= Leihbibliothek 9 b deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur on ] — vo.. 6 Eduard Ottmann in Gießen, ſ Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeiß- und Jeſebedingungen. pal. Offensein der Bibliothek. Di her jeden Tag von Morgens h Abends 8 Uhr offen. ſ „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit ei — ie Bibliothek ſteht zur Em⸗ ſe ngnahme und Rückgabe der Bücher j 1 7 Uhr bis? ines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem We Verthe deſſelben entſprechende Summe 2 binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſfl eträgt: für nüuchentlich 2 Bücher: 4 Biüccher: 6 Bücher: ———. auf 1 Monat: 1 Nr.— Pf. 1 Wr 50 Pf 2M—2 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt w St werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmußte, ver⸗ orene oder defecte 2 uch . h ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des G 7. Ausleihe. ees Ganzen verpflichtet. zeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſe der Bücher nicht ſtattfinde d 4 ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen h B— am gemacht, daß das 2 1 ‚das Weiterverleihen n darf, indem Diejeni gen, welche die⸗ aben. ☛—-ä———— ——— ni — — — ᷣ — — — — 2 — Uamenloſe Geſchichten von F. W. ackländer. Zweiter Band. Stuttgart. Carl Rr a b b. 1851. Gedruckt bei K. Fr. Hering& Comp. Inhalt. Seite XXII. Kapitel. Anna........... 3 XXIII. 7 Ein Bürgerball und ſeine Folgen... 22 XXIV.„ Ein neuer Tänzer........ 42 XXV., Die Flucht.......... 53 XXVI. 5 Das Ende des Traumes...... 77 XXVII.„ Aus dem Marſtall...... 94 XXVIII., Aus dem Marſtall....... 103 XXIX. 6 Unter dem Stadtgraben...... 118 XXX. 5 Das Ende des Traumes.. 135 XXXI. 4 Ein Hofball und ſeine Folgen.... 143 XXXII. 2 Alfred's Erzühlung....... 158 XXXIII.„ Ein Hofball und ſeine Folgen.... 174 XXXIV. 5 Elſtergaſſe Nummer Vierundvierzig.. 184 XXXV.„ Im Hoſtheater......... 197 XXXVI.„ Ein Bürgerball und ſeine Folgen... 216 XXXVII.„ Aus dem Marſtall........ 235 XXXVIII. 7 Eine Hochzeit ohne Geläute..... 246 Namenloſe Geſchichten. Hackländer, Namenl. Geſchichten. II. 1 Zweinndzwanzigſtes Kapitel. Anna. Man kann ſich leicht denken, daß die plötzliche Abreiſe des Barons Karl noch zu weit mehr Gerede und Vermuthungen Anlaß gab, als ſeine Ungnade bei Hofe. Die, welche den Grund derſelben wußten, bedauerten ihn von Herzen, und wenn auch Keiner den Muth hatte, die allgewaltige Hofdame direkt ihr Unrecht einigermaßen fühlen zu laſſen, ſo konnten doch Manche nicht umhin, ihre indirekten Bemerkungen ſo laut und deutlich zu machen, daß ſte der Frau von C. zu Ohren kommen mußten und ihr nothwendig ſagten, wie man in der Geſellſchaft über ſie dachte. Von dem Hoffräulein hatte Niemand mit ihr geſprochen, ſeit ſte in den erſten Tagen nach deren Abreiſe auf dergleichen Fragen die kurze Antwort gab: ſie ſei zu Verwandten gereist. In der Gunſt der alten und der jungen Herzogin ſtand die Hof⸗ dame feſter als je. Da ſie es nicht verſchmähte, hie und da eine Andere ihre Macht fühlen zu laſſen, ſo war ſie wohl ge⸗ fürchtet, aber nicht geſucht, und man fieng ſchon an, in den 5 14 4 Zweiundzwarzigſtes Kapitel. Cirkeln einer geſellſchaftlichen Oppoſttion den Baron Karl, er mochte nun begangen haben, was er wolle, in Schutz zu neh⸗ men, und begann über den Abweſenden nur Gutes zu reden. Eigentlich wäre es auch ſchwer geweſen, ihm etwas Böſes, etwas Unxechtes oder nur Unliebenswürdiges nachzuſagen: er war ein vollendeter Geſellſchafter, ein excellenter Tänzer, ſtets gefällig und liebenswürdig, ſo wie aufopfernd bis zum Exceß für ſeine Freunde und Bekannten. Die Schaar der letz⸗ teren— eigentliche Freunde hatte er, wie jeder vernünftige Menſch, wenige— fühlten auch ſeine Abweſenheit recht ſchwer. Das kleine Haus vor der Stadt war und blieb verſchloſſen; aus dem Schornſtein der Küche ſchlängelte ſich kein Rauch mehr empor, und im Innern ward kein Diner mehr ſervirt, keine Spieltiſche aufgeſtellt; die nächſten Bekannten empfanden dieß um ſo ſchmerzlicher, und unter dieſen am allerſchmerzlichſten der Graf Alfons, welcher, ohne ſich durch großen Verſtand oder ſonſt etwas auszuzeichnen, mit dem Baron ſehr liürt war, weil er, wie man im gewöhnlichen Leben ſagt, ein guter Kerl war. Der Graf hatte ſo eben einen Spazierritt beendigt, er hatte eine Promenade um die Stadt herum gemacht und ließ ſeinem großen engliſchen Pferde den Zügel, als er jetzt bei dem kleinen Hauſe ſeines Freundes vorbei kam, und ſtemmte den Arm in die Seite, um mit mehr Muſe, und, wie er ſich ſelbſt weiß machte, gedankenvoll nach dem Fenſter hinauf zu ſchauen. Da war aber Alles öde und leer und nichts Lebendiges zu ſehen und zu hören als der große Hofhund, der ſeinen Kopf auf die Vordertatzen gelegt hatte und leiſe heulte, als er einen eleganten Reiter vor⸗ bei kommen ſah, der nicht ſein Herr war. Nachdem ſich der Graf einige Sekunden lang mit dem Ge⸗ danken gequält, wo der verfluchte Kerl wohl ſein könne, ob er das Mädchen gefunden habe oder finden werde, nahm er die Zügel wieder in die Hand und verfolgte in ſchnellerer Gangart Anna. den Weg nach ſeinem Hauſe zu. In einer der Hauptſtraßen be⸗ merkte er den Wagen ſeiner Schweſter Clara und ſah ſte ſelbſt ausſteigen und die hohe Treppe eines Hauſes hinangehen, und da ſie oben auf dem Ruheplatz vor der Thür angekommen mit ihm zu Pferde nun in gleicher Höhe ſich befand, ſo ritt er näher, um ein paar Worte mit der Schweſter zu wechſeln. „Wie geht's bei dir zu Hauſe?“ fragte der Bruder;„was macht dein Mann, hat er ausgeſchlafen? Tröſte ihn nur über ſeinen Verluſt im Whiſt geſtern Abend; ich habe ihn in der Taſche und ſein Gold iſt ſomit in der Familie geblieben.“ 7„Nichts Neues?“ fragte die Gräfin, die das Geſpräch über die Whiſtparthie vollſtändig überhörte. „Gar nichts, mein Kind; wie kannſt du auch von mir Neuigkeiten verlangen? Du, die immer an der Quelle des Nieuen, des Schönen und alles Heiles ſitzt, zu den Füßen deiner 4 angebeteten Adelaide? Die Gräfin machte ein verdrießliches Geſicht und ſagte: „laſſe doch deine ewigen ungenießbaren Späße, ſage mir lieber, ob du von dem Baron Karl etwas weißt.“ „Und wenn ich etwas wüßte, mein Kind?“ fragte lachend der Graf. „So wäre ich begierig darauf, es zu hören,“ entgegnete die Schweſter. „Nun, ſo viel kann, ich dir ſchon anvertrauen,“ antwor⸗ tete der Baron,„daß man wohl annehmen kann, daß er dem Aufenthaltsort des Fräuleins auf der Spur iſt.“ „Und wenn er ſie findet,“ ſagte die Gräfin mit hoher Miene und kaltem Tone,„ſo wird es ihm doch nichts nützen, ehe er nicht zurückkommt und die Verzeihung der Frau von C. er⸗ fleht; ſie allein hat das Schickſal Paulinen's zu beſtimmen und wird zu ſolch' einer improviſirten Heirath; wie ſte der Baron vor hat, nimmermehr ihre Einwilligung geben.“ Zweiundzwanzigſtes Kapitel. „Das mag ſte halten wie ſte will,“ antwortete der Graf achſelzuckend,„aber in dem Falle heirathen wir ohne Ein⸗ willigung.“ „Das wollen wir ſehen!“ entgegnete die Schweſter und winkte zum Abſchiede leicht mit dem Kopfe, worauf der Bruder ſeinen Hut lüftete und nach Hauſe ritt, während er zwiſchen den Zähnen ſummte: „Einſam wandelt dein Freund im Frühlingsgarten, Adelaide.“ An dem Thorweg ſeines Hauſes angekommen, wurde ihm derſelbe von einem Stallbuben geöffnet; er ſtieg gemächlich von ſeinem Pferde herunter und gieng in ſeine Zimmer, welche ſich im Parterreſtock des großen Hauſes befanden und mit dem größ⸗ ten Theil ihrer Fenſter auf einen großen und zierlich angelegten Garten giengen. Der Graf Alfons war ein Blumenfreund, er hatte zur erſten Zeit des Frühjahrs die ſchönſten Camellien und pflegte ſte mit eigener Hand. Während der Kammerdiener einen ſchweren Vorhang empor hob, unter welchem er in ein kleines Vorzimmer und dann in ſeine Garderobe kam, die an's Schlafzimmer ſtieß, flüſterte ihm der Diener leiſe zu: im Salon befinde ſich eine Dame, die ſchon ſeit länger als einer Viertelſtunde auf den Herrn Grafen warte. „Wer iſt's, Friedrich, eine meiner Bekannten? Kennſt du ſte?“ „Der Herr Graf werden entſchuldigen, aber ich habe ſie, glaube ich, noch nicht geſehen; ſie iſt groß, lcheint ziemlich ſchlank, aber dicht verſchleiert.“ „Sie kam zu Fuß?⸗ „Nein, Herr Graf, in einer Droſchke, die unten wartet.“ Der Graf gab Hut, Reitpeitſche und Handſchuhe in die Hände des Kammerdieners, fuhr mit der Hand leicht über das — Anna. 7 Haar, als er an einem kleinen Spiegel vorüber kam, drehte ſeinen ſchwarzen Schnurrbart aufwärts und trat in ſeinen Salon, ſehr geſpannt, wer die Dame wohl ſein möge. Da ſaß dieſelbe in einem kleinen Fauteuil in ſehr eleganter Morgentoilette, ein grauſeidenes Kleid, blauer Atlashut, in einen großen Shwal gewickelt; ſie hatte ihren Schleier zurück⸗ geſchlagen, doch konnte der Graf im Augenblicke des Eintretens ihr Geſtcht nicht ſehen, da ſie angelegentlichſt den Blumentiſch voll prachtvoller Camellien, der etwas ſeitwärts ſtand, zu be⸗ trachten ſchien. Bei dem Geräuſche aber, das der Eintritt des Grafen verurſachte, wandte ſie ihren Kopf herum und Jener blieb erſtaunt in der Mitte des Salons ſtehen, mit dem über⸗ raſchten und freudigen Ausrufe:„Anna!— Anna, ſind Sie es wirklich? Sehe ich Sie endlich einmal wieder, Sie böſes Mädchen? Schöne blonde Fee, die plötzlich erſchien, um ſpur⸗ los wieder zu verſchwinden!“ „Ich bin es ſelbſt, Herr Graf,“ entgegnete das Mädchen mit ruhiger Stimme und heftete die großen dunkelblauen Augen feſt auf ihn;„ich muß geſtehen, ich bin mir einer Schuld gegen Sie bewußt.“ „Einer großen, Anna, einer ſehr großen! Sie hatten mir verſprochen“— er wollte eigentlich ſagen:„du hatteſt mir verſprochen, aber das Mädchen imponirte ihn—„Sie hatten mir verſprochen, ich dürfte Sie wieder ſehen und haben Ihr Ver⸗ ſprechen nicht gut gehalten! wie geſagt, Sie waren ſpurlos ver⸗ ſchwunden— o Gott, Anna! wenn Sie wüßten, wie ſehr ich nach Ihnen geforſcht, wie ich die ganze Stadt nach Ihnen durch⸗ ſucht! Nein, Sie haben mich unverantwortlich behandelt!“— Der Graf lehnte ſich bei dieſen Worten an den Fenſtervorhang und verſank in ſtille Bewunderung beim Anblick dieſer reizenden Geſtalt und dieſes edlen, ſchönen Geſichts mit den ſeelenvollen Augen. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. „Aber ſagen Sie mir,„fuhr er nach einer Pauſe fort,„wo waren Sie in all' der Zeit? ich glaube, es iſt ein halbes Jahr. Hatten Sie die Stadt verlaſſen?— hatten Sie?— haben Sie Freunde gefunden, Anna, die es redlicher und beſſer mit Ihnen meinen, als ich, daß Sie mich ſo ganz vergeſſen können?“ Das Mädchen ſchüttelte den Kopf und ſagte mit feſter Stimme: nnein, Herr Graf, ich habe Sie nicht vergeſſen, ich habe Ihrer beſtändig freundlich gedacht.“ „Nur freundlich, Anna?“ Das Mädchen zuckte mit den Lippen und wollte ſie trotzig aufwerfen, und man ſah ſchon ihre ſchneeweißen Zähne hervor⸗ blitzen; doch fuhr ein ſchmerzliches Lächeln über ihre Züge, und ſte ſagte:„gewiß Herr Graf, freundlich, recht freundlich, wie kann ich Ihrer anders gedenken?“ „Mit Liebe, Anna, mit ein klein wenig Liebe,“ entgeg⸗ nete der junge Mann und faßte ihre kleinen Hände, die ſte ihm ruhig ließ. „Mit Liebe?“ entgegnete das Mädchen, und ihre Zähne wurden abermals unter der Oberlippe ſichtbar;—„mit Liebe? Ei, Herr Graf, die läßt ſich nicht gebieten, die haben Sie auch nicht von mir verlangt.“— Dieſe Worte ſagte ſie in dem ſcharfen und ſchneidenden Tone, mit welchem ſie in vergangener Nacht zu ihrer Mutter geſprochen. „Ei, ei, Anna!“ ſagte der Graf lachend,„Sie ſind immer noch dieſelbe Schwärmerin, eines der ſonderbarſten und liebens⸗ würdigſten Mädchen, die ich je geſehen. Aber jetzt Scherz bei Seite! ich freue mich wirklich ganz ungemein, Sie wieder zu ſehen, und ich hoffe, Sie werden nicht wieder ſo ſpurlos ver⸗ ſchwinden.“ Die Züge des Mädchens hatten den früheren ruhigen und ernſten Ausdruck wieder angenommen; ja, ſte blickte ſchmerzlich auf, und doch leuchtete ihr Auge im nächſten Augenblick freudig, ooooͤaͤaäͤͤ Anna. 9 als ſie antwortete:„wer weiß, Herr Graf, vielleicht verſchwinde ich noch ſpurloſer, als bisher! das heißt, vielleicht, ja, wahr⸗ ſcheinlich werden Sie mich nie wieder ſehen; und daß ich Ihnen das ſage und daß ich Ihnen darauf mit einer großen Bitte läſtig falle, ſoll Ihnen beweiſen, wie gut ich von Ihnen denke, ja, wie ſehr freundlich ich ſtets Ihrer gedacht.“ „Schönſte Anna,“ ſagte der junge Mann entzückt,„Sie haben eine Bitte? Sprechen Sie ſie aus, und wenn es mir möglich iſt, ſte zu erfüllen, ſo ſoll es gewiß geſchehen! Wollen Sie ein reizendes Appartement, eine kleine niedliche Equipage? — befehlen Sie, ich will Alles thun, was Sie wünſchen— ich bin ſo froh, Sie wieder zu ſehen!“ Das Mädchen ſchüttelte mit dem Kopfe und ſagte:„es I wird mir ſchwer, meine Bitte auszuſprechen, aber ich gebe Ihnen die heilige Verſtcherung, daß das, was ich von Ihnen wünſche, nicht für mich iſt.“ „Sprechen Sie, Anna,“ entgegnete der Graf und küßte die Stelle ihrer Hand, die zwiſchen Handſchuh und Kleid ſicht⸗ 3 bar war. „Wohlan,“ ſagte das Mädchen und zog ihre Hand zurück; „ich brauche fünfzig Louisd'or———— nicht für mich, Herr Graf, bei Gottes Barmherzigkeit, auf die ich hoffe, auf die wir ja alle hoffen müſſen, nicht für mich!“ „Liebes Kind,“ ſagte der Graf lachend,„ob Sie die Kleinigkeit für ſich brauchen oder für Jemand anders, iſt mir wahrhaftig gleichgültig; ich ſchätze mich nur glücklich, Ihnen dieſen unbedeutenden Dienſt leiſten zu können.“— Damit eilte er in ſein Schreibzimmer und holte eine kleine Rolle, die er in die Hand des Mädchens legte. „Gott lohn' es Ihnen!“ ſagte ſie, und zwei große Thrä⸗ nen zitterten in ihren Augen,—„Gott lohn' es Ihnen, Herr Graf, Sie haben vielleicht das Glück eines Menſchen gemacht!“ * 10 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. „Das ſoll mich freuen!“ ſagte der leichtſinnige, aber gute 7 junge Menſch;„wenn ich Ihnen nur einen frohen Augenblick gemacht habe, iſt mir's genug. Aber Sie wollen mich ſchon verlaſſen?“ ſetzte er hinzu, als er ſah, wie ſich Anna aus ihrem 1 Fauteuil erhob und den Schleier über ihr Geſicht fallen ließ— „wann werde ich Sie wiederſehen, Anna?“ „Ich weiß es nicht, Herr Graf; Sie ſehen, ich will ehr⸗ lich gegen Sie ſein, ich weiß wahrhaftig nicht, wann ich Sie wieder ſehen werde; aber bemerken Sie den heutigen Tag, Sie haben ein ſehr gutes Werk gethan! Dieſes Geld wird zu einem ſchönen und edlen Zwecke benützt.“ „Und das iſt Alles, was Sie mir heute ſagen?“ entgeg⸗ nete der Graf und ſtützte ſich auf den Fauteuil, den das Mäd⸗ chen eben verlaſſen; nnicht einmal ein Verſprechen geben Sie 1 6 1 mir, wann ich Sie wieder ſehen ſoll? N „Ich kann nicht,“ ſagte Anna und reichte ihm die Hand zum Abſchiede;„glauben Sie aber, wir ſehen uns gewiß wieder. Nehmen Sie nochmals meinen herzlichſten und innigſten Dank für Ihre Güte— leben Sie wohl!“ „Leben Sie wohl!“ ſagte der junge Mann und zog das nicht widerſtrebende Mädchen leicht an ſich, alsdann drückte er einen Kuß auf den Schleier, der ihr Geſicht bedeckte, und als 4 er durch denſelben ihre Thränen fühlte, geleitete er ſte ehrfurchts⸗ . voll bis an die Thür. Gleich darauf rollte unten ein Wagen fort, und der Graf, der an das Fenſter getreten war, fuhr mit der Hand über das 1 Geſicht und ſagte zu ſich ſelber:„dieſes ſchöne Mädchen iſt wahr⸗ haftig eines der ſonderbarſten Geſchöpfe, die ich je kennen gelernt, V und daß ich ſie einſtens kennen gelernt, iſt für mich eine der 8 V ſeligſten Erinnerungen!——— So gern ich aber auch ihre Bitte erfüllte, muß ich doch geſtehen, daß fünfzig Louisd'or für Anna. 11 einen Kuß auf einen Schleier, ſelbſt wenn der Schleier ein ſo ſcchönes Geſicht bedeckt, theuer genug bezahlt iſt.“ Die Droſchke, worin das Mädchen ſaß, rollte durch die obere und untere Stadt, verließ den Bezirk der ehemaligen Stadt⸗ mauer und die eigentlichen Grenzen der jetzigen Stadt, und der Kutſcher lenkte nach einer Vorſtadt, wo kleine Häuſer mitten in Gärten lagen, und worin der Wohlfeilheit der Miethpreiſe hal⸗ ber ſich Offiziers⸗Wittwen, penſtonirte Beamte, junge Kauf⸗ leute und Künſtler aller Art zuſammengefunden hatten. Ehe ſte die Vorſtadt erreichte, ließ das Mädchen den Wagen halten, ſtieg aus und gieng, in ihren Shwal gewickelt, tief verſchleiert weiter. Der Kutſcher der dieſe Fahrt ſchon öfters gemacht zu haben ſchien, wandte ſeinen Wagen um, ſtellte ſich mit demſelben hinter eine alte Gartenmauer, befeſtigte für ſein Pferd einiges Heu auf der Spitze der Deichſel, und fiel alsdann auf ſeinem Bock in einen ſanften Morgenſchlummer. Das Mädchen ſchritt durch einige enge Straßen, wandte ſich rechts, dann links und kam jetzt an ein großes Gartenthor, das ſte öffnete und durch das ſie eintrat. Dieſer Garten ſchien von bedeutender Ausdehnung zu ſein, war größtentheils zum Gemüſebau angelegt, auch ſah man Fruh⸗ beete und Glashäuſer, und einige hundert Schritte vom Ein⸗ gang war eine Baumgruppe, zwiſchen welcher verſteckt ein kleines Haus lag, heimlich und reizend im friſchen jungen Grün, das eben aus den geſchwellten Knospen hervorgebrochen war, um⸗ duftet von Tauſenden von Veilchen, die an der Mauer und unter den Bäumen in großen Partieen wuchſen, und umſpielt von einer großen Menge Singvögel, die an dieſem ſchattigen, ſchönen Plätzchen ihre luſtigen Morgenlieder erſchallen ließen. Es lag etwas Geheimnißvolles und dabei Anmuthiges über dem kleinen Hauſe, das, nach der Höhe und Länge zu rechnen, nur zwei 12 Bweiundzwanzigſtes Kapitel. Zimmer haben konnte; von der Wand ſah man faſt gar nichts, denn ſie war dicht mit Epheu bekleidet und die ſchlanken beang Ranken umſpannen bereits die Fenſter und wiegten ſich in dieſe Augenblicke ſehnſüchtig auf den vollen Tönen eines Fortepiano, die aus dem Zimmer erſchallten. Das junge Mädchen blieb einen Augenblick horchend ſtehen, und ihre ernſten, ja trotzigen Züge lösten ſich in angenehme Weichheit auf, als ſie raſch auf das Häuschen zueilte und in demſelben verſchwand. Sie durchſchritt das erſte Zimmer und blieb auf der Schwelle des zweiten ſtehen, laut und fröhlich lachend über die ausgezeichnete Unordnung, die ſich hier ihren Blicken darbot. An dem Clavier ſaß ein junger Mann, der bei ihrem Ein⸗ tritte haſtig empor ſprang, und, obgleich man ihm die Freude wohl anſah, welche ihm dieſer Beſuch verurſachte, doch einen Augenblick ſchüchtern an ſeinem Stuhle ſtehen blieb, dann aber auf das Mädchen zueilte, welches ſich ihm leidenſchaftlich in die Arme warf, worauf er ihren lachenden Mund mit Küſſen bedeckte. „Warum lachſt du wieder über mich?“ ſagte der junge Menſch nach einer kleinen ſüßen Pauſe;„ich habe geglaubt, ich hätte das Uebermögliche gethan, um mein Zimmer in Ordnung zu bringen.“ „Das muß ich geſtehen,“ entgegnete luſtig das Mädchen, „wenn du meinſt, ein Uebermögliches gethan zu haben, ſo möchte ich einmal ſehen, wie es hier ausſähe, wenn deine Zim⸗ mer nach deinen eigenen Begriffen einmal in Unordnung gerathen wären.“— Bei dieſen Worten ließ ſie ſich auf einen Stuhl nieder, der junge Mann blieb neben ihr ſtehen, legte ſeine Hand auf ihre Schulter und folgte aufmerkſam und ſelbſt mitlachend den Bewegungen ihres Sonnenſchirms, mit welchem ſie die be⸗ rührte Unordnung klaſſiſicirte. * „ Dort, mein Herr,“ ſagte ſte,„um bei Ihrem Hand⸗ werkszeug anzufangen, ſteht auf dem Clavier eine Kaffeetaſſe, die Zuckerdoſe auf der Fenſterbank und die Kanne hiezu auf dem Ofen.“ „Aber das iſt keine Unordnung, mein Herz!“ ſagte der junge Mann;„am Clavier habe ich aus der Taſſe getrunken, auf der Fenſterbank ſteht mein Vogelbauer, ich habe deinem Vogel Zucker gegeben, und die Kanne habe ich auf den Ofen geſtellt, damit ſte warm bleiben ſolle.“ „Richtig! auf den kalten Ofen, damit ſie warm bleiben ſolle! Dort auf dem Violinkaſten liegt eine weiße Halsbinde und maleriſch über jene Pfeife gehängt ein paar hellgelbe Glage⸗Handſchuhe. Pfui, mein Herr! Waren dieſelben geſtern Abend in einer Soiree?“ „Leider!“ entgegnete der junge Mann;„leider muß ich ſagen, denn ich fühle mich in dieſen Cirkeln entſetzlich unbehag⸗ lich. Weßhalb werden wir armen Künſtler auch eingeladen? Um unſer ſelbſt willen, um unſerer Kunſt willen?— Gott bewahre! ſondern nur um das, was wir gerade zum Tödten der Zeit zu leiſten vermögen oder leiſten wollen..... Ich wollte dieſen Leuten ja gern den ganzen Abend vorſpielen, wenn ich nur nicht wüßte, daß meine Leiſtung von der Dame des Hauſes ſchon vorher genau aufgerechnet iſt— von Acht bis halb Neun Converſation,— natürlich nicht mit mir, man be⸗ ſchäftigt mich mit Ausſuchen von Noten an dem Flügel, um der Geſellſchaft gleich zu ſagen, wer ich eigentlich bin, ſte zu warnen vor mir, einem ker, einem Paria— alſo von halb Neun bis Neun ſingt der Herr X. eine Arie, dann ſpiele ich, und ſo weiter. Und wenn dergleichen muſikaliſche Quälereien nur groß⸗ artig betrieben würden, wie z. B. bei den Engländern, wo man eben ſo gut weiß und ausgemacht hat, was mein Spiel koſten wird, wie die Gänſeleberpaſteten und die Auſtern des Souper, Zweiundzwanzigſtes Kapitel. 14 und wo ich nachher meinen Hut nehme und mich ſtolz wie ein König entferne!— O, nein! das geht hier nicht,— man iſt ein Mittelding zwiſchen eingeladenem Gaſt und Bedienten, wenigſtens der, der es ſich gefallen läßt. Und wenn man ab⸗ geſungen und abgeſpielt hat, wenn man von Leuten, die von der Kunſt nicht ſo viel verſtehen, wie mein Handſchuh, ein Dutzend Mal: Göttlich!— Charmant!— Bezaubernd! ge⸗ hört hat, ſo ſoll es vergekommen ſein, daß der Bediente, wäh⸗ rend die Geſellſchaft zum Souper gieng, dem Künſtler ein Glas Wein und ein paar Butterbrode mit vielſagendem Blick auf das Clavier geſtellt— das ſoll vorgekommen ſein, ich habe mich freilich kluger Weiſe immer gehütet, ſo was zu erleben.“ Der junge Mann hatte dieß halb luſtig, halb zornig von ſich gegeben und rannte dabei unter dem Lachen des gänzlich verwandelten Mädchens im Zimmer auf und ab, um die Ord⸗ nung unter Mobilien und Geräthſchaften wieder etwas herzuſtellen, vermehrte aber durch den Eifer, in welchen er gerathen war, die Unordnung bedeutend, indem er unter anderem das Kaffee⸗ geſchirr auf ein Blumenbrett vor's Fenſter ſetzte und Halsbinde und Handſchuhe in den Papierkorb warf. „Nein, das iſt arg! Charles, laß' das Aufräumen nur ſein, ich will es gleich beſorgen. Aber wie kann man ſich über ſo eine Soiree ſo ereifern?⸗ „Nun,“ ſagte der junge Mann,„wer ſich über dergleichen unwürdige Geſchichten nicht ereifert, der iſt kein Mann, oder wenigſtens kein Künſtler. Ich freilich habe es nie bis zu einer Demüthigung kommen laſſen, und wenn n in einem Muſtk⸗ ſtücke ſo ein rothnaſtger Bedienter meldet, daß das Souper ſervirt ſei, ſo mache ich augenblicklich meinen Schluß, denn ich weiß, daß alsdann doch das Bischen Aufmerkſamkeit für uns vorbei iſt und ſich den gedeckten Tiſchen zuwendet. Die Dame. des Hauſes ſagt mir mit einem ſauer⸗ſüßen Geſichte: Sogleich f werden wir ſoupiren! und iſt unendlich froh, wenn ich meinen Hut nehme und ihr verſichere, daß eine kleine Geſellſchaft guter Freunde, der ich verſprochen, noch zu kommen, mir nicht erlaube, dieſe Auszeichnung anzunehmen, und ich mich deßhalb bis näch⸗ ſtens zu Gnaden empfehlen müſſe.— Aber verzeih', geliebte Anna,“ fuhr der junge Mann fort, nachdem er gezeigt mit welch' tiefem Compliment er ſich alsdann beurlaube,„verzeih' mir, du gehörſt ja auch zu jenen vornehmen Leuten, zu der ſogenannten Geſellſchaft“ Das Mädchen hatte luſtig in die Hände geklatſcht und ent⸗ gegnete geſchwinde:„ich als Dame des Hauſes würde ſagen: Monsieur Charles, geben Sie mir Ihren Arm, dort neben jener alten Fürſtin und jener dicken Gräfin iſt ein Platz für Sie, ich will jene beiden Damen ehren.“ „Das würdeſt du allerdings thun, theures Mädchen,“ ſagte der junge Muſiker;„wenigſtens haſt du in dieſen beſchei⸗ denen Zimmern den guten Willen, es zu thun; ob ſich aber u Herz nicht ändert, wenn du das ſtille Leben, das du in ieſiger Stadt führſt, wieder verlaſſen mußt, um in deine Salons zurück zu kehren? Aber, meine Anna, ich glaube das nicht, du biſt ein herrliches Geſchöpf, voll Gluth für alles Schöne, voll Poeſte, du allein biſt im Stande, meinen Widerwillen gegen dieſe höhere Geſellſchaft zu überwinden, du— ſelbſt dieſer höhe⸗ ren Geſellſchaft angehör tend, die'dabei den armen Künſtler liebt, der nichts hat, als i den redlichen Willen, etwas Großes zu ſchaffen und ſich einen zu machen.“ „O Charles, mein Freund,“ ſagte das Mädchen plötzlich ſehr ernſt werdend und nahm eine ſeiner Hände zwiſchen die ihrigen,„o ſprich nicht ſo mit mir! du biſt dir deines großen Talentes bewußt und in deinem Geiſte liegt eine große glän⸗ zende Zukunft; du wirſt dich empor ſchwingen, du wirſt dir einen Namen machen, du wirſt gefeiert daſtehen— aber ich.. 16 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. „Aber du?“ entgegnete der Muſtker und küßte ihre ſchönen, weißen Hände innig und herzlich,„aber du? du gehörſt einer reichen, mächtigen Familie; und der ſelige Traum,“ ſetzte er leiſer hinzu,„dich einſtens zu beſitzen, wird immer ein Traum bleiben, und das, Anna, meine geliebte Anna, das wirft ſchwarze entſetzliche Schatten in mein Leben.“ Das Mädchen zitterte leicht und ſchauerte zuſammen, wäh⸗ rend ihre Augen feucht wurden. „Wenn ich auch noch ſo hoch ſteige,“ fuhr der junge Mann fort,„kann ich die Schranken niederwerfen, welche deinen Stand von dem meinigen trennen? Und doch iſt es meine ein⸗ zige, meine ſeligſte Hoffnung, dich zu verdienen, dich zu errin⸗ gen, dich, die du mit deinem großen liebevollen Herzen zu mir herabſtiegſt, die du mich aufgemuntert und unabläſſig angeſpornt haſt, wenn mich die Kraft verlaſſen wollte und ich verzweifelte, ob ich je das Ziel erreichen würde, das ich mir vorgeſteckt!“ Das Mädchen erhob ſich von ihrem Stuhle, legte ihren Shwal und Hut ab und begann, ohne eine Sylbe zu ant⸗ worten, in dem Zimmer aufzuräumen. Der junge Mann blich entzückt auf ihre Beſchäftigung, und als ſie fertig war und ſich in der Ecke des Zimmers ſtill auf einen Schemel niedeines, da wußte er, was ſie jetzt wünſchte, und ſetzte ſich an das Inſtru⸗ ment und ließ herrliche, jauchzende, glückſelige Töne erklingen. Der junge Muſiker war ein ſchönen Mann, vielleicht vier⸗ bis ſechsundzwanzig Jahre alt, hatte e in edel geformtes Geſicht, dunkle Haare, eben ſolche Augen un 2 B und eine natürliche Grazie in allen ſeinen Be. Wäh⸗ rend er auf dem Inſtrumente phantaſirte, blickte er weit, weit hinaus in die Ferne oder ſchwärmeriſch gen Himmel, und nur zuweilen, wenn er den wilden Strom ſeiner Töne zügelte und in ein reizendes Thema überleitete, blickte er ſeitwärts auf das Mädchen, die da ſaß, ihre beiden Hände vor das Geſicht ge⸗ — Anna. 17 drückt. Er bemerkte aber dabei nicht, daß zahlreiche Thränen durch ihre Finger quollen und daß ihr Buſen krampfhaft auf und nieder flog. „Der zweite Akt meiner Oper iſt fertig,“ ſagte der Muſtker, nund das Duett in demſelben iſt mir, glaube ich, ſehr gelungen. Natürlich iſt das nur dein Verdienſt, Anna, denn ich ſprach zu dir, während ich ſpielte, dein Bild umgab mich in ſuͤßen Tönen — ja, wahrhaftig, wenn ich ein Maler wäre, oder wenn man in den Tönen Farben erkennen könnte, ſo würde man überall dein hellblondes, dichtes, liebes Haar durchflattern ſehen. Für mich haben allerdings die Töne Farben, und die Menſchen ſind mir Tonarten. Des-dur mit ſeiner tiefen Liebe, ſeinem Wohl⸗ klang, ſeiner ſanften Innigkeit biſt du, meine Anna, ich möchte meine ganze Oper in Des-dur ſchreiben, wenn das angienge— aber was iſt dir, mein Mädchen? du weinſt ja!“ fuhr der junge Mann fort und ſprang auf,„was fehlt dir, Anna? Um Gottes willen, was haſt du?“ Er kniete neben ihr auf den Boden hin, und ſie drückte die blonden Locken feſt an ſein Geſicht und er fühlte, wie das ihrige fieberhaft brannte. Mehrere Minuten lang hielt er ſie feſt umſchlungen, und ihr Schmerz ſchien ſich allmählig zu legen; ſie erhob den Kopf wieder, machte ſich ſanft aus ſeinen Armen los und legte ihre beiden Hände auf ſeine Schultern. „Charles,“ ſagte ſie,„mein Freund, mein Geliebter, wir müſſen ſcheiden! vielleicht auf immer!“ Der junge Muſiker ſprang in die Höhe und ſagte feierlich: „Scheiden?— So ſei es drum, wenn es ſein muß! Du haſt mich auf dieſen Augenblick lange vorbereitet— aber auf lange, auf immer?— Nein, Anna, gewiß nicht! Du weißt, ich habe dir nie nachgeforſcht, weil du es nicht gewollt; ich weiß nicht einmal den Namen deiner Familie, und warum ſollte ich auch? Hackländer, Namenl. Geſchichten. II. 2 18 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Eine Liebe, wie die unſrige, iſt ein Band für das ganze Leben, ein Band, das nicht zerriſſen werden kann.“ „Iſt das wahr, Charles?“ entgegnete das Mädchen;„iſt das gewiß und wahrhaftig wahr, glaubſt du wirklich daran?“ „Du zweifelſt, Anna?“ entgegnete der Muſiker;„haſt du mir nicht daſſelbe zu meinem größten Entzücken ſelbſt geſagt, und jetzt willſt du zweifeln?“ „Aber es gibt Verhältniſſe,“ ſagte das Mädchen mit laut⸗ loſer Stimme,„die mächtiger ſind, als unſer Wille; ja, mäch⸗ tiger, als unſere Liebe.“ „Nicht als die meinige!“ entgegnete der junge Mann mit feſter Stimme;„mag kommen, was da will, Anna, ich will es wenigſtens verſuchen, dich zu verdienen, und dieſer Verſuch muß gelingen!“ Abermals ſchauderte dag Mädchen zuſammen und barg ihr Geſicht in die Hände, und der junge Mann fuhr fort: „Ich glaube ſo feſt an dich, daß, wenn du mir ſagſt: wir ſehen uns wieder! oder wenn du mir verſprichſt, mir bald eine Nachricht von dir zu geben, ich auch jetzt nicht forſchen will, wohin du gehſt und was dich von hier forttreibt; aber gib' mir nur die kleinſte Hoffnung, daß ich dich wieder ſehen werde, daß du einſtens die Meinige wirſt, ſo will ich ruhig fortarbeiten, will aufwärts ringen, bis ich hoch genug ſtehe, um ſagen zu können: Anna, die Welt ſieht mich, ſtehſt du mich auch?“ Das Mädchen ſchien vor Schmerz zu vergehen, ſie ſchüt⸗ telte leicht mit dem Kopf und ſagte:„ich glaube nicht, daß ich je die Deinige werden kann, ich fürchte Charles, daß wir auf immer getrennt werden; aber wir wollen hoffen! Ich ver⸗ ſpreche dir bald, ja recht bald, Nachricht von mir zu geben; Gott iſt barmherzig, warum ſollte er ſich nicht auch meiner erbarmen?“ Anna. 19 Sie faltete krampfhaft die Hände und ſank zu den Füßen des jungen Mannes auf ihre Knie nieder; ſie ſchien einen Augen⸗ blick leiſe zu beten, dann erhob ſie ſich raſch, ſtrich die Locken aus dem erhitzten Geſichte, nahm ſchweigend ihren Hut und reichte ihre Hand dem Freunde zum Abſchiede hin. „Iſt es denn wahr, o Gott! iſt es wahr?“ rief dieſer leidenſchaftlich erregt, ſchloß das ſchlanke Mädchen ungeſtüm in ſeine Arme und drückte brennende Küſſe auf ihren Mund, während ſich ſeine Thränen mit den ihrigen vermiſchten. Einen Augenblick gab ſie ſeiner Umarmung nach, drückte ſich feſt an ſeine Bruſt und erwiderte Kuß um Kuß, gleich wild, gleich leidenſchaftlich; dann wand ſie ſich aus ſeinen Armen, nahm ſeine Hand und drückte ſie gegen ihr Herz und an ihre Lippen und eilte der Thür zu, während ſie ihm durch eine gebietende Bewegung befahl, zurück zu bleiben. Sie glitt durch die Thüre in den Garten hinaus, eilte feſten Schrittes auf die Straße, und erſt, als das Gartenthor hinter ihr zufiel, ſchien das Mädchen zuſammenbrechen zu wollen und mußte ſich an der Mauer feſthalten. Sie ſtieß einen leiſen, aber entſetzlichen Weheruf aus und blickte verzweifelnd gen Himmel; ihr Auge war glänzend und glühend, wie das dunkle Blau da droben; der Himmel lächelte ruhig und freundlich auf ſie herab und ſchien es nicht zu wiſſen, nicht zu verſtehen, daß hier unten ein Geſchöpf im tiefen Seelenſchmerze faſt vergieng. Der junge Muſiker lag nahe am Fenſter auf ſeinen Knieen, und als er ſich erhob, fielen die Strahlen der Sonne ſchräg in das Zimmer. Er war betrübt und legte häufig die Hand auf die Stirn, wobei er den Kopf ſchüttelte und zuweilen glaubte, das alles ſei nichts als ein böſer finſterer Traum geweſen, und doch fühlte er die Wahrheit des Erlebten in ſeinem zerriſſenen Herzen.— Wie hatte er das Mädchen geliebt, wie liebte er ſte mehr denn je!— Als er durch das Zimmer ſchritt, ſah er neben 2* . 20 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. einem ihrer Handſchuhe, die ſte zurückgelaſſen, ein kleines Paket⸗ chen liegen; es war eine Geldrolle, in einen Brief gewickelt, den er haſtig erbrach und las: „Mein geliebter Freund! Lebe wohl! rufe ich dir nochmals zu— hoffen wir auf Gott, daß er uns wieder zuſammenführt, und wenn er ſo gnä⸗ dig iſt, um uns dieſes Glück zu Theil werden zu laſſen, ſo iſt es vielleicht möglich, daß wir uns nicht mehr trennen! Ich ſage: vielleicht; meine Liebe für dich iſt unwandelbar. O, mein Freund, wie habe ich dich geliebt, wie liebe ich dich noch! wie ſchaute ich zu dir empor, wie faßte ich jedesmal zitternd deine liebe Hand und betete Nächte lang, dieſe Hand möge mich einſtens emporziehen an dein gutes und edles Herz! O mein Karl, vergiß nie dieſes mein Gebet! und wenn wir uns wider⸗ ſehen, wenn mir das Glück zu Theil wird, ſo ziehe mich empor an dein Herz, laß' mich dorthin flüchten vor all' dem Entſetz⸗ lichen, was ich in dieſer Welt ſchon erlebt! Wenn du mich wahrhaft liebſt, ſo mache Gebrauch von dem Beigeſchloſſenen, ich will daran deine Liebe erkennen und bin ja reich, ſo unendlich reich! Es iſt ja nicht für dich, dieſes kleine Anlehen es iſt für die heilige Kunſt; ich lege es bei dir an, du wirſt mir einſtens, wenn du willſt, ſchwere Zinſen dafür entrichten müſſen. Sei fröhlich, Karl, hoffe auf ein Wieder⸗ ſehen, wie ich darauf hoffe. Deine Anna.“ Als es nun ganz Nacht geworden war, da ſchlichen ſich durch die Straßen der Stadt zwei ärmlich gekleidete Geſtalten, eine ältere Frau und ein junges Mädchen. Beide waren in grobe Halstücher gehüllt, beide trugen kleine Bündel in der Anna. 21 Hand und giengen dem Thore zu, ohne zuſammen zu ſprechen und ohne die ihnen Begegnenden zu beachten. Auch ſte wurden nicht beachtet, nur ein einziges Mal blieb auf ihrem Wege ein Mann ſtehen, und ſah ihnen einige Sekunden nach. Dieſer Mann war der Herr Stadtſoldat Steinmann, dem die beiden Weiber verdächtig ſchienen; doch ließ er ſie ihres Weges ziehen und gieng den ſeinigen in entgegengeſetzter Richtung; denn er hatte für heute Nacht andere und höchſt wichtige Geſchäfte. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Ein Bürgerball und ſeine Folgen. 8. Die Honoratiorentochter, welche wir ſchon einige Mal zu erwähnen das Vergnügen hatten, hieß Eliſe, und die zahlreichen Kinder der zahlreichen Familie, mit denen ſie umgieng, nannten ſte nur Tante Eliſe— eine Benennung, die ſie ſich hätte gern gefallen laſſen und gefallen ließ von den kleinen Kindern bis zum vierten Jahr— daß aber herangewachſene Bengel von zwölf bis vierzehn Jahren immer noch Tante Eliſe ſagten, war ihr ſehr unangenehm, denn ſie fürchtete mit einigem Grunde, ſie werde aus dieſer Tantenſchaft nie mehr herauskommen, eine ewige Tante bleiben, ohne von einem menſchlichen Weſen je den Namen einer näheren Verwandten zu erhalten. Tante Eliſe war die verwaiste Tochter eines Oberregie⸗ rungsraths und einer Oberregierungsräthin. Ohne daß ſie gerade häßlich geweſen wäre, konnte man ſte auch nicht hübſch nennen. Sie wurde im nächſten Sommer vierundzwanzig Jahre alt, das geſtand ſte nämlich ihren vertrauten Freundinnen nun⸗ mehr ſeit zehn Jahren ein, und wenn man ſo ihr Aeußeres in. „ Ein Bürgerball und ſeine Folgen. 23 Summa betrachtete, ſo war Tante Eliſe eines von jenen Weſen, von denen man unmöglich glauben kann, daß ſie einſtens jung und niedlich geweſen ſind,— ein Gedanke, der uns ebenfalls beim Anblick eines Elephanten oder eines Kameels beſchleicht. Die ganze jetzt lebende Generation junger Leute kannte die Tante Eliſe nur, wie ſie jetzt war, und behauptete, ſte ſei immer ſo geweſen. Der ſelige Oberregierungsrath Vater hatte die Erziehung dieſes einzigen Kindes geleitet, da die ſelige Oberregierungsräthin Mutter ſchon zu ihren Ahnen verſammelt wurde, als Eliſe noch ganz klein war. Der Vater war ſchon damals ein mürriſcher alter Mann, hatte ſpät geheirathet und haßte alle öffentlichen Vergnügungen, Theater, Bälle, junge Männer und Courmacherei. Daher kam es, daß ſich die beiden letzteren Artikel nicht oder nur ſehr ſchüchtern in die Höhle dieſes Drachen wagten und daß im Allgemeinen nur ſehr ſchwache Verſuche gemacht wurden, Tante Eliſe aus derſelben zu erlöſen. Gott! die Arme hatte ein äußerſt proſaiſches Leben geführt und fühlte dieß um ſo mehr, weil ſte viele verbotene Bücher las, wo das, was ihr fehlte, ſo ſchön und glühend beſchrieben wurde. Eine Zeit lang verzehrte ſie ſich im ſtillen Gram nach einem Gegenſtande ihrer allerreinſten Liebe, ſpäter nach einem Gegenſtande ihrer Liebe und dann blos noch nach einem Gegenſtande. ————— Ach vergebens! Alle Freuden dieſes Lebens Schwanden hin in ein verlornes Ach! ſang ſte mit dem unſterblichen Dichter und kam in einigen Jahren zu der feſten Ueberzeugung, daß das ganze Männergeſchlecht eine elende Räuberbande ſei, die durchaus nichts tauge und ſich nur auf der Welt befinde, um arme Mädchen unglücklich zu machen. Che ſie zu dieſer Erkenntniß kam, hatte ſie eine Ueber⸗ gangsperiode, in welcher ſie ſich aller verlaſſenen Geliebten, aller jedoch der Brand ihres Herzens zu Hülfe kam, den ſelbſt dieſe Dreiundzwanzigſtes Kapitel. unglücklichen Bräute eifrigſt annahm. Bald aber genügten dieſe eingebildeten Leiden ihrem fühlenden Herzen nicht mehr, und dagegen wurde es ihr Bedürfniß, ſich an wirklichem Schmerz zu erlaben, zu welchem Zwecke ſie ſich in alle unglücklichen Ehen drängte, alle verſtimmten Eheleute aufſuchte, eine milde Tröſterin den Weibern, ein Schrecken den Männern. Von da an datirte ſich auch ihre innige Freundſchaft für die Hofräthin. Tante Eliſe kannte demnach die kleinen Zerwürfniſſe all' ihrer Bekannten, ſoweit die unglücklichen Weiber ſie ihren jung⸗ fräulichen Ohren preisgeben konnten, und indem ſie in das Getreibe des Eheſtandes hineinſah, vergrößerte ſich, wie ſie nämlich ſagte, der Abſcheu vor den Männern ins Fabelhafte, und ſo faßte ſte in ihrem vierunddreißigſten Jahre den unabänder⸗ lichen Entſchluß, nicht mehr zu heirathen. Aber tugendhaft war Tante Eliſe, das mußte der Neid ihr nachſagen; es war eine Gott wohlgefällige, herrliche Jungfrau, und wenn in der Oper„Norma“ die Seherin ihre Arie anhob: O keuſche Göttin! dann blickte ſte auf dem zweiten Range ſtolz umher, als wollte ſie ſagen:„Seht auf mich!“ Da kam das Schickſal an jenem denkwürdigen Ballabende und warf im Drange der Finſterniß und der Gefühle die Hono⸗ ratiorentochter an die Bruſt des Herrn Dubel, und der Herr Dubel, von dieſem Augenblicke profttirend, ſchloß ſeine Arme feſter als gerade nothwendig war, und einen ſolchen Druck nach dem aufregenden Tanze, in der Erſchütterung der Angſt, welche über die ganze Ballgeſellſchaft kam, vergißt ein Mädchen nicht leicht, eine alte Jungfer aber niemals! Tante Eliſe ſchwärmte für ihren Retter und malte ſich ihn mit den ſchönſten Farben aus, bis ſie erfuhr, daß dieſer Retter nur ein— Schneider ſei; das gab freilich eine Sonnenfinſterniß in ihrem Gemüthe, welcher ————2 Ein Bürgerball und ſeine Folgen. 25 Entdeckung nicht löſchen konnte. Die heimliche glühende Leiden⸗ ſchaft des ſo tief unter ihr Stehenden, meinte ſie, habe einen ungeheuren poetiſchen Reiz; ſie dachte an alle Romane, wo der Sklave ſeine Gebieterin geliebt, der gemeine Knecht die Fürſtin, und beſchloß, ſich auch ſo lieben zu laſſen— heimlich und ver⸗ ſchwiegen, aber ſüß und innig!— Anders aber dachte der Herr Dubel. Als er ſich die Sache näher und Tante Eliſe bei Tageslicht beſah, kühlten ſich ſeine Gefühle, die er an jenem Ballabende gefaßt, bedeutend ab; als er aber im königlichen Balletſaale die blonde Solotänzerin ge⸗ ſehen, hatte ſich ſein Herz ganz verwandelt; wenigſtens beſchloß er, vorſichtig und überlegt zu Werke zu gehen.„Wer weiß,“ ſagte er zu ſich ſelber,„wer weiß, ob die Liebe jener Dame— er meinte nämlich die Tante Eliſe— nicht ſo heftig zu dir iſt, daß ſie dir Mittel gibt und Wege anzeigt, um zu einer hohen, ſchönen Stel⸗ lung im Leben zu gelangen, und will ſte dann, wenn du erhaben und würdig daſtehſt, dich heirathen, ſo mußt du ſchon ein Auge zudrücken. In dieſem Falle kannſt du einer glücklichen Zukunft dein Herz ſchon zum Opfer bringen.— Wohlan! du willſt ſie alſo heirathen!“ Tante Eliſe aber brannte in hellen Flammen und dachte: „warum ſoll ich nicht, wenn auch in ſpäteren Jahren, die Süßigkeiten einer erſten Liebe genießen, einer Liebe, ſo ver⸗ ſchwiegen, ſo unſchuldig, ſo gefahrlos? Wer wird eine Ahnung davon haben, daß ich hier bei der alten Büglerin mit einem jungen Manne zuſammenkomme? und wenn es Jemand erführe — was thut's? Würde wohl die böſeſte Zunge im Stande ſein, mich zu beſchuldigen, ich hätte einen Schneider zum Geliebten?“ Mit dieſen Gedanken ſaßen der Herr Dubel und die Tante Eliſe am nächſten Sonntag in den ſpäteren Nachmittagsſtunden in der Wohnung der Jungfer Kiliane, und die alte Büglerin, nachdem ſie noch einmal die grauenvolle Geſchichte des nächtlichen 26 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Einbruchs erzählte, entfernte ſich auf eine Viertelſtunde, wie ſte ſagte, um draußen eine nothwendige und dringende Beſtellung auszurichten. Die beiden Liebenden waren allein. Sie ſaßen auf dem alten Sopha, jedes in einer Ecke; der Herr Dubel aber zunächſt dem Fenſter, wodurch es ihm vergönnt war, ein Stück des blauen Himmels zu ſehen, der, von der untergehenden Sonne beſtrahlt, glühte und leuchtete. Herr Dubel blickte ſinnend zum Fenſter hinaus, ohne ein Wort zu ſprechen, und die Honoratiorentochter ſagte nach einer kleinen Weile: „Warum blicken Sie ſo angelegentlich da hinaus? Sie erblicken wahrſcheinlich den lieblichen Frühlingshimmel?“ „Sie ſehen ihn nicht, mein theuerſſſſ⸗tes Fräulein?“ fragte der Herr Dubel;„richtig, das Haus verbirgt ihn von Ihrem Sitze aus Ihren Blicken.“ „Wenn ich mich etwas bücke,“ ſagte das ſchelmiſche Mäd⸗ chen,„ſo kann ich ihn ebenfalls ſehen.“ Dabei bückte ſie ſtch, rückte näher nach der andern Ecke und ſagte: nach, ich ſehe noch nichts!“* „Aber er iſſſſ⸗t ſo ſchön!“ ſagte der Herr Dubel, dem es warm wurde, und die Honoratiorentochter, die unter allen Um⸗ ſtänden einen Blick in den Himmel werfen wollte, bückte und rückte ſo lange, bis ihre Schulter die Bruſt des Herrn Dubel berührte.—. Wer hätte dieſen Moment können vorbeigehen laſſen, ohne, wie es der Herr Dubel that, ganz leiſe ſeinen Arm um ihren Leib zu legen, ſte ſanft an ſich zu drücken und ſie zu fragen: „ſehen Sie jetzt den Himmel, Eliſe?“— worauf ſie ihm ſanft zur Antwort liſpelte: „O Heinrich, ich ahne etwas dergleichen!“ Ein Zürgerball und ſeine Folgen. 27 Das war ein ſchöner Moment für Beide, wenigſtens für die Honoratiorentochter; der Herr Dubel dagegen, der, wenn er gen Himmel in die Höhe ſah, an die Höhe dachte, welche er in Folge dieſer Leidenſchaft in der Geſellſchaft wohl einnehmen könne, brachte das Geſpräch ſanft auf praktiſche Gegenſtände und ſprach von einer ſchönen Zukunft.„Was iſſſſ⸗t eine Liebe,“ meinte er,„die ſich nicht zum Hauptziel macht, den ggeliebten Gegenſſſſ⸗tand zu ſich empor zu ziehen, ihn ſowohl imt Innern als auch vor den Augen der Welt zu veredeln und zu erheben? Dieſe Liebe iſſſſ⸗t die wahre und ſchöne, und da, theure Eliſe, Ihre Liebe zu mir gerade von dieſer Art iſſſſet, ſo fühle ich mich doppelt ſelig, doppelt glücklich!“ „O Heinrich,“ ſagte die erglühte Dame,„wie kann man in der Liebe nach Zwecken, nach Abſichten fragen? Sie braust daher, ſie ergreift unſer Herz, ſte macht uns glücklich, und wer kann dabei an Anderes denken?“ „Theuerſſſſ⸗te Eliſe,“ entgegnete der Herr Dubel, veine Liebe ohne Zweck, ohne reellen, ſoliden Zweck iſſſet Leidenſchaft, und leidenſchaftlich,“ ſetzte er etwas ängſtlich hinzu und rückte, ſo weit er konnte, in die Ecke des Sophass, pleidenſchaftlich wollen wir nicht ſein!“ Doch er hatte gut reden, der Herr Dubel, er hatte dem Feuer, das neben ihm loderte, gut be⸗ fehlen, es ſolle einhalten: er ſah mit Schrecken ein, wie ge⸗ fährlich es ſei, ſich mit einer Jungfrau von gewiſſen Jahren zu einem Rendezvous zu vereinigen. „Wie können Sie,“ ſagte er mit einiger Aengſtlichkeit, „von einer Liebe ohne Zweck ſprechen?— was iſſſſ⸗t eine zweck⸗ loſe Liebe?— ein Unding! Hat denn unſere— Liebe nicht einen ſo ſchönen und edlen Zweck? Ich hoffe ſo, weil ich Ihr edles Herz zu kennen glaube. O Eliſe, Sie ſſſſ⸗tehen auf einer andern SSSS⸗tufe der menſchlichen Geſellſchaft, auf einer viel 28 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. höheren, und wenn ich auch in meinen Gedanken keck dort hin⸗ zureiſen im SSSS⸗tande bin, ſo können es doch meine äußern Verhältniſſe nicht. Um nun dieſe glänzend umzugeſſſſ⸗talten, bieten Sie, ein reiches, unabhängiges Mädchen, Alles auf, was Sie beſitzen— o, wie ſind Sie ſo edel, Eliſe!“ Die Dame ſtarrte noch immer zum Himmel empor und ſah bei den letzten Worten, die er ſprach, auf den Herrn Dubel mit einem Ausdrucke, der zu ſagen ſchien: ſie verſtehe ihn nicht ganz. „Die Mitwelt wird Sie preiſen, Eliſe,“ fuhr der junge Mann fort,„Sie werden hoch daſſſſ⸗tehen bei Ihren Bekannten; Sie lernen mich durch einen eigenthümlichen Zufall kennen, Ihr Herz bebt nicht zurück, als Sie erfahren, daß ich nur ein Schnei⸗ der bin— edles Mädchen, nein! Sie bewilligen mir ſogar Ihre Liebe, Sie bieten mir Ihr Herz, Ihre Hand.“ „Meine Hand?“ ſagte zweifelnd die Honoratiorentochter; „ich hätte Ihnen meine Hand geben ſollen?“— Sie rückte ein wenig auf die Seite und ſah den Herrn Dubel mit einem ſonder⸗ baren Blick an. „Können Sie noch fragen? O, Sie verſſſſ⸗tellen ſich, edles Weſen, ſprechen Sie es aus, daß Sie mich zu ſich empor heben wollen, daß Sie mich durch eine Heirath...“ „Durch eine Heirath?“ kreiſchte die Dame und fuhr er⸗ ſchrocken zurück;„ich ſoll Sie heirathen? Sie ſollten mich hei⸗ rathen? O mein Herr,“ ſagte ſie mit einiger Entrüſtung,„wer hat Ihnen ſo etwas weis gemacht?“ „Wie, mein Fräulein!“ entgegnete der Herr Dubel ziem⸗ lich überraſcht,„Sie geſſſſetanden mir nicht Ihre Liebe, Sie wollten mich nicht durch den Beſitz Ihrer Hand glücklich machen?“ Ein Bürgerball und ſeine Folgen. 29 „Nimmermehr!“ ſagte die Honoratiorentochter und rückte in die Ecke des Sopha's, welche ſie vorhin freiwillig verlaſſen. „Kommen Sie mir nicht näher, mein Herr, Sie werden zu⸗ dringlich!“ Obgleich der Schneider über dieſe Wendung, welche die zärtliche Scene nahm, ſich durchaus nicht unglücklich fühlte, ſo war er doch im höchſten Grade überraſcht und konnte ſich nicht enthalten zu fragen:„aber was wollten wir denn eigentlich, mein Fräulein?“ —„Ich weiß es nicht!“ ſagte entrüſtet die Honoratioren⸗ tochter, indem ſie von dem Sopha aufſtand;„das ſcheint mir hier ein vorbereiteter Ueberfall geweſen zu ſein— o Gott! in welche Falle bin ich gerathen?“— Sie gieng mit heftigen Schritten im Zimmer auf und ab und murmelte zwiſchen den Zähnen: veine Heirath?— O Gott, dieſe Schmach! Eine Heirath mit einem Schneider!“ Seinerſeits erhob ſich der Herr Dubel ebenfalls ſehr ent⸗ rüſtet und ſagte feierlich:„mein Fräulein, ich habe mich ent⸗ ſetzlich in Ihnen getäuſcht, ich glaubte bei Ihrem SSSS⸗tande, bei Ihrer Bildung annehmen zu können, daß die Zuneigung, welche Sie zu mir gefaſſſſt, auf eine edle Abſicht begründet ſei, mir die Hand zu reichen und mich dadurch zu dem Range zu er⸗ heben, den Sie einnehmen, mir durch Ihre Glücksgüter äußer⸗ lich das zu verſchaffen, was mir fehlt; ich ſage nur äußerlich, mein Fräulein, denn was mein Inneres anbelangt, ſo iſſſſ⸗t es unendlich reich und könnte zehn Herzen wie das Ihrige mit Edel⸗ muth und anſſſſ⸗tändigen Geſinnungen ausfüllen, zehn ſolcher armen Herzen.“ „Ich ein armes Herz?“ ſchrie entſetzt das Fräulein und ſank auf das Sopha, indem ſie that, als weine ſie bittere Thrä⸗ nen;„ich ein armes Herz?— Was an mir iſt arm?— Nichts! 30 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. ſage ich Ihnen; o mein Gott! und das ſoll ich mir von einem ſolchen Subjekt bieten laſſen?“ „Sie brauchen ſich von mir gar nichts bieten zu laſſen!“ entgegnete feierlich Herr Dubel und nahm ſeine ſchönſte Stellung an;„ich habe überhaupt nicht Luſſſſ⸗t, Ihnen etwas anzubieten; das einzige Gefühl, das mich manchmal beſchleicht, iſſſſet allein das des Erbarmens, des Bedauerns; ja, mein Fräulein, ich bedaure Sie!“— Damit wandte ſich der Herr Dubel nach der Thüre und überhörte, was die erhitzte und erzürnte Schöne ihm nachrief, indem er die Thüre hinter ſich in's Schloß warf und ſchwer aufathmend, aber gar nicht unglücklich, die Treppen hinab eilte. Unten angekommen, gieng er in den Hof, um durch die Hinterthüre, welche erſt bei einbrechender Nacht geſchloſſen wurde, in die Straßen zu gelangen. Als er mit leichten Schritten in den dunklen Holzſchuppen trat, hörte er, wie zwei Männer die Treppen zur Wohnung über dieſem Gelaſſe hinaufſtiegen und mit einander ſprachen. Der Eine ſagte: „Nun, ich will es Euch glauben, daß ſie Euch von ihrer Flucht nichts auf die Naſe gebunden haben; ich muß es glauben und ich will es glauben, denn, beim Teufel! wenn ich Euch im Verdacht hätte, daß Ihr den Weibern gegen mich geholfen, ſo machte ich Euch kalt, darauf könnt Ihr Euch verlaſſen.“ „Seid nur nicht gleich ſo hitzig, Gevatter,“ ſagte der Andere,„und denkt einmal vernünftig nach, was es mir hätte nützen können, die Weiber zur Flucht zu ermuntern oder ihnen zu helfen; verliere ich nicht an unſerer guten Freundin Madame Müller mehr, als Ihr an dem dummen hochmüthigen Mädel? O, ſie war eine geſcheidte, kluge Perſon, die Alte nämlich! Was für einen guten Rath hatte ſie nicht immer bei der Hand, wie wußte ſie Alles zu erklären und ſcharf zu beurtheilen! Das 5* 6 Ein Bürgerball und ſeine Folgen. 31 Geſchäft iſt faſt ruinirt, weil ſie nicht mehr dabei iſt.“— Dieß ſagte er mit einem großen Seufzer. „Freilich, freilich!“ murmelte der Andere,„ſie hat uns viel genützt und ihre Flucht iſt uns ein großer Schaden.“ „Auch könnte ſie uns verrathen,“ meinte der Andere. „O unbeſorgt!“ entgegnete der Erſte,„die Alte iſt hart wie Fels und das Mädel weiß wenig von unſern Geſchichten— wenn es mir nur nicht immer vorſchwebte, als ſei ich den Beiden an dem Abend ſelbſt, wo ſie davon liefen, auf der Straße be⸗ gegnet. Wenn dem ſo iſt, möchte ich mir den Kopf einrennen! Aber ich werde ſie wieder bekommen, dafür ſtehe ich Euch; ich habe ſchon an ein paar gute Bekannte geſchrieben, und ſo wie man mir Nachrichten von den Beiden gibt, ſetze ich ihnen ſelbſt nach und laſſe ſie irgendwo als gefährliche Landſtreicherinnen arretiren.“ „Bravo, Gevatter!“ „„Wie ſteht's aber mit der anderen Sache?“ fragte die erſte Stimme;„habt Ihr was ausgedacht, wie wir den hochmüthigen Kerl ruiniren?““ „Laßt mich nur machen!“ lachte der Andere;„wir haben ein herrliches Plänchen und das kann nicht fehlſchlagen.“ Jetzt verloren ſich die Stimmen der beiden Sprechenden in's Innere der Wohnung, und der Schneider, welcher weiter nichts hörte, auch genug hatte, um ſich allerlei Gedanken darüber zu machen, indem er die Stimme des Herrn Steinmann erkannt hatte und ſich wohl erinnerte, wie ihm die alte Kiliane heute Nachmittag geſagt, Niemand als die ſchlechte Perſon im Hinter⸗ hauſe, die auch mit ihrer Tochter bereits davon gelaufen ſei, habe ihr das Geld geſtohlen. Nachdenkend ſchlenderte der Schneider durch die Straßen weiter, und da er keinen Zweck hatte, der ihn da⸗ oder dorthin „ 32 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. trieb, ſo befand er ſich bald in der untern Stadt, ſtand mit einem Male vor ſeiner früheren Wohnung, Elſtergaſſe Nummer Vierundvierzig. Er ſchaute hinauf und da er in dem Zimmer des Doktor Stechmaier Licht gewahrte, ſo beſchloß er, demſelben einen Beſuch zu machen. Er trat in's Haus, grüßte die Wirthin freundlich und herablaſſend und ſtieg die wohlbekannten Treppen hinauf bis zur Thüre ſeines ehemaligen Wohnzimmers, wo er ſachte anklopfte. Herein! Der Doktor ſaß an ſeinem Tiſche, hatte eine Menge Zei⸗ tungen vor ſich liegen und ſchrieb emſtg. Dem Eintretenden nickte er mit dem gewöhnlichen gleichgültigen Geſichte zu und bat ihn, ſich einen Stuhl zu nehmen, da er mit ſeiner Arbeit im Augenblicke fertig ſein würde. Dem Herrn Dubel, dem es ſehr intereſſant war, einen Schriftſteller im Augenblicke des Schaffens zu belauſchen, lehnte ſich an die Fenſterbank und bemerkte von dort aus, wie der Doktor eifrig die Spitze ſeiner Feder zerkaute, bald an die Decke hinauf ſah, in einige Zeitungen blickte und dann wieder eifrigſt fortſchrieb. Endlich war er fertig, ſpritzte die Feder aus, legte ſich in ſeinen Stuhl zurück und ſagte mit wohlgefälliger Miene zu dem Herrn Dubel: nſo, das wäre Mbgemacht! Nach ge⸗ thaner Arbeit iſt gut ruhen— jetzt wollen wir eine Cigarre oder eine Pfeife rauchen— was beliebt?“ Dubel entſchied ſich für Cigarren, und da der Doktor im Augenblicke die ſeinigen nicht finden konnte, ſo nahm er von denen ſeines Bekannten, ſteckte aber dagegen bereitwilligſt ein Zündhölzchen an. „Darf ich fragen,“ ſagte der Schneider, nachdem er einige Züge gethan,„welche Arbeit Sie ſo eben beendigt? ein neues, unſſſſ⸗terbliches Werk, ein Kapitel eines Romans, einen Akt einer Tragödie?“ t n — Ein Bürgerball und ſeine Folgen. 33 8 „Für dieſes Mal iſt es nur geringere Arbeit,“ ſagte der Doktor ruhig: neine kleine Theaterrecenſion.“ „Ei!“ ſagte der Herr Dubel,„verzeihen Sie meine Neu⸗ gierde, lieber Herr Doktor, aber ich habe niemals eine ſolche im Manuſcript geleſen; wäre es vielleicht unbeſcheiden, wenn ich Sie bäte, mir Ihre Arbeit zu zeigen?“ Der Herr Dubel nahm das Blatt und las: Sonntag, den 4. Mai: Robert der Teufel von Meyerbeer.—„Das iſſſſ⸗t ja erſſſſ⸗t heute Abend!“ ſagte er mit ziemlichem Erſtaunen. „Allerdings,“ bemerkte der Doktor ſehr ruhig, ves iſt das eine Recenſton für die Vorſtellung, welche heute Abend ſtattfindet; dieſelbe wird wohl bis zehn Uhr dauern, und nach⸗ her habe ich nicht Zeit noch Luſt, das Ding zu ſchmieren.“ „Aber wie kann man ſo etwas im Voraus machen?“ meinte Herr Dubel, worauf der Doktor entgegnete: „Bei einer Theaterrecenſion kommt es für den Kritiker nicht ſo genau darauf an, wie jene Vorſtellung wirklich ge⸗ weſen; man folgt dabei dem Schema, das man ſich ſelbſt ge⸗ macht. Seine Freunde lobt man natürlich, ſeine Feinde ſetzt man herunter, mögen ſie nun geſpielt haben, wie ſie wollen, das iſt ganz gleichgültig.“ „Ah ſo!“ ſagtender Schneider mit ziemlich langem Ge⸗ ſichte;„alſo ſchreibt man Kritiken, ohne zu wiſſen, wie die Künſſſſ⸗tler geſpielt?“ „Auf alle Fälle,“ entgegnete der Doktor;„das bleibt ausgemacht, Unrichtigkeiten kommen natürlicher Weiſe häufig genug vor, auch wenn man die Sache noch ſo gründlich betrei⸗ ben wollte, die meiſten Recenſtonen werden eben um's tägliche Brod geſchrieben, und da muß man in daſſelbe Horn mit dem Eigenthümer des Blattes blaſen; andere ſchreibt man, wie ge⸗ ſagt, um ſeine Freunde zu erheben, um ſeine Feinde zu ärgern, das iſt einmal Herkommen, eine ewige Ueberlieferung. Glauben Hackländer, Namenl. Geſchichten. II. 3 34 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Sie mir, theurer Freund, unter hundert Kritikern verſteht kaum Einer etwas Gründliches davon, und die meiſten betreiben das Geſchäft, bewußt oder unbewußt, auf die gleiche Art; mich wundert nur Eins: wie nämlich Künſtler und Publikum ſo dumm ſein können, auf Recenſtonen etwas zu geben— und ſie geben etwas darauf, geben ſehr viel darauf! Sehen Sie, wenn z. B. morgen der Herr A., der den Robert ſpielt— und er ſpielt ihn nicht ſchlecht,— in der„Spinne“ liest, wie folgt: Die Schönheiten des großartigen Tonwerks von dem unſterb⸗ lichen Meyerbeer— Meyerbeer, müſſen Sie wiſſen, wird im⸗ mer gelobt, erſtens, weil er ein reicher Mann iſt, dem es, wenn er einmal zufällig die„Spinne“ zu Geſicht bekommt, nicht darauf ankommt, dem Referenten zwanzig Dukaten zu ſchicken, und zweitens, weil es der große Meiſter wirklich verdient— ſind zu oft geſchildert und beſprochen worden, als daß unſere ſchwache Feder nur ein Wort über dieß herrliche Eigenthum ſämmtlicher muſikliebenden Nationen ſich zu ſagen erlauben dürfte. Man kann vor dieſem koloſſalen Werke nur bewundert hinſtehen und kann den Genius des Meiſters nur preiſen, der es vermochte, ſolch' eine eminente Compoſition von dieſer Ausdehnung ſo zu erſchaffen, daß das entzückte Ohr des Muſikkenners von Anfang bis zu Ende athemlos und gefeſſelt lauſcht. Was helfen uns, wie bei unſern großen ältern deutſchen Compoſttionen, ſanfte einſchmeichelnde Melodieen, wenn ſie, wie ſo manche derſelben, nicht unterſtützt durch glänzende, prachtvolle Chöre, farblos vorübergleiten? Hier bei Meyerbeer iſt wahres Leben, wahres Gefühl, und wenn jene Opern, für welche die ſogenannten klaſſiſchen Muſikfreunde in vollkommener Lächerlichkeit ſchwär⸗ men, längſt verblichen ſind, werden„Robert,“ die„Huge⸗ notten,“ und der„Prophet“ ein herrliches Dreigeſtirn ewig jung und ewig friſch am muſtkaliſchen Himmel prangen!“ „Sehen Sie, darüber ärgern ſich die Mozart'ſchen, ſie — Ein Bürgerball und ſeine Folgen. 35 ſagen freilich: es ſteht nur in der„Spinne!“ aber ſte ärgern ſich doch, und daß ſie ſich ärgern, geſchieht ihnen vollkommen recht. Denn dieſes eckelhafte Coquettiren mit alter klaſſtſcher Muſik, wenn ſie auch noch ſo herrlich und groß iſt, wird eben durch derartige Leute, die für ſonſt nichts Sinn haben— ſte thun wenigſtens ſo— oder die nichts Anderes mehr wollen gelten laſſen, nachgerade entſetzlich langweilig. Derjenigen, die wirklich im Stande ſind, die Tiefe und Schönheit unſerer älteren deutſchen Muſik zu begreifen, ſind ſehr wenige, und die, welche nur nachbeten, was ſie von Jenen hören, die ſchon entzückt ſind, wenn ſie nur den Namen Mozart und Beethoven leſen, die auf die Geſichter jener Erſteren lauſchen, um ja gewiß zu wiſſen, wo ſie eigentlich applaudiren ſollen, die, wenn man es ihnen vorher nicht ſagte, den erſten Akt des Nabuco für den erſten Akt des Idomeneo hinnehmen und beklatſchen würden, das iſt das allerſchlechteſte Publikum, und die ſind nicht werth, daß ein Roſſtni und Bellini ſo ſchöne, rein menſchliche und zu Herzen gehende Melodieen geſchrieben haben.— Es iſt eigent⸗ lich ſchade,“ fuhr der Doktor fort und rückte an ſeiner Brille, „daß ich das, was ich eben geſagt, nicht für die„Spinne“ auf⸗ geſchrieben;— doch weiter im Texte: „Um ſo weniger hegreifen wir aber, wie die Theater⸗ Intendanz uns gerade ſolche Meiſterſtücke wie„Robert“ vor⸗ führt, da ſte doch wohl ſelber weiß, daß ſie nicht im Stande iſt, uns die Schönheiten derſelben vollkommen genießen zu laſſen. Wer keinen beſſeren Robert vorzuführen hat, wie den Herrn A., der ſollte uns die Oper lieber gar nicht vorführen. Träger des ganzen Werks, ohne Stimme, ohne Vortrag, ohne Schule, ohne Spiel, ein Robert ohne Stimme und Spiel, das iſt zu viel verlangt, und wir können unſere gerechte Entrüſtung bei allem Wohlwollen für die Bemühungen der Intendanz nicht verbergen— und iſt es denn bloß das Publikum allein, wel⸗ 3.* 36 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. ches durch den Herrn A. leidet? muß ſich nicht auch ein trefflicher Sänger, ein großer Künſtler,— dieſen Namen können wir dem Herrn B.(Bertram) mit voller Wahrheit zuerkennen,— nicht ſehr gedrückt fühlen, wenn er von Herrn A., Robert, durchaus nicht unterſtützt wird, ja beſtändig gehindert? Und trotz allem dem, wie führte Herr B. ſeine Parthie durch? wie groß war er namentlich im dritten Akte, wo er ſich gehoben fühlte durch unſere Nachtigall, die liebliche Blume der Norman⸗ die, durch Fräulein C. als Alice. Doch das Schickſal iſt gerecht, und wie ſich das Schöne, Würdige findet, ſo findet ſich auch das Häßliche und Unbedeutende, deßhalb erhält auch der Herr Robert am Schluß die Hand der Iſabella, der Madame D. und ein würdigeres Paar im Unbedeutenden iſt nicht leicht zu finden. Wäre das große Duett im vierten Akt zu ruiniren, ſo würde es Madame D. unbedingt ruinirt haben, aber iſt es zu glauben? ———— ſie wurde ſogar applaudirt!“— „Aber woher wiſſen Sie das?“ fragte der Schneider. „Dieſe Arie wird immer applaudirt,“ ſagte der Doktor ruhig und fuhr fort: „O ja, es iſt zu glauben; außer denjenigen, welche dieſe ſchöne Perle aus dem Diadem des großen Meiſters bewundernd anerkannten, gibt es in unſerem Theater eine gewiſſe Anzahl bekannter junger Leute, welche durch unanſtändiges Händeklat⸗ ſchen gegen alles Schöne eine unwürdige Oppoſttion machen und für alles Unſchöne ſchwärmen. Sollte man es z. B. glau⸗ ben, daß unſere reizende, vortreffliche Künſtlerin, unſere Syl⸗ vide, Demoiſelle Pauline, einer der Glanzpunkte unſers Ballets, kaum beachtet wurde, als ſie ſo graziös und meiſterhaft den ungelenken Robert dazu vermocht, den Cypreſſenzweig zu rauben? So betrübend das für uns und alle Kunſtkenner war, ſo dank⸗ bar müſſen wir im Namen der Künſtlerin die Bemühungen einiger anderer ſehr gebildeter Jünglinge anerkennen, welche ſich — or 37 Ein Zürgerball und ſeine Folgen. eifrigſt bemühten, den verdienten Applaus der liebenswürdigen Tänzerin zu ſpenden.— Doch genug für heute! Nur noch ein Wort zum Publikum, von dem eine nicht geringe Anzahl in jener, leider bekannten, ſchlafmützenartigen Indolenz von An⸗ fang bis zu Ende daſaß, die herrliche Muſik über ſich ergehen laſſend, wie der Hund einen kalten Regenguß. Liebes Publikum, wir bemerken mit Schmerz, daß wieder ſehr viel geplaudert wird und daß wieder außerordentlich viel Aepfel verſpeist wer⸗ den. Beides iſt ſehr ſtörend, aber am allerſtörendſten iſt und bleibt es jedenfalls, daß ein hoher Adel und verehrungswürdiges Publikum es nicht erwarten kann und ruhig ſitzen bleiben, bis der Vorhang am Schluß des letzten Aktes fällt. Dieß Auf⸗ ſtehen, Scharren, Sichbewegen, iſt ein Raub an dem wahren Muſikfreund, der ſein Geld doch bezahlt hat, um das ganze Stück zu genießen. Wird man dieſe Unanſtändigkeit nicht end⸗ lich einſehen lernen, glaubt man vielleicht, das Nachteſſen könne nicht noch einen Augenblick länger warten, oder glaubt man vielleicht, Dichter und Componiſt hätten ihre Stücke ſo einge⸗ richtet, daß es erbaulich ſei, den Schluß derſelben durch unaus⸗ ſtehlichen Spektakel accompagnirt zu ſehen?“ Hiemit endete der Doktor ſeine Vorleſung, ſetzte ſich in ſeinen Stuhl und legte das Blatt auf den Tiſch. Der Herr Dubel war ſichtlich ergriffen von der Größe ſeines Freundes, der ſogar im Stande, ſeine Artikel prophetiſch abzufaſſen, und der obendrein that, als ſeien derartige Arbeiten gar nichts Beſonderes. Er machte ihm einige ſchüchterne Com⸗ plimente hierüber und meinte, es ſei wohl eben ſo ſchwer, ſolche Artikel zu verfaſſen, wie auf die Entgegnungen, die doch zuweilen folgen würden, gehörig zu antworten. Der Doktor ſtreckte ſich auf ſeinem Stuhle aus, ſteckte ſeine Hände in die Hoſentaſchen, gähnte höchſt gleichgültig und meinte: auf Erwiderungen müſſe man ſich gar nicht einlaſſen; 38 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. „was einmal gedruckt iſt, iſt gedruckt,“ ſagte er,„und der erſte Eindruck iſt nicht zu verwiſchen, ſolche Erwiderungen nützen den Angegriffenen gar nichts. Etwas Anderes dagegen iſt viel ſchlim⸗ mer, wenn z. B. eine auswärtige Redaktion, denen man hie und da Kunſtkritiken zuſendet, unter irgend einem Artikel bos⸗ hafte Bemerkungen macht, hie und da ein Fragzeichen einſchiebt, ein Ausrufungszeichen, einen Gedankenſtrich, oder ein ei! in Parentheſe, das iſt ſehr unangenehm und kann unter Umſtänden einen ganzen Aufſatz vernichten. So geſchah es mir vor einiger Zeit, daß ich in einer Theaterkronik unſer Fräulein C., die heu⸗ tige Alice, außerordentlich lobte und ihre Leiſtungen bedeutend hervorhob, ich ſtellte ſte als Stern erſter Größe hin, als eine Erſcheinung, auf die nothwendiger Weiſe ganz Deutſch⸗ land ſein Auge richten müſſe. Was that die Redaktion?—— Sie machte unter meinen Artikel die höchſt unpaſſende Bemer⸗ kung: tant de bruit pour une omelette! Das war doch höchſt abgeſchmackt von dieſer Redaktion, und ich habe es ihr auch fühlen laſſen, indem ich ihr keine Artikel mehr zuſende. Hatte ſie nicht durch dieſe hämiſchen Worte mein ganzes Lob vernichtet? und dazu die unzarte Vergleichung einer Sängerin mit einem Eierkuchen, pfui Teufel!“. Der Herr Dubel hielt es im Verlauf des Geſprächs für paſſend, dem Herrn Doktor Stechmaier einige paſſende Worte über ſeine Leiſtung als Fortinbras zu ſagen; er that es in höchſt feiner Weiſe, indem er ſagte, daß ein Mann, wie der Doktor, ein ſolch' großes publiciſches Talent, ſehr Unrecht thue, wenn er die mit ſo viel Glück betretene, ihm von Natur angewieſene, literariſche Laufbahn verlaſſe, um ſich einer andern Kunſt in die Arme zu werfen, von der er doch nicht gewiß ſei, ob ſie ihm— holdſelig zulächeln würde. „Das habe ich auch gedacht,“ ſagte der Doktor,„und ich muß Ihnen geſtehen, daß ich zu dem Entſchluß gekommen Ein Bürgerball und ſeine Folgen. 39 — bin, unter keinerlei Bedingungen mehr die Bühne zu betreten. Es iſt doch ein höchſt ſchlüpfriges und gefährliches Terain, ich habe durch mein erſtes Auftreten einen tiefen Blick in jenes Trei⸗ ben geworfen. Von aufopfernder Freundlichkeit für einen An⸗ fänger iſt bei dieſen Leuten keine Rede, Jedem bangt für ſeine Exiſtenz und je größer ſich ein aufkeimendes Talent zeigt, um ſo weniger wird es unterſtützt; ich könnte einen Band darüber ſchreiben. Warum veranlaßte mich der Herr M. ſchon im erſten Akt, meine Rüſtung anzuziehen?— um mich zu ermüden!— warum zog mich der Garderobediener mangelhaft an?— weil ihn der Herr A., ein ganz miſerabler Anfänger, dazu beſtochen! warum gab endlich der Souffleur das Zeichen zum Fallen des Vorhanges ſo früh?— weil er ein Vetter des Herrn A. iſt, —— und weil er ſah, daß ich mich nach einer ſehr paſſenden Kunſt⸗ pauſe würdevoll aufrichtete um durch meine Rede das Trauer⸗ ſpiel effektvoll zu Ende zu bringen. Ich verſichere Sie, das — ganze Theater iſt ein Gewebe von lauter Abſcheulichkeiten, weß⸗ 6 halb ich mich auch feſt entſchloſſen habe, keinerlei Verſprechungen nachzugeben, ſondern mich mit aller Kraft auf die Schriftſtellerei zu werfen. Das conſervative Journal, von dem ich Ihnen neu⸗ lich ſagte, iſt im Entſtehen begriffen, mehrere Gutgeſinnte haben ſich entſchloſſen, die„Spinne“ zu kaufen und ſie be⸗ deutend zu vergrößern, der Adel hat ſeine Mitwirkung zugeſagt, „und Sie werden bald etwas Großes erleben.“ Der Schneider ſeufzte tief auf, wenn er bedachte, welche Wege zu Glanz und Ruhm ſeinem Freunde offen ſtänden und wie er ſo gar nichts habe, um eine Leiter zu erbauen, auf der er emporſteigen könne über das gewöhnliche Treiben der Menſchheit. 1 7 Er klagte dieß dem Doktor, welcher die Achſel zuckte und ſagte: nes iſt freilich wahr, daß ein Menſch vor dem andern begabter erſcheint, doch muß man nicht verzweifeln, machen Sie einmal den Verſuch, einen kleinen Artikel zu ſchreiben. Recenſiren Sie 40 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. einmal ein Buch oder eine Vorſtellung im Theater, man muß immer mit dem kleinſten und leichteſten anfangen.“ Der Schneider ſchüttelte traurig mit dem Kopf, und ver⸗ ſicherte, hiezu gehen ihm alle Kenntniſſe, alle Fähigkeiten ab. „Es iſt ſchade,“ fuhr der Doktor fort,„daß Sie es mit dem Theater nicht verſuchen können; Sie haben keinen Namen, man wär' von ihnen überzeugt, daß Sie mit einer beſcheidenen Stellung vorlieb nehmen und man würde alsdann keine Kabalen gegen Sie ſchmieden, es iſt wirklich ſchade!“ „Freilich, freilich!“ ſeufzte der arme Schneider,„aber mir fehlt Alles dazu, obgleich ich eine ſſſſ⸗tarke Bruſſſſ⸗t habe, iſſſſ⸗t meine SSSS⸗timme doch ſchwach, und dann kann ich, wie Sie wiſſen, das ſſſſ⸗t nicht ausſprechen.“ „Ja, ja,“ ſagte der Doktor und ſenkte den Kopf nach⸗ denklich auf die Bruſt,„ſchade, ſchade, a wie wär' es,“ ſagte er nach einer Pauſe und ſah ſeinen Bekannten ſcharf durch die Brille an,„wie wär' es, wenn ich plötzlich etwas für Sie gefunden hätte, wodurch Sie im Stande ſind, zu Geld, zu Ruhm, zu Chre, zu einem Namen zu gelangen?“ „Doktor Stechmaier!“ ſagte der Schneider entzückt,„iſſſſ⸗t das wahr, hätten Sie wirklich etwas für mich erdacht?“ „Allerdings,“ ſagte der Doktor ſehr ruhig und mit einem wichtigen Ausdruck in ſeinem Geſicht.„Sie ſind gut gewachſen, ſchlank, leicht, haben angenehme Bewegungen— gehen Sie zum Ballet, werden Sie Tänzer.“ Da ward es dem Schneider, als haben ſich dunkle Wolken, die bis jetzt ſeinen Horizont umſchattet, gelichtet und würden heller und roſtger, je mehr ſie empor ſchwebten, endlich brach ein heller Sonnenſtrahl in ſein Gemüth und ließ ihn faſt auf⸗ jauchzen vor Freude.— Ein Tänzer!— ja, das war es, wo⸗ nach er ſich unbewußt immer geſehnt, hiezu fühlte er die Kraft in ſich und es ſtand klar vor ſeiner Seele, daß er etwas Großes 4. h . Eiin Bürgerball und ſeine Folgen. 41 zu leiſten im Stande ſei; er erblickte ſich ſchon im ſeidenen Trikot mit einem zierlichen Kleide von weißem Atlas. Die Balletratten, welche er neulich geſehen, umſchwebten ihn, eine Schaar hold⸗ ſeliger Amoretten, er verdrehte ſeinen Körper auf die zierlichſte Weiſe und reichte der Mademoiſelle Pauline, der ſchönen blon⸗ den Tänzerin die Hand, ſeine Bruſt war ſo voll, er hörte kaum, was der Doktor Stechmaier lächelnd zu ihm ſprach: daß er ihn protegiren werde, daß die„Spinne“ ein herrliches Netz um ſeinen Namen weben ſolle und der erſtaunten Welt zurufen, ein zweiter Veſtris ſei entſtanden. Bald nahm er ſeinen Hut und eilte, die Bruſt voll herr⸗ licher Gedanken und ſchöner Plane eilends davon. 2 Vierundzwanzigſtes Kapitel. * Ein neuer Tänzer. Der Herr Dubel hatte eine ziemlich ſchlafloſe Nacht ver⸗ bracht. Der Wendepunkt ſeines Lebens, welcher durch den Rath des Doktor Stechmaier jetzt einzutreten ſchien, war ihm zu wichtig, als daß er nicht hätte ſtundenlang, ja, faſt die ganze Nacht darüber denken ſollen. So viel er aber auch die Sache überlegte, ſo viel er contra Ballet bei ſich ſelber vorbrachte, ſo war er doch bald mit ſich einig, und, als er am andern Morgen aus dem Bette ſtieg, feſt entſchloſſen, noch heute ſeinen Be⸗ kannten, Signor Benetti, aufzuſuchen. Da es ihm aber nicht angenehm und thunlich erſchien, ſeine Wünſche im Theaterſaale vor dem Balletperſonal zu ſagen, ſo gieng er ſchon vor Neun von ſeiner Wohnung, um den Balletmeiſter noch zu Hauſe zu treffen, da ſich derſelbe erſt um zehn Uhr ins Theater begab. Ssignor Benetti wohnte in einem anderen Theile der Stadt, in einer zwiſchen Gemüſegärten neu erbauten Straße, im dritten Stock eines anſehnlichen Hauſes. Da ſtand es auf einer Meſſing⸗ ⁵ Ein neuer Tänzer. 43 platte an der Klingel zu leſen: Benetti, Balletmeiſter und Direk⸗ tor der königlichen Tanzſchule. Je näher der Schneider dieſem Hauſe kam, deſto mehr ſchlug ihm das Herz; es gieng ihm, wie dem Doktor Stech⸗ maier bei ſeinem erſten Debüt. Geſtern Abend war er feſt über⸗ zeugt, daß ihn Signor Benetti mit offenen Armen empfangen würde, und er erinnerte ſich mit Freuden, wie ihn derſelbe wegen ſeiner Muskelkraft und Behendigkeit gelobt. Heute Mor⸗ gen aber ſtiegen leiſe Zweifel in ihm auf, er ſetzte dieſes Lob auf Rechnung der Höflichkeit, das ihm als einem Fremden, Un⸗ bekannten der Balletmeiſter bereitwilligſt geſpendet, höchſt wahr⸗ ſcheinlich auch verblendet durch die Equipage des Baron Karl, dem ſei nun, wie ihm wolle, unſer Freund überlas mehrere⸗ male die Meſſingplatte an der Thür, zupfte ſeine Halsbinde in die Höhe und überdachte ſich die paſſenden Worte, welche er ſich vorgenommen hatte, an den Balletmeiſter zu richten. Er ſtieg die Treppen hinauf, zog oben an der Glasthür im dritten Stock, wo ſich eine zweite Meſſingplatte befand, an der Klingel, und augenblicklich wurde ihm der Eingang geöffner von einer Frau an die Vierzig mit einem runden, blühenden Geſicht und leuchtenden Augen. Die Haare, von denen man aber nicht viel ſah, da der ganze Kopf mit Papilloten bedeckt war, ſchienen ſchwarz zu ſein. Herr Dubel, der den richtigen Satz recht beherzigte: in einem Hauſe, wo man etwas wünſcht, gegen Alles außerordent⸗ lich freundlich zu ſein, verbeugte ſich tief beim Anblicke der kleinen dicken Dame und ſagte:„mein Fräulein, dürfte ich mir erlau⸗ ben, Sie zu fragen, ob der Herr Balletmeiſſſſ⸗ter vielleicht zu⸗ fällig zu Hauſe ſind?“ Die Dame ſchien durch die Anrede geſchmeichelt, und nach⸗ dem ſie mit einem Kennerblick den Anzug des jungen Menſchen überſchaut und verſichert war, daß hier von keiner Bettelei die 44 Rede ſei, antwortete ſie freundlich:„mein Mann, Signor Benetti, iſt allerdings zu Hauſe, und wen habe ich das Ver⸗ gnügen, ihm anzumelden?“ Der Herr Dubel verneigte ſich ſehr tief vor der Frau des Meiſters, er faßte ihre Hand und küßte ſie reſpektvoll, worauf die Dame fortfuhr: „Vielleicht ein junger Künſtler, der hier durchreist?— ja, ich bin überzeugt, Sie ſind ein Künſtler.“ Abermals verneigte ſich der Herr Dubel und ſtammelte, daß er allerdings im Begriff ſei, ſich der göttlichen Kunſt zu nähern, daß er überzeugt ſei oder vielmehr hoffen wolle, der Vierundzwanzigſtes Kapitel. Ausſpruch der Signora ſei prophetiſch, und daß von ſolchen Lippen als Künſtler begrüßt, ihm erſcheine, als habe er ſchon einen großen Schritt vorwärts gemacht auf der ſchwierigen Bahn. Die Balletmeiſterin gieng ins Zimmer und der Herr Dubel vernahm, wie er, Dank ſeiner Liebenswürdigkeit, dort ange⸗ meldet wurde als ein wohl ausſehender, ſehr anſtändiger junger Menſch, der den Balletmeiſter zu ſprechen wünſche und den man augenblicklich einlaſſen müſſe. Gleich darauf kam ſie wieder in den Gang heraus getrippelt und ließ unſern Freund in ein kleines Zimmer eintreten, wo ſie ihm einen Stuhl anbot mit der Ver⸗ ſicherung, der Balletmeiſter werde im Augenblick erſcheinen. Bald trat dieſer auch aus dem Nebenzimmer heraus, mit würdevoller Haltung und feierlichem Blick, der aber ſogleich freundlich wurde, als er den Herrn Dubel erkannte. .„Ah! mein lieber Freund,“ rief er ihm entgegen und ſtreckte beide Hände aus;„charmirt, Sie wieder zu ſehen, ſehr charmirt! Was verſchafft mir das Vergnügen? Erkundigungen vielleicht nach dem kleinen Engel, der lieben Marie? Ein vor⸗ treffliches Kind— macht reißende Fortſchritte— muß alle Aunſere Damen überholen, wird eine große Tänzerin werden!“ Signor s Ver⸗ au des worauf 4?— nmelte, nſt zu le, der ſolchen rſſchon Bahn. Dubel ange⸗ junger mman der in leines Ver⸗ mit gleich und ſehr ngen vor⸗ alle en!“ Ein neuer Tünzer. Dieß Letztere ſagte er flüſternd mit vorgehaltener Hand und einem ſchlauen Blick gegen das Nebenzimmer. Dann fuhr er wieder laut fort:„aber was verſchafft mir das Vergnügen? vielleicht die Bitte um einen Gehalt für die Kleine? Iſt ſchon beſorgt, mein Vortrefflicher!“— Dabei rieb er ſich freundlich die Hände.„Schon eingegeben zu einem kleinen Gehalt; erhält vom nächſten Erſten an vier Gulden monatlich— ein Nadel⸗ geld, aller Anfang iſt klein!“ Der Herr Dubel verbeugte ſich und dankte dem Ballet⸗ meiſter für ſeine Sorgfalt und ſeine Bemühungen um das kleine Kind; dann aber ſagte er, daß er noch einen anderen Wunſch Nauf der Seele habe und daß er deßhalb den Herrn Balletmeiſter ſo früh beläſtige, weil die Spannung, in der er ſeit geſtern Abend lebe, in einen Herzkrampf überzugehen drohe und er Gewißheit haben müſſe, ob es nicht möglich ſei, auch ihn ſo glücklich zu machen, wie das kleine Mädchen, kurz, mit Einem Worte, ob der Herr Balletmeiſter etwas für ihn thun wolle, daß er bei dem Ballet angenommen würde, die Tanzſchule beſuchen zu dürfen, um zu erfahren, ob er das Talent, die Gelenkigkeit und Kraft habe, etwas im Fache der Tanzkunſt leiſten zu können. Signor Benetti legte nach dieſer Eröffnung ſeinen Kopf ſinnend in die linke Hand, wobei er den Zeigefinger derſelben an die Naſe drückte, kurz, eine nachdenkliche Stellung annahm. Er betrachtete das Gebäude des Schneiders mit Kennerblicken, und ſchien mit dem, was er ſah, nicht unzufrieden. Er nickte einige Male mit dem Kopfe, dann führte er den jungen Mann von der Thür des Nebenzimmers hinweg in die Fenſterniſche, als fürchte er, belauſcht zu werden, und ſagte nach einer langen Pauſe:. „Alſo Sie haben Luſt, auf die Bühne zu gehen?“ „Es iſſſſ⸗t mein ſehnlichſſſſ⸗ter Wunſch. u „Wie alt ſind Sie?“ Vierundzwanzigſtes Kapitel. „Zweiundzwanzig Jahre.“ „Haben Sie einiges Vermögen, daß es Ihnen möglich wird, eine Zeit lang ohne Gage zu dienen? denn Sie müſſen wiſſen, daß eine hohe Intendanz ſich ſchwer dazu verſteht, einem Anfänger etwas zu bezahlen.“ „Ich glaube wohl, mich während meiner Lehrzeit durch⸗ bringen zu können; ich habe eine kleine Anſſſſ⸗tellung im Hauſe des Herrn Baron Karl.“ „Richtig!“ ſagte der Balletmeiſter,„ich weiß das ja ſchon; aber welches Geſchäft haben Sie bis jetzt getrieben, was haben Sie gelernt?“ „Ich war ein Schneider, ich lernte....“. „Bſt!“ entgegnete Signor Benetti und deutete auf's Neben⸗ zimmer,„das brauchen die da drinnen nicht zu wiſſen, das iſt Mademoiſelle Pauline, ſte wohnt hier im Hauſe bei mir, und ſo eine Solotänzerin hat gar hochmüthige Ideen; Sie verſtehen mich ſchon, lieber, charmanter junger Mann? das Schneider⸗ handwerk iſt ein außerordentlich ehrenvolles Handwerk, aber— die Damen beim Ballet— nun, Sie verſtehen mich, das träumt von lauter jungen Grafen und Baronen, die ihnen zu Lieb' Tänzer werden ſollen. Ich für meine Perſon verſtchere Ihnen, daß ich ſchon aus Schneidern die beſten Tänzer herangebildet habe; die Beine ſind von dem Sitzen auf dem Tiſch außerordent⸗ lich biegſam und ſehr gelenkig, die Hand, welche die leichte Nadel geführt, verſteht ſich graziös zu drehen, und dann, was Sie, mein Freund, ſpeciell anbelangt, ſo denke ich noch immer an den Sprung auf dem Eis mit einer Sicherheit, einem Aplomb, der Sie zu den ſchönſten Hoffnungen berechtigt.“ „ Alſo Sie glauben wirklich eine hohe Witendanz ſagte der entzückte Schneider. „Eine hohe Intendanz,“ entgegnete wichtig der Ballet⸗ meiſter,„wird Sie in die Tanzſchule aufnehmen, ſo wie ich .. 6 möglich müſſen einem durch⸗ Hauſe ſchon; haben Neben⸗ das iſ , und ſtehen eider⸗ r iumt Lieb⸗ hnen, bildet dent⸗ eichte was nmer omb, Ein neuer Tänzer. 47 Sie vorſchlage, und daß ich Sie vorſchlage, darauf können Sie ſich verlaſſen, die Sache iſt abgemacht. Es ſoll mich freuen, etwas Tüchtiges aus Ihnen herauszubilden. Sie erinnern ſich doch,“ ſagte er flüſternd,„des großen Craſpolini, des eminenten Grotesktänzers?— er war ebenfalls ein Schneider und kam aus Italien hieher, arm und zerlumpt; ich habe einen Mann aus ihm gemacht;— aber wie heißen Sie, mein lieber Freund?“ „Mein Name iſſſſet Dubel,“ antwortete der Schneider.; „Dubel, Dubel,“ entgegnete der Balletmeiſter und wiegte den Kopf hin und her,„Dubel iſt ein harter deutſcher Name, er klingt nicht gut; laſſen Sie ſehen, wie wir ihn ändern, wie wir ihn geſchmeidig machen.“ Er dachte einen Augenblick nach, dann ſagte er:„Richtig! ich hab's! es iſt ganz leicht, wir hängen ihm zwei kleine Sylben an, und ſo wirds prächtig. Sie heißen fortan— Dubelli, und ſo ſtelle ich Sie bei dem könig⸗ lichen Ballete vor. Ich bin ſtolz auf dieſe Erfindung,“ lachte er, „und verſichere Ihnen, als Signor Dubelli könnten Sie, was den Namen anbelangt, in Mailand gaſtiren.“ Der Schneider, der das Fremdartige liebte und ſchon heute Nacht überlegt, daß es ſich auf dem Zettel nicht gut ausnehmen würde, wenn es z. B. hieße: 4 „Don Alfonſo.. Herr Dubelu, war mit ſeinem neuen Namen vollkommen zufrieden und ver⸗ beugte ſich geſchmeichelt und dankbar. Während nun Beide nach dieſer Unterredung in der Fenſter⸗ ecke ſich dem Nebenzimmer näherten, ſagte der Balletmeiſter leiſe:„ich will Sie meiner Frau, der Signora Benetti, und der Demoiſelle Pauline vorſtellen; ich hoffe, die Letztere, die ſchon lange einen gutgewachſenen Tänzer wünſcht— denn wir ſind darin nicht gut verſehen—, ſoll Sie protegiren. Sie hat bei der hohen Intendanz einen tüchtigen Stein im Brette und 4* 48 Vierundzwanzigſtes Kapitel. kann Einiges durchſetzen.— Bſt!“ Er winkte geheimnißvoll mit dem Finger. Sie traten nun in's Nebenzimmer, wo die Balletmeiſterin mit ihren Papilloten hinter einem gutbeſetzten Kaffeetiſch auf dem Sopha ſaß, und ſich freundlich erbot, ſo bald Herr Dubelli ihr vorgeſtellt war, ihm eine Taſſe Kaffee zurecht zu machen. Demoiſelle Pauline hatte einen reizenden Morgenüberrock an, die blonden Haare unter einem allerliebſten Häubchen verborgen und lag neben dem Kaffeetiſch in einem niedlichen Fauteuil und ſpielte mit einem kleinen Wachtelhunde. Sie ſtreckte die Fuß⸗ ſpitzen gerade aus und neckte den Hund, indem ſie ihn bald emporhob, bald von ſich ſtieß. Die Tänzerin erinnerte ſich gnädigſt des Herrn, und als der Balletmeiſter ihn als einen Beamten, ja, Bekannten des Baron Karl vorſtellte und dar⸗ auf eröffnete, der Herr Dubelli wolle ſich dem Theater, eem Ballet widmen, ſo ſchenkte ihm die Künſtlerin einen zweiten, fokſchenden Blick und verſicherte, es ſolle ſie außerordentlich freuen, wenn der Balletmeiſter endlich Jemanden gefunden habe, mit dem man möglicherweiſe tanzen könne;„denn,“ ſetzte ſte hinzu und warf den Kopf in die Höhe,„ich verſichere Ihnen, Benettk, es iſt nächſtens hier nicht mehr auszuhalten, wenn man nicht für beſſere Tänzer ſorgt! Herr Walzer iſt ein 9 guter Menſch, aber er hat keine Kraft, er hält nicht aus; wen El und ich erſt recht anfangen und wenn er uns am Schluſſe leviren ſoll, ſo müſſen wir uns furchtbar anſtrengen, um in die Höhe zu kommen.— Haben Sie ſchon getanzt?“ fragte ſie den neuen Collegen und dieſer entgegnete: „Getanzt, was man unter Tanzen als Kunſſſſ⸗t verſſſſ⸗teht, ſo eigentlich nicht“— der Balletmeiſter winkte ihm mit dem Auge—„das heißt auf keinem größern Theater,“ verbeſſerte ſich 1 der Herr Dubel,„Vorſſſſ⸗tudien habe ich wohl ſchon gemacht, und ich hoffe, es ſoll mir bald Einiges gelingen unter Ihrem 8 8 Ein neuer Tänzer. 49 Protektorate, mein Fräulein, und unter der trefflichen Leitung des Signor Benetti.“— Die Tänzerin lächelte geſchmeichelt und zeigte bei dieſer Gelegenheit ein paar roſige Grübchen in ihren Wangen; die Balletmeiſterin bot dem artigen Fremden eine zweite Taſſe Kaffee an, und Signor Benetti ſtreckte ſeinen Kopf in die Höhe und verſtcherte, das Seine thun zu wollen. Der Herr Dubelli, der ſich die Lehren des Doktor Stech⸗ maier, daß man auch Alles loben könne, was man nicht geſehen, feſt eingeprägt, ſchwärmte über die geſtrige Vorſtellung Robert des Teufels und erhob die Leiſtung von Mademoiſelle Pauline als Aebtiſſin des verruchten Kloſters über alle Himmel hinaus. Die Tänzerin lächelte abermals, und der neue College ſchien ihr zu gefallen. „Es iſt ſchade,“ ſagte der Balletmeiſter,„daß Niemand von unſeren jungen Damen in der Nähe iſt, um mit Herrn Dubelli eine kleine Probe zu machen. Was meinſt du Frau, ſollte wohl Mademoiſelle Karoline, die uns gegenüber wohnt, noch zu Hauſe ſein? Wir könnten ſie ja herüber holen laſſen, um mit Herrn Dubelli eine Polka, einen Walzer oder ſo was zu tanzen, um praktiſch zu ſehen, ob er einen richtigen Begriff von der edlen Tanzkunſt hat.“ „Sie witb w hl ſchon ins Theater gegangen ſein,“ ſagte Signora Benetti und warf einen Blick zu dem Fenſter über die Straße;„ja, ſte iſt ſchon fort, ihre Fenſter ſtehen weit offen.“ „Schade, ſchade!“ ſagte der Balletmeiſter,„wir hätten uns dadurch eine Probe auf dem Balletſaal erſpart.“ „Nun, wir können die Probe ja immerhin machen,“ nahm Demoiſelle Pauline nachläßig das Wort;„gehen Sie an Ihren Flügel, Benetti, ich will mit dem jungen Mann tanzen.“ „Oh!“ ſagte der pfiffige Italiener, als erſchrecke er über dieſen Vorſchlag,„das wäre wahrhaftig zu viel verlangt, Made⸗ Hackländer, Namenl. Geſchichten. II. 4 5 50 Vierundzwanzigſtes Kapitel. moiſelle Pauline! La prima bellerina wollte die Gnade haben? ———— Herr Dubelli,“ ſagte er ſtolz zu dieſem,„Sie haben einen guten Tag.“ Der neue Tänzer war ſichtlich erſchüttert von dem über⸗ großen Glücke, das ihm zu Theil wurde, und erhob ſich ganz gerührt; er fuhr über ſeine hellen, lederfarbenen Glagehand⸗ ſchuhe, die er ſich zu dieſem Zwecke eigens gekauft, als wolle er ſte feſter an die Hand ſtreifen, legte ſeinen Hut Af einen Nebentiſch und ſtellte ſich in Poſttur. Die Tänzerin warf den kleinen Hund mit ihrer Fußſpitze auf den Sopha, erhob ſich aus dem Fauteuil, und während ſte ihre beiden Hände auf die Hiften legte, wiegte ſte ihren Oberkörper in die Höhe und ſtreckte ſich um ein paar Zoll. Das Mädchen hatte eine prachtvolle Taille, und der Herr Dubelli wagte es anfangs nur ſchüchtzzn, ſeinen Arm um ſte zu ſchlingen. „Eine Polka⸗Maſurka!“ befahl die Tängerin und fragte mit einem Blicke, der deutlich ſagte, daß eine Verneinung auf dieſe Frage ihr unmöglich erſcheine:„Sie tanzen doch Polka⸗ Maſurka?“ „Allerdings, mein Fräulein entgegnete der Erſchneider, und da er ſich bewußt war, ein wirklich guter Tänzer zu ſein, ſo fühlte er ſich erſtaunlich leicht und ſein Herz klopfte nur noch ganz gelinde. Signor Benetti fieng an zu ſpielen, und der Tanz begann. Leicht und gewandt ſchwebten die Beiden dahin, und Dubelli gab ſich alle Mühe und nahm ſich ſehr zuſammen, um den ſchlangenartigen Wendungen ſeiner Tänzerin zu folgen, was ihm auch ſo gut gelang, daß ihm die Balletmeiſterin auf dem Sopha tüchtig Beifall klatſchte und entzückt ausrief:„göttlich! — Demoiſelle Pauline— außerordentlich!— großartig!— Gut, Herr Dubelli!— Brav gemacht!“— Der Balletmeiſter ſpielte indeſſen immer geſchwinder, und die Beiden rasten ordente 1 ben? „Sie lber⸗ ganz and⸗ volle einen jden aus ger eſich aille, einen ragte auf lka⸗ der, ſein, noch gann. belli den was dem lich iſter ent⸗ 4 Ein neuer Tänzer. 51 lich im Zimmer umher. Endlich fieng die Tänzerin an, ſtärker zu athmen, ihr Buſen hob ſich heftig in die Höhe, und als bald darauf Signor Benetti aufhörte, zu ſpielen, erklärte ſie, der neue College tanze leicht und gewandt, und was die Ausdauer anbelange, ſo ſei ſie ebenfalls mit ihm zufrieden. Der Balletmeiſter erhob ſich von ſeinem Flügel, klopfte dem angehenden Tänzer auf die Schultern und verſicherte ihm, er könne ſtolz ſein auf den Ausſpruch der Demoiſelle Pauline. „Ich werde noch heute unſeren Chef ſprechen,“ ſagte er,„und wenn wir erſt ein halbes Jahr auf dem Balletſaale und zu Hauſe die allergründlichſten Studien gemacht, ſo hoffe ich etwas Anſtändiges zu erleben.“ Der Herr Dubelli dankte der Tänzerin für die außeror⸗ dentliche Güte und Freundlichkeit, die ſie ihm erzeigt, für die Weihe der Kunſt, die ſie ihm hiedurch ertheilt; ebenſo ſagte er dem Balletmeiſter einige tief empfundene und paſſende Worte und der Signora Benetti ebenfalls etwas Schönes über den Antheil, den ſte an ihm genommen. Als nun bald darauf der Theaterdiener mit der Meldung erſchien, der Wagen ſei unten, um Demoiſelle Pauline nach der Probe abzuholen, beurlaubte er ſich durch einen Handkuß von der Signora Benetti und begleitete die Tänzerin an den Wagen, hob ſte hinein, machte hinter ihr und ſeinem neuen Chef den Schlag zu und eilte alsdann, den Doktor Stechmaier „aufzuſuchen, den er in Kenntniß ſetzte von all' dem Schönen, was ihm heute Morgen bereits paſſirt. Der Doktor freute ſich aufrichtig über das Glück des Herrn Dubel und verſprach, in der nächſten Nummer der„Spinne“ etwas über den vortrefflichen Balletmeiſter des Hoftheaters zu ſagen, und wie ſehr es anzuerkennen ſei, daß er ſich bemühe, junge emporkeimende Talente für das Balletcorps zu gewinnen. 4* 52 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Frau Welſcher und Jungfer Kiliane waren nicht wenig überraſcht, als ſte den Entſchluß des Herrn Dubel erfuhren und er ihnen erzählte, daß er ſchon ſo gut wie angenommen bei dem königlichen Balletcorps ſei. Sie freuten ſich beſonders darüber, daß nun die kleine Marie in der Anſtalt einen Be⸗ ſchützer habe, und der Herr Dubel dagegen, der das kleine Mäd⸗ chen außerordentlich lieb hatte, war ebenſo erfreut, daß ſie dort ſei, und ihm kam deßhalb der Balletſaal mit ſeinen Ratten, ſeinen Tänzern und Tänzerinnen durchaus nicht ſo fremd vor, wie einem wohl zu Muthe iſt, wenn man unter lauter unbe⸗ kannte Geſichter hineintritt. Das kleine Mädchen hatte eine außerordentliche Freude, als ſie erfuhr, ſie werde nun künftig ihren Freund Dubel eben⸗ falls im Balletſaale ſehen; ſte nahm ihn gleich an die Stange im Zimmer, er mußte die Füße erſchrecklich auswärts biegen, ſte machte ihm alle Bewegungen vor, die ſie ſchon gelernt, und es war poſſirlich, wie ſie das Alles that mit dem ernſten Ton einer Lehrmeiſterin. Den andern Tag ſchon erhielt der Herr Dubelli ein Dekret von der königlichen Hoftheaterintendanz, das ihm geſtattete, die königliche Tanzſchule zu beſuchen, und ihm ein Engagement beim Balletcorps in Ausſicht ſtellte, ſo wie ihn Signor Benetti hiezu würdig befinden werde. — venig mund n bei ners Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Die Flucht. Die wohlorganiſirte Gaunerei in einem wohlgeordneten Staate hat ihre Polizei, wenn man es ſo nennen kann, die meiſtens beſſer eingerichtet iſt, als jene Polizei, welche uns vor jenen Gaunern ſelbſt ſchützen ſoll. Ihre Chefs(die der Gauner nämlich) ſind wohlbekannte, unter ihnen ſehr angeſehene Leute; ihre Hehler ſind meiſtens von einer muſterhaften Pflichttreue; ihre Schlupfwinkel ſind ſicher und ſelten einem Verrathe ausge⸗ ſetzt, und unter ihnen beſteht eine immerwährende Communika⸗ tion, wodurch ſie einander mit der Schnelligkeit eines Tele⸗ graphen gegen böswillige Anſchläge zu wahren und zu ſchützen wiſſen, und wodurch ſte ſchnell und mit Leichtigkeit das erfahren, was der wirklichen Polizei viel fruchtloſe Mühe und Koſten verurſacht. Der treffliche Steinmann war aber in dieſer Hinſtcht dop⸗ pelt gut berathen, da er im öffentlichen Leben an einer Ecke ſtand und dadurch, wie wir wiſſen, im Stande war, zwei Seiten auf einmal zu überſehen. Daher kam es denn auch, daß er wenige „ 54 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Tage nach der Flucht der Madame Müller mit ihrer Tochter abermals und mit ſehr vergnügtem Geſicht neben ſeinem Gevatter im Refectorium des alten Kloſters ſaß und ſich mit einigen Schoppen weißen Weins erlabte. Es war noch ziemlich früh, in dem Lokale ſonſt Niemand zugegen und der Steinmann ſaß an ſeinem Lieblingsplatze auf der Ofenbank und ſchlenkerte den Füßen und rieb ſich lächelnd die Hände. 4 Der Gevatter befand ſich, Dank dem Gelde der Jungfer Kiliane, in einem ziemlich anſtändigen Anzuge, der, wenn er ihm auch theilweiſe zu Peit und zu eng war, ihm doch ge⸗ ſtattete, ſich auf der Straße an der Seite des Steinmann ſehen zu laſſen. Dieſer hatte ſeine Uniform mit einer bürgerlichen Kleidung vertauſcht, trug einen ſchwarzen Hut und in der Hand ein ſpa⸗ niſches Rohr mit weißem Knopf. Er ſah zuweilen auf ſeine Uhr und ermahnte jetzt den Gevatter, ſeinen Schoppen auszu⸗ trinken, da ſte fortgehen müßten. 4 „Was werden die Beiden für ein Vergnügen haben,“ lachte der Gevatter,„wenn ſie uns plötzlich erſcheinen ſehen!’“4 „Vergeßt nur ſlicht,“ ſagte der Steinmann,„daß wir mit gehöriger Vorſicht auftreten müſſen; die Alte iſt ſchlau und brennt durch, wenn ſte nur Einen von uns ſieht, geſchweige denn alle Beide. Wir müſſen einen vollkommenen Operations⸗ plan entwerfen und getrennt mannövriren. Daß ſie in Mett⸗ hauſen ſind oder heute Abend dorthin kommen, das weiß ich ganz beſtimmt, meine Berichte ſind ſtcher, und wir werden mit dem Omnibus ebenfalls gegen Zehn dort eintreffen; ich werde alsdann gleich erfahren, wo ſie ſich befinden, und wenn wir das einmal wiſſen, ſo dürfen wir unter keiner Bedingung zu gleicher Zeit in's Haus treten: ich gehe dann allein in die Stube, und da ich natuͤrlicher Weiſe kein Aufſehen erregen will, ſo werde ich zuerſt verſuchen, ob ſie freiwillig zurückkehren; im Fall ſie ſich ☛ Die Flucht. 55 3 ** 2 2 2 2 2 à deſſen weigern, ſo habe ich hier in meiner Taſche einen Ausweis für den dortigen Bürgermeiſter, worin ich ermächtigt bin, die pn Beiden als gefährliche Landſtreicherinnen, als liederliche Per⸗ b, ſonen zu verhaften. Ihr habt ein ähnliches Papier und bleibt 1 vor dem Hauſe ſtehen, bis ich Euch hineinrufe, wenn Alles in 8 Ordnung iſt. So lange ich Euch aber nicht rufe, paßt mir auf's E Genaueſte auf, und wenn eine von den Beiden aus dem Hauſe 4 ſchlüpft, ſo folgt Ihr derſelben, und wenn ſie aus dem Dorf 5 rennt, ſo rennt Ihr ihr nach; nur macht mir auf der Straße 4 keinen Spektakel und gebt Euch nicht vor verſammeltem Volk als i Polizeiagent aus, denn ſonſt könntet Ihr im Geheimen die ſchön⸗ un ſten Prügel bekommen.“ Der Gevatter verſprach, Alles ſorgfältig zu beobachten, 4 und nachdem er auf dieſe Art vollſtändig inſtruirt war, giengen 3 die Beiden mit einander fort nach dem Omnibus, ſetzten ſich auf . und fuhren zur Stadt hinaus. 2* 3 Es war ein unangenehmer, windiger Tag, dunkle Wolken ſandten häufig Regenſchauer herab, und als es Mittag wurde, ie umzog ſich der Himmel mit einem dichten Grau, gegen Abend 1 fieng es wieder an zu regnen; anfänglich tröpfelte es nur ſchwach, „ dann immer ſtärker und endlich ſtrömte ein tüchtiger Landregen ind auf die Erde, der für die Nacht anzuhalten verſprach. Dem ige Steinmann war dieß nicht angenehm, denn er fürchtete, daß die t⸗ Flüchtlinge, wenn ſte Metthauſen noch nicht erreicht hätten, vor⸗ ti⸗ her ſchon in irgend einem Bauernhofe oder einer Fuhrmanns⸗ ich herberge an der Straße anhalten und übernachten könnten. nit Indeſſen rollte der Omnibus vorwärts, ſo gut es gieng; de— doch wurde es allmählig ſpät, aus allen Ortſchaften, durch 45 welche ſte kamen, glänzten ſchon die Lichter heraus und immer er war von Metthauſen noch nichts zu ſehen. 1 Während die Reiſenden im Omnibus auf dieſer Seite des . erſehnten Orts häufig und ungeduldig nach demſelben aus⸗ — 1 3 56 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. ſchauten, machte es ein Reiſender auf der anderen Seite deſſelben ebenſo. Dieſer ſaß in einer Poſtkaleſche, mit zwei Pferden be⸗ ſpannt; er hatte die Ledervorhänge feſt zugezogen, um ſich vor dem hereinſchlagenden Regen zu ſichern, und ſchaute, wie geſagt, nur zuweilen hinaus, um endlich die Station zu erblicken oder den Poſtillon zu ſchnellerem Fahren anzutreiben. Dieſer, ſo wie die Pferde troffen von Waſſer und trabten ſo langſam wie mög⸗ lich durch den unergründlichen Schmutz, den der Platzregen ſchnell auf der Straße gebildet.. Metthauſen, das Ziel dieſer beiden Wagen, war ein kleiner Ort mit einer Poſthalterei, mit welcher eine Wirthſchaft verbun⸗ den war, die aber hauptſächlich von Fuhrleuten und Gäſten nie⸗ deren Ranges beſucht wurde. Alles Andere gieng in den„Rothen Ochſen“, der gegenüber lag; doch machte der„Rothe Ochſe“ durch dieſen höheren Rang keine beſſeren Geſchäfte, und wenn es hier faſt beſtändig leer war, ſo ſah man drüben die Poſt beinahe immer mit Gäſten angefüllt. So war es auch heute Abend und in der großen Wirthsſtube kaum noch ein Plätzchen zu finden, Jo beſetzt war Alles mit Fuhrleuten, die hier über Nacht blieben, mit Handwerksburſchen und mit Einwohnern des Orts, die nach vollbrachtem Tagewerk hier ihren Schoppen genoſſen. Durch dieſe große Anzahl von Gäſten und durch die Art, wie die Meiſten, von dem Regen draußen zugerichtet, herein kamen, das Waſſer abſchüttelnd, den Schmutz der Straße von den Stie⸗ feln abtretend, war das Zimmer der Poſt durchaus kein behag⸗ licher Aufenthalt. Der Fußboden war mit Waſſer und Schmutz bedeckt; die durchnäßten Kittel der Fuhrleute dampften eben ſo arg, wie die Suppe, die vor ihnen auf dem Tiſche ſtand; denn wegen des kühlen Wetters hatte man ein Feuer im Ofen ange⸗ macht und nebenbei qualmten aus eben ſo vielen Tabakspfeifen, als hier waren, eben ſo viel unangenehme Gerüche. 1 In der Ecke der Wirthsſtube, ziemlich unbemerkt von den Die Alucht. 57 übrigen Gäſten, ſaß eine Frau, die wir bereits kennen, mit ihrer Tochter. Das Regenwetter hatte ihre Kleidung ſtark mitgenom⸗ men, und die Frau ſaß da, den Kopf auf ihre Arme geſtützt, und ſah mürriſch vor ſich hin. Das Mädchen hatte die Hände in den Schooß gelegt und ſtarrte, in tiefes Nachdenken verſunken auf das Gewühl der Trinkenden und Eſſenden. Vor den Beiden auf dem Tiſche ſtand ein Glas Bier nebſt einigen Kartoffeln in der Schale. Die Mutter ſeufzte tief auf und das Mädchen fuhr aus ihren Träumereien in die Höhe.„Warum ſeufzt Ihr, Mutter?“ ſagte ſie, nes wird nicht alle Tage ſo ſchlecht gehen, wie heute; wir werden, wenn die Leute fort ſtnd, unſere Kleider trocknen und uns ein Bett zum Schlaͤfen geben laſſen. Morgen oder übermorgen kommen wir in eine größere Stadt und da werden wir ſchon Arbeit finden. Seid nur getroſt, Mutter, es wird ſchon gut werden.“ Ein tiefer Seufzer war Alles, was die Frau zur Ant⸗ wort gab. „Seid doch nicht ſo entſetzlich betrübt, Mutter,“ fuhr das Mädchen fort.„Daß wir Unangenehmes aller Art erleiden müß⸗ ten, das war ja vorauszuſehen; aber haben wir uns nicht vor⸗ genommen, Alles freudig und geduldig zu ertragen, um ein beſſeres und glücklicheres Leben zu beginnen?“ „Ein beſſeres und glücklicheres Leben?“ fragte die Mutter, ohne aufzublicken. „Allerdings, Mutter, ein glücklicheres Leben! Meint Ihr, es könne uns nicht gelingen, mit Ehren durchzukommen? Meint Ihr, Gott im Himmel werde jemanden verlaſſen, der ſich vor⸗ nimmt, durch ehrliche Arbeit ſich durchzubringen?— Gewiß nicht, Mutter! Drum ſeid getroſt, eßt und trinkt etwas, Ihr müßt gewiß Hunger haben.“ , Ich mag aber nicht,“ war die Antwort. 58 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. „Ihr mögt nicht, Mutter?— Leider könnt Ihr für heute nichts Beſſeres haben, aber laſſet den Muth nicht ſinken; morgen oder übermorgen finden wir etwas, das für uns paßt, und wir werden gewiß noch zufrieden und glücklich.“ „Zufrieden und glücklich?“ ſagte die Mutter bitter lachend und erhob ihren Kopf, um das Mädchen anzuſchauen.„Du willſt zufrieden und glücklich werden, wenn du mit den feinen Händen da den ganzen Tag arbeiten ſollſt?— Wer wird dir überhaupt Arbeit geben? O, es iſt nicht ſo leicht, zu arbeiten! Gehe doch hin und vermiethe dich als Magd, verſuch's einmal, man wird dir Zeugniſſe abverlangen, und wenn du dich auf dein ehrliches, ſchönes Geſicht t und ſie deine glatten Hände ſehen, da werden die Leute ſagen: du ſeieſt nicht zu harten Arbeiten gemacht und werden dir den Rath geben, zu deinem früheren Geſchäft zurückzukehren.“ Obgleich die Mutter die letzten Worte ſehr leiſe ſprach, ſo fuhr doch das Mädchen entſetzt in die Höhe, als habe ſtie ihr etwas Fürchterliches laut und gellend in die Ohren geſchrieen; die Alte ſtützte den Kopf wieder in ihre Hände und das Mädchen fuhr nach einer Pauſe fort: „Ihr bereut es wohl, Mutter, daß wir die Stadt veiliſſen haben? Sagt mir, Mutter, ob Ihr es bereut.“ „Ja, das thue ich!“ entgegnete die Frau;„ich bereus es gewiß und wahrhaftig, dir gefolgt zu ſein, es war nichts als eine Lächerlichkeit von dir, eine Laune; am Ende hätteſt du doch zu Hauſe arbeiten können und...“ „Ein anderes Leben anfangen, wollt Ihr ſagen, Mutter,“ bemerkte das Mädchen mit gelaſſenem Tone, obgleich ſie unter dem Tiſche ihre Hände krampfhaft in einander ſchloß.„Oder,“ fuhr ſie fort,„es wäre Euch am Ende gleichgültig geweſen oder noch lieber, wenn ich kein anderes Leben angefangen hätte, ſagt es nur frei und offen heraus.“ 8 rheute norgen nd wir lachend „Du rbeiten! einmal, auf dein Hände harten deinem rach, ſo eſie ihr chrieen; Mädchen verlaſſen ereue es ihts als du doch Mutter,“ Sber. „Oder eſen itte/ noder agt 143 Die Flucht. 59 „Ja,“ ſagte die Alte trotzig,„wozu auch eine ſolche Ge⸗ ſchichte? Was geſchehen iſt, iſt leider geſchehen; kannſt du dich beſſer machen, kannſt du mit aller Arbeit oder aller Buße anders werden, ungeſchehen machen, was einmal geſchehen iſt?“ „Vor den Leuten kann ich das freilich, Mutter,“ entgegnete das Mädchen mit leiſer Stimme;„in einer fremden Stadt, wo mich Niemand kennt, wo man nicht weiß, was ich gethan, kann ich ein anderes Leben führen, kann geachtet ſein und mit Ehren angeſehen. Hier,“ ſie preßte die Hand auf ihr Herz,„kann ich freilich nicht verwiſchen, was ich erlebt; aber das thut nichts, Mutter, dieſe quälenden Gedanken ſind meine Strafe.——— Aber was ſoll geſchehen?“ fuhr das Mädchen nach einer langen Pauſe fort;„wollt Ihr vielleicht umkehren, Mutter, und mich allein in die Welt hinaus gehen laſfen?“ Die Alte blickte abermals in die Höhe und ſchwere Thrä⸗ nentropfen liefen über ihre Wangen hinab.„Nein! nein!“ ſagte ſie;„ich kann dich nicht allein laſſen, aber ich kann auch nicht in der Welt mit dir herumziehen; kehre mit mir wieder um, wir wollen alle bisherigen Verbindungen abbrechen und können ja auch zu Hauſe arbeiten, können ja auch zu Hauſe ein anderes Leben anfangen.“ „Ich habe ſchon einmal geſagt,“ entgegnete feſt und be⸗ ſtimmt das Mädchen,„daß es zu Hauſe nimmermehr angeht; wie wollt Ihr Eure Verbindungen abbrechen? Denkt nur an den Steinmann——— den Steinmann, Mutter!“ wieder⸗ holte das Mädchen und ſtarrte mit weit aufgeriſſenen Augen nach der Thüre des Zimmers—„der Steinmann!“ fügte ſte mit dem Tone des höchſtens Schreckens hinzu und drückte krampfhaft den Arm der Frau— nder Steinmann, Mutter! Ich habe ihn draußen vor der Thüre im Gange geſehen!“ „Was ſagſt du?“ rief die Alte und fuhr in die Höhe, nder Steinmann wäre hier?“ 5 — 60 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. „Ja, ich habe ihn geſehen!“ ſagte das Mädchen;„bei Gott, er war es! Kommt, Mutter, laßt uns fliehen! dort durch die Küche in den Hof hinaus,— fort, fort!“ „Ich kann heute Abend nicht weiter!“ ſagte die Alte mür⸗ riſch und ſpähte forſchend nach der Thüre, doch ſchien ihr Blick nicht mehr ſo trüb und finſter, wie früher.„Siehſt du wohl,“ fuhr ſte fort,„ich habe es dir ja geſagt! Was hilft das Fort⸗ laufen? der findet uns doch wieder.“ „Nein, nein!“ entgegnete das Mädchen in namenloſer Angſt;„es iſt draußen finſter, der Regen gießt noch immer vom Himmel herab, und wenn wir nur ein anderes Haus er⸗ reichen, ſo findet er uns nicht, Mutter, ich bitte Euch um Gottes willen, kommt mit!“ „Nein,“ entgegnete die Alte beſtimmt,„ich gehe nicht weiter, ich habe gethan, was ich gekonnt, aber dem können wir doch nicht entfliehen.“ „Wir nicht, Mutter?“ ſagte das Mädchen mit gänzlich verwandeltem Tone und warf, wie an jenem Abende, die Ober⸗ lippe trotzig in die Höhe;„ſagt doch lieber: ich nicht, weil Ihr nicht wollt, mich dagegen ſoll keine Macht der Erde vermögen, lebendig wieder in ein Joch zurückzukehren, dem ich einmal ent⸗ flohen, mich ſoll nichts in meinem Entſchluſſe wankend machen; ich will fliehen, ſo lange mir ein Ausweg offen bleibt, und nur im ſchlimmſten Falle der offenbaren Gewalt weichen und alsdann noch hinausſchreien in die Ohren Aller, die es hören können, was man mit mir vor hat, wozu man mich zwingen will— Aber der Augenblick drängt, noch einmal beſchwöre ich Euch, Mutter, kommt mit!“— Sie wollte die Alte am Arme fort⸗ ‚ziehen, aber dieſe blieb unbeweglich. Noch einen Augenblick harrte das Mädchen und ſchaute mit der entſetzlichſten Angſt auf ihre Mutter; als dieſe aber kein Zeichen gab, folgen zu wollen, legte ſte ein kleines Paketchen— es enthielt ihr letztes Geld, ihre 1 bei dort mür⸗ Blick ohl,” Fott⸗ nloſet mmer s er⸗ ottes —— Die Klucht. Ohrringe und was ſie ſonſt an Schmuck beſaß— in die Hände der Frau, warf noch einen ſchmerzlichen Blick auf ſie und ver⸗ ſchwand durch die neben ihnen befindliche Küchenthüre. Es war in der That der Steinmann geweſen, den der ſcharfe Blick des Mädchens im Hausgange entdeckte. Mit dem Omnibus, der ihn gebracht, war auch zu gleicher Zeit die Poſt⸗ kaleſche angekommen und hielt vor dem Hauſe. Der Steinmann ſeinerſeits hatte Mutter und Tochter ebenfalls bemerkt, hatte ſeinen Gevatter im Hausgange gelaſſen und wollte gerade in die Stube treten, als er ſah, daß Anna durch die Küchenthüre hinaus eilte. Das arme Maädchen hatte es mit einem ſchlauen und hart⸗ näckigen Feinde zu thun, und kaum betrat ſte die Küche, ſo zeigte ſich auch der Steinmann an der andern Thüre. Das Mädchen ſtand erſtarrt und ſchaute rathlos um ſich; in der Küche war von den Hausleuten Niemand; nur ein einzelner ſehr großer Mann, derſelbe, den die Poſtkaleſche gebracht, ſtand vor dem Herdfeuer und trocknete die Enden ſeines Mantels, die der Regen draußen durchnäßt hatte. Er zog es wahrſcheinlich vor, lieber hier auf einen neuen Wagen und friſche Pferde zu warten, als in der überfüllten Wirthsſtube. Das Miädchen, welches den Steinmann näher treten ſah und welches keine Rettung mehr erblickte und eine Sekunde über⸗ legte, ob ſie in das anſtoßende Zimmer zurückkehren und die Anweſenden zu ihrem Schutze auffordern ſolle, verwarf dieſen Gedanken eben ſo ſchnell wieder, als unausführbar, und wandter ſich dagegen mit der verzweiflungsvollen Hoffnung, mit welcher der Ertrinkende nach einem Strohhalm greift, an den fremden Mann am Herde, ergriff ſeinen Mantel und flehte um Gottes Barmherzigkeit willen ſeinen Schutz an. Der fremde Mann drehte ſich ſchnell zu dem Mädchen herum, das zitternd vor ihm niederſank, und blickte erſtaunt in 61 62 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. das Geſicht Steinmann's, welcher eben ſo erſtaunt ihm gegenüber wie angefeſſelt ſtehen blieb. Der Stadtſoldat erkannte den Jäger Lukas und wußte, daß er es hier mit keinem geringen Gegner zu thun hatte. „Was ſoll das bedeuten?“ fragte der Jäger mit finſterem Blick, indem er den linken Arm in die Seite ſtemmte, wodurch der Griff ſeines Hirſchfängers ſichtbar wurde, während er mit der andern Hand das Mädchen vom Boden in die Höhe zog. „Was ſoll das ſein? Warum verfolgt Ihr dieſes Kind?“ Der Steinmann ſchleuderte einen wüthenden Blick auf den Jäger, da er wohl wußte, daß derſelbe jedenfalls Partei gegen ihn nehmen würde, und entgegnete mit frechem Ton:„Was das ſein ſoll?— Ich möchte mich erkundigen, was es bedeuten ſoll, daß Ihr Euch in meine Angelegenheit miſcht?“ Ein Lächeln der tiefſten Verachtung überflog die Züge des rieſenhaften Mannes, er führte das Mädchen gegen das Herd⸗ feuer, ſtellte ſich zwiſchen ſte und ihren Verfolger und fragte ſo ſanft wie möglich:„ſage du mir, mein Kind, was ſoll das alles bedeuten, warum verfolgt dich dieſer Menſch? ¹ Das Mädchen ſchlug bitterlich weinend die Hände vor's Geſicht und war nicht im Stande, ſogleich eine Antwort zu geben; der Steinmann aber übernahm dieſelbe an ihrer Statt und ſagte höhniſch: „Der Herr Lukas werden mich wahrſcheinlich kennen und werden vielleicht wiſſen, daß ich der Polizei angehöre und in dieſer Eigenſchaft bin ich alſo hier und trage den ſchriftlichen Befehl bei mir, dieſes Mädchen mit ihrer Mutter, zwei Land⸗ ſtreicherinnen der ſchlimmſten Art, zu verhaften.“ Bei dieſen Worten ließ Anna ihre Hände vom Geſict heruntergleiten, ſah den Jäger an und ſagte durch Thränen: „glaubt ihm nicht, Herr, o glaubt ihm nicht! Ich bin keine Die Flucht. 63 Landſtreicherin, aber dieſer da iſt ein ſchlechter Menſch, der mich verderben will.“ „Das hat gewiß ſeine Richtigkeit,“ ſagte der Jäger lächelnd und ſchaute über ſeine Achſel nach dem Stadtſoldaten hin;„ſei aber die Sache, wie ſte will, ſo ſoll ihm der Spaß dieſes Mal verdorben werden, ich nehme dich unter meinen Schutz.“ Jetzt erlaubte ſich der Steinmann, eine laute Lache aufzu⸗ ſchlagen, nahm ſeinen Verhaftsbefehl aus der Taſche, hielt ihn dem Jäger vor die Augen und ſagte:„wir wollen doch einmal ſehen, ob Ihr, ein fremder, unbekannter Menſch, Euch unter⸗ ſtehen wollt, der Polizei in's Amt zu greifen und ſie zu verhin⸗ dern, zwei ſchlimme Perſonen zu verhaften, das wollen wir ein⸗ mal ſehen!“ Der Jäger überlegte gerade, ob jetzt ein günſtiger Moment ſei, um den Steinmann zum Fenſter hinaus zu werfen, als ihm und dem armen Mädchen in der ſtämmigen Wirthin des Hauſes eine unerwartete Hülfe zu Theil wurde, die kräftig gegen den Steinmann auftrat. „Was!“ rief dieſe würdige Dame mit zornrothem Geſicht, welche die letzten Worte gehört hatte, nein verkleideter Poliziſt will in meinem Hauſe Gäſte inſultiren und ſte verhaften?— Nehme Er ſichein Acht, oder ich werde Ihm zeigen laſſen, was mein Hausrecht iſt!“ „Aber liebe Frau,“ entgegnete der Steinmann geſchmeidig, „Sie muß wiſſen, warum es ſich handelt. Will Sie in Ihrem Hauſe vagabundirende Weibsbilder behalten und will Sie die Polizei hindern, ſolche Geſchöpfe, die zum Schaden aller Men⸗ ſchen umherſtreifen, unſchädlich zu machen? O, das wird Sie nicht wollen, wackere Frau Siemlich! In einem Gaſthofe, wie dder Ihrige, ſolche Frauensperſonen?— Denke Sie nur, wie ſich darüber die Frau Ochſenwirthin freuen würde! Nein, Sie 64 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. wird mir helfen und beiſtehen laſſen gegen dieſen Herrn da, der ſich unbefugter Weiſe in meine Geſchäfte miſcht.“ Die Frau ließ bei dieſer Rede ihre Arme langſam vom Leibe heruntergleiten und ſah das Mädchen und den Jäger mit fragen⸗ den Blicken an. Allerdings mochte das ſchöne Geſicht der Erſte⸗ ren, die weißen Hände und die wohlgeordnete dicke blonde Flechte, die unter der groben Haube hervorgekommen war, im Vergleich mit der unſcheinbaren Kleidung verdächtig erſcheinen; doch trat der Jäger feſt auf ſie zu und ſagte mit beſtimmtem Tone: „Ich verſichere Sie, Frau Wirthin, ich kenne jenen Men⸗ ſchen, ich weiß, daß er ein ſchlechter Geſell iſt, und bin feſt überzeugt, daß es ſich hier um eine Spitzbüberei handelt, um eine Schlechtigkeit, die er einem armen, wehrloſen Geſchöpf Ihres Geſchlechts anthun will. Das Mädchen iſt gewiß unſchul⸗ dig und von Ihnen, Frau Wirthin, bin ich überzeugt, daß Sie s überhaupt nicht dulden werden, daß in Ihrem Hauſe ein Spektakel der Art vorfällt, und daß es in dem Orte morgen heißt: die Polizei habe es für nöthig gefunden, aus ihrem Hauſe, aus dem Gaſthofe„zur Poſt“ Leute zu entfernen. Denken Sie, was Ihnen das hier, ſo wie in der Reſidenz, die ich morgen früh erreiche, für ein Renomenée geben würde.“ Der Steinmann warf dem Jäger einen wahrhaft teufliſchen Blick zu, als er ſah, wie die Frau Siemlich abermals ihre Arme in die Seite ſtemmte, und als ſte ſagte: der Herr hat Recht, ich laſſe nun und nimmermehr in meinem Hauſe Jeman⸗ den arretiren; ſte können heute Nacht dableiben, und wenn ſie morgen das Wirthshaus„zur Poſt“ verlaſſen haben, ſo mag mit ihnen geſchehen, was da will, ich habe dann keine Ver⸗ antwortung.“ Der Steinmann, welcher nicht ſo leicht abzuweiſen war, entgegnete:„dann werdet Ihr mich zwinge au Siemlich, daß ich zum Bürgermeiſter gehe und mir Gewalt nehme, * ————,,—,— 2 Die Flucht.. 65 was Ihr mir in Güte verweigert.— Ich will ja durchaus keinen Spektakel machen,“ ſetzte er liſtig hinzu,„wir bringen das Mädchen mit ihrer Mutter auf ein Zimmer droben, und morgen früh fahren wir mit ihr nach der Reſidenz zurück, das kann gar kein Aufſehen erregen.“ „Nein, nein!“ flehte Anna,„laßt es um Gotteswillen nicht geſchehen, gebt mich nicht in die Gewalt dieſes Menſchen!“ „Mit Gewalt?“ ſagte die Wirthin, die nur dieſes Wort gehört zu haben ſchien, und deren Geſicht abermals zornig roth aufflammte,„mit Gewalt in meinem Hauſe? Das wollen wir doch einmal ſehen!— Und mir mit dem Bürgermeiſter drohen, der drinnen ſeinen Schoppen trinkt? Iſt nicht der Chriſtoph und der Johann im Hauſe, ſitzen nicht in der Wirthsſtube draußen ſechs meiner beſten Kunden, ſechs vierſpännige Fuhrleute, die der armen Frau Siemlich nichts geſchehen laſſen? O, wir wollen das einmal ſehen!“— Die Frau ſteigerte ihre Rede zu ſo lautem Ton, daß der Steinmann und ſelbſt der Jäger ſie zu beſchwich⸗ tigen verſuchten. Der Erſtere, der einen ſchnellen Blick in der Küche umher⸗ warf, bemerkte, daß dieſelbe nur zwei Ausgänge hatte, einen nach der Hausflur, wo der Gevatter verſteckt war, und den anderen nach der Wirthsſtube, wo hinein er ſich zurück zu ziehen beſchloß, um mit Madame Müller zu verhandeln, die gewiß nicht ſo hartnäckig war, und abzuwarten, bis ſich die Wirths⸗ ſtube geleert haben würde. Der Jäger aber bat die Frau Siem⸗ lich ſich zu beruhigen, indem er ſchon mit, dem Herrn da fertig werden wolle. Der Polizeiſoldat zog ſich in die Wirthsſtube zurück und begann alsbald ein eifriges Geſpräch mit der Mutter des Mäd⸗ chens; die Wirthin eilte in das Hintergebäude, um ſich für den Nothfall zu überzeugen, ob Johann und Chriſtoph kampffähig 2 ſeien. Anna aber ſank auf einen Stuhl am Herde und berichtete Hacklander, Namenl. Geſchichten. II. 5 66. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. dem Jäger, der ſich neben ſie an den Kaminſtan lehnte, ſo viel es nöthig war, von ihrem früheren Leben und wodurch es ge⸗ kommen ſei, daß der Steinmann ſie verfolge. „Ich habe immer gewußt, daß er ein ſchlechter Kerl iſt, und es wäre am Beſten, wenn man auf Unterſuchung gegen ihn antrüge.“ „Nein, nein!“ entgegnete Anna,„das kann und darf nicht geſchehen. Er würde ſich herauszuziehen wiſſen und meine arme Mutter angeben, und ſtier käme ins Unglück, ins bitterſte, entſetzlichſte Elend! O, glauben Sie mir, mein Herr, ich habe, ſo jung ich bin, ſchon viel, ſehr viel erlebt, ſchon viel, ſehr viel gefehlt, aber ich bin kein ſchlechtes Geſchöpf, gewiß nicht! nur unglücklich, fühle jedoch alle Kraft in mir, wieder gut zu machen, was ich vielleicht verbrochen!”“— Der Jäger blickte in die Gluth des Feuers und verſank in tiefes Nachſtnnen, ihm kamen wieder ſeine Ideen des immer⸗ währenden Traumes, er dachte an ſeine Jugend, an den blauen Regenſchirm, an den tiefen See des Dorfes, und geſtand ſich ſchaudernd, wenn er damals älter geweſen wäre und verſtändiger, ſo wär das nicht vorgefallen, als er damals aus der Stadt im Regen nach Hauſe gieng an ihrer Seite; er hätte vielleicht nicht zu Hauſe ſo lange im Bett gelegen und wäre vielleicht nicht in jenen Schlaf gefallen, in welchem er heute noch fortträumte; aber hier war faſt der gleiche Fall: eine Mutter, die ihr Kind geopfert, aber ein Kind, das ſich ſelbſt emporreißen wollte aus der Tiefe, in die es verſunken. Das hatte ihm freilich Anna alles nicht mitgetheilt, aber wie geſagt: er träumte von dem blauen Regenſchirm, er träumte von jener Mutter und fühlte in dem Innerſten ſeines Herzens, daß hier der gleiche Fall ſei. 3 Das Mädchen hatte lange zugeſchaut, wie ihr Retter ſo tief in Gedanken verſunken daſtand, und wußte nicht, wie genau er unbewußter Weiſe in dem Augenblicke ihre Vergangenheit Die Flucht. 67 ergründet; doch machte der finſtere, traurige Blick, mit dem er jetzt aufſchaute, ſte ängſtlich, und ihr Auge hieng an ſeinen Lippen, um zu erfahren, ob er ihr helfen werde. „Da iſt nichts zu thun,“ ſagte Lukas nach einer langen Pauſe,„als Sie heute noch aus dieſem Hauſe, aus dieſem Orte zu bringen. Nach der Reſidenz zurück wollen Sie nicht und können Sie nicht, ich finde das begreiflich; aber ich will Ihnen Heetwas ſagen: Sie fahren mit dem Wagen, der mich hieher gebracht, zurück nach der Station im nächſten Orte, dort halten Sie ſich auf, bis ich nach einigen Tagen zurückkehre, und dann wollen wir ſehen, was für Sie zu thun iſt.“ Das Mäaͤdchen ergriff die Hand des Jägers und küßte ſie, ehe er dieſes hindern konnte; er hätte das auch wohl geſchehen laſſen, denn er kam ſich vor, wie um viele, viele Jahre älter, als die übrige Welt, und es war ihm, als ſitze jenes andere Mädchen neben ihm am Feuer, ein junges, unglückliches Kind und klammerte ſich feſt an ſeine Hand und flehte ihn an: ziehe mich empor aus dem tiefen Dorfſee, empor an das freundliche Licht der Sonne!“ Der Steinmann hatte unterdeſſen ſeinem Gevatter draußen die größte Aufmerkſamkeit eingeſchärft und ihm befohlen, dem Mädchen zu folgen, wohin ſie ſtch auch begeben würde. So ſaß er denn ſelbſt geſichert bei der Alten in der Wirthsſtube, die eigentlich froh war, daß der Stadtſoldat gekommen war und ſte wieder mit nach der Reſidenz nehmen wollte. Was Anna anbelangt, ſo dachten die Beiden, ſie würde nicht weit laufen, und der Gevatter werde ſie morgen ſchon zurückbringen. Unterdeſſen hatte der Jäger den Poſtillon, der ihn hieher gebracht, in die Küche kommen laſſen, gab ihm ein reichliches Trinkgeld und erſuchte ihn, das Mädchen bis zur Station mit⸗ zunehmen, wozu ſich derſelbe auch bereitwillig erklärte. Er 5*† .* 68 Fünfundzwanzigſtes Kapitel.* 3 ſpannte ſeine Pferde ein, fuhr an der Hausthür vor und der Jäger begleitete Anna bis an den Schlag der Poſtkaleſche, hob ſte hinein und legte etwas Geld neben ſte, damit ſte in den nächſten Tagen nicht in Verlegenheit komme. Obgleich ſich das Zartgefühl des Mädchens anfangs ſträubte, von ihm, dem Fremden, eine Gabe anzunehmen, ſo waren doch die Worte, mit welchen er ſie überreichte, ſo wohlwollend, überhaupt ſein Benehmen gegen ſte ſo ernſt und väterlich, daß ſie das Geld annahm, ihm die Hand drückte und ſich in eine Ecke des Wagens ſchmiegte. Der Poſtillon ſetzte ſich auf den Bock, knallte ge⸗ waltig mit ſeiner Peitſche und fuhr durch die nächtlich ſtille Straße davon. Der Jäger blieb einen Augenblick unter der Hausthür ſtehen und blickte dem fortrollenden Wagen nach; kam es ihm doch vor, es ſpringe dicht an den Häuſern hin neben der Kaleſche her ein Menſch, der dem Wagen zu folgen ſchien. Der Steinmann konnte es nicht ſein, denn der ſaß ruhig in der Wirthsſtube. Ahl dachte Lukas, vielleicht ein armer Teufel, der ſich die Ge⸗ legenheit zu Nutzen macht, um wohlfeil und trocken nach Hauſe zu kommen. Obgleich der Jäger mit ſeiner Reiſe nach der Reſidenz eilig war, und er hier ſchon eine halbe Stunde verloren hatte, ſo konnte er ſich doch nicht von der Straße trennen, ſondern mußte immer und immerfort dem Wagen nachblicken, der jetzt den Ort verlaſſen hatte und auf der geraden anſteigenden Chauſſee dahin⸗ rollte. Er wußte nicht, woher der Antheil kam, den er an dem unbekannten Mädchen nahm, aber es hatte ihn etwas mit Ge⸗ walt zu ihr hingezogen, etwas Unerklärliches, Räthſelhaftes, und dieſes Etwas ſchien ihm zu winken und ihn dem Wagen nachziehen zu wollen, denn er machte mehreremal einige Schritte nach dem Ausgange des Dorfes, und er mußte ſich mit Gewalt zur Umkehr zwingen. Jetzt eilte er an ſeinen Wagen, um ſich Die Flucht. 69 hinein zu werfen und ſeinen Weg fortzuſetzen; jetzt zog er den Fuß wieder von dem Tritte zurück und war im Begriff, umkehren zu laſſen und dem andern Wagen nachzufahren. Der Regen hatte aufgehört und die zerriſſenen Wolken jagten in phantaſtiſchen Geſtalten an dem Monde vorbei, der zuweilen hindurchſcheinend einen Lichtſtrahl auf die Erde fallen ließ; bald hier und bald da durch die zerriſſenen Wolken fielen dieſe Lichter auf die Erde, bald zogen ſie ſich zu kleinen Punkten zuſammen, bald breiteten ſie ſich für einen Augenblick bis zum Horizonte aus— wie jetzt— und da erblickte der Jäger den Wagen auf der Höhe des Weges, wie er nun eilfertig abwärts fahrend verſchwand. Dann war wieder Alles ringsum dunkle Nacht.——— Endlich riß ſich Lukas mit Gewalt von ſeinen Träumereien los, ſtieg in ſeinen Wagen, verſprach doppeltes Trinkgeld für gutes Fahren und fuhr im Galopp davon auf der Straße nach der Reſidenz. Nach einer kleinen Stunde, die er nachdenkend verbracht, beruhigte ſich ſein Gemüth und er konnte lächeln über den An⸗ theil, den er an dem unbekannten Mädchen genommen; dann aber kam es wieder über ihn wie eine gewaltige Sehnſucht, er blickte rückwärts zum Wagen hinaus und meinte oftmals, am Ende des Weges eine andere Kaleſche der ſeinigen folgen zu ſehen. Zuweilen verſank er auch in einen leichten Halbſchlummer, war aber jedesmal froh, wenn ihn das Rütteln des Wagens wieder erweckte, denn er dachte einen und denſelben fürchterlichen Gedanken immer und immer wieder. Er ſtand an dem Dorfſee und blickte hinab und ſuchte auf dem Grunde deſſelben einen Gegenſtand zu erkennen, den er für den Körper eines Mädchens hielt; doch war es ihm nicht möglich, zur Gewißheit zu gelan⸗ gen, ob dem wirklich ſo ſei. Er lief um den See herum und blickte von der andern Seite wieder hinein— derſelbe Gegen⸗ 70 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. ſtand auf dem Spiegel des Waſſers; dieſes war ſo durchſichtig und klar, und jetzt, wo es kühlend ſein Geſicht berührte, konnte er deutlich den Grund des See's erblicken. Da ſah er auch das Maͤdchen, aber nicht abſchreckend, wie eine Todte, nein! ſte ſaß da unten auf glänzendem Kieſel und flocht ſich einen Kranz. Tiefer und tiefer beugte er ſich hinab und glitt endlich von dem Ufer in den See. Da ſank er langſam unter, und obgleich er anfänglich heftig erſchrack, ſo lachte er gleich darauf und ſagte: „ich träume ja nur, und werde erwachen, ſo wie mein Fuß den Grund des See's erreicht— und ſo war es auch——— heute Nacht! So wie er mit dem Fuß auf dem Boden des Waſſers aufſtieß, ſo erwachte er und fuhr in die Höhe. Draußen war es noch immer finſtere Nacht, am Himmel jagten ſich die dunklen Wolken, und auf dem Bocke arbeitete der Poſtillon mit Zügel und Peitſche, um die ermüdeten Pferde raſcher vorwärts zu treiben. Schon dämmerke der Morgen, als der Jäger die Reſtdenz vor ſich liegen ſah und, nach einem kurzen Aufenthalt am Thore, durch die todten, ſtillen Straßen der ſchlafenden Stadt raſſelte. Noch eine Viertelſtunde, und er hielt an dem Gitter, welches das Haus ſeines Herrn umgab, der Hofhund bellte zuerſt zornig, dann heulte er vor Freuden und wedelte mit dem Schweife, als der Jäger abſtieg und die Glocke an dem Thore zog. Bald öff⸗ nete der alte Diener und Lukas ſtieg die Treppen hinauf in das Schlafzimmer des Herrn Dubel, der vor Erſtaunen faſt aus. ſeinem Bette gefallen wäre. Der Jäger legte Mantel und Hirſch⸗ fänger ab, ſchüttelte fröſtelnd die Erinnerung an die vergangene Nacht von ſich, reichte dem Erſchneider freundlich die Hand und erzählte, nachdem der alte Diener einen wärmenden Kaffee ge⸗ bracht, von dem der Herr Dubel in ſeinem Bette ebenfalls genoß, daß er die beſten Nachrichten bringe und freudige Botſchaft habe für alle, welche ſich für ſeinen Herrn lebhaft intereſſtrten.„Wir ngiengen dann durch die Schweiz nach Frankreich, nach Paris, Die Flucht. 4 71 haben ſie gefunden, unſere zukünftige Gebieterin, und wie ich feſt glaube, ſind Beide vollkommen einig.“ „Und auch vereinigt?“ fragte Herr Dubel; vſchon ver⸗ heirathet? darf ich gratuliren?“ „Das noch nicht,“ entgegnete der Jäger;„gefunden, wie geſagt, wäre das Fräulein, glücklich hat ſie die Ankunft des Herrn auch gemacht, und einverſtanden iſt ſie auch damit, jede Stunde ſeine Gemahlin zu werden, aber...“ „Aber?“ ſagte der Herr Dubel kleinlaut;„ſchon wieder ein Aber?“ „Als eine dankbare und gehorſame Dame hat ſie verlangt, der Baron ſolle nochmals alle Schritte thun, die Einwilligung der Hofdame, der Frau von C., reſpektive die der alten Frau — Herzogin zu erlangen, und ſobald die erfolgt iſt, wird die Hoch⸗ zeit mit allem Glanze vor ſich gehen.“ „O weh!“ ſagte der Schneider;„und wenn die Einwilli⸗ gung nicht erfolgt?“ „Hoffentlich werden ſte dieſes Mal geſcheidter ſein, die alten Weiber, und wenn dem nicht iſt, ſo wird, wie ich denke, doch geheirathet; der Baron will dieſen Verſuch nur machen, um Alles gethan zu haben und ſeine Braut zu beruhigen. Daß er ſelbſt nicht hieher kommen konnte, wird Jedermann begreiflich finden; er hat mich darum zum Kourier gewählt, und ich habe Briefſchaften für den Grafen Alfons, der mit der Frau von C. unterhandeln ſoll, und ich bleibe nur ſo lange hier, bis ich Ja oder Nein, Schwarz auf Weiß habe.“ Herr Dubel rieb ſich in ſeinem Bette vergnügt die Hände und ließ ſich alsdann Einiges erzählen von den Reiſen, den Kreuz⸗ und Querzügen, die der Baron unterdeſſen gemacht. „Wir waren in München und Wien,“ ſagte der Jäger, 72 fünfundzwanzigſtes Kapitel. und alles das wurde im Fluge abgemacht, die Nächte, welche wir nicht durchfuhren, verbrachte der Baron in Soireen und auf Bällen; es ſtanden ihm ja bei ſeinen großen Bekanntſchaften alle Häuſer offen, und ſo forſchte er nach und erkundigte ſich überall nach dem Fräulein, und wo er das bei ſeinen oder ihren Bekannten that, da wunderte man ſich ſehr über ſeine Fragen und meinte, er komme ja aus unſerer Reſidenz; man wußte nichts von der Reiſe der jungen Dame, noch viel weniger von ihrem Aufent⸗ haltsorte, und ſo zogen wir immer weiter und weiter. Auch Paris, wo ſich ein Zweig ihrer Familie befindet, verließen wir, ohne eine Spur entdeckt zu haben, und kamen ſo nach Brüſſel.“ „Ah ha!“ ſagte Dubel,„nach Brüſſel, wo in der Nähe auf einem Schloſſe ein alter Onkel des Fräuleins wohnt, der mit der ganzen Familie in Feindſchaft lebt; nun, habt Ihr ihn beſucht? der wird ſchöne Augen gemacht haben?“ 6* „Allerdings machte er ſchöne Augen,“ lächelte der Jäger, „der Baron, der die Feindſchaft des alten Herrn mit ſeiner ganzen Familie wohl kannte, hatte natürlich zu allerletzt daran gedacht, ihn aufzuſuchen. O, wären wir nur zuerſt dahin ge⸗ gangen, denn... was meint Ihr wohl, Dubel?“ „Ich will nicht hoffen!“ meinte der Erſchneider und rich⸗ tete ſich in ſeinem Bette empor. „Verſteht ſich!“ ſagte lachend Lukas,„dort haben wir ſie gefunden; der Teufel mag wiſſen, womit ſte den alten Kamera⸗ den von hier beſänftigt haben; genug, das Fräulein befand ſich auf ſeinem Schloſſe, er liebt ſie, wie eine Tochter, was auch nicht anders möglich iſt, und da man uns ebenfalls von hier aus wahrſcheinlich als furchtbare Kerls geſchildert hat, ſo fehlte nicht viel, daß der Alte, als der Baron ſich melden ließ, Sturm läuten und die Bauern ſeiner Dorfſchaften herbeirufen ließ, damit ſte uns wie einen böſen Feind wegjagen ſollten. Aber es brauchte Die Flucht. 73 keine großen Explikationen, in einer Stunde Zeit war Alles auf⸗ geklärt, und der Baron hatte, wie es auch nicht anders möglich iſt, bei dem alten Herrn den größten Stein im Brette. Alles wurde in Ordnung gebracht; der Onkel gab ſeine Einwilligung, und jetzt bin ich, wie geſagt, hier, und der Baron macht ſchrift⸗ lich einen vielleicht fruchtloſen Verſuch, ſich mit Frau von C. zu verſöhnen.“ Nach dieſer Erzählung ſtand der Jaͤger von ſeinem Stuhle auf, gieng ans Fenſter, blickte auf die bekannten Umgebungen und erkundigte ſich, ob Dubel gut Haus gehalten und ob im Innern des Gebäudes Alles in Ordnung ſei. Der Erſchneider, der ſich indeſſen von ſeinem Lager er⸗ hoben hatte und im Begriffe war, ſich anzukleiden, verſicherte, ger habe ſein Möglichſtes gethan, und ſprach die Hoffnung aus, man werde mit ihm vollkommen zufrieden ſein. Aber, was Teufel!“ ſagte der Jäger, nachdem er ſich im Zimmer umgeſehen,„was habt Ihr Euch für eine Stange da an die Wand befeſtigen laſſen? Iſt das zum Kleidertrocknen oder zum Wäſchaufhängen? So ein Möbel habe ich in meinem Leben nicht geſehen.“ „Richtig, richtig!“ ſagte Herr Dubel einigermaßen in Verlegenheit und ſprang mit einem Entrechats von ſeinem Bette herunter;„das hatte ich wahrhaftig beinahe vergeſſen; ja, ja, es hat ſtch bei mir Manches verändert, ich habe die Flickſchnei⸗ derei an den Nagel gehängt; wie Sie mich hier vor ſich ſehen, verehrter Herr Lukas, ſo ſehen Sie in mir nichts Geringeres, als einen angehenden Tänzer der königlichen Hofbühne.“ „Sie ſpaßen!“ lachte der Jäger. „Ohne Spaß!“ entgegnete feierlich der Herr Dubel,„ich habe die erſſſſ⸗te Stufe auf der Leiter des Ruhmes erſſſſ⸗tiegen. Sie wiſſen ſelbſſſſ⸗t, ich fühlte es immer, daß in mir etwas 3 5 74 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. ſchlummere, ein unnennbares Etwas, welches zur That er⸗ weckt vielleicht im SSSS⸗tande ſein würde, dereinſſſſ⸗t die Welt in ein gewiſſes SSSS⸗taunen zu verſetzen. Man hat Talente in mir entdeckt, und obgleich nur eine Eleve der edlen Tanzkunſſſſ⸗t, glaubt doch Signor Benetti, der königliche Balletmeiſſſſ⸗ter, daß er im SSSS⸗tande ſein würde, mich baldigſſſſ⸗t vor einem hohen Adel und verehrungswürdigen Pu⸗ blikum zu produciren. Doch habe ich mir ſeit jenem Tage den Namen Dubelli beigelegt.“. 3 Der Tänzer ſagte das in einer ſehr gewählten Stellung verharrend, mit außerordentlich wichtiger Miene, und der Jäger lachte dazu, ſo gut er überhaupt lachen konnte. „Alſo ein Künſtler, Herr Dubelli? Nun, ich gratulire; aber warum haben Sie das nicht geſchrieben? Der Baron würde ſich außerordentlich darüber gefreut haben.“* 4 „Glauben Sie das wirklich?“ ſagte forſchend Herr Du „glauben Sie wirklich, daß mein hoher Gönner einigen an mir nimmt und es wirklich nicht ungern ſieht, daß dem ehrenvollen Amte eines Hüters ſeines H mich dem Theater zugewendet habe?“ „Im Gegentheil!“ ſagte Lukas,„es wird ihn gewiß freuen, er liebt die Kunſt und beſchützt, ſo viel er kann, jeden Künſtler.“— Herr Dubelli verbeugte ſich geſchmeichelt und entgegnete: „für jetzt noch nicht Künſſſſ⸗tler, nur erſſſſ⸗t Tänzer, aber ich will Alles anwenden, um dem Protektorate meines Gönners Ehre zu machen.“ „Nun warten Sie,“ entgegnete der Jäger,„der Baron wird Ihnen Ihr kleines Gehalt, auch wenn Sie dieſes Haus verlaſſen müßten, gern laſſen, ſo ſagte er und trug mir auf, irgend etwas für Ihr Unterkommen zu thun, und da ich nun gleich zum Gra⸗ fen Alfons hingehe, der ein guter Freund des Intendanten iſt, ſo will ich denſelben im Namen des Barons um ein Wort für . Die Flucht. 75 Sie bei Ihrem neuen Chef bitten, was Ihnen gute Früchte tra⸗ gen ſolle.“ Herr Dubelli war voll Dankbarkeit, und glaubte es dem Jäger ſchuldig zu ſein, ihm einen Begriff geben zu müſſen, wie weit er es bis jetzt in der hohen Tanzkunſt gebracht. Dieſes Erercitium in dem mangelhaften Morgenanzuge des Tänzers ſah allerdings einiger Maßen komiſch aus, und als es beendigt war, verſicherte der Jäger lachend, es ſcheine allerdings ein großes Talent in ihm zu ſchlummern. Unterdeſſen war es nicht mehr zu früh für den Jäger, ſeine Briefſchaften abzugeben, und nachdem er ſeinen Anzug geordnet, ſchritt er durch die Zimmer ſeines Herrn.— Wie war hier Alles ſo öde und traurig! Die ſchweren Vorhänge waren zugezogen, die Fauteuils ſtanden leer vor dem Kamin, die Uhren giengen nicht, dort in dem Schlafzimmer ſtanden Spazierſtöcke und Fahrpeitſchen ſo theilnahmlos und ruhig, als wären ſie nie ge⸗ braucht worden. Selbſt die bekannten ſchönen und freundlichen Bilder blickten dunkel aus ihren Rahmen, und nur ein einziges gefiel dem Jäger heute abſonderlich und feſſelte ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit. Früher war ihm das Bild nie aufgefallen, und er hatte es doch ſo oft geſehen!— Es ſtellte einen Bergſee vor, der mit hohem Gebüſch umgeben war, welches ſich auf allen Seiten dunkelgrün in dem Waſſer wiederſpiegelte; nur in der Mitte, wo der Himmel auf das Waſſer ſah, glänzte es klar und blau. Es lag eine tiefe, feierliche Stille auf der ganzen Landſchaft und hoch in den Lüften kreiste ein Raubvogel.—— Dieſer See war der See ſeines Traumes aus vergangener Nacht, und er trat nachdenkend ans Fenſter, hob den Vorhang in die Höhe und ſchaute nach der Richtung hin, wo er geſtern hergekommen war. Wieder glaubte er den Wagen zu erblicken, der langſam davon rollte, bis er hinter dem Berge verſchwand, und dann war Alles aus!———— 76 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Als ſich Lukas überzeugt, daß der nunmehrige Herr Dubelli das Haus zur Zufriedenheit in Ordnung gehalten, gieng er zum Grafen Alfons, um ſeine Briefe abzugeben. Dieſer empfieng den treuen Diener ſeines Freundes mit großem Vergnügen, meinte aber, es werde immer einige Tage koſten, bis von der Frau von C. eine Antwort zu erhalten ſei— an eine günſtige glaube er, aufrichtig geſagt, nicht. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Das Ende des Traumes. Alnterdeſſen war die Poſtkaleſche, welcher der Jäger Lukas mit ſo unerklärlicher Sehnſucht nachgeſchaut, ebenfalls in der dunklen Nacht dahingerollt und hatte früher ihren Beſtimmungs⸗ ort erreicht, als jener die vunh Das Mädchen ſaß mit gefalteten Händen in der Ecke des Wagens in tiefes Nachdenken verſunken und gab dem gutmüthi⸗ gen Poſtillon nur ſpärliche Antworten auf ſeine mannigfaltigen Fragen.— Hinten auf dem Wagen ſaß aber dieſelbe Geſtalt, die in Metthauſen bei den Häuſern vorbeigeſchlichen und die Niemand anders war, als der Gevatter des Steinmann. Vergnügt hockte er auf dem Trittbrett der Kutſche und ſchlenkerte zuweilen mit den Füßen und dachte an die Ueberraſchung des Mädchens, wenn er ſich ihr morgen früh vorſtellen würde. Er hatte be⸗ ſchloſſen, vorſtchtiger und, wie er glaubte, pfiffiger aufzutreten, als der Steinmann. Er wollte das Mäadchen ruhig zu Bette 78 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. gehen laſſen, den Morgen abwarten und dann den Verhafts⸗ befehl präſentiren. Endlich erblickte man in der Ferne an der Straße dunkle Gegenſtände, Häuſer, einen Kirchthurm; der Poſtillon knallte entſetzlich mit ſeiner Peitſche oder ſtieß, abwechſelnd mit dieſem Signal, welches dem ſchlafenden Schatz ſeine glückliche Rück⸗ kehr anzeigen ſollte, luſtig in ſein Poſthorn. Jetzt rollte der Wagen durch die einzige Straße des kleinen Dorfes, kam jetzt vor das Poſthaus und hielt an. Der Poſtillon befahl dem herbeigeeilten Hausknecht, ein Zimmer für die Mamſell zurecht. zu machen, hob alsdann das Mädchen aus dem Wagen und begleitete ſte ins Haus. Es wurde ihr eine Stube angewieſen, ſte ſchloß in derſelben die Thüre hinter ſich zu, und ehe ſte zu Bette gieng, dankte ſte Gott mit innigem Gebet für die Rettung, welche er ihr zu Theil werden laſſen. 2 Der Gevatter aber, indem er wußte, daß ſeine Beute in Sicherheit war, kam eine Viertelſtunde ſpäter als müder Fuß⸗ gänger und quartierte ſich in demſelben Hauſe ein. Am anderen Morgen war er ſchon bei des wieder auf den Beinen, und ſein erſter Gang war zum hultheißen des Orts, wo er 1* ſich als geheimer Polizeiagent auswies und den Fall, ſo wie er 4 bis jetzt vorlag, erzählte. 4— „Der Schultheiß, ein wohlgenährter, freundlicher Bauer, mit weißem Haar, ſaß eben an ſeiner Morgenſuppe und ſchien gerade nicht viel Behagen daran zu finden, zu ſo früher Mor⸗ genſtunde ins Wirthshaus zu gehen, um eine Verhaftung vor⸗ zunehmen. Der Gevatter trug nämlich auf eine ſolche an, nach⸗ dem er vorher noch einen Verſuch gemacht haben werde, Anna zur freiwilligen Rückkehr nach der Reſidenz zu bewegen, doch 4 wußte er zum Voraus, daß dieſer Verſuch fehlſchlagen würde.. Man kann ſich das Entſetzen des armen Maͤdchens leicht vor⸗ ſtellen, als der Gevatter ſich in ihr Zimmer führen ließ, und ſie 1 — * — Das Ende des Traumes. 79 davon in Kenntniß ſetzte, daß er ihr gefolgt ſei und ſie mit ihm freiwillig oder gezwungen nach der Reſidenz zurückkehren müſſe. Wenn Anna den Steinmann haßte, ſo verachtete ſte dagegen ſeinen Gehülfen aus tiefſter Seele, und nachdem der erſte Moment ihres Schreckens vorbei war, trat ſte dem Gevatter mit jener Hoheit in Wort und Blick entgegen, die ihm ſo bekannt war und die einen ſolch' gränzenloſen Stolz, eine ſolche Entſchloſſen⸗ heit ausſprach, daß ſich der Gevatter achſelzuckend nach der Thür zurück zog. —„Was wollt Ihr von mir?“ ſagte das Mädchen und faßte die Lehne eines Seſſels, aber durchaus nicht mit dem Ausdruck, als wenn ſie ſich darauf ſtützen wollte.„Wie könnt Ihr, der Schlechteſte unter den Schlechten, es wagen, in mein Zimmer zu dringen, Euch vor meine Augen zu ſtellen?“ Der Gevatter zuckte abermals mit den Achſeln und ſagte: „warum ſich ereifern, Mamſell Anna? Meinetwegen hätten Sie hingehen können, wohin es Ihnen beliebt, aber ich bin hier im Auftrag der Polizei und habe einen Verhaftsbefehl gegen Sie in der Taſche, von dem ich vollen Gebrauch machen werde, wenn Sie mich dazu zwingen.“ Das Mädchen athmete ſchwer auf und hielt mit ihrem Blicke das Auge des Gevatters feſt, als wolle ſie erſpähen, ob es wahr ſei, was jener Menſch ſage; doch blieb ſich das Geſicht des Gauners, der dieſen fragenden Blick verſtand, bis auf den Sehwinkel im Auge, der bald ſpitz, bald ſtumpf wurde, voll⸗ kommen gleich. Er zog das Papier aus der Taſche und fragte: ob ſie ihm in Güte folgen wolle oder nicht. Das Mädchen machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand und trat ans Fenſter, worauf der Gevatter den Schult⸗ heißen, der draußen gewartet, in das Zimmer rief und ihn zur Unterſtützung aufforderte, damit er den Befehl, den man ihm ertheilt, ausführen könne. 8* 4 80 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Der alte Bauer trat auf das Mädchen zu und erklärte ihr mit ruhiger Stimme, um was es ſich handle, daß er in ſeinem Amte gezwungen ſei, jenen Mann in ſeiner Pflicht zu unter⸗ ſtützen, daß ihm oft ſchon ähnliche Fälle unangenehme Stunden bereitet, und daß es am beſten wäre, wenn ſie in Frieden nach der Reſidenz zurückkehrte. „Und was geſchieht mit mir,“ fragte Anna,„wenn ich mich nun weigere, mit jenem Menſchen dieſen Ort zu verlaſſen, wenn ich mich alles Ernſtes weigere? wenn ich keinen Schritt zurückgehe, wenn ich mich nicht einmal mit Gewalt in einen Wagen bringen laſſe? Und das werde ich alles thun! Denn Sie können mir glauben, Herr Schultheiß, daß ich eher das Fürchterlichſte begehe, als mit jenem Menſchen nach der Reſidenz zurück kehre.“. Der Beamte des Dorfes blickte fragend auf den Gevatter, welcher eine Geberde machte, die anzeigen ſollte: er ſei an der⸗ gleichen überſpannte Geſchichten von Seiten des Mädchens ſchon gewöhnt. „Antworten Sie mir, Herr Schultheiß,“ fuhr das Mäd⸗ chen fort,„was kann alſo mit mir geſchehen, wenn ich mich weigere, mit jenem Menſchen zurück zu kehren?“ „So können wir nichts thun,“ entgegnete der alte Bauer, „wahrhaftig, wir können Angeſichts jenes Befehles nichts thun⸗ als Sie alsdann in ſicheren Gewahrſam bringen.”. 7 4 8 „Sie meinen ins Gefängniß?“ ſagte das Mäd en mit feſter Stimme;„und dann?“ 3 In „Wird der Fall nach der Reſidenz zurück berichtet, und* wenn man von dort verlangt, daß Sie eingebracht werden, ſo iſt alsdann nichts Anderes zu machen, als Sie mit einem Gens⸗ d'armen zu transportiren.“ „Mit einem Gensd'armen?“ rief das Mädchen aus,„wie eine Verbrecherin?“ und dabei ſchlug ſie die Hände vor das Ge⸗ Das Ende des Traumes. 81 ſicht. Doch dauerte dieſe Erſchütterung nur einen Augenblick, dann ſagte ſte ruhig, aber entſchloſſen zu dem Beamten:„dieſem Menſchen da folge ich unter keiner Bedingung; thun Sie aber, was Ihre Pflicht iſt; werfen Sie mich in's Gefängniß, berichten Sie nach der Reſidenz, man ſoll mich mit Gensd'armen trans⸗ portiren, lieber mit ehrlichen Gensd'armen, als mit einem ſchlech⸗ ten Polizeiſpion!“— Abermals zuckte ihre Oberlippe in die Höhe und ließ eine ganze Reihe blendend weißer Zähne ſehen. Umſonſt verſuchte es der Schultheiß, das Mädchen auf andere Gedanken zu bringen, ſie beharrte feſt auf ihrem Ent⸗ ſchluß, worauf beide Männer das Zimmer verließen. Anna⸗ ſank auf einen Stuhl am Fenſter nieder, drückte ihr glühendes Geſicht an die kalten Scheiben, und aus der Tiefe ihres zer⸗ riſſenen Herzens drangen die Worte heraus:„Karl! Karl! mein Karl! Entſetzlich, wenn du es erfahren ſollteſt!“ Der Gevatter hatte eine längere Unterredung mit dem Schultheißen, welcher ſich zu Gewaltmaßregeln gegen das Mäd⸗ chen nicht verſtehen wollte, ſich überhaupt mit Wohlwollen für dieſelbe zu intereſſtren ſchien, und hiezu trug des Poſtillons Zeugniß das Seinige bei. Er erzählte von dem fremden Herrn, G gefahren, von dem guten Trinkgeld, das er be⸗ kommen, zugleich mit dem Befehl, das Mädchen ſorgfältig ingen, und meinte, der Kerl aus der Reſtdenz, der ſie verfol he, ſcheine ihm viel eher in das Dorfgefüngniß zu paſſen, als das ſchöne Mädchen. So mußte denn der Gevatter wieder unverrichteter Sache abziehen und eilte zurück nach Metthauſen, wo er den Stein⸗ mann noch zu finden hoffte, und neue Verhaltungsbefehle von ihm. Doch war der Stadtſoldat im Vertrauen auf die Ge⸗ wandtheit ſeines Gehülfen ſchon nach der Reſidenz zurückgekehrt, 8 und dorthin folgte ihm der Gevatter mit dem Omnibus und 3 einem ſchweren Herzen. Hackländer, Namenl. Geſchichten. II. 82 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Der Schultheiß aber nahm das Mädchen mit ſich in ſeine eigene Wohnung und ſchloß ſie in eine Stube ein, die im Erd⸗ geſchoße lag und gegen den Garten hinaus gieng. Er ſuchte das Mädchen zu tröſten und aufzuheitern ſo gut wie möglich. „Ich hoffe nicht,“ ſagte er,„daß ich von der Reſidenz den Befehl bekomme, Sie dorthin transportiren zu laſſen; das wäre dann allerdings ſehr ſchlimm, und ich könnte nichts thun, als Sie bedauern.“ „Und bis wann könnte dieſer Befehl eintreffen?“ fragte Anna ängſtlich, worauf der Schultheiß erwiderte: „Wenn es ihnen da drinnen preſſirt, ſchon in dieſer Nacht.“ „Das wäre entſetzlich!“ ſagte das Mädchen, worauf der alte Bauer pfiffig lächelnd erwiderte: „Ich hoffe nicht, daß Sie mir einen Fluchtverſuch machen werden, da ich Sie hier in meiner eigenen Wohnung bewahren muß. Das Ortsgefängniß wird reparirt, und ich habe heute nur dieſe einzige Stube zur Verfügung, welche allerdings nicht dazu eingerichtet iſt, Gefangene aufzubewahren. Das Fenſter nach dem Garten iſt kaum zwei Schuh vom Boden, die Gar⸗ tenthür ſteht des Nachts gewöhnlich offen und ge einen Weg, der von der Chauſſee ab ins Gebirge ear efäe B. führt. Von dieſem Fenſter aus können Sie d Berge ſehen, dort hinter dem großen Tannenwalde liegt das Städchen, es iſt kaum drei Stunden von hier entfernt. Der Schultheiß in demſelben iſt mein Bruder, und ich heiße Gottlieb Baumberg der Aeltere.“— Dabei lachte der alte Mann laut auf, als er das Zimmer verließ und die Thüre hinter ſich zuſchloß. Anna ſetzte ſich an's Fenſter, ihre Blicke ſchweiften nach den Bergen, die in ſchönen Formen ſo freundlich vor ihr lagen. Sie hatte den alten Mann wohl verſtanden, es gebrach ihr nicht an Muth, der gelinden Haft zu entfliehen und allein in die — ——- Das Ende des Traumes. 83 Welt hinaus zu gehen; doch dachte ſte lebhaft an den finſteren und doch ſo guten Mann, der ſie geſtern Abend errettet, und daß er ihr verſprochen, er käme in einigen Tagen hier durch und wolle dann ſehen, was weiter zu machen ſei.„Aber erſt in einigen Tagen!“ ſagte ſie zu ſich ſelber,„und morgen ſchon kann der Steinmann vielleicht ſelbſt wieder hier ſein!“ Sie legte die Hände in den Schooß, ihr Kopf ſank auf die Bruſt, und ſie rief aus der Erinnerung all' die ſchlimmen und guten Tage, die ſte erlebt, all' die ſchrecklichen und all' die lieben Ge⸗ ſtalten, die ihr begegnet, vor ihr inneres Auge. Mit heißer Liebe und klopfendem Herzen gedachte ſie des kleinen Hauſes, deſſen Fenſter gerade ſo in den Garten hinaus giengen, wie jetzt die ihres Gefängniſſes. Sie dachte des Mannes, den ſie unausſprechlich liebte, in deſſen Andenken ſte ſo erhaben und edel daſtand. Sie hatte ihn betrogen, aber dieſer Betrug war das Einzige, was ſie glücklich machte, ſo wie er und ihre Liebe die einzigen Sonnenblicke waren, die hellſtrahlend auf ihr trü⸗ bes, düſteres Leben fielen.—— Beſtändig aber tauchte zwiſchen dieſen Gedanken das Bild des Mannes auf, den ſie geſtern Abend kennen gelernt, und ſie konnte den Blick nicht vergeſſen, mit dem er tief nachſinnend in das Heerdfeuer ſah. Die Ereigniſſe des geſtrigen Abends, die finſteren Straßen, die ſte durchwandelt, der ſtrömende Regen, der ſie durchnäßt, die Wirthsſtube mit dem Abſchied von ihrer Mutter, die Erſchei⸗ nung Steinmann's— alle dieſe finſteren Erinnerungen lagen ihr fern, als ſie jetzt hinaus in die lachende Gegend blickte, fern, wie etwa ein Traum, den ſie vor langen, langen Jahren gethan. Nur ſein Bild, getragen von ſüßen Klängen, erfüllte ihr gan⸗ zes Herz. Ja, ſte wollte fliehen, wollte in das Gebirge hinauf, und ſchon jetzt träumte ſie lebhaft, wie es ihr zu Muth ſein würde, wenn ſie droben ſtände unter den Tannen und hinaus⸗ ſchaute in die Freiheit, die vor ihr lag.— Aber wenn ſie ſo 6* 84 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. nachſann und ſich fern am Horizont einen Punkt dachte, eine freundliche Stadt, ein ſtilles Haus, wo ſie vielleicht einſtens mit ihm glücklich ſein könnte, dann ſtieg die Vergangenheit geſpen⸗ ſtig neben ihr auf und ſte hörte die Stimme ihrer Mutter, die ihr wie geſtern Abend ſagte: nkannſt du dich beſſer machen, kannſt du mit aller Arbeit, mit aller Buße anders werden— ungeſchehen machen, was einmal geſchehen iſt?“——— Flehend wandte das Mädchen ihr Geſicht gegen den Him⸗ mel empor und murmelte leiſe:„ſoll es denn keine Barmherzig⸗ keit geben da oben? wird mir nicht ein Schutzengel ſeine rettende Hand reichen, mich vor jedem Rückfall bewahren und empor halten? wird mir Gott nicht helfen, Gott, der in mein Herz ſieht und meine tiefe Reue kennt und meinen innigen Wunſch weiß, durch Buße, Mühſeligkeit, Plage und Arbeit aller Art geläutert zu werden, um einſtens ihm wieder begegnen zu köͤn⸗ nen mit reinem Herzen, mit reiner Hand?“——— „Wenn es aber keine ſolche Barmherzigkeit gibt, wenn ich nicht ungeſchehen machen kann, was geſchehen iſt? und ich fürchte, ich fürchte, meine Mutter hat Recht! O, dann wäre es beſſer, ich ſuchte mir einen ſtillen, tiefen See, um allem Leid auf ein⸗ mal ein Ende zu machen—————— Nachdem der Jäger den Grafen Alfons verlaſſen, ſowie einige kleine Aufträge beſorgt hatte, kehrte er träumend nach dem Hauſe ſeines Herrn zurück. Er konnte das Mädchen und die vergangene Nacht nicht vergeſſen, und ehe er genau wußte, wie er dahin gekommen war, ſtand er wieder vor dem kleinen, finſteren Bilde mit dem ſtillen Bergſee und verſank in tiefes Nach⸗ denken. Er wußte nicht, woher es kam, aber jener Abend, wo er in einen feſten Schlaf fiel, aus dem er nicht mehr erwacht, ſtand ſo lebendig vor ihm, als ſei das alles erſt geſtern vorge⸗ * Das Ende des Traumes. 85 fallen. Der ſtrömende Regen, das fremde, ſchuldbeladene Mäd⸗ chen— er legte die brennende Stirne in die Hand, und ſo viel er ſich auch bemühte, jene beiden Geſtalten aus einander zu bringen, ſo ſchwammen ſie doch immer in Eine zuſammen, und vor ſich hatte er den tiefen, ſtillen See. Endlich riß er ſich mit Gewalt von dem Bilde los und faßte den Entſchluß, augenblicklich wieder hinaus zu fahren, das arme Mädchen aufzuſuchen und ſie vor ihren Verfolgern in Sicherheit zu bringen. Er machte ſich Vorwürfe, geſtern Abend nicht gleich beſſer für ſie geſorgt zu haben, und er fühlte es deutlich, daß er ſie der Gefahr nicht entriſſen. Hatte er nicht ein paar Tage Zeit, die er hier müßig zubringen mußte? war nicht auf alle Fälle der Dubel da, dem man die nöthigen Inſtruktionen geben konnte? 4 Geſagt— gethan! Lukas wies den Dubel an, wenn er in zwei Tagen nicht zurückgekehrt ſei und nur für dieſen Fall, der aber beinahe unmöglich war, bei dem Grafen Alfons die Antworten zu holen; er bekam eine Summe Geldes, ſo wie die Adreſſe des Barons und wurde beauftragt, ihm, wenn Lukas in vier Tagen nicht zurück ſei, die Schreiben ſelbſt zu überbrin⸗ gen. Dubel, der die verſchloſſene Weiſe des Jägers und Ver⸗ trauten ſeines Gönners kannte, erlaubte ſich keine Fragen. Lukas ließ eine leichte Reiſekaleſche aus der Remiſe hervorziehen und Poſtpferde kommen, und als er bei ſinkender Nacht zum Thore hinaus rollte, athmete er tief auf und wunderte ſich ſelbſt über die Inſtruktionen, die er dem Tänzer gegeben. Was ihn eigentlich ſo ſchnell vorwärts zog, dem unbe⸗ kannten Mädchen nach, das wußte er nicht; aber daß ihn etwas beunruhigte und gewaltſam hinaus trieb, konnte er ſich nicht verhehlen. Oft erwachte er wie aus tiefem Traume und konnte dann verwundert um ſich ſchauen und nicht begreifen, was er 4 86 3 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. hier im Wagen auf dem Wege nach Metthauſen thue; oft wieder überfiel ihn eine unerklärliche Unruhe und es war ihm, als ſolle er den Wagen ſtehen laſſen und querfeldein rennen, den Bergen zu, die im ſchwimmenden Lichte des Mondes langgeſtreckt neben ſeinem Wege lagen. Dann aber ermahnte er den Poſtillon, zu eilen, und der leichte Wagen flog dahin mit der größten Ge⸗ ſchwindigkeit, und in der Frühe bei Anbruch des Tages erreichte er Metthauſen und gegen acht Uhr den kleinen Ort, wo ſich das Mädchen befinden mußte. Jener Poſtillon, der ſte hieher ge⸗ bracht, lehnte am Hofthor und lachte freundlich, als er den Herrn von vorgeſtern Abend ausſteigen ſah. Er erzählte ihm in aller Kürze, was bisher vorgefallen, von der Verfolgung des Polizeiagenten, daß aber der Schulze feſt geblieben und daß ſich das fremde ſchöne Mädchen jetzt in deſſen Hauſe befinde. Dabei kniff er liſtig ein Auge zu, als wollte er ſagen: das finde ich begreiflich, daß man einen ſolchen Schatz auſſucht. Der Jäger eilte indeſſen zum Hauſe des Schulzen und der alte Mann öffneke ihm ſelbſt die Thüre, führte ihn in's Zimmer und bat ihn, ſich niederzuſetzen. Der Dorfbeamte ſchien einiger⸗ maßen in Verlegenheit zu ſein, als der Jäger nach dem fremden Mädchen forſchte. Er nahm ſein Lederkäppchen von dem weißen Haar und drehte es unruhig zwiſchen den Fingern. Lukas ſaß da in unbeſchreiblicher Spannung und ihm ahnte wohl, was geſchehen, und noch viel Schrecklicheres obendrein. „Sehen Sie, mein lieber Herr,“ ſagte der Schultheiß, „mit der Wahrheit kommt man überall am beſten durch; wiſſen Sie, wenn ich mich nicht ſelbſt für jenes arme Kind lebhaft intereſſirt hätte, ſo würde ich ſie in's Ortsgefängniß geſperrt haben und würde Ihnen jetzt einfach ſagen: was geht Sie meine Gefangene an? Ich habe keinem Fremden darüber Rechenſchaft zu geben. Aber ſo, mein Herr, iſt der Fall anders. Ich behielt 6 Das Ende des Traumes. 87 ſie in meinem Hauſe, hier gleich nebenan— Sie können das Zimmer ſehen— die Fenſter gehen nur zwei Schuh hoch in den Garten und da hinaus hat ſte ſich heute Nacht geflüchtet.“ Daß er das Mädchen nicht mehr hier finden würde, das hatte dem Jäger geträumt, er hatte jedoch ſeinem Traume nicht geglaubt; deßhalb aber war er nicht weniger bewegt und ſchmerz⸗ lich berührt, ſagte aber blos:„ſo, ſo! entflohen iſt ſte in der vergangenen Nacht; und wann kann das geweſen ſein?“ „Ich ſchätze ſo zwiſchen Zehn und Eilf,“ ſagte der Schult⸗ heiß,„um dieſe Zeit hat der Hofhund gelärmt.— Sie müſſen wiſſen, Herr,“ ſagte er pfiffig lächelnd,„daß ich den Hund geſtern Abend an ſeiner Kette ließ, und eben ſo machten es die Nachbarn; wiſſen Sie, es hätte dem armen Geſchöpf Unglück paſſiren können.“ „Alſo habt Ihr gedacht,“ entgegnete der Jäger,„daß ſich das Mädchen flüchten würde?“ „Na, unglaublich erſchien es mir nicht,“ lachte der Beamte; „mag das Miädchen nun geweſen ſein, wer ſie will, und gethan haben, was ſie will, ich glaube, mit dem Gensd'armen wäre ſie nicht nach der Reſidenz zurückgekehrt, eher hätte ſie ſich ein Leid angethan.“ „Ja, ja!“ ſagte der Jäger Lukas ruhig und wie zu ſich ſelber ſprechend; nich glaube faſt, ſie hat ſich ein Leid an⸗ gethan.“ „Das wäre ja entſetzlich!“ antwortete eifrig der Schultheiß und ſtülpte ſein Käppchen haſtig auf das Haar;„o, ich kann es nicht glauben, ein ſo junges und ſchönes Mädchen!“ „Ja, Freund,“ verſetzte der Jäger, nes gibt Verhältniſſe, wo einem jungen, ſchönen Mädchen der tiefe Grund eines See's lieber iſt, als die klare Himmelsluft; ich habe das ſchon erlebt! — Aber laßt mich das Zimmer ſehen, wo ſie geweſen.“ 6* v1 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. 88 Bereitwillig führte der Beamte ſeinen räthſelhaften Gaſt in die Kammer nebenan, und darin befand ſich noch Alles ſo, wie Anna es geſtern Abend verlaſſen. Das Fenſter nach dem Garten zu war geöffnet, der Stuhl, auf welchem ſie geſeſſen, ſtand da⸗ neben und vor dem Fenſter bemerkte man in der weichen Erde des Gartenbeetes den leichten Abdruck eines kleinen Fußes, und im Kieswege, aber kaum ſichtbar, eine zweite ähnliche Spur. Weiter ſah man nichts.. Der Jäger ſetzte ſich auf den Stuhl am Fenſter, und wäh⸗ rend er ſinnend nach den Bergen hinauf ſah, fühlte und ſah er deutlich, welchen Weg ſie hinauf geeilt; er ſah ſie dahin ſchweben, leicht wie ein geſcheuchtes Reh, und konnte den Weg, den ſie gemacht, verfolgen bis zu dem dunklen Tannenwalde.„Dort hinauf iſt ſte!“ ſagte er und zeigte mit dem Finger nach den Bergen. „Das glaube ich auch,“ ſagte lächelnd der Schultheiß,„ich habe ihr geſtern den Weg da hinaus erklärt.“ „Und habt Ihr dem Mädchen auch geſagt,“ fragte der Jäger wie in tiefem Traume,„daß da droben der Bergſee liegt, umgeben von dichtem Gebüſch, welches nur auf die Mitte des Waſſers den blauen Himmel ſich abſpiegeln läßt?“ „Nein, das habe ich ihr nicht geſagt!“ entgegnete der Schultheiß überraſcht,„aber waren Sie ſchon in der Gegend, Herr? Haben Sie den ſtillen See ſchon geſehen?“ „Ich habe davon geträumt,“ ſagte der Jäger finſter, worauf der alte Bauer den Kopf ſchüttelte und ſeinen Gaſt mit einem ſonderbaren Blicke anſah. „Was ſollte ich dem Mädchen von dem See ſprechen?« fuhr er fort;„auch liegt er nicht an dem Wege, den ſie ge⸗ gangen iſt.“„ 63 —— Das Ende des Traumes. 89 „Ich fürchte, er liegt hart an ihrem Wege!“ ſagte Lukas finſter. „Ach Poſſen!“ ſagte der Schultheiß; nkeine ſo finſteren Gedanken! Ich will Ihnen einen guten Rath geben: gehen Sie die Berge hinauf, dort den Weg, den Sie ſehen, er führt nach dem Städtchen B., und da fragen Sie nach Johann Baum⸗ berg dem Jüngern, das iſt der Schultheiß des Orts, vielleicht werden Sie da etwas Näheres erfahren.“ „Und an dem Wege liegt der See, von dem wir vorhin ſprachen?“ ſagte nachdenkend der Jäger. „Keine zweihundert Schritte rechts von der Straße;„wir nennen ihn nur den„wilden Seen, obgleich er eben und klar iſt, wie ein Spiegel, man kann faſt auf ſeinen Grund ſehen.“ „So, man kann auf ſeinen Grund ſehen?“ „Nun, wiſſen Sie, Herr, das iſt hier ſo eine Redensart; eigentlich iſt er ſehr tief, der See und...“ „Wer hinein fiele, käme ſo leicht nicht mehr heraus!“ er⸗ gänzte nachſtnnend der Jäger.„Nun, ich will mich einmal auf den Weg machen,“ fuhr er fort; nalſo hier durch Euren Garten geht es, dann über die Wieſen,— richtig! Ich will's ſchon finden! Adieu, Herr Schultheiß!— Auf Wiederſehen!“— Der alte Bauer begleitete ſeinen Gaſt bis an das Garten⸗ thor, welches auf die Wieſe hinaus führte, dann nahm er Ab⸗ ſchied von ihm und gieng kopfſchüttelnd in's Haus zurück. Es war ein klarer, ſchöner Frühlingsmorgen, der Regen der letzten Tage hatte Flur und Wieſe getränkt, und Alles rings herum dampfte mit innigem Wohlbehagen unter den warmen Strahlen der Sonne. Auf der Wieſe blühten Tauſende von Blumen, die Lerchen ſchwangen ſich trillernd in die Höhe und dem Jäger war es unbeſchreiblich wohl zu Muthe. Er dachte an 4 34 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. ſeine Jugend, an ſein ſtilles Dorf und an jenen Morgen, wo er nach der Stadt gieng, um Abends in einen tiefen, langen Schlaf zu fallen. Die Zeit zwiſchen damals und jetzt ſchwand ihm zu⸗ ſammen und er gieng jetzt, wie damals, nachzuſehen, wo das arme Mäͤdchen geblieben ſei. Die Geſchichte mit dem blauen Regenſchirme hatte ihm vielleicht nur geträumt, denn der Him⸗ mel war ja ſo klar über ihm, nirgends eine finſtere Wolke, die ein böſes Wetter anzeigte; ja, es war gewiß: wenn er in den Wald hinauf kam, fand er dort das Mädchen ſitzen im grünen Moos, vielleicht einen Kranz windend, vielleicht auch einge— ſchlafen von der Ermüdung der vergangenen Nacht. Unter dieſen Gedanken ſtieg er rüſtig aufwärts und bald hatte er den ſchattigen Wald erreicht. Der Weg wand ſich in die Höhe zwiſchen weißſtämmigen Birken und hohen Eichen hindurch und bald erreichte er eine Brücke, unter welcher ein geſchwätziger Waldbach rauſchte, der ihm von der Höhe des Gebirges entgegen kam. Das Waſſer murmelte und rauſchte über die glatten Kieſel fort, und als ſich Lukas über das Geländer der Brücke lehnte und dem herabſtürzenden Waſſer entgegen ſah, und nachdem er lange nachſinnend zugelauſcht, verfinſterten ſich ſeine Züge und er glaubte das Gemurmel des Felsbaches, der direkt aus dem Bergſee kam, zu verſtehen. Ja, ſie war ſehr ſchön!— ſehr ſchön! ſchien es zu murmeln; ſo ſchön haben wir nie etwas ge⸗ ſehen/ niemals! Nie!— Nie! Und das lange Haar ſo blond! So ſchön und blond! So blond und ſchön! Ach! Ach! Das blonde Haar und das ſchöne Mädchen! Hin! Hin! Hinab! Hinäb! Hinab! So flüſterte das Waſſer, und Lukas, nachdem er längere Zeit zugelauſcht, ſtieg ruhig weiter, fort in die Höhe. Als er nach einiger Zeit rückwärts ſah, lag zu ſeinen Füßen das kleine Dorf, von dem er eben herkam; auch ſah er die Chauſſée nach Metthauſen, die ſie und er in der Nacht gefahren; damals aber rauſchte der Regen nieder, heute war Alles klar, und wo 8*. 32 1— „ Das Ende des Traumes. 91 ein Wagen denſelben Weg rollte, da wirbelte eine leichte Staub⸗ wolke empor. Jetzt hatte er die Höhe des Gebirges erreicht, der Weg bog ſich ſanft links; er gieng tiefſinnend rechts durch das Geſtrüpp und über Felſen, es zog ihn zu dem ſtillen See, er wußte ſelbſt nicht wie.— Jetzt lag er vor ihm, gerade ſo, wie es ihm geträumt und gerade ſo, wie er ihn auf dem Bilde geſehen. Ringsum war er mit dichtem Gebüſch umgeben, welches ſich auf allen Seiten dunkelgrün in dem Waſſer wiederſpiegelte; nur in der Mitte, wo der Himmel auf das Waſſer ſah, glänzte es klar und blau. Um ihn her lag eine tiefe, feierliche Stille, und hoch in den Lüften kreiste ein Raubvogel. Der See war nicht groß und der Jäger hat ihn raſch und ängſtlich umſchritten. Sorgfältig unterſuchte er die Gebüſche am Ufer, ob dieſelben irgendwo niedergetreten ſeien; aber er ſah nichts dergleichen— die ſchlanken Zweige wiegten ſich im Mor⸗ genwinde auf und ab und ſchienen wohlgefällig ihr Bild im Waſſer zu betrachten. Es war ſchwer, an das Ufer des See's zu gelangen und nur an Einer Stelle gieng es leichter: da war nämlich ein umgehauener Baum auf das Geſträuch gefallen und die Krone deſſelben ruhte auf dem Waſſer. Hier drang Lukas durch, ſetzte ſich auf den Baumſtamm, ſtützte die Arme auf die Zweige und ſtarrte hinab in das Waſſer. Oftmals glaubte er auf dem Grunde etwas zu bemerken, das mit einem menſchlichen „Körper Aehnlichkeit habe; dann ſah er aber wieder, daß er ſich getäuſcht und daß es Schilfrohr war oder vielleicht ein Baum- ſtamm.—————— An jenem Morgen, wo er in tiefem Schlaf in ſeinem Bette lag, hatten wohl die Burſche des Dorfes ebenſo an dem See geſtanden und emſig auf den Grund geſpäht. Wenn er nur da⸗ mals dabei geweſen wäre, er hätte den Körper des Mädchens 4 92 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. gewiß entdeckt, und dann wäre er nicht in jenen ewigen Traum verfallen, der ſo finſter und quälend auf ſeinem Geiſte lag und aus dem zu erwachen er ſich vergeblich abgemüht!— Der Ge⸗ danke, nicht wie die anderen Menſchen zu leben, ein wirkliches Daſein zu genießen, hatte ihn finſter, verſchloſſen und lebensſatt gemacht. Es zog ihn nieder auf den ruhigen Spiegel des See's, und er beugte ſein glühendes Geſicht auf die kalte Fluth, und die Kühlung that ſeinem brennenden Gehirn ſo wohl!— Wie⸗ der floßen die Bilder der beiden Mädchen in einander und wenn er an eines dachte, dachte er an das andere.„O, wenn ich da⸗ mals,“ ſeufzte er, nihr nachgefolgt wäre bis an den See, ich hätte ſte gewiß herausgeholt!—— oder wäre auch drunten ge⸗ blieben und hätte nicht den ewigen quälenden Traum gehabt!— Aber träume ich jetzt nicht auch?“ fuhr er raſcher fort und beugte ſich tiefer gegen das Waſſer;„träume ich nicht von jener Nacht, von jenem unglücklichen Mädchen? von dieſem Waſſer? Wie, wenn ich auf dem Grunde deſſelben ein angenehmes und fröh⸗ liches Erwachen fände?“——— Und es geſchah, wie er es in der Nacht im Wagen ahnungs⸗ voll geſehen!— Seine Zeit war aus, er glitt durch die Zweige des Baumes in den See, und als er langſam unterſank, zitterten tauſend glänzende Strahlen um ſeinen Kopf. Nebel drangen von dem Grund herauf, dieſe Nebel wurden zu weißen Gewändern und die glänzenden, goldenen Strahlen, die ihn immer enger umſpannen, waren wie langes und blondes Haar, und er fühlte ſich wie mit weichen Armen umſchlungen, die ihn langſam nie⸗ derzogen, und als er eine Stimme gehört, hell und klar wie Glockentöne, die ihm zurief:„willkommen hier unten!“ hörte er weiter nichts mehr.——— Noch einige Augenblicke ſpäter bewegte ſich das Waſſer des See's unruhig und warf weite Kreiſe an die Ufer, und die Bilder Das Ende des Traumes. 93 der Geſträuche, die rings umher ſtanden, zitterten heftig vor Schrecken und Entſetzen, und es dauerte eine Zeit lang, ehe ſie wieder ruhig und klar wurden. Der Raubvogel, der hoch in den Lüften geſchwebt, ſtieß kreiſchend hernieder auf den See, und dann ſchwang er ſich empor und verſchwand hoch in der Luft an dem unermeßlichen, ewig klaren Himmelsgewölbe.—— 1 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Aus dem Marſtall. Es war Nachmittags gegen vier Uhr, die Thuͤren und Fenſter im königlichen Marſtalle ſtanden weit offen, um der milden Mailuft den Eintritt zu geſtatten. Von den Pferden war keines zum Herausziehen bereit gemacht, ſondern alle ſtanden, den Kopf gegen die Krippen gekehrt, und unterhielten ſich flüſternd mit allerhand Tönen und in der, für den ſonſt ſo klugen Menſchen völlig unverſtändlichen Pferdeſprache, wobei ſte hinten wohlbehaglich mit den Schweifen wedelten. Der Stall war leer bis auf eine einzige Perſon und dieß war die Stallwache, welche an der Thüre lehnte, die in die königlichen Anlagen gieng, und eine neue Schnur an ihrer Peitſche befeſtigte. Nachdem dieß Geſchäft beendigt war, ſteckte die Stallwache ihre beiden Hände in die Hoſentaſchen, ließ ſich auf dem Schrank an der Thüre nieder und machte ſich allerlei Gedanken von kühlem Bier und ſaftigen Rettigen, während ſie ihre Blicke über den klaren See des Parks und über das friſche junge Grün der Bäume ſtreifen ließ. Dieſes ſelige Nichtsthun Aus dem Marſtall. 95 in dem offenen Stalle mochte vielleicht eine halbe Stunde ge⸗ dauert haben, als man um die Ecke des Schloſſes ein paar Stallleute kommen ſah, denen bald noch mehrere folgten, alle im beſten Anzuge, und jetzt wieder ein paar; ja der ganze Stall ſchien im höchſten Staate einen Spaziergang gemacht zu haben. Freilich hatten ſie das, aber es war ein Spaziergang trau⸗ riger Art, indem das ſämmtliche Stallperſonal ſo eben dem Oberkutſcher Mundels die letzte Ehre erwieſen und ihn feierlichſt zu ſeiner Ruheſtätte auf dem Kirchhofe begleitet hatte. Er war dahin geſchieden, der treffliche Roſſelenker, an den Folgen eines kleinen Schlages, der ſich nach einem ſehr ſtarken Nachteſſen bei ihm eingeſtellt; verſammelt zu ſeinen Vätern, ſaß er jetzt wahr⸗ ſcheinlich im Paradieſe, wenn auch nicht im Schooße Abrahams, doch in Geſellſchaft vorangegangener Collegen, verſtorbener Hof⸗ und Leibkutſcher und anderer roß⸗ und wagenkundiger Perſonen bis hinauf zu den Ajaxen und Achilleuſen, welche den Herrn Mundels, als eine Zierde ihrer Kunſt, wahrſcheinlich mit Stolz empfangen hatten. Die königlichen Stallleute traten in den Stall und wiſchten ſich die Stirn ab; denn es war ihnen in Folge des langen Spa⸗ zierganges in der Nachmittagsſonne, ſowie der eindringlichen Grabrede warm geworden. Der Pfarrer hatte ſich ſehr anzüg⸗ lich über Sterbefälle im Allgemeinen, über Schlagfälle im Spe⸗ ciellen und am ſpeciellſten über dergleichen in Folge von ſtarkem Nachteſſen, beziehungsweiſe Nachttrinken ausgelaſſen, und hatte darauf, in einige Lebensregeln über die Erhaltung der Ge⸗ ſundheit übergehend, vor dem allzu luſtigen Lebenswandel im Allgemeinen und vor dem zu vielen Weintrinken im Speciellen gewarnt. Er eröffnete dabei den entſetzten Kutſchern und Vor⸗ reitern die gar nicht tröſtliche Ausſicht, daß, je naſſer es dieſſeits bei ihnen zugehe, um ſo trockener und durſtiger ihr jenſeitiges Leben ausfallen würde. Das hatten ſie, um das Grab des 4 96 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Seligen ſtehend, mit anhören müſſen, und obendrein noch hatte ihnen während dieſer Rede Seine Excellenz der Oberſtſtallmeiſter forſchende Blicke zugeworfen, welche ſo viel heißen mochten, als: „ich werde nächſtens unter Euch treten und fürchterliche Muſte⸗ rung halten.“) Aber bei allem dem ſind wir feſt überzeugt, daß das Stall⸗ perſonal heute Mittag ein Uebriges that und daß im Laufe des Tages und Abends das Uebermögliche geleiſtet wurde, um ihren Kummer über den Dahingeſchiedenen in gutem Vierunddreißiger in den Magen hinabzuſchwemmen, wo ſich, wie wir wiſſen, nach der Theorie des Verſtorbenen die Quelle der Träume pefand. Es war bei dieſem Verluſt ein Glück zu nennen, daß der Herr Mundels keine Familie zurück ließ, daß kein Weib und keine Kinder ſein Grab beweinten. Da war Niemand da als einige vergnügte Erben, die das Hausweſen des Leibkutſchers baldigſt beſorgten und forttrugen. Die zurückkehrenden Stallleute, welche keinen Dienſt hatten, begaben ſich in ihre Zimmer oberhalb des Stalles und giengen alsdann, wie ſchon angedeutet, ihrer Wege, um über den ſo ſchnellen Verluſt alles Irdiſchen gehörig nachzudenken. Zu denen aber, die im Stalle zurück bleiben mußten, gehörte auch unſer Freund, der Herr Winkler, welcher Hut und Rock einem Stall⸗ buben übergab, der ihm dafür ſeine gewöhnlichen Kleider herun⸗ terholen ſollte. Joſeph klopfte Tibull und Pluto auf die Hinter⸗ backen, welche Liebkoſung von den Thieren durch freundliches Ohrenſpitzen und Kopfumdrehen erwidert wurde, dann nahm er die Geſchirre, legte ſie auf den Rücken der Thiere, nachdem er das Kommet über den Kopf geſtreift und ſchnallte ſie feſt. Er ſollte den Geſpenſterwagen anſpannen, um die erſte Hofdame gegen fünf Uhr zu irgend einem Diner zu fahren. Doch war er kaum mit dem Aufſchirren fertig geworden und wollte die Pferde eben Aus dem Marſtall. 97 im Ständer herumdrehen, als der Hoflakai Jean erſchien und die Fahrt für heute Nachmittag abſagte, dagegen den Befehl über⸗ brachte, der Geſpenſterwagen ſolle heute Abend um acht Uhr am Schloſſe vorfahren. 4 „Wenn die nur einmal da oben in dem alten Schloß eigent⸗ lich wüßten, was ſie wollten!“ brummte Joſeph und begann die Pferde ſogleich ihres Geſchirrs zu entledigen.„Alſo wird heute nicht dinirt?“ „Wenigſtens nicht auswärts,“ lächelte Jean;„wir haben bei uns zu Hauſe alle Hände voll zu thun und finden deßhalb nicht Zeit, auswärts zu ſpeiſen. Ich habe ein Billet von der gnädigen Frau zum ruſſiſchen Geſandten hingetragen, in welchem ſie ihr Ausbleiben entſchuldigt.“ „Ja ſo!“ ſagte Joſeph, indem er Pluto's Kommet an den Nagel hängte.„Ihr habt heute wichtige Briefſchaften erhalten, ich habe darüber etwas von dem alten Dubel gehört. Na, die da oben wird ſich recht ärgern!“ Jean ſchmunzelte wohlgefällig und antwortete:„ſo viel iſt gewiß, daß ihr die Briefe, die heute Morgen der Graf Alfons übergeben, einen unangenehmen Tag gemacht. Zuerſt hatten die Beiden eine ziemlich lebhafte Unterredung und der Graf muß ſehr beſtimmt zu Gunſten ſeines Freundes geſprochen haben; doch hat er ſte keineswegs zum Nachgeben bewogen, denn ihr letztes Wort, das ich deutlich durch die Flügelthüren hörte, war: Nie! Nie! und das wiederholte ſte mehrere Male und ſetzte noch hinzu:„nſchreiben Sie ihm, Herr Graf, daß Sie mich geſprochen haben und daß ich entſchloſſen ſei, dazu nie meine Einwilligung zu geben, ich handle vollkommen im Auftrage der Frau Herzogin.““ Darauf zog der Graf natürlich ab und die gnädige Frau ſchrieb den ganzen Nachmittag Briefe; ſie iſt auch jetzt noch dabei, läßt Niemanden vor ſich und will nur heute Abend einen kleinen Beſuch bei der Gräfin Clara machen, die, Haclander, Namenl. Geſchichten. II. 7 98 3 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. wie ich glaube, die Antwort der gnädigen Frau ihrem Bruder, dem Grafen Alfons, übergeben ſoll.“— „Das ſind ja alte verfluchte Geſchichten!“ lachte Joſeph; ich würde mich vor der Sünde fürchten, ſo ein Paar, das ſo famos zuſammen paßt, wie der Baron und das alte Hoffräulein, gewaltſam zu trennen; aber ich hoffe, der Baron wißd ſich nichts daraus machen und geheirathet wird doch. So meint auch der Dubel.“ Der Lakai nahm eine ſehr wichtige Miene an, legte die Hände auf den Rücken und entgegnete:„ſo viel ich von dieſen Geſchichten verſtehe— und ich verſtehe Manches davon— und ſo weit ich das Hoffräulein kenne, wird die ſich dagegen ſehr viel daraus machen, wenn die Hofdame und die alte Herzogin nun einmal platterdings ihre Einwilligung zu der Heirath nicht geben wollen.“ „Ich wollte die da oben lange fragen!“ ſagte Joſeph; „weit davon iſt gut vorm Schuß! Und mich ſollte ſo ein Brief abhalten, wenn ich im Begriff wäre, meinen alten Schatz zu heirathen! Nota bene, verſteht ſich von ſelbſt, wenn ich keine Vorgeſetzten hätte.“ „Nun, was Eure Heirath anbelangt, Meiſter Joſeph,“ ſagte pfiffig lächelnd der Lakai,„ſo wird das arme Mädel da drunten auch bald aus ihrem Jungfernſtand erlöst werden; denn ich denke ſo bei mir: wenn Seine Excellenz einen der Geſchick⸗ lichkeit nach zum Oberkutſcher vorſchlägt, da könnte es bei Euch langen. He, Joſeph! meint Ihr nicht auch ſo?2 Winkler zuckte mit den Achſeln und entgegnete: er habe noch nicht daran gedacht, daß ihm ein ſolch! unerhörtes altes Glück begegnen könne.„Auch glaube ich heute nicht daran,“ ſetzte er hinzu;„Ihr werdet ſehen, Jean, da ſchiebt man uns einen Fremden hinein, und ich kann mir ſchon denken, wen. Der ſelige Mundels hat mir einmal geſagt, als wir mit unſerem „* — Aus dem Marſtall. 99 Wagen neben einander hielten und auf das Ende des Balles warteten— nicht weit von uns ſtand die Equipage des ruſſiſchen Geſandten—, und da ſagte der ſelige Mundels, indem er auf dieſelbe wies:„„Siehſt du, mein Junge, ich will dir was ſagen: wenn es in dem Stalle eine Gerechtigkeit gäbe, ſo könnte es gar keinen Anſtand haben, daß du einmal Oberkutſcher würdeſt; aber da dem nicht immer ſo iſt, ſo ſtehſt du da auf dem Bocke meinen Nachfolger, wenn ich einmal abſteige; ich hab's geſagt, denke an mich!“n Das ſind die eigenen Worte des ſeligen Mundels, und Ihr ſollt ſehen, Jean, daß er Recht hatte.“ „Die Sache iſt nicht ganz ohne,“ entgegnete der Hoflakai, nachdem er einen Augenblick nachgedacht;„wir wiſſen ganz genau, wie viel der ruſſiſche Geſandte bis oben hinauf gilt, namentlich hat er bei den Allerhöchſten Damen einen ungeheuren Stein im Brett, und wenn der Jemand empfiehlt, ſo kann man dem Empfohlenen gratuliren. Aber ich glaube immer nicht,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu,„daß Seine Majeſtät einen Ausländer zum Oberkutſcher macht, und was für einen Auslän⸗ der!— Ja, wenn es nur ein deutſcher Ausländer wäre, ein Oeſtreicher oder ein Preuße, das wär' ſchon ſchlimm genug, aber ein Engländer! und noch obendrein ein Engländer, der beim ruſſiſchen Geſandten gedient und dort alles Mögliche gelernt; nein, das glaube ich nimmermehr! Ich würde immer denken: ſo ein Kerl notirt ſich, wenn und wie ich ausfahre, und berichtet darüber an ſeine Geſandtſchaft; die Engländer miſchen ſich ohne⸗ dieß gern in Alles, was ſie nichts angeht, und nun obendrein ein Engländer, der, wie geſagt, bei Rußland war— s iſt eigentlich unmöglich!“ „Gebt nur Acht!“ erwiderte Joſeph, der ſeine Geſchirre wieder geordnet hatte und den blauen Rock anzog, den ihm einer der Stallbuben ehrfurchtsvoll hinreichte,„gebt nur Acht, der Gnglinder wird Oberkutſcher!“ 1 7*† 100 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. „Wie heißt der Kerl eigentlich?“ fragte Jean und Joſeph erwiderte: 8 „Ja, wer kann das wiſſen! Ich habe den Namen wohl ſchon einmal geſchrieben geſehen, aber darauf kann man bei ſo einem Engländer gar nicht gehen; wenn ſo ein Kerl ſich Stock⸗ ſcherf ſchreibt, ſo heißt er vielleicht Simpelmaier.“ „Das iſt ganz richtig!“ entgegnete Jean, indem er wichtig thuend ſeine Halsbinde in die Höhe zog;„ich leſe zuweilen Eini⸗ ges von einem engliſchen Schriftſteller, der ſich Dickens ſchreibt und wird„Boz“ ausgeſprochen; ja, ſo iſt's bei den Engländern, und daher kommt's auch, daß ſie ſich überall ſchlau durchwinden und nie abzufaſſen ſind.“* „Und ſo ein alter Engländer wird unſer Oberkutſcher!“ ſagte Joſeph beſtimmt, ſetzte den Hut auf's Ohr und gieng ſeiner Wege. Jean rief ihm nach:„alſo bis acht Uhr, nicht vergeſſen!“ und dann verließ dieſer ebenfalls den Stall und gieng in's Schloß zurück.“ Unterdeſſen hatte es ſich in Betreff des Baron Karl wirk⸗ lich ſo begeben, wie der Hoflakai erzählt. Vergeblich hatte Graf Alfons, nachdem er die Briefſchaften übergeben, verſucht, die Hofdame zu Gunſten ſeines Freundes umzuſtimmen. Sie war erbitterter als je gegen das glückliche Paar und feſt ent⸗ ſchloſſen, alle ihre Macht anzuwenden, um eine Verbindung zu hintertreiben, die ſte nicht zugeben konnte, weil ſie ſie nicht ein⸗ geleitet, und die jenen Menſchen beglücken ſollte, der es gewagt, ſie zu hintergehen. Neben allem dem war Neid und Mißgunſt im Spiele und 1 ſte konnte es nicht ertragen, das arme Mädchen ſo plötzlich i eine Exiſtenz verſetzt zu ſehen, die neben ihrer eigenen, in ſo⸗ falſchem Glanz und Schimmer ſtrahlenden, unendlich erhaben war. Sie war freilich erſte Hofdame, ſie war die Vertraute anfteng und im fünften Akt mit Verrath und Treubruch endigte, Aus dem ZMarſtall. 101 der Fürſtin und das ſchon lange, lange Jahre geweſen; aber eben, weil ſte es lange, lange Jahre geweſen war, ſo hatte ſie die fürchterlich drückende Exiſtenz einer ewigen Hofdame in ihrer ganzen Schwere kennen gelernt. Centnerſchwer ſchleifte die Ver⸗ gangenheit hinter ihr eine Kette von troſtloſen, verlorenen Tagen, eine kalte, glänzende Zeit ohne Wärme, ohne Gemüth. Wie war ſie ſo natürlich und lebensfroh geweſen, als ſte an dem Portal des Schloſſes zum erſten Mal aus ihrem Wagen ſprang und von ihrem Vater, einem armen Landedelmann, in die prachtvollen Gemächer eingeführt wurde! Welch' herrliches Leben, ſo glaubte ſie damals, liege vor ihr! denn ſie hatte bis jetzt den Hof nur aus der Entfernung geſehen, ſtaunend und be⸗ wundernd den Glanz und die Pracht deſſelben, wie man im Theater einem großen Schauſpiele zuſteht. Jetzt ſollte ſte hinter die Couliſſen treten und freute ſich darauf. Anfänglich war ihr auch die Dämmerung, die hier herrſchte, die Schattenſeite des Glanzes, deſſen ſtrahlende Seite nur dem Publikum zugekehrt iſt, neu und intereſſant; anfänglich bewunderte ſie die künſtliche Maſchinerie, die dieſes Ganze nach außen ſo blendend in Be⸗ wegung erhält; erſtaunte über die unzähligen Drähte, welche, manchmal in der Hand eines Unbedeutenden zuſammenlaufend, oft im Stande ſind, die größten Effekte hervorzubringen; ſchau⸗ derte hie und da bei den Verſenkungen und Fallthüren, die ſich oft unvermuthet zu den Füßen der Mitſpielenden eröffneten; fühlte ſich aber dennoch glücklich, mitwirken zu können in all' dem Glanze und hie und da in Pracht und Herrlichkeit heraus⸗ zutreten vor das Auge des erſtaunten Publikums.—— Das gieng mehrere Jahre ſo fort, dann begann ihr der Zwang, der ſie rings umgab, unerträglich zu werden, und oben⸗ drein ſpielte ſie in dieſem allgemeinen Schauſpiel eine eigene Tra⸗ gödie der finſterſten Art, eine Tragödie, die wie ein Luſtſpiel. 102 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. und als ſich ihr Schickſal ſo gewendet, ſah ſte ſchaudernd ein, wie ſo gar keine Wahrheit in dem Leben liege, wie Einer mit dem Andern Tag für Tag das gleiche Spiel treibe, freundliches Lächeln auf den Lippen und die geballte Fauſt hinter dem Rücken. Wie durfte ſich ſo nichts zeigen, wie es wirklich war! Kein Ge⸗ fühl, warm und friſch, wie es aus dem Herzen quoll, war in ſeiner Natürlichkeit in dieſem Kreiſe erlaubt; es mußte ſich mit allem Anderen beugen unter die herrſchenden Regeln, ja unter die jeweilige Laune der Gebieterin. Auf der Wange durfte die Bläſſe eines tiefen Seelenſchmerzes nicht wagen, frei und offen zu erſcheinen; das grollende Wort mußte hinabgedrängt werden und eingeſperrt im ängſtlich klopfenden Herzen, und die Fluth der Gedanken, die oftmals wild und ſchäumend emporzuſchlagen drohte, mußte ſanft geebnet daliegen, Frieden athmend und Bild und Wunſch der Gebieterin ſanft wiederſtrahlend. Das dachte die Hofdame, während ſte in ihrem Boudoir auf dem kleinen Fauteuil ſaß und die Hand feſt auf's Herz preßte. Wie viele qualvolle Stunden ſchwebten an ihrem Gedächtniſſe vorüber, wie viele finſtere Tage ſchwangen ſich im Reihentanz vor ihren Augen, behängt mit den bunten Lappen der Freude, aber die Fauſt, mit der ſie eine Kette bildeten, krampfhaft zu⸗ ſammengedrückt. Verſchwunden war von dem Geſicht der Hof⸗ dame jene ruhige Freundlichkeit, jener Ausdruck des liebenswür⸗ digen Scherzes, mit dem ſie ſtundenlang die Geſellſchaft ergötzt; ihr Geſicht, wie ein Spiegel die Bilder vergangener Zeiten wie⸗ dergebend, war blaß und eingefallen und zeigte eine fieberhafte Aufregung. Sie hatte ihre Briefſchaften beendigt und die einzelnen Schreiben lagen zerſtreut vor ihr. So viel es ihr möglich war, hatte ſie in dem Brief an Pauline an deren Herz, an deren Dank⸗ barkeit appellirt und ſte beſchworen, jene Verbindung nicht ein⸗ zugehen; aber ſie fühlte ſchon während des Schreibens, daß ſie dem jungen Mädchen keine haltbaren Gründe gegen die Ver⸗ ein, mit ches ken. Ge⸗ r in mit nter die pffen aden luth agen Bild doir eßte. niſſe ntanz eude, t zu⸗ boſ⸗ wür⸗ zötzt wie⸗ thaſte elnen war, dank⸗ ein⸗ aß ſie Bu⸗ Aus dem Marſtall. 103 bindung angeben könne, und es zitterte ihre Hand, als ſte jene Zeilen ſchrieb. Sie hatte das Mädchen erzogen, ſte hatte ſie gebildet, ſie hatte ſte bei Hof eingeführt und ihr den Weg ange⸗ bahnt zu dem, was ſie ſelber war. Sie hatte ſie mild und freundlich behandelt in Betracht der dornenvollen Bahn, die das Mädchen gleich ihr zu durchlaufen habe; jetzt aber auf einmal und ohne ihr Zuthun wandte ſich das Schickſal derſelben einem glänzenden Lichte entgegen, einem Lichte, von dem die Hofdame geglaubt, es leuchte ihr ſelbſt in finſterer Nacht und bringe in ihr eigenes Leben einen neuen roſigen Morgen.—— Das war jetzt Alles vorbei und finſtere Nacht lag um ſie, ſie fühlte ſich einſam und allein, und eben deßhalb ſtreckte ſie die Hand aus und hielt das Mädchen zurück, welche im Begriffe war, mit entzücktem Herzen jener blendenden goldenen Helle, die vor ihren Augen aufſtieg, entgegen zu eilen.„Ich will nicht,“ ſprach ſie mit feſter Stimme, vich will nun einmal nicht, und wenn die ganze Welt ſich mir bittend für die Beiden nahte, bei Gott, ich will nicht!“ Es war ſpät am Nachmittag geworden, und Frau von C. erhob ſich aus ihrem Fauteuil, trat an die großen Spiegel⸗ fenſter und drückte ihre erhitzte Stirn an die kalten Scheiben. Vor ihr lagen die Berge, welche die Stadt umgaben, von der Gluth der Abendſonne beſtrahlt, in violetter und roſiger Fär⸗ bung. Leichte Wolken ſchifften gegen Weſten der Nacht voraus, die nun bald mit dunklem Schleier Alles überziehen würde. „O bräche auch der Abend meines Lebens ſchon herein!“ ſeufzte die Dame,„o, könnte auch ich untergehen, nur einmal beſtrahlt von dem Lichte eines ſeligen Glückes! o, wäre meine Zeit um! Es iſt ja gewiß keine Redensart, es hört mich ja Niemand— aber ich verlange wirklich nach dem Ende meiner Tage, nach einer Ruhe, die ich ja doch nie hier finden werde!¹ Siebenundzwanzigſtes Kapitel. 104 Die Sonne verſchwand allmälig, der Fuß der Berge hüllte ſich in ein dunkles Grau, und nur auf den Spitzen derſelben lag noch ein letzter goldener Sonnenſchein. Auf dieſen letzten Schein blickte die Hofdame anhaltend und ſtarr und wollte ihn mit dem Blicke ihrer Augen feſthalten— umkehren, meinte ſie, ſolle die Sonne für dieſes Mal, wieder größer und heller werden, dieſer letzte kleine Punkt, den ſie vergoldete, ſich aus⸗ breiten und ein neuer Tag anbrechen, aber das war ja unmög⸗ lich, die Sonne war untergegangen, der Abend heraufgeſtiegen, und in wenig Stunden brach die finſtere Nacht herein. Seufzend wandte ſich die Hofdame vom Fenſter ab und warf ſich auf's Neue in ihren Fauteuil. Jean trat ſo eben mit leiſen, kaum hörbaren Schritten in das Gemach und trug zwei ſchöne Armleuchter in den Händen, welche er auf den Kamin niederſetzte, um ſich dann, rückwärts ſchreitend, ehrerbietig zu entfernen. „Iſt mein Wagen beſtellt?“ fragte die Dame den Lakaien, worauf Jean erwiderte: „Nach dem Befehl der gnädigen Frau auf acht Uhr.“ Alsdann befahl ihm ein leichtes Kopfnicken, ſich zu ent⸗ fernen, und er verließ das Boudoir, auf den Zehen ſchreitend, und zog die Flügelthüren leiſe hinter ſich zu.——— In der Nähe des Marſtalles giengen in dieſem Augenblick zwei Perſonen und näherten ſich demſelben in angelegentlichem Geſpräch. Es war der Herr Winkler mit ſeiner Frau Mutter, und als ſie das Thor erreicht, öffnete er daſſelbe als galanter Mann und guter Sohn und ließ die Mutter zuerſt in den Stall treten. Beide näherten ſtch nun den Ständern von Tibull und Pluto, und während der⸗Kutſcher ſeinen blauen Rock auszog und ihn nebſt dem Hut an den Nagel hängte, ſagte er: „Habt lieber keine Hoffnungen, alte Frau, ich verſichere Euch, s iſt beſſer ſo, und dann kann ich vor allen Dingen das Aus dem Marſtall. 105 Beſchreien nicht leiden. Sagt mir heute Nachmittag der Steinle, der alte Eſel: vich gratulire, Herr Oberkutſcher! Ich habe ihm aber gleich das Handwerk gelegt und ihn gebeten, er möge ge⸗ fälligſt ſein altes Maul halten.“ Die Frau Winklere ſchüttelte ſtill lächelnd den Kopf und ſagte:„du magſt nun ſagen, was du willſt, ich habe es geſtern Abend in den Karten geleſen, es ſteht dir ein großes Ereigniß bevor.“ „Ja,“ verſetzte Joſeph,„es iſt mir in meinem alten Leib wahrhaftig auch ſo wie ein Ereigniß, aber wie kein angenehmes, hol' mich der Teufel; ich habe ſo eine alte Unruhe in mir, wie in meinem ganzen Leben nicht.“ „Das glaub' ich wohl!“ kicherte die Alte;„wenn man ſo ſchöne Ausſichten hat, Herr Oberkutſcher und Frau Ober⸗ kutſcher! Ach!“ ſetzte die Frau Winklere gerührt hinzu:„wenn mich unſer Herrgott noch dieſes Vergnügen wollte erleben laſſen!“ — Sie fuhr mit dem Zipfel ihrer Schürze an die Augen, und that, als trockne ſie ſich Freudenthränen ab. „Altes dummes Zeug!“ brummte Joſeph;„was geſchehen ſoll, das ſoll geſchehen, aber man muß ſo etwas nicht vorher beſprechen, das taugt in alle Ewigkleit nicht.“ „ Aber hat nicht Seine Excellenz, der Herr Oberſtſtall⸗ meiſter, ſchon ein ähnliches Wörtlein fallen laſſen?“ fragte die Mutter. „Allerdings!“ entgegnete der Sohn;„er hat geſagt, man könne nicht wiſſen, was Seine Majeſtät der König zu thun geſonnen ſei, bei fortgeſetztem gutem Lebenswandel, und wenn die Aufführung im Stalle ſo bliebe wie jetzt; na! was ſo Herren überhaupt ſchwätzen, wenn ſie einem armen Teufel eine vergeb⸗ liche Hoffnung machen.“ Unterdeſſen hatte er die Pferde aufgeſchirrt und drehte ſte in ihren Ständern herum, um ihnen das Kopfzeug aufzulegen. 106 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Als dieß beendigt war, ſah er auf ſeine Uhr, es war halb Acht, und zog dann ſtillſchweigend ſeinen Rock an. „Ich weiß nicht,“ ſagte die Frau Winklere, die ihm dabei behülflich war,„warum du heute ſo mürriſch und verdrießlich biſt; ein Anderer würde lachen und ſpringen.“ „Ich weiß es ſelbſt nicht,“ entgegnete Joſeph,„aber Gott ſoll mir, es liegt mir wie tauſend Pfund Blei auf dem Herzen, es iſt mir gerade, als ſollt mir etwas Unangenehmes paſſiren. Ich bin doch ſonſt nicht furchtſam und weiß nicht, woher mir heute ſo alte dumme Gedanken kommen.“ „Das iſt ganz begreiflich,“ ſagte beſchwichtigend die Mutter, „das kommt von dem Begräbniß heute; wenn man ſo etwas mitmacht und eine Leichenpredigt anhört, da hat man den gan⸗ zen Tag ſeine abſonderlichen und betrübten Gedanken.“ „Ich glaube, Ihr habt Recht, alte Frau,“ entgegnete Joſeph;„was helfen auch die alten Grübeleien? Was kommt, kommt doch, und wenn ich mit meiner heutigen Fahrt glücklich zu Ende bin, ſo ſeht Ihr mich noch am Abend bei Euch— ſie wird doch auch kommen? „Allerdings wird ſie kommen!“ ahmutzelte die Mutter; „ach, was das gute Mädchen für eine Freude hat bei den ſchönen Ausſichten!“ 3 „Mutter...“ „Nun ja!“ ſagte die Alte beſchwichtigend,„laß' mir doch die guten Ausſichten! Es iſt mir ja bis jetzt immer ſo betrübt gegangen, kaum meine ich ja, ich hätte etwas— muck! wird mir's wieder entzogen. Apropos! ich war auch heute bei dem Stadtrath Schwämmle und bat, er möchte mir doch die Mu⸗ ſeumsquittungen wieder geben, doch er ſagte: er könne für mich gar nichts mehr thun, und er rieth mir recht höhniſch, ich ione mich bei dem neuen Löſchcorps anſtellen laſſen.“ Aus dem Marſtall. 107 ht,„Ein unverſchämter Geſell,“ brummte Joſeph, indem er die Pferde heraus zog;„aber ſo ein ſchlechter Reiter, wie der bei iſt, kann das alte Herz nun und nimmermehr auf dem rechten c Flecke haben. Nun, lebe Sie wohl, Frau Mutter, ſo Gott will, bis nachher! Dahin gieng der geſchickte königliche Hofkutſcher und gute dtt 1 Sohn, und die Mutter ſah ihm mit großem Stolze nach. Auch 1 gewahrte ſie zu ihrer großen Befriedigung, wie die Stallwache eII. dt ehrfurchtsvoller als ſonſt die Thüre vor ihm aufriß; denn es war ſchon etwas Wahres an dem Gerüchte, welches den Hof⸗ kutſcher Winkler an die Stelle des verſtorbenen Herrn Mundels er beförderte. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Aus dem Marſtall. Joſeph zog in die Remiſe, ſpannte Tibull und Pluto ein, befeſtigte Alles noch ſorgfältiger als ſonſt, unterſuchte die Zug⸗ ſtränge, die Aufhalter, die Schnallen am Kopfzeug, was er ſonſt auf die gleiche Art nie that, ſchwang ſich endlich in den Bock, faßte die Zügel feſt in die Hand und fuhr langſam durch das Portal des Schloſſes.„Wenn die Alte da oben heute nicht ausfahren wollte,“ brummte er in ſich hinein,„ſo— ich weiß nicht warum,— aber ſo wäre mir ein großer Dienſt geſchehen.“ Und darauf ſprach er ermuthigend zu ſich:„nun, die Augen auf, die Hand feſt, es wird, ſo Gott will, wohl gut gehen wie immer!“ Jean ſtand ſchon am Thor, als der Wagen anfuhr, und eilte hinauf, um ſeine Meldung zu machen. Wenige Augen⸗ blicke danach ſtieg die Hofdame die breiten Treppen hinab und trug ein kleines Packet in der Hand und näherte ſich dem Wagen. Jean riß den Schlag auf und ließ den Tritt herab. Aus dem Marſtall. 109 „Wer fährt heute?“ ſo hörte Joſeph die Dame fragen, ehe ſie einſtieg, und der Hoflakai antwortete: „Es iſt der Winkler, gnädige Frau, der Sie ja faſt immer fährt, der beſte Kutſcher des ganzen Stalles.“ „Er ſoll vorſichtig ſein,“ entgegnete die Dame und zog bei dieſen Worten den Fuß zurück, den ſie ſchon auf den Tritt geſtellt hatte, während ſte fortfuhr:„ſehen Sie einmal nach, Jean, ich glaube, der Tritt iſt nicht recht feſt, er gab unter meinem Fuße nach.“ „Gnädige Frau wollen verzeihen,“ entgegnete der Lakai, „aber es iſt Alles an dem Wagen in Ordnung, der Wagen— kaſten ſchwankt nur ein wenig auf die Seite.“ „So, ſo!“ ſagte die Dame und ſtieg ein. Jean ſchlug den Tritt hinauf, drückte die Wagenthür zu und nannte dem Kut⸗ ſcher den Namen der Gräfin Clara, dann ſprang er hinten auf, und Joſeph fuhr aus dem Schloßhof auf die Straße. Es mochte nun daher kommen, daß der Kutſcher aufgeregt, wie er war, die Zügel etwas ſchärfer anzog, als ſonſt, oder daher, daß die beiden Pferde den Stall geſtern und heute noch nicht verlaſſen— genug, Tibull und Pluto waren luſtiger als ſonſt und galoppirten abwechſelnd auf dem Pflaſter dahin, ſtatt in einem ruhigen Trabe zu laufen. Dunkel war es auf den Straßen, es brannten noch keine Gaslaternen, und jetzt bog der Wagen von der Hauptſtraße ab auf einen einſam gelegenen Platz, der dicht mit Bäumen beſetzt war und vollkommen finſter dalag. Joſeph blickte ſcharf vor ſich hin und ſah nichts, wie ein paar Leute, die ebenfalls deſſelben Weges zu gehen ſchienen und jetzt, wie der Wagen näher kam, rechts und links hinter die Bäume traten. Auf einmal ſtraucheln beide Pferde zugleich, Tibull ſtürzt hin und Pluto, der ſich auf den Beinen hält, macht einen Satz 110 Achtundzwanzigſtes Kapitel. rechts gegen die Bäume, wobei der Kutſcher zu ſeinem größten Schrecken deutlich fühlte, daß die Deichſel gebrochen war. Jetzt ſchnellte auch Tibull in die Höhe, bog ebenfalls rechts ab und die ſtarken Thiere riſſen, trotz des Kutſchers verzweifeltem An⸗ halten, den Wagen zwiſchen die dicht ſtehenden Bäume hinein. Jean, der durch den Stoß des Wagens von dem Tritt hinten herab geſchleudert wurde und glücklicher Weiſe mit ſeinen Armen einen Baumſtamm erhaſchen konnte, ſah, wie die Hofdame den Schlag öffnete, um aus dem Wagen zu ſpringen. Umſonſt rief er ihr zu, ſte möge ſitzen bleiben, die durchgehenden Pferde rasten mit dem Wagen dahin, bald mit dieſem, bald mit jenem Rad krachend an die Bäume ſchlagend. Einen Augenblick hielt die Hofdame am Schlage feſt, dann ſprang ſie raſch hinaus und wurde von der Gewalt des Falles ſo gegen einen Baumſtamm geſchleudert, daß ſie beſinnungslos liegen blieb. Noch immer hielt Joſeph die Zügel in der Hand und ſuchte die Pferde mit übermenſchlicher Kraft zu halten, aber umſonſt! Schon ſah er den Schloßplatz vor ſich, wo er einen weiten Spielraum hatte, um die Thiere vielleicht bändigen zu können, ehe ſte den Wagen zerſchellten, da ſtreckte ſich ein Baumaſt gerade vor ihm aus, und auch hier in der drohenden Gefahr ließ er ſeine Zügel nicht fahren, doch fühlte er in der nächſten Sekunde dieſen Baumaſt an ſeine Stirn ſchlagen und bald darauf jagten die Pferde ohne Kutſcher mit dem halb zertrümmerten Wagen über den freien Platz dahin nach den Ställen zurück, wo ſie von der entſetzten Stallwache aufgefangen wurden. 4 4 Der Hoflakai, der ſich im erſten Augenblick vergeblich nach Hülfe umſah— es waren wenig Menſchen auf der Straße—, bemerkte endlich ein paar Wagenlaternen durch die Nacht ſchim⸗ mern und ſah bald darauf, daß es ein Hofwagen war, der ſich dem Platze, wo das Unglück geſchehen war, näherte. Auf ſeinen Ruf hielt die Cquipage, der Bediente ſprang herab und half Aus dem Marſtall. 111 ſeinem Collegen Jean die wie leblos daliegende Dame in den Wagen heben. Dann fuhren ſie langſam in's Schloß zurück. An dem Portal kam ihnen ſchon die alte Kammerfrau hände⸗ ringend entgegen, denn die Kunde von einem Unfall hatte ſich wie ein Lauffeuer aus dem Stalle in das Schloß verbreitet. Frau von C. wurde ſorgfältig hinauf getragen und in ihre Zim⸗ mer gebracht. Unterdeſſen hatten ſich mehrere der Stallleute mit großen Laternen auf den Weg gemacht, um nach Joſeph zu ſuchen, den ſte auch nach kurzer Zeit unter den Bäumen dahingeſtreckt auf⸗ fanden. Er ſtöhnte ſchwer, als man ihn aufhob; der Baumaſt, gegen den er geſtoßen, hatte ihm die Stirn bedeutend verletzt; doch war er bei Beſtnnung und im Stande, auf einige Fragen über den Vorfall ſelbſt Antwort zu geben; woher und wie es eigentlich gekommen ſei und weßhalb die Pferde niedergeſtürzt und geſcheut, war ern icht im Stande anzugeben. Doch meinte Joſeph und eben ſo Jean, der auch hinzueilte, nachdem Frau von C. im Schloſſe war, die Sache ſei nicht mit rechten Dingen zugegangen, und mehrere Kutſcher eilten an den Ort, wo die Pferde auf die Seite geſprungen, fanden aber auf dem Boden durchaus nichts Verdächtiges. Joſeph wurde nun auf eine Tragbahre gelegt und von ſeinen Collegen in das Hofpital gebracht. Mitttlerweile waren die Leibärzte in's Schloß geeilt, ebenſo die Gräfin Clara, die man von dem Vorfalle augenblicklich in Kenntniß geſetzt. Im Vorzimmer befanden ſich mehrere Lakaien der alten Herzogin, um über das Befinden der Kranken von Viertelſtunde zu Viertelſtunde Nachricht zu geben. Die Aerzte umſtanden das Lager, ſie hatten die Kranke, welche wie⸗ der zu ſich gekommen war, ſorgfältig unterſucht, und der erſte Leibmedicus, ein alter Herr mit grauen Haaren, ſagte mit tief⸗ 112 Achtundzwanzigſtes Kapitel. bekümmertem Geſicht, daß man äußerlich durchaus keine Ver⸗ letzung wahrnehme und daß er überzeugt ſei, die Sache werde ohne große Folgen vorübergehen. Zu gleicher Zeit aber warf er einem jüngeren Collegen einen bedeutungsvollen Blick zu und fuhr leicht mit der Hand über den Rücken deſſelben, ihm ſo ein Zeichen gebend, worauf Jener traurig nickte und ſo bei⸗ ſtimmte. Nachdem die Herren Mehreres verordnet, zogen ſie ſich in das Nebenzimmer zu einer Conſultation zurück, die aber gar nicht lange dauerte. Der alte Leibmedicus ſagte am Schluſſe deſſelben:„es iſt furchtbar, aber da kann nur Gott allein helfen. Laſſen wir den Doktor M. und den Chirurgus C. für alle möglichen Fälle heute Nacht da, und wenn die Kranke, was ich aber nicht glaube, nach mir verlangen ſollte, ſo ſchicken Sie nur in meine Wohnung. Uebrigens werde ich auch ungerufen gegen vier Uhr morgen früh wieder kommen.— Guten Abend, meine Herren!“ Der Leibmedicus mit einem andern Collegen begab ſich hin⸗ weg und der Doktor M. und der Chirurgus giengen in leiſem, angelegentlichem Geſpräche auf dem dicken Teppich des Vorzim⸗ mers unhörbar auf und ab. Neben dem Bette der Kranken ſaß die Gräfin Clara und hatte ihre Hand erfaßt, welche ſie mit ihren Thränen benetzte. „Arme Adelaide!“ ſagte ſte im Uebermaße eines wirklichen Schmerzes;„wie kann man ſo unglücklich ſein!“ Die Hofdame drückte die Hand ihrer Freundin und blickte bedeutungsvoll aufwärts, als wollte ſie ſagen: nes iſt ein höheres Geſchick, das ſo plötzlich in unſer Leben eingreift;“ und dann bat ſie mit leiſer Stimme, die Gräfin möge ihr ein kleines Packet geben, welches der Hoflakai der Kammerfrau eingehän⸗ digt und dieſe auf den Tiſch gelegt hatte. Mit zitternder Hand Aus dem Marſtall. 113 riß Frau von C. den Umſchlag herunter, öffnete einen Brief in demſelben, den ſte der Gräfin zum Leſen offen darreichte. Nach⸗ dem dieſe das Schreiben durchflogen, gab ſie es kopfnickend in die Hände der Hofdame zurück, worauf dieſe ſagte:„liebe Clara, Sie verſprechen mir, nie Jemanden den Inhalt dieſes Schreibens mitzutheilen. Sie habe ich davon in Kenntniß ge⸗ ſetzt, um Sie zu überzeugen, daß erſt ein großes Unglück über mich kommen mußte, um gegen das arme Mädchen mild und gerecht zu verfahren.“— Damit zerriß ſte den Brief in viele Stücke und fuhr mühſam fort:„theure Clara, erzeigen Sie mir die Liebe und ſchreiben Sie dort an meinem Schreibtiſche ein paar Zeilen, die ich Ihnen anſagen werde— wollen Sie ſo gut ſein?“ Die Gräfin nickte ſchweigend und konnte nicht ſprechen, erhob ſich von ihrem Stuhle und ſetzte ſich an den Schreibtiſch. Die Kranke im Bette diktirte: „Mein liebes gutes Mädchen! „Es hat mich ein großes Unglück getroffen, und wenn du dieſe Zeilen erhältſt, bin ich wahrſcheinlich nicht mehr unter den Lebenden.“—— „Adelaide!“ ſchrie die Gräfin entſetzt auf;„das kann ich nicht niederſchreiben!“ „Schreiben Sie immerhin!“ ſagte die Kranke mit einem matten Lächeln.„Mit dem Gefühle, das ich im Herzen habe, ſagt man keine Unwahrheit; mit ihm ſind alle Täuſchungen ver⸗ ſchwunden.“— „Bin ich nicht mehr unter den Lebenden,“— fuhr ſie fort. „O, Pauline, mein liebes Kind, daß du in dieſem Augenblicke nicht an meinem Lager ſtehſt, iſt die ſchrecklichſte Empfindung, die ich habe. Daß ich dir ſo aus der Ferne ein ewiges Lebewohl Hackländer, Namenl. Geſchichten. II. 8 114 Acchtundzwanzigſtes Kapitel. r. zurufen muß, o, das quält und mäͤttert mich entſetzlich! Aber es hat ja ſo kommen ſollen! Nimm, mein gutes Kind, dieſen letzten Abſchied hin! Vergiß die trüben Stunden, die ich dir gemacht; ich ſegne deine Verbindung; ſei glücklich und denke zu⸗ weilen an mich.“ Als die Gräfin dieſes Papier mit einer Feder in die Hand der Kranken gab, war es ganz feucht von ihren Thränen, und ſie wandte ſich ab, als ihre Freundin mit zitternder Hand„Adelaide“ darunter ſchrieb. Dann eilte ſie in's Vorzimmer, zog die beiden Aerzte durch mehrere Gemächer mit ſich fort und forſchte alsdann verzweiflungsvoll, ob ihre Freundin in einer wirklichen und dringenden Gefahr ſchwebe. Die beiden Herrn zuckten mit den Achſeln und ſprachen von ſchweren, unheilbaren, innerlichen Verletzungen. Als die Gräfin darauf gefaßter in das Zimmer zurück gieng, lag die Kranke in einem leichten Schlummer. Die alte Kammerfrau ſtand am Bette, hatte eine ihrer Hände erfaßt, und ihre Thränen rieſelten unaufhörlich hinab. So ſchritt die Nacht langſam dahin und lagerte finſter und geſpenſtig mit ihrem dunkeln Gefolge in den hohen Zim⸗ mern des Schloſſes und auf den langen Corridors und Treppen. Die Uhren in der Stadt ſchlugen oftmals, eine nach der andern; die Schildwachen marſchirten mit gleichförmigem Tritt auf und ab, und als gegen vier Uhr der Wagen des Leibmedicus in den Hof rollte, brach auch der junge Tag im Oſten herauf; aber die Sonne, welche die Kranke geſtern Abend noch ſo ſchön untergehen ſah, kam noch lange, lange nicht. Die Hofdame war von ihrem Schlummer erwacht, und als der Arzt an ihr Bett trat, ſchien ſie ihn zu erkennen; ſte bewegte leiſe die Lippen und flüſterte den Namen der alten Her⸗ zogin. Der Leibmedicus gieng in das Vorzimmer, gab dem dort wartenden Lakaien einen Befehl, und dieſer eilte alsbald ide” eiden dann und tden lichen mmer Die faßt, inſter Zim⸗ ppen. dern; fund n den aber ſchön und ſte Her⸗ dem sbold Aus dem Marſtall. 115 die Treppen hinab zu den Appartements der Fürſtin. In kurzer Zeit kehrte er wieder zurück, meldete dem Arzte etwas, und dieſer ſagte darauf der Kranken, die Frau Herzogin werde ſo⸗ gleich herauf kommen, worauf ein freundliches Lächeln über ihre Züge flog. Sonſt aber ſchien ſie theilnahmlos gegen Alles, was ſte umgab, und der Leibmedicus zog ſich mit der Gräfin in's Vorzimmer zurück; nur die alte Kammerfrau blieb bei der Kran⸗ ken, welche derſelben ein Zeichen machte, ihren Anzug einiger⸗ maßen in Ordnung zu bringen. Als dieß geſchehen war, ſagte ſte mit kaum verſtändlicher Stimme:„wenn die Frau Herzogin da iſt, ſo unterſtütze meinen Kopf, daß ich eine kleine Verbeugung machen kann,“ worauf die Kammerfrau gehorſam ihre Hande unter das Kopfkiſſen legte. Jetzt hörte man Tritte auf der Treppe, man vernahm, wie die Flügelthüren in mehreren nach einander folgenden Zimmern geöffnet und wieder geſchloſſen wurden; jetzt rauſchte ein ſeidenes Kleid vür dem Eingange des Schlafzimmers, der Leibmedicus öffneté die Thüre und die Herzogin trat ein. Die Kerzen auf den ſilbernen Armleuchtern waren tief herabgebrannt und durch die dichten Fenſtervorhänge merkte man das Grauen des Tages. Die alte Fürſtin trat tief erſchüttert an das Bett ihrer Hofdame und ſtützte die gefalteten Hände auf das Fußende deſſelben. 3 Die Hand der Kammerfrau ließ die Kranke eine tiefe Neigung mit dem Kopfe machen.— „Wie geht es Ihnen, theure Adelaide?“ ſagte die Her⸗ zogin;„man hat mir von Stunde zu Stunde während dieſer unglückſeligen Nacht den Stand Ihres Befindens mitgetheilt, und ich glaube, die Aerzte ſind nicht unzufrieden damit. Ein kaum bemerkbares Lächeln ſpielte um den Mund der 8* X 116 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Hofdame, während ihr Kopf eine tiefe Verbeugung machte; doch gab ſie keine Antwort. .„Sie befinden ſich etwas beſſer?“ fragte die Herzogin ängſt⸗ lich und blickte ihr forſchend in das bleiche Geſtcht———— Dieſes Mal zuckte nicht mehr der Mund der Kranken, ihr Auge war feſt verſchloſſen und nur die Kammerfrau ließ das Haupt ihrer Gebieterin eine abermalige Verbeugung machen. Die alte Herzogin zog ſich langſam zurück nach dem Vor⸗ zimmer, wo ſich der Leibmedicus befand, und ſchaute entſetzt nach dem bleichen Geſicht, das ſich tief verneigte. „Doktor!“ rief die Fürſtin und hielt ſich erſchrocken an der Thüre;„Doktor, um Gotteswillen, kommen Sie herein!“ Der Leibmedicus öffnete ſchnell die Thüre, in dem Augen⸗ blicke, als ſich der Kopf der Hofdame zur letzten Verbeugung ſchwer erhob. Er eilte an das Bett, warf einen Blick in das Geſicht der Daliegenden und ſagte erſchüttert zu der Kammerfrau, die der verſchwindenden Herzogin dieſe letzte Verbeugung machte: „laßt die Todten ruhen“——————— Treten wir für einen Augenblick an ein anderes Bett, das ſich in einem Zimmer eines weitläufigen Hauſes befindet. Dieſes Zimmer hat ein einziges großes Fenſter, der grüne Vorhang vor demſelben iſt halb herabgelaſſen und freundliche Sonnenſtrahlen haben ſich hineingeſchlichen und glänzen auf dem weiten n Fuß⸗ boden. Im Bette liegt Joſeph, der Kutſcher, mit einer Wunde am Kopfe und iſt in einen erquickenden Schlummer gefallen; vor ihm auf einem Stuhle ſitzt ein junges, blühendes, bildſchönes Mädchen und hält die Hand des Kranken in der ihren. Die Frau Winkler ſteht an der Thüre und befragt ängſtlich den Aus dem Marſtall. 117 doch Chirurgus des Spitals, der im Begriffe iſt, ſich zu entfernen. Das junge Mädchen hat den Kopf herumgewandt, um zu hören, was er ſpricht.. „Seien Sie ganz ruhig,“ ſagt der Chirurgus lächelnd, nunſer Freund Winkler hat einen harten Kopf, es iſt von einer ernſtlichen Verletzung gar nicht die Rede; in ſechs bis acht Tagen das kann er geſund hinaus ſpazieren.“ „Gelobt ſei Gott!“ ſagen die Weiber, das Mädchen küßt Vor⸗ innig die Hand des Kranken und dieſer lächelt im Schlafe. Nennundzwanzigſtes Kapitel. Unter dem Stadtgraben. Die Dämmerung war hereingebrochen, und es war jene eit, ehe es ganz dunkel wird, wo man gern ohne Licht in Zeit, ehe es ganz dunkel wird g hne Licht der Stube ſitzt und ſeinen Gedanken Audienz gibt, wo ſich der Blick, unbeirrt von zerſtreuenden Gegenſtänden, ſo gern nach innen kehrt, und man die Erinnerung an gute und ſchlechte Stun⸗ den, an gute und böſe Thaten, die ſchmerzliche Vergangenheit und die Hoffnung für die Zukunft ſo gern hervorruft, um mit ihnen in mannigfaltigen Geſtalten die Einſamkeit zu bevölkern. Ebenſo that es die Frau Müller in ihrer Stube im Hinter⸗ hauſe unter dem Stadtgraben, nur daß bei derſelben dunkle und unheimliche Erinnerungen ſehr vorherrſchend waren. Sie ſaß da in der einen Ecke des alten Sopha's gegenüber der Thüre des Schlafzimmers, das ihre Tochter noch vor Kurzem bewohnt; ſie hatte ihren Kopf auf den Arm gelegt, und man hätte glauben können, ſie ſchliefe; doch war die wohlthätige Ruhe ihr fern, denn ſie ſaß da und ließ ihr ganzes vergangenes Leben in Ge⸗ 4 danken an ſich vorübergleiten, und dieſe finſtere Reiſe, die ſich — aar jene eicht in ſich der en nach Stun⸗ ngenhät um mit lkern. Hintet⸗ Unter dem Stadtgraben. 119 ihrem inneren Blick entfaltete, preßte ihr manchen tiefen Seufzer ab, manch' ſchmerzliches Stöhnen. Eigentlich jagte ſie die Bil⸗ der finſterer Tage hinweg und ſchlug im Buche ihres Lebens die ſchwarzgefärbten Blätter haſtig um, um auf den erſten Seiten deſſelben, bei ihrer Jugendzeit, länger zu verweilen. Ach! es waren ihrer nur wenige, die ſich mit freundlichen Erinnerungen angefüllt dem nachſuchenden Blicke zeigte; nur ſehr kurz war die Zeit ihrer Freude, ihrer Unſchuld geweſen; nur wenige gute, freundliche Jahre waren da, welche von dem Gewicht des ganzen übrigen ſchuldbeladenen Lebens in die Höhe geſchnellt wurden. Es war eine alte bekannte Geſchichte, dieſes Leben, aber darum nicht minder entſetzlich, weil ſie in dieſer Welt ſo oft vorkommt. Ihre eigene Mutter hatte ſie dem Laſter in die Arme geführt und hatte ihre Reue, ihre Verzweiflung, dieſe Zeugen ihrer Schuld, die ſich anfänglich heftig einzuſtellen pflegten, durch falſche Troſtgründe zu entkräften geſucht, und es war ihr das auch gelungen und ſie als Mädchen immer tiefer geſunken. Doch hatte ſte Glück gehabt, ſie hatte eine Heirath geſchloſſen, die im Stande geweſen wäre, ſie wieder empor zu heben; ihr guter Engel hatte ihr in der Geſtalt ihres Mannes die Hand gereicht, um die Verlorene aufzuheben und ſie zu unterſtützen, daß ſie auf einem guten Pfade fortan dahinwandle.— Aber vergebens!— ſie ſtrauchelte und fiel als Weib, wie ſie als Mädchen gefallen war; das Glück verließ ſie fortan vollſtändig, und der Engel ihres Lebens verhüllte ſein Geſicht und entfloh weinend. Dann ward ihre Tochter geboren, und das arme, kleine, unſchuldige Weſen rief ihr für einige Jahre die eigene Kindheit in's Gedächtniß zurück, und ſie fühlte öfter die eigene Reue und Verzweiflung, die damals ihr Herz ergriffen, als ihre Mutter ſie ebenſo angeleitet, wie ſie ihre Tochter. Zwiſchen dieſen Gedanken entwand ſich ihren Lippen oft⸗ mals ein ſchmerzlicher Ausruf nach der Tochter und der Name 120 Neunundzwanzigſtes Kapitel. „Anna“ zitterte häufig durch das ſtille Gemach. Wie war das Kind ſo gut und unſchuldig geweſen! Wie fühlte jetzt die Mutter mit entſetzlichem Schmerze, was ſie ſchon hier allein verbrochen, wie furchtbar ſie gefrevelt an dem herrlichen heiligen Geſchenk, das ihr der gütige Himmel mit ihrem Kinde gegeben!— Einmal in ihrer Jugend war ſie dem Tode nahe geweſen, und das war gerade damals, als ſte ihre erſten Fehltritte begangen, und nur durch ein Wunder war ſie gerettet worden. Wie wahr und innig entrang ſich jetzt der Wunſch ihrer Bruſt:„o wenn man mich damals nicht gerettet hätte, wenn ich untergegangen wäre in dem tiefen See meines heimathlichen Dorfes!——— Immer tiefer vergrub die Frau ihren Kopf in die Hand und eine Fluth von Thränen bedeckte ihr Geſtcht.„Anna!“ ſeufzte ſte abermals, und die Sehnſucht nach ihrem Kinde wurde zur Verzweiflung. Sie hatte ſte gefürchtet, die eigene Tochter, ge⸗ fürchtet, wie man in ihrer Lage ein beſſeres Weſen fürchtet; denn ſte kannte das Herz ihres Mädchens und wußte, daß es rein geblieben war, rein in der Sünde, welche ſte umgeben. Ja, ſte hatte ſte gefürchtet, aber zugleich mit Hoffen zu ihr emporgeſchaut, indem ſte geglaubt, daß, ſo lange Anna in ihrer Nähe ſei, der Himmel ſich ihrer noch erbarmen und kein größeres Unglück über ſie hereinbrechen würde. Jetzt war das Mädchen fort. Wohin?— wer konnte es wiſſen? Ihr ärmliches Lager drüben im Schlafzimmer war ſo liegen geblieben, wie ſie es da⸗ mals verlaſſen, und als ſie den erſten und zweiten Tag nicht zurück kam, als ſelbſt der Steinmann keine Kunde von ihr er⸗ hielt, da hatte ſie in halb wahnſinniger Freude das ſeidene Kleid des Mädchens, ihre feinen Schuhe, ihren Hut und einen Hand⸗ ſchuh, den ſie gefunden— wo der andere geblieben war, wußte ſie nicht— auf das armſelige Bett gelegt. Das war heute Nach⸗ mittag geweſen, und ſie hatte mit teufliſcher Luſt den Steinmann an das Lager geführt, ihm die Kleider gezeigt und ihm Alles b das utter chen, henk, nmal war nur innig mich dem und eufzte e zut „ge⸗ htet; l ihr ihrer ßeres ldchen Laget 3 da⸗ nich hr er⸗ Kleid dand⸗ wußte Nach⸗ mann Alles Unter dem Stadtgraben. 121 von dem Madchen erzählt, Alles, was ſie wußte und was er nicht geahnt. Sie hatte ſich geweidet an ſeiner Wuth, an dem wilden Schmerze, den er gezeigt, und es hatte ſte die Fluth von Verwünſchungen beruhigt, welche er auf ihr Haupt herabſtrömen ließ— Verwünſchungen, die der entflohenen Beute galten, welche er ſo ſicher geglaubt und die ihm allein nicht zu Theil geworden. Wie hatte er erſtarrt dageſtanden, als ihm die Mutter erzählt von dem ungeheuren Frevel, den ſie an ihrer Tochter be⸗ gangen, und wie hatte er das Meſſer in ſeiner Taſche ergriffen, als ſie ihm hohnlachend erzählte, nur um ſeinetwillen ſei das Mädchen geflohen, und ihr wäre der tiefe Grund des Fluſſes lieber geweſen, als ein freundliches Wort von ſeinen Lippen! Der Steinmann hatte nie etwas Schrecklicheres erfahren, eine härtere Strafe hätte dem wüſten und leidenſchaftlichen Men⸗ ſchen nie zu Theil werden können. Mit einem Geheul der Wuth war er hinweggeſtürzt, furchtbare Rache ſchwörend. Darüber aber lachte die Frau— was konnte er thun, das ſie noch elender machte, als ſie ſich im jetzigen Augenblicke ſchon fühlte?— Wie hatte ſie das Kleid ihrer Tochter mit Küſſen bedeckt, wie ihre feinen Stiefelchen und den kleinen Handſchuh!—— Das alles überdachte die Frau in der Ecke des Sopha's, und obgleich ihr die Dämmerung in dem Zimmer wohl that, ſo fürchtete ſie ſich doch. Oft hob ſie den Kopf empor, indem ſte geglaubt, ſie höre Geräuſch in dem Schlafzimmer ihrer Tochter; doch war das jedes Mal Täuſchung und nur das eigene Blut, das raſend in ihren Pulſen klopfte. Jetzt erhob ſie abermals den Kopf und blieb wie erſtarrt ſitzen, denn die Thüre, die von der Treppe in das Zimmer führte, hatte ſich langſam geöffnet, und ſie erblickte eine lange, dunkle Geſtalt, welche unbeweglich ſtehen blieb und nach ihr hinzu⸗ blicken ſchien. 122 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Die Frau faßte krampfhaft die Lehne des Sopha's und erhob ſich langſam und leiſe; denn ſie fürchtete, daß das unter der Thüre ein entſetzliches Geſpenſt ſei, das bei dem geringſten Laute, bei der geringſten auffallenden Bewegung über ſie her⸗ fallen würde. Das dauerte einige Sekunden, während Beide ſich feſt an⸗ blickten, worauf die Geſtalt einen Schritt in's Zimmer trat und die Frau mit leiſer, zitternder Stimme ſagte:„wer biſt du?“ Bei dem Klange dieſer Stimme zuckte das dunkle Weſen an der Thüre zuſammen und antwortete mit tiefer, klangloſer Stimme: vich bin der Lukas!“ Noch einen Augenblick hielt die Frau ſich aufrecht an dem Sopha, dann ſtürzte ſie auf denſelben nieder und rief:„Jeſus Maria, was wollt Ihr von mir?“ „Ich habe einen Brief von deiner Tochter,“ ſagte die Ge⸗ ſtalt mit derſelben tiefen Stimme,„wahrſcheinlich das letzte Wort, das du in dieſem Leben von ihr erhalten wirſt. Der Brief war offen, als er gefunden wurde, ich weiß ſeinen Inhalt. Daß du es ſein mußteſt, habe ich geahnet, als ich deine Anna zum erſten Male geſehen; dein Ausruf, als du vorhin meinen Namen hörteſt, hat es mir beſtätigt.“—— „Hatteſt du nicht genug mit deinem eigenen Geſchick?“ fuhr die Geſtalt fort zu reden;„jammervolles Geſchöpf, erinnerteſt du dich nicht mehr der Qualen, die du, wenn auch nur kurze Zeit, ſelbſt erduldet, als deine Mutter dich zu ſo etwas Entſetz⸗ lichem gezwungen?— Nein, du haſt dich daran nicht erinnert, du haſt ein viel beſſeres Geſchöpf, tauſend Mal beſſer, als du je geweſen, und reiner, als tauſend andere ihres Geſchlechts, die ſtolz und ohne Mackel einhergehen, hinuntergedrückt, zuerſt geiſtig, dann leiblich vernichtet!“—— und unter gſten her⸗ an⸗ und 2 ℳ Weſen gloſer dem Jeſus Ge⸗ letzte Der halt. Anna neinen fuhr nerteſt kurze ntſetz⸗ nnert, du je „ die zuerſt Unter dem Stadtgraben. 123 „Du haſt nicht die Hand Gottes erkannt, die dich in jener Nacht errettet, zweimal verkannt haſt du ſie, du fiengſt kein beſſeres Leben an und brachteſt deine Tochter demſelben Tode zur Beute, dem du wunderbarer und ungerechter Weiſe ent⸗ gangen!“. „Meine Anna!“ ſchrie die Frau verzweifelnd auf,„ meine Anna! wo iſt mein Kind?“ „Bei Gott!“ ſagte die Geſtalt feierlich,„du haſt dem klaren tiefen See Luſt nach ſeiner Beute gemacht, aber er mochte dich nicht, du warſt dem Tode zu ſchlecht, du entgiengſt ihm, aber deine Tochter fiel ihm zu. Ihr iſt wohl! „O, o!“ ſtöhnte die Frau und zerraufte ihr Haar;„du biſt nicht der, für den du dich ausgibſt, du biſt kein lebendes Weſen, du biſt ein Teufel, der mich zur Verzweiflung bringt!“ „Kann wohl ſein,“ antwortete die Geſtalt mit derſelben tiefen Stimme;„wahrlich, ich bin ein Todesbote! nimm hin den Brief.“ Als die Frau ihr wirres Haar aus dem Geſichte warf und aufblickte, ſah ſie durch die Dunkelheit ein weißes Blatt Papier auf dem Boden flattern, die Thüre ſchloß ſich eben ſo geräuſch⸗ los, wie ſie ſich geöffnet, und als die Frau in entſetzlicher Angſt an die Treppe eilte, erblickte ſte nichts, als einen ſchwarzen Mantel, der hinabzuflattern ſchien.— Wie lange nach dieſer ſchauerlichen Scene die Frau in der Sophaecke gelegen, wußte ſie ſelbſt nicht. Sie war beſchäftigt mit ſchrecklichen, ja blutigen Bildern, die unabläſſtg ihr Inneres erfüllten. Sie kämpfte einen gewaltigen Kampf und endlich drang ein Lichtſtrahl in ihr finſteres Gemüth. Darauf blieb ſte noch einen Augenblick ruhig ſitzen und hörte alsdann, wie die Treppe, welche zu ihren Zimmern führte, unter ſtarken Fußtritten knarrte und ächzte. Die Thüre wurde geräuſchvoll geöffnet und zwei 124 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Männer traten in das Zimmer, blieben aber an der Thüre ſtehen, als ſte die Dunkelheit bemerkten. „Iſt Niemand da? he!“ vernahm ſte die Stimme Stein⸗ mann’s,„Frau Müller, ſeid Ihr nicht da?“ und die Ange⸗ redete antwortete:„was ſoll's wieder? was wollt Ihr von mir?“ „Die Frau hält Betrachtungen im Dunklen,“ ſagte lachend der Gevatter, welcher mit dem Stadtſoldaten eingetreten war; „was ſollen die Geſchichten? macht doch Licht!“ „Sogleich!“ ſagte die Frau, ſtand von ihrem Sopha auf und that, wie der Gevatter ſie geheißen. Dieſer aber ſchüttelte mit dem Kopf, als er nun bei dem Scheine der Kerze in das Geſicht der Frau ſah, das ſo geiſterhaft bleich und entſetzlich abgeſpannt ausſah, und als er die wirren Haare bemerkte, die um den Kopf und um die unheimlich glühenden Augen flatterte. Der Steinmann, der das ebenfalls bemerkte, wunderte ſich weniger darüber, denn ihm ſchien das Ausſehen der Frau eine Nachwirkung zu ſein von dem Auftritte, den er heute Nach⸗ mittag mit ihr gehabt. Da es ihn nebenbei freut und ihm ſchmeichelhaft war, daß ſein Zorn dieſen Eindruck auf ſie ge⸗ macht, er es auch für viel paſſender und kluger hielt mit ſeiner redlichen Hehlerin nicht vollkommen zu brechen, ſo reichte er ihr die Hand, indem er ſagte: nnun laßt's gut ſein, Frau! Geſchehen iſt einmal geſchehen! Laßt uns für die Zukunft unſere Sachen ehrlicher und beſſer einrichten!“ worauf die Frau mit ruhiger, aber klangloſer Stimme erwiderte: 5 „Ja, geſchehen iſt einmal geſchehen, wir wollen für die Zukunft unſere Sachen ſchon ehrlicher und beſſer einrichten.“ „Aber vor allen Dingen,“ ſprach der Gevatter luſtig da⸗ zwiſchen,„vor allen Dingen, Frau Müller, öffnet Euren Wand⸗ ſchrank und laßt einen Krug guten Weins herausſpazieren; ich ſen, Unter dem Stadtgraben. 125 bin verteufelt durſtig und hab' während des ganzen Nachmit⸗ tags kaum ein paar elende Schoppen über die Lippen gebracht.“ „Denkt nicht eher ans Saufen,“ ſagte grämlich der Stein⸗ mann, vals bis Ihr wißt, ob alles ringsum ſicher iſt— habt Ihr nichts Verdächtiges bemerkt, Frau?— nicht? ſo iſt's recht! Jetzt aber riegelt vor allen Dingen die Hinterthür zu und laßt den dicken grünen Vorhang vor das Fenſter da herab.“ Schweigend that die Frau, wie ihr geheißen, und wäh⸗ rend ſie die Hinterthüre verſchloß und verriegelte, verbarg ſie das Briefchen ihrer Tochter, denn ſte hatte nicht den Muth, es zu leſen. Die beiden Herren hatten es ſich unterdeß droben bequem gemacht, und jeder lag in einer Ecke des alten Sopha's. Der Gevatter hatte höchſteigenhändig einen Krug Wein aus dem verborgenen Schranke hervorgeholt, und nachdem er einen tüch⸗ tigen Zug gethan, wiſchte er ſich behaglich das Maul, und die Blicke ſeiner beiden ſchief ſtehenden Augen gaben ſich als⸗ dann ein vergnügliches Rendez-vous auf der röthlich glänzenden Naſe. Der Steinmann ſchien nicht ſo ganz guter Laune zu ſein; er dämpfte oftmals die Luſtigkeit des Gevatters mit einem Wort und verſank ein anderes Mal in tiefes Hinbrüten. Die Frau Müller hatte ſich neben den Ofen geſetzt, den Kopf an die Wand gelegt und that, als ob ſte ſchliefe. Aus einem ſolch' tiefen Nachdenken fuhr der Steinmann in die Höhe und ſagte:„ich hätte doch nicht gewünſcht, daß die ganze Geſchichte ſo ſchlimm abliefe! es ſchauert mich doch ein wenig, wenn ich daran denke.“ „Daß das Mädel davon gelaufen iſt?“ lachte der Ge⸗ vatter,„wie kann man ſo etwas nicht ſchon in der nächſten Stunde vergeſſen!“— Seine Augen kreuzten ſich bei dieſen Worten auf dem Weinkruge, den er emporhob. —— ͦ— 126 Neunundzwanzigſtes Kupitel. „Nein!“ antwortete der Steinmann,„ich meine die andere Geſchichte.“ „So, die andere Geſchichte,“ murmelte achſelzuckend der Gevatter, wobei ſeine Augen mit einiger Verlegenheit nach ein⸗ ander hin zu ſchielen ſchienen.„Ja, da läßt ſich nichts mehr ändern, man muß die Sache als ein Unglück betrachten; das iſt gerade ſo, als wenn ich Jemanden die Fenſter einwerfen will und treffe ihn ſelbſt zufällig mit dem Steine vor den Kopf, daß er todt hinfällt,— das iſt nichts weiter als ein Un⸗ glück.“ „Freilich ein Unglück, aber ein großes; wir haben freilich dem Kerl, dem Winkler, einen tüchtigen Poſſen geſpielt, er liegt an einer Kopfwunde bedeutend, wenn auch nicht gefährlich, dar⸗ nieder, und ſo wie er geſund wird, heißt es freilich vor der Hand: Adieu Hofkutſcher! und er kann die graue Livree an⸗ ziehen; aber der leiſoiuneiſer hat eine gründli er⸗ ſuchung verſprochen, und wenn man auch nichts herausbringt, daß an dem Abend Jemand um den Weg geweſen, der die Pferde abſichtlich zum Stürzen und Durchgehen gebracht, ſo werden doch Alle vom Stalle auftreten, wenigſtens die Meiſten, und ein gutes Zeugniß für den hoffärtigen Lump ablegen— was iſt da gewonnen?“— ᷣ— Der Gevatter zuckte abermals mit den Achſeln und gab die Richtigkeit dieſer Bemerkungen zu. „Ich bin ſonſt nicht ängſtlich,“ fuhr der Steinmann fort, „aber mich ſchaudert's, wenn ich an den Leichenzug von der Hof⸗ dame denke; ſteigt da Abends geſund und friſch in den Wagen und liegt am andern Morgen todt auf ihrem Bette!“ „Allerdings!“ antwortete der Gevatter,„es iſt ein unan⸗ genehmer Zufall.“ Er that einen neuen Zug aus dem Kruge, und die Frau am Ofen zuckte kaum merklich zuſammen.„Bei dete Marie, Ihr wißt ja wohl, die damals als Lampenputzerin mit Unter dem Stadtgraben. 127 allem dem aber,“ fuhr der Gevatter fort,„müßt Ihr meine gut getroffenen Anſtalten höchlich beloben: wie haben die vom Stalle den ganzen Platz mit den Laternen unterſucht, und haben ſie etwas gefunden?— nicht das Geringſte! und ich ſelbſt hatte mich wohl gehütet, als Zuſchauer auf dem Platz zu bleiben.“ „Man muß geſtehen,“ verſetzte der Stadtſoldat,„daß die Sache außerordentlich ſchön eingefädelt war; nur hat dieſer Kerl ein unverſchämtes, unerhörtes Glück. Ich ließ mich gleich nach dem Vorfall auf dem Platze ſehen und ſtieß zufällig auf den Hoflakaien Jean; ich hätte den Kerl gern niedergeſchlagen, denn er ſah mich mit einem wahren Giftblick an, mit einem Blick, als wollte er ſagen: du wirſt auch nicht betrübt ſein über das Unglück des Hofkutſchers.“ „Ihr hättet doch beſſer gethan, an dem Abend wegzu⸗ bleiben gnete der Gevatter;„ich war froh, als ich das ganze 2ene hinter dem Rücken hatte und das verſichere ich Euch, es wird lange Zeit dauern, ehe ich mich entſchließen kann, des Nachts dort unter die Bäume zu gehen; ich ſehe noch immer zu deutlich den Stamm vor mir, an welchem die Frau hinſtürzte und liegen blieb; es iſt, beim Teufel, ein unange⸗ nehmes Gefühl— ſprechen wir nicht mehr von der Sache, kom⸗ men wir auf etwas Anderes!“ Der Steinmann ließ ſich herab, jetzt ebenfalls einen Schluck aus dem Kruge zu nehmen, und ſagte beiſtimmend:„ja, von etwas Anderem! „Apropos,“ fuhr der Gevatter fort,„ich habe auch die Papiere gründlich durchgeſehen, die in dem Packetchen waren, welches ich in jener denkwürdigen Nacht bei der alten Perſon im Vorderhaus mitſpazieren ließ. Sie betreffen die verſtorbene 128 Ueunundzwanzigſtes Kapitel. unter Eurer Fuchtel war. Sie hat ein kleines Mädchen hinter⸗ laſſen, welches die Welſcher aufzieht. Es fanden ſich nun in dem Packete meiſtens dünne Liebesbriefe, vertrocknete Blumen, Haare und dergleichen einfältige und nichtsſagende Geſchichten; nur ein Papier darunter iſt ſehr beachtenswerth: es iſt das Schreiben eines Advokaten aus Mailand, welcher der Verſtor⸗ benen anzeigt, daß er den Auftrag habe, ihr eine nicht unbe⸗ deutende Summe nach und nach auszahlen zu laſſen, ſowie ſie ſich, die Marie nämlich, an ihn deßhalb wenden wolle und ge⸗ naue Auskunft gebe, wie es ihr und namentlich ihrem kleinen Kinde ergehe. Dieſer Advokat heißt, wenn ich nicht irre, Cäſar Bartolini, und ſagt in einem zweiten Schreiben, welches ein halbes Jahr nach dem erſten hier angekommen ſein muß: wenn dagegen die Marie geneigt ſein ſollte, ihr Kind durch die Ver⸗ mittlung eines hieſigen Handlungshauſes in eine Penſion nach Paris zu geben, ſo habe eben dieſes Handlungshaus den Auf⸗ trag, derſelben einen anſtändigen Jahresgehalt für ihre Lebens⸗ zeit auszuzahlen.“ „Ei, ei!“ ſagte der Steinmann und ſein eines Auge glänzte freundlich,„und die dumme Perſon iſt darauf nicht eingegangen? Ich glaube wenigſtens nicht, daß ſie es that, denn ſonſt wäre ſie nicht in ſo bitterer Armuth geſtorben.“. „Verſteht ſich!“ lachte der Gevatter,„die dumme Gans hat dieſe Anerbietungen alle abgelehnt; denn ich fand einen dritten Brief von dem Advokaten, worin er ſagt: nich habe Ihre Antwort auf meine beiden Briefe erhalten und dieſelbe dem Herrn Grafen mitgetheilt; es hat ihn außerordentlich ſchmerz⸗ lich berührt, daß Sie ſeinen vernünftigen Vorſtellungen kein Gehör geben. Indem ich mich genöthigt ſehe, Ihnen hiermit zum letzten Mal zu ſchreiben, glaube ich die Verſicherung aus⸗ drücken zu können, daß der Herr Graf ſtets geneigt ſein wird, hinter⸗ nun in lumen, iichten; iſt das erſtor⸗ unbe⸗ wie ſie Und ge⸗ kleinen Cäſar hes ein wenn ie Ver⸗ glänzte angen! wäͤte ſte Gans dritten be Ihte lbe dem ſchmerz⸗ en kein hiermi 9g aus⸗ in wird, —— Unter dem Stadtgraben. 129 Ihnen zu helfen, ſobald Sie einmal in den Fall kommen werden, dieſe Hülfe durch mich in Anſpruch nehmen zu wollen.“ Nach dieſer Mittheilung dachte der Steinmann eine Weile ruhig nach, und der Gevatter ſchien ſich ebenfalls in ergiebige Plane zu verſenken. „Da wären nun zwei Wege,“ ſagte der Erſtere nach einer Pauſe,„um aus dieſem Briefe einigen Nutzen zu ziehen: ent⸗ weder wir ſchreiben dieſem Herrn Bartolini, das heißt, wir laſſen die Marie eigentlich ſchreiben— es wird Euch ein Leichtes ſein, aus vorgefundenen Briefen ihre Handſchrift ſo täuſchend nach⸗ zuahmen, daß der Italiener damit zufrieden ſein kann— oder wir bleiben bei der Wahrheit und ſchreiben dem Advokaten, daß die Marie geſtorben iſt, daß ſich das Kind im Elend befinde, daß es von der Gnade armer Leute leben müſſe, was ja Alles wahr iſt, und erbitten uns eine namhafte Summe zu deren Unterſtützung.“ „Das Letzte iſt beſſer,“ ſagte der Gevatter und rieb ſich vergnügt die Hände;„bleiben wir bei der Wahrheit, ich liebe die Wahrheit über Alles; und dann haben wir auch wegen der Adreſſe keine Schwierigkeit. Ihr unterſchreibt den Brief, Ihr mit Eurem Namen und Titel, als zur Polizei gehörig, und ſo wird Euch der Italiener vollkommen trauen.“. „Das wird doch nicht gut angehen,“ meinte der Stein⸗ mann und unterſtützte das Kinn mit der Hand;„beim Teufel auch, meinen Namen! bedenkt doch, meinen Namen!“ „Den Teufel auch!“ ſpottete ihm der Gevatter nach,„be⸗ denkt doch, meine Haut, die ich immer zu Markt getragen, und meinen Hals, wenn die Kutſchergeſchichte heraus käme, und meinen ehrlichen Namen, wenn ſie mich einmal als Vagabund aufgrei⸗ fen, und meinen Rücken, wenn ſie mich wegen ausgezeichneten Diebſtahls einmal ſechs Jahre aufheben, zu Anfang und zu Hackläander, Namenl. Geſchichten. II 9 130. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Ende geſchärft durch Stockhiebe; bedenkt doch das auch, Ge⸗ vatter! all' dieſe edlen Theile um Euren lumpigen Namen! Thut in's Teufels Namen nicht ſo koſtbar, Ihr wißt ſelbſt, wenn die Leute: Steinmann geſagt haben, ſo ſpucken ſie nach⸗ her aus, und das ſoll alsdann ſo viel heißen, als: Pfui Teufel!“ „Die Gauner und Vagabunden,“ ſagte ruhig lächelnd der Stadtſoldat,„thun freilich dergleichen, und die böſen Buben auf der Gaſſe und einige alte Weiber mit ſchlechten Mäulern.“ Bei dieſen Worten ſchaute der Stadtſoldat auf die Müller, die aber feſt zu ſchlafen ſchien.„Aber was rechte Leute ſind, die wiſſen ſchon, was ſte an dem ſtrengen, aufmerkſamen, unnach⸗ ſichtigen Steinmann haben, das verſichere ich Euch; ich bin bei Einem wohlweiſen Magiſtrat recht gut angeſchrieben, und weil ich das bin und mich dadurch empor zu bringen hoffe, ſo wollen wir dieſes letzte Geſchäft noch ſelbander beſtens zu Ende bringen.“ „ „Wie ſo, dieſes letzte Geſchäft?“ ſagte erſtaunt der Ge⸗ vatter und ſtellte den Krug, den er eben erhoben, erwartungsvoll auf das Knie.. „Das will ich dir ſagen, mein Junge,“ verſetzte der Stein⸗ mann,„ich hoffe nächſtens aus dem Polizeidienſte auszuſcheiden und ein anderes Pöſtchen zu erlangen; es kann mir das auf keinen Fall fehlſchlagen; wenn ich aber eben dieß Pöſtchen be⸗ komme, ſo iſt es unumgänglich nothwendig, daß ich wenigſtens vor der Hand alle Verbindungen abbreche, die meinem guten Rufe Abbruch zu thun im Stande wären.“ „So, ſo! ei, ei!“ entgegnete der Gevatter, und ihm ſchien dieſe Ausſicht nicht beſonders zu gefallen;„aber was ſoll dann aus mir werden 2u 1. duch, Ge⸗ Namen! ißt ſelbſt, ſie nach⸗ 6: Mfui ſchelnd der in Buben Mäulern. züller, die ſind, die , unnach⸗ ich bin ben, und hoffe, ſo zu Ende der Ge⸗ rtungsvoll bet Stein⸗ zuſcheiden r das auf öſtchen be⸗ wenigſten nem guben iim ſchin p ll dann Unter dem Stadtgraben. 131 „Du haſt dir auf alle Fälle etwas zuſammengeſpart,“ meinte der Steinmann, vund für dich wäre es auch die höchſte Zeit, nach einem ſoliden, ſtillen Lebenswandel zu greifen, denn...“ „Ich mir etwas zuſammengeſpart?“ lachte der Gevatter,“ „nicht einen Kreuzer! Wie gewonnen, ſo zerronnen! Was hab' ich nicht für ſchwere Ausgaben gehabt! koſtet mich doch z. B. die Kutſchergeſchichte für Zurüſtungen an fünf Gulden dreißig Kreuzer, die Ihr mir aber auf alle Fälle erſetzen müßt, Gevatter, und was Euer Pöſtchen anbelangt, ſo wird die An⸗ ſtellung wohl noch gute Wege haben. Ihr habt ſchon oft von dergleichen geſprochen, ich bin aber vor der Hand erfreut, daß wir das einträgliche Geſchäft mit dem Italiener zuſammen machen; ich entwerfe und unterſchreibe den Brief, und ſo könnt Ihr auf keine Weiſe compromittirt werden.“ „Abgemacht!“ entgegnete der Steinmann; vaber vergeßt nicht, was ich Euch geſagt; ſeht Euch nach irgend einem an⸗ ſtändigen Brod um, unſere Sache wird mir nachgerade lang⸗ weilig; auch das Haus hier,“ ſetzte er leiſe hinzu, neckelt mich an— wie war das ſonſt anders!“ ſetzte er mit einem Seufzer hinzu;„aber die Frau da wird unausſtehlich langweilig.“ „Ja, ja,“ bekräftigte der Gevatter, ſie gönnt uns kaum mehr ein freundliches Wort, und ſelbſt ihr Wein iſt in der letz⸗ ten Zeit verdammt ſchlecht geworden; jetzt lehnt ſte in einer Ecke und ſchläft.“ „Den Schlaf der Gerechten!“ lachte höhniſch der Stein⸗ mann, und dann erhoben ſich Beide und ſchlichen, ohne„Gute Nacht!“ zu ſagen, die Treppen hinab zur Hinterthüre hin⸗ aus in die engen Gäßchen. Obgleich Beide über die Frau droben kein Wort weiter ſprachen, ſo hatten ſich doch Beide mit ihr beſchäftigt, und als ſie ein paar hundert Schritte von 4 9⸗ Neunundzwanzigſtes Kapitel. 132 dem Hauſe entfernt waren, blieb der Gevatter plötzlich ſtehen und ſagte: „Seit die Anna fort iſt, gefällt die da droben mir wahr⸗ haftig ganz und gar nicht mehr; mich ſoll der Teufel lothweis holen, aber ich gehe nicht gern mehr in das Haus;'˙s iſt mir immer, als müſſe da einmal irgend einem von uns ein großes Unglück geſchehen.“ „Na, wißt Ihr was, Gevatter,“ ſagte der Steinmann grinzend, und aus ſeinem einen Auge ſchoß ein wahrhaft teuf⸗ liſcher Blick:„ſo kommt Eurer Ahnung zuvor und richtet ſelbſt ein großes Unglück da an.“ „Meint Ihr?“ „Warum nicht!“ „Ich hab' der alten Hexe nie recht getraut, und wenn Ihr nicht von den Augen ihrer Tochter verblendet geweſen wäret, ſo hätten wir ſte nie ſo tief in unſer Getreibe ſehen laſſen,“ ſagte der Gevatter, und der Steinmann fügte hinzu: „Auch hat ſie beſtändig ihren Vortheil...“ „Glaubt Ihr?“ „Da iſt vom Glauben keine Rede, ich weiß, daß die Alte Geld hat, viel Geld hat ſie verſteckt.“. „Glaubt Ihr wirklich?“ „Hat ſie doch in Metthauſen ein ſchweres Päckchen,— es mußte Geld darin ſein— nie aus der Hand geben wollen; o die Alte iſt ſchlau und hat uns Beide immer an der Naſe herum⸗ geführt! oder hat ſie,“ ſetzte der Steinmann ingrimmig hinzu, „mich vielleicht nicht an der Naſe herumgeführt? mich mit dem verfluchten Mädel, Euch mit vielem, vielem Geld!“ „Mit vielem, vielem Geld!“ ſprach der Gevatter gedanken⸗ voll nach und faßte zuckend nach dem Meſſer in ſeiner Hoſen⸗ h ſtehen ir wahr⸗ lothweis ziſt mir 1 großes einmann aft teuf⸗ et ſelbſt enn Iht aret, ſo 7 ſagte Unter dem Stadtgraben. 133 taſche.„Ja, das ſoll anders werden!“ ſetzte er, wie zu ſich ſelbſt ſprechend hinzu,„wir wollen der Geſchichte ein Ende machen!“ „Aber nicht eher darf das geſchehen,“ ſagte der Stein⸗ mann feſt und beſtimmt,„bis das italieniſche Geſchäft bereinigt iſt; dann mit den Piaſtern in der Taſche und mit dem Gelde der Alten da oben könnt Ihr Euch ſchon durch die Welt ſchlagen; aber früher etwas thun, wäre der offenbarſte Wahnſtnn.“ „Ich haſſe die Müllerin!“ ſagte ingrimmig der Gevatter; „ich habe ſte immer gehaßt; haben mich dieſes Weib und ihre ſchlechte Tochter nicht immer behandelt wie ein räudiges Thier? Ja, die Anna hat ausgeſpuckt vor mir, bis ich ihr eines Tages zugeſchworen, ich ſteche ſte nieder, wenn ſte es noch einmal thue.“ „Nur noch eine kleine Weile Geduld!“ ſagte der Stein⸗ mann, nkeine voreiligen Thorheiten! Jetzt geht ruhig nach Hauſe und ſchlaft Euren Rauſch aus— vidderſprecht mir nicht—, Ihr habt wieder einen Rauſch, macht morgen die Briefe, und in circa vierzehn Tagen, ſo denk' ich, haben wir ein ordentliches Capitälchen beiſammen.“ Der Gevatter wünſchte gute Nacht und ſtolperte brummend und fluchend nach Hauſe; der Steinmann aber lachte ſich in's Fäuſtchen und dachte bei ſich:„wenn der Kerl eine rechte Dummheit anſtellt, ſo muß er ſchleunigſt flüchtig werden, dann bin ich ihn für alle Zeiten los.“— Droben in ihrem Zimmer lag unterdeſſen das auserkorene Opfer der teufliſchen Berechnung der beiden Gauner vor ihrem Sopha auf den Knieen und benetzte ein kleines, beſchmutztes Papier mit ihren Thränen. Es waren die letzten Worte ihres einzigen Kindes, ihrer ſchönen Anna, und ſie hatte, mit Blei⸗ ſtift geſchrieben, der Mutter ein ewiges Lebewohl geſagt.„Allein 134 Neunundzwanzigſtes Kapitel. in der Welt ſtehend,“ ſchrieb ſie,„erliegend unter fürchterlichen Erinnerungen, ſei ihr das Leben eine Laſt, und die Mutter möge noch das Einzige für ihr Kind thun, was ihr zu thun übrig bliebe, und Gottes Barmherzigkeit anflehen, daß er ihre vielen V und ſchweren Sünden ihr vergebe. Dreißigſtes Kapitel. Das Ende des Traumes. An jenem denkwürdigen Morgen, wo der Jäger Lukas aus der Wohnung des Schultheißen in die Berge hinaufgeeilt war, um von dem verſchwundenen Mädchen eine Spur aufzu⸗ finden, an jenem Morgen, wo er das Ende ſeines Traums erleben ſollte, blieb der Schultheiß des Dörfchens, Gottlieb Baumberg der Aeltere, als er den Jäger bis an das Ende ſeines Gartens begleitet, kopfſchüttelnd ſtehen und ſah dem ſonderbaren Fremden einen Augenblick nach in tiefe Gedan⸗ ken verſunken, dann rückte er ſein Morgenkäppchen auf dem weißen Haar unſchlüſſig hin und her, ſtützte ſich auf das Gartenthor und überdachte die ſonderbaren Reden, die der unbekannte Mann geführt. Sein ſorgfältiges Erkundigen nach dem Bergſee da droben, nach der Tiefe deſſelben und ob er recht einſam vom Wege abläge, dieſes Alles ſchien ihm ſehr verdächtig. 136 Dreißigſtes Kapitel. „Hollah, hollah!“ ſagte er zu ſich ſelber,„die Sache will mir durchaus nicht gefallen, da muß ich ſchon ein Bischen meine Vorkehrungen treffen! Peter! Anton!“ rief er, während er eilig durch den Garten nach ſeiner Wohnung zurückſchritt,„An⸗ ton! Peter! wo ſteckt Ihr? Bald erſchienen die Gerufenen, zwei handfeſte Bauern⸗ burſche, unter dem Scheuernthor und liefen zu ihrem Herrn in den Garten.„Paßt mir auf,“ ſagte der Schultheiß,„und merkt Euch, was ich jetzt will! Ihr Beiden, ohne aber vor⸗ her im Dorf mit Jemand darüber zu ſprechen, lauft, was Ihr könnt, zu meinem Gevatter nach der Sägmühle, da nehmt Ihr die beiden Söhne des Gevatters mit— ich laſſe meinen ſchönen Gruß machen und darum bitten— und nehmt zugleich den leichten Nachen vom Mühlteich und fünfzig Klafter Strick, ein paar lange Stangen und ſpringt hinauf, was Ihr könnt, an den wilden See. Ich werde noch vor Euch da ſein,— na! ſchaut mich nicht ſo an! macht, daß Ihr fortkommt! Ich habe Euch noch niemals eine Dummheit befohlen und ſchlechte Witze mache ich auch keine;— aber eilt, was Ihr könnt,'s gilt ein Menſchenleben!“ Jetzt flogen die Burſche davon über das bethaute Gras hinweg nach der Mühle, die in einer Schlucht am Fuße der Berge lag. Der alte Schultheiß gieng an das Gartenthor zurück, hielt die Hand als einen Schirm gegen die Sonne an die Augen und blickte nach dem fremden Manne. Dieſer war rüſtig auf⸗ wärts geſtiegen und ſtand jetzt auf der Brücke des Waldwaſſers in demſelben Augenblicke, wo Anton und Peter die Mühle er⸗ reichten. Jetzt nickte der Schultheiß zufrieden lächelnd vor ſich hin, gieng ins Haus zurück, entledigte ſich ſeiner Schuhe und zog dafür ein paar hohe Stiefel an; dann ſetzte er den runden Hut auf, gieng in ſeinen Stall, ſattelte ein kleines, gedrungenes je will meine end er „An⸗ uern⸗ ern in ünd vor⸗ 5 Ihr t Ihr hönen h den , ein , an na! habe Witze t ein Gras ſe der rrück, lugen auf⸗ aſſers e er⸗ r ſich und unden genes 137 Das Ende des Traumes. braunes Pferd, und nachdem er noch einige Befehle für das Haus zurückgelaſſen, ſchwang er ſich auf den Rücken des Thieres und trabte ebenfalls den Bergen zu. Anton und Peter hatten, wie geſagt, die Mühle erreicht, hatten den Gevatter des Schultheißen bei Seite genommen und ihm eilig den Wunſch, beziehungsweiſe Befehl, deſſelben zuge⸗ flüſtert. „Da hat's Eile!“ meinte der alte Müller; brachte ſeine Finger an den Mund und pfiff ſo gellend, daß es das Geklapper der Mühle übertönte. Augenblicklich darauf ließ ſich an einem der obern Fenſter ein weißgepuderter Kopf ſehen ſowie ein paar breite Schultern, worauf der Kopf ſaß, und bald darnach kam ein zweites Geſicht zum Vorſchein, welches dem erſtern über die Achſeln ſah, und Beide zuſammen verſchwanden wie der Blitz, als ihnen der alte Müller eine Geberde machte, welche ſte eiligſt herabkommen hieß. Mit wenigen Worten theilte nun der Vater ſeinen beiden Söhnen mit, um was es ſich handle, worauf Tau und Stangen in der größten Geſchwindigkeit herbeigeſchafft und der leichte Nachen aus dem Mühlenteich gehoben wurde. Darauf traten ſie ihre Wanderung ins Gebirge an, und da ab⸗ wechſelnd zwei und zwei den Nachen trugen, ſo kamen ſie raſch vorwärts.. Bald hatten ſie die Höhe des Berges erreicht und brauchten auf dem Kamme deſſelben nur noch ein paar tauſend Schritte zu gehen, um den„wilden See“ zu erreichen. Rings um war Alles ſtill und auch nicht der leiſeſte Wind rauſchte in den Blät⸗ tern der Bäume; daher kam es denn auch, daß ſie, obgleich noch eine gute Strecke von dem See entfernt, auf einmal deut⸗ lich ein Geräuſch vernahmen, als plätſchere etwas in dem Waſſer. Dieß hören und im ſchnellſten Laufe herbeieilen, war bei den vier kräftigen Burſchen Eins und daſſelbe. Jetzt ſahen ſie den 4 8 138 Dreißigſtes Kapitel. See vor ſich liegen, und ſahen wie das Waſſer nur noch kaum bemerkbar weite Kreiſe warf. In dieſem Augenblicke kam auch der Schultheiß auf ſeinem Pferde herbeigeſprengt, warf ſich vom Sattel und leitete mit großer Umſicht die Rettungsanſtalten. Der Nachen wurde in das Waſſer geſchoben und ſchnell an das Ende eines großen Tannenbaums gerudert, der umgefallen war und weit in den See hineinragte. Einer der Söhne des Müllers, ein tüchtiger Schwimmer, warf ſeine Kleider ab, wand das Ende des Strickes um die Fauſt und ſtürzte in den See. Schnell ſank er unter, doch vergiengen einige bange Sekunden, ehe an dem Seil durch eine zitternde Bewegung ein Zeichen gegeben wurde, es hinauf zu ziehen. Heftig zogen nun die vier ſtarken Männer, theils im Nachen ſtehend, theils ſich an dem Baumſtamme haltend, das Tau in die Höhe, und bald darauf kam der Retter in die Höhe, den Geretteten feſt am Kragen nach ſich ziehend. Der Schultheiß nickte vergnügt mit dem Kopf, als ſie nun den unbekannten Mann auf das weiche Moos am Ufer des See's niederlegten und derſelbe nach wenigen Sekunden tief auf⸗ athmete, die Augen öffnete, ſie aber bald darauf wieder ſchloß. Der Schultheiß, der auf Alles vorbereitet war, hielt ihm ein Fläſchchen an die Lippen und flößte ihm etwas Stärkendes ein; dann befahl er den jungen Burſchen, in die Mühle zurück zu gehen und einige Kleidungsſtücke für den Fremden herauf zu bringen. Dieſer ſchlug nach einiger Zeit abermals die Augen auf, ſchaute den alten Mann, der neben ihm kniete, mit großen Augen an und richtete ſich langſam in die Höhe. „Wir haben uns ja heute Morgen ſchon geſehen,“ ſagte der Jäger mit matter Stimme, und blickte ſchaudernd um ſich auf das ſtille Waſſer an ſeiner Seite. „Allerdings, mein Freund,“ ſagte der Schultheiß lachend, ˖kaum ſeinem te mit nde in großen n den htiger trickes unter, durch jinauf theils ltend, in die nun Sei auf⸗ cloß⸗ n ein Zein; ick zu uf zu lugen roßen ſagte 1ſich hend/ Das Ende des Traumes. 139 „bevor Sie an den See gegangen und auf jeden Fall aus Un⸗ glück oder Unvorſichtigkeit hinein gefallen ſind.“ „Ja, das muß wohl ſo ſein,“ entgegnete Lukas;„aber habe ich nicht jenes Mädchen ſuchen wollen, die drunten im See liegt?“ „Poſſen! wer wird drunten im See liegen?“ verſetzte der alte Mann,„das Mädchen wahrhaftig nicht.“ „Doch, doch! entgegnete der Jäger; nich habe ſie geſehen, ſo glaube ich wenigſtens; ihre langen blonden Haare habe ich geſehen, es iſt ſchade um das arme ſchöne Geſchöpf.“ „Na, wenn Sie wollen, ſo können wir nachher den gan⸗ zen See nochmal mit Stangen und Seilen unterſuchen,“ ſagte der gutmüthige alte Mann;„doch wenn die Unglückliche wirk⸗ lich da unten liegt, ſo thut ihr kein Finger mehr weh. Aber wie fühlen Sie ſich? Wie iſt Ihnen zu Muthe?“ „Mir iſt außerordentlich wohl zu Muthe,“ ſagte lächelnd der Jäger,„mir iſt eine ſchwere drückende Laſt von der Bruſt ge⸗ nommen, ich habe das Gefühl, als ſei ich aus einem tiefen, lang anhaltenden Traume erwacht.— Ganz richtig!“ ſagte er nachſinnend,„ich gieng nach der Reſidenz mit Briefen von mei⸗ nem Herrn, den ich liebe und verehre, und dann traf ich unter⸗ wegs jenes Mädchen und ſchickte ſie mit meinem Wagen in das Dorf da unten— das iſt doch Alles wahr, Schultheiß? Ich habe alſo eigentlich nie geträumt! Wie man doch ſo ſeltſames Zeug denken kann!— Richtig! richtig! der See hat mich an⸗ gezogen; denn ich erinnere mich aus meiner Jugend einer ähn⸗ lichen Geſchichte, wo ein armes Mädchen ebenfalls in einen See ſprang und wo man lange nach ihr ſuchte, ſie aber nie fand. Damals fiel ich in eine ſchwere Krankheit, und als ich genas, war es dunkel und trübe in meinem Kopfe; aber jetzt F 140 Dreißigſtes Kapitel. hat ſich's aufgeklärt,— ja, Gott ſei Dank! es hat ſich aufge⸗ klärt, das kalte Bad hat mir wohl gethan.“ Der Schultheiß hatte dieſem Selbſtgeſpräch lächelnd zuge⸗ hört und ſah ſichtlich erfreut, wie die finſteren Schatten auf dem Geſichte des fremden Mannes einem angenehmeren, milderen Ausdrucke Platz gemacht. Nur ſo oft er an das verſchwundene Mädchen dachte, flog es wie tiefer Kummer über ſeine Züge, und er konnte ſte nicht vergeſſen. Nachdem die Kleider gekommen, gieng der Schultheiß mit dem Jäger langſam nach dem Dorfe zurück, und die vier jungen Männer gaben ſich nochmals alle Mühe, wie es der Schultheiß verſprochen, und unterſuchten den See mit Tau und Stange, ohne Erfolg nach allen Richtungen. Nach ein paar Stunden brachten dieſe die Botſchaft ins Dorf hinab, zugleich aber ein kleines Papier in der Form eines Briefes, das ſie auf dem Waldwege am See gefunden. Lukas las dieſen Brief, und obgleich man in dem See nichts gefunden, ſo war er doch überzeugt, daß ſich das arme Mädchen ein Leides angethan, um ſo mehr, als ihm der Schultheiß geſtand, daß man den tiefen See eigentlich nicht gründlich unterſuchen könne. Wie der Jäger ſchon droben auf dem Berge geſagt, ſo war es ihm wirklich zu Muthe. Er fühlte ſich befreit wie aus be⸗ engenden Banden, wie aus einem tiefen Schlafe erwacht, und da er ſich wie im Traume in den See geſtürzt hatte, ſo ſchau⸗ derte er wohl zurück, wenn er daran dachte, er habe ſo leicht⸗ ſinnig und frevelhaft ſeinem Leben ein Ende machen wollen; doch wurde der Kummer darüber gemildert durch das Andenken an jenen Zuſtand, in welchem er ſo Manches faſt willenlos gethan. Jetzt lag ein neues, angenehmes Leben vor ihm, er brauchte nicht mehr wie früher ein ſchreckliches Erwachen zu befürchten; das lag hinter ihm, wie dunkle Wetterwolken, wie das Leuchten 8 141 Das Ende des Traumes. hanſge⸗ falber Blitze und wie das tiefe, unheimliche Rollen des Donners. Vor ihm aber hatte ſich der Himmel aufgeklärt und er ſah einen d zuge⸗ hellen Schein auf der Zukunft ſeines Lebens. 4 den Wenn er rückwärts blickte, ſo erſchütterte ihn nur Eins, uitdeni das war nämlich das Bild jenes fremden und ihm doch ſo bekann⸗ Andeſi ten Mädchens, das aus dem dunklen Gewölke die Arme flehend Züge, ausſtreckte und ihn bat: rette mich! Zuweilen erſchien ihm dieſes Bild auch, wenn er in die Zukunft blickte, und ſtand als⸗ eiß mit dann licht und freundlich vor ſeinem inneren Auge. üingen Die Aufſchrift jenes Briefes hatte er hundert Mal geleſen, ulthei kannte aber den Namen der Frau nicht, an welche der Brief Stange, gerichtet war, beſchloß jedoch, bei ſeiner Rückkunft in die Reſi⸗ denz genaue Erkundigungen einzuziehen über Alles, was das aft ins verſchwundene Mädchen beträfe; und das that er auch.— eines—————— Lukas Wenige Tage nach dieſem Vorfalle hielt abermals eine unden, Extrapoſt in dem kleinen Dorfe D., und während der Poſtillon Leides von Metthauſen aus⸗, und der neue Poſtillon, den wir bereits 8 , daß kennen, lächelnd einſpannte, unterhielt ſich der Herr Lukas, könne. der ſo eben von der Reſidenz zurück kam, neben dem Wagen ſo war ſtehend auf's Freundlichſte mit dem alten Schultheißen. us be⸗ Beide ſchüttelten einander herzlich die Hände, und als , und nun der Jäger wieder in ſeine Kaleſche ſtieg, und während ſchau⸗ der Schultheiß vergnügt ſich die Hände rieb, da er überzeugt leicht⸗ 1 war, er habe einem wackeren Mann geholfen, rollte der Jäger doch von dannen, das Verdeck des Wagens zurück geſchlagen, in en an der milden, warmen Frühlingsluft. Hinter ſich ließ er die Re⸗ than. ſidenz mit vielen finſtern und unheimlichen Erinnerungen, die auchte in den letzten Tagen noch um eine vermehrt worden waren; hte neben ſich hatte er in einer ledernen Taſche den ſo ſehr wich⸗ tigen Brief für den Baron Karl, traurig und angenehm zu⸗ uchten 142 Dreißigſtes Kapitel. gleich, und ſo fuhr er dahin durch die grünen Felder auf der langen, langen Chauſſee, durch Dörfer und Städtchen, ein ſehr glücklicher Menſch.— 2 Reiſen, namentlich im Frühjahr, iſt etwas ſehr Ange⸗ nehmes, und wenn uns der geneigte Leſer im nächſten Kapitel folgen will, ſo wollen wir mit Jaubermacht dem dahinrollen⸗ den Wagen voraus eilen und uns ſelbſt nach dem Baron Karl umſehen, der ſchon ſo n unſerem Geſichtskreis eniſhmulden. 1+ 7 auf der en, ein Ange⸗ Kapitel nrollen⸗ Baron htskreis Einunddreißigſtes Kapitel. Ein Hofball und ſeine Folgen. Der Baron Karl verlebte in Brüſſel oder vielmehr auf einem Schloſſe bei Brüſſel, wo ſich Pauline bei ihrem Oheime aufhielt, die ſeligſten Stunden. Der alte Oheim, der ihn lieb gewonnen hatte, that anfänglich etwas karg mit den Stunden, in denen es dem jungen Manne erlaubt war, heraus zu kommen und ſeine Braut zu ſehen. Der Baron aber verſtand, ſich dem alten Herrn bald nützlich und angenehm zu machen, indem er jetzt mit ihm in die Waldungen ritt, jetzt ihm in den Glashäu⸗ ſern ordnen half und Abends mit ihm über Belgien politiſirte und Beide dieſes Land als das glücklichſte auf dem weiten Erden⸗ runde darzuſtellen bemüht waren— und ſie hatten Recht! Man muß dieſes herrliche Land kennen mit ſeinen blühenden Städten, ſeinen reichen Dörfern inmitten ungeheurer Getreidefelder, mit ſeinen Kanälen, ſeinen ſchiffbaren Flüſſen, beſpült vom Welt⸗ meer, zu welchem hin aus allen Theilen des Landes die keu⸗ chende Lokomotive große Wagentransporte hinſchleppt, um andere dafür zurückzunehmen. 4 144 Einunddreißigſtes Kapitel. Der Baron liebte aber Belgien wie ſein Heimathland. War es doch das Land, wo ſeine Wiege geſtanden, wo er ſeine Jugendzeit verlebt. Sein Vater, von dem altfranzöſiſchen Ge⸗ „ſchlecht der René, hatte nach dem Sturze des Kaiſerreichs Frank⸗ reich verlaſſen, ſein ganzes ungeheures Vermögen nach Belgien übergeſiedelt, ſich dort verheirathet und hinterließ, als er noch im beſten Mannesalter ſtarb, dieſen einzigen Sohn, der von der Mutter in Brüſſel und ſpäter auf einem Schloſſe bei Lüttich erzogen wurde. Wenn in dieſem glückſeligen Frühjahr die Sonne aufgieng, ſo ſaß der Baron in ſeinem leichten Wagen und fuhr hinaus nach dem Schloſſe des alten Herrn, um erſt bei der Dämmerung— oder bei einbrechender Nacht wieder zurückzukehren. Mit welchga Sehnſucht harrte er der Rückkehr des Jägers und wie oft rech er Station um Station nach und zählte die Stunden, wann 5 wieder eintreffen könne! Unterdeſſen kam aber Lukas immer noch nicht, und der Baron, den dringende Geſchäfte nach Lüttich, wo er große Güter hatte, riefen, ſah ſich gezwungen, dieſe kleine Tour zu unternehmen, was ihm Ende lieb war, da es ihm peinlich wurde, die Antwort auf ſeinen Brief an Frau von C. in der Nähe des Weſens abwarten zu müſſen, das mit Zittern und Zagen einem Ja oder Nein entgegen ſah. Auch freute er ſich darauf, Lüttich einmal wieder zu ſehen, die ſchöne Stadt, wo er als Knabe und Jüngling gelebt, wo er geſpielt und wo er gelernt unter den Augen ſeiner verſtorbenen, unvergeßlichen Mutter. Der Abſchied von Paulinen und dem alten Herrn war kurz und herzlich, und bald ſaß der Baron auf dem Eiſenbahnzuge, welcher gegen Lüttich hinabfuhr. Da er begreiflicher Weiſe dieſen Weg früher auf der Eiſenbahn nie hatte machen können, weil ſie noch nicht exiſtirte, ſo erſchien ihm die Gegend ziemlich unbe⸗ kannt, und erſt, als er die Kirchthürme wieder ſah, als er die — — tthland. er ſeine en Ge⸗ Frank⸗ Belgien er noch er von Lüttich fgieng, hinaus nerung wel 4 rcchſt ann er T noch h, wo kleine es ihm C. in i und tr ſich t, wo wo er glichen r kurz nzugt/ dieſen veil ſie unbe⸗ er die Ein Hofball und ſeine Folgen. 145 Landhäuſer auf den Höhen erblickte, wo er als Knabe ſo oft ge⸗ weſen, und als er vom Bahnhofe hinweg durch die bekannten Straßen rollte, erſt da fand er ſich wieder zurecht, und die Er⸗ innerung an ſeine Jugendzeit ſtieg freundlich in ihm auf und machte ſein Herz ſchneller ſchlagen. Wie iſt es ſo ſüß und angenehm nach langer Abweſenheit ſeine eine Heimath wieder zu ſehen, den Ort, wo man geboren und erzogen wurde, wo man ſpielte und lernte, wo man der Kind⸗ heit Leiden und Freuden erfuhr! Wenn auch in dem Hauſe, wo unſere Wiege ſtand, kein verwandtes Herz mehr iſt, wenn uns auch kein freudiger Ausruf, keine herzliche Bewillkommnung die Thüre des elterlichen Hauſes öffnet, wenn aus den Fenſtern auch unßekannte Geſichter ſchauen und den Fremden neugierig betrach⸗ thn, wie er die alte Hausthüre anſtarrt und emſig auf der ſtei⸗ nernen Bank vor derſelben die Stelle ſucht, wo er als Kind mit ſeinem kleinen Meſſer einen Schnitt in den Stein gemacht— ach! es iſt doch das Elternhaus, es iſt doch der Grund und Boden, wo wir gewurzelt und zu dem uns eine unerklärliche Sehnſucht immer wieder hinzieht. Dort iſt der kleine Bach, wo die unge⸗ heure Flotte, kunſtreich aus Holz und Bindfaden gemacht, hinab⸗ ſchwamm; dort iſt der Spielplatz und immer tummelt ſich dort ein friſches, junges Leben. Andere Kinder ſpielen freilich da, juſt dieſelben Spiele, wie wir vor dreißig Jahren; aber kleiner iſt Alles geworden; es kommt uns wenigſtens ſo vor. Der Bach, 3 der in unſerer Erinnerung wie ein ziemlicher Strom lebte, iſt mit einem guten Satz zu überſpringen, der Spielplatz iſt gegen das, was in der Erinnerung davon lebte, ganz zuſammengeſchrumpft, und das elterliche Haus, das wie ein großer Palaſt daſtand, iſt ein kleines Gebäude mit kleinen Fenſtern, und man begreift nicht mehr, wie unſer drei Kinder da auf einmal hatten hinausſchauen können. Nur eins noch: der Gottesacker hinter der Kirche, wie iſt der klein geworden! Welche fürchterliche lange Strecke war Hackländer, Namenl. Geſchichten. II 4 4⁰ 146 Einunddreißigſtes Kapitel. das, als ich dort zum letzten Mal hingieng in dem großen Zuge, ein armes, verwaistes Kind, dem man das Theuerſte, was es auf Erden beſaß, in die kalte ſchwarze Erde ſenkte! Sogar das Grab iſt kleiner geworden, damals wenigſtens bildeten die Gräber von Vater und Mutter einen einzigen großen Garten; jetzt ſteht nur noch ein einziges Stöckchen da, das auch bald abſterben wird.— Auch die Freunde ſind anders geworden, die Geſpielen und Schulkameraden, d. h. die, welche noch aufzufinden ſind. Die Meiſten ſind in alle Welt zerſtreut, Hunderte von Meilen aus einander hat Jeder ein Plätzchen gefunden, wo er entweder ſeinen eigenen Herd gründete oder an fremdem Tiſche ſein Brod findet. Was auf dieſe Art in der Heimath von Freunden noch übrig blieb, hat ſich gewaltig geändert und die Meiſten können auf die Frage:„wie geht es dir?“ mit Falſtaff antworten:„alt, Herr Schaal, alt!“ Das heißt: alt im Verhältniß zu ihren Jahren, denn eigentliche Greiſe ſind aus den Schulkameraden noch nicht erwachſen.— Nachdem der Baron ſeine Geſchäfte beſorgt, beſuchte er ſeine alten Bekannten nach der Reihe, und es that ſeinem Herzen wohl, die Freunde und intimſten Schulkameraden in guten, ja, meiſtens glänzenden Verhältniſſen zu finden. Bei den Meiſten war die Brille vorherrſchend und faſt bei Allen hatte ſich der üppige Haar⸗ wuchs gelichtet. Arbeit und Sorge, das Hauptbuch und das Fabrikbuch, deren ſchwere Laſten ſte unabläſſig getragen, hatte ſie im Aeußern einigermaßen verändert. Die Meiſten waren ver⸗ heirathet und von dieſen waren drei Viertel, welche ſich über das Wiederſehen eines alten Schulkameraden, der freilich noch Jung⸗ geſelle iſt und mit dem ſie viel tolle Streiche gemacht, herzlich freuten. An dieſer aufrichtigen Freude nahm auch alsdann die ganze Familie Theil. Die Frauen drohten zuweilen ſchalkhaft mit dem Finger und verriethen ihren Mann, der ihnen hie und en Zuge, was es gar das Gräͤber etzt ſteht bſterben elen und nd. Die ilen aus er ſeinen d findet. ch übtig nalf die ſt, Herr Jahren, ch nicht er ſeine en wohl, meiſtens war die ge Haal⸗ und daß n, hatte aren ve⸗ über das h Jung⸗ herzlih dann die calthaf hie und Ein Hofball und ſeine Folgen. 147 da ſchöne Dinge aus dem Jugendleben erzählt. Die Kinder pflanzten ſich vor dem Baron hin und ſtaunten den Freund des Vaters an, von dem er ihnen oft erzählt. „Siehſt du,“ ſagte ſein Freund,„ſo waren auch wir, als wir über die Hecke des Nachbars die Aepfel holten oder Nachts einige Klingeln abriſſen.“ „Das kann ich auch, Papa!“ ſagt der hoffnungsvolle Sprößling, und Alles lacht. 1 Faſt ein Viertel der Freunde aber lebt ſtill zurückgezogen für ſich und öffnet dem alten Schulkameraden, der noch dazu unverheirathet iſt, nicht leicht ſeine Häuſer.„Meine Frau hat Migräne und bedauert ſehr,“ hieß es da,„meine Frau ſieht Niemanden. Kann ich dir ein Glas Wein anbieten?“—„Danke recht ſchöhn! Aber wenn du zu Mittag im Gaſthof mit mir ſpeiſen willſt, beſchwören wir hei einem Glaſe Wein die Jugend⸗ zeit herauf.“— Da zuckt eine wehmüthige Freude über das Ge⸗ ſicht des armen Bekannten und er ſagt ſchnell.„mit Vergnügen, wenn— wenn es die Geſchäfte erlauben!“ ſetzt er ſeufzend hinzu und blickt ſcheu nach der Thüre des Nebenzimmers, wo ſich ein Schlüſſel, wie es ihm ſcheint, langſam herumdreht. So wären denn die lebendigen Zeugen ſeiner Jugendzeit; die lebloſen aber ſind ganz anders. Feld und Flur, Bach und Wald iſt immer daſſelbe geblieben und es treibt den Baron Nach⸗ mittags hinaus, die alten entfernten Spielplätze wieder aufzu⸗ ſuchen. Da iſt es doch gerade, als habe er geſtern hier ſein Leſe⸗ buch verloren und komme heute, es zu ſuchen. Da ſteht man nicht, daß zwiſchen geſtern und heute ein Zeitraum von ungefähr zwanzig Jahren liegt. Der Bach macht dieſelben Biegungen, wie früher; dort, wo die großen Steine ſeinen Lauf hemmen, ſpritzt er das Waſſer, ungeduldig werdend, einen Schuh in die Höhe, wie damals, und benetzt den großen Stein am Ufer, an dem die wilden Roſen wachſen, ganz wie damals. Einer ſeiner Bekannten 10* . — 148 Einunddreißigſtes Kupitel. begleitete ihn, und die ganze Gegend, die ſie jetzt durchſchnitten, war ihnen wie ein großes hiſtoriſches Blatt, das die Weltge⸗ ſchichte leſerlich und deutlich beſchrieben. Dort auf jenem Teich liefen ſte Schlittſchuh; drüben auf der Höhe hatten ſte eine kleine Burg erbaut, wo der tapfere Ritter wohnte, und daneben im Thal ſammelten ſich die räuberiſchen Schaaren, welche die Burg überfielen und verbrannten. „Apropos,“ ſagte der Baron zu ſeinem Bekannten,„wir wollen zu guter Letzt noch die Wieſe beſuchen, von der man die ganze Stadt überſteht; du weißt, jenen herrlichen Hügel, der ſich an den dichten Waldberg legt und von wo es hinaufgeht zu dem alten Förſterhauſe.“ „Ja ſo,“ entgegnete ſein Freund,„das hätte ich bald ver⸗ geſſen, dir zu ſagen; gut, daß du mich daran erinnerſt; den Punkt haben auch andere Leute ſchön gefunden, und denk' nur, wer ſich dort eine wunderliebliche Villa erbaut hat!“ „Mich freut's nur,“ antwortete Baron Karl,„daß über⸗ haupt ſich dort Jemand angebaut hat. Man überſteht von da die ganze Stadt, aber wer hat den klugen Einfall oder vielmehr das Geld dazu gehabt? Ich wüßte doch keinen von unſern hie⸗ ſigen Bekannten.“ „Es iſt auch keiner unſerer hieſtgen Bekannten, und doch, wie er mir oft erzählt, ein Bekannter von dir. Unſer Kriegs⸗ kamerad in Friedenszeiten, Alfred aus C.“ „Richtig,“ entgegnete der Baron,„Alfred!“ und er ſann nach, wo er ihn zuletzt geſehen. Es zog wie bunte glänzende Fäden durch ſein Gedächtniß und bildete ſeltſame maleriſche Bilder vor ſeinem inneren Auge.„Ja, ſo war's! Zwiſchen Ruſchtſchuk und Adrianopel hatte ich ihm zum letzten Mal die Hand gedrückt, ich gieng damals nach dem Orient, Alfred kam von da zurück. In einer kleinen Thalſchlucht des Balkans, nicht weit von Schumla, kreuzten ſich unſere Wege. Unſer Tatar kochte eine ſchnitten, Weltgi⸗ m Teich ne kleine eben im ie Burg n, wit man die gel, der fgeht zu zaald ber⸗ ſt; den ink' nur, z über⸗ von da jelmehr ern hie⸗ nd doch, krigs⸗ er ſann anzende Bildet htſchuk ddrückt zurüc it von te eine Ein Hofball und ſeine Folgen. 149 Taſſe Kaffee bei dürrem Reiſig, das wir aufgeleſen. Ermüdet von dem weiten Ritt, lagerten wir neben unſern Pferden und rauchten aus der langen Pfeife. Da meldete der türkiſche Reit⸗ knecht, daß ſich drei Reiter nahen, ein Tatar, ein Franke und deſſen Diener. Du kannſt dir denken, wie geſpannt wir auf dieſe Begegnung waren. War es ein Engländer, ein Franzoſe oder ein Deutſcher? Richtig, es mußte ein Deutſcher ſein und noch obendrein einer meiner beſten Bekannten. Eine herzlichere Be⸗ gegnung iſt vielleicht uns Beiden nie mehr zu Theil geworden. Alfred ſah ganz wie ein Türke aus. Du kennſt ſeine Liebhaberei für Waffen. Er hatte die koſtbarſten an ſeinem Gürtel ſtecken oder an ſeinem Sattel hängen. Leider war die Zeit zu kurz, um viel zu erzählen. Wir tranken unſere Taſſe Kaffee zuſammen, ſchüttelten uns die Hände und ich gab ihm tauſend Grüße an die Heimath mit.“ „„Grüß' mir den Libanon!““ rief er mir noch zu,„„grüß' mir Beirut und das kleine Haus, wo ich gewohnt.“* „Damit ſchieden wir. Wir ſtiegen aus dem Thal, Beide aufwärts, und ſahen uns noch lange, wenn wir uns umwandten. Noch einen Gruß von der Höhe des Berges und abwärts gieng's in ſauſendem Galopp in das nächſte Nachtlager.— Iſt er ver⸗ heirathet?— wohnt er beſtändig hier?“ „Nein!“ entgegnete der Freund des Barons, ver lebt nur den Sommer über hier, im Winter geht er bald nach Rom, bald nach Paris. Er führt ein ganz glückliches Leben. Gehen wir gleich zu ihm.“ „Iſt er alt geworden?“ fragte der Baron.„Seinem un⸗ ſteten Leben nach könnte man es vermuthen.“ „Das könnte ich gerade nicht ſagen, obgleich er ziemlich ſtark wurde, und du weißt ja, daß er ſich durch einen Sturz mit dem Pferde das linke Bein ſtark verletzt hatte. Seit der Zeit führt er beſtändig einen tüchtigen Stock.“ 150 Einunddreißigſtes Kapitel. „So, er hinkt noch immer ein wenig?“ „Unmerklich. Bei der Biegung des Weges ſahen die Beiden nun den bekannten Hügel vor ſich liegen und auf demſelben eine der pikan⸗ teſten Villen, die der Baron ſeit lange geſehen. Sie ſtand auf einer großen Teraſſe, zu der eine breite Treppe hinanführte. Vor demſelben war ein Springbrunnen, der ſeine Strahlen luſtig in die Höhe warf. Das ganze Häuschen war keck und luſtig, wie der Sinn des Bewohners, und ſchaute mit einer übergroßen Menge von Fenſtern, Bogengängen und Balkonen in die ſchöne Gegend hinaus. Ueberall rankten üppige Schlingpflanzen und die Teraſſe war mit Orangenbäumen dicht beſäet, welche ihren ſüßen Duft weit hinaus ſandten. Hie und da blickte verſtohlen durch das dunkle Grün eine weiße Marmor⸗Figur, und überall rauſchten Waſſer, das Leben der Landſchaft. Die Beiden ſtiegen auf einem gut erhaltenen, breiten Fahr⸗ wege hinauf bis an die große Treppe der Teraſſe. Alles war ſtill und ruhig. Es war ein ziemlich warmer Herbſttag, man hörte nichts als den Geſang einiger Vögel in dem Wald hinter dem Hauſe und das Murmeln der Quellen. Niemand war zu ſehen. Auf der Teraſſe genoßen ſte eine wahrhaft entzückende Ausſicht; denn war ihnen dieſelbe früher ſchön vorgekommen, ſo fanden ſie ſte jetzt, eingerahmt durch hochſtämmige Bäume und Säulengänge, doppelt reizend. „Wir müſſen einen Diener ſuchen,“ ſagte der Freund des Barons,„der Teufel mag wiſſen, wo Alfred ſteckt!“ „Ich will mich lieber auf gut Orientaliſch annonciren,“ erwiderte der Baron und ſtieß den lauten gellenden Ruf aus, mit dem die Tataren in ein türkiſches Dorf einziehen. „Oho!“ antwortete es von der andern Seite des Gartens, und derſelbe Ruf ſcholl von dorther lauter zurück. Ihm folgte 4 nun den r pikan⸗ and auf te. Vor luſtig in ig, wie ergroßen e ſchöne zen und he ihren eſtohlen überall Fahr⸗ les war , man hinter war zu zückende ommen, Bäume und des rciren/” s, mit artens, folgte 4 Ein Hofball und ſeine Folgen. 151 augenblicklich darauf der Freund, und kurz darauf umarmten die Zwei ſich auf das Herzlichſte. „Allah il Allah!“ ſagte der Baron zu Jenem,„du biſt ziemlich ſtark geworden.“ „Muhamed Reſul Allah!“ antwortete dieſer,„wo warſt du in all' der Zeit?“ Nun gieng es an ein Fragen und Erzählen aus Abendland und Morgenland, daß einem Dritten, wie dem Freunde, mit dem der Baron gekommen, ganz einſam zu Muth wurde. Er behauptete, in der Stadt heute Vormittag noch dringende Ge⸗ ſchäfte zu haben und wollte ſich empfehlen. „Du bleibſt aber da!“ ſagte Alfred zu dem Baron.„Karl ſoll dein Gepäck hieher ſchaffen laſſen, denn ich hoffe nicht, daß du meinem kleinen Landhauſe den Gaſthof vorziehſt— du thuſt mir den Gefallen,“ ſagte er zu dem Anderen,„und beſorgſt das. Können wir dich heute zum Diner haben? Na, du mußt ſchon kommen, und dann bringſt du heute Nachmittag den und den mit, und ſo wollen wir einen vergnügten Abend feiern und uns in Jugend⸗ und anderen Erinnerungen ſatt ſchwelgen.“ „Abgemacht, ich komme!“—— Die innere Einrichtung der kleinen Villa ſtimmte, was Geſchmack, Eleganz und Lieblichkeit anbetraf, vollkommen mit der äußern überein. Man konnte keine zweckmäßigere Einrich⸗ tung ſehen. Da wechſelten Zimmer, kleine Cabinette mit heim⸗ lichen Ruhewinkeln; alle Gemächer liefen durch einander und jedes hatte doch wieder ſeinen beſonderen Ausgang. Die Wohn⸗ und Arbeitszimmer des Beſitzers ſahen mit ihren Fenſtern in die freie Gegend hinaus, während das Schlaf⸗, ſowie das Speiſezimmer nach einem Hofe giengen, der ein Muſter von Nettigkeit und Eleganz war. So wenig wie im ganzen Hauſe ein ſtrenger Bauſtyl herrſchte, ſo wenig auch in dieſem Hofe, und ein orthodoxer Architekt würde bedeutend den Kopf geſchüttelt 152 Einunddreißigſtes Kapitel. haben. Einen ähnlichen Hof hatte der Baron in ſeinem Leben nicht geſehen, und doch trafen ihn in demſelben tauſend Erinne⸗ rungen. Da war die ganze Form wie dem Hofe des Diomedes aus Pompeji entnommen. Da waren Palmen und kleine ge⸗ ſchnitzte Thüren, wie aus Damascus. Da war mauriſches Marmor⸗Moſaikpflaſter und ein luſtiger Springbrunnen, der aus einer Schale emporſprudelte, welche von einem weißen, mar⸗ mornen Löwen getragen ward— eine Erinnerung an die Al⸗ hambra. Da führte aus einer Ecke des Hofes, luftig von Säulen getragen und mit dichten Reben umſponnen, eine Treppe in die obern Zimmer, wie ſie in italieniſchen Häuſern, namentlich auf der wunderſchönen Küſte von Genua nach Livorno, in allen Höfen zu finden iſt, dort meiſt mit reizenden Weibern bevölkert; denn dieſe Treppe iſt, als zu den Schlafzimmern führend, das aus⸗ ſchließliche Eigenthum der italieniſchen Damen, und dort in dem kühlen Hofe ſitzen ſie auf den Stufen der Treppe amphitheatraliſch über einander, ſtrickend und ſpinnend, nähend und ſingend, und laſſen ihre gefährlichen großen ſchwarzen Augen umherwandeln, während unten mit ihnen Converſation gemacht wird. †7 „Woran denkſt du?“ fragte Alfred den Baron, als er ſah, wie dieſer in tiefes Nachdenken verſunken daſtand. „An Italien,“ entgegnete der Gefragte,„namentlich an ein kleines Landhaus bei Genua, wo auch eine ſolche Treppe war.“ „Die in die oberen Gemächer führte,“ unterbrach ihn Alfred lachend, vich verſtehe.“ 5 „Dann dachte ich lebhaft an Pompeji,“ fuhr der Baron fort,„es war ein heißer Tag, wie wir dort waren. Ferner erinnerte ich mich lebhaft an Damascus, an Scham, die herr⸗ liche, und insbeſondere an meine guten kleinen Armenierinnen, die mir die Pfeife anrauchten und denen ich dafür ſchlechte Zeich⸗ nungen machte. Du kannſt das ſehr genau in meiner berühmten Reiſe nachleſen.“ Leben Frinne⸗ omedes ne ge⸗ riſches I, der mar⸗ ie Al⸗ Saͤulen in die h auf Höfen denn aus⸗ u dem raliſch und neln, ſah, an ein war.” Alfted garon erner herr⸗ anen, eich⸗ mten Ein Hofball und ſeine Folgen. 153 „Eigentlich,“ ſagte Alfred,„wird es dir ſonderbar vor⸗ kommen, wie ich mich unterſtehen konnte, dieſe Bau⸗Erinnerun⸗ gen in dieſem kleinen Hofe zuſammen zu bringen.“ „Ein Architekt würde dich dafür ſteinigen,“ entgegnete der Baron,„aber mir macht es unbeſchreibliche Freude.“ Und ſo war es auch. Es war nichts von allen dieſen Bil⸗ dern aus verſchiedenen Weltgegenden mit den Haaren herbeige⸗ zogen. Jedes ſchien vollkommen an ſeinem Platze zu ſein und dahin zu gehören. „Meine ganze Villa,“ lachte Alfred, niſt einer Göttin ge⸗ weiht, die ich für die größte und mächtigſte halte und der ich täglich und ſtündlich opfere; ja in ihrem Dienſte werde ich mein ganzes Leben verbringen. Die Göttin, die ich meine, iſt die Erinnerung. Ihr habe ich in jedem Winkel meines Hauſes Altäre errichtet. Was ſind wir ohne Erinnerungen? Was ſind nament⸗ lich Reiſen ohne die Erinnerung daran? Ein ſolch' wahnſin⸗ niges Reiten, Tage lang durch Dick und Dünn, iſt in der Wirk⸗ lichkeit ſehr proſaiſch; aber wenn ich vor meinen Reitaltar hintrete, das heißt, dort in jenes kleine Zimmer, wo mein ganzes Sattel⸗ zeug hängt, meine Reiſepiſtolen, mein bulgariſcher Kantſchu, meine ausgenähten Stiefel, da kommt es mir vor, als habe ich mit dieſen Gegenſtänden eine Reihe von glückſeligen und wunder⸗ ſchönen Stunden verlebt, und in der Wirklichkeit waren nur ſehr wenige und kurze Augenblicke da.“ Und Alfred hatte Recht. Sein ganzes Haus war der Er⸗ innerung geweiht. Es war ordentlich phantaſtiſch eingerichtet und dabei äußerſt geſchmackvoll. Die Wände bedeckten Coſtumebilder und Landſchaften aus Gegenden, die er beſucht hatte. In den Ecken und Niſchen ſtan⸗ den Statuen, und Waffen aus allen Weltgegenden ſah man in Trophäen zuſammengeſtellt oder als einzelne koſtbare Exemplare auf den Tiſchen ausgelegt.— Ein ganzes Reiſeleben! 154 Einunddreißigſtes Kapitel. Nur ein einziges kleines Gemach war ſehr einfach möblirt und ſeine ganze Verzierung beſtand in einem großen Gemälde, das, mit einem grünen Schleier bedeckt, die hintere Wand ein⸗ nahm. Das kleine Zimmer machte einen wehmüthigeſk Eindruck auf den Baron, den er ſich nicht erklären konnte. Das einzige Fenſter deſſelben gieng in den Wald hinauf, und dort folgte das Auge in gerader Richtung einem ausgefahrenen alten Waldwege, der mit Moos und niederem Strauchwerk bedeckt war und deſſen Richtung nur noch hie und da von alten, verwitterten Steinen angegeben wurde oder von morſchen Kreuzen, welche der fromme Glaube früherer Zeiten dort hingepflanzt und die ſich nun, alt und gebrechlich, vor dem Wind auf die Seite gebeugt hatten. Das Ende dieſes Weges wurde von dem alten Förſterhauſe begränzt, das mit ſeinem ſpitzen Dach und hohen Wartthurm einer Dorfkirche ähnlich ſah; ja, einer Dorfkirche, und wenn man ſo aus dem Fenſter hinausſah in den ſtillen Waldweg, ſo konnte man glauben, man habe einen heimlichen, ruhigen Fried⸗ hof vor ſich. 3 Vor dem Gemälde ſtand ein Tiſchchen in Form eines Altars und auf demſelben lag ein Album— ſo lautete wenigſtens die Aufſchrift des ſchwarz eingebundenen Buchs. Sehr ernſt ſchaute der Hausherr den Baron an, als ſie dieſes kleine Gemach betraten, und ſagte ihm:—— „Um dir einen Beweis zu geben, wie hoch ich deine An⸗ kunft ſchätze, führe ich dich auch in dieſes Zimmer und zeige dir dieſes Bild. Es wird nur an hohen Feſttagen enthüllt, nicht Feſttagen, die der Kalender bringt, ſondern Feſt⸗ und Feiertagen, die in meinem Herzen unauslöſchlich eingegraben ſind.“ Er zog den Vorhang von dem Bilde zurück und eine unnennbar wohlthuende Wärme durchſtrömte das Herz des Barons. möblirt emälde, nd ein⸗ eindruck einzige gte das ldwege, deſſen Steinen fromme un, alt ten. tethauſe rtthurm Hwenn eg, ſo Fried⸗ Altars ens die als ſie ne An⸗ aich rtagen/ d eine z des Ein Hofball und ſeine Folgen. Sorrento— Ja, es war Sorrento, die wunderbare liebliche kleine Stadt im prachtvollen Meerbuſen Neapels. Der Standpunkt des Malers war auf der Teraſſe der Villa Taſſo, rechts lag in violetter Abendfärbung der Veſuv und über ihm die unbewegliche Rauchwolke, von der untergehenden Sonne wie ein flammender Pinienbaum bemalt. Am Fuße des Gebirgs hingeſchmiegt lag Portici und Neapel, und dunkelblau vor ihnen ausgebreitet lag das Meer und all' die herrlichen Inſeln: Capri, Ischia und Procida. An der Teraſſe lehnte ein junges Mädchen in einfachem, ſchwarzem Kleide, welches die zierlichen und ſchlanken Formen des Körpers reizend hervorhob. Sie wandte den Blick träumend von der Landſchaft ab, indem ſte die rechte Hand auf das Geländer ſtützte, und auf dieſe Art hat uns der Maler gegeben, was er vermochte: die reiche herrliche Landſchaft und den Kopf eines Weibes, reizend, wie ihn die Natur nur an Feiertagen hervorbringt. War es eine Italienerin? Sie hatte den edlen römiſchen Geſichtsſchnitt. War es eine Franzöſin? Sie hatte den zierlichen Mund und die ele⸗ gante Geſtalt. Der Baron ſah ſeinen Freund fragend an. Dieſer verhüllte das Gemälde wieder und ſagte leiſe: neine Reiſebekanntſchaft.“ „ Alſo ein Portrait und ähnlich?“ entgegnete der Baron. „So ähnlich,“ antwortete er,„wie es ein geſchickter Maler, der ſie nur zweimal ſah, machen konnte.“ „Gib mir Aufſchlüſſe darüber,“ bat ihn der Baron. „Später einmal,“ entgegnete er und lehnte ſich an's Fenſter. Der Baron öffnete den Deckel des Albums. Es lag nichts darin, als ein einfaches gelbes Blatt und auf demſelben ein kleines Briefchen. „Komm,“ ſagte Alfred,„wir wollen luſtig ſein.“ „Ja,“ verſetzte der Andere,„das Leben iſt ſo kurz.“ .156 Einunddreißigſtes Kapitel. „Und doch wieder ſo lang,“ ſagte Alfred. Und ohne zu ſprechen ſchlenderten Beide durch den Garten.—— Bald kamen die erwarteten Freunde, und es waren nun ihrer Sechs, die gute und richtige Zahl für ein kleines, feines Diner. Das Speiſezimmer, das, wie ſchon bemerkt, in den Hof hinaus lag, war zweckmäßig und paſſend möblirt. Ein großes Buffet in der Ecke bog ſich untet der Laſt von Kryſtall und Silber, und wie das Service, das den Tiſch bedeckt, elegant und ſolid, ſo war auch das Diner, mit Einem Worte: unüber⸗ trefflich. Nach Tiſch aber lernten die Gäſte ihren Freund als Welt⸗ mann doppelt ſchätzen, denn er gab ihnen den Kaffee in einem anſtoßenden Zimmer, dem Ideale eines Kaffee⸗ und Rauchzim⸗ mers. Hier herrſchte unbedingt der Orient. Den Boden bedeck⸗ ten perſtſche Teppiche und an drei Seiten des Zimmers liefen breite ſchwellende Divans, während die vierte Seite eine einzige große Glasthüre bildete und die Ausſicht ließ auf den ſchönſten. Punkt der Umgegend. Hier lagerten nun Alle und rauchten ihre Cigarren, und Jeder überließ ſich ſeinen Betrachtungen, wie man das nach einem guten Diner überhaupt thun ſoll. Es dauerte eine ſtarke halbe Stunde, ehe eine ſparſame Converſation in Gang kam, und Niemand wollte ſich zum Hauptſprecher hergeben. „Jetzt fehlt nur der Mährchen⸗Erzähler,“ ſagte der Baron, „wie in den Kaffeehäuſern von Stambul.* „Ja,“ entgegnete Alfred,„die Orientalen wiſſen zu leben.“* „Sei liebenswürdig, Alfred,“ ſagte ein Anderer und gib uns eine Geſchichte zum Beſten. Kröne deine Gaſtfreundſchaft.“ „Als Mährchen⸗Erzähler?“ ch den en nun feines en Hof großes Il und elegant nüber⸗ liefen inzige önſten und 7 einem halbe und zaron, ben.9 aft. 157 Ein Hofball und ſeine Folgen. „Wie du willſt,“ antwortete der Baron.„Weißt du was, Alfred, wir ſind hier unter lauter guten Freunden. Ich kann den Eindruck des Bildes niht los werden. Gib uns die Ge⸗ ſchichte deſſelben.“ „Halt!“ ſagte einer der Gäſte;„du weißt, Alfred iſt als Freund vollkommen. Wenn du ihn unter einem guten Grunde um ſeine Villa bitteſt, ſo zieht er morgen aus. Aber von der Geſchichte hat er noch keinſm Menſchen etwas zum Beſten gegeben.“ Alfred war ſichtlich ernſt geworden und ſagte endlich zu dem, der eben geſprochen:„ich will dir beweiſen, daß du nicht Unrecht haſt. Ich thue Alles für meine Freunde— hört mir zu.“ Zweinnddreißigſtes Kapitel. Alfred's Erzählung. ◻ „Die Meiſten von Euch,“ ſagte Alfred,„haben meinen Vater gekannt: wenigſtens müßt Ihr Euch des alten Herrn noch deutlich erinnern mit der weißen Halsbinde und dem freundlich lächelnden Geſicht. Er ſelbſt, ein tüchtiger Kaufmann, ein großer Banquier, der ſein immenſes Vermögen auf dieſe Art verdient hatte, konnte ſeine Averſton gegen das Zahlenlehen, wie er es nannte, nicht überwinden. Wie oft ſagte er zu uns:„Jungens, werdet mir keine Kaufleute, werdet Alles in der Welt, nur keine Zahlenmenſchen! Lauft herum in Gottes freier Natur, geht auf Reiſen, wenn Ihr könnt, werdet Jägerburſchen, in Gottes Namen, wenn's nicht anders iſt, Holzhauer, nur bleibt aus der Schreibſtube!“ Bei mir fanden dieſe Lehren den willigſten Eingang, mir war das Stillſitzen von jeher verhaßt geweſen. Ich hatte ſchon als Kind etwas Praktiſches an mir und lernte am liebſten das, was von außen auf mich einwirkte. Dank aber der Strenge meines Vaters, blieb ich auch in den Schulfächern. nicht zurück und hätte mit ſechszehn Zahren ein preuſſches Alfred's Erzühlung. 159 Artillerieoffiziers⸗Examen machen können, was ſchon etwas ſagen will. Dann ſchickte mich mein Vater auf Reiſen, und ich war in London, als er ſtarb. Nach Hauſe zurückgekehrt, um ſeinen letzten Willen zu vernehmen, ſah ich, daß mir die Wahl blieb, in das Geſchäft einzutreten oder, mich mit einer ſehr anſehnlichen Jahresrente begnügend, daſſelbe meinem Onkel zu überlaſſen. Ich wählte Letzteres und ſaß eine Stunde darauf in meinem Reiſewagen, gegen Süden eilend. Ich gieng über Mailand, Florenz, Rom nach Neapel und beſchloß, dort einige Monate zu bleiben.. Eines Tages ſchlenderte ich auf dem Molo umher, und mir ſiel ein, daß ich einem Deutſchen, der in der Villa di Roma wohnte, ſchon mehrere Tage einen Gegenbeſuch ſchuldig ſei. Ich nahm deßhalb ein Cabriolet und fuhr nach dieſem Hotel ab. An der Thüre deſſelben angekommen, bricht das linke Rad des Ca⸗ meinen briolets, ich ſpringe hinaus, komme glücklichen Weiſe auf die m noch Füße zu ſtehen, prallte aber an einem alten Herrn an und hätte undlich um ein Haar eine junge Dame, mit der er im Begriffe war, großer auszugehen, über den Haufen gerannt. Ich war in ziemlicher gerdient Verwirrung und entſchuldigte mich, ſo gut es gieng. Mein ie er es deutſcher Bekannter war ausgegangen, und am andern Tage ungens⸗ fuhr ich wieder bei der Villa di Roma vor, dieſes Mal aber ur küne in meinem eignen Wagen, um kein neues Malheur zu haben, eht auf und machte zwei Beſuche, den geſtern projektirten und den an⸗ gottes dern bei dem alten Herrn, mit dem ich carambolirte. Es war bt aus ein Franzoſe, ein Vicomte tel et tel; die junge Dame aber, die ligſten geſtern bei ihm war, ſeine Tochter, dieſelbe, die auf dem Bilde eſen. dort in jenem Cabinet an der Teraſſe der Villa Taſſo lehnt. lernte„Ah!“ it abm Der alte Herr nahm meinen Beſuch freundlich auf und fihem, erlaubte mir wieder zu kommen. Auch Mathilde, ſo hieß ſeine hiſcs Tochter, ſchien ſich in meiner Geſellſchaft nicht zu langweilen, 160 Zweiunddreißigſtes Kapitel. und von der Zeit an war ich in der Villa di Roma mehr als in meinem eigenen Hotel. Schon nach den erſten vierzehn Tagen unſerer Bekannt⸗ ſchaft liebte ich das Mädchen leidenſchaftlich. Gibt's wohl einen zweiten Ort in der Welt, der mit ſeiner großartigen, wunder⸗ baren Natur ſo dazu gemacht iſt, zärtliche Gefühle zu nähren, wie Neapel? Denkt an die unzähligen, prachtvollen Punkte der Umgegend, die ich alle mit Mathilden und ihrem Vater beſuchte. Denkt an Camaldoli, mit ſeiner herrlichen Ausſicht! Wir ſtan⸗ den an einem Rande der wilden Felſen, die faſt ſenkrecht ins Meer hinuntergehen. Dort ſchwindelte es ihr und ſie legte ihre Hand auf meine Schulter: es war ihre erſte Berührung, aber ich werde die ſanfte Wärme, die mich in dieſem Augenblicke durch⸗ ſtrömte, nie vergeſſen. Denkt an Portici, an Pompeji. Die Meiſten von Euch haben auch kleine Parthieen dorthin gemacht. Wir waren immer zu Drei, oder, wenn man will, zu Zwei; denn der alte Herr hatte beſtändig mit ſeinen Correſpondenzen zu thun. Er las entweder eingelaufene Briefſchaften oder notirte die Antworten in ſeine Schreibtafel. Mathilde hieng unbefangen an meinem Arme, und ihr ſüßes Geplauder will ich nie vergeſſen. Es war eines Abends in Torre del Grlo. Wir hatten den Veſuv beſtiegen und machten hier unten auf der Teraſſe eines niedlichen Landhauſes ein kleines Diner. Vor uns ſtieg majeſtätiſch der ſchwarze Lavakegel empor, Mathilde ſtand neben mir, wiegte ſich an einer Rebe und ich ſprach viel und emſtg in ſie hinein— nicht von Liebe, das hätte ich nie gewagt, auch nicht von dem flammenden Veſuv, ſondern von der Heimath erzählte ich, von Deutſchland und ſeinen herrlichen Thälern, und malte eine kleine Villa aus, wie ich ſie in meinen ſüßeſten Träumen erfunden. mehr als Bekannt⸗ ohl einen wunder⸗ nähren, mkte der beſuchte. gir ſtan⸗ echt ins gte ihre aber ich durch⸗ —1. Oie emacht. Zwei; denzen a oder hieng er will hatten eraſſe ſtieg neben emſig wagt, imath alern, ßeſten Alfred's Erzählung.. 161 Das Mädchen hörte mir aufmerkſam zu und drückte ihr Geſicht in das Laub der Rebe. Ich verwandte keinen Blick von ihr, während ich ſprach, und ſah, wie ihr ſchlanker Körper ſichtbar erzitterte. Mathilde, ſprach ich leiſe und innig, wäre ein ſolcher Ruhepunkt, nachdem man die Welt geſehen, nicht himmliſch und beneidenswerth? Aber ich erhielt keine Antwort, ſie wandte ſich um und verließ ſchnell die Teraſſe. Ich ſah ihr ſchmerzlich bewegt nach. Iſt denn kein Gefühl in dieſem für alles Schöne ſonſt ſo empfänglichen Herzen? murmelte ich verletzt in mich hinein. Wenn ſie mich auch nicht liebt, etwas müßte ſte doch empfinden, wenn ich ihr mit aller Innigkeit ein Bild der Heimath gebe.— Und einen Augenblick darauf wollte ich mich überreden, ich liebe ſie auch ganz und gar nicht, und wollte mich glauben machen, wenn ich Neapel verließe, bliebe mir nichts übrig, als das An⸗ denken an eine Reiſebekanntſchaft. Doch nein, nein, tönte es mir, betrüge dich nicht, du liebſt das Mädchen namenlos, du kannſt ferner nicht ohne ſie leben. Und einmal dieſe Scheu meines eigenen Herzens überwunden, jauchzte und frohlockte es an den dunklen Nachthimmel hinauf: Ja, ich liebe dich, liebe dich unendlich, ewig! Ich drückte meinen Mund gegen die dunklen Blätter, gegen dieſelbe Stelle, wo ihre Stirn geruht, und fuhr überraſcht, ja entſetzt zurück; denn die Blätter waren feucht, nicht vom Abendthau: ſie hatte geweint. Ich hoffte, aber Mathilde war nicht mehr dieſelbe. Wenn wir allein vorausgiengen, war ſie befangen und zerſtreut, und wenn wir Abends allein auf der Teraſſe der Villa di Roma ſtanden, ſo wußte ſie Geſpräche einzuleiten und feſtzuhalten, Geſpräche, die ich alsdann unmöglich in meine Bahn hinüber ziehen konnte. Der alte Herr, ihr Vater, blieb ſich immer gleich. Ich ſah, daß er nicht reich war. Er lebte ziemlich be⸗ Hackländer, Namenl. Geſchichten. II. 11 162 Zweiunddreißigſtes Kapitel. ſcheiden, und nachdem einmal ſeine Scheu vor mir, als Frem⸗ den, überwunden war, bediente er ſich gern meiner Bedienten und meiner Equipage. Er war aus der Normandie, wie er mir eines Tags erzählte, und nach dem Tode ſeiner Frau nach Italien gegangen, weil ihm die Geſundheit ſeiner Tochter Ma⸗ thilde Beſorgniſſe eingeflößt. Seine Frau war überdieß eine Italienerin geweſen, und Mathilde hatte ſich ſchon lange darauf gefreut, das Heimathland ihrer Mutter zu ſehen. Ich könnte gerade nicht behaupten, daß das Aeußere des Vicomte angenehm und Vertrauen erregend geweſen wäre. Es war meiſtens ein finſterer Ernſt auf ſeinem Geſicht und oft, wenn er nach Be⸗ endigung ſeiner Correſpondenzen zu uns auf die Teraſſe kam, war er fürchterlich abgeſpannt, und nur das liebenswürdige Ge⸗ iünde i Tochter vermochte ihn nach und nach zu beruhigen. K Euch, ich ſtand mehrere Mal auf dem Punkte, ihm meine à Mathilden zu erklären und förmlich um ihre Hand anzuhalten; denn daß ich ihr nicht gleichgültig war, wußte ich. Ich leitete auch dieſe Sache langſam ein, indem ich ihm mit größter Dffenchit meine Verhältniſſe aus einander ſetzte. Ad.. N.—. 1. Da ſchlug ich eines Lages eine kleine Partie nach Capri vor und nach Sorrento, das die Beiden noch nicht kannten. Wir fuhren nach der Tafel; das Meer war wie ein Spiegel, und Capri glänzte in einer Farbenpracht, wie ich es nie geſehen. Wir fuhren auf den kleinen, niedrigen Pooten durch das enge Felſenthor und die blaue Grotte und Mathilde war vor Ver⸗ gnügen außer ſich. Der Schiffer erzählte die alte bekannte Ge⸗ ſchichte von Fremden, die bei gutem Wetter eingefahren waren und durch einen plötzlichen Sturm genöthigt wurden, volle zwei Tage in der Grotte zu bleiben. Mathilde meinte, ſo hier ab⸗ geſchieden von der Welt zu leben, wenn es möglich ſei, wäre herrlich⸗ als Frem⸗ Bedienten le, wie er Frau nach chter Ma⸗ rdieß eine ge darauf ch könnte angenehm eiſtens ein nach Be⸗ raſſe kam, urdige Ge⸗ beruhigen. im Punkte, rmlich um ültig war, n, indem z einander nach Layii t kannten. 'Spücge je geſehen. das enge vor Ver⸗ annte Ge⸗ ren waten volle waj hier gl⸗ ſei, wäre Alfred's Erzühlung. 163 Möchten Sie ſo leben, Mathilde? fragte ich ſie, ſo jetzt hier leben?— und auch mit mir? ſetzte ich zögernd hinzu. Ja, ſagte ſie mit leiſer Stimme und fügte mit entſchloſſe⸗ nem Tone hinzu: wohl verſtanden, wenn es möglich wäre, abgeſchnitten von der Welt und allen Erinnerungen. Das gab mir zu denken, und doch hoffte ich. Abends waren wir in Sorrent, der Vicomte las ſeine Briefe, und wir ſtanden auf der Teraſſe allein, auf der Teraſſe der Villa Taſſo, von deren wunderbarer Ausſicht Euch der Künſtler einen ſchwachen Begriff gab. Wir ſprachen lange kein WortR; ich legte meine Hand auf ihre Hand, ſie zuckte zuſammen, zog ſie aber nicht weg. Ich legte meinen Arm um ihren Leib, ſie entwand ſich mir nicht, aber ſie athmete tief und ſchwer. Mathilde, ſagte ich mit zitternder Stimme, Mathilde, ich liebe Sie, wollen ſie die Meine⸗frin?, 7 Sie antwortete night. 7 Mathilde, ſagte ich weiter, ſeien Sie aufrichtig gegen mich, ſeien Sie barpheum 1 Könnten Sie mich lieben? Darf ich hoffen? /ch e Da wandte ſie ſich raſch und leidenſchafllich um, und reich⸗ liche Thränen zitterten auf ihrem Geſicht. Alfred, ſagte ſie zu mir, ich will Ihre Frage beantworten, aober geben Sie mir Ihr Ehrenwort, alsdann einer Bitte, einem Wunſch, einem Befehl augenblicklich Folge zu leiſten. Ich gab ihr mein Wort. Ja, Alfred, ſagte ſie, ich liebe Sie, ich liebe Sie, wie die Roſe das Licht, wie alles Lebende die Luft, die es ein⸗ athmet! Sie warf ſich an meine Bruſt und weinte und zitterte heftig in meinen Armen. Ich war für einen Augenblick der glücklichſte Menſch auf der weiten Welt; doch nur für einen 11* 1⸗ 164 Zweiunddreißigſtes Kapitel. Augenblick. Sie entwand ſich mir und ſagte mit tonloſer, aber feſter Stimme: jetzt meine Bitte, meinen Befehl! Wäre nach dieſem Moment der Veſuv flammend und kra⸗ chend ins Meer geſtürzt, es hätte mich nicht ſo überraſcht und entſetzt, wie ihre Worte. Gehen Sie zu meinem Vater, ſagte das Mädchen, ſagen Sie ihm, wichtige Briefe riefen Sie in die Heimath. Gehen Sie noch heute nach Neapel zurück und verlaſſen Sie morgen Italien.. Nie, nie! rief ich, du liebſt mich Mathilde, das iſt mir genug. Ja, entgegnete ſie, ich liebe Sie, aber ich werde Sie haſſen, wenn Sie Ihr Wort brechen. Ich will Euch nicht erzählen von der ſchrecklichen Scene, die ich noch durchmachte. Sie blieb feſt und ſagte nur: Gott ſteht mein Herz!— Ich ſtürzte fort und hörte noch Ihren letzten Ruf: lebe wohl, Alfrkd! Ich warf mich auf mein Pferd, und weiß nicht, wie ich nach Neapel kam. Ihr Geſtändniß, daß ſie mich liebe, klang unaufhorlich HMmir wieder, und dzwiſch wie Hohn⸗ lachen mein Ehrenwort, das ich ihr gegeben. Ich ließ augenblicklich einpacken und verließ mit dem erſten Schiff Neapel. Mein Wort jagte mich; ich gieng nach Marſeille und Paris, blieb dort über ein halbes Jahr und ſtürtzte mich in den Strudel aller Vergnügungen, um ſie zu vergeſſen. Unmög⸗ lich. Bald aber widerte mich das wilde Leben an. Ich verließ Paris und durchſtreifte die Normandie allein und zu Fuß. Ich forſchte in jeder Stadt, in den zahlreichen Schlöſſern, ja in jedem Dorfe, in jedem einzeln ſtehenden Hauſe nach dem Vicomte. Ich hatte ja nicht mit meinem Ehrenwort verſprochen, ſie nicht wieder aufzuſuchen. Alles umſonſt. Niemand kannte ihn. Er mußte mir einen falſchen Namen genannt haben. Ich gieng vſer, aber und kra⸗ raſcht und en, ſagen Gehen e morgen 1s iſt mir perde Sie en Seene, ur: Gott auf: lebe eiß nicht, iih liebe, ie Hohn⸗ em erſten Marſeille mich in Unmög⸗ n, ja in Viconnte⸗ ſie nicht ihn. Gr ch gieng Alfred's Erzählung. 165 zurück nach Italien, nach Neapel, nach Sorrent. Ich beſuchte alle die Orte wieder, die ich mit ihr geſehen, und Ihr könnt denken, was ich dabei gelitten. Von dem Vicomte und ſeiner Tochter natürlich keine Spur. Sie waren abgereist, Niemand wußte wohin. Zu meinem größten Troſte fand ich dort einen Maler, der bei Ausflügen viel in unſerer Geſellſchaft geweſen und der es unternahm, aus der Erinnerung ihr Bild zu malen— das Bild, wie Ihr es alle kennt. Ich gieng durch Spanien nach Paris zurück, ſtürzte da auf einem Spazierritt mit dem Pferde und verletzte meinen Fuß, woran ich noch heute zu leiden habe. Da ſchrieb mir eines Tages mein Onkel und ſandte mir eine Menge Papiere. Von einem der Commis unſeres Hauſes, der darauf flüchtig wurde, war ein falſcher Creditbrief ausge⸗ ſtellt worden im Betrage von dreitauſend Pfund auf ein Londoner Haus. Der junge Menſch, deſſen Signalement beigefügt war, gehörte einer guten uns befreundeten Familie an, weßhalb mich mein Onkel erſuchte, ſelbſt nach London zu gehen, um dort, wenn der Creditbrief von dem Commis vorgezeigt werde, ſo ſchonend wie immer möglich gegen ihn zu verfahren. Da ich nicht viel zu thun hatte, ſo fuhr ich ſogleich nach Oſtende; das Packetboot nach England gieng Abends um acht Uhr ab. Es dämmerte ſchon, als ich das Schiff betrat. Wir fuhren ab. Das Meer war ziemlich ruhig, obgleich das Wetter ſonſt nicht angenhm war. Wie meiſtens gegen Ende Auguſt, be⸗ deckten ſchon trübe Wolken den Himmel, kalt wehte der Wind, und nur hie und da ſtahl ſich ein Blick des Mondes auf's Ver⸗ deck, die dort Umherwandelnden matt beleuchtend. Die See war ſchmutzig grau. Das Schiff ſtöhnte, kurz es war eine unerquickliche Fahrt. Ich dachte unwillkührlich an meine See⸗ reiſen auf dem Mittelmeer. 166 Zweiunddreißigſtes Kapitel. Die Geſellſchaft war auch nicht bemerkenswerth. Ich hinkte an meinem Krückenſtock über das Verdeck, ließ mich endlich gegen zehn Uhr in der Nähe des Steuerruders nieder und ſtarrte ge⸗ dankenvoll in die Fluthen. Die Schiffsglocke ſchlug mehrere Male an, ich ſaß lange da. Nicht weit von mir hatte ſich ein Herr mit einer Dame niedergelaſſen, doch beachteten wir uns gegenſeitig nicht. Plötz⸗ lich ſagte der Herr: wenn du noch oben bleiben willſt, ſo iſt mir's recht, ich gehe hinunter. Die Stimme durchſchauerte mich furchtbar, und ich erhob mich raſch. Als aber erſt die Dame antwortete: ich werde nicht lange mehr hier oben bleiben, ſo war ich meiner Sache gewiß— es war Mathilde! Ihr glaubt nun, ich wäre auf ſie zugeſtürtzt, ich hätte leidenſchaftlich ihren Namen ausgerufen.— Nein! ich hielt mich ruhig an dem Verdeckgeländer, und obgleich mein Herz fieberhaft ſchlug, ſo war doch etwas Unerklärliches in mir, das mich an die Stelle bannte. Ich ſah den Vicomte— er war es— ruhig in der Cajüte verſchwinden; ich ſah, wie Mathilde den Kopf auf den Arm geſtützt, in das Meer hinabblickte. Nach wenigen Augenblicken trat ich ruhig vor ſie hin und nannte ihren Namen. Sie ſchaute auf, erſchrack heftig, und machte eine Bewegung mir entfliehen zu wollen. Bleiben Sie, Mathilde! bat ich, um Gottes willen blei⸗ ben Sie! Und ich ſetzte mich an ihre Seite und erzählte ihr ruhig, was ich von dem Tage an, wo ich ſie in Sorrent ver⸗ laſſen, um ſie gelitten, wie ich ſte in der Zeit geſucht. Aeußer⸗ lich ruhig erzählte ich ihr das; aber nicht leidenſchaftslos. Ihr Blick ruhte auf mir und Thränen entſtrömten ihren Augen; Thränen wie damals in Sorrent, nur ganz anderer Art. Sie hatte ſich ſehr verändert. Sie ſah ſehr bleich aus; hatte ſie gc hinkte lich gegen aarrte ge⸗ aß lange er Dame Jlöt⸗ ſt, ſo iſt ih erhob ch werde ner Sache ich hätte ich hielt ein Herz mir, das er war Mathide kte. e hin und iig, und illen blei⸗ ihlie ihr rrent ver Aeußer⸗ os. Iht Augeni lt. Sie hatte ſie Alfred's Erzühlung. 167 ſich um mich gegrämt? Aber alles das war mir eigentlich ganz gleichgültig. Eine merkwürdige Ruhe hatte ſich um mein Inneres er⸗ goſſen. Ich hatte ſie, die ich heute ebenſo liebe, wie damals, wieder gefunden. Rings um uns war das Meer. Sie konnte mir nicht entfliehen. Ob ſite das wohl fühlte? Ihre Hand, welche ich in der meinigen hielt, zitterte heftig. Mathilde, ſagte ich endlich, und Sie freuen ſich nicht, mich wieder zu ſehen? Und habe ich nicht mein Wort gehalten? bin ich nicht abgereist, wie Sie befohlen? O Alfred, entgegnete ſte, halten Sie auch ferner Ihr Wort; verpfänden Sie mir es wieder und gehen Sie nach Nor⸗ den, wenn ich gegen Süden gehe. Eiſig durchzuckten mich dieſe Worte. Uad Sie lieben mich nicht mehr⸗ haben mich vergeſſen⸗ 85 habe ich in Sorrent geſagt.. Nun denn, Mathilde! rief ich aus, ſo verlaſſe ich Sie⸗ nicht mehr. Jetzt gleich will ich zu Ihrem Vater und ihn um ſeine Einwilligung bitten. In kurzer Zeit ſind wir in England, und dort wirſt du mein Weib. Todtenbläſſe bedeckte ihr Geſicht, und ein recht furchtbares Lächeln überflog ihre Züge. Fliehen Sie mich! ſprach ſie tonlos, halten Sie Ihr Wort! Nein, entgegnete ich, ich will zu Ihrem Vater. Zu meinem Vater! ſprach ſie ſchrecklich lachend. Ja, zum Vicomte, zu Ihrem Vater. Der Vicomte iſt ſo wenig mein Vater, wie ich ſeine Tochter. Oh! Sie fuhr anſcheinend ruhig fort: 168 Zweiunddreißigſtes Kapitel. Was kümmert Sie das?— Ja, ich bin nicht die Tochter des Vicomte.. Mathilde, um Gotteswillen! wer ſind Sie? Sie lachte wieder ſo entſetzlich, wie vorhin. Wer ich bin? Nun, eine Franzöſin bin ich. Ich habe mir die Welt beſehen. Der Vicomte hat mich kürzlich geheirathet und deßhalb, mein⸗Herr, ſehen Sie wohl ein, daß ich nicht länger hier oben bei Ihnen allein bleiben kann. Sie ſtand auf und entfernte ſich langſam. Ich knirſchte mit den Zähnen, ich riß an dem Verdeck⸗ geländer. Ich war einen Augenblick unſchlüſſig, ob ich nicht da unten in dem grauen Waſſer ein ewiges Vergeſſen finden könne. Betrogen! betrogen! hohnlachte es in mir, und mir klang das Rollen der Wogen, das Pfeifen des Seewindes im Tau⸗ werk wie Hohngelächter. Ich verbrachte eine ſchreckliche Nacht, bei Weitem entſetzlicher, als jene, wo ich Sorrent verließ. Ich hatte den Glauben an die ganze Menſchheit verloren. Endlich brach der Morgen an, trübe und unheimlich. Eng⸗ lands weiße Küſte lag dicht vor uns. Wir fuhren in die Themſe, und bald legte das Schiff am Uferplatze bei. Ich ſprang an's Land, warf mich in einen Wagen und fuhr zu dem Banquier, bei dem ich meines Oheims Geſchäft beſorgen ſollte. Noch denſelben Mittag wollte ich London wieder verlaſſen. Die ganze Welt war mir voll ſchrecklicher Geſpenſter. Ich hatte ja nichts mehr zu ſuchen. Sorrent, Neapel waren nicht mehr, wie damals, ſchmerzliche Gräber meiner ſchönen Vergangenheit: Alles, Alles war für mich verloren. Ich war in meinen heilig⸗ ſten Empfindungen leichtſinnig und frevelhaft betrogen worden. Unſer Geſchäftsfreund war von meiner Ankunft unter⸗ richtet. Wir kannten uns von früher her ſehr genau, und er empfieng mich auf's Herzlichſte. die Tochter Ich habe geheirathet j ich nicht n Verdeck⸗ Pich nicht ſen finden mir klang im Tau⸗ ſiche Nacht, ließ. Ic ich. Eng⸗ ie Themſe, rang ans Banguier, lee Noch ſen. die h hatte ja wie mehr, enane⸗ nen heil ig⸗ n worden. nft unter⸗ u, und er Alfred's Erzählung. 169 Was die verdrießliche Geſchichte mit dem falſchen Credit⸗ brief anbelangte, ſo hatte er ſeit mehreren Tagen einen Con⸗ ſtabler in einem Nebenzimmer ſeines Bureau's, um den Vorzeiger des Creditbriefes augenblicklich feſtnehmen zu können. Wir ſaßen in ſeinem Cabinet neben dem Zimmer der Hauptkaſſe und hatten die Thüren da hinein geöffnet. Es herrſchte hier das Leben und Treiben, das Ihr alle kennt. Da wurden Creditbriefe, Wechſel vorgezeigt und ausgezahlt; da wurden Gelder gebracht, Banknoten und andere Papiere aus⸗ gewechſelt. Ich lehnte an der Thüre und ſah dem Getreibe zu, als plötzlich mir gegenüber der Vicomte in das Kaſſenzimmer trat. Ich wollte mich zurückziehen; doch es war zu ſpät: er hatte mich ſchon bemerkt und trat freundlich lachend auf mich zu. Der Mann hatte mir eigentlich nichts gethan, und ich war ihm obendrein Dank ſchuldig, daß er mir in Neapel ſo freundlich und unbefangen erlaubte, ſeiner Geſellſchafterin den Hof zu machen.. Aha, Monſieur Alfred! rief er mir zu, italieniſcher Vüücht⸗ ling! Findet man Sie ſo wieder? Er reichte mir die Hand und trat in das Cabinet des Banquiers. Ich machte die Beiden mit einander bekannt, und der Vicomte nahm gern eine Cigarre, die ihm der Banquier offerirte. Wir plauderten über Italien und der Vicomte erzählte von unſerem Zuſammenleben in Neapel. Es war für mich eine peinliche halbe Stunde. Glücklicherweiſe erwähnte er ſeiner Tochter gar nicht, und man kann ſich denken, wie froh ich end⸗ lich war, als er ſeine Briefſchaften hervorzog und dem Banquier einige Papiere gab, die derſelbe, ſich auf den Kamin ſtützend, durchlas. Ich ſtellte mich ans Fenſter und ſah in die nebelige Morgenluft hinaus. Ich ſtarrte in das emſige Getreibe auf den Straßen und es that mir wohl, auch draußen ein ſolch' wirres Durcheinanderlaufen zu finden, wie in meinem Kopfe. 170 Zweiunddreißigſtes Kapitel. Ich tauchte meine Ideen da hinein und konnte es ſo einen Augen⸗ blick über mich gewinnen, an nichts zu denken. Ich hatte den Banquier und den Vicomte vergeſſen. Doch bewog mich ein Ausruf des letztern, den Kopf herum zu drehen. Der Banquier hatte die Thüre ins Kaſſenzimmer geſchloſſen, neben ihm ſtand der Conſtabler. Er deutete auf den Vicomte und ſprach: arretiren Sie dieſen Herrn, ſein Creditbrief iſt falſch. Einen Augenblick ſtand ich regungslos am Fenſter. Mich hatte der Schreck faſt gelähmt. Dann ſtürzte ich hinzu, noch ehe der Conſtabler Zeit hatte, ſich dem Vicomte zu nähern. Halten Sie ein! rief ich dem Banquier zu. Hier muß ein Irrthum vorliegen. Der Vicomte hatte bleich, wie der Tod, die Lehne eines Stuhles erfaßt. Es iſt kein Irrthum möglich, ſagte der Banquier, es it der Creditbrief, von dem Sie ſelbſt die Anzeige brachten, daß er verfälſcht ſei. Der Vicomte warf mir einen ſchmerzlichen Blick zu. Ich nahm das Papier und ſtarrte hinein. Es war der von mir be⸗ zeichnete Creditbrief von dreitauſend Pfund, und die Unterſchrift meines Oheims war täuſchend nachgemacht. Wie kommen Sie in den Beſitz dieſes Papiers? fragte ich den Vicomte. Ich habe es gekauft, ſagte er; denn er bemerkte wohl, daß er entdeckt war, und machte gar keinen Verſuch, zu läugnen. Auf meine Bitte trat der Conſtabler ab. Machen Sie keine Umſtände! ſagte der Vicomte bitter lachend. Das Schmerzliche, daß Sie, Monſtieur Alfred, mein Ankläger ſind, iſt nun überwunden. Gehen wir. Aber plötzlich fuhr er zuſammen und ein entſetzlicher Schmerz malte ſich auf ſeinem Geſichte. en Augen⸗ hatte den mich ein eſchloſſen, Vicomte tbrief iſt er. Mich zu, noch hern. muß ein hne eines f, e6 iſt ten, daß zu⸗ 3c mir be⸗ nterſchif fra gte ic ohl, daß gnen⸗ te bilter d, mein Schmetz I Alfred's Erzählung. 171 Mathilde! ſtöhnte er; Mathilde! o das Unglück! Er wandte ſich zu mir. Sie waren ſo freundlich gegen uns, ſagte er dringend. Hier i*ſt die Adreſſe meiner Wohnung. Gehen Sie zu Mathilden, erzählen Sie ihr mein Unglück. Sagen Sie meiner Tochter, was mich betroffen. Ihrer Tochter? entgegnete ich ihm und wies die Karte zurück. Er ließ die Hand ruhig ſinken und entgegnete: verzeihen Sie, aber ich bedachte in dem Augenblicke nicht, daß Sie die Tochter des entehrten Vaters nicht mehr kennen werden. Ihre Tochter wohl, antwortete ich, aber nicht Ihre— Frau. Meine Frau, entgegnete der Vicomte, hat das alles nicht erlebt. O mein unglückliches Kind! Ihm ſchoſſen die Thränen über den grauen Bart. Ich zitterte wie ein Kind vor einem Geſpenſt, zitterte vor etwas Entſetzlichem, was hier verhüllt ſchien. Reden Sie! rief ich ihm zu; reden Sie um alles was Ihnen heilig iſt: iſt Mathilde Ihre Tochter oder nicht? Er reichte mir ſtillſchweigend aus ſeiner Brieftaſche einige Papiere, aus denen ich erſah, daß Mathilde wirklich ſeine Toch⸗ ter war. A. Ich verſtchere Euch, ich war in dem Moment dem Wahn⸗ ſinn nahe, und doch jauchzte mein Herz auf, wie vor einer un⸗ geheuren Freude. Ich riß die Karte aus der Hand des Vicomte, überlegte wenige Augenblicke und nahm alsdann den Creditbrief, dem ich einige Worte hinzufügte. Was machen Sie da? rief der Banquier, der mir über die Achſel ſah; Sie beſtätigen dieß verfälſchte Papier? 172 Zweiunddreißigſtes Kapitel. Als Bevollmächtigter meines Oheims. Ich überreichte den Creditbrief dem Vicomte, der uns zwei⸗ felnd anſah. Der Banquier öffnete die Thüre des Nebenzimnere und ſagte kalt: dort iſt die Kaſſe. Ich ſtürzte fort, warf mich in meinen Wagen und eilte der Straße und dem Hauſe zu, die auf der Karte verzeichnet waren. Ich eilte die Treppe hinauf, ſuchte das Quartier; die Thüren deſſelben ſind weit geöffnet. Ich nenne bebend den Namen Mathildens. Das Mädchen übergibt mir einen Brief und ſagt gleichgültig: die Dame iſt vor einer halben Stunde abgereist. Ohne die Aufſchrift des Briefes näher anzuſehen, reiße ich das Couvert ab und leſe: „Mein Vater! Ich kann Sie nicht verlaſſen, ohne Ihnen Lebewohl zu ſagen. Ich kann aber auch nicht bleiben; denn es müßte Ihnen fürchterlicher ſein, das beſtändige Unglück Ihrer Tochter, als dieſelbe gar nicht mehr zu ſehen. Ich kann und darf Ihnen keine Vorwürfe machen, aber ich kann und darf Ihnen in Erin⸗ nerung bringen, wie oft ich Sie auf meinen Knieen gebeten, nicht durch unüberlegte Handlungen die Ehre Ihres und meines Namens auf's Spiel zu ſetzen. Ich habe Ihnen geopfert, was ein Kind ſeinem Vater opfern kann: mein ganzes Lebensglück, meine Liebe, alles, alles, was ich beſaß. Leben Sie wohl, Vater, und forſchen Sie nicht nach mir. Für uns iſt kein Wiederſehen möglich. Mathilde.“ So lautete der Brief und mir ward Alles ſchrecklich klar. Ich hatte das edelſte Herz verloren, das je in einem weiblichen Buſen ſchlug, auf ewig verloren— ich habe ſeit der Zeit nie wieder etwas von ihr gehört.— Das, meine Freunde, iſt die uns zwei⸗ mzimmers eilte der et waren. Khüren n Namen und ſagt abgereiöt. reiße ich ewohl zu te Ihnen ter, als rf Ihnen in Erin⸗ gebeten, id meines fert, was bensglic die wohl, üin kei e.1 kich klar weiblichen eZii ni 8/ iſt R Alfred's Erzuͤhlung. 173 Geſchichte des Bildes, und jenes Albumblatt der Creditbrief meines Oheims— er wurde mir ſpäter von dem Banquier in London geſchickt.“—— Das war die Erzählung des Hausherrn. Unterdeſſen war es Nacht geworden, und der Mond, der drüben über die ſchwarzen Tannen emporſtieg, beleuchtete die ernſten Geſichter der Geſellſchaft und eine ſtille Thräne. Dreinnddreißigſtes Kapitel. Ein Hofball und ſeine Folgen. Am andern Morgen ſaßen die beiden Freunde auf der ſchattigen Teraſſe des kleinen Landhauſes. Sie hatten gefrüh⸗ ſtückt, von alten Tagen geſprochen, Alfred ließ ſich eine vor⸗ treffliche Cigarre bringen, und während Beide ſich in ihre kleinen Drahtfauteuils zurücklehnten, ſchlürften ſte den würzigen Duft des guten Blattes. Die Teraſſe war tief beſchattet von rothblühenden Kaſta⸗ nien und hochſtämmigen Orangen. Die Sonne konnte nicht in das Dickicht dringen, und die Kühle hier war um ſo wohlthuen⸗ der, als man bemerkte, wie die Hitze des Junimorgens draußen auf den Feldern brütete. Nur hie und da, wenn ein leichter Luftzug die Blätter hob und ſenkte, drang ein Sonnenblick durch, ſpielte auf dem feinen gelben Sand der Teraſſe und beleuchtete irgend einen kleinen Käfer, der dort munter herumlief. Neben der Teraſſe befand ſich ein Springbrunnen, zwei weiße mar⸗ morne Schalen über einander und oben eine ſchöne Copie der prachtvollen Venus von Jean de Bologne, deren Original auf 8 Ein Hofball und ſeine Folgen. 175 dem herrlichen Landhauſe di Petreia in der Nähe von Florenz ſteht. Die Göttin iſt dargeſtellt, wie ſie, dem Meer entſtiegen, ihr herabwallendes Haar mit den Händen ausdrückt; das Waſſer, das demſelben unaufhörlich entfließt, füllt die obere Schale und ſtrömt aus dieſer, melodiſch murmelnd, in die zweite über. 8 Dieſer Morgenwinkel, wo ſich die Freunde gerade befanden, und ſo genannt, weil er während des Vormittags durch ſeine Lage der Sonne den Eintritt verweigerte, war ein lieber, kleiner Platz mit ſchönen Vaſen und Marmorſtatuen verziert. Eine weite Flügelthüre führte in eine kühle gewölbte Halle, wo man ſich während der Mittagshitze zurückzog und auch wohl frühſtückte. Dieſe Halle, mit einem bunten Steinboden, Wände und Decke n. mit reichen Holzſculpturen verziert, war dem Mittelalter ge⸗ weiht. Ein rieſenhafter Kamin nahm faſt eine ganze Wand ein, auf demſelben waren Aufſätze faſt bis zur Decke, und auf ihnen e auf d ſah man kleine Steinfiguren, Drachen und allerlei von tapfern 4 Rittern beſtegte Ungeheuer und dazwiſchen große Glaspokale, auf welchen Turniere und bunte Wappenſchilder eingebrannt waren, ſo wie irdene Krüge mit merkwürdigen Verzierungen. Die übrigen Wände dieſes Gemachs waren bedeckt mit mittel⸗ alterlichen Waffen aller Art, und in zierlichen Gruppen geordnet ſah man hier alte Harniſche, Hellebarden, zweihändige Schwerter, teen gefruͤh⸗. eine vor⸗ ihre kleinen zigen Duft aſta⸗ 8 2. den uin. blanke Helme und ſchöne, mit Gold und Silber eingelegte Arm⸗ 5 nte lu brüſte. In der That, der Erſchaffer dieſes Landhauſes war zu 8 zun vuße beneiden um dieſes herrliche Beſitzthum und um die Kunſtſchätze, ns dr die er ſeit einer langen Reihe von Jahren auf ſeiner weiten Reiſe za leichter 1e e, ein lii geſammelt und die er mit feinem Geſchmacke zuſammengeſtellt. blick zu8, Wenn man auf der Teraſſe ſaß, ſo erblickte man das Gebüſch belubte 1 wie durch Zufall auf einer Seite geöffnet, und es gewährte einen ief N. 6 herrlichen Blick auf die reizende Stadt Lüttich und auf die klaren weiße mal⸗ Fluthen der Maas, welche die Stadt liebend umfaßte. ce„ Ddie beiden Freunde hatten eine Zeit lang fortgeraucht, ohne riginal a 8 7 8. 8 176 Dreiunddreißigſtes Kapitel. zu ſprechen, und der Baron Karl blickte mit Intereſſe über die Stadt hinaus, nach der Höhe von Ans, wo der Eiſenbahnzug von der ſtehenden Maſchine hinaufgeſchleppt wurde, um von da gegen Brüſſel zu rollen. Dorthin zog ſein Herz auch ihn, und er konnte nicht unterlaſſen, an den Rand der Teraſſe zu treten und dem davondampfenden Zuge ſtille Grüße mitzugeben. Luſtig flog der Convoi über die Hochebene dahin und war bald ſeinen Blicken entſchwunden. Alfred war ruhig ſitzen geblieben und lächelte dem zurückkehrenden Freunde freundlich zu. „Du biſt wirklich ein glücklicher Menſch, Karl,“ ſagte er nach einer Pauſe,„und ich hoffe, du wirſt es zu erkennen und zu würdigen wiſſen. Wenn ich überhaupt zum Neid geneigt wäre, ſo würde ich dich unbedingt beneiden; deine Braut muß ein vortreffliches Weſen ſein. Obgleich ich ſie noch nicht kenne, ſo entnehme ich es aus deinen Schilderungen und kenne ja deinen feinen Geſchmack für alles Schöne.“ Der Baron nickte glückſelig lächelnd mit dem Kopfe. „Du ſtehſt am Ziel deiner Wünſche,“ fuhr Alfred fort, „heute Morgen kann die nothwendige Bewilligung eintreffen, du feierſt eine kleine, ſtille Hochzeit, hebſt deine kleine Frau in einen Reiſewagen und fort geht's im ſchönſten Frühlingswetter über die Berge, hinaus in die Welt, ohne Raſt und Ruh, immer weiter, immer weiter. Du biſt doppelt glücklich— außer deiner großen orientaliſchen Tour biſt du nicht viel gereist, wenigſtens in den letzten Jahren nicht, und wie neu und friſch wird dir Alles erſcheinen! wie lieblich wird ſich eine prachtvolle Stadt, eine reizende Landſchaft in dem vor Freude funkelnden Blick deines Weibes wiederſpiegeln. Wahrhaftig, du biſt unverſchämt glücklich!“ „Wahr, ſehr wahr!“ lachte der Baron;„aber lieber Freund, ſag um Gottes willen: unberufen! Wenn mir die Frau von C. irgend einen Spuck macht, ſo wird es mich Mühe * ſſe über die ſſenbahnzug um von da hihn, und ſe zu treten gen. Luftig bald ſeinen blieben und 1, ſagte er kennen und nid garigt Braut muß nicht kenne, ne jn deinen ppfe. Affred fort eintuffn ne Frau in Hüngzwetie — Ein Hofball und ſeine Folgen. 177 koſten, Paulinen zu bereden, und wenn ſie auch am Ende ohne die verlangte Einwilligung meine Frau wird, ſo gibt's doch eine verdrießliche Verzögerung.“ „Sie wird dir keinen Spuck machen, die Frau von C.,“ ſagte Alfred ernſt;„ich habe in ſolchen Sachen eine richtige Vor⸗ ahnung— ſie wird ihre Einwilligung geben, es hat mir heute Nacht von der unbekannten Dame geträumt.“ „Ah!“ lachte der Baron,„dein zweites Geſicht kommt wieder zum Vorſchein; und haſt du etwas Gutes im Geiſte geſehen?“ „So, ſo!“ ſagte der Andere.„Ich ſah die Frau von C., wie du ſie mir beſchrieben, nur ſah ſie todtenbleich aus; ſte reichte deiner Braut die Hand, dann verſank ſie vor unſern Augen. Nun, das iſt nicht ſo übel,“ ſetzte Alfred hinzu,„und du wirſt auf jeden Fall baldigſt Nachricht bekommen.“ „Nach meiner Berechnung,“ ſagte der Baron,„hätte mein Jäger ſchon geſtern zurück ſein können. Ich muß dir nur geſtehen, daß ich auch einestheils deßhalb hieher gekommen bin, um hier meinen Boten zu erwarten und eine gute oder ſchlimme Nachricht ſelbſt zu überbringen. Ach, mein Freund, du kannſt mir's glau⸗ ben, dieſes kleine Hinderniß, das noch immer zwiſchen unſerer Verbindung ſteht, thut mir eigentlich wohl; mein Glück ohne alle Beunruhigung wäre offenbar zu groß. Aber,“ fuhr er leb⸗ haft fort und ſtieß die Aſche von ſeiner Cigarre ab,„du ſprachſt vorhin mit ſo großem Feuer, mit wahrer Begeiſterung von Reiſen in die Welt hinaus— ich muß dir offenherzig geſtehen, ich würde es jedenfalls vorziehen, ſtatt auf der ſtaubigen Chauſſée zu rollen, eine kleine Sejour mit meiner jungen Frau auf einer reizenden Villa, wie die deinige iſt, zu machen, natürlich, wenn die Villa mein eigen wäre.“. „Ich will ſte dir gern abtreten,“ ſagte ruhig der Andere; Hacklander, Namenl. Geſchichten. J. 12* 178 Dreiunddreißigſtes Kapitel. „ich muß geſtehen, ich fange an, mich bedeutend hier zu lang⸗ weilen.“ „Unmöglich!“ rief der Baron aus;„wie könnte ich mich hier auf dieſem herrlichen Punkte langweilen, wenn ich mir denke, daß ich hier jeden Morgen ſäße, in dem kühlen Schatten bei dem murmelnden Springbrunnen, vor mir die ſchönſte Ausſicht der Welt!“. „Und mit deiner Frau,“ ſagte der Andere mit einem trüben Lächeln.. „Allerdings mit meiner Frau,“ fuhr der Baron luſtig fort;„und dann die kleinen Diners in deinem charmanten Speiſezimmer.“ „Mit deiner Frau,“ ſagte abermals der Andere. „Ja, das verſteht ſich von ſelbſt,“ ſagte der Baron, vich glaube, ich wäre unbeſchreiblich glücklich.“ „Das wäre ich auch an deiner Stelle,“ antwortete Alfred; „aber auf dieſer Teraſſe, deren Schönheiten du ſo rühmſt, ſitze ich faſt Morgen für Morgen allein; in meinem Speiſezimmer ſtehſt du beſtändig ein einzelnes Couvert, und wenn es mir je einmal zu einſam wird und mein Herz dringend nach einer Ge⸗ ſellſchaft verlangt, ſo ziehe ich den Vorhang von dem Bilde, das du geſtern Abend geſehen— voilà tout.“ 4 Der Baron reichte ſeinem Freunde ſtumm die Hand und es trat eine längere Pauſe ein, in der man nichts hörte, als das Rauſchen des Waſſers und den Geſang der Vögel in dem dichten Laubwerk. „Höre, Alfred,“ ſagte endlich der Baron,„willſt du wirk⸗ lich keinen Verſuch mehr machen, das Mädchen aufzufinden?“ „Freilich habe ich zuweilen daran gedacht,“ ſagte der Andere, „aber wo ſoll ich mich hinwenden? Die Spuren, die ihr leichter Fuß hinterläßt, ſind zu unbedeutend; iſt ſie in England geblie⸗ ben, iſt ſie nach Frankreich gegangen oder nach Italien? und er zu lang⸗ nte ich mich h mir denkt, tten bei dem Ausſicht der inem trüben garon luſtig harmanten ge.. Baron, jich teete Alfted; ühmft, ſtze peiſezinmer in es mit je h einer Gi⸗ nBilte us Ein Hofball und ſeine Folgen. 179 geſetzt den Fall, ich kreuzte ihren Weg durch ein glückliches Un⸗ gefähr, wird ſie nicht Alles anwenden, um vor mir unſichtbar zu bleiben?— Ja, ſie wird mich fliehen und ſte hat die Macht dazu, dieß zu thun. Wenn ich, wie geſagt, wirklich durch Zu⸗ fall den Ort erreiche, wo ſie ſich gerade befindet, was wird's mir nützen? Ich ſtehe im Licht, ſie im Schatten; ſie wird er⸗ fahren, daß ich da bin, ſie wird mir verſchwinden, ehe ich eine Spur von ihr ſehe.“ „Aber ich habe ja auch geſucht und gefunden,“ entgegnete der Baron. „Das, lieber Freund,“ ſagte Alfred,„iſt ein ganz anderes Verhältniß. Deine Braut, wenn ſie auch, ihrer Erzieherin ge⸗ horſam, den Ort verließ, wo du warſt, that es nicht aus eige⸗ nem Antrieb und hatte wahrhaftig kein Intereſſe dabei und auch nicht den feſten Willen, dich nie wieder zu ſehen. Aber laſſen wir dieſe traurigen Geſpräche; ich fühle wohl, daß ich es nicht lange mehr hier allein aushalten werde; ſprechen wir lieber von deinen Planen für die Zukunft; vielleicht, daß ich ſpäter Euren Schritten folge. Wohin denkſt du zu gehen?“ „Ich habe mir vorgenommen, Italien einmal wieder zu beſuchen,“ ſagte der Baron.„Der alte Herr, bei dem Pauline ſich aufhält, hat mir von einer allerliebſten Beſitzung geſprochen, die er am Comerſee hat, und ich glaube, es würde ihm ſehr an⸗ genehm ſein, wenn dort Jemand von der Familie ein paar Jahre zubrächte, und ich denke, man kann ſtch's am Comerſee ſchon gefallen laſſen. Wir wollen alſo auf unſerer Tour nach Mailand dieſe Beſitzung anſehen und dann Florenz, Rom und Neapel beſuchen, dann das Frühjahr am Comerſee und vielleicht ſpäter den Winter in Paris zubringen, und ſo fort. Mich zieht's ge⸗ waltig nach Italien, und wenn es Paulinen ebenſo dort gefällt, ſo wäre es nicht unmöglich, daß wir dort für mehrere Jahre unſern beſtändigen Aufenthalt nähmen.“ 12* 180 Dreiunddreißigſtes Kapitel. „Bravo!“ ſagte Alfred; vich kann dieſen Entſchluß nur billigen, und mir wäre es außerordentlich erwünſcht, Euch dort vielleicht ſpäter finden zu können. Nach Italien zieht's mich auch wieder, und wenn ich hier noch eine Zeit lang ausgeruht habe und vielleicht ruhiger geworden bin, folge ich Euch, und einer ſolchen Zeit des freundſchaftlichen Zuſammenlebens würde ich mit Sehnſucht entgegen ſehen.— Daß es dich nach deinem bisherigen Aufenthalt, der kleinen Reſidenz, nicht zurückzieht, kann ich mir ganz gut denken; überhaupt begreife ich nicht recht, wie du es dort ſo lange aushalten konnteſt.“ „Das habe ich oft ſelbſt nicht begriffen,“ lachte der Baron, „aber jetzt danke ich meinem Schickſal, das mich vor ſechs Jahren — ich wollte damals nur durchreiſen— dort feſthielt. Fand ich nicht da das Glück meines Lebens? Aber jetzt iſt mir die Stadt und das Leben dort entſetzlich verleidet. Schade um die paar guten Menſchen, die ich dort kennen lernte und wahrſcheinlich ſo bald nicht wieder ſehe!— Doch ſieh,“ unterbrach der Baron den Fluß ſeiner Rede und blickte ſcharf in die Gegend hinaus,„dort biegt von der Hauptſtraße ein Wagen ab und ſcheint ſich hieher zu dirigiren.“ Die beiden Freunde traten an den Rand der Teraſſe, Alfred richtete ein großes Fernrohr, das ſich dort befand, nach dem frag⸗ lichen Punkte und ſagte, nachdem er hindurch geſehen: nes iſt ein leichter Wagen mit Poſtpferden, ſchaue ſelbſt!“ Der Baron richtete ſeine Augen an das Glas und nachdem er einen Augenblick hingeſehen, hob er vergnügt die Hand empor und rief aus:„das iſt bei Gott meine kleine Reiſekaleſche und Lukas ſitzt darin. Freund, der große Augenblick naht, dort kommt eine Botſchaft!“ In der That war es Lukas, den man durch das ſcharfe Glas in ſeiner ganzen Geſtalt und deutlich bemerkte. Wie auf⸗ recht ſaß er im Wagen, die Arme über einander geſchlagen und ntſchluß nur „Euch dort s mich auch geruht habe „und einer ürde ich mit nbisherigen kann ih wir :, wie du es der Baron, ſcchs Jahren t. Fand ich nir die Stadt im die paar cheinlich ſo Baron den laus,„dort ſich huhe naſſ, Ard ih dem ftag⸗ hen:"is! und nachdem Hand empot ſlaleſhe und naht/ dor das ſtuſ 9 auf⸗ 1' . Wie glagn un Ein Hofball und ſeine Folgen. ſchaute unverwandten Blickes nach der kleinen Villa empor, die jetzt der Poſtillon als Ziel der Reiſe, indem er mit der Peitſche darauf hinwies, zeigte. Bald kam der Wagen näher und in einer kleinen Viertelſtunde ſchien der Jäger zu bemerken, wie ihm Je⸗ mand von der Teraſſe dort oben zuwinkte. Herzlich erwiderte er dieſen Gruß und ſtieß darauf den Poſtillon freundſchaftlich in die Rippen, der nun ſeinerſeits, eines guten Trinkgeldes gewärtig, die ſchäumenden Pferde im Galopp den Berg hinauffliegen ließ. Jetzt hielten ſie vor der Treppe und Lukas ſchwang ſich aus der Kaleſche, eilte hinauf und der Baron in der Freude ſeines Her⸗ zens begrüßte den treuen Diener, wie einen langvermißten guten Freund, der endlich wieder gekommen iſt. „Wie ſteht's, Lukas?“ rief er ihm ſchon von Weitem ent⸗ gegen, und der Jäger, der aus ſeiner Reiſetaſche ein großes Schreiben hervorholte und übergab, entgegnete: „Ich glaube, es ſteht nicht ſo ſchlecht, ich habe neben die⸗ ſem Briefe eine Menge perſönlicher Grüße von dem Grafen Alfons auszurichten.“ „Wie kommt's aber,“ ſagte der Baron beſtürzt, als er das Schreiben betrachtet,„daß der Graf ſchwarz ſtegelt? Iſt Jemand geſtorben?“ Der Jäger zuckte mit den Achſeln, während der Baron den Umſchlag abriß. Eifrig durchlas er die Zeilen, die ihm ſein Freund ſchrieb, und beim Leſen wurden ſeine Züge nachdenklicher und ernſter. Als er mit dem erſten Schreiben fertig war und die Einlage ge⸗ öffnet hatte, fuhr er mit der Hand über die Augen und gieng abſeits in den Garten, um die letzten Zeilen der verſtorbenen Erzieherin ſeiner Braut durchzuleſen. Als er nach einiger Zeit zurück kam, theilte er den Inhalt beider Schreiben ſeinem Freunde Alfred mit, der an dem ſchrecklichen Ereigniſſe innigen Antheil nahm, und dann mußte Lukas erzählen von dem traurigen Vor⸗ 182 Dreiunddreißigſtes Kupitel. falle ſelbſt, von den Bekannten in der Reſidenz, und als nun ſpäter die beiden Freunde wieder allein waren, ſagte der Baron: nich bin überzeugt, daß dieſe Nachricht Paulinen tief erſchüttern wird; es iſt eigentlich ein trauriges Hochzeitsfeſt, durch den Tod eingeſegnet.“ „Deſto freundlicher wird ſich ihr Leben geſtalten,“ entgeg⸗ nete Alfred;„es iſt eine Fügung des Himmels, ſchauerlich, aber glücklich für Euch; denn nach dem, was du mir früher über die Frau von C. mitgetheilt, und nach dem, was ich aus den Briefen des Grafen Alfons erfahren, ſtanden Eure Sachen nicht zum Beſten. Die Dame hätte ſicherlich nicht nachgegeben; deßhalb ſei Egoiſt und beruhige dich. Jedes Leben muß durchgekämpft werden, und nur wenn Andere fallen, iſt eine Möglichkeit da, daß wir ſtehen bleiben. Der Verſtorbenen ein gutes Andenken, meinetwegen eine ſtille Thräne und dann auf nach Brüſſel!“ So geſchah es denn auch am Nachmittage deſſelben Tages, und den letzten Eiſenbahnzug, der mühſam die Höhe von Ans erklomm, ſahen die Freunde nicht mehr von der Teraſſe des Land⸗ hauſes; vielmehr, droben angekommen, blickten Beide hinab auf das ſtille Haus, wie es ſo friedlich zwiſchen den Bäumen lag, und dann ſausten ſie in traulichem Geſpräche mit dem Zuge davon.. Der Baron hatte Recht, als er geglaubt, daß die Nach⸗ richt von dem Tode der Frau von C. ſeine Braut tief erſchüttern werde. Ja, es bedurfte ſeiner innigen Bitten und der ernſtlichen Zureden des alten Oheims, um ſtie zu dem Entſchluſſe zu ver⸗ mögen, ihre Verbindung mit dem Baron nicht länger hinaus⸗ zuſchieben. Dieſe fand auch in den nächſten Tagen ſtatt— eine ſtille Trauung mit wenigen Zeugen, worunter natürlicher Weiſe Alfred, und nach einem kleithn Frühſtücke beſtiegen die beiden, nun für's Leben vereinigten glücklichen Menſchen ihren Reiſewagen. Lukas nd als nun der Baron: ferſchüttern rch den Tod AIentgeg⸗ jerlich, aber her über die den Briefen nicht zum n; deßhalb rchgekämpft glickeit da⸗ Ardenken, iſſelle gen Tages, evon Ans des Land⸗ hinab auf zumen lag dem Zuge die Nac⸗ erſchüttern ernſtlichen ſe zu ver⸗ e hinaus⸗ e flile eiſe Alfroͤ⸗ nun fuu s Lukas ein en —.— Ein Hofball und ſeine Folgen. 183 war ein paar Stunden vorher als Courier vorausgereist und genoß, ſeiner finſteren Träume ledig, ſchon im Voraus die herr⸗ lichen Gefilde Italiens. Alfred hatte das junge Paar in den Wagen gehoben, hatte nochmals verſprochen, ihnen, wenn er überhaupt ſeine Villa verließe, nachzufolgen, und kehrte trotz der Bitten des alten Herrn, er möge einige Tage bei ihm bleiben, noch am ſelben Abend nach Hauſe zurück. Dort angekommen, begab er ſich in das kleine, uns wohlbekannte Zimmer, zog den Vorhang von dem Bilde zurück und ſaß lange davor in tiefes Nachdenken verſunken. — —— ———— Vierunddreißigſtes Kapitel. Elſtergaſſe Nummer Vierundvierzig. Doktor Stechmaier gehörte zur literariſchen Ariſtokratie. Er trug, wie wir bereits wiſſen, einen guten Hut, einen un⸗ tadelhaften Paletot und Glacéhandſchuhe, ſo lange er deren beſaß. Wenn der letztere Luxusartikel nicht mehr zuſammen⸗ halten wollte, pflegte er lieber die Hände in ſeine Rocktaſchen zu ſtecken, als ſich vor dem Publikum eine Blöße zu geben. Dabei hatte er ſtets verabſcheut, ſich, wie die meiſten ſeiner Collegen, einen großen Bart wachſen zu laſſen, war überhaupt der einmal eingeſchlagenen Richtung beſtändig treu geblieben und hatte nicht einmal den Verſuch gemacht, durch eine kleine Neigung nach links, der„Spinne“ ein größeres Netz zu geben, um durch dieſes Mannöver zahlreiche Abonnenten einzufangen. Daher konnte es auch nicht fehlen, daß der wohlhabende und ruhige Bürger, ſo⸗ wie der hohe Adel, nachdem dieſelben endlich eingeſehen, daß die Preſſe anfange, eine Macht zu werden, ihr Auge auf die rzig. lriſtokratie einen un⸗ er deren zuſammen⸗ ckſchen zu en⸗ Dabei r Collegen, der einma hatte nich igung na durch diſſs er konn uds gürger, ſo⸗ ſſehen, du uge anf i — Elſtergaſſe Nummer Vierundvierzig. 185 „Spinne“ und Doktor Stechmaier warfen, als beſonders tüchtig und fähig, die Intereſſen der conſervativen Partei in die Hand zu nehmen. Nicht ſobald hatte der Doktor ſeinerſeits dieſen Ent⸗ ſchluß vernommen, der ſeine kühnſten Wünſche, ein größeres Journal mit ausgebreitetern Mittel zu redigiren, realiſiren ſollte, als er in Anbetracht der Mittel, welche jener Partei zu Gebot ſtanden, ſich der kühnen Hoffnung hingab, jetzt die Thürklinke zum Glückstempel in der Hand zu haben. Was konnte nicht aus einem Journal werden, für das ſich die beſitzende Klaſſe und der hohe Adel intereſſirte! Gelang es nicht ſchon der andern Partei, die wenige Kapitale in der Hand hatte, ihre Journale als ſelbſtſtändig hinzuſtellen, ihnen ein An⸗ ſehen zu geben, ſte würdig auszuſtatten? Und das gieng von Leuten aus, denen die wenigen Kreuzer, welche ſie ihrer politiſchen Meinung zu opfern im Stande waren, ja ſogar die Zeit, welche ſie ihren Journalen opferten, ſehr koſtbar war. Dagegen die conſervative Partei mit großen Geldmitteln, mit tüchtigen Mit⸗ arbeitern! Ja, der Doktor war ſeines Gelingens gewiß, und der Eigenthümer der„Spinne“, ein armer Buchdrucker, be⸗ geiſterte ſich bei dieſen ſchönen Hoffnungen für den Conſervatis⸗ mus und fieng an, vollkommen rechts überzuhängen. In ſeiner Druckerei wurden keine vorwitzigen Redensarten mehr geduldet, das Tragen von rothen Halsbinden den Setzern auf's Strengſte unterſagt und der Druck eines kleinen Blattes von entſchieden liberaler Färbung von der Hand gewieſen. Das projektirte neue Journal auf Aktien herauszugeben, erſchien nicht ganz thunlich; denn die wenigſten conſervativen Menſchen ſind, bei aller Begeiſterung für ihre Sache, geneigt, im erſten Augenblick eine größere Summe ſo in's Ungewiſſe hin auszugeben. Dieſem widerſpricht ſchon der Name„Conſervatis⸗ mus“, als das Erhalten des Beſtehenden bezeichnend, und hiebei 186 Vierunddreißigſtes Kapitel. i*ſt auch außerordentlich begreiflich, daß die Leute, welche etwas zu erhalten haben, zuerſt an ſich denken und ihre eigenen Geld⸗ mittel conſerviren. Nebenbei ſchien ein anderer Plan, den der Doktor gefaßt, ihm viel erſprießlicher und für die gute Sache nützlicher. Das war nämlich der, die vielen vermögenden Mit⸗ glieder der conſervativen Partei: Fürſten, Grafen, Herren, wohl⸗ habende Bürger, zu vermögen, eine erkleckliche Anzahl von Un⸗ terſchriften zu zeichnen, eine große Anzahl von Exemplaren zu nehmen, dieſe Exemplare an Unbemitteltere zu vertheilen und ſo nach allen Seiten hin zu wirken. Eine vorläufige Liſte von den erwähnten Perſonen, welche der Doktor und der Buchdrucker ge⸗ meinſchaftlich aufſetzten, und eine ganz beſcheidene Zahl von Exemplaren, die ſie jeder zuerkannten, gab eine ſolch' immenſe Summe von Abonnenten, daß den beiden Unternehmern ordent⸗ lich ſchwindelte. Wir ſagen: den beiden Unternehmern; denn der Buchdrucker hielt es für gerathener, ſeinen Haupt⸗ redakteur mit in's Intereſſe— und, wenn die Sache nicht ſo ganz gut gienge; was aber unmöglich ſchien— ebenfalls mit in den Schaden zu ziehen. Die Idee des neuen conſervativen Journals fand denn auch bei der erſten Beſprechung in verſchiedenen Cirkeln den beſten Anklang. Dieß war eigentlich durchaus nicht zu verwundern; denn der Doktor Stechmaier war mit ſeinem Unternehmen der Erſte, der für die Rechte arbeiten und leiden wollte. Es war nämlich die Führung eines ſolchen Journals für den Redakteur nicht ganz ohne Gefahr; denn es war ſchon früher einmal vor⸗ gekommen, daß ein ähnliches Unternehmen ſich gewaltſam zer⸗ ſchlagen hatte, oder vielmehr nächtlicher Weiſe auf dem armen Redakteur zerſchlagen worden war. Darum bekümmerte ſich aber der Doktor Stechmaier bei ſeiner bekannten Gleichgültigkeit nicht beſonders. Er haßte allen Zwang, und es that ſeinem Herzen lche etwwas enen Geld⸗ u, den det zute Sache nden Mit⸗ ren, wohl⸗ hl von Un⸗ mplaren zu ilen und ſo ſte von den drucker ge⸗ Zahl von ) immenſe ern ordent⸗ nehmern; en Haupt⸗ he nicht⸗ſo alls mit in d denn auch den beſten ervundern; nehmen der Es war 3 Redakteut Elſtergaſſe Nummer Vierundvierzig. 187 wohl, denen, die ihn haßten und verfolgten, tüchtig die Mei⸗ nung ſagen zu können. Für das Unternehmen intereſſirten ſich nun gewichtige Männer aller Klaſſen der conſervativen Partei. Dieſe gewich⸗ tigen Männer zeichneten auch eine ziemliche Anzahl von Erem⸗ plaren und mancher unter ihnen hatte dabei das Zartgefühl, dem andern den Vorrang auf der Subſcriptionsliſte einzuräumen, woher es denn kam, daß die erſten Seiten dieſer Liſten ein wenig leer blieben und nur ſich auf den letzten untern Spalten einige Namen in ſchüchterner Beſcheidenheit zeigten. Die Meiſten unterzeichneten aber vor der Hand gar nicht und waren groß⸗ herzig genug, im Stillen für das neue Unternehmen wirken zu wollen. So ſagten ſie dem Doktor Stechmaier mit gnädigem Händedruck, und wenn man ihrem vielſagenden Blick glauben wollte, ſo konnte ſich der Buchdrucker veranlaßt ſehen, ganze Bände geheimer Subſcriptionsliſten einbinden zu laſſen, und große Geldkiſten aufzuſtellen, um die reichlichen anonymen Bei⸗ träge aufzunehmen. Eben ſo gieng es auch mit den Ver⸗ ſprechungen zu ſchriftlichen Beiträgen für das Beſte ihrer eigenen Sache und des Blattes. Der Doktor ſah ſchon im Geiſte, wie er täglich aus einem ungeheuren Stoße von Manuſcripten das Beſte heraus zu leſen habe, und war überzeugt, daß er ſich bald genöthigt ſehen würde, Ergänzungsblätter zu dem neuen Jour⸗ nal auszugeben; denn geiſtreiche Mitarbeiter, die ohne Honorar liefern, dadurch vor den Kopf zu ſtoßen, daß man ihre Sachen in den Papierkorb legt, war durchaus nicht thunlich. So war es denn aufs Beſte vorbereitet; die paar hundert Abonnenten der bisherigen„Spinne“, der bürgerlichen Mittel⸗ klaſſe angehörend, ſchienen trotz des vergrößerten Formats und des erhöhten Preiſes treu bleiben zu wollen, und der Doktor begann frohen Muthes ſich mit der großen Schwierigkeit zu be⸗ 188 Vierunddreißigſtes Kapitel. faſſen, dem neuen Journal einen pikanten und noch nie dage⸗ weſenen Namen zu geben. Dieſe Sache, die an und für ſich ſehr leicht erſcheint, iſt aber außerordentlich ſchwierig; denn jeder, der etwas mit dem Journalweſen vertraut iſt, weiß, wie viel man auf einen neuen paſſenden Namen hält und wie ſchwer es iſt, einen ſolchen aufzufinden, da in der Welt faſt ſchon Alles dageweſen. Der Doktor begann damit, das Original zur bis⸗ herigen Benennung,„die Spinne“, in Gedanken körperlich zu vergrößern:— Kreutzſpinne, Vogelſpinne,— unmöglich! hat keinen Sinn.— Tarantel würde bei dem Blatt eine abentheuer⸗ liche, ſchwankende Haltung vorausſetzen; auch gäbe es zu ſchlech⸗ ten Witzen auf den Redakteur Veranlaſſung, wenn man z. B. einmal ſagte: der Redakteur der Tarantel ſcheint von ſeinem eigenen Blatte geſtochen zu ſein. Weiter alſo!— Meerſpinne — mit einem ſtehenden Artikel: Deutſche Flotte— zu ungewiß und nicht bezeichnend genug.— Der Krebs— wäre nicht ſo ganz übel, man könnte vielleicht die demokratiſche Partei als den Krebs bezeichnen, welcher an den Grundrechten der menſchlichen Geſellſchaft nagt.— Doch weiter!— Krebs könnte den Buch⸗ händlern nicht angenehm erſcheinen und ſie veranlaſſen, ſich nicht für das Journal zu intereſſiren. Der Doktor verließ das Reich der Inſekten und ſuchte unter den gefiederten Bewohnern der Luft. Die Lerche, mit hellem Lied aufſteigend, eine beſſere Zeit verkündigend— unpaſſend für ein conſervatives Journal! — die Fledermaus— zu dämmerig!— Der Phönix— ſchon dageweſen, ſchon einigemal verbrannt, ohne verjüngt wieder aufgeſtanden zu ſein— die Schnepfe, mit dem Motto: Oculi, da kommen ſie— ſchmeckt zu ſehr nach einer Jagdzeitung. Adler — Lämmergeier— Habicht— Sperber— ſind lauter Raub⸗ vögel und von keiner conſervativen Haltung.— Einen Augen⸗ blick blieb der Doktor bei dem Edelfalken ſtehen, dem ſchönen Jagdvogel, dem Verfolger ſchädlichen Gevögels— ja, der Elſtergaſſe Nummer Vierundvierzig. 189 h nie dage⸗ Name„Edelfalke“ ſchien ihm bei dem Antheil, den die Edlen füt ſich ſehr des Landes ſeinem Unternehmen zuwendeten, nicht ſo ganz un⸗ denn jider, paſſend. Doch ſuchte er weiter unter den fliegenden Geſchöpfen i, wie viel— Weſpe— war leider ſchon mehrere Mal dageweſen— Fliege ie ſchwer es— zu alltäglich, obgleich der Titel:„die conſervative Fliege“ ſchon Alles keinen ſo ſchlechten Klang gehabt hätte. Einen Augenblick dachte ul zut bid⸗ der Doktor an das Fabelthier, den Drachen oder den Greif, der körperlich zu verborgene Schätze hütet. Dieſer Name war wirklich nicht zu möglich! hat verwerfen; Schätze beſaß die Partei genugſam, ſowohl Schätze abentheue⸗ des Geiſtes, wie klingende Schätze; verborgen waren dieſe 6s zu ſchlech⸗ Schätze vorderhand auch noch; ebenſo hätte ſich der Greif bild⸗ man z. B. lich dargeſtellt nicht ſo übel gemacht. Indeſſen überlegte der von ſeinem Doktor, daß es dabei doch wohl nöthig ſei, vorher bei der Meerſpinne Cotta'ſchen Buchhandlung anzufragen, ob man ſich deren Wap⸗ zu ungewiß penthier aneignen dürfe. are nicht ſo artei als den So ſaß der Doktor lange und konnte nicht mit ſich ins menſchlichen Reine kommen, welcher gewichtige, pikante und unbekannte e den Buch⸗ Namen dem Iwurnal eigentlich geſchöpft werden ſollte. Zur ge⸗ nlafen, ſ wöhnlichen Zeitung, Kronik oder Journal mit einem bezeich⸗ verliß das nenden Vorwort ſeine Zuflucht zu nehmen, war ihm zu alltäg⸗ Bewohnem 1 lich, zu unbedeutend, und, nebenbei geſagt, wie viele Zeitungen, ne beſen 1 Kroniken, Journale gab es nicht ſchon durch das ganze Alphabet — f zaurnal 1 durch! Waren nicht ſchon alle nur einiger Maßen paſſende Be⸗ ues 3 ſtun 3 zeichnungen mit Zeitung, Journal ꝛc. zuſammengeleimt worden? bir* Mi 3— Unmöglich, hierin etwas noch nicht Dageweſenes zu finden. ding Dauli 3 Aber ein Name mußte entdeckt werden, und wo möglich noch otto: nler heute; denn ſchon in den nächſten Tagen ſollte die erſte Nummer itung Rau des vergrößerten, conſervativen Journals erſcheinen. Der Doktor lautet e hatte ſchon mehrere Federn zerkaut, hatte mit ſeinem Blicke faſt Linen Aus ein Loch durch die Decke gebohrt und ſtand jetzt mißmuthig von dem ſin ſeinem Stuhle, auf und trat ans Fenſter, Feder und Papier in — ⸗ * 190 Vierunddreißigſtes Kapitel. der Hand, da ihm die eingetretene Dämmerung nicht mehr erlaubte, das am Tiſche aufzuſchreiben, was ihm vielleicht in nächſter Sekunde einfallen würde.— Da unten auf der Straße gingen die Leute ihren Geſchäften nach, ſo beruhigt und alltäglich wie immer. Jeder dachte nur an ſich, und keiner der Vorübergehenden ſchien eine Ahnung davon zu haben, wie ſehr der unglückliche Journaliſt droben ſein Ge⸗ hirn abquälte, um eine paſſende Benennung zu finden. Allmählig wurden in den gegenüber liegenden Häuſern die Lichter angeſteckt, Geſellen und Lehrbuben erſchienen unter der Hausthüre, um vor dem Nachteſſen noch einen Mund voll friſche Luft zu nehmen. Drüben an dem Eckhauſe waren noch die letzten und unartigſten einer Schaar Buben mit dem intereſſanten Spiel„Anwerfen“ beſchäftigt. Die beſſeren dieſer kleinen Galgenvögel oder die, welche ſich auf keine ſolide Lüge hinſichtlich ihres Ausbleibens beſinnen konnten, waren ſchon längſt zu Hauſe. Dort kamen ſchon die Weiber mit den Zeitungen gelaufen, hinter ihnen drein auch der kleine Bube mit der„Spinne.“ Ach! er hatte an ſeinen Exemplaren nicht viel zu ſchleppen, aber doch kam er, der kleine Junge mit der defekten Hoſe, ein winziges Packetchen unter dem Arm, neben jenen andern Großmächten der Geſandte eines ſehr kleinen Staates. Und er trug heute die vorletzte „Spinne“ herum, morgen früh nach dem Kaffee gab es ver⸗ ſchiedene heißhungrige Setzer, welche erſtaunlich lüſtern waren, den Namen des neuen Blattes zu ſetzen. Der Proſpektus war da, ſchön, bieder, gerade, wahr, umfaſſend und kurz, wie ein Proſpektus ſein ſoll. Schon lange, hieß es in irgend einer be⸗ ſcheidenen Stelle, iſt ein großer Theil von vierzig Millionen Deutſchen mit uns derſelben Anſicht, wie dringend und noth⸗ wendig es ſei, auch in unſerer Reſidenz den Uebergriffen einer zügelloſen Preſſe kräftig und geharniſcht entgegen zu treten.— Aber gerade dieſe Kunſtſtelle war es, welche den Doktor einiger⸗ Elſtergaſſe Nummer Vierundvierzig. 191 nicht mehr maßen unmuthig ſtimmte; denn ſo gleichgültig im Allgemeinen vielleicht in er auch war, ſo fand er es doch durchaus nicht ſpaßhaft, den größeren Theil von vierzig Millionen Deutſchen, wenn auch nur Geſchäffen einen Tag kang, auf das Journal warten zu laſſen. Und warten chte nur an mußten ſie ohne alle Gnade, wenn der Doktor nicht noch heute Abend einen Namen erfand. Drum einen Namen!— 3 nung davon den ſein Ge⸗ Ein Königreich um einen Namen! Allmählig angeſtekt, Mittlerweile war es ganz dunkel geworden, und der Doktor, V re, um vor der ſehr hoch oben wohnte, bemerkte an dem plötzlichen Hellwerden zu nehmen. hie und da in den Straßen, daß die Gaslaternen angeſteckt unaktigffen wurden. Jetzt erſchien der Aufklärungsbeamte mit ſeinem langen „Anwerfen“ Stock und der kleinen Laterne daran auch in der Eſſtergaſſe, I oder die⸗ wo ſich dem Hauſe Nummer Vierundvierzig gegenüber ebenfalls Nusbleibens eine Gaslaterne befand. Der Anzünder drehte mit ſeinem Stock dort kamen den Hahn, hielt ſein Laternchen in die Oeffnung des Brenners, ihnen drein und ein milder Lichtſtrahl ergoß ſich über die dunklen Häuſer r hatte an der Elſtergaſſe, welche darüber vor innerer Freude ordentlich zu eun er, der ſchmunzeln ſchienen, wenigſtens blinzelte hie und da ein altes Jacketchen Fenſter vergnüglich in die Nacht und bei dem hellen Licht und dt Geſondtt dem tlefen Schatten an den Vorſprüngungen eines anderen Hau⸗ de vorlezte ſes hätte man darauf ſchwören können, es verziehe grinſend ſein Geſicht zu einer behaglichen Geberde. 3 es ver⸗ g9 en, jern war Der Doktor hatte dem Anzünder nachſtnnend zugeſchaut, und als jetzt die weiße Flamme herausfuhr und ſich auf ſeine Fenſter und ſein Geſicht lagerte, gieng ihm plötzlich ein rieſen⸗ nektus wal iz wit di z, id einet be⸗ haftes Licht auf, eine ganze Gasbeleuchtung, ein wahrer Wald⸗ Millionen brand— prächtig! jubelte er in ſich hinein;— köſtlich unüber⸗ und noth⸗ trefflich! ja, das iſt neu, noch nicht da geweſen, bezeichnend, umfaſſend! Haſtig ſchrieb er ein Wort auf ſein Papier hin, faßte ſich aber bald wieder, denn er hielt es für ſchwach und iffen iinar 1 treten. 7 tor einiger⸗ 3 192 Vierunddreißigſtes Kapitel. unmännlich, ſogar ſich ſelber eine freudige Bewegung zuzu⸗ geſtehen, ſich ſelbſt zuzugeben, daß er ſich ſelbſt durch einen ſublimen Gedanken überraſcht. Er drückte das Kinn feſt auf die Halsbinde und brachte die Brille näher ans Geſicht und ſagte mit außerordentlicher Ruhe:„ja, ſo könnte es vielleicht gehen, das Blatt muß auf jeden Fall„„die Leuchte““ heißen, ein helles Licht, das wir der Welt aufſtecken, angenehm für unſere Partei, hell und blendend für die blöden Augen der Radikalen!“ So hieß denn das berühmte conſervative Journal„die Leuchte,“ und der Eigenthümer fand den Namen nicht ſo ganz übel, die heißhungrigen Setzer ſetzten ihn den andern Morgen, in der Reſidenz las man es noch denſelben Tag, und in den nächſten Tagen wußte die Mehrzahl von vierzig Millionen Deut⸗ ſchen, daß ein neues Blatt,„die Leuchte“ entſtanden ſei. Jetzt war für die conſervative Partei einem längſt gefühlten dringenden Bedürfniß abgeholfen, das Blatt war da, und es fehlte an nichts, als an zahlreichen Abonnenten, um es zu unter⸗ ſtützen. Hatte man nicht ſchon lange geſeufzt und geſprochen?— Freilich, ſtatt zu handeln, nur geſeufzt und geſprochen. Ja, wenn wir einmal ein Organ hätten, worin wir unſere Anſichten niederlegen könnten, unſern gerechten Grimm ausſprechen über die Uebergriffe einer zügelloſen Partei, wie wollten wir auf⸗ treten! hatten ſte geſagt und hatten gedroht, wie in dem Mähr⸗ chen das Schlachtmeſſer zum Dachladen heraus: O hätt' ich dich, Wie wollt' ich dich Mit meinem langen Meſſer! Das lange Meſſer war nun freilich ſchon lange da; auch die, auf welche es gezückt werden konnte, zogen ſich nicht feig egung zuzu⸗ durch einen inn feſt auf Geſicht und es vielleicht teun heißen, ngenehm für Augen der oumal vdie nicht ſo ganz dern Morgen⸗ und in den gionen Deut⸗ en ſei. gſ gefühlten da, und es es zu unter⸗ ſprochen? 35 rochen. J, ſer Arſſhten ſrehm ile ten wir auf⸗ dem Mähr⸗ Elſtergaſſe Nummer Vierundvierzig. 193 zurück, ſondern ſtellten ſich dahin und ſagten:„hier bin ich!“ Aber das lange Meſſer wurde darum doch nicht gezückt; ſie ſcheuten es, das lange Meſſer, und wenn es hie und da einmal zu arg wurde, und es nahm Einer muthig das lange Meſſer in die Hand, ſo eilten die Andern davon oder blickten ſcheu und vorſichtig auf die Seite und konnten es nicht mit anſehen, wie das lange Meſſer in das Innere eines Beefſteaks fuhr. Aber es war den Leuten nicht übel zu nehmen, daß ſte ſich nicht gegen den gemeinſchaftlichen Feind vereinigten; ſte hatten keinen Vereinigungspunkt. Ja, wenn ſich einmal ein muthiger gewandter Arm fände, der das lange Meſſer kräftig in die Hand nähme und es zum Nutzen und Frommen gegen den Feind führte, wie wollten wir ihn heimlich unterſtützen! Ihm öffent⸗ lich zur Seite ſtehen, war freilich nicht thunlich, aber ihm wenig⸗ ſtens aus dem Dunkel heraus unter die Arme zu greifen und ihn aufrecht zu erhalten, das hätten ſie ſchon thun können. Der Arm hatte ſich gefunden: Doktor Stechmaier ſtellte ſich offen und frei hin, hieb mit der Waffe der Satire und des Humors um ſich und focht mit einem Heldenmuthe, der, wenn auch nicht einer beſſeren Sache, doch beſſerer Mitkämpfer würdig ge⸗ weſen wäre. Die Mitkämpfer aber, einige gewichtige, hochherzige Män⸗ ner ausgenommen, hatten ſchon am erſten Tage Manches an der„Leuchte“ auszuſetzen, an dem Journal für die conſervative Partei, für welches ſte bis jetzt gar nichts gethan. Schon der Name war ihnen anſtößig, unangenehm, unheimlich, und es ſchwebte ihnen die Ariſtokratie an der„Leuchte“ vor. Dann erlaubte es ſich der Doktor Stechmaier auch zuweilen, auf ein altes verroſtetes Vorurtheil der eigenen Partei hinzuweiſen, oder erlaubte ſich zu ſagen:„hättet ihr das und das von ſelbſt ge⸗ than, ſo würde man es Euch nicht abnöthigen!“ Edel von dem Hackländer, Namenl. Geſchichten. II. 13 194 Vierunddreißigſtes Kapitel. Doktor Stechmaier, ſchade für das Blatt; denn darauf hin be⸗ ſchloſſen Viele, die bis jetzt kein Abonnement auf die Leuchte hatten, gar keins zu nehmen. Andere und ſehr hohe Herren, von denen man mit Recht erwartet, ſie würden ein Unternehmen, das ihre Sache verfechte, auf's Kräftigſte unterſtützen, trieben die Beſcheidenheit ſo weit, ſich mit einem einzigen Eremplar zu begnügen. Die geheimen Geldbeiträge blieben aus, die geiſti⸗ gen Beiträge ebenfalls; denn es war doch zu gewagt, ſich mit einem Blatte einzulaſſen, das ſo offenkundig und ſchonungslos gegen die mächtige demokratiſche Partei auftrat. Man konnte ja nicht wiſſen, ob die Namen der Mitarbeiter nicht ſpäter ein⸗ mal bekannt würden, und was daraus entſtehen könnte. So blieben die Kaſſen auf der Druckerei leer, und die großen Bücher füllten ſich mit unbezahlten Rechnungen, von denen ſich der Unternehmer des Blattes für ſeinen Theil ſehr, der Doktor Stechmaier für den ſeinigen gar nicht gedrückt fühlte. So brannte in der„Leuchte“ ein kümmerliches, elendes Licht, und wenn es auch den Aufopferungen Derer, die es mit dem Blatte gut meinten, gelang, hie und da einen hellen Schein auf das Treiben der anderen Partei zu werfen, ſo waren dieſer Wenigen zu wenig, und nach einem ſolchen Aufflackern herrſchte allemal trübſeligeres Dunkel wie zuvor, und bald ſah jede Num⸗ mer wie eine Grabrede auf ſich ſelbſt aus. Die gewichtigen Männer, die ihr Geld dazu gegeben, ſahen bald, daß das Blatt, an allgemeiner Theilnahmloſigkeit kränkelnd, nicht zu. halten ſei, und zogen ſich gleichfalls zurück. Der Buchdrucker und Eigenthümer hängte dem Doktor Stechmaier von den auf⸗ geopferten Unkoſten ſo viel an den Hals, als er, ein deutſcher Literat, zu tragen im Stande war, und die acceptirten Wechſel des Redakteurs, die vor der Verfallzeit wie leichte, loſe Blätter flatterten, wurden plötzlich nach dieſem denkwürdigen Tage zu rauf hin be⸗ f die Lauchte hohe Herren, Unternehmen, izen, trieben en Eremplar us, die geifti⸗ agt, ſich mit ſchonungslos Man konnte it ſpiter ein⸗ könnte So großen Bücher enen ſih der , der Doktor hlte. hes, llende , die es mü hellen Schein waren ditſet Elſtergaſſe Nummer Vierundvierzig. 195 eben ſo viel Mühlſteinen, welche, an ihm hangend, ihn unauf⸗ haltſam in den Abgrund niederzogen. Das Blatt hörte demnächſt auf, und Doktor Stechmaier, der, ſeit er nicht mehr in dem Wandſchranke wohnte, der Polizei zugänglich geworden war, ſah ſich an einem ſchönen Morgen genöthigt, der freundlichen Einladung des Polizeicommiſſärs ſeines Bezirkes nachzukommen und ſich auf das Polizeibureau zu verfügen, wo der eben genannte vortreffliche Beamte eine ſolche Anhänglichkeit an den Doktor und Redakteur bezeugte, daß ein härteres und grauſameres Gemüth als das unſeres Freundes dazu gehört hätte, dieſer zarten Neigung zu wider⸗ ſtehen. Der Doktor, der dieß auch einſah, machte keinen frucht⸗ loſen Verſuch, ſich der Freundſchaft des Polizeicommiſſärs zu entziehen, und ſo geſchah es denn, daß er das Quartier in der Elſtergaſſe Nummer Vierundvierzig verließ, ohne eigentlich aus⸗ gezogen zu ſein, und daß er dafür ein anderes Gemach bezog, in der Nähe des eben genannten würdigen Freundes, ein kleines beſcheidenes Zimmer mit vier weißen Wänden, einem tannenen Tiſch und Stuhl, einer Bettlade und einigem Bettwerk, ver⸗ ſehen mit Waſſerkrug und ſonſtigen nothwendigen Utenſilien, und geſchmückt mit einem kunſtreichen Gitter, welches das Fen⸗ ſter in phantaſtiſchen Formen bedeckte.— Hier befand ſich der Doktor eigentlich nicht ſchlecht, abge⸗ ſehen davon, daß die Sonne nur Mittags zwiſchen zwölf und ein Uhr den ſchwachen Verſuch machte, mit dem erwähnten Gitter zu liebäugeln; und abgeſehen von der ſonderbaren Ge⸗ wohnheit, ein paar Riegel vor die Thüre zu ſchieben, welche der alte Mann, der ihm das ſpärlichen Eſſen brachte, ange⸗ nommen hatte, ſah der Doktor in dieſer Aufbewahrungsanſtalt durchaus nichts Abſchreckendes, und nachdem er berechnet, daß er wohl lebenslänglich hier ſitzen könne, bis ſich eine mitleidige 13* 82 . 196 Vierunddreißigſtes Kapitel. 4 Seele ſeiner Partei herbei ließ, ihm die Schulden zu bezahlen, und nachdem er gefunden, daß dieſe Zeit doch gar zu lang ſei, entſchloß er ſich mit allem Fleiß hinter literariſche Arbeiten zu gehen, vor Allem aber ſeine Memoiren zu ſchreiben, um darin jungen, unerfahrenen Schriftſtellern durch ſein Beiſpiel zu zeigen, wie höchſt gefährlich es ſei, auf die Theilnahme— tiven Partei bauend, ein Journal in deren Interreſſe zu unter⸗ nehmen. ejahlen, lang ſei eiten zu n darin zeigen, enſerva⸗ n unter⸗ Fünfunddreißigſtes Kapitel. Im Hoftheater. Es war ein heißer Sommernachmittag. Schattenlos lagen die Straßen der Stadt, kein kühles Lüftchen gieng, und wenn ſich hie und da einmal ein kleiner Wind erhob, ſo war das, als blieſe die Natur in übermäßiger Hitze und ſtieße einen heißen, ſchweren Seufzer aus, der aber nur einige Kehrichthaufen beun⸗ ruhigte oder eine leichte Staubwolke durch die heißen Straßen jagte. In den Zimmern des Grafen Alfons war das Mögliche gethan, um durch Zugluft, Jalouſteen, aufgeſpannte Marquiſen die Hitze zu verſcheuchen, und dies war auch ſo weit gelungen, daß, wenn man von der Straße hineintrat, man eine ange⸗ nehme Kühle fühlte und eine friſche, würzige Luft, hervorge⸗ 1 zaubert durch die Menge von Gewächſen und Blumen, welche auf der Treppe, im Gange und in den Zimmern dufteten und blühten. Der Hausherr lag in einem Fauteuil am Fenſter und rauchte eine Cigarre, wobei er fleißig einer Limonade zuſprach, 198 Fünfunddreißigſtes Kapitel. die neben ihm auf dem Marmortiſchchen ſtand. Das Zimmer war ganz verdunkelt und kein Strahl der Sonne drang durch die rothen Fenſterverhüllungen. Es herrſchte eine tiefe Dämmerung, ſämmtliche Bilder an den Wänden ſahen bräunlich aus und die breiten goldenen Rahmen glänzten wie dunkelglühendes Feuer. Am Ende des Salons vor einem großen Flügel ſaß ein junger Mann, den Arm auf das Notenpult geſtützt und den Kopf in die Hand gelegt. Er rauchte ebenfalls eine ſüß duftende Cigarre und ſchlug jetzt mit der linken Hand eine chromatiſche Tonleiter pianiſſimo an, wie um eine im Geſpräch entſtandene Pauſe auszufüllen. „Wie ſchon bemerkt, mein lieber Charles,“ lachte der Graf nach einer Weile,„iſt durchaus nichts Anderes zu machen, als Donna Eliſa, unſere ſtolze erſte Tänzerin, um Verzeihung zu bitten und ſie beinebſt feierlicher Verſprechung einer künftigen beſſeren Aufführung zu vermögen, daß ſie die Rolle in Ihrem Ballet dennoch übernimmt.“ „Nimmermehr!“ ſagte der Andere und ſchlug einen dröh⸗ nenden Accord an. „Aut aut!“ antwortete der Graf; nentweder Eliſe oder kein Ballet; was Sie nun von dieſen Sachen vorziehen, weiß ich wahrhaftig nicht; aber das wird Ihnen jeder Couliſſenkundige chriftlich geben, daß Ihr Ballet, ſo ſchön und gediegen es iſt, nimmermehr zur Aufführung kommt, wenn unſere erſte Tänzerin ſagt: ich will nicht!“ ₰. aba iſt es nicht entſetzlich,“ ſagte der Muſiker am iſt es nicht herabwürdigend für Kunſt und Künſtler, dß von dem Willen einer Tänzerin abhangen ſoll, ob ein Muſtkwerk, über welches ſich der Capellmeiſter günſtig ausge⸗ ſprochen ob ein Ballet, welches der Balletmeiſter für eines der beſſeren neueren erklärt, gegeben werden ſoll oder nicht? iſt es Zimmer durch die merung, und die 3 Feuer. junger Kopf in Cigarre Tonleiter e Pauſe achte der machen, erzeihung künftigen n Ihrem en dröl⸗ oder kein weiß ich ankundige diegen es ſere erfe iſter am k, ob ein g ausgt⸗ eines dil —t? iſt 6 1 3 Im Hoftheater. 199 nicht ganz entſetzlich, von der Laune eines Weibes abhangen zu müſſen?“ Der Graf lachte laut auf und ſagte alsdann:„mein guter Charles, man ſieht wohl, daß Sie die Welt nicht mehr beſuchen, oder vielmehr, daß Sie eigentlich nie den Verſuch ge⸗ macht haben, den inneren Mechanismus unſeres geſellſchaftlichen Verkehrs zu ergründen. Ihnen kommt es entſetzlich vor, von der Laune eines Weibes abzuhängen; aber ſagen Sie mir, Theuerſter, wer, der einigermaßen eine Stellung einnimmt, befindet ſich nicht im ſelben Falle? Glauben Sie mir, alle wir Herren der Schöpfung ſind im Grunde nichts als die Sclaven des ſogenann⸗ ten ſchwachen Geſchlechts und werden von dieſem, wenn es hoch kommt, ſanft geleitet, gewöhnlich aber derb an der Naſe herumgeführt. Ich könnte Ihnen davon merkwürdige Geſchichten erzählen.“ Abermals trat eine Pauſe ein, und wieder ſäuſelte eine chromatiſche Tonleiter aus den Taſten hervor. Dann antwor⸗ tete der Muſiker:„ich verſtehe vollkommen, was Sie eben ſagten, aber mein Fall iſt eigentlich ein ganz anderer. Sich von einem vielleicht geliebten Weibe leiten zu laſſen, oder von der tyranniſchen Laune eines unbekannten abzuhängen, iſt zweierlei.“ „Verſteht ſich, iſt zweierlei;“ entgegnete der Graf,„aber es iſt darum nichts Unerhörtes, das Sie zu einem Schrei des Entſetzens veranlaſſen könnte, und Sie ſind wahrhaftig nicht der Einzige, dem die Laune einer Frau einen Strich durcht ſchönſte Rechnung macht; das kommt uns allen täg ſtündlich vor und ich wollte vorhin nur ſagen, daß i begriffe, wie dergleichen Sie eigentlich ſo außer ſich kann; und dann haben Sie im Grunde gegen die Tänzerin ehlt." — — ———— „ Xr —— 8 4 r 200 Fünfunddreißigſtes Kapitel. „Ich hätte gegen ſie gefehlt?“ ſagte haſtig der Muſtiker, „und in wie fern, wenn ich fragen darf?“ „Das liegt auf der Hand,“ entgegnete der Graf,„und ich hätte Sie bei Gott nicht für ſo befangen, nicht für ſo blind gehalten, daß Sie die Ecken, wo Sie anſtoßen, nicht ſehen ſollten. Ich werde mir eine neue Cigarre anſtecken und Ihnen es dann auseinanderſetzen, was Sie verſchuldet. Wenn wir auf dieſe Art Anfang und Sitz der Krankheit ergründen, ſo finden wir vielleicht ein Heilmittel.— Brennt Ihre Cigarre noch? Werfen Sie ſie weg und nehmen Sie ſich eine andere.— Ich würde mir einen geiſtreichen Vergleich erlauben, indem ich Ihnen ſage, daß mir das ganze Leben wie eine Cigarre vor⸗ kommt, ſüß und berauſchend, verſteht ſich von ſelbſt, oder auch ſcharf und bitter; aber der Hauptpunkt, worin ſich Cigarre und Leben außerordentlich ähnlich ſind, iſt, daß Beide nur bis zur Hälfte ſchön ſind: dann geht's abwärts, ſie will nicht mehr recht brennen, ſte bekommt zugleich mit dem angenehmen Dampf mehr und mehr einen bitteren Nachgeſchmack, die Aſche glimmt nicht mehr rund und voll; kurz, es iſt eine ganz verdrießliche Geſchichte. Darum werfen Sie Ihren Reſt weg und nehmen eine neue.— So.— Ach! die erſten Züge haben etwas wun⸗ derbar Wohlſchmeckendes, wie die erſten vollen Züge aus dem Becher des Lebens.“ Der Muſtker hatte den Rath ſeines Freundes befolgt, und einen Augenblick darauf ſah man zwei dunkle glühende Punkte durch die Dämmerung des Zimmers leuchten. „Jetzt alſo hören Sie Ihre Geſchichte, Theuerſter! Sie haben eine vortreffliche Oper geſchrieben, die aber nicht ganz fertig iſt; der zweite Act ſoll, ich mache ihm keine Compli⸗ mente, nach dem Urtheil von Muſikkennern ein kleines Meiſter⸗ werk ſein— ſehr gut! Sie componiren in der Zwiſchenzeit ein Ballet, und da das ſchneller fertig iſt als die Oper, 1 Muſlker, af,„und ſo blind ict ſehen nd Ihnen genn wir inden, ſo e CEigarre ndere.— indem ich arre vor⸗ oder auch garte und rbis zut ht mehr Dampf glimmt diießliche nehmen das wuh⸗ aus dem algt, und e Punkte ter! Si i iht gan Compl ⸗ Meiſel⸗ ten Oper, 3 Im Hoftheater. 201 beeilen Sie ſich, es der Intendanz zur Aufführung zu über⸗ geben.“ „Um einmal ſelbſt zu hören,“ unterbrach ihn der Muſtker, „um einen vollkommen klaren Begriff von meiner eigenen Inſtru⸗ mentation zu bekommen; es war mir dies für meine Oper von großem Nutzen.“ „Ganz recht!“ fuhr der Graf fort,„die Intendanz nimmt Ihr Ballet an, man ſchickt Sie zu dem Balletmeiſter und ſo weit iſt Alles in Ordnung. Sie kommen zu Signor Benetti und hätten ihm ſagen müſſen: Hier bin ich, der Componiſt des neuen Ballets, dem ein Erfolg in Ausſicht ſteht, ſo wie Sie es in Ihre Künſtlerhand nehmen. Was die Beſetzung der Rollen anbelangt, Herr Balletmeiſter,— ſo mußten Sie näm⸗ lich ſprechen— ſo verfahren Sie darin ganz nach Ihrem Gut⸗ dünken.— Statt aber alſo zu thun, ſehen Sie bei dem Italiener zufällig unſere zweite, auch ſehr gute Tänzerin, Demoiſelle Pauline und ſagen dem Balletmeiſter, dieſer und keiner andern dürfe die erſte Rolle in Ihrem Ballet zu Theil werden.— Und weßhalb thaten Sie das, junger, leichtſinniger Künſtler?— Sie thaten es nur, wie Sie mir ſelbſt eingeſtanden, weil das Mädchen ſo ſchöne blonde Haare hat.“. „Ich gebe das zu,“ ſagte der Künſtler mit leiſer Stimme, indem er eine reizende Melodie anſchlug;„ich gebe das vollkom⸗ men zu, denn mir ſchwebte bei meiner Arbeit ein himmliſches Weſen vor, mit hellem, lichtem, goldenem Haar.“ „Das iſt alles ſchön und gut,“ antwortete der Graf,„man kann ſeine Paſſionen haben— auch ich liebe die blonden Haare leidenſchaftlich; doch hören wir weiter, wohin dieſe Liebhaberei Sie geführt! Daß Demoiſelle Pauline Ihren Ausſpruch, den Ausſpruch des Componiſten, für ein Orakel hält und ſich die Rolle zueignet, können Sie ſich denken. Sie iſt entzückt davon, ſien wird in den vier verſchiedenartigen neuen Coſtümen deliciös 202 Fünfunddreißigſtes Kapitel. ausſehen und alle Einwendungen des Signor Benetti beantwor⸗ tet ſte kurz dahin, daß die Rolle für ſie componirt ſei. Mit ähnlichen Geſchichten, mein lieber Freund, machen Dichter und Componiſten den Intendanzen viel böſe Händel, und wenn der Verfaſſer irgend eines neuen Trauerſpiels an einen beliebigen Schauſpieler, um ihm zu ſchmeicheln, ſchreibt: dieſe oder jene Rolle(die eigentlich gar nicht für ihn paßt) wird in Ihren Hän⸗ den gut aufgehoben ſein, ſo klammert ſich der Mime daran, und gute Nacht Rollenaustheilung von Seiten der Intendanz oder der Regiſſeure! Dieſe Rolle iſt ſpeziell für mich geſchrieben, ſagt der Künſtler, der Dichter hat meine Perſönlichkeit dabei bis in die kleinſten Einzelnheiten berückſichtigt, er hat mir die Rolle ſelbſt zugetheilt, und ich werde ſte ſpielen, werde groß darin ſein, jeder Zoll ein Künſtler!“ „Nun ich ſollte meinen,“ antwortete der Muſiker,„daß im Grunde genommen Dichter und Componiſt auch wohl das Recht haben, eine Rolle in irgend einem Stück, einer Oper für dieſe oder jene Perſönlichkeit zu ſchreiben.“ „Verzeihen Sie, theuerſter Freund,“ antwortete der Graf, „dieſes Recht gebe ich Ihnen für die Pariſer große Oper zu, auch vielleicht für ein paar unſerer erſten Bühnen in Deutſch⸗ land, wo die Künſtler und ihre Fähigkeiten ſo genau bekannt ſind; aber für kleinere Theater kann man Dichtern und Compo⸗ niſten dieſes Recht durchaus nicht einräumen, wenigſtens ihre Anſicht nicht zum Geſetz erheben. Was nun überhaupt das Ballet anbelaugt, ſo iſt dieſes in der Theatergrammatik ein höchſt unregelmäßiges Zeitwort, und die Eigenheiten und Launen der Tänzerinnen ſind nach keiner feſtſtehenden Regel zu con⸗ jugiren.“ „Das iſt ihre eigene Schuld und ſchlimm für ſte,“ ſagte der Muſiker. li » eantwor⸗ ei. Mit chter und wenn der beliebigen oder jene ren Häͤn⸗ nran, und danz oder eſchrieben, keit dabei t mir die erde groß ker,„daß wohl das Oper füt der Graf⸗ Oper zu, n Deutſch⸗ au bekannt 1b Compo⸗ gſtens ihre haupt d umatk ein und Launen dl zu con⸗ Im Hoftheater. 203 „Nein, mein Freund!“ lachte der Graf,„im Gegentheil, das iſt ſchlimm für den Componiſten, wir werden das erfahren. — Alſo Demoiſelle Pauline hat kaum ihre Rolle erhalten und Demoiſelle Eliſe, dem Rang und Titel nach die erſte Tänzerin, hat dieß kaum erfahren, ſo reklamirt ſie die Rolle als ihr Eigen⸗ thum, die Andere, von Signor Benetti unterſtützt, gibt nicht nach. Eliſe fährt zum Intendanten, der Intendant zuckt die Achſel, ſagt, ſie habe ein Recht auf die Rolle und weist ſie an den Balletmeiſter. Signor Benetti ſucht ſte zu beſänftigen, verſichert ſte, es ſei für Demoiſelle Pauline die größte Demüthi⸗ gung, wenn ſtie eine einmal empfangene Rolle abgeben müſſe. Umſonſt! Die Andere beſteht auf ihrem Recht; jetzt werden Sie, edler Muſikmeiſter, nochmals gefragt und...“ „Bleibe bei meinem erſten Ausſpruch,“ ſagte der Muſiker. „Richtig!“ fuhr der Graf lachend fort,„Demoiſelle Pau⸗ line ſoll die Rolle erhalten,„weil ſie blonde Haare hat.“ „Ja, weil ſte blonde Haare hat,“ ſagte ebenfalls lachend der Muſiker.. „Der Intendant,“ fuhr der Graf fort,„nachdem er ſich natürlicher Weiſe lange geſträubt, gibt endlich Ihren Bitten, meinen Bitten, denen des Balletmeiſters und der ſchönen blonden Tänzerin nach und Sie triumphirten für einen Augenblick; ich aber, der die Verhältniſſe beſſer kenne, triumphirte nicht und fand es vollkommen begreiflich, als am ſelben Tage, wo die Proben Ihres Ballets beginnen ſollen, unſer erſter Tänzer ſich unwohl erklärt, indem er verſichert, Alles, was er für die In⸗ tendanz thun könne, ſei, das morgen ſtattfindende ſchon längſt einſtudirte Ballet ein paar Mal zu tanzen, dann müßte er aber wegen ſeiner geſchwächten Geſundheit ein paar Monate Ruhe haben. Nun ſieht der Tänzer allerdings erbarmungswürdig mager und elend aus, aber ſo war er ſchon, ſo lange ich ihn kenne, und wenn morgen Demoiſelle Eliſe die bewußte Rolle 204 Fünfunddreißigſtes Kapitel. erhielte, ſo tanzte er Ihr Ballet ſechsunddreißig Abende nach ein⸗ ander, ohne dadurch kränker zu werden.“ „Gleichviel!“ ſagte heftig der junge Muſiker,„ich habe das Meinige gethan und bin nicht im Stande, dieſe Intriguen zu contracaviren.“ „Alſo iſt das Ende vom Lied,“ verſetzte der Graf,„daß der Tänzer nicht tanzt, und daß, da wir keinen andern haben, Ihr Ballet nicht gegeben wird.“ „Immerhin!“ entgegnete der Muſtker,„ich habe der Demoi⸗ ſelle Pauline einmal die Rolle übertragen und kann ſie ihr nicht wieder abnehmen, und wenn ich es könnte, thäte ich es doch nicht. Ich habe mir einmal vorgenommen, dieß Mädchen in meinem Ballete zu ſehen und dabei bleibe ich!“ „Wegen der blonden Haare,“ lachte abermals der Graf. „Sie ſind ein Trotzkopf, aber da mir dieſe Caprice gefällt— man hat ſogar in der Geſellſchaft ſich über dieſe Ihre Grille ſchon beifällig geäußert und die Damen behaupten, wenn Sie nicht gar ein ſtiller Anbeter unſerer blonden Tänzerin ſeien, ſo müßte Ihre Geliebte nothwendiger Weiſe ein ähnliches Haar haben— ſo will ich alles Mögliche verſuchen, allen meinen Einfluß aufbieten, ob etwas für Sie oder Ihr Ballet zu thun iſt; meine einzige Hoffnung beruht auf Signor Benetti, der Alles daran ſetzen wird, Ihr Werk durchzubringen.— Jetzt wollen wir aber gleich einen Schritt hiezu thun und Sie können mich begleiten.“ Mit dieſen Worten zog der Graf an einer Klingelſchnur, die in der Nähe hieng, worauf der Kammerdiener leiſe eintrat und auf die Frage ſeines Herrn: wann heute die Balletprobe an⸗ fienge, zur Antwort gab, es ſei ihm angezeigt worden, dieſelbe beginne um fünf Uhr. Ein Blick auf die Pendul belehrte den Grafen, daß bis dahin eine Viertelſtunde Zeit ſei, er erhob ſich langſam und ſchwerfällig aus ſeinem Fauteuil, ließ die Gardinen zu einer Glasthüre, die in den Garten führte, aufziehen, die nach ein⸗ habe das riguen zu gf, ndaß —m haben, er Demoi⸗ ihr nicht doch nicht. n meinem der Graf⸗ gefäll B rille ſchon nicht gar üßte Ihre een— ſo aufbieten, ne einzigt ran ſetzen aber glich , gelſchnun ſje tintrat robe an⸗ nas ehre 19 abob ſi Gardinen jehen, n — Im Hoftheater. 205 Thüre ſelbſt öffnen, und da die Sonne von dieſer Seite des Hauſes verſchwunden war, ſo zog eine kühle mit Blumenduft geſchwängerte Luft in den Salon. In wenigen Minuten war die Toilette beendigt, der Phaeton des Grafen fuhr vor, Beide ſtiegen ein und die munteren Pferde, ſich der kühleren Luft freuend, tanzten luſtig und heiter dem Theatergebäude zu.— Wenn die Treppen und Gänge im königlichen Hoftheater, welche auf die Bühne führen, ſchon am Abend bei ſpärlicher Lampenbeleuchtung ziemlich finſter waren, ſo gehörte heute am Tage, wo die einzige Beleuchtung in einem Sonnenſtrahl be⸗ ſtand, der ſich am Ende eines ungeheuer langen Corridors durch ein kleines, vergittertes Fenſter ſtahl, keine geringe Ortskenntniß dazu, um nicht, ſtatt auf die Bühne, unter ein Portium oder auf den Schnürboden zu gerathen. Graf Alfons aber, der dieſe Ortskenntniß hier in hohem Grade beſaß, behielt die richtige Mitte, und ſo gelangten die Beiden durch eine kleine, von ſelbſt zufallende Thüre hinter die Couliſſen, wo ein lebendiges, aber nebelhaftes Getreibe ſtattfand. Es wurde hier, wie ſchon bemerkt, eine Balletprobe ge⸗ halten, mit ſehr vielen Maſchinerien, Verſenkungen, Statiſten und ſehr wenig Licht. Nur vornen brannten einige Proſceniums⸗ lampen und aus dem Orcheſter glänzte hie und da ein Lichtſtrahl gedämpft unter einem Schirm hervor und beleuchtete das Noten⸗ blatt, die Violine des Muſikanten und deſſen Naſe, die eifrig dem abgeſpielten Tact auf dem Papier folgte. Der Anzug der Tänzerinnen war ganz in derſelben Art, wie wir ihn auf dem Balletſaale kennen gelernt haben, ebenſo der des Balletmeiſters. Der erſte Tänzer mit dem ſeidenen Faden um den Kopf ſtand in der erſten Couliſſe und verſuchte mit eini⸗ gen kühnen Verdrehungen ſeines Körpers, ob kein Gelenk an demſelben eingeroſtet ſei. In der zweiten Couliſſe ſtand unſer 206 Fünfunddreißigſtes Kapitel. Freund, der Herr Dubel, in gelben Nanking gekleidet und ſein langes blondes Haar wurde ebenfalls durch den unentbehrlichen ſeidenen Faden feſtgehalten. Herr Dubel wurde gerade von einigen ältern Ratten haranguirt, indem es denſelben zu Ohren gekommen war, der College wohne in dem allerliebſten Hauſe vor dem Thore ganz allein, was die Tänzerinnen im höchſten Grade unpaſſend, ja menſchenfeindlich und durchaus nicht gentil fanden. Eine volle kleine Perſon aber mit einem der eleganteſten, ſehr langen Oberkörper, wie man ihn nur ſehen konnte, und den ſie ſo leicht in den Hüften wiegte, daß man glauben mußte, ſie müſſe nothwendiger Weiſe einmal mitten von einander brechen, meinte: wenn der Baron Karl noch immer ein Beſchützer der Kunſt iſt, ſo ſoll er es beweiſen und einigen von uns in ſeinem hübſchen Hauſe ebenfalls Wohnung einräumen.„Seien Sie ganz unbeſorgt, Dubelli,“ ſagte die kleine Kokette und machte ein immenſes Battement,„ſeien Sie ganz unbeſorgt, Ihr Ruf ſollte nicht darunter leiden, denn Sie wiſſen, ich wohne mit meiner Mutter zuſammen.“ „Ja,“ lachte eine Andere mit einem außerordentlich kurzen Tanzrock und ſehr ſtarken Waden,„und die ganze Welt weiß ja auch, daß du einen feurigen Anbeter haſt. Eure treue Liebe iſt bekannt.“ „Das iſt ſie auch, Jungfer Naſeweis,“ entgegnete die Erſte gereizt und warf ſich mit einer halben Pirouette dem Tänzer für einen Augenblick in die Arme;„und ich hoffe nicht, daß es dich etwas angeht; du ſollteſt dich überhaupt in deinem Alter beſin⸗ nen und nicht von Courmachen und dergleichen ſprechen. Pfui! du junges, unreifes Ding!“— Nach dieſer Strafpredigt ſchritt ſie ſtolz auf die Bühne hin⸗ aus, mit den Händen feſt ihre Hüften umſpannend und hin und her wedelnd wie ein junger Wachtelhund. Die Anderen lachten ihr unbändig nach, namentlich die Ausgeſcholtene, eine ſchlanke t und ſein ntbehrlichen gerade von zu Ohren ſten Hauſe m höchſten nicht gentil leganteſten, te, und den mußte, ſi det brechen, ſchützer der z in ſeinem Seien Sit und machte „Ihr Ruf wohne mi tüch kurzen Welt weiß neue Libe n di Siſt für Im Hoftheater. 207 Blondine mit einem reizenden Geſichtchen. Sie mochte ſtebenzehn Jahre alt ſein und die erzürnte Tugend, die eben von dannen ſchritt, vielleicht neunzehn.“ „Es iſt recht, daß ſte geht, das hochmüthige Ding,“ ſagte eine Dritte, während ſie einen Entrechat um die Andern machte, „ihre Courmacher hat ſie nicht durch gutes Tanzen erworben und wenn ſte hie und da einmal applaudirt wird, ſo weiß man ſchon, aus welcher Loge das Zeichen gegeben wird und wo im Parterre die bezahlten Claquers ſitzen. Das braucht unſereins nicht.“ Die alſo ſprach, war von der Natur mit minderer Körper⸗ ſchönheit begabt, aber die erſte Chortänzerin, die auch zuweilen zu kleinen Partien benützt wurde.„Wohnen Sie denn wirklich in dem Hauſe allein, Dubelli?“ fragte ſte, während ſte ihren Fuß auf eine der Couliſſenlatten ſetzte und an dem Sitz ihrer Trikots etwas korrigirte.„Wohnen Sie denn wirklich in dem ganzen Hauſe allein? na, da könnten Sie wirklich unſer einem ein Stübchen abtreten; der Baron, ſo heißt es, kommt ja doch nicht wieder, er ſoll anſtändig ſein und ſein Haus jungen tugend⸗ haften Tänzerinnen vermachen, die natürlicher Weiſe keine Lieb⸗ haber haben dürfen und ſich ſolid und anſtändig aufführen.“ Alle lachten abermals laut auf, als nun der Tänzer ant⸗ wortete:„auf ſolche Art, unter ſolchen Bedingungen glaube ich, kann'’s der Baron ſchon verſprechen, da wird's ziemlich leer blei⸗ ben,“ worauf die ſchlanke Blondine erwiderte: „Pfui, Dubelli! meinen Sie das wegen dem ſolid und anſtändig ſein?“ Doch küßte ihr der Tänzer galant die Hand und ſagte: „Nein, theuerſſſſ⸗te Bertha, ich meine es nur von wegen der Liebhaber.“ Er wollte noch einige paſſende Worte hinzu⸗ fügen, doch machte in dieſem Augenblick auf der Bühne die dritte Solotänzerin, Mademoiſelle Thereſe, ein ſo gewaltiges Pirouette, daß ſie darüber das Gleichgewicht verlor und ſich nur vor dem 208 Fünfunddreißigſtes Kapitel. Fallen retten konnte, indem ſie dem Tänzer an die Bruſt ſtürzte, der ſie auch als guter College feſthielt und von dem Fall rettete. „Du wirſt dich auch mit deinen wilden Pirouettes einmal blamiren!“ ſagte die erſte Chortänzerin,„dein Oberkörper iſt viel zu ſchwer zu dergleichen und dann trittſt du mit dem Fuße viel zu heftig ab. Ihr meint aber immer, ein Pirouette ſei nur ſchön, wenn man vierundzwanzig Mal herumfliegt wie ein Kreiſel. Das iſt aber eine ganz falſche Vorausſetzung, dreht Euch drei— vier Mal ſicher, und ſteht dann mit einem Applomb und einer graziöſen Attitude vor dem Publikum feſt, ſo iſt's viel ſchoͤner. Da 1 der Dubelli, der macht ein Pirouette, wie es vielleicht Benetti in ſeiner guten Zeit nicht beſſer ausgeführt.“ „Oh ho!“ ſagte der geſchmeichelte Tänzer,„Sie ſind viel zu gütig, ich?— ein Anfänger? ein Pirouette iſt eine ſehr ſchwere Sache.“ „Ja, das iſt's!“ ſagte Demoiſelle Thereſe,„und ich weiß, das meine iſt mangelhaft.“ „Du haſt recht, mein Schatz,“ lachte die Chortänzerin, „Takt und Applomb muß einem angeboren ſein. Allons, Dubelli! machen Sie uns einmal ein Pirouette in vier ſchnellen Touren und dann ſtehen Sie wie eine Mauer,— kommt hinaus auf die Buͤhne!“ „Ja, ja,“ ſagte Demoiſelle Thereſe, ner ſoll eins machen, hat ja heut' doch nichts zu thun,“ und das Corps der Ratten drängte ihn auf die Bühne und wiederholte unter lautem Ge⸗ lächter:„ja, ja, er muß ein Pirouette machen!“ Nun hatte ſich mit dieſer Art von Erxercice der ehemalige Schneider ſchon früher eifrigſt beſchäftigt. Denken wir nur an jenen unvergeßlichen Bürgerball, wo er dadurch den jungen Eduard und die Putzmacherin ſo ſehr entzückte! und er war wirklich im Stande, ein Pirouette zur vollkommenſten Zufrie⸗ denheit des Signor Benetti und zum vollkommenſten Aerger des * * uſt ſtüͤrzie, all rettete. es einmal rkörper iſt dem Fuße te ſei nur ein Kreiſel. uch drei— und einer il ſchöne. z vielleicht ie ſind viel ine ſeht dich weiß, ortänzerin, z, Dobelll Im Hoftheater. 209 erſten Tänzers auszuführen. Doch war er durchaus nicht geneigt, dem Drängen, ja Befehlen dieſes jungen unverſchämten Volkes nachzugeben. Er ſträubte ſich mit Händen und Füßen gegen den Vorſchlag, dieſe Tanzübung anzuſtellen; aber umſonſt! je mehr er ſich weigerte, um ſo ſtärker lärmten die Ratten, und von dem Spektakel angelockt, eilten alle Chortänzerinnen aus ihren Schlupf⸗ winkeln hervor auf die Bühne, hinter Felſen und Büſchen, aus Palläſten und Grotten kamen ſie hervor und der einſtimmige Ruf erſcholl:„Dubelli muß ein Pirouette machen!“ Umſonſt klopfte der Balletmeiſter, der mit einigen Kunſtfreunden im Hintergrund ſtand, mit ſeinem Stock auf die Bühne, es half Alles nichts, die Tänzerinnen bildeten einen großen Kreis und ſogar Signor Benetti ſah ſich endlich veranlaßt, lächelnd näher zu treten und ſeinen Schüler zu erſuchen, dem wilden Volke dieſen Gefallen zu thun. Endlich gab er nach, ſtrich das Haar zurecht, wiegte den Oberkörper aus den Hüften heraus, nahm ſeine Stellung, ſtieß ſich kunſtgerecht mit dem Fuße ab, fuhr ſechs Mal herum und ſtand danach wie eine Mauer.— Allgemeines Bravo!— Hie⸗ durch ermuntert und geſchmeichelt, machte der Tänzer ein zweites und drittes Pirouette, eins beſſer als das andere. Sogar der Balletmeiſter klatſchte ihm Beifall zu. Jetzt ſpähte Dubelli neben ſich auf den Boden, wo eine Verſenkung mit einem weißen Kreide⸗ ſtrich bezeichnet bereit war, um einen böſen Geiſt zu Anfang des Ballets in die Hölle hinabzuführen, er wußte, ein leichter Stoß mit dem Fuß war das Zeichen für die Zimmerleute drunten, die Fallthüre herabzulaſſen. Dieß überlegend und angeſpornt durch die Blicke des ganzen Perſonals, die auf ihm ruhten, machte er ein neues wunderſchönes Pirouette, ſtand darauf, ſich zierlich verneigend, einen Augenblick ſtill, ſprang aber mit einem gewal⸗ tigen Satz auf die Verſenkung, gab das Zeichen und verſchwand unter eiſem nimmer enden wollenden Beifallsgeſchrei. Sacklabber, Namenl. Geſchichten. II. 4 14 Fünfunddreißigſtes Kapitel. Der Graf, der mit dem Muſtker bei Signor Benetti ſtand, ch alsdann zum jungen ler, indem er ihm leiſe in's Ohr flüſterte: hunbeſorgt, ß die erſte Partie Ballet übernehmen und wird ſte glanzvoll ausführen.“ Portium herauf wleder an das Tageslicht hervortrat, wurde er mit einer Fluth von Compli⸗ menten überſchüttet. Der Balletmeiſter ſchüttelte ihm die Hand, aber von außerordentlichem Die erſte Chortänzerin hob ſtolz den Kopf, als wollte f die in ihm wohnende Kraft aufmerkſam gemacht, und Demoiſelle Pauline, die eben⸗ falls herbeigeeilt war, verſicherte ihn, ſie ſei bereit, morgen, wenn es ſein müßte, ein Pas de deux mit ihm zu tanzen. hatte eifrigſt applaudirt und wandte ſi lieber Freund, wir ſind gerettet! Dubelli mu Als nun der Tänzer unter dem nannte den Sprung etwas gewagt, ſte ſagen: ſie ſei es, die den Collegen au Nur zwei Perſonen ſchienen von dem Talent des Herrn das war der magere erſte Tänzer und Dubelli nicht erbaut, Mademoiſelle Eliſe, La Prima Ballerina Aſoluta. Fie ſaß in einem kleinen Fauteuil vorn bei den Proſceniumslampen und that, als ob ſte den Spektakel gar nicht geſehen. Er drehte der Bühne den Rücken zu und ſagte etwas von Seiltänzerei, von Mangel und dann warf die Tänzerin trotzig den an jedem Kunſtgefühl, Kopf in die Höhe und verſicherte, es ſei bald au gar nicht mehr auszuhalten. f dieſer Bühne Es waren noch einige Vorbereitungen an Maſchinerien und Zaubereien aller Art zu machen, ehe die Probe beginnen konnte, und während dieſer Zeit näherte ſich Graf Alfons der erſten Tänzerin, die er ſehr genau gekannt, um ein Geſpräch mit ihr anzuknüpfen. Doch drehte ihm die ſchöne ſtolze Dame, als er nun neben ihrem Fauteuil ſtand, entſchieden den Rücken, ant⸗ wortete auf ſeine verbindlichen Redensarten lange nicht und als er nicht nachließ, ihr ein freundliches Wort abzugewinnen, wandte 6 * — tti ſtand, r jungen nbeſorgt, te Partie führen.“ wieder an Comyli⸗ die Hand, dentlichem als wollte wohnende die eben⸗ . morgen, en. des Herrn Pnzet und ii ſaß in n und that, der Bühne on Mangel nrobig den eſer Bühne Im Hoftheater. 211 ſie ihm das reizende, erzürnte Geſicht zu und ſagte kurz und heftig:„Graf, ich haſſe Sie!“ „Das iſt ja entſetzlich, ſchöne Eliſe!“ entgegnete der alſo Empfangene,„und doch iſt mir ſelbſt Ihr Haß ſchmeichelhaft, man kann nur etwas haſſen, dem man einſtens Werth beigelegt hat; aber Scherz bei Seite,“ fuhr er ſchmeichelnd fort,„ich glaube in der That nicht, daß ich Ihren Haß verdiene.“ „In der That, Sie glauben das nicht?“ „Wahrhaftig nicht, ſchöne Eliſe!“ „Das iſt in der That komiſch.“ „Es iſt gar nicht komiſch, Ihr Haß iſt mir ſchrecklich, um ſo mehr, da ich mir nicht bewußt bin, ihn verdient zu haben.“ „Sie protegiren meine Feinde!“ fuhr die Tänzerin heftig auf, und der Graf entgegnete: „Ich Ihre Feinde protegiren? haben Sie überhaupt Feinde, reizende Künſtlerin?“ „Sie protegiren jenen jungen Muſtker,“ ſagte ſte entrüſtet, „Sie protegiren ſein abgeſchmacktes Ballet, ein Ballet ohne Sinn und Geſchmack, wie der Maeſtro ſelbſt, der es gemacht!“ „O, Sie urtheilen in doppelter Hinſicht ungerecht; erſtens, indem Sie vorausſetzen, daß ich durch meine Protektion jenes jungen Künſtlers Ihnen zu ſchaden beabſichtigte, und dann, daß Sie einen jungen Menſchen unſinnig und geſchmacklos nennen, der noch nicht das Glück hat, von Ihnen gekannt zu ſein.“ „Wahrhaftig, Graf,“ ſagte die Tänzerin bitter lachend, „ich bin nach der Bekanntſchaft nicht lüſtern. Haben Sie je etwas Lächerlicheres gehört, als das, eine zweite Künſtlerin für eine Rolle befähigter zu halten, wie die erſte, weil die zweite blondes Haar hat, o es iſt ganz abſurd!“ „Nennen Sie es eine Grille,“ antwortete begütigend der Graf. 14* A 212 Fünfunddreißigſtes Aapitel. „Eine Grille?“ rief entrüſtet die Tänzerin und fuhr in die Höhe, veine Laune alſo? ein junger, unbekannter Menſch wagt es, gegen eine erſte Tänzerin grillenhaft, launenhaft zu ſein— doch was ereifere ich mich? mich geht die Geſchichte weiter nichts an, und vielleicht iſt es auch Beſcheidenheit von Ihrem jungen Menſchen,“ ſetzte ſie höhniſch lachend hinzu, ner zieht es wahr⸗ ſcheinlich vor, ſein Ballet zweiten Ranges mit Künſtlern zweiten Ranges zu beſetzen. Aber Ihnen, Graf, werde ich dieſe Perfidie niemals vergeſſen, wie geſagt, ich haſſe Sie!“ Damit ſprang die Dame ſo haſtig auf, daß ihr atlasnes Mieder krachte und rauſchte, und gieng in die Couliſſen. Der Graf ſah ihr achſelzuckend und lächelnd nach und ſagte zu ſich ſelber:„wenn ich nur einmal das Protegiren laſſen könnte! da ſteh' ich nun, wie Herkules am Scheidewege. Es iſt mir zum Bedürfniß geworden, mit den Tänzerinnen auf einem guten Fuß zu leben, ich kann nicht leiden, wenn mir eine auf der Bühne ein böſes Geſicht macht. Was thun? Sie wieder ärgern und der tugendhaften Pauline nun zuletzt die Cour machen oder der da morgen das kleine Pferd ſchicken, das ſie neulich ſo auffallend gelobt? mich dauert nur der arme Charles!———— Nun, wenn ſte ferner keine Geſchichten machen will, ſo will ich das Pferd ſchon opfern, ſchreib's zu dem Uebrigen.“———= In dieſem Augenblicke begaben ſich die Muſikanten an ihren Pult, der Kapellmeiſter ſchraubte ſeinen Stuhl in die Höhe, ſetzte ſich hinauf, grüßte auf die Bühne und ſchlug die Partitur auf, nachdem er eine Priſe genommen. Signor Benetti trat vor, an der Hand führte er die kleine Marie, ſeinen Liebling, und ſetzte ſte ſorgfältig auf den Fauteuil nieder, den die erſte Tänzerin eben verlaſſen. Hier mußte das liebliche Kind die Probe mit anſehen und der alte Italiener trat öfter neben ihren Stuhl und erklärte ihr dieß und das. Die Kleine wurde aber auch von dem ganzen Perſonal auf den Händen getragen, und als nun die uhr in die nſch wagt u ſein— iter nichts m jungen es wahr⸗ rn zweiten ſe Perfidie — atlasnes ſſen. Der ge zu ſch könnte! da mir zum guten Fuß er Bühne rgern und oder der aufallend Nun, ſill ich das en an ihren böle, ſebi artitur auſ 4 8 Im Hoftheater. 213 Probe begann und der Chor mit Blumenkörben auf die Bühne tanzte, neigten ſich Alle freundlich vor dem Kinde und grüßten ſte mit Hand und Mund, und die, welche gerade in ihre Nähe kamen, drückten ihr die kleinen Händchen. Nach dem erſten Akte verſuchte es der Balletmeiſter unter Beihülfe des Grafen, nachdem ſtie vorher den jungen Charles bearbeitet, Demoiſelle Eliſe zu bereden, ſte möge die Rolle in dem Ballet übernehmen. Aber umſonſt! Sie erklärte feſt und beſtimmt, eine Partie, die ihr einmal entzogen, nicht anzuneh⸗ men. Dann begann der zweite Akt, und da die erſte Tänzerin in demſelben faſt nichts zu thun hatte, ſo gieng ſte zu ihrem Fauteuil, auf welchem die kleine Marie ſaß. Sorgfältig hob ſie das Kind empor, nahm es auf thren Schoos und drückte ſein Köpfchen an ihre Bruſt. Da ſaß ſie nun auf der halbdunklen Bühne, die gefeierte Tänzerin, reich, jung und ſchön, ein mun⸗ teres, lebensluſtiges Mädchen, und vor ihren Augen entwirrten ſich die Touren, in welchen auch ſie morgen erſcheinen würde, mit ungeheurem Beifall überſchüttet; und während ſie das dachte Jund das Kind, das die Tänzerin gern hatte, ſich feſt an ſte ſchmiegte, wurde ihr Auge feucht und ſchwere Thränen tropften dann unter den langen, ſchwarzen Wimpern hervor. Sie um⸗ ſchlang das kleine Geſchöpf mit ihren Armen, und der Schmerz, der in ihrem Herzen zuckte, war keine Folge der ihr entriſſenen Partie, auch haßte ſte in dieſem Augenblicke diejenigen nicht, welche ihr die Rolle genommen, weil ſie ſte genommen, ſondern ſie haßte ſte, weil Beide im öffentlichen Leben einen ſo verſchie⸗ denen Standpunkt einnahmen. Pauline war arm, das heißt, ſie hatte nur ihre Gage, und die junge Männerwelt ſagte: ſte iſt ein kaltes Geſchöpf. Sie, die erſte Tänzerin, dagegen war ſehr reich, und die eleganteſten jungen Männer geizten darnach, ihr die Hand küſſen zu dürfen. An Alles das dachte ſie und drückte das unſchuldige Mädchen auf ihrem Schooße feſter in die Arme. Fünfunddreißigſtes Kapitel.. 214 Sie neigte ihr Geſicht auf das ſchwarze Haar des Kindes und flüſterte unhörbar:„warum mußt du eine Tänzerin werden, mein Kind? thu' es nicht! flieh' unſer glänzendes Elend! ſo gut, ſo lieb, ſo unſchuldig! O, wenn ich denken muß, welcher Schmerz nach zehn Jahren in dieſer kleinen Bruſt wohnen wird, wie viel getäuſchte Hoffnungen, wie viel Kummer und Leid! O Kind, dir wäre beſſer, du hätteſt kein Talent, und Gott möge es denen vergelten, die dich hieher brachten!“ Sie drückte ihre heißen Lippen auf die Stirn des Mädchens und ſagte unter reichlichen Thränen:„armes Kind, warum willſt du eine Tänzerin werden?“ Die Probe gieng unterdeſſen ihren Gang fort, es kam die Scene, deren ſich der Leſer vom Balletſaal her erinnern wird, das Pas de deux des Ritters Aſtolfo mit Demoiſelle Pauline. „Was ſind die Reize meiner Braut, die mir vom Schickſal be⸗ ſtimmt iſt, gegen die deinigen, o Holde?“ und dann antwor⸗ tete ſie: ſie könne ihn nicht lieben, er habe ja eine Braut und doch liebt ſte ihn, aber das Schickſal trennt ſie unerbittlich. Auch das gieng vorüber und das ganze Ballet zur vollkommenſten Züͤ⸗ friedenheit des Signor Benetti. Als Alles beendigt war, ver⸗ ließen die Muſiker ihre Plätze, der Kapellmeiſter wechſelte noch ein paar Worte mit dem Inſpicienten, dann wurden die Lichter an den Muſikſtändern ausgelöſcht, die Proſceniumslampen ver⸗ ſchwanden, die Theaterwagen mit den erſten Tänzerinnen rollten nach Hauſe, die Ratten giengen zu Fuß hinweg, unter dem Arm ein kleines Bündel oder ein paar Schuhe tragend, die nothwen⸗ diger Reparaturen bedurften, und die Letzten, die das Opern⸗ haus verließen, war der Balletmeiſter, Graf Alfons, Charles der Muſtker und der Herr Dubelli. Auf dem Geſicht des Letzteren ſtrahlte ein außerordentliches Glück, und wir finden das begreiflich, nachdem wir die letzten Worte des Signor Benetti vernommen.„Es bleibt alſo dabei,“ ndes und werden, gllend! ſo , welcher ten wird, und Leid! Hott möge Mädchens , warum 5 kam die nern witd ePauline. hickſal be⸗ mantwor⸗ öraut und ich. Auc * 8 Im Hoftheater. 215 ſagte dieſer würdige Mann,„Demoiſelle Pauline behält ihre Partie und Sie, Dubelli, tanzen die andere. Ich will doch ſehen, ob ich noch Herr und Meiſter im Balletſaal bin. Aber, junger Mann, es gilt ein ernſthaftes Studium, Tag und Nacht bis zu der Aufführung, Tag und Nacht unausgeſetzt fort, da Sie das ungeheure Glück haben, nach kaum zweimonatlichen Studien eine ſchöne glänzende Rolle vor dem Publikum tanzen zu dürfen. — Guten Abend, meine Herrn!“ Die Pferde des Grafen, die lange gewartet— es war bei⸗ nahe halb Neun geworden und die Sonne am Untergehen— knirſchten ungeduldig in die Zügel und fuhren nun wie der Blitz mit dem leichten Phaeton davon. Der Graf brachte den Muſiker nach deſſen kleinem beſcheidenem Gartenhauſe vor der Stadt, und als nun der Künſtler allein in ſeinem Zimmer war, ſetzte er ſich an ſein Inſtrument, rief wilde ſchmerzliche Melodien aus den Saiten und ſeufzte, indem er das Licht der untergehenden Sonne ſah:„o Anna, mein verſchwundener Schutzgeiſt, wenn auch du mein erſtes Werk hören könnteſt!“ b* Sechsunddreißigſtes Kapitel. Ein Bürgerball und ſeine Folgen. Es gibt unter dem, was man geſelſſchaftliche Formen, oder noch beſſer geſaßr, herkömmliche Anſtandsregeln nennt, ge⸗ wiſſe Dinge, denen ſich die meiſten Menſchen nur mit Wider⸗ willen unterwerfen, deren Feſſeln ſich aber der Ungebundenſte nicht entziehen kann, wenn ihm ferner daran gelegen iſt, unter ſeinen Mitbürgern zu leben. Wir rechnen hiezu das Hutabneh⸗ men im Allgemeinen, namentlich aber Viſtten aller Art; mögen es nun Antrittsviſtten ſein, mögen ſte nothwendig ſein, als von einer Reiſe zurückgekommen, oder nach einem Diner, einer Abend⸗ geſellſchaft, alle ſind gleich haſſenswerth, und das Menſchenge⸗ ſchlecht von dieſem Zwange zu erlöſen, ſollten ſich einige muth⸗ volle liberale Männer zuſammenthun und man ſollte geſellſchaft⸗ liche Grundrechte erfinden und§. 7 müßte heißen: Alle zweckloſen Viſtten, ſte mögen Namen haben, welche ſie wollen, ſind aufgehoben. 1. Formen, unt, ge⸗ Wider⸗ zundenfte ſt, unter utabneh⸗ . mögen a ven Abend⸗ nſchenge⸗ muth⸗ flſchaft n n haben, Ein Bürgerball und ſeine Folgen. 217 Und wenn man auch drei Tage nach einem Diner nicht vor der betreffenden Thüre kratzfußt, kann man doch ein gebildeter Menſch ſein. Die ſchrecklichſte dieſer ſchrecklichen Viſtten aber iſt eine Species, welche ich dir, geliebte Leſerin, ſchüchtern nenne und welche du ſanft erröthend vernimmſt: ſo reizend, hold und an⸗ muthig auch die Quelle iſt, aus welcher dieſe Art Viſtten ent⸗ ſpringen, ſo ſind ſte um ſo ſchrecklicher, da ſte die Betreffenden veranlaſſen, eine koſtbare unerſetzliche Zeit nutzlos zu vergeuden. Wir meinen nämlich Braut⸗Viſiten. Obgleich wir ſelber nicht in dem Fall waren, dergleichen zu machen, denn wir glaubten nie, dieſe Zeitverſchwendung ent⸗ ſchuldigen zu können, ſo ſehen wir doch täglich dergleichen arme Schlachtopfer geſellſchaftlicher Grauſamkeit durch die Straßen rollen, mit langweiligen, ermüdeten Geſtchtern, mit einer Leere im Herzen, die ſelbſt für dieſen Tag das gegenſeitige zärtlichſte Händedrücken nicht auszufüllen vermag. Er hat eine lange Liſte in der Hand mit circa achthundertvierundachtzig Namen, welche man alle brautviſtten muß. Einige ſind freilich ſo an⸗ 1 ſtändig und laſſen ſich nicht zu Hauſe finden, und das Braut⸗ paar, über dieſe feine Aufmerkſamkeit entzückt, gibt ſchnell ein paar Karten ab und der Wagen rollt weiter. Aber die wenig⸗ ſten von denen, welche auf der Liſte ſtehen, ſind ſo, die aller⸗ wenigſten. Gewöhnlich rapportirt der Bediente das Donnerwort: mes wird Herrn und Madame N. N. eine große Ehre ſein, und der alten Fräulein M. ebenfalls“; und Herr und Madame N. N. und die alte Fräulein Y. bilden ſich zuweilen noch obendrein ein, ſte ſeien in dieſſem Moment ungeheuer höflich gegen das Braut⸗ paar, und ſie fühlen nicht, daß ſte zwei ihrer Nebenmenſchen um die koſtbarſten Minuten beſtehlen. Sie haben das Brautpaar noch geſtern Abend in der Geſellſchaft geſehen. Thut nichts, ſie 218 Sechsunddreißigſtes Kapitel. müſſen die vier Treppen hinauf und ſich präſentiren. Und was müſſen ſie da oben hören? Eine alltägliche, langweilige, abge⸗ droſchene Leier. Iſt die Braut eine Fremde und kommt durch die Heirath in die Stadt, ſo belobt man den Bräutigam, daß er die Häuſer um ein Angenehmes vermehrt und die Damengeſellſchaft um eine reiche Zierde bereichert. Iſt er aber fremd und nimmt die junge Dame mit ſich, dann wird er ſanft geſchmäht und man bedauert unendlich, daß er die ſchönſte Perle der Mädchenwelt ſo grauſam den ſtillen Vergnügungen der heimathlichen Stadt entreiße. Dann iſt man ferner von ewiger Freundſchaft über⸗ zeugt, oder hofft auf ein baldiges Wiederſehen, es werden Stühle gerückt und unten im Wagen angekommen iſt der Bräutigam hoch erfreut, auf ſeiner Liſte einen neuen Strich machen zu kön⸗ nen. Oben in ſeinem Zimmer aber ſagt der Herr N.: die Braut hätte wohl eine andere Partie machen können, und daſſelbe ſagt Madame N. vom Bräutigam. Auch die alte Fräulein Y. ſeufzt von ſo vielen verfehlten Hoffnungen im Allgemeinen, von ſchlech⸗ ten Ehen im Speciellen und ſchätzt ſich glücklich, daß ſie allen Verſuchungen bis jetzt glänzend widerſtanden. Einen ſolchen Brautviſttenwagen kennt man ſchon von Wei⸗ tem. Wo keine eigene Equipage vorhanden, da bedient man ſich einer nicht nummerirten Droſchke. Die Geſchirre ſind blank ge⸗ putzt, der Wagen und der Kutſcher ebenfalls. Letzterer befindet ſich im blauen Rock mit rundem Hut und neben ihm ſitzt ein Lohnbe⸗ dienter im ſchwarzen Frack, weißer Halsbinde, ditto baumwolle⸗ nen Handſchuhen und mit einem erfreulichen, ſehr heiteren Ge⸗ ſichtsausdruck. Dieſer Ausdruck ſteigert ſich zu einem ſeligen Lächeln, wenn er irgendwo die Klingel zieht und der Braut den Wagenſchlag öffnet. Zuweilen während des Fahrens ſchleicht ſich aber auch ein ernſter, melancholiſcher Zug über ſein Geſicht, und dieß geſchieht gewöhnlich in der Nähe einer der Hauptkirchen, denn da denkt er an das morgige Leichenbegängniß, bei welchem Und was lige, abge⸗ t durch die daß er die ngeſellſchaft und nimmt iht und man Midchenwelt ſchen Stadt ſſchaft über⸗ erden Stühle Bräutigam hen zu kön⸗ die Braut duſſhe ſht in Y. ſeufzt von ſclet⸗ daß ſe alln on von Wi dent man ſt ind blank ge⸗ r bfindet ſih ein Lohube⸗ baumwolle heiteren ge⸗ einem ſligen Ein Vürgerball und ſeine Folgen. 219 er, in derſelben Kleidung wie heute, ebenfalls eine Rolle ſpielen wird. Eine ſolche Kutſche nun bewegt ſich bei dem langſamen Hundetrapp der Pferde in ſtiller Langweiligkeit Nachmittags durch die leeren Straßen der Reſidenz, von denen die brennende Sonne des Spätſommers Fußgänger und Wagen ziemlich ver⸗ trieben. Die Brautkutſche hält faſt vor jedem Hauſe, und da das Paar in demſelben faſt in jedem Hauſe angenommen und hinaufgenöthigt wird, ſo ſind wir feſt überzeugt, es muß etwas Außerordentliches, ganz Beſonderes ſich in der Kutſche befinden. Dort in dem großen Hauſe bleiben ſie ziemlich lange, jetzt aber bellt ein Hund die Stiegen hinab, der Lohnlakai öffnet die Thüre — jetzt aufgepaßt!———— Lieber Leſer, verzeihe uns die ſonderbare Ueberraſchung, aber Wahrheit vor Allem!— Es iſt der junge Eduard und die Honoratiorentochter, welche dort in den Wagen hüpfen. Die Sache iſt ziemlich unglaublich, aber wir können ſie nicht läugnen. Doch wollen wir uns bemühen, ſo viel wie möglich den unſicht⸗ baren Fäden nachzuſpüren, welche dieſe Verbindung geknüpft, und ſehen uns deßhalb veranlaßt, in unſerer Erzählung ein paar Monate zurück zu greifen, bis zu jenem Moment, wo der Herr Dubel, jetzt Dubelli, ein zweiter Joſeph, die Flucht ergriff. In dem Zimmer der Kiliane blieb damals Niemand zurück als Tante Eliſe mit ihrem Schmerz. Aber dieſer Schmerz war fürchterlich, und Tante Eliſe war es nicht minder. Vergebens ſehnte ſie ſich nach einem Opfer, das bereit ſei, ihrem Grimme zu fallen. Es war Niemand da, die Kiliane erſchien nicht wie⸗ der und die alte Katze derſelben ſchien kein genugſam aufopferndes Gemüth zu beſitzen, um ſich ungeſtraft knuffen zu laſſen. Tante Eliſe raffte demnach Hut und Shwal zuſammen, und eilte auf die Straße, wo die einbrechende Dämmerung und der würzige 220 Sechounddreißigſtes Kapitel. Hauch der Frühlingsluft ihren Schmerz einigermaßen beſänf⸗ tigte und ihren Zorn in reichliche Thränen auflöste, die unter dem Schleier über ihre dicken Backen herabfloſſen. Wohin mich wenden? fragte ſie ſich ſelbſt und die Beantwortung dieſer Frage war nicht leicht. Soll ich nach Hauſe in meine einſamen Zimmer, kann ich mit verweinten Augen ins Theater oder zu einer Freun⸗ din, und welche von den letztern wäre paſſend, um ihr irgend eine fabelhafte Geſchichte, zu erzählen, die ihr Mitleid rege macht?— Daß Tante Eliſe natürlich nicht im Sinne hatte, das Vorgefallene, wie es ſich wirklich begeben, zu erzählen, kann ſich jeder Unbefangene ſelbſt denken. Da ſiel der armen Dulderin die Hofräthin ein, und ſie beſchloß, am Buſen dieſer fühlenden Frau, welche wußte, was Jammer des Herzens ſei, ſich auszuweinen. Hatte nicht die Hofräthin ihrerſeits den Augen⸗ der Tante Eliſe ebenfalls manches Thränenſpiel zum Beſten gegeben, und konnte Letztere deßhalb nicht ein Gleiches erwar⸗ ten? Geſagt, gethan. Es trieb die Honoratiorentochter eilen⸗ den Laufes durch die Straßen, ein allgewaltiges Schickfal jagte ſie und ließ nicht ab von ihr, bis ſte das Haus der Hofräthin erreicht, bis ſie die Treppen hinaufgeeilt, bis ſie die Glasthüre geöffnet hatte und nun bereit war, ins Zimmer zu ſtürzen an den Buſen ihrer mütterlichen Freundin. Hier ſtand ſie einen Augenblick ſtill und wunderte ſtch ein paar Sekunden lang, daß ſie Hofraths Mine nicht in der Küche beſchäftigt hörte. Doch da es zuweilen vorkam, daß dieſe Dame ihre eigenen Gänge zu beſorgen pflegte, in der Zeit des Zwielichts, wo die Hofräthin es außerordentlich liebte, in ihrer Sophaecke zu ſitzen und über ihr vergangenes freudenloſes Leben nachzudenken, und deßhalb auf das Treiben des Dienſtmädchens nicht genau Acht gab, ſo dachte die Honoratiorentochter, es ſei heute ebenfalls ſo, eilte in das Zimmer der Hofräthin und warf ſich, um ihren Eintritt recht ergreifend zu halten, ſchluchzend auf das Sopha und in en beſäunf⸗ die unter vohin mich eſer Frage n Zimmer, ner Freun⸗ ihr irgend ditleid rege nne hatte, wetzählen, der armen uſen dieſer erzens ſti⸗ den Augen m Beſten es erwar⸗ hter eilen⸗ cfet jagte Hofräthin glasthüre fürzen an Ein Bürgerball und ſeine Folgen. 221 die Arme— nicht der Hofräthin, wie ſie erwartet, ſondern des jungen Eduard, der hier in der Ecke einem ſanften Schlummer oblag. Dieſer vortreffliche junge Mann hatte heute ſein Comptoir geſchwänzt und eine kleine Landpartie gemacht, aber durchaus nicht in der Abſicht, um der Arbeit zu entgehen, vielmehr mit dem ſehr löblichen Vorſatze, etwas Nützliches zu erlernen, indem ein anderer junger Buchhändler, der lange am Rheine conditio⸗ nirte, verſprochen hatte, ein neues, ſehr gutes Getränk anzu⸗ fertigen, bekannt unter dem ſanften Namen: Maitrank, und deſſen Recept mitzutheilen. Dieß war auch geſchehen. Der Maitrank gelang außerordentlich gut und eine allgemeine Er⸗ heiterung war die Folge der zweiten Bowle. 4 Man kann ſich denken, daß der junge Eduard, vollſtän⸗ dig überraſcht, aus ſeinem Schlummer empor fuhr, und da ihm geträumt, er müſſe ſich an irgend einen beliebigen Pfeiler an⸗ klammern, um nicht in ein wildes toſendes Meer zu ſeinen Füßen zu fallen, ſo hielt er einen Augenblick die erſchrockene Honora⸗ tiorentochter feſt in ſeinen Armen. Bald aber klärte ſich das Mißverſtändniß auf, und in dem Zimmer dagegen wurde es immer dunkler. Wir wollen mit dieſer Aufklärung nicht geſagt haben, als ob die Honoratiorentochter die Scene, welche ſie mit dem Herrn Dubel gehabt, erzählt— Gott bewahre! ſondern ſie erfand vielmehr ein recht artiges Mährchen, an deſſen Schluſſe ſich der junge Eduard in dem Glauben befand, als habe Tante Eliſe ſeit jenem unvergeßlichen Ballabend ſeiner zärtlich gedacht, ja, ihn eigentlich geliebt. Dafür nun bezeugte ſich Eduard ſehr dankbar; auch er erklärte rte der Tante Eliſe, nach jenem erſten Tage beſtändig mit einer Hochachtung, die an Liebe grenze, ihrer gedacht zu haben, und als die Hofräthin, vielleicht eine Stunde ſpäter, nach Hauſe kam, fand ſie zu ihrem größten 222 Sechunddreißigſtes Kapitel. Erſtaunen ein Brautpaar vor, das ſich ihren mütterlichen Segen erbat. Was wollte die gute Frau machen? Sie kannte die Honoratiorentochter als ein ſehr braves verſtändiges Mädchen, die mit einem anſtändigen Vermögen ſehr viele. Vorzüge des Geiſtes und Herzens verband. Den juͤngen Eduard zu beſſern, hatte ſte ohnedieß als zu ſchwierig aufgegeben und beſchloß dieſes ſeiner Frau zu überlaſſen. Der Hofrath Vater machte an dem⸗ ſelben Abend ebenfalls eine gute Miene zum böſen Spiel, meinte aber in den nächſten Tagen und Wochen, der junge Eduard ſei eigentlich vie viel zu jung zum Heirathen und müſſe noch ein paar Jahre zuwarten, wogegen ſich aher Tante e Cliſe auf& Entſchie⸗ denſte erklärte, und feſt daxauf! beſt lund, die Hochzeit müffe in ganz Busser. vor ſich gehen, r e 24 6 * NMr. Ae e e 4A L e , Das ſollte alſo geſchehen und die aaffen wurden ſo g A ſchleunigſt abgemacht. Nur müſſen wir bei dieſer Gelegenheit noch bemerken, daß der junge CEduard, als er in den Wagen ſtieg, durchaus nicht das freudetrunkene Geſicht zeigte, das man an den meiſten Bräutigamen zu ſehen gewo ohnt iſt; vielmehr ſah er oftmals ſchüchtern die Straße hinauf und hinab, und wenn ihm alsdann die Tante Cliſe die Hand zum Schlage hinaus reichte, um ihn ſanft hineinzuz iehen, ſo war es, als faſſe ihn ein finſteres Verhängniß und ziehe ihn gewaltſam ab von den Freuden dieſes 8 Lebens und einer trüben Zukunft entgegen, „, A. M an kann ſich denken, daß nichts deſto weniger im Hauſe der Tante Eliſe, ſo wie in dem der zakünftigen Schwiegereltern viel Luſt und Freude herrſchte. Die junge Braut ſaß regelmäßig des Morgens mehrere Stunden im Prunkgemache ihres Appar⸗ tements und nahm Gegenbeſuche an. Dieſes Prunkgemach, wie es die meiſten Familien, welche wiſſen, was ſich geziemt, beſitzen, war das ſchönſte im Hauſe, ſehr elegant möblirt und wurde nur bei großen Veranlaſſungen gebraucht. An gewöhnlichen gemei⸗ chen Segen kannte die Midchen, orzüge des zu beſſern, ſchloß dieſes te an dem⸗ piel, meinte Edunnd ſei ſch ein paar es Enüſche⸗ it ſtnüſß in eu t, tu 2e ha ten vti Gelegenheit den Wagen e, das man viel mehr ſch „und wemn ug hinaus ls fͤſſe ihn ab von din eyn) r im Hauſe rigatia p Fugimt 9 5 159 1 iir⸗ nd wurde nut lichen gma⸗ Ein Bürgerball und ſeine Folgen.. 223 nen Tagen waren hier die Fenſterläden verſchloſſen, die Vor⸗ hänge herabgelaſſen, Plüſch, Sopha und eben ſolche Stühle waren mit weißem Zeug verhängt, ebenſo der Kronleuchter an der Decke und er ſah aus, als trüge der Hacken, an dem er hieng, einen ungeheuren Kuchen, an einer rieſenhaften Serviette. Die Goldrahmen der Spiegel waren mit Gaze verkleidet, und im ganzen Raume wehte jener bekannte Duft, den man in verſchloſſenen Zimmern findet. Es iſt etwas ſehr Troſtloſes um dieſe Prunkſtuben; finſter und unbewohnt liegen ſie zwiſchen den andern Zimmern, als befinde ſich darin ein Geſtorbener oder als ſei ſonſt etwas Schreckliches da verwahrt. Der Hausherr mit ſeinen Stiefeln darf dieſes Heiligthum nie betreten, die Mut⸗ ter nur geht zuweilen leiſen Schrittes hinein, um den Staub abzuwiſchen, die Kinder ſchleichen entſetzt hindurch, denn ſie fürchten, einer der weißen Vorhänge, die auf dem Sopha ruhen, hebe ſich langſam empor und zeige das Geſicht eines Kobolds, der ſich dort eingeniſtet. So ſind jene Stuben, und manche Hausfrau würde ſie gern aufſchließen und ſich beſtändig an den freundlichen hübſchen Möbeln erfreuen, aber ſie darf nicht, da die alt hergebrachten Regeln, von denen wir oben zu ſprechen die Ehre hatten, dagegen ſind, und keine ihrer Bekannten das beſte und wohnlichſte Zimmer zum Wohnen benutzt. In des Hofraths Hauſe gieng es nun ſchon luſtiger und vergnügter zu, als in dem der Braut. Stadtrath Schwämmle, der anfänglich auf's höchſte über⸗ raſcht war, hatte ſich doch mit der Partie einverſtanden erklärt, und meinte, ein ſolcher Wildfang, wie der junge Eduard, ſei eigentlich nur durch eine ſolide, geſetzte Frau zu bändigen. Er hatte ſo eben die Viſtte der Schwiegereltern erwidert,— denn auch dieſe ſind bei derlei Veranlaſſungen gezwungen, ihre Be⸗ kannten unnöthiger Weiſe zu beläſtigen, wie denn überhaupt 224 Sechsunddreißigſtes Kapitel. die Verlobung eines bekannten Brautpaars eine ganze Stadt in Allarm bringen kann— und gieng vergnügt und händereibend in ſeinem Zimmer auf und ab. Doch glaube man nicht, daß die große Seele dieſes würdigen Stadtvaters durch die Ausſicht auf eine große Hochzeit in Jubel verſetzt worden ſei,— weit gefehlt! Vielmehr waren heute Morgen andere ſehr erfreuliche Nachrichten eingelaufen, welche in nichts Geringerem beſtanden, als daß der Stadtrath beſchloſſen und die Regierung genehmigt habe, den Bau einer neuen Kirche unverzüglich in Angriff zu nehmen. Des Löſchcorps wurde vorderhand nicht weiter gedacht, denn es hatte den ganzen Winter nur ſechsmal gebrannt, und es waren durch mangelhafte Rettungsanſtalten nur vier brave Familienväter verunglückt, als ſie ihren Nebenmenſchen zur Hülfe eilen wollten. Die frommen Seelen der Stadt hatten bedeutende Beiträge, eine verſtorbene Wittib hatte mitten in der Stadt einen ſehr ſchönen Bauplatz für die projektirte Kirche dem Bau⸗ comite teſtamentariſch vermacht, mit der ganz beſcheidenen, an⸗ ſpruchsloſen Bedingung, daß ihr Name am Altarſtein eingravirt würde. Da dieß natürlicher Weiſe bewilligt wurde, ſo hatte man den Bauplatz bereits in Beſchlag genommen, und eine Menge gottgefälliger alter Jungfern begannen, als ſie vom Ver⸗ mächtniß gehört, eine große, wunderſchöne Decke zu ſticken, welche zum Zweck hatte, den Altarſtein und jenen Namen auf ewige Zeiten vollſtändig zu verhüllen. Stadtrath Schwämmle eilte in ſeinem Zimmer auf und ab, hielt die Hände auf den Rücken und hatte ein Papier in denſelben, von welchem er aber dieſes Mal keine Rede memorirte. Dieſes Papier war nichts weniger als eine feierliche Dankſagung des geſammten Magiſtrats für Schwämmle's vielfache und er⸗ folgreiche Bemühungen pro Gasbeleuchtung und pro neue Kirche. Es war eine papierne Bürgerkrone, welche ihm überreicht ward, zugleich mit dem ſehr ambitionirten Poſten eines Vorſtandes des ze Stadt in ändereibend nicht, daß die Ausſtcht i,— weit r erfteuliche n beſtanden, Jenehmigt Angriff zu iiter gedacht, brannt, und wvier brabe en zur Hülft n bedeutende der Stadt dem Bau⸗ denen, an⸗ in eingraxitt e, ſo hutt , und tine evom Ver⸗ e zu ſicken, Namen al er auf und n Prvier in „memolltle Dutkſigun ihe und u neule Kicht rreicht un flandis 9 Ein Bürgerball und ſeine Folgen. 225 Stiftungsrathes— ein ſehr wichtiger Poſten für Kirche und Schule; aber wo fand ſich zu dem erledigten Poſten ein Wür⸗ digerer, als Vater Schwämmle? Häufiger als je blieb er an der Thüre des Nebenzimmers ſtehen und warf der dicken Gattin einige Worte hinein, ſprach von Beharrlichkeit und ſchönſtem Ziele, von außerordentlicher Willenskraft und glorreichem Ueberwinden aller Schwierigkeiten und ſetzte am Ende ganz gerührt hinzu: wie er ſeinem Schöpfer zu ſo großem Danke verpflichtet ſei, da es ihm geſtattet, der Familie Schwämmle einen ſo neuen und noch nie dageweſenen Glanz zu verleihen. Umſonſt wartete der Gatte nach dieſer feierlichen Rede auf einige Acclamation aus dem Nebenzimmer! Die dicke Stadträthin blieb vor der Hand ſtumm, und man vernahm nichts, als das Geklapper ihres Bügeleiſens, mit wel⸗ chem ſte lebhaft hantierte. „Es iſt aber auch an der Zeit,“ fuhr der Stadtrath fort, „die Anhänger der Partei zu belohnen, und es die Gegner fühlen zu laſſen, daß ſie nicht bloß gegen uns, ſondern auch gegen die heilige Kirche gefrevelt.“— Er hob bei dieſen Worten ſein Kinn drohend aus der Halsbinde hervor und ließ es einen Au⸗ genblick frei um ſich ſchauen, ehe er es wieder in die Tiefe der⸗ ſelben hinabtauchte.„Ich werde es machen, wie die Miniſter in großen Staaten, und nur unſere Freunde, und die, ſo ihnen zugethan ſind, ſollen ruhen unter dem Schatten des neuerſchaffe⸗ nen Oelbaums. Ich habe da eben,“ ſagte er mit erhobener Stimme und rauſchte mit einigen Papieren,„die Meßnerei, den Dienſt eines Küſters an der Stadtkirche zu vergeben, und wer wãre hiezu tauglicher, als der gute Steinmann, jener mißkannte und ſo vielfach falſch beurtheilte Mann 29 Vater Schwämmle blickte bei dieſen letzten Worten, die er ſehr laut geſprochen, forſchend nach der Thüre des Neben⸗ Hackländer, Namenl. Geſchichten. I. 15 x 226 Sechsunddreißigſtes Kapitel. 4 zimmers und lächelte ſanft, als er hörte, daß dort das Bügel⸗ eiſen lebhaft niedergeſetzt wurde, und als die Stimme der Stadt⸗ 4 räthin nun erſcholl, welche ſagte:„ſo iſt es denn wahr, was ſich die halbe Skadt mit Verwunderung erzählt, du wolleſt dem Steinmann, dem einäugigen Polizeidiener, zu der Meßnerei in der Stadtkirche verhelfen, allen Gegenvorſtellungen zum Trotz und zum Skandal der Bürgerſchaft, die jenen Menſchen mit vollem Recht verabſcheut?“ „Liebe Frau,“ entgegnete der Stadtrath ſehr ſanft, ndie Welt pflegt nur nach dem Aeußeren zu urtheilen, und dieſes iſt allerdings an dem guten Steinmann nicht das Empfehlungs⸗ wertheſte. Ich aber habe den Kern, das Innere deſſelben er⸗ gründet, und bin mir bewußt, keinen Fehlgriff zu thun.“ Die Stadträthin wollte etwas heftig erwidern, doch ſagte Vater Schwämmle, nachdem er einen Blick durch's Fenſter ge⸗ worfen:„ich bitte dich, Frau, mäßige deine Stimme, ich ſehe den wackeren Steinmann unſerm Hauſe ſich nähern und möchte 3* nicht gern, daß er es vernähme, wie zwei Eheleute ſeien in einem Streit begriffen, und gar in einem Streite, der ſeine Perſon angienge.“— Die Stadträthin eilte in ihr Zimmer zurück, die Thüre flog ziemlich heftig in's Schloß, und als es draußen ſchellte 3 und der Steinmann eintrat, rumorte das Bügeleiſen, oder viel⸗ 1 ½ mehr zwei Bügeleiſen, indem Stadtraths Ricke das andere führte, auf eine wirklich erſchreckliche Art. Vater Schwämmle, der im Grunde ſeines Herzens ein gemüthlicher Menſch war und alles Ernſtes überzeugt, der Kern in der häßlichen Steinmann'ſchen Schale ſei rein und echt, reichte 1 dem Stadtſoldaten gerührt die Hand, vergrub ſein Kinn tief in die Halsbinde und war ſichtbarlich ergriffen, als er nun dem Steinmann das große Glück, welches ihn erwarte, mittheilte. das Bügel⸗ der Stadt⸗ vahr, was volleſt dem Meßnerei in o zun Trot enſchen mit ſanft, ie d dieſes iſt npfehlungs⸗ eſiben a⸗ hun.“ doch ſagte Fenſter ge⸗ ne, ich ſeße und möchte ut ſiin i e, der ſeine die Thüre ußen ſzal 4 I, oder viel⸗ ndere führt —— Ein Bürgerball und ſeine Folgen. Auch über die Züge des nunmehrigen würdigen Meßners flog ein falber Schein von Freude, ein unheimliches Wetter⸗ leuchten des Entzückens, und er fand nicht Worte, ſeinen Dank auszudrücken. Er hörte auch nur mit halbem Ohr, was ihm der Stadtrath von der neuen Kirche ſagte, und empfahl ſich ſo bald wie möglich und gieng ſo nachdenklich ſeines Weges, daß er beim Weggehen nicht einmal Stadtraths Ricke bemerkte, welche ihm freundlicher als ſonſt die Glasthüre öffnete. Der Steinmann ſchien mit ſeiner Ernennung in der Taſche augenblicklich den Polizeibeamten ausgezogen zu haben; wenig⸗ ſtens gieng er auf der Straße theilnahmlos bei einigen Buben vorbei, die in ernſtlichem Streit mit einer Obſthändlerin begriffen waren, er ſah eine Droſchke auf der Straße dahingaloppiren, ohne ſte anzurufen oder ſich die Nummer zu merken, ja, er be⸗ merkte mehrere Cigarrenraucher und ſtellte ſte nicht zur Rede. Es war aber nicht die Freude über ſeine Ernennung, welche ihn ſo nachdenklich machte; denn er wünſchte im jetzigen Augen⸗ blicke, die Stelle eines Meßners nicht ambitionirt zu haben, ja er wollte, ſie wäre nicht erfolgt, und er harmloſer Polizeiſoldat geblieben. Ihm graute vor der Kirche, und wenn es auch bei ihm lag, ein anderes Leben anzufangen, ſo war es ihm doch nicht möglich, das Andenken an vergangene Tage zu verwiſchen. Doch dauerten dieſe de⸗ und wehmüthigen Betrachtungen nicht gar zu lange, und als er ſich den Zorn der vielen durchgefalle⸗ nen Aſpiranten auf dieſe Stelle lebhaft vorſtellte, ſo blinzelte ſein eines Auge freundlicher und er ſchritt wieder erhobenen Hauptes dahin. Eilig nahm er ſeinen Weg nach dem Stadt⸗ graben, verſchwand hinter dem Hauſe, in welchem die Jungfer Kiliane wohnte, drückte ſich an den Häuſern in den engen Gäß⸗ chen hin und eilte ſchnell durch die Hinterthüre der Holzſtälle über die Treppe hinauf in die Wohnung der Frau Müller. 15* 227 228 Sechsunddreißigſtes Kapitel. Dort ſchien man ihn erwartet zu haben, wenigſtens der Gevatter, der in ausgelaſſener Luſtigkeit entſetzlich ſchielte und, auf dem Sopha ſitzend, die Füße luſtig hin und her ſchlenkerte. Die Frau ſaß in der Ecke des Zimmers und nähte an einem alten Ueberrock. 3 „Wie gerufen, wie gerufen!“ lachte der Gevatter dem Ein⸗ tretenden entgegen;„rathet, was ich hier für Euch habe!“ „Nun, was wirds ſein!“ ſagte mürriſch der Steinmann; „irgend eine Gaunerei, eine ſchlechte Geſchichte, oder,“ ſetzte er freundlicher hinzu,„am Ende ein Brief von der Anna— wie, Alte?“ Die Frau gab keine Antwort, ja, ſte blickte nicht einmal in die Höhe; der Gevatter aber rief luſtig:„beſſer als das, viel beſſer als das! Na, rathet einmal!— Könnt Ihr nicht? Habt Ihr gar keine Ahnung? Nun ich will es Euch ſagen, — Briefe aus Mailand habe ich, ſchöne Briefe aus Mailand, poste restante an Eure Adreſſe, ich habe ſte von der Poſt ge⸗ holt. Da nehmt! Gott verdamm mich, die haben ſchnell geant⸗ wortet!“ Der Steinmann wechſelte einen Augenblick die Farbe, aber kaum merklich, als ihm der Gevatter das Packet überreichte; dann ſchielte er zu der Frau Müller hinüber, welche aber wie vorhin that, als achte ſie nicht auf das Gerede der Beiden. Darauf trat er mit dem Packet ans Fenſter, riß den Umſchlag ab und der Gevatter, der vom Sopha aufgeſtanden war, lehnte ſich an daſſelbe und ſah forſchend in das geöffnete Packet und auf die Züge des Steinmanns. Es waren ein paar Briefe in demſelben, ſo wie ein paar zuſammengefaltete Papiere, welche das gierige Auge des Ge⸗ vatters alsbald für Wechſel erkannte. Der Steinman las die gſtens der jelte und, ſchlenkerte⸗ an einem dem Ein⸗ abe” dvteinmann; , ſctzte er na— wie, iht änmal r als das⸗ Ihr nicht? kuch ſagen, Malland/ r Poſt ge⸗ ell geant⸗ Farbe, abet überreicte he aber bi der Beiden. — — Ein Zürgerball und ſeine Folgen. 229 Briefe durch, ſein Geſicht wurde ernſter und ernſter, und er ließ die Unterlippe nachdenklich herabhangen. Als er mit Leſen fertig war, fuhr er mit der Hand über die Augen und ſagte: nich wollte wahrhaftig, wir hätten das nicht gethan. Da iſt ein Schreiben darin von dem Vater des kleinen Mädchens, der gar kläglich und gerührt über den Tod deſſelben thut.“ Der Gevatter rieb ſich vergnügt die Hände, während die Frau Müller näher trat und ſich angelegentlich erkundigte, von welchem Kind und von welchem Todesfall man eigentlich ſpreche. „Faren, Faxen!“ ſagte luſtig der Gevatter.„Frau, Ihr bekommt ein merkwürdig ſchlechtes Gedächtniß in der letzten Zeit. Ihr wißt doch, die Papiere, die ich drüben mitnahm, die von dem kleinen Mädchen, das bei der Welſcher wohnt— nun ja! — und da haben wir deren hochgeborenen Papa geſchrieben und ihm angezeigt, daß Mutter und Kind geſtorben ſeien, und daß wir braven Leute ſie bis zu ihrem Ende unterſtützt und ihnen die letzten Stunden leicht gemacht.— Ha! hal! ha! und jetzt ſchickt der Herr einiges Geld— nun, wie viel iſt's denn?“ Er griff mit zitternden Händen nach den Wechſeln. „Es ſind nach unſerem Geld achthundert Gulden,“ ſagte der Steinmann und eine tiefe Röthe ſchlug auf ſeinem Ge⸗ ſicht auf. „Achthundert Gulden!“ jauchzte der Gevatter, und die Frau ſchauderte zuſammen und gieng in ihre Ecke zurück. „Achthundert Gulden,“ wiederholte der Steinmann, ſetzte ſich an den Tiſch und breitete die Wechſel vor ſich aus. Der Gevatter wollte darnach langen, aber der Stadtſoldat legte ſeine breite Hand darüber hin und wehrte ihn ab.„Ich wollte,“ ſagte er alsdann,„wir hätten die Geſchichte nicht ge⸗ 230 Sechsunddreißigſtes Kapitel. macht, es iſt riskirt, es kann herauskommen, wahrhaftig ich wollte, es wäre nicht geſchehen!“ „Wie iſt mir denn, Gevatter?“ lachte der Andere und ſah dem Steinmann ſtarr ins Geſtcht.„Seid Ihr fromm geworden, oder iſt es vielleicht wahr, was man ſich in der Stadt munkelt, man habe Euch die Meßnerei an der Stadtkirche übertragen? He! was iſt Wahres daran?“ „Ja,“ ſagte der Steinmann feſt und beſtimmt, ves iſt ſo, und deßhalb bin ich eigentlich da, um mit Euch Beiden ein paar ernſte Worte zu ſprechen. Mit dir und mit der Frau da.“ Der Gevatter ſtützte die Ellbogen auf den Tiſch, legte den Kopf darauf und horchte aufmerkſam zu, ohne einen Blick von den Wechſeln abzuwenden. „Ihr wißt,“ ſagte der Steinmann,„daß ich ſtets mit Euch treu und redlich zuſammen gehalten, daß wir eine Reihe von Jahren gute Geſchäfte gemacht, und daß ich Euch in keiner Weiſe übervortheilt. Gebt das zu, Gevatter, und Ihr auch, Frau, das Bißchen, das ich hie und da mehr bekam, war nicht der Rede werth für die größere Arbeit, für die Gefahr, in der ich beſtändig geſchwebt, und für den trefflichen Rath, den ich Euch immer gegeben, nicht zu gedenken des polizeilichen Schutzes, der Euch durch mich zu Theil wurde. Ich habe Euch aber ſchon vor längerer Zeit geſagt, daß, wenn ich einmal in den Fall komme, meine bisherige Stellung zu verlaſſen und mich zu ver⸗ beſſern, alsdann unſere Verbindung aufhören müſſe, und der Augenblick iſt jetzt gekommen. Es iſt wahr, ich habe den Meß⸗ nereidienſt an der Stadtkirche erhalten, und ebenſo wahr iſt es, daß ich einestheils auf dieſem Poſten doch ſchicklicher Weiſe unſere Geſchäfte nicht fortſetzen kann, und daß ich Euch anderntheils wenig mehr nützen kann, indem ich meine bisherige Stellung verlaſſe. Deßhalb müſſen wir uns trennen.“ haftig ih r und ſah geworden, t munkelt, bertragen? t, nes iſt Beiden ein Frau da.“ „kegte den Blick von ſtets mit eine Relhe h in keiner Iir u , war nicht „in derih n ich Such der Ein Zürgerball und ſeine Folgen. 231 Der Gevatter nickte finſter mit dem Kopfe und die Frau nähte ruhig weiter. „Ja,“ fuhr der Steinmann fort,„wir müſſen uns trennen, aber in Freundſchaft. Was die Frau Müller anbelangt, ſo wird ſie ſchon einen kleinen Erwerb finden, und bin ich auch gern bereit, ihr, wo es thunlich iſt, mit gutem Rath an die Hand zu gehen. Ihr aber, Gevatter, müßt die Stadt verlaſſen und das ſobald wie möglich. Ich kann Euch verſichern, Ihr ſeid in den Regiſtern der Polizei ungeheuer ſchlecht angeſchrieben, man ſpäht Euch nach, und wenn ſie Euch einfangen, ſo ſitzt Ihr ohne Gnade für eine lange Reihe von Jahren. Nehmt deßhalb Euren Wanderſtab und zieht in's Teufels Namen von hinnen. Hier ſind die Mittel, daß Ihr eine Zeit lang Euer Leben anſtändig friſten könnt, und dann müßt Ihr Euch anderswo ſelbſt helfen. Von dem Betrag dieſer Wechſel will ich nichts.“ „Nichts, gar nichts?“ ſagte der Gevatter mit gierigem Auge; ndas ſoll Alles mein ſein?“ „Nicht ſo ganz, mein Freund,“ ſagte der Steinmann liſtig lächelnd;„bedenkt unſere wackere Frau Müller, und dann will ich Euch etwas ſagen, was ohne Widerrede gilt: hier ſind acht⸗ hundert Gulden, die theile ich in zwei gleiche Hälften— ſchaut mich doch nicht an, wie ein böſer Hund, ich will ja nichts von dem Bettel—, die eine Hälfte, vierhundert Gulden, iſt für Euch, die anderen vierhundert Gulden aber ſind für das Kind ſelbſt, dem wir die ganze Summe eigentlich doch geſtohlen.“ Die Frau blickte zweifelnd von ihrer Arbeit auf und der Gevatter knirſchte mit den Zähnen. „Seid doch nicht ſo dumm und habgierig!“ ſagte der Steinmann heftig,„wir müſſen dem Kinde etwas abgeben— 232 Sechsunddreißigſtes Kapitel. den Teufel auch, wer weiß, ob der Italiener nicht ſeinen Cor⸗ reſpondenten hier hat! Ich glaube wohl, daß Euch Alles einerlei iſt, aber nicht mir. Mein Name hat auf dem Briefe geſtanden, und wenn von der Geſchichte je etwas heraus käme, ſo würde man ſich an mich halten; alſo keine Widerrede, wollt Ihr oder wollt Ihr nicht? Ich bringe Euch morgen die vierhundert Gul⸗ den— oder mich ſoll der Teufel holen, wenn ich nicht die Wiſche da vor Euren Augen zerreiße, dann habt Ihr gar nichts.“ Der Gevatter vergrub die Hände in ſein Haar, murmelte etwas vor ſich hin, und als er vergeblich verſucht, den Stein⸗ mann zum Nachgeben zu bewegen, ſagte er mürriſch:„und was meint die Frau dazu?“ „Ich?“ ſagte die Müller,„o, laßt mich bei der Geſchichte aus dem Spiel, ich will nichts, gar nichts von Eurem Geld.“ „Nichts?“u ſagte der Gevatter grinzend; nei, das iſt ſchön! dann kommen auf meinen Theil vierhundert Gulden, ich laß' mir das gefallen.“ „Nein, nein!“ ſagte der Steinmann eifrig,„die Frau muß ihren Theil haben; wovon will ſie leben, wenn das Ge⸗ ſchäft aufhört?“ Vielleicht werde ich arbeiten,“ ſagte die Frau mit Thränen in den Augen und blickte nach dem Zimmer, wo ihre Tochter gewohnt.„Kümmert Euch nicht um mich, Ihr Herrn, denkt nicht⸗mehr an mich.“ Der Steinmann zuckte mit den Achſeln, raffte Wechſel und Briefe zuſammen und ſtand auf. Die Frau erhob ſich ebenfalls von ihrem Platze und ſagte: „Laßt mich den Brief leſen, den der Vater des Kindes ge⸗ ſchrieben hat.“ einen Cor⸗ ges einerlei geſtanden, ſe wütde Ihr oder ndert Gul⸗ die Wiſche hts.” „murmelte den Stein⸗ „und was Geſchchte b Geld.“ itt ſchön! hh laß mir „die Frau n das Ge⸗ it Thruͤnen gre Lochter ern, denkt gechſl und und agte eindes gf⸗ — Ein BZürgerball und ſeine Folgen. 233 „Wozu, Frau?“ entgegnete der Steinmann;„es iſt ein jammervoller Brief, hätt' nicht geglaubt, daß dem Herrn das uneheliche Kind ſo am Herzen liegt, obendrein da er verheirathet iſt, wie der italieniſche Advokat ſchreibt.“ „Aber er hat vielleicht weiter keine Kinder?“ ſagte forſchend die Frau. „So ſcheint's in der That,“ entgegnete der Steinmann, nachdem er noch einen Blick in die Papiere geworfen.„Ich glaube, er wäre im Stande geweſen, das Mädchen zu ſich zu nehmen; er iſt aber jetzt nach Sicilien abgereist. „Und wie heißt der Herr?2“ forſchte die Frau weiter und der Gevatter ſagte lachend: „Ja, das möchte ich auch wiſſen!“ „Graf von St. Alban,“ las der Steinmann aus dem Briefe und ſteckte ſeine ſämmtlichen Papiere in die Taſche, worauf der Gevatter luſtig ſagte: „Nun, jetzt weiß ich doch, wem ich dankbar bin, und werde wahrhaftig nicht ermangeln, einige Schoppen auf das Wohl des Grafen von St. Alban zu trinken— wann bekomme ich mein Geld, Steinmann?“ „Morgen früh,“ entgegnete mürriſch der Stadtſoldat.„Ihr könnt kommen und es bei mir holen; aber ſchmiert Eure Sohfen und packt Eure Garderobe zuſammen. Ihr müßt morgen noch die Stadt verlaſſen. An Euch werde ich denken, Frau.“* Damit gieng er die Treppen hinab, gefolgt von dem Ge⸗ vatter, der in dem dunkeln Vorplatze zurückblieb, bis der Stein⸗ mann die nächſten Gäßchen hinter ſich hatte. Dann ſchlüpfte auch er auf die Straße. 2 So waren denn die Verbündeten zum letzten Male freund⸗ ſchaftlich bei einander geweſen, und es hatte ſich ein Bund auf⸗ 234 Sechsunddreißigſtes Kapitel. gelöst, der ſo lange und feſt gehalten in guter und ſchlechter Zeit. Der Steinmann war der Einzige, der wie immer ſich' mit Vortheil zurückzog, während des ganzen Zuſammenlebens mit ſeinen Verbündeten und ſo auch heute. Luſtig und vergnügt ſchritt er durch die Straßen, die gute Meßnerei in Ausſicht und achthundert Gulden in der Brieftaſche, von denen er freilich vier⸗ hundert abgeben mußte, doch blieben ihm noch immerhin vier⸗ hundert, um— ſeine erſten Ausgaben beim Antritt des neuen Amtes beſtreiten zu können. ſchlechter er ſich mit ebens mit vergnügt zſicht und eilich vier⸗ erhin vier⸗ des neuen Siebenunddreißigſtes Kapitel. Aus dem Marſtall. Der Sommer war vergangen, der Herbſt gekommen. Alles Laubwerk in den Anlagen und in den Waldungen um die Stadt nahm die wohlbekannte, maleriſch bunte und ſo wehmüthige Färbung an. 3 Schöner iſt der Anblick der Natur in dieſem Theile des Jahres, als im Frühling, aber nicht ſo lieblich, nicht ſo hoff⸗ nungs⸗ und wonnevoll. Der Herbſt, ein ſtattlicher Mann bei Jahren, mit gebräunter Wange und leicht ergrautem Haar, geht langſamen Schrittes nach dem Hauſe, das er ſich gebaut, um darin zu ſterben und nicht mehr zum Vorſchein zu kommen. Wohl athmet man noch längere Zeit ſein Daſein; aber ſeit die letzten Blätter von den Bäumen fielen, ſeit der Wind mit eiſigem Hauch über die Stoppeln jagt, ſpricht man leiſer vom vergange⸗ nen Jahr, ſehr leiſe, damit der ſterbende Herbſt nicht erfahre, daß man von ſeinem Regimente nichts mehr hält und daß man ſich nur auf den zukünftigen Herrſcher freut. Armer alter Herbſt! Sie haben dich bei lebendigem Leibe beerbt, ja, ſie haben Alles 236 Siebenunddreißigſtes Kapitel. genommen, was du ihnen ſo freundlich, ja reichlich geboten. In Keltern und auf Speichern lagern deine Gaben in bunten farbigen Haufen. Das ganze Menſchengeſchlecht haſt du bedacht und jede Altersklaſſe beſonders, und wenn das Kind in den roth⸗ backigen Apfel beißt, ſo verſucht der Mann prüfend den neuen ſchäumenden Wein und dankt dir kaum, wenn er ausgezeichnet iſt, und ſchmäht dich, wenn er den vorjährigen nicht übertrifft. — Armer alter Herbſt! Die Menſchen ſind ein undankbares Geſchlecht; wie haben ſie in deinem Arme, an deinem warmen, liebevollen Herzen geſchwelgt, ſo lange du noch friſch und jung warſt! Jetzt verläugnen ſie dich alle, und wenn man von dir ſpricht, ein ſeltener Treugebliebener nämlich, und will dich auf⸗ ſuchen auf ödem Feld und in entblättertem Walde, ſo ſagen ſie: bleib' doch zu Hauſe, der Spätherbſt iſt unangenehm!— So entſchläfſt du ſanft und ſelig, im ſüßen Bewußtſein all' des Guten, das du gethan, und flüſternde Nachtwinde vertrauen dem neuen Winter, der nun mit ſtarker Hand das Regiment ergreift, wie das undankbare Menſchengeſchlecht mit dir umgieng. Das macht den Winter hart und wild, denn er denkt: wartet, ich will euch ſchütteln! Und er ſchüttelt und bläst und ſaust und kracht durch die Natur und ſeine wilden Geſellen, die Schneewinde, ſchlagen den Menſchen die Thüre vor der Naſe zu, wenn ſie in's Freie wollen, und zerzauſen ſie, wo ſich einer ſehen läßt. Der Winter ſelbſt aber ſchreitet hohnlachend einher und ſchüttelt ſeine weiße Pelzmütze, und wenn er ſie ſchüttelt, rufen die Menſchen: es ſchneit, es ſchneit! So war es denn wieder einmal Herbſt geworden. Der Wind, der des Morgens über die Stoppeln zur Stadt kam, riß in den Alleen ganze Körbe voll Blätter ab und warf ſie auf den Boden, einen buntfarbigen Teppich bildend, was ganz aller⸗ liebſt ausſah. Reizendes ſchuf die herbſtliche Natur bei einem kleinen Raſenplatz vor dem Schloſſe,— ein friſcher, grüner h geboten. in bunten du bedacht nden roth⸗ den neuen usgezeichnet ͤt übertriff. ndankbarts m warmen, ih und jung nan von dir il dich auf⸗ ſagen ſie: n— So des Guten, dem neuen ngrift/ wie Das macht ih vill eih acht durh de, ſclahen 4 in's Freie Dm Winte Aus dem Marſtall. 237 Fleck, umgeben von einer doppelten Reihe uralter Kaſtanien⸗ bäume, welche ihre dürren Blätter ſchon faſt alle fallen ließen, und ſo ſah der Platz aus, wie mit einem koloſſalen, grünen Shwal beſpannt, deſſen Bordure das herabfallende Laub gebildet, Gelb in Gelb, Roth, Braun, Violett, die wunderlichſten und ſchönſten Figuren in allen erdenklichen Farben. Die Bäume vor dem königlichen Marſtall waren ebenfalls entblättert, und die Stallwache, die heute daſaß und in die An⸗ lagen hinausblickte, konnte bis an's äußerſte Ende deſſelben ſehen und bemerkte große Teiche mit Schwanenhäuſern, Statuen, Ge⸗ bäude: lauter Sachen, die ſonſt dem Blick durch die grüne Laub⸗ wand verdeckt waren. Als wir uns, geneigte Leſer, zum letzten Mal hier befanden, war es noch Frühjahr und dieſelbe Stallwache, auf demſelben Welſchen hatte unterſchiedliche Ahnungen von kühlem Bier und ſaftigen Rettigen. Jetzt aber ſchauerte ſte gelinde zuſammen, wenn ein Windſtoß um die Ecke des Schloſſes kam, und dachte an einen warmen Ofen und an ein Glas Punſch. Ja, die Stall⸗ wache dachte an ein großes Souper, das nächſtens ſtattfinden ſolle mit verſchiedenen Gattungen von Getränken, auf's reich⸗ lichſte verſehen mit ungeheuren Portionen Kutſcherbraten, an⸗ ſehnlichen Schinken, großen Schüſſeln voll Kartoffelſalat, mit Würſten von verſchiedenem Geſchmack und ſehr verſchiedenem Kaliber.— Ueberhaupt müſſen wir geſtehen, daß der ganze Marſtall einen feſtlichen Anſtrich hatte; die Strohmatten am Boden waren auf's allerzierlichſte geflochten, die Fenſter blank geputzt, die Geſchirre wie nach der Schnur aufgehängt, und die Ständer von Tibull und Pluto waren mit Epheukränzen verziert. —Anrgelegentlich blickte dieſelbe Stallwache von demſelben Anſicht wie damals nach dem Schloſſe, und wie an jenem traurig denkwürdigen Tage, wo ſie dem zu ſeinen Vätern ver⸗ ſammelten Oberkutſcher Mundels die letzte Ehre erwieſen, kam 238 Siebenunddreißigſtes Kapitel. auch heute das ſämmtliche Stallperſonal feſtlich geputzt daher. Doch waren ihre Mienen fröhlicher, die ältern Kutſcher und Reitknechte ſchienen mit dem, was ſie eben gehört und erlebt, zufrieden, die Stallbuben machten einander kleine Anleihen von Kopfnüſſen und dergleichen, die in demſelben Augenblicke aber ſchon mit reichlichem Zins zurückbezahlt wurden. Sie pufften ſich nach allen möglichen Richtungen herum und thaten ſo, als freuten ſie ſich heute zum letzten Mal ihres Lebens, indem ſte wußten, daß ſchon morgen eine feſte, ſtrenge Hand über ihrem Haupte ſchweben würde. Jetzt war das ſämmtliche Perſonal in dem Stalle verſam⸗ melt, und Alles begab ſich unaufgefordert zu ſeinen Pferden, ſtellte ſich dort auf und ſah erwartungsvoll die Stallgaſſe hinab. Auch die Stallwache hatte ihren Poſten verlaſſen, hatte neben Tibull und Pluto zwei Stallbuben aufgeſtellt, wovon— Go einen bordirten Hut, der andere die berühmte Peitſche mit dem Elfenbeingriffe trug. Lieber Leſer! wir bemerken deine peinliche Spannung und wollen deßhalb kraft der Macht, die uns verliehen, unſerer „Namenloſen Geſchichte“ einen Augenblick vorgreifen, und wollen dir hiemit feierlichſt verkündet haben, daß Seine Majeſtät der König geruht, an die Stelle des ſeligen Herrn Mundels einen neuen Oberkutſcher zu ernennen, und daß dieſer Oberkutſcher nicht der ruſſtſche Engländer mit dem unausſprechlichen Namen war, vielmehr unſer Freund,— der Herr Joſeph Winkler. Dort kommt er in Begleitung eines königlichen Stall⸗ meiſters von dem alten Oberſtallmeiſteramte mit dem alten Dekret in der Taſche, kraft deſſen er nicht mehr nöthig hat, den alten Geſpenſterwagen zu fahren, vielmehr dadurch befähiat iſt. die Allerhöchſte Leibkutſche zu dirigiren. f ſie auf Obgleich der Chirurgus nach jenem Unglücke die Geneſung in eirca ſechs bis acht Tagen verſprochen, ſo hatte doch dieſelbe nutzt daher. utſcher und und erlebt, inleihen von nblicke aber Sie pufften ten ſo, als , idem ſte über ihrem — — alle verſam⸗ en Pferden, — = = ½—½ — dundels„ Dherlutſhe lichen Namen —. — — = = — 2 — Aus dem Marſtall. 239 länger auf ſich warten laſſen, und der Oberftſtallmeiſter, der dem Joſeph ſehr gewogen war, hatte eine genaue Unterſuchung über jenen Vorfall anſtellen laſſen, woraus ſich nun freilich er⸗ gab, daß eine Teufelei im Spiele geweſen war, doch hatte man ſonſt nichts herausgebracht. Das war nun am Ende für den Joſeph auch einerlei, denn er wurde Oberkutſcher, und als ſolchen ſehen wir ihn ſoeben die Gratulationen ſeiner Collegen, ſowie Hut und Peitſche aus den Händen der Stallbuben feierlichſt in Empfang nehmen. Nachdem dieſer officielle Akt vollzogen war, begab ſich der Oberkutſcher, Herr Winkler, in ſeine neue Wohnung, aus vier geräumigen Piecen beſtehend, und nahm dort andere, noch an⸗ genehmere Glückwünſche in Empfang. Hier befanden ſich die Frau Winkler in neuem, ſehr ſauberem Anzuge, ferner die Frau Welſcher und die Jungfer Kiliane mit der kleinen Marie, auch 5 Herr Dubelli, ſowie Jean der Hoflakai, und Alle ſaßen um einen großen Tiſch, auf dem verſchiedene Kaffeekannen prangten und große Kugelhopfen aufgeſtellt waren⸗ Die Honneurs dieſer Ge⸗ ſellſchaft machte jenes reizende, ftiſche Mädchen, das wir am Krankenbette des Herrn Winkler geſehen und das einmal über das andere erröthete, wenn die Frau Winkler senior oder Jean der Hoflakai einige unpaſſende Bemerkungen zum Beſten gaben. . Man ſchien bei der Ankunft des Oberkutſchers in einem kleinen Streite begriffen zu ſein über die Reihenfolge der Feſtlich⸗ keiten für die nächſten Tage, und die verſchiedenen Parteien appel⸗ lirten deßhalb an das endgültige Urtheil der eben eingetretenen Hauptperſon. 1 „Hör' Sie, alte Frau,“ ſagte der Oberkutſcher nach einiger Ueberlegung,„mir ſcheint, der Dubelli hat eigentlich die beſte Anſicht, und ich glaube, wir könnten die alten Geſchichten ſo imnichen Morgen alſo, da Sie noch genug Vorbereitungen zu der alten Hochzeit zu machen hat, laſſen wir Ihr den ganzen 240 Siebenunddreißigſtes Aapitel. Tag Zeit dazu und gehen den Abend alle zuſammen in's Theater, um das Ballet anzuſehen, in welchem unſer Freund, der alte Dubel, jetziger Dubelli, zum erſten Male auftreten wird. Ueber⸗ morgen iſt dann die Hochzeit, wenn die Jungfer Braut nichts dagegen hat.“ „O ja!“ lachte Jean;„ihr wird's ſchon morgen lieber ſein!“— eine Bemerkung, welche die Erwähnte zu uberhören ſchien, indem ſte dem Oberkutſcher freundlich zunickte. „Alſo übermorgen die Hochzeit!“ fuhr der Oberkutſcher. fort,„und den Tag danach das Banket mit dem Stallperſonal. Auf dieſe Art haben wir, wie die großen Herrſchaften, drei hohe feſtliche Tage.“ Alles war mit dieſem Plane einverſtanden und verſprach, nicht zu fehlen bei dem Theater morgen Abend und der Hochzeit übermorgen, bis auf die alte Kiliane, deren Ausſehen heute überhaupt nicht ſo friſch und geſund war, wie ſonſt. Sie hatte 4 auch nur eine einzige Taſſe Kaffee und ein halbes Stück Kugel⸗ hopfen genoſſen und verſicherte, es ſei ihr gar nicht zu Muthe, wie ſonſt. Dieß bekräftigte die Frau Welſcher und ſagte leiſe zu ihrer Nachbarin, die Jungfer Kiliane ſei mehrere Tage zu Hauſe geblieben, habe ihr Bett aufſchlagen laſſen und ihr Zimmer in die ſchönſte Ordnung gebracht, worauf die Winklere unter dem Tiſch die Hände faltete und leicht mit dem Kopf ſchüttelte. Die alte Jungfer dagegen ſchien dieß, ſowie überhaupt von den Ver⸗ handlungen nicht viel zu bemerken. Neben ihr auf einem Schemel ſaß die kleine Marie und ſie pätſchelte mit ihren dürren weißen Händen den ſchwarzen Lockenkopf des Kindes. Sie ſaß in tiefen Gedanken, und als die Geſellſchaft ⸗ſchon längſt wieder über etwas Anderes geſprochen hatte, ſagte ſie auf einmal:„ja, übermorgen iſt Donnerſtag und wenn ich auch vielleicht nicht ſelbſt zur Trauung kommen kann, ſo will ich zu Hauſe für Euch beten.“ „Ei, ei! Jungfer Kiliane,“ ſagte die Frau Welſcher er⸗ heater muthigend,„wer wird ſo ſprechen! Warum ſoll Sie nicht zur er alte Trauung kommen können, zum Hochzeitſchmaus? Sie, welche leber⸗ die ganze Stadt durchläuft, wird doch die paar Schritte zur nihtz Stadtkirche machen können!“ Die alte Perſon ſchüttelte traurig lächelnd mit dem Kopfe, lieber und Frau Winkler, die das Wort der Welſcher aufnahm, ſagte ethören bekümmert zu ihrem Sohne:„alſo willſt du dich doch in der Stadtkirche trauen laſſen, trotzdem, daß der böſe Kerl dort kuſſcer Meßner geworden iſt? Ich ließ' mir doch durch den Anblick gſonal dieſes häßlichen Geſtchtes meinen ſchönſten Tag nicht verderben.“ ei hohe 2und ich verſichere Euch,“ entgegnete luſtig der Ober⸗ kutſcher,„daß mich der Anblick des Steinmann's doch eigentlich freut; was für ein Geſicht wird der alte Hallunke ſchneiden! Ich rprac, bin feſt überzeugt, er hat alle die drei Sonntage, wo wir abge⸗ Hochzit rufen wurden, Bauchweh gehabt, und ich lebe immer noch der heute Hoffnung, daß er ſich am Glockenſeile aufhängt, wenn er mich ie hatit ankommen ſteht als Oberkutſcher und alter Hochzeiter.“ Kugel⸗„Das meine ich auch,“ ſagte Jean,„und was kann der Muthe, ſchlechte Giftmichel machen? Er ſoll läuten, daß er ſchwarz leiſe zu wird und bekommt von mir nicht einen Kreuzer Trinkgeld.“ u Hauſe„Auch nicht von mir!“ ſagte Dubelli und ſo alle Andern. mmer in Als es nun dunkel ward, wurde die Kaffeegeſellſchaft auf⸗ nter dem gehoben, der Oberkutſcher brachte ſeine Braut nach Hauſe und e. Die ließ ſte dort mit der Mutter allein, denn ſie hatten erſchrecklich en Vei⸗ viel zu thun. Schemu Wie vergieng dem Oberkutſcher die Zeit mit raſender Ge⸗ n weij ſchwindigkeit! Am andern Morgen war er kaum aufgeſtanden, mn titfen hatte kaum ſein Amt angetreten, ſo war es ſchon Mittag und er 97 nachdem er bei ſeiner Braut dinirt, jagten die Stunden einander molg ordentlich hinweg, ja ſie ſchienen ſich förmlich auf die Hacken zu treten, und kaum hatte es voll ausgeſchlagen, da vernahm er Hacklander, Namenl. Geſchichten. II. 4 16 Abſt zn eten⸗ 4 Aus dem Marſtall. 241 5 1 242 Siebenunddreißigſtes Kapitel. ſchon wieder ein neues Viertel. Es war wahrhaftig nicht zum Aushalten! Jetzt ſchlug es Fünf, und ſämmtliche geſtern Ein⸗ geladene, mit Ausnahme der Kiliane, die ſich zu Bett gelegt hatte, ſtiegen die Treppen zum königlichen Hoftheater hinauf— Alle in ängſtlicher Erwartung der Dinge, die da kommen ſollten, Alle ſehr aufgeregt, da ſie eifrigſt Partei nahmen für den Debü⸗ tanten Herrn Dubelli. Als ſie in dem weiten Hauſe ankamen und auf der dritten Gallerie ihre Sitze einnahmen, war es noch ziemlich dunkel rings umher; nur die Plätze oben und neben ihnen waren beſetzt, in den Logen ſah man noch keine Seele und unten im Parterre nur leere Bänke. Blos im Orcheſter waren ein paar Lampen ange⸗ zündet und warfen ein ſchwaches Licht um ſich her und ſtrahlten kümmerlich auf der reichen Vergoldung der Proſceniumslogen wieder. Die Leute in den oberen Logen, die ſich vor der eigenen Stimme fürchteten, welche ſo laut in dem leeren Raume klang, ſprachen leiſe aber eifrig zuſammen, und ſo ſummte und wogte es unverſtändlich durch einander. Jeder fühlte ſich in der Dunkel⸗ heit, die hier herrſchte, unbehaglich; es war wie bei Erſchaffung der Welt, ehe es Licht ward, wonach ſich Alles geſehnt, und deßhalb ſchaute auch hier Jeder erwartungsvoll an die Decke hinauf, wo ein kleiner, unbeleuchteter Spalt ſichtbar wurde, der ſich allmählig vergrößerte, jetzt zu einer großen runden Oeffnung wurde, aus welcher langſam und feierlich der Kronleuchter mit ſeinen hundert Lichtern hell und ſtrahlend darnieder ſchwebte. Wie kehrten ſich nun plötzlich alle Geſichter, wie die Blätter einer Epheuwand im Thurm, dem Lichte zu! Wie fühlten ſich die Aelteren ſo beruhigt, wie lachten und jubelten die Jüngeren, die das zum erſten Male ſahen! Jetzt wurden auf Notenpulten im Orcheſter die Stimmen aufgelegt, jetzt erſchienen die Muſiker nach und nachn jetzt der Kapellmeiſter, dann füllte ſich das Par⸗ terre, endlich auch kurz vor dem Anfange die Logen mit Einem t zum Cin⸗ gelegt auf— ſollten, Debü⸗ dritten lrings tzt, in re nur nange⸗ drahlien nslogen eigenen klang⸗ hngte Dunkel⸗ haffung nt, und e Decke ide, der Heffnung hter mit te. Wie ter einer ſih die „9 eren, k ulte im Muſttu 96 Pa t Einen 0 8 Aus dem AKarſtall. 243 Male; es war gerade, als hätten die Leute auf dieſen Moment draußen auf dem Gange geharrt. Jetzt erſcheint der Hof, die Offiziere auf ihren Plätzen erheben ſich, und ebenſo auf dem dritten Range der neue Oberkutſcher reſpektvollſt, denn es iſt heute die erſte Vorſtellung, der er ſitzend beiwohnt. Die Ouvertüre beginnt und wird am Schluſſe raſend beklatſcht. Zuerſt fängt ausnahmsweiſe die erſte Gallerie an, dann der dritte Rang, wo der Oberkutſcher nicht ſobald ſeine Hände in Bewegung geſetzt hatte, als die wackeren Fäuſte von einigen dreißig Stallleuten auf's Allerkräftigſte einfielen und das erſtaunte Parterre mit ſich fortriſſen. Jetzt begann das Ballet und die Zeit bis zum Auftreten des Herrn Dubelli, die ſeinen bangen Freunden ſo unendlich lang erſchien, flog raſch dahin. Jetzt betrat der Debütant die Bühne. Ein lauter Applaus empfieng ihn und munterte ihn auf, und wir ſind im Stande, gerührten Herzens verſichern zu können, daß er ſich dieſes Empfanges vollkommen würdig erwies. Jede Nummer der wirklich ſchönen Muſik gefiel außerordentlich, jeder Tanz wurde raſend applaudirt und ſchon nach dem erſten Akt verlangte das Publikum nach dem Componiſten, nach dem Tänzer und nach dem Balletmeiſter. Ebenſo nach dem zweiten Akt; und erſt am Schluſſe! Da wollte des Tobens und Schreiens kein Ende werden. Es flogen Blumen in Maſſen auf die Bühne, und als Demoiſelle Pauline, die blonde Sylphide, dem jungen Componiſten einen Lorbeerkranz aufſetzte, da wurde das Publi⸗ kum zur Begeiſterung gebracht und es raste wahrer Beifallsſturm durch das Haus. Armes kleines harmloſes Luſtſpiel, welches nach dem Ballet gegeben wurde! Niemand achtete deiner, Niemand wallte dich hören! Laut ſprach man im Parterre und in den Logen von der vortrefflichen Muſik und dem neuen Componiſten, und die Ge⸗ ſellſchaft, welcher er, wie wir bereits wiſſen, hie und da etwas 1½ 4 —+ 16»r * 1 4 244 Siebenunddreißigſtes Kapitel. vorgeſpielt, war ſtolz darauf, dieſes Talent geahnet zu haben, und Manche ſah man bei den lieblichen Melodien ſelbſtzufrieden den Kopf wiegen, als wollten ſie ſagen: dieſe Melodie hat mir immer am Beſten gefallen, und: Publikum, du verdankſt uns dieſen Abend, denn wenn wir den jungen Künſtler nicht in unſere Geſellſchaft gezogen hätten, ihn nicht auf's Kräftigſte mit Thee und Butterbrod protegirt, ſo hätteſt du auf den heutigen köſt⸗ lichen Genuß verzichten müſſen.——— Wo war aber in dieſem Augenblick das Mädchen, das dem jungen Mann treu zur Seite geſtanden, jenes edle Herz, das untergegangen war, das ſich ſelbſt geopfert hatte, um den Ge⸗ liebten zu erheben? War ſie vielleicht in jenen glänzenden Logen, bedeckt mit Brillanten, deren Glanz vor dem Schimmer ihres Aluges erblichen wären? War ſie dort, wo der beſte Platz eben gut genug geweſen wäre für ihr aufopfernden, edlek⸗ reined 1 2——— Nein, ſte war nicht da, es war ihrer Seele 4 3 nicht vergönnt, unter jenen lieblichen Melodien, die ſie gekannt und gepflegt, unter jenem Beifallsſturm ſüß zu erſchauern und zu erzittern. Sie war verſchwunden, ſpurlos verſchwunden! untergegangen, wie roſige Gluth des Abends, verflogen, wie der Duft eines ganzen Blüthenwaldes!————— 8 Dem Oberkutſcher Herrn Winkler hatte dieſe Vorſtellung außer dem Eintrittsgeld für ſich und ſeine Geſellſchaft ein Paar ſchöne neue Handſchuhe gekoſtet, die er buchſtäblich zerklopfte, auch war er ſo heiſer geworden, daß er nicht ganz ohne Grund fürchtete, der Pfarrer werde ſich morgen bei der höchſt wichtigen Ceremonie ſtatt des feierlichen Ja mit einem Kopfnicken begnügen müſſen. Nichts deſto weniger aber gieng er außerordentlich zufrieden nach Hauſe, und allen Betheiligten gieng es heute Abend ſo. haben, ffrieden at mir kſt uns unſere it Thee n köſt⸗ as dem 3, das en Ge⸗ Logen, t ihres Jt eben reindd rSeele gekannt ern und unden! wie der — — ſtellung in Paal rklopfte Gtund ichtigen egnügen dentlic s heute — — Aus dem Marſtall. 245 Der große Beſchützer des jungen Componiſten, der Graf Alfons, hatte demſelben ein kleines Souper veranſtaltet, zu welchem auch Signor Benetti und Signor Dubelli, der erſte Tänzer, geladen waren. Mit welchen Gefühlen ſich hierauf Letzterer in einen eleganten ſchwarzen Frack und in eine Droſchke warf, brauchen wir nicht zu ſagen. Genug, er hatte vor der Hand keine Wünſche mehr, fühlte ſich überſelig und konnte mit jenem großen Manne ſagen:. „Dieſer Abend iſt der glücklichſte Tag meines Lebens!“ Achtunddreißigſtes Kapitel. Eine Hochzeit ohne Geläute. Die Meßnerei der Stadtkirche war ein ſtilles, harmloſes Gebäude, ein kleines Häuschen, an die Kirche gebaut, mit vier Zimmern, wovon eines eine Art Vorſakriſtei war und von den Geiſtlichen bei Ausübung ihres Amtes meiſtens zum An⸗ und Ausziehen benützt wurde. Es mochte Morgens gegen neun Uhr ſein, als der Meßner benannter Kirche, der ehemalige Stadtſoldat Herr Steinmann, die Hände auf den Rücken gelegt, eifrigſt auf und ab ſpazierte. Sein Aeußeres hatte ſich ſehr verändert; er war ganz in Schwarz gekleidet, trug eine weiße Halsbinde, ein Anzug, welcher gegen ſeine frühere bunte Kleidung ſehr abſtach, und auch auf dem Ge⸗ ſichte ſchien ſich offenbar der Ernſt eines anderen Lebens zu ſpie⸗ geln. Verſchwunden war die luſtige, fröhliche Bosheit, die auf ſeinen Zügen thronte, ſein einziges Auge ſogar hatte das bekannte unheimliche Feuer verloren, in welchem es meiſtens zu glänzen pflegte; ja, der ganze Mann ſah vollkommen ermüdet, ja abge⸗ ſpannt aus. Häufig wiſchte er mit der Hand die Stirn und beſah — mloſes nit vier oon den n⸗ und Meßner amann, azierte. hwarz rgegen em Ge⸗ zu pie⸗ die auf ekanntt glänzen 4 abgt⸗ b beſch .—— — — * Eine Hochzeit ohne Geläute. 247 alsdann die Fläche derſelben, ob ſie nicht feucht ſei; denn er hatte beſtändig das Gefühl, als trete ihm der Schweiß in dicken Tropfen auf die Stirn, und dieſes Gefühl ſchien daher zu ent⸗ ſtehen, weil ihn eine heftige, nie gekannte Bruſtbeklemmung an⸗ wandelte, ſowie ein lebhaftes Herzklopfen, das er bis jetzt nicht gekannt. Hatte er doch in den letzten Tagen ſehr harmlos und ruhig gelebt, hatte geſund geſchlafen, ſeine Nerven waren nicht aufgeregt durch irgend ein Geſchäft, das er vorhatte, und doch dieſe Unruhe, die ihm im Zimmer auf und ab trieb! Er ſah über den Platz hin, als erwarte er Jemanden und als fürchte er zugleich, es möchte dort etwas Ungeahntes, Schreckliches er⸗ ſcheinen. Er zählte die Fenſterſcheiben, während er über ſte hin⸗ ſchritt. Verflucht! ſein Blut wollte ſich nicht beruhigen, ſeine Pulſe ſchlugen heftiger und nicht einmal ein guter Schoppen Vierunddreißiger war im Stande, ſein Gemüth zu beruhigen. Hätte er nur auffinden können, woher dieſe Unruhe komme!— Die Hochzeit des Oberkutſchers, ſeines Todfeindes, heute Morgen in der Stadtkirche, zu welcher er läuten mußte, war ihm freilich nicht angenehm; doch wenn er ſich ſelbſt überreden wollte, dieß allein quäle und beunruhige ihn, ſo gelang ihm das nicht, in⸗ dem er es ſelbſt nicht glaubte. Auch war dieſe Handlung höch⸗ ſtens im Stande, ihn mit Zorn und Wuth zu erfüllen; aber die Unruhe, die ihn umhertrieb, mit der er jeden Augenblick durch's Fenſter ſchaute und zuſammenfuhr, wenn er draußen einen Schritt vernahm! Wahrhaftig, er mußte geſtern etwas ſehr Unverdau⸗ liches gegeſſen haben! Ein paar Mal war es ihm zu Muthe, als zöge es ihn mit Gewalt aus der Meßnerei fort, als jage ihn etwas haſtig von dannen, und er hatte das Gefühl, als könne ihm nur Erleichterung werden durch eine Flucht in die weite Welt hinaus; wenn er Alles dahinten ließe, ſein Amt, ſein Haus, ſein ſo mühſam erworbenes Vermögen. Doch lächelte er einen Augenblick darauf über dieſe Phantaſien; aber dieſes Lächeln 248 Achtunddreißigſtes Kapitel. war ein mattes, erkünſteltes, und obgleich er ſich feſt aufrichtete, als wolle er Allem, was da kommen könne, ſtandhaft in's An⸗ geſicht ſehen, ſo fuhr er doch im nächſten Augenblick heftig er⸗ ſchreckt nach der Stubenthüre, wo ſich ein Geräuſch vernehmen ließ, und knickte faſt zuſammen, als dieſelbe geöffnet wurde und der Gevatter herein trat— der Gevatter, der, wie der Stein⸗ mann ſicher glaubte, Stadt und Land ſchon ſeit einer Woche ver⸗ laſſen habe.— Mit bebender Lippe verſuchte es der Steinmann, eine Fluth von Verwünſchungen über ihn auszuſprudeln; aber der Gevatter, welcher ſehr blaß und angegriffen ausſah, ſchuttelte leicht mit Kopf und Hand und verſuchte ſolchergeſtalt pantomimiſch auszu⸗ drücken, daß der Zeitpunkt nicht gut gewählt ſei, eine Straf⸗ predigt zu halten. „Gebt mir einen Schluck Wein,“ ſagte er, indem er ſich auf einen Stuhl niederwarf, nach der Flaſche auf dem Tiſche griff und einen dien Zug daraus that.„Sol jetzt iſt mir beſſer. Wenn ich nur thon wieder fort wäre!“ 1 Als der Gevatter nach der Flaſche griff und ſie an ſeinen Mund brachte, ſah der Steinmann ſtarr auf die Hand deſſelben, und er mußte etwas Unheimliches da bemerken, denn ſein Geſicht⸗ wurde noch fahler, als es ſchon war, ſein eines Auge vergrößerte ſich zuſehends und ſogar das andere, das ſchon Jahre lang in ſeiner Höhle verborgen ſchlief, ſchien neugierig durch den Spalt derſelben zu lauſchen. Dann, ohne ſeinen Blick von der Hand abzuwenden, nickte er dem Gevatter fragend mit dem Kopfe, worauf derſelbe ebenfalls einen Blick auf die Fauſt warf und dann mit den Achſeln zuckte und ebenfalls nickte. An der Hand beſgnd ſich ein kleiner rother Blutflecken.— „Wer?“ fragte der Steinmann mit tonloſer Stimme; „war ſie es?“ richtete, s An⸗ ftig er⸗ nehmen ade und Stein⸗ he ver⸗ Fluth evatter, cht mit auszu⸗ Sttaf⸗ er ſich Aiſſhe iſt mit ſeinen iſſelben, Geſicht größerte lang in 1 Spalt er Hand Kopſt⸗ arf und ken.— amme; ztimm 7 * ⸗ Eine Hochzeit ohne Geläute. 249 „Natürlich!“ entgegnete der Gevatter, indem er den Flecken naß machte und wegputzte;„aber die Sache iſt ſchlecht abge⸗ laufen, ich habe ſie gefehlt, Gott verdamme ſie, ſte war mir zu ſtark! Sie ſchrie wie raſend um Hülfe und ich fand kaum noch Zeit, zur Hinterthüre hinaus zu fliehen, als ich auch ſchon merkte, daß mir Leute auf der Ferſe waren.“ Bei dieſer Nachricht durchfuhr ein heftiges Zittern den Körper des Steinmann, und wie ein Fiſch auf trockenem Sande nach Luft, ſo ſchnappten ſeine Finger nach einem großen Aeſer das neben dem Weinkruge auf dem Tiſche lag. „Hollah!“ rief ihm der Gevatter zu, nes iſt keine Zeit zu Faſeleien, laßt die Dummheiten ſein und kommt eiligſt mit.“ „Haſt du nicht vor acht Tagen verſprochen, du wolleſt die Stadt ſogleich verlaſſen?“ ſagte der Steinmann nachſinnend, aber wie in halber Geiſtesabweſenheit.„Es war damals, als ich dir die vierhundert Gulden gab, biſt du hier geblie⸗ ben?——— Schlechter Krall— „Warum ich hier geblieben bin? Soll ich dir vielleicht das Geld, das die Müller zuſammengeſcharrt hat, allein überlaſſen? So haſt du freilich gewollt, nicht wahr, Burſche?“ „Welches Geld?“ antwortete der Steinmann,„die Müller iſt arm, ſehr arm; wer ſagt, daß ſie Geld hat?“——— „Haſt du es mir nicht geſagt, verfluchter Lügner, falſcher, meineidiger Hund? Haſt du mir nicht erzählt, ſie hätte in Mett⸗ hauſen ein ganzes Packet mit Geld gehabt?“ ſchrie der Gevatter und ſprang auf den Steinmann zu, ihn am Halſe nehmend.— Dieſer machte gar keine Bewegung, ſich zu vertheidigen, ſondern fuhr mit der Hand über die Stirn, als beſinne er ſich auf etwas. 4 „Ja, du haſt es geſagt!“ wiederholte der Gevatter faſt ſchreiend;„du haſt mich dadurch verlockt, Satan, miſerabler! 250 Achtunddreißigſtes Aui 8g. Du haſt mich hingehalten; wer hätte nicht mit vierhundert Gul⸗ den in die Welt hinaus können und glücklich ſein? Vierhundert Gulden und Freiheit, und jetzt!— gar nichts! und verloren zu ſein!— Barmherzigkeit, es iſt zu ſpät!“ Bei dien Worten ließ der Gevatter den Steinmann los und ſchaute mit erdfahlem Geſtcht über den Platz hin, wo ſich mehrere Leute näherten, un ynen einige frühere Collegen des Steinmann. Dieſer dr k bei den Worten:„es iſt zu ſpät!“ den Kopf langſam nach dem Fenſter herum, als fürchte er, ein Geſpenſt zu ſehen; dann aber, als er für ihn noch viel Schrecklicheres bemerkte, warf er den Gevatter haſtig von ſich ab, ſtürzte zur Zimmerthüre hinaus und warf ſie hinter ſich ins Schloß, und das war das Werk eines Augenblickes. Der Gevatter, davon überraſcht, ſtürzte ebenfalls nach der Thüre und erfaßte gerade mit den Händen das Schloß, als er bemerkte, wie von außen der Schlüſſel umgedreht wurde. Dann eilte er zurück an die vergitterten⸗Fenſter, riß einen Flügel auf und ſchrie hinaus auf den Platz:„Hieher Leute, hieher! Da bin ich! Der Steinmann iſt azch hier, aber paßt um Gottes willen auf, er iſt in die Kirch hi Lin! Gebt Achtung, ich bitte euch, gebt Achtung, daß er rißt muvon kommt!“ Auf dieß hin ſprangen einige der Polizeiſoldaten in die Meßnerei, und während ſie die Thüre des Wohnzimmers auf⸗ ſchloßen, und den Gevatter feſtnahmen, blieben andere um die Kirche herum, Thüren und Fenſter derſelben genau im Auge behaltend. Der Steinmann, dem, als er Gewißheit über ſein Schick⸗ ſal hatte, für einen Augenblick die alte Geiſtesgegenwart zurück⸗ kehrte, war in der That durch die Sakriſtei in die Kirche geeilt und ſpähte umher, wo eine Möglichkeit des Entkommens ſei. Richtig! dort war die kleine unbekannte Thüre, die hinab in Gul⸗ zundett vren zu nn los wo ſich pollegen iſt zu fürchte och viel von ſich ſich ins nach der als et Dann gel auf er! Da Gottes ich bitte in die ers auf⸗ um die m Auge Schic⸗ mmic he geell nens ſei ſinab in 2 4 Eiue Hochzeit ohne Geläute. 251 „ unterirdiſche Gewölbe führte und durch einen kleinen Gang mit dem Keller des benachbarten ehemaligen Kloſters unter dem Stadtgraben zuſammenhieng. Dieſer Gang war unten nur mit einer leichten Lattenthüre verſchloſſen, welche unſchwer zu erbre⸗ chen war.— Alſo da hinaus!— Dort wen allerdings die Thüre, welche in die Gewölbe hinabführte, und als der Stein⸗ mann ſie bemerkte, ſprang e: zu, prallte aber im nächſten Augenblicke zurück, denn ihm ein, daß er die Schlüſſel zu derſelben auf dem Tiſch im Zimmer liegen gelaſſen. Umſonſt rannte er mit dem Kopf gegen die eiſerne Pforte, ſie wankte nicht unter ſeinen kräftigen Stößen; wohl aber verwirrten ſich ſeine Gedanken, und ſein Auge ſtarrte gläſern nach der Thüre des Glockenthurmes, welchen er aufgeſchloſſen hatte, um an die Glocken zu gelangen. Da hinauf eilte er, willenlos und gejagt von ſchrecklichen Gedanken, die wie Geſpenſter hinter ihm drein zogen, und die er vergebens von ſich abzuſpekren ſuchte, indem er die eiſerne Thüre zur ſchmalen Wendeltreppe des Thurmes haſtig hinter ſich zuwarf, und von innen verriegelte. Vergebens! ſagen wir, denn die Gedanken ſchienen die ſchmale Treppe zu erfüllen unſ ky aufwärts zu drängen, immer höher den Thurm hinauf, und ießen nur zuweilen von ihm ab, damit er durch eines der ſchu. lei. Fenſter hinabſchaue auf den Platz vor der Kirche, welcher jetzt plötzlich mit Menſchen bedeckt war, und alle die tauſend Augen ſtarrten auf die Kirche und jubelten, daß der Steinmann gefangen ſei und daß ſie ihn bald herausſchleppen würden, gefeſſelt wie ein wildes Thier. Er aber, dem alles das galt, knirſchte mit den Zähnen, und in ſeinem ſiedenden Gehirn rollte ein einziger Gedanke— die Luſt, all denen da drunten ihre Freude zu verderben, und während ſich ſein Harr auflupfte und er die letzte Treppe hinaufraste bis zu dem Raum, wo die Glockenſeile herabhiengen, knüpfte er mit zitternden Händen eines um ſeinen Hals und jauchzte in teuf⸗ 252 Achtunddreißigſtes Kapitel. e 4 liſcher Freude:„nein, Ihr ſollt den Steinmann niit lebendig haben-————— Unterdeſſen hatte ſich der Oberkutſcher, Herr Winkler, im beſten Civilſtaat: ſchwarzem Frack und dergleichen, in dem er ſich aber ganz ſonderbar vorkam, mit einem mächtigen Blumen⸗ ſtrauß im Knopfloch, bei ſeiner Braut eingefunden, hatte außer⸗ ordentlich herablaſſend die Gratulationen verſchiedener Collegen angenommen, die ſich zu dieſem Zwecke dort befanden, hatte darauf ſämmtliche Gäſte ſehr zum Eſſen und Trinken genöthigt, und lief nebenbei alle Augenblicke ans Fenſter, um zu lauſchen, ob denn von der Stadtkirche noch nicht geläutet werde. Ihm lag dieſes Geläute ſehr am Herzen, weniger, weil es die feier⸗ liche Fahrt zur Kirche verherrlichte, als vielmehr weil er dabei bedachte, mit welch' unſinniger Wuth der Steinmann, der alte Hallunke, an dem Seil zerren würde.„Thut nichts!“ ſagte er nach jedesmaligem vergeblichem Hinaushorchen, ner mag ſich ſo lange ſperren, wie er will, endlich muß der alte Steinmann doch an die Glocke, das iſt ausbedungen und bezahlt.“— Aber der Mund der Glocke blieb ſtumm, ſo ſehnſüchtig auch ſümmt⸗ liche Hochzeitgäſte dieſes Zeichen zum Aufbruch erwarteten. Dort lag der alte graue Thurm vor ihnen, einige Dohlen flogen ſchreiend um ſeine Spitze, und der Zeiger der Uhr gieng unauf⸗ haltſam vorwärts: „Jetzt können wir aber nicht mehr warten!“ ſagte Frau Winklere,„es iſt drei Viertel auf Zehn vorbei, und Punkt zehn Uhr kommt der Pfarrer. Laßt uns in Gottes Namen aufbrechen!“ „Nun meinetwegen!“ ſagte Joſeph,„laßt uns fahren! Die alten Glocken werden wahrſcheinlich unter Wegs anfangen. Alter Dubel— Dubelli wollte ich ſagen,— nehm' Er die alte Braut am Arm, und dann vorwärts!“ So geſchah es. lebendig hatte nöthigt, tauſchen, Ihm ie feier⸗ er dabei der alte ſagte et nag ſich einmann — Aber ſimmt⸗ n. Dort flogen g mnauf⸗ gte Frau 9 Punkt Namen 9 fahren⸗ nfangen. die alte Eine Hochzeit ahne Geläute.. 253 Drunten ſtanden mehrere Miethwagen bereit, welche nach und nach von der zahlreichen Geſellſchaft angefüllt wurden und dann einzeln davon fuhren. Signyr Dubelli ſaß neben der Braut, welche ihr Sacktuch vor die Augen hielt und, wie es bei ſolchen feierlichen Veranlaſſungen Sitte und Anſtand ge⸗ bietet, einige Thrinen vergoß. * „Laßt ſte fließen, die Thränen der Wonne, Sie verkünden unenalic. Luſt.“ Jetzt nahten ſie der Kirche, und zu ſeiner großen Beftiedi⸗ gung bemerkte der Herr Winkler die ziemliche Menſchenmenge auf dem Platz vor derſelben, indem er überzeugt war, daß Alles bloß hieher geeilt ſei, um ſeiner Hochzeit zuzuſchauen. Endlich ſchienen auch in dieſem Augenblicke die Glocken ihren Dienſt thun zu wollen, aber nein! es war nur ein einziger ſchriller Schlag, den die kleine Feuerglocke that, ein Schlag ſo ſeltſam und eigenthümlich, daß er einem durch Mark und Bein gieng. Joſeph hatte Luſt in einen großen Zorn zu gerathen, in⸗ dem er verſicherte, den einzigen Schlag mit der Feuerglocke habe der alte boshafte Kerl, der Steinmann, nur gethan, um ihn zu ärgern.— Es war nur ein einziger, klagender, ſchriller Klang.—— An der Kirchthüre entledigten ſich die Wagen ihres I⸗ halts, und das Brautpaar, von den Brautführern und Braut⸗ jungfern begleitet, trat in die Kirche. Es waren viele Menſchen verſammelt, die unruhig durch einander giengen und ſprachen. Doch wurde es ſtill, als die heilige Handlung begann, und ein Schloſſer, der mit ſeinem Gehülfen die Thüre zum Glocken⸗ thurm aufzubrechen verſuchte, hörte ebenfalls auf zu arbeiten und ſah zu. 254 Achtunddreißigſtes Kapitel. Jetzt war das Paar eingeſegnet und der Winkler, als er ſeine junge Frau an der Hand zur Kirche hinausführte, konnte ſich nicht enthalten, ihr im Uebermaaße des Glückes einen tüch⸗ tigen Kuß auf die friſchen Lippen zu drücken. Vor der Kirch⸗ thüre hob er darauf die Frau Oberkutſcher in den Wagen; Jean, der Hoflakai, hatte ehrerbietig den Tritt herabgelaſſen, und dann mußte die junge Frau ihren Gemahl lachend daran erinnern, daß heute neben ihr im Wagen ſein Platz ſei; denn er war in einiger Geiſtesabweſenheit eben im Begriff geweſen, ſich vorn auf den Bock zu ſchwingen. Alsdann gieng's nach Hauſe zu einem ſehr ſoliden Mittag⸗ eſſen, und wenn es leider nicht ſo oft in der Welt vorkäme, daß Freude durch Leid getrübt wird„ſo wäre am heutigen Tage nichts zu wünſchen übrig geblieben. Aber ſo erhob ſich am Ende der Mahlzeit, und nachdem das junge Paar, deſſen Eltern und Verwandte, Seine Majeſtät der König und Seine Excellenz der Oberſtſtallmeiſter mit vielen Toaſten gefeiert worden waren, erhob ſich, ſagen wir, der Herr Dubelli mit ſehr ernſter Miene, hielt ſein Glas vor die Augen und ſagte: „Meine Herrn und Damen! Nehmen wir das Unvermeid⸗ „liche an, und erlauben Sie mir in die freudigen Töne allge⸗ meiner Luſſſſ⸗t, die hier herrſchen, einen kleinen Akkord der Trauer anzuſchlagen. Unſere Freundin, unſere wackere Freun⸗ din, ja, unſere edle und geliebte Freundin, Jungfer Kiliane — iſſſſ⸗t nicht mehr! Sie ſſſſ⸗tarb heute Morgen ſanft und ſelig, wie wir alle wiſſen, in dem hohen Alter von vierundacht⸗ zig Jahren. Ihr, meine Freunde, thabt ſie gekannt, ihre Luſſſſ⸗t an guten Thaten, ihren vortrefflichen Lebenswandel. Leeren wir dieſes Glas auf ihr Andenken, auf die Hoffnung, daß ſie jetzt in heiteren beſſeren Gefilden, wie ſie es ſo ſehr verdiente, auf⸗ genommen iſt. Friede ihrer Aſche!“ als er konnte n tüch⸗ Kirch⸗ Dagen; elaffen, 1 Hdarän i denn eweſen, Mittag⸗ orkäme, en Tage ſich am Eltern rcellenz waten, Miene, ermeid⸗ e allge⸗ ord der Freun⸗ Kiliane nft und undacht⸗ . ruſſſſe eren wit ſie jeht te, aufe — Mutter—— 44 Eiine Hochzeit ohne Getäute. 255 Damit leerten Alle ihre Gläſer, und manches Auge wurde feucht, und namentlich rollten von der Wange der Frau Welſcher ein paar große Thränen herah in den Wein. Die kleine Marie ſah man allein nicht weinen, aus dem einfachen Grunde, weil ſie nicht bei Tiſch war. Sie hatte ſlehentlich gebeten, ſie bei ihrer alten Freundin zu laſſen, und dork ſaß ſte an dem Bette derſelben; das gute, träumeriſche Kind hatte eine der erkalteten Hände erfaßt, und wenn ſie die Augen ſchloß, ſo durchſchauerte es ſie mild und freundlich; denn ſie dachte, ſis ſitze an dem Bette ihrer Mutter, ihrer armen, unglücklichen, unvergeßlichen ——————————— —— * ——— 4— — SiS Grey Control Chart Green Vellow Hed Magenta Grey 3 Grey 4 ₰2 — ₰ . 2