gehen.— Sie werden da auch,“ fuhr er zu dem jungen Grafen gewendet fort,„meinen jungen Offizier kennen lernen, und zwei andere Deutſche, die ich ebenfalls in Florenz ſah, ein Graf Alfons von B., und ein Baron von C., angenehme, charmante Leute. Der Eine war mein Gegenſekundant.“ 1 Hackländer, Namenl. Geſchichten. III. 14. 210 Einundfünßzigſtes Kapitel. „Abgemacht!“ ſagte der junge Graf, nes bleibt dabei. Lieber Oheim, ich wünſche Ihnen eine gute Nacht!“ „Adieu, mein Sohn!“ Der Graf Eugen verließ leiſe das Gemach, ſchritt die Trep⸗ pen hinab und warf ſich in ſeinen Wagen, der noch immer unter den Orangebäumen hielt. Droben hörten die beiden alten Herrn das Fortrollen deſſelben. Da die Beiden nun allein waren, ſo ſprachen ſie von ver⸗ gangenen Zeiten und tauſchten, was ſie in den letzten Jahren erlebt, gegenſeitig aus. Sie hatten ſich vielleicht in acht Jahren nicht geſehen und in der Zeit war ſchon Manches vorgefallen, was den Einen und den Andern auf's Höchſte intereſſirte. Sie hatten ein kleines feines Souper eingenommen und ſaßen nun vor dem Kamin, alte Tage, alte Leiden und Freuden recht vergnüglich ins Gedächtniß zurückführend. „Wie war es doch mit der bewußten Geſchichte?“ fragte der Vicomte,„du weißt jener Geſchichte, die dir ſo viel zu ſchaf⸗ fen gemacht, mit jener Deutſchen und ihrer Tochter?“ „Meiner Tochter?“ ſagte gedankenvoll der Graf,„ja das iſt eine traurige Geſchichte.“ „Du haſt etwas darüber erfahren?“ „Genug, mehr wie genug! Sie ſind Beide todt— Mutter und Kind!“ „Ah!“* „Ich hatte in der That ſo ſchöne Hoffnungen auf das kleine Mädchen geſetzt, je mehr ſich lindernde Zeit zwiſchen jene Tage ſchob, je mehr ſchwanden meine Skrupel, je größer wurde meine Sehnſucht nach dem Kinde. O hätte ich früher beſtimmtere Schritte gethan! aber wie ich anſieng, mich gern meiner eigenen Sache anzunehmen, war es zu ſpät. Jetzt iſt alle Hoffnung 6 dabei. Trep⸗ unter Herrn on ver⸗ Jahren Jahren efallen, en und Freuden V fragte u ſchaf⸗ wja das Mutter as kleine ene Lage de meine zimmtets t iigenen offnung Der Graf von St. Alban. hin: ich habe einen Todtenſchein in Händen von Mutter und Kind, und ſie ſind im Elend geſtorben!“ Der alte Graf beugte ſich bei dieſen Worten über das Kamin hin, und ein paar dicke Thränen rollten über ſeine ein⸗ gefallenen Wangen.„Vicomte,“ ſagte er mit zitternder Stimme, „das ſind die Sünden unſerer Jugend!“ Der Vicomte nickte ſchweigend mit dem Kopfe und ſagte nach einer langen, langen Pauſe: „Aber lieber Freund, nimm' die Sache, wie ſte iſt; traurig, höchſt traurig bleibt es immer, aber es iſt doch vielleicht etwas Gutes daran. Wie hätteſt du das arme Mädchen, die Kleine nämlich, ſelbſt wenn ſte auf's Beſte erzogen wäre, in der Ge⸗ ſellſchaft placiren können? Bedenke das auch.“ „Ich habe das wohl bedacht,“ ſagte der Graf mit feſter Stimme,„ich hätte ihr die ihr zukommende Stellung als meine Tochter gegeben.“ „Nun ja mein Beſter, aber als— „Gräfin von St. Alban!“— „Ah, das iſt was Anderes! Freilich, du biſt unabhängig, die Mutter des Kindes war todt.— „Jetzt das Kind auch, und ſo ſtehe ich ganz allein. Denk' dir dieſen Palaſt, dieſen finſteren Steinhaufen belebt mit luſtiger, heiterer Geſellſchaft, ich gehegt und gepflegt von ihr, die mich auf den Händen tragen würde; einen Schwiegerſohn würde ich ſchon finden. Ah! das wäre ein anderes Leben! Es hat wohl vielleicht Niemand ſo empfunden, wie ich, wie wohlthuend der freundliche Gruß eines weiblichen Weſens iſt, das dich liebt, wie wohlthuend der Druck ihrer Hand iſt, wenn ſte dich fragt, wie es dir geht.— Doch genug dieſer traurigen Geſchichten! Es iſt meine Beſtimmung, obgleich Gatte und Vater, doch allein auf der Welt zu bleiben, allein zu ſterben. Komme es, wie es will!“ 44* 212 Einundfünßzigſtes Kapitel. Noch eine kurze Weile blieben die beiden Freunde beiſam⸗ men, dann empfahl ſich der Vicomte bis auf Morgen und der Graf blieb in dem Zimmer allein zurück. Nachdem er eine Zeit lang heftig auf und ab geſchritten war, blieb er vor einem Marmortiſche ſtehen, auf welchem ein kleines ſchwarzes Käſtchen ſtand. Er öffnete den Deckel, indem er auf eine geheime Feder drückte, und nahm einen Pack alter vergilbter Papiere heraus. Lieber Leſer, auch wir kennen dieſe Papiere, und obgleich wir es im Allgemeinen für unvortheilhaft halten, dem Laufe der Geſchichte voranzueilen, ſo dürfen wir in dieſem Fall nicht ver⸗ ſchweigen, daß es dieſelbe Papiere ſind, welche in jener denk⸗ würdigen Nacht aus dem Zimmer der guten ſeligen Kiliane entwendet wurden.. Der Graf wickelte das rothe Band, welches die Papiere umſchlang, behutſam ab und betrachtete mit eigenthümlichem Lächeln bald dieſen, bald jenen Brief. Unten auf dem Grunde des Käſtchens befand ſich ein kleines Portrait, das er ebenfalls lang und aufmerkſam anſchaute, dann verſchloß er Alles wieder, durch einen Zug an der Glocke rief er den Kammerdiener herbei und ließ ſich ins Schlafzimmer leuchten.— Dieß Schlafzimmer lag am Ende des Palaſtes nach dem Hofe zu, und man ſah von den Fenſtern deſſelben auf ein großes, unregelmäßiges Hintergebäude, das in früheren Zeiten ebenfalls zu dem Palaſte gehört, dann aber wegen ſeiner finſte⸗ ren Lage zwiſchen den Häuſermaſſen verkauft und jetzt von armen Leuten bewohnt wurde. Von all' den Fenſtern an demſelben, wo faſt ebenſo viele arme Familien wohnten, war nur ein einzi⸗ ges erleuchtet, und auf dieſes einzige, mit dürftigen Vorhängen bedeckt, blickte der alte Graf, der noch einen Augenblick an's Fenſter getreten war. itten nein ndem alter gleich e der t ver⸗ apiere lichem runde enfalls wieder⸗ herbei h dem uf tin Zeiten nſte⸗ armen ſſelben, 1 iinzi hängm dt ans Der Graf von St. Alban. 213 War es dieſe einzige Helle an der ungeheuren Wand, welche— ſeine Blicke auf ſich zog und feſthielt?— er wußte es nicht; genug! er blieb lange, lange ſtehen und ſchaute in den däm⸗ mernden Schein hinüber. Endlich wandte er ſich ſeufzend ab. Der Kammerdiener zog die ſchweren damaſtnen Vorhänge dicht zuſammen, zündete die ſilberne Nachtlampe an und verließ mit leiſen Schritten das Zimmer, nachdem der Gebieter in ſeinem breiten prächtigen Bette lag. Ein großer Neufoundländer Hund ſtreckte ſich darauf an die Thüre auf ein gewaltiges Bärenfell, die Diener löſchten in den Zimmern die Lichter aus, und nach und nach wurde es ſtille in dem Palaſt von St. Alban.—— Bweinndfünfzigſtes Kapitel. 35— rKut., h ler vedi Napoli’, pui muori. Sieh' Neapel und ſtirb. (talieniſches Sprichwort.) Das Fenſter, welches wir von dem Schlafzimmer des Grafen von St. Alban matt erleuchtet mit dürftigem Schein durch die Nacht glänzen ſahen, gehörte zu einem kleinen Zim⸗ merchen, in dem ein hellerer Glanz, als der von der einzigen verdeckten Talgkerze ausſtrahlende, noch troſtloſer die nackte Armuth der Wände und, wie es ſchien, auch der Bewohner gezeigt hätte. Dieſes Zimmer hatte eine ſchräͤge, in das Dach hineinge⸗ Gaute Decke, vier weiße Wände, das einzige Fenſter, von dem wir vorhin ſprachen und eine Thüre auf den Gang. Das Mobi⸗ liar war hiezu paſſend: ein einziges, obgleich ſehr breites Bett, wie es in Italien überall gebräuchlich iſt, enthielt eine ſchlechte Matratze, grobes Leinzeug, eine dünne Decke. Ein paar Stühle ſtanden in den Ecken des Zimmers und daneben im merkwürdigen Contraſt mit allem Uebrigem ein ſehr eleganter Reiſekoffer. — Vedi Napoli, pui muori. 215 Aber er war leer.— Wenn es möglich wäre, würden wir es vermeiden, einen Blick auf die Bewohner dieſes Zimmers zu werfen; aber es iſt unumgänglich nothwendig, der Faden in unſerer Erzählung ver⸗ langt dieß ebenſo gebieteriſch, als er von uns fordert, das Elend und den Kummer Derer, die wir im Glücke geſehen, nicht zu verläugnen. In dem Bette lag ein kleines Kind, ein Bübchen, und auf einem Stuhle vor demſelben ſaß die Mutter dieſes Kindes und beugte ſich ängſtlich über das Geſicht deſſelben.— Das kleine Kind war ſehr krank. Ein wildes Fieber tobte durch ſein Gehirn, ſeilt⸗Puls flog, ſeine Schläfe brannten und eine dunkle Gluth, die ſich bald noch mehr anfachte, bald einer tiefen Bläſſe Platz machte, bedeckte ſeine Wangen. Jetzt ſchlug das Kind die Augen auf und der halbgebrochene Blick irrte zitternd gleich dem Flattern eines ſchattenhaften Schmetterlings an der Wand hinauf, an der Zimmerdecke vorbei, blieb alsdann eine Sekunde auf dem Geſichte der Mutter haften, ehe ſich dieß kleine, liebe Auge wieder ſchloß. O es iſt etwas Jammervolles, ſo ein armes kleines Kind leiden zu ſehen, jammervoll für jeden Anderen, entſetzlich, herz⸗ zerreißend für eine Mutter; ja entſetzlich, herzzerreißend für jede Mutter, auch wenn ein geſchickter Arzt neben dem Bette ſteht, auch wenn theilnehmende Verwandte im Vorzimmer ſich erkun⸗ digen und gern ihre Hülfe ſpenden, auch wenn es an keinem Be⸗ dürfniſſe fehlt, auch wenn Alles vorhanden iſt, was die Natur zu Linderung einer ſolchen Krankheit in allen ihren Reichen barm⸗ herzig geſpendet. Aber man denke ſich dagegen die Gefühle einer armen Mutter, die allein bei ihrem Kinde iſt, allein den ganzen Tag, die lange Nacht; denn ſie hat keine Verwandte in der Stadt, ja nicht in dem ganzen weiten Lande„eine Mutter, die von keines Anderen Munde einen liebevollen Troſt erfährt, die zu Niemand 216 Zweiundfünfzigſtes Kapitel. ſagen kann:„ſteh' mein Kind an, ich glaube, es ſchläft ruhiger, befühle auch du ſeine Händchen, mir ſcheint, ſie ſind nicht mehr ſo brennend heiß!“— eine arme, arme Mutter, die, während ſte am Lager ihres Kindes ſitzt, in ihren Gedanken gierig an die Heilmittel denkt, die es für ihr Kind wohl geben könnte, wenn ſte im Stande wäre, ſie anzuſchaffen,— eine Mutter, kurz, eine Unglückliche, wie ſie in der kleinen Dachſtube vor unſeren Blicken ſitzt. Jetzt erhebt ſie ſich von dem Stuhle, auf welchem ſte ge⸗ ſeſſen, eine ſchöne, ſchlanke Geſtalt, ein junges Weib, und wie ſte aufſteht, durchſchauert ſie die Kälte, die in dem Zimmer herrſcht.— Ob das Kind auch wohl friert?— Es zuckt mit ſeinen Füßchen. Sie nimmt von ihrem Hals ein Tuch und legt es über die Füße des Kleinen, dann ſtreicht ſie das dunkle Haar aus dem Geſicht und tritt einen Augenblick an's Fenſter. Auf den Treppen des großen Hauſes iſt Alles todtenſtille, hier oben hört man keinen Fußtritt.— Wenn nur der Arzt bald käme, nach dem ſie geſandt!— Der Himmel iſt ſchwarz, kein Sternlein blinkt hernieder und die Wolken ſind ſo dunkel, daß man ſie von dem großen Palaſte, der vor ihrem Blicke liegt, kaum zu unterſcheiden ver⸗ mag. Auch in dieſem Palaſte iſt faſt kein Licht, nur aus einem einzigen Fenſter dringt durch ſchwere Vorhänge ein leichter Schimmer hindurch, der Schein bleibt ſich immer gleich. Sie hat ihn ſchon oft geſehen, wenn ſte während mancher Nacht ruhelos durch das Zimmer ſchritt, ſich bald über das ſchlafende Kind beugte, jetzt wieder an das Fenſter trat. Sie hat ihn oft⸗ mals ſeufzend betrachtet, dieſen Schein, aus einem hohen breiten Fenſter drang er hervor und hie und da war ein Mann an dieſes Fenſter getreten und hatte die ſchweren Vorhänge aus einander gethan und ihr dadurch einen Blick in das Innere des Zimmers vergönnt.—. — higer, mehr hrend m die wenn turz, nſeren je ge⸗ d wie immer kt mit d legt Haar nſtille, „ bald rniedet gooßen en vet⸗ einem leichter 85 Nacht lafende in eft⸗ breiten ditſes nandet mmerẽ Vedi Napoli, pui muori. Da bemerkte ſie wohl, wie prachtvoll es eingerichtet ſei, prächtige Teppiche auf dem Boden und die ſpielende Flamme des Kamins, wie ſie ſo freundlich Wände und Fenſter vergoldete; und in ſolchen Momenten hatte ſie ihren Kopf an die kalten Scheiben gelegt und aus tiefem Herzensgrunde geſeufzt, wenn ſie bedacht, daß auch ſie noch vor Kurzem ſolche Zimmer be⸗ wohnt. Nicht als ob ſie es bereue, daß ſie dieſelben nimmer bewohne, für ihre Perſon war ſie nicht unglücklich darüber, daß ſie ſte verlaſſen, aber wohl für das arme Kind hier in dem kalten Zimmer, in dem elenden Bette.„O hätte das Bübchen,“ dachte ſte,„nur für die Dauer ſeiner Krankheit ein ſolches Zimmer, es würde gewiß bald geſund werden!“— „Und kann es hier nicht wieder geſund werden?“ fragte ſie ſich plötzlich, drückte die Hand an die Stirne und ſchaute wild um ſich.„Wäre es denn möglich, daß das Kind hier ſterben könnte, weil es ihm an einem Arzte fehlt, an nothwendiger Pflege, an Allem?— O nein! Gott im hohen Himmel, das kannſt du nicht zugeben! Mein Kind, mein einziges, geliebtes kleines Kind!“ Und ſie warf ſich wieder über das Bett hin und weinte lang und bitterlich—— Gehen wir für einen Augenblick in unſerer Geſchichte um einige Zeit zurück, bis zu jenem Tage, wo in Genua der Ge⸗ vatter den Auftrag erhielt, den bewußten Brief ſeiner Herrin, der Signora Marina, zu übergeben. Er that es auch pflichtſchuldigſt und wunderte ſich nur, daß der Inhalt deſſelben keinen größeren Eindruck auf ſie zu machen ſchien. Aber konnte er in ihr Herz ſehen, konnte er es fühlen, wie wenig ihre äußere Ruhe die fürchterlichen Kämpfe in ihrem Innern kund werden ließ? Auch traf ſie der Schlag nicht ganz unvorbereitet. Sie hatte mit dem richtigen Gefühl des Weibes 218 Bweiundfünßzigſtes Kapitel. lange geahnt, daß es ſo kommen müſſe, und die letzte Unter⸗ redung mit dem Vater ihres Kindes hatte ſie von der Richtigkeit dieſer Ahnung überzeugt. Was ſollte ſte thun? Nach Deutſchland zurückkehren und dort mit dem zu leben, was ſie ſich erübrigt?— Ja, das wollte ſie. Aber zuerſt zog es ſie nach Neapel, nicht um ihn wieder zu ſehen, um ihn zu einer Aenderung zu vermögen, nein, ſie wollte blos zu erfahren ſuchen, ob er im Stande ſei, die eheliche Ver⸗ bindung mit ihr nicht blos zu löſen, nein, für ungültig erklären zu laſſen,(ſo etwas hatte ihr der Gevatter zugeflüſtert)— und dadurch ihrem Kinde ſein Recht, ſeinen ehrlichen Namen zu neh⸗ men, und ſie auf dieſelbe Art in die Klaſſe tauſend anderer un⸗ glücklicher Weiber zu werfen. ¹ Sie ſchrieb an Dubelli, ſie bat ihn, Briefe für ſie nach Genua zu ſchicken, ſie übergab ihrem getreuen Diener, dem Ge⸗ vatter, die ausgedehnteſten Vollmachten über ihre Wohnung, über ihr Vermögen. Sie nahm wenig Geld mit ſich nach Neapel, und beauftragte ihn, ihr die und die Summe nach Neapel zu ſchicken. Somit reiste ſie ab, kam dort an und um in dieſer Stadt, wo ſte ſo unerhörten Triumphs genoſſen, wo ſie ſo viele Freunde, Verehrer beſaß, nicht erkannt zu werden, miethete ſie ſich bei Santa Lucia ein kleines anſtändiges Quartier. Da blieben aber gleich zum Erſtenmale die Gelder aus, die ſie von Genua erwartete. Sie ſchrieb augenblicklich dorthin und bekam keine Antwort. Sie ſchrieb an ihren Banquier, auch der ließ nichts von ſich hören. Da gerieth ſie in große Verlegenheit. Zum Erſtenmale ſo recht allein in der Welt ſtehend, wußte ſie ſich nicht zu helfen. Sie bezahlte mit dem Wenigen, was ihr geblieben, ihr Quartier und bezog das kleine Zimmer in dem Hinterhauſe des Palazzo Albano. keit ung, apel, el zu tadt, unde, bei 4 , die und j der nheit. te ſie 3 ihr dem 219 Vedi Napoli, pui muori. Ihre Erkundigungen hatten auch bisher kein Reſultat ge⸗ liefert, denn der Name des Grafen war unbekannt: ſie wußte nicht, daß er den ſeines Onkels angenommen. Sie ſchrieb auf's Neue an Dubelli und ſtellte ihm ihre Lage vor, mittlerweile aber mußte ſie von ihren wenigen Sachen ver⸗ kaufen, um ihr Leben und das ihres Kindes friſten zu können. Da wurde das Bübchen krank, anfänglich unbedeutend: die Kälte des Winters hatte es angegriffen, die veränderte Lebens⸗ weiſe ihm geſchadet. Anfänglich ſpielte es noch mühſam lächelnd im Zimmer umher, wurde blaß und ſchwach, taumelte an den Stühlen, mochte nicht mehr ſpielen, und dann erfaßte es auf einmal jenes fürchterliche Fieber, welches das Kind auf das Bett hinwarf, vor dem jetzt die Mutter ſaß, es mit ihren Thränen benebend—————— Horch! waren das nicht Fußtritte auf der Treppe; ſollte es vielleicht der Armenarzt ſein, den die mitleidige Frau, welche unten wohnt, verſprochen, hinaufzuſchicken?— Nein, ſie hatte ſich geirrt, dießmal war es Jemand anders, denn die Tritte ver⸗ hallten auf der unteren Treppe.— Aber jetzt wieder, ja, jetzt tappte es höher hinauf, jetzt war es ſchon auf dem Gange, jetzt verſuchte es in der Dunkelheit draußen den Schlüſſel zu finden, und die arme Mutter ſprang an die Thüre hin, um zu öffnen. Es war der Arzt, ein alter freundlicher Italiener,— der Armenarzt; man ſah ihm an, daß ſeine Praxis gering und ſchlecht war. Er trat an das Bett des Kindes, fühlte ſeinen Puls, ſeinen Kopf, ſeine brennenden Schläfe und blickte die Mutter nachdenklich an. Mit namenloſer Spannung hiengen ihre Augen an den Lippen des Arztes. 1 „Das arme Kind iſt ſehr krank!“ ſagte er.„Es hat ein heftiges Gehirnfieber.“— 220 Zweiundfünßigſtes Kagitel. „Iſt das ſehr gefährlich?“ hauchte die Mutter kaum hör⸗ bar hervor. „Allerdings, Signora, ſehr gefährlich, aber es ſterben nicht alle Kinder daran.“ „Nicht Alle?“—— Der Arzt ſah die junge Frau theilnehmend an, dann blickte er in dem Zimmer umher, ſah auf den eleganten Reiſekoffer und fragte:„Sie ſind eine Fremde? Sie haben keine Verwandte, keine Bekannte in der Stadt?“ „Niemand!“ Der Doktor ſchüttelte den Kopf.—„Und Ihr Vermögen, — Sie verzeihen mir, ich frage nicht aus Unbeſcheidenheit,— erlaubt Ihnen keine andere Wohnung? Es iſt nämlich etwas kalt hier, Signora, ein Kaminfeuer könnte nichts ſchaden.“ Sie ſchüttelte mit dem Kopfe. „Es wäre auch für das Kind beſſer,“ fuhr er fort und be⸗ trachtete das Bübchen theilnehmend,„ich will morgen Schritte für Sie thun, Madame;— Sie ſind eine Deutſche? das Beſte wäre, wenn ich mich an Ihre Geſandtſchaft wendete, Sie haben doch Ihre Papiere?“— „„Ja, ich habe meine Papiere!“ ſagte ſie mit tonloſer Stimme, naber ich will ſie nicht aus meinen Händen geben, ich will, ich kann bei der Geſandtſchaft nicht genannt werden.“ „Das iſt ſchlimm!“ entgegnete der Arzt,„aber ich will wenigſtens verſuchen, ob ich auch ohne Ihre Papiere morgen etwas für Sie thun kann.“ „Morgen!" ſagte ſte ziemlich erleichtert und blickte auf das Kind,„alſo iſt es, Gott ſei gelobt! nicht ſo gefährlich, daß man heute noch etwas thun müßte?“ Der Doktor ſah ſie verwundert an.„Ei, Madame,“ ſagte er, vich ſprach nur von morgen wegen einer möglichen Wohnungs⸗ 4 Vedi Napoli, pui muori. 221 veränderung für Sie, das Kind aber i*ſt ſehr gefährlich krank, für daſſelbe muß ſchleunig etwas geſchehen.“ „Ah!“——. „Sie haben wohl einiges Geld? Sonſt würde ich Ihnen mit einer Kleinigkeit aushelfen, eine Arznei, die ich ſelbſt machen kann, will ich Ihnen ſchicken, jetzt aber müſſen wir ſogleich dem Kinde Eisumſchläge machen.“. „Ah, Eisumſchläge!“ „Haben Sie Jemand, den Sie in ein benachbartes Kaffee ſchicken können, um dergleichen zu holen?“ „Die Frau, die mir hie und da Einiges hilft, kommt erſt morgen Früh. „Aber es muß ſogleich ſein!— Es iſt wahrhaftig nichts Anderes zu thun, gehen Sie die paar Schritte ſelbſt, Sie wiſſen vielleicht, gleich unter der Ecke von Toledo iſt das Café de TEurope. Gehen Sie dahin und treten Sie dort zu der erſten kleinen Thüre herein, es ſind immer da viel weniger Leute als in den großen Zimmern.“ „Aber das Kind? Ich kann doch mein Kind nicht allein laſſen!" „Seien Sie unbeſorgt, Madame, ich bleibe ſo lange bei dem Kinde; ein Arzt iſt in ſolchem Falle faſt ebenſo gut, wie eine Mutter.¹ „Nun denn in Gottes Namen!— Gott lohne es Ihnen!“ Eilig ſuchte ſte im Zimmer nach einem großen Shawl, den ſie umwarf, nicht ohne bei jedem Schritt und Tritt den Kopf rückwärts nach dem Bette zu wenden. Auch als die unglückliche Mutter endlich zur Thüre hinaus gieng, blieb ſie noch unter der⸗ ſelben ſtehen und ſchaute ihr Kind mehrere Mal mit innigſtem, zärtlichſtem Blicke an. Der freundliche Arzt mußte ihr mehrere Mal mit der Hand winken, ſte ſolle jetzt endlich gehen.—— Zweiundfünßzigſtes Kapitel. Der Vicomte mit dem deutſchen Huſaren⸗Offizier, ſowie Alfons und Alfred, auch Baron Karl und die beiden Grafen von St. Alban hatten ſich in kurzer Zeit an einander gewöhnt, und man fand ſte faſt immer in derſelben Geſellſchaft. Da die herrſchende Saiſon zu weiten Ausflügen prachtvollen Umgebungen Neapels nicht geeignet war, ſo be⸗ ſchränkte man ſich mehr auf das, was die Stadt ſelbſt bot. Man beſuchte gemeinſchaftlich die Muſeen, man dinirte zuſam⸗ men, häufig im Palazzo Albano, man traf ſich in Geſellſchaften, kurz, man amuſirte ſich außerordentlich gut. Der alte Graf von St. Alban, ſehr vergnügt darüber, daß er Gelegenheit hatte, einem kleinen angenehmen Kreis ſein Haus zu öffnen, war in ſolchen Stunden heiter, ja luſtig; aber auch nur in dieſen Stunden, und nachher, wenn er wieder allein ſaß, in dem großen Gemach bei ſeinem Kaminfeuer, ſtiegen nach wie vor die Geſpenſter des Mißmuths und der Einſamkeit neben ihm auf und verſetzten ſein Herz in Trauer.— Es war heute ein ſolcher Abend: der Graf fühlte heftige Schmerzen und ſaß zuſammengebeugt in ſeinem Lehnſeſſel. Draußen vom Meere her pfiff der Wind kälter und unfreund⸗ licher wie je. Es war vielleicht acht Uhr; die Straßen waren leer, in den Kaffeehäuſern wogte ein luſtiges, glänzendes Leben, beſon⸗ ders in dem Café de 1'Europe, dem Zuſammenfluß aller vorneh⸗ men, eleganten Leute. In den obern Zimmern deſſelben bei dem berühmten franzöſiſchen Reſtaurateur befand ſich eine Geſellſchaft junger Leute beim Beſchluß eines außerordentlich feinen Diners. Die theuerſten Weine funkelten in allen Farben in den feinge⸗ ſchliffenen Kelchen. Graf Eugen, der einige Bekannte eingeladen hatte, ſetzte ihnen an edlen Weinen, was die Krater und Fels⸗ wände ſeines Heimathlandes nur Geiſtvolles und Edles im Stande waren, auszukochen. in die — Vedi Napoli, pui muori. 223 geſtehen,“ ſagte Graf Alfons,„daß man ſchon „Ich muß was dieſen Wein anbelangt, bei Euch im Stande wäre, ſich, gerne baldigſt zu acclimatiſiren.“ „Das glaube ich gerade nicht,“ entgegnete Alfred,„wenig⸗ ſtens ich für meinen Theil trinke auch hie und da gern ein Glas Syracuſer oder Lacrymä, möchte aber keinen Eurer italieniſchen Weine täglich auf meinem Tiſche haben.“ „Ganz meine Anſicht!“ lachte der Vicomte,„Alles, was wir hier auf dem Tiſche ſehen, ja Champagner, ſpaniſche Weine, Tokayer, feine Rheinweine, ſind nur eine angenehme Verzierung des ſoliden Gebäudes, welches man mit dem erſten Weine der Welt, dem Bordeaux, aufgeführt. Bordeaur iſt der einzige Wein, den man als ſolchen behandeln, von dem man viel trinken kann. Bordeaux erwärmt, ſättigt, erheitert, reſtaurirt. Erhebt Euch von einem ſchweren Gelage und Ihr könnt Eurem Magen nicht beſſer thun, als wenn Ihr ihm gleich eine Arznei zur Ver⸗ dauung, ein Glas guten alten Medoc eingebt.“. „Der Vicomte hat Recht!“ lachte der junge Offizier, nich ziehe all' dieſe leichten feurigen Truppen bereitwillig zurück und laſſe meine Artillerie auf der ganzen Linie abfahren, ſobald ſich eine ſchwere Bordeaux⸗Batterie zeigt.“ „Ich will damit nicht geſagt habe fort,„daß ich die italieniſchen Weine verachte. es gibt nichts Reizenderes und Lieblicheres als ein kleines Glas dieſes vortrefflichen Syracuſers.“. 7 Italien i*ſt ein herrliches, prächtiges Land!“ ſagte der Baron Karl und hob ſein Glas in die Höhe, nund wenn es auch gar keinen Wein darin gäbe, ich wäre ſchon zufrieden mit der Ausſicht von meinem Fenſter, d und dem unübertrefflichen Gefrorenen.“ „Dergleichen haben wir nicht in Paris,“ n,“ fuhr der Vicomte ſagte der Vicomte, Im Gegentheil, en deliciöſen Frutti de Mare Zweiundfünfzigſtes Kapitel. „obgleich Tortone auch ein Italiener iſt, ſo bringt er doch nie ein Pezze zu Stande, wie der göttliche Donzelli auf Toledo.“ Da die Unterhaltung auf Italieniſch geführt wurde, ſo ver⸗ ſtand ſte der ſervirende Kellner vollkommen und ſetzte jetzt ſchmun⸗ zelnd ein wahres Meiſterwerk von Gefrorenem auf. Es war eine Fruchtpyramide, beſtehend aus künſtlichem Eis, geformten Trau⸗ ben, Granat⸗Aepfeln, Ananas⸗Orangen, Citronen, Mandeln, und jedes hatte, analog der Fruchtart, die es vorſtellte, einen andern feinen Geſchmack. Das Hauptſtück dieſer Pyramide, eine koloſſale Melone, deren Rinde aus dem Aromatiſchſten beſtand, das man Pflanzen und Früchten herausziehen konnte, war gefüllt mit zuſammengefrorenem Champagner⸗Schaum. Zu allem dieſem Gefrorenem, ſowie zum Abkühlen der ver⸗ ſchiedenerlei Flaſchen für die Tafel droben hatte man aber auch am heutigen Abend drunten in der Küche eine ſolche Menge Eis und Schnee verbraucht, daß es dem erhitzten, ermüdeten Koch eigentlich nicht übel zu nehmen war, daß er eine arme Frau, die drunten im Buffet erſchien, um für eine Kleinigkeit Eis für ihr krankes Kind zu kaufen, nicht gerade den freundlichſten Beſcheid gab. Sie hätte auch vielleicht gar nichts erhalten, wenn ſich nicht die mitleidige Dame des Comptoirs ihrer angenommen und den Tyrannen in der Küche mit einigen ernſten und eindring⸗ lichen Worten dazu vermocht, der armen Frau das Verlangte zu geben Dieſe packte das Erhaltene in ein kleines Tuch und wollte ſich eben dankend entfernen, als an der Thüre, aus welcher ſie heraustreten mußte, ein elegantes Coupé ſo dicht vorfuhr, daß die arme Frau genöthigt war, einen Schritt zurückzutreten. Ein großer Mann, der vorn neben dem Kutſcher auf dem Bocke ſaß, ein herrſchaftlicher Jäger mit ſchwarzem Federbuſch, reich geſtickt und bandelirt und klirrendem Hirſthfänger ſprang herab und eilte in’'s Haus. Vedi Napoli, pui muori. In dem hellerleuchteten Veſtibul ſtand er ſo plötzlich jener armen Frau gegenüber, die an ihm vorbei auf die Straße wollte; ſte blickte in dieſem Augenblick in die Höhe, und darauf war es, als wollten ihr die Knie zuſammenbrechen. Lukas, der einer armen hülfloſen Frau auf alle Fälle beigeſprungen wäre, eilte in ihre Nähe, hielt ſie mit dem linken Arm aufrecht, und wie ſte alsdann nochmals in die Höhe ſchaute, fuhr er mit der Hand über ſeine Augen und ſagte mit leiſer, zitternder Stimme:„Herr Gott im Himmel!“— War denn das möglich, konnte er die kleine Marie, die gefeierte Tänzerin, die eine vornehme, reiche Dame geworden, hier ſo wieder finden?— in dieſer ärmlichen, unſcheinbaren Kleidung auf dem Vorplatze des Kaffeehauſes, wo man ſonſt kein weibliches Weſen ſah, mit einem kleinen Päckchen unter dem Arm?— War das möglich? Als habe ſte ſeine Gedanken vollkommen verſtanden, ſo ſah ihn die unglückliche junge Frau einen Augenblick an, dann ſagte ſie ihm leiſe einige erklärende Worte, weßhalb ſie hier in dem Hauſe ſei, ſchüttelte mit dem Kopfe und ſank dann ohnmächtig zuſammen. Wie ein Kind nahm ſie der große ſtarke Mann auf den Arm, öffnete den Schlag des Wagens und legte ſte ſanft in die Kiſſen, worauf er den Schlag wieder ſchloß und in drei bis vier Sprüngen die Treppe hinauf in das Speiſezimmer eilte. Die Frucht⸗Pyramide war eben zerſtört und zerſchnitten worden, als der Jäger mit Ungeſtüm in das Zimmer trat. Sein Geſicht war todtenblaß und er ſchien faſt leichenhaft unter dem kohlſchwarzen Haar und Bart. Sein Hirſchfänger, den er gefaßt hielt, klirrte in ſeiner zitternden Hand. „Ei, Lukas,“ rief Graf Alfons bei ſeinem Eintreten,„was iſt denn, haben Sie ein Geſpenſt geſehen?“ „Ja, Herr Graf,“ ſagte der Jäger mit dumpfer Stimme Hackländer, Namenl. Geſchichten. III. 15 . — — ———— = — * 24 226 Zweiundfünßzigſtes Kapitel. und wandte ſich darauf an ſeinen Herrn.„Herr Baron, ich bitte Sie um Gottes Willen, nur einige Worte zu hören!“— Alle, die den Jäger Lukas, dieſen ſonſt ſo ernſten, geſetzten Mann kannten, ſahen ſich erſtaunt an und blickten aufmerkſam auf den Baron Karl, der mit ihm in eine Fenſterecke getreten war. Sie ſahen, wie der Baron zuſammenfuhr, und hörten ihn ſagen:„aber Lukas, das iſt ja unmöglich! Haſt du ſie erkannt? biſt du deiner Sache ſicher?“ „So gewiß, als ich Sie kenne, Herr Baron, und ſo gewiß ich Sie vor mir ſtehen ſehe.“ „Und haſt du ſte in meinen Wagen gebracht?“ „Ja, Herr Baron. 4 „Schön! Fahre im Schritt mit ihr nach meinen Hotel, ich werde noch vor euch da ſein, um meine Frau zu benachrichtigen. Man muß alles Mögliche für ſie thun.— Was mag ihr wider⸗ fahren ſein?— Sie verzeihen meine Herrn,“ wandte er ſich an die Geſellſchaft,„ein dringendes Geſchäft, eine unglückliche Landsmännin, der ich helfen muß!“ „Aber ſo ſagen Sie doch, Baron,— was iſt's denn?— Sie ſehen, wie neugierig wir ſind!“ riefen die jungen Leute durch einander, und der Graf Alfons ſagte lachend:„Ehemann! Ehe⸗ mann!“ „Macht keine Späſſe!“ entgegnete ernſt der Baron,„du wirſt dich entſetzen, wenn ich dir ſage, wen mein Jäger drunten an der Thüre getroffen, in ärmlicher Kleidung, ſich für ein paar Soldi Eis kaufend für ihr krankes Kind, das an einem heftigen Fieber darnieder liegt.“ „Nun? 4— „Maria, unſere kleine, liebenswürdige Tänzerin!“ ſagte bewegt der Baron und griff nach ſeinem Hute. „Maria?“——— Vedi Napoli, pui muori..227 „ich bitte„Doch nicht dieſelbe, die hier in Italien ſo großes Furrore — machte?“ fragte Alfred. „geſetzten„Dieſelbe!“— ufmerkſam„Die ſich bei einer Schiffbruchs⸗Geſchichte ſo famos be⸗ getreten nommen?“ ſagte der Vicomte. pörten ihn„Dieſelbe!“ erkannt„Signora Marina?“ „Dieſelbe!“ ſo gewiñ Einen wahrhaft fürchterlichen Anblick bot in dieſem Augen⸗ blicke Eugen, der Graf von St. Alban. Er hatte krampfhaft die Lehne des Seſſels gefaßt, und lauſchte den obigen Fragen und Antworten mit einem entſetzlichen Intereſſe. Alles Blut war aus ſeinem Geſichte verſchwunden; es war gelb, wie das eines Todten. Hotel, ich Seine Augen, weit aufgeriſſen, ſtarrten bald den Baron, bald grichtigen. den Jäger an, ſein Athem ſtockte, ſeine Bruſt hob ſich mühſam. hr wider⸗„Signora Marina!“ er ſich an Dieſe Worte ſchrie er gellend heraus und machte ſich ge⸗ glückich waltſam Bahn nach der Thüre zu. 4 „Um Gotteswillen! was iſt das nun wieder?“ rief der „ Baron aus und hielt ihn feſt am Arme.„Wo wollen Sie hin? benſ— Was iſt geſchehen?“ 4 in„Zu ihr! zu ihr!“ rief der junge Mann flehend,„laſſen n! Ch Sie mich um Gottes Barmherzigkeit willen gehen!“ Alle traten erſtaunt näher. „Ah!“ ſagte Alfons, dem ein ſchreckliches Licht aufzudäm⸗ mern begann, und faßte den Italiener feſt an dem anderen Arme. ron,»du 1 er drunten ein paar 4„Ah, Herr Graf, Sie kennen die deutſche Tänzerin?“ Und bei heftigen 1 dieſen Worten lagerte ſich ein fürchterlicher Ernſt auf ſeinen Zügen. 3„Ja, ja!“ ſtieß der Andere mühſam hervor,„ob ich ſie 1“ fagzte kenne, die Unglückliche?“ Entſetzt ließ ſowohl der Baron, wie Alfons die Arme des 8 15* —— — 3 8— 1—— —n—snnͤͤͤ ͤͤ ͤͤöͤſͤſö- — 2.—*— Zweiundfünfzigſtes Kapitel. jungen Mannes los, und der Graf ſagte mit tiefer Stimme: „ſo waren Sie derjenige— 24 „Nur jetzt keine Fragen!“ bat der Graf von St. Alban, num aller Heilligen Willen, nur jetzt nicht! Ich will Ihnen mor⸗ gen in Allem Rede ſtehen.“ „Aber was wollen Sie jetzt beginnen?“ ſagte kalt der Baron. „Ich will ſie in das Haus meines Onkels bringen. Ich habe ein Recht dazu,———— ſie iſt ja doch mein Weib.“ Mit einer tiefen Verachtung in den Zügen traten Alle einen Schritt von dem jungen Manne zurück. „Sie werden mir aber erlauben,“ ſagte nach einer Pauſe der Baron Karl,„daß ich Sie, Herr Graf, begleite, denn nach Allem dem, was hier vorgefallen ſcheint, will ich das arme Weib Ihren Händen nicht allein überlaſſen.“ Ein Blick des tiefſten Schmerzes fuhr bei dieſen Worten aus den Augen des jungen Grafen, doch er faßte ſich und ſagte: ich kann Ihnen nicht Unrecht geben.— Doch eilen wir, Baron.“ 3 Lukas war ſchon die Treppen hinab geeilt, und die beiden Herrn folgten ihm. Das arme Weib lag noch immer beſtnnungslos in der Ecke des Wagens; auf einen Wink des Barons ſetzte ſich Lukas, der ja mit ihr am Genaueſten bekannt war, an ihre Seite und der Kutſcher erhielt den Befehl, im Schritt nach dem Palazzo Albano zu fahren. Die beiden jungen Männer warfen ſich in das Coupé des Grafen und fuhren im geſtreckten Galopp dem anderen Wagen voraus.————————— Der alte Graf von St. Alban ſaß, wie geſagt, an dieſem Abend mißvergnügter und verdrießlicher als ſeit längerer Zeit vor ſeinem großen Kamin in dem einſamen Gemach. Er unter⸗ auſe nach Veib rten gie: wir, eiden Vedi Napoli, pui muori. 229 hielt ſich damit, das Holz vor ihm zu kunſtvollen Pyramiden zuſammen zu bauen und dann zuzuſehen, wie die Flamme behend hindurch leckte und die Gluth ſeine Arbeit ſo ſchnell verzehrte. Wenn die verbrannten Stücke kniſternd zuſammenſtürzten, ſo konnte er ihnen längere Zeit gedankenvoll nachſehen und ſich, wie es ſchien, in recht unangenehme Gedanken verſenken. Er fuhr dann plötzlich in die Höhe mit einem halblauten verdrießlichen Ausruf und blickte zornig um ſich. Der Graf, nachdem er wieder mehrere Tage angenehme Geſellſchaft um ſich gehabt, fühlte ſich heute, durch ſeine Schmer⸗ zen im Zimmer allein zurückgehalten, doppelt einſam und ver⸗ laſſen. Er hatte nicht gewollt, daß man ihm zu lieb, um ihm Geſellſchaft zu leiſten, das beſprochene Diner aufſchiebe; er wollte Niemanden ſein Vergnügen rauben, und zog es vor, allein hier zu ſitzen, nachdenklich, verſtimmt, traurig und verlaſſen. „Da raſſelte eine Equipage mit außerordentlicher Geſchwin⸗ digkeit in das Portal des Palaſtes. Die Thüre wurde aufgeriſſen und Eugen ſtürzte herein, gefolgt von Baron Karl. In wenigen Worten, aber mit leidenſchaftlicher Haſt er⸗ zählte der junge Mann, was ſich zugetragen, und bat um ein Aſyl für die Mutter ſeines Kindes. Der Baron unterſtützte ſeine Bitte, indem er verſicherte, Graf Eugen habe mit Gewalt ver⸗ langt, ſte hieher zu führen, und er ſei eben im Begriff geweſen, die unglückliche Landsmännin, die er ſchätze und achte, ſeiner Frau zuzuführen. G Der alte Graf hatte ſich mühſam erhoben, ſtützte ſich auf ſeinen Stock, und ſah bald den Einen, bald den Andern fra⸗ gend an. „Aber ich will nicht hoffen,“ ſagte er nach einer Pauſe, „daß das eine verabredete Geſchichte i*ſt, ein vorbereiteter Ueber⸗ fall, ein überlegter Angriff auf mich!“ Zweiundfünßigſtes Kapitel. Der Baron ſchüttelte ernſt mit dem Kopfe, und Eugen fal⸗ tete bittend die Hände. Unterdeſſen hörte man eine andere Equipage in den Hof fahren, und einige Zeit darauf erſchien der alte Kammerdiener, wie fragend an der Thüre des Gemachs. „Man geleite Madame hieher!“ ſagte ernſt der Graf, und dieſen Befehl verſtehend, ſtürzte Eugen an dem Kammerdiener vorbei, der Treppe zu.—————— Schleichen wir uns einen Augenblick hinweg von dieſem Wiederſehen, ſo unendlich ſchmerzlich für das arme, junge Weib, mehr aber noch für ihn, der Alles dieß verſchuldet. 4 Wenn er vielleicht kurze Zeit nach jenem unglückſeligen Briefe vor ſie hingetreten wäre, ſo hätte ſte ſich zürnend von ihm abgewandt, ihr Herz hätte es nicht vermocht, ſeinen Betheurun⸗ 3 gen zu glauben, ſeinen flehenden Bitten nachzugeben. Aber heute, tief erſchüttert von Allem dem, was über ſie hereinge⸗ brochen, faſt beſinnungslos über all das Unerwartete, das ihr in dieſen wenigen Augenblicken begegnet, ſank ſie bei ſeinem An⸗ blick ihrem treuen Führer, dem Freunde ihrer Kindheit, von Neuem faſt ohnmächtig in die Arme, doch ſchloß ſte ihr Auge 4— nicht, und wenn auch ihre weißen Lippen zur Begrüßung für ihn nur die wenigen ſchrecklichen Worte:„mein Kind! mein Kind!“ hatten, ſo ließ ſie ihm doch ihre Hand, die er, vor ſie niederknieend, laut weinend mit ſeinen Küſſen bedeckte. Dem alten Kammerdiener, der die Geſchichte des Hauſes wohl kannte, rannen die Thränen über die Wangen, und die Wachstropfen von den Lichtern, die er in der zitternden Hand hielt, über den Arm herab. — Unterdeſſen hatte der Armen⸗Doktor bei dem Bübchen ge⸗ ſeſſen, und als nach einer ziemlichen Zeit die Mutter mit dem ⸗ Vedi Napoli, pui muori. 231 Eis immer noch nicht kam, ſchüttelte er ſeinen grauen Kopf. Nicht, als ob er über dieſes Ausbleiben ungeduldig geworden wäre, oder als ob ihn ſeine koſtbare Zeit gedauert— nicht im Geringſten!— denn ſeine Zeit war ihm leider nicht koſtbar. Er hatte faſt gar keine Praxis und war aus dieſem Grunde nicht blos ein Armen⸗Arzt, ſondern auch ein armer Arzt.— In's Kaffeehaus, um vor Schlafengehen ſeinen Kaffee zu trinken, kam er immer noch zeitig genug; auf ſeiner Stube war es nicht wär⸗ mer und comfortabler wie hier, und dann war er vollkommen verſichert, daß ihm die Madonna für die Hülfe, die er dieſem armen Kinde angedeihen ließe, einen tüchtigen Strich im Buche des Himmels machen würde. Das Bübchen war in einen ruhigeren Schlaf geſunken. Der Doktor hatte ihm aus dem Waſſerkrug kalte Umſchläge auf die brennende Stirne gemacht, und das ſchien dem Kinde wohl zu thun. Wenn nur die arme Frau, dachte er bei ſich ſelbſt, keine Ungelegenheiten gehabt hat, oder irgendwo zu Schaden gekom⸗ men iſt!— Bah! den Weg nach dem Café de l'Europe kann ja von hier jedes Kind finden.— Er ſtand auf und gieng eine Zeit lang in dem Stübchen auf und ab, dann trat er an's Fenſter, welches auf den Hof des Palazzo Albano führte. Da unten bei den großen Fenſtern ſah man Lichter vorbei⸗ irren, der ſonſt ſo finſtere Hof war ebenfalls erleuchtet, und der helle Schein einiger Wagenlaternen glänzte zwiſchen den grünen Bäumen herauf. „Wie ſind doch die Glücksgüter ſo ungleich vertheilt!“ ſeufzte der arme Doktor, vall' der Spektakel da unten iſt zu Bedienung eines Einzigen, auf ſeinen Wink bewegen ſich ein paar Dutzend Hände, und wenn ich morgen früh anſtändig ausgehen will, muß ich mir Rock und Hut ſelbſt ausbürſten.— Und wenn ich auch nur an die arme Frau hier denke. Mit dem, was ſie heute Zweiundfünßigſtes Kapitel. Abend da unten an Lichtern verbrennen, könnte ſte die Krankheit ihres kleinen Kindes ruhig abwarten und daſſelbe bis zu ſeiner Geneſung vollkommen pflegen.— O verkehrte Welt!“ Drunten im Hofe wurde unterdeſſen eine Stimme laut und rief einem der Kutſcher:„Giuſeppe!“ „Hier! Was ſoll's?“ „Augenblicklich zum Doktor B. hinfahren! Die Pferde laufen laſſen, was ſie können, ihn aufſuchen, wo er iſt! Er muß in einer Viertelſtunde hier ſein!“ Der Kutſcher ſchwang ſich auf ſeinen Bock, und der Wagen raſſelte und dröhnte zum Thore hinaus. Der Armen⸗ Arzt oben am Fenſter nahm achſelzuckend eine Priſe und ſagte:„ja, ja, zum Doktor B., den läßt man mit der Equipage holen und bezahlt ihn mit Gold, nachdem er ein⸗ mal einen Puls gefühlt und vielleicht etwas Niederſchlagendes verſchrieben. Und dieß Niederſchlagende aus der Pharmazia wird ebenfalls geholt, was die Pferde laufen können!“— Er wandte ſtch unmuthig in's Zimmer zurück und trat wieder an das Bett. „Armes Kind!“ ſagte er,„und du, das wirklich in Gefahr iſt, für dich rennen nicht Pferde und Bediente, für dich muß eine arme Mutter in die Nacht hinaus, um etwas Eis für dich zu holen.— Armes Weib!— verkehrte Welt!“ Dießmal hatte der Armen⸗ Arzt einigermaßen Unrecht. Jetzt hörte er Schritte auf der Treppe; aber es konnte nicht die Frau ſein: es waren Männerſchritte, und er vernahm Stim⸗ men, die etwas fragten, und die Stimme eines alten Weibes, die antwortete:„noch eine Treppe⸗ öher, Signori!« Dann wurde die Thüre des kleinen Zimmers, in welchem er ſich befand, haſtig geöffnet, ein funger, elegant gekleideter Mann trat herein, blickte ſich überall um und fragte:„wo iſt das Kind?“ Der Doktor ſchaute ihn verwundert an und ſagte:„wenn 8 inkheit ſeiner und Gferde muß agen ht n 4 233 Vedi Napoli, pui muori. Euer Gnaden das Kind der armen Frau, die hier wohnt, meinen, ſo liegt es hier in dem Bette und ſchläft.“ Darauf trat der junge Mann näher, kniete vor das Bett hin, legte ſein Geſicht auf die kleine herabhängende heiße Hand des Kindes und blieb ſo einige Minuten lang ohne Bewegung liegen. Mit Erſtaunen bemerkte der Doktor, daß ihm mehrere Männer gefolgt waren, die nun ebenfalls in das Zimmer traten. Ein großer Mann mit ſchwarzem Bart trug eine Wachsfackel und ſtellte ſich an das Bett, und ihm liefen die dicken Thränen in den ſchwarzen Bart. Der gute mitleidige Doktor konnte ſich bei dieſem Anblick nicht enthalten, ſich ebenfalls die Augen zu wiſchen, doch blickte er fragend auf den großen Mann mit dem ſchwarzen Bart. „Wir wollen das Kind abholen,“ ſagte dieſer mit leiſer Stimme. „Aber die Mutter?“ „Iſt ſchon da.“ „Hier?“ „Gleich neben an in dem Palazzo Albano.“ „Ah!“— Dem Doktor begann ein ſchwaches Licht aufzu⸗ dämmern.„Aber,“ ſagte er,„man kann das Kind in der kal⸗ ten Nacht nicht über die Straße transportiren, und dann,“ ſetzte er leiſe hinzu,„habe ich auch der Mutter verſprochen, bei dem kranken Kinde zu bleiben, bis ſte zurückkäme. Ich weiß dann auch nicht, ob ich zugeben darf—“ „Wer ſind Sie?“ fragte der junge Mann, der ſich jetzt von dem Boden erhoben hatte. „Ich bin der Armen⸗ Arzt. Man hat mich zu dem Kinde gerufen, ich habe, wie Sie ſehen, bereits das Nöthige angeord⸗ net und ihm kalte Umſchläge gemacht.“ „Ich danke Ihnen von Herzen; aber wir wollen das Kind zu ſeiner Mutter bringen.“ Zweiundfünßigſtes Kapitel. „Ueber die Straße?“ „O nein! Dieß Haus ſtößt an den Palaſt, wir brauchen nur eine Thüre zu öffnen. Wenn es Ihnen gefällig iſt, gehen Sie mit und helfen uns das Kind gut und warm hinüber bringen.“ Mit Freuden legte der Doktor Hand an; die Männer hatten einen großen Korb mitgebracht, und in die durchwärmten Bett⸗ chen in demſelben wurde das kranke Bübchen ſanft gelegt, dann deckte man den Korb mit Teppichen zu, zwei der Männer faßten ihn an, Lukas leuchtete mit der Fackel vor und ſo gieng's die Treppen hinab, durch eine alte eiſerne Thüre, die ſeit Jahren nicht geöffnet war, hinüber in den Palaſt des Grafen St. Alban. Die unerwartete Geſchichte hatte mehrere Weiber aus dem Haus auf die Beine gebracht, und ſie weinten reichliche Thränen und prieſen die Madonna, daß es der ſanften, ſchönen Frau und dem armen, kleinen Kinde durch Gottes Hülfe ſo wohl ergangen. Die eiſerne Thüre ſchloß ſich knarrend, und damit trat das Bübchen in ein ganz anderes, ſchöneres Leben. In demſelben Gemache, dem Schlafzimmer des Grafen von St. Alban, zu deſſen Fenſtern die arme, junge Frau ſo oft des Abends ſehnſüchtig hinabgeſchaut, lag ſie jetzt ſelbſt in einem weichen Armſeſſel; eine alte Kammerfrau der Herzogin, die in dem Palaſte des Grafen geblieben, war um ſtie beſchäftigt und hatte die ſchweren Damaſt⸗Vorhänge des Fenſters zurückgeſchla⸗ gen, damit Maria hinauf ſehen konnte in ihr ehemaliges Dach⸗ ſtübchen, das jetzt von dem Glanz der Wachsfackel hell erleuchtet war. Bald aber erſtarb das Licht, es wurde dunkler und wenige Augenblicke nachher hatte die Mutter ihr Kind neben ſich, und an der anderen Seite den Vater ihres Kindes, dem ſie vergebend und vergeſſend und dankbar für die Wendung ihres Geſchicks gern ihre Hand liß.——————————— ———„»„ nuchen gehen nüber hatten Bett⸗ dann faßten Vedi Napoli, pui muori. 235 Der Graf von St. Alban, deſſen Herz im Grunde gut und mitfühlend war, hatte vorhin die arme, junge Frau bei ihrer Ankunft ſanft, ja liebreich empfangen. Sein Gemüth war ohne⸗ hin durch ſeine Krankheit erſchüttert, und die Einſamkeit, in der er lebte, war ihm unerträglich geworden. Er hatte ihr die Hand gereicht, ſte an ſeinen Seſſel geführt, und als ſie dankend zu ihm aufblickte, war er erſtaunt und über⸗ raſcht, ja im Innerſten tief erſchüttert, mit der Hand über ſeine Augen gefahren. Es tauchten merkwürdige Erinnerungen in ihm auf, und verworrene, undeutliche Bilder wurden in ſeiner Seele klar und lebendig. Mit zitternder Hand öffnete er jenes Käſtchen, ohne jedoch ein Wort mit ihr zu ſprechen. Mit tiefer Bewegung hatte er ſie aber in ſein eigenes Schlafzimmer geführt, das am behaglichſten eingerichtet war, und dann war er in ſein Zimmer zurückgegan⸗ gen, hatte die Papiere, Briefſchaften, das Portrait auf dem Marmortiſche ausgebreitet, und horchte mit außerordentlicher Theilnahme und ſteigendem Intereſſe, was ihm Baron Karl von dem Leben der deutſchen Tänzerin erzählte. Auch Lukas mußte erſcheinen, und deſſen Zeugniß, der die Mutter der kleinen Marie gekannt, ſtellte unzweifelhaft die Thatſache feſt, über welche der Graf im Innerſten ſeines Herzens erſchüttert, ja unendlich er⸗ freut war. 8 Dieſe Conferenz dauerte mehrere Stunden, und nachdem ſich der Baron Karl empfohlen, machte ſich der alte Graf das unendliche Vergnügen, ſeinen Neffen kommen zu laſſen, und ihm nach einigen Umſchweifen Alles mitzutheilen. Wir ſind erfreut, ſagen zu können, daß dieſe Nachricht den Grafen Eugen auf's Höchſte beglückte. Der alte Graf von St. Alban ließ noch in derſelben Stunde ſeinen Haushofmeiſter und Kammerdiener vor ſich erſcheinen, und eihnen an, daß die junge Dame, die ſo eben aus Deutſch⸗ Zweiundfünßzigſtes Kapitel. land angekommen und auf ihrer Reiſe einiges Unglück gehabt, die künftige Herrin ſeines Hauſes ſei die Gemahlin ſeines Nef⸗ fen, des Grafen von St. Alban.-—————— Nach dieſen ſchweren Ereigniſſen, nach dieſer unglücklichen Zeit voll Kummer und Noth verlebten unſere Freunde in Neapel, namentlich der junge Graf von St. Alban, einen herrlichen Liebes⸗Frühling und mit allen Andern einen ebenſo ſchönen wirklichen. Sie verließen Neapel im Monat März, nachdem ſie dort noch die ſchönſten Frühlingstage verlebt, um dieſelben in Rom wiederzufinden, und dann zogen ſte über Mailand an den Comerſee, wo Ende April Blätter und Knoſpen friſch und bunt eben erſt aus der winterlichen Hülle herausgeſprungen waren. Aus dieſer Reiſe, die des Schönen ſo Vieles bot, muß ich mir mit kurzen Worten erlauben, noch eine Begebenheit hervor⸗ zuheben, indem ſie zu innig mit den Namenloſen Geſchichten ver⸗ wandt ſind. Lukas, der Jäger, der als Courier vorauseilte, kam Abends nach Molo di Gasta, dieſem herrlichen, reizenden Ort mit ſeinen Orangen⸗ und Citronen⸗Gärten. Vor demſelben begegnete er auf der Heerſtraße einem Trupp Galeeren⸗Sklaven, welche nach Capua und den Gefängniſſen von Neapel gebracht wurden. Einer der Erſten, den er unter dieſem Trupp mit Ketten beladener Menſchen bemerkte, war— der Gevattev. Von Genua nach Civita Vechia hatte er auf einem neapo⸗ litaniſchen Schiffe einen Streit bekommen und ſeinen Gegner mit einem Meſſerſtich tödtlich verwundet. Sein Maß war voll. Er wurde zu lebenslänglicher Galeerenſtrafe verurtheilt, und wer die Wohnung, Beſchäftigung und Lebensweiſe dieſer unglücklichſten aller Menſchen je geſehen, wird eingeſtehen, daß er für ſeine vie⸗ len begangenen Verbrechen, wenn auch gerecht, doch ſchrecklich büßen mußte. bei tapel, rlichen hönen im ſle Vedi Napoli, pui muori. 237 Auf der großen, prächtigen Villa des Baron Karl am Comerſee richteten ſich alle unſere Bekannten, mit Ausnahme der beiden Grafen von St. Alban, die ihr eigenes Landhaus dort hatten, häuslich ein. Sie waren aber meiſtens Alle mit und bei einander, machten gemeinſchaftlich ihre Parthieen auf dem ſchö⸗ nen See und führten ein angenehmes, freudiges Leben. Wenn Maria, ſo unendlich glücklich mit dem Bübchen (welches durch ihre eifrigſte Sorgfalt und durch die Kunſt der beiden Aerzte in kurzer Zeit wieder hergeſtellt worden war), an ihrem Bogenfenſter ſaß und in die ſpiegelnde Fluth hinab⸗ ſchaute, ſo ſchwammen ihre Blicke auf der breiten Fläche dahin bis zu dem Fuß der Alpen, und ſchwangen ſich an den rieſenhaf⸗ ten Felſen leicht in die Höhe, und ihr geiſtiges Auge blickte als⸗ dann ſehnſuchtsvoll nach der Heimath,— nach Deutſchland, nicht um ferner dort zu wohnen, ſondern um das Grab ihrer Mutter aufzuſuchen und all' die Lieben wieder zu ſehen, die ihr, dem Kinde, ſo gut und freundlich geweſen.— Graf Eugen, der hinzutrat, ſchlang ſeinen Arm um ihren Nacken und unterbrach ihre Träumereien mit den Worten:„ſobald es anfängt, hier ſehr heiß zu werden, geliebte Maria, ſo wandern wir etwas weiter nach Norden.— Dreiundfünfzigſtes Kapitel. Alte Bekannte. 4 3. 4 An einem außerordentlich warmen Herbſtnachmittag deſſel⸗ 81 ben Jahres, in welchem unſer voriges Kapitel ſchließt fuhr ein Wagen in langſamem Schritt auf einer der Landſtraßen, welche zu der Reſtdenz führen, wo ſich der erſte Theil unſerer namen⸗ loſen/ aber ſehr wahrhaftigen Geſchichte begab. Dieſe Cquipage war kein Poſtwagen, auch keine Extrapoſt, ſondern jenes ſolide, ruhige Fortbewegungsmittel, welches maß Hauderer zu nennen pflegt. Langſam gieng dieſer Wagen übep alle Beſchreibung, einestheils, weil er etwas bergan gieng, hauptſächlich aber, weil der Kutſcher, Jornen übergebeugt, feſt ſchlief und alſo ſeine müden Pferde nicht antreiben konnte, dann, weil die zwei Paſſagiere im Wagen ebenfalls ſchliefen und ſich deßhalb nicht in der Verfaſſung befanden, ihrerſeits den Kutſcher anzutreiben. Fuhrleute, die dieſer Equipage begegneten, knallten zuweilen heftig mit der . Peitſche, verſetzten auch wohl den Pferden einen gelinden Schlag 1 und alsdann fuhr der Kutſcher ſchlaftrunken in die Höhe, riß a — Alte Bekannte. 239 den Zügeln, rief: hi! hi! und ein paar Schritte gieng es dann weiter in einem ſchläfrigen Trab. Dach gleich darauf wackelte der Kopf des Kutſchers wieder ſo hefg dernen über, daß man glauben ſollte, er ſuche auf dem Trittbrett einen verlorenen Sechſer; die Pferde ſenkten ihre Köpfe ebenfalls tiefer hinab, die beiden Reiſenden im Wagen ſchnarchten gelinde und die ganze Geſellſchaft bewegte ſich ſchneckenlangſam vorwärts. Die kleine Anhöhe, welche der Wagen hinauffuhr, war nun erſtiegen und oben, wo es wieder bergab gieng, ſtand rechts an der Straße ein Wirthshaus und vor demſelben dichtbe⸗ laubte Nußbäume, die einen herrlichen Schatten gaben, unter dieſen tannene Tiſche und Bänke und daneben ambulante Futter⸗ tröge für die Pferde, welche hier raſteten und gefüttert wurden. Die beiden ermüdeten Thiere, welche den vorhin erwähnten Wagen zogen, ſchienen es für gewiſſenlos zu halten, den nun folgenden ſteilen Berg ohne Aufſicht hinab zu fahren, auch moch⸗ ten ſie ſich angezogen fühlen durch die erfriſchende Kühle unter den Bäumen und namentlich durch die Futtertröge: ihr Schritt wurde noch langſamer, ſte ſchienen einen Augenblick zu überlegen, dann aber wankten ſie, vom gleichen Gedanken beſeelt, rechts von der Straße ab dem Wirthshauſe zu und blieben genau vor der Thüre deſſelben ſtehen. Ein Hausknecht mit rother Weſte und weißer Schürze bemerkte lachend die ſchlafende Geſellſchaft, und nachdem er einen Augenblick gewartet, ob ſie durch das plötzliche Anhalten des Wagens nicht aufwachen würden, rief er, als das nicht geſchah, ein lautes Hoi! Der Kutſcher fuhr in die Höhe, ſchaute ſich verwundert um und ſchien nicht unange⸗ nehm überraſcht, als er ſich ſo von der ſtaubigen heißen Chauſſee weg auf einmal in dieſe ſchattige Kühle verſetzt ſah und das Pgabenn de bemerkte, das ihm in Geſtalt eines Arms 4 1 n hölzernes Bierglas faſt unter die Naſe hielt, von welchem der gemalte Schaum recht appetitlich herniederfloß. 1 Dreiundfünßzigſtes Kapitel. „Ihr ſeid mir brave Fuhrleute!“ ſagte der Hausknecht lachend,„dankt Gott, daß Euch die Poſt nicht begegnet iſt. Die hätt' Euch in Grund und Boden hineingefahren.“ „Ich wär' ihr ſchon ausgewichen,“ ſagte brummend der Kutſcher, indem er von ſeinem Bock herabſtieg,„meint Ihr denn, wenn man in der Hitz' einmal ein Bischen die Augen zuthut, ſo ſchlafe man wie ein Dachs? Gib mal'nen Laib Brod heraus für die Pferde und'nen Schoppen für mich!“ Der Hausknecht verſchwand in der Thüre und der Kutſcher, nachdem er ſeinen Pferden die Trenſen abgeſtreift, trat an den Wagen, um ſeine Paſſagiere zu ermuntern. Dieſe beiden Herrn hatten bis jetzt, feſt in die Ecke des Wagens gedrückt, ruhig fortgeſchlummert. „Hier wollen wir ein Bischen halten,“ rief der Kutſcher hinein,„es wird Ihnen ſchon recht ſein; es gibt hier ein gutes Glas Bier und das kann man bei der fürchterlichen Hitze ſchon⸗ brauchen.“⸗ Der Eine der beiden Reiſenden, die ſehr feſt geſchlafen hatten, erwachte jetzt, ſchaute zuerſt den Kutſcher, dann ſeinen Reiſegefährten verwundert an und konnte nur langſam begreifen, wo er ſich eigentlich befinde. Der Andere dagegen öffnete ſchneller die Augen, ſtreckte die Hand zum Schlage hinaus und fragte, getäuſcht durch einen plätſchernden Brunnen im Hofe, ob es denn regne. Bald aber hatten ſich Beide verſichert, wo ſte eigentlich ſeien, und ſtiegen aus dem Wagenkaſten, worauf der Eine ſeine Uhr herauszog und ſich dann prüfend in der Gegend umſah. „Mir ſcheint, lieber Freund,“ ſagte er alsdann,„wir ſind entſetzlich ſchlecht gefahren; es iſt jetzt vier Uhr und Sie ver⸗ ſprachen uns, wir ſollten bis ſechs Uhr in der Stadt ſein; wenn ich mich aber nicht ſehr irre, ſo befinden wir uns hier noch eine Stunde von Malzberg entfernt, von da haben wir immer noch zwei gute Stunden nach der Reſtdenz.“ 1 1 Alte Bekannte. 241 Der Kutſcher zuckte mit den Achſeln, murmelte etwas von der fürchterlichen Hitze, von der ſtaubigen Chauſſee und ver⸗ ſicherte, wenn die Pferde hier ein Bischen ausgeruht, würde es von hier hinabgehen wie ein„ſtediges Donnerwetter.“ Die Reiſenden ließen ſich an einem tannenen Tiſche nieder, eine Kellnerin brachte Bier, faſt ſo ſchäumend wie das gemalte über der Hausthüre, und reichte es den Gäſten dar, die einen tiefen Zug aus den Gläſern thaten. Wir haben uns von jeher im Lauf unſerer wahrhaftigen Geſchichte bemüht, unſern Leſern die Wahrheit zu ſagen, wir haßten alle künſtlich hervorgebrachten Effekte und hielten es als gebildete Leute für unſere Pflicht, neu auftretende Perſonen dem geneigten Leſer ſogleich vorzuſtellen. Wir wollen dieß jetzt um ſo weniger unterlaſſen, da wir es mit ein paar alten Bekannten zu thun haben, die uns aber im Drange der Umſtände ſeit län⸗ gerer Zeit aus dem Geſichte verſchwunden find. Von den beiden Reiſenden, die ſich ſoeben eine Cigarre an⸗ zündeten und unter den hochſtämmigen Nußbäumen in das weite hügelige Land vor ſich ſchauten, heiteren Blickes, aber nachden⸗ kend, iſt der Eine der ſehr ehrenwerthe Tänzer Dubelli und der Andere unſer Freund, der Doktor Stechmaier. An dem Aeußeren dieſer beiden uns werthen Perſonen bemerken wir zu unſerer Freude, daß es ihnen wohl zu ergehen ſcheint. Beide ſind ſehr anſtändig gekleidet, und wenn ſie auf dem Kopfe die Reiſemütze tragen, ſo ſehen wir zur Rechten und Linken des Wagens ein paar Hutſchachteln baumeln und bemerken hinten aufgeſchnallt ein paar anſtändige Koffer und nebenbei können wir verſichern, daß die Uhr, auf welcher ſich Dubelli vorhin nach der Zeit er⸗ kundigte, von Gold war, a cylindre quatre trous en rubis fin. Zehn Jahre ſind eine lange Zeit, und wenn man ein ge⸗ wiſſes Lebensalter überſchritten hat, ſo macht uns dieſer Zeit⸗ raum ebenſowenig jünger, als er uns verſchönert. Dubelli hatte Hacklander, Namenl. Geſchichten. III. 16 — Dreiundfünßigſtes Kapitel. ſich beſſer conſervirt als der Doktor. Letzterer zeigte, als er ſeine Reiſemütze zufällig ablegte, einen erſchrecklichen Ueberfluß an Haarmangel. Er ließ die Haare ſeines Hinterkopfes ziemlich lang wachſen und trug den dort überflüſſigen Saldo auf das gänzlich entblößte Haben ſeiner unverhältnißmäßig hohen Stirne. Dubelli hatte ſeine Locken ziemlich behalten, ſein Geſtcht ſah gut⸗ müthig, freundlich, angenehm wie immer aus und ſein Körper war ſchlank geblieben, wogegen der Doktor wohlbeleibter ausſah als früher, mit etwas rötherem Geſichte; auch hatte er ſeine Brillengläſer der ſchlechten Augen wegen blau färben laſſen. „So ſind wir denn wieder im Vaterlande,“ ſagte Dubelli und ließ ſeinen Blick über die freie Gegend freundlich hinweg⸗ gleiten,„wir kehren zurück mit dem freudigen Bewußtſein, daß wir unterdeſſen vorwärts gekommen ſind, etwas errungen, etwas vor uns gebracht und— Manches erlebt haben.“ Der Tänzer ſchien ſich in den verfloſſenen Jahren Mühe gegeben zu haben, der Schwierigkeiten Herr zu werden, die ihm in früherer Zeit das Ausſprechen des St verurſachte. Er ſtieß nur noch zuweilen und faſt unmerklich, aber von einem förm⸗ lichen Stolpern wie früher war gar keine Rede mehr. „Lieber Doktor,“ fuhr der Tänzer fort, ich kann Ihnen nicht ſagen, welche große Freude es mir gemacht, als ich Sie geſtern Abend ſo unverhofft wieder ſah. Sie ſind einer jener lieben Menſchen, die ich gekannt in der damaligen wildbewegten Zeit, Ihnen gieng es wie mir damals hundeelend und als Sie auf der tiefſten Stufe des Elends ankamen, betrat ich ſchon die unterſte Sproſſe jener Leiter, die mich, wenn auch nicht hoch empor, doch in angenehme, behagliche Mittelregion brachte. Der Doktor hob würdevoll ſein Glas gegen die Sonne, ſchielte ſanft lächelnd in die glänzende Flüſſigkeit und ſagte: „ich war damals auf dem Punkt angekommen, auf einer Stel⸗ lung im Leben, von der man wohl ſagen kann, ſie ſei mit —————— — ꝑ———— Alte Bekannte. 243 eine der unterſten, jedenfalls eine der unbehaglichſten und uner⸗ quicklichſten.“. „Ja, theurer Freund, jetzt, da Alles vorbei iſt, kann man ſchon frei und offen darüber ſprechen. Als ich damals die Reſi⸗ denz verließ, um nach Paris zu gehen— Gott, ich vergeſſe jenen Abend nie, wo ich von Ihnen Abſchied nahm— „Saß ich im Schuldgefängniß,“ entgegnete der Doktor; „in jenem kleinen, einfachen Gemach mit vier harmloſen Wän⸗ den, einer melancholiſch verſchloſſenen Thüre, einem aufdring⸗ lichen Gitter vor den Fenſtern und meinem Bewußtſein. Das Letztere war das troſtloſeſte von Allem— das Bewußtſein näm⸗ lich. Meine Schulden hatten eine für mein Verhältniß erſchreck⸗ liche Höhe erreicht. Ich erinnere mich noch ganz genau, wie ich am erſten Tage meiner Gefangenſchaft mein Sündenregiſter ent⸗ warf. Hierbei leiſtete mir der bewußte Stadtplan die beſten Dienſte. Ich nagelte ihn an die Wand, meinem Bette gegen⸗ über und entwarf Pläne, auf welche Art ich die Straßen der Stadt, wenn ich wieder einmal in Freiheit ſei, für mich wieder gangbar und offen machen könne. Von meinen Gläubigern hatte mich nur der Drucker und Verleger der„Leuchte“ einſtecken laſſen, und dieſer heimtückiſche Buchhändler, ein kleiner, knuſpe⸗ riger Kerl, machte ſich ein Vergnügen daraus, mich da feſtzu⸗ halten, obgleich er wohl wußte, daß ich in langen Jahren nichts zahlen könne, und obgleich er obendrein noch ein Erkleckliches für meine Unterhaltskoſten zahlen mußte. So ſaß ich über ein halbes Jahr ohne irgend eine Ausſicht; mein einziger Troſt in dieſem Leiden war Kerkermeiſters Töchterlein; nicht als ob ich in Liebe zu ihr entbrannt wäre— Gott ſoll mich bewahren! das war nie meine ſchwache Seite— aber ſie lieh mir Zeitungen, ſie hielt mich mit den Stadtneuigkeiten auf dem Laufenden, ſte ließ mich von ihres Vaters Tabak rauchen, ſie kochte mir für die ſechs Kreuzer, die dem Papa täglich für mein Mittagsmahl aus⸗ 16* 244 Dreiundfünßzigſtes Kapitel. bezahl’ urden, ein gar ordentliches Diner und ſie ſprach mir vor allen Dingen Muth ein. Sie hatte leider Gottes einen hef⸗ tigen Anſatz zur Schwindſucht, war dabei ſanft wie ein Engel, kurz in Allem eine alte treue Seele.“ „Eine alte Seele?“ „Oder wenn Sie lieber wollen, eine junge Seele in einem alten Körper. Sie war hoch in den Dreißigen, als ſie ſtarb, denn daß ſie geſtorben, habe ich erfahren.“ Der Doktor trank bei dieſen Worten ſtill und wehmüthig ſein Glas aus, und klopfte alsdann heftig auf den Tiſch, um ſich friſch einſchenken zu laſſen. „Und die conſervative Partei, für die Sie geſchrieben und gelitten, that nichts für Sie?“ „Die conſervative Partei,“ ſagte der Doktor ſehr ernſt, „bekam bald wieder die Oberhand und als ich mich eines Tags an einen Träger derſelben ſchriftlich wandte, bekam ich zur Ant⸗ wort: ich möchte in meinem Dunkel ruhig ſitzen bleiben, denn mgn habe entdeckt, daß ſich in der damaligen Leuchte unter dem Mantel der beſten Geſtnnungen erſchrecklich radikale Grundſätze befunden; und man würde nichts thun, als mich freundlich ver⸗ warnen.— Nun bitt' ich Sie! Sie haben mein damaliges Blatt gekannt, die einzige Stütze jener Leute, der grimmigſte Feind aller Blätter von liberaler Färbung.“ „Da wurde endlich es Ihr Peiniger müde, Sie feſtzuhal⸗ ten?“ fragte Dubelli, der mit ſeinem erſten Schoppen noch lange nicht zu Ende war. „Auch er ſtarb, der Gute,“ fuhr der Doktor fort,„er gieng zu Grunde an diverſen, unverdaulichen Verlags⸗Artikeln. Eines Tags kam meine einzige Freundin betrübten Herzens auf mein Zimmer und erklärte mir weinend, daß ich heute in Frei⸗ heit geſetzt würde.— Was ſollte ich aber vorderhand mit meiner Freiheit machen? Freilich hatte ich einen Roman beendigt, doch noch keinen Verleger dafür; aber die Geſchichte war mahe man nge kündigte mir meine Freiheit an. Doch ſah ich mich veranlaßt, ein Cirkular an meine ſämmtliche Gläubiger zu erlaſſen, des un⸗ gefähren Inhaltes: man ſei im Begriff, mich wieder auf freien ein Fuß zu ſetzen, doch ſei ich durchaus nicht geſonnen, mich dieſer jatt⸗ Freiheit für einige Tage zu bedienen, bis es vielleicht einem Andern dieſer Herrn einfallen würde, mich wieder beiſtecken zu laſſen, und erklärte darauf ſämmtlichen, nicht das Gefängniß ver⸗ tii laſſen zu wollen, bis ſte einen Vergleich mit mir eingegangen, ſch wonach ſie ſich verpflichteten, meiner Freiheit durchaus nicht mehr 1 nachzuſtellen, ſondern mir erlaubten, ſie ſobald ich einmal könnte, und nach beſtem Gewiſſen und Vermögen zu bezahlen.“ „Die Herrn hatten mich in dem halben Jahr auch ziemlich niſ, vergeſſen und unterſchrieben deßhalb auch ſämmtlich meinen Vor⸗ ags ſchlag und ich befand mich nach einem halben Jahre zum Erſten⸗ Unt⸗ male wieder unter Gottes freiem Himmel. Meine Garderobe enn hatte während der Zeit nicht ſehr gelitten; ich konnte ziemlich dem anſtändig ausgehen und wanderte mit meinem Roman zum ſitze nächſten beſten Buchhäͤndler, bot ihm das Werk an, von einer pel⸗ abſchläglichen Antwort im Voraus überzeugt. Doch ſchien das latt Unglück müde zu ſein, mich zu verfolgen. Mein Roman wurde eind angenommen, ich erhielt ſogar ein anſtändiges Honorar, das ich in zwei Hälften theilte; die eine überlieferte ich meinen Gläubi⸗ jal⸗ gern, was dieſe leichtſinnigen Menſchen ſo in Verwunderung nge brachte, daß ſte mir bereitwilligſt neuen Credit anboten. Doch enthielt ich mich, an dieſem Köder anzubeißen, denn ich behielt net ja die andere Hälfte für mich. Die Freundin meiner Gefängniß⸗ eln. tage erfreute ich mit einem Andenken und eines Morgens wandte auf ich der Reſidenz, wo ich ſo lange unglücklich gelebt, den Rücken rei⸗ und gieng nach B., einer kleinen freundlichen Stadt, wo ich eifrig net 1 anfieng, zu ſtudiren und zu arbeiten. Mein erſter Roman erlebte mehrere Auflagen, ich ſchrieb neue, die ebenfalls gut giengen, Alte Bekannte. 245 — — n — 246 Dreiundfünfzigſtes Kapitel. und erfreue mich jetzt eines guten literariſchen Rufes.— Sie können ſich denken, beſter Dubelli, daß es auch mir geſtern die größte Freude machte, Sie ſo unverhofft zu ſehen, und noch mehr, als ich vernahm, daß wir heute den gleichen Weg machen würden, nach unſerem ehemaligen Aufenthaltsorte. Ich ver⸗ ſichere Sie, die kleine freundliche Reſtdenz habe ich nicht vergeſſen und wenn ein größeres Unternehmen, das mich dorthin ruft, zu Stande kommt, ſo ſtedle ich mich dort wieder feſt an.“ Der Tänzer hatte aufmerkſam der Erzählung ſeines alten Bekannten zugehört und reichte ihm jetzt über den Tiſch hinüber die Hand, die Jener herzlich drückte. „Mir iſt es in der langen Zeit,“ ſagte Dubelli,„ſeit wir uns nicht geſehen, gut, ich kann ſogar ſagen, ſehr gut ergangen. Sie wiſſen, daß ich mit einer königlichen Unterſtützung nach Paris geſchickt wurde, um mich in meinem Fache zu vervollkommnen. Ich war fleißig, ich lernte viel, ich ſah noch mehr. Man war ſo freundlich, über mich künſtleriſche Kritiken in die Zeitungen zu ſchreiben, ich bekam von allen Seiten her Anträge, nur von der Heimath nicht.⸗ Dort war mein alter Lehrer Benetti geſtor⸗ ben,— man hatte mich vergeſſen, und das ſchmerzte mich, ſpornte mich aber zu noch größeren Anſtrengungen an. Ich arrangirte einige Ballets mit großem Erfolge, mein Name wurde bekannt, ich erhielt einen Ruf nach Berlin und endlich zu gleicher Zeit einen nach der Heimath. Dort ſollte das Ballet, das in der letzten Zeit ſehr geſunken, wieder zu altem Glanz gebracht wer⸗ den; man berief mich als Balletmeiſter dorthin, und Sie ſehen mich auf dem Wege, dieſe ehrenvolle Stelle zu übernehmen.“ „Alſo ſind auch Sie,“ ſagte der Doktor,„an dem Punkte angelangt, den Sie vor einigen zehn Jahren ſich in Ihren kühn⸗ ſten Phantaſien kaum als erreichbar gedacht haben. Sehr hoffe ich auf ein Zuſammenleben von uns Beiden; Sie werden ſehen, daß auch ich in den vergangenen Jahren in Ihrem Fache Manches —— Alte Bekannte. 247 geſehen, Manches erfahren. Ich kann Ihnen hie und da an die Hand gehen und das würde meine größte Luſt ſein, denn ich ver⸗ ſichere Sie, meine Neigung zum Theater, die mich damals zu dem unglücklichen Verſuch trieb, als Prinz Fortinbras aufzu⸗ treten/ hat nicht abgenommen, hat ſich nur auf's Praktiſche ge⸗ geworfen, denn ich will nächſtens den Verſuch machen, ein groß⸗ artiges Ballet für Sie zu ſchreiben.“ „Das wäre köſtlich!“ meinte der neue Balletmeiſter,„in unſerer jetzigen Zeit laſſen ſich wirkliche Talente ſelten herbei, den Text zu einem Ballet zu ſchreiben. Das Alles bleibt uns über⸗ laſſen, und wenn es auch viele Balletmeiſter gibt, die im Stande ſind, ein ihnen gegebenes Schema auszufüllen, ſo haben doch wenige das Talent, eine pikante Handlung zu erfinden.— Aber, lieber Freund, wir haben ja lange genug geplaudert, die Sonne ſinkt ſtark gegen Weſten hinab; ich denke, wir nehmen unſern Weg ſchleunigſt wieder auf. u Bald hatte der Hauderer eingeſpannt, unſere Reiſenden ließen das Verdeck des Wagens zurückſchlagen, ſetzten ſich auf ihre Plätze und rollten in der Kühle des Abends der Reſidenz entgegen. Wie verſanken Beide in Träumereien, als ſie nun der be⸗ kannten Gegend immer näher und näher kamen.„Dort,“ ſagte der Doktor, vunter jener großen Linde, ſchaute ich vor zehn Jahren zum Letztenmal rückwärts auf die Stadt, die ich ver⸗ laſſen.“ „Und hier an dieſer Stelle,“ fuhr der Tänzer fort,„warf ich alle betrübten Erinnerungen hinter mich und träumte von einem neuen glänzenden Leben.“ So rollten ſie in ihrem Wagen dahin und je näher ſie der Stadt kamen, je einſylbiger wurden Beide. Die Phantaſie des Doktors beſchäftigte ſich mit der Elſtergaſſe Nummer Vierund⸗ vierzig, mit dem Wandſchranke unten in dieſem Hauſe, mit dem — 5 248 Dreiundfünßigſtes Kapitel. Quartier im vierten Stock, dann mit ſeinem Gefängniß auf der Polizei, und zuletzt dachte er an Kerkermeiſters Töchterlein und nahm ſich feſt vor, ihr Grab auf dem Kirchhof, das gewiß in irgend einer Ecke einſam und verlaſſen liegen würde, aufzuſuchen und auf demſelben friſche Blumen ſetzen zu laſſen, Geranien und Reſeda, die ſie ſo ſehr geliebt und womit ſte wöchentlich ſeine Fenſter geſchmückt. 1 Die Phantaſten des ehemaligen Schneiders bewegten ſich unterdeſſen in viel höheren und glänzenderen Regionen. Er dachte an Maria die Tänzerin, die er als kleines Mädchen in das Theater geführt, die eine berühmte Künſtlerin geworden war und dann in Italien ſpurlos verſchwunden. Lange hatte er nichts von ihr gehört, lange waren alle ſeine Briefe, die er ihr nach Rom, Neapel, Genua und Florenz geſchrieben, unbeantwortet geblieben, die ſorgfältigſten Erkundigungen, die er nach ihr an⸗ geſtellt, blieben ohne Reſultat; da eines Tages— es war noch gar nicht ſo lange her, und wenn Dubelli an dieſen Moment dachte, ſo ſchmunzelte er freundlich in ſich hinein,— da erhielt er einen dicken Brief, die Aufſchrift von ihrer Hand und dabei war das Couvert mit einem ſchönen Wappen verſchloſſen, über welches die neungezackte Grafenkrone ſchwebte. Wie hatte ſeine Hand gezittert, als er jenes Siegel erbrochen, und wie wurden ſeine Augen feucht, als er den Inhalt jenes Schreibens las!— Maria, die kleine arme Maria, die Tänzerin hatte ihren Vater gefunden, und dieſer Vater war ein reicher, vornehmer Herr, und hatte ſie mit ſeinem Neffen verheirathet, und das namen⸗ und vaterloſe Kind war jetzt Gräfin von St. Alban geworden!— Dubelli ſchüttelte lächelnd den Kopf, wenn er an Alles das dachte und an die vielen Bekannten, die er da unten in der Stadt wiederfinden würde.. Jetzt hatten ſie die Stadt erreicht. Plötzlich rollte der Wagen nicht mehr auf weichem Sand und das Klirren der Hufe * ——— Alte Bekannte. 1 249 und Räder auf dem Pflaſter riß den Faden ihrer Phantaſte plötzlich ab und die Wirklichkeit trat wieder in ihr Recht. „Wo fahren wir hin?“ fragte der Doktor,„haben Sie ſchon eine Privatwohnung oder gehen wir zuſammen in den Gaſthof?“ „Ich denke, wir gehen in den Gaſthof,“ entgegnete Dubelli, „ich werde mir dann mit Muße in dieſen Tagen ein anſtändiges Quartier in der Nähe des Hoftheaters ſuchen.“ „Alſo in den engliſchen Hof!“ rief der Doktor dem Kutſcher zu und der Wagen rollte dorthin. Vierundfünfzigſtes Kapitel. Ein neuer Theater⸗Intendant. Der Graf Alfons war aus Italien zurückgekehrt. Im Hofraum ſeines ſchönen, elegant eingerichteten Hauſes waren ſeine Stallleute beſchäftigt, ſein Reiſe⸗Coupé vermittelſt einer außerordentlichen Waſſerverſchwendung vom Staube und Chauſ⸗ ſee⸗Schmutz, der ſich vom Comerſee über den Splügen angeſetzt hatte, zu reinigen. Dieß Geſchäft verſahen zwei Stallbuben, und währenddem ſte eifrig an den Rädern herumwuſchen, lehnte der Bediente, welcher den Grafen begleitet hatte, an der Thüre der Remiſe und unterhielt das ganze Dienſtperſonal mit anmuthigen und ſchrecklichen Hiſtorien aus dem Wunder⸗ und Räuberland Italien. Dabei flocht er die unſtnnigſten italieniſchen Ausdrücke in ſeine Erzählung, und ſo oft er das that, ſchaute die ſämmt⸗ liche Zuhörerſchaft mit wahrer Ehrerbietung zu ihm auf. Die Stallbuben, die den Hinterwagen jetzt vermittelſt des Bockes in die Höhe hoben, um die Räder abzuziehen und friſch zu ſchmieren, behaupteten mit Kennerblick, die Achſen haben be⸗ —————— Ein neuer Theater-Intendant. 251 deutend gelitten und der Wagen müßte wahnſinnig gefahren wor⸗ den ſein, eine Bemerkung, die der betreffende Bediente mit einem ſtummen Kopfnicken bekräftigte, worauf der Koch, der ebenfalls in die Thüre getreten war, die Behauptung aufſtellte: „es wird in Italien faſt ſo ſchnell gefahren, wie in Rußland;“ eine Bemerkung, die ihm durch einen Blick unbeſchreiblicher Ver⸗ achtung von dem Gereisten erwidert wurde. „Nirgends fährt man, wie in Italien,“ ſagte er alsdann nach einer längeren Pauſe, und fuhr mit Wichtigkeit fort, als er ſah, wie die Stallbuben aufhörten, die Räder zu drehen und er⸗ wartungsvoll aufſchauten:„dort ſind die Pferde ganz wild, ſie laufen mit den Büffeln auf der Waide herum, und wenn eine Extrapoſt ankommt, fängt man ein Stück zwanzig ein, daraus ſucht man die vier beſten aus, der Poſtillon wird auf eines hin⸗ aufgeſchnallt—“ „Aufgeſchnallt?“ fragte verwundert der Reitknecht des Grafen. „Aufgeſchnallt!“ wiederholte der Gereiste mit großer Be⸗ ſtimmtheit;„dann läßt man die Pferde los und die vier Pferde gehen durch bis zur nächſten Station, wo ſie aufgefangen wer⸗ den. Dieß iſt namentlich der Fall in den Spontiniſchen Sümpfen.“ „Aber,“ erlaubte ſich ein Stallbube die ſchüchterne Frage, „wenn nun einer der Reiſenden unterwegs ausſteigen will oder wenn man etwas aus dem Wagen fallen läßt, was man gern wieder haben möchte?“ „Iſt rein unmöglich!“ entgegnete der Gefragte und zog die Halsbinde in die Höhe.„Die italieniſchen Pferde ſind von einer unbeſchreiblichen Kraft und Wildheit; es iſt ſchon vorgekommen, daß unterwegs ein Rad zerbrochen, ja beide Hinterräder, und dann haben ſte den Wagen auf den Achſen, und mit derſelben Geſchwindigkeit fortgeſchleppt.“ 2 — 252 Vierundfünßigſtes Kapitel. „Das iſt aber fürchterlich!“ ſagten die Stallbuben, und der hartnäckige Koch meinte, etwas dergleichen ſei in Rußland nichts Ungewöhnliches.„Jtalien kenne ich nicht,“ fuhr er fort,„aber von Petersburg nach Moskau bin ich ſehr oft gefahren, als ich noch in Dienſten war bei dem Grafen Tatſchkowsky. Wir legten dieſe Strecke, über hundert deutſche Meilen, gewöhnlich in zehn Stunden zurück.“. „Oh!“ riefen die Stallbuben, und der Reitknecht kniff lächelnd in ſein linkes Auge gegen den Koch zu, als wollte er ſagen: ſo iſt's recht! Der ſoll nicht glauben, daß allein er im Stande ſei, uns anzulügen. Der Gereiste mochte den Koch kennen, und wohl wiſſend, daß er mit ihm nicht fertig würde, ſchien er einlenken zu wollen, indem er ſagte: ndie ruſſiſchen Pferde haben allerdings ihre Vor⸗ züge, ſie ſind ſehr ausdauernd, aber gegen die Schnelligkeit der italieniſchen kommen ſie doch nicht an.“ „Ausdauernd und ſchnell!“ ſagte der unbezwingbare Koch; nein ruſſiſches Pferd läuft zwei Tage an Einem fort, es frißt, ſauft, ja ſchläft im Galopp und kommt nie außer Athem. „Aber das iſt ja unmöglich!“ ſagte der Gereiste verdrieß⸗ lich, der noch viel Ungeheuerliches über Italien auf dem Herzen hatte, und ſich ſo unverantwortlich überboten ſah.„Wie kann ein Pferd nur einen halben Tag im Galopp laufen, ohne außer Athem zu kommen?“ worauf der Koch ruhig entgegnete: „Dieſe Art ruſſiſcher Pferde braucht gar keinen Athem, ſie gehören zur Race der Unlungerer.“— 0 Die Stallbuben hielten erſtaunt in ihrer Arbeit inne, der Reitknecht lachte, und der Gereiste ſchlug ergrimmt die Arme über einander. „Unlungerer,“ fuhr der Koch unbarmherzig fort,„ſind Pferde, denen man als Füllen die Lungen herausgeſchnitten und daf —— ———* — Ein neuer Theater-Intendant. 253 dafür Schwämme hineingeheilt hat, worin ſie für mehrere Tage Waſſer faſſen, ungefähr wie die Kameele.“ „Aber Monſteur George,“ brauste der Gereiste auf,„wie können Sie ſich einbilden, daß wir Ihnen ſolche Dummheiten glauben!“ „Dummheiten?“ ſagte der Koch:— nnichts wie reine Wahrheit! Dieſe herausgeſchnittenen lebendigen Lungen ſind ſo⸗ gar als Leckerbiſſen in der Küche ſehr geſucht, und die vornehmen Ruſſen bezahlen ſie mit ſchwerem Gelde.“ Nachdem er auf dieſe Art den Streit in ſein Departement herübergeſpielt, zog er ſich in daſſelbe zurück und überließ den gereisten Lakaien ſeinem Schickſale, der noch einige ſchreckliche Räubergeſchichten auf dem Herzen hatte, ⁸. aber jetzt nicht wagte, loszulaſſen. Auch wurde die ganze Geſellſchaft im Hofe durch einen Zug an der Klingel beunruhigt, die aus dem Zim⸗ mer des Grafen läutete und den Lakai ſchleunig ins Haus rief. Es war eigentlich nichts Bedeutendes, der Graf verlangte blos ein brennendes Licht zum Siegeln; doch da wir einmal mit dem Lakaien in die inneren Gemächer eingedrungen ſind, ſo wol⸗ len wir auch dort bleiben und die Dienerſchaft im Hof ihrem Schickſal überlaſſen. 2 Das waren noch dieſelben Zimmer, in denen wir ſchon eini⸗ gemal geweſen: die heimlichen Winkel mit den ſchwellenden Divans, die prachtvollen Oelbilder, meiſt ſchöne Weiber vorſtellend, die dicken Teppiche mit Blumen in allen Ecken und Enden. Graf Alfons ſaß vor ſeinem Schreibtiſch, er hatte eben ſein Schreiben geſtegelt, und während er lange Züge aus ſeiner Cigarre zog, lehnte er ſich nachſinnend in ſeinen Stuhl zurück. Er hatte Italien vor ſeinem Freunde verlaſſen, denn es war ihm langweilig geworden in der Nähe des liebenden gluck⸗ lichen Paares, und dann hatte ihm auch ſeine Schweſter Clara geſchrieben, er möge nach Hauſe zurückkehren: es ſcheine ihr, 254 Vierundfünßigſtes Kapitel. ſo waren ihre Worte— man habe allerhöchſten Ortes die gnä⸗ dige Abſicht gefaßt, ihm einen Poſten anzuvertrauen, den er ſchon lange ambitionirt, und der mit ſeinen langjährigen Wün⸗ ſchen im vollſten Einklange ſtünde. Darauf war dann Graf Alfons in aller Eile angekommen, hatte ſogleich eine Audienz bei Seiner Majeſtät dem König gehabt, und jetzt ſehen wir auf ſei⸗ nem Tiſche ein Königliches Dekret liegen, welches ihn zum Ge⸗ neral⸗Intendanten der Königlichen Schauſpiele ernennt. Der Graf war von der Gnade hocherfreut; ihm war das Theater das Höchſte, er konnte jetzt mit vollem Recht Sänger und Sängerin⸗ nen, Tänzer und Tänzerinnen protegiren, er hatte von nun an ſchriftlich das größte Recht, hinter den Couliſſen zu ſein; und dann die Kunſt ſelbſt: wie nahm er ſich vor, ſie fortan zu hegen und zu pflegen! Er hatte ſo eben in den verbindlichſten, aller⸗ gehorſamſten Ausdrücken ſein Dankſagungsſchreiben abgefaßt, und ſann eben darüber nach, ob es räthlich und thunlich ſei, das ſämmtliche Perſonal des Hoftheaters, welches ihm dieſer Tage in Maſſe vorgeſtellt und übergeben werden ſollte, mit einer feier⸗ lichen Rede zu begrüßen. Das Sprechen vor vielen Leuten war ſonſt nicht ſeine Sache, und wenn er jetzt ſeinen Stuhl ver⸗ ließ, im Zimmer auf- und abſchritt, und mehreremal anſetzte: nachdem mir Seine Königliche Majeſtät den ſchmeichelhaften Auftrag ertheilt, das Königliche Hoftheater zu übernehmen, oder: meine Herren und Damen! Sie ſehen in mir Ihren neuen Chef; oder vielleicht auch: die Kunſt, meine Herren und Damen, be⸗ darf eines neuen Aufſchwungs.— Nachdem er ſo verſchiedene Anfänge zu neuen Reden probirt, und ſelbſt in ſeinem Zimmer nicht viel weiter als zu den einleitenden Worten gekommen war, fand er, daß eine förmliche Rede doch vielleicht zu familiär ſein könnte, und beſchloß, das ſämmtliche Perſonal mit keiner der⸗ gleichen zu erfreuen, ſondern daſſelbe ſtumm und ernſt zu über⸗ 27.. nehmen. — ——— — Ein neuer Theater-Intendant. 255 Der Kammerdiener, der ſchon einigemal an der Thüre er⸗ ſchienen war und ſich jedesmal zurückgezogen hatte, als er ſeinen Herrn in eifrigem Selbſtgeſpräch begriffen ſah, meldete jetzt einen Bekannten, der den Herrn Grafen zu ſprechen wünſchte. „Ein Bekannter?“— Wer kann das ſein?“ „Ich glaube, ein junger Muſiker,“ antwortete der Kam⸗ merdiener, der—“ „Aber wie können mich dieſe Leute jetzt ſchon überlaufen!“ ſagte ernſt der Graf, und ließ ſich würdevoll in ſeinem Fauteuil nieder;„ich habe das Hoftheater noch nicht übernommen und alſo auch keine Mittel, etwas zu thun.“ „Der Herr General⸗Intendant werden gnädigſt verzeihen!“ ſagte lachend eine Stimme, bei deren Klange der Graf haſtig aufſprang und dem Eintretenden entgegen eilte. „Was zum Teufel!“ rief er luſtig aus,„ſeit wann laſſen Sie ſich bei mir anmelden? Und obendrein als Muſiker!— Welche Idee, lieber Charles!— Seit wann ſind Sie angelangt, wo kommen Sie her?“ Der junge Componiſt ſchüttelte herzlich die Hand des Gra⸗ fen, legte ſeinen Hut auf einen Stuhl und warf ſich dem Grafen gegenüber in einen Fauteuil. „Kurz, nachdem Sie im vergangenen Herbſt,“ ſagte er, „Ihre italieniſche Reiſe antraten, kam ich hieher. Es war mir natürlich ſehr unangenehm, Sie, theuerſter Gönner und Freund, nicht hier zu finden, doch hatte ich dafür auch wieder den Vor⸗ theil, daß ich mich von allen Zerſtreuungen, allen Geſellſchaften zurückziehen konnte und nur meinen Arbeiten leben. Ich war un⸗ geheuer fleißig.“ „Und haben Sie eine neue Oper componirt?“ fragte der Graf;„es wäre mir außerordentlich angenehm.“ Der junge Componiſt nickte mit dem Kopfe und erwiderte: „doch war ich im Begriff, mit einer fertigen Partitur davon zu 256 Vierundfünßigſtes Kapitel. wandeln, um anderwärts mein Heil zu verſuchen; denn Sie wer⸗ den ſich erinnern, beſter Graf, wie wenig Glück ich bisher mit meinen Compoſitionen beim hieſigen Hoftheater hatte.“ „Mit Ausnahme des erſten Ballets!“ lachte Alfons,„das einen ungeheuren Erfolg hatte— „Aber nur einmal gegeben wurde,“ ergänzte der Muſtker, „weil die erſte Tänzetin gegen mich intriguirte.“ „Sagen Sie vielmehr, lieber Freund,“ antwortete der Graf,„daß die erſte Tänzerin nicht eher gegen Sie intriguirte, bis Sie ſte durch Entziehung der erſten Rolle auf's Tiefſte ge⸗ kränkt. Ach, Eliſe war ſchön, ein liebenswürdiges Geſchöpf!— Apropos, haben Sie immer noch dieſe Marotte?— „Welche, lieber Graf?“ „Nun, die mit den blonden Haaren, weßhalb Mada⸗ moiſelle Pauline damals die Rolle bekam.— Ja, ja, die blonden Haare waren Ihnen gefährlich, ſte haben Ihnen viel Kummer, viel Sorge gemacht.“ „Das weiß Gott im Himmel, Graf Alfons!“ ſagte ſehr ernſt der junge Muſiker,„ſie haben faſt mein Lebensglück zer⸗ ſtört.“ „Was Teufel!“ erwiderte der Graf lachend,„ſo waren Sie wirklich in Pauline verliebt?— das hätte ich mir nicht eingebil⸗ det; und ſte war gewiß auch hart gegen Sie— ich habe in meinem ganzen Leben keine niedlichere, hartherzigere, ſprödere Perſon ge⸗ kannt, wie Pauline. Aber ſie hat ihren Lohn erhalten, ſte hat ungeheuer proſaiſch geendet. Sie hat einen Landjunker gehei⸗ rathet, wohnt etwa zwölf Stunden von der Reſidenz, an der Grenze des Schwarzwaldes, wo alle Kultur aufhört, und kann jetzt ihren Hühnern und Kälbern was vortanzen.— Ich kann das Bild gar nicht aus dem Kopfe bringen, wenn ich mir ſo einen großen Hof denke, das Ganze eine einzige Miſtpfütze, und nun Pauline dazu, zierlich ihr Kleid aufhebend und mit den — Ein neuer Theater-Intendant. 257 allerliebſten Füßchen von einem Stein auf den andern ſpringend, um ſich nicht naß zu machen.— Welche Engagements hätte das Mädchen haben können; ſogar hohen Orts hat man ſich eine Zeitlang für ſie intereſſtrt, aber es war Alles vergebens.“ Der Graf hatte mit einer Selbſtgefälligkeit dieß geſprochen, mehr zu ſich ſelbſt, wie zu ſeinem Gegenüber. Charles ſchien auf ſeine Worte gar nicht zu achten; er hatte den rechten Arm unter den Kopf gelegt, und hob die Blicke ernſt und unveränder⸗ lich zur Decke. „Alſo Pauline,“ ſagte der Graf abermals,„hatte es Ihnen damals angethan? Tröſten Sie ſich, junger Mann, Sie waren nicht der Einzige.“ „Was ich?“ antwortete der junge Muſiker, der aus ſeinen Träumereien erwachte,„ich verſtchere Sie, lieber Graf, Mad⸗ moiſelle Pauline, ſo ſchön ſte war, hat mich vollkommen kalt gelaſſen.“ „Aber die blonden Haare, beſter Freund!— Das Faktum mit den blonden Haaren werden Sie mir doch nicht abläugnen wollen!“. „Allerdings!“ ſagte Charles mit einem tiefen Seufzer,„die blonden Haare, ja die blonden Haare!———— Aber ge⸗ wiß nicht die blonden Haare der Tänzerin!“ „Alſo doch blonde Haare!“ antwortete der Graf,„ja es gab eine Zeit, wo ich mich auch für dieſe Farbe lebhaft intereſ⸗ ſirte, warten Sie einmal, das Haar der Tänzerin war freilich ſchön, aber ich kannte damals ein anderes, viel reicher, viel glänzender, von einer herrlichen Farbe.“ „Wo, beſter Graf?“ ſagte der Muſiker, der aufmerkſam wurde,„doch was nützt mich mein Fragen; ſie, die ich meine, iſt und bleibt verſchwunden.“ „Fragen Sie immerhin!“ lachte Alfons,„ſchon früher ver⸗ ſprachen Sie mir einmal, mir etwas ganz Merkwürdiges mitzu⸗ . Hackläͤnder, Namenl. Geſchichten. III. 17 — — 258 Vierundfünßigſtes Kapitel. theilen, das Ihnen hier geſchehen. Hängt jenes Ereigniß mit den blonden Haaren zuſammen?“ „Allerdings!“ ſagte der Muſtiker, und fuhr dringender fort: „Sie erwähnten vorhin eines Mädchens mit dieſen ſeltenen Haa⸗ ren, die Sie in damaliger Zeit gekannt. War das hier in der Stadt?“— „Ja— a— aju antwortete ſtockend der Graf. „Sie war aus der Geſellſchaft?“ „Allerdings!“ antwortete Alfons nach einigem Zögern, „ſte war aus der Geſellſchaft.“ „Und dieſe Dame kannten Sie vor ungefähr zehn bis zwölf Jahren?“ „Es mögen zehn bis zwölf Jahre ſein.“ „ und Sie kannten Sie genau, Graf Alfons?“ „Gott, wie ſie auf einmal anfangen, mich zu examiniren! — Nun ja, ich kannte ſie genau, wie man hundert Andere ge⸗ nau kennt. Aber ſie war es gewiß nicht, für welche Sie ſchwärmten.“ „Wer kann das wiſſen!“ ſagte Charles nachdenklich. Der Graf ſchüttelte ſeinen Kopf, dann fuhr er fort:„aber dem ſei wie ihm wolle, laſſen Sie mich etwas von Ihrer Ge⸗ ſchichte wiſſen, wenn Ihnen das eine Erleichterung iſt, oder, wenn Sie vielleicht hoffen, dadurch etwas zu erfahren, Alles, was ich weiß, will ich Ihnen gerne mittheilen.“— Der Muſtker lehnte ſich in den Fauteuil zurück und gab eine Zeit lang keine Antwort. Plötzlich ſagte er:„nun ja, hö⸗ ren Sie mich an!— Ich lernte damals durch Zufall ein Mäd⸗ chen kennen— das Wie und Wo kann Ihnen gleichgültig ſein— ein Mädchen, ſchön wie ein junger Frühlingstag, eine friſche Knoſpe, ſüß geſchwellt von der Kraft und Gluth der Jugend.“ „Mit dem bewußten hellblonden Haar!“ ergänzte der Graf. „Ich wurde mit ihr bekannt, wir ſahen uns häufig, wir 5 *+ 259 Ein neuer Theater-Intendant. liebten uns. Doch durfte ich ſie nur verſtohlen ſehen und ſprechen, und nie in ihrem eigenen Hauſe, denn ſie gehörte einer vorneh⸗ men und reichen Familie an und wohnte bei einer der erſten Fa⸗ milien in hieſtger Stadt.“ „Was Teufel!“ rief der Graf plötzlich auf,„bei einer der reichſten und vornehmſten Familien in der hieſigen Stadt?— Alſo war das Mädchen aus der Geſellſchaft?— Das iſt mir ſehr merkwürdig! Ich erinnere mich doch aus jener Zeit her nicht einer einzigen bemerkenswerthen Blondine.“ „Aber vorhin ſagten Sie doch, nur ein einziges Mädchen und zwar aus der Geſellſchaft, habe daſſelbe Haar gehabt, wie Pauline.“ „Ja, die!“ antwortete lächelnd der Graf,„die kann es doch nicht geweſen ſein!“ „Sie war groß und ſchlank— vielleicht ſechszehn Jahre.“ Der Graf nickte mit dem Kopf. „Sie hatte die ſchönſten, glänzendſten, blauen Augen.“ Der Graf nickte abermals. „Und wenn ſie ſprach,“ fuhr der Muſtker eifriger fort, *„namentlich wenn ſie eifrig ſprach oder über etwas in Heftigkeit gerieth, ſo warf ſie trotzig die Oberlippe auf und zeigte ſchön geformte, blendend weiße Zähne.“ „Und ſie warf häufig die Oberlippe trotzig in die Höhe,“ ſagte der Graf nachdenkend.—„Herrliche Zähne!“ „Alſo war's am Ende doch dieſelbe!“ forſchte eifriger der Muſiker,„ich beſchwöre Sie, Alfons, wenn Sie eine Idee ha⸗ ben, wenn Sie glauben, daß auch Sie jenes Mädchen gekannt, ſo bitte ich Sie, ſo beſchwöre ich Sie, ſagen Sie mir, was ha⸗ ben Sie ſpäter von ihr erfahren? Was iſt aus ihr geworden? ſeien Sie mein wahrer Freund, geben Sie mir auch nur die kleinſte Spur, ſagen Sie mir ein einziges Wort über meine Anna!“ 17* —— 4 8 Se.ee 260 Vierundfünfßzigſtes Kapitel. „Ich glaube, ſte hieß Anna,“ ſagte der Graf ſehr leiſe und ur ö verſank in tiefe Träumereien. Charles Blicke hiengen feſt an ſeinem Munde. „Aber nein,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„das iſt un⸗ V möglich.“ „Es könnte aber doch möglich ſein!“ „Gewiß nicht! gewiß nicht!— Fahren Sie in Ihrer Ge⸗ * ſchichte fort!“— „Aber wenn Sie etwas wüßten, ſo— „So————“ ſagte der Graf nach einer Pauſe,„will 3 ich Ihnen mittheilen, was ich kann.———— Alſo Sie liebten dieſes Mädchen— ſte hieß Anna?“ „Ja, ich liebte meine Anna mit dem Feuer der Jugend, mit 6 der Gluth der erſten Liebe, ich betete ſte an, und hatte auch alle 1 4 3 Urſache dazu. Sie— einer reichen, vornehmen Familie ange⸗ =ͤͤͤ hörend— liebte ja mich ſo innig, ſo glühend, mich, den armen unbekannten Muſtker, der, niedergedrückt von Kummer, von Mangel, nichts hatte, als ſeine Kunſt und dieſe Liebe. Und das Mädchen mit ihrer Liebe war mir das Höchſte; wie zu einem Stern in finſterer Nacht ſchaute ich zu ihr empor, die ſo hoch 4 über mir ſtand, und da ich mich mit aller Kraft meiner Seele, meines Talents ihr zu nähern ſuchte, ſo hob ich mich empor,„ vielmehr ſie hob mich empor, und wenn ich etwas geworden bin, ſo habe ich es ihr zu verdanken. Wie ein lichter Geiſt ſchwebte ſte über mir und reichte dem armen Verſtnkenden ihre Hand und zog mich aus dem Dunſtkreis dieſer Welt in die heiteren himm⸗ 6 liſchen Gefilde der Kunſt.“———— b Der Graf ſchüttelte leiſe den Kopf. „Ich war damals der Verzweiflung nahe,“ fuhr der Muſi⸗ ker fort,„ich fühlte in mir die Kraft, in meiner Kunſt etwas zu 6 4 leiſten, aber dieſe Kraft war gelähmt, ich litt Mangel an Allem, 1 ich fand keine Anerkennung. Sie half mir in jeder Beziehung; und un⸗ Ein neuer Theater-Intendant. 261 und dabei blieb unſer Verhältniß ſo unſchuldig, ſo rein, wir waren zwei ſpielende Kinder, und wenn ſie ſtundenlang neben meinem Klavier ſaß und ſich endlich entfernte, ſo war es mir ge⸗ nug, wenn ſie mir die Hand reichte, und ich dieſe kleine weiße Hand in Verehrung und Liebe an meine Lippen drücken durfte.“ Der Graf ſchüttelte ſtärker mit dem Kopfe und ſagte nach einer Pauſe:„nehmen Sie mir nicht übel, lieber Charles, ich thue merkwürdige Blicke in Ihr früheres Leben. Sie ſagen mir, Sie hatten mit Mangel und Noth zu kämpfen gehabt, aber Sie kamen doch in die beſten Kreiſe der Geſellſchaft, Sie hatten ja Freunde, wie mich z. B. Warum haben Sie denn um Gottes⸗ willen nie über Ihre Lage geſprochen?“ „Erlauben Sie mir, beſter Graf,“ entgegnete der Muſiker mit einem bitteren Lächeln,„das gieng damals nicht wohl an; es iſt ganz richtig, Sie und viele Ihrer Standesgenoſſen kannten mich, hatten mich gern, aber weßhalb? Mich, meiner Kunſt zu Liebe?— Gewiß nicht! das heißt der wahren Kunſt zu Liebe nicht; ich war gern bei Ihnen geſehen, ich durfte eine Cigarre bei Ihnen rauchen, denn ich wußte mich in Ihren Salons zu be⸗ nehmen, und es gelang mir durch die fürchterlichſten Entbehrun⸗ gen in meinem Aeußern ſo zu erſcheinen, daß Sie ſich nicht zu ſchämen brauchten, mich Ihrem Freund dem Grafen A. oder dem Baron B. zu präſentiren.— Monſieur Charles— ein junger Muſtker, der's aber, wie es ſcheint, nicht nöthig hat, der uns, durch vielleichtige Anforderungen, nicht in Verlegenheiten bringen wird.— So gieng ich bei Ihnen aus und ein, und nur deßhalb wurde ich bei Ihnen geduldet. Ein einziges Wort über meinen wirklichen Zuſtand hätte dieſen Nimbus zerſtört und mich in Ihren Augen in die Alltäglichkeit zurückgeworfen;— ich brauchte Ihre Kreiſe, ich brauchte Ihre Protektionen, wenn auch keiner beſonders viel für mich gethan. Als ich mein erſtes Werk ſchrieb— und ich hätte es nicht ſchreiben können, Graf ——ꝛxP— .eeee ueseee 262 Vierundfünßigſtes Kapitel. Alfons, wenn ich jenes Madchen nicht gekannt hätte; ich bin ſtolz darauf, Ihnen das zugeſtehen— als ich mein erſtes Werk ſchrieb und Ihnen und andern Bekannten daraus vorſpielte, fand man es charmant, ja geiſtreich, aber Viele, nicht weil es char⸗ mant und geiſtreich war, ſondern weil es Jemand geſchrieben, der in ihren Salons aus⸗ und eingieng, der ein Anhängſel ihrer Geſellſchaft war, der— es eigentlich nicht nöthig hatte, ſein Brod damit zu verdienen. So glaubten Viele. Denn hätten Manche gewußt, wie dringend ich auf mein erſtes ärmliches Ho⸗ norar gewartet, ſo hätten ſie mich ſchon vor der Aufführung fallen laſſen, fürchtend, wenn mein Werk falle, ſo falle ihnen der Componiſt ebenfalls zur Laſt.“ „Aber beſter Charles, Sie urtheilen hart über uns.“ „Aber gewiß nicht ungerecht, Graf Alfons. Heute haben Sie freilich eine andere Anſicht von mir; ich habe Erfolge gehabt, mein Name iſt genannt, und ich glaube faſt, Sie würden mir heute jede Bitte erfüllen. Aber wenn heute an meiner Stelle ein anderer armer Künſtler zu Ihnen käme, der Ihnen als talentvoll präſentirt würde, der nach einiger Zeit um Ihre Unterſtützung bitten müßte— ⸗ „So würde ich ihn wahrhaftig unterſtützen,“ ſagte der Graf. „Vielleicht wohl!“ fuhr der Muſtker lachend fort,„aber Sie würden ihn unterſtützen, wie man Jemand ein Almoſen gibt, aber hier Ihre Fauteuils und dort Ihr Cigarrenkiſtchen blie⸗ ben ihm fortan verſchloſſen. Ihr gebt wohl, ihr vornehmen reichen Leute, aber die wenigſten von euch verſtehen zu geben.“ „Brrr!“ ſagte der Graf und ſchuͤttelte ſich,„da habe ich eine tüchtige Lektion bekommen. Aber ich werde ſie mir zweifach merken, als Menſch und als General⸗Intendant der Theater.— Doch fahren Sie in Ihrer Geſchichte fort.“ „ — * be *ν ½ Ein neuer Theater-Intendant. 263 „Dieſe Geſchichte,“ ſagte der junge Muſtiker mit ſehr trü⸗ bem Tone,„iſt, wie es in jenem Liede heißt — eine alte Geſchichte, Doch bleibt ſie immer neu, Und wem ſie juſt paſſieret, Dem bricht das Herz entzwei. Wir mußten uns trennen, ſie ſagte mir beim Abſchtede: Fami⸗ lienrückſichten, über welche ſie ſich jedoch nicht näher erklären könnte, zwängen ſie, die Stadt zu verlaſſen, nöthigten ſie, mir Lebewohl zu ſagen, vielleicht auf immer—— vielleicht; frei⸗ Aich gab ſte mir Hoffnung auf ein Wiederſehen, aber dieſe Hoff⸗ nung hat ſich bis jetzt nicht erfüllt: ich habe nie mehr etwas von ihr erfahren.“ „Und machten Sie damals,“ forſchte der Graf,„keinen Verſuch, ihre Wohnung ausfindig zu machen? Oder hat ſie Ihnen nie geſagt, wo ſie wohne? Wenn ſie das verheimlicht, war⸗ um ſuchten ſie es nicht zu erfahren, warum folgten ſie ihr nicht einmal von Weitem?— Thaten Sie denn nie Schritte, zu er⸗ fahren, wer das Mädchen eigentlich ſei?“ „Das hatte ſie mir ſtrenge unterſagt,“ antwortete Charles, „ſte hatte mich beſchworen bei Allem, was ihr und mir heilig ſei, ihr nicht nachzuforſchen; ſie verſicherte mich hoch und theuer, daß ſie in dem Augenblick, wo ich etwas Näheres über ſie erfah⸗ ren würde, unſer Verhältniß zu Ende ſein würde, zu Ende ſein müßte.— Ach! und ich liebte ſte ſo innig!“ „Und ſagte ſie oft,“ fragte Alfons weiter,„daß ſie aus einer großen reichen Familie ſei?“ Der junge Muſtker ſchüttelte mit dem Kopfe und ſagte nach einer Pauſe: vnein, ſie deutete das nur einigemal an, aber oft ſprach ſte davon, wie elend ſie ſei, wie gering ſie ſich neben mir vorkomme. Ich, der doch zu ihr aufſchaute, wie zu einem Schutz⸗ geiſt, ſtünde hoch über ihr. Ich begriff dieſe Reden nie, ihre “ 264 Vierundfünfzigſtes Kupitel. einzige Hoffnung wäre— ſo ſagte ſte mir beim Abſchiede— daß mir ſpäter einmal vergönnt ſei, ſie zu mir empor zu ziehen.“ „Ah ſo!“ ſagte der Graf und verſank in tiefes Nachdenken. „Doch was helfen dieſe Grübeleien!“ fuhr Charles fort, nnoch habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, das Mädchen einſt wieder zu finden, und wenn ich ſie wieder finde, ſo ſoll keine Macht der Erde im Stande ſein, ſie mir wieder zu ent⸗ reißen.“ „Und Sie beſitzen kein Bild von ihr?“ ſagte Alfons nach längerem Stillſchweigen;„ich wäre wirklich begierig, dieſe Züge zu ſehen, vielleicht, daß ich mich doch ihrer erinnerte. Der Muſtker zog aus einer Brieftaſche ein kleines Porte⸗ feuille heraus, öffnete es, drückte an einer Feder, und ein kleines Miniaturbild kam zum Vorſchein, das er dem Grafen überreichte. Dieſer nahm es raſch aus ſeinen Händen, lehnte ſich in ſei⸗ nen Fauteuil zurück, und betrachtete das kleine Bild lange ernſt und ſchweigend.—— Ja, ſie war es, es war Anna, die ihm zweimal erſchienen war, und die ſelbſt auf ihn, den Vielerfahre⸗ nen, einen ſolchen Eindruck gemacht hatte, daß er heute nach langen Jahren dieſes Mädchen nicht vergeſſen konnte. „Und es iſt dieſelbe mit dem blonden Haar, die Sie auch gekannt?“ fragte Charles erwartungsvoll, worauf der Graf, ohne ihm eine Antwort zu geben, nur leicht mit dem Kopfe ſchüt⸗ telte, aufſtand und die Klingel zog. Ein Bedienter erſchien in der Thüre. . 2 u.„ 2„¼1* 8 4 7 „Iſt Amadäus von ſeinen Ausgängen zurückgekommen?* fragte der Graf, und Jener antwortete: „So eben trat der Haushofmeiſter in's Vorzimmer und wünſchte den Herrn Grafen zu ſprechen.“ „Laß' ihn ſogleich herein kommen!“ 3 fs Der Diener zog ſich zurück und Amadäus trat herein. 1 1 Ein neuer Theater-Intendant. 265 * 6 Er hatte ſich ſeit dem letzten Herbſt durchaus nicht verän⸗ hen.“ dert, der alte Mann. Wenn man ihn ſo ſah mit ſeinem ſchnee⸗ nken. weißen Haar, dem ruhigen Geſichtsausdruck, im ſchwarzen Frack, weißer Weſte und Halsbinde, die ganze Geſtalt auch bis in das kleinſte Detail unverändert, ſo hätte man glauben können, er ſchen ſoll komme ſo eben von der Treppe herein, wo er im vergangenen al⸗ Herbſte draußen auf dem Jagdſchloſſe die Herrſchafken entlaſſen. Meiſter Amadäus näherte ſich ehrfurchtsvoll dem Grafen, rach 8 der ihm, die Hand entgegenſtreckend, die ſeine herzlich ſchüttelte. 3 4.„Nun, alter Herr, ſagte Alfons lächelnd,„habe ich Alles Ardentlich wieder nach Hauſe gebracht, fehlt nichts an meinem Wagen und den Reiſe⸗Requiſtten; iſt von meinen Kleidern und f3 der Wäſche nicht zu viel dahinten geblieben? ines Worauf Meiſter Amadäus lächelnd erwiderte: ite.„Man kann nicht mehr verlangen, Herr Graf, es iſt in ſei⸗ deer That ordentlich zugegangen. Freilich muß der Reiſewagen rnſt gleich zum Sattler, es iſt viel daran ruinirt, aber das iſt bei ihm ſoo einer langen Reiſe nicht anders zu erwarten. Ein Fußſack iſt hre⸗ allerdings zurückgeblieben, von den Reiſepfeifen fehlen auch nach, einige, Franz behauptet, ſie wären zerbrochen— dafür aber—“ hiier ſtockte der Alte ſchlau lächelnd.— nuc.„Nun, dafür aber?— Was wollen Sie ſagen, Amadäus?“ „Dafür aber haben Sie auch Einiges mit zurückgebracht, Herr Graf, was ich Ihnen nicht mit auf die Reiſe gegeben!“ „Nun, was denn?“ „Es iſt nicht der Rede werth,“ ſagte Meiſter Amadäus und ſchaute von ſeinem Herrn zu dem jungen Muſiker hinüber, der den Kopf in die Hand gelegt hatte und das ganze Geſpräch nicht zu hören ſchien. und 3„Sie brauchen ſich da vor dem Herrn nicht zu geniren!“ ſagte der Graf laut lachend.—„Was habe ich denn zurückge⸗ reaacht, das ich nicht mitgenommen?“ P— 266 Vierundfünßzigſtes Kapitel. „Nun, ein paar Damentaſchentücher!“ ſagte ebenfalls lachend der Haushofmeiſter, worauf der Graf in ein unmäßiges auf 8 Gelächter ausbrach und zu dem Muſtker ſagte:„ſehen Sie, bra Charles, ich bin eigentlich nicht verheirathet, wie Sie wiſſen, En 1 aber meine Gardinen⸗Predigten bekomm' ich dennoch. Ich ver⸗ 1 ſol ſichere Sie, Meiſter Amadäus führt ein ſcharfes Regiment, das le heißt, was mich anbelangt; nicht das Geringſte läßt er mir paſ⸗ ſtren. Aber ſollten Sie glauben, daß jener alte Herr ſelbſt die 5 N merkwürdigſten Geſchichten anſtellt?“ „Ich, Herr Graf?“ 1„Daß er junge Mädchen im Walde aufliest, mit ſich fach 4 Hauſe nimmt und lange Zeit in meinem Schloſſe bei ſich behält?“ 4 „O, Herr Graf,“ bat der alte Mann, nnicht dieſen 4 Scherz! Sie wiſſen, Herr Graf, in dem Punkte bin ich in der 1 3 4 That wie ein Kind; in dieſer Sache verletzt mich das kleinſte Wort, ſelbſt von Ihnen, Herr Graf.“ ſch S„Es iſt ja nur Scherz!“ fuhr Jener fort, vich wollte Sie al eigentlich nur fragen, wem gleicht dieſes Portrait?“ Mit dieſen d 1 Worten übergab er ihm das Taſchenbuch. „Das iſt die Magdalene!— bei Gott, das iſt ſte!“ rief 1 1 der alte Mann aus, nachdem er einen Blick auf das Bild gewor⸗ e fen.„Gewiß, Herr Graf, die Magdalene!“ 1 1 Der junge Muſiker war bei dieſen Worten raſch aufgeſprun⸗ gen und treat ſo haſtig auf den Haushofmeiſter zu, ſchaute ihm 1 ſo dringend in's Geſicht, daß dieſer mit einer leichten Verbeugung b 5 einen Schritt zurück trat und bald den Grafen, bald den Frem⸗ den überraſcht und befremdend anblickte. b „Ich glaube auch,“ ſagte der Graf nach einer kleinen Pauſe, 1 „nach Ihrer Schilderung, Amadäus, könnte es die Magdalene 2 n ſein.“— ¹„Wer iſt die Magdalene, was ſoll's mit ihr?“ ſagte 1 1 Charles. 5. 6- 2 3 Ein neuer Theater-Intendant. 267 Der Graf winkte mit der Hand, ruhig zu ſein, und zeigte auf den Haushofmeiſter, der das Bildchen nah vor ſeine Augen brachte, es lange betrachtete und ſtumm mit dem Kopfe nickte. Endlich ſagte er:„d, Herr Graf, wollten Sie mir vielleicht ſolch' eine große Freude machen?— iſt das Bildchen hier viel⸗ leicht für mich?— Ich wär' außerordentlich glücklich!“ „Es gehört nicht mir,“ ſagte Alfons,„es gehört jenem Herrn.“ Bei dieſen Worten blickte Meiſter Amadäus zuerſt den Gkafen ernſt an, dann blickte er forſchend auf den Muſtker, ließ die rechte Hand mit dem Bildchen ſinken und fuhr mit der linken mehreremal über ſeine Stirne und ſein Geſicht—-——— „Ja, ja,“ ſagte der alte Mann nach einem längeren Still⸗ ſchweigen,„dieß Bild gehört Ihnen. Sie haben ein Recht dar⸗ auf; Sie haben dieß Weſen— ich glaube nicht, daß ſie von dieſer Welt war— vor mir gekannt, genauer gekannt. Sie ſind wahrſcheinlich ein Dichter, ein Poet.— Es iſt wohl mög⸗ lich, daß Ihnen ein ſolch' reines Geſchöpf in Ihren Phantaſteen erſchienen iſt.— Doch nein! ſie müſſen Sie auch in der Wirk⸗ lichkeit gekannt haben!— ſte haben Sie gekannt— Sie haben ſte oft geſehen!— Gab es ein Mädchen, ſo gut, ſo lieb, ſo mild wie ſte?—— Heftig wollte der Muſiker etwas entgegnen, oder eine Frage ſtellen, doch der Graf faßte ihn ſchnell bei der Hand und bedeutete ihm, ſtille zu ſein, indem er abermals auf den alten Mann zeigte. Das Geſicht deſſelben hatte einen merkwürdigen Ausdruck angenommen: ſein Auge glänzte und ſtarrte vor ſich weit in unendliche Ferne.— 7 Jetzt ſeh' ich ſte wieder,“ ſagte er auf einmal mit leiſer Stimme, nich ſeh' ſte hier in dieſem Zimmer; o lächeln Sie 2 Vierundfünßigſtes Kapitel. nicht ſo ungläubig, ich ſehe ſie gewiß. Dort an jenem Stuhle ſteht ſte, ſie ſtützt die Hand auf die Lehne deſſelben. Ihr Geſicht i*ſt verſchleiert, und ſie ſtreckt Jemand die Hand zum Abſchiede entgegen,— aber nicht Ihnen— ſondern meinem Herrn, dem Grafen, der dieſe kleine Hand küßt und ſie ehrfurchtsvoll zur Thüre hinaus begleitet.— Dort ſchwebt ſie hin—— ja, ſie war es— ſie war es gewiß!“ Hier ſeufzte der alte Mann tief auf und ſchaute alsdann lächelnd um ſich. Sein Geſicht und ſeine Augen nahmen den gewöhnlichen Ausdruck an, und erſt als er ſah, daß die Blicke der beiden Anweſenden überraſcht, ja entſetzt an ſeinem Geſichte hafteten, wurde er ſehr ernſt und ſagte, müh⸗ ſam lächelnd:„ah! ich habe gewiß etwas Sonderbares ge⸗ ſprochen; verzeihen Sie mir, Herr Graf, es iſt die alte ſchlimme Gewohnheit, die ich nicht laſſen kann.“ Er reichte das Bild mit einer tiefen Verbeugung dem Mu⸗ ſiker, der aber zugleich mit dem Taſchenbuch die Hand des alten Mannes ergriff und feſthielt. „Welche Bewandtniß und welcher Zuſammenhang,“ ſagte er alsdann mit leiſer, aber dringender Stimme,„iſt zwiſchen dieſem Bild und jenem Mädchen, das Sie Magdalene nennen? Sprechen Sie, Amadäus! Und Sie, Graf Alfons, martern Sie mich nicht länger. Ich bitte Sie, ich beſchwöre Sie, ſagen Sie mir Alles, was Sie wiſſen!“ Der Haushofmeiſter ſah ſeinen Herrn fragend an, dieſer zuckte die Achſeln und entgegnete:„was ich weiß, iſt wenig ge⸗ nug, aber Amadäus kann Ihnen Einiges mittheilen, was Ihnen intereſſant ſein wird.— Sprechen Sie, Amadäus, ich bitte Sie darum; thun Sie meinem Freunde den Gefallen, und ſagen Sie ihm, was Sie von der Magdalene wiſſen. Er hat ſie in der That genau gekannt, ſehr genau, und kann Ihnen auch ſeinerſeits Einiges über ſie mittheilen.— Mir aber erlaubt, daß 8 ich n les, da, Fre bl —— Ein neuer Theater-Intendant. 269 ich mich entferne, ich habe dringende Geſchäfte.— Beſter Char⸗ les, ich ſehe Sie morgen auf dem Theater.— Bleiben Sie ruhig da, Amadäus! und nochmals bitte ich Sie, erzählen Sie meinem Freund ausführlich Ihre Geſchichte!“— Damit gieng der Graf in das Nebenzimmer und Charles blieb mit Meiſter Amadäus allein.— „ 7 8* 2 28 * *. 4 2— * Fünfundfünfzigſtes Kapitel. Aus der Requiſiten⸗Kammer. Der Balletmeiſter Herr Dubelli hatte nie die zarten Neigun⸗ gen des menſchlichen Herzens gekannt, hatte ſich nie auf gewiſſe Art zu einem weiblichen Weſen hin gezogen gefühlt, hatte nie eine Geliebte gehabt. Was bei ihm die Stelle einer ſolchen vertrat, was ſein ganzes Herz ausfüllte, war die Kunſt, war das Theater. Sie liebte er leidenſchaftlich, für ſie hätte er ſein Leben gelaſſen. In dieſer Beziehung hatte Wubelli einmal den einzigen Streit ſeines Lebens; da einſtens ein großer langer Mime behauptete: die Tanzkunſt ſei eigentlich keine Kunſt, da hatte Dubelli am Rande des Duells geſchwebt und ſomit vielleicht am Rande des Grabes. Der neue Balletmeiſter hatte ſein Departement übernom⸗ men, und er als Chef deſſelben ſah mit großer Betrübniß, daß viel, ſehr viel zu thun ſei, um aus den übrig gebliebenen Trüm⸗ mern einer früheren beſſeren Zeit wieder etwas Neues, dem Auge Wohlgefälliges, aufzubauen. Die erſten Tänzerinuen, die er * — X ⸗. zun⸗ wiſſe eine trat, ater. ſſen. treit tete⸗ am des Aus der Requiſtten-Kammer. 271 damals gekannt, waren von der Bühne abgetreten; die Künſt⸗ lerinnen zweiten Ranges ebenfalls; die einen hatten einen anderen Lebenslauf ergriffen, Andere ſich geheirathet und wieder Andere waren geſtorben und verdorben. Was nun noch übrig geblieben aus jener Zeit, das waren ältere Damen, welche die zwölf Jahre, die über ſie dahin gerollt, nicht ſchöner gemacht, wohl aber dicker und fauler. Dubelli bemerkte mit Schmerz, daß dieſe Wenigen, die er bis jetzt als kräftige Stützen ſeines neuen Aufbaues be⸗ trachtet, ein ſchlechtes Fundament abgeben würden, denn ach! es war nicht mehr wie damals, wo ſich Alles herzudrängte, um an einer ſchwierigern Gruppe, an einem großen Enſemble Theil zu nehmen, wo es für eine Schande angeſehen wurde, wenn Signor Benetti Jemand nicht beſchäftigte. Heute ſuchte ſich Alles vom Dienſte zu befreien, ſo gut es gieng, und da wurde alles Mögliche vorgeſchüßt, um auf den Abend vom Dienſt be⸗ freit zu ſein.— Schauerlich! ſogar die ſchreckliche Gewohnheit des Strickens hinter der Scene, auch bei den Proben, war unter den Tänzerinnen eingeriſſen und aus dem Balletſaal wurden, ehe Dubelli kam, ſtatt ſich an der Stange zu üben, die mannigfal⸗ tigſten Handarbeiten angefertigt. Die älteren Koryphäen, die ſich jetzt Solotänzerinnen nennen ließen, zogen ſich bei ihren Uebungen gar nicht mehr aus, ſon⸗ dern tanzten in ihren langen Kleilen ſchläfrig den Pas durch, den ſte gezwungen waren, dem Publikum heute Abend zum Beſten zu geben. Der Violinſpieler, deſſen Geige früher nie geraſtet, die den ganzen Vormittag in den kläglichſten Tönen die luſtigſten Tanzmelodien hinausgejubelt hatte, war verſtummt und hieng in einer Ecke; wir glauben, um die Saiten hatten die Spinnen ihr Neſt aufgeſchlagen, wie einſt in den alten griechi⸗ ſchen Kaiſerpaläſten. Der Künſtler ſelbſt ſaß an einem Tiſchchen auf dem Balletſaale und ſchrieb Noten zu einem kleinen Neben⸗ verdienſt. Die jüngeren Ratten, eine ganze Schaar kleiner fauler, 3. 1*„ 2 · . 1 2 Fünfundfünßigſtes Kapitel. unbehülflicher Weſen, ſaßen am Boden und ſpielten mit Knochen und Kugeln, und auf der Straße waſchelten ſte ſo entſetzlich ein⸗ wärts daher, daß man ſie für Alles, nur nicht für Tänzerinnen gehalten hätte. In dieſe Wirthſchaft nun trat der neue Balletmeiſter, der ſchon eine Ahnung von dieſem Unweſen hatte, feſt entſchloſſen, mit kräftiger Hand die Zügel zu ergreifen; er ſchauderte aber förmlich zurück, als er am erſten Morgen die tolle Wirthſchaft im Balletſaale mit angeſehen. Ja, er gieng trauernd nach Haus, verhüllte ſein Haupt und wir glauben, er weinte heiße Thränen. Darauf ermannte er ſich aber kräftig und begann, ein zweiter Herkules, dieſen Augiasſtall der Kunſt auszumiſten. Da gab es in den erſten Tagen rothgeweinte Augen und müde Beine, da krachten die alten Balken des Balletſaals, da jauchzte die Fidel, daß es eine Luſt und Freude war, und bald ſchälte ſich, Dank dieſen Bemühungen, aus der wirren Maſſe ein geſunder Kern heraus, in das ganze Balletweſen kam ein neues Leben, neues Gedeihen. Aber den Balletmeiſter koſtete das manche trübe Stunde, manche ſchlafloſe Nacht. Und er hätte es auch nicht ſo durchſetzen können, wenn er nicht von ſeinem neuen Chef, dem Grafen Alfons, auf's Kräftigſte unterſtützt worden wäre. Den ganzen Tag hatte er zu thun, bald in den Garderoben, bald in den Requiſiten⸗Kammern, und der Intendant, von ſeiner Tüchtigkeit, ſeiner Brauchbarkeit in jedem Punkt überzeugt, ließ ihm auch da freie Hand. Es war für Dubelli in mancher Hinſicht ein wehmüthiges Gefühl, wenn er ſo durch die Ballet⸗Garderobe auf und ab ſchritt und die alten Sachen durchmuſterte. Da hiengen ſie ſo ſtill, ſo friedfertig, ſo leblos neben einander, die einſt ſo glänzenden, jetzt abgetragenen Kleider, die an dem Körper der ſchönſten Mädchen das Publikum entzückten. Da waren maenwan 3 83 men 3 vom Ballete, welche die jetzige Generation kaum den 84 Aus der Kequiſtten-Kammer. 273 nach kannte. Da hieng Freund und Feind traulich neben einan⸗ der; neben leichten Nymphen und Bajaderen Helden aus dem Mittelalter, neben dem Kopfſchmuck wilder Indianerinnen das glänzende, maleriſche Kopfnetz der zahmſten Spanierinnen. Müd und matt gieng der Balletmeiſter nach ſo vollbrachtem Tagewerk in ſeine Wohnung und auch da hatte er keine Ruhe, arbeitete an neuen Entwürfen, an neuen Plänen für ſein nächſtes Ballet. Spät am Abend konnte er noch oft ſein Haus verlaſſen und nach dem Theatergebäude gehen, vielleicht auch zuweilen die dunklen Treppen hinaufſteigen bis zur Bühne, oder den Ballet⸗ ſaal öffnen, Alles in dem Gefühle, das wir Eingangs dieſes Kapitels andeuteten, und was Andere für eine lebendige Geliebte thun, in ihrer Umgebung zu weilen und ſelbſt ungeſehen in ihrer Nähe zu ſein. Das Gebäude des Königlichen Theaters lag auf einem freien Platz, ſeine Front war demſelben zugekehrt, eine Seite begränzte eine vorbeiführende Straße, die anderen beiden ſtießen an den großen Schloßpark, und hier war es Abends, namentlich wenn keine Vorſtellung gegeben wurde, todt und ſtill. Das Opern⸗ haus war vordem ein Luſtſchloß geweſen, eines der merkwürdig⸗ ſten Gebäude, das man ſehen konnte. Auf hohen Treppen, die außen angebracht waren, trat man in den erſten Stock, wo ſich damals große Concertſäle und Geſellſchaftszimmer befanden. Alle Decken waren hier gewölbt und ruhten auf Hunderten von ſchlanken Säulen; Springbrunnen plätſcherten in den Gängen und Treppen und ſammelten ihr Waſſer in zierlichen Marmor⸗ baſſins, die namentlich Abends bei großen Feſten, wenn das Haus im Lichterglanz ſtrahlte, ſeltſam glänzten und leuchteten. Das He 8 war von Innen und Außen mit den reichſten Sculp⸗ turen bedeckt, mächtige Cariatyden ſtützten die Thore, ſchlanke Statuen trugen die Fenſterbalken und auf den Schultern rieſen⸗ hafter Geſtalten ruhte das Dach. Dieſes hatte an der Front Haclanser, Namenl.. Geſchichten. III.* 18 88 S Seee uLes e— 274 Fünfundfünßigſtes Kapitel. einen ungeheuren Giebel, welcher von Verzierungen aller Art, von Laubwerk und Figuren in Holz geſchnitzt wimmelte und ſeine Spitze über alle Nachbargebäude, ſelbſt über das Schloß hoch emporſtreckte. Da wurde das Luſthaus im Lauf der Zeiten nicht mehr zu großen Feſten benutzt. Die Springbrunnen verſtegten, die Baſſins trockneten aus. Die Armleuchter an den Wänden trauerten in Stille und Dunkelheit, die Gemächer, in welchen Seide und Sammt gerauſcht, wo der Fuß der Damen zierlich geſchleift, wo Degen und Sporen des Cavaliers geklirrt, bedeckten ſich mit Staub, und in den Sälen faſt ohne Fenſter, nur für nächtliche Feſte berechnet, herrſchte eine dichte melancholiſche Finftarniß Da wurde das Luſthaus zum Theater umgeſchaffen. Die große Treppe an der Front des Gebäudes hinweggeriſſen machte einem bequsmeren Eingang für das Publikum Platz. Die ver⸗ ſchiedenen kleineren und größeren Säle im Innern wurden zu einem einzigen großen Raume vereinigt, Gewölbe hie und da durchbrochen, die breiten ſteinernen Wendeltreppen in ſchmale hölzerne verwandelt. An der Seite nach der Straße zu baute man ein neues Gebäude an das alte, und hier herein verlegte man Muſikſäle, Garderoben, die Bureaus und dergleichen mehr. Das Ganze bekam ein jugendliches friſches Anſehen und als nun am erſten Theater⸗Abende der innere große Raum im Glanze von Hunderten von Lichtern ſtrahlte, lachende Geſichter im Parterre und in den Logen ſaßen, als der Contrebaß brummte und die Violine ihre luſtigen Weiſen dazwiſchen ſang, da ſchien den Körper des alten Gebäudes eine innerliche Luſt zu durchſtrömen und eine große Freude, daß durch ſein Inneres nun wieder friſches Leben rauſche und es nicht mehr ſo todt, ſtarr und einſam dazuliegen brauche. Doch konnten die alten Mauern, die Säulen und Steingebilde der alten Zeit doch nicht ſo bald vergeſſen, und wenn in ſeinen Räumen auch wieder wie ehemals Sammt Aus der Nequiſtten-Kammer. 275 Art, und Seide rauſchte und Harniſch und Schwert klirrte, ſo war eine dieß doch nur eine künſtliche nachgemachte Geſchichte und dauerte och nur wenige Stunden und dann war es wieder todt wie vorher. Auch an dem Gebäude ſelbſt hatte man die früheren präch⸗ rzu tigen Zeiten nur unvollkommen verwiſchen und verdrängen kön⸗ ſins nen. Da ſah man von Außen die rieſenhaften Geſtalten, welche nin Thor und Dach trugen, halbvermauert und aus einer neuentſtan⸗ ufß denen Niſche, wie aus einem Kerker hervorſchauend. Da kam do man in den neumodiſchen Corridors an langen Säulenreihen vor⸗ 6 nit bei, die, wenn man ſte auch hinter einem neuen Ueberzug der⸗ 1 lihe borgen; eh durch Kalk und Mörtel trotzig hervorbl nicht g ganz erſchwinden wollten. Die Gewölbe untern waren faſt ganz wie b gehauenen Kapitälern 3 ſtergittern neugemalte D dem geblieben und wenn an das wehmüthig und komiſch aus 1 1 n di An der Seite, die auf die Schloßgärten führte, hatte man d das alte Gebäude faſt ganz unverändert gelaſſen. Dort führten male noch hohe Treppen von en hinauf, da waren die Fenſter 4 bautt noch in alter Pracht und Herrlichkeit geblieben, da ſtrömte das 4 nlegte Regenwaſſer noch aus den Mäulern fabelhafter Unthiere, die ſich mehr. unter dem Dach mit langen Hälſen und vorgeſtrecktem Oberkörper nun weit hinaus beugten, auf den Boden herab, da ſah man unten 1 tvon noch eine offene Gallerie, deren Decke von einer Reihe alter Rit⸗* terte tergeſtalten getragen wurde und die mit einem prächtigen Gitter d die verſchloſſen war. Doch waren die armen alten ſteinernen Ritter den hier unten müde geworden, ſo ganz allein den Dienſt zu ver⸗ ömen ſehen, und zuerſt hatten ſie traurig ihren Kopf geſenkt, dann 1 ieder war ihnen der eine Arm abgefallen, dann der andere und endlich nſam hatte man ihre edeln, aber morſchen Leiber ſtützen müſſen, mit äulen Weugran eeinem Mauerwerk, zwiſchen dem ſie traurig hiengen, eſſen, hier die Geſihten ohm Naſen, dort die Körper ohne Hände, ja anmt 13* ——, 27 Fünfundfünßigſtes Kapitel. 6 Kopf. Ihre Waffen waren ſchon lange vorher verwittert und die Zeichen auf ihren Schildern verwiſcht und mit Schling⸗ kraut überwachſen.— Ach, das Schlingkraut, die Pflanzen und Geſträuche, welches ſich von dem Schloßgarten zu ihnen hinge⸗ ſchlichen, war in ihrem friſchen ſaftigen Grün nur ihr einziger Troſt, vor Allem aber die uralten mächtigen Bäume, welche auf dieſer Seite des Gebäudes ſeit undenklichen Zeiten in einer Reihe ſtehen geblieben waren. Sie hatten ſich ſo lange, lange Jahre hindurch gekannt, die Bäume und die Ritter, und gute und age zuſammen verlebt, Regen und Sonnenſchein zu⸗ tragen, ſich beſtändig anſchauend, anfäng ie ehren⸗ ftigen Ritter, die ſchwächliche eteince atar ie die armen, alten, zer⸗ Das iſt der Lauf und der Balletmeiſter Er umkreiste das weite ne Steinbank nieder, die n Stein⸗Cavalieren ange⸗ Ge aude und ließ ſich dann wohl a unter den Bäumen vor den verwit bracht war. Das that er auch an einem ſchönen Herbſttage und verſank da in tiefe Träumereien, und blieb hier, an vergangene Tage und an die Zukunft denkend, ſitzen, bis die Dunkelheit mächtig hereingebrochen war. Der weite Garten lag ſtill und einſam, die me er n faſt ſchwarzgrün, in einiger Entfernung violett, die nelen Sträucher bildeten nur eine einzige unförm⸗ liche Maſſe, die Alleen ſahen wie Schluchten und Hohlwege aus und von den Raſenplätzen leuchteten die Marmorfiguren geſpenſtig durch die Dämmerung. Von den Teichen und Waſſerbaſſins ſtiegen dunſtige Nebel in die Höhe und halfen der Nacht Alles in ihren ſchwarzen Schleier zu hüllen. Zuweilen erholl der Ra einer wilden Ente, die von einem Waſſer zum andern hinüb ——&B—z * Aus der Uequiſiten-Kammer. 222 viten ſtrich, und ſtörte die ſtillen melancholiſchen Schwäne, die als⸗ bling⸗ dann mit geſträubten Federn ihrem kleinen Haus auf einer Inſel Mund mitten im Teiche zuruderten. Der Mond, der hinter den Bergen inge voll aufſtieg, vermehrte noch das Feierliche und Geheimnißvolle nziget der ſchlummernden Natur. Zuerſt beſtrahlte er die Gipfel der he auj höchſten Bäume, und die Blätter da oben zitterten fieberhaft dem Reihe hellen Lichte entgegen. Dann blickte er abwärts und kämpfte mit Jahre⸗ den Nebeln, die ihn nicht durchdringen ließen und auf die er ſich e und lagerte in bläulichtem Scheine. Nur hie und da gelang es ihm, in zu⸗ das Waſſer zu küſſen, und die Wellen erzitterten dann ebenfalls ehren⸗ vor Luſt und Freude, wie die Blätter an den Bäumen. Vor aum⸗ einer weißen Statue auf hohem Poſtament, welche mit dem zer⸗ weißen lebloſen Marmorgeſichte aufwärts an den Himmel blickte, Lauf ſchienen die Nebel in ängſtlicher Scheu vorüberzuwallen, denn wenn ſie hin und her wogend Alles wieder mit ihrem grauen neiſter Schleier bedeckten, ſo wagten ſie ſich doch nicht an jenes Mar⸗ weite morbild, auf welches ſich nun das volle Licht des Mondes ergoß :, die und es leidenſchaftlich küßte, ſo daß es ſchien, als zuckten die ange⸗ todten Augen und bewegten ſich die marmornen Lippen.— o kam es auch Dubelli vor, der nicht weit von dem Stein⸗ erſank bilde ſaß, und es wurde ihm unheimlich in deſſen Nähe. Es war. 4 Lage ihm nicht anders, als ſei aus den Gewölben des Theatergebäudes 3 achtig vor ihm die Marmorbraut entſprungen und thue ſich hier gütlich ſam, im Mondenſchein. Ja, es war ihm, als höre er drinnen Vio⸗ mung linen und Clarinetten das Lied Zampa des Corſaren begleiten, fürn⸗ und dann war es ihm wieder, als müßte jetzt die Marmorbraut aus neben ihm den Arm ausſtrecken und ihm mit dem verhängniß⸗ enfig ooollen Ringe drohen. 1 ifſin Ach, der gute Dubelli war ja nie ein Zampa geweſen und. ls in ſeine Verheerungen, die er in weiblichen Seelen angerichtet, be⸗ 4 ſchränkten ſich auf jenes Spiel mit dem morſchen Herzen der 1 1 Honoratiorentochter, das einſtens vor dem Andrang ſeiner .„* * 278 Fünfundfünßigſtes Kapitel. Liebenswürdigkeit zu zerbröckeln gedroht. Und doch hatte er eigentlich ſo wenig Antheil an dieſer Neigung gehabt! Aber die Erinnerung an jene Tage war ihm ſchauerlicher, als ſeine vor⸗ herige Phantaſte mit Zampa's Marmorbraut, und er raffte ſich auf, um dieſen unheimlichen Platz zu verlaſſen. Kam es ihm doch vor, als ſei es die ſelig verſtorbene Honoratiorentochter und die jetzt vor ihn hin trete, um alte, nie gerechtfertigte Anſprüche auf ihn geltend zu machen. Glaubte er doch faſt, ſie wende den Kopf herum und blicke ihm bedeutungsvoll nach, als er über den Schloßplatz gieng und nach ſeiner Wohnung eilen wollte. Ja, ſo oft er einen Schritt vorwärts machte und ſich umwandte, ſah er das weiße Geſicht, und nur als er hiedurch geängſtigt in die alte Gallerie trat, hinter die Reihen gebrechlicher Ritter, ver⸗ ſchwand ihm Statue und Erſcheinung, denn die Ausſicht dorthin wurde ihm verdeckt durch die Leiber der alten Cavaliere. Es gibt Stunden, wo der Menſch ſehr ſchwach iſt und wo ſich ſogar ein ſonſt ſehr ruhig denkender, aber phantaſtereicher Menſch vor Geſpenſtern fürchtet, und ſo ergieng es dem Ballet⸗ meiſter heute Abend. Er hatte dem Begräbniß der Honoratioren⸗ tochter vor einigen Tagen beigewohnt, die Glocken hatten ſo traurig geläutet, ihre beiden Söhne hatten hinter unendlichen Sacktüchern geweint, und der junge Eduard, der eigentlich kein junger Eduard mehr war, hatte unſerem Freunde, als er im Zuge bei ihm vorbeiſchritt, einen ſonderbar lächelnden Blick zu⸗ geworfen, als wolle er ſagen:„warte nur, jetzt bin ich ſte los, jetzt kommt die Reihe an dich!“ Von dieſen Gedanken gequält, huſchte er hinter den alten Rittern vorbei, ſich ſcheu umſchauend, ob das unheimliche Mar⸗ „morbild ihm nicht nacheile, und eilte die Treppen hinan in das Theater: dort wollte er durch wohlbekannte Treppen und Gänge zur andern Seite wieder hinaus gehen. * Für manchen Andern wäre in ſolcher Stimmung und zu 4 tte er her die vor⸗ e ſich ihm er und prüͤche de den er den I, „ſah in die ver⸗ arthin d wo eicher allet⸗ oren⸗ en ſo lichen kein er im k zu⸗ . los, alten Mar⸗ 1 das änge d zu Aus der Vequiſiten-Kammer. ſolcher Zeit das weite leere Theatergebäude kein Zufluchtsort ge⸗ weſen. Wie krachte die alte Thuͤre, als Dubelli ſie langſam öffnete, wie ſchwarz gähnten ihm die weiten Gänge zur Rechten und Linken entgegen. Wie hohl klang nicht das leiſeſte Räuſpern, der Ton ſeiner Schritte! Doch Dubelli fühlte ſich hier ſo heimiſch und heimlich, daß er mit den Händen vor ſich tappend ruhig ſeines Weges gieng. Er war nur froh, daß er die mondſchein⸗ beſchienene Figur nicht mehr vor ſich ſah. Bald hatte er die Bühne erreicht, die von einer einzigen kleinen Laterne, das Licht der Wache, erleuchtet war. In tiefer Dunkelheit lag vor ihm das große Haus. Die Couliſſen ſtanden rechts und links in unſicheren Umriſſen und das„Wer da?“ der Wache, die ihn kommen hörte, dröhnte wie eine Rieſenſtimme durch das leere Gebäude. „Ah, Herr Balletmeiſter!“ ſagte der Wachhaltende, nach⸗ dem ſich ihm der Ankommende zu erkennen gegeben,„was machen Sie ſo ſpät auf der Bühne?“ Der alte Mann, der heute Abend den Dienſt hatte, war eigentlich froh, daß er in ſeiner Einſamkeit geſtört wurde. Er zog geſchäftig eine alte Tabaksdoſe aus Bir⸗ kenrinde hervor und bot dem Herrn Dubelli eine Priſe. Dann wiederholte er ſeine Frage, was den Herrn ſo ſpät in das Thea⸗ tergebäude führe. „Ich war— ich wollte nur,“ ſagte Dubelli in einiger Ver⸗ legenheit,„ich hatte im Balletſaal etwas vergeſſen, ein wichtiges Papier, das ich mir heute Abend noch mitnehmen möchte.“ „Ah ha!“ meinte der Wachhabende,„das iſt Ihnen auf dem Spazergänge eingefallen. Na, warten Sie, ich will Ihnen ein Bischen leuchten!“ „Gott bewahre!“ ſagte der Balletmeiſter und hob den Arm des Andern zurück, welcher eben ſeine Laterne emporheben wollte. „Das geht nicht an, Ihr dürft Euren Poſten nicht verlaſſen, es muß nach der Vorſchrift immer Licht auf der Bühne ſein.“ 3 4 — — ——————— Fünfundfünfzigſtes Kapitel. „O, ſo einen Augenblick!“ „Auch keinen Augenblick!“ ſagte ernſt der Balletmeiſter; „nein, nein, ich mag nicht die Urſache ſein, daß Jemand ſeinen Dienſt verſäumt, ich finde meinen Weg ſchon allein. Den Weg zum Balletſaal kenne ich wie meine Taſche, das Papier, welches ich ſuche, liegt auf dem Tiſch an der Thüre, will's ſchon finden, will's ſchon finden.— Gute Nacht!“ Der Wachhabende bot noch eine Priſe an, und als ſich hierauf Dubelli mit eiligen Schritten entfernte, ſah er ihm traurig nach. Er hätte ſo gar gern noch eine Viertelſtunde von der Wache verplaudert; es war ſo entſetzlich ruhig und einſam hier auf der Bühne, und das fühlte der Wachhabende wohl, wenn er ſo auf und ab ſchritt von einer Seite des Theaters zur andern, oder vom Hintergrunde zum Vorhang. Dubelli hatte die Bühne hinter ſtch und eilte in dem langen Gange fort, in welchem ſich auf der Seite gegen den Park allerlei alte Gelaſſe, unter Anderm die große Requiſiten⸗Kammer befand. Die Thüre derſelben war nur angelehnt und der Balletmeiſter konnte ſich nicht enthalten, einen Augenblick hier hinein zu treten. Das Gemach hatte nur ein einziges langes, ſchmales Fenſter, an welchem aber heute Abend eine alte weiße Fahne mit rothem Kreuz, ein Stück aus den Kreuzzügen, herabhieng und dem Mond, der drüben ſchon hoch am Himmel ſtand, nicht verſtattete, mit ſeinem vollen Licht in das Zimmer zu dringen. Nur ein weißer dämmeriger Schein erfüllte es und zeigte in unbeſtimmten Umriſſen all' die merkwuürdigen Gegenſtände, die an den Wänden hiengen, in den Ecken ſtanden, auf dem Boden umher lagen, oder ſich auf den verſchiedenartigſten Geſtellen befanden. Hier war die Rüſtkammer großer Kriegs⸗ und anderer Züge, von hier aus wurden die Heere bewaffnet, die, jedes aus ſechsunddreißig Mann beſtehend, die blutigſten Schlachten auf der Bühne auf⸗ führten. Hier ſah man Harniſche und Helme berühmter Männer, Aus der Kegquiſiten-Kammer. 281 ebenſo genau und wahr, wie ſie in den großen Arſenalen gezeigt werden. Dort lehnten alte verblichene Fahnen aus dem Mit⸗ telalter neben reich vergoldeten Infulen, Pickelhauben neben Biſchofsmützen. Hier ſtand die Rüſtung von Hamlets Vater, dort der Harniſch des blutgierigen Gloſter, da ein Schäferſtab neben dem Beile, womit unglückliche Königinnen, ſowie außer⸗ ordentliche Verbrecher enthauptet worden waren. Von einem Schrank herab grinzte ein Todtenſchädel aus Fauſt's Zimmer und daneben hieng an einem dünnen Faden der Marſchallſtab Talbott's, halb verdeckt von der Fahne der Jungfrau von Orleans. All' dieſe Gegenſtände ſah Dubelli mit einer gewiſſen Freude, der ſich aber heute in ſtiller Nachtſtunde ein kleiner Schauer beimiſchte. War doch ſein Dichten und Trachten von Jugend auf bei dieſen höchſt phantaſtiſchen und merkwürdigen Geräthſchaften geweſen! Hatte er nicht ſchon früher, ehe er noch mit ſich im Reinen war, welcher Branche im Theater er ſich zu⸗ wenden wollte, ehe er noch fühlte, daß er in ſich die Kraft habe, ein außerordentlicher Tänzer zu werden, für die Stellung eines Schauſpiel⸗Direktors geſchwärmt, zu einer Zeit, wo er noch Flickſchneider war und wo er noch ebenſowenig die Gewißheit hatte, König zu werden?— Ihm war dieſe Kammer der liebſte Tummelplatz ſeiner lebhaften Phantaſte, und wenn er früher, als er noch Theaterſchneider war, eine alte Fahne auszubeſſern hatte, ſo konnte er ſich ganz leicht den Zug vergegenwärtigen, welcher dieſelbe feierlthſt vorangetragen würde, und wie die hohe Geiſt⸗ lichkeit ausſah, die ihr folgen mußte, und die Bettelmönche da⸗ hinter und die Ritter und Edelfräuleins und der ganze Troß des gemeinen Volkes. Mit welchen erhabenen Gefühlen nahm er damals ein großes Ritterſchwert in die Hand oder einen alten Harniſch und dachte der wilden Worte alle, welche Schwert und Harniſch ſchon vernommen. Oder wenn es auch nur eine Laute ————— ———— 282 Fünfundfünßzigſtes Kapitel. ohne Saiten war, mit der er ſich beſchäftigen konnte, ſo drangen für ihn ſüße Melodien aus dem alten Holze, und er ſah verliebte Pagen und glühende Damen in allerlei verbotenen und höchſt gefährlichen Situationen. Auch heute Abend ſtand der gute Dubelli feſt gebannt in dem Zauberkreiſe, den er mit der Schwelle zur Requiſtten⸗Kammer überſchritten. Ach, er betrachtete alle dieſe Gegenſtände mit einem unnennbar ſüßen Gefühl. War er doch kein⸗Fremdling mehr in dieſen heiligen Hallen, war er doch in gewiſſen Beziehungen Ge⸗ bieter über dieſe herrlichen Sachen und konnte ſie in's Leben rufen, konnte ſte mitſpielen laſſen, angenehm und ſchauerlich. In der Mitte der Requiſtten⸗Kammer ſtand ein uralter Lehn⸗ ſtuhl mit Leder bezogen, in welches alte Wappen in Gold und Farben eingepreßt waren. Was hatte dieſer Stuhl nicht ſchon Alles erlebt, ſeit vordenklichen Zeiten, wo er in wirklichen alten Schlöſſern gedient, bis heute, wo er oft gebraucht wurde in Ritterburgen von Holz und Papier! Der alte Stuhl öffnete ſeine Arme ſo traulich und weit, und ſchien den Balletmeiſter ordentlich einzuladen, ſich einen Augenblick auf ihn niederzulaſſen, daß er in der aufgeregten Stimmung, in welcher er ſich gerade befand, nicht unterlaſſen konnte, dieſer freundlichen Einladung Folge zu leiſten. Dubelli träumte von einem nächſten, erſten und großen Ballet, von dem Werke, das er ſelbſt erfunden und in Scene ſetzen wollte. Zu dieſem unerhörten Spektakel mußte die ganze Requiſiten⸗Kammer herhalten. Da gab es Hochzeiten in feier⸗ lichem Zuge genug, Tanz und Spiel, Freude ſt, Mord und Todtſchlag. Dubelli warf einen Blick um ſich und zählte die Harniſche, die ihm aus den Schränken aus allen Seiten des Gemachs entgegen funkelten. Doch war es zu trüb in dem Zim⸗ mer, weßhalb er die alte mittelalterliche Fahne vor dem Fenſter in die Hand nahm und auf die Seite ſchob.———— Aus der Requiſiten-Kammer. 283 Das volle Licht des Mondes, das ſo lange abgeſperrt ge⸗ weſen, drang nun gierig in das Gemach und beleuchtete die fernſten Ecken deſſelben mit ſeinem weißen ſanften Scheine.— Da war es auf einmal, als ziehe rings um die Wände des alten hohen Zimmers ein tiefer langer Seufzer. Es war ein Ton, wie ihn Jemand ausſtößt, deſſen Seele von einem heftigen unerträg⸗ lichen Drucke endlich befreit wird. Dieſer Seufzer dauerte einige Sekunden und dazu krachten die alten Schränke, ſtöhnten die Rittterbänke und knaxrten die wackeligen Stühle rings herum, ja dieſes Krachen und Knaxen ſetzte ſich an dem Holzgetäfel der Wand und Decke fort, und jedes Brett dort, jede Fuge gab einen eigenthämlichen Ton von ſich. Es war ein Geräuſch, wie es wohl in einer Stube mitten im Winter entſteht, in der plötzlich ſehr ſtark geheizt wird, wo ſich alsdann alle Möbel, alle Ge⸗ räthſchaften von innerem Wohlbehagen dehnen und recken. Entſetzt blickte Dubelli um ſich und ließ bei dieſer Bewegung den Zipfel der Fahne, den er in der Hand behalten hatte, fahren, die nun ſogleich wieder das Fenſter bedeckte, und wie ſie ſolcher Geſtalt den Mond ausſchloß, ward es auch wieder ruhig ſtill wie vorher in der Requiſtten⸗Kammer.—„Sonderbar!“ murmelte der Balletmeiſter und ſchaute mit ſcheuen Blicken in dem Gemach umher und horchte mit ſcharfem Ohr auf den Gang hinaus, ob dort vielleicht ſchwere Tritte giengen, die etwa die alten Balken des Zimmers in Bewegung geſetzt und ſo den Lärm hervorge⸗ bracht. Aber da draußen war Alles ruhig und ſtill, ſo ruhig und ſtill, daß man nichts hörte als das ſonderbare Klingen und Rauſchen dieſer Stille ſelbſt.— KNach einigen Minuten wollte Dubelli über das, was er gehört, lächeln. Doch brachte er dieſes Lächeln nur mühſam hervor, und doch lächelte er und redete ſich ein, es ſei doch in der That komiſch, ſich ſo etwas einzubilden, und ſo lächelnd, aber dabei wie von einer unſichtbaren Macht gezwungen, faßte 8 8 1 5 ————— 2— — *— 2— 8 ——————y r— ———— ———— 284 Fünfundfünßzigſtes Kapitel. er nochmals die alte Fahne und dabei zitterte ſeine Hand ſo heftig, als er ſie wieder vom Fenſter wegzog, daß er an den morſchen Zeug einen ſo ſtarken Ruck that, daß derſelbe von der Stange herabfiel und auf den Boden niederwallte. Und abermals gab es denſelben Ton wie vorhin. Und das Seufzen rings herum wurde immer ſtärker und lauter. Aber je länger es dauerte, je mehr verlor es den Charakter der Unheim⸗ lichkeit und verwandelte ſich in ein vergnügliches Sumſen und Sauſen. Dazwiſchen klirrten die Harniſche leiſe und rauſchten die Kirchenfahnen und krachten die Tiſche und Stühle und raſſel⸗ ten die Schwerter und Ketten, deren es auch hier gab, und aus jener Ecke hervor kicherte es und lachte aus dieſem Schrank und lachte anhaltend und immer lauter, und ſchien eine tolle Fröh⸗ lichkeit rings herum zu herrſchen, die nicht zu bändigen war. Mitten in dieſem Lärmen ſaß Dubelli auf dem alten Stuhle und ſchaute zuerſt entſetzt, dann verwundert um ſich her, und als das Gekicher und Lachen nicht aufhören wollte, lächelte er ſelbſt mit; aber es war ein verlegenes, unfreiwilliges Lächeln, wie man es in einer Geſellſchaft zu thun pflegt, wo eine plötzliche Heiter⸗ keit losbricht, von der wir nicht wiſſen, ob wir ſte nicht ſelbſt durch irgend etwas Unſchickliches oder Sonderbares hervorge⸗ rufen. Und wie der Balletmeiſter lächelte, ſo lachten die Geiſter rings herum— es waren offenbar Geiſter, die hier ihr Weſen trieben— und als nun Dubelli, hievon angeſteckt, ebenfalls, aber krampfhaft anfieng zu lachen, ſo brach von allen Seiten ein ſolch' tolles Gelächter und Gewieher los, daß Dubelli plötzlich ernſt wurde und entſetzt um ſich her ſchaute. Da hörte das tolle Lachen plötzlich mit Einemmale auf und aus der Todtenſtille, die nun herrſchte, vernahm er eine alte zitternde Stimme, die aber ſehr heftig und gebieteriſch ſagte:„was ſoll das wahnſinnige Lärmen, ihr Lumpenpack? Was ſoll der tolle Jubel, ihr un⸗ dankbares Geſindel?“ Aus der Reguiſiten-Kammer. 285 Dieſe Stimme tönte dem Balletmeiſter ſo entſetzlich nahe, daß er erſchrocken in die Höhe fuhr. Doch fühlte er ſich ſanft wieder auf den Sitz des Stuhls zurückgezogen und die Stimme von vorhin ſagte: nbleiben Sie ruhig ſitzen, Verehrteſter, haben Sie keine Furcht! Ich bin es, der mit Ihnen ſpricht, ich, der alte Lehnſtuhl, auf dem Sie ſitzen. Kehren Sie ſich nicht an die ſchlechte Aufführung des Volkes da an den Wänden; ſte freuen ſich eigentlich nur über den kräftigen Mondſchein, der durch das Fenſter hereindringt, der ihre alten Leiber angenehm durch⸗ ſtrahlt.“ Es war das Erſtemal in ſeinem Leben, daß unſer Freund einen Stuhl ſprechen hörte, weßhalb wir es begreiflich finden, daß er vor Ueberraſchung, ja Schreck keines Wortes mächtig war und regungslos ſitzen blieb. „Sie müſſen wiſſen, mein Sohn,“ fuhr der alte Stuhl in ſanftem Tone fort,„daß das Licht des vollen Mondes auf uns arme alte Weſen einen merkwürdig kräftigenden Einfluß ausübt. Durch daſſelbe ſind wir im Stande, uns in einſamen Nächten Mittheilungen zu machen, wir können uns früherer, längſt ver⸗ gangener Zeiten erinnern und es iſt alsdann keine kleine Luſt, uns gegenſeitig aus dieſen alten Zeiten etwas mitzutheilen.— Ihr aber, ſchlechtes, undankbares Geſtndel, laßt euer unanſtän⸗ diges Lachen bleiben! Ihr ſolltet euch doch dieſem Menſchenkinde zu Dank verpflichtet fühlen, denn ſeine Hand war es, welche jene neidiſche, mißgünſtige Fahne von dem Fenſter entfernte.“ „Ich bin gar nicht mißgünſtig,“ klagte die Fahne,„man hat mich gewaltſam vor das Fenſter geheftet.“ „Es iſt auch gar keine Fahne,“ brummte eine alte zerfetzte Standarte aus der Ecke, ndieſes Geſchöpf war ehedem ein ſchlechtes Betttuch, auf welches man ein unbekanntes Wappen gemalt und ſo dieſen Fahnen⸗Baſtard hergeſtellt.“ 286 Fünfundfünßigſtes Kupitel. Das tiefgekränkte Tuch am Boden wollte etwas erwidern, doch ſagte der alte Lehnſtuhl ernſt und beſtimmt:„laßt mir das Gezänk ſein. In einer kleinen Stunde verſchwindet der Mond für uns und dann iſt auch Alles wieder aus. Aber wie geſagt, ſeid freundlich und höflich gegen dieß Menſchenkind, man könnte doch wahrhaftig bei Einigen von euch einen gewiſſen Grad von Bildung erwarten. Und wenn auch gemeine Lanzknecht⸗Harniſche und geringe Reiterſporen in ein ſo pöbelhaftes Lachen ausbrechen, ſo ſolltet doch ihr aus der guten Geſellſchaft, ihr aus Grafen⸗, Herzogs⸗, ja Königs⸗Geſchlechtern nicht mit einſtimmen!“ „Das Schwert Karl Moor's hat angefangen,“ klirrte ein goldener Harniſch,„freilich ein Graf, aber was für einer!“ „Von einem Räuberſchwert kann man nichts anders er⸗ warten,“ ſagte ernſt der Lehnſtuhl;„aber jetzt ruhig!— Junger Menſch,“ fuhr er fort,„wir danken dir für den Dienſt, den du uns erzeigt, und zur Belohnung hiefür wollen wir dir gerne ge⸗ ſtatten, zu deiner Belehrung noch einige Zeit hier zu verweilen, ſofern es dir nämlich Freude macht. Doch wenn du dich ent⸗ fernen willſt, nimm nochmals unſern beſten Dank; die Thüre ſteht dir offen. Dubelli hätte nun gern das Letztere gethan, doch war er ſo erſchreckt und beſtürzt von dem, was er gehört, daß er nicht im Stande war, aufzuſtehen und zu entfliehen. Ja, die Kehle war ihm wie zugeſchnürt, er konnte nicht einmal ein Wort der Erwi⸗ derung, wie er als höflicher Menſch gerne gethan, hervorbringen. „Du willſt alſo da bleiben?“ fuhr die zitternde Stimme nach einer längeren Pauſe fort,„wohlan, du ſollſt eine jener Geſchichten hören, wie ſte ſich die Geiſter zu erzählen pflegen. Erwarte aber gar keine jener erbärmlichen Geſpenſtergeſchichten, womit ihr Menſchen einander zu erſchrecken pflegt und woran kein wahres Wort iſt, wir theilen uns der Reihe nach aus unſern ein Aus der Requiſiten-Kammer. 287 Erlebniſſen mit und was du von uns hören wirſt, hat ſich ein⸗ ſtens begeben und du kannſt es uns getroſt nacherzählen.“ Statt aller Antwort nickte Dubelli mit dem Kopfe, ſchielte aber dabei nach der Thüre und überlegte, daß dieſelbe mit einem guten Sprunge zu erreichen wäre. „An wem iſt denn eigentlich die Reihe heute Abend?“ ſagte der alte Lehnſtuhl mit etwas lauterer Stimme und auf dieſe Frage hin brach faſt ein ebenſo großer Lärm los wie vorhin. Alles klang und klirrte, krachte und ſtöhnte durch einander und Jeder wollte das Recht haben, eine Geſchichte zu erzählen. Vor Allem krachte ein Tiſch auf's Allerlauteſte und verſtcherte, etwas nie Erhörtes auf dem Herzen zu haben. Dazwiſchen klapperte ein Dolch vor allen Andern hervor und verſprach eine Schauer⸗ geſchichte, wie ſie noch nie da geweſen. Es gelang dem alten Stuhl nicht, dieſen Sturm zu beſchwichtigen, und wer weiß, wann endlich Ruhe eingetreten wäre, wenn nicht in dieſem Augen⸗ blicke der kurze Rock einer Tänzerin, der ſich, Gott weiß wie, hieher verirrt, mit einer feinen, aber durchdringenden Stimme ebenfalls um das Wort gebeten hätte. Dieſer Vorſchlag aber rief eine ſolche Indignation bei den altadeligen Geſchlechtern her⸗ vor, daß ſie ſtarr vor Erſtaunen ſämmtlich ſtill ſchwiegen und es hiedurch dem alten Stuhle möglich ward, ſich verſtändlich zu machen. 2 Mit einigen wenigen, aber paſſenden Worten hielt er dem Kleide der Tänzerin das höchſt Unziemliche ſeines Antrags vor und ſagte dann zur Verſammlung:„leider iſt unſere Zeit für heute Nacht ſo kurz zugemeſſen, daß wir uns der möglichſten Kürze befleißigen müſſen. Ich ſelbſt habe eine Kleinigkeit auf dem Herzen, die ich euch nicht vorenthalten will, ſoferne ihr mir hiezu eure Zuſtimmung gebt. Ihr wißt Alle, wie ungerne ich erzähle. Doch wenn ich über das Recht des Erzählens eine Debatte eröffne, ſo kommen wir heute zu nicht mehr, wie zu —————— Fünfundfünfzigſtes Kapitel. Zänkereien und ich möchte doch unſern Gaſt hier nicht mit einem ſo ſchlechten Begriff über unſere Zuſammenkünfte entlaſſen. Er⸗ laubt mir deßhalb, daß ich euch berichte, auf welche Art ein Künſtler, dem ich angehörte, bevor ich zum Theater kam, wahn⸗ ſinnig wurde. Es iſt dieß eine wahre Geſchichte, eigentlich nur eine kleine Epiſode, aber ganz nach eurem Geſchmack.“ inem Cr⸗ ein ahn⸗ nur 1.* Sechs und fünfzigſtes Kapitel. 54 Aus der Requiſiten⸗Kammer. — 4* Ich habe ſehr Liel auf dieſer Welt erlebt,“ ſo ſprach der afte Lehnſtuhl,„Manches durchgemacht, Gutes und Schlim⸗ mes, viel geſehen, viel mit angehört ſeit jener Zeit, wo mein Urſtoff, kräftiges Eichenholz, in friſcher Jugendkraft luſtig im dichten Walde wuchs, die Wurzel weit ausgebreitet, die Zweige hoch gegen den Himmel geſtreckt. Ach! wir dachten, dieß würde ewig ſo fortgehen, und wir nach einigen hundert Jahren, alt und „:—*„ mürbe geworden, endlich zuſammenfallen und müde und ſchwach auf dem weichen Waldboden ausruhen können, den wir ſo lange beſchattet. Wenn ich von wir ſpreche, ſo meine ich damit den Baum als Familie, deſſen Glieder ſeltſam in der Welt herum verſtreut wurden, wie ihr gleich hören werdet. 1n Eines Tages kamen die eigennützigen, habgierigen Men⸗ ſchen und maßen uns in die Breite und Höhe. Dann hieben ſte mit ſcharfer Art ein Stück von unſerem Kleide hinweg, und wir glaubten ſchon, das ſei Alles, was uns geſchehe. Wir lachten Hackländer, Namenl. Geſchichten. III. 19 3 290 Sechsundfünßzigſtes Kapitel. darüber; was that uns am Ende dieſe kleine Wunde, die ver⸗ harſchte und wuchs in ein paar Sommern wieder zu! Aber wir hatten uns verrechnet. Eines Morgens kamen jene Menſchen wieder und hatten noch Andere bei ſich, welche große Aexte und Sägen trugen, und dieſe Mordinſtrumente legten ſie lachend vor uns hin. Da wußten wir ſchon, was die Stunde geſchlagen hatte. Bald begannen ſie denn auch ihren Angriff auf unſer Familienglück, und während von einer Seite die ſcharfe Säge ſeufzend ob der harten Arbeit in unſere Grundveſten einbiß, wütheten auf der andern Seite die ſchneidigen Aexte und bald fühlten wir ein leiſes Beben und Zittern durch den Stamm bis hinauf in die letzten Zweige. Nun legten ſte Seile an und zogen uns nieder. Es war ein gewaltiger Fall, als wir dahin ſtürzten, und rechts und links riſſen wir in unſerem Schmerze große und kleine Aeſte von den benachbarten Bäumen und unten knickten wir Geſträuch in großer Menge zuſammen. Sogar von unſerer eigenen Nachkommenſchaft, die luſtig um uns empor gewachſen war, wurden Einige zerſchmettert und vernichtet, aber wir tröſteten uns damit, indem wir dachten: es iſt beſſer in erſter unbewußter Kindheit zu ſterben, als ein Schickſal zu erfahren, wie das unſrige. Nun gieng es, wie es mit uns armen Bäumen gewöhnlich geht. Unſere Familie wurde gewaltſam getrennt und wir erlebten an den verſchiedenen Gliedern derſelben viel Unglück. Wären wir noch beiſammen geblieben zum Bau eines großen Hauſes, in Gemeinſchaft mit ehrenfeſten Steinen, geſchwätzigem Kalk, blin⸗ kendem Glas und vornehmen Tapeten, oder wären wir mit andern Hölzern unſerer Gattung zum Bau eines prächtigen Schiffs benutzt worden, das ſtolz auf allen Meeren ſchwimmt, ſo was hätte ich mir ſchon gefallen laſſen. Aber wir wurden jämmerlich zertheilt und Manche verſielen einem entſetzlich harten Schickſal. Viel von uns wurde zu gemeinen Kiſten und Kaſten — ver⸗ wir ſchen und dvor lagen unſer Säge inbiß, bald m bis zogen izten, e und ſickten nſerer achſen wir aſter ahren, ulich lebten n wir 3, in blin⸗ tr mit htigen immt, urden harten Kaſten Aus der Requiſtten-Kammer. 291 verarbeitet, Anderes zu Mühlenrädern verſchnitten, doch der Schandfleck unſerer Familie war ein Galgengerüſt, zu welchem viele meiner Brüder verwendet wurden. O das war ein nieder⸗ drückendes Gefühl!— Mir allein wurde ein beſſeres Loos zu Theil: ich erhielt in der Werkſtätte eines Kunſtſchreiners eine ariſtokratiſche Erziehung, wurde ſorgfältig vor Näſſe und Kälte bewahrt und von den garſtigen Würmern, und als ich endlich das gehörige Alter erreicht, um in das Leben einzutreten, kam ich in die Hand eines geſchickten Geſellen und wurde zu dem herangebildet, was ihr hier vor euch ſehet. Unſere Zeit iſt zu kurz, um euch auch nur einen Ueberblick zu geben von den Schickſalen, die ich ſeit jener Zeit durchgemacht. Meine Laufbahn begann ich bei einer reichen vornehmen Familie, doch gieng ich mit dieſer ebenfalls zu Grunde. Zugleich mit dem Haupte derſelben nahmen mich finſtere Kerkermauern auf, und einmal auf dieſe Art abwärts geſtiegen, dauerte es lange Zeit, bis ich wieder zu einer ehrenvollen Exiſtenz kam. Und auch da gieng es mir abwechſelnd bald gut, bald ſchlecht. Doch genug davon. Meinen letzten Sprung abwärts that ich aus einem reichen prächtigen Schloſſe in die Kammer des Auktionärs und wurde da als alt und gebrechlich um billigen Preis einem jungen Künſtler zugeſchlagen, dem es Freude machte, ſein Zimmer mit meinesgleichen zu meubliren. Dieſer junge Künſtler war ein Maler, doch bemerkte ich, der in ſeinem Leben ſo viel Schönes und Erhabenes geſehen, daß es mit ſeiner Kunſt nicht weit her war. Der Maler hatte einige Bilder auf dem Protektionswege vortheilhaft verkauft, und was ſeine Freunde ihm zulieb thaten und ſagten, das betrachtete er als ſeinem Verdienſte gebührend und bildete ſich ein, er ſei was Rech⸗ tes. Auch hatte er geheirathet, ein junges, ſchönes Weib, und ſie ſchenkte ihm ein kleines, ebenſo ſchönes Kind, das er außerordentlich liebte. In dem Punkt war er ſehr glücklich, aber die Beſtellungen 19* A 2 ——— 1— ———— 292 Sechsundfünßigſtes Kapitel. blieben aus, die Bilder, die er malte, konnte er nicht verkaufen, und Noth und Kummer drangen zu den Thüren und Fenſtern herein. Anfänglich behalf ſich das brave Weib mit dem Wenigen, was noch übrig geblieben war, und wußte dieß Wenige ſo anzu⸗ wenden, daß es wie Viel ausſah. Aber dieß Wenige gieng auch zu Ende und da hatten ſie gar nichts mehr. Ach, das Glück iſt ein entſetzliches Ding: es flieht die Zimmer der Armuth und niſtet ſich nur bei den Reichen und Vornehmen ein!— Der Maler hatte am Ende gar nichts mehr, und wenn er und ſein Weib und das kleine Kind eſſen wollten, ſo mußten ſie ein Stück um das andere aus ihren Zimmern verkaufen. Die alten Waffen, die er beſaß, die ſchweren geſchnitzten Tiſche und Stühle, die far⸗ bigen Damaſtvorhänge, meine guten alten Kameraden, mit wel⸗ chen ich manche Stunde vergnügt zugebracht, nahmen nach ein⸗ ander von mir wehmüthigen Abſchied, und endlich blieb ich allein. Auch ich hätte ſchon längſt fort gemußt, doch war der alte Lehn⸗ ſtuhl dem unglücklichen Maler wie das tägliche Brod. Er ſaß darin den ganzen Tag und brütete vor ſich hin, niedergebeugt von Kummer und Unglück, unfähig zu jeder Arbeit. Dafür aber arbeitete die unglückliche Frau deſto mehr, und daß ſte arbeitete und ſo viel arbeitete und Nächte durch arbeitete, ſich und das Kind zu erhalten, das mußte ſie ihm verheimlichen, denn er liebte ſie ſo unausſprechlich. Auf ſeine Kraft vertrauend, hatte er ſie nur in der guten Abſicht zum Weibe genommen, ihr, der Angebeteten, eine glän⸗ zende, ſorgenloſe Exiſtenz zu bereiten.—— Und nun?— Ich wußte wohl, wie es in ſeinem Kopfe tobte und arbeitete, und warum er die Nägel krampfhaft in meine Arme vergrub und vor ſich hinſtarrte ſtundenlang, tagelang. Aus dieſen tiefen, finſteren Träumereien konnte ihn nur das kleine unſchuldige Kind auf⸗ wecken, wenn es ſich zwiſchen ſeine Kniee drängte und ihm ſo lieb, ſo ruhig, ſo lächelnd in die Augen blickte. ⸗ ——. ufen, iſtern igen, nzu⸗ auch ck iſt und Der ſein Stück affen, far⸗ wel⸗ ein⸗ llein. tehn⸗ t ſaß beugt aber eitete das liebte guten gän⸗ -Ich und d vol ſteren auf⸗ m ſo Aus der Vequiſtten-Kammer. Zuerſt ſaß er ſo in dem alten Lehnſtuhl und dachte nach, wie ſeine Lage zu ändern ſei. Dann aber fieng er an ſich zu überzeugen, daß er doch ein großer Künſtler ſei und daß näch⸗ ſtens ein Prinz, ein König bei ihm vorfahren müſſe und an ſeine Thüre klopfen und große Beſtellungen machen.—— Und auf dieß Klopfen wartete er nun lange ſchaute unverwandt nach der Thüre hin. Ja, r punkt das kleine Kind zu ihm hinlief und ihn freundlich an⸗ lächelte, ſo ſchob er es auf die Seite: bſt! bſt! ſei ruhig, es wird gleich klopfen! Und wenn das arme Weib ihm die feuchten Haare aus der bleichen Stirne ſtrich, ſo entfernte er lan Hand von ſeinem Kopfe und ſagte: ſei ruhig, meine Liebe, ich kann ja nicht hören, wenn es klopft. Und wenn man ihm ſein ärmliches Mahl brachte, ſo legte er plötzlich Meſſer und Gabel nieder und neigte das Ohr gegen die Thüre des Zimmers und wartete auf das Klopfen.———⸗.— So gieng das eine Zeit lang fort, und der Arzt, den man rief, ſchüttelte den Kopf und rieth eine L Freunde von ehemals traten zuſammen loſen Zuſtande des armen Künſtlers hört zu dieſer Reiſe und Luftveränderung.— und er wollte um Alles in der Welt nicht aus ſeinem Zimmer. Er ſagte, er müſſe da bleiben, um zu hören, wenn es endlich einmal anklopfe, und es müſſe bald anklopfen und es könne gar nicht mehr lange dauern.— Horch!— Da war nun nichts mehr Tage und wenn in dem Zeit⸗ gſam ihre —, uftveränderung, und die „ als ſte von dem troſt⸗ en und gaben die Mittel Aber da war es zu ſpät zu machen und die arme junge Frau zehrte ſichtlich ab, und das kleine Kind floh entſetzt den Vater. Der hatte nun auch bald des Nachts keine Ruhe mehr; ihn floh der Schlaf und er fuhr Stunde um Stunde in die Höhe und horchte, ob es nicht endlich klopfen würde. Da eines Nachts, wo Alles draußen ſo ruhig und ſtill war, wo man nichts hörte —— ——— 7 2 ——— — *——— — ☛———— —— * Sechsundfünßzigſtes Kapitel. als das leiſe Rauſchen und Flüſtern des Nachtwindes in den Bäumen vor dem Fenſter, da richtete er ſich plötzlich in ſeinem Bette empor, abgezehrt und hager, und ſchaute mit den erhitzten Augen um ſich herum und ſagte:„horch, es hat geklopft!“ Ent⸗ ſetzt fuhr die Frau in die Höhe; ſie ſaß auf dem alten Lehnſtuhle neben dem Bette und ſagte:„du irrſt, mein Lieber, ich habe E nichts gehört, es hat gewiß nicht geklopft.¹ 8 „Du haſt Recht!“ ſagte er darauf lächelnd, nes preſſirt gar nicht, es hat ſehr entfernt geklopft, draußen auf dem Felde.“ Die Frau legte ihr Geſicht auf ſeine weiße Hand und weinte lange und viel, bis der Morgen kam. In der nächſten Nacht richtete er ſich wieder auf und ſagte abermals:„horch, es klopft ſchon wieder, und ſchon viel näher und deutlicher. Ich glaube, es war unten an der Hausthüre.“ Obgleich nun die Frau wieder verſicherte, es habe in der That nicht geklopft, ſo lächelte er ungläubig und ſagte:„es thut nichts, es wird ſchon noch deutlicher klopfen.“ In der darauf folgenden Nacht ſagte er mit einem ſeltſamen Läͤcheln:„jetzt wirſt du doch endlich das Klopfen auch hören, es iſt ſchon ganz nah', es klopft ſchon ganz deutlich. Jetzt an der Stubenthüre, jetzt hier, ſehr ſtark, ſehr ſtark!“ Darauf führte er ihre Hand an ſein Herz, und das ſchlug gewaltſam, als wollte es die Seiten aus einander ſprengen.„Weißſt du was,“ fuhr er fort,„laß' einen Augenblick das Kind zu mir kommen; wenn es morgen Nacht wieder klopft und noch näher, o viel näher, da werde ich rufen: herein! und es kommen die ungeheuren Aufträge von Königen und Kaiſern, und ich werde dann ſo mit Arbeit überladen ſein, weißt du, daß ich mich eine lange Zeit hindurch gar nicht mehr um euch bekümmern kann, ja, euch vielleicht gar nicht mehr kenne, wenn ihr bei mir ſteht.— O das iſt freilich ſehr traurig, entſetzlich traurig!“ Und wie er das ſagte und ſie ihm das kleine Kind brachte, da drückte er es feſt in ſeine Arme, und —— reſſirt Ade. ℳ veinte ſagte näͤhet hüre.“ That nichts, tſamen en, es an der ahrte er wollte 1 ſuhr wenn her, da lufträge Albeit indurch ſicht gar 1 rrellch ſie ihm emt, und —— — — * Aus der Requiſtten-Kammer. ſeine Thränen träufelten herab über ſein eingefallenes Geſicht auf den Kopf des Kindes.„Ich habe euch lange nicht ſo lieb gehabt, wie in dieſem Augenblicke,“ fuhr er mit leiſer, ſchwan⸗ kender Stimme fort;„o ich habe euch unendlich lieb, und Alles, Alles wird jetzt beſſer werden. Du ſüßes Weib, lebe wohl, und auch du, armes, armes Kind, morgen hat aller Kummer ein Ende.— O Gott!“— Und wieder kam eine Nacht und wieder richtete er ſich im Bette auf, aber ſein Auge glänzte unheimlich, ſeine Lippen zit⸗ terten fieberhaft. Und endlich ſagte er wieder:„horch, es klopft!“ und dann hielt er ſeinen Kopf mit beiden Händen und rief laut hinaus:„O hier klopft es; wie es hier ſo entſetzlich klopft! Und überall, überall, draußen auf dem Felde, auf der Straße, an der Hausthüre, überall, überall! an der Stubenthüre, an den Wanden, an der Decke; überall, überall ſind Herrn und Grafen, Könige und Kaiſer, und ſte wollen herein, um mir große Auf⸗ träge zu geben!“— Bei dieſen Worten ſprang er von ſeinem Lager auf und war nicht mehr zu halten. Er riß Thüre und Fenſter auf, damit die Beſteller bequemer herein kommen könn⸗ ten; und alsdann machte er tiefe Bücklinge, nahm die Aufträge freundlich in Empfang und gieng eifrigſt an die Arbeit.— Sein Atelier aber war fortan das Irrenhaus; dort ſtand er vor einer großen Wand mit einem Stück ſchwarzer Kohle und zeichnete die entſetzlichſten, fratzenhafteſten Geſtalten“————— Dubelli hatte dieſer unheimlichen Erzählung des alten Lehnſtuhls mit wahrem Entſetzen zugelauſcht, und wie er ſagte: der Künſtler habe zuerſt lange auf das Klopfen gewartet, ſo horchte auch er ängſtlich um ſich herum, ob er nicht irgend etwas Aehnliches vernähme; wie Jener alsdann das Klopfen auf wei⸗ tem Felde vernommen, ſo glaubte auch er, er höre die dumpfen Schläge, und immer näher und näher. Und dann ſchien es unter 296 Sechsundfünßzigſtes Kapitel. dem Boden zu klopfen, und dann in dem alten Stuhle; jetzt fühlte er ſein Herz gewaltſam ſchlagen, dann ſeine Pulſe fieber⸗ haft pochen. Sein Haar klebte ihm auf dem Kopfe feſt, er erhob ſich langſam vom Seſſel, um zu entfliehen, doch fürchtete er ſich, einen Schritt zu thun, denn er war überzeugt, ſo wie er ſich zur Flucht wende, ſo jage all' das tolle Geſindel hinter ihm drein, mit Halloh, mit Geklirr und Gekrache. „Ja, ja,“ fuhr der alte Lehnſtuhl mit leiſerer Stimme fort, „ſo gieng es dem armen Künſtler, dem ich dazumal angehörte, und ich mußte ihn in das Irrenhaus begleiten. Er war einer von den gutmüthigen Wahnſinnigen, und wenn er je zuweilen etwas heftig wurde, ſo brauchten die Wächter, um ihn zur Ruhe zu bringen, nur ganz leiſe an die Thüre zu klopfen, dann war es ſogleich todtenſtill in ſeinem Zimmer.“————— In dieſem Augenblicke klopfte es wirklich ganz leiſe an die Thüre der Requſtten⸗Kammer; Dubelli fuhr in die Höhe, und rings um ihn her ward es todtenſtill. Er fürchtete etwas Neues, noch weit Entſetzlicheres, das zu ihm hereintreten würde, und wandte ſcheu ſeinen Kopf nach dem Eingange. Dieſer öffnete ſich langſam, und dem Balletmeiſter wurde es außerordentlich wohl zu Muth, als er bemerkte, wie ein Lichtſtrahl durch den offenen Spalt hineindrang, und wie darauf die Leuchte des alten Wächters ſichtbar wurde, und dann ſein Arm, ſein Kopf und die ganze Geſtalt. „Sind Sie wirklich noch da, Herr Balletmeiſter?“ ſagte der alte Maun, ves war mir, als habe ich Sie vorhin hier her⸗ eingehen ſehen, und da Sie ſo lange in dem finſteren Gemach blieben, ſo dachte ich, du mußt doch ſehen, es iſt Ihnen am Ende was zugeſtoßen.“ Dubelli erhob ſich von dem alten Lehnſtuhle, ſtrich ſich das Haar aus der Stirne, und nahm ſeinen Hut wieder auf, der Aus der Requiſiten-Kammer. 297 neben ihm herabgefallen war. Er ſah ſo verwirrt und aufge⸗ ſchreckt aus, daß man vollkommen die Anſicht des Wachhabenden theilen konnte, der lachend ſagte:„Ei, ei, Herr Balletmeiſter, Sie haben heute viel geſchafft und ſind, ermüdet, wie Sie wa⸗ ren, auf dem alten Stuhle eingeſchlafen.“ „Ganz recht,“ ſagte Dubelli mühſam lachend,„ganz recht, mein Freund, es muß wahrhaftig ſo ſein. Ich weiß nicht, wie Hdes kam; ich fand die Thüre nur angelehnt, gieng in das Zim⸗ mer, ſetzte mich auf den alten Stuhl und muß eingeſchlafen ſein.“ „Feſt eingeſchlafen?“ fragte der alte Wärter und hob ſeine Laterne in die Höhe, um dem Balletmeiſter in's Geſicht zu leuchten. „Feſt eingeſchlafen!“ entgegnete Dubelli,„und ich habe obendrein noch ganz merkwürdiges Zeug geträumt.“ „Und ich bin nur froh,“ entgegnete der alte Wächter ernſt, „daß ſie hier geſchlafen haben; ich habe ſchon gefürchtet, Sie hätten hier wachend allerlei geſehen und gehört.“ „So? So?— Alſo man ſteht hier zuweilen etwas?“ „Still, ſtill! Man ſpricht nicht gern davon. Ich habe es von dem alten Requiſtten⸗Verwalter. Ihm machte es Spaß, oft in der Nacht, wenn der Vollmond recht klar hinein ſcheint, auf dem alten Stuhle zu ſitzen, aber er ſagte immer: man müſſe Nerven wie Stricke haben.“ —„So, ſo!— In der That!“ „Ganz gewiß!“ Bei dieſen letzten Worten nahm der Wachhabende ſeine La⸗ terne unter den Arm, zog ſeine Doſe abermals hervor und offe⸗ rirte dem Balletmeiſter eine Priſe, die dieſer auch annahm. Dann verließen Beide die Requiſtten⸗Kammer, zogen die Thüre hinter ſich zu, und Dubelli ließ ſich die langen Gänge und Treppen hinableuchten, und verließ auf der andern Seite eiligen Laufes das Theatergebäude. Er war außerordentlich ergriffen von dem, was er gehört, —— — — — —— —— —— 298 Sechsundfünßigſtes Kapitel. erfahren, vielleicht geträumt, wie er ſich ſelbſt einreden wollte. Doch war kein Schlaf in ſeine Augen gekommen, und er mußte ſich geſtehen, daß es ſchon etwas ganz Außerordentliches ſei, was ihm widerfahren. Der Mond war ruhig ſeines Weges fortgewandelt und war eben im Begriff, hinter dem Dache des Schloſſes niederzutauchen. Die eine Seite des Theaters, wo Dubelli daſſelbe verlaſſen, lag in tiefem Schatten, und man konnte hier die Gegenſtände auf der Straße ſchwer unterſcheiden. Mochte es nun von dieſer Dun⸗ kelheit kommen, oder war es vielleicht der Umſtand, daß Dubelli, als er vorwärts auf die Straße eilte, ſich rückwärts ſcheu nach dem Theatergebäude umſah, und deßhalb nicht bemerkte, wer ihm in den Weg lief, genug, er hörte auf einmal dicht vor ſeinen Ohren das Raſſeln eines ſchweren Wagens, und bemerkte jetzt, plöͤtzlich nebehan rgenn⸗ daß ein allerhöchſter Hofwagen erſter Klaſſe mit vier Laternen, zwei vornen und zwei hinten, gerade im Begriff geweſen war, mit ihm zu caramboliren, wobei er, als der Schwächere, jedenfalls unterlegen wäre.„Hoi ho!“ rief eine kräftige Stimme vom Bock herunter,„muß der alte Miſt⸗ zeug einem gerade zwiſchen die Räder rennen, kann Er ſeine be⸗ ſoffenen Augen nicht aufthun, oder meint Er vielleicht, ein alter Hofwagen mit vier Laternen werde Ihm aus dem Wege fahren? — He, alter Schlingel!“ Der Kutſcher auf dem Bock, der dieſe Kraftworte von ſich gab, hatte im gleichen Augenblick ſeine Pferde angehalten, eines⸗-⸗ theils um den Anprallenden nicht zu überfahren, anderntheils aber auch, um die eben erwähnten Worte mit mehr Nachdruck von ſich geben zu können. Dabei beugte er den Kopf auf die rechte Seite, und als nun das volle Licht der einen Wagenlaterne auf ſein Geſicht fiel, konnte Dubelli einen Ausruf der Freude, ja des Erſtaunens nicht unterdrücken. 4 „Mögt Ihr nun wettern, wie Ihr wollt,“ antwortete er Aus der Requiſiten-Kammer. 299 dem Kutſcher,„ſo war es doch in der That nicht ſchön von Euch, Meiſter Winkler, einen alten Bekannten in halbe Lebensgefahr zu bringen. Ich hab' doch oftmals von Euch ſelbſt gehört, daß ſo ein alter ſolider Hofwagen, wenn er leer nach Hauſe gehe, ſich im Schritt zu bewegen habe.“ „Ei, wie iſt mir denn?“ antwortete der Kutſcher von oben, „„die alte Stimme ſollte ich doch wahrhaftig kennen. Gebt Euren Namen an, da unten! Mich blenden die alten Laternen teufel⸗ s mäßig. Man kann vor ihnen gar nicht auf die Seite ſehen, und , mich ſoll der Teufel holen, wenn ich im Stande bin, zu unter⸗ ſcheiden, ob Ihr ein Menſch, ein Vogel oder ſonſt ein Ding ſind.“ 4 „Dießmal bin ich nur ein Menſch!“ antwortete lachend der 1 Balletmeiſter,„und noch dazu ein Menſch, der ſich Dubelli 1 nennt.“ 7 t 4„Dubelli!— alter Dubel!“ lachte nun der Herr Winkler 1 4 von ſeinem Bock herunter,„na, da ſoll ja ein— Freu' mich 1 ungeheuer, Sie wieder zu ſehen.— Alter Balletmeiſter gewor⸗ f den— hätten mich eigentlich auch beſuchen können; aber natürlich l ein Künſtler und ein alter Hofkutſcher! Nun, wartet einen Augen⸗ blick. Jetzt will ich in der Geſchwindigkeit den Wagen an die 1 n 1 alte Remiſe fahren, und komme gleich wieder zurück; ſo ſchnell 7 laß' ich Euch nicht wieder los. Soll doch ein altes Donnerwetter dreinſchlagen! Nur einen Augenblick, guter Dubel, bin gleich * wieder da.— Brr!“—— 2 8— Und dahin flogen die Pferde mit dem ſchweren Wagen bis oor die Thüre der Remiſe. Dort ſtand ſchon die Stallwache, den † DOoberkutſcher erwartend; dieſer warf die Zügel herab, übergab ie' feierlich die Peitſche mit dem Elfenbeingriff, und ſtieg nun eilends ſe 1 von dem Bock herunter, um ſeinen alten Freund ſogleich aufzu⸗ 9 4* ſuchen. - Der Oberkutſcher, Herr Winkler, war etwas dicker und er ſſtattlicher geworden, und die reiche goldbeſetzte Livree ſtand ihm 5 3 4 9. Sechsundfünßzigſtes Kapitel. recht gut. Er vertauſchte den ſchweren Hut mit einer leichten Mütze, die er im Andenken an frühere Zeiten etwas verwegen auf's Ohr ſetzte. Auch ſteckte er im Gehen ſeine Hände in die Hoſen⸗ taſchen, was ſonſt bei einem Oberkutſcher nicht leicht vorkommt, und dann ſuchte er den alten Dubel auf. „Aber jetzt ſagt mir vor allen Dingen,“ redete er den Balletmeiſter an,„ſeid Ihr vornehm geworden, Herr Dubel, kennt Ihr einen alten Bekannten nicht mehr, oder darf man ſich mit Euch ungenirt unterhalten, wie zu jener vortrefflichen Zeit, als wir im Kutſcherzimmer jenen famoſen Punſch tranken?“ „Das ſollt' ich Euch fragen!“ ſagte lachend der Balletmei⸗ ſter, und ſchob ſeinen Arm unter den des Herrn Winkler.„Ihr ſeid eine wichtige Perſon im Staate, führt die Allerhöchſte Per⸗ ſon und leitet auf dieſe Art gewiſſermaßen das ganze Reich.— Aber wohin gehen wir?“ „Wenn Ihr mir die Freude machen wolltet, antwortete der Oberkutſcher,„ſo laßt uns einen Augenblick nach meinem Hauſe gehen, zu meinem alten Weib.“ „Aber es iſt ja ſchon ſehr ſpät.“ „Thut gar nichts,“ antwortete lachend der Oberkutſcher, „wenn ich Dienſt habe und darauf nach Haus komme, fängt das rechte Leben immer erſt an. Marie ſoll Euch einen guten alten Punſch machen, und meine Nachkommenſchaft, es ſind deren be⸗ reits ſechs, könnt ihr in ihren alten Neſtern bewundern. Am Tage habt Ihr doch keine Zeit, mich zu beſuchen!“— Bald hatten ſie die Wohnung des Herrn Winkler erreicht, und dieſer in der Freude ſeines Herzens, den alten Dubel wieder gefunden zu haben, machte ſchon auf der Treppe einen ſolchen Heidenlärm, daß Jener ihn dringend bat, doch ruhig zu ſein und die ſpäte Nachtſtunde zu bedenken. Wirklich öffnete auch die Frau Oberkutſcherin ganz erſchreckt ihre Stubenthüre, und entſetzte ſich noch viel mehr, als ſie am — 301 Aus der Requiſtten-Kammer. Arm ihres Gemahls einen fremden Mann erblickte, der ſie in ihrem etwas tiefen Negligee überraſchte. Dazu bellten ein paar Hunde, und aus dem Nebenzimmer ließen ſich einige ſchreiende Kinderſtimmen vernehmen, die es ſehr übel aufzunehmen ſchienen, daß man ſte ſo unſanft aus dem Schlafe geweckt. „Da bring' ich den alten Dubel!“ rief der Oberkutſcher äußerſt luſtig, als er in ſein Zimmer trat,„du wirſt dich doch noch erinnern, Marie! Einer meiner beſten Bekannten, und wenn ich nicht irre, dein Brautführer bei der Hochzeit.“ Madame Winkler, immer noch eine ſehr hübſche, runde, kleine Frau, hatte in der Eile ein Tuch umgeworfen und begrüßte ihren ſpäten Gaſt auf's Beſte. „Das war eine Hochzeit!“ fuhr der Herr Winkler lachend fort,„wie habe ich mich damals alterirt, als die alten Glocken nicht anfangen wollten zu läuten— weißt du noch, Marie— und es endlich einen einzigen Schlag that, als ſich der alte Stein⸗ mann ſelbſt an die Glocke gehängt.“ „Schweig' doch davon ſtill,“ bat die Frau,„wer wird noch an ſo ſchauerliche Geſchichten denken? Nehmen Sie Platz, Herr Dubelli.“ 1 „Du haſt Recht,“ entgegnete Herr Winkler, naber jetzt mach' nur einen kleinen Punſch; wir müſſen noch eine Stunde zu⸗ ſammen verplaudern. Eilfertig räumte hierauf der Oberkutſcher in eigener Perſon alles pom Tiſche, was ſich darauf befand und womit die Kinder am Abend geſpielt; Bilderbücher, zerbrochene hölzerne Pferde, Peitſchen u. dergl. mehr. Dann ſollte Dubel ruhig ſitzen bleiben, gleich darauf bat er ihn wieder, einen Augenblick in's Neben⸗ zimmer zu kommen, und die Winkler'ſche Familie anzuſchauen, und als die Frau dagegen proteſtirte, gab er eine Sekunde lang nach, um ſeinen Gaſt im nächſten Augenblick doch in das Schlaf⸗ zimmer zu führen, wo die ſechs Stücke Nachkommenſchaft theils — — —— —— —,— Sechsundfünßzigſtes Kapitel. ſchliefen, theils erweckt, ſich in ihren Betten herumwälzten. Auch ruhte er nicht eher, bis er ſie alle aus dem Schlafe aufgeſtört, und ſeinem Gaſte beſtens vorgefahren, wie er ſich auszu⸗ drücken pflegte.„Das iſt der künftige Oberkutſcher,“ ſagte er, „und der will leider Gottes ein Tänzer werden, wie Ihr, alter Dubel, und dieſer da hat Neigung zum Tambour, und was die drei Mädel anbelangt, ſo ſind es halt drei Mädel, über die ſich noch nichts ſagen läßt.— Aber jetzt kommt zu unſerem Punſch!“ Damit zerrte er den Balletmeiſter, der als ein höflicher Mann Alles gelobt und bewundert hatte, in das Wohnzimmer zurück und drückte ihn auf einen Stuhl nieder. Hier gieng es nun an ein gegenſeitiges Fragen und Erzäh⸗ len. Zuerſt mußte Dubelli mit der größten Umſtändlichkeit von ſich geben, was er von den Schickſalen des Barons Karl, des Jägers Lukas und vor allen Dingen von dem der kleinen Marie wußte. Was die Letztere anbelangte, ſo war ſchon davon, daß ſie ihren Vater wieder gefunden, ein unbeſtimmtes Gerücht in die Reſi⸗ denz gedrungen, und die Freude des Oberkutſchers war unmäßig, als er erfuhr, daß das Kind der verſtorbenen Marie, die ſeine Mutter gepflegt und erhalten, eine vornehme Dame gewor⸗ den ſei.. Ja, ſeine Mutter, die alte Frau Winkler, danach erkundigte ſich der Herr Dubel nun eifrigſt und wunderte ſich, daß ſie nicht * da ſei. wehmüthig ein Glas Punſch ausgetrunken.„Sie hat noch paar Jahre heiter und vergnügt mit uns gelebt, und dann iſ ſie geſtorben; Gott hab' ſie ſelig!“ „Die Frau Welſcher hab' ich geſtern beſucht,“ ſagte Du⸗ pelli;„es war mir ein eigenes Gefühl, als ich ſo die alten Trep⸗ pen wieder hinaufſtieg, als ich oben die alten Zimmer wieder ſah und den Tiſch, auf welchem ich ſo oft mit Nadel und Scheere „Ach, die gute Frau!“ ſagte der Oberkutſcher, nen er ein — Aus der Requiſtten-Kammer. geſeſſen. Die Frau ſelbſt hat ſich ſehr gut erhalten; ſie ſieht gut und rüſtig aus.“ „Das will ich meinen!“ ſagte Herr Winkler,„ſie kommt häufig zu uns, ihre Kinder ſind nun herangewachſen, die beiden Mädchen führen das Geſchäft fort, und der junge Herr Welſcher iſt ein geſchickter Schreiner geworden.— Eine brave, brave Frau. Ich verſichere Euch, wenn die Frau in dem Viertel nicht wohnen würde, ſo gäbe es dort allein mehr Prozeſſe wie im ganzen Land. Aber Alles fragt ſte um Rath, die Leute der hal⸗ ben Stadt kommen zu ihr, und wenn Einer triumphirend kommt und ſagt: die Frau Welſcher hat mir Recht gegeben! ſo läßt der Andere die alten Flügel hängen und ſpricht kein Wort mehr.—— Wenn nun die kleine Marie,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„ich wollte ſagen, die alte Gräfin oder vielmehr die junge Gräfin, einmal wieder hieher kommt, wird ſte auch die alte Frau Wel⸗ ſcher beſuchen?— Ich hoffe ſo!“ „Davon bin ich überzeugt!“ antwortete Dubelli,„das Mädchen hat ein Herz wie ein Edelſtein, und was darin einmal eingegraben iſt, das verwiſcht ſich nicht.“ „Ich verſichere Euch, alter Dubel,“ lachte der Kutſcher, nachdem er ein anderes Glas Punſch getrunken,„es würde mir die unſtnnigſte Freude machen, wenn ſie hieher käme. Als Gräfin würde ſte zu Hof geladen, man ſchickt ihr eine Equipage, und mich ſoll der Teufel holen, wenn es mir nicht das größte alte Plaiſte machen würde, ſie ſelbſt durch die Straßen zu kutſchiren.“ „ Aber Winkler!“ ſagte die Frau Oberkutſcher mit einem Ton des Vorwurfs. „Nun ja, ich weiß ſchon, was du ſagen willſt,“ entgeg⸗ nete begütigend der Herr Winkler,„freilich ich meine nur ſo. Natürlich als Oberkutſcher; ich ſagte ja nur, es würde mir außerordentlich gefallen, wenn es angienge.“ 304 Sechsundfünßzigſtes Kapitel. „Von dem Gevatter ſchrieb mir Lukas auch,“ fuhr Dubelli fort,„der Kerl hat in Italien entſetzliche Streiche gemacht, und der Jäger wird Cuch das ſelbſt einmal erzählen;— endlich ha⸗ ben ſte ihn aber erwiſcht und in Neapel zu den Galeeren⸗Sklaven geſetzt, wo er das Tageslicht nimmer ſteht, und wo iſt Heulen und Zähneklappern.“ „Amen!“ ſagte die junge Frau. „Habt Ihr denn nichts weiter gehört,“ fuhr Dubelli fort,„was aus jener Frau Müller geworden iſt?— Ihr erin⸗ nert Euch doch noch ganz genau; im Hinterhaus der Kiliane, wo jenes Lumpengeſindel ſeine Auflage hatte.“ „Die iſt verſchollen, wahrſcheinlich geſtorben und verdor⸗ ben,“ antwortete der Oberkutſcher.„Damals vor zehn Jahren, das werdet Ihr Euch noch erinnern, machte der Gevatter einen Verſuch, ſie um's Leben zu bringen, indem er glaubte, die Alte habe ſehr viel Geld bei ſich verſteckt. Hiedurch wurde die Polizei aufmerkſam gemacht und bekümmerte ſich ein bischen angelegent⸗ lich um die alte Müller, und da fand es ſich denn, daß ſie gar kein Recht habe, hier in der alten Stadt zu wohnen. Sie war aus einem kleinen Dorfe an der Donau, und dahin hat man ſte auf dem alten Schub gebracht.— Sieh, da fällt mir eben ein,“ fuhr der Oberkutſcher, gegen ſeine Frau gewendet, fort,„Marie, du mußt dich doch der Tochter dieſer Müller erinnern, der Anna.— Nicht?“— „Ich hab' ſie nur ein paarmal flüchtig geſehen,“ anttortete die Frau Winkler;„ſie ſoll ſich aber an dem Treiben ihrer Mutter geſchämt haben, überhaupt ein braves Mädchen geweſen ſein.“ „Und ſchön,“ ſagte Herr Dubelli, indem er ſein Glas zum Munde führte. „Das muß wahr ſein!“ rief der Oberkutſcher.„Schön war die Anna, ein prächtiges Mädchen! Wahrhaftig ſchön, ſehr — Aus der Requiſiten-Kammer. 305 ſchön!— Und da wollte ich alſo ſagen— du weißt, daß man ſeit langen Jahren nichts von ihr gehört hat— neulich fuhr ich alſo nach dem Jagdſchloß, und wie ich ſo mit leerem Wagen zu⸗ rückkomme— ich ließ die Pferde langſam gehen, es war da draußen vor dem Thor, du weißt, wo die vielen Gärtner woh⸗ nen— da begegnete mir ein Frauenzimmer, die ich mir ſo ganz zufällig anſchaue.“ —„Winkler!— Winkler!— „Auf Ehre, Marie, ganz zufällig!“ lachte der Oberkutſcher, „das Frauenzimmer ſieht auch in die Höhe, und ich erkenne— wen glaubt Ihr wohl?— Nun, mich ſoll der Teufel holen, es warzdie Anna.“ 3 „Ah, du haſt dich geirrt!“ ſagte die Frau. „Nein, ich hab' mich nicht geirrt,“ fuhr Herr Winkler ruhig fort,„es war die Anna, wie ſie leibt und lebt, ſehr ein⸗ fach, ja ärmlich gekleidet. Sie war älter geworden, recht älter; aber immer noch ſchön, ich verſichere Euch, alter Dubel, immer noch ſchön!“ „Ich kann das nicht gut glauben,“ ſagte die Frau nach⸗ denkend;„möglich wäre es freilich. Es war ein armes unglück⸗ liches Mädchen.“ „Recht arm!“ ſagte der Oberkutſcher. „Recht unglücklich!“ ſetzte Dubelli hinzu. 83 8 amit ſchlug die Uhr die Mitternachtsſtunde und der Ballengeiſter nahm ſeinen Hut und war nicht mehr zu halten. Er verſprach nächſtens wieder zu kommen, wünſchte der Frau gute Nacht, und der Oberkutſcher begleitete ihn die Treppen hinab. „Apropos,“ ſagte der Balletmeiſter unten an der Treppe, was iſt denn aus Jean geworden, dem Hoflakaien? Iſt er immer noch im Dienſte?“ Hackländer, Namenl. Geſchichten. III. 20 — Sechsundfünfzigſtes Kapitel. „Ei freilich!“ lachte der Oberkutſcher,„aber er iſt nicht mehr hier beim alten Hof. Er war ihnen zu ſchlau und vor⸗ witzig; es wollte ihn keine Hofdame mehr nehmen, und da ha⸗ ben ſie ihn zum Portier gemacht auf dem Gaſtſchloſſe, von dem ich vorhin ſprach. Da zeigt der alte Kerl den Fremden die ſeltenen Waffen und Hirſchgeweihe und ſchwätzt ihnen dabei die Ohren voll. Ihr müßt ihn wahrhaftig einmal beſuchen.“ „Das will ich auch gewiß thun,“ entgegnete Dubelli, reichte ſeinem Freunde die Hand und gieng ſeiner Wohnung zu. Siebenundfünfzigſtes Kapitel Benetti. Das geſammte Hoftheater-Perſonal war ſeinem neuen Chef, dem Grafen Alfons, feierlichſt vorgeſtellt und übergeben worden. Der neue General⸗Intendant hatte keine Rede im All⸗ gemeinen gehalten, es dagegen vorgezogen, den verſchiedenen Klaſſen ſeiner Untergebenen einige paſſende Worte zu ſagen, und die Meiſten waren, zufrieden mit ihrem neuen Chef, wieder an ihre Beſchäftigungen gegangen. Der Graf hatte hiekei mit Erſtaunen bemerkt, welche Menge 1 Menſchen er nun unter ſeinem Befehle hatte: ein Reich im Klei⸗ a nen, eine ganze Naturgeſchichte; denn unter der Erde und auf der Erde gab es von ſeinen Angeſtellten, Andere, die es mit dem Feuer zu thun hatten, wieder Andere, deren Element das Waſſer war oder die ſich in heiterer Luft, auf dem Schnürboden, umher A trieben. Dazu kamen die vielen Angehörigen großer Opern und des Ballets, ein Departement der Statiſten, die Darſteller von Kameelen, Löwen und Affen, von Fröſchen und Eidechſen, die 3. 20* Siebenundfünßzigſtes Kapitel. e Stimmen, Geheule und unter den Zimmerleuten die Donnerer und und Winderzeuger, unter den jüngeren Cho⸗ riſten die Volksſtimmen, höhere Geiſter⸗Erſcheinungen, alte Nobili, die im Hintergrunde der Bühne, kaum erkennbar, zum Schaffot geſchleypt werden. Alles das hatte er geſehen und mit einem freundlichen Wort entlaſſen. Auch war er in die unter⸗ s Polium, und noch irdiſchen Räume hinabgeſtiegen, unter da tiefer, wo ſich große Couliſſen⸗Magazine befinden. Hier ſah er aber mit einer wahren Wehmuth ſo viele bekannte Gegenden, die er während einer Reihe von Jahren von ſeiner Loge aus betrach⸗ tet, und woran ſich für ihn heitere, ſowie traurige Erinnerungen knüpften. Oben auf der Bühne begann jetzt die Generalprobe einer großen Oper mit Ballet, und die hiebei zu thun hatten, waren in den halbdunklen Räumen zurückgeblieben. Die Muſiker ſaßen vor ihren Pulten, auf denen ſchwache Lichter bei der ungeheuren Finſterniß des ganzen Hauſes kaum im Stande waren, die jedes⸗ malige Seite des Notenblattes zu erhellen. Der Kapellmeiſter ſchob ſeine Brille etwas in die Höhe und bot dem Opernregiſſeur über den Soufleurkaſten hinüber eine Priſe. „Was halten Sie nun eigentlich von der Muſik der neuen Oper? Viel Spektakel, wenig Melodien. Vor allen Dingen ein ſchlechtes Buch.“ Der Kapellmeiſter, der ſe den Achſeln, wollte aber doch das harte nicht unbedingt zugeben. Die neue Oper war von dem neuen Chef dringend empfohlen, man intereſſirte ſich höchſten Orts für den jungen Componiſten deſſelben, und dieſer hatte den Kapellmeiſter durch freundliches, ehrerbietiges Benehmen für ſich zu gewinnen gewußt. Feuer⸗ und Waſſergeiſter, unterirdiſch dergleichen mehr; Blitzer, die Regen⸗ lbſt Componiſt war, zuckte mit Urtheil des Collegen — VYenetti. 309 „Sie iſt bei Allem dem nicht ſo ſchlimm,“ ſagte der Letztere über das Theater hinauf und ſchlug die Partitur auf.„Natür⸗ lich kein eminentes Talent, etwas Anfänger⸗Arbeit; im Ganzen wenig gelernt. Doch iſt die Ballet⸗Muſik darin nicht übel, und dann wird meine Kapelle ſchon das ihrige thun, die Sache durch⸗ zureißen.— Aber warum fangen wir noch nicht an? Es iſt bei Gott ſchon zehn Uhr durch, und wenn eine Probe länger als bis zwölf Uhr dauert, ſo ſind meine Muſiker nicht zu haben; man kann aber in der That nicht verlangen, daß ſie zu Hauſe ihre Suppe kalt werden laſſen.— Woran liegt's denn eigentlich?“ „Weiß der Teufel!“ entgegnete der Regiſſeur,„ich habe ſchon ſechsmal klingeln laſſen, aber man bringt die Sängerinnen nicht auf ihren Platz.— Wo iſt Mademoiſelle Steinberg?“ rief er in die halbdunkle Bühne hinein. „Hier!“ rief eine Damenſtimme, nich laſſe nie warten, Herr Regiſſeur.“ „Das liegt wieder an unſerer ſogenannten Erſten,“ ſagte mißmuthig der Kapellmeiſter, worauf der Regiſſeur ſich herum⸗ drehte und dem Inſpicienten anbefahl, die Madame Grölzer⸗ Fidelbogen⸗Tarpacei dringend zu bitten, jetzt endlich einmal die Garderoben⸗Geſchäfte bei Seite zu laſſen und gefälligſt auf die Bühne zu kommen. Bald darauf rauſchte auch die Gerufene, einigermaßen er⸗ zrnt, zwiſchen den Couliſſen hervor, zog aus der Seitentaſche ihres ſchweren Damaſtkleides eine kleine goldene Uhr hervor und meinte gereizt, der Lärm ſei gar nicht nöthig geweſen, es ſei überhaupt erſt ein Viertel über zehn Uhr. Jetzt hatte ſich auch Graf Alfons auf der Bühne eingefun⸗ den, nahm vornen ſeinen Platz unter den Proſceniums⸗Logen, neben ihm der Componiſt der neuen Oper, unſer Bekannter: Muſtker Charles. „Alſo, meine Herren, die Ouvertüre!“ ———— 3 — 310 Siebenundfünfzigſtes Kapitel.. Ehe er aber anfieng, ſah der Kapellmeiſter rbindlih auf die Bühne hinauf und ſagte:„lieber College, wenn Sie bei der Ausführung einige Ausſtellungen in Betreff des Taktes, in Be⸗ treff der Tempi's oder ſonſt zu machen haben, ſo bitte ich drin⸗ gend, mich zu unterbrechen.“ Drei Schläge mit dem Taktirſtock— die Muſik beginnt. Es iſt eine große blutgierige Oper, die heute probirt wird: dumpf wirbeln die Pauken, die Contrebäſſe grollen und ſolcher⸗ geſtalt beginnt die Ouvertüre mit einem raſchen lebendigen Satz, der ſich dreimal wiederholt. Dann folgt ein düſteres melancho⸗ liſches Adagietto und hier ſchon nähert ſich der junge Componiſt dem Kapellmeiſter und bittet ihn, das Adagietto mehr adagio zu nehmen und ſich eines außerordentlichen Piano zu befleißigen. „Alſo noch einmal!“ Drei neue, ungeduldigere Schläge mit dem Taktirſtock; aber bei der Wiederholung wird das Adagio nicht ſanfter vorge⸗ tragen, ja ſogar etwas mehr forte, wie vorher. Auch ſeufzt eine erſte Clarinette einen nicht hieher paſſenden weh üthigen Ton dazwiſchen, der dem jungen Componiſten die Nerve erſchüttert und den der Kapellmeiſter mit einem ſtrengen Blicke beſtraft.— Ach, der arme Clarinettiſt wird bei der heutigen Probe noch mehr falſche Noten blaſen, denn auch er iſt Componiſt und hat ſeit vierundzwanzig Jahren eine Oper fertig liegen, die er wäh⸗ rend drei neuen Regierungen und während zehn ſich folgender Intendanten vergebens zur Aufführung eingereicht hat! Auch der Paukeniſt leidet an denſelben Schmerzen und hat trotz des*† häufigen Zuredens des Kapellmeiſters in ſeiner düſteren Gemüths⸗ ſtimmung die Pauke um einen Achtelston in der Stimmung zu tief geſtellt, was ſeinem erſchrecklichen Wirbeln einen höchſt un⸗ heimlichen Charakter verleiht. Der junge Componiſt fügt ſich in das Unvermeidliche— die Ouvertüre geht vorüber. Die erſte Scene iſt ein lachendes 5. Benetti. 311 Gefilde: der prächtige Garten vor einem Schloß, das im Hin⸗ tergrund auf maleriſchen Teraſſen thront, ländliche Tänze ſollen das Auge einer jungen Braut entzücken, die vorn mit maleriſch aufgeſtütztem Arm auf einer Ottomane ruht.— Aber ach! die Braut iſt nicht entzückt; ſie liebt nicht den, den ſie lieben ſoll, und den, welchen ſie liebt, ſoll ſie nicht lieben. Die Tänzerinnen produciren vor ihrem Auge die maleriſch⸗ ſten Gruppirungen, von dem trefflichen Dubelli großartig ange⸗ legt, doch ſie ſind nicht im Stande, dem Auge der Frau Grölzer⸗ Fidelbogen⸗Tarpacci ein Lächeln abzugewinnen, vielmehr erhebt ſie ſich mit einer Thräne im Auge und ſinkt an den Buſen ihrer Vertrauten, während ſte ſingt: wozu all' dieſe Spiele, all dieſe Tänze? Er, der allein mein Herz erfreuen kann, kommt doch nicht! Unmöglich— er wird nicht erſcheinen.— Aber in einer Oper und in einem Ballet iſt Alles möglich. Und ſo erſcheint denn auch der fern Geglaubte; das diskrete Ballet zieht ſich leiſe zurück, ſechsunddreißig Tänzerinnen ſagen ſich pantomimiſch: was müſſen wir ſehen?— Die Braut in eines Anderen Armen! Und dazu ſchaudern zwei Duzend Tänzer und ſcheinen ſich zu ſagen: Wehe, das wird gräßlich enden! So nimmt die Probe ihren Anfang und Verlauf, und die Muſik iſt in der That nicht ſo ſchlecht, wie der Regiſſeur geſagt, ja, die harten Muſiker drunten ſcheinen ſich hie und da über melo⸗ diſche Klänge zu erfreuen, und der Kapellmeiſter kann es nicht unterlaſſen, dem jungen Componiſten an verſchiedenen Stellen mit voller Befriedigung zuzulächeln. Actus.— Die Bühne wird verwandelt; Choriſtinnen, das ganze Ballet ſtrömt aus ihren Schlupfwinkeln hinter der Bühne herbei und erfüllt die Scene mit einem luſtigen Gewühl. Der Kapell⸗ meiſter ſchüttelt dem Collegen die Hand, ältere erfahrene Muſiker thun das Gleiche, Charles iſt mit ſeiner Arbeit zufrieden und ———— ——.— X Siebenundfünßigſtes Kapitel. ſchwimmt in einem Meer von Wonne, weßhalb er ſogar auch ſehr bereitwillig die große Arie der Madame Fidelbogen für den zweiten Akt noch am heutigen Tage in einigen Kleinigkeiten ab⸗ zuändern und ſich obendrein bereit erklärt, dem Baſſiſten, deſſen Partie ſehr klein iſt und der ihn dringend hierum erſucht, eine fürchterliche Wuth⸗ und Rache⸗Arie für den letzten Akt zu ſchrei⸗ ben und einzulegen. Die neue Dekoration ſteht; doch ehe die Muſik wieder be⸗ ginnt, hat der Kapellmeiſter eine ernſtliche Klage über ein Orcheſter⸗Mitglied anzubringen. „Sie werden natürlicher Weiſe bemerkt haben, Herr Graf,u ſagte er,„daß die Contrebäſſe bei gewiſſen Stellen nicht kräftig genug durchgreifen. Herr Charles,“ hiemit wendet er ſich an den Componiſten,„hat gewiß nur aus Freundlichkeit gegen die Kapelle dieſes Mangels nicht erwähnt.“ Der Letztere hatte in der That bemerkt, daß ſtatt der ge⸗ d wöhnlichen ſechs Contrebäſſe nur vier an ihrem Platz waren und hatte ſchon während der Ouvertüre und des erſten Aktes in ſei⸗ nem Inneren ſehr eine Verſtärkung dieſer Inſtrumente gewünſcht. Der gute Alfons mit einer ſehr ſchwachen Idee von der Noth⸗ wendigkeit eines ſtarken Grundtones, hatte nicht im Geringſten dieſe Schwäche des Orcheſters geahnt, half ſich aber trotzdem bei der Klage des Kapellmeiſters mit der ſehr ernſt ausgeſprochenen Frage, woher es denn komme, daß heute ſo ungeheuer wenig Contrebäſſe da ſeien. „Im Ganzen haben wir ſechs,“ referirte der Kapellmeiſter, „vier ſind da unten, wie der Herr Graf ſehen werden, der fünfte iſt krank.— „Und der ſechste?“ forſchte der Graf mit einer ſehr wich⸗ tigen Amtsmiene. „Ja, ſehen Sie, Herr Graf, der ſechste,“ entgegnete der Kapellmeiſter mit einem Achſelzucken,„iſt einer von den alten — 11 — —— Venetti. 313 privilegirten Muſtkern, unter der Regierung des höchſtſeligen Königs angeſtellt, für die Hauskapelle engagirt, welchen man leider nicht die ſtrenge Verpflichtung auferlegen kann, im Orcheſter mitzuwirken. Was namentlich die Proben anbelangt, ſo hat man immer mit dieſen Leuten zu kämpfen. Sie zu einer Probe heran zu bringen, iſt ungeheuer ſchwer. Bei der Vorſtellung freilich fehlt der alte Benetti, von dem ich eben ſpreche, niemals.“ „Benetti?“ ſagte der Graf,„den Namen ſollte ich ſchon oft gehört haben.“ 3 „Sie werden den alten verſtorbenen Balletmeiſter Benetti meinen,“ antwortete Charles.„Dieſer iſt ein Bruder deſſelben, ein tüchtiger Muſiker und außerdem ein Componiſt für Kirchen⸗ Muſtk.“ „Richtig, richtig!“ ſagte der Graf ſehr ernſt und zupfte ſeine Halsbinde in die Höhe;„aber da ſcheinen mir Unordnungen eingeriſſen, die man künftig nicht dulden ſoll. Es iſt ja voll⸗ kommen unmöglich, daß der Mann Abends richtig ſpielt, wenn er vorher ſeine Stimme nicht durchſtudirt und den Proben bei⸗ gewohnt.“ Bei dieſer Aeußerung des neuen Chefs lächelte der Kapell⸗ meiſter ein klein wenig, der Opernregiſſeur, der hinzu getreten war, huſtete, und Charles ſagte zum Grafen:„das wird in der That nichts machen, ob der alte Italiener zur Probe kommt oder nicht; mir wäre es nur lieb geweſen, heute Morgen ſchon die volle Wirkung zu hören.— Aber,“ ſetzte er lächelnd hinzu, „wenn Benetti heute Abend die ihm unbekannte Muſik aufſchlägt und einmal ſeinen Bogen in der Hand hat, ſo geigt er ſchon beſſer, wie die übrigen Vier zuſammen genommen, die vielleicht alle Proben mitgemacht.“ „Iſt dem ſo?“ fragte der Graf. „Allerdings!“ entgegnete der Kapellmeiſter,„doch wäre es mir gerade wegen den andern jüngeren Muſtikern angenehm, giebenundfünßzigſtes Kapitel. wenn man den alten Italiener beſtimmen könnte, den Proben, wie die Andern, beizuwohnen.“ „Man muß ihm darüber einen Befehl zugehen laſſen!“ meinte der General⸗Intendant. „Herr Graf, das wird nicht angehen,“ warf der Regiſſeur dazwiſchen,„dieſe alten Muſiker haben ihre eigenen Privilegien, und wenn man verſucht, die anzugreifen, ſo könnte man gar mit dieſen Leuten nicht mehr fertig werden.“ „Natürlich!“ ſagte Alfons,„Privilegien ſind heilig; aber wie wär' es, wenn ich mit Signor Benetti einmal privatim ein freundliches Wort ſpräche?— Bei der Vorſtellung iſt er mir, glaube ich, nicht genannt worden— er war vermuthlich heute Morgen nicht im Theater?“ „Nein, Herr Graf, er kommt nur in den Stunden, wo er zu ſpielen hat. u „Und was iſt er für eine Art von Mann?“ Der Kapellmeiſter zuckte die Achſeln und der Regiſſeur lächelte. „Das kann ich Ihnen ganz genau ſagen,“ entgegnete Charles.„Ich habe vor mehreren Jahren längere Zeit bei ihm Unterricht gehabt, und das muß ich ſchon geſtehen: ich habe was Tüchtiges bei ihm gelernt. Aber es iſt ein merkwürdiger alter Kauz. Benetti iſt hoch in die Sechszig, vielleicht ein Siebziger, unverheirathet; er kam vielleicht vor fünfzig Jahren hieher, als der ſelige Herr die große Oper einrichten ließ. Damals waren die meiſten Angeſtellten Italiener, und die beiden Benetti's, junge, unternehmende Burſche, beide angehende Muſiker, malten mit an den großartigen Dekorationen, die damals beliebt wur⸗ den, und darauf blieben ſte hier. Der Eine bildete ſich für das Ballet und war auch für das Ausland ein berühmter Name, der Andere warf den Pinſel weg, widmete ſich ganz der Muſik und gab anfänglich in vornehmen Häuſern Stunden. Doch wollte Benetti. 315 das Letztere nicht gut thun, denn der alte Italiener iſt ein ſo fürchterlich heftiger Mann, daß ihn der kleinſte Fehler ſeiner Zöglinge veranlaſſen konnte, ſie entweder mit dem Notenheft hinter die Ohren zu ſchlagen, oder wenn das nicht angieng, fort⸗ zugehen, um nicht mehr in das Haus zurückzukehren. Wie viel dergleichen Scenen habe ich mit ihm erlebt! Wie oft hat er mich zur Thüre hinaus bekomplimentirt und mich hoch und heilig ver⸗ ſichert, er wolle mit mir nichts mehr zu thun haben! Aber er hatte mich lieb, das kann ich mit Stolz ſagen; denn am andern Tag ſchon nach ſolchen Scenen ſchrieb er mir mit zwei Worten, ich ſolle wieder kommen, und wenn ich alsdann, wie ſich das von ſelbſt verſtand, in ſeine Wohnung zurückkehrte, ſo nahm er mich mit offenen Armen auf und er that alsdann ſeiner Heftigkeit vierzehn Tage die größte Gewalt an.“ „Hat er Familie?“ fragte der Graf. „Nein,“ ſagte der Kapellmeiſter;„er war auch niemals verheirathet,“ fuhr er fort,„lebte ſehr eingezogen, ſehr anſtändig. und man konnte von ſeinem Lebenswandel nur Rühmenswerthes ſagen. Ich war lange nicht mehr in ſeiner Behauſung. Vor fünf, ſechs Jahren, wo ich mit ihm ein größeres Werk über aältere italieniſche Kirchen-Muſik bearbeitete, kam ich häufig zu ihm. Damals hatte er eine alte Haushälterin, die mußte viel mit ihm ausſtehen; ich glaube, ſie iſt unterdeſſen geſtorben.“ „Ja wohl, ſie iſt geſtorben,“ verſicherte der Regiſſeur, ich weiß, der heftige, knauſerige Italiener war damals in großer Verlegenheit, denn es wollte ſich lange keine Perſon finden, die ich dazu hergab, ſeine ewigen Schimpfereien anzuhören, ja ſogar die Zielſcheibe eines Tellers oder eines Glaſes zu werden, wie das oftmals ſchon früher vorgekommen ſein ſoll.“ „Kann der alte Mann leben?“ fragte der Intendant; iſt er⸗gut bezahlt?“ Siebenundfünßzigſtes Kapitel. „Außerordentlich gut!“ antwortete der Kapellmeiſter,„dieſe älteren Muſiker haben eine ungleich höhere Gage, wie die neu Angeſtellten, und nebenbei hat ſich Benetti ein anſtändiges Vermögen zuſammengeſpart, von deſſen Zinſen er allein leben könnte.“ „Ich muß die Bekanntſchaft dieſes Mannes machen,“ ſagte lächelnd der Intendant,„ich muß den alten Muſiker haran⸗ guiren.— Weiß Jemand, wo er wohnt?“ Der Kapellmeiſter zuckte mit den Achſeln, der Regiſſeur ebenſo, und ſogar Charles wußte nicht die Wohnung ſeines früheren Lehrers. Man rief nach dem Theaterdiener, doch ehe dieſer erſchien, näherte ſich eine kleine ſechszehnjährige Balletratte, die mit den feinen Ohren ihres Geſchlechts aus einiger Entfernung das Ge⸗ ſpräch ihres Intendanten belauſcht, und flüſterte nach einem tiefen Knix dem Regiſſeur die gewünſchte Adreſſe in die Ohren. Graf Alfons pätſchelte zum Dank ſehr herablaſſend und freundlich den blonden Lockenkopf der jungen Tänzerin, die darauf mit einem ungeheuer tiefen Knir hinter die Couliſſen entſchwebte. „Nun?“ fragte Alfons. „Der Herr Graf wiſſen vor den Thoren das Königliche Jagdſchloß?“ ſagte der Regiſſeur.„Wenn man dort hinaus fährt, ſo hat man links von der Straße, ehe die Chauſſee be⸗ ginnt, eine Menge Gärten, in welchen kleine Wohnungen zer⸗ ſtreut liegen.“ „Ah, die Gegend iſt mir bekannt!“ rief Charles,„da herum wohnte auch ich früher.“ ¹ „In einem der erſten Gärten rechter Hand,“ fuhr der Re⸗ giſſeur fort,„bei einem Handelsgärtner— der Herr Graf wer⸗. den dort mehrere große Treibhäuſer bemerken— liegt ein kleines Häuschen, ganz in Grün verſteckt; dort ſoll Benetti wohnen.“ „Ah, das Haus iſt mir bekannt,“ ſagte der junge Com⸗ ——— — Benetti. 317 poniſt nachdenkend;„es wär' eigenthümlich, wenn es meine alte Woöhnung wäre.“ „Richtig, lieber Charles,“ entgegnete der Graf lächelnd, „ich glaube da herum war vor zehn Jahren Ihr Hotel.“ „Ein ſehr beſcheidenes.“ „Wiſſen Sie was; ich habe auf zwölf Uhr meinen Wagen beſtellt; bis dahin iſt die Probe wohl aus, dann begleiten Sie mich und zeigen mir den Weg.“ „Wenn Sie es wünſchen, Graf Alfons, recht gern!“ ent⸗ gegnete Charles mit leiſer Stimme.— Der zweite Akt!— Auch dieſer gieng vorüber; ebenſo der dritte, und mit jeder Nummer ſtieg die Zufriedenheit, das Wohlgefallen der ganzen Kapelle an der neuen Arbeit. Mehrmals konnten ſich ſämmtliche Muſiker nicht enthalten, am Ende einer derſelben in ein lautes Bravo auszubrechen. Charles empfieng Glückwünſche von allen Seiten und war außerordentlich glücklich. Der Intendant lobte die Leiſtungen der Kapelle und der Sänger, ſowie die wirklich ſchöne Arbeit des Balletmeiſters Dubelli, der mit neuen Tänzen, zierlichen Arrangements und Gruppen ſein Mögliches zu Ausſchmückung der Oper beigetragen. Dann packten die Muſtiker ihre Inſtrumente zuſammen, die Lichter wurden ausgelöſcht, die Sängerinnen fuhren nach Hauſe, Cho⸗ riſten und Choriſtinnen verließen das Theater, ihre Notenhefte unter dem Arm, und bald lag das weite Gebäude einſam und ſtill. Dubelli, als er bei der Requiſiten⸗Kammer vorbei gieng, konnte nicht unterlaſſen, einen Blick hinein zu werfen, indem er jenes Abends gedachte, wo ihm hier ſo Sonderbares begegnet. Da ſtanden die alten Geräthſchaften und Waffen ruhig an ihrem Platze und die einzige Bewegung, die erſichtlich war, gieng von der armen alten Kreuzfahrersfahne aus, die früher ein 4 8 318 Siebenundfünfzigſtes Kapitel. Betttuch geweſen war; und auch dieſe Bewegung kam einzig und allein von dem Luftzuge her, den das Oeffnen der Thüre verur⸗ ſachte. Eine ſorgſame Hand hatte die Fahne wieder an ihren alten Platz vor dem Fenſter geheftet, und da jetzt bei der Mit⸗ tagsſtunde daſſelbe ohnehin im Schatten lag, ſo herrſchte in dem Gemach faſt eine ähnliche Dämmerung wie neulich in der Nacht. Aber das Rennen und Laufen in dem Gebäude, das Oeff⸗ nen und Zuſchlagen der Thüren, die vielen Menſchenſtimmen, ſowie das Raſſeln der wegrollenden Wagen hatte alle Poeſie von dieſem Orte verwiſcht und ſelbſt Dubelli's Auge ſah heute nichts wie alte Waffen und Geräthſchaften, und ſelbſt der weite Lehn⸗ ſtuhl, der auch heute Morgen ſeine Arme wieder gaſtlich zu öffnen ſchien, hatte etwas ganz Harmloſes und durchaus nichts Ge⸗ ſpenſterhaftes. Dubelli lächelte über ſeine Phantaſien in jener Nacht und meinte am Ende, er könne vielleicht auf dem alten Lehnſtuhle eingeſchlummert ſein und nur geträumt haben. Ja, als er ſich nun dem Fenſter näherte und durch daſſelbe knapp in dem Schloßgarten die Marmorfigur ſah, die ihm ſolchen Schrecken eingeflößt, ſo begriff er in der That nicht, wie er jenes lächelnde Geſicht einer ſchönen Flora für die Züge der ſeligen Honoratioren⸗ tochter habe halten können. „Täuſchungen! nichts wie Täuſchungen!“ murmelte er vor ſich hin, als er das Gemach verlaſſen hatte und allein die Treppen hinab ſtieg.„Unſer ganzes Leben iſt eine fortlaufende Kette von Täuſchungen; es iſt am Ende natürlich, wenn man ungläubig wird, und wenn ich einmal todt bin und jenſeits erwache, ſo werde ich mich am Ende nicht mehr davon überzeugen laſſen, daß ich dieſſeits Dubelli der Balletmeiſter geweſen.“ Und doch war der gute Dubelli hier ſo überzeugt und durch⸗ drungen von der Größe und der Wichtigkeit ſeines Amtes, jeder Zoll ein Balletmeiſter; und als die zu Acht in einem Wagen wegfahrenden Tänzerinnen ihm mit den niedlichen Köpfen und * . Benetti. 319 ig und— kleinen Händen auf's Ehrerbietigſte zuwinkten, als die Tänzer verur⸗ und Choriſten auf der Straße den Hut abzogen und ihn auf's ihren Tiefſte grüßten, da ſchritt er ſtolz dahin und ſagte triumphirend Mit⸗ zu ſich ſelber:„und ich war vor einigen Jahren nichts wie ein n dem armer, hoffnungsloſer Flickſchneider!“— Nacht. Der gereißte Reitknecht des Grafen Alfons ſtand neben dem Def⸗ Vorderſitze des Phaetons ſeines Herrn und hielt die ungeduldig umen, ſich ſchüttelnden Pferde im Zügel. Die edlen Thiere hatten in je von der warmen Sonne ſchon lange gewartet und ſchäumten in die nichts Zügel, thaten bald einen Schritt vorwärts, bald rückwärts. Ahn⸗ Endlich trat der Graf mit dem jungen Componiſten aus dem fnen Gebäude, der Reitknecht fuhr ſo nah wie möglich an die Treppen Ge⸗ deſſelben, Alfons ſtieg auf ſeinen Sitz, nahm die Zügel in die jna Hand und Charles ſetzte ſich neben ihn. alten Der Reitknecht, der die Gewohnheiten ſeines Herrn genau Jn, kannte, zog eine rieſenhafte Cigarrendoſe hervor, nahm zwei rhin Stücke heraus, die er mit Zündern verſah, worauf er, als Beide a brannten, eine dem Grafen in den Mund ſteckte, die andere dem 3 jungen Muſtker anbot. lnj Jetzt flogen die Pferde dahin, über den freien Platz vor cren⸗ deem Theater, durch die Straßen, zum Thore hinaus, bis vor die Wohnung des Handelsgärtners, hinter welcher im Garten rn das bezeichnete Haus lag. 3 ppen von rubig ſo— daß uch⸗ jeder agen und ⸗ 8 Achtundfünfzigſtes Kapitel. Benetti. Sobald der Wagen des Grafen Alfons vor dem Garten anhielt, ſprang der Reitknecht von ſeinem Sitze hinten hinab, um die Zügel in Empfang zu nehmen. „Nun, lieber Charles,“ ſagte Alfons, während er von dem Wagen ſtieg,„Sie gehen doch mit, Sie machen doch Ihrer früheren Wohnung und Ihrem alten Lehrer einen Beſuch?“ 6 Der junge Muſtker ſchüttelte mit dem Kopfe.„Wenn Sie mich hier laſſen wollen, iſt es mir lieber,“ ſagte er.„Ich möchte den Garten und das Haus dort wegen der doppelten Erinnerung, die es für mich hat, nicht gerne wiederſehen. Ich habe, wie Sie ſelbſt wiſſen, in den kleinen, mir einſtens ſo lieben Zimmern zu traurige Stunden verlebt. Und dann, was meinen alten Lehrer anbelangt, ſo ſchämt er ſich ſchon ſeit längerer Zeit ſeines Schülers.“. „Ah, das iſt unmöglich!“ ſagte der Graf lachend. „Verlaſſen Sie ſich darauf,“ entgegnete Charles; vals ich damals mein erſtes Werk aufführen ließ, das bewußte Ballet—” 8 1 Yenetti. 321 „Worin die blonden Haare vorkamen!“ lachte der Graf. „Daſſelbe!“ antwortete Charles mit trübem Lächeln.„Nun, der alte Benetti hatte mir von jeher von der ſogenannten pro⸗ fanen Muſik abgerathen und mich oft dringend gebeten, mein Talent der Kirche zuzuwenden. Aber ich hatte einmal keinen Sinn dafür und ſo entſtand trotz ſeiner dringenden Ermahnungen jenes Ballet.“ „Welches ſo außerordentlich gefiel!“ „Nur nicht meinem Lehrer. Er hätte an dem Abend um Alles in der Welt den Bogen nicht angerührt und ſchrieb mir einige Tage nachher einen förmlichen Abſagebrief. Ja, als ich es kurze Zeit darauf doch wagte, ihn zu beſuchen, wies er mir die Thüre und erſuchte mich um Gotteswillen, ihm die Schande nicht anzuthun und Jemanden zu ſagen, daß ich ſeinen Unterricht genoſſen.— Sie ſehen, lieber Graf,“ ſchloß Charles achſel⸗ zuckend,„da iſt nichts zu machen.“ „Freilich, da iſt nichts zu thun,“ pflichtete der Graf bei, „da werde ich mein Heil allein verſuchen müſſen.“ Damit zupfte er ſeine Halsbinde etwas in die Höhe, zog ſeinen Frack vorne und hinten in die Taille und ſchritt unter⸗ nehmend dahin. Das Gartenthor, das wir aus dem erſten Theil unſerer wahrhaftigen Geſchichte bereits kennen, ſtand offen und der Graf ſchritt auf einem breiten Sandwege gerade aus, auf ein kleines Häuschen los, das, zwiſchen grünen Bäumen und Schling⸗ gewächſen faſt verſteckt, die Wohnung des alten Muſikers ſein mußte. Richtig, als er jetzt näher kam, hörte er die rührenden Töne eines Cello's aus den geöffneten Fenſtern heraus dringen. Der Bogen, welcher dieſe Klänge hervorbrachte, wurde offenbar von einer Meiſterhand regiert, doch ſchien der Spieler zu ſeinen Uebungen ein ſeltſames Muſtkſtück gewählt zu haben. Auch war Hackläander, Namenl. Geſchichten. III. 21 322 Achtundfünfzigſtes Kapitel. es dem Grafen, als ſinge er zuweilen dazu, denn er vernahm zwiſchen dieſen Tönen, doch bis jetzt ſehr undeutlich, eine Men⸗ ſchenſtimme. Bald grollte das Inſtrument in den tiefſten Klängen und lärmte und klagte, und als Alfons jetzt näher trat, da ver⸗ nanhm er ſtatt des Geſangs, den er zu hören geglaubt, die pol⸗ ternde Stimme des alten Benetti, die analog der Muſik zu ſprechen ſchien.— „Das Alles habe ich ſchon zehntauſend Mal wiederholt! Aber es hilft nichts, es iſt gerade, als wenn in mein Haus zehn⸗ tauſend Teufel gefahren wären. Warum läßt man mir keine Ruhe, warum muß das ganze Haus immer auf den Korſ geſtellt werden? He! he!— Nun?24— Dieß ſchien eine Frage zu ſein, doch als keine Antwort darauf folgte, klangen unendlich weiche und rührende Töne aus dem Cello hervor, und der Alte fuhr fort zu ſprechen: nfreilich iſt der alte Benetti ein hartherziger Polterer, ein unangenehmer Kerl,— ſo ſagen die Leute. Aber ſie wiſſen es nicht, daß der arme alte Italiener immer gequält wird, daß ſie ihm keine Ruhe laſſen, Corpo di bacco! Und ich will Ruhe haben.— Nun, was haſt du darauf zu antworten?“ Der Graf blieb ob dieſem ſonderbaren Geſpräche erſtaunt ſtehen und hörte jetzt, wie eine weibliche Stimme antwortete: 5 „Ich will Sie ja um Gotteswillen nicht ſtören, Signor 4 Benetti, aber ich muß doch einmal im Tage in Ihr Zimmer kom⸗ men, um es in Ordnung zu bringen! Gewöhnlich ſind Sie um dieſe Zeit in der Probe— „Ja, dieſe Probe!“ ſchrie Benetti dazwiſchen. Aubaitss dieſe Probe und die Aufführung morgen Abend, lieber zerſchlage ich morgen meinen Fidelbogen, ehe ich eine Note von dem ver⸗ fluchten Werk herunter geige.— Und gerade an ſolchen Tagen, wenn ich gereizt bin, da mußt auch du noch mich obendrein quälen, du, von der mir das eigentlich am weheſten thut.“ Benetti. 323 „Aber Sie müſſen doch ſchön lange wiſſen,“ ſagte die weib⸗ liche Stimme,„daß ich ja nur auf der Welt bin, für Ihre Ruhe zu ſorgen, Sie zu pflegen wie ein Vater.“ „Si Signora, das weiß ich!“ „Auch müſſen Sie mir zugeſtehen, daß es Sie freut, wenn Sie Mittags nach Hauſe kommen und finden Ihr Zimmer auf⸗ geräumt, die Noten hübſch ordentlich hingelegt, das Cello an ſeinem Platz und friſche Blumen in den Töpfen.“ „Si Signora!“ wiederholte der alte Italiener, und das Cello begann, wie ganz leiſe und unbewußt, eine freudige, glückliche Melodie. Graf Alfons, der unwillkührlich dieſem Zwiegeſpräch zuge⸗ lauſcht hatte, trat näher und war diskret genug, ſeine Ankunft durch ein heftiges Räuſpern und Huſten, ſowie durch ſtarkes Auf⸗ treten an der Thürſchwelle kund zu thun. Augenblicklich verſtummten auch ſowohl Menſchenſtimmen als Cello und der Graf trat in das kleine Haus. Durch eine kleine Küche kam er in ein Vorzimmer und da von dieſem die Thüre in ein anderes Gemach offen ſtand, ſo konnte er nicht umhin, ſich jetzt auf einmal dem erſtaunten Muſtker zu präſen⸗ tiren, der, ſein Inſtrument zwiſchen den Knieen haltend, den Eintretenden aben nicht gerade freundlich anblickte. Eine weib⸗ liche Geſtalt, die ſich beim Eintreten des Fremden einen Augen⸗ blick umgewandt hatte, drehte nun ihr Geſicht dem Fenſter zu⸗ und beſchäftigte ſich auffallend mit den Blumen, die am Fenſter ſtanden. Der Graf hatte ſeinen Hut abgenommen und grüßte den Muſiker freundlich. Dieſer erwiderte den Gruß ziemlich ernſt. „Da Sie nicht zu mir kommen, lieber Benetti,“ ſagte hierauf der Intendant mit der freundlichſten Miene, die ihm mög⸗ lich war, anzunehmen,„ſo muß ich Sie aufſuchen.“ 21* 324 Achtundfünfzigſtes Kapitel. „Ich wüßte aber in der That nicht, Signor,“ antwortete der Italiener,„woher Sie auf die Vermuthung kommen, ich ſolle Sie beſuchen?“ „Sie kennen mich alſo nicht?“ „Nein, Signor, erinnere mich auch nicht, Ehre gehabt habe, Sie zu ſehen.“ „So muß ich mich Ihnen förmlich vorſtellen!“ ſagte lachend der Graf.„Durch die Gnade Seiner Majeſtät bin ich zum General⸗Intendanten der Königlichen Theater ernannt worden. — Graf Alfons von**. Der alte Muſtker lehnte ſein Cello an den Stuhl und erhob ſich langſam, um ſeinem neuen Chef eine tiefe Verbeugung zu machen. Das Mädchen aber am Fenſter zuckte bei Nennung dieſes Namens, jedoch faſt unmerklich, zuſammen. „Ich habe Sie heute Morgen vermißt, lieber Benetti, und da ich viel Gutes von Ihnen gehört und Sie hochſchätze, ſo komme ich hieher zu Ihnen, um Ihre Bekanntſchaft zu machen. 4 Benetti war ein Mann hoch in die Sechszig, ſein Rüken etwas von dieſem hohen Alter gebeugt; doch waren ſeine Be⸗ wegungen noch friſch und lebendig. Sein Kopf, mit dichtem daß ich je die weißem Haar bedeckt, zeigte ſcharfe, aber gutmüthige Geſtchts⸗ züge, die man faſt hätte ſanft nennen können, wenn nicht die kohlſchwarzen Augen unter buſchigen, immer noch kohlſchwarzen Augenbrauen dem ganzen Geſichte etwas außerordentlich Leben⸗ diges, ja in gewiſſen Augenblicken etwas Herausforderndes, ja Trotziges gegeben hätte. Die Kleidung Benetti's war ſich ſeit vielleicht fünfzig Jahren gleich geblieben. Er trug heute noch wie damals kurze ſchwarze Beinkleider, ſchwarzſeidene Strümpfe mit Schuhen, dazu ein weißes Halstuch mit lang herabfallenden Zipfeln und einen ſchwarzen, wenn auch etwas altmodiſch ge⸗ ſchnittenen, doch ſehr anſtändigen Tuchfrack. tete Benetti. 325 Er fuhr mit der Hand über ſeine hohe Stirn durch ſein weißes Haar und ſuchte ſich, leicht lächelnd, zu entſchuldigen, daß er bei der heutigen Vorſtellung, die ihm wohl angeſagt worden wäre, gefehlt. „Euer Excellenz werden wohl wiſſen,“ ſagte er,„wie ver⸗ geßlich das Alter iſt. Ich erinnerte mich wohl, daß mir für heute Morgen ein Geſchäft oblag, doch welches, war mir nicht mehr erinnerlich. Ich war gerade im Begriff, in die Hauptkirche zu gehen, es war mir gerade, als ſollte dort Probe von einer großen Meſſe ſein.— Excellenz werden einem alten Manne verzeihen!“ „Magdalene!— gib dem Herrn Grafen einen Stuhl.“ Aber das Mädchen am Fenſter, dem dieſe Worte offenbar galten, ſchien dieſe Worte entweder nicht hören zu wollen oder wirklich nicht zu hören. Die einzige Bewegung, die ſie machte, war, daß ſie ihren Kopf tief zu den Blumen herabſenkte. Graf Alfons warf einen flüchtigen Blick nach dem Fenſter und bemerkte, daß das Mädchen, welches da ſtand, eine hohe, ſchlanke Geſtalt war. Sie war dürftig, ja faſt ärmlich gekleidet und ſchien offenbar die Haushälterin oder die Magd des alten Italieners zu ſein. — Dieſer warf ebenfalls einen Blick nach dem Fenſter, einen Blick, in welchem es zornig aufblitzte, und wiederholte mit ern⸗ ſterer Stimme:„Magdalene, du ſollſt dem Herrn Grafen einen Stuhl geben!“. „Ich nehme mir ihn ſchon ſelber!“ ſagte lachend der Inten⸗ dant und that ein paar Schritte nach dem Fenſter, wo mehrere Stühle ſtanden. In dieſem Augenblick drehte ſich auch das Mädchen am Fenſter herum, und wenn Graf Alfons nicht durch die vielen ſeltſamen Lagen, in welchen er ſich während ſeines langen Hof⸗ lebens ſchon befunden, ſo vollkommen Herr ſeiner ſelbſt geweſen 326 Achtundfünßzigſtes Kapitel. wäͤre, wie er es war, ſo hätte er in dieſem Augenblicke einen Ruf der Ueberraſchung nicht unterdrücken können. Es war Anna, die vor ihm ſtand, die ihm mit zitternder Hand einen Stuhl darbot.. Seit jener Zeit, wo der Graf das Mädchen zum Letzten⸗ male geſehen, waren zehn Jahre vergangen, zehn Jahre, die für ſie gewiß keine Zeit der Freude geweſen waren. Das ſah man wohl ihren Zügen an. Doch ſchien die harte Hand des Schickſals das Antlitz des Mädchens ſo ſchonend wie möglich, ja mit einer gewiſſen Scheu berührt zu haben, denn noch immer war dieß Antlitz ſchön geblieben, ja auffallend ſchön und edel, und die früher ſo trotzigen, ja mitunter wilden Züge hatten ſich weich und ſchwermüthig geſtaltet. Das war noch daſſelbe ſchöne blonde Haar, dieſelben glänzenden blauen Augen, die herrlichen weißen Zähne. In dem Augenblicke, als ſich das Mädchen herumwandte und dem Grafen voll in das Geſicht ſchaute, nahmen ihre Augen, ihre Züge einen ſchmerzlich bittenden Ausdruck an, der den Grafen wie ein Blitz durchfuhr, den er aber augenblicklich verſtand. Und wohl auch mit aus dieſem Grunde blickte er das Mädchen mit erkünſtelter Gleichgültigkeit an, und kein Zug in ſeinem Geſichte verrieth, daß er ſie jemals geſehen. Das Einzige, was er nicht laſſen konnte, war, ihr eine tiefe, ja ehrfurchtsvolle Verbeugung zu machen, durch ein unbekanntes Gefühl der Verehrung her⸗ vorgerufen, das ihm aus dem Innerſten ſetes Herzens kam. Auch nahm er ſchnell den Stuhl aus ihrer Hand, ſtellte ſich vor ihn hin und ſtützte ſich mit dem Arm auf die Lehne deſſelben. Das Alles aber war das Werk von kaum zwei Sekunden, und dann ſagte der alte Benetti zu dem Mädchen:„geh' hinaus, 3 Magdalene!“ Der Graf blickte ihr einen dgenöſit nach und ſagte dann 8 4 1 ⸗ 4½α Benetti. 327 mit dem gleichgültigſten Tone von der Welt:„eine Verwandte von Ihnen? „Nein, nein!“ antwortete der Italiener lächelnd,„Benetti hat keine Familie in Deutſchland. Sie führt meine Wirthſchaft, — ſie iſt meine Haushälterin.“. „Ei, ei!“ ſagte lachend der Graf und drohte dem Muſiker mit dem Finger, vei, ei! alter Herr! Sie haben eine ſchöne Haushälterin.“ Benetti ſah einen Augenblick nachdenkend an die Thüre, durch welche das Mädchen verſchwunden war, und erwiderte als⸗ dann ziemlich ernſt:„Excellenz, ich bin ſtebenzig Jahr; iſt das Mädchen wirklich ſchön? Ich weiß es wahrhaftig nicht; ſie ſteht mir aus wie jede Andere. Aber ſie iſt ſehr brav und ſehr gut, und dient mir redlich, treu und unverdroſſen. Und daß ſie gerade Mir unverdroſſen dient, iſt wohl ihre größte Empfehlung, denn ich kann ſehr eigenſtnnig, ſehr wild und heftig ſein, Herr Graf.“⸗ „In der That,“ entgegnete der Intendant,„dergleichen hat man mir von Ihnen geſagt, lieber Benetti, und namentlich was Ihren erſteren Fehler, den Eigenſtnn, anbelangt, deßhalb bin ich wahrhaftig gekommen, um mit Ihnen ein freundliches Wort zu ſprechen.“ „Und das wäre?“ ſagte forſchend der alte Italiener, und n Augen, mit denen er den Grafen feſt anſchaute, blitzten unter den herabhängenden Brauen hervor. „Der Kapellmeiſter wünſcht,“ fuhr der Graf fort,„daß Sie mit Ihrem eminenten Talent auch ihn bei den Proben hie und da unterſtützen möchten; namentlich heute bei der Probe einer neuen Oper hat man Ihre kräftige Hand ſehr vermißt.“ Der Graf ſagte das eigentlich nur, um etwas zu ſagen; ſeine Gedanken waren aber durchaus nicht bei der Frage, die er an den alten Muſiker that. Vielmehr ſuchte er ſich die Möglich⸗ keiten klar zu machen, welche Anna vermocht haben könnten, ſich 328 Achtundfünßzigſtes Kapitel. zehn Jahre verſteckt zu halten und hier in die Dienſte des Ita⸗ lieners zu treten, gerade hier zu wohnen, in den Zimmern, wo ſte mit Charles ſo viele glückliche Stunden verbracht.— Und auch hier hieß ſte Magdalene, wie auf ſeinem Jagdſchloſſe, nach der Erzählung des alten Amadäus.— Magdalene, eine büßende Magdalene!— Die Seele dieſes Mädchens kam ihm groß und erhaben vor; ſte wußte gewiß, was aus Charles, ihrem Freunde, geworden war, gewiß war ſie überzeugt, daß deſſen Liebe zu ihr nicht erloſchen. Und doch verbarg ſte ſich vor ihm; ja, ſie wäre wahrſcheinlich nicht in die Reſidenz zurückgekehrt, hätte ſie ahnen können, daß Charles ebenfalls wieder kommen würde. Und dieß herrliche Mädchen, dieß große edle Herz ſollte zu Grunde gehen, weil ſte in Armuth und Noth geboren, nicht nur keine ſorgſame ſchützende Hand fand, die ſie vor Fehltritten bewahrte, ſondern weil ihr das unerbittliche Schickſal eine Mutter gab, der Alles käuflich geweſen, ſelbſt die Ehre ihres Kindes?— Alfons ſchüt⸗ telte bei dieſem Gedanken heftig mit dem Kopfe. Inzwiſchen aber hatte er die ihm in der That vollkommen gleichgültige Antwort des alten Muſikers überhört, ja er hatte ſeine eigene Frage vergeſſen und wunderte ſich, als ihm Benetti jetzt ernſt und feſt ſagte: „Ei freilich, Excellenz; wenn auch der Herr Graf über meine Antwort den Kopf ſchütteln, ſo muß ich doch wiederholen: Privilegien ſtnd und bleiben Privilegien!“ Alfons ſah den Muſiker mit großen Augen an, dann, wie aus einem tiefen Traume erwachend, erinnerte er ſich wieder des vorhin geführten Geſprächs und erwiderte lachend:„verzeihen Sie mir, beſter Benetti, ich war mit meinen Gedanken ein wenig auswärts. Aber Sie haben vollkommen Recht: Privilegien ſind Privilegien, und Gott ſoll mich bewahren, daß ich eines antaſte! Ich habe blos geglaubt, in einigen Fällen, wo es wichtig iſt, Benetti. 329 daß Sie den Proben beiwohnten, würden Sie vielleicht mir zu Liebe eine Ausnahme von der Regel machen.“ „Das werde ich auch gewiß recht gerne thun, Euer Excel⸗ lenz zu Gefallen,“ entgegnete der alte Italiener, der ſich etwas geſchmeichelt fühlte.„Nur muß ich Euer Excellenz dringend er⸗ ſuchen, mich für die vorliegende Oper gnädigſt diſpenſtren zu wollen.“ 3 „Sie lieben den jungen Componiſten nicht, der ſie ge⸗ ſchrieben?“ Der alte Mann ſchüttelte den Kopf und ſagte:„ich habe ihn einſtens ſehr geliebt— er war mein talentvollſter Schüler.“ „Ich weiß das,“ erwiderte der Graf,„er hat mir mit der größten Verehrung, mit wahrer Herzlichkeit von Ihnen ge⸗ ſprochen.“ „Er war nicht böſe,“ ſagte nachſtnnend Benetti,„nur etwas leichtſinnig. Die neue Zeit mit ihren leichtfertigen Moden, ihrem ganzen ſeichten Weſen hat ihn mit fortgeriſſen. Er hat ſeinem alten Lehrer mit einigen ſeiner Werke, die er gefertigt, ſehr wehe gethan.“= 7 „Er bedauert das gewiß von Herzen!“ ſagte der Graf; wich glaube, er würde Alles darum geben, wenn Sie ihm ge⸗ ſtatten würden, daß er ſich Ihnen wieder nähern dürfte.“ Der Italiener ſchüttelte bitter lächelnd ſeinen Kopf und wie⸗ derholte die Worte des Grafen:„er würde Alles darum geben?“ Dann fuhr er fort:„und ich verlangte damals ſo wenig von ihm! Als ihn damals, Gott weiß, welcher Dämon, antrieb, jene Ballet⸗Muſik zu componiren, da habe ich, ſein Lehrer, ihn gebeten, ja beſchworen, das nicht zu thun. Wenn es nur eine Oper geweſen wäre!— aber eine Ballet-Muſtk!— Pfui!“ „Aber das Publikum war ſehr damit zufrieden,“ entgeg⸗ nete der Graf,„und vor allen Dingen Ihr verſtorbener Bruder.“ 330 Achtundfünßzigſtes Kapitel. „Mein Bruder?“ ſagte der alte Benetti,„Gott hab' ihn ſelig!— Ja, mein Bruder, das war nun einmal ſein Geſchäft. Aber wenn Euer Excellenz wüßte, welche Scene ich mit dieſem meinem einzigen Bruder hatte ob der abſurden Zumuthung, ihm Tanzmuſtken zu ſchreiben!— Und dann erſt das Publikum— was will das beweiſen? Dem gefällt Alles, was neu iſt und glänzt und rauſcht, und für das Publikum!— Excellenz können mir glauben— das hat mich hauptſächlich verdroſſen, daß gerade jene Muſtk dem Publikum gefallen, oder vielmehr, daß er ſo gediegene Sachen der Menge für Tanzmuſik auftiſchte. Da hätte es der elendeſte Walzer ebenſo gut gethan. Und es waren ge⸗ diegene Sachen darunter, Excellenz— herrliche Motive, an denen ſich der ernſteſte Geſang nicht hätte zu ſchämen gebraucht. Erinnern ſich der Herr Graf vielleicht noch etwas aus jenem Ballet?“— Benetti griff nach ſeinem Cello, ließ ſi ſich auf Stuhl nieder und nahm das Inſtrument zwiſchen die Knien„Da war im zweiten Akt ein Gedanke, den hatte er herrlich durchge⸗ führt. Freilich mußte das zu den widerſinnigſten Springereien dienen, und für Jedermann klang es ganz einfach und nichts⸗ bedeutend; aber der Muſiker fühlte wohl, daß er hier einem großen Talent begegne.— Erlauben Sie einen Augenblick, Excellenz.“ Damit ſetzte der Muſtiker ſeinen Bogen an die Seiten und ſpielte mit der feſten, kunſtgeübten Hand ein einfaches, reizendes Motiv. Es lag etwas Melancholiſches und Klagendes darin, tiefer Seelenſchmerz, eine ganze traurige Liebesgeſchichte. Und wie ſpielte der alte Mann dieß einfache Thema! Es kam ihmn vom Herzen und gieng zum Herzen. Der Graf hörte neben ſich ein leiſes Geräuſch und als er ſich leiſe zur Seite wandte, ſah er an der Thüre die Magdalene ſtehen, und während ſie den ihr wohlbekannten Tönen lauſchte, floßen die Thränen über ihr Geſicht herab. 8 ihn häft. eſem ihm ucht. enem 4 inen „Da hge⸗ reien chtẽ⸗ inem blick und endes arin, Und ihm ls el alene ſſchte/ Benetti. 331 „So war es!“ ſagte Benetti, nachdem er eine Zeit lang das Thema variirt,„ich kann Ihnen nicht beſchreiben, Herr Graf, wie es mich geſchmerzt, als ich dieß Thema in der Par⸗ titur des Balletes fand.“ Damit ſteude ber, as wzollo an die Seite, und wie er ſich von ſeinem Stuhle erhob, bemerkte er an der Thüre das weinende Mädchen, die ſich gerade zurück⸗ ziehen wollte. „Was willſt du da, he?“ rief er ihr zu,„kannſt du nicht draußen in der Küche bleiben?“ Und als die Arme verſchwand, ſagte er, zum Grafen gewendet:„die Magdalene, ſonſt ein gutes Geſchöpf, iſt eine vollkommene Muſiknärrin, und wenn ich auf dem Cello anfange, zu ſpielen, dann weint ſie. Es iſt doch wahrhaftig recht komiſch.“ Der alte Italiener fand es aber eigentlich im Grunde nicht komiſch, und ſein Zorn, mit welchem er dem Mädchen nach⸗ blickte, war offenbar ein erkünſtelter, denn als der Graf ſeinen ⸗Hut nahm und dem Muſtker zum Abſchied die Hand reichte, ſchaute dieſer immer noch nach der Thüre und ſagte ganz leiſe: „ja, ja, ſie iſt in der That ein armes, unglückliches Geſchöpf!u Der Graf verließ das Haus und ſchritt durch den Garten dahin, zuerſt ſchnell, dann immer langſamer, und wie er faſt am Thore war, blieb er ganz ſtehen. Sollte er ſeinem Freunde etwas von dieſer Begegnung ſagen?— Nein, gewiß nicht! Wenigſtens vorderhand nicht, bis er vielleicht im Stande ge⸗ weſen, noch etwas Näheres und Genaueres über jenes Mädchen zu erfahren.— Ja, erkundigen wollte er ſich, genau erkundigen, die ganze Geſchichte auf's Reiflichſte prüfen und überlegen; und wenn etwas zu machen ſei für die Zukunft jener Unglücklichen, dazu wollte er das Seinige nach beſten Kräften beitragen.— Aber, war eine Vereinigung mit Charles möglich, durfte er hiezu die Hand bieten, nach dem, was er von der Vergangenheit 332 Achtundfünfzigſtes Kapitel. jenes Mädchens wußte?— Nein, nein! Als Ehrenmann durfte er keine Schritte thun, die Beiden zu vereinigen; ihn, ſeinen Freund, ein Talegte ein geachteter, ja faſt berühmter Name, und ſie e Arude Che O, der Gedanke war fürchterlich für ihn. 9 2 Endlich aber mußte er den Garten verlaſſen, und draußen auf der Straße hielt Charles mit ſeinem Wagen. „Nun?“ rief ihm der junge Componiſt lachend entgegen, „der Herr General⸗Intendant haben ſich anſtändig lange aufge⸗ halten. Ich glaube, Hochdieſelben ließen ſich die Anfangsgründe des General⸗Baſſes beibringen. Das wär' für einen Chef des Theaters allerdings recht nothwendig.“ „Ja, ja,“ ſagte der Graf trübe ,üihend⸗ nes iſt ſo was, wir ſprachen lange über Muſtk. Damit trat er an ſeinen Wagen und ſtieg auf ſeinen Sitz. „Aber Sie ſcheinen mir trübe geſtimmt, lieber Graf,“ fuhr Charles fort;„haben Sie mit Benetti eine ernſte Unterredung gehabt, oder hat Sie vielleicht da ſonſt etwas intereſſtrt? Ei, ei?“ fuhr er laut lachend fort,„ich habe mir ſagen laſſen, der alte Italiener habe ſich eine neue Haushälterin zugelegt, und da— haben ſich natürlich der Herr Graf länger wie gewöhnlich aufgehalten!“ Alfons nahm Zügel und Peitſche in die Hand; jedes der Worte, die Charles ſprach, berührte ihn unangenehm, ja ſchmerzlich. Doch lag ihm Alles daran, nicht befangen zu er⸗ ſcheinen, weßhalb er ſich Mühe gab, in den Scherz einzugehen. Die Pferde, des langen Wartens müde, ſchoſſen unge⸗ duldig dahin, und Alfons ſagte zu ſeinem Nachbar:„ja, ja, Sie haben es errathen, ich habe einige Worte mit der Haus⸗ hälterin des Alten geſprochen, 4 ch. B Mar he⸗ F Venetti. „Iſt ſte hübſe 24 „Paſſirt!“ „Jung?“ „Das kann ich nicht ſo genau ſagen; aben“ fuhr der Graf mit einem trüben Lächeln fort, ehe der Wagen raſſelnd in das enge Thor hinein fuhr,„ſie könnte Ihnen gefährlich werden, denn ſie hat Haare.“μ μ 24 Ueunundfünfzigſtes Kapitel. Anna. Das Geſchäft, welches den Doktor Stechmaier in die Reſidenz geführt,— wir glauben verrathen zu dürfen, daß es die Geſchichte eben dieſer Reſidenz ſelbſt war, welche ein unter⸗ nehmender Buchhändler in Worten und Bildern herauszugeben beabſichtigte—, war vollkommen zu Gunſten des Doktors abge⸗ macht worden, doch bedingte daſſelbe ſeinen längeren Aufenthalt in hieſiger Stadt. Der Doktor, nachdem er während der Verhandhengen und während dem Abſchließen des Contraktes im engliſchen Hofe ge⸗ wohnt, fand es jetzt für paſſender, ſich nach einer Privatwoh⸗ nung umzuſehen und zog deßhalb die öffentlichen Tagesblätter zu Rathe, welche mit jeder Nummer eine große Menge zu ver⸗ miethender Zimmer unter den allerbeſten Bedingungen für die reſpektiven Miether ankündigten. Da gab es denn allerlei, von acht Zimmern in der Belletage mit allen Erforderniſſen bis herab oder vielmehr hinauf zu gemeinſchaftlichen Schlafſtellen. Der * Anna. 335 Doktor aber, dem weder dieß Eine noch das Andere für ſeine Bedürfniſſe paſſend ſchien, ſuchte nach Wohnungen von zwei bis drei Zimmern, und nachdem er ſich aus den betreffenden Blättern eine Menge ſolcher, die ihm zu conveniren ſchienen, mit Straße und Hausnummer notirt, nahm er ſich eines Tages die vollkom⸗ menſte Zeit, waffnete ſich auch mit der größtmöglichen Geduld, denn er wußte, was es zu ſagen hatte, in hieſiger Stadt ein Logis zu ſuchen und zu finden. Drei Zimmer in einer der beſten Straßen der Stadt, in einer der beſten Lagen, verwandelten ſich bei näherem Betrachten in eine finſtere, feuchte Parterre⸗Wohnung mit einem einzigen Zimmer in der Mitte, das rechts und links zwei Cabinette mit ſchiefen Wänden hatte, welche letztere unter zwei verſchiedene Treppen hinein gebaut waren. Eine andere Wohnung, ſommer⸗ lich gelegen, mit Zutritt in den Garten, ergab ſich als ein alters⸗ ſchwacher Gartenſalon, deſſen Thüre und Fenſter morſch waren, und der ſ ſich alletdings inſoſern zu einer Sommer⸗Wohnung gug⸗ 4 I eine Menge Riſſe mge in Thüre und Mauern geſtattet war, wenn und wie ſie eben wollte, durch das Zimmer zu ſtreichen. Ein drittes Quartier, mit ſchöner Ausſicht, gut gelegen, beſtand aus einem Zimmer an der Seite eines unausſprechlichen Gemachs, deſſen Nachbarſchaft, auch ohne daß man es vorher geſehen, von dem Miethsmanne auf's Unangenehmſte geahnet wurde. Die ſchöne Ausſicht, welche dieſes Quartier auszeichnete, beſtand im Ueber⸗ blick auf die ſchwarzen Dächer der Nachbarſchaft, und wenn der Einwohner vielleicht im Stande war, ſeinen Hals auf eine faſt unnatürliche Art zu verdrehen und um die Ecke des Nachbar⸗ hauſes zu ſchauen, ſo gelang es ihm vielleicht, ein Stückchen Berg, ein paar Bäume und einen alten Kuhſtall zu erblicken. Andere Wohnungen, die der Doktor Stechmaier durchſah und prüfte, und die nicht ſo ſehr an den eben gerügten Ver⸗ . 336 Neunundfünßzigſtes Kapitel. brechen und Fehlern litten, zeichneten ſich dagegen durch die billigen Bedingungen aus, welche man bei ihnen ſtellte. Dieſe billigen Bedingungen nämlich beſtanden meiſt in den übertrie⸗ benſten Forderungen, zuweilen in einem ſolch großen Mieth⸗ preis, daß ihn kein Menſch im Stande war zu erſchwingen, oder in der Verweigerung eines Hausſchlüſſels, in dem Ver⸗ langen, gar keine Beſuche anzunehmen oder um zehn Uhr ſein Licht auszulöſchen, ferner in dem Wunſche des Hauseigenthümers, auf ſeinem Zimmer nicht zu pfeifen oder zu ſingen, keine Hunde, Katzen und Vögel zu halten, ſich ſelbſt zu raſiren, damit der auf und ab eilende Barbier die Treppen nicht verderbe, und der⸗ gleichen Quälereien und Chikanen mehr. Der Doktor, als ſolcher und Schriftſteller, hatte nebenbei noch einige Schwierigkeiten mehr zu überwinden, denn wenn er hie und da ein Quartier fand, das ihm gefiel, und er ſich darauf zu erkennen gab, ſo bedauerte man gewöhnlich, das Quartier icht ſogleich verſprechen zu können: man hatte noch einem Anderen zugeſagt, ein paar Tuge auf ihn zu warten; oder man war freimüthig genug, geradeaus zu erklären, der Herr Doktor-— möge verzeihen, aber man habe ſich einmal zur Regel gemacht, die Zimmer weder an Seiltänzer, Schauſpieler, noch Literaten zu vermiethen. Eines der letzten Quartiere, die dem Doktor Stechmaier auf ſeiner Rundreiſe durch die Stadt noch zu beſichtigen blieben, war in einem anſehnlichen Hauſe in einer neuen Straße, Nummer Vierundvierzig, und hier beſchloß er, zum Letztenmal ſein Heil zu verſuchen. Es waren in dieſem Hauſe zwei anſtändige meublirte Zimmer zu vergeben, im erſten Stock das Nähere zu erfragen. Der Doktor ſtieg die Treppe hinauf und kam oben an eine Glas⸗ thüre, wo neben der Klingel der Name des Bewohners zu leſen ſtand:„Stadtrath Schwämmle.“ Der Doktor erinnerte ſich dieſes Namens aus früheren Zeiten her noch ziemlich dunkel gen, Ver⸗ ſein ners, unde, it der del⸗ benbei denn et darauf uartiet einem er man Vurler gemacht itteraten ichmaier blieben, Nummet Heil zu neublitte erfragen. e Glas⸗ zu leſen rinnerie 4 dunkel Anna. 337 und ungewiß, und da er mit ſich ſelbſt nicht ganz im Reinen war, ob er dieſen Mann nicht früher gekannt, ſo zögerte er einen Augenblick, ehe er ſich entſchloß, anzuläuten. Der Titel „Stadtrath“ war ihm einigermaßen unbehaglich, und wenn er ſich auch in ganz anderen Verhältniſſen wie damals befand, ſo hatte er immer eine gewiſſe Scheu vor dem Stadtrathe behalten, denn für ihn war dieſe würdige Behörde beſtändig in gewiſſer Verbindung mit gerichtlichen Vorladungen, mit Schulden⸗Liqui⸗ dationen und dergleichen mehr geweſen. Doch zog er endlich dennoch die Klingel und ein Dienſt⸗ mädchen öffnete die Glasthüre. „Iſt der Herr Stadtrath Schwämmle zu Hauſe?“ Das Dienſtmädchen zögerte einen Augenblick mit der Ant⸗ wort und beſah ſich erſt den Fragenden vom Kopf bis zu den Füßen. Als ſie aber finden mochte, daß er nicht wie ein betteln⸗ der Vagabund oder als ein entlaufener Zuchthäusler ausſah, ſo ſagte ſie:„der Stadtrath ſind noch im oberen Stock und werden im Augenblick in ſeine Wohnung kommen. Aber die Frau Stadt⸗ räthin ſind unterdeſſen zu Hauſe.“ Der Doktor Stechmaier trat in das Vorzimmer; es war daſſelbe, deſſen ſich vielleicht der geneigte Leſer von früher her erinnert, daſſelbe, wo ſeiner Zeit der ſelige Steinmann Gasbe⸗ leuchtungs⸗ und Kirchendienſt⸗Audienzen gehabt. In dem Zimmer hatte ſich eigentlich gar nichts verändert. Da ſtanden noch dieſelben Tiſche und Stühle wie damals, doch waren ſie älter und gebrechlicher geworden, die Geſtalt derſelben altmodiſch, der Ueberzug abgeſchoſſen und verblichen. Wie da⸗ mals ſtand die Thüre zum Nebenzimmer geöffnet, und wie da⸗ mals ſaß die Stadträthin Schwämmle in eben dieſem Zimmer beim Kaffeetiſch. Sie war in ihrem Aeußeren noch dicker, in ihrem Weſen aber zänkiſcher geworden. Mit einer ſehr fetten Stimme befahl ſie der Magd, dem fremden Herrn einen Stuhl Hackländer, Namenl. Geſchichten. III. 22 1 338 Neunundfünßzigſtes Kapitel. zu geben, und als das geſchehen war, ſchien ſie wieder in ſtilles Nachdenken zu verſinken. Die Schwarzwälder Uhr pickte, der Kanarienvogel verſuchte einige Töne: doch war ſeine Zeit vor⸗ über und es wollte nicht recht mehr gelingen. Zuweilen auch glaubte der Doktor, es ſchnarche ein Mops im Nebenzimmer, doch da dieſer gelinde Schnarcher meiſt mit einem menſchlichen Räuſpern ſchloß, ſo erkannte er bald, daß es das ſchwere Athmen der Stadträthin ſei, welches er ſo unverantwortlich verkannt hatte. Endlich wurde draußen die Glasthüre geöffnet, gleich darauf die Stubenthüre; der Doktor erhob ſich und Stadtrath Schwämmle trat ein. Der Stadtrath, obgleich bedeutend älter geworden, hatte immer noch ſo viel als thunlich ſein imponiren ſollendes Aeußere feſtgehalten. Sein Kinn vergrub er noch immer würdevoll in die Halsbinde, ja das Bäuchlein, das er ſich zugelegt, ſowie die ſilberne Brille gaben ſeiner ganzen Haltung etwas Wichtiges, Ehrwürdiges, zu welchem allein die ſehr geſchwinden Bewegun⸗ gen, die ſich der Stadtrath noch nicht abgewöhnt, nicht voll⸗ kommen im Einklange ſtanden. Seine Züge dagegen hatten bedeutend gealtert, ſein Haar war gebleicht, ſein Blick etwas kummervoll geworden. Er begrüßte den Fremden mit einem ſehr förmlichen Kopfnicken, dann fragte er:„wen habe ich die Ehre? Was verſchafft mir dieſe Ehre?“ Der Doktor nannte ſeinen Namen und ſagte, er habe im Tagblatte geleſen, daß hier im Hauſe Nummero Vierundvierzig eine Wohnung von zwei Zimmern zu vergebeneſei, wornach man ſich in der Belletage zu erkundigen habe. Der Stadtrath räuſperte ſich, rieb die nde über einander, nahm ein freundlich ſein ſollendes Lächeln an und ſagte:„der Herr Doktor ſind ein Fremder, eben erſt in der Stadt angelangt?“ „Vor einigen Tagen. Ich wohne im engliſchen Hofe,“ ent⸗ gegnete auf dieſe Frage der Doktor. 1 V ſtilles e, der it vor⸗ auch mmer, hlichen tthmen hatte. darauf 1 ammle hatte leußere in die vie die htiges, vegun⸗ voll⸗ hatten etwas m ſeht Ehte abe im wierzig h man rand et, . nder ungt” a ent⸗ Anna. 339 „Ein ſehr gutes Hotel,“ fuhr der Stadtrath fort, nein ſehr anſtändiges Hotel; allerdings ſind hier im Hauſe zwei Zimmer zu vergeben, ſehr ſchöne Zimmer, gut meublirt, doch— „Aber wie kannſt du ſo genau wiſſen, ob die Zimmer wirklich noch frei ſind?“ ließ ſich die fette Stimme der Stadt⸗ räthin vernehmen.„Heute Morgen waren mehrere Partien da, welche die Wohnung eingeſehen haben.“ Der Stadtrath machte eine Bewegung mit der Hand nach. dem Nebenzimmer und ſagte als höflicher Mann:„meine Frau!“ Dann fuhr er mit lauterer Stimme fort:„allerdings bin ich nicht im Stande, dem Herrn Doktor die Wohnung für beſtimmt zuzu⸗ ſagen, die Hofräthin X. i*ſt die Vermietherin und ich habe es nur aus freundnachbarlicher Rückſicht übernommen, den Anfragenden die nöthige Auskunft zu ertheilen.— Der Herr Doktor ſind Mediciner?“ „Bitte um Entſchuldigung!“ „Alſo Juriſt 2ℳ „Noch weniger,“ entgegnete Stechmaier, nich bin Doktor der Philoſophie und Schriftſteller.“. 1„Ah!— Ah!— So?— Schriftſteller?“ antwortete de Stadtrath, und die fette Stimme aus dem Nebenzimmer rief ſo laut als möglich:„ich kann dich aber verſichern, Schwämmle, daß die Zimmer wahrſcheinlich ſchon genommen ſind. Die ver⸗ wittwete Hauptmännin Steiner hatte große Luſt dazu, und was die Hofräthin anbelangt, ſo könnte ſie für ſich keine angeneh⸗ meren Miethsleute finden.“. „Auch ich würde mich bemüht haben, im beſten Einver⸗ ſtändniß mit der Frau Hofräthin zu leben,“ ſagte der Doktor ſo laut, daß die Stadträthin im Nebenzimmer dieſe Antwort auf alle Fälle hören mußte. „Davon bin ich vollkommen überzeugt,“ ſagte der Stadt⸗ 22* Neunundfünßzigſtes Kapitel. rath mit einem verlegenen Lächeln und rieb ſich emſig die Hände. „Ja, ich bin deſſen ganz gewiß; man muß natürlich vor allen Dingen bei der Hofräthin anfragen, ob die Zimmer noch frei ſind, und in dieſem Falle und wenn dem Herrn Doktor die Woh⸗ nung gefällt, wird die Sache durchaus keine Schwierigkeiten haben.— Im Gegentheil, ich für meine Perſon würde mich außerordentlich freuen, einen Mann, wie der Herr Doktor, einen bedeutenden literariſchen Namen, in unſerem Hauſe zu wiſſen.“ Der Stadtrath hatte bis jetzt nicht die entfernteſte Ahnung davon gehabt, daß es überhaupt einen Doktor Stechmaier auf dieſer Welt gebe. Dieſer dagegen, nachdem er den Stadtrath geſehen und geſprochen, begann ſich deſſelben doch von früheren Zeiten her ſo allmählig zu erinnern, und Geſchichten, wie mit der Gasbeleuchtungs⸗Einrichtung contra Schlachthaus, und der neuen Kirche contra Löſchcorps, begannen in ſeinem Innern auf⸗ zudämmern. An Widerſpruchsgeiſt hatte es dem Doktor von jeher nicht gefehlt, und da es ihn namentlich ärgerte, daß ſich die fette Stimme des Nebenzimmers in ſeine Angelegenheiten miſchen zu wollen ſchien, ſo beſchloß er, das Herz des Stadt⸗ rathes und die beiden Zimmer der Hofräthin im Sturme zu erobern. „Es iſt allerdings ſchade,“ ſagte er nach einer Pauſe,„daß es den Anſchein hat, als ſeien die fraglichen Zimmer bereits ver⸗ geben. Es wäre mir namentlich wünſchenswerth geweſen, in dieſem Hauſe zu wohnen, es hätte mir bei einer größeren Arbeit von einigem Nutzen ſein können.“ 8 „Ei?“ ſagte der Stadtrath. „Ich wurde,“ fuhr der Doktor in gleichgültigem Tone fort, „durch die Cotta'ſche Buchhandlung hieher berufen, um dieſe größere Arbeit, welche die hieſige Stadt betrifft, an Ort und Stelle zu vollenden.“ Hände. t allen ch frei Woh⸗ gkeiten de mich Doktor, nuſe zu ihnung ier auf adtrath rüheren vie mit ind der n auf⸗ or von aß ſich nheiten Stadt⸗ me zu „ndaß ts ver⸗ en, in Arbeit e fort, dieſe rt und Anna. 341 „Sie wurden,“ entgegnete der Stadtrath mit ſo lauter Stimme, daß man es im Nebenzimmer deutlich hören konnte, „von der J. G. Cotta'ſchen Buchhandlung, Stuttgart und Tübingen, hieher berufen?“. „Um dieſe größere Arbeit zu vollenden,“ ergänzte der Doktor ſehr beſtimmt. „Das iſt ſehr zu bedauern!“ rief die fette Stimme aus dem Nebenzimmer,„aber ich verſichere dich, daß die Haupt⸗ männin Steiner das Quartier bereits genommen hat!“ worauf der Stadtrath an die andere Thüre eilte und mit leiſer, aber ein⸗ dringlicher Stimme ſagte:„ich wollte, daß du mich im Frieden ließeſt mit deiner Hauptmännin Steiner!“ Darauf kehrte er ebenſo ſchnell zurück und ſagte verbindlichſt:„wollen Sie nicht gefälligſt Platz behalten, Herr Doktor Stechmaier?“ „Ich will Sie durchaus nicht länger aufhalten,“ ſagte dieſer,„aber Sie erlauben mir vielleicht, Ihnen Behufs dieſer größeren Arbeit ſpäter einen Beſuch zu machen, wenn es nämlich meine Zeit erlaubt. Bei einer Wohnung hier im Hauſe hätte ſich das freilich beſſer abmachen laſſen.“ 3 „Und dieſe größere Arbeit?“ fragte der Stadtrath. Betrifft die Geſchichte der hieſigen Reſidenz, ihre Ent⸗ ſtehung, ihre älteren und neueren Bauten, ihre Fortſchritte mit der Zeit, ihre geſellſchaftlichen und andern Einrichtungen, und dabei wäre mir Ihr Rath, Ihre Erfahrung ſehr zu Statten ge⸗ kommen. Ich glaube ſogar, wenn ich mich recht erinnere, daß wir eine unſerer beſten ſtädtiſchen Einrichtungen— die Gasbe⸗ leuchtung, und unſer ſchönſtes Bauwerk— die neue Kirche, Ihrem Eifer verdanken.“. Der Stadtrath, auf's Höchſte geſchmeichelt, zog ſeine Augenbrauen ſehr in die Höhe, als wolle er ſagen: damals ſtand ich unendlich erhaben, dann vergrub er ſein Kinn ſo tief in —— —j— 342 Neunundfünßzigſtes Kapitel. die Halsbinde, als wolle er damit ſeine jetzige tiefe und verbor⸗ gene Stellung ausdrücken. „Ich hatte mir mit zwei vortrefflichen Kapiteln für dieſe große Arbeit geſchmeichelt,— Gasbeleuchtung— und dann— die neue Kirche. Wie geſagt, zwei vortreffliche Kapitel, vor⸗ trefflich durch die Mittheilungen, die ich von Ihnen zu erhalten hoffte.“¹ „Das iſt leider traurig,“ ſagte die Stimme im Nebenzim⸗ mer, vaber die Hauptmännin Steiner wird morgen einziehen, wie ich glaube.“ Stadtrath Schwämmle zuckte mit den Achſeln und ſagte: ndieſe Frau gibt niemals Ruhe und mit großem Unrecht. Sie liebt leider,“ ſetzte er mit leiſer Stimme hinzu,„die Herren Schriftſteller nicht beſonders,— wiſſen Sie, die ſogenannten Literaten, und ſo eine Frau verſteht gar keinen Unterſchied zu machen. Aber ich kann Sie verſtchern, daß die Zimmer droben noch nicht vermiethet ſtnd.“ „Das wäre mir äußerſt angenehm!“ ſagte der Doktor mit ſehr lauter Stimme,„und was das Kapitel Gasbeleuchtung an⸗ belangt, ſo— 4 „Ha, ha, ha!“ lachte die fette Stimme im Nebenzimmer, „dabei bitte ich aber nicht zu vergeſſen, des alten Schlachthauſes zu erwähnen, das heute noch wie vor fünfzig Jahren zum Scandal der ganzen Nachbarſchaft, zum Scandal der ganzen Stadt geblieben iſt, wie es war.“ „Frau!“ ſagte ſehr ernſt der Stadtrath. „Und wenn Sie an die neue Kirche kommen,“ fuhr die hartnäckige Stadträthin fort, und bei der Anſtrengung des lauten Sprechens holte ſte tief Athem,„ſo gedenken Sie ja des Löſch⸗ corps, das deßhalb niemals zu Stande kam, wodurch bereits ſo viel Unglück geſchehen.“ „Frau!“ ſagte der Stadtrath mit lauterer Stimme wie — jehen, agte: Sie derren unten ed zu roben r mit 9 an⸗ umer, auſes Anna. 343 bisher und eilte an die Thüre des Nebenzimmers,„ſchweige ſtill, oder ich könnte mich veranlaßt ſehen, dir einige Unannehmlich⸗ keiten zu ſagen! Es iſt aber in der That beſſer, daß ich dieſe Thüre zuſchließe und dich auf ſolche Art für unſer Geſpräch un⸗ ſchädlich mache.“ Bei dieſen Worten drückte er die Thüre in's Schloß, doch ehe er mit dieſem Geſchäft zu Ende war, hörte man die Stadt⸗ räthin ſehr laut und gellend rufen: ndann bitte ich aber auch ein Kapitel zu machen, und das muß Steinmann heißen, und das muß erzählen, wie der Meßner von der Kirche ſich am Glockenſeile aufgehängt hat, weil er ein durchaus ſchlechter Kerl geweſen.“ Den Stadtrath hatte dieſe bösartige Anſpielung ſtchtlich erſchüttert. Er zuckte mit den Achſeln und ſagte:„mit dieſer Frau läßt ſich nichts machen.“ Nach einer Pauſe fragte er den Doktor:„ſind Sie verheirathet?“ und als dieſer verneinte, fuhr er fort:„ſo machen Sie auch nie den Verſuch, ſich eine Frau anzuſchaffen, man hat davon nur Kummer und Verdruß. Wenn auch Alles Anfangs ſehr gut geht,— und dieß war bei mir der Fall,— ſo legt einem doch endlich der Teufel ein Ei in die Wirthſchaft. Was hat mich dieſe Frau nicht ſeit zwölf Jahren gequält, daß ich die Gasbeleuchtung contra Schlachthaus prote⸗ girt? Ihr Vater, nur Mezgeroberzunftmeiſter, ſonſt ein acht⸗ barer Mann, agirte ſeit jener Zeit gegen mich; ich verfeindete mich amit der ganzen Familie, man that mir alles gebrannte Herzeleid an, ich habe nichts, wie mein Bewußtſein, und viel⸗ leicht die öffentliche Stimme, wenn ich einmal nicht mehr bin; und auch das Wenige will mir die eigene Familie nicht einmal laſſen. Beſter Herr Doktor Stechmaier,“ dabei faßte er gerührt die beiden Hände des Schriftſtellers,„ich werde Sie der Hof⸗ räthin vorſtellen, Sie und kein Anderer ſoll die beiden Zimmer haben! Und was die Kapitel anbelagt: Gasbeleuchtung und neue Kirche— 4 Veunundfünßzigſtes Kapitel. „So köͤnnen Sie ſich ganz auf mich verlaſſen, u Wigrneie der Doktor. Nachdem der Stadtrath noch einen vorſichtigen Blick auf die Nebenthüre geworfen, verließ er mit dem angehenden Mieths⸗ manne ſeine Wohnung und ſtieg eine Treppe höher hinauf, zu derjenigen der Hofräthin, wo er ſich alsbald durch das Stuben⸗ mädchen anmelden gieß. Sie traten in das Empfangzimmer, wo die violetten Plüſch⸗ möbel der ſeligen Schwiegertochter mit einem Ueberzug von weißem Zeug verhüllt waren; nicht wegen der Trauer, vielmehr wegen des Staubes und der Motten. An der Wand hiengen in ſchweren goldenen Rahmen die Portraits des einſtigen jungen Eduards und ſeiner nunmehr dahingeſchiedenen Frau, der Hono⸗ ratiorentochter. Sie waren von einem der erſten Portrait⸗Künſtler der Reſidenz gefertigt; dieſer gefühlvolle Mann hatte ſich bemüht, in den zu einander hingeneigten Köpfen der beiden Portraits, wie in zwei Paar zärtlich ſchmachtenden Augen, der Nachwelt ein inniges glückliches Verhältniß ahnen zu laſſen, wie ſolches aber leider bei dem Paare im dornenvollen Dieſſeits nie exiſtirt. Unter dieſen Portraits bemerkte man ein Aquarell, die Söhne Eduard's vorſtellend; nicht die unglücklichen Sprößlinge der engliſchen Königsfamilie, ſondern die beiden Nachkommen des darüber hängenden Elternpaars. Wir würden dieſes Aquarell's nicht er⸗ wähnt haben, wenn es nicht ſo außerordentlich in Zeichnung und Farbe geweſen wäre, daß man es auf einige Schritte für eine Landſchaft hätte halten, oder wenn man einmal erkannt, daß es wirklich lebende Weſen geweſen ſeien, es nicht ebenſogut für eine kleine Bärenfamilie oder für eine Zucht junger Meerſchweine hätte anſehen können. 4 Doch die Thüre des Nebenzimmers öffnete ſich und die Hof⸗ räthin trat herein. Sie war ganz ſchwarz gekleidet, mit einem kleinen weißen Kragen, über welchem das eingetrocknete, ſehr 3 egnete k auf eths⸗ Anna. 345 lange ſchmale Geſicht in bläßgelber Farbe glänzte. In der Hand trug ſte ein Gebetbuch und ihr Schritt war ſo abgemeſſen und feierlich, ihren Kopf trug ſie ſo wichtig und ſteif, die Augen blickten ſo unbeweglich, ja ſchwärmeriſch auf den Stadtrath, daß man hätte glauben ſollen, ſte probire den letzten Akt einer ſchreck⸗ lichen Tragödie, z. B. der Maria Stuart, und wandle geraden Wegs auf das Schaffot.— Aber ach, die Frau, die ſo ernſt mit dem Kopf nickte und ſich nach einer gelinden Handbewegung ſo feierlich auf ihren Stuhl niederließ, war kaum noch der Schatten der Hofräthin. Sie hatte mit dem Dieſſeits abgeſchloſſen, ſie lebte nur noch in freundlichen Betrachtungen des Jenſeits, und wenn ſie ſich ja, was aber höchſt ſelten vorkam, auf irdiſche Weiſe beſchäftigte, ſo beſtand das neben den Kaffee⸗Geſellſchaften ihrer Glaubens⸗Genoſſinnen in unendlichen Gardinen⸗Predigten, die ſte dem unverbeſſerlichen Hofrath hielt, der in Geſellſchaft ſeines, nunmehr wieder ledig gewordenen, Sohnes die Wirths⸗ häuſer wieder mehr als je frequentirte. Der Stadtrath ſtellte den Doktor in beſter Form vor, be⸗ zeichnete ihn als einen unſerer erſten deutſchen Schriftſteller, der ſich bei einem größeren Werke, das er im Begriff ſei, herauszu⸗ geben, namentlich zur Aufgabe gemacht habe, die kirchlichen Ein⸗ richtungen der Reſidenz kritiſch zu beleuchten und hauptſächlich für die Sonntagsfeier dringende Verbeſſerungen vorzuſchlagen. Der Stadtrath garantirte in jeder Hinſicht für ſeinen„Freund“, den Doktor Stechmaier, und nach einer kurzen Unterredung er⸗ hielt der Letztere die beiden Zimmer um einen billigen Preis und begab ſich in den engliſchen Hof zurück, um ſeine Effekten in das neue Quartier bringen zu laſſen.— Der Balletmeiſter Dubelli war ebenfalls vor einigen Tagen ausgezogen und traf nun zufällig an der Thüre des Gaſthofes mit dem Doktor zuſammen, worüber ſich Beide außerordentlich freuten. 4 „ 222 346 Ueunundfünßzigſtes Kapitel. „Ich habe nach Ihnen ſehen wollen, beſter Doktor,“ ſagte Dubelli,„und es iſt mir ſehr lieb, daß ich Sie hier treffe. Wenn Sie einen Augenblick Zeit haben, ſo kommen Sie mit mir, ich ſoll Sie unſerm neuen Intendanten vorſtellen, der es ſehr wünſcht, Ihre Bekanntſchaft zu machen.“ Der Doktor, nachdem er die nöthigen Befehle wegen ſeiner Effekten gegeben, fügte ſich gerne in das Verlangen ſeines Freun⸗ des, und Beide begaben ſich nach dem Hauſe des Grafen Alfons, wo ſie auch ſogleich vorgelaſſen wurden. Der Graf war ganz Geſchäftsmann geworden und ſaß vor einer Menge von Papieren, die er aber bei Seite legte und ſeinen Balletmeiſter, ſowie den Doktor Stechmaier auf's Freundlichſte empfieng. Die Cigarren wurden angezündet und das Geſpräch beſchäftigte ſich mit dem Theater, mit neuen Einrichtungen deſſel⸗ ben, dann mit bedeutenden Erſcheinungen der Literatur und hierauf mit dem neuen Werke des Doktor Stechmaier. Eine Hand wäſcht in dieſer Welt immer die andere, und eine anſtändige Kameraderie iſt ebenſo erlaubt, wie nothwendig. Der Doktor nahm, nachdem Unterredung und Beſuch vielleicht eine halbe Stunde gedauert hatte, aus den Händen des Inten⸗ danten gern einen Freiplatz für das Theater und hatte zu gleicher Zeit die Idee zu einem neuen Kapitel für ſein unſterbliches Werk erobert. „Apropos,“ ſagte Graf Alfons beim Weggehen zu Dubelli, „Ihr Gönner aus früherer Zeit, mein Freund, der Baron Karl, kommt in dieſen Tagen mit ſeiner Familie hieher, um den Winter in der Reſidenz zuzubringen. Sie werden ſich gewiß ſeines kleinen Hauſes vor dem Thore noch erinnern; machen Sie ihm Ihren Beſuch und ſtellen Sie dem Baron Ihren Freund, den Doktor Stechmaier, vor. Ich hoffe, daß wir den nächſten Winter recht heiter unter uns zubringen werden. Bälle und große Geſell⸗ ſchaften ſind für uns keine Vergnügungen mehr; ich hoffe, wir wer Stu dieſ — ſagte Wenn , ich nſcht, ſeiner rreun⸗ ffons, ß vor ſeinen lichſte ſpräͤch deſſel⸗ und und endig elleich Inten⸗ leicher Werk ubelli Karl⸗ Winter kleinen Ihten Doktor t rcht Gſel⸗ e, wit Anna. 347 werden uns wöchentlich ein paar Abende ſehen, um da einige Stunden angenehm zu verplaudern. Auch mein Haus ſoll zu dieſem Zweck beſtändig offen ſein.— Adieu, Dubelli, guten Morgen, Doktor!“ Graf Alfons ſetzte ſich wieder zu ſeinen Papieren nieder, doch hatte er kaum einige Minuten darin geleſen, als ihm ſein Kammerdiener eine Dame meldete. „Vom Theater?“ „Ich glaube nicht, Herr Graf. Ich habe ſie bis jetzt nicht erkannt, doch ihr Geſicht iſt dicht verſchleiert,“ ſagte der Kammerdiener. „Wenn ſie vom Theater iſt,“ antwortete der Intendant, „eines unſerer Mitglieder, oder vielleicht eine fremde Künſtlerin, ſo ſoll ſie ſich an den betreffenden Regiſſeur wenden. Im anderen Falle aber, wenn ſte mich perſönlich zu ſprechen verlangt, ſo laß⸗ ſie eintreten.“ Der Kammerdiener gieng hinaus und einige Augenblicke darauf trat die ongemeldete Dame in's Zimmer. Der Graf erhob ſich und machte eine leichte Verbeugung. Er blickte forſchend und betroffen auf dieſe Geſtalt, die ihm bekannt erſchien.— Sie ſchlug den Schleier zurück— 2„Anna!“ „„Ja, Herr Graf, ich bin es,“ ſagte das Mädchen mit ruhiger Stimme; vich hatte nicht geglaubt, ja nicht gehofft, Sie wieder zu ſehen. Doch das Schickſal wollte es anders.“ „Ich danke dem Schickſal dafür,“ ſagte Graf Alfons ver⸗ bindlich und bat das Mädchen, in einem kleinen Fauteuil, den er ihr hinſchob, Platz zu nehmen. 4 „Das Schickſal, Herr Graf,“ fuhr ſie mit ruhiger Stimme fort, noder vielleicht der Zufall, führte Sie vor einigen Tagen in unſer Haus. Sie ſahen mich, Sie ſchienen mich leider zu er⸗ kennen. O, Herr Graf, um Gottes Barmherzigkeit willen,“— 22. BB— 348 Neunundfünßigſtes Kapitel. dabei faltete ſte ihre Hände und ihre erkünſtelte Ruhe wich einer heftigen Aufregung—„haben Sie Jemand davon geſagt, daß Sie mich wieder geſehen?— Haben Sie es ihm geſagt, daß ich hier in der Stadt bin, daß ich mich in ſeiner ehemaligen Woh⸗ nung befinde?— Nein, Sie haben das nicht gethan! Ich hoffe auf Sie.— Nicht wahr, Sie haben ihm nichts geſagt?“ „Nein, Anna,“ ſagte Alfons ſehr ernſt,„ich hielt es für beſſer, nicht davon zu ſprechen.“ „O, ich danke Ihnen dafür!“ entgegnete das Mädchen, „ich wußte es wohl, Sie wollen mir nicht auf's Neue meine Ruhe, meinen Frieden rauben.— Dann iſt Alles gut.“ Graf Alfons blickte ſie fragend an. „Benetti,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort, n„hat dieſes Schreiben an Sie gerichtet, er hat mich beauftragt, es bei der Dienerſchaft abzugeben. Sie werden mir verzeihen„Herr Graf, daß ich es ſelbſt in Ihre Hände lege.“ Graf Alfons nahm erſtaunt den Brief aus ihrer Hand, riß das Couvert ab und durchflog das Schreiben. Der alte Italiener ſchrieb an den Chef des Hoftheaters: „Euer Excellenz! Euer Excellenz werden wiſſen, daß ich über fünfzig Jahre dem hieſtgen Theater diene. Schon ſeit zehn Jahren befand ich mich im Recht meiner vollen Penſions⸗Anſprüche, die ich aber nicht geltend machte, da ich mich noch in der Kraft und Laune fühlte, für das Inſtitut wirken zu können. Jetzt aber, Excellenz, beginnt dieſe Kraft nachzulaſſen, und zu gleicher Zeit fühle ich eine unbezwingbare Sehnſucht, noch einmal das Land zu ſehen, wo ich geboren; es zieht mich zurück nach dem ſchönen Italien, dort möchte ich meine letzten Tage verbringen, um mich, wenn ich ſterbe, begraben zu laſſen in der heiligen Erde Rom's. Euer Excellenz werden dieſe dringende Bitte eines alten Mannes und getreuen Dieners gerechtfertigt finden und Allerhöchſten Ortes einer , daß „daß Woh⸗ hoffe es für dchen, meine dieſes bei der Graf, d, riß Jahre und ich abel Laune ellenz⸗ hle ich ſehen, alien⸗ wenn Euer es und Ortes Anna. 349 bevorworten. Bekannt mit den wohlwollenden Geſinnungen Euer Excellenz, bitte ich demnach: mir baldigſt meine Entlaſſung ge⸗ ſtatten zu wollen; ich möchte gern dieß Land verlaſſen, ehe der Winter kommt, ich möchte gern jenſeits der Alpen noch einige warme, angenehme Herbſttage genießen— es ſind vielleicht meine letzten.“ Der Intendant ließ die Hand mit dem Papiere ſinken und blickte nachſinnend vor ſich hin.„Und was bewog den alten Benetti zu dieſem Schreiben?“ ſagte er nach einer Pauſe. „Er hat dieſen Entſchluß ſchon ſeit längerer Zeit gefaßt,“ antwortete Anna,„ich glaube wirklich, Herr Graf, man kann es dieſem alten Manne nicht übel nehmen.“ „Und Anna— Sie?“— forſchte Alfons weiter,„was wird aus Ihnen?“ A „Ich verlaſſe mit ihm dieß Land, ich begleite den alten Mann. Aufrichtig geſagt, Herr Graf, habe ich meinestheils dieſen Entſchluß erſt gefaßt, ſeit ich Sie wieder geſehen, ſeit ich dadurch in meiner Verborgenheit entdeckt war. Auch er könnte ja auch eines Tags abermals den Verſuch machen, ſeinen alten Lehrer aufzuſuchen, ſich mit ihm zu verſöhnen— mich wieder⸗ finden.— O das wäre ſchrecklich! Sie wiſſen nicht, Herr Graf, wie angenehm mir mein Geheimniß war, die Verborgenheit, in der ich lebte,— wie er glaubte, weit, weit weg von ihm, und doch in ſeiner Nähe! O ich war glücklich in dem Gedanken!“ „Und es iſt Ihr feſter Entſchluß, Anna, mit dem alten Italiener zu gehen, dem mürriſchen, alten Manne, der gewiß Ihr Leben verbittert; eine Exiſtenz fortzuſetzen, die Ihnen uner⸗ träglich ſein muß?“ „Glauben Sie das nicht!“ erwiderte ernſt und beſtimmt das Mädchen.„Es iſt wahr, er kann heftig gegen mich ſein, Tage lang unfreundlich, er kann mich ſchelten wegen Kleinig⸗ keiten. Aber bin ich nicht vollkommen glücklich darin, ſoll ich 350 Neunundfünßigſtes Kapitel. nicht leiden und dulden, um wieder gut zu machen, was ich ein⸗ ſtens gefehlt?“ Bei dieſen Worten glänzte ihr Auge und ihre Stimme hob ſich.„Glauben Sie ja nicht, Herr Graf, daß ich ihn vergeſſen habe. O ich liebe ihn inniger, ja leidenſchaftlicher, wie damals. Aber ich fürchte, ich würde ihn nur ſo lange lieben können, bis zu dem Momente, wo ich ihn wiederſehen müßte, wo ich ſeine Stimme hörte, wo mich ſeine Hand berührte. Dann wäre Alles vorbei, dann würde ich fühlen, daß ich kein Recht habe, ihn zu lieben, dann käme das entſetzliche Bewußtſein meines Unglücks—— meiner Schmach über mich, und ich wäre wieder ſo unerhört elend wie damals.— Jetzt bin ich ruhiger geworden, und wenn ich ſo zurückdenke auf die Jahre, die ver⸗ floſſen ſind, ſo begreife ich nicht, wie ich, die ihn ſo wahr, ſo innig, ſo rein geliebt, je daran denken konnte, es könnten Tage kommen, wo mich jenes entſetzliche Bewußtſein nicht mehr quälen würde— ja, wo ich ihm angehören könnte.— Das iſt Alles vorbei, Herr Graf; ich bin dem Schickſal dankbar dafür, daß es mir vergönnte, Ihnen dieſe wenigen Worte ſagen zu können; es iſt mir eine Erleichterung, eine Beruhigung; und dann habe ich noch eine Bitte: Sie verſprechen mir feierlich, Herr Graf,— ich kann das von Ihnen verlangen— ihm meinen Namen jetzt nicht zu nennen; aber nach Jahren, vielleicht nach vielen Jahren, wenn Sie ihn dann wiederſehen, ſo ſprechen Sie von mir; o dann ſagen Sie ihm, wie unendlich ich ihn geliebt, weßhalb ich mich verborgen, weßhalb ich ihn geflohen, und daß ich mein ganzes Lebensglück mit Freuden geopfert, um ſeinen Namen rein zu erhalten!“ Mit dieſen Worten hatte ſich Anna langſam erhoben und ihr glänzendes Auge blickte begeiſtert in die Höhe. „Nein, Anna!“ rief Alfons,„dieß Verſprechen lege ich Ihnen nicht ab,„bis jetzt ſprach ich mit meinem Freunde nicht von Ihnen; aber ich müßte mich ſelbſt verachten, wollte ich ihm h ein⸗ d ihre aß ich glicher, lieben müßte, Dann Recht lßtſein wäre uhiger ie ver⸗ hr, ſo Tage quälen Alles daß es en; es abe ic — ich 1 nicht wenn dann hnich ganzes ein zu n und ege ic e nicht ch ihm Anna. 351 wen feiges Stillſchweigen ſein höchſtes Glück rauben, ein 8 wde Herz, wie das Ihrige.— Ich werde ihm „Alles?e wiederholte das Mädchen mit ſeltſamer Stimme und ihr Auge blickte finſter, ja wild.„Alles, Herr Graf?“ Dabei hob ſich ihre Oberlippe trotzig wie damals, ſo daß die di en Zähne hervorblickten.„Alles, einem Treunde, dem hud Venreihin— O Gott! Und mich ſeiner Ver⸗ Graf2 ü i ſcmee afint ſich mit der Hand auf den Tiſch und lnn Aus ihren Augen brachen die Thränen hervor und rollten langſenddien ihr ſchönes, bleiches Geſicht.„Ja, nach langen, neeed dp ie en ſie mit leiſer Stimme,„dann dürfen Sie 3 denue 3 ie, ich flehe Sie an, alsdann zu ſprechen! ah nan wun heede ane eicht nicht mehr bin, wenn — a 14— i Sti wurde heftiger und ſie richtete ſich dnn haus,—„ W Sede zel S Heuf ſoll er glauben, ich wolle mich in ſeine Arme aflnuten 3 n lh zurückkehren, ſoll er mich vielleicht i eichagih en?— Und wenn auch nicht— ſoll er mich Sie.e. eedenwheeſe Keben⸗ mich, die Verworfene, Se Vde wa 4 Sdeht ſeines glücklicheren Freundes?““ lllr ich Aun wwe e⸗ wie je in ſeinem Leben. Er düien inen, e er C röße der Seele dieſes Weibes. Er hatte 4 Heonedethe in unſchätzbares Gut gefunden, und das ſollte hunth in den Staub des gewöhnlichen Lebens, ver⸗ 9 untergehen ſehen in der Alltäglichkeit? Vinſe„, iden gegen mich,“ ſagte er nach einer längeren ſe nicht penuſn ie haben Recht und doch Unrecht. Wir wollen n, ohne ifen, jene Zeit, die lange hinter uns liegt, wo . es zu wiſſen und zu wollen, das Gift in Ihre Seele 352 Neunundfünßigſtes Kapitel. träufelte, das— ich ſehe es ein— Ihr ganzes Lebensglück ver⸗ zehrt. Und doch kann ich Sie nicht ſo von mir laſſen. Ich liebe Charles, wie meinen Bruder; ich habe Sie kennen gelernt, Anna, Sie ſind wie ein Engel einem alten Manne erſchienen, der edler und beſſer iſt, wie Tauſende von uns; ich kann Sie nicht von mir laſſen, ich muß Sie meinem Freunde erhalten!“ „Unmöglich, Herr Graf!“ ſagte ernſt und beſtimmt das Mädchen. „Warum unmöglich?“ erwiderte Alfons mit feſter Stimme nach einem tiefen Athemzuge.„Laſſen Sie mich meinem Freunde Alles ſagen— Alles, theure Anna, Ihre Fehltritte, Ihre Buße, Ihre Leiden! Ich will mit den Worten der Wahrheit Ihr ganzes Herze Ihre Seele vor ihm offen hinlegen, und wenn er Ihnen darauf nicht mit dem größten Entzücken ſeine Arme öffnet, ſich nicht glücklich ſchätzt, ein ſolches Weib zu beſitzen, wenn in ſeinem Geſichte der geringſte Zweifel zuckt, wenn nur eine Miene etwas Anderes, wie das unbeſchreiblichſte Glück ausſpricht, ſo— biete ich ſelbſt Ihnen meine Hand an, um ihm, um der Welt zu be⸗ weiſen, wie ich von Ihnen denke, für welches unſchätzbare Kleinod ich Ihr Herz, Ihre Seele halte.“ Das Mädchen war erſtaunt einen Schritt zurückgetreten; ſie ſah den Grafen mit ihren großen Augen feſt an und ein leichtes Lächeln ſtahl ſich über ihre bleichen Züge. Dann preßte ſte die Hand auf ihr Herz und ein langes: Ah! wie ein Seufzer der Befriedigung, des Glückes tönte aus dem Innerſten ihres Herzens empor. „Was kümmert mich die Welt?“ fuhr der Graf leidenſchaft⸗ lich fort,„ich habe ſie verachten gelernt. Was kümmert mich meine Stellung?— Ich werfe ſte dahin. Ich könnte Ihnen ſagen, Anna, daß ich Sie ſeit jenem Augenblicke nicht vergeſſen, daß Ihr Bild, wenn auch unklar und unbewußt, mich nicht ver⸗ ließ.— Doch glaube nicht, Mädchen, daß ich dir eine Erklärung ück ver⸗ ch liebe Anna, er edler cht von imt das Stimme Freunde Buße, ganzes r Ihnen t, ſich ſeinem etwas — biete tzu be⸗ Kleinod entieni und ein prißte Seufzer en ihres nnſchaft⸗ att mich Ihnun ngeſſen⸗ ict ver⸗ rllärung Anna. 353 machen will; ich will dich nur feſthalten, wie einen koſtbaren Edelſtein, der am Rande des Abgrundes rollt: du ſollſt nicht verloren gehen, ich will dich retten, ſei es für einen Anderen, ſei es für mich.“„ Anna war bei dieſen Worten des Grafen in ihren Fauteuil zurückgeſunken und preßtz beide Hände vor das Geſicht. Lange ſaß ſte ſo da, und als ſie kangſam ihre Hände ſinken ließ, ſtanden ihre Augen voll Thränen, aber es waren nicht Thränen des Schmerzes, es waren Thränen des Glücks. „Anna!“ rief der Graf und faßte eine ihrer Hände,„darf ich reden oder nicht?“ 3 Da ſchüttelte ſie leiſe ihr Haupt und ſagte mit ruhiger Stimme:„wie danke ich Ihnen, Graf Alfons, für das Geſchenk, was Sie mir mit Ihren Worten gegeben! O ich könnte nieder⸗ knieen und unſäglich danken, dem Himmel danken, Ihnen danken! Wenn das, was Sie eben ſagten, Ihr Ernſt war,— und ich zweifle nicht daran—, ſo müſſen Sie mich achten, ja, Sie müſſen mich ehren, und dieſer Achtung will ich mich werth machen.“ „So darf ich reden?“ fragte der Graf. „Nein, nein, gewiß nicht!“ entgegnete leidenſchaftlich das Mädchen.„Ein Wort aus Ihrem Munde zu ihm, daß ich in ſeiner Nähe ſei, würde all' mein Glück zerſtören, und wenn er mir auch ſeine Arme liebevoll wie damals öffnete, und wenn er mich auch wieder an ſein Herz zöge mit unendlicher und inniger Liebe, nachdem Sie ihm geſagt, was Sie ihm ſagen wollten, nachdem Sie ihn verſichert, wie hoch ich in Ihrer Achtung ſtände, o glauben Sie mir, Graf Alfons, das Alles wäre nur für den Augenblick. Nach einiger Zeit würden doch Zweifel in ihm auf⸗ ſteigentz er müßte ſich ſagen, das Alles ſei eine verabredete Sache zwiſchen uns Beiden geweſen, und dann wäre ſein und mein Leben gleich unglücklich. So aber bin ich es nur allein,“ fuhr ſie mit leuchtenden Blicken und erhobener Stimme fort,„ja, Hackländer, Namenl. Geſchichten. III. 3 23 Neunundfünßzigſtes Kapitel.* 354 Graf Alfons, ich achte Sie hoch, ich werde Ihren Edelmuth nie vergeſſen, aber ich verlange Ihr Ehrenwort, einen Schwur, bei Allem, was Ihnen heilig iſt, jetzt nicht zu ihm zu ſprechen! Aber dabei bitte ich Sie flehend, ihm nach Jahren meine Ge⸗ ſchichte zu erzählen, mein Herz offen darzulegen!“ „Anna!“ entgegnete der Graf und küßte ehrfurchtsvoll ihre Hand,„Anna, Sie ſind grauſam, Sie thun Unrecht.“ „Schwören Sie mir, Graf Alfons! Es iſt wohl die letzte Bitte, die Sie mir in dieſem Leben erfüllen können.“ „Und nichts kann Sie in dieſem Entſchluſſe wankend machen?“ ſagte ſchmerzlich bewegt der Graf,„alſo nichts iſt im Stande, Ihren Sinn zu ändern?“ „Nichts, Graf Alfons!— Schwören Sie mir!“ „Ich ſchwöre es Ihnen!“ „Weder ihm ſelbſt von mir zu ſprechen, noch ihm durch einen Anderen von mir ſprechen zu laſſen, noch ihm in dieſer Sache zu ſchreiben.“ „Ich ſchwöre es Ihnen feierlichſt.“ „So danke ich Ihnen herzlichſt, Graf Alfons!“ ſagte das Mädchen in unendlich weichem Tone.—„Leben Sie wohl, ich darf. Sie meinen Freund nennen; beweiſen Sie mir dieſe Freund⸗ ſchaft und gewähren Sie bald die Bitte jenes alten Mannes. Ich kann nicht eher ruhig ſein, bis ich weit, weit von hier bin!“ „Ich werde thun, was ich kann, Anna,“ antwortete Graf Alfons gerührt und reichte ihr zum Abſchiede die Hand.„Da ich es nicht vermag, Sie zurückzuhalten, ſo will ich Ihren Wunſch ſchleunigſt erfüllen. Sie haben Recht: was Sie thun wollen, muß ſchnell geſchehen. Schon morgen ſoll Benetti ſeine ehren⸗ volle Entlaſſung haben.“ Er geleitete das Mädchen ehrfurchtsvoll an die Thüre, und da wandte ſie ſich noch einmal um, reichte ihm ihre beiden Hände, die er feſt und innig drückte. Sie blickte ihm dabei forſchend in lmuth nie wwur, bei ſprechen! neine Ge⸗ voll ihre die letzte wankend hts iſt in zim durch in dieſer 4 Anna. 355 die Augen, ſie hatte noch etwas auf dem Herzen, doch brachte ſie eine Zeit lang kein Wort hervor. Endlich ſagte ſte aber mit ganz leiſer Stimme, während ſich ihre Augen abermals mit Thränen füllten:„nicht wahr, Graf Alfons, er liebt mich noch? — Sie müſſen das wiſſen. Liebt er mich noch wie damals? hat er keine Ahnung, wer ich war? Steht mein Andenken noch rein und unbefleckt in ſeinem Herzen?“ „Gewiß, Anna!“ ſagte der Graf tief ergriffen,„gewiß, er liebt Sie wahr und innig wie damals. Es wäre ſein höchſtes Glück, Sie zu finden, und deßhalb ſollten Sie nicht ſo feſt auf Ihrem Entſchluſſe beſtehen!“ „Das iſt Alles vorbei,“ erwiderte ruhig das Mäͤdchen; „wie danke ich Ihnen, Graf Alfons, für Alles, was Sie mir heute geſagt.— Leben Sie wohl! wir ſehen uns wohl niemals wieder.“ Dabei zog ſte ihren Schleier über das Geſicht, winkte dem Grafen mit der Hand, er möge zurückbleiben, und verſchwand in dem Vorzimmer. Graf Alfons ſchritt eine Zeit lang heftig im Zimmer auf und ab: ihn beſchäftigte lebhaft das Schickſal jenes armen Mäd⸗ chens. Aber er konnte nichts für ſie thun, er konnte ihr in keiner Weiſe helfen. Er hatte ihr ja geſchworen, nichts von ihrem Auf⸗ enthalte zu ſagen, weder direkt an ihn, noch durch eine dritte Perſon, noch ſchriftlich. Die Hände waren ihm vollkommen ge⸗ bunden. Mißmuthig warf er ſich in ſeinen Schreibſtuhl und blickte lange Zeit gedankenlos in die Papiere vor ihm, ohne ſich mit deren Inhalt zu beſchäftigen. Er verſank in tiefe Träume⸗ reien; bald wollte er ſie ſchriftlich um eine zweite Unterredung bitten, bald wollte er ſeinen Wagen verlangen, um zum alten Benetti hinaus zu fahren. Aber alle dieſe Projekte verwarf er wieder als, nausführbar, und nach langem Nachſinnen nahm er das Scraen des alten Italieners, ſchrieb dazu einige flüchtige 2. 4 23* höchſten Erwartung. Neunundfünßigſtes Kapitel. bevorwortende Zeilen, ſtegelte dieſen Brief zu und klingelte dem Bedienten. Der gereiste Lakai trat herein. „Dieſer Brief wird ſogleich beſorgt“ ſagte der Intendant, „aber augenblicklich, er darf keine Minute mehr im Hauſe bleiben. — War Jemand da?“ „Niemand als der junge Herr, der häufig zum Herrn Grafen kommt. Er erfuhr im Vorzimmer, daß der Herr Graf beſchäftigt ſeien und ließ dieſe Karte zurück.“ „Charles,“ ſagte der Graf leiſe vor ſich hin, ner war ihr ſo nah und doch ſo fern!— Wo iſt Amadäus? Wenn er ſich im Hauſe befindet, ſoll er gleich zu mir kommen!“ Auf dieſe Frage hin machte der gereiste Lakai ein äußerſt verſchmitztes Geſicht und verzog die Mundwinkel zu einem ſo komiſchen Grinſen, daß Graf Alfons, der zufällig aufblickte, gezwungen war, nach der Urſache dieſes ſonderbaren Lächelns zu fragen, 3 WDer Herr Haushofmeiſter,“ ſagte der Lakai,„wartete lange im Vorzimmer, bis die Dame, welche beim Herrn Grafen war, herauskam.“ „Bis jene Dame, welche eben bei mir war, herauskam?“ wiederholte aufmerkſam Alfons. „Ja wohl, Herr Graf. Dann—“ „Nun dann?— Weiter!“ „Dann riß der Herr Amadäus ſeine Augen entſetzlich weit auf, wie er zuweilen thut, wenn er Geſpenſter ſieht.“ „Weiter, weiter!“ Die Dame eilte ſehr ſchnell an uns vorbei die Treppen hinab und der Herr Haushofmeiſter“— hier grinste der Lakai abermals— „Nun, was that er?“ fragte haſtig der Graf in der — —* „* — —— 3 ———————* — te dem ndant, leiben. Herrn r Graf dar ihr er ſich zußerſt nem ſo blickte, ichelns wartete Grafen kam!“ ih weit Treppen r Lakai in der Anna. 357 „Er nahm ſeinen Hut von dem Tiſche und eilte der Dame nach, die Treppen hinab. Wir ſahen aus dem Fenſter,— der Herr Graf werden verzeihen— und auf der Straße— ℳ 83„Nun, auf der Straße?“ 1„Dort oben an der Ecke holte der Herr Haushofmeiſter die 8 Dame ein und verſchwand mit ihr in einer Nebengaſſe.“ 1„Gott ſei Dank!“ ſagte Graf Alfons, indem er von ſeinem A Seſſel emporſprang,„das iſt ein Hoffnungsſtrahl für die Arme; * vielleicht kann noch Alles gut werden!“ — u, pe uf ne, che 2— S 3e ehe ezn⸗ . 7 NOe— e kA kon w27* J witach GanKA u k7 p. L. 5 H B Vuaee 2— 5 42 e we 2. qeru. e. 55 „ Sechszigſtes Kapitel. Unter dem Stadtgraben. So ſind wir denn, geliebter Leſer, am Schluſſe unſerer namenloſen, aber ſehr wahrhaftigen, Geſchichten angekommen. Es waͤre uns vielleicht wohl möglich geweſen, die ferneren Ereig⸗ niſſe einiger unſerer Bekannten aus den vorliegenden Blättern noch durch einige Kapitel weiter zu erzählen, wozu aber in der That kein rechter Grund vorhanden iſt, indem das Leben aller Derer, die ſich in den ſicheren Hafen einer angenehmen Exiſtenz gerettet, fortan freundlich und beruhigt dahinfloß, und ſie keine weiteren Stürme zu erleiden hatten, die bedeutend genug wären, un Ne hier aufzuzählen. N Dem Balletmeiſter Dubelli, ſowie dem Doktor Stechmaier gieng es fortan auf das Allererwünſchteſte, namentlich der Erſtere ſah ſeine kühnſten Hoffnungen erfüllt, als er an einem der näch⸗ 5 ſten Abende jener Zeit, wo unſer voriges Kapitel ſchließt, zu einer kleinen Geſellſchaft bei unſerem alten Freunde, dem Baron Karl, gebeten war, der mit ſeiner Frau und ſeinen Lnie ern. wie es Graf Alfons geſagt, ben Winter in der Reſidenz zubr — unſerer ommen. Ereig⸗ wären, chmaier Eiſtete e naͤch⸗ eßt, z Unter dem Stadtgraben. 359 Alfred von C. war ebenfalls aus Italien zurückgekehrt und auf ſein Gut bei Brüſſel gereist, aber nicht um dort zu bleiben. Die Einſamkeit war ihm quälend, unerträglich geworden und er hatte es zugeſagt, auch dieſen Winter mit den Freunden zubringen zu wollen, aber dießmal in Deutſchland. Graf Alfons hatte ihm den erſten Stock ſeines Hauſes eingeräumt und erwartete ihn täglich. So war es abermals Spätherbſt geworden, und der ge⸗ neigte Leſer, der uns ſo lange und weit gefolgt, muß zu guter Letzt noch die Freundlichkeit haben, mit uns in jenes dunkle, feuchte Gewölbe zu treten, in welchem unſere namenloſe Ge⸗ ſchichten beginnen. Wie damals fegte ein rauher, naßkalter Wind hindurch, befeuchtete Wände und Boden mit einem Ge⸗ miſch aus Schnee und Regen. Wie damals eilten die Fußgänger, die hier vorüber mußten, gern durch das alte Gewölbe, wo ſie eine Zeit lang vor dem Wetter draußen geſchützt gehen konnten, und ſtampften wie damals mit den Füßen und traten hart auf, und ſchüttelten ſich, um Regen und Schnee von Stiefeln und Röcken zu entfernen. Da fuhr eine glänzende Equipage dicht vor den Eingang zum alten Stadtgraben, auf dem Bocke neben dem Kutſcher ſaß in ſeinen Mantel gehüllt ein großer Mann mit ſchwarzem Haar und Bart, der jetzt, ſowie der Wagen hielt, den Mantel ab⸗ warf und vom Bocke ſprang, um den Schlag des Wagens zu öffnen.— Es war der Lukas im ſchwarzen einfachen Anzug und nachdem er den Tritt herabgelaſſen, reichte er einer jungen blaſſen Dame den Arm, half ihr ſorgſam auf das Pflaſter und hob dann ein kleines Bübchen aus dem Wagen, das neben der Dame geſeſſen. Einige Augenblicke blieb dieſe ſtehen und blickte in dem finſteren, ſchmutzigen Gewölbe umher, dann ſtützte ſie ſich auf den Arm des Jägers und preßte ihre feinen Lippen zuſammen, als wolle ſie das Weinen unterdrücken. ☛ 360 Sechszigſtes Kapitel. „Hier alſo hat ſie oft geſeſſen?“ ſagte die Dame, worauf Lukas ſchweigend mit dem Kopfe nickte und ſich mit der Hand über das Geſicht und den Bart ſtrich. „Wer, Mama?a fragte der kleine Graf von St. Alban. „Deine Großmutter,“ entgegnete die Dame mit zitternder Stimme,„die ſehr alt und elend war.“ Dem Kleinen ſchien das ein Spaß zu ſein, denn er blickte lächelnd zu ſeiner Mutter empor und ſchüttelte ſeinen ſchwarzen Lockenkopf. Alle drei giengen durch den Gang unter dem Stadtgraben nach dem ehemaligen Kloſter. An der Thüre blieb die Dame ſtehen und beſchaute mit ängſtlicher Haſt die Treppen vor dem Hauſe, die alte Thüre, den großen eiſernen Klopfer: Alles war noch da, wie vor langen, langen Jahren, Alles nicht mehr und nicht weniger zerſtört, voll Löcher, voll Flecken und Roſt, wie damals, wo ſie aus der Tanzſtunde kam und Mühe hatte, mit ihren beiden kleinen Händchen den ſchweren Klopfer in die Höhe zu heben. Maria preßte die Hand auf ihr Herz und athmete ſchwer auf, als ſie nun in den dunklen Hausgang trat. Da war die große Wendeltreppe mit dem morſchen braunen Holzgeländer, mit den ausgetretenen Stufen und mit dem alten holzgeſchnitzten Kapuziner, der hier unten ebenſo wie damals, mit ewig unver⸗ wandtem Blick nach der Thüre, Schildwache zu ſtehen ſchien. Hier nahm Lukas ſeinen Hut von dem Kopfe, wahrſcheinlich in ſtiller Verehrung vor dem alten Herrn. Ddie Gräfin von St. Alban ſtützte ſich auf ſeinen Arm und ſte ſtiegen die Treppen hinauf. Da wurden bei jedem Tritt, den ſie that, bei jedem Winkel, an dem ſie vorbei kamen, tauſend Erinnerungen in ihr wach. Hier hatte ſie ſich verſteckt, dort hatte ſie hinabgelauſcht in das finſtere Haus, um zu hören, ob ſich der Kapuziner nicht zuweilen räuſpere; denn ſo hatten es die anderen worauf r Hand graben Dame or dem es war hr und t, wie e, mit Hoͤhe ſchwer vat die länder, hnitzten unver⸗ ſchien. nlich in in und t, den uſend 1 hatte ſich der anderen Unter dem Stadtgraben. 361 Kinder erzählt. Ach, es war ihr jeden Augenblick als müſſe jetzt Dubel die Treppen herab kommen, der Schneider Dubel in ſeinem abgeſchabten Röckchen, ein Bündel unter dem Arm, oder die alte Kiliane mit ihrem weißen Haar und dem durchfurchten, freundlichen Geſichte, die ſie ſo unendlich lieb gehabt.— Aber es kam nichts die Treppen herab, ſte zu begrüßen: das Haus ſchien überhaupt viel ſtiller wie früher. Da hörte man keinen Lärm aus der Wirthsſtube im erſten Stock, da erklangen durch das Haus keine jubilirenden Kinderſtimmen. Je höher Maria hinaufſtieg, um ſo mehr fühlte ſie ihr Herz zuſammengepreßt, um ſo gewaltſamer drängten ſich die Thränen nach ihren Augen. Jetzt hatte ſie den Vorplatz erreicht: dort war die Waſchküche, daneben das große Fenſter, durch wel⸗ ches Abends der Mond hereinſchien und wo die kleine Maria ſo gern getanzt hatte. Hier war die Stubenthüre— Lukas klopfte an. „Herein!“ Maria mußte ſich gewaltſam zuſammennehmen, damit es ihr möglich würde, etwas gefaßt über dieſe Schwelle zu treten, über dieſe Schwelle, die ſie als Kind ſo oft betreten. Sie öffnete die Thüre— ſie trat in das Zimmer. Da war Alles noch, wie es ehedem geweſen, Tiſche und ſämmtliche Stühle ſtanden auf derſelben Stelle, an den Wänden hiengen dieſelben alten ver⸗ gilbten Kupferſtiche; ach, zu den Fenſtern herein blickten unver⸗ ändert die Giebel der Nachbarhäuſer, die alten bekannten Dächer mit ihren Kreuzen, mit ihren Fenſterladen, mit ihren Dachrinnen. Es war Samſtag Nachmittag, wo die Arbeit der Woche gethan war und die Feierſtunde bereits eingetreten. Dort war auch noch der alte große, viereckige Ofen, und neben ihm ſaß eine alte Frau, die emſtg in einem Buche geleſen und jetzt verwundert aufblickte, wie der vornehme Beſuch in ihr Zimmer trat. Sie hatte die Füße auf einen Schemel geſtellt, ach, und dieſen Sechszigſtes Kapitel. Schemel kannte Maria nur zu gut! Wie oft hatte ſte darauf geſeſſen, wie oft hatte ſie mit ihm geſpielt! Ueberwältigt von all' dieſen Erinnerungen, überwältigt endlich vom Anblick der alten Frau, ihrer zweiten Mutter, eilte Maria auf die Erſtaunte zu, faßte ihre beiden Hände, kniete auf dem Schemel nieder und verbarg ihr Geſicht laut weinend an deren Bruſt. Auf's Höchſte überraſcht, aber mit ahnungsvollem Herzen blickte die Frau Welſcher auf die Frau zu ihren Füßen, dann aber erkannte ſie Lukas, der ebenfalls in's Zimmer getreten war und deſſen großes ſchwarzes Auge ſonderbar funkelte und glänzte. Doch dauerte die Ueberraſchung der Frau nur einige Sekunden. Wenn ſie auch die fremde Dame nicht erkannt, ſo wußte ſie doch jetzt und auf einmal ganz genau, welche Hände ſte in den ihrigen hielt. Sie beugte ihr Haupt herab, ſie hob das der jungen Frau in die Höhe, ſte blickte ihr lange in die fremd gewordenen, ihr früher ſo bekannten Züge, dann rannen ihr langſam die Thränen über das Geſicht herab und ſie ſagte mit zitternder, ungewiſſer Stimme:„Maria, du biſt es!“ Ja, ſte war es, ſie kehrte heim aus der Fremde, wo ſie ſo unendlich viel geduldet und gelitten, wo ſte endlich vor den Augen der Welt glücklich geworden war. Sie kehrte in ihre Vaterſtadt zurück, in dieß alte, geringe Haus, das ihre Gedanken, ihr Herz nie verlaſſen. Sie war Gattin und Mutter; aber ſie hatte in dem prächtigen Palaſte des Grafen von St. Alban nie jenes wohlthätige heimiſche Gefühl gefunden, das ſie jetzt durchſtrömte beim Anblick des alten Kapuzinerkloſters, dieſer vier weißen, ein⸗ fachen Wände. Das Alles ſagte ſie mit vielen beredten Worten der alten Frau Welſcher, und ihre zweite Mutter verſtand ſte vollkommen. Das kleine Bübchen blickte neugierig in dem einfachen Zim⸗ mer umher und verwunderte ſich höchlich, als ihm die Mutter darauf wältigt , eilte tete auf end an getreten ſte und inde ſte ob das fremd nen ihr gte mit 9 d ſte ſo Augen terſtadt hr Hetz Hatte in e jenes ſtrömte en, ein⸗ er alten ommen. n Zin⸗ Mutter Unter dem Stadtgraben. 363 Kind lange, lange Jahre gewohnt, dort habe ſie geſchlafen, hier habe ſie geſpielt. Ha, wie lachte f durch ihre Thränen, als ſte auf Maria vor Freuden laut au einem Schranke im Nebenzimmer eine alte hölzerne Figur erblickte, mit der ſie als Kind ſo oft geſpielt. Den kleinen Grafen betrachtete nachdenkend, dann ſagte ſie:„ja, ſein Geſichtchen i*ſt wie das deinige, erzählte, hier habe ſie als die Frau Welſcher lange und er ſieht dir ähnlich, Maria, als du noch klein warſt.“ Mehrere Stunden blieb Maria bei ihrer Pflegemutter: ſie hatten ſich gegenſeitig ſo viel zu erzählen. Oefters kam Lukas in das Zimmer und meldete die Zeit, zog ſich aber immer lächelnd zurück, wenn ihm die Gräfin ungeduldig, aber freundlich zurück⸗ agte: ſie habe noch ſo viel zu erzählen. Endlich aber mußte man ſich für heute trennen, und dann rief Maria erſt noch den Jäger herbei, und auch er mußte der Frau Welſcher in der Geſchwindigkeit erzählen, wie es ihm ergangen, was er Alles geſehen und erlebt. „Und Sie haben in Ita laſſen?“ fragte die Frau Welſcher, w „Ei freilich, Lukas war es, der mich in Neapel erkannt und aufgefunden. Ohne ihn wäre ich und das Kind hier elend zu Grunde gegangen. Dafür mußte er bei uns bleiben, und er iſt unſer Freund, unſer Rathgeber.“— Sie reichte ihm ihre Hand, die er gerührt und herzlich drückte. „Jetzt, Mutter, muß ich mich entfernen.— Aber Morgen komme ich wieder, oder du kommſt zu mir, und ſo alle Tage, ſo lange wir hier ſind.“ Damit ſchloß ſie die alte Frau feſt in ihre Arme, drückte mehrere innige Küſſe auf ihren Mund und ihre Stirne und verließ das alte Kloſter wieder. Die Frau Welſcher trat an das Fenſter, blickte mit gefal⸗ winkte und ſ lien ſchon den Baron Karl ver⸗ orauf Maria entgegnete: 364 Sechezigſtes Kapitel. teten Händen hinauf an den Himmel und dankte Gott, daß er das Herz ihres Pflegkindes ſo gut, ſo rein, ſo dankbar erhalten. ————— – ¹ An dieſem ſelben Tage war am Königlichen Hoftheater die erſte Aufführung der neuen Oper unſeres Freundes, des Compo⸗ niſten Charles, und das Publikum nahm dieſelbe günſtig über alle Erwartung auf. Der Componiſt wurde nach jedem Akte und am Schluſſe ſtürmiſch gerufen, und als er erſchien und ſeine Freunde hiebei bemerkten, daß er ungewöhnlich blaß und verſtört ausſah, ſo ſchrieben ſie das dem ungeheuren Erfolge zu, den er gehabt, und der Gemüthsbewegung, in welcher ſich jeder Künſtler in einem ähnlichen Falle befindet. Einige dieſer Freunde waren nach der Vorſtellung in der Wohnung des General⸗Intendanten verſammelt, um den Com⸗ poniſten ihre beſten Glückwünſche darzubringen und ihre große Freude auszudrücken über das Gelingen ſeines vortrefflichen Werkes. 3 Aber er kam lange nicht. Alfred von C. war von Lüttich zurückgekehrt und er erzählte dem Baron Karl, welche Aenderungen er an ſeiner kleinen Villa getroffen. Der Balletmeiſter Dubelli, im eleganten ſchwarzen Frack, dehnte ſich mit ungeheurem Wohlbehagen in einem weichen Fauteuil und rauchte eine feine Cigarre. Der Doktor Stechmaier durchblätterte einige Albums, die auf dem Tiſche lagen. Graf Alfons wurde von ſeinem Kammerdiener in das Nebenzimmer gerufen. Dort fand er ſeinen Freund Charles in heftiger Bewegung auf und ab gehen. „Aber was treiben Sie, beſter Freund?“ fragte der Graf überraſcht.„Wir erwarten Sie drinnen, um Sie mit dem ge⸗ rechteſten Lob zu überſchütten und Sie rennen hier im Halbdunkel auf und ab. Sind Sie von der Vorſtellung ſo aufgeregt, oder ater die Compo⸗ iig über m Akte nd ſeine verſtört den er künſtler in der nCom⸗ große fflichen erzählte n Villa zwarzen weichen chmaier in das anles in er Graf dem ge⸗ dunkel t, odet Unter dem Stadtgraben. 365 haben Sie etwas Anderes?— Bei Gott, was iſt Ihnen begegnet?“ „Viel, unendlich viel!“ erwiderte ernſt der Muſtker.„Sie wiſſen, daß ich vor einigen Tagen mit Ihrem alten Haushof⸗ meiſter Amadäus über gewiſſe Sachen ſprach.“ „Ich weiß es.“ „Heute ſprach ich wieder mit ihm.“ „Ah!“ „Ich weiß Alles, Graf Alfons. Mein Unglück, mein Glück.— Der alte Benetti iſt abgereist.“ „Ja, geſtern Abend,“ erwiderte der Graf mit geſpannter Erwartung. „Er iſt nach Florenz?“ Der Graf nickte mit dem Kopfe. „So habe ich,“ ſagte leidenſchaftlich der Andere, veine kleine Bitte an Sie, Graf Alfons, die Sie mir nicht abſchlagen werden.“ „Gewiß nicht!“ entgegnete ſchnell der Graf.„Ich will mit dem größten Vergnügen Alles für Sie thun, was in meinen Kräften ſteht.“ „So leihen Sie mir einen Ihrer kleinen Wagen: ich muß noch heute Nacht abreiſen.“. „Und wohin?“ fragte Alfons.. „Und das fragen Sie im Ernſt?“ rief Charles mit be⸗ wegter Stimme.„Wiſſen Sie nicht, daß ich ſie ſeit länger als zehn Jahren ſuche, daß ich jetzt endlich eine Spur erhalten, daß ich ihr nachreiſen werde, wohin ſte ſich auch wenden mag?“ „Ich verſtehe Alles,“ entgegnete Alfons;„Gott ſei Dank, daß es ſo gekommen iſt!“ Er zog die Klingel und gab dem ein⸗ tretenden Kammerdiener einige Befehle.„Aber Sie kommen doch einige Augenblicke zur Geſellſchaft?“ 366 Sechszigſtes Kapitel. „Es iſt mir faſt unmöglich!“ ſagte Charles,„ich bin zu aufgeregt, ich habe für nichts Anderes Sinn, nur für meine ſchnelle Abreiſe.“* „Die Vorbereitungen hiezu werden ſo eben gemacht,“ ant⸗ wortete Alfons,„kommen Sie nur einen Augenblick; natürlich erwähnen wir drinnen dieſer Sache gar nicht. Sie ſind fatigirt, ich laſſe Sie— ſo ſagen wir— nach Ihrer Wohnung fahren. Sobald eingeſpannt iſt, wird es mir gemeldet. Mein Kutſcher führt Sie bis zur nächſten Station. Adieu, Charles— adieu, mein Freund! Möge Sie der Himmel glücklich führen; glauben Sie mir— ich kann über dieſe Angelegenheit nicht viel reden— aber glauben Sie dem Wort eines Mannes, der Ihretwegen gelitten hat, glauben Sie meiner Verſicherung: wenn Sie glück⸗ lich werden, ſo werden Sie unendlich glücklich.“ Charles drückte dem Grafen ſtillſchweigend die Hand und Beide begaben ſich in das Nebenzimmer. Hier wurde viel geplaudert und gelacht, nur der Held des heutigen Abends, der Componiſt jener vortrefflichen Oper war und blieb einſylbig und in ſich gekehrt. Er iſt ermüdet, dachten die Anderen und fanden es deßhalb auch begreiflich, daß ihm eine halbe Stunde ſpäter Graf Alfons einen Wagen anbot, um nach Hauſe zu fahren, und darauf verließ er ſeine Freunde mit dem Wunſche des baldigen Wiederſehens. Indem wir hiemit unſere namenloſen Geſchichten ſchließen, müſſen wir den geneigten Leſer verſichern, daß der junge Muſiker, der in derſelben Nacht mit flüchtigen Pferden nach Italien reiste, ſo bald nicht wiederkehrte, daß aber dagegen nicht ſehr lange nachher Briefe von ihm in der Heimath eintrafen, worin er ſeinen Bekannten ſagte, daß er jenſeits der Alpen vollkommen glücklich geworden ſei, und daß er ſtill und zufrieden in Florenz lebe. bin zu meine ¹ ant⸗ atürlich jatigirt, fahren. dutſcher adieu, 7 glauben 7 den— I ait. X— 8 5 4 5 4 nd und 4 △ 8 eld des 4 8 er war 4. dachten S m eine„AW im nach S 3 nit demn 7 5 hließen, 4 8 Nuſlker, 1 reiste⸗ 1 lange rſeinen 3 Juclich 35 be —— 7.—‿- A8——* 1 ..“ SOolour& Grey Soruroſ Charit Cyan Green vellow Hed Magenta — — 2 1 7 14 1 1 L 5 3 5 1 11 1. 1 1 4 ¹ 6 2. 1 1 5 K 9 8 3 5